Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeiß- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt . für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —.— —— auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. — f. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————,—— —— —— ⁰ ⁰ Pendennis von W. M. Thackeray. von Dr. Leonhurd Lafel. Elftes bis fünfzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckhſſchen Buchhandlung. 1851. Erſtes Rapitel Enthält einen neuen Vorfall. In einem frühern Theile dieſer Geſchichte haben wir angedentet, wie Pen nach ſeiner Niederlage in Orbridge während ſeines Aufenthalts in der Heimath ſich mit verſchiedenen literariſchen Arbeiten beſchäftigt, und unter andern Werken eine Novelle zum größten Theil vollendet hatte. Dieſes Buch unter dem Einfluß ſeiner jugendlichen Verlegenheiten, erotiſcher und peku⸗ niärer Natur trug einen wilden, düſtern leidenſchaft⸗ lichen Charakter. — Die Byroniſche Verzweiflung, die Wertheriſche Verzagtheit, die höhniſche Bitterkeit des Mephiſtopheles im Fauſt, waren alle in unſrem Helden produzirt und entwickelt; denn unſer junger Mann hatte eben erſt die deutſche Sprache gelernt und ahmte, wie faſt jeder aufgeweckte Junge thut, ſeine Lieblings⸗ dichter und Schriftſteller nach. Stellen in den einſt ſo geliebten Büchern, die jetzt ſelten wieder zur Hand genommen werden, tragen immer noch die Zeichen des Bleiſtifts, womit er ſie in jenen Tagen anſtrich. Thrä⸗ nen ſielen vielleicht auf das Blatt des Buches, oder ver⸗ wiſchten die Worte ſeines Manuſkripts, wie der leiden⸗ ſchaftliche junge Mann ſeine Gedanken niederwarf. Wenn er die Bücher wieder zur Hand nahm, ſo hatte er weder die Fähigkeit, noch den Wunſch, die Blätter mit dem frühen Thau dieſer Urzeiten zu beſprengen⸗ Sein Bleiſtift war nicht weiter begierig, die Beifalls⸗ zeichen beizumerken; aber wenn er die Seiten ſeines Manuſkriptes überblickte, erinnerte er ſich der über⸗ Pendennis. MI. 1 2 ſtrömenden Gefühle, die ihn veranlaßten, ſie wieder aus⸗ zuſtreichen, und des Schmerzes, der jene Zeilen inſpirirte. Wenn die geheime Geſchichte der Bücher geſchrieben, und die Privatgedanken und Meinungen des Autors am Rande ſeiner Geſchichte nachgeführt werden könnten, wie viele geſchmackloſe Bücher würden intereſſant werden, wie viele langweilenden Erzählungen den Leſer aufregen! Manches bittere Lächeln lief über Pen's Geſicht, als er ſeine Novelle überlas, und rief ihm die Zeit und die Gefühle zurück, denen ſie ihr Daſein verdankte. Wie pompoͤs erſchienen einige der hochtrabenden Stellen, wie ſchwach andere, in die er ſein volles Herz glaubte ausgeſtrömt zu haben. Dieſe Stelle war eine Nachah⸗ mung des damals beliebten Autors, wie er jetzt klar ſehen konnte und geſtand, obgleich er damals glaubte, original zu ſein. Wenn er gewiſſen Zeilen nachſpürte, ſo erinnerte er ſich noch der Stelle und Stunde, wo er ſie ſchrieb. Der Geiſt des erſtorbenen Gefühls kam zurück über ſeinem Nachſinnen, und er erröthete, das ſchwache Bild wieder anſichtig zu werden. Und was be⸗ deuteten dieſe Kleclſe auf der Seite? Wie man in der Wüſte an eine Stelle kommt, wo Kameelshufen in dem Boden abgevrückt und Spuren verwitterten Kräuter⸗ werks noch ſichtbar find, und man weiß, daß hier einſt Waſſer war, ſo war auch die Stelle in Pen's Gemüth nicht mehr grün und die fons lacrimarum war ver⸗ trocknet. Er gebrauchte dieſes Simile eines Morgens ge⸗ gen Warrington, als dieſer über ſeiner Pfeife und ſeinem Buche da ſaß und Pen mit lebendigem Gebär⸗ denſpiel, nach ſeiner Gewohnheit, wenn er aufgeregt war, und mit bitterem Lachen, ſein Manuſkript auf die Tafel warf, daß das Theezeug klirrte, und die blaue Milch in dem Topfe tanzte. Er hatte Nachts zuvor das Manuſkript aus einer lang vernachläßigten Kiſte, die alte Jagdwämſer, alte Orbridger Sudelbücher, ſein altes Chorhemd, ſeine verwitterte Mütze und Gewand — 3 und andere Denkmäler der Jugend, der Schule und der Heimath enthielt, hervorgenommen. Er las in dem Bande im Bett, bis er einſchlief, denn der Anfang der Erzählung war etwas langweilig, und er war müde von einer Londoner Abendparthie heimgekommen. „Beim Jupiter!“ rief Pen, indem er ſeine Papiere durchblätterte, „wenn ich daran denke, daß dieß erſt vor wenigen Jahren geſchrieben wurde, ſo ſchäme ich mich meines Gedächtniſſes. Ich ſchrieb dieß, als ich glaubte, in alle Ewigkeit in jene kleine Kokette Miß Amory verliebt zu ſein. Ich pflegte Verſe an ſie hinabzutra⸗ gen, in die Höhlung eines Baumes zu verbergen, und ſie der Awori zu dediziren. „Das war ein ſüßes, kleines Wortſpiel,“ bemerkte Warrington, und blies eine Rauchwolke auf. „Amory — Amori, es zeugt von profonder Gelehrſamkeit; gieb ein Bischen von dem Miſte zum Beſten.“ Er ſireckte ſich herüber von ſeinem Lehnſtuhl, und faßte Pen's Manufkript mit der Feuerzange, die er ſo eben benützte, um eine Kohle in ſeine Pfeife zu thun. So war er denn im Beſitze des Werks und begann aus dem „„Blätter aus dem Leben Walter Lorraine's zu leſen.““ „So falſch als ſchön, ſo herzlos als reizend! Scheinbild der Leidenſchaft,“ rief Walter, an Leonora ſich wendend; „welcher böſe Dämon hat dich geſandt, mich ſo zu quälen, o Leonora ...5 „Reiß das heraus,“ rief Pen, indem er nach dem Buche griff, das ſein Kamerad jedoch nicht wollte fah⸗ ren laſſen. „Gut, aber lies es auf keinen Fall vor. Das iſt über meine erſte Flamme, meine erſte — nun⸗ mehr Lady Mirabel. Ich ſah ſie vorige Nacht bei Lady Whiſton's; ſie bat mich zu einer Parthie in ihr Haus, und meinte, daß wir als alte Freunde einander öfter treffen ſollten. Sie hat mich dieſe zwei Jahre in der Stadt manchmal geſehen und nie daran gedacht, mich einzuladen; als ſie aber ſah, daß Wenham mit mir ſprach und Monſienr Dubois, der franzöſiſche 4 „ Literate, der ein Dutzend Orden an ſich hatte, und für einen Marſchall von Franfreich gelten konnte, ließ ſie ſich herab, mich einzuladen; die Claverings werden an demſelben Abende dort ſein; wird das nicht intereſſant werden, ſeine beiden Flammen an demſelben Tiſche zu treffen?“ „Beide Flammen! zwei Haufen ausgebrannter Aſche,“ ſagte Warrington. „Sind das die beiden Schön⸗ heiten in dem Buche?“ „Beide, oder ſo etwas wie ſie,“ ſagte Pen. „Leo⸗ nora, die den Herzog heirathet, iſt die Fotheringay: bei dem Herzog ſaß mir Magnus Charters, mit dem ich in Orford war; er gleicht ihm etwas; und Miß Amory iſt Neära. Bei Gott, Warrington, ich liebte dieß erſte Weib! ich dachte an ſie, als ich im Mond⸗ licht von Lady Whiſton's heimging, und die früheren Scenen traten vor mein Auge, als ob es erſtgeſtern ge⸗ weſen wäre. Und als ich heim kam, zog ich die Ge⸗ ſchichte hervor, die ich über ſie und die Andere vor drei Jahren ſchrieb; ſo unvernünftig es iſt, weißt Du, ſo enthält es doch guten Stoff, und wenn Bungay es nicht nehmen will, ſo thut es, denk ich, Bacon.“ „So halten's die Poeten,“ ſagte Warrington, „ſie verlieben ſich, foppen oder werden gefoppt; ſie leiden und poſaunen es aus, duß ſie mehr leiden, als andere Sterbliche, und wenn ſie genug Gefühle durchgefühlt haben, ſo ſchreiben ſie's auf und bringen den Quark auf den Markt. Alle Poeten ſind Taugenichtſe, alle Lite⸗ raten find Taugenichtſe, ſobald einer ſeine Gefühle für's Geld verkauft, iſt er ein Taugenichts. Wenn ein Poet von einem zu guten Diner das Seitenſtechen be⸗ kommt, ſo brüllt er ſein Ai, Ai, lauter als Prome⸗ theus in die Welt hinaus.“ „Ich denke ein Dichter hat mehr Gefühl, als andere Leute,“ ſagte Pen mit einigem Stolz. „Das eben macht ihn zum Dichter, ich glaube er ſieht und fühlt ſchärfer, und das macht, daß er von dem ſpricht, was F 5 er ſieht und fühlt. Sie ſprechen eifrig genug in Ihren Leitartikeln, wenn Sie ein falſches Arßument erſpähen, oder einen Quackſalber in dem Hauſe entdecken. Paley, der ſich um nichts Anderes in der Welt bekümmert, ſpricht immer eine Stunde lang über eine Rechtsfrage. Geſtatten Sie einem Andern das Vorrecht, das Sie ſich ſelber nehmen, und den freien Gebrauch ſeiner Fähigkeiten und laſſen Sie ihn ſein, wozu die Natur ihn gemacht hat. Warum ſollte nicht Einer ſeine ſentimentalen Gedanken ſo gut verkaufen, als Sie Ihre volitiſchen Ideen, oder Paley ſeine Geſetzeskenntniß? Eines wie das Andere iſt ein Kind der Erfahrung und Uebung. Nicht das Geld läßt Sie einen Irrthum finden, oder Paley einen Beweis führen; ſondern ein natürliches oder gewonnenes Geſchick für dieſe Art von Wahrheit: und ein Dichter bringt ſeine Gedanken und Erfahrungen zu Papier, wie ein Maler eine Landſchaft oder ein Geſicht auf den Kannevaß zum Beſten ſeiner Geſchicklichkeit, oder nach Maaßgabe ſeines beſondern Talentes. Wenn ich je den Stoff in mir zu haben glaube, ein Epos zu ſchreiben, beim Jupiter, ſo ver⸗ ſuche ich es. Wenn ich fühle, daß ich blos gut genug bin, einen Witz zu reißen, ſo thue ich es.“ „Nicht übel geſprochen, Junge,“ ſagte Warrington, „aber das hindert noch nicht, daß alle Poeten Tauge⸗ nichtſe ſind.“ „Was? — Homer, Aeſchylus, Shakeſpeare und all die Andern?“ „Ihre Namen dürfen in einem und demſelben Spruche mit euch Pygmäen nicht geathmet werden,“ ſagte Mr. Warrington; Männer und Männer, Sir, ſind verſchieden.“ „Wohl, Shakeſpeare war ein Mann, der für's Geld ſchrieb, ſo gut, als Sie und ich,“ antwortete Pen, worauf Warringkon über ſeiner Keckheit erröthete und wieder zu ſeiner Pfeife und dem Manuſkripte griff. Nicht der geringſte Zweifel konnte obwalten, daß dieſes Dokument ein gut Theil von Pen's perſönlichen 6 Erfahrungen enthielt, und daß Blätter aus dem Lebens⸗ buch von „Walter Lorraine“ zu nichts Anderem geſchrieben wurden, als für Arthur Pendennis's eigene Privat⸗ ſchmerzen, Leidenſchaften und Thorheiten. Da wir mit dieſen in dem erſten Bande ſeiner Geſchichte bekannt geworden ſind, ſo wird es nicht nöthig ſein, große Auszüge aus der Novelle „Walter Lorraine“ zu machen, in welchen der junge Gentleman ſolche der⸗ ſelben, welche wahrſcheinlich den Leſer intereſſiren wür⸗ den, oder welche ſich für die Zwecke ſeiner Geſchichte eigneten, geſchildert hatte. Obgleich er das Geſchriebene beinahe die Hälfte der Zeit, welche nach dem Grundſatz des Horatius ein Werk der Kunſt zur Reife liegen bleiben ſollte, ein Grundſatz, deſſen Wahrheit, beiläufig geſagt, noch in Frage geſtellt werden kann, in ſeinem Koffer gehalten hatte, ſo hatte Mr. Pen gleichwohl ſeine Novelle nicht ſo lange vergraben, damit ſeine Arbeit gewinnen ſollte, ſondern weil er nicht wußte, wohin ſonſt er ſie thun ſollte; noch hatte er einen beſondern Wunſch, ſie wieder zu ſehen. Wer eine Arbeit zehn Jahre auf die Seite legt, eh' er ſie der Welt übergibt, oder ſein reiferes Urtheil daran übt, thäte am beſten, ſich vorher von der urſprünglichen Kraft und Dauerhaftigkeit deſſelben zu überzeugen, ſonſt möchte er, wenn er es aus dem Grabe auferſtehen läßt, finden, daß es, wie geringhaltiger Wein, allen Geſchmack, den es einmal hatte, verloren, und geſchmacklos geworden iſt. Es gibt Werke von allerlei Geſchmack, das ſchwache, wie das ſtarke, die durch das Alter gewinnen, und ſolche, die das Aufbe⸗ wahren gar nicht ertragen, ſondern nur munden, beim erſten Zug, wo ſie perlen und erfriſchen. Pen hatte ſelbſt zur Zeit ſeiner jugendlichen Uner⸗ fahrenheit und feurigen Einbildung nie den Gedanken, daß die Geſchichte, die er ſchrieb, ein Meiſterſtück von Kunſt ſei, oder daß er den großen Autoren, die er be⸗ wunderte, ſich an die Seite ſtellen könne; und als er 7 jetzt ſein kleines Kunſtwerk muſterte, wurde er ſeiner Mängel gar wohl gewahr und war ziemlich beſcheiden in Bezug auf ſeine Verdienſte. Es iſt nicht ſehr gut, dachte er: aber es iſt ſo gut, als die meiſten Bücher der Art, welche in den Leſebibliotheken eirkuliren und in der Saiſon mitlaufen. Er hatte mehr denn eine faſhionable Novelle kritiſch unterſucht, von Autoren, welche den Beifall des Tages hatten, und glaubte, daß er eben ſo viel Verſtand als ſie beſitze, und die eng⸗ liſche Sprache ſo gut als jene Ladies und jene Gent⸗ lemen ſchreiben könnte; und als er jetzt ſeine jugend⸗ liche Arbeit überlief, fand er mit Vergnügen hier und da Stellen, die Imagination und Kraft, und Züge, wo nicht von Genie, ſo doch von natürlicher Leidenſchaft und von Gefühl verriethen. Dieß war auch Warring⸗ tons Wahrſpruch, als dieſer ſtrenge Kritiker nach halb⸗ ſtündigem Durchleſen des Manuſkripts und dem Verbrauch zweier Pfeifen Tabak Pen's Buch fürchterlich gähnend bei Seite legte. „Ich kann im Augenblick von dieſem Miſchmaſch nicht weiter leſen,“ ſagte er: „aber es ſcheint mir, es iſt einiger guter Stoff darin, mein Junge, es iſt eine gewiſſe Grüne und Friſche darin, die mir etwas behagt. Der Duft verſchwendet von dem Antlitz der Poeſie, wenn man in die Aera der Raſiermeſſer tritt. Man kriegt die Natürlichkeit und den kunſtloſen Roſenteint in ſpätern Jahren nicht mehr heraus. Ihre Wangen ſind blaß, ſie ſind verbleicht an den Abend⸗ parthien, Sie bedürfen des Kräuſeleiſens und des Ma⸗ kaſſars und der Deuxel weiß was, zu Ihrem Backen⸗ bart. Er kräuſelt ſich ambroſiſch, Sie find ſehr vornehm und gentil u. ſ. w., aber ach, Pen, dte Frühlingszeit iſt die beſte.“ „Was, der Deuxel, hat mein Backenbart mit dem Wiſch in Ihrer Hand zu thun?“ ſagte Pen, der vielleicht durch Warringtons Anſpielung auf dieſe Zierde, welche, die Wahrheit zu geſtehen, der junge Mann aufs ab⸗ ſurdeſte kajolirte, kräuſelte, beölte, parfümirte, und kämmte, geärgert wurde. „Glauben Sie, wir können mit „Walker Lorraine“ etwas anfangen? Sollen wir ihn zum Buchhändler nehmen, oder ein Autodafé aus ihm machen?“ „Ich ſehe nicht ein, wozu die Verbrennung nützen ſollte,“ ſagte Warrington, „obgleich ich große Luſt habe, ihn ins Feuer zu werfen, um Sie für Ihr gräuliches Geſalbader und Ihre Heuchelei zu beſtrafen. Soll ich ihn wirklich verbrennen? Sie haben viel zu viel Ach⸗ tung vor ihm, um ihm ein Haar auf ſeinem Haupte zu krümmen.“ „Hab ich? hier ſeht,“ ſagte Pen, und „Walter Lorraine“ verſchwand auf dem Tiſche und wurde auf die Kohlen geworfen, aber das Feuer hatte, nachdem es ſeine Pflicht gethan und des jungen Mannes Früh⸗ ſtückkeſſel zum Sieden gebracht hatte, ſein Tagewerk vollbracht und war ausgegangen, wie Pen gar wohl wußte, und Warrington nahm mit höhniſchem Lächeln das Manuſkript wieder aus der harmloſen Aſche. „O Pen, was für ein Taugenichts ſind Sie!“ ſagte Warrington, „und was noch das Schlimmſte davon iſt, Sie ſind ein ſo linkiſcher Taugenichts. Ich ſah Sie hinblicken, um zu ſehen, ob vas Feuer aus ſei, ehe Sie ihm Ihren „Walter Lorraine“ hinter die Stangen war⸗ fen. Nein, wir wollen ihn nicht verbrennen: wir wollen ihn zu den Aegyptern führen, und ihn verkaufen. Wir wollen ihn für Geld auswechſeln, ja, für Silber und Gold, und für Beef und Liqueur, für Tabak und für Kleider. Dieſer junge Mann wird auf dem Markte etwas gelten: denn er iſt ein kommlicher Burſche, wenn auch nicht überſtark; aber wir wollen ihn füttern, ihm ein Bad geben, ſein Haar kräuſeln, und ihn für hun⸗ dert Piaſter an Bacon oder an Bungay verkaufen. Der Plunder läßt ſich ſchon an den Mann bringen, Sir, und mein Rath iſt der: wenn Sie das nächſte Mal ſich Vakanz machen, und nach Hauſe gehen, nehmen Sie „Walter Lorraine“ in Ihrem Reiſeſack mit — geben — 9 ihm eine modernere Turnure, putzen Sie, jedoch ſparſam, Einiges von den grünen Stellen hinweg, thun Sie ein paar Meſſerſpitzen voll Komödie, Schäckerei, Satyre und dergleichen dazu, dann nehmen wir ihn auf den Markt und verkaufen ihn. Das Buch iſt kein Ertra⸗ wunder, wird aber ganz gute Dienſte thun.“ „Meinen Sie, Warrington?“ ſagte Pen entzückt, denn das war großes Lob von ſeinem eyniſchen Freund. „Sie einfältiger, junger Narr! Ich denke, es iſt ungemein verſtändig geſchrieben,“ ſagte Warrington freundlich und ſchlug mit dem Manuſkript, das er in der Hand hielt, Pen muthwillig auf die Wange, und der Theil von Pen's Geſicht wurde ſo roth, als er jemals in den früheſten Tagen ſeiner Erröthungen ward; er ergriff die Hand des Andern und ſagte: „Dank Ihnen, Warrington, er drückte ſie kräftig und zog ſich dann mit ſeinem Buche auf ſein Zimmer zurück, und brachte den größern Theil des Tages auf ſeinem Bette zu, indem er es wieder überlas. Er that, wie Warrington ihm gerathen hatte, veränderte nicht wenig und gab ein gut Theil dazu, bis er endlich „Walter Lorraine“ in die Form gemodelt hatte, in der er, wie der verehrte Novellenleſer weiß, in der Folge vor dem Publikum erſchien. Während er mit dieſer Metamorphoſe beſchäftigt war, inſpirirte der gutmüthige Warrington ſchlau den beiden Gentlemen, welche für die Herren Bacon und Bungay „laſen“, die größte Neugierde für „Walter Lorraine“, und machte ſie auf die beſonderen Verdienſte ſeines ausgezeichneten Verfaſſers aufmerkſam. Es war um die Zeit, da die Novelle „der Faſhionable“ in Eng⸗ land furore machte, und Warrington verfehlte nicht, wie zuvor, darauf hinzudeuten, wie Pen ſelbſt ein Mann der allerhöchſten „Fafhion“ ſei, und in den Häu⸗ ſern einiger der größten Notabilitäten im Lande Zutritt habe. Der einfältige, gutherzige Perch Popjoy wurde dahin gebracht, der Mrs. Bungay aufzuwarten und 10 ihr zu hinterbringen, daß ſich ſein Freund Pendennis gegenwärtig mit einem ſehr intereſſanten Werke be⸗ ſchäftige, einem Werke, dem die ganze Stadt nachlaufen würde, voll Witz, Genie, Satyre, Pathos und jeder 3 guten Eigenſchaft, die man ſich denken könne. Wir hatten ſchon früher bemerkt, daß Bungay nicht mehr von Novellen verſtand, als vom Hebräiſchen oder der Algebra, und keines der Bücher, die er herausgab und bezahlte, las oder verſtand; aber er ſchöpfte ſeine Meinungen von ſeinen offiziellen Rathgebern und von Mrs. B. und lud, ſichtbar mit Rückſicht auf kommerzielle Unterhandlungen, Pendennis und Warrington wieder zu einem Diner ein. Als Bacon fand, daß Bungay damit umging, ab⸗ zuſchließen, begann er natürlich beſorgt und neugierig zu werden, und wünſchte ſeinen Nebenbuhler zu über⸗ bieten. War etwas zwiſchen Pendennis und dem odiöſen Hauſe „über der Straße“ in Betreff des neuen Buches ins Reine gekommen? Der confidentielle Leſer, Mr. Hack, erhielt den Auftrag, Nachforſchungen anzuſtellen, und zu ſehen, ob ſich noch etwas machen laſſe, und das Ergebniß der Nachforſchungen dieſes Diplomaten war, daß an einem ſchönen Morgen Bacon ſelbſt ſich die Treppen von Lamb Court hinauf und nach der Thür, an welcher die Namen Mr. Warrington und Mr. Pen⸗ dennis aufgemalt waren, hindurch arbeitete. Für einen Gentleman der Faſhion, als welcher der arme Pen dargeſtellt wurde, waren, man muß es ge⸗ „ ſtehen, die Gemächer, welche er und ſein Freund inne 6 hatten, nicht ſehr geeignet. Der zerriſſene Teppich war während der zwei Jahre gemeinſchaftlicher Inſaßenſchaft nur noch zerriſſener geworden; ein beſtändiger Tabak⸗ geruch durchduftete das Empfangzimmer; Bacon ſtolperte uͤber die Eimer der Wäſcherin in dem Gang, den er zu paſſiren hatte, und Warringtons Jagdjacke war zur Zeit ſo zerlumpt an den Elbogen, als ſie gewöhnlich war, 3 und der Sitz, den Bacon bei ſeinem Eintritt zu nehmen 11 erſucht wurde, brach mit dem Verleger zuſammen. Warrington brach in ein Lachen aus, und ſagte, daß Bacon den Spielſeſſel erwiſcht habe, und rief Pen, einen ganzen aus ſeinem Schlafgemach zu bringen. Und als er den Verleger ſich in dem ſchmutzigen Zimmer mit der Miene profunden Mitleids und Erſtaunens um⸗ ſchauen ſah, fragte er ihn, ob er nicht dächte, daß die Zimmer recht elegant wären, und ob er nicht eines der Möbel für Mrs. Bacons Geſellſchaftszimmer zu beſitzen wünſchte? Mr. Warringtons Charakter als Humoriſt war Mr Bacon bekannt. „Nie konnt' ich,“ ließ ſich der Verleger vernehmen, „den Kauz heraus kriegen, oder ſagen, ob es bei ihm Ernſt oder nur Spaß wäre.“ Es iſt ſehr wohl möglich, daß Mr. Bacon die beiden Gentlemen, einen wie den andern, für Betrüger gehalten hätte, wenn er nicht zufällig auf dem Früh⸗ ſtücktiſche gewiſſe Einladungskarten gefunden hätte, welche die Morgenpoſt für Pen hereingebracht hatte, und die zufällig von ſehr hochgeſtellten Notabilitäten der beau monde, bei welche unſer junger Held Zutritt hatte, gekommen waren. Bacon ſah, als er auf ſie nieder blickte, daß die Marquiſe von Steyne an einem beſtimmten Tage für Arthur Pendennis zu Hauſe ſein wollte, und daß eine andere Lady von Auszeichnung eine Tanzparthie in ihrem Hauſe an einem beſtimmten zukünftigen Abend proponirte. Warrington ſah, wie der bewundernde Verleger dieſe Dokumente beſah. „Ach,“ begann er mit der Miene der Einfalt, „Pendennis iſt einer der leutſeligſten jungen Männer, die ich jemals kennen lernte, Mr. Bacon. Der junge Burſche dinirt mit allen vornehmen Männern in London, und ißt doch ganz zufrieden ſein Hammelsrippchen mit Ihnen oder mit mir; nichts gleicht der Leutſeligkeit des altengli⸗ ſchen Gentleman.“ „O nein, gewiß Nichts,“ ſagte Mr. Bacon. „Und Sie wundern ſich, wie er ſo drei Treppen hoch mit mir leben konnte, nicht wahr? Nun, es iſt 12 vas ein wunderlicher Geſchmack; aber wir lieben einan⸗ der, und da ich nicht auftreiben kann, in einem vor⸗ nehmen Hauſe zu wohnen, ſo kommt er, und bleibt bei mir in dieſen alten armſeligen Gemächern. Er iſt ein Mann, der überall leben kann.“ „Ich bilde mir ein, daß es ihn hier nicht viel koſtet,“ dachte Mr. Bacon, und der Gegenſtand ſeiner Lobpreiſungen trat alsbald in das Zimmer aus ſeinem benachbarten Schlafgemach. Jetzt kam Mr. Bacon auf den Gegenſtand ſeines Beſuches zu ſprechen; ſagte, er habe gehört, daß Mr. Pendennis eine Novelle im Manuſkript beſitze, und drückte den Wunſch aus, das Werk anzuſehen, und zweifelte nicht, daß ſie in Betreff der Bedingungen ſich verſtän⸗ digen könnten. Was würde es koſten? würde er Bacon einen Korb geben? Er würde finden, daß ſein Haus ein freigebiges Haus ſei u. ſ. f. Der entzückte Pen nahm die Miene der Gleichgiltigkeit an und ſagte, daß er bereits mit Bungay in Unterhandlung ſtehe und keine definitive Antwort geben könne. Dieß pikirte den Andern zu ſo freigebigen, obgleich unbeſtimmten Anerbietungen, daß Pen begann, ſich einzubilden, es thue ſich ihm ein Eldorado auf, und ſein Glück ſei von dem Tag an gemacht. Ich führe nicht an, welche Summe Geldes Mr. Arthur Pendennis für die erſte Ausgabe ſeiner Novelle „Walter Lorraine“ erhielt, damit nicht andere junge Aſpiranten erwarten, ſo glücklich wie er zu ſein, und Unberufene ihren eignen Beruf vergeſſen, welcher Art er immer ſein möge, um die Welt mit Novellen zu unterſtützen, an denen ſie bereits einen hinlänglichen Vorrath beſitzt. Mögen ſich junge Leute nicht verführen laſſen, um verhängnißvoll ſich in das Romanſchreiben zu ftürzen; mögen ſie bedenken, daß wenn ein Buch Glück macht, ſo viele, ich will nicht ſagen, verdien⸗ ter Maßen, nein aus andexn Gründen, verunglücken, und ſich kluger Weiſe enthalten, oder, wenn ſie es wa⸗ * „ + . 13 gen, es wenigſtens auf eigene Gefahr thun. An die⸗ jenigen, die bereits Novellen geſchrieben, iſt dieſe War⸗ nung natürlich nicht gerichtet, mögen ſie ihre Waaren auf den Markt bringen, mögen ſie ſich an Bacon oder Bungay, an alle Verleger der Row oder der übrigen Hauptſtadt wenden, und in ihren Wagniſſen glücklich ſein. Die Welt iſt ſo weit und die Geſchmäcke der Menſchenkinder ſind zum Glücke ſo verſchieden, daß immer für jeden noch Hoffnung bleibt, und er kann den Preis durch ſein Genie, oder ſein gutes Glück gewinnen. Aber wie ungewiß iſt der Erfolg oder Durchfall, die Popularität zu erlangen, oder die gewonnene zu behaup⸗ ten? Einer geht über das Eis und es trägt ihn, und Dutzende, die ihm folgen, zappeln in dem Waſſer. Kurz und gut, Mr. Pendennis war ein Ausnahmfall und dieſer gilt bloß ihm ſelbſt, und ich behaupte feier⸗ lich, und ſtehe bis auf den letzten Athemzug dafür ein, daß Eines iſt, eine Novelle ſchreiben, und ein Anderes, Geld dafür bekommen. Durch Verdienſt oder gutes Glück, oder das künſt⸗ liche Spiel zwiſchen Bungay gegen Bacon, das War⸗ rington durchſpielte (und das ein Novellendilettant freundlichſt einzuladen iſt, an zwei gleichen Nebenbuhlern im Buchhandel ſein Glückzu verſuchen) wurde Pen's Novelle wirklich für eine gewiſſe Summe an einen der beiden Patrone der Wiſſenſchaft, die wir bereits unſer Leſern vorgeſtellt haben, verkauft. Die Summe war wirklich ſo beträchtlich, daß Pen damit umging, bei einem Bankier eine Rechnung zu eröffnen, oder ein Kabriolet und ein Pferd zu halten, oder in den erſten Stock von Lamb Court in neumöblirte Gemächer herabzuſteigen, oder nach dem faſhionabeln Ende der Stadt auszuwandern. Major Pendennis rieth zuletzt zum Umzug auf's nachdrücklichſte; er öffnete ſeine Augen weit vor Ver⸗ wunderung, als er von dem guten Glücke hörte, das Pen zu Theil geworden war, und das dieſer alsbald ſeinem Oheim mitzutheilen ſich beeilte. Der Major 14 war beinahe ärgerlich, daß Pen ſo viel Geld verdient haben ſollte. „Wer, zum Henker, liest dieſe Dinger?“ dachte er bei ſich, als er von dem Handel hörte, den Pen abge⸗ ſchloſſen hatte. „Ich las nie euern Miſchmaſch von Novellen. Außer Paul de Cock, der mich allerdings lachen macht, glaube ich nicht, daß ich dieſe dreißig Jahre her in ein Buch der Art geſehen habe. Bei Gott! Pen iſt ein glücklicher Junge, ich dächte, er könnte jetzt in einem Monat ein dergleichen ſchreiben, — ſag in einem Monat — thut zwölf in einem Jahr, Gott verdamm mich, er kann dieſen Unſinn die nächſten vier oder fünf Jahre fortſpinnen. Mittlerweile wünſchte ich, daß er anſtän⸗ dig lebte, eine reſpektable Wohnung bezöge und ſich einen Brougham hielte,“ und nach dieſer einfachen Be⸗ rechnung berieth der Major unſern Pen. Arthur erzählte lachend Warrington, wozu ſein Onkel ihm gerathen; aber er hatte zum Glück einen viel vernünftigern Rathgeber, als den alten Gentleman, in der Perſon ſeines Freundes und in ſeinem eigenen Ge⸗ wiſſen, das ihm ſagte, ſei dankbar für dieſes Stückchen gutes Glück und wirf dich auf keine Thorheiten: „zahle Laura zurück!“ und er ſchrieb einen Brief an ſie, in dem er ihr ſeinen Dank und ſeine Achtung bezeugte, und ihr ſolche Raten ſeiner Schuld anwies, daß dieſe beinahe getilgt war. Auf die Wittwe und Laura ſelbſt mochte der Brief einen guten Eindruck machen: er war mit aufrichtiger Zärtlichkeit und Beſcheidenheit geſchrie⸗ ben; und als der alte Doktor Portman die Stelle in dem Briefe las, in der Pen mit einem ehrlichen Herzen voll Dankbarkeit dem Himmel für ſein gegenwärtiges Glück und dafür, daß er ihm ſo liebe und gütige Freunde in ſeinem Unglück geſendet, demüthig dankte, — als Doktor Portman, ſage ich, dieſen Theil des Briefes las, ſtammelte ſeine Zunge, und ſeine Augen blinzten hinter ſeiner Brille, und als er denſelben ganz geleſen, ſeine 15 Brille von der Naſe genommen und über dem Papier zuſammengelegt, und dieſes der Wittwe zurückgegeben hatte, bin ich gezwungen zu berichten, daß der Doktor, nachdem er Mrs. Pendennis Hand eine Minute gehalten, dieſe Lady zu ſich herzog und ſie in allen Ehren küßte, über welchen Gruß Helen natürlich an des Doktors Schulter in Thränen ausbrach, denn ihr Herz war zu voll für jede andere Erwiderung, und der Doktor, über ſeine kühne That ſehr erröthend, führte die Lady mit einer Verbeugung nach dem Sopha, auf den er ſich neben ſie ſetzte, indem er mit leiſer Stimme einige Worte von einem großen Dichter murmelte, welcher beſchreibt, wie er in den Tagen ſeines Glückes „der Wittwe Herz vor Freuden ſingen“ machte. „Der Brief macht dem Jungen ſehr viel Ehre, ſehr viel Ehre, meine Theure,“ ſagte er, indem er ihn, wie er auf Helen's Knieen lag, pätſchelte, — „und ich glaube, wir haben allen Grund, dafür dankbar — ſehr dankbar zu ſein. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, in welcher Richtung, meine Theure, denn Sie ſind eine gottesfürch⸗ tige Dame: ja, Laura, meine Liebe, Ihre Mutter iſt eine gottesfürchtige Dame. Und Mrs. Pendennis, Ma'am, ich werde ein Exemplar für mich, und ein zweites für den Leſeklub beſtellen.“ Wir dürfen uns verſichert halten, daß die Wittwe und Laura der Poſt, die ihnen ihr Eremplar von Pen's koſtbarer Novelle brachte, entgegen gingen, ſobald das Werk gedruckt war und an das Publifum abgegeben wurde, und daß ſie es einander vorlaſen, und daß ſie es auch für ſich und allein laſen; denn als die Wittwe in ihrem Schlafgewand Morgens ein Uhr mit dem zweiten Bande, den ſie ſo eben beendigt hatte, aus ihrem Zim⸗ mer kam, fand ſie, daß Laura den dritten Band in ihrem Bette gierig verſchlang. Laura ſagte nicht viel von dem Buche, aber Helen ſprach ſich dahin aus, daß es eine glückliche Miſchung von Sheakſpeare, Byron und Walter Scott und daß ſie überzeugt ſei, daß ihr 16 Sohn ebenſo das größte Genie auf der Welt, ſowie der Beſte der Söhne ſei. Dachte nicht auch Laura über das Buch und den Verfaſſer nach, obgleich ſie ſo wenig ſprach? Wenigſtens dachte ſie an Arthur Pendennis. So gütig auch ſein Ton war, ſo verdroß er ſie doch, ſie ſah es nicht gern, daß er das Geld mit ſolcher Eilfer⸗ tigkeit zurückzahlte, ſie hätte mehr gewünſcht, daß ihr Bruder es, wie ſie beabſichtigte, als Geſchenk von ihr angenommen hätte, und es war peinlich, daß Geldbe⸗ rechnungen zwiſchen ihnen ſtattfinden ſollten. Seine Briefe von London, mit dem gutmüthigen Wunſche, ſeine Mutter zu unterhalten, geſchrieben, waren voll von Beſchrei⸗ bungen berühmter Leute, Unterhaltungen und derPracht der großen Hauptſtadt. Jedermann, das war ſie überzeugt, ſchmeichelte ihm und verwöhnte ihn. Sah er ſich nicht nach irgend einer reichen Heirath um mit dem verſchmitz⸗ ten Onkel als Mentor (Czwiſchen welchem und Laura immer eeine Antipathie beſtand), dieſem alten Selbſt⸗ ſüchtler, deſſen Gedanken immer nur auf Rang und Reichthum gingen? Er ſpielte nie auf — auf alte Zeiten an, wenn er von ihr ſprach. Er hatte dieſe und ſie vie lleicht vergeſſen: hatte er nicht auch andere Dinge und Leute vergeſſen?“ Dieſe Gedanken gingen wohl Miß Laura durch den Sinn, obgleich ſie ſie Helen nicht anvertraute, nicht anvertrauen konnte. Sie hatte noch ein Geheimniß mehr vor dieſer Lady, das ſie vielleicht nicht unter die Leute bringen konnte, weil ſie wußte, wie ſehr ſich die Wittwe darüber gefreut haben würde. Es betraf einen Vorfall während ihres Beſuches bei Lady Rockminſter, den Laura in den letzten Chriſtfeiertagen machte, als Pen bei ſeiner Mutter zu Hauſe war, und wo Mr. Pynſent, der für ſo kalt und ehrgeizig galt, Miß Bell ſeine Hand in beſter Form angetragen hatte. Niemand außer ihr und ihrem Bewunderer wußte um dieſen Antrag, oder um den Korb, den Phynſent von ihr er⸗ halten, und wahrſcheinlich waren die Gründe, die ſie 17 dem gedemüthigten jungen Manne ſelbſt angab, nicht diejenigen, welche dieſe Abweiſung bewirften, oder welche ſie ſelbſt ſich zu geſtehen beliebte. „Nie kann ich,“ ſagte ſie Pynſent, „ein ſolches Anerbieten, wie das, das Sie mir machen, annehmen, und das, wie Sie ge⸗ ſtehen, Ihrer Familie unbekannt iſt, und ihr, wie ich überzeugt bin, unwillkommen ſein würde! Der Unter⸗ ſchied des Ranges zwiſchen uns iſt zu groß. Sie ſind hier gegen mich ſehr freundlich — zu gut und freund⸗ lich, theurer Mr. Pynſent, aber ich bin wenig mehr als ein Abhängling.“ „Ein Abhängling! wer hat je ſo etwas von Ihnen gedacht? Sie ſind der ganzen Welt ebenbürtig,“ rief Pynſent aus. „Ich bin auch daheim ein Abhängling,“ ſagte Laura ſanft, „und in der That, ich wünſchte es nicht anders. Frühe als arme Waiſe hinterlaſſen, habe ich die freundlichſte und zärtlichſte der Mütter gefunden, und gelobt, ſie nie zu verlaſſen — nie, ſprechen Sie doch nie mehr davon — hier unter Ihrer Ver⸗ wandten Dach oder ſonſt wo. Es iſt unmöglich.“ „Wenn Lady Rockminſter ſelbſt Sie bittet, wollen Sie ihr Gehör ſchenken?“ fragte Pynſent ungeſtüm. „Nein,“ ſagte Laura. „Ich bitte Sie, ſprechen Sie nie mehr davon, ich muß gehen, wenn Sie's wieder thun —“ und damit verließ ſie ihn. Pynſent bat nie um Lady Nockminſter's Vermitt⸗ lung, er wußte, wie eitel es war, darauf zu hoffen, und ſprach nie mit Laura, oder ſonſt Jemand über dieſen Gegenſtand. Als endlich die berühmte Novelle erſchien, fand ſie nicht nur Beifall bei mehr unparteiiſchern Kritikern als Mrs. Pendennis war, ſondern ſagte auch, zum Glücke für Pen, dem Geſchmacke des Publikums zu und erhielt eine ſchnelle und bedeutende Popularität. Ehe zwei Monate vorüber waren, hatte Pen die Genugthuung, Pendennis. MI. 2 18 die zweite Ausgabe ſeines „Walter Lorraine“ in den Zeitungen angekündigt zu ſehen, und genoß das Ver⸗ gnügen, die Kritiker verſchiedener literariſcher Journale und Reviews über ſein Buch zu leſen und nach Hauſe zu ſenden. Ihr Urtheil machte keinen großen Eindruck auf ihn: denn der gutgenaturte junge Mann nahm mit großer Demuth den Tadel der Andern auf, auch machte ihr Lob ihn nicht übermäßig ſtolz: denn, gleich den meiſten ehrlichen Leuten, hatte er über ſein Werk ſeine eigene Meinung, und wenn ein Kritiker ihn an unrechter Stelle lobte, ſo war er über das Kompliment mehr verletzt, als erfreut. Aber wenn eine Recenſion ſeines Werks ſehr günſtig war, ſo machte es ihm großes Ver⸗ gnügen, ſie ſeiner Mutter nach Fairvaks zu ſchicken, und ſich die Freude zu denken, die es dort machen würde. Es gibt Naturen, und vielleicht gehörte, wie wir ſchon geſagt, Pendennis unter ſie, die durch Glück und Güte gebeſſert und geſänftigt werden, wie es im Ge⸗ gentheil auch Leute gibt, die durch gutes Glück an⸗ maßend werden. Glücklich der Mann, der das eine oder das andere mit Beſcheidenheit und guter Laune ertragen kann! . Zweites Kapitel. Alſatia. Wie ein Bajliff oder ſchäbiger Attorney in den Umgebungen der Inns of Court erzogen, wird Shep⸗ herd's Inn immer in der nächſten Nachbarſchaft von Lineoln's Inn⸗Fields und dem Temple gefunden. Irgend 19 wo hinter den ſchwarzen Giebeln und den Reihen ruſiger Schornſteine von Wych Street, Holywell Street, Chan⸗ cery Lane liegt das Viereck vor der Außenwelt ver⸗ borgen; und man naht ihm durch ſeltſame Gänge und zweideutige, rauchige Alleen, auf welche die Sonne zu ſcheinen vergeſſen hat. Kleiderhändler, Branntwein⸗ und Zwiebackverkäufer, Händler mit Theaterfiguren für die Jugend, mit ſchmutzigen Möbeln und Bettzeug, das zu allem Andern mehr, als zum Schlafen einlädt, be⸗ kleiden die engen Wände und dunkeln Fenſterflügel mit ihren Waaren. An den Thüren find viele Glocken, und Schaaren ſchmutziger Kinder bilden endloſe Gruppen um die Treppen oder um die Tröge der Schalthier⸗ händler in dieſen Höfen, deren feuchtes Pflaſter von den Ueberſchuhen widertönt und von dem nie fehlenden Schmutze bedeckt ſind. Bänkelſänger kommen und fingen hier in tödtlichen Gutturaltönen ſatyriſche Lieder gegen die Wighminiſter, gegen die Biſchöfe und die hohe Geiſt⸗ lichkeit, und gegen die deutſchen Verwandten der Königs⸗ familie. Der Punch ſchlägt ſein Lager auf und iſt gewiß, ſeine Zuhörerſchaft zu finden und hin und wieder einen Halfpenny von den ſchwärmenden Inſaßen der Häuſer zu erhalten; Weiber ſchreien ihren Kindern nach, daß ſie zu lange auf der Goſſe verweilen, oder noch ſchlimmer, ihren Männern, die aus dem Ginſchank ge⸗ taumelt kommen; — da iſt ein unaufhörliches Getöſe und Leben in dieſen Höfen, aus denen man in das ruhige, altmodiſche Viereck der Shepherd's Inn über⸗ tritt. Auf einer ärmlichen, kleinen Grasplatte in der Mitte erhebt ſich, von einem eiſernen Gitter gegen die Angriffe der Jungen vertheidigt, die Shepherd's Statue. Die Halle der Inn, an welcher das Wappen des Gründers gemalt iſt, nimmt eine Seite des Square's ein. Die hohen und alterthümlichen Zimmer umgeben die andern zwei Seiten und führen über dem Bogengang in der Mitte hin, der nach Oldeaſtle Street und ſo nach der großen Londoner Durchfahrt bringt. 20 Die Inn mag ſeiner Zeit von Rechtsgelehrten be⸗ wohnt geweſen ſein; aber das Laienvolk iſt ſeit langer Zeit in ſeinen Bereich zugelaſſen; und ich weiß nicht, ob noch etwelche der legitimen Urfirmen hier ihre Be⸗ hauſungen haben. Die Geſchäftszimmer der Polwheedle und Tredyddlumer Kupferbergwerke nehmen eine Reihe der Zimmer zu ebener Erde ein; die Regiſtratur der patentirten Erfindungen, die Unionsgeſellſchaft des Genies und des Kapitals die andern — der einzige Gentleman, der hier und in der Liſte der Leute vom Recht figurirt, iſt Mr. Campion, welcher einen Schnurrbart trägt und zwei oder drei Mal die Woche in ſeinem Cabriolet an⸗ kommt und deſſen Weſtend⸗Geſchäftszimmer in Curzon Street, Mayfair ſind, wo Mrs. Campion den hohen und niedern Adel unterhält, dem ihr Mann Geld an⸗ leiht. Dort und auf ſeinen glagirten Karten iſt er Mr. Somerſet Campion; hier iſt er Campion und Comp.; und derſelbe Buſch, der ſein Kinn zieret, ſproßt auch von der Unterlippe des Reſts der Firma. Es iſt prachtvoll anzuſehen, wie das Geſchirr ſeines Cabrio⸗ letpferdes von heraldiſchen Wappenbildern ſchimmert, wenn das Gefährt vor der in ſeine Zimmer führenden Thüre hält. Das Pferd wirft den Schaum von ſeinen Nüſtern, wenn es ſich erhitzt und ſich unter dem glän⸗ zenden Gebiß hin und her wirft. Die Zügel und die Hoſen des Stallknechts ſind glänzend weiß und der Schimmer dieſer Equipage macht einen Sonnenſchein an jenem ſchattigen Platze. Unſer alter Freund Ka⸗ pitän Coſtigan hat Campion's Cabriolet und Pferd manchen Nachmittag gemuſtert, während er in ſeinen Teppichpantoffeln und ſeinem Schlafrock, mit ſeinem Hut übers Auge gedrückt im Hof umher ſchlenderte. Er ſonnt ſich dort nach dem Frühſtück, wenn es ein guter Tag iſt, und macht auch ſeinen Beſuch in der Loge des Thürhüters, wo er die Kinder auf die Köpfe pätſchelt und mit Mrs. Bolton von den „Theiatern“ und ſeiner Tochter, Leedy Mirabel, ſpricht. Mrs. Bolton zählte 21 ſich ſelbſt einmal zur Theaterwelt und tanzte in frühern Tagen in den Wells als dreizehnte von Mr. Serle's vierzig Zöglingen. Coſtigan wohnt im dritten Stock Nr. 4. in den Zimmern, die Mr. Podmore inne gehabt, und deſſen Name immer noch an der Thüre ſteht — ſonſt Jemandes Name ſteht beinahe auf allen Thüren in Shepherd's Inn. Als Charley Podmore, der beliebte Tenorſänger in T. R. D. L. *) und in den Konzerträumen der Hinter⸗ küche, heirathete und nach Lambeth zog, trat er ſeine Zimmer an Mr. Bows und Kapitän Coſtigan ab, die ſie jetzt gemeinſchaftlich bewohnen, und oft kann man bei ſchönem Wetter, wenn die Fenſter offen ſtehen, die Töne von Mr. Bows's Clavier vernehmen, wenn er zu ſeinem Vergnügen oder beim Unterricht von ein paar Theaterzöglingen ſpielt. Eine davon iſt Fanny Bol⸗ ton, die Tochter der Thorwächterin, welche von ihrer Mutter Theaterglorie erzählen hörte und ihr nachzu⸗ eifern begehrt. Sie hat eine gute Stimme, ein hübſches Geſicht und eine gefällige Figur für die Bühne, richtet die Zimmer her und macht Bett und Frühſtück für die Herren Coſtigan und Bows und dafür unterrichtet ſie Letzte⸗ rer im Singen und in der Muſik. Abgerechnetſeine unglück⸗ liche Vorliebe für ſtarkes Getränk Cund hierin ſchweifen, wie ſie glaubt, alle Männer der Faſhion aus), hält ſie den Kapitän für den feinſten Gentleman von der Welt und glaubt an alle Variationen ſeiner Geſchichten; auch für Mr. Bows iſt ſie ſehr eingenommen und fühlt ſich ihm zu großem Danke verpflichtet, auch fühlt dieſer ſchüchterne ſeltſame alte Gentleman gleichfalls eine väterliche Zuneigung zu ihr; denn in Wahrheit iſt ſein Herz voll Güte und es iſt ihm nie wohl, wenn er nicht Jemand liebt. Coſtigan hat die Wagen von ausgezeichneten Be⸗ ſuchen vor ſeiner beſcheidenen Thür in Shepherd's Inn gehabt; und wenn man ihn am Morgen ſprechen hört *) Theatre Royal Prurylane. 22 (ſein Abendlied iſt viel melancholiſcher) ſo könnte man denken, Sir Charles und Lady Mirabel hätten die be⸗ ſtändige Gewohnheit, in ſeinen Zimmern einzuſprechen und den Ausbund des Adels mit ſich zu bringen, um den „alten Mann den ehrlichen, alten Halbſold⸗Kapi⸗ tän, den armen, alten Jack Coſtigan,“ wie Cos ſich ſel⸗ ber nennet, zu beſuchen. Die Wahrheit iſt, daß Lady Mirabel ihres Gatten Karte hinterließ, die an dem kleinen Spiegel über dem Kamingeſims des Wohnzimmers Nr. 4 ſeit vielen Mo⸗ naten ſteckt, und in Perſon gekommen iſt, ihren Vater zu beſuchen. Von freundlicher Gemüthsart und von ernſtem Pflichtgefühl geleitet, ſetzte ſie bei ihrer Verehe⸗ lichung ihrem Vater einen kleinen Gnadengehalt aus und er wurde gelegentlich an die Tafel ſeiner Tochter und ſeines Schwiegerſohns zugelaſſen. Zuerſt war Cos's Betragen „auf der Höhe der vornehmen Geſellſchaft,“ harmlos, wenn auch abgeſchmackt. Wie er ſeine Per⸗ ſon in ſeine beſten Kleider ſteckte, ſo wählte er auch die längſten und reichſten Wörter in ſeinem Wörterbuch, um ſeine Unterhaltung zu decken, und nahm eine Feierlich⸗ keit in ſeinem Benehmen an, das alle Perſonen, in deren Geſellſchaft er gerade war, in Erſtaunen ſetzte. — „Waren Ihre Herrlichkeit heute in dem Park?“ konnte er ſeine Tochter fragen. „Ich ſah vergeblich nach Ihrer Equipage. — Der alte Mann ward nicht von dem Anblick von ſeiner Tochter Wagen erquickt. Sir Chorlus (Charles), ich ſah Ihren Namen bei dem Lever; bei manchem Lever auf dem Schloß zu Doublin hat der arme, alte Jack Coſtigan ſeiner Zeit ſeine Auf⸗ wartung gemacht. Sah der Herzog gut aus? Bei Gott, ich will in Apſley Houſe anrufen und ihm eine Karte hinterlaſſen. Ich danke Ihnen, Jeames, ein röpfchen mehr Champagner.“ In der That, er war in ſeiner Höflichkeit gegen Alle prunkhaft und richtete ſeine Bemerkungen nicht allein an den Hausherrn und die Gäſte, ſondern auch an die Bedienten, die bei der 23 Tafel aufwarteten, und die es einige Mühe koſtete, ihren dienſtlichen Ernſt zu behaupten. Bei den erſten zwei oder drei Beſuchen bei ſeinem Schwiegerſohn behauptete Coſtigan die ſtrengſte Nüchtern⸗ heit und begnügte ſich, das Verſäumte in der Hinter⸗ küche einzubringen, wo er ſeines Schwiegerſohns Clart (Claret) und Burgunder rühmte, bis ſeine Sprache über ſeinem ſechsten Tummler Whiskypunſch ihm verſagte. Aber mit der Vertraulichkeit verſchwand auch ſeine Vorſicht und der arme Cos compromittirte ſich an Sir Charles Mirabel's Tiſche durch vorzeitige Berauſchung auf's Kläglichſte. Man rief nach einem Wagen für ihn, und das gaſtliche Thor ſchloß ſich hinter ihm. Oft ſprach er melancholiſch mit ſeinen Freunden in der Küche von ſeiner Aehnlichkeit mit König Lear auf der Bühne — daß er, bei Gott, ein undankbares Kind habe, — daß er ein armer, einſamer, abgelebter, alter Mann ſei, und durch Undankbarfeit zum Trinken getrieben werde. Es iſt peinlich, wenn man von der Schwäche von Vätern berichten ſoll; aber es muß von Coſtigan er⸗ wähnt werden, daß, wenn ſein Kredit erſchöpft und ſein Geld fort war, er nicht ſelten ſich an ſeine Tochter um Geld. wandte und ihr Angaben machte, die ſich nicht vollkommen mit der Wahrheit vertrugen. „An einem Tage war der Bailiff im Begriff, ihn in's Ge⸗ fängniß zu führen,“ ſchrieb er, „woſern nicht die — für Dich unbedeutende Summe von drei Pfund fünf Shil⸗ ling aufgebracht werden kann, um die grauen Haare eines armen Mannes von dem Kerker zu befreien.“ Und die gutmüthige Lady Mirabel ſchickte in aller Eile das nöthige Geld für ihres Vaters Befreiung mit der Ermahnung, für die Zukunft häuslicher zu ſein. Ein ander Mal hatte der Kapitän ein furchtbares Unglück und zerbrach ein Spiegelglasfenſter an dem Strand, für das ihn der Eigenthümer des Ladens in Beſchlag nahm. Das Geld kam auch dießmal an, um den Unſtern ihres Papa's wieder gut zu machen und wurde von ſchießen und die Treppen hinauf rennen zu müſſen, da⸗ Lady Mirabel's Bedienten dem armſeligen Botſchafter und Adjutanten Coſtigan's, herabgebracht, der den Brief mit der Hiobspoſt überlieferte. Wenn der Bediente des Kapitäns Adjutanten, der die Rimeſſe überbrachte, gefolgt wäre, ſo hätte er geſehen, wie der Gentleman, Coſtigan's Landsmann (haben wir nicht ſchon erwähnt, daß ein irländiſcher Gentleman, ſo arm er auch iſt, immer einen noch ärmeren irländiſchen Gentleman hat, der für ihn ſeine Gänge macht und ſeine Geldgeſchäfte beſorgt ²) ein Cabriolet von der nächſten Station anrief und nach dem Roscius's Head, Harlequin YPard, Drury Lane hinabraſſelte, wo der Kapitän allerdings im Verſatz war für ein ige Gläſer Rum und Waſſer, oder eine andere ſpirituoſe Erfriſchung, die er und ſein General⸗ ſtab zu ſich genommen. Bei einer dritten traurigen Veranlaſſung ſchrieb er, daß er von einer Krankheit be⸗ fallen worden ſei, und Geld nöthig habe, um den Arzt, den er habe rufen müſſen, zu bezahlen; und dießmal rief Lady Mirabel, beſorgt für ihres Vaters Leben und ſich vielleicht Vorwürfe machend, daß ſie ihn in letzter Zeit aus den Augen gelaſſen, nach ihrem Wagen und fuhr nach Shepherd's Inn, wo ſie am Thor abſtieg und den Weg nach ihres Vaters Zimmer fand. „Nr. 4, dritter Stock, Podmore über der Thür,“ ſag te die Pförtnerin, unter vielen Knickſen nach der Thür des Hauſes weiſend, in welches die zärtliche Tochter ein trat und die ſchmutzige Treppe hinauf ſtieg. Ach! die Thür, über welcher Podmore's Namen ſtand, öffnete ihr der arme Cos in Hemdärmeln und bereit, mit dem Bratroſt die Hammelsrippchen, welche Mrs. Bolton gekauft hatte, in Empfang zu nehmen. Auch war es für Sir Charles Mirabel nicht an⸗ genehm, bei Brookes's fortwährend Briefe mit der Notiz zu erhalten, daß Kapitän Coſtigan in der Halle auf eine Antwort warte, oder wenn er zu ſeinem Robber in die Travellers's ging, aus ſeinem Brougham zu 2⁵ mit ſein Schwiegervater ſeiner nicht habhaft würde, und denken zu müſſen, daß während er ſeine Zeitung leſe, oder ſein Whiſt ſpiele, der Kapitän auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite von Pall⸗Mall mit dem gefürchteten Hut auf dem Ohre, und das Auge feſt auf die Fenſter des Klubs gerichtet, auf und abgehe. Sir Charles war ein gebrechlicher Mann, er war alt und hatte viele Schwächen, er klagte über ſeinen Schwiegervater bei ſeiner Frau, die er mit der Bethörung des alten Mannes anbetete, er ſagte: er müßte auf Reiſen gehen; — er müßte auf dem Lande leben, — er müßte ſterben, oder würde wieder einen Anfall bekommen, wenn er den Mann wieder ſehe, ja das würde er. Und erſt dadurch, daß ſie Kapitän Coſtigan einen zweiten Beſuch machte, und ihm zu Gemüth führte, daß, wenn er Sir Char⸗ les weiter mit Briefen heimſuche, ihn auf der Straße angehe, oder wegen Anlehen ſich an ihn wende, die ausgeſetzte Summe ihm ganz entzogen werde, vermochte Lady Mirabel ihren Papa in Ordnung zu halten, und ihrem Gatten Ruhe zu ſchaffen. Bei Gelegenheit dieſes Beſuches machte ſie Bows ernſtliche Vorwürfe, daß er nicht beſſere Aufſicht über den Kapitän geführt habe, und erſuchte ihn, ihn nicht mehr ſo ſchmählig viel trin⸗ ken zu laſſen, und den Leuten in den gräulichen Knei⸗ pen, die er beſuche, zu bedeuten, ihm unter keinerlei Bedingung Kredit zu geben. „Papa's Aufführung bringt mich noch unter den Boden,“ ſagte ſie (ſie ſah aber noch vollkommen gut aus), „und Sie, als ein alter Mann, Mr. Bows, und als einer, der vorgab, Rück⸗ ſichten für ſuns zu nehmen, ſollten ſich ſchämen, daß Sie ihm ſo Vorſchub thun.“ Dieſen Dank bekam der ehrliche Bows für ſeine Freundſchaft, und dafür, daß er ſein ganzes Leben ihr geweiht hatte. Und ich glaube nicht, daß der alte Philoſoph ſchlimmer weg kam, als viele andere Leute, oder mehr Grund zur ünzufrieden⸗ heit hatte. Im zweiten Stocke des nächſten Hauſes von Bows's Wohnung in Shepherds Inn, wohnen zwei andere Bekannte von uns. Oberſt Altamont, Agent des Nawaub von Lucknow, und Kapitän Chevalier Edward Strong. Kein Name ſteht über ihrer Thür. Der Kapitän liebt nicht, alle Welt wiſſen zu laſſen, wo er wohnt, und ſeine Karten führen die Adreſſe von einem Jermyn Street Hotel, und was den pevollmächtigten Botſchaf⸗ ter des indiſchen Potentaten anbelangt, ſo iſt er kein Geſandter bei den Höfen von St. James's oder in Leadenhall Street, ſondern hier auf einer vertrau⸗ lichen Sendung ganz unabhängig von der oſtindiſchen Kompagnie, oder dem Board of Control. „In der That, ſagt Strong, da Oberſt Altamonts Angelegenheit finan⸗ zieller Natur iſt, und da er den Verkauf von einigen der Hauptdiamanten und Rubinen der Lucknower Krone zu bewerkſtelligen hat, ſo geht ſein Wunſch nicht dahin, mit dem India Houſe oder der Cannon Row in Ver⸗ bindung zu treten, ſondern mit Privatkapitaliſten zu unterhandeln — mit denen er ſowohl in England, als auf dem Kontinent bedeutende Geſchäfte gemacht hat. Wir haben bereits berichtet, daß dieſe namenloſen Zimmer Strong's ſeit Sir Francis Clavering's Ankunft in London ſehr comfortabel eingerichtet worden waren; und der Chevalier konnte ſich mit Recht gegen die Freunde, die ihn beſuchten, rühmen, daß wenige Kapi⸗ täne außer Dienſt hübſchere Quartiere hätten, als er in ſeiner Krippe in Shepherds's Inn. Unten waren fol⸗ gende Gemächer: das Geſchäftslokale, wo Strong ſeine Geſchäfte, welche es ſein mochten, abmachte — und wo der Schreibpult und die Geländer der früheren Officianten und des Chevaliers eigenes Schlafgemach und Wohnzim⸗ mer waren; und eine Geheimtreppe führte aus dem Geſchäftszimmer in zwei obere Apartements, deren eines Oberſt Altamont einnahm, das andere als Küche des Haushalts und das dritte als Schlafzimmer des Auf⸗ wärters, Mr. Grady, diente. Letztere waren in gleicher Höhe mit den Gemächern unſerer Freunde Bows und 27 Coſtigan, über der nächſten Hausthür Nro. 4. und über die kommunieirenden Bleirinnen ſich beugend, konnte Grady das Stockbrett mit Reſeda, das vor Bows Fen⸗ ſter blühte, erreichen. Von Grady's Küchenfenſter kamen oft noch ſtärkere Gerüche herüber. Die drei alten Soldaten in Nro. 4. waren alle in der Kochkunſt erfahren. Grady verſtand ſich vortrefflich auf geſchmortes Kalbfleiſch; der Oberſt war berühmt in der Bereitung der Pillaus und Cur⸗ ries *), und was Strong betraf, ſo konnte er Alles kochen. Er bereitete franzöſiſche Gerichte, ſpaniſche Ge⸗ richte, geſchmortes Fleiſch, Fricaſſee, und Omeletten auf's vortrefflichſte, auch war in ganz England Niemand gaſt⸗ freundlicher als er, wenn ſeine Börſe voll, oder ſein Kredit gut war. In dieſen glücklichen Zeiträumen konnte er, wie er ſagte, einem Freunde ein gutes Diner, ein gutes Glas Wein und ein gutes Lied darauf bieten; und der gute Cos hörte oft mit Neid die Chöre von Strong's lärmenden Liedern und das muſikaliſche Klingen der Gläſer, wenn er auf ſeinem Zimmer ſaß, ſo weit entfernt und doch ſo nah bei dieſen Feſtlichfeiten. Es war nicht rathſam, Mr. Coſtigan zu oft einzuladen: ſeine Gewohnheit, ſich zu betrinken, war beklagenswerth; er langweilte Strong's Gäſte mit ſeinen Geſchichten; wenn er nüchtern, und mit ſeinen Thränen, wenn er betrunken war. Eine ſeltſame, buntſcheckige Gruppe waren ſie, dieſe Freunde des Chevalier; und obgleich Major Pen⸗ dennis von dieſer Geſellſchaft nicht ſehr erbaut worden wäre, ſo hatten doch Arthur und Warrington nicht wenig Gefallen daran, und Pen fand ſie ſo unterhal⸗ tend, als die Geſellſchaft der feinſten Gentlemen in den feinſten Häuſern, die er zu beſuchen die Ehre hatte. Jedes Glied der Bande hatte ſeine Geſchichte, ſie ſchienen ihre Ebbe und Fluth in Glück und Unglück ge⸗ *) Oſtindiſche Gerichte. habt zu haben. Jack Holt war in Don Carlos's Armee geſtanden, während Ned Strong auf der andern Seite gefochten, und organiſirte jetzt einen kleinen Plan, Tabak in London einzuſchmuggeln, was jedem, der fünf⸗ zehnhundert würde, um den unterſten Acciſer, der noch widerſtand, und Wind von dem Plane hatte, zu beſtechen, dreißigtauſend per Jahr einbringen mußte. Tom Diver, der auf der merikaniſchen Marine ge⸗ dient hatte, wußte von einem Specieſchiff, das im erſten Jahre des Krieges mit dreihundert und achzig⸗ tauſend Dollars an Bord und hundert und achzigtau⸗ ſend Pfund an Barren und Dublonen untergegangen war. „Gebt mir achtzehnhundert Pfund,“ ſagte Tom „und ich bin morgen fort. Ich nehme vier Männer und eine Taucherglocke mit, und kehre in zehen Monaten zurück, beim Jupiter, um meinen Sitz im Parlament einzunehmen und mein Familiengut zurück⸗ zukaufen.“ Keightley, der Geſchäftsführer der Tredyd⸗ dlumer und Polwheedler Kupferbergwerke (welche noch unter Waſſer waren) hatte außerdem, daß er einen ſo guten Sekund ſang als irgend ein Mann von Profeſ⸗ ſion und außer dem Tredyddlumer Geſchäfte eine Smyrnaer Schwammkompagnie und eine kleine Queck⸗ ſilberoperation im Auge, die ihn mit der Welt wieder ins Geleiſe bringen ſollte. Filby war ſchon Alles ge⸗ weſen: ein Corporal bei den Dragonern, ein Feldpre⸗ diger, ein Miſſionsagent zur Bekehrung der Irländer, ein Schauſpieler in der Greenwicher Marktbretterbude, vor der ſeines Vaters Sachwalter ihn fand, als der alte Gentleman ſtarb, und ihm jenen famoſen Beſitz hinterließ, von dem er jetzt keine Renten bezog und von dem Niemand genau wußte, wo er zu finden war. Zu dieſen kam noch Sir Francis Clavering Bart. (Baro⸗ net), der ihre Geſellſchaft liebte, obgleich er nicht viel durch ſeine geſelligen Talente zu ihrer Unterhaltung bei⸗ trug. Aber wegen ſeines Reichthums und ſeiner Stel⸗ lung in der Welt wurde jetzt viel aus ihm gemacht. „ 29 Er erzählte ſeine Geſchichten und ſang ſein Liedchen mit großer Leutſeligkeit. Er hatte auch ſeine eigene Ge⸗ ſchichte, ehe er in's Große kam, und hatte mehr denn ein Gefängniß von innen geſehen, und ſeinen Namen auf manches Stempelpapier geſchrieben. Als Altamont zuerſt von Paris zurückkehrte, und, nachdem er ſich, mit Sir Francis Clavering von dem Hotel aus, in dem er ſein Quartier aufgeſchlagen (und das er in Betracht des Schatzes von Demanten und Rubinen, womit der Ehrenmann betraut war, in einem ſehr entblößten Zuſtande erreicht hatte) in Verbindung getreten, wurde Strong von ſeinem Patron, dem Barv⸗ net, an ihn geſandt, bezahlte ſeine kleine Rechnung und lud ihn ein, mit ihm zu kommen und eine Nacht oder zwei in den Zimmern zu ſchlafen, wo er in der Folge ſeine Reſidenz aufſchlug. Mit dieſem Manne zu unter⸗ handeln, ging noch recht gut an, aber eine ſolche Per⸗ ſon in der Wohnung zu haben, und beſtändig mit ſol⸗ cher Geſellſchaft beläſtigt zu ſein, wollte dem Geſchmack des Chevalier nicht zuſagen, und er brummte nicht wenig gegen ſeinen Prinzipal. „Ich wünſchte, Sie würden dieſen Bären Jemand anders in's Käfig ſetzen,“ ſagte er zu Clavering. „Der Burſche iſt kein Gentleman, ich geh' nicht gern mit ihm über die Straße, er kleidet ſich wie ein Neger am Feier⸗ tag. Ich nahm ihn an einem Abend in's Theater, und beim Jupiter, Sir, er ſchimpfte über den Schauſpieler, der die Rolle des Schufts auf der Bühne ſpielte und fluchte über ihn, daß die Leute in den Logen haben wollten, man ſollte ihn hinauswerfen; das Nachſtück war der Brigand, wo Wallack, wie Sie wiſſen, ver⸗ wundet herein kommt und ſtirbt. Als er ſtarb, fing Altamont an wie ein Kind zu weinen, es ſei Jammer⸗ ſchade, und ſchrie und verſchwor ſich ſo, daß es einen zweiten Aufſtand gab, und Jedermann auflachte. „Dann mußte ich mit ihm fort, weil er Einem, der ihn aus⸗ lachte, den Rock nehmen wollte, und ſchrie ihm zu, er ſoll ſich wie ein Mann betragen. — Wer iſt er? Woher kommt er, beim Deuxel? Sie thäten am Beſten, mir die ganze Geſchichte zu erzählen. Frank, Sie müſſen das einmal. Sie haben mit ihm eine Kirche geplündert, glaube ich. Sie thäten am Beſten, wenn Sie einmal Ihr Gemüth erleichterten, Clavering, und mir ſagten, was dieſer Altamont iſt, und warum er Sie ſo in der Gewalt hat.“ „An den Galgen mit ihm! ich wünſchte, er wär' unter dem Boden!“ war das Baronet's einzige Ant⸗ wort; und ſein Geſicht wurde ſo finſter, daß Strong es nicht für paſſend hielt, für jetzt weiter in ſeinen Patron zu dringen, beſchloß aber, wenn es nöthig wäre, zu ſeinem eigenen Beſten zu entdecken, welches geheime Band Altamont und Clavering zuſammenhalte. Drittes Rapitel, in welchem der Oberſt einige ſeiner Abenteuer erzählt. Früh am Morgen des Tages nach dem Diner in Grosvenor Place, bei welchem Oberſt Altamont zu er⸗ ſcheinen beliebt hatte, tauchte der Oberſt aus ſeinem Zimmer in dem obern Stock in Shepherd's Inn her⸗ vor und erſchien in Strong's Wohnzimmer, wo der Chevalier in ſeinem Fauteuil mit der Zeitung und ſeiner Cigarre ſaß. Er war ein Mann, der ſich ſein Zelt überall, wo er es aufſchlug, komfortabel einrichtete, und lange vor Altamont's Ankunft hatte er einem reichlichen Frühſtücke gebackner Eier und geröſteter Fleiſchſchnitten, „ 3¹ die Mr. Grady für ihn secundum artem zubereitete, ihr Recht angethan. Aufgeräumt und geſprächſam, war ihm jede Geſellſchaft lieber als keine, und obgleich er nicht die geringſte Vorliebe für ſeinen Hausgenoſſen hatte, und ſich nicht gegrämt haben würde, wenn der von Sir Francis Clavering ſo inbrünſtig erſehnte Unfall ihn betroffen hätte, ſo hielt er ſich doch in gutem Ver⸗ nehmen mit ihm. Er hatte Nachts zuvor Altamont mit großer Freundlichkeit zu Bette geleitet und ſein Licht aus Furcht vor Unfällen weggenommen, und als er eine Schnapsbouteille, auf die er für ſeine nächtliche Er⸗ friſchung gerechnet hatte, leer fand, mit vollem Gleich⸗ muth ein Glas Waſſer zu ſeiner Pfeife getrunken, ehe er ſich zu ſeiner Krippe wandte und ſich ſchlafen legte. Dieſer Genuß entging ihm nie, er hatte immer einen leichten Sinn, eine regelmäßige Verdauung und eine roſige Wange; und ob es am nächſten Morgen in die Schlacht oder in's Gefängniß ging (und beides war ſein Loos geweſen) im Lager oder auf der Flotte: der wür⸗ dige Kapitän durchſchnarchte geſund die Nacht und er⸗ wachte mit leichtem Herzen und geſundem Appetit für 6 Kämpfe, oder Verlegenheiten, oder Freuden des ages. Der erſte Akt von Oberſt Altamont's Auferſtehung war, Grady um eine Pinte blaſſen Ales zu rufen, welche er zuerſt in eine zinnene Kanne goß und ſie zu ſeinem Munde führte. Er ſetzte ſie leer nieder, holte tief Athem, wiſchte ſeinen Mund an ſeinem Schlafrock (die Verſchiedenheit der Farbe ſeines Bartes von ſeinem gefärbten Backenbart war ſchon lange Kapitän Strong aufgefallen, der auch geſehen hatte, daß er hübſches Haar unter ſeiner ſchwarzen Perücke beſaß, aber über dieſe Umſtände keine Bemerkungen machte) — der Oberſt athmete tief auf und geſtand, daß er, durch ſeinen Zug unermeßlich erquickt worden ſei. „Nichts kommt dieſem Biere gleich,“ hemerkte er, „wenn die 3 32 Keſſel heiß ſind. Manchen Tag habe ich ein Dutzend Baß *) in Kalkutta getrunken und — — und —“ „Und in Lucknow vermuthlich,“ ergänzte Strong lachend. „Ich ließ das Bier gefliſſentlich für Sie holen: wußte, Sie würden's brauchen auf vorige Nacht.“ Und der Oberſt begann von ſeinen Abenteuern am vorigen Abend zu reden. „Ich kann mir nicht helfen,“ ſagte der Oberſt, indem er ſeinen Kopf mit ſeiner dicken Hand ſchlug; „ich werde raſend, wenn ich den Liqueur an Bord ge⸗ nommen, und kann nicht füglich mit einer Schnaps⸗ flaſche betraut werden. Wenn ich ein Mal anfange, kann ich nicht aufhören, bis ſie leer iſt; und wenn ich ſie drunten habe, weiß der Herr, was ich ſage, oder nicht ſage. Ich dinirte ganz ruhig hier daheim, Grady gab mir juſt meine zwei Tummler und ich hatte vor, den Abend in Schwarz und Roth ſo nüchtern als ein Pfarrer zuzubringen. Warum haben Sie auch die ver⸗ dammte Muſterflaſche Holländer außerhalb des Speiſe⸗ ſchranks zurückgelaſſen? Grady muß auch ausgehen, und mir den Theekeſſel über dem Feuer zurücklaſſen. Es half Nichts, ich konnte ſie nicht auseinander halten, ich wuſch es alles hinunter, Sir, bei Jingo, und ich glaube, ich that darauf noch mehr in jener hölliſchen kleinen Diebshöhle.“ „Was, waren Sie auch dort, und ehe Sie nach Grosvenor Place kamen? Das war früh angefangen.“ „Frühe Stunden, um betrunken und vor neun Uhr ganz vom Verſtand zu ſein, nicht wahr? Aber ſo war es. Ja, ich war Narr genug, mußte dorthin gehen und fand die Burſchen beim Diner, Blackland und den jungen Moß und zwei oder drei weitere Diebe. Wenn wir zu Bouge et Noir gegangen wären, ſo hätte ich *) Das blaſſe Ale iſt ein ſehr ſtarkes Bier und wird von Buß in London gebraut und in großer Ouantität nach Oſtindieh verſendet. Anm. des Ueberſ. 33 gewinnen müſſen, aber ſie verſuchten nicht Schwarz und Roth mit mir. Nein, zum Henker, ſie wußten, ich würde ſie darin geſchlagen haben — hätte ſie ſchlagen müſſen — kann's nicht anders machen, ſag ich Ihnen. Aber ſie waren zu pfiffig für mich, der Schuft von Blackland kriegte die Beiner (Würfel) heraus und wir ſpielten Hazard auf dem Speiſetiſch und ich vertröpfelte all das Geld, das ich am Morgen von Ihnen erhalten hatte. Beim Henker, das machte mich wild und ich bin vermuthlich ſehr heiß im Kopf geworden, denn ich ging fort und dachte, ſoviel erinnere ich mich, ich wollte noch mehr Geld von Clavering be⸗ kommen; und dann — und dann erinnere ich mich nicht viel mehr, was geſchah, bis ich heute Morgen erwachte und den alten Bows auf ſeinem Claviere klimpern hörte.“ Strong ſann eine Weile nach, während er ſeine Cigarre mit einer Kohle anzündete. „Ich möchte wiſ⸗ ſen, Oberſt, wie Sie immer von Clavering Geld be⸗ ziehen,“ ſagte er. S Der Oberſt brach in ein lautes Lachen aus, „ha, ha,“ ſagte er, „er iſt mir's ſchuldig.“ „Ich weiß nicht, welchen Grund Frank zum Zahlen hat,“ antwortete Strong. „Gut, er gibt mir's, weil er mich ſo lieb hat,“ ſagte der Andere mit demſelben grinſenden Hohnlachen. „Er liebt mich wie ein Bruder; Sie wiſſen es, Kapi⸗ tän. — Nein? — Thut er's nicht? Nun, vielleicht thut er's nicht; und wenn Sie keine Fragen an mich machen, ſo ſag' ich Ihnen vielleicht keine Lügen, Kapi⸗ tän Strong — thun Sie das in Ihre Pfeife und rau⸗ chen Sie's, mein Junge. — „Aber ich will die verdammte Branntweinflaſche aufgeben,“ fuhr der Oberſt nach einer Pauſe fort, „ich muß ſie aufgeben, oder ſie richtet mich zu Grunde.“ „Sie läßt Sie ſonderbare Dinge reden,“ ſagte der Kapitän, indem er Altamont ſcharf in's Geſicht ſah⸗ Pendennis. MI. 3 34 „Wiſſen Sie noch, was Sie vorige Macht an Clave⸗ ring's Tafel ſagten?“ „Sagten? was ſagte ich?“ fragte der Andere ha⸗ ſtig. „Hab' ich was ausgeſagt? Gott verdamm mich, Strong, ſagte ich was aus?“ „Thun Sie keine Fragen an mich, dann ſage ich Ihnen keine Lügen,“ erwiderte ſeines Theils der Cheva⸗ lier. Strong dachte an die Worte, die Mr. Altamont gebraucht hafte, und an ſein plötzliches Entweichen von des Baronet's Speiſetiſch und Hauſe, ſo bald er Major Pendennis oder Kapitän Beak, wie er den Major nannte, erkannt hatte. Aber Strong beſchloß, eine Erörterung dieſer Worte auf andrem Wege, als durch Oberſt Al⸗ tamont zu ſuchen, und beliebte nicht, ſie in das Ge⸗ dächtniß des Andern zurückzurufen. „Nein,“ ſagte er dann, „Sie ſchwatzten Nichts aus, Oberſt; es war nur ſo ein Gedanke von mir, um zu ſehen, ob ich Ihnen die Zunge löſen könnte; aber Sie ſagten kein Wort, das Jemand begreifen konnte — Sie waren zu weit gegangen.“ „um ſo beſſer,“ dachte Altamont und ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als ob er ſich erleichtert fühlte. Strong bemerkte ſeine Aufregung, nahm aber keine Kenntniß davon; da aber der Andere ſehr mittheilſam war, plauderte er weiter. „Ja, ich geſtehe meine Fehler,“ fuhr der Oberſt fort, „es gibt Dinge, denen ich nicht widerſtehen kann, ich mag thun, was ich will: einer Flaſche Branntwein, einem Würfelbecher und einem ſchönen Frauenzimmer. Kein Mann von Muth und Geiſt, kein Mann, der ſein Salz verdiente, konnte es jemals, ſo viel ich weiß. Es gibt vielleicht kaum ein Land auf der Welt, in welchem die drei mich nicht ſchon in die Klemme brachten.“ „Das wäre?“ ſagte Strong. „Ja, von meinem fünfzehnten Jahre an, wo ich von Hauſe weglief, und als Schiffsjunge an Bord eines Oſtindienfahrers ging, bis jetzt, wo ich nahezu fünfzig Jahre alt bin, ſind die Weiber ſtets mein Ruin geweſen. Nun, es war eine von ihnen, und mit ſo ſchwarzen Augen und Juwelen an ihrem Halſe, mit Sattins und Hermelin, wie eine Herzogin, ſag' ich Ihnen — es war eine von ihnen in Paris, die mir den beſten Theil von den tauſend Pfund, mit denen ich fort⸗ gegangen, wegfegte. Habe ich Ihnen noch nie davon erzählt? Nun, ich erinnere mich nicht mehr. Zuerſt war ich ſehr vorſichtig, und da ich eine ſolche Unſumme Geld beiſammen hatte, hielt ich's zu Rath und lebte wie ein Gentleman — Oberſt Altamont, Meurice's Hotel u. ſ. w., ſpielte nie, außer an Wirthostiſchen, und gewann mehr, als ich verlor. Nun, Sir, da war denn ein Burſche, den ich in dem Hotel und auch im Palais Royal ſah, ein ächter und gerechter Dandy mit weißen bocksledernen Handſchuhen und einer Haarbüſchel an dem Kinn. Bloundell⸗Bloundell hieß er, und ich machte auch mit noch einigen Andern Bekanntſchaft, und er bat mich zum Diner und nahm mich mit in die soirées der Frau Gräfin de Foljambe. Was das ein Weib war, Strong! — Was für ein Auge, welche Hand auf dem Piano. Gott ſteh mir bei, ſie ſetzte ſich nieder, ſang Ihnen und ſchaute Sie an, bis ſie Ihnen beinahe die Seele aus dem Leibe trillerte. Sie bat mich, jeden Dienſtag zu ihren Abendparthien zu kommen; und hab' ich da nicht Opernlogen genommen und bei dem Reſtaurateur ihr Diners gegeben? Aber ich hatte ein Glück an den Spieltiſchen und bei Diners und Opernlogen ging des armen Clavering's Geld nicht darauf. Nein, hol' mich der Henker, es wurde auf andrem Wege verpufft. Eines Abends bei der Gräfin waren mehrere von uns beim Nachteſſen — Mr. Bloundell⸗Bloundell, Ehren Deuceace, der Mar⸗ quis de la Tour, lauter Ausbund Nobleſſe, Sir, und auf der Höhe der Faſhion, wo wir dann Souper und Champagner im Ueberfluſſe hatten und dann wieder von 36 dem verdammten Brandy. Ich wollte es haben — ich wollte weiter machen — die Gräfin miſchte ſelbſt die Punſchtummler für mich und wir hatten eben ſo gut Karten als Grog nach dem Souper und ich ſpielte und trank, bis ich nicht mehr wußte, was ich that. Ich war ſo, wie ich vorige Nacht war. Ich wurde fort genommen und irgend wo zu Bette gebracht und er⸗ wachte erſt am nächſten Tage in einem furchtbaren Kopfweh, wo ich denn meinen Diener erblickte, der mir ſagte, Ehren Deuceace wünſche mich zu ſprechen, und warte in dem Wohnzimmer. „Wie befinden Sie ſich, Oberſt?“ ſagte er in mein Schlafzimmer kommend. „Wie lang blieben Sie geſtern Nacht, nachdem ich fort gegangen war? Das Spiel wurde mir zu hoch und ich hatte für eine Nacht ge⸗ nug an Sie verloren.“ „An mich,“ ſagte ich, „wie ſo, mein lieber Junge? (denn obgleich er eines Earl's Sohn war, waren wir doch ſo vertraut mit einander als Sie und ich,) wie ſo, mein lieber Junge, ſage ich, und er ſagt mir, daß er in vingt-et-un dreißig Louisdor von mir geborgt, daß er mir die Nacht zuvor ein J. O. U. dafür geſchrieben, und daß ich es in meine Brieſtaſche geſteckt habe, be⸗ vor er das Zimmer verlaſſen. Ich ziehe es aus meinem Kartentäſchchen, die Gräfin hatte es für mich ausge⸗ wirkt, und da ſtand ein J. O. U. ſo gewiß, als nur etwas, und er zahlte mir dreißig Louis in Gold auf meinen Tiſch an meinem Bette hin. So ſagt' ich ihm denn, er ſei ein Gentleman, und fragte ihn, ob ich ihm Etwas aufwarten könnte, wenn mein Bedienter es für ihn holte; aber Ehren Deuceace trinkt am Morgen nicht, und er geht fort, weil er, wie er ſagte, ein Ge⸗ ſchäft zu beſorgen hätte. Alsbald pocht man wieder an meine äußere Thür, 1owe you, ich ſchulde Ihnen. — — 37 und dießmal iſt es Bloundell⸗Bloundell und der Mar⸗ quis, die hereinkommen. „Bon jour, Marquis,“ ſage ich; „guten Morgen, kein Kopfweh?“ ſagte er. „So ſagte ich denn, ich habe welches, ich mußte geſtern Nacht ungemein in die „Queere gegangen ſein; aber Beide erklärten, ich hätte keine Spur gezeigt, daß ich zu viel habe; ich hätte meinen Schnaps ſo ernſt wie ein Richter getrunken.“ „So,“ ſagt der Marquis, „iſt Deuceace bei Ihnen geweſen? Wir trafen ihn im Palais Royal, als wir vom Frühſtück kamen. „Hat er's mit Ihnen abge⸗ macht? Machen Sie, daß Sie's bekommen, ſo lang er kann; er iſt 'ne ſchlüpfrige Karte, und da er drei Pferd⸗ chen von Bloundell gewonnen hat, ſo rath' ich Ihnen, machen Sie, daß Sie zu Ihrem Gelde kommen, ſo lang er noch Vorrath hat.“ „Er hat mich bezahlt,“ ſag' ich; „aber ich wußte nicht mehr, als der Stiefel da, daß er mir was ſchuldig war.“ Der Marquis und Bloundell blicken einander an und lächeln darüber; und Bloundell ſagt: „Oberſt, Sie ſind ein ſonderbarer Burſche. Niemand hätte nach Bren Begriffen gedacht, daß Sie die ganze Nacht was Stärkeres, als Thee, getrunken hätten; und doch ver⸗ geſſen Sie's am Morgen. Kommen Sie! — Sagen Sie das Ihren Leuten auf der See, Freund, — wir wollen's um keinen Preis wiſſen.“ „En effet,“ ſagte der Marquis, ſeinen kleinen ſchwarzen Schnurrbart vor dem Kaminſpiegel ſtreichend und einen Ausfall machend, wie er in der Fechtſchule zu thun gewohnt war. (Er war ein wahres Wunder in der Fechtſchule, und ich habe mit eigenen Augen ge⸗ ſehen, wie er bei Lepage's vierzehn Mal das Bild ³*) *) Das Bild in der Fechtſchule, mit einem Zeichen, wo das Herz iſt. Wenn dieſes getroffen iſt, ſo ſtürzt das Bild zu Boden. Anm. des Ueberſ. 38 niederrannte.) Wir wollen von unſern Sachen ſpre⸗ chen. Oberſt, Sie wiſſen, daß Ehrenſachen am beſten auf ein Mal abgemacht werden: vielleicht iſt es Ihnen nicht beſchwerlich, unſere kleine Geſchichte vom geſtrigen Abend in Ordnung zu bringen.“ „Welche kleine Geſchichte?“ frage ich, „ſind Sie mir etwas Geld ſchuldig, Marquis?“ „Pah!“ rief er, „wir wollen keinen weitern Scherz, ich habe Ihre Un⸗ terſchrift für dreihundert und vierzig Louis, la voici!““ ſpricht er, indem er ein Papier aus ſeiner Brieftaſche zieht.“ „Und die meinige für zwei hundert und zehn, ſagt Bloundell⸗Bloundell und zerrt einen Fetzen Papier heraus.“ 8 „Ich war in ſolcher Wuth und Verwunderung dar⸗ über, daß ich aus dem Bette ſprang und meinen Schlaf⸗ rock umwarf. „Kommen Sie, um mich zum Narren zu machen?“ rief ich. „Ich ſchulde Ihnen keine zweihundert oder zweitauſend, oder zwei Louisd'or und zahle Ihnen keinen Heller. Meinen Sie, Sie könnten mich mit Ihren Handſchriften fangen? Ich lache über dieſe und über Sie; und ich glaube, Sie find ein Paar —“ „Ein Paar — ?“ ſagte Mr. Bloundell, „Sie müſſen ſehen, daß wir ein Paar Ehrenmänner ſind, Oberſt Al⸗ tamont, und nicht hierhergekommen, mit Ihnen zu ſpaſ⸗ ſen, oder Verunglimpfungen von Ihnen anzuhören. Sie zahlen uns entweder, oder wir ſtellen Sie als Betrüger hin und züchtigen Sie auch als Betrüger,“ ſagte Bloundell. „Oui, parbleu!“ ruft der Marquis, — aber ich kümmerte mich nicht darum; denn ich hätte den kleinen Burſchen aus dem Fenſter werfen können; aber anders war es mit Bloundell, — er war ein großer Mann, wiegt drei Stein mehr, als ich, und ſteht ſechs Zoll höher, und ich glaube, er hätte mir den Garaus ma⸗ chen können. „Monsieur bezahlt, oder Monsieur gibt den Grund an, warum. Ich glaube, Sie ſind wenig beſſer, als ein polisson, Oberſt Altamont,“ — das 39 war der Ausdruck, deſſen er ſich bediente, ſagte Alta⸗ mont grinſend — „und ich bekam eine weitere Salve dieſer Sprache von dieſen zwei Burſchen und war in dem dickſten Gezänk mit ihnen, als ein drittes Glied von unſerer Geſellſchaft hereintrat; dieß war ein Freund von mir, den ich in Boulogne getroffen, und ſelbſt mit zu der Gräfin genommen hatte; und da er am vorigen Abend gar nicht geſpielt und mich wirklich vor Bloun⸗ dell und den Andern gewarnt hatte, ſo erzählte ich ihm die Geſchichte, und ſo auch die zwei Andern. „Es thut mir ſehr leid,“ ſagte er. „Sie wollten fortſpielen. Die Gräfin bat ſie angelegentlich, es auf⸗ zugeben. Dieſe Gentlemen boten Ihnen wiederholt an, daß ſie aufhören wollten. Sie beſtanden auf hohen Einſätzen, nicht jene. In der That, er entſchied ganz gegen mich, und als die zwei Andern fortgingen, ſagte er mir, daß der Marquis mich ſo gewiß erſchießen würde, — ſo gewiß, als ich heiße — wie ich heiße. Auch die Gräfin weinte bei meinem Abſchied, ſagte er. Sie haßt dieſe Beiden; ſie hat mich wiederholt vor ihnen gewarnt (was ſie auch wirklich gethan und mir oft geſagt hatte, ich ſollte nie mit ihnen ſpielen), und jetzt, Colonel, habe ich ſie beinahe in Krämpfen verlaſſen, Sie möchten in Streit mit ihnen gerathen und der verdammte Marquis Ihnen eine Kugel durch den Kopf ſchießen. „Ich glaube,“ ſagt mein Freund, „daß dieſe Dame bis zum Wahnſinn in Sie verliebt iſt.“ „Glauben Sie?“ ſagte ich, worauf mein Freund mir fagte, wie ſie wirklich vor ihm auf die Kniee niedergefallen und gerufen habe; „retten Sie Oberſt Altamont.“ „So bald als ich angekleidet war, ging ich und rief bei dieſer Dame an: ſie that einen Schrei und wäre bei meinem Anblick beinahe in Ohnmacht geſunken. Sie nannte mich Ferdinand, — ich will des Teufels ſein, wenn ſie's nicht that.“ „Ich glaubte, Sie hießen Jack,“ ſagte Strong 40 lachend, worüber der Oberſt hinter ſeinem gefärbten Backenbarte tief errothete.“ „Es kann Einer mehr Namen haben, als einen, glauben Sie's nicht, Strong?“ fragte Altamont. „Wenn ich bei einer Lady bin, ſo nehme ich gern einen guten an. Sie nannte mich bei meinem Taufnamen. Sie weinte, daß Ihnen das Herz gebrochen wäre. Ich kann's nicht aushalten, nicht anſehen, wenn ein Weib weint — hab's nie gekonnt — ſo lang ich in ſie ver⸗ liebt bin. Sie ſagte, ſie könnte den Gedanken nicht ertragen, daß ich ſo viel Geld in ihrem Hauſe verloren habe; ob ich nicht ihre Diamante und Halsſchnüre nehmen und einen Theil davon zahlen wollte? „Ich ſchwor ihr, ich wollte keines Hellers werth von ihren Kleinodien nehmen, die ich vielleicht auch nicht hoch anſchlug — aber was kann ein Weib mehr thun, als ihr Ein und Alles geben? So lieb ich es, und ich weiß, daß es ſolche in Menge gibt. Ich ſagte ihr, ſie ſollte wegen des Geldes ruhig ſein, denn ich würde keinen rothen Heller bezahlen. „Dann werden Sie ſie erſchießen,“ rief ſie, „dann tödten ſie mir meinen Ferdinand.“ „Dann morden ſie mir meinen Jack, würde auf franzöſiſch nicht ſo gut gelautet haben,“ bemerkte Strong lachend. „Kehrt euch nicht an Namen,“ bemerkte der Andere empfindlich; „ein Mann von Ehre kann, denk' ich, ſich nennen, wie er will.“ „Nun, fahren Sie fort in Ihrer Geſchichte,“ ſagte Strong. „Sie ſagte, ſie würden Sie tödten.“ „Nein, ſage ich, das thun ſie nicht: denn ich laß dieſen Schuft von Marquis mich nicht aus der Welt ſchicken, und wenn er Hand an mich legt, ſo ſchlag' ich ihm das Gehirn ein, Marquis hin, Marquis her.“ Darauf fuhr die Gräfin vor mir zurück, als ob ich etwas ganz Entſetzliches geſagt hätte. „Verſtehe ich Oberſt Altamont recht?“ fragte fie: 41 „und ein brittiſcher Offizier jollte ſich weigern, Jemand zu treffen, der ihn auf das Feld der Ehre heraus⸗ fordert?“ „Zum Henker mit ihrem Feld der Ehre,“ ſprach ich. „Sie werden doch nicht haben wollen, daß ich dem kleinen Schuft zur Schießſcheibe für ſeine Piſtolen diene.“ „Oberſt Altamont,“ ſagte die Gräfin, „ich dachte, Sie wären ein Mann von Ehre — ich dachte, ich — doch, reden wir nicht davon. Leben Sie wohl, Sir.“ Und ſie entſchwebte aus dem Zimmer, indem ihre Stimme in ihrem Taſchentuche erſtickte. „Gräfin!“ rief ich, ihr nacheilend und ihre Hand ergreifend. „Verlaſſen Sie mich, Monsieur le colonel,“ ſagt ſie, indem ſie ſich von mir losmachte, „mein Vater war General in der großen Armee. Ein Soldat ſollte ſ wie er alle ſeine Ehrenſchulden zu bezahlen a „Was konnt' ich thun? Alles war gegen mich. Karoline ſagte: ich hätte das Geld verloren, obgleich ich mich keiner Sylbe davon erinnere; ich hatte Deu⸗ ceace's Geld dazu genommenz aber es geſchah, weil er es mir anbot, wiſſen Sie: und das iſt was Anderes. Jeder dieſer Kameraden war ein Mann der Faſhion und ein Ehrenmann, und der Marquis und die Gräfin gehörten den erſten Familien Frankreichs an. Und, beim Jupiter, Sir, ehe ich ſie beleidigte, bezahlte ich lieber das Geld, fünf hundert und ſechzig Napoleonsd'or, beim Jupiter; zu den dreihundert, die ich verlor, als ich meine Revanche hatte. „Und ich kann Ihnen bis auf dieſen Augenblick nicht ſagen, ob ich betrogen worden bin, oder nicht,“ ſchloß der Oberſt nachdenklich. „Manchmal glaubte ich, ich war'sz aber dann war Karoline ſo verliebt in mich. Dieſes Weib hätte nie mit angeſehen, wie ich betrogen würde: nimmer, ich 42 bin's überzeugt, hätte ſie das gethan: wenigſtens hab' ich mich, wenn Sie's that, in dem Weiberyolk ge⸗ täuſcht.