4 8 Leitilivchct deutſcher, engliſcher ünh franzsſiſcher Literatur Cdnard Ollmunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. 2 Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1 oflensein der Biblio thek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe) der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Lh bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei R' ckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. beichh Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbeka pnte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dein Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche pei deſſen Zurücigabe von mir zurückerſtattet wird. 5 . Aponnement Daſſelbe muß voraus lbezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 kücher: —.——— ——— —————— e 1 M Pf 1MWr. 50 Pf. 2 Mk. — f. 5. Answärtige onnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Von finſterm und undurchdtinglichem Gewölk war der Himmelsraum umzogen; mit Schneeflocken untermiſcht ſtürzte der Regen in ſchnell auf einander folgenden Schauern herab und in der Tiefe des Waldes hörte man ein Rauſchen und Brauſen, wie von den Wogen einer ſtürmiſchen Fluth. 3 Reiter auf keuchenden Roſſen zogen, trot de rabenſchwarzen Nacht, noch ihres Wege dut 4 dieſe ſchaurige Gegend. Ein junger Ritters⸗ mann war es, gefolgt von einem altersgrauen Diener. Erſterer hatte den weiten Waffen⸗ rock dicht um ſich gezogen und trieb ſein mu⸗ „ des Thier lebhaft an, um dem Wetter zu eentfliehen, denn ſchwer triefte er bereits vom erkaͤltenden Regen, den verwachſene Baum⸗ zweige doppelt auf ihn herabgegoſſen hatten. immer kein Ende nehmen?“ ſprach er endlich mit klagender Stimme zu ſeinem ſchweigſam nachreitenden Begleiter, da er bemerkte, daß ſein Roß nur noch kurze Zeit vorwaͤrts zu ſchreiten vermoͤchte. „ Junker Heinrich!“ er⸗ wiederte der Angeredete mit tiefer Stimme, „Junker Heinrich! ſchon längſt gewahrte ich, daß wir den rechten Pfad verfehlten und Gott mag wiſſen, wie weit wir von einem wirth⸗ „Will denn dieſer verdammte Weg noch Stache enfemt ſind. Wolt Ihr auch 5 brauſenden Wildbache. Folget meinem Rathe laßt uns die Roſſe an die nächſten Baum zweige binden, huͤllt Euch getroſt in Euren Mantel, indeß ich Euch bewahre und den kommenden Morgen herbei bete. Bald hoffe ich ſammt Euch die Zinnen Eurer vaͤterlichen Stammburg Rudelsburg zu begruͤßen und Gott moͤge geben, daß wir Euren Vater beſſer treffen, als wie ich ihn verließ, um Euch von Almhorſt herbei zu holen an ſein Krankenlager. Bleich und fahl war ſein Antlitz und ſeine bebenden Lippen vermochten mir kaum den Befehl zuzufluͤſtern, das Roß zum Eilritt zu ſatteln!“ „Der Vater wird geneſen!“ erwiederte der Junker von Rudels⸗ burg mit Zuverſicht. „War er doch kraͤftig und ſtark, che ich zum Ohm nach Almhorſt kam, um daſelbſt die Fihrung Ju ——— 6 lich!“ entgegnete der Diener, „auch ich hoffe und wuͤnſche, daß wir ihn lebend und geſund antreffen, obgleich ſich ſeine Geſtalt bedeutend geaͤndert hat, ſeitdem Ihr abweſend waret. Tie⸗ fer Kummer und bitterer Haß ſcheint in ſei⸗ nem Herzen zu wohnen und das alte Feuer blitzt nur noch ſelten aus ſeinen Augen. Doch ſeht! dieſe Felswand wird uns einigen Schutz gegen Wind und Regen gewaͤhren, deshalb herab von Eurem Roſſe und raſtet bis d So ne emportaucht!“ Der junge Ritter vand ſeinen Rappen an die naͤchſte Tanne und warf ſich dann zum Tode ermattet auf den feuchten Boden, den durchnäßten Mantel um ſich ziehend. Der alte Diener Konrad ſetzte ſich dicht an ihn heran und ſprach: „Schlaft! ſchlaft! meine alten Augen ſollen Euch bewachen und ich will ſchon wecken, wenn es Zeit iſt!“ Ritter Heinrich lehnte das aupt gegen das bemooſete Geſtein und ſeine ugen ſchloſſen ſich gar bald. Konrad ſtarrte in die dunkle Nacht hinaus und nibe — in ein tiefen Schlaf verſank. Biederer Greis! Zinnen der heimathlichen Burg nicht mehr 3 nicht die Geſtalt deines e e Bilder flogen durch ſein Hirn. Sune Ge⸗ danken ſchweiften in die weiten Hallen der Rudelsburg hin, wo er unter mancherlei Trüb⸗ ſal aufgewachſen war, denn Ritter Bruno war ein gar wilder, unfreundlicher Herr und ſeine Dienſtleute hatten nur wenige gute Tage bei ihm. Dennoch war ihm Konrad treu er⸗ geben und deshalb pochte jetzt ſein Heiz ſ aͤngſtlich um den Kranken, deshalb ſchweiften ſeine Gedanken hin zu ſeinem Lager. Seine Augen wurden feucht, als er daran dachte, daß der Erkrankte vielleicht ſchon in der Todtenhalle ruhe und Pater Anſelm die See⸗ lenmeſſe fur ihn gehalten in der kleinen Jo⸗ hanniskapelle. Immer wirrer wurde es vor ſeinen Augen, bis auch er endlich de Riig⸗ keit unterlag und gleich ſeinem jungen Herrn du ſollteſt den kommenden Tag, die aufſtei⸗ gende Sonne nicht mehr ſehen, ſollteſt 3 welchen dein Hen ſo unuhig und ängſt⸗ lich pochte. Nach und nach war das Heulen ves Sturmes ſchwaͤcher geworden, der kalte Schlag⸗ regen hatte aufgehoͤrt und der friſche Hauch der Nachtluft ſtrich fluͤſternd durch die Wipfel der Baͤume. Endlich brach der Morgen an; die Sonne blieb verhuͤllt, dicker Nebel lag uber der Gegend und die beiden Reiſenden agen noch feſt ſchlummernd auf ihren Maͤn⸗ teln. Da toͤnte es dumpf durch das dichte Gebüſch, der dumpfe Ton wurde bald zum mit ſchwerfaͤlligem Tritte daher und hob wit⸗ ternd die rabenſchwarze Naſe nach den Schla⸗ en unruhig und auch Konrad ſchaute noch halb ſchlaftrunken empor. Jetzt erhob das fuͤrchterliche Thier ein lautes Zorngebruͤll, ichtete ſich hoch auf mit blutiechendem Ra⸗ hen und ehe der vom Schreck erſtarrte Diener nach ſeiner Waffe greifen konnte, ſchlug ihm lauten Gebruͤll und ein zottiger Baͤr kam fenden. Die beiden angebundenen Roſſe wur⸗ ——— ——— — — ⸗ ſchon das Unthier die ſcharfen Latzen in den Leib, daß das rothe Blut hoch empor ſpritzte indeß die weißen Fangzaͤhne gierig an der Beute nagten. Röchelnd zuckte der unglück⸗ liche im Todeskampfe, ſeufzend hauchte er ſein Leben aus. Heinrich von Rudelsburg war taumelnd aufgeſprungen und verſuchte dem Ungethuͤme ſeinen Speer in das Genick zu bohren, aber ſchnell wandte es ſich und warf ihn, laut bruͤllend, nieder, und ſchaute mit rollenden Augen auf ſein neues Opfer. Schon nahten ſich die blutigen Zaͤhne des Baͤrs dem bleichen Haupte des Jüͤnglings, ſchon blutete auch er aus mehreren Wunden, als plotzlich Hoͤrnerſchall dicht in der Nähe er⸗ klang und eine hohe ſchlanke Maͤnnergeſtalt aus dem Dickigt trat. Ein Silberhelm mit wehendem Roßſchweife bedeckte ſein Haupt und ließ nur wenige der rabenſchwarzen Lo⸗ cken ſchauen, die ſein ſchönes Geſicht um⸗ ſchatteten. Hinter ihm erſchienen ohngefähr acht bis zehn bartige Knappen und ſtaunten 10 nicht wenig ob des blutigen Schauſpiels, das ſich ihren Augen darbot. Doch ſchnell ge⸗ faßt ſchlich ſich ihr Führer mit gezuͤcktem Schwerte heran und nahte ſich muthig dem Unthiere, das mit den Tatzen ſeinen Fang hielt, und dem neuen Feinde das mächtige Gebiß zeigte. Einen Augenblick ſtutzte die kähn⸗ Geſtalt, doch dann ſchwirrte das breite Eiſen durch die Luft und tief in die Bruſt des zottigen Thieres, daß es alſobald zuſam⸗ menſturzte und die rieſigen Glieder ſterbend 3 von ſich ſtreckte. Die Maͤnner ließen einen auten Jubelruf ertönen, doch ein Wink ihres Herrn gebot ihnen zu ſchweigen und den ſchwer Verwundeten empor zu heben. Seine Wunden wurden mit dem in der Naͤhe rau⸗ ſchenden Waldwaſſer gewaſchen und er ſchlug nach einigen Minuten die Augen auf, doch ſein Blick war wild und er ſtarrte rings um⸗ her, als ſei ſein Geiſt abweſend. Auf die Fragen ſeines Retters gab er nur kurze, ver⸗ ortene Antworten, bis er plötzlich ſein blei⸗ ——— ihm. Nach kurzer Zeit hatn die Zuruͤckge h.— —— 11 traurigen Ueberreſte ſeines Dieners eli e. Ein kreiſchender Weheruf zwaͤngte ſich tief 8. aus ſeiner Bruſt herauf und die Augen auf's Neue ſchließend ſank ſein Haupt ermattet zu⸗ ruͤck. Der hohe Jaͤgermann aber, der ſo eben den Bär erlegt, befahl ſeinen Gefährten, den Fremdling auf einer Trage heim zu bringen und auf's beſte zu verpflegen. „Bodo!“ rief er einem der Manner zu, „laß dem Verw n⸗ deten fleißig von dem Kraͤutertranke reichen, den der alte Marbod ſo trefflich zu bereiten weiß und ſorgt fuͤr ihn, ſo gut es ſich thun läßt. Ich ſelbſt werde bald nachfolgen, will nur noch zuvor zur Wolfsgrube, ob vielleicht der graue Raͤuber, der in unſere Heerden ge⸗ brochen war, in die Falle gegangen iſt. Ar⸗ nold und Hildebert mogen mich begleiten!“ Nach dieſen Worten ſchritt Graf Segeſt von Scharzfels, denn das war der kuͤhne Retter, in das Dickigt, zwei der Jagdknechte folgten bliebenen aus zuſammengeflochtenen Baum⸗ zweigen ein Lager bereitet und begannen den Junker von Rudelsburg auf demſelben gen Scharzfels zu bringen, nachdem auch die Ueberreſte des alten Konrad zur Sete ge⸗ ſchaft worden waren. . Auf einem Kalkſteinfelſen, deſſen Ruͤck⸗ mit dichten Buchen und weißſchaligen Birken bewachſen war, ragten die Zinnen der ſtolzen Scharzfelſer Steinburg empor, und ſchienen mit ihren ungeheuren Maſſen der igkeit zu trotzen. Rings umher war die und ßill; in den Zweigen der —— — — — — 13 die hinten mit aufgehaͤuften Steinwaͤllen fe⸗ ſter gemacht, die eigentliche Burg dreifach umgab und deren jede mit einer eiſenbeſchla⸗ genen Eichenthuͤr verſehen war. Einige Au⸗ genblicke harrte die Huͤnengeſtalt dicht an dem Eingange, ſchaute aufmerkſam nach dem We⸗ ge zuruͤck, welchen ſie ſo eben gekommen war, und ſchlug alsdann dreimal mit einem ſchwe⸗ ren Streithammer an das Thor, daß es dumpf und ſchauerlich durch die Nacht hellte. Nach kurzer Friſt naheten ſich Tritte eines Kom⸗ menden, leiſe Worte wurden gewechſelt und bald darauf ſchritt der Vermummte in das Innere der Felſenburg. Wohlbekannt und achtet mußte er daſelbſt ſein, denn die Diener machten ihm ehrfurchtsvoll Platz und er ſchritt ohne Weiteres nach dem Hauptgemache. In der großen Halle ſaß indeß Graf Segeſt von Scharzfels im Kreiſe mehr er Vaſallen beim Mahle. Segeſts Schönheit uͤberſtrahlte die Anweſenden weit und ſeine dunkeln Augen funkelten muthig umher und ſeine wo 44 nende Stimme mahnte die Gäſte zum fleißi⸗ gen Zulangen. Herrlich kleidete ihn der weiße Waffenrock mit rothen Purpurſtreifen und dem glaͤnzenden Felle des Bären verbraͤmt, und die markigen Arme, die aus den weitge⸗ ſchlitten Trmeln ſeines Prunkkleides ſchauten, zeigten an, daß er Schwert und Streitart . kraͤftig zu ſchwingen vermochte. Heinrich von burg, von ſeinen Wunden voͤllig gene⸗ ß an ſeiner Seite und erzählte den An⸗ nden von ſeiner Heimath und dem kran⸗ Vater daſelbſt und wie er in jener Nacht in Unwetter überfallen ſei. Die gebräun⸗ ten, baͤrtigen Geſichter der Anweſenden verzo⸗ gen ſich zu einem ſpöttiſchen Lächeln und der kräftige Bodo von Hattorf ſprach: „Wie der Harz, ſo ſind auch ſeine Bewohner. Etwas rauh und wild, aber feſt und treu wie ihre Felſen und uralten Eichen, lauter und rein in Sitten, wie die friſchen Bergquellen, wel⸗ che durch die ſtillen Haine rauſchen. Noch F wir nicht gewichen von den Sitten un⸗ 15 ſerer Väter, haben von den freier weiſen noch wenig gehoͤrt, die im flachen Lande angeng; Doch, ſtoßet an auf d ters, dem die Gs nicht geworfeꝝ 16 Minutenlange Stille herrſchte, die Prtgedauert haben wuͤrde, wenn en und flinke Knappen die n Wildbraten und fri⸗ end die Ritter zum niger Zeit, „ ergeſſen, daß es der Rudelsburger war, der 17 Segeſt! haſt Du den Befehl und die Mahnung Deines Vaters verge haſt Du die weiſen Worte vergeſſen, die i ſterbende Zunge ſprach? „Verkehre n Abtruͤnnigen, die zur neuen Gotteslehre uͤber⸗ gingen, verſchließe ihnen Dein Herz und die Pforten Deiner Burg, bleibe den alten Göt⸗ 3 tern treu, auf daß auch Du dereinſt eingehſt in das himmliſche Wallhalla!“ Und Du, Segeſt, den ich liebe wie einen Sohn, Du konnteſt die Lehren Deines Vaters vergeſſen, konnteſt den Chriſten, den Sohn meines Tod⸗ feindes aufnehmen in dieſe Hallen? Haſt Du zu den Chriſten uͤberging und ihnen jeden Schlupfwinkel vertieth, wo ſich die Unſrigen verborgen hielten? Gedenkſt Du jener Nacht, wo der alte Iring von Sachſenſtein an die Scharzfelſer Burg vochte, blutig und zerſchla⸗ gen, arm und hilflos, fluͤchtig und ſeiner Kin⸗ der beraubt? Aus der iedergrannten Butg S6 Der treue Knappe am Kreuz⸗ N wollt' ich die Gebeine meiner Kinder ſuchen, auf daß ſie in geweihter Statte ruhen möch⸗ ten; doch der Wind hatte ihre Aſche ver⸗ weht, die Truͤmmer meiner Burg hatten die vom Brande gebraͤunten Ueberreſte verſchut⸗ tet und vielleicht noch jetzt irren die Geiſter Egberts und der guten Tiotwina unſtät um⸗ her, weil ſie der ungluͤckliche Vater nicht ein⸗ ſcharren konnte bei den Aſchenkruͤgen ſeiner 3 4 Ahnen. Aber noch nicht genug, daß er mir Alles geraubt hatte! Wie ein gehetzter Hirſch irrte ich durch die Wälder, nirgends ſicher, uberall vom Rudelsburger verfolgt. Auf die⸗ ſer Burg durfte ich nicht weilen, denn auch Deinen Vater wuͤrde ich in's Verderhen ge⸗ zogen haben und deshalb kehrte ich nicht frü⸗ her in dieſe Hallen zuruͤck, bis man mich todt waͤhnte. Ich kam noch zur rechten Zeit, Dei⸗ nem Vater die biedere Rechte zu drücken zum großen Abſchiede, meine Hände konnten ihm noch die gebrochenen Augen zudruͤcken. Leicht moge dem Guten die Erde ſein und ihm der 19 Nach dieſen Worten ſtuͤtzte der Alte das Haupt auf beide Haͤnde und ſtarrte mit grimmigem Geſicht den jungen Scharzfelſer unverwandt an. „Iring!“ ſprach dieſer nach einigem Sinnen, „wohl weiß ich, daß der Sohn Dei⸗ nes Todfeindes in meiner Burg iſt, daß ich Brod und Salz mit ihm theilte und er auf wurde einem Bedrängten auf Scharzfels die Buflucht verweigert. Soll Segeſt ſeine Ah⸗ 1 nen beſchimpfen? ſoll der Sohn entgelten, was der Vater an Euch verbrach? Iring! ich gab em Hifloſen die Rechte des Gaſtfreundes, ohne nach ſeinem Glauben zu fragen, ich will iihn auch ſchuͤtzen, will ihn morgen ſelbſt heim geleiten zur Burg ſeines Vaters!“ Wild lachte der Sachſenſteiner auf, wild und dräu⸗ end hob er die Haͤnde gen Himmel und rief: „Bei Thor, dem großen Donnerer! lebte Dein 25 Göttertrank munden, wie uns der gute Meth!“ meinem Lager ſchlief. Noch nie wies man einen Schutzloſen von dieſer Pforte, noch nie Vater noch, er wurde ſich mit Scheu von den auch vor Deine Burg ziehen und Dit zum Danke die Augen ausſtechen, wie ſie e mit dem Allerburger machten. Nichts wirdf dem Sohne wenden, der dem Abtruͤnnige das Wort redet. Willſt auch Du ben Glat ben Deiner Väter verleugnen, willſt auch T das Schwert gegen Deine Bruͤder erhebe daß Du den Chriſten begleiten willſt in ſei Heimath? Was wird das Ende ſein, wa der Dank fuͤr Deine Gaſtfreundſchaft? Di Brut wird Dich anklagen, die Chriſten wer Dir uͤbrig bleiben, als das Bild Deines Su gottes zu zertruͤmmern und an die Stelle, wo ſeit undenklichen Zeiten Deine Ahnen opfer ten, das Kreuz der Chriſten aufzuſtellen.“ . „Nimmer werde ich das,“ entgegnete Graf Segeſt, „nimmer ſoll man ſagen, daß ich ein Abtruͤnniger des alten Glaubens ſei. Such ſprich, Iring, was fuͤr Kunde bringſt Du, was hoͤrteſt Du Neues im Thüringerlande? Wie ſteht es mit dem Vynſterburger? „Schlecht, entgegnete der Sachſenſteiner mi 5 unſtigen zur Warnung vor fernerm Verkehr 21 orniger Stimme. „überall ſind Lauſch überall wittern ſie umher nach den Opfer nen, wo wir im Geheim den Göͤttérn dien Mit der ſchrecklichſten Grauſamkeit tödtet man unſere Prieſter und der tapfere Knut von Vynſterburg mußte ſein Leben laſſen unter den Haͤnden der Kreuzesdiener. Alle den mit den Druiden hatte man ſeinen verſtuͤm⸗ melten, blutigen Leib unweit der heiligen Ei⸗ che im nahen Haine ſeiner Burg zur Schau hingeworfen und nur mit Muͤhe gelang es den Seinen, bei Nacht die traurigen überre⸗ ſte Kmt's auf dem nahen Arminsberge zu be⸗ graben!“ Nach dieſen Worten ſchwieg nige Augenblicke, dann aber fuhr er mit dumpfer, ſchauerlicher Stimme fort: „Segeſt! ich beſchwore Dich bei dem Geiſte Deines Vaters, gib den Rudelsburger in meine Hän⸗ de, denn der alte Iring lechzt nach ſeinem Blute! Gib ihn mir, gib ihn den Göttern laß uns den Chriſten opfern. Siehe 22 Haar iſt weiß wie Schnee, denn faſt hundert Wal ſah ich den kalten Winter kommen, faſt hundert Mal das Feſt Freyas feiern droben auf dem Gipfel des Blocksberges, und dennoch wollten die Goͤtter den Tag noch nicht kom⸗ men laſſen, wo ich die alten Beleidigungen des Rudelburgers wett machen, wo ich mein Schwert mit ſeinem und der Seinigen Blut färben konnte! Aber jetzt, jetzt! Segeſt zoͤgre nicht!“ Forſchend blickte er jetzt dem Scharz⸗ felſer ins Auge und als dieſer unwillkuͤrlich das Haupt ſchuͤttelte, wandte er ihm den Ruͤcken und ging gemeſſenen Schrittes zur Halle hinaus, faſt unverſtaͤnblich dieſe Worte murmelnd: „Wohlan! der alte Sachſenſtei⸗ ner wird allein das Rachewerk vollziehn, ſoll⸗ te er auch dabei untergehen. Doch du, Geiſt des alten Waffenbruders, ſchau herab aus Wallhallas Schattengaͤngen, wie dein Sohn deine letzten Mahnungen achtet!“ Segeſt ſchau⸗ te ihm noch lange gedankenvoll nach, und 23 ſchritt erſt nach geraumer Zeit nach dem N⸗ bengemache, um ſeine Schlummerſtatteʒuſuchen —— Die Sonne war ſchon laͤngſt im Oſten 6 aufgetaucht und ſtand ſchon hoch am Himmel, als die Zecher der verwichenen Nacht ſich erſt den Schlaf aus den Augen rieben und zum Imbiß ſetzten. Nur Iring von Sachſenſtein war nicht zu ſchauen; die Gäſte zogen bald von dannen, und auch Graf Segeſt und der Rudelsburger beſtiegen die vorgefuhrten Roſ⸗ ſe und trabten bald der Heimath des Letztern entgegen, dem es jetzt doppelt ſchwer auf's Herz ſiel, daß der wackere Konrad nicht wie⸗ der zuruͤckkehrte und ſeinen Tod auf ſo trau⸗ rige Weiſe erlitten hatte. Segeſt hatte nur den Leibknappen Hildebert zur Begleitung mit⸗ genommen. Still und ſchweigſam zogen ſie am erſten Tage ihres Weges und der Scharz⸗ felſer bereuete es faſt, den Gedanken gefaßt zu haben, ſeinen jungen Freund auf ſein 2 Snenn zu begleiten. Als aber Heinrich die heimathlichen Berge zu Geſicht bekam, als er gar die Zinnen der Rudelsburg, vom Schein der Abendſonne beleuchtet, erblickte, da jubelte er laut auf und breitete die Arme aus nach jener Gegend, wo er als Knabe ge⸗ ſpielt, wo der Vater, wo die Schweſter Irm⸗ gard weilte. Feſter wurden nun den Roſſen die Sporen in die Flanken gedruͤckt, und ehe noch die Sonne hinter den Nebelbergen hin⸗ abſank, zogen ſie den Burgweg hinan und des Waͤchters Horn kundete mit weitſchallen⸗ dem Tone die Gaͤſte an. Stuͤrmiſch war die Freude des Alten, der ſchon ſeit einiger Zeit von ſeiner Krankheit geneſen war, obgleich ihn der Sohn ſehr veraͤndert fand. Auch der Scharzfelſer wurde freundlich bewillkommnet und als nun gar erſt Heinrich von ſeinem Un⸗ gluck redete, als er erzaͤhlte, daß ſchon die ſcharfen Tatzen des Baͤren ihn zu zerreißen gedroht und Segeſt ihn errettet, da riß ihn der hagere Greis an ſeine Bruſt und Fu 6 dankte ihm mit einem holdſeligen Blick ein Händedruck ihrer zarten Hand duͤnkte dem Grafen Segeſt uberreicher Lohn zu ſein für das geringe Wogniß, das er gleichſam nur wie ein alltaͤgliches Jagdſtuͤcklein betrachtete. Hoch klopfte ſein Herz unter dem Lederwam⸗ ſe, denn des reizenden Fraͤuleins leuchtendes Au⸗ genpaar hatte ihn tief verwundet, hatte ihm tief und unheilbar den Liebespfeil ines Herz gedruͤckt. Wer haͤtte auch ihrem Sonnenbli⸗ cke widerſtehen können, wer haͤtte ihr Engels⸗ angeſicht ſehen, wer ihre flötende Stimme hö⸗ ren können, ohne von ihr beſiegt zu werden? Schlank und zart, wie eine Nymphengeſtalt, die Wangen ſanft geroͤthet, Aug' und Locken⸗ haar kaſtanienbraun, uͤberſtrahlte ſie an Schon heit alle des Landes ni * w—— — — 26 er, dem bis jetzt die Liebe nur dem Namen nach bekannt war, der fruͤh verwaiſet, unter des ſtrengen Irings Leitung aufwuchs! Nach den erſten Begrußungen und der ungeſtuͤmen Freude des Wiederſehens wurde es nach und nach ruhiger in der Burg und ein faſt be⸗ xlemmendes Schweigen herrſchte üͤberall. Der Scharzfelſer begann nun das Innere der Hal⸗ le, die zum Hauptwohngemache diente, naͤher zu betrachten, beſonders und mit vieler Neu⸗ gier ſchaute er nach dem lebensgroßen Bild⸗ niſſe des Gekreuzigten, von dem er ſchon Man⸗ hes in den Harzbergen gehört hatte. Viele Waffen, ſeltene Hirſchgeweihe und andere Prunkſtuͤcke bedeckten die Waͤnde, doch immer ſchweifte ſein Blick von dieſen Gegenſtänden ab und flog hin zur ſchoͤnen Irmgard, die jetzt mit geſenktem Köpſchen und thränenfeuch⸗ ten Augen auf ihte Arbeit niederſchaute. Roſengluth, wenn ſie zufallig mit des ſchönen Segeſt's Blicken zuſammentraf, oder wenn ſie Nur zuweilen faͤrbte ſich ihr Angeſicht mit j⸗ ihm de Becher kredenzte und ihre zarten Finger zufällig ſeine Hand beruͤhrten. „Hein⸗ rich!“ ſprach der Scharzfelſer am andern Ta⸗ ge zum jungen Rudelsburger, „Heinrich, iſt es ſo Sitte bei Euch, daß die Knechte ſchweig⸗ ſam und ſtumm einherſchreiten und vom Mor⸗ gen bis zur Nacht die tiefſte Stille herrſchen muß? Sehe ich die Knappen Deines Vaters und denke mir dagegen die meinigen, ſo ſcheint es mir, als lebten wir droben auf un⸗ ſern Harzbergen fröhlicher, freier und kuhner. Selbſt Deine ſchöne Schweſter beobachtet die⸗ ſen Brauch, obgleich es ihr weit beſſer ſteht⸗ wenn ſie laͤchelt und den zartgeformten Mund zum Geſpraͤch öffnet.“ Nach einigem Zogern erwiederte der Gefragte: „Nicht jmmer war es ſo bei uns und nur ſeit einiger Zeit mag es ſo ſtill geworden ſein, denn Irmgard ſoll wider ihren Willen denn Saalecker heirathen. Der Vater will es ſo, obgleich ſie lieber in ehen moöchte, als ſein gegebenes den Tod g Verſprechen zu erfüllen. ch ſelbſt bin hrem „ 28 Verlobten abgeneigt, denn er iſt rauh und wild, falſch und heimtckiſch und nur ſeine reichen Beſitzungen und die perſonliche Tapfer⸗ keit, die man an ihm röhmen muß, moͤgen den Vater zu dieſem Entſchluſſe gebracht ha⸗ ben!“ Segeſt hatte mit offenen Ohren und ſtarrem Blicke dieſe Nachricht angehoͤrt. „Die ſchoͤne Irmgard Braut? ſie ſoll ihre Hand gezwungen einem Manne reichen?“ ſtieß er endlich heftig heraus, und ſetzte dann faſt in⸗ grimmig hinzu: „Heinrich! in dieſen Hallen gefällt es mir nicht, es iſt eine beengende Luft hier, und der Angſiſchweiß tritt mir df auf die Stirn, wie in den Scharzfelſer Ver⸗ ließen der Mauerſchweiß an den feuchten Waͤnden herabtropft!“ „Verzeiht!“ ſprach da plötlich des alten Rudelsburgers Stimme . dicht hinter ihm. „Familienverhaͤltniſſe aͤn⸗ derten das fruͤhere rege Treiben, das hier berrſchte und ich bedaure es ſehr, daß ich den er meines einzigen Sh nicht ſchon früher 29 Jedoch ſandte ich bereits einen Boten gen Saaleck, um den Verlobten meiner Lochter auf Morgen her zu laden zu einem Kamp ſpiel, das ich Euch zu Ehren zu geben be⸗ ſchloß. Auch meine uͤbrigen Nachbarn und Freunde werden nicht fehlen und Euch, gleich mir, fuͤr die Gaſtfreundſchaft danken, welche Ihr an Heinrich uͤbtet!