Das Geſpenſt des alten ſitter. Romantiſche Crzählung von K. von Thal. Zweite Auflage. 6 — 22 5S Leipzig. Literariſches Muſeum. 3 und natürlich ſiel das reiche, lichtbraune I. Die Sonne eines ſchönen Sommertages neigte ſich bereits den waldigen Berggipfeln im Weſten zu, als zwei Ritter, von einigen Knappen gefolgt, von einer bewaldeten Höhe in das Thal hinabritten. Beide hatten das Viſir zurückgeſchlagen, und das Geſicht des Aeltern, von einem mächtigen, ſchwarz und grau gemiſchten Schnauzbarte beſchattet, trug, trotz mancher Furche, welche Alter und Anſtrengung hineingegraben, den Ausdruck der Biederkeit und des Seelenfriedens, der aus einem Herzen kömmt, das von keiner Schuld belaſtet wird. Der andre Ritter mochte kaum zwanzig Jahr alt ſein. Seine Geſtalt war edel, hoch und kräftig. Glatt Haar auf die Schultern, ein flatternder, weißer Helmbuſch beſchattete die gewölbte Stirn und das dunkle Augenpaar. Der Jüngling holte einen ſchweren Athemzug tief aus beklommener Bruſt und ſchaute mit den leuchtenden, ſchwatzen Augenſternen hinab auf die Gegend, die ihn in Paradieſes⸗ pracht anlachte. Seine Augen füllten ſich mit Thränen und ſchweigend ſetzte er ſeinen Weg fort. Der alte Ritter aber, der ſeinen Begleiter ſchon lange mit Verwunderung angeblickt hatte, brach jetzt das Schweigen und rief: „Sehe ich denn recht, oder täuſchen mich meine alten Augen? Was treibt Dir denn das Waſſer in die Azgen mein Junge? — Hör einmal, Burchard, das verſteh' ich nicht. Du, der Du ſeit zwei Jahren tapfer an mei⸗ ner Seite geſtritten, im wilden Getümmel der Schlacht luſtig und guter Dinge warſt, Du greinſt jetzt wie ein ſchwaches Weib, jetzt, da wir wieder auf heimathlichem Boden 5 jetzt, da wir nur noch zwei Spannen von den Burgen unſerer Ahnen entfernt ſind, wo uns nur noch eine kleine Strecke von denen trennt, die wir lieben?“ „Und wer ſagt Euch ſo gewiß, i Ihr die Grliebten, die ihr daheim zurückgelaff 1. je wieder umarmen werdet?“ entgegnete de Jüngling. „Seht, Roland, eben der 6 danke an die, welche ich liebe, hat mich ſo weich geſtimmt. Wer ſagt mir, ob ich Alles finde, wie ich es verließ? Wie wäre es, wenn ich nun einritte in die Burg, wo ich den Vater in der ſchönſten Manneskraft, die Mutter in reger Häuslichkeit waltend, ver⸗ ließ, — wenn ich den Augenblick nicht erwar⸗ ten könnte, ſie an die volle, treue Bruſt zu drücken, wenn ich in ſüßem V zorgefühl raſch die Thür öffnete und nichts fände, als einen Sarg, in dem ſie ausruhten von des Lebens Laſt?“ „Kreuz, Nagel und Dorn!“ lachte der Ritter, „ſo wahr ich Roland von Haarburg heiße, nimmer in meinem Leben hätte ich geglaubt, daß Du, tapferer Degen ſo trau⸗ rigen Betrachtungen nachhängen könnteſt. Die Haſenburger ſind doch ſonſt eben nicht haſenherzig. Sieh, als vor zwei Jahren meine beiden Söhne in der Schlacht ge⸗ fallen waren, als mein Weib, die lange Gefährtin meines Lebens, ſich darüber zu Tode härmte und bald darauf in die ſtille Gruft getragen wurde, da litt es mich nicht länger daheim und ich zog gen Paläſtina obgleich meine Theodelinde, damals ein zartes Kind von dreizehn Jahren, ſich wei⸗ nend an mich klammerte und mich nicht von dannen laſſen wollte. Empfängt ſie mich nicht an den Thoren meiner Veſte, hat die kalte Hand des Todes auch ſie hinweg gerafft, dann ſteh ich ganz verwaiſt auf Gottes weiter Erde; aber dennoch iſt mir auf dem ganzen Wege kein ſolch trauriger Gedanke gekommen, wie Dir, und ich reite getroſt nach der Burg meiner Väter und —— 7 laſſe den dort oben walten, der mich in meinem langen Leben in mancher Noth und Gefahr wunderbar geſchützt hat!“ Wohl Euch, guter Roland!“ ſagte Bur⸗ chard von Haſenburg, „wenn Euer Herz frei iſt von aller Sorge und Euer Auge vertrauensvoll in die Zukunft blicken kann. Mit mir iſt's anders. Stets malt mir meine Einbildungskraft nur die ſchwärzeſten Bilder vor die Seele, ſtets iſt mein Herz ſo beängſtigt, als ſtänden mir die entſetz⸗ lichſten Dinge bevor und es iſt mir, als ſähe ich die Burg, auf der meine Wiege ſtand, nimmer wieder, und wenn ich da⸗ heim anlangte, fände ich nichts, als Schutt und Aſche!“ „Deine Ahnung betrügt Dich,“ nahm Ritter Roland abermals das Wort, „denn wenn es Dir beliebt, die Augen empor zu heben, ſo wirſt Du ſehen, daß die alte Haſenburg mit ihren grauen Thürmen und Warten noch eben ſo trotzig vom Felſen hernieder ſchaut, als an dem Tage, wo wir den Zug in das heilige Land antraten!“ Der Jüngling blickte raſch empor und wirklich lag die ſtattliche Veſte, von den hellen Strahlen der Sonne beleuchtet, vor ſeinen Blicken. Der Ritter von der Haarburg weidete ſich einen Augenblick an der Beſchämung ſeines Begleiters und fuhr dann fort: „Du ſiehſt nun ein, wie thöricht Deine düſtern Träumereien waren. Die Burg ſteht, Gott Lob! noch wohlerhalten auf der alten Stelle. Hörſt Du nichts?“ Beide hielten die Roſſe an und lauſchten. Eine luſtige Muſik, tönte deutlich zu ihnen herüber, daß Burchard mit glänzenden Au⸗ gen ausrief: „Ja, wir kehren zur glück⸗ lichen Stunde zurück. Es giebt ein Freu⸗ denfeſt da oben. Auf alter Freund, daß wir durch unvermuthetes Erſcheinen die Freude vermehren!“ Und mit der Schnelligkeit des Windes — — —— 9 flogen die Roſſe mit ihren Reitern dahin, ſie eilten, als theilten ſie die Begierde ihrer Gebieter, und bald waren ſie am Fuße des ſteilen Burgberges angelangt, den die er⸗ müdeten Thiere nun ſchnaubend und mit langſamen Schritten hinanſtiegen. Einige hundert Schritt vor dem Thore der Veſte ſaß unter einer ſchattigen Eiche, das Haupt nachdenkend in die Hand ge⸗ ſtützt, ein alter Mann mit ſilberweißem Haupthaar und langem, weißen Barte. Das Getrappel der Roſſe weckte ihn aus ſeinem tiefen Sinnen. Er ſchaute empor, blickte wie zweifelnd die beiden Reiter an, ſprang dann mit jugendlicher Behändig⸗ keit empor und rief mit leuchtenden Augen: „Iſt es möglich? Seid Ihr es wirklich⸗ junger Herr? Ja, es iſt Wahrheit, was meine alten Augen ſahen, Ihr ſeid mein guter, lieber Burchard, den ich als Kind auf den Armen trug, den ich Fechten und Reiten lehrte, und um den ich, wie um — 10 einen Toden, täglich und ſtündlich geweint habe! Und gerade heute müßt Ihr zurück⸗ kehren? Heute!“ „Ja, ich bin's, guter Walther!“ rief der Jüngling, vom Pferde ſpringend und dem Greiſe die Hand reichend. „Aber wie kommt es, daß Du, der Burgvoigt, bei einem Feſte unſeres Hauſes die Einſamkeit ſuchſt, während man drinnen bei vollen Humpen lärmt und jubelt?“ „Wißt ihr denn, welch ein Feſt man da drinnen feiert?“ ſprach der Burgvoigt, den Jüngling ernſt and wehmüthig an⸗ ſchauend. Nach deinem Geſicht, alter Rabe, iſt das Feſt drinnen nicht nach Deinem Ge⸗ ſchmack!“ ſprach Roland von der Haarburg, der ebenfalls vom Roſſe geſtiegen und heran getreten war. Rücke damit heraus und ſpanne unſere Neugierde nicht auf die Folter. Was bedeutet der Lärmen?“ „Junger Herr!“ ſagte Walther trübe, 12 zu Burchard gewendet, „Eure Frau Mutter feiert heute ihre Vermählung mit dem Ritter Diethelm von der Löwenburg!“ Wie ein Donnerſchlag aus heiterm Him⸗ mel traf dieſe unerwartete Nachricht den Jüngling, und er ſtarrte wie verzaubert dem Verkünder der ſchrecklichen Mähr in das bekümmerte Antlitz. Endlich rief er mit bebender Stimme: „Du lügſt, Alter! Es kann nicht ſein! Es iſt nicht möglich!“ * „Geht hinein und überzeugt Euch,“ ſprach der Alte. „Und mein Vater?“ fragte der Jüngling nach einer Pauſe. „Wurde vor einem halben Jahre in die Gruft getragen;“ berichtete der Alte, eine Thräne aus den grauen Wimpern wiſchend. „Gott meine Ahnung!“ ſeußte Bur⸗ chard, ſein bleiches Angeſicht gegen die reite Bruſt des Haarburgers drücken Was ſoll ich anfangen? Soll ich 7 12 muß, weil ſie den Vater ſo bald vergaß?, „Burchard,“ ſprach der alte Roland, „Du ſchwatzeſt wieder einmal wie ein thö⸗ richter Jüngling. Iſt es denn ein Ver⸗ den leeren Platz ſo ſchnell als möglich zu beſetzen, um die unangenehme Lücke recht bald wieder auszufüllen? Und iſt nicht be⸗ häusliche Kreis iſt ſo eng, ſo leer. Jene tägliche wiederkehrende Ordnung, jene ſtille Beſchäftigung mit tauſend kleinen Dingen, fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie drü⸗ cckend wird ſie, wenn ſich an den Gegen⸗ ſtand die Erinnerung an ein verlornes Glück heftet. Ich will nicht leugnen, daß Deine Mutter etwas ſchnell zu einer Wahl geſchritten iſt, allein muß ſich ein Weih in dieſen unruhigen Zeiten nicht nach einen gehen zu der Mutter, die ich verachten brechen, wenn uns jemand ſtarb, den wir liebten und ehrten, daß wir darauf ſinnen ſonders das Weib zu entſchuldigen? Der der es ſich in der Zeit der glücklichen Liebe P 8 13 Beſchützer umſchauen? Beurtheile darum Deine Mutter nicht zu hart und folge mir ohne Zaudern!“ Er faßte mit kräftiger Hand den Arm des Jünglings und zog den Willenloſen mit ſich fort. Unter dem gewölbten Thorbogen ſtanden die Wächter, ſtattlich geputzt. Auf dem Burghofe herrſchte wildes Getümmel. Wo man nur hinſah, luſtige Regſamkeit und fröhliches Geſchrei. Aus dem feſtlich ge⸗ ſchmückten Speiſeſaale aber ſcholl an wohl⸗ beſetzter langer Tafel fröhliches Getöſe der ſchmauſenden und zechenden Gäſte. — Bei dem Lärmen und dem großen Gedränge trat Roland mit Burchard unbemerkt in die geräumige Halle. Burchards Blicke flogen ſuchend umher und entdeckten bald oben an der Tafel ſeine Mutter, feſtlich geſchmückt und in ein weißes, faltiges Ge⸗ wand gekleidet. Es war eine ſchlanke Ge⸗ ſtalt mit einem feinen, blaſſen Geſichte 14 und ſchwarzen, dunkeln Augen. die Jahre jungfräulicher Blüthe lagen hinter ihr, doch trug das blaſſe Geſicht Züge wirklicher Schönheit und die feine, durchſichtige Haut und die ſchmalen, hellbraunen Bogen, welche das große Augenpaar beſchatteten, gaben dem Geſicht einen beſondern Reiz. Neben ihr ſaß der Ritter Diethelm von Löwenburg, ein Mann von ſtolzem, vor⸗ nehmen Anſehen, deſſen Geſicht, obwohl die Jugend nicht mehr auf ihm blühte, immer noch ein ſchönes genannt werden konnte, ein ſcharfgeſchnittenes Profil mit markirten, denkenden Zügen. Ein dunkles Baret, von deſſen linker Seite eine lange, weiße Strausfeder herab wallte, hing leicht über dem kurzen, krauſen Haupthaar, von dem einige Locken zu beiden Seiten der hohen, ernſtgefurchten Stirn herabfielen. Das Auge der Burgfrau hob ſich jetzt gegen den Eingang des Saales und ihr Antlit färbte ſich purpurroth und bedeckte —— 15 ſich wieder mit der Bläſſe des Todes, als ſie den Sohn erblickte, deſſen Augen ſie 1 vorwurfsvoll anzuſchauen ſchienen. Sie verſuchte, ſich emporzurichten, aber ſie ſank keines Lautes mächtig, in den Seſſel zurück, bis Roland von Haarburg ihr den Sohn zuführte und durch ſeine Anrede der Ver⸗ legenheit der Mutter ein Ende machte⸗ Sie ſchloß den Einzigen, der ihr von ihren Kindern geblieben, gerührt an ihren wo⸗ genden Buſen, denn ein Mutterherz ver⸗ leugnet ſich unter keinen Verhältniſſen, und hieß ihn willkommen in der Halle ſeiner Väter. Auch Diethelm von Löwenburg echob ſich jetzt, ſagte einige verbindliche Worte und umarmte ihn mit vielen Anſtande. —— Burchard erwiderte dieſen freundſchaftlichen Empfang, trotz ſeines innern Widerſtrebens, aber wenn es möglich wäre, daß zwei Bild⸗ ſäulen von Granit ſich in die Arme fielen⸗ kälter konnten ſie nicht Bruſt an Bruſt ruhen, 16 als hier die beiden lebenden, von heißem Blute durchſtrömten Menſchen. Mit vieler Würde ergriff der neue Burgherr den vor ihm ſtehenden Pokal und ſprach mit tiefer wohltönender Stimme: „Meine Freunde und Waffengefährten! der Himmel will dieſen Tag zu dem froheſten meines Lebens machen, denn nachdem er vor wenigen Stunden die beſte der Frauen durch den Segen der Kirche auf ewig an mich gekettet hat, ſendet er unerwartet den einzigen Sohn und Erben meiner Gattin, der nun auch der meinige iſt, damit er Theil nehme an dem Feſte, welches uns Alle hier ver⸗ ſammelt hat. Heißet ihn herzlich willkom⸗ men, wie ich ihn willkommen heiße und rufet gleich mir: Er lebe hoch!“ Während er den gewaltigen Humpen mit einem Zuge leerte, riefen die Gäſte ein donnerndes Lebehoch und der Jüng⸗ ling ging aus einem Arme in den andern. Dazu wirbelten die Pauken, ſchmetterten 17 die Trompeten, jubelten die Hörner und der Lärm nahm kein Ende, bis die Nacht faſt vorüber war und der junge Tag be⸗ reits zu dämmern begann. II. In einer düſtern Halle der Haſenburg waren die Knappen allzumal verſammelt. Draußen war ſchwarze Nacht und in der Ferne ſtand ein ſchweres Wetter. Der Sturm, ſauſte um die alten Thürme, drehte kreiſchend die Wetterfahnen und bewegte flackernd die Flamme des Lichts, welches auf dem gewaltigen Eichentiſche ſtand und in den Winkeln des weiten Gemachs nur ein zweifelhaftes Dämmerlicht ſchuf. Zu⸗ weilen theilte ein zackiger Blitz die ſchwarzen Wolken, und der Donner rollte ununter⸗ Geſpenſt. 2 ——— 18 brochen, anfangs in der Ferne, dann immer näher. Die bärtigen Kriegsleute ſaßen ſtumm umher und Jeder überließ ſich ſeinen Gedanken und Betrachtungen. Einige Zeit war alſo vergangen, als draußen Schritte ertönten und der alte Burgvogt hereintrat. Der vorſichtige Greis machte die Knappen auf das herannahende, drohende Wetter aufmerkſam, befahl ihnen, wach und auf der Hut zu ſein, wenn etwa ein Unglück geſchehen ſollte und er⸗ zählte, daß ſüdlich von der Burg eine Feu⸗ ersbrunſt aufgegangen ſei. „Ja, es iſt eine gräßliche Nacht!“ ſagte ein Roßbube. „Eine Nacht in der Geiſter umgehen müſſen, und in der ich um Alles in der Welt nicht allein ſein möchte!“ „Und warum nicht?“ lachte Georg. „Wart, wollen Dich um Mitternacht hinaus⸗ ſtecken auf den langen Gang, daß Du die Zaghaftigkeit ablegſt und Muth bekommſt, — 19 denn ein Reitersbub muß den Teufel nicht fürchten.“ „Ach, das thut um der heiligen Mutter willen nicht,“ ſchrie der Furchtſame, „wenn Ihr nicht wollt, daß ich ſterben ſoll. Es ſpukt ja im Schloſſe. Habt Ihr denn nicht vernommen, was der Elſe widerfahren iſt?