deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Seſebedingungen. 1. Mengein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 5 Wet. — Pf. 1 Mr 50 Pf 2 Mt. — Pf. Auswärtige Ahonnenten hab en für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Pendennis von M. W. Thackeray. von Dr. Leonhard Lafel. Sechstes bis zehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Erſtes Rapitel. Neue Geſichter. Die Inſaſſen von Fairvaks verfolgten träge ihre Alltagsexiſtenz, während das große Haus auf dem Hü⸗ gel auf der andern Seite jenſeits des Brawl ſich aus dem Schlummer emporrüttelte, in welchem es während zweier Generationen von Gebietern gelegen, und außer⸗ ordentliche Zeichen von ernentem Leben gab. Gerade um die Zeit von Pen's kleinem Unfall, und als er in ſo tiefen Gram über dieſe Kalamität verſunken war, daß er keine Notiz von Ereigniſſen nahm, welche Perſonen betrafen, die ihn ſelbſt weniger intereſirten als Ar⸗ thur Pendennis, erſchien eine Ankündigung in den Land⸗ journalen, welche wenigſtens in der Grafſchaft und in allen Städten, Dörfern, Hallen, Herrenhäuſern und Pfarren viele Meilen um Claverings⸗Park nicht geringe Senſation erregte. Auf dem Claveringer Markt, bei der Cacklebyer Meſſe, bei den Seſſionen in Chatteries, auf dem Gooſeberry Green, wenn des Squireas Wagen die Einpferdgefährte des Vikars traf und die Inſaſſen beider Lokomotive auf der Straße hielten, um zu plaudern, bei der Tinkletoner Kirchthüre, wenn die Glocke im Son⸗ nenſcheine ſchlug und die weißen Blouſen und die Schar⸗ lachröcke über dem grünen Gemeindeplatz zur Sonntags⸗ andacht ſich ſammelten; in hundert Geſellſchaften ging die Rede, daß Clavering⸗Parkwieder bewohnt werden ſollte. Pendennis. M. 1 2 „ Fünf Tage zuvor hatten die Countyzeitungen aus Florenz bei der vortigen brittiſchen Geſandtſchaſt die Vermählung von Francis Clavering Esg., einzigem Sohne von Sir Francis Clavering Bart. *) von Clavering⸗ Park mit Jemima Auguſta, Tochter Samuel Snells von Kalkutta Esg. und Wittwe des verſtorbenen J. Amory Esg. angekündigt. Zu jener Zeit ging in der Grafſchaft das Gerücht, daß Clavering, der ſeit vielen Jahren in den übelſten Umſtänden geweſen, eine Wittwe aus Indien mit einigem Gelde geheirathet habe. Ei⸗ nige Leute aus der Grafſchaft hatten das neuverheira⸗ thete Paar geſehen. Die Kicklyburrys, welche in Ita⸗ lien reisten, hatten ſie gleichfalls geſehen. Clavering be⸗ wohnte den Poggipalaſt in Florenz, gab Geſellſchaften und lebte behaglich, konnte aber nie nach England kommen. Ein Jahr darauf — hatte der junge Peregrin von Cackleby, der eine lange Vakanztour machte, die Cla⸗ verings getroffen, wie ſie das Schloß Schinkenſtein beim Mummelſee bewohnten. In Rom, zu Lucca, zu Nizza, in den Bädern und Spielplätzen am Rhein und in Bel⸗ gien ließ dieſes würdige Paar gelegentlich von ſich hö⸗ ren und kamen gleichſam ſtoßweiſe Gerüchte von ihnen. Ihr letzter Aufenthalt war Paris, wo ſie auf ho⸗ hem Fuße und mit vielem Glanze gelebt zu haben ſchei⸗ nen, nachdem die Nachricht von dem Tode Samuel Snells Esg. von Calkutta ſeine verwaiste Tochter in Europa erreichte. Von Sir Francis Clavering's früherem Leben kann wenig geſagt werden, das dieſem geachteten Baronet vortheilhaft ſein würde. Der Sohn eines Geächteten in einem trübſeligen alten Schloß bei Bruges lebend, hatte dieſer Gentleman einen ſchwachen Verſuch gemacht, im Leben voranzukommen mit einem Patent bei einem Dragoner⸗Regiment und wäre dieſem Anlauf beinahe erlegen. Unfaͤlle bei dem Spieltiſche hatten ſchnell ſei⸗ *) Baronet. 3 nen Ruin bewerkſtelligt; nach ein paar Jahren in der Armee war er gezwungen worden, dem Sattel den Ab⸗ ſchied zu geben und hatte einige Zeit in ihrer Majeſtät Gefängniß von der Flotte zugebracht und war nach Oſtende hinübergefahren, um zu dem gichtiſchen Ver⸗ bannten, ſeinem Vater zu ſtoßen. Und in Belgien, Frankreich und Deutſchland konnte man dieſen herab⸗ gekommenen, verlorenen Sohn ſehen, wie er in den Billardzimmern und an Badeplätzen umherſchlenderte, indem er in Spielhäuſern punkirte, auf Koſthausbällen tanzte und auf anderer Leute Pferden Kirchthurmwett⸗ rennen hielt. In einem Koſthauſe zu Lauſanne machte Francis Clavering den glücklichen Coup, wie er es hieß, daß er die Wittwe Amory, die eben erſt von Kalkutta zurückkehrte, heirathete. Sein Vater ſtarb bald darauf, und in Folge ſeines Hintritts wurde ſeine Gattin Lady Clavering. Dieſer Titel entzückte Mr. Snell von Kal⸗ kutta der Maßen, daß er die Rente ſeiner Tochter ver⸗ doppelte, und als er bald darauf ſtarb, hinterließ er ihr und ihren Kindern ein Vermögen, deſſen Betrag, wenn das Gerücht es nicht vergrößerte, ſehr glänzend genannt werden durfte. Vor dieſer Zeit gab es keine dem Rufe der Lady Clavering ungünſtigen Gerüchte, ſondern ungefällige Eindrücke in Betreff Ihrer Herrlichkeit. Die beſten Engländer draußen ſcheuten ſich, ihre Bekanntſchaft zu machen; ihre Sitten waren nicht die feinſten, und ihre Abkunft war beklagenswerth, niedrig und zweifelhaft. Die zurückgekehrten Oſtindier, welche in beträchtlicher Anzahl in den meiſten von Engländern beſuchten Städten des Feſtlandes wohnten, ſprachen mit großer Verachtung von dem unehrenhaften Advokaten und Indigoſchmugg⸗ ler, ihrem Vater, und ihrem erſten Gatten Amory, wel⸗ cher Gehilfe auf dem Oſtindienfahrer war, in wel⸗ chem Miß Snell überfuhr, um zu ihrem Vater nach Kalkutta zu kommen. Weder Vater noch Tochter waren zu Kalkutta in Geſellſchaft oder hatten je in dem Gou⸗ 4 vernementhouſe von ſich hören laſſen. Der alte Sir Jaſper Rogers, welcher Oberrichter in Kalkutta war, hatte einmal zu ſeiner Frau geſagt, daß er eine ſchlimme Geſchichte von Lady Claverings erſtem Gemahl ſagen fönnte; aber zur großen Täuſchung Lady Rogers und der jungen Ladies ſeiner Töchter konnte der alte Richter nie dahin gebracht werden, den Schleier zu lüften. — Sie waren jedoch alle froh genug, in die Geſellſchaft der Lady Clavering zu gehen, als Ihre Herrlichkeit das Hotel Bouilli in der Rue Grenoble zu Paris bezog, und poſaunten ſie in der vortigen gebildeten Welt in dem Winter 183— aus. Der Fauburg St. Germain nahm ſie auf; der Viscunt (Waicaunt) Bagwig, unſer vor⸗ trefflicher Geſandter, ſchenkte ihr beſondere Auf⸗ merkſamkeit, die Fürſten des Hauſes beſuchten ihre Sa⸗ lons, die ſtrengſten und notabelſten engliſchen Ladies, die in der franzöſiſchen Hauptſtadt wohnten, erkannten ſie an und ließen ſie zu; die tugendſame Lady Elder⸗ bury, die ſtrenge Lady Rockminſter, die ehrwürdige Gräfin von Southdown — mit einem Wort, Leute von renommirter Strenge und außerordentlicher Sittenreinheit — einen ſo großen und wohlthätigen Einfluß hatte der Beſitz von zehn (einige ſagen zwanzigtauſend) per Jahr auf Lady Clavering's Charakter und Ruf. Jeder (in der Geſellſchaft) der einen Plan der Wohlthätigkeit hatte, durfte verſichert ſein, ihre Börſe offen zu finden. Die franzöſiſchen fommen Damen bekamen von ihr Geld zur Unterſtützung ihrer Schulen und Klöſter; ſie unter⸗ ſchrieb ohne Unterſchied für den armeniſchen Patriar⸗ chen; für Vater Barbaroſſa, der nach Europa kam, um Fonds für ſein Kloſter auf dem Berge Athos zu ſammeln; für die Baptiſten⸗Miſſion auf Quaſhybor und die orthodore Niederlaſſung in Fifafu, der größten und wildeſten der Kani⸗ halen⸗Inſeln zu ſliften, und es wird von ihr berichtet, daß an demſelben Tage, an welchem Madame de Crieri zur Unterſtützung der armen verfolgten Jeſuiten, die zur Zeit in ſehr ſchlechtem Geruche in Frankreich ſtanden, „ 1* 5 fünf Napoleon erhielt, Lady Budelight ſie auf ihre Subſtriptions⸗Liſte für den geiſtlichen Herrn J. Rams⸗ horn ſetzte, der eine Viſion gehabt hatte, in welcher er den Auftrag erhielt, den Pabſt in Rom zu bekehren. Und mehr als alles dieſes that Ihre Herrlichkeit, ſie gab zum Benefiz der Weltlichen die beſten Diners und vie grandioſeſten Bälle, Soupers, welche man während dieſer Saiſon zu Paris kannte. Während dieſer Zeit mußte die gutherzige Lady mit ihres Mannes Gläubigern in England ins Reine gekommen ſein, denn Sir Francis erſchien wieder, ohne Furcht vor Verhaftung in ſeiner Heimath, wurde in der Morning Poſt und der Cvuntyzeitung angekündigt, daß er in dem Mivart's⸗Hotel ſeine Reſidenz aufgeſchlagen, und eines Tages ſah die ängſtliche alte Haushälterin in Claveringhouſe einen vierſpännigen Wagen die lange Allee herauf fahren und vor den moosbewachſenen Trep⸗ pen des ungeheuern, melancholiſchen Portikus halten. Drei Gentlemen waren in dem Wagen — es war ein offener. Auf dem Hinterſitz ſaß unſer alter Bekann⸗ ter Mr. Tatham von Chatteries, während auf den Ehrenplätzen ein ſchöner ſtattlicher Gentleman, einge⸗ hüllt in einen Schnurrbart, einen Knebelbart, Pelz⸗ krägen, mit Schnurwerk verzierte Röcke und neben ihm ein blaſſer, ſchwacher Mann, der mit Anſtrengung aus dem Wagen ſtieg, während der kleine Geſetzritter und der Pelz⸗Gentleman flink aus demſelben ſprangen. ie gingen die großen moosbewachſenen Treppen nach der Hallenthür herauf, und ein fremder Bedien⸗ ter mit Ohrenringen und einer Mütze mit goldenen Schnüren riß kräftig an dem großen Glockengriff an dem riſſigen, mit Schnitzwerk verzierten Thor. Die locke wurde laut durch das weite düſtre Herrenhaus hin gehört. Tritte erſchollen alsbald auf dem Marmor⸗ pflaſter innen in der Halle; die Thüren öffneten ſich, und endlich erſchienen, ſich demüthig beugend, die Haus⸗ 6 hälterin, Mrs. Blenkinſop, ihre Adjutantin Polly und der Jäger Smart. Der Jäger Smart ſtrich die Büſchel heufarbenen Haares, das ſeine ſonnverbrannte Stirn ſchmückte, zu⸗ rück, ſchlug mit ſeiner linken Ferſe aus, als ob ein Hund ihn in die Waden biße, und brachte ſeinen Kopf zu einer Verbeugung herab. Die alte Mrs. Blenkinſop machte einen Knir, die kleine Polly, ihre Adjutantin, veßgleichen, und Mrs. Blenkinſop tremulirte mit großer Rührung: „Willkommen zu Clavering, Sir Francis. Es thut meinen armen Augen wohl, noch ein Mal Einen aus der Familie zu ſehen.“ Die Rede und die Begrüßungen waren alle an den grandioſen Gentleman in dem Pelz und dem beſchnürten Rocke gerichtet, der ſeinen Hut ſo vornehm auf einer Seite trug, und ſeinen Schnurrbart ſo königlich drehte; aber er brach in ein Lachen aus und ſagte: „Ihr habt vas falſche Roß geſattelt, alte Lady — ich bin nicht Sir Francis Clavering, gekommen, die Hallen meiner Vorfahren zu beſuchen. Freunde und Vaſallen, ſchaut hier euren rechtmäßigen Lord!“ Er wies mit der Hand auf den ſchwachen ſchmächtigen Gentleman, welcher ſprach: „Seid kein Eſel, Ned.“ „Ja, Mrs. Blenkinſop, ich bin Sir Francis Cla⸗ vering, ich erinnere mich noch wohl an Euch. Vergaßt mich vermuthlich? — wie geht's Euch?“ und er ergriff vie zitternde Hand der alten Lady und nickte ihr nicht unfreundlich in das erſtaunte Geſicht. Mrs. Blenkinſop erklärte auf ihr Gewiſſen, daß ſie Sir Francis überall erkannt hätte, daß er das treue Ebenbild ſeines Vaters Sir Francis und Sir John's, der vor ihm aus der Welt gegangen, ſei. „O ja, — dank Euch — natürlich — freut mich ſehr — und wie das Zeug alles heißt,“ ſagte Sir Francis mit leerem Blicke in der Halle ſich umſehend; „ein unheimlicher alter Platz, nicht wahr, Ned, ſah ihn 7 nur einmal, als mein Alter mit meinem Großvater Streit bekam, im Jahr zwei und zwanzig.“ „Unheimlich? — ſchön! das Schloß Otranto! die Myſterien von Udolfo, beim Jupiter!“ ſprach das als Ned angeſprochene Individuum; „was das ein Feuer⸗ platz iſt! Ihr könntet einen Elephanten darin röſten. Glänzende Gallerie mit Schnitzwerk! Inigo Jones, beim Jupiter, ich wollte fünf gegen zwei wetten, es iſt Inigo Jones.“ „Der obere Theil von Inigo Jones, der untere wurde von dem ausgezeichneten holländiſchen Baumeiſter Vanderputty in Georgs des Vierten ſeiner Zeit von Sir Richard, vierten Baronet, verändert,“ ſagte die Haushälterin. „O gewiß,“ ſagte der Baronet. „Bei Gott, Ned, Ihr ſeid allwiſſend.“ „Ich weiß nur wenig, Frank,“ antwortete Ned. „Ich weiß, daß das kein Snyders über dem Kaminge⸗ ſims iſt — weit mit Euch drei gegen eins, 's iſt ein Nachbild. Wir wollen's wieder herſtellen laſſen, mein Junge, eine Firnießſchminke darüber, und 's macht ſich wieder wundervoll. Der alte Burſche in dem rothen Gewand iſt vermuthlich Sir Richard.“ „Sheriff der Grafſchaft und ſaß im Parlament unter der Regierung der Königin Anna,“ ſagte die Haushälterin, indem ſie ſich über die Kenntniß des Fremden wunderte. „Das zur Rechten iſt Theodoſia, Gemahlin Harbottle's, zweiten Baronets, von Lely, vor⸗ geſtellt als Venus, Göttin der Schönheit, — ihr Sohn Gregory, der dritte Baronet, an ihrer Seite, als Cu⸗ pido, Gott der Liebe, mit einem Bogen und Pfeilen, der auf der nächſten Füllung iſt Sir Rupert von Carl dem Erſten, auf dem Felde zum Ritter geſchlagen, und deſſen Eigenthum von Oliver Cromwell eingezogen wurde.“ „Dank Ihnen, braucht nicht weiter zu machen, Mrs. Blenkinſop,“ ſagte der Baronet. „Wir wollen ſelbſt im 8 Platze herumgehen. Froſch, gib mir eine Cigarre; haben Sie eine Cigarre, Mr. Tatham?“ Der kleine Mr. Tatham verſuchte eine Cigarre, die Sir Franeis's Kourier ihm eingehändigt hatte, und über welcher der Rechtsgelehrte furchtbar räuſperte und ſpuckte. „Braucht nicht mit uns zu kommen, Mrs. Blenkinſop. Wie heißt er — Sie — Smart — füttern Sie die Pferde und waſchen Sie Ihnen die Mäuler, kommen Sie weiter, Strong, — ich kenne den Weg: war hier im Jahr zweiundzwanzig, gegen das Ende von meines Großvaters Zeit.“ Und Sir Francis's und Kapitän Strong, denn dieß war der Titel von Sir Franeis's Freund, ſchrit⸗ ten aus der Halle in die Empfangszimmer und ließen die verblüffte Mrs. Blenkinſop durch eine Seitenthür verſchwinden, welche zu ihren Gemächern, den jetzt ein⸗ zig bewohnbaren Räumen in dem lange unbewohnten Herrenhaus, führte. Es war ein ſo großer Landſitz, daß kein Pächter darin leben konnte, und Sir Franecis und ſein Freund durchwanderten Raum für Raum, indem ſie deſſen un⸗ geheuren Umfang und öde, verlaſſene Größe bewunder⸗ ten. Auf der Rechten der Hallthür waren die Salons und Geſellſchaftszimmer, und auf der andern Seite das Zimmer mit eichenem Täfelwerk, das Parlour, das große Speiſezimmer, das Bibliothekzimmer, wo Pen in alten Tagen Bücher gefunden hatte. Rings um drei Seiten der Halle lief eine Gallerie, und auf ihr und korreſpon⸗ direnden Gängen nahte man ſich den Schlafgemächern, von denen viele ſtattliche Proportionen hatten und Spu⸗ ren von Glanz verriethen. In dem zweiten Stock war ein Labyrinth von kleinen, unbequemen Zimmern für die Dienerſchaft der vornehmen Leute beſtimmt, welche zur Zeit der erſten Erbauung das Herrenhaus bewohnten, und ich weiß kein erfreulicheres Zeichen erhöhter Philan⸗ thropie unſerer Zeiten, als unſere Art, für das Geſinde zu bauen, mit derjenigen unſerer Vorfahren in Kontraſt zu ſetzen und darauf aufmerkſam zu machen, wie viel 0 8 — 9 beſſer Diener und Arme jetzt beſorgt werden, als in den Zeiten, wo Mylord und Mylady unter goldenen Bett⸗ himmeln ſchliefen, und ihre Diener über ihnen nicht ſo luftig und rein, als jetzt das Vieh in den Ställen lagen. Auf und nieder in dem Haus wanderten die beiden Gentlemen, der Eigenthümer des Herrenhauſes ſehr ſchweigſam, und in Bezug auf das Vergnügen ſeines Beſitzes ſehr reſignirt, während ſein Freund, der Kapi⸗ tän, die Baulichkeiten mit ſo viel Intereſſe und Eifer unterſuchte, daß man hätte glauben ſollen, er ſei der Herr und der andere der gleichgiltige Zuſchauer. „Ich ſehe Faßlichkeiten darin — Faßlichkeiten, Sir,“ ſprach der Kapitän. „Bei Gott, Sir, überlaſſen Sie mir den Platz, ich will ihn mit geringen Koſten zum Stolze des Landes machen. Wie gut können wir in dem Bibliothekzimmer hier Theater ſpielen, die Vor⸗ hänge zwiſchen den Säulen, welche das Zimmer theilen, welch famoſer Raum für einen Galopp! — Die ganze Grafſchaft faßt er. Wir wollen das Morgenparlour mit den Teppichen in Ihrem zweiten Salon in der Rue Grenoble und das Zimmer mit dem eichenen Getäfel möbliren wir mit den mittelalterlichen Stücken und den Waffenrüſtungen. Die Rüſtung nimmt ſich herrlich aus auf dem ſchwarzen Getäfel, und dort iſt ein venetiani⸗ ſcher Spiegel in dem Quai Voltaire, welcher auf den Zoll hin auf das hohe Kamingeſims paßt, Sir. Der lange Salon weiß und karmoiſin natürlich, das Geſellſchafts⸗ zimmer gelb und das kleine Geſellſchaftszimmer hellblau mit Schnüren darüber — he!“ „Ich erinnere mich, wie mich mein Alter in jenem kleinen Zimmer fuchtelte,“ ſagte gedankenvoll Sir Fran⸗ cis; „er hat mich immer gehaßt, mein Alter.“ „Zitz wird vermuthlich nach dem Geſchmack der Lady ſein; gegen Mittag folgen ſich das Schlafgemach, das Empfangzimmer und das Toiletzimmer. Wir wol⸗ 10 len ein Gewächshaus über dem Balkon anbringen. Wo wollen Sie Ihre Zimmer haben?“ „Thun Sie die meinigen in den nördlichen Flügel,“ ſagte gähnend der Baronet, „und außerhalb des Be⸗ reichs von Mrs. Amory's verdammtem Piano. Ich kann es nicht leiden. Sie klimpert vom frühen Morgen bis in den Abend.“ Der Kapitän brach in ein Lachen aus. Alle wei⸗ tern Anordnungen im Hauſe machte er während ihres Spaziergangs daſelbſt. Und als der Spaziergang zu Ende war, begaben ſie ſich in das Zimmer des Ver⸗ walters, das jetzt von Mrs. Blenkinſop bewohnt wurde, und wo Mr. Tatham ſich niederſetzte und über einen Plan des Grundbeſitzes ſtudirte, und die alte Haus⸗ hälterin hatte ein Frühſtück zu Ehren ihres Herrn und Meiſters vorbereitet. Dann inſpicirten ſie die Küche und die Ställe, zwei Behauſungen, für welche beide Sir Franeis ſich ſehr intereſſirte, und Kapitän Strong mu⸗ ſterte die Gärten; aber der Baron ſagte, gehen Sie zum — mit den Gärten und mit derlei Dingen; und endlich fuhr er fort von dem Hauſe, ſo gleichgiltig, als er eingetreten war; und an dieſem Abend erfuhr Clave⸗ ring, daß Sir Francis Clavering einen Beſuch in dem Park gemacht habe und in der Grafſchaft zu wohnen gedenke. Als dieſe Thatſache in Chatteries bekannt wurde, ge⸗ rieth Alles in Bewegung: Die hohe Kirche und die niedere Halbſoldkapitäne und alten Jungfern und Witt⸗ wen, jagdluſtige junge Squires in der Nachbarſchaft, Pächter, Handwerksleute und Arbeiter in der Faktorei, die ganze Bevölkerung in und rings um den kleinen Platz. Als dieſe Nachricht nach Fairvaks kam, wurde ſie von den Ladies daſelbſt und von Mr. Pen mit einiger Aufregung aufgenommen. Mrs. Pypus ſagt, „es ſei ein ſehr hübſches Mädchen in der Familie.“ „Arthur,“ be⸗ merkte Laura, welche ſo gütig und vorſorglich über die⸗ ſen Punkt war, als Frauenzimmer insgeſammt find: 11 „Eine Miß Amory, Lady Clavering's Tochter von der erſten Ehe. Natürlich werden Sie ſich, ſobald als ſie ankommt, in ſie verlieben.“ Helen rief: „Sprich keinen Unſinn, Laura.“ Pen lachte und ſagte: „Gut, da iſt der junge Sir Francis für Dich.“ „Er iſt erſt vier Jahre alt,“ entgegnete Miß Laura; „aber ich werde mich mit dem ſchönen Offizier, Sir Francis's Freunde, tröſten. Er war letzten Sonntag in der Kirche, im Kirchſtuhle der Clavering, und ſein Kne⸗ belbart war ſehr ſchön.“ In der That, die Zahl von Sir Francis's Fami⸗ liengliebern war in ſeiner Stadt ſehr bald bekannt, nicht minder alles Andere über ſeinen Haushalt, ſoweit als menſchliche Induſtrie und Scharfſinn berechnen konn⸗ ten. Die Parkallee und Anlagen waren jetzt an den Sommerabenden mit Leuten aus der Stadt betüpfelt, welche ſich dem Herrenhauſe zubewegten, deſſen Um⸗ gebungen beguckten und die Verbeſſerungen, welche dort vorgenommen wurden, bekrittelten. Ladungen über La⸗ dungen von Geräthſchaften kamen als zahlloſe Avant⸗ garden von Chatteries und London, und ſo zahlreich ſie waren, ſo wußte doch Kapitän Glanders von jeder, was ſie enthielt, und er begleitete das Gepäck hinauf nach dem Parkhaus. Er und Kapitän Strong waren mittler Weile gute Freunde geworden. Der jüngere Kapitän hatte zu Cla⸗ vering dieſelbe Wohnung, die der friedliche Smirke zu⸗ vor inne hatte, und ſtand bei Madame Fribsby, ſeiner Hausfrau, in hoher Gunſt und in der That bei der ganzen Stadt. Der Kapitän war nach Perſon und An⸗ zug eine glänzende Erſcheinung, hatte eine friſche Farbe, blaue Augen, ſchwarzen Backenbart, breite Schultern, einen athletiſchen Körperbau; eine leichte Neigung zur Beleibtheit benahm ſeiner hübſchen Geſtalt Nichts an Schönheit. — Ein wackrerer Soldat bot nie eine brei⸗ tere Bruſt dem Feinde. Wenn er die Claveringer Haupt⸗ ſtraße hinabſchritt mit ſeinem Hut auf einer Seite, wäh⸗ 12 rend er mit dem Stocke auf dem Fflaſter klirrte oder ihn in Ausübung militäriſcher Finten und ſoldatiſcher Manöver um ſich her bewegte — wenn ſein luſtiges Gelächter durch die ſonſt ſchweigſame Straße erſcholl — war er ſo willkommen als Sonnenſchein und ein Troſt für jeden Bewohner in dem Orte. Am erſten Markttag kannte er ſchon jedes hübſche Mädchen auf dem Markt; er ſcherzte mit allen Wei⸗ bern, hatte ein Wort für die Pächter über ihren Vieh⸗ ſtand, dinirte mit dem landwirthſchaftlichen Verein in den Clavering⸗Arms, wo ſie von ſeinen Späſſen und Scherzen vor Lachen berſten wollten. „Ganz gewiß, das iſt ein Zechbruder, ganz gewiß, das iſt Einer,“ war die allgemeine Stimme unter den Stulpenſtiefeln. Er ſchüttelte ein paar Dutzend von ihnen die Hand; als ſie aus dem Hofe des Wirthshauſes auf ihren alten Kleppern davon ritten, ſchwenkte er ſplendid ſeinen Hut gegen ſie, wenn er ſeine Cigarre unter dem Wirthſchafts⸗ thor ſchmauchte. Im Verlaufe des Abends war er über den Schenktiſch der Wirthin im Reinen, wußte, wie viel Rente der Wirth zahlte, wie viele Aeres er verpachtete, wie viel Malz er in ſein ſtarkes Bier that, und ob er ein wenig Schnaps unveraceiſet von der Herrſchaft von Baymvouth oder den Fiſcherdörfern längs der Küſte be⸗ iehe. Er haite es zuerſt verſucht, in dem großen Hauſe zu wohnen; aber es war ihm zu öde, er konnte es nicht aushalten. „Ich bin ein Geſchöpf, das Geſellſchaft liebt,“ ſagte Herr Kapitän Glanders. „Ich bin da 'runter, um zu ſehen, daß es in Cla⸗ veringshouſe in Ordnung kommt; denn unter uns ge⸗ ſagt: Frank hat keine Energie, Sir, keine Euergie, — er iſt nicht Manus genug dafür, Sir (und er warf ſich in die Bruſt, als er ſo ſprach); aber ich muß Leute zu meiner Unterhaltung haben. Die alte Mrs. Blen⸗ kinſop ſitzt mit den Hühnern auf und nimmt Polly mit ſich. Niemand als ich und der Geiſt waren die zwei 13 erſten Nächte in dem großen Hauſe; und ich geſtehe, Sir, ich liebe Geſellſchaft; die meiſten Soldaten halten es ſo.