Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cheih und Keſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und e der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Legepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: Wer. — Pf 1 M 50 2 Ver. — Pf. 3 „ Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre e Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ur 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gan htet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche pie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben! —,— Pendennis von W. M. Thackeray. ueberſetzt von Dr. Leonhard Tafel. Sechzehntes bis neunzehntes Bändchen. Stutt'gart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. ₰ Einundzwanzigſtes Rapitel. So gehts in der Welt. Kurze Zeit nach dem Glückszuge, den Oberſt Alta⸗ mont bei Epſom that, brachte dieſer Gentleman ſeine projektirte Tour in das Ausland in Ausführung und der Chronikſchreiber der gebildeten Welt, welcher an die Londoner Brücke hinab geht, um von den Leuten der Faſhion, welche dieſes Land verlaſſen, Abſchied zu neh⸗ men, kündigte an, daß unter der Geſellſchaft an Bord des Soho, welche dieſer letzten Samſtag nach Antwer⸗ pen nahm, Sir Robert, Lady und die Miſſes Hodge; Mr. Serjeant Kewſy und Mrs. und Miß Kewſy; Oberſt Altamont, Major Coddy u. ſ. w. waren. Der Oberſt reiste mit Glanz, und wie einem Gentleman geziemte. Er erſchien in einem reichen Reiſekoſtüm. Er trank Brandy und Waſſer auf der Ueberfahrt, und wurde nicht krank, wie einige der andern Paſſagiere. Er war von ſeinem Leibtrahanten, dem getreuen iriſchen Legio⸗ när begleitet, der ihn und Kapitän Strong in ihren Zimmern in Shepherd's Inn ſeit einiger Zeit bediente. Der Chevalier nahm mit ſeinem ſcheidenden Freunde dem Oberſt und ein paar Andern, welche auf Koſten dieſes freigebigen Gentleman's viele Geſundheiten auf Altamont tranken, ein reichliches Diner in Blackwall ein. „Strong, alter Knabe,“ ſprach des Chevaliers würdiger Kumpan, „wenn Sie etwas Geld brauchen, jetzt iſt's Pendenn is. 1v. 1 2 noch Zeit. Ich bin Ihr Mann. Sie ſind ein guter Geſelle und haben mir immer treue Genoſſenſchaft ge⸗ halten, und eine Zwanzigpfundnote mehr oder weniger, macht mir Nichts aus.“ Aber Strong ſagte, nein, er brauche kein Geldz er ſei noch flott, ganz flott — „das „ heißt, nicht flott genug, um Ihnen Ihr letztes Anlehen zurück zu zahlen, aber wohl im Stande, es einige Zeit ſo fortzutreiben — und ſo ſchieden ſie nach einem nicht unfreundlichen Lebewohl. — Hatte der Beſitz von Geld Altamont wirklich ehrlicher und liebenswürdi⸗ ger als bisher gemacht, oder ihn in Strong's Augen nur ſo ſcheinen laſſen ? Vielleicht war er wirklich beſſer, und das Geld hatte ihn beſſer gemacht. Vielleicht war es die Schönheit des Reichthums, welche Strong ſah und hoch achtete. Aber er argumentirte bei ſich folgen⸗ der Maßen: dieſer arme Teufel, dieſer unglückliche Auswürfling von heimgekehrtem Sträfling iſt ein zehn⸗ mal ſo guter Burſche als mein Freund Sir Francls Clavering, Bart. Er hat Muth und Eyrlichkeit. Er hält zu einem Freund, und bietet dem Feinde die Stirn. Der Andere hat nicht das Herz, das Eine oder das Andere zu thun. Und was hat den armen Teufel in's Hinterwaſſer gebracht? Er war nur ein wenig aus dem Häuschen und unterzeichnete ſeines Schwiegervaters Namen. Mancher hat ſchon Schlimmeres gethan, kommt nicht zu Schaden und hält den Kopf hoch empor. Cla⸗ vering iſt in dem Fall. Nein, der hält ſeinen Kopf nicht empor, er that es in ſeinen beſten Tagen nicht.“ Und Strong bereute vielleicht die Unwahrheit, die er dem freigebigen Oberſt geſagt, daß er kein Geld brauche; aber es war eine Unwahrheit auf Seite der Ehrlichkeit, und der Chevalier vermochte es nicht über ſich, zum zweiten Mal von ſeinem geächteten Freunde zu borgen. Ueberdies konnte er ausreichen. Clavering hatte ih Einiges verſprochen; nicht als ob Claverings Verſpr ungen getraut werden könnte; aber der Chevalier hoffnungsvoll und rechnete auf die vielen Wechſelfä — 3 von ſeinem Patron etwas zu erhaſchen, indem er auf einige jener unregelmäßigen Zuſendungen und Spen⸗ ven wegelagerte, in deren Herbeiſchaffung Mr. Strong's Hauptgeſchäft beſtand. . Er hatte über Altamont's Geſellſchaft in den Shep⸗ herd's Inn⸗Zimmern gemurrt, fand aber dieſe Wohnung jetzt düſterer ohne den Zimmergenoſſen, als mit ihm. Das einſame Leben war der ſoziolen Seele nicht mehr angenehm. Erwar auch in ausſchweifende üppige Gewohn⸗ heiten gerathen, und hatte einen Diener zu ſeiner Ver⸗ fügung, der ſeine Botſchaften auszurichten. ſeine Toilette zu ordnen und ſein Mahl zu bereiten hatte. Es war ein grandioſer, rührender Anblick, wie der ſtattliche ſchöne Gentleman ſeine Stiefel wichste und ſein Hammelsripp⸗ chen röſtete. Es war ſchon früher angegeben worden, daß der Chevalier eine Frau hatte, eine Spanierin von Vittoria, welche wenige Wochen nach ihrer Vereinigung mit dem Kapitän, nachdem ſie ihm eine Platte an den Kopf geworfen, zu ihren Freunden zurückkehrte. Er begann daran zu denken, ob er nicht zu ſeiner Juanita zurückkehren ſollte. Der Chevalier wurde nach der Ab⸗ reiſe ſeines Freundes des Obriſten melancholiſch, oder war, um ſeinen pittvresken Ausdruck zu gebrauchen, „mit ſeinem Glück unter dem Waſſer.“ Dieſe Augen⸗ blicke des Kleinmuths und Intermezzo's von üblem Glück fommen in dem Leben der Helden beſtändig vor: Marius bei Minturnä, Charles Edward in den Hochlanden, Na⸗ polevn vor Elba. Welcher große Mann mußte nicht dem Unglück die Stirne bieten? Von Clavering war für einige Zeit kein Zuſchuß zu erwarten, die fünf und zwanzig Pfund, oder „pony“ welche der muſterhafte Baronet von Mr. Altamont be⸗ zogen. waren aus Claverings Taſche ſo ſchnell als die vielen früheren ponies verſchwunden. Er war mit einer auserleſenen Schaar luſtiger Kumpane den Fluß hinab, welche die Polizei zum Beſten hatten und in Eſſer landeten, wo ſie Billy Bluck aufſtellten, um mit 4 dem Cahman Dick zu kämpfen, auf den der Baronet wettete und welcher ſeine dreizehn Gänge im Vortheil war, als durch einen unglücklichen Schlag an die Luftröhre Billy ihn tödtete. „Ich habe immer Unglück, Strong,“ ſagte Sir Francis; „die Wette war drei gegen eins auf den Cab⸗ man, und ich glaube, die dreißig Pfund wären mir ſo ſicher, als ob ich ſie ſchon in der Taſche hätte. Und verdamm' mich, ich bin jetzt meinem Bedienten Light⸗ fvot vierzehn Pfund ſchuldig, die er mir gelehnt, und für mich bezahlt hat; und er mahnt mich, der verfluchte unverſchämte Bettler, und ich wünſchte bei Gott, ich Skönnte auf irgend einem Wege einen Wechſel zuſammen⸗ machen, oder ein wenig aus Mylady herausdrücken. Ich gebe Ihnen die Hälfte, auf meine Ehre und Selig⸗ keit, ich gebe Ihnen die Hälfte, wenn Sie mir Jemand auftreiben, der uns zu etwa Fünfzig verhälfe.“ Ned aber entgegnete ernſt, daß er ſein Ehrenwort als Gentleman gegeben habe, daß er mit keinem künf⸗ tigen Wechſelgeſchäft, in das ſich ihr Mann, (der eben⸗ falls ſein Ehrenwort gegeben) einlaſſen ſollte, befaſſen würde, und der Chevalier ſagte, daß er wenigſtens ſein Wort halten, und lieber ſeine Stiefel ſein Lebtag ſelber wichſen, als ſein Verſprechen brechen wolle. Ja er ging noch weiter, und betheuerte, er würde Lady Clavering benachrichtigen, daß Sir Francis im Begriff ſei, ſein Wort zu brechen, auf die erſte Spur, die er bekomme, daß dieß Clavering's Abſicht ſei. Auf dieſe Erklärung weinte Sir Francis Clavering nach ſeiner Gewohnheit — und fluchte mit großer Zun⸗ genfertigkeit. Er ſprach vom Tod als ſeiner einzigen Zuflucht, er bat ſeinen theuern Strong, ſeinen beſten Freund, ſeinen theuern, alten Ned flehentlich, ihn nicht über Bord zu werfen, und als er ſeinen theuerſten Ned verließ, und die Treppen der Schepherd's Inn hinab⸗ ging, verwünſchte und verfluchte er Ned als den teuf⸗ liſchſten Schurken, Verräther, Lumpenhund und Feigling unter der Sonne und wünſchte Ned unter den Boden, v 5 oder in einen noch ſchlimmern Ort, nur wollte er, daß der verfluchte Räuber noch ſo lang lebe, bis Franz Clavering an ihm Rache genommen hätte. In Strongs Zimmern traf der Baronet einen Gent⸗ leman, deſſen Beſuche jetzt, wie wir gezeigt haben, in Schepherd's Inn ſehr häufig waren, Mr. Samuel Hur⸗ ter in Clavering. Dieſer junge Burſche, ver in ſeiner Jugend die Wallnüſſe in Claverings Park gemaust, und den Ba⸗ ronet daheim mit vier Roſſen hatte durch die Straßen fahren und mit gepuderten Bedienten nach der Kirche prunfen ſehen, hatte unermeßlichen Reſpekt vor einem Gliede vieſes Hauſes, und war außerordentlich entzückt, ſeine Bekanntſchaft zu machen. Er ſtellte ſich ihm mit viel Erröthen und Zittern als einen Claveringer Mann, — John Mr. Hurter auf dem Marktplatze, ſein Vater habe Sir Francis Jäger Coxwoad begleitet, als deſſen Büchſe ſprang und ihm drei Finger wegnahm — er ſei ſtolz darauf, Sir Francis Bekanntſchaft zu machen. Sir Francis nahm ſeine Vorſtellung leutſelig auf. Der ehrliche Hupter ſchwatzte über Sir Francis mit ſeinen Geſellen in Bartholomew's und äußerte gegen Fanny in der Lodge, daß eben doch Nichts über einen Mann von ſo hoher Abkunft, einen vollbürtigen, guten, alten engliſchen Gentleman von der alten Zeit gehe! worauf Fanny erwiderte, daß ihr Sir Francis als ein odiöſer Menſch vorkomme — ſie wiſſe nicht warum — aber ſie könne ihn nicht lelden — er ſei gewiß böſe, niedrig und gemein geſinnt — ſie wiſſe es gewiß; und als Sam varauf erwiderte, daß Sir Francis ſehr herab⸗ laſſend, und ſo freundlich geweſen ſei, einen halben Sov' (Sovereign) von ihm zu borgen, brach Fanny in ein Lachen aus, zerrte Sam an ſeinem langen Haar (das von keiner unvorwürflichen Säuberlichkeit war) pät⸗ ſchelte ihn an das Kinn und nannte ihn einen einfälti⸗ gen, einfältigen alten einfältigen, Thoren, und ſagte, daß Sir Francis immer von Jedermann Geld borge X 6 — und daß Mar (für Ma, Mama) ihn wirklich (actially) zwei Mal zurückwies und drei Monate warten mußte, bis ſie ihre ſieben Shillinge zurückbekam, die er von ihr Cer) geborgt (borrered). „Man ſagt nicht aetially, ſondern actually, nicht 'er ihr, ſondern (her) (ihr) borrered (geborgt), ſondern borrowed, Fanny,“ be⸗ merkte Mr. Hurter nicht als einen Fehler ihrer Be⸗ weisführung, ſondern ihrer Grammatik. „Gut, alſo her, borrowed und hactually (wieber falſch für actually) Sie Thor,“ ſagte die Andere, und die Schülerin machte ein ſo hübſches Geſicht, daß der Präzeptor alsbald beſänftigt war und ihr gerne auf der Stelle noch hundert Lektionen gegeben hätte für den Preis, den er für die eine erhielt. Natürlich war Mrs. Bolton daneben, und ich vermuthe, daß Fanny und Mr. Huxter auf außerordentlich vertrautem Fuße mit ein⸗ ander ſtanden, und daß die Zeit zu den früheren ge⸗ wiſſe Tröſtungen gebracht und gewiſſe Bekümmerniſſe gelindert habe, die verdammt bitter ſind, wenn ſie be⸗ gegnen, aber nicht mehr als das Zahnausreißen, oder anderer Schmerz ewig ſind. Wenn Sie ſo da ſitzen, umgeben von Ehrerbietung und Zärtlichteit, glücklich, geehrt und geſchmeichelt, Ihre Schwächen mild nachgeſehen, Ihre geringſten Worte freundlich geliebkost, Ihre geſchwätzigen, alten Geſchich⸗ ten zum hundertſten Mal mit gebürender Nachſicht und mit nie fehlendem heuchleriſchem Lächeln aufgenommen, während die Frauen Ihres Hauſes beſtändig in ihren Schmeicheleien ſind, die jungen Leute, ſtumm und auf⸗ merkſam die Ohren ſpitzen, wenn Sie zu ſprechen anfan⸗ gen, die Diener Ehrfurcht ergreift, die Pächter die Mützen in der Hand halten und bereit ſind, die Stelle Ihrer Pferde zu vertreten, wenn Se. Lordſchaft ausfah⸗ den wollen — ſo hat ſich Ihnen der Gedanke aufge⸗ drungen, Sie nachfinnender Kröſus, daß dieſer Reſpekt und dieſe Glorie mit Ihrem Lehnsgut auf Ihre Nach⸗ folger übertragen werden, daß die Diener ſich verbeugen E. und die Pächter aufjauchzen vor Ihrem Sohne wie vor Ihnen, daß der Kellermeiſter ihm den Wein (durch etwas längeres Warten noch beſſer geworden) kredenzt, der jetzt in Ihrem Keller liegt; und daß, wenn Ihre Nacht gekommen, und das Licht Ihres Lebens er⸗ loſchen iſt, ſo gewiß, als der Morgen nach Ihnen und ohne Sie tagt, die Sonne des Glücks und der Schmei⸗ chelei Ihrem Erben ſcheinen wird. Die Leute kommen und wärmen ſich in dem Hofe der Conſols und Acres, der ihn umgibt; die Ehrfurcht wird mit dem Grundbe⸗ ſitz übertragen, von dem er mit all ſeinen Vortheilen, Vergnügungen, der Hochachtung und der Zuneigung, wenn die Reihe an ihm iſt, auf ſeine Lebenszeit der Inhaber wird. Wie lange wünſchen oder erwarten Sie, daß die Leute Ihren Verluſt bedauern? Wie lange gibt man ſich dem Schmerze hin, ehe man anfängt, ſich wie⸗ der zu freuen? Ein hochgeſtellter Mann muß bei ſeinem Feſte als ein lebendes memento mori ſeinen Erben um ſich behalten. Wenn er ſich ſehr feſt an's Leben an⸗ klammert, ſo muß die Gegenwart des Andern ein be⸗ harrlicher Stachel, eine Warnung für ihn ſein. „Halten Sie ſich zum Gehen bereit,“ ſagt der Nachfolger zu Euer Ehren; „ich warte: ich könnte das ſo gut, als Sie inne haben.“ Was hat dieſe Anrede an den denkbaren Leſer zu thun mit den Charakteren dieſer Geſchichte? Wünſchen wir Pen zu rechtfertigen, daß er jetzt einen weißen Hut trägt und die Trauer um ſeine Mutter ſchwächer wird? All die lange Reihe von Jahren, ſeine ganze Laufbahn, alle Ereigniſſe ſeines Lebens, ſo heftig ſie ihn auch be⸗ wegend aufregen mögen: nie können Sie das Heiligen⸗ bild aus ſeinem Herzen entfernen, oder die gebenedeite Liebe aus deſſen Heiligthum verbannen. Wenn er dem Böſen nachgibt, blicken die theuern Augen wehmüthig auf ihn, falls er wagt, ihnen zu begegnen; wenn er recht handelt, Schmerzen duldet, Verſuchungen beſteht, 8 bewillkommt ihn die allgegenwärtige Liebe mit Beifall oder Mitleid. Wenn er fällt, thut ſie Fürſprache, wenn er leidet, ermuthigt ſie ihn — iſt mit ihm und begleitet ihn immer, bis der Tod überſtanden, Sorge und Sünde nicht mehr ſind. Iſt dieß bloſes Träumen, oder von Seiten eines müßigen Geſchichtenerzählers nützloſes Moraliſiren? Mag der Mann der Welt nicht auch ſeinen Augenblick finden, um ernſt und nachdenklich zu werden? Fragen Sie Ihr Herz, Ihr Gedächtniß, Bruder oder Schweſter, ob wir nicht unter den Todten leben und, (um mit Ehrfurcht zu ſprechen,) Gottes Daſein durch Liebe erweiſen. Von dieſen Gegenſtänden ſprachen Pen und War⸗ rington oft in ernſter und freundlicher Unterhaltung in ſpätern Tagen, und Pendennis's Mutter wurde in ſeinem Andenken angebetet und dort kanyniſirt, wie eine ſolche Heilige zu werden verd ient. Glücklich der Mann, der in ſeinem Leben ſolche Frauen kennt! Eine gätige Vorſehung des Himmels war es aber, die uns ſolche ſendete und jenes rührende und wunderbare Schanſpiel der Unſchuld, Liebe und Schönheit zu bewundern gab. Aber wie es gewiß iſt, daß, wenn im Verlaufe dieſer ſentimentalen Unter⸗ haltungen ein landfremder Mann, Major Pendennis zum Beiſpiel, in Pen's Zimmer getreten wäre, Arthur und Warrington ihre Unterredung plötzlich unterbro⸗ chen, und einen anderen Gegenſtand der Unterhaltung gewählt, von der Oper, der letzten Debatte im Parla⸗ ment oder Miß Jones's Heirath mit Kapitän Smith oder von irgend etwas anderem geſprochen hätten — ſo wollen wir uns denn einbilden, daß das Publi⸗ kum unter einer ſolchen Konſtellation hereintritt und das vertrauliche Geplauder zwiſchen dem Autor und dem Leſer unterbricht, und uns bittet, unſre Bemerkungen über die Welt, mit welcher beide gewiß beſſer vertraut ſind, als mit jener andern, in welche wir ſo eben einen Blick gethan haben, wieder aufzunehmen. Als Arthur Pendennis in ſein Eigenthum kam, — „ —— —— 5 9 benahm er ſich anfangs mit ſolcher Beſcheidenheit und Gleichmüthigkeit, daß ſie das Lob ſeines Freundes War⸗ rington ihm verdienten, obgleich Arthurs Oheim ein wenig geneigt war, mit ſeines Neffen gemeinem Sinne zu ſtreiten, daß er keinen größern Pomp und höhere An⸗ ſprüche machte, nun er in den Genuß ſeines Königthums eingetreten war. Er hätte Arthur in hübſche Quar⸗ tiere inſtallirt und auf einem ſtattlichen Parkklepper reiten, oder in hübſch gebauten Cabriolets jeden Tag dort fahren laſſen. „Ich bin zu viel abweſend,“ ſagte Arthur lachend, „um in London ein Cab zu lenken, die Omnibuſſe würden mich in zwei geſchnitten haben, oder hätte ich den Kopf meines Pferdes in ein Fenſter von einem Damenwagen geſteckt; und Sie würden mich nicht von einem Diener wie einen Apotheker haben führen laſſen?“ Nein, Major Pendennis hätte unter keiner Bedingung ſeinen Neffen als Apotheker erſcheinen laſſen; der hohe Repräſentant des Hauſes Pendennis durfte ſich ſo nicht herabwürdigen. Als Arthur, ſeinen Scherz ver⸗ folgend, ſagte: „und doch, Sir, waär mein Vater, ich darf es wohl ſagen, über die Maßen ſtolz, als er zuerſt mit ſeinem Gig erſchien,“ räuſperte ſich der alte Major und antwortete, unter vielen hm und ha während ſein runzliches Geſicht eine Röthe überlief, „Sie wiſſen, was Bonaparte ſagte: Il faut laver son linge sale en famille.“ „Sie brauchen ſich, Sir, nicht zu rühmen, daß Ihr Vater ein — ein Arzt geweſen. Er ſtammte aus einem ſehr alten, aber herabgekommenen Hauſe und ſah ſich genöthigt, ſein Familienglück wieder auf⸗ zubauen, wie mancher Mann von guter Familie vor ihm gethan hat. Sie ſind, wie der Burſche in Sterne, — der Marquis, welcher kam, ſein Schwert zurück zu verlangen. Ihr Vater bekam es zurück für Sie. Sie ſind ein Mann von Grundbeſitz, bei Gott, und ein Gentleman — vergeſſen Sie nie, daß Sie ein Gentle⸗ man ſind.“ Dann wandte Arthur ſchlau gegen ſeinen Oheim 10 die Beweisführung, welche er oft den alten Gentleman gegen ſich hatte anwenden hören. „In der Gefellſchaft, welche ich durch Ihre Einführung die Ehre habe zu be⸗ ſuchen, wer kümmert ſich da um meine armſeligen Mit⸗ tel oder wird nach meinem demüthigen Stammbaum fragen, Onkel?“ fragte er. „Es wäre abgeſchmackt von mir, zu verſuchen, mit den vornehmen Leuten in die Schranken zu treten, und Alles, um was Sie uns bit⸗ ten können, iſt, daß wir uns mit gehörigem Anſtande und guten Manieren benehmen.“ „Bei alle dem aber, Sir, ſollte ich an Deiner Stelle einigen beſſern Klubbs angehören,“ verſetzte der Oheim, „ich würde gelegentlich ein Diner geben, und meine Geſellſchaft gut wählen und ich würde aus mei⸗ nem abſcheulichen Dachſtübchen und dem Temple herab⸗ kommen, Sir. Und ſo verſtand ſich denn Arthur dazu, in den zweiten Stock in Lamb Court herabzuſteigen, indeß Warrington immer noch ſein altes Quartier be⸗ hielt und die beiden Freunde entſchloſſen waren, ſich nicht von einander zu trennen. Kultivire, o Leſer, ſorg⸗ fältig die Freundſchaften deiner Jugend: blos in jener edelmüthigen Zeit werden Sie geſchloſſen. Wie ver⸗ ſchieden ſind die Vertrautheiten ſpäterer Tage und wie viel ſchwächer der Druck deiner eigenen Hand, nachdem ſie in zwanzigjährigem Verkehr in der Welt gedrückt und gequetſcht worden iſt, und tauſend ebenſo gleich⸗ giltige Hände gedrückt und fallen laſſen? Wie du ſelten deine Zunge dazu bringſt, nach zwanzig Jahren eine neue Sprache zu ſprechen, ſo weigert ſich auch das Herz, ſehr ſchnell eine Freundſchaft zu ſchließen: es wird ihm zu ſchwer, dem Eindrucke nachzugeben. So hatte Pen viele Bekanntſchaften, und da er von jovialem und leichtem Sinne war, bekam er täg⸗ lich mehr;z aber keinen Freund wie Warrington; und die beiden Freunde lebten beinahe eben ſo viel zuſam⸗ men, als die Tempelritter, die auf einem Pferde ritten 11 (denn Pen's ſtand immer zu Warringtons Dienſt) und ihre Zimmer und Diener gemeinſchaftlich hatten. Mr. Warrington hatte die Bekanntſchaft von Pen's Freunden auf Großvenor Place während ihrer letzten unglücklichen Saiſon in London gemacht und ſich mit Sir Francis und Lady Clavering und Ihrer Herrlich⸗ keit Tochter nicht zufriedener bezeigt, als das Publikum im Allgemeinen that. „Die Welt hat Recht,“ ſagte George „in ihrem Urtheil über dieſe Leute. Die jungen Män⸗ ner lachen und ſchwatzen ungebunden vor dieſen Ladies und über ſie. Das Mädchen ſieht Leute, die ſie kein Recht hat zu kennen und ſpricht mit Männern, mit denen kein Mädchen Bekanntſchaft pflegen ſollte. Haben Sie jene zwei Auswürflinge geſehen, wie ſie ſich dieſer Tage über Lady Claverings Wagen in dem Parke lehnten und unter Miß Blanche's Hut ſchielten? Keine gute Mutter würde ihre Tochter ſolche Männer kennen laſſen, oder ihnen Zutritt in ihr Haus geſtatten.“ „Die Begum iſt die unſchuldigſte und gutmüthigſte Seele von der Welt,“ ſiel Pen ein, ſie hat nie etwas Unrechtes von Kapitän Blackwall gehört, oder die Unterſu⸗ chung geleſen, in welcher Charley Lovelace ſigurirt. Glauben Sie, daß ehrſame Ladies die „Chronique Scandaleuses“ ſo gut wie Sie, alter Brummbart, leſen und ſich daran erinnern.“ „Könnten Sie es gerne ſehen, wenn Laura Bell dieſe Burſchen kennte?“ fragte Warrington, indem ſein Geſicht röther wurde. „Wollten Sie ein Frauenzimmer, das Sie lieben, durch ihre Geſellſchaft beflecken laſſen? Ich zweifle nicht, daß die arme Begum Nichts von ihren Geſchichten weiß, es ſcheint, daß ſie um viel beſſere Dinge Nichts weiß; Ihre ehrliche Begum ſcheint mir überhanpt keine Lady, Pen. Es iſt ohne Zweifel nicht ihr Fehler, daß ſie keine Erziehung gehabt, oder den feineren Zuſchnitt einer Lady nicht gewonnen hat.“ „Sie iſt ſo moraliſch, als Lady Portſea, welche alle Welt auf ihren Bällen hat, und ſo fein, als Mrs. 12 Bull, welche die gute engliſche Sprache mißhandelt, und ein halb Dutzend Herzoge an der Tafel hat,“ ver⸗ ſetzte Pen etwas mürriſch. „Warum ſollten Sie und ich ekliger ſein als andere Leute, warum ſollen wir die Sünden ihrer Väter an dieſem harmloſen, freundlichen Geſchöpfe heimſuchen? Sie hat Ihnen und allen Sterb⸗ lichen immer nur Gutes erwieſen. So weit ſie es weiß, thut ſie immer ihr Beſtes, ſie ſetzt ſich nicht in den Kopf, mehr zu ſein, als ſie iſt; ſie gibt Ihnen die beſten Diner, die ſie auftreiben, und die beſte Geſellſchaft, die ſie haben kann; ſie zahlt dieſem Tagdieb von Mann ſeine Schulden. Sie verzieht ihren Jungen, gleich der tugendſamſten Mutter in England; ihre Meinungen über Literatur ſind allerdings nicht hoch anzuſchlagen, und ich ſage gewiß nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß ſie nie eine Seite von Wordsworth geleſen noch in ihrem Leben ein Wort von Tennyſon gehört hat.“ „So wenig als die Wäſcherin Mrs. Flanagan,“ hrummte Pen's Mentor; „ſo wenig als das Stuben⸗ mädchen Betty; und ich habe kein Wort des Tadels gegen ſie. Aber ein hochfinniger Mann macht dieſe nicht zu ſeinen Freunden; ein Gentleman wählt ſie nicht zu ſeinen Geſellſchaftern, oder bereut es bitter, wenn er es gethan hat. Wollen Sie, der Sie ein Mann der Welt und ein Philoſoph ſein wollen, mir ſagen, vaß vas Ziel des Lebens iſt, drei Gänge zu haben und auf Silber zu ſpeiſen? Wagen Sie ſich zu geſtehen, daß der Ehrgeiz Ihres Lebens guter Claret iſt, und daß Sie mit dieſem oder jedem diniren, der einen guten Tiſch hat. — Sie heißen mich einen Cynicker, und was für ein monſtröſer Cynismus iſt es, den Sie und die andern Lente von Welt zulaſſen! Lieber wollt ich von rohen Rüben leben und in einem hohlen Baume ſchlafen, ein Hinterwäldler oder ein Wilder werden, als mich zu dieſer Civiliſation herabzuwürdigen und zu geſtehen, daß ein franzöſiſcher Koch ein Ding iſt, nach deſſen Beſitz man im Leben am meiſten zu trachten hat.“ 3 13 „Weil Sie rohe Beeſſteaks mögen und eine Pfeife darauf,“ fiel Pen ein, „ſo geben Sie ſich das Air von Ueberlegenheit über Leute, deren Geſchmack leckerer iſt, und die ſich nicht der Welt ſchämen, in der ſie leben. Wer bekennt ſich zu einer beſondern Bewunderung, Achtung, Freundſchaft oder Dankbarkeit, ſogar gegen die Leute, die er jeden Tag trifft? Wenn A mich in ſein Haus bittet, und mir ſein Beſtes gibt, ſo nehme ich dieſe gute Dinge für das, was ſie werth ſind, und für nicht mehr. Ich verpflichte mich nicht, ihm mit Freundſchaft zurückzuzahlen, ſondern in der Konventions⸗ münze der Geſellſchaft⸗ Wenn wir ſcheiden, ſo ſcheiden wir ohne Harm. Wenn wir uns treffen, ſo ſind wir leivlich erfreut, einander zu ſehen. Wenn ich blos mit meinen Freunden leben ſollte, ſo iſt Ihre Schnauze, alter George, das einzige Geſicht, das ich ſehen würde.“ „Sie ſind Ihres Onkels Jünger,“ ſagte Warring⸗ ton etwas ernſt; „und ſprechen wie ein Weltling.“ „Und warum uicht?“ fragte Pendennis, „warum die Welt nicht anerkennen, in der ich ſtehe, und den Bedingungen der Geſellſchaft mich fügen, in der und mit der wir leben? Ich bin älter denn Sie, George, trotz ihrem graulichen Backenbart, und habe viel mehr von der Welt geſehen, als Sie in Ihrem Dachſtübchen hier, abgeſchloſſen mit Ihren Büchern, Ihren Träume⸗ reien und Ihren Ideen von einundzwanzig. Ich ſage, ich nehme die Welt, wie ſie iſt, und da ich von ihr bin, will ich mich ihrer nicht ſchämen. Wenn die Zeit aus den Fugen iſt, hab ich den Beruf oder die Kraft, ſie zu Recht zu bringen?“ „In der That, ich glaube nicht, daß Sie weder vas eine noch das andere haben,“ brummte Pen's Zwi⸗ ſchenredner. „Wenn ich zweifle, ob ich beſſer bin, als mein Nach⸗ bar,“ fuhr Arthur fort — „wenn ich zugebe, daß ich nicht beſſer bin, — ſo zweifle ich auch, ob er beſſer iſt, als ich. Ich ſehe Leute, welche mit Ideen einer Welt⸗ reform beginnen, und ehe ihre Bätte gewachſen ſind, ihre lauten Plane für die Wiedergeburt des Menſchen⸗ geſchlechts vorlegen, dieſelben nach einigen Jahren un⸗ nützen Geredes und ruhmrediger Verſuche, Andern den Ton anzugeben, aufgeben, und nachdem ſie gefunden, daß die Leute nicht länger auf ſie hören, ruhig in Reih und Glied zurückweichen, indem ſie anerkennen, daß ihre angeſtrebten Ideale unausführbar ſind, oder Gott danken, daß ſie nicht in Ausführung gebracht wor⸗ den ſind. Die ungeſtümſten Reformatoren werden ruhig und finden ſich ab mit den Dingen, wie ſie ſind: die lauteſten, radikalen Redner werden flille, ruhige Be⸗ amte, die feurigſten Liberalen, ſo lange ſie nicht am Ruder find, werden Alltagskonſervative oder völlige Tyrannen, oder Deſpoten im Dienſt. Sehen Sie einmal Thiers, ſehen Sie Guizot in der Oppoſition und im Amte. Sehen Sie die Whigs, wenn ſie an das Land appelliren und die Whigs, wenn ſie am Ruder ſind. Würden Sie be⸗ haupten, daß das Benehmen dieſer Männer ein Akt des Verraths iſt, wie die Radikalen ſchreien, — welche ihres Theils weich geben würden, wenn an ſie die Reihe käme? Nein, nur daß ſie den Umſtänden ſich fügen, welche ſtärker ſind als ſie, — und vorſchreiten zur Re⸗ form, wie die Welt vorſchreitet, aber im Weltſchritt (und die Bewegungen dieſes ungeheuren Körpers müſſen na⸗ türlich langſam ſein) — vieſen Plan als unpraktiſch, we⸗ gen der Oppoſition, jenen Plan als unreif aufgeben, weil nicht im Sinn der Majorität, — gezwungen ſind ebenſowohl Rückſtöße und Schwierigkeiten zu berechnen, als an Reformen und Fortſchritte zu denken — und ſchließlich genöthigt, ſich zu fügen, zu warten, und zu kapituliren.“ „Der hochehrenwerthe *) Arthur Pendennis könnte nicht beſſer ſprechen, oder zufriedener mit ſich ſelbſt ſein, *) Bight honourable iſt der Titel, den man einem Enrl, Visevunt, oder Baronet gibt. 15 wenn er der erſte Lord des Schatzmeiſteramtes und Kanzler der Schatzkammer wäre,“ ſagte Warrington. „Selbſt zufrieden? wie ſo ſelbſtzufrieden?“ fuhr Pen fort. „Mir ſcheint, daß mein Skeptizismus reſpektvoller und beſcheidener iſt, als das revolutionäre Feuer an⸗ derer Leute. Mancher Patriot mit achtzehn Jahren. mancher Spouting⸗Clubredner würde die Biſchöfe mor⸗ gen aus dem Hauſe der Lords treiben, die Lords den Biſchöfen nach und den Thron hinter den Peers und der Bench in die Themſe werfen. Iſt dieſer Mann be⸗ ſcheidener denn ich, der ich dieſe Inſtitutionen nehme, wie ich ſie finde, und die Zeit erwarten kann, die ſie entwickeln, feſtigen oder (wenn Sie's lieber haben) zer⸗ ſtören wird. Ein Kollegtutor oder eines Edelmauns Günſtling, *) der an einem ſchönen Morgen als mein Hochwürdiger Herr und Meiſter in einer ſeidenen Schürze und einem Schaufelhut erſcheint, und ſich das hohe Air gibt, als wollte er den Segen über mich ſprechen, iſt noch der nämliche Mann, deſſen wir uns in Oxbridge erinnern, wenn er ſich auf den Raſen niederduckte, oder Nichtgraduirte in dem Lektionenſaal drangſalirte. Ein erblicher Geſetzgeber, der ſeine edle Muße unter Reit⸗ knechten, Schwarzfüßen und Balletdirnen zubringt, und den Beruf hat, über mich und ſeine Nebenmänner, die beſſer ſind, als er, zu herrſchen, weil ſein Großvater eine glückliche Spekulation in den Fonds gemacht, oder eine Kohlen⸗ oder Zinnmine auf ſeinem Grundbeſitze fand, oder weil ſein ſtupider Vorfahr zufällig zehntau⸗ ſend Mann, die eben ſo tapfer waren, als er, befehligte und mit denſelben zwölftauſend Franzoſen oder fünfzig⸗ tauſend Indianer beſiegte — ein ſolcher Mann, ſage ich, flößt mir nicht mehr Reſpekt ein, als der bitterſte De⸗ mokrat gegen ihn fühlen kann. Aber ſo, wie er iſt, iſt er ein Glied der alten Geſellſchaft, der wir angehören, *) Von dem Edelmann zu dieſer oder jener Stelle zum Rektor einer Kirche u. ſ. w. erhoben. 16 ⸗ und ich füge mich ſtillſchweigend Sr. Lordſchaft; und er nimmt bei allen Diner⸗Parthien über den beſten von uns den Platz ein und bleibt dort, bis ſeine Zeit erfüllt iſt. Ich will ihm nicht mit der Guillotine den Kopf abſchlagen, noch bewerfe ich ihn auf den Straßen mit Koth. Wenn man einen ſolchen Mann eine Schande für ſeinen Stand, und einen andern, der gut und mild, gebildet und edelmüthig iſt, der ſeine großen Mittel zur Beförderung und Bethätigung der Menſchenliebe, Kunſt und Anmuth des Lebens auf die freundlichſte und graziöſeſte Weiſe anwendet, eine Zierde ſeines Standes nennt — ſo iſt die Frage über die Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit des Standes, weder in dem einen, noch in dem andern Sinn entſchieden. Hier iſt er, fortbe⸗ ſtehend unter uns, ein Theil unſrer Gewohnheiten, der Glaube ſo vieler von uns, das Erzeugniß von Jahr⸗ hunderten, das Symbol einer höchſt komplizirten Ueber⸗ lieſferung — hier ſtehen ſie, Mylord der Biſchof und Mylord der erbliche Geſetzgeber — was die Franzoſen transactions beider nennen — repräſentirend in ihrer gegenwärtigen Geſtalt Baronen im Panzerhemd und Häuptlinge mit zweihändigen Schwertern (von denen ihre erblichen Lordſchaften zum größten Theil nicht ab⸗ ſtammen), und Prieſter, welche vorgeben, eine abſolute Wahrheit und von der Gottheit ererbte Gewalt inne zu haben, eine abſolute Wahrheit, welche unſre Vorfahren auf dem Scheiterhaufen verbrannten und läugneten, eine von der Gottheit überlieferte Gewalt, welche immer noch auf dem Papier beſteht — und geglaubt, oder nicht geglaubt werden muß, wie man's eben für gut findet, und dieſe laß ich ſtillſchweigend forteriftiren und mehr nicht. Wenn Sie ſagen, daß dieſe Plane, erſonnen, ehe man die Buchdruckerkunſt, ehe man die Dampfkraft kannte, wo der Gedanke noch wie ein Kind geſcheucht und gepeitſcht, der Wahrheit unter ihren Wärtern noch der Mund verſtopft und ihre Augen verbunden waren, als ſie noch nicht ihre Stimme erheben oder aufblicken 17 oder im Sonnenlichte ſicher gehen durfte, ehe die Leute ſich verſammeln, mit einander handeln und ſprechen durften — wenn Jemand ſagt (wie treue Seelen thun), daß dieſe Plane für immer ſind, und ſie etwas umge⸗ modelt und modificirt, keine weitere Entwicklung oder Abſchwächung bedürfen, ſo lache ich, und laß den Mann ſchwatzen. Aber ich wünſchte Duldung für dieſe, wie ich ſie für meine eignen Anſichten anſpreche; wenn ſie ſterben ſollen, ſo wünſchte ich ihnen lieber einen an⸗ ſtändigen und natürlichen, als einen plötzlichen und ge⸗ waltſamen Tod.“ „Sie würden dem Jupiter geopfert haben,“ ſagte Warrington, „hätten Sie zur Zeit der chriſtlichen Ver⸗ folgungen gelebt.“ „Vielleicht,“ ſagte Pen etwas verdrießlich. „Viel⸗ leicht bin ich ein Feigling, — vielleicht iſt mein Glau⸗ ben unfeſt, aber das behalte ich für mich. Was ich hier beweiſe, iſt, daß ich nicht verfolgen will. Machen Sie einen Glauben, oder ein Dogma unbedingt, ſo wird Verfolgung eine logiſche Konſequenz; und Dominikus verbrennt einen Juden, Calvin einen Arianer, Nero einen Chriſten, Eliſabeth oder Maria einen Päbſtler oder einen Proteſtanten, oder ihr Vater beide oder einen von beiden, wie er gerade gelaunt war, ohne Gewiſſensbiſſe; im Gegentheil, mit dem vollen Bewußtſein erfüllter Pflicht. „Mache ein Dogma unbedingt, und den Tod zu geben oder zu erleiden, wird leicht und nothwendigz und wenn Muhamed's Soldaten rufen: Paradies, Pa⸗ radies! und unter den chriſtlichen Speeren ſterben, ſind ſie nicht mehr und nicht weniger preiswürdig, als die⸗ ſelben Leute, wenn ſie eine Stadt voll Juden nieder⸗ ſchlachten, oder allen Gefangenen, die nicht den einen Propheten Gottes anerkannten, die Köpfe abſchlugen. „Vor einer kleinen Weile, Junge,“ ſagte Warrington, der auf die Bekenntniſſe ſeines Freundes weder ohne Theilnahme noch Verachtung gehört hatte, denn ſeine Pendennis. Mw. 2 18 Stimmung führte ihn zu Beidem, „fragten Sie mich, warum ich ferne von dem Kampfe der Welt blieb, und mir nur vie große Anſtrengung meines Nachbars mit anſchaute, ohne Theil an dem Kampfe zu nehmen, in dem Sie doch ſelbſt ein bloßer Dilettant zu ſein ge⸗ ſtehen, bei dieſem Bekenntniß eines allgemeinen Skep⸗ ticismus, und wo Sie doch ſelbſt nur ein gleichgiltiger Zuſchauer find! Sie ſind ſechsundzwanzig Jahre alt und ſo blaſirt, als ein Wüſtling von ſechzig. Sie hof⸗ fen, ſorgen und glauben nicht Viel. Sie zweiſeln an andern Menſchen ſo viel, als an ſich ſelbſt, während die Welt, beſtände ſie aus lauter ſolchen poco curanti, wie Sie, unerträglich wäre; und lieber wollte ich in einer Wildniß voller Affen leben und auf ihr Geſchnatter horchen, als in einer Geſellſchaft vovn Menſchen, die Alles verneinen.“ Wären lauter heilige Bernhard und Dominikus auf der Welt, ſie wäre gleich widerwärtig,“ ſagte Pen, „und am Ende von ein Paar Jahrzehnten würde es aus mit ihr ſein. Wünſchten Sie, daß jeder Mann, ! den Kopf geſchoren, und jedes Weib in einem Kloſter! ſteckend, das Prinzip der Kaſteiung in volle Ausübung brächten? Wünſchten Sie, daß Konventikellieder in 1 jeder Stadt der Welt von einem Gäßchen zum andern gellten? Wollten Sie, daß alle Vögel der Wälder! eine Note ſängen und in einerlei Flug ſich bewegten? 1 Sie heißen mich einen Skeptiker, weil ich anerkenne, was iſt, und wenn ich anerkenne, daß, ſei es ein Hänf⸗ 1 ling oder eine Lerche, ein Prieſter oder Pfarrer, ſei d es, will ich ſagen, irgend eine Einzelheit der unendlichen ! Manigfaltigkeiten der Geſchöpfe Gottes, (deſſen Namen „ ſchon ich immer mit Ehrfurcht ausgeſprochen wünſchte, e und dem man immer nur mit ehrerbietigem Grauen e nahen ſollte,) ich ſage, daß das Stubium und die An⸗ e erkennung der Manigfaltigkeit unter den Menſchen 6 hauptſächlich unſere Ehrfurcht und Bewunderung für b den Schöpfer, Beherrſcher und Ordner all dieſer Sei 4 = S SS — — — — — — 19 ſter, ſo verſchieden und doch ſo einig, die ſich zu einer gemeinſchaftlichen Anbetung ſammeln und jeder nach ſeinem Grade und in der Weiſe, wie er dem göttlichen Mittelpunkte näher ſteht, ſeine Lobpreiſung und Vereh⸗ rung darbringt, und jeder (um zu dem vorigen Gleichniß zurückzukommen) ſein natürliches Lied fingt.“ „Und ſo, Arthur, iſt die Hymne eines Heiligen, die Ode eines Poeten und der Gaſſenhauer eines New⸗ gater Diebs ſo ziemlich das Gleiche nach Ihrer Philo⸗ ſophie,“ ſagte George. „Selbſt dieſer Spott könnte ſeine Antwort finden, wenn es zur Sache gehörte,“ verſetzte Pendennis, „aber das thut es nicht, und man könnte Ihnen antworten, daß ſelbſt dem elenden Jammerſchrei des Mörders an dem Holze der weiſeſte und beſte aller Lehrer, die wir kennen, der unermüdliche Stärker und Tröſter ein mit⸗ leibiges Gehör und eine gewiſſe Hoffnung in Ausſicht ſtellte. Hymnen von Heiligen! Oden von Dichtern! wer ſind wir, daß wir die Wechſel und Gelegenheiten, die Mittel, Rechtes und Unrechtes zu thun, oder auch nur zu beurtheilen, die den Menſchen gewährt ſind, auch nur zu bemeſſen, und die Regel aufzuſtellen ver⸗ möchten, um ihre Strafen und Belohnungen abzuwä⸗ gen. Wir ſind ſo inſolent und unbeſonnen im Beurtheilen der Sittlichkeit der Menſchen, wie ihrer Intelligenz: wir bewundern dieſen Mann als einen großen Philo⸗ ſophen und erklären den andern für einen Dummkopf, indem wir weder den einen kennen, noch den Betrag der Wahrheit bei den Andern, noch überhaupt die Wahr⸗ heit irgendwo. Wir ſingen das Te Deum für dieſen Helden, der eine Schlacht gewonnen, und De Profun- dis für jenen Andern, der aus dem Gefängniß gebro⸗ chen und ſodann von den Dienern der Polizei wieder eingefangen worden. Unſer Maß von Belohnungen und Strafen iſt äußerſit parteiiſch und mangelhaft und bis ins Abſurde unzulänglich, — und wir möchten ſie gerne bis in die andere Welt erſtrecken. In die künftige 20 Welt des Grauens noch ſuchen wir Menſchen zu verfol⸗ gen und ſchicken ihnen unſre ohnmächtigen Partei⸗ wahrſprüche der Verdammung oder Freiſprechung nach. Wir ſtecken unſre winzigen Meßruthen auf, um den unermeßlichen Himmel zu meſſen, als ob im Vergleich damit Newton's, Paskals oder Shakſpeare's Geiſt erhabener als der meinige wäre; als ob der Strahl, der von der Sonne wandert, mich früher, als den Mann erreichte, der mir die Stiefel wichst. Nach dieſer Höhe gemeſſen, ſind der Größte und der Kleinſte unter uns ſo winzig und erbärmlich niedrig, daß ich ſage, wir ſollten gar keine Berechnung anſtellen, und es iſt eine Gemeinheit, die Differenz kalkuliren zu wollen.“ „Hier hinkt Ihr Gleichniß, Arthur,“ ſagte der Andere mehr zufrieden, „wenn wir ſelbſt mit der ge⸗ meinen Arithmetik beinahe in's Unendliche vergrößern und verkleinern können, ſo muß der große Rechner Alles in Rechnung nehmen, und das Kleine iſt nicht klein, das Große nicht groß vor ſeiner Vnendlichkeit.“ „Ich ziehe dieſe Berechnungen nicht in Frage, „ſagte Arthur, „ich ſage allein, daß die Ihrigen unvollſtändig und voreilig ſind; falſch in der Konſequenz und bei jeder Operation in einen weiteren Irrthum ſich ver⸗ größernd. Ich verdamme nicht den Mann, der Sokrates mordete und Galilei verdammte, ich ſage nur, daß ſie Galilei verdammt und Sokrates gemordet haben.“ „Und doch hatten Sie vor einem Augenblick noch als richtig anerkannt, daß man ſich bei der dermaligen und vermuthlich bei allen andern Thranneien beruhige?“ „Nein: aber daß ich, wenn ein Gegner mich be⸗ broht, deſſen ich ohne Blut und Gewalt los werden kann, lieber ihn auswarte und aushungre, als ihm in dem Kampfe den Garaus mache: Fabius kämpfte ſteptiſch gegen Hannibal. Welcher Römer war ſein coadjutor, von dem wir als Schulknaben im Plutarch laſen, daß er über ſeine Zögerungen ſpottete, ſeinen 21¹ Muth bezweifelte, den Feind angriff und für die Mühe, die er ſich nahm, geſchlagen wurde?“ In dieſen Betrachtungen und Bekenntniſſen Arthur's kann der Leſer vielleicht Anſpielungen auf Fragen ſin⸗ den, welche ihn ſelbſt ohne Zweifel ſchon beſchäftigt und beunruhigt haben, und die er ſich durch Löſungen be⸗ antwortet hat, welche ſehr verſchieden von denen unſeres Freundes ſind. Wir ſtehen nicht ein für die Richtigkeit ſeiner Anſichten, welche die Leſer nur als dramatiſch ge⸗ geben betrachten mögen, da der Schreibende für ſie nicht mehr verantwortlich iſt, als für die Meinungen, welche irgend eine andere Perſönlichkeit der Geſchichte ausgeſprochen hat. Unſre Aufgabe iſt nur, der Entwick⸗ lung des Charakters eines weltlichen und ſelbſtiſchen, aber nicht unedeln, unmenſchenfreundlichen oder wahrheits⸗ ſcheuen Mannes auf ihre verſchiedene Stadien zu folgen. Und man wird ſehen, daß der klägliche Standpunkt, auf den ſeine Logik ihn für jetzt gebracht hat, derjenige einer allgemeinen Zweifelſucht und ironiſchen Zuſtimmung zu der Welt iſt, wie ſie iſt, oder, wenn wir es ſo nennen wollen, ein mit Spott vermiſchter Glaube an alle Dinge, wie ſie ſind. Der Geſchmack und die Gewohn⸗ heiten eines ſolchen Mannes verhindern ihn, ein unge⸗ ſtümer Demagoge zu ſein, und ſeine Liebe zur Wahrheit und ſein Widerwille gegen Gleißnerei laſſen ihn keine unverdaute Gedanken vorbringen, wie ſie viele Schreier von Reformers beſtändig zur Hand haben, noch viel weniger handgreifliche Unwahrheiten aufſtellen bei Be⸗ antwortung von Fragen oder beim Täuſchen von Gegnern. Lieber wollte er ſterben oder verhungern, als ſolcher Mittel ſich bedienen. Es lag nicht in unſres Freundes Natur, ausgemachte Lügen zu ſprechen, noch war er ſtark genug, gegen andere zu proteſtiren, außer mit höf⸗ lichem Spott, da es Grundſatz bei ihm war, daß er allen Akten des Parlaments Gehorſam ſchuldete, ſo lange ſie nicht widerrufen wären. Und zu was führt dieſes leichte, fkeptiſche Leben einen Mann? Freund Arthur war ein Sadducäer, und der Täufer könnte in der Wüſte an die Armen, welche aus aller Macht des Glaubens an des Predigers ehrwürdige Worte und Ankündigungen des Zorns oder Wehs, oder der Reitung glaubten, ſeine Standrede halten und unſer Sadducäer würde ſein glattes Maulthier mit Achſelzucken und Lächeln von der Menge abwenden und in den Schatten ſeiner Terraſſe heimkehren, über Prediger und Zuhörerſchaft nachfinnen, ſich an ſeine Platorolle, oder an ſeine gefälligen, griechiſchen Dichtungen wenden, die von Honig und Hybla, von Nymphen, Quellen und Liebe plaudern. Wozu, ſagen wir, führt dieſer Skepti⸗ cismus ? Er führt Einen zu ſchändlicher Iſolirung und Selbſtſucht — um ſo ſchändlicher, weil ſie ſo gut ge⸗ launt, ſo ſelbſtzufrieden und heiter iſt. Gewiſſen! was iſt Gewiſſen? Warum ſollten uns auch Gewiſſensbiſſe plagen? Was iſt öffentliche Treue, was Treue des Ein⸗ zelnen? Mythen in wirre Sagen gehüllt. Wenn Du die Lägen der Welt ſiehſt und als ſolche anerkennſt, Ar⸗ thur, wie Du ſie mit nur zu verhängnißvollem Scharf⸗ blick ſehen kannſt und ſie ohne weitern Proteſt als ein Lachen gewähren läß'ſt, wenn Du, in leichtfertige Sinn⸗ lichkeit getaucht, die ganze Welt des Elends an Dir vor⸗ bei ſtöhnen läſſeſt, ohne daß ſie Dein Mitleid rührt: wenn der Kampf für die Wahrheit eintritt und alle Männer von Ehre gewaffnet auf die eine oder die an⸗ dere Seite ſich ſtellen, und Du allein auf Deinem Bal⸗ kone liegſt und eine Pfeife rauchſt, fern von dem Ge⸗ räuſch und der Gefahr, dunn wäreſt Du lieber geſtor⸗ ben, oder hätteſt nie gelebt, als ſolch ein ſinnlicher Feigling.“ „Die Wahrheit, Freund 1“ entgegnete Arthur un⸗ verwüſtlich; „wo iſt die Wahrheit? Zeigt ſie mir? das iſt die Frage zwiſchen uns, ich ſehe ſie auf beiven Sei⸗ ten. Ich ſehe ſie auf der fonſervativen Seite des Hauſes und unter den Radikalen und ſelbſt auf den miniſteriel⸗ len Bänken. Ich ſehe ſie bei dem Manne, der auf die — 23 Akten des Parlamentes ſchwört und mit einer ſilbernen Schürze und fünftauſend per Jahr belohnt wird, in dem Manne, der verhängnißvoll getrieben von der unbarm⸗ berzigen Logik ſeines Glaubens Alles aufgibt, Freunde, Ruf, dietheuerſten Bande, die verführeriſchſten Eitelkeiten, die Hochachtung eines Heers von Kirchenmännern, die anerkannte Stellung eines Führers, und, von der Wahr⸗ heit getrieben, zum Feinde übertritt, in deſſen Reihen er hinfort als namenloſer, gemeiner Soldat dienen wird: — Ich ſehe die Wahrheit in dem Manne, wie ich ſie in ſeinem Bruder ſehe, den ſeine Logik zu einem ganz verſchiedenen Schluſſe führt, und der, nachdem er ein ganzes Leben in eiteln Beſtrebungen zugebracht, ein mit ſich unvereinbarliches Buch mit ſich in Einklang zu brin⸗ gen, es zuletzt in der Verzweiflung zu Boden wirft und mit thränenvollen Augen und zum Himmel erhobenen Händen ſeinen Abfall und Widerruf erklärt. Wenn die Wahrheit bei allen dieſen iſt, warum ſollte ich auf die Seite von dieſem oder jenem treten? Einige werden be⸗ rufen zu predigen: laßt ſie predigen. Unter vieſen Pre⸗ digern ſind aber, dünkt mich, nur zu viele, welche nur glauben, ſie hätten den Beruf. Aber wir können in der Kirche nicht alle Pfarrer ſein, das iſt klar, einige müſſen ſtill ſitzen und zuhören oder — vielleicht auch ſchlafen. Haben wir nicht Alle unſere Pflichten? Der oberſte Charityknabe tritt die Blasbalgen; der Lehrer fuchtelt die andern Knaben in dem Orgelchor; der Clerk ſingt ſein Amen von dem Kanzelpult und der Kirchendiener mit dem Stabe öffnet die Thür für ſeine Hochehrwür⸗ den, welche in Seide nach dem Kiſſen rauſcht. Ich fuchtle die Jungen nicht, nein, noch ſprech' ich immer Amen, oder agire als der Kirche Kämpe und Krieger in Ge⸗ ſtalt des Kirchendieners mit dem Stabe; aber ich pflege meinen Hut abzunehmen, und auch da meine Gebete zu ſprechen und dem Geiſtlichen, während er auf dem Graſe außen umhergeht, die Hand zu drücken. Weiß ich nicht, daß er hier laut eines Vertrages iſt und laut einer 24 Parlamentsakte vor mir ſteht? daß die Kirche, in der er auftritt, für einen andern Kult gebaut war? daß die Methodiſtenkapelle nächſt daran iſi, und der Keſſel⸗ flicker Bunyan hart daneben die Verdammung über die Gemeinde ausſpricht? Ja, ich bin ein Sadducäer und nehm die Dinge, wie ich ſie finde, und die Welt und die Parlamentsakten der Welt, wie ſie ſind, und ich be⸗ abſichtige, ein Weib zu nehmen, wenn ich eines finde — nicht um wahnfinnig verliebt in ſie zu ſein, und mich wie ein Narr ihr zu Füßen zu werfen — nicht um ſie, wie einen Engel anzubeten, oder zu erwarten, einen ſolchen in ihr zu finden — ſondern um gutmüthig und artig gegen ſie zu ſein — indem ich Gutmüthigkeit und artige Geſellſchaft von ihr erwarte, und ſo, George, wenn Sie je von mir hören, daß ich heirathe, verlaſſen Sie ſich darauf, es wird keine romantiſche Zuneigung von meiner Seite ſein, und wenn Sie von einem guten Platze im Dienſte der Regierung hören, ſo habe ich keine beſondern Skrupel, daß ich wüßte, die mich ver⸗ hinderten, Ihr Anerbieten anzunehmen.“ „O Pen, Sie Schurke! ich weiß, was Sie meinen!“ rief Warrington hier aus. „Da will ihr Skeptizismus, Ihr Quietismus, Ihr Atheismus hinaus, mein armer Junge. Sie wollen ſich verkaufen, und der Himmel helfe Ihnen. Sie wollen einen Handel abſchließen, der ſie herabwürdigen und Ihr Lebtag unglücklich machen wird, und da braucht es nicht viel Worte. Wenn Sie ein Mal darauf losſtenern, ſo bringt Sie kein Teufel davon ab.“ „Im Gegentheil, er iſt auf meiner Seite, nicht wahr, George?“ Was das gute Cigarren find! kommen Sie herab zu einem kleinen Diner in dem Klubb; der Chef iſt in der Stadt, und er wird ein gutes für mich auftiſchen. — Nein, Sie wollen nicht: ſeien Sie nicht murrköpfiſch, alter Junge, ich gehe Morgen auf — auf das Land.“ 25 Pweiundzwanzigſtes Rapitel gibt vielleicht Aufklärung über das vorhergehende Kapitel. Die Aufſchlüſſe über die Angelegenheiten der Cla⸗ veringer Familie, welche Major Pendennis durch Strong und durch ſeine eigene perſönliche Einmiſchung als Freund des Hauſes erhalten hatte, waren von der Art, daß er beinahe mit ſeinen Plänen, die er zu Gunſten ſeines Neffen entworfen, pauſirt hätte. Ein Weih mit zwei ſolchen Schwiegervätern, wie die beiden Ehrenmän⸗ ner waren, welche die argloſe, unglückliche Lady Cla⸗ vering zur Ehe bekommen, konnte fur einen e keine Wohlthat ſein. Und obgleich der Eine gewiſſer Maßen den Andern neutraliſirte, und die Erſcheinung Amory's oder Altamont's im Publikum das Signal zu ſeinem augenblicklichen Rückzug und ſeiner wohlvervienten Be⸗ ſtrafung wäre, — der flüchtige Sträfling hatte den zu ſeiner Bewachung beigegebenen Offizier niedergehauen — und der Strick ſein unvermeidliches Ende ſein würde, wenn er wieder in den Bereich einer brittiſchen Obrig⸗ keit käme, ſo würde doch kein Vormund gerne ſeinem Mündel ein Weib verſchaffen, deſſen Vater auf ſolche Weiſe auf vie Seite geſchafft werden mußte, und der alte Gentleman hatte ſich immer gedacht, daß Altamont mit dem Galgen vor Augen ſicherlich eine Wiedererken⸗ nung vermeiden, während Letztrer, der durch Amory's Erſcheinung Alles verlieren würde, dadurch daß er den Faden zu deſſen Entdeckung in der Hand hielte, der Sklave in den Händen deſſen ſein werde, der um ein ſo verhängnißvolles Geheimniß wüßte. Wenn aber die Begum Clavering's Schulden noch oft zahlte, ſo mußte ihr Reichthum über dieſem unver⸗ 26 beſſerlichen Auswürfling darauf gehen und ihre Erben, wer ſie auch immer ſein mochten, nur einen geleerten Schatz antreten, und Miß Amory ſtatt ihrem Manne ein gutes Einkommen und einen Sitz im Parlament zu bringen, dieſem Individuum nur ihre Perſon und ihren Stammbaum mit der kläglichen Anmerkung sus. per coll. 3) beim Namen des letzten männlichen Glieds ihrer Familie beibringen würde⸗ Es ſtand jedoch für den alten Planmacher, wenn er dieß in ſeinem Sinne überdachte, ein anderer Weg offen, wie der Leſer entnehmen mag, wenn er ſich die Mühe nimmt, die unmittelbar folgende Unterhaltung zwiſchen Major Pendennis und dem ehrenwerthen Ba⸗ ronet, dem Parlamentsmitglied für Clavering, zu über⸗ leſen. Wenn ein Mann unter Geldbedrängniſſen aus dem Kreiſe ſeiner gewöhnlichen Freunde und Genoſſen ver⸗ ſchwindet — und ſo zu ſagen aus der Heerde der Vögel, in welcher er daher zu rudern gewohnt war, untertaucht, ſo iſt es wunderbar, wie er oft unerwartet in einem entfernten Winkel wieder auftaucht, um Athem zu holen. Ich habe einen Pall⸗Mal⸗Pflaſtertreter und Rotten⸗Now⸗ Stutzer von nicht unbedeutendem Ruf in der Faſhion aus der Mitte ſeiner Kameraden in den Klubbs und dem Park verſchwinden ſehen und ihn ſehr glücklich und freundlich an einem Wirthstiſche um achtzehn Pence in Billingsgate wieder aufgefunden. Ein andrer Gentle⸗ man von viel Gelehrſamkeit und Witz ſchickte mir, als er den Konſtablern entronnen, (würde ich ſagen, er ſei eine literariſche Notabilität, ſo würden die Kritiker dar⸗ auf ſchwören, daß ich den Stand der Gelehrten inſultiren wollte) ſeine Adreſſe in einem kleinen Wirthshauſe: „dem Fuchs unter dem Berge,“ in das man durch einen dun⸗ keln höhlenartigen Bogenweg am Strand gelangte. Ein ſolcher Mann unter ſolchen Mißgeſchicken hat vielleicht *) gehenkt, suspensus per collum. 27 ein Haus, iſt aber nie darin und hat eine Adreſſe, wo Briefe abgegeben werden mögen, aber bloß Einfaltspin⸗ ſel gehen hin mit der Hoffnung, ihn ſelbſt zu finden. Nur wenige Getreue wiſſen dort, wo er zu finden iſt, und haben den Schlüſſel zu ſeinem Verſtecke. So war denn nach den Streiten mit ſeinem Weibe und den darauf folgen⸗ den Uebelſtänden Sir Francis daheim zu finden, eine reine Unmöglichkeit. „Seitdem ich ihm wegen meiner Rechnung, die vierzehn Pfund beträgt, zu Leibe gehe, kommt er vor drei Uhr Morgens nicht nach Hauſe, und thut, als ob er ſchliefe, wenn ich ihm ſein Waſſer bringe, und witſcht mir hinaus, wenn ich die Treppen unten bin,“ bemerkte Mr. Lightfvot gegen ſeinen Freund Morgan, undkündigte an, zu Myladyhinabzugehen, dort Kellermeiſter zu werden und die Alte zu heirathen. So kam der Ba⸗ ronet nach ſeinem Streite mit Strong auch nicht mehr zu dieſem und floh in andere Schlupfwinkel außer dem Bereiche der Vorwürfe des Chevalier — außer dem Be⸗ reiche des Gewiſſens, wenn es möglich wäre, dem viele von uns durch Wechſel der Scenen und andere flüchtige Strategeme zu entwiſchen ſuchen. So koſtete es den ältern Pendennis, der ſein wei⸗ teres Ziel verfolgte, und dem gemäß Pen's Landnachbar und Parlamentsrepräſentanten ſprechen mußte, viel Mühe und Zeit, bis er ihn zu einer vertraulichen Beſprechung unter vier Augen, wie es für die Abſichten des Major's nothwendig war, auftreiben konnte: denn ſeit der Major als Familienfreund heigezogen wurde und von Claverings Ehe⸗ und Geldangelegenheiten Kenntniß hatte, mied ihn der Baronet, wie er immer allen ſeinen Rechtsfreunden und Unterhändlern aus dem Wege ging, wenn Rechnung abgelegt oder eine Geſchäftsſache zwiſchen ihnen erörtert werden ſollte; und fand ſich nie bei einer Beſtellung ein, wenn nicht Geld zu erheben war. Der Major machte mehr denn einen vergeblichen Verſuch, den äußerſt ſcheuen und furchtſamen Vogel zu erhaſchen. Das erſte Mal war es eine ganz unſchuldig ausſehende Einladung 28 zu einem Diner in Greenwich, um dort einige Freunde zu treffen. Der Baron aeceptirte, faßte Argwohn und kam nicht, indem er dem Major, der ſich vorgenommen hatte, in ſeiner Wenigkeit den Plural der Freunde zu repräſentiren, überließ, ſein Whitebait *) allein zu ver⸗ ſpeiſen. — Bei einer andern Gelegenheit ſchrieb ihm der Major und erbat ſich ein Rendezvous von zehn Minu⸗ ten, und der Major bekannte ſich alsbald zu dem Em⸗ pfange der Note und beſtellte ihn auf den nächſten Tag Punkt vier Uhr zu Bays's (er unterſtrich Punkt aus⸗ drücklich); aber obgleich vier Uhr kam, wie es denn im Verlaufe der Zeit und des Verhängniſſes nicht anders konnte, zeigte ſich kein Clavering. In der That, wenn er von Pendennis zwanzig Pfund geborgt hätte, ſo konnte er nicht furchtſamer, nicht eifriger bemüht ſein, ihm aus dem Wege zu gehenz und der Major überzeugte ſich, er es zweierlei ſei, Jemand zu ſuchen und Jemand zu nden. Vor dem Schluſſe des denkwürdigen Tages, an welchem Strongs Patron dem Chevalier das Beneſiz ſo vieler Segnungen in's Geſicht und ſo vieler Verwün⸗ ſchungen auf den Rücken gegeben hatte, wußte Sir Fran⸗ cis Clavering, der den Rathgebern ſeines Weibes feier⸗ lich und eidlich verſprochen hatte, keine Wechſel mehr auszuſtellen oder zu acceptiren und ſich mit der Summe zu begnügen, welche ſeine vielgeprüfte Gattin ihm immer noch ausſetzte, es ſo einzuleiten, daß er ſeinen reſpektabeln Namen unter einen Fetzen geſtempeltes Papier ſetzte, welches der Freund des Baronet's, Mr. Moß Abrams, mit fortnahm, indem er verſprach, den Wechſel bei Je⸗ mand anzubringen, mit deſſen Vertrauen Mr. Abrams beehrt war. Zufällig hörte Strong von dieſem Geſchäft⸗ ichen an dem Orte ſelbſt, wo das Dokument ausgefertigt wurde — d. h. in dem Hinterparlour von Mr. San⸗ *) Ein ganz kleiner Fiſch, ein Leckerbiſſen für Gvurmands, der nur gegenüber von Greenwich gefunden wird. 29 tiago's Cigarrenladen, wo der Chevalier die beharrliche Gewohnheit hatte, Abends eine Stunde zuzubringen. „Er fährt fort, wo er's gelaſſen hat,“ bemerkte Mr. Santiago ſeinem Kunden. „Er und Moß Abrams waren in meinem Parlour. Moß ſchickte meinen Jungen nach einem Stempel aus, es muß ein Wechſel für fünf⸗ zig Pfund geweſen ſein. Ich hörte den Baronet Moß ſagen, er ſoll ihn zwei Monate zurück datiren, er will glauben machen, daß es ein alter Wechſel ſei, und daß er ihn vergeſſen habe, als es kürzlich mit ſeiner Gattin zum Abſchluſſe kam. Ich denke, ſie werden ihm jetzt wie⸗ der etwas mehr Geld geben, nun es mit ihm im Reinen iſt.