“ „Nun?“ fragten mehrere Stimmen. „Was iſt denn mit dem Mädchen geſchehen!“ „Je nun!“ nahm der Bube das Wort. „Die Elſe hat geſtern Abend mit der alten Margareth geplaudert, und da es faſt Mit⸗ ternacht iſt und ſie nach ihren Kämmerlein will, kommt ſie vor der Thür vorbei, die in die Capelle führt. Gerade als ſie, an nichts Arges denkend, vorüber will, ſpringt die Pforte der Kirche krachend auf und heraus tritt die Geſtalt des verſtorbenen Herrn, der ſie unter den buſchigen Braunen hervor ernſt anſchaut und mit der rechten Hand winkt. Bis zum Tode erſchrocken ſinkt ſie zu Boden und als ſie wieder zu 20 ſich kommt, iſt Alles werſchwunden und ſie ſucht mit wankenden Knieen ihr Bett, aus dem ſie, von einem Fieber niederge⸗ halten, noch nicht wieder erſtanden iſt!“ „Narrenspoſſen!“ rief Georg. „Wer weiß, was das Mädel geſehen hat. Die Todten ſtehen nicht wieder auf und ich wollte getroſt alle Geſpenſter und alle Teufel auf einen Nachtbeſuch zu mir ein⸗ laden und dabei gewiß ſein, daß ich weder Engel noch Teufel zu Geſicht bekäme!“ „Hört, Herr Burgvogt, Ihr habt doch, Eurem weißen Haar nach, Manches erfahren. Was ſagt Ihr zu dem Gerede, daß unſer guter Herr geſtern Nacht erſchienen ſein ſoll? Glaubt Ihr das Weibergeſchwätz?“ Da richtete ſich der Greis, der bisher ſtumm und in ſich gekehrt dageſeſſen, em⸗ por, und ſprach mit ernſter Stimme: „Es iſt nichts unmöglich unter der Sonne und iſt ja oft erzählt worden, daß Todte im Grabe keine Ruhe hatten und den lebenden 21 Menſchen erſchienen ſind. Iſt es aber wirklich wahr, daß unſer guter alter Herr der Elſe erſchienen iſt, ſo ſeid verſichert, daß der Burg oder ihren Bewohnern et⸗ was Entſetzliches bevorſteht, denn wenn Begrabene erſcheinen oder Wunderdinge ge⸗ ſchehen, ſo will der Himmel die leichtſin⸗ nigen Menſchenkinder dadurch anfwecken aus ihrer Sorgloſigkeit und ſie aufmerkſam machen auf die drohende Zukunft. Ihr wißt, daß ich zu Hof geboren bin und habt auch vielleicht von der gefährlichen Peſt gehört, die daſelbſt gewüthet hat. Kurz vor dieſen gräßlichen Sterben hat ch bei Nacht ein großer, ſchwarzer, langer Mann in der Mordgaſſe ſehen laſſen, wel⸗ cher mit ſeinen ausgebreiteten Schenkeln die zwei Seiten der Gaſſe betreten und mit dem Kopf hoch über die Häuſer gereicht hat, welchen meine Mutter, da ſie einen Abend durch gedachte Gaſſe gehen müſſen, ſelbſt geſehen, daß er den einen Fuß bei 22 der Einfahrt des Wirtshauſes, den andern gegenüber auf der andern Seite bei dem großen Haus gehabt. Als ſie aber vor Schrecken nicht gewußt, ob ſie zurück oder fortgehen ſollen, hat ſie es in Gottes Na⸗ men gewagt, ein Kreuz vor ſich gemacht, und iſt mitten durch die Gaſſe und alſo zwiſchen ſeinen Beinen hindurch gegangen, weil ſie ohne das beſorgen müſſen, ſolch Geſpenſt möchte ihr nacheilen. Da ſie kaum hindurch gekommen, ſchlägt das Geſpenſt ſeine beiden Beine hinter ihr hart zuſam⸗ men, daß ſich ein ſolch groß Gepraſſel er⸗ hebt In dieſem Augenblicke fuhr ein hel Blitzſtrahl hernieder, der die fernſten Winkel des weiten Gemaches bis zur Sonnenhelle erleuchtete und unmittelbar darauf krachte der Donner mit ſolchem Getöſe, als wenn die Veſte des Himmels einfiele und die Mauern und Thürme der Veſte zuſammen⸗ brächen. Wie wenn die zuckende Feuer⸗ 23 flamme einen Jeden tödtlich getroffen, ſo ſaßen alle unbeweglich und zu ſtarren Bild⸗ ſäulen verwandelt. Dreimal ziſchte die blitzende Schlange aus rabenſchwarzem Gewölb herab, dreimal praſſelte der Don⸗ ner nach, ein pfeifender Windzug fuhr durch das Gemach, verlöſchte die flackernde Flam⸗ me des Lichts und begrub die Halle in undurchdringliches Dunkel. Und ehe noch einer der ſonſt ſo unerſchrockenen Männer im Stande war, einen Laut hervorzubrin⸗ gen, ſprang die eichene Thür krachend auf, eine ſonderbare Helligkeit, wie das ſanfte Silberlicht des Mondes, drang durch die geffnung und herein trat eine hohe Ritter⸗ ſtalt. Eine ſchimmernde Rüſtung um⸗ ſchloß die Heldenglieder, eine blutrothe Feldbinde zog ſich über die breite Bruſt, an der Seite wiegte ſich ein mächtiges Schwert und ein wallender Helmbuſch ſchwankte bis herab auf die Schulter, das Viſir war zurückgeſchlagen und ein männ 24 liches, ſchönes, aber todtblaſſes Antlitz mit ſchwarzen, düſter rollenden Augen, ſchaute die erſchrockenen Knappen an. Dennoch ſchien das Ganze, ſo deutlich man es ſtehen ſah, aus Duft gewebt. „Nun Spötter“ fragte Erich leiſe den neben ihm ſtehenden Georg, „was meinſt Du jetzt? Sieht's nicht dem geſtorbenen Ritter Ewald gleich?“ „Ganz gleich!“ ſagte Georg. „Es macht mich ſtarr vor Furcht und Staunen.“ Eine lange Pauſe trat ein, in welcher ſich der Geiſt nicht von der Stelle bewegte und Niemand ein lautes Wort zu ſagen wagte. Endlich faßte ſich der alte Burg⸗ vogt Walther ein Herz, trat einen Schriht gegen das geſpenſtige Weſen vor und ſprach' „Wer biſt Du? Was willſt Du hier zur Stunde der Mitternacht? Biſt Du der Geiſt desjenigen, deſſen Aeußeres Du an⸗ genommen haſt? Sprich, ich beſchwöre Dich bei Gott dem Allmächtigen!“ Wie der Burgvogt ſich der Erſcheinung 25 näherte, war dieſelbe zurückgewichen und verſchwand bei den letzten Worten ganz und gar, und das Lichtlein brannte wieder, und ein Knappe ſchaute dem andern ver⸗ wundert in das verſtörte Antlitz. „Fort iſt es“ ſprach Walther. „Schade, daß es mir nicht Rede ſtand. Aber wie nun, Georg? Du bebſt und ſiehſt ſo bleich aus! biſt Du nun noch geſonnen, die Todten auf einen Nachtbeſuch einzuladen? Glaubſt Du endlich an das alte Weiber⸗ geſchwätz oder was hältſt Du von der ganzen Geſchichte?“ 4 „So war ein Gott über mir lebt!“ ach Georg ernſt, „ich würde nicht glau⸗ n, was geſchehen, wenn ich es nicht mit meinen eignen Augen geſchaut hätte! Doch ſeht, da kommt es wieder!“ — Und wirklich ſchwebte die Geſtalt des Ritters Gwald von der Haſenburg aber⸗ mals ernſt und feierlich herein. Die Ver⸗ ſammelten fühlten ſich von dem Grauen S — 26 der Unterwelt angeweht, und alle Geſichter erbleichten. Nur der kecke Georg verlor den Muth nicht. Feſt ſchaute er den Schatten des geliebten Herrn an und ſprach: „Steh, theurer Herr! Und darfſt Du ſprechen, ſo ſag' nur einen Laut zu dem treueſten Deiner Diener und verkünde ihm, was Dich beunruhigt in Deiner ſtillen Gruft. Können wir etwas thun, Dir die fehlende Ruhe zu verſchaffen, ſo ſei gewiß, es ſoll uns nicht Mühe, nicht Anſtrengung dauern! Sag' frei heraus, was Dich quält und ſei unſeres Gehorſams gewärtig!“ Ueber das Antlitz des Geſpenſtes zuckte ein Freudenſtrahl, wie wenn ein Blitz eine Ruine fährt, und es ſprach mit dum murmelnder Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen ſchien: „Beſcheidet meinen Sohn auf kommende Nacht in die Capelle und ſchweigt von dem, was Ihr geſehen!“ — III. Auf der nordöſtlichen Spitze des Felſens, auf welchem die Haſenburg thronte, ſaß am folgenden Morgen Burchard und ſchaute auf die herrliche Gegend hinab, welche ſich zu ſeinen Füßen ausbreitete. Obwohl die Trauer um den Tod ſeines Vaters alle Freuden aus ſeinem Herzen verſcheuchte, wurden doch wohlthuende Empfindungen in ihm rege bei dem Anblick des köſtlichen Panoramas rings umher, und eine friedliche Stimmung zog mit unwiderſtehlicher Kraft iein⸗ lange Zeit verödete Bruſt ein. „Schon wieder in der Einſamkeit?“ ließ ſich im Hintergrunde eine Stimme verneh⸗ men, und der alte Burgvogt ſchritt mit 6 Georg auf Burchard zu⸗ „Es iſt die beſte Geſellſchaft für mich!“ nenete der junge Ritter. „Haſt Du mir aber etwas zu ſagen, Du alter Ge⸗ 28 treuer! ſo ſprich, ich höre Dir aufmerk⸗ ſam zu!“ „Allerdings hätten wir Euch etwas zu erzählen,“ begann Walther, „wenn Ihr in der Stimmung wäret, uns anzuhören!“ „Nur heraus, was es auch ſein mag!“ Sagte Burchard raſch. „Ich bin auf Alles gefaßt!“ „Es wird Euch ſeltſam dünken, was ich Euch zu berichten habe,“ fuhr der Burgvogt fort, „aber die Botſchaft geht Euch beſon⸗ ders an und Ihr dürft nicht erſchrecken. Es ging geſtern ſchon die Rede im Schloſſe, daß der Geiſt S edlen Vaters geſchen worden ſei und — „Was ſagſt Du?“ rief Burchard flammenden Wangen und rolkenden Augen. „Der Geiſt meines Vaters hätte ſich gezeigt und wäre nicht mir, ſeinem Sohne, er⸗ ſchienen? Du lügſt!“ „Hört mich nur ruhig an, lieber Herr!“ ſprach der Burgvogt gelaſſen, „und dann ——— glaubt von der ganzen Geſchichte, was Euch gut dünkt. Geſtern Abend ſitze ich zu⸗ fällig mit Georg, Diez, Hennig, Götz, Erich und Andern beiſammen, eben als das Ge⸗ witter über den Bergen heraufzieht. Wir ſprechen davon, wie Elſe Euren Herrn Vater geſehen haben will, wir ſtreiten, ob es mög⸗ lich ſei oder nicht — da öffnete ſich die Thür und der Geiſt meines geliebten Herrn tritt herein. — Wir ſind anfangs ſprachlos, endlich aber fragen wir nach ſeinem Begehr und da befiehlt er uns denn, Euch auf kommende Mitternacht in die Capelle zu beſcheiden!“ „Du träumſt wohl, alter Mann?“ ſagte Burchard, den Greis und Lehrer ſeiner Jugend forſchend anblickend. „Fragt hier meinen Begleiter,“ ant⸗ wortete Walther, „er wird Euch daſſelbe erzählen, was Ihr von mir hörtet!“ „In der That, Herr, das muß ich!“ nahm Georg das Wort. „Auch ich zwei⸗ 30 felte, wie Ihr, daß der verſtorbene Herr erſchienen ſei und belachte die Leichtgläu⸗ bigkeit meiner Genoſſen, aber ich wurde bald eines Beſſern belehrt und wir Alle ſahen und hörten den Geiſt Eures Vaters ſo deutlich, daß durchaus keine Täuſchung obwalten kann!“ „ „Um Gottes willen, ſagt mir Wort für Wort, was er mit Euch redete!“ rief Burchard haſtig. „Er redete mit uns weiter nichts,“ entgegnete Georg, „als was unſer wackerer Vogt bereits verkündigt hat. Der Geiſt Eures Vaters verlangt Euch kommende Nacht in der Capelle zu ſehen!“ „Gut!“ ſagte der Jüngling. „Ich werde nicht verfehlen, mich dieſe Nacht einzuſtellen. Euch erſuch' ich aber, gegen Jedermann von alle dem zu ſchweigen, was Ihr ge⸗ hört und geſehen habt. Ich werde Euch dafür dankbar ſein. Geht jetzt und laßt mich allein!“ —— ——— Der Burgvogt ging mit Georg hinweg und nachdem Burchard eine Weile ſinnend geſtanden, ballten ſich ſeine Hände krampf⸗ haft zuſammen und er folgte ihnen lang⸗ ſam nach, indem er ausrief: „Hier iſt nicht Alles, wie es ſein ſoll. Mir ahnen arge Ränke! — Die Ungeduld wird mich ver⸗ zehren, ehe die Racht hereinbricht und ehe ich erfahre, was des Vaters Herz beunruhigt in ſeiner ſtillen Gruft. — Auf bleiernen Füßen war der Tag da⸗ hingeſchlichen und die langerſehnte Nacht breitete endlich ihren Dämmerſchleier über die weite Erde und ſenkte Ruhe auf die Tauſende von Menſchen, welche nach des Tages Laſt und Hitze das friedliche Lager ſuchten und Erholung von den mühſeligen Geſchäften. Es war eine ſchöne Sommer⸗ nacht. Leuchtende Sterne und flimmernde Punkte prangten in zahlloſen Schaaren auf dem dunkelblauen Grunde. Aus einem Pförtchen des nördlich ge⸗ 32 legenen Schloßflügels traten jetzt drei hohe Geſtalten, in dunkle Gewänder gehüllt, und ſchlichen behutſam an den Mauern hin, die, dunkel beſchattet, die nächtlich Wandelnden kaum bemerklich werden ließen. Stillſchwei⸗ gend und auf leiſen Sohlen huſchten ſie nach dem öſtlich gelegenen Gebäude, wo ſie bald in eine Thür traten und behutſam in einem Gange hinſchritten. Bald war das Ende deſſelben erreicht und die eine Geſtalt ſprach jetzt mit gedämpfter Stimme zu dem einen ſeiner Begleiter: „Jetzt, Walther, öffne behutſam die Pforte!“ Iſt ſchon geöffnet, heut am Tage!“ flüſterte der Burgvogt. „Drückt nur dage⸗ gen, lieber Herr!“ Burchard öffnete die Thür, welche, aller angewandten Vorſicht, in den Angeln kreiſchte, und die Drei traten in das Innere der Burgkapelle. Es war ein uraltes Kirch⸗ lein, klein und ſchmucklos. Das Licht des Mondes, das nur ſpärlich durch die bunt⸗ — bemalten Fenſter hereinfiel, erhellte alles nur mit geiſterhaftem Lichte. Still nahmen die Drei gleich am Ein⸗ gange Platz. „Wie weit mag es in der Nacht ſein?“ fragte Burchard endlich, die Stille unter⸗ brechend. „So eben verkündete das Wächterhorn die Mitternacht!“ entgegnete Georg, denn der war der andere Begleiter Burchards von der Haſenburg. „Iſt's wirklich ſchon ſo weit?“ nahm der Burgvogt das Wort. „Meine Sinne fangen an, alt und abgeſtumpft zu werden, denn meine ſonſt ſo aufmerkſamen Ohren haben nichts vernommen. Die Stunde iſt alſo da, in welcher die Geiſter der Abge⸗ ſchiedenen umzuwandeln pflegen. Macht Euch auf den Anblick gefaßt, junger Herr!“ „Ich bin gefaßt!“ ſagte Burchard feſt. „Wie ſollte ich mich fürchten vor dem An⸗ blicke des Vaters? Mein Herz, mein Den⸗ Geſpenſt. 3 34 ken und Sinnen fliegt ihm erwartungsvoll entgegen!