“ Glandere fragte Strong, wo er gedient hätte? Kapitän Strong kräuſelte ſeinen Schnurrbart und ſagte lachend, er ſollte ihn vielmehr fragen, wo er nicht ge⸗ dient hätte. „Ich begann, Sir, als Cadett bei den ungariſchen Soldaten; und als der Krieg für die griechiſche Unabhängigkeit ausbrach, verließ ich den Dienſt in Folge eines Streits mit meinem Alten und war Einer von den Sieben, die aus Miſſolonghi echappirten, und wurde, als ich kaum ſiebzehn war, mit einem von Botzaris's Brandern in die Luft geſchickt. Ich will Ihnen mein Erlöſerskreuz zeigen, wenn Sie zu mir in meine Woh⸗ nung kommen und heute Abend ein Glas Grog mit mir trinken. Ich habe ein Paar von dieſem Spielzeug in meinem Pult. Ich habe den polniſchen weißen Adler, den mir Skrzynecki (er ſprach Skrzyneckis Namen mit wun⸗ dervoller Genauigkeit und Guſſo aus) auf dem Feld von Oſtrolenka überreicht. Ich war Lieutenant vom vierten Regiment, Sir, und wir marſchirten mitten durch Die⸗ bitſch's Linien — geraden Wegs nach Preußen, Sir, ohne einen Schuß zu thun. Ah, Kapitän! das war eine böſe Geſchichte. Ich empfing dieſe Wunde an der Seite des Königs vor Oporto, wo er dieſe Aktienreiter, die Pedriſten, eingeſperrt hätte, wenn Bourmont meinem Rath gefolgt hätte, und ich habe in Spanien unter den Königstruppen gedient bis zum Tod meines theuren Freundes Zumalacarreguy, wo ich ſah, daß der Spaß ein Ende hatte; und ich henkte meinen Bratſpieß an den Nagel, Kapitän. Alava bot mir ein Regiment an von der Königin Muletteros; aber ich konnte nicht — Gott verdamm mich, ich konnte nicht — und jetzt, Sir, kennen Sie Ned Strong — den Chevalier Strong nen⸗ ſie mich draußen — ſo gut, als er ſich ſelber ennt.“ 14 Auf dieſem Wege lernte beinahe Jedermann in Clavering Ned Strong kennen. Er ſagte es Madame Fribsby, er ſagte es dem Wirth zum George, er ſagte es Baker in den Leſezimmern, er ſagte es Mrs. Glanders und ihrer Jugend über dem Diner; er ſagte es endlich Mr. Arthur Pendennis, der eines Tages nach Clavering hineingähnend, den Chevalier Strong in Geſellſchaft des Kapitän Glanders traf und über ſeine neue Bekanntſchaft entzückt war. . Ehe viele Tage vorüber waren, war Kapitän Strong in Helen's Geſellſchaftszimmer ſowohl zu Haus, als in Ma⸗ dame Fribsby's Parterre, indem er das einſame Haus mit ſeinem guten Humor und ſeinem nieverſiegenden Redefluß ſehr erluſtigte. Die zwei Damen hatten zuvor keinen ſolchen Mann geſehen. Er hatte tauſend Geſchichten von Schlachten, Abenteuern und Gefahren, von griechiſchen Gefangenen, polniſchen Schönheiten und ſpaniſchen Nonnen zu erzählen. Er kannte Hunderte von Liedern in einem Halbdutzend Sprachen und pflegte ſich an's Piano zu ſetzen und ſie mit einer vollen männlichen Stimme abzutrillern. Beide Ladies erklärten ihn für einen herrlichen Mann, und das war er auch. Obgleich ſie in der That bis jetzt keine große Auswahl von männlicher Geſellſchaft gehabt und im Verlaufe ihres Daſeins nur wenige Perſonen geſehen hatten, außer dem alten Portman, dem Major und Mr. Pen, der natürlich ein Genie warz aber dann waren ihre Ge⸗ nies daheim etwas ſchal und mürriſch. Kapitän Strong machte ſeine neuen Freunde in Fairoaks nicht allein mit ſeinem eigenen Lebenslauf, ſondern auch mit der ganzen Geſchichte der nunmehr nach Clavering kommenden Familie bekannt. Er hatte die Heirath zwiſchen ſeinem Freunde Frank und der Wittwe Amory eingeleitet. Sie bedurfte eines Rangs und er brauchte Geld, welche Parthie konnte paſſender ſein? Er organifirte ſie, er machte dieſe beiden Leute 15 glücklich. Es beſtand unter ihnen zwar keine beſondere romantiſche Anhänglichkeit; die Wittwe war nicht vom gehßrigen Alter und von der Perſönlichkeit für einen Ro⸗ man, und Sir Francis fragte, wenn er ſein Spiel auf dem Billard und ſein Diner gehabt, nicht viel nach Weiterem. Aber ſie weren ſo glücklich, als Leute ſein fonnten. Clavering wollte in ſeine Heimath und in ſein Vaterland zurückkehren. Seines Weibes Geld wollte ſeine Schulven bezahlen und ſein Sohn und ſollte einer der erſten Männer in der Grafſchaft ein. „Und Miß Amory?“ fragte Laura. Laura war ungemein neugierig in Bezug auf Miß Amory. Strong lachte. „O, Miß Amory iſt eine Muſe — Miß Amory iſt ein Myſterium — Miß Amory iſt eine femme incomprise.“ — „Was iſt das?“ fragte die unſchuldige Mrs. Pendennis — aber der Chevalier gab ihr keine Antwort; vielleicht konnte er ihr keine geben. Miß Amory malt, Miß Amory ſchreibt Gedichte, Miß Amory komponirt Muſik, Miß Amory reitet, wie die Diana Vernon. Miß Amory iſt mit einem Wort ein sans pareil.“ „Ich haſſe gelehrte Weiber,“ ſagte Pen. „Dank Ihnen,“ ſagte Laura. Ihres Theils war ſie gewiß, daß ſie von Miß Amory bezaubert wäre und gar ſehr wünſchte, eine ſolche Freundin zu haben. Da⸗ mit blickte ſie Pen voll in das Geſicht, als ob jedes Wort, welches der kleine Heuchler ſagte, ein Evange⸗ lium wäre. So wurde zum Voraus eine Vertrautheit arran⸗ girt und vorbereitet zwiſchen der Familie in Fairvaks und ihren reichen Nachbarn in dem Park; und Pen und Laura waren eben ſo begierig auf ihre Ankunft, als ſelbſt die neugierigſten Leute in Clavering. Ein Londoner, welcher jeden Tag neue Geſchichten ſieht und ſie angähnt, lächelt vielleicht über die Neugierde, wo⸗ 16 mit das Landvolk einen Beſuch erwartet. Ein Cockney ²) fommt unter ſie, und ſeine ländlichen Unterhalter ge⸗ denken ſeiner Jahre lang, nachdem er ſie verlaſſen und ſehr wahrſcheinlich vergeſſen hat — weit weg von ihnen auf die endloſe Londoner See getrieben; aber die In⸗ ſulaner erinnern ſich noch lange des Seemanns, nach⸗ dem er fort geſegelt und können dir erzählen, was er ſagte, was er auf dem Leibe trug, wie er ausſah und wie er lachte. Kurz ein neuer Ankömmling iſt auf dem Lande ein Ereigniß, das wir nicht verſtehen, die wir nicht wiſſen, wer nächſt unſerer Hausthür wohnt. Als die Zimmermaler und Tapezierer in dem Hauſe ihr Werk gethan, und es unter Kapitän Strongs Ober⸗ aufſicht ſo verſchönert hatten, daß er auf ſeinen Geſchmack ſtolz ſein konnte, kündigte dieſer Gentleman an, daß er nach London gehen würde, wo die ganze Familie mitt⸗ ler Weile ungekommen war, um ſie nächſtdem in ihr wie⸗ dergeborenes Herrenhaus einzuführen. Detachements von Domeſtiken zogen ihnen voraus. Wägen kamen auf der See herab und wurden mit Pfer⸗ den, welche zuvor unter der Fürſorge von Stallknechten und Kutſchern eingetroffen, von Baymouth herüberge⸗ bracht. Eines Tags brachte die Poſtkutſche auf ihrem Giebel zwei große, trübſelige Männer herab, die mit ihren Koffern an der Parklodge abgeſetzt wurden, die Meſſieurs Frederic und James, Bedienten aus der Hauptſtadt, die nicht gegen das Leben auf dem Lande waren und Gala und andere Anzüge der Claveringer Uniform mit ſich brachten. An einem andern Tage ſetzte die Poſtkutſche an dem Thor einen fremden Gentleman ab, der mit vielen Löck⸗ chen und Ketten geziert war. Er machte großen Lärm an dem Lodgenthor gegen des Jägers Frau, (welche als eine Frau vom Lande aus dem Weſten ſein Eng⸗ liſches oder ſein Gascogner⸗Franzöſiſch nicht verſtand) *) Spottname der Londoner, ein ſüßer Herr. 17 daß kein Wagen auf ihn wartete, um ihn die Meile weit nach dem Haus zu bringen, weil er nicht ganze Stunden in ſeinem ermüdeten Zuſtand und ſeinen ge⸗ wichsten Stiefeln gehen konnte. Dieß war Monſieur Alcide Mirobolant, früher Chef ſeiner Hoheit des Her⸗ zogs von Borodino, von ſeiner Eminenz dem Cardinal Peccafico und gegenwärtig Chef de la bouche von Sir Clavering Baronet. Monſieur Mirobolants Biblio⸗ thek, Gemälde und Piano waren vorläufig unter der Aufſicht des intelligenten jungen Engländers, ſeines Adju⸗ tanten angelangt. Erwar ferner ſecundirt von einer Köchin von Profeſſion, gleichfalls von London, welche unter⸗ geordnete Mägde unter ihren Befehlen hatte. Er di⸗ nirte nicht in der Wohnung des Stewart, ſondern nahm ſeine Nahrung in der Einſamkeit in ſeinen eigenen Ge⸗ mächern zu ſich, wo eine Dienerin für ſeine Privat⸗ bedürfniſſe auserleſen war. Es war ein großartiger Anblick, wenn er in ſeinem Schlafrocke ein menu componirte. Er ſaß immer zuvor nieder und ſpielte eine Weile auf dem Klavier. Wurde er unterbrochen, ſo remonſtrirte er dagegen pathetiſch gegen ſein Stubenmädchen; jeder große Künſtler, ſagte er, brauche Einſamkeit, um ſeine Werke zu vollenden. Aber in der Fülle unſerer Liebe und Hochachtung für Monſieur Mirobolant übereilen wir uns und bringen ihn zu bald auf die Bühne. Der Chevalier Strong hatte bei der Anſtellung aller Londoner Domeſtiken die Hand darin und ſchien überhaupt Herr vom Hauſe zu ſein. Es waren Leute unter ihnen, welche geradezu ſagten, daß er der Hausobermeiſter ſei, nur daß er mit der Familie ſpeiſe. Sei dem, wie ihm wolle: er wußte ſich in Reſpekt zu ſetzen, und zwei der nicht am wenigſten comfortabeln Zimmer im Hauſe wurden ihm zu ſeinem Privatgebrauche angewieſen. Er ging an dem ereignißvollen Tage auf dem Grasplatze auf und nieder, als unter dem gewaltigen Läuten der Glocken der Claveringer Kirche, wo die Pendennis. h. 2 18 Fahne wehte, ein offener Wagen und einer ſeiner Reiſe⸗ wagen oder Familienarchen, die blos engliſche Erſige⸗ burtsliebe erfinden konnte, blitzſchnell mit ſchäumenden Roſſen durch die Parkthore, und auf und herauf zu den Stufen der Halle fuhr. Diezwei battants des mit Schnitz⸗ werk verzierten Thors flogen auf, die zwei höhern Be⸗ amten in Schwarz, die hohen trübſeligen Gentlemen, jetzt in Livree mit bepudertem Haar, die ländliche Die⸗ nerſchaft, welche zu ihrer Hilfe beigezogen war, war⸗ teten in der Halle und verbeugten ſich dort wie ſchlanke Ulmen, wenn die Herbſtwinde in dem Parke heulten. Durch dieſe Allee fuhr Sir Francis Clave⸗ ring mit faſt unbewegtem Geſicht: Lady Clavering, mit einem paar glänzender ſchwarzer Augen und gut⸗ müthiger Miene, ſehr gnädig nickend und ſich neigend: Muſter Francis Clavering, der ſeiner Mama Schoͤßen hielt und den Aufzug halten ließ, um den größten Be⸗ dienten anzuſchauen, deſſen Erſcheinung dem jungen Gentleman aufzufallen ſchien, und Miß Blany, Gou⸗ vernante des Maſter Francis, und Miß Amory, Tochter Ihrer Herrlichkeit, welche Capitän Strong ihren Arm gab. Es war Soymmer, aber Bewillkommnungsfeier kniſterten in dem großen Hallenkamin und in den Räu⸗ men, welche die Familie einnehmen ſollte. Monſieur Mirobolant hatte dem Aufzug von einem ver Lindenbäume in der Alle zugeſehen. „Elle est la,“ ſagte er, indem er ſeine mit Juwelen geſchmückte Hand auf ſeine reichverbrämte Sammtweſte mit Glasknöpfen legte. „Je l'ai vue, je la bénis, o ma Sylphide, o mon ange!“ und er vertiefte ſich in das Dickicht und machte ſeinen Weg zurück zu ſeinem Ofen und ſeinen Saucepfannen. Am nächſten Sonntag kam dieſelbe Parthie, welche eben erſt in Claveringpark erſchienen war, und nahm öffentlich Beſitz von dem alten Kirchſtuhl, wo ſo Viele von des Baronets Vorfahren gebetet hatten und nun in elfigie auf den Knien lagen. Es war ein ſolches Ren⸗ 19 nen, die neuen Ankömmlinge zu ſehen, daß die niedere Kirche zum Verdruß ihres Pfarrers verlaſſen war; und als die Galabarouche mit den Grauſchimmeln und dem Kutſcher in der Silberperücke und den feierlichen Be⸗ dienten durch das alte Kirchhofthor einfuhr, war hier ein ſolches Gedränge, als ſeit vielen Jahren nicht mehr ge⸗ ſehen wurde. Kapitän Strong kannte Jedermann und grüßte für die ganze Geſellſchaft — das Landvolk be⸗ hauptete, die Lady ſei allerdings nicht hübſch, meinte aber, ſie ſei außerordentlich ſchön gekleidet, was ſie denn auch war — mit den ſchönſten Shawlen, den fein⸗ ſten Pelzen, den glänzendſten Hüten und Locken und einem Reichthum von Ringen, Cameen, Geſchmeiden, Ketten, Spangen und anderem namenloſem Flitter und Bändern von jeder Breite und Farbe des Regenbogens an ihrem Leibe ſchimmernd. Miß Amory erſchien in ſanfter Taubenfarbe, wie eine veſtaliſche Jungfrau — während Maſter Francis in dem damals beliebten Ko⸗ ſtüme des Rob Roy Mae Gregor, eines berühmten ge⸗ ächteten Hochländers erſchien. Der Baronet war nicht mehr belebt als gewöhnlich, eine glückliche Leere waltete bei ihm vor, die ihn in Stand ſetzte, mit derſelben gleichgiltigen Ruhe einem Diner, dem Tod, einer Kirche, einer Heirath ins Geſicht zu ſehen. Ein Kirchſtuhl für die Claveringer Dienerſchaft wurde von dieſen Domeſtiken gefüllt, und die entzückte Gemeinde ſah die Gentlemen aus London mit Mehl⸗ Blüthe auf ihren Häuptern und den wunderſamen Kut⸗ ſcher mit ſeiner ſilbernen Perücke ihre Plätze in jenem Kirchſtuhl einnehmen, ſo bald ſeine Pferde in dem Wap⸗ pen zu Clavering untergebracht waren. Im Verlaufe des Gottesdienſtes begann Maſter Francis in dem Kirchſtuhl ein ſolches Geheul aufzu⸗ ſchlagen, daß Frederic, der größte der Bedienten, von ſeinem Herrn herbei gewinkt, aufſtand, ging und Maſter Francis hinaustrug, welcher brüllte und ihn auf den Kopf ſchlug, ſo daß der Puder gleich Weihrauchwolken 20 um ihn her flog; auch wurde er nicht eher befriedigt, als bis er auf den Wagenbock geſetzt wurde, wo er mit John's Peitſche Gäulchens ſpielte. „Sie ſehen, der kleine Bettler iſt noch nie zuvor in der Kirche geweſen, Miß Bell,“ ſprach der Baronet in gezogenem Tone gegen eine junge Lady, die ihn be⸗ ſuchte; kein Wunder, daß er ſolchen Lärm aufſchlug: ich gehe in der Stadt nie dahin; aber ich denke, es iſt doch auf dem Lande recht, wenn man ein gutes Beiſpiel gibt und ſo weiter.“ Miß Bell lachte und ſagte: „Der kleine Junge hat kein beſonders gutes Beiſpiel gegeben.“ „Gott, ich weiß es nicht, es iſt nicht ſo ſchlecht,“ ſagte der Baronet, „wenn Frank etwas haben will, ſo ſchreit er, und wenn er ſchreit, ſo kriegt er's.“ Hier begann das fragliche Kind nach einer Platte Zuckerbrod auf dem Zwiſchenimbistiſche zu ſchreien und einen Sprung über den Tiſch zu thun, ein Glas Wein über die beſte Weſte von einem der anweſenden Gäſte, Mr. Arthur Pendennis, zu gießen, der ſehr ſchokirt war, daß er ein ſo linkiſches Geſicht ſchnitt, und daß ſein fleckloſes, batiſtenes Hemd mit Wein befleckt wurde. „Wir verwöhnen ihn ſo,“ ſagte Lady Clavering zu Mrs. Pendennis, indem ſie zärtlich ihren Cherub an⸗ blickte, deſſen Hände und Geſicht jetzt mit der Spezies von Schaum bedeckt wurden, die in der Bereitung der meringues à la créme verwendet wird. „Das iſt ſehr ſchlimm,“ ſagte Mrs. Pendennis, als ob ſie nie ein Kind verzogen hätte. „Mama ſagt, ſie verziehe meinen Bruder, — glau⸗ ben Sie, daß das möglich iſt, Miß Bell? Sehen Sie ihn an, — ſieht er nicht aus wie ein Engelchen?“ „Bei Gott, ich hatte ganz Wecht,“ ſagte der Ba⸗ ronet. „Er hat geſchrien, und Sie ſehen, er hat es bekommen. Geh, geh, Fwank, alter Knabe.“ „Sir Francis iſt ein ſehr beſonnener Vater,“ flü⸗ ſterte Miß Amory. „Glauben Sie nicht auch, Miß Bell? 21 Ich will Sie nicht Miß Bell nennen, nenne Sie Laura. Ich bewunderte Sie ſo in der Kirche. Ihr Kleid war nicht recht gemacht, noch Ihr Hut ganz friſch; aber Sie haben ſo ſchöne, graue Augen und einen ſo lieblichen Teint.“ „Dank Ihnen,“ ſagte Miß Bell lachend. „Ihr Vetter iſt ſchön und weiß es auch. Er iſt unzufrieden de sa personne. Er hat die Welt noch nicht geſehen. Hat er Talent? Hat er unglücklich geliebt? eine Lady, ein kleines Frauenzimmer, in einem zerrunzelten Satin und Sammtſchuhen — eine Miß Pybus kam hierher und ſagte, er ſei in der Liebe nicht glücklich geweſen. Auch ich hatte Unglück — und Sie, Laura: iſt Ihr Herz nie gerührt worden?“ Laura verneinte; aber vielleicht erröthete ſie ein wenig bei dem Gedanken oder der Frage, ſo daß die Andere ſagte, — „ach, Laural ich ſehe Alles. Es iſt der ſchöne Vetter. Sagen Sie mir Alles; ich liebe Sie bereits wie eine Schweſter.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Miß Bell lächelnd, „und — und man muß geſtehen, es iſt eine ſehr plötz⸗ liche Zuneigung.“ „Alle Zuneigungen ſind ſo. Es iſt eine Elektricität — eine Unwillkührlichkeit; es iſt was Augenblickliches. Ich wußte, ich würde Sie lieben von dem Augenblicke an, da ich Sie ſah. Fühlen Sie's nicht auch ſelbſt?“ „Noch nicht,“ ſagte Laura; „aber — ich darf es wohl ſagen, ich werde es, wenn ich's verſuche.“ „So nennen Sie mich denn bei meinem Namen.“ „Aber ich weiß ihn nicht,“ entgegnete Laura. „Ich heiße Blanche — iſt's nicht ein hübſcher Name? nennen Sie mich ſo.“ „Blanche — in der That, ein hübſcher Name.“ „Und während Mama mit der freundlich ausſehen⸗ den Lady ſpricht — wie iſt ſie mit Ihnen verwandt? Sie muß einmal ſehr hübſch geweſen ſein, aber es iſt passé; ſie iſt nicht recht behandſchuht, aber ſie hat eine hübſche Hand — und während Mama mit ihr ſpricht, 22 kommen Sie mit mir auf mein eigenes Zimmer, — mein, mein eigenes Zimmer. Es iſt ein allerliebſtes Zimmer, obgleich es das garſtige Geſchöpf, der Kapitän Strong, angeordnet hat. Sind Sie éprise auf ihn? Er ſagt ſo, aber ich weiß es beſſer; es iſt der ſchöne Vetter, ja — il a de beaus yeux; je n'aime pas jes blonds, ordinairement; car je suis blonde moi — je suis Blanche et blonde,“ — und ſie ſah ihr ins Geſicht und machte eine moue in den Spiegel, und wartele nicht, bis Laura ihr auf die an ſie geſtellten Fragen geantwortet hatte. Blanche war ſchön, und wie eine Sylphe. Sie hatte hübſches Haar, mit grünen Reflexionen darin. Aber ſie hatte dunkle Augbrauen. Sie hatte lange ſchwarze Augenlieder, welche ſchöne braune Augen über⸗ ſchleierten. Sie hatte eine ſo ſchlanke Taille, daß es eine Luſt war, ſie anzuſchauen, und ſo kleine, leichte Füßchen, daß man meinte, das Gras würde ſich kaum unter ihr ſenken. Ihre Lippen waren von der Farbe ſchwacher Roſenknoſpen, und ihre Stimme wirbelte leicht über eine Reihe der lieblichſten Perlzähne, die man je⸗ mals ſehen konnte. Sie zeigte ſie ſehr oft, denn ſie waren ſehr ſchön. Sie war ſehr gutmüthig, und ein Lächeln zeigte nicht nur ihre wundervollen Zähne, ſon⸗ dern auch zwei liebliche blaßrothe Grübchen, welche in ihren beiden Wangen niſteten. Sie zeigte Laura ihre Zeichnungen, welche die An⸗ dere für bezaubernd hielt. Sie ſpielte ihr einige ihrer Walzer mit pfeilſchnellem brillantem Finger, und Laura war noch mehr bezaubert, und ſie las ihr einige fran⸗ zöſiſche und engliſche Gedichte, gleichfalls ihre eigene Schöpfung, und welche ſie in ihrem eigenen Buche, ihrem eigenen lieben, kleinen Buche verſchloſſen. Es war in blauen Sammt gebunden, mit einem goldenen Schloß, und darauf waren als Aufſchrift in Gold ge⸗ druckt die Worte: „Mes larmes!“ „Mes larmes! — Iſt das kein ſchöner Name?“ 23 fuhr die junge Lady fort, der Alles wohl gefiel, was ſie that, und die Alles auf's Beſte that. Laura gab zu, daß er ſchön war. Sie hätte nie zuvor ſo was ge⸗ ſehen, nichts ſo Liebliches, ſo Vollendetes, ſo Zartge⸗ bautes und Hübſches, das ſo hübſch trillerte und in einem ſo hübſchen Gemach umhertrippelte, mit ſo viel hübſchen Büchern, Gemälden, Blumen um ſich her. Das ehrliche, edelmüthige Landmädchen vergaß über ihrer Be⸗ wunderung ſelbſt die Eiferſucht. „In der That, Blanche,“ ſagte ſie, „Alles im Zimmer iſt hübſch, und Sie ſind unter Allem am hübſcheſten.“ Die Andere lächelte, ſah in den Spiegel, kam herbei und ergriff Laura's beide Hände, küßte ſie, ſetzte ſich nieder an das Klavier und ſlötete ein kleines Lied, als wäre ſie eine Nachtigall. Dieß war der erſte Beſuch der Fairvaker in Cla⸗ vering Parf, als Erwiderung auf Clavering Parks Beſuch in Fairvaks, für die Fairvaker Karten, die einige Tage nach der Ankunft von Sir Franecis's Familie dort hin⸗ terlaſſen wurden. Die Vertrautheit zwiſchen den jungen Ladies ſchoß empor wie Jacks Bohnenſtock in einer Nacht an den Himmel. Die großen Bedienten gingen beſtändig mit kleinen roſenfarbenen Noten nach Fairvaks, wo ein hübſches Hausmädchen in der Küche war, das möglicherweiſe jene Gentlemen nach der niedrigen Be⸗ hauſung verführte. Miß Amory ſandte Muſikſtücke, oder ſandte Miß Amory eine neue Novelle, oder ein Bild aus dem „Journal des modes“ an Laura, oder kamen Mylady's Komplimente mit Blumen und Früch⸗ ten an, oder erſuchte Miß Amory angelegentlich Miß Bell, zu einem Diner zu kommen, und die theure Mrs. Pendennis, wenn ſie kräftig genug wäre, und Mr. Ar⸗ thur, wenn eine Humdrumparthie nicht zu albern für ihn wäre, und ſie würde einen Wagen mit Frauenpferdchen für Mrs. Pendennis ſenden und keine Abweiſung annehmen. Weder Arthur noch Laura wünſchten einen Korb zu geben, und Helen, welche allerdings etwas kränklich war, freute ſich, daß Beide ihr Vergnügen hätten, und 24 ſah ſie zärtlich an, als ſie abfuhren, und fühlte in ihrem Herzen, daß ſie nicht möchte abgerufen werden, bis dieſe beiden Weſen, die ihr auf Erden am theuerſten waren, mit einander verbunden wären. Wenn ſie ab⸗ und über die Brücke gingen, gedachte ſie an Sommer⸗ abende, wo ſie vor fünfundzwanzig Jahren in ihrem kurzen Liebeslenz und Liebesgluͤck geblüht hatte. Es war jetzt Alles vorüber; der Mond ſchaute aus der Pur⸗ purwolke und die Sterne flimmerten wie an jenen frühen Abenden. Er lag todt in weiter Ferne, die Wellen roll⸗ ten zwiſchen ihnen. Guter Gott! wie gut erinnerte ſie ſich an ſeinen letzten Abſchiedsblick. Sein Antlitz ſchaute nach ihr durch die Viſta langer Jahre ſo wehmüthig und ſo klar, wie an jenem Tage. So fanden Mr. Pen und Miß Laura in der Ge⸗ ſellſchaft in Claveringpark ein ungemein angenehmes Rendezvous an Sommerabenden. Blanche betheuerte, daß ſie in Laura raffolirt ſei, und ſehr wahrſcheinlich fand Mr. Pen an Blanche großes Gefallen. Sein guter Humor kehrte zurück: er lachte und plauderte, bis Laura darob in Verwunderung gerieth. Es war nicht derſelbe Pen, der in dem Jagdwammſe in dem Parlour zu Fai⸗ roaks gähnte, und jetzt ſo munter und ſo friſch, ſo lä⸗ chelnd und hübſch aufgeputzt in Lady Claverings Ge⸗ ſellſchaftszimmer erſchien. Zuweilen hatten ſie Mußik. Laura hatte eine liebliche Contralto⸗Stimme und ſang mit Blanche, die den beſten Unterricht auf dem Konti⸗ nent genoſſen, und ſich freute, ihrer Freundin Lehrerin zu ſein. Oft ſtimmte Mr. Pen in das Tonſpiel ein oder blickte noch öfter holdſelig auf die ſingende Miß Blanche. Zuweilen hatten ſie Rundgeſänge, wo Kapitän Strongs Bruſt große Dienſte le iſtete, und er in einem furchtba ren Baß, auf den er nicht wenig ſtolz war, daherſtürmte. „Ein guter Junge, Strong — nicht wahr, Miß Bell?“ pflegte Sir Franeis zu ihr zu ſagen, ſpielt écarté mit Mrs. Clavering — ſpielt Alles, Cribbage und was dergleichen Spiele mehr ſind. Wie lang glau⸗ 25 ben Sie, daß er ſchon bei mir iſt? er kam auf eine Woche mit einem Reiſeſack, und bei Gott, er iſt drei Jahre hier geblieben. Ein guter Burſche, nicht wahr? weiß nicht, wie er den Shilling kriegt, bei Gott, ich weiß es nicht, Miß Laura.“ „Und doch bezahlt Chevalier, wenn er ſein Geld an Lady Clavering verlor, daſſelbe jederzeit; und wenn er mit ſeinem Freunde die drei Jahre lebte, bezahlte er auch dafür — mit gutem Humor, mit Freundlichkeit und Jovialität, mit tauſend kleinen Dienſten, wodurch er ſich angenehm machte. Welcher Gentleman konnte ſich einen beſſern Freund wünſchen, — als einen Mann, der immer aufgeräumt, nie im Wege, und immer bei der Hand und bereit war, jeden Auftrag für ſeinen Gönner auszuführen, mochte es gelten, ein Lied zu ſingen, mit einem Advokaten zu ſprechen, ein Duell aus⸗ zufechten, oder einen Kapaun vorzulegen.