“ Ein Mann, der die Gewohnheit hat, ſei⸗ nen unglücklichen Namen unter in ſechs Monate zu zahlende Anweiſungen zu ſetzen, hat auch die Genug⸗ thuung, zu wiſſen, daß ſeine Angelegenheiten bekannt und erörtert werden, ſeine Unterſchrift unter den ſchlimm⸗ ſten Schurken und Schelmen Londons herum geboten wird. Mr. Santiago's Laden war nahe bei Sankt James's Street und Bury Street, wo wir die Ehre hatten, unſern Freund Major Pendennis in ſeiner Mieth⸗ wohnung zu beſuchen. Der Major ging gerade elegant aufgeputzt auf dieſelbe zu, als Strong, von Zorn ent⸗ brannt und nach Havanna duftend, auf demſelben Pfla⸗ ſter ihm gegenüber daher ſchritt. „Der Henker hole doch die jungen Leute, wie ſie Alles mit ihrem Rauchen vergiften. Hier kommt ein Burſche mit einem Knebelbart und einer Cigarre; jeder Burſche, der raucht und einen Knebelbart trägt, iſt ein gemeiner Burſche. Oh s iſt Mr. Strong. — Ich hoffe, Sie befinden ſich wohl?“ und der alte Gentleman war im Begriff, mit einer würdevollen Verbeugung gegen den Chevalier an ihm vorbei in ſein Haus einzutreten, indem er mit zitternder Hand den Schlüſſel auf das Schloß in der Thüre richtete. Wir haben berichtet, daß bei den langen und er⸗ 30 müdenden Disputen und Konferenzen in Betreff der Be⸗ zahlung von Sir Francis Clavering's letzten Schulden Strong und Pendennis, beide als Freunde und Bera⸗ ther von des Varonets unglücklicher Familie, gegenwär⸗ tig waren. Strong blieb ſtehen und reckte die Hand gegen ſeinen Bruder Unterhändler aus, und der alte Pendennis hielt ihm ein paar ungnädige Finger ent⸗ gegen. „Was gibt es gutes Neues?“ ſagte Major Pendennis, indem er gegen den andern noch weiter den Gönner ſpielte, und ſich herabließ, an ihn eine Bemer⸗ kung zu richten: denn der alte Pendennis war ſein Leb⸗ tag in ſo guter Geſellſchaft geweſen, daß er ſich ohne Weiteres einbildete, er ehre gewöhnliche Leute, wenn er mit ihnen ſpreche. „Immer noch in der Stadt, Mr. Strong? ich hoffe, ich ſehe Sie wohl.“ „Meine Neuigkeiten ſind ſchlimm, Sir,“ antwor⸗ tete Strong; „ſie betreffen unſre Freunde in Tunbridge Wells, und ich würde gern mit Ihnen darüber ſprechen. Clavering macht wieder die alten Streiche, Major Pen⸗ dennis.“ „Das wäre! bitte, ſchenken Sie mir die Ehre, in meine Wohnung zu kommen,“ rief der Major mit leb⸗ hafterem Intereſſe; und das Paar trat ein und nahm Beſitz von dem Geſellſchaftszimmer. Hier ſitzend, ent⸗ lud ſich Strong ſeines Unwillens gegen den Major und ſprach des weitern von Clavering's Rückſichtsloſigkeit und Verrath. „Keine Verſprechen binden ihn, Sir,“ ſagte er, „Sie erinnern ſich, Sir, wie wir uns mit Mylady's Rechtsfreunde trafen, wollte er nicht zufrieden ſein, ſein Ehrenwort zu geben, ſondern auf den Knieen ſeinem Weibe ſchwören, und zog die Glocke nach einer Bibel, ſchwor ſein Verderben für alle Cwigkeit, wenn er wieder einen Wechſel unterſchreiben würde. — „Er hat erſt heute einen unterzeichnet, Sir, und wird für baares Geld ſoviel unterzeichnen, als Sie wol⸗ 31 len, und wird Jebermann betrügen, ſein Weib, ſein Kind, ſeinen alten Freund, der ihm hundert Mal den Rücken gedeckt. Nun da iſt ein Wechſel von ihm und mir, der nächſte Woche verfällt.“ „Ich dachte, wir hätten Alles bezahlt —“ „Den einen nicht,“ ſagte Strong erröthend. „Er bat mich, ihn nicht zu erwähnen — und — ich hatte die Hälfte des Geldes dafür, Major, und jetzt wird's über mich losgehen. Aber ich kümmere mich nicht darum; ich bin's gewohnt. Für Lady Clavering thut mir's Leid, es iſt eine Schande, daß die gutmüthige Frau, die ihn zwan⸗ zig Mal aus dem Gefängniß losgekauft hat, durch ſeine Herzloſigkeit ruinirt werden ſoll. Er hat eine Menge Wechſelſtehler, Boxer und anderes Geſindel an der Hand, die ihm ſein gutes Geld aus der Taſche nehmen, und trägt kein Bedenken, einen ehrlichen Burſchen über Vord zu werfen. Sollten Sie's glauben, Sir, er nahm Geld von Altamont — Sie wiſſen, wen ich meine.“ „In der That? Von dem ſeltſamen Mann, der ein Mal, glaub'ich, betrunken in Sir Franzis's Haus kam?“ fragte Major Pendennis mit unergründlicher Miene. „Wer iſt Altamont, Mr. Strong?“ „Ich weiß es in der That nicht, wenn Sie es nicht wiſſen,“ antwortete der Chevalier mit einem Blicke der Ueberraſchung und des Argwohns. „Ich muß Ihnen aufrichtig geſtehen,“ ſagte der Major, „ich habe Gründe zum Verdacht. Ich vermuthe — merken Sie ſich's, ich vermuthe blos — daß in unſ⸗ res Freundes Clavering's Leben — der, unter uns ge⸗ ſagt, Kapitän Strong, ein ſo lockerer Fiſch iſt, als nur einer in meiner Bekanntſchaft lebt — einige ſeltſame Geheimniſſe und Geſchichten ſind, die ich nicht unter⸗ ſuchen will — keiner von uns. Und höchſt wahrſchein⸗ lich weiß dieſer Burſche, der ſich Altamont nennt, eine Geſchichte von Clavering und hat ſo einen Halt an ihm, und weiß auf dieſe Wiſſenſchaft hin ihm Geld abzudrän⸗ gen. Ich kenne einige der beſten Männer von den beſten 32 Familien in England, die auf ſolche Weiſe Geld ſchwitzen müſſen. Aber ihre häuslichen Angelegenheiten gehen mich Nichts an, Mr. Strong, und es iſt nicht gerade anzunehmen, daß ich, weil ich zu Einem gehe und mit ihm dinire, ſeine Geheimniſſe erſpähe, oder für ſein frühe⸗ res Leben verantwortlich bin. Und ſo intereſſire ich mich für unſern Freund Clavering wegen ſeiner Frau und ſeiner Tochter, die ein höchſt bezauberndes Geſchöpf iſt; und als mich Ihre Herrlichkeit darum bat, warf ich einen Blick in ihre Angelegenheiten und ſuchte ſie wie⸗ der zu Recht zu bringen und thue es wieder, verſtehen Sie, nach meinen beſten Kräften und Fähigkeiten, wenn ich mich nützlich machen kann. Und wenn ich aufgefor⸗ dert werde — verſtehen Sie, wenn ich aufgefordert werde und — neben bei, was iſt mit dieſem Mr. Al⸗ tamont, Mr. Strong, ich glaube, Sie ſind mit ihm be⸗ kannt 7 Iſt er in der Stadt?“ „Ich wüßte nicht, daß ich aufgefordert wäre, zu wiſſen, wo er iſt, Major Pendennis,“ indem er aufſtand und ärgerlich ſeinen Hut nahm, denn des Majors Gön⸗ nermanier und impertinente Vorſicht verletzten den ehr⸗ lichen Gentleman nicht wenig. Pendennis's Benehmen ging mit einem Male von dem Tone des Hochmuths in den Ton verſtändiger, gu⸗ ter Laune über. Ah, Kapitän Strong, auch Sie ſind, wie ich ſehe, vorſichtig und haben ganz Recht, mein guter Sir, ganz Recht. Wiſſen wir, ob nicht die Wände Ohren haben, Sir, oder mit wem wir ſprechenz und als ein Mann von Welt und ein alter Soldat, — ein alter und ausgezeichneter Soldat, hab' ich mir ſagen laſſen, — wiſſen Sie recht wohl, daß es zu Nichts nütze iſt, unſer Feuer zu verſchwendenz Sie mögen Ihre ei⸗ genen Gedanken haben, und ich ſetze zwei und zwei zu⸗ ſammen und habe die meinigen. Aber es gibt Sachen, die ihn Nichts angehen, und die mancher beſſer thäte nicht zu wiſſen, he Kapitän? Und die ich, meines Theils, nicht wiſſen will, bis ich Grund habe, darnach zu fragen, 33 und das iſt, glaube ich, auch Ihr Grundſatz. Was unſern Freund, den Baronet betrifft, ſo glaube ich mit Ihnen, daß es am rathſamſten wäre, wenn ihm in ſei⸗ nem unklugen Vorgehen Einhalt gethan würde, und tadle es auf's entſchiedenſte, wenn ein Mann ſein Wort nicht hält oder ſich ſo aufführt, daß ſeine Familie zu Scha⸗ den kommt, oder wenn er ihr Ungelegenheit macht. Das iſt meine volle und aufrichtige Meinung und ich bin's überzeugt, auch die Ihrige.“ „Ganz gewiß,“ ſagte Mr. Strong trocken. „Ich bin hoch erfreut, das zu hören, hoch erfreut, daß ein alter Bruder Soldat mit mir ſo völlig über⸗ einſtimmt. Es macht mir ungemeines Vergnügen, daß mir das Glück Ihres Beſuches zu Theil wurde. Guten Abend. Dank Ihnen. Morgan, zeigen Sie Kapitän Strong die Thür.“ Strong verabſchiedete ſich, unter dem Vorgang Morgan's, von Major Pendennis; der Chevalier, nicht wenig verlegen über die Klugheit des alten Gentle⸗ mans, und der Kammerdiener, in Wahrheit zu ſagen, eben ſo verdutzt über ſeines Gebieters Schweigſamkeit. Denn Mr. Morgan ſchlich in ſeiner Eigenſchaft als voll⸗ endeter Valet ſo ſtill wie ein Schatten im Hauſe bald dahin, bald dorthin und war, wie es ſich ſo gab, wäh⸗ rend des letzten Theils der Unterhaltung ſeines Herrn mit ſeinem Beſuche ganz dicht an der Thür geſtanden und hatte nicht wenig von den Worten der beiden Gent⸗ lemen behorcht und viel mehr, als er verſtehen konnte. „Wer iſt dieſer Altamont? wiſſen Sie etwas von ihm und Strong?“ fragte Mr. Morgan den Mr. Light⸗ foot bei der nächſten paſſenden Gelegenheit, als ſie ſich in dem Klubbe trafen. „Strong iſt ſein Geſchäftsmann und ſchreibt ſeine Wechſel und indoſfirt ſie, macht ſeine wunderlichen Schliche und ſo weiter; und ich vermuthe, Altamont hat auch eine Hand darin,“ verſetzte Mr. Lightfoot; „die⸗ Pendennis I. 3 34 ſer fliegende Drache, wiſſen Sie, Mr. Morgan, nimmt immer zwei oder drei von ihnen, um das Papier in Gang zu bringen. Altamont ſetzte den Topf an's Feuer bei dem Derby und gewann ein hübſches Sümmchen dabei. Ich wünſchte, der Alte könnte welches irgendwo damit ich meine Rechnung mit ihm ſchließen önnte.“ „Glauben Sie, Mylady würde ſeine Schulden wie⸗ der zahlen?“ fragte Morgan. „Finden Sie das für mich heraus, Lightfvot, und ich will's für Sie in den 1 Gang bringen, mein Junge.“ Major Pendennis hatte oft lachend geſagt, daß ſein Diener Morgan ein viel reicherer Mann ſei, als er ſelbſt; und in der That hatte dieſer behutſame, ſchweig⸗ ſame Mann durch eine lange Reihe vorſichtiger Speku⸗ lationen, während der Zeit, die er im Dienſte des Majors zugebracht, wo er die Bekanntſchaft vieler andern 1 Valets von Auszeichnung gemacht, und von denſelben 3 die Angelegenheiten ihrer Herren erfahren hatte, eine beträchtliche Summe Geldes zuſammengebracht. Als Mr. Arthur in ſein Eigenthum kam, aber nicht eher, hatte Morgan den jungen Gentleman mit der Bemer⸗ kung überraſcht, daß er eine kleine Summe Geldes, etliche fünfzig oder hundert Pfund hätte, die er vor⸗ theilhaft anzulegen wünſchte, vielleicht könnten die Gent⸗ ſ lemen in dem Temple, die mit den Geſchäften bekannt wären, einem armen Schelmen zu einer guten Anle⸗ gung des Geldes verhelfen? Morgan würde Mr. Arthur ſehr verbunden, ſehr zum Danke verpflichtet ſein, wenn Arthur ihm Jemand nennen könnte. Als Arthur la⸗ chend erwiderte, daß er nichts von Geldgeſchäften wüßte, und in aller Welt nicht verſtünde, wie Morgan zu hel⸗ fen wäre, ſo ſagte der Letztere mit der größten Einfalt, daß er Mr. Arthur zu ſehr großem Danke verpflichtet wäre, und Mr. Arthur ſollte ein wenig Geld brauchen, ehe ſeine Renten bezahlt würden, ſo werde er ſich viel⸗ leicht freundlich erinnern, daß ſeines Oheims alter und 35 getreuer Diener etwelches hätte, das er gerne anlegen möchte, und daß er ſehr ſtolz wäre, wenn er auf irgend Weiſe einem Gliede der Familie nützlich werden nnte. Der Prinz von Fairvaks, welcher leidlich klug war, und gerade kein Geld brauchte, hätte eben ſo hald ſich einfallen laſſen, von ſeines Oheims Diener Geld zu borgen, als dem Diener ein Taſchentuch zu ſtehlen, und war auf dem Punkte, auf Morgan's Anerbieten eine hochmüthige Antwort zu geben, wurde aher durch das Humoriſtiſche der Sache davon abgehalten. Morgan ein Kapitaliſt! Morgan ſoll ihm ein Geldanlehen anbieten. Der Spaß war vortrefflich, auf der andern Seite konnte der Mann ganz unſchuldig und der Antrag ein einfa⸗ ches Anerbieten der Gutmüthigkeit ſein: ſo hielt Arthur denn den Spott an ſich, der ihm auf der Zunge lag, und begnügte ſich damit, Mr. Morgan's freundliches Anerbielen abzulehnen. Er erwähnte jedoch die Sache gegen ſeinen Oheim, und wünſchte dieſem Glück, daß er einen ſolchen Schatz in ſeinem Dienſte hätte. Er that es, als der Major ſagte, er glaube, Mor⸗ gan ſei ſeit hölliſch langer Zeit hölliſch reich geworden. Wirklich hatte er in Bury Street das Haus gekauft, in welchem ſein Herr in der Miethe ſaß, und hatte in der That eine beträchtliche Summe Geldes durch ſeine Bekanntſchaft mit der Claveringer Familie und die durch ſeinen Herrn erhaltene Kunde, daß Begum alle Schul⸗ den ihres Mannes zahlen würde, aufgebracht, indem er ſo viele Acceptationen des Baronets, als ihm möglich war, aufkaufte. Von dieſen Operationen wußte jedoch der Major nicht mehr, als die meiſten Gentlemen von ihren Dienern wiſſen, die immer mit uns leben und uns gleichwohl fremd bleiben. So gewaltig iſt die Gewohn⸗ heit, und ſo unüberſteiglich die Scheidewand, welche einen Stand von dem andern trennt. „Und ſo wollte er Dir denn Geld anleihen, nicht wahr?“ ſagte der ältere Pendennis zu ſeinem Neffen, 36 „er iſt ein hölliſch ſchlauer Burſche, und ein mancher Edelmann würde ſich Glück wünſchen, einen ſolchen Valet in ſeinem Dienſte zu haben, und auch von ihm borgen. Er iſt kein Bischen verändert, dieſer Monſieur Morgan, er verfieht ſeinen Dienſt, wie immer — iſt immer meiner Klingel gewärtig — ſchleicht durch das Zimmer, wie eine Katze — und iſt mir hölliſch zuge⸗ than, dieſer Morgan!“ Am Tage von Strong's Beſuche erinnerte ſich der Major an Pen's Geſchichte, und daß Morgan ihm hel⸗ fen wollte und zog den Valet mit ſeinem Reichthume mit jener freien Inſolenz auf, die ein ſo hochgeſtellter Gentleman gegen ein ſo unglückliches Geſchöpf konnte ſpielen laſſen. „Ich höre, Sie haben einiges Geld anzuleihen ?“ ſagte der Major. „So hat's ihm Mr. Arthur geſagt, der Henker auch,“ dachte der Diener. „Es freut mich, daß mein Dienſt ſo gut iſt.“ „Dank Ihnen, Sir. — Ich habe keinen Grund, mich über meinen Dienſt, oder meinen Herrn zu beklagen,“ verſetzte Morgan beſcheiden. „Sie ſind ein guter Burſche, ich glaube, daß Sie mir zugethan ſind, und es freut mich, daß Sie voran kommen. Und ich hoffe, Sie werden keine Wirthſchaft oder dergleichen nehmen.“ Ein Wirthshaus, dachte Morgan — ich ein Wirths⸗ haus! — der alte Thor! — Verdamm' mich, wenn ich zehn Jahre jünger wäre, ſo müßte ich im Parlamente ſitzen, ehe ich ſtürbe, ja das wollte ich. — „Nein, dank' Ihnen freundlich, Sir. Ich mag nichts mit der Oef⸗ fentlichkeit zu thun haben, Sir. Ich habe meine kleinen Erſparniſſe ziemlich gut angelegt, Sir.“ „Sie machen ein Geſchäftchen im Discontiren, he, Morgan?“ „Ja, Sir, ein klein Wenig — ich — ich bitte um — 37 Verzeihung, Sir — dürft ich ſo frei ſein und eine Frage an Sie ſtellen —“ „Sprechen Sie, mein guter Burſche,“ ſagte der Aeltere gnädig. „Ueber Sir Francls Claverings Papiere, Sir. Glauben Sie, er wird noch länger gut ſein? wird My⸗ lady noch länger auf ſie zahlen, Sir?“ Wie? haben Sie ſchon etwas in dieſem Geſchäfte gethan?“ „Ja, ein Wenig,“ erwiderte Morgan, indem er die Augen ſenkte. Und ich geſtehe gerne, Sir, und hoffe, ich darf mir die Freiheit nehmen, Sir, zu ſagen, daß ein wenig mehr mich ganz komfortabel machen würde, wenn es ſo gut ausſchlüge, als das letzte Mal.“ „Ei, wie viel haben Sie, um's Himmelswillen, von ihm in's Reine gebracht?“ „' war eln guter Biſſen, Sir, das geſteh' ich, Sir. Nachdem ich einige Kunde eingezogen und durch Ihre Güte einige Bekanntſchaft mit der Familie ge⸗ macht, ſetzt' ich den Topf an's Feuer.“ „Was, was thaten Sie 2“ „Ich legte mein Geld an, — ich trieb Alles ein, was ich konnte, borgte und kaufte Sir Francis's Wechſel aufz manche davon trugen ſeinen Namen und den des Gentleman's, der ſo eben fort iſt, Edward Strong, Esquire, Sir: und natürlich weiß ich von der Erploſion in Groß⸗ venor Place, und da ich ſo gut mein Geld machen kann, als ein anbrer, ſo würde ich Ihnen ſehr ver⸗ bunden ſein, wenn Sie mir ſagen wollten, ob Mylady noch ein Mal herbeilaſſen werde.“ Obgleich Major Pendennis über die Intelligenz ſeines Dieners ſo überraſcht war, als wenn er gehört hätte, daß Morgan ein verkappter Marquis und im Begriff wäre, die Maske abzuwerfen und ſeinen Sitz im Hauſe der Pairs einzunehmen, und obgleich er ent⸗ rüſtet war über die Kühnheit des Burſchen, der es gewagt hatte, unter ſeinen Augen und ohne ſein Vor⸗ 38 . wiſſen reich zu werden, ſo fühlte er doch eine natürliche Bewunderung für Jeden, der Geld und Glück repräſen⸗ tirte, und fand, daß er Reſpekt vor Morgan und Furcht vor dieſem Ehrenmann hatte, als die Wahrheit vor ihm zu tagen begann. „Nun, Morgan,“ ſagte er, „ich muß nicht fragen, wie reich Sie find, und je reicher, deſto beſſer für Sie, natürlich. Und wenn ich Ihnen einen Wink geben fönnte, der Ihnen dienlich wäre, ſo wollt' ich mich be⸗ eilen, Ihnen zu helfen, und offen geſtanden, wenn Lady Clavering mich fragt, ob ſie Sir Francis noch weitere Schulden zahlen ſolle, ſo werde ich ihr rathen, und hoffe, daß ſie's nicht thut, obgleich ich fürchte, daß ſie's thun wird — und das iſt Alles, was ich weiß, und ſo finden Sie denn, daß Sir Francis wieder ſeinen alten — ſorgloſen und unklugen Lebenswandel fortſetzt?“ „Die alten Schliche wieder, Sir — fann dem Gent⸗ leman nicht Einhalt thun. Er will eben.“ „Mr. Strong ſagte, daß ein Mr. Moß Abrams eine von Sir Francis Claverings Noten in Händen habe. Wiſſen Sie etwas von dieſem Mr. Abrams, oder dem Betrage dieſes Wechſels?“ den Wechſel nicht, kenne Abrams aber ganz ut, Sir. „Ich wünſchte, Sie könnten's für mich ausfindig * machen. Auch wünſchte ich, Sie machten ausfindig, wo ich Sir Francis Clavering ſprechen kann, Morgan.“ Und Morgan ſagte, „dank Ihnen, Sir, ja das will ich, Sir,“ und zog ſich aus dem Zimmer zurück, wie er eingetreten war, mit ſeinem gewohnten, verſtoh⸗ lenen Reſpekt und ſeiner ruhigen Demuth, indem er es dem Major überließ, über das, was er ſo eben gehört hatte, nachzufinnen und ſich zu wundern. Am nächſten Morgen machte der Kammerdiener Major Pendennis die Mittheilung, daß er Mr. Abrams geſehen habe, wie groß der Betrag des Wechſels ſei, welchen dieſer Gentleman anzubringen wünſchte, und . 39 daß der Baronet heute unfehlhar um ein Uhr in dem hintern Parlour der Schenke zum „Glücksrade“ ſein werde. Bei dieſer Beſtellung war Sir Francis Clavering pünktlich, und als er um ein Uhr in dem Parlour der fraglichen Taverne ſaß, umgeben von Spittoons, Win⸗ ſorſtühlen, luſtigen Gemälden von Borern, trottenden Pferden und Fußgängern und Nachgerüchen von dem Tabak der vorigen Nacht — als der Abkömmling einer alten Linie in dieſem lieblichen Platze, ausgeſtattet von einem alten Eremplar von Bell's Leben in London, das über und über mit Bier beſchmutzt war, ſaß, trat der geſchniegelte Major Pendennis in das Zimmet. „So ſind Sie es, alter Knabe?“ fragte der Baro⸗ net, indem er glaubte, daß Mr. Moß Abrams mit dem Gelde komme. „Wie befinden Sie ſich, Sir Francis Clavering? Ich wünſchte Sie zu ſprechen und folgte Ihnen hieher,“ ſagte der Major, bei deſſen Anblick das Geſicht des Andern ſich verlängerte. Nun er ſeinen Gegner vor ſich hatte, war der Major entſchloſſen, einen raſchen und plötzlichen Angriff auf ihn zu machen und rückte ſogleich in's Treffen. „Ich weiß,“ fuhr er fort, „wer die ungemein unreputirliche Perſon iſt, für welche Sie mich nahmen, Clavering, nd das Geſchäft, welches Sie hieher führt.“ „Geht Sie das was an?“ fragte der Baronet in mürriſchem, abbittendem Tone. „Warum folgen Sie mir und wollen hier befehlen und ſich in meine Ange⸗ legenheiten miſchen, Major Pendennis? Ich habe Ihnen nie was zu Leid gethan, nicht wahr? Ich hahe nie Geld von Ihnen geholt, und es iſt mir nicht genehm, ſo gefoppt und dominirt zu werden, es iſt mir nicht genehm, und ich will's nicht haben; wenn Lady Clavering mir etwas vorzutragen hat, ſo mag es auf dem regelmäßi⸗ gen Wege und durch die Rechtsfreunde geſchehen. Ich wünſchte Sie nicht dabei betheiligt.“ Sie lieber lügen, als die Wahrheit ſagen.“ 8 um mich in Verſuchung zu bringen — Sie durchzu⸗ 40 „Ich komme nicht von Lady Clavering,“ ſagte der Major, „ſondern auf eigene Fauſt, um Ihnen Vorſtel⸗ lungen zu machen, Clavering, und zu ſehen, ob Sie noch vom Verderben können zurückgehalten werden. Es iſt erſt ein Monat, daß Sie auf Ihre Ehre geſchworen, ſ und eine Bibel zur Bekräftigung Ihres Eides haben wollten, daß Sie keinen Wechſel mehr acceptiren, ſon⸗ dern ſich mit der Summe begnügen wollten, die Lady Clavering Ihnen reiche. Alle Ihre Schulden wurden unter dieſer Bedingung bezahlt, und Sie haben ſie nicht eingehalten: dieſer Mr. Abrams hat einen Wechſel von Ihnen für ſechszig Pfund.“ „Es iſt ein alter Wechſel. Ich thue einen feierlichen Eid darauf, es iſt ein alter Wechſel,“ rief der Baronet. „Sie ſtellten ihn geſtern aus und datirten ihn ge⸗ fliſſentlich drei Monate zurück. Bei Gott, Clavering, Sie machen mich krank mit ihren Lügen, ich muß es Ihnen ſagen. Ich habe keine Geduld mit Ihnen, bei Gott, Sie betrügen Jedermann, Sie ſelbſt mit einge⸗ ſchloſſen. Ich habe ein gut Theil von der Welt ge⸗ ſehen, aber noch nie Jemand getroffen, der's Ihnen an Lüderlichkeit gleichthut; es iſt meine Ueberzeugung, daß „Sind Sie hieher gekommen, Sie alte, alte Beſtie, bläuen und — Ihnen den alten Schädel einzuſchlagen?“ fragte der Baronet mit giftigem Blicke des Haſſes au den Major. „Was, Sir?“ ſchrie der alte Major, zu ſeiner vollſten Höhe ſich erhebend, ſeinen Stock krampfhaft faſſend, und ſo wild darein blickend, daß der Baronet plötzlich ſeinen Ton gegen ihn änderte. „Nein, nein,“ verſetzte Clavering mit Mitleid er⸗ regender Stimme, „Verzeihung. Ich wollte nicht ärger⸗ lich ſein, oder etwas Unfreundliches ſagen, Sie ſind nur ſo verdammt barſch gegen mich, Major Pendennis. Was wollen Sie von mit? Was haben Sie mir ſo —— 41¹ nachgeſpürt, wollen Sie auch Geld von mir haben? Beim Jupiter, Sie wiſſen, ich habe keinen Shilling gekriegt“ — und ſo ging Clavering nach ſeiner Ge⸗ wohnheit vom Fluchen zum Wimmern über. 3 Major Pendennis ſah aus dem Tone des Andern, dß Clavering wiſſe, ſein Geheimniß ſei in den Händen des Majors. „Ich habe keinen Auftrag von irgend Jemand, keine Abſicht gegen Sie,“ ſagte Pendennis, „ſondern das Be⸗ ſtreben, wenn es nicht zu ſpät iſt, Sie und ihre Famllie von dem völligen Ruin zu erretten, worein Sie ſie durch die hölliſche Rückſichtsloſigkeit Ihres Vorgehens ſtürzen.“ „Ich weiß Ihr Geheimniß.“ „Ich wußte es nicht, als ich ſie heirathete; auf meinen Eid, ich wußte es nicht, bis der verdammte Schurke zurückkam und es mir ſelber ſagte; und das Elend dieſer Lage iſt es, das mich ſo in den Tag hinein leben läßt, Pendennis, in der That, das iſt es,“ rief der Baronet, indem er ſeine Hände zuſammen ſchlug. „Ich kannte Ihr Geheimniß von dem Tage an, 8 ich Amory betrunken in Ihren Speiſeſaal in Groß⸗ Place kommen ſah. Ich vergeſſe nie ein Geſicht. innre mich des Burſchen noch als Sträfling in ydney, und er erinnert ſich meiner. Ich kenne ſeinen eß das Datum ſeiner Heirath und ſeines angeb⸗ n Todes in dem Buſchwerk: ich könnte auf ihn ſchwoͤren. Und ich weiß, daß Sie mit Lady Clavering nicht 1 verheirathet ſind, als ich. Ich habe Ihr Geheim im mir behalten, und keiner Seele geſagt, daß ich weiß — nicht Ihrem Weibe, nicht Ihnen ſelbſt, bis jetzt.“ „Arme Lady Clavering, es würde ihr entſetzlich einſchneiden,“ wimmerte Sir Franci z „und es war nicht meine Schuld, Major; Sie wiſſen, es war nicht meine.“ „ieber, als daß ich Ihnen geſtatte, ſie zu ruiniren, wie Sie thun, will ich's ihr ſagen, Clavering, aller WVelt es ſagen“ das ſchwöre ich Ihnen, wenn ich nicht —— 42 zu einem Vergleich mit Ihnen kommen und Ihrer höl⸗ liſchen Thorheit einen Zaum anlegen kann. Durch Spiel, Schulden und Ausſchweifung aller Art haben Sie die Hälfte von Ihres Weibes Vermögen und dem ihrer ge⸗ ſetzlichen Erben, bedenken Sie's — ihrer geſetzlichen Erben — durchgebracht. Hier muß es ein Ende haben. Sie können nicht zuſammenleben, Sie eignen ſich nicht, in einem großen Hauſe, wie Clavering, zu leben, und ehe drei Jahre vergingen, würde kein Shilling davon übrig bleiben. Ich habe feſtgeſetzt, was geſchehen muß. Sie ſollen ſechshundert per Jahr haben, Sie ſollen außer Lands gehen, und davon leben. „Sie müſſen das Parlament aufgeben, und ſich ſo gut behelfen, wie Sie können. Wenn Sie ſich weigern, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, ich mache morgen den wirklichen Stand der Dinge bekannt. Ich ſchwöre es Amory, welcher, wenn er entdeckt wird, in das Land zurückkehrt, aus welchem er gekommen iſt, und die Wittwe von Ihnen und ihm ſelbſt befreien wird. Und ſo verliert Ihr Junge mit einem Mal allen Anſpruch auf des alten Snell's Eigenthum, und es geht auf Ihres Weibes Tochter über. Hab' ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?“ „Sie würden nicht ſo grauſam gegen den alten Jungen ſein, nicht wahr, Pendennis?“ fragte der Vater, indem erkläglich plädirte; „zum Henker auch, denken Sie an ihn. Es iſt ein hübſcher Burſche: obgleich verte felt wild, ich geſteh' es — er iſt verteufelt wild.“ „Sie ſind grauſam gegen ihn,“ ſprach der alte Moraliſt, „in drei Jahren hätken Sie ihn, Sir, unrett⸗ bar zu Grunde gerichtet.“ 6 „Ja, aber vielleicht habe ich nicht mehr ſo hölliſch ſchlechtes Glück, wiſſen Sie; — das Glück muß ſich wenden, und ich will mich beſſern, bei Gott, ich will mich beſſern, und wenn Sie über mich ausſagen woll⸗ ten, ſo würde es auch mein Weib ruiniren; Sie wiſſen, das würde es auf eine hölliſche Weiſe.“ „Wenn Sie ſich von Ihnen trennt!“ ſagte Pen⸗ . 43 dennis hohnlachend; „Sie wiſſen, ſie will nicht mehr mit Ihnen leben.“ „Aber warum kann Lady Clavering nicht im Aus⸗ lande oder zu Bath, oder in Tunbridge, oder wo der Pfeffer wächst, wohnen, und ich hier fort leben?“ fuhr Clavering fort, „ich lebe hier beſſer, als draußen, und bin gern im Parlament, es iſt eine hölliſch konvenirliche Sache, im Parlament zu ſitzen, es gibt ſehr wenig Sitze, wie der meinige, und wenn ich denſelben auf⸗ gäbe, ſo ſollte mich nicht wundern, wenn das Miniſte⸗ rium mir die Statthalterſchaft über eine Inſel gäbe, oder irgend eine hölliſch gute Stelle; denn Sie wiſſen, ich bin ein Gentleman von hölliſch guter Familie und habe eine Handhabe an meinem Namen und — ſo wei⸗ ter, Major Pendennis, he? Sehen Sie's nicht? glauben Sie nicht, ſie würden mir was hölliſch Gutes geben, wenn ich meine Karten gut ſpielte? Und dann, wiſſen Sie, würde ich Geld erſparen, und außer dem Bereiche der vertrakten Höllen und des rouge et noir gehalten — und ſo wollte ich lieber, wenn's gefällig iſt, das Parlament nicht aufgeben, denn in einem Augenblick einen Mann tödtlich zu haſſen, und ihn aufzufordern, im nächſten vor ihm zu weinen, und im dritten auf voll⸗ kommen vertraulichem und freundlichem Fuß mit ihm ſtehen, war für unſern gewandten Baronet nichts Un⸗ gewöhnliches!“ t „Was Ihren Sitz im Parlamente anbelangt,“ ſagte der Major mit einiger Röthe auf ſeiner Wange und einem gewiſſen Zittern, das der Andere nicht bemerkte, „ſo müſſen Sie dieſen, Sir Francis Clavering, an — an mich abtreten.“ „Wie ? Sie wollen ins Haus eintreten, Major Pen⸗ dennis“ „Nein — nicht ich, ſondern mein Neffe, Arthur, iſt ein ſehr geſcheider Burſche und würde dort eine Rolle ſpielen, und wenn Clavering zwei Mitglieber fiellte, ſo ire ſein Vater höchſ wahrſcheinlich einer geweſen; 44 und ich würde es ſehr gerne ſehen, wenn Arthur darin ſäße,“ ſagte der Major. „Gott verdamm mich, weiß er auch davon?“ rief Clavering. „Niemand weiß etwas davon außerhalb dieſes Zim⸗ mers,“ antwortete Pendennis; „und wenn Sie mir den Gefallen thun, ſo halte ich reinen Mund. Wo nicht, ſo bin ich Mann's genug, und thue, was ich geſagt habe.“ „Ich ſage Ihnen, Major,“ ſagte Sir Francis mit beſonders demüthigem Lächeln, „Sie könnten mir be⸗ hilflich ſein, daß mein erſtes Quartal mir voraus be⸗ zahlt würde, könnten Sie's nicht und der beſte der Burſchen ſein? Sie vermögen etwas bei Lady Clave⸗ ring; und auf meinen Eid, ich will den Wechſel von Abrams nehmen. Der kleine, verdammte Schelm wird mir, ich weiß es, in der Sache an die Hand gehen — er thut es immer; und wenn Sie das für mich thun wollten, ſo würden wir weiter ſehen, Major.“ „Und ich glaube, das Beſte für Sie wäre, Sie gingen im September hinab zum Schießen, nähmen meinen Neffen mit ſich und führten ihn ein. Ja, das wird die beſte Zeit ſein. Und wir wollen's verſuchen, was ſich mit dem Vorſchuſſe machen läßt. (Arthur mag es ihm leihen, dachte Pendennis. Beim Teufel, ein Sitz im Parlament iſt ſchon ſeine hundert und fünfzig Pfund werth.) Und, Clavering, es verſteht ſich natürlich, daß mein Neffe nichts von der Sache weiß. Sie haben im Sinn, ſich zurückzuziehen: er iſt ein Claveringer Mann und ein guter Repräſentant für den Flecken, Sie führen ihn ein, und Ihre Leute ſtimmen für ihn — Sie werden's ſehen.“ „Wann können Sie mir die hundert und fünfzig verſchaffen, Major? Wann ſoll ich kommen und Sie beſuchen? Wollen Sie dieſen Abend oder Morgen früh zu Hauſe ſein ? Sie haben hier verdammt guten Bittern am Schenktiſche. Ich trinke oft ein Glas Bittern, es hilft Einem wieder auf.“ . 5 ½ . 4⁵ Der alte Major wollte keine Erfriſchung zu ſich nehmen, ſondern ſtand auf und empfahl ſich dem Baro⸗ net, der bis an die Thür des Gaſthofs „zum Glücks⸗ rad“ mit ihm ging und dann an den Schenktiſch trat, . wo er ein Glas Gin und Bitteres mit der Wirthin trank, und als ein mit dem Ring in Verbindung ſte⸗ hender Gentleman (er hatte ſeinen Tiſch „im Glücks⸗ rad“) hereinkam, ſprach er, Sir Francis Clavering und der Wirth von den Wettkämpfen und den Neuigkeiten aus der Sportingwelt im Allgemeinen, und endlich kam Mr. Moß Abrams mit den Geldern von Sir Francis's Wechſel, von welchem ein hübſches Sümmchen für Kom⸗ miſſion abgezogen war, und vom Reſte gab der Baro⸗ net ſeinem ausgezeichneten Freunde ein Diner, in Green⸗ wich und brachte den Abend in Freude und Luſt in Vaurhall zu. Mittler Weile rief Major Pendennis in Piccadilly ein Cab und fuhr nach Lamb Court, Temple, wo er ſich eilig mit ſeinem Neffen zu einer geheimen Berathung einſchloß. Nach ihrer Beſprechung ſchieden ſie in ſehr freund⸗ lichen Ausdrücken von einander, und in Folge der nicht berichteten Beſprechung, deren Austrag der Leſer jedoch gar wohl errathen kann, drückte ſich Arthur auf die im letzten Kapitel ausgeführte Weiſe in ſeinem Zwiege⸗ ppräche mit Warrington aus. 3 Wenn Einer verſucht wird, etwas Verſuchendes zu thun, ſo kann er hundert geiſtreiche Gründe der Beſchöni⸗ gung finden, und Arthur fand es allerliebſt, im Parlamente zu ſitzen und ſich dort auszuzeichnen, und ſich nicht viel daran zu kehren, auf welche Seite er träte, da Falſches und Wahres auf jeder Seite ſei. Und darüber und über andere Dinge hoffte er, ſich mit ſeinem Gewiſſen ab⸗ zufinden, und jener Sadducäismus war ein ſehr ver⸗ gnügliches Glaubensbekenntniß. Yreiundzwanzigſtes Rapitel. Phyllis und Korydon. Auf einem pittoresken Gemeindeplatz in der Nachbar⸗ ſchaft von dem Tunbridge Wells hatte Lady Clavering eine hübſche Villa gefunden, wohin ſie ſich nach ihren ehelichen Zerwürfniſſen am Ende der unglücklichen Londoner Sai⸗ ſon zurückzog. Miß Amory begleitete natürlich ihre Mutter, und Maſter Clavering kam in die Ferien nach Hauſe, und Blanche's Hauptbeſchäftigung war, mit ihm zu kämpfen und zu hadern. Aber das war nur der häus⸗ liche Zeitvertreib, und der junge Schulknabe liebte nicht, ſich im Hauſe zu divertiren. Er fand Cricket, Pferde und eine Menge Freunde in Tunbridge. Das Haus der gutmüthigen Begum wär beſtändig bevölkert von einer Geſellſchaft junger dreizehnjähriger Gentlemen, welche viel zu reichlich Torten aßen und Champagner tranken, auf dem Raſenplatze Wettrennen hielten und die zärtliche Mutter in Schrecken ſetzten, rauchten und ſich krank und den Speiſeſaal für Miß Blanche uner⸗ träglich machten. Sie liebte nicht die Geſellſchaft drei⸗ zehnjähriger Gentlemen. Für das ſchöne junge Geſchöpf war jede Ver⸗ änderung, ſo lange es Veränderung war, ange⸗ nehm. Für eine Woche oder zwei hätte ſie Armuth und Hütte, Brod und Käſe liebgewonnen, und für eine Nacht vielleicht einen finſtern Kerker bei Waſſer und Brod ſich gefallen laſſen, und ſo war ihr denn Tun⸗ bridge keineswegs unwillkommen. Sie luſtwandelte in den Wäldern, ſkizzirte Bäume und Bauernhäuſer, las habituell franzöſiſche Novellen, fuhr ziemlich oft nach Tunbridge Wells, zu jedem Schauſpiel oder Ball, Ta⸗ * 47 ſchenſpieler vder Muſiker, der an dem Orte auftreten mochte. Sie ſchlief einen großen Theil des Tages, zunkte ſich mit Mama und Frank am Morgen, fand die kleine Dorfſchule und beſuchte ſie, liebkoste erſt die Mäd⸗ chen und ſtritt mit der Lehrerin, ſchalt dann die Mäd⸗ chen und lachte mit dieſer; ſie ging natürlich beharrlich zur Kirche. Es war ein ziemlich hubſches, kleines Kirch⸗ lein von unermeßlichem Alterthum, ein kleines anglo⸗ normanniſches Bijou, nicht erſt ſeit ehegeſtern gebaut und geſchmückt mit allen Arten gemalter Fenſter, ge⸗ ſchnitzten Heiligenköpfen, goldnen Schriftſtellen und offe⸗ nen Kirchenſtühlen. Blanche begann alsbald eine vor⸗ treffliche hochkirchliche Altardecke für die Kirche zu ſticken. Sie erſchien dem Geiſtlichen eine Weile als eine Hei⸗ lige. Sie nahm ihn ganz für ſich ein, ſchmeichelte und liebkoste ſo liſtig, daß die arme Mrs. Smirke, welche zuerſt von ihr bezaubert war, hierauf ſie läſtig fand, dann empfindlich, zuletzt wahnſinnig eiferſüchtig auf ſie wurde. Mrs. Smirke war die Gattin unſers alten Freundes Smirke, der Pen's Lehrer und Freier um die arme Helen geweſen war. Er hatte ſich für ihren Korb bei einer jungen Lady aus Clapham getröſtet, die ſeine Mama ihm zugeführt hatte. Als Letztere ſtarb, wurden unſres Freundes Anſichten jeden Tag mehr und mehr offenbar. Er ſchnitt ſeinen Rockkragen ab, ließ ſein Haar über ſeinen Rücken hängen. Er opferte grauſam die Locke, die auf ſeiner Stirn geſpielt, und die Schleife ſeines Halstuchs, auf die er ſtolz geweſen war. Er ging ohne alle Schleife. Er dinirte nicht am Freitag. Er las die römiſchen Stundengebete und gab zu verſtehen, daß er bereit ſei, in der Sakriſtei Beichte zu hören. Das harmloſeſte Geſchöpf von der Welt wurde als ein ſchwar⸗ zer, hochſt gefährlicher Jeſuit und Päpſtler von Muffin an der Diſſenterkapelle, und von Mr. Simeon Knight an der alten Kirche denunzirt. Mr. Smirke halte ſeine Filialkirche mit dem Gelde erbaut, das ſeine Mutter in Clapham ihm hinterlaſſen hatte. Gott! Gott! was 48 würde ſie geſagt haben, wenn ſie des Herrn Tiſch Altar hätte nennen hören! Wenn ſie geſehen hätte, wie Leuchter auf ihm ſtanden! Wenn ſie Briefe bekommen hätte, unter⸗ zeichnet am Feſttage des Heiligen N. N. oder an den Vigilien des heiligen — wie heißt er doch? Alle dieſe Dinge praktizirte der Junge von Clapham, und ſein Weib folgte ihm. Als aber Blanche in der Sakriſtei eine Konferenz von nahezu zwei Stunden mit Mr. Smirke hatte, ſchritt Belinda auf dem Graſe auf und nieder, wo bis jetzt nur zwei kleine Grabſteine waren, und wünſchte, ſie hätte hier einen dritten: nur würde er dann ſehr wahr⸗ ſcheinlich ſein Herz dieſem Geſchöpf anbieten, das ihn in vierzehn Tage ſo bethört hatte. Nein, ſie wollte ſich zurückziehen; ſie wollte in ein Kloſter gehen, wollte Profeß thun und ihn verlaſſen. So ſchlimme Gedanken hatte Smirke's Weib und ſeine Nachbarn über ihn: dieſe, indem ſie ihn in unmittelbarem Briefwechſel mit dem Biſchof in Rom glaubten; jene beklagte Irrthümer, die ihr noch odiöſer und verhängnißvoller waren, und doch wollte unſer Freund keinem Sterblichen etwas zu Leide thun. Die Poſt brachte ihm nie Briefe von dem Pabſt; er hielt Blanche allerdings zuerſt für die frömmſte und gutgefinnteſte, bezauberndſte Dame, die er jemals getroffen, und ihre Art, die Kirchengeſänge zu ſingen, entzückte ihn — aber nach einer Weile begann er der Miß Amory überdrüſſig zu werden, ihre Reize wurden etwas ſchal für ihn; er wurde zweifelhaft über Miß Amory; ſie machte eine Störung in ſeiner Schule, ver⸗ gaß ſich und ſchlug die Kinder auf die Finger. Blanche flößte dieſe Bewunderung und dieſen Ueberdruß vielen Männern ein. Sie verſuchte ihnen zu gefallen, ließ mit einem Mal alle Ihre Grazien ſpielen, ließ ſich herab zu ihnen mit allen ihren Juwelen in all ihrem Lächeln, Cajolirungen, Liebkoſungen und ihrem Liebäugeln. Dann wurde ſie ihrer müde, müde, ihnen zu gefallen, und da ſie nie Theilnahme für ſie gefühlt, ließ ſie ſie fallen, und die Männer wurden ihrer müde und ließen ſie ebenſo 4⁰ fallen. Es war eine glückliche Nacht für Belinda, als Blanche fortging und ihr Gatte mit einem Erröthen und Seufzer ſagte: er habe ſich in ihr getäuſcht, er hätte geglaubt, ſie ſei mit vielen Foſtbaren Gaben aus⸗ geſtattet, er fürchte, es ſei bloßes Flittergold; er habe gevacht, ſie ſei gut geſinnt, fürchte aber, Religion ſei bloße Kurzweil für ſie — ſie habe wenigſtens gegen die Lehrerin alle Geduld verloren und Polly Rucker grau⸗ ſam auf die Knöchel geſchlagen. Belinda flog in ſeine Arme, es war keine Rede mehr von dem Grab oder dem Schleier. Er umarmte ſie zärtlich und küßte ſie auf die Stirn. „Dir kommt Niemand gleich, meine Belinda,“ ſprach er, indem er ſeine ſchönen Augen an die Zimmerdecke aufſchlug. „Köſtlichſte unter den Wei⸗ bern!“ Blanche aber dachte von dem Augenblick an, wo ſie ihn und Belinda aus dem Anuge verlor, nie mehr an eines derſelben. Als aber Arthur auf einige Tage nach Tunbridge Wells zu der Begum hinabfam, war weder Miß Blanche, noch der einfältige Geiſtliche ſchon auf dieſer Stufe der Gleichgiltigkeit angelangt, Smirke hielt ſie für einen Engel und für ein Wunder von Weib. Eine ſolche Vollkom⸗ menheit hatte er noch nie geſehen, er horchte, mit offe⸗ nem Munde, hingeriſſen von Bewunderung theelos und brod⸗ und butterlos in den Sommerabenden ihrer Muſik. Bezaubernd, wie er gehört hatte, daß die Mufik der Oper ſei — er hatte nur ein Mal einer Ausführung der Art beigewohnt, (was er) mit Erröthen und Seuf⸗ zen erwähnte — es war an jenem Tage, als er Helen und ihren Sohn zu dem Schauſpiel nach Chatteries begleitete — konnte er ſich nichts Herrlicheres, und Himmliſcheres, hätte er beinahe geſagt, als Miß Amo⸗ ry's Muſik denken. Sie war ein äußerſt begabtes We⸗ ſen: ſie hatte ein herrliches Gemüth: ſie hatte ausge⸗ zeichnete Talente, ſie hatte nach allem äußeren Anſchein zu ſchließen eine ungemein himmliſche Stimmung und Pendennis. Iv. 4 50 ſo weiter. In dieſer Weiſe ſprach Smirke in dem Pa⸗ rorismus ſeines Fiebers und ſeiner Bezauberung für Blanche von ihr gegen Arthur. Die Begegnung der beiden alten Bekannten war ſehr herzlich, Arthur liebte jeden, der ſeine Mutter liebte, und Smirke konnte über dieſen Gegenſtand mit reinem Gefühl und mit Begeiſterung ſprechen. Sie hatten ein⸗ ander hundert Dinge aus ihren bisherigen Begegniſſen zu erzählen. „Arthur würde finden,“ ſagte Smirke, „daß ſeine — ſeine Anſichten über Kirchenangelegenheiten ſich ſeit dem Beginn ihrer Bekanntſchaft weiter entwi⸗ ckelt hätten.“ Mrs. Smirke, ein Muſter von Weib, unterſtützte ihn auf's Beſte, er hatte dieſes Kirchlein nach dem Tode ſeiner Mutter, die ihn hinlänglich mit weltlichen Mitteln ausgeſtattet, erbaut; obgleich ſelbſt gleichſam in einem Kloſter, hatte er von Arthur's Ruf gehört; er ſprach in dem zärtlichſten, wehmüthigſten Tone, ſenkte ſeine Augenlieder und neigte ſein ſchönes Haupt auf eine Seite. Arthur war außerordentlich amüſirt von ihm, ſeinem Weſen, ſeinen Thorheiten und ſeiner Einfalt, ſeiner weißen Kravatte und ſeinem langen Haar; von ſeiner Güte und ſeinen freundlichen Gefühlen⸗ Seine Lobpreiſungen Blanche's gefielen unſrem Freunde und ſetzten ihn in nicht geringes Erſtaunen, ſo daß er ſie mit beſonders günſtigen Augen betrachtete. Thatſache iſt, daß Blanche ſehr erfreut war, Ar⸗ thur zu ſehen, wie man ſich freut, einen angenehmen Mann auf dem Lande zu ſehen, der die neueſten Neuig⸗ keiten und Geſchichten aus der Hauptſtadt bringt; der beſſer ſprechen kann, als die meiſten Leute auf dem Lande, wenigſtens den lieben Londoner Jargon ſprechen kann, der dem Londoner Volke ſo theuer und nothwendig iſt, und ſo wenig von Perſonen außerhalb dieſer hohen Welt verſtanden wird. Am erſten Tage nach Pen's Herabkunft hielt er Blanche in ſtundenlangem Lachen nach dem Diner. Sie ſang ihre Lieder mit doppeltem Schwunge, ſie ſchalt ihre Mutter nicht; ſie liebkoste 51 5 und küßte ſie, zum großen Erſtaunen der ehrlichen Be⸗ gum. Als es Betzeit wurde, ſagte ſie, mit der trau⸗ lichſten Miene des Bedauerns „déja!“ und bedauerte wirklich, in's Bett zu müſſen, und drückte Arthurn ganz zärtlich die Hand; er ſeinerſeits gab dem hübſchen Händ⸗ chen einen ſehr herzlichen Druck. Unſer junger Gent⸗ leman war in der Stimmung, daß ſehr mäßig glän⸗ zende Angen ihn blendeten. * „Sie hat ſich ſehr zu ihrem Vortheil verändert,“ dachte Pen, in die Nacht hinaus ſchauend, „ſehr viel. Ich glaube, die Begum wird nichts dagegen haben, wenn ich bei offenem Fenſter rauche, ſie iſt ein luſtiges, gutes, altes Weib, und Blanche iſt, unendlich viel beſſer. Die Art, wie ſie ſich heute Nacht gegen ihre Mutter benahm, war allerliebſt; es geßtel mir, wie ſie mit dem einfältigen, jungen Font von Buben lachte, den ſie ſich nicht ſo betrinken laſſen ſollten. Sie ſang jene Vers⸗ chen ganz hübſch; es waren auch verdammt hübſche Verschen, obgleich ich es ſage, der es nicht ſagen ſollte.“ Und er ſummte eine Melodie, die Blanche zu einigen Strophen von ihm komponirt hatte. Oh! was für eine ſchöne Nacht, wie gut eine Cigarre bei Nacht ſchmeckt! wie hübſch vas kleine, ſächſiſche Kirchlein ſich im Mond⸗ licht ausnimmt! ich möchte wiſſen, was der alte War⸗ rington macht? Ja, ſie iſt ein täu — fliſch hübſches, kleines Ding, wie mein Onkel ſagt.“ „O himmliſch!“ ließ ſich jetzt eine Stimme aus einem mit Blumen überdeckten Fenſterflügel daneben hören — eine Mädchenſtimme: es war die Stimme der Verfaſſerin von Mes Larmes. Pen hrach in ein La⸗ chen aus. „Sagen Sie Nichts von meinem Rauchen,“ ſagte er, aus ſeinem Fenſter gelehnt. „O! machen Sie fort! ich hab's für's Leben gern,“ das Fräulein von Mes Larmes. „Himmliſche t himmliſcher, himmliſcher Mond, aber ich muß ſchließen und darf nicht mit Ihnen ſpre⸗ en er moeurs. 52 . „Wie drollig ſie ſind, les moeurs! adieu!“ und Pen begann, die gute Nacht für Don Baſilio zu ſingen. Am nächſten Tage gingen ſie zuſammen, lachend und plaudernd, das luſtigſte Paar von Freunden — in den Feldern ſpazieren. Sie ſprachen von den Tagen ihrer Jugend, und Blanche war leivlich ſentimental. Sie ſprachen von Laura, der theuerſten Laura — Blanche hatte ſie wie ihre Schweſter geliebt, war ſie wohl glück⸗ lich bei der wunderlichen Lady Rockminſter, würde ſie nicht kommen und bei ihnen in Tunbridge bleiben? O wie wollten ſie zuſammen luſtwandeln! Welche Lieder wollten ſie fingen — die alten, alten Lieder, Laura's Stimme ſei ſplendid, ob Arthur — ſie müßte ihn Arthur nennen — ſich der Lieder noch erinnere, die ſie in den glücklichen, alten Tagen geſungen, nun ſei er ein ſo großer Mann geworden, habe ſolchen succès? u. ſ. w. u. ſ. w. Und den Tag darauf, der durch einen glücklichen Gang durch die Wälder nach Penshurſt und eine An⸗ ſicht des ſchönen Parks und der Halle belebt worden war, kam die ſchon erwähnte Unterhaltung mit dem Pfarrer und machte unſern jungen Freund immer nach⸗ denklicher. „Iſt ſie wirklich ſo vollkommen?“ fragte er ſich ſelbſt. „Iſt ſie ernſt und fromm geworden? beſucht ſie Schulen und Arme? Iſt ſie freundlich gegen Mut⸗ ter und Bruder? Ja, das iſt einmal gewiß, ich habe ſie ja ſelbſt geſehen.“ Und mit ſeinem alten Tutor über ſeinen kleinen Kirchſprengel gehend und ſeine Schule beſuchend, fand Pen hier mit unausſprechlichem Ent⸗ zücken Blanche, wie ſie unter den Kindern ſaß und ſie unterrichtete, und dachte ſich, wie geduldig, wie gut⸗ herzig, wie edel, wie einfach in ihrem Geſchmack, wie unverdorben durch die Welt ſie ſein müßte. „Und lieben Sie wirklich das Land?“ indem ſie zuſammen einen Spaziergang „Ich wünſche nie mehr die vdiöſe 53 ſehen. O Arthur — d. h. Mr. — nun Arthur eben — die guten Gedanken wachſen uns erſt in dieſen lieb⸗ lichen Wäldern und den ſtillen Einſamkeiten, wie jene Blumen, die, wie Sie wiſſen, in London nicht wachſen wollen. Da kommt der Gärtner und changirt einmal die Woche unſre Balkone. Ich glaube nicht, daß ich's aushalte, London wieder von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen — ſein odiöſes, rauchiges, freches Angeſicht. — Aber ach!“ „Waos ſoll dieſer Seufzer, Blanche?“ „Fragen Sie nicht darnach!“ „Ja, das thu' ich. Sagen Sie mir, ſagen Sie mir Alles!“ „Ich wollte, Sie wären nicht herabgekommenz“ und eine zweite Edition von Mes Larmes kam zum Vorſchein. „Sie wollen nichts von mir, Blanche?“ „Ich will nicht, daß Sie wieder fort gehen. Ich glaube nicht, daß dieſes Haus für mich ſehr glück⸗ lich ſein wird ohne Sie, und deßhalb wünſche ich, daß Sie nicht gekommen wären.“ Mes Soupirs hörten hier auf und Mes Larmes hatten begonnen. Ach! welche Antwort wird jenen in den Augen eines Mädchens gegeben? Wie werden ſie getrocknet ? Was begab ſich? O Ringeltauben und Roſen, Thau und wilde Blumen, o wogende grüne Wälder und bal⸗ ſamiſche Sommerlüfte! Hier waren zwei abgehetzte Lon⸗ doner Roués, die ſich für einen Augenblick beſchwatzten, und ſich einbildeten, ſie ſeien in einander verliebt, wie Phyllis und Korydon! Wenn man an Landhäuſer und Spaziergänge in der ſchönen Natur denkt, ſo muß man ſich wundern, wie noch Jemand ungepaart geblieben iſt. Pierundzwanzigſtes Bapitel. Verſuchung. Wie kam es, daß Arthur, der ſonſt ſo frei und ungezwungen mit Warrington ſprach, nicht den Freund und den Träger aller ſeiner Geheimniſſe von den Sä⸗ chelchen unterhielt, die ſich auf der Villa bei Tunbridge Wells begeben hatten? Er ſprach ganz offen von dem Wiederſehen ſeines alten Lehrers Smirke, von ſeinem Weib und ſeiner anglonormänniſchen Kirche und ſeiner Abreiſe von Clapham nach Rom: als er aber über Blanche befragt wurde, waren ſeine Antworten auswei⸗ chend und allgemein. Er ſagte, ſie ſei ein gutmüthiges, geſcheides Dingchen, das am Ende, recht geleitet, kein ſo übles Weib machen würde, aber er habe für den Augenblick nicht im Sinne, zu heirathen, die romanti⸗ ſchen Tage ſeien für ihn vorbei, er begnüge ſich, mit ſeinem derweiligen Looſe und ſo fort. Mittler Weile kamen gelegentlich nach Lamb Court, Temple, hübſche, kleine Satincouverte, überſchrieben von der niedlichſten Hand und geſiegelt mit einer jener bewundernswürdigen Chiffern, die, wenn Warrington ſeines Freundes Briefe neugierig bewacht hätte, oder wenn die Chiffer überhaupt dechiffrirbar geweſen wäre, George gezeigt hätte, daß Mr. Arthur mit einer jungen Lady, deren Anfangsbuchſtaben B. A. waren, in Brief⸗ wechſel ſtehe. Dieſen hübſchen, kleinen Kompoſitionen ant⸗ wortete Mr. Pen in ſeiner beſten und galanteſten Ma⸗ nier mit Scherzen, mit Neuigkeiten aus der Stadt, mit Witzpointen, ja höchſtwahrſcheinlich mit artigen Stro⸗ phen in Erwiderung der Verschen der Muſe der Larmes;““ wir wiſſen, daß Blanche reimt mit „bi 55 und stanch (feſt) und launch und ohne Zweifel ließ ein Gentleman von Pen's Scharfſinn die Vortheile die⸗ ſer Poſition nicht unbenützt, und wußte die gefälligen Füllworte zu dieſen Versendungen zu finden. In der That glauben wir, daß jene Liebesverſe Mr. Pen's, die einen ſo erfreulichen Erfolg in den Roseleaves (Ro⸗ ſenblättern), jenem bezaubernden Taſchenbuche von Lady Violet Lehas herausgegeben und mit Porträten des weib⸗ lichen Adels von dem berühmten Maler Pinkney illuſtrirt, in dieſem Abſchnitte von unſres Helden Leben abgefaßt und zuerſt per Poſt an Blanche adreſſirt wurden, bevor ſie gewiſſermaßen als kleine Flaggen zu Pinkney's Bil⸗ derguirlande figurirten. „Verſe find ganz recht,“ ſagte der ältere Pendennis, welcher fand, daß Pen in dem Klubb, während er auf das Diner wartete, eine dieſer harmloſen Ergießungen niederkratzte; „und Briefſchreiben, wenn Mama es er⸗ laubt, und zwiſchen zwei ſo alten Freunden vom Lande mag immerhin ein Briefwechſel und dergleichen ſtattfin⸗ den; aber ſei auf Deiner Hut, Pen, und ſtelle Dich nicht blos, mein Junge: denn wer weiß, beim Teufel, was noch geſchehen kann? Am Beſten iſt's immer, Du gehſt Numero ſicher in Deinen Briefen. Ich ſchrieb mein Lebtag keinen Brief, der mich blosgeſtellt hätte, und verdamm mich, Sir, ich habe einige Erfahrung mit den Weibern.“ Der würdige Gentleman, welcher gegen ſeinen Neffen, je älter, deſio geſchwätziger und zutraulicher wurde, erzählte viele erbauliche Beiſpiele, welche ſich aus dieſem Mangel an Vorſicht bei vielen Perſonen in der „Geſellſchaft“ begaben; — wie durch zu feurige Ausdrücke in einigen poetiſchen Noten an die Wittwe Naylor, ſich der junge Spony einem Be⸗ ſuche von der Wittwe Bruder, Oberſt Flint, ausgeſetzt und ſo zu einer Heirath mit einem Frauenzimmer ge⸗ nöthigt wurde, das alt genug war, um ſeine Mutter zu ſein; wie, als Louiſe Salter endlich ſo glücklich war, ſich den jungen Sir John Bird zu ſichern, Hope⸗ 56 wood von den Blauen einige Briefe produzirte, welche Miß S. an ihn geſchrieben hatte, und einen Rück⸗ tritt Birds herbeiführte, der ſich nachmals mit Miß Stickney von Lyme Regis verbunden u. ſ. w. Der Major hatte, wenn auch keine Beleſenheit, doch Beob⸗ achtungen die Hülle und Fülle und konnte ſeine weiſen Ausſprüche mit einer Menge moderner Beiſpiele unter⸗ ſtützen, die er bei einer langen und ſorgfältigen Durch⸗ leſung des großen Buchs der Welt geſammelt hatte. Pen lachte über die Beiſpiele und erröthete ein Wenig über ſeines Oheims Vorſtellungen, und ſagte, er wolle ſie ſich vormerken und vorſichtig ſein. Er erröthete viel⸗ leicht, weil er ſie ſich vorgemerkt hatte, weil er vorſichtig war, weil in ſeinem Briefe an Miß Blanche er aus In⸗ ſtinkt oder Ehrlichkeit vielleicht ſich vor irgend welchen Geſtändniſſen gehület hatte, die ihn blosſtellen konnten. „Erinnern Sie ſich nicht der Lektion, Sir, die ich in Lady Mirabel's — Miß Fotheringay's Geſchichte bekommen hatte? Ich laſſe mich nicht wieder fangen, Onkel,“ ſagte Arthur mit ſcheinbarer Offenheit und De⸗ muth. Der alte Pendennis gratulirte ſich und ſeinem Neffen herzlich über des Letzteren Klugheit und Fort⸗ ſchritte und war erfreut, über die Stellung, die Arthur als Mann der Welt eingenommen hatte. Ohne Zweifel wäre Warrington's Meinung, wenn er ihn zu Rath gezogen hätte, verſchieden géweſen und er hätte Pen geſagt, daß des Jungen thörichte Brieſe beſſer waren, als des Mannes „adroits compliments“ und ſchlüpfrige Galanterien; daß, um ein Weib zu ge⸗ winnen, das man liebt, nur der Schurke oder Feigling unter der Decke manövrirt mit Ausflüchten und einer Hinterthüre, die er ſich offen hält; aber Pen ſprach nicht über dieſen Gegenſtand mit Mr. Warrington, da er recht wohl wußte, daß er ſchuldig ſei, und was der Wahrſpruch ſeines⸗Freundes wäre. Oberſt Altamont war nicht viel Wochen a Tour in der Fremde, während Sir Fran 2 57 ſich in Folge ſeiner Uebereinkunft mit Major Pendennis auf das Land zurückgezogen hatte, als die Tücken des Schickſals über den nunmehr alleinigen Inſaßen der kleinen Firma in der Schepherd's Inn loszubrechen be⸗ gannen. Als Strong beim Abſchiede von Altamont ein Anlehen zurückwies, das ihm Letzterer aus der Fülle ſeiner Börſe in der Generofität ſeines Herzens angebo⸗ ten hatte, brachte er ſeinem Gewiſſen und ſeinem Zart⸗ gefühl ein ſolches Opfer, daß es ihm manche Nachwehen des Bedauerns koſtete, und er fühlte, — ein Gefühl, das ihn in nicht ſehr vielen Stunden ſeines Lebens be⸗ ſchlich — daß er in dieſer Konſtellation ſeiner Ange⸗ legenheiten zu delikat und ſkrupulös geweſen ſei. Warum ſollte ein Burſche in der Klemme ein freund⸗ liches Anerbieten von der Hand weiſen 2 Warum ſollte ein Dürſtender einen Waſſerkrug von Freundeshand, weil derſelbe ein klein wenig beſchmutzt iſt, ablehnen? Strong machte ſeinem Gewiſſen Vorwürfe, daß er von der ehrlich gewonnenen Fülle des Andern ein edelmü⸗ thiges Anerbieten zurückgewieſen habe; und er bevachte mit Bedauern, nun es zu ſpät war, daß Altamont's Kaſſe ſo gut in ſeiner Taſche, als in der des Spielhaus⸗ Eigenthümers in Baden oder Ems, bei dem ſeine Ercl⸗ lenz unfehlbar ihre Derby⸗Gewinnſte laſſen würde, ge⸗ weſen wäre. Man flüſterte unter den Krämern, Wech⸗ ſeldiskontirern, und andern, die in komerziellem Verkehr mit Kapitän Strong ſtanden, daß er und der Baronet nicht länger eine Firma hätten, und daß des Kapitäns „Papier“ hinfort werthlos ſei. Die Geſchäftsleute, die bisher wunderbares Vertrauen in ihn geſetzt — wer konnte Strongs luſtigem Geſicht und treuem, ehrlichem Weſen widerſtehen? — begannen jetzt mit feigem Miß⸗ trauen ihn einmüthiglich mit ihren Wechſeln zu bom⸗ bardiren. Das Pochen an der Thür zu den Zimmern in der Schepherd's Inn wollte kein Ende nehmen, und Schneider, Schuhmacher, Paſteſtenbäcker, welche Diner geliefert, in eigener Perſon oder durch ihre Jungen 58 repräſentirt, hielten Levers auf Skrong's Treppen. Zu dieſen geſellten ſich mehrere Individuen von minder lärmender, aber weit ſchlauerer und gefährlicherer Art: die jugendlichen Schreiber von Sachwaltern, welche die Inn umlauerten oder mit Mr. Campion's Jüngling in den hart daneben befindlichen Zimmern in Verabredung traten, indem ſie in ihren unheimlichen Taſchenbüchern Kopien von Zuſchriften hatten, die Edward Strong über⸗ geben werden ſollten und ihn erſuchten, in nächſter Zeit vor unfrer ſouveränen Lady, der Königin, zu erſcheinen und Rede zu ſtehen dem ꝛc. Gegen dieſen Anfall der Gläubiger hatte der arme Strong mit keiner Guinee in der Taſche natürlich keine andere Zuflucht, als das Kaſtell des Engländers, in das er ſich zurückzog, indem er die äußere und die innre Thür vor dem Feinde ſchloß, und ſeine Feſtung erſt nach Einbruch der Nacht verließ. Vor dieſer äußern Barriere erſchien, pochte und fluchte der Feind vergeb⸗ lich, während der Chevalier auf ſie hinter einem kleinen Vorhang blickte, den er über der Mündung ſeines Brief⸗ ſchalters angebracht und die unheimliche Genug⸗ thuung hatte, die Geſichter wüthender Schreiber und ungeſtümer Philiſter zu beaugen, wie ſie gegen die Thür auffuhren und davor zurückprallten; aber da ſie nicht immer vor ſeiner Thüre kampiren, oder auf ſeiner Treppe ſchlafen konnten, ſo ließen die Feinde dem Chevalier manchmal freie Paſſage. Strong, von ſeinen kommerziellen Drängern ſo in die Enge getrieben, war in ſeiner Feſtung nicht ganz allein, ſondern hatte einen oder zwei Verbündete ge⸗ wonnen. Seine Freunde waren angewieſen, ihm beſondere Signale zu geben, und verhinderten ſo, daß die Garniſon nicht Hunger ſtarb, indem ſie die nöthige Zufuhr brachten und Strong's Herz aufrecht er⸗ hielten und ihn durch Beſuche und Ermunterungen in ſeinem Verſtecke vor einer Uebergabe bewahr⸗ ten. Zwei von Ned's treueſten Verbündeten waren 59 Huxter und Miß Fanny Bolton. Wenn feindliche Be⸗ ſuche ihn umſchwärmten, waren Fanny's Schweſterchen abgerichtet, ein beſonderes Geſchrei oder Gejodel aufzu⸗ ſchlagen, das ſie in aller Unſchuld in dem Hofe abheulten. Wenn Fanny und Hurter heraufkamen, Strong zu be⸗ ſuchen, ſtimmten ſie ſchalfhafter Weiſe an ſeiner Thür dieſelben Akkorde an, wie die Kleinen. Wenn die Fall⸗ thür fiel, kam die ehrliche Beſatzung lächelnd heraus, die Mundvorräthe und der Krug Porter wurden hinein⸗ geſchafft und in Geſellſchaft ſeiner treuen Freunde brachte der Belagerte eine tröſtliche Nacht zu. Es gibt Leute, die unter dieſer Aufregung nicht leben könnten; aber Strong war, wie wir ſchon erwähnt, ein tapferer Mann, hatte im Dienſte gelebt, und in Gefahren nie den Muth verloren. Aber außer Verbündeten hatte ſich unſer General unter Schwierigkeiten aller Art eine noch nöthi⸗ gere Hilfe, einen Rückzug geſichert. Es iſt in einem frühern Theile dieſer Geſchichte erzählt worden, wie die Herren Coſtigan und Bows in dem Hauſe nächſt Ka⸗ pitän Strongs Thür wohnten, und daß das Fenſter des einen ihrer Zimmer nicht ſehr weit von dem Küchen⸗ fenſter entfernt war, das in dem obern Stocke von Strongs Zimmern ſich befand. Eine bleierne Waſſerröhre und Traufrinne diente beiden, und als Strong eines Tags in der Küche um ſich blickte, ſah er, daß er mit großer Leichtigkeit auf das Geſimſe von ſeines Nachbars Fenſter ſpringen, und auf der Röhre, die von einem zum andern ging, fußen konnte. Er hatte lachend dieſen Zufluchtsort ſeinem Kamraden Altamont gezeigt, und ſie waren übereingekommen, der Sache gegen Kapitän Coſtigan nicht zu erwähnen, deſſen Gläubiger zahlreich waren und der beſtändig auf die Röhre herab und in ihre Zimmer fliehen würde, wenn dieſer Weg der Ent⸗ weichung ihm gezeigt würde. Nun aber die ſchlimmen Tage kamen, machte Strong Gebrauch von der Paſſage, und eines Nachmittags brach er auf Bows und Coſtigan mit ſeinem luſtigen Geſichte 60 hervor und erklärte, daß der Feind auf ſeiner Treppe warte, und daß er dieſen Ausweg eingeſchlagen habe, um ihm ein Schnippchen zu ſchlagen. Während ſo Mr. Marks's Adjutanten im Gange Nro. 3. warteten, ging Strong die Treppen Nro. 4. hinab, dinirte im Albion, ging in's Theater und kehrte um Mitternacht zum Er⸗ ſtaunen der Mrs. Bolton und Fanny's zurück, die ihn ſeine Zimmer nicht hatten verlaſſen ſehen, und nicht begreifen konnten, wie er die Schildwachenlinie paſſirt haben möchte. Strong beſtand dieſe Belagerung mehrere Wochen mit außerordentlich viel Muth und Entſchloſſenheit, wie es nur ein alter Solvat vermochte, denn die Mühen und Entbehrungen, welche er zu erdulden hatte, reichten hin, einen Mann von gewöhnlichem Muthe niederzu⸗ drücken, und was ihn am meiſten ärgerte und quälte, (wie er ſich ausdrückte) war die hölliſche Gleichgiltigkeit Clavering's, welchem er einen Brief nach dem andern ſchrieb und deren Empfang der Baronet mit keinem Worte, nicht mit der geringſten Zuſendung anerkannte, obgleich eine Fünfpfundnote, wie Strong ſagte, ihm damals als ein Glücksfonds erſchienen wäre. Aber beſſere Tage ſollten für den Chevalier wieder kommen, und mitten in ſeiner Hoffnungsloſigkeit kam ihm ein hoöchſt willkommener Beiſtand. Ja, Pendennis, wenn dieſer gute Burſche da, — denn ein guter Burſche ſind Sie, mein Junge — nicht geweſen wäre,“ ſagte Strong, „und der Teufel hole mich, ich ſteh ihm mein Lebtag zur Seite, ich glaube, es wäre mit mir aufge⸗ ſchnappt. Es war die fünfte Woche meiner Gefangen⸗ ſchaft, denn ich konnte nicht immer meinen Hals wagen über die Waſſerröhre hinüber, und wenn ich ausgehen wollte, meinen Weg durch das Fenſter des armen, alten Cos nehmen. Mein Geiſt war gebrochen, Sir — Gott verdamm mich, ganz darnieder gedonnert, und ich dachte ſchon daran, meinem Leben ein Ende zu machen: und 1 61 „ ich würde es die Woche darauf gethan haben, wenn nicht vom Himmel herab Altamont gefallen wäre.