“ Alle weiteren Enthüllungen ſeines früheren Lebens, die Altamont bereit ſein mochte, ſeinem ehrlichen Ka⸗ meraden, dem Chevalier, anzuvertrauen, wurden unter⸗ brochen durch ein Pochen an die äußere Thür ihrer Zimmer, welche, von dem Diener Grady gesffnet, keine geringere Perſon als Sir Francis Clavering in die Geſellſchaft der beiden berühmten Männer zuließ. „Der Herr, beim Jupiter,“ rief Strong, von der Ankunft ſeines Patrons überraſcht, „was führt Sie hie⸗ her?“ brummte Altamont den Baronet unter ſeinen ſchweren Augbrauen finſter anblickend. „Nichts Gutes, wett' ich.“ Und in der That führte ſehr ſelten etwas Gutes Sir Franeis Clavering an dieſen oder irgend einen an⸗ dern Ort. So oft er nach Shepherd's Inn kam, führte Geld den unglücklichen Baronet in dieſe Bereiche, und dort erwartete ihn insgemein ein Gentleman der Geldwelt in Strong's Zimmern oder bei Campion's unten und die Unterhandlung oder Renovirung von Wechſeln. Cla⸗ vering war ein Mann, der ſeinen Schulden nie offen in's Geſicht ſchaute, ſo vertraut er ſein Lebtag mit Schulden war. So lang er einen Wechſel renoviren konnte, war ſein Gleichmuth unerſchütterlich, und er hätte für morgen beinahe Alles unterſchrieben, wenn man ihn nur heute ungeſchoren ließ. Er war ein Mann, den kein noch ſo großes Vermögen für die Dauer auf's Trockene brachte, und der geſchaffen war, um ruinirt zu werden, Kleinhändler zu betrügen und das Opfer ſchlauerer Gauner zu werden, filzig und rückſichtslos zu ſein und düpirt zu werden, hauptſächlich weil er zu ge⸗ mein war, um mit Erfolg Schurke zu ſein. Er hatte ſeiner Zeit mehr gelogen und mehr niederträchtige Kriegs⸗ liſten gebraucht, um eine kleine Schuld zurückzuweiſen, 43 oder einen armen Gläubiger auf liſtige Weiſe zu betrü⸗ gen, als es einen muthigern Schurken gekoſtet hätte, ſein Glück zu machen. Er war verworfen und ein Ränkemacher, ſelbſt auf der Mittagshöhe ſeines Glückes. Wäre er ein Kronprinz geweſen, — er hätte nicht ſchwächer, unnützer, liederlicher oder undankbarer ſein können. Er konnte nicht durch's Leben gehen, ohne ſich an Jemandes Arm zu hängen, und doch hatte er keinen Agenten, dem er nicht mißtraute, und durchkreuzte alle Pläne, die zu ſeinem Beſten gemacht werden konnten, indem er insgeheim gegen die Leute agirte, welche er für ſich in Thätigkeit ſetzte. Strong kannte Clavering und beurtheilte ihn ganz richtig. Nicht als Freunde famen die Beiden zuſammenz aber der Chevalier ar⸗ beitete für ſeinen Prinzipal, wie er gethan hätte, wenn er bei der Armee einen ermüdeten Marſch fortgeſetzt, oder ſeinen Theil an der Gefahr und den Entbehrungen einer Belagerung mitgemacht hätte, weil es ſeine Pflicht war, und weil er darein gewilligt hatte. „Was braucht er wohl?“ dachten die beiden Officiere in der Garniſon in Shepherd's Inn, als der Baronet unter ſie trat. Sein blaſſes Geſicht drückte den höchſten Grad von Aerger und Aufregung aus. „So, Sir,“ ſagte er, ſich an Altamont wendend, „Sie ſind wieder auf Ihre alten Streiche zurückgekommen?“ „Auf welche?“ fragte Altamont ſpöttiſch. „Sie ſind in Bouge et Moir geweſen; Sie waren letzten Abend dort,“ ſprach der Baronet. „Wie wiſſen Sie es? waren Sie dort?“ ſagte der Andere, „ich war in dem Clubb; aber nicht damit, daß ich mit den Farben ſpielte, geſchah es, fragen Sie den Kapitän — ich habe davon erzählt. Es geſchah mit den Würfeln, beim Hazard, Sir Francis, auf Wort und Ehre;“ und er ſah den Baronet mit vertraulicher, humoriſtiſcher Scheindemuth an, die den Andern nur noch mehr aufzubringen ſchien. „Was, zum Deuxel, ſcheer' ich mich darum, Sir, 44 wie ein Mann, wie Sie, ſein Geld verliert, ob es beim Hazard, oder beim Roulette geſchah?“ rief der Baronet unter einem Hagel von Flüchen und mit dem lauteſten Ton ſeiner Stimme. „Was ich nicht haben will, Sir, iſt, daß Sie meinen Namen gebrauchen und mit dem Ihrigen in Verbindung bringen. — Gott verdamm, Strong, warum halten Sie ihn nicht beſſer in Ordnung, ich ſag' Ihnen, er iſt hingegangen und hat meinen Namen wieder gebraucht, Sir, — einen Wechſel auf mich ausgeſtellt und das Geld auf dem Tiſche verloren — ich kann — ich will nicht einſtehen dafür. Fleiſch und Blut ſträubt ſich dagegen — wiſſen Sie, wie viel ich für Sie bezahlt habe, Sir?“ „Das war blos ein ſehr kleiner, Sir Francis — blos fünfzehn Pfund, Kapitän Strong, ſie wollten einen andern nicht annehmen, und es ſollte Sie nicht ſo ärgerlich machen. Es iſt ja ſo unbedeutend, daß ich's nicht ein Mal gegen Strong erwähnte — hab' ich's ge⸗ than, Kapitän? Ich ſchwöre es, es war ganz meinem Gedächtniß entfallen, und Alles kommt von dem ver⸗ dammten Liqueur her, den ich trank.“ „Liqueur, oder kein Liqueur, Sir, damit habe ich Nichts zu thun. Ich frage nicht darnach, was Sie trinken, oder wo Sie's trinken, nur ſoll es nicht in meinem Hauſe ſein, und ich will nicht haben, daß Sie bei Nacht in mein Haus einbrechen, und daß ſich ein Burſche, wie Sie, in meine Geſellſchaft eindrängt. Wie konnten Sie ſich letzte Nacht unterſtehen, Sir, ſich in Grosvenor Place zu zeigen — und — und was glauben Sie, daß meine Freunde von mir denken müſſen, als ſie einen Mann Ihres Gelichters ungeladen und betrunken in meinen Speiſeſaal treten und nach Liqueur rufen ſahen, als ob Sie der Herr vom Hauſe wären?“ „Sie werden denken, Sie haben recht abſonderliche Leute zu Bekannten,“ verſetzte Altamont mit unverwüſt⸗ lichem Humor. „Sehen Sie her, Baronet, ich recht⸗ fertige mich, auf meine Ehre, das thue ich, und iſt 4⁵ nicht eine Rechtfertigung genug zwiſchen zwei Gentlemen, es war, ich geſtehe es, eine ſtarke Maßregel, daß ich ſo ohne Weiteres in Ihre Kajüte kam und nach Trin⸗ ken rief, als ob ich der Kapitän wäre: aber ich hatte ſchon vorher zu viel, ſehen Sie, darum wollt' ich noch mehr haben; es gibt nichts Einfacheres auf der Welt — und weil Sie mir nicht weiter Geld auf Ihren Na⸗ men geben wollten, in dem Schwarz und Roth, dachte ich, ich wollte hinab kommen und mit Ihnen darüber ſprechen. Mir einen Korb geben, wollte Nichts heißen, aber einen Wechſel zurückweiſen, der auf Sie ausgeſtellt war, die Sie ſo ein Freund vom Hauſe ge⸗ weſen, und ein Baronet und ein Mitglied vom Parla⸗ ment und ein Gentleman ſind, und wo man nicht fehl greifen kann — Gott verdamm mich, das iſt undank⸗ bar.“ „Bei Gott, wenn Sie's noch ein Mal thun, wenn Sie ſich unterſtehen, ſich in meinem Hauſe zu zeigen, oder meinen Namen in einer Spielhölle, vder in einem andern Hauſe anzugeben, beim Jupiter — in irgend einem andern Hauſe — oder überhaupt auf mich ſich zu be⸗ ziehen, oder auf der Straße mit mir zu ſprechen, bei Gott, oder irgend wo unders, bis ich mit Ihnen ſpreche — ſo verläugne ich Sie ganz und gebe Ihnen keinen Shilling mehr. —“ „Papa, fordern Sie mich nicht heraus,“ ſagte Al⸗ tamonk mürriſch, „ſprechen Sie mir nicht davon, daß ich dies oder das mir nicht herausnehmen ſoll, ſonſt läuft mein Kutter aus und Sie treiben mich erſt dezu an. Ich hätte vorige Nacht nicht kommen ſollen, ich weiß es, hätt' nicht kommen ſollen; aber ich ſagte Ihnen, daß ich betrunken war, und da ſollte es zwiſchen Gentle⸗ men nichts Weiteres brauchen.“ „Sie ein Gentleman, Gott verdamm' mich, Sir,“ ſagte der Baronet; „wie kann ein Burſche, wie Sie, ſich herausnehmen, ſich einen Gentleman zu nennen?“ „Ich hin kein Baronet, das weiß ich,“ grollte der 46 Andere, „und habe beinahe vergeſſen, wie ein Gentleman ſein ſoll, aber — aber ich war einmal einer, und mein Vater war einer, und ich will ſolche Reden nicht mehr von Ihnen hören, Sir F. Clavering, ein für alle Mal. Ich will wieder fort. Warum kommen Sie nicht mit dem Geld herab, und laſſen mich gehen? Warum, beim Henker, ſollen Sie in Schätzen wühlen, und ich ſoll Nichts haben? Warum ſollen Sie ein Haus und eine Tafel haben mit Silber überdeckt und ich hier in dem Dachſtübchen in dieſer bettelhaften Shepherd's Inn ſtecken? Es geht halb Part, nicht wahr? Ich habe ſo gut ein Recht darauf, reich zu ſein, als Sie, nicht wahr? Sagen Sie Strong hier den Handel, wenn Sie wollen, und bitten Sie ihn, Schiedsrichter zwiſchen uns zu ſein. Ich hab' Nichts dagegen, mein Geheimniß Einem anzuyvertrauen, der es nicht weiter ſagt. Sehen Sie her, Strong — vielleicht errathen Sie bereits die Geſchichte — die Sache iſt die: Ich und Papa —“ „Gott verdamm' mich, halten Sie's Maul,“ ſchrie der Baronet in Wuth. „Sie ſollen das Geld haben, ſobald ich's auftreiben kann. Ich kann das Geld nicht aus dem Aermel ſchütteln, ich bin ſo gedrängt und ge⸗ quält, ich weiß nicht, wo hinaus. Ich werde noch wahn⸗ ſinnig werden; ja, das werd' ich, beim Jupiter! Ich wünſchte, ich wäre todt, denn ich bin das armſeligſte Vieh auf Gottes Erdboden. Ich ſage, Mr. Altamont, kehren Sie ſich nicht an mich. Wenn ich nicht wohl bin — und ich bin dieſen Morgen verdammt gallig — ſo ſchmähe ich, beim Henker, Jedermann und weiß ſelbſt nicht, was ich ſage. Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Sie beleidigt habe. Ich — ich will's verſuchen und das Geſchäftchen ins Reine bringen. Strong ſoll's verſuchen, auf mein Wort, das ſoll er, und ich ſage Ihnen, Strong, mein Junge, ich muß mit Ihnen ſprechen. Kommen Sie auf eine Minute in das Geſchäfts⸗ zimmer.“ Beinahe alle Angriffe Claverings endeten auf dieſe 47 ſchmähliche Weiſe und mit einem ſchimpflichen Rückzug. Altamont verfolgte mit Hohnlachen den Baronet, wie er das Zimmer verließ und in das Geſchäftslokal ein⸗ trat, um mit ſeinem Factotum insgeheim zu ſprechen. „Was gibt es nun?“ fragte ihn der Letztere. „Es iſt vermuthlich die alte Geſchichte.“ „Goti verdamm' mich, ja,“ ſagte der Baronet. „Ich verſpielte geſtern Nacht in Little Coventry zweihundert baar und gab für weitere dreihundert einen Wechſel und zwar auf die Bankiers meiner Frau, auf morgen; und ich muß daran, denn der Teufel zahle es ſonſt. Das letzte Mal, als ſie meine Spielſchulden bezahlte, ſchwor ich, ich wollte keinen Würfelbecher mehr anrüh⸗ ren und ſie wird ihr Wort halten, Strong, und den Ehekontrakt auflöſen, wenn ich ſo fort mache. Ich wünſchte, ich hätte dreihundert per Jahr und wäre fort. An einem deutſchen Badeort können Sie mit dreihundert per Jahr verteufelt gut auskommen; aber meine Gewohnheiten ſind ſo verdammt indolent: Ich wollte, ich läge in der Serpentine.*) Ich wünſchte, ich wäre todt, bei Gott, das wünſchte ich. Ich wollte, ich hätte dieſe vertrakten Beiner (Würfel) nicht angerührt. Ich hatte ſolches Glück letzte Nacht; nicht weniger als fünf, und ſieben gegen fünf die ganze Nacht, bis die Schufte mit Alta⸗ mont's Wechſel mir auf den Leib rückten. Von dieſer Minute an verließ mich das Glück. Ich kam geputzt davon und ließ noch den hölliſchen Wechſel hinter mir. Wie ſoll ich ihn bezahlen? Blackland will nicht warten. Hulker und Bullock werden ſogleich darüber an die Lady ſchreiben. Beim Jupiter, Ned, ich bin das unglücklichſte Vieh in ganz England.“ Ned mußte einen Plan ausdenken, den Baronet in dieſer Angſt zu tröſten; und ohne Zweifel fand er Mittel, ein Anlehen für ſeinen Patron aufzutreiben; denn er war an dieſem Tage einige Zeit in Mr. Cam⸗ *) Ein Kanal, der ſich durch den Park in London dahinſchlängelt. 48 pion's Geſchäftszimmern in geheimer Berathung. Alta⸗ mont hatte wieder ein paar Guineen in der Taſche, mit dem Verſprechen fernerer Beihilfe, und der Baro⸗ nat brauchte ſich für die nächſten zwei oder drei Mo⸗ nete wenigſtens, nicht den Tod zu wünſchen. Und Strong begann, indem er das, was er von dem Oberſt und von Sir Franeis erfahren hatte, zuſammenſtellte, eine ziemlich richtige Meinung von der Natur des Ban⸗ des zu gewinnen, das die beiden Männer zuſammenhielt. viertes Rapitel. Konverſationen. Jeden Tag nach den Unterhaltungen in Gros⸗ venor⸗Place und Greenwich, an denen wir Major Pen⸗ dennis Theil nehmen ſahen, ſchien des würdigen Gent⸗ leman's Freundſchaft und Herzlichkeit für die Claveringer Familie zuzunehmen. Seine Beſuche waren häufig, ſeine Aufmerkſamkeiten gegen die Ludy des Hauſes waren ſehr beſtändig. Als ein alter Mann, der immer in der Stadt lebte, hatte er das Glück, in vielen Häu⸗ ſern enommen zu ſein, in denen eine Dame von Lady Claverings Auszeichnung auch geſehen werden ſollte. Würde Ihre Herrlichkeit nicht wünſchen, der grandioſen Unterhaltung in Gaunt Houſe beizuwohnen? Es ſollte ein ſehr hübſcher Frühſtückball bei Viscount Marrowfat's in Fulham ſein; Jedermann komme dort⸗ hin (erlauchte Perſonen des höchſten Ranges miteinge⸗ ſchloſſen) und eine Watteau⸗Quadrille werde dort auf⸗ geführt. Zu dieſen und andern Unterhaltungen erbot 49 ſich der dienſtfertige alte Gentleman aufs Freunblichſte, Lady Clavering zu führen und war bereit, auch dem Baronet auf jede ihm angenehme Weiſe ſich nützlich zu machen. Trotz ſeiner jetzigen Stellung und ſeinem Glücke ſah die Welt immer noch mit ungünſtigem Auge auf Clavering, und ſeltſame, argwöhniſche Gerüchte ver⸗ folgten ihn. Er wurde in zwei Klubbs nacheinander durch ein plus ſchwarzer Kugeln zurückgewieſen; in. dem Hauſe der Gemeinen ſprach er blos mit einigen Gliedern dieſer berühmten Körperſchaft, die im übelſten Rufe ſtanden, da er einen glücklichen Hang hatte, ſchlechte Geſellſchaft zu wählen und ſich ihr anzuſchlie⸗ ßen, wie andere Leute es in der Geſellſchaft ſolcher thun, die höher als ſie ſtehen. Es wäre gehäſſig, die Namen aller der Senatoren zu nennen, mit denen Clavering zuſammenlebte. Wir wollen blos einige erwähnen. Da war ein Kapitän Ruff, das ehrenwerthe Mitglied für Epſom, welches ſich zurückzog nach dem letzten Goodwooder Wettrennen, nachdem er, wie Mr. Hotſpur, die Geißel der Partei, ſagte, eine Sendung nach der Levante angenommen hatte; da war ein gewiſſer Hu⸗ ſingſon, das patriotiſche Mitglied für Ilington, der nicht mehr gegen die herrſchende Korruption ſich ver⸗ nehmen läßt, ſeit ſeiner Anſtellung bei dem Gouverneur von Coventry Island; da war Bob Freeny von den Booterſtowner Freenys, der auf die Piſtole ſeinen Mann trifft und von dem wir daher mit aller Achtung zu ſprechen wünſchten; und von allen dieſen Gentlemen, mit welchen im Verlaufe ſeiner Berufspflicht Mr. Hotſpur zu ver⸗ kehren hatte, war keiner, gegen den er eine gründlichere Verachtung und Antipathie hatte, als gegen Sir Fran⸗ eis Clavering, den Repräſentanten eines alten Ge⸗ ſchlechts, das ſeit unvordenklichen Zeiten für ſeinen eigenen Flecken Clavering in dem Hauſe geſeſſen. „Wenn man den Mann zu einer Abpaarung braucht,“ ſagte Hotſpur, Pendennis. U. 4 50 „dann iſt zehn gegen eins zu wetten, daß man ihn in einer Spielhölle findet. Er wurde in der Fleet groß erzogen und hat Newgate noch nicht hinter dem Rücken, ich gebe mein Wort darauf. Er wird das Vermögen der Begum nach und nach verlumpen, wird ertappt werden, wie er die Hand in Anderer Taſchen hat und in einem Quartier auf den Hulks (Gefangenen⸗Schiffen) endigen.“ Und wenn der hochgeborne Hotſpur mit einer ſolchen Meinung von Clavering aus Gründen des Be⸗ rufs höflich gegen ihn ſein konnte, warum ſollte der Major Pendennis nicht auch ſeine Gründe haben, gegen dieſen unglücklichen Gentleman aufmerkſam zu ſein? „Er hat einen ſehr guten Keller und einen ſehr guten Koch,“ ſagte der Major, „und iſt, ſo lang er ſchweigt, nicht anſtößig, und er ſpricht ſehr ſelten. Wenn's ihm beliebt, Spieltiſche zu beſuchen und ſein Geld an Schwarzbeine (Spieler) zu verlieren, was geht das mich an? Kümmere Dich nicht allzuſehr um anderer Leute Angelegenheiten, Pen, mein Junge; jeder Bur⸗ ſche hat einen Schrank in ſeinem Haus, bei Gott, in den er mich und Dich nicht gucken laſſen will; warum ſollten wir es auch verſuchen, wenn das übrige Haus uns offen ſteht? Und wenn der Mann in der Familie nicht ganz iſt, wie man ihn wünſchen könnte, ſo find doch die Weiber vortrefflich. Die Begum iſt nicht allzu⸗ fein gebildet; aber ein ſo freundliches Weib, als je eines lebte, und verteufelt geſcheid auch; und was die kleine Blanche betrifft, ſo weißt Du meine Meinung von ihr, Du Schelm; Du weißt, daß ich glaube, ſie iſt Dir gut, und würde es gerne ſehen, wenn Du ihr An⸗ träge machteſt; aber Du biſt ein ſo großer Mann ge⸗ worden, daß Du mit weniger als einer Herzogstochter nicht zufrieden wärſt — he, Sir? Ich empfehl' Dir bei Einer von ihnen anzufragen und es zu verſuchen.“ Vielleicht war Pen etwas berauſcht von ſeinem Erfolg in der Welt; und es mag auch dem jungen Manne in den Sinn gekommen ſein (und ſeines Oheims 51 beſtändige Winke trugen nicht wenig dazu bei, ihn da⸗ rin zu beſtärken), daß Miß Amory leidlich geneigt war, die kleine Tändelei, die in frühern Tagen von beiden an den Ufern des ländlichen Brawl war angeſponnen worden, wieder zu erneuern. Aber er war, wie er ſagte, für den Augenblick nicht zum Heirathen aufge⸗ legt und ſprach, etwas von dem weltlichen Tone ſeines Oheims annehmend, ziemlich verächtlich von dieſer An⸗ ſtalt und zu Gunſten des Junggeſellenthums. „Sie ſind ſehr glücklich, Sir,“ ſagte er, „und kommen ganz gut allein fort, und ſo auch ich. Mit einem Weib an der Seite würde ich meine Stellung in der Geſellſchaft verlieren und habe für mein Theil wenig Luſt, mich mit einer Mrs. Pentennis aufs Land zurückzuziehen, oder in die Miethe zu gehen, um mich von einem Allerweltslakaien bedienen zu laſſen. Die Zeit meiner kleinen Illuſionen iſt vorüber. Sie kurir⸗ ten mich von meiner erſten Liebe, die ſicherlich eine Thorheit war, und die ihr einen Narren zum Manne gegeben hätte und das einen ſehr grämlichen, unzu⸗ friedenen Mann, wenn ſie mich genommen hätte. Wir jungen Burſche leben ſchnell, Sir; und ich fühle mich in meinem fünfundzwanzigſten ſo alt, als viele der alten Na —, der alten Junggeſellen — welche ich in Bay's Bogenfenſter ſehe. Sehen Sie nicht ſo ärgerlich aus, ich will blos ſagen, daß ich in Liebesgeſchichten blafirt bin, und daß ich mich jetzt nicht mehr in ein Liebesverhältniß mit Miß Amory hineintändeln könnte, als ich Lady Mirabel wieder anzubeten vermöchte. Ich wünſchte, ich könnte es; ich mag den alten Mirabel, daß er ſo in ſie vernarrt iſt, und glaube, daß ſeine Leidenſchaft der reſpektabelſte Theil ſeines Lebens iſt.“ „Sir Charles Mirabel iſt immer ein theatraliſcher Mann geweſen, Sir,“ ſagte der Major ärgerlich, daß ſein Reffe ſo leichtfertig über eine Perſon von Sir Charles's Rang und Stellung ſprechen ſollte. „Er hat ſich immer ſeit ſeinen frühen Tagen mit Theatraliſchem 52 beſchäftigt. Er agirte in Carlton Houſe, als er Page bei dem Prinzen war; — iſt mit dem Zeug beſtändig umgegangen, konnte heirathen, wie's ihm beliebt; und Lady Mirabel iſt ein äußerſt reſpektables Frauenzimmer, überall aufgenommen, überall, merke Dir's. Die Her⸗ zogin von Connaught nimmt ſie auf, Lady Rockminſter nimmt ſie auf — es will jungen Burſchen nicht wohl geziemen, von Leuten in dieſer Stellung leichtfertig zu ſprechen. Es gibt keine reſpektablere Frau in ganz England, als Lady Mirabel; und die alten Dummköpfe bei Bay's, wie Ihr ſie nennt, gehören zu den erſten Gentlemen in England, von denen Ihr Gelbſchnäbel ein wenig Lebensart und ein wenig Beſcheidenheit ler⸗ nen ſolltet.“ Und der Major begann zu denken, daß Pen außerordentlich naſenweis und eingebildet werde, und die Welt viel zu viel aus ihm machte. Des Majors Aerger amüfirte Pen. Er ſtudirte ſeines Oheims Eigenthümlichkeiten mit ſtätem Vergnü⸗ gen und war mit ſeinem weltlich geſinnten alten Men⸗ tor immer in guter Laune. „Ich bin ſeit fünfzehn Jah⸗ ren ein Gelbſchnabel, Sir,“ ſagte er ſchlau, „und wenn Sie glauben, daß wir gegen den Reſpekt ſündigen, ſo ſollten Sie erſt die jetzige Generation ſehen. Ein Pro- tegé von Ihnen kam einmal auf ein Frühſtück zu mir. Sie ſagten mir, ich ſollte ihn einladen, und ich that es Ihnen zu Lieb. Wir ſahen den Tag über miteinander, was zu ſehen war, dinirten in dem Klubb und gingen in's Theater. Er ſagte, der Wein bei dem Polyanthus ſei nicht ſo gut, als Ellis's Wein, verrauchte Wagrringtons Cavendiſh nach dem Frühſtück, und als ich ihm zum Abſchied einen Sovereign gab, ſagte er, er hätte ſie in Menge, wollte ihn aber nehmen, um zu zeigen, daß er nicht ſtolz ſei.“ 3 „Sagte er? — Du haſt den jungen⸗ lavering eingeladen?“ ſprach der Major, wieder b Knftigt — „ein hübſcher Burſche, etwas wild, aber kin hübſcher Burſche — die Aeltern lieben ſolcherlei Aufierkſamkeit, 6 53 und Du kannſt nichts Beſſeres khun, als unſern würdi⸗ gen Freunden auf dem Grosvenor Place ſolche zu be⸗ zeigen. Und ſo nahmſt du ihn alſo in's Theater und haſt ihm die Honneurs gemacht? Das war recht, Sir, das war recht.“ — Damit verließ Mentor den Tele⸗ mach und dachte bei ſich, daß die jungen Leute doch nicht ſo ganz übel wären, und daß er noch etwas aus dem Jungen würde machen können. Als Maſter *) Clavering an Jahren wie an Größe zunahm, entwuchs er der Autorität ſeiner zärtlichen Aeltern und ſeiner Gouvernante und gouvernirte ſie eher ſelbſt, als daß er ſich von ihnen hätte leiten und befehlen laſſen. Vor ſeinem Papa war er ſtumm und ſtörriſch, kam ſelten zum Vorſchein, ſo nah er auch immer um dieſen Gentleman war; mit ſeiner Mama ſchrie und focht er, wenn ſich ein Streit zwiſchen ihnen in Betreff der Befriedigung ſeines Appetits oder anderer Gelüſte ſeines Herzens erhob. Bei ſeinen Erörterungen mit ſeiner Gouvernante über ſein Buch ſtieß er dieſes langmüthige Geſchöpf ſo ungeſtüm mit den Füßen, daß er ſie ganz bemeiſterte und unterjochte. Und ſeiner Schweſter Blanche würde es nicht beſſer ergangen ſein, wie er einige Mal den Verſuch machte, aber fie zeigte ſo unendlich viel Entſchloſſenheit und Muth und appel⸗ lirte ſo tüchtig an ſeine Ohren, daß er Miß Amory nicht mehr beläſtigte, wie er es der Gouvernante, ſei⸗ ner Mama und dem Stubenmädchen ſeiner Mama zu thun gewohnt war. Endlich, als die Familie nach London kam, gab Sir Francis ſeine Meinung dahin ab, daß es wohl das Beſte wäre, wenn der „kleine Bettler“ in die Schule geſchickt würde. Demzufolge wurde der junge Sohn und Erbe des Hauſes Clavering in des hochwür⸗ digen Otto Roſe's Inſtitut in Twickingham geſchickt, *) So werden in England die Jungen genannt, deren Erziehung noch nicht vollendet iſt. 54 wo die jungen Edelleute und Gentlemen aufgenommen werden, um ſich auf ihre Einführung in die großen öffentlichen engliſchen Schulen vorzubereiten. Es iſt nicht unſere Abſicht, Maſter Clavering auf ſeiner ſcholaſtiſchen Laufbahn zu folgen; die Pfade zum Tempel der Gelehrſamkeit wurden ihnen mehr geebnet, als ſie es einigen von uns aus den frühern Genera⸗ tionen geworden waren. Er näherte ſich dieſem Heilig⸗ thum ſo zu ſagen in einem vierſpännigen Wagen, und durfte Halt machen und Erfriſchungen zu ſich nehmen, ſo oft es ihm gefiel. Er trug gefirnißte Stiefel von der früheſten Zeit ſeiner Jugend und hatte Cambray⸗ Taſchentücher und zitronfarbige Glacéhandſchuhe von dem kleinſten Umfange, die jemals von Privat gefertigt worden waren. Sie kleideten ſich regelmäßig bei Mr. Roſe, bevor ſie zum Diner herabkamen. Die jungen Gentlemen hatten Shawl⸗Schlafröcke, hatten Feuer in ihren Schlafzimmern, Pferd und Wagen zu gelegent⸗ licher Bewegung im Freien und Oel für ihre Haare. Auf körperliche Züchtigung wurde ganz und gar von dem Prinzipal verzichtet, welcher dafür hielt, daß Sit⸗ tenpredigten überall zureichten; und die Jungen mach⸗ ten in vielen Zweigen der Wiſſenſchaft ſo reißende Fort⸗ ſchritte, daß ſie die Kunſt, geiſtige Getränke zu ſich zu nehmen und Cigarren zu rauchen, inne hatten, ehe ſie alt genug waren, um in eine öffentliche Schule einzu⸗ treten. Der junge Frank Clavering ſtahl ſeinem Vater die Havannas und brachte ſie in die Schule oder rauchte ſie in den Ställen in einer außerordentlich frühen Pe⸗ riode ſeines Lebens und trank in ſeinem zehnten Jahre ſeinen Champagner beinahe ſo forſch, als ein Dragoner⸗ fähndrich im Backenbart zu thun vermochte. Als dieſer intereſſante Jüngling in ſeinen Vakanzen nach Hauſe kam, war Major Pendennis ſo angeſtrengt höflich und gnädig gegen ihn, als gegen die übrigen Glieder der Familie, obgleich der Junge den alten Wigsby, wie der Major genannt wurde, eher verachtete, — 55 ihn hinter ſeinem Rücken nachmachte, wenn der höfliche Major ſich verbeugte und Lady Clavering und Miß Amory mit einem Lächeln beglückte und rohe Karrikaturen entwarf, wie ſie von geiſtreichen Jünglingen gefertigt werden, in welchen des Majors Perücke, ſeine Naſe, ſeine Schleife ꝛc. mit kunſtloſer Uebertreibung dar⸗ geſtellt wurden. Unermüdlich in ſeinen Anſtrengungen, ſich angenehm zu machen, wünſchte der Major, daß auch Pen beſondere Notiz von dem Knaben nehme, for⸗ derte Arthur auf, ihn auf ſein Zimmer einzuladen, ihm ein Diner in dem Klubb zu geben, ihn zu Madame Tuſſaud's, in den Tower, in's Theater u. ſ. w. zu be⸗ gleiten und ihm am Ende von den Vergnügungen des Tages, wie man zu ſagen pflegt, noch eins aufzutüpfen. Arthur, der gutmüthig war und Kinder liebte, machte an einem Tage alle Ceremonien durch, hatte den Kna⸗ ben beim Frühſtück in dem Tempel, wo er die verächt⸗ lichſten Bemerkungen über die Geräthe, das irdene Ge⸗ ſchirr, den zerlumpten Zuſtand von Warringtons Schlaf⸗ rock machte, eine kurze Pfeife rauchte und die Geſchichte eines Kampfes zwiſchen Tuffy und Long Biggings bei Roſe's zur großen Erbauung der beiden Gentlemen, ſeiner Bewirther, zum Beſten gab. Wie der Major richtig vorher ſagte, war Lady Clavering ſehr dankbar für Arthur's Aufmerkſamkeit gegen den Knaben, mehr dankbar, als der Knabe ſelbſt, der Aufmerkſamkeit für eine Sache hielt, die ſich von ſelbſt verſtehe, und ſehr wahrſcheinlich mehr Sovereigns in ſeiner Taſche hatte, als der arme Pen, der ihm einen von ſeinem ſehr ſpärlichen Vorrath dieſer Münzen edel⸗ müthigſt verehrte. Der Major betrachtete dieſen Jungen mit jenem Scharfblick, womit die Natur ihn begabte, und mit der Brille des Alters und der Erfahrung und beobachtete ſeine Stellung in der Familie, ohne unzart neugierig in Betreff ihrer Angelegenheiten zu ſein; aber als ein Landnachbar, als einer, der gegen die Claverings viele 56 * Verbindlichkeiten hatte, als ein alter Weltmann, nahm er Gelegenheit, herauszufinden, wie groß Lady Clave⸗ ring's Mittel waren, wie ihr Kapital angelegt war und was der Junge dereinſt zu erben hatte, und als er ſich ſo an die Arbeit machte, zu welchem Zwecke, wird ſich „ ohne Zweifel weiterhin zeigen, hatte er bald eine ziem⸗ lich genaue Kenntniß von Lady Claverings Verhältniſſen 3 und Glücksumſtänden und den Ausſichten ihres Sohnes und ihrer Tochter. Die Tochter ſollte blos eine geringe Ausſtattung erhalten, der Hauptbeſitz auf den Sohn übergehen, — ſein Vater fragte nichts nach ihm oder ſonſt Jemand, ſeine Mutter war in ihn als in das Kind ihrer ſpätern Tage närriſch verliebt, — ſeine Schweſter konnte ihn nicht leiden. Dieß konnte in kurzen Umriſſen als das Ergebniß von Major Pendennis's Nachfor⸗ ſchungen angegeben werden. „Ach, meine liebe Madame,“ pflegte er zu ſagen, indem er dem Jungen den Kopf pätſchelte, „der Junge kann ſeiner Zeit noch eine Ba⸗ ronets⸗Krone tragen, wenn die Sachen gut eingeleitet Wißeß. und Sir Francis Clavering ſeine Karten gut ſpielt.“ Darüber ſeufzte die Wittwe Amorh tief auf. „Er ſpielt ſeine Karten nur zu viel, Major, fürchte ich,“ ſagte ſie. Der Major geſtand, daß er auch darum wüßte, und von Sir Francis Clavering's unglücklichem Hang zum Svpielen gehört habe, bedauerte Lady Clavering aufrichtig, ſprach aber mit ſo viel Gefühl und Intelli⸗ genz, daß Ihre Herrlichkeit, erfreut, einen Mann von Erfahrung zu finden, dem ſie ihren Kummer und ihre Lage anvertrauen könnte, ziemlich unverholen mit Ma⸗ jor Pendennis davon ſprach, und ſeinen Rath und Troſt zu haben wünſchte. So wurde denn Major Pendennis Begum's Vertrauter und Hausfreund, und ſie zog ihn als Mutter, Weib und Kapitaliſtin zu Rath. Er gab ihr zu verſtehen (indem er ihr zugleich ehrer⸗ bietige Theilnahme bezeigte), daß er in etwas mit den Um⸗ 57 ſtänden ihrer erſten unglücklichen Heirath und ſelbſt mit der Perſon ihres verſtorbenen Gatten bekannt ſei, deſ⸗ ſen er ſich in Kalkutta erinnerte, als ſie dort abge⸗ ſchloſſen mit ihrem Vater lebte. Die arme Lady gab ihm mit Thränen, mehr der Scham als des Kummers, ihre Verſion von der Geſchichte. Als ſie nach zwei Jahren einer europäiſchen Erziehung noch als Kind nach Indien zurückkehrte, hatte ſie Amory getroffen und war thöricht genug, ihn zu heirathen. „O Sie wiſſen nicht, wie unglücklich mich dieſer Mann gemacht hat, oder was für ein Leben ich zwiſchen ihm und meinem Va⸗ ter verlebt habe. Ehe ich ihn ſah, hatte ich, außer meines Vaters Schreibern und eingebornen Dienern, noch keinen Mann geſehen. Sie wiſſen, wir gingen in In⸗ dien in keine Geſellſchaft, wegen —“ („ich weiß es,“ ſagte der Major mit einer Verbeugung.) „Ich war ein wildes, romantiſches Kind, hatte den Kopf voll von Novellen, die ich in der Schule geleſen — ich hörte auf ſeine wilden Geſchichten und Abenteuer, denn er war ein unternehmender Burſche, und ich glaubte, er ſpreche ſchön von jenen windſtillen Nächten auf der Fahrt, wenn er „. nun, ich heirathete ihn und war unglück⸗ lich von dem Tage an — unglücklich bei meinem Va⸗ ter, deſſen Charakter Sie kennen, Major Pendennis, und ich will nicht davon ſprechen; aber er war kein guter Mann, Sir — weder gegen meine arme Mutter, noch gegen mich, — außer, daß er mir ſein Geld hin⸗ terließ, — noch gegen ſonſt Jemand, ſo viel ich hörte, und hat, fürchte ich, in ſeinem Leben nicht viel Gutes gethan. Und Amory war beinahe noch ſchlimmer, er war ein Verſchwender, während mein Vater kargte; er trank fürchterlich und war dann wüthend. Er war in keiner Hinſicht ein guter oder treuer Ehemann gegen mich, Major Pendennis, und wenn er im Kerfer geſtor⸗ ben wäre, vor der Unterſuchung, ſtatt nachher, ſo hätte er mir viel Schande und Ungkück erſpart, Sir.“ Lady Clavering ſetzte hinzu: vielleicht hätte ich gar nicht 58 geheirathet, wenn ich nicht ſo ſehr gewünſcht hätte, ſeinen entſetzlichen Namen zu vertauſchen, und bin mit meinem zweiten Gatten nicht glücklich geworden, Sir, wie ich vermuthe, daß Sie wiſſen. Ach, Major Pen⸗ dennis, ich habe allerdings Geld, und bin eine Lady und die Leute bilden ſich ein, ich ſei ſehr glücklich, aber ich bin es nicht. Wir alle haben unſere Sorgen, Be⸗ kümmerniſſe und Unruhen, und manchen Tag ſetz' ich mich nieder zu einem meiner großen Diners mit ſchmer⸗ zendem Herzen, und manche Nacht lieg' ich wach in meinem ſchönen Bett und bin viel unglücklicher, als das Mädchen, das es macht. Denn ich hin kein glückliches Weib, Major, trotz Allem, was die Welt ſagt; und ſie beneidet die Begum um ihre Demante, Wagen und die große Geſellſchaft, die in mein Haus kommt. Ich bin nicht glücklich mit meinem Gatten, bin nicht glück⸗ lich mit meiner Tochter; ſie iſt kein gutes Mädchen, wie die theure Laura Bell dort in Fairvaks. Sie hat mich manche Thräne gekoſtet, obgleich Sie's mir nicht anſehen und ſie verhohnt ihre Mutter, weil ich nicht den Unterricht ꝛc. gehabt habe. Wie hätt' ich ihn auch haben ſollen? Ich wurde bis zu meinem zwölften Jahre unter Eingebornen auferzogen und kehrte nach Indien zurück, als ich vierzehn war. Ach, Major, ich wär' ein gutes Weib geworden, wenn ich einen guten Gatten gehabt hätte. Und jetzt muß ich hinaufgehen und meine Augen wiſchen, denn ſie ſind roth vom Wei⸗ nen, und Lady Rockminſter kommt und wir werden eine Fahrt nach dem Parke machen.“ Als Lady Rockminſter erſchien, war keine Spur von Thränen oder Kummer mehr auf Lady Clavering's Geſicht zu ſehen: denn ſie war voll guter Laune und pochte auf ihre Verſtöße im Sprechen und mordete des Königs Engliſch *) mit der äußerſten Lebhaftigkeit und guten Laune. „Bei Gott, ſie iſt kein ſo ſchlechtes Weib!“ dachte *) Das gute Engliſch. 59 der Major bei ſich ſelbſt; ſie iſt allerdings nicht fein gebildet und ſagt Apoller, ſtatt Apollo; aber ſie hat Gefühl — und ich mag dieſe Leute — und auch verteufelt viel Geld. Drei Sterne *) im indiſchen Heer für ihren Namen, bei Gott! welche der junge Mann haben ſoll — nicht wahr? und er dachte, wie ſehr er es wünſchte, ein wenig von dem Gelde zu ſehen, welche auf Miß Blanche übergehen ſollte und noch lieber einen jener Sterne, welche in dem Namen von Mr. Arthur Pen⸗ dennis ſcheinen. Immer darauf bedacht, ſeine Plane zu verfolgen, welche ſie auch immer ſein mochten, benützte der alte Unterhändler das Vorrecht ſeiner Vertraut⸗ heit und ſeines Alters, um auf eine freundliche und väterliche Weiſe mit Miß Blanche zu plaudern, ſo bald er Gelegenheit fand, ſie allein zu ſprechen. Er kam ſo haͤufig zur Zeit des Zwiſchenimbiß und wurde ſo ver⸗ traut mit den Ladies, daß ſie ſich nicht ſcheuten, vor ihm ſich zu zanken, und Lady Clavering, deren Zunge laut und deren Temperament brusque war, hatte manchen Strauß mit der Sylphe in Gegenwart des Familien⸗ freundes. Blanche's Witz verfehlte ſelten bei dieſen Renkontern die Oberhand zu behaupten, und die ſchar⸗ fen Widerhaken ihrer Pfeile trieben ihre Gegnerin in die Flucht. „Ich bin ein alter Geſelle,“ ſagte der Major, „ich habe nichts in der Welt zu thun, ich habe meine Augen offen, ich halte reinen Mund. Ich bin der Freund von Ihnen beiden, und wenn es Ihnen einfällt, vor mir zu ſtreiten, ſo ſag' ich es Niemand. Aber Sie ſind zwei gute Leutchen und ich wünſche, Sie mit ein⸗ ander zu Recht zu bringen, ich habe ſchon zwiſchen vie⸗ len Leuten vermittelt, zwiſchen Ehemännern und Frauen, Vätern und Söhnen, Töchtern und Müttern. Ich thue es gern; ich habe ſonſt Nichts zu thun.“ Eines Tages trat der alte Diplomat in das Ge⸗ ſellſchaftezimmer der Lady Clavering, als Letztere in ſichtbarer Aufregung es verließ und die Treppen hinauf *) Commissions, Patente, Stellen. 60 an ihm vorbei nach ihren Gemächern rannte. „Sie könnte ihn jetzt nicht ſprechen,“ ſagte ſie; „ſie ſei viel zu ärgerlich auf den — den — den Knirps, das heil⸗ loſe“ — der Aerger ließ ſie die andern Worte nicht vollenden, bis Lady Clavering aus der Hörweite war. „Meine theure, gute Miß Amory,“ ſagte der Ma⸗ jor in das Geſellſchaftszimmer tretend, „ich ſehe, was vorgefallen iſt. Sie und Mama ſind wieder uneins ge⸗ worden, Mütter und Töchter in den beſten Familien werden oft uneins. Erſt in letzter Woche ſchlichtete ich einen Streit zwiſchen Lady Clapperton und ihrer Toch⸗ ter, Lady Claudia. Lady Lear und ihre älteſte Tochter haben ſeit vierzehn Jahren nicht mit einander geſprochen. Gutherzigere und würdigere Leutchen, als Sie, habe ich zeitlebens nicht kennen gelernt, für Jedermann bewun⸗ dernswerth, nur nicht für einander. Aber ſie können nicht zuſammen leben; ſie ſollten nicht zuſammen leben: und ich wünſchte, meine Theure, von Herzen, daß ich Sie in ihrem eigenen Heimweſen ſehen könnte — denn es gibt keine Dame in ganz London, die ihm beſſer vor⸗ ſtehen könnte — wie Sie in Ihrem eignen Heimweſen Alles um Sie her glücklich zu machen.“ „Ich bin in dieſem nicht ſehr glücklich,“ ſagte die Sylphide; „und die Stupidität der Mama könnte einen Heiligen in Harniſch bringen.“ „Ganz gewiß; Sie paſſen nicht für einander, Ihre Mutter beging einen großen Fehler — oder war es Natur, meine Theure, in Ihrem Fall? — Sie hätte Sie nicht erziehen ſollen. Sie hätten nicht zu einem ſublimirten, intellektuellen Weſen, das Sie ſind, gebil⸗ det werden ſollen in einer Umgebung, von der ich ge⸗ ſtehe, daß ſie nicht Ihrem Genius, Ihrer höhern Bil⸗ dung entſpricht. Sie ſollten in den glänzendſten Zir⸗ keln den Ton angeben, nicht den Schlepp tragen, in keiner Geſellſchaft die zweite Rolle ſpielen. Ich habe Sie beobachtet, Miß Amory: Sie ſind ehrgeizig und ſollten auf einem Poſten ſtehen, wo Sie zu befehlen 61 haben. Sie ſollten glänzen, und können es nie in dieſem Hauſe, ich weiß es. Ich hoffe Sie eines Tags in einem andern und glücklichern und als Gebieterin davon zu ſehen.“ Die Sylphide zuckte ihre Lilienſchultern mit einem Blicke der Verachtung. „Wo iſt der Prinz, und wo iſt der Palaſt?“ fragte ſie; „aber es gibt keine Romantif, keine wahrhafte Zuneigung mehr auf der Welt.“ „Nein, in der That,“ bemerkte der Major mit der ſentimentalſten und ungezwungenſten Miene, über die er gebieten konnte. „Richt als ob ich etwas davon verſtünde,“ ſagte Blanche ihre Augen niederſchlagend, „außer was ich in Novellen geleſen habe.“ „Natürlich,“ ſprach Major Pendennis; „wie ſollten Sie auch, meine theure, junge Lady? und Novellen ſind nicht wahr, wie Sie ganz ausgezeichnet bemerken: es gibt keine Romantit mehr auf der Welt, bei Gott, ſoätſh ich wäre ein ſo junger Burſche, wie mein effe.“ „Und was ſind,“ fuhr Miß Amorh nachſinnend fort, „was ſind das für Männer, die wir jeden Abend auf den Bällen ſehen — tanzende Leibgardiſten, gelb⸗ loſe Schatzkammerſchreiber — Einfaltspinſel! Wenn ich meines Bruders Geld hätte, ſo könnte ich ein ſolches Etabliſſement haben, wie Sie mir in Ausſicht ſtellen — aber mit meinem Namen und mit meinen geringen Mitteln, nach was kann ich da trachten? Ein Land⸗ pfarrer oder ein Rechtsanwalt in einer Nebenſtraße von Ruſſell Square, oder ein Kapitän in einem Dragoner⸗ regiment, der mich wo einmiethet und vom Regiments⸗ tiſch benebelt nach Hauſe kommt und nach Tabak ſtinkt, wie Sir Francis Clavering. So ſind wir Mädchen vom Schickſal verurtheilt unſer Leben zu enden. O Major Pendennis, herzlich müde bin ich London's und der Bälle und der jungen Dandies mit ihren Kinnhaar⸗ wiſchen und der inſolenten hohen Ladies, die uns den 62 einen Tag kennen und den andern den Rücken kehren — und der Welt überhaupt. Ich hätte gute Luſt, ſie zu verlaſſen und in ein Kloſter zu gehen, ja das hätte ich. Ich ſinde nie Jemand, der mich verſteht. Und ich lebe hier in meiner Familie und in der Welt ſo gut allein, als wenn ich Zeitlebens in eine Zelle einge⸗ ſchloſſen wäre. Ich wollte, es wären barmherzige Schweſtern hier und ich könnte eine werden, die Peſt kriegen und ſterben — ich wollte, ich könnte die Welt verlaſſen. Ich bin noch nicht ſehr alt, aber ich bin müde, ich habe ſo viel gelitten — bin ſo enttäuſcht worden. — Ich bin müde, ja müde — 0 daß der Engel des Todes käme, und winkte mir davon!“ Dieſe Rede kann folgender Maßen ausgedeutet werden. Vor wenigen Abenden hatte eine hohe Lady⸗ die Lady Flamingo, Miß Amorh und ihrer Mutter den Gruß nicht erwidert. Sie war ganz aus dem Häuschen, daß ſie auf Lady Drum's Ball keine Einladung bekom⸗ men konnte: die Saiſon war zu Ende und Niemand hatte ihr ſein Herz angeboten: ſie hatte gar kein Auf⸗ ſehen gemacht, ſie, welche das geſcheideſte Mädchen von dieſem Jahre und unter den jungen Ladies war, die ihren engern Zirkel bildeten. Dora, welche blos fünf⸗ tanſend, Flora, welche gar Nichts und Leonora, die rothes Haar hatte, heiratheten, und Niemand war zu Blanche Amory gekommen! „Sie urtheilen weiſe über die Welt und Ihre Stel⸗ lung, meine theure Miß Blanche,“ ſagte der Major⸗ „Selbſt der Prinz heirathet heut zu Tage nicht, wie man ſagt, wenn die Prinzeſſin nicht eine Unſumme Geldes in den Fonds hat, oder von gleichem Rang mit ihm iſt. — Die jungen Leute aus den großen Familien hei⸗ rathen in große Familien, wenn ſie auch kein Vermögen haben, ſo leihen ſie einander die Schultern, um ſich in der Welt empor zu bringen, was ſo ziemlich die gleichen Dienſte thut. — Ein Mädchen von Ihrem Vermögen fann kaum auf eine große Parthie hoffen; aber ein Mäd⸗ 63 chen mit Ihrem Genie und Ihrem bewundernswürdigen Takt und ihren feinen Manieren darf mit einem ge⸗ ſcheiden Gatten an der Seite für ſich ſelbſt jeden Platz in der Welt einnehmen. — Wir find verdammt republi⸗ kaniſch geworden. Talent ſtellt ſich jetzt der Geburt und dem Reichthum an die Seite, bei Gott: und ein gewandter Mann mit einem gewandten Weib kann jede Stelle in der Welt einnehmen.“ Miß Amory verſtand natürlich nicht im Geringſten, was Major Pendennis meinte. — Vielleicht überdachte ſie in ihrem Sinne die Umſtände und fragte, ob er der Unterhändler für einen früheren Bewerber ſein, oder Pen meinen konnte. — So ſagte ſie denn lachend: „wer iſt der gewandte Mann und wann bringen Sie ihn mir, Major Pendennis? Ich ſterbe vor Neugier, ihn zu ſehen.“ In dieſem Augenblick warf ein Diener die Thüre auf, und kündigte Mr. Henry Foker an. Bei dieſem Namen und bei der Erſcheinung unſeres Freundes bra⸗ chen beide, die Lady und der Gentleman, in ein Lachen aus. „Das iſt nicht der Mann,“ ſagte Major Penden⸗ nis. „Er iſt mit ſeinem Mühmchen, Lord Graveſend's Tochter, verlobt. Leben Sie wohl, meine theure Miß Amory.“ Wurde Pen weltlich geſinnt, und ſollte ein Mann nicht Welterfahrung bekommen und ſie zu ſeinem Vor⸗ theil benützen? „Er fühle,“ ſagte er, „ſeines Theils, daß er bald ſehr alt geworden ſei. Wie doch dieſe Stadt uns modelt und ummodelt,“ ſagte er ein Mal zu Warrington. Jeder war von ſeiner Abendunterhal⸗ tung nach Hauſe gekommen, und Pen rauchte ſeine Pfeife und theilte nach ſeiner Gewohnheit ſeinem Freunde ſeine Beobachtungen und ſeine Abenteuer dieſer Nacht mit. „Wie verändert ich doch bin,“ ſagte er, „von dem einfältigen Jungen zu Fairoaks, dem über ſeiner erſten Liebe beinahe das Herz gebrochen wäre! Lady Mirabel hatte heute Abend Geſellſchaft und war ſo ernſt und 64 geſammelt, als ob ſie als Herzogin geboren wäre, und nie eine Theaterfallthüre in ihrem Leben geſehen hätte. Sie gab mir die Ehre, ſich mit mir zu unterhalten und verſicherte mich ihres gnädigen Beifalls über Walter Lorraine.“ „Welche Herablaſſung!“ bemerkte Warrington. „War es keine?“ fragte Pen einfältig, worauf der Andere nach ſeiner Gewohnheit auflachte. „Iſt es mög⸗ lich,“ ſagte er, „daß irgend Jemand den ausgezeichneten Verfaſſer Walter Lorraine's ſeines gnädigen Beifalls verſichern darf?“ „Sie lachen über uns beide,“ ſagte Pen ein wenig erröthend — „ich war ſelbſt zu dieſem Schluſſe gekom⸗ men. Sie ſagte mir, ſie habe das Buch nicht ſelbſt geleſen (und ich glaube in der That, ſie hat ihr Lebtag kein Buch geleſen), aber Lady Rockminſter habe es ge⸗ leſen und die Herzogin von Connaught habe es für ge⸗ ſcheid erklärt. In dieſem Fall,“ ſagte ich, „ſterbe ich glücklich, denn dieſen zwei Ladies zu gefallen, ſei in der That das große Ziel meines Daſeins, und wenn ich ihren Beifall habe, brauche ich natürlich um keinen an⸗ dern mich umzuſehen. Lady Mirabel blickte mich feier⸗ lich aus ihren ſchönen Augen an und ſagte: „O gewiß,“ als ob ſie mich verſtände, und fragte mich dann, ob ich an den Donnerstagen zu der Herzogin komme, und als ich es verneinte, drückte ſie die Poftung aus, mich vort zu ſehen, und ſagte, ich müßte verſuchen, dorthin u kommen, Jedermann komme hin — Jedermann, der in der Geſellſchaft war; und dann ſprachen wir von dem neuen Botſchafter von Timbuctu, und wie er beſſer ſei, als der alte; und wie Lady Mary Billington ſich verheirathe, ſich an einen Geiſtlichen ganz unter ihrem Range verheirathe, und wie Lord und Lady Ringdove drei Monate nach ihrer Heirath wegen Tom Pouter von den Blauen, Lady Ringdoves Vetter, zerfallen ſeien und ſo fort. Aus der Gravität dieſes Weibes hätte man ſchließen ſollen, daß ſie in einem Palaſte 65⁵ geboren und ihr Lebtag in Velgrave Sauare gewohnt habe.“ „Und Sie, vermuth' ich, nahmen an der Unter⸗ haltung Ihren guten Theil als Deſcendent des Earls Ihres Vaters und als der Erbe von Fairoakscaſtle 2“ ſagte Warrington. „Ja, ich erinnere mich, von den Feſtlichkeiten geleſen zu haben, welche ſtatt fanden, als Sie mündig wurden. Die Gräfin gab dem benachbar⸗ ten Adel eine brillante Theeſoiree und die Pächterſchaft wurde mit einem Hammelſchlegel und einer Flaſche Ale in der Küche regalirt, die Ueberbleibſel des Ban⸗ ketts wurden unter die Armen des Dorfes vertheilt, und der Eingang des Parks war erleuchtet, bis der alte John, als er ſich zur gewohnten Stunde zu Bette legte, das Licht auslöſchte.“ „Meine Mutter iſt keine Gräfin,“ ſagte Pen, „ob⸗ ſchon auch ſie ſehr gutes Blut in ihren Adern hat — aber bürgerlich, wie ſie iſt, hab' ich nie eine Pairin getroffen, die mehr Pairin war, als ſie, Mr. George, und wenn Sie nach Fairvakscaſtle kommen wollen, ſo ſollen Sie ſelbſt über ſie und meine Muhme urtheilen. Sie ſind nicht ſo witzig, als die Londoner Frauen, ha⸗ ben aber gewiß eben ſo viel Erziehung. Die Gedanken der Frauen auf dem Lande richten ſich auf andere Gegen⸗ ſtände, als diejenigen ſind, welche Ihre Londoner Damen beſchäftigen. Auf dem Lande hat eine Frau ihren Haus⸗ halt und ihre Armen, ihre langen, ruhigen Tage und ihre langen, ruhigen Abende.“ „Verteufelt lang,“ ſagte Warrington, „und ein gut Theil zu ruhig; hab's ſelbſt ſchon durchgemacht. „Das Monotone dieſer Exiſtenz muß bis auf einen gewiſſen Grad melancholiſch ſein — wie der Ton einer langen Ballade, und ihre Harmonie ernſt und ſanft, düſter und zart, es würde ſonſt unerträglich ſein. Die Einſamkeit der Frauen auf dem Lande ſtimmt ſie noth⸗ wendig ſanft und ſentimental. Da ſie ein Leben ruhi⸗ Pendennis. M. 5 6 in gewiſſen Diſtrikten lebt) wahrſcheinlich früh in die 66 ger Pflicht, beharrlicher Routine, myſtiſcher Träumerei — eine Art Nonnenleben im Großen führen — ſo würde zuviel Heiterkeit oder Lachen ein Mißton in ihre heilige Ruhe, und dort ſo wenig am Platze ſein, als in einer Kirche.“ „Wo Sie über die Predigt in Schlummer finken,“ ſagte Warrington. „Sie ſind ein Weiberfeind von Profeſſion und haſ⸗ ſen das Geſchlecht, weil Sie, wie ich argwöhne, nur ſehr wenig davon kennen,“ fuhr Mr. Pen mit der Miene bedeutender Selbſtgefälligkeit fort. „Wenn Sie die Weiber auf dem Lande nicht leiden können, weil ſie zu langſam find, ſo ſollten für Sie die Londoner Damen flink genug ſein. In London geht es enorm ſchnell: ich wundere mich, wie's die Leute, Männer und Weiber, aushalten können? Nehmen Sie eine Weltdame, fol⸗ gen Sie ihr durch die Saiſon und Sie müſſen fragen, wie ſie ſie überleben kann, oder ob ſie am Ende Auguſts in einen Schlaf fällt und bis zum Frühling in Erſtarrung liegt? Sie geht jeden Abend unter die hohe Welt und fitzt da und bewacht ihre mann⸗ baren Töchter, die bis nach der Morgendämmerung tanzen. Sie hat ſehr wahrſcheinlich daheim in der Kin⸗ derſtube Kleine, denen ſie Beiſpiel und Zuneigung ſpendet, hat eben ſowohl ein Auge auf Brod und Milch, Kate⸗ chismus, Muſik und Franzöſiſch, auf geröſtete Hammel⸗ ſchlegel um ein Uhr; hat Ladies ihrer Stellung zu beſuchen, ſei es in häuslichen Beziehungen oder in ihrem öffentlichen Charakter, in welchem ſie in Wohlthätigkeits⸗ Comité's, Ball⸗Comité's, Auswanderungs⸗Comité's, Queen's⸗Colleg⸗Comité's ſitzt und ich weiß nicht wie wiel andere Pflichten brittiſcher Staatsweiberſchaft erfüllt. Sie hält ſehr wahrſcheinlich eine Liſte von Armen, die ſie beſucht, hält Berathungen mit dem Geiſtlichen über Armen⸗Suppe und Bekleidung, oder geeigneten Reli⸗ gionsunterricht für das Kirchſpiel und geht, (wenn ſie 67 Kirche. Sie hat Zeitungen zu leſen, und muß wenig⸗ ſtens wiſſen, auf was ihres Mannes Partei ausgeht, daß ſie beim Diner mit ihrem Nachbar ſich unterhalten kann; und Thatſache iſt, daß ſie jedes neue Buch liest, das heraus kommt: denn ſie kann über alle ſehr lebhaft und gut ſprechen, und Sie finden ſie alle auf dem Tiſche ihres Geſellſchaftszimmers. Sie hat noch überdieß ihre Haushaltungsſorgen: muß vorkehren, daß Alles in einan⸗ der läuft, daß der Mädchen Putzmacherrechnungen dem Vater und Familienzahlmeiſter nicht zu furchtbar erſchei⸗ nenz muß insgeheim ein Extraartikelchen der Ausgaben da und dort abſchnipfeln und in Form einer Banknote ihren Jungen im College oder auf der See zukommen laſſen, um den Aufdringlichkeiten der Handwerker und den Unterſchleifen der Haushälterinnen Einhalt zu thun; muß höhere und niedere Dienerſchaft im Frieden und den Haushalt in Ordnung erhalten. Hiezu kommt noch, daß ſie einen ſpeziellen Geſchmack für dieſe oder jene Kunſt oder Wiſſenſchaft hat, in Thon modellirt, oder privatim auf dem Violoncello ſpielt, — und ich ſage ohne Uebertreibung, manche Londoner Ladies thun das, — und Ihr habt einen Charakter vor Euch, von dem unſre Vorfahren nie gehört haben, und der gänzlich unſrer Aera und Geſittungsepoche angehört. Ihr Göt⸗ ter! Wie reißend ſchnell wir leben und wachſen! In neun Monaten läßt man Ihnen einen Ananas ſo groß als ein Porte-manteau wachſen, während ein kleiner, nicht größer als ein holländiſcher Käſe, in alten Zeiten drei Jahre brauchte, um ſeine Reife zu erlangen, und wie das Geſchlecht der Ananas ſo iſt das Geſchlecht der Menſchen. Olamreg (hoiaper) — was heißt Ananas auf Griechiſch, Warrington?“ „Halten Sie, um's Himmelswillen, halten Sie ein mit dem Engliſchen, bevor Sie ans Griechiſche kommen,“ rief Warrington lachend, „noch nie hört' ich Sie ſo lange peroriren, und wußte nicht, daß Sie ſo tief in die weiblichen Myſterien eingedrungen wären. Wer hat 68 Sie all das gelehrt und in welche Boudvirs und Kinder⸗ ſtuben haben Sie die Naſe geſteckt, während ich meine Pfeiſe rauchte, mein Buch las, auf meiner Strohpritſche lag 2 „Sie ſtehen am Geſtade, alter Junge, begnügen ſich, zu beobachten, wie die Wogen gegen den Wind ſtürmen und Andere auf der See ſich verkämpfen,“ ſagte Pen, ich bin jetzt in der Strömung und ich lieb' es, beim Jupiter, wie reißend ſchnell wir hinabfahren! — ſtark und ſchwach, alt und jung — die Metall⸗- und irdene Krüge — das hübſche kleine Porzellanbvot ſchwimmt luſtig, bis das plumpe meſſingene es anſtößt und es hinabreißt — ch, vogue la galère! — Sie ſehen, wie der Mann in dem Wettrennen ſinkt, und ſa⸗ gen ihm ein Lebewohl, ſehen Sie, er iſt bloß unter die Beine des andern Burſchen untergetaucht, kommt wie⸗ der empor, ſchwingt ſeine Stange und rennt wieder voraus — eh, vogue la galsre, ſag ich, es iſt ein lu⸗ ſtiges Spiel, Warrington — nicht bloß das Gewinnen, auch das Spielen.“ „Wohlan, nur hinein und gewinne, mein Junge, ich will da ſitzen und Spielrichter ſein,“ ſagte Warring⸗ ton, indem er den feurigen, jungen Burſchen mit bei⸗ nahe väterlicher Luſt betrachtete. Ein nobler Spieler ſpielt des Spieles wegen, nicht für den Einſatz; ein alter Dummkopf ſitzt dabei und ſchmaucht die Ruhe⸗ pfeife, während Jack und Tom einander in dem Ringe zerpuffen.“ „Warum kommen Sie nicht herein, George, und machen auch einen Gang mit dem Ceſtus, Sie ſind groß und ſtark genug,“ ſagte Pen. „Lieber alter Junge, Sie wiegen zehn wie ich auf.“ „Sie find wenigſtens nicht ganz ſo groß wie Go⸗ liath,“ antwortete der Andere mit einem Lachen, das rauh und doch zärtlich war, „was mich betrifft, ſo tauge ich nicht dazu, ich hatte in meinem früheren Leben einen unglücklichen Treff bekommen, ich will Ihnen ein ander 69 Mal davon erzählen, Sie könnten auch Ihren Meiſter finden, ſeien Sie nicht zu ungeſtüm, zu zuverſichtlich, oder zu weltlich. Wurde Pendennis weltlich, oder ſah er bloß die Welt, oder that er beides? und iſt einem Menſchen nach alle dem ſehr zu verargen, wenn er nur ein Menſch iſt. Welcher von beiden iſt der Vernünftigſte, und thut am beſten ſeine Pflicht: der, welcher fern von dem Kampfe des Lebens ſteht und ihm ruhig zuſieht, oder der, welcher auf die Arena hinabſteigt, und Theil an dem Kampfe nimmt? „Jener Philoſoph,“ ſagte Pen, hatte eine hohe Stelle unter den Führern der Welt eingenvmmen, und bis zur Sättigung Alles genoſſen, was ſie an Rang und Reichthum, Ruhm und Vergnü⸗ gen zu geben hat, und ſagte, als er ſie ſatt und müde verließ, daß Alles Eitelkeit und Plackerei des Geiſtes war. Mancher Lehrer unter denen, welche wir verehren, der aus ſeinem Wagen zu ſeiner mit Schnitzwerk ver⸗ zierten Kanzel in der Kathedrale hinaufſchreitet, ſchüttelt ſeine ſchleiertuchenen Manſchetten über dem Sammtkiſſen und ruft, daß der ganze Kampf ein verfluchter iſt, und daß die Werke der Welt vom Uebel ſind. Mancher vom Gewiſſen geſchlagene Myſtiker flieht ganz und gar aus ihr und ſchließt ſich von ihr aus, und in (wirk⸗ liche oder geiſtige) Kloſtermauern ein, wo er nur an den Himmel aufblicken und in den Himmel ſchauen kann, außer welchem es keine Ruhe, kein Glück gibt.“ „Aber die Erde, wo unſre Füße ſtehen, iſt das Werk derſelben Macht, wie das unermeßliche Blau dort, in dem unſre Zukunft liegt, in die wir einen Blick thun möchten. Wer verordnete Arbeit als eine Bedingung des Lebens, verordnete Ermüdung, verordnete Krankheit, verordnete Armuth, Mißlingen, Erfolg ? — Dieſem einen Platz vor den Andern, Jenem einen namenloſen Kampf in dem Getümmel der Menge — Jenem einen ſchimpf⸗ lichen Fall, die Verſtümmelung eines Glieds, oder ein plötzliches Unglück — Jenem Arbeit auf dem Boden, 70 auf dem er ſteht, bis er unter ihn gelegt wird.“ Wäh⸗ rend ſie noch ſprachen, drang die Morgendämmerung durch die Fenſter des Zimmers, und Pen riß ſie auf, um die friſche Morgenluft zu ſchöpfen. „Blicken Sie her, George,“ ſprach er; „blicken Sie her und ſehen Sie, wie die Sonne ſich erhebt. Sie ſieht den Arbeiter auf ſeinem Weg nach dem Felde, die Nähterin, wie ſie die armſelige Nadel beeilt, den Sachwalter an ſeinem Pult vielleicht, die Schönheit im Schlafe lächelnd über ihrem Fiſſen, oder den überſatten Zecher, wie er nach dem Beite ſchwankt, oder den fieberſchwachen Patienten, wie er ſich auf ihm hin und herwirft; oder den Arzt, der neben ihm wacht, über den Wehen der Mutter nach dem Kinde, das auf die Welt geboren werden ſoll; — geboren werden, und an den Leiden und Kämpfen, den Thränen und Jubeln, dem Verbrechen, den Gewiſſens⸗ biſſen, der Liebe, der Thorheit, der Sorge, der Ruhe, ſeinen Theil haben ſoll.“ Fünktes Rapitel. Der edle Henry Foker, den wir eine Weile aus dem Geſicht verloren, war in der Zwiſchenzeit, wie wir von einem Manne ſeiner Standhaftigkeit erwarten kön⸗ nen, im Dienſte ſeiner Alles bewältigenden Leidenſchaft thätig geweſen. Ich wünſchte, einige meiner jugendlichen Leſer, welche an dieſer Unterhaltung Gefallen finden, nähmen ſich die Mühe und berechneten die Zeit, die ſie auf dieſe Beſtrebungen verwenden, wo ſie finden werden, daß es eine der koſtbarſten Beſchäftigungen iſt, womit ſich Je⸗ k k 71 mand möglicher Weiſe abgeben kann. Wirklich, was opfern Sie ihr nicht, junge Gentlemen und junge La⸗ dies, in Ihrem unordentlichen Streben? Vor allem viele Stunden Ihres koſtbaren Schlafes, in welchem Sie ſich unruhig im Bett umherwerfen und an den angebe⸗ teten Gegenſtand denken, und kommen dann ſpät zum Frühſtück herab, wo der Mittag vorgerückt und die ganze Familie indeſſen zu ihrem Tagewerk ſich wegbegeben hat. Wenn Sie ſich dann endlich auch dieſen Geſchäf⸗ ten zuwenden, ſo ſchenken Sie ihnen keine Aufmerkſam⸗ keit und verrichten ſie nicht mit Eifer, da alle Ihre Gedanken und Geiſteskräfte anderswohin gerichtet ſind. Wenn dann das Tagewerk obenhin abgethan iſt, ver⸗ nachläßigen Sie Ihre Freunde und Verwandten, Ihre natürlichen Begleiter und gewohnten Lebensgenoſſen, um hin zu gehen und einen flüchtigen Blick auf die Theure zu werfen, oder an ihre Fenſter emporzuſehen und nach ihrem Wagen in dem Parke zu gucken. Wenn der Abend kommt, ſo entleiden Ihnen die Liebkoſungen in der Heimath; Mama's Unterhaltung wird ſchal für Sie, die Gerichte, welche die gute Seele zum Diner für ihren Liebling bereitet, werden ungekoſtet fortge⸗ ſchickt, das ganze Lebensmahl, außer einem Gerichte, iſt geſchmacklos für Sie. Leben, Geſchäfte, Familienbande, Heimath, alles ſonſt Nützliche und Theure wird mit einem Mal unerträglich und es iſt Ihnen nimmer wohl, als wenn Sie Ihrer Flamme folgen. So iſt nicht ſelten der Gemüthszuſtand bei unge⸗ ordneten jungen Gentlemen, und ſo war er bei Mr. Foker, welcher von Jugend auf jede Luſt, die ihn ankam, befriedigen durfte und ſich jetzt dieſer einen Leidenſchaft mit ſeiner gewohnten ſelbſtiſchen Begeiſterung hingab. Auch dürfen ſich Leute von Welt nicht wundern, daß Mr. Foker, der ſeinem Freunde Arthur Pendennis bei einer frühern Gelegenheit ſo guten Rath ertheilt, ſeiner⸗ ſeits Sklave der Leidenſchaft wurde. Wer von uns hat nicht ſeinen Freunden beſte Räthe in Hülle und Fülle 72 gegeben ? Wer hat nicht gepredigt und wer hat je dar⸗ nach gelebt? Sie, Madame, ſind vielleicht ein vollkom⸗ menes Weſen und haben vielleicht im Verlauf Ihres kalten unvorwürflichen Daſeins nie einen unrechten Ge⸗ danken gehabt: oder Sie, Sir, ſind viel zu kräftigen Geiſtes, um eine thörichte Leidenſchaft mit Ihrem Gleich⸗ muth daheim oder auf der Börſe in Zwieſpalt kommen zu laſſen; Sie ſind ſo ſtark, daß Sie keines Mitleids bedürfen, wir ſchenken Ihnen auch keines, wir behalten es für Demüthige und Schwache, welche kämpfen, ſtrau⸗ cheln und wieder aufſtehen und ſo mit den übrigen Sterblichen gleichen Schritt halten. Was bedürfen Sie einer Hand, Sie, die niemals fallen. Ihre heitere, erha⸗ bene Tugend wird nie überſchattet von Leidenſchaft, von Verſuchung aufgeregt, von Gewiſſensbiſſen beunruhigt. Mitleid wäre Zudringlichkeit für ſolch einen Engel; aber dann wird Genoſſenſchaft mit einem Solchen unerträglich, Sie bleiben eben durch die Erhabenheit Ihrer Tugend und Ihrer hohen Eigenſchaften allein; wir reichen nicht zu Ihnen hinauf und können nicht mit ſolchen Poten⸗ taten vertraulich ſprechen. Leben Sie wohl! wir gehen mit den Demüthigen und nicht mit heitern Hoheiten wie Sie, und wir bemerken, daß in dieſer Geſchichte keine vollkommenen Charaktere ſind, außer einem kleinen viel⸗ leicht, und dieſer eine iſt nicht vollkommen, denn ſie weiß bis auf dieſen Tag nicht, daß ſie vollkommen iſt und mit kläglich mißverſtandener und verkehrter Demuth hält ſie ſich für einen ſo großen Sünder, als man nur immer verlangen kann. Dieſe junge Perſon iſt in dem gegenwärtigen Ab⸗ ſchnitt unſerer Geſchichte zufällig nicht in London und Mr. Henry Foker's Gemüth iſt auch nicht für eine Ihres gleichen in Leidenſchaft. Aber was thut es auch, wenn man ein Bischen neben hinaustritt, brauchen wir denn Engel oder Engelinnen zu ſein, um als ſolche angebetet zu werden? Bewundern wir das bunte Mancherlei in dem Geſchmacke der Menſchheit, die Aelteſten, die Häß⸗ — 73 lichſten, die Stupideſten, die Pompöſeſten, die Einfäl⸗ tigſten und die Schalſten, den größten Verbrecher, Ty⸗ rannen, Dummkopf, Bluebeart, Katharine Hayes, George Barnwell unter uns, wir brauchen nicht zu verzweifeln. Ich habe von der Leidenſchaft eines deportirten Taſchen⸗ diebs für eine Verurtheilte geleſen (Beide waren gleich vorgerückt im Alter, zurückſtoßend in ihrem Aeußern, unwiſſend, händelſüchtig und dem Trunke ergeben), die eben ſo nobel war als die Liebe der Kleopatra und des Antonius, oder Lancelot's und Guinever's. Die Lei⸗ denſchaft, welche Graf Vornlawsky, der polniſche Zwerg, der ſchönſten Baronin an dem Hofe in Dresden einflößte, iſt ein Ereigniß, mit dem wir Alle bekannt ſind: deß⸗ gleichen die Flamme, die gleich Tags darauf in dem Herzen des jungen Fähndrich Tozer entbrannte und ihn davonlaufen und Mrs. Battersby heirathen ließ, die alt genug war, um ſeine Mama zu ſein. Alle dieſe Beiſpiele werden in den Geſchichtbüchern oder in den Zeitungen aufgeführt. Sollen wir uns ſchämen oder freuen, daß unſere Herzen ſo beeigenſchaftet ſind, daß der größte und höͤchſtgeſtellte Ajax unter uns heute oder morgen vor den Holzſchuhen ſeiner Küchenmagd zu Boden fällt, und daß es keine Armuth, keine Schmach, keine Schuld gibt, die nicht die verkehrte Treue, die bewundernswürdig beſtändige Thorheit eines Weibes erträgt, mit Entzücken umarmt, und inniger liebkost, als es der Tugend ſelber zu Theil wird. So ſehnte ſich denn Henry Foker Esquire nach ſeiner Liebe und verfluchte das Schickſal, das ihn von ihr trennte, als Lord Graveſend's Familie ſich auf das Land zurückzog (ſeine Lordſchaft hinterließ ſeine Stimme dem ehrlichen Lord Bagwig), ſchmachtete Harry in Lon⸗ don fort, worüber ſich Lady Ann, mit der er verlobt war, nicht beſonders grämte, noch ihn im geringſten ver⸗ mißte. Wohin immer Miß Clavering ging, folgte ihr der bethörte junge Burſche, und da er wahrnahm, daß ſein Verhältniß zu ſeiner Muhme in der Welt bekannt 74 war, ſah er ſich genöthigt, aus ſeiner Leidenſchaft ein Geheimniß zu machen und ſie in ſeine Bruſt zu ver⸗ ſchließen, ſo daß ſie ſo eingeſperrt und niedergedrückt war, daß es zu verwundern iſt, daß das ungeduldige Geheimniß nicht eines Tags erplodirte und er nach der Erploſion todt zu Boden ftürzte. An einem ſchönen Juniabend war ein großartiges Eſſen in Gaunt Houſe und in den Journolen des näch⸗ ſten Tages füllten die enggedruckten Namen des hohen und niedern Adels, die mit Einladungen auf den Ball beehrt waren, beinahe zwei Spalten. Unter den Gä⸗ ſten waren Sir Francis und Lady Clavering und Miß Amory, für welche der unermüdliche Major Pendennis's eine Einladung verſchafft hatte, und unſere beiden jungen Freunde Arthur und Harry. Jeder ſtrengte ſich an und tanzte viel mit Miß Blanche. Was den würdigen Major betrifft, ſo nahm er Lady Clavering auf ſich und trug Sorge, ſie in jenes Departement des Hauſes ein⸗ zuführen, wo Ihre Herrlichkeit ſich ganz beſonders aus⸗ zeichnete, ich meine das Erfriſchungszimmer. Hier wurde unter den Gemälden von Titian und Giorgione und den königlichen Porträten Vandykes und Reynolds, un⸗ geheuern Credenztellern von Gold und Silber und Pyra⸗ miden ſtattlicher Blumen und einem Glanzmeer von Wachskerzen — mit einem Wort, mit dem rückſichtslo⸗ ſeſten Koſtenaufwand die ganze Nacht fortdinirt. Wie viele Crémes, Gelees, Salate, Pfirſiche, weiße Sup⸗ pen, Trauben, Paſteten, Galantinen, Theetaſſen, Cham⸗ pagnerkelche und ſo fort — Lady Clavering koſtete, geziemt uns nicht, anzuführen. Wie viel der Major litt, als er die ehrliche Dame herumbegleitete, indem er die feierli⸗ chen Bedienten und die lieblichen Stubenmädchen auf⸗ rief und Lady Clavering ihre vielen Bedürfniſſe mit bewundernswürdiger Geduld befriedigte, weiß Niemandz — hat er Niemand gebeichtet. Nie verrieth er ſeine Höllenpein im Geringſten, ſondern brachte der Begum mit unverwüſtlicher Güte Teller auf Teller. 75 Mr. Wagg zählte alle die Gerichte, von denen Lady Clavering genoß, ſo lange er zählen konnte, (da er aber im Verlaufe des Abends ſelbſt ſehr reichlich dem Cham⸗ pagner zuſprach, durfte man gegen das Ende des Schmau⸗ ſes ſeinem Zählungsvermögen nicht mehr trauen) und er empfahl Mr. Honeyman, Lady Steyne's Hausarzt, auf die Begum ein wachſames Auge zu haben, am näch⸗ ſten Tage bei ihm anzurufen und ihm Kunde von Ihrer Herrlichkeit zu bringen. Sir Francis Clavering erſchien zwar und ſchlich eine Weile in den prachtvollen Zimmern umher; da aber die Geſellſchaft und der Glanz, die er hier traf, nicht nach des Baronet's Geſchmacke waren, vertauſchte er, nachdem er einen Tummler oder zwei Wein an dem Buffet hinabgeſtürzt hatte, Gaunt Houſe mit der Nach⸗ barſchaft der Jermyn⸗Street, wo ſeine Freunde Loder, Punter, der kleine Moß Abrams und Kapitan Skewball um den traulichen grünen Tiſch verſammelt waren, bei dem Geklapper des Würfelbechers und ihrer angeneh⸗ men Unterhaltung erhob ſich Sir Francis's Geiſt zum gewohnten Grade ſchwacher Heiterkeit. Mr. Pynſent, welcher Miß Amory zum Tanz auf⸗ gefordert hatte, kam bei einer Gelegenheit herbei, um ihre Hand in Anſpruch zu nehmen, da aber bereits zwi⸗ ſchen ihm und Mr. Arthur Pendennis in dem Tanzſaal finſtere Blicke der Wiedererkennung gewechſelt worden waren, erhob ſich Arthur plötzlich und ſprach Miß Amory als ſeine Tänzerin für die dermalige Tour an, worauf Mr. Pynſent ſich in die Lippe beißend mit noch finſtrerem, grimmigerem Blicke unter tiefer Verbeugung ſich zurück⸗ zog und ſagte, daß er auf ſeinen Anſpruch verzichte. Es gibt Leute, die einander im Leben immer unter die Füße kommen. Pynſent und Pen hatten dieſe Anſicht und betrachteten einander demgemäß. „Was das für ein verwünſchter, eingebildeter Pro⸗ vinzialnarr iſt!“ dachte der Eine, „daß er eine Zwei⸗ pfennignovelle geſchrieben hat, hat dem Pinſel den 76 Kopf verdrehtz ein Hundstritt würde ihm den Dünkel nehmen.“ „Was für ein impertinenter Idiot der Mann dort iſt!“ bemerkte der Andere gegen ſeine Tänzerin. „Seine Seele iſt in Downing⸗Street. Sein Halstuch iſt Pro⸗ patriapapier, ſein Haar iſt Sammt, ſeine Beine Lineale, ſeine edlen Theile Zwirn und Siegellack; erwar ein Fänt⸗ chen in ſeiner Wiege und lachte nie, ſeit er geboren war, außer drei Malen über den gleichen Scherz ſeines Schild⸗ hauptes. Ich habe dieſelbe Vorliebe für dieſen Mann, Miß Amory, wie für kaltes, geſottenes Kalbfleiſch. „Hierauf bemerkte Blanche natürlich, daß Mr. Pendennis gottlos, méchant, über die Maaßen abſcheulich ſei und wünſchte zu wiſſen, was er von ihr ſage, wenn ſie den Rücken kehre. „Sage! — ſage, daß Sie die ſchönſte Figur ha⸗ ben und die ſchönſte Taille von der Welt, Miß Amory, meine ich. Bitt' um Verzeihung. Noch eine Tour; dieſe Muſik könnte einen Alderman zum Tanzen bringen.“ „Und Sie haben 's Fallen verlernt, wenn Sie jetzt walzen?“ fragte Blanche, indem ſie ihrem Tänzer ſchelmiſch in's Geſicht blickte. „Man fällt und kommt wieder auf die Beine, Blanche; Sie wiſſen, ich pflegte Sie ſo in alten Zeiten zu nen⸗ nen, und es iſt der hübſcheſte Name von der Welt; überdieß habe ich ſeitdem Praxis gehabt.“ „Und mit einer großen Zahl von Tänzerinnen, fürcht' ich,“ ſagte Blanche mit einem kleinen Schein⸗ ſeufzer und einem Zucken der Achſel. Und ſo hatte Mr. Pen in Wahrheit gar viel Uebung in dieſem Leben ge⸗ habt und hatte unſtreitig beſſer tanzen gelernt. Wenn Pendennis in ſeinen Reden anmaßend war, ſo war da⸗ gegen Foker, ſonſt ſo mild und mittheilſam, ganz ſtill und melancholiſch, wenn er mit Miß Amory tanzte. Ihren ſchlanken Leib zu umfaſſen, war Entzücken, mit ihr im Zimmer umherzuwirbeln, war ihm Delirium; aber mit ihr zu ſprechen, — was konnte er ihr ſagen, was ihrer würdig war? welche Perle der Unterhaltung — — 77 konnte er ihr bieten, die ſolch einer Königin der Liebe und des Witzes, wie Blanche, genehm ſein konnte? Sie mußte die Unterhaltung führen, wenn ſie mit dieſem verliebten Tänzer in Geſellſchaft war, ſie war es, welche ihn fragte, was das liebe Pferdchen mache und ihm mit ſo zärtlicher Güte und Bedauerniß dankte und mit einem ſo zarten Seufzer das liebe Pferdchen, als er es ihr anbot, zurückwies. „Ich habe Niemand in London, mit dem ich reiten könnte,“ ſagte ſie. „Mama iſt furchtſam und ihre Figur nimmt ſich nicht gut zu Pferde aus. Sir Franeis geht nie mit ihr aus. Er liebt mich wie — wie eine Stieftochter; o, wie herrlich muß es ſein, einen Vater zu haben — einen Vater, Mr. Foker!“ „O, ungemein!“ ſagte Mr. Harry, der dieſen Se⸗ gen mit ſehr viel Gleichmuth genoß, worauf Blanche, die ſentimentale Miene, die ſie eben noch angenommen, vergeſſend, ihre grauen Augen mit ſo ſchelmiſchem Blin⸗ zeln auf Foker heftete, daß Harry bezaubert und ganz in ſeinem Comfort mit ihr ſich in buntem, harmloſem Geplauder unterhielt, in gutem, freundlichem, ſchlichtem Fokergeſchwätz, gewürzt mit vielen Ausdrücken, die man in Wörterbüchern vergeblich zu entdecken hofft, und die ſich auf ſeine eigene Geſchichte oder Pferde, oder andere ihm theure und wichtige Gegenſtände oder auf Perſonen bezogen, die in dem Tanzſaale vor ihnen vorübergingen, und über deren Erſcheinung und Charakter Mr. Harry mit kunſtloſem Freimuth und ungemeinem Humor ſich verbreitete. Und Blanche war es, vie, wenn die Unterhaltung ſtockte, und des Jünglings Beſcheidenheit zurückkam und ihn bewältigte, ihren Begleiter auſ's Neue zu be⸗ leben wußte, die Fragen über Longwood an ihn that, und ob es ein hübſcher Platz ſei? Ob er ein Jägers⸗ mann ſei und ob er es gern habe mit Frauen zu jagen (in welchem Fall ſie in Bereitſchaft hatte, zu ſagen, daß ſie die Jagd bewundere) — da aber Mr. Foker's Urtheil gegen die Jagdliebhaberinnen ausſiel, und er auf 78 Lady Bullfinch, als auf ein männiſches Weib hin⸗ wies, die er mit einer Cigarre im Geſicht auf dem An⸗ ſtand geſehen, ſo drückte auch Blanche ihren Abſchen gegen die Freuden des Feldes aus und ſagte, es würde ſie ein Schauder überlaufen, wenn ſie ſich denken müßte, wie ein lieber, holder, kleiner Fuchs getödtet werde, Foker lachte und mit erneuter Kraft und Grazie walzte. Am Ende des Walzers, — des letzten Walzers, den ſie dieſe Nacht hatten, — fragte ihn Blanche über Drummington und ob es ein hübſches Haus wäre? Seine Bäschen, habe ſie gehört, ſeien ſehr vorzügliche Frauenzimmer: Lord Erith habe ſie getroffen, und welche ſeiner Mühmchen die von ihm begünſtigte ſei? ob es nicht Lady Ann ſei? ja, ſie war es gewiß, nach ſeinen Blicken und ſeinem Erröthen. Sie war müde vom Tan⸗ zen; es war ſehr ſpät, ſie mußte zu Mama gehen; — und ohne ein weiteres Wort ſprang ſie hinweg von Henry Foker's Arm, und ergriff Pen's, der im Tanzſaal umherſtolzirte: Mama, Mama! — bringen Sie mich zu Mama, lieber Mr. Pendennis, — und Harry mit einem parthiſchen Geſchoß durchbohrte, indem ſie vor ihm floh. Mylord Steyne, mit Strumpfband und Band, mit kah⸗ lem Kopfe und glänzenden Augen und einem Ringkra⸗ gen von rothem Backenbart um das Geſicht, gewährte bei dieſem Staatstage einen grandioſen Anblick und machte einen großen Eindruck auf Lady Clavering, als er ſich — auf Erſuchen des dienſtfertigen Major Penden⸗ nis — ihr vorſtellte. Mit ſeiner eigenen, weißen, könig⸗ lichen Hand überreichte er ihrer Herrlichkeit ein Glas Wein, ſagte, er habe von ihrer bezaubernden Tochter gehört, und bat, ihr vorgeſtellt zu werden, und in die⸗ ſem Augenblick kam Mr. Arthur Pendennis mit der jungen Lady am Arme auf ſie zu. Der Pair machte eine tiefe Verbeugung und Blanche den tiefſten Knir, der jemals geſehen wurde. Seine Lordſchaft gab Mr. Arthur Pendennis ſeine Hand zu 79 vrücken, ſagte, er habe ſein Buch geleſen, es ſei ſehr gottlos und geſcheid; fragte Miß Blanche, ob ſie es geleſen hätte, — worüber Pen erröthete und mit dem Fuße ſcharrte. War doch Blanche eine der Heldinnen der Novelle. Blanche in ſchwarzen Locken und ein wenig verändert, war Walter Lorrain's Neära. Blanche hatte es geleſen; die Sprache der Augen drückte Bewunde⸗ rung und Entzücken über die Ausführung aus. Als dieß kleine Spiel der Artigkeit vollendet war, machte Marquis von Steyne wieder zwei tiefe Verbeugungen vor Lady Clavering und ihrer Tochter und ging zu einem andern ſeiner Gäſte bei dieſer ſplendiden Feſtlich⸗ keit über. Mama und Tochter drückten laut ihre Bewunde⸗ rung für den evlen Marquis aus, ſohald ſein breiter Rücken ſich ihnen zugewendet hatte. Er ſagte: ſie ma⸗ chen ein ſehr hübſches Paar, flüſterte Major Pendennis gegen Lady Clavering. „Sagte er's wirklich?“ Mama glaubte das Gleiche, war von der Ehre, die ihr ſo eben erwieſen wurde, und von andern berauſchenden Bege⸗ benheiten des Abends ſo verwirrt, daß ihre gute Laune keine Gränze kannte. Sie lachte, ſie winkte, ſie nickte Pen zu, als ob ſie etwas merkte, ſie fuhr ihm mit dem Fächer auf den Armz ſie fuhr damit nach Blanche, nach dem Major, ihr Vergnügen war gränzenlos und ihre Freude dehnte ſich auf ihre ganze Umgebung aus. Als die Geſellſchaft die große Treppe von Gaunt Houſe hinabging, dämmerte der Morgen ſchon ſtark und hell über die ſchwarzen Bäume des Square's; der Him⸗ mel war blaß geröthet, und die Wangen einiger Ball⸗ leute — ach wie geiſterhaft ſahen ſie aus! Der be⸗ wunderungswürdige, ergebene Major vor allen, der Stunden lang nicht von Lady Clavering's Seite kam, die ihren Magen mit Allem, was ſchmackhaft war, und ihr Ohr mit Allem, was lieblich und ſchmeichelhaft war, ergötzte — o wie ſah der aus, die Ringe um ſeine Au⸗ gen waren rußbraun, die Augapfel ſelbſt wie die 8⁰ Regenpfeifer⸗Eier, von denen Lady Clavering und Blanche gekoſtet hatten, die Runzeln ſeines alten Geſichtes hatten tiefe Furchen gezogen und eine Silherſtoppel glänzte wie Morgenthau an ſeinem Kinn und an ſeinem gefärbten, jetzt matten und ungekräuſelten Backenbart. Da ſtand er mit bewundernswürdiger Geduld, aus⸗ dauernd, klaglos, in ſtummer Seelenpein, wiſſend, daß die Leute den Zuſtand ſeines Geſichtes ſehen konnten, Eonnte er nicht den Zuſtand anderer Herrn und Damen ſeines Alters gewahren ²) — ſeit Stunden ſchon nach Ruhe ſich ſehnend. Sich bewußt, daß Soupers ihm nicht taug⸗ ten, hatte er gleichwohl ein wenig gegeſſen, um ſeine Freundin, Lady Clavering, in guter Laune zu erhalten; mit Zwicken, Rheumatismus im Rücken und in den Knieen, mit müden Füßen, die ihn in den gefirnißten Stiefeln brannten, — ſo müde, o, ſo müde und nach dem Bette verlangend. Wenn ein Mann mit dem Unglücke kämpfend und ihm muthig obſiegend ein Gegenſtand für die Bewunderung der Götter iſt, ſo muß jene Macht, in deren Kapellen der alte Major ein treuer Anbeter war, beifällig auf die Standhaftigkeit von Pendennis Märterthum geblickt haben. Es gibt Dulder in dieſer Sache wie in der andern: die Neger im Dienſte des Mumbo Jumbo tatowiren und trillen ſich mit feurigen Speilern mit großer Tapferkeit; und wir leſen, daß die Prieſter des Baal ſich zerfetzten und freiwillig verblu⸗ teten. Ihr, die ihr die Götzenbilder zerſchmeißet, thut guten Muthes das Gleiche; aber ſeiet nicht zu über⸗ müthig gegen die Götzendiener, — ſie beten das Beſte an, das ſie kennen. Die Pendennis, der Aeltere und der Jüngere, war⸗ teten mit Lady Clavering und ihrer Tochter, bis ihrer Herrlichkeit Wagen angekündigt wurde, wo des ältern Märterthum endlich ſeine Endſchaft erreichte, denn die gutmüthige Begum ließ ſich nicht nehmen, ihn an ſeiner Thür in Bury Street abzuſetzen. So nahm er denn mit ein paar ſchwachen Verbeugungen und äußerſt 81¹ höflichen Dankſagungen, und entſchloſſen, ſeiner Pflicht zu genügen, den Hinterſitz im Wagen ein. Die Begum winkte mit ihrer kleinen, dicken Hand Arthur und Foker ein Lebewohl zu, und Blanche lächelte ſchmachtend auf die jungen Männer herab, indem ſie ſich fragte, ob ſie wirklich ſo blaß und grün unter ihrem roſenfarbigen Hute ausſehe, oder ob es die Spiegel in Gaunt Houſe, oder die Ermüdung und das Fieber ihrer eigenen Augen ſei, was ſie ſo bleich ausſehen laſſe. Arthur ſah vielleicht ganz wohl, wie gelb Blanche ausſah, aber er ſchrieb dieſe Eigenthümlichkeit ihrer Obepfläche weder der Wirkung der Spiegel, noch einem Irrthum ſeiner oder ihrer Augen zu; unſer junger Welt⸗ mann ſah ſehr ſcharf und genau, wie Blanche's Geſicht von Natur beſchaffen war, aber für den armen Foker hatte es einen Strahlenglanz, der ihn ganz verblendete. Er konnte nicht mehr Flecken darin entdecken, als in der Sonne, die jetzt über die Gipfel der Häuſer ſchimmerte. Unter andern übeln Londoner Gewohnheiten, die Pen angenommen hatte, wird der Moraliſt bemerken, daß er ſehr ſpät nach Hauſe kam, und oft zu Bette ging, wenn das nüchterne Landvolk im Begriffe war, es zu verlaſſen. Man gewöhnt ſich an die eine wie an die an⸗ dere Stunde. Zeitungsſchreiber, die Leute vom Covent⸗ Gardenmarkt, Nachtkabrioletkutſcher und Kaffeewirthe, Kaminfeger und Herren und Damen der Faſhion, welche Bälle beſuchen, ſind oft noch ganz lebhaft um drei oder vier Uhr des Morgens, wo gewöhnliche Sterbliche in ſchnarchendem Schlafe liegen. Wir haben im letzten Ka⸗ pitel geſehen, wie Pen zu dieſer Zeit noch lebhaften Geiſtes und geneigt war, behaglich ſeine Cigarre zu rau⸗ chen und in muntrer Rede ſich zu ergehen. Foker und Pen verließen Gaunt Houſe, indem ſie ſich dieſe doppelte Kurzweil machten, oder vielmehr Pen ſprach und Foker ſah aus, als ob er etwas ſagen wollte. Pen war ſarkaſtiſch und machte den Dandy, wenn er in Pendennis. MI. 6 82 Geſellſchaft vornehmer Leute geweſen war, er konnte ſich nicht verſagen, ſie in Miene und Ton nachzuahmen, und da er eine ſehr lebhafte Einbildungskraft hatte, ſo hielt er ſich ſehr leicht für eine Perſon von Wichtigkeit. Er rauſchte daher und griff Jedermann an; verhöhnte Lady John Turnbull's ſchlechtes Franzöfiſch, das ihre Herr⸗ lichkeit trotz dem grinſenden Hohne aller Welt in alle ihre Unterhaltungen einſchwärzte; Mrs. Slack Ropers außerordentliches Koſtüm und falſche Juwelen; alte und junge Dandies; — über wen lachte und ſpottete er nicht? „Du feuerſt nach allen Seiten, Pen, — Du biſt furchtbar geworden, ja, das biſt Du.