“ Obgleich Laura und Pen gewöhnlich zuſammen nach Clavering Park gingen, ſo unternahm doch Mr. Pen, un⸗ begleitet von ihr, dorthin Spaziergänge, von denen er ihr Nichts erzählte. Er ſetzte ſich in den Kopf, in dem Brawl zu fiſchen, der durch den Park und nicht ſehr fern von der Gartenmauer vorüber fließt, und durch den ſeltſamſten Zufall ging jedes Mal Miß Amory aus (ſie hatte nach ihren Blumen zu ſehen), und war ganz überraſcht, Mr. Pendennis fiſchen zu ſehen. Ich wundere mich, was für eine Forelle Pen ſing, während die junge Lady zuſah, oder ob Miß Blanche das niedliche Fiſchchen war, das um ſeinen Köder ſpielte und das Mr. Pen zu angeln ſuchte? Man muß ge⸗ ſtehen, daß er eine große Liebhaberei für die geſunde und kräftigende Beſchäftigung des Angelns gewann, und den Brawl beſtändig mit ſeinem Köder peitſchte. Was Miß Blanche betrifft, ſo hatte ſie ein freund⸗ liches Herz, und da ſie ſelbſt, wie ſie geſtand, im Ver⸗ lauf ihrer kurzen Lebenszeit und Erfahrung „gelitten,“ ſo konnte ſie anderen gefühlvollen Weſen, wie Pen, der 26 auch gelitten, ihr Mitleid nicht verſagen. Ihre Liebe für Laura und die theure Mrs. Pendennis verdoppelte ſich: wenn ſie nickt in dem Parke waren, war es ihr gar nicht wohl, bis ſie ſelbſt in Fairvaks war. Sie ſpielte mit Laura; ſie las franzöſiſch und deutſch mit Laura; und Mr. Pen las franzöſiſch und deutſch zu ſammt mit ihnen. Er übertrug ſentimentale Balladen von Schiller und Göthe in engliſche Verſe für die Ladies und Blanche, ſchloß Mes larmes für ihn auf und theilte ihm einige von den kläglichen Ergüſſen ihrer eigenen zarten Muſe mit. Es ergab ſich aus dieſen Gedichten, daß dieſes junge Geſchöpf ſchon außerordentlich viel gelitten hatte. Sie war mit dem Gedanken des Selbſtmords vertraut, nach dem Tod hatte ſie zu wiederholten Malen verlangt, eine verwitterte Roſe inſpirirte ſie mit ſolchem Gram, daß man hätte glauben ſollen, ſie müßte ſterben vor Schmerz. Es war zu verwundern, wie ein junges Ge⸗ ſchöpf (das eine ſo ruhige Heimath gehabt, oder in einem ſo behaglichen Koſthauſe geweſen, und ſich äußerlich we⸗ der über Gram noch Ungemach zu beklagen hatte) ſo viel gelitten haben — die Wittel gefunden haben ſollte, auf einen ſolchen Ocean der Verzweiflung und der Leiden⸗ ſchaft (wie ein davongelaufener Junge, der auf die See kommen will) zu gerathen, und wenn ſie ſich auf ſie eingeſchifft, überleben ſollte. Welches Talent, zu wei⸗ nen, mußte ſie gehabt haben, um im Stande zu ſein, ſo viele Mes larmes zu vergießen; ſie waren nicht be⸗ ſonders ſalzig Miß Blanche's Thränen, es iſt wahr; aber Pen, der ihre Verſe las, glaubte, ſie ſeien gut ge⸗ nug für eine Lady und ſchrieb ſelbſt einige Verſe über ſie. Die ſeinigen waren ſehr ungeſtüm und leidenſchaftüch, ſehr heiß, lieblich und ſtark, und er ſchrieb nicht nur neue Verſe, ſondern — o der Schuft! o der Betrüger! Er veränderte und paßte frühere Gedichte, die er für eine gewiſſe Miß Emily Fotheringay verfaßt hatte, für den Gebrauch und den chriſtlichen Namen der Miß Blanche Amory an. 27 Zweites Kapitel. Eine kleine Unſchuldige. Jedes Haus hat ſeinen Marterpfahl irgendwo, und es mag ein Troſt für Unglückliche ſein, denken zu können, daß die Glücklichſten und Reichſten ihrer Nachbarn ihr Elend und ihre Veranlaſſungen zur Unruhe haben. Unſere kleine unſchuldige Muſe Blanche, welche ſo hübſch ſang und ſo holdſelig redete, daß man hätte glauben mögen, ſie müßte überall, wo ſie ginge, Son⸗ nenſchein machen, war der Marterpfahl Unglück, oder die Nemeſis von Claveringhouſe und der meiſten ſeiner Bewohner. Wie ein kleiner Stein in eurem eigenen Schuh, oder dem eures Pferdes genügte, euch auf die Folter zu legen, oder eure Reiſe elend zu machen, ſo iſt im Le⸗ ben ein kleines Hinderniß genügend, unſer ganzes Wei⸗ terſchreiten zu hemmen, uns endloſem Verdruß und Un⸗ ruhen auszuſetzen. Wer hätte errathen, daß ſo ein lächelndes Feechen, wie Blanche Amory, die Urſache eines Zwieſpalts in einer Familie werden konnte? „Ich ſage, Strong,“ ſagte eines Tags der Baro⸗ net, als das Paar nach dem Mittageſſen über dem Bil⸗ lardtiſche und dem großen Enthüller von Geheimniſſen der Cigarre ſich mit einander unterhielt; „ich ſage, Strong, ich wünſche, beim Teufel, Ihr Weib wäre todt.“ „So auch ich. Das iſt ein Kanon, beim Jupiter. Aber ſie will nicht; ſie will in alle Ewigkeit leben. Warum wünſchen Sie, daß ſie abfahre, Frank, mein Junge?“ fragte Kapitän Strong. „Weil Sie dann Miſſy heirathen könnten. Sie ſieht 28 nicht ſchlecht aus. Sie bekommt ihre Zehntauſend, und das iſt ein guter Biſſen für einen ſo armen, alten Teu⸗ fel, wie Ihr,“ ſprach in ſchleppendem Tone der andere Gentleman; „und bei Gott, Strong, ich haſſe ſie von Tag zu Tag mehr. Ich kann's mit ihr nicht aushalten, Strong, bei Gott, ich kann's nicht.“ „Ich wollte ſie um die doppelte Ziffer nicht neh⸗ men. Nie ſah ich mein Lebtag ſolch einen kleinen Teufel.“ „Gern möcht' ich ſie vergiften,“ meinte der ſenten⸗ ziöſe Baronet; „beim Jupiter, das möchte ich.“ „Ei, was hat ſie denn wieder angeſtellt?“ „Nichts Beſonderes,“ antwortete Sir Francis. „s ſind ihre alten Gänge. Das Mädchen hat eine ſolche Force, Jedermann unglücklich zu machen, daß es, Gott ſtraf mich, zum Erſtaunen iſt. Geſtern Abend trieb ſie die Gouvernante weinend vom Dinertiſche weg; ſpäter, als ich durch Franks Zimmer kam, hörte ich den armen, kleinen Bettler im Finſtern heulen und fand, daß ſeine Schweſter ihm durch Geſchichten von dem Geiſt, der im Hauſe ſpukt, beinahe die Seel' aus dem Leib geſcheucht hätte. Beim Zwiſchenimbiß gab ſie Mylady einen Treff; und obgleich mein Weib eine Närrin iſt, iſt ſie doch eine gute Seele — ich will des Teufels ſein, wenn ſie's nicht iſt.“ „Was that ihr Miſſy?“ „Nun, Gott ſtraf mich, wenn ſie nicht von dem ſeligen Amory, meinem Vorgänger, zu ſchwatzen anſing,“ ſagte der Baronet grinſend. „Sie brachte ein Gemälde aus ihrer Erinnerung hervor und ſagte, ſie ſei über⸗ zeugt, daß es ihrem theuren Vater gliche. Sie wünſchte zu wiſſen, wo ihres Vaters Grab wäre. Zum Henker mit ihrem Vater! Wenn immer Miß Amory von ihm ſpricht, bricht Lady Clavering in Thränen aus, und der kleine Teufel ſpricht immer von ihm, um ſeine Mutter zu quälen. Heute, als ſie anfing, gerieth ich in eine verdammte Wuth, ſagte, ich ſei ihr Vater und — und 29 ſo weiter. Und dann kriegte ſie eine wahre Scheu vor mir.“ „Und was ſagte ſie von Ihnen, Frank?“ fragte Mr. Strong, immer noch lachend, ſeinen Freund und Gönner. „Bei Gott, ſie ſagte, daß ich nicht ihr Vater ſei; daß ich nicht im Stande ſei, ſie zu begreifen, daß ihr Vater ein Mann von Genie und edeln Gefühlen ge⸗ weſen ſein müßte, und was dergleichen mehr iſt, wäh⸗ ich ihre Mutter des Geldes wegen geheirathet hätte.“ „Gut, thaten Sie es nicht?“ fragte Strong. „Man hört es darum nicht lieber, daß es wahr iſt, was meinet Ihr?“ antwortete Sir Franeis Clave⸗ ring. „Ich bin nicht hoch ſtudirt; aber ich bin auch kein ſolcher Dummkopf, wie ſie einen aus mir macht; ich weiß nicht, wie es zugeht; aber ſie legt es immer varauf an — mich herunter zu machen, verſtehen Sie mich? Sie bringt in aller Ruhe und mit ihren ver⸗ dammten Sentimentalitäten das ganze Haus durch ein⸗ 1e Ich wünſchte, ſie wäre, wo der Pfeffer wächst, Ned. „Eben noch wünſchten Sie mein Weib von dan⸗ nen,“ ſagte Strong, immer noch bei vollkommen gutem Humor, worauf der Baronet mit ſeiner gewohnten Auf⸗ richtigkeit ſagte: „Gut, nun, wenn die Leute mir das Leben ſauer machen, ſo wünſch' ich ſie unter den Bo⸗ den, und ich wünſche von ganzem Herzen, daß über Miſſy das Waſſer ginge.“ Aus dem obigen Berichte und dieſer aufrichtigen Unterhaltung wird man erſehen, daß unſere ausgezeich⸗ nete kleine Freundin einige Eigenthümlichkeiten oder Mängel des Charakters hakte, die ſie nicht ſehr popu⸗ lär machten. Sie war eine junge Lady von einigem Genie, feinem Gefühle und beträchtlichen wiſſenſchaft⸗ lichen Kenntniſſen, und lebte, wie ſo manches andere Genie, mit Verwandten, die ſie nicht begreifen konnten⸗ 30 Weder ihre Mutter, noch ihr Stiefvater waren Perſo⸗ nen wiſſenſchaftlicher Bildung. Bell's Leben und der Racingcalendar waren die einzige Lektüre des Baronets, und Lady Clavering ſchrieb immer noch wie eine Schü⸗ lerin von dreizehn, und mit einer außerordentlichen Geringſchätzung der Grammatik und Orthographie. Und va Miß Amory ſehr empfindlich fühlte, daß ſie in ihrem Werthe nicht anerkannt wurde und mit Leuten lebte, die ihr an Intelligenz und Unterhaltungsgabe nicht ge⸗ wachſen waren, ſo ließ ſie keine Gelegenheit vorbei, den Gliedern ihres Familienzirkels zu wiſſen zu thun, wie weit ſie unter ihr ſtänden, und war nicht blos eine Märterin, ſondern trug auch Sorge, Jedermann wiſſen zu laſſen, daß ſie es war. Wenn ſie, wie ſie ſagte und dachte, empfindlich litt, dürfen wir uns wundern, daß ein junges Geſchöpf von ſo zarter Empfindſamkeit ein gut Theil weinte und wehklagte? Ohne Mitgefühl iſt das Leben Nichts; und wäre es nicht ein Mangel an Aufrichtigkeit von ihrer Seite geweſen, eine Heiter⸗ keit zu affektiren, die ihr nicht von Herzen ging, oder ſolchen einen Reſpekt zu bezeigen, die hochzuachten ihr ganz unmöglich war? Wenn eine Dichterin nicht ihr Loos zu was auf der Welt iſt ihre Leier ihr nütze? Blanche ſchlug auf der ihrigen nur die wehmüthig⸗ ſten Akkorde an und ſang Elegien über ihre erſtorbenen Hoffnungen, Klagelieder über die vom Froſt verſengten Blüthenknoſpen jugendlicher Neigung, wie ſie zu ſolch melancholiſchem Schickſal und ſolcher Muſe ſich eigneten. Ihre wirklichen Mißgeſchicke waren, wie wir bereits ſagten, nicht von Belang; aber ihre Schmerzen lagen wie diejenigen der meiſten von uns in ihrer eigenen Seele — wenn dieſe wehmüthig und habituel unzufrie⸗ den war, was Wunder, wenn ſie weinte. So tröpfelten mes larmes jeden Tag aufs Kommando aus ihren Au⸗ gen. Sie konnte ein endloſes Kontingent von Thränen ſtellen und ihre Fähigkeit wuchs mit der Uebung; denn 31 das Gefühl war wie eine andere Beſchwerde, deren Ho⸗ raz erwähnt, durch ſo große Nachſicht gegen ſich ſelbſt erhöht, (ich bedaure, meine Damen, ſagen zu müſſen, daß das fragliche Uebel Waſſerſucht heißt) und jemehr ſie weinen, deſto mehr werden Sie das Vermögen und den Drang haben, es zu thun. Miſſy hatte ſehr früh begonnen, Gefühle auszu⸗ ſtrömen; Lamartine war ihr Lieblingsbarde ſeit der Zeit, da ſie zuerſt fühlen konnte, und ſie hatte in der Folge durch ein fleißiges Studium der Novellen der großen modernen Autoren Frankreichs ihren Geiſt fortgebildet; da war kein Roman von Balzac und George Sand, den das unermüdliche, kleine Geſchöpf im ſechszehnten Jahre nicht verſchlungen hätte; und obgleich ſie mit ihren Verwandten in der Heimath wenig ſympathiſirte, ſo hatte ſie doch, wie ſie ſagte, Freunde in der geiſtigen Welt. Die zärtliche Indiana, die leidenſchaftliche und pvetiſche Lälia, den liebenswürdigen Trenmor, den hochſinnigen Miſſethäter, den Engel der Galeeren, den feurigen Stenio — und die zahlloſen andern Helden der franzö⸗ ſiſchen Romane. Sie war verliebt in den Prinzen Ru⸗ dolph und den Prinzen Djalma, während ſie noch in der Schule war, und hatte die Scheidungsfrage und die Rechte der Weiber mit Indiana abgemacht, ehe ſie die Ueberſchürzen ablegte. Die ungeſtüme, kleine Laby ſpielte mit dieſen imaginären Heldinnen Liebe, wie ſie kurz zuvor mit ihrer Puppe Mütterchen geſpielt. Die niedlichen, kleinen pvetiſchen Geſchöpfe! Es iſt allerliebſt, wenn man dieſen Spielereien zuſieht;z heute iſt der blau⸗ äugige der Günſtling und der ſchwarzäugige wird zu⸗ rück in die Schublade geſchoben. Morgen kommen die blauen in Mißkredit, und es mag ein garſtiger kleiner Wicht mit einer verbrannten Naſe ſein, der kein Haar auf und keine Augen in dem Kopfe hat, der den erſten Platz in der Zuneigung der Miß einnimmt, und in ihren Armen gedrückt und geliebkost wird. Da man von Novelliſten annimmt, daß ſie Alles 32 wiſſen, ſelbſt die Geheimniſſe des weiblichen Herzens, welche die Eigenthümerinnen vielleicht ſelbſt nicht ken⸗ nen, ſo können wir angeben, daß Mademoiſelle Betſy⸗ wie Miß Amory damals genannt wurde, zarte Regun⸗ gen für einen jungen Savoyarden⸗Orgelmann fühlte, von dem ſie ſich nicht nehmen ließ, daß er ein aus dem Schvoße ſeiner Eltern entführter Prinz ſei; daß in ihrem zwölften Jahr ein alter häßlicher Zeichnungslehrer — (ach, welches Alter, welche perſönliche Mängel ſind bom⸗ benfeſt gegen weibliche Liebe ²) ihr junges Herz agitirt hatte, und daß in ihrem dreizehnten, als ſie in Ma⸗ dame de Carmels Penſion war, in den elyſeiſchen Fel⸗ dern, welche, wie Jedermann weiß, die nächſte Thüre zu Monsieur Bogron's (Ritters der Ehrenlegion) Penſion für junge Gentlemen war, ſich ein Brief⸗ wechſel zwiſchen der seduisante Miss Betsi und zwei jungen Gentlemen von dem College Charlemagne entſpann, welche Penſionäre des Chevalier Rogrons waren. In dem frühern Abſchnitt hatte unſere junge Freun⸗ din einen andern Taufnamen, als derjenige iſt, unter dem wir ihr in letzter Zeit vorgeſtellt wurden. That⸗ ſache iſt, daß Miß Amory⸗ daheim Miſſy genannt, wirk⸗ lich zuerſt Betſy getauft worden war, aber mit ihrem eigenen Willen und ihrem Dafürhalten den Namen Blanche angenommen und ſich damit geſchmückt hatte, und die Waffe, welche der Baronet, ihr Stiefvater, zum Schrecken wie ein Damoklesſchwert über ihr aufgehängt hatte, war die Drohung, ſie öffentlich bei ihrem Namen Betſy zu nennen, eine Drohung, durch welche ſie oft es ſo fügte, daß ſie die junge Rebellin in Ordnung hielt. Wir haben ſo eben von Kinderpuppen und von der Art geſprochen, womit dieſes kleine Volk ihre theuern Docken vorziehen oder vernachläßigen, und ſehr wahr⸗ ſcheinlich wird dieſe Geſchichte zeigen, daß Miß Blanche ihre lebendigen Puppen mit gleich mäbchenhafter Unbe⸗ 33 ſtändigkeit abthun will. Sie hatte erſt noch Heere von theuern, theuern Freunden gehabt, und ein ganzes Mu⸗ ſeum von Haarlocken in ihrem Geſchmeidekäſtchen, welche ſie im Verlauf ihrer ſentimentalen Fortſchritte geſam⸗ melt hatte. Einige theure Freundinnen hatten geheirathet; andere waren in andere Schulen ahgegangen; eine be⸗ liebte Schweſter hatte ſie in der Penſion verloren und wieder gefunden, o Schrecken, ihren Liebling, ihre Leo⸗ kadia, wie ſie die Bücher in ihres Vaters Laden hielt, der Specereikrämer in der Rue du Blac war. In der That, ſie hatte eine Menge getäuſchter Hoffnungen, Ent⸗ fremdungen, Enttäuſchungen (Disillusionments, wie ſie ſie in ihrem franzöſiſchen Kauderwelſch nannte); ſie hatte für ein ſo junges Frauenzimmer unbeſchreiblich viel geſehen und gelitten. Es iſt das Lvos der Senti⸗ mentalität, zu leiden und durch vertrauende Zärtlichkeit ge⸗ täuſcht zu werden; und ſie fühlte, daß ſie in dieſen Beklemmungen und getäuſchten Hoffnungen auf ihrer jungen Lebensbahn nur die Strafen des Genies erlitt. Mittler Weile wußte ſie es ſo zu fügen, daß die ehr⸗ liche Lady ihrer Mutter es ſo unbehaglich machte, als die Umſtände es erlaubten, und ließ ihren würdigen Stiefvater wünſchen, daß ſie todt wäre. Mit Ausnahme Kapitän Strongs, deſſen unverwüſtlicher guter Humor gegen ihre Sarkasmen ſchußfeſt war, herrſchte die kleine Lady mit ihrer Zunge über das ganze Haus. Wenn Lady Clavering von Sparrowgraß anſtatt von Aſparagus oder Spargel ſprach, oder ein Objekt ein Hobjekt nannte, wie die unglückliche Lady öfters that, Miſſy verbeſſerte ſie ruhig und ſprengte die gute Seele ihre Mutter in nur noch häufigere Mißgriffe hinein; jemehr ſie unter dem Auge ihrer Tochter ner⸗ vös wurde. Es iſt nicht wohl anzunehmen, daß in Betracht des ungeheuern Intereſſe's, das die Ankunft der Familie zu Claveringpark den Einwohnern des Städtchens einflößte, Pendennis. M. 3 34 daß Madame Fribsby allein unter allen Leuten in Cla⸗ vering, allein unbewegt und gleichgiltig geblieben ſein ſollte. Bei der erſten Erſcheinung des Parks in der Kirche bemerkte Madame jeden Toiletteartikel, den die Ladies trugen, von ihren Hüten bis auf ihre Brodequins, und muſterte den Anzug der Zofen der Ladies in dem ihnen zugetheilten Kirchſtuhle. Wir fürchten, daß Dok⸗ tor Portmans Predigt, obgleich ſie eine ſeiner älteſten und geſchätzteſten Kompoſitionen war, an jenem Tage wenig Wirkung auf Madame Fribsby hatte. Sehr we⸗ nige Tage darauf hatte ſie für ſich ſelbſt eine Beſpre⸗ chung mit Lady Claverings vertrauter Dienerin, in des Hausverwalters Zimmer in dem Park, und ihre Karten franzöſiſch und engliſch, welche angaben, daß ſie von ihrer Korreſpondentin, Madame Viktorine, die neueſten Moden erhielt, und daß ſie großes Geſchick habe, Hof⸗ und Ballanzüge für den hohen und niedern Adel in der Grafſchaft zu machen, waren im Beſitze von Lady Cla⸗ vering und Miß Amory, und wurden, wie ſie ſo glück⸗ lich war, zu hören, von dieſen Ladies günſtig aufge⸗ nommen. Mrs. Bonner, Lady Clavering's Kammerfrau, wurde bald eine fleißige Beſucherin von Madame Fribsby's Ge⸗ ſellſchaftszimmer und nahm an vielen Bewirthungen auf Koſten der Putzmacherin Theil. Ein Mahl mit grünem Thee, Skandal, heißem Sally⸗Lunn⸗Kuchen und ein we⸗ nig Novellenleſen ſtand Mrs. Bonner immer zu Dienſt, ſo oft ſie einen Abend in der Stadt zubringen konnte, und ſie fand viel mehr Zeit für dieſe Vergnügungen, als ihre jüngere Kollegin Miß Amory's Zofe, die ſelten für einen Feiertag entbehrt werden konnte, und von der unerbittlichen kleinen Muſe, ihrer Gebieterin, ſo hart als ein Faktoreimädchen in Arbeit geſetzt ward. Die Muſe liebte, ſich anſtändig zu kleiden, und da ſie eine lebhafte Phantafie und einen poetiſchen Drang zur Abwechslung hatte, ſo mußte ſie tagtäglich eine Variation in ihrem Anzuge machen. Da ihr Mädchen 35 einen beſondern Geſchmack für's Kleidermachen hatte, eine Kunſt, in der ſie in Paris in die Lehre gegangen, ehe ſie dort in Miß Blanche's Dienſte eintrat, mußte ſie vom Morgen bis in die Nacht Miß Amory's Kleider änderi, und ſtand ſehr früh auf und ging ſehr ſpät zu Bett, indem ſie ihrer kleinen Zuchtmeiſterin in ihren unermüdlichen Capricen Gehorſam leiſtete. Das Mädchen war von angeſehenen, engliſchen Aeltern. Viele von unſern Landsleuten, in Paris angeſie⸗ delt, haben beſſere Tage geſehen und ſind nicht ſo ganz rui⸗ nirt, leben nicht ganz vom Mitleid Anderer und können doch ohne daſſelbe nicht vorwärts kommen; und da ihr Vater ein Krippel war und nicht arbeiten konnte, und ihre Heimkehr nur eine neue Laſt und ein Elend für die Familie geweſen wäre, ſo blieb der armen Pincott nichts übrig, als da zu bleiben, wo ſie ſich ernähren konnte und für ihre Aeltern eine kleine Unterſtützung zu er⸗ ſparen. Unſere Muſe verfehlte nie, mit der Aufrichtigkeit, die ſie ſtets auszeichnete, ihrer Dienerin den wahren Stand der Dinge ins Gedächtniß zurückzurufen. „Ich würde Dich fortſchicken, Pincott, denn Du biſt viel zu ſchwach und Deine Augen verſagen Dir; Du weinſt und greinſt immer und brauchſt den Doktor; aber ich wünſchte, Deine Aeltern daheim hätten eine Unterſtützung an Dir, und ihretwegen halt ich's mit Dir aus,“ pflegte die theure Blanche ihrer furchtſamen kleinen Dienerin zu Gemüth zu führen; oder: „Pincott, Dein elendes Ausſehen und Dein ſklaviſches Weſen, und Deine rothen Augen machen mir Migräne, und ich glaube, ich will Dich rouge kleiden. daß Du ein wenig luſtiger ausſiehſt;“ oder: „Pincott, ich kanns nicht ertragen, ſelbſt Deinen hungernden Aeltern zu lieb, daß Du mir ſo das Haar aus dem Kopfe reiß'ſt, und ich will Dir dankbar ſein, wenn Du ihnen ſchreibſt und ſagſt, daß ich Dich Deiner Dienſte enthebe.“ Nach ſolchen Reden und nachdem ſie ſie eine Stunde lang über ihrem Haare hatte zittern 36 laſſen, das ſich die junge Ladh gerne kämmen ließ, wäh⸗ rend ſie eine ihrer franzöſiſchen Lieblingsnovellen las, ging ſie um ein Uhr zu Bett und ſagte: „Pincott, Du kannſt mich küſſen, gute Nacht. Es wäre mir recht, wenn Du Dein Nähliſſen für den Morgen bereit hiel⸗ teſt;“ und ſo gab ſie ihrer Dienerin gute Nacht, wandte ſich ab und ging zu Bett. Die Muſe mochte am Morgen, ſo lang ſie wollte, im Bette liegen und machte ſich dieſes Vorrecht zu Nutzen; aber Pincott hatte ſehr früh aufzuſtehen, um ihrer Gebieterin Befehle nachzukommen, hatte am näch⸗ ſten Morgen mit denſelben rothen Augen und demſelben eingefallenen Geſichte zu erſcheinen, welches aus Mangel an Heiterkeit Miß Amory mißfiel und ihre Gebieterin ſo ärgerlich machte, weil die Dienerin darauf beharrte, unwohl und unglücklich zu ſein und auszuſehen. Nicht als ob Blanche je glaubte, daß ſie eine harte Gebieterin ſei. In der That, ſie machte Pincott zuweilen ganz zur Freundin und ſchrieb ſehr hübſche Verſe über das einſame, kleine geplagte Mädchen, deſſen Herz in weiter Ferne ſei. Unſere geliebte Blanche war ein höheres Weſen und erwartete, als ſolches verehrt zu werden. Ich weiß nicht, ob es noch andere Ladies auf dieſer Welt gibt, die ihre Dienerinnen ſo behandeln; aber es iſt möglich, daß es ſolche Leute gibt, und daß die Tyran⸗ nei, welche ſie auf ihre Untergebenen ausüben, und daß die Schmerzen, welche ſie mit ſo ſanfter Stimme und einem ſo hochgebildeten Lächeln bereiten, ſo grau⸗ ſam find, als jene, die der Sklaventreiber mit einem Fluch und der Peitſche zu Theil werden läßt. Aber Blanche war eine Muſe — ein zartes kleines Geſchöpf, ganz zitternd von Erregbarkeit, deſſen Augen ſich bei der geringſten Gemüthsbewegung mit Thränen füllten; und wer weiß, ob es nicht eben dieſe Zartheit der Gefühle war, die ſie ſo leicht gefrieren ließ. Du erdrückſt einen Schmetterling durch die bloſe Berührung — 37 Gemeine Leute haben keinen Begriff von der Empfind⸗ ſamkeit einer Muſe. So war denn die kleine Pincott mit Nähen, Säu⸗ men, Trennen, Kämmen, Brennen, Kräuſeln für ihre Gebieterin Tag und Nacht beſchäftigt. Sie las ihr vor, wenn ſie im Bett war, — denn ſie verſtand die zwei Sprachen und hatte eine liebliche Stimme und Weiſe: — Sie konnte keinen Theil nehmen an Madame Fribs⸗ bys Soiree's, auch wurde ſie nicht viel vermißt, oder für wichtig genug gehalten, um bei ihren Unterhaltun⸗ gen zu erſcheinen. Aber eine andere Perſon war noch mit dem Cla⸗ veringer Hauſe konnektirt und wurde ein beſtändiger Gaſt unſrer Freundin, der Putzmacherin. Dieß war das Haupt der Küche, Monſieur Mirobolant, mit dem Madame Fribsby bald auf vertrautem Fuße ſtand. Da die ländlichen Bewohner von Clavering nicht an die Erſcheinung oder Geſellſchaft von Perſonen der franzöſiſchen Nation gewöhnt waren, ſo bekamen ſie von Monſieur Alcides Manieren und Erſcheinung keinen ſo günſtigen Eindruck, als dieſer Gentleman gewünſcht haben mochte. Er ging unter ihnen an dem Nachmittag eines Sommertages, wenn ſeine Dienſte in dem Herrenhauſe nicht mehr erfordert wurden, ganz arglos einher in ſeinem gewohnten Lieblingskoſtüme, nämlich ſeinem hell⸗ grünem Frack oder Paletot, ſeiner carmeſinrothen Sammt⸗ weſte, ſeinen blauen Glasknöpfen, ſeinem pantalon Ecossais mit ſehr breitem und markirtem Schachbrett⸗ muſter, ſeinem pomeranzengelben Satinhalstuch und ſeinen Jeanboots mit glänzendem Leder beſetzt, — dieſe, mit goldgeſtickter Kappe und einem reichvergoldeten Stocke und anderem mannigfaltigem Schmucke bildeten ſein gewohntes Feiertagskoſtüm, an welchem, wie er ſich ſchmeichelte, nichts Auffallendes war (wofern nicht die Schönheit ſeiner Perſon die Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen ſollte), und worin er einen Gentleman von gu⸗ tem Pariſerton vorzuſtellen meinte. 