“ „Himmel iſt nicht gerade der Ort, Ned,“ ſagte Altamont. „Ich kam von Baden⸗Baden,“ ſagte er, „und hatte dort einen ſehr glücklichen Monat, das iſt Alles.“ „Nun, Sir, er übernahm Marks's Wechſel und be⸗ zahlte die andern Burſchen, die mir auf dem Nacken ſaßen, wie ein Mann, Sir, ja das that er,“ ſagte Strong begeiſtert. „ünd ich werde mich ſehr glücklich ſchätzen, dieſer Geſellſchaft eine Flaſche Claret aufzutiſchen, und ſo viele, als ihr beliebt,“ ſagte Altamont erröthend. „Halloh! Kellner, bringen ſie uns ein magnum von der erſten Sorte, hören Sie? Und wir wollen unſere Geſundheit in die Runde trinken, Sir, — und möge jeder gute Burſche, wie Strong, einen andern guten Burſchen ſinden, der ihm, im Fall der Noth, zur Seite ſteht. So denke ich, Mr. Pendennis, obgleich mir Ihr Name nicht gefällt.“ „Neinl Und warum?“ fragte Arthur. Strong trat hier dem Oberſt unter dem Tiſche auf den Fuß, und Altamont, noch mehr aufgeregt, füllte ein zweites Glas, winkte Pen, trank ſeinen Wein und ſagte: „er ſei ein Gentleman und das ſei genug, und ſie ſeien alle Gentlemen.“ Die Begegnung zwiſchen dieſen „allen“ Gentlemen begab ſich in Richmond, wohin ſich Pendennis zum Di⸗ niren begeben hatte, und wo er den Chevalier und ſei⸗ nen Freund in dem Kaffeeſaale bei Tiſche fand. Beide waren außerordentlich aufgeräumt, geſprächig und wein⸗ ſelig: und Strong, der ein ausnehmend guter Geſchich⸗ tenerzähler iſt, gab die Geſchichte ſeiner eigenen Bela⸗ gerung, ſeine Abenteuer und Fluchten mit großer Leb⸗ haftigkeit und in guter Laune zum Beſten. Er beſchrieb die Unterhaltung der Sheriffsdiener an ſeiner Thür, Fanny's hübſche, kleine Signale, die grotesken Ausru⸗ fungen Coſtigan's, als er zum Fenſter hereinbrach, und „62 ſeine endliche Entſetzung durch Altamont ſo maleriſch, daß er alle ſeine Zuhörer dafür intereſſirte. „Was mich betrifft, ſo will das Nichts heißen,“ ſagte Altamont. „Wenn das Schiff ausbezahlt iſt, ver⸗ pufft der Schiffsgeſell ſein Geld, wiſſen Sie, und das haben die Burſchen mit dem Schwarz und Rothen in Baden⸗Baden gethan, ich gewann ein hübſches Sümm⸗ chen dort, und will noch ein gut Sümmchen weiter gewinnen, nicht wahr, Strong? Ich nehme ihn dorthin mit. Hab mir mein Syſtem gemacht. Ich will ſein Glück machen, ſag' ich Ihnen. Ich will Ihr Glück machen, wenn Sie wollen — Gott verdamm mich, Je⸗ dermann's Glück; aber was ich verſprach, das will ich thun, verlaſſet euch darauf, Jungen. Ich will für die kleine Fanny einſetzen. Gott ſtraf mich, was glauben Sie, daß ſie gethan hat? Sie hatte zwei Pfund und ich will des Teufels ſein, wenn ſie ſie nicht dem Ned Strong angelehnt hat. Nicht wahr, Ned? Trinken wir auf Ihre Geſundheit!“ „Von Herzen gern,“ ſprach Arthur, und that mit größter Herzlichkeit auf den Toaſt Beſcheid. Mr. Alta⸗ mont begann jetzt mit höchſter Zungenfertigkeit die Länge und die Breite ſein Syſtem zu beſchreiben. Er ſagte, es ſei unfehlbar, wenn man kalthlütig ſpiele; er habe es von einem Spielgeſellen in Baden, der zwar dabei verloren habe, aber nur, weil er nicht genug Kapital gehabt habe, wenn er nur noch eine Drehung des Rades hätte durchmachen können, ſo würde er all ſein Geld zurück bekommen haben; er und mehrere andere Geſellen ſeien im Begriffe, eine Bank zu errichten und den Verſuch zu machen; er wolle jeden Shilling, den er werth ſei, einlegen, und ſei in der Abſicht nach Eng⸗ land zurückgekommen, ſein Geld und Kapitän Strong mit fort zu nehmen; Strong ſolle für ihn ſpielen, er könne Strong bei ſeinem Temperamente viel beſſer ver⸗ trauen, als ſich ſelbſt, und viel beſſer, als Bloundell oder dem Italiäner, der gleichfalls eingeſtanden ſei. Als 63 er ſeine Flaſche leerte, beſchrieb der Oberſt in voller Ausführlichkeit alle Plane und Ausſichten Pen, den es intereſſirte, ſeine Geſchichte und die Bekenntniſſe ſeines kühnen, ſchrankenloſen, guten Humors anzuhören. „Ich traf dieſer Tage,“ bemerkte Pen ſeinem Onkel ein paar Tage nachher, „den ſonderbaren Kauz Altamont.“ „Altamont? wie Altamont? Lord Weſtports Sohn?“ ſagte der Major. „Nein, nein, den Burſchen, der ein Mal betrunken in Clavering's Speiſeſaal kam, als wir dort waren,“ ſagte der Neffe lachend; „und er ſagte, er liebe den Namen Pendennis nicht, obgleich er mir die Ehre er⸗ wies, dafür zu halten, daß ich ein guter Burſche ſei.“ „Ich kenne Niemand mit dem Namen Altamont, ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf,“ ſagte der un⸗ durchdringliche Major; „und was Deinen Bekannten betrifft, ſo glaube, daß es, je weniger Du mit ihm zu thun haſt, um ſo beſſer für Dich iſt.“ Arthur lachte wieder. „Er will außer Landes gehen, und ſein Glück durch ein Spielunternehmen machen⸗ Er und mein liebenswürdiger Univerſitätsgenoſſe Bloun⸗ dell ſtehen zuſammen, und der Oberſt nimmt Strong als Adjutanten mit. Ich möchte wiſſen, was den Che⸗ valier und Clavering ſo zuſammenkettet.“ „Ich möchte annehmen, Pen, ich möchte annehmen, aber es iſt natürlich nur ein Gedanke von mir, daß an Clavering's früherem Leben etwas hängt, das dieſen Burſchen und einigen Andern eine gewiſſe Gewalt über ihn gibt; und wenn ſie ſo ein Geheimniß unter ſich ha⸗ ben, das uns natürlich Nichts angeht, mein Junge, ſo ſag' ich, Gott verdamm' mich, daß es für Jedermann eine Lektion ſein ſollte, nie nebenaus zu gehen und Nie⸗ mand einen Vortheil über ſich zu geben.“ „Ei, ich glaube, Sie haben Einfluß auf Clavering, wie ſollte er mir ſonſt ſeinen Platz im Parlamentabtreten?“ „Clavering glaubt, er tauge nicht für's Parlament, antwortete der Major. „Auch taugt er nicht. Was ſoll 64 ihn hindern, Dich oder irgend Jemand ſonſt an ſeiner Stelle dorthin zu ſchicken, wenn es ihm beliebt? Glaubſt Du, die Regierung oder die Oppoſition würde ſich be⸗ denken, den Sitz anzunehmen, wenn er ihn ihr anböte? Warum ſollteſt Du ekeliger ſein, als die erſten Männer, als die geehrteſten Männer, als Männer von der höch⸗ ſten Abkunft und Stellung in dem Lande, bei Gott?“ Der Oberſt hatte eine Antwort dieſer Art auf alle Ein⸗ würfe Pen's, und Pen nahm ſeines Oheims Erwide⸗ rungen hin, nicht ſowohl, weil er ſie glaubte, als weil er ſie zu glauben wünſchte. Wir thun etwas — wer von uns hat's nicht ſchon gethan? nicht, weil Jeder⸗ mann es thut, ſondern weil wir's ſo wollen; und unſre Einwilligung — Du, mein Gott — beweist noch nicht, daß Jedermann Recht hat, ſondern, daß wir und die übrige Welt mit einander arme Schelme ſind.“ Bei ſeinem nächſten Beſuche in Tunbridge vergaß Mr. Pen nicht, Miß Blanche mit der Geſchichte, die er in Richmond über des Chevaliers Belagerung und Altamonts ritterliche Entſetzung gehört, zu amüſiren. Und nachdem er ſeine Erzählung auf ſeine gewohnte ſatyriſche Weiſe vom Stapel gelaſſen, erwähnte er mit rührender Lobpreiſung das edelmüthige Benehmen der kleinen Fanny gegen den Chevalier und Altamont's Be⸗ geiſterung für ſie. Miß Blanche war etwas eiferſüchtig und nicht wenig pikirt und neugierig wegen Fanny's. Unter den vie⸗ len vertraulichen Mittheilungen, welche Arthur Miß Amory im Verlaufe ihrer ergötzlichen Fahrten und ihrer lieblichen Abendſpaziergänge machte, läßt ſich annehmen, daß unſer Held ein Hiſtörchen nicht vergeſſen würde, das für ihn ſo intereſſant war, und höchſt wahrſcheinlich auch für ſie nicht unintereſſant ſein konnte, wie die Flamme und die Fürſorglichkeit der armen kleinen Ariadne von der Shepherd's Inn war. Seinen eigenen Antheil an dem Drama beſchrieb er, wir dürfen ihm nicht Un⸗ recht thun, mit geziemender Beſcheidenheit. Die Nutz⸗ 65 anwendung, welche er aus der Erzählung gezogen wünſchte, war im Einklang mit ſeiner gewohnten ſatyriſchen Stim⸗ mung und ging natürlich dahin, daß Frauen ſo leicht als Männer über ihre erſte Liebe hinüberkommen und ſie, wenn Numero I. abhandengekommen, mit leichter Mühe auf Numero II. übergehen: denn die ſchöne Blanche hörte nicht auf, Mr. Pen in ihren intimes conversa- tions mit ſeinem notoriſchen Durchfall in ſeiner erſten Zuneigung zu Fotheringay zu quälen, und die arme, kleine Fanny wurde als Beleg für die Theorie zum Opfer dargebracht. Welche Kümmerniſſe ſie erduldet und überſtanden, welche bittere Qualen hoffnungsloſer Zuneigung ſie erduldet, welche Zeit es gekoſtet, dieſe Wunden eines zarten, blutenden Herzchens zu heilen, wußte Mr. Pen nicht, oder geruhte es nicht zu wiſſen; denn er war zumal beſcheiden und zweifelhaft in Bezug auf ſeine Fähigkeiten als Eroberer von Herzen, und nicht geneigt, zu glauben, daß er irgend welche gefährliche Verheerungen in jenem einzelnen Falle angerichtet habe, obgleich ſein eigner Beleg und Beweis gegen ihn ſprach; denn, wenn Miß Fanny, wie er ſagte, jetzt in ihren chirurgiſchen Anbeter verliebt war, der weder ein gün⸗ ſtiges Ausſehen, noch gute Manieren, noch Witz, noch irgend einen andern Vorzug außer feuriger Liebe und Treue zu ſeiner Empfehlung hatte: mußte ſie nicht in ihrem erſten Anfall von Liebesklage einen harten Stand gehabt, und empfindlich für einen Mann gelitten haben, der wenigſtens einen Theil der glänzenden Eigenſchaften beſaß, deren Mr. Hurter ermangelte? „Sie gottloſes, odiöſes Geſchöpf,“ ſagte Miß Blanche, ich glaube, Sie ſind in Wuth gegen Fanny, daß ſie ſo unverſchämt war, Sie zu vergeſſen, und daß Sie wirk⸗ lich eiferſüchtig auf Hurter ſind.“ Vielleicht hatte Miß Amory Recht, da die Röthe, welche gegen ſeinen Wil⸗ len auf Pen's Wangen ſtieg, (einer jener Streiche, den dem Manne beſtändig ſeine Eitelkeit ſpielt) bewies, daß er ärgerlich war hei dem Gedanken, von ſolch einem Pendennis. IV. 5 66 Nebenbuhler aus dem Sattel gehoben zu werden! Von einem ſolchen Burſchen ohne irgend eine denkbare gute Eigenſchaft! O Mr. Pendennis! (obgleich eine ſolche Bemerkung nicht für einen Geſellen, wie Sie, paßt,) wenn die Natur nicht dieſe Vorkehrung für beide Ge⸗ ſchlechter durch die Leichtgläubigkeit des andern Theils getroffen hätte, der gute Eigenſchaften ſieht, wo keine ſind, ein gutes Erterieur bei Eſelsohren, Witz in Ein⸗ faltsſchädeln und Muſik in ihrem Yahn, ſo würde man nicht ſo viel geheirathet und verheirathet haben, als man heut zu Tage thut, und als nothwendig iſt für die pflichtmäßige Fortpflanzung des edeln Geſchlechts, zu dem wir gehören. „Eiferſüchtig, oder nicht,“ ſagte Pen, „und, Blanche, ich ſage nicht nein, es wäre mir lieber geweſen, wenn es mit Fanny zu einem beſſern Abſchluß gekommen wäre. Ich liebe Geſchichten nicht, die ein ſo eyniſches Ende nehmen, und wenn wir im Schlußkapitel der Biographie von eines hübſchen Mädchens Leidenſchaft eine Figur wie Hurter finden. Iſt das Leben immer nur ein Kapituliren, meine ſchöne Lady, und das Ende des Liebeskampfs eine ſchimpfliche Uebergabe? Soll das Suchen nach Cupido in der Finſterniß — nach dem Gotte von ihrer Seele Sehnſucht — dem Gotte der blühenden Wange und der Regenbogenflügel für die arme kleine Pſyche mit einem nach Tabak und Arznei⸗ kolben ſtinkenden Hurter endigen? Ich wollte, obgleich ich's nicht im Leben finde, daß die Leute, wie Jenny und Jeſſamh, oder wie Mylord und Lady Cle⸗ mentine in den Hiſtorienbüchern und faſhionabeln No⸗ vellen wären und mit einem Mal unter der Ceremonie und dem Segen des Pfarrers vollkommen gut und glück⸗ lich würden.“ „Und haben Sie nicht im Sinne, gut und glücklich zu werden, Monsieur le Misanthrope — und ſind Sie ſehr unzufrieden mit Ihrem Loos — und wird Ihre Heirath eine Kapitulation (fragte die Verfaſſerin von 67 Mes Larmes, mit einer zauberhaften moue) — und iſt Ihre Pſyche eine odiöſe vulgäre Elende? Sie gott⸗ loſes, ſathriſches Geſchöpf, ich kann Sie nicht ausſtehenl Sie greifen nach den Herzen junger Dinger, ſpielen mit ihnen und werfen ſie dann verächtlich bei Seite. Sie fordern Liebe und treten ſie dann mit Füßen. Sie — Sie machen mich weinen, ja das thun Sie, Arthur und — und thun Sie's nicht — ich will ſo nicht getrö⸗ ſtet werden — und ich glaube, Fanny that ganz Recht, daß ſie ein ſo herzloſes Geſchöpf verlaſſen hat.“ „Noch einmal, ich ſage nicht nein,“ ſagte Pen, indem er Blanche ſehr düſter anſah und keinerlei Ver⸗ ſuch wiederholter Tröſtung machte, welche die holden Worte „thun Sie's nicht,“ der jungen Lady entlockt hatte. „Ich glaube nicht, daß ich viel von dem beſitze, was die Leute Herz nennen, aber ich zeig' es nicht. Ich faßte mir ein Herz, als ich achtzehn war, zündete meine Lampe an, und ſuchte Cupido. Und was war mein Lie⸗ besfund? — eine vulgäre Tänzerin. Ich that einen Fehlgriff, wie Jedermann, wie beinahe Jedermann, nur iſt es glücklicher, wenn man ihn vor als nach der Hei⸗ rath thut.“ „Merci du choix, Monsieur,“ ſprach die Syl⸗ phide und machte einen Knix. „Sehen Sie, meine kleine Blanche,“ ſagte Pen, ihre Hand ergreifend, „und mit dem Tone wehmüthiger Laune; „wenigſtens erniedrige ich mich nicht zu Schmei⸗ cheleien.“ „Ganz im Gegentheil,“ ſagte Miß Blanche. „Und ſage Ihnen keine thörichte Lügen, wie vul⸗ gäre Leute thun. Warum ſollten Sie und ich mit unſrer Erfahrung einen Roman ſpielen, und Leiden⸗ ſchaft heucheln? Ich halte Miß Amory Blanche für keine Unvergleichliche unter den Schönen, noch für die größte Dichterin, noch für das Non plus ultra in der Muſik, ſo wenig, als ich ſie für die größte Frau auf dem ganzen Erdboden halte — wie die Rieſin, deren 68 Konterfey wir geſtern bei unſrer Fahrt durch den Jahr⸗ markt geſehen. Aber wenn ich Sie zu keiner Heldin mache, ſo ſtell ich auch Ihnen in Ihrem ſehr unter⸗ thänigen Diener keinen Helden vor. Aber ich glaube, Sie ſind — nun ja, ich glaube, Sie ſehen ſehr genü⸗ gend gut aus.“ „Merci!“ antwortete Miß Blanche mit einem zweiten Knixe. „Ich glaube, Sie ſingen bezaubernd. Ich bin über⸗ zeugt, daß Sie verſtändig find. Ich hoffe und glaube, daß Sie gutmüthig ſind, und daß Sie umgänglich ſein werden.“ „Und ſo ausgeſtattet bring' ich Ihnen die und die Summe Geldes und einen Sitz im Parlament, Sie aber laſſen ſich herab, mir Ihr königliches Taſchentuch zu⸗ zuwerfen,“ ſagte Blanche. „Que dhonneur! wir pfle⸗ gen Ew. Hoheit den Prinzen von Fairvaks zu nennen. Welche Ehre, denken zu dürfen, daß ich auf den Thron erhohen werden und als Backſheeſh dem Sultan einen Sitz im Parlament bringen ſolll Ich bin froh, daß ich verſtändig bin, und ſo ſpielen und fingen kann, daß es Ihren Beifall hat. Meine Lieder werden Mylords Lang⸗ weile kurzweilen.“ „Und wenn Diebe das Haus umſchleichen,“ ſagte Pen, indem er unwirſch das Gleichniß verfolgte, „vier⸗ zig Diebe, welche in der Geſtalt von Sorgen und Feinden im Hinterhalt lauern oder als gewappnete Leidenſchaf⸗ ten uns belagern, wird meine Morgiana mich mit einem Tambourin umtanzen und all die Spitzbuben und Diebe zu Tode lächeln? Will ſie nicht?“ Aber Pen ſah aus, als ob er nicht glaubte, daß ſie wolle. „Ach⸗ Blanche,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „ſeien Sie nicht böſe, nehmen Sie meine Wahrſagung nicht übel auf, ſehen Sie nicht, daß ich Sie immer beim Worte nehme? Sie ſagen, Sie wollten eine Sklavin ſein und tanzen — ich ſage, tanzen. Sie ſagen: ich nehm' Sie mit dem, was Sie hringen. — Ich ſage, ich nehm' Sie 69 mit dem, was Sie bringen. Zu den nothwendigen Täu⸗ ſchungen und Heucheleien unſres Lebens warum noch eine hinzufügen? Wenn ich mich Ihnen anbiete, weil ich glaube, daß wir alle Hoffnung haben, mit einander glücklich zu ſein, und weil durch Ihre Hilfe ich für uns Beide eine gute Stellung und einen nicht unehrenvollen Ramen gewinnen kann. Warum wollen Sie von mir, daß ich Entzückungen heucheln und einen Roman ſpielen ſoll, an deſſen Wahrheit keines von uns glaubt ? Wol⸗ len Sie von mir haben, daß ich in einem Aufzug wie Prinz Prettyman von dem Maskenladen als Werber komme und Ihnen wie Sir Charles Grandiſon Kom⸗ plimente mache? Verlangen Sie von mir, daß ich Ihnen Verſe mache, wie in den Tagen, da wir — da wir JRinder waren? Ich will, wenn's Ihnen Spaß macht, und verkaufe ſie ſpäter an Bacon und Bungay. Soll ich meine hübſche Prinzeſſin mit bonbons füttern?“ „Mais j'adore les bonbons, moi,“ erwiderte Wii⸗ Syiphide mit einem ſonderbaren, kümmerlichen icke. „Ich kann für eine Guinee bei Fortnum und Ma⸗ ſon einen Hut voll haben, und es ſoll ſeine bonbons, ſeine winzigen, kleinen Zuckerbohnen haben, das ſoll es,“ ſagte Pen mit bitterem Lächeln. „Nein, meine theure, nein, meine theuerſte, kleine Blanche, trocknen Sie die hübſchen Augen, ich kann es nicht ertragen;“ und er fuhr fort und bot jenen Troſt, welchen die Umſtände erforderten, und welche die Thränen, die ächten Thränen des Kummers, die jetzt aus den ärgerlichen Augen der Verfaſſerin von Mes Larmes quollen, verlangten. Der verächtliche, ſarkaſtiſche Ton von Pendennis erſchreckte und bewältigte das Mädchen ganz und gar. „Ich — ich brauche Ihren Troſt nicht. Nie — nie hat Jemand von meinen — meinen — nie hat Jemand ſo mit mir geſprochen“ — ſchluchzte ſie mit großer Einfalt. „Niemand!“ rief Pen, indem er in ein wildes Lachen ausbrach, und Blanche überflog eine Röthe, die natürlichſte Röthe, die jemals über ihre Wagen kam, und ſie rief: „O, Arthur, vous étes un homme ter- rible!“ Sie fühlte ſich irre gemacht, erſchreckt und er⸗ drückt, die weltliche, kleine Koquette, die ſeit zwölf Jahren mit Liebe geſpielt hatte und doch nicht unzufrieden war, ihren Meiſter zu finden. „Sagen Sie mir, Arthur,“ ſagte ſie ihm nach einer Pauſe in dieſer ſeltſamen Liebeserklärung, „warum Francis Clavering ſeinen Sitz im Parlament auf?“ „Au fait, warum gibt er ihn mir?“ fragte Ar⸗ thur ſeiner Seits erröthend. „Sie ſpotten immer über mich,“ ſagte ſie. „Wenn es gut iſt, im Parlament zu ſitzen, warum tritt Sir Francis aus?“ „Mein Onkel hat ihn beſchwatzt. Er ſagte immer, daß für Sie nicht gehörig geſorgt ſei, in den — in den Familienſtreiten. Als Ihre Mama ſeine Schulden ſo freigebig zahlte, wurde ſtipulirt, vermuthe ich, daß Sie — das heißt, daß ich — das heißt, auf mein Wort, ich weiß nicht, warum er aus dem Parlamente geht,“ ſagte Pen mit ziemlich erzwungenem Lächeln. „Sie ſehen, Blanche, daß Sie und ich zwei gute Kinderchen ſind, und daß dieſe Heirath für uns von unſern Mama's und Onkeln arrangirt worden iſt, und daß wir fein gehorſam ſein müſſen, wie es einem guten Bübchen und Mädchen wohl anſteht.“ Als Pen ſodann nach London ging, ſchickte er Blauche eine Schachtel bonbons, von denen jedes Zuckerkorn in franzöſiſche Verſe der zärtlichſten Sorte eingehüllt war, und übermachte ihr überdieß einige Gedichte ſeiner eigenen Fabrik ganz kunſtlos und authentiſch; und es war nicht zu verwundern, daß er Warrington Nichts von ſeinen Unterhaltungen mit Miß Amory ſagte, da ſie ſo delikater Natur waren und von einem Dritten nicht mitgefühlt werden konnten. Und wenn Arthur Pendennis wie mancher ſchlimmere und beſſere Mann, 71¹ wenn er, der Sohn der Wittwe, auf Abfall dachte und ſich ſelbſt verkaufen wollte an — wir alle wiſſen wen — ſo wollte der Renegat wenigſtens ſich nicht den Schein geben, als ob er an das Bekenntniß glaubte, auf welches er zu ſchwören geneigt war, und wenn jedes Weib und jeder Mann in England, das oder der ſich für Geld oder Stellung verkaufte, wie Mr. Pendennis zu khun im Begriff war, nur ein Eremplar ſeiner Me⸗ moiren kaufen würde, welche Maſſe von Bänden wür⸗ den die Herren Bradbury und Evans verkaufen! Jünfundzwanzigſtes Rapitel in welchem Pen ſeine Bewerbung um den Parlamentsſitz beginnt. So trübſelig das große Haus im Clavering Park in den Tagen vor Sir Francis Clavering's Heirath war, als ſein bankerotter Eigenthümer ein Flüchtling in fremden Landen war, ſo war es nicht viel heiterer, als derſelbe kam, um es zu bewohnen. Der größere Theil des Herrenhauſes war verſchloſſen, und der Baronet bewohnte blos ein paar Zimmer auf ebener Erde, wo ſeine Haushälterin und ihre Gehilfin vom Lodgenthor dem unglücklichen Gentleman in ſeiner gezwungenen Zurückgezogenheit aufwarteten und einen Theil des Wild⸗ bräts zubereiteten, das er an den langweiligen Morgen ſchoß. Lightfoot, ſein Bedienter, war in Mylady's Dienſt übergetreten und hatte, wie Pen aus einem Briefe Mr. Snirke's, der den felerlichen Akt vollzog, ſeinen klugen Plan ausgeführt, Mrs. Bonner, Mylady's 72 Kammerfrau zu heirathen, welche in ihren reifen Jah⸗ ren von den Reizen des Jünglings bewältigt wurde, und ihn mit ihrem Erſparten und ihrer reifen Perſön⸗ lichkeit beglückte. Wirth und Wirthin in den „Clave⸗ ring Arms“ zu werden, war das ehrgeizige Ziel, nach dem ſie beide ſtrebten, und es wurde beſtimmt, daß ſie in Lady Clavering's Dienſte bleiben ſollten, bis der Vierteljahrstag erſchien, wo ſie von ihrem Hotel Beſitz nehmen wollten. Pen war ſo gnädig, zu verſprechen, daß er ſein Wahldiner dort geben wollte, wenn der Baronet ſeinen Sitz zu Gunſten des jungen Mannes abtreten würde; und wie es mit ſeinem Oheime, dem Clavering Nichts ſchien abſchlagen zu können, verab⸗ redet war, kam Arthur im September zu einem Beſuche nach Clavering⸗Park hinab, deſſen Eigenthümer ſehr froh war, einen Geſellſchafter zu haben, der ihn in ſeiner Einſamkeit unterhalten und ihm vielleicht ein wenig baares Geld leihen würde. Pen ſtattete ſeinen Gaſtherrn mit dieſen wünſchens⸗ werthen Mitteln aus, ſobald er ein paar Tage in Cla⸗ vering war, und dieſe kleinen Fonds waren nicht ſo bald in Sir Francis Taſche, als derſelbe fand, daß er in Chatteries und den benachbarten Badeorten, deren — ſhire viele Geſchäfte habe, und abging. um nach ſeinen Angelegenheiten zu ſehen, die vermuthlich auf den Grafſchaftwettrennen und in den Billardzimmern abge⸗ macht wurden. Arthur konnte ganz wohl allein leben, da er viele geiſtige Hilfsquellen und Unterhaltungen hatte, die keine Geſellſchaft erforderten. Er konnte am Morgen mit dem Wildhüter einen Gang machen, und für die Abende gab es eine Menge Bücher und literariſche Beſchäfti⸗ gungen für ein Genie, wie Arthur, der nur eine Ci⸗ aarre und ein paar Blätter Papier bedurfte, um die Nacht ganz angenehm hinzubringen. Thatſache iſt, daß er in zwei oder drei Tagen die Geſellſchaft Sir Francis Clavering's vollkommen unerträglich gefunden hatte; 73 und mit boshafter Eilfertigkeit und Satisfaktion bot er Clavering die kleine Geldunterſtützung, um welche derſelbe nach ſeiner Gewohnheit ſolizitirte, und ſtattete ihn mit den Mitteln aus, ſeine Flucht aus dem eigenen Hauſe zu bewerkſtelligen. Unſer geiſtreicher Freund hatte ſich überdieß bei den Stadtleuten in Clavering und den Votanten des Flecken, den er zu repräſentiren hoffte, in Gunſt zu ſetzen, und er machte ſich an dieſe Aufgabe mit um ſo mehr Eifer, als er ſich erinnerte, wie unpopulär er vordem in Cla⸗ vering geweſen, und war entſchloſſen, den Haß zu be⸗ ſiegen, den er den ſchlichten Leuten dort eingeflößt hatte. Seine gute Laune ließ ihm dieſe Aufgabe als allerliebſt erſcheinen; von Natur zurückhaltend und ſchweigſam vor dem Publikum, wurde er mit einem Mal ſo offen, un⸗ befangen und jovial, als Kapitän Strong; er lachte mit Jedem, der mit ihm lachen wollte, drückte rechts und links mit einer gewandten Herzlichkeit die Hände, erſchien am Markttage an dem Farmertiſch und gerirte ſich wie ein vollendeter Heuchler und wie Gentlemen der höchſten Abkunft und der fleckenloſeſten Rechtlichkeit ſich geriren, wenn ſie ſich ihren Wahlmännern angenehm machen, oder irgend einen Zweck bei dem Landvolke zu erreichen wünſchen. Wie kommt es, daß wir uns, ich will nicht ſagen, täuſchen, aber ſo bereitwillig gewinnen ſehen durch eine glatte Zunge, ein zuvorkommendes La⸗ chen und ein offenes Benehmen? Wir wiſſen meiſt, daß es falſche Münze iſt, und wir nehmen ſie; wir wiſſen, daß es Schmeichelei iſt, die wohlfeil an Jedermann ge⸗ ſpendet wird, und wir verſagen ſie uns ungern. Freund Pen ging in Clavering herum, forgſamlich, einfach und ſchlicht und ganz verſchieden von dem übermüthigen und verdrießlichen jungen Dandy, deſſen ſich die Einwohner noch von zehn Jahren her erinnerten. Die Rektorei war verſchloſſen. Doktor Portman war fort mit ſeiner Gicht und ſeiner Familie nach Har⸗ rowgate, — ein Umſtand, den Pen höchlich bedauerte in einem Briefe an den Doktor, in welchem er in eini⸗ gen freundlichen und einfachen Worten ſein Bedauern darüber äußerte, daß er ſeinen alten Freund nicht ſehe, deſſen Rath er bedürfe und deſſen Hiife er ſeiner Zeit in Anſpruch nehmen möchte; aber Pen tröſtete ſich für des Doktors Abweſenheit damit, daß er mit Mr. Sim⸗ eoe, dem Oppoſitionsprediger, und mit den zwei Theil⸗ habern der Tuchfaktorei in Chatteries und mit dem In⸗ dependentenprediger Bekanntſchaft machte, die er alle in dem Claveringer Athenäum traf. Dieſes hatte die li⸗ berale Partei in Uebereinſtimmung mit dem vorgerück⸗ ten Zeitgeiſte geſtiftet, und vielleicht als Oppoſition mit dem ariſtokratiſchen, alten Leſezimmer, in welches das Edinburgher Review vor Zeiten kaum zugelaſſen wurde und wo keine Handwerker eintreten durften. Er ſchenkte dem jüngern Theilhaber der Tuchfaktvrei ſeine Gunſt, und bat ihn auf freundliche Weiſe, in dem Park zu diniren, er bekomplimentirte Mrs. Simeve mit Haſen und Rebhühnern ebendaher, und äußerte den Wunſch, ihres Gatten letzte Predigt zu leſen. Und da er eines Tags ein wenig unwohl war, benützte der Schelm den Umſtand, Mr. Hurter ſeine Zunge zu zeigen, und erhielt von ihm nebſt einem Beſuche am nächſten Mor⸗ gen Arzneien. Wie entzückt wäre der alte Pendennis über ſeinen Lehrling geweſen! Pen ſelbſt war amüfirt über ſeine Erpedition und ſein Erfolg flößte ihm eine muthwillige Laune ein. Und doch, wenn er in einer Nacht von Clavering nach Hauſe ging, nachdem er einer Verſammlung des Athenäums präſidirt, oder ſich einen Abend mit Mrs. Simcoe durchgelitten, welche mit ihrem Manne vor dem Rufe des jungen Londoners ſcheue Ehrfurcht em⸗ pfand und von ſeinen ſozialen Erfolgen hörte;z während er über die alte, trauliche Brücke des rauſchenden Brawls ging und den wohlbekannten Laut der Waſſer unten hörte und ſeine eigene Cottage von Fairvaks zwiſchen den Bäumen erblickte, wie ihre dunkeln Umriſſe gegen 75 ven ſternhellen Himmel abſtachen, ſtiegen ohne Zweifel verſchiedentliche Gedanken in dem jungen Manne auf und riefen Anwandlungen des Humors, des Schmerzes und der Scham hervor. Immer noch war ein Licht in den Fenſtern des Zimmers, deſſen er ſich noch ſo wohl erinnerte, und in dem die Heilige, welche ihn liebte, ſo viele Stunden der Sorge, der Sehnſucht und des Gebets verlebt hatte. Er wandte ſeinen Blick von dem ſchwachen Lichte, das ihn mit ſeinem blaſſen, vorwurfs⸗ vollen Blicke zu verfolgen ſchien, als ob ſeiner Mutter Geiſt ihn bewachte und warnte. Wie hell die Nacht war! Wie gewaltig die Sterne flimmerten; wie raſtlos die Waſſer unten dahinrauſchten; die alten Heimatbäu⸗ me flüſterten und ihre dunkeln Häupter und Arme über das Dach der Cottage bewegten. Dort in dem ſchwa⸗ chen Sternlichtſchimmer war die Terraſſe, wo er als Knabe an Sommerabenden luſtwandelte, feurig, voll Vertrauen, unbefleckt, ungeprüft, unbekannt mit Zwei⸗ feln oder Leidenſchaften, geſchützt noch vor der Welt Befleckung an dem reinen, ſorglichen Buſen der Liebe die Glocke der nahen Stadt ſchlägt Mitternacht mit einem Klange, der unſern Wanderer aus ſeinen Träumereien aufſtört und ihn vorwärts nach dem Ruhe⸗ platze dieſer Nacht treibt, durch die Lodge in die Cla⸗ veringer Allee und unter die dunkeln Arkaden der rau⸗ ſchenden Linden. Wenn er die Cottage das nächſte Mal ſieht, lächelt ſie im Sonnenſchein. Jene Fenſter des Schlafgemachs, wo das Licht die Nacht zuvor brannte, ſtehen offen; und Pen's Pächter, Kapitän Stokes von der Bombay⸗ Artillerie (deſſen Mutter, die alte Mrs. Stokes, in Cla⸗ vering wohnt), empfängt den Gutsherrn mit vieler Herzlichkeit: führt ihn über das Land und zu dem neuen Teiche, den er in dem hintern Garten von den Ställen aus angelegt, ſpricht mit ihm vertraulich von dem Dache und den Kaminen und bittet Mr. Pendennis, den Tag zu beſtimmen, an welchem er ihm und Mrs. Sto⸗ 76 kes das Vergnügen ſchenken wolle u. ſ. w. Pen, der ſchon vierzehn Tage auf dem Lande geweſen, entſchul⸗ digt ſich, daß er nicht früher bei dem Kapitän einge⸗ ſprochen, indem er ihm offen geſteht, daß er nicht das Herz gehabt, es zu thun. „Ich verſtehe Sie, Sir,“ ſagte der Kapitän und Mrs. Stokes, welche bei dem Schalle der Klingel (wie ſonderbar kam es Pen vor, die Klingel zu ziehen) fortgeſchlichen war, kommt in ihrem beſten Anzuge, von ihren Kindern umgeben, her⸗ ab, die Kindern klammern ſich an Stokes an: der Junge hüpft auf einen Armſeſſel. Es war der Armſeſſel von Pen's Vater; und Arthur erinnert ſich der Tage, da er eher auf den Thron des Königs geſtiegen wäre, als ſich in jenen Armſeſſel geſetzt hätte. Er fragt, ob Miß Stokes — ſie iſt das Ebenbild ihrer Mama —, ob ſie ſpielen könne? Er würde gern ein Stückchen auf dem Piano hören. Sie ſpielt, er hört die Akkorde des alten Piano's wieder, geſchwächt vom Alter, aber er hört nicht auf die Spielerin. Er hört nur Laura in den Tagen ihrer Jugend ſingen und ſieht ſeine Mutter über⸗ gebeugt, auf der Schulter des Mädchens den Takt ſchlagend. Das Diner zu Fairoaks, von ſeinem Pächter Pen zu Ehren gegeben, und bei welchem die alte Mrs. Sto⸗ kes, Kapitän Glanders, Sgquire Hobnell und der Geiſt⸗ liche von Tinckleton mit Gattin gegenwärtig waren, war ſehr langweilig und melancholiſch für Pen, bis der Kellner von Clavering (der den Stallknecht des Kapi⸗ täns und Mrs. Stokes Kellermeiſter unterſtützte), den Pen ſich noch gut als Straßenjungen denken konnte, und der jetzt wohlbeſtallter Barbier des Ortes war, einen Teller über Pen's Schulter fallen ließ, worauf Mr. Hobnell (der ihn auch verwendete) bemerkte: „ich glaube, Hodſon Ihre Hände find ſchlüpfrig von Bärenfett. Er läßt immer das Geſchirr fallen, der Hodſon, ha, ha, ha!“ Hodſon erröthete und ſah ſo verlegen darein, daß Pen in ein Lachen ausbrach, und gute Laune und Hei⸗ 77 terkeit an die Tagesordnung kamen. Beim zweiten Gange waren ein Haſe und Rebhühner Anfang und Ende, und als nach der Entfernung der Diener Pen zu dem Unterpfarrer von Tinckleton ſagte: „ich glaube, Mr. Stvoks, ſie hätten Hodſon bitten ſollen, den Ha⸗ ſen aufzuſchneiden,“ wurde der Scherz ſogleich von dem Geiſtlichen aufgenommen, *) und nach wenigen Minu⸗ ten von den Kapitänen Stokes und Glanders gefolgt, vesgleichen von Mr. Hobnell, der etwas ſpät kam, aber ungeheuren Effekt machte. Während Mr. Pen auf dem Lande die oben er⸗ wähnten Plane verfolgte, wollte der Zufall, daß die Dame ſeiner Wahl, wenn auch nicht ſeiner Neigung, auf einer Ladenerpedition, oder in einem ſonſtigen wich⸗ tigen Geſchäfte von der Tunbridger Villa in Geſellſchaft der alten Mrs. Bonner, ihrer Mutter Zofe, die oft und viel mit Blanche ſeit ihrer Kindheit eine Lanze gebro⸗ chen, und jetzt im Begriff war, Lady Clavering's Dienſt mit dem Hymen zu vertauſchen, nach London kam, und ſich beſtrebte, als eine gute Seele ihrer alten und ihrer jungen Gebieterin ein Zeichen reſpektvoller Güte zu geben, ehe ſie beide verließ, um als Lightfoot's Weib und el des Claveringer Wappens ihren Poſten anzu⸗ reten. Die ehrliche Frau benützte das Benefiz von Mrs. Amory's Geſchmack, um den beabſichtigten Einkauf für ihre Herrlichteit zu machen, und erſuchte die ſchöne Blanche, etwas für ſich auszuwählen, das ihr anſtehe und ſie an ihre alte Amme erinnere, die für ſie ſo man⸗ che Nacht durchwacht und ihr in manchem gefahrvollen Zahnen und Fieber beigeſtanden, und ſie beinahe wie *) Ein im Deutſchen nicht übertragbares Wortſpiel, der Aufwärter war Barbier, und als ſolcher auch Haar⸗ ſchneider, to cut the hare, den Haſen ſchneiden lautet im Engliſchen weto eut thehair, das Haar ſchneiden, 78 ihr eigenes Kind geliebt hätte. Dieſe Käufe wurden gemacht, und da die Amme darauf beſtand, für Blanche eine ungeheure Bibel zu kaufen, rieth die junge Lady Bonner, für Mama Johnſon's großes Diktionär zu ac⸗ quiriren. Jede von ihnen könnte gewiß aus dem Ge⸗ ſchenk großen Nutzen ziehen. Dann verausgabte Mrs. Bonner einiges Geld für Linnen⸗Einkäufe, die ihr in den Clavering Arms von Nutzen ſein konnten, und kaufte ein roth und gelbes Halstuch, welches, wie Blanche ſehen konnte, für Mr. Lightfoot beſtimmt war. Da dieſer Jüngling zum min⸗ deſten fünfundzwanzig Jahre jünger war, betrachtete ihn Mrs. Bonner mit einer zumal mütterlichen und eheli⸗ chen Zärtlichkeit und liebte es, Schmuck an ſeine Perſon zu verſchwenden, die bereits von Stecknadeln, Ringen, Hemdknöpfen, Ketten und Peiſchaften, auf Koſten des guten Geſchöpfes, glitzerte. Mrs. Bonner machte ihre Einkäufe auf dem Strand, unterſtützt von Miß Blanche, welche den Spaß ſehr liebte, und als die Alte alles Gewünſchte eingekauft hatte und den Laden verließ, ſagte Blanche mit lächeln⸗ der Miene und holder Verbeugung gegen Einen vom Laden: „Dürfte ich Sie nicht bitten, mein Herr, mir gefälligſt den Weg nach Shepherd's Inn zu zeigen?“ Shepherd's Inn war blos einige hundert Fuß ent⸗ ſernt. Old Caſtle Street war dicht daran und der ar⸗ tige, junge Ellenritter wies ihr die Straßenecke, um welche die junge Lady gehen mußte, und ſie und ihre Begieiterin gingen zuſammen weiter. „Shepherd's Inn! was können Sie in Shepherd's Inn zu thun haben, Miß Blanche?“ inquirirte Bonner, „Mr. Strong wohnt dort, wollen Sie etwa den Kapi⸗ tän beſuchen?“ „Ich wünſchte wohl den Kapitän zu ſehen, ich kann den Kapitän wohl leiden; aber nicht zu ihm will ich. Ich wünſche ein liebes, kleines, gutes Mädchen zu ſehen, das gegen — gegen Mr. Arthur ſehr freund⸗ 79 lich war, als er voriges Jahr ſo hart darnieder lag, und das ihm beinahe vas Leben rettete, und ich muß ihr danken und ſie fragen, ob ſie keinen Wunſch hat; ich beſichtigte heute Morgen mehrere meiner Kleider, Bon⸗ ner,“ und ſie ſah Bonner an, als ob ſie ein Recht auf Bewunderung hätte, und einen Akt hoher Tugend aus⸗ geführt habe. Blanche aß ſehr gerne Zuckerbohnen; ſie würde die Arme damit gefüttert haben, wenn ſie ge⸗ nug gehabt hätte, und einem Landmädchen einen Ball⸗ anzug gegeben haben, wenn ſie ihn ausgetragen hätte, und deſſen überdrüſſig wäre. „Hübſches Mädchen — ja hübſches, junges Frauen⸗ zimmer!“ murmelte Mrs. Bonner, „ich weiß, ich darf keine hübſche Frauenzimmer in Lightfoot's Umgebung brin⸗ gen,“ und in ihrer Phantaſie bevölkerte ſie Clavering Arms mit einem Harem der häßlichſten Stuben⸗ und Kellermädchen. Blanche mit Blaßroth und Blau, Federn und Blu⸗ men und Angehängen, (die wundervolle Erfindung einer chätelaine exiſtirte noch nicht, ſonſt hätte ſie ſicherlich eine gehabt), in einem changirten ſeidenen Kleide, einem wundervollen Mantel und charmanten Sonnenſchirm, bot ein Bild von Eleganz und Schönheit, das die Au⸗ gen der Mrs. Bolton blendete, welche gerade die Lod⸗ genflur der Shepherd's Inn kehrte, und Betſy Jane und Ameliarann mit Entzücken ſie anblicken ließ. Blanche ſah ſie mit einem Lächeln unausſprechli⸗ cher Holdſeligkeit und der Miene einer Beſchützerin an, wie Rowena, da ſie Jvanhoe beſuchte, wie Marie Antvinette, als ſie die Armen in der Hungersnoth heim⸗ ſuchte, wie die Markgräfin von Carabas von ihrem mit vier Roſſen beſpannten Wagen ſtieg vor des armen Pächters Thür und von John Nro. II. das Paquet Epſomer Salz zum Frommen des Invaliden nahm und es mit höchſteigener, kaiſerlicher Hand in das Kranken⸗ zimmer trug. — Blanche war zu Muthe, wie einer Königin, die von ihrem Throne herabſteigt, um einen 80⁰ Unterthanen zu beſuchen, und genoß all das ſchmeichle⸗ riſche Bewußtſein, daß ſie eine gute That verrichte. „Meine gute Frau, ich wünſche Fanny zu ſehen, Fanny Bolton, iſt ſie hier?“ Mrs. Bolton argwöhnte plotzlich aus dem Glanze von Blanche's Erſcheinung, daß ſie eine Schauſpielerin, oder noch was Schlimmeres ſein müßte. „Was wollen Sie denn mit Fanny?“ fragte ſie. „Ich bin Lady Clavering's Tochter — Sie haben von Sir Francis Clavering gehört? und ich wünſchte gar ſehr, Fanny Bolton zu ſehen.“ „Bitte, treten Sie herein, Miß — Betſy Jane, wo iſt Fanny?“ Betfy Jane ſagte, Fanny ſei die Treppe Nro. 3 hinauf, worauf Mrs. Bolton ſagte, ſie ſei wahrſchein⸗ lich auf Mr. Strong's Zimmern, und ließ das Kind nachſehen, ob ſie dort ſei. „Auf Kapitän Strong's Zimmer! O, gehen wir nach Kapitän Strong's Zimmern!“ rief Miß Blanche. „Ich kenne ihn recht gut. Du allerliebſtes kleines Mädchen, zeige uns den Weg zu Kapitän Strong!“ rief Miß Blanche, denn der Boden rauchte noch vom friſchen Scheuern, und die Göttin liebte nicht den Ge⸗ ruch der braunen Seife; und als ſie die Treppe hin⸗ aufgingen, bemerkte ein Gentleman, mit Namen Coſti⸗ gan, der gerade im Hofe umherſchlenderte und einen vertraulichen Blick unter Blanche's Hut warf: „das iſt ein verteufelt hübſches Mädel, hol mich der — Iſt hinauf zu Strong und Altamont: haben immer hübſche Mädels die Treppen oben.“ „Halloh — was iſt das?“ rief er alsbald, nach den Fenſtern blickend, aus welchen einige durchdringende Schreie ſich vernehmen ließen. Auf den Schrei eines unglücklichen, weiblichen Geſchöpfes ſtürzte der uner⸗ ſchrockene Cos die Treppen hinauf, ſo ſchnell ihn ſeine alten Beine tragen mochten, und hätte Strong's Diener, der die Treppe herabkam, beinahe über den Haufen geworfen⸗ 81¹ Cos fand die äußere Thür von Strong's Zimmern offen und begann mit dem Klopfer zu donnern. Nach vielen gewaltigen Schlägen that ſich die innere Thür theil⸗ weiſe auf und Strong's Kopf erſchien. „Ich bin's, mein Junge, was ſoll der Lärm, Strong?“ fragte Coſtigan. „Geht zum Teufel!“ war die einzige Antwort, und die Thür ſchloß ſich vor Cos's ehrwürdiger rother Naſe, und er ging, Drohungen über die ihm widerfah⸗ rene Unbilde murrend und gelobend, daß er Satisfaktion haben müßte, davon. Mittler Weile ſoll der Leſer, glücklicher als Kapitän Coſtigan, das Vorrecht haben, mit dem Geheimniß, das dieſem Offizier vorenthalten wurde, bekannt gemacht zu werden. Es iſt ſchon erwähnt worden, wie freigebig Mr. Altamont war, und wie reichlich er ſpendete, wenn er mit Fonds wohl verſehen war. Da er eine gaßtliche Haut war, kannte er kein großeres Vergnügen, als in Geſellſchaft mit Andern zu trinken, ſo daß in Greenwich und Richmond Niemand willkommener war, als der Emiſſär des Nawaubs von Lucknow. Nun wollte der Zufall, daß an dem Tage, an wel⸗ chem Blanche und Mrs. Bonner die Treppe zu Strong's Zimmer in Shepherd's Inn hinaufſtiegen, der Oberſt Miß Delaval, von dem — Theater Royal und ihre Mut⸗ ter, Mrs. Hodge, zu einer kleinen Parthie den Fluß hinab eingeladen, und beſtimmt worden war, daß ſie ſich auf den „Zimmern“ treffen und von da nach einem Hafen des benachharten Strands gehen wollten, um auf das Waſſer zu gehen. Als daher Mrs. Bonner und Mes larmes vor die Thür kamen, wo Grady, Altamont's Diener, ſtand, ſagte der Dienſtbote mit höch⸗ ſter Leutſeligkeit: „Treten Sie ein, Ladies,“ und führte ſie in das Zimmer, das ſo hergerichtet war, als ob ſie dort erwartet worden wären. In der That zwei Blu⸗ menbonquets, dieſen Morgen im Covent⸗Garden ge⸗ Pendennis. Iv. 6 82 „ kauft, und Beiſpiele und Belege der zärtlichſten Galan⸗ terie Altamonts, erwarteten ihre Gäſte auf dem Tiſche. Blanche beroch das Bougquet und ſteckte ihre prächtige kleine Naſe darein, und trippelte durch das Zimmer, und ſah hinter die Vorhänge und in Bücher und auf „ die Zeichnungen und auf den Plan vom Gute Clave⸗ 3 ring, der an der Wand hing; hatte den Diener nach ¹ Kapitän Strong gefragt und ſeiner Eriſtenz, und der Abſicht, wegen deren ſie gekommen, nämlich Fanny Bol⸗ ton zu beſuchen, beinahe vergeſſen; ſo vergnügt war ſie . über das neue Abenteuer und die ſonderbare, ſeltſame, . herrliche, drollige Idee, in der Wohnung eines Junggeſellen, in einem ſo wunderlichen alten Platze der City zu ſein. Grady war nittler Weile mit einem Paar ſtattlicher, geſirnißter Stiefel in ſeines Gebieters Zimmer ver⸗ 3 ſchwunden. Blanche hatte kaum ſt viel Muße, zu be⸗ merken, wie groß die Stiefel wären, und wie unpaſſend für Mr. Strong. „Die Frauen ſind da,“ ſagte Grady, indem er ſei⸗ nem Gebieter in die Stiefel half. „Haſt Du ſie gefragt, ob ſie ein Glas Erfriſchung 1 annehmen wollten?“ fragte Altamont. 1. Grady kam heraus, — er ſagte: „Wollen Sie et⸗ was zu trinken annehmen?“ worauf Blanche, von der naiven Frage amüſirt, in ein hübſches kleines Lachen ausbrach, und Mrs. Bonner fragte: „Wollen wir etwas zu trinken annehmen?“ 4 „Nun, Sie mögen es annehmen, oder ausſchlagen,“ ſagte Mr. Grady, der ſein Anerbieten verſchmäht glaubte, „ 3 der die verächtlichen Manieren der Neuongekommenen nicht goutirte und ſie verließ. „Wollen wir etwas zu trinken annehmen?“ fragte Blanche wieder, und begann wieder zu lachen. „Grady,“ brüllte eine Stimme aus dem Innern des Zimmers: — eine Stimme, vor der Mrs. Bonner erbebte. Grady antwortete nicht; man vernahm ſeinen Ge⸗ 83 ſang in der Ferne von der Küche, ſeinem obern Zim⸗ wo Grady bei ſeiner Arbeit Singübungen an⸗ ellte. „Grady, meinen Rock!“ dröhnte wieder die Stimme von innen. „Ei, das iſt nicht Mr. Strong's Stimme,“ ſagte die Sylphide, immer noch halblachend. „Grady, mei⸗ nen Rock!“ — Bonner, wer iſt Grady mein Rock'? wir ſollten fortgehen.“ Bonner ſah immer noch ganz verdutzt darein über die Stimme, die ſie gehört hatten. Die Thür des Schlafgemachs öffnete ſich jetzt, und das Individuum, welches „Grady, meinen Rock“ gerufen hatte, erſchien, ohne fragliches Kleidungsſtück. Er winkte den Frauen und ging über das Zimmer. „Bitt' um Verzeihung. Ladies.“ — Grady, bring meinen Rock herab! — „Nun, meine Lieben, es iſt ein hübſcher Tag und wir haben einen luſtigen Schwank in —“ Er ſprach nicht mehr: denn hier ſchrie Mrs. Bon⸗ ner, die ihn mit verſtörten Augen angeblickt hatte, plötzlich auf: „Amory, Amory!“ und fiel ſchreiend und ſodann ohnmächtig auf einen Stuhl zurück. Der Mann, ſo angeredet, blickte die Frau einen Augenblick an, ſtürzte auf Blanche zu und umfaßte und küßte ſie. „Ja, Betſy,“ ſprach er, „bei G—, ich bin es, Marie Bonner kannte mich. Was für ein hübſches Mädel wir geworden findl! Aber es iſt ein Geheimniß. Ich bin todt, obgleich ich Dein Vater bin. Deine arme Mutter weiß es nicht. Was für ein hübſches Mädel wir ge⸗ worden ſind! Küß mich — küß mich herzhaft, meine Betſy! Hol' mich der —, ich liebe Dich: ich bin Dein alter Vater.“ Betſy oder Blanche ſah ganz verſtört aus und be⸗ gann auch — einmal, zweimal, dreimal aufzuſchreien; und dieſe durchdringenden Schreie waren es, welche Coſtigan hoͤrte, als er im Hofe unten luſtwan⸗ elte. 84 Bei dieſen Schreien drückte der verlegene Vater die Hände zuſammen (und auf einem fleiſchigen Arm waren blau tätowirte Buchſtaben zu ſehen.) Seine Preischen waren offen und auf ſein Zimmer ſtürzend, kam er mit einem Fläſchchen eau de Cologne aus einem großen ſilbernen Nachttiſchkäſtchen zuruck, mit deſſen Wohlgerüchen er Bonner und Blanche reichlich zu beſprengen begann. Die Schreie dieſer Frauen brachten die anderen Bewohner der „Chambers“ (Zimmer) in das Gemach: Grady von der Küche und Strong von ſeinem Gemach im obern Stock. Der Letztere ſah mit einem Mal bei dem Anblick der beiden Frauen, was vorgefallen war. „Grady, geh in den Hof und warte,“ ſagte er, „und wenn Jemand kommt, Du verſtehſt mich —“ „Sie meinen die Schauſpielerin und ihre Mutter?“ fragte Grady. „Ja — zum Henker! ſag', daß Niemand auf den „Zimmern“ iſt, und daß heute Nichts aus der Parthie wird.“ „Soll ich das ſagen, Herr? und nachdem ich die bokays (Bouquets) gekauft habe 2“ fragte Grady ſeinen Gebieter. „Ja,“ ſagte Amory, auf den Boden ſtampfend; und Strong nach der Thür gehend erreichte ſie noch eben recht, um den Eintritt Capitän Coſtigan's, der die Treppen heraufgekommen war, zu verhindern. Die Damen vom Theater wurden nicht in Green⸗ wich traktirt und Blanche ſtattete an jenem Tage nicht Fanny Bolton ihren Beſuch ab, und Cos, welcher die Gelegenheit ergriff, Grady mit vieler Wichtigkeit zu in⸗ quiriren, worin der Unfug beſtand, und wer geſchrien habe: bekam zur Antwort, es ſei eine von den Frauen, eine von denen, die nach Grady's Meinung die Urſache von beinahe allem Unheil auf dieſer Welt ſeien. 85 Sechsundzwanzigſtes Rapitel. In welchem Pen über ſeine Wahl zu zweifeln beginnt. Während Pen in ſeiner Grafſchaft auf ſolche Weiſe ſeine ſelbſtiſchen Plane und parlamentariſchen Entwürfe verfolgte, kam ihm die Kunde zu, daß Lady Rockminſter in Baymouth angekommen ſei, und unſere Freundin Laura mit ſich gebracht habe. Auf die Nachricht, daß ſeine Schweſter Laura in ſeiner Nähe ſei, fühlte ſich Pen ſchuldbehaftet. Er wünſchte vielleicht höher in ihrer Achtung zu ſtehen, als in der jedes andern Menſchen auf der Welt. Sie war ſeiner Mutter Vermächtniß an ihn, er ſollte gewiſſer Maßen ihr Schirmherr und Be⸗ ſchützer ſein. Wie mußte ſie die Nachricht aufnehmen, die er ihr zu bringen hatte, und wie ſollte er ihr die Plane erklären, auf die er ſann? Es war ihm, als ob weder er, noch Blanche Laura's glänzenden Blick ruhiger Forſchung ertragen, als ob er nicht wagen würde, ſeine weltlichen Hoffnungen und ehrgeizigen Be⸗ ſtrebungen vor dieſem fleckenloſen Richter darzulegen. Bei ihrer Ankunft in Baymouth ſchrieb er dahin einen Brief, welcher ein Schwall ſchöner Redensarten und Zuneigungsverſicherungen und ein Uebermaß leichter Satyre und Schäckerei enthielt, und mitten unter allem Apparat konnte Pen nicht umhin zu fühlen, daß er in einem paniſchen Schrecken war, und daß er wie ein Schuft und Heuchler ſich benahm. Wie kam es, daß ein einfaches Landmädchen der Gegenſtand der Furcht und Angſt für einen ſo vollen⸗ deten Gentleman, wie Mr. Pen, war? Seine weltliche Taktik und Diplomatie, ſeine Satyre und Weltkenntniß s7 aber gütigen alten Witwe. Einige waren höchſt wahr⸗ ſcheinlich nicht gut geſinnt gegen ſie — Einige verach⸗ teten ſie vielleicht. Es war möglich, daß Dienſtboten gelegentlich grob gegen ſie waren; ihre Gebieterin wenigſtens war es oft. Laura fand ſich nicht ſelten in Familienzirkeln, deren Traulichkeit durch ihre Gegenwart, wie ſie fühlte, geſtört warz und ihre Empfindſamkeit war natürlich verletzt bei dem Gedanken, daß ſie der Ge⸗ genſtand der Zurückhaltung ſei. Wie viele Gouvernanten gibt es in der Welt, dachte die muntere Laura, — wie viele Ladies, deren Bedürfniſſe ſie berufsweiſe zu Sklaven und Begleitern macht! Wie viele ſchlechte Launen, wie viele rauhe Unfreundlichkeiten haben bieſe nicht zuertragen! Wie unendlich beſſer iſt mein Loos, bei dieſen wirklich gütigen und freundlich geſinnten Leuten, als das von Tau⸗ ſenden unbeſchützter Mädchen! Mit dieſer herzlichen Ermuthigung fügte ſich unſere junge Dame in ihre neue Stellung und ging ihrem Schickſal mit ver⸗ trauensvollem Lächeln entgegen. Habt ihr je eine Perſönlichkeit gekannt, die der Fortuna ſo begegnete, ohne daß die Göttin ihr einen freundlichen Blick zuwarf? Werden nicht ſelbſt ſchlechte Leute durch eine ſtandhafte, freudige Stimmung und ein reines, zuneigungsvolles Herz gewonnen? Wenn die Kindlein im Walde in der Ballade hold und vertrauens⸗ voll zu jenen notoriſchen Böſewichtern aufblicken, welche ihr Oheim aufgeſtellt hatte, um mit den Kleinen abzu⸗ fahren, ſo wiſſen wir Alle, wie einer der Schufte ge⸗ rührt ward und den andern bewältigte, — indem ſie nicht das Herz hatten, gegen ſoviel Unſchuld und Schön⸗ heit unfreundlich zu ſein. O, glücklich ſind diejenigen, welche dieſes jungfräuliche, liebende Vertrauen, das hold lächelnde Vertrauen haben, und kein Uebel fürchten, weil ſie an keines denken! Miß Laura Bell war eine dieſer Glücklichen und außer der ſanften Witwe kleinem Kreuz, das, wie wir geſehen haben, Pen ihr gab, ein 88 ſo ſchimmerndes brillantes Kohinoor eLichtberg) in ihrem Buſen trug, das ſelbſt noch koſibarer iſt, als vas berühmte Kleinod: denn es behält nicht nur ſeinen Werth in einer andern Welt, wo Demante, wie man ſaht, Nichts mehr gelten, ſondern ſind auch hier für ihren Beſitzer von unſchätzbarem Werthe, ſind der Talisman gegen das Uebel und leuchten durch die Finſterniß des Lebens, wie Copia Haſſan's berühmter Stein. So geſchah es, daß Miß Bell, ehe ſie ein Jahr in Lady Rockminſter's Hauſe war, durch die Anwendung dieſes Talismans Aller Herzen für ſich gewonnen hatte. Von der alten Lady bis auf die niederſte Empfängerin ihrer Liebesgaben, hatte ſich Laura die Zuneigung und Freundlichkeit von Jedermann gewonnen. Bei einer Gebieterin von ſolchem Temperament konnte Mylady's Kammerfrau, die bei ihrer Herrin vierzig Jahre lang ausgehalten, und im Verlaufe dieſer Zeit alltäglich und allnächtlich gekratzt, gezankt und beſpöttelt worden war, nicht ſelbſt gut gelaunt ſein, und war zuerſt ärgerlich gegen Miß Laura, wie ſie es gegen die fünfzehn frühe⸗ ren Geſellſchafterinnen geweſen war. Als aber Laura in Paris erkrankte, ſo pflegte die alte Frau ſie, trotz ihrer Gebieterin, welche befürchtete, das Fieber zu erben, und kämpfte ſich ritterlich ab um die Medizin mit Martha von Fairvaks, die jetzt zu Miß Laura's eigener Kammerfrau avancirte. Als ſie wiedergenas, hätte Grandjean, der Chef, ſie beinahe getödtet mit den zahl⸗ loſen Leckerbiſſen, die er für ſie bereitete, und weinte, als ſie das erſte Stückchen von einem jungen Huhne aß. Der Schweizer Majordomo pries Miß Bell's Ver⸗ dienſte in beinahe jeder europäiſchen Sprache, die er alle mit ziemlich gleicher Unrichtigkeit ſprach; der Kutſcher war glücklich, ſie zu führen; der Page vergoß Thränen, *) Der größte und ſchönſte Demant, welcher eriſtirt, und von den Engländern in dem Schikitenkrieg in Oſtin⸗ dien gewonnen wurde. A. d. U. 89 als er hörte, daß ſie unwohl ſei, und Calverley und Coldſtream (dieſe beiden Bedienten, ſo gewaltig, ſo ruhig für gewöhnlich und ſo ſchwer zu rühren) wurden außer⸗ ordentlich erfreut durch die Kunde, daß ſie auf dem Wege der Beſſerung ſei, und machten den Pagen in einem Weinhaus betrunken, um Laura's Wiedergene⸗ ſung zu feiern. Selbſt Lady Diana Pynſent (unſer ſrüherer Bekannter Mr. Pynſent hatte mittler Weile geheirathet), Lady Diana, welche eine Zeit lang einen beſondern Widerwillen gegen Laura gehabt, war ſo be⸗ geiſtert, daß ſie ſagte, ſie halte Miß Bell für eine ſehr angenehme Perſon, und Großmama habe einen rechten Fund an ihr gethan. Alle dieſe Zuneigung und Freund⸗ lichkeit hatte Laura durch keinerlei Künſte oder Schmei⸗ cheleien, ſondern durch vie bloſe Gewalt ihrer Gutherzig⸗ keit und die geſegnete Gabe des Gefallens gewonnen. Bei den wenigen Gelegenheiten, da er Rockminſter geſehen, war die alte Lady, die unſern jungen Freund nicht bewunderte, ſehr erbarmungslos und kurz ange⸗ bunden gegen ihn, und vielleicht hatte Pen, als er nach Baymouth kam, Laura in ihrem Hauſe als niedrige Ge⸗ ſellſchafterin inſtallirt und nicht beſſer als ihn ſelbſt be⸗ handelt zu ſehen, erwartet. Als ſie von ſeiner Ankunft hörte, rannte ſie die Treppen herab und ich will nicht dafür ſtehen, daß ſie ihn nicht in Gegenwart Calverley's und Colvſtream's umarmte, noch daß dieſe Gentlemen erzählten: wenn der fractus orbis in tauſend Stücke zerſchellt wäre, und Laura, ſtatt Pen zu küſſen, ihre Scheere genommen und ihm den Kopf abgeſchnitten hätte — Calverley und Coldſtream hätten ganz uner⸗ ſchrocken zugeſehen, ohne daß auch nur einer von ihnen ein Atömchen Puder durch den Unfall eingebüßt hätte. Laura hatte ſich in Geſundheit und Ausſehen ſo zu ihrem Vortheil verändert, daß Pen ſie bewundern mußte. Die freien, freundlichen Augen, welche die ſeinigen tra⸗ fen, ſtrahlten vor Geſundheit; die Wange, welche er küßte, erglühte vor Schönheit. Wie er ſie anſchaute, 90 kunſtlos und voller Reize, rein und unſchuldig, glaubte er ſie noch nie ſo ſchön geſehen zu haben. Warum mußte er ihre Schönheit jetzt erſt bemerken und ſich fragen, warum er ſie nicht früher bemerkt hatte? Er nahm ihre ſchöne, zutrauliche Hand, und küßte ſie zärt⸗ lich: er blickte ihr in die ſtrahlenden Augen, und las in ihnen jenen freundlichen Willkomm, den er immer gewiß war, dort zu finden. Er war gerührt und angeſprochen von dem zärtlichen Tone und dem reinen, ſprühenden Blicke, deſſen Unſchuld ihn ergriff. „Wie gut Sie gegen mich ſind, Laura — Schweſter,“ ſprach Pen, „ich verdiene nicht, daß Sie — daß Sie ſo gütig gegen mich find.