“ Abermals trat eine lange Pauſe ein, jenes heilige Schweigen, welches immer einem verhängnißvollem Augenblicke voran⸗ zugehen pflegt. Schon begann ſich eine unwiderſtehliche Müdigkeit auf die Augen⸗ lider der Harrenden herab zu ſenken, als ein plötzliches Geräuſch die Schläftigen wie⸗ der ermunterte. Von dort, wo vor dem Altare die ſteinerne Platte in den Boden eingefügt war, welche die Treppe zu dem Grabgewölbe der Burgbewohner bedeckte, von dort ſchien das Geräuſch zu kommen. Ein dumpfes Gepolter, wie wenn ein Sarg⸗ deckel zur Erde geworfen wird, wurde laut, Eiſentritte hallten auf der ſteinernen Stiege der Todtengruft und kamen näher und näher. Der junge Ritter von Haſenburg, ſo wie der alte Burgvogt und der Knappe ſaßen wie lebloſe Bildſäulen da, ſtarr und unbeweglich. Ein unnennbares Grauen fröſtelte über ihren Körper und es durch⸗ zuckte ſie tödtliche Furcht. Die Haare ſträub⸗ ten ſich empor, ihre Ohren ſpannten auf jeden Laut, der unheimlich durch die ſtillen Räume ertönte, die Augen ſuchten das Dämmerlicht zu durchdringen, welches in der Kapelle herrſchte. Wiederum trat eine tiefe Stille ein, aber ſchon nach wenigen Minuten ſprang der das unterirdiſche Gewölbe verdeckende Stein krachend empor und die ritterliche Geſtalt des alten Haſenburgers ſtieg leuch⸗ tend heraus, in glänzenden Stahl gehüllt, das Viſir zurückgeſchlagen, das mächtige Schwert an der Seite. Ernſt und feierlich ſchwebte er einige Schritte nach dem Vor⸗ dergrunde hin, blieb dann ſtehen und blickte mit den dunklen Augen ſchweigend auf die Drei, welche lange Zeit keines Lautes mäch⸗ tig waren. Endlich erhob ſich Burchard, athmete 3 36 tief und ſprach: „Abgeſchiedener Geiſt, der Du Dein ſtilles Grab verlaſſen, ſei mir gegrüßt. Magſt Du ein Geiſt des Himmels oder des Abgrunds ſein, mag Deine Ab⸗ ſicht, warum Du mitr erſcheinſt, ruchlos oder liebreich ſein, — Du kommſt in der vereh⸗ rungswürdigen Geſtalt meines Vaters und ich nahe mich Dir in Liebe und Vertrauen. Glühend habe ich auf Deinen Anblick ge⸗ hofft, habe mich geſehnt, die Rede Deiner Lippen zu hören; o, erfülle mein Begehr und antworte mir auf meine Fragen. Sprich! theurer Schatten! warum haſt Du nicht Ruhe bei der Aſche Deiner Väter? Warum mußt Du als ein Schreckbild die Hallen. Diener Burg durchwandern, in denen Du doch als ein biederer, gerechter Ritter leb⸗ teſt? Warum ſpeit Dich die Unterwelt, die nichts wiedergiebt, wieder heraus aus ihrem Schoße? Belaſtet ein Verbrechen Deine Seele, daß Du geharniſcht und bewehrt den Deinigen erſcheinſt? Willſt Du Dein be⸗ ängſtigtes Gewiſſen erleichtern durch ein aufrichtiges Geſtändniß? Sprich, watum iſt es? Weshalb? Warum haſt Du mich hierher beſchieden?“ Der Geiſt Ritter Ewalds ſtand während dieſer Rede unbeweglich und auch nachher gab er keine Antwort auf die Frage des Sohnes, erhob aber die Rechte und winkte, daß derſelbe ihm folgen ſolle. „Er winkt Euch, mit ihm zu gehen!“ flüſterte Georg ſeinem Herrn zu. „Seht Ihr, er weiſt nach jenem Winkel, als wenn er ſich ſcheute, in unſerer Gegenwart mit Euch zu reden.“ „Der Georg hat Recht!“ nahm der * teBurgvogi das Wort. „Seht, er winkt und zeigt mit freundlicher Geberde nach dem Altare! Aber ich bitte Euch, geht nicht hin!“ „Und warum nicht?“ ſagte Burchard. „Was hätte ich denn zu fürchten? Wird der Vater ſein Kind zu ſich locken, um es zu verderben? Seht! er winkt ſchon wieder! Ich folge ihm, es geſchehe daraus, was da wolle!“ „Aber bedenkt doch, Herr, wenn es ein Trugbild der Hölle wäre, das Euch unter der Hülle des verſtorbenen Herrn zu ſchaden ſuchte?“ warnte Georg. „Seid vorſichtig! folgt meinen Worten und gehet nicht!“ — Burchard hörte nicht mehr auf die Worte ſeiner Getreuen. Unverwandten Blicks ſchaute er das Bild des Vaters an? Du winkſt mir, theurer Schatten? Geh' voran, ich folge Dir!“ Ihr ſollt nicht gehen!“ riefen Walther und Georg wie mit einer Stimme. „Laßt mich, mein Schickſal ruft!“ rief Burchard, ſich aus den Händen der wackern Diener losreißend. „Den mache ich zum Geſpenſt, der es ferner wagt, mich zurückzu⸗ halten! Bleibt ruhig, es wird mir kein Leid geſchehen!“ — Der Geiſt hatte unbeweglich geſtanden. Jetzt, als er ſeinen Sohn auf ſich zuſchreiten ſah, erheiterten ſich ſichtbar die Züge ſeines 39 Antlitzes. Er ſchwebte zurück bis in den fernſten Winkel der Capelle. Dort blieb er ſtehen, bis Burchard zu ihm herange⸗ ſchritten war. „Warum führſt Du mich in dieſen ent⸗ legenen Winkel? Was haſt Du mir zu entdecken?“ „Höre mich an,“ ſprach der Geiſt, „denn vald iſt meine Stunde verronnen, bald muß ich wieder hinab in die martervollen Schwefelflammen, bald muß ich meinen Leib wieder den Qualen der Unterwelt übergeben!“ „Ach Du armer Geiſt!“ ſeufzte Bur⸗ chard, das Bild ſeines Vaters traurig an⸗ blickend. „Beklage mich nicht, mein Sohn,“ nahm Ritter Ewalds Geiſt wiederum das Wort, „doch leih aufmerkſam Dein Ohr alle dem, was ich Dir jetzt entdecken will.“ „Sprich, Vater!“ ſagte der liebende Sohn raſch. „Ich werde Dir achtſam zuhören 4 — 40 „Und wenn Du mich gehört haſt, willſt Du mich auch rächen?“ ſprach der Geiſt weiter. „Was? Rächen?“ fragte der Jüngling und ſeine Augen leuchteten. „Wer hat es gewagt, meinen Vater alſo zu beleidigen, daß er noch im Grabe um Rache rufen muß?“— „Ich bin Deines Vaters Geiſt,“ ſprach der alte Ritter, „und verdammt, eine Zeit⸗ lang des Nachts umzugehen, am Tage aber in marternder Gluth zu ſitzen, bis ich ge⸗ läutert bin und der Schmutz aller Sünden, die ich beging, ausgebrannt und getilgt iſt. Wäre es mir nicht verboten, einem Sterb⸗ lichen etwas vom Jenſeits zu entdecken, einen Bericht müßte ich anheben, deſſen kleinſtes Wort Deine Seele aufrüttelte aus ihrer Ruhe, Dein junges Blut zu Eis er⸗ ſtarrte, Deine Augen hervor triebe aus ihren Höhlen und Deine Haare einzeln empor ſträubte. Aber ich darf nicht ſprechen, und ein ſterbliches Ohr iſt auch nicht vermögend, 41¹ die ſchaudervolle Schilderung zu ertragen. Darum rede ich nur von dem irdiſchen Gräuel, der mich traf und fordere Dich auf, Deinen Vater zu rächen! Wenn Dir je Dein Vater theuer war, wenn Du ihn je aufrichtig liebteſt, ſo räche, räche ſeinen unnatürlich ſchnöden Mord!“ „Himmel! was höre ich? Was redeſt Du? Du ſprichſt von Mord? Mord wäre an Dir verübt?“ rief Burchard wild und ſeine Wangen glühten, ſeine Hände ballten ſich und ſeine Augen ſprühten Zornes⸗ flammen. „Ja, ein ſchnöder Mord iſt an mir begangen!“ nahm der alte Ritter abermals das Wort. „Auf unerhörte und unnatür⸗ liche Weiſe bin ich gefallen, mein Sohn!“ „O, nenne mir den Mörder!“ ſchrie Burchard. „Nenne mir ſeinen Namen, daß ich hineile zu dem Schändlichen, in ſeinem Blute meinen heißen Zorn abkühle und Rache an ihm übe, wie er es verdient!“ —————— — 42 „Es thut mir wohl,“ ſprach des ge⸗ mordeten Ritters Schatten, „daß Du ſo be⸗ reitwillig meinem Wunſch entgegenkommſt. Es müßte auch in der That kein Tropfen Blut Deiner Ahnen in Deinen Adern rol⸗ len, wenn Du bei ſolcher Mähr gleichgül⸗ tig bleiben und in Deiner Ruhe verharren könnteſt. So höre denn den Namen des Mörders. Er heißt Diethhelm von Löwen⸗ burg und iſt der Gatte Deiner verruchten Mutter!“ Burchard ſchauderte zuſammen, wie wenn ihn eine Ratter geſtochen, und rief: „Ha, das hat mein Herz geahnet! Mein inneres Gefühl hat es mir geſagt! Denn wie der Falk, der nie zuvor eine Giftſchlange ge⸗ ſehen, bei dem erſten Erblicken der Kreuz⸗ otter mit geſträubten Federn zurückflattert, ſo ſagte mir auch mein erſter Blick in des Löwenburgers unheimliches Auge und auf ſeinen ſtolzen Mund: Nimm dich in Acht, deinen Todfeind haſt du heute geſehen!“ —— — 43 „Ja, der Abſcheuliche drängte ſich an mich mit der Miene der Freundſchaft,“ erzählte der Geiſt. „Ich nahm ihn gaſt⸗ freundlich auf, er trank mit mir aus einem Becher, aß mit mir aus einer Schüſſel und ich liebte ihn aufrichtig, wie einen Bruder und hielt jede Stunde für verloren, die ich nicht in ſeiner Geſellſchaft verlebte. Er aber belohnte meine Liebe mit Undank, ge⸗ wann Deine Mutter, die ich für keuſch und züchtig hielt, die ich rein glaubte, wie ein friſch gefallener Schnee, verführte ſie zu ſchnöder Luſt und, o daß ich es ſagen muß, vergaß ſich ſo weit, daß ſie, auf Anrathen ihres Buhlen, verzehrend Gift in meinen Becher warf. Mein kräftiger Körper wider⸗ ſtand lange Zeit dem teufliſchen Getränk, ich lebte den Niederträchtigen zu lange, ſie überfielen mich, den Argloſen, in einer düſtern Nacht und erſtickten mich, als ich ſchlafend auf meinem Lager träumte. Schla⸗ fend ward ich von der Hand des Freundes ———— 44 — o Gott! — von der Hand der eignen Gattin, der Mutter meiner Kinder, des ſüßen Lebens beraubt, wurde hingerafft in der Mitte meiner Sünden, ohne Nachtmahl, ohne Vorbereitung, ohne letzte Oelung, — wurde abgerufen von der Erde, ehe meine Rechnung mit derſelben geſchloſſen war, und mit dem ſchuldbelaſteten Haupte vor den Thron des furchtbaren Welten⸗ richters geſandt!“ „Hör' auf, Vater!“ ſtöhnte Burchard. „Ich bin nicht vermögend, Deine Worte länger anzuhören! Schaudervoll iſt man mit Dir umgegangen, alles menſchliche Ge⸗ fühl iſt mit Füßen getreten und ich will ihnen thun, wie man mit Dir gethan hat!“ „Thue das, mein Sohn,“ ſagte Ewald. „Haſt Du irgend warmes Blut in Dir, ſo duld' es nicht, daß das Bett Deines Vaters ein Lager der Sünde und Unzucht iſt. Doch wie Du die an mir begangen Schandthat auch rächen magſt, — beflecke 45 Dein Herz nicht gegen die, welche Dir das Leben gab, erſinne nichts wider Deine Mutter! Ueberlaß ſie der Strafe in jener Welt und den Dornen des Gewiſſens, die im Buſen wohnen. — Doch ſtill, mich dünkt, ich wittere Morgenluft und ich muß hinab in die kalte Gruft; drum lebe wohl und gedenke meiner und meiner Worte:“ Der Geiſt verſank mit unbegreiflicher Geſchwindigkeit in den Erdboden, die Stein⸗ platte ſchloß ſich wieder über ihn, man hörte in der Tiefe Gepolter und bald war alles ſo ruhig wie vorher. „O, all Ihr himmliſchen Heerſchaaren!“ murmelte Burchard in ſich hinein. „Ich ſoll Deiner Worte gedenken? Ach armer Vater, ſo lange mein Hirn vermögend iſt, einen Gedanken zu faſſen, gedenk ich nur Deiner! Rache will ich nehmen, furchtbare Rache an dem Ungeheuer, das ſich meine Mutter nennt, ſchreckliche Rache will ich nehmen an Dir, der Du das Weib ver⸗ ———— 46 führteſt zu Mord und Buhlerei, Rache, Rache, Rache will ich nehmen und dann mit tauſend Freuden ſterben gern und frei⸗ willig!“ — Der Burgvogt und Georg, welche wäh⸗ rend der ganzen Unterredung mit dem Geiſte unbeweglich am Eingange geſtanden hatten, eilten jetzt, da ſie das Geſpenſt hatten verſchwinden ſehen, auf ihren Herrn zu und fragten denſelben, was das Begehr der Erſcheinung geweſen ſei. „Habt Ihr denn nicht gehört?“ fragte ſie Burchard verwundert. „Keine Sylbe,“ betheuerte Georg. „So ſehr ich auch lauſchte, vernahm ich doch nichts, als ein dumpfes, verworrenes Ge⸗ murmel, und nur aus Euren Mienen konnte ich ungefähr muthmaßen, daß das, was Euch berichtet wurde, nichts Erfreuliches enthielt, denn Euer Antlitz verrieth Schrecken Wuth und Zorn!“ „Die Botſchaft war auch ganz geeignet, 47 ein Lamm blutdürſtig zu machen,“ entgeg⸗ nete Burchard. „Und wenn Ihr treu und verſchwiegen ſein wollt, ſo ſollt Ihr alles erfahren, denn es iſt nöthig, daß ich mich ſſ 17 nach Bundesgenoſſen umſchaue „Auf mich dürft Ihr rechnen!“ rief Walther. „Auf mich ebenfalls!“ verſicherte Georg. „Nun,“ ſagte Burchard, „ſo ſchwört hier auf den Griff meines Schwertes, Treue und Verſchwiegenheit bis zum Tode!“ „Schwört!“ rief die dumpfe Stimme des Geiſtes in der Tiefe. Walther und Georg legten ſchaudernd ihre Hände auf den Griff des Schwertes, welches ihnen Burchard vorhielt und ſchwu⸗ ren vor dem ſteinernen Bilde des Erlöſers und der Schmerzensmutter, gegen Niemand zu erzählen, was ſie dieſe Nacht gehört und geſehen, und verließen dann mit ihrem Herrn die Capelle, um auf deſſen Gemache den Hergang der Sache zu erfahren und 48 ſich mit einander zu berathen, was in dieſer Angelegenheit zu beginnen ſei. — W. Die Burgfrau Fregunde hatte eine ſchlaf⸗ loſe Nacht gehabt. Die Schlangenbiſſe der Schuld ließen ihr nirgends Ruhe, nirgends Raſt und unruhig warf ſie ſich auf ihrem Lager hin und her und ſchon begann ſich der ferne Oſten mit falbem Schimmer zu färben und noch immer nicht hatte der wohlthätige Gott des Schlummers ſeine Mohnkörner auf die müden Augenlieder des geängſtigten Weibes geſtreut. Nicht vermögend, länger auf dem ruheloſen Lager zu verweilen, erhob ſie ſich und ging mit ſchnellen Schritten im Gemache auf und ab. „Gott!“ rief ſie mit gefalteten Händen, „Gott! könnte ich meine That ungeſchehen machen, die ich im Taumel der Sinnenluſt ————— — ſ 6 49 beging und die nun zum Himmel ſchreit und mich verklagt vor dem Throne des gerechten Richters. —“ Sie warf ſich vor dem Bilde des Ge⸗ kreuzigten nieder, das, kunſtreich in Holz geſchnitten, an der Wand hing. Noch lag die ſchöne Sünderin, deren Lippen leiſe Gebete ſprochen, am Boden, als ſich die Thür des Gemaches öffnete und der Ritter Diethelm von Löwenburg hereintrat. Beim Geräuſch der Fußtritte wandte ſich die Burgfrau um, und als ſie ihren Gatten erblickte, erhob ſie ſich und ging ihm entgegen. „Schon ſo früh wach, Geliebtes“ fragte der Ritter. „Es thut mir leid, daß ich Dich in Deiner Andacht geſtört habe!“ „Du haſt mich nicht geſtört!“ entgeg⸗ nete Fregunde traurig. „Ich habe das Beten verlernt. Mein Wort ſtrebt zwar auf, doch mein Herz bleibt unten, und ich fühle, daß ein Gebet ohne Andacht nicht Geſpenſt. 4 — 50 himmelwärts dringt. O, hätten wir uns lieber getrennt, Diethelm! Wäre nur der gräßliche Gedanke, den Gatten zu morden, nie bei uns zur That geworden!“ „Wenn die That noch ein Gedanke iſt,“ ſagte Diethelm, wie vor ſich hin, „ſo iſt ſie noch nicht da. Iſt ſie aber geſchehen tief im Dunkel der Nacht und von dem Schleier des Geheimniſſes verhüllt, ſo iſt ſie auch ſo gut wie ungeſchehen, wenn nur der eigene Mund die Kraft hat das Geſche⸗ hene zu verſchweigen. Aber das eben iſt die Schlinge, in welcher die Hölle ihr Opfer fängt, das ſie ihnen vorſpiegelt, es wiſſe Niemand um ihr Verbrechen. Aber die Sünde, die man auf ſich geladen hat, wird mit jedem Augenblicke ſchwerer und der Mund hat nicht eher Ruhe, bis er die Gräuelthat verrathen. Auswendig lernen kann der Menſch alles, was er will, aber vergeſſen was er weiß, wäre es auch nur eine Silbe, das ſteht nicht in ſeiner Macht und kein Arzt kann das Gedächtniß von ſeinem Ausſatze reinigen!“ „Laß uns hoffend zu Gott emporblicken!“ ſprach Fregunde. „Laß uns Klöſter und Capellen bauen — und bereuen!“ „Der Tod iſt leichter als die Reue!