“ Segeſt von Scharzfels antwortete beſtuͤrzt einige Entſchuldigungen und hoͤrte nichts weiter von des Alten Ge⸗ ſpräch, denn Irmgarv's Verlobter ſtand vor ſeiner Seele, haͤßlich und mit grinſendem Ge⸗ ſicht, wie ein Damon oder der böſe Gott Ra⸗ degaſt. Wirklich bemerkte er aber jetzt, daß die Diener der Burg emſig hin und her eil⸗ ten, Zurichtungen aller Art getroffen wurden und der Rudelsburger mit befehlender Stim me unter dem Troſſe umherging un Rennbahn mit Sand beſtreuen 3 30 „Holdes Fraͤulein, verzeiht es dem Fremden, wenn ſein theilnehmendes Herz ihn zwingt, wie ein Bruder gegen Euch zu reden. Nicht unbemerkt konnte es mir bleiben, daß ein ge⸗ heimer Kummer Eure Seele trubt und inſo⸗ fern Ihr irgend Zutrauen zu mir habt, ſo laßt mich die Urſache deſſelben wiſſen. Was in meinen Kräften ſteht, werde ich für Euch wagen, Blut und Gut, ſelbſt das Leben!“ Irmgards dunkle Augen, die ſie ernſt und traurig zu ihm aufgeſchlagen hatte, trafen wie ein Zauberlicht ſein bebendes Herz und er hoͤrte jetzt die Geſchichte ihres Grames und wie ſie lieber den Tod ſuchen wolle, als dem verhaßlen Ritter Benno von Saaleck die Hand am Altare reichen. „O! Graf Segeſt!“ ſetzte ſie am Schluſſe ihrer Mittheilung hinzu, „o Graf Segeſt, Ihr kennt ihn ja nicht, kennt den Tuͤckiſchen nicht, der unter der Maske der Redlichkeit um meine Hand wirbt, ihn, den ſein graues Haar an das nahe Grab er⸗ innern ſollte. Ja, glimmte auch nur ein Plötzlich verſtummte er, denn durch die ſich knartendköffnende Spitzbogenthuͤr ſchaute de 31 Funke Liebe zu ihm in meinem Buſen, gern wollte ich ihn anfachen zu hellen Flammen um nur des Vaters Zorn und ſeinen Fluch nicht auf mein Haupt zu laden. Liebe kann ich nicht heucheln, nimmermehr werde ich die Seine!“ Heiße Thraͤnen perlten ihr nach dieſen Worten über die Wangen und der Scharzfel⸗ ſer warf ſich in hoͤchſter Aufregung zu ihren Füßen nieder, ergriff ihre Hand und rief, die⸗ ſelbe an ſeine Lippen druckend: „Nicht ſterben, nicht dem Verhaßten ſollt Ihr folgen auf ſeine Byig, denn ſo lange noch ein Blutstropfen in mei⸗ nen Adern wallet, will ich Euch aus dieſem rubſal erretten und ſchuͤtzen. Ach! wie gluͤck⸗ lich muß Derjenige ſein, welchem Ihr dereinſt freiwillig dieſe Hand reichen werdet, dem Euch der Prieſter am Altare Freyas vereint. Nur auf kurze Zeit moͤchte ich ein ſolches Gluͤck genießen, dann möchten immerhin die Walky⸗ ren das Todesloos über mich werfen. —“ . 32 3 Burgpfaffen feiſtes Geſicht und ſein Mund verzog ſich zu einem grinſenden Lächeln, als er den fremden Ritter knieend vor dem ſchoͤnen Fraͤulein fand. Segeſt ſprang raſch empor † und verſchwand nach einer hoͤflichen Verbeu⸗ gung gegen Irmgard, durch die entgegenge⸗ ſetzte Thůr. Der Tag des Kampfſpiels war ange⸗ brochen; von nah und fern zogen Ritter und Edelknechte ein, und ſtolze Frauen und . ſchone Fräulein fullten bald die große Halle. Endlich ertöͤnte des Wächters Horn auf's neue und mit dem Ausrufe: „Benno von Saaleck!“ eilten Alle an die Fenſter. Auch der Schatz⸗ felſer trat hinzu und gluͤhende Roͤthe uͤber⸗ zog ſein ſchones Geſicht, als er die kurze ge⸗ ½ drungene Geſtalt des Ritters gewahrte, dem die reizende Irmgard bald angehoͤren ſollte. Ein gräner Stahlpanzer deckte ſeinen Leib und ein gelb und blau gemiſchter Saema 33 wehete auf ſeinem reich mit Silber verziert S Helme. Als er die Mitte des Burghofes et⸗ reicht hatte, ſchlug er das Viſir auf und glotzte mit den großen grauen Augen ſtarr umher. Unter der platten Naſe prangte ein fuchsrother, ſchon mit vielem Grau gemiſchter Bart, der mit dem ſtruppigen, gleichfarbigen Haupthaar zuſammen zu laufen ſchien. Hoch⸗ muͤthig blickte er umher und grußte nur fluch⸗ tig den Hausherrn, der ihm entgegen ſchritt und die Rechte zum Willkommen bot. „Ihr verweiltet Euch lange,“ ſprach der Rudels⸗ burger, „und faſt hätte ich nach Euch ge⸗ ſendet und zur Eile mahnen laſſen, denn die Roſtſtuͤcke ſind längſt fuͤr die Gaͤſte zerlegt und die Humpen bis zum Rande gefüͤllt. Faſt haͤtte ich geglaubt, Ihr wolltet uns heute Eure Gegenwart nicht ſchenken, obgleich Ihr ſonſt ein Rennſpiel nicht zu verſchmähen flegt!“ „Laßt es gut ſein,“ entgegnete der pfleg Anger dete zümlich barſch, „Eurer hochmüthi⸗ gen Dirne werde ich noch allzu früh kommen!“ 34 „Seht!“ ſprach der Burgherr in den Saal ſchreitend, „ſehet Benno! das iſt der kuhne Hatzritter, der meinen Heinrich mit eigner Lebensgefahr errettete!“ Der Saalecker ſchlug eine helle Lache auf und rief: „Bei allen Teufeln! ſprecht Ihr doch mit einer Wichtig⸗ keit von dieſer Begebenheit, als haͤtte man nimmer von dergleichen in unſern Bergen gehoͤrt. Iſt es etwas ſo Beſonderes, einem ſchon andere Thaten vollbracht! — Graf von Scharzfels!“ wandte er ſich zu dieſem, „Euch uͤnſche ich jedoch Gluͤck zu Eurem erſten Rede einem gewitterdrohenden Himmel, doch lodernden Zorn und mit kraͤftiger Stimme entgegnete er: „Saalecker! obgleich Eure breite Naſe zum Spüren geſchaffen ſcheint, ſo irrtet Ihr doch fuͤr diesmal, denn der Scharzfelſer wußte ſchon vor langen Jahren das Schwert Thiere des Waldes den Gnadenſtoß zu geben? Ha! ha! ha! der Benno von Saaleck hat Wagniſſe!“ Segeſt's Angeſicht glich nach dieſer Irmgard's Anweſenheit zaͤhmte ſeinen auf⸗ 35 zu fuͤhren und moͤchte ſich auch vielleicht die Muͤhe geben, einem Ungeſchliffenen die vor⸗ laute Zunge auf immer zu lähmen!“ Benno ſchaute betroffen auf ob der unerwarteten Antwort und die Rechte fuhr haſtig nach dem Schwerte an ſeiner Seite. Er ſchien nach einer Gegenrede zu ringen, doch das laute ⸗ Gelaͤchter mehrerer Gaͤſte und der vernichtende Blick Segeſt's, welcher ebenfalls die Hand an ſeines Schwertes Griff legte, machte ihn ſtutzig und er hielt es fuͤr das Gerathenſte, dem hercyniſchen Ritter den Ruͤcken zuzuwen⸗ den. Der Burgherr hatte dieſem Auftritte ſtumm zugeſehen; er konnte es dem Scharz⸗ felſer nicht verargen, daß er die Spottrede des Saaleckers nicht ertragen wollte, und gegen dieſen ſchien er ſelbſt Urſachen zu haben, Be⸗ leidigungen von ihm zu ertragen. Deshalb nöthigte er die Anweſenden, Platz an der reich beſetzten Tafel zu nehmen, die Humpen — kreiſeten fleißig herum und das Wohl des Hatz⸗ und des Verlobten Irmgard's wurde 36 oft getrunken, obgleich letzterem die Wenigſten hold zu ſein ſchienen. Nach beendigtem Mahle riefen die Trompeten zum Kampfſpiele; Irm⸗ gard ſollte die Preiſe ſpenden, die in einem reich mit Silber verzierten Helme und an⸗ dern werthvollen Waffen beſtanden. Der an⸗ weſenden Ritter und Edelinge waren nicht wenige und Benno warf dem Scharzfelſer einen haͤmiſchen Blick zu, als er den Saal verließ, um ſein Roß zu beſteigen, und auch der junge Rudelsburger wollte zeigen, daß 8 er beim Oheime zu Almhorſt nicht auf der Baͤrenhaut gelegen habe. Der Saalecker ritt zuerſt in die Schranken ein, ihm folgten die uͤbrigen Ritter und nachdem der Burgwart jedem ſeine Stelle angewieſen hatte, lenkte Benno ſein Roß in die Mitte der Bahn und forderte mit Blick und Wort zum Kampfe auf. Da ritt Heinrich gegen ihn ein, ſeine rannten ſie auf einander los. Beide Lanzen zerſplitterten, keiner wankte. Andere Waffen Rechte hatte die Lanze feſt gefaßt, mit Haſ 37 wurden herbeigebracht, und durch einen plotz⸗ lichen Seitenſtoß wurde der Rudelsburger buͤgellos, und Benno's Stimme rief nach einem andern Gegner. Seine Augen ſchienen den Scharzfelſer zu ſuchen und da er ihn nicht erſpahen konnte, ſchweiften indeß ſeine Augen nach Irmgard, welche unter ihren Freundinnen ſaß. Jetzt wurde außerhalb der Bahn Roſſeswiehern gehoͤrt und Segeſt nahete auf ſeinem hohen Streitroſſe. Nur einen leichten Stahlpanzer trug er uͤber dem weiß und roth geſtreiften Waffenrocke und der offene, mit Geierfittigen geſchmuͤckte Helm zeigte vollkommen ſein ſchoͤnes maͤnnliches Geſicht. Wie ſpielend hielt ſeine Rechte die baumlange Lanze und nachdem der Kampf⸗ richter das Zeichen zum Rennen gegeben hatte, ſacheten beide ihre Roſſe und ritten mit rcher Gewalt gegen einander, daß die Waf⸗ en krachend zerſplitterten. Benno ſaß wie geſchmiedet auf ſeinem Hengſte, Segeſt da⸗ egen wurde mit einem Fuße bůͤgellos. „Ver⸗ 38 flucht!“ murmelte er, ſein Thier zuruͤckreißend und eine neue Lanze erfaſſend, denn mit einem grinſenden Blicke flüſterte ihm der Saalecker zu: „Memme, reit' heim auf Deiner Maähre und lerne erſt die Waffen fuͤhren, ehe Du mit dem Saalecker in die Schranken reiten willſt!“ Wie ein brauſendes Meer wogte ihm uͤber dieſe Beleidigung das Blut durch die Adern, hoch richtete er ſich empor im Sattel und ſeine Lanze traf diesmal mit ſolcher Macht auf des Gegners Bruſt, daß dieſer ruͤcklings vom Gaule ſturzte und ſich nur mit Muͤhe emvor zu richten vermochte. Lauter Jubel erſcholl, und der Beſiegte entfernte ſich, knirſchend vor Wuth. Segeſt aber fuͤhrte Schwert und Lanze mit ſolcher uberwiegenden Gewandtheit, daß er allgemein fuͤr den Sieger des Tages aner⸗ kannt wurde. Nie hat wohl ein Ritter freu⸗ diger vor einer Dame geknieet, als es Segeſt that, nie ein Mädchen das Haupt des Sieger üeber geſchmuͤckt, als das Fräulein von Rl delsburg. „Graf Segeſt von Scharzfels! 35 lispelte ſie, „nehmt aus meiner Hand dieſe Gabe, moͤge ſie Euch ſtets eine liebe Erinne⸗ rung ſein an mich!“ Hiermit druckte ſie ihm den Helm auf ſein lockiges Haupt und er haͤtte vor Entzucken faſt das Aufſtehen ver⸗ geſſen, indeß Benno vor Zorn haͤtte berſten moögen. Alle eilten nun der großen Halle wwrieder zu, wo die lange Eichentafel neuer⸗ dings mit Speiſe und Trank reichlich ange⸗ fuͤllt war und die Gäͤſte wacker zulangten. Auch der Saalecker bemuͤhete ſich, den ge⸗ habten Schjmpf zu vergeſſen und war eben im Begziff, einen gefüllten Humpen hinunter zu ſtuͤtzen, als ihn der alte Ritter von Grei⸗ fenſteln am Arme erfaßte und zum nahen Boſenfenſter zog. „Benno von Saaleck!“ beſann hier der Alte, „wie habt Ihr Euer reuwort ſo ſchnell vergeſſen koͤnnen, wie bnntet Ihr meiner Tochter Ehre ſo ſchand⸗ ſch verletzen, als Ihr Euch plotzlich nicht ehr um ſie kummertet und der Rudelsbur⸗ gerin Eure Hand antrugt? Meint Ihr der 40 Greifenſteiner laſſe mit ſich ſcherzen? bei Gott, nein! ehe Ihr der Irmgard die Hand reicht am Altare, werde ich ſchon Mittel finden, Euch daran zu hindern!“ Benno wurde roth und bleich vor Wuth und entgegnete mit halb unterdruͤckter Stimme: „Iſt hier der Ort zu ſolchem Geſpraͤch? laßt das bis zu gelegenerer Zeit!“ Aber der Greifenſteiner wollte von kei⸗ nem Aufſchub wiſſen, deshalb verſuchte jener ſein Geſicht zu einem Lächeln zu verziehen und fuhr fort, dem Erzurnten die Hand auf die Schulter legend: „Ich Ihr ſo ſehr falſch von mir delkt und dahr ein Ehrenmann ſeid, von dem ich nicht verkannt werden moͤchte, ſo bitte ich Euch, mich in einem Nebengemache anzuhören, denn ichbin geſonnen, voͤlligen Aufſchluß über mein We⸗ tragen zu geben!“ Der Greis beſann ſich nich lange und folgte dem raſch oranſchreitendel Saalecker, welcher noch die Worte hinwar „Kommt hinab zum Burggarten, dort ver mag uns Niemand zu belauſchen und der 41 kühle Abendwind wird meinen gluͤhenden Wan⸗ gen Kuͤhlung zufäͤcheln!“ Bald langten ſie daſelbſt an, die Zweige der hohen Buchen fluͤſterten wie Geiſterhauch, einzelne Windſtöße fegten die bereits duͤrren Blaͤtter von Baum und Strauch. „Hier, denke ich, ſind wir allein,“ meinte Benno, und der Greifenſteiner begann: „Wohlan, ſo gebt mir Antwort, warum warbt Ihr um meine Tochter und ließet Euch dann plotzlich nicht mehr bei uns ſehen? Die verlaſſene Braut nennt man ſie und uͤberall wird ihr mit Spott begegnet. Ihr habt von Ingend auf viel Boſes gethan, Euer bisheriger Lebenslauf iſt ein fortlaufen⸗ des Suͤndenregiſter und nur der Schein der Tugend und Beſſerung, welchen Ihr Euch ſpaͤter zu geben wußtet, konnte mich verleiten, meine Einwilligung zu Eutem Vorhaben zu geben. Demnach wuͤrde ich Euch Eures Treu⸗ ſchwures gern entbinden, wenn nicht meine Tochter, deren edles Herz Ihr niemals wuͤrdigen wußtet, taͤglich mehr un 42 welkte und gleich einer geknickten Blume das Haupt ſenkte. Benno! bedenkt deshalb, was Ihr thut, raubt mir nicht das einzige Kind durch Euren wankelmuͤthigen Sinn!“ Des Alten Stimme loͤſte ſich in Wehmuth auf und mit der duͤrren Rechten trocknete er die thraͤ⸗ nenfeuchten Augen. In dieſem Augenblicke blinkte in des Saaleckers Fauſt ein kurzer, aber ungemein breiter Dolch, um ihn in des Greiſes Bruſt zu ſtoßen, als ein Windſtoß durch das nahe Gebuͤſch fuhr und das welke Laub raſchelnd umher flog. Zugleich ſchienen Fußtritte zu erſchallen und die Waffe ſchnell wieder verbergend, warf ſich der Falſche an des Greifenſteiners Bruſt, die er eben hatte durchbohren wollen, ſchlang ſeine kraͤftigen Arme um ſeinen Nacken und rief: „Verſtoßt mich nicht aus Eurem edlen Herzen, trauret nicht um Eure Tochter, denn der Saalecker wird ſie heimfuͤhren als ſein Weib, er wird nimmer wieder in das Rudelsburger Thor einreiten. Kommt! kommt! droben in ber 43 alle wollen wir uns durch einen guten Trunt ttärken und dann ziehe ich heim und bin bei Euch, ehe die morgende Sonne ſinkt. Doch Ihr zittert, die Nachtluft iſt kuhl, kommt deshalb, denn auch im Innern dieſer Burg werden wir unbelauſcht ſein.“ Er erfaßte die Rechte des Ritters von Greifenſtein, zog ihn mit ſich fort durch eine kleine Pforte und nachdem er an der kleinen Eiſenthuͤr die Riegel S vorgeſchoben hatte, hob er eine Fallthur em⸗ por und zog mit den Worten ſein Schwert: 6 „Steige hinab, Du alter Thor, in dieſe Gruft, drrunten magſt Du zu Verſtande kommen und einſehen lernen, daß Deine einfaltige Tochter kein Weib fuͤr den Saalecker iſt!““ Der Greis, welcher beim matten Dammerlicht, das der graue Nachthimmel durch die vergitterten Fen⸗ ſter warf, dem Beginnen ſeines Begleiters ſtaunend zugeſchaut hatte, ſtarrte den Ver⸗ ruchten einige Augenblicke wie verſteinert dann aber riß er raſſelnd das Schwert aus der Scheide und wollte mit einem wüthenden 44 Streiche auf ihn eindringen. Dieſer aber un⸗ 2 terlief ihn geſchickt und einen kraͤftigen Fauſt⸗ ſchlag gegen ſeinen Leib führend, ſturzte er den Greis in den dunkel gaͤhnenden Schlund, daß er⸗ die moderigen Stufen des Gewoͤlbes hinabrollte, dann warf er das Fallgitter nie⸗ der und rief mit ſchallendem Gelaͤchter: „Hier, Graukopf! hier ſollſt Du verſchloſſen bleiben Find ausharren, bis ich die Irmgard heim⸗ gefuhrt habe als mein Weib, und dann magſt Du toben wie Du willſt, kein Hund wird um Dein welkendes Toͤchterlein heulen!“ Der Greifenſteiner, welcher ſich in einem kleinen, öden Gemache befand, deſſen Luftloͤcher mit Eiſenſtäben wohl verwahrt waren, gerieth in die aͤußerſte Wuth; er fluchte und drohete, jedoch umſonſt. Endlich brach er in einen Strom von Thraͤuen aus, flehte um Be⸗ freiung und verſprach hinfort kein Wort mehr von dieſer Sache zu reden. Alle Bitten waren vergebens, nur Hohngelaͤchter antwortete ihm und als er endlich an den vetzweiſungsvolen — ——— ————— —— 45 Tönen des Greiſes ſeine Rache geſůttigt ent⸗ fernte er ſich mit den Worten: „Harte iä Geduld hier aus, der Rudelsburger ſoll Dich reichlich verſorgen mit Brod und Waſſer!“ Irmgard hatte indeſſen in der hell er⸗ leuchteten Halle manchen feurigen Blick mit Segeſt gewechſelt und wenn dieſer eben in das Geſpraͤch der Ritter verwickelt wurde, ſchaute ſie ſtumm und ſinnend zu Boden. Plotzlich fuͤhlte ſie ſich leiſe beruͤhrt und er⸗ ſchrocken in die Höhe fahrend, gewahrte ſie den Burgpfaffen, der das Geſicht zu einem freundlichen Grinſen verzog und mit wichti⸗ ger Miene folgendermaßen begann: „Wie kommts, meine Tochter, daß Ihr an dieſem feſtlichen Tage ſo ernſt und beklommen ſeid und das Koͤpfchen ſo betruͤbt ſenkt? Euer fruͤher ſo feuriger Blick iſt trube und ich moch⸗ te faſt glauben, Eure Wangen ſeien blaſſer denn ſonſt, wenn ich nicht fuͤrchtete, meine Augen, die nur an den Schein der heiligen Kerzen gewoͤhnt ſind, ſeien von dem n 46 mer geblendet, welcher in dieſer Halle herrſcht. Euer Buſen fliegt, als wie gepreßt von Seuf⸗ zern, unſtaͤt ſchweift Euer dunkles Augenpaar umher und vermag nicht ruhig in das treue Geſicht des Beichtvaters zu ſchauen. Was iſt's, das das Kleinod dieſer Burg betruͤbt? war der Vater hart gegen Euch oder werdet Ihr vernachlaͤſſigt von Eurem Verlobten? — Ihr ſolltet ſtolz darauf ſein, daß der kuhnſte Held der Gegend um Euch warb, daß Ihr ihn in Euren Roſenbanden wißt. Seid Ihr vielleicht gar eiferſuͤchtig?“ „Nicht doch, ehr⸗ wuͤrdiger Vater,“ entgegnete das Fraͤulein, „von alle dem iſt's nichts!“ Der Moͤnch lachte wild in ſich hinein und fuhr fort: „Weiß es wohl, Irmgard, der alte Kaplan dieſes Hauſes hat ſo ſchwache Augen nicht, als Ihr wohl glauben moͤgt! Der Heide iſt es, der Euch im Sinne liegt, der Heide vom Schatz⸗ fels iſt es, den Ihr hinaustreiben muͤßt aus Eurem Herzenskämmerlein, doch der Böſe will nicht weichen und hat ſich ſchon feſt ein⸗ 47 geniſtet. Aber ich will beten; beten will ich Tag und Nacht füun Euch, daß der Herr des Verruchten Abſichten vereitelt!“ „Schweigt!“ rief das Fraͤulein von Rudelsburg im ſtrengen Tone und erhob den Blick ſtolz zu dem Arg⸗ liſtigen, „ſchweigt, Anſelm, oder ich ſehe mich gezwungen, den Vater um Schutz aufzurufen gegen Eure beleidigenden Reden. Wer ſagt Euch, daß unſer Gaſt, welchem wir ſo viel zu danken haben, ein Heide iſt? auch begreife ich nicht, wie Ihr dazu kommt, mit mir von dergleichen zu ſprechen!“ „Wer mir das ſagt?“ lachte der Moͤnch, „ſchautet Ihr nicht gleich am erſten Tage ſeines Hierſeins, mit was für neugierigen Augen er das Bild des Gekreu⸗ zigten anglotzte? Bei meiner Seligkeit, es iſt mit ihm, wie ich Euch ſagte und er betet ſei⸗ nen alten Götzen noch an und die reine Chri⸗ ſtuslehre hat nicht Eingang gefunden auf ſei⸗ ner Burg. Hätte ich die Kraft und Beredt⸗ ſamkeit des heiligen Bonifacius, ſo würde das ganze Land aufrufen zu einem Zuge gegen 48 die Heiden des Harzes, ich wuͤrde dem Heere voranziehen mit den ſchuͤtzenden Heiligthuͤmern unſerer Kirche, um den letzten Funken ihres rohen Glaubens auszurotten. Jede Gemein⸗ ſchaft mit ihnen iſt Suͤnde, deshalb, ſchoͤne Irmgard, — meidet ihn, wahret Euer Herz!“ Raſch wandte er ſich nach dieſen Worten und dem Burgherrn einen Wink gebend, ſchritt er durch eine Seitenthür aus der Halle nach ſeinem Gemache, wohin ihm der Rudelsburger bald ſolgte. Als die Vögel in den Zweigen bereits erwachten, begaben ſich die Siſie erſt ur Ruhe. ————— An den Freuden des vergangenen Tages hatte Irmgard wenig Antheil genommen, den daß Segeſt von Scharzfels den Sieg im Kampſſpiel davon getragen, daß er ſo liebend zu ihr emporgeſchaut, hatte ihr des Saaleckers wuͤthender Blick faſt gänzlich verleidet. We⸗ nig Ruhe hatte ſie auf ihrem Lager gefunden 49 mit der erquicklichen Luft neu Muth einzuathmen. Langſam wandelte ſie hin zu ihrem Lieblingsplätzchen zu der bereits durch die Jahreszeit verdorrten Jasminlaube, als ſie jetzt eine Maͤnnergeſtalt gewahrte, die, den Kopf auf die Hand geſtützt, zu ſchlum⸗ mern ſchien. Unbeweglich ſaß die Geſtalt auf der Moosbank, das braune Lockenhaar beweg⸗ te ſich im leiſen Windzuge. Einen Augen⸗ blick war das Fräulein betroffen, doch dann legte ſie ihre Hand ſanft auf das lockige Haupt des Schlummernden und ſprach: „Kuno! wa⸗ rum meideſt Du Dein Lager und traumſt in der kühlen Laube? Gehe hin und leg' Dich zur Ruhe, Du ſiehſt ſo bleich aus und der kalte Nachtthau mochte Dir ſchaden!“ überraſcht von dieſer Anrede, richtete ſich Kuno, der junge Knappe des Rudelsburgers, empor und zeigte dem theilnehmenden Fraulein Kein er⸗ ſtauntes Geſicht, das in den ſanften 3ügen Der treue Knappe am Kreuz. 4 50 eine auffallende Khnlichkeit mit dem ihrigen hatte. Wie geblendet ſenkte er dann die Au⸗ gen und erwiderte: „Fraͤulein Irmgard, ver⸗ zeiht, daß Ihr mich hier findet, ich gebachte mich nach der lang durchwachten Nacht hier im Freien zu ermuntern!“ Er wollte ſich ent⸗ fernen, doch ſie legte ihm traulich die Hand auf die Schulter und ſprach: „Bleib', Kuno, und eile nicht ſo, bleib' und gib mir Troſt. Du warſt unſer Geſpiele von Jugend auf, mein Vater konnte Dich mehr leiden denn die andern Kinder auf Rudelsburg und ich habe Deinen treuen und ergebnen Sinn oft er⸗ probt. Niemanden weiß ich, dem ich in mei⸗ ner Noth vertrauen, Niemanden, dem ich mein meinen Widerwillen gegen den Saalecker, kennſt meines Vaters Strenge und doch kann vor Kummer und Leid. Ach, Kuno, mein 8 Herz lieber öffnen möchte als Dir. Du weißt h ihm nicht gehorchen und moͤchte vergehen Herz liebt einen Andern; rathe mir, was ich anfange!“ Der Knappe errothete und antwor⸗ —— 5 tete mit bebender Stimme: „Ihr liebt einen Andern und Kuno ſoll Euch rathen, vg zu thun iſt? — Gott! ich weiß es nicht. Leib und Leben fordert von mir, freudig will ich es opfern. Ritter Bruno von Rudelsburg wird ſeinen Entſchluß nicht andern und Kuno iſt zu ſchwach, Euch aus dieſer Truͤbſal zu retten. Gott moͤge Euch noͤſten!“ Haſtig eilte er von dannen. Kein Ausweg zeigte ſich ihr und vergeblich ſann ſie auf eine nderung ihres Geſchicks und die truͤben Gedanken woll⸗ ten nicht von ihr weichen. Da kniſterten Fuß⸗ tritte auf dem Sandwege; Irmgard ſchlug die Augen empor, Graf Segeſt von Scharz⸗ fels ſchritt daher und im freudigen Erroͤthen grußten ſich beide und das Fräulein von Ru⸗ delsburg wandelte bald an ſeiner Seite unter den Baumreihen des Gartens umher. Se⸗ geſt vermochte faſt kein Wort zu reden, ſein ſcharfer Blick hatte ihm geſagt, daß er ihr nicht gleichgultig ſei und voch vermochte ſeine Zunge 3 von Liebe mit ihr 4* 52 Sein Geſicht deckte bald Bläſſe, bald Fieber⸗ gluth, da erhob ſie ſchüchtern und errothend den Blick zu ihm und fragte im mitleiosvol⸗ len Tone: „Iſt Euch nicht wohl, oder habt Ihr etwas auf Eurem Herzen? Mein Rath wird Euch nur von geringem Nutzen ſein, doch meine Theilnahme werdet Ihr wohl nicht verſchmaͤhen.“ Da ſank der kraͤftige Scharzfelfer, von der Gluth ſeiner Liebe gaͤnz⸗ ſch beſiegt, zu ihren Fußen nieder, faßte ihre Hand und geſtand ihr ſeine Liebe. Thranen floſſen uͤber das Antlitz der ſchoͤnen Irmgard, wie auf junge Roſen der Maienthau. Nach ei⸗ ner langen Pauſe gab ſie zur Antwort: „Ihr ſeid mir ſehr achtungswerth, Graf von Scharz⸗ fels, ich zweifle nicht, daß ich mit Euch glück⸗ lich werden würde, doch Ihr kennt des Vaters WVillen.“ „Wie? ich duͤrſte hoffen, dürfte wa⸗ gen, Euren Vater um Eure Hand zu bitten?“ ſtieß der feurige Liebhaber raſch heraus und die Holbe lispelte erroͤthend: „Ja, ich geſtehe, doß mein Herz ſchon am erſten Tage Eures Hierſeins für Euch ſchlug und der Himmel wolle geben, daß der Vater unſerm Wunſche 3 . nicht entgegen ſein mag, er wird ja ſein ind S nicht durchaus ungluͤcklich machen wollen!“ Se⸗ 4 Wonne vorder Gelicbten. 1 geſt ſtand in uberſeliger ſein Mund wollte reden, doch die Freude ver⸗ p ſagte ihm die Sprache. Endlich zog er ſie + ſeurig in ſeine Arme und der erſte Kuß be⸗ ſiegelte ihren Bund, und ihre Herzen ſchlu⸗ gen hoch empor vor Freude. Dem Scharz⸗ felſer war bisher die Liebe gaͤnzlich fremd ge⸗ weſen, auf ſeinem Felſenſchloſſe hatte er nur p den übungen der Waffen und der Wildjagd obgelegen und dem Ninneſange und Lobe der Frauen, welches die alten Barden zum Klan⸗ ge der Harfe ſangen⸗ aufmerkſam gelauſcht, ohne noch die zarteren Regungen des Herzens zu kennen. Kaum ſah er jedoch Irmgard. ſo loderte die Liebe in ſeinem Buſen in hel⸗ len Flammen auf. — Endlich ermannten ſich beide von ihrem Taumel und Segeſt ſprach: 5 „Leb' wohl, meine Theure! ich eil 54 Deinem Vater, um ſeine Einwilligung zu er⸗ flehen. Wohl und Wehe meines kuͤnftigen Lebens hangt von dieſem Wege ab, bete de s⸗ holb fur uns, flehe die Götter um ihren Bei⸗ ſtand an!