“ „Mama hat Sie mir hinterlaſſen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich bückte und ſeine Stirne flüchtig mit ihren Lippen berührte. „Sie wiſſen, Sie mußten zu mir kommen, wenn Sie in Noth waren, oder mir ſagen, daß ſie ſehr glücklich ſeien: das war, Arthur, letztes Jahr unſer Vertrag, bevor wir uns trennten. Sind Sie jetzt ſehr glücklich, oder ſind Sie in Noth, welches von Beiden?“ und ſie warf ihm einen ſchalkhaften, freundlichen Blick zu. „Wollen Sie in's Parlament gehen? Sind Sie gemeint, ſich vort auszuzeichnen? Wie werde ich zittern für Ihre erſte Rede!“ „So wiſſen Sie denn um meinen Plan mit dem Parlament?“ fragte Pen. „Ob ich es weiß? — Alle Welt weiß es! Ich habe es ſchon oft beſprechen hören. Lady Rockminſters Doktor ſprach heute davon. Ich darf wohl ſagen, es wird morgen in der Zeitung von Chatteries kommen. In der ganzen Grafſchaft heißt es, daß Sir Francis Cla⸗ vering von Clavering ſich zu Gunſten des Mr. Arthur Pendennis von Fairvaks zurückziehen will, und daß die junge und ſchöne Miß Blanche Amory —“ „Wiel auch das?“ fragte Pendennis. „Auch das, lieber Arthur. Tout ce sait, wie eine Gewiſſe ſagen würde, die ich recht lieb haben werde, 9¹ und die gewiß ſehr hübſch und geſcheid iſt. Ich habe von Blanch einen Brief bekommen, den freundlichſten Brief von der Welt. Sie ſpricht ſo warm von Ihnen, Arthur! Ich hoffe — ich weiß, Sie fühlt, was ſie ſchreibt. — Wann ſoll es ſein, Arthur? Warum ſagten Sie mir es nicht? Darf ich dann kommen, und bei Ihnen leben, darf ich?“ „Meine Heimath iſt die Ihrige, theure Laura, und Alles, was ich habe,“ ſagte Pen „wenn ich es Ihnen nicht ſagte, ſo geſchah es, weil — weil — ich weiß es nicht: es iſt noch Nichts entſchieden. Es iſt noch zu keiner Erklärung zwiſchen uns gekommen, aber glauben Sie, Blanche könnte glücklich mit mir ſein? — Glauben Sie nicht? Keine romantiſche Zärtlichkeit meine ich, wie Sie wiſſen, ich habe kein Herz, glaube ich; ich hab' es ihr geſagt: nur eine nüchterne Anhänglichkeit, ich will mein Weib auf der einen Seite des Feuers, und meine Schweſter auf der andern haben, — im Parla⸗ ment während der Sitzung und in Fairoaks während der Ferien, und meine Laura ſoll mich nicht verlaſſen, bis Jemand kommt, bis Jemand, der ein Recht hat, kommt, ſie fort zu nehmen.“ Jemand, der ein Recht hat, Jemand mit einem Rechte! Warum begann Pen, während er das Mädchen erblickte, und langſam die Worte ſprach, ärgerlich und eiferſüchtig auf den unſichtbaren Jemand zu werden, der das Recht habe, ſie fortzunehmen? Noch vor einer Minute ängſtlich, wie ſie die Nachricht von ſeiner wahr⸗ ſcheinlichen Verbindung mit Blanche aufnehmen würde, war Pen einiger Maßen verletzt, daß ſie die Mitthei⸗ Un ſo leicht hinnahm und ſein Glück für ausgemacht elt. „Bis Jemand kommt,“ ſagte Laura lachend, „ich will daheim bleiben und Tante Laura ſein, und für die Kinder ſorgen, wenn Blanche draußen in der Welt iſt. Ich habe es Alles ſchon ſo geordnet. Ich bin eine vor⸗ treffliche Haushälterin. Sie müſſen wiſſen, ich bin in 92 Paris mit Mrs. Beck auf dem Markte geweſen und habe einige Lektionen bei Mr. Grandjean genommen. Ich habe in Paris für das Geld, das Sie, guter Junge, mir geſchickt haben, auch einige Lektionen im Singen gehabt, und kann jetzt viel beſſer ſingen, auch habe ich tanzen gelernt, und wenn Sie Staatsminiſter find, ſo ſoll mich Blanche vorſtellen,“ und damit und mit einer neckiſchen guten Laune führte ſie vor ihm die letzte Pariſer Verbeugung aus. Lady Rockminſter kam, während der Ausführung dieſer Verbeugung herein und gab Arthur einen Finger zu drücken, welchen er ergriff, und über den er ſich, ſo gut er konnte, niederbeugte, was er in Wahrheit ſehr linkiſch ausführte. „So wollen Sie ſich alſo verheirathen, Sir“ ſagte die alte Lady. „Schelten Sie ihn, Lady Rockminſter, dafür, daß er uns Nichts davon ſagte,“ ſprach Laura, indem ſie fortging, was die alte Lady in Wahrheit augenblicklich in's Werk zu ſetzen begann. „So wollen Sie ſich alſo verheirathen und für den Taugenichts Sir Franeis Cla⸗ vering in's Parlament gehen. Ich wollte von ihm haben, er ſollte meinem Enkel ſeinen Sitz geben — — warum gab er nicht meinem Enkel ſeinen Sitz? Ich hoffe, Sie bekommen viel Geld mit Miß Amorh. Ohne viel Geld möchte ich ſie nicht haben.“ „Sir Francis Clavering hat das Parlament ſatt bekommen,“ ſagte Pen, indem er mit dem Fuß den Boden kratzte, „und — und ich möchte es mit dieſer Laufbahn verſuchen, der Reſt der Geſchichte iſt wenig⸗ ſtens voreilig.“ „Ich wundre mich, wie Sie mit einem ſo affektir⸗ ten Geſchöpf wie dieſe, anbinden konnten, während Sie Laura zu Hauſe hatten.“ „Ich bedaure ſehr, daß Miß Amory nicht den Bei⸗ fall Ihrer Herrlichkeit hat,“ ſagte Pen lächelnd. „Sie meinen, daß es mich Nichts angehe und daß 93 ich ſie nicht heirathen müſſe. Schon recht, ich muß ſie nicht heirathen, und bin recht froh, daß ich nicht muß — das kleine oviöſe Ding — wenn ich daran denke, daß ein Mann ſie meiner Laura vorziehen konnte, ſo habe ich keine Geduld mit ihm, das ſag' ich Ihnen, Mr. Arthur Pendennis.“ „Es freut mich ſehr, daß Sie Laura mit ſo günſti⸗ gen Augen anſehen,“ ſagte Pen. „Es freut Sie ſehr, und es thut Ihnen ſehr leid. Was liegt daran, Sir, ob Sie's ſehr freut, oder obes Ihnen ſehr Leid thut. Ein junger Mann, welcher Miß Amory der Miß Bell vorzieht, braucht weder Leid noch Freude zu fühlen. Ein junger Mann, der mit einem ſo krummen offektirten Lappen, wie die kleine Amory — krumm iſt ſie, das ſag' ich Ihnen — anbinden kann — nachdem er meine Laura geſehen, hat kein Recht, den Kopf wieder aufrecht zu tragen. Wo iſt Ihr Freund Blaubart? Den ſchlanken, jungen Mann meine ich, — Warrington, heißt er nicht Warrington? Warum kommt er nicht herab und heirathet Laura? Was fällt den jungen Leuten ein, daß ſie ein Mädchen wie dieſes nicht heirathen? Alle heirathen jetzt nach dem Gelde. Sie ſind ſelbſiſüchtig und feig. Zu meiner Zeit gingen die Leut⸗ chen auf und davon und machten närriſche Heirathen. Ich habe keine Geduld mit den jungen Leuten! Als ich letzten Winter in Paris war, fragte ich alle drei At⸗ tachés bei der Geſandtſchaft, warum ſie ſich nicht in Miß Bell verlieben? Sie lachten — ſie ſagten, ſie brauchen Geld. Sie ſind alle ſelbſtſüchtig — ſie ſind alle Feiglinge.“ „Ich hoffe, ehe Sie Miß Bell den Attachés an⸗ trugen,“ bemerkte Pen mit einiger Hitze, „erwieſen Sie ihr die Gunſt, ſie darum zu befragen?“ „Miß Bell hat nur wenig Geld. Miß Bell muß bald heirathen, es muß Jemand eine Heirath für ſie machen, Sirz und ein Mädchen kann ſich nicht ſelbſt anbieten,“ ſagte die alte Witwe mit großem Stolz. 94 „Laura, meine Theure, ich hab' Ihrem Vetter geſagt, daß alle jungen Männer ſelbſtſüchtig ſind und daß kein Pfennig Romantik mehr unter ihnen übrig bleibt. Er iſt ſo ſchlimm als die andern.“ „Haben Sie Arthur gefragt, warum er mich nicht heirathen wolle?“ ſagte Laura mit freundlichem Lächeln, indem ſie zurück kam und ihres Vetters Hand ergriff (ſie war fort geweſen, vielleicht, um einige Spuren von Gemüthsbewegung zu verbergen, die ſie Andere nicht wollte ſehen laſſen); „er heirathet ſonſt Jemand, und ich habe im Sinn, ſie recht lieb zu haben, und mit ihnen zu gehen und mit ihnen zu leben, wofern er nicht jeden Junggeſellen, der in ſein Haus kommt, fragt, warum er mich nicht heirathet.“ Nachdem die Schrecken von Pen's Gewiſſen ſo be⸗ ſchwichtigt, und ſeine Prüfung vor Laura ohne Vorwürfe von Seiten der Letztern vorüber war, begann Pen zu finden, daß ſeine Pflicht und Neigung ihn beſtändig nach Baymouth führten, wo Lady Rockminſter ihm bedeutete, daß immer ein Platz für ihn an ihrem Tiſche offen gehalten werde, „und ich empfehle Ihnen, oft zu kommen,“ ſagte die alte Lady, „denn Grandjean iſt ein vortrefflicher Koch und der Umgang mit Laura und mir verbeſſert Ihre Manieren. Es iſt nicht ſchwer abzuſehen, daß Sie immer nur an ſich denken, Sie brauchen nicht zu erröthen und zu ſtammeln, faſt alle junge Leute denken immer nur an ſich. Meine Söhne und Enkel machten's ſo, bis ich ſie kurirte. Kommen Sie her und wir wollen Sie lehren, wie man ſich ſäuberlich beträgt. Sie brauchen nicht vorzuſchneiden, das thut man an dem Nebentiſche. Hecker wird Ihnen ſo viel Wein geben, als gut für Sie iſt, und an ſolchen Tagen, wo Sie beſonders gut und unterhaltend ſind, ſollen Sie auch etwas Cham⸗ pagner bekommen. Hecker, vergeſſen Sie nicht, was ich ſage. Mr. Pendennis iſt Miß Laura's Bruder, und machen Sie's ihm hequem und ſehen Sie darauf, daß er nicht zu viel Wein bekömmt, und mich nicht ſtört, 95 wenn ich nach dem Diner mein Schläfchen mache. Sie ſind ſelbſtſüchtig und ich hab' im Sinn, Sie von dieſer Untugend zu heilen. Sie diniren hier, wenn Sie nicht anderswo eingeladen ſind, und wenn es regnet, ſo thäten Sie beſſer, gleich im Hotel zu bleiben.“ So lang als die gute Lady Jemand um ſie her kommandiren konnte, war fie nicht ſchwer zu befriedigen, und alle Sklaven und Vaſallen ihres kleinen witthümlichen Hofes zitterten vor ihr, aber liebten ſie. Sie empfing keine ſehr zahlreiche oder glänzende Geſellſchaft. Der Doktor war natürlich als ein be⸗ ſtändiger, getreuer Gaſt zugelaſſen. Außerdem wurden der Unterpfarrer und ſein Vikar, und an feſtlichen Tagen des Unterpfarrers Frau und Töchter und einige von den Saiſongäſten in Bahmhuth bei den Gaſtereien der alten Lady empfangen, aber gewöhnlich war die Geſell⸗ ſchaft klein, und Mr. Arthur trank ſeinen Wein allein, wenn Lady Rockminſter ſich zurück zog, um ihr Nickerchen zu machen und von Laura nach dem Diner in den Schlaf geſpielt und geſungen zu werden. „Wenn meine Muſik ſie in ihr Schläfchen bringt,“ ſagte das gutherzige Mädchen, „ſollte es da mich nicht freuen, daß ich ſo viel Gutes ſtiften kann? Lady Rock⸗ minſter ſchläft Nachts ſehr wenig und ich pflegte ihr vorzuleſen, bis ich in Paris krank wurde. Seitdem ſie Nichts mehr davon hören, daß ich bei ihr auf⸗ eibe.“ „Warum ſchrieben Sie mir nicht, als Sie krank waren?“ fragte Pen erröthend. „Was konnte es mir helfen? Ich hatte Martha, mich zu pflegen und den Doktor jeden Tag, Sie ſind zu geſchäftig, an Frauen zu ſchreiben, oder an ſie zu denken. Sie haben Ihre Bücher und Ihre Zeitungen, Ihre Politik und Ihre Eiſenbahnen, die Sie beſchäftigen. Ich ſchrieb, als ich wieder wohl war.“ Pen blickte ſie an und erröthete wieder, indem er 96 ſich erinnerte, daß er während ihrer ganzen Krankheit ihr nicht geſchrieben und kaum an ſie gedacht hatte. Kraft ſeiner Verwandtſchaft ſtand es Pen frei, be⸗ ſtändig mit ſeiner Muhme ſpazieren zu gehen und zu reiten, und auf dieſen Spaziergängen und Ritten konnte er den holden Freimuth ihres Weſens, die Treue, Einfalt und Güte ihres ſchönen und fleckenloſen Herzens ſchätzen lernen. Zu Lebzeiten ihrer Mutter hatte ſie nie ſo offen und herzlich geſprochen wie jetzt. Der Wunſch der armen Helen, eine Verbindung zwiſchen ihren zwei Kin⸗ dern herbeizuführen, hatte von Seiten Laura's gegen Pen eine gewiſſe Zurückhaltung bewirkt, welche jetzt unter den veränderten Lebensumſtänden Arthur's nicht mehr nothwendig war. Er ſtand in einem Verhältniß zu einer Andern, und Laura wurde mit einem Mal ſeine Schweſter, — verbarg oder verbannte jeden Zweifel, den ſie in Bezug auf ſeine Wahl haben konnte, indem ſie ſich beſtrebte, freudig in die Zukunft zu blicken und für ſein Glück zu hoffen; indem ſie ſich verſprach, Alles zu thun, was Neigung vermochte, um ihrer Mutter Liebling glücklich zu machen. Oft ſprachen ſie von der hingeſchiednen Mutter: und aus tauſend Geſchichten, welche Laura ihm erzählte, überzeugte ſich Arthur, wie beſtändig und ausſchließlich die ſchweigſame Hingebung der Mutter geweſen war, die ihn an⸗ und abweſend durch's Leben begleitet und nur mit dem letzten Athem der zärtlichen Witwe geendet hatte. Eines Tags ſah das Volk in Clavering einen Jungen ein Paar Pferde an dem Kirchhofthor halten⸗ und man erzählte daſelbſt, daß Pen und Laura Helen's Grab mit einander beſucht hätten. Seit Arthur auf das Land herabgekommen war, war er ein oder zwei Mal dort geweſen, aber der Anblick des Grabſteins hatte ihm keinen Troſt gebracht. Ein Mann, der ſich bewußt war, eine Schuld begangen zu haben, ein bloſer Spekulant, der ſich darein ergab, dem Mammon und einer weltlichen Lauf⸗ bahn Treue und Ehre zu opfern, der es geſtand, daß 97 ſein Leben nur eine verächtliche Uebergabe ſei, mit welchem Rechte erſchien er auf der heiligen Stelle? Was half es ihm in der Welt, in der er lebte, daß Andere nicht beſſer waren, denn er? Arthur und Laura ritten an dem Thor von Fairoaks vorbei, und er drückte den Kindern des Pächters die Hände, wie ſie an der Hecke und auf der Terraſſe ſpielten — Laura ſah un⸗ verwandt nach der Mauer der Cottage, nach den Kriech⸗ pflanzen an dem Portal und der Magnolia, welche an ihr Fenſter hinaufwuchs. „Mr. Pendennis ritt heute vorbei,“ erzählte einer der Knaben ſeiner Mutter, „und er hielt und ſprach mit uns und bat um ein Bißchen Gaisblatt von dem Portal und gab es der Lady. Ich konnte nicht ſehen, ob ſie hübſch war, ſie hatte den Schleier herunter, ſie ritt auf einem von Cramp's Pferden aus Baymouth.“ Während ſie über die Ebenen zwiſchen ihrer Hei⸗ math und Baymouth ritten, ſprachen ſie nicht viel, ob⸗ gleich ſie dicht neben einander ritten. Er dachte, was doch das Leben für eine Trügerei wäre, und wie die Menſchen das Glück zurückweiſen, wenn ſie es haben können, oder, wenn ſie es haben, unter die Füße treten, oder mit offenen Augen mit einer kleinen werthloſen Summe Geldes oder armſeliger Ehre vertauſchen. Und dann kam ihm der Gedanke, was will das für die kleine Spanne Zeit? Das Leben der Beſten und Reinſten unter uns verzehrt ſich in eitler Sehnſucht und endet mit getäuſchter Erwartung wie bei der Theuern, die in dem Grab dort unten ſchläft. Sie hatte ihre ſelbſtiſche Ehrſucht ſo gut als Cäſar, und ſtarb, um die Sehnſucht ihres Lebens betrogen. Der Stein überdeckt unſre Hoff⸗ nungen und unſer Andenken. Unſere Heimath kennt uns nicht. „Andrer Leute Kinder ſpielen auf dem Gras,“ brach er in hartem Tone aus, „wo Sie und ich zu ſpielen pflegten, Laura. Und Sie ſehen, wie die Mag⸗ nolie, die wir pflanzten, ſeit unſter Zeit empor gewachſen Pendennis. Iw. 7 98 iſt. Ich war an einigen der Hütten herum, die meine Mutter zu beſuchen pflegte. Es iſt kaum mehr als ein Jahr, daß ſie hingegangen iſt, und die Leute, welchen ſie wohlzuthun pflegte, fragten nicht mehr nach ihrem Tode, als nach dem der Königin Anna. Wir ſind alle ſelbſtſüchtig; die Welt iſt ſelbſtfüchtig; es gibt nur einige Ausnahmen wie Sie, meine Theure, um wie gute Thaten in einer nichtsnützigen Welt zu leuchten, welche die ſchwarze Finſterniß nur noch unheimlicher machen.“ „Ich wünſchte, Sie würden nicht ſo ſprechen, Ar⸗ thur,“ ſagte Laura, indem ſie niederblickte und ihr Haupt auf das Gaisblatt an ihrer Bruſt ſenkte. „Als Sie dem Bübchen ſagten, er ſolle mir dies geben, waren Sie nicht ſelbſtſüchtig.“ „Ein großes Opfer, das ich brachte, um es zu be⸗ kommen,“ ſagte der Spötter. „Aber Ihr Herz war gütig und voll Liebe, als Sie es thaten. Man kann nicht mehr als Liebe und Güte verlangen, und wenn Sie beſcheiden von ſich denken, Arthur, ſind Liebe und Güte darum nicht geringer — oder? Ich dachte oft, daß unſre theuerſte Mutter Sie vaheim verzog, indem ſie Sie anbetete; und daß, wenn Sie — ich haſſe das Wort — find, was Sie ſagen, half ihre zu große Zärtlichkeit, Sie dazu zu machen. Und was die Welt betrifft, ſo glaube ich, daß die Män⸗ ner, wenn ſie in dieſelbe eintreten, nicht anders ſein können, als ſelbſtiſch. Sie haben für ſich zu kämpfen, und für ſich voranzukommen, und ſich einen Namen zu machen. Mama und Ihr Onkel haben Sie zum Ehr⸗ geiz angefeuert. Wenn es was Eitles iſt, warum ſtrebt Ihr darnach? Ich denke, ein ſo verſtändiger Mann, wie Sie, hat ſich zur Aufgabe gemacht, viel Gutes für das Land zu ſtiften, wenn er in's Parlament geht, ſonſt würde er nicht dahin gehen. Was haben Sie ſich vorgeſetzt auszurichten, wenn Sie in's Parlament kommen?“ „Frauen verſtehen ſich nicht auf Politik, meine 99 Theure,“ ſagte Pen, indem er, während er ſprach, ſich ſelbſt verhöhnte. „Warum gebet Ihr uns das Verſtändniß nicht? Ich konnte nie von Mr. Pynſent ſagen, warum er ſo ſehr wünſchte, dort zu ſitzen. Er iſt kein geſcheider Mann —“ „Wenigſtens iſt er kein Genie, dieſer Pynſent,“ ſagte Pen. „Lady Diana ſagt, daß er alle Tage Comite's be⸗ ſucht; daß er dann den ganzen Abend in dem „Hauſe“ ſitzt; daß er immer abſtimmt, wie man ihn anweist; daß er nie ſpricht; daß er nie aus ſeiner untergeordneten Sphäre heraustritt. Wollen Sie in die nämliche Lauf⸗ bahn eintreten, Arthur? Was iſt ſo glänzend an ihr, daß Sie ſo lüſtern darnach find? Mir wäre lieber, Sie blieben zu Hauſe und ſchrieben Bücher — gute Bücher, — Bücher zum Frommen Ihrer Nebenmenſchen, mit Ihren Gedanken erfüllt, Arthur, gut zum Leſen für das Volk. Und wenn Sie keinen Ruhm gewinnen, was iſt dann verloren? Sie geſtehen, es iſt Eitelkeit, und Sie können ſehr glücklich ohne das leben. Ich will nicht die Rathgeberin machen; aber ich nehme Sie bei Ihrem eigenen Worte über die Welt, und Sie geben zu, daß ſie ſchlecht iſt, daß ſie Ihnen entleidet, und frage Sie, warum Sie ihr nicht Valet ſagen.“ „Und was wollten Sie, daß ich thun ſollte?“ fragte Arthur. „Ich wünſchte, Sie brächten Ihr Weib mit ſich nach Fairvaks, lebten mit ihr dort, ſtudirten und wür⸗ den der Wohlthäter Ihrer Umgebungen. Ich wollte, Arthur, daß Ihre Kinder auf dem Grasplatze ſpielen, und daß wir wieder zuſammen in unſrer Mutter Kirche beten, theurer Bruder. Wenn die Welt eine Verſuchung iſt, werden wir da nicht angewieſen, zu beten, daß wir nicht darein geführt werden?“ „Glauben Sie, Blanche würde ein gutes Weib für einen Landgentleman abgeben? Glauben Sie, die Rolle werde mir ſehr gut anſtehen, Laura?“ fragte Pen. „Bedenken Sie, daß die Verſuchung ſo gut um die Heckengänge ſchleicht, als durch die Straßen der Stadt: und Müſſiggang iſt der größte Verſucher von allen.“ „Was — was ſagt Warrington?“ fragte Laura, während ihre Wange eine Röthe überflog, deren Glut Pen ſah, obgleich Laura's Schleier über ihr Geſicht fiel, um ſie zu verbergen. Pen ritt eine Weile ſchweigſam an Laura's Seite. George's Name, ſo erwähnt, brachte ihm die Vergangen⸗ heit zurück, und die Gedanken, welche er einſt in Bezug auf George und Laura hatte. Wie ſollte dieſe Wieder⸗ kehr des Gedankens ſein Gemüth bewegen, nun er wußte, daß die Vereinigung unmöglich war? Warum ſollte es für ihn von Belang ſein, zu wiſſen, ob Laura während der Monate ihrer Vertrautheit Intereſſe für Warrington fühlte? Seit jenem Tage bis auf die jetzige Zeit hatte George nie auf ſeine Geſchichte angeſpielt, und Arthur erinnerte ſich jetzt, daß George feit damals kaum Laura's Namen erwähnte. Zuletzt kam er dicht zu ihr heran. „Sagen Sie mir etwas, Laura,“ ſagte er. Sie ſchlug ihren Schleier zurück und ſchaute ihn an. „Was gibt es, Arthur?“ fragte ſie, obgleich ſie durch das Zittern ihrer Stimme es genugſam ver⸗ rieth. Sie mir — wenn George das Unglück nicht gehabt hätte — ich hörte ihn vor oder ſeit jenem Tage nie mehr davon ſprechen — würden Sie — wür⸗ den Sie ihm das gegeben haben, was Sie mir ver⸗ weigerten?“ „Ja, Fen,“ ſprach ſie und brach in Thränen „Er verdiente Sie beſſer, denn ich,“ ſeufzte der arme Arthur mit unbeſchreiblicher Beklemmung des Herzens. „Ich bin blos ein ſelbſtiſcher Wicht und George iſt beſſer, nobler, treuer, denn ich. Gotte ſegne ihn!“ aus 101¹ „Ja, Pen,“ ſprach Laura, indem ſie ihrem Vetter die Hand reichte, und er ſeinen Arm um ſie ſchlang und ſie einen Augenblick an ſeiner Schulter ſchluchzte. Das zarte Mädchen hatte ihr Geheimniß gehabt und daſſelbe mitgetheilt. Auf der Wittwe letzter Reiſe von Fairvafs, als ſie mit der Mutter an Arthurs Krankenbett eilte, hatte ſie ein anderes Bekenntniß ab⸗ gelegt; und erſt, als Warrington ſeine Geſchichte er⸗ zählte und die Hoffnungsloſigkeit ſeiner Lage beſchrieb, entdeckte ſie, wie ſehr ihre Gefühle ſich verändert hatten, und mit welch zärtlicher Sympathie, mit wie viel Ach⸗ tung, Wonne und Bewunderung ſie allmählig ihres Vetters Freund betrachtete. Bis ſie wußte, daß einige Pläne, von denen fie geträumt haben mochte, unmöglich waren, und daß Warrington vielleicht, in ihrem Herzen leſend, ſeine melancholiſche Geſchichte erzählt hatte, um ſie zu warnen, hatte ſie ſich nicht gefragt, ob ihre Ge⸗ fühle möglicher Weiſe wechſeln könnten und war erſchreckt und beängſtigt über die Entdeckung der Wahrheit. Wie hätte ſie ſolche Helen ſagen und ihre Schande bekennen ſollen? Die arme Laura fühlte ſich ſchuldig vor ihrer Freundin durch das Geheimniß, das ſie ihr nicht anzu⸗ vertrauen wagte. Es war ihr, als wäre ſie undankbar für Helen's Liebe und Theilnahme, es war ihr, als ob ſie ſchmählich treulos gegen Pen geweſen, indem ſie ihm eine Liebe entzog, welche er ſich nicht beeilte anzunehmen, gedemüthigt ſogar und reuevoll vor Warrington, indem ſie fürchtete, ihn durch ungebürliche Theilnahme ermu⸗ thigt und gezeigt zu haben, welchen Vorzug ſie ihm in ihrem Herzen gab. Die Kataſtrophe, welche Laura ihrer Heimat be⸗ raubte, und der Schmerz und Kummer, den ſie über ihrer Mutter Tod fühlte, gab ihr wenig Muth für ſelbſtſüchtige Gedanken; und mit der Zeit faßte ſie ſich in ihrem Schmerze und auch der kleinere war geheilt. Nur einen Augenblick hatte ſie der Hoffnung auf War⸗ rington ſich hingegeben, ihre Bewunderung und Hoch⸗ 102 achtung für ihn blieben ſo ſtark als immer. Aber das zärtliche Gefühl, womit ſie ihn, wie ſie wußte, betrachtet hatte, war zu einer ſolchen Ruhe zurückgedrängt, daß man hätte ſagen können, es ſei todt und dahin. Die Beklemmung, welche dahinten blieb, war die der De⸗ muth und Gewiſſensbiſſe. „Wie gottlos und ſtolz ich gegen Arthur war,“ dachte ſie, „wie ſelbſtvertrauend und unverſöhnlich. Ich vergab nie von Herzen dieſem armen Mädchen, das ihn lieb gewann, oder ihm, daß er ſie ermuthigte; und ich bin ſchuldiger als ſie gewe⸗ ſen — das arme, kleine, harmloſe Geſchöpf. Ich be⸗ kannte einen Mann zu lieben und konnte nur zu eifrig auf einen andern horchen, und wollte Athur einen Wechſel der Gefühle nicht verzeihen, während ich ſelbſt veränderlich und ungetreu war.“ Und ſo ſuchte das arme Mädchen, ſich demüthigend, Stärke und Zuflucht in der Art, wie ſie gewohnt war, auf ſie zu blicken. Sie hatte kein Unrecht gethan, aber es gibt Leute, welchen ein noch ſo unbedeutender Fehler ſo nahe geht, als Andern, deren ſtarkes Gewiſſen unter Verbrechen von beinahe jedem Gewichte ungebengt daher wandelt, aber die arme Laura beliebte ſich einzubilden, daß ſie in dieſem delikaten Falle wie eine große Verbrecherin gehandelt habe. Sie ward mit ſich einig, daß ſie Pen dadurch ein großes Unrecht gethan, daß ſie ihm eine Liebe entzog, welche ſie ihm insgeheim vor ihrer Mutter zugeſprochen hatte, daß ſie undankbar gegen ihre dahin⸗ geſchiedene Wohlthäterin war, indem ſie ſich je erlaubte, an einen Andern zu denken, oder ihr Verſprechen nicht zu halten, daß ſie in Betracht ihrer eigenen ungeheuern Verbrechen ſehr nachſichtig in Beurtheilung Anderer ſein ſollte, deren Verſuchungen ſehr wahrſcheinlich viel größer waren und deren Beweggründe ſie nicht verſtehen konnte. Noch vor einem Jahre wäre Laura über dem Ge⸗ danken, daß Arthur Blanche heirathen ſollte, entrüſtet geweſen, und ihr hoher Sinn hätte ſich empört darüber, 103 daß er aus welllichen Beweggründen zu einer ſo Un⸗ würdigen ſich herablaſſen konnte. Jetzt, als die Nach⸗ richt von einer ſolchen Wahrſcheinlichkeit kam (ſie erhielt ſie durch die alte Lady Rockminſter, deren Reden ſo geradezu und urplötzlich, wie ein Streich ins Geſicht, kamen), fuhr das Mädchen zwar bei dem Schlage ein wenig auf, ertrug ihn aber geduldig und in verzwei⸗ felter Hingebung. „Er hat ein Recht zu heirathen, er kennt viel mehr von der Welt, als ich,“ argumentirte ſie bei ſich ſelbſt. „Blanche iſt vielleicht nicht ſo leicht⸗ ſinnig, als ſie ſchien, und wer bin ich, um ihr Richter zu ſein? Es iſt wohl recht gut, daß Arthur in das Parlament geht und ſich auszeichnet, und es iſt meine Fflicht, Alles zu thun, was in meiner Macht ſteht, ihm und Blanche zu helfen und ſeine Heimath glücklich zu machen. Es mag ſo kommen, daß ich mit ihnen lebe. Wenn ich Pathin von einem ihrer Mädchen werde, ſo hinterlaß' ich ihm meine dreitauſend Pfund!“ Und ſie begann ſofort zu bedenken, was ſie Blanche von ihren kleinen Schätzen geben und wie ſie am Beſten ihre Neigung gewinnen würde. Sie ſchrieb ihr ſogleich einen freundlichen Brief, in welchem natürlich der in Betracht genommenen Plane keine Erwähnung geſchah, in welchem ſie aber Laura an alte Zeiten erinnerte und von ihrer Zuneigung ſprach; und als Erwiderung darauf erhielt ſie von Blanche eine Antwort, in welcher zwar kein Wort von Heirath geſprochen, aber Mr. Pendennis zwei oder drei Mal erwähnt wurde, und ſie wollten hin⸗ fort die theuerſte Laura und die theuerſte Blanche ſein, liebende Schweſtern und ſofort. Als Pen und Laura nach dem Bekenntniß der Letz⸗ tern nach Hauſe kamen, (Pen's edle Anerkennung ſeines geringern Werthes und die edelmüthige Aeußerung ſeiner Liebe für Warrington verurſachte dem Mädchen Herzklopfen und machte die Thränen, die ſie an ſeiner Schulter weinte, doppelt bitter) erwartete ein ſchlankes Briefchen Miß Bell in der Halle, das ſie unter ſchuld⸗ 104 bewußtem Zittern entſiegelte und das Pen erröthend erkannte, denn er ſah ſogleich, daß es von Blanche gekommen war. Laura öffnete es haſtig und überflog es eilig, Pen erröthend ſeine Augen auf ſie geheftet atte. „Sie datirt von London,“ ſagte Laura, „ſie iſt mit der alten Bonner, Lady Clavering's Kammerfrau. Bon⸗ ner heirathet den Kellermeiſter Lightfoot. Wo glauben Sie, daß Blanche geweſen ſei?“ rief ſie lebhaft. „In Parls, in Schottland, auf dem Cafino!“ „In der Shepherd's Inn, um Fanny zu beſuchen; aber Fanny war nicht da und Blanche will ihr ein Geſchenk hinterlaſſen. Iſt es nicht freundlich und auf⸗ merkſam von ihr?“ Und ſie händigte Pen den Brief ein, welcher las: „Ich ſah Madame More, welche das Zimmer kehrte und mich mit ſehr kehrſüchtiaen Augen anſah; aber la belle Fanny war nicht au logis, und da ich hörte, daß ſie in Kapitän Strongs Wohnung ſei, ſlie⸗ gen Bonner und ich au troisieme, um dieſe famoſe Schönheit zu ſehen. Eine zweite Täuſchung — nur der Chevalier Strong und ein Freund von ihm waren in dem Zimmer; ſo mußten wir nach alledem fort, ohne die bezaubernde Fanny zu ſehen.“ „Je t'envoie mille et mille baisers. Wann iſt doch die eniſetzliche Parlamentswerberer vorüber? Schlei⸗ fen werden getragen u. ſ. w. u. ſ. w. u. ſ. w.“ Nach dem Diner las der Doktor die Times. „Ein junger Gentleman, den ich hier vor acht oder neun Jahren behandelte, iſt zu hübſchen Mitteln gekommen,“ ſagte der Doktor. „Ich ſehe hier den Tod John Henry Focker's, Esg. von Logwood Hall, zu Pau in den Py⸗ renäen vom fünzehnten des vorigen Monats angekündigt.“ 105 giebenundzwanzigſtes Rapitel, in welchem der Major geſtellt und um die Börſe erſucht wird. Jeder Gentleman, der das Wirthshaus zum Glücks⸗ rad beſucht hat, wo erwähnt werden mag, daß Mr. James Morgan's Klubb gehalten wurde, und wo Sir Francis Clavering eine Beſprechung mit Mojor Pen⸗ dennis hatte, weiß, daß dort, außer dem Schenktiſch, wo die Wirthin ſitzt, zu ebner Erde drei Zimmer für Gäſte ſind. Eines iſt ein Parlour, das von dem Pub⸗ litum im Allgemeinen beſucht wird, in einem zweiten verſammelen ſich die Gentlemen in der Livree und das dritte Gemach, an deſſen Thür „Private“ (geſchloſſene Geſellſchaft) geſchrieben ſteht, iſt von dem Klubb „der Konfidentiellen“ gemiethet, von dem die Herren Morgan und Lightfoot Mitglieder waren. Der geräuſchloſe Morgan hatte auf die Unterhal⸗ tung Strongs mit Major Pendennis in des Letztern Wohnung gelauſcht, hatte Stoff für viele Privatſpeku⸗ lationen mit fortgenommen, und Wißbegierde hatte ihn verleitet, ſeinem Herrn in das „Glücksrad“ zu folgen und in aller Stille ſeinen Platz in dem Gemache der „Vertrauten“ zu nehmen, während Pendennis und Cla⸗ vering ihre Unterredung in dem Parlour hatten. In dem Zimmer der Konfidentiellen war eine beſondere Ecke, in der man beinahe Alles hören konnte, was in dem nächſten Zimmer geſprochen wurde, und da die Unter⸗ haltung der beiden Gentlemen ziemlich leidenſchaftlich und in hohem Style geführt wurde, hatte Morgan das Beneſiz, beinahe Alles zu hören, und, was er hörte, beftärkte ihn in den Entſchlüſſen, die er in ſeinem Geiſte ſchon zum Voraus gefaßt hatte. „Er kannte alſo Altamont einmal, als er ihn in Sidney ſah? Dann iſt Clavering mit Mylady nicht mehr verheirathet, als ich! Altamont iſt der Mann: Altamont iſt ein Deportirter; der junge Harthur kommt in's Parlament und der Alte verſpricht, Nichts auszu⸗ ſchwatzen. Beim Jupiter, was das ein ſchlauer, alter Schelm iſt, der Graukopf! kein Wunder, daß er die Heirath zwiſchen Blanche und Harthur ſo betreibt. Nun, die hat ihre hunderttauſend wie einen Pfennig und bringt ihrem Mann noch einen Sitz in dem Par⸗ lyment mit in den Kauf.“ Niemand ſah, aber der Phyſiognomiſt würde gerne mit zugeſchaut haben — den Ausdruck von Mr. Morgan's Geſicht, als dieſe erſtaunliche Kenntniß ihm tagte. „Wäre mein Alter und die verdammten Vorurtheile der Geſellſchaft nicht,“ ſagte er, ſich im Spiegel mufternd, „Gott verdamm' mich, James Morgan, ſo könnteſt Du ſie ſelbſt heira⸗ then.“ Aber wenn er Miß Blanche und ihr Geld nicht heirathen konnte, ſo dachte Morgan, er könnte wenig⸗ ſtens ſeine Glücksgüter durch den Beſitz dieſer Kenntniß verbeſſern, und von den verſchiedenſten Seiten aus Nutzen ziehen. Von allen den Perſonen, die das Geheimniß anging, wollte der größte Theil es nicht unter die Leute kommen laſſen. Zum Beiſpiel würde Francis Cla⸗ vering, deſſen Beſitz auf dem Spiele ſtand, wünſchen, es für ſich zu behalten; Oberſt Altamont, dem es um den Hals ging, mußte natürlich wünſchen, es zu ver⸗ tuſchen; und der junge Sprößling Mr. Harthur, der mittelſt deſſelben ins „Parlyment“ kommen wollte, und ſo ſtolz war, als eines Herzogs Sohn mit einer halben Million per Jahr (eine ſolche Meinung hatte er, wir bedauern es, von dem Neffen ſeines Herrn), würde Alles lieber zahlen, als die Welt wiſſen laſſen, daß er eines Verurtheilten Tochter geheirathet und daß er ſeinen Sitz im „Parlyment“ durch den Handel mit dieſem Geheimniß bekommen habe. Was Lady Cavering betrifft, ſo wird ſie, dachte Mr. Morgan, wenn ſie Claverings 107 ſatt iſt und ihn gerne vom Halſe hätte, bezahlen. Wenn ſie in Betreff ihres Sohnes eingeſchüchtert wird und den kleinen Bettler lieb hat, ſo wird ſie das Gleiche bezahlen: und Miß Blanche wird gewiß ganz ſäuberlich zu dem Manne ſich herab laſſen, der ſie in die Rechte wieder einzuſetzen verſpricht, deren ſie ungerechter Weiſe beraubt worden iſt. „Gott verdamm mich,“ ſchloß der Valet, indem er über dieſe wunderbare Hand nachſann, die das Glück ihm geboten hatte. „Mit ſolchen Karten, wie dieſen, James Morgan, biſt Du ein gemachter Mann: es kann ein regelmäßiges Jahrgehalt für mich werden. Jeder von ihnen muß unterſchreiben und mit dem, was ich bereits vor mich gebracht habe, kann ich das Geſchäft auſſtecken, meinem Alten aufkündigen, 3 Gentleman werden und ſelbſt einen Diener haben, gatt.“ Indem er ſich mit derlei Berechnungen unterhielt, die eines Mannes Geiſt in nicht geringer Aufregung halten können, zeigte Mr. Morgan eine große Selbſi⸗ beherrſchung dadurch, daß er ruhig ſchien und war dadurch, daß er ſeine zukünftigen Ausſichten keineswegs 3 ſeinen gegenwärtigen Pflichten in Konflikt kommen ieß. Eine der Perſonen, welche dieſe Geſchichte haupt⸗ ſächlich betraf, Oberſt Altamont, war von London ab⸗ weſend, als Morgan mit derſelben betraut wurde. Derſelbe wußte von Sir Francis Claverings Shepherd's⸗ inn⸗Verſteck, und daß er dorthin gegangen war, nachdem der Baronet und Pendennis eine Unterredung zuſammen gehabt hatten. Aber dieſer Vogel war ausgeflogen⸗ Oberſt Altamont hatte ſeine Derbygewinnſte gezogen und war auf den Kontinent gegangen. Die Thatſache ſeiner Abweſenheit war für Mr. Morgan ausnehmend ärgerlich. „Er wird all ſein Geld an den Spieltiſchen am Rheine verlieren,“ dachte Morgan, „und ich hätte ein gutes Theilchen davon haben mögen. Der Gedanke iſt zum Närriſchwerden, daß er fort iſt und nicht ein paar Tage länger warten konnte. Hoffnung, triumphirend oder aufgeſchoben, Ehrgeiz oder Verrechnung, Sieg oder geduldiger Hinterhalt, Morgan ertrug Alles gleichmüthig mit unerſchütterlicher Miene. Bis der geeignete Tag kam, wurden des Majors Stiefel gefirnißt und ſein Haar gekräuſelt, ſeine Morgentaſſe Thee an's Bett gebracht, ſeine Flüche, Vorwürfe, die Satyre des Alten ertragen mit ſchweigſamer, unterthäniger Treue. Wer dächte, wenn er ihn bei ſeinem Meiſter aufwarten fieht, wie er ſeine Koffer packt und ſchultert und gelegentlich bei der Tafel mit ſervirt in den Landhäuſern, wo er etwa verweilte, daß Morgan reicher als ſein Herr wäre und ſeine und anderer Leute Geheimniſſe wüßte. In ſeinem Berufe war Mr. Morgan hochgeachtet und bewundert und ſein Ruf wegen Reichthums und Weisheit hatte ihn bei den meiſten Abendtiſchen berühmt gemacht. Die jüngern Gentlemen votirten für ſeine Einfalt, für einen Burſchen ohne Ideen, für einen Dummkopf mit einem Wortt aber Keiner von ihnen würde nicht Amen ſagen zu dem tiefgefühlten Gebete, das einige der ernſteſten Gentle⸗ men ausſprachen: „wenn ich 'mal ſlerbe, ſo möcht' ich mich ſo gut gebettet haben, wie Morgan Pendennis!“ Wie es einem Manne der Mode zukam, brachte Major Pendennis den Herbſt damit hin, daß er von Haus zu Hauſe bei ſolchen Freunden auf dem Lande ging, welche zu Hauſe waren, um ihn zu empfangen; und wenn der Herzog zufällig im Ausland, oder der Marquis in Schottland war, ließ er ſich herab, bei Sir John oder dem einfachen Landjunker ſeinen Abſtand zu nehmen. Die Wahrheit zu geſtehen, war der Ruf des alten Gentleman etwas auf der Neige, viele Männer ſeiner Zeit waren weggeſtorben, und die Inhaber ihrerHallen und die zeitigen Träger ihrer Titel kümmerten ſich wenig um ſeine Sagen von dem wilden Prinzen und Poyns und von den Helden der Faſhion, die dahin geſchwunden waren. Eine Wehmuth mußte den guten alten Mann befallen, wenn er an ſo mancher Londoner Thür vorüber 109 ging und denken mußte, wie ſelten ſie ſich ihm jetzt aufthat, und wie oft er ſonſt daran gepocht hatte, zu welchen Banketten und Bewillkommnungen er ſie vor Dutzenden von Jahren durchſchritten. Er begann zu geſtehen, und es kam ihm die Beſorgniß, daß die jungen Männer ihn verſpotteten. Solche wehmüthige Gedanken mußten manchem Pall Mall⸗Philoſophen kommen. Die Leute, denkt er, ſind nicht mehr ſo, wie ſie zu ſeiner Zeit waren; die alte grandioſe Manier, die höfiſche Lebensgrazie war dahin: Was iſt Caſtlewoodhouſe und das jetzige Caſtlewood, verglichen mit der Pracht des alten Herrenhauſes und ſeines Beſitzers! Der verſtor⸗ bene Lord kam mit vier Poſtchatſen und ſechszehn Pfer⸗ den nach London. Die ganze North Road eilte heraus⸗ um ſeine Kavalkade anzuſehen. Das Volk ſogar in den Londoner Straßen hielt, wenn ſein Feſtzug vorbeidefilirte. Der jetzige Lord reist mit fünf Sackträgern in einem Eiſenbahnwagen und ſchleicht ſich von der Station weg, indem er in einem Brougham eine Cigarre raucht. Der letzte Lord füllte im Herbſt Coſtlewvod mit Gäſten, welche bis Mitternacht ſeinen Claret tranken. Der jetzige begräbt ſich in eine Hütte auf einem ſchottländi⸗ ſchen Berge und bringt den November in zwei oder drei Zimmerchen in einem Entreſol in Paris zu, wo ſeine Unterhaltungen in einem Café oder in der Loge⸗ eines kleinen Theaters beſtehen. Welcher Unterſchied iſt zwi⸗ ſchen ſeiner Lady Lorraine, der Regents Lady Lorraine und Ihrer kleinen Herrlichkeit der heutigen Aera. Er bildet ſich die Erſtere ſchön, ſtattlich, prachtvoll in Diamanten und Sammt und, in rouge ein. Die geſcheideſten Männer der Welt, die alten Witzköpfe, die alten, gebildeten Gentlemen (nicht die Canaille des heutigen Tags mit ihrer Cabrioletſtandſprache und ihren Roͤcken, die nach Taback ſtinken) verbeugten ſich zu ihren Füßen; und dann denkt er an die moderne Lady Lorraine, ein Dämchen in ſchwarzſeidnem Kleide, wie eine Gou⸗ vernante, die von Aſtronomie, Arbeiterkloſſen und Aus⸗ 110 wanderung und der Teufel weiß von was ſpricht und um acht Uhr Morgens in die Kirche ſchleicht. Abbots⸗ Lorraine, ſonſt das nobelſte Haus in der Grafſchaft, iſt jetzt ein Kloſter, ein förmliches La Trappe geworden. Sie trinken keine zwei Gläſer Wein nach dem Diner, und jeder zweite Mann an dem Tiſche iſt ein Landpfarrer in weißem Halstuch, der von Polly Higſon's Fortſchrit⸗ ten in der Schule oder von dem Hüftweh der Wittwe Watkin's perorirt. Und die andern jungen Männer, die langweiligen Gardeoffizire und vornehmen, müßig⸗ gängeriſchen Dandies — die ſich auf Sophas und Billar⸗ den ſpreizen, um zu rauchen, zu einander auf die Schlaf⸗ zimmer ſchleichen, nach Nichts fragen, Nichts hochachten, ſelbſt nicht einen alten Gentleman, der ihre Väter, und vornehmere Leute als ſie gekannt hat, ſelbſt nicht ein hübſches Frauenzimmer — welch ein Unterſchied iſt zwiſchen dieſen Männern, welche ſelbſt die Rüben⸗ und Stoppelfelder mit ihrem Taback vergiften, und den Gent⸗ lemen unſrer Zeit, denkt der Major, „die rechte Zucht iſt iſt vorbei — man kann ſie nicht mehr brauchen, an ihre Stelle treten ſo verdammte Baumwollenſpinner und Nützlichkeitskrämer, junge Laffen von Pfarrern, die ihre Haare den Rücken hinab kämmen. Ich werde alt; ſie rennen alle an mir vorüber, ſie lachen über uns alte Knaben,“ dachte der alte Pendennis. Und er hatte nicht ſo ganz Unrecht: die Zeiten und Sitten, die er bewunderte, waren ſo ziemlich vorüber; die luftigen jungen Leute gafften ihn unehrerbietig an, während die ernſtere Ju⸗ gend ihn wirklich bemitleidete, und ſich über ihn wun⸗ derte, was ihm noch peinlicher geweſen wäre, wenn der alte Gentleman es in ſeinem vollen Umfange wahrge⸗ nommen hätte; aber er war etwas einfältig: ſeine Prüfung ſittlicher Fragen ging nie ſehr tief, es war ihm vielleicht erſt ſpät aufgefallen, daß er etwas Ande⸗ res als ein höchſt reſpektabler und glücklicher Mann ſei. Gibt es kein hohes Alter außer dem ſeinen, das der Hochachtung entbehrt, haben ſich junge Leute nicht auch 11¹¹ über andere Glatzen luſtig gemacht? Seit zwei oder drei Jahren hatte er angefangen wahrzunehmen, daß ſeine Zeit nahezu vorüber war, daß Männer der neuen Zeit anfingen an's Ruder zu kommen. Nach einer ziemlich erfolgloſen Herbſtſaiſon, wäh⸗ rend welcher er von Mr. Morgan getreulich begleitet worden und da ſein Neffe, wie wir geſehen, in Cla⸗ vering in Anſpruch genommen war, geſchah es, daß Ma⸗ jor Pendennis auf einige Zeit nach London zurückkam gegen das unheimliche Ende des Oktobers, wo die Nebel und die Juſtizherren in die Stadt kommen. Wer hat nicht mit Intereſſe jene beladenen Cabs, die Schichten von Schachteln, die Rudel von Kindern geſehen, die an den trüben Oktoberabenden durch die Straßen raſſeln, vor düſtern Häuſern halten, wo ſie Ammen und Kindchen, Mädchen, Matrone und Vater, deren Ferien zu Ende ſind, aus ihrem Innern entladen? Geſtern noch in Frankreich und im Sonnſchein, oder in Broadſtairs und in Freiheit, heute Arbeit und gelber Nebel; und o Götter! was für ein Haufe von Bills liegt in des Herrn Arbeitszimmer! Und der Schreiber hat des Rechtsgelehrten Papiere von den „Chambers“ gebracht, und der Mann der Literatur weiß, daß in einer halben Stunde der Druckerjunge in dem Gange wartet und Mr. Smith mit der kleinen Rechnung (der beſondern ganz kleinen Rechnung) hat im Vorgefühl ihrer Ankunft angerufen und hat hinterlaſſen, daß er morgen früh um zehn Uhr einſprechen wolle. Wer von uns hat nicht ſeinem Feiertage gute Nacht geſagt, iſt nicht in das trübſelige London und in ſein Verhängniß zurück⸗ gekehrt, hat nicht ſeine Arbeiten und Verbindlichkeiten vor ihm dargelegt, durchmuſtert, und jene unvermeid⸗ liche, kleine Rechnung zu berichtigen gehabt? Snmith und ſeine kleine Rechnung Ihicorgen ſind ein Sinn⸗ bild der Pflicht, der Schwiektgkeit, des Kampfes, den ſie zu beſtehen haben und hoffen wir, Freund, mit männlichem, ehrlichem Herzen beſtehen vor den . 1¹²2 Und Sie denken an ihn, während die Kinder wieder in ihren eigenen Betten ſchlummern und die wachſame Haus⸗ frau in ihrer Zärtlichkeit ſich ſtellt, als ob ſie ſchliefe. Der alte Pendennis hatte keine beſondern Arbeiten oder Rechnungen am andern Morgen zu empfangen, während er auch keine Zuneigung zu Hauſe traf, um ihn in gute Laune zu bringen. Er hatte immer Geld in ſeinem Pulte, das für ſeine Bevürfniſſe ausreichte, und da er von Natur und durch Gewohnheit erträglich gleichgiltig gegen die Bedürfniſſe Anderer war, ſo ſtand nicht zu erwarten, daß Letztere ſeine Gemüthsruhe ſtören würden. Aber ein Gentleman kann übler Laune ſein, ohne daß er einen Shilling ſchuldig iſt; und mag er auch noch ſo ſelbſtſüchtig ſein, ſo wird er ſich doch ge⸗ legentlich einſam fühlen. Er hatte in dem Landhauſe, wo er ſich aufgehalten, zwei oder drei Stiche von der Gicht verſpürt: die Vögel waren wild und ſcheu und das Gehen über die gepflügten Felder hatte ihn teuf⸗ liſch ermüdet: die jungen Männer hatten ihn ausgelacht, er war bei Tiſche ein paar Mal empfindlich geworden, hatte an einem Abend keine Whiſtparthie zuſammen ge⸗ bracht und war mit einem Wort froh, dort wegzu⸗ kommen. In all ſeinen Berührungen mit Morgan, ſeinem Diener, war er ausnehmend mürriſch und unzu⸗ frieden geweſen. Er hatte über ihn geflucht und ihn vor mehrern Tagen geſchmäht. Er hatte wieder den Mund an ſchlechter Suppe verbrannt. Er hatte ſeinen Schirm in dem Eiſenbahnwagen gelaſſen und war über dieſe Species von Vergeßlichkeit ſo in Wuth, daß er freier als je über Morgan fluchte. Beide Kamine in ſeiner Miethwohnung rauchten abſcheulich, und während er die Fenſter aufreißen ließ, fluchte er ſo grimmig auf Morgan, daß dieſer gute Luſt hatte, ihn durch die Luft⸗ öffnung hinauszuwerſen. Der Valet fluchte ſeinem Herrn nach, während Pendennis die Straße hinab nach dem Klubbe ging. Bei Bays's ging es auch nicht zum Veſten. Das 113 Haus war friſch angeſtrichen „roch nach Firniß und Terpentin, und ein breiter Streifen weißer Farbe drückte ſich auf dem Rücken von dem Pelzkragenüberrock des alten Knaben ab. Das Diner war nicht gut, und die drei odioſeſten Leute in ganz London — der alte Hawkſhaw, deſſen Huſten und Accompagnements geeignet ſind, einem die Eßluſt zu vertreiben; der alte Oberſt Gripley, der alle Zeitungen in Beſchlag nimmt, und der unverbeſſer⸗ liche alte, bäuriſche Jawkins, der kam und an dem Tiſche nächſt Pendennis dinirte und ihm jede Wirthshausrech⸗ nung beſchrieb, die er auf ſeiner Tour in das Ausland bezahlt hatte: — alle dieſe Perſönlichkeiten und Zu⸗ fälligkeiten hatten dazu beigetragen, Major Pendennis unglücklich zu machen, und zu guter Letzte mußte ihm auch der Klubbkellner, als er ihm den Kaffee brachte, auf die Zehen treten: nimmer allein erſcheinen die ewi⸗ gen Götter. Die Furien jagen immer in ihrer Nähe: ſie verfolgen Pendennis von Hauſe in den Klubb und vom Klubbe nach Hauſe. Während der Major aus ſeiner Miethwohnung ab⸗ weſend war, hatte ſich Morgan in dem Parlour der Hausfrau niedergelaſſen und reichlich heißes Brandy und Waſſer getrunken, auch Mrs. Brirham von den Schmä⸗ hungen, die er von ſeinem Gebieter oben empfangen, ein gut Theil eingeſchenkt. Mrs. Brirham war Mor⸗ gan's Sklavin. Er war ſeiner Hausfrau Hausherr. Er hatte den Pacht des Hauſes, das fie vermiethete, an ſich gebracht; er hatte ihren und ihres Sohnes Na⸗ men zu Acceptationen und ein Verkaufsdokument ſich verſchafft, das ihn zum Beſitzer von der unglücklichen Wittwe Hausgeräth machte. Der junge Britham war Schreiber bei einer Verſicherungsbank und Morgan konnte ihn zu Allem bringen, was er wollte. Mrs. Brirham war die Wittwe eines Geiſtlichen, und Mr. Morgan geruhte, nachdem er ſeinen Pflichten im erſten Stocke genügt hatte, ſich von der alten Lady Stiefelzieher Pendennis. M. 8 und Pantoffeln bringen zu laſſen. Sie war ſeine Skla⸗ vin, die kleinen ſchwarzen Profile ihres Sohns und ihrer Tochter, ſelbſt das Gemälde der Tiddlecoter⸗Kirche, wo ſie getraut worden, und wo ihr armer, theurer Brixham lebte und ſtarb, waren jetzt Morgan's Eigen⸗ thum, wie ſie über dem Kamingeſims ſeines Hinterpar⸗ lour's hingen. Morgan ſaß in der Wittwe Hinterzimmer in des Expfarrers altem roßhaargefütterten Studirſeſſel, indem er Mrs. Brixham ein Abendeſſen für ihn bringen und ſein Glas immer und immer wieder füllen ließ. Der Liqueur wurde mit der Wittwe eigenem Gelde erkauft, und deßhalb ſprach ihm Morgan nur um ſo reichlicher zu, und hatte bereits ſeinen Abendimbiß ver⸗ zehrt und trank am dritten Tummler, als der alte Pendennis vom Klubb nach Hauſe kam und die Trep⸗ pen hinauf nach ſeinem Zimmer ging. Mr. Morgan verwünſchte grimmig ihn und ſein Läuten, als er Letz⸗ teres hörte, und trank ſeinen Tummler erſt vollends aus, ehe er der Glocke Folge leiſtete. Er nahm die auf ſeinen Verzug folgende Schmä⸗ hung ſchweigſam hin, auch ließ ſich der Major nicht herab, aus dem geroͤtheten Geſicht und den funkelnden Augen des Mannes den Aerger zu entnehmen, der in ihm wühlte. Das Fußbad des alten Mannes war am Feuer, Schlafrock und Pantoffel erwarteten ihn dort. Morgan kniete nieder, um ihm in gehöriger Subordi⸗ nation die Stiefel abzunehmen, und während ihn der Major von oben herab ſchimpfte, unterhielt er im Be⸗ reiche ſeiner Füße ein Kleingewehrfeuer von Schmähun⸗ gen. So, als Pendennis rief: „Gehen Sie zum Teu⸗ fel, Sir; denken Sie doch an den Riemen. — Zum Henker auch, drehen Sie mir den Fuß nicht ab!“ drückte Morgan immer sotto voce den Wunſch aus, ihm den Hals umzudrehen, ihn zu erſäufen und den Schädel ein⸗ zuſchlagen. Als die Stiefel beſeitigt waren, wurde es noth⸗ wendig, Herrn Pendennis des Rocks zu entkleiden, und 115 zu dem Ende mußte der Valet ſeinem Gebieier ſehr nahe kommen, ſo nahe, daß Pendennis nicht umhin konnte, zu riechen, womit ſich Mr. Morgan in letzter Zeit beſchäftigt hatte; darauf machte er ihn in jenen einfachen, kräftigen Ausdrücken aufmerkſam, welche Män⸗ ner manchmal die Gewohnheit haben, gegen ihre Dienſt⸗ boten zu gebrauchen, indem er Morgan zu wiſſen that, daß er eine beſoffene Beſtie ſei und nach Brandy ſtinke. Auf dieſes verlor der Mann die Geduld und aller Subordination zum Trotze brach er in die Worte aus: „Ich beſoffen — ich? Ich eine Beſtie? Ich? Ich? Ich? Gott ſteh mir bei! Sie hölliſcher, alter Böſewicht. Soll ich Ihnen den Hals umdrehen und Sie in dieſem Waſ⸗ ſereimer erſäufen? Meinen Sie, ich laſſe mir Ihre ver⸗ dammte alte Arroganz noch gefallen, Sie alter Wigsby! Blöcken Sie nur Ihre alten Elfenbeinernen gegen mich, thun Sie's, Sie grinſender, alter Pavian! Kom⸗ men Sie, wenn Sie ein Mann ſind, Mann gegen Mann! Ha! Sie Memme, Meſſer! Meſſer!“ „Wenn Sie einen Schritt vortreten, ſo werf' ich's Ihnen in den Leib,“ rief der Major, indem er ein Meſſer ergriff, das neben ihm auf dem Tiſche lag, „gehen Sie die Treppe hinab, Sie betrunkenes Thier und verlaſſen Sie das Haus; ſchicken Sie morgen nach Ihrem Buch und ihrem Gehalt und laſſen Sie Ihr freches Geſicht nicht mehr vor mir ſehen. Ihre Unver⸗ ſchämtheit iſt beim Henker in den letzten Monaten immer aͤrger geworden, Sie paſſen nicht mehr für den Dienſt. Verlafſen Sie ihn und das Haus.“ „Und wohin wünſchen Sie, daß ich gehen ſollte aus dem Haus?“ ſagte der Mann, „und wird das nicht gleich konvenirlich morgen früh ſein? — Pouty fay méme chose, sivvu play, monsir?“ „Schweigen Sie, Beſtie, und packen Sie ſich!“ Morgan begann etwas unheimlich zu lachen. „Sehen Sie 'n mal, Pendennis,“ ſagte er, ſich ſetzend, „ſo lange ich in vieſem Zimmer geweſen bin, haben Sie mich eine 116 Beſtie, ein Brutum, einen Hund geſcholten, und Gott verdamm' mich, wenn Sie's nicht thaten! wie meinen Sie, daß ſich das ein Mann von dem andern gefallen läßt? Wie viele Jahre habe ich Sie bedient, und wie viele Gottdamm's und Flüche habe ich nebſt meinem Lohne gekriegt. Meinen Sie, ein Menſch ſei ein Hund, daß Sie ſo mit ihm ſprechen können ? Wenn's mir be⸗ bellebt, ein wenig zu trinken, warum ſollt' ich's nicht? Ich habe früher manchen Gentleman betrunken geſehen, und hab's vielleicht von ihm gelerntz ich werde dieſes Haus nicht verlaſſen, alter Geſelle, und ſoll ich Ihnen ſagen warum? Das Haus iſt mein Haus, jeder Fetzen Geräth darin iſt mein, außer Ihren alten Mausfallen, Ihrem Schauerbad und Ihrer Perükenſchachtel. Ich hab's gekauft, ſag' ich Ihnen, mit meiner Induſtrie und Beharrlichkeit. Ich kann hundert Pfund zeigen, wo Sie oder Ihr vermaledeiter, hochmüthiger Neffe nur fünfzig können. Ich habe Ihnen ehrenhaft gedient, dieſe zwölf Jahre her Alles für Sie gethan, und bin ich nun ein Hund, bin ich eine Beſtie, he 2 Das iſt die Sprache für Gentlemen nicht, für unſern Rang. Aber ich will es nicht länger ertragen, ich verwerfe Ihren Dienſt; ich bin ihn ſatt; ich habe Ihre alte Perücke lange genug gekämmt, lange genug Ihren alten Gürtel und Hoſenbund geſchnallt, ſage ich Ihnen. Sehen Sie mich nicht ſo grimmig an, ich ſitze auf meinem ei⸗ genen Stuhl, in meinem eigenen Zimmer und ſchenke Ihnen die reine Wahrheit ein. Ich bin nicht mehr Ihre Beſtie, Ihr Vieh, Ihr Hund, Major Pendennis auf halbem Sold.“ Die Wuth des alten Gentleman, von der plötzlichen Revolte ſeines Dieners gefaßt, wurde durch die Erſchüt⸗ terung ſo durchgerüttelt und abgekühlt, als ob ein plötz⸗ liches Schauerbad, oder ein Eimer kaltes Waſſer über ihn geſchüttet worden wäre. Als dieſe Wirkung her⸗ vorgebracht und ſeine Entrüſtung beſchwichtigt war, in⸗ lureſrle ihn Morgan's Rede, und er achtete ſeinen 117 Gegner, und ſeinen Muth, ihm entgegenzutreten, wie er in alten Tagen in den Schranken des Turniers den Gegner, der ihn getroffen, bewundert haben würde. „Sie ſind nicht länger mein Diener,“ ſagte der Major, „und das Haus mag das Ihrige ſein, aber die Wohnung iſt von mir gemiethet, und Sie werden die Güte haben, ſie zu verlaſſen. Morgen früh, wenn wir unſere Rechnungen bereinigt haben, begebe ich mich in ein anderes Quartier. Mittler Weile will ich zu Bette gehen und habe nicht im geringſten den Wunſch nach Ihrer ferneren Geſellſchaft.“ „Wir wollen ein Abfinden treffen, ſeien Sie un⸗ beſorgt,“ ſagte Morgan, indem er ſich erhob, „ich bin noch nicht mit Ihnen fertig, noch mit Ihrer Familie, oder der Claveringer, Major Pendennis; und das ſollen Sie erfahren.“ „Haben Sie die Güte, das Zimmer zu verlaſſen, Sir; — ich bin müde,“ ſagte der Major. „Ha! Sie werden meiner noch müder werden, ehe wir mit einander fertig ſind,“ antwortete hoͤhniſch der Mann und ging aus dem Zimmer, indem er dem Major überließ, nach der Aufregung dieſes außerordentlichen Auftritts, ſo gut er konnte, ſich zu faſſen. Er ſaß da an dem Feuer und dachte über das Vor⸗ gefallene und die vermaledeite Frechheit und Undank⸗ barkeit von Dienern nach, und wie er wieder einen neuen Dienſtmann bekommen ſollte; wie hölliſch unan⸗ genehm es für einen Mann von ſeinem Alter und von ſeinen Gewohnheiten ſei, ſich von einem Burſchen zu trennen, an den man ſich ſo lange gewöhnt hätte. Wie Morgan ein Rezept für Stiefelfirniß hätte, der unvergleichlich beſſer und angenehmer für die Füße ſei, als jeder andere, den er je verſucht hätte, wie gut er Schöpſenbrühe zu machen gewußt, und wie er ihn ge⸗ pflegt habe, wenn er unwohl geweſen. „Gott, es iſt was Hartes, einen Burſchen der Art zu verlieren: aber er muß fort,“ dachte der Major, „er iſt reich geworden, 118 und unverſchämt, ſeitdem er reich geworden iſt, er war ſchrecklich benebelt und beleidigend heute Nacht. Wir müſſen ſcheiden, und ich muß aus der Miethe. Gott verdamm' mich, ich mag die Wohnung, bin daran ge⸗ wohnt. Es iſt ſehr unangenehm, in meinem Alter das Quartier zu wechſeln,“ u. ſ. f. ſinnirte der alte Gentleman. Das Schauerbad hatte ihm gut gethan: der Eigenſinn war fort: der Verluſt des Regenſchirms, der Geruch der Malerei in dem Klubb waren unter der größeren Aufregung vergeſſen. „Zum Teufel mit dem unverſchämten Böſewicht,“ dachte der alte Gentleman, „er kannte meine Bedürfniſſe bis auf das Tüpfchen hinaus, er war der beſte Diener in ganz England.“ Er dachte an ſeinen Diener, wie Einer an ſein Pferd denkt, auf dem er lang und gut geritten und das ihn abgewor⸗ fen hat und jetzt nicht mehr ſicher iſt. Wie zum Teufel es erſetzen? Wo kann er ein zweites ſolches Thier wieder bekommen? Unter dieſen melancholiſchen Gedanken ſaß der Major, der ſeinen Schlafrock angethan und ſeinen Haar⸗ kopf abgelegt (ein wenig Grau war in letzter Zeit von Mr. Truefitt in die coiffure eingeführt worden, das dem Haupte des Majors das natürlichſte und ehrwürdigſte Anſehen gab). In dieſen Gedanken verſunken ſaß der Major, der ſeine Perücke abgenommen und ſein Nacht⸗ ſacktuch umgethan hatte, am Feuer, als ein ſchwaches Klopfen an der Thür hörbar wurde, worauf die Haus⸗ frau alsbald öffnete. „Gott ſteh mir bei, Mrs. Brirham,“ rief der Major entſetzt, daß eine Lady ihn in dem simple appareil ſeiner Nachttoilette ſehen ſollte. „Es — es iſt ſehr ſpät, Mrs. Brixham.