38 Er ging ſodann die Straße hinab, indem er jedes Frauenbild, das ihm begegnete, mit Blicken begrinste und beaugte, mit denen er ſie, wie er meinte, ganz und gar durchbohrte, und guckte über Geländer und zu den Fenſtern hinein, wo an dem ruhigen Sommerabend Frauen ſaßen. Aber Betſy Mrs. Pybus Magd ſchrak mit einem „Gott ſteh mir hei“ zurück, als der Alcide über den Lorbeerbuſch hereingaffte; die Miß Bakers und ihre Mama ſtierten ihn verwundert an, und ſogleich begann ein Schwarm verlumpter Kobolde und Kinder, die ihre Kothpaſteten auf der Straße verließen, den intereſſanten Fremdling zu verfolgen. Eine Weile glaubte er, daß Bewunderung dieſe Leute in ſein Kielwaſſer führe, und ſchlenderte weiter, in ſich vergnügt, daß er ſo mühelos dazu beitragen könnte, Andern ein unſchuldiges Vergnügen zu machenz aber den kleinen Kindern und den Dreckpaſtetenkünſtlern folgte alsbald ein Schwarm von gröberem Kaliber: Jungen und Mädchen aus der Faktorei, welche um dieſe Stunde frei bekamen und ſich der Menge anſchloſſen und zu lachen und zu ſpotten, zu ſchreien, und Schimpfnamen auf den Franzoſen zu rufen begannen: die Einen „Frenchy, Frenchy“, die Andern Fröſche!“ Einer bat ſich eine Locke von ſeinem Haar aus, das ſehr lang war und in reichlichen Löckchen herabfloß; und endlich begann der arme Kochkünſtler zu merken, daß er mehr ein Gegenſtand der Verhöhnung als der Bewunderung für die rohe grinſende Menge war. Unter dieſer Konſtellation erſpähte Madame Fribsby den unglücklichen Gentleman mit ſeinem Schwarme von Nachzüglern, und hörte die höhniſchen Rufe, womit ſie ihm zuſetzten, ſie rannte aus ihrer Behauſung über die Straße auf den verfolgten Fremdling zu und lud ihn, ihre Hand ausreckend, in der Sprache ſeines Landes in ihren Wohnſitz ein; und als ſie ihn hübſch ſäuber⸗ lich innerhalb ihres Thores geborgen hatte, trat ſie muthig auf die Schwelle vor die hohnneckenden Faktorei⸗ 39 Mädchen und Buben und ſchalt ſie ein Memmenpack, daß ſie einen armen Mann inſultirten, der ihre Sprache nicht ſprechen könnte, und allein und ohne Schutz wäre. Die kleine Rotte, welche immer noch ironiſche Hohnrufe ausſtieß, fühlte gleichwohl die Stärke vor Madame Fribsby's kräftiger Anrede und zog ſich von ihr zurück; denn die alte Dame genoß Reſpekt in dem Orte, und ihre ſeltſame Erſcheinung und ihre Güte hatten ihr viele Freunde daſelbſt gemacht. Der arme Mirobolant war wirklich dankbar, die Sprache ſeines Landes, wenn auch noch ſo ſchlecht ge⸗ ſprochen, zu vernehmen. Franzoſen verzeihen den Eng⸗ ländern Fehler in ihrer Sprache viel bereitwilliger, als dieſe ihr ſchlechtes Engliſch entſchuldigen, und neh⸗ men unſre Fehler während einer langen Unterhaltung hin, ohne im Geringſten ihre Miene zu verziehen. Der gerettete Speiſekünſtler betheuerte, daß Madame Fribsby ſein Schutzengel ſei, und daß er bis jetzt noch keine ſolche Holdſeligkeit und Artigkeit unter les Anglaises getroffen habe, er war ſo höflich und komplimentierlich gegen ſie, als ob es die ſchönſte und edelſte Lady wäre, an die er ſich wende: denn Aleides Mirobolant zollte nach ſeiner Manier der ganzen Weiberwelt Huldigung und ließ ſich nicht im Traume einfallen, in den König⸗ reichen der Schönheit einen Unterſchied der Stände zu machen. Eine Creme, wohlſchmeckend gemacht durch einen Ananas, eine Mayonnaiſe mit Hummer, die, wie er ſich ſchmeichelte, nicht unwürdig war ſeiner Hand, oder ihrer, der er die Ehre hatte, ſie als Huldigung darzubringen, und eine Büchſe mit eingemachten Früchten aus der Provence wurden von eiuem Adjutanten des Generalis⸗ mus in einem Korb den nächſten Tag zu der Putzma⸗ cherin gebracht und mit einer galanten Note an die liebenswürdige Madame Fribsby begleitet. „Ihre Güte,“ ſagte der Alcide, „hatte eine grüne Oaſe in der Wüſte ſeines Daſeins bereitet, ihre Holdſeligkeit würde in ſei⸗ 40 ner Erinnerung immer kontraſtiren gegen die grossièreté der bäuriſchen Bevölkerung, die nicht würdig ſei, ein ſolches Kleinod zu beſitzen.“ Eine Innigkeit der ver⸗ trauteſten Art entſprang ſo zwiſchen der Putzmacherin und dem Küchenoberhaupt; aber ich weiß nicht, ob Madame mit Vergnügen oder mit Demüthigung die Freundſchaftserklärungen, welche der junge Kleide ihr darbrachte, aufnahm, denn er nannte ſie beharrlich „la respectable Fribsbi, la vertueuse Fribsbi“ — — und betheuerte, daß er ſie als ſeine Mutter betrachten würde, während er hoffe, ſie würde ihn als ihren Sohn anſehen. Ach es ſei noch nicht gar ſo lange, dachte Fribsby, daß dieſe Worte in der theuren franzöſiſchen Sprache an ſie gerichtet wurden und ſie ſeufzte mit einem Blicke auf das Bild ihres Carabiniers, denn es iſt erſtaunlich, wie jung gewiſſer Leute Herzen bleiben, während ihre Häupter eines fremden Lockenſchmuckes, oder einer klei⸗ nen Haartinktur bedürfen, und in dieſem Augenblick fühlte ſich Madame Fribsby ſo romantiſch als ein Mäd⸗ chen von achtzehn. Als die Unterhaltung dieſe Wendung nahm — und bei ihrer erſten Vertraulichkeit war Madame Fribsby ziemlich geneigt, ihr dieſe Richtung zu geben — wollte der Alcide immer höflicherweiſe auf einen andern Ge⸗ genſtand übergehen. Als ſeine Mutter wollte er die gute Putzmacherin beſtändig anſehen: er wollte ſie in keiner andern Eigenſchaft anerkennen und mit dieſem Verwandt⸗ ſchaftsgrade mußte ſich die gütige Lady endlich zufrieden geben, als ſie fand, wie tief das Herz des Kunſtver⸗ wandten anderswo engagirt war. Es dauerte nicht lange, ſo beſchrieb er ihr den Gegenſtand und den Urſprung ſeiner Leidenſchaft. „Ich erklärte mich ihr,“ ſagte der Aleide, indem er die Hand auf das Herz legte, „auf eine Weiſe, die eben ſo neu war, als ich mit Vergnügen denke, daß es angenehm war. Wohin kann die Liebe nicht durchdringen, reſpektale Madame Fribsby? Cupido iſt der Vater 41 der Empfindung! — ich fragte die Diener, welche Ge⸗ richte Mademviſelle mit dem größten Vergnügen koſte? und führte darnach die kleine Batterie auf. „Eines Tags, als ihre Aeltern ausgegangen waren, um in der Welt zu diniren (und ich muß mit Bedauern ſagen, daß ein grossier diner bei einem Reſtauxatenr in dem Boulevard oder in dem Palais Royal die Wonne dieſer unveredelten Perſonen auszumachen ſchien), be⸗ wirthete die bezaubernde Miß einige Freundinnen der Pen⸗ ſion, und ich rieth ſelbſt, ein kleines Mahl, das für ſo delikate junge Gaumen paßte, hinauf zu ſchicken. Ihr lieblicher Name iſt Blanche, der Schleier des Mädchens iſt weiß und der Roſenkranz, den ſie trägt, iſt weiß, und ich beſchloß, daß mein Diner ſo fleckenlos als der Schnee ſein ſollte. Zur gewohnten Stunde und ſtatt des rohen gigot à l'eau, welches gewöhnlich bei ihrer nur zu einfachen Tafel ſervirt wurde, ſandte ich ihr ein kleines potage à la reine — à la reine Blanche nannte ich ſie — ſo weiß wie ihr eigner Teint, und gefertigt mit der wohlriechendſten Créme und mit Mandeln; dann brachte ich an ihrem Schreine ein flet de merian à l'Agnes und ein delikates plat, welches ich bezeich⸗ nete als Eperlan à la Sainte Thérèse und von dem die bezaubernde Miß mit Vergnügen genoß. Ich ließ dieſem zwei kleine Entrées von Kalbsbröschen und jun⸗ gen Hühnern folgenz; braune couleur trug bei meiner Bewirthung allein ein kleiner Lammbraten, den ich in eine Aue von Spinat legte, umgeben von eroustillons, welche Schafe vorſtellten und mit Maßlieben und an⸗ dern wilden Blumen verziert waren. Hierauf kam mein zweiter Gang: ein Pudding à la BReine Flizabeth (welche, wie Madame Fribsby weiß, eine jungfräuliche Fürſtin war), ein Gericht opalfarbiger Regenpfeifer⸗Eier, die ich Nid de tourtereaux à la Roucoule nannte, in⸗ dem ichmitten unter ſie zwei jener zärtlichen Vögel placirte, die einander ſchnäbelten und mit Butter bereitet waren; ein Korb enthielt kleine gateaux d'abricots die, wie ich 42 weiß, alle jungen Ladies anbeten, eine Kraftbrühe von Marasquin ſchmeichelnd, berauſchend wie der Blick der Schönheit. Dieß bezeichnete ich Ambroisie de Ca- lypso à la Souveraine de mon Coeur; und als das Eis hereingebracht ward — ein Eis von plombine und Kirſchen — wie glauben Sie, daß ich ſie geſtaltet hatte, Madame Fribsby.? In der Form zweier Herzen, die durch einen Pfeil verbunden ſind, auf welche ich, ehe es hineinkam, einen Brautſchleier von feinem ausge⸗ ſchnittenem Papier gelegt hatte, über welchen ein Kranz jungfräulicher Pommeranzenblüthen ſich erhob. Ich ſtand an der Thür, um die Wirkung dieſes Kunſtwerks zu beobachten. Es war nur ein Schrei der Bewunde⸗ rung; die drei jungen Ladies füllten ihre Gläſer mit dem ſprühenden Ay und brachten mir einen Toaſt aus, ich hörte es — ich hörte die Miß von mir ſprechen — ich hörte ſie ſagen: „ſagt Monſieur Mirobolant, daß wir ihm danken — daß wir ihn bewundern — daß wir ihn lieben! Meine Füße verſagten mir beinahe den Dienſt, als ſie ſprach. „Kann ich ſeit der Zeit Grund zu Zweifeln haben, daß der junge Künſtler einige Fortſchritte in dem Herzen der engliſchen Miß gemacht hat? Ich bin beſcheiden, aber mein Spiegel ſagt mir, daß ich nicht übel ausſehe. Andere Siege haben mich von der Thatſache überzeugt.“ „Gefährlicher Mann!“ rief die Putzmacherin. „Die blonden Miſſes von Albion ſehen in den trüb⸗ ſeligen Bewohnern ihrer Inſel nichts, was mit dem Feuer und der Lebhaftigkeit des Südens in Vergleich treten kann. Wir bringen unſern Sonnenſchein mit uns, wir find Franzoſen und gewohnt, zu erobern. Wäre es nicht wegen dieſer Herzensangelegenheit und meines Entſchluſſes, eine Anglaiſe zu heirathen, glauben Sie, ich würde es auf dieſer Inſel (die nicht ganz und gar undankbar iſt, ſeit ich auf ihr in der reſpektablen Ma⸗ dame Fribsby eine zärtliche Mutter gefunden habe,) auf dieſer Inſel und in dieſer Familie es aushalten? Mein 43 Genius würde ſich abnützen in Geſellſchaft dieſer Bauern, die Poeſie meiner Kunſt kann von dieſen fleiſch⸗ freſſenden Inſulanern nicht verſtanden werden. Nein, die Männer ſind mir gehäſſig, aber die Weiber — die Weiber! ich geſtehe, liebe Fribsby, ſind verfüh⸗ reriſch! Ich habe das Gelübde gethan, eine zu heira⸗ then, und da ich nicht auf ihre Märkte gehen und kaufen kann nach der Sitte des Landes, ſo bin ich entſchloſſen, einer andern Sitte zu folgen und mit einer nach Gretna⸗ Green zu fliehen. Die blonde Miß wird gehen. Sie iſt bezaubert, ihre Augen haben es mir geſagt, die weiße Taube braucht nur das Signal zum Fliegen.“ „Stehen Sie im Briefwechſel mit ihr?“ fragte Madame Fribsby erſtaunt, und nicht wiſſend, ob die junge Lady oder der Liebhaber in einer romantiſchen Illuſion befangen wäre. „Ich korreſpondire mit ihr mittelſt meiner Kunſt. Sie erhält Gerichte, die ich ausdrücklich für ſie bereite. Ich gebe ihr ſo tauſend Winke, welche ſie, da ſie voll⸗ kommen geiſtreich iſt, verſteht; aber ich bedarf anderer Verſtändigungen bei ihr. „Da iſt ja Pincott, ihr Mädchen,“ ſagte Madame Fribsby, die durch natürliches Geſchick vder Erziehung einige Kenntniſſe von Herzensangelegenheiten zu haben ſchien, aber die Augbrauen des großen Künſtlers ver⸗ finſterten ſich bei dieſem Rath. „Madame,“ ſagte er, „es gibt Punkte, über welche ein galanter Mann den Mund nicht aufthun ſollte; wenn er aber ſein Geheimniß mittheilt, ſo mag er es mit der geringſten Unangemeſſenheit gegen ſeine beſte Freundin, gegen ſeine Adoptivmutter thun. Wiſſen Sie denn, daß es einen Grund gibt, warum Miß Pincott feindſelig gegen mich wäre — einen Grund, der bei Ihrem Geſchlecht nicht ungewöhnlich iſt — Eiferſucht.“ „Das treuloſe Ungeheuer!“ ſprach die Confidante. „Ach nein,“ ſprach der Speiſekünſtler in tiefem Baßtone und einem tragiſchen Accent, nicht unwürdig 44 der Porte St. Martin und ſeiner Lieblingsmelodramen, „nicht treulos, ſondern unglücklich. Ja, ich bin ein un⸗ glücklicher Mann, Madame Fribsby. Hoffnungsloſe Lei⸗ denſchaft einzuflößen, iſt mein Schickſal. Ich kann nicht dafür, daß die Frauen mich lieben. Iſt es meine Schuld, daß das Mädchen ſterblich in mich verliebt iſt, und nach meinem Anblicke ſchmachtet, verzehrt von einer Flamme, die ich nicht erwidern kann? Wohl gemerkt! Es gibt noch andere Leute in dieſer Familie, welche auf ähnliche Weiſe unglücklich ſind. Die Gouvernante des jungen Mylord iſt mir auf meinen Spaziergängen be⸗ gegnet, und hat mich auf eine Weiſe angeblickt, die nur eine Deutung zuläßt, und Mylady ſelbſt, die von gereiftem Alter iſt, aber orientaliſches Blut hat, hat ein oder zwei Mal Komplimente an den einſamen Künſt⸗ ler gerichtet, welche keine Mißdeutung geſtatten. Ich vermeide den Haushalt, ich ſuche die Einſamkeit, und füge mich in mein Schickſal. Ich kann nur Eine hei⸗ rathen und habe mich entſchloſſen, daß es Eine von Ihrer Nation ſein ſoll, und, wenn das Glück mir wohl will, ſo denk ich, daß die Mit die Perſon wäre, die für mich am meiſten paßte. Ich wünſchte in's Reine zu kommen, wie es mit ihren Mitteln ſteht, ehe ich ſie gen Gretna⸗Green führe.“ Ob Alcides ein ſo unwiderſtehlicher Sieger, wie ſein Namensbruder, oder ob er bloß einfach verrückt war, iſt ein Punkt, den man dem Urtheil des Leſers überlaſſen muß. Was aber den Letztern betrifft, ſo hat er vielleicht, wenn ihm das Glück zu Theil wurde, viele Bekanntſchaften mit Franzoſen zu machen, Männer un⸗ ter ihnen getroffen, die ſich beinahe für ebenſo unüber⸗ windlich hielten; und die, wenn wir ihnen glauben dürfen, in den Herzen der Anglaises eben ſo große Verheerungen angerichtet haben. 45 Prittes Kapitel enthält Liebe und Eiferſucht. Unſere Leſer haben bereits Sir Francis Claverings aufrichtige Meinung von der Lady gehört, die ihm ihre Glücksgüter zugewendet und ihn ſeinem Vaterlande und ſeiner Heimath wieder geſchenkt, und man muß geſtehen, daß der Baronet in der Schätzung ſeines Weibes nicht weit fehlgegriffen hatte, und daß Lady Clavering nicht die weiſeſte oder wohlerzogenſte der Frauen war. Sie hatte ein Paar Jahre Erziehung in Europa in einer Vorſtadt Londons genoſſen, welche ſie ſich nicht nehmen ließ, bis zu ihrem Sterbetag Akney *) zu nennen, von wo ſie in ihrem fünfzehnten Jahre aufgefordert wurde, zu ihrem Vater nach Kalfutta zu kommen. Auf ihrer Reiſe dahin, an Bord des Oſtindienfahrers Ramchunder, Ka⸗ pitän Bragg, in welchem Schiffe ſie zwei Jahre zuvor ihre Reiſe nach Europa gemacht hatte, machte ſie die Bekanntſchaft ihres erſten Gatten, Mr. Amory, welcher dritter Gehilfe auf dem fraglichen Schiffe war. Wir wollen nicht in das Getheil von Lady Claverings frü⸗ herer Geſchichte eingehen; aber Kapitän Bragg, unter deſſen Befehlen Miß Snell zu ihrem Vater reiste, der Einer von des Kapitän's Confignees und Mittheilhaber des Ramchunder und vieler anderer Schiffe war, Grund fand, den rebelliſchen Schurken von Gehilfen in Feſſeln warf, bis ſie das Cap erreichten, wo der Kapitän ſeinen Offizier zurückließ und endlich ſeine Pflegebefohlene ihrem Vater zu Kalkutta nach einer ſtürmiſchen und ge⸗ fährlichen Reiſe überlieferte, auf welcher der Ramchunder *) Das gemeine Volk ſpricht ſo, ſtatt Hackney. 46 und die Ladung, ſowie die Paſſagiere nicht geringe Gefahr und Verluſte zu erleiden hatten. Nach einigen Mona⸗ ten erſchien Amory in Kalkutta, nachdem er ſeine Fahrt dahin von dem Cap aus durch Dienſte vor dem Maſte *) abverdient, heirathete die Tochter des reichen Advokaten gegen den Willen dieſes alten Speculanten, ſetzte ſich als Indigopflanzer und machte bankerott — that ſich als Agent auf, ſchlug um, — thatſich als Redakteur des Sunderbundpiloten auf und ſchlug wieder um — und lebte unaufhörlich mit ſeinem Schwiegervater und ſei⸗ nem Weibe während des Verlaufs all dieſer merkantili⸗ ſchen Geſchäfte und Unfälle in Streit und endete ſeine Laufbahn ſchließlich mit einer Inſolvenz, die ihn zwang, Kalkutta zu verlaſſen und nach Neuſüdwales zu gehen. Im Verlauf dieſer unglücklichen Vorgänge machte Mrs. Amory wahrſcheinlich die Bekanntſchafr Mr. Jasper Rogers, des geachteten Richters des oberſten Gerichts⸗ hofs in Kalkutta, der ſchon früher erwähnt worden war; und zwar, die Wahrheit muß heraus, dadurch, daß er einen ungeeigneten Gebrauch von ſeines Schwieger⸗ vaters Namen machte, der vollkommen gut ſchreiben konnte und keinen Amanuenſis brauchte, ſo daß das Glück am Ende Mr. Amory ganz und gar im Stiche ließ und ihn veranlaßte, alle weiteren Kämpfe mit der wandelbaren Göttin aufzugeben. Da das europäiſche Publikum nicht die Gewohnheit hat, die Gerichtsberichte von Kalkutta ſehr emſig zu ſtudiren, ſo kannte es dieſe Thatſachen nicht ſo gut, als die Leute in Bengalen, und da Mrs. Amory und ihr Vater ihren Aufenthalt in Indien nicht ſehr behaglich fanden, ſo kam man überein, daß die Lady nach Europa zurückkehren ſollte, wohin ſie mit ihrer kleinen, damals vier Jahre alten Tochter Bety oder Blanche gelangte. Sie wurden begleitet von Bety's Amme, welche dem ²) Die Matroſen wohnen aufden Schiffen vor den Maſten, die Offiziere hinter denſelben. 47 Leſer in dem letzten Kapitel als Lady Claverings ver⸗ traute Dienerin, Mrs. Bonner, vorgeſtellt wurde, und Kapitän Bragg miethete für ſie ein Haus ganz in der Nähe ſeines Wohnſitzes in Pocklington Street. Es war ein ſehr harter, unerguicklicher Sommer und es regnete einige Zeit nach Mrs. Amory Ankunft jeden Tag. Bragg war ſehr ernſt und verdrießlich, ſchämte ſich viel⸗ leicht und wünſchte die oſtindiſche Lady los zu werden. Sie glaubte, daß alle Welt in London von ihres Mannes Unfall ſpreche und daß der König und die Königin und der Hof der Direktoren von ihrer unglück⸗ lichen Geſchichte Kenntniß hätten. Sie hatte von ihrem Vater ein gutes Jahrgeld, hatte keinen Beruf, in Eng⸗ land zu leben und beſchloß, außer Lands zu gehen. Sie ging denn fort und war froh, der finſtern Aufficht des odioſen Brummbären Kapitän Bragg zu entgehen. Die Leute auf dem Feſtland hatten Nichts dagegen, ſie in ihren Städten und in den verſchiedenen Koſthäuſern auf⸗ zunehmen, wo ſie königlich bezahlte. Allerdings ſprach ſie ſtatt Hackney Ackney (obgleich ſie ihr Engliſches mit einer etwas fremdartigen ſcharfen Betonung, die ſehr intereſſant und nicht ungefällig war, ausſprach): ſie kleidete ſich auffal⸗ lend, zeichnete ſich durch ihre Eß⸗ und Trinkluſt aus und bereitete Curries *) und Pillaws in jedem Speiſehaus, das ſie beſuchte; aber ihre Eigenthümlichkeit in Sprache und Benehmen würzte nur ihre Geſellſchaft, und Mrs. Amory war verdienter Maßen populär. Sie war die gutmüthigſte, jovialſte Frau von der Welt; ſie war bei jeder Vergnügungsparthie, wer ſie auch vorſchlagen wollte. Sie brachte dreimal mehr Champagner, Geflügel und Schinken zu den Picknicks, als ſonſt Jemand, fie bezahlte eine Unzahl Logen für das Theater und Billets für Maskenbälle und verſchenkte ſie an Jedermann; ſie bezahlte ihren Koſttiſch Monate voraus, ſie half armen *) Ein vſtindiſches Wort für eine ſchmackhafte Miſchung verſchiedener Eßwaaren. 