“ Nach dieſen Worten druckte er ihr noch einen glühenden Kuß auf die Lippen und eilte dann raſchen Schrittes zur Burg. Irmgard ſchritt der Laube wieder zu, ſie moch⸗ te nicht zugegen ſein beim Geſpräche des Ge⸗ liebten und ihres Vaters. „Flehe zu den Goͤttern! ſprach er,“ lispelte ſie leiſe, „flehe zu den Göttern! Alſo hätte Anſelm dennoch Recht und er betet nicht zum Heilande, wie wir; doch unſere Liebe iſt lauter und rein und der Himmel wird ſeinen Segen nicht verſogen!“ Noch hatte ſie ſich nicht wieder auf die Moosbank niedergelaſſen, als es hin⸗ ter ihr raſchelte und Benno von Saaleck mit blutrothem Zorngeſicht vor ihr ſtand. Sie vermeinte faſt vor Schreck in den Boden zu ſinken und bebte erſchrocken zuruͤck, als ob ei⸗ ne Schlange ihr entgegenziſche. „Falſche! S 1 f „ —— — — 35 Sichtswürdige!“ brüllte er, ſeinem kochenden Blute Luft machend, „ſo gedenkſt Du mir al⸗ ſo die Treue zu halten? Aber warte, der Saalecker wird Dir ſchon zuſehen daß Du nimmer wieder mit andern minnen ſolſt!“ Er blickte nach dieſen Worten um ſich, ob er vielleicht Lauſcher habe und in ſeinen Faͤuſten zuckte es, als ob ihm die Luſt ankaͤme, die bleiche zarte Geſtalt Irmgards zu zermalmen. Sie rang nach Faſſung und verſetzte endlich: „Benno von Saaleck! wer gab Euch des Va⸗ ters Wort der Treue? Ich, oder der Vater? Wiſſet demnach, mein Herz und meine Liebe gehörte nie Euer und läßt ſich am wenigſten durch ein ſolches Betragen etzwingen, wie Ihr es eben zeigtet. Meint Ihr, daß ich unrecht gegen Euch gehandelt habe, wohlan, dann geht zum Vater und laget es ihm, denn noch habt Ihr kein Recht an mir, noch ſprach des . Prieſters Mund den Segen nicht uͤber uns, und wird es auch nie!“ Ein furchtbates Ge⸗ lächter aus des Ritters Munde erſcholl und 56 von der wildeſten Leidenſchaft geſpornt und wie auſſer ſich, gab er zur Antwort: „Falſche Natter! ich verabſcheue Dich und dennoch ſollſt Du mein werden und wenn auch der Himmel auf mich herabfiele, wenn auch die Erde ſich oͤffnete und mich zu verſchlingen drohte. Und nochmals und abermals ſchwoͤre ich, Ihr werdet mein, oder mich oder Euch ſoll der Tod und die Hölle vernichten!“ Hier⸗ mit hob er die Rechte empor zum Himmel und ſein Geſicht verzog ſich immer ſchrecklicher. Erblaßt ſchauderte Irmgard zuruͤck und war eben im Begriff durch einen Schrei die Die⸗ ner herbei zu rufen, als dumpfe Stimmen und wilde Fluche erſchollen. Die Stimmen ſchienen naͤher zu kommen und das Fraͤulein benutzte dieſen Augenblick und eilte ſchnell von dannen. —— Auf dem Schloßhofe war Alles in Be⸗ ſtürzung; auf den Geſichtern der fremden Rit⸗ ter und Knappen zeigte ſich tiefer umil un in dichten Haufen draͤngten ſie ſich zuckten Schwertern um den alten Ritter von Greifenſtein. „Heißt das Gaſtfreunoſchaſt, daß ich drunten im feuchten Verließe ſchmach⸗ ten mußte und vergeblich nach Huͤlfe jamme⸗ re, bis ein Engel erſchien und mich befreite? Aber nicht ungerugt ſoll der Saalecker dieſen ſchändlichen Frevel an mir geubt haben und auch Ihr, Bruno von Rudelsburg, werdet da⸗ rum gewußt haben, ohne die Pforte meines Kerkers zu oͤffnen. All' Ihr Ritter! Euch rufe ich an ſammt Gott und den Heiligen zur Suͤhne und Rache an dem Saalecker!“ Dich⸗ ter draͤngten ſich die Anweſenden an den Alten, welcher mit heiſerer und ſchreien⸗ der Stimme etzahlte, was ihm geſtern unter dem Mantel der Nacht mit dem hami⸗ ſchen Benno begegnet und wie ihn dieſer li⸗ ſtig in da Veric geſtürzt habe. Nur ie * S entronnen ſei, ſchwieg er. unce eöt⸗ 58 niſche Blick wurde auf den Burgherrn gerich⸗ tet und da derſelbe die That des Saaleckers fuͤr einen Scherz gelten laſſen wollte, ſo rie⸗ fen ſeine Gaͤſte nach ihren Roſſen und verlie⸗ ßen mit finſtern Mienen das Schloß. Der Greifenſteiner, der in ihrer Mitte von dannen ritt, warf dem Knappen Kuno einen dankenden Blick zum Abſchiede zu, denn er war es geweſen, der durch die Klagen des alten Ritters herbei ge⸗ lockt, ihm die Freiheit wieder verſchafft hatte. Benno von Saaleck ließ ſich an dieſem Tage vor den wenigen noch zuruͤckgebliebenen Gaͤſten nicht wieder ſehen und ſaß auf des Burg⸗ pfaffen Zelle, mit ihm neue Plaͤne ſchmiedend. — In einem günſtigen Augenblick nahte ſich Segeſt von Scharzfels dem Hausherrn und begann nach einigem Zoͤgern ſeinen Wunſch folgendermaßen vorzutragen: „Lange genug habe ich in Eurer Burg verweilt, lange ge⸗ nug habe ich Eure Gaſtfreundſchaft in An⸗ —— 59 ſpruch genommen, und dennoch wird es mir 6 ſchwer, ſchon von hinnen zu ziehen und ich ſtehe deshalb vor Euch, um fůr Alles meinen Dank abzuſtatten. Ich hoffe aber, Euch bald auf Scharzfels zu ſehen und werde ich dann meinem werthen Gaſte die Tage ſeines dorti⸗ gen Aufenthaltes auf die beſtmoͤglichſte Weiſe zu kurzen ſuchen.“ „Laßt das,“ unterbrach ihn der alte Rudelsburger, „nicht Ihr habt mir Dank abzuſtatten, wohl aber ich, dem Ihr den Sohn erhieltet und ungefährdet heimfuͤhr⸗ tet. Deshalb war ich auch ſchon darauf be⸗ dacht, Euch ein kleines Erinnerungsgeſchenk an uns zu überreichen und iſt bereits der ſtolze Rappe, den Ihr geſtern unter meinen Roſſen bewundertet, der Obhut Eures Die⸗ ners übergeben, auch werdet Ihr dieſen Helm von blauem Stahl mit getriebener Arbeit nicht verſchmaͤhen, einer meiner Ahnen trug ihn am Tage ſeiner Hochzeitfeier!“ „Bruno von Rudelsburg!“ rief Segeſt, „Ihr beſchaͤmt mich in der That, denn ſolche Geſchenke verdiene 60 ich nicht durch die geringen Gefaͤlligkeiten, welche ich Eurem Sohne erzeigte, jeder An⸗ dere wuͤrde an meiner Stelle daſſelbe gethan haben. Und dennoch habe ich eine Bitte an Euch, die ſchwer auf meinem Herzen laſtet wie ein ungeheurer Fels und den Ihr durch ein Wort Eurer Zuſtimmung hinweg zu wal⸗ zen vermoͤgt. Wiſſet deshalb, ich liebe Eure reizende Tochter unausſprechlich, und ſie — liebt mich nicht minder! Gebt mir Irmgard zur Gattin, laßt ſie mir folgen auf meine Be⸗ ſitungen, die an Große keiner andern dieſer Gegend nachſtehen, zu dem iſt unſer Schild rein und unbefleckt und ich glaube deshalb, daß Euch mein Antrag in keiner Beziehung unanſtaͤndig ſein wird!“ Segeſt ſchwieg; er hatte geglaubt, ſeine Forderung werde den Alten in Verwunderung ſetzen, er möchte ſich vielleicht wegen des Saaleckers bedenken wol⸗ len. Doch mit der größten Beſtimmtheit erklaͤrte dieſer, daß Irmgard bereits dem Rit⸗ ter von Saaleck verlobt ſei und er ſein ein⸗ — 61 mal gegebenes Wort nicht zurück nehmen könne. Und als der Scharzfelſer auf d heutigen Vorfall mit dem Ritter von Grei⸗ fenſtein hindeutete und des Fraͤuleins Wider⸗ willen gegen den aufgezwungenen Liebhaber ſchilderte, da warf der Alte das Haupt ſtolz empor und rief mit kreiſchender Stimme: „Graf! es ſtehet Euch ſchlecht an, meinen einmal gefaßten Entſchluß aͤndern und ( u durchaus in unſere Familienverhaͤltniſſe zwůn⸗ gen zu wollen. Ich allein muß wiſſen, was unſerm Hauſe am dienlichſten iſt und muß ich Euch bitten, fernerhin von dieſem Gegen⸗ ſtande zu ſchweigen, denn mein Entſchluß ſteht feſt und iſt unabaͤnderlich!“ „Wohl!“ ent⸗ gegnete der Harzritter, „ich werde Euch fer⸗ nerhin nicht mehr belaͤſtigen““ Stolz ſchritt * er zur Halle hinaus und wollte ſchon ſein Roß ſatteln laſſen, um von dannen zu reiten, als er ſich eines Beſſern beſann und bis i kommenden Morgen zu bleiben beſchloß, in der die Geliebte noch einmat S 62 ſprechen. Irmgard wurde den ganzen Tag über nicht ſichtbar, und auch ihr Bruder Hein⸗ rich ſchien jedes Zuſammentreffen mit ſeinem Lebensretter zu vermeiden und war aͤußerſt wonkatg. Als aber die Sonne ſich zu nei⸗ gen begann, da ſchlich ſie mit verweinten Augen i ihrem Kaͤmmerlein und fluſterte die Wortet „Segeſt! kommt heut, wenn die Nacht eingebrochen und Dunkelheit auf Wald und Flur liegt, zur Sanct Johanniskapelle, die drunten im Thole liegt, dicht am Haine, dort werde ich Euch erwarten!“ Leiſe ſchlupf⸗ te ſie zuruͤck in ihr Gemach und harrte nicht auf des Geliebten Antwort, welcher dieſe La⸗ dung mit nicht geringer Freude vernommen hatte. Viel zu langſam ſchwand dem Sehn⸗ ſuͤchtigen die Zeit und den erſten guͤnſtigen Augenblick benutzend, enteilte er der Burg und ſchritt mit klopfendem Herzen zum be⸗ ſtimmten Orte. Die Sonne war ſchon laͤngſt hinter den weſtlichen Bergen hinab geſunken, die Vogel der n mit ue 63 chem Geſchrei die bemooſ'ten Thürme, um auf Raub auszuziehen, als erſt Irmgard durch die finſtern Hallen der Rudelsburg ſchlich und dem harrenden Liebſten zuſchritt. Wie ein flüͤchtiges Reh flog ſie uͤber den Raſen und umſchloß bald mit ihren Armen des Scharzfelſers ſchlanke Geſtalt und drückte ihre roſigen Lippen dem Entzuckten zum Gruße auf den Mund; dann zog ſie ihn mit ſich fort durch die Vorhalle der Kapelle bis in den innern Raum derſelben. Die ewige Lam⸗ pe flimmerte truͤbe und erleuchtete die näch⸗ ſten Gegenſtande nur ſchwach, im Halbdun⸗ kel toͤnte zuweilen der leiſe Flügelſchlag eines Nachtvogels und der Zugwind, welcher durch die offene Thuͤr ſtrich, klang faſt wie Geiſter⸗ ton. „Segeſt!“ fluſterte das Fräulein jetzt, „Segeſt, hier ſind wir ſicher und Niemand wird uns um dieſe Stunde hier ſtoͤren, denn ſobald der Abend herankommt, meidet man dieſe Stelle, es ſoll nicht geheuer hier Mancher kam ſchon zum Tode erſchrocken heim — ———— 6⁴ und wollte eine blutige Frauengeſtalt im wei⸗ ßen Gewande geſehen habenz doch in Deiner Nähe furchte ich mich nicht und kam getroſt zum Zwiegeſpraͤch an dieſen verrufenen Ort. Ach, wie langſam floh die Zeit am heutigen Tage, wie hart war der Vater gegen mich, doch ſeine Drohungen und Zornworte konn⸗ ten meine Liebe zu Dir nicht mindern, denn mein Herz iſt Dein bis zum letzten Athem⸗ zuge.“ „Theure Irmgard,“ entgegnete der Ritter, wirſt Du auch immer ſo denken, wirſt Du mir auch Deine Liebe bewahren, wenn ich ſern von Dir bin, wenn uns Berge und Huͤgel trennen und Dein harter Pater Dich zwingt, dem Saalecker auf ſeine Burg zu folgen? Das iſt der Wurm, der an meinem Hetzen nagt, Deinen Worten traue ich, doch der Gewalt werden ſie nicht zu widerſtehen vermoͤgen. Ja! wenn Du mir folgen woll⸗ teſt, dann, ja dann wäre Alles gut, und ſä⸗ ßen wir erſt auf Scharzfels, dann waͤre Dei⸗ nes Vaters ſtarrer Sinn gebrochen, den an 65 den Felſenmauern meiner Burg hat ſich ſchon Mancher die Stirn vergeblich eingeſtoßen und der Freunde habe ich unter den Harzrittem nicht wenige. Was würde ihm dann ſein Toben noch helfen? Nichts bliebe ihm übrig, als uns ſeinen Segen zu geben und wieder von dannen zu ziehen!“ „Ja, ich will Dir folgen!“ rief das Fraulein. „Ich will Dir fol⸗ gen, wohin Du auch willſt, denn ich můßte ja hier vergehen vor Liebesgram, muͤßte un⸗ ter Thraͤnen mein Leben vertrauern, wenn ich zu dem Verhaßten nach Saaleck ziehen muͤßte. Ich bin Dein, Segeſt, ganz Dein! deshalb thue, was Dir gut duͤnkt!“ „O, Du herrliche Maid!“ rief der Scharzfelſer entzuͤckt. „Wo ſchlagt noch ein Herz wie Deines, wo blüht noch eine ſolche Blume wie Du? Doch ich will Dir zeigen, daß ich Dei⸗ ner wuͤrdig bin, Du ſollſt die Meine werden, und müßt' ich Berge hinweg wälzen. Rie⸗ 8 ſenkraͤfte fuͤhle ich in meinen Armen, doch hier 6 müſſen wir beſonnen zu Werke gehen. Wem Der treue Knappe am Krez. 3 ——— ——— ——— ——— 66 die Sonne aufſteigt, reit' ich heim, um mit einer Schaar wieder zurück zu kehren. Nicht vergeblich wirſt Du mich harren laſſen, denn mit dem achten Tage triffſt Du mich um dieſe Zeit in dieſer Halle und nimmer laſſe ich Dich dann wieder, bis auch mir dereinſt das Todesloos geworfen wird.“ Feſt ſchloß et ſeine Arme um der Geliebten Nacken, ei⸗ nen langen Kuß druͤckte er auf ihren Mund und Thränen der Trennung perlten in ihren Augen. „Irwgard von Rudelsburg!“ klang es plötzlich mit ſeltſamer Stimme hinter ih⸗ nen. Beide fuhren erſchrocken zuruck und dicht hinter einem Pfeiler hervor trat des Burgpfaffen Geſtalt mit drohend empor ge⸗ hobenen Haͤnden. Einige Augenblicke blieb er in dieſer Stellung, dann begann er: „Irm⸗ gard! ziemt es ſich fur Euch, um dieſe Stun⸗ de noch umher zu wandeln, ziemt es ſich, daß Ihr Eure Zelle verließet, um außethalb der Burg mit dem fremden Ritter zu verkehren? Was würde Euer Vater, was würde der Saal⸗ 67 ecker beginnen, wenn er darum woßte? „Pa⸗ ter Anſelm!“ erwiederte das Fraulein, indem ſie mit der Linken den Geliebten zurückhielt, welcher große Luſt bezeigte, den unberufenen Moͤnch nieder zu ſchmettern, „Pater Anſelm! auch ich hätte nicht gemeint, daß Ihr noch um dieſe Zeit umherwandeltet, um zu hor⸗ chen. Eure alten abgelebten Glieder ſollten lieber des Schlummers pflegen!“ Mit „ Zro⸗ ßer Gelaſſenheit hatte Anſelm zugehort und antwortete alsdann: „Schlummern? nicht doch, Fräulein Irmgard. Wachen und he⸗ ten ſollen wir Alle, auf daß uns der Tod nicht unvorbereitet findet, daß wir ihm folgen können zu jeder Zeit. Der Menſch iſt ein gar zerbrechlich Werk; er bauet Schlöſſer in die Luft, macht Plaͤne fuͤr die Zukunft und weiß doch nicht, ob vielleicht ſchon des Todes Senſe fuͤr ihn geſchliffen, ſein Stundenglas bereits abgelaufen iſt! Deshalb ſolltet auch Ihr nur den Himmel vor Augen haben, Ihr ſolltet der Pflichten nicht vergeſſen, die Ihr Eurem 5⁸ 68 Bater ſchuldig ſeid und zu ſpat möchte Euch vielleicht dereinſt die Reue kommen. Sehet, Euer Vater iſt alt, ſchon miſchet ſich ſein Haar mit Grau, wie, wenn er ploͤtzlich auf der Todtenbahre läͤge durch Eure Widerſpen⸗ ſtigkeit und Ihr könntet nicht wieder gut ma⸗ ſchen, was Ihr an ihm verſchuldetet, könntet nicht mit reinem Herzen zu ſeiner Leiche tre⸗ ten. Das ſchmerzt dann, ſchmerzt mehr denn Dolchſtoß und Geißelhiebe. Doch ich ſehe wohl, Eure Herzen ſind verſtockt, meine Worte ſind verſchwendet und es bleibt mir nichts weiter ubrig, als den Zorn Eures Vaters und des Himmels auf Euch herab zu beſchwoͤ⸗ ren. Bruno von Rudelsburg“ ſchrie er jetzt mit erhöhter Stimme, „Bruno von Rudels⸗ burg! eile herbei und zertruͤmmere die Plaͤne, welche Deine Tochter geſchmiedet mit dem verfluchten Heiden, der die Gaftfreundſchaft verletzt und Schimpf und Schande auf Dein Haupt laden will!“ Ermattet fanken die Ar⸗ me des Moͤnches nach dieſer Rede zuruͤck, m—— —— —— — —— — —— 69 doch aus ſeinen Augen leuchtete es wie „Bit und vernichtender Hohn malte ſich in ſeinen Zugen. Aus dem Seitengange aber hällten dumpfe Tritte und eine Schaar Gewappneter 6 drang herein, an ihrer Spitze der Rudelsbur⸗ ger mit dem zornſchnaubenden Saalecker. Raſch zog der Scharzfelſer ſein langes Schlacht⸗ ſchwert und fing beſonnen die Streiche des wuͤthend heran dringenden Haufens auf, mit dem Ruͤcken an der Wand lehnend. Von einem Fauſtſchlage des fluchenden Vaters ge⸗ troffen, ſank Irmgard bewußtlos zu Boden und obgleich Segeſt ihm das Schwert aus der Hand ſchlug und dem Saalecker die Klinge durch den linken Arm bohrte, ſo vermochte er ſich doch nicht laͤnger zu halten, denn ein Speer hatte ſeine Bruſt ſchwer verwundet und mancher Blutstropfen rann bereits von ſeinem Haupte. Wie eine Meute wüthender Hunde über den verletzten Eber ſtürzt, ſielet 70 * Füßen gefeſſelt und ihr Herr befahl mit donnernder Stimme, ihn in das unterſte ſchluſſel ihm ſodann zu uͤberliefern. „Bet⸗ tet ihn drunten, auf daß ihn der Tod nicht uͤbereilt, bevor wir Gericht uͤber ihn gehalten!“ ſetzte er dann noch hinzu, „ein Schwertſtoß durch das falſche Herz wäre ein viel zu ſchoͤnes Ende fuͤr ihn. Auf und fort mit ihm, auf daß er ſeine letzte Ruhe ge⸗ nieße!“ Die Diener thaten wie ihnen befohlen wurde und waren bald verſchwunden, auch der Saalecker folgte ihnen, um ſich von ſei⸗ nem Vertrauten, dem Pater Anſelm, die brennende Armwunde verbinden zu laſſen. um die bewußtloſe Irmgard hatte ſich bisher Niemand bekuͤmmert und als jetzt der Rudels⸗ urger den Blick auf ſie richtete, fuhr er er⸗ ſchrocken zuſammen, der Knappe Kuno kniete Verließ hinab zu laſſen und die Kerker⸗ bleich neben ihr, das bleiche, vom Steinboden blutig geſchlagene Haupt des Fräuleins hal⸗ — wie ihre mahnende Geftat vic wie ſi ie ſich naͤher und näher bewegt, Gott ſei mir gnaͤdig!“ Wild ſturzte er fort und die Kapelle war leer, nur Kuno hielt die ſchoͤne Irmgard noch, kußte die aufgelöſten Locken der Stillgeliebten und loͤſete eine derſelben mit raſchem Schnitte ſei⸗ nes Dolches und barg ſie haſtig in ſeinem Wonmſe, leiſe die Worte ſprechend: „Dies ſei mein hoͤchſtes Gut, mein einziges Kleinod, mehr begehrt der arme Knappe nicht, als dieſe Locke, ſie ſei das einzige Erinnerungszeichen an ſie, wenn ich einſt fern von ihr ſie nicht mehr ſchauen kann!“ Jetzt ſtuͤrzte die Zofe des Fräuleins, die von dem Vorfalle gehört hatte, mit mehrer Dienern herbei und bracht die Bewußtloſe klagend heim auf ihr Ge⸗ mach. Kuno folgte langſam dem Zuge —— 72 und mit den duͤſter glimmenden Fackeln wie ein Trauergeleit anzuſehen war. 6 Vergeblich bat am andern Morgen Se⸗ geſi's Knappe um die Freilaſſung ſeines Herrn, vergeblich waren Irmgard's herzzerreißende Klagen; der alte Rudelsburger war uner⸗ bittlich und der blutduͤrſtige Saalecker konnte kaum die Stunde erwarten, wo der verhaßte Nebenbuhler des qualvollſten Todes ſterben ſollte. Selbſt Heinrich gab ſich wenig Muͤhe, etwas fuͤr ſeinen Freund zu thun und blieb taub gegen der weinenden Schweſter Schmerz. * So ſchlich der Tag dahin; in der Folterkam⸗ S mer war reges Treiben und das Knarren der Schrauben und das Schaͤrfen der Stacheln an den Marterwerkzeugen toͤnte weit durch das Schloß und zerſchnitt faſt Irmgard's er Da ließ ſie den ihr ergebenen Kuno zu ſich entbieten, welcher auch bald zu ihr eilte, um ihre Wuͤnſche zu hoͤren. „Kuno!“ 6 mich wie die Herrin gegen den Knecht, Ihr zu Fert Vnnt⸗ ich 6. it mit redete ſie ihn an, „auf dieſer Burg ſchlägt kein treueres Herz als Deines; ich weiß das, Du warſt ſtets ſo gut und wirſt auch jett, wo Alles gegen mich tobt, mir Deine Dienſte nicht verſagen. Ach! konnteſt Du doch den Grafen von Scharzfels ungefaͤhrdet hinausbrin⸗ gen aus den Ringmauern der Rudelsblrg, wie wollt' ich Dir dann danken, wie wuͤrdeſt Du mein trauerndes Herz erfreuen!“ „Fraͤu⸗ lein Irmgard!“ erwiederte der treue Knappe, das Auge gluͤhend zu ihr empor richtend, „Fraͤulein Irmgard! Ihr waret ja nie gegen handeltet gegen mich wie die Schweſter es mit dem Bruder thut! Längſt ſchon war es daher mein Wunſch, Euch zu dienen; ſchaltet mit mir, wie Ihr wollt, ganz weihe ich mich Eurem Dienſte, weihe Euch mein Leben, wenn Ihr es fuͤr nothig achtet!“ Und leiſe ſetzte er noch hinzu: „Ol wie ſuß waͤre es, für Su 74 Fraͤulein wiegte einige Augenblicke ſinnend das Lockenköpfchen, dann ſprach ſie: „Kuno, Deine Treue und Ergebenheit ruͤhrt mich unendlich und ich wuͤnſche, daß Du in meinem Herzen leſen koͤnnteſt, wie ich Dich höher ſchätze denn alle Andern auf Rudelsburg! Doch die ſchwren Riegel der Kerker vermagſt Du nicht zu ſprengen, und hätteſt Du auch den beſten Willen dazu; die Schluͤſſel vermagſt Du mir auch nicht zu verſchaffen, denn die liegen auf des Vaters Schlafgemach und bitte ich Dich deshalb nur dafuͤr zu ſorgen, daß Segeſt's Knappe e außerhalb der Burg mit zwei Roſſen harre und die Hinterpforte um Mitternacht offen iſt. Am runden Thurme hoffe ich Dich fioden, ſobald der Mond heute unterge⸗ gangen iſt! Das iſt Alles, was ich jetzt von Dir begehre und werde Dir ewig fur Deine uͤlfe verpflichtet ſein!“ Der Knappe ver⸗ ſprach die Erfüllung ihrer Wünſche und ent⸗ fernte ſich. — Nie hatte Irmgard's Herz ſo ungeſtum gepocht als heute; nach dem Willen des alten Rudels burgers hatte ſie ihr Gemach nicht ver⸗ laſſen duͤrfen und da jetzt der Abend herein⸗ dämmerte, oͤffnete ſie die Spitzbogenthuͤr und ſchritt leiſe hinaus auf den Soöller. Aus dunklem Gewolk blickte der Mond — Föhrenhain, ſein ſanftes Licht goß Berühigung in ihren Buſen und freier athmete ſie in der friſchen Herbſtluft; ſie lehnte das Haupt gegen das kalte Steingelaͤnder und faltete die Hände zum Gebet, auf daß ihr Vorhaben gelingen moͤchte. So kam Mitternacht herbei, der Mond ging eben hinter dem waldigen Ge⸗ birge unter, ſchwere, vom Winde zerriſſene Wolken jagten pfeilſchnell dahin und thürm⸗ ten ſich in Oſten auf. Alles ſchien auf der Burg zu ſchlafen, ſelbſt die Eulen im hohen Neſte ſchwiegen un die Nacht wurde immer 76 kalten Eiſen der Folter werden ſein Herz, en liebendes Herz durchbohren!“ Geſtutzt auf din außerſten Vorſprung des Söllers, weinte ſie lange und wendete die Augen nicht ab von dem ſchrecklichen Kerker, in welchen ihr Vater den ungluͤcklichen Geliebten hatte werfen laſſen. In einem Augenblicke der Verzweiflung wollte ſie ſich hinabſturzen von der Zinne, auf daß ihre Seele noch entfliehen moͤchte, ehe Segeſt die ſeine aushauche; doch ſchnell ſagte ihr eine warnende Stimme: „Wird er dadurch ſeiner Schmerzen, ſeines ſchrecklichen Endes enthoben ſein? Nicht doch, Irmgard! vollende getroſt das Werk, das Du beſchloſſen, rette ihn!“ Wie aus einem ſchweren Traume etwachend, eilte ſie zuruͤck auf ihr Gemach, die ſclafende Zofe zu erwecken und ſprach zu „Dort ſchmachtet er!“ fluͤſterte ſie, „dort iſt er allein mit ſeiner Verzweiflung! Gott! Gott! was ſoll ich thun, wie ihn erretten? Der mor⸗ gende Tag wird ihm den Tod bringen, den qualvollſten Tod, den man erſinnen konnte;z di 77 der ſich ſchnell Ermunternden: „Marie Du weißt, was geſchehen iſt; der Graf von Scharz⸗ fels, dem ich mein Herz zuſagte, ſchmachtet im ſchrecklichſten Verließe dieſer Burg; ich will ihn befreien, habe es feſt beſchloſſen!“ „Helfe Gott, daß es noch Zeit ſei!“ antwor⸗ tete die Dienerin und Irmgard bebte be zuruͤck und vermochte kaum die Wo ſtammeln: „Wie, haͤtte man mich getaͤuſcht? ſagte man nicht, daß er erſt morgen ſterben ſolle?“ „Ja, wenn er noch lebt!“ erwiederte Marie. „Ich ſah ihn heute martern, 8 20 Wunden rieſelte ihm das Blut und todt trug man ihn hinweg. Er ſoll den Goͤtzen noch dienen und Pater Anſelm meinte,“ die Strafe, welche er erleide, ſei noch viel zu leicht fur ihn!“ Todesblaͤſſe üͤberzog nach die⸗ ſer Nachricht des Fraͤuleins Wangen, doch bald ermannte ſie ſich wieder und ſprach mit feſter Stimme: „Wohlan! ich werde zu im gehen, will ihn noch einnal ſehen und an ſeiner Leiche beten, wenn Gott ihn ſchon von hinnen getufen hat. Erwarte mich hier, ich will mir die Schluſſel zum Thurme zu ver⸗ ſchaffen ſuchen, ſie liegen ſtets auf des Vaters Marmortiſche!“ Nach dieſen Worten entfernte ſie ſich und die Zofe hob indeſſen die Hände gen Himmel und betete alle Gebete für ein lucliches Gelingen des Wagniſſes. Nach er Zeit kehrte Irmgard zuruͤck; ſie ath⸗ mete kaum, in den kalten zitternden Häͤnden hielt ſie das Bund mit den rieſigen Schlüſſeln, die alle an einer eiſernen Kette hingen. Sie war ſchoͤpft, doch der Muth hatte ſie nicht verlaſſen und am Arme der Dienerin ſchritt ſie raſch die ſteinernen Stufen hinab und be⸗ in einen Mantel gehuͤllt, hinter einem Pfeiler und begrüßte die Kommenden mit gedämpfter Stimme. Ohne ſeine Hülfe hätte Irmgard, trotz der Schlüſſel, nicht zu Segeſt gelangen tönnen, denn es gehörte nicht wenig Kraft dazu, die rieſigen Schlöſſer zu öffnen. Beim fand ſich bald an der niedrigen Eiſenthur, welche zum Gefängniſſe führte. Kuno ſtand, — —— * dem entfernteſten Winkel, W oigte 79 ſchwachen Scheine einer Laterne ſchritt Kuno die morſchen Stiegen hinab und konnte wegen des ſchmalen Raumes die Herrin nur wenig unterſtuͤtzen. Abermals mußten Riegel zuruͤck⸗ geſchoben und eine zweite noch morſchere Stiege hinabgeſtiegen werden. „Wir ſind zur Stelle!