“ „Ich wünſchte, ich dürfte mit Ihnen ſprechen, Sir,“ ſagte die Hausfrau in kläglichem Tone. „Ueber Morgan, vermuthlich? Er hat ſich ſelbſt an der Waſſerpompe abgekühlt. Kann ihn nicht wieder nehmen, Mrs. Brirham, unmöglich. Ich hatte Alles 119 zuvor ſchon beſchloſſen, als ich ſeine Theilnahme an dem Diskontirungsgeſchäfte hörte, — Sie haben ver⸗ muthlich auch davon gehört, Mrs. Brirham? Mein Diener iſt ein Kapitaliſt bi Gatt.“ „O Sir,“ verſetzte Mrs. Brirham, „ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich borgte vor fünf Jahren eine kleine Summe von ihm; und obgleich ich ihn oft und viel bezahlt habe, bin ich doch gänzlich in ſeiner Gewalt. Ich werde von ihm ruinirt, Sir. Alles, was ich hatte, iſt ſein, er iſt ein ſchrecklicher Mann.“ „Ei, Mrs. Brirham? tant pis — thut mir ver⸗ teufelt leid für Sie, und daß ich Ihr Haus verlaſſen muß, nachdem ich hier ſo lange gewohnt habe. Es läßt ſich aber nicht anders machen, ich muß gehen.“ „Er ſagt, wir müſſen alle gehen, Sir,“ ſchluchzte die unglückliche Wittwe, „er kam fpeben von Ihnen die Treppe herab, er hatte getrunken, und das macht ihn jedes Mal ſo boshaft — und er ſagte, Sir, daß Sie ihn inſultirt und wie einen Hund behandelt hätten; und — und ich bin ihm hundert und zwanzig Pfund ſchuldig, Sir, — und er hat eine Verkaufsurkunde für alle meine Hab⸗ ſeligkeiten, und ſagt, er werde mich aus meinem Hauſe treiben und meinen armen George in's Gefängniß ſchicken, er iſt der Ruin meiner Familie, dieſer Mann.“ „'s thut mir verteufelt leid, Mrs. Brirham; bitte, nehmen Sie einen Stuhl. Was kann ich thun?“ „Könnten Sie nicht bei ihm für uns in's Mittel treten? George will ſeinen halben Gehalt geben; auch meine Tochter kann was ſchicken. Wenn Sie nur län⸗ ger bleiben, Sir, und eine Vierteljahrsrente voraus⸗ bezahlen —.“ „Meine gute Madam, ich würde Ihnen ſobald ein Vierteljahr vorausgeben als nicht, wenn ich in der Wohnung zu bleiben gedächte. Aber ich kann nicht, und ich kann keine zwanzig Pfund wegwerfen, meine gute Madame. Ich bin ein armer Halbſoldoffizier und brauche jeden Shilling, den ich habe bi Gatt. Auf 120 einige Pfund — ſage fünf Pfund kommt mir's nicht an und werde äußerſt glücklich ſein, und ſo fort: und ich will ſie Ihnen morgen mit Vergnügen geben: aber — — aber es wird ſpät und ich habe eine Reiſe auf der Eiſenbahn gemacht.“ „Gottes Wille geſchehe, Sir,“ ſagte die arme Frau, indem ſie ihre Thränen trocknete, „ich muß mein Schick⸗ ſal ertragen.“ „Und ein hölliſch hartes Schickſal iſt's, und ich be⸗ daure Sie von Herzen, Mrs. Brirham, ich — ich will zehn Pfund ſagen, wenn Sie erlauben. Gute Nacht.“ „Als Mr. Morgan, Sir, die Treppe herab kam und ich — und ich ihn erſuchte, mit mir Mitleid zu haben, und ihm ſagte, daß er der Ruin meiner Familie geweſen, ſagte etwas, das ich nicht recht verſtand — daß er jede Familie im Hauſe ruiniren wollte — vaß er wüßte, auch Sie bringe etwas hinunter — und daß Sie ihm für Ihre — Ihren Uebermuth zahlen ſollten. Ich — ich muß Ihnen geſtehen, daß ich vor ihm auf die Kniee niedergefallen, Sirz und er ſagte mit einem furchtbaren Fluch wider Sie, daß auch Sie noch vor ihm auf die Kniee nieder müßten.“ „Ich? bei Gott, das iſt allerliebſt! Wo iſt der vermaledeite Burſche?“ „Er ging fort, Sir. Er ſagte, er würde Sie mor⸗ gen ſprechen, o verſuchen Sie doch, ihn zu Frieden zu ſtellen, und retten Sie mich und meinen armen Jungen.“ Und die Wittwe ging fort mit dieſer Bitte, um die Nacht, ſo gut ſie könnte, hinzubringen und dem ſchreck⸗ lichen Morgen entgegen zu ſehen. Die letzten Worte über ihn brachten Pendennis in ſolche Aufregung, daß ſein Mitleid für Mrs. Brirham's Unglück vor der Betrachtung ſeines eignen Falles ganz in Hintergrund trat. „Mich auf den Knieen,“ dachte er, als er zu Bette ging, „der Teufel hole ihn mit ſeiner Frechheit, wer hat mich je auf den Knieen geſehen? Was der 124 Teufel weiß der Burſche2 Gatt, ich habe dieſe zwanzig Jahre her keinen Handel gehabt, ich trotze ihm.“ Und der alte Feldzügler kehrte ſich um, und ſchlief ziemlich geſund, mehr noch aufgeregt und amüſirt durch die Er⸗ eigniſſe des Tages, den letzten Tag in Bury Street, wie er bei ſich beſchloſſen hatte. „Denn es iſt unmöglich, länger zu bleiben mit einem Bedienten über, und einer bankerotten Hausfrau unter mir. Was kann ich dem armen Teufel von Weibe helfen 2 Ich will ihr zwanzig Pfund geben, — da ſind die zwanzig Pfund von War⸗ rington, die er gerade heimbezahlt — aber was hilft ihr das ? Sie wird mehr, und immer mehr brauchen, und er, der nimmerſatte Morgan, wird Alles verſchlingen; nein, Gott verdamm mich, ich kann mich nicht mit armen Leuten befaſſen, und morgen ſag' ich — der Mrs. Brirham und Mr. Morgan Lebewohl. Schtundzwanzigſtes Rapitel, in welchem der Major nerſein Geld, noch ſein Leben äßt. Am nächſten Morgen wurden Pendennis's Fenſter⸗ laden in aller Frühe von Morgan geöffnet, der wie ge⸗ wöhnlich erſchien, mit vollkommen ernſter und reſpektvoller Miene, indem er des alten Gentleman's Kleider, mit Waſſerkannen und den feineren Toiletterequiſiten trug. „Wie? Sind Sie es?“ fragte der alte Knabe von ſeinem Bette aus. „Ich werde Sie nicht wieder annehmen. Verſtehen Sie?“ 122 „Ich habe nicht den geringſten Wunſch, wieder angenommen zu werden, Major Pendennis,“ ſprach Mr. Morgan mit ernſter Würde, „noch Ihnen, oder irgend wem zu dienen. Aber, da ich wünſche, daß Sie es, ſo lange Sie in meinem Hauſe ſind, noch kom⸗ fortabel haben, kam ich, um das Nöthige zu thun.“ Und noch einmal und zum letzten Mal ſtellte Mr. James Morgan das ſilberne Toilettkäſtchen zu Recht und zog das glänzende Raſiermeſſer auf dem Streichriemen ab⸗ Nachdem dieſe Dienſtleiſtungen beendigt waren, wandte er ſich mit unbeſchreiblicher Feierlichkeit an den Major und ſprach: „denkend, daß Sie hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich eine reſpektable Perſon brauchten, bis Sie ſich paſſend eingerichtet hätten, ſprach ich letzte Nacht mit einem jungen Manne, welcher hier iſt,“ „Das wäre!“ ſprach der Krieger in dem Zeltbeit. „Er hat in den erſten Familien gelebt und ich kann für ſeine Achtungswürdigkeit gut ſtehen.“ „Sie ſind monſtrös artig,“ grinste der alte Major. Wahr iſt, daß nach den Vorfällen vom vorigen Abhend Morgan in ſeinen Klubb im Glücksrad gegangen war, und da er dort Froſch fand, einen Kurier und Diener, eben von einer Tour in das Ausland mit dem jungen Lord Cubley zurückgekommen und für jetzt verfügbar, hatte er Mr. Froſch vorgeſtellt, daß er, Morgan, mit ſeinem Alten einen verdammten Sturz gehabt habe und ſich ganz vom Geſchäft zurückziehen wolle, und wenn Froſch für — den Augenblick ein Dienſtchen haben wolle, ſo könnte er wahrſcheinlich eines haben, wenn er ſich nach Bury Street wende. „Sie find ſehr artig,“ ſagte der Major, „und Ihre Empfehlung wird ganz gewiß am meiſten Gewicht haben.“ Morgan erröthete, denn er fühlte, daß ſein Herr ſich über ihn luſtig mache. „Der Mann hat Sie ſchon früher bedient, Sir,“ ſagte er mit großer Würde. „Lord de la Pole gab ihn — — — 123 ſeinem Neffen, dem jungen Lord Cubley, mit, und er iſt mit ihm auf ſeiner Tour in das Ausland geweſen, und da er nicht nach Fitzurſe Caſtle gehen will, weil Froſch eine zarte Bruſt hat und die Kälte in Schottland nicht ertragen kann, ſo kann er Sie jetzt bedienen oder nicht, wie Sie's für gut finden.“ „Ich wiederhole, Sir, daß Sie ausnehmend artig ſind,“ ſagte der Major. „Kommen Sie herein, Froſch — Sie werden ſehr wohl thun, wenn — Mr. Morgan, wollen Sie die große Güte haben und —“ „Ich will ihm das Nöthige zeigen, Sir, was Sie für gewöhnlich gethan wünſchen. Gefällt es Ihnen, hier oder im Klub zu frühſtücken, Major Pendennis 2“ „Mit Ihrer gütigen Erlaubniß will ich hier früh⸗ ſtücken, und dann treffen wir unſere kleinen Arrange⸗ ments.“ „Wenn's Ihnen gefällig iſt, Sir.“ „Sie werden mich verbinden, wenn Sie das Zim⸗ mer verlaſſen“ Morgan zog ſich zurück; die außerordentliche Artig⸗ keit ſeines Ergebieters brachte ihn beinahe ebenſo auf, als die empfindlichſten Bitterkeiten des Majors. Und während der alte Gentleman ſeine myſteriöſe Toilette macht, wollen auch wir uns beſcheiden zurückziehen. Nach dem Frühſtück beſchäftigten ſich Major Pen⸗ dennis und ſein neuer Adjutant damit, ſich zur Aus⸗ wanderung anzuſchicken. Das Etabliſſement des alten Junggeſellen war nicht ſehr komplizirt. Er beläſtigte ſich mit keiner unnöthigen Garderobe. Eine Bibel (ſei⸗ ner Mutter zugehörig), ein Reiſebuch, Pen's Novelle Elegant in Kalbsleder gebunden), und die Depeſchen des Herzogs von Wellington, mit ein Paar Kupfer⸗ ſtichen, Landkarten und Porträten des berühmten Feld⸗ herrn und verſchiedener Souveräne des Königreiches Englands, ſowie auch des Generals, unter welchem Ma⸗ jor Pendennis in Indien gedient hatte, bildeten ſeinen 124 literariſchen und künſtleriſchen Beſitz; er war immer be⸗ reit, innerhalb weniger Stunden auszumarſchiren, und die Behälter, in denen er vor ungefähr fünfzehn Jahren ſein Eigenthum in ſeine Miethwohnung gebracht hatte, waren noch oben auf dem Boden und konnten noch immer alle ſeine Glücksgüter in ſich aufnehmen. Dieſe brachte die junge Perſon, welche die Arbeit im Hauſe that, und ihrer Gebieterin unter dem Namen Betty, Mr. Morgan als „Slavey“ (Sklavin) bekannt war, von ihrem Ruheplatz herab und ſtäubte und putzte ſie dienſt⸗ willig unter den Augen des ſchrecklichen Morgan. Sein Benehmen war gemeſſen und feierlich; er hatte noch kein Wort mit Mrs. Brirham über ſeine Drohungen vom vorigen Abend geſprochen, ſah aber ſo darein, als ob er ſie in Vollzug ſetzen wollte, und die arme Wittwe erwartete zitternd ihr Schickſal. Der alte Pendennis, mit ſeinem Rohr bewaffnet, führte die Oberaufſicht über die Verpackung ſeiner Gü⸗ ter und Habſeligkeiten, und die „Slavey“ verbrannte ſolche ſeiner Papiere, welche er nicht aufbewahren wollte. Er riß Thüren und Kabinetchen auf, bis alle entleert waren, und jetzt waren alle Schachteln und Kiſten verſchloſſen, außer ſeinem Pult, der noch die ſchließ⸗ Rechnungen Mr. Morgan's in ſich aufnehmen ſollte. Dieſes Individuum erſchien jetzt und brachte ſeine Bücher. „Da ich mit Ihnen unter vier Augen zu ſpre⸗ chen wünſche, ſo haben Sie vielleicht die Güte, Froſch zu erſuchen, die Treppe hinabzugehen,“ ſagte er beim Eintreten. „Bringen Sie mir ein Paar Cab, Froſch, wenn's eſüli iſt — und warten Sie unten, bis ich Ihnen äute.“ Morgan ſah Froſch die Treppen hinabgehen, folgte ihm mit den Augen die Straße entlang und produzirte dann ſeine Bücher und Rechnungen, welche einfach und ſehr leicht bereinigt waren. b 125⁵ „Und nun, Sir,“ ſagte er, nachdem er die Anwei⸗ ſung, die ſein Ergebieter ihm gegeben, eingeſteckt hatte, „und nun dieſe Rechnung zwiſchen uns geſchloſſen iſt, Sir,“ ſagte er, „will ich gegen Sie als Mann gegen Mann ſprechen (Morgan hörte gern den Klang ſeiner Stimme und trat gern öffentlich auf, ſo oft er Gele⸗ genheit finden konnte, in dem Klub oder im Zimmer der Haushälterin), „und ich muß Ihnen ſagen, daß ich im (possussion of certing infamation für possession ok certain information) Beſitze gewiſſer Geheimniſſe bin.“ „Und darf ich fragen, worin dieſe beſtehen?“ fragte der Major. „Es iſt ein werthvolles Geheimniß, wie Sie gar wohl wiſſen. Ich weiß von einer Heirath, die keine Heirath iſt — von einem ehrenwerthen Baronet, der nicht mehr verheirathet iſt, als ich es bin, und deſſen Weib an ſonſt Jemand verheirathet iſt, wie Ihnen gleichfalls nicht unbekannt iſt, Sir.“ Pendennis verſtand mit einem Wort Alles. „Ha! dieß gibt Aufſchluß über Ihr Benehmen, Sie haben vermuthlich an der Thür gelauſcht,“ ſagte der Major, indem er ſehr hochmüthig darein ſah; „ich vergaß, nach dem Schlüſſelloch zu ſehen, als ich in jenes Wirthshaus ging, fonſt hätte ich erlückert, was für eine Perſon dahinter ſtand.“ „Ich kann vermuthlich meine Plane haben, ſo gut als Sie die Ihrigen,“ antwortete Morgan. „Ich kann Aufſchlüſſe bekommen, kann nach dieſen Aufſchlüſſen han⸗ deln, und kann finden, daß dieſe Aufſchlüſſe von hohem Werthe ſind, wie andere Leute. Ein armer Dienſtmann kann ſo gut ein Biſchen Glück haben, als ein Gentle⸗ man. Nehmen Sie Ihre ſtolze Miene nicht an, Sir, und ſpielen Sie nicht den Ariſtokraten gegen mich, das iſt bei mir lauter Kinderſpiel. Ich bin Engländer, ja, das bin ich, ſo gut als Sie.“ „Zu was, heim Henker, ſoll das führen, Sir? Und 126 ich möchte wiſſen, in wie weit das Geheimniß, bas Sie mir abgelauſcht, mich angeht?“ fragte Major Pendennis mit hoher Majeſtät. „Wie es mich angeht, der Tauſend! Wie vornehm wir ſind! Was es meinen Neffen angeht, möcht' ich fragen? Was es meines Neffen Sitz im Parlament an⸗ geht? und wenn's auf eine Doppelheirath herauskömmt, — wie? geht uns das an? Wie? Sollen Sie der ein⸗ zige Mann ſein, der ein Geheimniß hat und ein Profitche damit macht? Warum ſollten wir uns nicht darein theilen, Major Pendennis? Vin auch vahinter gekom⸗ men! Sehen Sie, ich bin nicht unbillig gegen Sie. Wenn ſich's verlohnt, verſchweige ich's. Laſſen Sie Ar⸗ thur ſeinen Sitz und ſein reiches Weib bekommen, wenn's beliebt. Ich brauche ſie nicht zu heirathen. Aber ich leite das Waſſer auf meine Mühle, ſo gewiß, als ich James Morgan heiße, und wenn ich nicht —“ „Und wenn ich nicht, Sir, was dann?“ fragte Pendennis. „Wenn ich's nicht bekomme, ſo ſag' ich Alles aus⸗ ich richte Clavering zu Grund und klage ihn und ſein Weib — ſo wahr mir Gott helfe — der Doppelehe an. Ja, das will ich; ich vernichte die Heirath des jungen Hoffnungsvollen, und zeige Ihnen und ihm, wie man Gebrauch von einem Geheimniſſe macht, um einen Sitz im Parlamente mittelſt Sir Francis und einen Gluͤckszug mittelſt ſeines Weibes zu vereiteln.“ „Mr. Pendennis weiß von dieſer Geſchichte nicht mehr, als ein Kind im Mutterleibe,“ rief der Major entſeßt, „nicht mehr als Lady Clavering, als Miß Amory.“ „Machen Sie das der Wand da weis,“ entgegnete der Diener; „der Hahn ſicht nicht mit mir!“ „Ziehen Sie meln Wort in Zweifel, Sie Nieder⸗ trächtiger?“ „Keine üble Sprache. Ich frage einen Pfifferling darnach, ob Ihr Wort wahr oder unwahr iſt; ich ſage 127 Ihnen, Major, ich will mir daraus einen hübſchen, klei⸗ nen Jahrgehalt machen: denn ich habe Jeden von Ihnen am Bändel, und bin kein ſolcher Narr, Sie durchzu⸗ laſſen. Ich möchte behaupten, daß Sie's leicht zu fünfhundert Pfund per Jahr für mich feſtſetzen könnten. Zahlen Sie mir jetzt das erſte Vierteljahr, und ich bin ſo ſtumm wie ein Fiſch. Geben Sie mir juſt eine Note für fünf und zwanzig, dort iſt Ihr Anweiſungsbuch auf Ihrem Pult.“ „Und da iſt auch dieß, Sie Niederträchtiger!“ rief der alte Gentleman. In dem Pulte, auf welchen der Valet wies, war auch eine kleine doppelläufige Piſtole, die Pendennis's altem Gönner, dem Commandant en Chef in Indien zugehört, und die ihn in manchem Feld⸗ zuge begleitet hatte. „Noch ein Wort, Sie Schurke, und ich erſchieße Sie wie einen tollen Hund. Halt — beim Jupiter, ich thu es. Sie wollen mich angreifen, Sie — Sie wollen an einem alten Manne ſich ver⸗ greifen, Sie, Sie lügenhafte Memme, auf die Kniee nieder, und ſprechen Sie Ihr Gebet, ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, Sie müſſen ſterben!“ Das Geſicht des Majors glühte vor Wuth ſeinem Feinde entgegen, der einen Augenblick erſchreckt darein ſah, und im nächſten mit einem Schrei: Mord! Mord! an das offene Fenſter ſprang, unter welchem gerade ein Polizeimann ſtand. „Mord! Polizei!“ ſchrie Mr. organ. Zu ſeinem Erſtaunen rädelte Major Pendennis den Tiſch weg und fuhr an das andere Fenſter, das gleich⸗ falls vffen ſtand. Er winkte dem Polizeimann. „Kom⸗ men Sie her, Polizeimann!“ rief er, trat vor die Thür, und ſtellte ſich vor ihr auf. „Sie erbärmlicher Schleicher,“ ſprach er zu Mor⸗ gan, „die Piſlole da iſt dieſe fünfzehn Jahre her nicht geladen worden, wie Sie recht wohl hätten wiſſen kön⸗ nen, wenn Sie keine ſolche Memme geweſen wären. Dieſer Polizeimann kommt, und ich will ihn herauf 128 nehmen und Ihre Koffer unterſuchen laſſen, ich habe Grund zu glauben, daß Sie ein Dieb find, ich weiß es. Ich will auf die Sachen ſchwören.“ „Sie gaben ſie mir — Sie gaben ſie mir!“ rief Morgan. Der Major lachte. „Wir wollen ſehen,“ ſagte er; und der ſchuldbewußte Valet erinnerte ſich einiger Hem⸗ den mit Linnenſpitzen — eines Stocks mit goldnem Knopfe, eines Opernglaſes, welches er herabzubringen vergeſſen hatte, und das er gebrauchte, nebſt gewiſſen Stuͤcken von ſeines Gebieters Kleidern, die der alte Dandy nicht mehr trug, oder nach denen er nicht mehr fragte. Der Polizeimann trat ein, gefolgt von der furcht⸗ ſamen Mrs. Brirham und ihrem Faktotum, die an der Thür geſtanden und Mühe hatten, die Neugierigen auf der Straße, die den Skandal mit anſehen wollten, vom Hauſe auszuſchließen. Der Major begann ſogleich zu ſprechen. „Ich hatte Veranlaſſung, dieſen beſoffenen Schuft da fortzuſchicken;“ ſagte er, „geſtern Nacht und heute Morgen inſultirte er mich und griff mich an, ich bin ein alter Mann und griff nach einer Piſtole. Sie ſehen, ſie iſt nicht geladen, und dieſer Feigling ſchrie, ehe ihm was zu Leide geſchah. Ich bin froh, daß Sie ge⸗ kommen ſind. Ich legte ihm zu Laſt, daß er mich meines Eigenthums beraubte, und wünſchte ſeinen Koffer und ſein Zimmer zu unterſuchen.“ „Den Sammtmantel haben Sie ſeit drei Jahren nicht mehr getragen, desgieichen die Weſten, und ich glaubte, ich dürfte die Hemden nehmen und ich — ich ſchwöre einen leiblichen Eid, daß ich im Sinn hatte, das Opernglas zurückzuſtellen,“ rief Morgan vor Wuth und Schrecken ſich windend und drehend. „Der Mann geſteht, daß er ein Dieb iſt,“ ſprach der Major ruhig, „er iſt ſeit Jahren in meinem Dienſte geweſen und ich habe ihn mit Güte und Vertrauen be⸗ 129 handelt, wir wollen die Treppe hinauf und ſeine Koffer unterſuchen.“ In dieſen Koffern hatte Morgan Dinge, die er gern vor den Augen des Publikums verborgen hätte. Mr. Morgan, der Wechſel diskontirte, gab ſeinen Kunden ebenſo wohl Güter, als Geld; er verſah junge Ver⸗ ſchwender mit Tabaksdoſen, Stecknadeln, Juweken, Ge⸗ mälden und Cigarren; und von ſehr zweifelhafter Qua⸗ lität waren dieſe Cigarren, Juwelen und Gemälde. Ihre Ausſtellung bei einer Polizei ſtellt die Entdeckung ſeines geheimen Betriebs, und die Darlegung von des Majors Eigenthum, das er ſich allerdings mehr nur angeeignet als geſtohlen hatte, dar — würde aber Mr. Morgans Ruf eben nicht ſehr erhöht haben, — er war ein Jammerbild des Schreckens und der Enttäuſchung. „Er will mich zu Grunde richten, will er?“ dachte der Major. „Ich will ihn jetzt erdrücken, und mit ihm abfahren.“ Aber er pauſirte, er ſah die furchtſame Miene der armen Mrs. Brirham und bedachte einen Augenblick, daß der Mann, in's Gefängniß und zur Verzweiflung gebracht, Aufſchlüſſe geben könnte, die am beſten ge⸗ heim gehalten würden, und daß es am rathſamſten wäre, nicht zu ſtreng mit einem Verzweifelten zu verfahren. „Halten Sie, Polizeimann,“ ſagte er. „Ich will mit dieſem Manne allein ſprechen.“ „Geben Sie Mr. Morgan in Gewahrſam?“ fragte der Polizeimann. „Ich habe bis jetzt noch keine Klage gegen ihn eingebracht,“ ſprach der Major mit einem bedeutungs⸗ vollen Blicke auf ſeinen Mann. „Dank Ihnen, Sir,“ flüſterte Morgan ganz leiſe. „Begeben Sie ſich vor die Thür und warten Sie dort gefälligſt.— Nun, Morgan, Sie haben eien Spiel mit mir geſpielt, und ſind nicht zum Beſten damit ge⸗ fahren, mein guter Mann, nein, bei Gott, Sie ſind Pendennis. W. 9 nicht zum Beſten gefahren, obgleich Sie in der Vorhand waren und haben jetzt auch zu zahlen bekommen, Sie Schuft.“ „Ja, Sir,“ ſagte der Mann. „Ich habe erſt in der letzten Woche aufgefunden, welches Spiel Sie getrieben haben, Sie Niederträchtiger⸗ Der junge De Boots von den Blauen erkannte Sie als den Mann, der in die Kaſerne kam und Geſchäfte machte, ein Drittel in Geld, ein Drittel in Pau de Cologne, und ein Drittel in franzöſiſchen Kupferſtichen, Sie ver⸗ maledeiter, gleißneriſcher, alter Sünder. Ich vermißte Nichts und fragte nicht im Geringſten darnach, was Sie Einfaltspinſel bekommen hatten, aber ich nahm den Schuß und er traf — er traf den Ochſen in's Auge, bei Gott. Dammy, Sir, ich bin ein alter Feldzügler.“ „Was haben Sie mit mir vor, Sir?“ „Ich will's Ihnen ſagen. Ihre Wechſel haben Sie vermuthlich in jenem verdammten, großen, ledernen Taſchenbuch, nicht wahr? Wollen Sie nicht Lady Brir⸗ ham's Wechſel verbrennen?“ „Sir, ich will mich nicht von meinem Eigenthume trennen,“ brummte der Mann. „Sie liehen ihr vor fünf Jahren ſechzig Pfund. Sie und der arme Teufel von Schreiber bei der Aſſeku⸗ ranz haben Ihnen ſeitdem jedes Jahr fünfzig Pfund bezahlt, und Sie haben ſich ein Verkaufsvokument auf ihre Fahrniß verſchafft, und ihre Handſchrift für hundert und fünfzig Pfund; ſie hat mir's geſtern Nacht erzählt. Beim Jupiter, Sir, Sie haben dem armen Weibe genug zu Ader gelaſſen.“ „Ich verzichte nicht darauf,“ ſagte Morgan, „wenn ich's thue, ſo bin ich —“ „Polizeimann!“ rief der Major. „Sie ſollen den Wechſel haben,“ ſagte Morgan, „Sie wollen mir doch kein Geld abnehmen, Sie ein Gentleman?“ „Ich werde Ihrer ſogleich bedürfen,“ ſagte der 131 Major zu A., der eingetreten war und ſich wieder zu⸗ rück zog. „Rein, mein guter Sir,“ fuhr der alte Gentleman fort: „Ich habe keinen Wunſch zu weiteren Geldtrans⸗ aktionen mit Ihnen; aber wir wollen eine kleine Schriſt aufſetzen, die Sie die Güte haben werden zu unter⸗ zeichnen. Nein, halten Sie — Sie ſollen es ſelber ſchreiben, Sie haben's in letzter Zeit unendlich weit im Schreiben gebracht, und führen jetzt eine ſehr gute Feder. Sie ſollen ſich gefälligſt niederſetzen und ſchreiben, — da, an dem Tiſch dort — ſo — laſſen Sie mich ſehen — wir müſſen auch das Datum ſetzen. Schreiben Sie: Bury Street, St. James's, 21. Oktober 16—.“ Morgan ſchrieb, wie ihm befohlen ward, und wie der erbarmungsloſe Major fortfuhr: — „Ich, James Morgan, der ich in tiefſter Armuth in den Dienſt von Arthur Pendennis, Eeq. von Bury Street, St. James's, eines Majors in Seiner Mafeſtät Dienſten, gekommen, geſtehe, daß ich reichlichen Lohn und Koſtentſchädigung von meinem Gebieter während fünfzehn Jahren erhalten habe“ — „Sie können Nichts dagegen ſagen, ich bin's überzeugt,“ bemerkte der Major. „Während fünfzehn Jahren,“ ſchrieb Morgan. „In welcher Zeit ich durch meine Sorgfalt und Klugheit,“ nahm der Diktirende wieder auf, „eine hin⸗ längliche Summe aufgebracht, um das Haus zu kaufen, in dem mein Gebieter wohnt, und noch überdieß andere Erſparniſſe gemacht. Unter andern Perſonen, von welchen ich Geld bekommen, führe ich meine derzeitige Pächterin, Mrs. Brirham, auf, die in Betracht der ſechzig Pfund, welche ich ihr vor fünf Jahren vorgeſtreckt, mir die Summe von zwei hundert und fünfzig Pfund Sterling bezahlt und mir überdieß eine Handſchrift für hundert und zwanzig Pfund gegeben hat, welche ich ihr auf Ver⸗ langen meines früheren Gebieters, Major Arthur Penden⸗ nis, zurückerſtatte und damit ihre Fahrniß befreie, auf 132 welche ich eine Verkaufsbill hatte. — Haben Sie ge⸗ ſchrieben?“ „Ich glaube, wenn dieſe Piſtole geladen wäre, ich würde Ihnen das Gehirn aus dem Schäoel ſchießen.“ „Nein, das würden Sie nicht. Sie haben zu gro⸗ ßen Reſpekt vor Ihrem ſchätzbaren Leben, mein guter Mann,“ entgegnete der Major, „fahren wir fort und beginnen wir eine neue Periode. „Und nachdem ich zur Vergeltung für meines Ge⸗ bieters Freundlichkeit ihm ſein Eigenthum geſtohlen, von dem ich geſtehe, daß es jetzt eben in meinen Koffern iſt, und Lügen über ſeine und andere ehrenwerthe Fa⸗ milien geſprochen, drücke ich hiemit im Betracht ſeiner Güte gegen mich mein Bedauern aus, daß ich dieſe Falſchheiten ausgeſprochen, und ſein Eigenthum geſtohlen habe, und erkläre, daß ich nicht werth bin, daß man mir glaubt, und daß ich hoffe — ja, bei Gott — daß ich hoffe, mich in Zukunft zu beſſern. Unterzeichnet James Morgan.“ „Ich bin verd — wenn ich's unterzeichne,“ ſagte Morgan. „Mein guter Mann, es wird Ihnen ſo geſchehen, ob Sie unterzeichnen oder nicht,“ ſagte der alte Burſche, indem er über ſeinen eigenen Witz kicherte; „ich werde keinen Ge⸗ brauch von dieſem Dokument machen, wofern — wofern ich nicht dazu gezwungen werde. Mrs. Brixham und unſer Freund der Polizeimann werden, hoffe ich, es bezeugen, ohne es zu leſen: und ich will der alten Lady ihre Handſchrift zurückgeben, und ihr ſagen, was Sie dann bekräftigen, daß Sie beide quitt ſind. Ich ſehe, dort fommt Froſch mit dem Cab für meine Koffer zurück, ich werde in ein Hötel gehen — Sie mögen jetzt her⸗ eintreten, Polizeimann; Mr. Morgan und ich haben unſte kleine Streitſache arrangirt, wenn Mrs. Brirham das Papier unterzeichnet, und Sie, Polizeimann, das Gleiche thun, ſo werd' ich Ihnen beiden ſehr verbunden ſein. Mrs. Brirham, Sie und Ihr würdiger Haus⸗ 133 beſitzer, Mr. Morgan, ſind quitt, und ich wünſche Ihnen, daß Sie Freude an ihm erleben. Laſſen Sie Froſch kommen und die andern Sachen vollends packen.“ Froſch, von der Slavevunterſtützt, brachte unter Mr. Morgan's ruhiger Oberaufſicht Major Pendennis's Schach⸗ teln in das unten wartende Cabz; und Mrs. Brirham kam, als ihr Verfolger nicht um den Weg war, und erflehte des Himmels Segen auf den Major, ihren Retter, und den beſten, ruhigſten und gütigſten aller Miethsmänner. Nachdem er ihr einen Finger geboten, den die demüthige Lady mit einer Verbeugung empfing, und worüber ſie eine mit Thränen gebadete Rede zu halten ſich anſchickte, unterbrach der Major den Ab⸗ ſchiedsſermon und begab ſich aus dem Hauſe nach dem nicht viele Schritte von Morgan's Thür entferntem Hötel in Jermyn's Street. Dieſes Individuum ſandte, aus dem Parlourfenſter ſehend, dem ſcheidenden Gaſte Alles, nur keine Seg⸗ nungen nach; aber der tapfere alte Knabe ließ ſich von Mr. Morgan nicht einſchüchtern und warf ihm einen Blick tiefſter Verachtung zu, während er mit ſeinem Stocke davonſtrotzte. Major Pendennis hatte ſeine Wohnung in Bury Street noch nicht lange verlaſſen, und Mr. Morgan genoß ſein casotium in vieler Würde, indem er den Abendnebel beaufſichtigte und auf der Thürtreppe eine Cigarre rauchte, als Arthur Pendennis, Esquire, der Held unſrter Geſchichte, an der wohlbekannten Thür erſchien. „Mein Onkel ausgegangen vermuthlich, Mr. Mor⸗ gan?“ fragte er den Hausbeamten, indem er nur zu gut wußte, daß Rauchen in Gegenwart des Majors Hochverrath war. „Major Pendennis iſt fort, Sir,“ ſagte Morgan mit Gravität ſich verbeugend, aber die zierliche Mütze, die er trug, nicht berührend. „Major Pendennis hat 134 heute dieſes Haus verlaſſen, Sir, und ich habe nicht länger die Ehre in ſeinen Dienſten zu ſein, Sir.“ „Das wäre! Und wo iſt er?“ „Ich glaube, er hat ſeine zeitige Wohnung in Cor's Otel in Jummin Street genommen,“ ſagte Mr. Morgan und fügte nach einer Pauſe hinzu: „bleiben Sie einige Tage in der Stadt, wenn ich fragen darf? Sind Sie in den Chambers? Ich wünſchte die Ehre zu haben, Ihnen vort aufzuwarten, und würde Ihnen dankbar ſein, wenn Sie mir eine Viertelſtunde opfern wollten.“ „Wünſchen Sie, daß mein Onkel Sie wieder an⸗ nimmt?“ fragte Arthur inſolent und gutmüthig. „Ich verlange Nichts dergleichen, ich hatte ihn ge⸗ ſprochen,“ der Mann glotzte eine Minute vor ſich hin⸗ hielt aber an ſich. „Nein, Sir, ich danke Ihnen,“ ſagte er in milderem Tone; „nur mit Ihnen wünſchte ich zu ſprechen über eine Sache, welche Sie angeht; und vielleicht ſchenken Sie mir die Ehre, in mein Haus einzutreten.“ „Wenn es nur auf ein paar Minuten iſt, ſo kann ich Sie ſchon anhören, Morgan,“ ſagte Arthur und dachte bei ſich ſelbſt: Ich denke, der Burſche will, daß ich Fürſprache für ihn thue; und trat in das Haus ein. Eine Karte ſtak bereits an den Fenſtern, die auf die Straße gingen, welche kund that, daß die Ge⸗ mächer zu vermiethen ſeien, und nachdem er Mr. Pen⸗ dennis in das Speiſezimmer geführt und ihm einen Stuhl angeboten hatte, nahm Morgan einen für ſich⸗ und begann ihm eine Mittheilung zu machen, von wel⸗ cher der Leſer bereits Kenntniß erhalten hat. 135 * NMeunundzwanzigſtes Rapitel. In welchem Pendennis ſeine Eier zählt. Unſer Freund war in London an jenem Tage erſt und nur auf einen kurzen Beſuch angekommen, und nachdem er ſeine Reiſegeſellſchaft in einem Hötel, in das er ſie von dem Weſten gebracht, zurückgelaſſen hatte, eilte er nach den Chambers in Lamb Court, die ſich in ſo viel Sonne wärmten, als jenes öde, aber nicht ganz unbehagliche Gebäude zu beſcheinen beliebte. Freiheit vertritt in den Chambers die Stelle des Sonnenſcheins und die Templer kurren, aber finden ihr Behagen in ihrer Inn. Pen's Bedienter kündigte ihm an, daß Warrington auch in den Chambers ſei, und natürlich rannte Arthur ſtracks auf ſeines Freundes Zimmer und fand es, wie ehedem, von ſeine Pfeife parfümirt und George wieder mit ſeinen Zeitungen und Reviews beſchäſtigt. Das Paar grüßte ſich mit der rauhen Herz⸗ lichkeit, welche junge Engländer gegen einander zeigen, und welche viele Wärme und Freundlichkeit unter ihrer rauhen Schale verbirgt. Warrington lächelte, nahm ſeine Pfeife aus dem Mund und ſagte: „Schön, Jun⸗ ger!“ Pen trat vor, reckte die Hand aus und ſagte: Wie geht's, alter Knabe?“ Dieß war die Begrüßung zweier Freunde, die ſich ſeit Monaten nicht geſehen hatten. Alphonſe und Friderick würden ſich in die Arme geſtürzt ſein und hätten, einer über die Schultern des Andern gerufen: le pon coeurl ce cher Alphonsel Max und Wilhelm hätten ſich mit einem halb Dutzend von Havannah duftender Küſſe auf ihre Knebelbärte bedacht. „Schön, Junger!“ „Wie geht's Ihnen, alter Knabe?“ ſagen zwei Britten, nachdem ſie einander Tags „ 136 zuvor vielleicht das Leben gerettet haben. Morgen ver⸗ laſſen ſie ſich, die Hände drückend und neigen blos ihre Häupter gegen einander, wie ſie zum Frühſtück kommen. Jeder hat für den Andern das wärmſte Vertrauen und Intereſſe; Jeder würde mit dem Andern ſeine Börſe theilen, würde, wenn er ihn angreifen hörte, in das lauteſte und begeiſtertſte Lob ſeines Freundes ausbrechen: aber ſie trennen ſich mit einem bloſen Good bye, ſie begrüßen ſich mit einem bloſen How d'vou-do und ſchreiben ſich nicht in der Zwiſchenzeit. Sonderbare Beſcheidenheit, ſeltſames, ſtviſches Dekorum engliſcher Freundſchaft! „Ja, wir machen nicht viel Aufhebens, wie dieſe vermaledeiten Fremden,“ ſagt Hardmann, der nicht blos keine Freundſchaft zeigt, ſondern auch ſein Lebtag keine gefühlt hat. „In der Schweiz geweſen?“ fragte Pen. „Ja,“ ſagte Warrington. „Konnte kein Fetzchen ordentlichen Tabak finden, bis wir nach Straßburg ka⸗ men, wo ich etwas Caporal bekam.“ Des Mannes Sinn iſt ſehr wahrſcheinlich von den großen Anſichten, die er gehabt, von den großen Senſationen, welche dieſe ungeheuern Werke ber Natur in ihm erregt, übervoll. Aber ſeine Begeiſterung iſt zu ſpröde, um ſich zu zeigen, ſelbſt ſeinem vertrauteſten Freunde nicht, und er hüllt ſie in eine Wolke Tabak; er wird jedoch an vertraulichen Abenden erſchöpfender davon ſprechen, und feurig über das ſchreiben, was er zu ſagen ſich ſcheut. Die Gedanken und Erfahrungen ſeiner Reiſen werden ſeine Schriften durchdringen, wie die Gelehrſamkeit, welche er in der Unterhaltung nie zur Schau ſiellt, ſeinen Styl mit präg⸗ nanten Anſpielungen und glänzenden Illuſtrationen be⸗ reichert, ſeiner edlen Beredſamkeit und ſeinen Witzpointen eine eigenthümliche Färbung gibt. Der Aeltere gibt einen flüchtigen Bericht über die Plätze, welche er auf ſeiner Tour beſuchte. Er hat die Schweiz, das nördliche Italien und das Tyrol ge⸗ ſehen — iſt über Wien, Dresden und den Rhein zurück⸗ 137 gekommen. Er ſpricht von dieſen Plätzen in ſcheuem, grämlichem Tone, als ob er ſie lieber nicht erwähnen würde, und als ob ihr Anblick ihn ganz unglücklich ge⸗ macht hätte. Als der Aeltere ſo die Umriſſe ſeiner Tour in düſtrer Stimmung ſtizzirt hatte, begann der Junge zu ſprechen. Er iſt auf dem Lande geweſen, hat ſehr viel gebauert — geworben, — ſich außerordentlich ge⸗ langweilt, — iſt für einige Tage hier und geht in die Nachbarſchaft von Tunbridge Wells zu einigen Freunden — das wird auch eine uͤber die Maßen langweilige Parthie. Wie ſchwer iſt es, einem Engländer das Ge⸗ ſtändniß abzudrängen, daß er glücklich iſt! „Und der Sitz im Parlament, Pen? Iſt Alles in Ordnung?“ fragt Warrington. „Alles in Ordnung! — Sobald das Parlament zuſammentritt und eine neue Akte ergehen kann, zieht ſich Clavering zurück und ich trete in ſeine Schuhe,“ ſagte Pen. „Und unter welchem König ſpricht oder ſtirbt Be⸗ zonian?“ fragte Warrington. „Treten wir als Liberal⸗ konſervativer, oder als Mann der Regierung, oder auf eigene Fauſt auf?“ „Hm! Es iſt ja gegenwärtig kein Wetter für Po⸗ litit; Alles hat ſo ziemlich vie gleiche Politik. Ich habe nicht Acres (Ehtörs) genug, um Protektioniſt zu ſein; noch könnte ich, glaub' ich, Einer ſein, wenn ich alles Land in der Grafſchaft hätte. Ich werde viel mit der Regierung gehen und in einigen ſozialen Fragen, vie ich während der Ferien aufgezeichnet habe, ihr vor⸗ aus: — grinſe nicht, alter Cyniker, ich habe die blauen Bücher ſtudirt und habe im Sinn, über die Sanitäts⸗ und Koloniſationsfragen gewaltig herauszulangen⸗ „Wir bewahren uns die Freiheit, gegen die Regie⸗ rung zu votiren, obgleich wir im Allgemeinen freundlich gegen ſie geſtimmt ſind. Wir ſind jedoch Freunde des Volkes avant tout. Wir geben Vorträge in dem Elaveringer Inſtitut und drücken dem intelligenten Hand⸗ ⸗ . 138 werker die Hand. Wir glauben, man ſollte mit viel mehr Freimuth debatiren; zu gleicher Zeit verſchmähen wir nicht, einmal ein Amt anzunehmen, wenn das Haus auf ein Paar Knallreden von uns gehört hat und die Re⸗ gierung unſer Verdienſt zu würdigen weiß.“ „Ich bin kein Moſes,“ ſagte Pen, wie gewöhnlich mit etwas Melancholie in ſeinem Tone. „Ich habe dem Volke keine himmliſche Geſetze vom Berge zu bringen. Ich gehöre überhaupt nicht zum Berge, und beabſichtige nicht ein Leiter und Reformator des Menſchengeſchlechts zu ſein. Mein Glauben iſt dafür nicht ſtark, meine Eitelkeit, oder Heuchelei nicht groß genug. Ich werde nicht lügen, George, das verſpreche ich Ihnen und ſtimme nur in folche mit ein, die nothwendig und gäng und gäbe ſind und nicht mehr zurückgenommen werden kön⸗ nen, ohne die ganze Circulation zu ſtören. Gebt Einem wenigſtens den Vortheil, den Skeptiker zu machen. Wenn ich was Gutes finde, in dem Hauſe zu ſagen, ſo will ich es ſagen; eine gute Maßregel, ſo will ich ſie unterſtützen; eine hübſche Stelle, ſo will ich ſie an⸗ nehmen und mich meines Glückes freuen. Aber ich würde dem Hohen ſo wenig als der Menge ſchmeicheln, und nun wiſſen Sie von meiner Philoſophie ſoviel, als ich ſelbſt. Welchen Beruf habe ich, ein Whig zu ſein? Der Whiggismus iſt keine göttliche Inſtitution. Warum nicht mit den Liberalkonſervativen ſtimmen? Sie thaten für die Nation, was die Whigs nie ohne ſie gethan haben würden. Wer hat Beide bekehrt? — Die Ra⸗ dikalen und das Land außer dem Hauſe. Ich glaube, die Morning Poſt hat oft Recht, und der Punch hat oft Unrecht. Ich maße mir nicht an, einen Beruf zu haben, ſondern benütze nur die günſtige Gelegenheit. Parlons d'autre chose!l“ „Das nächſte, was Ihnen nächſt dem Ehrgeiz am Herzen liegt, iſt vermuthlich die Liebe,“ ſagt Warrington. Wie iſt Ihre junge Liebe gediehen? Werden wir nächſt⸗ hem unſern Stand verändern und unſte „Chambers“ 139 aufgeben? Wollen Sie ſich von mir ſcheiden laſſen, Ar⸗ thur, und ſich ein Weib nehmen?“ „Ich vermuthe ſo, ſie iſt ſehr gutmüthig und leb⸗ haft, ſie ſingt und hat Nichts gegen das Rauchen, ſie bekommt eine ſchöne Mitgift — ich weiß nicht wie viel — aber mein Onkel hofft Alles von der Großmuth der Begum und ſagt, daß ſie ſehr hübſch werde ausgeſtattet werden, und ich glaube, Blanche iſt hölliſch verliebt in mich,“ ſagte Arthur mit einem Seufzer. „Das heißt, wir nehmen ihre Liebkoſungen und ihr Geld an.“ „Haben wir nicht zuvor geſagt, daß das Leben ein Handel ſei? Ich behaupte nicht, daß mir das Herz ob ihr brechen würdez ich habe ihr offen geſagt, wie meine Gefühle ſind — und bin jetzt verhängt mit ihr. Seit ich ſie das letzte Mal ſah, und beſonders ſeit den letzten zwei Monaten, während ich auf dem Lande war⸗ iſt ſie, glaube ich, immer verliebter geworden: ihre Briefe an mich, und beſonvers an Laura, ſcheinen es zu be⸗ weiſen. Die meinigen ſind ziemlich einfach — keine Entzückungen oder Gelübde, verſtehen Sie — aber ich ſehe die Sache als eine Afflaire faite an und wünſche nicht die Vollziehung zu beſchleunigen.“ „Und Laura? wie iſt's mit ihr?“ fragte War⸗ rington unbefangen. „Laura, George,“ ſagte Pen, ſeinem Freunde feſt in's Geſicht ſchauend — „bei Gott, Laura iſt das beſte, edelſte und liebſte Mädchen, das je die Sonne beſchienen;“ ſeine Stimme ſiel, während er ſprach, es ſchien, als ob er kaum die Worte ausſprechen könne, er ftreckte ſeine Hand gegen ſeinen Kameraden aus, der ſie ergriff und mit dem Kopfe nickte. „Haben Sie das jetzt erſt gefunden, Junge?“ ſagte Warrington nach einer Pauſe. „Wer hatnicht ſchon Dinge zu ſpät erfahren, George!“ rief Arthur auf ſeine ungeſtüme Weiſe, invem er im Verlaufe der Rede Worte und Gefühle ſammelte. Weſſen Leben 140⁰ iſt nicht eine Täuſchung geweſen? Wer bringt das Herz ganz in das Grab, ohne eine Verſtümmelung? Ich kenne Niemand, der vollkommen glücklich geweſen: oder wer hat ſich nicht aus den Händen des Verhängniſſes losgekauft mit irgend einem höchſt theuern Schatze? Glücklich, wenn wir nachher allein gelaſſen werden, nachdem wir unſre Schuld bezahlt und wenn der Tyrann uns nicht mehr heimſucht. Denke Dir, ich habe heraus⸗ gefunden, daß ich den größten Schatz von der Welt verloren habe, nun er nicht mehr mein ſein kann; daß ich Jahre lang einen Engel unter meinem Zelte hatte, und ihn ziehen ließ. Bin ich der Einzige, lieber alter Junge, bin ich der Einzige? und glaubſt Du, daß mein Loos leichter zu tragen ſei, weil ich geſtehe, daß ich es verdiene? Sie iſt von uns geſchieden, Gottes Segen ſei mit ihr, Sie hätte bleiben können und ich verlor ſie, 's iſt wie eine Undine; iſt's nicht ſo, George?“ „Sie war'n Mal in dieſem Zimmer,“ ſprach George. Er ſah ſie da, er hörte ihre liebliche Stimme — er ſah ihr holdes Lächeln, das Antlitz, an das er ſo zärtlich ſich erinnerte, in ſo vielen Nachtwachen dachte — immerdar geſegnet und geliebt, — jetzt dahin, ein Glas, das einen Strauß enthielt — eine Bibel mit Helen's Handſchrift war Alles, was ihm von der kurzen Blüthe ſeines Lebens geblieben war. Sage, es iſt ein Traum, ſage, es geht vorüber: beſſer die Erinnerung inte Traums, als ein zielloſes Wachen leeren Stumpf⸗ nnes.“ Die beiden Freunde ſaßen eine Weile ſtillſchweigend da, jever beſchäftigt mit ſeinen eigenen Gedanken und veren des Andern ſich bewußt. Pen brach plötzlich das Stillſchweigen und ſagte, daß er ſeinen Onkel aufſuchen und dem alten Gentleman von ſeinen Fortſchritten be⸗ richten müßte. Der Major hatte in ſehr ſchlechter Stimmung geſchrieben; der Major wurde alt. „Ich wünſchte dich im Parlament zu ſehen und hübſch ein⸗ gerichtet in einem komfortabeln Haus und mit einem Erben 14¹ des Namens, bevor ich meine Verbeugung mache. Zeige mir dieſe,“ ſchrieb der Major, „und dann laß den alten Arthur Pendennis dem jüngern Volke Platz machen; er hat lange genug das Pall⸗Mallpflaſter getreten.“ „Es liegt was Freundliches in dem Charakter der alten Heiden,“ ſagie Warrington, „er ſorgt für etwas außer ihm, wenigſtens für einen andern Theil ſeiner ſelbſt außer dem, der in ſeinen eigenen Rock geknöpft iſt: für Sie und Ihr Geſchlecht. Er möchte ſehen, wie die Nachkommenſchaft der Pendennis ſich vermehrt und vervielfältigt, und hofft, daß ſie das Land ererben werde: der alte Patriarch ſegnet Sie von dem Klubfenſter Bays's und wird fortgeführt, und begraben unter den Fohnen der St. James's Kirche im Angeſicht von Piccadilly und der Cabſtation und den Wagen, die zu dem Lever fahren. Es iſt ein erbauliches Ende.“ „Das neue Blut, das ich in die Familie bringe,“ dachte Pen bei ſich. „iſt nicht fleckenlos. Wenn ich hätte wählen dürfen, ſo wäre mein Schwiegervater Amory nicht der Ahn, den ich für mein Geſchlecht wünſchen würde, noch der Vater meines Schwiegervaters Snell, noch unſere morgenländiſchen Vorfahren. Wer war, nebenbei ge⸗ ſagt, dieſer Amory? Amory war Lieutenant auf einem Oſtindienfahrer. Blanche dichtete einige Strophen auf ihn, auf einen Sturm, die berghohen Wogen, des See⸗ manns Grab, den ritterlichen Vater, und was derglei⸗ chen mehr iſt. Amory ging unter, indem er ein Schiff zwiſchen Kalkutta und Sidney befehligte; Amorh und die Begum lebten nicht glücklich mit einander. Sie war ſehr unglücklich in der Wahl ihrer Männer, die gute alte Lady, denn, unter uns geſagt, ein verächtli⸗ cheres Geſchöpf, als Sir Francis Clavering von Cla⸗ vering Park. Baronet, hat nie —“ „unſtem Lande Ge⸗ ſetze gegeben,“ fiel Warrington ein, indeß Pen ein we⸗ nig erröthete. „Mittler Weile traf ich in Baden⸗Baden,“ ſagte Warrington, „unſern Freund, den Chevalier Strong, in 142 größter Gala, mit ſeinem Orden behangen. Er er⸗ zählte mir, daß er einen Streit mit Clavering gehabt, von dem er eine beinahe ebenſo ſchlechte Meinung zu haben ſchien, als Sie, und er ſagte mir, glaub' ich, doch gewiß behaupte ich's nicht, im Vertrauen, daß er der Superlativ von einem Schurken ſei. Jener Burſche Bloundell, der Sie in Orbridge das Kartenſpielen lehrte, war bei Strong; und die Zeit hat, glaube ich, ſeine koſtbaren Eigenſchaften zu Tage gebracht und ihn zu einem vollendetern Böſewicht gemacht, als er wäh⸗ rend des Standes Ihrer Nichtgraduirung war. Aber der König des Platzes war der famoſe Obriſt Alta⸗ mont, der Alles vor ſich hertrieb, und der ganzen Ge⸗ ſellſchaft Feten gab, und, wie man ſagte, die Bank ſprengte.“ „Mein Onkel weiß etwas von dieſem Burſchen — auch Clavering weiß was von ihm. Es iſt etwas lonche bei ihm. Aber mein Gott! ich muß als pflicht⸗ getreuer Neffe nach Burry Street.“ Und ſeinen Hut nehmend, ſchickte er ſich zum Gehen an. „Ich will auch einen Gang machen,“ ſagte Warrington. Sie gingen die Treppen hinab, hielten jedoch vor Pen's Chambers, welche, wie der Leſer weiß, in einem Stock weiter un⸗ ten waren. Hier begann Pen ſich mit Pau de Cologne zu beſprengen, und Haupthaar und Bart ſorgfältig mit dieſem ambroſiſchen Waſſer zu durchduften. „Was gibt es? Sie haben ja nicht geraucht. Hat meine Pfeife Sie vergiftet?“ brummte Warringtvn. „Ich habe im Sinn, bei einigen Frauen einzuſpre⸗ chen,“ ſagte Pen. „Ich will — ich will mit Ihnen diniren. Sie reiſen durch die Stadt und ſind in dem Hotel Jermyn Street.“ Warrington blickte mit gutmüthigem Intereſſe auf den jungen Burſchen, der ſich zu einem Ausbund von Dandy perfektionirte, und endlich in dem mit Spitzen beſetzten Bruſtlatze und Halstuch, in friſchen Handſchu⸗ 143 hen und glänzenden Stiefeln zum Vorſchein kam. George hatte ein Paar dicke halbfaſhionable Handſchuhe an. Sein altes Hemd war auf der Bruſt etwas zer⸗ riſſen und auch am Kragen nicht mehr ganz, da hier ſein blauer Bart es ausgerieben hatte. „Schön, Junge,“ ſagte er in ſchlichtem Tone, „ich habe es gern, wenn Sie in etwas den Stutzer machen⸗ Wenn ich mit Ihnen gehe, ſo iſt mir's immer, als ob ich eine Roſe in meinem Knopfloche hätte. Und Sie ſind anch ſo leutſelig. Ich glaube nicht, daß irgend ein junger Burſche in dem Temple ſo Alles für ſich ge⸗ winnt, wie Sie, und daß Sie ſich bis jetzt meiner nicht ſchämen.“ „Verſpotten Sie mich nicht, George,“ ſagte Pen. „Wenn Sie ſchreiben,“ fuhr der Andere wehmüthig fort — „wenn Sie an Laura ſchreiben, ſo wünſchte ich, daß Sie ihr ein „Gott ſegne Sie,“ von mir ſagen.“ Pen erröthete und ſah dann Warrington an und dann — dann brach er in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ich bin im Begrff, mit ihr zu diniren,“ ſagte er. „Ich brachte ſie und Lady Rockminſter heute vom Lande herein — machte zwei Tage daraus — ſchlief letzte Nacht in Bath — kommen Sie, George, und ſpeiſen Sie auch mit uns. Ich darf dazu einladen, wen ich will, und vie alte Lady ſpricht immer von Ihnen.“ George ſchlug aus. George hatte einen Artikel zu ſchreiben. George zögerte und v Wunder! er willigte endlich ein. Es wurde nun beſtimmt, den Ladies auf⸗ zuwarten, und fie begaben ſich in beſter Stimmung nach dem Hotel Jermyn Street. Das theure Antlitz leuch⸗ tete wieder auf ihn, ihre liebliche Stimme ſprach zu ihm und die zarte Hand drückte zum Willkomm die ſeinige. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Diner. „Sie gehen jetzt fort und beſuchen Ihren Onkel, Mr. Pendennis,“ ſagte die alte Lady Rockminſter. „Sie bringen ihn nicht zum Diner — nein — ſeine alten Geſchichten ſind unerträglich; und ich wünſchte mit Mr⸗ 144 Warrington zu plaudernz ich darf wohl ſagen, er wird mich amüſiren. Ich denke, wir haben alle Ihre Ge⸗ ſchichten gehört. Wir find ſeit zwei Tagen zuſammen geweſen und ſind, meine ich, einander ſatt geworden.“ So gehorchend den Befehlen Ihrer Herrlichkeit, ging Arthur die Treppen hinab und nach der Wohnung ſeines Oheims. Preißigſtes Rapitel. Fiat justitia. Das Diner wurde ſervirt, als Arthur zurückkehrte, und Lady Rockminſter begann ihn über ſein ſpätes Kom⸗ men auszuſchelten. Aber Laura ſah bei einem Blicke auf ihren Vetter, daß ſein Geſicht ſo blaß und verſtört war, daß ſie ihre herriſche Gönnerin unterbrach und mit zärtlicher Aengfllichkeit fragte, was vorgefallen ſei? ob Arthur unwohl ſei? Arthur trank ein ſtarkes Glas Sherry, „ich habe höchſt außerordentliche Neuigkeiten gehört, ich will Sie Ihnen nachher mittheilen,“ fuhr er mit einem Blick auf die Diener fort. Er war während des Diners ſehr angegriffen und aufgeregt. „Stampfen und ſchlagen Sie nicht ſo mit den Füßen unter dem Tiſch,“ ſagte Lady Rockminſter. — „Sie haben Fido getreten und ſeinen Brühnapf umgeſchüttet. Sie ſehen, Warrington hält feine Stie⸗ feln ganz gut in Ordnung.“ Beim Nachtiſche — das unglückliche Diner wollte gar kein Ende nehmen — ſagte Lady Rockminſter: „dieſes Diner iſt ſehr langweilig geweſen. Ich ver⸗ muthe, daß etwas vorgefallen iſt, und daß Sie mit Laura ſprechen müſſen. Ich will jetzt mein Schläf⸗ chen halten. Ich weiß noch nicht, ob wir Thee haben werden — oder nicht. Guten Abend — Mr. Warring⸗ 145⁵ ton. Sie müſſen wiederkommen, wenn ausgeplaudert iſt.“ Und die alte Lady ging, den Kopf ſchüttelnd, mit großer Würde aus dem Zimmer. George und die Andern waren mit ihr aufgeſtan⸗ den und Warrington im Begriff, fortzugehen und wollte eben Laura eine gute Nacht wünſchen, welche natürlich ſehr beunruhigt ihren Vetter anblickte, als Arthur ſagte: „Bleiben Sie doch, George. Sie ſollten auch meine Meuigkeiten hören, und mir Ihren Rath in Fall geben. Ich weiß kaum, was ich anfangen o „Es gibt etwas mit Blanche, Arthur!“ ſagte Laura mit klopfendem Herzen und erröthender Wange, wie ſie glaubte, in ihrem Leben noch nie ſo erröthet zu ſein. „Ja, und es iſt eine ganz außerordentliche Ge⸗ ſchichte,“ ſagte Pen. „Als ich Sie verließ, um zu mei⸗ nem Onkel in ſeine Wohnung zu gehen, fand ich ſeinen Diener Morgan, der ſo lange bei ihm geweſen iſt, an der Thür und erfuhr, daß er und ſein Herr dieſen Morgen ſich getrennt hätten; daß mein Onkel das Haus verlaſſen und in ein Hotel — in dieſes Hotel gezogen ſei. Ich fragte nach ihm, als ich herein kam; aber er war zum Diner gegangen; Morgan ſagte dann, daß er mir etwas höchſt Wichtiges mitzutheilen habe, und bat mich, in das Haus zu treten. Es ſcheint, der Schuft hat viel Geld zurückgelegt, während er in mei⸗ nes Onkels Dienſt war, und iſt jetzt, ſo viel ich weiß, ein Kapitaliſt und Millionär. Gut, ich ging in das Haus, und was glauben Sie, was er mir ſagte? Es muß ein Geheimniß zwiſchen uns Allen bleiben — ſo weit wir es wenigſtens bewahren können, nun es im Beſitze dieſes Niederträchtigen iſt. Blanche's Vater iſt nicht todt. Er iſt wieder in's Leben getreten, Claverings Heirath mit der Begum iſt keine Heirath.“ „Und Blanche iſt vermuthlich ihres Großvaters Erbin,“ ſagte Warrington. . Pendennis. W. 10 146 „Vielleicht; aber das Kind was für eines Vaters! Amory iſt ein entwichener Sträfling — Clavering weiß es; und mit dieſer Kunde, die er Clavering in terro- rem vorhielt, vermochte ihn der unglückliche alte Mann, ſeinen Flecken mir zu geben.“ „Blanche weiß es nicht,“ ſagte Laura, „auch nicht die arme Lady Clavering.“ „Nein,“ ſagte Pen; „Blanche kennt nicht einmal die Geſchichte ihres Vaters, ſie wußte, daß er und ihre Mutter ſich getrennt hätten, und hatte als Kind von ihrer Amme Bonner gehört, daß Mr. Amory in Neu Südwales ertrunken ſei. Er war dort als Verurtheil⸗ ter, nicht als Schiffskapitän, wie das arme Mädchen glaubte. Lady Clavering ſagte mir, daß ſie nicht glück⸗ lich waren, und daß ihr Gatte ein ſchlechter Mann ge⸗ weſen, ſie würde mir ſeiner Zeit, ſagte ſie, Alles er⸗ zählen, und ich erinnere mich, daß ſie mir mit Thränen in den Augen ſagte, es ſei hart für eine Frau, geſtehen zu müſſen, daß ſie froh geweſen, die Kunde von ihres Man⸗ nes Tod zu vernehmen, und daß ſie zweimal in ihrem Leben eine ſo ſchlimme Wahl getroffen habe. Was iſt jetzt zu thun? Der Mann kann nicht auftreten und An⸗ ſprüche auf ſein Weib machen; wahrſcheinlich iſt Tod ſein Theil, wenn er ſich entdeckt, Rückkehr an den Strafort jedenfalls, aber der Schuft hat die Drohung der Entdeckung ſeit einiger Zeit Clavering vorgehalten, und ihm zu wiederholten Malen Geld abgedrungen.“ „Es iſt natürlich unſer Freund Oberſt Altamont,“ ſagte Warrington, „ich ſehe jetzt Alles.“ „Wenn der Schurke zurückkommt,“ fuhr Arthur fort, „ſo wird Morgan, der das Geheimniß weiß, es gegen ihn benützen — und wenn er es in ſeinem Be⸗ ſitze hat, hat er im Sinn, von uns Allen Geld zu er⸗ preſſen. Der verdammte Böſewicht vermuthete, ich wiſſe darum,“ ſagte Pen bleich vor Aerger; „er fragte mich, ob ich ihm ein Jährliches geben wollte, damit er ſich ruhig verhalte; drohte mir, mir! als ob ich auf das 147 Unglück der erbarmungswürdigen, alten Begum Ge⸗ ſchäfte machen und dem elenden Clavering einen Sitz im Parlament abnöthigen wollte. Gott im Himmel! war mein Onkel verrückt, daß er ſich in eine ſolche Verſchwörung einließ? Denken Sie ſich, unſrer Mut⸗ ſer treibe mit einem ſolchen Verrath einen Han⸗ del!“ „Ich kann es mir nicht denken, theurer Arthur,“ ſagte Laura, ſeine Hand ergreifend und ſie küſſend. „Nein!“ rief Warrington's tiefe, zitternde Stim⸗ mez er überſchaute die beiden edelmüthigen, liebenden jungen Leute mit einer unbeſchreiblichen Liebe und Weh⸗ muth. „Nein! Unſer Junge kann ſich nicht mit einer ſo elenden Intrigue befaſſen, Arthur Pendennis kann keines Sträflings Tochter heirathen und für die Hulks*) als Mitglied im Parlamente ſitzen. Sie müſſen Ihre Hände von der ganzen Geſchichte rein waſchen, Pen. Sie müſſen abbrechen, Sie müſſen keine Erklärungen über vas warum und weßhalb geben, ſondern ſagen, daß Familienrückſichten eine Heirath unmöglich machen. Es iſt beſſer, die armen Frauen halten Sie für wort⸗ brüchig, als daß ſie das Wahre an der Sache erfahren. Ueberdieß können Sie von dem Hunde Clavering — ich kann das leicht für Sie ausmachen — die Anerkennung er⸗ halten, daß die Gründe, welche Sie ihm, als dem Haupte der Familie, für Abbrechung der Verbindung gegeben haben, vollkommen genügend ſeien. Sind Sie nicht mit mir einverſtanden, Laura?“ Er wagte kaum, ihr bei dieſen Worten in's Geſicht zu blicken. Jede zögernde Hoffnung, die er haben konnte — jeder ſchwache Halt an dem letzten Sparren ſeines Glückwracks warf er, wie er wußte, hinweg und ließ die Wogen ſeines Un⸗ glücks über ſich zuſammenſchlagen. Pen war aufgeſtanden, während er ſprach, und blickte ihn ſcharf an. Er wandte *) Hulks ſind Schiffe welche zur Verwahrung ver ge⸗ fangenen Verbrecher dienen. Anm. d. Ueb. 148 ſein Geſicht ab, er ſah auch Laura auſſtehen, zu Pen treten, ſeine Hand wieder ergreifen und küſſen⸗ „Auch ſie iſt einverſtanden, Gott ſegne ſie!“ ſprach George. „Ihres Vaters Schande iſt nicht Blanche's Schuld, theurer Arthur, nicht wahr?“ ſagte Laura ſehr blaß und ſehr ſchnell ſprechend. „Nehmen Sie an, Sie ſeien verheirathet, würden Sie ſie im Stiche laſſen, da ſie Ihnen kein Unrecht gethan hat? Sind Sie ihr nicht verpflichtet? Würden Sie ſie verlaſſen, weil ſie im Un⸗ glücke iſt? Und wenn ſie unglücklich iſt, würden Sie ſie nicht tröſten? Unſre Mutter würde es gethan haben, wenn ſie hier wäre.“ Und während ſie ſprach, ſchlang ſie ihre Arme um ihn und vergrub ihr Geſicht an ſei⸗ nem Herzen. „Unſte Mutter iſt ein Engel im Himmel,“ ſchluchzte Pen, „und Sie ſind das theuerſte und beſte der Weiber — das theuerſte, das theuerſte und beſte. Lehren Sie mich meine Pflicht. Beten Sie für mich, daß ich ſie ihne — reine Seelel Gott ſegne Sie —“ „Amen!“ ſtöhnte Warrington, mit dem Kopf in den Händen. „Sie hat Recht,“ murmelte er vor ſich hin. „Sie kann kein Unrecht thun, glaub' ich — dieß Mädchen, in der That ſie ſah aus und lächelte wie ein Engel. Manchen Tag nachher ſah er noch dieß Lä⸗ cheln, ſah ihr ſtrahlendes Geſicht, wie es zu Pen auf⸗ blickte, ſah ſie ihre Locken zurückdrängen, erröthend, lä⸗ chelnd, immer noch zärtlich zu ihm aufblicken. Sie ſtützte einen Augenblick ihre kleine, ſchöne Hand auf den Tiſch, indem ſie darauf ſpielte. „Und jetzt, und jetzt,“ ſagte ſie, die beiden Gentlemen anblickend. „Und was jetzt?“ fragte George. „Und jetzt wollen wir Thee trinken „ ſagte Miß Laura mit ihrem Lächeln. Aber ehe dieſer unromantiſche Schluß für den ſen⸗ timentalen Auftritt Statt finden ſollte, brachte ein Die⸗ ner die Meldung, daß Major Pendennis in das Hotel 149 zurückgekommen ſei und ſeinen Neffen erwarte. Auf dieſe Ankündigung nahm Laura nicht ohne einige Unruhe und einen appellirenden Blick auf Pen, welcher ſagte: „halte Dich wohl — halt zu dem Rechten und thu! Deine Pflicht — ſei ſchonend, aber feſt gegen Deinen Oheim“ — nahm Laura, ſagen wir, welcher dieſe Mahnworte auf das Geſicht geſchrieben waren, Abſchied von den beiden Gentlemen und zog ſich in ihr Schlafgemach zu⸗ rück. Warrington, der gewöhnlich kein Freund vom Thee war, beklagte höchlich den Verluſt der erwarteten Taſſe. Warum konnte der alte Pendennis nicht zu einer ſpätern Stunde kommen? Nun, eine Stunde früher oder ſpäter, was thut das? Die Stunde ſchlägt zuletzt⸗ es kommt der unvermeivliche Augenblick, Lebewohl zu ſagen, die Hand wird gevrückt, die Thür wird geſchloſ⸗ ſen, der Freund iſt davon und die kurze Freude vor⸗ über, Du biſt allein. „In welchem dieſer vielen Fen⸗ ſter des Hotels ſtrahlt ihr Licht?