48 ſchäbigen Gecken in Schnurrbärten und Wittwen, deren Gelder nicht ankamen, mit beſtändigen Zuſchüſſen aus ihrer Börſe aus, und auf dieſe Weiſe reiste ſie durch Europa und trat in Brüſſel, Paris, Mailand, Neapel, Rom auf, wie es ihre Laune wollte. Die Nachricht von Amory's Tod erreichte ſie in letzterer Stadt, wo Kapitän Clavering ſich damals aufhielt und ſeine Rech⸗ nung im Hotel nicht bezahlen konnte, in welchem Falle auch ſein Freund, der Chevalier Strong, war, und die gutmüthige Wittwe heirathete den Abkömmling des alten Hauſes Clavering, indem ſie keinen großen Kummer über den Verluſt ihres Unholds von Ehemann zeigte. Wir haben ſie ſo bis in die Zeit begleitet, wo ſie Ge⸗ bieterin von Clavernig⸗Park wurde, in deſſen Mitte ſie der berühmte Maler Mr. Pinkney mit ihrem kleinen Knaben an der Seite porträtirte. Miſſy folgte ihrer Mama auf den meiſten ihrer Reiſen, und wurde ſo in das Leben eingeführt. Sie hatte eine Zeitlang eine Gouvernante, und nach ihrer Mutter zweiter Heirath das Beneſice einer ausgezeich⸗ neten Penſion der Madame Camarel in den elyſeiſchen Feldern. Als die Claverings nach England kamen, kam ſie natürlich mit ihnen. Erſt ſeit wenigen Jahren nach dem Tod ihres Großvaters und der Geburt ihres kleinen Bruders begann ſie zu finden, daß ihre Stellung verändert und Miß Amory, Niemand's Tochter, im Hauſe eine ſehr geringe Rolle ſpielte, im Vergleich mit Maſter Francis Clavering, Erben einer alten Baronie und eines nobeln Landſitzes. Was aber den kleinen Frank betraf, ſo wäre ſie trotz ihrem Vater eine Erbin ge⸗ weſen, und obgleich ſie das Geld nicht kannte und ſich nicht darum kümmerte, indem man ſie nie beſchränkte, und obgleich ſie, wie wir ſchon geſehen, eine kleine romantiſche Muſe war, ſo konnte ſie doch vernünftiger Weiſe den Perſonen nicht dankbar ſein, die zu ihrer veränderten Lage beigetragen hatten, noch ſah ſie wirk⸗ 49 lich ein, was letztere beſagte, wie ſie weitere Fortſchritte gemacht und genauere Kenntniß der Welt erlangt hatte. Aber ſo viel war klar, daß ihr Stieſvater be⸗ ſchränkten Verſtandes und ein Schwachkopf war, daß Mama ihre H nicht ausſprach und keine feinen Sitten hatte, und daß der kleine Frank ein verzogener, ſtreit⸗ ſüchtiger Kobold war, immer ſeinen eigenen Weg ging., ſie immer auf die Füße trat, ihr immer die Speiſe über die Kleider warf, und ſie um ihre Erbſchaft brachte. Niemand von dieſen Leuten konnte ſie, das fühlte ſie, begreifen, und ihr vereinſamtes Herz ſehnte ſich natürlich nach andern Anhänglichkeiten, und ſie ſah ſich um, wem ſie in ihrer Umgebung das koſtbare Gut ihrer unbeſchäftigten Neigung zuwenden ſollte. Dieſes theure Mädchen machte ſich aus Mangel an Sympathie oder andern Gründen zu Hauſe ſo un⸗ angenehm, erſchreckte ihre Mutter und guälte ihren Stiefvater dermaßen, daß ſie, nicht weniger als ſie, darauf ausgingen, ſie irgendwo unterzubringen, und veßhalb äußerte auch Sir Francis Clavering im letzten Kapitel gegen ſeinen Freund den frommen Wunſch, daß Mrs. Strong ſterben und er Blanche als zweite Mrs. Strong zu ſich nehmen möchte. Da dieß aber nicht ſein konnte, ſo war jede andere Perſon ihm will⸗ kommen, ſie zu gewinnen, und einem lebhaften, Jungen Burſchen, der gut ausſah und wohl erzogen war, wie unſer Freund Arthur Pendennis, ſtand es ganz frei, ihr Anträge zu machen, wenn er wünſchte, und würde von Lady Clavering mit offenen Armen als Schwieger⸗ ſohn aufgenommen worden ſein, hätte er den Muth gehabt, als Bewerber um Miß Amory's Hand aufzu⸗ treten. Mr. Pen beliebte jedoch außer andern Hemmſchuhen ein übermäßiges Mißtrauen in ſich ſelbſt zu hegen. Er ſchämte ſich ſeiner letzten Unfälle, ſeiner müßigen und namenloſen Lage, der Armuth, in die er ſeine Pendennis. M. Mutter durch ſeine Thorheit gebracht, und es lag in ſeinem gegenwärtigen Zuſtande des Zweifels und des Mißtrauens ebenſoviel Eitelkeit als Reue. Wie konnte er je auf einen ſolchen Preis, wie dieſe brillante Blanche Amory, hoffen, die in einem ſo ſchönen Park und Landſitz wohnte, und von einem Schoch ſtattlicher Domeſtiken bedient wurde, während eine Magd ihm ſein mageres Mahl in Fairoaks hereintrug, und ſeine Mutter genöthigt war zu drücken und ſtrecken, daß beide Enden zuſammen kamen? Hinderniſſe ſchienen ihm unüberſteiglich, die vor ihm verſchwunden wären, wenn er männlich auf ſie zugeſchritten wäre, und er zog es vor, zu verzweifeln oder mit ſeinen Wünſchen zu tändeln, oder hatte er vielleicht noch gar keine geſtaltet, anſtatt den ritter⸗ lichen Verſuch zu machen, den Gegenſtand ſeines Wun⸗ ſches zu erlangen. Mancher junge Mann erreicht durch dieſe Art von Eitelkeit ſein Ziel nicht, der, wenn er nur hätte anfangen wollen, ſeinen Wunſch erreicht hätte. Aber wir behaupten nicht, daß Pen bereits mit ſich im Reinen war, oder daß er mehr als daran ge⸗ dacht hatte, ſich zu verlieben. Miß Amory war lebhaft und reizend, ſie bezauberte und kajolirte ihn durch tau⸗ ſend Künſte, oder natürliche Reize und Schmeicheleien; aber es waren lauernde Gründe und Zweifel vorhanden, die ihn außer Scheu und Eitelkeit zurückhielten. Trotz ihrer Gewandtheit, ihren Betheurungen und Bezau⸗ berungen hatte Pen's Mutter das Mädchen durchſchaut und traute ihr nicht; Mrs. Pendennis fand Blanche leichtſinnig und leichtfertig, enideckte manche Fehler an ihr, die der reinen und fromm geſinnten Lady anſtößig waren; ein Mangel an Achtung gegen ihre Aeltern und für noch heiligere Dinge, Weitlichkeit und Selbſtſucht bargen ſich unter ſchönen Worten und zarten Ausdrücken. Laura und Pen verkämpften ſich über dieſe Punkte zuerſt heftig mit der Wittwe. — Laura war noch begeiſtert für ihre neue Freundin und Pen noch nicht verliebt 51 genug, um eine Verheimlichung ſeiner Gefühle zu ver⸗ ſuchen. Er lachte über Helen's Einwürfe, und ſagte: „pah, Mutter, Du biſt eiferſüchtig wegen Laura — alle Frauen ſind eiferſüchtig.“ Als aber im Verlaufe von einem Monat oder zwei, nachdem ſie beide mit der Aengſtlichkeit ſorglicher Mütter beobachtet, mit der ſie die Reigungen ihrer Söhne bewachen — und bei deren Anerkennung wir gleichwohl nicht zweifeln, daß eine geſchlechtliche Eiferſucht von Seiten der Mutter und eine geheime Geſpanntheit ſtattfindet — als Helen ſah⸗ daß die Vertraulichkeit Fortſchritte zu machen ſchien, daß die beiden jungen Leute immer Vorwände fanden, ſich zu treffen, und Miß Blanche jeden Tag zu Fairoaks, oder Mr. Pen in dem Parke war, ſo begann der armen Wittwe das Herz zu ſinken, ihr Lieblingsplan ſchien vor ihren Augen zu zerrinnen, und ihrer Schwäche nachgebend, ſagte ſie Pen eines Tages offen, was ihre Abſichten und Wünſche ſeien, daß ihre Kräfte ſchwinden, daß ſie nicht mehr lang auf dieſer Welt ſein werde, und hoffe und bete, ehe ſie hinſcheide, ihre beiven Kinder vereinigt zu ſehen. Die letzten Ereigniſſe, Pen's Leben, Laufbahn und frühere Leidenſchaft für die Schauſpielerin hatten dieſer zarten Lady das Herz gebrochen. Sie fühlte, daß er ausgeflogen und nicht mehr in dem mütterlichen Neſte war, und ſchlang ſich mit kränkelnder Zärtlichkeit an Laura an, die ihr von Francis im Himmel hinterlaſſen worden war. Pen küßte und geſchweigte ſie auf ſeine vornehme Gönnerweiſe. Er habe etwas der Art ſchon bemerkt und lange gedacht, daß ſeine Mutter dieſe Heirath wünſche, ob Laura etwas davon wüßte? — („O nein“ — ſagte Mrs. Pendennis — um alle Welt nicht hätte ſie davon ein Wort gegen Laura geathmet), „gut, gut, es habe ja noch Zeit, ſeine Mutter werde nicht ſterben,“ ſagte Pen lachend; „er wolle Nichts von ſolchen Dingen horen, und was die Muſe anbelange, ſo iſt ſie eine zu hohe Lady, als daß ſie an meine arme Wenigkeit dächte, 5² und was Laura betrifft, wer weiß, ob ſie mich haben wollte, ſie würde allerdings Alles thun, was Du ihr ſagſt, aber bin ich ihrer würdig?“ „O Pen, das wäreſt Du,“ war der Wittwe Ant⸗ wort, nicht als ob Pen zweifelte, daß er es wäre, und ein Gefühl von unendlichem Vergnügen und von Selbſt⸗ gefälligkeit überkam ihn, wenn er über dieſen Vorſchlag nachſann und ſich Laura dachte, wie ſein Gedächtniß ſie ſeit mehreren Jahren ihm zurückrief, immer ehrlich und offen, freundlich und fromm, heiter, zärtlich und treu gegen ſich dachte. Er blickte ſie mit ſtrahlenden Augen an, als ſie am Ende dieſer Unterredung von dem Garten hereinkam, mit gerötheten Wangen, mit freien und lächelnden Blicken — einen Korb mit Roſen in der Hand. Sie nahm die ſchönſte davon und brachte ſie der Mrs. Pendennis, welche durch den Geruch und die Farben dieſer Blumen ganz erfriſcht wurde, ſie hing ſich zärtlich an ihren Hals, als ſie ſie ihr übergab. „Dieſen Preis könnte ich haben, wenn ich anfragen wollte!“ dachte Pen mit einem Wonnegefühl, als er das freundliche Mädchen anblickte; ſie iſt ſchön und edel wie ihre Roſen. Das Bild der zwei Ladies ſchwebte ihm immer vor ſeinem Geiſte, und er rief es ſich nie zurück, ohne daß Thränen in ſeine Augen kamen. Ehe jedoch viele Wochen vertrauter Bekanntſchaft mit der neuen Freundin vorüber waren, ſah ſich Miß Laura genöthigt, Helen's Anſicht beizuſtimmen und zu geſtehen, daß die Muſe ſelbſtiſch, unfreundlich und unbe⸗ ſtändig wäre. Natürlich vertraute Blanche ihrer Buſen⸗ freundin alle kleinen Schmerzen und häuslichen Wider⸗ wärtigkeiten, wie ihre Familie ſie nicht begreifen könnte, und ſie als ein iſolirtes Weſen unter ihnen ſich bewegte; wie ihrer armen Mama Erziehung vernachläßigt worden war und ſie über ihre Verſtöße erröthen müßte; wie Sir Francis eine ſchwache, klägliche, unintelligente Perſon und allein glücklich ſei, wenn er ſeine garſtigen Cigarren M 53 rauche; wie ſie ſeit der Geburt ihres kleinen Bruders ihrer Mutter ſchätzbare Zuneigung, welche ſie höher achtete als alles auf der Welt, von ihrer geliebten Tochter mit einem Mal entfremdet ſehen müßte; wie ſie allein, allein, allein auf der Welt wäre. Aber dieſe Schmerzen, ſo reell und herzbrechend ſie auch für eine junge Lady von hoher Empfindſamkeit ſein mußten, überzeugten Laura keineswegs, daß Blanche in vielen Vorfsllen des Lebens ſich nicht, wie ſie ſollte,« benahm. Der kleine Frank zum Beiſpiel mochte ſehr herausfordern und Blanche der Zuneigung ihrer Mama beraubt haben; aber das war kein Grund für Blanche, das Kind zu beohrfeigen, wenn es ein Glas Waſſer über ihre Zeichnung goß, oder ihm engliſche und fran⸗ zöſiſche Schimpfnamen die Hülle und Fülle zu geben;z und der Vorzug, der dem kleinen Frank gegeben wurde, war gewiß kein Grund, daß Blanche eine herriſche, gebieteriſche Miene gegen des Knaben Gouvernante annahm und die junge Lady in dem Haus umher⸗ ſchickte, um ihr ein Buch oder ein Taſchentuch zu bringen. Wenn ein Dienſtbote einen Auftrag für die ehrliche Laura beſorgte, ſo war ſie immer gütig und dankbar, wogegen ſie bemerken mußte, daß die kleine Muſe nicht das geringſte Bedenken trug, ihre Befehle an alle Welt um ſie her zu geben, und Jedermanns Behagen und Bequemlichkeit zu ſtören, um zu dem ihrigen beizutragen. Es war Laura's erſter Verſuch mit der Freundſchaft, und es ſchmerzte das gute Ge⸗ ſchöpf, als Täuſchungen nach einander jene Zauber und glänzenden Eigenſchaften aufzugeben, worein ihre Ein⸗ bildungskraft ihre neue Freundin gekleidet hatte, und zu finden, daß die bezaubernde, kleine Fee nur eine Sterbliche und nicht einmal eine ſehr liebenswürdige Sterbliche war. Welches edelmüthige Herz iſt nicht ſeiner Zeit ſchon getäuſcht worden — wer hat nicht vielleicht andere über ſich getäuſcht? Nach der Scene mit dem Knaben, in welcher der 5¹ widerſpänſtige Sohn und Erbe des Hauſes Clavering die franzöſiſchen und engliſchen Komplimente und die Ohrfeigen von ſeiner Schweſter erhalten hatte, konnte Miß Laura, die ſehr viel Humor hatte, nicht umhin, ſich einige ſehr rührende und zärtliche Verſe zurückzurufen, welche ihr die Muſe aus Mes Larmes vorgeleſen und welche begannen: „Mein hübſches Brüderchen, mögen Engel Deine Ruhe behüten,“ in welchen die Muſe, nachdem ſie das Wiegenkind auf der Station des Lebens, die es einnehmen ſollte, begrüßte, und es mit ihrer eigenen einſamen Lage in Kenntniß ſetzte, gleichwohl gelobte, daß der Engel nie ſolche Zuneigung genießen werde, gleich der ihrigen, noch in der falſchen Welt vor ihm etwas ſo Beſtändiges und Liebendes als einer Schweſter Herz finden ſollte. „Vielleicht,“ ſprach die Verlorne, „verſchmäheſt Du mich, holdes Knäbchen, vielleicht verſtößeſt Du mich von Deinem Herzen, dann umklammere ich Deine Füße, o laß mich, laß mich Dich lieben, mag die Welt ſich falſch gegen Dich wie gegen Andere erweiſen, bleib doch ich Dir immer getreu.“ Und ſiehe da, die Muſe ſchlug dem theuren Bruder um die Ohren, ſtatt zu ſeinen Füßen zu knieen und gab Miß Laura ihre erſte Lektion in der cyniſchen Philoſophie — nicht die allererſte jedoch — etwas, gleich dieſer Selbſtſucht und dieſem Eigenſinn, etwas wie Kontraſt zwiſchen Praris und Poeſie, zwi⸗ ſchen der hochſtrebenden Sehnſucht, der Dichtung und dem Alltagsleben, hatte ſie daheim bei unſerem jungen Freunde Mr. Pen ſchon erlebt. Aber bei Pen war es ein anderer Fall. Pen war ein Mann. Es ſchien gewiſſermaßen natürlich, daß er eigenwillig war und ſeine eignen Wege ging und hinter ſeinem Eigenfinn, ſeiner Selbſtſucht barg ſich ein gütiges und evles Herz. O es war hart, daß ein ſolcher De⸗ mant gegen einen falſchen Stein gleich dieſem einge⸗ tauſcht werden ſollte. Mit einem Wort, Laura begann der bewunderten Blanche müde zu werden, ſie hatte ſte — — 5 55 geprüft und nicht wahr erfunden, und ihre frühere Bewunderung und Wonne, die ſie mit ihrer gewohnten Harmloſigkeit ausgedrückt hatte, wich einem Gefühl, das wir nicht Verachtung nennen wollen, das ihr aber ſehr nahe kam, und das Laura gegen Amory einen ernſten, ruhigen, der Muſe anfangs gar nicht gefälligen Ton der Ueberlegenheit annehmen ließ. Niemand hat es gern, durchſchaut zu werden, oder von einer hohen Stufe herabſteigen zu müſſen. Das Bewußtſein, daß dieß bevorſtehe, diente nicht vazu, Miß Blanche's gute Laune zu erhöhen, und da es ſie mürriſch und mit ſich ſelbſt unzufrieden machte, ſo machte es ſie wahrſcheinlich auch für die Perſonen um ſie her weniger angenehm. So kam denn ein verhäng⸗ nißvoller Tag, eine Königsſchlacht zwiſchen der theuer⸗ ſten Blanche und der theuerſten Laura, in welcher die Freundſchaft zwiſchen Beiden auf den Tod verwundet wurde. Die theuerſte Blanche war an dieſem Tage un⸗ gewöhnlich launenhaft und böſe geweſen, ſie war inſo⸗ lent gegen ihre Mutter, barbariſch gegen den kleinen Frank, gehäſſig, impertinent in ihrem Benehmen gegen die Gouvernante des Knaben und unerträglich grau⸗ ſam gegen ihre Zofe Pincott. Da ſie nicht wagte, ihre Freundin anzugreifen (denn der kleine Tyrann war von furchtſamer Katzennatur, ſie gebrauchte ihre Klauen blos gegen ſolche, welche ſchwächer als ſie waren) miß⸗ handelte ſie alle dieſe und beſonders die arme Pincott, ihre Dienerin, Vertraute, Geſellſchafterin (immer Skla⸗ vin), je nach der Laune ihrer jungen Gebieterin. Als dieſes Mädchen, das im Zimmer mit den jun⸗ gen Ladies geſeſſen, in Thränen, welche die Grauſamkeit ihrer Gebieterin hervorgerufen hatte, daraus vertrieben war, und als ſie ſchluchzend aus der Thüre trat, eine farkaſtiſche Bemerkung auf den Weg bekommen hatte, zog Laura laut und unwillig zu ehrlichem Kampfe gegen ſie zu Felde — wunderte ſich, wie ein ſo junges We⸗ ſen die ſchuldige Achtung gegen Aeltern ſowohl, als 56 gegen niedriger Stehende vergeſſen, und während ſie ſo viel Empfindſamkeit in eigner Sache beanſpruche, die Gefühle der andern ſo muthwillig foltern könnte. Laura ſagte ihrer Freundin, daß ihr Benehmen durch⸗ aus gottlos ſei und daß ſie den Himmel darob auf den Knieen um Verzeihung bitten ſollte. Nachdem ſie dieſe hitzige Rede mit vieler Zungenfertigkeit abgelegt und damit die Sprecherin eben ſowohl, als die Zuhörerin in Erſtaunen geſetzt hatte, rannte ſie nach Hut und Shawl und eilte in großer Unruhe und Aufregung und zum Erſtaunen der Mrs. Pendennis, die ſie vor Nacht nicht erwartet hatte, nach Hauſe. . Allein mit Helen, erſtattete Laura einen Bericht über den Auftritt und gab ihre Freundin auf. „O, Mama,“ ſagte ſie, „Sie hatten Recht; Blanche, welche ſo ſanft und gütig ſcheint, iſt, wie Sie ſagten, ſelbſtſüchtig und graufam. Sie, welche immer von ihren Affektionen ſpricht, kann kein Herz haben. Kein ordentliches Mädchen wird eine Mutter ſo betrüben, oder eine abhängige Die⸗ nerin ſo peinigen — und — und ich gebe ſie von heute an auf und will keine Freundin mehr haben als Dich.“ Hierauf machten die beiden Ladies die gewohnte Kußceremonie durch und Mrs. Pendennis hatte aus dieſem kleinen Streit einen großen geheimen Troſt ge⸗ wonnen, denn Laura's Bekenntniß ſchien zu ſagen: die⸗ ſes Mädchen kann niemals Pen's Gattin werden, denn ſie iſt leichtfertig und herzlos und unſers nobeln Helden ganz unwürdig, er wird gewiß ihre Unwürdigkeit ſelbſt herausſinden und ſich dann vor dieſem phantaſtiſchen Weſen retten und aus ſeiner Täuſchung erwachen.“ Aber Miß Laura ſagte Mrs. Pendennis nicht, ge⸗ ſtand vielleicht ſich ſelbſt nicht, was der wirkliche Grund des heutigen Streites war. Da die Muſe in böſer Stimmung war und überall auf Unheil dachte, hatte der kleine Kobold von Blanche ſehr bald ihre Kniffe begonnen. Ihr Liebling Laura hatte einen langen Tag 57 vurchlebt und als ſie auf dem eigenen Zimmer beiſam⸗ men ſaßen, beliebte ſie, die Rede auf Mr. Pen zu bringen. „Ich fürchte, er iſt abſcheulich unbeſtändig,“ be⸗ merkte Miß Blanche; „Mrs. Pybus und viele andere Leute aus Clavering haben uns die ganze Geſchichte mit der Schauſpielerin erzählt.“ „Ich war noch ganz Kind, als die Sache vorfiel und weiß nichts davon,“ antwortete Laura hoch er⸗ röthend. „Er behandelte ſie ſehr unrecht,“ ſagte Blanche, ihr Köpſfchen ſchüttelnd. „Er war falſch gegen ſie.“ „Ganz gewiß, das war er nicht,“ rief Laura; „er handelte ſehr edel gegen ſie, er wollte Alles aufgeben, um ſie zu heirathen, ſie war falſch gegen ihn, das Herz brach ihm beinahe: er —“ „Ich glaubte, Sie wüßten Nichts von der Ge⸗ ſchichte, Theuerſte?“ fiel Miß Blanche ein. „Mama ſagte mir ſo,“ ſagte Laura. „Gut, er iſt ſehr verſtändig,“ fuhr die andere kleine Theure fort, „was für ein holder Dichter er iſt! Haben Sie ſchon ſeine Gedichte geleſen?“ „Nur den Fiſchersmann und den Taucher, den er für uns überſetzte, und ſein Preisgedicht, das den Preis nicht gewann, und wirklich, ich hielt es für ſehr pompös und proſaiſch,“ ſagte Laura lachend. „Hat er denn nie Gedichte an Sie geſchrieben, meine Liebe?“ fragte Miß Amory. „Nein, meine Theure,“ ſagte Miß Bell. Blanche rannte auf ihre Freundin zu, küßte ſie zärtlich, nannte ſie drei Mal ihre theuerſte Laura, ſah ihr ſchelmiſch in's Geſicht, nickte mit dem Kopfe und ſprach: „verſprechen Sie mir, es Nie — Nie — mand zu ſagen, dann zeige ich Ihnen was.“ Dann trippelte ſie leicht durch das Zimmer nach einem mit Perlmutter ausgelegten Pult, öffnete ihn mit einem ſilbernen Schlüſſel und nahm zwei oder drei zerknitterte und grünbeſleckte Papiere heraus, die ſie 58 ihrer Freundin einhändigte. Laura nahm und las ſie, es waren Liebesſtrophen, ſoviel war gewiß — an eine Undine — eine Najade — von einem Fluſſe. Sie ſah ſie lange Zeit an, aber in Wahrheit, die Strophen erſchienen nicht ganz veutlich vor ihren Augen. „Und Sie haben ſie beantwortet?“ fragte ſie und ſchob ſie zurück. „O neinl! um alle Welt nicht, Theuerſte,“ ſagte die Andere, und als die theuerſte Laura mit den Verſen ganz fertig war, trippelte ſie zurück und huſchte damit in den hübſchen Pult., Dann ging ſie an ihr Klavier und ſang zwei oder drei Lieder von Roſſini, deſſen Präludien ſie mit ihrem biegſamen Stimmchen meiſterhaft ausführen konnte, und Laura ſaß dabei, indem ſie nur unbeſtimmt hörte, wie dieſe Stücke aufgeführt wurden. An was dachte Miß Bell? ſie wußte es kaum; aber ſie ſaß ſchweigſam da, während die Lieder erklangen. Nach dieſem Konzert wurden die jungen Ladies in das Zimmer gerufen, wo ein Imbiß ſervirt wurde, und wo ſie natürlich mit um ihre Leiber geſchlungenen Armen gingen, und es konnte nicht Eiferſucht oder Aerger von Laura's Seite ſein, venn nachdem ſie den Gang entlang getrippelt und die Stufen hinabgeſtiegen und im Begriff waren, die Thüre zu öffnen, welche in die Halle führte, hielt Laura, ſah ihrer Freundin gütig und frei in's Geſicht und küßte ſie mit ſchweſterlicher Wärme. Hierauf begab ſich etwas — Maſter Frank's Manier zu eſſen wahrſcheinlich, oder Mama's Verſtöße, oder Sir Francis's Cigarrenduft — was Miß Blanche ärgerte und jene Reihe von Ungezogenheiten herbeiführte, von denen wir geſprochen haben, und welche mit dem ſchon er⸗ wähnten kleinen Zerwürfniß endeten. 59 piertes Rapitel. Das Haus füllt ſich mit Gäſten. Das Zerwürfniß zwiſchen den beiden Mädchen vauerte nicht lange, Laura war immer geneigt zu vergeben und ſich vergeben zu laſſen, und was Miß Blanche betrifft, ſo hatte obige Scene keine Feindſelig⸗ keit, die ohnedieß nicht lange zu dauern pflegte, bei ihr hervorgerufen. Niemand kümmert ſich darum, wenn er der Gottloſigkeit bezüchtigt wird. Keine Eitelkeit wird vurch eine ſolche Anklage verletzt: Blanche war über ihrer Freundin Unwillen mehr vergnügt als gereizt, welcher nie erregt worden wäre, wenn er nicht eine urſache gehabt hätte, die beide kannten, aber unbe⸗ ſprochen ließen. So mußte denn Laura mit einem Seufzer geſtehen, daß der romantiſche Theil ihrer erſten Freundſchaft zu Ende und ihr Gegenſtand von ganz gewöhnlichem Schlage war. Blanche ſchrieb ihres Theils ſogleich rührende Verſe, in denen ſie von ihrer Verlaſſenheit und Entzauberung ſprach. Es war blos die alte Litanei von Liebe, durch Kaltſinn vergolten, und Treue, die durch Vernachläſ⸗ ſigung erwidert wurde; und da um dieſe Zeit neue Nachbarn von London ankamen, in deren Familien Toͤchter waren, ſo hatte Miß Amory den Vortheil, unter dieſen jungen Ladies einen Gegenſtand ewiger Freundſchaft auszuwählen und dieſer neuen Schweſter ihre Sorgen und getäuſchten Hoffnungen zu klagen. Die ſchlanken Bedienten kamen jetzt nur ſelten mit Noten an die ſanfte Laura; der Wagen mit den Frauenpferdchen wurde ſelten nach Fairvaks geſchickt, um den Ladies zur Verfügung zu ſtehen. Blanche nahm einen holden Blick leidenden Märterthums an, wenn Laura ſie beſuchte. Die Andere lachte über ihrer Freundin ſentimentale Stimmung und behandelte ſie mit einer Laune, die keineswegs große Achtung verrieth. Aber wenn Miß Blanche neue Freundinnen fand, ſie zu tröſten, ſo darf der getreue Geſchichtſchreiber auch nicht verſchweigen, daß ſie Bekanntſchaften des andern Geſchlechtes entdeckte, die ihr gleichfalls Troſt zu ge⸗ währen ſchienen. Wenn dieſes harmloſe junge Geſchöpf einen jungen Mann traf, und zehn Minuten auf einem Spaziergang im Garten, oder an einem Fenſter des Geſellſchaftszimmers, oder in den Pauſen eines Walzers ſich mit ihm unterhielt, ſo ſchenkte ſie ihm, ſo zu ſagen, ihr Vertrauen — ſpielte mit ihren ſchönen Augen — ſprach im Tone zärtlicher Theilnahme, und natürlicher, rührender Berufung an ſeine Gefühle, und verließ ihn, um daſſelbe hübſche kleine Drama mit ſeinem Nachfolger aufzuführen. Als die Claverings zuerſt in den Park herabkamen, war die Zuhörerſchaft, vor welcher Miß Blanche ihre Rolle ſpielen konnte, nur gering; daher hatte Pen das ganze Benefice ihrer Blicke und Vertraulichkeiten, und das Fenſter im Geſellſchaftszimmer, oder den Spazier⸗ gang im Garten ganz für ſich allein. In der Stadt Clavering waren gegenwärtig, wie es hieß, keine jungen Männer: in der nächſten Nachbarſchaft umher blos einer oder zwei Pfarrgehilfen, oder ein Landjunker mit großen Füßen und ſchlecht gemachten Kleidern. Den Dragonern, die in Chatteries im Quartier lagen, machte der Baronet keine Eröffnungen: ſie waren unglücklicher Weiſe von ſeinem eigenen Regiment; er hatte daſſelbe in ſchlechtem Verhältniß zu einigen Offizieren des Corps verlaſſen, eine häßliche Geſchichte mit einem Pferde⸗ handel, eine beſtrittene Spielſchuld — Blinder Hookeh — eine weiße Feder — wer braucht zu fragen? — Es iſt nicht unſere Aufgabe, zu genau in Vergangenheiten 61 unſerer Charaktere einzudringen, außer inſofern, als ihre frühere Geſchichte zur Entwicklung unſerer gegenwär⸗ tigen Geſchichte gehört. Aber der Herbſt und das Ende der Parlaments⸗ ſitzungen und der Londoner Saiſon brachte einige Fa⸗ milien auf ihre Landſitze herab und füllte endlich den benachbarten kleinen Badeort Baymouth, öffnete Freund Bingley's Royal⸗Theater zu Chatteries und ſammelte die gewöhnliche Geſellſchaft bei den Aſſiſen und den Wettrennbällen daſelbſt. Bis zu dieſer Zeit hatten ſich die alten Grafſchaftsfamilien von unſern Freunden in Clavering Park fern gehalten. Die Fogys von Drum⸗ mington, die Square's von Tozely Park, die Welbores von Dem Barrow u. ſ. w. Allerlei Gerüchte über die Familie zu Clavering kurſirten unter dieſen Leuten; — in der That Niemand ſollte ſagen, daß die Leute auf dem Lande keine Einbildungskraft haben, wenn man ſie von ihren neuen Nachbarn ſprechen hörte. Ueber Sir Franecis und ſeine Lady, ihre Geburt und ihre Ver⸗ wandtſchaft, über Miß Amory und Kapitän Strong hatte es endloſe Geſchichten gegeben, die man nicht nachzu⸗ erzählen braucht, und die Familie vom Park war drei Monate in der Grafſchaft geweſen, ehe das vornehme Volk umher ſie zu beſuchen begann. Am Ende der Saiſon aber kam der Earl Trehawke, Lord Lieutenant der Grafſchaft, nach Eyrie Caſtle und die verwittwete Gräfin von Rockmünſter, deren Sohn gleichfalls ein Landmagnat war, um ihr Herrenhaus an der Marine Parade zu Baymouth zu bewohnen — dieſe vornehmen Grafſchaften kamen öffentlich, unver⸗ weilt und in Gala, um der Familie von Clavering Park ihren Beſuch zu machen, und die Wagen der Graſſchaftsfamilien folgten eilig hintendrein, und wur⸗ den in der Allee zurückgelaſſen. Jetzt begann für Mirobolant Gelegenheit zu kom⸗ men, ſein Geſchick zu bethätigen und unter den Beſchäf⸗ tigungen ſeiner Kunſt die Liebesſchmerzen zu vergeſſen. 