“ ſprach der Knappe. „Hier 3* Graf Segeſt liegen!“ Er hob die trube flim⸗ mernde Leuchte hoch empor; der Kerker war ein Loch in der Erde, uͤber welchem ſich noch ein anderes Gefängniß befand, das aber min⸗ der ſchrecklich war als das untere, denn durch ein ſchmales Fenſter konnte Licht und Luft eindringen; das Loch dagegen war finſter wie ein Grab und Molch und Schlangen trieben ihr Spiel auf dem fumpfigen Boden, weichen man dem Grafen zum Lager angewieſen hatte. Irmgard hielt den Athem an und lauſchte. „Er iſt todt!“ wollte ſie ausrufen, doch ihre Kehle war wie zugeſchnurt, kein Laut, kein Seufzer ringsum zu horen. Kuno ſchrit nach 80 in Todesangſt. Hinter einer Säule, welche die niedere Decke ſtutzte, gewahrten ſie jetzt auf einem duͤrftigen Strohlager Segeſt; er richtete jetzt das Haupt empor und ein Aus⸗ ruf der Verwunderung drang uͤber ſeine Lip⸗ pen, als er die Geliebte erblickte, die ſich weinend neben ihm niederwarf und die ge⸗ feſſeiten Hände an ihr Herz druckte; Thraͤnen rannen auf ſeinen nackten Ruͤcken, der mit blutigen Stroͤmen von den Geißelhieben der Rudelsburger Knechte bedeckt war. Waͤre er im Kampf verwundet worden, im hoͤchſten Grade wuͤrde ſie ihn alsdann bemitleidet haben, aber über die entehrende Schmach, die dem Geliebten widerfahren war, empoͤrte ſich ihr Herz, ſie ſchämte ſich ihres Vaters, der ſolches vefehlen konnte, ſchaͤmte ſich, ſeine Tochter zu heißen. Segeſt's Augen ſtarrten immer noch betroffen zu ihr auf, endlich begann er: „Irmgard! biſt Du es wirklich, iſt es kein Traumbild, das mich täuſcht? So ſaͤhe ich dich noch ein Mal wieder, ehe ich ſterbe, ich 81 hoffte es nicht, daß mir Dein Vater 2 Anblick noch ein Mal goͤnnen wuͤrde!“ Nicht ſterben ſollſt Du,“ entgegnete ſie, „nicht ge⸗ kommen bin ich, um Dich durch leere Troſt⸗ ſpruͤche zum Tode zu bereiten, ſondern Deine Feſſelnzu loͤſen und Dir die Freiheit zu geben. Doch nur Augenblicke ſind uns übrig; wir muͤſſen eilen!“ „Wie wäre Rettung moͤglich!“ rief Segeſt; „wie waͤre Rettung moͤglich aus dieſer Höhle des Wolfes? O, hätt' ich ein Schwert!“ Irmgard ſtrich ihm mit der Hand den kalten Schweiß von der Stirn und ſprach: „Haͤtte auch der tapfere Graf von Scharzfels Schwert und Schild, dennoch wuͤrde er unter den Streichen der Vielen erliegen, die ihn umzingeln würden. Man waͤhnte Deinen Leib durch Geißelhiebe zu ſchaͤnden, doch die Schande fällt nur auf die, welche ſo gemein handeln koͤnnen und die ich verachte, vetab⸗ ſcheue!“ Sie ſchwieg plotzlich und blckte er⸗ ſchrocken hinter ſich, denn ſie ei leiſes Geraͤuſch gehoͤrt zu haben. Der treue Knappe am Kreuz. 3 82² ſah nichts, als die ſchwaͤrzliche Wand, auf welche die Laterne einen ſchwachen Lichtſchim⸗ mer warf und Ketten und Feſſeln daran er⸗ kennen ließ. Kuno hatte indeß die Banden des Scharzfelſers geloͤſtt, den Geliebten Irm⸗ gard's entfeſſelt, die er ſelbſt gluͤhend liebte. Segeſt dehnte die betäubten Glieder, er wollte ſich empor richten, doch ſeine hohe, kraͤftige Geſtalt konnte nur gebüͤckt ſtehen in dem engen und niedrigen Verließe. Irmgard aber trieb zur Eile; mit ihrer Lilienhand zog ſie ihn fort und die morſchen, verfallenen Stiegen hinan, bis ihnen die erquickliche Nachtluft droben auf dem Burghofe entgegenſtrömte und von dem Befreiten mit Wolluſt eingeathmet wurde. „Drunten am Burgwege harrt Dein Knappe mit den Roſſen, theurer Segeſt, laß Deine Wunden verbinden, vergiß mein nicht in der Ferne!“ lispelte das Fräulein mit Thränen in den Augen und dieſer entgegnete, indem er ſie an ſein Herz dräckte: „Bald kehre ich zurück, um Dich zu erretten aus den Krallen ——— — daß ihr Vater ihre Vereini 95 genden Stamm niederſchmetterte, daß ſie 5 an den breiten Ruͤcken hineinfuhr; dann ſchri er zur Seite und lehnte ſich gedankenvoll die heilige Eiche. Die uͤbrigen Anweſenden erhoben ſich jetzt von ihren Sitzen und ſprachen, dem Scharzfelſer und Sachſenſteiner zum Ab⸗ 3 ſchiede die Hände reichend: „Nicht mit Euch. ziehen wir, wenn aber Eure Feinde nahen ſollten, wenn ſie vielleicht vor Scha fels rücken, dant werden wir ſchon zr ech Zeit hervorzubrechen wiſſen!“ Sie riefen nach ihren Roſſen und zogen alsdann ſtil ihres Weges. — Das Haͤmmern der Waoffenſch mi de, der froͤhliche Geſang der klingenſchleifende und ſchilderglaͤttenden Knappen aber durch⸗ toͤnte bald die Hallen der Steinburg und zeugte von dem feſten Vorſatze ihres Herrn. Nach einigen Tagen wurde dieſem ein Unbe⸗ kannter gemeldet und Segeſt fand einen frem⸗ den Mann in Pirtentracht, der einen Gruß vom Fraͤulein Irmgard uberbrachte, neb mit dem Saalecker bis zum Sommer ver⸗ ſchoben, weil er plotzlich erkrankt ſei. Benno aber hüte ſie fleißig und ſpähe Tag und Nacht um die Mauern der Rudelsburg. Der Scharz⸗ Kunde und entließ den Boten reich beſchenkt. So ſehr er ſich auch nach dem Anblicke und dennoch geſtehen, daß jetzt jedes Unternehmen r unglůͤcklich ablaufen koͤnne. Der herein⸗ brechende Winter verging ihm oͤde und traurig und ſabſt des alten Irings Erzählungen und Plaͤne zu ihrem Vorhaben konnten ihn nicht erheitern und oft ſpähte er hinaus in die Ferne und wuͤnſchte den Fruͤhling herbei. 0⁰ An den hohen Buchen des dichten Ru⸗ delsburger Waldes fluͤſterten die Blärter vom leiſen Winde bewegt und der alte Klausner Willibald ſaß ſo ſtill und ruhig vor ſeiner felſer zweifelte nicht an der Wahrheit dieſer Beſitze der Geliebten ſehnte, ſo mußte er ſich 3. als ob die Seele ————— —— 97 nur die ſterbliche Huͤlle zuröckgeblieben ſei auf dem Lieblingsplaͤtzchen. Naͤher ruͤckte der Abend heran, magiſcher Duft hatte ſich über die Gegend gelagert und nur die Wipfel der Baͤume und die Zinnen der nahen Rudels⸗ burg ergluͤhten noch vom letzten Strahle der niederwaͤrts gehenden Sonne. Von den Huͤt⸗ ten der Leibeigenen aus, die ſſich am Fuße des Berges angeſiedelt hatten, ſtieg hier und dort ein Rauchwoͤlkchen auf und kuͤndete an, daß die Hausfrau noch ein Mahl bereite für den ſpät vom Frohndienſte heimkehrenden Gat⸗ ten. Des alten Klausners Blick war unver⸗ wandt zu Boden gerichtet, er ſchien ganz in Gedanken verſunken zu ſein und weder auf das Scheiden der Sonne, noch auf das Flö⸗ ten der Nachtigall im tiefen Waldesdunkel zu lauſchen. Immer ſchwaͤrzer wurde der Wald, wie graue Geiſter ſchauten bereits die Berge hinab in das Thal und durch die Zweige des fernen Foͤhrenhaines blinkte bereits des Mondes Silberlicht. Endlich kniſterte Der treue Knappe am Kreuz. 93 das Laub und Geſtraͤuch in der Naͤhe der Mooshuͤtte und um die Waldecke bog eine ſchlanke Juͤnglingsgeſtalt, den Weg gerade nach dem Klausner einſchlagend. „Gruͤß' Euch Gott, Vater Wilibald,“ toͤnte es aus ſeinem Munde, das Knie vor dem Greiſe beugend, „faſt hätte ich geglaubt, Euch nicht mehr wach zu finden und Ihr ſchlummertet bereits in Eurer Waldeinſamkeit; doch ich vermochte des Fraͤuleins Bitten nicht zu wi⸗ derſtehen und ich ſoll Kunde bei Euch einzie⸗ hen, ob Ihr den fremden Ritter nicht gewahr⸗ tet, welchen ſie durch einen ſichern Boten hierher beſchied.“ Der Alte, deſſen ſilberwei⸗ ßer Bart bis tief zur Bruſt hinab hing, deutete dem Knappen Kuno von der Rudels⸗ burg, denn der war es, an, ſich zu ihm zu ſetzen und erwiderte alsdann: „Den ganzen Tag uͤber ſchaute ich in die Ferne, doch mei⸗ ne Augen erſpaͤhten keinen Fremdling, denn ſchon laͤngſt meide man dieſe Gegend, wo Dein Herr und der wilde Saalecker gleich —— 99 blutgierigen Thieren herabſtuͤrzen auf den Voruͤberziehenden, um ihn auszuplundern und zu morden, wenn er den geringſten Wider⸗ ſtand leiſtet. Haͤtte ich eine der vielen Suͤn⸗ den auf meinem Gewiſſen, die der Rudelsbur⸗ ger beging, ſchaudernd wuͤrde ich dem Tode entgegenſehen, ſchaudernd wuͤrde ich an Got⸗ tes Gericht denken; aber rein ſind meine Haͤn⸗ de von Blut, rein von jeder fluchwuͤrdigen That! ſ Doch, was hat es fuͤr eine Bewandtniß mit dem fremden Ritter, nach welchem Du täglich ſpaͤheſt, und weshalb verbirgſt Du mir die Urſache Deiner geheimen Gaͤnge? Warum verſchweigt mir das Dein Mund? Rede of⸗ fen gegen mich, Du weißt, jedes Geheimniß liegt tief begraben in meiner Bruſt und ich gedenke ſie alle mit mir in jenes Grab dort — —2 zu nehmen, das ich mir ſelbſt bereitete, bis auf eines, das ich nur von Dir gekannt wiſ⸗ ſen mochte!“ „Frommer Vater!“ ſprach Kuno, „ich verbuͤrgte mein Wort, zu ſchwei⸗ gen, koͤnnt Ihr mir rathen, daß ich einen Eid 100 breche? Doch wiſſet, nicht im Auftrage des alten Rudelsburgers forſche ich taͤglich bei Euch, ſondern Fraͤulein Irmgard ſendet mich!“ „Irmgard?“ entgegnete der Greis, „dann frage ich nicht weiter, ihre Taubenunſchuld birgt für ihr Vorhaben. Ja, Kuno! wahre Deinen Eid! Auch in meinem Buſen ſchlum⸗ mert ein Geheimniß, das zu verſchweigen ich einen fuͤrchterlichen Eid ablegen mußte. Doch gezwungen ſchwur ich, gezwungen, blinkende Schwertſpitzen beruͤhrten ſchon meine Bruſt, ich war zu ſchwach, furchtete damals den Tod, dem ich jetzt ſo ruhig entgegenſchaue. Und doch haͤtt' ich ſprechen, haͤtt' ich den Schwur brechen ſollen!“ „Guter Wilibald!“ rief da der Knappe, „wuͤrde es Euer Herz nicht er⸗ leichtern, wenn Ihr mir Euer Vertrauen ſchenk⸗ tet?“ Der Klausner fuhr ſich einige Mal mit der duͤrren Rechten uͤber das gefurchte Ange⸗ iicht und begann: „Der Menſch iſt ein ſchwa⸗ ches Geſchopf, ſein Thun und Handeln heſteht aus Irrungen und Widerſpruͤchen, er dünkt und Flagen ſind verhallt im Strome 101 ſich klug und überlegt, und wenn er enblich am Rande des Grabes ſteht, ſo fällt ihm Manches ſchwer auf's Herz, Vieles dunkt ihMm unrecht, was er gethan, und meint, er hätte es anders machen ſollen. Das Herz des Jünglings und des Greiſes, wie verſchieden pochen ſie in der Bruſt, wie verſchieden fuͤh⸗ len ſie. Auch ich war jung, Kuno! meine kahle Scheitel deckte Lockenhaar, mein Herz gluhte und liebte, mein Auge ſchaute freudig in die Welt und nur die ſchweren Schlaͤge des Ungluͤcks, die mich trafen, trieben mich zuruͤck aus der Geſellſchaft der Menſchen und ich zog mich zuruͤck in dieſe Waldeinſamkeit, in die Stille dieſer Berge. Vor der Zeit bleichte mein Haar zu Schnee, uͤber den Graͤbern der Guten faͤuſelt ſchon laͤngſt das Gras der Vergeſſenheit und auch die Thäten der Verruchten liegen tief begraben, Seufzer Zeit. Dort unten, Kuno, wo die Menſchen 102 en, ſtand vor Zeiten ein einfaches Haus von Pfahlwerk und Baumrinde erbaut, klein und eng, aber geraͤumig genug fur ein gluͤckliches Menſchenpaar, denen zur Freude zwei Kinder emporbluͤhten. Nicht auf koͤſtlichen Decken ruhte ihr Haupt, nur ein Mooslager hatten ſie, doch ſie ſchlummerten ſanft, denn ein gu⸗ tes Gewiſſen hatten beide. Beſonders erbluͤh⸗ te ihr Tochterlein in ſeltener Schönheit auf, und bald galt ſie fur die reizendſte Dirne der ganzen Gegend und mancher Juͤngling erhob die Augen zu ihr und pries ſich gluͤcklich, wenn ſie ihn nur anlächelte. Doch gar bald ergluͤhte ihr Herz in Liebe zu einem der wa⸗ ckerſten ihrer Verehrer, der bald um ſie warb und die Einwilligung der Eltern erhielt. Ta⸗ ge des Gluͤcks kamen fuͤr das Maͤdchen und ſchon nahete die Zeit heran, wo ſie durch des Prieſters Hand mit dem Geliebten verbunden werden ſollte, als der Teufel in Geſtalt eines jungen Ritters dazwiſchen trat. Auch er ward von des Maͤdchens blendender Schoͤn⸗ 103 heit bezaubert und ſchlich um ihre Wohnung, wie der Wolf um die argloſe Heerde, mit gierigen Augen nach ſeinem Raube ſchauend. Mit jedem Abend kam der biedere Erich, des Maͤdchens Geliebter, nach ihrem Hauſe, um nach vollbrachtem Tagewerk von der Zukunft zu plaudern und verließ erſt ſpät das trauli⸗ che Platzchen vor der Thuͤr, um heim zu ei⸗ len. „Morgen!“ ſagte er einſt, „morgen bin ich fruher bei Euch denn ſonſt, werde mit Marien laͤnger ſprechen koͤnnen!“ Er druckte ihr einen Kuß auf die Lippen, den letzten in 2 dieſer Welt, und ſchritt alsdann hinweg, noch oft nach ihr zuruͤckblickend. Im hellen Mon⸗ denſcheine war ſeine Geſtalt noch lange er⸗ kennbar, lange und gedankenvoll ſchaute Ma⸗ rie ihm nach, bis endlich der dunkle Wald ihn verbarg. Der kommende Tag verſtrich, die Sonne neigte ſich bereits und Erich kam nicht, der Abend dunkelte heran, doch vergeb⸗ lich harrten ſie ſeiner. Mariens Hetz klopf⸗ te immer aͤngſtlicher, von truͤben Ahnungen gefoltert ging ſie eine Strecke des Weges, 104 welchen er kommen mußte und immer kehrte ſie wieder, immer ſahen ihre forſchenden Au⸗ gen die Geſtalt des Geliebten noch nicht. „Marie!“ ſprach endlich ihr Vater, „Erich pflegt jedes Mal erſt zur Kapelle zu gehen, um an dem geweihten Altare zu beten; ſollte ihm etwas Boͤſes zugeſtoßen ſein? Dein Bruder mag dorthin gehen und nachſehen!“ Ruͤſtig ſchritt der Bruder auf dem wohlbe⸗ kannten Wege fort, bald lag das Kirchlein vor ſeinen Augen und eine ſeltene Angſt be⸗ mächtigte ſich ſeiner, als er durch die Vor⸗ halle ſchreitet; Furcht durchrieſelt ſein Gebein als jetzt aus dem Innern der Kapelle dum⸗ pfe Stimmen ſchallen und er im Innern dunkle Geſtalten bemerkt, die ſich hin und her bewegen. Der Mond, eben noch von Wolken verhuͤllt, dringt jetzt hervor und wirft ſeinen bleichen Schein durch die Gitterfenſter und zeigt deut⸗ lich das Geſicht des Ritters von Rudelsburg, der Marien ſo leidenſchaftlich liebt, läßt die Mariens Bruder nieder; er muß den furcht⸗ 105 Geſtalt des Saaleckers erkennen, eben bemüht, die Leiche Erichs beizuſcharten. Ein Schrei des Entſetzens ringt ſich aus des Lauſchers Bruſt, er ruft laut den Namen des Gemor⸗ deten, er ruft den Namen des ungluͤcklichen ¹ Erichs, der nicht mehr die Klagetöne hört, deſſen treues Herz von Dolchſtoßen zerſchnit⸗ ten iſt. Einige Augenblicke ſtehen die Moͤrder betroffen, doch bald erholen ſie ſich und werfen barſten Eid ſchwoͤren, zu ſchweigen, man droht ſeine Eltern zu morden, wenn auch nur ein Wort von dem Geſehenen uͤber ſeine Lippen kommt! Lange noch ſitzt er betäubt und zit⸗ ternd am kalten Boden, als die Blutbefleckten ſchon laͤngſt den ſchauerlichen Ort verlaſſen haben. Endlich taumelt er halb bewußtlos nach Hauſe, die Eltern ſind fort, Marie nir⸗ gends zu finden und die Sonne ſteht ſchon hoch am Himmel, als erſt die Mutter mit wild verwirrtem Haar heimkehrt; Marie hatte mit dem Vatet zur Kapelle eilen wollen, als kreuzen, ruhen meine Eltern. 106 plötzlich ihr Hilferuf ertoͤnt. Die Mutter eilt ſchnell nach jener Gegend, im Graſe liegt ihr Gatte ſterbend und ſein bebender Mund ver⸗ mag kaum noch die Worte hervorzuſtammeln, daß Marie entfuͤhrt iſt. Der Ritter von Rudelsburg, den ihre Schoͤnheit geblendet, hatte ſie auf ſeine Burg gebracht, nie wurde ſie von ihrer Mutter wieder geſehen. Einige Jahre verſtrichen, des Madchens Schoͤnheit war verwelkt, das Feuer ihrer Augen erloſchen, und da zu derſelben Zeit ein anderes Fraͤulein dieſer Gegend das Herz des Rudelsburgers gewann, mußte Marie eines gewaltſamen To⸗ des ſterben, der Sohn, den ſie ihm geſchenkt hatte, wurde verſtoßen und erſt ſpaͤter wieder in der⸗Burg unter den Dienern aufgenom⸗ men. Kuno! jene Marie war meine Schweſter, drunten am Waldpfade, unter den zwei Stein⸗ Sanft mogen ſie dort ſchlummern bis zum Auferſtehungs⸗ morgen!“ Der Klausner' wiſchte ſich eine Thraͤne aus den Augen und der Knappe von 107 der Rudelsburg druckte ihm tief geruͤhrt die Hand. Endlich frug Kuno mit leiſer Stim⸗ me: „Frommer Vater Wilibald, wie ſchwer mußte es Euch werden, ſolches Ungluͤck allein zu tragen, ohne troͤſtenden Freund, ohne ein mitfuhlendes Herz. Warum waͤhltet Ihr aber dieſen Ort zu Eurem Aufenthalte, von wo aus Ihr den Ort Eures ſchrecklichen Schick⸗ ſals ſtets vor Augen habt?“ „Jene Stätte war auch der Schauplatz meiner gluͤcklichern Tage,“ entgegnete der Alte, „und der Boden, wo wir aufwuchſen, iſt uns heilig, erinnert mich an jene Zeit, wo ich ſorglos unter den Augen der Ettern ſpielte. Meine lauten Kla⸗ gen verhallten, meine Trauer konnte ich nie aus meinem Herzen vertreiben. Wie ſollte ich auch nicht trauern um die Meinen, wie ſollte ich ihre Geiſter nicht zuruͤckgerufen haben in meiner Verzweiflung und doch iſt ihnen ſo wohl in ihrer Bruſt und doch ſchlummern ſie ſo ſanft unter den gränen Hügeln. Laut flehte auch ich zu Gott um Erloſung von dieſem 105 Leben, doch mein Gebet blev unerhort. Ich lebe noch, der Moͤrder meines Gluͤckes athmet noch, Gottes Rache wird dereinſt auch uͤber ſein Haupt kommen, ich mochte meine Haͤnde nicht mit ſeinem Blute beflecken!“ Wilibald ſchwieg; Kuno ſaß gedankenvoll neben ihm und wagte kaum zu athmen. Endlich mahnte der Klausner zum Heimgehen, doch der Knappe ſchuͤttelte das lockige Haupt und ſprach: „Laßt mich bleiben und gehet getroſt in Euer Kaͤm⸗ merlein; Ihr wißt, daß ich des fremden Ritters harre, den der abgeſandte Bote hierher fuͤhren wird, denn nur Beſonderes kann ihn abge⸗ halten haben und er moͤchte gar zu ſpaͤt kom⸗ men, Irmgard aus ihrer Bedraͤngniß zu er⸗ retten. Ueberdieß faͤllt es mir ſchwer, Euch heute zu verlaſſen; ſchon von Jugend auf liebte ich Euch, doch nachdem Ihr mir ſo eben die harten Schlage des Schickſals er⸗ zahltet, welche Euch trafen, iſt es, als ob un⸗ ſichtbare etten mich an Euch feſſelten. Ohne⸗ bin fliehet mich jetzt der Schlaf nur gar zu 109 oft und es iſt, als ob ich bleiben und Euch ſchuͤtzen muͤſſe!“ „Ich ſtehe in Gottes Hand, mein Sohn!“ entgegnete der Alte, „ich ſtehe in Gottes Hand und fuͤrchte, auf ihn bauend, den Tod nicht, den ich ſo oft herbeigerufen. Meine Seele iſt laͤngſt muͤde von der langen Lebensreiſe, ich folge willig in jenes Land!“ Hoch empor fuhren jetzt Beide vor Schreck, denn dicht neben ihnen rauſchte es im Ge⸗ buͤſch, als ob ein Eber daher brauſe und die Zweige und Aeſte brachen rings umher. Kuno ſprang empor, doch in demſelben Augenblicke trat eine hohe Geſtalt in langem rothen Man⸗ tel aus dem Dickigt, mit tiefer Stimme einen guten Abend bietend. Ihm folgten noch viele dunkle Kriegergeſtalten und bald wimmelte es von Bewaffneten, deren Schwerter und Pan⸗ zerſtuͤcken im hellen Mondlicht blinkten. Graf Segeſt war gekommen, mit ihm der Sachſen⸗ ſteiner im blutrothen Mantel und mit blin⸗ kender Streitart. Unter dem Schutze der Nacht hatten ſie ſich mit den Ihrigen vor⸗ ſichtig der Burg genaͤhert, durch Vorſicht allein konnte Segeſts Wagniß gelingen und deshalb lagerten ſich ſeine Genoſſen ſtill und geraͤuſch⸗ los im dunklen Walde. Der Scharzfelſer zog den treuen Kuno zur Seite und frug haſtig: „Wie iſt's mit Irmgard? Huͤtet ſie noch des Saaleckers teufliſcher Bück, gedenkt ſie mei⸗ ner?“ „Laͤngſt ſchon hoffte das Fraͤulein auf Eure Ankunft,“ entgegnete dieſer, „und faſt waͤre ſie vergangen vor Thraͤnen und Schmerz, ſie waͤhnte Euch nimmermehr wieder zu ſehen. Wahrlich! ſpaͤter durftet Ihr nicht eintreffen, denn bevor ſich zwei Mal die Sonne neigt, will ſie Ritter Benno von Saaleck heimfuͤhren und in den Gaͤngen der Rudelsburg iſt be⸗ reits reges Treiben ob des nahen Hochzeit⸗ feſtes. Drunten in der Waikapelle ſoll ſie Pater Anſelm zuſammen geben!“ Grimmig lachte der Scharzfelſer auf, dann riß er ſein Schwert von der Seite und daſſelbe hoch durch die Luft ſchwingend, rief er: „Ich ſchwur bei den Geiſtern meiner Ahnen, daß ich ſterben 1¹¹ oder Irmgard erringen will; Alfadur ſende ſeine Blitze auf mein Haupt, wenn ich mein Wort breche! Auf! auf Geſellen! hin an jenes ſchwarze Neſt, wo die Wölfe hauſen, wo ſie heulen um das zarte Lamm!“ Die muthigen Krieger draͤngten ſich nach dieſen Worten um ihren Herrn, doch Kuno rief mit bittender Stimme: „Haltet ein, Graf Segeſt! nimmer ſehet Ihr Irmgards holdes Antlitz wieder, wenn Ihr auf dieſe Weiſe Euer Vorhaben ausfuͤhren wollt. Die Wachen in der Burg ſind verſtärkt und alle Vorkehrungen gegen einen Ueberfall getroffen. Nur dann könnt Ihr mit Erfolg einen Ueberfall wagen, wenn ſich der Brautzug zu der bewußten Kapelle bewegt, wo Irmgard dem Saglecker ange⸗ traut werden ſoll. Deshalb folget mir jetzt durch den geheimen Gang, der nur ſelten be⸗ treten wird, weil der Geiſt eines meuchlings Gemordeten allda umgehen ſoll. Das Fräu⸗ lein hofft auf Euch!“ Nach einigen Einwen⸗ dungen folgte Segeſt; Iring von Sach hohen Geſtalten nur gebuͤckt hinein gelangen 1¹2 ſtein aber murrte, denn die Zeit dauerte ihm zu lange, bis er ſeine Streitart mit dem Blute des Rudelsburgers färben ſollte. „Nicht allein geheſt Du!“ rief er dem Scharzfelſer nach, „nicht allein geheſt Du in jenes Raubneſt, ich werde an Deiner Seite ſein, wenn Verrath oder Gefahr droht! Irings Streitart moͤchte alsdann nicht unnuͤtz ſein!“ Schweigend ſchrit⸗ ten die drei Wanderer auf dem Waldpfade vorwaͤrts, bald gelangten ſie an die Ring⸗ mauer der Burg und ſchlichen durch ein an⸗ gelehntes Pfoͤrtchen in das Innere eines duͤſtern Gewoͤlbes, das ſie ob der herrſchenden Dun⸗ kelheit kaum zu finden vermochten, denn laͤngſt hatten ſchwere Gewitterwolken den Mond ver⸗ huͤllt und nur einzelne Blitze hatten ihren Weg erhellt. Jetzt gelangten ſie an eine zweite Pforte, welche ſo niedrig war, daß die 2 konnten. In einer Steinniſche lehnte eine düſter glimmende Fackel, die das weite Ge⸗ mach nur zur Haͤlfte erhellte; Kuno ergriff 11¹3 dieſelbe und einen langen ſchwankenden Bal⸗ ken uber einen finſter gähnenden Abgrund legend, warnte er aͤngſtlich ſeine Begleiter, nicht hinabzugleiten und Fuß fuͤr Fuß zu folgen. „Drunten hauſen die eingefangenen Baͤren meines Herrn!“ ſprach Kuno, „die hungrigen Beſtien moͤchten Euch nicht wieder fahren laſſen aus ihren ungeheuren Tatzen; nicht der Erſte waͤre es, dem ſie das Haupt vom Rumpfe geriſſen, nicht der erſte fette Biſſen dieſer Art waͤre es, den ihnen Ritter Bruno von Rudelöburg ſpendete!“ Nochmals mahnte er nach dieſen Worten zur Vorſicht; der ſchaudervolle Weg wurde zuruͤckgelegt und durch einen ſchmalen Gang ſchritten ſie in eine feuchte Halle, die an Raum die vorigen weit uͤbertraf. Der Knappe lehnte die duͤſter glimmende Fackel gegen die Wand und ent⸗ fernte ſich mit dem Verſprechen, ſo ſchnell als moͤglich zuruͤckzukehren. Segeſt huͤllte ſich in ſeinen Mantel und ſchien in Gedanken ver⸗ ſunken, Iring dagegen ſtutzte ſich auf ſeine Der treue Knappe am Kreuz. 8 1¹4 Streitart und ſchaute unverwandt dem Hin⸗ wegſchreitenden nach, ingrimmig die Worte rufend: „Knabe! ſende mir den Rudelsburger her zum Zwiegeſpraͤch, mich duͤrſtet nach ſei⸗ nem Blute!“ Die mondhelle Nacht hatte ſich plotzlich verduͤſtert; zuerſt zuckten einzelne Blitze aus weiter Ferne, bis zuletzt das Wetter näher und naͤher ruͤckte und der Donner hundertfach im Gebirge wiederhallte. Unaufhoͤrlich folgten die Blitze auf einander und fielen wie Feuer⸗ bälle auf den dunkeln Wald; der Sturm heulte laut durch die Gaͤnge der Rudelsburg und vertrieb den Schlaf von den Augen ihrer Bewohner. Irmgard ſaß wachend im Seſſel, unter Angſt und Beben hatte ſie die Haͤlfte der Nacht verbracht und ſie konnte nicht be⸗ greifen, weshalb Segeſt noch nicht gekommen ſei und der einzige Troſt fuͤr ſie war der feſte Glaube an ſeine Treue. Sie waͤhnte ihn — 1¹⁵ todt, aber nicht wortbruͤchig, ſie war ſeiner Liebe gewiß und baute darauf ihre ganze Hoffnung. Stumm weinend ſaß ſie da in ihrem Kaͤmmerlein und ihre vertraute Zofe vermochte durch ihre Troſtworte ihren Kum⸗ mer nicht zu verſcheuchen. Jetzt nahten ſich Tritte und der treue Kuno trat herein, mel⸗ dend, daß Graf Segeſt im Innern der Burg ſei. „Er ler er iſt hier!