“ fragt er vielleicht ſich ſelbſt, während er die Straße hinab und vorüber geht. Er ſchreitet hinweg in das Rauchzimmer eines benachbarten Klubbs und ſucht dort den gewohnten Troſt einer Cigarre. Männer lärmen und ſprechen laut von Politik, Opernmädchen, Pferderennen, der abſcheu⸗ lichen Tyrannei des Comite's — und ſein Geheimniß mit ſich tragend, tritt er unter den Lärm. Schwatzet fort, jeder lauter als die Andern. Lärmet, reißt Witze. Lachet, erzählt eure Geſchichten. Es iſt ſeltſam, wenn man ſo ſeinen Platz nimmt mitten im Rauch und Ge⸗ tümmel und denken muß, daß Jeder hier höchſt wahr⸗ ſcheinlich ſein geheimes ego hat, das allein und bei Seite ſitzt, bei Seite im Nebenzimmer, fern von dem lauten Spiel, in das wir Andern einſtimmen! Während Arthur die Gänge des Hotels durchwan⸗ velte, fühlte er, wie der Aerger in ihm außſtieg. Der Gedanke empörte ihn, daß der alte Gentleman, den er jetzt treffen ſollte, ihn ſo zum Werkzeug und zur Marionette gemacht, und ſo ſeine Ehre und ſeinen guten Namen blosgeſtellt haben ſollte. Des alten Mannes Hand war ſehr kalt und ſchal, als Arthur ſie ergriff. Er huſtete und brummte über dem Feuer. Froſch konnte ihm ſeinen Schlafrock nicht ſo bringen, ſeine Papiere nicht ſo ordnen, wie der verdammte, vermaledeite, freche Schuft von Morgan. Der alte Gentleman beklagte ſich und verfluchte den undankbaren Morgan mit grämlichem Pathos. „Der verfluchte, unverſchämte Schuſt! Er war geſtern Nacht betrunken und forderte mich zum Duell heraus, Pen; und ich war bei Gott einen Augenblick ſo aufgeregt, daß ich meinte, ich ſollte ihm das Meſſer in den Leib ſtoßen; und der hölliſche Böſewicht hat, glaube ich, ſeine zehntauſend Pfund zuſammengebracht — und verdient gehangen zu werden, und wird's auch noch; aber der Teufel hole ihn, ich wollte, er hätte meine Zeit vollends bei mir ausgehalten. Er kannte alle meine Wege und, Gott verdamme mich, wenn ich nur die Klingel zog, brachte mir der verdammte Dieb pereits, was ich wollte — nicht wie der ſtupide deutſche Lümmel da. Und wie haſt Du Dir die Zeit auf dem Lande vertrieben? Biſt viel bei Lady Rockminſter ge⸗ weſen? Kannſt nichts Beſſeres thun. Sie iſt Eine von der alten Schule, vieille école, bonne école, he? Gott verdammmich, ſieziehen heute keine Ladies und Gentlemen mehr; und in fünfzig Jahren wird man kaum Einen vom Andern unterſcheiden. Aber meine Zeit halten ſie noch aus. Ich werd's nicht mehr lange treiben; ich werde ſehr alt, Pen, mein Junge; und Gott, ich dachte heute, daß, als ich meine kleine Bibliothek zuſammenpackte, ſich eine Bibel unter den Büchern findet, die meiner armen Mutter gehörte; ich würde wünſchen, daß Du ſie behielteſt, Pen. Ich dachte, Sir, Du werdeſt höchſt wahrſcheinlich das Futteral öffnen, wenn ſie Dein Ei⸗ genthum wäre und der alte Burſche unter dem Raſen ſchliefe, Sir,“ und der Major huſtete und ſchüttelte den alten Kopf über dem Feuer. 151 Sein Alter — ſeine Güte entwaffnete Pen's Aer⸗ ger in etwas und Arthur fühlte nicht wenig Gewiſſens⸗ biſſe ob der That, die er zu thun im Begriff war. Er wußte, daß die Srtlärung „die er zu thun hatte, die Lieblingshoffnung von des alten Gentleman's Leben zerſtören, und in ſeiner Bruſt Gefühle der Wehmuth erwecken mußte. „Nun — nun — mit mir iſt es bald aus, Sir,“ meinte der Aeltere, aber ich wünſchte noch eine Rede von Dir in den Times zu leſen, eh' ich gehe —, Mr. Pendennis ſagte, „ungewohnt, öffentlich aufzutreten⸗ — he, Sir? he, Arthur? Bei Gott, Du ſiehſt hölliſch gut und geſund aus, Junge. Ich ſagte immer, mein Bru⸗ der Jack würde die Familie wieder in's Geleiſe bringen. Du mußt in den Weſten hinab und den alten Grund⸗ beſitz kaufen, Sir. Mec tenui penna, he? Wir wol⸗ len wieder einen Flug thun, Sir — wollen wieder die Schwingen erheben — und, bei Gott, es ſollte mich nicht überraſchen, Dich noch als Baronet zu ſehen, be⸗ vor ich ſterbe.“ Seine Worte ergriffen Pen. „Und ich,“ dachte er, „ſoll des alten Burſchen Luftſchloß zuſammen wer⸗ fen? Nun, es muß ſein. Hier geht — Ich — ich ging in Ihre Wohnung in Burry Street, konnte Sie aber nicht finden,“ begann Pen langſam, „und ſprach mit Morgan, Onkel.“ „Das wäre!“ Des alten Gentlemann's Wange be⸗ gann ſich unwillkürlich zu röthen und er murmelte: „Die Katze iſt jetzt aus dem Sack, bei Gott.“ „Er erzählte mir eine Geſchichte, die mich im In⸗ nerſten überraſchte und verletzte,“ ſagte Pen. Der Major verſuchte gleichgiltig darein zu ſehen. — die Geſchichte von — von dem, wie heißt er doch ?„ „Von Miß Amory's Vater — von Lady Clavering's erſtem Manne, und wer und was er iſt.“ „Ha — eine verteufelt ungeſchickte Sache!“ ſagte 415⁵2 der alte Mann, ſich die Naſe reibend. „Ich — ich habe der — der vermaledeiten Sache ſchon ſeit einiger Zeit zugeſehen.“ „Ich wollte, ich hätte ſie früher gewußt, oder gar nie erfahren,“ ſagte Arthur traurig. „Er iſt noch ganz und unverſehrt,“ dachte der Se⸗ nior ſehr erleichtert. „Gott! Ich hätte gewünſcht, ſie Dir ganz vorzuenthalten, und auch den zwei armen Weibern, die bei der Geſchichte ſo unſchuldig, als neuge borne Kinder ſind.“ „Sie haben Recht. Es liegt kein Grund vor, warum ſie es hören ſollten und ich werde es ihnen nie ſagen, wenn nicht der Schuft von Morgan es vielleicht thut,“ ſagte Arthur trübſelig. „Er ſcheint geneigt, auf ſein Geheimniß ein Geſchäftchen zu machen und hat mir bereits Bedingungen in Betreff des Löſegeldes vor⸗ gelegt. Ich wollte, ich hätte die Sache früher gewußt, Sir. Es iſt für mich kein ſehr angenehmer Gedanke, mit der Tochter eines Sträflings engagirt zu ſein.“ „Dieß war eben der Grund, warum ich's Dir ver⸗ ſchwieg, mein lieber Junge. Aber Miß Amory iſt nicht die Tochter eines Sträflings, ſiehſt Du's nicht? Miß Amory iſt die Tochter der Lady Clavering mit fünfzig oder ſechzigtanſend Pfund; und ihr Stiefvater ein Ba⸗ ronet und Landedelmann von hohem Ruf, gibt der Par⸗ thie ſeinen Beifall und tritt ſeinem Schwiegerſohn ſeinen Sitz im Parkamente ab. Was kann man ſich Einfa⸗ cheres denken?“ „Iſt's wahr, Sir?“ „Bei Gott, ja es iſt wahr, natürlich iſt es wahr. Amory iſt todt. Ich ſage Dir, er iſt todt. Das erſte Lebenszeichen, das er gibt, iſt ſein Tod. Er kann nicht auftreten. Wir haben ihn hinter Schloß und Riegel wie den Burſchen im Schauſpiel — der Kritiker, he? Ein hölliſch amüſirendes Stück, der Kritiker. Ein mon⸗ ſtrös witziger Mann, der Sheridan; und das war auch 15³ ſein Sohn. Bei Gott, als ich auf dem Kap war, Sir, erinnere ich mich noch wohl —“ Des alten Gentleman's Redſeligkeit und Wunſch, Arthur nach dem Kap zu führen, ergab ſich vielleicht aus dem Verlangen, über den Gegenſtand, der ſeinem Neffen am meiſten am Herzen lag, hinwegzugehen; aber Arthur unterbrach ihn mit den Worten: „Wenn Sie mir die Geſchichte früher geſagt hätten, ſo glaube ich, Sie hätten mir und Ihnen viel Kummer und Täu⸗ ſchung erſpart und ich würde nicht in Banden feſige⸗ halten, die ich mit Ehren nicht von mir werfen kann.“ „Nein, bei Gott, wir haben Dich gefeſſelt — und ein Mann, der ſeinen Sitz im Parlament und ein hüb⸗ ſches Mädchen mit ein paar tauſend Pfund per Jahr im Trocknen hat, iſt nicht übel daran, das ſag' ich Dir,“ ſagte der Alte. „Großer Gott, Sir!“ ſagte Arthur; „ſind Sie blind? Sehen Sie nicht?“ „Was ſehen, junger Gentleman?“ fragte der Andere. „Sehen Sie, ehe ich auf das Geheimniß Amory's einen Handel eingehe,“ rief Arthur, „würd' ich lieber zu meinem Schwiegervater auf die Hulks gehen! Ehe ich als Belohnung für mein Stillſchweigen von Cla⸗ vering einen Sitz im Parlamente nähme, würde ich lie⸗ ber Löffel von der Tafel ſtehlen! Sehen Sie, daß Sie mir die Tochter eines Verbrechers zum Weibe gegeben, mich zur Armuth und Schande verurtheilt, meine Laufbahn, währendich vielleicht, während ſie vielleicht ohne Sie ſo ganz verſchieden geweſen wäre, verflucht haben! Sehen Sie nicht, daß wir ein ſchlechtes Spiel geſpielt haben und geprellt worden ſind ? — daß ich dadurch, daß ich mich erbot, dieß arme Mädchen zu heirathen wegen ihres Geldes und des Avancements, das ſie mir bringen ſollte, mich ſelbſt erniedrigt und meine Ehre preisge⸗ geben habe?“ 154 „Was um's Himmels Willen meinſt Du, Sir?“ rief der alte Mann. „Ich meine, daß es ein Maß von Niedertracht gibt, das ich nicht überſchreiten kann,“ ſagte Arthur. „Ich habe keine andere Worte dafür und bedaure, wenn ſie Sie verletzen. Ich habe ſeit Monaten gefühlt, daß mein Benehmen in dieſer Sache böſe, ſchmutzig, welt⸗ lich war. Ich werde zu rechter Zeit durch den Erfolg beſtraft und, nachdem ich mich für Geld und einen Sitz im Parlament verkauft habe, durch den Verluſt von Beidem.“ „Wie meinſt Du das, daß Du Beide verliereſt?“ rief der alte Gentleman. „Wer zum Henker ſoll Dir Deine Gelder oder Deinen Sitz im Parlamente, nehmen? bei G—, Clavering ſoll Dir ſie geben. Du ſollſt jeden Shilling von achzigtauſend Pfund haben.“ „Ich will mein Verſprechen der Miß Amory hal⸗ ten, Sir,“ ſagte Arthur. „Und, bei Gott, ihre Eltern werden Dir das ih⸗ rige halten.“ „Nicht doch, ſo Gott will!“ antwortete Arthur. „Ich habe geſündigt, ſo wahr mir Gott helfe, ich will nicht mehr ſündigen. Ich erlaſſe Clavering jenen Ver⸗ trag, der ohne mein Wiſſen gemacht wurde. Ich will nicht mehr Geld als Mitgift der Blanche nehmen, als ihr urſprünglich ausgeſetzt wurde, und will es verſu⸗ chen, ſie glücklich zu machen. Sie haben es gethan⸗ Sie haben dieß über mich gebracht, Sir. Aber Sie wußten es nicht beſſer, und ich vergebe —“ „Arthur — in Gottes — in Deines Vaters Na⸗ men, der, bei Gott, der ſtolzeſte Mann auf Erden war und die Ehre der Familie immer am Herzen hatte — in meinem — einem armen niedergebeugten Burſchen zu Lieb, der Dich immer hölliſch lieb hatte — wirf dieſen Vortheil nicht weg — ich bitte Dich, ich jlehe Dich, mein theurer, theurer Junge, wirf dieſen Vor⸗ theil nicht weg. Er macht Dein Glück. Du darſſt darauf rechnen, daß Du voran kommſt. Du wirſt 155⁵ Baronet werden: es ſind dreitauſend per Jahr: Gott verdamme mich, auf meinen Knieen flehe ich Dich an, thu' es nicht!“ Und der alte Mann ſank wirklich auf ſeine Kniee, ergriff Arthurs Hände und ſchaute kläglich zu ihm auf. Es war ſchmerzlich, die drückenden Hände, die runzliche, zitternde Miene, die alten weinenden, blinzelnden Augen zu ſehen, die gebrochene Stimme zu hören. „Ach, Sir,“ ſprach Arthur ſtöhnend, „Sie haben Kummer genug über mich gebracht, erſparen Sie mir dieſen. Sie haben gewünſcht, mich mit Blanche zu ver⸗ heirathen. Ich heirathe ſie. Um Gottes Willen, Sir, ſtehen Sie auf, ich kann es nicht ertragen.“ „Du — Du willſt ſagen, daß Du ſie als Beitlerin nehmen willſt und ſelbſt einer ſein?“ ſagte der Gentle⸗ man aufſtehend und heftig huſtend. „Ich ſehe auf ſie, als auf eine Perſon, der ein großes Unglück begegnet iſt und mit der ich verlobt bin. Sie kann Nichts für das Unglück; und ſie hatte mein Wort in ihrem Glück, und ich werd' es nicht zu⸗ rückziehen, nun ſie arm iſt. Ich will Clavering's Sitz nicht, wenn er mir ihn ſpäter nicht aus freiem Willen gibt; ich will keinen Shilling mehr, als ihre urſprüngliche Mitgift.“ „Sei ſo gut und ziehe die Klingel,“ ſagte der alte Gentleman. „Ich habe mein Beſtes gethan und ge⸗ ſagt, was ich zu ſagen hatte, ich bin ein verdammt al⸗ ter Burſche. Und — und es liegt Nichts daran. Und — und Shakeſpeare hatte Recht und Kardinal Wolſey, bei Gott — und hätte ich meinem Gott gedient, wie Dir, ja, auf meinen Knieen, beim Jupiter, vor meinem eignen Neffen, ich wäre vielleicht — gute Nacht, Sir, Du brauchſt bei mir nicht mehr anzurufen.“ Arthur ergriff ſeine Hand, die der alte Mann ihm ließ, ſie war ganz paſſiv und klebrig. Er ſah ſehr ge⸗ altert aus, und es ſchien, als ob der Streit und die Niederlage ihn ganz gebrochen hätten. Am nächſten Tage blieb er im Bett und weigerte ſich, ſeinen Neffen zu ſehen. Einunddreißigſtes Rapitel. In welchem die Verdecke ſich zu leeren beginnen. Als Pen am nächſten Morgen in ſeinem Schlafrock nach ſeiner Gewohnheit hinauf nach Warrington's Zim⸗ mern ging, um ſeinen Freund von dem Ausgange ſei⸗ ner Unterredung mit ſeinem Oheim am geſtrigen Abend in Kenntniß zu ſetzen und George wie gewöhnlich um ſeinen Rath und ſeine Anſicht zu fragen, war die Wä⸗ ſcherin Mrs. Flanagan die einzige Perſon, welche Ar⸗ thur in den lieben, alten Zimmern fand. George hatte einen Reiſeſack genommen und war fort. Seine Adreſſe ging an ſeines Bruvers Haus in Suffolk. Päcke mit der Adreſſe an die Zeitung und das Review, für wel⸗ che er ſchrieb, lagen auf dem Tiſche und wollten über⸗ liefert werden. „Ich fand ihn an dem Tiſche, als ich kam, den theuern Gentleman,“ ſagte Mrs. Flanagan, „wie er an ſeinen Papieren ſchrieb und eines der Lichter war aus⸗ gebrannt, und hart wie ſein Bett iſt, war er doch die ganze Nacht nicht darin, Sir.“ Wirklich, nachdem er in dem Klubb geſeſſen, bis der Lärm ihm unerträglich wurde, war George nach Hauſe gegangen, und hatte die Nacht damit hinge⸗ pracht, daß er eine Arbeit beendigte, die er zu machen hatte, und zu deren Vollendung er mit aller Macht hinſtrebte. Die Arbeit war fertig und die Nacht war vorüber und die zögernde Dämmerung des November⸗ morgens kam und beſuchte den jungen Mann, wie er an ſeinem Pulte ſaß. In dem nächſten Zeitungsblatt oder Vierteljahrsreview bewunderten Viele von uns 157 wahrſcheinlich das Werk ſeines Genie's, die Manchfal⸗ tigkeit ſeiner Beleuchtung, die ſtolze Kraft ſeiner Sa⸗ tyre, die Tiefe ſeiner Vernunft. Keine Spur ſeiner andern Gedanken, die ihn beſchäftigten oder bei ſeiner Arbeit begleiteten, fand ſich darin — ein noch muthi⸗ gerer Ton, als der gewöhnliche, eine bittrere und un⸗ geduldigere Satyre, als er ſpäter zeigte, mag die Ar⸗ beiten dieſer ſeiner Lebensperiode bezeichnen für die ſehr wenigen Leſer, welche ſeinen Styl oder Namen kannten. Wir haben vorhin geſagt, wenn wir des Mannes Ge⸗ fühle ſo gut als die Gedanken des Autors kenneten — wie intereſſant würden die meiſten Bücher ſein! — mehr intereſſant, als luſtig. Ich vermuthe, das Geſicht des Harlequins hinter ſeiner Maske iſt immer ernſt, wenn nicht trübſelig — gewiß jeder Mann, der von der Feder lebt, und dieß zufällig lieſt, muß, wenn er will, ſich an ſeine eigenen Erfahrungen erinnern und ſich manche feierliche Stunden der Einſamkeit und der Anſtrengung zurückrufen. Wie beharrlich ſaß doch die Sorge an ſeinem Pult und begleitete ihn! Fieber oder Siechthum lag vielleicht im nächſten Zimmer; ein kran⸗ kes Kind mochte dort ſein mit ſeiner Mutter, die er⸗ ſchreckt und im Gebet über ihm wachte: oder rang der Gram mit ihm, und der grauſame Nebel vor den Au⸗ gen ließ ihn das Papier, auf das er ſchrieb, kaum ſe⸗ hen, und die unerbittliche Nothwendigkeit trieb ſeine Feder. Wer unter uns hat nicht Nächte und Stunden wie dieſe gehabt ? Aber dem männlichen Sinn, ſo em⸗ pfindlich auch die Schmerzen ſind, werden ſie erträglich. So lang auch die Nacht ſcheint, der Tag dämmert doch zuletzt und die Wunden heilen und das Fieher läßt nach und die Ruhe kommt und Ihr könnt auf das vergan⸗ gene Elend mit Gefühlen zurückblicken, die Alles, nur nicht bitter ſind. Zwei oder drei Bücher, auf die er ſich bezog, Bruchſtücke eines zerriſſenen Manuſkripts, geöffnete 158 Schränke, Federn und Tinte, auf dem Löſchpapier halb ſichtbare Linien, ein Stückchen Siegellack, gekrümmt, zerbiſſen, und in Theilchen zerbrochen — ſolche Reli⸗ quien lagen auf dem Tiſch, und Pen warf ſich in George's leeren Stuhl — nach ſeiner Gewohnheit die Dinge umher bemerkend, oder drangen ſie ſich ihm von ſelbſt auf. Es war eine Lücke in dem Bücherſchrank (nächſt dem alten Plato aus dem Kolleg mit dem Bo⸗ niface⸗Wappen), wo Helen's Bibel zu ſtehen pflegte. Er hatte ſie mit ſich genommen, dachte Pen. Er wußte, warum ſein Freund fort war. Theurer, theurer alter George! Pen rieb ſich die Hand über den Augen. „O wie viel beſſer, wie viel beſſer, wie viel nobler iſt er, als ich,“ dachte er. Wo iſt ein ſolcher Freund, eine ſo wackere Seele? Wo werde ich eine ſo freimüthige Stimme, ein ſo herzliches Lachen hören? Wo werde ich je einen ſo ächten Gentleman finden? Kein Wunder, daß ſie ihn liebte, Gott ſegne ihn. Was war ich im Vergleich mit ihm, was konnte ſie anders thun, als ihn lieben? Am Ende unſrer Tage wollen wir ihre Brüder ſein, da das Schickſal will, daß wir mehr nicht ſein können. Wir wollen ihre Ritter ſein und ſie be⸗ dienen, und wenn wir alt ſind, wollen wir ihr ſagen, wie ſehr wir ſie geliebt. Theurer, theurer alter George!“ Als Pen in ſeine eigenen Zimmer hinabging, fiel ſein Auge auf den Briefſchalter ſeiner äußern Thür, welchen er vorher überſehen hatte, und hier war eine kleine Note an A. P. Esq. von George's wohlbekann⸗ ter Hand, George hatte ſie wahrſcheinlich in Pen's Schalter geſteckt, als er fortging. „Lieber Pen, ich habe den halben Weg in die Heimath zurückgelegt, wenn Sie frühſtücken, und will über Weihnachten in Norfolk oder anderswo bleiben. „Ich habe über den Ausgang der Geſchichten, von 1⁵9 denen wir geſtern in J. St. ſprachen, meine eigene Anſicht und halte meine Gegenwart de trop. Vale . „G. V. „Meine beſten Empfehlungen und Adieur an Ihre Couſine.“ Und ſo war denn George fort und die Wäſcherin Mrs. Flanagan herrſchte über die leeren Chambers. Pen mußte natürlich am Tage nach ihrer Unterre⸗ dung ſeinen Oheim beſuchen, und da er nicht zugelaſſen wurde, ging er natürlich auf Lady Rockminſter's Zim⸗ mer, wo die alte Lady alsbald nach Blaubart fragte und darauf beſtand, daß er zum Diner kommen ſollte. „Blaubart iſt fort,“ ſagte Pen, und zog des armen George's Gekritzel hervor und händigte es Laura ein, welche es anſah — ſie ſah dabei Pen nicht zur Erwi⸗ derung an, ſondern gab ihm das Papier zurück und ging hinaus. Pen ergoß ſich in ein beredtes Lob ſei⸗ nes theuern alten George gegen Lady Rockminſter, welche über ſeine Begeiſterung erſtaunt war. Sie hatte ihn nie ſo warm im Lobe Jemandes geſehen und ſagte ihm mit ihrem gewohnten Freimuth, ſie hätte nicht geglaubt, daß es in ſeiner Natur liege, ſich viel um andere Men⸗ ſchen zu bekümmern. Als Mr. Pendennis über den Waterlooplatz ging⸗ auf einem ſeiner vielen Gänge nach dem Hotel, wo Laura wohnte und wohin ihn die Pflicht gegen ſeinen Oheim jeden Tag führte, ſah Arthur von der Herren Gimcrack's berühmtem Laben einen Freund heraustre⸗ ten, der nach ſeinem Brougham von einem dienſtwilli⸗ gen Ladenjunker gefolgt wurde, welcher Sachen trug. Der Gentleman war in der tiefſten Trauer: der Brougham, der Kutſcher und das Pferd trauerten. Gram in behaglichen Umſtänden und unterſtützt von den komfortabelhafteſten Federn und Kiſſen, war verſinn⸗ licht in der Equipage und dem kleinen Gentleman, ih⸗ rem Eigenthümer⸗ „Was, Foker! Glück auf, Foker!“ rief Pen — der Leſer hat ohne Zweifel Arthurs alten Schulkameraden wieder erkannt — und er ſtreckte ſeine Hand nach dem Erben des kürzlich betrauerten John Henry Foker Esg., des Eigenthümers von Logwood und andrer Häuſer, des Haupttheilhabers der großen Brauerei von Fo⸗ ker & Comp. dem größern Theile von „Foker's Vollſud.“ Eine kleine Hand, bedeckt mit einem Handſchuh des tiefſten Schwarz und beſetzt mit drei Zoll eines ſchnee⸗ weißen Preißchens, wurde hervorgereckt, um Arthur's Gruß zu erwidern. Die andere kleine Hand hielt ein kleines Maroquingehäuſe, das ohne Zweifel etwas Koſt⸗ bares in ſich ſchloß, von dem Mr. Foker in der Herren Gimcracks Laden ſo eben Eigenthümer geworden war. Pen's ſcharfes Auge und Hang zur Satyre zeigten ihm mit einem Mal, welches Geſchäft Mr. Foker gemacht habe, und er dachte an den Erben im Horaz, welcher den aufgeſparten Wein von ſeines Vaters Fäſſern zum Beſten gab, und daß die Menſchennatur ſo ziemlich die gleiche iſt, in Regent Street, wie in der Via Sacra. „Le Boi est mort. Vive le Roil“ ſagte Ar⸗ thur. „Ach!“ ſagte der Andere. „Ja. Dank Dir — gar ehr verbunden. Wie geht's, Pen? — Sehr beſchäftigt — leb wohl!“ und er ſprang in den ſchwarzen Broug⸗ ham, und ſaß wie eine kleine ſchwarze Sorge hinter dem ſchwarzen Kutſcher. Er war erröthet, als er Pen ſah, und hatte noch andere Zeichen der Schuld und Ver⸗ wirrung gezeigt, welche Pen der Neuheit ſeiner Lage zuſchrieb, und über welche er in ſeiner gewohnten ſar⸗ doniſchen Manier Betrachtungen anzuſtellen begann. „Ja ſo macht's die Welt,“ dachte Pen, „der Stein ſchließt ſich über Heinrich den Vierten, und Heinrich der Fünfte herrſcht an ſeiner Statt. Die alten Mini⸗ ſter in der Brauerei kommen und knieen vor ihm mit 161 ihren Büchern; die Kärrner, ſeine Unterthanen, werfen ihre rothen Mützen empor und jubeln ihm zu. Welche ernſte Ehrerbietung und Theilnahme die Bankier und Rechtsleute zeigeni Es war ein zu großer Abſtand zwi⸗ ſchen Beiden, daß ſie einander hätten herzlich lieben können. So lange ein Mann den andern außer dem Bereiche von zwanzigtauſend per Jahr hält, muß der Jüngere immer nach der Krone ſich ſehnen, und der Wunſch muß der Vater zu dem Gebanken an den Beſitz ſein. Gott ſei Dank, zwiſchen mir und unſrer theuern Mutter, Laura, gab es keinen Gedanken an Geld.“ „Es konnte keinen gegeben haben. Sie würden ihn verachtet haben!“ ſagte Laura. „Warum machen Sie ſich ſelbſtſüchtiger, als Sie ſind, Pen, und erlauben Ihrem Geiſte, für einen Augenblick zu geſtehen, daß er ſolche — ſolche ſchreckliche Gemeinheit denken konnte. Sie machen mich erröthen für Sie, Arthur: Sie machen mich —“ ihre Augen vollendeten dieſen Satz und ſie fuhr mit ihrem Taſchentuch darüber. „Es gibt Wahrheiten, welche Frauen niemals an⸗ erkennen,“ ſagte Pen, „und von welchen ihre Beſchei⸗ denheit ſich immer abwendet. Ich ſage nicht, daß ich je das Gefühl kannte, nur daß ich froh bin, daß ich nicht die Verſuchung hatte. Liegt was Arges in dieſem Bekenntniß von Schwäche?“ „Wir werden alle gelehrt zu bitten: erlöſe uns von dem Uebel, Arthur,“ ſagte Laura mit leiſer Stimme. „Es freut mich, wenn Sie von dieſem großen Verbrechen nie verſucht wurden, und es thut mir Leid, nur zu denken, daß Sie nach irgend einer Möglichkeit dazu hätten verleitet werden können. Aber Sie konnten's nie, und Sie glauben nicht, daß Sie's konnten. Ihre Handlungen ſind gütig und edelmüthig, Sie verſchmähen gemeine Handlungen. Sie nehmen Blanche ohne Geld und ohne Beſtechung, ja, dem Himmel ſei's gedankt, theurer Bruder. Sie hätten ſich nicht verkaufen könnenz Pendennis, IW. 11 162 ich wußte, daß Sie's nicht konnten, wenn es zu Tage kam, und daß Sie es nicht thäten. Gelobt werde — wer Lob verdient, warum verfolgt Sie dieſe ſchreckliche Zweifelſucht? Warum Zweifel und Spott über Ihr eigenes Herz — über Jedermanns? O wenn Sie wüß⸗ ten, welchen Schmerz Sie mir bereiten — wie ich wa⸗ chend daliege und an die harten Urtheile denke, theurer Bruder, und wollte, ſie wären ungeſprochen, ungedacht.“ „Verurſache ich Ihnen viele Gedanken und Thränen, Laura?“ fragte Arthur. Die Fülle unſchuldiger Liebe entflrömte ihr bei der Erwiderung. Ein himmliſch reines Lächeln, ein Blick unausſprechlicher Zärtlichkeit, Theilnahme, Mitleids leuchtete auf ihrem Geſicht — welche Anzeigen von Liebe und Reinheit Arthur in ihr gewahrte und verehrte, wie man ſie bei einem Kinde beobachtet, wie man ſie bei einem Engel beobachten würde. „Ich weiß nicht, was ich gethan,“ ſagte er naiv, „daß ich ſo viel Intereſſe von zwei ſolchen Frauen ver⸗ diente. Es iſt wie unverdientes Lob, Laura — oder zu viel Glück, das Einem unheimlich macht — oder wie ein hoher Poſten, dem man ſich nicht gewachſen fühlt. Ach, Schweſter, ſchwach und ſchlimm find wir! Wie fleckenlos, voll Liebe und Treue hat der Himmel Sie geſchaffen! Ich glaube, für Eine von Euch gibt es kei⸗ nen Sündenfall!“ ſagte er, das bezaubernde Mädchen mit einem beinahe väterlichen Blicke der Bewunderung anſchauend. „Sie müſſen holdſelige Gedanken haben und Gutes thun. Theures Weſen! Dieß ſind die Blü⸗ then, die Sie tragen.“ „Und was ſonſt, Sir?“ fragte Laura. „Ich ſehe, wie ein Hohn über Ihre Miene ſchleicht. Wie kommt es? Warum treibt es alle gute Gedanken fort?“ „Ein Hohn? Ich dachte, meine Theure, daß die Natur wohl varan that, Sie ſo gut und liebenswürdig zu ſchaffen; aber —“ 163 „Aber was? Was iſt das gottloſe aber? Warum rufen Sie es immer auf?“ „Das Aber kommt wider unſern Willen. Aber iſt Reflerion. Aber iſt der Vertraute des Skeptikers, mit dem er einen Vertrag geſchloſſen hat; und wenn er ihn vergißt und ſich glücklichen Tagträumen hingibt, oder Luftſchlöſſer baut, oder auf eine liebliche Muſik oder das Glockenſpiel der Kirchen hört, klopft das Aber an die Thür und ſpricht: Herr, ich bin hier! Sie ſind mein Herr; aber ich bin der Ihrige. Gehen Sie, wohin Sie wollen, Sie reiſen nicht ohne mich. Ich flüſtre Ihnen zu, wenn Sie in der Kirche auf Ihren RKnieen liegen. Ich ſtehe an Ihrem Hochzeitkiſſen. Ich ſitze zu Tiſch mit Ihren Kindern. Ich laure hinter dem Vorhange an Ihrem Sterbebett. Das iſt das Aber!“ ſagte Pen. „Pen, Sie erſchrecken mich,“ rief Laura. „Wiſſen Sie, was Aber mir eben jetzt ſagte, als ich Sie anſah* Aber ſagte mir: wenn dieſes Mädchen ſo viel Verſtand, als Liebe hätte, ſo würde ſie Sie nicht mehr lieben. Wenn ſie Sie kennete, wie Sie ſind — ein beflecktes, ſelbſtſüchtiges Weſen, das Sie kennen — ſie müßte ſich von Ihnen wenden, und könnte keine Liebe, kein Mitgefühl mehr für Sie haben. Sagte ich nicht,“ fügte er zärtlich hinzu, „daß einige von Ihnen vom Sündenfall ſcheinen ausgenommen zu ſein? Liebe kennen Sie; aber die Kenntniß des Uebels iſt Ihnen vorenthalten.“ „Von was ſprechet Ihr, junge Leute?“ fragte Lady Rockminſter, die in dieſem Angenblick im Zimmer er⸗ ſchien, nachdem ſie, in der myhſtiſchen Zurückgezogen⸗ heit ihres Gemachs und unter den Händen ihrer Die⸗ nerin jene ſorgfältigen Toilettkünſte angewendet hatte, ohne welche die würdige Lady nie vor den Augen des Publikums erſchien. „Mr. Pendennis, Sie kommen im⸗ mer hieher!“ „Es iſt ſo vergnüglich hier zu ſein,“ ſagte Arthur; 164 „und wir ſprachen, als Sie hereintraten, eben von unſ⸗ rem Freunde Foker, den ich ſoeben getroffen habe; und der, wie Ihre Herrlichkeit weiß, ſeinem Vater auf dem Throne gefolgt iſt.“ „Er hat einen ſehr hübſchen Beſitz, hat ſeine Fünf⸗ zehntauſend per Jahr. Er iſt mein Vetter. Er iſt ein ſehr würdiger junger Mann. Er muß kommen und 15 beſuchen,“ ſagte Rockminſter mit einem Blicke auf aura. k „Er iſt ſeit vielen Jahren verſagt an ſeine Muhme ady —“ „Lady Ann iſt ein närriſches Tröpfchen,“ ſagte Lady Rockminſter mit vieler Würde; „und ich habe keine Geduld mit ihr. Sie hat allen Sinn für Geſellſchaft verletzt. Sie hat ihrem Vater das Herz gebrochen und jährliche Fünfzehntauſend weggeworfen.“ „Weggeworfen? Was iſt vorgefallen?“ fragte Pen. „Es wird in ein paar Tagen Stadtgeſpräch ſein, und ich brauche nicht länger ein Geheimniß daraus zu machen,“ ſagte Lady Rockminſter, die ein Dutzend Briefe über den Gegenſtand geſchrieben und empfangen hatte⸗ „Ich bekam geſtern einen Brief von meiner Tochter, die in Drummington blieb, bis alle Welt ſich genöthigt ſah, in Folge der furchtbaren Kataſtrophe, die dort Statt fand, ſich zu entfernen. Als Mr. Foker von Nizza nach Hauſe kam und nach dem Leichenbegängniß fiel Lady Ann vor ihrem Vater auf die Knie nieder und erklärte, daß ſie nie ihren Vetter heirathen könnte, daß ſie ihre Neigung einem Andern geſchenkt habe, und daß ſie lieber ſterben, als der Kontrakt erfüllen würde. Der arme Lord Roſherville, der in furchtbarer Verle⸗ genheit iſt, machte ſeine Tochter mit dem Stande der Dinge bekannt und ſiellte ihr die Nothwendigkeit vor, daß die Arrangements Statt finden ſollten, und ſchließ⸗ lich vermutheten wir Alle, daß ſie Vernunft angenommen und den Wünſchen ihrer Familie nachkommen würde. Aber was geſchah? Letzten Donnerstag ging ſie nach 165 dem Frühſtück mit ihrem Mädchen aus und verheirathete ſich in der Kirche von Drummington Park mit Mr. Hobſon, dem Kaplan ihres Vaters und Lehrer ihres Bruders, einem rothhaarigen Wittwer mit zwei Kindern. Der arme theure Roſherville iſt in einer furchtbaren Lage: er wünſcht, Henry Foker möchte Alice oder Bar⸗ bara heirathen; aber Alice trägt Spuren von den Kin⸗ derblattern und Barbara iſt zehn Jahre älter denn er. Und der junge Mann iſt jetzt natürlich ſein eigener Herr und wird ſelbſt eine Wahl für ſich treffen. Dieß iſt ein grauſamer Schlag für Lady Agnes. Sie iſt un⸗ tröſtlich. Sie hat das Haus in Großvenor Street auf Lebzeiten und ihr ſehr hübſches Wittwengehalt. Haben Sie ſie noch nicht geſprochen? Ja, ſie dinirte einmal bei Lady Clavering's — das erſte Mal, da ich Sie ſah, und ein ſehr unangenehmer junger Mann ſchienen Sie mir da. Aber ich habe Sie gezogen. Wir haben ihn gezogen, Laura, nicht wahr? Wo iſt der Blaubart? Laſſen Sie ihn kommen. Der ſchreckliche Grindley, der Zahnarzt, wird mich noch eine weitere Woche in der Stadt halten.“ Für den letzten Theil von ihrer Herrlichkeit Wor⸗ ten hatte Arthur kein Ohr. Er dachte, für wen wohl Foker die Schmuckſachen von dem Juwelier ausgenvm⸗ men habe? Warum wollte Harry ſich ihm entziehen? Konnte er der Neigung noch treu ſein, die ihn in ſolche Aufregung gebracht und vor anderthalb Jahren ins Ausland getrieben hatte? Pah! die Armbänder und Geſchenke waren für einige von Harry's alten Freun⸗ dinnen von der Oper des franzöſiſchen Theaters. Ge⸗ rüchte von Neapel und Paris, Gerüchte wie man ſie in den Rauchſtuben der Klubs weiter ſagt, hatten ge⸗ meldet, daß der junge Mann Zerſtreuungen gehabtz oder warf ſich der arme Schelm, von ſeiner tugendſamen Neigung ausgeſchloſſen, auf ſeine alten Genoſſen und Unterhaltungen zurück — er war nicht der erſte Mann, oder die erſte Dame, welche die Geſellſchaft zum Schlim⸗ . 166 men drängt, oder vom Guten abſchließt; nicht das erſte Opfer der ſelbſtiſchen und gottloſen Geſetze der Welt. Da das Gute, wenn es gethan werden muß, nicht ſchnell genug gethan werden kann, ſo war Laura ſehr darauf aus, daß Pen's Heirathsplane ſo bald als mög⸗ lich ausgeführt werden ſollten, und drang mit beinahe ſieberhafter Aengſtlichkeit auf ſeine Arrangements. Wa⸗ rum konnte ſie nicht warten? Pen konnte es mit voll⸗ kommenem Gleichmuth, aber Laura wollte von keinem Aufſchube wiſſen. Sie ſchrieb an Pen, ſie flehte Pen; ſie bot Allem auf, die Sache zu beſchleunigen. Es ſchien, als ob ſie nicht ruhen könnte, bis Arthur's Glück vollkommen wäre. Sie bot der theuerſten Blanche an, zu ihr nach Tunbridge zu kommen, und bei ihr zu bleiben, wenn Lady Rockminſter ihren beabſichtigten Beſuch bei dem regierenden Hauſe Rockminſter machen würde; und ob⸗ gleich die alte Wittwe ſchalt, verordnete und komman⸗ dirte, ſo war Laura gleichwohl taub und ungehorſam; ſie mußte nach Tunbridge gehen, ſie wollte nach Tun⸗ bridge gehen; ſie, die für gewöhnlich keinen eigenen Willen hatte, und ſich lächelnd in Jedermanns Launen und Grillen fügte, zeigte in dieſem Fall den ſelbſtſüch⸗ tigſten, eigenſinnigſten Entſchluß. Die verwittwete Lady mußte ſich in ihrem Rheumatismus ſelber pflegen, mußte ſich ſelbſt in Schlaf leſen; ſie wollte ihre Zofe nicht hören, da deren Stimme krächzte und ihr die ſentimen⸗ talen Stellen in den Novellen verdarb — Laura mußte gehen und bei ihrer neuen Schweſter ſein. In der nächßen Woche beabſichtigte ſie „unter vielen Grüßen und Empfehlungen an die theure Lady Clovering einige Zeit bei der theuerſten Blanche zuzubringen.“ Die theuerſte Blanche ſchrieb ſogleich auf der theuer⸗ ſten Laura Nro. 1., mit welchem Eatzücken ſie ihre Schweſter in ihre Arme ſchließen werde, wie herrlich es ſein werde, ihre alten Duette wieder mit einander durch⸗ zuſingen, auf dem Raſen zu luſtwandeln, unter den gel⸗ 167 benden Wäldern von Penhurſt und Southborough! Blanche zählte die Stunden, bis ſie ihre theuerſte Freundin umarmen könnte. Laura's Nro. 2. drückte ihre Freude über der theuer⸗ ſten Blanche's liebevolle Antwort aus. Sie hoffte, ihre Freundſchaft würde immer ſich gleich bleiben, ihr Ver⸗ trauen wachſen mit den Jahren, ſie würden keine Ge⸗ heimniſſe vor einander haben, die Aufgabe ihres Lebens würde ſein: eine Perſon glücklich zu machen. Blanche's Nro. 2. folgte in zwei Tagen. Entſetz⸗ lich! Ihr Haus war ſehr klein, die zwei Gaſtbetten von der garſtigen Mrs. Planter und ihrer Tochter beſetzt, der es eingefallen ſei, krank zu werden (ſie werde immer in Landhäuſern kranf) und könnte oder würde vor zwei Tagen nicht vom Platze zu bringen ſein. Laura's Nro. 3. fand es gleichfalls über die Maßen entſetzlich. Laura hatte gehofft, am Freitag eines der theuren Lieder der theuerſten Blanche zu hören, ließ ſich aber um ſo mehr troſten, da Lady Rockminſter unwohl war und von ihr gepflegt werden wollte. Der arme Major Pendennis war gleichfalls unwohl, in demſelben Hotel — unwohl, daß er ſelbſt Arthur nicht ſprechen wollte, der unabläßig bei ſeinem Onkel anrief. Arthur's Herz ſei voll Zuneigung und Zärtlichkeit. Sie hätte Arthur ihr Lebtage gekannt. Sie würde gut ſtehen — ja ſelbſt in Fraktur unterſchreiben und gutſtehen für ſeine Güte, Herzlichkeit und ſeinen Edelmuth.“ Blanche's Nro. 3. „Was ſoll der höchſt befremd⸗ liche, außerordentliche Brief von A. P.? Was weiß die theuerſte Laura davon? Was iſt vorgefallen? Wel⸗ ches Geheimniß iſt hinter ſeiner furchtbaren Zurückhal⸗ tung?“ 6Planche Nro. 3. bittet um Aufklärung und ſie kann nicht beſſer gegeben werden, als mit dem befremd⸗ lichen urd myſteriöſen Briefe von Arthur Pendennis. Pweiunddreißigſtes Rapitel Mr. und Mrs. Sam. Hurter, „Theure Blanche,“ ſchrieb Arthur. „Sie leſen und träumen immer hübſche Dramen und aufregende Romane im wirklichen Leben. Fühlen Sie ſich ſtark genug ſelbſt eine Rolle in einem zu ſpielen? Und nicht die vergnüglichſte Rolle, theure Blanche, die, in welcher die Heldin von ihres Vaters Palaſt und Mammon Be⸗ ſitz ergreift, und ihren Gemahl den loyalen Dienſtman⸗ nen und getreuen Vafallen vorſtellt und ihren glücklichen Bräutigam mit den Worten begrüßt: all das iſt mein und Dein — ſondern die andere, die der unglücklichen Lady, welche plötzlich entdeckt, daß ſie nicht des Fürſten Weib iſt, ſondern Claude Melnotte's des Bettlers, Al⸗ naſchar's Weib, die eben hereinkommt, während ihr Mann das Brett mit Porzellan, das ſein Glück machen ſollte, zu Boden geworfen, — aber halten Sie, Alna⸗ ſchar, der das Porzellan zu Boden warf, war kein ver⸗ heiratheter Mann, er hatte ſein Auge auf des Veziers Tochter geworfen, und ſeine Hoffnungen auf ſie gingen mit den zerbrochenen Schüſſeln und Theetaſſen zu Grund. Wollen Sie des Veziers Tochter ſein und Alnaſchar zurückweiſen und verhöhnen, oder die Lady von Lyons und den geldloſen Claude Melnotte lieben? Ich will dieſe Rolle ſpielen, wenn es Ihnen beliebt, ich will Sie dafür lieben von ganzem Herzen, ich will Allem auf⸗ bieten, um Ihnen Ihr beſcheidenes Leben glücklich zu machen: denn beſcheiden wird es ſein, wenigſtens iſt alle Wahrſcheinlichkeit gegen einen andern Schluß. Wir werden arm und proſaiſch leben und ſterbenz es wird keine Sterne und Epauletten für den Helden unſrer 169 Geſchichte geben; ich werde ein paar Geſchichten weiter ſchreiben, die dann alsbald der Vergeſſenheit anheim fallen, ich werde vor die Schranke gerufen werden und verſuchen, in meinem Berufe voran zu kommen; vielleicht erhalte ich eines Tags, wenn es recht glücklich geht, und ich ſehr hart arbeite, (was ja abſurd iſt) eine Stelle in einer Kolonie, und Sie werden vielleicht die Lady eines Richters in Oſtindien. Mittler Weile werde ich die Pall Mall⸗Gazette kaufen, die Herausgeber ſind ihrer müde ſeit dem Tode des armen Shandon, und werden ſie für eine geringe Summe abtreten. War⸗ rington wird meine rechte Hand und ich ſchreibe ſie zu einem reſpektabeln Verkaufs⸗Preis hinauf. Ich ſtelle Sie dann Mrs. Finucane, dem Weibe des Unterredakteurs, vor — einem ſehr hübſchen, ſanften Geſchöpf, das ein ſehr trau⸗ riges Leben leidlich durchlebt hat — und wirtrotten ſo fort, ſage ich, hoffen auf beſſere Zeiten und verdienen anſtän⸗ dig unſern Unterhalt. Sie haben dann die Opernlogen und führen die Oberaufſicht über die faſhionabeln Nach⸗ richten, und laſſen ſich in der Poetenecke das Herz bre⸗ chen. Wollen wir über der Redaktion wohnen? — Es ſind vier ſehr gute Zimmer, eine Küche und ein Dach⸗ ſtübchen für Laura in Katharine Street auf dem Strande? oder wollen Sie lieber ein Haus in der Waterloo Straße? — Es wäre ſehr angenehm, nur wird das Brückengeld von einem Halbpfennig dort erhoben. Die Jungen gehen dann in das King's College; nicht wahr? Sieht Ihnen nicht alles dies wie ein Scherz aus 2 „Ach, theure Blanche, es iſt kein Scherz, und ich bin nüchtern und ſpreche die reine Wahrheit. Unſre herrlichen Tagträume ſind dahin, unſer Wagen iſt wie der Cinderella's mit uns davon gerollt. Unſer Haus in Bel⸗ gravia von einem boshaften Kobold in die Luft entrückt, und ich bin nicht mehr ein Parlamentsmitglied, als ich ein Biſchof auf ſeiner Bank im Oberhauſe, oder ein Herzog mit dem Hoſenband am Kniebein. Sie wiſſen recht wohl, worin mein Eigenthum und Ihre eignen kleinen 170 Glücksgüter beſtehen: mit dieſen beiden können wir genug haben, um in anſtändigem Comfort zu leben, können manchmal ein Cab nehmen, wenn wir ausgehen, um unſre Freunde zu beſuchen, und brauchen uns nicht einen Omnibus zu verſagen, wenn wir müde ſind. Aber das iſt auch Alles: iſt das genug für Sie, meine kleine, zärtliche Lady? Ich zweifle manchmal, ob Sie das Leben ertragen können, das ich Ihnen anbiete, wenig⸗ ſtens verlangt es die Ehrenhaftigkeit, daß Sie wiſſen, worin es beſteht. Wenn Sie ſagen: Ja, Arthur, ich will Dir folgen, was auch Dein Schickſal iſt, und will Dein treues und liebendes Weib ſein, um Dich zu un⸗ terſtützen und zu erfreuen — ſo kommen Sie zu mir, theure Blanche, und Gott ſtehe mir bei, daß ich meine Pflicht gegen Sie erfülle; wollen Sie aber nicht und ſehen Sie nach einer höhern Stellung empor, ſo darf ich Blanche's Glück nicht im Wege ſtehen — ich will dann unter die Menge treten, und ſehen, wie Ihre Herr⸗ lichkeit zu Hofe fährt, um vorgeſtellt zu werden, und mich von Ihrem Wagenfenſter mit einem Lächeln beehrt. Ich ſah letzte Saiſon Lady Mirabel in den Hofcirkel fahren, den glücklichen Gemahl an der Seite, von Ster⸗ nen und Bändern glitzernd, alle Blumen im Garten blühten an des Kutſchers Bruſt. Wollen Sie dieſe und den Wagen? oder zu Fuße gehen und Ihres Mannes Strümpfe flicken? „Ich kann Ihnen jetzt nicht ſagen — ſpäter viel⸗ leicht, ſollte der Tag kommen, wo wir keine Geheimniſſe vor einander haben werden — was innerhalb der letz⸗ ten Stunden vorgefallen iſt und alle meine Ausſichten vernichtet hat: wahr aber iſt, daß ich etwas erfahren habe, das mich nöthigt, auf meine Plane und viele eitle und ehrgeizige Hoffnungen, denen ich mich hinge⸗ geben hatte, zu verzichten. Ich habe an Sir Franeis Clavering einen Brief geſchrieben und abgeſendet mit dem Bedeuten, daß ich ſeinen Sitz im Parlament nicht annehmen kann, bis ich verheirathet bin. Ebenſo kann 171 . und will ich keine großere Mitgift mit Ihnen annehmen, als die Summe beträgt, die Ihnen immer, ſeit ihres Großvaters Tod und der Geburt Ihres Halbbruders zugehörte. Ihre gute Mutter weiß nicht im geringſten — und erfährt hoffentlich nie — die Gründe, welche mich zu dieſem ſehr auffallenden Entſchluſſe nöthigen, ſie ergeben ſich aus einem peinlichen Umſtand, der uns nicht zu Schuld fällt, der aber ein Mal beſtehtz ſo find jene ſo verhängnißvoll und unabänderlich, als der Stoß, der des ehrlichen Alnaſchar's Porzellan über'n Haufen warf, und alle ſeine Hoffnungen ſo vernichtete, daß an eine Rettung nicht zu denken war. Ich ſchreibe ziem⸗ lich heiter, denn was hilft es, ein ſo hoffnungsloſes Mißgeſchick zu beklagen? Wir haben nicht das große Loos gezogen, theure Blanche, aber ich werde zufrieden ſein ohne daſſelbe, wenn Sie es ſein können; und ich wiederhole von ganzem Herzen, daß ich Alles thun werde, Sie glücklich zu machen. „Und nun, welche Neuigkeiten ſoll ich Ihnen ge⸗ ben? Mein Onkel iſt ſehr unwohl und nimmt meine Verweigerung des Sitzes im Parlament ſehr übel auf. Der Plan kommt von ihm, dem armen, alten Gentle⸗ man, und er beklagt natürlich das Mißlingen deſſelben. Aber Warrington, Laura und ich hielten Kriegsrath, Sie kennen das furchtbare Geheimniß und unterflützen mich in meinem Entſchluſſe. Sie müſſen George lieben, wie Sie Alles lieben, was edelmüthig, aufrichtig und nobel iſt, und was Laura betrifft — ſo muß ſie unſere Schweſter ſein, Blanche, unſere Heilige, unſer guter Engel. Mit zwei ſolchen Freunden zu Hauſe, was brauchen wir uns zu kümmern um die Welt da drau⸗ ßen, wer Parlamentsmitglied von Clavering iſt, oder wer zu den großen Bällen der Saiſon gebeten oder nicht gebeten wird?“ Auf dieſe freimüthige Mittheilung kam der Brief von Blanche an Laura und einer an Pen ſelbſt, der vielleicht ſeinen eigenen Brief rechtfertigte. „Sie ſind 172 von der Welt verzogen worden,“ ſchrieb Blanche; „Sie lieben Ihre arme Blanche nicht, wie ſie geliebt zu wer⸗ den wünſchte, oder Sie würden ihr nicht ſo leicht hin anbieten, ſie zu nehmen oder ſie zu verlaſſen. Nein, Arthur, Sie lieben mich nicht — ein Mann von Welt, haben Sie mir Ihre Treue verpfändet, und find bereit, Ihr Wort zu löſen; aber jene völlige Zuneigung, jene Liebe, ganz und dauernd, wo — wo iſt dieſes Traum⸗ bild meiner Jugend? Ich bin blos ein Zeitvertreib für Sie, und ich wollte Ihr Alles ſein; — nur ein flüchtiger Gedanke, und ich wollte Ihre ganze Seele beſitzen. Ich wünſchte, daß unſere zwei Herzen eines wären; aber, ach! mein Arthur, wie einſam das Ihrige iſt! wie wenig Sie mir davon geben! Sie ſprechen von unſrem Scheiden mit einem Lächeln auf Ihrer Lippe; von unſerem Wiederſehen, und es treibt Sie nicht, daſſelbe zu beſchleunigen. Iſt denn das Leben eine bloße disillusion, (eine Enttäuſchung)? Sind die Blu⸗ men unſeres Gartens ſchon verwelkt? Ich habe ge⸗ weint — ich habe gebetet — ich habe ſchlafloſe Stun⸗ den durchwacht — ich habe bittere, bittere Thränen uͤber Ihren Brief vergoſſen! Ihnen bringe ich die ſtrö⸗ mende Poeſie meines Daſeins — das Schmachten der Seele nach Liebe! Jene Sehnſucht nach Liebe, Liebe, Liebe über Alles! — die ſich zu Ihren Füßen wirft und ruft: Liebe mich, Arthur! Ihr Herz ſchlägt nicht ungeſtümer bei dem flehenden Rufe meiner Liebe! — Ihr ſtolzes Auge iſt von keiner Thräne des Mitgefühls umnebelt! Sie nehmen das Kleinod meiner Seele hin, als ob es eine Schlacke wäre! nicht die Perlen aus den unergründlichen Tiefen der Affektion! nicht die De⸗ mante aus den unergründlichen Tiefen meines Herzens. Sie behandeln mich wie eine Sclavin und laſſen mich vormeinem Gebieter mich beugen! Iſt pieß der Liebesſold eines freien Mädchens? — Iſt dieß der Preis der Leidenſchaft eines vollen Lebens? Wehe mir! Wann iſt es anders ge⸗ weſen? Wann wurde die Liebe mit etwas Anderem, als 173 getäuſchter Hoffnung gelohnt? Konnte ich Thörin ein anderes Loos als mein Geſchlecht erwarten? Und lag meine fieberiſche Stirn an einem Herzen, das das mei⸗ nige begriff? Thörichtes Mädchen, das ich war! Eine nach der andern welkten die Blüthen meines jungen Le⸗ bens dahin, und dieſe, die letzte, die holdeſte, die theuerſte, die zärtlich, die wahnſinnig geliebte und gepflegte — wo iſt ſie? Aber nichts mehr davon. Kümmern Sie ſich nicht um mein blutendes Herz! Gott ſegne Sie, ſegne Sie immer und ewiglich, Arthur. Ich will mehr ſchreiben, wenn ich mich mehr gefaßt habe. Mein gefoltertes Gehirn macht das Denken beinahe unmöglich. Mich verlangt, Laura zu ſehen. Sie wird zu uns kom⸗ men, wenn wir vom Lande zurückkehren. Nicht wahr? Und Sie, Kalter!“ Die Worte dieſes Briefes waren vollkommen klar und von Blanche's niedlichſter Hand auf durchduftetes Papier geſchrieben, und doch brachte der Inhalt des Briefes Pen in nicht geringe Verwirrung. War Blanche gemeint, ſein höfliches Anerbieten anzunehmen oder abzuweiſen? Ihre Ausdrücke beſagten entweder, duß Pen ſie nicht liebte, und daß ſie ihm abſagte, oder daß ſie ihn nehme, und ihm, ſo kalt er auch ſei, Alles zum Opfer bringe. Er lachte ſardoniſch über den Brief und den Handel, der ihn veranlaßte. Er lachte bei dem Gedanken, wie Fortuna ihn foppte und wie er ihren Unbeſtand verdiente. Er wendete das duftende, gold⸗ randige Räthſel hin und her. Es amüſirte ſeine Laune, * hatte ſeine Freude daran, wie an einer luſtigen Ge⸗ chichte. Er ſaß ſo da, indem er das wunderliche Manu⸗ ſeript in ſeiner Hand leicht berührte und grimmig ſich ſelbſt verhöhnte, als ſein Diener mit einer Karte von einem Gentleman kam, der ihn angelegentlichſt zu ſpre⸗ chen wünſchte. Und wenn Penn hinaus in den Gang getreten wäre, ſo hätte er, an ſeinem Stocke ſaugend, und die Augen rollend mit den Symptomen großer Aengſt⸗ * 174 lichkeit ſeinen alten Bekannten Mr. Samuel Hurter geſehen. „Mr. Huxter in einer beſonderen Angelegen⸗ heit! Bitten Sie doch Mr. Hurter einzutreten,“ ſagte Pen amüſirt, und noch mehr, als der alte Sam ſelber vor ihm erſchien. „Bitte, nehmen Sie einen Stuhl, Mr. Huxter,“ ſagte Pen auf ſeine glänzendſte Manier. „Mit was kann ich Ihnen dienen ?“ „Ich will lieber nicht ſprechen, bis der Lümmel — bis der Mann — Mr. Pendennis,“ worauf Mr. Arthur's Bedienter das Zimmer verließ. „Ich bin auf's Trockene gerathen,“ ſagte Mr. Hux⸗ ter trübſinnig. „Das wäre!“ „Sie ſendet mich zu Ihnen,⸗ fiht der junge Wundarzt fort. „Wie, Fanny? Iſt ſie wohl? Ich wollte immer ſie beſuchen, habe aber ſeit meiner Rückkehr nach Lon⸗ don ſo viel Geſchäfte gehabt.“ „Ich hörte von Ihnen durch meinen Alten und Jack Hobnell,“ begann Hurter wieder. „Ich gratulire Ihnen, Mr. Pendennis, ſowohl zu dem Flecken als zu der Lady, Sir. Fanny gratulirt auch,“ fuhr er mit iger Erröthen fort. „Es iſt noch weit von der Taſſe bis zur Lippe! Wer weiß, was noch geſchieht, Mr. Hurter, oder wer für Clavering in nächſter Seſſion im Parlament ſitzen wird?“ „Sie können meinen Alten um den Finger wickeln,“ fuhr Mr. Huxter fort. „Sie ließen ihn nach Clavering Park rufen. Der alte Knabe war ſehr erfreut darüber, Sir. Hobnell ſchrieb mir ſo. Meinen Sie nicht, Sie könnten mit meinem Alten für mich ſprechen, Mr. Pen⸗ dennis?“ „Und was ſoll ich ihm ſagen?“ „Ich bin hingegangen und hab's gethan, Sir,“ ſagte Parter mit einem beſondern Blicke. * 1⁵⁵ „Sie — Sie wollen doch nicht ſagen — Sie hät⸗ ten dem lieben Geſchöpfchen was zu Leid gethan, Sir?“ rief Pen, in großer Wuth auffahrend. „Ich hoffe nicht,“ ſagte Hurter mit langem Ge⸗ ſicht; „aber ich habe ſie geheiräthet. Und ich weiß, daß daheim ein gewaltiger Rauch darüber aufſteigen wird. Es war ausgemacht, daß ich in die Genoſſen⸗ ſchaft des Geſchäftes ſollte aufgenommen werden, wenn ich das Kolleg hinter mir hätte und es dann heißen ſollte Hurter und Sohn. Aber ich wollte es ſo haben, Gott verdamm' mich. Nun iſt Alles vorbei und der alte Knabe hat mir geſchrieben, daß er wegen Arznei⸗ waaren in die Stadt kommen wolle; er wird morgen hier ſein und dann muß Alles an's Tageslicht kommen.“ „Und wenn dieß geſchieht?“ fragte Pen, höchſt⸗ wahrſcheinlich nicht überglücklich, daß eine Perſon, welcher einſtens ein Theil ſeiner königlichen Gnade ſich zugewendet, ihre Treue übergetragen und ſich für ihren Verluſt getröſtet habe. „Letzten Donnerstag war es fünf Wochen — zwei Tage nach Miß Amory's Beſuch in der Shepherd's Inn,“ ſagte Hurter. Pen erinnerte ſich, daß Blanche davon geſchrieben und ihres Beſuches erwähnt habe. „Ich wurde herein gerufen,“ ſagte Hurter. „Ich war in der Inn, um nach des alten Cos's Bein zu ſehen und nach ſonſt noch was — hochſt wahrſcheinlich; und da traf ich Strong, der mir ſagte, daß auf den Chambers ein Frauenzim⸗ mer unwohl geworden ſei, und ich ging hinauf, um ihr die Dienſte meines Berufes zu leiſten. Es war die alte Lady, welche Miß Amorh begleitet — ihre Haushälterin oder ſo Etwas. Sie hatte einen gewal⸗ tigen Anfall von Hyflerie, und ich fand ſie zappelnd und ſchreiend, wie wenn ſie in Kindesnöthen wäre — auf Strong's Zimmer mit ihm und Oberſt Altamont, und Miß Amory weinend und ſo blaß, wie ein Leilaken — und Altamont dampfte im Zimmer umher — ſie 176 zappelte förmlich. Sie waren zwei Stunden in den Chambers, und die alte Frau fuhr jammernd in einem Cab davon. Sie war viel ärger daran, als das junge Frauenzimmer. Ich ſprach nächſten Tag in Grosvenor Place ein, um zu ſehen, ob ich nicht einige Dienſte leiſten könnte, aber ſie waren fort, ohne mir nur „gro⸗ ßen Dank“ zu ſagen; und den andern Tag hatte ich meinem eigenen Geſchäfte nachzugehen — „auch ein ſchlimmes Geſchäft,“ ſagte Mr. Hurter traurig. „Aber es iſt geſchehen und ich kann es nicht mehr ungeſchehen machen; und wir müſſen es, ſo gut wir's können, zum Beſten wenden.“ Sie weiß die Geſchichte ſeit einem Monat, dachte Pen mit einer ſcharfen Beklemmung von Schmerz und traurigem Mitgefühl — dieß erklärt ihren heutigen Brief. Sie will ihren Vater nicht mit in's Spiel hringen, will ſein Geheimniß nicht auskommen laſſen; ſie wünſcht, mich von der Heirath zu enthinden — und findet einen Vorwand — das edelmüthige Mädchen! „Wiſſen Sie, wer Altamont iſt, Sir?“ fragte Hur⸗ ter nach einer Pauſe, während welcher Pen über ſeine eigenen Angelegenheiten nachgedacht hatte. „Fannh und ich haben über ihn geſprochen und wir können's uns nicht anders denken, als daß er Mrs. Lightfoot's erſter Mann und von den Todten auferſtanden iſt, und ſie hat jetzt einen zweiten geheirathet. Vielleicht iſt Lightfoot nicht ſehr betrübt darüber,“ ſeufzte Huxter mit einem boshaften Blicke auf Arthur: denn der Eifer⸗ ſh hielt immer noch ſeine Seele beſeſſen, und etzt mehr, denn je ſeit ſeiner Heirath, bildete ſich der arme Teufel ein, daß Fanny's Herz noch ſeinem Neben⸗ buhler gehöre. „Sprechen wir von andern Dingen!“ ſagte Pen. „Zeigen Sie mir, wie ich Ihnen zu Dienſte ſein kann, Hur⸗ ter. Empfangen Sie meine Glückwünſche zu ihrer Heirath. Ich danke Gott, daß Fanny, die ein ſo gutes, bezaubern⸗ des, ſeelengutes Geſchöpf iſt, einen ehrlichen Mann 177 und einen Gentleman gefunden hat, der ſie glücklich machen will. Zeigen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann.“ „Sie meint, Sir, Sie könnten,“ ſagte Hurter, indem er Pen's dargebotene Hand annahm, „und ich bin Ihnen ſehr verbunden, ſo viel iſt gewiß, und Sie könnten bei meinem Vater mir für vas Geſchäft vie Bahn brechen und ihn und meine Mutter, welche die Naſe hoch trägt, weil ſie eines Pfarrers Tochter iſt, herumbringen. Fanny iſt nicht von guter Familie, ich weiß es, und an Bildung uns nicht gleich und ſo — aber ſie iſt jetzt eine Hurter.“ „Das Weib erhält natürlich den Rang des Man⸗ nes,“ ſagte Pen. „Und mit ein wenig Uebung in der Geſellſchaft,“ fuhr Hurter fort, indem er an ſeinem Stocke ſog, „wird ſie ſo gut werden, als irgend ein Mädchen in Clavering iſt. Sie ſollten ſie ſingen und auf dem Clavier ſpielen hören. Haben Sie's nie gehört? Der alte Bows war ihr Lehrer. Und ſie will auf's Theater gehen, wenn mein Alter mir die Thüre weist, aber ich möchte ſie nicht dort haben. Sie kann Nichts dafür, daß ſie eine Koquette iſt, Mr. Pendennis, ſie kann Nichts dafür. Gott verdamm' mich, Sir! Ich bin gut dafür, daß zwei oder drei von meinen Kameraden vom Bartholv⸗ mew, die ich dort eingeführt habe, jetzt bei ihr ſitzen; ſelbſt Jack Linton, den ich für meinen beſten Freund hielt, iſt ſo ſchlimm als die andern und ſie wird auch für ihn ſingen und Augen an ihn hin machen. 's iſt, wie Bows ſagt, wenn zwanzig Männer im Zimmer ſind, und Einer keine Notiz von ihr nimmt, ſo würde ſie nicht ruhen, bis der Zwanzigſte an ihrem Elbogen ſtünde.“ „Sie ſollten Ihre Mutter bei ſich haben,“ ſagte Pen lachend. „Sie muß in der Lodge bleiben. Sie kann nicht mehr ſo viel nach ihrer Familie ſehen, als ſie ſonſt ge⸗ Pendennis. w. 12 178 than. Ich kann, wiſſen Sie, nicht mit den Leuten ſo forthaudern. Bedenken Sie meinen Rang im Leben,“ ſagte Hurter, indem er mit einer ſehr ſchmutzigen Hand ſein Kinn ſtützte. „Au fait,“ ſagte Mr. Pen, der unendlich amüſirt war, und dem mutato nomine (und natürlich ſonſt Niemanden in der Welt) die Fabel gleichfalls gelten konnte. Während die beiden Gentlemen noch in dieſer Un⸗ terredung begriffen waren, kam ein zweites Pochen an die Thüre und der Diener kündigte alsbald Mr. Bows an. Der alte Mann folgte langſam, ſein blaſſes Ge⸗ ſicht erröthete und ſeine Hand zitterte etwas, als er Pen's Hand ergriff. Er huſtete und wiſchte ſich mit ſeinem gewürfelten Kattunſacktuche das Geſicht, und ſetzte ſich, während er beide Hände über die Knie ſchlug und die Sonne ſeinen Glatzkopf beſchien. Pen blickte die ſchlichte Geſtalt mit nicht gerin⸗ ger Theilnahme und Freundlichkeit an. Auch dieſer Mann hat ſeine Schmerzen und ſeine Wunden, dachte Arthur. Auch dieſer Mann hat Kopf und Herz auf⸗ geboten und einem Weibe zu Füßen gelegt und von ihr einen Tritt bekommen. Das Spiel des Lebens war gegen ihn und den Gewinn hat jenes Geſchöpf dort ein⸗ geſtrichen. Fanny's Bräutigam, ſo ſtumm angeſprochen, hatte mittler Weile mit einem Auge dem alten Bows gewinkt und mit ſeinem Lieblingsſtock Grübchen in den Boden getrieben. „So haben wir denn verloren, Mr. Bows, und hier iſt der glückliche Gewinner,“ ſagte Pen, indem er den alten Mann ſcharf anſah. „Hier iſt der glückliche Gewinner, Sir, wie Sie agen.“ „Sie kommen vermuthlich von meiner Wohnung?“ fragte Hurter, der, nachdem er Bows mit dem einen Auge gewinkt, nun Pen mit einem Winke des andern beehrte — womit er ſagen wollte: „der bethörte alte 179 e — Sie verſtehen mich — bis über die Ohren in ſie erliebt — der arme, alte Narr.“ „Ja, ich bin dort geweſen, ſeit Sie fort ſind. Mrs. Sam hat mich Ihnen nachgeſchickt und geſagt, ſie dächte, Sie könnten was Dummes machen — Etwas, das Ihnen gleich ſähe, Hurter.