“ rief Diethelm. „Die Hölle bindet feſt, was ſie einmal gefaßt und wer einmal Böſes gethan, deſſen Herz neigt ſich ewig zum Böſen hin. Laß uns getroſten Muthes durchs Leben gehen. Was haben wir zu fürchten? Wer kann uns beweiſen, was wir gethan, wenn wir ſelbſt es nicht aus⸗ ſprechen? Und wenn man es wüßte, wer wollte uns zur Rechenſchaft ziehen? Wer würde es wagen, den Löwenburger anzu⸗ greifen? Mag die ganze Welt gegen uns heranziehen, ſie ſoll ſich die Stirn zerſchellen an den Mauern dieſer Veſte. Doch was reden wir? Es ahnet Niemand unſer Ver⸗ brechen, Niemand denkt daran, es zu be⸗ ſtrafen, im Gegentheil kommen, wie Du 4* 52 weißt, heut der Freunde und Bekannten viel zu uns und Du thuſt wohl, auf eine ſtattliche Bewirthung zu denken. Verſcheuche aber vor allen Dingen jedes Bangen aus Deiner Seele, ſtreich die düſtern Falten von Deiner Stirn und laß Dein Auge heiter blicken!“ „Ich will thun, was in meinen Kräften ſteht!“ ſprach Fregunde, ihren Gatten die Hand reichend. „Vor Menſchen will ich meine That wohl verbergen, gelänge mir es nur auch, ſie vor dem zu verhüllen, der der Menſchen Thaten ſieht und ſie ſtraft, gerecht und unbeſtechlich.“ Sie ſchritt aus dem Gemache hinaus und ließ ihren Gatten, der ihr lange nach⸗ blickte, in ſehr ernſter Stimmung zurück. „Warum,“ murmelte er in ſich hinein, „konnte ich dies Weib, daß mit ſo glü⸗ hender Liebe an mir hängt, nicht ohne Schuld an mich ketten? Ich konnte ſo glück⸗ lich ſein und der Gedanke an das Jenſeit 53 raubt mir allen Frieden! — Wenn es wahr wäre, daß der Menſch da droben alles, was er gethan, vertreten ſollte, ſo wäre das ſchlimm und es ſtände übel um ein gutes Ende. — Und dies Leben iſt ſo kurz und das andere ſo lang — ſo lang! Viel⸗ leicht wäre es wohl ſo gräßlich nicht, wenn man es genau kennte, denn vielleicht iſt es wenig anders als auf Erden; der Richter zürnt, ſtraft und — vergiebt. Nur das tiefe Dunkel, welches auf jenem Leben ruht, macht es furchtbar und grauſenvoll und das Wort: „Ewig“ ſträubt des Sünders Haar empor!“ Der Knappe Diez trat jetzt herein und meldete, daß einige Ritter mit ihren Haus⸗ frauen und Töchtern bereits eingetroffen wären und ſchon mehrere Male nach dem Burgherrn gefragt hätten. „Muth gefaßt!“ ſagte Ritter Löwenburg zu ſich ſelbſt und begab ſich in den großen Saal, in welchem die Knappen bereits ge⸗ dM—in — ſchäftig auf⸗ und abliefen und die Ange⸗ kommenen fleißig bedienten. Der Burgherr hieß alle freundlich will⸗ tommen und es gelang ſeiner Gewandt⸗ heit und feinen Weltſitte, ſeinen Kummer zu verbergen und die Geſel lſchaft über den Zuſtand ſeines Herzens zu täuſchen. In jedem Augenblicke ertönte das Horn des Wächters, neue Gäſte verkündend, und der Saal war bald gefüllt. Auch Burchard von Haſenburg war in den Saal getreten und unterhielt ſich, dem Anſchein nach gleichgültig, bald mit dieſem, bald mit jenem Ritter, obgleich in ſeinem Innern eine duukle Gluth des Zornes wider den Mörder ſeines Vaters brannte. Jetzt öff⸗ nete ſich abermals die Thür und der alte Ritter Roland von der Haarburg trat her⸗ ein, am Arme eine jugendliche Mädchen⸗ geſtalt von wunderbarer Anmuth führend. Augen, die mit der tiefſten Bläue des Him⸗ mels wetteiferten, blickken, wie zwei Sonnen, — ein unerwartetes Ende. Die Gäſte, die ſich fortan von ihrem längeren Aufenthalte auf der Haſenburg wenig Vergnügen ver⸗ ſprachen, ließen ihre Roſſe ſatteln und rit⸗ ten eilfertig ab, indem Niemand zurück blieb, als Ritter Conrad von Aſcherode. Mit theilnehmender Miene rieth auch er dem Jünglinge, das Schloß ſeiner Väter auf einige Zeit zu verlaſſen, bis ſich der Zorn und die Wallung der Gemüther ge⸗ legt, und als er ihm das Verſprechen ent⸗ lockt, mit ihm zu reiten, verließ er ihn, um die Roſſe ſatteln zu laſſen. Diethelm von Löwenburg ſchritt unter⸗ deſſen in ſeinem Gemache auf und ab. Das Blut brauſte in ſeinem Innern und wollte die Adern zerſprengen. Lange Zeit ſchon war er im Zimmer hin und her ge⸗ ſchritten, die Arme verſchränkt und das ſtolze Haupt gebogen nach der Bruſt. Feſt ſtellte er ſich mit einem Male jetzt, Hohn kam um ſeinen wohlgeformten Mund, ſein 64 Nacken ſtreckte ſich gerade auf und ein lau⸗ tes, ſtoßendes Gelächter zeigte ſeine weißen, auf einander gepreßten Zähne. „Graues Verhängniß,“ ſprach er mit halber, dumpfer Stimme, „du dürres Geſpenſt, das die Alten zum Weltregenten machten, dem Erde und Himmel, Götter und Menſchen gehorch⸗ ten, biſt du es vielleicht, das mich heraus⸗ fordert? Heran, du morſcher Popanz, Diet⸗ helm von Löwenburg iſt der Mann, einen Gang mit dir zu wagen. Nichts habe ich gefürchtet, ſeit ich aus den Knabenſchuhen trat. Mein Geſchick machte ich mir ſelbſt durch den Witz meines Hirns, durch die Unerſchrockenheit meiner Seele und durch die ungebengte Kraft meiner Glieder. Was zagſt du denn, Mann ohne Furcht, weil ein unerwarteter Auftritt deinen Stand auf einige Augenblicke ſchwanken machte, weil ein Bürſchchen, das du überſaheſt und der Beachtung für unwerth hielteſt, einmal ſo keck iſt, deinen Gegner ſpielen zu wollen, 65 weil die Metze Fortuna dir auch einmal ihre unſchönere Seite zeigt? Diethelm! nicht beugen muß dich die Herausforderung des Geſchickes, nein, ſtraffer ſpannen muß ſie den Bogen deines Scharffinns, doppelt ſtark machen die Rieſenkeule deines ſiegen⸗ den Verſtandes!“ Durch die eigene verwegene Rede an Geiſt und Gemüth gekräftigt, warf er ſich in einen Seſſel und ſtützte ſinnend das Haupt in die Hand. Aber noch nicht lange hatte er geſeſſen, da ſtörte ihn das Knarren der Thür und herein ſchaute das zottige Haupt Conrads von Aſcherode, und fragte, ſo leiſe es ſeiner tiefen Baßſtimme möglich war: „Iſt es erlaubt, Diethelm von Lö⸗ wenburg?“ „Nur näher, Ritter Aſcherode!“ rief Diethelm aufſpringend. „Gut, daß Du kommſt; ich habe mit Dir zu reden. Aber vor allen Dingen, was macht mein theurer Stiefſohn?“ Geſpenſt. 66 „Jetzt iſt er wieder ruhiger!“ ſprach Conrad von Aſcherode. „Aber es dauerte lange, ehe ich im Stande war, den jungen Löwen zu beſänftigen. Zuletzt habe ich ihn aber doch ſo weit gebracht, daß er ſich entſchloſſen hat, mit mir nach Aſcherode zu reiten, während er anfangs geſonnen war, ſich nach der Haarburg zu begeben!“ „Gut der Knabe läuft uns von ſelbſt in's Garn!“ rief Diethelm, frohlockend die Hände reibend. „Er darf nicht lebend wieder aus Deiner Burg, hörſt Du? Es ſcheint, als wiſſe er mehr, als mir und Dir lieb ſein kann, darum handle klug und räume ihn unvermerkt aus dem Wege!“ „Iſt leichter geſagt, als gethan!“ brummte Ritter Conrad. „Freilich darf er nicht lange leben, wenn er, wie es mir ſelbſt faſt ſcheint, Ahnung hat von dem gewaltſamen Tode ſeines Vaters, obgleich ich nicht begreifen kann, wie ihm darüber irgend eine Kunde hat zu Ohren kommen 67 können. Aber wie ſoll ich es anfangen, ihn ohne Aufſehen zu vernichten? Wenn man ihn mit mir wegreiten ſieht, und er iſt plötzlich von der Erde verſchwunden, ſo iſt es gar nicht anders möglich, als daß der Verdacht auf mich fällt!“ „Ei, iſt Dein Hirn auf einmal ſo ſchwach geworden?“ lachte Diethelm. „Be⸗ ſinne Dich nur, Du alter Sünder, und es wird Dir ſchon ein Mittelchen einfallen. Dein Lohn ſoll fürſtlich ſein, wenn Du es klug anfängſt. Du ſtehſt in dem Rufe, ein treuer Freund Ritter Ewalds geweſen zu ſein und das allein iſt hinreichend, jeden Verdacht von Dir abzuwälzen. — Und in äußerſten Falle,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, „bin ich der Mann, Dich gegen Gewalt zu beſchützen!“ „Nun ich werde ja ſehen, was ſich thun läßt!“ entgegnete Conrad von Aſcherode mit widerlichen Gelächter. „Jetzt aber will ich das arme Schlachtopfer nicht länger 5* 68 warten laſſen und mich davon ſchleichen, ehe Jemand gewahrt, daß ich mit Euch einen heimlichen Zwieſprach hatte! — So lebt denn wohl und ſeid gewiß, daß ich nichts unterlaſſen werde, was mir Euer Wohlwollen und Eure Zufriedenheit erwer⸗ ben kann. Was die verheißene Belohnung anbetrifft, ſo haltet nur ein hübſches Sümmchen bereit, denn vielleicht komme ich ſchon morgen Abend und hole den ver⸗ dienten Lohn! Er reichte den Löwenburger die t tige Rechte und nachdem dieſer nochmals die reichlichſte Belohnung verheißen, entließ er ihn und blieb ruhigern Gemüths in ſeinem Gemache zurück. — Wenige Minuten ſpäter wurden die Roſſe Burchards von Haſenburg und Con⸗ rads von Aſcherode vorgeführt. — Von Todesangſt gefoltert und mit böſen Ah⸗ nungen im ſchuldbewußten Herzen ſah Fre⸗ gunde durch das geöffnete Fenſter ihres 69 Gemaches das Roß Burchards geſattelt und gezäumt im Burghofe ſtehen und wankte mit unſichern Schritten nach dem Gemache vihres Sohnes, um ihn wo möglich zum Dableiben zu bewegen. Schon auf dem Gange begegnete ihr derſelbe, zur Abreiſe gerüſtet, und als ſie mit gebrochener Stimme ihn zum Dableiben zu bewegen ſuchte, brach Burchards Zorn unaufhaltſam los und er rief mit donnernder Stimme: „Da bleiben ſoll ich? In dieſer Burg, die mit dem ſchändlich vergoſſenen Blute meines Vaters befleckt iſt? Willſt Du mich auch morden, wie Du den Gatten gemordet haſt? Mör⸗ derin! Mörderin! Ich lade Dich vor Gottes Gericht, Dich die Mutter und den ſchänd⸗ lichen Löwenburg. Vor den Thron des dreieinigen Gottes lade ich Euch. Dort ſollt Ihr ſagen, warum Ihr das gethan! Schwer und von tauſendfachem Fluch be⸗ laden ſei Euer Leben, aber ſchwerer R Eure Todesſtunde! Wahnſinn erfaſſe Euch, Höllenqgual wühle Euch im Buſen! Ver⸗ maledeit ſei der Prieſter, der Euch abſolvirt, vermaledeit die Hand, die Euch in Noth und Tod hilfreich iſt. Eurem Gebet, Eurem Flehen verſchließe Gott ſein Ohr, und nicht im Himmel, nicht auf der Erde, in der Hölle nicht, ſei für Euch Beide irgend ein Troſt, irgend eine Gnade, irgend eine Hoff⸗ nung, bis zum jüngſten Gericht!“ Als er dieſe Worte mit der äußerſten Heftigkeit geſprochen, ließ er das bebende und zermalmte Weib ſtehen, wandte ihr verächtlich den Rücken und ſchritt in den Hof hinab, wo Conrad von Aſcherode be⸗ reits zu Gaule ſaß und ungeduldig ſeines Begleiters harrte. Schnell ſchwang ſich Burchard in den Sattel und beide Ritter jagten pfeilſchnell durch das Thor der Veſte. Nach einem ſcharfen, aber kurzen Ritte hielten Beide vor der alten Burg Aſcherode einem gewaltigen, rauchſchwarzen und un⸗ förmlichen Steinklumpen, mit einem tiefen —— — rad führte ſeinen Gaſ 71 Graben umgeben und mit hohen Ring⸗ mauern und Eckthürmen wohl verſehen. — Ein Knappe ſprang eilig herbei, die Roſſe in Empfang zu nehmen, und Ritter Con⸗ ſt eine enge Stiege hinan in das düſtere Trinkgemach. Bald dampften auch gut bereitete Speiſen auf dem mächtigen Eichentiſche in der Mitte des Gemaches und goldener Wein ſprudelte in geräumigen Zinnbechern, da aber Burchard unwillkürlich in die Erinne⸗ rung an die Ereigniſſe des Tages verſank und Conrad über ſeinen ſchändlichen Ent⸗ würfen brütete, war die Unterhaltung ſehr einſilbig und der Jüngling ſuchte deßhalb bald ſein Lager, um im Traume Vergeſſen⸗ heit alles deſſen, was ihn quälte, zu erringen. Seine aufgeregten Sinne ließen ihn aber lange den ſüßen Schlaf nicht finden und erſt nach langer Zeit verſank er in jenen uſtand zwiſchen Wachen und Schlafen, in welchem die bunten Bilder der Traumwelt 72 ſich mit der Wirklichkeit vermiſchten. Eine Stunde mochte er ſo gelegen haben und die jugendliche Natur begann gerade ihr Recht zu fordern, — da ließ ſich plötzlich ein ſchrillendes, unerklärliches Geräuſch ver⸗ nehmen und als Burchard erſchrocken von ſeinem Lager emporfuhr, füllte Dampf das Gemach und wunderbar ballten ſich die Nebelmaſſen und zogen ſich immer dichter zuſammen und bildeten eine Geſtalt, an der ſich endlich Züge entwickelten, in denen Burchard mit Staunen und freudigen Schreck diejenigen ſeines geliebten Vaters erkannte— Langſam und feierlich und mit Mienen, die tiefſten Schmerz auszudrücken ſchienen, ſchwebte er auf Burchard zu und ſprach mit Tönen, welche erklangen, als wenn in lauer Sommernacht ein ſanfter Weſt durch die Blätter der blühenden Linden rauſcht: „Burchard, ſei auf Deiner Hut! Dir droht Gefahr! Es iſt mir nicht erlaubt, länger ————.————— E2 C——.——— 73 hier zu verweilen und Dich durch meine Gegenwart zu beſchützen, darum bete und wache und Gott beſchütze Dich. Leb' wohl!“ Er verſchwand, indem ſich ſeine Geſtalt wieder im Nebel auflöſ'te, der nach und nach ganz verrann, das Gemach erſchien wieder blaß im Glanze des phantaſtiſchen Mondlichts, und Burchard griff fragend an die Stirn: ob er wohl nicht geträumt und wohl recht geſehen habe. Alles war ſtill und als er ſich verſichert hatte, daß ſein gutes Schwert auf dem Seſſel vor ſeinem Lager liege, lehnte er ſich ſorglos auf das Lager zurück und ſann hin und her, von welcher Seite ihm wohl Verrath und Ge⸗ fahr drohen könne. Schon begann ſich abermals die Macht des Schlafs an ihm zu äußern, als er zum zweiten Male durch ein Geräuſch erweckt wurde. Er öffnete die Augen und blickte unverwandt nach der Thür des Gemaches, woher das Geräuſch zu kommen ſchien, ſah, wie dieſelbe langſam eine Geſtalt auf leiſen Sohlen durch dieſelbe eintrat. Mit nicht geringem Staunen er⸗ kannte er in dem behutſamen Eintretenden augenblicklich ſeinen Wirth, den Ritter Con⸗ rad von Aſcherode. Ein weißer Mantel, in welchen ſich derſelbe gehüllt hatte, gab ihn das Ausſehen einer geſpenſtigen Erſchei⸗ nung. Dazu war ſein Angeſicht ſchrecklich verzerrt und furchtbarer als ſonſt, ſeine ſchwarzbraunen, zottigen Haare hingen lang um den entblößten, nervigen Hals und in ſeiner Rechten trug er ein blankes Meſſer, deſſen Griff er feſt gegen ſeine Bruſt gepreßt hatte. So trat er langſam zum Lager Burchards und ſtarrte mit den weit offenen Augen nach dem Ruhenden hin. Der junge Haſenburger ſah ſich in einer wahrlich beängſtigenden Lage. Furcht war ſein Fehler nicht und ſeiner Jugend⸗ kraft ſich bewußt, konnte es ihm nicht miß— glücken, durch einen gewandten Aufſprung und vorſichtig geöffnet wurde, und wie 75 jedem Angriff zu entgehen und den Geg⸗ ner im erſten Augenblicke der Ueberraſchung niederzuſtoßen oder zu entwaffnen; aber die Ungewißheit, was dieſer nächtliche Be⸗ ſuch eigentlich bezwecke, machte ihn bewe⸗ gungslos. Er hielt ſogat den Athem an und wagte nur unter den halbgeſchloſſenen Augenliedern hervor, in banger Erwartung und mit geſpannter Neugierde das Thun des Alten zu beobachten. — Lange ſtand der Ritter Aſcherode in derſelben Stellung, dann bewegten ſich ſeine Lippen, er mur⸗ melte unverſtändliche Reden in ſich hinein, von denen Burchard nichts verſtand, als: „Es muß ſein! Er muß daran! — Schnell! ſchnell!