62 Jetzt waren die zwei großen Bedienten zu beſchäftigt in Flavering Park, um Botſchaften zu überbringen, oder über dem Becher Dünnbier mit den armen kleinen Mädchen zu Fairvaks zu ſchäckern. Damals fand Blanche andere theure Freundinnen als Laura, und andere Punkte zum Luſtwandeln außer dem Flußufer, wo Pen ſfiſchte. Er kam Tag für Tag und peitſchte das Strömchen; aber die Fiſche, Fiſche! wollten ihre Pflicht nicht thun, noch die Peri erſcheinen, und hier dürfen wir im feſten Ver⸗ trauen und mit der Bitte, daß die Sache nicht weiter komme, auf ein delikates Händelchen anſpielen, auf das ſchon früher hingedeutet wurde. Es wurde eines ge⸗ wiſſen hohlen Baumes erwähnt, bei welchem Pen frühe⸗ ſeine Poſition zu nehmen pflegte, als er noch für Mir Fotheringay ſchwärmte, und dieſe Höhlung benützte eß ſpäter zu andern Zwecken, als ſeine Köder und Angelr ruthen hineinzuthun. Thatſache iſt, daß er dieſen Baum in einen Briefſchalter umwandelte: unter ein Bischen Moos und einen Stein pflegte er Gedichtchen oder gleich poetiſche Briefchen zu legen, die an eine gewiſſe Undine oder Najade gerichtet waren, welche dieſen Fluß be⸗ ſuchte, und die ein⸗ oder zweimal durch ein Recepiſſe in Geſtalt einer Blume oder durch ein Paar beſcheidene Wörtchen der Anerkennung von zarter Hand auf fran⸗ zoͤſiſch oder engliſch und auf blaßrothem, duftendem Papier geſchrieben, erſetzt wurden. Wenigſtens pflegte Miß Amory an dieſem Strömchen, wie wir ſchon ge⸗ ſehen, zu luſtwandeln; und Thatſache iſt, daß ſie blaß⸗ rothes, wohlriechendes Papier zu ihrem Briefwechſel benützte. Nachdem aber die vornehmen Leute einen Einfall in Clavering Park gemacht und der Familien⸗ wagen einen Abend nach dem andern die Lodgethore verließ, um nach andern großen Landſitzen zu fahren, kam Niemand, um Pen's Briefe von der Poſt zu holen; das weiße Papier ward nicht mit dem blaßrothen ver⸗ tauſcht, ſondern lag ungeſtört unter ſeinem Stein und Moos, indeß der Baum im Strome ſich abbildete und 63 der Brawl ungeſtüm vorüberrollte. Es ſtand allerdings nicht viel in den Briefen; in den blaßrothen Nötchen, kaum der Rede werth — kaum ein Wörtchen oder zwei, halb ſcherzhaft, halb Mitgefühl athmend, wie ſie eine junge Lady eben geſchrieben haben mochte. Aber ach, einfältiger Pendennis, wenn Du dieſes Eine brauchteſt, warum haſt Du nicht geſprochen? Vielleicht war es keinem Theile Ernſt. Du ſpielteſt blos mit Deiner Liebe, und die muthwillige kleine Undine ging ein auf Deinen Scherz. Aber wenn ein Mann bei ſolcher Kurzweil gefoppt wird, verliert er nicht ſelten die Faſſung, und als Nie⸗ mand mehr kam, um Pen's Gedichte zu holen, begann er dieſe Schöpfungen in einem ganz ernſtlichen Lichte zu betrachten; es war ihm wieder beinahe ſo tragiſch und romantiſch zu Muthe, als bei ſeinem erſten Liebes⸗ handel: — auf jeden Fall wollte er eine Erklärung haben. Eines Tags ging er in die Halle und fand dort ein Zimmer voll von Gäſten. An einem andern Tage war Miß Amory nicht zu ſehen; ſie ging an jenem Abend auf einen Ball und hatte ſich niedergelegt, um ein Nickchen zu thun. Pen verfluchte die Bälle, ſeine beſchränkten Mittel und ſeine niedrige Stellung auf dem Lande, die ihn bei ſolchen Unterhaltungen über⸗ gehen ließ. Bei einer dritten Gelegenheit war Miß Amory im Garten und er rannte dahin. Sie ging dort in voller Gala mit keinen geringern Perſönlichkeiten als dem Biſchof und der Biſchöfin von Chatteries und der biſchöflichen Familie ſpazieren, welche ihn ſauer anſahen und ſich in hoher Würde in die Bruſt warfen, als er ihnen vorgeſtellt wurde und ſie ſeinen Namen hörten. Der hochwürdige Prälat hatte ihn früher, ſowie auch den kleinen Vorfall in dem Dechantgarten gehört. „Der Biſchof ſagt, Sie ſeien ein trauriger junger Menſch,“ flüſterte ihm die gutmüthige Lady Clavering zu. „Was haben Sie angeſtellt? Nichts, hoffe ich, um einer theuern Mar *), wie der Ihrigen, das Herz ſchwer zu machen? Wie beſindet ſich Ihre theure Mar? Warum kommt ſie nicht auf Beſuch zu mir? Es iſt lange her, daß wir ſie nicht geſehen haben. Wir gehen immer auswärts, ſo daß wir jetzt unſere Nachbarn nicht beſuchen können. Grüßen Sie ſie und Laurar *) von mir und kommen Sie morgen Alle zum Diner.“ Mrs. Pendennis war zu unwohl, um auszugehen; aber Laura und Pen kamen. Es war große Geſell⸗ ſchaft und Pen konnte nur ein flüchtiges Wort mit Miß Amory ſprechen. „Sie kommen jetzt nicht mehr an den Fluß,“ ſagte er. „Ich kann nicht,“ ſagte Blanche, „das Haus iſt voll von Leuten.“ „Undine hat den Strom verlaſſen,“ fuhr Mr. Pen fort, indem er geruhte, poetiſch zu werden. „Sie hätte nie dahin gehen ſollen,“ antwortete WMiß Amory. „Sie wird nicht mehr dahin gehen. Es war ſehr thöricht, ſehr unrecht, es war bloßer Scherz. Zudem haben Sie daheim andern Troſt,“ fügte ſie hinzu, indem ſie einen Augenblick ihm voll in's Geſicht ſchaute und dann ihren Blick ſenkte. Wenn er Etwas von ihr wollte, warum ſprach er nicht, noch jetzt hätte ſie vielleicht ja geſagt; aber als ſie von anderem Troſt daheim ſprach, dachte er an Laura, die ſo rein, ſo zärtlich war, und an ſeine Mutter daheim, deren liebendes Herz keinen andern Wunſch hegte, als ihn mit ihrer Adoptivtochter zu vereinigen. „Blanche,“ begann er in ärgerlichem Tone, — „Miß Amory!“ „Laura ſieht auf uns, Mr. Pendennis,“ ſagte die junge Lady, „ich muß zur Geſellſchaft zurück,“ und ſie rannte davon, indem ſie Mr. Pendennis überließ, in der Verlegenheit an ſeinen Nägeln zu nagen und in das Mondlicht im Garten hinauszuſchauen. *) gemein für ma, Mama, ſo Laurar für Laurs. —————— 65 Laura ſah allerdings auf Pen. Sie ſprach mit oder ſchien zu hören auf Mr. Pynſent, Lord Rock⸗ minſter's Sohn und Enkel der verwittweten Lady, die in Gala auf dem Ehrenplatze ſaß und Lady Clavering's ſchlechte Grammatik mit ernſter Miene hinnahm und dem leeren Sir Franecis ihren Schutz verlieh und ſich ſeinen Einfluß in der Grafſchaft ſichern wollte. Pynſent und Pen waren mit einander in Orbridge geweſen, wo Letzterer auf der Mittagshöhe ſeines Glücks und ſeiner Macht über dem jungen Patrizier ſtand und vielleicht ſtolz auf ihn herabſah. Sie hatten ſich, ſeit ſie ſich auf der Univerſität getrennt, heute zum erſten Mal an der Tafel getroffen und einander jenen ungemein imper⸗ tinenten und kurzweiligen Halbblick der Wiedererkennung zugeworfen, der nur in England und in ſeiner Voll⸗ fommenheit nur bei Univerſitätsleuten vorkommt, und etwa beſagen will: „Hol Dich der — was thuſt Du hier?“ „Ich kannte den Mann zu Orbridge,“ ſagte Mr. Pynſent zu Miß Bell, „ein Mr. Pendennis, denke ich.“ „Ja,“ ſagte Miß Bell. „Er ſcheint zärtlich mit Miß Amory,“ fuhr der Gentleman fort. Laura ſah ſie an und dachte vielleicht das Gleiche, ſagte aber Nichts. „Ein Mann von großem Grundbeſitz in der Graf⸗ ſchaft, nicht wahr? Er ſprach davon, ſie im Unterhaus zu vertreten, er ſprach viel in der Union. Wo liegen ſeine Beſitzungen?“ Laura lächelte. „Seine Beſitzungen liegen über dem Fluſſe nahe bei dem Lodgethor. Er iſt mein Vetter, und ich wohne dort.“ „Wo?“ fragte Mr. Pynſent mit einem Lachen. „Ei nun, über dem Fluſſe, zu Fairvaks, antwortete Miß Bell. „Viele Faſanen dort? 's ſcheint ein gutes Lager,“ ſagte der einfache Gentleman. Pendennis. I. 5 66 Laura lächelte wieder. „Wir haben neun Hennen und einen Hahn, ein Schwein und einen alten Hühner⸗ hund.“ „Pendennis hält denn nicht darauf?“ fuhr Mr. Pynſent fort. „Sie ſollten kommen und ihn beſuchen,“ ſagte das Mädchen lachend und ſehr amüſirt von dem Gedanken, daß ihr Pen ein großer County Gentleman wäre und ſich vielleicht ſelbſt als ſolchen ausgegeben habe. „Gewiß, es verlangt mich ſehr, unſere Bekannt⸗ ſchaft zu erneuern,“ ſagte Mr. Pynſent galant und mit einem Blick, welcher ſagen wollte: „Sie möcht' ich gerne beſuchen,“ welchem Blick Miß Laura mit einem Lächeln antwortete und eine kleine Verbeugung machte. Hier kam Blanche mit ihrem bezauberndſten Lächeln und Blicke auf ſie zu und bat die liebe Laura, zu kommen, und ihr bei einem Liede zu ſekundiren. Laura war in ihrer Gutmüthigkeit bereit, Alles zu thun und trat an das Klavier. Mr. Pynſent horchte ſo lange das Duett dauerte und bis Miß Amory allein begann, da trat er bei Seite⸗ „Was für ein hübſches, offenes, liebenswürdiges, gebildetes Mädchen das iſt, Wagg,“ ſagte Mr. Pynſent zu einem Gentleman, der mit ihm von ymouth herübergekommen war — „die Schlanke dort, m ine ich, mit den Löckchen und den rothen Lippen — monſtrös roth — nicht wahr?“ „Was halten Sie von dem Mädchen vom Hauſe?“ fragte Mr. Wagg⸗ „Sie iſt ein mageres, dürres Märchen;“ ſagte Mr. Pynſent mit großer Aufrichtigkeit. „Sie zieht ihre Schultern über ihre Kleidung heraus, läßt ihre Augen nie allein und geht affektirt, lächelnd und liebäugelnd herum, wie ein franzöſiſches Stubenmädchen.“ „Pynſent, ſeien Sie höflich,“ rief der Andere, „es fönnte Jemand zuhören,“ 67 „Oh, es iſt Pendennis von Boniface,“ ſagte Mr. Pynſent. „Schöner Abend, Mr. Pendennis, wir ſpra⸗ chen ſo eben von Ihrer bezaubernden Verwandten. „Ein Verwandter von meinem alten Freunde, Ma⸗ jor Pendennis?“ fragte Mr. Wagg. „Sein Neffe. Hatte das Vergnügen, Sie in Gaunt Houſe zu treffen,“ ſagte Mr. Pen mit ſeiner beſten Miene — die Bekanntſchaft zwiſchen den Gentlemen war in einem Augenblick geſchloſſen. Nächſten Nachmittag, als Mr. Pen von einer un⸗ vergnüglichen Fiſcherkurſion zurückkehrte, fand er die beiden Gentlemen in ſeiner Mutter Geſellſchaftszimmer in traulicher Unterhaltung mit der Wittwe und ihrer Pflegetochter. Mr. Pynſent, ſchlank und hager mit rothem Backenbart und einem imponirenden Haarbuſch an dem Kinn, ſpreizte ſich über einen Stuhl in der nächſten Nach⸗ barſchaft der Miß Laura. Sie war durch ſeine einfache, freie, launige und ſcharfe, mit ſchmuckloſen Ausdrücken eines etwas kauderwelſchen Konverſationsſtyls unter⸗ mengten Reden amüſirt. Es war das erſte Exemplar eines jungen Londoner Dandy, den Laura geſehen oder gehoͤrt hatte; denn ſie war noch ein Baäfiſch zur Zeit, da Mr. Foker zu Fairvaks eingeführt wurde; zudem war jener offenherzige Gentleman nicht viel mehr als ein Knabe, und ſeine Bildung war blos die der Schule und des College's. Mr. Wagg beaugte und bemerkte bei ſeinem Ein⸗ tritt in das Bereich von Fairvafs mit ſeinem Begleiter Alles rings umher. „Alter Gärtner,“ ſagte er, als er Mr. John an der Lodge ſah — „alte, rothe Livreeweſte — Kleider zum Trocknen, an den Stachelbeerbüſchen aufgehängt — blaue Schürzen, weiße Hoſen — bei Gott, die müſſen dem jungen Pendennis gehören, dieſe weiße Hoſen; Niemand ſonſt trägt ſie in der Familie. Wirklich ein beſcheidener Platz für ein angehendes Graf⸗ ſchaftsmitglied, he, Pynſent?“ gte Mr. Pynſent; kleine Hütte,“ ſa „Eine hübſche, alter Gentleman „Mr. Pendennis ſter Pendennis wa Ladies zu Hauſe John anwortete: s das Paar über den zie en Geſträuchen vor te John öffnete, John antwortete: r ausgegangen. 2“ fragte der Jüngere „Ja das ſein ſie 14 rlichen Sand wegging, bei nach dem Hallen⸗ bemerfte Mr. Wagg den Barometer, Ueberſchuhe der Ladies, John die Thür an den niedlich thor, welches der al jedes Einzelne, mappe, die S Pen's Hüte un in das Geſellſch kömmlinge einzuführen. chirme und die d Tartankopfpu aftszimmer öffn Minutien übten eine in⸗ kraft auf Wagg; er griff nach te Burſche iſt hier das A und das O,“ te er gegen Pynſent. Caleb Balderſtone. die Küchenmagd wäre.“ te befanden ſich beide in Ladies, in welchen vollkommen gebildet Verbeugung macht kniren, von eine Verſtändigung gegen Sollte mich nicht wundern⸗ In der nächſten t der Fairvaker nicht umhin konnte, zwei e Ladies zu finden, e mit gezierten m gelegentlichen ſeinen Begleiter be dieſe Signale anzuerke chſt hochmüthigen B hrerbietung gege nlächerlich war, Seele eines Kellners, ſekammer in das Geſellſchaftszi Bajazzo zu machen. i flich und ſeine Gut nicht einzuſehen, „oder daß eine Bücklingen und Seitenblick der und beſonderer G etwas in Mr. Wagg müthigkeit ächt, aber in Gentleman einen alten Rock tragen Lady reſpektabel ſein — ——— — 69 könne, wofern ſie nicht einen Wagen hätte, oder eine franzöſiſche Putzmacherin in Arbeit ſetze. „Ein reizender Platz, Ma'am,“ ſagte er, gegen die Wittwe ſich verbeugend, „eine noble Ausſicht — ent⸗ zückend für uns Cockney's *), welche ſelten etwas außer Pall Mall zu ſehen bekommen.“ Die Wittwe ſagte einfach, daß ſie in ihrem Leben nur ein Mal in London geweſen, ehe ihr Sohn geboren wurde. „Hübſches Dorf, Ma'am, hübſches Dorf,“ ſagte Wagg, „und wird nächſtens eine große Stadt ſein; es iſt kein ſchlechter Platz, darin zu leben, für ſolche, welche nicht immer auf's Land können.“ „Mein Bruder, Major Pendennis, hat oft Ihren Namen gegen uns erwähnt,“ ſagte die Wittwe, „und wir ſind durch einige Ihrer drolligen Bücher ſehr amü⸗ ſirt worden,“ fuhr Helen fort, welche Mr. Wagg's Bü⸗ cher nie leiden konnte und ihren Ton von ganzem Her⸗ zen verabſcheute. „Er iſt mein ſehr guter Freund,“ ſagte Mr. Wagg mit ſehr tiefer Verbeugung, „und einer der bekannteſten Männer in der Stadt und, wo bekannt, Ma'am, werth⸗ geſchätzt, ich verſichere Sie, werthgeſchätzt. Er iſt mit unſerem Freunde Steyne in Aachen; Steyne hat einen Anfall von Gicht, und unter uns geſagt, auch Ihr Bruder; ich gehe zur Faſanenjagd in Stillbrook und nachher nach Bareaeres, wo Pendennis und ich uns wahrſcheinlich treffen;“ und er ergoß ſich in einen Strom faſhionablen Geſchwätzes, wobei er die Namen von ein paar Dutzend Pairs einführte, und in athemloſem Eifer fortſchwatzte, während die einfache Wittwe in ſchweigſamer Verwunderung zuhörte. „Was das für ein Mann iſt,“ dachte ſie. „Sind alle faſhionablen Män⸗ ner in London wie er? Gewiß, Pen wird nie ein ſol⸗ cher werden.“ *) Londoner Stutzer. 70 Mr. Pynſent war mittler Weile mit Miß Laura im Geſpräche begriffen. Er nannte einige der Häuſer in der Nachbarſchaft, wohin er gehe, und drückte die Hoffnung aus, daß er in einem oder dem andern Miß Bell ſehen werde. Er hoffte, daß ihre Tante ihr eine Saiſon in London gebe. Er ſagte, daß er im nächſten Parlament in der Grafſchaft als Bewerber auftrete und hoffte hier Pendennis Einfluß für ſich zu gewinnen. Er ſprach von Pen's Triumph als Redner in Orbridge und fragte, ob auch er in's Parlament komme. Er ſprach ſehr gefällig und zu Laura's großer Befriedigung, bis Pen ſelbſt erſchien und die beiden Gentlemen traf. Pen benahm ſich ſehr höflich gegen den Pair, nun ſie ihren Weg in dieſe Quartiere gefunden hatten, und obgleich es ihm einige Stiche in's Gewiſſen gab, als er an eine Unterhaltung in Orbridge ſich erinnerte, bei welcher Pynſent gegenwärtig war, und wo nach einer langen Debatte in der Union und inmitten einer bedeu⸗ tenden Aufregung in Folge eines Soupers und des Champagnerkelchs, er ſeine Abſicht ankündigte, für ſeine heimathliche Grafſchaft als Bewerber aufzutreten, und in einer hübſchen Rede, als künftiges Parlaments⸗ mitglied gedankt hatte, ſo war doch Mr. Pynſent's Ma⸗ nier ſo offen und herzlich, daß Pen hoffte, er werde ſeine kleine Fanfaronnade und irgend welche andere Braggadocioreden oder Handlungen, deren er ſich ſchul⸗ vig gemacht, vergeſſen haben. Er ging in den Ton ſei⸗ ner Beſuchenden ein und ſprach von Plinlymmon und Magnus Charters, und der alten Geſellſchaft in Orbridge mit ſorgloſer Vertranlichkeit und Behaglichkeit, als ob er täglich mit Marquiſen lebte, und ein Herzog für ihn nicht mehr als ein Dorfpfarrer wäre. Aber unter dieſer Konjunktur und weil es Abends ſechs Uhr war, ſchritt das Stubenmädchen Betſy, welche Nichts von der Ankunft der Fremden wußte, ohne Prä⸗ liminarien, außer daß ſie die Thür vor ihr weit aufriß, in das Zimmer, und trug auf ihren Armen ein Brett — 71 mit drei Theetaſſen, einen Theetopf und den Teller mit dicken, mit Butter beſtrichenen Brodſchnitten. Pen's Glanz und Pracht ſchwand bei dieſer Erſcheinung da⸗ hin — er ſtammelte und wurde ganz verdutzt. Was werden ſie von uns denken, dachte er, und in der That Wagg ſtieß die Zunge in die Wange und dachte, der Thee ſei unendlich verächtlich und warf Pynſent einen ſehr verächtlichen Blick zu. Mr. Pynſent erſchien das Ganze als vollkommen natürlich — er ſah keinen Grund, warum die Leute nicht um ſechs Uhr Thee trinken ſollten, wenn ſie's ſo haben wollten, ſo gut als zu irgend einer andern Stunde, und er ſagte Mr. Wagg beim Fortgehen: was zum Henker er ſo gegrinst und gewinkt hätte, und was ihn ſo amüſirte. „Sehen Sie nicht, wie der Junge ſich ſchämte über den dicken Butterbrodſchnitten, und ich darf wohl ſagen, Sie werden Syrup hernach bekommen haben, wenn ſie ſich gut halten. Ich will Gelegenheit nehmen, wenn wir wieder in der Stadt ſind, dem alten Pendennis da⸗ von zu erzählen,“ kicherte Mr. Wagg. „Sehe nicht, was daran Spaßhaftes iſt,“ ſagte Mr. Pynſent. „Hab's auch nie vermuthet,“ knirſchte Wagg mit den Zähnen, und ſie gingen verdroſſen nach Haus. Wagg ſchilderte die Geſchichte beim Diner in ſehr lebhaften Farben mit wundervoller Genauigkeit der Be⸗ obachtung; er beſchrieb den alten John, die Kleider, welche trockneten, die Ueberſchuhe in der Halle, das Geſellſchaftszimmer, ſeine Geräthſchaft und Gemälde. — „Alter Mann mit einem Schnabel und Kahlkopf — feu Pendennis, ich wette zwei gegen eins, ein Heftpfla⸗ ſter von Kopf bis zu Fuß von einem Jungen in Mütze und Flügelkleid — der regierende Marquis von Fairoaks ohne Zweifel; die Wittwe, als ſie noch jung war, in Miniatur Mrs. Mee; ſie hatte das Gewand an, oder einen Anzug, der vor einem Jahr gemacht wurde, und 72 die Spitzen an den Fingern ihrer Handſchuhe abge⸗ ſchnitten, womit ſie ihres Jungen Krägen ſtickt, und dann kam das Dienſtmädchen herein mit dem Thee, ſo überließen wir denn den Earl und die Gräfin ihrem Brod und Butter.“ Blanche, in deren Nähe er ſaß, als er dieſe Ge⸗ ſchichte erzählte und welche les hommes d'esprit an⸗ betete, brach in ein Lachen aus und nannte ihn ein ſonderbares, drolliges Geſchöpf; aber Pynſent, welcher großen Widerwillen gegen ihn zu hegen begann, äußerte ſich laut und ſagte: „Ich weiß nicht, Mr. Wagg, wel⸗ cherlei Ladies Sie in Ihrer eigenen Familie zu treffen gewohnt ſind, aber bei Gott, ſo viel eine erſte Bekannt⸗ ſchaft ſagen kann, muß ich geſtehen, daß ich nie zwei höher gebildete Frauen in meinem Leben getroffen habe, und ich hoffe, Ma'am, Sie werden bei ihnen einſprechen,“ fügte er bei, an Lady Rockminſter ſich wendend, die an Sir Francis Clavering's rechter Seite ſaß. Sir Fran⸗ cis wandte ſich gegen ſeinen Gaſt zur Linken um und flüſterte: „Das iſt ein Stich für Wagg.“ Und Lady Clavering gab dem jungen Gentleman einen vergnügten Schlag mit dem Fächer und winkte mit ihren ſchwarzen Augen neben ihm und ſagte: „Mr. Pynſent, Sie ſind ein guter Junge.“ Nach der Geſchichte mit Blanche konnte eine, wenn auch noch ſo leichte Veränderung, ein Ton der Melan⸗ cholie, vielleicht ein wenig bitter, in Laura's Verkehr mit ihrem Vetter bemerkt werden. Sie ſchien ihn zu wägen und ein wenig zu leicht zu finden. Die Wittwe ſah, wie des Mädchens helle und ehrliche Augen den jungen Mann manchmal beobachteten, und ein Blick, der beinahe Verachtung verrieth, über ihr Geſicht hinglitt. Wenn er im Zimmer mit den Frauen ſaß, oder müßig, eine Cigarre ſchmauchend, auf dem Grasplatze dahin ſchlenderte, oder unter einem Baume über einem Buche entſchlummerte, das zu leſen er zu gleichgiltig war. „Was iſt zwiſchen euch vorgefallen?“ fragte Helen 6 73 mit ſcharfem Blicke das Mädchen. „Etwas iſt vorgefallen. Hat die koboliſche, kleine Blanche Unheil geſtiftet 7 Sag mir's, Laura.“ 6 „Gar Nichts iſt vorgefallen,“ ſagte Laura. — „Warum blickſt Du dann Pen ſo an?“ fragte ſeine Mutter lebhaft. „Ihn anblicken, theure Mutter!“ ſagte das Mäd⸗ chen. „Wir zwei Frauen ſind keine Geſellſchaft für ihn, wir intereſſiren ihn nicht, wir find nicht gewandt genug für einen ſolchen Genius, wie Pen. Er verſchwen⸗ det ſein Leben und ſeine Energie unter uns und iſt an unſere Schürzenſchleifen gebunden; er findet an Nichts Intereſſe: er findet es kaum der Mühe werth, über das Gartenthor hinauszugehen. Selbſt Kapitän Glanders und Käpitän Strong entleiden ihm,“ fuhr ſie mit bit⸗ terem Lachen fort, „und ſie ſind Männer, weißt Du, und erhaben über uns. Er wird nie glücklich ſein, während er hier iſt. Warum ſieht er ſich nicht die Welt an, und ſucht einen Beruf?“ „Wir haben mit großer Sparſamkeit genug zu⸗ ſammengebracht,“ ſagte die Wittwe, indem ihr Herz heftig zu ſchlagen begann. „Pen hat ſeit Monaten Nichts gebraucht. Ich bin überzeugt, er iſt ſehr gut. Ich bin überzeugt er möchte recht glücklich mit uns ſein.“ „Komm nicht ſo in Aufregung, theure Mutter,“ verſetzte das Mädchen, „ich wuͤnſche Dich nicht ſo zu ſehen. Du ſollſt nicht ſo darüber trauern, daß Pen hier unglücklich iſt. Alle Männer ſind ſo. Sie müſſen wirken. Sie müſſen ſich einen Namen und eine Stel⸗ lung in der Welt machen. Sieh, die beiden Kapitäne haben gefochten und Schlachten geſehen. Jener Mr. Pynſent, der hieher kam, und der ſehr reich werden wird, iſt in einem öffentlichen Amte. Er arbeitet ſehr ſtreng, er ſtrebt nach Namen und Ruf. Er ſagte, Pen war einer der beſten Sprecher in Orbridge und hatte ſoviel Talent, als irgend ein junger Gentleman daſelbſt. Pen ſelbſt lacht über Mr. Wagg's Celebrität (und in 3 1 1 74 ver That, er iſt eine gräuliche Perſon) und ſagt er iſt ein Dummkfopf, jeder Einfaltspinſel konnte ſeine Bücher ſchreiben.“ „Ich bin gewiß, ſie ſind odios und gemein,“ fiel die Wittwe ein. „Und doch hat er einen Ruf. — Du ſiehſt, das Countychronikle ſagt, der gefeierte Mr. Wagg hat in Baymouth verweilt — unſere Faſhionabeln und Excent⸗ riſchen mögen ſich auf ein kauſtiſches Werk von ihm gefaßt machen. Wenn Pen beſſer ſchreiben kann, als dieſer Gentleman, und beſſer ſpricht, als Mr. Pynſent, warum thut er's nicht, Mama? Er kann an uns keine Reden halten; kann ſich bei uns nicht auszeichnen, er ſollte fort, in der That, das ſollte er.“ „Theure Laura,“ ſagte Helen, indem ſie das Mäd⸗ chen bei der Hand nahm, „iſt es freundlich von Dir, ihn ſo fort zu brängen? Ich habe gewartet. Ich habe die vielen Monate her Geld aufgeſpart — um — um Deinen Vorſchuß zurückzuzahlen.“ „Still, Mutter!“ rief Laura, indem ſie ihre Freun⸗ din eilig umarmte. „Es war Dein Geld, nicht meines. Sprich nie mehr davon. Wie viel Geld haſt Du auf⸗ geſpart?