“ rief Irmgard, ſich die blonden Locken aus dem Geſicht ſtreichend und die Thraͤnenperlen von den Wangen trock⸗ nend. „Eile Kuno! geleite ihn zu mir, daß ich ihn ſehe, daß meine Arme ihn umfangen!“ „Um Gottes Willen!“ entgegnete der Knappe, ſich aͤngſtlich umſchauend, „nennt ſeinen Na⸗ men nicht laut, ſeid vorſichtig! Hundert Augen bewachen Euch und nimmer ſaͤhe Segeſt ſeine Burg wieder, ſiele er noch ein Mal in die Haͤnde ſeiner Feinde!“ „Du ſprichſt wahr!“ entgegnete ſie, „ich bin eine Gefangene in des Vaters Hauſe, doch die Freude uͤber des Ge liebten A ließ mich jede Le vergeſſen. 3 16 6 Was ſoll ich thun? ſprich, Kuno!“ „Folget Segeſts Leben!“ Beide ſchritten jett leiſe durch die ſtillen Raͤume; nur fernher toͤnte noch das dumpfe Rollen des Donners und der heulende Wind hatte ſich faſt gaͤnzlich gelegt. Dicht draͤngte ſich Irmgard an ihren Begleiter, ergriff ſeine Hand und rief: „O, Du treuer, lieber Kuno! Du Freund in Noth und Gefahr, wie kann ich alle Deine Dienſte Dir lohnen, wo ſchlaͤgt noch ein ſolches Herz wie das Deinige?“ „Ich bin glückich!“ ant⸗ wortete der Knappe, „ich bin glucklich, wenn ich Euch gefaͤllig ſein kann, wollt Ihr mein Blut? es fließe! wollt Ihr mein Leben, w willig laſſe ich es für Euch!“ Doch beſonnener ſetzte er noch hinzu: „Ich bin Euer Knecht, dem Diener geziemt Gehorſam und ich thue nur nur einen ſchwachen Schein warf die Fackel aus dem entfernten Winkel und das Fraulein von Rudelsburg fuhr faſt erſchrocken zuruͤck, meine Pflicht!“ Endlich betraten ſie die Halle; 117 als ſie in der Mitte des Gewoͤlbes die hoh⸗ draͤuende Geſtalt des Sachſenſteiners mit der blinkenden Waffe gewahrte. Segeſt aber ver⸗ ſcheuchte alle ihre Beſorgniſſe, laut hätten beide aufſchreien moͤgen vor Wonne, femige Kuͤſſe wurden gewechſelt! „Irmgard! Geliebte meiner Seele, theures Maͤdchen! wie ſchnell verſcheucht ein Blick Deiner liebeſtrahlenden Augen jeden Gram aus meinem Herzen!“ rief der Scharzfelſer entzuͤckt aus, unnennbare, ſelige Empfindungen durchwogten ihre Bruſt, vergebens rangen ſie darnach, ſich durch Wort und Blick die Freude des Wiederſehens zu ſagen. Lange Zeit hielten ſie ſich in ſeelen⸗ voller Umarmung und ſelbſt der wilde Jring ſchaute gerührt auf die Gruppe, er vergaß, daß Irmgard die Tochter ſeines verhaßten Feindes war. Da trat Kuno heran und ſprach: „Verzeiht, Graf Segeſt, laͤngeres Ver⸗ weilen in dieſen Mauern bringt Euch Unter⸗ gang und Verderben, auch ſchien es mir, als ob des Waͤchters droben ehne, Lieh 118 leicht vermißt man das Fräulein! Morgen, ſobald die Sonne ſich neiget, bin ich wieder bei der Huͤtte dieſes frommen Klausners, je⸗ doch rathe ich Euch, bei Tage hoͤher hinauf⸗ zuziehen in den Wald und jede Zuſammen⸗ kunft mit Menſchen zu meiden!“ Einige Au⸗ genblicke ſann der Scharzfelſer nach, dann jetzt mit Dir zu entfliehen und auf meine wuͤrde man auf mich herabblicken, wollt ich wie ein Feigling zur Nachtzeit Dich von hin⸗ nen fuhren. Folge deshalb getroſt dem Saa⸗ lecker zur Waldkapelle, nicht fern werde ich Fnechten ſoll fuͤhlen, daß man bei Segeſt von SScharzfels Schwert und Streitart zu führen lernt. Fluͤchtige Roſſe tragen uns von hinnen die Tage meines Gluckes ſind nicht mehr fern, wo Du als treue Gattin auf meiner Stamm⸗ burg walten wirſt!“ „Fort! fort!“ raunte ihm Kuno zu, und faßte des Ritters Mantel, begann er: „Leicht waͤre es, theure Irmgard, ſichere Burg zu eilen, doch mit Verachtung ſein mit den Meinen und er ſammt ſeinen 3 . — „ 119 „wie leicht können die ausgeſtellten Wächter Euch bemerken, nicht fern mehr iſt der Mor⸗ gen und ein Hornſtoß, ein Ruf bringt funfzig Bewaffnete auf die Beine!“ Noch einen Kuß druckte Segeſt auf den Mund der Geliebten, dann folgte er ſammt dem Sachſenſteiner dem drängenden Knappen, der ſie auch ungefähr⸗ det uͤber den ſchaurigen Weg ins Freie ge⸗ leitete und dann ſchnell zuruͤckkehrte, um auch das Fraͤulein von Rudelsburg auf ihr Ge⸗ mach zu bringen. — Am andern Mo ihr Lager verlaſſen, finſterm Geſicht zu daß Du Dein Prun Benno von Saaleck eintreffen und wuͤrde rgen, Irmgard hatte kaum trat ſchon ihr Vater mit ihr und ſprach: „Eile, kgewand anlegſt; Ritter wird heute zeitig hier Dir es wenig Dank wiſſen, wenn Du ihm noch immer entgegen⸗ traͤteſt, bohren als ob Du ihn mit den Augen durch⸗ 6 wollteſt. Dem ůbermüthigen Segeſt — — —— 120 wird die Luſt auf immer vergangen ſein, meine Burg wieder heim zu ſuchen, aus der er entkam, Gott mag wiſſen, auf welche Weiſe. Doch naͤchſtens gedenken wir ihm einen Be⸗ ſuch abzuſtatten und gedenken das heidniſche Harzvolk auszurotten oder zu bekehren! Was erroͤtheſt Du ob dieſer Nachricht, Irmgard? ware vielleicht meine Vermuthung gegruͤndet, daß Du Schimpf auf des Vaters Haupt geladen und mit dem Frechen im Einverſtaͤnd⸗ niſſe wareſt, daß Du vielleicht ſelbſt zu ſeiner Befreiung beitrugſt? Bei allen Teufeln! dann verdienteſt Du, daß ich Dich augenblicklich zur Poͤlle ſchickte. Reize daher meinen Zorn nicht * noch mehr und mache Dich bereit, dem wa⸗ ckern Saalecker morgen zur Kapelle zu folgen, allwo Dich Pater Anſelm mit ihm auf ewig verbinden ſoll. Lange den Schmuck Deiner Mutter aus der Truhe und kleide Dich ſo gut als Du es vermagſt; Benno halt viel auf Neußeres, auch er wird im höchſten Prunke eeiſcheinen und ſeine Wange wuͤrde ſich mit 5 5 12¹ Schamroͤthe faͤrben, ſtaͤndeſt Du am Altare neben ihm wie die Dirne eines Leibeigenen!“ Noch einen zornfunkelnden Blick warf er nach dieſen Befehlen ſeiner Tochter zu und als ſie keine Antwort gab, ſchlug er mit geballter Fauſt auf den Tiſch und verließ dann haſtigen Schrittes ihr Gemach, die ſchwere Eiſenthür droͤhnend hinter ſich in's Schloß werfend. Irmgard erhob ſich aus ihrem Seſſel, ſtand eine Weile ſprachlos und nachdem ſie leiſe und mit gefaltenen Haͤnden gebetet hatte, ſprach ſie zu der erſchrockenen Zofe: „Ja! ich werde mich morgen ſchmuͤcken, aber nicht für den Boͤſewicht Benno, ich werde ihm zur Kapelle folgen, aber nimmer meine Hand in die ſeine legen! Der Gedanke an Segeſts Liebe und Treue gibt mir Kraft, die Drohun⸗ gen des Vatérs zu ertragen, ſchaudernd würde ich des morgenden Tages gebenken, wüßte ich ihn fern von hier; doch er iſt nohe, Gott ſandte ihn zur höelte 3ett ℳ 122 doch ich baue auf den Himmel, er wird ein ſchuldloſes Opfer retten, wird mich nicht in die Hände des Saaleckers fallen laſſen. Sie lehnte weinend das Geſicht in ihren Seſſel und flehete im ſtillen Gebete fur ihr Heil. Kurz nach Mittag ſah ſie den Ritter Benno einreiten, doch ſie empfing ihn nicht, wie es ihr der Vater geheißen und achtete wenig auf den hoͤhniſchen Blick, welchen ihr der Wilde unter dem ſchallendſten Hohngelächter zuwarf. uno aber ſchlich auf dem heimlichen Wege zur Abendzeit aus der Burg, um den harren⸗ den Scharzfelſer von dem morgenden Gange des Fraͤuleins zur Kapelle zu benachrichtigen. ungeſehen kehrte er alsdann in die Burg — . Noch dampften Nebeldufte wie Höhen⸗ rauch uͤbet die Haide, Graͤſer und Kraͤuter k. dufteten nach einem erquicklichen Nachtregen wuürzigen Hauch; noch tauchte kein Strahl 123 des Morgenrothes in Oſten auf, nur lichte Streifen verkundeten erſt das Grauen des Ta⸗ ges in den Wolken, die am öſtlichen Himmel lagerten, da wimmelte es bereits in dem dich⸗ ten Gebuͤſch, welches die Kapelle umgab, hin⸗ ter jedem Baumſtamme lehnte eine Geſtalt mit ſpahendem Blicke und bewaffneter Hand, hinter jeder Hecke hervor harrte den Nahenden ½ der Tod don den Wurfſpeeren der Scharzfel⸗ ſer Knappen. Segeſt lauſchte aufmerkſam hin⸗ ter einer Buche auf jedes Gerauſch, der Sach⸗ ſenſteiner dagegen hatte weiter unten beim Kirchlein ſeinen Standort genommen. End⸗ lich glaͤnzte der Sonne Purpurſchein am duͤ⸗ ſtern Eichenwald empor und vom Burgwege hetab ertönten aus den Hoͤrnern der Rudels⸗ burger und Saalecker Knappen ftöhlche Wei⸗ ſen, denn auch ſie hatten heute fruher als ſonſt ihr Lager verlaſſen, um den Tag, wo Freude auf dem Schloſſe herrſchen durfte und ſie von jeder beſchwerlichen Arbeit frei war vollig zu genießen. Naͤher und nahe 12 der Schall der Hörner, naͤher und naͤher wogte der Zug der Hochzeitsgäſte, welchen Herolde mit dem Rudelsburger und Saalecker Wap⸗ pen eröffneten; ihnen folgten die Fraulein und Ritter der Gegend, in ihrer Mitte aber thronte in höchſter Schoͤnheit Irmgards ſchlan⸗ ke Geſtalt auf einem kleinen, muthigen Daͤ⸗ nenroſſe und neben ihr ritt der tuͤckiſche Ben⸗ no, dem der hartherzige Rudelsburger ſeine einzige Tochter preisgab. Neit einem Blicke, wie ihn der Sieger auf das blutbefleckte Schlachtfeld wirft, ſchaute ſich Benno rings um und weilte dann mit ſichtbarer Schaden⸗ freude auf der Braut, die im feſtlichen Ge⸗ wande, mit Gold und Perlen reich geſchmückt, an ſeiner Seite daherzog. Keine Thräne blink⸗ te in ihren Augen und ſelbſt ihr Vater wun⸗ derte ſich ob ihrer Faſſung, nur ſchien ſie et⸗ was blaͤſſer denn ſonſt, himmliſch ſtrahlend, wie der ſtille Mond! Ihre Augen waren nach des kleinen Kirchleins Thurmſpite gerichtet, denn dort mußte der Wendepunkt ihres Schick⸗ 125 ſals, ihres kuͤnftigen Lebens ſein. Sie war 3 Jzanz in Gedanken verſunken und nur wenn der Klang der Trompeten und Hoͤrner lauter und gellender erſcholl, fuhr ſie empor aus ihren Traͤumereien. Man naͤherte ſich immer mehr der Kapelle, ſah die heiligen Lichter durch die mit Laub geſchmuͤckten Fenſter ſchimmern und die weit offene Pforte mit Waldblumen und Haideroslein umkraͤnzt und weit durch die Gegend erklang des hellen Gloͤckleins Ton, das dem im Innern harrenden Pater Anſelm den braͤutlichen Zug verkuͤndete. Jetzt bog ſich Graf Segeſt weiter vor aus ſeinem Ver⸗ ſteck und erblickte das Gepraͤnge der feſtlich geſchmuͤckten Schaar, ſah den finſtern Vater Irmgards und den Ritter von Saaleck und ſeine Angebetete im blendendſten Schmuck ne⸗ ben dieſem, ein Anblick, der ihm das Blut wild durch die Adern jagte. „Fluch und Tod, der Bräutigam ſoll dieſe Luſt mit ſeinem Herzblut buͤßen!“ murmelte er dumpf in ſich hinein, „er ſoll ruhen von ſeinen bisherigen 1265 Schandthaten und ſein Leichnam möge ver⸗ dorren auf dem Felde.“ „Ja, er ruhe!“ ſprach mit tiefer Stimme Iring von Sachſenſtein dicht hinter ihm, „ja, die ewige Ruhe wollen wir ihnen Allen bereiten, die ewige Ruhe zum nimmer Erwachen! Hier ſei das Ende meiner Rache, das Ende ihrer Laufbahn, das Ziel meiner jahrelangen Wuͤnſche. Fort zu den Roſſen, Ihr Knappen, fort in die Sättel und bewundernswürdiger Behendigkeit fingen nach dieſem Befehle die ruſtigen Diener die in der Nähe weidenden Roſſe ein, ſchwangen ſich darauf und erfaßten die blankgeſchliffenen Wehren. Sorglich pruͤften die Schuͤtzen die Sehnen ihrer Bogen, die Reiter ſchnallten Stahlhauben und Panzerkragen feſter, ein dichter Wald von Speeren blinkte aus dem Dickicht empor und muthig und kampfluſtig ſollte. Jetzt ertönte ein helles und durchdrin⸗ ſeid des verabredeten Zeichens gewärtig!“ Mit harrten Alle der Blutarbeit, die da kommen gendes Pfeifen, welches Iring, zum Zei⸗ 127 chen des Angriffes, einem Binſenrohre ent⸗ lockte und bald klirrte droben vom Burgwe⸗ ge Waffengeraͤuſch, ſchauerliche Tone erſchollen aus den mächtigen Heerhornern der Scharz⸗ felſer, die theils aus Metall, theils aus des Stieres Gehoͤrn gefertigt waren und den weiter unten harrenden Genoſſen verkundeten, daß der Angriff bereits geſchehen ſei. Erſchro⸗ cken blickten die Rudelsburger rings umher, ſchauten beſturzt nach dem Wege zuruͤck, den ſie ſo eben gekommen waren und der von draͤuenden Geſtalten wimmelte und vernahmen auch zu gleicher Zeit das Kampfgeſchrei Se⸗ geſts und ſeiner Begleiter und das ſchauerli⸗ che Gebrull Irings hallte weit durch das Ge⸗ birge; hoch ſchwang er die blinkende Streit⸗ art durch die Luft. Wie ein toſender Wild⸗ bach ſich uͤber Zacken und Geſtein in das friedliche Thal ergießt, wogte die Schaar der hohen, bewaffneten Geſtalten auf das feſtlich geſchmuͤckte Haͤufchen los. Segeſt hatte llug S und beſonnen die S 128 ſandten die Bogenſchutzen ihre morderiſchen Pfeile auf die Feinde, zu beiden Seiten blink⸗ ten die Speere der Wappner und von vorn und hinten hieben die Reiter mit blankgeſchlif⸗ Erſchrockenen ein. Völlig betäubt ob des Unerwarteten, hatten die Rudelsburger auf die Herandringenden geſchaut. Der Saalecker glaubte anfangs, der alte Ritter von Grei⸗ fenſtein nahe und wolle die Schmach ſeiner Tochter an ihm raͤchen, doch bald ruͤttelte ihn der Ruf des Scharzfelſers und die Donner⸗ ſtimme des Sachſenſteiners aus ſeinem Wah⸗ ne. Schauerlich toͤnte ihr Loſungsruf von allen Seiten wider und in dichten Schaaren brachen ſie aus dem Hainbuchengebüſch, uber⸗ all ſahen ſich die Rudelshurger von wohlge⸗ oordneten Haufen angegriffen, gegen welche die nur leicht Bewaffneten nichts vermochten. Vergebens rief des Alten Stimme, ſich dicht zuſammen zu drängen, vergebens ſchlachtete der Saalecker mit uͤbermenſchlicher Kraft die 2 fenen Schwertern und Streitärten auf die 12 Herandringenden und focht mit bluttriefendem Schwerte bald hier, bald dort, wo gerade die hoͤchſte Gefahr drohte. Ehe die Seinigen nur die Waffen ergriffen, fuͤhlten ſie ſchon das Eiſen der Gegner in ihrer Bruſt, ehe ſie noch entfliehen konnten, traf ſie ſchon hinterrucks ein nicht geſehener Stahl. „Graf Segeſt und der Raͤcher vom Sachſenſtein!“ klang es im⸗ mer drohender und wilder, und ein leiſes Zit⸗ tern wurde an dem alten Rudelsburger ſichtbar, als er die hohe, fuͤrchterliche Geſtalt Irings ge⸗ wahrte, das lange Grauhaar flatternd in der Morgenluft, die blutige Streitaxt hoch ge⸗ ſchwungen uͤber ſeinem Haupte. Droͤhnend ſank ſie herab auf Helm und Panzer, dumpf ſchlug ihre Schaͤrfe auf die entbloͤßten Haͤup⸗ ter, ſchaurig raſſelte ſie nieder auf Roß und Mann. Und immer naͤher ſchritt er, immer deutlicher wurde dem Rudelsburger ſein kampfgeroͤthetes Geſicht und in ſeltſam kin⸗ gendem Tone rief er: „Fleuch, Trugbild der Hoͤlle, kehre zuruͤck in Dein Grab Du Der treue Knappe am Kreuz. 9 130 Todter, Du Schattenbild des Sachſenſteiners! Was fuͤhrt Dich zuruͤck aus Deiner Ruhe⸗ ſtätte, warum hat der Wind Deine Aſche nicht verweht nach allen Himmelsgegenden?“ Fuͤrchterlich heulte der rieſige Iring auf, wil⸗ der funkelten ſeine großen Augen und mit Wuth und Hoheit zugleich ſchrie er: „Nicht todt bin ich, Moͤrder meines Gluͤcks! der alte Iring kommt nicht aus den Gaͤrten Wallhal⸗ las, die großen Götter ließen mich am Leben, S friſteten mein Daſein, danit ich dereinſt an Dir Blutſchuld uben ſolte! Denkeſt Du je⸗ ner Nacht, wo meine Kinder in den Flammen des brennenden Sachſenſteins winſelten, wo ſie unter dem fallenden Gemaͤuer im To⸗ deskampfe roͤchelten? wo der guten Tiotwina Leib unter den Truͤmmern begraben wurde, weil ich ſie Euch nicht zum Weibe geben wollte? Ihre Aſche liegt unbeerdigt, auch Dein Leib, Du Verruchter, finde nicht Ruhe in ge⸗ weihter Staͤtte, den Raben und Wölfen ſollſt Du zur Atung dienen! Auf, Iring! ſchwinge 131 deine treue Waffe, auf, denn der Augenblick iſt gekommen, auf den du ſeit langen Jah⸗ ren geharrt haſt, bis dein Haar zu Schnee erbleichte!“ „Gnade Gott meiner Seele!“ kreiſchte der Rudelsburger verzweiflungsvoll. „Gnade Gott meiner armen Seele, ich bin verloren, die Holle hat ſich gegen mich ver⸗ ſchworen, die Erde ſpeit die Todten aus! Doch mit mir hinab ſollſt Du in die Grube, nicht triumphiren ſollſt Du über meiner Leiche!“ Bebend erhob er ſein doch der Sach⸗ ſenſteiner ſchlug es ihm mit einem Hiebe aus den Haͤnden, daß es weit hinwegflog in's Ge⸗ buͤſch. Nur die Haͤnde ſtreckte er noch aus zur Gegenwehr, doch vergeblich, die Streitaxt ſchmetterte abermals auf ihn herab, er beugte ſich ſeitwaͤrts, doch Irings kraftvoller Am hatte ihm den Helm auf dem Haupte geſpal⸗ ten und ein Blutſtrom rann an ſeinen erblei⸗ chenden Wangen herunter. Da ſtuͤrzte Kuno herbei, mit ſeinem Leben wollte er den Sein ſchuͤtzen, obgleich er ihn nur wenig liebte, d 132 des wuͤthenden Sachſenſteiners Stimme don⸗ nerte ihm entgegen: „Zuruͤck da! Zuruͤck, Burſch', ſonſt faͤhrſt Du dieſem Boͤſewicht voran, opferſt Dein Leben nutzlos fuͤr ihn! Weiche deshalb, fort zur Seite!“ „Nimmer⸗ mehr!“ entgegnete der Knappe muthig, „ſchaut dort nach dem heranziehenden Haufen und die blinkenden Speere der Unſrigen. Dorthin fuͤhret Euer Weg, dorthin, wo bereits Graf Segeſt mit ſeiner Beute von dannen jagt.“ Iring war jedoch taub gegen dieſe Vorſtel⸗ lungen, noch einmal gebot er dem ihm wohl⸗ bekannten Knappen, zu weichen, doch als die⸗ ſer ſtumm ſein Schwert erhob zur Gegenwehr, da raſſelte die furchtbare Streitart auf ihn nieder, daß das Lederwamms in Fetzen her⸗ abfiel und aus einer ſchrecklichen Wunde der Bruſtknochen hervorblickte und das kochende Blut herausſprudelte. Tief aus des treuen Knappen Bruſt rang ſich ein ſchwerer Seuf⸗ zer, dann wankte und ſchwankte er und ſtürzte 133 endlich beſinnungslos auf ſeinen Herrn. In demſelben Augenblicke hatten des Rudelsbur⸗ gers Dienſtleute den Kampſfplatz erreicht und Fring zog ſich ſchaͤumend vor Wuth zuruͤck, ſeinen kaum in der Ferne noch ſn Se noſſen nach. Gleich beim Beginnen des Gefechtes hatte Segeſt nur das Fraͤulein von der Rudelsburg im Auge gehabt und wer ſich ihm entgegen ſtellte, fiel von ſeinem Schwerte. Bald war Irmgard in ſeiner Gewalt, auf einen Wink umzingelten ſie ſechs der kuhnſten Scharzfeſſer und jagten von dannen, indeß ſich ihr Herr dem wuthentbrannten Saalecker entgegen ſtellte, der ſeiner davon jagenden Braut nachſchrie: „Elendes Geſchoͤpf! willſt Du die Ehre Dei⸗ nes Vaters beſchimpfen durch dieſe fluchwuͤr⸗ dige That? Kehre zuruͤck, ſteh! oder mein eigenes Schwert trifft Dein falſches Herz!“ Aber Segeſts Leibknappe ſtachelte des Fräu⸗ leins Roß mit der Spitz ſeines Speetes, hoch on dannen. Der Saalecker 134 empor baͤumte ſich das edle Thier und flog dann wie ein Windſpiel üͤber den feuchten Raſen, von den jauchzenden Dienern Segeſis gefolgt. „Laßt nur dem Thiere freien Lauf und zieht den Zuͤgel nicht zu ſtraff!“ rief der alte Diener Hermannfried dem Fraͤulein zu, doch dieſe antwortete nicht, warf den Schleier uͤber das Geſicht und trieb ihr Roß zu im⸗ mer groͤßerer Eile nach dem nahen Hohlwege. Der Saalecker, welcher Alles gewahrte, haͤtte raſend werden moͤgen vor Wuth, Segeſt hielt ihm aber muthig Widerſtand und brachte ihm bald eine Stirnwunde bei. Gern waͤre dieſer der Geliebten gefolgt, doch er bemerkte, daß Iring, nur von wenigen Dienern umgeben, gegen Irmgards Vater focht, ſah die heran⸗ ziehenden Haufen der Rudelsburger! Kaum ſaß jedoch Iring wieber im Sattel, ſo gab auch er ſeinem Pferde die Sporen und eilte e mit Fluch und Donnerwort, ſtachelte ſein Roß tief in den Wanſt, es ſchaͤumte und baͤumte ſich, 135 that einen gewaltigen Satz uͤber einen nahe⸗ liegenden Felsblock und ſturzte dann mit ge⸗ brochenem Genick in die Tiefe des Hohlwe⸗ ges. Laut ſtoͤhnend arbeitete ſich Benno un⸗ ter dem ſterbenden Thiere hervor, und ſetzte ſich betaͤubt auf einen Stein, mit der Rech⸗ ten das ſtark hervorquellende Blut trocknend. Bald nahten jedoch ſeine und des Rudels⸗ burgers Knappen, die ſich wieder geſammelt und mit neu herzugekommenen Genoſſen ver⸗ ſtärkt hatten. Schnell beſtieg er daher ein friſches Roß und verfolgte die fliehende Braut und ihre Begleiter. Unaufhörlich waren je⸗ doch dieſe fortgeeilt, mehrere Stunden waren bereits verſtrichen, die todtmuͤden Roſſe ach⸗ teten nicht mehr der verwundenden Stachel an den Ferſen ihrer Herren, unwillig ſchüttel⸗ ten ſie das maͤhnige Haupt und blieſen dicken 3 Dampf aus den ſchaumbedeckten Nuſtern. „Haltet an!“ rief Segeſt, „hier unter dem Schatten dieſer Eichen wollen wir ruhen und unſere Wunden im nahen Quell vom Staube 136 reinigen!“ Alle folgten ungeſaͤumt ſeinem Be⸗ fehle und ſtreckten ſich in das hohe Gras, der Scharzfelſer umfing ſeine Irmgard liebevoll und beide dankten der Vorſehung, welche die Redlichen ſchirmt, wenn die Hoͤlle ſchon den Sieg zu erringen waͤhnt. Iring dagegen zuͤrnte auf das Schickſal, das ihm ſeine Ra⸗ che nicht voͤllig hatte gelingen laſſen. Das Haupt des alten Rudelsburgers hatte zwar vom Schlage ſeiner Streitart geblutet, doch war ihm das nicht genug, er wollte ſeinen Tod, hatte auf den Augenblick ſeit langen Jahren gehofft, wo er ſich ſterbend vor ſeinen Fuͤßen im Staube kruͤmmen ſollte. Seine Lippen murmelten unverſtaͤndliche Worte, bis endlich ſein greiſes Haupt auf die Bruſt her⸗ nieder ſank. Nicht gar lange mochte er ge⸗ ſchlafen haben, da fuhr ein ſeltſames Geraͤuſch in ſein Ohr, er horte ſeinen Namen rufen und ſprang ſchnell empor. Nah und fern im Waldgebirge thute Kampfesruf der Fein⸗ de und noch zur hoͤchſten Zeit gelang es ihm, 137 ſeinen Gefährten in die nahe Felſenſchlucht zu folgen. Ein Theil der Scharzfelſer erklimmte die Hoͤhe, löſete mit ungeheurer Anſtrengung Steinbrocken ab und rollte dieſe hinunter auf die herandringenden Feinde, ſchreckliche Ver⸗ wuͤſtungen dadurch unter ihnen anrichtend. Die ſchweren Maſſen warfen Alles zu Bo⸗ den, waͤlzten Roß und Mann nieder, daß ſie zerquetſcht und faſt unkenntlich in ihrem Blute lagen. Auf der hochſten Felſenkuppe aber ſtand Iring von Sachſenſtein, mit ſeiner laut⸗ toͤnenden Stimme ein altes Kriegslied ſin⸗ gend, indeſſen ſein Fuß Baumſtaͤmme und Bloͤcke hinunter ſturzte. Rings umher tha⸗ ten ſeine Gefaͤhrten ein Gleiches und unauf⸗ hörlich rollten die ſchweren Stuͤcke des Por⸗ phyrs in die Tiefe und hatten ſchon manchem Feinde den Tod bereitet, mancher lag mit blutender Stirn und gebrochenen Rippen im Graſe, um nimmer wieder heim zu kehren. Benno von Saaleck hatte dennoch in die Schlucht zu dringen geſucht, als ein 138 furchtbares Krachen, als ob die Berge ein⸗ ſtürzten, gehort wurde; dazwiſchen tönte wil⸗ des Geheul und Geſchrei, die Erde ſchien zu beben und fluchend floh er weit hinweg, ſich auf das naͤchſte Roß ſchwingend und davon⸗ jagend. Der Eingang des Paſſes war ver⸗ ſchuͤttet, Slippenhaufen mit entwurzelten Bäu⸗ men hemmten den Weg. Des Rudelsbur⸗ gers Knappen folgten dem Saalecker in hoͤch⸗ ſter Beſtützung und auch Iring mahnte die Seinen, ihren Weg fortzuſetzen, um ſo mehr, da ihnen ihre Pferde gleich beim Anfange des ſberfalls verloren gegangen waren. Der Sachſenſteiner, nachdem ſich Alle um ihn ver⸗ ſammelt hatten, verließ gar bald den einge⸗ ſchlagenen Pfad, ſich nach den Bergen wen⸗ dend, welche die Gegend im Norden begränz⸗ ten. Schnell ſchritt er voran in die dichten Schatten, welche die hohen und ſteilen Gipfel der Berge warfen. Immer beſchwerlicher wurde der Weg, welcher von tiefen Schluch⸗ ten und brauſenden Waldbaͤchen durchſchnit⸗ ten war. Nur langſam konnten Irmgard und die Verwundeten folgen und nur der Gedanke, daß der Saalecker ihnen nochmals nachſetze, ließ ſie die muͤden Fuͤße vergeſ⸗ ſen. Nachdem ſie auf dieſe Weiſe den Weg lange fortgeſetzt hatten, klimmten ſie einen ſteilen Abhang hinan auf einem ſchmalen un⸗ wegſamen Pfade, der ſich zwiſchen himmel⸗ anſtrebenden Tannen und wild zerſtreutem Steingeröll hinſchlaͤngelte. Dichter und fin⸗ ſterer wurde der Wald und als er ſich end⸗ lich wieder lichtete, befanden ſie ſich auf einer mäßigen, moosbedeckten Flaͤche und ſahen be⸗ reits die Abendrothe durch die am Felſenab⸗ hange ſtehenden Baͤume ſchimmern. Der Sachſenſteiner ſchritt in ein nahe gelegenes Gebuͤſch, zerſchnitt daſſelbe mit ſeinem Schwerte und zeigte den Ermuͤdeten eine Felſengrotte von zwar geringer Tiefe, aber doch groß ge⸗ nug, Allen ein Obdach zu geben. „Segeſt!