“ — 4 In höchſter Aufregung ſtarrte Burchard den nächtlichen Beſuch an. — Was ſollte er denken? War Aſcherode vielleicht ein kranker, gefährlicher Nachtwandler oder lag in ſeinem Erſ cheinen eine tiefere Bedeutung? —Jetzt hob Ritter Conrad das Meſſer, 76 wie zum Todesſtoße und murmelte: „Stirb im Schlaf, daß Du nicht ſtichſt, Schlange!“ — und nun hielt es Burchard nicht länger für rathſam, weiter abzuwarten, was Aſche⸗ rode thun würde, da er über die Abſichten deſſelben nicht länger in Zweifel ſein konnte. Schon aber ſtieß Conrad zu, jedoch der Stoß traf durch die Bewegung, welche Bur⸗ chard in demſelben Augenblicke machte, glück⸗ licher Weiſe nicht die Bruſt, ſondern nur die Schulter. Burchard konnte ſeiner Kraft und ſeiner Gewandtheit vertrauen, beide wurden durch die Verzweiflung noch ver⸗ doppelt und mit einem Wuthſchrei über die Frechheit ſeines Gegners ſprang er em⸗ por. Das lange Meſſer des Gegners blinkte im Mondſcheine, aber dreiſt warf ſich Bur⸗ chard unter den Arm ſeines Feindes, ſeine rechte Hand faßte die Gurgel, ſeine Linke den drohenden Arm, und ſo entſtand ein Ringkampf ohne Gleichen. Da glitt Bur⸗ chard auf dem glattgetäfelten Boden aus, ———— ——— — er ſtürzte und riß den ſtöhnenden Aſcherode mit ſich und auf ſich zu Boden. Aber die Hand des Racheſchnaubenden war frei ge⸗ worden, er führte triumphirend den Mord⸗ ſtoß, Burchard aber ſchlug jetzt in Todtes⸗ angſt beide Arme um den Gegner und gleich der Rieſenſchlange, welche der Tiger mit ſeinen Klauen faßte, guetſchte er den Feind an ſich, daß er und jener unbeweg⸗ lich und feſt verſchnürt lagen, Beiden im wechſelſeitigen Druck der Athem zu erlöſchen drohte, Beider hervorgequollene Augen kaum zollweit von einander funkelten und Con⸗ rad von Aſcherode mit den Zähnen nach dem Geſicht ſeines Feindes fletſchte. Aber in wenigen Minuten lag der knirſchende Aſcherode halb erdroſſelt am Boden, jedoch auch Burchard lehnte erſchöpft und halb⸗ vernichtet an Geiſt, wie an Leib an der Wand. Nicht lange aber blieb er in ſeiner Unthätigkeit, denn mit Entzücken ſah er das lange Meſſer, welches im Ringen den Händen Conrads entfallen war, am Boden liegen. Schnell ſprang er darnach, in dem⸗ ſelben Angenblicke, wo ſich auch Aſcherode deſſelben wieder zu bemächtigen ſuchte, und ſtieß es ſeinem Feinde in die Bruſt. Dieſen riſſen Schmerz und Wuth zur Verzweiflung, beide Arme ſchlug er um ſeinen Feind, alle ſeine Kräfte ſammelten ſich in der engen Umſchlingung. „Der Tod hat mich,“ rief er kreiſchend mit einer Stimme, die durch das ganze Gebäude ſchallte, und vor der Burchard zuſammenſchauderte, „aber Du mußt mit, mit in den Tod, Du Sohn der Hölle!“ Und zu dem offnen Fenſter riß er den Jüngling und Beide ſtürzten hinab und in der ſchwarzen Tiefe des ſchlammigen Burggrabens klatſchte es laut und noch⸗ mals rauſchte es drunten wie Kampf um das Leben, dann ward es ſtill, ſtill wie das Grab. Das Geſchrei des Ritters Aſcherode war aber in der Burg gehört worden und es eilten bereits mehrere Knappen herbei, die, — als ſie ſahen, was geſchehen war, ſchnell in den Graben hinabſtiegen und die faſt Ertrunkenen auf das Trockene brachten. Wie todt wurden die Beiden in das Innere der Veſte gebracht und dort dauerte es lange, ehe ſie ſich unter den Händen der hilfreichen Diener zum Leben erholten. Ritter Conrad ſchäumte, ſobald er wie⸗ der zur Beſinnung kam, wie ein verwun⸗ deter Eber und befahl, den Haſenburger in den feſten Eckthurm zu bringen. Sein Auftrag wurde mit großer Pünktlichkeit vollzogen und Burchard ſah ſich bald in ein Gemach verſetzt, das nur durch ein ſchmales, mit ſtarken Eiſenſtäben vergitter⸗ tes Fenſter erhellt wurde und in welchem er Muße hatte, über ſein Schickſal, über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Verzweiflungsvoll lehnte er die heiße Stirne an die kalte Mauer bis der Abend 80 bereits in das Gefängniß herein zu däm⸗ mern begann. Da ward er durch ein lei⸗ ſes Rufen aus ſeinem Nachſinnen erweckt, das ſich dicht unter dem Fenſter ſeines Ge⸗ fängniſſes vernehmen ließ und ihm zu gel⸗ ten ſchien. Zwar waren ihm, als er ſich von Neugierde getrieben von der Stelle zu bewegen ſuchte, die Glieder vor Ermattung wie gelähmt, aber er ſchlich doch an das Fenſter. Wie groß war ſein Befremden, als er jetzt, um dem räthſelhaften Geräuſch auf den Grund zu kommen, die Augen hinab⸗ warf und auf dem ſchmalen Raſenflecke, welcher ſich zwiſchen der Burg und dem Graben hin erſtreckte, ein altes Weib be⸗ merkte, das mit Merkmalen peinlicher Un⸗ geduld ſeinem Erſcheinen am Fenſter ent⸗ gegen harrte. „Lieber, junger Herr!“ erklang die Stimme der Alten in der Tiefe, „wie lange habt Ihr mich warten laſſen, und jeder — —————— — —————— eatauit⸗—— 81 Augenblick iſt doch ſo koſtbar! Erkennt Ihr mich denn nicht?“ Die Dämmerung war bereits ſo ſtark geworden, daß Burchards ſonſt ſcharfes Auge nicht vermögend war, die Geſichts⸗ züge des Weibes deutlich zu erkennen, des⸗ halb antwortete er: „Deine Stimme ſcheint mir bekannt, aber Dein Geſicht kann ich nicht mehr erkennen! Wer biſt Du denn, und was willſt Du von mir?“ „Ach Gott, ich bin ja Eure alte Am⸗ e!“ flüſterte die Alte, indem ſie ſich ſcheu umblickte, „kennt Ihr denn die alte Jutta nicht mehr? Ach, lieber Herr! ich habe, ſeit ich von der Haſenburg wegging und meinem Friedbert hierher als treues Ehe⸗ weib folgte, gar Vieles ausgeſtanden. Aber davon ein ander Mal. Jetzt iſt nicht Zeit, davon zu reden, denn wir haben Wichti⸗ geres mit einander zu berathen. Schon lange ſuchte ich zu Euch zu kommen, aber erſt jetzt iſt es mir gelungen, von den wach⸗ Geſpenſt. 6 — 82 ſamen Blicken des Burggeſindes unbemerkt hierher zu ſchleichen, wo, wie ich wußte, das Fenſterlein Eures Kerkers hinausgeht. Nehmt, was ich Euch mitgebracht habe und was Euch gute Dienſte leiſten wird.“ Die gute Ate griff jetzt nach einer langen Stange, welche ſie an die Mauer gelehnt hatte und an deren oberes Ende ein Körbchen befeſtigt war. Mit dankbar gerührtem Gemüth ſchickte Burchard ſich an, die Flaſche Wein und das Bockwerk in Empfang zu nehmen, in⸗ dem er aber zur Erreichung ſeiner Abſicht ſich mit der linken Hand an dem eiſernen Gitterſtabe des Fenſters feſtzuhalten ver⸗ ſuchte, fing dieſer an, der Gewalt nachzu⸗ geben und ſich zu lockern. Sogleich durch⸗ blitzte, wenn auch für den gegenwärtigen Augenblick an die Ausführung eines ſo kühnen Unternehmens noch nicht zu denken war, bei dieſem Ereigniſſe, in welchen er einen günſtigen Wink des Schickſals zu er⸗ 83 kennen glaubte, ein aufheiternder Hoffnungs⸗ ſtrahl ſeine Seele. Auch Jutta war auf das Augenſcheinlichſte davon überraſcht; auch in ihrem Gemüth ſchien bei Erblickung des herabbröckelnden Geſteins der Gedanke an einen Entwurf zu erwachen, von deſſen Möglichkeit ſie kurz zuvor noch keine Ah⸗ nung gehabt hatte. „Liebe Jutta!“ redete ſie Burchard nach' einer Weile an, „Du ſiehſt, Rettung wäre möglich, wenn es Dir gelänge, mir eine Feile oder ein anderes Inſtrument zu ver⸗ ſchaffen, mit dem ich das Gitter vollends aus der Mauer heraus reißen könnte. Ver⸗ ſorgteſt Du mich dann mit einem Stricke, ₰ der lang genug wäre, mich von dieſer Höhe hinab zu laſſen, ſo wäre ich gerettet und 6 Du hätteſt das ſchöne Bewußtſein, Deinen einſtigen Pflegling vom ſchmähligen Tode gerettet und ihn dem ſonnigen Leben wie⸗ dergeſchenkt zu haben.“ Die Alte bog ſich plötzlich auf die Seite, 6* 84 als wenn ſie nach irgend etwas horche, dann ſprach ſie: „Ich darf jetzt nicht länger hier verweilen, denn meine Abweſenheit drinnen in der Burg möchte Verdacht rege machen. Alles, was für Euch noch geſchehen könnte, wäre dann vereitelt! Laßt es daher auch, um aller Heiligen willen, Eure eifrigſte Sorge ſein, die Flaſche nicht bemerken zu laſſen und hegt das feſte Vertrauen zu mir, daß ich bei dem Mitleid und der Liebe welche ich gegen Euch empfinde, keine zu Euren Gunſten ſich darbietende Gelegenheit unbenutzt laſſen werde! Vielleicht gelingt es mir ſchon morgen, Euch Alles, was ihr verlangt, zuzuſtellen! FJetzt aber lebt wohl!“ — Burchard konnte an der Aufrichtigkeit der Geſinnungen der alten Jutta nicht zwei⸗ feln und zog ſich, nach der eilfertigen Ent⸗ fernung der Alten, mit erheitertem Gemüth auf ſein Lager zurück, wo er die erhaltene Flaſche leerte und zum erſten Mal wieder ee———— 85 fröhlichen Herzens an die Zukunft dachte. Burchard verſank in einen feſten, bis zum hellen Morgen anhaltenden Schlaf und „ fühlte ſich beim Erwachen wie neu beltbt. Die durch den ſchweren Kampf und die leichte Verwundung erzeugte Mattigkeit und — Abſpannung hatte ſich faſt gänzlich verloren und ein friſcher Lebensmuth war ihm in die leichter athmende Bruſt zurückgekehrt. Dennoch hielt er es, als er um die Mit⸗ 4. tagsſtunde das Klirten der Eiſenriegel an der Thür ſeines Gefängniſſes vernahm, für gerathen, den Kranken zu ſpielen, um weni⸗ ger ſtreng bewacht zu werden. Darum blieb er, indem der Schildknappe hereintrat, um ihm Lebensmittel zu überbringen, ſtill in 3 ſich ſelbſt gekrümmt und mit ſcheinbaren 1 . Merkmalen von Verſchlimmerung ſeines 5 Zuſtandes auf der eingenommenen Stelle 1 liegen, ohne ſich in eine weitläufigere Un⸗ 5 terredung mit ihn einzulaſſen, Er erreichte auch durch dieſe Liſt ſeine Abſicht, daß er ₰ 86 ſich nämlich ſchon nach wenigen Minuten wieder allein gelaſſen ſah. Als die Dämmerung abermals ihren verhüllenden Schleier über die Erde breitete und der herbſtliche Wind laut in den Zwei⸗ gen rauſchte, erſchien Jutta abermals unter den Fenſter des Gefangenen und als ſie ſich durch vorſichtiges Umherſchauen über⸗ zeugt hatte, daß kein Horcher in der Nähe lauſche, meldete ſie dem Erwartungsvollen, daß ſeine Flucht aus der ſchmählichen Ker⸗ kerhaft vielleicht ſchon heut, wenn er anders dazu die Kraft fühle, vor ſich gehen könne, da ſie die Gegenſtände, welche er ſo ſehn⸗ lich begehrt, bereits bei ſich habe. — Sie reichte ihm dieſelben, fügte aber zugleich ihr Bedenken hinzu, wie er es anfangen wolle um über den breiten und tiefen Graben. zu gelangen. Burchard war aber darüber keinen Au⸗ genblick verlegen, denn er hatte ſchon am entgegengeſetzten Ende des Burggrabens 87 eine Stelle bemerkt, wo ſich derſelbe ſehr nahe zuſammenzog. Jenſeit am Wald⸗ ſaume aber, kaum einige dreißig Schritt vom Graben entfernt, waren einige Tan⸗ nen gefällt und brauchten nur über den Graben gelegt zu werden, um zu eiuer zwar gefährlichen, aber doch rettenden Brücke zu dienen. Er theilte ſeiner theil⸗ nehmenden Pflegerin dieſe Bemerkung mit und dieſelbe war ſogleich bereit, das Wag⸗ ſtück thätig begünſtigen zu helfen; ſie ver⸗ ſicherte, die Söhne einer nahe wohnenden Köhlerwittwe, die ihr befreundet ſei, würden gern zu den Rettungswerke hilfreiche Hand leiſten, beſonders wenn er nicht unterlaſſen werde, ihnen die That reichlich zu vergelten. „Seid indeſſen auf Eurer Hut,“ fügte ſie hinzu, und erbrecht das Gitter des Fenſters nicht zu früh.“ Burchard verbarg die Mittel zu ſeiner Rettung unter das Stroh des Lagers und harrte, von Furcht und Hoffnung in abwech⸗ ſelnder Gewalt ergriffen und bewegt dem Abend und der ſtillen Nacht entgegen, die es ihm möglich machen ſollte, ſeinem ge⸗ fährlichen Feinde zu entkommen. — End⸗ lich kam die Nacht heran und als er, ohne befürchten zu müſſen, bei ſeiner Arbeit aus der Ferne beobachtet zu werden, an's Werk ſchreiten konnte, ergriff er die Feile und arbeitete fleißig und behutſam, und dabei mit ſolchem Glück an der Aushebung der Eiſenſtäbe, daß er ſchon nach einer An⸗ ſtrengung von wenigen Stunden ſeine Ar⸗ beit mit dem ſchönſten Erfolge gekrönt ſah. Das Gitter war gelöſt und er konnte ſich zwar mit einiger Beſchwerde, aber dennoch glücklich durch die Oeffnung hinauszwängen. Stundenlang lauſchte er nun an der Oeff⸗ nung und eine hohe Freude durchzuckte ihn, als er endlich leiſe Tritte vernahm, die das Herannahen der getreuen Jutta verkündeten. Als Burchard ſeine Anweſenheit am Fenſter durch leiſes Räuspern kund gegeben hatte, —— 89 flüſterte die Alte: „Iſt Eure Arbeit ge⸗ glückt und das Gitter beſeitigt?“ „Ja,“ entgegnete Burchard eben ſo leiſe, „es iſt alles fertig und ich kann zu jeder Minute meinen dunkeln Weg antreten. Iſt in der Burg alles ruhig und droht keine Gefahr?“ „Wäre drinnen nicht alles ſtill wie das Grab, ſo ſähet Ihr mich auch noch nicht hier!“ ſagte Jutta. „Vor Lauſchern ſind wir ſicher. Vor allen Dingen gebt mir die Flaſche zurück, worin der Wein befindlich war. Ich habe den Keller unter meinen Hän⸗ den und es könnte mir leicht Gefahr bringen, wenn man ein mit dem Aſcherodiſchen Wap⸗ pen befindliches Gefäß in Eurem leeren Neſte auffände!“ Burchard band die Flaſche an das untere Ende des Seils, ließ es hinab und be⸗ feſtigte das obere Ende an einem eiſernen Haken. Die Alte löſte das Gefäß ab und verſenkte es in den moraſtigen Burggraben, 90 dann blickte ſie mit geſpannter Erwartung empor und harrte ungeduldig auf das Er⸗ ſcheinen ihres Lieblings. Dieſer ließ ſich mit der größten Behut⸗ ſamkeit und mit einem der ausgebrochenen Eiſenſtäbe bewaffnet, an dem Rettungsſeile hernieder und fühlte bald mit unausſprech⸗ lichem Entzücken feſten Boden unter ſich⸗ Gerührt ſchlang er ſeine Arme um den magern Hals der guten Alten und drückte einen heißen Kuß der Dankbarkeit auf die runzlichen Wangen Jutta's mit dem Ver⸗ ſprechen, ihr nie und nimmer zu vergeſſen, was ſie für ihn gethan. Jutta war nicht ermögend, ein einziges Wort hervorzu⸗ ringen, und ſie drückte dem Jünglinge nur die Hand. Als aber derſelbe ſeinen gefährlichen Gang über den Graben an⸗ trat und im Dunkel verſchwand, ſank ſie auf den feuchten Boden und betete um die glückliche Rettung ihres theuern Burchard. V. „Aber kann ich es auch vor Gott ver⸗ antworten, Diethelm?