“ „Nun, Du haſt Blondel's gelbe und Colchicums ſchwarze Perücke durchgehechelt, warum haſt Du ſolche Scheu vor einer braunen, he, Du weißt, welche ich meine, ſie iſt in Lady Claverings Wagen geſchlüpft.“ „Unter meines Onkels Hut? Mein Onkel iſt ein Märtyrer, lieber Junge, mein Onkel hat ſich die ganze Nacht abgekreuzigt, ſeinen Pflichten zu genügen. Er geht gern früh zu Bett, er hat furchtbares Kopfweh, wenn er aufbleibt und ein Souper anrührt; er bekommt immer die Gicht, wenn er bei einem Balle viel geht oder ſteht. Er iſt aufgeblieben, hat geſtanden und ſou⸗ pirt, er iſt heim zur Gicht und zum Kopfweh gegan⸗ gen und hat es meinetwegen gethan. Soll ich mich über den alten Jungen luſtig machen? Nein, nicht für Venedig!“ „Wie meinſt Du das, daß er es Deinetwegen ge⸗ than?“ fragte Foker etwas beunruhigt. „Junge! kannſt Du ein Geheimniß bei Dir behal⸗ ten, wenn ich's Dir mittheile?“ rief Pen lebhaft. „Biſt Du bei Troſt? willſt Du ſchwören? Willſt Du ſchwei⸗ gen oder aus der Schule ſchwatzen? Willſt Du ſchweigen und hören, oder willſt Du ſprechen und ſterben?“ und als er ſo ſprach, warf er ſich in eine abgeſchmackte thea⸗ traliſche Stellung, und die Leute auf dem Kabrioletſtand 83 in Picadilly wunderten ſich und grinſten über die Poſſen der zwei jungen Dandies. „Was der Teufel haſt Du denn?“ fragte Foker, indem er ſehr aufgeregt ausſah. Pen bemerkte jedoch dieſe Aufregung nicht, ſondern fuhr in demſelben geſchraubien excitirten Tone fort. „Henry, Freund meiner Jugend und Zeuge meinerfrüheren Thorheiten, obgleich träge in den Büchern, biſt Du doch nicht ganz ohne Verſtand, — nein, erröthe nicht, Hen⸗ rico, Du haſt eine gute Portion davon, und auch von Muth und Güte zum Dienſt Deiner Freunde. Wäre ich in einer Geldklemme, ich würde mich unbedenklich an meines Fokers Börſe wenden; hätte ich Kummer, ich würde meinen Kummer in ſeinen theilnehmenden Buſen ausſchütten.“ „Spaß, Pen, fahre fort.“ „Das würde ich, Henrico, trotz Deinen Hemdknöpfen und Deinem von den Händen der Schönheit geſtickten Batiſt, um die Bruſt der Tapferkeit damit zu ſchmücken! So wiſſe denn, Freund meiner Knabentage, daß Arthur Pendennis vom obern Tempel, Rechtsſtudent, fühlt, daß er allein iſt, und alte Sorge furcht ſeine Schläfe und Kahlheit iſt auf ſeinem Scheitel geſchäftig; ſollen wir halten und einen Tropfen Kaffee an dieſer Bude trinken? Er ſieht ſehr heiß und gut aus; ſieh, wie der Kabriolet⸗ mann ſeine Untertaſſe bläst. Nein, Du willſt nicht? Ariſtokrat. Ich fahr' in meinem Terte fort. Ich werde älter, ich habe verdammt wenig Geld gekriegt, ich brauche welches, ich denke darauf, welches zu kriegen, mich feſt zu ſetzen, ich denke, mich zu ſetzen, ich denke, zu heirathen, alter Junge, ich denke, ein moraliſcher Menſch zu werden; ein ſolider Porter⸗ und Sherry⸗ Charakter mit einem guten Ruf in meinem Quartier, und einer mäßigen Einrichtung mit zwei Mägden und einem Bedienten, um gelegentlich mit Mrs. Pendennis in einem Brougham auszufahren, und einem Hauſe nächſt den Parks zur Bequemlichkeit der Kinder. Ha, was 8⁴ ſagſt Du dazu? antworte Deinem Freund, Du würdi⸗ ges Kind des Bieres, ſprich, ich beſchwöre Dich bei allen Deinen Fäſſern.“ „Aber Du haſt kein Geld dazu, Pen,“ ſagte der Andere, indem er immer noch unruhig drein ſah. „Ich nicht? nein, aber ſie, ſie ſoll haben, ich ſage Dir, es iſt Gold für mich da — nicht was Du Gold nennſt, im Schooße des Lurus erzogen, und auf Träbern gewiegt und im Reichthum von tauſend Maiſt⸗ bottichen trinkend, was weißt Du von Geld? was für Dich Armuth iſt, iſt Glanz für den verwegenen Sohn des demüthigen Apothekers. Du kannſt nicht leben, ohne ein Etabliſſement und eure Häuſer in Stadt und Land. Ein ſtilles Häuschen irgendwo in der Nähe von Belgra⸗ via, ein Brougham für mein Weib, ein anſtändiger Koch und eine gute Flaſche Wein daheim, wenn einmal ein Freund bei mir einkehrt; dieſe wenigen Bedürfniſſe genügen für mich, mein Foker,“ und hier begann Pen⸗ dennis Miene ernſter zu werden. Ohne weiteren Scherz fuhr Pen fort: „Ich denke ernſtlich daran, mich zu ſetzen und zu heirathen. Keiner kommt in der Welt vor⸗ an, ohne daß er einiges Geld im Rückhalt hat. Du mußt einen gewiſſen Einſatz haben, bevor Du hinein⸗ gehen und das große Spiel mitſpielen kannſt. Wer weiß, ob ich's nicht verſuchen will, alter Geſelle? Schlimmere Leute als ich haben darin gewonnen. Und da ich nicht genug Kapital von meinen Vätern habe, ſo muß ich eini⸗ ges durch mein Weib bekommen.“ Sie gingen Grosvenor Street hinab, als ſie ſo ſprachen, oder vielmehr, als Pen ſprach in der ſelbſt⸗ ſüchtigen Ueberwallung ſeines Herzens, und Mr. Pen mußte zu ſehr mit ſeinen eigenen Angelegenheiten be⸗ ſchäftigt ſein, um die Unruhe und Aufregung ſeines Nachbars zu bemerken, denn er fuhr fort — „wir find keine Kinder mehr, weißt Du, Du und ich, Harry, pah! Die Zeit unſeres Romans iſt vorbei, wir heirathen nicht aus Leidenſchaft, ſondern aus Klugheit und um uns ge⸗ 85 hörig einzurichten. Für was nimmſt Du Deine Muhme? Weil ſie ein hübſches Mädchen und eines Earls Tochter iſt, und die Alten es wünſchen und ſo weiter.“ „Und Du, Pendennis,“ fragte Foker, „biſt nicht ſehr verliebt in das Mädchen, das Du heirathen willſt?“ Pen zuckte die Schultern. „Comme ga,“ ſagte er, „ich mag ſie ſchon. Sie iſt hübſch genug, ſie iſt geſcheid genug, ich denke, ſie wird ganz recht ſein, und ſie hat Geld genug — das iſt der Hauptpunkt. Pah! Duweißſt, wer es iſt, nicht wahr? Ich glaubte, Du wäreſt eines Abends ihr ſelbſt nicht abhold, als wir bei ihrer Mut⸗ ter dinirten. Es iſt die kleine Amory.“ „Ich — ich dachte ſo,“ ſagte Foker, „und hat ſie Dich angenommen?“ „Nicht ſo ganz,“ erwiderte Arthur mit einem zu⸗ verſichtlichen Lächeln, das zu ſagen ſchien, ich darf nur fragen, und ſie kommt im Augenblick. „O, nicht ſo ganz,“ ſprach Foker und brach in ein ſo furchtbares Lachen aus, daß Pen zum erſten Mal ſeine Gedanken von ſich auf ſeinen Begleiter abwandte, und vor dem geiſterhaften, blaſſen Geſichte des Andern erſchrak. „Mein lieber Junge, Fo! was iſt Dir? Du biſt un⸗ wohl,“ ſagte Pen im Tone wirklicher Beſorgniß. „Du glaubſt, es ſei der Champagner in Gaunt Houſe, nicht wahr? das iſt's nicht, komm herein; ich will eine Minute mit Dir ſprechen. Ich will Dir ſagen, was es iſt. Gott verdamm, ich muß es Jemand ſagen,“ ſagte Foker. Mittlerweile waren ſie an Mr. Foker's Thür und Harry ging, dieſelbe öffnend, mit ſeinem Freund auf ſeine Zimmer, im hinkern Theile des Hauſes, und hin⸗ ter dem Familien⸗Speiſeſaal, wo der ältere Foker ſeine Gäſte empfing, umgeben von Gemälden von ihm, ſeinem Weib, ſeinem Sohne, als Kind auf einem Eſel, und dem verſtorbenen Earl von Graveſend in ſeinem Staats⸗ gewand als Pair. Foker und Pen gingen an dieſem 86 Zimmer vorbei, das jetzt mit todähnlichen Schlöſſern verſchloſſen war, und traten in des jungen Mannes eigene Quartiere ein. Düſtere Strömungen von Son⸗ nenſtrahlen ſpielten in dem Zimmer und beleuchteten des armen Harrys Galerie von tanzenden Mädchen und Opernnymphen mit unſichern Illuminationen. „Sieh her! ich muß Dir ſagen, Pen,“ ſagte er, „ſeit jener Nacht, wo wir dort gegeſſen, bin ich ſo ver⸗ liebt in das Mädchen, daß ich glaube, es iſt mein Tod, wenn ich ſie nicht bekomme, es iſt mir oft, als ob ich vom Verſtande käme, ich kann's nicht überwinden, Pen. Ich konnt' es nicht ertragen, Pen, als ich Dich eben davon ſprechen hörte, daß Du ſie bloß heirathen wolleſt, weil ſie Geld hat. Ach, Pen, das iſi's nicht, auf was es beim Heirathen ankommt. Ich wollte Alles wetten, es iſt's nicht, vom Gelde ſprechen, bei ſolch einem Mäd⸗ chen, 's iſt — 's iſt — wie ſagt man doch — Du weißſt, was ich meine — 's iſt nicht gut, daß man davon ſpricht, 's iſt Ruchloſigkeit. Wenn ſie mich haben wollte, ſo wollt' ich's über mich nehmen und die Gaſſe kehren, ja, das wollte ich.“ - „Armer Fo! ich glaube nicht, daß das eine große Ver⸗ ſuchung für ſie wäre,“ ſagte Pen, indem er ſeinen Freund mit viel Gutmüthigkeit und Mitleid betrachtete. „Sie iſt kein Mädchen für Liebe in der Hütte.“ „Sie ſollte eine Herzogin ſein, ich weiß das recht wohl, und weiß auch, daß ſie mich nicht nehmen würde, wenn ich ihr nicht eine hohe Stellung in der Welt an⸗ weiſen könnte, denn ich tauge ſelbſt nicht viel — ich bin nicht gewandt und was dergleichen mehr iſt,“ ſagte Foker traurig. „Wenn ich alle Demante hätte, die alle Herzoginnen und Marquiſinnen heute Nacht anhaben, würd' ich ſie ihr nicht in den Schvoß legen? Aber was hilft es, davon zu ſprechen, ich bin für eine andere Race in's Buch eingeſchrieben, das bringt mich eben um, Pen. Ich kann's nicht los werden, wenn ich auch ſterbe, ſo kann ich's nicht los werden, und obgleich meine Muhme 87 ein hübſches Mädchen iſt, und ich ſie ſehr wohl leiden mag und ſo fort, ſo hatt' ich doch dieſe nicht vorher geſehen, als unſre Alten die Geſchichte zwiſchen uns verabredeten, und wenn Du gerade davon geſprochen haſt⸗ vdaß ſie für Dich eben recht iſt, und daß ſie Geld genug für euch beide hat, ſo dachte ich bei mir ſelbſt, nicht das Geld, oder das bloße Gernhaben eines Mädchens, ſei genug, um einen Burſchen zum Heirathen zu brin⸗ gen. Er kann heirathen, und findet dann, daß er ſonſt Jemand lieber hat. Alles Geld in der Welt macht Dich dann nicht glücklich.“ Sieh mich an! ich habe oder bekomme eine Menge Geld, außer den Maiſtbottichen, wie Du's heißſt. Mein Alter glaubte, er mache Alles für mich recht, daß er meine Heirath mit meiner Muhme feſtſetzte. Ich ſag'Dir, es thut ſich nicht, und wenn Lady Ann ihren Mann bekommen hat, ſo wird keins von uns glücklich, und ſie hat den armſeligſten Bettler in der ganzen Stadt.“ „Armer alter Burſche!“ ſagte Pen mit wohlfeiler Großmuth, „ich wünſchte, ich könnte Dir helfen. Es ſiel mir nicht im Schlafe ein, daß Du in das Mädchen ſo verſchoſſen biſt. Meinſt Du, ſie nehme Dich ohne Dein Geld? Nein. Glaubſt Du, Dein Vater verſtände ſich dazu, Dein Verhältniß mit Deinem Mühmchen abzubre⸗ chen? Du kennſt ihn am Beſten, und weißſt, daß er Dich lieber verſtoßen, als Dir willfahren würde.“ Der unglückliche Foker ſtöhnte eine Erwiderung, indem er ſich auf ein Sopha warf, das Geſicht vorwärts, den Kopf in ſeinen Händen haltend. „Was meine Angelegenheit betrifft,“ fuhr Pen fort — mein lieber Junge, ſo muß ich Dir bemerken, daß ich, wenn ich gedacht hätte, es ſtehe ſo kritiſch mit Dir, Dich wenigſtens nicht damit gepeinigt hätte, daß ich Dich zu meinem Vertrauten wählte. Meine Sache iſt nicht ſo ernſtlich. Wenigſtens für jetzt nicht. Ich habe noch kein Wort darüber mit Miß Amory geſprochen. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ſie mich nicht haben wollte, 88 wenn ich ſie frage. Ich habe bloß ſehr viel darüber mit meinem Onkel geſprochen, welcher ſagt, daß die Parthie für mich paſſen würde. Ich bin ehrgeizig und arm, und es ſcheint, Lady Clavering gibt ihr viel Geld, und Sir Franeis könnte auch gewonnen werden — ſie zu — doch kein Wort mehr davon. Es iſt noch nicht ausgemacht, Harry. Sie verlaſſen gleich die Stadt, ich verſpreche Dir, ich will ſie nicht fragen, ehe ſie geht⸗ Es hat auf keiner Seite Eile: es hat Alles noch gute Zeit. Aber angenommen, Foker, du bekommeſt ſie, ver⸗ giß nicht, was du ſo eben vom Heirathen und von dem Elend eines Mannes ſagteſt, der nichts nach ſeinem Weibe fragt, und was würdeſt Du zu einem Weibe ſagen, das Nichts nach ihrem Manne fragt?“ „Aber ſie würde nach mir fragen,“ rief Foker von ſeinem Sopha — „das heißt, ich glaube, ſie würde. Letzte Nacht erſt, als wir tanzten, ſagte ſie —“ „Was ſagte ſie?“ rief Pen, indem er in großem Unwillen auffuhr. Aber er ſah ſeine eigene Meinung deutlicher, als Foker, und brach lachend ab — „nun, gleich viel, was ſie ſagte. Miß Amory iſt ein geſchei⸗ des Mädchen, das — Dir — vielleicht mir — und der Teufel weiß, wem noch eine Menge Artigkeiten ſagt. Es iſt noch Nichts ausgemacht, alter Junge, wenigſtens bricht mir das Herz nicht, wenn ich ſie nicht kriege. Gewinne ſie, wenn Du kannſt. Leb wohl, vergiß, was ich Dir geſagt habe. Ich war aufgeregt und verdammt durſtig in dieſen heißen Zimmern und that vielleicht nicht genug Selſerwaſſer in den Champagner. Gute Nacht! ich will auch deine Mittheilung bei mir behalten. Still⸗ ſchweigen iſt das Looſungswort zwiſchen uns, es ſei ein ehrlicher Kampf und der tapferſte Mann ſoll gewinnen, wie Peter Crawley ſagt.“ 8 Mit dieſen Worten warf Arthur Pendennis einen ſehr ſonderbaren und vielleicht gefährlichen Blick auf ſeinen Begleiter, drückte ihm mit jener Herzlichkeit die Hand, die ſeinem ſo eben gebrauchten Gleichniß von 89 der Borparthie entſprach, und mit ber Mr. Bendigo dem Mr. Caunt die Hand drückt, bevor ſie um des Kämpen Gürtel und die zweihundert Pfund dazu kämpfen. Foker erwiderte ſeines Freundes Abſchiedsgruß mit einem flehen⸗ den Blick und einem jämmerlichen Drücken der Hand, ſank auf ſein Kiſſen zurück, und Pen ſchritt, ſeinen Hut aufſetzend, hervor in die friſche Luft und wäre beinahe über den Leib der Hausmagd gefallen, die an der Thür in dieſer Frühe die Treppen rieb. „Und ſo bedarf er auch ihrer? Der tauſend!“ dachte Pen, indem er weiter ging und merkte es ſich mit ver⸗ hängnißvollem Scharfblick und beinahe hölliſcher Bos⸗ heit, ſo daß der Schmerz und die Pein, die der ehrliche Foker litt, für ſeine Bewerbungen um Blanche nur neue Würze und Antrieb wurden, wenn Bewerbung genannt werden kann, was bis jetzt noch keine Bewerbung, ſon⸗ dern bloß Zeitvertreib und Tändeln war. „Sie ſagte etwas zu ihm, nicht wahr? vielleicht gab ſie ihm den Kameraden zu dieſer Blume da;“ und er nahm von ſei⸗ nem Rocke und drückte zwiſchen ſeinem Daumen und Zeigefinger eine arme, kleine, eingeſchrumpfte und verküm⸗ merte Knoſpe, verwelkt und geſchwärzt von der Hitze und dem Schimmer der Nacht. — „Ich möchte wiſſen, wie vielen andern ſie dieſe harmloſen Zeichen ihrer Zu⸗ neigung geſchenkt hat — die kleine Kokette“ — und er warf die ſeinige in die Goſſe, wo das Waſſer ſie erfriſcht und ein Liebhaber von Roſenknoſpen ſie aufgehoben ha⸗ ben mag, und dann bedachte er, daß es ganz heller Tag ſei, und daß die Vorübergehenden ſeinen Bart und ſein weißes Halstuch anſtieren möchten, und ſo nahm unſer beſcheidener junger Gentleman ein Kabriolet und fuhr nach dem Tempel. Achl iſt das der Junge, der noch vor wenigen Jah⸗ ren an ſeiner Mutter Knie gebetet, und für den ſie ſehr wahrſcheinlich in dieſer Morgenſtunde ihr Gebet zu Gott ſchickte ? Iſt dieſer abgejagte und ſelbſtiſche Weltmann der Burſche, der unlängſt noch all ſein Irdiſches, ſeine 90 Hoffnung, ſeinen Ehrgeiz, ſein Glück in der Welt für ſeine Liebe wegzuwerfen bereit war? Dieß iſt der Mann, auf den Du ſtolz biſt, alter Pendennis. Du rühmſt Dich, ihn gebildet zu haben, ſeine abgeſchmackte Romantik und Thorheit ihm aus dem Kopf räſonnirt zu haben — und indem Du in Deinem Bett über Schmerzen und Rheu⸗ matismus ſtöhnſt, tröſteſt Du Dich gleichwohl mit dem Gedanken, daß der Junge wenigſtens etwas thun wird, ſich im Leben weiter zu bringen, und daß die Pendennis eine gute Stellung im Leben einnehmen werden. Und iſt er der Einzige, der auf ſeinem Weg durch dieſes finſtere Leben eigenſinnig und ſeinem Verhängniſſe fol⸗ gend, irre geht, während die natürliche Wahrheit und Liebe, die ihnen leuchten ſollten, in dieſer verpeſteten Luft umdüſtert werden und dieſen Dienſt ihm nicht mehr er⸗ weiſen können. Als Pen fortgegangen war, erhob ſich Harry Fo⸗ ker von dem Sopha und nahm aus ſeiner Weſte, der glänzend geknöpften, der prachtvoll geſtickten, dem Werke ſeiner Mama — eine kleine Roſenknoſpe, zog aus ſeinem Nachttiſchkäſtchen — gleichfalls ein mütterliches Geſchenk — eine Scheere, womit er von dem Stengel der Blume ſorgfältig ein wenig abzwickte und ſie dann ſeinem Bett gegenüber in ein Glas Waſſer ſtellte, und dort von Sor⸗ gen und bittern Erinnerungen eine Zuflucht ſuchte. Es iſt anzunehmen, daß Miß Blanche Amory mehr denn eine Roſe in ihrem Bouquet hatte, und warum ſollte nicht das freundliche, junge Geſchöpf von ſeinem Ueberfluſſe abgeben und möglichſt viele Tänzer glücklich machen ? — 91 Sechstes Rapitel. Monseigneur s'amuse. Die Anſtrengungen in letzter Nacht in Gaunt Houſe waren für Major Pendennis beinahe zu ſtark geweſen, und ſobald er ſeinen müden, alten Leichnam mit Sicher⸗ heit bewegen konnte, brachte er ihn ſtöhnend nach Bur⸗ ton und ſuchte in den Heilwaſſern dieſes Platzes Erleich⸗ terung. Das Parlament ging zu Ende. Sir Francis Clavering und Familie verließen die Stadt, und die An⸗ gelegenheiten, deren wir gegen den Leſer erwähnten, waren in dem kurzen Zwiſchenraume einiger Tage oder Wochen, welche zwiſchen dieſes und das letzte Kapitel ſielen, nicht vorgerückt. Die Stadt hatte ſich indeſſen geleert. Die Saiſon war jetzt zu ihrem Schluſſe gekommen: Pen's Nachbarn, die Geſetzherren, waren auf ihre Rund⸗ reiſen zu den Aſſiſen abgegangen; und ſeine faſhionab⸗ lern Freunde hatten ihre Päſſe nach dem Kontinent ge⸗ nommen, oder waren zur Auffriſchung und Stärkung ihrer Geſundheit in die ſchottiſchen Moore geflüchtet. Kaum war in den Bogenfenſtern der Klubbs oder auf dem einſamen Pall⸗Mallpflaſter Jemand zu ſehen. Die rothen Jacken verſchwanden vor den Palaſtthoren, die Handwerks⸗ leute von St. James gingen draußen ihrem Vergnügen nach; die Schneider hatten ſich Bärte wachſen laſſen und waren nach dem Rheine gegangen: die Schuhmacher waren in Ems oder Baden, erröthend, wenn ſie ihre Kunden an dieſen Erholungsplätzen trafen, oder neben ihren Kreditoren an den Spieltafeln pointirten. Die geiſtlichen Herren von St. James predigten nur einer halben Gemeinde, in der kein einziger Sünder von 92 Auszeichnung war. Die Mufikbande in Kenſington Gar⸗ dens hatte ihre Blech⸗Inſtrumente und ſilbernen Trom⸗ peten eingeſchloſſen, und nur zwei oder drei alte Flies (Fliegen, Geſchwindkutſchen) und Chaiſen ſchlichen an den Ufern der Serpentine dahin, und Clarence Bulbul, welcher durch ſeine ſchwierigen Pflichten als Schatzkam⸗ merſchreiber zurückgehalten wurde, verglich, während er ſeinen Nachmittagsritt in Rotten Row hielt, deſſen Leere mit der Oede der arabiſchen Wüſte und ſich ſelbſt mit einem Beduinen, der ſeinen Weg durch die ſtaubige Einſamkeit ſucht. Warrington ſtaute einen Vorrath Caventiſh⸗Tabak in ſeinem Reiſeſack fort und begab ſich nach ſeiner Gewohn⸗ heit in der Vakanz zu ſeinem Bruder nach Norfolk. Pen ward eine Zeitlang in den Zimmern allein gelaſſen, denn dieſer Mann der Faſhion konnte die Hauptſtadt nicht immer verlaſſen, wenn's ihm beliebte, und für jetzt wurde er durch die Angelegenheiten ſeiner Zeitung, der Pall⸗Mall Gazette hingehalten, als deren Redakteur und chargé d'affaires er während der zeitigen Abweſenheit des Chefs Kapitän Shandon agirte, der mit ſeiner Familie in dem heilſamen Badeort Boulogne ſur Mer ſich befand. Obgleich Mr. Pen, wie wir geſehen haben, ſich ſchon vor Jahren für einen vollkommen blaſirten und lebensmüden Mann ausgegeben, ſo war er doch in Wahr⸗ heit ein ungemein geſunder junger Burſche, hatte noch guten Appetit und befriedigte ihn mit dem größten Be⸗ hagen und Vergnügen wenigſtens einmal des Tages, und ein beharrliches Verlangen nach Geſellſchaft, wel⸗ ches zeigte, daß er nichts weniger als Miſanthrop war. Wenn er kein gutes Diner bekommen konnte, ſo ſetzte er ſich mit vollkommener Genügſamkeit zu einem ſchlechten nieder; konnte er ſich keine Geſellſchaft von witzigen, vornehmen oder ſchönen Individuen verſchaffen, ſo nahm er mit jeder Geſellſchaft vorlieb, die ihm aufſtieß, und war vollkommen ſatisfazirt in einem Weinhausparlour, oder an Bord eines Greenwicher Dampfers, oder bei einem Ausflug nach Hampſtead mit Mr. Finucane, ſei⸗ 93 nem Kollegen bei der Pall⸗Mall Gazette, oder durch einen Beſuch in den Sommertheatern über dem Fluß, oder in den Royal⸗Gardens von Vaurhall, wo er auf freundſchaftlichem Fuße mit dem großen Simpſon ſtand, und dem erſten komiſchen Sänger oder der liebenswür⸗ digen Ritterin der Arena daneben die Hand drücte. und während er die Fratzen oder die Grazien dieſer mit ſatyriſchem Humor, der nicht ohne Sympathie war, beo⸗ bachtete, konnte er auch mit gütigem Auge die Zuſchauer betrachten, die lärmende Jugend, die auf Genuß aus war und hier ihn fand, die ehrlichen Aeltern, mit ihren entzückten Kindern, welche über dem Schauſpiel lachten und in die Hände klatſchten, die armen Auswürflinge, deren Gelächter weniger unſchuldig, aber vielleicht lau⸗ ter war, welche ihre Schaam und Ingend hieher brachten, um zu tanzen und luſtig zu ſein, zum Mindeſten, bis der Tag anbrach, ihr Brod zu gewinnen und ihre Sorge zu vertrinken. Dieſer Sympathie für alle Klaſſen rühmte ſich Arthur oft, war vergnügt über ihren Beſitz und hoffte ihr immer treu zu bleiben. Wie Einer ſonſt Eifer für Kunſt, Muſik oder Naturwiſſenſchaft hat, ſo war die Anthropologie Pen's Lieblingsſtudium;z er hatte ſeine Augen immer offen für ihre unendlichen Mannigfaltig⸗ keiten und Schönheiten, indem er mit unverſieglichem Ver⸗ gnügen alle ihre Eremplare in allen Plätzen, wo er ſich Erholung ſuchte, ſei es die Koketterie einer runzeligen Wittwe oder einer hochgebildeten Schönheit, erröthend in ihrer vollſten Blüthe, ſei es ein ſchwerfälliger Leibgardiſt, der ein Dienſtmädchen im Park belieb⸗ koste, oder der unſchuldige kleine Tommy, der die Enten fütterte, während die Amme lauſchte. Und in der That ein Mann, deſſen Herz rein iſt, kann dieſer Liebhaberei mit nimmer verſiegender Luſt nachhängen, die vielleicht um ſo voller iſt, weil ſie heimlich iſt und einen Anſtrich von Wehmuth hat, weil es ſeine Art und Laune und er ſo einſam iſt. Ja, Pen pflegte ſich zu rühmen und in ſeiner unge⸗ 94 ſtümen Weiſe mit Warrington zu ſprechen. „Ich war in meiner Jugend von ſo wilder Liebe entbrannt, daß dieſe Flamme, glaube ich, ganz ausgebrannt iſt; und wenn ich je heirathe, ſo iſt es eine Heirath der Vernunft, die ich ſchließe mit einer gut gebildeten, hübſch ausſehenden Perſon von gutem Temperament, mit ein wenig Geld und ſo weiter, das unſern Wagen auf der Fahrt durch das Leben polſtert. Was die Romantik betrifft, ſo iſt ſie abgethan; ich hab' ſie verbraucht und bin vor der Zeit gealtert, ich bin ſtolz darauf.“ „Dummes Zeug!“ brummte der Andere, „Du haſt Dir noch nicht lange eingebildet. Du werdeſt ein Kahl⸗ kopf, und haſt damit groß gethan, wie Du mit Allem thuſt; aber Du begannſt mit dem Bärenfetttopf juſt ſo, wie Dir's der Haarkünſtler angab, und haſt ſeitdem ge⸗ ſtunken wie ein Barbier.“ „Du biſt ein Diogenes,“ antwortete der Andere, „und willſt haben, daß Jedermann in einem Faſſe lebe, wie Du. Veilchen riechen beſſer als Dein ſchlechter Ta⸗ bak, Du gräßlicher, alter Cyniker.“ Aber Mr. Pen er⸗ röthete, während er ſeinem unromantiſchen Freund dieſe Antwort gab, und verwendete in der That vielmehr Sorgfalt auf ſein äußeres Ich, als ein ſolcher Philoſoph gethan haben würde. In Betracht, daß er ſo ſorglos um die Welt war, putzte Mr. Pen ſeine Perſon mit nicht geringer Sorgfalt heraus, um ſich ihr angenehm zu machen, und für einen lebensmüden Pilgrim, wie er war, trug er ſehr knappe Stiefel und einen ſehr glän⸗ zenden Firniß darauf. Es war in dieſer öden Saiſon in einer ſternhellen Freitagsnacht im Herbſt, daß Mr. Pendennis, nachdem er ſein Zeitungsgeſchäft mit einem brillanten Leitartikel abgeſchloſſen hatte — wie Kapitän Shandon ſelbſt einen vielleicht geſchrieben hätte, wäre der Kapitän in guter Laune und zur Arbeit aufgelegt geweſen, was er nie war, wenn ihn nicht die Noth dazu trieb, — daß, ſage ich, Mr. Arthur Pendennis, nachdem er ſeinen Artikel 95 geſchrieben, und, wie er in der naſſen Korrektur auf dem Zeitungszimmer vor ihm lag, beifällig revidirt hatte, ſich einfallen ließ, über das Waſſer zu ſetzen und ſich mit den Feuerwerken und andern Beluſtigungen der Vaurhall zu regaliren. Er ſteckte freundlich das Billet in die Taſche, das den „Redakteur der Pall⸗Mall Gazette und Freund“ in jenen Vergnügungsort zuließ, und bezahlte mit klingen⸗ der Münze eine genügende Summe, die ihn über die Waterloobrücke beförderte. Der Weg von hier nach den Gardens war angenehm, die Sterne ſchimmerten am Himmel über ihm und blickten herab auf den königlichen Beſitz, von dem noch nicht die Raketen und die roma⸗ niſchen Lichter aufgeſtiegen, um die Sterne zu über⸗ glänzen. Ehe man den bezauberten Grund betritt, wo wie gewöhnlich zwanzigtauſend Extralampen jede Nacht brann⸗ ten, ſind die meiſten von uns den finſtern und traurigen Weg und die Thürchen paſſirt, welche das Glanzmeer von Vaurhall den Augen der Uneingeweihten verbergen⸗ In den Mauern dieſes Ganges ſind zwei ſtark be⸗ leuchtete Oeffnungen, in deren Mitte zwei Gentlemen an Pulten zu ſehen ſind, wo ſie entweder das Geld der Privatperſonen oder die Einlaßkarten, wenn man eine ſolche als Paß in die Gardens beſitzt, in Empfang nehmen. Pen trat hinzu, um ſein Billet an der letztgenann⸗ ten Mündung abzugeben, wo bereits ein Gentleman und zwei Ladies vor ihm parlamentirten. — Der Gentleman, deſſen Hut ſtark auf einer Seite ſaß und der einen kurzen ſchäbigen Mantel auf eine auf⸗ fallende Weiſe trug, rief in einem Tone, den Pen mit einem Mal erkannte. „Gott ſtraf mich, Sir, wenn Sie an meiner Ehre zweifeln, ſo erſuche ich Sie, aus der Büchſe da zu tre⸗ ten und —“ 8 „Um's Himmelswillen, Capting!“ rief die ältere ady. 96 „Was ſoll dieß Geſchwätz?“ ſprach der Mann in dem Verſchlag. „Und fragen Sie Mr. Hodgen ſelbſt, der in den Gyardens iſt, und laſſen Sie dieſe Leedies ein. Fürch⸗ ten Sie ſich nicht, meine theure Madame: ich fange keine Händel mit dieſem Gentleman an, auf keinen Fall vor Leedies. Wollen Sie gehen, Sir, und Mr. Hod⸗ gen, (mit deſſen Billet ich hereinkam und der mein Bu⸗ ſenfreund iſt, und ich weiß, er wird heute Nacht den Leichenſchnapper hier fingen) nebſt Kapitän Coſtigan's Empfehlungen erſuchen, herauszukommen und die Leedies einzulaſſen — ich für mein Theil, Sir, habe Vauxhall ſchon geſehen und verachte jede Vermittlung für mich ſelbſt; von dieſen Leedies aber iſt eine noch nie hier geweſen und ich ſollte denken, Sie würden keinen Vor⸗ theil von meinem Mißgeſchick ziehen, um ſie ihres Ver⸗ gnügens zu berauben.“ „Es hilft Nichts, Kapitän. Ich kann mich nicht mit Ihnen abgeben, ſagte der Billeteinnehmer, worauf der Kapitän fluchte und die ältere Lady ſagte: „Him⸗ mel, wie empörend!“ Die Junge blickte an dem Rapitän hinauf und ſprach;: „Laſſen Sie's gut ſein, thut Nichts, Kapitän Coſtigan, brauche ja nicht hineinzugehen. Komm fort, Mama.“ Damit überwältigten ſie ihre Gefühle und ſie begann zu weinen. „Mein armes Kind!“ ſagte der Kapitän. „Können Sie das mit anſehen, Sir, und wollen Sie dieß unſchul⸗ dige Geſchöpf nicht hineinlaſſen?“ „Das geht mich Nichts an,“ rief der Pförtner mür⸗ riſch aus dem beleuchteten Verſchlag. In dieſem Au⸗ genblicke kam Arthur herbei, erkannte Coſtigan und fragte: „Kennen Sie mich nicht, Kapitän? Pendennis!“ Damit nahm er ſeinen Hut ab und machte den beiden Damen eine Verbeugung. „Mein theurer Junge, mein theurer Freund!“ rief der Kapitän, indem er Penden⸗ nis die Freundeshand entgegenhielt, und ihm in aller Eile den unglücklichen contrathong (contreton) wie er es nannte, auseinander ſetzte. Er hatte eine Ein⸗ laßkarte nach Vauxhall für zwei, von Mr. Hodgen, der ſo eben in den Gardens war und ſang, wie er in der Hinterküche und den Konzerten der Nobleſſe that, den „Leichenſchnapper“, den „Tod des General Wolfe“, das „Blutbanner“, und andere Lieblingsmelodien; und da er dieſe Einlaßkarte für die Zulaſſung zweier Perſonen hatte, ſo dachte er, daß ſie auch drei würde hineinbrin⸗ gen, und war demgemäß mit ſeinen Freunden nach den Gardens gekommen. Aber unterwegs hatte Kapitän Coſtigan die Einlaßkarte verloren — ſie wollte nicht zum Vorſcheine kommen, und die Leedies mußten zum großen Verdruß von einer derſelben umkehren, wie Pen⸗ dennis wohl ſah. Arthur hatte für Jedermann viel Gutmüthigkeit und Mitleid für die Mißgeſchicke aller Klaſſen von Men⸗ ſchen, wie konnte er es in ſolchem Falle verweigern 2 Er hatte geſehen, wie das unſchuldige Geſicht zu dem Kapitän aufſchaute, den flehenden Blick des Mädchens, das klägliche Zittern des Mundes und das ſchließliche Ausbrechen der Thränen. Wäre es ſeine letzte Guinee auf der Welt geweſen, er hätte ſie bezahlen müſſen, um dem armen, kleinen Ding Vergnügen zu machen. Sie wandte den traurigen, flehenden Blick ſogleich ab auf den Fremden und begann ihre Thränen mit ihrem Ta⸗ ſchentuch abzuwiſchen. Arthur ſah ſehr ſchön und gütig aus, wie er mit abgezogenem Hut, erröthend, ſich ver⸗ beugend, edelmüthig, als Gentleman, vor den Damen ſtand. „Wer ſind ſie?“ fragte er ſich ſelbſt, er glaubte die ältere Dame ſchon früher geſehen zu haben. „Wenn ich Ihnen nützlich ſein kann, Kapitän Co⸗ ſtigan,“ ſagte der junge Mann, „ſo hoffe ich, daß Sie über mich verfügen. Werden Schwierigkeiten gemacht⸗ dieſe Ladies in den Garten mitzunehmen, dann wollen Sie ſo gütig ſein, und ſich meiner Börſe bedienen! Und — Pendennis, IM. 7 98 und ich habe ein Billet für mich, das Zweien Einlaß gibt — ich hoffe, Ma'am, Sie werden mir erlauben?“ Der erſte Impuls des Prinzen von Fairvaks war, für die ganze Parthie zu zahlen, und ſeine Zeitungs⸗ karte unbenützt zu laſſen, wie der arme Coſtigan mit ſeinem eigenen Billete gethan hatte. Aber ſein Inſtinkt und die Erſchei nung der beiden Frauenzimmer ſagte ihm⸗ daß es ihnen angenehmer wäre, wenn er ſich nicht das Air eines grand Seigneur gäbe, und ſo händigte er ſeine Börſe Coſtigan ein und zog lachend mit einer Hand ſein Billet heraus, während er die andere der ältern der Ladies gab — Ladies war nicht vas rechte Wort — ſie hatten Hüte und Shawls, Krägen und Bänder und die Jüngſte zeigte einen hübſchen, kleinen Fuß und Stie⸗ fel unter ihrem beſcheidenen grauen Gewand; aber ſeine Hoheit von Fairvaks war artig gegen jeden Uaterrock, wie auch immer ſein Gewebe war, und je demüthiger die Trägerin war, deſto ſtattlicher und artiger war ſein Benehmen. „Fanny, nimm des Gentleman's Arm,“ ſprach die Aeltere, „da Sie ſo ſehr gütig ſein wollen — ich habe Sie oft durch unſer Thor herein kommen und zu Kapi⸗ tän Strong auf Nummer vier gehen ſehen, — Sirt“ Fanny machte ein Knirchen und ſchob ihre Hand unter Arthur's Arm. Sie hatte einen armſeligen, klei⸗ nen Handſchuh Kn, war aber hübſch und klein. Sie war nicht mehr Kind, aber kaum zum Weibe gereift, ihre Thränen waren getrocknet und ihre Wange mit jugend⸗ lichem Erröthen bedeckt, und ihre Augen glänzten von Luſt und Dankbarkeit, während ſie in Arthurs freundli⸗ ches Geſicht aufblickte. Arthur legte mit einer Protektorsmiene ſeine an⸗ dere Hand über die kleine, die auf ſeinem Arme ruhte. „Fanny iſt ein ſehr hübſches Nämchen,“ ſagte er, „und ſo kennen Sie mich denn?“ „Wir haben die Loge bei Shepherd's Inn,“ ſagte Fannh mit einem Knir: „und ich bin noch nie in Vanp⸗ 99 hall geweſen, Sir, und Pa wollte nicht haben, daß ich ginge — und — und — o — 9 — Gott wie ſchön!“ Sie fuhr, indem ſie ſprach, vor Bewunderung und Ent⸗ zücken zurück, als ſie die königlichen Gärten vor ſich erglänzen ſah, mit hundert Millionen von Lampen in einem Schimmer, wie ihn das ſchönſte Feenmährchen, vie ſchönſte Pantomime im Theater nie verwirklicht hatte. Pen war vergnügt über ihr Vergnügen, und drückte das Händchen, das ſo freundlich ſich an ihn ſchmiegte, an ſeine Seite. „Was wollte ich nicht geben für ein Bischen von dieſem Vergnügen,“ ſagte der blaſirte junge Mann. „Ihre Börſe, Pendennis, mein theurer Junge,“ rief des Kapitäns Stimme hinter ihnen. „Wollen Sie's zählen? Es iſt Alles recht — nein — Sie vertrauen dem alten Jack Coſtigan (er vertraut mir, Ma'am, ſehen Sie.) Sie ſind mein Retter geweſen, Pen, (ich habe ihn von Jugend auf gekannt, Mrs. Bolton, er iſt der Eigenthümer von Fairvaks Caſtle und manchen Becher Claret hab ich dort mit der erſten Nobleſſe ſeiner hei⸗ mathlichen Grafſchaft getrunken) — Mr. Pendennis, Sie ſind mein Retter geworden, und ich danke Ihnenz meine Tochter wird Ihnen danken: Mr. Simpſon; Ihr gehorſamer Diener, Sir. Wenn Pen in ſeiner Artig⸗ krit gegen die Ladies prachtvoll erſchien, was war ſein Glanz im Vergleich mit Kapitän Coſtigan, der ſich hie und da bückte und den Sängern Bravo zurief? Ein Mann, der, wie Coſtigan, von einer langen Reihe hiberniſcher Könige, Häuptlinge und anderer Mag⸗ naten und Sherifs der Grafſchaft abſtammte, fühlte natürlich zuviel Würde und Selbſtachtung, um Arum in Arum Lwie der Kapitän ſich ausdrückte) mit einer Lady umherzugehen, die gelegentlich ſein Zimmer fegte und ſeine Hammelsrippchen röſtete. Auf ihrer Reiſe von Shepherd's Inn nach den Vauxhall⸗Gardens ging Kapitän Coſtigan an der Seite der beiden Ladies, indem 100 er ihnen mit einer Protektorsmiene und leutſeliger Her⸗ ablaſſung die bemerkenswerthen Gebäude zeigte und nach ſeiner Gewohnheit von andern Städten und Län⸗ dern und Leuten von Rang und Welt ſprach, mit denen er die Ehre haite, bekannt zu ſein. Auch ließ ſich nicht erwarten, noch erwartete in der That Mrs. Bolton, daß, auf dem königlichen Grund und Boden angekom⸗ men, den der Glanz von zwanzigtauſend Extralampen beleuchtete, der Kapitän von ſeiner Würde ſich vergeben, und einer Lady den Arm bieten ſollte, die in der That nicht viel hoher ſtand, als eine Haushälterin oder eine Tagelöhnerin. Pen hatte aber ſeines Theils keine ſolche Skrupel. Miß Fanny Bolton machte nicht ſein Bett, noch kehrte ſie ſein Zimmer; und er beliebte nicht, ſeine kleine Geſellſchafterin allein gehen zu laſſen. Fanny erröthete tiefer, und ihre glänzenden Augen erglänzten von höhe⸗ rem Vergnügen, als ſie ſich zum Schutz an den Arm eines ſo feinen Gentlemans wie Mr. Pen lehnte. Sie ſah nach vielen andern Ladies auf dem Platze und nach Dutzenden von andern Gentlemen, unter deren Schutze ſie einherwandelten, und glaubte, daß ihr Gentleman ſchöner ſei, und vornehmer ausſehe, als irgend ein an⸗ derer auf dem Platze. Natürlich waren Luſidirnen jeden Ranges hier — luftige junge Barbiere, ausgelaſſene junge Schreiber und Schwungs und hin und wieder ein Dandy vom Garderegiment. Lord Colchicum machte ſeine Honneurs bei Mademviſelle Caracoline, welche in dem Ringe geritten war, und ihr heimathliches Franzöſiſch ſehr laut ſprach, auch idiomatiſche Ausdrücke von aus⸗ nehmender Stärke gebranchte, während ſie auf den Arm ſeiner Lordſchaft gelehnt umherging. Colchicum machte die Honneurs bei Mademviſelle Caracoline und der kleine Tom Tufthunt machte die Honneurs bei Lord Colchicum und gefiel ſich in ſeiner Stellung. Wenn Don Juan die Mauer erſteigt, fehlt es nie an einem Leporello, der ihm die Leiter hält. Tom 101 Tufthunt war ganz glücklich, als Freund des ältlichen Viscount zu figuriren, das Geflügel aufzuſchneiden und beim Souper den Salat zu machen. Als Pen und ſeine junge Lady des Viscount Geſellſchaft begegneten, gab der edle Pair Arthur bloß einen flüchtigen Blick der Wiedererkennung, während ſeiner Lordſchaft Augen von Pen's Geſicht unter den Hut von Pen's Begleiterin tauchten. Aber Tom Tufthunt nickte ſehr gutmüthig mit dem Kopfe und ſagte: „Wie geht's, alter Knabe?“ und blickte äußerſt vertraulich nach dem Helden dieſer Geſchichte. „Das iſt die berühmte Reiterin in Aſtley; ich habe ſie dort geſehen,“ ſagte Miß Bolton, nach Mademoiſelle Caracoline blickend; „und wer iſt der alte Mann dort, iſt es nicht der Gentleman in dem Ring?“ „Das iſt Lord Viscount Colchicum,“ ſagte Pen mit einer Protektorsmiene. Er doachte nichts Arges; es freute ihn, den Gönner des jungen Mädchens zu ma⸗ chen, und es war ihm nicht unangenehm, daß ſie ſo hübſch war, daß ſie an ſeinem Arme hing, und daß jener ältliche Don Juan ſie hier geſehen hatte. Fanny war ſehr hübſch; ihre Augen waren dunkel und glänzend, ihre Zähne wie kleine Perlen; ihr Mund war beinahe ſo roth als derjenige von Mademviſelle Ca⸗ racoline, wenn Letztere ihr Hochroth aufgelegt hatte. Und welch ein Unterſchied war zwiſchen den Stimmen beider, zwiſchen dem Lachen des Mädchens und dem des Weibes Erſt ſehr ſpät begann Fanny, wenn fie in den kleinen Spiegel über Bows⸗Coſtigans Kamin beim Ab⸗ ſtäuben blickte, zu vermuthen, daß ſie eine Schönheit ſei. Aber noch ein Jahr vorher war ſie ein ungeſchick⸗ tes, linkiſches Mädchen in der Tagſchule (Miß Minifers New Caſtle Street, Strand. Miß Minifer, die jüngere Schweſter war Hauptaktrice an dem Norwich-Theater im Jahr 182 —; und ſie ſelbſt hatte zwei Jahr mit einigem Rufe im T. R. E. O. T. R. S. W. geſpielt, bis ſie eine Fallthür hinabſtürzte und ein Bein brach). 102 Die Mädchen in Fannh's Schule nahmen keine Notiz von ihr und hielten ſie für ein plumpes Geſchöpfchen, ſo lange ſie in Miß Minifers Zucht und Erziehung ſtand. Es blieb unbemerkt und beinahe ungeſehen in der dun⸗ keln Loge des Pförtners von Shepherd's Inn, daß dieſe kleine Blume zur Schönheit erblühte. So hing dieſes junge Perſönchen an Mr. Pen's Arm, und ſie ſchritten zuſammen durch die Gardens dahin. So leer auch ſonſt London war, ſo ſchlenderten doch noch gegen zwei Millionen darin herum, und unter ihnen zwei oder drei Bekannte von Mr. Pendennis. Unter ihnen war ſchweigſam, allein, blaß, mit den Händen in den Taſchen, mit einem ſchmerzlichen Ricken des Kopfes, als ſie ſich begegneten, Henry Foker Eſquire an ihnen vorübergegangen. Der junge Henry verſuchte ſein Gemüth zu erleichtern, indem er von einer Aufre⸗ gung in die andere überging. Aber er dachte an Blanche, indem er an die Embleme der Lampen hinaufblickte; er konſultirte die Zigeunerin über ſie, und war betroffen, daß ſie ihm ſagte, er ſei in einem Liebesverhältniß mit einer Brunette, die ihn glücklich machen würde, und ob⸗ gleich in dem Conzert Mr. Momus ſeine ausgezeichnet⸗ ſten, komiſchen Lieder ſang und die merkwürdigſten Räthſel aufgab, kam doch kein freundliches Lächeln auf Foker's Lippen. In der That, er hörte gar Nichts von Mr. Momus. Pen und Miß Bolton waren in ſeiner näch⸗ ſten Nähe in dem Conzert, und Letztere bemerkte und Pen belachte Mr. Fokers ſchmerzerfüllte Miene. Fanny fragte, was dieſen altklugen kleinen Mann ſo unglücktich mache. „Ich glaube, es iſt ihm in der Liebe quer gegan⸗ gen,“ ſagte Pen. „Iſt das nicht genug, Einen unglück⸗ lich zu machen, Fanny?“ und er blickte auf ſie herab mit einer glänzenden Protektorsmiene, wie Egmont auf Clara in Göthes Trauerſpiel, oder Leiceſter auf Amy in Scott's Novelle. „In der Liebe iſt's ihm quer gegangen? Der arme 103 Gentleman!“ ſagte Fannh mit einem Seußzer, und ihre Augen wandten ſich mit nicht wenig Güte und Mitleid ihm zu — aber Harry ſah die ſchönen, dunkeln Augen nicht. „Wie geht's Ihnen, Mr. Pendennis?“ fiel hier eine Stimme ein — es war die eines jungen Mannes in einem großen, weißen Rocke mit rothem Halstuch, über welches ein ſchwarzbrauner, kurzer Kragen ſo aus⸗ geſchlagen war, daß er nur undeutlich einen Theil des Halſes zeigte, mit einer großen Stecknadel von Gold oder anderem Metall, mit einer phantaſtiſchen Weſte mit ſeltſamen Glasknöpfen und Beinkleidern, die mit lauter Stimme riefen: „Kommt und ſchaut mich an, wie wohl⸗ feil und flitterhaft ich bin; und mein Herr, was der für ein ſchmutziger Geck iſt!“ und mit einem kleinen Stock in einer Taſche ſeines Rockes, und mit einer Dame in blaßrothem Satin am andern Arm — „wie geht's Ih⸗ nen? — glaube gar, Sie haben mich vergeſſen? Hur⸗ ter, — Clavering.“ „Wie geht es Ihnen, Mr. Hurter?“ fragte der Prinz von Fairvaks in ſeiner prinzlichſten Manier — „ich hoffe, Sie befinden ſich ganz wohl?“ „Ziemlich wohl, dank' Ihnen.“ — Und Mr. Hurter bewegte den Kopf. „Ich muß ſagen, Pendennis, Sie ſind ungemein ſtark geworden, ſeit dem Strauß, den wir bei Wapſhot's gehabt, erinnern Sie ſich's nimmer? Großer Schriftſteller, he? geh'n mit den reichſten Dan⸗ dies um. Sah Ihren Namen in der Morning⸗Poſt. Ver⸗ muthlich haben Sie zuviel von einem Dandy, um zu kommen und mit einem alten Freunde ein Bischen zu ſoupiren? — Charterhouſe Lane, morgen Abend einige verdammt gute Burſche von Bartholomews und erſtaun⸗ lich guter Ginpunſch.“ Damit brachte Mr. Hurter ſeine Hand aus der Taſche, wo ſein Stock war, öffnete ſein Kartenetui mit den Zähnen und nahm daraus eine Karte, die er Pen einhändigte. „Sie ſind gußerordentlich gütig,“ ſagte Pen. „Aber 104 ich bedaure, daß ich eine Einladung habe, die mich auf morgen Abend aus der Stadt ruft. Der Marquis von Fairvaks wunderte ſich, daß ein ſolches Geſchöpf die Kühnheit habe, ihm eine Karte zu geben, und ſteckte Mr. Hurter's Karte mit einem ſtolzen Knix in die We⸗ ſtentaſche. Möglicherweiſe gewahrte Mr. Samuel Hur⸗ ter nicht, daß zwiſchen ihm und Mr. Pendennis ein gro⸗ ßer ſozialer Unterſchied war. Mr. Hurter's Vater war Wundarzt und Apotheker zu Clavering, gerade wie Mr. Pendennis' Papa Wundarzt und Apotheker in Bath ge⸗ weſen war, aber die Unverſchämtheit gewiſſer Leute ſpottet aller Berechnung. „Gut, alter Burſche, hat Nichts zu ſagen,“ ſagte Mr. Hurter, der, immer frei und vertraulich, durch die Aufregung des Weines noch leutſeliger geworden war. „Wenn Sie einmal vorübergehen, ſo ſehen Sie zu uns herauf, Samſtags bin ich meiſt zu Haus, und da iſt gewöhnlich Käſe im Schrank. Ta, ta. — Da läutet die Glocke zu den Feuerwerken. Kommen Sie, Mary!“ Damit brach er auf und rannte mit der übrigen Menge den Feuerwerken zu. Auch Pen begann, ſobald ihm dieſer angenehme Jüngling aus den Augen war, mit ſeiner kleinen Be⸗ gleiterin zu rennen; Mrs. Bolton folgte ihnen mit Mr. Coſtigan an der Seite, aber der Kapitän war zu maje⸗ ſtätiſch und würdevoll in ſeinen Bewegungen, um einem Freund oder Feind nachzurennen, und verfolgte ſeinen Lauf mit dem gewohnten leichtfertigen Schwadroniren, das ihn bei ſeinem Gehen auszeichnete, ſo daß er und ſeine Begleiterin ſehr bald durch eine große Strecke vvn Pen und Miß Fanny getrennt waren. Vielleicht vergaß Arthur oder wollte ſich nicht er⸗ innern, daß das ältere Paar kein Geld in der Taſche hatte, wie ſich durch ihr Abenteuer beim Eingang in die Gardens geoffenbart hatte. Sei dem, wie ihm wolle, Pen bezahlte ein paar Shillinge für ſich und ſeine Beglei⸗ terin und ging mit ihr am Arme die Treppe hinauf, die — 105 zu der Feuerwerkgalerie führt. Der Kapitän und Mama mochten ihnen gefolgt ſein, wenn ſie Luſt hatten, aber Arthur und Fanny waren zu eifrig, um hinter ſich zu blicken. Die Leute ſtießen und drückten neben und hinter ihnen. Ein gar zu eifriges Individuum fuhr an Fanny vorbei und ſtieß ſie ſo heftig mit dem Ellbogen, daß ſie mit einem leiſen Schrei zurückfiel, worauf Arthur ſie natürlich gewandt in ſeine Arme faßte und zum Schutze ſo vertheidigt hielt, bis ſie die Treppe hinaufſtiegen und ihre Plätze einnahmen. Der arme Foker ſaß allein auf einer der höchſten Bänke, indem ſein Geſicht von den Feuerwerken oder in deren Ermanglung von dem Monde beleuchtet wurde. Arthur ſah ihn und lachte, beſchäftigte ſich aber nicht viel mit ſeinem Freunde. Er war von Fanny in An⸗ ſpruch genommen. Wie ſie ſich verwunderte! Wie glück⸗ lich ſie war, wie ſie rief, oh! ohl oh! wenn die Raketen in die Luft emporſchwirrten, und in lazurnen, ſmatagdenen und hochrothen Schauern ſich herabgoßen. Während dieſe Wunderphänomene vor ihr aufleuchteten und verſchwan⸗ den, zitterte das Mädchen an Arthur's Seite; er fühlte, wie ſie ihn drückte, indem ſie voller Wonne aufſchaute. „Wie ſchön ſie ſind, Sir!“ rief ſie. „Nennen Sie mich nicht, Sir,“ ſagte Arthur. Ein plötzliches Erröthen flog über das Geſicht des Mädchens. „Wie ſoll ich Sie nennen?“ fragte ſie mit leiſer, lieblicher und zitternder Stimme. „Wie wünſch⸗ ten Sie, daß ich ſage, Sir?“ „Wieder, Fanny! Nun, ich vergaß, es iſt ſo am Beſten, meine Theure,“ ſagte Pendennis ſehr gütig und zart. „Darf ich Sie Fanny nennen?“ „O ja!“ ſagte ſie, und die kleine Hand drückte ſei⸗ nen Arm noch einmal lebhaft, und das Mädchen ſchmiegte ſich an ihn, ſo daß er ihr Herz ſchlagen fühlte. „Ich kann Sie Fanny nennen, weil Sie ein junges Mädchen und ein gutes Mädchen ſind und ich ein alter Gentleman bin. Aber Sie müſſen mich nicht anders 106 als Sir oder Mr. Pendennis nennen, wenn's Ihnen recht iſt, denn wir leben in ſehr verſchiedenen Stellungen, Fanny; und glauben Sie nicht, daß ich unfreundlich ſpreche; und — und warum ziehen Sie Ihre Hand zu⸗ rück? fürchten Sie ſich vor mir? Glauben Sie, ich werde Ihnen Etwas zu Leide thun? um alle Welt nicht, mein theures, kleines Mädchen. Und — und ſehen Sie, wie ſchön der Mond und die Sterne ſind, und in welch ſtiller Pracht, wenn die Raketen aus ſind und die ge⸗ räuſchvollen Feuerräder geziſcht und geleuchtet haben. Als ich heute Nacht hieher kam, dachte ich nicht, daß eine ſo hübſche, kleine Begleiterin an meiner Seite ſitzen und die ſchönen Feuerwerke ſehen würde. Sie müſſen wiſſen, ich lebe für mich und arbeite ſehr ſtreng. Ich ſchreibe Bücher und in Zeitungen, Fanny; und war ſehr ermüdet und erwartete, ich würde die ganze Nacht allein ſitzen, und — weinen Sie nicht, mein theures, theures Mädchen;“ hier ſchwieg Pen, indem er ſeinen ruhigen Sermon, den er zu halten begonnen, plötzlich abbrach, denn der Anblick von Weiberthränen brachte immer ſeine Nerven in zitternde Bewegung, und er begann ſie ſo⸗ gleich zu liebkoſen und zu geſchweigen, und hundert und aber hundert Ausrufungen des Mitleids und der Theil⸗ nahme von ſich zu geben, die nicht wiederholt zu wer⸗ den brauchen, weil ſie gedruckt ſich albern ausnehmen würden. So würde das Geplauder einer Mutter mit dem Kind albern lauten, ſo das eines Liebhabers mit ſeiner Braut. Jene liebliche, kunſtloſe Poeſie läßt ſich nicht übertragen; ſie iſt zu fein für des Gramma⸗ tikers plumpe Definitionen. Du haſt blos dieſelben vier Buchſtaben, um den Gruß zu beſchreiben, den Du auf die Stirn Deiner Großmutter und auf die heilige Wange Deiner Gebieterin drückſt; ganz dieſelben vier Buchſta⸗ ben, von denen keiner ein Lippenbuchſtabe iſt. Wollen wir damit andeuten, daß Mr. Arthur Pendennis Ge⸗ brauch von dem einſilbigen Worte machte? Nicht doch, erſtlich war es finſter; die Feuerwerke waren vorüber 107 und Niemand konnte ihn ſehen; zweitens war er nicht der Mann, der ein Geheimniß hatte, und es weiter ſagte; zum Dritten und Letzten möge der ehrliche Burſche, der ein hübſches Mädchen geküßt, ſagen, was er ſelbſt in einem ſo delikaten Falle gethan haben würde. Nun, ſo ſehr Sie ihn auch im Verdachte haben mö⸗ gen, und was Sie auch unter den gegebenen Umſtän⸗ den gethan haben würden, oder Mr. Pen hätten thun laſſen, er benahm ſich ehrenhaft, und wie ein Mann. „Ich will nicht mit dem Herzen des kleinen Mädchens ſpielen, nicht meine, oder ihre Ehre vergeſſen. Sie hat eine ſehr gefährliche und anſteckende Empfindſamkeit, und ich bin ſehr froh, daß die Feuerwerke vorüber ſind, und daß ich ſie zu ihrer Mutter zurückbringen kann.“ Kommen Sie, Fanny, geben Sie auf die Treppe Acht und halten Sie ſich an mich. Fallen Sie nicht, Sie unachtſames, kleines Ding; das iſt der Weg, und dort iſt Ihre Mama an der Thür.“ Und dort war auch in der That Mrs. Bolton, un⸗ ruhigen Gemüths und krampfhaft Ihren Schirm grel⸗ fend. Mit mütterlichem Ungeſtüm und Eifer erfaßte ſie Fanny und ſprach in leiſem Tone einige haſtige Schelt⸗ worte gegen das Mäbchen. Der Ausdruck in Kapitän Coſtigan's Auge — er ſtand hinter der Matrone und winkte Pendennis unter dem Hute hervor — war, ich muß es ſagen, unbeſchreiblich humoriſtiſch. Er war es in dem Grade, daß Pendennis unwill⸗ kürlich in ein Lachen ausbrach. „Sie hätten meinen Arm nehmen ſollen, Mrs. Bolton,“ ſagte er, und bot ihn ihr an. „Ich bin ſehr froh, Miß Fanny wieder wohlerhalten zu Ihnen zurück zu bringen. Wir glaub⸗ ten, ſie folgten uns auf die Galerie. Wir erluſtigten uns an den Feuerwerken, nicht wahr?“ „O ja!“ ſagte Miß Fanny mit etwas ernſtem icke. „Und das Bouquet war prachtvoll,“ ſagte Pen, „und ſeit zehn Stunden hab' ich Nichts über den Mund 108 gebracht, Ladies; und ich wünſchte, Sie erlaubten mir, Sie zu einem Souper einzuladen.“ „Bei Gott!“ ſagte Coſtigan, „ich wünſchte auch meinen Theil, hab' aber meine Börſe vergeſſen, ſonſt hätte ich die Ladies zu einem kleinen Abendhrod einge⸗ laden.“ Mrs. Bolton ſagte mit beſonderer Härte, ſie habe Kopfweh, und würde lieber nach Hauſe gehen. — „Ein Hummerſalat iſt das beſte Ding von der Welt für das Kopfweh,“ ſagte Pen galant, „und ein Glas Wein würde Ihnen gewiß gut thun, kommen Sie, Mrs. Bolton, ſeien Sie ſo gut und thun Sie mir den Ge⸗ fallen, ich habe nicht den Muth, ohne Sie zu ſoupiren, und auf mein Wort, ich habe nicht dinirt. Geben Sie mir Ihren Arm. Geben Sie mir den Schirm. Cvoſti⸗ gan, gewiß, Sie nehmen ſich Miß Fanny's an, und ich muß denken, Mrs. Bolton iſt böſe auf mich, wenn ſie mir nicht die Ehre ihrer Geſellſchaft ſchenkt. Wir wol⸗ len Alle in Ruhe ſoupiren und dann in einem Cab nach Hauſe fahren.“ Das Cab, der Hummerſalat, der freie und gutge⸗ launte Blick von Pendennis, als er lächelnd die Matrone einlud, unterdrückte ihren Verdacht und Aerger, da er ſo verbindlich ſein wollte, ſo glaubte ſie, ſie könnte ſchon ein Bischen Hummer annehmen, und ſo zogen ſie nach einer Bude, und Coſtigan rief mit ſo lauter und kriegeriſcher Stimme nach einem Kellner, daß einer die⸗ ſer Dienſtmannen im Augenblick auf ihn zurannte. Die Speiſekarte an der Wand wurde unterſucht und Fanny gebeten, ſich ihr Lieblingsgericht auszuwäh⸗ len, worauf das kleine Geſchöpf bemerkte, daß auch ſie Hummern ſchmackhaft finde, aber eine Vorliebe für Him⸗ beertorte geſtand. Dieſer Leckerbiſſen wurde von Pen beigeſchafft, und noch eine Flaſche des luſtigſten Cham⸗ pagners zum Entzücken der Ladies befohlen. Die kleine Fanny trank ihn, welche andere ſüße Berauſchung hatte ſie im Verlaufe der Racht nicht gekoſtet? 109 Als das ſehr lebhafte und heitere Souper vorüber war, und Kapitän Coſtigan und Mrs. Bolton von dem Arakpunſch, der in Vaurhall ſo treffliches Aroma hat, genoſſen hatten, wurde die Rechnung gefordert, und von Pen auf's großmüthigſte berichtigt. — „Wie ein ſchmucker, junger engliſcher Gentleman alter Zeiten, beim Jupiter,“ rief Coſtigan begeiſtert, und als er beim Austritt aus der Bude vortrat und Mrs. Bolton den Arm bot, wurde Fanny Pen zu Theil und das junge Volk ging in ſehr munterer Laune hinter den Aelte⸗ ren her. Der Champagner und der Arakpunſch, obgleich von allen mäßig genoſſen, außer dem armen Coß vielleicht, der in ſeinem Gange immer ein wenig wankte, hatte ſie in muntere Stimmung und Laune verſetzt, ſo daß Fanny anfing zu hüpfen und ihre jugendlichen Füßchen nach dem Takte der Muſik zu bewegen, die Walzer und Galoppaden für die Tänzer ſpielte. Als ſie zu dem Tanzplatze kamen, ſchienen die Muſik und Fanny's Füße ſchneller zu gehen — ſie ſchien wie durch natürlichen Antrieb vom Boden aufzuhüpfen und wie durch Zwang auf demſelben ſich zu halten. „Wollen Sie nicht eine Tour machen?“ fragte der Prinz von Fairvaks, „was das ein Spaß wäre! Mrs. Bolton, Ma'am, erlauben Sie mir, Sie ein Mal herum zu nehmen.“ Mr. Coſtigan rief: „fort mit euch,“ und da Mrs. Bolton keine Einſprache that (ſie war in der That ein altes Schlachtroß und wäre auf den Schall der Trompete ſelbſt gerne auf die Arena getreten), war Fanny's Shawl im Augenblick herab, und ſie und Ar⸗ thur wirbelten in einem Walzer mitten unter die bunte, aber ſehr luſtige Geſellſchaft. Pen hatte dieß Mal mit der kleinen Fanny keinen Unfall, wie mit Miß Blanche in alten Tagen, wenig⸗ ſtens war die Schuld nicht auf ſeiner Seite, das Paar tanzte mit großer Lebendigkeit und Befriedigung, — zu⸗ erſt einen Walzer und dann eine Galoppade, dann wie⸗ 1¹⁰ der einen Walzer, bis ſie von einem andern Paat, das ſich dem terpſichoreiſchen Chor angeſchloſſen, angeprallt wurden. Dieß war Mr. Hurter mit ſeiner in blaßroth gekleideten jungen Freundin, auf die wit bereits einen flüchtigen Blick geworfen hatten. Mr. Hurter hatte wahrſcheinlich gleichfalls ſoupirt, denn er war in noch größerer Aufregung, als wo er Pen's Bekanntſchaft in Anſpruch nahm, und als er ge⸗ gen Arthur und ſeine Tänzerin anrannte und ſie bei⸗ nahe zu Boden geworfen hätte, begann der liebenswür⸗ dige Gentleman die Leute, die er gepufft, zu ſchelten und das harmloſe Paar mit einer Ladung Schimpfworte zu überſchütten: „nun, Einfaltspinſel! bleibt vom Tanz⸗ boden, wenn ihr nicht tanzen könnt, alte Rumpelkutſche! Der junge Wundarzt brüllte (indem er noch andere ausdrucksvollere Titel gab) und wurde in ſeinem Schim⸗ pfen von dem ſchrillen Tone und dem Gelächter ſeiner Tänzerin unterſtützt — ſo daß der Ball unterbrochen wurde, die arme kleine Fanny in Schrecken und Pen in gränzenloſe Entrüſtung gerieth. Arthur war wüthend und nicht ſo ſehr aufgebracht über den Streit, als über die Schande, die ſich daran knüpfte. Ein Kampf mit einem ſolchen Burſchen! Ein Strauß in einem öffentlichen Garten mit eines Thor⸗ wächters Tochter am Arme, welche Lage für Arthur Pendennis! Er zog die arme kleine Fanny haſtig hin⸗ weg von den Tänzern zu ihrer Mutter, und wünſchte dieſe Lady, Coſtigan und die arme Fanny lieber unter den Boden, als hieher in ſeine Geſellſchaft und unter ſeinen Schutz. Als Hurter ſeinen Angriff begann, hatte dieſer junge großmaulige Gentleman nicht geſehen, wer ſein Gegner war, und ſobald er gewahrte, daß er Ar⸗ thur inſultirt hatte, begann er ſich zu entſchuldigen. „Halt dein dummes Maul, Mary,“ ſagte er zu ſeiner Tänzerin. „Es iſt ein alter Freund und Schulkamerad von mir. Ich bitte um Verzeihung, Pendennis; ſah nicht, daß Sie es waren, alter Knabe.“ Mr. Hurter 1¹¹ war einer der Jungen von der Claveringer Schule, die dem Kampfe anwohnten, den wir in unfrer frühern Geſchichte erwähnten, als der junge Pen den größten Kämpen der Akademie niederſchlug, und Hurter wußte, daß es gefährlich war, mit Arthur einen Handel zu befommen. Seine Entſchuldigungen waren dem Andern ebenſo gehäſſig, als ſeine Schimpfreden. Pen befahl ihm auf ſeine Vorſtellungen, zu ſchweigen und ſeinen (Pendennis) Namen weder hier, noch an einem andern Orte in den Mund zu nehmen, und verließ die Gardens, von einem Kichern der Menge begleitet, von der er jeden hätte umbringen mögen, daß er Zeuge dieſes herabwürdigen⸗ den Auftritts geweſen war. Er verließ die Gärten, indem er ganz die arme, kleine Fanny vergaß, die mit ihrer Mutter und dem ſtolzen Coſtigan zitternd hinter ihm her kam. Er wurde zur Beſinnung gebracht durch ein Wort des Kapitäns, der ihm an die Schulter griff, als fie eben durch das innere Thor gingen. „Wir werden nicht wieder eingelaſſen, wenn Sie nicht wieder zahlen,“ ſagte der Kapitän, „ſoll ich nicht zurückgehen und dem Burſchen Ihre Ausforderung bringen?“ Pen brach in ein Lachen aus. „Ihm eine Ausfor⸗ derung bringen! glauben Sie, ich würde mit einem ſol⸗ chen Burſchen mich ſchlagen?“ fragte er. „Nein, nein! thun Sie's nicht, thun Sie's nicht!“ rief die kleine Fanny. „Wie können Sie ſo böſe ſein, Kapitän Coſtigan?“ Der Kapitän brummte etwas von Ehre und winkte Pen vertraut, aber Arthur entgegnete ritterlich: „Nein, Fanny, ſeien Sie unbeſorgt. Es war meine Schuld, daß ich an einem ſolchen Platze tanzte, ich bitte Sie um Entſchuldigung, daß ich Sie bat, dort zu tanzen“ Er gab ihr wieder den Arm, rief nach einem Cab und ſetzte ſeine drei Freunde hinein. 112 Er wollte eben den Kutſcher bezahlen und ein an⸗ deres Gefährt für ſich nehmen, als die kleine Fanny, immer noch beängſtigt, ihr Händchen ausreckte, ihn beim Rock faßte, flehte und ihn erſuchte, herein zu kommen. „Will Nichts Sie beruhigen,“ ſagte Pen gut ge⸗ launt, „daß ich nicht zurück gehe, um mich zu ſchlagen? Nun, ich will mit Ihnen nach Hauſe kommen. Fahr' nach Shepherd's Inn, Cab.“ Das Cab fuhr ſeiner Be⸗ ſtimmung zu. Arthur war außerordentlich vergnügt über des Mädchens Aengſtlichkeit wegen ſeiner: ihre zärtlichen Schrecken ließen ihn ganz ſeinen frühern Aer⸗ ger vergeſſen. Pen ſetzte die Ladies an ihrer Loge ab, nachdem er beiden freundlich die Hand gedrückt hatte, und der Ka⸗ pitän flüſterte ihm wieder zu, daß er ihn am Morgen beſuchen wolle, wenn er Luſt habe, ihm eine Botſchaft an den Schuft zu übertragen. Aber der Kapitän war in ſeiner gewohnten Verfaſſung, als er den Vorſchlag machte; und Pen war vollkomman überzeugt, daß weder er noch Mr. Hurter beim Erwachen ſich von dem Streit etwas erinnern würden. Siebentes Rapitel. Ein Höflichkeitsbeſuch. Coſtigan weckte Pen nicht aus ſeinem Schlummer, keine feindliche Botſchaft von Mr. Hurter ſollte ihn ſtörenz und als Pen erwachte, ſo geſchah es mit einem friſchevn, lebhaftern Gefühl, als gewöhnlich zu dieſer Zeit der erſchöpfte und blafirte Londoner zu haben pflegt. 113 3 Der Mann der City erwacht zu Sorge und Rath und die Gedanken an die Börſe und das Comptoir nehmen Beſitz von ihm, ſobald der Schlaf unter ſeiner Nacht⸗ mütze entweicht; ein Rechtsfreund erweckt ihn mit dem frühen Morgen, um den Fall zu bedenken, der ihn den ganzen Tag in Anſpruch nimmt und der unvermeidliche Sachwalter, welchem er ſeine Papiere vor Abend ver⸗ ſprochen hat. Welcher von uns wird nicht alsbald be⸗ ſorgt, wenn ſeine Angen ſich oͤffnen, für ihn und die Welt? Freundlicher Stärker, der du uns in Stand ſetzſt, dem Tagsgeſchäft mit erneutem Muthe die Stirn zu bieten, herrliche Anordnung der Vorſehung, welche die Ruhe erzeugt. Mr. Pendennis Arbeit, oder vielmehr ſeine Gemüths⸗ ſtimmung war von der Art, daß ſeine täglichen Beſchäf⸗ tigungen ihn nicht ſehr intereſſirten: denn die Aufre⸗ gung literariſcher Arbeit legt ſich ſo ziemlich bald bei dem gedungenen Arbeiter, und das Vergnügen, ſich gedruckt zu leſen, erſtreckt ſich blos auf die erſten zwei oder drei Nummern des Magazins oder Zeitungsblattes. Pegaſus, in das Geſchirr geworfen und gezwungen, jeden Tag ſeine Station zu laufen, wird ſo proſaiſch, als jeder andere Miethgaul, und pflegt nicht zu arbeiten, bis er die Peitſche empfindet, oder ſeinen Haber in der Krippe trifft. So verrichtete wirklich Mr. Arthur ſeine Arbeit an der Pall⸗Mall Gazette (und ſeit ſeinem erfolgreichen Auf⸗ treten als Novelliſt mit erhöhtem Gehalt), aber ohne die geringſte Begeiſterung, indem er ſein Beſtes oder beinahe ſein Beſtes that und bald übel, bald ſchlecht ſchrieb. Er war ein literariſcher Miethgaul, von Natur ſchnell im Schritt, und glänzend in der Aktivn. Auch vermochte nicht Geſellſchaft, oder derjenige Theil, den er von ihr ſah, ihn über die Maaßen aufzure⸗ gen oder zu amüſiren. Trotz ſeiner Prahlerei und Großthuerei war er noch zu jung für Weibergeſellſchaft, die wahrſcheinlicher Weiſe in ihrer Vollendung nur ge⸗ Pendennis. MI. 8 8 6 1¹4 habt werden kann, wenn man aufgehört, an ſich ſelbſt zu denken und alle Plane der Eroberung bei den Da⸗ men aufgegeben hat, war er zu jung, um als Glei⸗ cher unter Männer aufgenommen zu werden, die in der Welt ſich ſchon ausgezeichnet und bei deren Unterhal⸗ lung man für jetzt kaum mehr ſein kann, als ein Zu⸗ hörer. Er war zu alt für Männer des Vergnügens von ſeinem Alter; zu viel Mann des Vergnügens für Geſchäftsleute, mit einem Wort, vom Schickſal beſtimmt, einen guten Theil ſeiner Zeit allein zu ſein. Das Schickſal erkennt dieſes Loos der Einſamkeit Manchem zu, und Mancher liebt ſie aus Geſchmack oder erträgt ſie ohne viel Schwierigkeit. Pendennis ertrug ſie wirk⸗ lich mit großem Gleichmuth, hatte aber nach ſeiner Ge⸗ wohnheit in Worten viel dagegen einzuwenden. „Was für ein hübſches natürliches Geſchöpf,“ dachte Mr. Pen, ſobald er nach dem Abend in Vaux⸗ hall erwachte; „wie hübſch und ungezwungen ſie ſich benimmt, wie viel vergnüglicher, als die Minaude⸗ rien der jungen Damen in dem Ballſaale“ (und hier rief er ſich einige Beiſpiele in die Erinnerung zurück und unter dieſen, er konnte ſich's nicht verſagen, die erkünſtelte Einfalt Miß Blanche's und die albernen Grazien einiger andern jungen Ladies in der Mode⸗ welt): wer hätte ſich einfallen laſſen, daß eine ſo hüb⸗ ſche Roſe in der Loge eines Thorwächters wachſen oder in dem unheimlichen, alten Blumentopf von Shepherd's Inn erblühen könnte? So lernt ſie alſo ſingen bei dem alten Bows? Wenn ihre Stimme beim Singen ſo lieblich iſt, als beim Sprechen, ſo muß ſie allerliebſt ſein. Ich liebe dieſe niedern voilées voix. „Wie wünſchten Sie, daß ich Sie nennen ſollte? Die arme kleine Fanny, es kam mich ſehr ſauer an, den grand air gegen ſie anzunehmen und ihr zu ſagen, daß ſie mich Sir nennen ſollte; aber wir wollen keinen Un⸗ finn der Art haben — nicht Fauſt und Gretchen ſpie⸗ len. Der alte Bows! So lehrt er ſie denn ſingen, 1¹⁵ nicht wahr? Ein lieber alter Burſche, der alte Bows: ein Gentleman in dieſen alten Kleidern, ein Philoſoph und auch ſo gutherzig! Wie gut er gegen mich in der Geſchichte mit der Fotheringay war. Auch er hat ſeine Schmerzen und ſeine Sorgen gehabt. Ich muß den alten Bows kultiviren. Man ſollte immer Leute jeder Art um ſich haben, die gentile Geſellſchaft wird mir zum Ekel, zu dem iſt Niemand in der Stadt, ja ich will Bows und auch Coſtigan beſuchen; was das ein reicher Charakter iſt! bei Gott, ich will ihn ſtudi⸗ ren und ihn in einem Buche bringen.“ Auf dieſe Weiſe unterhielt ſich der junge Anthropologiſt mit ſich ſelbſt, und da der Samstag der Feiertag der Woche war, da die Pall⸗Mall Gozette auf dieſen Tag erſcheint und die Mitarbeiter an dieſem Journal mit ihrem Kopf oder ihrer Tintenflaſche nicht weiter in Anſpruch ge⸗ nommen ſind, ſo beſchloß Mr. Pendennis, ſeine Muße zu benützen und einen Beſuch in der Shepherd's Inn zu machen, natürlich um den alten Bows zu ſehen. Wahr iſt, daß Arthur, wenn er der entſchiedenſte Roué, der abgeführteſte Liebesjäger, der je ein junges Mädchen zu täuſchen ſich vorgenommen, geweſen wäre, er hätte kaum beſſere Mittel anwenden können, um die arme kleine Fanny Bolton zu bezaubern oder zu be⸗ wältigen, als er in der Nacht zuvor gethan hatte. Seine dandymäßige Protektorsmiene, ſeine Einbildung, ſeine Großmuth, ſeine gute Laune, ſein Gefühl für Ehre und Anſtand, das ihn befähigte, das zitternde Entgegenkommen des jungen Geſchöpfes zurückzudrän⸗ gen und von der leichten Empfindſamkeit keinen Vor⸗ theil zu ziehen — ſeine Fehler und ſeine Tugenden hatten zumal dazu beigetragen, daß ſie ihn bewunderte, und wenn wir in Fanny's Bett hätten ſehen können, das ſie in einem Schrank mit jenen zwei kleinen Schwe⸗ ſtern theilte, denen wir Mr. Coſtigan Lebkuchen und Aepfel bringen ſahen, ſo würden wir finden, daß das arme Mädchen zur großen Beläſtigung ſeiner zwei Bett⸗ 116 genoſſen ſich unruhig auf ihrer Matraze umherwarf und alle Wonnen und Ereigniſſe dieſer wonnevollen, ereignißvollen Nacht, alle Worte, Blicke und Aktionen des ſplendiden Helden Arthur überdachte. Viele No⸗ vellen hatte Fanny geleſen, insgeheim und zu Hauſe, in drei Bänden und in Nummern. Die periodiſche Li⸗ teratur hatte noch nicht die jetzige Höhe erreicht, und die Mädchen von Fanny's Generation waren noch nicht in Stand geſetzt, ſechzehn Seiten aufregender Lektüre für einen Penny (drei Kreuzer) reich an Geſchichten von Verbrechen, Mordthaten, unterdrückter Tugend und den herzloſen Verführungen der Ariſtokratie zu kaufen; aber ſie hatte das Benefiz der Leihbibliothek, welche in Gemeinſchaft mit ihrer Schule, ihrem Zuckerwerk⸗ und Putzmachereigeſchäft Miß Minifer führte, und Arthur erſchien ihr zugleich als das verwirklichte Jeal aller Helden jener ſo lieben, ſchmierigen Bände, die das junge Mädchen verſchlungen hatte. Mr. Pen war, wie wir geſehen, mehr ein Dandy in Hemden und Kleinwaaren im Allgemeinen. Fanny ſah mit Ent⸗ zücken auf ſeine feine Wäſche, ſeine brillanten Hemd⸗ knöpfe, auf ſein elegantes Batiſtſacktuch und weißen Handſchuhe und die glänzende Schwärze ſeiner char⸗ manten Stiefel. Der Prinz war erſchienen und hatte das arme, kleine Dienſtmädchen erobert. Sein Bild durchzog beſtändig ihren ruheloſen Schlummer, der Ton ſeiner Stimme, das blaue Licht ſeiner Angen, die edelmüthigen Blicke halb Liebe, halb Mitleid — das männliche protegirende Lächeln, das freie, gewinnende Lachen, all' dieß wiederholte ſich in des Mädchens lie⸗ bender Erinnerung. Sie fühlte immer noch, wie ſein Arm ſie umſchloß unb ſah ihn ſo grandios lächeln, als er das köſtliche Glas Champagner füllte. Sie dachte an die Mädchen, ihre Freundinnen, welche ſie zu ver⸗ höhnen pflegten — an Emma Baker, die ſo ſtolz war, weil ſie mit einem Käſekrämer in einer weißen Schürze nächſt dem Clare Market verlobt war, und an Betſy 447 Rodgers, die mit ihrem jungen Herrn — dem Schrei⸗ ber eines Sachwalters, der mit einem Aktenbeutel um⸗ herging, ſich ſo Viel zu ſchaffen machte! Deßhalb war Fanny um zwei Uhr Nachmittags — als die Bolton Familie ihr Diner beſchloſſen (und Mr. B., welcher außer ſeinem Platze als Thorwächter der Inn, auch im Dienſte der Meſſrs. Treßler, der emi⸗ nenten Leichenbeſorger des Strandes, ſtand, auf dem Lande mit dem Sarge der Gräfin von Eſtrich abweſend war), als ein Gentleman in einem weißen Hute und weißen Beinkleidern unter dem Bogenthor der Inn er⸗ ſchien und an dem Thörchen des Thorwächters hielt, nicht im Geringſten überraſcht, nur entzückt, nur glück⸗ lich und über die Maßen erröthend. Sie wußte, es konnte Niemand anders ſein, als Er, ſie wußte, Er würde kommen — da war Er, da ſtrahlte Seine königliche Hoheit auf ſie von dem Thore her, ſie rief ihrer Mut⸗ ter, welche in den obern Zimmern beſchäftigt war: Mama, Mama! rannte noch einmal nach dem Thörchen und öffnete es, indem ſie die andern Kinder bei Seite ſtieß. Wie erröthete ſie, als ſie ihm ihre Hand gab! wie artig nahm er ſeinen Hut ab, indem er eintrat, und die Kinder ihn anſtarrten! er fragte Mrs. Bol⸗ ton, ob ſie nach den Anſtrengungen der Nacht gut ge⸗ ſchlafen habe, und drückte die Hoffnung aus, daß ſie kein Kopfweh habe, er ſei dieſes Weges gekommen und habe nicht an dem Thor vorüber gehen können, ohne zu fragen, wie ſich ſeine kleine Tänzerin befinde. Mrs. Bolton war vielleicht etwas zurückhaltend und argwöhniſch über dieſe Annäherungen; aber Mr. Pen's gute Laune war unerſchöpflich, er konnte nicht ſehen, daß er unwillkommen ſei; er ſah ſich nach den Prämiſſen zum Sitzen um, und da kein Stuhl erledigt war — auf einem lag ein Schüſſeldeckel, auf dem an⸗ dern ein Arbeitskörbchen und ſo fort — ſo nahm er einen von den Kinderſtühlen und ſetzte ſich auf dieſe un⸗ behagliche Erhöhung. Darüber lachten die Kinder, das 118 Kind Fanny lauter denn alle — wenigſtens war ſie mehr davon amüſirt und erſtaunte über die Herablaſſung Seiner königlichen Hoheit. Er ſich auf den Stuhl nie⸗ derſetzen, auf dieſen Kleinkinderſiuhl! — oft und viel be⸗ trachtete ſie ihn ſpäter; haben nicht wir alle Geräthe in unſern Zimmern, das unſre Phantafie mit theuern Ge⸗ ſtalten bevölkert, das unſer Gedächtniß mit holden lächeln⸗ den Geſichtern füllt, die uns nicht mehr anblicken? So ſetzte ſich denn Pen nieder und ſchwatzte mit großer Zungenfertigkeit mit Mrs. Bolton. Er fragte ſie über das Leichenbeſorgergeſchäft, und wie viele Lei⸗ chendiener mit Lady Eſtrich's irdiſchen Ueberreſten hin⸗ abgegangen ſeien, über die Inn, und wer darin wohne, er ſchien ſich ſehr für Campions Cab und Pferd zu intereſſiren und hatte den Gentleman ſchon in Geſell⸗ ſchaft getroffen. Er meinte, er ſollte Aktien in dem Polwheedle und Pontydiddlum nehmen. Vielleicht habe Mrs. Bolton mit dieſen Zimmern zu thun? Ob einige Zimmer in der Inn zu vermiethen wären? ſie wäre beſſer als der Temple; er ſollte nur nach Shepherd's Inn ziehen. Was Kapitän Strong betreffe, — und — Dberſt Altamont — hieß er ſo? ſo zeigte er auch viel Intereſſe für dieſelben. Der Kapitän war ein alter Freund von ihm auf dem Lande, er habe mit ihm hier auf ſeinen Zimmern dinirt, ehe der Oberſt zu ihm ge⸗ zogen. Was der Oberſt für ein Mann ſei, mit vie⸗ len Kleinodien geſchmückt und einer Perücke und gro⸗ ßem ſchwarzem Backenbart — ſehr ſchwarzem (hier war Pen außerordentlich ſchalkhaft und bewirkte ein hyſteriſches Kichern bei den Ladies) — ſehr ſchwarz in der That, ja ſchwarzblau; d. h. ein reiches grünliches Purpurroth? Das war der Mann; er hatte ihn auch bei Sir Fr . . . „ in Geſellſchaft getroffen. „O, wir kennen ihn,“ ſagten die Ladies, „Sir Fr. iſt Sir F. Clavering; er iſt oft hier zwei bis drei Mal die Woche bei dem Kapitän, ein kleiner Knabe 119 hat oft für ihn Wechſelſtempel geholt, o Himmel! bitt um Verzeihung, ich hätte keine Geheimniſſe ausſchwa⸗ tzen ſollen,“ platzte Mrs. Bolton heraus, indem ſie in eine vollkommen gute Laune geſchwatzt worden war. „Aber wir wiſſen, Sie ſind Gentleman, Mr. Pendennis, denn Sie haben gezeigt, daß Sie ſich als ſolchen be⸗ nehmen können. Hat Mr. Pendennis es nicht gezeigt, Fanny?“ Fanny vankte ihrer Mutter in ihrem Innern für dieſe Worte. Sie ſchlug ihre Augen empor an die niedrige Decke, und ſagte: „o, das hat er, ganz ge⸗ wiß, Ma,“ mit einer Stimme voll Gefühl. Pen war in Bezug auf die Wechſelſtempel und die Verhandlun⸗ gen auf Strong's Zimmern ſehr neugierig. Er fragte, ob er auch noch nach Wechſelſtempeln geſchickt habe, als Altamont gekommen und ſich bei dem Chevalier eingemiethet; wer er ſei, ob er viel Leute bei ſich ſehe und ſo fort. Dieſe Fragen, welche Pen, der ſich aus ihm eigenthümlichen Gründen für Sir Francis Clave⸗ ring's Angelegenheiten intereſſirte, mit vieler Geſchick⸗ lichkeit geſtellt, wurden von Mrs. Bolton im vollen Umfang ihres Wiſſens und Verſtehens, das nicht ſehr bedeutend war, arglos beantwortet. Als dieſe Fragen beantwortet, und Pen um wei⸗ tere verlegen war erinnerte er ſich glücklicher Weiſe ſeines Vorrechts als Mitglied der Preſſe und fragte die Ladies, ob ſie Freibillette in das Theater wünſch⸗ ten? Das Theater war ihre Luſt, wie es beinahe im⸗ mer der Fall iſt bei Perſonen, die in Beziehung zum Theater ſtehen, wenn Bolton in ſeinem Berufe abwe⸗ ſend war (es zeigte ſich in neueſter Zeit, daß es mit dem Thorwächter in Shepherd's Inn eine bedenkliche Wendung genommen, daß er viel trank und ſich den Ladies ſeiner Familie auch auf andre Weiſe unange⸗ nehm machte), ſo pflegten ſie vor Allem gerne heraus⸗ zuſchlüpfen und in das Theater zu gehen — während der kleine Barney, ihr Sohn, in der Lo ge ſaß; und Mr 120 Pendennis's ſehr großmüthiges und gentiles Anerbieten von Freibilletten wurden mit gränzenloſer Dankbarkeit von Mutter und Tochter aufgenommen. Fanny klatſchte vor Vergnügen in die Hände; ihr Geſicht ſtrahlte, ſie blickte, und nickte, und lachte ge⸗ gen ihre Mama, welche gleichfalls nickte und lachte. Mrs. Bolton war noch nicht zu alt für das Vergnü⸗ gen, noch zu alt für Bewunderung, meinte ſie, und ſehr wahrſcheinlich hatte Mr. Pendennis in ſeine Un⸗ terhaltung mit ihr einige Komplimente einfließen laſ⸗ ſen, oder ſeinen Reden eine ſolche Wendung gegeben, daß er ihr geſiel. Während ſie zuerſt gegen Pen ein⸗ genommen und argwöhniſch auf ihn war, nahm ſie jetzt Partei für ihn und war beinahe ſo begeiſtert für ihn, als ihre Tochter. Wenn zwei Frauenzimmer ſich verſtändigen, einen Mann liebenswürdig zu ſinden, ſo helfen ſie einander voran — Eines ſchiebt das Andere und die Zweite wird aus lauter Sympathie ſo eifrig, als die Hauptperſon — wenigſtens ſagen ſo die Philo⸗ ſophen, welche dieſer Wiſſenſchaft auf den Grund ge⸗ kommen find. So ſetzten die Theaterbillette und andere Scherze alle Parteien in vollkommen gute Laune außer einem Augenblick, wo eines der jüngern Kinder, als es Aſtley erwähnen hörte, hervor kam und bemerkte, daß es auch ſehr gern dort hin gehen würde, worauf Fanny mit etwas ſcharfem Ausdruck ſagte: „ſchwatze nicht ſo dumm,“ und die Mama: „packe dich fort, Betſy Jane, ſpielet in dem Hof;“ ſo daß die zwei kleinen, näm⸗ lich Betſy Jane und Ameliar Ann, in ihren kleinen un⸗ ſchuldigen Schürzchen davon trotteten und in dem Hof in dem weichen Sand um die Statue Shepherd's des Großen ſich erluſtigten. Während ſie hier ſpielten, kommunizirten ſie ſehr wahrſcheinlich mit einem alten Freunde, dem Bewohner der Inn, denn, während Pen ſich den Ladies in der Lodge angenehm machte und dieſe über ſeine drolligen — 12¹ Einfälle lachten, trat ein alter Gentleman von der Inn Square unter das Bogenthor und ſah durch die Thüre der Lodge herein. Er machte ein ſehr verblüfftes, klägliches Geſicht, als er Mr. Arthur auf einem Kindertiſche wie Mach⸗ eath in dem Schauſpiel in behaglicher Unterredung mit Mrs. Bolton und ihrer Tochter ſitzen ſah. „Was, Mr. Bows, wie befinden Sie ſich, Bows?“ rief Pen in luſtigem, lautem Tonez ich kam, Sie zu beſuchen und fragte dieſe Ladies um Ihre Adreſſe.“ „Sie kamen, um mich zu beſuchen, Sir, wirklich?“ fragte Bows und kam mit trauriger Miene herum und ſchüttelte Arthur die Hand. „Zum Henker mit dem alten Mann,“ dochte Jemand in dem Zimmer und ſo vielleicht noch Jemand außer ihr. Achtes Kapitel. In der Shepherd's Inn. Unſer Freund Pen ſagte: „Wie befinden Sie ſich, Mr. Bow's?“ mit lauter, freudiger Stimme, als er die⸗ ſen Gentleman gewahrte, und grüßte ihn auf eine leichte, ungezwungene Manier, jedoch hätte man ein Erröthen auf Arthurs Geſicht zu entdecken vermocht, (dem von Fanny geantwortet wurde, deren Wange ſtracks ein ditto rothes Signal aufhißte) und nachdem Bows und Arthur einander die Hände gedrückt, und der Erſtere ironiſch des Andern Behauptung, daß er Mr. Coſtigan's Zimmern einen Beſuch zugedacht, angenommen hatte, entfland in dem Kreiſe eine düſtere und beinahe ſchuld⸗ 122 bewußte Stille, die Pen alsbald dadurch, daß er ein großes Rutſchen und Geräuſch machte, zu beſeitigen ſuchte. Die Stille wich natürlich Mr. Arthurs Ge⸗ räuſch, aber die Düſterheit blieb und wurde noch düſte⸗ rer, wie wenn man in der Finſterniß eines Gewölbes ein einzelnes Licht aufſteckt. Pen verſuchte, auf ſpaß⸗ hafte Weiſe die Vorgänge der letzten Nacht zu be⸗ ſchreiben und eine Nachahmung von Coſtigan's vergeb⸗ lichen Aufforderungen mit dem Billetahnehmer in Vaur⸗ hall zu geben. Die Nachahmung ſiel nicht zum Beſten aus, wie konnte auch ein Fremder dem sanspareil ſich an die Seite ſtellen? Niemand lachte, Mrs. Bolton verſtand nicht im Geringſten, welche Rolle Mr. Pen⸗ dennis ſpielte, ob die des Billetabnehmers, oder die des Kapitäns. Fanny's Geſicht verrieth Unruhe, ſie ver⸗ ſuchte ein furchtſames Kichern; der alte Mr. Bows 1 ſah ſo ſauer darein, als ob er auf dem Orcheſter fiedelte, oder ein ſchweres Stück auf dem alten Klavier in der Hinterküche ſpielte. Pen fühlte, daß er mit ſeiner Ge⸗ ſchichte durchfiel; ſeine Stimme ſank und ſchwand un⸗ heimlich hinweg — flackerte auf und erloſch, und es wurde ganz finſter. Man konnte den Billet⸗Austräger hören, der in der Shepherd's Inn umherſchlendert, wie er über die Flieſen unter dem Thorwege ging und der Schall 1 ſeiner Stiefelferſen wurde männiglich bemerkt. . „Sie wollten mich beſuchen,“ ſagte Mr. Bows, wollen Sie ſo gut ſein und mit mir auf meine Zimmer kommen, Sie erweiſen ihnen eine große Ehre, ſie ſind ſehr hoch oben, aber —“ „O, ich wohne ſelbſt in einem Dachſtübchen und Shepherd's Inn iſt zweimal ſo freundlich, als Lamb Court,“ fiel Mr. Pendennis ein. „Ich wußte, daß Sie Zimmer im dritten Stock bewohnen,“ ſagte Bows, und wollte ſagen — Sie werden die Güte haben, meine Bemerkung nicht als unhöflich aufzunehmen — daß die Luft über drei Trep⸗ 123³ pen für Gentlemen geſünder iſt, als die in eines Thor⸗ wächters Lodge.“ „Sir!“ ſprach Pen, deſſen Licht in ſeinem Zorne wieder aufflammte und der geneigt war, zu ſtreiten, wie man es iſt, wenn man Unrecht hat. „Wollen Sie mir erlauben, meine Geſellſchaft zu wählen, ohne —“ „Sie waren ſo gütig, zu ſagen, daß Sie im Be⸗ griff wären, meine niedrige Behauſung mit einem Be⸗ ſuche zu beehren,“ ſagte Mr. Bows mit trauriger Miene. „Soll ich Ihnen den Weg zeigen? Mr. Pen⸗ dennis und ich find alte Freunde, Mrs. Bolton, ſehr alte Bekannte, und am früheſten Morgen ſeines Lebens kreuzten ſich unſre Wege.