“ prach Iring, „hier in dieſem Gewölbe hielt ich mich lange Zeit verborgen, nachdem der und das Fräulein von Rudelsburg 140 Sachſenſtein in Aſche lag und meine Verfol⸗ ger nach mir ſpuͤrten. In dieſer Einſamkeit habe ich mich gewaͤlzt vor Schmerz, habe den Zorn der Götter herab gerufen auf meine Feinde, habe vor Wuth geheult wie ein Hund an der Kette, und wie ein hungriger Wolf durſtete ich nach dem Blute des Rudelburgers Nur halb iſt mein Rachewerk vollbracht, doch die Götter werden mein Todesloos verläns gern und den unglücklichen Jring befriedigt zur Grube fahren laſſen!“ Seufzend ſchwieg er und deutete den Gefaͤhrten an, ſich zur Ruhe zu begeben; Irmgards Fuͤße waren wund und von Dornen zerritzt, Segeſts Lie⸗ vesblick ließ ſie jedoch jeden Schmetz vergeſ. ſen, hatte er doch ſein Leben um ſie gewagt, trieſte doch ſtine Stirn vom Blute. Ermat⸗ tet hatten ſich Alle in der Felſenſpalte gela⸗ ſ ſanft, als lage ſie daheim auf ren pol⸗ Auf dieſe Weiſe waren mehrere Stun⸗ 3 — immer feſt ſchlummerte. Segeſt warf ihr ſei⸗ doch hatte ſich keineswegs der Schlummer ſeiner bemaͤchtigt; zwar entſchlupfte kein Laut 14 den verfloſſen, der Mond ſchaute hell und klar vom hohen Himmelsdom herab und breitete ſein mildes Licht uͤber Irmgards Antlitz, wel⸗ che, von dem langen Marſche ermuͤdet, noch — —— — nen Baͤrenmantel uͤber und betrachtete mit innigem Wohlgefallen die Geliebte ſeines Herzens, ganz die Gefahr vergeſſend, in wel⸗ cher er ſchwebte. Iring lag indeſſen ſeitwaͤrts, ſeinen Lippen, aber die großen Augen richtete er unverwandt auf die drunten in tiefer Dun⸗ kelheit liegende Gegend. Plötzlich fuhr er auf, denn es duͤnkte ihn, er hore Roſſesſchnau⸗ ben. Hatte er ſich nicht getaͤuſcht, ſo war es klar, daß ihnen die Feinde auf die Spur gekommen und einen Weg entdeckt hatten, auf welchem ſie mit den Pferden fortzukommen vermochten. Schnell faßte daher der ſenſteiner die Pfeife von ie „ . 142 kroch geräuſchlos zur Höhle und brachte durch einen kraͤftigen Stoß bald Alle zum Wachen. Segeſt machte Einwendungen gegen den Sach⸗ ſenſteiner und meinte, ein Thier des Waldes könne es geweſen ſein, doch Iring ſchüttelte unwillig das Haupt und deutete den Gefaͤhr⸗ ten an, ihre Waffen bereit zu halten. Ein ſtarker Nordwind ſtrich jetzt uber die Gegend, . der Mond war klar aufgegangen und ſein „ Licht ſchimmerte ſchon hie und da auf den hoͤchſten Felſenſpitzen, indeſſen der untere Theil des Berges noch in tiefem Schatten lag. Au⸗ 6 ßer dem Rauſchen des drunten fließenden Waſſers und dem Windzuge, der bald ſtärker bald ſchwaͤcher an ihnen voruͤber ſtreifte, war die Gegend völlig ruhig und ſtill. Segeſts Augen ſtreiften fruchtlos in die Nacht hinaus, um irgend ein Zeichen des Lebens zu entde⸗ cken, wodurch ſich die Urſache des Tones, wel⸗ chen Iring fur Roſſesſchnauben hielt, erklä⸗ ren ließ. Aber ſeinen aͤngſtlich umherſpaͤhen⸗ 3 den Blick täuſchte das trügliche Mondlicht, 143 oder er traf auf kahle Felſen adrr guhe, un⸗ bewegliche Bäume. „Horcht“ eß jetzt geſt aus, „horch Iring!“ Abermals und abermals hoͤrten jetzt Alle das Wiehern und Stampfen von Pferden, die ſchon bedeutend nahe ſein mußten. Iring fluͤſterte ſo leiſe, als es ſeine tiefe Stimme vermochte: „Unſere Spur iſt entdeckt, vielleicht ſind wir gar ſchon umſtellt; auf deshalb! fort von hier! nur unter dem bergenden Mantel der Nacht ver⸗ moͤgen wir zu entrinnen!“ Die ausgeſtellten Wachen wurden zuſammen berufen, Irmgard mußte ſich bequemen, auf einer aus Baum⸗ zweigen gefertigten Trage ſich hinwegſchaffen zu laſſen und der Zug bewegte ſich bald ſo ſchnell vorwaͤrts, als es nur die Dunkelheit und der wild verwachſene Weg erlaubte. Ruͤſtig waren ſie dahin geſchritten uber den Ruͤcken des Gebirges; der Mond hatte end⸗ lich ſeine naͤchtliche Laufbahn geendet und ein blaſſer Streif uͤber den Wipfeln der Bäume verkuͤndete den Anbruch des Tages. „Gönnt — — 144 Euren Gliede jetzt einige Ruhe!“ befahl Segeſt endlich, „gönnt Euren Gliedern Ruhe, damit wir nach einer kurzen Raſt ungeſaͤumt gen Scharzfels ziehen koͤnnen. Ehe die Nacht einbricht, muͤſſen wir daheim ſein!“ Er ſelbſt warf ſich nach dieſen Worten in das hohe Waldgras und blickte beſorgt nach der blei⸗ chen Geliebten, die dicht neben ihm ſaß. Eben wollte er die Lippen oͤffnen zum Sprechen, als ihn ein Geräͤuſch uͤber ſeinem Haupte aufſchreckte und emporblickend gewahrte er ein vartiges Geſicht, das grinſend aus dem dich⸗ ten Laubgewolbe einer Buche herab ſchaute. Ein blanker Panzer deckte ſeine Bruſt, ein Speer blinkte in ſeiner Rechten und ſchnell zog er ſeine teufliſche Fratze zuruͤck, als er ſich bemerkt glaubte. Segeſt blickte fragend nach dem Sachſenſteinet, doch dieſer ließ ihn nicht zum Reden kommen und murmelte dumpf in ſich hinein: „Ich ſehe ſie, die Schurken, mein Falkenauge hat ſie erſpäht! Doch in's Reich der Schatten ſoll der Erſte ohne Ver⸗ 145 zug, welcher ſich hervor wagt. Wären ihr auch noch ſo viele als Woͤlfe im Harzwalde ſind, mit den Schadeln Aller ſoll dieſe meine treue Waffe Bekanntſchaft machen! Hervor Ihr ziſchenden Schlangen!“ donnerte er jetzt 5 mit ſeiner gewaltigen Stimme, „hervor! wenn Ihr es wagt, den Kampf mit dem alten Sach⸗ ſenſteiner anzuknuͤpfen!“ Hoch ſchwang er ſeine Streitaxt uw das Haupt und richtete ſich empor zu rieſenmaͤßiger Laͤnge, doch in demſelben Augenblicke erſcholl auch aus den Kehlen der Feinde wildes Geſchrei und Krie⸗ gesruf und zwoͤlf bis ſechszehn Rudelsburget und Saalecker ſprangen herab von den Be men und hinter dem Gebuͤſch hervor un den erſten Strahlen der kommenden Son blinkten alſobald die Waffen der beiden Ha ⸗ fen und die gewichtigen Schwerter und Kol⸗ ben ſielen droͤhnend herab auf Helm und Schild. Segeſt fuͤhlte eine brennende Be⸗ gierde, ſich wild in die Feinde zu ſtürzen, al⸗ lein er wurde durch einen Blick auf die za Der treue Knappe am Kreuz. —— — — 5 2 —* ——— 146 gende Irmgard überzeugt, daß es höchſt un⸗ vorſichtig ſei, nur einen Schritt von ihr zu weichen. Gegen eine Felswand gelehnt, er⸗ wartete er den Angriff. Iring von Sachſen⸗ ſtein ſchrie indeß in wilder Freude: „Drauf Ihr Genoſſen! drauf auf die Hunde! Her⸗ manfried wirf Dich auf den wuͤthenden Schur⸗ ken dort hinten, auf daß er nicht laͤnger mehr ſo raſend in's Horn ſtoͤßt und die uͤbrigen ſeines Gelichters herbeilockt!“ Der Angere⸗ dete that, wie ihm befohlen wurde, ein ſchar⸗ fer Stoß zerſchnitt dem Rudelsburger Jagd⸗ knechte die Gurgel, daß das metallne Heer⸗ horn ſeinen erſtarrenden Händen entſank. Zwei wohlgewaffnete Saalecker ſtürzten ſich jetzt auf Iring; der vorderſte ſank von ſeiner Streit⸗ axt zerſchmettert zu Boden, der andere aber, eine rieſenmaͤßige Geſtalt, warf ſich jetzt auf ihn, beide hielten ſich ringend umfaßt, indeſ⸗ ſen auch Segeſt unwillkuͤrlich in's Kampfge⸗ wühl gerieth. Mit der großten Gewandtheit 5 waren Iring und ſein Gegner beniht. 6 147 gegenſeitig zu entwaffnen. Mehrere Mins⸗ ten lang ſtanden ſie faſt unbeweglich, die mus⸗ kuloͤſen Arme feſt in einander geſchlungen, leder wollte den Sieg davontragen, jeder wollte den andern ſtürzen ſehen. Endlich wurde der Saalecker Knappe matter und mat⸗ ter, ſeine Arme erſchlafften allmäͤhlich, ſeine Augen vermochten den fürchterlichen Blic des Sachſenſteiners nicht laͤnger auszuhalten, unb er wandte ſein Haupt zur Seite. Iring be⸗ merkte dies kaum, ſo fing er an, ſeine Keaͤfte zu verdoppeln, machte plötzlich ſeine Rechte frei, zog mit Blitzesſchnelle ſein Waidmſſer und ſtieß den ſcharfen Stahl in die Bruſt des Gegners, daß er mit brechenden Augen zuſammenſank. Graf Segeſt war unterdeſſen 4 in nicht geringer Gefahr geweſen, ſein Schwert war zerſplittert und von dieſem Augen⸗ blicke an begann ein fürchterliches Ringen mit ſeinem Segner und Jeder ſuchte den Anbem mphn Grund zu ſtürzen. Immer — 148 und naͤher kamen ſie dieſem, jeder der Kaͤmpfer ſtrengte alle ſeine Kraͤfte an, die ihm nur zu Gebote ſtanden. Beide befanden ſich ſchon dicht am Rande der Tiefe und es gelang dem Scharzfelſer, ſeinen Feind am Halſe zů faſſen, uber deſſen Geſicht ſich ein grimmiges, verzweiflungsvolles Lächeln legte, welches nur zu deutlich zu ſagen ſchien, daß r feſt entſchloſſen ſei, ſeinen Gegner mit hin⸗ abzuziehen in den entſetzlichen Felſenſchlund. und Todesſchweiß verlte auf beider Stirn. Jetzt, in dieſem Augenblicke der drohendſten Gefahr zeigte ſich Irings blutbefleckte Geſtalt, ſeine kampfe, die Arme ſanken erſchlafft an ihm herab und nach kurzem, fruchtloſen Bemuͤhen, ſich am nahen Gebüͤſch zu erhalten, ſturzte er end⸗ iich rettungslos hinab in den tiefen Abgrund ind man hoͤrte noch lange das Fallen des Rechte ſchmetterte die gewichtige Streitart auf Segeſts Feind, ſein Antlit verzog ſich im Todes⸗. weren Koͤrpers von Klippe zu Klippe. Die i Rudelsburger und Su wi chen ſchleunig zuruck und bie Somnaſn ſ ten ſich ebenfalls an, den Kampfplat 3 laſſen. Lief athmeten die blutigen Knappen, S von der ſchweren Arbeit ermuͤdet, auf, dann erfaßten ſie willig die Trage und bewegten ſich ſo ſchnell als es ihnen moͤglich war, mit der bebenden Irmgard von dannen. Endlich, als der Abend nahte und in der Ferne auf der Anhoͤhe die Scharzfelſer Burg mit ihren ungeheuren Maſſen den nahenden Herrn zu gruͤßen ſchien, als der hohe Thurm in der Abendſonne ergluͤhte, da ſchlugen Aller Herzen hoch empor vor Freuden und Graf Segeſt ſchloß die Geliebte in ſeine Arme und rief: „Dort, meine Geliebte! dort will ich mit Dir leben, dort wollen wir uns lieben, bis der Tod unſere Herzen bricht!“ Trotz des bedeu⸗ tenden Weges, welcher heut zuruͤckgelegt war, wandelten die baͤrtigen Geſellen, von neuer Hoffnung beſeelt, rüſig vorwaͤrts und als die Wch herandimmerte und die 150 von Dohlen krächzend die Burg umkreiſete, da erklang des Waͤchters Horn und ſtimmte bald e ne fröhliche Weiſe an, als ſein ſcharfes Auge den Herrn mit ſeinen Genoſſen erkann⸗ te. Bald ſaßen Alle um die große Eichenta⸗ el, ſich mit Speiſe und Trank erquickend und ſchon ſtand am andern Tage die Sonne hoch am Himmel, als ſie ſich erſt den Schlaf aus den Augen rieben und Segeſt dem Wäch⸗ ter befahl, fleißig in die Ferne zu ſpähen. Vier Wochen ſpäter, die Sonne ſenkte ihre freundlichen Strahlen kaum auf Wald und Flur, wogte ſchon froͤhliches Getuͤmmel auf dem grunen Raſenberge vor der Scharz⸗ ſaſer Burg hin und her. Alles deutete da⸗ ſe, denn die Menſchenmenge war feſtlich ge⸗ ſchmuckt, die Eingaͤnge der Burg, aus wel⸗ chen der Trompeten und Heerhoͤrner heller Klang ertönte, mit Eichengewinden verziert. Graf Segeſt von Scharzfels und Irmgard hin, daß heut ein feſtlicher Tag ſein muͤſ⸗ * —— —— der große Raſenraum des Berges bis hinab 3 zum rauſchenden Oderfluſſe von unzãhligen Gaͤſten bedeckt; Juͤnglinge und Jungfrauen, geſchmuͤckt mit Blumen und gruͤnen Zweigen wogten hin und her und inmitten des nahen Gehoͤlzes, unter dem Laubdache der hohen Buchen und Eichen, lagerten die bartigen Kampfgenoſſen Segeſts, der an der Seite ſeiner Neuvermaͤhlten im hochſten Grade ent⸗ zuͤckt war. Selbſt in den Augen des alten Sachſenſteiners, welcher unter einem Baume ſtand, leuchtete ein Strahl der Freude und des Mitgefuhls am Gluͤcke ſeines jungen Freundes, und er ſchien es faſt zu vergeſſen, daß es des Rudelsburgers Tochter ſei, die an ſeiner Seite ſaß. Nach dem Mahl wurde ein Kampfſpiel abgehalten und der Abend war faſt herbeigekommen, als plotzlich in ei⸗ niger Entfernung ein dumpfes Murmeln und Jubelruf erſcholl. , Heil dem Allet⸗ von Rudelsburg waren heute an Freyas 2l tare auf immer verbunden und deshalb war 152 burger, Heil ihm, dem weiſen Rathgeber des Volkes, dem Schuͤtzer in der Noth!“ tönte es aus dem Munde der Menge, die ſich dicht an einer Stelle des Berges zuſammendraͤngte. Eine hohe, hagere Rittergeſtalt wurde jrtztſichtbar, weniges ſchloßweißes Haar umwehte ſein ehrwürdi⸗ ges Haupt und der blaue goldgeſtickte Waffen⸗ rock deutete auf hohe Geburt. Ein alter Knappe mit bekuͤmmertem Geſicht leitete den Heren und wehrte die herandringenden Neu⸗ gierigen ab. „Iſt das nicht Heimer von der Allerburgt der geblendete Heimer?“ rief der Herzberger ſichtbar erſtaunt und alle die Harz⸗ ritter drängten ſich herzu und ſchuttelten dem Angekommenen die durre Rechte. Ein ſanf⸗ tes Lacheln legte ſich uͤber des Greiſes Geſicht, er erhob die Hand wie zum Gegengruße und begann alsdann mit lauter abgemeſſener Stim⸗ „ me: „Des Allerburgers Augen vermögen nicht den Grafen Segeſt herauszufinden aus der echaar der Anweſenden, deshalb reiche er mir ſeine Rechte, auf daß ich ſie faſſen moge!“ und Graf Segeſt trat dicht zu ihm heran und that, wie es der alte Ritter wunſchte, der, nachdem er aufmerkſam mit der Linken übet das Geſicht deſſelben gefuͤhlt, alſo fortfuhr: „Ja! Ihr ſeid das Ebenbild Eures Vaters, meines Waffenbruders, deſſen Aſche ſchon laͤngſt in der Todtenurne ruht, der ſchon längſt droben bei den Ahnen weilt. über meinem Haupte ſtroͤmte indeß die Zeit unauf⸗ haltſam fort, meine Haare ſollen zu Schnee erbleicht ſein in den langen Jahren meines eintönigen Lebens, ſeitdem das Licht meiner Augen erloſch unter den Haͤnden der Feinde. Segeſt! blicke herab auf einen Un⸗ glucklichen, blicke auf mich, den des Schickſals haͤrteſte Schlaͤge trafen und der dennoch ſein Haupt nicht ſenkte zur Erde und muthigen Herzens bisher Alles trug. Doch nicht ge⸗ kommen bin ich, um Dir an Deinem Freu⸗ dentage Wermuth in den Becher zu miſchen, uur eine Bitte habe ich an Dich. Du t meines ehemaligen Waffenbruders Sohn, wer⸗ 1⁵4 in Deiner Burg, als ſei ich Dein Vater. Die Meinen ſind laͤngſt todt, mein Haus iſt öde und ſtill, ſeitdem die Soͤhne mir erſchla⸗ gen wurden, ſeitdem ihre Gebeine in den Waͤldern Thuͤringens bleichten. Ich habe kein Kind, kein Weib mehr, deshalb bin ich jetzt zu Dir gekommen, Deine Hand ſoll mich zum Grabe geleiten!“ Tiefe Stille herrſchte unter den Anweſenden, die Rede des allgeliebten Greiſes hatte ſie tief ergriffen und der Scharzfelſer entgegnete: 1„Heimer, ſeid mein Vater, wie ich Euer Sohn ſein will und auch meiner Irmgard zarte Haͤnde wer⸗ den Euch pflegen, ſo gut ſie es vermögen!“ Der Allerburger ſchlug ein in die dargereichte Rechte Segeſts und rief dann mit grauenvol⸗ ler Stimme, indem er mit den geblendeten Augen umhet ſtarrte: „Weißt Du auch wen Du aufgenommen? Ich bin ein Bettler, wä⸗ ve vielleicht der Hulfloſeſte, wenn ich nicht von Deiner Gaſffreundſchaft uberzeugt waͤre, muͤß⸗ de heut' der meinige, gonne mir eine Stelle — — vorigen Tone fort: „Schon längſ wamte te hinter einem Strauche oder im nGraben t e enden, wenn nicht noch die alte Lreue in unſern Harzbergen wohnte!“ „Deine Worte e⸗ heimnißvoll und ſchwer,“ ntgegnte Sig. „Du wollteſt mein Vater ſein, vertraue des halb dem Sohne, er wird Dich zu nöſten S wiſſen!“ Heimer runzelte die Stirn und ſprach alsdann mit hohler klangloſer Stimme: „Saht Ihr den rothen Schein nicht in verwichener Nacht, der ſchauerlich und blutig gen Him⸗ mel ſtrahlte? Das war Brand; des Allerbur⸗ gers Stammhaus ſank in Truͤmmern, der alte Heimer mußte fluͤchtig aus den Flammen eilen, arm und huͤlflos!“ „Wie? die alte Al⸗ lerburg läge in Aſche!“ riefen Alle erſchrocken und Graf Segeſt erfaßte den geblendeten Rit⸗ ter, der mit den tiefen Augenhohlen ſtarr und grauſig vor ſich hinblickte und rief: „Sprich! wie kam das Ungluͤck uͤber Dein greiſes Haupt?“ 3 Der Allerburger ſtrich mit ber Band uͤber das eingefallene Geſicht und fuhr dann im 156 man mich, daß ich den alten Goͤttern gar zu frei auf meiner Burg opfere, doch ich achtete der Warnungen nicht und habe ſchwer dafuͤr gebußt. Schon ruhte ich in letzter Nacht auf meinem Lager, als plotzlich ein ſeltſames Ge⸗ töſe an mein Ohr ſchlug, es war, als ſauſe der Sturmwind durch die weiten Gaͤnge mei⸗ ner Burg und durch das Gebrauſe klang's wie Stimmen aus der Geiſterwelt, die immer ſüner wurden, immer naͤher kamen. Ich ſprang empor, nahm taſtend meinen Mantel und das alte treue Schwert, vergeſſend, daß mein Auge laͤngſt nicht mehr den Freund vom Feinde unterſcheiden konnte. Da ſturzte Wolf, mein alter Leibknappe, ins Gemach, die Hand vom Blute feucht, der nackte Leib von Fein⸗ desſtreichen wund. „Auf und von dannent“ chrie er, ein Chriſtenheer umlagert unſte g die Brücken find gefallen durch Ver⸗ h, rings umher lodern die Flammen in den Gängen und die Götterbilder ſind zertrům⸗ mert!“ Raſch m er die gelangte mit mir glucklich ins Freie, bom glůͤ⸗ henden Flammenmeere angehaucht. Der bra⸗ ve Wolf trug mich durch den tauſchenden Wildbach, durch Dickicht und Gedörn; ſeine Hand leitete mich bis zu Euch, Segeſt!“ Hei⸗ mer ſtreckte jetzt die Arme hoch gen Himmel und ein ſchauerliches Lacheln legte ſich uͤber ſein Geſicht. Die Anweſenden ſchwiegen, doch ihre Schwerter klirrten zuſammen und aus ihren Mienen ſchaute deutlich die Luſt zur Rache. Nach und nach verlief ſich die Menge, die Ritter eilten heim, ihre Burgen zu bewa⸗ chen, denn es war voraus zu ſehen, daß die Chriſten auch vor ihre Thore ziehen würden, um die Kreuzesfahne aufzupflanzen und die Chriſtuslehre dort hfihret i Als der Fii waren ab Segeſts bereits von dannen geritten, aber am dußerſten Thore der Burg ſaß Kuno, der treue Knappe von Rudelsburg, im leichten S 1⁵5 Gewande und ein Tüchlein mit purpurrothen Blutflecken hielt er feſt auf die Bruſtwunde, die ihm Irings Streitart geſchlagen hatte, als er ſeinen Herrn ſchuͤtzte. Langſam richtete er ſich empor vom bethauten Boden und ſein Mund verzog ſich zu einem wehmuͤthigen Laͤ⸗ cheln, als er Irmgards anſichtig wurde, die an der Hand Segeſts im Burghofe wandelte. „Jeſus Maria!“ kreiſchte ſie auf, als ſie den bleichen Kuno erblickte und auch der Scharz⸗ felſer ſchauderte zuſammen und ſchrie: „Wie kommſt Du blutig und zerſchlagen an meine Burg, was iſt Dir niderfahren? welcher Wuͤtherich hat Dich alſo zugerichtet?“ Das Geſicht und die nackten Arme des Knappen waren von Geißelhieben dick geſchwollen und mit eintöniger Stimme entgegnete S „Der 3 Rudelsburger ließ mich hinwegtreiben aus ſäner Burg, weil er erfuhr, daß ich um Euer Vorhaben gewußt. Wäre es nach des Saal⸗ eckers Willen gegangen, läge ich zerſchmettert im Snnn und keine Hand „ 15⁵9 würde mir mein brechendes Auge zudrücken koͤnnen. Vergonnt dem Fluͤchtigen, Heimath⸗ loſen, daß er hier die letzten Stunden ſeines Dafeins zubringen darf. Ich hätte mich hinab⸗ ſtuͤrzen koͤnnen in den brauſenden Strom, in die jaͤhen Klippen; dann waͤre mein gramzer⸗ riſſenes Herz auf immer ſtill und Niemand wuͤrde um mich weinen, denn ſeitdem der fromme Klausner Wilibald zur ewigen Ruhe ging, bin ich voͤllig verwaiſet. Doch unge⸗ warnt waͤret Ihr alsdann geblieben; ein mächtiges Heer ruͤckt unter dem Vorwande, den alten Götzendienſt auszurotten, nach Eurer Burg, Benno von Saaleck und der Rudels⸗ burger fuͤhren den groͤßten Theil deſſelben an!“ Feſter druckte er nach dieſen Worten das Tuch auf die Wunde und erſchöpft ſank er jetzt zu⸗ ſammen. Irmgard ſchrie laut auf und ihre Knie ſchwankten; Segeſt rief nach den H nern und ließ den ungluͤcklichen Funo ſiu hinein bringen in die Burg, wo kraͤuterkundige Iring von Sachſe 6 3. 160 * 3 ſeinem Lager erſchien, um ihm die Wunde zu verbinden, die er ſelbſt geſchlagen hatte. „Thor!“ murmelte der Alte, „warum trateſt Du mir entgegen, um des Verruchten Haupt zu ſchutzen? Doch was meine Kunſt vermag, werde ich anwenden, um Dich vom kalten Tode zu erretten, der bereits Dein Haupt umſchwebt!“ Mit vieler Gewandtheit legte er nach dieſen Worten einen Kraͤuterverband auf die klaffende Wunde und wich nicht vom Lager des treuen Knappen, der bald in einen tiefen Schlaf verſank. Um Mitternacht weckte das weit hallende Horn des Wächters die Bewohner von Scharz⸗ fels aus ihrem Schlummer. Iring und Segeſt eilten nach den Thoren, nichts regte ſich rings ) umher, aber in der Ferne leuchtete ein Feuer⸗ meer uͤber den dunkeln Wald. „Herr!“ rief der Wächter, „ſchon ſeit geraumer Zeit ſah ich die Lohe emporſchlagen und wahnte an 161 fangs, man opfere den Göttern!“ Immer gluhender wurde der Himmel, bleich ſtieg der Mond hinter dem Flammenmeere empor und die Sterne flimmerten nur matt herab von ihrer hohen Laufbahn. „Sie nahen! ſie nahen!“ rief Segeſt, „der Rudelsburger will ſein Toͤch⸗ terlein holen und dort lodert bereits die Burg eines Waffenbruders in Flammen auf, weil auch er den alten Göͤttern treu blieb!“ „Die Hunde ſuchen den Bären in ſeinem Lager auf!“ lachte Iring dazwiſchen und ſchritt hinaus bis zu den außerſten Bruſtwehren und ſtellte die Knappen weit zahlreicher aus zu Wachen denn ſonſt. Die Flammen in der Ferne wur⸗ den endlich ſchwaͤcher und ſchwaͤcher und als die erſten Strahlen der Morgenſonne auf⸗ tauchten, da wogte es drunten am Burgberge und im ganzen Thale von dicht gedrängten Kriegerhaufen, ſo weit das Auge ſchauen konnte blinkten Speere und blank polirte Ruͤſtungen und im Hauche des friſchen Morgenwindes flatterte die Kreuzesfahne der Chriſten. Laub⸗ Der treue Knappe am Kreuz. 11 zu widerſtehen. 162 hütten und Leinenzelte waren aufgerichtet, Sturmleitern und andere Belagerungswerk— zeuge wurden ſichtbar. Ein maͤchtiger Haufe, vom Saalecker gefuͤhrt, wagte ſich jetzt zum ziemlich ſteilen Burgberge hinan, Alle wohl gewappnet und in der Meinung, der Scharz⸗ felſer wuͤrde heraus kommen aus ſeinem Stein⸗ neſte und den Kampf beginnen. Doch ſie hatten ſich getaͤuſcht; hinter den Wehren und Mauern blieb es ſtill und ruhig, als befande ſich kein lebendes Weſen in der Burg. Ein zweiter noch bedeutend großerer Haufe ruckte jetzt nach mit Sturmgeraͤth und wilder Kriegs⸗ muſik, und waͤhrend der Saglecker das Thor mit den Seinen bewachte, ſchlugen ſie ihre Schutzwehren gegen die Pfeile der Scharzfelſer 3, auf. Als ſich aber die Erdwaͤlle um die Burg immer hoͤher erhoben, da ſtuͤrzte Segeſt mit dem großten Theile der Seinen heraus, ein moͤrderiſcher Kampf begann und die Belagerer vermochten nicht, den wild Herandringenden Unaufhaltſam verfolgten ſie 163 den Saalecker und deſſen Heerhaufen, unauf⸗ haltſam waren ſie hinabgedrungen bis faſt zum Lager, als ſich plotzlich die Scene aͤnderte und es oben von der Burg her laut und durch⸗ dringend toͤnte: „Rettet Euch! rettet Euch! zieht Euch zuruͤck nach den Thoren!