“ ſagte Fredegunde zu ihrem Gatten, „daß ich den eignen Sohn, mein Fleiſch und Blut, in der Gewalt des rohen Ritters von Aſcherode laſſe? Du haſt mir zwar ſonnenklar bewieſen, daß es nöthig iſt, ihn aus dem Wege zu räumen, aber wie kann eine Mutter befehlen, daß ihr eigenes Kind getödtet werde?“ „Wie kann eine Gattin erlauben, daß man ihren Gatten morde, und ſelbſt mit Löwenburg. „Du ſtrafſt ſie hart, die Sünde, S ich i o Gott!“ ſeufzte Fredegunde. „Sei doch nicht ſo boshaft gegen mich, Diethelm! Ich meine, den Mord an dem Gatten voll⸗ brachte ich im wilden Taumel der Leiden⸗ ſchaft, die den Menf ſc aller Vernunft be⸗ Hand anlegen?“ ſpottete nicht ohne Schör — . * raubt und oft den Beſten aus ſeiner Bahn treibt; aber wenn ich meine Zuſtimmung zu dem Tode des Sohnes gäbe, ſo geſchähe das im vollen Beſitz meiner Vernunft und mit dem kälteſten Blute von der Welt.“ „Verſchone mich damit!“ ſprach Löwen⸗ burg, einen Becher Weines, der vor ihm ſtand, hinunterſtürzend. „Was kümmert uns Dein Sohn? Er hat ſich von uns losgeſagt, hat mich ge ſchmäht ohne Noth in öffentlicher Verſammlung und iſt frei⸗ willig mit dem Aſcherode hinweggeritten. Laß dieſe Beiden nun mit einander fertig werden. Was kümmert es uns? Sollen wit ſeine Hüter ſein? Schafft uns Aſche⸗ rode den jungen, naſeweiſen Burſchen aus den Augen, ſo können wir ihm dafür nur dankbar ſein, denn er iſt dann ohne unſere Schuld und ohne daß ſein Blut auf unſer Haupt käme gefallen und der Einzige, der uns wegen unſerer That zur Rechenſchaft ziehen könnte, iſt nicht mehr. Sei alſo 93 ruhig und unbekümmert, ſorge um nichts, und überlaß das Männerwerk uns Män⸗ nern!“ — . Ein Knappe trat in dieſem Augenblicke herein und meldete, daß ſoeben ein Bote des Ritters Conrad von Aſcherode in die Burg eingeritten ſei und um eine gehei⸗ me Zwieſprache mit dem Herrn bitte. Lö⸗ wenburg befahl, denſelben herauf zu führen und der Knappe eilte hinweg. „Gott!“ ſeufzte Fredegunde, „was wird das wieder ſein? Kommt der Bote, um Dir zu melden, daß die ſchwarze That an meinem Burchard ſchon vollzogen iſt oder will er noch einmal Deine Einwilligung zum blutigen Morde einholen?“ — „Du wirſt ſo gut ſein und Dich ſogleich auf Dein Gemach begeben!“ ſagte Ritter Löwenburg barſch. „Du biſt ein närriſches Weib, deſſen Hirn mit nichts als mit tollen Muthmaßungen und finſtern Gedanken an⸗ gefüllt iſt und das ſeinen Mann durch 94 ſeine gereizte Stimmung noch zur Ver⸗ zweiflung bringt.“ Durch die harte Anrede betroffen, erhob ſich Fredegunde und ſchlich mit Thränen in den Augen zur Thür hinaus. Kaum war ſie verſchwunden, ſo trat ein Knappe des Ritters von Aſcherode herein, und als ihn Löwenburg frug, was ihn ſo früh ſchon hergeführt habe, ſprach er: „Mein Herr iſt in Verzweiflung und raſet wie ein gefangener Löwe. Ich weiß nicht, ob Ihr es wißt, Euer Stiefſohn Burchard iſt entkommen!“ „Was ſagſt Du?“ ſchrie Diethelm von Löwenburg. „Burchard entkommen? Sprich nein, oder ich erdroſſele Dich!“ „Grrade ſo ſprach mein Herr auch,“ ſagte der Knappe ruhig, „aber als er ſich hinführen ließ nach dem Gefängniſſe, da mußte es ihm klar werden, daß wir die Wahrheit geredet, und ſo wurde ich denn nun abgeſchickt, Euch die böſe Botſchaft ————— zu überbringen, und da ich dafür wohl ſchwerlich irgend einen Lohn von Euch zu erwarten habe, ſo will ich mich ſogleich wieder entfernen!“ Er machte eine Bewegung nach der Thür, Löwenburg aber zog die Augenbrau⸗ nen noch finſterer zuſammen und rief: „Halt, Schurke! Sag' Deinem Herrn, ich würde nächſtens Rechenſchaft von ihm verlangen, daß er ſeine Pflicht nicht beſſer gethan und er ſolle zittern vor meinem Zorn! Jetzt geh und ſpute Dich, daß Du aus der Burg kommſt!“ Der Knappe ließ ſich das nicht zwei⸗ mal ſagen und verſchwand ſchnell durch die Thür. Ritter Löwenburg aber ging zornbebend und mit flammenſprühenden Augen im Gemache auf und ab, ballte krampfhaft die Hände zuſammen und ge⸗ behrdete ſich wie ein Wahnſinniger. „Schon in unſerer Gewalt!“ rief er außer ſich, „und nicht todt! Die Welt hat e — ee 96 ſich verkehrt, daß aus Aſcherodens Händen ein Feind entrinnt, und gerade Burchard entrinnt, an deſſen Tode mir ſo viel gele⸗ gen war! Und iſt nun die Lage der Sa⸗ chen nicht noch ſchlimmer? Bisher muth⸗ maßte ich doch nur, daß er über den Tod ſeines Vaters etwas wiſſe, jetzt aber — jetzt muß ihm Alles klar ſein.“ Wiederum öffnete ſich die Thür des Ge⸗ machs uud der alte Burgvogt trat herein, blieb aber, als er ſeinen Herrn ſo aufge⸗ regt ſah, ſchweigend am Eingange ſtehen. Als ihn aber Löwenburg nach einigen Mi⸗ nuten gewahrte, ſprang er wie ein Tiger auf den graulockigen Greis zu und rief: „Was willſt Du hier? Willſt Du Deinen Herrn behorchen? Sag' es gleich, was Du gehört haſt, oder ich ſtoße Dir das Schmt in das Herz. Was war es, das ich eben ſprach?“ „Ach Gott! ich habe ja nichts gehört!“ ſprach der Greis zitternd. Eben trete ich h ja erſt herein, um Euch zu melden, daß ein Knappe des Ritters Roland von Haar⸗ burg draußen ſteht und mit Euch zu ſpre⸗ chen begehrt!“ „Des Haarburgers?“ ſtotterte Löwen⸗ burg erſchrocken. „Aha, von dort her wird ſeine Befreiung geſchehen ſein, dort wird das Bürſchlein ſitzen und mich verlachen. Die Nachricht, welche mir das Söhnlein ſchickt, dürfte nicht die angenehmſte ſein! Doch es hilft nichts, ich muß die Botſchaft hören! — Was ſtehſt Du noch und gaffſt?“ rief er, zum Burgvogt gewendet. „Geh und führe den Knappen herein!“ — Der Greis flog davon und kehrte bald mit einem Knappen, der in die Farben des Haarburgers gekleidet war, zurück. Der Knappe verneigte ſich vor dem Löwen⸗ burger und ſprach, nach der Feheinde greifend und einen verſiegelten Brief heraus⸗ nehmend: „Soll Euch hier von meinem Herrn und im Namen des ehrenwerthen Geſpenſt. 98 Burchard von Haſenburg ein Brieflein über⸗ reichen und Eure Antwort abwarten!“ Löwenburg löste haſtig das Siegel und las mit finſtern Blicken: „Meuchleriſcher Bube! Ich lade Dich hiermit zum rechtlichen Zweikampfe. An der weſtlich von Deiner Burg gelegenen Mühle wirſt Du mich treffen, nur von' einem einzelnen Diener begleitet, in der Stunde, wo die nächſte Nacht ihre Wache mit dem Tage vertauſcht. Ich führe rechtliche Waffen gegen Dich; kommſt Du nicht, dann werde ich diejenigen Waffen gegen Dich gebrauchen, welche Du zu führen gewohnt. Beichte zuvor und ver⸗ ſieh Dich mit dem Sacrament, denn Deines Pferdes Sattel wird ſich leer zu rück tragen laſſen. Burchard von Se * „Der Knabe ſpricht ja in einem ſehr ſtolzen Tone!“ ſagte Löwenburg mit einem höhniſchen Lächeln, welches nur ſchlecht ſeine 99 Wuth und ſeinen Groll zu verbergen im Stande war. — „Aber gut, ich werde kommen!“ ſprach er erhitzt zum Knappen des Haarburgers. „Sage dem Prahlhans⸗ auch er möchte nicht verſäumen, in dieſer Nacht bei dem Burgpfaffen der Haarburg zu beichten!“ Der Knappe verſprach die Botſchaft auszurichten und begab ſich hinweg. Die Nacht war gekommen, ernſt ritt Lö⸗ wenburg wohl bewaffnet, mit Henning nach dem bezeichneten Platze. Scharf trabten ſie hin unter den hellen Sternenhimmel, an dem nur einzelne, ge⸗ ſpaltene Wolkenzüge vor dem Winde hin⸗ flogen, der, kalt und ſcharf, die Reiter zwang, ſich dicht in ihre Mäntel zu hüllen. Diethelm hatte Zeit, ſeinen innern Ge⸗ danken eine lange Audienz zu geben, bis ſie in die Gegend gelangten, in welcher die Mühle lag. enbns hieit ue 100 den Hengſt an und befahl den Knappen, die Mühle zu umreiten und Kundſchaft einzuholen. Der Knappe kam bald zurück und meldete, tiefe Stille läge ringsum, nur zwei männliche Geſtalten hätte er am Ende des Burggartens erblickt, die ſich an die braunen Stämme lehnten. Löwenburg ſchwang ſich ſogleich aus dem Sattel, drückte ſeinen Degen feſt unter den linken Arm und ſchritt den Weg hinab. Eine hohe Geſtalt trat hinter einem Baume hervor ihm entgegen und als er den Herankom⸗ menden erkannt, trat er einige Schritte zu⸗ rück und entblößte ſeine Waffe. Löwenburg erkannte in ihn ſogleich den verhaßten Bur⸗ chard und der Anblick deſſelben machte einen ſo gewaltigen Eindruck auf ihn, daß er ſeinen ſtarken Schritt plötzlich anhielt. „Ihr kommt wirklich?“ fragte Burchard. „So iſt doch noch Scham bei dem Laſter, und das Verbrechen hat noch einen Fetzen Ehre in Euch übrig gelaſſen!“ ——— 101 Löwenburg rührte kein Glied. — „Ihr habt Euch in der kalten Luft hierher bege⸗ ben,“ ſagte er langſam, „das thut mir leid, denn es war unnütz. Ein Irrthum nur zuckt Euern Stahl gegen einen Mann, der es mit Euch ſo herzlich gut meinte. Folgt mir, und ein kurzes Geſpräch wird hinreichen. Alles aus Eurer Bruſt zu ver⸗ ſcheuchen, was zwiſchen uns trat und wird den getäuſchten Feind bewegen, dem ver⸗ kannten, väterlichen Freunde reuig die Hand zu reichen, die ſich ohne Grund zu meinem Verderben bewaffnet hatte!“ „Ich ſoll Euch folgen?“ fragte Bur⸗ chard und lachte laut. „Vielleicht an ein Plätzchen, wo ihr mich, wie meinen armen Vater, unvermerkt in die andere Welt ſchicken könnet?“ „Seid ihr toll?“ rief Löwenburg erglü⸗ hend. „Erklärt Euch 8 über Euer ſinnloſes Gerede!“ „Kein Zungengefecht!“ i Burchutd. — 102 „Mein Werk muß gethan ſein, ehe die Sonne völlig herauf kommt. Alſo heran, Ihr ſtiller Held der Nacht. Macht Euren Degen nackt, oder ich ſtoße dem Feiglinge meine ehrliche Klinge durch den Leib!“ Die Schwerter blitzten im Frühlicht, fanden ſich und kreuzten ſich mit ſcharftö⸗ nendem Geklirr; aber nicht lange dauerte die Entſcheidung, Burchard focht wild und hitzig. Löwenburg ſtand beſonnen eine Weile den grimmigen Ausfällen des Geg⸗ ners, dann war er mit Blitzesſchnelle unter dem gehobenen Schwert, der ſichere Stoß traf voll und feſt, warf durch ſeine Kraft den Feind rücklings über und ein Blutſtrom beſpritzte weithin den Raſen. „Verruchter Mörder!“ ſtöhnte der Ge⸗ fallene, indem er mit der Fauſt nach der 1 Wunde faßte. „Du biſt ein Schützling der Hölle, aber die Rache wird Dich dennoch ereilen. Löwenburg ſtand unentſchloſſen, — da — * — 103 ſchlug ein großer Haushund an. „Man wird wach!“ ſagte er haſtig. „Dort nähert ſich der Müller vom Gehöfte her. Em⸗ pfiehl den Verwundeten ſeiner Obhut und verrathe meinen Namen nicht bei meiner ſtrengen Rache!“ Löwenburg ſaß bei den letzten Worten ſchon hoch im Sattel und entſchwand ſchnell aus den Augen des Haarburger Knappen und des entſetzten Müllers, der die blutige Scene ſo dicht neben ſeiner friedlichen Be⸗ hauſung mit erblichenem Angeſicht und in der ſtarren Geſtalt des Unglaubens be⸗ trachtete. „Um Gottes willen, was iſt hier vor⸗ gefallen?“ rief endlich, nachdem ſich das erſte Entſetzen gelegt, der alte Müller. „Mord? Mord hier in der Nähe redlicher Menſchen!“ „Kein Mord iſt hier geſchehen!“ ſprach der Knappe, der noch immer neben dem verwundeten Ritter kniete. „In chrlichem 104 Zweikampf iſt dieſer Mann hier gefallen, darum ſtelle jetzt Deine Klagen ein und hilf mir lieber denſelben unter ein Obdach bringen, damit erruhig ſterbe.“ „Ach Gott wie wollen wir den Schwer⸗ verwundeten ſo behutſam, als es nöthig iſt, von der Stelle ſchaffen?“ klagte der Müller. „Doch wartet,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu, „ich will gleich eine Trag⸗ bahre beſorgen, da wird es ſchon gehen.“ Er lief der Mühle zu und der Knappe blieb bei dem todtenähnlichen Jünglinge zurück. Seit ſeinem Falle hatte dieſer kein Zeichen ſeines Lebens von ſich gegeben, jetzt zuckte er zuſammen und ein ſchmerzlicher Klageton entwand ſich der durchbohrten Bruſt. Der Knappe bog ſich abermals über ihn und drückte ſeine Feldbinde feſt gegen die Wunde, um den Blutverluſt ſo viel als möglich zu hindern, aber das Herz klopfte ihm hörbar Endlich nach einer Zeit, die ihm eine Ewigkeit dünkte, kamen mehrere — 105 „ühlburſchen, ihren Herrn an der Spitze und eine Bahre tragend eiligen Schrittes daher. Stumm hoben ſie den Verwundeten empor und trugen ihn langſam und vor⸗ ſichtig in die Mühle hinein. W Die trüben Tage des Spätherbſtes, die düſtern Tage und ewig langen Rächte der Wintermonate waren auf bleiernen Füßen dahin gezogen, und Burchard von Haſen⸗ burg lag noch immer an den Folgen ſeiner Wunde auf dem Schmerzenslager. Stun⸗ den lang ſaß der alte Roland von Haar⸗ burg am Bette ſeines jungen Freundes und blickte mit zagendem Auge nach den Mienen des alten Cyrill, ſeines Hauspfaffen, der mit verſtändigem Sinne und von Jung und Alt wegen ſeiner Kunſt geprieſen, die Heilkunde ausübte, ob dieſelben Beſorgniß ————— 106 oder Hoffnung ausdrückten, und machte des⸗ Greiſe die glänzendſten Verſprechungen, wenn es ihn gelänge, den geliebten Jüng⸗ ling zu retten. Die ſchöne Theodelinde aber ſaß Tag und Nacht bei dem Freunde, pflegte ſein mit unermüdlicher Sorgfalt und ihre Thränen floſſen in Strömen untet den ſeidenen Wimpern hervor, ſobald der rankezu ſtöhnen und ſich in ſeinem Schmerze auf dem Lager hin und her zu werfen be⸗ gann. — Endlich nach langen Leiden ge⸗ wann die Nätur und die ungeſchwächte Kraft der⸗Jugend den Sieg über den be⸗ reits in der Nähe lauſchenden Tod; jeder Tag zeigte ſichtbare Spuren ſeiner zwar langſam, aber doch ſicher vorwärts ſchrei⸗ tenden Beſſerung, und Theodelinde lag oft, wenn der Liebling ihres Herzens in den ſanften Armen des wohlthuendſten Schlum⸗ mers lag, in innigem Gebet auf den Knien und pries Gott für die Erfüllung ihres höchſten und eifrigſten Wunſches. Auch — — 4 107 Burchard fühlte, daß mit jedem Tage ſeine Kraft wuchs und immer dankbarer drückte er ſeiner holden Pflegerin die Hand, und immer ſeelenvoller blickte er ihr in die dun⸗ keln Augen. — Und als ſich nun der Lenz näherte, da war ſeine Geſundheit völ⸗ lig wieder hergeſtellt und er war im Stande, das Lager zu verlaſſen. An einem Morgen, wo es ſchön und ſonnig war, wo milde Lüfte in den faſt grünen Zweigen ſpielten, da wandelte Bur⸗ chard an Theodelindes Seite im Walde und Beider Herzen waren ſo woll, und als eine Nachtigall der Sehnſucht Lied im dun⸗ keln Gebüſch anſchlug, da ſanken ſie ein⸗ ander in die Arme und tauſchten Liebe um Liebe und Herz um Herz. Und Ritter Roland trat hinter den Bäumen hervor mit freudeſtrahlendem Antlitze und ſegnete ſeine beiden Kinder, und drei glückliche Menſchen gingen Hand in Hand nach dem Thore der Haarburg zurück. 