“ Der alte Mann deutete nach der Thür mit zit⸗ terndem Finger, mit dem Hute in der andern Hand und in etwas theatraliſcher Stellung; ſo waren auch ſeine Worte, als er ſprach, etwas künſtlich und dem Wörter⸗ buch entnommen, das er ſein Lebtag von den bemalten Lippen vor den Bühnenlampen gehört hatte; aber er agirte und maskerirte ſich nicht, wie Pen ſehr wohl wußte, obgleich er geneigt war, des alten Burſchen me⸗ lodramiſche Miene bei ſich zu verhöhnen. „Kommen Sie, Sir,“ ſagte er, „da Sie ſo eilig haben. Mrs. Bolton, ich wünſche Ihnen einen guten Tag, leben Sie wohl, Miß Fanny, ich werde immer mit Vergnü⸗ gen an unſern Abend in Vaurhall denken, und ver⸗ laſſen Sie ſich darauf, daß ich die Theaterbillets nicht vergeſſen werde.“ Damit ergriff er ihre Hand, drückte ſie, ließ ſie drücken, und war fort. „Was für ein artiger junger Mann,“ rief Mrs. Bolton. „Meinſt Du ſo, Ma?“ ſagte Fanny. „Ich dachte immer, wem er wohl gliche. Als ich auf den Wells mit Mrs. Serle war,“ fuhr Mrs. Bol⸗ ton fort, indem ſie durch den Fenſtervorhang Pen nach⸗ ſah, während er mit Mr. Bows den Hof hinaufging, „war dort ein junger Gentleman aus der City, der 124 gewöhnlich in einem Til'bry, in einem weißen Hute kam, und ihm auf und nieder gleich ſah, nur war ſein Backenbart ſchwarz und Mr. P's iſt roth.“ „Himmel, Ma! er iſt ſehr ſchön hellbraun,“ ſagte Fanny, „er kam wegen Emly Budd, welche die Co⸗ lumbine in Arlekyns Dudelſack, oder in der Schlacht von Navarin tanzte, wenn Miß de la Basky krank war — eine hübſche Tänzerin und eine Staatsſigur von einem Weibe auf der Bühne — und er war ein vornehmer Zuckerbäcker in der City, mit einem Landhaus zu Omer⸗ ton, und er fuhr ſie in dem Til'bcy die Goswell Street Read hinab; und eines Tags fuhren ſie daher und wurden getraut in der St. Bartholomew's Smith Field, wo ſie ſich in aller Stille ausrufen ließen, und ſie hält nun einen Wagen und ich ſah ihren Namen in der Zeitung als Patronin des Manſhing⸗Houſe Balls zum Beneſiz für das Waſchweiber⸗Aſyl. Und ſieh die Lady Mirabel an — Capting Coſtigan's Toch⸗ ter — ſie war von der Profeſſion, wie Alle noch recht wohl wiſſen.“ So und noch mehr der Art ſprach Mrs. Bolton, indem ſie bald durch den Fenſtervorhang guckte, bald die Krüge und Teller abrieb und ſie an ihren Platz in dem Eckſchranke ſtellte, und ihre Rede endigte, während ſie und Fanny das Tiſchtuch ausſchüttelten und zuſammenlegten und es wieder in die Tiſchlade brachten. Obgleich Coſtigan früher über Pen's Geldmittel und Erwartungen ziemlich genaue Aufſchlüſſe erhielt, ſo hatte Cos gleichwohl vermuthlich die vor Jahren in Chatteries geſammelten Notizen vergeſſen, oder war durch ſeine natürliche Begeiſterung angetrieben worden, ſeines Freundes Einkommen zu übertreiben. Er hatte an dem vorigen Abend, als er mit Miß Bolton, während Pen's kleinem Ausflug mit Fanny, umher ging, Fairoaks Park mit glühenden Farben geſchildert, ſich über den ungeheuren Reichthum von Pen's berühmtem Onkel, dem Major, verbreitet und eine vertraute Bekanntſchaft * 125 mit Arthur's Beſitz an Land und Kapitalien gezeigt. Sehr wahrſcheinlich hatte Mrs. Bolton in ihrer Weis⸗ heit über dieſe Dinge während der Nacht ſpekulirt und Viſionen gehabt, wie Fanny, gleich Mrs. Bolton's al⸗ ter Freundin, der Tänzerin in den Sadler's Wells *), in ihrem eigenen Wagen fuhr. Bei der letzten Operation, beim Tiſchtuch zuſam⸗ menlegen, kamen die beiden thörichten Weibsbilder nothwendig ſehr nahe zuſammen, und als Fanny das Tiſchtuch nahm und ihm die letzte Falte gab, hielt die Mutter dem jungen Mädchen ihren Finger unter das Kinn und küßte ſie. Wiederum flog das rothe Signal empor auf Fanny's Wange. Was bedeutete es wohl? Es war dießmal kein Grund zum Allarm. Reines Vergnügen war es, von dem die arme kleine Fanny erröthete. Arme, kleine Fanny, wie ? iſt Liebe Sünde, daß ſie ſo ſüß am Anfang und ſo bitter am Ende iſt? Nach der Umarmung hielt Mrs. Bolton es für geeignet, zu bemerken, daß ſie in Geſchäften ausgehe, und Fanny in der Lodge bleiben müſſe, worein Fanny nach einem ſehr ſchwachen Einwurfe willigte. So nahm denn Mrs. Bolton ihren Hut und Marktkorb und machte ſich auf den Weg: und ſobald ſie fort war, ging Fanny und ſetzte ſich an das Fenſter, das eine Ausſicht auf Bows's Thür gewährte, und verwandte kein Ange von dieſem Revier der Shepherd's Inn. Betſy Jane und Ameliar Ann ſummten in einer Ecke des Platzes und machten glauben, daß ſie in einem Gemäldebuch leſen, während ſie das Oberſte zu Unterſt hielten. Es war ein ernſtes und ſchreckenvolles Traktätchen von Mr. Bolton's Sammlg. Fanny hörte nicht, was ihre Schweſtern darüber plauderten. Bows's Thür war ihr einziges Augenmerk. *) Theater in London, blos für Gentlemen, nicht für Ladies. 126 Zuletzt ſchüttelte ſie ſich ein wenig und ihre Augen leuchteten auf. Er war herausgetreten. Er ſollte wie⸗ der das Thor paſſiren, aber ihr armes Geſichtchen ver⸗ finſterte ſich im Augenblick. Pendennis trat allerdings heraus, aber Bows folgte ihm, ſte gingen zuſammen durch den Thorweg. Er nahm blos ſeinen Hut ab und verbeugte ſich, als er hereinblickte. In drei oder vier Minuten — Fanny wußte nicht, wie lang es war, ſah ihn aber wüthend an, als er in die Lodge trat — kehrte Bows allein zurück und trat in des Thorwächters Zimmer. „Wo iſt Ihre Mama, Liebe?“ fragte er Fanny. „Ich weiß es nicht,“ ſagte Fanny in ärgerlicher Aufregung. „Ich folge meiner Mutter nicht, ſie mag gehen, wohin ſie will, Mr. Bows.“ „Soll ich meiner Mutter Hüter ſein?“ ſagte Bows mit ſeiner melancholiſchen Bitterkeit; „komm her, Betſy⸗ Jane und Ameliar Ann. Ich habe einen Lebkuchen für die Eine, die ihre Buchſtaben am beſten leſen kann, und einen zweiten für die Andere, die ſie am zweitbeſten liest.“ Als die Dämchen die Prüfung, welcher Bows ſie unter⸗ warf, beſtanden hatten, wurden ſie mit den Lebkuchprei⸗ ſen belohnt und gingen fort, um ſie in dem Hofe zu verzehren. Mittler Weile nahm Fanny eine Arbeit vor und ſchickte ſich an, als wollte ſie ſich damit beſchäftigen, aber ihr Geiſt war in großer Aufregung und Erbit⸗ terung, während ſie ihre Nadel in Bewegung ſetzte. Bows ſaß ſo, daß er den Eingang von der Lodge auf die Straße mit ſeinen Augen beſtreichen kounte. Aber die Perſon, die er vielleicht zu ſehen erwartete, wollte immer nicht erſcheinen. Und Mrs. Bolton kam herein vom Markte und traf Mr. Bows an der Stelle desje⸗ nigen, den ſie zu ſehen erwartete. Der Leſer kann viel⸗ leicht errathen, wie er hieß. Die Unterhaltung zwiſchen Bows und ſeinem Gaſte, als beide in die Wohnung hinaufgingen, die Erſterer mit dem Abkömmling der mileſiſchen Könige theilte, 127 war für keinen Theil beſonders befriedigend. Pen war verdrießlich. Wenn Bows etwas auf dem Herzen hatte, ſo be⸗ eilte er ſich nicht, ſich ſeiner Gedanken zu entledigen in Gegenwart von Kapitän Coſtigan, der während des gan⸗ zen Beſuchs auf ſeinem Zimmer geblieben war, va er nur wenige Minuten vor der Ankunft dieſer Gentlemen ſein Schlafgemach verlaſſen hatte. Wir find Augenzeu⸗ gen von Major Pendennis's Negligé geweſen: will Je⸗ mand der Valet de chambre unſeres andern Helden Coſtigan ſein? Es wollte ſcheinen, daß der Kapitän, ehe er ſein Schlafzimmer verließ, ſich mit einem Otto Whisky parfümirte. Ein reicher Geruch dieſes köſtlichen Parfüms duftete aus ihm hervor, als er den Druck der Kordialität ſeines Beſuches beſtand. Die Hand, welche dieſen Druck ausübte, drückte zum Erbarmen. Es war ein Wunder, wie ſie das Raſirmeſſer halten konnte, mit welchem der arme Gentleman tagtäglich an ſeinem Kinn operirte. Bows's Zimmer war ſo ſauber, als das ſeines Ka⸗ meraden unordendlich war; ſeine beſcheidene Garderobe hing unter einem Vorhang. Seine Bücher und geſchrie⸗ benen Muſikalien waren ſäuberlich auf Brettern aufge⸗ ſtellt. Ein lithographirtes Porträt von Fotheringay als Mrs. Haller mit der Aktrice ſpreizender Unterſchrift in der Ecke, hing traulich über dem Bette des alten Gent⸗ leman. Lady Mirabel ſchrieb viel beſſer, als Miß Fo⸗ theringay zu thun im Stande war. Ihre Herrlichkeit war ſeit ihrer Heirath eifrigſt darauf bedacht, die Schreib⸗ kunſt ſich zu eigen zu machen, und in einer gewöhnlichen Note bder Einladung oder Annahme einer Einladung konnte ſie ſich ganz gentil ausdrücken. Bows liebte jedoch die alte Handſchrift am meiſten, der ſchönen Künſtlerin frühere Manier. Er hatte blos ein Speeimen des neuen Styls, eine Note als Erwiderung auf ein für Lady Mirabel komponirtes und ihr gewidmetes Lied von ihrem gehorſamſten Diener Robert Bows; ein Dokument, das 128 unter ſeinen andern Staatspapieren in ſeinem Pulte als Kleinod aufbewahrt wurde. Er lehrte jetzt Fanny Bol⸗ ton fingen und ſchreiben, wie er Emily in früheren Ta⸗ gen gelehrt. Es war Bedürfniß für den Mann, ſich an etwas zu hängen. Als Emily ihm entriſſen ward, ſuchte er ein Surrogat, wie einer nach einer Krücke ſieht, wenn er ein Bein verliert, oder ſich an einen Floß anklammert, wenn er Schiffbruch erleidet. Latude hatte ſein Herz ohne Zweifel einem Weibe geſchenkt, ehe er ſich in der Baſtille in eine Maus verliebte. Es gibt Leute, die in ihrer Jugend eine herviſche Leidenſchaft gefühlt und er⸗ weckt haben, und damit endigen, daß ſie von den Lieb⸗ koſungen eines Pudels erquickt oder von ſeinem Unwohl⸗ ſein bekümmert werden. Aber es war hart für Bows und ſeine Gefühle als Mann und Sentimentaliſt ver⸗ letzend, daß er Pen wieder auf ſeiner Fährte fand und dieſer kleinen Fonny nachgehen ſah. Mittler Weile hatte Coſtigan keinen andern Ge⸗ danken, als daß ſeine Geſeliſchaft dem Herrn Pendennis im höchſten Grade willkommen ſei, und daß der Beſuch ves Erſteren ihm gegolten hahe. Er erklärte, daß er über dieſes Zeichen der Artigkeit ſehr erfreut ſei, und gelobte bei ſich, dieſes verbindliche Benehmen zu vergel⸗ ten, was nicht die einzige Schuld war, die der Kapitän auf ſeinen verſchiedenen Beſuchen bei ſeinem jungen Freund kontrahirt hatte. Er unterhielt ihn zuvorkom⸗ meud mit den Neuigkeiten des Tages, oder vielmehr der zehn letzten Tage: denn Pen erinnerte ſich in ſeiner Eigenſchaft als Journaliſt einige von des Kapitäns Mei⸗ nungen in der Jagd⸗ und Theaterzeitung, Coſtigan's Hrakel, geleſen zu haben. Er führte an, daß Sir Char⸗ les und Lady Mirabel nach London gegangen und ihn dringend eingeladen hätten, dort mit ihnen zuſammenzu⸗ treffen. Pen erwiderte mit großem Ernſt, daß Baden ein ſehr angenehmer Aufenthalt und der Großherzog außerordentlich gaſtfreundlich gegen Engländer ſei. Co⸗ ſtigan antwortete, daß die Geſetze der Gaſifreundſchaft — 129 einem Großherzog geziemten, daß er allen Ernſtes dar⸗ an denke, ihm einen Beſuch abzuſtatten; auch machte er einige Bemerkungen über die ſplendiden Feſtlichkeiten in Dublin⸗Caſtle, als Se. Ercellenz der Earl von Por⸗ tan Sherry ſeinen viceköniglichen Hof daſelbſt hielt und wovon er, Coſtigan, ein beſcheidener, aber ſehr vergnüg⸗ ter Zuſchauer geweſen war, und Pen — als er dieſe oft erzählten und in guter Erinnerung lebenden Legen⸗ den hörte — erinnerte ſich der Zeit, wo er ihnen eine Art von Glauben geſchenkt und einen gewiſſen Reſpekt vor dem Kapitän gefühlt hatte. Emily und ſeine erſte Liebe, das Zimmerchen in Chatteries und die freundliche Unter⸗ redung mit Bows auf der Brücke traten in ſeine Er⸗ innerung zurück. Er fühlte ſich ganz freundlich geſinnt gegen ſeine zwei alten Freunde und drückte beiden herz⸗ lich die Hand, als er aufſtand, um Abſchied zu nehmen. Er hatte, während der Kapitän ſprach, die kleine Fanny Bolton ganz vergeſſen, und Pen war in andere ſelbſtiſche Meditationen verſunken. Er erinnerte ſich ihrer wieder, als Bolos die Treppen herab ihm nachgetrippelt kam und die ſichtbare Abſicht hegte, ihm aus der She⸗ pherds Inn das Geleit zu geben. Mrs. Bows' Vorſicht war nicht ganz glücklich. Mr. Arthur Pendennis' Groll gegen des armen, alten Bur⸗ ſchen ſchwache Verfolgung ſteigerte ſich. „Zum Henker mit ihm, daß er Willens war, mir nachzuſpüren,“ dachte Pen, und er brach in ein Lachen aus, als er auf dem Strande allein daſtand und an die Kriegsliſt dachte. Es war kein ehrliches Lachen. Arthur Pendennis mochte es ſelbſt denken und erröthete über ſeine gute Laune. Er ging weiter, indem er verſuchte, die Gedanken zu verbannen, die ihn beſchäftigten, was auch immer dieſe Gedanken ſein mochten, und beſuchte verſchiedene Plätze der Beluſtigung mit nur geringem Erfolg. Er mühte ſich die höchſten Stufen des Panorama's hinauf, und wenn er keuchend auf dieſer Höhe anlangte, war Pendennis. MI. 9 130 die Sorge mit ihm hinaufgeſtiegen und drängte ſich ſei⸗ ner Geſellſchaft auf. Er ging in den Klubb und ſchrieb einen langen Brief nach Hauſe, außerordentlich witzig und ſarkaſtiſch, und wenn er kein Wörtchen von Vaur⸗ hall und Fanny Volton erwähnte, ſo geſchah es nur, weil er glaubte, daß der Gegenſtand, ſo intereſſant er auch für ihn war, doch für ſeine Mutter und Laura nicht ſehr unterhaltend ſein würde. Auch konnte der Novellen⸗ tiſch und die Bibliothek ſeine Aufmerkſamkeit nicht feſ⸗ ſeln, noch der ernſte und reſpektable Jawkins (der ein⸗ zige Mann in der Stadt), der eine Unterredung mit ihm anknüpfte, noch auch eine der andern Kurzweilen, mit denen er's verſuchte, nachdem er Jawkin's entronnen war. Er ging auf dem Heimweg an einem komiſchen Theater vorbei und ſah „Stunning Farce“ *), Roars of Laughter **), Good old English Fun and Fro- lie ***) in rothen Lettern an dem Thor angeheftet. Er ging auf das Parterre und ſah die liebenswürdige Mrs. Leary wie gewöhnlich in Manneskleidung, und den aus⸗ gezeichneten Poſſenreißer Tom Horſeman als Weib ver⸗ kleidet. Horſeman's Traveſtie ſchien ihm eine abſcheu⸗ liche, garſtige Herabwürdigung, und Mrs. Bearyes Blicke und Knöchel thaten nicht den geringſten Effekt. Er lachte wieder bitterlich über ſich ſelbſt, wenn er an die Wir⸗ kung dachte, die ſie in dem erſten Abend ſeiner Ankunft in London eine kurze Zeit auf ihn hervorgebracht hatte — wie lange, lange war das ſchon! — *) Extrafarce. **) Lachfieber. ***) Gute altengliſche Scherze und Schnurren. 131 Meuntes Kapitel. In oder nächſt dem Tempelgarten. Die Faſhion hatte ſchon längſt den grünen und prächtigen Tempelgarten im Stiche gelaſſen, in welchem Shakeſpeare York und Lancaſter die unſchuldige weiße und rothe Roſe pflücken läßt, welche die Abzeichen ihrer blutigen Kriege werden ſollten, und der gelehrte und gefällige Verfaſſer des Handbuchs von London ſagt uns, daß „die gemeinſte und unverwüſtlichſte Art von Roſen“ ſchon längſt aufgehört hat, in der rauchigen Luft ihre Knoſpen zu treiben. Nicht viele der jetzigen Inſaßen der Ge⸗ bäude rings um dieſen Bezirk wiſſen oder kümmern ſich ſehr wahrſcheinlich darum, ob Roſen dort blühen oder nicht, noch gehen ſie durch das alte Thor, außer auf ihrem Wege nach den Chambers. Die Schreiber der Attor⸗ nies tragen keine Blumen in ihren Säcken, noch Blu⸗ menſträuße unter dem Arme, wenn ſie nach den Raths⸗ zimmern eilen — die wenigen Rechtsgelehrten, welche hier ihre Geſundheitsgänge machen, denken ſehr wenig an York und Lancaſter, beſonders ſeit ſie die Eiſenbahn⸗ geſchäfte auf dem Rücken haben. Nur Alterthümler und Liebhaber der Literatur betrachten mit großem Intereſſe die Gärten und denken ſich, wie der gute Sir Roger de Coverley und Mr. Spectator mit ſeinem kurzen Ge⸗ ſicht auf dem Wege auf- und niederſchreiten, oder der theure Oliver Goldſmith in dem Sommerhaus, vielleicht nachſinnend über die nächſten „Weltbürger,“ oder die neue Kleidung, die Mr. Filby, der Schneider, für ihn macht, oder über den Mahnbrief, den Mr. Newbury ge⸗ ſendet hat. Schwer auftretend auf dem Kies und ma⸗ jeſtätiſch einherſchreitend in ſeinem ſchnupftabakfarbenen Gewande und in einer Perücke, die nach des Barbiers 132 Puder und Brenneiſen ſchreit, ſieht man den großen Doktor auf ihn zugehen (indeß ſein ſchottiſcher Lakei dem Lexikographen auf der Ferſe folgt, etwas beſchwerlich wegen des Portweins, den ſie in der Mitre getrunken), und Mr. Johnſon bittet Mr. Goldſmith, mit ihm heim⸗ zukommen, und eine Taſſe Thee mit Miß Williams zu trinken. Freundliche Treue der Phantaſie! Sir Ro⸗ ger und Mr. Spectator ſtehen vor uns ſo leibhaftig als die zwei Doktoren und der einfältige, treue Schottlän⸗ der. Die poetiſchen Geſtalten leben in unſerer Erin⸗ nerung ſo reell als die wirklichen Perſonen — und da Mr. Arthur Pendennis eine Vorliebe für Romantik und Literatur hatte und keineswegs befreundet war den juri⸗ diſchen Kämpfen, die in der Nachbarſchaft des Platzes zu Hauſe waren, ſo können wir annehmen, daß er der⸗ gleichen poetiſchen Reflerionen ſich hingab, als am Abend nach den im letzten Kapitel berichteten Ereigniſſen der junge Gentleman die Temple Gardens zu ſeiner Leibesbe⸗ wegung und Meditation ſich auserkor. Am Sonntag Abend iſt der Temple gewöhnlich ruhig. Die Chambres (Zimmer) ſind größtentheils leer. Die großen Rechtsgelehrten geben grandioſe Dinerparthien in ihren Häuſern in den belgraviſchen oder tiburniſchen Bereichen. Die angenehmen jungen Barriſters find ab⸗ weſend, indem ſie jenen Parthien beiwohnen oder Mr. Kewſy's vortrefflichen Claret oder des Lord Ermine's ausgezeichneten Töchtern ihren Reſpekt bezeugen: die Uneingeladenen nehmen Theil an der ſpärlichen Keule und der beſcheidenen Halbpinte Wein in dem Klubb, indem ſie ſich und den Reſt der Geſellſchaft in dem Klubbzimmer mit Cireusſchwänken und witzigen Rechts⸗ pointen unterhalten. Niemand iſt in den Zimmern außer dem armen Mr. Cockle, der krank liegt, und deſſen Waſcherin ihm den Gerſtenſchleim bereitet oder Mr. Toodle, der ein Dilettant auf der Flöte iſt, und den man in ſeinen Zimmern im zweiten Stocke pfeifen hört, oder dem jungen Studenten Tiger, aus deſſen offenen 133 Fenſtern eine ſtarke Strömung Cigarrenrauches kommt und an deſſen Thür eine Anzahl Schüſſeln mit Deckeln ſtehen, welche die Inſignien von Dicks oder Cock führen. Aber halt! wohin verirrt ſich unſere Phantaſie? Es iſt ja Vakanz und außer Pendennis iſt keine Seele in den Chambres. Vielleicht war es eben die Einſamkeit, die Pen jetzt in den Garten führte: denn obgleich er nie zuvor durch das Thor gegangen war und die hübſchen Blumenbeete und die Gruppen vergnügter Bürger über den hübſchen Grasplatz und die breiten Kieswege an dem Fluſſe hatte hinſchlendern ſehen, ſo geſchah es doch an dieſem Abende, wie wir bereits berichteten, daß der junge Gentleman, der allein in einer Weinſchenke in der Nähe des Tem⸗ pels dinirt hatte, ſich einfallen ließ, auf ſeinem Heim⸗ wege in ſein Zimmer einen kleinen Spaziergang in den Gärten zu machen und die friſche Abendluft und den Anblick der glänzenden Themſe zu genießen. Nachdem er eine kurze Weile gegangen und die vielen friedlichen und glücklichen Gruppen um ihn her betrachtet hatte, wurde er müde vom Gehen und wandte ſich nach einer der Lauben, welche die beiden Seiten des Hauptwegs flankiren und nahm dort beſcheidentlich Platz. Was waren ſeine Gedanken? Es war ein ſtiller, herrlicher Abend, keine Wolke am Himmel, die Kamine am Gegen⸗ ufer rauchten nicht; die Werfte und Magazine ſtanden in roſigem Sonnenſchein und ſo rein, als ob auch ſie ſich für den Feiertag gewaſchen hätten. Die Dampfer huſchten mit Sonntagspaſſagieren den Fluß auf und nieder, die zahlreichen Glocken der Citykirchen läuteten zum Abendgebet — ſo ſtille Sabbathabende, wie Pen ſich ihrer aus frühern Tagen erinnerte, als er, den Arm um ſeiner Mutter Leib geſchlungen, auf der Terraſſe daheim aufund nieder ging. Die Sonne glänzte auf dem kleinen Brawl ſo herrlich, als auf der breiten Themſe und ſank majeſtätiſch hinter die Claveringer Ulmen und den Thurm der traulichen Dorfkirche hinab. Waren es 134 Gedanken wie dieſe, oder nur der Sonnenuntergang, daß eine Röthe des jungen Mannes Geſicht übergoß? Er ſchlug den Takt auf der Bank zu dem Chore der Glocken außen, wiſchte mit dem Sacktuch den Staub von ſeinen glänzenden Stiefeln, fuhr auf und ſtampfte mit dem Fuß, indem er rief: „Nein, beim Jupiter, ich gehe heim“. Und mit dieſem Entſchluß, der einen in⸗ nerlichen Streit zwiſchen der Schicklichkeit des Hierblei⸗ bens und der des Fortgehens verrieth, trat er aus dem Sommerhauſe. Beinahe trat er zwei kleine Kinder zu Boden, die ihm nicht höher als zu den Knieen reichten, und auf dem Kiesweg dahintrotteten, indem ſie lange blaue Schatten nach dem Oſten warfen. Eines ſchrie: „oh!“ das andere fing an zu lachen, und mit einem traulichen kindlichen Kichern rief es: „Miſſa Pen — dennis!“ Arthur blickte herab und ſah ſeine zwei kleine Freundinnen vom vorigen Tag, Mes⸗ demoiſelles Ameliar Ann und Betſy Jane. Er erröthete mehr venn je bei ihrem Anblick; er griff die Eine, die er beinahe umgeworfen, warf ſie in die Luft und küßte ſie. Ueber dieſen plötzlichen Angriff begann Ameliar Ann in großer Angſt aufzuſchreien. Dieſer Angſtſchrei brachte im Augenblicke zwei Ladies in reinen Halskrägen, neuen Bändern und großartigen Shawls an ſeine Seite: Mrs. Bolton in einem reichen, ſcharlachenen kaledoniſchen Kaſchmir und einem ſchwar⸗ zen Kleide, und Miß F. Bolton, mit einer gel⸗ ben Schärpe und einem hübſchen mit Zweigen überſtick⸗ ten Mouſſeline und einem Sonnenſchirm, — eine ganze Dame. Fanny ſprach kein Wort, obgleich ihre Angen einen Willkomm entgegenblitzten und ſo herrlich ſtrahl⸗ ten, — ſo herrlich als die ſchimmerndſten Fenſter in Paper Buildings. Aber Mrs. Bolton ſprach nach einem Verweis an Betſy Jane: „Himmel, Sir, wie wunder⸗ bar iſt es, daß wir uns hier treffen? ich hoffe, Sie be⸗ finden ſich wohl. — „Iſt es nicht wunderbar, Fanny, 135 daß wir Mr. Pendennis treffen ſollten? Was wollen Sie mit Ihrem Hohngelächter, Mesdames? Wenn ein junger Kröfus in einem Landhauſe ſich aufhielt, ſind Sie da nie durch einen ſonderbaren Zufall in dem Buſchwerk umhergewandelt? Hat es ſich nie getroffen, daß Sie und Ihre Fanny der Muſikbande der ſchweren Cavallerie in Brighton horchten, als der junge de Boots und Kapi⸗ tän Padmore den Hafendamm herab klirrten? Hat es ſich nie getroffen, daß Sie und Ihre theure Frances die alte Wittwe Wheezy bei der Cottage auf der Allmände beſuchten, als der junge Pfarrer mit einem Traktätchen über den Rheumatismus in's⸗Zimmer trat? Glauben Sie, daß wenn wunderbare Begegnungen in der Halle ſich ereignen, dieſelben in der Lodge unmöglich ſind?“ Es war unſtreitig ein wunderbares Zuſammentref⸗ fen. Im Verlaufe der Unterhaltung des geſtrigen Ta⸗ ges hatte Mr. Pendennis auf die einfachſte Weiſe, und als Erwiderung auf eine Frage Miß Bolton's bemerkt, daß, obgleich einige der Höfe düſter ſeien, einzelne Par⸗ thien des Tempels ſehr angenehm und luſtig wären, beſonders die Zimmer, welche auf den Fluß gehen und um die Gärten, und daß die Gärten ein ſehr angeneh⸗ mer Spaziergang an Sonntagabenden ſeien, und von vielem Volke befucht werden — und hier treffen ſich durch den reinſlen Zufall alle unſere Bekannten, wie ſo viele Leute im vornehmen Leben. Was konnte harmlo⸗ ſer, gutmüthiger oder natürlicher ſein? Pen ſah ſehr ernſt, prachtvoll und dandymäßig aus. Er war ungewöhnlich lebhaft und brillant in ſei⸗ nem Anzug. Seine weißen Beinkleider, ſein weißer Hut, ſein vielfarbiges Halstuch, ſeine hellbraune Weſte, ſeine goldenen Ketten und Hemdknöpfe gaben ihm zum Mindeſten das Ausſehen eines Prinzen von Geblüt. Wie ſtimmte ſein Glanz ſo gut zu ſeinem Aeußern! Konnte irgend Jemand ihm an die Seite geſtellt wer⸗ den? fragte ſich irgend Jemand. Er erröthete — wie ſtand ihm ſein Erröthen ſo gut! ſagte ſich daſſelbe In⸗ 136 dividuum. Die Kinder waren, als ſie ihn Tags zuvor ſahen, ſo für ihn intereſſirt, daß ſie nach ſeinem Ab⸗ gang ihn ſpielten, und Ameliar Ann ſteckte ihre kleinen run⸗ den Fingerchen in die Armlöcher ihres Flügelkleids, wie Pen mit ſeiner Weſte zu thun pflegte und ſagte: „nun, Beſſy⸗ Jane, will ich Miſſa Pendennis ſein“. Fanny hatte ge⸗ lacht, bis ſie weinte, und ihre Schweſter mit Küſſen für dieſe Großthat geliebkost. Wie glücklich war ſie auch, als ſie ſah, daß Arthur das Kind umarmte. Wenn Arthur roth war, ſo war Fanny im Gegen⸗ theil ſchmachtend und blaß. Arthur bemerkte es und fragte frenndlich, warum ſie ſo erſchöpft ausſehe. „Ich wachte die ganze Nacht,“ ſagte Fanny und erröthete ein wenig. „Ich löſchte ihr Licht aus und hieß ſie ſchlafen und das Leſen aufgeben,“ fiel die zärtliche Mutter ein. „Sie laſen! und was hat Sie ſo intereſſirt?“ fragte Pen amüſirt. „O es war ſo ſchön!“ ſagte Fanny. „Was?“ „Walter Lorrain,“ ſeufzte Fanny, „wie haſſe ich die Neära — Nära — ich weiß nicht, wie man es ausſpricht. Und wie liebe ich Leonora und Walter, o wie lieb iſt er!“ Wie hatte Fanny die Novelle „Walter Lorrain“ entdeckt, und daß Pen der Verfaſſer war? Dieſe kleine Perſon hatte ſich jedes Wort gemerkt, und daß er in Bücher und Zeitungen ſchrieb. Welche Bücher? Sie war ſo begierig, es zu erfahren, daß ſie beinahe im „ Sinn hatte, gegen den alten Bows, der ſeit geſtern bei ihr in Ungnade war, artig zu ſein, aber ſie beſchloß, ſich zuerſt an Coſtigan zu wenden, und begann damit, daß ſie dem Kapitän ſchön that, und ihm auf die ge⸗ winnendſte Weiſe zulächelte, während ſie ihm ſein Diner zubereiten und ſein Zimmer in Ordnung bringen half. Sie meinte, ſeine Wäſche müßte ausgebeſſert werden (und wirklich enthielt des Kapitäns Garderobe einige 137 merkwürdige Stücke der Flachs⸗ und Baumwollenarbeit), ſie wollte ſeine Hemden flicken — alle ſeine Hemden. Welch ſpaßhafte Löcher! Sie ſteckte ihr Geſichtchen durch eines derſelben und lachte den alten Krieger auf die luſtigſte Weiſe an, es würde ein hübſches Bildchen gegeben haben, wie ſie ſo durch die Löcher guckte. Dann entfernte ſie mit Grazie Coſtigan's Mittagstiſch und trippelte aus dem Zimmer, wie ſie die Tänzerin⸗ nen auf der Bühne hatte thun ſehen, und tanzte nach dem Schranke des Kapitäns, produzirte ſeine Whisky⸗ flaſche, miſchte ihm einen Tummler und mußte davon einen Tropfen — einen kleinen Tropfen ſelbſt koſten; und der Kapitän mußte ihr eines ſeiner theuren Lieder fingen und es ſie lehren. Und als er eine iriſche Me⸗ lodie mit ſeiner reichen, zitternden Stimme geſungen hatte, indem er ſich einbildete, er ſei es, der die kleine Sirene bezaubere, legte ſie ihm ihr Frägchen über Ar⸗ thur Pendennis und ſeine Novelle vor, und als ſie eine Antwort erhalten hatte, kümmerte ſie ſich um Nichts weiter, ſondern verließ den Kapitän bei dem Klavier, im Begriff, ihr ein zweites Lied zu fingen, und den Schüſſeleinſatz vom Diner auf dem Gange und die Hemden auf dem Stuhl und rannte die Treppen hinab, indem ſie ihren Schritt mehr und mehr beeilte. Kapitän Coſtigan war, wie er ſagte, kein „literari⸗ ſcher Kyarkter“, noch hatte er Zeit gefunden, ſeines jun⸗ gen Freundes geſchmackvolle perfaurumance (Arbeit) zu durchleſen, obgleich er beabſichtigte, ſobald als mög⸗ lich ſich Gelegenheit zu nehmen, ein Exemplar (a cawpee ſtatt copy) ſeines Werkes zu kaufen. Aber er kannte den Namen von Pens Novelle von der Thatſache, daß die Herren Finucane, Bludyer und andere Beſucher der Hinterküche von Mr. Pendennis ſprachen (und nicht alle mit beſonderer Freundſchaft, denn Bludyer nannte ihn einen konfuſen Gecken und Hvolan wunderte ſich, daß Doolan ihm nicht eines ans Bein gab und ſo weiter) und 138 ihm das sobriquet Walter Lorrain gaben, was ihn in Stand ſetzte, Fanny den gewünſchten Aufſchluß zu geben. Und ſie ging hin und fragte darnach in der Leih⸗ bibliothek, ſagte Mrs. Bolton, — „in mehreren Leih⸗ bibliotheken und einige hatten es, und es war draußen, und einige hatten's nicht. Und eine der Bibliotheken, die es gehabt hatte, wollt' es ihr nicht laſſen ohne einen Sovering; und ſie hatte keinen und kam weinend zu mir zurück — nicht wahr, Fanny? und ich gab ihr einen Sovering.“ „Und oh, ich war in ſolcher Angſt, es möchte einer kommen und es nehmen, ſo lang ich fort wäre,“ ſagte Fanny, indem ihre Wangen und Augen glühten. „Und o, ich mag es ſo!“ Arthur war von dieſer ungekünſtelten Theilnahme gerührt und außerordentlich geſchmeichelt. „Gefällt ſie Ihnen?“ fragte er. „Wenn Sie zu mir auf meine Zimmer kommen, will ich — nein, ich will Ihnen eines bringen — nein, ich ſende Ihnen eines. Guten Abend. Dank Ihnen, Fanny. Gott ſegne Sie. Ich darf nicht bei Ihnen bleiben, leben Sie wohl, leben Sie wohl.“ Ihre Hand noch ein Mal drückend und ihrer Mutter und den andern Kindern zuwinkend, ſchritt er aus den Gärten. Er beſchleunigte ſeine Schritte, als er ſich von ihnen wandte, und rannte mit ſich ſelbſt ſprechend aus dem Thor. „Theures, theures Geſchöpfchen,“ ſagte er, — „kleine Fanny, mein Liebling, Du wiegſt ſie alle auf. Ich wünſchte zu Gott, Shandon wäre zurück, ich würde nach Hauſe gehen zu meiner Mutter. Ich darf ſie nicht ſehen. Ich will nicht, ſo wahr mir Gott helfe —“ Während er ſo ſprach und davon rannte und die Vorbeigehenden ſich umwandten, um ihm nachzuſehen, ſtieß er auf einen kleinen alten Mann und erkannte in ihm Mr. Bows. „Ihr unterthänigſter Diener, Sir,“ ſagte Mr. Bows, 139 indem er eine ſarkaſtiſche Verbeugung machte und ſeinen alten Hut von ſeiner Stirn lüpfte. „Ich wünſche Ihnen einen guten Tag,“ antwortete Arthur ungeduldig, „ich will Sie nicht lange aufhalten oder kehren Sie gefälligſt mit mir um, ich habe Eile, Sir, guten Abend!“ Bows dachte, Pen habe einigen Grund, nach ſeinem Zimmer zu eilen. „Wo ſind ſie?“ rief der alte Gentle⸗ man. „Sie wiſſen, wen ich meine, ſie ſind nicht auf Ihren Zimmern, nicht wahr? Sie ſagten Bolton, ſie gingen in die Tempelkirche; Sie waren nicht dort. Sie ſind auf Ihren Zimmern; Sie dürfen nicht auf Ihren Zimmern bleiben, Mr. Pendennis!“ „Gott verdamm mich, Sir!“ rief Pendennis unge⸗ ſtüm, „kommen Sie und ſehen Sie, ob ſie in meinen Zimmern ſind, hier iſt der Hof und das Thor — kom⸗ men Sie und ſehen Sie nach!“ Bows nahm den Hut ab, verbeugte ſich und folgte dem jungen Mann. Sie waren nicht auf Pen's Zimmern, wie wir wiſſen. Aber da die Gärten geſchloſſen wurden, gingen die zwei Frauenzimmer, die eine traurige Abendunter⸗ haltung gehabt hatten, verdrießlich fort und traten in den Lamb Court und ſtanden unter dem Lampenpoſten, der den Mittelpunkt des Vierecks luſtig ziert, und ſahen nach dem dritten Stocke des Hauſes, in dem Pendennis's Zimmer waren, und wo ſie im Augenblick ein Licht an⸗ zünden ſahen. Dann ging das Paar Thoren hinweg, ſchleppten die Kinder müde nach ſich, und kehrten zu Mr. Bolton zurück, der ſich in ſeiner Lodge in Shepherd's Inn in Rum und Waſſer vertieft hatte, zurück. Mr. Bows ſah ſich um in dem weißen Zimmer, vas der junge Mann inne hatte, und das nur ſehr we⸗ nige Verzierungen oder Zugaben erhalten, ſeit der Zeit, da wir es das letzte Mal ſahen: Warringtons altes Bücherbrett und abgenutzte Bibliothek und Pen's Schreibtiſch mit ſeiner Papierſtreue, boten einen ziemlich 140 luſtigen Anblick. „Wollen Sie in die Schlafzimmer ſehen, Mr. Bows, ob meine Schlachtopfer nicht da ſind,“ ſagte Pen bitter, „oder ob ich mich nicht mit den kleinen Mädchen davon gemacht, und ſie in dem Koh⸗ lenbehälter verborgen habe?“ „Ihr Wort genügt, Mr. Pendennis,“ ſagte der Andere in ſeinem traurigen Tone, „Sie ſagen, ſie ſeien nicht hier, und ich weiß, daß ſie nicht hier ſind, auch hoffe ich, daß ſie noch nie hier geweſen ſind, noch je hieher kommen werden.“ „Auf mein Wort, Sir, Sie ſind ſehr gut, daß Sie meine Geſellſchaft für mich wählen,“ bemerkte Arthur in hohem Ton; „und daß Sie vermuthen, daß irgend Jemand durch meine Geſellſchaft übel berathen ſei. Ich bin Ihnen aus alten Zeiten Nachſicht ſchuldig, Mr. Bows, und bin deſſen eingedenk, ſonſt würde ich in är⸗ gerlicherem Tone von einer höchſt unertröglichen Ver⸗ folgung ſprechen, der Sie mich zu unterwerfen beliebt haben. Sie folgten mir geſtern aus Ihrer Inn, als ob Sie mich bewachen müßten, daß ich nicht etwas ſtehle.“ Hier ſtotterte Pen und wurde roth, ſobald er die Worte geſprochen hatte; er fühlte, er habe dem Andern eine Thür geöſſnet, in welche Bows unverzüg⸗ lich eintrat. „Ich glaube, Sie kamen her, um etwas zu ſtehlen, wie Sie ſich ausdrücken,“ ſagte Bows, „wollen Sie etwa ſagen, daß Sie hieher gekommen, um dem armen, alten Fidler Bows, oder Mrs. Bolton in der Thorwächters⸗ Lodge einen Beſuch abzuſtatten, o pfui, ein ſo feiner Gentleman wie Arthur Pendennis Esquire läßt ſich nicht herab, in mein Dachſtübchen herauf zu kommen oder in die Küche einer Wäſcherin zu ſitzen, wofern er nicht eigene Gründe dafür hat. Und ich glaube ein Mal, daß Sie gekommen ſind, um das Herz eines hüb⸗ ſchen Mädchens wegzuſtehlen und es zu verderben und es ſpäter zu verſchmähen, Mr. Arthur Pendennis, das macht die Welt aus euch jungen Dandies, euch Gentle⸗ 141 man der Fashion, euch hohen und mächtigen Ariſtokra⸗ ten, die auf dem Volke herum treten. Es iſt Unterhal⸗ tung für Sie, aber was iſt es für die Armen, das Spielzeug Ihres Vergnügens, mit dem Sie ſpielen und das Sie auf die Straße werfen, ſobald Sie deſſen müde ſind, ich kenne Ihren Orden, Sir. Ich kenne Ihre Selbſtſucht, Ihre Anmaßung und Ihren Stolz. Was kümmert's Mylord, daß des armen Mannes Tochter unglücklich gemacht, und ihre Familie in Schande ge⸗ bracht wird. Sie müſſen Ihre Vergnügungen haben, und das Volk muß natürlich die Zeche bezahlen, zu was anderem ſind wir auch da? So halten Sie's alle, — alle, Sir.“ Bows ſchweifte ab und Pen hatte ſeinen Vortheil darin, den er auch kein Bedenken trug zu benützen — kein Bedenken trug, die Debatte von dem Punkte aus niederzuſchlagen, auf welchem ſein Gegner ihn zuerſt begonnen hatte. Arthur brach halb lachend, wofür er Bows um Verzeihung bat, gegen ihn los. „Ja ich bin ein Ariſtokrat,“ ſagte er, „in einem Palaſt drei Treppen hoch, mit einem Teppich, beinahe ſo ſchön wie der Ih⸗ rige, Mr. Bows, mein Leben bracht' ich in Unterdrü⸗ ckung des Volkes hin, in Mißhandlung der Jungfrauen, und in Beraubung der Armen? mein guter Sir, das läßt ſich ſehr gut in einer Komödie, wo Job Thorn⸗ berry ſich auf die Bruſt ſchlägt und Mylord fragt, wie er es wage, auf einem ehrlichen Mann herum zu treten, und die Feuerſeite eines Engliſhman zu inkommodiren; aber im wirklichen Leben, Mr. Bows, wie können Sie gegen einen Mann, der ſo gut wie Sie, für ſein Brod ar⸗ beiten muß, von Ariſtokraten ſprechen, die das Volk tyranniſtren? Habe ich Ihnen je ein Unrecht gethan? oder den Ueberlegenen über Sie, die Miene des Höhern gegen Sie angenommen ? Hatten Sie mir früher nicht Achtung geſchenkt — in Zeiten, wo wir beide, roman⸗ tiſche, junge Geſellen waren, Mr. Bows? kommen Sie, 142 ſeien Sie mir nicht böſe, und ſeien wir ſo gute Freunde, als wir zuvor geweſen!“ „Jene Zeiten waren ganz andere,“ antwortete Mr. Bows; „und Mr. Arthur Pendennis war ein ehrlicher, ungeſtümer junger Burſche, etwas ſelbſtiſch und einge⸗ bildet vielleicht, aber ehrlich, und ich hatte Sie damals lieb, weil Sie bereit waren, ſich für ein Weib zu rui⸗ niren.“ „Und jetzt?“ fragte Arthur. „Und jetzt haben ſich die Zeiten geändert, und Sie wollen ein Weib, um es für Sie zu ruiniren,“ antwor⸗ tete Bows, „ich kenne dieſes Kind, Sir; ich habe im⸗ mer geſagt, daß dieſes Lvos ihr drohe. Sie hat ihr Gehirnchen mit Novellen ſo erhitzt, daß alle ihre Ge⸗ danken ſich um Liebe und Liebhaber drehen, und ſie ſieht es kaum noch, daß ſie auf dem Küchenboden wan⸗ delt. Ich habe das kleine Ding unterrichtet. Sie iſt voller Talente und weiß zu gewinnen; ich habe beſon⸗ dere Zuneigung zu dem Mädchen, Sir, ich bin ein ein⸗ ſamer, alter Mann; ich führe ein Leben, das mir nicht zuſagt, unter luſtigen Kumpanen, die mich melancho⸗ liſch machen; ich habe nur dieſes Kind, für das ich ſorge; haben Sie Mitleid mit mir und entreißen Sie mir's nicht, Mr. Pendennis — entreißen Sie mir's nicht.“ Des alten Mannes Stimme brach, während er ſo redete; ſein Ton rührte Pen mehr, als der drohende oder ſarkaſtiſche, den Bows am Anfang angenommen hatte. 3 „In der That,“ ſagte er freundlich, „Sie thun mir Unrecht, wenn Sie glauben, ich beabſichtige Unrecht ge⸗ gen die arme, kleine Fanny. Ich ſah ſie Freitag Abend zum erſten Mal, es war der reinſte Zufall, daß unſer Freund Coſtigan ſie mir in den Weg warf. Ich habe keine Abſichten mit ihr — das heißt —“ „Das heißt, Sie wiſſen recht gut, daß ſie ein thö⸗ richtes Mädchen und ihre Mutter eine thörichte Frau 143 iſt, — das heißt, Sie treffen ſie in den Templegärten, und natürlich ohne vorherige Verabredung — das heißt, als ich ſie geſtern traf, wie ſie Ihr Buch las, verſpot⸗ tete ſie mich. Zu was bin ich auch anders gut, als ausgelacht zu werden? Ein mißgeſtalteter⸗ alter Ge⸗ ſelle, wie ich, der einen fadenſcheinigen Rock trägt, und ſein Brod damit verdient, daß er in einem Bierhauſe aufſpielt? Sie ſind ein feiner Gentleman — Sie. Sie führen Parfüme in Ihrem Taſchentuch und einen Ring an Ihrem Finger. Sie gehen bei vornehmen Leuten zum Diner. Wer hat je dem alten Bows eine Kruſte Brod gegeben? Und doch hätte ich ein ſo geachteter Mann ſein können, als der Beſte von Ihnen. Ich hätte ein Mann von Genie ſein können, wenn das Glück mir gewollt hätte; ja und hätte mit den erſten Geiſtern un⸗ ſeres Landes gelebt; aber Alles ging mir in die Quere. Ich hatte einmal Ehrgeiz, und ſchrieb Schauſpiele, Ge⸗ dichte, Muſikſtücke — Niemand wollte auf mich hören. Ich liebte nie ein Weib, die mich nicht verlacht hättez und hier bin ich in meinem Alter allein — allein! ent⸗ reißen Sie mir dieſes Mädchen nicht, Mr. Pendennis, ich muß es wiederholen. Laſſen Sie ſie mir noch ein wenig. Sie war bis geſtern wie ein Kind gegen mich, warum auch mußten Sie dazwiſchen treten und machen, daß ſie meine Häßlichkeit und mein Alter verhöhnte 14 „Daran wenigſtens habe ich keine Schuld,“ ſagte Arthur mit etwas wie ein Seufzen. „Auf mein Chren⸗ wort, ich wünſchte, ich hätte das Mädchen nie geſehen. Verführung iſt nie meine Sache, Mr. Bows, ich bildete mir nicht ein, daß ich Eindruck auf die arme Fanny gemacht hätte, bis — bis heute Abend. Und dann, Sir, that es mir Leid, und ich floh vor der Ver⸗ ſuchung, als Sie auf mich zukamen. Und,“ fuhr er, mit glühender Röthe auf ſeiner Wange fort, was bei einbrechender Dunkelheit ſein Begleiter nicht ſehen konnte, indeß ſeine Stimme hörbar zitterte. „Das muß ich Ih⸗ nen ſagen, Sir, daß an dieſem Sonntag Abend, als N 144 die Kirchglocken läuteten, ich an meine Heimath und an himmliſch reine und gute Frauen dachte, die dort woh⸗ nen; daß ich fortrannte, als Sie mir begegneten, um der mir drohenden Gefahr zu entgehen, und Gott den All⸗ mächtigen um Kraft zu bitten, meine Pflicht zu thun.“ Nach dieſen Worten Arthurs folgte eine Stille, und als ſein Gaſt die Unterhaltung wieder aufnahm, ſprach er in einem viel ſanfteren und freundlicheren Tone. Beim Abſchied bat Bows Pen um Erlaubniß, ihm die Hand zu drücken, und mit warmer und zärtlicher Be⸗ grüßung auf beiden Seiten entſchuldigte er ſich gegen Arthur, daß er ihn mißverſtanden habe, und ſagte ihm einige Komplimente, auf welche der junge Mann ſeinem alten Freunde die Hand herzlich drückte. Als ſie an Pens Thür von einander ſchieden, ſagte Arthur, er habe ein Verſprechen gegeben, und hoffe und vertraue, daß Mr. Bows ſich darauf verlaſſe. „Amen zu dieſem Gebet,“ ſagte Mr. Bows und ging langſam die Treppe hinab. Zehntes Kapitel. Wieder das glückliche Dorf. In unſerer früheren Geſchichte hatten wir Gele⸗ genheit, von dem Städtchen Clavering, in deſſen Nähe Pens väterliche Behauſung Fairvaks ſtand, und von ei⸗ nigen Bewohnern des Ortes zu ſprechen; und da die dortige Geſellſchaft ganz und gar nicht amüſirend und intereſſant war, ſo waren unſere Berichte über ſie nicht ——— 145 ſehr weitläufig. Mr. Samuel Hurter, der Gentleman, deſſen Bekanntſchaft wir in letzter Zeit in Vauxhall ge⸗ macht, war einer der auserleſenen Geiſter der kleinen Stadt, wenn er ſie während ſeiner Ferien beſuchte, und belebte die Tiſche ſeiner dortigen Freunde mit dem bei Bartholomew's geſammeltem Witze und den Klatſchereien der faſhionablen Londoner Zirkel, die er frequentirte. Mr. Hobnell, der junge Gentleman, welchen Pen in Folge des Streits in der Fotheringay⸗Affaire abge⸗ droſchen hatte, wurde, während er Zögling der lateini⸗ ſchen Schule in Clavering war, ein ſehr willkommener Gaſt an dem Theetiſche von Mrs. Hurter, Samuels Mutter, in die Chirurgen⸗Zunft aufgenommen, wo er den Weg zu den Tamarindtöpfen fand und ſein Ta⸗ ſchentuch mit Roſenwaſſer parfümirte. Es war in die⸗ ſem Abſchnitte ſeines Lebens, daß er eine Zuneigung zu Miß Sophy Hurter faßte, die er bei ſeines Vaters Ab⸗ ſterben heirathete und in ſein Haus auf dem Warren (Kaninchengehäge) ein paar (engliſche) Meilen von Cla⸗ vering nahm. Die Familie hatte dort ſeit vielen Jahren als Yeom⸗ men und Farmers einen Grundbeſitz inne und bebaut. Mr. Hobnell's Vater riß das alte Farmhaus nieder, baute ein glänzendes, weiß übertünchtes Herrenhaus mit geräumigen Ställen, ſtellte ein Klavier in ſein Geſell⸗ ſchaftszimmer, hielt eine Meute Windhunde und nahm den Titel Squire Hobnell an. Als er ſtarb und ſein Sohn an ſeiner Stelle zur Herrſchaft gelangte, konnte ſeine Familie als zur Grafſchaft Gentry gehörig betrach⸗ tet werden, und Sam Hurter hatte nicht ganz Unrecht, wenn er ſeines Schwagers Landfitz, ſeine Hunde, Pferde und Gaſtfreundſchaft gegen ſeine bewundernden Kamera⸗ den bei Vartholomew's rühmte. Alljährlich gewöhnlich um die Zeit, wo Mrs. Hobnell die ſich mehrenden Pflichten ihrer Kinderſtube nicht verlaſſen konnte, kam Hobnell nach London herauf, um ſich ein Vergnügen zu Pendennis. M. 10 146 machen, bezog Zimmer auf dem Taviſtock und genoß alle Freuden der Stadt. Ascott, die Theater, Vaurhall und die Geſellſchaftstavernen in der luſtigen Nachbar⸗ ſchaft von Covent⸗Garden beſuchte der lebensluſtige Squire in Geſellſchaft ſeines gelehrten Bruders. Wenn er in London war, ſo wollte er, wie er ſagte, leben, wie man in London lebt, und „den Rappen laufen laſ⸗ ſen;“ und wenn er nach dem Weſten zurückkehrte, nahm er für Mrs. Hobnell einen neuen Hut und Shawl mit und vertauſchte für die nächſten eilf Monate die feinen Unterhaltungen des Londoner Lebens mit den Freuden und Beſchäftigungen des Landes. Sam Huxter unterhielt mit ſeinem Verwandten einen Briefwechſel und verſah ihn mit auserleſenen Neuig⸗ keiten aus der Hauptſtadt für die Körbe mit Haſen, Rebhühnern und verdicktem Rahm *), welche der Squire und ſein gutmüthiges Weib an Sam ſpedirten. Einen brillanteren, ausgezeichneteren Mann gab es auf Gottes Erdboden nicht. Er war das Ein und Alles im Hauſe, wenn er in der Heimath erſchien. Seine Lieder, Scherze und Schwänke hielten das Warren in ſchallendem Ge⸗ lächter. Er hatte ihrem älteſten Liebling das Leben ge⸗ rettet, indem er dem Mädchen eine Fiſchgräte aus dem Halſe zog: kurz, er war die Wonne ihres Zirkels. Pen's Unſtern wollte, daß er gleich drei Tage nach dem Renkontre in Vaurhall mit Mr. Hurter wieder zu⸗ ſammengerieth. Seinem Gelübde getreu, hatte er die kleine Fanny nicht mehr geſehen. Er ſuchte ſie durch Beſchäftigung oder andere geiſtige Aufregung ſich aus dem Sinn zu ſchlagenz er arbeitete zu nicht großem Frommen unaufhörlich auf ſeinem Zimmer und machte in ſeiner Eigenſchaft als Kritiker für die Pall⸗Mall⸗ Gazette einen grauenhaften, mörderiſchen Anfall auf ein Gedicht und einen Roman, die vor ſeinen Richterſtuhl gekommen. Nachdem dieſe Autoren zu Boden geſchlagen *) Mit Zucker und Kangrienwein angerührt. 147 waren, machte er ſich auf und dinirte allein in dem vereinſamten Klubb Polyanthus, wo die endloſe Oede ihn erſchreckte und noch mehr verſtimmte. Er war zur Zerſtrenung in mehrere Theater gegangen. Das ganze Haus erſcholl von Gelächter und Beifall, und er ſah nur eine gemeine Poſſe, die ihn in Unmuth brachte. Es würde die Aufgeräumtheit des Poſſenreißers auf der Bühne gedämpft haben, wenn er Pen's Jammergeſicht geſchaut hätte. Er ſah kaum, was um ihn her vorging; die Scene und das Drama verſchwammen wie ein Fie⸗ bertraum vor ſeinen Augen. Er dachte jetzt, er wollte in die Hinterküche, ſeinem alten Schlupfwinkel, mit Warrington gehen — denn er fühlte noch blutwenig Schlaf. Tags zuvor war er acht Stunden lang über die Hampſtead Gemeindeweiden und die Hendon Lanes um Ruhe umhergeſtreift und hatte keinen Schlaf für die Nacht gewonnen. Er wollte in die Hinterküche gehen. Es war eine Art Troſt für ihn, zu denken, daß er Bows dort treffe. Bows war auch dort und präſi⸗ dirte in großer Seelenruhe an dem alten Klavier. Ei⸗ nige ſchauerlich komiſche Lieder wurden geſungen und die Gemächer erdröhnten von dem Gelächter. Wie ſelt⸗ ſam klangen ſie für Pen! Für ihn war nur Bows vor⸗ handen. In einem ausgebrannten Vulkan, mit dem er ſein Herz prahleriſch verglich, war es wunderſam, daß er eine ſolche Flamme verſpüren konnte. Zwei Tage Ge⸗ währung hatten ſie entzündet; zweier Tage Enthaltſam⸗ keit hatten ſie zu ungeſtümer Raſerei angefacht. Wäh⸗ rend er ſo darüber hinbrütete und ein Glas nach dem andern trank, mußten Arthurs Augen, ſo wollte es ſein Unſtern, Mr. Hurter's anſichtig werden, der, gleich ihm, mit zwei oder drei Kameraden im Theater geweſen und jetzt mit denſelben eintrat. Mr. Hurter flüſterte dieſem, zu großem Aergerniß für Pen, etwas zu. Arthur fühlte, daß er von ihm ſprach. Hurter arbeitete ſich jetzt, von ſeinen Freunden gefolgt, durch das Gedränge und ſetzte 14⁸ ſich gegenüber von Pen, indem er ihm vertraulich winkte und ihm eine ſchmutzige Hand zum Drucke bot. Pen drückte ſeinem Landsmann die Hand. Er vachte, er ſei an dem Abende, an dem ſie ſich getroffen, unnöthig derb gegen ihn aufgefahren. Hurter, mit ſich und der Welt in beſtem Vernehmen, ließ ſich nicht ein⸗ fallen, daß er irgend Jemand unangenehm wäre; und die kleine Streiterei oder „Katzenbalgerei“, wie er es nannte, in Vauxhall war eine Kleinigkeit, die er nicht zum Geringſten in Anſchlag brachte. „Galen's Jünger hatte nach vier Humpen ſtarken Biers gerufen, und nachdem er ſich und ſeine Geſell⸗ ſchaft damit erfriſcht hatte, begann er zu denken, was wohl das amüſirendſte Thema der Unterhaltung mit Pen wäre, und traf genau dasjenige, das unſerem jungen Gentleman unter allen das peinlichſte war. „Eine luſtige Nacht in Vaurhall — nicht wahr?“ ſagte er, und winkte auf eine ſehr vertrauliche Weiſe. „Es freut mich, wenn Sie's unterhaltend fanden,“ ſagte der arme Pen und ſeufzte. „Ich war verteufelt angeſtochen — über die Ma⸗ ßen ſtark — hatte mit ein paar Burſchen in Greenwich dinirt. Das war ein hübſcher Fetzen Mouſſelin, der an Ihrem Arme hing — wer war ſie?“ fragte der bezau⸗ bernde Student. Die Frage war zu viel für Arthur. „Habe ich Fragen an Sie geſtellt, Mr. Hurter?“ ſagte er. „Ich wollte Sie nicht beleidigen, bitt' um Ver⸗ zeihung — Hol' mich der — Sie werden ja ganz wild,“ ſagte Pen's erſtauntes vis-a-vis. „Erinnern Sie ſich noch, was an dem Abende zwi⸗ ſchen uns vorfiel?“ fragte Pen mit ſteigendem In⸗ grimm. „Vergeſſen Sie's ? Sehr wahrſcheinlich. Sie betrunken, wie Sie ſo eben bemerkten, und ſehr ro 4 „Hol' mich der — Sir, ich habe Sie ja um Ver⸗ zeihung gebeten,“ erwiderte Hurter erröthend. 149 „Das thaten Sie allerdings, und ſie wurde Ihnen von ganzem Herzen zu Theil; aber wenn Sie ſich er⸗ innern, ſo bat ich Sie, mich auf der Liſte Ihrer Be⸗ kannten in Zukunft auszulaſſen, und wenn wir uns wie⸗ der öffentlich begegneten, ſich nicht die Mühe zu neh⸗ men, mich wieder kennen zu wollen. Belieben Sie, ſich veſſen ſpäter zu erinnern; und da das Lied beginnt, er⸗ lauben Sie mir, Sie dem ungeſtörten Genuſſe der Muſik zu überlaſſen.“ Er nahm ſeinen Hut und verließ mit einer Ver⸗ beugung vor dem erſtaunten Mr. Huxter die Tafel, während Hurters Kameraden nach einer Pauſe der Ver⸗ wunderung in ein ſo ſchallendes Gelächter über Hurter ausbrachen, daß der Präſident im Zimmer ins Mittel trat: „Still, Gentlemen, ſtille, — der Leichenſchnap⸗ per!“ Dieſes beliebte Lied begann, ale Pen die Hin⸗ terküche verließ. Er ſchmeichelte ſich, ſeinen Unmuth voll⸗ kommen bemeiſtert zu haben, er hätte eher gewünſcht, daß Hurter kampfluſtig geweſen wäre. Er hätte ſich gerne mit ihm oder ſonſt Jemand geſchlagen. Er ging heim. Das Tagewerk, das Diner, das Theater, das Whisky und Waſſer, der Streit, — Nichts trug zu ſei⸗ ner Beſänftigung bei. Er ſchlief nicht beſſer als die Nacht zuvor. Einige Tage ſpäter ſchrieb Mr. Sam Hurter einen Brief nach Haus an Mr. Hobnell auf dem Lande, worin Mr. Arthur Pendennis das Hauptthema bildete. Sam beſchrieb Arthurs Treiben in London und ſeinen ver⸗ dammten Hochmuth gegen ſeine alten Freunde von der Heimath. Er ſagte, er ſei ein verworfener Miſſethäter, ein förmlicher Don Juan, ein Burſche, dem, wenn er aufs Land komme, jeder ehrbare Mann die Thür weiſen ſollte. Er hätte ihn in Vauxhall mit einem unſchuldigen Mäd⸗ chen aus der niedern Klaſſe des Volkes tanzen ſehen und er mache dieſe zum Opfer ſeiner Lüſte. Er habe von einem iriſchen Gentleman, der früher im Heer ge⸗ dient habe, und einen Klubb beſuchte, von dem er, Hur⸗ 150 ter, Mitglied ſei, erfahren, wer das Mädchen ſei, an dem dieſer eingebildete Humbug (Taugenichts) ſeine hölliſchen Künſte praktizire, und er glaube, er wollte ihren Vater warnen u. ſ. w. u. ſ. w., — der Brief ging dann auf allgemeine Neuigkeiten über, überbrachte des Briefſtellers Dank für den letzten Biſſen und die Kaninchen, und deutete ſeine außerordentliche Bereitwil⸗ ligkeit für fernere Gunſtbezeugungen an. Ungefähr ein Mal im Jahr gab es, wie wir be⸗ reits berichteten, auf dem Warren Gelegenheit zu einer Taufe, und der Zufall wollte, daß dieſe Feierlichkeit an dem Morgen auf den Tag ſtattfand, an welchem Hob⸗ nell den Brief von ſeinem Schwager in der Stadt em⸗ pfangen hatte. Das Kind, ein liebes, kleines Mädchen, wurde Myra Lucretia genannt nach ſeinen zwei Pathin⸗ nen Miß Portman und Mrs. Pybus von Clavering, und, da Hobnell natürlich Sam's Brief ſeinem Weibe mitge⸗ theilt hatte, ſo theilte Mrs. Hobnell deſſen ſchrecklichen Inhalt ihren zwei Gevatterinnen mit. Eine ſaubere Ge⸗ ſchichte war das und wurde ſäuberlich im Verlaufe des Tages durch ganz Clavering weiter erzählt. Myra ſprach — ſie war zu entſetzt darüber — nicht mit ihrer Mama über den Gegenſtand, aber Mrs. Pybus fühlte ſich nicht zu gleicher Zurückhaltung ver⸗ pflichtet. Sie ſprach darüber nicht allein mit Mrs. Portman, ſondern auch mit Mr. und Ehren Mrs. Sim⸗ coe, mit Mrs. Glanders, nachdem ihre Töchter zu dem Ende aus dem Zimmer geſchickt worden waren, mit Madame Fribsby, und, mit einem Wort, mit der ganzen Claveringer Geſellſchaft. Madame Fribsby bemerkte, mit einem verſtohlenen Blick auf das Geſicht des Dra⸗ goners und in die inneren Reminiscenzen ihres verwun⸗ deten Herzens, daß Männer eben Männer, und, ſo lang ſie Männer, Betrüger ſeien, und führte nachdenklich ei⸗ nige Linien aus Marmion an, welche die Frage aufſtell⸗ ten, wo betrügende Liebhaber aufgehoben würden. Mrs. Pybus hatte keine Worte des Haſſes, des 151 Abſcheu's, die ſtark genug für einen Elenden waren, der einer ſo niederträchtigen Handlungsweiſe fähig war. Das komme von ſo früher Nachſicht, Uebermüthigkeit, Ausſchweifung und dem ariſtofratiſchen Air (gewiß iſt, daß Pen ſich geweigert hatte, bei Mrs. Pybus einen Thee anzunehmen), und von den verdorbenen und ärger⸗ lichen Parthien in dem ſchrecklichen modernen Babylon her! Mrs. Portman bedauerte, anerkennen zu müſſen, daß die verhängnißvolle, übertriebene Liebe der Mutter dieſen Jungen verzogen, daß ſeine literariſchen Erfolge ihm den Kopf verrückt und daß ſeine abſcheulichen Lei⸗ denſchaften ihn die Grundſätze hatten vergeſſen laſſen, welche Doftor Portman ihm in früher Jugend einge⸗ flößt hatte. Als Glanders, der gräuliche Dragoner⸗Ka⸗ pitän, von Mrs. Glanders über den Gegenſtand in Kenntniß geſetzt worden war, pfiff er und machte über dem Diner ſcherzhafte Anſpielungen darauf, worüber Mrs. Glanders ihn ein Brutum nannte und die Mäd⸗ chen wieder aus dem Zimmer ſchickte, während der ſchreckliche Kapitän in ein Lachen ausbrach. Mr. Simcoe blieb ruhig und war eher erfreut über den Handel als mißvergnügt; er diente einzig dazu, ihn in der Meinung zu beſtärken, die er immer von dieſem unglücklichen jungen Manne gehegt: nicht als ob er Etwas von ihm wüßte — oder daß er eine Linie ſeiner gefährlichen und giftigen Werke geleſen hätte. Gott be⸗ hüte, daß dem ſo wäre: aber was konnte von einem ſolchen jungen Menſchen erwartet werden, der einen ſo furchtbaren beklagens⸗ und bejammernswerthen Mangel an allem Ernſte hatte? Pen bildete das Thema für eine zweite Predigt in der Claveringer Filial⸗ kapelle, wo die Gefahren Londons und das Verbrechen, Novellen zu leſen oder zu ſchreiben, an einem Sonntag Abend einer großen und warmen Gemeinde vor Augen gerückt wurden. Sie warteten nicht, bis ſie hörten, ob er ſchuldig oder unſchuldig wäre. Sie nahmen ſeine Schlechtigkeit als eingeſtanden anz und unter dieſen be⸗ 152 wundernswürdigen Moraliſten galt es, wer den erſten Stein auf den armen Pen werfen ſollte. Am nächſten Tage ging oder vielmehr rannte allein und beinahe ohnmächtig vor Aufregung und Erſchöpfung Mrs. Pendennis in Doktor Portmans Haus, um den guten Doktor um Rath zu fragen. Sie hatte einen anonymen Brief bekommen; ein Chriſt oder eine Chri⸗ ſtin hatte es für ſeine oder ihre Pflicht gehalten, die gute Seele, die nie einem Sterblichen etwas zu Leide gethan, niederzuſtoßen, — einen anonymen Brief mit Bezug auf Schriftſtellen, die die Verdammniß ſolcher Sünder ausſprechen, nebſt einem in das Einzelne gehen⸗ den Bericht von Pens Verbrechen zuſchreiben. Sie war in einem Zuſtande des Schreckens und der Aufregung, der jämmerlich anzuſchauen war. Zwei oder drei Stunden dieſer Pein hatten ſie be⸗ reits gealtert. Im erſten Augenblicke ihrer Agitation hatte ſie den Brief fallen laſſen und Laura ihn geleſen. Laura erröthete, während ſie ihn las; ſie zitterte am ganzen Leibe, aber vor Aerger. „Die Memmen!“ rief ſie, — „es iſt nicht wahr — nein, Mutter, es iſt nicht wahr.“ „Es iſt wahr und Du biſt Schuld daran,“ rief Helen ungeſtüm. „Warum haſt Du ihn zurückgewieſen, als er bei Dir anfragte? Warum haſt Du mir das Herz gebrochen und ihn zurückgewieſen? Du haſt ihn zum Verderben geführt, Du haſt ihn in die Arme die⸗ ſes — dieſes Weibes geworfen. Sprich nicht zu mir. — Antworte mir nicht. Nie werde ich's Dir vergeſſen, nie! — Martha, bring mir meinen Hut und meinen Shawl. Ich will ausgehen. Ich will nicht, daß Du mit mir gehſt; geh fort, hebe Dich von mir, graufames Mädchen! Warum haſt Du dieſe Schande über mich gebracht?“ Nachdem ſie ihre Tochter und ihre Dienerin⸗ nen von ſich fortgewieſen, rannte ſie hinab auf den Weg nach Clavering. Doktor Portman warf einen Blick über den Brief, 5 153 glaubte, er kenne die Handſchrift und war natürlich bereits mit der Anklage gegen den armen Pen bekannt. Gegen ſein eigenes Bewußtſein vielleicht — der würdige Doktor hatte, wie die meiſten von uns, ein beträchtliches, natürliches Geſchick, ungünſtige Berichte über ſeine Nachbarn aufzunehmen — ſuchte er Helen zu tröſten. Er deutete ihr an, daß die Verleumdung von anonymer Hand komme und deßhalb das Machwerk eines Böſe⸗ wichts ſein müßte, daß die Beſchuldigung nicht wahr ſein könnte, — hoöchſt wahrſcheinlich unwahr ſei. — Daß Pen wenigſtens zuerſt gehört werden müſſe, ehe man ihn verdamme, daß es nicht denkbar ſei, daß der Sohn einer ſolchen Mutter ein ſolches Verbrechen begehen könne. Helen durchſchaute mit einem Male dieſe ſchein⸗ baren Einwände und Zweifel. „Sie glauben, er habe es gethan!“ ſagte ſie — „Sie wiſſen, Sie glauben, er habe es gethan. O, warum habe ich ihn aus den Augen gelaſſen, Doktor Portman, von mir fortgelaſſen? Aber, er kann nicht unehrenhaft ſein — bei Gott, nicht unehrenhaft! Sie glauben doch nicht, daß er's iſt, nicht wahr? Erinnern Sie ſich, wie er ſich gegen die andere — Perſon benahm — wie wahnſinnig er ihr anhing. Er war ein ehrlicher Junge damals, er iſt es noch. Und ich danke Gott — ja auf den Knieen danke ich Gott, daß er Laura bezahlte. Sie ſagten, er wäre gut, ja das ſagten Sie ſelbſt und jetzt — wenn dies Mädchen ihn liebt — und Sie wiſſen, man muß ihn lieben, wenn er ſie von ihrer Heimath fortgenommen hat, oder ſie ihn verlockte, was am wahrſcheinlichſten iſt — immerhin, ſie muß ſein Weib und meine Toch⸗ ter werden und er muß die grauenvolle Welt verlaſſen und zu mir zurückkommen — zu ſeiner Mutter, Doktor Portman. Wir wollen fort und ihn zurückbringen — zurückbringen — und Freude ſoll ſein über den — den Sünder, der Buße thut. Wir wollen ſogleich fort, theurer Freund — im Au —“ 154 Helen konnte nicht ausſprechen, ſie ſank zurück und in Ohnmacht. Sie wurde in ein Bett im Hauſe des mitleidigen Doktors gebracht und der Wundarzt ge⸗ rufen, ſie zu behandeln. Die ganze Nacht lag ſie in einem ſehr beunruhigenden Zuſtande. Laura kam zu ihr, oder vielmehr in die Rektorei, denn ſie wollte Laura nicht ſehen. Doktor Portman, der ſie immer noch zur Ruhe ermahnte und kühner und zuverſichtlicher für Arthur's Unſchuld auftrat, als er den furchtharen Schmerz der armen Mutter ſah, ſchrieb einen Brief an Pen, in dem er ihn vor den Gerüchten warnte, die über ihn umlie⸗ fen, und ihn ernſilich bat, eine für ſeine beſten Inter⸗ eſſen und ſeiner Seele Heil ſo verhängnißvolle Verbin⸗ dung abzubrechen und zu bereuen. Und Laura? — blutete ihr Herz nicht bei dem Gedanken an Arthur's Verbrechen und Helen's Ent⸗ fremdung? War es nicht ein harter Schlag für das unſchuldige Mädchen, daß ſie mit einem Male Alles, was ſie lieb auf Erden hatte, verlieren ſollte? Eilttes Kapitel, das beinahe das letzte in unſerer Geſchichte geweſen wäre⸗ Doktor Portman's Brief wurde an ſeine Beſtim⸗ mung nach London abgeſandt, und der würdige Geiſtliche ſuchte Mrs. Pendennis etwas zu beruhigen, bis eine Antwort käme, die, wie der Doktor dachte, oder wenig⸗ ſtens behauptete, über den ſittlichen Charakter Mr. Pen's Genugthuung gäbe. Wenigſtens ließ ſich Helen's Wunſch, nach London zu gehen und perſönlich ihren 155⁵ Sohn von ſeinem ſchlechten Lebenswandel abzumahnen, für die nächſten Tage nicht ausführen. Der Apotheker verbot ihr ſogar für den erſten Tag nach Fairvaks zu gehen, und erſt am folgenden Morgen fand ſie ſich wie⸗ der daheim auf ihrem Sopha mit der treuen, obgleich ſchweigſamen Laura als Wärterin an der Seite. Zum Unglück für ihn und alle Parteien las Pen den Sermon, welchen Doktor Portman an ihn richtete, erſt viele Wochen nach Abfaſſung der Epiſtel; und Tag auf Tag wartete die Wittwe auf eine Erwiderung ihres Sohnes auf die gegen ihn erhobenen Beſchuldigungen, und ihr Unwohlſein mehrte ſich mit jedem Tage der Verzögerung. Es war eine harte Aufgabe für Laura, die Angſt durchzumachen, das Leiden ihrer theuerſten Freundin mit anzuſehen, und, was das Schlimmſte von Allem war, Helen's Entfremdung und den ihr durch den Verluſt ihrer Zuneigung verurſachten Schmerz zu ertragen. Aber es war die Gewohnheit dieſer jungen Lady, nach ihrem beſten Vermögen und mittelſt des gna⸗ denvollen Beiſtandes, den ihr der Himmel auf ihr rei⸗ nes und beharrliches Gebet gewährte, ihre Pflicht zu thun. Und da dieſe Pflicht in aller Stille gethan wurde, — während das flehentliche Gebet, das ihr die erforderliche Kraft zur Erfüllung gewährte, gleichfalls von keinem Sterblichen geſehen, aus ihrem Zimmerchen zum Himmel ſtieg, ſo ſind auch wir genöthigt, zu ſchwei⸗ gen über dieſe ihre Tugenden, die öffentliches Gerede nicht mehr ertragen, als eine Blume in einem Ball⸗ ſaale blühen wird. Nur das Eine ſagen wir, das Eine behaupten wir, daß das reine weibliche Weſen die lieb⸗ lichſte Blume iſt, die unter dem Himmel blüht und daß wir mit Liebe und Bewunderung auf ihre ſchweigſame Grazie, ihren reinen Duft und die zarte Blüthe ihrer Schönheit blicken. Lieblich und ſchön! Das Holdeſte und Reinſte! — Iſt es nicht ſchmerzlich, zu ſehen, wie ſie von unerbittlichem Gram und Tod niedergebeugt und verſchlungen wird — durch Krankheit zerſtört — 156 durch langen Schmerz aufgezehrt — oder durch plötz⸗ liches Unglück in ihrer Lenzesblüthe geknickt wird? Wir mögen Kummer verdienen — aber warum ſollen dieſe unglücklich ſein? — Außer etwa, weil der Him⸗ mel Diejenigen züchtigt, die er am meiſten liebt und ſeinen Gefallen findet, durch wiederholte Prüfungen dieſe reinen Gemüther noch reiner zu machen. So bekam Pen nicht den Brief, obgleich er pünkt⸗ lich auf die Poſt gebracht und von dem Briefträger treulich in ſeinen Briefſchalter in Lamb Court geworfen und von da von der Wäſcherin mit der übrigen Korre⸗ ſpondenz ſeiner Lordſchaft auf ſeinen Schreibtiſch ge⸗ bracht wurde. Haben wir nicht ein Bild von ihm aus ſeinem kleinen anſtoßenden Bettzimmer eintreten ſehen, während Mrs. Flanagan, ſeine Wäſcherin, eben ſeinen Gin trank. Jene gütigen Leſer, welche Mr. Arthur bisher auf ſeinem Gang durch das Leben beobachtet und natürlich über den ſittlichen Charakter und vie Eigenthümlichkeiten ihres Bekannten ihre Bemerkungen gemacht, haben wahr⸗ ſcheinlich mittlerweile entdeckt, was Mr. Pen's Haupt⸗ fehler und der gefährlichſte Feind war, mit dem er zu kämpfen hatte. Nicht wenige von uns, liebes Publikum, haben mit dem nämlichen Böſewicht zu kämpfen, einem Schufte, der jede Gelegenheit ergreift, Unheil über uns zu hringen, uns in Händel zu ſtürzen, zu Müßiggang oder in unprofitable Geſellſchaft und in was nicht alles zu verlocken. Mit einem Wort, Pen's größter Feind war er ſelbſt und da er dieſes Individuum ſein Lebtag aufſtutzte, kajolirte und ihm durch die Finger ſah, ſo wurde der Burſche übermüthig, wie es alle verzogenen Diener werden, und beim geringſten Verſuche ihm den Zaum kurz zu halten und ihn thun zu laſſen, was ihm nicht angenehm war, wurde er bis zum Wahnſinne ſtör⸗ riſch und unlenkſam. Wer gewohnt iſt, Opfer zu brin⸗ gen — Laura z. B., der es ſo zur Gewohnheit gewor⸗ den, ihr eigenes Vergnügen Andern zum Opfer zu brin⸗ 157 gen — kommt damit ganz leicht zu Recht; aber Pen, ungewohnt an eine Selbſtverleugnung, krümmte ſich ganz gewaltig, als die Reihe an ihn kam, auch ſein Scherflein zu entrichten, und brummte, als wäre er von Sinnen, als er ſich etwas verſagen ſollte, was ihm behagte. Er hatte in ſeinem hohen Rathe beſchloſſen, Fanny nicht zu ſehen, und er ſah ſie nicht. Er ſuchte ſich die Gedanken an das bezaubernde Geſchöpfchen durch an⸗ haltende Arbeit, Leibesbewegung, Zerſtreuung und Ge⸗ ſellſchaft aus dem Sinne zu ſchlagen. Er arbeitete zu viel; er ging und fuhr zu viel; er aß, trank und rauchte zu viel; und doch konnten alle Cigarren und Punſch, den er zu ſich nahm, das Bild der kleinen Fanny nicht aus ſeinem erhitzten Gehirn verjagen; und nachdem er dieſe Zucht und Selbſtverleugnung eine Woche über ſich verhängt hatte, lag unſer junger Gentleman an einem Fieber im Bett. Möge der Leſer, der noch nie am Fieber auf ſeinem Zimmer lag, Mit⸗ leid mit dem Elenden haben, der dieſe Kalamität mit⸗ zumachen hat. Ein Komite heirathsfähiger Ladies oder chriſtlich geſinnter Perſonen, die ſich für die Fortpflanzung häus⸗ licher Tugenden intereſſiren, ſollte einen Cruikſhank oder einen Leech oder einen andern menſchenfreundlichen Darſteller der Alltagsthorheiten eine Reihe von Bildern machen laſſen, welche die Schrecken eines Junggeſellen⸗ lebens im Miethzimmer ſchildern, und den Beſchauer an beſſere Dinge und eine glücklichere Lage denken laſſen. Was iſt wohl unbehaglicher, als das einſame Frühſtück des Junggeſellen? — Mit dem ſchwarzen Keſſel in dem öden Feuer mitten im Sommer, oder, was noch ſchlimmer iſt, wenn um Weihnachten das Feuer ausgeht, nachdem die Wäſcherin eine halbe Stunde das Zimmer verlaſſen hat? In dieſe Einſamkeit tritt der Eigenthümer ſchauernd ein und hat ſein Tagewerk damit zu beginnen, daß er nach Kohlen und Holz jagt, 158 und ehe er dieſe Studentenarbeit beginnt, hat er die Pflichten einer Hausmagd als Vice⸗Mrs. Flanagan zu erfüllen, die ohne Erlaubniß abweſend iſt. Oder wie⸗ der, was kann einen ſchöneren Gegenſtand für den klaſ⸗ ſiſchen Zeichner bieten, als eines Junggeſellen Hemd, — dieſe Bekleidung, die er eben zur Zeit des Diners anlegen muß und an der er keine Knöpfe ſindet, um ſie zuzumachen? Dann kehrt der Junggeſelle auf ſein Zimmer zurück nach einem luſtigen Weihnachtstag, den er in einem traulichen Landhaus, voll von hübſchen Ge⸗ ſichtern, freundlichen Begrüßungen und ſchmerzhaften Bedauerniſſen zugebracht. Er läßt ſein Portmanteau beim Barbier in dem Court: er zündet ſein unheim⸗ liches altes Licht an dem ſpritzenden Lämpchen auf der Treppe an: er tritt in das öde Zimmer ein, wo die einzigen Zeichen der Begrüßung, die einiges Intereſſe an ſeinem perſönlichen Wohlergehen bezeugen, die Weih⸗ nachtsrechnungen ſind, welche lieblich ausgebreitet auf ſeinem Leſetiſch ihn erwarten. Zu dieſen Scenen tritt das erſchreckliche Gemälde der Krankheit eines Jung⸗ geſellen, und die Renten in dem Tempel werden vom Tage der Veröffentlichung dieſes unheimlichen Diora⸗ ma's fallen. Auf dem Miethzimmer wohl zu ſein, iſt ſchon traurig, öde und ſelbſtiſch genug, aber krank zu ſein in den Miethzimmern — Nächte des Schmerzes und der Schlafloſigkeit hinzubringen — nach dem Mor⸗ gen und der Wäſcherin ſich zu ſehnen — ſich ſelbſt die eigene Mediein uach der eigenen Uhr zu ſerviren — lange, lange Stunden hindurch keine andere Begleiter als ſeine ſiechenden Phantaſiebilder und fieberhaften Ge⸗ danken zu haben: keine freundliche Hand, die einem zu trinken gibt, wenn man Durſt hat, oder das heiße Kiſ⸗ ſen glättet, wenn es zu viele Falten wirft — das iſt wirklich ein ſo düſteres und tragiſches Verhängniß, daß wir bei ſeinen Schrecken nicht länger verweilen und nur diejenigen Junggeſellen in dem Temple, die tagtäglich damit zu kämpfen haben, von Herzen bemitleiden müſſen. 159 Dieſes Loos beſiel Arthur Pendennis nach den verſchiedenen Exeeſſen, die wir erwähnt und welchen er ſein unglückliches Gehirn ausgeſetzt hatte. Eines Abends ging er unwohl zu Bett und erwachte unwohler am Morgen. Sein einziger Beſuch an dieſem Tage außer der Wäſcherin war der Druckerteufel von der Pall Mall⸗Gazette⸗Offickn, den der Schriftſteller, ſo gut er konnte, zu geſchweigen ſuchte. Seine Anſtrengungen, ſein Werk zu kompletiren, goſſen noch Oel in das Feuer des Fiebers; er konnte blos einen Theil des ge⸗ wöhnlich von ihm gelieferten Stoffes zur Stelle ſchaf⸗ fen, und da Shandon abweſend und Warrington nicht in London iſt, um hilfreiche Hand zu bieten, ſo fielen die politiſchen Spalten und diejenigen für die Leitarti⸗ kel in der Gazette ſehr mager aus, und der Unterredak⸗ teur wußte nicht, wie er ſie füllen ſollte. Mr. Finucane eilte auf Pen's Zimmer und fand dieſen Gentleman in ſo hohem Grade erkrankt, daß der gutmüthige Irländer ſich anſtrengte, ſeinen Platz wo möglich zu erſetzen, und brachte eine Reihe politiſcher und kritiſcher Kunſtwerke zu Stande, die ohne Zweifel die Leſer der Zeitſchrift, für welche er und Pen arbei⸗ tete, höchlich erbauten. Anſpielungen auf die Größe Irlands, auf den Genius und die Tugendſamkeit der Be⸗ wohner dieſes unglücklichen Landes entfloßen prachtvoll Finucane's Feder, und Shandon, der Chef der Zeitung, der ſich in harmloſer Ruhe zu Boulogne⸗ſur⸗ mer gütlich that, erkannte, die Spalten des Journals, das ihm zugeſchickt wurde, überblickend, alsbald die Hand des großen Subredakteurs und rief, indem er das Blatt lachend ſeinem Weibe hinwarf: „Da ſieh', Marie, meine Theure, da iſt Jack wieder in Arbeit.“ In der That, Jack war ein warmer Freund und ritterlicher Parteigänger, und wenn er die Feder in der Hand hatte, ſo ließ er ſelten eine Gelegenheit hinaus, die Welt wiſſen zu laſſen, daß Rafferth der größte Maler in Europa ſei, und ſich über die kleinliche Eiferſucht der 160 Akademie zu wundern, welche ihn nicht zum R. A. *) machen wollte, und anzuführen, man fage ſich in Weſt⸗ End allgemein, daß Mr. Rooney M. P. zum Gou⸗ verneur von Barataria beſtellt ſei, was jeden Falls ein Kompliment für die Round Towers (runden Thürme) und die Giant's Cauſeway (Rieſenſtraße) ſei. Und außerdem, daß er Pen's Arbeit für ihn verſah, erbot ſich dieſer gutherzige Kamerad, ſeine Samstags⸗ und Sonntags⸗Feiertage zu opfern und dieſe ruhigen Feiertage über Arthur's Wärter zu machen, der jedoch darauf beſtand, der Andere ſollte ſeiner Erholung pfle⸗ gen, und ihn dankbar verſicherte, daß er am beſten allein ſeine Maladie tragen könnte. Als er Freitag Abends ſeinen Imbiß in der Hin⸗ terküche nahm, nachdem er ſein Tagewerk vollbracht hatte, benachrichtigte Finucane Kapitän Coſtigan von der Erkrankung ihres jungen Freundes in dem Temple, und als er zwei Tage nachher dem Kapitän die Sache wieder in Erinnerung brachte, begab ſich der Kapitän nach Lamb Court und ſtattete am Sonntag Rachmittag dem Invaliden einen Beſuch ab. Er fand die Wä⸗ ſcherin Miß Flanagan in Thränen in dem Beſuch⸗ zimmer und erhielt einen ſchlimmen Bericht über den kranken, theuren, jungen Gentleman im Innern. Pen's Lage hatte ſie ſo beunruhigt, daß ſie des Stimulus einer Brandyflaſche bedurfte, um ihren Geiſt in dem Kummer aufrecht zu erhalten. Wenn ſie über ſein Bett hereinhing und ihn zu bedienen ſich beſtrebte, wur⸗ den ihre Aufmerkſamkeiten dem Invaliden unerträglich, und er bat ſie grämlich, ihm nicht nahe zu kommen. Daher der Wäſcherin Thränen, verdoppelter Gram und wiederholte Zuflucht zu der Flaſche, die ſie als ſchmerz⸗ ſtillende Arznei zu gebrauchen pflegte. Der Kapitän ſchalt das Weib tüchtig über ihre Unmäßigkeit und * . *) BRoyal Academician, königlicher Akademiker. 161 ſtellte ihr die unausbleiblichen, verderblichen Folgen vor, wenn ſie auf dieſem Wege der Thorheit beharrte. Pen, der um dieſe Zeit in einem ſehr fieberhaften Zuſtande ſich befand, war über Coſtigan's Beſuche ſehr erfreut. Er hörte die wohlbekannte Stimme in ſeinem Wohnzimmer, und rief den Kapitän angelegentlich her⸗ bei, danfte ihm für ſein Kommen und bat ihn, ſich einen Stuhl zu nehmen und mit ihm zu plaudern. Der Kapitän fühlte dem jungen Manne mit großer Gravität den Puls — (ſeine zitternde, klebrige Hand wurde den Augenblick feſt, während ſein Finger Ar⸗ thur's pulſirende Ader drückte). Der Puls ſchlug ſehr ungeſtüm — Pen's Geſicht war ſehr heiß und einge⸗ fallen — ſeine Augen trüb und mit Blut unterlaufen — ſein bird (wie der Kapitän Beard, Bart, ausſprach) als er ſpäter eine Schilderung ſeines Zuſtandes gab, war ſeit beinahe einer Woche nicht geſchoren. Pen ließ ſeinen Beſuch niederſitzen und begann, in ſeinem unbehaglichen Bette ſich umherwerfend und drehend, ſich mit dem Kapitän lebhaft über die Hinterküche und Vaurhall zu unterhalten, wann ſie wieder hingehen wollten, und über Fanny — wie ſich doch die kleine Fanny befinde? In der That, wie befand ſie ſich? Wir wiſſen, wie ſie letzten Sonntag Abend traurig nach Hauſe ging nachdem ſie Arthur während ſeiner Unterhaltung mit Bows ſeine Lampe in ſeinen Zimmern hatte an⸗ zünden ſehen. Bows kam ſogleich in ſeine eigene Woh⸗ nung zurück, indem er an der Thür der Lodge vorbei⸗ ging, und beim Vorbeigehen ſeinem Verſprechen gemäß zu Mrs. Bolton hineinſah, aber mit trauriger Miene. Sie hatte wieder eine ſehr öde Nacht. Sie durfte nicht mehr in Walter Lorrain leſen: der Vater war zu Hauſe und wollte kein Licht leiden. Sie behielt das Buch unter dem Kiſſen und fühlte darnach in der Nacht, ſie war aber entſchlummert, als die Kinder unruhig wur⸗ Pendennis. MI. 11 162 den, beinahe ſo früh als die Vögel. Obgleich ſie auf Bows ſehr böſe war, ſo lam ſie doch zu der gewohn⸗ ten Tagesſtunde nach ſeinem Zimmer, und dort begann der gutherzige Muſiker mit ihr ein Wort zu ſprechen. „Ich habe geſtern Abend Mr. Pendennis geſehen, Fanny.“ „Das wäre! ich dachte mir's,“ antwortete Fanny, indem ſie den melancholiſchen, alten Gentleman ſtolz anſah. „Ich habe Sie immer lieb gehabt, ſeitdem wir hier wohnen,“ fuhr er fort, „Sie waren noch Kind, als ich kam, und konnten mich leiden, Fanny, bis auf die letzten drei oder vier Tage: bis Sie dieſen Gentle⸗ man ſahen.“ „Und jetzt wollen Sie, vermuthe ich, ihm etwas anhängen,“ ſagte Fanny. „Thun Sie's, Mr. Bows, ich werde Sie darum nur um ſo lieber haben.“ „Ganz gewiß werd' ich dergleichen nicht thun,“ verſetzte Bows; „ich glaube, er iſt ein ſehr guter und ehrlicher junger Mann.“ „Das wäre! Sie wiſſen, wenn Sie ein Wort wider ihn ſagten, ſpräche ich nie mehr ein Wort mit Ihnen — nie!“ ſprach Miß Fanny und ballte ihre kleine Fauſt, und ſchritt im Zimmer auf und nieder. Bows bemerkte, beobachtete und folgte dem feurigen kleinen Geſchöpfe mit Bewunderung und düſterer Theil⸗ nahme. Ihre Wangen glühten, ihre Geſtalt zitterte; ihre Augen ſtrahlten von Liebe, Zorn, Ausforderung. „Sie möchten gern übel von ihm ſprechen,“ ſagte ſie, „aber Sie wagen's nicht — ich weiß, Sie wagen's nicht!“ „Ich kenne ihn ſeit vielen Jahren,“ fuhr Bows fort, „als er beinahe noch ſo jung war als Sie, und er hatte eine romantiſche Zuneigung zu der Tochter unſeres Freundes Coſtigan — der jetzigen Lady Mi⸗ rabel.“ Fanny lachte, „es gab vermuthlich noch mehr Lente, die romantiſche Zuneigungen zu Miß Coſtigan 163 hatten,“ ſagte ſie, „es verlangt mich nicht, von ihnen zu hören.“ „Er wollte ſie heirathen, aber ſie paßten nicht im Alter zu einander und nicht in ihrer Lebensſtellung. Sie wollte ihn nicht haben, weil er kein Geld hatte, es war ſehr weiſe von ihr, daß ſie ihn abwies: denn Beide wären ſehr unglücklich geweſen, und ſie hätte ſich nicht geeignet, mit ſeiner Familie zu leben und ihm ſein Heimweſen behaglich zu machen. Mr. Pen⸗ dennis hat ſeinen Weg durch die Welt zu machen und muß eine Lady von ſeinem eigenen Range heirathen. Ein Mädchen, das einen Mann liebt, wird ſeine Aus⸗ ſichten nicht vernichten, ihm keinen Streit mit ſeiner Familie verurſachen.“ Fanny's Aufregung, die eben noch ausfordernd und leidenſchaftlich war, wurde jetzt kleinmüthig und bittend. „Was weiß ich von Heirathen, Bows?“ ſagte ſie. „Wenn ſprach Jemand davon, was iſt zwiſchen mir und dieſem jungen Gentleman vorgefallen, das die Leute ſo grauſam ſprechen läßt? Es war nicht meine, nicht Arthur's — Mr. Pendennis Schuld — daß ich ihn in Vaurhall traf. Der Kapitän nahm mich und Ma dort hin. Wir dachten nie an etwas Unrechtes, er kam und rettete uns und war ſo freundlich, dann kam er, bei uns anzurufen und nach uns zu fragen: und ſehr, ſehr gut war es von einem ſo vornehmen Gentleman, ſo artig gegen niedrige Leute, wie wir, zu ſein, und geſtern gingen Ma und ich in die Temple Gardens“ — und dann brach ſie in jenes gewohnte unbeantwortliche, weibliche Argument der Thränen aus — und rief: „O! ſch wollte, ich wäre kodt, ich wollte, ich läge in meinem Grabe und hätte nie, nie ihn ge⸗ ſehen —!“ „So viel ſagte er auch, Fanny,“ ſagte Bows, und Fanny fragte unter Schluchzen, warum, warum er wünſche, ſie nie geſehen zu haben? Ob ſie ihm etwas zu Leid gethan habe? Ol ſie wollte lieber zu Grunde 164 gehen, als ihm etwas zu Leide thun. Hierauf theilte ihr der Muſiker die Unterhaltung vom vorigen Tage mit, zeigte ihr, daß Pen an ſie als ein für ihn paſſen⸗ des Weib nicht denken könnte und dürfte, und daß ſie, wenn ihr an ihrem ehrlichen Rufe etwas liege, gleich⸗ falls ſuchen müſſe, ihn zu vergeſſen. Fanny verließ den Muſiker überzeugt, aber immer noch der gleichen Meinung und mit dem Verſprechen, daß ſie der ihr drohenden Gefahr entfliehen wollte, kehrte zurück zu des Thorwächters Lodge und erzählte ihrer Mutter Alles. Sie plauderte von ihrer Liebe für Arthur und beklagte in ihrer kunſtloſen Weiſe die Ungleichheit ihrer Lage, welche Schranken zwiſchen ihnen aufrichte. „Da iſt die Lady von Lyons,“ ſagte Fanny; „v, Ma! wie liebte ich Mr. Macready, als ich ihn ſo handeln ſah, und Pauline, daß ſie dem armen Claude treu blieb und immer an ihn dachte, und wie er durch all' die Gefah⸗ ren als Offizier zu ihr zurückkam! Und wenn Jeder⸗ mann Pauline bewundert, wie ſicherlich Jedermann thut, daß ſie dem armen Manne ſo treu blieb — warum ſollte ein Gentleman ſich ſchämen, daß er ein armes Mädchen liebt, nicht daß mich Mr. Arthur liebte — o nein, nein! ich bin ſeiner nicht würdig; nur eine Prinzeß iſt ſolch eines Gentleman's werth, ein ſolcher Dichter — der ſo ſchön ſchreibt und ſo vornehm aus⸗ ſieht! gewiß, er iſt ein Edelmann und von alter Fa⸗ milie und ſein Grundbeſitz wird ihm nur vorenthalten. Ach, wenn ich dürfte, o wie wollte ich ihm dienen, für ihn arbeiten, als Sklavin für ihn arbeiten, ja, das wollte ich. Ich wollte nicht mehr verlangen, Ma, als daß ich ihn Morgens ſehen dürfte, und er manchmal ſagte: wie geht's Ihnen, Fanny ? oder Gott ſegne Sie, Fanny! wie er am Sonntag ſagte. Und ich wollte arbeiten, an Einem fort arbeiten, ich wollte die ganze Nacht aufbleiben und leſen und lernen und mich ſeiner würdig machen. Der Kapitän ſagt, ſeine Mutter wohne auf dem Lande und ſei dort eine vornehme Lady⸗ — 165 o wie wünſchte ich, Ma, ich dürfte hingehen und ſie bedienen! ich kann eine Menge Dinge thun und ſehr hübſch arbeiten und manchmal würde er heim kommen und ich würde ihn ſehen.