“ Helen ſagte, daß mehr als zweihundert Pfund in der Bank liegen, und daß ſie im Stande ſein würde, am Ende des nächſten Jahres alles Geld Laura's ab⸗ zuzahlen. „Gib es ihm, gib ihm die zweihundert Pfund, laß ihn nach London gehen und Advokat werden: Etwas werden, würdig werden ſeiner Mutter — und meiner, theuerſte Mama,“ ſagte das gute Mädchen; worauf Helen mit ihrer gewohnten Zärtlichkeit und Rührung erklärte, daß Laura ein Segen für ſie und das beſte aller Mäd⸗ chen ſei — und ich hoffe, Niemand wird ihr bei dieſem Anlaß widerſprechen. Die Wittwe und ihre Tochter hatten mehr denn eine Beſprechung über dieſen Gegenſtand und die Ael⸗ 75 tere gab den gewichtigeren Gründen des ehrlichen und ſtärker begabten Mädchens nach. Und in der That, ſo oft von ihrer Seite ein Opfer zu bringen war, ſo war dieſe gütige Lady nur zu bereit, es zu bringen. Aber ſie ſchlug ihren eigenen Weg ein und ließ das Ziel nicht aus dem Auge, indem ſie Pen dieſe neuen Plane mit⸗ theilte. Eines Tags ſprach ſie mit ihm von dieſen Projekten, und wer ſie gemacht hätte, wie Laura darauf beſtünde, daß er nach London ginge und ſtudiere; wie es Laura ſei, die Nichts hören wollte von den — den Geldarrangements, als er zurück von Orbridge kam — wo ſie eben erſt bereinigt wurden, wie es Laura war, der er es verdanke, wenn er überhaupt denke, daß er es thun ſollte. Ueber dieſe Nachrichten ſtrahlte Pen's Geſicht vor Freude, er drückte ſeine Mutter an ſein Herz mit einer Inbrunſt, die, wie ich fürchte, der zärtlich liebenden Lady unerwartet war; aber ſie faßte ſich wieder, als er ſprach: „Bei Gott, ſie iſt ein nobles Mädchen, und mag Gott der Allmächtige ſie ſegnen! O Mutter! ich habe mich Monate hier aufgerieben, verlangt zu arbei⸗ ten und wußte nicht, wie. Ich härmte mich ab über dem Gedanken an meine Schande und meine Schulden⸗ an meine frühere verwünſchte Ausſchweifung und meine Thorheiten. Ich habe hölliſch gelitten. Mein Herz ward halb gebrochen — denken wir nicht mehr daran. Wenn ich das Vergangene wieder gut machen und mei⸗ ner Pflicht gegen mich und die beſte Mutter auf der Welt genügen kann, gewiß, gewiß, ich will es thun. Ich will euer noch würdig werden. Gott ſegne Dich! Gott ſegne Laura! Warum iſt ſie nicht hier, daß ich hingehen und ihr danken kann?“ Pen fuhr mit mehr unzuſammenhängenden Phraſen fort, ſchritt im Zimmer auf und nieder, trank Gläſer Waſſer, ſprang immer wieder auf ſeine Mutter zu und umarmte ſie aufs Neue, — lachte, — ſang — war glücklicher, als er ſeit ſeiner Knabenzeit geweſen — ſeit er von der Frucht des ſchreck⸗ haften Lebensbaumes gekoſtet, die von Anfang an vas Menſchengeſchlecht verſucht hat. Laura war nicht zu Hauſe. Laura war auf Be⸗ ſuch bei der ſtolzen Lady Rockminſter, Tochter Mylords Bareacres, Schweſter der verſtorbenen Lady Pontypool und folglich eine entfernte Verwandte Helens, die Ihre Herriichkeit, die in der Genealogie ſehr bewandert war, zuerſt die Gnade hatte, der beſcheidenen Landlady nach⸗ zuweiſen. Mr. Pen war hoch erfreut über die Aner⸗ kennung der Verwandtſchaft, obſchon vielleicht nicht über⸗ vergnügt, daß Lady Rockminſter Miß Bell auf ein paar Tage heim nach Baymonth nahm und nicht die ent⸗ fernteſte Einladung an Mr. Arthur Pendennis ergehen ließ. Es ſollte ein Ball zu Baymouth ſein und Miß Laura zum erſten Mal auftreten. Die Wittwe holte ſie in ihrem Wagen und ſie reiste ab mit einem weißen Gewand in ihrer Schachtel, beglückt und erröthend, gleich der Roſe, mit der ſie Pen verglich. Dieß war der Ballabend, eine öffentliche Unterhal⸗ tung in dem Baymouth Hotel. „Beim Jupiter!“ ſagte Pen, „ich will hinüber reiten. Nein, ich will nicht reiten, ich will gehen.“ Seine Mutter war entzückt, daß er ſo thun wollte und debattirte eben, wie er nach Baymouth abgehen ſollte, als Kapitän Strong zu ge⸗ legener Zeit anrief und ſagte, er gehe auch und wolle ſein Pferd den Butcher Boy, (Kellnerjungen) in das Gig ſpannen und Pen hinüberführen. Als die vornehme Geſellſchaft das Haus in Cla⸗ vering⸗Park zu füllen begann, drängte ſich der Cheva⸗ lier Strong, der, wie ſein Gönner ſagte, nie im Wege und immer um den Weg war, ſelten der Geſellſchaft auf, ſondern ſuchte ſich anderswo Erholung. „Ich habe eine Menge großartiger Diners in meinem Leben ge⸗ ehen,“ ſagte er, „und dinirte, beim Jupiter, in einer Geſellſchaft, wo oben ein König, und unten ein könig⸗ licher Herzog ſaß, und Jeder an der Tafel ſeine ſechs Stern am Rocke hatte, aber Gott verdamm mich, Glan⸗ 77 ders, dieſer Flitter behagt mir nicht, und die engliſchen Ladies mit ihren vermaledeiten geſteiften Airs und Eſ⸗ quires mit ihrem politiſchen Geſalbader nach dem Diner treiben mir den Schlaf in die Augen — legt mich ins Grab, wenn's nicht wahr iſt. Ich liebe mir ein Plätz⸗ chen, wo ich meine Cigarre blaſen kann, wenn das Tiſch⸗ tuch weggeräumt iſt und wo ich, wenn ich durſtig bin, mein Bier in der hergebrachten Zinnkanne habe. So begnügte ſich an einem Galatage in Clavering⸗Park der Chevalier damit, daß er die Anordnungen für die Tafel heaufſichtigte und den Majordomo und die Dienerſchaft kommandirte, und nachdem er mit Monſieur Mirobolant den Küchenzettel überblickt hatte, nahm er nicht den gering⸗ ſten Theil an dem Bankett. „Senden Sie mir ein Kotelette und eine Flaſche Claret auf mein Zimmer,“ pflegte dieſer Philoſoph zu ſagen und überſchaute von den Fenſtern ſeiner Wohnung, die auf die Terraſſe und die Allee gingen, die Gäſte, wie ſie in ihren Wagen an⸗ fuhren, oder beguckte er auch die Ladies in der Halle durch ein Oeil-de-boeuf, das von ſeinem Gange aus in dieſelbe ging. Und wenn die Gäſte ſaßen, pflegte Strong quer durch den Park nach Kapitän Glanders's kleiner Behauſung in Clavering zu gehen, oder der Wirthin in dem Wappen von Clavering einen Beſuch abzuſtat⸗ ten, oder einen Einfall bei Madame Fribsby auf Thee und Novellen zu machen. Wo immer der Cavalier erſchien, war er willkommen, und ſo oft er ging, zog ſich ein Geruch von heißem Schnaps und Waſſer hinter ihm her. Der Butcher Boy, nicht das ſchlimmſte Pferd in Sir Francis's Stall, war ausdrücklich zum Gebrauche Kapitän Strongs beſtimmt; und der alte Feldzügler ſattelte ihn und brachte ihn heim zu allen Stunden des Tags und der Nacht, und ritt ihn oder fuhr mit ihm das Land auf und nieder. Wo ein Wirthshaus mit einem guten Bier — wo ein Pächter mit einer hübſchen Tochter war, die Klavier ſpielte — nach Chatteries, nach dem Theater oder der Kaſerne — nach Baymouth, wenn's dort einen Spektakel gab; nach den Jahrmärk⸗ ten auf dem Lande, oder den Wettrennen fand der Cheva⸗ lier und ſein Braun beſtändig ihren Weg; und dieſer würdige Gentleman fand überall in dem freundlichen Lande freies Quartier. Der Butcher Boy brachte Pen und den Chevalier in Bälde nach Baymouth. Letzterer war mit dem Hotel und dem Gaſigeber daſelbſt ſo ver⸗ traut, als mit jeder andern Schenke in der Runde; und nachdem er ſich ein Schlafzimmer zum Ankleiden verſchafft hatte, betraten ſie den Ballſaal. Der Chevalier war ſplendid. Er trug drei kleine goldne Kreuze in einer Brochetle an der ſtattlichen Bruſtſeite ſeines blauen Rocks und ſah aus wie ein fremder Feldmarſchall. Der Ball war öffentlich, und Perſonen jeden Stan⸗ des waren zugelaſſen und ermuthigt zu kommen, da der junge Pynſent Abſichten auf die Grafſchaft hatte, und Lady Rockminſter bei dem Balle präſidirte. Es war eine QOuadrille für die Ariſtokratie an einem Ende und ausgezeichnete Bänke für die faſhionabeln Leute. Gegen dieſes Ende mochte der Chevalier nicht weit vordringen (wie er ſagte, kümmerte er ſich nicht um die Dumm⸗ bärte); aber in dem andern Theile des Gemachs kannte er Jedermann — die Weinhändlers⸗, die Wirths⸗, die Solicitors⸗, Herrenpächters⸗Töchter, ihre Väter und Brüder und drückte männiglich die Hand. „Wer iſt der Mann mit dem blauen Band und dem vreiſpitzigen Stern?“ fragte Pen. Ein Gentleman in blauem Gewand mit Löckchen und einer Franſe ſtand da und gaffte ungenirt um ſich her, mit der einen Hand in der Armhöhle ſeiner Weſte, während er mit der an⸗ dern ſein Claque hielt. „Beim Jupiter, 's iſt Mirobolant!“ rief Strong, indem er in ein Lachen ausbrach. „Bon jour, Chefl — Bon jour, Chevalier!“ „De la croise de Juillet, Chevalier!“ ſagte der Chef, indem er ſeine Hand an ſeine Dekoration legte⸗ 79 „Beim Jupiter, hier iſt noch ein weiteres Band!“ ſagte Pen amüſirt. Ein Mann mit ſehr ſchwarzem Haar und einem Backenbart, offenbar gefärbt mit dem Purpur von Ty⸗ rus, mit blinzelnden Augen und weißen Augenwimpern, und tauſend Runzeln in ſeinem Geſicht, das von auf⸗ fallend rother Farbe war, mit zwei Unterweſten und großen Handſchuhen und Händen, und einer Unzahl von Demanten und Juwelen an Weſte und Leib, mit plum⸗ pen Füßen in ungeheure glänzende Stiefel gezwängt und ein Stück von buntem Bande in ſeinem Knopfloche, trat hier auf und winkte vertraulich dem Chevalier. Der Chevalier ſchüttelte ihm die Hand. „Mein Freund, Mr. Pendennis,“ ſagte Strong. „Oberſt Alta⸗ mont von der Leibgarde ſeiner Hoheit des Nabobs von Lucknow.“ Dieſer Offizier verbeugte ſich bei Pen's Gruße der jetzt angelegentlich ſich umſah, ob die Perſon, die er ſuchte, bereits den Saal betreten hätte. Noch nicht. Aber die Bande begann alsbald die Melodie: „Seht, der ſiegreiche Held, er kommt;“ und ein Heer Faſhionabler, die verwittwete Gräfin von Rock⸗ minſter, Mr. Pynſent und Miß Bell, Sir Franecis Cla⸗ vering Bart. von Clavering⸗Park, Lady Clavering und Miß Amory, Sir Horaze Fogy Bart., Oberſt, und Mrs. Higgs, Wagg, Eſaquire, wie die Grafſchaftszeitung nach⸗ mals beſchrieb, traten ein. Pen ſtürzte auf Blanche zu, rannte nach Laura und ergriff ihre Hand. „Gott ſegne Sie!“ ſagte er, „ich muß mit Ihnen ſprechen, — ich muß mit Ihnen ſprechen — laſſen Sie mich tanzen mit Ihnen.“ „Für die nächſten drei Tänze nicht, lieber Pen,“ ſagte ſie lächelnd, und er trat zurück, indem er ärgerlich an den Nägeln kaute und Pynſent zu grüßen vergaß. Nach Lady Rockminſters Parthie folgte in dem Auf⸗ zug die der Lady Clavering. Oberſt Altamont beaugte ſie ſcharf, indem er ein 80 ſtark nach Biſam riechendes Taſchentuch an ſein Geſicht hielt und dahinter in ein Lachen ausbrach. „Wer iſt das Mädchen, in Grün gekleidet, mit ihm, Kap'n?“ fragte er Strong. „Das iſt Miß Amory, Lady Claverings Tochter,“ verſetzte der Chevalier. Der Oberſt fonnte kaum das Lachen zurückhalten. Fünftes Rapitel enthält einige Ballerfahrungen. 3 Unter einigen Calikodraperiern in der ſchattigen Vertiefung eines Fenſters beliebte Arthur Pendennis eine ſehr düſtere und finſtere Miene anzunehmen und Miß Bell zu beobachten, während ſie ihre erſte Qua⸗ 3 drille mit Mr. Pynſent tanzte. Dieſer Gentleman war ſo feinlich und ernſt, als Engländer bei ſolchen Gelegen⸗ heiten zu ſein pflegen, und muchte den Tanz durch, wie Einer zu ſeinem Kirchſtuhle geht, ohne ein Lächeln auf dem Geſicht, ohne einen äußern Umſtand ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf die ernſte Pflicht, welche er zu erfüllen hatte, theilen zu laſſen. Aber Miß Laura's Geſicht * ſtrahlte vor Vergnügen und Gutmüthigkeit. Die Lich⸗ ter, das Gedränge der Tanzenden und die Muſik regten ſie auf, und ſie führte lächelnd und glücklich ihre Tanz⸗ rolle aus. Während ihre brannen Locken über ihre ſchönen Schultern von ihrem ehrlichen, roſigen Geſichte wogten, bewunderte ſie mehr denn ein Gentleman in dem Saale und blickte ihr nach; und Lady Fogeh welche ein Haus in London hatte und, wenn ſie auf 81¹ dem Lande war, ſich die Miene einer gewichtigen Kunſt⸗ richterin gab, fragte Lady Rockminſter, wer die junge Perſon ſei, erwähnte einer herrſchenden Schönheit in London, welcher nach der Meinung ihrer Herrlichkeit Laura glich, und erklärte, Laß ſie es „thun“ würde. Lady Rockminſter würde ſich ſehr gewundert haben, wenn eine Protégée von „ihr es nicht gethan“ hätte, und wunderte ſich über Lady Fogey's Unverſchämtheit, daß ſie über den Punkt überhaupt ſich ein Urtheil er⸗ laubte. Sie überſchaute Laura mit majeſtätiſchen Bli⸗ cken durch ihr Augenglas. Sie fand Gefallen an des Mädchens ungekünſteltem Blicke und heiterem, unſchul⸗ digem Weſen. „Sie benimmt ſich ſehr gut,“ dachte Ihre Herrlichkeit. „Ihre Arme ſind etwas roth, aber das kommt von ihrer Jugend her; ihr Thun iſt weit beſſer, als das der kleinen flinken Miß Amory, welche ihr ge⸗ genüber tanzt.“ Miß Blanche war in der That die Vis-à-vis von Miß Laura. Sie lächelte gegen ihre theuerſte Freun⸗ din, als ob ſie ſie erſtechen möchte, nickte ihr zu, ſprach mit ihr, wenn ſie ſich während der Evolutionen der Quadrille trafen, und warf ihr Gönnerblicke zu. Ihre Schultern waren die weißeſten in dem ganzen Saal und waren keinen Augenblick in Ruhe, ſo wenig als ihre Augen, welche unaufhörlich umherrollten, ſowie auch ihre kleine Geſtalt: — ſie ſchien dem ganzen Volk zuzurufen: „Kommt und ſchaut auf mich, nicht auf jene rothe, von Geſundheit ſtrotzende Landpomeranze, Miß Bell, die kaum wußte, wie ſie tanzen ſollte, bis ich ſie es lehrte. Das iſt die ächte Pariſer Manier — dieß iſt das hübſcheſte Füßchen in dem Saale und dieß auch die hübſcheſte Chaussure. Schau her, Mr. Phynſent, ſchau her, Mr. Pendennis, der Du hinter dem Vorhange ſchmollſt — ich weiß, Du ſehnſt Dich, mit mir zu tanzen.“ Laura tanzte fort und behielt ein wachſames Auge Pendennis. I. 6 auf Mr. Pen in der Fenſtervertiefung. Er verließ ſeine zurückgezogene Stellung nicht während der erſten Qua⸗ drille, noch während der zweiten, bis die gutmüthige Lady Clavering ihm winkte, zu ihr auf den Dais oder Ehrenplatz zu kommen, wo die Wittwen ſaßen und wo⸗ hin ſich Pen erröthend und über die Maaßen lenkiſch begab, wie es die meiſten einbildiſchen jungen Burſchen ſind. Er führte eine hochmüthige Begrüßung gegen Lady Rockminſter aus, die ſeine Verbeugung kaum anerkannte und zollte dann ſeinen Reſpekt der Wittwe des ſeligen Amory, welche glänzte in Demanten, Sammt, Spitzen, Federn und allen Künſten der Putzmacherei und der Goldarbeiter. Der junge Mr. Fogey, damals in der fünften Klaſſe zu Eton, und inbrünſtig erwartend ſeinen Bart und ſein Patent in einem Dragoner⸗Regiment, war der zweite Tänzer, der mit Miß Bell's Hand beehrt wurde. Er war entzückt vor Bewunderung über die junge Lady. Er glaubte, er hätte nie ein ſo bezauberndes Geſchöpf geſehen. „Ich mag Sie viel beſſer, als das franzöſiſche Mädchen“ (denn dieſer junge Gentleman hatte zuvor mit Miß Amory getanzt), geſtand er ihr offen. Laura lachte und ſah weit beſſer gelaunt als zuvor; und mitten unter ihrem Lachen warf ſie einen Blick auf Pen und lachte fort, als er ſeiner Seits abgeſchmackt, feierlich und ver⸗ drießlich darein ſah. Die nächſte Tour war ein Walzer, und der junge Fogey dachte mit einem Seufzer, daß er einen Walzer nicht tanzen könnte und gelobte, in den nächſten Feiertagen einen Lehrer im Tanzen zu nehmen. Mr. Pynſent nahm Miß Bell's Hand für dieſe Tour wieder in Anſpruch, und Pen ſah ſie mit wüthendem Blicke an, wie ſie durch den Saal ſchwirrte, indem ihr Leib von dem Arme dieſes Gentleman umſchloſſen war. Er war nie zuvor ärgerlich, wenn an Sommerabenden die Stühle und Tiſche entfernt wurden und die Gou⸗ vernante zum Klavierſpiel herabgerufen wurde, und er und der Chevalier Strong (der ein glänzender Tänzer 83 warund den brittiſchen Dudelſack, einen deutſchen Wal⸗ zer, oder einen ſpaniſchen Fandango, wenn es nöthig war, aufführen konnte), und die zwei jungen Labies, Blanche und Laura, kleine Bälle in Clavering⸗Park improviſirten. Laura fand ſolches Gefallen an dieſem Tanze und wurde ſo lebhaft, daß ſie ſelbſt Mr. Pynſent in Auf⸗ regung brachte. Blanche, welche ſehr ſchön tanzen konnte, hatte einen unglücklichen Tänzer, Kapitän Broad⸗ fort von den Dragonern, die damals in Chatteries ſtationirt waren. Denn Kapitän Brvadfort, obgleich ſich mit großer Energie dem fraglichen Gegenſtande widmend, konnte nicht zu rechter Zeit herumkommen, und da er nicht im Geringſten ein mufikaliſches Gehör hatte, bemerkte er nicht, daß ſeine Bewegungen zu langſam waren. So ſah Miß Blanche, daß ihre Freundin Laura ſowohl bei dem Walzer, als bei der Quadrille den Ehrenpreis davon trug und war mit der Letztern Erfolge keineswegs zufrieden. Nach ein Paar Touren mit dem ſchweren Dragoner ſchützte ſie Er⸗ müdung vor, und bat, auf ihren Sitz in der Nähe ihrer Mama, mit welcher Pen ſprach, zurückgeführt zu werden, und fragte ihn, warum er ſie nicht zum Walzer aufgefordert und ſie der Gnade des odiöſen rieſenhaften Mannes mit den Sporen und rothem Rocke überlaſſen hätte? „Ich glaubte, Sporen und Scharlach wären für junge Ladies der bezauberndſte Gegenſtand von der Welt,“ antwortete Pen. „Ich hätte nie gewagt, meinen ſchwarzen Rock mit der glänzenden, rothen Jacke in Kompetenz zu bringen.“ „Sie ſind ſehr unfreundlich, grauſam, mürriſch und unartig,“ bemerkte Miß Amorh mit einem wieder⸗ holten Zucken der Schultern, „Sie thäten beſſer, fort⸗ zugehen, Ihr Mühmchen ſieht über Mr. Pynſent's Schultern auf uns herüber.“ „Wollen Sie mit mir walzen?“ ſagte Pen. „Dieſen Walzer nicht. Ich kann nicht, da ich 84 ſo eben dieſen gewaltigen, ungeſtümen Kapitän Broadfort fortgeſchickt habe; ſehen Sie nur dort Mr. Pynſent, haben Sie je ein ſolches Geſchöpf geſehen? Aber ich will den nächſten Walzer mit Ihnen tanzen und auch die Quadrille. Ich habe zwar zugeſagt, will aber Mr. Poole ſagen, ich hätte vergeſſen, daß ich ſchon an Sie engagirt war.“ „Frauen vergeſſen ſehr leicht.“ „Aber ſie kehren immer wieder um, und ſind ſehr reuevoll und bedauern, was ſie gethan haben,“ ſagte Blanche, „ſehen Sie, hier kommt das Schüreiſen und die liebe Laura lehnt ſich an daſſelbe. Wie hübſch ſie ausſieht!“ Laura kam herbei und hielt die Hand Pen ent⸗ gegen, dem Pynſent eine Art von Verbeugung machte, die nicht viel graziöſer war als das Hausinſtrument, mit dem Miß Amory ihn verglich. Aber Laura's Geſicht war voll Güte. „Ich bin ſo erfreut, daß Sie gekommen ſind, lieber Pen,“ ſagte ſie, „ich kann jetzt mit Ihnen ſprechen; wie befindet ſich die Mama? Die drei Touren ſind vorüber und ich bin an Sie auf die nächſte engagirt, Pen.“ „Ich habe ſo eben Miß Amory zugeſagt,“ ſagte Pen; und Miß Amory nickte mit dem Kopf und machte ihre gewohnte Verbeugung, „ich habe nicht im Sinn, ihn aufzugeben, liebſte Laura,“ ſagte ſie. „Gut, dann walzt er mit mir, liebe Blanche,“ ſagte die Andere. „Wollen Sie, Pen?“ „Ich verſprach, mit Miß Amory zu walzen.“ „O wie böſe!“ ſagte Laura, machte ihrerſeits eine Verbeugung, ging und begab ſich unter die ſtolzen Fittige der Lady Rockminſter. Pen war entzückt über dieſen Schabernak. Die zwei ſchönſten Mädchen in dem Saal ſtritten ſich um ihn. Er ſchmeichelte ſich, Miß Laura beſtraft zu haben. Er lehnte ſich mit einer Stutzermiene mit ſeinem Ellbogen an die Wand und ſprach mit Blanche; er bekrittelte ſchonungslos alle Männer in dem Saal — die ſchweren Dragoner in ihren knappen Jacken — die Landjunker in ihrem wun⸗ derlichen Aufzug — die ſeltſamen Toiletten der Ladies. Eine ſchien ein Vogelneſt auf ihrem Kopfe zu haben, eine andere hatte ſechs Pfund Trauben in dem Haar, die falſchen Perlen nicht gerechnet. „Es iſt eine Coiffure Mandel und Roſinen,“ ſagte Pen, „und könnte als Deſſert ſervirt werden;“ mit einem Wort, er war außerordentlich ſatyriſch und unterhaltend. Während der Quabrille führte er dieſe Art der Unterhaltung mit unerbittlicher Bitterkeit und Lebhaftigkeit fort, und hielt Blanche in beſtändigem Lachen, theils über ſeine Gott⸗ lofigkeit und Späſſe, die ſehr gut waren, theils auch, weil Laura wieder ihr vis à vis war, und ſehen und hören konnte, wie luſtig und vertraut ſie waren. „Arthur iſt heute Abend bezaubernd,“ flüſterte ſie Laura zu über Kornet Perch's Muſcheljacke hinüber, als Pen als cavalieur seul vor ihnen manövrirte, und dieſe Rolle durchführte mit dem Daumen in jeder Taſche der Weſte. „Wer?“ ſagte Laura. „Arthur,“ antwortete Blanche auf franzöſiſch, „v, es iſt ein ſo hübſcher Name!