108 Einige Tage ſpäter wurde die Verlo⸗ bung des jungen Paares mit aller Pracht damaliger Zeit gefeiert. Und als nun die Gäſte in Luſt und Fröhlichkeit beim ſchäu⸗ menden Pokal ſaßen, erhob ſich Burchard, der trotz der Freude ſeines Herzens, dennoch einen gewiſſen Ernſt und Trübſinn be⸗ wahrt hatte, von ſeinem Sitze und ſprach: „Ehrenwerthe Ritter und Freunde! Wir ſind zwar hier verſammelt, um ein frohes Feſt zu feiern, aber ich muß auf einen Augenblick die Freuden der Tafel unter⸗ brechen und ein Wort zu Euch reden, das vielleicht auf einen Augenblick alle Heiterkeit aus Euren Zügen verbannen wird. Ihr alle kanntet meinen edlen Vater, Ihr alle liebtet ihn und beweintet ſeinen Tod; aber Ihr wißt nicht, daß er unter Euch weilen würde, wenn nicht ein Böſewicht ſeinem Leben gewaltſam ein Ende gemacht hätte!“ „Wie? Was“ ſchrieen hundert Stimmen zugleich. „Euer Vater ermordet? Wer iſt 109 der Schändliche, der Hand an ihn zu legen wagte? Nennt uns ihn, daß wir uns Euch anſchließen und ihn für ſeine Unthat be⸗ ſtrafen können!“ „Ihr kommt meinen Wünſchen auf hal⸗ ben Wege entgegen,“ ſprach Burchard, nachdem ſich das Getümmel gelegt; „denn es war gleich anfangs meine Abſicht, Euch um Theilnahme an der Fehde gegen den frechen Mörder zu bitten!“ „Den Namen! Den Namen!“ riefen Alle. „Es iſt Diethelm von Löwenburg!“ ſagte Burchard mit Nachdruck. Ein allgemeines Staunen feſſelte jeg⸗ liche Zunge und Alle blickten fragend zu dem Jünglinge hin. „Ja lieben Freunde!“ fuhr dieſer fort, „Löwenburg war es, der — o Gott, daß ich es ſagen muß — im Bunde mit meiner Mutter den trefflichſten Vater mordete. Den heißeſten Zoll der Thränen habe ich 11⁰ ſeinem bedauernswürdigen Ende bereits ge⸗ bracht; jetzt aber ſchwöre ich hier in Eurer Gegenwart, ſeinen Tod an den Löwen⸗ burger zu rächen, mich nicht eher einem ſorgloſen Frieden hinzugeben, nicht eher durch Prieſterhand mit Theodelinde von Haarburg verbinden zu laſſen, bis ich mei⸗ nem feierlichen, vor Gott und dieſer Ver⸗ ſammlung ausgeſprochenen Schwure volle Genüge geleiſtet!“ Bei Anhöruug dieſer Worte und beim Andenken des hingeopferten Freundes wur⸗ den alle Gemüther von dem lebhaften Wunſche ergriffen, an der Züchtigung und Vertilgung des übermüthigen Mörders Theil zu nehmen. Der ganze Tag und ein Theil der Nacht verſtrich über die Berathung, wie der Zug gegen den Löwenburger am beſten begonnen und ausgeführt werden könne. Beim Abſchiede verſprach noch Je⸗ der, ſich auf einen beſtimmten Tag mit ſeinen Knappen wohl bewaffnet und be⸗ 111 wehrt einzufinden, und Burchard füchte ſein Lager mit der frohen Hoffnung, endlich den Forderungen ſeines Vaters Folge leiſten zu können und ſeinen Schatten durch das Blut Diethelms verſöhnen zu können. Ritter Roland, der mit dem Racheplan Burchards gegen Löwenburg vollkommen einverſtanden war und ein ziemlich beträcht⸗ liches Vermögen beſaß, fing gleich am an⸗ dern Tage an, Waffen ſchmieden und Heer⸗ geräth aller Art verfertigen zu laſſen, wäh⸗ rend Burchard überall umher ritt, um fort und fort neue Theilnehmer für das Trutz⸗ bündniß anzuwerben. Alle Anſtalten gelangen ſo vortrefflich, daß ſchon nach wenigen Wochen ein bedeu⸗ tendes Heer zuſammengebracht war und nun wurde nicht länger angeſtanden, dem Lö⸗ wenburger die Fehde anzukündigen. Dieſem, obgleich die Rüſtungen gegen ihn auf das Heimlichſte betrieben worden waren, kam die Nachricht keinesweges uner⸗ 2 wartet. Er hatte bereits die zweckdienlich⸗ ſten Gegenrüſtungen getroffen und ebenfalls Freunde aus der Nähe und Ferne zu Bun⸗ desgenoſſen angeworben. Dazu verließ er ſich auf die Feſtigkeit ſeiner Burg und ant⸗ wortete deßhalb hohnlächelnd: die geehrten Gäſte möchten nur kommen; er ſei bereits eingerichtet, ſie mit allen nöthigen Ehren⸗ bezeigungen zu empfangen. Als nach einigen Tagen der Burgherr mit ſeinen Freunden beim Frühtrunk ſaß, erſchien der Knappe Henning und ſprach: „Herr Ritter, es wird unheimlich in der Waldung, verdächtig dumpfes Geräuſch läßt ſich hin und wieder vernehmen und es iſt nicht zu bezweifeln, daß die Feinde bereits von allen Seiten her im Anzuge ſind!“ Sogleich erhob ſich der Burgherr und ſtieg in Begleitung ſeines Freundes Conrad von Aſcherode, auf die höchſte Zinne der Veſte, um ſich von hieraus in freiem Ueber⸗ blick von der Stärke und Beſchaffenheit des 113 feindlichen Heeres durch den eigenen Augen⸗ ſchein zu unterrichten. Löwenburg fand, in⸗ dem er mit ſpähendem Blick den Thalgrund überſchaute, Hennings Ausſage und Mel⸗ dung auf das Vollkommenſte beſtätigt; denn die Gegend wimmelte von Bewaffneten, die, in einzelne Heerhaufen abgeſondert, die Burg bereits von allen Seiten einſchloſſen und ſich zum Theil ſchon dicht an den ſteilen Burgberg vorgedrängt hatten. „Sieh da, Freund!“ ſagte Conrad, „der Kern der feindlichen Mannſchaft konnte gar keinen erwünſchtern Standpunkt gewählt haben; denn wenn wir einen Ausfall auf denſelben machen wollen, ſteht ihnen der Birkenfeld im Rücken und wir wollen ſie ſchon zuſammenarbeiten, daß ſie das Wie⸗ derkommen vergeſſen ſollen. Sind wir erſt mit der Hauptſchaar fertig, ſo haben wir mit den Uebrigen nur Kinderſpiel. Ihr ſoll es denn auch zuerſt gelten! Hoffentlich wird das Probeſtück, das ich an ihr zu verrichten Geſpenſt. 8 S 114 gedenke, die andern zur Genüge belehren, wie der Feind beſchaffen iſt, mit dem ſie es zu thun haben!“ Beide gingen wieder hinab zu den übrigen Rittern und beſprachen ſich jetzt um⸗ ſtändlich und ausführlich über die Art und Weiſe des Ausfalls, der um die Mittags⸗ ſtunde mit allen Reiſigen und Knechten unternommen werden ſollte, während nur die Alten und Schwachen zur Bewachung und Vertheidigung der Burg zurückbleiben mußten. Der übermüthige Dünkel, mit welchem ſich die Belagerten zur Ausführung des gemachten Entwurfs anſchickten, ſollte ihnen jedoch keineswegs die erfreulichen Früchte bringen, die ſie von dem Unterneh⸗ men gehofft hatten. Die Pläne und Ab⸗ ſichten des Löwenburgers ſogleich vollkom⸗ men errathen, zogen Roland und Burchard, als gegen Mittag der Ausfall wirklich ge⸗ ſchah und der Vortrab der feindlichen Schaar außerhalb der Burgveſte jum Vor⸗ ſchein kam, ſich mit ruhiger Ordnung in die Waldung zurück, und theilten hier ihr Heer in zwei Hälften, welche ſodann zur Rechten und Linken ihren Weg in zirkelför⸗ miger Bewegung fortſetzen. „Weicht nur zurück!“ rief Löwenburg, der ihr Verſchwinden hinter dem Gebüſch für feige Flucht hielt. „Ihr eilt dadurch nur um ſo ſchneller in Euer Verderben, denn der Birkenfeld kann ſo gar fern nicht. mehr ſein und dann haben wir gewonnen!“ Mit eifernden Worten ermahnte er die Seinigen zur Verfolgung der Fliehenden und drang mit ungeſtümer Heftigkeit bis tief in die Waldung vor, ohne jedoch zum Angriff kommen zu können. Tobend und ſchnau⸗ bend vor ungeduldiger Begierde den Kampf zu eröffnen, ſetzte er ſeinen Weg fort, aber von den Feinden war keine Spur zu ſehen. Sie waren verſchwunden, und auch von dem Birkenfeld und den Seinigen war nichts zu ſehen. Wie erſchrak Löwenburg 8* 116 aber, als ein Reiſiger herbei ſprengte und die Botſchaft brachte, daß die Feinde ſich nach der Burg gewandte hätten, und die⸗ ſelbe, wenn er nicht ſchleunig zurück kehre, hart bedrängen würden Von ſchwarzer Ahnung getrieben, gab Diethelm allen ſei⸗ nen in Aufſuchung des Feindes begriffenen Reiſigen und Knechten den Befehl, ſich zu ſammeln und auf das Schleunigſte den Rückweg anzutreten. — Kaum aber hatte er, dem Heerhaufen eine bedeutende Strecke voraneilend, den Weg durch die vielfachen Krümmungen des Waldes zurückgelegt und die freie Ebene wieder erreicht, als Bur⸗ Ghard in voller Rüſtung ihm auf einem ra⸗ benſchwarzen Hengſte von der Burg her entgegen geſprengt kam und ihn in don⸗ nerndem Zuruf zum Zweikampfe heraus⸗ forderte. 8 „Erkenne Deinen Lodtſeind!⸗ rief der Entrüſtete mit zornfunkelndem Blick, indem er auf den Betroffenen. eindrang. „Ver⸗ —— 117 theidige Dich Verruchter! denn die Stunde der Rache iſt gekommen!“ — In wildſchäumender Wuth hob Löwen⸗ burg das Schwert und ſprach: „Knabe, ſpate Deine prahleriſchen Worte und handle liebet. Denke an den Mühlengrund, wo ich Dich auf den Raſen ſetzte. Laß ſehen, wer den Sieg davon trägt!“ Wüthend drangen ſit auf einander ein, wild taſſelten die zwei gewaltigen Ritter an einänder, daß Helm und Rüſtung dumpf widerhallten, bis endlich ihre Speete in tauſend Splittern krachten. Blitzſchnell fuh⸗ ren nun die blanken Schwerter durch die Luft, die ün Sonnenſtrahl wie feurige Schlangen leuchteten. Löwenburg ſchwang wild und grimmig ſein gewaltiges Schwert, mit ſchwerer Wucht fielen ſeine Streiche auf des Gegners Panzer. Burchard flink und gewandt, wich gelenk den ungeheuten Streichen ſeines Gegners und traf ihn anfangs nur mit leichten Hieben, um nicht 118 wieder in ſo Verderben bringende Hitze zu gerathen, als in dem Kampfe bei der Mühle. Löwenburg ſtritt zwar tapfer, aber vor Wuth faſt bebend und vom grimmigſten Zorne übermannt. Burchard, im Bewußt⸗ ſein ſeiner Kraft und Gewandtheit und im Glauben an die gerechte Sache, fühlte ſich froh und ſtark. — Lange dauerte der Kampf, bis endlich dem Löwenburger die Geduld entwich und er beſchloß, den Kampf mit einem Schlage zu endigen. Feſt klam⸗ merte er den Knauf ſeines Schwertes, hob es hoch empor und hieb mit ſolcher Ge⸗ walt nach Burchard, daß dieſer in zwei Hälften geſpalten worden wäre, wenn der Schlag ihn getroffen hätte. Aber dieſer wich behende auf die Seite und ſchlug den Gegner ſo gewaltig auf das Haupt, daß er zu wanken begann und das mächtige Schwert ſeiner Fauſt entſank. Obgleich er ſeine Faſſung ſogleich wieder gewann, ſo wäre er doch in ſeiner Wehrloſigkeit ver⸗ 119 loren geweſen, wenn nicht in dieſem Augen⸗ blicke ſeine Freunde mit ihren Reiſigen herbeigekommen wären. Wie ein Hagel⸗ ſchauer raſſelten ſie in ihren Rüſtungen heran und Burchard, um ſeinem Feinde nicht als Gefangener in die Hände zu fal⸗ len, ſah ſich genöthigt, die Flucht zu er⸗ greifen. „Ich muß der Uebermacht weichen,“ rief er knirſchend, „aber wir ſehen uns wieder, dann muß einer von uns beiden fallen!“ Er ſpornte ſein Roß an, daß es kerzen⸗ gerade in die Höhe ſtieg, dann aber in ſolch ſauſendem Gallopp davon ſprengte, daß es kaum die Erde berührte und den Augen ſeiner Feinde pfeilſchnell entſchwand. Löwenburg war nicht vermögend gewe⸗ ſen, auf Burchards Worte irgend etwas zu erwidern und ritt jetzt, nachdem er ſich ſeiner entfallenen Waffe wieder bemächtigt, mit verbiſſener Wuth weiter. Aber er war noch nicht weit geritten⸗ — — — ee — 120 als er von allen Seiten von den herbei⸗ eilenden Feinden angegriffen wurde. Ein furchtbarer Kampf entſtand und auf beiden Seiten fielen die ſtolzen Ritter todt oder verwundet von ihren hohen Roſſen. Ge⸗ fangen wurde Keiner. Wohl ſah Löwen⸗ burg mit den Seinigen ein, daß Alles da⸗ rauf ankomme, ſeine Burg zu erreichen⸗ Gelang es den Feinden, wie ſie ſich offen⸗ bar bemühten, ihm den Weg zu ſeiner Veſte abzuſchneiden, ſo mußte er der Uebermacht erliegen und Alles war verloren. Deßhalb drängte ſich ſein Haufe dicht zuſammen, daß er wie eine eiſerne Mauer anzuſehen war und zog immer fechtend, langſam den Burgweg hinan. Wohl erreichte Mancher das Ziel nicht, wohl färbte Mancher den grünen Raſen mit rothem Blute, aber den⸗ noch langten die Meiſten glücklich in der Burg an, deren Thor ſich hinter ihnen ſchloß und die hitzig nachfolgenden Feinde an der fernen Verfolgung hinderte. — 12¹ Erſchöpft ſanken die ermatteten Krieger auf dem Pflaſter des Burghofes nieder und die zurückgebliebenen Knappen hatten voll⸗ auf zu thun, die Verwundeten zu verbinden, die Hungrigen zu ſpeiſen und die Durſtigen zu tränken. Die Ritter aber ſaßen oben im großen Saale und erquickten ſich an dem aufgetragenen Mahle und ſpülten den Verdruß über den mißlungenen Ausfall in edlem Rheinwein hinunter. Löwenburg aber blieb finſter und ein⸗ ſilbig und ein ſonderbar wehmüthiges Ge⸗ fühl und eine Beklemmung kam über ihn, daß es ihn nicht läiger auf ſeinem Sitze litt. Er erhob ſich, unbemerkt von den lätmenden Gäſten, die über ihre heutigen Thaten ſprachen und für die Folge neue Pläne entwarfen, und trat in eine Fenſter⸗ vertiefung. Es war draußen ſchon Racht und als er ſinnend hinausſchaute, erblickte er in der Dunkelheit ringsum in der Weite die Flammen der Wachtfeuer, neben welchen ſich die Geſtalten ſeiner Feinde wie Schatten, bewegten. Er ſtützte das gedankenſchwere Haupt ſorgenvoll in die Hand und dachte beküm⸗ mert an die Zukunft. Da kam, mit den Mienen des Schre⸗ ckens, ein Diener gelaufen und meldete, daß Fredegunde, die er kaum noch geſprochen hatte, im Bett ſei, bedenklich krank, von Fieber und den wildeſten Träumen gefoltert und ſchon oft nach ihren Gatten, wie in Todesangſt, gerufen habe. Löwenburgs Stirn wurde kraus und finſter. Er mur⸗ melte einen wüſten Fluch in ſeinen Bart und begab ſich nach der Kammer, in wel⸗ cher Fredegunde ihr Lager hatte. — Die Burgfrau lag mit ſchneebleichen Wangen auf der Decke des Bettes und ihr Geſicht war entſtellt und verzogen. Sie lag mit“ geſchloſſenen Augen und murmelte im Halb⸗ ſchlafe, — und als ſie von der Stimme Diethelms erweckt wurde, fuhr ſie wie in —— —— 123 Zuckungen empor und wollte der Lager⸗ ſtätte entſpringen. Raſch faßte der Ritter ihren Arm und forſchte mit haſtigen Wor⸗ ten nach der Urſache ihres Zuſtandes, der ihn zu beängſtigen ganz geeignet war. Fredegunde ſtarrte ihn eine Weile wie mit gläſernen Augen an, dann ſchien ihr Geiſt zu erwachen und eine Art Gewalt über den zernichteten Körper zu gewinnen. „Gut, gut!