“ Des Mädchens Haupt fiel auf ihrer Mutter Schul⸗ ter, während ſie ſprach, und ſie ergoß ſich in einen Strom mädchenhafter Thränen, mit welchen natürlich die Matrone die ihrigen vereinigte. „Du mußt nicht — mehr an ihn denken, Fanny,“ ſagte ſie, „wenn er nicht zu Dir kommt, iſt er ein garſtiger, böſer Mann.“ „Nenne ihn nicht ſo, Mutter!“ entgegnete Fanny. „Er iſt der beſte der Männer, der Beſte und der Freundlichſte. Bows ſagt, er glaube ſich unglücklich, daß er die arme kleine Fanny verlaſſe. War es ſeine Schuld, ſeine, daß wir uns trafen? — Und ſeine iſt es nicht, daß ich ihn wieder ſehen mußte. Er ſagt, ich müſſe nicht — und ich muß nicht, Mutter. Er wird mich vergeſſen, aber ich werde ihn nie vergeſſen. Nein! ich will für ihn beten, und ihn immer lieben — bis ich ſterbe — und ich werde ſterben, ich weiß, ich ſterbe — und dann wird mein Geiſt immer bei ihm ſein.“ — „Du vergißt Deine arme Mutter, Fanny, und das Herz wird mir brechen, wenn es ſo fortgeht,“ ſagte Mrs. Bolton. „Vielleicht ſiehſt Du ihn, ich weiß ge⸗ wiß, Du wirſt ihn ſehen. Ich weiß gewiß, er kommt heute. Wenn ich je einen Mann verliebt ſah, ſo iſt er es. Als Emily Budd's junger Mann zuerſt kam um ſie, wurde er von dem alten Budd fortgeſchickt, einem höchſt reſpektablen Mann und Viovloncelliſt in dem Orcheſter auf den Wells; und auch ſeine eigene Familie wollte Nichts davon hsren Aber er kam zu⸗ rück. Wir wiſſen Alle, daß er's thun würde. Emily ſagte immer ſo; und er heirathete ſie; und auch Dieſer kommt zurück, und merke Du auf einer Mutter Worte und ſiehe, ob er's nicht thut, meine Theure.“ Als die Unterhaltung ſo weit gediehen war, trat * 166 Mr. Bolton in die Lodge, um ſeinen Abendimbiß zu ſich zu nehmen. Bei des Vaters Erſcheinung verſtummte die Unterhaltung zwiſchen Mutter und Tochter im Augen⸗ blick. Mrs. Bolton liebkoste und kajolirte den aide⸗ camp des grämlichen Leichenunternehmers und ſagte: Himmel, Mr. Bolton, wer hätte ſich gedacht, Dich an einem Samſtag Abend fern von dem Klubb zu ſehen? Fanny, meine Theure, ſorge dafür, daß Dein Vater ein Abend⸗ eſſen erhält. „Was willſt Du haben, Bolton?“ Das arme Mädchen hat ein böſes Auge, oder was darln — ich ſah eben darnach, als Du herein kamſt.“ Sie drückte ihrer Tochter die Hand, als Signal für kluge Ver⸗ ſchwiegenheit, und Fanny's Thränen vertrockneten nicht minder, und durch jene wunderbare Heuchelei und Ver⸗ ſtellungskraft, welche Frauen prakliciren und die ihnen die Natur zu Vertheidigungswaffen gab, verſchwanden die Spuren ihrer Aufregung, und ſie ging und holte ihre Arbeit und ſetzte ſich beſcheiden und ruhig in die Ecke, daß dem ſorgloſen Vater kein Gedanke kam, daß ihr was fehlte. So drängten, als ob das Schickſal beſchloſſen hätte, Maladie und Leidenſchaft des armen Kindes anzu⸗ fachen und zu ſteigern, alle Umſtände und Parthieen ringsum darauf hin. Ihre Mutter ermuthigte und applaudirte, und die Worte ſelbſt, welche Bows ge⸗ brauchte, um ihre Flamme zu unterdrücken, ſteigerten nur dieſes unglückliche Fieber. Pen war nicht ſchlecht und kein Verführer, Pen war ſo hochſinnig, daß er ſie zu meiden wünſchte. Pen liebte ſie, der gute große, der prachtvolle Jüngling mit den goldenen Ketten und dem parfümirten kaſtanienbraunen Haar! und ſo that er auch, oder ſo hätte er vielleicht vor fünf Jahren ge⸗ liebt, ehe die Welt den feurigen und unbekümmerten Jüngling verhärtet hatte, ehe er ſich einer thörichten und unklugen Leidenſchaft ſchämte und ſie erſtickte, wie arme Weiber mit ihren Kindern thun, nicht wegen des Vergehens, ſondern aus Scham und aus Furcht, daß der Finger der Welt auf ſie deuten würde. 167 Welche ochtbare Perſon in der Welt wird nicht ſagen: er that ganz recht, eine Heirath mit einer man⸗ gelhaft erzogenen Perſon von niedrigem Stande zu vermei⸗ den, deren Verwandte ein Gentleman nicht wohl aner⸗ kennen, und deren Manieren ihrer neuen Stellung nicht geziemen würden? — Und welcher Philoſoph würde ihm nicht ſagen, daß das Beſte mit dieſen kleinen Lei⸗ denſchaften, wenn ſie erwachen, iſt, ihrer los zu wer⸗ den, ſie hinter ſich zu bekommen und zu heilen, daß Niemand wegen eines Frauenzimmers ſtirbt, oder um⸗ gekehrt, und daß Einer oder die Andere, nachdem eroder ſie die Unmöglichkeit, ſeinen oder ihren Wunſch in dem gegebenen Falle zu befriedigen, eingeſehen, aus der Noth eine Tugend machen, vergeſſen, ſich ſonſt wo um⸗ ſehen und wieder wählen muß. Und doch mag viel⸗ leicht auch für die andere Seite etwas geſagt werden. Vows hatte vielleicht Recht, daß er dieſe Leidenſchaft Pen's, ſo blind und unbeſonnen ſie war, da ſie ihn Alles für ſeine Liebe auf's Spiel ſetzen ließ, bewunderte. Vielleicht iſt, wenn Selbſtaufopferung eine lobenswerthe Selbſtaufopferung iſt, blos weltliche nicht ſehr preis⸗ würdig; — kurz, möge dieſer Punkt noch beſonders von dem einzelnen Moraliſten, der darüber zu debat⸗ tiren beliebt, feſtgeſetzt werden. So viel iſt gewiß, daß Pen mit der Welterfah⸗ rung, welche er jetzt hatte, den Gedanken, ein Mädchen aus dem Bereiche der Küche zu heirathen, belacht und verhöhnt hätte. Und da er über dieſen Punkt mit ſich im Reinen war, ſo that er nur ſeine Pflicht als ehr⸗ licher Mann, wenn er jede unglückliche Zärtlichkeit, die er für die arme, kleine Fanny fühlen mochte, unter⸗ drückte. So wartete und wartete ſie, in der Hoffnung, daß Arthur kommen würde. Sie wartete eine ganze Woche und erſt am Ende dieſer Zeit erfuhr das arme Kind aus Coſtigan's Munde von der Krankheit, unter wel⸗ cher Arthur zu leiden hatte. 168 Der Zufall wollte, daß an demſelben Abend, an welchem Coſtigan Pen beſucht hatte, Arthur's Oheim, der vortreffliche Major, in der Stadt aus Buxton an⸗ kam, wo ſeine Geſundheit wieder ausgebeſſert worden, und ſeinen Valet Morgan ausſchickte, um ſich nach Arthur zu erkundigen, und den Gentleman zu einem Frühſtück bei dem Major auf den nächſten Morgen ein⸗ zuladen. Der Major reiſ'te nur durch London auf ſei⸗ nem Wege nach des Marquis von Steyne's Landhaus in Stillbrook, wo er zur Rebhühnerjagd eingeladen war. Morgan kam mit ſehr langem Geſicht zu ſeinem Gebieter zurück. Er hatte Mr. Arthur geſehen; Mr. Arthur war ſehr unwohl; Mr. Arthur lag im Bett an einem Fieber. Ein Doktor ſollte zu ihm geſchickt werden; und Morgan fand ſeinen Fall ſehr beunruhigend. „Gott im Himmel! dieß war in der That eine Hiobspoſt. Er hatte gehofft, Arthur werde mit nach Stillbrook gehen, er hatte es ſo arrangirt, daß er gehen ſollte und eine Einladung an ſeinen Neffen von Lord Steyne ausgewirkt. Er ſelbſt mußte gehen, er konnte Lord Steyne nicht über Bord werfen, das Fieber konnte anſteckend ſein, es konnten die Maſern ſein, er hatte ſelbſt noch nie die Maſern gehabt, ſie wären gefährlich, wenn man ſie in ſeinem Alter bekäme; war Jemand bei Mr. Arthur?“ Morgan ſagte, daß Jemand zur Pflege bei Mr. Arthur ſei. Der Major fragte dann, ob ſein Reffe ärzlichen Rath gehabt habe? Morgan ſagte, daß er dieſe Frage gethan und erfahren habe, daß Mr. Pendennis keinen Doktor berathen habe. Morgan's Gebieter war aufrichtig bekümmert über die Nachricht von Arthur's Kalamität. Er wäre gern ſelbſt zu ihm gegangen, aber was konnte es Arthur nützen, wenn ſich der Major ein Fieber holte, ſeine eigenen Gebrechen machten es durchaus unmöglich, daß er ſonſt 169 Jemand pflegen ſollte, aber der junge Mann mußte ärztlichen Rath — den beſten ärztlichen Rath haben; und Morgan wurde ſtracks mit einer Note von Major Pen⸗ dennis an ſeinen Freund Doktor Goodenvugh (Gut⸗ 5 genug) abgeſchickt, der zum Glück in London und zu Hauſe war und augenblicklich ſein Diner verließ und deſſen Wagen in einer halben Stunde in Upper Temple Lane, in der Nähe von Pen's Zimmern ſtand. Der Major hatte den gutherzigen Arzt gebeten, ihm Nachricht über ſeinen Neffen in den Klubb zu brin⸗ gen, wo er ſelbſt dinirte, und im Verlaufe der Nacht machte der Doktor ſeine Aufwartung. Der Handel war ſehr ernſthaft: der Patient hatte ſtarkes Fieber: er hatte Pen ſogleich zur Ader gelaſſen und wollte ihn nächſten Mor⸗ gen vor Allem zuerſt beſuchen. Der Major ging troſt⸗ los über dieſe unglückliche Nachricht zu Bett. Als Goo⸗ denough kam, und ihn ſeinem Verſprechen gemäß am nächſten Morgen beſuchte, hatte er eine Viertelſtunde auf eine Schilderung von des Majors eigenen Ma⸗ ladien zu hören, ehe dieſer Muße bekam, etwas von Arthur anzuhören, er habe, ſagte ſeine — ſeine — Wärterin, eine ſehr ſchlechte Nacht gehabt, um ein Uhr habe er irre geſprochen. Es könnte ein ſchlechtes Ende nehmen, es wäre am beſten, wenn man ſogleich nach ſeiner Mutter ſendete. Der Major ſchrieb mit größter Behendigkeit den Brief an Mrs. Pendennis und zu glei⸗ cher Zeit mit der höfllichſten Vorſicht. Was ſeinen eigenen Beſuch bei dem Jungen anbelangte, ſo war er in ſeinem Zuſtande unmoͤglich. „Könnte ich ihm von irgend einem Nutzen ſein, mein lieber Doktor?“ fragte er. Der Doktor ſagte mit einem ganz beſonderen Lächeln: er glaube nicht, daß der Major ihm etwas helfen könnte, ſeine eigene koſt⸗ bare Geſundheit erfordere die zarteſte Behandlung, er würde am beſten thun, auf das Land zu gehen und dort zu bleiben, er ſelbſt wolle ſich die Mühe nehmen — 8 170 und zwei Mal des Tags nach dem Patienten ſehen, und Alles, was in ſeinen Kräften ſtände, für ihn thun. Der Major erklärte auf ſein Ehrenwort, daß er, wenn er etwas helfen könnte, auf Pen's Zimmer eilen würde. Morgan ſollte hingehen und Acht haben, daß Alles recht geſchehe. Der Doktor mußte ihm mit jeder Poſt nach Stillbrook ſchreiben, es war blos vierzig Meilen (ſechszehn Stunden) und wenn ſich etwas zu⸗ trüge, ſo wollte er kommen und jedes Opfer bringen. Major Pendennis hatte durch Stellvertretung und durch die Poſt ſeinem Wohlwollen Genüge gethan. „Was konnte er weiter thun?“ ſagte er, „bei Gott, Sie wiſſen, daß es in dieſen Fällen am beſten iſt, einen Burſchen nicht zu beunruhigen. Wenn ein Junge un⸗ wohl wird, nun, bei Gott, ſo wiſſen Sie, daß er dazu disponirt iſt. Um ihn aber wieder wohl zu machen, (und darin, mein lieber Doktor, ſlimmen Sie ſicherlich mit mir überein) thut man am beſten, wenn man ihn ruhig — vollkommen ruhig hält.“ So ſuchte der alte Gentleman ſein Gewiſſen zu beruhigen und ging an jenem Tage auf der Eiſenbahn (denn Eiſenbahnen ſind im Verlay er Geſchichte faſt überall zu Stande gelomm „ Zieich ſie noch nicht zu Pen's Heimath durchgedrungen) nach Stillbrook ab und erſchien in ſeinem gewohnten ſchmucken Anzuge und in ſeiner gekräuſelten Perücke bei dem Diner des Marquis von Steyne. Aber wir müſſen dem Major Gerechtigkeit widerfahren laſſen: er war ſehr unglück⸗ lich und verſtimmt. Wagg und Wenham verhöhnten ihn über ſeinen Kleinmuth⸗ fragten ihn, ob er in der Liebe unglücklich geweſen ſei, und machten ſich ſonff auf ſeine Koſten über ihn luſtig. Er verlor nach dem Di⸗ ner ſein Geld im Whiſt und trumpfte wirklich ſeines Spielgenoſſen höchſten Piek. Die Gedanken an den leidenden Jungen, auf den er ſtolz war und den er auf ſeine Art liebte, hielten den alten Geſellen die halbe Nacht wach und brachte ihm fieberhaftes Mißbehagen. —.— —— — —.— —— — 174 Am Morgen empfing er von unbekannter Hand eine Note (ſie war von Mr. Bowas), nach welcher Mr. Ar⸗ thur Pendennis eine erträgliche Nacht gehabt und da Doktor Goodenough bemerkt hätte, daß der Major wünſchte, über ſeines Neffen Befinden Nachricht zu erhalten, ſo habe er, R. B., ihm die Nachricht auf der Eiſenbahn zugefertigt. Am nächſten Tage ging er gegen Mittag auf die Jagd mit einigen der Gentlemen, welche in Lord Steyne's Hauſe verweilten, und die Geſellſchaft war, die Wagen erwartend, aufder Terraſſe verſammelt, als eine Fly (leich⸗ ter Wagen) von der benachbarten Station daher kam und ein grauköpfiger, etwas ſchäbig gekleideter, alter Gentle⸗ man herausſprang und nach Major Pendennis fragte. Es war Mr. Bows, er nahm den Major bei Seite und ſprach mit ihm; die meiſten Gentlemen in ſeiner Umgebung ſahen, daß ſich etwas Ernſtiches ereignet hatte, an dem beunruhigten Blicke des Majors. Wagg ſagte; Es iſt der Bailiff, der herabkommt, um den Major in Empfang zu nehmen; aber Niemand lachte über den Schetz. „Hullo! was at es, Pendennis?“ rief Lord Steyne mit kreiſchender Stimme. „Iſt was Schlim⸗ mes vorgefallen?“ z 's iſt —s iſt — mein Junge iſt todt!“ rief der Ma⸗ jor und brach in ein Schluchzen aus. Der alte Mann war ganz bewältigt. „Nicht todt, Mylord, aber ſehr krank, als ich ihn in London verließ,“ ſagte Mr. Bows mit leiſer Stimme. Eine Britzfa kam in dem Augenblick, als die drei Männer ſprachen, herbei. Der Pair ſah auf ſeine Uhr. Sie haben 20 Minuten, um den Poſtwagen noch zu erreichen. Springen Sie hinein, Pendennis, und fah⸗ ren ſie wie der Teuf —, Sir, hören Sie's 7“ Der Wagen fuhr eilends davon mit Pendennis und ſeinem Begleiter, und mögen wir hoffen, daß der Fluch dem Marquis von Steyne verziehen werde. 172 Der Major fuhr mit Blitzesſchnelle von der Eiſen⸗ bahn nach dem Temple und traf bereits einen Reiſe⸗ wagen, der die enge Templegaſſe blokirte. Zwei Ladies ſtiegen aus und fragten nach dem Pförtner. Der Ma⸗ jor ſah zufällig nach der Wandung des Wagens und „ erblickte den abgeſchoſſenen Kamm des Adlers, der nach der Sonne ſchaute, und das Motto nec tenui penna unten gemalt. Es war ſeines Bruders alter Wagen, vor vielen, vielen Jahren gebaut. Es war Helene und Laura, die nach dem Wege zu der Wohnung des ar⸗ men Pen fragten. Er rannte auf ſie zu, griff haſtig nach ſeiner Schweſter Arm und küßte ihre Hand, und zu Dreien betraten ſie den Lamb Court und ſtiegen die lange, düſtere Treppe hinauf. Sie pochten ſehr leiſe an die Thür, an welcher Arthur's Name geſchrieben ſtand, und ſie wurde von Fanny Bolton geöffnet. Zwölftes Rapitel. Ein kritiſches Kapitel. Als Fanny vie zwei Ladies und die ängſtliche Miene der „ Aelteren ſah, die fie mit einem Blicke unendlicher Beunruhi⸗ gung und Schreckniß betrachtete, wußte das arme Mädchen mit einem Male, daß Pen's Mutter vor ihr ſtand. Es war eine Aehnlichkeit zwiſchen der Wittwe geiſterhaften Augen und Arthur's, wenn er ſich im Fieber in ſeinem Bette herum warf. Fanny blickte begierig nach Mrs. Pendennis und dann nach Laura. Im Geſicht der Letz⸗ teren lag nicht mehr Ausdruck, als wenn es von Mar⸗ — —— 173 nor geweſen wäre. Hartherzigkeit und Düſterheit lag auf den Geſtalten der beiden neuen Ankömm⸗ linge, auch zeigte keine nur den ſchwächſten Schimmer von Güte und Mitgefühl für Fanny. Verzweifelnd wandte ſie ihren Blick von ihnen auf den Major hinter ihnen. Der alte Pendennis ſenkte ſeine Augenlieder, indem er verſtohlen nach Arthur's armer, kleiner Wärterin blickte. „Ich — ich ſchrieb an Sie geſtern, Sie erlauben, Madame,“ ſagte Fanny, indem ſie an jedem Gliede ihres Körpers zitterte und ſo blaß war, als Laura, deren düſtere, drohende Miene über Mrs. Pendennis's Schulter ſah. „Das wäre, Madame!“ ſagte Mrs. Pendennis, „ich denke, wir können Sie jetzt von Ihrem Wartdienſte ablöſen. Ich bin ſeine Mutter, müſſen Sie wiſſen.“ „Ja, Ma'am. Ich — das iſt der Weg zu ſeinem —o, warten Sie einen Augenblick,“ rief Fanny aus. „Ich muß Sie erſt vorbereiten, auf ſein —“ Die Wittwe, deren Geſicht hoffnungslos grauſam und unbarmherzig geweſen, fuhr jetzt mit geöffnetem Munde und einem ſchwachen Schrei, den ſie alsbald er⸗ ſtickte, zurück. „So iſt er ſeit geſtern geweſen,“ ſagte Fanny mit zitternder Stimme. Ein entſetzliches Gelächter kam jetzt aus Pen's Zimmer, deſſen Thür offen ſtand, und nach mehrfachen Rufen begann der arme Unglückliche ein Trinklied von der Univerſität zu fingen und lärmte und jubilirte, als wäre er mitten in einem Zechgelage und ſchlug mit der Fauſt an das Getäfel. Er war ganz wahnſinnig. „Er kennt mich nicht, Ma'am,“ ſagte Fanny. „Das wäre! vielleicht kennt er ſeine Mutter; laſ⸗ ſen Sie mich durch, daß ich zu ihm hineingehe.“ Die Wittwe ſchob haſtig die kleine Fanny bei Seite und drang durch den finſtern Gang, der in Pen's Wohnzim⸗ mer führte. Auch Laura ſegelte ohne ein Wort an 174 Fanny vorbei und der Major foglte ihnen. Fanny ſetzte ſich auf eine Bank in dem Gong, weinte und betete, ſo gut ſie konnte. Sie wäre für ihn geſtorben, und ſie haßten ſie; ſie hatten kein Wort des Dankes oder der Freundlichkeit für ſie, die ſchönen Ladies. Sie ſaß da in dem Gang, ſie wußte nicht wie lang. Sie kamen nie heraus, um mit ihr zu ſprechen. Sie ſaß da, bis Dok⸗ tor Goodenough kam, um ſeinen zweiten Beſuch an je⸗ nem Tage abzuſtatten. Er fand das arme, kleine Ge⸗ ſchöpf an der Thür. „Ei, Wärterin? wie ſteht's mit Ihrem Patienten?“ fragte der gutmüthige Doktor; „hat er etwas Ruhe gehabt?“ „Gehen Sie hin und fragen Sie ſie, ſie find drin⸗ nen,“ antwortete Fanny. „Wer? ſeine Mutter?“ Fanny nickte mit dem Kopfe und ſprach nicht. „Sie müſſen ſelber zu Bette gehen, mein armes, kleines Mädchen,“ ſagte der Doktor. „Sie werden auch krank, wenn Sie's nicht thun.“ „O, kann ich nicht kommen und ihn ſehen; kann ich nicht kommen und ihn ſehen! ich! — ich liebe ihn ſo,“ ſagte das kleine Mädchen, und während ſie ſprach, fiel ſie auf ihre Kniee nieder und umfaßte in ſolcher Angſt des Doktor's Hand, daß dem freundlichen Arzte bei ihrem Anblick das Herz ſchmolz und ein Nebel vor ſeine Brille trat. „Pah, pah! Unſinn! Wärterin, hat er ſeinen Trank bekommen? Hat er Ruhe gehabt? natürlich müſſen Sie kommen und ihn ſehen.“ „So muß ich denn —“ „Sie werden mich hier ſitzen laſſen, nicht wahr? Ich will kein Geräuſche machen, ich bitte blos, hier bleiben zu dürfen,“ ſagte Fanny. Der Arzt ſchalt ſie dann ein einfältiges, kleines Geſchöpf, ſetzte ſie wieder auf die Bank nieder, wo Pen's Druckerteufel ſo manche 175 Stunden zu ſitzen pflegte, berührte ihre blaſſe Wange mit ſeinem Finger und enteilte in das nächſte Zimmer. Mrs. Pendennis war blaß und feierlich an Pen's Bette in einen großen Lehnſeſſel verſchanzt. Ihre Uhr lag auf dem Betttiſchchen neben Pen's Arzneien⸗ Ihr Hut und ihre Mäntel waren auf das Fenſter gelegt. In ihrem Schooß lag ihre Bibel, ohne welche ſie nie⸗ mals reiste. Ihre erſte Bewegung, nachdem ſie ihren Sohn geſehen hatte, war Fanny's Shawl und Hut, die auf ſeiner Kommode lagen, hinaus und auf ſeinen Schreibtiſch zu bringen. Sie hatte vor Major Penden⸗ nis und auch Laura die Thür geſchloſſen und von ihrem Sohne Beſitz genommen. Groß war ihr Zweifel und ihre Angſt, daß Arthur ſie nicht erkennen würde; aber dieſer Schmerz wurde ihr wenigſtens theilweiſe erſpart. Pen kannte ſeine Mutter, lächelte und nickte ihr vertraulich zu. Als ſie hereinkam, bildete er ſich alsbald ein, daß ſie daheim in Fairvaks wären und begann auf eine unſtäte wilde Weiſe zu ſchwatzen und zu lachen. Laura konnte ihn außen hören. Sein Gelächter ſchoß giftige Pfeile in ihr Herz. So war es denn wahr! Er war ſchuldig — und mit dieſem Geſchöpf! — eine Intrigue mit einer Dienſtmagd; und ſie hatte ihn ge⸗ liebt — und er ſtarb ſehr wahrſcheinlich wahnſinnig und reuelos. Der Major ſummte hin und wieder eine Be⸗ merkung oder ein Wort des Troſtes, die Laura kaum hörte. Ein unheimliches Sitzen war es für alle Par⸗ teien; und als Goodenough erſchien, trat er wie ein Engel in das Zimmer. Nicht blos für den Kranken, ſondern auch für die Freunde des Kranken kommt der Doktor. Seine Gegenwart iſt oft für ſie ſo gut als für den Patienten, und ſie verlangen oft noch angelegentli⸗ cher nach ihm. Wie haben wir auf ihn geharrt! Mit wie freudiger Aufregung haben wir den Schall ſeiner Wagenräder auf der Straße und endlich vor unſrer Hausthür gehört. Wie hangen wir an ſeinem Munde, 176 und welch ein Troſt für uns iſt ſein Lächeln, wenn er dieſen Sonnenſchein uns gewährt, um unſere Finſterniß zu erhellen! Wer hat nicht der Mutter fragenden Blick geſehen, ob noch Hoffnung für das kranke Kind iſt, das nicht ſprechen kann und dort liegt, während das Kör⸗ perchen mit dem Fieber kämpft? Und wie ſchaut ſie ihm in die Augen! Wie dankt ſie ihm, wenn dort Licht iſt! Welchen Schmerz, welche Pein fühlt ſie, wenn er ſie niederſchlägt und nicht zu ſagen wagt: „Hoffnung!“ Oder liegt der Hausvater darnieder. Das bekümmerte Weib blickt ihn an, während der Arzt das Handgelenk des Patienten befühlt, ihre Angſt beſchwichtigend, während die Kinder aufgefordert werden, ihre Spiele und ihr Geplauder einzuſtellen. Ueber dem im Fieber liegenden Patienten, dem erwartungsvollen Weibe, den unbewuß⸗ ten Kindern ſteht der Arzt, als wäre er das Verhäng⸗ niß ſelbſt, als geböte er über Leben und Tod. Er muß den Patienten dießmal noch freigeben, das Weib bittet um Friſt. Man kann ſich denken, wie ſchrecklich die Ver⸗ antwortlichkeit für einen gewiſſenhaften Mann ſein muß: wie grauſam das Gefühl, daß er das unrechte Mittel gegeben hat, oder ein beſſeres hätte geben können, wie verlegen ſeine Theilnahme für die Ueberlebenden, wenn es ein unglückliches Ende nimmt — wie überſchwäng⸗ lich das Entzücken des Siegs! Nachdem der Doktor die Ceremonie der Einführung bei den neuen Ankömmlingen, von deren Ankunft er von der außen wartenden, kleinen Wärterin mit dem gebrochenen Herzen vorbereitet worden war, eilig durch⸗ gemacht hatte, unterſuchte er den Patienten, über deſ⸗ ſen gefährlichen Fieberzuſtand kein Zweifel obwalten konnte, und bei dem er die ſtärkſten antiphlogiſtiſchen Mittel anzuwenden genöthigt war. Er tröſtete die un⸗ glückliche Mutter, ſo gut er konnte, gab ihr die kräf⸗ tigſten Zuſicherungen, die er wagen konnte, daß kein Grund zur Verzweiflung da ſei, daß ſich Alles von ſei⸗ ner Jugend, ſeiner ſtarken Konſtitution und ſo fort hof⸗ 177 fen laſſe; und nachdem er Alles gethan, um den Schre⸗ cken der beſtürzten Matrone zu beſchwichtigen, nahm er den älteren Pendennis in das leere Zimmer (Warring⸗ ton's Schlafgemach), um eine kleine Berathung mit ihm zu halten. Der Fall war ſehr kritiſch. Das Fieber konnte und mußte, wenn man ihm nicht Einhalt that, den jungen Burſchen wegraffen: man mußte ihm ſogleich zur Ader laſſen und die Mutter von dieſer Nothwendigkeit in Kenntniß ſetzen. Warum wurde die andere junge Lady mitgebracht? Sie ſei im Krankenzimmer nicht am Orte. „Da war noch ein anderes Weibsbild, hol' mich der Henker!“ ſagte der Major, — „die — die kleine Perſon, welche die Thür öffnete.“ Seine Schwägerin hatte des armen Teufels Hut und Shawl herausge⸗ bracht und auf den Arbeitstiſch geworfen, ob Goode⸗ nough etwas von der — der kleinen Perſon wiſſe 2 „Ich habe ſo eben, als wir vorbeigingen, einen flüch⸗ tigen Blick auf ſie geworfen,“ ſagte der Major, „und bei Gott, ſie ſieht recht niedlich aus.“ Der Doktor ſah wunderlich darein: der Doktor lächelte — in den ern⸗ ſteſten Augenblicken, wo ſich's um Leben und Tod han⸗ delte — ſo ſeltſame Kontraſte und einige Zwiſchenfälle ergeben ſich oft und entlocken ein Lächeln, um die Dü⸗ ſterheit gleichſam zu verhöhnen und noch düſterer zu machen. „Ich hab's,“ ſagte er endlich, wieder in das Ar⸗ beitszimmer tretend, ſchrieb eilig ein paar Noten auf dem Tiſche daſelbſt und ſiegelte eine derſelben. Dann nahm er der armen Fanny Shawl und Hut und die Noten, ging hinaus in den Gang zu der armen kleinen Botſchafterin und ſagte: „Schnell, Wärterin, Sie müſ⸗ ſen dieß zum Wundarzte tragen und ihn unverzüglich hieher entbieten, und dann in mein Haus gehen, nach meinem Bedienten Harbottle fragen, ihn dieſes Recept bereiten laſſen und warten, bis ich — bis es fertig iſt, Pendennis. M. 12 178 es ſe5 vielleicht eine Weile an, bis die Arznei berei⸗ tet iſt.“ Die arme Fanny trottete fort mit den zwei Noten und fand den Apoiheker *), der ganz in der Nähe auf dem Strand wohnte und ſtracks mit ſeinem Lanzette in der Taſche erſchien, um an dem Patienten ſeine Opera⸗ tion zu machen, und von da begab ſich Fanny nach des Doktors Hauſe in Hanover Square. Der Doktor war wieder zu Hauſe, ehe das Recept fertig war, zu deſſen Bereitung ſein Diener Harbottle ſich ſo lange Zeit nahm; und während der übrigen Krankheit Arthurs erſchien Fanny nicht mehr als Wär⸗ terin in ſeinen Zimmern. Aber an dieſem Tage und dem nächſten konnte man ſehen, wie eine Geſtalt an Pen's Treppe lauſchte — wie ein trauriges, gar trau⸗ riges Geſichtchen den Apotheker anblickte, und ihn, des Apothekers Jungen, die Wäſcherin und den gütigen Arzt ſelbſt befragte, wenn ſie aus den Zimmern des Kranken kamen. Und am dritten Tage hielt des freundlichen Doktors Wagen an Shepherds Inn, und der ehrliche, wohlwollende Mann ging in des Thorwächters Lodge und behandelte dort einen kleinen Patienten, für den er die beſte Arznei an dem Tage fand, an welchem er Fanny Bolton ſagen konnte, daß die Kriſis vorüber und end⸗ lich Alles für Arthur Pendennis zu hoffen ſei. J. Coſtigan Eſquire weiland in Sr. Majeſtät Dien⸗ ſten, ſah des Doktors Wagen, kritiſirte ſeine Pferde und deren Geſchirr. „Grüne Livree, hol' mich der! —“ ſagte der General, und ein ſo ſtattliches Paar hochtra⸗ bender Roſſe, als nur je ein Gentleman vor ſich haben konnte, geſchweige denn ein Doktor; mit dem Stolz und der Ar'ganz der Doktoren heut zu Tage will's kein Ende nehmen — nicht als ob er kein guter und wiſſenſchaft⸗ licher Charakter und ein rechtſchaffener Burſche wäre; *) In England verſieht dieſe Dienſte der Apotheker und iſt in kleineren Ortſchaften auch Arzt. d —,— 179 bei Gott, er hat das arme, kleine Mädchen gut durch ihr Fieber gebracht, Bows, mein Junge,“ und ſo zufrie⸗ den war Mr. Coſtigan mit des Doktors Benehmen und Kunſt, daß er ſich's zur beſondern Angelegenheit machte, ſo oft er in Zukunft Doktor Gvodenough's Wagen be⸗ gegnete, denſelben und den Arzt darin auf eine ſo höf⸗ liche und magniſtque Weiſe zu ſalutiren, als ob Doktor Goodenough der „Lord Liftenant“ ſelbſt und Kapitän Coſtigan in ſeiner Glorie im „Phaynir“ Park geweſen wäre. Der Wittwe Dankbarkeit gegen den Arzt kannte keine Gränzen — oder wenigſtens kaum etwelche Grän⸗ zen. Der gütige Gentleman lachte bei dem Gedanken, daß er von einem Manne der Wiſſenſchaft oder der Wittwe eines Bruder Aeskulaps eine Belohnung nehmen ſollte. Sie beſchloß deßhalb, wenn ſie nach Fairvaks zurückkehren würde, Goodenvugh die vergoldete Silber⸗ vaſe, das Kleinod des Hauſes und die Glorie des ſeli⸗ gen John Pendennis in einem grünen Boi aufbewahrt, zu ſenden, das ihm in Bath von Lady Eliſabeth Fire⸗ brace bei der Wiedergeneſung ihres Sohnes, des nun⸗ mehr verſtorbenen Sir Anthony Firebrace, von dem Scharlachfieber verehrt worden. Hippokrates, Hygiea, König Bladud und ein Kranz von Schlangen überragen das Gefäß bis auf dieſen Tag. Es wurde auf ihre feinſte Manier von den Herren Abednego in Milſom Street ausgeführt, und die Inſchriſt war von Mr. irch, dem Hofmeiſter des jungen Baronets. Dieſes unſchätzbare Kunſikleinod beſtimmte die Wittwe zu einem Weihgeſchenk für Goodenough, dem Retter ihres Sohnes, und es gab nicht leicht eine Gunſt, die ihre Dank⸗ barkeit ihm nicht erwieſen haben würde, eine ausgenom⸗ men, die er am meiſten begehrte, und die darin beſtand, daß ſie ein wenig freundlich und gütig der armen Fanny gedächte, deren harmloſe, traurige Geſchichte er einiger⸗ maßen während ſeiner Unterredungen mit ihr kennen gelernt, und von der er eine ſehr gute Meinung faßte, 180 — ohne jeboch eben geneigt zu ſein, auf Pen für ſein Benehmen in der Sache große Stücke zu halten, oder ohne zu wiſſen, wie er ſich benommen habe. Er wußte jedoch genug, um ſich zu überzeugen, daß das bethörte, arme Mädchen, als ſie auf Pen's Zimmer kam, es that, um ihn, wie ſie glaubte, zum letzten Mal zu ſehen, und daß Arthur ihre Gegenwart kaum gewahrte, und daß ſie bei dem Gedanken, ihn todt oder lebendig zu ver⸗ lieren, den tiefſten und ſchmerzlichſten Kummer litt. Wenn aber Goodenough ein oder zweimal auf Fanny anſpielte, nahm die Miene der Wittwe, ſonſt immer ſo ſanft und mild, einen ſo grauſamen und un⸗ erbittlichen Ausdruck an, daß der Doktor wohl ſah, wie vergeblich er um Gerechtigkeit oder Mitleid für ſie bitte, und alle Verſuche abbrach und keine weitere Anſpielun⸗ gen auf ſeine kleine Klientin machte. Es gibt eine Krankheit, die weder Mohnſaft, noch Schlafäpfel, noch all die andern ſchlafbringenden Eſſen⸗ zen aus dem Morgenlande bei Männern ſeiner Zeit, wie uns ein populärer Dichter aus den Tagen der Eliſabeth berichtet, zu beſchwören vermöchten, und welche, wenn ſie ſich bei Frauen zeigt, keine mediziniſche Entdeckungen oder ſpätere Erfahrungen — weder Homöopathie, noch Hydropathie, Mesmerismus, Doktor Simpſon oder Dok⸗ tor Locock kuriren können, und dieß iſt — nicht ſowohl Eiferſucht als vielmehr, glimpflicher benannt, Rivalität und Nacheiferung bei Ladies. Einige jener nichtsnutzi⸗ gen, proſaiſchen Leute, die bei jedem Getheil des Ro⸗ manſchreibers kritteln und berechnen, und z. B. wiſſen wollen, wie wenn die Charaktere des Kritikers in töd⸗ licher Unſchließung einander die Dolche an die Kehle halten, ſie aus der mörderiſchen Verkettung der Umſtände gerettet werden müſſen, können mit der Frage kommen, wie möglicher Weiſe in einigen Tempelzimmern, die aus drei Räumen, zwei Alkofen, einem Gang und einem Koh⸗ lenverſchlag beſtehen, ein kranker Gentleman, ſeine Mutter Helen, ihre Adoptivtochter Laura, Martha, ihre Dienerin 181 vom Lande, Mrs. Wheezer, ein Wärterin vom St. Bar⸗ tholomew's Hoſpital, Mrs. Flanagan, eine irländiſche Wäſcherin, Major Pendennis, ein Offizier außer Dienſt, ſein Bedienter Morgan, Pidgeon, Mr. Arthur Penden⸗ nis's Junge und andere untergebracht werden konnten, ſo diene ihnen ein für alle Mal zur Antwort, daß beinahe Jedermann in dem Temple außerhalb der Stadt war und kaum ein einziger Hausgenoſſe Pens in Lamb Cvurt zu finden war, außer denen, welche um das Siechbett des kranken Gentlemans beſchäftigt waren, von deſſen Fieber wir ein Langes und Breites berichtet haben. Auch wer⸗ den wir uns nicht ſehr viel über das angenehme Thema ſeiner Wiedergeneſung auslaſſen. Jedermann hatte, wie wir bereits geſagt, die Stabt verlaſſen, und natürlich kann man nicht annehmen, daß ein ſo faſhionabler Mann, wie der junge Mr. Sib⸗ wright, der Zimmer im zweiten Stocke von Pens Trep⸗ penbereich einnahm, vorausſichtlich in London blieb. Mrs. Flanagan, Mr. Pendennis's Wäſcherin, war mit Mrs. Rounch, die Mr. Sibwright bediente, und dieſes Gentleman's Schlafzimmer wurde für Miß Bell oder Mrs. Pendennis hergerichtet, wenn Letztere ſich entſchloß, ihres Sohnes Krankenbett zu verlaſſen und für ſich ſelbſt ein wenig Ruhe zu ſuchen. Wenn dieſer junge Stutzer, dieſe Blüthe von Ba⸗ ker⸗Street, Percy Sibwright, hätte wiſſen können, wer ſein Schlafgemach inne hatte, wie ſtolz wütde er auf dieſes Apartement geweſen ſein? — welche Dichtungen würde er über Laura geſchrieben! — (mehrere ſeiner Verſuche find in den Almanach's und als Manuſeript in den Adels Albums erſchienen) — er war ein Com⸗ forder Mann und hätte, wie man ſagt, beinahe den engliſchen Dichterpreis gewonnen. Sibwright war jedoch abweſend, und ſein Bett wurde Miß Bell abgetreten; es war das hübſcheſte Bett von der Welt mit zitzenen Vorhängen. — Er hatte einen Reſedaverſchlag in dem Fen⸗ ſter ſeines Schlafgemachs, und der bloße Anblick ſeiner 182 kleinen Ausſtellung glänzender Stiefel in hübſchen Rei⸗ hen über ſeiner Garderobe aufgeſtellt, war ein Genuß für den Zuſchauer. Er hatte ein Muſeum von Wohl⸗ gerüchen, Pomaden und Bärenfetttöpfe, die gleich⸗ falls reiche Nahrung für die Neugierde waren, und eine Auswahl von weiblichen Porträts, beinahe immer traurig und insgemein verkleidet, oder im Negligé, glän⸗ zen um die niedlichen Wände ſeines eleganten kleinen Ruhebauers. Medora mit aufgelösten Haaren tröſtete ſich auf ihrem Banjo für die Abweſenheit ihres Kon⸗ rad — die Prinzeſſin Fleur de Marie (von Rudolſtein und die Myſterien von Paris) blickte traurig durch die Gitter des Kloſter⸗Käſigs, in welchem das arme, ge⸗ fangene Vögelein verſchmachtete — Dorothea von Don Quirote wuſch ihre unſterblichen Füße: — in üne, es war eine ſo elegante Gallerie, als einem galanten Lieb⸗ haber des ſchönen Geſchlechtes nur immer ziemen mochte, und in Sibwright's Wohnzimmer war, während eine ganze Juriſten⸗Kinderbibliothek in die irdiſche Hülle von friſchen, neugebornen Kälbern gekleidet war, fand ſich eine erträglich große Sammlung klaſſiſcher Werke, die er nicht leſen konnte, und von engliſchen und fran⸗ zöſiſchen Werken der Dichtung und Fiktion, die er nur zu viel las. Seine Einladungskarten von der letzten Saiſon ſchmückten noch ſeinen Spiegel, und kaum eine Spur verrieth den Rechtsgelehrten, außer der Perücken⸗ büchſe neben der Venus auf dem mittleren Geſims des Bücherſtands, an dem der Name Pin Sibwright Eſquire in vergoldeten Buchſtaben zu leſen war. In Sibwright's Zimmer wohnte noch Mr. Bang⸗ ham. Mr. Bangham war ein Jagdfreund und hatte eine reiche Wittwe geheirathet. Mr. Bangham hatte keine Prarxis, kam keine drei Male während des Quar⸗ tals auf die Zimmer; machte aber die Rundreiſen der Richter mit, aus jenen myſteriöſen Gründen, aus denen Männer eben Rundreiſen machen, und ſein Apartement war Sibwright eine bequeme Aushilfe, wenn der junge — 183 Gentleman ſeine kleinen Diners gab. — Wir müſſen geſtehen, daß dieſe zwei Gentlemen mit unſter Ge⸗ ſchichte Nichts zu thun haben, und wahrſcheinlicher Weiſe in ihr auch nicht mehr auftreten werden, können aber nicht umhin, einen Blick durch ihre Thüren zu werfen, die auf unſrem Gange nach Pen's Gelaſſe ge⸗ rade ofſen ſtehen, ſo wie wir auf unſern Geſchäftswegen über den Strand, nach dem Klubb, ia ſelbſt nach der Kirche uns nicht verſagen, einen Blick in die Läden am Wege, auf den Speiſetiſch unſeres Nachbars, oder auf die Geſichter unter den Hüten im nächſten Kirchſtuhle zu thun. Viele, viele Jahre nach den Begebenheiten, die uns im Augenblick beſchäftigen, geſtand Laura mit einem Erröthen und einem Lächeln, das viel Humor verrieth, ihrem Manne, daß ſie eine franzöſiſche Novelle, die ein⸗ mal viel furore machte, geleſen habe, und als ihr Gatte ſie verwundert fragte, wo in aller Welt ſie zu dem Buche gekommen ſei, war es in dem Temple, als ſie in Percy Sibwright's Zimmern wohnte. „Auch geſchah es dort, ich hab' es noch Niemand geſtanden,“ ſagte ſie, „daß ich die lackirte Büchſe öffnete, die ſeltſam ausſehende Perücke herausnahm, aufſetzte und mich im Spiegel beſchaute.“ Denken wir uns, Percy Sibwright wäre in einem ſolchen Moment hereingekommen, was würde er wohl geſagt haben, der entzückte Schalk? Was würden all die Gemälde der verzauberten Schönheiten in ſeinem Zimmer im Vergleich mit der Lebendigen geweſen ſein * Ach, wir ſprechen von alten Zeiten, als Sibwright noch Junggeſelle war, und ehe er Graſſchaftsrichter wurde, S als die Leute noch jung waren — als die meiſten Menſchen jung waren. Andere Leute ſind jetzt jung; aber wir ſind es nicht mehr. Als Miß Bell dieſen Streich mit der Perücke ſpielte, kann man nicht annehmen, daß Pen in dem Zimmer oben noch ſehr übel auf war; ſonſt hätte ſie, wenn ſie auch noch wenig für ihn zu ſorgen gewohnt geweſen wäre, 184 ſelbſt das allgemeine Gefühl für Anſtand ſolche Schwänke oder Vermummungen nicht aufführen laſſen. Aber im Verlaufe der letzten paar Tage hatten ſich verſchiedentliche Dinge begeben, die dazu beitrugen, ihre heitere Stimmung zu ſteigern oder zu erklären: es hatte ſich in dieſer Zeit eine kleine Kolonie alter Freunde und Bekannten in Lamb Court Temple und um Pen's Krankenbett angeſiedelt. Erſtlich war Martha, die Die⸗ nerin der Mrs. Pendennis, aufgeboten von dem Major, der mit Recht dafür hielt, daß ihre Gegenwart für ihre Gebieterin und ihren jungen Herrn (für welche die beſtändige Nähe der Mrs. Flanagan, die während Pen's Krankheit zu ihrer Stärkung mehr geiſtigen Zuſpruch als je bedurfte, ein Aerger war), angenehm und nützlich ſein würde, von Fairvafs angekommen. Martha machte jetzt gerade zu rechter Zeit ihre Aufwartung, um Mrs. Pendennis abzuwarten, und dieſe Lady ging nie zu Bett, bis die getreue Dienerin bei ihr angekommen war, wo ſie dann mit einem Herzen voll mütterlichen Dankgefühls ſich auf Warringtons Strohmatratze und inmitten ſeiner mathematiſchen Bücher zur Ruhe legte. Thatſache iſt, daß von dieſem Tage an in Pen's Zuſtänden eine bedeutende, erfreuliche Veränderung ſtattgefunden hatte. Das Fieber von Doktor Goode⸗ nough's Pflaſtern, Tränken und Lanzette bewältigt, hatte den jungen Mann verlaſſen und kehrte nur noch nach Zwiſchenräumen in ſchwachen Wiederholungen zurück; ſeine irren Sinne waren in ſeinem verſtörten Gehirn wieder beruhigt. Er hatte Zeit gehabt, ſeine Mutter dafür, daß ſie zu ihm gekommen, zu küſſen und ihr Gottes Segen zu wünſchen und nach Laura und ſeinem Onkel zu rufen, welche Beide nach ihren verſchiedenen Naturen von ſeinem bleichen Ausſehen, von ſeinen ma⸗ gern, eingeſchrumpften Händen, ſeinen hohlen Augen, ſeiner hohlen Stimme, ſeinem dünnen, bebarteten Ange⸗ ſicht afſicirt waren, um ihnen die Hände zu drücken und zärtlich zu dankenz und nach dieſer Begrüßung und —, —. 185 nachdem ſie von ſeiner zärtlichen Wärterin aus der Thür geſchoben waren, war er in einen geſunden Schlaf ge⸗ fallen, der gegen ſechzehn Stunden gedauert hatte, nach deren Ablauf er erwachte und rief, daß er über die Maßen hungrig ſei. Wenn es hart iſt, krank zu ſein und einen Ekel an Speiſe zu haben, o, wie er⸗ freulich iſt es dann, wenn man wieder geſund wied und Hunger fühlt — und welchen Hunger! Ach, die Freuden der Wiedergeneſung werden ſchwächer mit den ſteigenden Jahren, wie andere Freuden — und dann — und dann kommt jene Krankheit, von der man nicht mehr geneſtt. An dem Tage dieſes glücklichen Ereigniſſes fand noch eine andere Ankunft in Lamb Court ſtatt. — Der neue Ankömmling gelangte in das Pen⸗Warring⸗ ton'ſche Wohnzimmer unter dem Vortritt gewaltiger Stöße von Tabaksrauch. — Dieſen Stößen von Tabaks⸗ rauch folgte ein Individuum mit einer Cigarre im Munde, und einem Teppichſack unter dem Arm. — Es war Warrington, der von Norfolk zurückeilte, als Mr. Bows die Aufmerkſamkeit hatte, ihn von ſeines Freundes Kalamität zu benachrichtigen. Aber er war nicht zu Hauſe, als Bows's Brief in ſeines Bruders Haus gelangte — die öſtlichen Grafſchaften erfreuten ſich damals noch keiner Eiſenbahn (wir bemerken unſerem Leſer, daß wir Anachronismen nur begehen, wo wirwol⸗ len, und wo durch einen kühnen Griff in jene natürlichen Geſetze eine große ſittliche Wahrheit Vorſpann erhalten ſoll)z kurz und gut, Warrington erſchien erſt mit einem Reſte von gutem Glück an dem glücklichen Tage, an dem Pen's Wiedergeneſung, ſo zu ſagen, ihren Anfang nahm. Sein Erſtaunen war bei alledem nicht ſehr groß, als er die Zimmer ſeines kranken Freundes beſetzt fand und ſein alter Bekannter, der Major, (Warrington hatte ſich ſelbſt mit ſeinem eigenen Hauptſchlüſſel einge⸗ führt) ehrſam in einem Lehnſtuhl ſitzend, einer jungen 186 Lady, die ihm ein Stück aus Sheakſpeare mit leiſem, lieblichem Tone vorlas, horchte, oder zu horchen ſich die Miene gab. Bei der Erſcheinung des ſchlanken Reiſenden mit der Cigarre und dem Teppichſack ver⸗ ſtummte die Lady, fuhr auf und legte das Buch nieder. Er erröthete, warf die Cigarre in den Gang, nahm ſei⸗ nen Hut ab, warf auch ihn bei Seite, trat auf den Major zu, ergriff den alten Gentleman bei der Hand und fragte ihn über Arthur. Der Major antwortete mit zitternder, obgleich freudiger Stimme — es war merkwürdig, wie die Ge⸗ müthsbewegung ihn gealtert zu haben ſchien — und Warrington's Druck mit zitternder Hand erwidernd, ſagte er ihm — wie bei Arthur eine glückliche Kriſis eingetreten, wie ſeine Mutter mit ihrer jungen Pflege⸗ tochter — mit Miß — „Sie hrauchen mir ihren Namen nicht zu nennen,“ ſagte Mr. Warrington in großer Aufregung, denn er war von dem Gedanken an ſeines Freundes Wiedergene⸗ ſung freudig ergriffen — „Sie brauchen mir ihren Na⸗ men nicht zu nennen, ich wußte ſogleich, daß es Laura war.“ Er hielt ſeine Hand aus und ergriff die ihrige. Ein Uebermaß zärtlicher Güte glänzte unter ſeinen rauhen Augbrauen und bewegte ſeine Stimme, als er ſie anſchaute und mit ihr ſprach. „Und dies iſt Laura,“ ſchienen ſeine Blicke zu ſagen. „Und dies iſt Warrington“, tönte es in dem Herzen des edelmüthigen Mädchens wieder. Arthur's Held — der wackere und freundliche — er iſt Hunderte von Meilen daher geeilt, um ihm beizuſpringen, als er von ſeines Freundes Un⸗ glück hörte! „Danke Ihnen, Mr. Warrington,“ war jedoch Alles, was Laura ſagte. Während ſie den freundlichen Druck ſeiner Hand erwiderte, erröthete ſie dermaßen, daß ſie froh war, daß die Lampe hinter ihr ſtand, um ihr glühendes Geſicht zu verbergen. Während Beide in dieſer Attitude daſtanden, wurde 187 die Thür von Pen's Schlafgemach leiſe geöffnet, wie ſeine Mutter zu thun pflegte, und Warrington ſah eine andere Lady, welche ihn zuerſt anblickte und dann nach dem Bette ſich wendend und den Finger erhebend, ſprach: St! Gegen Pen wendete ſich Helen und empfahl Stille. Er rief mit ſchwacher, zitternder, aber freudiger Stimme: „Komm' herein, Stunner, komm' herein, Warrington. Ich wußte, daß Du es warſt — an dem Rauch, alter Junge,“ ſagte er, ſeine eingefallene Hand ausreckend und mit Thränen der Schwäche ſowohl, als des Ver⸗ gnügens, in den Augen, hieß er ſeinen Freund will⸗ kommen. „Ich — ich — bitte um Verzeihung, Ma'am, daß ich rauchez“ ſagte Warrington, der jetzt beinahe zum erſten Male über ſeiner ſchlimmen Gewohnheit erröthete. Helen ſagte blos: „Gott grüße Sie, Mr. War⸗ rington.“ Sie war ſo glücklich, ſie hätte George küſ⸗ ſen können. Nachdem ſodann die Freunde eine kurze, ſehr kurze Zwieſprache gehalten, bot die entzückte, aber unerbittliche Mutter Warrington die Hand und ſchickte auch ihn aus dem Zimmer zurück zu Laura und dem Major, welche Cymbeline, wo ſie ſie bei der Ankunft des rechtmäßigen Eigenthümers von Pen's Zimmern verlaſſen, nicht wieder aufgenommen hatten. Vreizehntes Rapitel. Die Wiedergeneſung. Es iſt unſere Pflicht, in Betreff Pendennis's eine Thatſache zu erwähnen, welche, wenn auch noch ſo ſchimpflich und unehrenvoll, wenn ſie von der Haupt⸗ perſon und dem Helden einer Novelle erzählt wird, doch dem Publikum, das ſeine wahren Memoiren liest, nicht darf vorenthalten werden. Als er mit einem Fieber und einigermaßen unter dem Einfluß der Leidenſchaft der Liebe ſich zu Bett legte, ſo war er, nachdem er die körperliche Krankheit durchgemacht, ſein Blut in Ader⸗ läſſen abgegeben, bepflaſtert und des Haupthaares be⸗ raubt und nach Anweiſung des Doktors behandelt und medikaſtrirt worden war, — ſo war er doch thatſächlich, als er ſich von ſeinem leiblichen Unwohlſein aufgerafft hatte, von ſeiner geiſtigen Maladie gleichfalls kurirt und in Fanny Bolton nicht mehr verliebt, als Sie und ich, die wir all' zu weiſe oder zu moraliſch ſind, um unſere Herzen Thorwärterstöchtern nachſchwärmen zu aſſen. Er lachte über ſich ſelbſt, als er auf ſeinem Kiſſen lag und über die zweite Kur nachdachte, die mit ihm vorgegangen war. Er kümmerte ſich jetzt nicht im ge⸗ ringſten um Fanny: er wunderte ſich, wie er ſich je um ſie gekümmert haben ſollte, und nahm nach ſeiner Gewohnheit dieſe mit Tod abgegangene Leidenſchaft in Augenſchein und unterſuchte mit anatomiſchem Meſſer die Leiche ſeiner Gefühle für ſeine arme kleine Wär⸗ terin. Was konnte ihn auch noch anziehen? Nicht ihr Witz, nicht ihre Erziehung, nicht ihre Schönheit — Hunderte von Weibern ſahen beſſer aus, denn ſie. Aus —,— —,— 189 ihm ſelbſt hatte die Leidenſchaft ihren Stoff geſchöpft: er wohnte nicht in ihr. Sie war dieſelbe; aber die Augen, die ſie ſahen, waren verändert, und ach! daß es ſo kommen ſollte; — bin nicht beſonders begierig, ſie wiederzuſehen. Er fühlte Wohlwollen gegen das kleine Ding und ſo fort, aber jenes gewaltige, perſön⸗ liche Intereſſe, das er noch vor wenigen Wochen für ſie gehabt, war unter dem Einfluß der Pillen und der Lan⸗ zette, die ſein leibliches Fieber zerſtörten, entflohen. Und eine unerſchöpfliche Quelle der Beruhigung und der Dankbarkeit war es für Pendennis, (obgleich etwas Selbſtiſches in dieſem Gefühle lag, wie in den meiſten anderen unſeres jungen Mannes) daß er im Stande war, der Verſuchung zu einer Zeit zu widerſtehen, wo die Gefahr am größten war, und daß er, wie er ſich erinnerte, keinen beſonderen Grund zur Selbſtanklage gegen das junge Mädchen hatte. Wie vor einem Ab⸗ ſturz, in den er hätte fallen können, ſo muſterte er von dem Fieber aus, von dem er ſich erholt hatte, die Fanny Boltons⸗Schlinge, der er glücklich entronnen, aber, ich bin nicht gewiß, daß er ſich nicht eben der Genugthuung ſchämte, die er empfand. Es war viel⸗ leicht angenehm, aber es war demüthigend, zu geſtehen, daß man nicht mehr liebe. Mittler Weile erfüllte das freundliche Lächeln und die zarte Fürſorge ſeiner Mutter an ſeinem Bette den jungen Mann mit Frieden und Sicherheit. Zu ſehen, daß die Geſundheit zurückkehrte, war Alles, was die unermüdliche Wärterin verlangte: jede Laune ihres Pa⸗ tienten zu befriedigen, war ihre vorzüglichſte Freude und Belohnung. Er fühlte ſich umgeben von ihrer Liebe und fühlte beinahe ſo viel Dank dafür, als, da er ſchwach und hilflos in ſeiner Kindheit geweſen. Einige nebelhafte Erinnerungen an die erſte Zeit ſeiner Krankheit, und daß Fanny ihn gepflegt hatte, mag Pen gehabt haben, aber ſie waren ſo dunkel, daß er ſie nicht genau realiſiren oder von dem unterſcheiden 190 konnte, was ihm während ſeines Fieberdeliriums als Truggeſtalt vorgeſchwebt hatte. Da er es nun bei früheren Gelegenheiten nicht für geeignet gehalten hatte, Anſpielungen auf Fanny Bolton vor ſeiner Mutter zu machen, ſo konnte er natürlich ihr auch jetzt ſeine Gefühle in Betreff Fanny's nicht anvertrauen, noch dieſe wür⸗ dige Lady zu ſeiner Confidante machen. Es war auf beiden Seiten eine unglückliche Vorſicht und ein Man⸗ gel an Vertrauen, und ein paar Worte zur Zeit hät⸗ ten der guten Lady und Denen, die mit ihr in Verbin⸗ dung waren, einen guten Theil Angſt und Qual er⸗ ſpart. — Ich bedaure, ſagen zu müſſen, daß Mrs. Penden⸗ nis, als ſie Miß Bolton als Wärterin für Pen beſtellt ſah, aus der Thatſache des vertrauten Verhältniſſes der zwei unglücklichen jungen Leute das Schlimmſte gefol⸗ gert und ſich in ihrem Innern überzeugt hatte, daß die Anklagen gegen Arthur nicht ungegründet waren. Warum nicht aufhören mit den Nachforſchungen? Es gibt Geſchichten zu eines Mannes Nachtheil, welche die Frauen, die ihn am meiſten lieben, nur um ſo ge⸗ neigter glauben. Iſt nicht eines Mannes Weib oft die Erſte, die auf ihn eiferſüchtig iſt? Der arme Pen be⸗ kam ein gut Theil dieſer eiferſüchtigen Liebe von der Wärterin, die jetzt über ihm wachte, und das gütige und reine Weſen glaubt, der Junge habe eine furcht⸗ barere und erniedrigendere Krankheit durchgemacht, als das blos phyſiſche Fieber, und ſei eben ſo befleckt von Verbrechen, als von Krankheit geſchwächt. Das Be⸗ wußtſein davon hatte fie in der Stille zu tragen und mit der Maske der Freudigkeit und des Vertrauens den Zweifel, die Verzweiflung und das Entſetzen in ihrem Innern zu verbergen. Als Kapitän Shandon zu Boulogne die nächſte Nummer der Pall⸗Mall Gazette las, mußte er gegen Mrs,. Shandon bemerken, daß Jack Finucane's Hand —— 194 in den Leitartikeln nicht mehr ſichtbar war, und Mr. Warrington wieder in Arbeit ſein müßte. „Ich kenne das Knallen ſeiner Peitſche unter Hun⸗ derten heraus und die Schwielen, die des Purſchen Peitſchenſchnur hinterläßt. Da iſt der Jack Bludyer, der fährt wie ein Fleiſcher darein und läßt keinen ge⸗ ſunden Fetzen an Einem. Mr. Warrington fertiget Einen ab, und applizirt ſeine Streiche ſo hübſch und regelrecht den Rücken herab, daß jeder Strich mit Blut unterlaufen iſt.“ Bei dieſer gräulichen Metapher be⸗ merkte Mrs. Shandon: „Mein Gott, Charles, wie kunnſt du auch ſo ſprechen! Ich hielt immer Mr. War⸗ rington für einen ſehr vornehmen, aber ſehr freundlichen Gentleman, und ganz gewiß war er gegen die Kinder ſehr freundlich.“ Hierauf erwiderte Shandon: „Ja, er iſt freundlich gegen Kinder, aber grauſam gegen Männer, auf mein Wort, meine Liebe, Du ver⸗ ſtehſt keine Sylbe von dem, was ich meine, und es iſt am beſten ſo; denn wenig Gutes kommt davon, daß man für Zeitungen ſchreibt; und es iſt hier beſſer, wenn man behaglich in Boulogne lebt, wo es Wein im Ueberfluſſe gibt und der Brandy nur zwei Franken ver Flaſche koſtet. Miſch uns einen zweiten Tummler, Mary, meine Liebe, wir müſſen bald wieder in's Ge⸗ ſchirr zurück. Cras ingens iterabimus aequor — ſchlechtes Glück dafür.“ Mit einem Wort, Warrington ging mit aller Macht an's Werk für ſeinen Freund, der daniederlag und that auch Pen's Arbeit bei der Pall⸗Mall Gazette auf's eifrigſte. Er ſchrieb gelegentliche Artikel und wiſſenſchaft⸗ liche Kritiken; beſuchte Theater und Conzerte und ſprach darüber mit ſeiner gewohnten rauhen Energie. Meine Hand iſt zu ſchwer für ſo kleine Gegenſtände, und mit Vergnügen bemerkte er Arthur's Mutter, Oheim und Laura, daß in der ganzen Bande der Männer von der Feder Keines Hand graziöſer, leichter, gefälliger und eleganter ſei, als Arthur's. 492 „Die Leute hier zu Lande verſtehen nicht, Ma'am, was Siyl iſt, ſonſt würden ſie die Verdienſte unſeres Jungen anerkennen,“ ſagte er zu Mrs. Pendennis, „ich nenne ihn unſern, Ma'am, denn ich habe ihn gezogen und bin ſo ſtolz auf ihn, als Sie. Rechne ich etwas Eigenfinn, etwas Selbſtſucht, etwas Stutzerei ab, ſo kenne ich kein ehrlicheres, loyaleres oder gentileres Ge⸗ ſchöpf. Seine Feder iſt manchmal böſe, aber er iſt ſo freundlich, als eine junge Lady — als Miß Laura hier — und ich glaube, er würde keinem Hühnchen was zu Leide thun.“ Bei dieſen Worten war Helen, obgleich ihrer Bruſt ein ſchwerer, ſchwerer Seufzer entſtieg, und Laura, wie⸗ wohl ſie ſchmerzlich verwundet war, Warrington für ſeine gute Meinung von Arthur zu großem Danke ver⸗ pflichtet und ſie liebten ihn dafür, daß er ihrem Pen ſo zugethan war. Und Major Pendennis war laut in ſeinen Lobpreiſungen Warrington's, lauter und ent⸗ thuſiaſtiſcher, als es des Majors Gewohnheit war. „Er iſt ein Gentleman, meine Theure,“ ſagte er zu Helen, „jeder Zoll an ihm iſt ein Gentleman, meine gute Ma⸗ dame — die Suffolker Warringtons — Carl's des Er⸗ ſten Baronets — was konnte er anders ſein, als ein Gentleman, da er aus dieſer Familie ſtammt? — ſein Vater, — Sir Miles Warrington — entführte die — verzeihen Sie, Miß Bell, Sir Miles war ein ſehr wohl⸗ bekannter Mann in London und ein Freund des Prin⸗ zen von Wales. Dieſer Gentleman iſt ein Mann von den größten Talenten und den höchſten Vorzügen, — dürfte ſicher ſein, voran zu kommen, wenn er ſich ver⸗ anlaßt fände, ſeine Energien in Thätigkeit zu ſetzen.“ Laura erröthete für ſich, während der Major ſprach und Arthur's Helven pries. Als ſie in Warringtons männ⸗ liches Geſicht und dunkle, melancholiſche Augen ſchaute, hatte die junge Dame Betrachtungen über ihn ange⸗ ſtellt und war mit ſich einig geworden, daß er das Op⸗ fer einer unglücklichen Neigung geweſen ſein müßte; 193 und als ſie ſich über dieſen Betrachtungen ertappte, er⸗ röthete Miß Bell⸗ Warrington bezog Zimmer nächſt den ihrigen, Gre⸗ niers Zimmer im Flag Court, und wenn er Pen's Tage⸗ werk mit großer Energie am Morgen vollbracht hatte, war es ſeine Wonne, Nachmittags zu kommen und bei des Kranken Geſellſchaft die ſonnigen Herbſttage zu⸗ ſammen zu ſitzen, und mehr denn einmal hatte er die Ehre, Miß Bell ſelnen Arm zu einem Spaziergang in den Temple Gardens zu geben. Wenn die argloſe Laura Helen um Erlaubniß bat, ſich ſo die Zeit zu vertreiben, bemerkte der Major angelegentlich: „Ja, ja, bei Gott — natürlich gehen Sie mit ihm — es iſt wie auf dem Lande, wiſſen Sie; es geht immer Eines mit dem An⸗ dern in die Gärten, und da ſind Aufſeher, wiſſen Sie und dergleichen — Jedermann geht in die Temple Gar⸗ dens.“ Wenn der große Sittenrichter keinen Einwurf machte, warum ſollte es die einfache Helen thun? Sie war froh, daß ihr Mädchen an dem Fluſſe friſche Luft ſchöpfen konnte, und ſah mit Vergnügen, wenn ſie mit friſcherer Farbe und Stimmung von dieſen harmloſen Ausflügen zurückkam. Bei Laura und Helen war es, müßt ihr wiſſen, zu einer kleinen Erörterung gekommen. Als die Nachricht von Pen's beunruhigendem Krankenlager ankam, beſtand Laura darauf, die erſchreckte Mutter nach London zu be⸗ gleiten, wollte Nichts von der Zurückweifung hören⸗ welche die immer noch ärgerliche Helen ihr gab, und als ſie ſie zum zweiten Male noch ernſtlicher abwies und es das Anſehen hatte, als ob alle Hoffnung auf das Leben des Jungen aufgegeben wäre, und als es am Tage lag, daß ſeine Aufführung alle Gedanken an eine Verbindung hoffnungslos machte, hatte Laura un⸗ ter vielen Thränen ihrer Mutter ein Geheimniß anver⸗ traut, mit dem jeder aufmerkſame Leſer dieſer Geſchichte bereits bekannt iſt. Nun ſie ihn nimmer heirathen 13 Pendennis. M. konnte, ſollte ihr der Troſt vergönnt ſein, zu geſtehen, wie innig, wie treu, wie ausſchließlich ſie ihn geliebt habe. Die vereinten Thränen der Frauen beſchwichtig⸗ ten in etwas die Agonie ihres Grams, und die Sorgen und Schrecken der Reiſe milderten ſich wenigſtens in ſo weit, als ſie ſie mit einander theilten. — Was konnte Fanny erwarten, als ſie plötzlich vor den Richterſtuhl dieſer beiden Richterinnen gebracht wurde? Nichts als urplötzliche Verdammniß, Höllenſtrafe und erbarmungs⸗ loſe Verſtoßung! Weiber ſind grauſame Richter in Fäl⸗ len, wie der der armen Fanny war, und wir lieben ſie darum, daß ſie ſo ſindz denn außer der Wache, mit der ein Mann ſein Harem unſtellt, und den Bruſtwehren, die eine Frau in ihrem Herzen, ihrer Treue und Ehre hat, hat ſie nicht alle ihre Freundinnen zu Wächterinnen, daß ſie nicht beiſeite tritt, und dieſe würden ſie in Stücke reißen, wenn ſie auf einem Irrwege befunden würde? Wenn unſere Mahmouds oder Selims von der Baker⸗ Street oder dem Belgrave Square ihre Fatimas mit verdienter Züchtigung heimſuchen, ſo nähen ihre Müt⸗ ter Fatimens Sack für ſie, und ihre Schweſtern und Schwägerinnen ſehen darauf, daß ſie gut unter Waſſer kommt, und Schreiber dieſes ſagt nicht nein dazu. Er betheuert aufs Feierlichſte, daß auch er eir Türke iſt; er trägt einen Turban und einen Bart wie ein anderer, und iſt ganz und gar für den Sackgebrauch, Bismillah! Aber Sie, Fleckenloſer, der Sie das Recht über Leben und Tod haben, ſeien Sie vorſichtig, daß Sie auch die geeignete Perſon (wenn ſie ſo genannt werden darf) treffen. Verſichern Sie ſich der Thatſache, ehe Sie die Barke vom Land ſtoßen laſſen, und laſſen Sie den Sack nicht in den Bosporus plumpen, bevor Sie ganz gewiß ſind, daß der Inhalt es verdient. Das iſt Alles, was ich zu Gunſten der armen Fatima vorbringen möchte, — durch⸗ aus Alles, — kein Wort mehr, beim Bart des Prophe⸗ ten. Wenn ſie ſchuldig iſt, fort mit ihr. — Hebt den Sack über Bord, hinweg damit in die Sprudel des golde⸗ nen Horns, und wenn Juſtiz geübt iſt, ſo machet Platz, Männer, und wir fahren zurück zum Abendimbiß. So hatte der Major keinen Einwurf gegen War⸗ rington's wiederholte Promenaden mit Miß Laura, ſon⸗ dern ermuthigte als ein wohlwollender, alter Gentleman auf jede Weiſe das vertraute Verhältniß dieſes Paares. Gab es etwas zu ſehen in der Stadt, ſo war er dafür, daß Warrington ſie dahin führen ſollte. Wenn War⸗ rington vorgeſchlagen hätte, ſie ſogar nach Vaurhall zu nehmen, ſo würde der gefälligſte der Männer nichts Ar⸗ ges darin geſehen haben, — noch auch Helen, wenn Pen⸗ dennis es ſo angeordnet hätte. Auch wäre nichts Arges daran geweſen, zwiſchen zwei Perſonen, deren Ehre un⸗ befleckt war — zwiſchen Warrington, der zum erſten Mal in ſeinem Leben ſich in inniger Vertrautheit mit einem reinen, hochſinnigen, argloſen Weibe ſah, — und Laura, welche gleichfalls zum erſten Mal in die beſtän⸗ dige Geſellſchaft eines Gentlemans von großen, natür⸗ lichen Vorzügen ſich verſetzt ſah, der verſchiedene Tu⸗ genden, Begeiſterung, Einfachheit, Humor und jene Friſche des Geiſtes beſaß, welche die Einfachheit ſeines Lebens und ſeiner Gewohnheiten ihm gab, und die ſo ſehr mit Pen's vandymäßiger Gleichgiltigkeit und Spottſucht abſtach. In Warrington's Ungeſchlachtheit ſelbſt lag eine Feinheit, welche die Feinheit Anderer weit überbot. In ſeiner Energie, ſeiner Hochachtung, ſeiner Begierde zu gefallen, ſeinem herzlichen Lachen, oder ſeinem einfachen und vertrauensvollen Pathos, wie verſchieden von Sultan Pen's gähnender Souveränetät und ſchmachtender Hinnahme von Huldigungen! Was hatte Pen daheim zu einem ſolchen Dandy und einem ſolchen Deſpoten gemacht? Die Weiber hatten ihn ver⸗ zogen, wie wir es lieben, und wie ſie es gerne thun; ſie hatten ihn mit Gehorſam überſättigt, und mit lieb⸗ lichem Reſpekt und mit Unterwerfung überboten, bis er der Sklaven überdrüſſig wurde, die ihn bedienten, und 196 ihre Liebkoſungen und Kajolirungen hatten keinen Reiz mehr für ihn. Draußen war er feurig und lebhaft, un⸗ geſtüm und leidenſchaftlich — die meiſten Männer von ſolcher Leibesbeſchaffenheit und ſolcher Lebensweiſe find es. — Iſt auch hier wie bei dem früheren Gedanken eine Mißdeutung möglich, und wagt Jemand zu behaup⸗ ten, daß der Schreibende die Frauen zur Revolte aufge⸗ fordert hätte? Nie, beim Backenbart des Propheten! ſpricht er wieder. Er trägt einen Bart und liebt es, daß ſeine Frauen Sklaven find; was thut der Mann nicht? Welcher Mann ließe ſich durch den Pantoffel der Frau regieren! Lieber haut er alle Köpfe in der Chriſtenheit oder der Türkei ab. Wenn dann Arthur ſo ſchmächtig, gleichgiltig und unbeſorgt um die Gunſtbezeugungen war, die man ihm ertheilte: wie kam es, daß Laura ſolche Liebe, ſo begei⸗ ſterte Hochachtung vor ihm hatte, daß ein bloſer, unge⸗ eigneter Ausdruck deſſelben das Mädchen den ganzen Weg von Fairvaks nach London, während ſie und Helen auf der Poſt reisten, davon ſprach? Sobald als Helen eine Geſchichte von dem theuren Jungen vollendet, und unter hundert Schluchzern und Ausrufungen und Blicken zum Himmel einige Vorfälle erzählt hatte, die ſich um die Zeit begeben hatten, als der Held ſeine erſten Hoſen bekam, begann Laura eine andere, eben ſo intereſſante, gleichfalls mit Thränen gewürzte, und erzählte, mit welchem Heldenmuth er ſich einen Zahn ausreißen ließ, oder dieſe Operation verweigerte; mit welcher Kühnheit er ein Vogelneſt beraubte, oder mit welcher Großmuth er es unberührt ließ; wie er dem alten Weibe auf der Gemeind⸗Wieſe einen Shilling gab; wie er ſein Brod und Butter an den Bettlerknaben, der in den Hof kam, verſchenkte, und ſo fort. Eine ſang der Andern unter Schluchzen ihre Klaglieder um ihren Helden, der, wie mein würdiger Leſer ſchon lange wegbekommen, nicht mehr ein Held war, als Jeder von uns. Wenn er nun 197 war, wie er war, wie konnte ein vernünftiges Mädchen ſo vernarrt in ihn ſein? Dieſer Punkt wurde zuvor abgehandelt und beſagte, daß die ärgſten Gurgelabſchneider Jemand bekamen, der ſich in ſie verguckte, und wenn dieß bei dieſen Unge⸗ heuern geſchah, warum ſollte es nicht auch bei gewöhn⸗ lichen Sterblichen geſchehen? Und in wen ſollte ſich eine junge Lady verlieben, als in Jemand, den ſie ſieht? Es läßt ſich doch nicht wohl annehmen, daß ſie ihr Herz in einem Traume verliert, wie die Prinzeſſin in Tauſend und eine Nacht, oder daß ſie ihre jungen Neigungen dem Porträt eines Gentlemans in der Kunſt⸗ ausſtellung oder einer Skizze in den „Illuſtrirten Lon⸗ don News“ ſchenkt. Sie haben einen Inſtinkt in ihrem Innern, der Sie geneigt macht, ſich an Jemand zu attachiren: Sie begegnen Jemand: Sie hören Jemand beſtändig rühmen, Sie ſpazieren, reiten, walzen, plau⸗ dern oder ſitzen in demſelben Stuhl in der Kirche mit Jemand; Sie treffen ſich wieder und wieder und — „Heirathen werden im Himmel geſchloſſen,“ ſagt ihre theure Mama, „indem fie den Orangenblüthenkranz Ih⸗ nen aufheftet und ihre theuern Augen in Thränen ha⸗ det — und dann kommt ein Hochzeitsfrühſtück, und Sie nehmen Ihren weißen Satin ab, ziehen ſich in Ihre Kutſche mit vier Rappen beſpannt zurück, und Sie und er ſind ein glückliches Paar. — Oder aber zerſchlägt ſich der Liebeshandel wieder, und dann, ja dann, armes, theures, verwundetes Herz, ja dann — treffen Sie ſonſt Jemand, und Ihre jungen Neigungen ſchlingen ſich um Nro. 2, es iſt Ihre Natur ſo, Sie können nicht an⸗ ders. Glauben Sie, es geſchehe Alles dem Mann zu Liebe, daß Sie lieben und nicht ein Bischen Ihnen ſelbſt zu Lieb? Meinen Sie, Sie würden trinken, wenn Sie nicht durſtig, oder eſſen, wenn Sie nicht hungrig wären?“ So mochte denn Laura Pen leiden, weil ſie kaum Jemand anders in Fairvaks ſah, außer Doktor Port⸗ 198 man und Glanders, und weil ſeine Mutter ihren Ar⸗ thur beſtändig rühmte, und weil er ſo gentlemänniſch war, erträglich gut ausſah und witzige Einfälle hatte, und weil vor Allem es in ihrer Natur lag, daß ſie Je⸗ mand liebte, und nachdem ſie einmal ſein Bild in ihr Herz aufgenommen und es dort zärtlich gepflegt und gehätſchelt hatte, brütete ſie dort in ſeinen langen Ab⸗ weſenheiten darüber — und wenn ſie herauf nach Lon⸗ don kam und Gelegenheit hatte, mit Mr. George War⸗ rington vertraut zu werden, was in aller Welt konnte ſie verhindern, ihn für einen höchſt ſonderbaren, vrigi⸗ nellen, angenehmen und gefälligen Mann zu halten? Lange Zeit nachher, als dieſe Tage vorüber waren und das Schickſal auf ſeine eigene Weiſe über die ver⸗ ſchiedenen Perſonen verfügt hatte, die jetzt in der ſchwarz⸗ braunen Wohnung im Lamb Court verſammelt waren, blickten vielleicht einige derſelben zurück und dachten, wie glücklich die Zeit war, und wie vergnüglich ihre Abendunterhaltungen, kleinen Spaziergänge und einfa⸗ chen Erfriſchungen um den Sopha Pen's, des Reconva⸗ leszenten waren. Der Major haite von dieſer Zeit an eine günſtige Meinung von dem September in London, und erklärte in ſeinen Klubbs und in Geſellſchaft, daß die todte Saiſon in der Stadt doch oft vergnüglich, hölliſch vergnüglich ſei. Bei Gott, er pflegte in der Nacht in ſeine Wohnung nach Bury Street zu gehen, indem er ſich wunderte, daß es ſchon ſo ſpät und daß der Abend ſo in der Stille hingefloſſen ſei. Er machte ziemlich regelmäßig Nachmittags ſeine Aufwartung in dem Temple und ſchleppte ſich mit ganz wohlwollender Rührigkeit und Ausdauer die lange, ſchwarze Treppe hinauf. Und er ſetzte ſich in Rapport mit dem Küchenchef bei Bays's (dem berühmten Koch), deſſen Oberaufſicht über den Druck ſeines Werks über Gaſtronomie den begab⸗ ten Verfaſſer veranlaßte, in der Hauptſtadt zu bleiben, um kleine Gelees, ſchmackhafte, helle Suppen, Nattern und andere Kleinigkeiten für Invaliden zu bereiten, * e 199 welche der Diener Morgan beſtändig für die kleinen Diners im Lamb Court herabbrachte; und als Pen die Erlaubniß, ein Glas oder zwei reinen Sheriy zu trinken, von Doktor Goodenough geſtattet wurde, erzählte der Major beinahe unter Thränen in den Augen, wie ſein edler Freund, der Marquis von Steyne, als er auf ſeinem Wege nach dem Feſtlande London pafſirte, Befehl gege⸗ ben hatte, daß eine Quantität von ſeinem koſtbaren und ſchätzbaren Amontillado, der ein Präſent von König Ferdinand an den Marquis geweſen, zu Mr. Arthur Pendennis's Verfügung geſtellt werden ſollte. Die Witiwe und Laura koſteten ihn mit Reſpekt (obgleich ſie nicht im Geringſten den bittern Geſchmack gut finden wollten), aber der Invalid fühlte ſich davon ungemein gekräftigt, und Warrington erklärte, doß er der Superlativ aller Güte ſei, und ſchlug des Majors Geſundheit in einer Spottrede nach dem Diner am erſten Tage, da der Wein ſervirt wurde, und die von Lord Steyne und der Ari⸗ ſtokratie im Allgemeinen vor. Major Pendennis danfte mit höchſtem Ernſt und in einer Rede, in welcher er die Worte gebrauchte: „gegenwärtige Gelegenheit,“ die geeignete Zahl von Malen. Pen dankte mit ſchwacher Stimme von ſei⸗ nem Armſeſſel aus. Warrington lehrte Miß Laura rufen hört, hört! und ſchlug mit ſeinen Knöcheln auf den Tiſch. Der Diener Pidgeon grinste und der ehrliche Doktor Goodenough fand die Geſellſchaft in heiterer Stimmung, als er hereinkam, um ſeinen getrenen, un⸗ entgeltlichen Beſuch zu machen. Warrington kannte Sibwright, der unten wohnte, und dieſer galante Gentleman ſchrieb in Erwiderung auf einen Brief, der ihn von dem Gebrauch benachrich⸗ tigte, welcher von ſeinen Zimmern gemacht worden war, einen äußerſt höflichen und blumenreichen Brief der Zu⸗ ſtimmung; er ſtellte ſeine Wohnung, ſein Bett zur Ver⸗ fügung der okupirenden Schönheit, ſeine Teppiche zur Bequemlichkeit ihrer Füße. Jedermann war freundlich 200 geſinnt gegen den Kranken und ſeine Familie. Sein Herz (und auch das ſeiner Mutter, denken wir) ſchmolz bei dem Gedanken an ſo viel Herzensgüte und Wohl⸗ wollen. Verzeihen wir Pens Biographen, wenn er auf eine nicht gar ferne Zeit anſpielt, wo ein etwas ähn⸗ licher Unfall ihm einen providentiellen Freund, einen gütigen Arzt, zuführte, und tauſend Beweiſe rührender und überraſchender Theilnahme finden ließ. In Mr. Sibwright's Zimmer ſtand ein Klavier (wirklich ſpielte dieſer Gentleman, ein Freund aller Künſte, ſelbſt — und zwar ausnehmend ſchlecht — auf dem Inſtrument), und hatte ſich ein Lled dediziren laſ⸗ ſen, deſſen Worte von ihm ſelbſt, die Melodie von dem ihm ergebenen Leopoldo Twankidillo war; und auf die⸗ ſer Muſikbüchſe, wie Warrington es nannte, ſpielte Laura zuerſt mit großem Zittern und Erröthen, was ihr recht gut ſtand, und ſang manchmal Abends einfache Melodien und alte Lieder aus der Heimath. Ihre Stimme war ein reicher Contralto, und Warrington, welcher kaum einen Ton von dem andern unterſcheiden konnte, und nur eine Melodie in ſeinem Répertoire hatte, — eine äußerſt mißſtimmige Nachahmung von God save the king — und Warrington ſaß voller Entzücken da und hörte dieſen Liedern zu. Er konnte ihrem Rhythmus, wenn auch nicht ihrer Harmonie folgen, und mit be⸗ ſtändiger und täglich wachſender Begeiſterung das reine, zarte und edelmüthige Geſchöpf, das die Muſik machte, beobachten. Ich wundere mich, wie das arme, blaſſe, kleine Mädchen in dem ſchwarzen Hute, das an dem Lampen⸗ ſtocke in Lamb Court manchmal eines Abends daſtand und zu den offenen Fenſtern hinaufſchaute, aus welchen die Muſik kam, dieſe hören mochte? Wenn Pen's Bettzeit kam, verſtummten die Lieder, Lichter erſchienen in dem obern Zimmer, ſeinem Zimmer, wohin die Wittwe ihn zu führen pflegte, und dann ſpielten der Major und Mr. Warrington und manchmal Miß Laura Pearté 201 oder Brett, oder ſaß ſie und arbeitete an einem paar Pantoffeln von wollenem Garn — an einem paar Herrn⸗ pantoffeln — ſie konnten für Arthur, für George oder für Major Pendennis ſein: einer dieſer drei würde viel für die Pantoffeln gegeben haben. Während dieß innen vorging, kam dann ein ziem⸗ lich ärmlich gekleideter, alter Gentleman und führte das blaſſe Mädchen in dem ſchwarzen Hute hinweg. Sie hatte auch kein Recht, in der Nacht außen zu ſein, und des Thorwächters Leute vom Temple, die wenigen Wä⸗ ſcherinnen und andere Liebhaber, die dem Konzerte zu⸗ gehört hatten, pflegten gleichfalls zu verſchwinden. Kurz vor zehn Uhr wurde ein anderes Muſikſtück aufgeführt, nämlich das Glockenſpiel von St. Clemens auf dem Strand, das die hellen, freudigen Noten eines Pſalms ſpielte, ehe es die zehen verhängnißvollen Schläge that. Wenn ſie erklangen, begann Laura die Pantoffeln aufzuräumen; Martha von Fairoaks erſchien mit einem Bettlicht und einem beſtändigen Lächeln auf dem Geſichte; der Major ſprach: „Gott ſteh mir bei, iſt es ſo ſpät!“ Warrington und er verließen ihr unbeendigtes Spiel und drückten Miß Bell die Hand, Martha von Fairvaks leuchtete ihnen aus dem Gange und die Treppen hinab, und während ſie hinabſtiegen, konnten ſie hören, wie ſie die „Sportingthür“ hinter ihnen verriegelte und ab⸗ ſchloß vor ihrer jungen Gebieterin und ſich ſelbſt. „Wenn irgend eine Gefahr geweſen wäre,“ ſagte Martha, „ſo hätte ſie das hackige Schwert, das in des Genklemans Zimmer hing, herabgeholt — ſie meinte den Damas⸗ cener⸗Türkenſäbel mit dem Namen des Propheten auf der Klinge, und der rothſammtenen Degenſcheide, den Percy Sibwright, Eſquire, von ſeiner Tour in der Le⸗ vante ſammt einer albaneſiſchen Tracht, die er mit ſo elegantem Erfolg bei Lady Mullingeris Maskenball in Glouceſters Square Hyde⸗Park trug. Er verfing ſich in Miß Kewſey's Shleppe, die in dem Anzuge erſchien, 202 in welchem ſie mit ihrer Mama ihrer Königin vorge⸗ ſtellt worden war (Letztere von der Lady des L— d Ch— ne— l— 1's), und führte zu Auftritten, die mit un⸗ ſerer Geſchichte Nichts zu thun haben. Iſt nicht Miß Kewſey jetzt Mrs. Sibwright, hat Sibwright nicht eine Stelle an einem Grafſchaftshofe erlangt? — Gute Nacht, Miß Laura, und Fairvaks Martha, ſchlafen Sie wohl und erwachen Sie glücklich, reine, zarte Lady.“ Nach dieſen Abenden machte Warrington manchmal mit Major Pendennis einen kleinen Gang — juſt eben einen kleinen Gang — etwa bis zum Tempelthor — bis zum Strand — bis Charing Croß — bis zum Klubb — ging er nicht in den Klubb? — Gut, bis nach Bury Street, wo er lachend dem Major an der eigenen Thürtreppe die Hand bot. Sie hatten auf dem ganzen Wege von Laura geſprochenz es war wunderbar, wie begeiſtert der Major für die junge Lady geworden war, die er, wie wir wiſſen, nicht eben leiden mochte. „Verdammt hübſches Mädel, bei Gott, verdammt gut manierliches Mädel — meine Schwägerin hat die Ma⸗ nieren einer Herzogin und würde jedes Mädchen gut erzogen haben. Miß Bell iſt ein wenig landpomeränz⸗ lich, aber der Geruch von Hagedorn iſt angenehm. — Wie ſie erröthet! unſere Londoner Mädels würden manche Guinee für ein Bougquet wie dieſes geben, — natürliche Blumen, bei Gottl und ſie hat auch etwas Geld, nicht der Mühe werth, davon zu ſprechen — aber ſo ein Bischen Münze zwiſchen die Finger. „In alle dieſe Anſichten flimmte Mr. Warrington ohne Zweifel ein; und obgleich er lachte, als er dem Major die Hand drückte, verdüſterte ſich doch ſein Geſicht, indem er ſei⸗ nen alten Begleiter verließ. Er ſchritt zurück in die Zimmer, rauchte Pfeife auf Pfeife weit in die Nacht hinein und ſchrieb Artikel auf Artikel, immer wilder und wilder, für den kranken Freund. Es war eine glückliche Zeit für beinahe alle Be⸗ theiligten. Mit Pen wurde es täglich beſſer. Schlafen 203 und Eſſen waren ſeine beſtändigen Beſchäftigungen. Sein Appetit war furchtbar. Er ſchämte ſich, ihn vor Laura zu zeigen und beinahe vor ſeiner Mutter, welche lachte und applaudirte. Wenn das gebratene Hühnchen ſeines Diners verſchwand, ſo beaugte er den ſcheidenden Freund mit wehmüthiger Sehnſucht und begann ſich nach Gelee, Thee, oder ſonſt was zu ſehnen. Er war wie ein Währwolf im Verſchlingen. Der Doktor rief halt, halt! Aber Pen wollte nicht. Die Natur rief lauter als der Doktor, und der freundliche und gütige ſ übergab ihn mit vollſter Grazie der andern Hei⸗ erin. Und hier wollen wir mit aller Zärtlichkeit und im vollſten Vertrauen von einem Begebniß ſprechen, das ſtattfand und auf welches er keine Anſpielung liebte. Während ſeines Deliriums befahl der ruheloſe Goode⸗ nongh ihm Eis auf den Kopf zu legen und all ſein lie⸗ benswürdiges Haupthaar abzuſchneiden. Es geſchah zur Zeit der andern Wärterin, welche jedes einzelne Haar, natürlich in ein Papier gewickelt, für die Wittwe hin⸗ terließ, um es zu zählen und aufzuſpeichern. Dieſe glaubte nie anders, als daß das Mädchen etwas davon weggenommen hätte; aber die Frauen ſind in dieſen Dingen eiferſüchtig. Als dieſer entſetzliche Verluſt ſich Major Pendennis ſichtbar machte, war es natürlich das erſte Mal, daß er ves armen jungen Mannes geſchorene Glatze ſah, und als Pen ganz außer Gefahr war und täglich mehr Kraft gewann, ſagte der Major mit etwas wie Lächein und einem zweideutigen Winken der Augen, er kenne in der That eine — eine Perſon — einen coiffeur, einen guten Mann, den er herab nach dem Tempel ſchicken wollte, der — ein zeitiges Gegenmittel anwenden würde. Laura blickte mit dem ſchelmenhafteſten Funkeln ihrer Augen Warrington an. Warrington brach in ein wie⸗ herndes Gelächter aus. Selbſt die Wittwe mußte lachen: und der Major ſchalt erröthend die Frechheit des jun⸗ 204 gen Volkes und ſagte, wenn er ſich ſein Haar abſchnei⸗ ließ, er wollte eine Locke davon für Miß Laura be⸗ alten. Warrington ſtimmte dafür, daß Pen eine Barri⸗ ſters⸗Perücke tragen ſollte. Sibwright's Perücke war unten und mußte ihm außerordentlich ſtehen. Pen rief: „St!