“ Der alte Rudelsburger hatte durch das dichte Ge⸗ buſch die Siegestrunkenen umgangen, um ſie im Ruͤcken anzufallen; aber die auf Scharz⸗ fels Zuruͤckgebliebenen hatten die feindlichen Helmbuͤſche und Ruͤſtungen noch zur rechten Zeit im dunklen Waldesgrun erblickt, und warnten durch Ruf und Hornesklang zum Ruͤckzuge. Nicht ohne Unordnung eilten Se⸗ geſts Genoſſen zuruͤck, denn auch der Saslecker hatte ſich wieder gewandt und drohte ſie zu umzingeln. Mancher wackere Fechter ſank ſtoͤhnend und mit brechenden Augen auf den gruͤnen Raſen, mancher wurde erfaßt und mit feſten Riemen zuſammengeſchnuͤrt, um drunten im Lager der Feinde eines ſchmäh⸗ lichen Todes zu ſterben. Iring's Streitaxt 11* 164 arbeitete furchtbar unter den Rudelsburgern, Segeſts Schwert triefte bis zum Griffe von ihrem Blute und der hoͤchſten Anſtrengung von ihrer Seite gelang es, das aͤußerſte Thor gluͤcklich zu erreichen. Aber auch Benno von Saaleck ſtuͤrmte ihnen mit einer bedeutenden Zahl der Seinen nach,“und obgleich ein Hagel von Pfeilen ihn empfing, wollte er doch das Innere der Scharzfelſer Burg nicht wieder verlaſſen. Furchtbar wutheten beide Haufen furchtbar ſpritzte das Purpurblut der erhitzten Streiter umher und näßte den Boden. Iring von Sachſenſtein ſchwelgte in Racheluſt und fein rother Mantel hing bereits zerfetzt um ſeine Schulter; dennoch ſchwang noch kräftig ſeine Rechte die Streitaxt und wie Aehren unnter der Sichel des Schnitters ſanken die Kaͤmpfer des Chriſtenheeres. Doch der Kampf blieb immer noch unentſchieden, denn war auch des Rudelsburgers Heer den Mannen des Scharzfelſers weit überlegen, ſo gab doch dieſen der Gedanke, daß ſie für heimiſche Frei⸗ 165 heit und den Glauben an ihre alten Götter kaͤmpften, Rieſenkräfte. Des Sachſenſteiners Donnerſtimme rief ihnen Worte der Ermun⸗ terung zu und belebte ihr Vertrauen auf den Beiſtand des Himmels. Endlich gelang es ihnen unter unſaͤglicher Muͤhe, die Feinde wieder hinaus zu draͤngen und Eiſenriegel und Queerbalken wurden ſchnell vor die niedere Pforte geſchoben. Oben von den Wehren aber ſandten Segeſts Knappen Bolzen und Geſtein auf die draußen wogende Feindes⸗ menge, manches kampfgluͤhende Herz trafen ſie, manchen Eiſenbolzen ſchnellten ſie tief in Stirn und Schlaͤfe. „Ihr Mannen!“ ſchrie der Saalecker, als er die Seinen ſinken ſah, „Ihr Mannen und Dienſtleute! habt Ihr nicht gelernt, wie man ſich ſchuͤtzt gegen ſol⸗ chen Hagelſchlag? Schilde uͤber das Haupt, die Schwerter heraus! Auf und ſchwingt Euch hinan zur Bruſtwehr!“ Auf dieſen Befehl hoben ſie die ungeheuren Schilde empor, welche den Leib voͤllig zu ſchutzen vermochten u 166 verſuchten unter lautem Kampfgeſchrei die Wehre zu erſteigen. Da erſchien der alte Rudelsburger, ſein Haupt war entblößt, denn ein Knappe Segeſts hatte ihm den Helm zer⸗ ſchmettert und das Haar hing verwirrt um ſein blutendes, zorngerothetes Geſicht. Hin zur Pforte lenkte er ſein langmahniges Roth⸗ roß, ſchwang kuͤhn und wagig den Schild auf den Rücken und blickte rollenden Auges empor zum Grafen Segeſt, der wie ein Racheengel auf dem Thore ſtand, um Irmgard und das Stammhaus ſeiner Väter zu vertheidigen. „Ehrloſer!“ ſchrie der Alte zu ihm auf, „Ehr⸗ loſer! der Ihr wie der gemeinſte Raͤuber an mir gehandelt, der mein Haus beſchimpfte und Gaſtfreundſchaft mit Undank lohnte! Merkt Ihr wohl jetzt, wie es mit Euch ſteht, ſeht Ihr die unzaͤhligen Streiter, die gekommen ſind, Euer Eulenneſt dem Erdboden gleich zu machen und das Haidekraut mit Eurem ſchwar⸗ en Blute zu tränken? Unrettbar ſeid Ihr vetloren, unrettbar ſchwebt Ihr am Abgrunde 167 Eures Verderbens, eine kurze Spanne Zeit habt Ihr nur noch zu leben, um das an mir veruͤbte Böͤſe einigermaßen wieder gut zu machen. Gebt die Irmgard heraus, auf daß ſie den vaͤterlichen Zorn fuͤhle und noch heute dem Saalecker angetraut werde! Ich wollte Euch ſpießen laſſen, doch, ſofern Ihr augen⸗ blicklich die Eingaͤnge öffnet, trifft Euch ein ritterlicher Tod. Ehe die Sonne ſinkt, wehet die Kreuzesfahne auf den Zinnen Eurer Burg, jeder Widerſtand waͤre fruchtlos, jeder Bluts⸗ tropfen, den die Meinen um Euch noch ver⸗ gießen, ſoll tauſendfach vergolten werden!“ Nach dieſer Rede ſchwieg der Rudelsburger und ſchaute ſo kuͤhn zum Burgherrn auf, als ob es gar keinem Zweifel unterlaͤge, daß ſich ihm die Thore noch heute oͤffnen wuͤrden. Doch uͤber Segeſts ſchoͤnes Geſicht legte ſich ein ſpottiſches Läͤcheln, er ſtrich den ſchwarzen Bart, der ſeine Lippen uberſchattete, wohlge⸗ faͤllig, und erwiederte dann: „Eure Scherz⸗ rede verſetzt mich in die frohlichſte Lune 168 ſähe ich die Eurigen nicht mit blutigen Köpfen dort unten am Boden liegen, ſo möchte ich faſt glauben, Ihr hättet den weiten Weg ge⸗ macht, um bei der Hochzeitsfeier Eurer Toch⸗ ter mit dem Graf Segeſt von Scharzfels zu⸗ gegen zu ſein. Freilich kaͤmt Ihr auch dazu zu ſpät, denn Jemgard iſt bereits mein Weib! Wollt Ihr Euch ſelbſt uͤberzeugen von un⸗ ſerm Gluͤcke, wollt Ihr die Tochter ſehen? wohlan! die Pforte ſoll Euch geoͤffnet werden, doch Euer zahlreiches Gefolge wurde nicht Raum genug finden in dieſen Hallen und mag ſich indeſſen zuruͤckiehen bis an jene Waldecke!“ Grimmig verzog der Rudelsburger das Geſicht, wetzte die Zaͤhne wie ein ver⸗ undeter Eber und hob drohend die Rechte. Ein lautes Gelachter ertönte aus den Kehlen zfelſer Knappen und Segeſt fuhr fort: „Auch in unſern Harzbergen haͤngen wir nch feſt an den alten Sitten und befolgen die weiſen Lehren der Ahnen. Wohl ſoll das Kin m Vater gehorſam ſein und thun, 169 wie er verlangt; doch wer ſo handelt, we Ihr es an Irmgard thatet, der hat jedes Recht darauf verloren. Wiſſet demnach, Eure Drohungen fürchte ich nicht und an den Fel⸗ ſenmaſſen meiner Burg werdet Ihr Euch ver⸗ geblich den Trotzkopf einſtoßen. Unſere Schwer⸗ ter ſind ſo lang als die Euren, auch wir haben zweiFaͤuſte, auch wir haben ein muthi⸗ ges Herz im Leibe. Reitet deshalb gotroſt heim und laſſet Euch von Eurem Burgpfaffen die Wunden verbinden, welche Ihr Euch hol⸗ tet. Handelt uͤbrigens, wie Ihr wollt, zuvor aber hoͤrt die Warnung: „Seid Ihr binnen drei Minuten nicht auf dem Rückwege, ſo rollen jene Steinkoͤrbe auf Eure Schaͤdel und nimmer ſeht Ihr die Heimath wieder! Auf, Genoſſen!“ wandte er ſich jetzt zu den Knap⸗ pen, „ziehet die Straͤnge an und ſchwingt die gefuͤllten Koͤrbe hinab, doch hurtig!“ Kaum hatte er geendet, ſo praſſelten mit Donnerge⸗ polter die Sandſteinbrocken hinab auf die Be⸗ lageter, daß ſie theils zerquetſcht und zer⸗ 170 ſchmettert liegen blieben, theils von den rol⸗ lenden Stuͤcken hinweggeriſſen wurden. Rie⸗ ſige Maſſen, von mehreren Knappen über den Rand der Wehren gewaͤlzt, warfen ganze Haufen, Roß und Reiter zu Boden und roll⸗ ten dann in ungeheuren Spruͤngen dahin, Schanzen und Gezelte zuſammenreißend. Bald ſahen auch die Muthigſten ein, daß ſie einem ſolchen Kampfe nicht zu widerſtehen vermoch⸗ ten und ergriffen ſchleunig die Flucht. Meh⸗ rere Tage vergingen, ohne daß vom Chriſten⸗ heere ein neuer Angriff gewagt wurde, ohne daß die Scharzfelſer ihre Thore zu einem Ueberfalle verließen. Auf Huͤlfe ſeiner Freunde konnte Segeſt nicht rechnen; allnaͤchtlich lo⸗ derten hier und dort Flammenſäulen gen Him⸗ mel und beſtaͤtigten Kunos Ausſage, daß noch ein anderes, weit größeres Heer in die Berge gezogen ſei, um die unglaͤubigen Harzritter zu bekehren und die heidniſchen Altaͤre zu zer nimmem. Feſt und ſicher, ja gaͤnzlich un⸗ überwi dlich war Scharzfels, aber einen Aus⸗ 171 fall zu wagen waͤre Tollkuhnheit geweſen dennoch fehlte es an Mundvorrath, um eine laͤngere Belagerung auszuhalten. Vergeblich ſann Segeſt auf Mittel, wie dieſer Noth ab⸗ zuhelfen ſei, vergeblich wagten ſich einige kuͤhne Knappen zur Nachtzeit hinaus aus der Burg, ſie wurden erfaßt von den lauernden Feinden und mußten eines qualvollen Todes ſterben. Iring ſann vergeblich nach, wie dieſem Uebel abzuhelfen ſein moͤchte und rieth endlich zu einem Ausfalle; auch Kuno, deſſen Wunde ſich in ſo weit gebeſſert hatte, daß er wieder herumgehen konnte, rieth dazu. Der kriegs⸗ erfahrene Sachſenſteiner hatte eine Liſt erſon⸗ nen; beim Ausbruche der Nacht mußten Alle wohl geruͤſtet im Vorhofe harren, Irmgard beſtieg einen Zelter und als es ohngefaͤhr Mit⸗ ternacht war, trieb man zwei muthige Roſſe mit brennenden Kienſcheiten hinab ins Lager der Feinde, wahrend die Beſatzung der Burg den Weg in den nahegelegenen Wald einzu⸗ ſchlagen ſuchte. Anfangs ſchien Jrings Plan „. 172 zu gelingen, der Rudelsburger waͤhnte, die . ganzen Genoſſen Segeſts ſtuͤrmten heran und wollten das Lager in Brand ſtecken; doch nur zu bald wurden ſie ihren Irrthum gewahr und befanden ſich mit der geringen Zahl der Scharz⸗ felſer im Gefechte. Segeſt ließ zum ſchleu⸗ nigen Ruͤckzuge blaſen, indeſſen der Saalecker ſeine Mannen zum Kampfe anfeuerte und ihnen einen ſichern Sieg verſprach. Selbſt Iring trieb zum Ruͤckzuge und ſeine Streitart hielt die herandringenden Feinde ab und ver⸗ ſchaffte dem Knappen Kuno indeſſen Zeit, mit 6 Irmgard in die Burg zuruͤckzueilen; auch die Uebrigen hatten bereits das Thor erreicht. „Drauf! Ihr feigen Hunde!“ ſchrie der Saal⸗ ecker, „ſtuͤrzt ihnen nach in das Felſenneſt, drauf, drauf!“ Die erſten Flüchtigen drängten ſich jetzt in die Burg, Segeſt und Iring waren die Letzten und des Sachſenſteiners Rieſenge⸗ ſtalt allein deckte noch den Eingang. Der Saalecker und Heinrich von Rubelsburg hie⸗ ben mit ihren langen Schwertern auf ihn ein, 173 und alle ſeine Kräfte anſtrengend warf er mit der Linken den ſchaͤumenden Benno in den Burghof unter die kampfgluͤhenden Knappen Segeſts, waͤhrend die Rechte die ſchwere Streit⸗ art unter ſchauerlichem Kampfgebrull auf Hein⸗ richs Haupt niederſchmetterte, daß er mit ge⸗ ſpaltenem Schaͤdel zu Boden ſank und mit einem tiefen Seufzer ſein Leben aushauchte. Doch auch Irings letztes Stuͤndlein war ge⸗ kommenz von allen Seiten fielen Schwerter und Kolben auf ihn nieder und mit den Wor⸗ ten: „Gute Nacht, Segeſt, gute Nacht, Ihr Kameraden!“ ſchloß er ſeine Augen auf im⸗ mer! Seinen ſterbenden Leib zog man hinein in die Burg, dann wurden Riegel und Bal⸗ ken ſchleunig vor die Pforte geſchoben. Alle eilten auf die Wehren, der Saalecker wurde gefeſſelt in ein ſicheres Loch geworfen. Drau⸗ ßen heulten grimmig die Feinde, doch als die Steine wieder auf ihre Haͤupter niederräſſelten, da verloren ſie die Luſt, den Sturm laͤnger fortzuſetzen und begaben ſich, die Leiche des — 174 jungen Rudelsburgers in ihrer Mitte, zuruͤck in die Verſchanzungen. Noch war die Nacht nicht vergangen, als man Irings Leiche in die große Halle ge⸗ bracht hatte. In ſtiller Trauer umſtanden Alle den geachteten Todten, ſein Antlitz war bleich und blutig und der vom grauen Barte uͤberſchattete Mund ſchien zu einem ſtrengen Befehle verzogen. Auf ſeinem rothen Mantel waren noch dunkle Purpurflecken ſichtbar von ſeinem und ſeiner erſchlagenen Feinde Blut. „Iring iſt todt!“ begann endlich Segeſt mit tonloſer Stimme, „Iring von Sachſenſtein iſt todt, unſer Bruder, unſer wackerſter Genoſſe iſt nicht mehr. Mit ſeinem Leibe hat er dieſe Burg geſchutzt, ehe ich noch ſelbſt das Schwert zu ſchwingen vermochte, ſein Blut hat er wrillig fuͤr uns verſpritzt, ſein Leben füͤr uns hingegeben! Die Stuͤtze dieſer Burg und un⸗ ſeres iſt in ihm gefallen, denn wo 175 ſchlägt noch ein Herz wie ſeines, wo iſt noch ein zweiter Kaͤmpfer, der, ſo wie er, Schwert und Streitart zu fuͤhren vermoͤchte? Doch, wohl ihm! ſein Geiſt ſchwingt ſich hinauf in die Gaͤrten des himmliſchen Wallhallas, wohl auch uns, koͤnnten wir ihm folgen und die Walkyren zwingen, uns das Todesloos zu werfen!“ Der alte Heimer von der Alleburg ſtand indeſſen uber die Leiche des erſchlagenen Sachſenſteiners gebeugt und murmelte dumpfe Spruͤche. Segeſt fuhr nach einer Weile fort: „Ihr Knappen! Euch thue ich zu wiſſen, daß es faſt an allen Lebensmitteln fehlt, ja am Nothwendigſten mangelt es, und ich ſtelle es Euch frei, unter dem Schirme der Nacht von dannen zu ziehen. Nutzlos wuͤrdet Ihr Euch aufopfern und des ſchmaͤhlichſten Hungertodes ſterben. Ehe der Morgen anbricht, wird man uns noch dichter einſchließen, darum flichet, ehe es zu ſpät wird!“ Klirrend ſchlugen die Knappen mit ihren Schwertern zuſammen und riefen wie aus einem Munde: „Hier bei der blutigen Leiche dieſes Verblichenen ſchworen wir, Euer Schickſal mit Euch zu theilen! den Geiſt des tapfern Iring rufen wir zum Zeugen unſeres Schwures auf, als Vorbild ſoll er uns umſchweben, gleich ihm wollen wir dieſe Burg ſchutzen!“ Ein lauter Widerhall, von den Stimmen der Diener, tonte ſhauerlich durch die weite Halle, gleich⸗ ſam als Antwort des beſchworenen Sachſen⸗ ſteiners. Die kuhnen Männer fuhlten ein ichtes Froſteln über ihre Glieder ſtreifen und draͤngten ſich dichter zuſammen. Irmgard, die mit gefaltenen Händen ſich im Hinter⸗ grunde befand, vergoß haͤufige Thraͤnen und wußte keinen Rath für ihren Segeſt. Sie hielt ſich fur alleinige Urſache dieſes Ungluͤcks und ſchauderte in ſich hinein, wenn ſie an die Ströme vergoſſenen Blutes dachte, die draußen auf den gruͤnen Raſen gefloſſen wa⸗ ren. Plotzlich ſtieß ſie einen gellenden Schrei aus und ſank, nach der Fenſteroffnung deu⸗ tend, bewußtlos zuſammen. All ſturzten 177 dahin und der Anblick, welcher ſich ihnen dar⸗ bot, war furchtbar genug, das feſteſte Gemuth zu erſchuttern. Herein in die Halle drang jetzt ein gewaltiger Lichtſtrom, blendender als das hellſte Tageslicht, alle Gegenſtaͤnde, ſo⸗ wohl innerhalb, als auſſerhalb der Burg, 8 5. waren auf das Glanzvollſte beleuchtet. Die Gipfel der hohen Eichen im Vorhofe, die Zinnen der Burg, die Baͤume des ganzen Waldes in der Gegend, Alles, Alles ſchien ringsumher vergoldet und ein um Scharzfels wogender Flammenkreis faͤrbte den naͤchtlichen Himmel mit blendender Röthe. In der That mußte es ein furchtbarer Anblick ſein fuͤr Segeſt und die Seinen, denn das Pfahl⸗ werk und die Wehren, welche ſeine Burg dreifach umgaben, loberten in hellen Flammen zum Himmel auf und machte es den Bela⸗ gerern nun um ſo leichter, jedes Entkommen der Scharzfelſer zu vereiteln. Ein friſcher Nachtwind hatte ſich erhoben und machte es gaͤnzlich unmoͤglich, den Flammen Einhalt zu Der Knappe am Kreuz. 12 thun. Lange ſtarrten die Scharzfelſer ſchwei⸗ gend hinein in die Gluth, ſtill und ſchweigend begaben ſie ſich dann an die Eingaͤnge der Burg und lauſchten, ob die Feinde einen An⸗ griff wagen würden. ber draußen ruhrte ſich nichts und nur von fern herauf aus der ieſe des Thales hallte zuweilen dumpfes Getöſe. Das Feuer verminderte ſich nach und nach und die niedergebrannten Wehren ampften nur noch als der Morgen kam, nur noch einige Kohlen gluͤhten hier und dort aus der Aſche, wenn gerade der Hauch des te man einige Haufen der Belagerer, neugie⸗ rig ſpähend, wie es wohl moglich ſei, in dieſe Burg zu gelangen, nachdem nun die äuſſeren Schutzwehren gefallen ſeien. Fragend ſchau⸗ ten nun die treuen Diener zu Segeſt empor, 3 als der Abend hereinbrach und weder Speiſe * noch Trank uͤber ihre Lippen gekommen war, ſchweigend ſenkte Segeſt den Blick, er wußte Frühwindes an ihnen hinſtrich. Jetzt gewahr⸗ nicht, wo er Unterhalt fur ſich und die Sei⸗ 5, nen hernehmen ſolle, er wußte keinen Rath, wie er der bleichen Leben lnger friſten konne. ℳ — — Unter dieſer Zeit ſaß der alte Rudelsbur⸗ ger bei der Leiche ſeines Sohnes; der Wind ſpielte in den ungeordneten Haaren, welche ſein kummervolles Geſicht umflatterten. Sein Schmerz war ſtumm, er konnte nicht beten, nicht zu Gott ſein Auge und Herz wenden und nur dumpfe Verzweiflung fuͤllte ſeine Bruſt. „Todt! todt!“ murmelte er in ſich 3 6 hinein, „nichts auf Erden habe ich mehr, kein menſchliches Weſen, das ich mein nennen moͤchte. Die ehrloſe Irmgard hatte längſt keine Stelle mehr in meinem Herzen und Fuch, hundertfachen Fluch uber Kunos Haupt, den ſchmaͤhlichſten Tod ihm, dem Verrather! Ich ſelbſt mochte ihn morden, wenn auch gleich Dein blutiger Geiſt, Deine drohende Geſtalt nicht von meiner Seite weicht, ſchreckliche 3 3 Marie!“ Nach den letzten Worten hielt er die Linke vor das verzerrte Angeſicht, waͤhrend die Rechte krampfhaft nach dem Schwerte faßte. Jetzt trat Dedo, des gefangenen Saaleckers Bruder, herein, das Auge zornig gluͤhend auf den Alten richtend. „Auf! auf Bruno!“ ſchrie er! „laßt den Todten und treibt Euer ſaͤumiges Volk zum Sturme auf das Felſen⸗ neſt wo mein Bruder, wo Euer zukuͤnftiger Eibam ſchmachtet, oder vielleicht ſchon unter den Händen der Heiden ſeinen Geiſt ausgi⸗ huuch hat. Ja! in ihrem Blute ſoll ſich mein Schwert baden, und bei allen Teufeln ſchwore ich, daß kein Lebender entkommen ſoll! Treibt es Euch nicht, Eure Tochter I Irm⸗ gard aus den Händen jener Verworfenen zu retten?“ „Eidam? Irmgard?“ murmel Rudelsburger in ſich hiein. „Was ſol der Eidam, was nuͤtzt ihm die Irmga frug er dann weiter in ſeltſam klingendem To⸗ ne und ſetzte dann wahnſinnig lachend hinzu: „So wenig Ihr meinem todten Heinrich ——— 181 ben einzuhauchen vermoͤgt, ſo wenig werdet Ihr den Benno wieder lebend zu Geſicht be⸗ kommen. Ich will ihn und die Ehrloſe nicht wieder ſehen; er hat an mancher That die Schuld, daß ich ſie mit vollbrachte, er war es, der zuerſt das Schwert auf Erichs Bruſt zuͤckte in der Johanniskapelle. Marie! Marie! warum quaͤlt mich dein Geiſt un⸗ aufhoͤrlich, warum zeigſt du mir die klaf⸗ fende Stirnwunde?“ MPloͤtzlich beſann er ſich und ſchien ob des Geſagten ſichtbar zuſammen zu ſchrecken und den Blick zu Vo⸗ den richtend, fluſterte er dem ſtaunenden De⸗ do die Worte noch zu: „Verlaßt mich, verlaßt mich jetzt! Ich will allein bleiben mit dieſem Todten, thut und ſchaltet indeſſen wie Ihr wollt und auch ich werde bald bei Euch ſein und ſelbſt Irmgards falſches Herz wird mein Schwert nicht verſchonen, denn ſeit⸗ dem mein Heinrich ſeine Augen ſo ſtarr und kalt zu mir emporrichtet und ſein bleicher Mund den zur Rache ußunt „ 182 fen ſcheint, iſt der letzte Funke Liebe gegen die Menſchheit in mir erloſchen!“ Dedo von Saaleck ging kopfſchuͤttelnd von dannen und verſuchte, obwohl vergeblich, einen Sturm auf Scharzfels. Am andern Tage ſandte der Rudelsburger die Leiche ſeines Sohnes zur Heimath, um ſie dort beſtatten zu laſſen, er ſelbſt ſetzte ſich dann auf einen Felsblock und ſtarrte unverwandt nach der Felſenburg. Da erſchien Graf Segeſt auf dem aͤußerſten Mau⸗ ervorſprunge, an der Hand ſeine Irmgard fuͤhrend und durch Blick und Wort den hart⸗ herzigen Alten um Gnade anflehend. Doch vergebens rannen die Thraͤnen uͤber die blei⸗ chen eingefallenen Wangen ſeiner Tochter, dern nur gräßliche Fluͤche und Verwuͤnſchungen gab det Zornige zur Antwort. Den Scharz⸗ ſelſer emporte die Grauſamkeit des Rudels⸗ burgers und er grollte mit ſich ſelbſt, daß er ſich vor ihm alſo gedemüͤthigt hatte. uͤrchterlich begann nun der Hunger zu wuͤthen, mehrere der muthigen Streiter Se⸗ 183 geſts erlagen unter den ſchrecklichſten Qua⸗ len und mancher ſchaute düͤſter brütend von der Zinne hinab in die Tiefe und wünſchte, daß er gleich ſeinen im Kampfe gefallenen Genoſſen drunten läge. Da oöͤffnete ſich ei⸗ nes Tages die Pforte und ſchloß ſich ſchnell wieder hinter dem alten Marbod, der es wa⸗ gen wollte, den Rudelsburger um Gnade an⸗ zuflehen, unter der Bedingung, ihm die Burg zu uberlaſſen, wenn er der geringen Beſatzung freien Abzug gewaähre. Kaum wurde Dedo von Saaleck ſeiner anſichtig, ſo ſtuͤrzte er auf den alten Diener los, um ihn zu Boden zu reißen, dieſer hielt ihn aber kraftig zuruͤck und deutete ihm an, daß er im Auftrage Segeſts komme. Aber noch hatte Marbod den Zweck ſeiner Sendung nicht halb kund gethan, ſo wurde er auf einen Wink des Rudelsburgers niedergeriſſen und der Saalecker ſchrie den naͤchſtſtehenden Kriegern zu: „Schafft den wildeſten Hengſt herbei und pindet den fre⸗ We Schurken an den Schweif Ste 184 „Herr!“ ſprach der unerſchrockene Diener Se⸗ geſts, „Herr, wo im ganzen deutſchen Reiche iſt es Sitte, daß man einen Friedensboten und Abgeſandten auf ſolche Weiſe behandelt? Wos that ich Euch, das Euch zu ſolcher That reizen könnte? Sehet mein graues Haupt! viele Winter ſind ſchon darüber hingeſtreift und Marbod folgt willig dem Rufe der Got⸗ ter und furchtet den Tod nicht; aber um Eu⸗ rer Tochter wegen beſchwoͤre ich Euch, übt Gnade an jenen Ungluͤcklichen, die dort oben im Felſenſchloß ſchmachten und vor Hunger an ihrem eigenen Fleiſche nagen, gedenkt Eu⸗ rer Tochter, die mit abgeharmten und thra⸗ nenfeuchten Wangen erſchöpft und kraftlos durch die ſtillen Hallen der Burg wankt. Toͤdtet mich! tödtet mich! aber erbarmt Euch der Hungernden!“ Aber das Flehen Marbods rhrte den rachſuͤchtigen Rudelsburger nicht und mit kreiſchender Stimme ſchrie er: „Narr! mein erz iſt feſt wie Stein und mein Wille un⸗ abänderlich. Warum mahnſt Du mich an den Ihr mir erſchlugt? Fort in die Hölle deshalb mit Dir, in den Pfuhl der Hoͤlle mit Euch Allen!“ Auf einen gebietenden Wink ergriffen die Knechte den finſter blicken⸗ den Marbod, banden ihn an den Schweif des wilden ſchlagenden Roſſes und zum Abhange des Berges hinab geſchleift uͤber Stock und Geſtein, hauchte er bald ſein Leben auf eine klägliche Weiſe aus. Wohlgefaͤllig und im Gefuͤhle befriedigter Rache ſchauten der Ru⸗ delsburger und Saalecker zum Scharzfels em⸗ por, blutgierig blickten ihre Augen dorthin, ob nicht vielleicht noch ein Opfer lebend in ihre Haͤnde fallen moͤchte. Droben aber ſchien es wie ausgeſtorben, doch die Wenigen, die ſich noch in der Burg befanden, hatten das ſchreckliche Schauſpiel mit angeſehen und tief ergriffen ſchauten ſie zum Himmel empor, als ob ſie ſeinen Zorn auf das Haupt ihrer Feinde beſchwören woll⸗ ten. „Graf Segeſt!“ begann jetzt ein alter — mein Töchterlein und nicht an den Sohn, 186 Diener, „deutet es nicht uͤbel, wenn ich Euch darauf aufmerkſam mache, daß es auch wohl bei uns an der Zeit ſei, den Manen der ge⸗ fallenen Bruͤder ein Suͤhnopfer zu bringen. Drunten im Verließe ſitzt der Saaleckerz ſol⸗ ſen, oder ſoll er verhungern gleich uns? Ich daͤchte, hinab mit ihm, hinab unter ſein blut⸗ gieriges Geſindel! Gebt uns die Erlaubniß, richtete ſich die hohe Geſtalt des blinden Hei⸗ hohler, dumpfer Stimme: „Sohn meines Waffenbruders, dulde die Brut nicht länger in dieſen Hallen, nieder in den Staub mit ihm!“ Segeſt befahl jetzt, den Gefangenen dem Tode zu weihen und die Knappen gingen ungeſäumt zum Verließe, um den Ritter her⸗ auf zu holen. Bald war er ſeiner Feſſeln entledigt und wurde hinauf gefuͤhrt auf den hoͤchſten Punkt der Burg. Geblendet ſchlug er die Augen nieder und vermochte erſt nach len wir ihn mit unſerm eignen Fleiſche ſpei⸗ und wir wollen uns ſeiner entledigen!“ Da mers empor vom Boden und er ſprach mit 187 einiger Zeit hinaus zu blicken in den hellen S Sonnenſchein. Vor ihm lagen die Auen und Waͤlder ſo gruͤn und bluͤhend und ſein ſonſt ſo ſtarres Herz wurde weich, denn ihm ahnete nur zu wohl, was man mit ihm beginnen wolle. Die kurze Gefängenſchaft und Hunger hatten ihn gaͤnzlich entſtellt, ſein Auge war hohl, ſein Geſicht hatte ſich in duͤſtre Falten gelegt und das Haar war zu Schnee erbleicht. Schreck⸗ lich zuckte er zuſammen, als ihm Graf Se⸗ geſt entgegentrat und mit veraͤchtlichem Blicke auf das Lager der Feinde und ſeine ausge⸗ hungerten Knappen deutete. „Seht Ihr un⸗ ſere Genoſſen drunten auf dem gruͤnen Ra⸗ ſen blutig und kalt liegen?“ ſchrieen die Scharzfelſer Knappen mit draͤuenden Geberden, „Benno von Saaleck! ſeht Ihr das kleine Haͤufchen, das noch hier in dieſer Burg weilt, um ſie bis auf die letzte Stunde ihres Lebens zu vertheidigen? Wißt Ihr, wo die ubrigen der Kameraden ſind, die nicht im Kampfe ſtarben? Sie ſind verhungert, ihre ſerben⸗ 188 den Lippen flehten noch zu den Goͤttern Rache herab auf Euch und die Eurigen. Deshalb macht Euch bereit, denn auch Euer Stuͤnd⸗ lein iſt gekommen!