“ „Die ſind ſo volle Narren als ich,“ brummte der junge Wundarzt. „Einige vielleicht,“ meinte der alte Mann; „nicht Viele, wollen wir hoffen. Ja, ſie ſandte mich Ihnen nach aus Furcht, Sie möchten Mr. Pendennis beleidi⸗ gen, und ich darf wohl ſagen, weil ſie glaubte, Sie würden ihre Botſchaft nicht an ihn ausrichten und ihn bitten, Sie zu beſuchen, und ſie wußte, daß ich Ihren Auftrag übernehmen würde. Hat er Ihnen das aus⸗ gerichtet?“ Hurter wurde roth wie Scharlach und ſuchte ſeine Verwirrung hinter einem Fluche zu verſiecken. Pen die Szene ſagte ſeinem bittern Humor mehr und mehr zu. „Ich zweifle nicht, daß Mr. Hurter es mir ſagen wollte,“ ſagte Arthur, „und bin in der That ſehr ge⸗ ſchmeichelt, daß ich ſeinem Weibe meine Aufwartung machen ſoll.“ „Es iſt in Charterhouſe Lane, über dem Bäcker, rechter Hand, wenn Sie von St. John's Street kom⸗ men,“ fuhr Bows unbarmherzig fort. „Sie kennen Smithfield, Mr. Pendennis? St. John's Street führt nach Smithfield, Doctor Johnſon iſt oft mit zerriſſenen Schuhen und einem Bündel Federn die Straße hinab, um dem „Gent's Magazin“ Futter zu bringen. Ihr Literaten ſeid heutzutage beſſer dran — he? Ihr fahret in euern Cabs und habt gelbe bocklederne Hand⸗ ſchuhe an.“ „Ich habe ſo manche brave und gute Männer un⸗ glücklich und ſo viele Pfuſcher und Betrüger Erfolg haben ſehen, daß Sie ſich täuſchen, wenn Sie glauben, 180 daß ich durch mein eigenes Glück aufgebläht ſei, alter Freund,“ ſagte Arthur traurig. „Glauben Sie, daß im Leben immer die Verdienteſten den Preis davon tragen? Daß man das Glück als Probirſtein des Ver⸗ dienſtes anlegen dürfe? Sie müſſen fühlen, daß Sie ſo gut ſind als ich. Ich habe es nie in Frage geſtellt. Sie ſind ſo mürriſch gegen die Grillen des Glücks und murren über das Glück, das Andern zufällt. Es iſt nicht das erſte Mal, daß Sie mich ungerecht anklagen, Bows.“ „Vielleicht haben Sie nicht ſo ganz Unrecht, Sir,“ ſagte der alte Geſelle, indem er ſich die kahle Stirn wiſchte. „Ich denke an mich und bin unwirſch; die meiſten Leute thun das, wenn ſie auf dieſes Kapitel zu ſprechen kommen. Hier iſt der Burſche, der das große Lvos gezogen hat; hier iſt der glückliche Jüngling!“ „Ich weiß nicht, wohin Sie es abgeſehen haben,“ ſagte Hurter, der über die obigen Bemerkungen, die zwiſchen ſeinen zwei Geſellſchaftern gewechſelt wurden, nicht wenig verdutzt war. „Vielleicht nicht,“ ſagte Bows trocken. „Mrs. Sam ſandte mich her, um nach Ihnen zu ſehen, daß Sie gewiß die kleine Botſchaft an Mr. Pendennis aus⸗ richten, was Sie, wie ich ſehe, nicht gethan haben, und ſo hatte ſie Recht. Weiber haben immer Recht, ſie haben immer einen Grund für Alles. Ei, Sir,“ ſagte er, ſich höhniſch gegen Pen wendend, ſie hatte auch einen Grund dafür, daß ſie mir dieſe Botſchaft gab. Ich ſaß, nachdem Sie uns verlaſſen hatten, ganz ruhig und behaglich bei ihr; ich ſchwatzte und ſie flickte Ihre Hemden, als zwei junge Freunde, Jack Linton und Bob Blades von Bartholomew's, herein guckten, und nun fand ſie heraus, daß ſie dieſe Botſchaft an Sie zu ſenden hätte. Sie brauchen ſich nicht zu beeilen, ſie braucht Sie nicht ſo bald daheim, ſie werden die zwei Stunden blei⸗ ben, darf ich wohl ſagen.“ Hurter ſtand bei dieſer Kunde in großer Verwir⸗ 18¹ rung auf, warf ſeinen Stock in die Taſche ſeines Pale⸗ tot's und griff nach ſeinem Hut. „Sie kommen und beſuchen uns, Sir, nicht wahr?“ ſogte er zu Pen. „Sie bereden mir meinen Alten, nicht wahr, Sir, ob ich nicht von da fort und hinab nach Cavering kann?“ „Sie verſprechen mir, mich gratis zu behandeln, wenn in Fairvaks krank werde, nicht wahr, Hurter?“ ſagte Pen gutmüthig. „Ich will Alles für Sie thun, was ich kann. Ich will ſogleich kommen und Mrs. Huxter beſuchen, und wir wollen zuſammen konſpiriren, was zu thun iſt.“ „Ich dachte gleich, das werde ihn auf die Beine bringen, Sir.“ ſagte Bows, indem er wieder in den Stuhl zurückſank, ſobald der junge Wundarzt das Zim⸗ mer verlaſſen hatte. „Und Alles iſt wahr, Sir, — jedes Wort! Sie will Sie wieder zurückhaben und ſendet ihren Mann nach Ihnen. Sie kajolirt Jeder⸗ mann, der kleine Teufel. Sie verſucht's mit Ihnen, mit mir, mit dem armen Coſtigan, mit den jungen Laffen von Bartholomew's. Sie hat bereils aus ihnen einen kleinen Hof um ſich verſammelt. Und wenn ſon Niemand da iſt, ſo treibt ſie's mit dem alten deutſchen Bäcker in dem Laden, oder liebäugelt mit dem ſchwar⸗ zen Schornſteinfeger über der Straße.“ „Sieht ſie dieſen Burſchen gern?“ fragte Pen. „Da fragt man nicht nach Mögen oder Nicht⸗ mögen,“ antwortete Bows. „Ja, ſie ſieht ihn gern, und da ſie ſich einmal das Ding in den Kopf geſetzt hatte, ſo ruhte ſie nicht, bis ſie mit ihm verheirathet war. Sie hatten ihre Aufgebote in St. Clement's und Nie⸗ mand hörte es oder wußte ein gerechtes Hinderniß. An einem ſchönen Morgen entſchlüpft ſie aus der Thor⸗ wächterslodge, und thut die Sache ab und geht nach Gravesend mit Lothario und hinterläßt eine Note für mich mit der Bitte, ihrer Ma Alles aus einander zu ſetzen. Gott ſteh' mir bei! Die Alte wußte den Han⸗ del ſo gut als ich, obgleich ſie unwiſſend that. Und 182 ſo geht ſie fort und ich bin wieder allein. Ich vermiſſe ſie, Sir, wie ſie ſo über den Hof trippelte und in ihre Singlektion kam; und ich habe keine Luſt mehr, in die Thorwächterslodge zu gucken, die ohne ſie leer ausſieht, ohne das kleine leichtfertige Ding. Und da gehe ich denn und ſitze und ſchwärme um ihre Miethswohnung wie ein alter Narr. Sie macht ſie aber ſchmuck und nett, flickt alle Hemden und Kleider für Hurter, kocht ihr kleines Diner und ſingt über ihrem Geſchäft wie 'ne Lerche. Was ſoll man auch ärgerlich ſein? Ich lehnte ihnen drei Pfund, um damit anzufangen; denn ſie kriegen keinen Shilling bis zur Ausſöhnung und bis Pa kommt.“ Als Bows ſich verabſchiedet hatte, brachte Pen ſeinen Brief von Blanche und die Neuigkeiten, die er ſoeben gehört, zu ſeiner gewöhnlichen Rathgeberin, Laura. Es war zu verwundern, über wie viele Punkte Mr. Arthur, der ſonſt gewöhnlich ſeiner eigenen Anſicht folgte, Anderer Raths bedurfte. Er konnte kaum eine Weſte kaufen, ohne ſich an Miß Bell zu wenden. Wenn er ein Pferd hätte kaufen müſſen, er hätte Miß Bell's Anſicht darüber haben müſſen. Alle dieſe Symp⸗ tome der Unterwürfigkeit dienten zu großer Amüſirung der klugen alten Lady, mit welcher Miß Bell lebte, und deren Plane in Bezug auf ihre Protégée wir an⸗ gedeutet haben. Arthur legte jetzt Blanche's Brief Miß Laura vor und bat ſie, ihn ihm zu deuten. Laura war ſehr bewegt und betroffen über den Inhalt des Schreibens. „Es ſcheint mir, als ob Blanche,“ ſagte ſie, „ein ſehr künſtliches Spiel triebe.“ „Und wünſcht, die Karten ſo zu miſchen, daß ſie mich nehmen oder verlaſſen kann? Iſt's nicht ſo?“ „Ja, ich fürchte, es iſt ſo eine Art Doppelzüngig⸗ keit, die für Ihr künftiges Glück nicht mehr viel Gu⸗ tes verſpricht, und iſt eine ſchlechte Erwiderung auf Ihre Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, Arthur. Wiſſen 183 Sie, was ich denke? Ich denke — ich mag es kaum ſagen, was ich denke,“ ſagte Laura mit tiefem Erröthen; natürlich gab aber die erröthende junge Lady der Suada ihres Vetters nach und ſprach aus, was ſie dachte. „Es ſieht mir aus, Arthur, als ob da — als ob da Jemand Anderes dahinter wäre,“ ſagte Laura unter wiederholtem Erröthen. „Und wenn dem ſo iſt,“ ſiel Arthur ein, „und wenn ich wieder frei bin, wird die beſte und theuerſte aller Frauen —“ „Sie ſind nicht frei, theurer Bruder,“ entgegnete Laura ruhig; „Sie gehören einer Andern, von der ich leider Schlimmes denken muß. Aber ich kann nicht an⸗ ders. Es iſt ſehr ſonderbar, daß ſie in ihrem Briefe nicht darauf dringt, ihr den Grund zu ſagen, warum Sie Awangements, die für Sie ſo vortheilhaft gewe⸗ ſen wälen, abgebrochen hätten, und von dem Gegen⸗ ſtande richt ſprechen will. Aus ihrem Briefe geht beinahe hervor, daß ſie um ihres Vaters Geheimniß weiß.“ Pen ſagte: „Ja, ſie muß es wiſſen;“ und erzählte den Vorfell, den er ſpeben von Hurter über den Beſuch in Shephed's Inn gehört. „So lat ſie den Beſuch nicht beſchrieben,“ ſagte Laura und brachte, an ihren Pult tretend, Blanche's Brief, der hren Beſuch in Shepherd's Inn erwähnte, hervor. „Eire zweite Täuſchung — nur der Chevalier Strong und in Freund von ihm waren im Zimmer.“ Dieß war Alls, was Blanche geſagt hatte. „Aber ſie war verpflihtet, die Sache ihres Vaters geheim zu halten, Pen,“ ſczte Laura hinzu. „Und doch, und doch — es iſt ſehr beremdlich.“ Das Befrewliche war nämlich, daß vor drei Wo⸗ chen, nach dieſer vichtigen Entdeckung, Blanche nur zu ungeſtüm in ihren heuerſten Arthur drang, ſo ungeſtüm, als nur immer Beſheidenheit drängen fonnte, die Ar⸗ rangements, welche Arthur für immer zu dem ihrigen 184 machen ſollten, in Vollzug zu bringen, und nun ſchien es, als ob Etwas vazwiſchen käme, das dieſe glücklichen Arrangements kontrekarriren ſollte; als ob Arthur der Arme Blanche nicht ganz ſo angenehm wäre, als Ar⸗ thur der Reiche und als Parlomentsmitglied — als ob irgend ein Geheimniß dahinter wäre. Endlich ſagte ſie: „Tunbridge Wells iſt nicht weit entfernt, nicht wahr, Arthur ? Thäten Sie nicht beſſer, Sie gingen hin und beſuchten ſie?“ Sie waren eine Woche in der Stadt und keines von ihnen war auf den einfachen Ausweg gekommen. Dreiunddreißigſtes Rapitel zeigt, wie Arthur lieber ih ein Retourbillet genommen ätte. Der Zug brachte Arthur nur zu bald nach Tun⸗ bridge, obgleich er während der kurzen Riſe alle Um⸗ ſtände ſeines Lebens hatte Revue paſſire! loſſen, um anzuerkennen, zu welchen traurigen Konſquenzen ſeine Selbſtſucht und ſein Eigenſinn ihn getieben hatten. „Hier iſt das Ende der Hoffnungen und Beſtrebungen,“ dachte er, „des Roman's und des Ehrzeizes! da, wo ich nachgab und wo ich beharrte, bin ih gleich unglück⸗ lich; meine Mutter fleht mich, und ich weiſe einen Engel zurück. Setzen wir den Fall, ich hätte ſie ge⸗ nommen; mir aufgevrungen, wie le es war, würde Laura für mich nie ein Engel gewekn ſein. Ich hätte ihr auf Antrieb eines Andern nie aein Herz geſchenkt; ich hätte ſie nie ſo kennen gelern, wie ſie iſt, hätte 185 einen Andern bitten müſſen, mir ihre guten Eigenſchaften und Tugenden auszudeuten. Ich gebe meines Oheims Aufforderungen nach und nehme unter ſeiner Gewähr⸗ leiſtung Blanche und einen Sitz im Parlament, Reich⸗ thum und Ehrgeiz und Laufbahn; und ſiehe! das Glück kommt und läßt mir ein Weib ohne Mitgift, die ich zum Erſatze für ein Herz genommen hatte. Warum war ich nicht ehrlicher, oder warum bin ich's nicht weniger? Es hätte meinem armen Onkel keinen Schmerz gemacht, Blanche's Geld zu nehmen, woher es auch käme, er kann es ſogar nicht verſtehen, iſt bitter böſe, das Herz bricht ihm faſt bei den Skru⸗ peln, die mich daſſelbe zurückweiſen laffen. Ich kann es Niemand recht machen; ein verkrüppelter, ſchwacher, unvollkommener Wicht, ſcheint es, als ob ich für gar kein Glück paßte; ich mache weder mich noch irgend Jemand, der mit mir in Berührung kommt, glücklich. Welche Ausſicht hat dieſes arme, kleine, leichtfertige Mädchen, das meinen obſkuren Roman und mein Glück mit mir theilen ſoll? Ich habe nicht einmal Ehrgeiz, um mich aufzuregen, noch Selbſtachtung genug, um mich ſelbſt, geſchweige denn ſie, für meinen Durchfall zu tröſten. Wenn ich ein Buch ſchreiben ſollte, das zwanzig Auflagen durchmachte, ſo wäre ich der Aller⸗ erſte, der meinen Ruf verhöhnte, ſage ich. Es könnte mir vor den Gerichtsſchranfen gelingen, mein Glück damit zu machen, daß ich Zeugen aufpoltere und Be⸗ weiſe fälſche. Iſt das ein Ruf, der meinen Beſtrebun⸗ gen genügte, oder ein Amt, dem ich mein Leben wid⸗ men möchte? Wie wünſchte ich der Prieſter dadrüben zu ſein, der nie ſeine Augen von ſeinem Brevier erhob, außer da wir im Reigate Tunnel waren, wo er Nichts ſehen konnte; oder der alte Gentleman dort neben ihm, der über ſeine Zeitung mit Blicken des Haſſes ihn an⸗ ſchielt. Der Prieſter verſchließt ſeine Augen der Welt, hat aber ſeine Gedanken bei dem Buche, das ſein Weg⸗ weiſer iſt in die zukünftige Welt. Sein Nachbar haßt 186 ihn als ein Ungeheuer, einen Thrannen, einen Verfol⸗ ger, und denkt an die brennenden Märtyrer, das blaſſe Geſicht der Gepeinigten, von der Flamme erleuchtet. Dieſen kommen keine Zweifel entgegen, ſie gehen ge⸗ troſt auf ihr Ziel los und tragen die Bürde der Logik. „Möchten Sie einen Blick in die Zeitung thun, Sir?“ unterbrach ihn der ſtämmige Gentleman (ſie enthielt einen flammenden Artikel gegen den Orden des Gentleman's in dem ſchwarzen Rocke, der mit ihnen in dem Wagen reiste), Pen dankte ihm, nahm ihn, ſtüni aber fort, ohne zwei Sätze in dem Jvurnal zu leſen. „Und doch würdeſt Du eines der Glaubensbekennt⸗ niſſe dieſer Männer mit ihren Folgen annehmen?“ dachte er. „Ach, du mußt deine eigene Bürde tragen, deinen eigenen Glauben formen, deine eigenen Gedanken den⸗ ken und dein eigenes Gebet beten. Welchem ſterblichen Ohr könnte ich Alles ſagen, wenn ich Luſt dazu hätte? Oder wer könnte Alles verſtehen? Wer kann erzählen, wie Andere zu kurz kommen, Gelegenheiten verſcherzen, wer die Leidenſchaften abwägen, die ſie überwältigen, die Gebrechen, welche ihre Vernunft unfähig machen, wel⸗ chen Umfang von Wahrheit und Recht iſt ſeines Nach⸗ bars Geiſt organiſirt zu verſtehen und zu thun? Wel⸗ cher unſichtbare und vergeſſene Zufall, Schrecken der Jugend, welcher glückliche oder unglückliche Wurf des Geſchicks kann den ganzen Lauf eines Lebens verändert haben? Ein Sandkorn mag den Ausſchlag geben, der Wurf eines Kieſels es beendigen. Wer kann Umſtände, Leidenſchaften, Verſuchungen abwägen, welche auf un⸗ ſere gute oder ſchlimme Rechnung kommen, außer Einem, vor deſſen ehrfurchtgebietender Weisheit wir knieen, und von deſſen Gnade wir Abſolution erbitten? Hier endet es,“ dachte Pen, „der heutige oder mor⸗ gende Tag wird die Rechnung meiner Jugend ſchließen; ein öder Rückblick, ach, eine traurige Geſchichte, mit mancher Seite, auf die ich gerne nicht zurückblicken 187 möchte; aber wer iſt nicht ermüdet worden oder gefal⸗ len? Wer iſt ohne Narbe aus dem Kampfe entkom⸗ men?“ und ſein Haupt fiel auf ſeine Bruſt und der junge Mann warf ſich demüthig und traurig vor dem Throne nieder, auf welchem die Weisheit ſitzt, die Liebe und das Erbarmen für Alle, und geſtand ſeine Schuld. „Was kommt auch auf Ruhm oder Armuth an!“ dachte er. „Wenn ich dieſes Mävchen heirathe, ſo habe ich gewählt, mag ich genng Stärke des Willens haben, ihr treu zu ſein und ſie glücklich zu machen. Wenn ich RKinder habe, ſo bitte ich zu Gott, daß ich in ihrer Mitte die Wahrheit ſpreche und thue, und ihnen einen ehrlichen Namen hinterlaſſe. Meine Heirath beut mir keinen Glanz; verdiente ihn mein Leben? Ich trete in eine neue Phaſe ein, ich flehe den Himmel, daß ſie beſſer als die letzte werde!“ Der Zug hielt in Tunbridge, während Pen dieſe Betrachtungen anſtellte, und er händigte ſeinem Nach⸗ bar, von dem er Abſchied nahm, die Zeitung wieder ein, während der fremde Geißtliche immer noch da ſaß und ſeine Augen auf ſein Buch geheftet hatte. Pen ſprang, den Reiſeſack in der Hand und entſchloſſen, dem Schickſal die Stirn zu bieten, aus dem Wagen. Eine Fly brachte ihn ſchnell von der Station nach Lady Clavering's Haus, und während er dahin geführt wurde, verfaßte Arthur einen kleinen Sermon, den er an Blanche richten wollte, und der wirklich ſo tugend⸗ ſam, ehrlich und gutgeſinnt war, als ein Mann von ſeiner Gemüthsſtimmung und unter ſeinen Umſtänden nur immer ſprechen konnte. Der Inhalt davon war: „Blanche, ich kann aus Ihrem letzten Briefe nicht ent⸗ nehmen, was Ihre Meinung iſt, und ob mein ehrlicher, offener Vorſchlag für Sie annehmbar iſt oder nicht. Ich glaube, Sie kennen den Grund, der mich beſtimmt, auf die weltlichen Vortheile zu verzichten, welche eine Verbindung mit Ihnen mir bot, und welche ich, ohne mich in meinen Augen zu entehren, nicht annehmen 188 konnte. Wenn Sie an meiner Neigung zweifeln, ſo bin ich hier bereit, ſie zu bethätigen. Laſſen Sie Smirke hereinrufen, um uns unverweilt zu trauen, und von ganzem Herzen nehme ich mir vor, mein Gelübde zu halten und Sie, ſo lange ich lebe, werth zu halten und Ihnen ein treuer und liebender Gatte zu ſein.“ Von dem Fly ſprang Arthur ſodann nach dem Gatter⸗ thor, wo ihm ein Bedienter, den er nicht kannte, ent⸗ gegentrat. Der Mann ſchien überraſcht über die An⸗ näherung des Gentleman's mit dem Reiſeſack, den er keinen Verſuch machte, aus Arthur's Händen zu nehmen. „Ihre Herrlichkeit iſt nicht zu Haus,“ bemerkte der Mann. „Ich bin Mr. Pendennis,“ ſagte Arthur. „Wo iſt Lightfoot?“ „Lightfvot iſt fort,“ antwortete der Diener. „My⸗ lady iſt draußen und meine Befehle gingen —“ „Ich höre Miß Amory's Stimme im Geſellſchafts⸗ ſaal,“ ſagte Arthur. „Nehmen Sie den Reiſeſack in ein Ankleidezimmer, wenn's gefällig iſt, und an dem Portier vorübergehend, ſchritt er gerade auf das Zim⸗ mer zu, aus welchem, als die Thür ſich öffnete, ein Wirbel melodiſcher Töne ihm entgegen drang. Unſere kleine Sirene ſaß am Klavier und ſang mit allem Zau⸗ ber ihrer Töne. Mr. Clavering ſchlief unbekümmert um die Muſik auf dem Sopha; aber neben Blanche ſaß ein Gentleman, der von dem Zug ihrer leiden⸗ ſchaftlichen und melancholiſchen Akkorde ganz hingeriſſen war. Als die Thür aufging, fuhr der Gentleman mit einem Hullo! auf, die Muſik verſtummte mit einem ſchwachen Schrei der Sängerin; Franz Clavering er⸗ wachte auf dem Sopha und Arthur trat vor mit den Worten: „Was, Foker! wie befindeſt Du Dich, Fo⸗ ker?“ Er blickte nach dem Piano, und dort war an Miß Amory's Seite juſt ſo ein Da Capo von hoch⸗ rothledernem Etui, wie er vor drei Tagen in Henry's 189 Hand geſehen, als der Erbe von Logwood auf Water⸗ loo Place aus dem Juwelierladen kam. Es war ge⸗ öffnet und auf dem weißen Satinkiſſen darin erhob ſich ein prachtvolles Schlangenbracelet mit einem flammen⸗ den Rubinkopf und Demantſchweif. „Wie geht's, Pendennis?“ ſagte Foker. Blanche machte verſchiedentliche Bewegungen mit den Schultern und gab Zeichen von Intereſſe und Aufregung. Sie warf ihr Taſchentuch über das Bracelet und trat dann vor mit einer Hand, welche nicht wenig zitterte, um Pen zu grüßen. „Wie befindet ſich die theuerſte Laura?“ fragte ſie. Foker's Geſicht inmitten ſeiner tiefen Trauer — dieſes Geſicht, ſo jämmerlich und verlegen, war eines, wie es des Leſers Einbildungskraft für ſich ſelbſt konterfeien muß — in dem Maße, daß Maſter Franz Clavering, der die drei intereſſanten Individuen mit äußerſter Vertraulichkeit anſah, Zeit hatte, die Worte zu rufen: „da gibt es einen Spaß!“ und klchernd zu ver⸗ ſchwinden. Auch Pen hatte ſich bis auf dieſen Augenblick be⸗ zwungen, wie er aber Foker anſah, deſſen Ohren und Wangen ein hohes Roth überlief, brach er in ein Lachen aus, ſo wild und laut, daß es Blanche viel mehr er⸗ ſchreckte, als der ernſteſte Vorwurf gethan haben würde. „Und das war alſo das Geheimniß? Du brauchſt nicht zu erröthen und Dich abzuwenden, Foker, mein Junge, Du biſt in der That ein Muſter von Treue! Könnte ich mich zwiſchen Blanche und eine ſolche Stand⸗ hafligkeit ſtellen? — Könnte ich mich flellen zwiſchen Miß Amory und fünfzehntauſend per Jahr?“ „Es iſt nicht das, Mr. Pendennis,“ ſprach Blanche mit großer Würde, „nicht Geld, nicht Rang. Nicht Gold bewegt mich; Standhaftigkeit, Treue, ein ganzes vertrauenvolles, liebendes Herz, iſt was ich ſchätze — ja, das ſchätze ich!“ Sie griff nach ihrem Taſchentuch, aber, bedenkend, was darunter war, hielt ſie ein; „ich 190 verläugne, ich verſtelle mich nicht, mein Leben iſt über Verſtellung erhaben — vor ihm, dem es geweiht iſt, muß mein Herz offen liegen, — daß ich ein Mal glaubte, ich liebe Sie — ja ich glaubte, ich werde von Ihnen geliebt, ich geſtehe es. Wie klammerte ich mich an dieſen Glauben an, wie ſtrebte ich, wie betete ich, wie ver⸗ langte mich, es zu glauben, aber Ihr Betragen immer, Ihre eignen Worte, ſo kalt, ſo herzlos, ſo unfreundlich, haben mich enttäuſcht. Sie tändelten mit dem Herzen des armen Mädchens! Sie warfen mir mit Hohn die Treue zurück, die ich Ihnen verpflichtet hatte, ich habe Alles — Alles Mr. Foker erklärt.“ „Das haben Sie,“ ſprach Foker mit Hingebung und Ueberzeugung in ſeinem Blicke. „Was Alles ?“ fragte Pen mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick auf Blanche. „Bin ich der ſchuldige Theil? Gut, gut, Blanche, ſei dem ſo, ich will gegen Ihren Spruch nicht appelliren und es ſtillſchweigend tragen. Ich kam herab, indem ich, der Himmel weiß es, ganz Anderes erwartete, mit treuer und inniger Gefinnung gegen Sie. Ich hoffe, Sie werden mit einem Andern glücklich, während, auf mein Wort, mein Wunſch war, Sie glücklich zu machen; und ich hoffe, mein ehrlicher, alter Freund hier bekommt ein Weib, das ſeiner Treue, ſeiner Standhaftigkeit und ſeiner Zuneigung würdig iſt. In der That, dieſe Eigenſchaften verdienen die Achtung jedes Weibes, ſelbſt der Miß Blanche Amory. Gib mir die Hand, Harry, und ſieh mich nicht ſo von der Seite an, hat Dir Jemand geſagt, daß ich falſch und herzlos ſei?“ „Ich glaube, Du biſt ein —“ begann Foker in ſeinem Grimm, als Blanche in's Mittel trat. „Harty, kein Wort! ich bitte Sie, laſſen Sie hier Verzeihung walten!“ „Sie ſind ein Engel, beim Jupiter, Sie ſind ein Engel! ſprach Foker, worüber Blanche einen Seraphinen⸗ blick zum Armleuchter erhob. 194 „Trotz dem, was vorgefallen iſt, we gen deſſen, was vorgefallen iſt, muß ich Arthur immer als Bruder be⸗ trachten,“ fuhr der Seraph fort; „wir haben einander ſeit Jahren gekannt, haben dieſelben Gefilde durchwandelt, dieſelben Blumen mit einander gepflückt. Arthur! Henry! ich bitte Sie, geben Sie ſich die Hände und ſeien Sie Freunde! vergeben Sie! — ich vergebe Ihnen, Arthur, mit vollem Herzen vergeb' ich Ihnen. Sollt⸗ ich's nicht thun, da Sie mich ſo glücklich machen?“ „Nur eine Perſon von uns dreien bedaure ich, Blanche,“ ſagte Arthur ernſt: „und ich ſage Ihnen wieder, daß ich hoffe, Sie werden dieſen guten Burſchen, dieſes ehrliche, treue Gemüth, glücklich machen.“ „Glücklich! o Himmel!“ ſprach Harry. Er konnte nicht ſprechen, ſein Glück ſtrahlte ihm aus den Augen. „Sie weiß nicht — Sie kann nicht wiſſen, wie lieb ich ſie habe und — und — wer ich bin? ein armer, kleiner Bettler, und ſie richtet mich auf, und ſagt, ſie wolle es verſuchen und mich 1 — 1 — lieben. Ich bin ſo viel Gluͤck nicht werth, reich' uns Deine Hand, alter Knabe, da ſie Dir nach Deinem herzlofen Benehmen vergibt. Ich heiße Dich willkommen. Ich ſage Dir, ich will Jedermann lieben, der ſie liebt. Beim — wenn ſie mir ſagt, ich ſoll den Boden küſſen, ſo küß ich ihn. Sagen Sie mir, ich ſoll den Boden küſſen! ich ſage, heißen Sie mich's, ich liebe Sie ſo innig. Sie ſehen, wie ich Sie liebe.“ Blanche blickte ihn wieber ſeraphiſch an. Ihr ſanfter Buſen hob ſich. Sie reckte eine Hand aus, als wollte ſie Harrh ſegnen und geſtattete ihm mit königlicher Huld, ſie zu füſſen, ſie nahm ihr Taſchentuch und ver⸗ barg ihre Augen, während die andere ſchöne Hand ſich Harry's thränenvoller Umarmung überließ. „Ich ſchwoͤre, daß niederträchtig iſt, wer ein ſo liebendes Gemüth, wie dieſes, täuſcht!“ ſprach Pen. Blanche legte ihr Taſchentuch weg und legte Hand Nr. 2 ſanft auf Foker's Haupt, welches ſich küſſend und 192 weinend über Hand Nr. 1 gebeugt hatte. „Närriſcher Junge! er ſoll geliebt werden, wie er's verdient, wer muß ein ſo gutes, ehrliches Geſchöpf nicht lieben?“ In dieſem Augenblick unterbrach Frank Clavering das ſentimentale Trio. „He, Pendennis!“ rief er. „Schön, Frank!“ „Der Mann will bezahlt ſein und heimfahren. Er hat etwas Bier gehabt.“ „Ich will mit ihm zurück,“ ſagte Pen. „Leben Sie wohl, Blanche, Gott ſei mit Dir, Foker, alter Freund⸗ Du weißſt, keines von euch bevarf mich hier.“ Er wünſchte ſich im Augenblick in weite Ferne. „Halten Sie — ich muß noch ein Wort mit Ihnen ſprechen. Ein Wort unter vier Augen, wenn's gefällig iſt,“ ſogte Blanche. „Sie vertrauen uns, nicht wahr, Henry?“ Der Ton, in welchem das Wort Henry geſprochen ward und die Bitte erfüllten Foker mit Entzücken. „Ihnen vertrauen!“ ſagte erz „o wer wollte Ihnen nicht vertrauen! Komm fort, Frank, mein Junge.“ „Wir wollen eine Cigarre rauchen,“ ſagte Frank, indem ſie in die Halle traten. „Sie kann's nicht leiden,“ ſagte Foker ſanft. „Gott ſteh Ihnen bei. — Sie — Sie fragt nicht danach. Pendennis rauchte regelmäßig,“ ſagte die auf⸗ richtige Jugend. „Nur ein kurzes Wort hatte ich zu ſagen,“ ſagte Blanche zu Pen mit großer Ruhe, als ſie allein waren⸗ „Sie liebten mich nie, Mr. Pendennis.“ „Ich ſagte Ihnen, in wie weit,“ ſagte Arthur. „Ich täuſchte Sie nie.“ „Ich denke mir, Sie gehen zurück und heirathen Laura,“ fuhr Blanche fort. 1 „War es das, was Sie mir ſagen wollten?“ fragte e n. „Sie gehen noch dieſe Nacht zu ihr, ich bin's über⸗ 193 zeugt. Sie können es nicht läugnen. Sie kümmerten ſich nie um mich.“ „Et vous?“ „Et moi c'est différent. Ich bin früh verzogen worden. Ich kann außer dem Bereiche der Welt und ihres Getriebes nicht leben. Ich hätte es früher gekonnt, aber es iſt zu ſpät. Wenn ich keine émotions habe, muß ich die Welt haben. Sie wollten mir weder das Eine⸗ noch das Andere bieten. Sie find in Allem, ſelbſt im Ehrgeiz blasé. Sie hatten eine Laufbahn vor ſich, aber Sie wollten nicht in ſie eintreten. Sie geben ſie auf — für was? — für eine bétise, aus einem albernen Skrupel. Warum wollten Sie den Sitz im Parlament nicht haben und ein ſolcher puritain ſein? Warum ſollten Sie zurückweiſen, was mein nach dem Recht, nach dem Rechte iſt, entendez-vous?“ „So wiſſen Sie denn Alles?“ ſagte Pen⸗ „Erſt ſeit einem Monat. Aber ich hatte ſeit Bay⸗ mouth — n'importe ſeit wann — meine Vermuthungen. Es iſt nicht zu ſpät. Er iſt, als ob er nie exiſtirt hätte; und noch jetzt haben Sie eine Stellung in der Welt vor ſich. Warum nicht im Parlament ſitzen, Ihr Ta⸗ lent entwickeln, und Ihnen und Ihrem Weibe einen Platz in der hohen Welt verſchaffen? Ich nehme celui-là. Il est bon. Il est riche. Il est-vous le connaissez autant que moi enfin. Glauben Sie, ich würde nicht vorziehen un homme, qui fera parler de moi? Wenn das Geheimniß an's Tageslicht kommt, ſo bin ich reich à millions. Es afficirt mich nicht. Es iſt nicht meine Schuld. Es kommt nie an den Tag.“ „Sie werden Harry Alles ſagen, nicht wahr?“ „Je comprends. Vous refusez,“ rief Blanche wild. „Ich werd' es Harry ſagen, wann es mir kon⸗ venirt, wenn wir verheirathet find. Sie werden mich nicht verrathen, nicht wahr? Sie wiſſen um das Ge⸗ heimniß eines wehrloſen Mädchens und werden es nicht Pendennis. W. 13 194 gegen ſie gebrauchen? S'il me platt de le cacher, mon secret; pourquoi le donnerai-je ? Je l'aime, mon pauvre père, voyez-vous. Ich wollte lieber mit jenem Manne, als mit euch fades intrigueurs der vor⸗ nehmen Welt leben. Ich muß Emotionen haben — il m'en donne. M m'écrit. Il 6crit très-bien — voyez-vous — comme un pirate — comme un Bohémien — comme un homme. Ohne dieß hätte ich zu meiner Mutter ge⸗ ſagt — ma moère! quittons ce läche mari, cette läche société — retournons à mon pöre!“ „Der Seeräuber würde Ihnen entleidet ſein, wie die Andern,“ ſagte Pen. „Eh! Il me faut des émotions,“ ſagte Blanche. Pen hatte ſeit all' den Jahren ihrer Vertrautheit nie ſo viel von ihr geſehen und gewußt, als er jetzt ſah und wußte; obgleich er mehr ſah, als in Wirklichkeit exiſtirte. Denn dieſe junge Lady war nicht im Stande, irgend eine Emotion durchzuführen; ſie hatte eine Scheinbe⸗ geiſterung, einen Scheinhaß, eine Scheinliebe, einen Scheingeſchmack, einen Scheingram, alle flackerten und leuchteten für einen Augenblick ſehr ungeſtüm auf, aber ſetzten ſich und wichen der nächſten Scheinemotion. * * 195 Pierunddreißigſtes Kapitel. Ein Heirathskapitel. Auf der Plattform von Tunbridge rauchte und lang⸗ weilte ſich Pen bis zur Ankunft des Abendzugs nach London eine volle halbe Stunde — ſechs Stunden ſchie⸗ nen es ihm; aber auch die Unendlichkeit ging zu Ende, der Zug kam an, eilte weiter, die Lichter von London wurden ſichtbar — ein Gentleman, der ſeinen Reiſeſack vergaß, ſtürzte in ein Cab, und rief dem Kutſcher: fahre ſo ſchnell als du kannſt nach der Jermyn Street! Der Cabmann, obgleich ein hansom cabman, ſagte Dank für das Geſchenk, das ihm in die Hand gedrückt wurde, und Pen rannte die Treppe des Hotels hinauf nach Lady Rockminſter's Gemächern. Laura, blaſſen Geſichts, war allein in dem Geſellſchaſtszimmer und las bei dem Schein einer Lampe. Das blaſſe Geſicht blickte auf, als Pen die Thür öffnete. Dürfen wir ihm folgen ?2 Die großen Momente des Lebens nur Augenblicke wie die an⸗ dern. Ihr Urtheil iſt; chen, in wenigen Worten ge⸗ ſprochen. Ein einziger Blick der Augen, ein bloßer Druck der Hand, oder der Lippen, obgleich ſie nicht ſprechen können, mag entſcheiden. Wie Lady Rockminſter, die nach dem Diner ihr Schläfchen gemacht, auſſteht und in ihr Wohnzimmer geht, dürfen wir eintreten mit Ihrer Herrlichkeit. „Auf mein Wort, junges Volk!“ ſind die erſten Worte, welche ſie ſpricht, und ihre Begleiterin macht verwunderte Augen über ihre Schulter. Und wohl mag ſie ſo ſagen, und wohl mag die Zofe verwunderte Augen machen: denn die jungen Leute ſind in einer Attitude, — 196 und Pen in einer ſolchen Poſition, wie jede junge Lady⸗ welche dieſes liest, hat ſchildern hören, oder geſehen hat, oder hofft, oder auf jeden Fall zu ſehen verdient. Mit einem Wort, Pen trat in das Zimmer, ging auf Laura mit dem blaſſen Geſichte, welche keine Zeit hatte zu ſagen: „wie, ſchon wieder zurück, zu, ergriff ihre ausgeſtreckte und zitternde Hand, als ſie eben von ihrem Stuhl ſich erheben wollte, fiel vor ihr auf die Kniee nieder und ſprach die zitternden Worte: „Ich habe ſie geſehen, ſie hat ſich Henry Foker zugeſagt — und — und jetzt, Laura?“ Die Hand gibt einen Druck, die Augen ſtrahlen eine Erwiderung — die zitternden Lippen, obgleich ſprachlos, geben Antwort. Pen's Haupt ſinkt nieder auf des Mädchens Schvoß und er ſchluchzt: „Komm' und ſegne uns, theure Mutter!“ und Arme, ſo zärtlich wie Helen's, umſchlingen ihn wieder. Unter dieſer Konſtellation tritt Rockminſter ein und ſpricht: „Auf mein Wort, junges Volk! Beck verlaſ⸗ ſen Sie das Zimmer. Was brauchen Sie Ihre Naſe darein zu ſtecken?“ Pen fährt mit triumphirenden Blicken auf, indem er immer noch Laura's Hand hält. „Sie tröſtet mich für mein Mißgeſchick, Ma'a gte er. „Was meinen Sie dam Sie ihre Hand kuſ⸗ ſen? Ich weiß nicht, was Sie nächſtdem thun werden.“ Pen küßte die Hand der Lady „Ich bin in Tun⸗ bridge geweſen,“ ſagte er, „und habe Miß Amory ge⸗ ſprochen, und finde bei meiner Ankunft, daß mich ein Böſewicht in ihrer Neigung ausgeſtochen hat,“ ſprach er mit tragiſcher Miene. 4 „Iſt das Alles ? Haben Sie ihr das auf Ihren Knieen zugeflüſtert?“ fragte die alte Lady, indem ſie ärgerlich wurde. „Dieſe Neuigkeiten hätten Sie bis morgen für ſich behalten können.“ „Ja — ein Andrer hat mich aus dem Sattel ge⸗ 197 hoben,“ fährt Pen fort; „aber warum ſoll ich ihn einen Böſewicht nennen? Er iſt brav, er iſt ſtandhaft, er iſt reich, jung und ſchön.“ „Was ſprechen Sie da für Narrenzeug, Sir?“ ſprach die alte Lady. „Was iſt vorgefallen 2“ „Miß Amory iſt wortbrüchig gegen mich geworden und hat Henry Foker angenommen. Ich fand ſie, wie ſie ihm Lieder wirbelte, während er zu ihren Füßen lag; es wurden Geſchenke angenommen, Gelübde ge⸗ wechſelt dieſe zehn Tage her. Harty war der Rheu⸗ matismus der alten Mrs. Planter, der die theuerſte Laura außer dem Hauſe halten mußte. Er iſt der be⸗ harrlichſte und edelmüthigſte der Männer. Er hat die Renten von Logwood Annens Gatten verſprochen und ihr bei ihrer Hochzeit ein ſplendides Geſchenk gemacht und ftürzte, ſobald er frei war, fort, um ſich Blanche zu Füßen zu werfen. „Und ſo binden Sie mit Laura an, weil Sie bei nicht ankommen können, Sir?“ fragte die alte ady. „Er hat edel gehandelt,“ ſagte Laura. „Ich handelte, wie ſie mich anwies,“ ſagte Pen. „Fragen Sie nicht, wie, Lady Rockminſter; aber nach meinem beſten Wiſſen und Können. Und wenn Sie glauben, daß ich Laura's nicht würdig bin, ſo weiß ich es, und bitte den Himmel, mich zu beſſern; und wenn Liebe und Umgang mit dem beſten und reinſten Weſen in der Welt dieß zu thun vermag, ſo werde ich wenig⸗ ſtens dieſe zu meinem Beiſtande haben.“ „Hm, hm!“ machte die alte Lady auf dieß und ſah mit befänftigter Miene auf das junge Volk. „Es iſt Alles ganz recht; aber ich hätte den Blaubart vor⸗ gezogen.“ Und nun erinnerte ſich Pen, um die Unterhaltung von dem Gegenſtande, der für einige der Anweſenden unangenehm wurde, abzulenken, ſeiner Unterredung mit 198 Hurter am Morgen und der Angelegenheiten Fanny Bolton's, welche er unter dem unmittelbaren Drange und der Aufregung ſeiner eigenen vergeſſen hatte. Er erzählte den Ladies, wie Hurter Fanny zu dem Range einer Frau erhoben und welche Beſorgniſſe er in Be⸗ zug auf die Ankunft ſeines Vaters hege. Er beſchrieb die Szene mit dem beſten Humor und verweilte mit beſonderer Sorgfalt bei demjenigen Theile, welcher Fanny's Koquetterie und den unwiderſtehlichen Drang betraf, die Menſchheit zu beſtricken, indem er ſagen wollte: „Sie ſehen, Laura, daß ich in dieſem kleinen Handel nicht ſo ganz ſchuldig war, das Mädchen war in mich verliebt und ich war es, der widerſtand. Da ich nicht länger bei der Hand bin, ſo übt die kleine Sirene ihre Künſte und Zauber an Andern. Vergeſſen Sie gefälligſt dieſe Geſchichte oder ſuchen Sie mich mit einer gelinden Strafe für meinen Irrthum heim.“ Laura fand ſeine Abſicht unter den lebhaften Er⸗ klärungen heraus. „Wenn Sie Unrecht haben, lieber Pen, ſo haben Sie Buße gethan,“ ſagte ſie, „und Sie wiſſen,“ ſetzte ſie mit einem bedeutungsvollen Blicke und Erröthen hinzu, „daß ich kein Recht habe, Ihnen Vor⸗ würfe zu machen.“ „Hm!“ murmelte die alte Lady, „ich hätte den Blaubart vorgezogen.“ „Die Vergangenheit iſt abgebrochen. Der Mor⸗ gen iſt vor uns. Ich will mein Beſtes thun, Ihren Morgen glücklich zu machen, theure Laura,“ ſagte Pen, ſein Herz war demüthig durch die Ausſicht auf ſein Glück, es war von Ehrfurcht ergriffen bei der Betrach⸗ tung ihrer holden Güte und Reinheit. Er liebte ſein Weib mehr dafür, daß ſie ſich zu den flüchtigen Ge⸗ fühlen für Warrington bekannte und ihr edelmüthiges Herz vor ihm offenbarte, und ſie — ſie dachte ſehr wahrſcheinlich: „wie ſeltſam iſt es, daß ich je an einen Andern dachte, es ärgert mich beinahe der Gedanke, 199 daß ich ſo wenig für ihn ſorge, daß ich ſo wenig be⸗ daure, daß er fort iſt. In den zwei letzten Monaten, wie hatte ich da gelernt, Arthur zu lieben! Ich ſorge für Nichts, als für Arthur, im Wachen und Schlafen iſt er mein Gedanke, er iſt nie von mir abweſend. Und daß ich denken darf, daß er mein, mein ſein ſoll! und daß ich ihn heirathen und nicht ſeine Dienerin ſein ſoll, wie ich noch dieſen Morgen erwartete: denn auf den Knieen hätte ich Blanche gebeten, mich mit ihm leben zu laſſen. Und nun — o es iſt zu viel. O Mut⸗ ter! Mutter, daß Du hier wäreſt!“ In der That, es war ihr, als ob Helen da, als ob ſie wirklich, obgleich unſichtbar, an ihrer Seite wäre. Eine Glorie von Glück entſtrahlte ihr, ſie bewegte ſich in verſchiedenem Tritt, ſie blühte mit neuer Schönheit. Arthur ſah die Veränderung, und die alte Lady Rockminſter bemerkte es mit ihren klugen Augen. „Was für ein dünnes, zimperliches, kleines Ding Sie geweſen find,“ flüſterte ſie Laura zu — während Pen in luſtiger Stimmung lachte und ſeine Geſchichte mit Huxter erzählte — „und wie Sie es ſo geheim ge⸗ halten!“ „Wie helfen wir dem jungen Paar?“ fragte Laura. Miß Laura fühlte natürlich ein Intereſſe an allen jungen Paaren, wie edelgefinnte Liebhaber immer andere Liebende lieben. „Wir müſſen ſie beſuchen“ ſagte Pen. „Natürlich müſſen wir ſie beſuchen,“ ſagte Laura. Ich will Fanny recht lieb haben. Gehen wir unver⸗ züglich hin, Lady Rockminſter, darf ich den Wagen nehmen?“ „Jetzt gehen! — ei, Sie flupides Geſchöpf, es iſt Nachts elf Uhr. Mr. und Mrs. Hurter haben ſchon ihre Nachtmützen auf, ich bin's gewiß. Und es iſt jetzt Zeit für Sie, zu gehen. Gute Nacht Mr. Pendennis.“ 200 Arthur und Laura baten um weitere zehn Mi⸗ nuten. „So wollen wir denn morgen früh gehen. Ich will kommen und Sie mit Martha abholen.“ „Eine Earlskrone,“ ſagte Pen, der ohne Zweifel ſelbſt Wohlgefallen daran hatte, „wird eine große Wir⸗ kung in Lamb Court und Smithfield thun. Halten Sie — Lady Rockminſter, wollen Sie nicht mit uns in eine kleine Verſchwörung treten?“ „Wie meinen Sie das, Verſchwörung, junger Mann?“ „Würden Sie nicht geruhen, morgen ein wenig unwohl zu ſein, und wenn der alte Mr. Hurter an⸗ kommt, wollen Sie mir nicht erlauben, ihn herein zu rufen? Wenn er in gute Laune verſetzt wird bei dem Gedanken, einen Baronet auf dem Lande behandeln zu dürfen, welchen Einfluß wird nicht eine Gräfin auf ihn haben? Wenn er beſänftigt — wenn er ganz reif iſt, rücken wir mit dem Geheimniß heraus, bringen das junge Volk herein, nöthigen ihm den väterlichen Segen ab und endigen die Komödie.“ „Ein Stückchen Unſinn,“ ſagte die alte Lady⸗ „Nehmen Sie Ihren Hut, Sir. Kommen Sie fort, Miß. Da — mein Kopf nimmt eine andere Richtung. Gute Nacht, junges Volk.“ Und wer weiß, ob nicht die alte Lady an ihre eigenen Tage der Vorzeit dachte, während ſie an Laura's Arm fortging, mit ihrem Kopfe winkte und vor ſich hin murmelte. Mit dem frühen Morgen kamen Laura und Martha der Verabredung gemäß und die gewünſchte Senſation wurde, wie wir hoffen, in Lamb Court hervorgebracht, von wo die drei abfuhren, um Mr. und Mrs. Samuel Huxter in ihrer Wohnung in Charterhguſe zu beſuchen. Die beiden Damen betrachteten einander mit gro⸗ ßem Intereſſe und mit nicht geringer Gemüthsbewegung von Fanny's Seite. Sie hatte ihren „Vormund,“ wie 201 ſie Pen in Folge ſeines Vermächtniſſes zu nennen be⸗ liebte, nicht geſehen, ſeit der Vorfall ſich begab, der ſie mit Mr. Hurter verbunden hatte. „Samuel erzählte mir, wie freundlich Sie geweſen ſeien,“ ſagte ſie. „Sie waren immer ſehr freundlich, Mr. Pendennis, und — und ich hoffe, Ihre Freundin iſt jetzt beſſer, die in Shepherd's Inn erkrankt war, Ma'am.“ „Ich heiße Laura,“ ſagte die Andere erröthend. Ich bin — das heißt, ich war — daß heißt, ich bin Arthur's Schweſter, und wir werden Sie immer darum lieben, daß Sie in ſeiner Krankheit ſo gut gegen ihn geweſen find. Und wenn wir auf dem Lande leben, ſo hoffe ich, daß wir einander wiederſehen. Und es wird wiz immer freuen, wenn ich höre, daß Sie glücklich ind.“ „Wir wollen thun, was Sie und Hurter gethan haben, Fanny. — Wo iſt Hurter? Was ſür eine niedliche, hübſche Wohnung Sie haben! Was für eine hübſche Katze!“ Während Fanny Pen dieſe Fragen beantwortete, dachte Laura bei ſich ſelbſt: — „Nun in der That, iſt dieß das Geſchöpf, ob dem wir Alle ſo in Furcht waren? Was konnte er an ihr ſehen? Sie iſt ein einfaches, kleines Ding, aber welche Manieren! Gut, aber ſie ſehr freundlich gegen ihn — Gott ſegne ſie da⸗ ür . Mr. Samuel war ausgegangen, um ſeinen Pa zu empfangen. Mrs. Huxter ſagte, daß der alte Gentle⸗ man heute in dem Somerſet Coffeehouſe auf dem Strand ankommen würde, und Fanny geſtand, daß ſie in gro⸗ ßer Angſt über dieſe Zuſammenkunft ſei. „Wenn ſein Vater ihn verſtößt, was fangen wir an?“ ſagte fie. „Ich werde mir nie verzeihen, daß ich meinen Mann in's Verderben gebracht habe. Sie müſſen für uns in's Mittel treten, Mr. Arthur. Wenn es je menſchen⸗ möglich iſt, ſo können Sie Mr. Hurter senior herum⸗ 202 bringen und influenziren“ Fanny betrachtete Pen noch immer im Lichte eines höheren Weſens, das war offen⸗ bar. Ohne Zweifel dachte Arthur an die Vergangen⸗ heit, während er die feierlichen, tragiſchen Mienen und Blicke, die kleinen Umtriebe, Aengſtlichkeiten und Eitel⸗ keiten der kleinen Neuvermählten betrachtete. So bald der Beſuch vorbei war, traten die Herren Linton und Blades ein, welche natürlich kamen, um Hurter zu beſuchen, und einen feinen Duft von Taback mit ſich brachten. Sie hatten den Wagen an des Bäckers Thür betrach⸗ tet und mit Ehrfurcht die Krone beaugt. Sie fragten Fanny, wer der ungemein ſtattliche Dandy geweſen, der ſoeben abgefahren ſei, und erklärten, daß die Gräfin von der rechten Art ſei. Und als ſie hörten, daß es Mr. Pendennis und ſeine Schweſter geweſen, bemerkten ſie, daß Pen's Vater nur ein „Beinſäger“ geweſen, und daß er ſich ein verdammt vornehmes Air gebe; ſie ſeien in Hurter's Geſellſchaft an dem Abende ge⸗ weſen, wo derſelbe den kleinen Streit mit Pen in der Hinterküche gehabt habe. Als ſie durch die Fleet Street heimkehrten und Laura eben zu Pen's unendlichem Amüſement bemerkte, daß Fanny ſehr gut ausſehe, aber in der That keinen Anſpruch auf Schönheit habe, ſie habe vielleicht — aber ſie könnte es nicht ſehen. — Während ſie in der Nähe von Temple Bar kamen, ſahen ſie Hurter zu ſei⸗ ner jungen Frau zurückkehren. „Der Alte iſt angekom⸗ men, war im Somerſetter Café — war in erträglich guter Stimmung — zum Theil über die Eiſenbahn; aber er habe ſich geſcheut, über — über die Sache mit ihm zu ſprechen. Wollten es nicht Mr. Pendennis mit ihm verſuchen ?“ Pen ſagte, er wollte in dem Augenblicke hingehen und Mr. Hurter beſuchen und ſehen, was ſich thun laſſe. Hurter junior wyllte außen lauern, während die verhängnißvolle Beſprechung ſtattfinde. Die Krone 203 an dem Wagen flößte auch ſeiner Seele den Glauben an Wunder ein und der alte Mr. Hurter ſelbſt be⸗ ſchaute ihn mit Vergnügen, während er aus den Fen⸗ ſtern des Kaffeehauſes auf dem Strande ſah, den zu überſchauen immer für ihn eine beſondere Augenweide war. „Und ich kann mir ſchon einen Freudentag machen, Sir,“ ſagte Mr. Hurter, Pen die Hand ſchüttelnd. „Sie wiſſen natürlich ſchon die Neuigkeit? Wir haben unſre Bill gekriegt, Sir. Wir bekommen unſere Seitenbahn — unſere Aktien find auf, Sir — und wir kaufen Ihre drei Felder an dem Brawl und ſtecken Ihnen ein hüb⸗ ſches Stückchen Geld in die Taſche, Mr. Pendennis.“ „Das wäre! — Das iſt einmal eine gute Bot⸗ ſchaft.“ Pen erinnerte ſich, daß innerhalb der letzten drei Tage ein Brief von Mr. Tatham in den Chambers angekommen; aber er hatte ihn nicht geöffaet, da er andere Geſchäfte gehabt. „Ich hoffe, Sie haben nicht im Sinne, reich zu werden und die Praxis aufzugeben,“ ſagte Pen. „Wir können Sie in Clavering nicht entbehren, Mr. Hurter, obgleich ich gute Nachrichten von Ihrem Sohne höre. Mein Freund Dr. Goodenough ſpricht ſehr vortheilhaft von ſeinen Talenten. Es iſt hart, daß ein Mann von Ihrer Auszeichnung in einer Landſtadt bleiben ſoll.“ „Die Hauptſtadt wäre mein Element geweſen, Sir,“ ſagte Mr. Hurter, den Strand überſchauend. „Aber man nimmt das Geſchäft, wo man's findet, und ich trat in das meines Vaters ein.“ „Auch mein Vater hatte das gleiche,“ ſagte Pen. kommt mir oft, daß auch ich es hätte ergreifen ollen.“ „Sie haben eine ſtolzere Laufbahn betreten,“ ſagte der alte Gentleman. „Sie aſpiriren nach dem Senat und nach Ehren in der Wiſſenſchaft. Sie führen die Poetenfeder und bewegen ſich in den Zirkeln der Faſhion. 204 Wir haben ein Auge auf Sie in Clavering. Wir leſen Ihren Namen in den Liſten der auserwählten Parthien des Adels. Ei, erſt vor ein Paar Tagen bemerkte meine Frau gegen mich, daß es auffallend ſei, daß Ihr Name nicht bei Carl von Kidderminſters Par⸗ thie erwähnt werde. Welchem Gliede der Ariſtokratie gehört wohl die Equipage, aus der ich Sie ausſtei⸗ gen ſah, wenn ich fragen darf? Der verwittweten von Rockminſter? Wie befindet ſich Ihre Herr⸗ ichkeit.“ „Ihre Herrlichkeit iſt nicht ganz wohl; und als ich hörte, daß Sie in die Stadt kämen, ſo drang ich ſehr in ſie, Sie zu ſprechen, Mr. Hurter,“ ſagte Pen. Dem alten Hurter war ſo zu Muthe, daß, wenn er hundert Stimmen für Clavering hätte, er fie alle Pen geben wollte. „Es iſt eine alte Freundin von Ihnen in dem Wa⸗ gen — auch eine Claveringer Lady — wollen Sie kom⸗ men und ſie ſprechen?“ fragte Pen. Der alte Wund⸗ arzt war hoch erfreut, mitten auf dem vollen Strande in einen bekronten Wagen zu ſprechen; er rannte, ſich verbeugend und lächelnd, hinab. Hurter junior, der in der Nähe umherſchlich, ſah die Beſprechung ſeines Va⸗ ters mit Laura mit an, ſah, wie Letztere ihre Hand ausſtreckte und wie ſein Vater, nach einem kurzen Zwie⸗ geſpräch mit Pen, unverzüglich in den Wagen ſprang und mit Miß Bell davon fuhr. Es war kein Raum für Arthur; er kam lachend zu dem jungen Wundarzt zurück und ſagte ihm, wohin ſein Vater auf dem Wege war. Während der ganzen Fahrt plauderte, ſchmeichelte und kajolirte ſie ihn ſo geſchickt, daß der alte Gentleman ihr Alles gewährt haben würde; und Lady Rockminſter vollendete den Sieg über ihn, indem ſie ihn über ſeine Kunſt bekompli⸗ mentirte und ihren Wunſch ausſprach, ihn zu kon⸗ ſultiren. Was die Symptome Ihrer Herrüchtei ſeien? Ob er nicht mit dem gewöhnlichen Hausarzte Ihrer Herrlichkeit Rückſprache nehmen ſollte. Mr. Jones ſei aus der Stadt gerufen. Er würde hoch erfreut ſein, ſeine beſte Kraft und Erfahrung dem Dienſte Ihrer Herrlichkeit zu widmen. Er war ſo entzückt über ſeine Patientin, daß er über ſie an ſeine Frau und Familie ſchrieb. Er ſprach von Nichts, als von Lady Rockminſter zu Samuel, als dieſer junge Mann auf Beefſteaks und Auſternſauce kam und ſeinen Vater in's Theater begleitete. Es lag eine ſo einfache Größe, eine feine Urbanität und vornehme Grazie auf Ihrer Herrlichkeit, wie er ſie nie bei einer Dame gefunden hatte. Ihre Symptome ſeien nicht von beunruhigender Natur, er habe ihr Spir. Ammon. Aromat. mit ein Wenig Sp. Menth. Pip und Oran⸗ genblüthe verſchrieben, weiter ſei Nichts von Nöthen geweſen. Miß Bell ſchien mit Ihrer Herrlichkeit auf dem vertrauteſten, zärtlichſten Fuße zu ſtehen: ſie ſei im Begriff, ein eheliches Verhältniß einzugehen. Alle jun⸗ gen Leute ſollten heirathen, dieß waren die Worte Ihrer Herrlichkeit, und die Gräfin ließ ſich herab, mich nach meiner eigenen Familie zu fragen, und ich nannte Dich, Sam, mein Junge, ausdrücklich gegen Ihre Herrlichkeit. Ich werde morgen wieder nach ihr ſehen, wo ich, wenn die Mittel, die ich Ihrer Herrlichkeit verſchrieben habe, die erwartete Wirkung gethan, wahrſcheinlich ein wenig Spir. Lavend. Comp. folgen laſſen und ſo meine edle Patientin wieder auf die Beine bringen werde. „Wel⸗ ches Theater wird von den — von den höheren Klaſſen in der Stadt am meiſten beſucht, he, Sam? und zu welcher Unterhaltung wirſt Du heute Abend einen alten Landdoktor nehmen, Sir?“ Als Mr. Hurter in Jermyn Street um zwölf Uhr einen Beſuch machte, hatte Lady Rockminſter noch nicht das Zimmer verlaſſen, aber Miß Bell und Mr. Penden⸗ 206 nis warteten, um ihn zu empfangen. Lady Rockminſter hatte eine ganz gute Nacht gehabt und war wieder ſo wohl, als es menſchenmöglich war. Wie ſich Mr. Hur⸗ ter die Zeit vertrieben? Im Theater? Mit ſeinem Sohn? Was das für ein Kapitalſtück war! wie be⸗ zaubernd Mrs. O'leary ausgeſehen und geſungen! Was für ein guter Burſche der junge Hurter ſei, bei Jeder⸗ mann gut angeſchrieben! Eine Zierde ſeines Berufes. „Er hat nicht die Manieren ſeines Vaters, ich gebe es Ihnen zu, noch den alten Weltton, der uns immer mehr abhanden kommt; aber ein trefflicherer Kernjunge lebt nicht unter der Sonne.“ „Er ſollte auf dem Lande praktiziren, wie Sie, Sir,“ ſagte Arthur, „er ſollte heirathen — andere Leute thun es auch — und ſich irgendwo ſetzen.“ „Dieſelben Worte, welche geſtern Ihre Herrlichkeit gebrauchten, Mr. Pendennis. Er ſollte heirathen. Sam ſollte heirathen, Sir.“ „Die Stadt iſt voller Verſuchungen, Sir,“ fuhr Pen fort. Der alte Gentleman dachte an jene Huri Mrs. Oleary. „Es gibt keine beſſere Sauvegarde für einen jun⸗ gen Mann, als eine frühe Heirath mit einem ehrlichen, frievlichen Geſchöpf.“ „Keine beſſere, Sir, keine beſſere.“ „Und die Liebe iſt beſſer als Geld, nicht wahr?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Miß Bell. „Ich muß mit einer ſo ſchönen Autorität in Ueber⸗ einſtimmung ſein,“ ſagte der alte Gentleman mit einer Verbeugung. „Und nehmen Sie den Fall an, Sir, ſagte Pen, „daß ich Ihnen eine Neuigkeit mitzutheilen hätte.“ „Gott ſteh' mir bei, Mr. Pendennis, was meinen Sie 7“ fragte der alte Gentleman. „Nehmen Sie den Fall an, ich hätte Ihnen zu berichten, daß ein junger Mann, fortgeriſſen von einer 207 unwiderſtehlichen Leivenſchaft für eine bewundernswürdige, äußerſt tugendſame, junge Schöne — in die ſich Jeber⸗ mann verliebt — den Eingebungen der Vernunft und ſeines Herzens gefolgt wäre und ſich verheirathet hätte. Nehmen Sie den Fall an, ich hätte Ihnen zu ſagen, daß dieſer Mann mein Freund iſt; daß unſere vortreff⸗ liche, wahrhaft noble Freundin, die verwittwete Gräfin von Rockminſter ſich aufrichtig für ihn intereſſirt (und Sie mögen ſich denken, was ein junger Mann im Leben thun kann, wenn die Familie ſich für ihn inte⸗ reſſirt). Setzen Sie den Fall, ich hätte Ihnen zu ſagen, daß Sie ihn kennen — daß er hier iſt — daß er iſt —“ „Sam, verheirathet! Gott ſteh mir bei, Sir! Sie wollen doch das nicht ſagen!“ „Und mit einem ſo hübſchen Geſchöpfe, lieber Mr. Hurter.“ „Seine Lordſchaft iſt bezaubert von ihr,“ ſagte Pen, die erſte Lüge, die er ſich im Verlaufe dieſer Geſchichte erlaubte. „Verheirathet! der Schuft, ei ſo ſchlag!“ dachte der alte Gentleman. „Es wird recht werden, Sir,“ ſagte Pen, ging und öffnete die Thür. Mr. und Mrs. Samuel Hurter traten heraus, und Beide kamen und knieten vor dem alten Gentleman nieder. Die knieende kleine Fanny fand Gnade in ſei⸗ nen Augen. Sie muß, trotz Laura's Meinung, eine Anziehungskraft beſeſſen haben. „Will's nicht mehr thun, Sir,“ ſagte Sam. „Steht auf, Sir,“ ſprach Mr. Hurter. Und ſie ſtanden auf und Fanny kam ein wenig näher und noch ein wenig näher und ſah ſo hold und kläglich darein, daß Mr. Hurter das kleine, weinendlachende Ding küſſen mußte und das Gefühl hatte, als ob er ſie lieb haben würde. „Wie heißen Sie, meine Theure?“ ſagte er, nach⸗ dem dieſer heitere Auftritt eine Minute gedauert hatte. „Fanny, Papa,“ ſprach Mrs. Samuel. „ Fünfunddreißigſtes Rapitel. Exeunt omnes. Unſere Freunde find alle um einen Monat älter, als ſie zu der Zeit waren, da die letztbeſchriebenen Abenteuer und Unterredungen Statt gefunden; auch wollte der Zufall, daß ein großer Theil der Perſönlich⸗ keiten unſrer Geſchichte ſich in der kleinen Landſtadt, wo wir zuerſt bei ihnen eingeführt wurden, verſammelt waren. Frederik Lightfoot, früher maitre d'hötel, im Dienſte Sir Francis Clavering's von Clavering Park Bart., hat ſich erlaubt, den hohen Adel und das verehr⸗ liche Publikum von — ſhire zu benachrichtigen, daß er das wohlbekannte und komfortable Hötel Clavering Arms Gum Claveringer Wappen) in Clavering in Beſitz ge⸗ nommen und auf die fortgeſetzte Gönnerſchaft der Gent⸗ lemen und hohen Familien der Grafſchaft hofft. „Die⸗ ſes alte und wohletablirte Haus, gibt Mr. Lightfoot in ſeinem Manifeſte zu wiſſen, iſt wieder hergeſtellt und in einem Styl des größten Comforts dekorirt worden. Gentlemen, welche mit den Dumplingbearer Hunden jagen, werden in dem Gaſthof zum „Claveringer Wappen“ vortreffliche Stallung und geräumige Stellen für die Pferde ſin⸗ den. Das Höotel hat ein bequemes Billardzimmer be⸗ fommen, und die Keller ſind mit den ausgeſuchteſten 209 Weinen ohne Rückſicht auf Koſten von C. L. ausgeſtattet. Gentlemen, welche in Handelsgeſchäften reiſen, werden den komfortabelſten Reſort in den Clavering Arms finden, die Preiſe ſind für Alles feſtgeſetzt, ſo daß ſie dem Sinne der Sparſamkeit unſrer Zeit entſprechen. In der That, das alte Wirthshaus hat das Aus⸗ ſehen großer Lebhaftigkeit gewonnen. Das Claveringer Wappen über dem Thorwege iſt in vollem Glanze wie⸗ der hergeſtellt; die Fenſter des Kaffeeſaals ſind glänzend und friſch mit Weihnachtſtechpalmen dekorirt. Die Frie⸗ densrichter haben in ihren kleinen Sitzungen ſich im Spielzimmer der Alten Aſſemblee verſammelt;z der Koſt⸗ tiſch für die Farmer wird wie vor dem gehalten und in größerer Anzahl beſucht, und Alle find mit Mrs. Light⸗ foot's cuisine zufrieden. Ihre Indiſchen Kurries und Mulligatawnyſuppen ſind beſonders beliebt: Major Stokes, der hochgeachtete Pächter von Fairvaks Cot⸗ tage, Kapitän Glanders H. P. und andere Glieder der vornehmen Welt haben ſich zu ihren Gunſten ausgeſprochen und ſich mehr denn einmal, ſowohl in Privatzirkeln, als bei dem Diner des Claveringer Inſtituts, in Folge der Einverleibung des Leſezimmers, betheiligt, und die erſten Einwohner jener blühenden kleinen Stabt ſind dort zu⸗ ſammengetreten und haben dem vortrefflichen Mahle der Wirthin Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Der Präſi⸗ dentenſtuhl wurde von Sir Francis Clavering Bartſ., unterſtützt von dem hochgeachteten Rektor Doktor Portman, eingenommen; derVicepräſidentenſtuhl von Barker — Es⸗ quire, unterſtützt von dem hochehrwürdigen J. Simcoe und S. Jowls, dem unternehmenden Principal der Band⸗ faklorei in Clavering und Oberdirektor der Claveringer und Chatteries Zweigbohn der großen Weſteiſenbahn, die in einem der nächſten Jahre eröffnet werden ſoll, und mit deren Vorbereitung jetzt Ingenienre und Tag⸗ löhner ämſiglich beſchäftigt ſind. Pendennis. 