“ und ſchien ſo verwirrt als ſein Onkel; und das Ende vom Lied war, daß ein Gentleman von Burling⸗ ton Arkade am nächſten Tage Mr. Pendennis aufwar⸗ tete und eine geheime Beſprechung mit ihm in ſeinem Schlafgemach hatte; und eine Woche darauf erſchien das gleiche Individuum mit einer Schachtel unter dem Arme und einem unausſprechlichen Grinſen von Artig⸗ keit auf dem Geſicht, und kündigte an, daß er Mr. Pen⸗ dennis's Haupthaar zurückgebracht habe. Es muß ein grandioſer, aber wehmüthiger Anblick geweſen ſein, als Pen in vem Hintergrunde ſeiner Woh⸗ nung traurig betrachtend ſeine verheerte Schönheit und die künſtlichen Mittel, ihren Ruin zu verbergen, daſaß. Er erſchien endlich in dem Haupthaar; aber Warring⸗ ton lachte ſo, daß ſich Pen's Geſicht verfinſterte. Er ging nach ſeiner Sammtmütze, einem hübſchen Turban, welche die zärtlichſte der Mütter für ihn gefertigt hatte. Dann verſchafften ſich Mr. Wärrington und Miß Bell einige Blumen von Damenhüten und machten einen Kranz, womit ſie die Perücke dekorirten, brachten ſie in Prozeſſion heraus und bezeigten ihr ihre Huldi⸗ gungen. Wirklich erlaubten ſie ſich hunderterlei Scherze, Späſſe, Schäkereien und petits jeux innocents, ſo daß der zweite und dritte Stock von Nr. 6 Lamb Court Temple von mehr Fröhlichkeit und Lachen ertönten, als in dieſen Bereichen ſeit langer, langer Zeit erhört wor⸗ den war. Zuletzt, nach ungefähr zehn Tagen dieſes Lebens, als eines Abends der kleine Spion des Hofes kam, um ſeinen gewohnten Beobachtungspoſten an der Lampe ein⸗ zunehmen, konnte man keine Mufik aus dem Fenſter des —— — —— — 205 zweiten Stockes hören, keine Lichter in den Zimmern des dritten Stockes ſehen, die Fenſter von beiden waren offen und die Inſaßen fort. Die Wäſcherin, Mrs. Flanagan, erzählte Fanny, was vorgefallen war. Die Ladies und die ganze Geſellſchaft waren der Luftverän⸗ derung wegen nach Richmond gegangen. Der alte Reiſewagen wurde wieder hervorgezogen und mit vielen Kiſſen für Pen und ſeine Mutter ausſtaffirt, und Miß Laura ging auf die zuvorkommendſte Weiſe, unter der Obhut von Mr. George Warrington, in dem Omnibus dahin ab. Er kam zurück und nahm für dieſe Nacht Beſitz von den leeren und freudloſen Zimmern, zurück zu ſeinen alten Büchern und ſeinen alten Pfeifen, aber vielleicht nicht zu ſeinem alten Schlaf. Die Wittwe hatte einen Krug mit Blumen, hübſch geordnet, auf ſeinem Tiſche zurückgelaſſen, und als er ein⸗ trat, füllten ſie den einſamen Raum mit ihrem Wohlgeruch, ſie waren ein Denkmal der freundlichen, zarten Weſen, welche dahin gegangen und für eine kleine Weile den einſamen freudloſen Platz dekorirt hatten. Er hatte die glücklichſten Tage ſeines Lebens gehabt, das fühlte George — er wußte es, nun ſie fort waren; er trat auf die Blumen zu, hielt ſein Geſicht an ſie, beroch ſie — küßte ſie vielleicht. Als er,ſie niederſetzte, rieb er ſeine rauhe Hand über die Augen mit einem bittern Wort und Lachen. Er würde ſein ganzes Leben darum gegeben haben, den Preis zu gewinnen, den Arthur zurückwies. Begehrte ſie Ruhm? Er hätte ihn für ſie gewonnen. — Hingebung? Ein großes Herz voll von Zärtlichkeit, männlicher Liebe und Sanftmuth ſchlug ihr entgegen, wenn ſie es annehmen wollte. Aber es ſollte nicht ſein, das Schickſal hatte es anders beſchloſſen. „Selbſt wenn ich könnte, wollte ſie mich nicht haben,“ dachte George. „Was hat ein häßlicher, rauher alter Burſche, wie ich, das ihn einer Frau empfehlen könnte? Ich werde alt und habe kein Auszeichnung. Ich habe weder Aeuße⸗ res, noch Jugend, noch Geld, noch Ruf; ein Mann 206 muß noch mehr thun können, als ſie anſtieren und ihr auf den Knieen ſeine ungeſchlachte Devotion darbringen, daß ein Weib ihn gern haben kann. Was kann ich thun? Viele junge Burſche haben mich überholt im Rennen; was ſie Preiſe des Lebens nennen, ſchien mir der Mühe des Kampfes nicht werth, — aber für ſie! Wenn ſie mein geweſen wäre und hätte einen Demant gewünſcht, ach ſollte ſie ihn nicht getragen haben? Pah, was für ein Thor bin ich, mich deſſen zu rühmen, was ich gethan haben würde! Wir ſind Sklaven des Schick⸗ ſals, unſere Looſe find für uns zugeſchnitten, und meini⸗ ges iſt ſchon längſt beſtimmt. Kommt, wir wollen eine Pfeife rauchen und den Geruch dieſer Blumen entfernen. Arme, ſchweigſame Blümchen, morgen ſeid ihr dahin! Was brauchtet ihr auch eure rothen Wangen in die⸗ ſer finſtern Höhle zu zeigen? Neben ſeinem Bette fand George eine neue Bibel, welche die Wittwe hingelegt hatte, mit einem Briefchen darin, das beſagte, daß ſie das Buch nicht unter ſeiner Sammlung in einem Zimmer gefunden, wo ſie viele Stunden verlebt, und Gott ihr das Leben ihres Sohnes auf ihre Gebete geſchenkt hätte, und daß ſie Arthur's Freund das Beſte, was ſie kannte, gab, und ihn erſuchte, manch⸗ mal in dem Buche zu leſen und es als Zeichen der Achtung und Zuneigung einer dankbaren Mutter anzu⸗ nehmen. Der arme George küßte traurig das Buch, wie er es mit den Blumen gethan, und der Morgen fand ihn noch auf ſeinen ehrwürdigen Blättern leſend, auf denen ſo viele gebrochene Herzen, ſo viele zärtliche und getreue Seelen Troſt in der Noth und Zuflucht und Hoffnung in Bekümmerniß gefunden haben. — — 207 1z zion Pierzehntes Rapitel. Fanny's Beſchäftigung hört auf. Die gute Helen hatte ſeit ihres Sohnes Krankheit, wie wir geſehen, völligen Beſitz von dem jungen Manne, von ſeinen Schränken und Schubladen und Allem, was ſie enthielten, genommen: mochten es Hemden, die der Knöpfchen ermangelten, oder Strümpfe, die der Aus⸗ beſſerung bedurften, oder, muß man es geſtehen? Briefe ſein, die unter jenen Kleidungsartikeln lagen, und die nothwendiger Weiſe Jemand während Arthur's Schwäche und Unvermögen beantworten ſollte. Vielleicht war Mrs. Pendennis rühmlich begierig, einige Aufſchlüſſe über das furchtbare Fanny Bolton⸗Geheimniß zu er⸗ holten, über welches ſie nie ein Wort gegen ihren Sohn geathmet hatte, obgleich es ihr immer vor dem Sinne ſtand und ihr unausſprechliche Unruhe und Angſt ver⸗ urſachte. Sie hatte den meſſingenen Klopfer an der innern Thür der Zimmer abſchrauben laſſen, da des Briefträgers beunruhigender Doppelſchlag auf dieſelbe, wie ſie mit Recht ſchloß, die Ruhe ihres Patienten ſtören mußte, und ſie ließ ihn keinen Brief, welcher ankam, ſehen, mochte er von Schuhmachern, die ihm zuſetzten, oder von Hutmachern kommen, die auf näch⸗ ſten Samstag einen ſchweren Poſten zu bezahlen hatten und ihm ſehr verbunden wären, wenn Mr. Arthur Pen⸗ dennis die Güte baben wollte, u. ſ. w. Von dieſen Urkunden hatte auch Pen, der immer viel aufgehen ließ und ſorglos war, ſeinen Theil und wenn gleich keinen großen, doch groß genug, um ſeine bedenk⸗ liche und gewiſſenhafte Mutter zu beunruhigen. Sie hatte einiges Erſparte; Pen's großartige Selbſtverleng⸗ 208 nung und ihre eigene Haushaltung, die von großer Einfachheit und Vermeidung aller Schauſtellung bei⸗ nahe bis zur Kargheit ſtieg, hatte ſie in Stand geſetzt, eine kleine Summe Geldes auf die Seite zu legen, von der ſie einen Theil mit Freuden zur Tilgung der Verbindlichkeiten des jungen Gentleman's verwendete. Um dieſen Preis würde mancher würdige Jüngling und achtbare Leſer ſeine Korreſpondenz ſeinen Aeltern ein⸗ händigen und vielleicht gibt es keinen ſchärferen Pro⸗ birſtein für eines Mannes Regelmäßigkeit und gutes Gewiſſen, als ſeine Bereitwilligkeit, dem Briefträger unter die Augen zu treten. Wohl Dem, der durch den Schall des rat — tat glücklich gemacht wird, die Gu⸗ ten ſind begierig darnach, aber die Lüderlichen zittern davor. So war es denn doppelt freundlich von Mrs. Pendennis, Pen während ſeiner Krankheit die Mühe des Hörens und des Briefbeantwortens zu erſparen. Es konnte in den Kiſten und Kaſten und in der Garde⸗ robe des jungen Mannes ſich Nichts vorgefunden haben, das ihn einigermaßen gravirte, oder genügende Beweiſe über die Geſchichte mit Fanny Bolton kiferte, denn die Wittwe mußte ihren Schwager fragen, ob er etwas über die odiöſe Sache und die gräuliche Liebesintri⸗ gue wüßte, in die ihr Sohn verwickelt ſei? Als ſie eines Tages in Richmond waren und Pen mit Warrington ſich auf eine Bank auf der Terraſſe geſetzt hatte, zog die Wittwe Major Pendennis in Berathung und theilte ihm ihre Schrecken und Ver⸗ legenheiten mit, ſolche wenigſtens davon (nach der Ge⸗ wohnheit der Männer und Frauen, legte ſie keine ganz vollſtändige Beichte ab, und ich vermuthe, daß kein Verſchwender, nach einer Liſte ſeiner Schulden befragt, keine Lady der Faſhion von ihrem Ehemann über ihre Putzmacherrechnungen inquirirt, ihn je mit dem ganzen Betrag betraute) — ſolche wenigſtens, ſagen wir, von ihren Verlegenheiten, als ſie beliebte, ihrem zeitigen Direktor anzuvertrauen. — — 209 Als ſie den Major fragte, welchen Weg ſie in die⸗ ſer traurigen — dieſer ſchrecklichen Affaire einzuſchla⸗ gen habe, und ob er etwas davon wüßte? faltete der alte Gentleman ſein Geſicht, ſo daß man nicht ſagen konnte, ob er lächle oder nicht, warf der Wittwe aus ſeinen kleinen Augen einen ſeltſamen Blick zu, ſchlug ſie dann auf den Teppich nieder und ſagte: „Mein liebes, gutes Weſen, ich weiß Nichts davon und wünſche Nichts davon zu wiſſen, und da Sie mich um meine Meinung fragen, ſo dächte ich, es wäre am beſten, Sie wüßten auch Nichts davon. Junge Leute ſind eben junge Leute; und, bei Gott, meine gute Ma'am, wenn Sie bedenken, daß unſer Junge ein Jo— —“ „Bitte, verſchonen Sie mich damit,“ ſiel Helen ein, indem ſie ſtolz aufſchaute. „Meine Theure, erlauben Sie mir, zu bemerfen, daß nicht ich die Unterhaltung angefangen habe,“ ſagte der Major, indem er ſich ſchmeichelnd ſehr verbeugte. „Ich kann es nicht ertragen, eine ſolche Sünde — eine ſo ſchreckliche Sünde — auf ſolche Weiſe beſpre⸗ chen zu hören,“ ſagte die Wittwe, indem ihr Thränen aus den Augen traten. „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß mein Junge ein ſolches Verbrechen be⸗ gehen ſollte. Beinahe wuͤnſchte ich, er wäre geſtorben, ehe er es that. Ich weiß nicht, wie ich es ſelbſt über⸗ lebe; denn es bricht mir das Herz, Major Pendennis, wenn ich bedenke, daß ſeines Vaters Sohn — mein Kind — das ich mir ſo gut — o, ſo gut, ſo voll von Ehre denken kann! — ſo entſetzlich tief gefallen ſein ſollte, daß — daß —“ „Daß er ein Griſettchen foppt, meine Theure?“ ſagte der Major. „Bei Gott, wenn allen Müttern in England das Herz brechen müßte, weil — nein, nein, — auf Wort und Ehre, laſſen Sie ſich's nicht ſo zu Herzen gehen, weinen Sie nicht. Ich kann Weiber⸗ thränen nicht ſehen — hab's nie gekonnt — nie. Aber Pendennis. MI. 14 wie wiſſen wir, daß etwas Ernſiliches vorgefallen iſt? Hat Arthur etwas geſagt?“ „Sein Stillſchweigen beſtätigt es,“ ſchluchzte Mrs. Pendennis hinter ihrem Taſchentuche. „Ganz und gar nicht, es gibt Gegenſtände, meine Theure, über welche ein junger Burſche mit ſeiner Mama einmal nicht ſprechen kann,“ — bemerkte der Schwager. „Sie hat ihm geſchrieben,“ rief die Lady hinter dem Kambrertuch. „Wie? Ehe er krank war? Nichts iſt wahrſchein⸗ icher.“ „Nein, ſpäter,“ ſeufzte die Trauernde mit der Ba⸗ tiſtmaske; „nicht vorher: das heißt, ich glaube nicht — das heißt — ich —“ „Erſt ſpäter; und Sie haben — ja, ich verſtehe. Ich vermuthe, während er zu krank war, um ſeine Kor⸗ reſpondenz zu leſen, bemühten Sie ſich damit.“ „Ich bin die unglücklichſte Mutter von der Welt!“ rief die bekümmerte Helen. „Die unglücklichſte Mutter von der Welt, weil Ihr Sohn ein Mann und kein Eremit iſt! Nehmen Sie ſich in Acht, theure Schweſter, wenn Sie Briefe an ihn unterſchlagen, haben Sie ſelbſt großes Unrecht ge⸗ than; und, wenn ich Arthur recht kenne, kann das zu einem Zerwürfniß zwiſchen ihm und Ihnen führen, das Sie Ihr Lebtag bereuen — einem Zerwürfniß, das beim Teufel mehr beſagt, meine gute Madame, als die — Bagatelle, die es hervorrief.“ „Es war blos ein Brief,“ brach Helen aus, „nur ein ganz kleiner — nur ein paar Worte. Hier iſt er — o — wie können Sie ſo ſprechen?“ Als die gute Seele ſagte, „nur ein ganz kleiner,“ konnte der Major gar nicht zu Worte kommen, ſo lächerlich war es ihm, trotz der Todesangſt der Unglück⸗ lichen vor ihm, mit der er ſo herzliches Mitleid, und für die er ſo viel Zuneigung hatte. Aber Jedes be⸗ — — 2¹1 trachtete die Sache mit ſeinen eigenen Augen und von ſeinem eigenen fittlichen Standpunkte aus, und der Ma⸗ jor war, wie der Leſer weiß, kein Ascetiker. „Ich empfehle Ihnen,“ fuhr er in ernſtem Tone fort, „wenn Sie können, den Brief zu ſiegeln — ſie wer⸗ den nicht ſelten mit Oblaten geſiegelt — und ihn un⸗ ter Pen's andere Briefe zu ſtecken, ſo daß er ihn zur Hand bekommt, wenn er nach denſelben fragt, oder wenn wir ihn nicht fiegeln können, ſo nehmen wir ihn irrig für eine Rechnung.“ „Ich kann meinem Sohne keine Lüge ſagen,“ ent⸗ gegnete die Wittwe. Er wurde zwei Tage vor ihrer Abreiſe von dem Temple in aller Stille in den Briefhalter gethan und von Martha der Mrs. Pendennis gebracht. Sie hatte natürlich noch nie Fanny's Handſchrift geſehen, als ihr aber der Brief in die Hand kam, kannte ſie mit einem Male die Verfaſſerin. Während der ganzen Krankheit Pen's hatte ſie jeden Tag darauf geſpäht, ſie hatte einige andere Briefe eröffnet, weil ſie des einen hab⸗ haft werden wollte, ſie hatte den entſetzlichen, giftigen Brief dieſen Augenblick in ihrer Taſche. Sie nahm ihn hervor und übergab ihn ihrem Schwager. „Arther Pendennis, Esg.“ las er in einer furcht⸗ ſamen, kleinen geſpreizten Handſchrift, und mit einem Hohnlächeln auf der Stirne. „Nein, meine Theure, ich mag nicht weiter leſen, aber Sie haben ihn geleſen, ſagen Sie mir, was er enthält — nur Gebete für ſeine Geſundheit mit Verſtößen gegen die Orthogra⸗ phie, ſagen Sie — und der Wunſch, ihn zu ſehen? gut — daran iſt nichts Arges, und da Sie mich“ — hier begann der Major ſelbſt etwas ſonderbar darein zu ſehen und einen Blick der Demuth anzunehmen, „da Sie mich um Rath fragen, meine Theure, nun, ſo habe ich nichts dagegen, Ihnen zu ſagen, daß — ach — daß — Morgan, mein Mann, einige Nachfragen über dieſe Ge⸗ ſchichte gehalten, und daß mein Freund — Pr. Goodenough 212 hat auch einen Blick darein gethan — und es feellt ſich heraus, daß die Perſon ſehr verliebt in Arthur war; daß er für ſie zahlte, und ſie mit nach Vaurhall Gar⸗ dens nahm, wie Morgan von einem alten Bekannten von Pen und uns, einem iriſchen Gentleman, hörte, der ein Mal beinahe die Ehre hatie, der — von einem Irländer in der That; — daß des Mädchens Vater, ein heftiger Mann, der ſich gerne betrinkt, ihre Mutter geſchlagen hat! und daß dieſe darauf beſteht, und ihrem Mann auf der einen Seite ihrer Tochter völlige Unſchuld erklärt, während ſie auf der andern Goodenough er⸗ zählte, daß Arthur wie ein Unvernünftiger gegen ihr Kind gehandelt habe. Und ſo ſehen Sie, daß die Ge⸗ ſchichte etwas Myſteriöſes behält. Wünſchen Sie ſie aufgeklärt, ich brauche blos Pen zu fragen, und er wird mir Alles ſagen — er iſt ein ſo ehrenhafter Mann, als nur je einer unter der Sonne lebte.“ „Ehrenhaft!“ entgegnete die Wittwe mit bitterem Hohn. „O, Bruder, was nennen Sie Ehre? Wenn mein Junge ſchuldig geworden, ſo muß er ſie heirathen, auf den Knieen wollt' ich ihn darum bitten.“ „Guter Gott! ſind Sie von Sinnen?“ rief der Major und indem er ſich früherer Vorgänge in Arthur's Geſchichte und Helen's erinnerte, fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn, daß, wenn Helen ihren Sohn darum bäte, er ſie heirathen würde: er wäre verrückt und eigenſinnig genug, jede Thorheit zu begehen, wenn ein Weib, das er liebte, mit in's Spiel käme. „Meine theure Schweſter, haben Sie den Verſtand verloren?“ fuhr er nach einer bewegten Pauſe, während welcher obige düſtere Reflerion ihm durch den Sinn ging, nun in ſanfterem Tone fort. „Welches Recht haben wir, zu vermuthen, daß etwas zwiſchen ihm und dieſem Mäd⸗ chen vorgefallen iſt? Beſehen wir den Brief. Es bricht ihr das Herz, bitte, bitte, ſchreiben Sie mir, — daheim unglücklich — der Vater unfreundlich — Ihre Wärterin — die arme, kleine Fanny — geſchrieben, 2¹3 wie Sie ſagen, auf eine Weiſe, die allen Sinn für An⸗ ſtand verhöhnt. Aber, Gott im Himmel! meine Liebe, was iſt denn daran? was anderes, als daß der kleine Teufel ihn immer noch liebt. Kam ſie doch nicht auf ſein Zimmer, als bis er ſo im Delirium war, daß er ſie nicht kannte. Die Wärterin, wie heißt ſie doch, Flanagan, hat meinen Diener Morgan ſo berichtet, ſie kam in Geſellſchaft eines alten Burſchen, eines alten Mr. Bows, der ſo überfreundlich war, daß er nach Stillbrvok kam und mich von dort wegbrachte — unter⸗ wegs verließ ich ihn in dem Cap und habe bis dato die Fahrt noch nicht bezahlt; und hölliſch freundlich war das von ihm, — nein an der Geſchichte iſt Nichts.“ „Denken Sie? Gott, dem Allmächtigen, ſei ge⸗ dankt!“ rief Helen, „ich will den Brief Arthur brin⸗ gen und ihn jetzt fragen. Sehen Sie ihn dort! er iſt auf der Terraſſe mit Mr. Warrington. Sie ſprechen mit einigen Kindern, mein Junge hatte immer die Kin⸗ der ſo lieb. Er iſt unſchuldig, Gott ſei Dank — Gott ſei Dank! nun will ich zu ihm gehen.“ Der alte Pendennis hatte ſeine eigene Meinung. Als er noch einen Augenblick zuvor ſo raſch auf die Seite der Unſchuld trat, hatte der alte Gentleman ſehr wahrſchein⸗ lich eine ſehr verſchiedene Anſicht von derjenigen, die ihn beliebte, zu vertheidigen, und urtheilte von Arthur nach dem, was er ſelbſt gethan haben würde. Wenn ſie zu Arthur geht und er ſagt ihr vie Wahrheit, wie's der Schuft thun wird, ſo iſt, dachte er, Alles verloren. Er machte eine weitere Anſtrengung. „Meine liebe, gute Seele,“ ſagte er, indem er He⸗ len's Hand ergriff und ſie küßte, „da Ihr Sohn Sie nicht mit der Angelegenheit betraute, ſo bedenken Sie, ob Sie ein Recht haben, ihn darüber auszuholen. Wenn Sie ihn für einen Mann von Ehre holten, welches Recht haben Sie dann, ſeine Ehre in dieſem Falle zu bezweifeln? Da iſt ein anonymer Schurke, der nicht eitn eine ſpezielle Anklage gegen ihn vorgebracht. 2¹4 Wenn eine Schuld vorläge, würden da nicht des Mäd⸗ chens Aeltern gekommen ſein? Er iſt nicht aufgefor⸗ dert worden, eine Erklärung zu geben, noch iſt es Ihr Beruf, einer anonhmen Anklage Glauben zu ſchenken; und wenn Sie ihn für ſchuldig halten, daß ein Mäd⸗ chen von dieſem Stande zufällig als Wärterin bei ihm fungirte, bei Gott, ſo könnten Sie eben ſo wohl ver⸗ langen, daß er die verdammte, alte, iriſche, gintrinkende Wäſcherin Mrs. Flanagan heirathen müßte.“ Die Wittwe brach unter ihren Thränen in ein Lachen aus — der alte General hatte den Sieg gewon⸗ nen. „Mrs. Flanagan zu heirathen, bei Gott,“ fuhr er fort, indem er ihre ſchmächtige Hand pätſchelte, „nein. Der Junge hat Ihnen Richts geſagt, und Sie wiſſen Nichts davon. Der Junge iſt unſchuldig, das verſteht ſich, und was, meine gute Seele, haben wir da zu thun? Angenommen, er hängt an dem Mäd⸗ chen — ſehen Sie nicht wieder ſo wehmüthig aus, *s iſt 'ne bloße Hypotheſe, und bei Gott, ein junger Burſche darf wohl ſein Schätzchen haben — ſo bald er wieder wohl iſt, ſo iſt er bei ihr.“ „Er muß mit nach Hauſe! wir müſſen ihn ſogleich nach Fairvaks nehmen,“ rief die Wittwe. „Meine Theure, in Fairoaks ſtirbt er vor langer Weile, er hat dort an Nichts zu denken, als an ſeine Leidenſchaft, es gibt keinen beſſern Platz in der Welt, ein Feuerchen der Leidenſchaft zu einem Feuer anzu⸗ fachen, und wo ein Burſche ſeinen Gedanken freier nachhängen kann, als ſo ein verdammtes, einſames Landhaus, wo es Nichts zu thun gibt. Wir müſſen ihn beſchäftigen: ihn kurzweilen: müſſen ihn über Land nehmen, er iſt nie außer Landes geweſen, außer einem Ausjlug nach Paris. Wir müſſen ein wenig reiſen. Er muß eine Wärterin bei ſich haben, die ihn recht in Pflege nimmt, denn Goodenough ſagt, daß er verdammt knapp davon gekommen (ſehen Sie nicht ſo erſchrocken darein) und ſo müſſen Sie kommen und über —— „ —,., — 2¹5⁵ ihn wachen: und ich vermuthe, Sie nehmen Miß Bell mit, und ich würde gern Warrington bitten, mitzukom⸗ men. Arthur iſt hölliſch vernarrt in Warrington. Er kann nicht leben ohne Warrington. Warrington's Familie iſt eine der älteſten in England und er iſt einer der beſten jungen Burſche, die ich je in meinem Leben getroffen habe, ich liebe ihn außerordentlich.“ „Weiß Mr. Warrington etwas von dieſer — dieſer Ge⸗ ſchichte?“ fragte Helen, „eriſt, ſo viel ich weiß, zwei Monate fort geweſen, bevor es ſich begab; Pen ſchrieb mir ſo.“ „Kein Wort — ich — ich habe ihn darüber ge⸗ fragt, ich habe ihn ausgeholt. Er hörte nie von der Sache, nie. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf,“ rief der Major etwas beunruhigt. „Und, meine Theure, ich glaube, Sie thäten am Beſten, nicht mit ihm davon zu ſprechen — am allerbeſten — gar nicht: der Gegen⸗ ſtand iſt äußerſt delikat und peinlich.“ Die argloſe Wittwe nahm ihres Bruders Hand und drückte ſie. „Dank Ihnen, Bruder,“ ſagte ſie, „Sie ſind ſehr, ſehr gütig gegen mich geweſen, Sie haben mir großen Troſt gewährt. Ich will auf mein Zimmer gehen, und darüber nachdenken, was Sie mir ſagten; dieſe Krankheit, und dieſe — dieſe Gemüthsbewegungen — haben mich ſehr aufgeregt, und ich bin nicht ſehr kräftig, wie Sie wiſſen, und ich will gehen und Gott danken, daß mein Junge unſchuldig iſt, er i ſt unſchul⸗ dig. Nicht wahr, Sir?“ „Ja, meine Theuerſte, ja,“ ſprach der alte Geſelle, indem er ſie zärtlich küßte und von ihrer Liebe ganz überwältigt war. Er ſah ihr mit einer Zärtlichkeit nach, die durch eine Beimiſchung von Hohn noch pikanter wurde. „Unſchuldig,“ ſagte er, „ich wollte ſchwören, bis ich ſchwarz würde, daß er unſchuldig ſei, ehe ich dieſer guten Seele Kummer machte.“ Nachdem er dieſen Sieg gewonnen hatte, legte ſich der erſchöpfte und glückliche Krieger auf den Sopha nieder, bedeckte ſein Geſicht mit dem gelben, ſeidenen 216 Taſchentuch und ſiel in ein ruhiges Schläfchen, deſſen Träume ohne Zweifel ſehr lieblich waren „da er ſehr geſund und regelmäßig zu ſchnarchen begann. Die jungen Männer ſaßen indeſſen da und ver⸗ plauderten die ſonnigen Stunden auf der Terraſſe, waren ſehr glücklich, und Pen wenigſtens ſehr geſprächig. Er theilte Warrington den Plan einer neuen Novelle und einer neuen Tragödie mit. Warrington lachte über den Gedanken, daß er ein Trauerſpiel ſchreiben wollte. Beim Jupiter! er wollte zeigen daß er es könnte, und er begann einige Strophen ſeines Schauſpiels zu deklamiren. Das kleine Solo auf dem Windinſtrumente, das der Major aufführte, wurde durch Miß Bell's Eintritt unterbrochen. Sie war auf einem Beſuch bei ihrer alten Freundin Lady Rockminſter, die eine Sommervilla in der Nachbarſchaft bezogen und auf die Nachricht von Arthurs Krankheit, und feiner Mutter Ankunft zu Rich⸗ mond Letztere beſucht hatte, und zum Benefiz des Erſtern, den ſie leiden mochte, ſehr verſchwenderiſch in Trauben, Rebhühnern und andern Aufmerkſamkeiten geweſen war. Zu Laura hatte die alte Lady eine große Zuneigung gefaßt und begehrte, daß ſie kommen und bei ihr bleiben ſollte; aber Laura konnte ihre Mutter unter dieſen Um⸗ ſtänden nicht verlaſſen. Durch beſtändiges Wachen über Arthurs Geſundheit hatte Helen's eigene Geſundheit ſehr bedeutend gelitten, und Doktor Goodenough allen Grund gehabt, für ſie ſowohl, als für ſeinen jüngern Patienten Rezepte zu ſchreiben. Der alte Pendennis fuhr bei dem Eintritt der jungen Lady auf. Sein Schlummer wurde leicht unter⸗ brochen, er ſprach galante Worte an ſie —, er war überhaupt in letzter Zeit voller Galanterie. Wo ſie die Roſen gepflückt, die ſie ouf ihren Wangen trug? Wie glücklich er ſei, aus ſeinen Träumen durch eine ſo be⸗ zaubernde Wirklichkeit geweckt zu werden! Laura war reich an Humor und Ehrlichkeit, und beides rief bei ihr — —. —. 217 etwas wie Verachtung gegen den alten Gentleman hervor. Es machte ihr Vergnügen, ſeine Eitelkeiten hervorzulocken und den alten Habitué der Klubbe und Geſellſchaftszimmer ſeine Geſchichten von vornehmen Leuten erzählen und ſeine Moralmarimen zum Beſten geben zu laſſen. Für dießmal beliebte ſie jedoch nicht ſatyriſch zu ſein. Sie mußte, wie ſie ſagte, mit Lady Rockminſter in den Park fahren, und hatte für Pen ein Spiel und für Mama Blumen mitgebracht. Ueber Mama ſah ſie ſehr ernſt darein, ſie war ſo eben bei Mrs. Pendennis geweſen, Helen war ſehr erſchöpft, und ſie fürchtete, ſie ſei ſehr, ſehr unwohl. Ihre großen Augen füllten ſich mit den Zeugen zärtlicher Theilnahme, die ſie für die Lage ihrer geliebten Freundin fühlte. Sie war ſehr beunruhigt über ſie. Konnte nicht der gute — der liebe Doktor Gvodenough ſie heilen? „Arthurs Krankheit und anderer Kummer,“ be⸗ merkte langſam der Major, „hätten ohne Zweifel He⸗ len's Geſundheit erſchüttert.“ Eine brennende Röthe auf dem Antlitz des Mädchens verrieth, daß ſie die An⸗ ſpielungen des alten Mannes verſtand; aber ſie blickte ihm voll in's Geſicht und erwiderte Nichts. „Er hätte mir das erſparen können,“ dachte ſie, „auf was mochte er abzielen, daß er mir das in's Gedächtniß rief?“ Daß er ein Ziel vor Augen hatte, iſt ſehr wohl möglich, der alte Diplomat ſprach ſelten ohne Hinter⸗ gedanken. Doktor Goodenough habe mit ihm, ſagte er, von ihrer Freundin Geſundheit geſprochen, ſie bedürfe Ruhe und Veränderung der Umgebung, ja Veränderung der Umgebung, peinvolle Umſtände, welche vorgekommen, müßten vergeſſen und nimmer berührt werden. Er bat um Entſchuldigung, daß er ſie jetzt gegen Miß Bell angedeutet, er würde es nimmer thun. — Er ſei ge⸗ wiß, daß auch ſie es unterlaſſe. Alles müßte gethan werden, um ihre Freundin zu beruhigen und zu tröſten, und er ſchlage vor, ſie ſollten für den Herbſt in einen Badeort in der Nähe des Rheines gehen, wo Helen 218 ihre erſchöpften Leibes⸗ und Geiſteskräfte wieder ſam⸗ meln, und Arthur es verſuchen und ein neuer Menſch werden dürfte. Laura würde natürlich ihre Mutter nicht vergeſſen. Natürlich nicht. Für Helen und nur für Helen — das heißt auch für Arthur um ihretwillen, war Laura beſorgt, ſie wollte in's Ausland und überall hin mit Helen gehen. Und nachdem Helen die Sache eine Stunde auf ihrem Zimmer überdacht, war ſie mittlerweile auf eine Tour ſo erpicht, als ein Schulknabe, der Reiſebe⸗ ſchreibungen geleſen, begierig iſt, auf die See zu gehen. Wohin ſollten ſie gehen? Je weiter, deſto lieber in ſolche Ferne, daß ſelbſt die Erinnerung ihnen dahin nicht folgen könnte: ſo vergnüglich, daß Pen nicht wünſchen ſollte, wieder fortzugehen — überall hin, wo er glücklich ſein könnte. Mit zitternden Fingern öffnete ſie ihren Pult und nahm ihr Bankierbuch heraus und überrechnete ihre kleinen Erſparniſſe. Wenn man noch mehr brauchte, ſo hatte ſie ein Demantkreuz. Sie wollte wieder von Laura borgen. „Gehen wir — gehen wir!“ dachte ſie, „ſobald er die Reiſe ertragen kann, wollen wir fort. Komm, freundlicher Doktor Goobenough — komm ſchnell und erlaube uns, England zu verlaſſen.“ Der gute Doktor fuhr an demſelben Tage herüber, um mit ihnen zu diniren. „Wenn Sie ſich ſo aufregen laſſen,“ ſagte er zu ihr, „und wenn Ihr Herz ſo ſchlägt, und wenn Sie durchaus ſo beſorgt ſein wollen für einen jungen Gentleman, der ſo ſchnell als er kann, wiedergenest, ſo müſſen wir Sie in's Bett legen, und Laura muß für Sie wachenz dann kommt die Reihe an fie, krank zu werden, und ich möchte wiſſen, wo man beim Deuxel Doktor genug auftreibt, die für Nichts und wieder Nichts kommen und Sie in Kur nehmen ſollen. Mrs. Goodenough iſt bereits eiferſüchtig auf Sie, und ſagt mit vollem Recht, daß ich mich in meine Patienten verliebe. Und Sie müſſen geruhen, ſobald —,————————— 219 als möglich das Land zu verlaſſen, daß ich wieder Frieden im Hauſe bekomme.“ Als der Plan zur Reiſe Arthur vorgeſchlagen wurde, nahm ihn dieſer Gentleman mit der größten Freude und Begeiſterung auf. Er wollte ſogleich auf und davon, von dem Augenblicke an ließ er den Schnurr⸗ bart wachſen, um, wie ich vermuthe, ſeinen Mund in den rechten Zug für die Ausſprache des Franzöſiſchen und Deutſchen zu bringen. Er war ernſtlich beunruhigt in ſeinem Gemüthe, weil der Schnurrbart, als er kam, von entſchieden rother Farbe war. Er hatte ſich einen Herbſt in Fairvaks in Ausſicht geſtellt, und vielleicht mochte der Gedanke, zwei bis drei Monate dort zuzu⸗ bringen, ihn nicht ſehr amüſiren. „Keine Seele iſt in dem Ort, mit der man ſprechen kann,“ ſagte er zu Warrington. „Des alten Portmans Predigten, und ſeine pompöſe Unterhaltung nach dem Diner bringen mich um. Ich kenne alle Geſchichten des alten Glanders über den Krieg auf der Halbinſel. Die Clavering ſind die einzigen chriſtlichen Leute in der Nachbarſchaft, und die ſind, wie mein Onkel ſagt, vor Weihnachten nicht daheim: Zudem muß ich aus dem Lande, Warrington. So lange Sie fort waren, hatte ich, hol' mich der Henker, eine Verſuchung, der ich, Gott ſei Dank, entronnen und von der ich glaube, daß meine Krankheit ganz zu rechter Zeit kam, ihr ein Ende zu machen.“ Und hier erzählte er ſeinem Freunde die umſtände der Geſchichte in Vaurhall, womit der Leſer bereits bekannt geworden iſt. Warrington ſah ſehr ernſt darein, als er die Ge⸗ ſchichte hörte. Auch abgeſehen von dem ſittlichen Un⸗ recht, war er für Arthur äußerſt froh, daß er einer Gefahr entgangen, die ſein ganzes Leben hätte unglück⸗ lich machen können, „die gewiß,“ ſagte Warrington, das Unglück und den Ruin der andern Parthie herbei⸗ geführt hätte. Und Ihre Mutter und — Ihre Freunde — was für ein Kummer würde es für ſie geweſen 220 ſein!“ bemerkte nachdrücklich Pen's Genoſſe, indem es ihm unbekannt war, welches Herzeleid dieſe guten Leute bereits darüber empfunden hatten. „Kein Wort gegen meine Mutter!“ rief Pen ſehr beunruhigt. „Sie würde nimmer darüber weg kommen. So ein esclandre wäre ihr Tod, glaube ich. Und,“ fuhr er mit einer Kennermiene fort, als ob er ſich wie ein junger Schuft von Don Juan ſein Lebtag in ſogenannten affairs de coeur herumgetrieben hätte; „der beſte Aus⸗ weg iſt, wenn ſolch eine Gefahr droht, ihr nicht die Stirn zu bieten, ſondern den Rücken zu kehren und davon zu laufen.“ „Und ſind Sie recht verliebt geweſen?“ fragte Warrington. „Hm!“ meinte Lovelace. „Sie ſprach ihre Hnicht aus, war aber ein allerliebſtes Mädchen.“ O ihr Cla⸗ riſſas hienieden, ihr armen, unwiſſenden, eiteln Mäd⸗ chen, wenn ihr nur wüßtet, in welchem Styl die Liebes⸗ jäger von euch ſprechen; wenn ihr nur hören khnntet, wie Jack mit Tom das Kaffeezimmer des Klubbs ent⸗ lang von euch ſpricht; oder ſehen, wie Ned eure armen Briefchen aus ſeiner Cigarrenbüchſe nimmt und ſie Charley, Billy und Harry über den Regimentstiſch bietet, ihr würdet nicht ſo darauf losſchreiben, oder ſo bereit ſein, aufzuhorchen. Es gibt eine Art Verbrechen, die nicht ganz konſumirt ſind, wofern der glückliche Schelm ſich deren nicht nachmals rühmt; und der Mann, der eure Ehre am erſtern Ort verräth, wird, darauf verlaſſet euch, ſicherlich auch euer Geheimniß verrathen. „Es iſt ſchwer zu fechten, und leicht iſt es zu fallen,“ bemerkte düſter Warringtoy. „Und wie Sie ſagen, Pendennis, wenn eine Gefahr wie vieſe droht, ſo iſt' am beſten, wenn man ihr den Rücken kehrt und davon läuft.“ Nach dieſer kurzen Unterredung über einen Gegen⸗ ſtand, über welchen Pen vor einem Monat viel beredter — ——— — 22¹ geſprochen hätte, kam die Rede auf den Reiſeplan zurück, und Arthur drang angelegentlich in ſeinen Freund, von der Parthie zu ſein. Warrington war ein Glied der Familie, ein Theil der Kur. Arthur ſagte, er würde nicht halb das Vergnügen haben, ohne Warrington; aber George ſagte nein, er könnte nicht gehen, er müßte daheim bleiben und Pen's Stelle vertreten. Der Andere bemerkte, daß das unnöthig ſei, Shandon komme jetzt nach London zurück, und er, Arthur, ſei zu einer Vakanz berechtigt. „Dringen Sie nicht in mich,“ ſagte Warrington, „ich kann nicht gehen, ich habe beſondere Verpflichtungen, ich bin am Beſten daheim, ich habe das Geld für die Reiſe nicht, da ſitzt der Haas im Pfeffer — denn reiſen koſtet Geld, wiſſen Sie.“ Dieſes kleine Hinderniß ſchien Pen ganz ärgerlich, er erwähnte es gegen ſeine Mutter. Mrs. Pendennis bedauerte ſehr, Mr. Warrington ſei ſo außerordentlich gütig geweſen, meinte aber, er müßte ſeine Umſtände am beſten kennen, — dann warf ſie ſich ohne Zweifel vor, daß ſie aus Selbſtſucht wünſche, ihren Jungen fort zu nehmen und ihn ganz für ſich zu haben. „Was muß ich da von Pen hören, mein lieber Mr. Warrington,“ fragte der Major eines Tages, als das Paar allein, und Warringtons Weigerung erwähnt worden war. „Nicht mit uns gehen? So was können wir gar nicht hören — Pen würde ohne Sie nicht geneſen, das ſage ich Ihnen, ich gehe nicht hin, um ſeine Amme zu machen. Er muß Jemand haben, der ſtärker, heiterer und geeigneter iſt, ihn zu unterhalten, als ein rheumatiſcher, alter Schelm wie ich. Ich werde ſehr wahrſcheinlich nach Karlsbad kommen, wenn ich euch Leutchen dort angeſiedelt ſehe. Reiſen koſtet heut zu Tage Nichts — oder nicht der Rede werth! und — und ich bitte, Warrington, vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihres Vaters ſehr alter Freund war, und wenn Sie und Ihr Bruder nicht ſo mit einander ſtehen, daß Sie 222 von Ihres jüngern Bruders Theil vorweg beziehen können, ſo bitte ich, machen Sie mich zu Ihrem Bankier: denn iſt nicht Pen dieſe drei Wochen her Ihr Schuldner geworden, während deren Sie, wie er mir ſagt, ſeine Arbeit mit ſo außerordentlichem Talent und Genie, bei Gott, für ihn gethan?“ Trotz dieſem freundlichen Anerbieten und der un⸗ erhörten Großmuth des Majors weigerte ſich Warring⸗ ton immer noch und wollte zu Hauſe bleiben, aber es geſchah mit zögerndem und unentſchloſſenem Tone, wel⸗ cher verrieth, wie gern er mitginge, obgleich ſeine Zunge immer noch nein ſagte. Aber des Majors beharrliches Wohlwollen gab ſich nicht ſo leicht beſiegt. Am Theetiſche jenes Abends, während Helen gerade einen Augenblick außerhalb des Zimmers war, und nach Pen ſah, welcher zur Ruhe gegangen war, kehrte der alte Pendennis zum Angriff zurück und ſchalt Warrington, daß er den Ausflug nicht mitmachen wollte. „Iſt es nicht ungalant, Miß Bell?“ ſagte er, gegen dieſe junge Lady ſich wendend, „iſt es nicht unfreundlich, hier ſind wir das glücklichſte Ge⸗ ſellſchäftchen von der Welt geweſen, und dieſes odiöſe, ſelbſtſüchtige Geſchöpf da will es ſprengen!“ Miß Bell's lange Augwimpern blickten auf die Theetaſſe nieder, und Warrington erröthete tief, ſprach aber nicht, auch Miß Bell blieb ſtumm, als aber er erröthete, erröthete auch ſie. „Bitten Sie ihn, zu kommen, meine Theure,“ ſagte der wohlwollende alte Gentleman, „vielleicht ſchenkt er Ihnen Gehor.“ „Warum ſollte Mr. Warrington auf mich hören?“ fragte die junge Lady, indem ſie ihre Frage ſcheinbar an den Theeloffel und nicht an den Major richtete. „Bitten Sie ihn, Sie haben ihn nicht gebeten,“ ſprach Pen's argloſer Oheim. „Es würde mich in der That ſehr freuen, wenn 223 Mr. Warrington kommen wollte,“ bemerkte Laura ge⸗ gen den Theelöffel. „Wirklich?“ fragte George. Sie blickte auf und ſagte, „ja.“ Ihre Augen be⸗ gegneten ſich. „Ich will gehen, wohin Sie wollen, will Alles thun,“ ſagte George langſam und zwang die Worte heraus, als ob ſie ihm Schmerz machten. Der alte Pendennis war entzückt, die zärtliche, alte Kreatur klatſchte in die Hände und rief: „Bravo! Bravo! handelseinig — handelseinig, bei Gott! geben Sie ſich die Hände darauf, junges Volk!“ Und Laura mit einem Blicke voll inniger Freude hielt Warrington ihre Hand hin, er ergriff die ihrige, ſein Geſicht verrieth eine auf⸗ fallende Bewegung, er ſchien im Begriff zu ſprechen, als Helen aus Pen's benachbartem Zimmer eintrat und ſie anblickte, während das Licht, das ſie hielt, ihr blaſſes, beſtürztes Geſicht beleuchtete. Laura erröthete noch tiefer und zog ihre Hand zurück. „Was gibt es?“ fragte Helen. „Wir ſind handelseinig geworden, meine Theure,“ ſagte der Major in ſeinem liebkoſendſten Tone, „wir haben ſo eben Mr. Warrington das Verſprechen abge⸗ nommen, mit uns die Reiſe zu machen.“ „Das wäre,“ ſagte Helen. Fünfzehntes Rapitel, in welchem Fanny eine neue ärztliche Bekanntſchaft macht. Hätte Helen vermuthen können, daß mit der Wieder⸗ kehr ſeiner Kräfte Pen's unglückliche Leidenſchaft für die kleine Fanny wieder erwachen würde? Obgleich ſie nach ihrer Rückſprache mit dem Major nie ein Wort über das Mädchen verlauten ließ, und allem An⸗ ſcheine nach ſogar von Fanny's Exiſtenz Nichts wußte, hatte Mrs. Pendennis doch alle Handlungen Maſter Arthurs bewacht und wollte ihn, unter dem Vorgeben von Unwohlſein, kaum aus den Augen laſſen; beſonders war ſie darauf bedacht, daß ihm für die nächſte Zeit wenigſtens alle Mühe der Korreſpondenz erſpart werden möchte. Sehr wahrſcheinlich ſah Arthur ſeinen Briefen mit einiger Bangigkeit entgegen. Sehr wahrſcheinlich erwartete er, da er ſie am Familientiſche erhielt und fühlte, wie ſeine Mutter ihn ſcharf beobachtete, (ob⸗ gleich die gute Seele ihr Auge auf die Theetaſſe, oder ihr Buch geheftet zu haben ſchien) täglich eine kleine Handſchrift zu ſehen, die er gekannt haben würde, ob⸗ gleich er ſie nie geſehen hatte, und ſein Herz ſchlug, wenn er Briefe an ſeine Adreſſe erhielt. War er mehr vergnügt, als ärgerlich, daß Tag auf Tag ſeine Er⸗ wartungen nicht in Erfüllung gingen, und war ſein Gemüth erleichtert, daß kein Brief von Fanny kam, obgleich ohne Zweifel in dieſen Dingen, wenn Lovelace Clariſſens müde iſt (oder umgekehrt) es für beide Theile am Beſten iſt, mit einem Mal abzubrechen, und wenn jeder Theil nach vereiteltem Verſuche der Vereinigung ſeinen eigenen Weg geht und vereinzelt ſeinen Lauf durch das Leben nimmt, ſo wünſcht doch unſre Selbſt⸗ 225 liebe, oder unſer Mitleid, oder unſer Gefühl für An⸗ ſtand einen ſo plötzlichen Bankerott nicht. Ehe wir der Welt ankündigen, daß unſre Firma Lovelace und Co. ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllen kann, ſuchen wir uns zu vergleichen, die Leidtragenden treffen ſich, wir zögern, die Läden zu ſchließen und die traurige Ankün⸗ digung des Falliments anzuheften. Es muß ſo kommen: aber wir verpfänden unſre Kleinodien, um die Sache noch ein wenig im Gang zu erhalten. Im Ganzen kann ich wohl ſagen, daß Pen eher ärgerlich war, daß Fanny keine Vorſtellungen machte. Wie konnte ſie von ihm ſcheiden, ohne auch nur ein Mal umzuſehen? konnte ſie ſinken und nicht ein Mal die kleine Hand empor halten und rufen: „hilf, Arthur?“ Schon gut, ſchon gut, nicht alle ſinken unter, die dieſe Waſſerreiſe wagen, einige wenige ertrinken, wenn das Schiff einen Leck be⸗ kommt, aber die meiſten tauchen unter und krabbeln an's Ufer und des Leſers Erfahrung von A. Pendennis, Esquire vom obern Tempel, konnte ihm ſagen, ob der Gentleman zu der Klaſſe von Perſonen gehörte, die wahrſcheinlicher unterſanken, oder ſich über dem Waſſer erhielten. Obgleich Pen noch zu ſchwach war, um eine halbe Meile zu gehen und aus Rückſicht für ſeine koſtbare Geſundheit füglicher Weiſe nicht allein in einem Wagen fahren konnte, ohne eine Wärterin zur Begleitung zu haben, ſo konnte doch Helen nicht auch Mr. Warring⸗ ton im Auge behalten, und hatte keine Macht, den Gentleman aufzuhalten, wenn Geſchäfte ihn nach Lon⸗ don riefen. In der That, wenn er gegangen oder ge⸗ blieben wäre, ſo wäre die Wittwe aus beſonderen Grün⸗ den vielleicht froh geweſen, aber ſie unterdrückte dieſe ſelbſtiſchen Wünſche, ſobald ſie in ihr aufſtiegen; und wenn ſie an Warrington's große Aufmerkſamkeit, Dienſte und beharrliche Freundſchaft für ihren Jungen dachte, ſo empfing ſie ihn beinahe als Glied ihrer Familie mit Pendennis. Ml. 15 226 ihrer gewohnten melancholiſchen Freundlichkeit und Er⸗ gebung. Als ihn jedoch eines Morgens ſeine Geſchäfte nach der Stadt riefen, ahnte ſie, was Warrington's Botſchaft war, und daß er nach London gehe, um für Pen Nachricht über Fanny einzuziehen. Wirklich hatte Arthur Einiges mit ſeinem Freunde geſprochen und ihm das Nähere berichtet, worin ſein Abenteuer beſtanden, und welche Gefühle er gegen ſie hegte. Er dankte ſeinem Gott, daß er der großen Ge⸗ fahr entgangen war, wozu Warrington von Herzen Amen ſagte: daß er ſich in Bezug auf ſein Benehmen gegen ſie nicht viel vorzuwerfen habe, daß er aber, wenn ſie ſich trennten, wie ſie müßten, froh wäre, ihr Lebewohl zu ſagen und hoffte, daß ſie ſeiner freundlich gedenken würde. In ſeiner Unterredung mit Warring⸗ ton ſprach er von dieſen Angelegenheiten mit ſo viel⸗ Ernſt und Gemüthsbewegung, daß George, der ſich auch ſehr ſtark für die Trennung ausgeſprochen hatte, zu fürchten begann, daß ſein Freund nicht ſo ganz geheilt ſei, als er ſich rühmte, und daß, wenn beide wieder zuſammen kommen ſollten, alle Gefahr und Verſuchung noch ein Mal durchzukämpfen wäre, und mit welchem Erfolg? „Es iſt ſchwer zu kämpfen, Arthur, und es iſt leicht zu fallen,“ ſagte Warrington, „und der beſte Muth für uns arme Unglückliche iſt, vor der Gefahr zu fliehen. Ich würde nicht geworden ſein, was ich jetzt bin, hätte ich gethan, was ich predige.“ „Und was haben Sie gethan, George?“ fragte Pen angelegentlich. „Ich wußte, daß etwas vorging, erzählen Sie mir davon, Warrington.“ „Es ging etwas vor, das ſich nicht wieder gut machen läßt und das bald all meine Glücksgüter ver⸗ ſchleuderte,“ antwortete Warrington; „ich ſagte: ich wollte Ihnen einmal davon erzählen, Pen, und will auch, aber jetzt nicht; nehmen Sie für jetzt die Nutzan⸗ wendung ohne die Fabel, Pen, mein Junge, und wenn Sie einen Mann ſehen wollen, deſſen ganzes Leben — 227 Schiffbruch gelitten, weil er als Knabe an einem un⸗ glücklichen Felſen angeprallt; hier ſteht er, Arthur, und ſo warn' ich Sie.“ Wir haben gezeigt, daß Mr. Hurter in ſeinem Brief an die Claveringer Freunde ſagte, daß in London ein faſhionabler Klubb ſei, den er beſuche, und daß er hier gewöhnlich einen irländiſchen Offizier von Auszeichnung treffe, der ihm unter andern Neuigkeiten in Bezug auf Pendennis die Nachricht gegeben hätte, welche der junge Wundarzt nach Clavering berichtete. Dieſer Klubb war kein anderer als die Hinterküche, wo der Jünger von Bartholomew's gewohnt war, den General zu treffen, denn die Eigenthümlichkeiten ſeines Jargons, Aeu⸗ ßern, Temperaments und ſeiner Unterhaltung amüſirten ungemein viele junge Gentlemen, welche die Hinterküche als einen Ort nächtlicher Unterhaltung und Erfriſchung zu beſuchen pflegten. Hurter, der ein gutes natürliches Talent für die Nachahmung hatte, mochte es ein beliebter Komiker oder Tragiker, ein Hahn auf einer Düngerſtätte, ein Korkzieher, der in eine Flaſche ging, und ein Pfropf, der von dort herausging, oder ein iriſcher Ofſizier von vornehmen Verbindungen ſein, der als Gegenſtand der Nachahmung mit nur zu viel Bereitwilligkeit ſich dar⸗ bot, ſprach ſeine Mundart und ſpannte ſeinen armen, alten Bogen, ſo oft ein Trunk, ein Zuhörer und eine Gelegenheit ſich darbot; ſtudirte unſern Freund, den General mit beſonderer Vorliebe, und lockte den ehrli⸗ chen Burſchen manche Nacht heraus. Einen Köder, be⸗ ſtehend in ſechs Pence Brandy und Waſſer, verſchluckte der alte, würdige Mann unbedenklich, und unter dem Einfluſſe dieſer Flüſſigkeit, wer war glücklicher als er, ſeine Geſchichten von ſeiner Tochter Triumphen und ſeine eigenen in der Liebe, im Krieg, im Trinken und in vor⸗ nehmer Geſellſchaft zum Beſten zu geben? So war Hux⸗ ter im Stande, ſeinen Freunden viele Bilder von Co⸗ ſtigan zum Beſten zu geben. Wie Coſtigan ein Duell 228 in dem Faynir hatte — Coſtigan's Rendezvous mit dem Herzog von New⸗York — Coſtigan an ſeines Schwie⸗ gerſohnes Tafel, umgeben von dem Adel ſeines Landes, wie Coſtigan das trunkene Elend hat, wo er die Ge⸗ wohnheit hat, gegen Jedermann im Vertrauen ſeiner Tochter Undankbarkeit zubeklagen; und wie ſeine grauen Haare vor der Zeit in die Grube fahren, und ſo war unſer Freund das Mittel, eine Anzahl junger Burſche in die Hinterküche zu bringen, die des Wirthes gebrannte Waſſer tranken, während ſie ſich an des Generals Eigen⸗ thümlichkeiten ergötzten, ſo daß der Gaſtgeber dieſem viele Schwachheiten verzieh in Betracht des Guten, das ſie ſeinem Hauſe brachten. Nicht die höchſte Stellung im Leben war dieß, oder die wir, wenn wir für den Mann einige Achtung hätten, ihn gerne würden ein⸗ nehmen ſehen. Aber von dieſem alten Poſſenreißer mag erwähnt werden, daß er nicht eben ſich einbildete, daß ſeine Stellung im Leben keine hohe ſei, und daß in ſeinem verſchnapsten Blute kein ſchwarzer Tropfen, noch in ſeinem wirren Gehirn ein bitteres Gefühl gegen ein ſterbliches Weſen war. Selbſt ſein Kind, ſeine grauſame Emily, würde er an's Herz gedrückt und ihr unker Thrä⸗ nen verziehen haben; aber was kann man weiter ſagen von der chriſtlichen Liebe eines Mannes, als daß er wirklich bereit iſt, denen zu vergeben, die ihm alles er⸗ denkliche Gute gethan, und gegen die er in jedem Streite Unrecht hatte? Unter den jungen Leuten, welche die Hinterküche beſuchten und ſich in ver Geſellſchaft Kapitän Coſtigans luſtig machten, herrſchte der Verdacht, daß der Kapitän ein Geheimniß aus ſeiner Wohnung machte, aus Furcht vor Gläubigern, oder in dem Wunſche, unbekannt zu bleiben, und in einem wunderſchönen Platze wohnte; auch pflegte der Wirth des Bereichs, wenn er über die⸗ ſen Gegenſtand befragt wurde, auf keinerlei Nachfor⸗ ſchungen zu antworten, da ſeine Maxime war, daß er Gentlemen, welche dieſes Haus beſuchten, blos inner⸗ —— — 229 halb deſſelben kannte, und daß, wenn ſie das Zimmer verließen, ihre Rechnung als Gentlemen bezahlt und ſich als Gentlemen benommen hatten, alle Verbindung mit ihnen aufhörte, und daß es nach ſeinem Dafürhal⸗ ten unverſchämte Neugierde wäre, wenn ein Gentleman fragen wollte, wo ein anderer Gentleman wohne. Auch Coſtigan wich in ſeinen berauſchteſten und vertrauteſten Augenblicken allen Erwiderungen auf Fragen über die⸗ ſen Gegenſtand aus. Es war kein beſonderes Geheim⸗ niß, wie wir geſehen haben, da wir mehr denn einmal die Ehre hatten, in ſeine Wohnung einzutreten; aber in den Wechſelfällen eines langen Lebens war er ziem⸗ lich oft in dem Falle, in Häuſern zu wohnen, wo ein Inkognito für ſeinen Comfort nothwendig war, und wo die Erſcheinung von gewiſſen Beſuchern ihm Nichts we⸗ niger als angenehm geweſen wäre: daher bildeten Witz⸗ köpfe oder leichtgläubige Perſonen über den Ort ſeines Aufenthalts alle Arten von Sagen: es hieß, er ſchlafe für gewöhnlich in einem Schilderhauſe in der City, in einem Cab in den Marſtällen, wo der Capeigenthümer ihm ein Obdach gebe, in der Säule des Herzogs von York und ſo weiter. Die verrückteſte von allen die⸗ ſen Theorien wurde von dem witzigen und erfinderi⸗ ſchen Hurter in den Kurs gebracht, denn Hurey, wenn nicht durch die Anweſenheit von vornehmen Dandies zum Schweigen verurtheilt, war in der Geſellſchaft ſei⸗ ner eigenen Freunde ſehr verſchieden von dem Jungen, den wir durch Pen's Impertinenzen eingeſchüchtert ſahen, und, angebetet von ſeiner Familie in der Heimath, war er das Leben und die Seele des Cirkels, in den er trat, ſei es am Tiſche der Freude oder an der Secirtafel. An einem glänzenden Septembermorgen, als Hur⸗ ter ſich eben an einem Stand in Covent-Garden mit einer Taſſe Kaffee regalirte, nachdem er eine herrliche Nacht in Vaurhall durchtanzt hatte, erſpähte er den General, wie er Henrietta⸗Street herabtaumelte, mit einem Schwarm ſchreiender Bettelhuben hinter ſich, die 230 frühzeitig ihr Nachtlager unter den Brückenbogen ver⸗ laſſen hatten und bereits nach einem Frühſtück umher⸗ ſtreiften. Der arme, alte General war nicht in dem Zuſtande, in welchem der höhnende Spott und der Scherz dieſer jungen Bettler große Wirkung bei ihm thaten: die Cabmänner und Waſſerträger an der Cabſtation kannten ihn und machten ihre Bemerkungen, die Poli⸗ zeidiener gafften ihm nach und ſcheuchten mit Blicken des Mitleids und der Verachtung die Buben von ihm zurück. Doch, was kümmerte ſich der General um den Hohn, das Mitleid der Männer, was um die Scherze der gemeinen Kinder? Er taumelte mit ſtieren Augen die Straße entlang, und hatte gerade noch ſo viel Be⸗ ſinnung, um zu wiſſen, welche Richtung er zu nehmen hatte. Er ging, ſo oft als irgend ein Menſch in Lon⸗ don zu Bette, ohne zu wiſſen, wie er dahin gekommen. Er erwachte und fand ſich dort und that keine Fragen, und ſo aing es Tag für Tag auf ſeinen gefährlichen Wanderungen, bis auf ſeinem Standpunkt an der Kaffee⸗ bude Hurter ihn erſpähte. Seine zwei Pence zu bezah⸗ len, war für den neugierigen Huxter das Werk eines Augenblicks — Coſtigan ſteuerte die Alleen bei Drury⸗ lane Theater hinab, wo Gin- und Auſternbuden und Theatergarderoben in Menge vorhanden ſind, deren Ei⸗ genthümer jetzt hinter ihren Läden ſchlafen, während der blaßrothe Morgen ihre Kamine beleuchtete, und durch dieſe Höfe folgte Hurter dem General, bis er Oldeaſtle⸗Street erreichte, in welchem das Thor für die Shepherds Inn iſt. Hier, im Bereiche ſeiner Heimath kam ein un⸗ glückliches Abſchnipfel einer Pommeranzenſchale zwiſchen die Ferſe des Generals und das Pflaſter, und bewirkte, daß der arme, alte Schelm rückwärts zu Boden ſtürzte⸗ Hurter eilte ihm ſogleich zu Hilfe, und nach einer Pauſe, während welcher der Veteran ſchwindelnd von ſeinem Falle und dem vorgängigen Whiskey, ſo gut er konnte, in ſeinem wirren Gehirne zurecht kam, hob der —— 231 junge Wundarzt den hinkenden General auf und bot ihm ſehr freundlich und gutmüthig an, ihn nach Hauſe zu führen. Eine Weile weigerte ſich der benebelte Ge⸗ neral, auf die von dem Studenten der Medizin an ihn geſtellten Fragen ſeine Wohnung anzugeben und ſagte nur, daß ſie ganz in der Nähe ſei und daß er ſie ohne Mühe allein erreichen könnte. Damit machte er ſich von Hurters Arme los und huſchte fort, als ob er un⸗ begleitet ſeine Behauſung erreichen könnte; aber er tau⸗ melte dergeſtalt, daß der junge Wundarzt darauf be⸗ ſtand, ihn zu begleiten, und unter vielen Ausdrücken des Troſtes und der Ermuthigung gelang es ihm, des Ge⸗ nerals ſchmutzige, alte Hand unter ſeine Floße, wie er es nannte, zu bekommen, und er führte nun den alten Geſellen erbärmlich winſelnd über die Straße. Er hielt, als er an das alterthümliche Thor kam, das mit dem Wappen des ehrwürdigen Shepherd verziert war. „Hier iſt es,“ ſagte er, indem er ſich an dem Portal aufſtellte, und zog mit Erfolg an der Klingel, die alsbald den alten Mr. Bolton, den Thorwächter, mürriſch darein⸗ ſehend und brummend, wie er jeden Morgen that, wenn die Reihe an ihm war, dieſen frühen Vogel hereinzu⸗ laſſen, zum Vorſchein brachte. Coſtigan verſuchte Bolton für einen Augenblick in freundlichem Geplauder aufzuhalten, aber der Murrkopf wollte nicht. „Gehen Sie mit Ihrem Geſchwätz,“ ſagte er; „gehen Sie in Ihr Bett, Kapting, und halten Sie ehrliche Leute nicht aus dem ihrigen.“ So ſchwankte der Kapitän über das Square und erreichte ſeine Treppe, welche er mit dem würdigen Hurter hinter ſich hinauf⸗ taumelte. Coſtigan hatte ſeinen eigenen Schlüſſel, wel⸗ chen Hnxter für ihn in das Schlüſſelloch ſteckte, ſo daß es nicht nöthig wurde, den kleinen Bows aus dem Schlafe zu wecken, in welchen der alte Muſiker eben erſt gefallen war, und nachdem er ſeinen berauſchten Freund beim Auskleiden unterſtützt und ſich verſichert hatte, daß kein Bein gebrochen war, brachte er ihn zu 232 Bett und legte naſſe Kompreſſen auf eines ſeiner Knie und Schienbeine, das Coſtigan bei ſeinem Fall mit den Hoſen, in denen ſie geſteckt, bedeutend aufgeriſſen hatte. Im Alter des Generals und bei ſeiner Leibesbeſchaffen⸗ heit heilen ſolche Wunden ſehr langſam, eine ſtarke Ent⸗ zündung folgte, und der alte Burſche lag mehrere Tage in Schmerzen und Fieber danieder. Mr. Hurter übernahm den Fall ſeines Patienten mit viel Selbſtvertrauen und gukem Willen, und be⸗ handelte ihn mit gehörigem Geſchick. Er beſuchte ſei⸗ nen Freund Tag für Tag, tröſtete ihn mit lebhaftem Geplapper für die mangelnde Geſellſchaft, die Coſtigan bedurfte, und gab der Wärterin des Invaliden beſondere Inſtruktionen über das Quantum Schnaps, welches der Patient zu ſich nehmen durfte — Inſtruktionen, welche der arme, alte Schelm, da er viele Tage nicht aus ſei⸗ nem Bette oder von ſeinem Sopha fort konnte, auf keine Weiſe überſchreiten konnte. Bows, Mrs. Bolton und unſere kleine Freundin Fanny, ſobald ſie im Stande war, es zu thun, funktionirten am Bette des Generals und machten es dem alten Krieger in ſeinem Elende ſo komfortabel als möglich. So wurde Huxter, deſſen leutſelige Manieren und Geſellſchaftstalent ihn mit den Perſonen, in deren Ge⸗ ſellſchaft er gerieth und deren Ueberfeinerung die Ver⸗ traulichkeiten dieſes jungen Gentleman nicht zurückwei⸗ ſen ließ, in Shepherd's Inn, ſowohl mit unſern Be⸗ kannten in den Dachſtübchen, als auch denjenigen in des Thorwächters Lodge, ziemlich bald vertraut. Er glaubte Fanny irgendwo geſehen zu haben; aber es war nicht zu verwundern, daß er ſich nicht mehr genau erinnerte, denn das arme, kleine Ding beliebte niemals ihm zu ſagen, wo ſie ihn getroffen hatte. Er ſelbſt hatte ſie zu einer Zeit geſehen, wo ſeine Anſichten von Per⸗ ſonen und von Recht und Unrecht durch die Aufregung des Trinkens und des Tanzens überwölkt waren. Auch war die kleine Fanny ſehr verändert und verkümmert 233 durch Fieber und Aufregung, durch Leidenſchaft und Verzweiflung, welche die letzten drei Wochen auf dieſes kleine Schlachtopfer eingeſtürmt hatten. Ihr Haupt war geſenkt, ſehr blaß und mager ihr Geſicht, und oft und viel hatten die wehmüthigen Augen auf den Briefträger geblickt, wenn er in die Inn kam, und das kranke Herz ſank, wenn er vorüberging. . Als Mr. Coſtigan's Unfall ſich begab, war Fanny froh, eine Veranlaſſung zu haben, nützlich zu ſein und etwas Freundliches zu erweiſen — etwas, das ſie ihre eigenen, kleinen Sorgen vielleicht vergeſſen machte. Sie fühlte, daß ſie ſie leichter ertrug, wenn ſie ihre Pflicht that, obgleich ich zu ſagen wage, daß manche Thräne auf des alten Irländers Haberſchleim fiel. Ach nein! rühre den Haberſchleim wohl um und faſſe Muth; kleine Fanny! wenn jeder, der an deiner Krankheit litt, ge⸗ radenwegs daran ſterben müßte, welch ſchöne Aernte würden die Leichenbeſorger haben! Sei es aus Mitleid mit ſeinem einzigen Patienten oder aus Vergnügen an ſeiner Geſellſchaft, Mr. Hux⸗ ter fand jetzt Gelegenheit, Coſtigan wenigſtens zwei over drei Mal des Tages zu beſuchen, und wenn eines der Glieder von des Thorwächters Lodge nicht bei dem Ge⸗ neral war, ſo durfte der junge Doktor darauf rechnen, daß er an dieſelben in ihrer eigenen Wohnung einige beſondere Anweiſungen zu geben hatte. Er war ein freundlicher Junge, kaufte Spielzeug für die Kinder, brachte ihnen Aepfel und Pfefferkuchen, er brachte eine Maske und erſchreckte ſie damit, und lockte ſelbſt ein Lächeln auf das Geſicht der blaſſen Fanny. Er nannte Mrs. Bolton Mrs. B. und war ſehr vertraut, fami⸗ liär und witzig mit dieſer Lady, ganz verſchieden von der hochmüthigen, ungeſchlachten Beſtie, wie Mrs. Bolton jetzt einen gewiſſen Gentleman unſrer Bekanntſchaft nannte, und von dem ſie betheuerte, daß ſie ihn nie lei⸗ den konnte. Von dieſer Dame, die ſehr frei in ihrem Umgang 234 war, erfuhr Hurter ſogleich, was die Krankheit war, an der offenbar die kleine Fan litt und wie Pen ſich gegen ſie benommen hatte. Mrs. Bolton's Angabe über die Sache war, wie man ſich denken kann, nicht ganz unparteiiſch. Man hätte nach ihrer Erzählung geglaubt, der junge Gentleman habe eine lange Reihe ſchändlicher Kunſtgriffe angewendet, um des Mädchens Herz zu ge⸗ winnen, habe die feierlichſten Eide gebrochen, und ſei ein Elender, den jeder Damenritter haſſen und züchtigen müßte. Hurter war in ſeiner gegenwärtigen Stimmung in Bezug auf Arthur und unter dem Drucke von deſſen Verhöhnung natürlich geneigt, Alles für ausgemacht hin⸗ zunehmen, was zum Nachtheile dieſes unglücklichen Re⸗ konvalescenten geſagt wurde. Aber warum ſchrieb er nicht heim nach Clavering, wie er früher gethan, und berichtete von der übeln Aufführung Pen's und den Ein⸗ zelheiten, die zu ſeiner Kenntniß gelangten? Einmal meldete er in einem Brief an ſeinen Schwager, daß der artige junge Mann, Mr. Pendennis, mit knapper Noth einem Fieber entronnen ſei, und daß ohne Zweifel ganz Clavering über ſeine Wiedergeneſung frohlocke; auch erwähnte er, daß er einen intereſſanten Fall, einen Beinbruch einzurichten gehabt bei einem Offizier, der ihn in der Stadt zurückhielt; was aber Fanny Bolton betraf, ſo erwähnte er ihrer in ſeinen Briefen nicht mehr, als Pen ſelbſt gethan hatte. O, ihr Mütter da⸗ heim, wie viel glaubt ihr von euren Jungen zu wiſſen? Wie viel glaubt ihr, daß ihr wiſſet? Aber gegen Bows hatte Hurter keinen Grund, ſich nicht auszuſprechen, und ſo ſprach denn Mr. Sam ſehr kurze Zeit nach ſeiner Unterhaltung mit Mrs. Bolton gegen den Muſiker von ſeiner frühern Bekanntſchaft mit Pendennis, beſchrieb ihn als einen vermaledeiten eingebildeten Schuft, und drückte ſeinen Entſchluß aus, daß er ihm ſein ſchamloſes Geſicht, ſobald er wieder in ſoweit wohl wäre, um ihm als Mann gegenüber zu ſtehen, verdreſchen werde. * 235 Jetzt war es an Bows zu ſprechen und ſeine Ver⸗ ſion der Geſchichte zu geben, von welcher Arthur und die kleine Fan der Held und die Heldin waren, wie ſie ſich durch keinerlei Kunſtgriff des erſtern, ſondern durch die Schuld des alten Irländers, der jetzt mit einem gequetſchten Schienbein im Bette liege, getroffen hät⸗ ten — wie Pen ſich mit Männlichkeit und Selbſt⸗ verleugnung in der Sache benommen — wie Mrs. Bol⸗ ton eine Gans ſei — und hier berichtete er die Unter⸗ haltung, welche er, Bows, mit Pen gehabt, und die Geſinnungen, welche der junge Mann ausgeſprochen. Aber die Einſtellung der Feindſeligkeiten gegen Pen verminderte nicht im Geringſten Huxters Aufmerkſam⸗ keit gegen Fanny, welche der unglückliche Bows mit ſeiner gewohnten Eiferſucht und Bitterkeit bemerkte. „Ich darf nur Jemand lieb haben.“ dachte der alte Knabe, „und gewiß kommt Einer daher und ſchnappt mir's weg. Ich hatte daſſelbe Schickſal von meinen Jugendjahren bis jetzt, wo ich ſechzig Jahre alt bin. Was kann ein Mann wie ich Beſſeres erwarten, als daß er ausgelacht wird? Die Jungen kommen ans Brett und ſind glücklich, und nicht alte Narren wie ich. Ich hab mein Lebtag die zweite Fiedel geſpielt,“ ſagte er mit bitterem Lachen; „wie kann ich erwarten, daß das Glück umſchlägt, nachdem es mir ſo lange entgegen ge⸗ weſen? Dieß war der ſelbſtiſche Standpunkt, von dem Bows den Stand der Dinge betrachtete, obgleich We⸗ nige geglaubt hätten, daß Grund zur Eiferſucht vorhan⸗ den ſei, wenn ſie in das blaſſe, gramverzehrte Geſicht des unglücklichen, kleinel Mädchens ſahen. Fanny nahm Hurters gutmüthige Bemühungen, ſie zu tröſten und ſeine freundlichen Aufmerkſamkeiten freundlich auf. Sie lachte hin und wieder über ſeine Scherze und Schwänke mit ihren Schweſterchen, fiel aber bald wieder in eine Niedergeſchlagenheit zurück, die Mr. Bows hätte über⸗ zeugen ſollen, daß der neue Ankömmling bis jetzt in 236 ihrem Herzen noch nicht Poſto gefaßt habe, wäre Mr. Bows im Stande geweſen, mit klaren Augen zu ſehen. Aber Bows that es nicht. Fanny ſchrieb Pen's Stillſchweigen auf irgend eine Weiſe Bows's Dazwiſchen⸗ kunft zu. Fanny haßte ihn, Fanny behandelte Bows mit beſtändiger Grauſamkeit und Ungerechtigkeit; ſie wandte ſich von ihm ab, wenn er ſprach, ſie hatte einen Ekel an ſeinen Tröſtungsverſuchen. Ein hartes Leben hatte Mr. Bows und eine grauſame Vergeltung für ſeine Aufmerkſamkeit. Als Warrington als Pen's Abgeordneter nach der Shepherd's Inn kam, fragte er nach Mr. Bows's Woh⸗ nung (ohne Zweifel auf vorgängige Beſprechung mit der Hauptperſon, für die er dieſen delikaten Auftrag hatte), und er warf nur einen vorübergehenden Blick auf Miß Fanny, als er am Thor der Inn hielt und ſeine Nachfrage machte. Warrington wurde natürlich auf des Muſikers Zimmer gewieſen, und fand ihn hier, wie er des Patienten wartete, aus deſſen Gemach er kam, um ſeinen Gaſt zu empfangen. Wir haben geſagt, daß ſie vorher mit einander bekannt waren, und das Paar drückte ſich ziemlich herzlich die Hände. Nach we⸗ nigen Präliminarien ſagte Warrington, daß er von ſei⸗ nem Freunde Arthur Pendennis und deſſen Familie komme, um Bows für ſeine Aufmerkſamkeit beim Be⸗ ginnen von Pen's Krankheit und für ſeine Güte zu dan⸗ e daß er auf das Land eilte, um den Major zu olen. Bows erwiderte, daß er blos ſeine Schuldigkeit ge⸗ than, er habe nie geglaubt, den jungen Gentleman wieder unter den Lebendigen ſ ſehen, als er Pen's Verwandten aufgeſucht, und ſei ſehr erfreut über Pen⸗ dennis Wiedergeneſung, und daß er ſeine Freunde bei ſich habe. „Glücklich ſind die, welche Freunde haben, Mr. Warrington,“ ſagte der Muſiker. „Ich könnte ein Menſchenalter da oben in meinem Dachſtübchen liegen, 237 und Niemand würde nach mir fragen oder ſich darum bekümmern, ob ich am Leben ſei oder todt.“ „Wie? der General nicht, Mr. Bows?“ fragte Warrington. „Der General liebt ſeine Whiskey⸗Flaſche mehr als Alles auf der Welt,“ antwortete der Andere. „Wir leben aus Gewohnheit, und weil es uns ſo konvenirt, mit einander, und er fragt nach mir nicht mehr als Sie. Was wünſchen Sie mich zu fragen, Mr. War⸗ rington? Sie ſind nicht gekommen, mich zu beſuchen, ich weiß das recht wohl, Niemand kommt, mich zu be⸗ ſuchen. Wegen Fanny, des Thorwächters Tochter ſind Sie da, ich ſah das recht wohl. Wünſcht Mr. Pen⸗ dennis, nun er wieder wohl auf iſt, ſie wieder zu ſehen? Geruht Seine Herrlichkeit der Sultan, ihr ſein Sacktuch hinzuwerfen ? Sie iſt ſehr unwohl, Sir, ſeit dem Tage, da Mrs. Pendennis ſie aus der Thür geworfen — ſehr übel von einer Lady, nicht wahr? Das arme Mädchen und ich fanden den jungen Gentleman im Fieberwahn, wo er Niemand kannte und Niemand zur Bedienung hatte, als ſeine betrunkene Wäſcherin, — ſie wachte Tag und Nacht bei ihm, ich ging ab, um ſeinen Oheim zu holen. Mama kommt und läßt Fanny Rechtsumkehrt euch machen. Der Onkel kommt und läßt mich das Cab bezahlen; bringen Sie den Ladies unſere Empfehlungen, und ſagen Sie, wir ſeien ſehr dankbar, ſehr. Gewiß, eine Gräfin konnte ſich nicht beſſer benehmen, und was die Apothekers Frau betrifft, was, wie ich mir ſagen ließ, Mrs. Pendennis geweſen, — ſo iſt, das muß ich ſagen, ihr Benehmen ganz außerordentlich ariſtokratiſch und gentil. Sie ſollte einen doppelt vergoldeten Stößel und Mörſer an ihrer Kutſche haben.“ Von Mr. Hurter ohne Zweifel hatte Bows Pen's Herkunft erfahren und wenn er Pen's Partei gegen den jungen Wundarzt und Fanny's gegen Mr. Penden⸗ nis nahm, ſo geſchah es nur, weil der alte Gentleman 238 in einer ſö außerordentlichen Stimmung war, daß ſein Humor ihn trieb, Jedermann zu wiverſprechen. Warrington war neugierig und über des Muſikers Hohn und Reizbarkeit in gute Laune verſetzt. „Ich hörte nie von dieſen Vorkommniſſen,“ ſagte er, „und nur eine unvollkommene Andeutung von Major Pen⸗ dennis. Was ſollte die Lady thun? Ich glaube (ich habe nie mit ihr über den Gegenſtand geſprochen), ſie hatte einige Winke, daß das junge Frauenzimmer und mein Freund Pen auf — auf einem Fuße der Vertrau⸗ lichkeit ſtanden, den Mrs. Pendennis natürlich nicht anerkennen konnte.“ — „O natürlich nicht, Sir, ſprechen Sie aus, Sir, ſagen Sie mit dürren Worten, daß der junge Gentle⸗ man von dem Tempel das Mädchen an der Shepherd's Inn zum Schlachtopfer auserſehen? und ſo wurde ſie denn aus der Thüre gewieſen — oder lebendig zerſtampft in dem doppelt vergoldeten Stößel und Mörſer beim Ju⸗ piter. Nein, Mr. Warrington, ſo war es nicht. 's war kein Schlachtopfer, oder wenn eins da war, ſo war Mr. Arthur das Opfer, nicht das Mädchen, er iſt ein ehrlicher Burſche, das iſt er, obgleich manchmal eingebildet und etwas ſtutzerhaft. Er kann fühlen, wie ein Mann, kann wie ein Mann vor der Verſuchung fliehen, ich geſtehe es, obgleich ich darunter leide. Er hat ein Herz, das hat er. Aber das Mädchen hat kei⸗ nes, Sir, das Mädchen thut Alles, um einen Mannzu ge⸗ winnen, und wirft ihn wiever unbedenklichweg, Sir. Wenn ſie ſelbſt weggeworfen wird, fühlt ſie's und weint. Sie bekam ein Fieber, als Mrs. Pendennis ſie aus der Thür wies und verliebte ſich in den Doktor, Doktor Goodenough, welcher kam, um ſie zu kuriren. Nun hat ſie einen Andern am Bändel — einen anderen Beinſäger, ha, ha, ha! Sie hat eine Vorliebe für Stö⸗ ßel und Mörſer und hängt ſich an die Pillenbüchſen, ſie iſt bis über die Ohren verliebt darein, und hat einen Burſchen von St. Bartholomew's d'ran gekriegt, der —— 239 durch ein Pferdkummet ihre Schweſterchen angrinst und ihre Melancholie wegzaubert. Gehen Sie hin und ſehen Sie's ſelber, Sir: ſehr wahrſcheinlich iſt er eben jetzt in der Lodge. Wenn Sie Neuigkeiten über Miß Fanny haben wollen, ſo müſſen Sie bei dem Doktor fragen, Sir, nicht bei einem alten Fiedler, wie ich — leben Sie wohl, Sir, da ruft mein Patient.“ Aus dem Schlafzimmer des Kapitäns ließ ſich eine Stimme, eine wohlbekannte Stimme hören: „Ich wünſchte wohl einen Tropfen zu trinken, Bows,“ und nicht ſehr mißvergnügt vielleicht, dieſen Stand der Dinge zu hören, und daß Pen's Vergeſſene ſich tröflete, em⸗ pfahl ſich Warrington dem reizbaren Muſiker. Das Glück wollte, daß er eben das Thor der Lodge paſſirte, als Mr. Hurter die Kinder mit der ſchon be⸗ ſprochenen Maske fürchtig machte, und Fanny matt und ſchwach über ſeine Poſſen lachte. Warrington lachte bitter. „Sind alle Weiber wie die dort?“ dachte er. „Ich glaube Eine iſt nicht ſo,“ ſetzte er mit einem Seufzer bei. Zu Pieccadilly auf den Richmonder Omnibus war⸗ tend, ſtieß George auf Major Pendennis, welcher die⸗ ſelbe Richtung hatte, und erzählte dem alten Gentle⸗ man, was er in Bezug auf Fanny geſehen und gehört batte, und dieſer machte, wie ſich von einem ſolchen Philoſophen erwarten ließ, genau die gleiche Bemer⸗ kung, welche Warrington entwiſcht war⸗ „Alle Weiber ſind ſich gleich,“ ſagte er. La pe- tite se console. Gott verdamm' mich, als ich den Telemach in der Schule las; Calypso ne pouvait se consoler, — ſie kennen den Reſt, Warrington, dachte ich allemal, das ſei abſard. Bei Gatt, und ſo iſt es auch. Und ſo hat ſie den neuen soupirant auf⸗ gegabelt, die kleine Thürſteherin? Ein hölliſch nettes, kleines Mädel, wie verrückt wird das Pen machen, he, Warrington? Aber wir müſſen es ihm ſanft beibrin⸗ gen oder er geräth in ſolche Wuth, daß er ihr am 240 Ende wieder nachläuft, wir müſſen den jungen Bur⸗ ſchen menagiren.“ „Ich denke, Mrs. Pendennis ſollte wiſſen, daß Pen in der Sache ſehr rechtſchaffen gehandelt hat. Sie hält ihn offenbar für ſchuldig und nach Mr. Bows benahm ſich Arthur als ein guter Junge,“ ſagte Warrington. „Mein lieber Warrington,“ ſagte der Major mit etwas beunruhigtem Blicke, „bei Mrs. Pendennis's an⸗ gegriffener Geſundheit und ſo weiter iſt, glaube ich, am beſten, kein Wörtchen über den Gegenſtand zu ſa⸗ gen — oder halten Sie, überlaſſen Sie es mir: ich will mit ihr ſprechen — will es ihr, wiſſen Sie, in Baumwolle einwickeln und ſo fort. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Und ſo wird Calypſo getröſtet,“ und ſo ſchmiegte er ſich bei dieſer angenehmen Wahr⸗ heit, glücklich für den Reſt der Reiſe, in die Ecke des Omnibus. Pen war ſehr begierig, von ſeinem Abgeordneten das Ergebniß ſeiner Sendung zu hören; und ſo bald die beiden jungen Männer beiſammen ſein konnten, gab der Ambaſſadeur auf Arthur's eifrige Fragen folgenden Beſcheid: „Sie erinnern ſich Ihres Gedichtes, Pen, Ariadne auf Naxos,“ ſagte Warrington; eine hoölliſch ſchlechte Dichtung war es, ſo viel iſt gewiß.“ „Aprés ?“ fragte Pen in großer Aufregung. „Als Theſeus Ariadne verließ, erinnern Sie ſich, was da ge⸗ ſchah, junger Geſelle?“ „Es iſt eine Lüge, eine Lüge! Sie meinen das nicht!“ rief Pen, indem er auffuhr und ſein Geſicht ſich röthete. „Setzen Sie ſich, einfältiger Menſch,“ ſagte War⸗ rington, indem er ihn mit zwei Fingern zurückſtieß, „es iſt beſſer für Sie, wie es iſt, junger Menſch;“ ſprach er traurig in Erwiderung auf die wilde Röthe auf Ar⸗ thur's Geſicht. 241 Sechzehntes Kapitel. Das Ausland. Der würdige Major Pendennis erfüllte ſein Ver⸗ ſprechen gegen Warrington, um ſein Gewiſſen zu be⸗ ruhigen, und der armen Helen Herz in Bezug auf ihren Sohn durch die Mittheilung zu erleichtern, daß alle Verbindung zwiſchen Arthur und der odioſen kleinen Thorwächterin ein Ende habe, und daß ſie nichts weiter in Bezug auf eine unkluge Neigung oder degradirende Heirath von Pen's Seite zu fürchten hahe. — Und des jungen Burſchen Gemüth wurde, nachdem er ſich von der ſeiner Eitelkeit gewordnen Demüthigung erholt hatte, durch den Gedanken erleichtert, daß Miß Fanny nicht aus Liebe zu ihm ſterben würde, und daß keine unangenehmen Folgen aus der unglücklichen und kurzen Verbindung mit ihr zu befürchten wären. So hatten alle Glieder unſeres Zirkels freie Hand, ihren Ausflug auf das Feſtland auszuführen. Und Arthur Pendennis, rentier, voyageant avec Ma- dame Pendennis et Mademoiselle Bell, and George Warrington, particulier, agé de 32 ans, taille 6 pieds (anglais), figure ordinaire, cheveux noirs, barbe idem u. ſ. w., verſchaffte ſich einen Paß von dem Conſul Sr. Majeſtät des Königs der Belgier in Dover und fuhr von dieſem Hafen aus nach Oſtende hinüber, von wo die Parthie, ganz gemüthlich weiter reiſend, auf ihrem Wege nach Brüſſel und dem Rhein, Brugges und Gent befuchten. Es iſt nicht unſere Auf⸗ gabe, dieſe oft bereiſte Tour und Laura's Vergnügen an den ruhigen und alten Städten, die ſie zum erſten Pendennis. M. 16 242 Mal ſah, oder Helen's Verwunderung und Intereſſe an den Beguinen⸗Klöſtern, die ſie beſuchten, oder den Schrecken zu beſchreiben, wenn die Nonnen in ſchwar⸗ zen Schleiern mit ausgeſtreckten Armen vor den illumi⸗ nirten Altären knieten und das ſonderbare Gepränge und den Ceremoniendienſt des katholiſchen Kultus an⸗ ſchauten. Barfüßige Kloſterbrüder in den Straßen, ge⸗ krönte Bilder von Heiligen und Jungfrauen in den Kir⸗ chen, vor welchen Leute ſich verbeugten und anbeteten in unmittelbarem Widerſpruche mit dem geſchriebenen Geſetze, Prieſter in prachtvollen Gewändern oder lauernd in dunklen Beichtſtühlen, an Sonntagen Theater und Tanzſäle geöffnet; — alle dieſe neuen Schauſpiele erſchütterten und verdutzten die einfältige Landlady; und wenn die jungen Leute nach ihrer Abendfahrt oder Promenade zu der Wittwe oder ihrer Adoptivtochter zurückkehrten, fanden ſie ihre Andachtsbücher auf dem Tiſche; und bei ihrem Eintritte pflegte Laura gewöhn⸗ lich mit dem Vorleſen der Pſalmen und der heiligen Schrift, die unter allen andern Helen am meiſten liebte, aufzuhören. Die letzten Begebniſſe, welche mit ihrem Sohne in Verbindung ſtanden, hatten ſie grauſam an⸗ gegriffen; Laura bewachte aufmerkſam, aber mit gehei⸗ mer Aengſtlichkeit jede Bewegung ihrer theuerſten Freun⸗ din; und der arme Pen war äußerſt beharrlich und zärtlich in dem Beſuche ſeiner Mutter, deren verwun⸗ detes Herz ihm mit Liebe entgegenſchlug, obgleich ein Geheimniß zwiſchen ihnen und eine Aengſtlichkeit, die beinahe zum Wahnſinn ſich ſteigerte, von Seiten der Mutter immer noch fortbeſtand. Wenn ſie denken ſollte, daß ſie irgendwie aus dem Beſitze von ihres Sohnes Herzen verdrängt, oder daß dort Bereiche wären, welche ſie nicht betreten ſollte, nicht zu betreten wagte. Sie ſchmachtete dahin bei dem Gedanken an die heiligen Tage der Kindheit, wo es nicht ſo geweſen — wo ihres Arthur's Herz keine Geheimniſſe hatte und ſie ſein Alles in Allem war, wo er ſeine Hoffnungen und Freu⸗ 243 den, — ſeine kindiſchen Scherze, Eitelkeiten, Triumphe in ihre zärtliche Umarmung ausgoß, wo ihre Heimath noch ſein Neſt war, und ehe Verhängniß, Selbſtſucht, Natur ihn auf launiſchen Schwingen fortgetrieben hat⸗ ten, um ſeinen eigenen Flug zu thun — um ſeinen eige⸗ nen Sang zu fingen und um ſich eine eigene Heimath und eine eigene Lebensgefährtin zu ſuchen. Dieſe Al⸗ les verſchlingende Sorge, dieſe folternde Enttäuſchung an ihrer Freundin beobachtend, ſagte einmal Laura zu Helen: „Wenn Pen mich geliebt hätte, wie Sie wünſchten, würde ich ihn gewonnen, Sie aber verloren haben, Mama; ich weiß es ganz gewiß, und ich habe es gern, wenn Sie mir Ihre volle Liebe ſchenken. Männer wiſſen nicht, was Liebe heißt, wie wir, glaube ich,“ — und Helen ſtimmte ſeufzend dieſem Theile der Rede der jungen Lady bei, proteſtirte aber gegen den erſten. Ich für meinen Theil glaube, daß Miß Laura in heidem Recht hatte. Es iſt eine alte anerkannte Wahrheit: Liebe iſt eine Stunde bei uns, ſie iſt Tag und Nacht bei dem Weibe. Damon hat ſeine Tages⸗ geſchäfte, ſeine Reden, ſeine Parade, ſeine Schneiders⸗ rechnungen, ſeine parlamentariſchen Obliegenheiten, an die er denken muß, und der Deuxel weiß, an was Al⸗ les; Delia hat an Damon zu denken — Damon iſt die Eiche und erhebt ſich, und Delia iſt der Epheu oder das Gaisblatt, deren Arme ihn unmſchlingen. Iſt es nicht ſo, Delia? Iſt es nicht Ihre Natur, um jſeine Füße ſich zu ſchmiegen, ſie zu füſſen, ſeinen Stamm zu umwinden und ſich daran zu hängen; und Damon's Natur, da zu ſtehen, wie ein brittiſcher Mann, mit den Händen in der Hoſentaſche, während die hübſche, zärt⸗ liche Schmarotzerin ihn umſchlingt? Der alte Penden⸗ nis hatte unſere Freunde blos bis an's Waſſer beglei⸗ tet und ſie an Bord des Fahrzeuges verlaſſen, indem er die kleine Erpedition zumeiſt unter die Befehle War⸗ rington's ſtellte. Er ſelbſt hatte einen kurzen Beſuch in dem Hauſe eines großen Mannes, eines Freundes 4 244 von ihm, zu machen, nach welchem Aufenthalte er ſich vornahm, bei ſeiner Schwägerin in dem deutſchen Bade⸗ orte, dem Zielpunkte unſerer Reiſegeſellſchaft, einzutref⸗ fen. Der Major ſelbſt dachte, daß ſeine lange dauern⸗ den Aufmerkſamkeiten gegen die kranke Familie ein wenig Erholung für ihn nothwendig machten — und obgleich die beſten Rebhühner allmeiſt weggeſchoſſen worden, ſo waren doch in Stillbrook, wo der edle Eigenthümer ſich noch befand, noch die Faſanen zu ſchießen, und der alte Pendennis begab ſich unter dieſes gaſtfreundliche Dach und genoß daſelbſt hohen Comfort. Ein Herzog, könig⸗ lichen Geblüts, einige Fremde von Bedeutung, einige berühmte Staatsmänner beſuchten das Herrenhaus. Es that dem Herzen des alten Jungen wohl, ſeinen Na⸗ men in der Morning⸗Poſt auf der Liſte der ausgezeich⸗ neten Geſellſchaft zu leſen, welche der Marquis von Steyne auf ſeinem Landhaus in Stillbrook unterhielt. Er war ein ſehr nützliches und wohlthätiges Glied der Geſellſchaft in einem Landhauſe. Er unterhielt die jun⸗ gen Leute mit bizarren Anekdötchen und Geſchichten auf ihren Jagdparthien oder in ihrem Rauchzimmer, wo ſie über ihn und mit ihm lachten. Er machte am Mor⸗ gen den gehorſamen Diener der Ladies in den Zim⸗ mern, welche ihrem ausſchließlichen Gebrauche gewid⸗ met waren. Er führte die neuen Ankömmlinge in den Park und die Gärten, zeigte ihnen die carte du pays, wo die beſte Anſicht des Herrenhauſes und der gün⸗ ſtigſte Proſpekt auf die See war. Er zeigte, wo das Bauholz zu fällen war, und wo der alte Weg ging, ehe die neue Brücke gebaut und der Hügel abgetragen wurde, und wo der Platz in dem Walde war, wo der alte Lord Lynx Sir Pelham O'Neal auf den Knieen vor Ihrer Herrlichkeit gefunden u. ſ. w. u ſ. w.; er rief die Lodgewächter und Gärtner bei ihren Namen; er wußte, wie viel Dienſtboten ln des Haushalters Ge⸗ laſſe zu Tiſche ſaßen und wie viel in der Bedientenhalle ſpeiſ'ten; er hatte ein Wort für Jedermann, über Je⸗ — 245 dermann und ein kleinwenig gegen Jedermann; er war mit einem Worte in einem Landhauſe unſchätzbar und verdiente und genoß in reichem Maße nach ſeinen An⸗ ſtrengungen ſeine Ferien. Und während er ſo vielleicht verdienter Maßen ſich mit ſeinen Freunden auf dem Lande vergnügte, war der Major ganz ſatisfacirt darüber, daß er Warringtou den Oberbefehl über die Familien⸗ erpedition nach dem Kontinent übergeben und ihn ſo par torce im Dienſte der Ladies erhielt — eine Obliegenheit, welcher George ſich nur zu gerne unterzog, einmal um ſeines Freundes willen und dann für eine Geſellſchaft, die er täglich wonnereicher fand. Warrington war gut im Deutſchen bewandert und erbot ſich, Miß Laura Lektionen in dieſer Sprache zu geben, und dieſe war ſehr begierig, ſich weiter zu bilden, während Pen ſeines Theils zu ſchwach oder zu träg war, ſeine deutſchen Studien wieder vorzunehmen. Warrington war der Courier und Dolmetſcher; Warrington ſah darauf, daß das Gepäck in die Schiffe, die Gaſthöfe und die Wa⸗ gen und aus denſelben geſchafft wurde, führte das Geld⸗ geſchäft und ſetzte die kleine Truppe in Marſchbewegung; Warrington entdeckte, wo die engliſche Kirche war, und wenn Mrs. Pendennis und Miß Laura geneigt waren, be⸗ gleitete er ſie mit vielem Anſtand dahin. Warrington brachte Mrs. Pendennis's Eſel herbei, wenn dieſe Lady zu ihren Abenderkurſionen ausging; oder miethete Wa⸗ gen für ſie, oder verſchaffte ihr den „Galignani“ oder comfortable Sitze unter den Lindenbäumen, wenn die Gäſte nach dem Diner paradirten und die Muſikbande des Kurſaals im Bade, wo mehrere ermüdete Freunde hielten, unter den Bäumen ihre herrliche Muſik auf⸗ führten. Mancher beſchnurbartete preußiſche oder fran⸗ zöſiſche Stutzer kommt in das Bad für das „Prente et quarante,“ wirft Blicke der Sehnſucht auf das hübſche, friſche, engliſche Mädchen das die blaſſe Wittwe begleitete, und hätte gewünſcht, eine Galoppade oder einen Walzer mit ihr zu tanzen. Aber Laura erſchien 246 nicht in dem Ballſaale, außer ein paar Malen, wo Pen geruhte, einen Spaziergang mit ihr dahin zu machen; und was Warrington anbelangte, ſo hatte die⸗ ſer rauhe Demant nicht die Politur eines Tanzmeiſters und konnte nicht walzen — obgleich er es gerne ge⸗ lernt hätte, wenn er eine ſolche Tänzerin, wie Laura, hätte haben können. Eine ſolche Tänzerin! Pah! Was hatte ein ſteifer Hageſtolz mit Tänzerinnen und Walzen zu thun? Was ſollte er hier thun und dem Tanzen zuſehen? Um in ſüßem Vergnügen zu trinken auf die Gefahr hin, nachher alle mögliche Traurigkeit, Reue und einſame Sehnſucht zu fühlen? Gleichwohl blieb er da. Faſt hätte man geſagt, er ſei der Sohn der Wittwe, ſie zu bewachen ſei ſeine beſtändige Sorge und ihre Fürſorge, oder aber ſei er ein Abenteurer und wolle ihre Glücksgüter erheirathen, oder jeden⸗ falls einen großen Schatz oder eine große Wohlthat von ihr erhalten. — Denn unſere Geſchichte iſt, wie der Leſer möglicherweiſe bereits entdeckt hat, die Ge⸗ ſchichte der Selbſtſucht und beinahe Jeder nach ſeiner Natur mehr oder weniger edelmüthig, als George, beſchäftigt ſich nach der Weiſe der Welt, wie es uns ſcheint, mit Nummer I. So weihte ſich War⸗ rington ſelbflſüchtig Helen, Helen ſelbſtfüchtig Pen, Pen ſelbſtſüchtig ſich ſelber, zu dieſer Zeit, da er keinen an⸗ dern Gegenſtand hatte, ihn zu beſchäftigen, außer allerdings ſeiner Mutter Geſundheit, die ihm ernſtliche Unruhe machte; aber obgleich ſie beiſammenſaßen, ſpra⸗ chen ſie doch nicht viel mit einander und die Wolke hing immer zwiſchen ihnen. Jeden Tag empfing Laura Warrington mit freie⸗ rem, herzlicherem Willkomm. Er fand ſich ſprechend mit ihr, wie er nicht wußte, daß er je ſprechen könnte. Er fand, daß er Akte der Galanterie ausführte, über die er ſelbſt erſtaunen mußte; er fand, daß er beſchämt in dem Glaſe nach den Krähenfüßen um ſeine Augen und nach einigen grauen Streifen in ſeinem Haar und einigen * 247 Eindringlingen von Silberbürſtchen, in ſeinem grimmig blauen Barte ſchaute. Er ertappte ſich, wie er nach den jungen Stutzern in dem Bade, nach den blonden Deutſchen in engen Weſten — nach den gaukelnden Franzoſen mit ihren lackirten Bärten und ihren hübſch gefirnißten Stiefeln — nach den engliſchen Dandies, unter ihnen Pen, mit ihrem ruhigen, imponirenden Air und ihrer inſolenten Langweiligkeit ſchaute, und Jeden derſelben über irgend einen Vorzug oder eine Eigen⸗ ſchaft der Jugend oder der Schönheit, die er beſaß, beneidete, und deren Nothwendigkeit Warrington ſchmerz⸗ lich empfand. Jede Nacht verließ er den kleinen Cirkel mit größerem Widerſtreben. Wenn er ſich in ſeine eigene Wohnung in der Nachbarſchaft zurückzog, fühlte er ſich mehr vereinſamt und unglücklich. Der Wittwe konnte ſeine Anhänglichkeit nicht entgehen, ſie verſtand jetzt, warum Major Pendennis (immer im Stillen ein Feind ihres Lieblingsprojekts) ſo eifrig ſich dafür bemühte, daß Warrington von ihrer Parthie ſein ſollte. Laura geſtand offen ihr hohes, begeiſtertes Intereſſe für ihn, und Arthur wollte keine Bewegung machen, Arthur beliebte nicht zu ſehen, was vorging, oder ſuchte es nicht zu verhindern, oder ermuthigke es ſogar. Sie erinnerte ſich, wie er oft geſagt hatte, daß er nicht be⸗ greife, wie ein Mann einem Frauenzimmer zweimal An⸗ träge machen könnte. Sie war auf der Folter — in geheimer Fehde mit ihrem Sohne, der auf der Welt ihr das Theuerſte war — in Zweifel, den ſie ſich ſelbſt nicht auszudrücken wagte, über Laura, — abhold War⸗ rington, dem Guten und Edelmüthigen. Kein Wunder, daß die Heilwaſſer von Roſenbad ihr nicht helfen woll⸗ ten, oder daß der Badearzt, Doktor von Glauber als er ſie beſuchte, fand, daß die arme Lady keine Fort⸗ ſchritte in der Wiedergeneſung machte. Mittlerweile ge⸗ nas Pen wunderbar ſchnell, er ſchlief mit unbegreif⸗ licher Ausdauer ſeine zwölf Stunden fort, aß mächtige Mahle und hatte am Ende zweier Monate beinahe all 248 ſeine Stärke und ſein volles körperliches Gewicht wie⸗ der erlangt. Nach vierzehn Tagen von Ruhe und Erholung an ihrem Beſtimmungsorte, kündigte ein Brief von Major Pendennis deſſen unverweilte Ankunft in Roſenbad an, und bald nach dem Briefe erſchien der Major ſelbſt, beglei⸗ tet von ſeinem treuen Diener Morgan, ohne weichen der Gentleman ſich nicht rühren konnte. Wenn der Ma⸗ jor reiste, trug er ein leichtes, jugendliches Reiſekoſtüm. Wenn man ihn von hinten ſah, hätte man ihn für einen der jungen Stutzer gehalten, deren ſchlanke Taille und jugendliche Erſcheinung Warrington zu beneiden begann. Erſt wenn der würdige Mann ſich zu bewegen anfing, bemerkte der Beobachter, daß die Zeit ſeine al⸗ ten Knie geſchwächt und ſich unfreundlich unterfangen hatte, die Aktion der hübſch gefirnißten, kleinen Stie⸗ feln zu hindern, in welche der luftige alte Reiſende immer noch ſeine Zehen zwängte. Magnaten, ſowohl aus England, als von anderen Nationen, waren in jenem Nachſommer in Roſenbad anweſend. Der ältere Pendennis überlas mit großer Befriedi⸗ gung die Fremdenliſte und war erfreut, mehrere ſeiner Bekannten unter dem vornehmen Volke zu finden und behielt ſich die Ehre vor, ehe viele Tage vergingen, ſeinen Neffen einer deutſchen Großherzogin, einer ruſ⸗ ſiſchen Fürſtin und einem engliſchen Marquis vorzuſtel⸗ len. Auch war Pen keineswegs abgeneigt, die Bekannt⸗ ſchaft dieſer hohen Perſonen zu machen, da er für das vornehme Leben und all ſeine Glanzparthien und An⸗ nehmlichkeiten, die in ſeinem Gefolge ſind, eine Vor⸗ liebe hatte. Noch an demſelben Abende erſchien der entſchloſſene alte Gentleman, an den Arm ſeines Neffen gelehnt, im Kurſaale und verlor oder gewann einen Nopoleon oder zwei an der Tafel des Trente et qua- rante. Er ſpielte nicht, wie er ſagte, um zu verleren oder zu gewinnen, ſondern thue, was andere Leute thä⸗ ten, wette ſeinen Napoleon und nehme das Glück, wie 249 es komme. Er wies auf die Ruſſen und Spanier, welche für Haufen von Gold ſpielten und ſchalt ihre Begierde als ſchmutzig und barbariſch; ein engliſcher Gentleman ſollte ſpielen, wo es Faſhion iſt, zu ſpielen, ſollte ſich aber von dem Spiele weder hinauf noch herabſtimmen laſſen und erzählte, wie er ſeinen Freund, der Marquis von Steyne, geſehen, als Lord Gaunt achtzehntauſend auf einen Sitz verlor und drei Nächte nach einander in Paris die Bank ſprengte, ohne die geringſte Auf⸗ regung über ſeine Niederlage oder ſeinen Sieg zu ver⸗ rathen — und das iſt, was ich einen engliſchen Gentle⸗ man heiße, Pen, mein lieber Junge,“ ſagte der alte Gentleman, indem er bei ſeinem Plaudern über ſeine Reminiscenzen erwarmte. „Was ich great manner (Großartigkeit) nenne, haben nur noch wir und einige Familien in Frankreich.