“ Von kräftigen Faͤuſten ergriffen, wurde er trotz ſeines Straͤubens zur nahen Wurfmaſchine geſchleppt. Des ſonſt ſo wilden und furchtloſen Ritters Ange⸗ ſicht wurde jetzt ploͤtzlich von fahler Blaͤſſe uͤberzogen, die Lebensluſt wurde in ihm rege und ſein Geiſt ſchien ſich vor dem Gedanken an den Tod zu ſtraͤuben. Angſtſchweiß perlte auf ſeiner Stirn, ſeine Lippen bebten, die Augen waren weit aufgeriſſen und ſtarrten in die Tiefe. Endlich bezwang er ſein ſlzes Herz und flehte um Gnade; doch umſonſt, denn hin auf die ſchwankende Wurfmaſchine wurde er gezogen und man achtete nicht ſei⸗ nen grauſenvollen Blick, noch die fürchterli⸗ chen Anſtrengungen, mit welchen er ſeine Haͤnde von den druckenden Feſſeln zu entledi⸗ gen ſuchte. Aber alle Bemuͤhungen waren vergebens und unter wildem Halloh der Schar⸗ 189 felſer ſauſete er in die Luft und ſiel dann mit dumpfem Gekrach zu Boden. Kein Zug von Mitleid war in dem Geſicht Segeſts und ſeiner Knappen zu leſen, aber Dedo und der alte Rudelsburger ſtanden ſtarr und ſtumm bei der Leiche Bennos, ihre Augen ſpruhten furchtbare Wuth, indeſſen ihre Wangen vor Schreck erblichen waren. „Das iſt die Rache wegen des grauen Schurken, den wir vom Roſſe zu Tode ſchleifen ließen!“ rief Dedo von Saaleck, und der Rudelsburger entgegnete mit halb erſtickter Stimme: „So iſt's! doch beim Teufel ſchwoͤre ich, den Erſten, der mir aus dieſem Felſenneſt entgegen tritt, mit eigener Hand zu ſpießen oder ich laſſe ihn an jenen duͤrren Fichtenſtamm nageln, bis ſein Leib im Scheine der Sonne zu Aſche dörrt. Keiner ſoll lebend entrinnen und die Irmgard ſol ſich nimmer ihrer heimlichen Flucht freuen. Nie ſoll meine Seele Ruhe finden, wénn ich dieſen meinen Schwur Bierauf ⸗ Bennos von Saaleck in das Lager zu tragen. Er ſelbſt begab ſich in ſein Gezelt; Dedo aber folgte der blutigen Leiche ſeines Bruders. Dem heitern Tage war ein truͤber Abend gefolgt, und die Sonne verhuͤllte ſich in dunkl⸗ Wolkenmaſſen. Aus Norden erhob ſich eir rauher Wind, der von Stunde zu Stunde zunahm und ſich heulend und pfeifend an der Felſenburg des ungluͤcklichen Segeſts brach, dem die Noth den Schlaf verſcheuchte, dem der Anblick ſeiner wackern abgezehrten Diener tief in's Herz ſchnitt. Ach! und Irmgard, wie bleich und elend war ſie binnen ſo kurzer Friſt geworden und doch kam keine Klage, kein Laut uber ihre Lippen, der S ſt hätte verwunden können. Zudem w bods blutige, entſtellte Geſtalt nicht von ſeiner Seite, er konnte den ſchreckichen Anblick nicht vergeſſen, wo das wiehernde Roß mit weit dahin flatternder Maͤhne dahin jagte und des 191 ungluͤcklichen Leib zerſchellte. Auch die anderm Diener auf Scharzfels waren tief ergriffen und ihr feuchtes Auge hatte bekundet, welchen tie⸗ fen Eindruck der ſchmaͤhliche Tod ihres Ge⸗ noſſen auf ſie gemacht hatte. Um ſo mehr mußte ſich aber Segeſt wundern, als beim Anbruch des Tages Kuno, der treue Knappe von der Rudelsburg, mit feſtem Willen ver⸗ langte, daß man ihn hinaus in das Lager der Feinde laſſe. Noch einen Verſuch wollte er machen, das harte Herz des alten Bruno zum Mitleid zu bewegen und es ſchien dem Grafen Segeſt, als ob der treie Diener ganz beſondere Gruͤnde fuͤr das Gelingen dieſes Ganges habe. Dennoch wurden ihm ernſtliche Vorſtellungen gemacht und auf Marbods Schick⸗ ſal hingedeutet; doch alles war vergeblich und nach kurzer Zeit ſchritt die ſchlanke Geſtalt den gruͤnen Pfad hinab zum Lager. Klopfen⸗ den Herzens ſchauten die Scharzfelſer ihMm nach, bis er ihren Augen entſchwand. In ſeinem Zelte ruhte auf zottigem Baͤ⸗ renfell der alte Rudelsburger; die Vorhaͤnge des Leinenhauſes waren tief hernieder gelaſſen und nur ein glimmender Kohlenhaufen er⸗ leuchtete ſchwach das Innere deſſelben. Wild ſtierte der Alte vor ſich hin, Panzer und Helm lagen unordentlich neben ihm und die Rechte ſpielte nachlſſig mit dem Griffe des unge⸗ heuren Schlachtſchwertes. Da trat Dedo von Saaleck zu ihm heran und begann im Aus⸗ drucke herben Spottes: „Was hat Euch ploͤtz⸗ lich alſo entmuthigt, daß Ihr dumpf und tief⸗ ſinnig den Blick zur Erde ſenkt? Könnt Ihr vielleicht des Soͤhnleins nicht vergeſſen, den Euch der Feinde Hand erſchlug, denkt Ihr durch nutzloſes Bruͤten ſeinen entflohenen Geiſt zuruͤckzurufen? Ich ſelbſt würde zum Heim⸗ zuge rathen, denn mich jammern die Meinen, die vergeblich ihr Leben aushauchten, vergeb⸗ lich ihre Schaͤdel einſtießen an jenen ver⸗ dammten Mauern. Aber ihr Blut moͤchte ich erſt fließen ſehen, meinen Bruder Benno von der Zinne des Feiſenneſtes ſturzten!!“ In dieſem Augenblicke trat ein Krieger herein und meldete, nicht ohne einiges Zoͤgern, daß der Knappe Kuno draußen vor dem Gezelt ſtehe und mit dem Ritter von Rudelsburg zu ſpre⸗ chen begehre. Und als waͤre er von einem Blitzſtrahl getroffen, ſo zuckte der alte Bruno zuſammen, ſprang dann auf und ſchrie mit wilder Stimme: „Ha! ſo waͤre der Fuchs in die Falle gegangen, er, der den ganzen Schimpf uͤber mein Haupt gebracht, um deſſen Mutter und Angehoͤrige ich Fluch auf mein Haupt, Blut auf mein Gewiſſen geladen habe. Nieder mit ihm, nieder mit dem Fal⸗ ſchen, der den Heiden aus dem Rudelsburger Verließe geholfen und bei Irmgards Ent⸗ fuͤhrung betheiligt war. Hoͤlle und Teufel! ſein Stuͤndlein iſt gekommen! “ Hoſtig ging er auf und ab, indeß der Diener mit ängſt⸗ licher Miene harrte, was hinſichtlich Kunos Der treue Knappe am Kreuz. 13 möchte ich an den Schurken rächen, die ihn 5 zu thun ſei. Endlich ſprach der N mit dumpfer Stimme: „Saalecker! bei der Leiche meines Heimich habe ich geſchworen, daß der Erſte, der es wagen wird, jenes Fel⸗ enneſt zu verlaſſen, des ſchmählichſten Todes ſterben ſoll. Ich duͤrſte nach dem Blute des Heidenvolkes, wer mit ihnen Gemeinſchaft hat, iſt dem Tode verfallen! Dedo! Ihr hörtet meinen Schwur, thut deshalb an ihm, wie ich beſchloſſen, denn meine Augen ſollen den Buben nicht mehr ſehen, der allein alles Un⸗ heil uͤber mein Haupt gebracht!“ Raſch wandte ſich der Alte und lehnte das grimmig ver⸗ zerrte Geſicht gegen die Wand des Zeltes, der Saalecker aber ſchritt mit teufliſchem Grinſen hinaus und auf einen Wink ſielen die Knechte mit roher Wuth uber den treuen Kuno her, ihre Faͤuſte riſſen ſein Wamms in Betzen und zerſchlugen ſeinen nackten Leib mit Speer und Schwert. Andere hatten indeß auf Geheiß Dedos die hohe Fichte von den unteren Aeſten befreit und berſelben durch ein Querholz die Form eines Kreuzes gegeben. 195 Hierhin wurde jetzt der Unglückliche geſchleift, ſein Geſicht wurde bleich wie Schnee bei die⸗ ſem Beginnen, denn eine ſchauerliche Ahnung ſeines Schickſales dammerte in ſeiner Seele auf. Des Saaleckers Mund zuckte in hoͤlli⸗ ſcher Freude, die Spitze ſeines Schwertes ſtachelte den jungen Knappen, daß das Blut an ſeinem Ruͤcken herabſtroͤmte und trotz alles Straͤubens wurde er hoch oben an den Baum genagelt. Neugierig ſchauten die Entmenſchten zu ihm empor, ſie hatten gewaͤhnt, Kuno wuͤrde unter Jammertoͤnen und Schmerzens⸗ ruf ſeine Strafe erleiden, aber kein Laut, keine Klage kam uͤber ſeine Lippen, ſeinen Blick ſandte er hin nach den Zinnen der Schatz⸗ felſer Burg, wo Irmgard verzweiflungsvoll die Hände rang und die abgezehrten Diener Segeſts den Blick abwandten von der gruſen Scene. Auch des Rudelsburgers und Saa⸗ leckers Troß wurde ſtiller und ſie begaben ſich lautlos in's Lager, nur wenige blieben zurc damit der arme Kuno nicht etwa durch die 196 Huͤlfe der Scharzfelſer dem Tode entrinnen moͤchte. Haͤnde und Fuͤße durchbohrt von ſcharfen Naͤgeln, ſchaute er verzweifelnd um⸗ her und die Sonne ſendete ihre gluͤhenden Strahlen auf ſein bleiches Angeſicht, ſeine bebenden Lippen fleheten den Tod herbei! Immer ruhiger wurde es jetzt in der Gegend, die Wachen der Feinde regten ſich nicht! Um ſein Haupt kreiſeten Geier mit widrigem Ge⸗ ſchrei, zuerſt in weiten Bogen, dann immer naher und naͤher, bis ſie endlich mit lautem Fluͤgelſchlage uͤber des Ungluͤcklichen Haupte ſchwebten, ihre Krallen in ſeine nackten Schul⸗ tern ſchlugen und gierig mit den Scniti in ſeinen Leib Der Abend war herein gebroe leiſer Weſtwind kuͤhlte die Hitze des Tages und Millionen Sterne blickten von ihrer hohen 3 Laufbahn herab auf die ſtille Erde. Waͤhrend es in der Natur ruhig und ſtill war, herrſchte 197 in des alten Rudelsburgers Seele eine ſchauer⸗ liche Unruhe und ſeine Gedanken waren beim ſterbenden Kuno. Haſtig ging er in ſeinem Gezelte auf und ab und ſein Herz pochte faſt hoͤrbar in der Bruſt. Mloͤtzlich war es, als zucke ein Blitz durch die Nacht, der Alte fuhr erſchrocken zuſammen, unnennbare Angſt hemmte ihm den Athem. Einige Augenblicke ſtand er ſtarr und regungslos und ſchien zu einer Bild⸗ ſaͤule geworden zu ſein, denn eine Schreckens⸗ geſtalt wuchs dicht neben ihm aus der Erde, ein Schreckensbild des Grabes mit grinſendem Schaͤdel und durren Knochenhaͤnden ſtand dicht und drohend neben ihm und aus ihrem weißen verwitterten Leichentuche drang Moderduft und Grabeshauch. „Bruno von der Rudelsburg!“ es aus ihr ſne Munde, S die viche Marie aus der ſüu t Thalſtrome? Prieſters Hand 3 198 müthiger Sinn wurde meiner bald üͤberdruͤſſig. Dein Schwert zerſchnitt das heilige Band der Treue, zerſchnitt mein ſchuldloſes Herz, auf daß Du eine Andere zum Weibe nehmen konnteſt. Schau! hier blutet's noch, ein, zwei, drei Tropfen und hier auf dem Leinentuche ein ganzer Purpurſtrom. Schnell ſandteſt Du mich zum Grabe, unausloͤſchlich iſt das große Blutfleck in der Sankt Johanniskapelle ge⸗ blieben und auch in Gottes Richtbuche ſteht dieſe That unvertilgbar!“ Die Geſtalt ſchlug nach dieſen Worten das verwitterte Leiche⸗ gewand zuruͤck, ein ſchlankes Skelett zeigte ſich den Blicken des entſetzten Rudelsburgers; er wollte das Zeichen des Kreuzes machen, aber ſeine Glieder waren matt und ſchienen erlahmt. „Bruno!“ 4 die Geſtalt nach einer gergumen Wele t. „Du haſt mich 199 klage Dich nicht an vor Gottes Richtſtuhl ob Deiner Thaten, denn mein Herz, das Dir fruͤher abhold war, hatte Dir ja ſpäter in Liebe geſchlagen!“ Der Todtenſchaͤdel Mariens verzog ſich zum Lächeln, doch der Rudels⸗ burger ſank ſchaudernd in die Kniee und be⸗ deckte ſein Antlitz mit beiden Haͤnden. Aber die duͤrre Knochenhand des Geiſtes richtete teſt Marien und ſcheuteſt doch nie das Auge Gottes? Hoͤrteſt Du nicht, daß Dir Dein tiefgekrnktes Weib Deine Blutſchuld vergabt Rache, Deines Sohnes, Deines erſtgebornen Sohnes Blut haſt Du durch Deinen wahn⸗ ſinnigen Schwur dem Tode geweiht, wirf Dein Angeſicht zu Boden und wende Dein ſtarres, fuͤhlloſes Steinherz zur Reue. Auch Dich wird Gottes Hand treffen, auch Deine Zeit iſt abgelaufen und das Ziel Deines Lebens nicht mehr fern. Gehe in Dich und bereue! ihn wieder empor und fuhr mit hohler, ern⸗ ſter Stimme fort: „Was beginnſt Du, fuͤrch⸗ Aber das Blut Deines Kindes ſchreit um ſich furchtſam um nach ſeinem Schatten, den 200 Kunos Haupt umſchweben bereits die Engel, ſein fliehendes Leben wirſt Du nicht mehr zu⸗ rückrufen konnen! deshalb bete und bereue, bald, bald folgſt Du ihm!“ Kalt rieſelte es dem Ritter durch Mark und Bein, er glaubte, der Tod faſſe ihn ſchon mit ſeinen Knochen⸗ armen. Die Schreckensgeſtalt neben ihm war verſchwunden, doch noch lange ſtraͤubte ſich das Haar auf ſeinem Haupte und die Arme hingen noch erſchlafft an ihm herab. Endlich ſchien er ſich zu ermannen, wild rollte er die grauen Augen und ſeine blaͤulichen Lippen zuckten hin und her. Bruſt und Stirn zer⸗ ſchlug er ſich mit geballter Fauſt und ſein Mund verſuchte zu beten, zum erſten Male nach jahrelangem Fluchen. Mit ungewohnter Schnelligkeit ſchritt er jetzt aus dem Gezelte und durch das weite Lager und Alle machten dem gefurchteten Ritter Platz, deſſen Strenge und Härte Jeder kannte. Langſam ſchritt er jetzt den Berg hinan und oft ſchaute er 201 der Mond weit uber die Flaͤche des Weges warf. Die naͤchtlichen Wolken erglaͤnzten im Silber des Vollmondes und hingen in ſelt⸗ ſamen Geſtalten am ſchwarzblauen Himmels⸗ raume. Die Zweige der Tannen und Buchen 5 regten ſich leiſe und geiſterhaft und die Blätter der weißſchaaligen Birken ſäuſelten ſo weh⸗ muͤthig dazwiſchen wie Engelsſtimmen. Außer⸗ dem herrſchte die tiefſte Stille; die Fichte, an welche Kunos Leib genagelt war, warf einen dunklen Schatten uͤber den thauigen Raſen, das Haar des Aechzenden flatterte weit im Hauche des Windes und in kurzen Zwiſchenraͤumen rangen ſich abgebrochene Worte aus ſeiner Bruſt. Von der duͤſtern Burg her nahete ſich jetzt eine Geſtalt im weißen Ge⸗ wande, ihr folgte noch eine andere dunkle Ge⸗ ſtalt, dicht unter dem Fuße des Tannenſtam⸗ mes blieben ſie ſtehen, lauſchten einige A blicke und Irmgard, denn die war es, begann mit bebender Stimme und aͤngſtlich empor ſchauend: „Kuno! treuer Kuno!“ Eine minu⸗ tenlange Stille erfolgte, dann erklang es von oben herab aus des Sterbenden Munde: „Wer ruft mich? — Iſt es ein Engel des Himmels, der mich von hinnen fuͤhren will, ſind meine Sinne ſchon wirr, oder iſt es Wahrheit, iſt es nicht Tauſchung, was mein Ohr vernahm? War es nicht Irmgards Stimme, die meinen Namen nannte! „Ich bin es!“ entgegnete dieſe, „ich bin es! Ach, mein Herz iſt mir faſt zerſprungen vor Angſt und Schmetz und ich hatte nicht Ruhe droben auf der ſtillen Burg. mußteſt Du auch, trotz un⸗ ſerer Warnung, unter die Blutgierigen gehen, warum laßt Dich der Himmel ſo ſchrecklich bußen fuͤr Deine Liebe und Treue. Gnade 6 wollteſt Dü erflehen, Gnade für mich und Stegeſt und mit Deinem Leben mußt Du nun dafur büßen!“ Sie huͤllte ihr Angeſicht in beide Hände und Kuno erwiederte: „Ich ſterbe 203 willig und mein Herzblut mag immerhin ver⸗ ſtroͤmen, der Tod iſt mir willkommen, aber viel ruhiger wuͤrde ich von dieſer Welt ſchei⸗ den, wuͤß't ich Euch gerettet. Aber der Him⸗ mel zurnt den Guten und laͤchelt den Boͤſen; verlaßt mich, Irmgard, auf daß Ihr nicht auch in die Haͤnde der Wuͤthenden fallt, denkt an Segeſt, denkt an ſeinen Jammer, wenn er Euch verloͤre. Die Wachen der Feinde ſchauen fleißig umher, eilt, eilt und betet fuͤr mich, das iſt Alles, was Ihr fuͤr mich thun koͤnnt!“ „Wohl weiß ich die Gefahr, in der ich ſchwebe,“ entgegnete ſie, „doch Du ſtehſt meinem Herzen ſo nahe durch Deine bewieſene Treue, und vermoͤgen Dich meine ſchwachen Hände auch nicht zu erretten, ſo gedachte ich doch, Dir Troſt zu bringen. Das Schickſal wollte es nicht, daß wir Dir Deine Anhäng⸗ lichkeit lohnen konnten, das Schickſal entreißt Dich uns auf immer, nimmer werden wir Dich wieder ſehen. Leb wohl! leb wohl!“ Sie be⸗ gann laut zu ſchluchzen, wollte gehen und 204 doch blieb ſie ſtehen, als wäre ſie mit un⸗ ſichtbaren Banden gefeſſelt. „Irmgard!“ tönte es da noch ein Mal wie Geiſterhauch aus Kunos Munde. „Ich habe nichts gethan als meine Pflicht gegen Euch, ich habe gehandelt, wie es dem Diener ziemt, der Leib u und Leben ſeiner Herrin weiht. Nie wankte ich, wenn es fuͤr Euch oder Euren Vater zu handeln galt und nur eines Unrechts iſt ſich mein Hetz bewußt. Ich habe Euch geliebt, habe Euch geliebt ſtill und treu, habe Euch ge⸗ iebt wie eine Schweſter. Doch verlaßt mich, erlaßt mich! Der Todesengel winkt bereits, mein ſterbender Mund ſegnet Euch und Segeſt. Gute Nacht, Irmgard, gute Nacht auf ewig!“ Eine ſchauerliche Stille folgte nach dieſen Wor⸗ rmgard redete den Knappen noch ein doch keine Antwort ertönte. Da ſchüttelte ſie Fieberfroſt und mit ſchnellen Schritten und zitternden Gliedern eilte ſie nnach der finſtern Burg, gefolgt vü dem ſie 8 begleitenden Diener. 205 4 Nach kurzer Friſt nahte ſich abermals eine dunkle Geſtalt; es war der alte Rudels⸗ burger und lange ſchaute er an der hohen Fichte empor und begann endlich mit kaum hoͤrbarem Tone: „Kuno, mein Sohn Kuno!“ Der treue Knappe neigte das Kaupt zur Bruſt, nur ein abgebrochener Laut rang ſich aus ſeinem Munde. Der Ritter aber fuhr aͤngſtlicher und dringender fort: „Kuno, horſt Du nicht die Stimme Deines Vaters? hörſt Du nicht die Stimme des Rudelsburgers, der Dich grauſam verſtieß, ehe Du noch denken konnteſt, der Deine Mutter in einer dunkeln 1 Nacht am Altare der Sankt Johanniskapelle erſchlug? Durch Blut hatte ich ſie erkauft, doch bald ſchwand ihre Schoͤnheit und der Teufel fluͤſterte mir zu, mich ihrer zu entledi⸗ gen. Ich nahm eine Andere, Blühendere; zum Weibe, ich verſtieß Dich, unbekuͤmmer 5 Dir gehen moͤchte. Aber ich bereue That, ich bereue ſie jetzt, deshal vergi Kuno, vergib mir!“ Einen ſcheuen Blie 206 er jetzt empor zum ſterbenden Kuno, deſſen blutgefaͤrbte, nackte Glieder ſchauerlich im Mondſchein blinkten und der wie im Selbſt⸗ geſpraͤch fluͤſterte: „Frommer Wilibald! ſo haͤtte meine Ahnung mich nicht betrogen und was dein Mund mir erzaͤhlte, waͤre Wahr⸗ heit geweſen! Jene ungluͤckliche Marie war meine Mutter und der Rudelsburger mein Vater, er, deſſen Zornwort mich dem Tode weihte.“ „Ja, ich bin Dein Moͤrder!“ ſchrie der alte Ritter mit fuͤrchterlicher Stimme, „ich bin Dein und Deiner Mutter Moͤrder und wage den Blick furderhin nicht mehr zum Himmel zu erheben. Schon durch dieſe Tha⸗ ten habe ich mein ganzes Seelenheil ver⸗ ſcherzt und mein einziger Wunſch, den ich noch haben könnte, iſt ein ewiges Vergeſſen meines Lebenslaufes, ein langer, ewiger Schlaf, um nimmer wieder zu erwachen. Ich ſcheue jene Welt, ich furchte Gottes Richtſchwert und doch ſtehe ich ſchon ſo nahe am Grabe, kann ichts mehr gut machen.“ „Wohl könnt Ihr 207 das!“ entgenete der Knappe am Kreuze, „wohl könnt Ihr das! Schauet dort droben nach jener Burg; vergeblich harrt Ihr, daß man Euch die Pforten öffnen ſoll, und wenn der Hunger, der in jenen Felſenmauern herrſcht, alle jene Wackern getödtet hat, wollt Ihr dann Euren Zorn noch an ihren ſtarren Lei⸗ bern auslaſſen? Wuͤrde Euer Herz bei Irm⸗ gards Leiche ruhiger pochen, als hier beim verſtoßenen, ſterbenden Kuno? Eilt dorthin, ſie zu retten, ehe es zu ſpaͤt iſt; und die Kunde von Irmgards Befreiung aus ihrem Elende wuͤrde mir den Tod verſuͤßen!“ „Ich * will ihr vergeben, ich will ihnen Allen verge⸗ ben, die in jenem Felſenneſte ſchmachten,“ ſchrie Bruno. „Aber vergib auch Du mir, Kuno, vergib mir!“ Der Ungluͤckliche, dem das Haupt ermattet zur Seite geſunken war, vermochte nur durch eine bejahende Bewegung deſſelben zu antworten, denn der Tod wuͤhlte bereits in ſeinem Gebein, ein ſchrillender Toen rang ſich aus ſeiner Bruſt. Da durchrieſelte 208 den alten Rudelsburger Fieberfroſt, und mit bebender, herzzerreißender Stimme rief er: „Kuno! Kuno! Du ſtirbſt, meine Reue und meine Klagen helfen nicht mehr und ich fahre dereinſt hinab in den Pfuhl der Hoͤlle, weil ich an Dir nicht gut machen kann, was ich verbrach! Aber klage Du mich nicht an vor Gottes Richtſtuhl, Kuno! flehe Gott um Gnade an fuͤr mich, denn ich bin ja Dein Vater, Du biſt mein Blut, wenn gleich mein ſtarres Herz Dich in den Tod ſandte. Benno von Saaleck war mein Verfuͤhrer; er verlei⸗ tete mich zu mancher That, auch bei Deiner Mutter Tode war er zugegen, auch an Dei⸗ nem Tode iſt er Schuld, und auch Irmgard athmet vielleicht nicht mehr! Herr, erbarme dich, verzeihe dem Rabenvater! Kuno, ver⸗ zeihe auch Du mirz o, wie mogen Dich die ſcharfen Nägel ſchmerzen, die Dein Fleiſch tiſen.“ — „Nicht doch, Vater!“ achzte Kuno in ſchauerlichen Tönen, „nicht die ein⸗ gſchagenen 4 ſchmetzen, aber die Geier A1 alten Bruno ausſtoßend. Dieſer hatte ihMm naͤmlich beſtimmt und feſt erklaͤrt, daß er fer⸗ nerhin keinen Sturm mehr gegen Scharzfels unternehmen und ſeiner Tochter voͤllige Ver⸗ zeihung angedeihen laſſen wolle. Dedo, ent⸗ ruͤſtet, daß er ſeines Bruders Tod nicht an Segeſt und den Seinen raͤchen konnte und ſich doch allein zu ſchwach fuͤhlte, etwas gegen die Felſenmauern auszurichten, hatte aus dieſen Urſachen ſchnell ſein Lager abbrechen laſſen, um ſich mit einem andern Haufen des Chri⸗ ſtenheeres zu vereinigen und gegen das heid⸗ niſche Harzvolk zu kaͤmpfen. Gleichguͤltig ſchaute ihm der alte, kaum ſelbſt noch ſo rach⸗ ſuͤchtige Rudelsburger nach und ſeine Diener konnten das Verfahren ihres Herrn nicht deu⸗ ten und blickten ſcheu zu ſeinen ſtarren, glanz⸗ loſen Augen empor. Werden ſtarke Gemu⸗ ther von Schmerz und Reue ergriffen, ſo au⸗ ßert ſich die Gewalt des Gewiſſens heftiger und zerſtoͤrender als bei ſchwachen, jed Eindrucke offenen Herzen. Nicht fruchtloſe 14* — A2 Klage, nicht einer sußerlichen Verzweiflung uͤberließ ſich der Rudelsburger, aber ſein In⸗ neres war umgewandelt, die tiefſte Schwer⸗ muth lag auf ſeiner Stirn. Vergebens verſuchten einige ſeiner Vertrauten ihn zu troͤſten, vergebens mahnten Einige, die Be⸗ lagerten zur Nachtzeit zu uͤberfallen; nur Zornworte bekamen ſie zur Antwort und hoͤr⸗ ten ſtaunend den Befehl, Speiſe und Trank nach Segeſts Burg zu ſchaffen. Ganz in der Stille ließ er Kunos Leiche in ein Grab legen, uͤber welches eine uralte Eiche ihr ſchattiges Laubdach breitete. Wuͤthend nagte die Reue an ſeinem Herzen und er ſaß den ganzen Tag uͤber auf einem Felsblocke im dichten Walde und verſuchte durch die Stille, welche ringsum herrſchte, die Mahnung ſeines Ge⸗ wiſſens zu mildern, das ihm ohne Unterlaß die blutige Geſtalt ſeines Weibes und ihrer Eltern vor die Seele fuͤhrte und das Ichzen ſeines Kuno hoͤren ließ. Zur Abendzeit aber begab er ſich vor die verrammelte Scharzfel⸗ ——————— — ſer Pforte und begehrte Einlaß. Zweifelnd, ob auch ihr Ohr recht gehoͤrt, lauſchten die Knappen in der Burg auf ſein Begehr und öffneten ihm dann auf Segeſts Befehl, der den Vater ſeines Weibes unter ſonderbaren Gefuͤhlen in die weite Halle fuͤhrte. Irmgard, bleich und abgezehrt, ſprang mit einem Schrei von ihrem Seſſel auf und blieb dann zoͤgernd inmitten des Gemaches ſtehen, Bruno aber ſprach mit wehmuͤthiger Stimme: „Vergeßt und vergebt Alles, was ich Böͤſes an Euch gethan und der Herr des Himmels ſei ge⸗ dankt, daß er mein Leben gefriſtet, damit ich an Dir, meiner Tochter, an Euch, Graf Se⸗ geſt, wieder gut machen kann, was ich ver⸗ ſchuldete. Komm Irmgard, komm an des Vaters Bruſt, kommt auch Ihr, Segeſt, an mein Herz und vergeßt und vergebt die Lei⸗ den, welche meine blinde Wuth Euch bereite⸗ te. Nennt mich Euern Vater, Ihr ſeib ja . meine einzigen Kinder, ſeitdem Heintich Kuno von dieſer Welt ſchieden. Kuno, —— —— 214 tttreue Knappe, ſtarb ja durch mich den ſchreck⸗ lichſten Tod; er opferte ſich auf fuͤr Dich, Irmgard! Zu ſpaͤt kam mir die Reue, Gott ſei dereinſt meiner Seele gnaͤdig!“ In wilder Verzweiflung faßte er ſich nach dieſen Wor⸗ ten in das graue Haar und ließ ſeinen her⸗ vorquellenden Thraͤnen freien Lauf. Nur in abgeriſſenen, thraͤnenerſtickten Lauten vermochte er das Naͤhere uͤber Kuno zu erzaͤhlen, und Inmgard weinte bitterlich und auch Segeſts dunkle Wimpern wurden feucht, kaum ver⸗ mochte er den auflodernden Zorn gegen den Rudelsburger zu beſeitigen. Spaͤt nach Mit⸗ ternacht begab er ſich, geruͤhrt von Irmgard und dem Scharzfelſer Abſchied nehmend, zu⸗ rück in das Lager und deutete den Seinen an, daß ſie in den erſten Tagen in die Hei⸗ math zuruͤckziehen wollten, weil die Belager⸗ tten verſprochen hätten, hinfort die Chriſtusleh⸗ re anzunehmen und ihre Gotzenbilder zu zer⸗ truͤmmern. Wirklich wurde nach einigen Ta⸗ das Lager völlig abgebrochen und nach⸗ * 6 . 3 6 578 8 [ onene