1w. 14 210 Ein intereſſanter Vorfall, der ſo leicht in dem Leben unſeres talentvollen Landsmanns Arthur Pendennis, Es⸗ quire, Statt finden kann, hat ihn, wie wir hören, ver⸗ anlaßt, ſeine Abſichten, als Kandidat für unſern Flecken aufzutreten, aufzugeben, und das Gerücht flüſtert, (ſagt der Kämpe von Chatteries, der Claveringer Landwirth, und der Baymouther Fiſchersmann — dieſe unabhän⸗ gige Grafſchaftszeitung, ſo ausgezeichnet durch ihre unerſchütterlichen Grundſätze und ihre Loyalität für die brittiſche Eiche, und ein ſo vorzügliches Organ für Ankündigungen) — das Gerücht will wiſſen, fagt der K. v. C. der C. L. und der B. F., daß, ſollte Sir Fran⸗ cis Claverings ſchwache Geſundheit ihn nöthigen, ſeinen Sitz im Parlamente aufzugeben, er ihn zu Gunſten eines jungen Gentleman's von koloſſalen Glücksgütern, der mit der höchſten Ariſtokratie des Reiches verwandt, und im Begriff iſt, eine eheliche Verbindung mit einer ausgezeichneten und liebenswürdigen Lady zu ſchließen, die durch die nächſten Bande mit der hochgeachteten Familie in Clavering Park verbunden iſt, abzutreten. Lady Clavering und Miß Amory ſind für die Weih⸗ nachtsfeiertage in dem Park angekommen, und wir hören, daß eine zahlreiche Ariſtokratie erwartet wird und Feſtlichkeiten einer ganz beſondern Art daſelbſt mit dem Anfang des neuen Jahres Statt finden werden. Der ſcharffinnige Leſer wird im Stande ſein, mit Hilfe obiger Angabe zu entnehmen, was während der kleinen Unterbrechung unſrer Erzählung Statt gefun⸗ den hat. Obgleich Lady Rockminſter ein Wenig murrte, daß Laura dem Pendennis den Vorzug vor dem Blau⸗ bart gegeben hatte, ſo werden doch diejenigen, welche das Geheimniß des Letztern kennen, einſehen, daß das junge Mädchen keine andere Wahl treffen konnte, und die gütige alte Lady, welche ſich zu Miß Bells Vor⸗ münderin gemacht hatte, war wohl zufrieden, daß ſie die große Lebensaufgabe junger Ladies erfüllen und hei⸗ 21¹ rathen ſollte. Sie benachrichtigte ihre Zofe noch dieſelbe Nacht von dem intereſſanten Ereigniß, und natürlich war Mrs. Beck, welche jeden einzelnen Umſtand ſich abwickeln ſah, und von Martha von Fairoaks über Alles, was vorging, auf dem Laufenden erhalten wurde, ganz überraſcht und entzückt. „Mr. Pendennis's Einkünfte ſind ſo und ſo viel; die Eiſenbahn wird ſie um ſo und ſo viel vermehren, wie er angibt; Miß Bell hat ſo und ſo viel, und hat wahrſcheinlich einmal noch ein Bischen mehr. Für Perſonen ihrer Stellung können ſie ganz gut zu Recht kommen. Und ich werde mit meinem Neffen Pynſent ſprechen, der, wie ich argwöhne, einmal eine Zuneigung zu ihr hatte, — davon konnte aber natürlich keine Rede ſein (o natürlich, Mylady, bin ganz damit einverſtanden!) — nicht, als ob Sie etwus davon wiſſen mußten, oder ſich zum Geſchäft machten, darüber nachzudenken — ich werde George Pynſent ſprechen, der jetzt Oberſekretär von der Tape und Sealing Waroffice iſt, daß er dafür ſorgt, daß man Mr. Pendennis zu etwas macht. Und Beck, am Morgen überbringen Sie dem Mojor Pendennis meine Komplimente, und ſagen, daß ich ihm um ein Uhr einen Beſuch machen werde. — Ja,“ murmelte die alte Lady, „der Major muß ausgeſöhnt werden, und er muß ſein Vermögen Laura's Kindern hinterlaſſen.“ Dem zu Folge erſchien die verwittwete Lady Rock⸗ minſter um ein Uhr in Major Pendennis Wohnung, der, wie man ſich denken kann, entzückt war, einen ſo vornehmen Beſuch zu erhalten. Der Major war vor⸗ bereitet, wenn auch nicht auf die Neuigkeit, welche My⸗ lady ihm mitzutheilen hatte, ſo voch auf die Nachricht, daß Pen's Verhältniß zu Miß Amory abgebrochen ſei. Der junge Gentleman erinnerte ſich zum erſten Mal an jenem Tage, man muß es geſtehen, an ſeinen Oheim, und da er deſſen neuen Diener in der Halle des Hotels traf, fragte er Froſch, wie ſich der Major befinde, ging 2¹2 dann in das Kaffeezimmer des Hotels und ſchrieb ein halb dutzend Zeilen, um ſeinen Vormund mit dem, was vorgefallen, bekannt zu machen. „Theurer Onkel,“ ſagte er, „wenn noch eine Frage zwiſchen uns geweſen iſt, ſo iſt ſie jetzt entſchieden. Ich ging geſtern nach Tun⸗ bridge Wells und fand, daß ein Andrer den Preis davon getragen, um den wir im Zweifel waren. Miß Amory hat ohne Gewiſſensbiſſe für mich ſich Harry Foker mit ſeinen fünfzehn Tauſend per Jahr hingegeben, ich überraſchte die Liebenden, fand und ließ ſie im Beſitz⸗ „Und es wird Sie freuen, zu hören, daß Tatham mir ſchreibt, daß er drei meiner Felder zu Fairoaks an die Eiſenbahngeſellſchaft zu hohem Preiſe verkauft hat. Ich werde davon und von noch weiterem mit Ihnen ſprechen, wenn wir uns treffen und bin immer Ihr zärtlicher A. P.“ „Ich glaube, zu errathen, was Sie mir zu ſagen im Begriffe ſind,“ ſagte der Major mit äußerſt höfiſchem Lächeln und Verbeugen vor Pen's Geſandtin; „es war ſehr viel Güte von Ihrer Herrlichkeit, mir die Kunde zu bringen. Wie gut Sie ausſehen! wie Sie ſo gütig ſind, wie Sie immer ſo freundlich gegen den jungen Mann geweſen ſind.“ „Es geſchah wegen ſeines Onkels,“ ſagte Lady Rockminſter ſehr höflich. „Er hat mich von dem Stande ſeiner Angelegen⸗ heiten unterrichtet, und mir eine artige Note, — ja eine artige Note geſchrieben,“ fuhr der alte Gentleman fort, „und ich finde, er hat einen Zuwachs an Vermö⸗ gen gehabt, ja; und Alles wohl erwogen, bedaure ich nicht ſehr, daß dieſe Affaire mit Miß Amorh manguirte, obgleich ich einmal dafür war, — in der That, Alles wohl erwogen, bin ich ſehr froh darüber.“ „Wir müſſen ihn tröſten, Major Pendennis,“ fuhr die Lady fort, „wir müſſen ihm ein Weib bekommen.“ Dem Major ging jetzt ein Licht auf, und er ſah ein 213 warum Lady Rockminſter geruhte, die Botſchafterin zu machen. Es iſt nicht nothwendig, auf die nun folgende Un⸗ terhaltung einzugehen, oder des weitern zu erzählen, wie Ihre Herrlichkeit eine Unterhandlung beſchloß, welche in Wohrheit erträglich leicht war. Es lag kein ver⸗ nünftiger Grund vor, warum Pen nicht nach ſeinem und ſeiner Mutter Wunſch heirathen ſollte, und was Lady Rockminſter betrifft, ſo unterſtützte ſie die Heirath mit Andeutungen, welche ein ſehr großes Gewicht bei dem Major hatten, von denen wir aber nichts ſagen, weil Ihre Herrlichkeit (natürlich jetzt hoch betagt) noch lebt, und die Familie ärgerlich werden könnte; kurz, der alte Gentleman war ganz bewältigt von der entſchiede⸗ nen Gnade der Lady und ihrer Zärtlichkeit für Laura. Nichts konnte in der That ſchmeichelhafter und freund⸗ licher ſein, als Lady Rockminſters ganzes Benehmen außer einem Augenblick, wo der Major davon ſprach, daß ſein Junge ſich wegwerfe, worauf ihre Herrlichkeit in einen kleinen Sermon ausbrach, in welchem ſie dem Major zu verſtehen gab, was der arme Pen und ſeine Freunde in aller Demuth anerkennen, daß Laura um tauſend Procente zu gut für ihn ſei. Laura könnte die Gemahlin eines Königs ſein — Laura ſei ein Muſter von Tugend und Vortrefflichkeit. Und man muß ge⸗ ſtehen, daß, als Major Pendennis fand, daß eine Lady vom Range der Gräfin von Rockminſter Miß Bell in allem Ernſt bewunderte, er ſogleich begann, ſie gleich⸗ falls zu bewundern. Als daher Herr Froſch erſucht wurde, in Lady Rockminſters Gemächer hinauf zu gehen und Miß Bell und Mr. Arthur Pendennis zu benachrichtigen, daß der Major ſie empfangen würde und Laura erröthend und glücklich an Pen's Arm hängend erſchien, drückte der Ma⸗ jor beiden die Hand mit nicht unaffektirter Rührung und Herzlichkeit, und ging dann zu einer weitern Begrüßung 21¹4 auf Laura zu, was ſie noch mehr erröthen machte. Glückliches Erröthen! Glänzende Augen, ſtrahlend vom Lichte der Liebe! Der Hiſtorienerzähler wendet ſich von dieſer Gruppe zur Zuhörerſchaft und hofft, daß eines Tages ihre Augen auch ſo ſtrahlen möchten. Nachdem ſich Pen auf die freundlichſte Weiſe zu⸗ rückgezogen und die liebliche Blanche ihre jungen Nei⸗ gungen einem erröthenden Bräutigam von fünfzehn Tauſend per Jahr zugewendet hatte, hatte Lady Cla⸗ verings Herz und Familie ein ſolcher Glückstaumel er⸗ griffen, wie die gute Begum ſeit manchem Jahre nicht mehr empfunden, und ſie und Blanche ſtanden auf dem herzlichſten und zärtlichſten Fuße mit einander. Der feurige Foker drängte vorwärts auf den glücklichen Tag und war ſo beſorgt, als ſich erwarten ließ, die Zeit der Trauer abzukürzen, die ihn in Beſitz ſo vieler Reize und Liebenswürdigkeiten geſetzt, von denen er bis jetzt ſo zu ſagen nur der muthmaßliche Erbe, nicht der wirk⸗ liche Beſitzer geweſen. Die ſanfte Blanche, welche Alles war, was ihr verlobter Lord begehren konnte, war nicht abgeneigt, den Wünſchen ihres zärtlichen Henry zu will⸗ fahren; Putzhändler und Juweliere wurden in Thätig⸗ keit geſetzt und mußten die herrlichen Parapharnalien des Hymen vorbereiten. Lady Clavering war in ſo guter Laune, daß ſelbſt Sit Francis davon zu genießen bekam und dieſes Paar ſo weit ausgeſöhnt wurde, daß Sir Francis nach London kam, an ſeiner eigenen Tafel wieder präſidirte, und in den Billardräumen und Spiel⸗ häuſern leidlich bei Gelde erſchien. Eines Tags, als Major Pendennis und Arthur zu einem Diner in Groß⸗ venor Place gingen, fanden ſie einen alten Bekannten dort als Major Domo etablirt, und der ſchwarzgeklei⸗ dete Gentleman, ver mit vollkommener Höflichkeit und Gravität ihnen die Wahl der verſchiedenen Champagner offerirte, war kein andrer, als Mr. James Morgan. Der Chevalier Strong hatte ſich gleichfalls eingefunden; 2¹⁵ — er war in ſehr guter Laune und Lage und unterhielt die Geſellſchaft mit Berichten über ſeine Amuſements. in fremden Landen. „Mylady hat mich eingeladen,“ ſagte Strong zu Arthur bei Seite — der Burſche Morgan ſah ſo finſter darein, wie ein Gewitter, als ich herein kam. „Er iſt zu nichts Gutem da, ich will zuerſt fort und bei Hyde Park Gate auf Sie und Major Pendennis warten.“ Mr. Morgan half Major Pendennis in ſeinen großen Rock, als er das Haus verließ; und murmelte ſo etwas, als ob er in der Familie von Clavering eine zeitige Anſtellung angenommen hätte. „Ich habe ein Papier von Ihnen in Händen, Mr. Morgan,“ ſagte der alte Gentleman. „Das Sie Sir Francis Clavering zeigen können, Sir, wenn es Ihnen beliebt, und es wird ihm ganz willkommen ſein,“ ſagte Mr. Morgan mit geſenktem Blicke. Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Major Penden⸗ nis, und wenn ich Ihnen für alle Ihre Güte einmal vergelten kann, ſo werd' ich nicht ermangeln.“ Arthur hörte ſeine Erwiderung und ſah den Blick des Haſſes, der ſie begleitete, rief plötzlich, er habe ſein Taſchentuch vergeſſen, und rannte wieder hinauf in den Geſellſchaftsſaal. Foker war noch da und verweilte bei ſeiner Sirene. Pen gab der Sirene einen bedeutungs⸗ vollen Blick, und wir ſetzen voraus, daß die Sirene be⸗ deutungsvolle Blicke verſtand: denn als er das wahr⸗ hafte Taſchentuch, das er ſuchte, gefunden, und wieder hinausging, ſagte die Sirene in lachendem Tone: „o Arthur — Mr. Pendennis — ich wünſchte, Sie ſagten der theuren Laura etwas,“ damit trat ſie aus der Thür. „Was gibt es?“ fragte ſie die Thür ſchließend. „Haben Sie's Harcy geſagt? Sie müſſen wiſſen, daß der Schuft Morgan Alles weiß.“ „Ich weiß es,“ ſagte ſie. „Haben Sie's Harry geſagt?“ 2¹16 „Nein, nein,“ ſagte ſie. „Sie werden mich voch nicht verrathen wollen?“ „Morgan thut es,“ ſagte Pen. „Nein, er wird es nicht,“ ſagte Blanche. „Ich habe ihm verſprochen — n'importe. Warten Sie bis nach unſrer Hochzeit, — bis nach unſrer Hochzeit — o wie unglücklich bin ich,“ ſagte das Mädchen, welche wäh⸗ rend des Abends voll Lächeln, Holdſeligkeit und Heiter⸗ keit geweſen war. Arthur ſagte: „Ich bitte und flehe Sie, es Harry zu ſagen. Sagen Sie's ihm jetzt. Es iſt ja nicht Ihre Schuld. Er wird Ihnen Alles zu Gute halten. Sagen Sie's ihm heute Nacht.“ „Und geben Sie ihr dieß — il est là — nebſt meinem Gruße, wenn ich bitten darf; und ich bitte Sie um Pardon, daß ich Sie zurückgerufen habe, und wenn ſie um halb vier Uhr bei Madame Crinoline ſein will, und Lady Rockminſter ſie entbehren kann, ſo wäre es mir angenehm, mit ihr in den Park zu fahren;“ und ſie kam herein, ſingend und küſſend ihre kleine Hand, als Morgan, der ſammtfüßige, die teppichbelegte Treppe heraufkam. Pen hörte Blanche's Piano in eine brillante Mu⸗ ſik ausſtrömen, während er hinabging, um ſeinen Oheim einzuholen, und ſie gingen mit einander fort. Arthur erzählte ihm kurz, was er gethan hatte. „Was ſollte man thun?“ fragte er. „Was man thun ſoll, bei Gatt?“ ſagte der alte Gentleman, „was kann man thun, als der Sache den Lauf laſſen? Bei Gatt, danken wir dem Himmel,“ ſagte der allte Burſche ſchauernd, „daß wir Nichts damit zu thun haben und überlaſſen wir's denen, die es angeht.“ „Ich hoffe zu Gott, daß ſie's ihm ſagt,“ ſprach en. „Bei Gatt, ſie wird's ihm auf ihre Weiſe bei⸗ bringen,“ ſagte der alte Mann; „Miß Amory hat die 217 Augen verteufelt weit offen, Sir, und muß ihre Karten ſelber ſpielen, und ich bin hölliſch froh, daß Du davon los biſt — hölliſch froh, bei Gatt! Wer raucht da? O, es iſt wieder Mr. Strong, er ſoll ſe in Ruder ein⸗ ſetzen, vermuth' ich; ich ſage Dir, miſche Dich nicht in den Handel, Arthur.“ Strong begann ein oder zwei Mal auf die Sache einzulenken, aber der Major wollte Nichts davon hören. Er bemerkte, wie das Mondlicht Apsley Haus beſchien, wie ſchön das Wetter war, wie die Gasſänder ſich ſo gut ausnehmen, alles Andere, nur Nichts von der Sache. Er verbeugte ſich ſteif gegen Strong und nahm ſeines Neffen Arm, als er in St. James's Street einbog und warnte wieder Pen, ſich nicht in die Sache zu mengen; es wäre Dir leicht ſehr theuer zu ſtehen gekommen, daß Du meinen Rath wohl befolgen darfſt,“ ſagte er. Als Arthur aus dem Hotel trat, wurden Strong's Mantel und Cigarre ein paar Häuſer weit entfernt ſicht⸗ bar, der luſtige Chevalier lachte, als ſie ſich trafen. „Ich bin auch ein alter Soldat,“ ſagte er, „ich wünſchte mit Ihnen zu ſprechen, Pendennis. Ich habe von Allem gehört, was vorgegangen iſt, und von allen Stückchen, die während meiner Abweſenheit aufgeſpielt haben. Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Verbindung, und gratulire Ihnen auch, daß Sie ſo weggekommen find — Sie verſtehen mich. Es war nicht mein Amt, zu ſprechen, aber ſo viel weiß ich, daß eine gewiſſe Parthie ſehr übel daran iſt — Gut — gut, ſprechen wir nicht mehr davon. Sie haben als Mann gehandelt und wit⸗ terten gut und find jetzt außer dem Schuß.“ „Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen,“ ſagte Pen. „Ich ging zurück, bat und flehte die arme Blanche, Foker Alles zu ſagen; ich hoffe um ihretwillen, daß ſie's thut. Es gibt nur eine Politik, Strong, es gibt nur eine.“ „Und glücklich der, der an ihr feſthalten kann,“ 2¹8 ſagte der Chevalier. „Dieſer Schuft von Morgan ſinnt auf Unheil. Er iſt die letzten paar Monate um unſre Chambers geſchlichen: er hat das Geheimniß des armen Teufels von Amory ausgewittert. Er hätte gerne ent⸗ deckt, wo er iſt: er hat Mr. Bolton ausgeholt und den alten Coſtigan mehrere Male betrunken gemacht. Er beſtach den Innthorwächter, ihm zu ſagen, wenn er zurückkomme: und iſt in Clavering's Dienſt getreten, in Folge der Enthüllungen. Er wird ſich ſehr gut dafür bezahlen laſſen, der Schuft, denken Sie an mich.“ „Wo iſt Amory?“ fragte Pen. „Zu Boulogne, glaube ich; ich verließ ihn dort und warnte ihn, nicht zurückzukommen. Ich habe mit ihm gebrochen nach einem verzweifelten Streit, wie ſich von einem ſolchen Tollhäusler erwarten ließ. Und ich bin froh, daß ich ſagen darf, daß er jetzt in meiner Schuld iſt, und daß ich ihm aus mehr denn einer Klemme geholfen habe.“ „Er hat vermuthlich alle ſeine Gewinnſte wieder eingebüßt,“ ſagte Pen. „Nein: er iſt eher noch beſſer daran, als da er wegging, oder war es noch vor vierzehn Tagen. Er hatte außerordentliches Glück in Baden, ſprengte meh⸗ rere Nächte die Bank und war in Aller Mund. Er liirte ſich dort mit einem Burſchen Namens Bloundell, der eine Genoſſenſchaft von allerlei Gaunern um ihn ſammelte, männlichen und weiblichen, Ruſſen, Franzoſen, Deutſchen und Engländern. Amory wurde ſo inſolent, daß ich genöthigt war, ihn eines Tags ſo durchzudre⸗ ſchen, daß es ihm an's Leben ging. Ich konnte nicht anders, der Burſche hat ungemein viel Courage, und ich hatte kräftig darein geſchlagen.“ „Und forderte er Sie nicht?“ fragte Pen. „Sie glauben, wenn ich ihn erſchoſſen hätte, ſo würde ich Niemand viel Trauer bereitet haben ? — „Nein, Sir; ich wartete auf ſeine Ausforderung, 2¹9 aber ſie kam nicht, und das nächſte Mal, da ich ihn traf, bat er mich um Verzeihung, und ſagte: „Strong, ich bitte Sie um Verzeihung, Sie walkten mich wacker durch und haben mir nur Recht gethan; ich drückte ihm die Hand, aber ich konnte auf dieſen Vorgang nicht mehr mit ihm leben. Ich zahlte ihm den Abend zuvor, was ich ihm ſchuldig war,“ ſagte Strong erröthend, „ich verpfändete Alles, um ihn zu bezahlen, und dann ging ich mit meinen letzten zehn Gulden und machte noch einen Verſuch mit der Roulette. Wenn ich ver⸗ loren hätte, ſo hätte ich mich von ihm am andern Mor⸗ gen erſchießen laſſen. Ich war meines Lebens müde, beim Jupiter. Iſt es nicht eine Schande, daß ein Mann wie ich, der ſeine paar Wechſelſchulden haben mag, aber nie einen Freund in der Noth im Stiche ließ, oder eine unehrenhafte Handlung beging, nicht im Stande ſein ſollte, ſeine Hand zu etwas zu wenden, um ſich Brod zu ſchaffen 2 Ich hatte eine gute Nacht auf der Roulette, und ich bin damit ausgekommen. Ich will jetzt einen Weinhandel anfangen. Meines Weibes Ver⸗ wandte wohnen in Cadix. Ich habe im Sinn, ſpani⸗ ſchen Wein und Schinken herüber zu bringen: es läßt ſich ein Glück damit machen, Sir, ein Glück — Hier iſt meine Karte, wenn Sie Sherry oder Schinken brau⸗ chen, ſo vergeſſen Sie nicht, daß Ned Strong Ihr Mann iſt.“ Und der Chevalier zog eine hübſche Karte heraus, welche auswies, daß Strong und Compagnie, Schepherd's Inn, die alleinigen Agenten der berühmten Demant Manzanilla des Herzogs von Garbanzos, Grande von Spanien erſter Klaſſe, und der famoſen Toboſo⸗Schinken ſind, deren Träger in Don Quixote's Vaterlande nur mit Eicheln gefüttert werden. Kommen Sie und verſuchen Sie's, Sir, — kommen Sie und verſuchen Sie ſie auf meinem Zimmer. Sie ſehen, ich hab' ein Auge auf's Geſchäft, und beim Jupiter, dieß Mal wird mir's ge⸗ lingen.“ 220 Pen lachte, indem er die Karte nahm. Ich weiß nicht, ob mir's erlaubt ſein wird, zu Junggeſellen⸗Par⸗ Nu zu gehen,“ ſagte er, „Sie wiſſen, ich bin im Be⸗ griff — „Aber Sie müſſen Sherry haben, Sir. Sie müſ⸗ ſen Sherry haben.“ „Ich will ihn von Ihnen beziehen, verlaſſen Sie ſich darauf,“ ſagte der Andere, „und ich glaube, Sie thun ſehr wohl ohne Ihre andere Genoſſenſchaft. Jener würdige Altamont und ſeine Tochter korreſpondiren, höre ich,“ fügte Pen nach einer Pauſe bei. „Ja; ſie ſchrieb ihm die längſten Salmbriefe, die ich je geleſen hatte: der ſchlaue, kleine Teufel — und er antwortete unter Couvert der Mrs. Bonner. Er war die erſten paar Tage dafür, ſie zu entführen und Nichts wollte ihn befriedigen, wenn er nicht ſein Kind zurück hätte; aber ſie wollte nicht kommen, wie Sie ſich ein⸗ bilden können, und er war zuletzt nicht ſehr eifrig darauf los.“ Hier brach der Chevalier in ein Lachen aus. „Ei, Sir, wiſſen Sie, was der Grund unfres Streites und unſrer Borparthie war? In Baden war eine ge⸗ wiſſe Witwe, eine Madame la Baronne de la cruche cassée, die nicht viel beſſer war, als er, die der Schuft heirathen wollte, und auch geheirathet hätte, wenn ich ihr nicht geſagt hätte, daß er ſchon verheirathet ſei. Ich glaube nicht, daß ſie viel beſſer war als er. Ich ſah ſie auf dem Hafendamm zu Boulogne an dem Tage, da ich nach England kam.“ Und nun haben wir unſre Erzählung bis auf den Punkt gebracht, auf den die Anzeige in dem „Kämpen“ von „Chatteries“ uns bereits geführt hatte. Es fehlten nur noch ſehr, ſehr wenige Tage bis zu dem ſegensreichen, an dem Foker Blanche ſein eigen nennen ſollte; die Leute von Clavering hatten ſich alle herzugedrängt, den äußerſt glänzenden, neuen Wagen zu ſehen, der in der Remiſe von „Clavering Arms“ ſtand 221¹ und zu dankbarer Vergeltung für einen Trunk gemei⸗ niglich von Mr. Foker's Oberkutſcher gezeigt wurde. Madame Fribsby war beſchäftigt, ſchöne Kieider für die Pächterstöchter zu machen, welche als eine Art von Brautjungfernchor bei dem Frühſtück und der Hochzeit⸗ Ceremonie figuriren ſollten, und unermeßliche Feſtiich⸗ keiten ſollten bei dieſer ergötzlichen Gelegenheit in dem Parke gegeben werden. „Ja, Mr. Hurter, ja; eine glückliche Pächterſchaft, ihres Landes Stolz, wird ſich in der Baronenhalle ver⸗ ſammeln, wo alle die Bärte bewegen. Der Ochs wird erſchlagen werden, der Becher wird abgezapft und die Glocken ſollen ganz gentil erklingen und mein Schwie⸗ gervater ſoll mit der Thräne des Gefühls ſein Auge bethauen und uns an ſeinem freiherrlichen Portal den Segen geben. Das ſoll etwa die Ordnung der Feier⸗ lichkeiten ſein, Mr. Huxter; und ich hoffe, wir werden Sie und Ihre liebenswürdige Neuvermählte an ihres Gatten Seite ſehen. Und was wird Ihnen belieben zu trinken, Sir? Mrs. Lightfoot, Madame, Sie werden meinem vortrefflichen Freunde und Leibwundarzt Mr. Hurter, Mr. Samuel Hurter M. B. C. S., jede Erfri⸗ ſchung reichen, die Ihr Hotel vermag, und den Betrag zu Ehren des Feſtes auf meine Rechnung ſetzen und Mr. Lightfoot, Sir, was wollen Sie trinken? Doch Sie haben bereits genug gehabt, glaub' ich, ja, ha! ha!“ So ſprach Harry Foker in der Schenkſtube von Clavering Arms. Er hatte Gemächer in dem Hotel und hatte dort einen Kreis von Freunden um ſich ver⸗ ſammelt, und bewirthete alle, welche dorthin kamen, mit Getränken. Er war mit Jedermann gut Freund. Er war ſo glücklich, tanzte um Madame Fribsby, Mrs. Lightfoot's große Verbündete, während ſie nachdenklich in der Schenkſtube ſaß. Er tröſtete Mrs. Lightfoot, welche bereits anfing, Grund zu ehlicher Unruhe zu haben, denn die Wahrheit muß heraus, vaß der junge Lightfoot, der volle Herrſchaft über den Keller hatte, keine Herrſchaft über ſeine ungezügelten Begierden hatte, und vom Morgen bis in die Nacht trank und berauſcht war;z und ein kläglicher Anblick war es für ſein zärt⸗ liches Weib, den großen, jungen Burſchen auf dem Hof und im Kaffeezimmer herumtaumeln und mit Pächtern und Handwerkern ſeine eignen guten Weine, und den ſorgfältig geſammelten Vorrath ausgeſuchter Liqueure vertrinken zu ſehen. Mr. Morgan, der Kellnermeiſter, kam, wenn er Zeit finden konnte, von dem Park und trank ein Glas auf Rechnung des Wirths von dem Claveringer Wappen. Mit grauſamem Hohne beobachtete er des armen Light⸗ foot's beſoffene Streiche. Mrs. Lightfvot fühlte ſich im⸗ mer doppelt unbehaglich, wenn ihr unglücklicher Mann unter den Augen ſeines Kameraden war. Nur wenige Monate verheirathet zu ſein, und denken zu müſſen, daß es ſo weit gekommen ſei. Madame Fribsby konnte für ſie fühlen. Madame Fribsby konnte ihr Geſchichten von Männern erzählen, die in jeder Hinſicht eben ſo ſchlecht waren, ſie hatte auch ihre eigenen Leiden und ihre traurige Erfahrung mit Männern gehabt. So ge⸗ ſchieht es, daß Niemand ganz glücklich iſt, und daß es, wie Mr. Foker bemerkte, in Jedermanns Lebensbecher „Bitteres“ gibt, und doch ſchien keines in ſeinigem zu ſein. Der ehrliche, junge Burſche, er war glückſelig und überall guter Laune. Mr. Morgan war ſehr beharrlich in ſeinen Auf⸗ merkſamkeiten gegen Foker. „Und doch mag ich ihn eigentlich nicht,“ ſagte der aufrichtige, junge Mann zu Mr. Lightfoot. „Er ſieht immer ſo aus, als ob er mich für meinen Sarg meſſen wollte. Der Schwieger⸗ papa fürchtet ſich vor ihm; Schwiegerpapa, hm, hm, ſchweigen wir davon; aber Schwiegermama iſt ein Trumpf, Mrs. Lightfvot.“ In der That, Mylady war es; und Mrs. Lightfvot geſtand mit einem Seufzer, daß es viel⸗ 223 leicht beſſer für ſie geweſen wäre, wenn ſie ihre Gebie⸗ terin nie verlaſſen hätte. „Nein, ich mag Dich nicht, Doktor Fell, den Grund warum kann ich nicht ſagen,“ fuhr Mr. Foker fort, „und er will mein Hausverwalter werden, Blanche will, daß ich ihn nehme. Warum mag ihn Miß Amory ſo?“ „Mag ihn Miß Blanche ſo?“ Dieſe Vorſtellung ſchien Mrs. Lightfoot ſehr zu ſtören; und dieſer würdigen Wirthin kam noch ein weiterer Grund der Beunruhi⸗ gung: ein Brief mit dem Poſtzeichen Boulogne wurde ihr eines Morgens gebracht, und ſie und ihr Mann ſtritten ſich darüber, während Foker auf ſeinem Weg nach dem Park die Treppe herab und am Schenktiſch vorbei kam. Er hatte die Gewohnheit, dort zu früh⸗ ſtücken und ſich eine Weile in Armidens Gegenwart zu wärmen; denn da Claverings Geſellſchaft ihn über die Maßen ermüdete und er Nichts nach Jagdbeluſtigung fragte, ſo pflegte er auf ein paar Stunden zum Billard⸗ ſpiel und der Geſellſchaft in dem Claveringer Wappen zurückzukehren. Hierauf war es Zeit, mit Miß Amory auszureiten, und nachdem er mit ihr dinirt hatte, ver⸗ ließ er ſie und kehrte beſcheidentlich zu ſeinem Wirths⸗ haus zurück. Lightfoot und ſein Weib ſtritten ſich über den Brief. Was ſollte der Brief von dem Ausland? Warum bekam ſie immer Briefe von draußen herein? Wer ſchrieb ſie? — er wollte es wiſſen, er glaubte nicht, daß es ihr Bruder ſei; es gehe ihn Nichts an? In der That gehe es ihn was an; und mit einem Fluche legte er Hand an ſein Weib und fuhr ihr in die Taſche nach dem Brief. Das arme Weib ſtieß einen Schrei aus und ſagte: „Nun, ſo nimm ihn.“ Gerade als ihr Mann den Brief ergriff, und Mr. Foker unter die Thüre trat, ſtieß ſie einen zweiten Schrei aus und ſuchte das Papier wieder bei ſeinem Anblick zu ergreifen. Lightfvot öffnete ihn, 224 indem er ſie wegdrückte und ein eingeſchloſſener Brief fiel auf die Frühſtücktafel. „Hände weg, Mann hoch!“ rief der kleine Harry hereinſpringend. „Legen Sie keine Hand an eine Frau, Sir. Der Mann, der die Hand an eine Frau legt, außer im Wege der Freundlichkeit, iſt ein — halloh! es iſt ein Brief für Miß Amory, was iſt das, Mrs. Lightfoot?“ Mrs. Lightfoot begann in kläglichen Tönen ihrem Manne Vorwürfe zu machen, — „Du Unmännlicher! ſo ein Weib zu behandeln, die Dich von der Straße aufgeleſen. O Du Memme, Hand an Dein Weib zu legen! Warum heirathete ich Dich, warum verließ ich Mylady für Dich? Warum wendete ich achthundert Pfund darauf, dies Haus herauszuputzen, daß Du darin trinken und ſchlemmen kannſt?“ „Sie kriegt Briefe, und will mir nicht ſagen, wer ſie ſchreibt,“ ſagte Lightfvot verwirrt. 's iſt eine Fa⸗ miliengeſchichte, Sir, wollen Sie etwas nehmen, Sir?“ „Ich will dieſen Brief an Miß Amory nehmen, da ich nach dem Parke gehe,“ ſagte Foker ganz erblei⸗ chend, und ihn von dem Tiſche, der für der armen Wir⸗ thin Frühſtück hergerichtet war, aufhebend, ging er fort. „Er kommt — Gott verdamm' mich, wer kommt? Wer iſt J. A., Mrs. Lightfoot — ich will des Teufels ſein, wer iſt J. A.?“ rief ihr Ehemann. Mrs. Lightfvot rief; „Sei ruhig, Du beſoffenes Thier,“ — und nach ihrem Hut und ihrem Shawl rennend, ſah ſie Mr. Foker die Straße hinabgehen und ſie eilte die Pebengaſſe, ſo ſchnell ſie konnte, nach dem Lod⸗ genthor von Clavering Park. Foker ſah eine Geſtalt vor ſich hin rennen, aber ſie kam ihm aus dem Geſicht, als er das Lodgenthor erreichte. Er hielt und fragte: „Wer war es, der ſo eben hereinkam? Mrs Bonner war es?“ Er taumelte beinah: die Bäume verſchwammen 225 vor ihm, er mußte ſich ein oder zwei Mal an den Stamm der nackten Linden lehnen. Lady Clavering war im Frühſtückzimmer mit ihrem Sohne und ihrem Gatten, der gähnend über ſeiner Zei⸗ tung ſaß. „Guten Morgen, Harry,“ ſagte die Begum, „hier ſind Briefe, eine Menge Briefe; Lady Rockminſter wird am Dienſtag, ſtatt am Montag hier ſein, und Arthur und der Major kommen heute, und Laura wird zu Dok⸗ tor Portmans gehen, und von da in die Kirche kommen und — was gibt es, mein Theurer? Warum ſehen Sie ſo blaß, Harry?“ „Wo iſt Blanche?“ fragte Harry in krankem Tone — „noch nicht herab?“ „Blanche iſt immer die Letzte,“ ſagte der Junge, Semmel eſſend, „Sie iſt ein rechter Tagdieb, ja das iſt ſie. Wenn Sie nicht da find, liegt ſie bis zum Zwi⸗ ſchenimbiß in dem Bett.“ „Sei ruhig, Frank,“ ſagte die Mutter. Blanche kam alsbald herab, indem ſie ſehr bleich ausſah, und mit einem ſcharfen Blicke auf Foker, trat ſie vor, küßte ihre Mutter, und mit einer Miene aus der das holdeſte Lächeln ſtrahlte, grüßte ſie Harry. „Wie befinden Sie ſich, Sir?“ ſagte ſie und reckte ihre beiden Hände aus. „Ich bin unwohl,“ antwortete Harry, „ich — ich habe einen Brief an Sie gebracht, Blanche.“ „Einen Brief, und von wem iſt er denn? Voy- ons,“ ſagte ſie. „Ich weiß es nicht, ich möchte es wiſſen,“ ſagte oker. kann ich es ſagen, bevor ich ihn ſehe?“ ſagte anche. „Hat Mrs. Bonner es Ihnen nicht geſagt?“ fragte er mit zitternder Stimme, — „da iſt ein Geheimniß, geben Sie ihr den Brief, Lady Clavering.“ Pendennis. Iv. 15 226 Lady Clavering nahm verwundert den Brief aus Foker's zitternder Hand und ſah auf die Aufſchrift. In⸗ dem ſie ihn anſah, begann ſie an allen Gliedern zu zittern und mit verſtörtem Blicke ließ ſie den Brief fallen, und auf ihren Jungen zurennend, riß ſie ihn an ſich, und brach ſchluchzend in die Worte aus: — „Neh⸗ met ihn, — es iſt unmöglich, es iſt unmöglich.“ „Was gibt es!“ rief Blanche mit grauſem Lächelnz „der Brief iſt bloß von — von einer armen Penſionärin, einer Verwandtin von uns.“ „Es iſt nicht wahr, es iſt nicht wahr!“ ſchrie Lady S „nein, mein Frank — iſt es wahr, Clave⸗ ring?“ Blanche hatte den Brief aufgehoben und näherte ſich damit dem Feuer, aber Foker rannte auf ſie zu und hielt ihr den Arm: — „ich muß den Brief ſehen,“ ſprach er; „geben Sie ihn mir. Sie ſollen ihn nicht ver⸗ brennen. „Sie — Sie — Sie ſollen Miß Amory in mei⸗ nem Hauſe nicht ſo behandeln,“ ſchrie der Baronet. „Geben Sie den Brief zurück, beim Jupiter!“ „Leſen Sie ihn — und ſehen Sie ſie an,“ rief Blanche auf ihre Mutter deutend; „wegen — wegen ihrer hielt ich es geheim! Leſen Sie ihn, grauſamer Mann!“ und Foker öffnete und las den Brief — „Ich habe dieſe drei Wochen nicht geſchrieben, mein Schätzchen Beſſy, aber dieſer kommt, um dir eines Vaters Segen zu geben, und ich werde bald genug, ſo ſchnell als meine Note hinabkommen, und will die Ceremonie und meinen Schwiegerſohn ſehen. Ich werde bei der Bonner abſteigen; ich habe einen guten Herbſt gehabt, und wohne hier in meinem Hotel, wo es gute Geſellſchaft gibt und die auf einem guten Fuße lebt. Ich weiß nicht, ob ich es ganz billige, daß Du Mr. Pen für Mr. Foker über Bord geworfen, und halte Foker's Namen für nicht ſo hübſch, und 227 nach Deiner Beſchreibung von ihm ſcheint er ein muf und keine Schönheit zu ſein. Aber er hat den rowdy gekriegt, das iſt die Sache. Deßhalb nicht mehr, meine kleine, theure Betſy, bis wir uns treffen, von Deinem zärtlichen Vater J. Amory, Altamont.“ „Leſen Sie ihn, Lady Clavering, es iſt jetzt zu ſpät, Ihnen denſelben vorzuenthalten,“ ſprach der arme Foker, und die beſtürzte Frau brach, nachdem ſie wieder ihre Blicke darauf geworfen, in hyſteriſche Rufe aus, und ſchloß ihren Sohn krampfhaft in ihre Arme. „Sie haben Dich zu einem Auswürfling gemacht, mein Junge!“ rief ſie; „ſie haben Deine alte Mutter entehrt; aber ich bin unſchuldig, Frank; vor Gott ſchwöre ich es, ich bin unſchuldig. Ich wußte es nicht, Mr. Foker; in der That, in der That ich wußte es nicht.“ „Ich bin's gewiß, daß Sie's nicht wußten,“ ſprach Foker, auf ſie zutretend und ihr die Hand küſſend. „Edelmüthiger, edelmüthiger Harry,“ rief Blanche entzückt; aber er zog die Hand zurück, die auf ihrer Seite war und wandte ſich mit zitternder Lippe von ihr ab. „Das iſt was Anderes,“ ſprach er. „Es geſchah für Sie — für Sie, Harry;“ wieder iſt Miß Amory in einer Attitude. „Es war etwas auch für mich zu thun,“ ſagte Foker, „ich würde Sie genommen haben, wer Sie auch waren, Alles iſt in London beſprochen worden, ich wußte, daß Ihr Vater in — in's Unglück gekommen war. Sie glauben nicht, daß ich Sie wegen Ihrer Verbindungen heirathete, zum Henker mit Allem, ich habe Sie ſeit zwei Jahren von Grund meines Herzens geliebt, und Sie haben mit mir geſpielt und mich betrogen!“ rief der junge Mann weinend aus. „O, Blanche, Blanche, das 228 iſt hart, das iſt hart!“ und er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen und ſchluchzte. Blanche dachte wohl: „warum hab' ich's ihm nicht in jener Nacht, als Arthur mich warnte, geſagt?“ „Verſtoßen Sie ſie nicht, Harry,“ rief Lady Cla⸗ vering. „Nehmen Sie ſie, nehmen Sie Alles, was ich habe, es gehort ihr Alles bei meinem Tode, wiſſen Sie, der Knabe hier iſt enterbt.“ — (Maſter Frank, der den ſeltſamen Auftritt beſtürzt mit angeſehen, brach hier in lautes Jammergeſchrei aus) — „nehmen Sie jeden Shilling, geben Sie mir nur genug, um zu leben, mein Haupt mit dieſem Kinde zu verbergen, und vor beiden zu fliehen. O ſie ſind beide ſchlimme, ſchlimme Männer geweſen, vielleicht iſt er jetzt hier, laſſen Sie ihn nicht vor meine Augen kommen. Clavering, Sie, Memme, vertheidigen Sie mich vor ihm!“ Clavering fuhr bei dieſem Vorſchlage auf; „Es iſt doch nicht Ihr Ernſt, Jemima? Sie haben doch das nicht im Sinn?“ ſprach er: „Sie wollen doch mich und Frank nicht über Bord werfen? Ich wußte es nicht, ſo wahr mir Gott — Foker, ich wußte nicht mehr da⸗ von, als der Mann im Grab, bis der Burſche kam und mich auffand, der verdammte, entlaufene Schuft von Sträfling.“ „Von was?“ ſragte Foker. Blanche ſtieß einen Schrei aus. „Ja,“ ſchrie der Baronet ſeiner Seits. „Ja, ein verdammter entlaufener Sträfling — ein Burſche, der ſeines Schwiegervaters Namen fälſchte, eines verdamm⸗ ten Rechtsverdrehers, und der einen Burſchen in Botany⸗ bay zu Tod ſchlug, an den Galgen mit ihm! — und in das Buſchwerk floh', Fluch über ihn. Ich wollte, er hätte dort verendet. Und er kam zu mir, es find jetzt gute ſechs Jahre, und beraubte mich; und ich habe mich ruinirt, um ihn hin zu halten, den hölliſchen Schurken! und Pendennis weiß es, und Strong weiß es, und der 229 verdammte Morgan weiß es, und ſie weiß es ſeit langer Zeit; und ich wollte nie es ſagen, nie: und hab' es vor meinem Weibe geheim gehalten.“ „Und Sie haben ihn geſehen, und haben ihn nicht umgebracht, Sie Feigling!“ rief Amory's Weib. „Komm fort, Frank, Dein Vater iſt ein Feigling, ich bin ent⸗ ehrt, aber ich bin deine alte Mutter und Du wirſt — Du wirſt mich lieben, nicht wahr?“ Blanche, 6plorée, trat zu ihrer Mutter;z aber Lady Clavering ſchrak vor ihr mit einer Art Entſetzen zurück. „Rühr' mich nicht an!“ rief ſie; „Du haſt kein Herz; Du haſt nie eines gehabt. Ich ſehe jetzt Alles, ich ſehe, warum jener Feigling ſeinen Sitz im Parlament an Arthur abgeben wollte; ja, jener Feigling, und warum Du mir drohteſt, Du wollteſt es dahin bringen, daß ich Dir die Hälfte von Frank's Vermögen gebe; und als Arthur ſich erbot, Dich ohne einen Shilling zu heirathen, weil er meinen Jungen nicht berauben wollte, verließeſt Du ihn und nahmſt den armen Harry. Haben Sie Nichts mit ihr zu thun, Harry, Sie ſind gut, ja das ſind Sie. Heirathen Sie nicht die — die Sträflingstochter dort. Komm fort, Frank, mein Liebling; komm zu Deiner ar⸗ men, alten Mutter. Wir wollen uns verbergen, aber wir ſfind ehrlich, ja wir ſind ehrlich.“ Während all' dieſer Zeit hatte ein ſeltſames Ge⸗ fühl von Frohlocken Blanche's Gemüth erfaßt. Dieſer Monat mit dem armen Harry war ein ermüdender Monat für Sie geweſen. All' ſeine Glücksgüter und ſein Glanz reichten kaum hin, den Gedanken an ihn er⸗ träglich zu machen. Sie war ſeiner einfachen Wege überdrüſſig und krank vom Liebkoſen und Kajoltren.“ „Halten Sie, Mama, halten Sie Madame,“ rief ſie mit einer Gebärde, die immerhin kunſtgerecht, obgleich etwas theatraliſch war, „ich habe kein Herz? ich? Ich be⸗ wahre das Geheimniß von meiner Mutter Schande, ich verzichte auf meine Rechte zu Gunſten meines Stief⸗ 230 bruders, mein es Baſtard⸗Bruders, ja, auf meine Rechte und auf mein Vermögen, ich verrathe meinen Vater nicht, und dafür habe ich kein Herz. Ich habe jetzt meine Rechte, und die Geſetze meines Landes ſprechen ſie mir zu. Ich appellire an die Geſetze meines Lan⸗ des, ja, an die Geſetze meines Landes! Der Verfolgte kehrt heute zurück. Ich begehre, zu meinem Vater zu gehen,“ und die kleine Lady bewegte ihre Hand umher und dachte, daß ſie eine Heldin ſei. „Sie wollen? das wollen Sie?“ rief Clavering mit einem ſeiner gewöhnlichen Flüche. „Ich bin Friedens⸗ richter, und Dammy, ich will ihn einſperren laſſen. Hier kommt ein Wagen; vielleicht iſt er's. Laſſen wir ihn nur kommen!“ Eine Chaiſe kam allerdings die Allee herauf, und die beiden Ladies ſchrien, ſo kaut ſie konnten, indem 6. im Augenblick erwarteten, Altamont ankommen zu ehen. Die Thür ging auf und Mr. Morgan kündigte Major Pendennis und Mr. Pendennis an, welche ſofort eintraten, und alle Parteien im hitzigſten Streite be⸗ griffen fanden. Ein großer Schirm trennte das Früh⸗ ſtückzimmer von der Halle; und es iſt wahrſcheinlich, daß Mr. Morgan nach ſeiner Gewohnheit den Vortheil des Schirmes benutzt hatte, um ſich mit Allem, was vor⸗ ging, bekannt zu machen. Es war Tags zuvor verabredet worden, daß die jungen Leute einen Spazierritt machen ſollten, und zur n Stunde des Nachmittags kamen Mr. Foker's Pferde von den „Clavering Arms“ an. Aber Miß Blanche begleitete ihn dieſes Mal nicht. Pen ſtieg aus und ſchüttelte ihm auf der Thortreppe die Hand, und Harry ritt, von ſeinem Stallknecht im Trauerkleide gefolgt, davon. Die ſämmtlichen Vorfälle, welche den lebhafteſten Theil unſrer Geſchichte eingenommen, wurden von den betreffenden Parteien, während dieſer zwei oder 231 drei Stunden, debatirt. Manche Räthe waren gegeben, Geſchichten erzählt und Auskunftsmittel vorgeſchlagen worden, und am Ende ritt Harry Foker mit einem trau⸗ rigen: Gott ſei mit dir! weg von Pen. Es war ein trauriges Diner in Clavering Park, bei welchem der in neueſter Zeit beſtallte Kellnermeiſter nicht aufwartete, und beive Ladies abweſend waren. Nach dem Diner ſagte Pen: „ich will nach Clavering hinab und ſehen, ob er gekommen iſt. Er ging durch die dunkle Allee über die Brücke und die Straße an ſeiner Cottage vorbei, deren einſt ruhige und ihm ſo bekannte Felder von den Oefen und Werkſtätten der Handwerker flammten, die bei den neuen Eiſenbahnarbeiten verwendet wurden. Es war Mitternacht vorbei, als er nach Clavering Park zurückkehrte, er war außerordentlich blaß und aufgeregt. „Iſt Lady Clavering noch auf?“ fragte er. „Ja, ſie iſt in ihrem eigenen Wohnzimmer.“ Er ging zu ihr hinauf und fand dort die arme Lady in einem kläglichen Zuſtande von Thränen und Gemüthsbewe⸗ gung. „Ich bin es, — Arthur,“ ſagte er, hereinblickend; und eintretend ergriff er ſehr liebevoll ihre Hand und küßte ſie. „Sie ſind mir immer die gütigſte Freundin geweſen, theure Lady Clavering,“ ſagte er. „Ich liebe Sie von Herzen, ich habe einige Nachrichten für Sie.“ „Nennen Sie mich nicht bei dieſem Namen,“ ſprach ſie, ihm die Hand drückend. „Sie waren immer ein gu⸗ ter Junge, Arthurz und es iſt freundlich von Ihnen, daß ſie jetzt kommen, — ſehr freundlich. Sie ſehen manchmal Ihrer Ma ſehr ähnlich, mein Theurer.“ „Theure, gute Lady Elavering,“ wiederholte Arthur mit beſonderem Nachdruck, es hat ſich etwas ſehr Seltſames zugetragen.“ „Iſt ihm etwas begegnet,“ fragte haſtig Lady Cla⸗ vering. „O es iſt entſetzlich, zu denken, daß ich froh daran wäre — entſetzlich!“ 232 „Er iſt wohl, er iſt da geweſen, und iſt fort, meine theure Lady. Beunruhigen Sie ſich nicht, — er iſt fort, und Sie ſind noch Lady Clavering.“ „Iſt es wahr? was er mir manchmal ſagte?“ rief ſie, — „daß er —“ „Er war verheirathet, ehe er Sie heirathete,“ ſagte Pen. „Er hat es heute Nacht bekannt. Er wird nim⸗ mer zurückkommen!“ Einen andern Schrei ſtieß Lady Clavering aus, indem ſie ihre Arme um Pen ſchlang ſnht küßte und an ſeiner Schulter in Thränen aus⸗ rach. Was Pen unter vielen Seufzern und Unterbrechun⸗ gen zu erzählen hatte, muß kurz zuſammengefaßt wer⸗ den, denn das uns vorgeſchriebene Ziel iſt erreicht und unſere Erzählung geht zu Ende. Mit der Zweigkutſche von der Eiſenbahn, welche die alte Alacrity und Per⸗ ſeverance abgelöſt hatte, kam Amorh an und wurde in den Clavering Arms abgeſetzt. Er beorderte ſein Diner unter ſeinem angenommenen Namen Altamont; und da er jovialer Natur war, begrüßte er den Wirth, der nicht abgeneigt war, ſeinen Wein mit ihm zu theilen. Nachdem er dem Mr. Lightfoot alle Neuigkeiten in Be⸗ zug der Familie in dem Park entlockt und von ſeinem Wirthe erfragt hatte, daß Mrs. Lightfoot, wie ſie ſagte, ſeinen Rath befolgte, rief er nach mehr Wein und am Ende dieſes Sympoſtums gingen Beide in großer Auf⸗ regung an Mrs. Lightfoot's Schenktiſch. Sie trank dort ihren Thee mit ihrer Freundin Madame Fribsby, und Lightfovt war mittler Weile in einem ſolchen Zuſtande von Glückſeligkeit, daß er ſich über Nichts wunderte, was etwa vorfallen mochte, ſo daß, als Altamont Mrs. Lightfvot, als einer alten Be⸗ kannten, die Hand vrückte, die Wiedererkennung ihm nicht im Geringſten auffiel, und nur ein billiger Grund zu weiterem Trinken wurde. Die Gentlemen tranken jetzt Brandy und Waſſer, das ſie auch den Ladies an⸗ 233 boten, ohne ſich an die erſchreckten Blicke der Einen oder der Andern zu kehren. Während ſie ſo beſchäftigt waren, kam um ſechs Uhr Abends Mr. Morgan, Sir Francis Clavering's neuer Bedienter, herein, und wurde erſucht, mitzutrinken. Er wählte ſeinen Lieblingstrunk und die Parthieen kamen in eine allgemeine Unterhaltung. Nach einer Weile begann Mr. Lightfoot zu doſen. Mr. Morgan hatte der Mrs. Fribsby zu wiederholten Malen Winke gegeben, ſich aus dem Quartier fortzube⸗ geben, aber dieſe Lady, auf eine ſeltſame Weiſe bezau⸗ bert, oder wie es ſcheinen wollte, durch Schrecken auf die Stelle gebannt, oder von Mrs. Lightfoot vermocht, nicht zu gehen, blieb auf dem Platze und ihr Eigenſinn war Mr. Morgan äußerſt unangenehm. Er machte ſei⸗ nem Mißvergnügen in Reden Luft, die Mrs. Lightfoot in Verlegenheit ſetzten und Mr. Altamont zu der Be⸗ hauptung veranlaßten, daß er ein Rumſäufer und un⸗ artig gegen das ſchöne Geſchlecht ſei. Der Streit zwiſchen den beiden Gentlemen wurde für die Frauen äußerſt peinlich, beſonders für Mrs. Lightfoot, die Allem aufbot, Mr. Morgan zu beſänfti⸗ gen und unter dem Vorwande, dem Fremden einen Fi⸗ dibus zu geben, händigte ſie ihm ein Zettelchen ein⸗ auf welchem ſie insgeheim die Worte geſchrieben hatte: „er kennt Sie, gehen Sie!“ Die Art, wie ſie es ein⸗ händigte, oder wie der Gaſt es las, mochte einigen Verdacht erregt hahen: denn als er nach einer Weile aufſtand und ſagte, er wollte zu Bette gehen, ſtand auch Morgan lachend auf und ſagte: „es ſei zu früh, um in's Bett zu gehen.“ Der Fremde erwiderte, er wolle auf ſein Schlaf⸗ zimmer gehen. Morgan ſagte, er wollte ihm den Weg zeigen. Hierauf ſprach der Gaſt: „Kommen Sie herauf. Ich habe ein paar Piſtolen droben, um einem Verrä⸗ 234 ther oder lauernden Spion das Gehirn auszublaſen,“ und damit blickte er Morgan ſo grimmig an, daß dieſer Lightfvot am Kragen haltend und erweckend rief: „John Amory, ich verhafte Sie im Namen der Königin. Steht mir zur Seite, Lightfvot, dieſer Fang iſt ſeine tauſend Pfund unter Brüdern werth.“ Er fuhr mit der Hand vor, um ſeinen Gefangenen zu ergreifen, aber der Andere ballte die Fauſt und gab Morgan mit ſeiner linken Hand einen ſo grimmigen Schlag auf die Bruſt, daß er ihn hinter Mr. Light⸗ ſoot zurückwarf. Dieſer Gentleman, der athletiſch und tapfer war, rief, er wollte ſeinem Gaſte den Schä⸗ del einſchlagen, und ſchickte ſich an zu der That, als der Fremde ſeinen Rock abwerfend und ſeine beiden Gegner verwünſchend, ſchrie, „ſie ſollten heran kom⸗ men. Aber mit einem durchdringenden Schrei warf ſich Mrs. Lightfoot vor ihren Gatten, während mit einem andern noch lautern Angſtſchrei Madame Fribsby auf den Fremden zurannte und rief: „Armſtrong, Johnny Armſtrong!“ ſeinen nackten Arm ergriff, auf welchem ein blau tättowirtes Herz und M. F. ſichtbar waren. Der Ruf Madame Fribsby's ſchien den Fremden in Staunen zu verſetzen und nüchtern zu machen. Er 6 ſie herab und ſchrie: „es iſt Polly, beim Ju⸗ piter!“ Mrs. Fribsby rief immer noch: „es iſt nicht Amory, es iſt Johnny Armſtrong, mein böſer — böſer Mann, in der St. Martins⸗Kirche mir angetraut. Gehilfe an Bord eines Oſtindienfahrers, er verließ mich zwei Monate darauf, der gottloſe Böſewicht. Es iſt John Armſtrong — hier iſt das Zeichen an ſeinem Arm, das er für mich gemacht.“ Der Fremde ſagte: „ich bin John Armſtrong, ſo viel iſt gewiß, Polly⸗ Ich bin John Armſtrong, Amorh, Altamont u. ſ. f. und laß ſie alle heran kommen und 235 verſuchen, was ſie gegen einen brittiſchen Seemann ver⸗ mögen. Hurrah, wer wagt es?“ Morgan rief: „verhaftet ihn!“ Aber Mrs. Lightfoot fuhr fort zu rufen: „ihn verhaften! Sie, Sie gemeiner Spion, muß man verhaften! Wie, Sie wollen der Hochzeit Einhalt thun, Mylady ruiniren und uns das Claveringer Wappen nehmen?“ „Sagte er, er wolle uns das Claveringer Wappen nehmen?“ fragte Mr. Lightfoot ſich umwendend, „dann zum Teufel mit ihm, ich will ihm den Hals umdrehen.“ „Halt ihn, Schatz, bis die Kutſche für den Zug hinauf vorbei fährt. Sie wird im Augenblick hier ſein! Gott verdamm ihn, ich erwürge ihn, wenn er ſich rührt,“ und ſo hielten ſie Morgan, bis die Kutſche kam und Mr. Armſtrong oder Amory fuhr nach London zurück. Morgan war ihm nachgereiſt; aber davon gab Ar⸗ thur Pendennis Lady Clavering keine Kunde und ver⸗ ließ ſie, indem ſie an der Thür ihres Sohnes, den ſie im Schlafe zu küſſen ging, des Himmels Segen ihm wünſchte. Es war ein unruhiger Tag geweſen. Wir haben nur noch die Ereigniſſe eines einzigen Tages zu berichten, und dieß war der Tag, an welchem Mr. Arthur in einem neuen Hut, einem neuen blauen Frack und blauem Sacktuch, in einer neuen geſchmack⸗ vollen Weſte, neuen Stiefeln und neuen Hemdknöpfen, (einem Geſchenk der verwittweten Gräfin von Rockmin⸗ ſter) an einer einſamen Frühſtücktafel in Clavering Park erſchien, wo er kaum einen Biſſen eſſen konnte. Zwei Briefe wurden ihm unter das Teller gelegt, und er be⸗ liebte, den erſten zu öffnen, der von einer geläufigen Schreiberhand geſchrieben war, während der zweite eine mehr familiäre Ueberſchrift trug. Die erſte Note lautete folgender Maßen: Garbanzos Wein⸗Compagnie Shepherd's Inn. — Montag. „Mein theurer Pendennis — indem ich Ihnen herzlich zu dem Ereigniß gratulire, das Sie Tag⸗ lebens glücklich machen wird, ſende ich meine freundlich⸗ ſten Empfehlungen an Mrs. Pendennis, welche ich hoffe noch länger zu kennen, als ich ſie bereits gekannt habe, und wenn ich ihre Aufmerkſamkeit auf die Thatſache richte, daß einer der nöthigſten Artikel für den Comfort ihres Gatten reiner Sherry iſt, ſo weiß ich, daß ich ſie um Euer Ehren willen zur Kundin haben werde. „Aber ich habe mit Ihnen von andern, als meinen eigenen Angelegenheiten zu ſprechen. Geſtern Nachmit⸗ tag kam ein gewiſſer J. A. von Clavering an, das er unter Umſtänden verlaſſen hatte, welche Ihnen jetzt ohne Zweifel bekannt ſein werden. Trotz unſerem Zerwürf⸗ niſſe konnt' ich ihm Nahrung und Obdach nicht verwei⸗ gern (und er ließ ſich ſowohl den Garbanzo Amontillado als den Toboſo⸗Schinken trefflich ſchmecken) und er er⸗ zählte mir, was ihmebegegnet ſei und viele andere merk⸗ würdige Abenteuer. Der Schuft heirathete im ſechzehn⸗ ten Jahr und hat ſeitdem dieſe Ceremonie zu wieder⸗ holten Malen — in Sidney, Neuſeeland, Südamerika, Neweaſtle, wie er ſagte, vollzogen, ehe er unſere arme Freundin, die Putzmacherin kennen lernte. Er iſt ein vollendeter Don Juan. „Und es ſchien, als ob der Kommendatore ihn endlich einholen ſollte, denn als wir an unſrem Mahle ſaßen, kamen drei heftige Schläge an unſre äußere Thür, worüber unſer Freund in einige Beſtürzung gerieth. Ich habe hier ein paar Belagerungen ausgehalten und ging nach meinem gewohnten Rekognoscirungsplatze. Dank meinen Sternen, ich habe keinen Wechſel im Um⸗ lauf und zudem kommen dieſe Leute nicht auf dieſem — 237 Weg. Ich fand, daß es Ihres Onkels vormaliger Valet Morgan und ein Polizeimann (ich denke, es war ein nachgemachter) waren und ſagten, ſie hätten einen Ver⸗ haftbefehl auf John Armſtrong, (alias Amorh, alias Altamont, einen davongelaufenen Sträfling, und droh⸗ ten, das eichene Getäfel einzubrechen. „Nun, Sir, hatte ich in den Tagen meiner Gefan⸗ genſchaft einen Weg über die Waſſerrinne nach Bows's und Coſtigan's Fenſter entdeckt und ſandte Jack Alias über dieſen bedeckten Weg, nicht ohne Angſt für ſein Leben, denn ſie war ſehr zerbrechlich geworden, und dann ließ ich nach einigem Parlamentiren Monſieur Morgan und ſeinen Freund herein. „Der Schurke war über den bedeckten Weg unter⸗ richtet: denn er machte ſich ſogleich in das Zimmer und ſagte dem Polizeimann, er ſolle hinabgehen und das Thor bewachen und er belagerte meine Treppe, als ob er Kenntniß von dem Terrain hätte. Während er aus dem Fenſter ſtieg, hörten wir eine Stimme, die Sie kennen, von Bows's Dachſtübchen: Wer ſind Sie ? Was zum Henker wollen Sie? Sie thäten beſſer, die Dach⸗ rinne zu verlaſſen; hol' mich der Henker, es hat ſchon ein Mann den Hals gebrochen.“ „Und während Morgan hinüberkriechend in die Finſter⸗ niß hineinblickte und zu ſehen verſuchte, ob dieſe furcht⸗ bPareKunde wahr ſei, nahm er einen Beſenſtiel und brach mit einem kräftigen Stoße die Verbindungsrinne ent⸗ zwei — und ſagte mir dieſen Morgen mit großer Her⸗ zensfreude, daß er an dieſe leichte Kriegsliſt dadurch erinnert worden ſei, daß er an ſeine theure Emily dachte, als ſie die Rolle der Kora auf der Bühne ſpielte — und durch die Brücke im Pezawro, hol' mich der.“ Ich wollte, der Schuft Morgan wäre auf der Brücke gewe⸗ ſen, als der General dieſe Kriegsliſt probirte. „Wenn ich mehr von Jack Alias höre, ſo will ich's Ihnen ſagen. Er hat noch Geld die Hülle und Fülle, 238 und ich wollte von ihm haben, daß er welches unſrer armen Freundin, der Putzmacherin, ſchicke; aber der Schelm lachte und ſagte, er habe nicht mehr als er brauche; aber er erbot ſich, Jemand eine Locke von ſei⸗ nem Haare zu ſchicken. Leben Sie wohl — ſeien Sie glücklich und ſeien Sie überzeugt, daß ich ſtets aufrich⸗ tig ſein werde der Ihrige E. Strong.“ „Und nun an den andern Brief,“ ſagte Pen. „Theu⸗ rer alter Geſelle!“ und er küßte das Siegel, bevor er es erbrach. Warrington, Dienſtag. „Ich darf den Tag nicht hingehen laſſen, ohne euch Beiden ein Gott ſegne euch zu ſagen. Möge der Him⸗ mel Euch glücklich machen, theurer Arthur und theure Laura. Ich glaube, Pen, Sie haben das beſte Weib auf der Welt, und bitte Sie, ſie als ſolche zu lieben und zu pflegen. Die Chambers werden einſam ſein ohne Sie, theurer Pen; aber wenn ich müde bin, ſo habe ich eine neue Heimath in dem Hauſe meines Bruders und meiner Schweſter. Ich praktieire jetzt in der Ammen⸗ anſtalt hier, um mich auf meine Rolle als Onkel George vorzubereiten. Lebet wohl, machet Eure Hochzeit nun und kommt zurück zu Eurem Euch zärtlich liebenden „G. W.“ Pendennis und ſeine Braut laſen dieſen Brief zu⸗ ſammen, nachbem Doktor Portmans Frühſtück vorüber war, und die Gäſte ſich entfernt hatten, und während der Wagen wartete unter dem Gedränge, vor des Dok⸗ tors äußerem Thor. Aber das Thürchen führte in den 239 Kirchhof von St. Mary's, wo die Glocken mit aller Macht läuteten, und hier über Helens grünem Raſen zeigte Arthur ſeinem Weibe George's Brief. Aus was von beiden, aus Gram oder aus Glück, fielen Laura's Thränen ſo reichlich auf das Papier? und noch ein Mal in Gegenwart der heiligen Aſche küßte und ſegnete ſie ihren Arthur. „Nur eine Trauung war an jenem Tag in der Claveringer Kirche; denn trotz Blanche's Opfern für ihre theuerſte Mutter konnte der ehrliche Harry Foker dem Weibe, das den zukünftigen Gatten betrogen, nicht verzeihen, und ſchloß mit Recht, daß ſie ihn wieder be⸗ trügen würde. Er ging zu den Pyramiden und nach Syrien und ließ dort ſeine Krankheit zurück und kehrte mit einem hübſchen Barte und einem Vorrath Tarbu⸗ ſchen und Stargillien zurück, mit denen er alle ſeine Freunde regalirt. Er lebt auf einem glänzenden Fuße und bezieht durch Pen's Vermittlung ſeinen Wein von den berühmten Weinbergen des Herzogs von Garbanzos. Was den armen Cos betrifft, ſo wurde ſein Schick⸗ ſal bereits in einem frühern Theile dieſer Geſchichte erwähnt. Kein ſehr glorreiches Ende ließ ſich nach einer ſolchen Laufbahn erwarten. Morgan iſt einer der re⸗ ſpektabelſten Männer in dem Sprengel von St. James und bei der gegenwärtigen politiſchen Bewegung hat er ſich wie ein Mann und ein Britte ausgeſprochen. Und Bows — bei dem Abſterben Mr. Piper's, der die Orgel in Clavering ſpielte, brachte die kleine Mrs. Sam Hur⸗ ter, welche den Doktor Portman ganz beherrſcht, Vows von London herab, um ſich um den erledigten Orgelſitz zu bewerben, und ihr Kandidat trug den Sieg davon. Als Sir Francis Clavering ſein werthloſes Leben auf⸗ gab, nahm dieſelbe kleine, unermüdliche Werberin den Flecken im Sturm und er wird jetzt von Arthur Pen⸗ dennis Esg. repräſentirt. Blanche Amory heirathete, wie recht wohl bekannt iſt, zu Paris und die Salons der Madame la comtesse de la Blague de Montmo- renci de Valentinois waren unter den beſuchteſten der Hauptſtadt. Das Duell zwiſchen dem Grafen und dem jungen und feurigen Repräſentanten des Bergs Alcide de Mirabo entſprang allein daher, daß Letzterer in dem Klubb die von erſterem Edelmann geführten Titel in Frage zog. Madame de la B. de Montmorenei de Valenti- nois reiſte nach dem Abenteuer: und Bungay kaufte ihre Gedichte und gab ſie heraus mit der Gräfin Krone auf der Gräfin Werk. Major Pendennis wurde in ſeinen letzten Tagen ſehr ernſt und war nie glücklicher, als wenn Laura ihm mit ihrer lieblichen Stimme vorlas, oder ſeinen Geſchich⸗ ten horchte, denn dieſe holde Lady iſt die Freundin von Jung und Alt und ihr Leben war immer dem Beſtreben geweiht, das Leben Anderer glücklich zu machen. Was für ein Ehemann wird wohl dieſer Pendennis ſein? wird mancher Leſer fragen, indem er die Glückſeligkeit einer ſolchen Heirath und Laura's bezweifelt. Die Fra⸗ ger, wenn es deren gibt, werden an die Lady ſelbſt ver⸗ wieſen, welche ſeine Fehler und eigenfinnigen Stimmun⸗ gen ſehend, und geſtehend, daß es beſſere Männer gibt als er, — ihn gleichwohl immer mit der ſtandhafteſten Zuneigung liebt. Seine Kinder oder ihre Mutter haben nie ein barſches Wort von ihm gehört, und wenn ſeine Anfälle von Unmuth über ſeine Einſamkeit vorüber ſind, bewillkommnen ſie ihn mit nie fehlender Achtung und Vertraulichkeit. Sein Freund iſt noch ſein Freund, ganz von ſeiner Liebe geheilt. Dieſe Krankheit iſt einem ge⸗ ſunden Organe nie verderblich, und George ſpielt ſeine Rolle als Pathe vortrefflich und lebt allein. Wenn Mr. Pen's Werke ihm mehr Ruf verſchafft ha⸗ ben, als ſein fähigerer Freund gewonnen hat, ſo lebt George doch zufrieden ohne Ruf. Wenn die beſten Männer nicht die großen Looſe im Leben ziehen, ſo wiſſen wir, daß es von dem Ordner der Lotterie 241 ſo beſtimmt worden iſt. Wir geſtehen und ſehen täglich, wie die falſchen und werthloſen Leute leben und gedei⸗ hen, während die Guten abberufen werden, und die Theuern und Jungen vor der Zeit zu Grunde gehen — wir finden in Jedermanns Leben das mangelhafte Glück, das häufige Fehlſchlagen der Hoffnungen, die eiteln Beſtrebungen, den Kampf zwiſchen Recht und Unrecht, in welchem die Starken oft unterliegen, und die Schnel⸗ len zu ſpät kommen: wir ſehen Blumen in voller Blüthe auf ſchlechtem Boden und wie bei dem luſtigſten und glänzendſten Glücke die Gräuel des Laſters und der Gemeinheit und die Flecken des Böſen, und eingedenk, wie gemein der Beſte von uns iſt, reichen wir die Hand der Liebe Arthur Pendennis bei all ſeinen Fehlern und Mängeln, da er nicht anſpricht, ein Held, ſondern blos ein Mann und ein Bruder zu ſein. Ende. Pendennis. mw. 16