“ — Als ruſſiſche Fürſtinnen vor⸗ heigingen, deren Ruf ſchon längſt aufgehört hatte, zwei⸗ felhaft zu ſein, und beſchädigte engliſche Ladies, welche beſtändig in Geſellſchaft ihrer treuen Begleiter für die Zeit ſind, welche ſie in dieſen heiteren Bereichen der Zerſtreuung waren, erzählte der Major mit eifriger Geſchwätzigkeit und boshafter Luſt ſeinem Neffen wun⸗ dervolle Einzelheiten in Betreff des Lebens dieſer Tu⸗ gendheldinnen und unterhielt dieſen jungen Mann mit tauſend Skandalen. „Bei Gott, er fühle ſich wieder ganz jung,“ bemerkte er gegen Pen, als geſchminkt und grinſend ihren rieſenhaften Chaſſeur hinter ſich, der ihr den Shawl trug, die Fürſtin Obſtropsly lächelie, ihn erkannte und anredete. Er erinnerte ſie an 1814, wo ſie Aktrice auf dem Pariſer Boulevard geweſen und Kaiſer Aleranders Adjutant Obſtropeky (ein Mann von großen Talenten, der ſehr viel um Kaiſer Paul's Tod wußte und ein Teufel im Spielen war) ſie heirathete. Er bat ſie äußerſt höflich und reſpektvoll um Erlaub⸗ niß, der Fürſtin ſeine Aufwartung zu machen und ihr ſeinen Neffen, Arthur Pendennis, vorzuſtellen, und wies Letzterem ein Halhdutzend andere Perſonen, deren Na⸗ 250 men ebenſo berüchtigt und deren Geſchichten ebenſo er⸗ baulich waren. Was hätte die arme Helen gedacht, wenn ſie dieſe Erzählungen gehört und gewußt hätte, welcherlei Leuten ihr Bruder ihren Sohn vorſtellen wollte. Nur ein Mal war ſie, an Arthurs Arm ge⸗ lehnt, durch den Saal gegangen, in welchem die grünen Tiſche zum Spielen hergerichtet und die quäkenden Crou⸗ piers ihre verhängnißvollen Worte riefen: „rouge gagne, couleur perd.“ Sie war aus dieſem Pandämonium entſetzt zurückgeflohen und drängte durch flehentliche Bitten Pen ſein Ehrenwort ab, daß er nie an dieſen Tiſchen ſpielen wollte, und die Scene, welche die ein⸗ fältige Wittwe ſo erſchreckte, amüſirte blos den welt⸗ lichen alten Veteran und verjüngte ihn wieder. Er konnte vergnügt die Luft athmen, welche ſie erſtickte, ihr Recht war nicht ſein Recht: ſeine Nahrung war ihr Gift. Menſchliche Geſchöpfe ſind ſo verſchieden ein⸗ gerichtet, und mit dieſer bunten Mannigfaltigkeit von Weſen iſt dieſe wundervolle Welt bevölkert. Zur Ehre Mr. Pen's muß geſagt werden, daß er das ſeiner Mutter gegebene Verſprechen ehrlich hielt und ſeinem Onkel rund heraus ſeine Abſicht erklärte, dabei zu ver⸗ bleiben. Als der Major ankam, verſetzte ſeine Gegenwart wenigſtens drei Glieder unſerer kleinen Geſellſchaft in eini⸗ ges Mißbehagen — nämlich Laura, die Alles nur keinen Re⸗ ſpekt vor ihm hatte; — ebenſo Warrington, deſſen Beneh⸗ men gegen ihn einen unwillkürlichen Anflug von Stolz und Verachtung verrieth; und endlich vie furchtſame und beunruhigte Wittwe, welche fürchtete, er möchte ihren beinahe verzweifelten Lieblingsprojekten mit ihrem Jun⸗ gen entgegen treten; und in der That war der Major, ohne es ſelbſt zu wiſſen, der Ueberbringer von Nach⸗ richten, welche in den Angelegenheiten aller unſerer Freunde eine Kataſtrophe herbeiführen ſollten. Pen mit ſeinen beiden Damen hatte Zimmer in der Stadt Roſenbad; der ehrliche Warrington war dicht 251 vaneben eingemiethet; der Major hatte, wie es ſeiner Würde geziemte, ſein Quartier in einem der großen Hotels im römiſchen Kaiſer oder den vier Jahrs⸗ zeiten aufgeſchlagen, wo zwei bis dreihundert Spieler, Freudenjäger oder Invaliden ſich niedergelaſſen hatten, und ſich köglich an der ungeheuern Table d'hote über⸗ aßen. In dieſes Hotel ging Pen am Morgen nach der Ankunft des Majors, um ſeinem Oheim gebürender Maßen ſeinen Reſpekt zu bezeugen, und fand des Letz⸗ teren Wohnzimmer von Mr. Morgan gehörig hergerich⸗ tet und geordnet mit den gebürſteten Hüten des Majors und ſeinen auseinander gebreiteten Röcken, ſeinen Brief⸗ mappen, ſeinen Schirmfutteralen, Wegweiſern, Päſſen, Landkarten und andern feineren Bedürfniſſen des eng⸗ liſchen Reiſenden, Alles ſo zierlich und bereit, als ſie es in ihres Herrn eigenem Zimmer in Jermyn⸗Street ſein konnten. Alles war zur Hand, von den Arznei⸗ fläſchchen, friſch gefüllt vom Apotheker, bis zu des alten Geſellen Gebetbuch, ohne welches er nie reiste; denn es war ihm ein Ehrenpunkt, in jedem Orte, den er mit ſeiner Anweſenheit beehrte, in der engliſchen Kirche zu erſcheinen. „Jederman thue es,“ ſagte er, „jeder eng⸗ liſche Gentleman thue es;“ und dieſer fromme Mann hätte ſich eben ſo bald einfallen laſſen, in einer Stadt des Feſtlandes dem engliſchen Geſandten ſeine Aufwar⸗ tung nicht zu machen, als ſich nicht an dem Orte der nationalen Anbetung zu zeigen. Der alte Gentleman hatte eines der Bäder genom⸗ men, durch welche Roſenbad berühmt iſt, und welches Jeder nimmt, und ſeine Toilette nach dem Bade war noch nicht vollendet, als Pen ankam. Der Aeltere rief Arthur aus dem innern Kabinet, in welchem er und Morgan beſchäftigt waren, in muntrem Tone zu, und der Diener kam alsbald herein und brachte ein kleines Paket mit Pen's Adreſſe — „Mr. Arthurs Briefe und Papiere,“ ſagte Morgan, welche er von Mr. Arthurs Zimmern in London gebracht, und welche hauptſächlich 252 in den Nummern der „Pall⸗Mall⸗Gazette“ beſtanden, welche unſer Freund Mr. Finucane ſandte, weil er glaubte, daß ſein Collaborateur ſie gerne anſehen würde. Die Papiere waren zuſammengebunden, die Briefe in einem Umſchlag an Pen adreſſirt und von dem letztge⸗ nannten Gentleman überſchrieben. Unter den Briefen war auch eine kleine Note, wie ein früherer Brief, adreſſirt an „Arther Pendennis, Eſquire,“ welchen Ar⸗ thur, auffahrend, unter tiefem Erröthen eröffnete, und mit ſcharfem, peinlichem Intereſſe und Kummer las. Sie ſei nach Arthurs Wohnung gekommen, ſagte Fanny Bolton — und habe gefunden, daß er fort ſei, fort nach Deutſchland, ohne ein Wort an ſie zu hinterlaſſen, ohne eine Antwort auf ihren letzten Brief, in welchem ſie ihn nur um ein freundliches Wort — oder um die Bücher gebeten, die er ihr in glücklichern Tagen vor ſeiner Krankheit verſprochen und welche ſie gerne als Anden⸗ ken an ihn behalten würde. Sie ſagte, ſie wollte denen, welche ſie an ſeinem Bette gefunden, als er, im Fieber liegend, Niemand kannte, und welche das arme Mäd⸗ chen, ohne ein Wort zu ſprechen, fortgewieſen hätten, keine Vorwürfe machen. Sie glaube, ſie würde daran geſtorben ſein, wenn Doktor Goodenough nicht freund⸗ lich nach ihr geſehen und ſie am Leben erhalten hätte, während vielleicht ihre Erhaltung nicht eben zu wün⸗ ſchen geweſen; und daß ſie Jedermann verzeihe, und was ihn, Arthur, anbelangte, ſo wolle ſie immer für ihn beten. Und als er ſo krank geweſen ſei und ſie ihm das Haar abgeſchnitten hätten, habe ſie ſich die Freiheit genommen, eine kleine Locke für ſich zu behalten. Und ob ſie ſie noch behalten dürfte, oder ob ſeine Mama befehlen würde, daß ſie auch dieſe zurückgebe? Sie wollte ihm in allen Dingen gehorchen, und könnte ſich nur erinnern, daß er einmal ſo freundlich, o, ſo gut und freundlich gegen ſeine arme Fanny geweſen ſei. Als Major Pendennis friſch und ſchmunzelnd von ſeiner Toilette aus ſeinem Schlafgemache in ſein Wohn⸗ 25⁵3 zimmer kam, fand er Arthur mit dieſer Note vor ihm, und ein Ausdruck wilder Entrüſtung auf ſeinem Geſicht, der den älteren Gentleman in Erſtaunen ſetzte. „Was gibt es Neues von London, mein Junge,“ fragte er etwas kleinlaut. „Sind Philiſter hinter Dir her, daß Du ſo finſter darein ſiehſt?“ „Wiſſen Sie etwas von dieſem Brief, Sir?“ fragte Arthur. „Von was für einem Briefe, mein guter Sir?“ fragte der Andere trocken, der mit einem Mal gewahrte, was vorgefallen war. „Sie wiſſen, was ich meine — von, von Miß — von Fanny Bolton — dem armen, lieben, kleinen Mädchen,“ brach Arthur hervor. „War ſie in meinem Zimmer? War ſie da, als ich im Delirium lag? — Ich bildete mir ein, ſie ſei es geweſen — war ſie es? Wer hat ſie aus meinen Zimmern fortgewieſen? Wer hat ihre Briefe an mich unterſchlagen? Wer wagte dieß zu thun? thaten Sie es, Onkel?“ „Es iſt nicht meine Gewohnheit, mit Briefen von Gentlemen mich zu befaſſen, oder auf verdammt imper⸗ tinente Fragen zu antworten,“ rief Major Pendennis, zitternd vor Aufregung und Entrüſtung. „Es war ein Mädchen in Deinen Zimmern, als ich unter großen, per⸗ ſönlichen Inkonvenienzen in Deine Wohnung gelangte, Gott verdamm' mich — und das ſoll der Lohn für meine Liebe gegen Dich ſein! Das iſt nicht artig, bei Gott, Sir — das iſt durchaus nicht artig.“ „Das iſt nicht die Frage, Sir,“ entgegnete Arthur hitzig — „und — ich bitte Sie um Verzeihung, Onkel. Sie waren, Sie ſind immer ſehr gütig gegen mich ge⸗ weſen; aber ich frage noch einmal: haben Sie dieſes arme Mädchen barſch angelaſſen? Haben Sie ſie von mir fortgeſchickt?“ „Ich habe kein Wort mit dem Mäochen geſprochen,“ ſagte der Oheim, „und ich habe ſie nicht fortgeſchickt, 254 und ich weiß nicht mehr von ihr, und wünſche nicht mehr von ihr zu wiſſen, als von dem Mann im Monde.“ „Dann hat es meine Mutter gethan,“ fuhr Arthur heraus. „Hat meine Mutter das arme Kind fortge⸗ ſchickt?“ „Ich wiederhole, ich weiß Nichts davon, Sir,“ ſagte der Aeltere mürriſch. „Gehen wir auf einen an⸗ dern Gegenſtand über, wenn's gefällig iſt.“ „Nie werd' ich der Perſon verzeihen, die das ge⸗ than hat,“ ſprach Arthur aufſpringend und ſeinen Hut ergreifend. Der Major ſchrie: „Halt, Arthur, um's Himmels⸗ willen, halt!“ Aber ehe er die Worte ausgeſprochen, war Arthur dem Zimmer enteilt, und in der nächſten Minute ſah ihn der Major die Straße, die zu ſeiner Behauſung führte, hinabeilen. „Bringt das Frühſtück, Morgan!“ rief der alte Burſche, und den Kopf ſchüttelnd und ſeufzend ſchaute er aus dem Fenſter. „Arme Helen! arme Seele! da wird ein Rauch aufgehen: Bei Gott, alles Schmalz iſt in's Feuer gelaufen.“ Als Pen nach Hauſe kam, fand er blos Warring⸗ ton in der Ladies Geſellſchaftszimmer, wie er ihre An⸗ kunft erwartete, um ſie in das Gelaß zu führen, wo die kleine, engliſche Kolonie in Roſenbad ihre Sonntags⸗ kirche hielt. Helen und Laura waren noch nicht erſchie⸗ nen, die Erſtere war unwohl und Laura bei ihr. Pen's Ingrimm war ſo groß, daß er ihn nicht unterdrücken konnte, er warf Fanny's Brief über den Tiſch ſeinem Freunde zu. „Da ſehen Sie, Warrington,“ rief er; „ſie hat mich in meiner Krankheit gepflegt, hat mich aus den Krallen des Todes befreit, und das iſt die Art, wie man das theure Geſchöpfchen behandelt hat; ſie haben mir ihre Briefe vorenthalten; haben mich wie ein Kind behandelt, und ſie wie einen Hund, das arme Ding! Das hat meine Mutter gethan!“ 255 „Wenn ſie's gethan hat, ſo müſſen Sie ſich erin⸗ nern,“ ſiel Warrington ein, „daß es Ihre Mutter iſt.“ „Das macht das Verbrechen nur um ſo größer, weil ſie es iſt,“ antwortete Pen; ſie hätte die Beſchütze⸗ rin des armen Mädchens ſein ſollen, nicht Feind: auf den Knieen hätte ſie hinabgehen und ſie um Verzeihung bitten ſollen. Ich ſolite nur! Ich will! Ich bin ent⸗ ſetzt über die Grauſamkeit, die man gegen ſie gezeigt. „Wie? ſie gab mir ihr Alles und dieß iſt ihr Lohn; ſie opfert mir Alles und ſie treiben ſie mit Hohn da⸗ von!“ „St!“ rief Warrington, „ſie können Sie vom näch⸗ ſten Zimmer hoͤren.“ „Hören; mögen ſie's hören,“ rief Pen nur um ſo lauter. „Diejenigen mögen meine Worte hören, welche meine Briefe unterſchlagen; ich ſage, dieß arme Mädchen iſt ſchändlich mißhandelt worden, und ich will mein Beſtes thun, ihr zu ihrem Rechte zu verhelfen, das will ich.“ Die Thür des benachbarten Zimmers ging auf, und Laura trat blaſſen und ernſten Geſichtes hervor. Sie ſchaute Pen mit Blicken an, aus denen Stolz, Ausfor⸗ derung, Abneigung ſprachen. „Arthur, Ihre Mutter iſt ſehr unwohl, es iſt arg, wenn Sie ſo laut ſprechen, daß Sie ſie ſtören.“ „Es iſt arg, daß ich überhaupt zu ſprechen ge⸗ zwungen wurde, und ich habe mehr zu ſprechen, ehe ich fertig bin.“ „Ich ſollte meinen, was Sie zu ſprechen haben, nji ſich kaum eignen, daß ich's höre,“ ſprach Laura olz. ſind willkommen, es zu hören oder nicht, wie's Ihnen gefällt,“ ſprach Mr. Pen. „Ich gehe jetzt hinein und ſpreche mit meiner Mutter.“ Laura trat eilig vor, ſo daß ſie von ihrer Freun⸗ din nicht gehört werden ſollte. „Jetzt nicht, Sir,“ ſprach ſie zu Pen. „Sie werden ſie tödten, wenn Sie's thun, Ihre Aufführung iſt weit genug gegangen, um ſie unglücklich zu machen.“ „Welche Aufführung?“ rief Pen in Wuth. „Wer wagt es, ihr etwas anzuhaben? Wer wagt es, ſich darein zu miſchen? Haben Sie dieſe Verfolgung an⸗ geſchürt?“ „Ich ſagte zuvor, es ſei ein Gegenſtand, den zu hören oder zu beſprechen, mir nicht gezieme,“ ſagte Laura; „was aber Mama betrifft, ſo hätte, wenn Sie anders gehandelt hätte, als ſie that, mit Rückſicht auf — auf — die Perſon, für die Sie ſo viel Intereſſe zei⸗ gen, ſo hätte ich Ihr Haus verlaſſen müſſen, und nicht die — die Perſon.“ „Gott ſteh mir bei! dieß iſt zu viel!“ rief Pen in heftiger Verwünſchung. „Vielleicht iſt es dieß, was Sie wünſchten,“ ſprach Laura, indem ſie das Haupt aufwarf. „Nichts mehr da⸗ von, wenn es Ihnen gefällig iſt; ich bin nicht gewohnt, ſolche Gegenſtände in ſolcher Sprache beſprechen zu hö⸗ ren;“ und mit ſtolzer Verbeugung ſchritt die junge Lady in ihrer Freundin Zimmer, indem ſie ihrem Geg⸗ ner voll in's Geſicht blickend, ſich zurückzog und die Thür vor ihm ſchloß. Pen war vor Verwunderung, Verlegenheit und Wuth über dieſe monſtröſe, unvernünftige Verfolgung ganz verwirrt. Er brach in lautes, bitteres Lachen aus, als Laura ihn verließ, und unter Verhöhnungen und Schmähungen wie ein Mann, der unter einer Operation leidet und ſie verſpottet, verſpottete er zugleich ſeinen Schmerz und ſeines Verfolgers Aerger. Das Lachen, das bittere Laune und kein unmännlicher oder un⸗ freundlicher Ausdruck eines Mannes war, der unter der grauſamſten und unverdienten Folter litt, wurde in dem nächſten Zimmer gehört, wie einige ſeiner frühern, un⸗ glücklichen Ausdrücke, die gleich dieſen von den Zuhörern gänzlich mißdeutet worden waren. Wie ein Dolch fuhr es Helen durch das verwundete, zärtlich liebende Herz; 257 es durchzuckte Laura und entflammte das hochfinnige Mädchen mit Verachtung und Ingrimm. „An dieſen verhärteten Libertin, an dieſen Menſchen, der ſich ſei⸗ ner niedrigen Liebesintriguen noch rühmt, hatte ich mein Herz weggeworfen!“ „Er bricht die heiligſten Geſetze,“ dachte Helen, „er zieht das Geſchöpf ſeiner Leidenſchaft ſeiner eigenen Mutter vor, und wenn man's ihm vorwirft, lacht er und rühmt ſich ſeines Verbrechens.“ „Sie gab mir ihr Alles, hört ich ihn ſagen,“ argu⸗ mentirte die arme Wittwe; „und er prahlt damit, und lacht und bricht ſeiner Mutter das Herz.“ Die Aufre⸗ gung, die Scham, der Gram, die Herabwürdigung tödtete ſie beinahe. Sie fühlte, dieſe Lieblofigkeit würde ihr Tod ſein. Warrington bedachte Laura's Worte — „Vielleicht iſt es das, was Sie wünſchten. Sie liebt noch Pen,“ ſagte er. Es war Eiferſucht, was ſie ſo ſprechen ließ. „Kommen Sie fort, Pen. Gehen wir in die Kirche, um Ruhe zu gewinnen. Sie müſſen Ihrer Mutter dieſe Sache in's Klare ſetzen. Sie ſcheint die Wahrheit nicht zu wiſſen, noch auch Sie, guter Junge! Gehen wir fort und beſprechen wir die Sache!“ Und wieder brummte er vor ſich hin: „Vielleicht iſt es dieß, was Sie wünſch⸗ ten. Ja, ſie liebt ihn. Warum ſollte ſie ihn nicht lie⸗ ben? Wen anders könnte ich wünſchen, daß ſie liebt? Was kann ſie mir ſein, als die theuerſte, die ſchönſte und die beſte der Frauen?“ So die Frauen in ähnlichen Betrachtungen verlaſ⸗ ſend, ſchritten die beiden Gentlemen hinweg, indem ſich jeder mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigte und eine beträchtliche Strecke ſchwieg. „Ich muß dieſe Sache zu Recht bringen,“ dachte der ehrliche George, „da ſie ihn noch liebt — ſo muß ich ſeinen Sinn über die An⸗ dere zu Recht bringen. Mit dieſem menſchenfreundlichen Vorſatze begann der gute Burſche, ihm das Nähere zu Pendennis. M. 17 258 erzählen, was ihm Bows über Miß Bolton's Benehmen und Wandelbarkeit geſagt hatte, und beſchrieb ihm, wie das Mädchen nichts mehr und nichts weniger als eine kleine, leichtfinnige Kokette ſei, und vielleicht übertrieb er die gute Stimmung und Befriedigung, welche er, wie er glaubte, ſelbſt in der Scene mit Mr. Hurter in ihrem Benehmen mit angeſehen hatte. Nun waren aber alle Angaben Bows's von der un⸗ ſinnigen Eiferſucht und Wuth des alten Mannes gefärbt; und anſtatt Pen's aufs Neue erwachenden Wunſch, ſeine kleine Eroberung wieder zu ſehen, zu unterdrücken, ent⸗ flammten und bekümmerten Warringtons Berichte Pen noch mehr um Fanny. Sie ſtanden alsbald vor der Kirchen⸗ thür; aber kaum ein Wort des Gottesdienſtes und keine Silbe der Predigt Mr. Shamble's verſtand einer von ihnen, — ſo ſehr war jeder mit ſeinen eigenen Betrach⸗ tungen beſchäftigt. Der Major kam nach dem Gottes⸗ dienſte auf ſie zu mit ſeinem wohlgebürſteten Hut und ſeiner Perücke, und ſeiner heiterſten, luſtigſten Miene. Er machte ihnen ſein Kompliment darüber, daß ſie ſich in der Kirche ſehen ließen, und bemerkte wieder, daß jeder Commeil-faut-Mann ſich's zur Gewiſſensſache ma⸗ chen müßte, den engliſchen Gottesdienſt im Auslande zu beſuchen, und er ging mit den jungen Männern zurück, indem er in ſeiner beliebten geſchwätzigen Laune fort⸗ plauderte, und ſich vor ſeinen Bekannten, während ſie vorübergingen, verbeugte, und in ſeiner Unſchuld dachte, daß Pen und George höchlich von ſeinen Anekdoten entzückt wären, während ſie ihn nur unter verächtlicher und ſtillſchweigender Zuſtimmung fortfahren ließen. Während der Rede Mr. Shamble's, eines engliſchen Reiſepredigers, der für die Vadeſaiſon in Plätzen, wo ſich Engländer anſammelten, ſich aufhielt, Schulden machte, trank, und ſelbſt der Roulette ergeben war, hatte Pen, der ſich gegen die Verfolgung ſeines Wei⸗ bervolks ſträubte, einen großen Akt des Widerſtandes und der Juſtiz, wie er ſich zu glauben bemühte, aus⸗ — ——— 259 geübt, und Warrington war ſeinerſeits zu dem Schluſſe gekommen, daß eine Kriſis in ſeinen Angelegenheiten gleichfalls bevorſtehe, und daß es nothwendig für ihn ſei, eine Verbindung abzubrechen, die jeder Tag mehr unglücklich für ihn mache. Ja, die Zeit war gekommen. Er nahm dieſe verhängnißvollen Worte: „Vielleicht iſt es dieß, was Sie wünſchten,“ als einen Text für eine düſtere Predigt, die er ſich ſelber hielt in dem finſtern Schreine ſeines eigenen Herzens, während Mr. Shamble die ſeinige kaum vernehmen ließ. Siebzehntes Rapitel. „Fairvaks zu verlaſſen.“ Unſere arme Wittwe hatte unter dem Beiſtand ihrer getreuen Martha von Fairvacks, welche lachte und ſich wunderte über die deutſchen Weiſen und Gebräuche, und die Angelegenheiten des einfachen Haushaltes lei⸗ tete, ein kleines Feſt zu Ehren des Major Pendennis bereitet, an dem jedoch nur der Major und ſeine zwei jungen Freunde Theil nahmen, denn Helen ließ ſagen, daß ſie zu unwohl ſei, um an ihrem Tiſche zu diniren, und Laura leiſtete ihr Geſellſchaft. Der Major führte das Wort für die Gäſte und gewahrte nicht, oder wollte nicht gewahren, welch eine ſtille Düſterheit die zwei an⸗ dern Theilnehmer an dem beſcheidenen Diner beherrſchte. Es war ſchon Abend, als Helen und Laura zu der Geſellſchaft in das Wohnzimmer traten. Sie kam, auf Laura geſtützt, mit dem Rücken gegen das ſchwache Licht, ſo daß Arthur nicht ſehen konnte, wie blaß und von 260 Wehmuth ergriffen ihr Geſicht war; und als ſie auf Pen zuging, den ſie während des ganzen Tages nicht geſehen hatte, und ihre liebenden Arme um ſeine Schul⸗ tern ſchlang und ihn zärtlich küßte, verließ ſie Laura und trat in einen andern Theil des Zimmers. Pen be⸗ merkte, daß ſeiner Mutter Stimme und ganze Geſtalt zitterte, ihre Hand feucht und kalt war, wie ſie ſie auf ſeine Stirne legte, indem ſie ihn kummervoll um⸗ armte. Der Anblick ihrer Trübſal erhöhte nur noch den grimmigen Unmuth des jungen Mannes. Kaum erwi⸗ derte er den Kuß, den die leidende Lady ihm gab, und die Miene, womit er ihrem Blicke begegnete, war hart und grauſam. „Sie verfolgt mich,“ dachte er bei ſich, „und kommt zu mir mit dem Schein einer Märtyrin.“ „Du ſiehſt ſehr ſchlimm darein, mein Kind,“ ſprach ſie, „ich liebe ſolchen Blick nicht an Dir.“ Sie ſchwankte zu einem Sopha, indem ſie immer noch eine ſeiner paſ⸗ ſiven Hände in ihren dünnen, kaltklebrigen Fingern hielt. „Ich habe viel Unluſt gehabt, Mutter,“ ſprach Pen mit pochender Bruſt; und während er ſprach, begann Helen's Herz ſo zu ſchlagen, daß ſie beinahe todt und ſprachlos vor Schrecken daſaß. Warrington, Laura und Major Pendennis, Alle er⸗ warteten athemlos, daß der Sturm ausbrechen würde. „Ich habe Briefe von London erhalten,“ fuhr Ar⸗ thur fort, „und einen, der mir mehr Schmerz gemacht, als ich ie in meinem Leben gehabt. Er ſagt mir, daß frühere Briefe an mich unterſchlagen und mir vorent⸗ halten wurden; — daß — daß ein junges Geſchöpf, das die größte Liebe und Sorge für mich gezeigt, auf's Grauſamſte behandelt wurde von — Dir, Mutter.“ „Um's Himmels willen, halten Sie,“ rief Warring⸗ ton. „Sie iſt krank, — ſehen Sie nicht, ſie iſt krank?“ „Laſſen Sie ihn fortfahren,“ ſprach die Wittwe mit ſchwacher Stimme. „Laſſen Sie ihn fortfahren und ſie tödten,“ ſprach 261 Laura, an die Seite ihrer Mutter eilend. „Sprechen Sie fort, Sir, und ſehen Sie ſie ſterben.“ „Sie ſind grauſam,“ rief Pen, mehr erbittert und in Wuth, weil ſein Herz⸗ natürlich, ſanft und weich, ſich empörte bei der Ungerechtigkeit gegen das Leiden, das vor ſeine Thür gelegt worden. „Sie ſind grauſam, die Sie all dieſen Schmerz mir zuſchreiben. Sie ſind grau⸗ ſam mit Ihren gottloſen Vorwürfen, Ihren gottloſen Zweifeln gegen mich, Ihren gottloſen Verfolgungen derer, die mich lieben, — ja, derer, die mich lieben, und die Allem für mich trotzen, und welche Sie verachten und unter die Füße treten, weil ſie von niedrerem Stande iſt, als Sie. Soll ich Ihnen ſagen, was ich thun will, — was ich zu thun entſchloſſen bin, nun ich weiß, wie Sie ſich benommen haben ? — ich will zurück zu dieſem armen Mädchen, das Sie aus meiner Thür geworfen, will Sie bitten, zurückzukommen und meine Heimath mit mir zu theilen. Ich will herausfordern den Stolz, der ſie verfolgt, und den erbarmungsloſen Verdacht, der ſie und mich inſultirt.“ „Meinſt Du, Pen,“ fiel hier die Wittwe mit gie⸗ rigen Augen und ausgeſtreckten Händen ein, aber Laura hielt ſie auf. „Schweigen Sie, Stl theure Mutter!“ rief ſie, und die Wittwe verſtummte. So ſchonungslos Pen ſprach, ſo war ſie doch zu begierig, zu hören, was er weiter zu ſagen hätte. „Fahre fort, Arthur, fahre fort, Arthur,“ war Alles, was ſie ſagte, indem ſie bei⸗ nahe in Ohnmacht ſank. „Bei Gatt, ich ſage, er ſoll nicht fortfahren, oder ich will ihn nicht hören, bei Gatt,“ ſagte der Major, indem auch er vor Zorn erzitterte „Wenn Dir's beliebt, nach Allem, was wir für Dich gethan, nach Allem, was ich ſelbſt für Dich gethan, Deine Mutter zu beſchim⸗ pfen und Deinen Namen zu entehren, indem Du Dich mit einem niedriggeborenen Küchenmädchen verbindeſt, ſo gehe hin und thue es, bei Gatt, — aber dann, Maiam, haben wir Nichts mehr mit ihm zu ſchaffen. 262 Ich waſche meine Hände in Unſchuld, Sir — ich waſche meine Hände in Unſchuld. Ich bin nicht mehr lange auf dieſer Welt, ich komme von einer ſo alten und ehrenwerthen Familie, als nur eine in England iſt, bei Gatt, und ich hoffte, ehe ich unter den Boden käme, bei Gatt, daß der Junge, den ich geliebt, auferzogen und gepflegt hatte, beim Jupiter, etwas thun würde, um zu zeigen, daß unſer Name — ja, der Name Pen⸗ dennis, bei Gatt, unentehrt hinter uns bliebe, aber wenn er nicht will, Gatt verdamm' mich, ſage ich Amen. Bei Gatt, mein Vater und mein Bruder Jock waren die ſtolzeſten Männer in England, und nie hätte ich gedacht, daß dieſe Schande auf meinen Namen käme, und ich ſchäme mich, daß es Arthur Pendennis iſt.“ Die Stimme des alten Burſchen brach hier mit einem Seufzer ab; es war das zweite Mal, daß Arthur in dieſe verrunzelten Augenlieder Thränen brachte. Der Laut ſeiner brechenden Stimme hemmte augen⸗ blicklich Pen's Aerger und er ſchritt nicht mehr durch das Zimmer, wie er bis zu dem Augenblicke gethan. Laura ſtand an Helen's Sopha und Warrington war bisher ein beinahe ſtillſchweigender, aber nicht theilnahmloſer Zuſchauer des Familienſturmes. Während die Parthien ſprachen, war es beinahe finſter geworden, und nach der Stille, die auf den lei⸗ denſchaftlichen Ausfall des Majors folgte, ließ ſich George's tiefe Stimme, als bräche ſte zitternd in das Zwielicht herein, vor allen vernehmen. „Erlauben Sie mir, Ihnen etwas von mir ſelbſt zu erzählen, meine gütigen Freunde?“ ſagte er, „Sie ſind ſo gut gegen mich geweſen, Ma'am — Sie ſind ſo freundlich gegen mich geweſen, Laura — ich hoffe, ich darf Sie manchmal ſo nennen — mein theurer Pen und ich ſind uns ſo befreundet, daß — daß ich lange wünſchte, meine Geſchichte ſo, wie ſie iſt, zu erzählen, und würde ſie Ihnen ſchon früher mitgetheilt haben, wenn ſie nicht traurig wäre und das Geheimniß eines 263 Anvern enthielte. Es mag jedoch gut für Arthur ſein, ſie zu kennen — es iſt recht und billig, daß Jedes hier ſie kenne. Ich will Sie davon ablenken, über einen Gegen⸗ ſtand zu denken, der durch ein verhängnißvolles Miß⸗ verſtändniß Ihnen Allen ſehr viel Schmerz bereitet hat. Darf ich erzählen, Mrs. Pendennis 2 „Bitte, ſprechen Sie,“ war Alles, was Helen ſagte, und in der That achtete ſie nicht viel darauf; ihr Geiſt war voll von einem andern Gedanken, den Pen's Worte ihr geboten, und es ſchimmerte ihr ein Strahl von Hoffnung, daß das von ihm Angedeutete ſein möchte, wie ſie es wünſchte. George füllte ſich ein Glas Wein, leerte es und begann zu ſprechen. „Sie Alle, wie Sie mich ſehen, ſagte er, ſehen in mir einen Mann vor ſich, der nicht wünſcht, in der Welt vorwärts zu kommen — ſorglos um Ruf, in einem Dachſtübchen und von der Hand zum Munde lebend, obgleich ich Freunde und einen Namen und ich darf ſagen eigene Fähigkeiten habe, die mir dienlich wären, wenn ich's haben wollte. Aber ich will es nicht, ich werde höchſtwahrſcheinlich allein in jenem Dachſtübchen ſterben. In früher Jugend habe ich mich ſelbſt dazu verurtheilt. Soll ich Ihnen ſagen, was mich ſeit Jahren für Arthur intereſſirte und mich zu ihm hinneigte, ſobald ich ihn das erſte Mal ſah2 Die Leute von unſrem College in Orbridge erzählten ſich von jener früheren Geſchichte mit jener Aktrice in Chatteries, über welche Pen indeſſen oft mit mir ge⸗ ſprochen hat, und welche ohne des Majors Feldherrn⸗ geſchick jetzt Ihre Schwiegertochter ſein dürfte, Ma'am. Ich kann Pen in der Dunkelheit nicht ſehen, aber er erröthet, ich bin's gewiß und ich darf ſagen, auch Miß Bell erröthet; und mein Freund Major Pendennis, darf ich ſagen, lacht, wie's ihm zuſteht — denn er ge⸗ wann. Was wäre Arthur's Lvos geweſen, wenn er mit neunzehn Jahren ſich an ein unwiſſendes Frauen⸗ zimmer, älter als er ſelbſt, gebunden hätte, mit keinen Eigenſchaften, die ſie gemein mit einander hätten, um 264 ines zum Genoſſen des andern zu machen; mit keiner Gleichheit, keinem Vertrauen, ſehr bald auch keiner Liebe mehr — was hätte er anders ſein können, als im höchſten Grade unglücklich? Und wenn er eben jetzt ſo ſprach und mit einer ähnlichen Verbindung drohte, ſo wurde dieſe Drohung durch den Aerger her⸗ vorgerufen, der, Sie müſſen mir's erlauben, Ma'am, auszuſprechen, von ſeiner Seite ſehr natürlich war: denn nach einem edelmüthigen und männlichen Beneh⸗ men — erlauben Sie mir's zu ſagen, der ich die Um⸗ ſtände genau kenne — nach einem ſehr edelmüthigen, männlichen und ſelbſtverleugnenden (was ſelten bei ihm iſt) — hat ihn von einigen ſeiner Freunde ein ſehr unfreundlicher Argwohn getroffen, und er hat ſich über eine ungerechte Behandlung einer andern unſchuldigen Perſon zu beklagen, gegen welche er und Sie Alle in großer Verbindlichkeit ſtehen.“ Die Wittwe wollte ſich hier aufrichten, und War⸗ rington ſagte, als er ihren Verſuch gewahrte, ſich zu erheben: „Ermüde ich Sie, Ma'am?“ „O nein — fahren Sie fort — fahren Sie fort“ — ſagte Helen entzückt, und er fuhr fort. „Ich liebte ihn, ſehen Sie, wegen dieſer ſeiner frühern Geſchichte, die mir durch Studenten⸗Klatſcherei zu Ohren gekommen war, und daß ich einen Mann liebe, verzelhen Sie mir, daß ich es ausſpreche, Miß Laura, welcher zeigt, daß er eine große, unvernünftige Zuneigung zu einem Weibe haben kann, war der Grund, aus dem wir Freunde wurden — und Alle hier Freunde find — für immer, nicht wahr?“ ſetzte er in leiſerem Tone hinzu, indem er ſich zu ihr hinuͤber lehnte, „und Pen iſt ein großer Troſt und Genoſſe für einen ein⸗ ſamen und unglücklichen Mann geworden. „Ich beklage mich nicht über mein Loos, wie Sie ſehen; denn Niemand hat es ſo, wie er's zu haben wünſcht, und oben in meinem Dachſtübchen, wo Sie die Blumen zurückgelaſſen, mit meinen alten Büchern 265 und meiner Pfeife, ſtatt eines Weibes, bin ich ziemlich zufrieden, und beneide nur gelegentlich andere Männer, deren Laufbahn glänzender iſt, oder welche ſich für ihr Mißgeſchick mit dem tröſten können, deſſen mich das Schickſal und mein eigener Fehler beraubte — mit der Zuneigung eines Weibes oder eines Kindes.“ Hier kam ein Seufzer irgend woher aus Warrington's Nähe im Dunkeln und eine Hand reckte ſich aus in der Rich⸗ tung gegen ihn, wurde jedoch alsbald wieder zurückge⸗ zogen, denn die Prüderie unſerer Frauen iſt von der Art, daß vor allem Ausdruck von Gefühl, natürlicher Güte und Theilnahme ein Weib gelehrt wird, an ſich ſelbſt und die Regeln der Ziemlichkeit zu denken und über die geringſte Notiz zu erröthen; und dieſe unwillkür⸗ liche Bewegung, wie fie natürlich ſollte, hemmend, zog Beſcheidenheit wieder auf, liebende Freundſchaft ſchrak beſchämt vor ſich zurück und Warrington nahm ſeine Geſchichte wieder auf. „Mein Schickſal iſt ſo, wie ich mir's machte, und nicht glücklich für mich oder Andere, die dabei betheiligt ſind. „Auch ich hatte ein Abenteuer, ehe ich auf's Col⸗ lege ging, und Niemand war da, mich zu retten, wie Major Pendennis Pen gerettet hat. Verzeihen Sie mir, Miß Laura, wenn ich dieſe Geſchichte vor Ihnen erzähle. Es iſt ganz gut, daß Sie Alle meine Beichte hören. Ehe ich auf's College ging, als ein Junge von achtzehn Jahren, war ich im Hauſe eines Privattutors, und dort bekam ich, wie Arthur, Neigung oder bildete mir ein, Neigung zu haben zu einem Weibe von viel niedrerem Stande und höherem Alter, als ich ſelbſt, Sie ſchrecken zurück vor mir —“ „Nein, das thue ich nicht,“ ſagte Laura, und hier kam die Hand entſchloſſen herüber und legte ſich in die Warrington's. Sie hatte die Geſchichte aus früheren Andeutungen, die er fallen ließ, und aus ſeinen erſten Worten geahnet. „Sie war eines Yeoman's Tochter in der Nach⸗ 266 barſchaft,“ ſagte Warrington mit etwas ſtotternder Stimme, „und ich bildete mir ein — was alle jungen Männer ſich einbilden — ihre Aeltern wußten, wer mein Vater war, und ermuthigten mich mit allen Arten plumper Kunſtgriffe und ſchurkiſcher Schmeicheleien, wie ich jetzt wohl einſehe, in ihr Haus zu kommen. Ich muß ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und geſtehe, daß ſie ſich nicht um mich kümmerte, aber ſie wurde zu dem, was nun geſchah, durch Drohungen und Zwang ihrer Familie getrieben. Wollte Gott, daß ich nicht ent⸗ täuſcht worden wäre; aber in dieſen Dingen werden wir getäuſcht, weil wir's ſo hahen wollen, und ich glaubte, ich liebte die arme Frau. „Was konnte aus einer ſolchen Heirath Gutes kom⸗ men? Ich fand, ehe viel Zeit verging, daß ich mich an eine Bäuerin verheirathet hatte: ſie konnte nicht einen Gegenſtand begreifen, der mich intereſſirte, ihre Stumpf⸗ heit machte ſie mir endlich ekelhaft. Und nach kurzer unglücklicher Vereinigung — ich muß Ihnen Alles ſa⸗ gen — fand ich irgendwo Briefe, (und was für Briefe das waren!) die mir zeigten, daß ihr Herz, ſo wie es war, nie mein geweſen, ſondern immer einer Perſon ihres eigenen Standes zugehört hatte. „Bei meines Vaters Tode bezahlte ich meine Schul⸗ den auf dem College und beſtimmte jeden Shilling, der mir blieb, zu einer Leibrente — für Diejenigen, die meinen Namen trugen, unter der Bedingung, daß ſie ſich entfernt halten und ihn nie tragen ſollten. Sie haben dieſe Bedingung gehalten, wie ſie ſie brechen würden, um mehr Geld zu bekommen. Wenn ich Ruf und Ruhm erlangt hätte, ſo würde dieſes Weib kom⸗ men und ihn mit mir anſprechen; wenn ich mir einen Namen gemacht hätte, ſo würden diejenigen, die kein Recht darauf hatten, ihn getragen haben; und ich trat mit Zwanzig in's Leben ein, Gott ſteh' mir bei — hoffnungslos und unrettbar verloren. Ich war das bübiſche Opfer gemeiner Betrüger, und vielleicht erſt 267 in letzter Zeit habe ich gefunden, wie hart — ach wie hart es iſt — ihnen zu verzeihen. Ich habe Ihnen die Nutzanwendung zuvor gegeben, Pen, und nun erſt die Fahel nachgeſchickt. „Sehen Sie ſich vor, daß Sie nicht unter Ihrem Stande heirathen. Ich war, glaube ich, zu einem beſſeren Looſe geboren, aber Gott hat mir dieß eine zuerkannt, und ſo muß ich, wie Sie ſehen, den Zuſchauer machen, wie Andere glücklich find, mit einem Herzen, das ſo wenig als möglich bitter iſt.“ „Bei Gatt, Sir,“ rief der Major in beſter Laune, „ich hatte die Abſicht, Sie mit Miß Laura hier zu ver⸗ mählen.“ „Und, bei Gatt, Mr. Shallow, ich bin Ihnen tau⸗ ſend Pfund ſchuldig,“ ſagte Warrington. „Wie meinen Sie's mit den tauſend; *s war nur eln Damenpferdchen, Sir,“ erwiderte der Major einfäl⸗ tiglich, worüber der Andere lachte. Was Helen anbetrifft, ſo war ſie ſo entzückt, daß ſie auffuhr und rief: „Gott ſegne Sie, Gott ſegne Sie in alle Ewigkeit, Mr. Warrington,“ und fie küßte ſeine bei⸗ den Hände, rannte auf Pen zu und ſtürzte in ſeine Arme. „Ja, theuerſte Mutter,“ ſprach er, als er ſie an ſeine Bruſt drückte, mit edler Zärtlichkeit ſie umarmte und ihr vergab. „Ich bin unſchuldig, und meine theure, theure Mutter hat mir Unrecht gethan.“ „O ja, mein Kind, ich habe Dir Unrecht gethan, Gott ſei Dank, ich habe Dir Unrecht gethan!“ flüſterte Helen. „Komm hinweg, Arthur — nicht hier. — Ich muß mein Kind bitten, mir zu vergeben — und — meinen Gott, mir zu vergeben, Dich zu ſegnen und zu lieben, mein Sohn.“ Er führte ſie wankend in ihr Zimmer und ſchloß die Thür, während die drei gerührten Zuſchauer der Verſöhnung in vergnüglichem Stillſchweigen ihnen nach⸗ ſahen. Immer, immer nachher tönten die zärtlichen Töne jener ſchwachen Stimme lieblich in ſein Ohr, — der Blick der frommen Augen ſtrahlte von unausſprech⸗ 268 licher Zärtlichkeit. Das Zittern der wehmüthig lächeln⸗ den Lippen ſchwand nie aus dem Sinne des jungen Mannes. In ſeinen beſten Augenblicken, in den Stun⸗ den der Prüfung und des Kummers, wie in den Zeiten des Glückes und wohlwollender Erfolge ſchaute der Mutter Antlitz auf ihn herab und ſegnete ihn mit einem Blicke des Mitleids und der Reinheit, wie er ihn ſah in jener Nacht, da ſie noch bei ihm weilte, und wo fie, ehe ſie ihn ganz verließ, durch Liebe in einen Engel umgewandelt und verherrlicht zu ſein ſchien, — für dieſe Liebe, als für die größte aller Geſchenke und Wunder göttlicher Vorſehung, laßt uns nieder knieen und unſerem Vater danken. Der Mond war mittler Weile aufgeſtiegen; Arthur konnte nicht vergeſſen, wie er ſeiner Mutter liebliches, blaſſes Antlitz verklärte. Ihr Plaudern war vielmehr das ſeinige, denn ſie konnte kaum noch ſprechen, war zärt⸗ licher und traulicher, als es ſeit Jahren geweſen. Er war der offene, edelmüthige Junge ihrer früheren Tage und Liebe. Er erzählte ihr die Geſchichte, deren Miß⸗ verſtändniſſe ihr ſo vielen Schmerz bereitet hatten, ſeine Kämpfe vor der Verſuchung zu fliehen, und ſeine Dank⸗ barkeit, daß er darüber wegkommen konnte. Er wollte nie dem Mädchen Unrecht thun, nie; ſeine Ehre oder ſeiner Mutter reines Herz verletzen. Die Drohung habe er in einem Augenblicke der Erbitterung ausgeſtoßen, und bereue ſie. Er wolle ſie nie wieder ſehen. Aber ſeine Mutter meinte, ja er ſolle; ſie ſei ſtolz und ſchuldig geweſen — und würde gerne Fanny Bolton etwas geben, — ſie bat ihren Jungen um Verzeihung, daß ſie den Brief geöffnet, — ſie wolle dem jungen Mädchen ſchreiben, wenn — ſie Zeit hätte. Das arme Kind! War es nicht natürlich, daß ſie ihren Arthur liebte? Und wieder küßte er ſie, und ſie gab ihm ihren Segen. Während ſie mit einander ſprachen, ſchlug die Glocke neun, und Helen erinnerte ihn, wie ſie, als er noch ein 269 kleiner Knabe war, um dieſe Stunde auf ſein Schlaf⸗ zimmer ging und ihn das Vaterunſer beten ließ. Und noch einmal, o noch einmal fiel der junge Mann zu ſeiner Mutter heiligen Knieen, athmete das Gebet, das die göttliche Liebe für uns geſprochen und das ſeit zwan⸗ zig Jahrhunderten von Millionen fündhafter, demüthiger Menſchen widergetönt hatte. Als er die letzten Worte des Gebets ſprach, fiel der Mutter Haupt auf das ihres Sohnes, und ihre Arme umſchloßen ihn, und zuſammen Ft ſie die Worte: „in alle Ewigkeit“ und „Amen.“ Eine Weile, vielleicht eine Viertelſtunde ſpäter, hörte Laura Arthur von innen rufen: „Laura, Laura!“ Sie ſtürzte ſogleich in das Zimmer und fand den jungen Mann noch auf den Knieen, wie er ſeiner Mutter Hand in den ſeinigen hielt. Helen's Haupt war zurückgeſunken, und erſchien ganz blaß in dem Monde⸗ Pen blickte herum und ſtierte ſie mit geiſterhaftem Entſetzen an. i Sie, Laura, helfen Sie, ſie iſt ohnmächtig — ie it Laura ſchrie und ſtürzte an Helen's Seite. Der Schrei brachte Warrington, Major Pendennis und die Dienerſchaft in's Zimmer. Die fromme Seele war todt. Ihre letzte Regung war Freude, daß ſie hinfort unge⸗ ſtört und unſterblich ſein werde. Das zärtliche Herz ſchlug nicht mehr, es ſollte keine Aengſte, keine Zwei⸗ fel, keine Leiden, keine Prüfungen mehr haben; ſein Puls war Liebe, und Helens letzter Athem war egen. Die wehmüthige Geſellſchaft trat eilig den Rück⸗ weg an und Helen wurde neben ihrem Gatten in Cla⸗ vering in der alten Kirche, wo fie ſo oft gebetet hatte, beigeſetzt. Einige Zeit blieb Laura bei Pr. Portman, der das Kirchengebet über ſeine hingeſchiedene Schweſter ſprach, unter dem eigenen Schluchzen und dem der kleinen Ge⸗ meinde, die ſich um Helen's Grab verſammelt hatte. 270 Nicht Viele fragten nach ihr, oder ſprachen von ihr, als ſie dahingegangen war. Kaum mehr als von einer Nonne im Kloſter wußte das Volk von der frommen und zarten Lady. Einige Worte unter den Hüttenbe⸗ wohnern, welche ihre Mildthätigkeit zu unterftützen pflegte, ein wenig Gerede von Haus zu Haus in Cla⸗ vering, wo die Eine erzählte, wie ihre Nachbarin an einem Herzleiden ſtarb, während die Andere über den Betrag des von der Wittwe hinterlaſſenen Beſitzes Be⸗ trachtungen anſtellte, und eine Dritte fragte, ob wohl Arthur Fairvacks verlaſſen, oder dort wohnen werde; und erwartete, daß er, ehe viel Zeit vergehe, ſein Ei⸗ genthum durchgebracht haben werde, — das war Alles, und außer einer, oder zweien, die ſie lieb hatten, war das freundliche Geſchöpf ſchon am nächſten Markttage vergeſſen. Würden Sie wünſchen, daß Kummer um Ihren Verluſt einige Wochen länger daure, und ſcheint unſer künftiges Leben weniger einſam, wofern unſte Namen, wenn wir in das ſtille Grab verfinken, noch eine kleine Weile länger dieſſeits deſſelben widertönen und menſch⸗ liche Stimmen noch von uns ſprechen? Sie war dahin, die reine Seele, die blos zwei oder drei Seelen liebten und kannten; eine große Oede hinterließ ſie in Laura's Herz, für welche ihre Liebe Alles geweſen und die nun blos ihr Andenken verehren konnte. „Ich bin froh, daß fie mir ihren Segen gab, ehe ſie von uns ſchied,“ ſagte Warrington zu Pen; und was Arthur betrifft, ſo wagte er mit demüthiger Anerkennung und Bewunderung ſo vieler Zärtlichkeit kaum den Himmel zu bitten, ihn deren würdig zu machen, obgleich er fühlte, daß eine Heilige für ihn Fürſprache that. Alle Angelegenheiten der Lady wurden in voll⸗ kommener Ordnung befunden, und ihr kleines Eigenthum war bereit, auf ihren Sohn überzugehen, für den ſie es bisher verwaltet hatte. Papiere in ihrem Pult zeigten, daß ſie ſeit langer Zeit ihr Herzleiden kannte, und wußte, daß es ſie plötzlich hinwegraffen würde, und es 27¹ fand ſich ein Gebet von ihrer Hand geſchrieben, daß ihr möchte vergönnt werden, in den Armen ihres Sohnes zu enden. Laura und Arthur beſprachen ihre Reden, an welche Erſtere aufs Zärtlichſte ſich erinnerte, zu einiger Beſchä⸗ mung des jungen Mannes, welcher denken mußte, wie viel größer ihre Liebe zu Helen geweſen ſei, als ſeine eigene. Er bezog ſich in Allem ganz und gar auf Laura, wenn er wiſſen wollte, was Helen gewünſcht hätte, daß es gethan würde, welche Arme ſie unterſtützt haben wollte, welche Vermächtniſſe, oder Andenken zu geben ſie gewünſcht haben würde. Sie packten die Vaſe ein, welche Helen in ihrer Dankbarkeit für Doktor Goodenvugh beſtimmt hatte, und ſandten ſie getreulich an den gütigen Doktor; eine ſilberne Kaffeekanne, die fie gebrauchte, ward an Portmann abgeſchickt; ein De⸗ mantring mit ihrem Haar nebſt herzlichem Gruße War⸗ rington gegeben. Es muß ein harter Tag für die arme Laura ge⸗ weſen ſein, als ſie zuerſt nach Fairvacks und in das kleine Zimmer, das ſie bis jetzt bewohnt hatte, und das nun nicht mehr das ihrige war, und in das öde Gemach der Wittwe, in dem fie beide ſo viele theure Stunden zugebracht, herüberkam. Dort waren natürlich die Klei⸗ der in der Garderobe, das Kiſſen, auf welchem ſie be⸗ tete, der Stuhl bei der Toilette, das Glas, das nicht mehr ihr theures, wehmüthiges Antlitz reflektiren ſollte. Nachdem ſie hier eine Weile geweſen, pochte Pen und führte ſie wieder die Treppen hinab in das Wohnzimmer, bat ſie, ein wenig Wein zu trinken und ſprach, als ſie das Glas berührte: „Gott ſei mit Ihnen! Nichts ſoll in Ihrem Zimmer verändert werden!“ ſagte er, „es iſt immer Ihr Zimmer — es iſt immer meiner Schweſter Zimmer. Soll es nicht ſo ſein, Laura?“ Und Laura bejahte. Unter der Wittwe Papieren fand ſich ein Paket, von ihr überſchrieben: „Briefe von Laura's Vater,“ welche 272 Arthur ihr übergab. Es waren die Briefe, welche in früheren Tagen vor der Heirath Beider zwiſchen ihnen ewechſelt wurden. Die Tinte war verbleicht, mit der geſchrieben waren, die Thränen vertrocknet, die beide vielleicht darüber vergoſſen hatten, der Schmerz jetzt geheilt, deſſen Bitterkeit ſie bezeugten; die Freunde ohne Zweifel vereinigt, deren Trennung auf Erden Beiden ſo grauſames Herzeleid brachte. Laura erfuhr jetzt zum erſten Mal genau, welches Band ſie ſo zärtlich mit Helen vereinigte, wie treu ſie, die ihr mehr denn Mut⸗ ter war, ihres Vaters Andenken bewahrte, wie treu ſie ihn geliebt, wie ſanftmüthig ſie auf ihn verzichtet hatte. An ein Vermächtniß ſeiner Mutter erinnerte ſich Pen, von welchem Laura keine Kenntniß hatte. Es war Helen's Wunſch, Fanny Bolton ein Geſchenk zu machenz und Pen ſchrieb an ſie, indem er ſeinen Brief an Mr. Bows einſchloß und dieſen Gentleman erſuchte, ihn zu leſen, ehe er ihn Fanny überliefere. „Theure Fanny,“ ſchrieb Pen,“ ich habe Ihnen den Empfang zweier Briefe anzuzeigen, von denen einer in meiner Krankheit unbeantwortet blieb (Pen fand den erſten Brief in ſeiner Mutter Pult nach ihrem Tod, und ſein Leſen verſetzte ihn in außerordentliche Gemüthsbewe⸗ gung) und Ihnen, meiner gütigen Wärterin und Freun⸗ din, die mich während meines Fiebers ſo zärtlich be⸗ wacht hatte, meinen Dank zu ſagen. Ich habe Ihnen zu berichten, daß die letzten Worte meiner Mutter, die jetzt nicht mehr iſt, Worte des Wohlwollens und der Dankbarkeit für Ihre Pflege bei mir waren. Sie ſagte, ſie würde ſelbſt an ſie geſchrieben haben, wenn ſie Zeit gehabt hätte; Sie möchte Sie um Verzeihung bitten, daß ſie Sie barſch behandelt habe — ſie wollte Sie bitten, ihre Verzeihung dadurch zu zeigen, daß Sie ein Zeichen der Freundſchaft und Achtung von ihr anneh⸗ men.“ Pen ſchloß mit dem Bemerken, daß George Warrington, Esquire, von Lamb Court, Temple, mit einer kleinen Summe betraut ſei, deren Intereſſen ihr 273 bezahlt werden würden, bis ſie in das Alter komme oder ihren Namen verändere, woran immer voll Zu⸗ neigung ſich erinnern würde Ihr dankbarer Freund A. Pendennis.“ Die Summe war immerhin gering, aber dennoch groß genug, um Fanny Bolton zu einer kleinen Erbin zu machen, deren Aeltern zufrieden ge⸗ ſtellt waren, und deren Vater ſagte: Mr. Pen hätte als Gentleman gehandelt — obgleich Bows brummte, daß es eine ſehr leichte Manier der Theilnahme ſei, ein verwundetes Herz mit einer Banknote zu pflaſtern; und die arme Fanny fühlte nur zu deutlich, daß Pens Brief ihr ein Lebewohl ſage. „Eine Hundertpfundnote an Thorwächters Töchter ſchicken, iſt teufliſch gut,“ ſagte der alte Major Pen⸗ dennis zu ſeinem Neffen, (welchen er jetzt als den Be⸗ ſitzer von Fairvaks und das Haupt der Familie mit auffal⸗ lender Achtung behandelte) und da ein wenig Geld auf der Bank vorräthig war, und Deine Mutter es wünſchte, ſo thut es vielleicht Nichts. Aber, mein guter Junge, ich möchte Dich erinnern, daß Du nicht über fünfhundert Pfund jährlich haſt, obgleich die Welt Dir, und das verdankſt Du mir, Kredit für hölliſch viel mehr gibt. Und auf den Knieen bitt' ich Dich, mein Junge, greif' Dein Kapital nicht an, halt' es zuſammen, Sir; ſpekulire nicht damit, Sir; behalte Dein Land und entlehne Nichts darauf. Tatham ſagt mir, daß die Chatteries Zweigbahn — bei⸗ nahe mit Gewißheit durch Chatteries geht, und wenn ſie auf dieſe Seite des Brawls gebracht werden kann, Sir, und durch Deine Felder, dann find ſie verteufelt viel werth und Deine Fünfhundert per Jahr ſpringen auf acht bis neunhundert auf. Wie dem auch ſei, behalte ſie, ich flehe Dich an, behalte ſie und noch muß ich ſagen, Pen, ich glaube, Du ſollteſt Deine Wohnung in den ſchmutzigen Zimmern im Temple aufgeben und eine an⸗ ſtändigere nehmen. Und ich hielte mir einen Mann, Sir, zu meiner Bedienung, und ein Pferd oder zwei in der Stadt während der Saiſon; all das wird ziemlich genau Pendennis. M. 18 274 Dein Einkommen verſchlingen, und ich weiß, Du mußt knapp leben. Aber vergiß nicht, vaß Du eine Stellung in der Geſellſchaft haſt und keine ärmliche Figur in der Welt ſpielen darfſt. Was willſt Du den Winter über thun? Du haſt doch nicht im Sinn, hier zu bleiben, oder willſt Du an der — wie heißt ihr's doch, der Zei⸗ tung fortſchreiben?“ „Warrington und ich, Sir, gehen wieder ein wenig fort und dann wollen wir ſehen, was zu thun iſt,“ ver⸗ ſetzte Arthur. „Und Du willſt natürlich Fairvaks verlaſſen 2 Eine gute Schule in der Nachbarſchaft, wohlfeil Land: verteufelt hübſcher Platz für oſtindiſche Oberſte oder Familien, die ſich zurückziehen wollen. Ich will im Klubb davon ſprechen; 's gibt eine Menge Leute in dem Klubb, die ſo 'nen Platz haben wollen.“ „Ich hoffe, Laura wohnt wenigſtens für den Win⸗ ter dort, und macht es zu ihrer Heimath,“ worüber ſich der Major gewaltig räuſperte, und meinte, es ſollte, bei Gott, Klöſter für engliſche Ladies geben, und wünſchte, Miß Bell wäre nicht da, um bei Arrangements der Fa⸗ milie in die Quere zu kommen, und daß ſie ſich ſo allein an dem Orte zu Tod träumen würde.“ In der That würde es ein ſehr trübſeliger Aufent⸗ halt für die arme Laura geweſen ſein, die ſich auch nicht ſehr glücklich in Doktor Portmans Haushalt fühlte, noch in der Stadt, wo ſie ſo Vieles an die theure Mut⸗ ter, die ſie verloren, erinnerte. Aber die alte Lady Rock⸗ minſter, welche ihre junge Freundin Laura über Alles liebte, huſchte, ſobald ſie ihren Verluſt in dem Blatte las, und daß ſie hier auf dem Lande ſei, von Baymouth, wo die alte Lady ſich aufhielt, herüber, und beſtand darauf, daß Laura ein halbes, ein ganzes Jahr, ihr Leben lang bei ihr bleiben ſollte, und in das Haus Ihrer Herrlichkeit begleitete Martha von Fairvaks als femme de chambre ihre junge Gebieterin. Pen und Warrington ſahen ſie abgehen. Es war —,. 275 ſchwer zu ſagen, welcher der beiden jungen Männer ſie mit mehr Zärtlichkeit betrachtete. „Ihr Vetter iſt munter und ziemlich vulgär, meine Theure, aber es ſcheint, er hat ein gutes Herz,“ ſagte die kleine Lady Rockminſter, die über Jedermann ausſprach, was ſie von ihm hielt, „aber ich mag den Blaubart am beſten. Sagen Sie mir, iſt er touché au coeur?“ „Mr. Warrington iſt lange — in einem Verhält⸗ niß geweſen,“ ſagte Laura. „Unfinn, mein Kind! Gott im Himmel, meine Theure! das iſt ein hübſches Demantkreuz, was denken Sie, daß Sie's am Morgen tragen ?“ „Arthur — mein Bruder gab mir es ſo eben, es war — es war —“ ſie konnte den Satz nicht ausſpre⸗ chen. Der Wagen fuhr über die Bruͤcke und vorbei an dem theuern, theuern Thor von Fairvaks — das nicht mehr ihre Heimath war. Achtjehntes Rapitel. Alte Freunde. Der Zufall wollte, daß bei dem großen, engliſchen Feſte auf der Epſomer Ebene, an welchem ganz London einen Feiertag macht, viele der Perſonen, bei denen wir im Verlaufe dieſer Geſchichte eingeführt wurden, verſammelt waren, um das Derby zu ſehen. In einem komfortabeln, offenen Wagen, von ein paar ſtattlichen Roſſen gezogen, erſchien Mrs. Bungay von der Paternoſter Row, wie Salomon in all ihre Herrlichkeit gekleidet, mit der beſcheidenen Mrs. Shan⸗ 276 don zur Seite, für welche ſeit dem Beginn ihrer Be⸗ kanniſchaft die würdige Buchhändlersfrau beſtändige Freundſchaft bewahrt hatte. Bungay warf, nachvem er ſich mit einem reichlichen Zwiſchen⸗Imbiß erguickt hatte, wie ein Wahnſinniger nach den Stöcken (Sticks), bis der Schweiß ihm von dem kahlen Schei⸗ tel rann. Shandon ſchlenderte um die Trinkbuden und Zigeuner herum, Finucane machte den Cavalier der bei⸗ den Ladies, welchen Gentlemen ihrer Bekanntſchaft, die mit der Buchhandlung in Berührung waren, ihre Aufwartung machten. Unter andern kam Mr. Archer, um ihr ſeine Verbeugung zu machen, und gab Mrs. Bungay an, wer beim Wettrennen war. „Der dort war Premier⸗Miniſter: Se. Lordſchaft hatte ihm ſo eben geſagt, er ſollte beim Rennen auf den Borax haltenz aber er, Archer, meinte, der Muffineer ſei das beſſere Pferd.“ Er wies unzählige Herzoge und Granden der entzückten Mrs. Bungay. „Sehen Sie, dort in dem Grand⸗Stand,“ ſagte er, „dort ſitzt der chineſiſche Vot⸗ ſchafter mit den Mandarinen ſeines Gefolgs. Fout⸗ ſchu⸗fu brachte mir ein Empfehlungsſchreiben von dem General⸗Gouverneur in Indien, meinem vertrauteſten Freunde, und ich war eine Zeitlang ſehr freundlich ge⸗ gen ihn; er hatte ſeine Hammelsrippchen auf meinem Tiſche, ſo oft er beliebte, zu kommen und zu diniren; aber er brachte ſeinen eigenen Koch mit ſich und — ſollten Sie es glauben, Mrs. Bungay? — eines Tags, als ich draußen war und der Botſchafter mit Mrs. Ar⸗ cher in unſerem Garten Stachelbeeren aß, von denen die Chineſen leivenſchaftliche Liebhaber find, erſah ſich die Beſtie von Koch meines Weibes theuern, kleinen Blenheimer Wachtelhund, den wir von dem Herzog von Marlborough ſelbſt hatten (veſſen Vorfahren Mrs. Ar⸗ chers Urururgroßvater in der Schlacht bei Malplaquet das Leben gerettet hatte), ergriff den armen, kleinen Teufel, ſchnitt ihm die Kehle ab, zog ihm die Haut ab 277 3 ſervirte ihn, mit Fülle geſtopft, in dem zweiten ang.“ „Mein Gott!“ rief Mrs. Bungay. „Sie können ſich meines Weibes Verzweiflung den⸗ ken, als ſie erfuhr, was vorgefallen war: die Köchin kam ſchreiend die Treppe herauf und ſagte uns, daß ſie die Haut des armen Fido auf dem Hofe gefunden, als wir gerade alle von dem Gerichte genoſſen hatten. Sie wollte nie mehr ein Wort mit dem Botſchafter ſprechen — nie; und auf mein Wort, er hat ſeitdem nie mehr mit uns dinirt. Dem Lord Major, der mir die Ehre erwieſen, mit mir zu diniren, mundete das Gericht ungemein, und, mit grünen Bohnen gegeſſen, ſchmeckt es wie Enten.“ „Ei, das wäre!“ rief die erſtaunte Buchhändlers⸗ rau. „Die reine Wahrheit, auf mein Wortz ſehen Sie die Lady dort in Blau neben dem Botſchafter ſitzen? das iſt Lady Flamingo, und ſie ſagen, er werde ſich mit ihr vermählen laſſen, ſie wolle mit Sr. Ercellenz nach Peking zurückkehren; ſie läßt ſich ihre Füße drücken, aber ſie wird ſich nur verkrüppeln und es nie dahin brin⸗ gen — nie. Mein Weib hat den kleinſten Fuß in Eng⸗ land und trägt Schuhe für ein ſechsjähriges Kind; aber was iſt das gegen den Fuß einer chineſiſchen Dame, Mrs. Bungay?“ „Wem gehört der Wagen, in dem Mr. Pendennis mit darin ſitzt, Mr. Archer?“ fragte alsbald Mrs. Bun⸗ gay. „Er und Mr. Warrington war erſt geſtern bei uns! Er iſt hoch in ſeinen Manieren, dieſer Mr. Pen⸗ dennis, und er mag's auch wohl ſein, denn er hält aus⸗ gezeichnete Geſellſchaft. Hat er großes Vermögen ge⸗ kit Mr. Archer? Er geht immer noch ſchwarz, ſehe „Achtzehn hundert per Jahr vom Land und hat zweiundzwanzigtauſend und fünfhundert in den drei und ein halb Prozentigen; das iſt Alles,“ ſagte Mr. Archer. 278 „Mein Gott! wie Sie doch Alles wiſſen, Mr. Ar⸗ cher!“ rief die Lady von Paternoſter Row. „Ich kam zufällig zu der Wiſſenſchaft, weil ich hineingerufen wurde, als die arme Mrs. Pendennis ihr Teſtament machte,“ verſetzte Mr. Archer. „Pendennis' Onkel, der Major, thut ſelten etwas ohne mich; und da er gerne etwas darauf gehen läßt, haben wir ihm den Brodkorb hoch hinaufgebunden, ſo daß er nicht ducks and drakes *) damit ſpielen kann. — Wie befin⸗ den Sie ſich, Mylord? — Kennen Sie den Gentleman, Ladies? Sie haben ſeine Reden in dem Hauſe geleſen, es iſt Lord Rocheſter.“ 3 „Lord Fiddleſtickl“ rief Finucane. „Gewiß, es iſt Tom Staples von dem Morning Advertiſer, Archer.“ „Das wäre!“ ſagte Archer unbefangen. „Nun, ich bin ſehr kurzſichtig, und auf mein Wort, ich glaubte, es wäre Rocheſter. Jener Gentleman dort mit dem doppelten Opernglas (noch ein Wink) iſt Lord John und der große Mann bei ihm, kennen Sie ihn nicht? Es iſt Sir James.“ „Sie kennen ſie, weil Sie ſie in dem Hauſe ſehen,“ murrte Finucane. „Ich kenne ſie, weil ſie freundlich genug ſind, mir zu erlauben, ſie meine vertrauteſten Freunde zu nen⸗ nen,“ fuhr Archer fort. „Sehen Sie 'mal den Herzog von Hampſhire, was das für ein Muſter von feinem, altem engliſchem Gentleman iſt! der läßt kein Derby hinaus. Archer, ſagte er erſt geſtern zu mir, ich bin auf fünfundſechzig Derbies geweſen, erſchien zum erſten Mal im Feld auf einem ſcheckigen Klepperchen, als ich ſieben Jahre alt war, mit meinem Vater, dem Prinzen von Wales und Oberſt Hanger, und ließ nur zwei Ren⸗ nen hinaus, das eine, als ich die Maſern in Eton hatte, das andere in dem Waterlvojahr, wo ich mit meinem Freunde Wellington in Flandern war.“ *) Enten und Enteriche, ein Kinderſpiel. 279 „Und wem gehört der gelbe Wagen dort mit blaß⸗ rothen und gelben Sonnenſchirmchen, mit denen Mr. Pendennis und immer ſo viele Gentlemen ſprechen?“ fragte Mrs. Bungay. „Das iſt Lady Clavering von Clavering Park, dem nächſten Landgut von meinem Freunde Pendennis. Da ſitzt der junge Sohn und Erbe auf dem Bock; er iſt furchtbar betrunken, der kleine Galgenvogel! und die junge Lady iſt Miß Amory, Lady Clavering's Tochter aus der erſten Ehe und außerordentlich holdſelig gegen mei⸗ nen Freund Pendennis; aber ich habe Grund, zu glau⸗ ben, daß er ſein Herz anderswo fixirt hat. Sie haben von dem jungen Mr. Foker — den großen Brauer Foker kennen Sie — gehört: er wollte in Folge einer verhäng⸗ nißvollen Leidenſchaft für Miß Amory, die ihm einen Korb gegeben, ſich hängen, wurde aber noch zur rechten Zeit von ſeinem Valet abgeſchnitten und iſt jetzt auf Reiſen mit einem Hüter“ „Wie glücklich der junge Burſche dort iſt,“ ſeufzte Mrs. Bungay; „wer hätte geglaubt, als er vor drei oder vier Jahren ſo ſtill und beſcheiden zu uns zum Diner kam, er würde ein ſo großartiger Charakter wer⸗ den! Nun, ich ſah dieſer Tage ſeinen Namen bei Hof, wo er von Marquis Steyne vorgeſtellt wurde, und bei jeder Parthie des Adels iſt ſein Name ſo gewiß, als die Kugel aus dem Rohre fliegt.“ „Ich führte ihn an vielen Orten ein, als er zuerſt herauf in die Stadt kam, und ſein Onkel Major Pen⸗ dennis that das Uebrige. „Hollo! Cobden iſt hier, der allerliebſte Mann von der Welt! ich muß gehen und ihn ſprechen. Leben e wohl, Mrs. Bungay. Guten Morgen, Mrs. Shan⸗ on.“ Eine Stunde vor dieſer Zeit und auf einer andern Seite des Renuplatzes war eine alte Landkutſche zu ſehen, auf deren verwittertem Dache eine Menge ſchä⸗ biger Kerls ſtampften und hallo'ten, während das große 280 Ereigniß des Tages — das Derby⸗Wettrennen — über die grünen Raſen dahinſtürzte, vorbei an den jubelnden Millionen Volkes, das verſammelt war, um das pracht⸗ volle Schauſpiel mit anzuſehen; es war Wheeler's Drag („Harlequins Head“), der eine Geſellſchaft auserwähl⸗ ter Geiſter von Bow Street mit einem In promptu- Luncheyn hintenauf herabgebracht hatte. Als die wirbelnden Renner vorbeiſchoßen, rief jeder der Auserwählten den Namen des Pferdes, oder der Farben, von denen er glaubte oder hoffte, daß ſie zu⸗ vorderſt blieben: „Der Kornet!“ „Der Muffineer!“ „Die blauen Aermel!“ „Die gelbe Mütze! die gelbe Mütze! die gelbe Mütze!“ und ſo fort ſchrien die wettenden Gentlemen, während der koſtbaren, durchzitternden Mi⸗ nute, bevor der Kampf entſchieden war. Und als das flatternde Signal aufblies, welches das berühmte Roß Podasokys als Sieger im Wettrennen verkündete, ſprang einer der Gentlemen auf dem Drag von Harlequins Head empor auf dem Dache, als ob er eine Taube wäre und nach London oder York mit der Neuigkeit fliegen wollte. Aber ſein Aufſchwung erhob ihn nur wenige Zoll von ſeinem Standpunkte, auf den er wieder im Augen⸗ blick herabkam, ſo daß das Firmament der gebrechlichen alten Kutſche von dem Gewichte ſeines Jubels erkrachte. „Hurray! Hurray!“ ſchrie er, „Podasokys iſt der Ge⸗ winner! Souper für Zehn; Wheeler, mein Junge, lade ſie alle umher und zum Henker, mit der Zeche!“ Und die Gentlemen auf dem Wagen, die ſchäbigen Schwadroneur und die zweifelhaften Stutzer riefen: „Dank Ihnen, wünſchen Glück, Oberſt, ſoupiren mit Ihnen mit Vergnügen,“ und flüſterten einander zu: „der Oberſt gewinnt fünfzehnhundert und bekam die Wette noch dazu von einem guten Zahler.“ uund jeder der ſchäbigen Stutzer und traurigen Dandies begann ſeinen Nachbar mit Argwohn zu beau⸗ gen, damit dieſer Nachbar nicht den Vortheil erhaſche, — 281 den Oberſt in eine einſame Ecke zu nehmen und ihm Geld abzuborgen. Der Gewinner auf den Povasokys konnte während des ganzen Nachmittags nicht allein ſein, ſo ſcharf bewachten ihn und einander ſeine Freunde. Auf einer andern Seite der Rennbahn war zu ſehen ein Gefährt jedenfalls beſcheidener, wenn nicht ärmlicher als die verwitterte Kutſche, welche die hohen Geiſter von „Harlequins Head“ herabgebracht hatte. Dieß war Cab Nro. 2002, welches einen Gentleman und zwei La⸗ dies von der Cabſtation auf dem Strande geführt hatte. Eine der Ladies, welche auf dem Bock des Cabriolets ſaß und mit ihrer Mama und ihrem Begleiter ein Mahl in Hummerſalat und bitterem Ale hielt, blickte ſo friſch und hübſch darein, daß viele der glänzenden jungen Dandies, welche die Rennbahn entlang ſchlenderten und ſich der edeln Beluſtigung der Sticks (ein Spiel) er⸗ freuten, und mit den ſchön gekleideten Ladies in den ſchönen Wagen auf den Hills ſprachen, dieſe Zauber ver⸗ gaßen, um einen Blick auf das lächelnde, roſenwangige Mädchen zu werfen. Das Erröthen der Jugend und der guten Laune bedeckte des Mädchens Wangen und ſpielte auf dem ſchönen Geſicht, wie die prächtigen, glänzenden Wölkchen an dem heitern Himmel über ihren Häuptern. Der ältern Dame Wange war auch roth, aber das war eine perennirende Roſe, deren Roth ſich nur durch friſche Züge blaſſen Bieres und Branntweins und Waſ⸗ ſer erhöhte, bis ihr Angeſicht mit der hochrothen Schaale des Hummers, den ſie verſchlang, wetteiferte. Der Gentleman, welcher die beiden Ladies eskor⸗ tirte, war äußerſt thätig in der Bedienung derſelben. Hier an der Rennbahn, wie auf der Herabfahrt, wäh⸗ rend der ganzen belebten und ergötzlichen Fahrt von London hörten ſeine Scherze nicht auf; er ſprach uner⸗ ſchrocken mit den meiſten anſehnlichen Drags, welche die dickſten und feierlichſten Gardiſten führten, wie mit der niedrigſten Eſelschaiſe, in welcher der Kothführer Bob Molly an die Rennbahn brachte. Er hatte erſtaunliche 282 Salven von ſogenannter „Spreu“ an die unendlich vielen Fenſter, an welchen ſie vorbeifuhren, gefeuert. In die Reihen grinſender Schulmädchen, in die kleinen Regimen⸗ ter ſchreiender Koboldchen, die hinter den Geländern ihrer klaſſiſchen oder kommerzialen Akademien hurra'ten; in die Fenſterflügel, aus denen lächelnde Mägde und Ammen, welche Kindchen geſchweigten, oder reſignirte, alte Jungfrauen mit unzufriedenen Geſichtern ſchauten, und das hübſche Mädchen in dem Strohhut mit blaß⸗ rothem Band und ihre Mama, die Hummerverſchlingerin, hatten übereingeſtimmt, daß Nichts über Sam gehe, wenn er bei guter Laune ſei; er hatte das Cab mit Trophäen, erobert von den bankerotten Beſitzern der Sticks neben bei, mitzahlloſen Nadelkiſſen, hölzernen Aepfeln undkleinen Sol⸗ daten verziert. Er hatte eine Zigeunerin mit einem roth⸗ braunen Kinde in ihren Armen herbeigebracht, um den Ladies wahrzuſagen; und die einzige Wolke, welche augenblicklich den Sonnenſchein der glücklichen Parthie verdüſterte, war, als die Wahrſagerin der jungen Lady bedeutete, ſich vor einem ſchönen Manne zu bewahren, der falſch ge⸗ gen ſie geweſen ſei, daß ſie ſehr krank geweſen ſei und finden werde, daß ein brünetter Mann ihr treu bleiben würde. Das Mädchen ſah über dieſe Kunde verlegen dar⸗ ein: ihre Mutter und der junge Mann wechſelten Blicke der Verwunderung und des Einverſtändniſſes. Vielleicht hatte die Zauberin die gleichen Worte an hundert ver⸗ ſchiedenen Wagen geſprochen. Seinen einſamen Weg mitten durch die Menge und die Wagen nehmend, und nach ſeiner Gewohnheit die verſchiedenen Situationen und Charaktere, welche die belebte Scene bot, beobachtend, kam ein junger Freund von uns mit einem Male vor das Cab 2002 und zu der kleinen Gruppe, welche ſich vor dem Gefährte ver⸗ ſammelt hatte. Als er das Dämchen auf dem Bocke ge⸗ wahrte, fuhr ſie auf und erblaßte: ihre Mutter wurde röther als je; der bis jetzt luſtige und triumphirende Sam nahm alsbald eine trotzige und argwöhniſche Miene 283 an, und ſeine Augen wandten ſich wild von Fanny Bol⸗ ton (welche der Leſer ohne Zweifel in der jungen Lady auf dem Cab wieder erkannte) auf Arthur Pendennis, der auf ſie zutrat. Auch Arthur Pendennis ſah finſter und argwöhniſch darein, als er Mr. Samuel Hurter in Geſellſchaft ſei⸗ ner alten Bekannten traf; aber ſein Argwohn war der Argwohn beunruhigter Sittlichkeit und machte, ich darf wohl ſagen, Mr. Arthur viel Ehre: wie der Argwohn der Mrs. Lynx, wenn ſie Mr. Brown und Mrs. Jones mit einander ſprechen fieht, oder wenn ſie Mrs. Lamb zwei oder drei Mal in einer hübſchen Opernloge erblickt. Es iſt vielleicht nichts Arges an der Unterhaltung zwi⸗ ſchen Mr. Brown und Mrs. Jones, und Mrs. Lamb's Opern⸗ loge wurde (obgleich ſie bekannter Maßen keine bezah⸗ len kann) auf ehrliche Weiſe überkommen; aber gleich wohl hatte die Sittenrichterin Mrs. Lynx ein Recht auf einige vorſorgliche Aengſtlichkeit, und Arthur war ohne Zweifel gerechtfertigt, daß er ſo ſtreng richtete. Fanny's Herz begann heftig zu ſchlagen; Hurters Hände, in die Taſchen ſeines Paletots geſteckt, ballten ſich unwillkürlich und legten ſich gleichſam in Hinter⸗ halt; Mrs. Bolton begann mit aller Macht und wun⸗ barer Zungenfertigkeit zu konverſiren. Und, o Himmel! ſie war ſo glücklich, Mr. Pendennis zu ſehen, und wie gut er ausſehe. „Erſt geſtern hatten wir von Mr. Pen⸗ dennis geſprochen, nicht wahr, Fanny? und wenn dieß das berühmte Hopſomer Wettrennen ſei, ſo frage ſie für ihren Theil nicht darnach, wenn ſie es auch nie mehr geſehen hätte; und wie ſich Major Pendennis befinde und jener freundliche Herr Warrington, der Fanny Mr. Pen⸗ dennis's große Gütigkeit überbrachte, und ſie würde es nie vergeſſen, nie; und Mr. Warrington ſei ſo groß, er hätte beinahe ſeinen Kopf an ihrer Lodgenthür an⸗ geſtoßen. Du erinnerſt Dich, Fanny, wie Mr. War⸗ rington ſeinen Kopf anſtieß, nicht wahr?“ Während Mrs. Bolton ſo ſprach, gingen tauſend 284 Gedanken durch Fanny's Sinn, welche ſchone Zeiten, welche düſtere Kämpfe, welche einſame Schmerzen und verſchämte Troſtgründe rief ſie ſich nicht in ihre Er⸗ innerung zurück? Welchen Schmerz fühlte nicht das arme, kleine Geſchöpf, wenn es bedachte, wie innig es ihn geliebt hatte, und daß es ihn nicht mehr liebe. Da ſiand er, für den ſie noch vor zehn Monaten ſter⸗ ben wollte, als Stutzer, übermüthig, mit ſchwarzem Flor um den weißen Hut, Gagatknöpfchen im weißen Hemde und einer Nelke in ſeinem Rock, die wahrſcheinlich eine Andere ihm gegeben hatte, mit den engſten laven⸗ velfarbigen Handſchuhen, ſchwarz genäht, und dem dünn⸗ ſten der Stöcke. Und Mr. Hurter trug keine Hand⸗ ſchuhe und große Blücherſtiefeln, und roch wenigſtens ſehr ſtark nach Tabak und ſah aus, ja das mußte man geſtehen, er ſah aus, als ob ein Eimer Waſſer ihm wohl bekommen würde! Alle dieſe Gedanken und My⸗ riaden Anderer drängten ſich durch Fanny's Sinn, während ihre Mama ihre Rede hielt und das Mädchen unter ihren Augwimpern hervor Pendennis über⸗ ſchaute — ihn voll überſchaute, vom Kopf bis zu den Füßen, den Kreis um ſeine weiße Stirn, den ſein Hut, als er ihn lüpfte, hinterließ, ſein ſchönes, ſchönes Haar war wieder gewachſen, das Angehänge an ſeiner Uhr⸗ kette, den Ring an ſeiner Hand unter ſeinem Hand⸗ ſchuh, den niedlichen, glänzenden Stiefel, ſo ungleich Sam's! — Und nachdem ihre Hand einen kleinen, ſchäckernden Druck dem lavendelfarbigen, bockledernen Handſchuh gegeben, der ihr hingehalten worden, und ihre Mutter verorirt hatte, war Alles, was Fanny vorzubringen wußte: — „dieß iſt Mr. Samuel Hur⸗ ter, den Sie, glaube ich, früher gekannt haben, Sir; Mr. Samuel, Sie kennen, Sie kannten Mr. Penden⸗ nis früher — und — und wollen Sie nicht Etwas — einige Erfriſchung zu ſich nehmen?“ Dieſe wenigen Worte, zitternd und ungeſchminkt, wie ſie waren, vorgebracht, wurden von Pendennis da⸗ 285 hin verſtanden, daß ſie einen ſchweren Stein des Arg⸗ wohns von ſeinem Geiſte — der Gewiſſensbiſſe viel⸗ leicht — von ſeinem Herzen nahmen. Der finſtere Blick verſchwand von dem Geſichte des Prinzen von Fairvaks, und ein trauliches Blinzeln der Augen verklärte Sr. Hoheit Geſicht. „Ich bin ſehr durſtig,“ ſagte er und freue mich, Fanny, auf Ihre Geſundheit zu trinken, und ich hoffe, Mr. Huxter wird mir verzeihen, daß ich das letzte Mal, wo wir uns trafen und wo ich ſo un⸗ wohl und mißſtimmt war, daß ich kaum wußte, was ich ſagte, ſehr unhöflich gegen ihn war.“ Damit wurde der lavendelfarbige rechte bocklederne Handſchuh zum Zeichen der Freundſchaft Hurter dar⸗ geboten. Die ſchmutzige Fauſt in des jungen Wundarztes Taſche mußte ſich entballen und entwaffnet aus ihrem Hinterhalte hervorkommen. Der arme Schelm fühlte ſelbſt, als er ſie in Pen's Hand legte, wie heiß ſeine eigene war, und wie ſchwarz — ſie ließ ſchwarze Spuren auf Pen's Handſchuh zu⸗ rück — er ſah ſie, gern hätte er ſie wieder geballt und ſie dem Andern in ſein gut gelauntes Geſicht ge⸗ ſtoßen und gezeigt, hier auf dieſem Grunde, vor Fan⸗ ny's, vor ganz England's Augen, welcher der tapferſte Mann wäre — er, Sam Hurter von Bartholomew's oder der grinſende Dandy. Pen nahm mit unaus⸗ ſprechlichem Humor ein Glas, er kümmerte ſich nicht darum, was es war — er war zufrieden, nach den Damen zu trinken und füllte es mit ſchäumendem, lau⸗ warmem Bier, das er für köſtlich erklärte und das er mit herzlicher Freundlichkeit auf die Geſundheit der Geſellſchaft trank. Während er trank und auf eine verbindliche Weiſe ſprach, ging eine junge Lady in einem changirten tau⸗ benfarbigen Anzuge mit einem weißen Sonnenſchirm, der blaßroth gefüttert war und den hübſcheſten tauben⸗ farbigen Stiefelchen, die je den Boden berührten, auf 286 den Arm eines Gentlemans von gedrungenem Wuchſe mit einem Soldatenbarte, gelehnt, an Pen vorbei. Die junge Lady ballte ihr Fäuſtchen und warf einen boshaften Seitenblick, während ſie an Pen vor⸗ überging. Der mit dem Knebelbart brach in ein luſti⸗ ges Lachen aus — er hatte vor den Ladies von dem Cab Nr. 2002 den Hut abgenommen. Es war ſehenswerth, wie Fanny Bolton's Augen der taubenfarbigen, jungen Lady nachfolgten. Alsbald merkte Hurter, welche Rich⸗ tung ſie nahmen, ſie hörten auf, der taubenfarbigen Nymphe zu folgen und kehrten mit dem argloſeſten, gutmüthigſten Ausdruck auf Sam Hurters Augapfel zurück. „Welch ein ſchönes Geſchöpf!“ ſagte Fanny, „was für ein lieblicher Anzug! Haben Sie jemals ſo kleine, kleine Hände geſehen! Mr. Sam?“ „Es war Kapting Strong,“ ſagte Mrs. Bolton, und wer war das junge Frauenzimmer, möcht' ich wiſſen?“ „Eine Nachbarin von mir auf dem Lande, Miß Amory — Lady Clavering's Tochter. Sie haben Sir Franecis ſchon oft in Shepherd's Inn geſehen, Mrs. Bolton.“ Während er ſprach, baute Fanny ein vollkommenes Romangebäude in drei Bänden auf, Liebe — Untreue — glänzende Heirath zu St. George's, Hanover Square — Mädchen mit gebrochenem Herzen — und Sam war nicht der Held dieſer Hiſtorie. Sam hatte während dieſer Zeit eine außerordentlich übelriechende Cuba⸗Ci⸗ garre herausgekriegt und rauchte ſie unter Fanny's Näschen. Nachdem der vermaledeite Fant von Pendennis zu der Geſellſchaft getreten und ſie wieder verlaſſen hatte, ſchien die Sonne minder glänzend für Sam Hurter, der Himmel war weniger blau — die Sticks hatten kei⸗ nen Reiz für ihn — das bittere Bier war heiß und un⸗ trinkbar — die ganze Welt war verwandeit! Er hatte ein Quantum Erbſen und eine zinnerne Erbſenpiſtole 287 in der Taſche des Cabs zur Unterhaltung auf der Heimfahrt; er nahm ſie nicht heraus und vergaß ſogar ihre Exiſtenz, bis ein andrer Witzbold auf der Heim⸗ kehr von dem Wettrennen Sam eine Ladung in ſein Jammergeſicht feuerte, auf welchen Gruß er nach eini⸗ gen, ſeine Ueberraſchung ausdrückenden Flüchen in ein wildes, ſardoniſches Lachen ausbrach. Aber Fanny war auf dem ganzen Heimwege be⸗ zaubernd. Sie liebkoſ'te, pätſchelte und lächelte. Sie lachte recht herzlich auf, ſie bewunderte Alles, ſie nahm den lieben kleinen Jack⸗in⸗the⸗boxes heraus und war Sam ſo verbunden. Und als ſie nach Hauſe ka⸗ men, und Mr. Hurter, um deſſen Stirn immer noch eine finſtere Wolke ſchwebte, einen kalten Abſchied von ihr nahm, brach ſie in Thränen aus und ſagte, doß er ein unartiger, unfreundlicher Geſelle ſei. Auf dieſes erfolgte ein beinahe ebenſo emphatiſcher Ausbruch von Gemüthsbewegung von Seiten des jungen Wundarztes, er ſchloß das Mädchen in ſeine Arme, ſchwor, daß ſie ein Engel ſei und er ſelbſt ein eiferſüchtiges Unthier; geſtand, daß er ihrer unwürdig ſei, und kein Recht habe, Pendennis zu haſſen, bat und flehte ſie noch einmal, zu ſagen, daß ſie —“ „Daß ſie was?