“ ſagte ſie mit Haſt. „Du biſt bei mir, Diethelm! Nun wird der Teu⸗ fel mich laſſen und nach Dir greifen, denn ich war ja nur die Magd und das Werk⸗ zeug, Du aber der Herr und die Hand!“ „Unſinnige!“ rief der Ritter Löwenburg mit ausbrechendem Grimm. „Was ſoll die ſinnloſe Rede? Sprich, was Dich quält und ſtelle meine Geduld nicht auf die Folter!“ „Ach verlaß mich nicht, Diethelm!“ jammerte die Burgfran. „Bleib bei mir, ———— 124 daß das Geſpenſt nicht und mich abermals peinigt!“ „Welches Geſpenſt?“ fragte der Ritter aufhorchend. — „Sei vernünftig, Frede⸗ gunde!“ ſetzte et beſänftigend hinzu. „Was für ein Geſpenſt ſoll Dich vhlt und ge⸗ peinigt haben?“ „Iſt es nicht auch zu Dir e und hat es Dich nicht auch mit dem grim⸗ migen Gluthblick gepackt, der bis in die Bruſt ſtach?“ fragte die Kranke. „Das iſt nicht recht von dem todten Manne, denn ich habe doch nichts gethan, als etwas Pulver in ſeinen Wein geworfen. „Fredegunde!“ donnerte der Burghern ſie an. — „Ja, ja!“ füht die Frau ihokil fort. „Er wär doch ſo recht, was man todt nennt. Und doch, glaub mir nur, Diethelm — er hob ſein Geſicht zu mir auf und ich habe ihn wahrhaftig geſehen, wie ich Dich ſehe. — Es wurde mir vor⸗ —— 125 her ſo einſam und ſo bang zu Muthe und plötzlich ſtand, wie aus der Erde gewachſen, eine lange Figur neben mir in einem weißen Mantel, es war ſicherlich das Todtenkleid. Und als ich die Figur angeſprochen, da ſprach ſie miteinem Grabestone: „Frede⸗ gunde, kennſt Du mich nicht? Und als ich ſtutzig fragte, wer er denn ſei? m da ſchlug die Geſtalt den Mantel von einan⸗ der und zugleich rückte ſie das Viſir aus dem Geſicht und ſprach mit Ingrimm „Ewald von Haſenburg heiße ich, Du ver⸗ brecheriſches Weib, und folge Dir bis ans Ende der Welt!“ — Und ich ſah die Höl⸗ lenflammen, bläulich und roth⸗ aus ſeinen Fingern fahren und ſprang mit inem Si ſank erſchöpftsurück, Mit bezwunge⸗ ner Erſchütterung redete ihr der Ritter freund⸗ lich zu und legte die Hand guf ihre heiß⸗ brennende Stirn. „Die Todten ſind todt und gehen nicht um auf Erden.“ ſagte er. „ein verkappter Feind ſchlich Dir nach und will unſer Geheimniß durch uns ſelbſt an den Tag bringen. Sei ruhig, liebes Weib und überlaß mir die Sorge, dieſen Geiſt zu bannen!“ „Spotte nicht!“ ſagte Fredegunde war⸗ nend. Es war keine Täuſchung. Es war ja das Geſicht und die Stimme; ja ich kannte ihn wohl und er ſagte ja ſelbſt, und die Todten lügen nicht mehr, wie die Sünder, welche auf Erden gehen!“ „Weib, Du machſt mich raſend mit Deinen irren Reden!“ zürnte der Ritter. „Soll Gericht über mich gehalten werden? Gericht? Welche mönchiſche Gedanken zucken in meinem Gehirn? — Wäre dieſe weib⸗ liche Ahnung mehr als ein körperliches Fieberzucken, ſo möchte die Rechenſchaft vielleicht ſchwer werden. Tollhäusleriſcher Diethelm! was ſchwatzeſt Du? Hindurch! Hat je ein Löwenburger den Feind gezählt und im Gedräng gezittert? Du meine 127 Fredegunde, ſei unbeſorgt! Du ſollſt an mei⸗ nem Herzen bleiben; ich will Dein Hüter und Schützer ſein gegen Menſ ſchen und Geiſter!“ Er ſetzte ſich vor das Bett ſeines kran⸗ ken Eheweibes, ihre fieberhaft glühende Hand in der ſeinen haltend und ſie mit milden Worten zu tröſten ſuchend. Vor ſeiner Gegenwart ſchienen allerdings die wilden Phantaſien, welche ſich der Frau bemächtigt hatten, zu entweichen, denn die Kranke wurde mit jedem Augenblicke ruhiger und in eben dem Grade geneigter, den Worten ihres Mannes Gehör zu geben und ſchlief endlich ſanft ein. Nachdem ſich Löwenburg überzeugt hatte, daß ſie in einen tiefen Schlaf gefallen war, beſchied er die Zofe aus dem Vorgemache herbei, mit der Weiſung, nicht von dem Lager ſeiner Gattin zu weichen bis er ſelbſt zu⸗ rückkehren würde, über alles aber, was dieſelbe in ihrer und Bewußtlo⸗ ———— 13 ——— ——— 128 ſigkeit etwa ſagen möchte, gegen Jeder, mann das tiefſte Stillſchweigen zu be⸗ wahren. Sich die Schweißtropfen von der heißen Stirn trocknend, ſtieg er die Wendeltreppe wieder hinab nach dem Saale; da ihm aber aus demſelben das wüſte Lärmen und Toben der bezechten Geſellen entgegen ſcholl und ſein Geiſt einige Stunden Einſamkeit verlangte, wandte er wieder um und legte ſich, angekleidet wie er war, auf ſein Lager, um in einem kurzen Schlaft alles, was ihn bedrängte, zu vergeſſen und für den morgenden Tag neue Kräfte zurſammeln, der, wie er zu glauben Urſache hatte, eben ſo heiß werden würde als der vergangene. Das verworrene Lärmen und Singen der Kriegshelden im untern Saale hinderte ihn lange Zeit am Einſchlafen, und als er endlich in den Mittelzuſtand zwiſchen Wachen und Schlafen hinein gelangte, ſtörte 129 ihn wieder eine andere unerwartete Erſchei⸗ nung. Das finſtere Gemach, in welchem Löwen⸗ burg lag, bekam nämlich plötzlich Klarheit. Bald ließ es ſich deutlich von einem Ende zum andern überſehen. Löwenburg ver⸗ muthete Mondenaufgang; aber die wun⸗ derbare Helligkeit vermehrte ſich, Tiſche und Stühle warfen ſcharfe Schatten und die weißen Mauern leuchteten wie vom Mor⸗ genroth angeſtrahlt Er ſprang verwun⸗ dert vom. Lager auf, öffnete das ſchmale Fenſter und ſah mit Schaudern unter ſich ein weites Meer von Flammen und glü⸗ hend aufwirbelnden Rauchwolken. Spie⸗ lende Lichtſtreifen fuhren über die unten in Dunkelheit vergrabene Landſchaft, dun⸗ kelroth und bleichgelb bis zu den jenſeitigen Bergen, die im Halblicht zuweilen nebel⸗ haft hervortraten und wieder verſchwanden⸗ Die Wolken des Himmels ſchienen von der Brunſt entzündet zu werden, hingen mit Geſpenſt. 9 130 blutigem Schein über der Gegend und leuch⸗ teten das Gebirg an. Brennendes Ge⸗ treide und Stroh aus den Ställen und Speichern, von der Macht der Gluth em⸗ por gejagt, ſank auf allen Seiten wie ein Sternenregen aus der Höhe. Der ganze eine Flügel der Burg brannte lichterloh und von draußen drang das Frohlocken der Feinde über ihr glücklich gelungees Werk. Durch die ſchauerlich beleuchtete Gegend, welche zuweilen wieder im Schatten auf⸗ wärts gewälzter Rauch- und Staubwolken unterging, oder im Spiel und Wechſel der Flammen ſich lebendig her und hin zu regen ſchien, waltete die tiefſte Stille. Um ſo grauſenhafter und beſtimmter vernahm man das Geſurr und Geſchwirr der aufflackernden Lohe, das Krachen und Gepraſſel der zeit⸗ weiſe zuſammen ſtürzenden Wände. Schreck⸗ licher noch tönte dazwiſchen das Gebrüll von Rindern, Pferden, Schaafen und an⸗ derm Vieh, welches in den Ställen der 131 Burg lebendig verbrennen mußte, und man hörte auch bald das herzzerreißenve Geheul von Menſchen, meiſtens Kinder⸗ und Wei⸗ berſtimmen. Man ſah ſie einzeln, nackt und bloß, über den hellen Burgplatz ren⸗ nen, den Feinden entgegen, die vor dem Thore der Veſte wie drohende Geſpenſter umherſchwebten. en Löwenburg wie ein Träumen⸗ der in die Gluth hinabgeblickt hatte, kehrte ſein Bewußtſein zurück und er eilte ſchnell, wie der Wind, in das Gemach, in welchem Fredegunde, von der Zofe geweckt, bereits hin und her lief und wie eine Verzweifelte die Hände rang. Löwenburg ergriff ſie beim Arm und führte ſie durch eine Menge von Gemächern und Gängen aus den bren⸗ nenden Flügel hinweg in einem dem Thore zunächſt gelegenen mächtigen Thurm, der noch am meiſten Sicherheit gewährte. Dann eilte er zurück, warf ſich in ſeine Rüſtung und rannte mit blankem Schwerte in den 9* —— —————— 132 Hof, auf deſſen Mittelpunkt ſich bereits alle waffolifähigen Bewohner des Schloſſes zuſammengedrängt hatten. — Hinaus aus der Burg mußte man, denn der Ring der hohen Mauer glich bereits einem un⸗ geheuren Keſſel, aus welchem fort und fort zwiſchen ſchwarzem Qualm helle Flammen aufſchoſſen und wieder verhüllt wurden von der weiten Verwüſtung, die jeden Augenblick vergrößerten. Durch die ſchma⸗ len, ausgebrannten Fenſter der Burgge⸗ mächer leckten hin und wieder Feuerzungen im grauen Geſtein, als ſuchten ſie auch außen zerſtörbare Stoffe. Drinnen bro⸗ delte die Gluth hörbar in dem herabge⸗ fallenen Balkenwerk und Holz der Dachbö⸗ den und durch den Riß der von der Hitze ge⸗ borſtenen Mauer quollen weißgraue Rauch⸗ ſtröme. Plötzlich ſtürzte einer der alten Burgthürme auf der ſüdlichen Seite mit betäubendem Donner zuſammen und riß in ſeinem Falle einen Theil der Ringmauer . — * 133 mit ſich zur Erde. Rings zitterte der Boden vom Fall. Die ganze Umgebung verſchwand in Dampf, Staub und Rauch. Als der Dampf verronnen war, ſtanden die Feinde, welche über die dampfenden Trümmer durch die Lücke in der Burgmauer gedrungen waren, mitten unter den betrof⸗ fenen Haſenburgern. Da ſie aber nur im Tode oder in der höchſten Tapferkeit 4 Heil vor den blutdürſtigen Feinden findeß konnten, griffen ſie dieſelben mit der größ⸗ ten Unerſchrockenheit an, und bald war Alles im furchtbarſten, verzweifelnden Hand⸗ gemenge. Vor allen tapfer ſtritt Diethelm von Löwenburg. Wie ein rüſtiger Schnit⸗ ter die Garben, ſo mähte er die ſich ihm entgegenwerfenden Feinde hinweg, und als in der gewaltigen Arbeit das Schwert zer⸗ ſprang, da griff er nach der mächtigen Streitaxrt und jeder Schlag, den er damit führte, raubte einem ſeiner Gegner das Leben. — ——— 434 Da drängte ſich mitten durch die Strei⸗ tenden Burchard von Haſenburg, mit einer ſchweren Streitkolbe bewaffnet, und ohne ein Wort zu einander zu reden, traten Beide einander gegenüber und ein wüthen⸗ der Kampf begann, der von beiden Seiten mit Geſchicklichkeit und mit der äußerſten Erbitterung geführt wurde. Wie die dumpf hallenden Schläge des Eiſenhammers im Gebirge das Echo wecken, ſo tönte wechſelnd, ohne Einhalt, Schlag auf Schlag der ſchweren Streitäxte auf den Schienen und Schilden der Ritter. Die beerzten Füße gruben ſich ein in den Bo⸗ den, die Körper drückten ſich in ſich zuſam⸗ mien, um die ganze Kraft dichter zu drängen, tmmer gewaltiger griffen die Arme aus, die Zierrathen der Helme, der Panzer flo⸗ gen umher, jeder Schlag ſchien ein Todes⸗ bote, und unter den Todesſchauern zuckten unwillkürlich die Zuſchauer, — denn un⸗ hätig ſtanden Viele umher und ſahen dem grimmigen Kampfe zu, — ſo wie die ſchwere Kolbe niederſchlug. Jetzt klang mit krei⸗ ſchendem, ſchrillendem Tone der getroffene Schild an Burchards Schulter und fiel, in Stücke geſpalten, zu Boden. Ein Mitleids⸗ ſchrei begleitete das Wanken des jungen Helden, aber noch war der Schrei nicht verklungen, da ſah man den rieſigen Lö⸗ wenburger taumeln. Mit beiden Händen nämlich hatte Burchard die Kolbe geſchwun⸗ gen, nieder krachte der Schlag, und weit⸗ hin flog der goldene Lindwurm, die Helm⸗ zier des Feindes, zerſprungen fiel der koloſ⸗ ſale, ungeſtaltete Helm zu beiden Seiten auf die Schultern ſeines Herrn, die Eiſen⸗ keule entſank der gewaltigen Fauſt und mit brechendem Knie erhielt ſich der F ſiegte kaum aufrecht. Auf einer andern Seite des platzes war übrigens das Kriegsglück nicht ſo günſtig geweſen für die Verbündeten Burchards und des Haarburgers. Dort — —,— —— 136 focht nämlich Conrad von Aſcherode mit Umſicht und Tapferkeit und während die Gegner keinen Vortheil zu erringen im Stande waren, langte plötzlich und Allen unvermuthet Lutz von Birkenfeld mit ſech⸗ zig Reitern an und veränderte durch ſein Erſcheinen die Lage der Dinge gar ſehr. Mit lautem Geſchrei und Frohlocken em⸗ pfingen die Haſenburger die ſehnlichſt er⸗ wartete Hülfe und griffen, von neuem Muthe beſeelt und von den Birkenfeldſchen Reiſigen unterſtützt, die betroffenen Haar⸗ burger ſo herzhaft an, daß ſich der alte Roland mit ſeinen Freunden genöthigt ſah. zwar Schritt vor Schritt, aber doch immer weiter zurück zu weichen. Schon waren ſie bis zu der Stelle getrieben, wo die Lücke in der Burgmauer ihnen den Ein⸗ gang verſtattet hatte, als plötzlich eine Stimme ertönte: „Jetzt gilt's! Drauf, wer es ehrlich meint mit dem rechtmäßigen Beſitzer der Haſenburg!“ 137 Die Stimme war die des alten Burg⸗ vogts Walther, der mit Georg und meh⸗ rern ältern Knappen ſchon lange die Ver⸗ abredung getroffen hatte, bei der erſten günſtigen Gelegenheit die Sache des Löwen⸗ burgers zu verlaſſen und ſich dem Sohne ihres alten geliebten Herrn anzuſchließen. Kaum hatte aber der Burgvogt durch ſei⸗ nen Ausruf das Zeichen zum Abfall gege⸗ ben, als auch ſchon Conrad von Aſcherode wüthend auf ihn eindrang: „Stirb, alter Verräther!“ donnerte er ihm entgegen und hob ſein Schwert gegen ihn, aber plötzlich fiel ſeine Hand ſchlaff herab, er taumelte und ſiel, denn Georg hatte im richtigen Augenblick dem Elenden den Todesſtreich verſetzt. Wuthvoll fielen unter ſeiner Leitung die alten Haſenburger den Birkenfelder in den Rücken. Verzweifelnd an dem Glücke des Tages eilten mehrere Knappen, die dem Löwenburger treu ergeben waren, nach der Stelle, wo dieſer eben, von der Kolbe 138 Burchards getroffen, zuſammenbrach. Schnell warfen ſich die Getreuen zwiſchen ihn und Burchard, und Henning ergriff des Löwen⸗ burgers Arm und riß ſeinen Herrn mit Blitzesſchnelle in den Thurm, in welchem ſich Fredegunde befand, warf die ſtarke Eiſenthür hinter ihm in das Schloß und eilte in den Kampf zurück. Dieſer war bald entſchieden. Nachdem ſich die Verrätherei in den Reihen der Haſen⸗ burger gezeigt hatte, war das Vertrauen auf einander gewichen und die Haarburger hatten leichtes Spiel; beſonders nachdem Birkenfeld mit den ſchwachen Ueberbleib⸗ ſeln der Seinigen die zertrümmerte Burg verließ und in ſchneller Flucht ſein Heil ſuchte. Bald war Alles gefangen oder ge⸗ tödtet. Nur die Hauptperſon fehlte noch, Diethelm von Löwenburg. Um ſeiner hab⸗ haft zu werden, mußte man ſchleunig die Eiſenthür des Thurmes erbrechen und die Dahingeflüchteten herausholen, denn das 578 8 lx vnendne⸗