“ — Das Ende der Frage und Fanny's Antwort wurden von Lippen geſprochen, die ſo nahe bei einander waren, daß kein Dabeiſtehender die Worte hören konnte. Mrs. Bolton ſagte blos: „Kommen Sie, kommen Sie, Mr. Hurter, keinen Unfinn, wenn's ge⸗ fällig iſt, und ich denke, Sie haben wie ein gottloſer Menſch gehandelt und ſind äußerſt grauſam gegen Fanny geweſen, ja, das waren Sie.“ Als Arthur Nr. 2002 verließ, wollte er dem Wa⸗ gen, nach welchem die taubenfarbige Verfaſſerin von Mes larmes mittler Weile zurückgekehrt war, einen Beſuch abſtatten. Der unermüdliche alte Major Pen⸗ dennis machte die Honneurs bei Lady Clavering und hatte den Hinterſitz in ihrem Wagen eingenommen, da der Bock im Beſitze des jungen Hoffnungsvollen unter der Aufſicht des Kapitän Strong ſich befand. Eine Anzahl Dandies und Leute von einiger Faſhion, militäriſche Stutzer und junge Wüſtlinge in öffentlichen Dienſten, ſolche, die man mehr die Männer der Män⸗ ner als der Ladies nennen könnte — hatten ſich um den Wagen geſammelt, während er auf dem Hügel hielt und einige Worte mit Lady Clavering gewechſelt und ein kurzes Zwiegeſpräch („ein wenig Spreu“ nannten einige der eleganteſten Männer ihre Unterhaltung) mit Miß Amory gepflogen. Sie hatten ihr Vergnügungen angeboten und alle Arten von Andeutungen mit ihr gewechſelt, ſie bemerkten ihr, wer auf der Rennbahn ſei und der wer war nicht immer die Perſon, welche eine junge Lady kennen ſollte. Als Pen an Lady Clavering's Wagen kam, hatte er ſich durch einen Schwarm ſolcher jungen Stutzer zu drängen, die Miß Amory den Hof machten, um die⸗ ſer jungen Lady nahe zu kommen, welche ihn mit vie⸗ len hübſchen Signalen an ihre Seite winkte. „Je l'ai vue,“ ſagte ſie, „elle a de bien beaus yeux, vous étes un monstre!“ „Warum ein Ungeheuer?“ fragte Pen lachend. „Honni soit qui mal y pense. Meine junge Freun⸗ din dort iſt ſo gut beſchützt, als irgend eine junge Lady in der Chriſtenheit. Sie hat ihre Mama auf einer, ihren prétendu auf der andern Seite. Könnte einem Mädchen zwiſchen dieſen beiden was zu Leide geſchehen?“ „Man weiß nicht, was geſchehen oder nicht geſchehen kann,“ ſagte Miß Blanche auf franzöſiſch, „wenn ein Mädchen will, und wenn ſie von einem gottloſen Un⸗ geheuer, wie Sie, verfolgt wird. Stellen Sie ſich vor, Oberſt, daß ich Monſieur Ihren Neffen bei einem Cab neben zwei Ladies und einem Manne finde, o welch einem Manne! der Hummern aß und lachte, lachte!“ 289 „Es fiel mir nicht auf, daß der Mann lachte,“ he⸗ merkte Pen, „und was die Hummern anbelangt, ſo glaube ich, hätte er mich gern hinter den Hummern ſelbſt aufgeſpeist; er vrückte mir die Hand und griff mich ſo an, daß er meinen Handſchuh ſchwarz und blau färbte, er iſt ein junger Wundarzt. Er kommt von Clavering, erinnern Sie ſich nicht des goldenen Stö⸗ ßels und Mörſers in High Street2“ „Wenn er Sie bedient, wenn Sie krank find,“ fuhr Miß Amory fort, „ſo wird er ſie tödten. Er wird Ihnen nur Ihr Recht anthun, denn Sie ſind ein Ungeheuer.“ Die beſtändige Wiederkehr des Wortes Ungeheuer war ein Mißton für Pen. „Sie ſpricht von dieſen Dingen viel zu leichtfertig,“ dachte er. „Wäre ich ein Ungeheuer geweſen, wie ſie es nennt, ſie würde mich auf gleiche Weiſe empfangen haben, dieß iſt nicht die Art, wie ein engliſches Frauenzimmer ſprechen oder denken ſollte. Laura würde nicht ſo ſprechen, Gott ſei Dank!“ und während er ſo dachte, verfinſterte ſich ſeine Miene. „An was denken Sie? Wollen Sie mich bouder?“ fragte Blanche. „Major, ſchelten Sie Ihren Neffen, er unterhält 6 ja gar nicht, er iſt ſo böte, als Kapitän Cracken⸗ ury.“ „Was ſagen Sie von mir, Miß Amory?“ ſagte der Gardiſt grinſend. „Wenn es etwas Gutes iſt, ſo ſagen Sie es auf Engliſch, denn ich verſtehe das Franzöſiſche nicht, wenn's ſo verteufelt ſchnell geſprochen wird.“ „Es iſt nichts Gutes, Crack,“ ſagte Crackenbury's Begleiter, Kapitän Klinker, „wir wollen fortgehen und das Spiel nicht verderben, man ſagt, Pendennis habe ein Auge auf ſie.“ „Ich habe mir ſagen laſſen, er ſei ein verteufelt geſcheider Burſche,“ ſeufzte Crackenbury. „Lady Vio⸗ let Lebas ſagt: er ſei ein verteufelt geſcheider Burſche: Pendennis. W. 19 290 er ſchrieb ein Werk, oder ein Gedicht oder ſo Etwas, und er ſchreibt dieſe verteufelt geſcheiden Dinger in die — in die Zeitungen, wiſſen Sie, Gott verdamm' mich, ich wollte, ich wär' ein geſcheider Kerl, Clinker.“ „Das iſt ein eitler Wunſch, Crack, mein Junge,“ ſagte der Andere, „ich kann kein gutes Buch ſchreiben, aber ich denke, ich kann ziemlich viel Gutes auf dem Derby machen. Was für ein Einfaltspinſel Clavering iſt! und die Begum! ich mag die alte Begum, ſie wiegt zehn Mal ihre Tochter auf. Wie vergnügt das alte Kind war, als ſie in der Lotterie gewann!“ „Clavering zahlt jetzt ſicherlich, nicht wahr?“ fragte Kapitän Crackenbury. „Ich hoffe ſo,“ und ſie verſchwanden, um ſich unter den Sticks zu beluſtigen. Vor dem Ende der Unterhaltung dieſes Tages kamen noch viele andere Gentlemen von Lady Clavering's Bekannt⸗ ſchaft zu ihrem Wagen herbei und ſchwatzten und plau⸗ derten mit der Geſellſchaft, die er enthielt. Die wür⸗ dige Lady war ſehr geſchmeichelt und in guter Laune, ſie lachte und plauderte nach ihrer Gewohnheit und bot allen ihren Freunden Erfriſchungen an, bis die mächti⸗ gen Körbe und Flaſchen geleert waren und ihre Die⸗ ner und Poſtillons in einer ſo königlichen Aufregung waren, als Diener und Poſtillons an dem Derby⸗Tage zu ſein die Gewohnheit haben. Der Major bemerkte, daß einige der Beſuchenden am Wagen auf deren Eigenthümerin ſeltſame und bedeutungsvolle Blicke warfen. „Wie leicht ſie es nimmt!“ flüſterte Einer dem Andern zu. „Die Begum iſt von lauter Geld ge⸗ macht,“ erwiderte der Andere. „Wie leicht ſie was nimmt?“ dachte der alte Pendennis, „hat Jemand Geld verloren?“ Lady Clavering ſagte am Morgen, ſie ſei recht froh, daß Sir Franecis ihr verſprochen habe, nicht zu wetten. Mr. Welbore, der Landnachbar der Claverings, ging am Wagen vorbei und wurde von der Begum zu⸗ 291 rückgerufen, welche ihn damit aufzog, daß er unbemerkt vorüber gehen wollte. „Warum er nicht vorher gekom⸗ men ſei? Warum er nicht zum Zwiſchenimbiß gekom⸗ men? Ihre Herrlichkeit war hoch erfreut, wie ſie ihm — wie ſie aller Welt erzählte — daß ſie fünf Pfund in einer Lotterie gewonnen habe. Als ſie Mr. Welbore dieſe Notiz gab, ſah er ſo bedeutungsvoll, ſo ganz weh⸗ müthig darein, daß den Major Pendennis eine unheim⸗ liche Beſorgniß ankam. „Er wollte nach den Pferden und den Schelmen von Poſtillons ſehen, die ſo lange nicht kommen wollten.“ Als er zum Wagen zurückkam, war ſeine gewöhnlich zuvorkommende, ſchmunzelnde Miene durch eine Sorge verdüſtert. „Was fehlt Ihnen?“ fragte die gutmüthige Begum. Der Major gab vor, die Ermüdung und der Sonnenſchein des Tages habe ihm Kopfweh gebracht. Der Wagen rollte von der Rennbahn weg und nahm ſeine Richtung landeinwärts, die nicht am mindeſten glänzendſte Cquipage in dem endloſen pittoresken Feſtaufzuge. Die benebelten Kut⸗ ſcher rollten ritterlich über die Raſen dahin, mitten durch die Reihen der verwunderten Fußgänger und un⸗ ter dem ironiſchen Rufe der kleinen Eſelwagen und Omnibus, den lauten Scheltworten der Reiter und Chaiſenmänner, mit welchen die erbarmungsloſen Poſt⸗ buben in Berührung kamen. Die luſtige Begum war das Ebenbild der guten Laune, wie ſie auf ihrem glän⸗ zenden Kiſſen dalag: die liebliche Sylphide lächelte mit ſchmachtender Eleganz, mancher ehrliche Feiertagmacher drückte ſich mit ſeiner Familie in einen Gig, mancher wohlfeile Dandy arbeitete ſich nach Hauſe auf ſeinem erſchöpften Miethpferde, bewunderte den brillanten Gala⸗ wagen und dachte ohne Zweifel, wie glücklich dieſe vor⸗ nehmen Dandies ſein mußten. Strong ſaß noch auf dem Bock, indem er in gebieteriſchem Tone den Poſtil⸗ lons und der Menge zurief. Maſter Frank wurde in den Wagen gebracht und lag dort an der Seite des Majors, indem er die Wirkungen des beſtändigen Lun⸗ 292 cheons und Champagners, den er in reichlichem Maße genoſſen, ausſchlief. Der Major überlegte mittler Weile in ſeinem Geiſte die Nachrichten, die ihn ſo ernſt gemacht hatten. Wenn Sir Franecis Clavering ſo fortmacht, dachte Pen⸗ dennis der Aeltere, ſo wird dieſer kleine berauſchte Schelm bald ſo bankerott, als ſein Vater und Groß⸗ vater ſein. Das Vermögen der Begum kann ſolche Stöße nicht aushalten, kein Vermögen kann es aushalten, ſie hat ſchon ein Halbdutzend Male ſeine Schulden bezahlt, einige Jahre weiter, einige Wettrennen weiter und noch ein paar Schläge, wie dieſe — dann iſt ſie ruinirt. „Glauben Sie nicht, daß wir in Clavering wieder Wettrennen aufbringen könnten?“ fragte Miß Amory. „Ja, wir müſſen ſie wieder haben. In den alten Zei⸗ ten, ja, den guten alten Zeiten, waren Wettrennen dort, es iſt eine nationale Beluſtigung, müſſen Sie wiſſen, und wir könnten einen Claveringer Ball halten und die Pächter Tänze aufführen laſſen und ländliche Be⸗ luſtigungen in dem Parke geben — o es würde eine Luſt ſein.“ „Ein Kapitalſpaß,“ ſagte die Mama, „nicht wahr, Major?“ „Das Wettrennen iſt eine ſehr koſtſpielige Unter⸗ haltung, meine theure Lady,“ antwortete Major Pen⸗ dennis mit einer ſo wehmüthigen Miene, daß die Begum ſich über ihn luſtig machte und ihn lachend fragte, ob er beim Wettrennen Geld verloren habe. Nach einem Schläfchen von anderthalb Stunden begann der Erbe des Hauſes Symptome des Wachens zu geben und ſeine jugendlichen Arme dem Major in's Geſicht zu ſtrecken und die Kniee ſeiner Schweſter, die ihm gegenüber ſaß, zu attakiren. Als der liebenswür⸗ dige Jüngling wieder bei vollem Bewußtſein war, be⸗ gann ſeine Unterhaltung lebhaft zu werden. „Ich ſag' Dir, Ma,“ ſagte er, „ich bin dießmal hingegangen und hab's gewonnen, ja das habe ich.“ 293 „Was haſt Du gewonnen, Franky, mein Lieber?“ fragte Mama. „Wie viel ſind fiebzehn halbe Kronen? Zwei Pfund und eine halbe Krone, nicht wahr? Ich zog Vorar in unſrer Lotterie, aber ich kaufte Podasokys und Man ⸗milliner von Leggat dem Jüngern für zwei offene Torten und eine Flaſche Ingwerbier.“ „Du kleine, gottloſe Spielratze, wie wagſt Du, ſo früh zu beginnen?“ rief Miß Amory. „Halt Dein Maul, wenn ich bitten darf, wer hat jemals Dich um Erlaubniß gefragt, Miß?“ ſagte der Bruder. „Und ich ſage Dir Ma —“ „Nun, Franky, Schätzchen?“ „Du gibſt mir aber gleichwohl etwas in die Taſche, wenn ich zurückgehe, —“ und hier brach er in ein Lachen aus. „Ich ſage, Ma, ſoll ich Dir etwas er⸗ zählen?“ Die Begum drückte ihren Wunſch aus, dies Etwas zu hören, und ihr Sohn und Erbe fuhr fort: „Als ich und Strong unten am großen Stande nach dem Rennen waren, und ich mit Leggat, dem Jün⸗ gern, ſprach, der dort mit ſeinem Alten war, ſah ich Pa, der wild wie ein Bär um ſich blickte, und ich ſage Dir, Ma, Leggat, der Jüngere, erzählte mir, er habe ſeinen Alten ſagen hören, Pa habe ſiebentauſend ver⸗ loren, indem er auf den Favourite *) hielt. Ich will nie auf den Favourite halten, wenn ich das Alter habe, nein, nein — hol mich der, wenn ich's thue. Laſſen Sie mich voch in Ruhe, Strong, wollen Sie?“ „Kapitän Strong! Kapitän Strong, iſt es wahr?“ rief die unglückliche Begum, „hat Sir Francis wieder gewettet? Er verſprach mir, er wollte nicht. Er gab mir ſein Ehrenwort, daß er nicht wolle.“ Strong hatte von ſeinem Sitze auf dem Bocke aus *) Dasjenige Pferd, welches am Tage des Wettrennens für das beſte gehalten wird. 294 das Ende der Mittheilung des jungen Clavering gehört, und ſuchte vergeblich ſeiner unglücklichen Zunge Einhalt zu thun. „Ich fürchte, es iſt wahr, Ma'am,“ ſagte er, ſich umwendend, „ich beklage den Verluſt ſo viel, als Sie es können. Er gab mir, wie Ihnen, das Verſprechen; aber die Verſuchung zum Spiele iſt zu ſtark für ihn, er kann ihr nicht widerſtehen.“ Lady Clavering brach bei dieſer Unglückspoſt in einen Strom von Thränen aus. Sie beklagte ihr un⸗ glückliches Schickſal als das größte Elend, das ein Weib treffen könne. Sie erklärte, ſie wollte ſich von ihm trennen, und für dieſen undankbaren Mann keine Schul⸗ den mehr bezahlen. Sie erzählte unter Thränen mit großer Zungenfertigkeit eine Reihe von Geſchichten, die nur zu authentiſch waren, und zeigte, wie ihr Gatte ſie betrogen und wie ſtandhaft ſie ihm zur Seite geblieben war; aber in dieſer traurigen Lage, während der junge Hoffnungsvolle an die zwei Guineen dachte, die er ſelbſt gewonnen hatte, und der Major in ſeinem verdüſterten Geiſte überlegte, ob gewiſſe Pläne, die er gebildet, nicht lieber aufgegeben würden, fuhr der glänzende Wagen endlich vor Begums Haus in Großvenor Place, indeß die Pflaſtertreter und die Jungen auf dem Platze herum ſchlenderten, um nach der allgemeinen Gewohnheit Zeu⸗ gen des Schluſſes des Derbytags zu ſein, und jedem herzufahrenden Wagen zujubelten und die Glücklichen, welche ausſtiegen, beneideten. „Und für den Sohn dieſes Mannes ſoll ich zur Bettlerin werden!“ ſagte Blanche, vor Aerger zitternd, indem ſie, an den Arm des Majors gelehnt, die Treppen hinauf ging, — „für dieſen Betrüger — dieſen Schwarz⸗ fuß — dieſen Lügner — dieſen Weiberräuber!“ „Beruhigen Sie ſich, meine theure Miß Blanche,“ ſagte der alte Gentleman, „ich bitte, beruhigen Sie ſich. Sie find ſchlimm, ſehr ungerecht behandelt worden, aber erinnern Sie ſich, daß Sie immer einen Freund an mir 295 gehabt, und vertrauen Sie einem alten Burſchen, der es verſuchen und Ihnen dienen will.“ Nachdem ſich die junge Lady und der hoffnungsvolle Erbe des Hauſes Clavering in ihre Betten zurückgezo⸗ gen hatten, blieben die drei andern Theilhaber an der Epſomer Parthie noch einige Zeit in tiefer Se beiſammen. Meunzehntes Kapitel. Erklärung. Beinahe ein Jahr war, wie der Leſer finden wird, ſeit einem Vorfalle vergangen, den wir kurz vorher be⸗ ſchrieben haben. Arthurs ſchwarzer Rock ſoll mit einem blauen verwechſelt werden, ſeine Perſon hat andere, ge⸗ fälligere und bemerkenswerthere Wechſel durchgemacht. Seine Perücke war bei Seite gelegt und ſeine Haare, obgleich etwas verdünnt, kehrten vor die Augen des Pu⸗ blikums zurück. Er hatte die Ehre, bei Hof in der Uniform eines Fähndrichs der Claveringer Truppe der — ſhirer⸗ Yeomanry⸗Kavallerie zu erſcheinen und von dem Mar⸗ quis von Steyne dem Souverain vorgeſtellt zu werden. Dieß war eine Maßregel, auf welche Arthurs Oheim mit allem Nachdruck und Pathos gedrungen hatte. Der Major wollte Nichts davon hören, daß noch ein Jahr verginge, ehe dieſe Ceremonie der Ein⸗ weihung zum Gentleman vor ſich gegangen wäre. Der alte Gentleman glaubte, daß ſein Neffe zu einem aus⸗ erwähltern Klubb, als dem des Megatheriums gehs⸗ ren ſollte, und kündigte überall in der Welt an, wie 296 ſehr er ſich getäuſcht habe, daß das Eigenthum des jungen Mannes nicht, wie er zu hoffen allen Grund gehabt, ausgefallen und unter fünfzehnhundert per Jahr geblieben ſei. Zu folchem Betrag wurde Pendennis's Beſitz in der Welt angeſchlagen — ſo daß ſeine Verleger begin⸗ nen, ihn mehr als früher zu reſpektiren, und ſelbſt Mama's nicht unhöflich gegen ihn ſind. Denn wenn die hübſchen Töchter natürlich Leute von ſehr verſchiedenen Erwar⸗ tungen zu heirathen haben — ſo wird er auf jeden Fall für die mittelmäßigen wählbar ſein; und wenn die brillante und bezaubernde Myra einen Earl ſiſchen wird, ſo muß die arme kleine Beatrice, die eine Schulter hö⸗ her als die andere hat, irgend einem Landjunker an den Arm hängen, und warum ſollte Mr. Pendennis nicht dieſe Stütze ſein? In dem allererſten Winter nach ſeinem Eintritt in den Beſitz ſeiner Mutter ließ Mrs. Hawrby in einem Landhauſe ihre Beatrice von Mr. Pendennis das Billard ſpielen lernen, und wollte von Niemand als von ihm in dem Ponywagen geführt wer⸗ den: weil er Literat, und auch ihre Beatrice eine Freun⸗ din der Literatur war, und erklärte, daß der junge Mann unter der Aufreizung ſeines abſcheulichen alten Onkels mit Beatricens Gefühlen auf eine unverzeihliche Weiſe geſpielt habe. Die Wahrheit war, daß der alte Gentleman, welcher Mrs. Hawxby's Charakter kannte, und mit verzweifelter Entſchloſſenheit die Lady bei un⸗ vorſichtigen jungen Männern zu manövriren pflegte, in das fragliche Landhaus gekommen, und Arthur aus der unmittelbaren Gefahr ihrer Krallen, obgleich nicht aus dem Bereiche ihrer Zunge, gerettet hatte. Der ältere Pen⸗ dennis hätte gewünſcht, daß ſein Neffe einen Theil der Weihnachten in Clavering zubrächte, wohin ſich die Familie zurückgezogen hatte; aber Arthur hatte keine Luſt dazu: Clavering war zu nahe bei dem armen alten Fairvacks, und dieſes voll trauriger Erinnerungen für den jungen Mann. 297 Wir haben auch die Claverings bis zu ihrem Wie⸗ dererſcheinen bei dem Wettrennen auf der Epſomer Ebene aus dem Geſichte verloren, und müſſen in Kürze noch nach⸗ holen, was ſich indeſſen mit ihnen begeben hatte. Während des verfloſſenen Jahres war die Welt gegen keines der Glie⸗ der der Claveringer Familie beſonders freundlich geweſen. Lady Clavering, einem der gutmüthigſten Weiber, die je ein gutes Diner genoßen, oder einen Verſtoß in der Gra⸗ matik gemacht, wurde ihr Appetit und ihre Gutmüthig⸗ keit durch beſtändige häusliche Fatalitäten und Strei⸗ tigkeiten auf eine ſo harte Probe geſtellt, daß ſelbſt die Anſtrengungen des beſten franzöſiſchen Kochs unſchmack⸗ haft wurden, und ſelbſt auf dem weichſten Sophakiſſen hart zu liegen war. „Lieber wollt' ich eine Rübe zum Nachtiſche haben, als vieſen Ananas und Muskateller⸗ trauben von Clavering,“ ſagte die arme Lady Clavering, indem ſie auf ihren Speiſetiſch blickte und ihre Klagen ihrem getreuen Freunde anvertraute, „wenn ich ein wenig Ruhe zum Eſſen haben könnte. — Oh, um wie viel glücklicher war ich, als ich noch eine Wittwe war, ehe all dieſes Geld mir zufiel.“ Die Claveringer Familie hatte allerdings einen falſchen Anlaufgenommen, und weder Comfort, noch Stellung, noch Dank für die Gaftfreundſchaft, die ſie geübt, noch Er⸗ kenntlichkeit von den Leuten geärntet, die ſie bewirthet hatte. Der Erfolg ihrer erſten Londoner Saiſon war zweifelhaft, und ihr Mißlingen nachmals notoriſch. Menſchliche Geduld war nicht groß genug, um es mit Sir Francis Clavering auszuhalten, ſagten die Leute. Er war zu hoffnungslos niederträchtig, ſchwach und verrufen, man konnte nicht ſagen was, aber ein Makel lag auf dem Hauſe und ſeinen entourages. Wer war die Begum mit ihrem Gelde und ohne ihre „H.“, und woher kam ſie? Was für ein Extraſtück von Ein⸗ bildung war ihre pygmäiſche Tochter mit ihren franzö⸗ ſirten Grazien und ihren kühnen Affektationen, nicht geeignet zum Umgang für engliſche Mädchen guter 298 Erziehung. Welch' ſeltſames Volk hatten ſie um ſich verſammelt! Sir Francis Clavering ſei ein Spieler, und lebe, wie allgemein bekannt, in Geſellſchaft von Schwarzfüßen und Auswürflingen. Hely Clinker, der in ſeinem Regiment war, ſagte, daß er nicht blos in den Karten betrog, ſondern auch die weiße Feder zeigte. Was wohl Lady Rockminſter eingefallen ſei, daß ſie ſie eingeführt habe? Nach der erſten Saiſon ließ ſie Lady Rockminſter, welche ſich ihrer angenommen hatte, wieder ſtehen. Die hohen Ladies wollten ihre Töchter nicht zu ihren Parthien nehmen, die jungen Männer, welche bei ihnen erſchienen, benahmen ſich mit der ärgerlichſten Freiheit und ſchmählichſten Vertraulichkeit; und die arme Lady Clavering ſelbſt geſtand, daß ſie, was ſie Canal (canaille) nannte, in ihr Parlour aufnehmen müßte, weil die „Hohen“ nicht kommen wollten. Sie hatte nicht den geringſten böſen Willen gegen die Canal, die arme, liebe Lady, oder irgend welchen Stolz für ſich ſelbſt, oder den Gedanken, daß ſie beſſer ſei, als ihre Nachbarin; aber ſie hatte blindlings die Befehle anerkannt, welche bei ihrem Eintritt in die Welt ihre ſociale Pathin ihr gegeben hatte. Sie hatte wiſſen wollen, wen ſie zu ſich bat. Die „Canal“ war allerdings viel gefälliger, als die ſogenannte „Geſell⸗ ſchaft,“ aber wie wir ſchon früher ſagten, es iſt leicht, eine Geliebte zu verlaſſen, aber von ihr verlaſſen zu werden, iſt grauſam. So kann man ohne großen Verdruß eine Geſellſchaft aufgeben ohne anderes Gefühl beim Scheiden, als das der Erleichterung; aber empfindlich iſt die Demüthigung und Pein, wenn euch die Geſell⸗ ſchaft aufgibt. Einen jungen Mann der Faſhion wenigſtens haben wir erwähnt, von dem ſich erwarten ließ, daß er treu erfunden würde, unter den treuloſen, und Harry Foker, Esquire, war dieſer junge Mannz aber er hatte das Ding nicht klug angefangen, und die unglückliche Lei⸗ venſchaft, zuerſt Pen anvertraut, ward ruchbar und 299 lächerlich vor der Stadt, ward ſeiner ſchwachen und thörichten Mutter zugetragen und ſchließlich zur Kennt⸗ niß des kahlköpfigen Foker senior gebracht. Als Mr. Foker dieſe unangenehme Kunde erhielt, fand zwiſchen ihm und ſeinem Sohne ein heftiger, pein⸗ voller Auftritt ſtatt, der damit endete, daß der arme, kleine Gentleman auf ein Jahr aus England verbannt wurde, mit der unabänderlichen Weiſung, nach Ablauf dieſer Friſt zurückzukehren, und ſeine Heirath mit ſeiner Couſine zu vollziehen, oder ſich in das Privatleben mit vreihundert per Jahr in Allem zurückzuziehen und weder Eltern noch Brauerei wieder zu ſehen. Mr. Henry Foker begab ſich denn hinweg, und mit ihm' jener Gram und Kummer, der durch die ſtrengſten Douanen frei paſſirt und ſprüchwörtlich den Verbannten begleitet; und mit dieſem Flor über die Augen ſah ſelbſt das Pariſer Boulevard melancholiſch und der Himmel von Italien hwarz aus. Für Sir Francis Clavering war dieſes Jahr ein höchſt unglückliches: die in dem letzten Kapitel beſchriebenen Be⸗ gebniſſe ſollten den Ruin des Jahres vollenden. Es war dieſes Jahr der Gnade, in welchem, wie unſre Sportingleſer ſich erinnern werden, Lord Harrowhill's Pferd (er war ein klaſſiſch gebildeter junger Edelmann, der die Namen ſeiner Pferde der Jliade entnahm) — wo Podasokys das „Derby“ gewann, zum Schrecken aller Kenner, welche den Namen des gewinnenden Pferdes auf die ſeltſamſten, verſchiedenſten Weiſen ausſprachen und auf Borar hielten, der noch nirgends beim Wettrennen war. Sir Francis Clavering, der vertraut mit ven ſchuftigſten Charakteren der Wettren⸗ nen war, und natürlich ſchätzbare „Belehrung“ hatte, hatte ſchwere Wetten gegen das gewinnende Pferd ge⸗ macht und den Favorite unbedenklich unterſtützt, und das Reſultat davon war, wie ſein Sohn der armen Lady Clavering richtig angab, ein Verluſt von ſiebentauſend Pfund. 300 Es war in der That ein harter Schlag für die Lady, welche ihres Mannes Schulden ſchon oft gedeckt und eben ſo oft ſeine Schwüre und Verſprechen der Beſſerung empfangen, ſeine Geldleiher und Roßhändler bezahlt, ſeine Häuſer in Stadt und Land ausgeſtattet hatte und jetzt angegangen wurde, im Augenblick dieſe ungeheure Summe, die Strafe für die Verſchwendung ihres feigen Mannes, aufzutreiben. Es wurde früher ſchon beſchrieben, wie der ältere Pendennis der Rathgeber der Claveringer Familie ge⸗ worden und in ſeiner Eigenſchaft als vertrauter Freund des Hauſes in jeden Raum deſſelben geguckt und ſelbſt in das häßliche Zimmerchen, das Jeder von uns ſcheut, und in welchem nach dem Sprüchwort das Familien⸗ ſkelet eingeſchloſſen iſt, einen Blick geworfen. Wenn der Major des Baronets Geldangelegenheiten nicht kannte, ſo kam es daher, daß Clavering ſelbſt ſie nicht kannte und ſie in einem ſo troſtloſen Labyrinth von Lügen vor ſich und vor Andern verborgen hatte, daß es einem Rathgeber oder Sachwalter unmöglich wurde, ſich eine genaue Kenntniß von dem Stande ſeiner Angelegenheiten zu verſchaffen. Aber über Lady Clavering war der Major viel beſſer unterrichtet und als der Derby⸗Unfall ſich begab, nahm er es auf ſich, all ihren Mitteln ganz vollſtändig auf den Grund zu kommen und war nun genau unterrichtet von den wiederholten ungeheuren Opfern, welche die Wittwe Amory zu Gunſten ihres derzeitigen Gatten gebracht hatte. Er verbarg ſeine Meinung nicht und hatte dadurch bei Miß Blanche ſich in nicht geringe Gunſt geſetzt, daß Lady Claverings Tochter auf Koſten ihres Sohns durch ihre zweite Heirath ſchwer beeinträchtigt wurde, und hatte in ſeinen Unterhaltungen mit Lady Clavering offen angedeutet, daß für Miß Blanche eine beſſere Vor⸗ ſorge getroffen werden ſollte. Wir haben bereits geſagt, daß er der Wittwe zu verſtehen gab, wie er alle Ein⸗ zelheiten ihrer frühern unglücklichen Geſchichte kenne, 301 da er zu der Zeit in Indien geweſen, ww — wo bie peinvollen Umſtände eintraten, die mit ihrer Trennung von ihrem erſten Gatten endeten. Er konnte ihr ſagen, wo die kalkutter Zeitung zu finden ſei, welche den Be⸗ richt über Amory's Unterſuchung enthielt, und er zeigte ihr ihn, und die Begum war nicht wenig dankbar für ſeine Schonung, daß er, obgleich immer bekannt mit dieſem Unglück, das ihr widerfahren, Alles für ſich be⸗ halten habe, und beſtändig der Freund ihrer Familie geblieben ſei. „Intereffirte Beweggründe, meine theure Lady Cla⸗ vering,“ ſagte er, „mag ich natürlich gehabt haben; wir alle haben intereſſirte Beweggründe, und der mei⸗ nige war, ich verberge ihn nicht vor Ihnen, eine Heirath zwiſchen meinem Neffen und Ihrer Tochter zu bewirken, worauf Lady Clavering vielleicht mit einigem Erſtaunen, daß der Major ihre Familie zu einer Ver⸗ bindung mit der ſeinigen wählen ſollte, ſagte; daß ſie recht gerne dazu einſiimme. Aber er geſtand frei: „meine theure Lady, mein Junge hat nur fünfhundert Pfund per Jahr und ein Weib mit zehntauſend Pfund würde ihn kaum weiter bringen. Erlauben Sie mir zu bemerken, wir könnten beſſer für ihn ankommen, und er iſt ein ſchlauer, vor⸗ ſichtiger Burſche, der bereits ſeine wilden Eide geſät, der ſehr gute Eigenſchaften und ſehr viel Ehrgeiz hat und der durch eine Heirath ſich verbeſſern will. Wenn Sie und Sir Francis beliebten — und Sir Francis wird Ihnen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Nichts verweigern — ſo könnten Sie Arthur den Weg bahnen, bedeutend in der Welt voran zukommen und den Stoff zu entwickeln, der in ihm liegt. Von welchem Nutzen iſt der Sitz im Parlament für Clavering, der ſich kaum ein Mal im Hauſe ſehen läßt, oder ein Wort ſpricht. Ich habe mir von Gentlemen, die meinen Jungen in Orbridge hörten, ſagen laſſen, daß er ein famoſer Red⸗ ner ſei, bei Gott, und laſſen Sie ihn ein Mal den Fuß „ 302 8 in den Steigbügel ſetzen und in den Satiel kommen, ſo zweifle ich nicht, daß er nicht der Letzte auf dem Felde ſein wird. Ma'am, ich habe den Jungen auf die Probe genommen und kenne ihn, glaube ich, ziemlich wohl, er iſt ein viel zu bequemer, ſorgloſer, phantaſti⸗ ſcher Burſche, um eine Parforcetour zu machen, und ſo, wie unſere Herren vom Rechte thun, an das Ziel ſeiner Tage zu kommen. Aber geben Sie ihm einen Anlauf und gute Freunde und Gelegenheit, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, er macht ſich einen Namen, daß ſeine Söhne ſtolz darauf ſind. Ich ſehe keinen Weg für einen Burſchen, wie er, empor zu kommen, als durch eine kluge Heirath — nicht mit einer bettelhaften Erbin, nicht um ſein Lebtag mit fünfzehnhundert per Jahr ſitzen zu bleiben — ſondern mit Jemand, dem er, und der ihm in der Welt forthelfen kann und der er zum Erſatz für die Vortheile, die ſie ihm bringt, einen guten Namen, und bei Gott, eine Stellung in der Welt ge⸗ ben kann. Es wäre beſſer für Sie, einen ausgezeich⸗ neten Schwiegerſohn zu haben, als Ihren Gatten im Parlament zu erhalten, der weder ſich, noch ſonſt Je⸗ mand etwas nützt und darum, ſage ich, habe ich mich für Sie intereſſirt und biete Ihnen an, was für beide Theile, glaube ich, ein guter Handel iſt.“ „Sie wiſſen, ich betrachte Arthur beinahe jetzt ſchon als ein Glied der Familie,“ ſagte die gutmü⸗ thige Begum, „er kommt und geht wie's ihm beliebt, und je mehr ich an ſeine liebe Mutter denke, deſto mehr ſehe ich, daß wenig Leute ſo gut — Niemand ſo gut gegen mich iſt. Ganz gewiß, ich weinte, als ich von ihrem Tode hörte und würde ſelbſt für ſie getrauert haben, nur ſteht mir das Schwarze nicht. Und ich weiß, wen ſeine Mutter wollte, daß er heirathen ſollte — Laura, meine ich, welche die alte Lady Rockminſter ſo lieb gewonnen hat, und es iſt kein Wunder. Sie iſt ein beſſeres Mädchen, als das meinige. Ich kenne Beide. Und meine Betſy — Blanche, meine ich — 303 iſt kein Troſt für mich geweſen, Major. Laura ſollte Pen heirathen.“ „Heirathen auf fünfhundert per Jahr! meine theure, gute Seele. Sie ſind nicht bei Sinnen!“ ſagte Major Pendennis, überdenken Sie, was ich Ihnen geſagt habe. Thun Sie in Ihren Angelegenheiten mit Ihrem un⸗ glücklichen Gatten Nichts, ohne mich um Rath zu fra⸗ gen, und vergeſſen Sie nicht, daß der alte Pendennis immer Ihr Freund iſt.“ Einige Zeit vorher hatte Pen's Onkel auf ähnliche Weiſe mit Miß Amory geſprochen, er hatte ihr die Paßlichkeit der Parthie, die er im Wurf hatte, ausge⸗ deutet, und ſah ſich verpflichtet, zu behaupten, daß ge⸗ genſeitige Paßlichkeit von Allem das Beſte in der Welt ſei, um darauf zu heirathen — das Einzige. Sehen Sie Ihre Liebesheirathen, meine Theure. Die Leute, welche aus Liebe heirathen, ſind alle dafür bekannt, daß ſie ſpäter in Zank und Händel leben, und ein Mädchen, das mit Jack nach Gretna Green davon läuft, entläuft, darauf kann man zählen, mit Tom nachher in die Schweiz. Die große Hauptſache beim Heirathen iſt, daß die Leute unter ſich überein kommen, einander nützlich zu ſein. Die Lady bringt die Mittel und der Gentleman bedient ſich derſelben; meines Jungen Weib bringt das Pferd, und, bei Gott, Pen ſetzt ſich darauf und gewinnt den Preis. Das heiße ich eine verſtändige Heirath, ein Pärchen, wie dieſes, hat was zu ſchwatzen, wenn ſie zu⸗ ſammen kommen. Wenn ſie mit Cupido ſelbſt plaudern wollten, — wenn Blanche und Pen Cupido und Pſyche wären, bei Gott, — ſie würden nach einigen Abenden, wenn ſie Nichts, als von Gefühl zu ſprechen hätten, zu gähnen anfangen.“ Miß Amory war mit Pen wohl zufrieden, ſo lange kein Beſſerer da war. Und wie viele andere junge Da⸗ men gleichen ihr nicht, und wie viele Neigungs⸗Heira⸗ then gehen gut bis ans Ende? und wie viele ſenti⸗ mentale Firmen machen nicht am Ende bankerott, und 304 wie viele heroiſche Leidenſchaften ſchwinden nicht in verächtliche Gleichgiltigkeit oder enden mit ſchimpflicher Niederlage? Dieſe Lebensanſichten und dieſe Philoſophie empfahl der Major nach ſeiner Gewohnheit Pen unaufhörlich, und ſein Geiſt war auch von der Art, daß er das Rechte auf beiden Seiten vieler Fragen einſehen konnte, und wohl begreifend das Leben des Gefühls, welches ganz außer dem Bereiche von des ehrlichen Majors Verſtänd⸗ niß war, konnte er auch das praktiſche Leben auffaſſen und ſich ihm anbequemen, oder glaubte wenigſtens, daß er es könne. So geſchah es, daß er während des auf den Tod ſeiner Mutter folgenden Frühlings unter dem Einfluſſe ſeines Onkels ſtand und in Lady Claverings Hauſe heimiſch war, und von Miß Amory gewiſſerma⸗ ßen angenommen wurde, ohne Freier zu ſein, und auf⸗ genommen, ohne verlobt zu ſein. Das junge Volk war äußerſt vertraulich, ohne beſonders ſentimental zu ſein, man traf und trennte ſich in vollkommen guter Laune. „Und ich,“ dachte Pendennis, „bin der Burſche, der vor acht Jahren eine grandioſe Leidenſchaft hatte, und letz⸗ tes Jahr in einem Fieber um Briſnis tobte!“ Ja, es war derſelbe Pendennis, und die Zeit hatte ihm, wie uns andern, ihre gewöhnlichen Folgen, Tröſt⸗ ungen, Entwickelungen gebracht. Wir verändern uns ſehr wenig, wenn wir von dieſem oder jenem Manne oder Weibe ſagen, daß es nicht mehr die nämliche Per⸗ ſon ſei, wie wir ſie uns in der Jugend erinnern, und bemerken (natürlich mit Bedauern) Veränderungen an unſern Freunden, ſo berechnen wir vielleicht nicht, daß nur Zeit und Umſtände einen verborgenen Mangel oder Vorzug zum Vorſchein bringen, nicht ihn neu erzeugen. Die ſelbſtiſche Ermattung und Gleichgiltigkeit des heu⸗ tigen Beſitzes iſt die Folge des ſelbſtiſchen Eifers geſtri⸗ ger Beſtrebungen; die Geringſchätzung und der Ueber⸗ druß, welcher ruft: vanitas vanitatum, iſt bloß die Erſchöpfung des krankhaften Appetits, mit Vergnügen 305 überſättigt. Die Inſolenz des glücklichen parvenu iſt nur die nothwendige Fortſetzung der Laufbahn des dürf⸗ tigen Streiters. Unſre geiſtigen Verwandlungen find wie unſre grauen Haare, oder unſre Runzeln — nur die Verwirklichung des Plans ſterblichen Wachsthums und Verfalls: das, was jetzt ſchneeweiß iſt, war ein ander Mal glänzend ſchwarz, das, was heut faule Fettleibig⸗ keit iſt, war noch vor wenigen Jahren ungeſtüme, ro⸗ ſige Geſundheit; jene ruhige Erſchlaffung, wohlwollend reſignirt und getäuſcht, war Ehrgeiz, wild und heftig vor nur wenig Jahren, und hat ſich erſt nach mancher Schlacht und Niederlage in unterwürfige Ruhe feſtge⸗ ſetzt. Glücklich der Mann, welcher ein Mißlingen ſo hochfinnig tragen und ſein zerbrochenes Schwert dem Eroberer Schickſal mit männlichem und demüthigem Herzen übergibt! Biſt du nicht von Grauen ergriffen, freundlicher Leſer, der du das Blatt für eine augen⸗ blickliche leichte Lektüre aufnimmſt und vielleicht für eine ernſtere Reflexion niederlegſt — um zu bedenken, wie du, der du deinen Erfolg oder dein Mißgeſchick konſum⸗ mirt haſt, eine ausgezeichnete Stellung behaupten, oder, auf einem hoffnungs⸗ und namenloſen Poſten in der Menge ſtehen magſt, der du durch ſo viele Kämpfe der Niederlage, des Erfolgs, des Verbrechens, der Gewiſſens⸗ biſſe, die dir allein bekannt ſind! — der du geliebt und erkaltet, geweint und wieder gelacht haſt, wie oft! — zu denken, wie du der nämliche biſt, du, der du dich deiner in der Kindheit noch erinnerſt, bevor deine Lebens⸗ reiſe begann? Sie iſt glücklich geweſen und du läufſt in den Hafen ein, indeß das Volk huſſa! ruft, und die Kanonen ſalutiren, und der glückliche Kapitän verbeugt ſich von der Seite des Schiffes und — ein Kummer ſitzt unter dem Stern auf ſeiner Bruſt, den Niemand kennt: — oder du biſt ſchiffbrüchig und hoffnungslos auf die einſame Spiere auf der See gebannt: — der ſinkende und der erfolgreiche Mann denfen beide ſehr wahrſchein⸗ Pendennis. MI. 20 306 lich in die Heimath zurück und erinnern ſich der Zeit, wo ſie noch Kinder waren; allein auf der hoffnungslo⸗ ſen Spiere, ertrinkend, fern aus dem Geſicht, allein in⸗ mitten der Menge, die dir zuklatſcht. Jwanzigſtes Kapitel. Unterhaltungen. Unſre gutmüthige Begum war zuerſt in ſolcher Wuth über ihres Mannes Fälſchheit und Thorheit, daß ſie ſich weigerte, Sir Francis Clavering irgend eine Hilfe zu gewähren, um ſeine Ehrenſchulden zu decken, und erklärte, daß ſie ſich von ihm wollte trennen, und ihn den Folgen ſeiner unverbeſſerlichen Schwäche und Verſchwendung überlaſſen. Nach den Verhandlungen des verhängnißvollen Derby⸗Tages war der unglück⸗ liche Spieler in einer ſolchen Gemüthsſtimmung, daß er Jedermann aus dem Wege gehen wollte, ebenſo ſeinen Raſengenoſſen, mit welchen er Schulden gemacht hatte, vor denen er zitterte, aus Furcht, ſie nicht zahlen zu können, und vor ſeinem Weibe, ſeinem langmüthigen Bankier, auf welchen er vernünftiger Weiſe in Zwei⸗ fel war, ob es ihm geſtattet ſei, länger zu ziehen. Als Lady Clavering am nächſten Morgen fragte, ob Sir Francis im Hauſe ſei, erhielt ſie zur Antwort, er ſei heute Nacht nicht heimgekommen, habe aber einen Bo⸗ ten an ſeinen Diener geſandt und ihm befohlen, dem neberbringer Kleider und Briefe zu übergeben. Strong wußte, daß er an dieſem oder dem folgenden Tage einen Beſuch oder eine Botſchaft erhalten würde, und bekam 307 denn auch eine Note, die ihn einlud, bei ſeinem beküm⸗ merten Freunde, F. C. in Short's „Hotel Blackfriars einzuſprechen, und nach Mr. Francis zu fragen. Denn der Baronett war ein Gentleman, der die Eigenthüm⸗ lichkeit hatte, eher eine Lüge zu ſagen, als nicht, und begann immer einen Kampf mit dem Glücke damit, daß er Ferſengeld gab und ſich verbarg. Der Boots (Hausknecht) von Mr. Shorts Wirthſchaft, welcher Clavering's Bot⸗ ſchaft nach Grosvenor-Place überbrachte und ſeinen Tep⸗ pichſack mit zurück nahm, witterte ſogleich, wer der Eigenthümer des Nachtſackes ſei, und theilte ſeine Ent⸗ deckung dem Bedienten mit, der die Frühſtücktafel deckte, die Neuigkeiten in die Bedientenhalle brachte, und ſie mit zu Mrs. Bonner, Mylady's Haushälterin und ver⸗ trauter Dienerin, nahm, welche ſie ſchließlich Mylady ſelbſt überbrachte. Und ſo wußte denn jede einzelne Perſon in dem Grosvenor⸗Place⸗Haushalt, daß Sir Francis unter dem Namen Francis in einer Schenke am Blackfriars Road im Verſtecke ſei. Sir Francis's Kutſcher theilte die Neuigkeit den Kutſchern anderer Gentlemen mit, die ſie ihren Herren zutrugen, ſowie den benachbarten Tatterſall's, wo man die ſehr dü⸗ ſtere Vorausſetzung machte, daß Sir Francis Cla⸗ vering eine Tour in die Levante zu machen im Be⸗ griffe ſei. Im Verlauf jenes Tages war ſehr merkwürdig, wie viel Briefe unter der Adreſſe des Sir Francis Clave⸗ ring Bart. ihren Weg nach dem Halltiſche fanden. Der franzöſiſche Koch ſandte ſeine Rechnung an Mylady. Die Krämer, welche den Tiſch Ihrer Herrlichkeit ver⸗ ſorgten, und die Herren Finer und Gimcrack, die Seiden⸗ händler und Tapeziere, und Madame Crinoline, die aus⸗ gezeichnete Putzmacherin, beförderte gleichfalls Ihre klei⸗ nen Rechnungen an Ihre Herrlichkeit, in Geſellſchaft von Miß Amory's beſonderer, und keineswegs unbe⸗ deutender Rechnung von jedem dieſer Etabliſſements. Am Nachmittag bes Tages nach dem Derby, als 308 Strong (nach einer Beſprechung mit ſeinem Herrn und Gebieter in Short's⸗Hotel, wo er ihn weinend und Curagao trinkend fand) einſprach, um nach ſeiner Ge⸗ wohnheit in Grosvenor⸗Place Geſchäfte zu beſorgen, fand er alle dieſe verdächtigen Dokumente in des Baro⸗ nets Arbeitsſtube aufgereiht und begann ſie zu öffnen, und mit kläglicher Miene den Inhalt zu unterſuchen. Mrs. Bonner, Mylady's Dienerin und Haushälte⸗ rin, kam zu ihm herab, während er ſo beſchäftigt war. Mrs. Bonner, ein Glied der Familie und für ihre Ge⸗ bieterin ſo nothwendig, als der Chevalier für Sir Fran⸗ cis, war natürlich in dem Streite zwiſchen ihr und ihrem Gatten auf Seite Lady Clavering's und verpflichteter Maßen ſelbſt noch erboster, als Ihre Herrlichkeit. „Sie wird nicht bezahlen, wenn ſie meinem Rathe folgt,“ ſagte Mrs. Bonner. „Sie find ſo gut, und gehen zurück zu Sir Francis, Kapitän — er lauert in einem gemeinen Wirthshauſe, und wagt nicht, ſeiner Frau als ein Mann unter die Augen zu treten! — und ſagen Sie, daß wir nicht weiter ſeine Schulden zahlen wollen. Wir machten einen Mann aus ihm, wir zogen ihn aus dem Gefängniß (und andere Leute vielleicht auch) wir haben ſeine Schulden immer und immer wieder bezahlt — wir ſetzten ihn in's Parlament und gaben ihm ein Haus in der Stadt und auf dem Lande, wo er ſich nicht zu zeigen wagt, der ſchäbige Kriecher. Wir gaben ihm das Pferd, auf dem er reitet, und das Diner, das er ißt, und ſelbſt die Kleider, die er auf dem Leibe trägt. Unſer Vermögen, ſo viel noch davon übrig iſt, iſt für uns ſelbſt, und wir wollen es nicht länger an dieſen un⸗ dankbaren Mann verſchwenden. Wir wollen ihm ſo viel geben, daß er davon leben kann und Nichts mehr von ihm wiſſen, ja das wollen wir, und das können Sie ihm von Suſan Bonner ſagen.“ Als Suſan Bonner's Gelieterin von Strong's An⸗ kunft hoͤrte, ſandte ſie unter dieſer Konſtellation an ihn, und der Chevalier ging zu Ihrer Herrlichkeit hinauf, 309 nicht ohne Hoffnung, ſie zugänglicher zu finden, als ihr Faktotum Mrs. Bonner. Oft und viel hatte er zuvor ſeines Klienten Sache mit Lady Clavering plädirt, und ihre Gutmüthigkeit zum Nachgeben gebracht. Er ver⸗ ſuchte es noch ein Mal. Er ſchilderte ihr in düſtern Farben die Lage, in welcher er Sir Francis fand, und wollte nicht für die Folgen ſtehen, wenn er nicht Mittel fände, ſeine eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. „Sich umbringen,“ lachte Mrs. Bonner, „ſich um⸗ bringen, will er? Sterben iſt das Beſte, was er thun kann.“ Strong betheuerte, daß er ihn mit den Raſier⸗ meſſern auf dem Tiſche gefunden, aber darüber lachte Lady Clavering mit Bitterkeit, „er thut ſich Nichts zu Leid, ſo lang noch ein Shilling da iſt, um den er eine arme Frau noch bringen kann. Für ſein Leben iſt Nichts zu beſorgen, Kapitän, darauf verlaſſen Sie ſich. Ach es Bei ein ſchlimmer Tag, an dem ich ein Auge auf ihn warf.“ „Er iſt ſchlimmer, als der erſte Mann,“ rief Mh⸗ lady's Adjutant. „Er war ein Mann, er war — ein wilder Teufel, aber er hatte den Muth eines Mannes — wogegen dieſer Burſche — was hilft's, wenn My⸗ lady ſeine Rechnungen bezahlt, ihre Demante verkauft und ihm verzeiht? Er iſt das nächſte Jahr wieder eben ſo ſchlimm. Das Nächſte, was zu erwarten ſteht, iſt, daß er ſie wieder betrügt und beraupt; und ihr Geld geht dafür hinaus, daß er einen Rudel Schufte und Betrüger hält — ich meine nicht Sie, Kapitän, Sie find ein guter Freund zu uns geblieben, außer daß wir wünſchen müſſen, wir hätten nie ein Auge auf Sie ge⸗ richtet.“ Der Chevalier erſah aus den Worten, welche Mre. Bonner in Bezug auf die Demanten entſielen, daß die gütige Begum wenigſtens noch ein Mal ſich erweichen wollte, und daß noch Hoffnung für ſeinen Gebieter ei. „Auf mein Wort, Ma'am,“ ſagte er mit wirklichem 310 Mitgefühl für Lady Clavering's Nöthen, und voll Be⸗ wunderung für ihre unermüdliche Gutmüthigkeit und mit einer Schauſtellung von Begeiſterung, die ſeines verworfenen Patrons Sache nicht wenig Vorſchub that — „Alles, was Sie gegen Clavering ſagen, oder Mrs. Bonner hier gegen mich ſich vereifert, iſt nicht ſchlim⸗ mer, als wir's verdienen, — wir Beide, und es war ein Unglückstag für Sie, an dem Sie uns ſahen, er hat ſich grauſam gegen Sie benommen: und wenn Sie nicht die edelmüthigſte, verſöhnlichſte Frau von der Welt wären, ſo weiß ich, es wäre keine Hoffnung mehr für ihn. Aber Sie können den Vater Ihres Sohnes nicht zu Schanden werden laſſen, und den kleinen Frank mit einem ſolchen Mackel hinaus in die Welt ſchicken. Knebeln Sie ihn, laſſen Sie ihn verſprechen, was Sie wollen, ich ſtehe gut für ihn, daß er Alles unter⸗ ſchreibt.“ „Und ſein Verſprechen wieder bricht,“ ſagte Mrs. Bonner. „Und es dieß Mal hält,“ rief Strong. „Er muß es halten. Wenn ſie hätten ſehen können, Ma'aim, wie er weinte: „o Strong,“ ſagte er zu mir, „nicht für mich ſelbſt fühle ich jetzt, nur ſür meinen Jungen — für die beſte Frau in England, die ich ſchändlich behandelt habe. — Er wollte nicht auf dieſes Wettrennen wetten, Ma'am, gewiß, er wollte nicht. Er wurde hinein ver⸗ lockt: der ganze Ring wurde hineingezogen, er dachte, er könnte die Wette ganz ſicher machen, ohne alle Gefahr, und es wird ihm eine Lektion für ſein ganzes Leben ſein. Einen Mann weinen ſehen, — o es iſt ſchreck⸗ lich.“ „Es kommt ihm nicht darauf an, meine theure Mrs. zum Weinen zu bringen,“ ſagte Mrs. Bonner, — „arme, theure Seele! — Sehen Sie, ob er's thut, Ka⸗ pitän.“ „Wenn Sie die Seele eines Mannes haben, Clave⸗ ring,“ ſprach Strong zu ſeinem Obern, als er ihm 3¹¹ dieſe Scene erzählte, ſo werden Sie dießmal Ihr Wort halten: Und, ſo wahr mir Gott helfe! wenn Sie ihr das Wort brechen, ſo wend' ich mich gegen Sie, und ſage Alles.“ „Was Alles ? rief Mr. Francis, welchem ſein Bot⸗ ſchafter die Nachricht nach Short's⸗Hotel brachte, wo den Baronet weinend und Curagao trinkend and. „Pah! Glauben Sie, ich ſei ein Narr?“ brach Strong aus. „Glauben Sie, ich hätte können ſo lang in der Welt leben, Frank Clavering, ohne meine Angen offen zu haben? Sie wiſſen, ich darf nur ſprechen, und Sie find morgen ein Bettler. Und ich bin nicht der Einzige, der um Ihr Geheimniß weiß.“ „Wer ſonſt noch?“ athmete Clavering ſchwer auf. „Der alte Pendennis, ich müßte mich ſehr irren. Er erkannte den Mann in der erſten Nacht, da er ihn ſah, als er betrunken in Ihr Haus kam.“ „Er weiß es, nicht wahr?“ rief Clavering. Gott verdamm ihn, fort mit ihm.“ „Sie möchten uns gern Alle fort haben, alter Junge?“ ſprach Strong mit einer Verhöhnung, ſeine Cigarre abklopfend. Der Baronet ſchlug ſeine ſchwache Hand an ſeine Stirn; vielleicht hatte der Andere ſeinen Wunſch richtig gedeutet. „O, Strong,“ rief er, „wenn ich's wagte, ich würde mir ſelbſt den Garaus machen, denn ich bin der elendſte Hund in ganz England, das macht mich eben ſo wild und unbarmherzig, das macht eben, daß ich trinke (und er trank mit zitternder Hand einen Bumper ſeines Stärkers — des Curagao) und mit dieſen Die⸗ ben weiter lebe. Ich weiß, ſie ſind Diebe, ſie alle ſammt und ſonders, verdammte Diebe. Und — und wie kann ich helfen, ich wußt' es nicht, wiſſen Sie, — und, bei Gott, ich bin unſchuldig — und bis ich den verdamm⸗ ten Schurken zuerſt ſah, wußte ich nicht mehr davon, als die Todten — und ich will fliehen, und will außer 312 Lands gehen, aus dem Bereiche der verdammten Höllen und ich wili mich in einen Wald begraben, bei Gott! und mich an einen Baum hängen — und, oh ich bin der elendeſte Bettler in ganz England!“ und ſo machte unter Thränen, Jammerrufen und Flüchen der Ohn⸗ mächtige, Elende ſeinem Kummer Luft, und beklagte ſein unglückliches Schickſal und mitten unter Stöhnen, Verzweiflung und Gottesläſterung gelobte er ſeine ärm⸗ liche Reue. Das geehrte Sprüchwort, welches den Wind für einen ſchlechten erklärt, der Niemand zu Willen bläst, bewahrheitete ſich in dem Falle von Sir Francis Cla⸗ vering und einem andern der Inſaßen von Mr. Strongs Zimmern in Shepherd's Inn. „Der Mann, mit welchem Oberſt Altamont ſeine Wette einging, war vurch einen glücklicken Zufall „gut,“ und an dem Zahltage für Derby — als Kapitän Clin⸗ ker, welcher aufgeſtellt wurde, Sir Francis Clavering's Schuldbuch für ihn zu bereinigen (denn Lady Clavering wollte auf den Rath des Major Pendennis dem Baron nicht erlauben, ſeine eigenen Geldangelegenheiten zu liqui⸗ diren), die Noten an die vielen Kreditoren des Baronets ausbezahlte, — hatte Oberſt Altamont die Genugthuung, die Wette von dreißig gegen vierundfünfzig, welche er gegen das gewinnende Pferd des Tages genommen hatte, in Empfang zu nehmen. Viele von des Oberſten Freunden waren bei der Gelegenheit gegenwärtig, um ihm zu ſeinem Glücke zu gratuliren — Alle waren von Altamonts Schlag, und die Leute, welche ſich in dem Privat⸗Parlour des gaſt⸗ lichen Wheelers, des Wirthes zum Harleguin's Head verſammelten, kamen, um Zeugen von ihres Freundes gu⸗ tem Glücke zu ſein, und zeigten ſich mit edelmüthiger Theil⸗ nahme an ſeinem Erfolge bereit, ſich darein zu theilen. „Nun ſei es Zeit,“ hatte Tom Driver dem Oberſt unter die Hand gegeben, „das Specieſchiff, das in dem Golf von Merxiko untergeſunken, mit den dreimalhundert und 313 achtzigtauſend Dollars an Bord, außer den Barren und Dublonen, heraufzuholen.“ Die Tredyddlums ſtünden ſehr nieder, — ſo daß ſie für ein Spottgeld gekauft werden könnten — nie ſei die Zeit, Aktien zu kaufen, günſtiger geweſen,“ inſinuirte Mr. Keightley, und Jack Holt drang ſehr auf Verwirklichung ſeines Ta⸗ backſchmugglerplans, deſſen Kühnheit dem Oberſt mehr, als irgend eine andere der ihm proponirten Spekulatio⸗ nen, gefiel. Dann kamen die Jungen von Harleguin's Head: Jack Rackſtraw wußte von einem paar Pfer⸗ den, welche der Oberſt kaufen müßte; Tom Fleet, deſſen ſatyriſches Blatt „der Swell“ blos zweihundert Pfund Kapital bedürfe, um tauſend per Jahr einem Jeden einzutragen — „mit ſo viel Macht und Einfluß Oberſt, Sie Vagabund, und dem Eintritt aller grünen Zimmer in London, „drängte Tom, während der kleine Moß Abrams den Oberſt beſchwor, nicht auf dieſe ab⸗ geſchmackten Schelme mit ihren nichtsnutzigen Speku⸗ lationen zu hören, ſondern ſein Geld in einige gute Wechſel umzuſetzen, die er Moß, ihm verſchaffen könnte, und die ihm fünfzig Procent ſo ſicher als die Bank von England eintragen würden. Alle dieſe Ehrenmänner ſchaarten ſich um den Oberſt mit ihren verſchiedenen Liebkoſungen; aber er hatte Muth genug, ihnen zu widerflehen, und ſeine Noten in der Taſche ſein es Rockes aufzuknüpfen, heim zu Strong zu gehen, und die äußere Thür der Zimmer abzuſchließen. Der ehrliche Strong hatte ſeinem Stubengenoſſen über alle ſeine Bekannte guten Rath ertheilt, und obgleich er, als er im Gedränge war, ſich nicht beſann, unbe⸗ denklich ſelbſt zwanzig Pfund von des Oberſt Gewinn herauszunehmen, ſo war Strong doch viel zu ehrlich, als daß er Andere ihn hätte betrügen laſſen. Er war kein ſchlimmer Burſche im Glück, dieſer Altamont, er beſtellte eine ſchmucke Livree für Grady und ließ den armen, alten Coſtigan ſchnell vertrocknete Thränen der Dankbarkeit vergießen, nachdem er ihn nach einem ſtatt⸗ 314 lichen Diner in der Hinterküche eine fünf Pfund Note gegeben, und kaufte einen grünen Shawl für Mrs. Bolton und einen gelben für Fanny: die brillanteſten „Opfer“ *) „eines Kurzwaarenhändlers in Regent Street.“ Eine kurze Zeit darauf an ihrem Geburtstage, der zufällig im Monat Juni war, empfing Miß Amory von einem Freund ein Packet, das einen ungeheuern mit Meſſing eingelegten Schreibpult enthielt, in welchem eine Reihe Amethyſten waren, die häßlichſten Augen, auf die man jemals ſchaute — eine mufikaliſche Tabaksdoſe und zwei „Andenken“ vom vorigen Jahr, begleitet von einem dop⸗ pelten Anzug von den erſtaunlichſten Farben, ſo daß über den Empfang dieſer Güter die Sylphide über die Maßen auflachen mußte. Thatſache iſt es, daß Oberſt Altamont um dieſe Zeit einen Einkauf von Cigarren und franzöſiſchen Seivenſtoffen von einigen Duffers **) in Fleet Street bewerkſtelligte, und von Strong in dem offenen Auktionsſaal in Cheapfide betroffen wurde, wo er einiges Geld in zwei Pulte, mehrere Paare reich verſilberter Leuchter ein diner Epergne und ein Ba⸗ gatelle⸗Board angelegt hatte. Das diner épergne blieb in den Zimmern und figurirte dort bei den Ban⸗ ketten, welche der Oberſt allda mit ziemlicher Liberalität zu geben pflegte. Es war ſchön in ſeinen Augen, bis Jack Holt ſagte: es ſehe aus, wie wenn es „an Zahlungs⸗Statt“ genommen worden wäre. Und Jack Holt wußte es wenigſtens. Die Diners waren ziemlich häufig auf den Zim⸗ mern, und Sir Franeis Clavering ließ ſich herab, regel⸗ mäßig daran Theil zu nehmen. Sein eignes Haus war *) heißen in England die Waaren, wenn ſie bei einem Ausverkauf unter dem Werthe verkauft werden. **) welche in London an Unerfahrene vorgebliche Schmug⸗ gelwaaren um den doppelten Preis des Werthes ver⸗ kaufen. 315 verſchloſſen: der Nachfolger Mirobolan's, welcher ſeine Rechnungen zu vorzeitig eingeſchickt hatte, wurde von der unwilligen Lady Ciavering entlaſſen, der Luxus des Hausweſens ſehr beſchränkt und vermindert, einer der rieſigen Bedienten abgedankt, worauf der Andere auf⸗ kündigte, indem er nicht ohne ſeinen Nebenmann, oder in einer Familie dienen wolle, wo nur ein Bedienter gehalten werde. Allgemeine, ſtrenge, ökonomiſche Refor⸗ men wurden von der Begum in ihrem ganzen Haus⸗ halt in Folge der Verſchwendung ihres ehrvergeſſenen Gatten vorgenommen. Der Major, als Freund Ihrer Herrlichkeit, Strong von Seiten des armen Clavering, Ihrer Herrlichkeit Rechtsfreund, und die ehrliche Begum ſelbſt, führten die Reformen mit Eilfertigkeit und Strenge durch. Nach dem Bezahlen der Schulden des Baronets, deren Berichtigung bedeutendes Skandal verurſacht und den Baronet in der öffentlichen Meinung noch weiter herabgebracht hatte, als er zuvor geweſen, verließ Lady Clavering London, um ſich in großem Unmuthe nach dem Tunbridger Brunnen zu begeben, indem ſie ſich wei⸗ gerte, ihren verworfenen Gatten, den Niemand bemit⸗ leidete, zu ſehen. Clavering blieb geduldig in London, in⸗ dem es ihm keineswegs darum zu thun war, dem gerech⸗ ten Unwillen ſeines Weibes zu begegnen, und ſchlich aus und ein im Hauſe der Gemeinen, aus welchem er mit Kapitän Raff und Mr. Marker zu gehen pflegte, um ein Spiel Billard zu machen und eine Cigarre zu rau⸗ chen, oder zeigte er ſich in öffentlichen Spielhäuſern, oder lag er in Lincoln's-Inn und hei ſeinen Advokaten vor Anker, wo dieſe ihn oft mehrere Stunden warten ließen, und die Schreiber einander zuwinkten, wenn er in ihrer Geſchäftsſtube ſaß. Kein Wunder, daß er ſo großes Gefallen an den Diners in Shepherd's⸗Inn fand, und dort vollkommen reſignirt war. Reſignirt? Er war nirgends ſo glücklich; er fühlte fich unglücklich unter ſeines Gleichen, die ihn verachteten — aber hier war er der Hauptgaſt an der Tafel, wo 316 er fortwährend mit, ja, Sir Francis, und mit nein, Sir Francis angeſprochen wurde; wo er ſeine ärmlichen Scherze machte, und wo er ſein langweiliges franzöſi⸗ ſches Liedchen abzitterte, nachdem Strong teinen jovia⸗ len Chor, und der ehrliche Coſtigan ſeine iriſchen Lied⸗ chen gewinzelt hatte. Ein ſo luſtiger Haushalt wie Strong's mit Grady's iriſchem Geſchmor und des Che⸗ valiers Punſchgebräu nach dem Diner wäre ſelbſt man⸗ chem wohlhäbigern Manne als Clavering willkommen geweſen, da die Einſamkeit ſeines großen Hauſes da⸗ heim ihn erſchreckte, wo er allein von der alten Frau, die die Haushälterin machte, und ſeinem Valet, der ihn verhöhnte, bedient wurde. „Ja, Gott verdamm mich,“ ſprach er zu ſeinen Freunden in Shepherd's⸗Inn. „Meinen Burſchen muß ich fortjagen, nur ſchulde ich ihm den Lohn von zwei Jahren, hol' ihn der Henker, und kann die Lady nicht darum bitten. Er bringt mir meinen Thee am Morgen kalt, mit einem verdammten bleiernen Theelöffel, und ſagt, Mylady habe alles Silber zum Bankier geſchickt, weil es nicht ſicher ſei. — Iſt es nicht hart, daß ſie mir nicht einmal einen einzigen Theelöffel anvertrauen will? Iſt es nicht ungentlemänniſch, Altamont? Sie wiſſen, Mylady iſt von niederer Geburt, — das heißt — ich bitte um Verzeihung, hm! — das heißt es iſt äußerſt grauſam von ihr, daß ſie mir nicht mehr Vertrauen ſchenkt. Und die Dienſtboten ſelbſt fangen an über mich zu lachen — die verdammten Schufte! Ich breche ihnen noch alle Knochen entzwei in ihren lümmelhaften Leibern. Beim Henker, ja das thu' ich. Sie kommen nicht, wenn ich klingle; und mein Bedienter war letzte Nacht in einem meiner Staatshemden und meiner Sammtweſte, ich kenne es, es war meine, in Vauxhall — der ver⸗ maledeite, unverſchämte Lumpenhund — und er tanzte vor meinen Augen fort, da ſchlag der Blitz darein! Ich bin gewiß, er kommt noch an den Galgen — er verdient 317 gehangen zu werden — alle dieſe hölliſchen Schufte von Valets.“ Er war jetzt ſehr freundlich gegen Altamont: er horchte auf des Oberſten laute Geſchichten, wenn Alta⸗ mont beſchrieb, wie er — als er einmal von Neuſeeland, wo er auf einer Wallfiſchfangerpedition geweſen, nach Haus fuhr — wie er und ſeine Kameraden gezwungen waren, ſich Nachts an Bord zu halten, um ihren Wei⸗ bern zu entkommen, beim Jupiter — und wie die ar⸗ men Teufel in ihren Kanves ausfuhren, als ſie das Schiff unter Segel ſahen, und wie verrückt demſelben nachruderten, wie er einmal drei Monate in einem Ge⸗ büſch in Neuſüdwales ſich verſteckt hielt, als er auf einer Handelsſpekulation geweſen; wie er Boney (Bo⸗ naparte) auf Sankt Helena geſehen, und ihm mit dem Reſt der Offiziere des Oſtindienfahrers, auf dem er Ge⸗ hilfe geweſen, vorgeſtellt wurde. — Auf alle dieſe Er⸗ zählungen (und beim Becher erzählte Altamont viel der⸗ gleichen, von dem, man muß geſtehen, ein großer Theil gelogen und aufgeſchnitten war) hörte jetzt Sir Francis mit großer Aufmerkſamkeit, indem er ſich's zur beſondern Angelegenheit machte, mit Altamont beim Diner Wein zu trinken, und ihn mit aller Auszeichnung zu behandeln. „Laßt ihn nur machen, ich weiß wie weit's noch mit ihm kommt,“ ſagte Altamont lachend zu Strong, der ihm Vorſtellungen machte, „und bleibt mir vom Leibe; ich weiß recht wohl, was ich erzähle. Ich war Offizier auf einem Oſlindienfahrer, das war ich; ich handelte nach Neuſüdwales, das that ich, in meinem eigenen Schiffe, und verlor es. Ich wurde Offizier bei dem Nawaub, das iſt wahr, nur gab's ein kleines Zer⸗ würfniß zwiſchen mir und meinem königlichen Gebieter, Strong — das iſt Alles. Wer will aus dem, was ich erzähle, was herausbringen, oder weiß etwas von mir? Der andere Burſche iſt todt, wurde in dem Buſchwerk erſchoſſen, und ſeine Leiche in Sidney anerkannt. Wenn ich glaubte, es würde Jemand ausſchwatzen, glaubt Ihr 3¹8 nicht, ich würde ihm den Hals umdrehen? Hab's früher ſchon prakticirt, Strong — ich erzählte Ihnen, was ich dem Aufſeher that, eh' ich Urlaub nahm — aber in ehrlichem Kampfe, meine ich, — in ehrlichem Kampfe; oder vielmehr, er war im Vortheil gegen mich. Er hatte ſeine Muskete, und ſein Bajonet, ich hatte blos eine Art. Fünfzig von ihnen ſahen zu, und munterten mich auf, als ich's that — und ich würd' es wieder thun, — ihn, warum nicht? Ich fürchte mich vor Niemand; und müßte das Blut des Mannes haben, der über mich aus⸗ ſagte. Das iſt mein Grundſatz, und gebt mir den Li⸗ queur. — Sie würden keinem Manne den Rücken keh⸗ ren. Ich kenne Sie, Sie ſind ein ehrlicher Burſche, und ſtehen einem Kameraden zur Seite. Was aber den haſenfüßigen Schleicher anbetrifft — den ärmlichen, auf den Boden duckenden, begaunernden, kriechenden Köter von Clavering — der in meinen Schuhen ſteht — in meinen Schuhen ſteht, an den Galgen mit ihm! Ich will machen, daß er mir die Stiefel auszieht, und putzt. Ha, ha!“ Hier brach er in ein wildes Gelächter aus, bei welchem Strong aufſtand, und die Schnapsflaſche wegnahm. Der Andere lachte immer noch gutmüthig. „Sie haben Recht, alter Knabe,“ ſagte er, „Sie halten ſich immer den Kopf kalt, ganz recht — und wenn ich anfange zu viel zu ſchwatzen — ich ſage, wenn ich anfange zu ſtampfen, ²) ſo bevollmächtige, heiße ich Sie und be⸗ fehle Ihnen, die Rumflaſche weg zu thun. „Laſſen Sie ſich von mir rathen, Altamont, und be⸗ denken Sie, wie Sie mit dem Manne umgehen. Machen Sie nicht, daß es zu ſehr in ſeinem Intereſſe iſt, Sie ſich vom Halſe zu ſchaffen.“ Das Begebniß, nach welchem Altamont ſchon lange lauerte, kam ſehr bald. Als Strong eines Tags ein *) Ein Schiff ſtampft, wenn es bei hoher See ſich in der Richtung der Länge heftig auf⸗ und niederbewegt; ein Bild von der See. 319 * Geſchäft für ſeinen Herrn beſorgte, erſchien Sir Fran⸗ eis in den Zimmern und fand den Botſchafter des Na⸗ waub allein. Er ſchalt auf die Welt im Allgemeinen, daß ſie gegen ihn herzlos und unfreundlich, ſchalt auf ſein Weib, daß ſie unedel, auf Strong, daß er undank⸗ bar gegen ihn ſei — hundert Pfund habe er Ned Strong gegeben — ſei ſein Lebtag ſein Freund geweſen, habe ihn, beim Jupiter, vom Gefängniß befreit — und nun nehme Ned Partei gegen ihn, und hetze ſie zu ihrer hölliſch unfreundlichen Behandlung gegen ihn auf. „Sie haben ſich gegen mich verſchworen, mich geldlos zu hal⸗ ten, Altamont,“ ſagte der Baronet, „ſie geben mir nicht ſo viel Taſchengeld, als Frank in der Schule.“ „Warum gehen Sie nicht hinab nach Richmond, Clavering und borgen von ihm?“ ſagte Altamont und brach in ein wildes Gelächter aus. „Er könnte gewiß nicht zuſehen, wie ſein armer, alter Bettler von Vater ohne Taſchengeld wäre, oder? —“ „Ich ſage Ihnen, ich habe mich grauſam demüthi⸗ gen müſſen,“ ſagte Clavering. „Sehen Sie her, Sir — ſehen Sie her auf dieſe Pfandbillete! denken Sie fich, ein Mitglied des Parlaments und einen alteng⸗ liſchen Baronet, bei Gott, der gezwungen iſt die Klingel vom Geſellſchaftszimmer, einen Buhl⸗Tintenzeug und einen Papierhalter mit einem goldenen Entenknopf, der, ich darf es wohl ſagen, meine Frau fünf Pfund gekoſtet, und wofür ſie mir nur fünfzehn Shilling und ſechs Pence geben wollten, verpfänden mußte! Oh, Armuth, Sir, iſt eine große Demüthigung für einen Mann von meinen Gewohnheiten, und hat mich zu Thränen gebracht, Sir, — zu Thränen; und der verdammte Kammerdiener — ich wollte, beim Teufel, er wäre gehenkt! — hat die infame Frechheit gehabt und mir gedroht, es Mylady zu ſagen, als ob, was ich im Hauſe habe, nicht mein eigen wäre, und ich es behalten, oder aus dem Fenſter werfen könnte, wenn's mir beliebte, bei Gott! Der ver⸗ trakte Schuft!“ 320 „Weinen Sie ein wenig; brauchen ſich nicht vor mir zu geniren, es wird Sie etwas erleichtern,“ ſagte der Andere. „Nun, ich muß ſagen, ich hielt Sie vordem für einen ſo glücklichen Burſchen, und was für ein er⸗ bärmliches Kanonenfutter Sie ſind!“ „Es iſt eine Schande, wie ſie mich behandeln,“ fuhr Clavering fort, — denn obgleich für gewöhnlich ſchweig⸗ ſam und gefühllos, konnte der Baronet doch über ſeine eigenen Bekümmerniſſe, wenn es ihn ankam, ſtunden⸗ lang Thränen vergießen. „Und — und, bei Gott, Sir, ich habe nicht ſo viel Geld, um das Cabriolet zu bezahlen, das unten auf mich an der Thüre wartet; und die Thorwächtersfrau, die Mrs. Bolton, lieh mir drei Shilling, und ich mag ſie nicht um mehr bitten, und ich bat den verdammten alten Coſtignan, den vermale⸗ deiten alten irländiſchen armen Schlucker, und er hatte keinen Shilling, der Bettler; und Campion's war nicht in der Stadt, ſonſt hätte er ein kleines Wechſelchen für mich angenommen, das bin ich überzeugt.“ „Ich glaubte, Sie hätten Ihrer Frau auf Ihre Ehre verſprochen, Sie wollten Ihren Namen nicht mehr unterſchreiben,“ ſagte Mr. Altamont, indem er ſeine Cigarre abſchlug. „Warum läßt ſie mich denn auch ohne Taſchen⸗ geld? Gott verdamm mich, ich muß Geld haben. — „Oh, Am —, oh, Altamont, ich bin der elendeſte Bettler, der auf Gottes Erdboden lebt.“ „Sie würden's gerne haben, wenn ein Burſche Ihnen eine Zwanzigpfundnote borgte, nicht wahr?“ fragte der Andere. „Wenn Sie's wollten, ſo würde ich Ihnen für immer dankbar ſein — für immer, mein theuerſter Freund,“ rief Clavering. „Wie viel würden Sie geben? Wollen Sie einen Wechſel von fünfzig Pfund auf ſechs Monate, halb Papier, und halb baar?“ fragte Altamont. „Ja, ich, das wünſchte ich, helfen Sie mir, und — 321 ich zahle es auf den Tag,“ rief Clavering, „ich will es bei meinem Bankier flüſſig machen: ich will Alles thun, was Sie wollen.“ „Nun, ich hatte bloß meinen Spaß mit Ihnen, ich will Ihnen zwanzig Pfund geben.“ „Sie meinten ein Pony,“ *) ſiel Clavering ein, „mein theurer Junge, Sie meinten ein Pony und ich will Ihnen ewig verbunden ſein; und will es nicht als ein Geſchenk nehmen, nur als ein Anlehn, und zahle es Ihnen in ſechs Monaten zurück, ich ſchwör'es Ihnen.“ „Gut — gut — da iſt das Geld, Sir Francis Clavering. Wenn ich Geld in der Taſche habe, Gott verdamm mich, ſo verbrauch' ich es, wie ein Mann. Hier ſind fünfundzwanzig Pfund für Sie, verlieren Sie's nicht in den Höllen. Machen Sie ſich nicht zum Narren. Gehen Sie hinab nach Clavering Park, und es hält Ihnen noch'mal ſo lang. Sie brauchen Nichts vom Fleiſcher. Sie haben Ferkel auf dem Gute, und können zum Mittageſſen Kaninchen ſchießen, bis die Jagdzeit kommt. Ueberdieß werden die Nachbarn Sie manchmal zum Mittageſſen bitten: denn Sie ſind ein Baronet, obgleich Sie den Konſtablern davongelaufen ſind. Und Sie haben noch den Troſt, daß ich Ihnen eine gute Weile vom Halſe bin — vielleicht für die nächſten zwei Jahre — wenn ich nicht ſpiele; und ich hab' nicht im Sinn, das verwünſchte Schwarz und Roth wieder an⸗ zurühren: und mittler Weile iſt Mylady, wie Sie ſie nennen — Jimmy nannt' ich ſie — wieder 'rum ge⸗ kommen, und wird wieder recht für mich ſein, wiſſen Sie, um wieder pflichtlich auf Ihre Unterſchriften ein⸗ zugehen.“ Als ſie auf dieſen Punkt der Unterhaltung kamen, * (Eigentlich beim Wettrennen.) Eine Wette von fünf und zwanzig Guineen — hier überhaupt: eine Summe von dieſem Betrag. Pendennis. M. 21 322 kehrte Strong zurück und der Baronet war nicht ſehr beſorgt, dieſelbe fortzuführen, nachdem er einmal das Geld in ſeinen Händen hatte. Er nahm ſeinen Weg nach der Shepherds⸗Inn, ging heim und zankte ſeinen Diener auf eine ſo ungewöhnlich barſche und inſolente Weiſe, daß der Mann ſchloß, ſein Herr müßte noch mehr Stücke vom Haushalt verpfändet haben, oder we⸗ nigſtens auf irgend eine Weiſe in den Beſitz von haarem Geld gekommen ſein. „Und doch habe ich das ganze Haus durchforſcht, Morgan, und glaube nicht, daß er etwas mehr von den Sachen genommen hat,“ ſagte Sir Francis Kammer⸗ diener zu Major Pendennis's Mann, als ſie ſich bald darauf in ihrem Klubb getroffen. „Mylady ſchloß bei⸗ beinahe alle Büffets, eh ſie fortging, und er konnte die Gemälde und Spiegel nicht in ein Cab nehmen, und die Schutzplatten um die Kamingeräthe wollte er nicht verſetzen — ſo ſchlecht iſt er nicht, aber er hat irgendwo Geld gekriegt, er iſt ſo verdammt imperent (inpertinent), wenn er hat. Ein paar Nächte zuvor ſah ich ihn in Vaurhall, wo ich mit Lady Hemley Babewood's Mädchen Polka tanzte — ein ſehr hübſcher Platz iſt das, und ungemein gute Leute darin, alle, außer der Haushälterin, und ſie iſt eine Methodiſtin — ich tanzte Polka — Sie ſind ein zu alter Kauz für die Polka, Mr. Morgan — und hier iſt Ihre Geſundheit — und ich hatte gerade Einiges von Claverings Trödel an. Er ſah es auch, und er wagte nicht, auch nur ein Wort darüber zu ſagen.“ „Wie ſteht's mit dem Haus in St. Johns Wood?“ fragte Mr. Morgan. „Exekution darin. — Alles verkauft: Damenpferd⸗ chen, Pianna und Brougham und Alles. Mrs. Mon⸗ tague Rivers fort nach Boulogne — non est inwen- tus, Mr. Morgan. Mein Glauben iſt; ſie hat die Exekution ſelbſt herein beſtellt, und war müde an ihm.“ „Spielt viel?“ fragte Morgan. — 323 „Nicht ſeit dem Schmiß, als Ihr Alter und die Rechtsherren und er jene gräuliche Scene hatten, ſiel er auf ſeine Knie nieder, erzählte Mylady der Mrs. Bonner, dieſe mir, — und ſchwor, er wollte nie mehr eine Karte oder einen Würfel anrühren oder ſeinen Na⸗ men unter einen Fetzen Papier ſetzen; und Mylady war im Begriff, ihm die Noten hinzulegen, um ſeine Ver⸗ bindlichkeiten nach dem Wettrennen zu bezahlen: nur Ihr Alter ſagte (er ſchrieb es auf ein Stück Papier und bot es dem Rechtsgelehrten und Mylady über den Tiſch), daß ſonſt Jemand beſſer die Rechnung darüber führen würde, denn er würde etwas von dem Geld zu⸗ rückbehalten haben. Er iſt ein ſchlauer alter Kauz. Ihr Alter.“ „Der Ausdruck, alter Kauz, ſo leichtfertig von einem jüngeren Gentleman, gegen ihn und ſeinen Herrn ge⸗ braucht, mißfiel höchlich Mr. Morgan. Als Mr. Light⸗ foot das erße Mal das anſtößige Wort gebrauchte, gab ſich ſeines Kameraden Aerger nur durch ein ſtillſchwei⸗ gendes Stirnrunzeln kund, aber bei der zweiten Belei⸗ digung zog Morgan, der ſeine Cigarre zierlich rauchte, indem er ſie an die Spitze ſeines Federmeſſers ſteckte, dieſelbe von ſeinen Lippen zurück, und ſetzte ſeinem jun⸗ gen Freunde den Kopf zu Recht. „Heißen Sie Major Pendennis nicht 'nen alten Kauz, wenn Sie die Güte haben wollen, Lightfoot, und nennen Sie auch mich nicht 'nen alten Kauz. Solche Worte werden nicht in Geſellſchaft gebraucht; und wir haben in der erſten und vornehmſten Geſellſchaft gelebt, ſowohl daheim, als draußen. Wir ſtehen mit den erſten Staatsmännern Europa's auf vertrautem Fuß. Wenn wir in's Ausland kommen, diniren wir gewöhnlich mit Fürſt Metternich und Louy Philup. Wir gehen hier in die beſten Häuſer, die hohen, ſag' ich Ihnen. Wir fahren mit Lord John und dem edien Whycount, der an der Spitze der äußeren Angelegenheiten ſteht. Wir diniren mit dem Hearl von Burgrave und werden von „ 324 dem Marquis von Steyne in allen Stücken um Rath gefragt. Wir ſollten Verſchiedentliches wiſſen, Mr. Light⸗ fvot. Sie ſind ein junger Mann, ich bin ein alter Kauz, wie Sie ſagen. Wir haben Beide die Welt ge⸗ ſehen, und wir Beide wiſſen, daß es nicht das Geld macht, nicht daß man Baronet iſt, nicht daß man ein Stadt⸗ und ein Landhaus, noch armſelige fünf oder ſechstauſend per Jahr hat.“ „'s ſind zehen, Mr. Morgan,“ rief Mr. Lightfoot mit großer Lebhaftigkeit. „Es mag ſo geweſen ſein, Sir,“ ſagte Morgan mit ruhigem Ernſt; „es mag ſo geweſen ſein, Mr. Light⸗ foot, aber es ſind jetzt keine ſechs, keine fünf, Sir. Es iſt verteufelt darein getunkt und geſchnitten worden, Sir, durch die vermaledeite Verſchwendung Ihres Herrn mit ſeinem Elbogenſchütteln und ſeinem Zetteldiskon⸗ tiren, und ſeiner Cottage in dem Regency⸗Park und ſei⸗ nen tauſend Heilloſigkeiten. Er iſt ein Letzer, Mr. Light⸗ foot, — ein Letzer, Sir, und das wiſſen Sie. Und es iſt nicht das Geld, Sir — nicht ſolches Geld wenig⸗ ſtens wie das, auf jeden Fall, das von einem Kalkut⸗ ter Rechtsmäckler kommt, und ich darf ſagen in dem Blute der armen Hungerleider von Schwarzen ausge⸗ wunden iſt — das Einem eine Stellung in der Geſell⸗ ſchaft gibt, wie Sie recht wohl wiſſen. Wir haben kein Geld, aber wir gehen überall hin; es gibt kein Zimmer einer Haushälterin von einiger Bedeutung in dieſer Stadt, Sir, wo James Morgan nicht willkommen iſt. Und ich habe Sie in dieſen Klub gebracht, Lightfoot, wie Sie wohl wiſſen, obgleich ich ein alter Kauz bin, und ohne mich hätten ſie Sie hinaus ballotirt, ſo ge⸗ wiß Sie Frederic heißen.“ „Ich weiß es wohl, Mr. Morgan,“ ſagte der An⸗ dere mit vieler Demuth. „Nun denn, nennen Sie mich keinen alten Kavz, Sir, es iſt nicht gentlemäniſch, Frederie Lightfoot. Ich kannte Sie, als Sie noch Cabjunge waren und Ihr 325 Vater in der Klemme war, und verſchoffte Ihnen den Platz, den Sie jetzt haben, als der Franzoſe fortging; und wenn Sie das bedenken, Sir, weil Sie ſich mit Mrs. Bonner verbinden, die ihre zweitauſend Pfund zurückgelegt haben mag — und ich darf wohl ſagen, das hat ſie in fünfundzwanzig Jahren, da ſie als ver⸗ traute Kammerfrau bei Lady Clavering lebte: ſo müſſen Sie ſich auch erinnern, wer Sie in dieſen Dienſt brachte, und wer weiß, was Sie vorher waren, Sir, und es geziemt Ihnen nicht Frederic Lightfoot, mich einen alten Kauz zu nennen.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Mr. Morgan — ich kann nicht mehr thun, als mich entſchuldigen — wollen Sie ein Glas haben, Sir, und mich Ihre Ge⸗ ſundheit trinken laſſen?“ „Sie wiſſen, ich trinke nichts Gebranntes, Light⸗ foot,“ erwiderte Morgan beſänftigt. „Und ſo wollen Sie und Mrs. Bonner ſich zuſammen thun, nicht wahr?“ „Sie iſt alt, aber zweitauſend Pfund iſt ein guter Biſſen, ſehen Sie, Morgan, und wir wollen die Cla⸗ vering Arms für ein geringes Geld ankaufen und das wird kein übler Fang ſein, wenn die Eiſenbahn durch Clavering geht, und wenn wir dort ſind, beſuchen Sie uns, hoffe ich, Mr. Morgan.“ „Es iſt ein einfältiger Ort, und keine Geſellſchaft,“ ſagte Mr. Morgan. „Ich kenn' ihn wohl, zu Mrs. Pen⸗ dennis's Zeiten kamen wir regelmäßig hinab, und die Luft erfriſchte mich nach dem Londoner Lärmen.“ „Die Eiſenbahn wird Mr. Arthurs Eigenthum in die Höhe bringen,“ bemerkte Lightfoot, „wie hoch treibt er's, würden Sie behaupten, Sir?“ „Unter fünfzehnhundert, Sir,“ antwortete Morgan. auf was der Andere, welcher den Umfang der Grund⸗ ſtücke des armen Arthurs kannte, die Zunge in den Backen drückte, aber weislich flille ſchwieg. „Iſt ſein Mann zu was zu gebrauchen?“ fing Light⸗ fopt wieder an. 326 „Pigeon iſt noch nicht an Geſellſchaft gewohnt, aber er iſt jung, hat gute Talente, hat viel geleſen, und ich darf wohl ſagen, er wird ſich machen,“ verſetzte Mor⸗ gan, „er würde nicht ganz für dieſen Kreis paſſen, Lightfoot, denn er hat die Welt noch nicht geſehen.“ Als die Pinte Sherry, nach welcher Mr. Lightfoot rief, auf Mr. Morgan's Ankündigung, daß er nichts Gebranntes trinke, von den beiden Gentlemen, welche den Wein an das Licht hielten und mit den Lippen be⸗ ſchmatzten, und ihre Augen halb zudrückten, und den Wirth über die Leſe in der beſten Manier von Kennern durchfoppten, unterſucht worden war, war Morgans erſchütterter Gleichmuth wieder ganz hergeſtellt, und er vorbereitet, ſeinen jungen Freund mit vollkommen gu⸗ tem Humor zu behandeln. „Was halten Sie von Miß Amory, Lightfvot — ſagen Sie's uns jetzt im Vertrauen — meinen Sie, wir würden wohl thun — Sie verſtehen — wenn wir Miß A. zu Mrs. A. P. machen wollten, comprendy vous*“ „Sie und Ma liegen einander immer in den Haaren,“ ſagte Mr. Lightfoot. „Bonner iſt der alten Lady mehr denn gewachſen und behandelt Sir Franclis, wie das — Stückchen Holz hier, das ich auf den Roſt werfe. Aber ſie wagt kein Wort der Miß Amory zu ſagen, auch keines von uns getraut ſich. Wenn ein Be⸗ ſuch herein kommt, ſo lächelt und ſchmachtet ſie, und man ſollte meinen, der Butter würde ihr im Mund nicht ſchmelzen, und im Augenblick, da er den Rücken kehrt, dürft ihr darauf zählen, daß ſie auffeuert wie ein klei⸗ ner Teufel, und euch Dinge ſagt, daß man aus der Haut fahren möchte. Wenn Mr. Arthur kommt, heißt es: „kommen Sie, wir wollen das herrliche Liedchen ſingen!“ „oder, kommen Sie und ſchreiben Sie mir die paar Verschen in dieſe Halbum, und es gilt zehn ge⸗ gen eins, daß ſie juſt vorher mit ihrer Mutter geſtrit⸗ ten, oder ihr Kammermädchen mit Nadeln geſtochen hatte. Sie ſticht ſie mit Nadeln und kneipt ſie. Mary — — 327 Hann zeigte mir einen ihrer Arme, der ganz ſchwarz und blau war und ich erinnere mich, wie Mrs. Bon⸗ ner, die auf mich ſo eiferſüchtig iſt, als eine alte Katze, ihr einige Püffe um die Ohren gab, daß ſie mir's zeigte, und dann ſollten ſie Miß beim Luncheon (Zwiſchenim⸗ biß) ſehen, wenn Niemand da iſt, als die Familie. Sie läßt Einen glauben, als ob ſie niemals eſſe, und, o mein Gott, Sie hätten ſie geſtern ſehen ſollen: ſie ließ Mary Hann ſich Pflaumenkuchen und Sahne in ihr Schlaf⸗ zimmer bringen, und der Koch iſt der einzige Mann im Hauſe, gegen den ſie höflich iſt. Bonner ſagt: daß in der zweiten Saiſon in London Mr. Soppington ſchon im Begriffe war, ihr Anträge zu machen und wirklich eines Tages kam, und als er ſie das Buch ins Feuer wer⸗ fen ſah, und ihre Mutter ſo ausſchelten hörte, ganz ſachte durch die hintere Thür des Geſellſchaftszimmers, durch welche er hereingekommen, wieder hinabſchlich, und das Nächſte, was wir hörten, war, daß er Miß Rider ge⸗ heirathet hatte. Oh, ſie iſt ein Teufel, dieſe kleine Blanche, und das iſt meine aufrichtige Herzens⸗Mei⸗ nung (apinium ſagte er falſch für opinion), Mr. Morgan.“ „Apinion, nicht apinium, Lightfvot, mein guter Burſche,“ ſagte Mr. Morgan mit väterlicher Güte und fragte dann aus dem Grunde ſeines Herzens mit einem Seufzer: „was der Deurxel will denn mein Herr den Maſter Arthur mit ſo einem Mädchen verheirathen?“ Und das töte-àtéte der beiden Gentlemen wurde durch den Eintritt anderer Gentlemen⸗Mitglieder des Klubbs unterbrochen — wo dann faſhionables Stadtgeſpräch, Politik, Cribbage und andere Kurzweilen folgten, und die Unterhaltung allgemein wurde. Der Gentlemansklubb wurde in dem Parlour des Wirthshauſes „zum Glücksrad“ in einem ſchmucken Ne⸗ bengäßchen von einer der großen Straßen von May⸗ fair gehalten, und von einer Anzahl der auserleſenſten „Gentlemen“ in der Stadt beſucht. Ihrer Herren An⸗ 328 gelegenheiten, Schulden, Intriguen, Abenteuer, ihrer Gebieterinnen gute und ſchlimme Eigenſchaften und Streite mit ihren Männern, alle Familiengeheimniſſe wurden hier mit vollkommener Freimüthigkeit und Ver⸗ traulichkeit erörtert, und hier konnte ein „Gentleman“, wenn er ſeine Lage verändern wollte, jede erforderliche Auskunft über die Familie erhalten, von der er ein Glied werden wollte. Livreen waren, wie ſich denken läßt, von dieſem Bereiche ausgeſchloſſen, und die bepu⸗ derten Häupter der größten Bedienten der Hauptſtadt durften ſich vergeblich beugen und um Zutritt in den Gentlemans⸗Klubb anſuchen. Dieſe Parias von Rieſen in Plüſch tranken ihr Bier in einem äußern Gemache des „Glücksrads“ und konnten nicht leichter Eintritt in das Klubbzimmer erhalten, als ein Pall⸗Mall⸗Krämer oder ein Lincolns⸗Inn-Sachwalter bei Bays's oder Spratt's zugelaſſen wurde. Nur weil die Unterhal⸗ tung, welche wir hier mit anhören durften, einigerma⸗ ßen die Charaktere und die Handlungen unſrer Ge⸗ ſchichte zeichnet, haben wir gewagt, den Leſer in eine ſo erkluſive Geſellſchaft einzuführen. — 7 5 „ — 70 2 — „ „ e1 vqe