“ und jetzt gingen die jungen Ladies auf Pen's Seite über und Kornet Perch führte ſeinerſeits einen pas seul auf. Er hatte keine Weſten⸗ taſche, um ſeine Hände darein zu ſtecken, und ſie ſahen ſo groß und geſchwollen aus, als ſie von den eng ein⸗ gezwängten Armen in der Jacke herabhingen. Zwiſchen der Quadrille und dem nachfolgenden Walzer nahm Pen keine Notiz von Laura, außer um ſie zu fragen, ob ihr Tänzer Kornet Perch ein amu⸗ ſirender Jüngling ſei, und ob ſie ihn ſo lieb habe als ihren andern Tänzer, Mr. Pynſent? Nachdem Mr. Pendennis dieſe zwei Dolche in Laura's weichen Buſen geſtoßen hatte, ſturmte Mr. Pendennis dahin mit Blanche Amory und machte gute oder ſchlechte Späſſe, aber immer ſehr laut. Laura wußte nicht, wie ſie ſich ihres Vetters mürriſches Benehmen erklären ſollte und womit 86 ſie ihn beleidigt hätte, war jedoch ihrerſeits nicht ärger⸗ lich über Pen's Spleen, denn ſie war das gutmüthigſte, nachſichtigſte Frauenbild, und überdieß iſt Eiferſucht von Seiten eines Mannes einer Dame nicht immer unangenehm. Da Pen nicht mit ihr tanzen wollte, war ſie froh, mit dem lebendigen Chevalier Strong aufzuziehen, der ein noch beſſerer Tänzer war als Pen, und da ſie ſehr tanzluſtig war, wie jedes lebhafte und unſchuldige junge Mädchen ſein ſollte, ſo eilte ſie dahin, als der Walzer begann, und hatte ihre Herzensluſt daran. Kapitän Broadfort okkupirte bei dieſer Gelegenheit das Terrain in Verbindung mit einer Lady, die ſeinem eigenen Volumen kaum etwas nachgab, Miß Roundle, ein umfangreiches junges Frauenzimmer in erdbeer⸗ eisfarbigem Kreppgewand, der Tochter der Lady mit den Trauben auf dem Kopfe, deren Größe Pen be⸗ wundert hatte. Und nun erſah Pen ſich ſeinen Augenblick, und während ſeine ſchöne Tänzerin Blanche liebend an dem Arme hing, der ſie umſchlang, begann er ſeine Walzer⸗ carrier und fühlte, als er ſich nach dem Takte der Muſik im Kreis bewegte, daß er und Blanche wirklich brillante Tänzer waren. Sehr wahrſcheinlich ſchaute er aus, ob Miß Bell es auch ſo finde, aber ſie ſah ihn nicht, oder wollte ihn nicht ſehen, und war immer mit ihrem Tänzer Kapitän Strong beſchäftigt. Aber Pen's Triumph ſollte nicht lange dauern, denn das Schickſal wollte, daß die arme Blanche an dieſem unglücklichen Abend eine zweite Niederlage erleiden ſollte, während ſie und Pen ſo leicht und raſch wie ein paar Operntänzer dahin⸗ wirbelten, wanden ſich der ehrliche Kapitän Broadfort und die Lady, deren ſtattliche Taille er umſchlang, ihrer Statur entſprechend, ſehr gemächlich dahin, und waren wirklich Jedermann im Wege; aber Niemand mehr als Pendennis, denn er und Blanche kamen, während ſie ihre pfeilſchnellen Kreisbewegungen ausführten, auf den 87 ſchweren Dragoner und ſeine Lady angeprallt und mit ſolchem Ungeſtüm, daß alle vier ſich umwälzenden Körper den Schwerpunkt verloren, Kapitän Broadfort und Miß Roundel förmlich umgeworfen wurden, wie auch Pen ſelbſt, der weniger glücklich als ſeine Tänzerin Miß Amory war, die blos auf eine Bank an der Wand geſchleudert wurde. Aber Pendennis kam förmlich auf den Boden und zuppelte mit Broadfort und Miß Roundle in dem allge⸗ meinen Ruin. Der Kapitän, obgleich ſchwerfällig, war gutmüthig, und brach zuerſt in ein lautes Gelächter über ſein eigenes Unglück aus, welches deßhalb Nie⸗ mand beachtete. Aher Miß Amory war über ihr Miß⸗ geſchick ganz wild; Miß Roundle, auf ihren séant placirt, jämmerlich um ſich ſchauend, gewährte einen Anblick, den nur ſehr wenige Perſonen ohne Lachen genießen konnten, und Pen war ganz wüthend, als er hörte, daß die Leute um ihn her kicherten. Er war einer jener ſarkaſtiſchen jungen Burſchen, die ein Lachen auf ihre eigene Koſten nicht ertragen können, und von Allem in der Welt das Lächerliche am meiſten fürchten. Als er wieder auf die Beine kam, lachten Laura und Strong über ihn. Jedermann lachte; Pynſent und ſeine Tänzerin lachten, und Pen ſchäumte vor Wuth über das Paar und hätte ſie Beide auf der Stelle erdolchen koͤnnen. Wüthend wandte er ſich von ihnen ab und begann gegen Miß Amory Entſchuldigungen zu ſtammeln. Das andere Paar war ſchuld daran, das Frauenzimmer in dem blaßrothen Anzug hatte es ge⸗ than — Pen hoffte, Miß Amory ſei nicht verletzt — würde ſie wohl nicht den Muth haben, eine zweite Tour zu wagen? Miß Amory war bitter böſe und erklärte, daß ſie ſehr verletzt ſei und keine zweite Tour wagen wollte, und ſie nahm mit großem Dank ein Glas Waſſer an, das ein Cavalier, der ein blaues Band und einen drei⸗ ſpitzigen Stern trug, ſich beeilte, als er den beklagens⸗ 88 werthen Unfall geſehen hatte, ihr anzubieten; ſie trank das Waſſer, lächelte den Ueberbringer holdſelig an, wandte Pen ihre weiße Schulter auf die auffallendſte, hochmüthigſte Weiſe zu, erſuchte den Gentleman mit dem Stern, ſie zu ihrer Mama zu führen und reckte ihre Hand aus, um ſeinen Arm zu nehmen. Der Mann mit dem Stern zitterte vor Wonne bei dieſem Zeichen ihrer Gunſt; er bückte ſich über ihre Hand, drückte ſie inbrünſtig an ſeinen Rock und ſah ſich triumphirend um, Es war Niemand anders, als der glückliche Miro⸗ bolant, den Blanche ſich zur Bedeckung auserleſen hatte; aber Thatſache iſt, daß die junge Lady dem Speiſe⸗ künſtler noch gar nicht in's Geſicht geſehen hatte, ſeit er in ihrer Mutter Hauſe angeſtellt war, und keinen andern Gedanken hatte, als daß ſie an eines fremden Edelmannes Arm hänge. Wie ſie davon zog, vergaß Pen in ſeiner Ueberraſchung ſeine Demüthigung und rief: „Beim Jupiter, es iſt der Koch!“ Im Augenblick, da er die Worte rief, bereute er, ſie geſprochen zu haben — denn Blanche hatte ſelbſt Mirobolant zu ihrer Begleitung aufgefordert, und der Künſtler konnte nicht umhin, dem Befehle der Lady zu willfahren. Blanche in ihrer Verwirrung hörte nicht, was Arthur ſagte; aber Mirobolant hörte ihn, und warf über ſeine Schulter auf ihn einen furchtbaren Blick, der Mr. Pen eher noch amuſirte. Er war in einer unheilvollen, grollenden Stimmung, und wünſchte vielleicht mit Jemand Streit zu bekommen; aber der Gedanke, einen Koch inſultirt zu haben, oder daß ein ſolches Individuum einen Funken von Ehre in dem Leib haben ſollte, kam dieſem ſtolzen, jungen Ariſto⸗ kraten, dem Apothekerſohne, nicht in den Sinn. Es war dieſem armen Künſtler nicht eingefallen, daß er als ein Mann nicht jedem andern Sterblichen gleich ſein ſollte, oder daß in ſeiner Stellung etwas ſo Herabwürdigendes liegen ſollte, das ihn verhinderte, ſeinen Arm einer Lady zu geben, die ihn darum er⸗ ſuchte. Er hatte in ſeinem eigenen Lande bei den etes ſchöne Ladies, allerdings keine Demoiselles (aber . die Demoiselle Anglaise war, wie er wußte, um ein gut Theil feiner, als die Jungfrauen Frankreichs) ſich zum Tanze mit Blaiſe oder Pierre verbinden ſehen; er hätte Blanche hinauf zu Lady Clavering gebracht und ſie möglicher Weiſe auch zum Tanz aufgefordert; aber er hörte Pen's Ausruf, der ihm wie ein Piſtolenſchuß in den Leib fuhr, und ihn demüthigte und ärgerte. Sie wußte nicht, warum er ſo auffuhr und einen Gascogner⸗Schwur zwiſchen den Zähnen knirſchte; aber Strong, welcher den Gemüthszuſtand des armen Bur⸗ ſchen kannte, da er die intereſſante Mittheilung von unſerer Freundin Madame Fribsby erhalten hatte, war glücklicher Weiſe um den Weg, als man ſeiner bedurfte, ſprach plötzlich etwas Spaniſch, das der Andere ver⸗ ſtand, und der Chevalier bat Miß Amory, ein wenig Eis zu nehmen. Auf dieß verließ der unglückliche Miro⸗ bolant den Arm, den er für eine Minute gehalten hatte, und zog ſich mit der tiefſten und jämmerlichſten Ver⸗ beugung zurück. „Wiſſen Sie, wer es iſt?“ fragte Strong Miß Amory, als er ſie dahin führte. „Es iſt der Chef Mirobolant.“ „Wie ſollte ich ihn kennen?“ fragte Blanche. „Er hat ein croix, iſt ſehr distingus, hat ſehr ſchöne Augen.“ „Der arme Junge iſt wahnſinnig über Ihre beaux yeux, glaube ich,“ ſagte Strong. „Er iſt ein ſehr guter Koch, aber nicht recht bei Troſt.“ „Was ſagten Sie zu ihm in der unbekannten Sprache?“ fragte Miß Blanche. „Er iſt ein Gascogner und kommt von der Gränze Spaniens,“ antwortete Strong. „Ich ſagte ihm, daß er ſeinen Platz verlöre, wenn er mit Ihnen ginge.“ „Der arme Monſieur Mirobolant!“ ſprach Blanche. 90 „Haben Sie geſehen, welchen Blick er auf Pen⸗ dennis ſchoß?“ fragte Strong, der ſich an dem Unfall erbaute, „ich denke, er würde dem kleinen Pen für's Leben gern einen ſeiner Spieße durch den Leib rennen.“ „Er iſt ein odioſer, einbildiſcher, plumper Burſche, dieſer Mr. Pen,“ ſagte Blanche. „Broadfort ſah ihn auch an, als ob er ihn um⸗ bringen wollte, und Mr. Pynſent nicht minder,“ ſagte Strong. „Was für ein Eis wollen Sie haben? — Waſſereis oder Rahmeis?“ „Waſſereis. Wer iſt der wunderliche Mann, der mich ſo anſtiert? — auch décoré.“ „Das iſt mein Freund, Oberſt Altamont, ein wun⸗ derlicher Kauz, im Dienſte des Nawaub von Lucknow. Hallo! was ſoll dieſer Lärm! ich komme im Augenblick zurück,“ ſagte der Chevalier und ſprang aus dem Zim⸗ mer in den Ballſaal, wo ein Getümmel und ein Lärm lauter Stimmen ſich vernehmen ließ. Das Erfriſchungszimmer, in welchem ſich Miß Amory befand, war zu einem Souper von dem Gaſt⸗ wirth Mr. Rincer für diejenigen hergerichtet, welche für fünf Shillinge per Kopf daran Theil nehmen woll⸗ ten. Auch waren Erfriſchungen höheren Styls bereit für Ladies und Gentlemen der Grafſchaftsfamilien, welche auf den Ball kamen, aber die gemeineren Perſonen wurden außerhalb des Zimmers gehalten von einem Aufwärter, der an dem Portal ſtand und ſagte, daß es ein geſchloſſener Raum für Lady Clavering's und Lady Rockminſters Geſellſchaften ſei, und dem Publikum erſt um die Zeit des Soupers, das heißt erſt nach Mitter⸗ nacht geöffnet werde. Phnſent, der mit den Töchtern ſeiner Kommittenten tanzte, nahm ſie und ihre Mama's herein, um ihnen dort eine Erfriſchung anzubieten. Strong, der überall, wohin er kam, der Dirigent und Meiſter der Luſtbarkeiten war, hatte natürlich entrée — und die einzige Perſon, welche jetzt das Zimmer einnahm, war der Gentleman in der ſchwarzen Perücke 91 unb dem Orden in dem Knopfloch, der Offizier im Dienſte Sr. Hoheit des Nawaub von Lucknow. Dieſer Gentleman hatte ſich ſehr früh am Abend in dieſem Zimmer feſtgeſetzt, wo er mit der Bemerkung, daß er verteufelt durſtig ſei, nach einer Flaſche Champagner rief. Bei dieſem Befehle glaubte der Aufwärter ſo⸗ gleich, er habe es mit einem Grande zu thun, und der Oberſt ſetzte ſich nieder und begann ſein Souper zu verſpeiſen und ſeine Flaſche zu abſorbiren, und mit jedem, der in das Zimmer trat, in freundliche Unter⸗ haltung zu treten. Sir Francis Clavering und Mr. Wagg fanden ihn dort, als ſie den Ballſaal verließen, was ſie ziem⸗ lich bald thaten — Sir Francis, um dort eine Cigarre zu rauchen, und ſich die Leute, die außen im Ballſaale waren, vom ſichern Ufer zu beſchauen, was er für einen viel beſſern Spaß erklärte, als dort zu bleiben; Mr. Wagg, um ſich an den Arm eines Baronets zu hängen, was er immer bei dem größten Manne in der Geſell⸗ ſchaft zu thun geruhte. Colonel Altamont hatte dieſe Gentlemen auf eine ſo abſonderliche Weiſe angeſtiert, als ſie durch das auserwählte Zimmer gingen, daß Clavering bei bem Wirthe Nachfrage hielt, wer er wäre, und ſtarken Verdacht äußerte, daß der Offizier im Dienſt des Nawaub betrunken ſei. Auch Mr. Pynſent hatte die Ehre einer Unter⸗ haltung mit dem Diener des indiſchen Potentaten. Es war Pynſent's Aufgabe, mit Jedermann zu ſprechen (was er, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, auf die ungraziöſeſte Weiſe that), und er nahm den Gentleman in der ſchwarzen Perücke für einen Kommit⸗ tenten, einen Kaufmanns⸗Kapitän, oder einen andern ausländiſchen Mann, der hierorts wohnte. Mr. Pynſent kam dann in das Erfriſchungszimmer mit einer Lady, der Frau eines Kommittenten an ſeinem Arm, und der Oberſt fragte ihn, ob er es mit einem Glaſe Sham verſuchen wollte? Pynſent nahm es mit großer Gra⸗ vität an, verbeugte ſich, koſtete den Wein und erklärte ihn für exzellent, und zog ſich dann mit größter Höflichkeit vor Sberſt Altamont zurück. Dieſe Gravttät und die⸗ ſes Decorum brachte den Oberſt mehr in Erſtaunen und Verwirrung, als irgend ein Benehmen wahrſcheinlicher Weiſe gethan hätte; er ſtierte Pynſent einfältig nach und äußerte dem Wirth über dem Zahltiſch die Anſicht, daß es ein ſeltſamer Burſche ſei. Mr. Rincer erröthete und wußte kaum, was er ſagen ſollte; Mr. Pynſent war der Enkel eines Earls in der Grafſchaft und wollte ſich als Parlamentskandidat aufthun. Oberſt Altamont auf der andern Seite trug Orden und Diamante, klin⸗ gelte beſtändig mit Sovereigns in der Taſche und be⸗ zahlte, was er brauchte, als ein Mann, und Mr. Rincer ſagte, als er nicht wußte, was er ſagen ſollte: „Ja, Herr Oberſt — ja, Ma'am, Thee, ſagten Sie? eine Taſſe Thee für Mr. Jones, Mrs. Rincer,“ und ſo kam er über die Erörterung in Betreff der Eigenſchaften Mr. Pynſents hinweg, auf welche des Nizams Offizier ſichtbarlich eingehen wollte. In der That, wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, ſo hatte ſich Mr. Altamont, der beinahe den ganzen Abend an dem Schenktiſch geblieben und ſich hier ſehr thätig bewieſen hatte, während er dort war, ſein Gehirn durch Trinken beträchtlich erhitzt, und trank immer noch fort, als Mr. Strong und Miß Amory in das Zimmer traten. Als der Chevalier, von dem Lärm in dem Tanzſaale angezogen, aus dem Speiſezimmer rannte, erhob ſich der Oberſt mit ſeinen kleinen rothen, wie Kohlen glü⸗ henden Augen und einem ziemlich unſtäten Gang, und kam auf Blanche zu, welche an ihrem Eiſe nippte; ſie war im Abſorbiren deſſelben ganz abſorbirt, denn es war ſehr friſch und gut, oder ſie war nicht neugierig, zu wiſſen, was in dem anſtoßenden Gemache borging, obgleich es die Kellner waren, die Chevalier Strong nachrannten. 93 Als ſie daher von ihrem Glaſe aufſchaute, gewahrte ſie dieſen ſeltſamen Mann, wie er ſie aus ſeinen kleinen rothen Augen anſtierte. „Wer war er? es war ganz überraſchend.“ „Und ſo ſind Sie Betſy Amory,“ ſagte er, nach⸗ dem er ſie angegafft hatte. „Betſy Amory, beim Ju⸗ piter!“ „Wer — wer ſpricht mit mir?“ fragte Betſy, alias Blanche. Aber der Lärm in dem Ballſaale wird wirklich ſo laut, daß wir dorthin zurückhuſchen und nach der Veranlaſſung der Störung ſehen müſſen. Sechstes Rapitel. Streit und Sentimentalität. Bürgerkrieg wüthete, hohe Worte fielen, die Menge ſtieß und quetſchte ſich auf unziemliche Weiſe, um ein Fenſter in der Ecke des Ballſaals, dicht bei dem Thore, durch welches der Chevalier Strong ſich mit den Ell⸗ bogen einen Weg machte. Durch das geöffnete Fenſter ſandte die unten auf der Straße verſammelte Menge ſarkaſtiſche Bemerkungen, als da find: „Auf ihn, auf ihn! Wo iſt die Polizei?“ und dergleichen; und ein Kreis von Individuen, unter welchen Madame Fribsby zu ſehen war, ſammelte ſich um Monſieur Alcide Mi⸗ robolant auf der einen Seite, während mehrere Gent⸗ lemen und Ladies unſern Freund Arthur Pendennis auf der andern umgaben. Strong drang unter die Ver⸗ ſammlung und gerieth auf Madame Fribsby, welche über des Chevaliers Erſcheinung hoch erfreut war und mit llen pathetiſchen Worten rief: „Rettet ihn, rettet ihn!“ Die Veranlaſſung der Störung war, wie es ſchien, das aufgebrachte, kleine Küchenoberhaupt des Sir Fran⸗ cis Clavering. Bald nachdem Strong das Zimmer ver⸗ laſſen und während Mr. Pen, ſehr erbost über ſeine Niederlage bei dem Walzer, die ihn in den Augen der Nation lächerlich gemacht hatte, und durch Miß Amory's Benehmen gegen ihn, das ſeine Würde noch viel mehr beſchimpft hatte, etwas Abkühlung für Seele und Leib ſuchte, dadurch, daß er durch das Fenſter auf das Meer ſah, das in der Entfernung flimmerte und in wunder⸗ voller Ruhe murmelte — während er wirklich verſuchte, ſich zu faſſen und ſich vielleicht ſelbſt zu geſtehen, daß er auf eine ſehr abgeſchmackte und mürriſche Weiſe wäh⸗ rend des Abends gehandelt hatte — fühlte er eine Hand auf ſeiner Schulter, und als er um ſich blickte, gewahrte er zu ſeinem höchſten Schrecken und Entſetzen, daß die fragliche Hand dem Monſieur Mirobolant gehörte, deſ⸗ ſen Augen aus dem blaſſen Geſichte und den Locken auf Mr. Pen hervorſchauten. Angetaſtet zu werden an der Schulter von einem franzöſiſchen Koch, war ein Stück von Vertraulichkeit, die das Blut der Pendennis in den Augen ihres Abkömmlings aufkochen machte, und er war beinahe mehr erſtaunt als in Wuth geſetzt über eine ſolche Unwürdigkeit. „Sie ſprechen franzöſiſch?“ fragte Mirobolant in ſeiner eigenen Sprache Pen. „Was wollen Sie damit?“ fragte Pen auf eng⸗ liſch. „Auf jeden Fall verſtehen Sie mich?“ fuhr der Andere mit einer Verbeugung fort. „Ja, Sir,“ ſagte Pen und ſtampfte mit dem Fuß. „Ich verſtehe Sie ziemlich wohl.“ „Vous me comprendrez alors, Monsieur Pen- dennis,“ verſetzte der Andere, indem er ſein R mit —— 95 Gascognerkraft herausſchnurrte; „quand je vous dis, que vous étes un läche, Monsieur Pendennis, un läche! entendez vous ?“ „Was ?“ rief Pen auf ihn zufahrend. „Sie verſtehen die Bedeutung des Wortes und ſeine Konſeguenzen unter Männern von Ehre?“ ſagte der Künſtler, indem er ſeine Hand in die Seite ſtemmte und Pen anſtierte. „Die Folgen ſind, daß ich Sie aus dem Fenſter werfe — Sie unverſchämter Schurke,“ belferte Mr. Pen, und auf den Franzmann zuftürzend, hätte er wahrſcheinlich ſeiner Drohung Nachdruck gegeben, denn das Fenſter war in der Nähe und unſer Künſtler dem jungen Gent⸗ leman keineswegs gewachſen — hätte nicht Kapitän Broad⸗ fort und ein andrer gewichtiger Offizier ſich zwiſchen die combattants geworfen, — hätten nicht die Lodies aufgeſchrieen, — hätten nicht die Fiedeln aufgehört, — hätte nicht die Volksmenge in jener Richtung einen Angriff gemacht, — hätte nicht Laura mit ſehr beru⸗ higter Miene über ihre Häupter weggeſchaut und ge⸗ fragt, was es um's Himmelswillen gebe — wäre nicht Strong ganz gelegen aus dem Erfriſchungszimmer zum Vorſchein gekommen und hätte den Aleiden, zähneknir⸗ ſchend und Flüche in ſeinem gascogniſchen Franzöſiſch ausſtoßend, und Pen in ganz ungewöhnlicher Entrüſtung gefunden, obgleich er alle ſeine Ruhe aufbot, als die Ladies und die Menge herbeiſtrömten. „Was iſt vorgefallen?“ fragte Strong den Chef auf ſpaniſch. „Ich bin chevalier de Juillet,“ ſagte der Andere, ſich auf die Bruſt ſchlagend, „und er hat mich inſultirt.“ „Was hat er zu Ihnen geſagt?“ fragte Strong. „Il m'a appelé Cuisinier,“ ziſchte der kleine Franzos. Strong konnte kaum das Lachen verhalten. „Kom⸗ men Sie mit mir fort, mein armer Chevalier, wir müſ⸗ ſen nicht vor Ladies ſtreiten. Kommen Sie fort; ich 96 will Ihre Botſchaft an Mr. Pendennis überbringen. Der arme Burſche iſt nicht im Kopfe richtig,“ flüſterte er dem Einen und dem Andern der Umſtehenden zu; und Andere, unter welchen ſich das ängſtliche Geſicht Laura's ſichtbar machte, ſammelten ſich um Pen und fragten ihn um die Urſache der Störung. Pen wußte es nicht. „Der Mann wollte einer jungen Lady den Arm geben, worauf ich ſagte, daß er ein Koch ſei, und der Mann nannte mich einen Feig⸗ ling und forderte mich. Ich geſtehe, ich war ſo über⸗ raſcht und entrüſtet, daß, wenn Ihr Herren mich nicht aufgehalten hättet, ich ihn zum Fenſter hinausgeworfen hätte,“ ſagte Pen. „Zum T — mit ihm! Meßt ihm recht auf! Der T — hole den unverſchämten, fremden Schuft!“ riefen die Gentlemen. „Ich — ich bedaure jedoch ſehr, wenn ich ſeine Gefühle verletzt habe,“ fuhr Pen fort; und Laura war froh, ihn dieß ſagen zu hören; obgleich einige der jun⸗ gen Stutzer ſagten: „Nein, hängt den Burſchen, hängt die unverſchämten Fremden — ein wenig Gedreſch würde ihm gut thun.“ „Sie werden, ehe Sie zu Bette gehen, ihm noch die Hand geben — nicht wahr, Pen,“ ſagte Laura, auf ihn zutretend. „Fremde mögen mehr reizbar ſein, denn wir, und haben verſchiedene Sitten; wenn Sie die Ge⸗ fühle des armen Mannes verletzten, ſo bin ich gewiß, Sie würden der Erſte ſein, ihn um Verzeihung zu bit⸗ ten. Nicht war, theurer Pen?“ Ihr Blick war Vergebung und Milde, wie der eines Engels, als ſie ſprach, und Pen nahm ihre beiden Hände, ſah ihr in das gütige Antlitz und ſagte, er werde das allerdings thun. „Wie verliebt das Mädchen in mich iſt,“ dachte er, als er ſo da ſtand und ſie angaffte. „Soll ich jetzt mit ihr ſprechen? Nein — jetzt nicht. Ich muß vorher 97 den albernen Handel mit dem Frarzoſen hinter mir haben.“ Laura fragte — ob er nicht noch warten und mit ihr tanzen wollte? Sie war ebenſo ſehr darauf be⸗ dacht, ihn im Zimmer zu halten, als er, es zu verlaſſen. „Wollten Sie nicht warten und mit mir walzen, Pen? Ich fürchte mich nicht vor einem Walzer mit Ihnen.“ Dieß war eine wohlgemeinte, aber unglückliche Rede. Pen ſah ſich zu Boden geſchmettert. Nachdem er über Miß Roundle und den Dragoner geſtolpert war, und Blanche gegen die Wand geworfen hatte, ſah er ſich auf dem Boden, indeß alle Welt über ihn lachte, Laura und Pynſent unter ihnen. „Ich werde nie wieder tanzen,“ entgegnete er mit finſtrer, entſchloſſener Miene. „Nie. Ich bin erſtaunt, daß Sie mich dazu auffordern!“ „Weil Sie Blanche nicht zur Tänzerin haben kön⸗ nen?“ fragte Laura mit vertrakter, unglücklicher Em⸗ pfindlichkeit. „Weil ich mich nicht zum Narren machen will, daß Andere über mich lachen,“ antwortete Pen — „daß Sie über mich lachen, Laura. Ich ſah Sie und Pynſent. Beim Jupiter, Niemand ſoll über mich lachen.“ „Pen, Pen, ſeien Sie nicht ſo böſe!“ rief das arme Mädchen, von Pen's grämlicher Verkehrtheit und verrückter Eitelkeit verletzt. Er ließ ſeinen Blick in der Richtung von Pynſent umherlaufen, als hätte er Luſt, dieſen Gentleman aufs Korn zu nehmen, wie er's bei dem Koche gethan. „Wer denkt Schlimmes von Ihnen, daß Sie beim Walzer geſtrauchelt? Warum ſind Sie ſo empfindlich und denken gleich Uebles?“ Hier kam zum Unglück Mr. Pynſent auf Laura zu und ſagte: „Lady Rockminſter hat mir befohlen, Sie zu ob ich Sie mit zum Nachteſſen hineinnehmen darf?“ „Ich — ich wollte mit meinem Vetter hineingehen,“ ſagte Laura. Pendennis. U. 7 93 „O — bitte, nein!“ ſagte Pen. „Sie ſind in ſo guten Händen, daß ich nichts Beſſeres thun kann, als Sie zu verlaſſen: und ich gehe heim.“ „Gute Nacht, Mr. Pendennis,“ ſagte Pynſent tro⸗ cken, auf welche Worte (welche in der That bedeuteten: „Geh zum Teufel, Du inſolenter, eiferſüchtiger, inperti⸗ nenter Narr, dem ich gute Luſt hätte, eins hinter die Ohren zu ſchlagen“) Mr. Pendennis nur mit einer Ver⸗ beugung zu erwidern geruhte: und trotz Laura's flehen⸗ den Blicken verließ er das Zimmer. „Wie hexrlich, ſtill und glänzend die Nacht draußen iſt!“ ſagte Mr. Pynſent, „und wie die See murmelt; es wäre angenehmer an dem Geſtade ſpazieren zu gehen, als in dem heißen Saal.“ „Ganz gewiß,“ ſagte Laura. „Welch ſeltſame Miſchung von Leuten,“ fuhr Pyn⸗ ſent fort. „Ich mußte ihnen aufwarten und bei den meiſten von ihnen den angenehmen Geſellſchafter machen — den Töchtern des Anwalts — des Apothekers Frau, und wie ſie Alle heißen. In dem Erfriſchungszimmer war ein Mann, der wollte mich durchaus mit Champag⸗ ner traktiren — ſah aus wie ein Seefahrer, in auffal⸗ lender Kleidung und halb betrunken, wie es ſchien. Als öffentliche Perſon iſt man verbunden, mit allen dieſen Leuten auf guten Fuß zu kommen; aber es iſt eine harte Aufgabe, beſonders wenn man ſo gerne anderswo wäre,“ — er erröthete bei den Worten. „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte Laura — „ich — ich hörte nicht zu. Wirklich, ich war ſo beſorgt wegen des Streits zwiſchen meinem Vetter und jener — jener franzöſiſchen — Perſon.“ „Ihr Vetter iſt heute Nacht recht unglücklich ge⸗ weſen,“ bemerkte Pynſent. „Es ſind drei oder vier Per⸗ ſonen, denen zu gefallen ihm nicht gelingen wollte — Kapitän Broadwood, wie heißt er doch, Ler Offizier — und die junge Lady in der rothen Kleidung, mit wel⸗ cher er tanzte — und Miß Blanche — und der arme 99 Chef, — und ich glaube auch nicht, daß er mit mir beſonders zufrieden war.“ „Hat er mich nicht Ihrer Obhut übergeben?“ ſagte Laura, Mr. Pynſent ins Geſicht ſchauend und ihre Au⸗ gen ſogleich ſenkend, gleich einer ſchuldigen, redſeligen Kokette. „In der That, ich kann ihm viel dafür nachſehen,“ ſprach Pynſent angelegentlich, und ſie nahm ſeinen Arm und er führte ſie dem Souper zu. Sie hatte keine große Luſt zu dem Mahl, obgleich es in Rincers wohlbekanntem Stile ſervirt wurde, wie die Countyzeitung beſagte, welche nachher einen Vericht darüber gab; in der That, ſie war ſehr distraite und in großer Noth und Angſt um Pen. Zänkiſch und ſtreitſüchtig, eiferſüchtig und ſelbſtiſch, unbeſtändig und heftig und ungerecht, wenn ſein Aerger ihn irre leitete — wie konnte ſeine Mutter (wie in der That Helen durch tauſend Worte und Winke gethan hatte) von ihr verlangen, ihr Herz einem ſolchen Manne zu geben, und angenommen, ſie thäte es, würde es ihn glücklich machen? Aber ſie wurde endlich etwas beruhigt, als nach einer halben Stunde — wie lang kam ihr die halbe Stunde vor — ein Kellner ihr ein mit Bleiſtift be⸗ ſchriebenes Zettelchen von Pen brachte, der ihr meldete: „Ich traf Cooly unten bereit, ſich mit mir zu ſchlagen und ich bat ihn um Verzeihung. Ich bin froh, daß ich es gethan habe; ich wollte Sie heute Abend ſprechen, aber ich will, was ich zu ſagen hatte, aufſparen, bis Sie nach Hauſe kommen, Gott ſegne Sie, vertanzen Sie die ganze Nacht mit Pynſent und ſeien Sie glück⸗ lich. Pen.“ — Laura war für dieſen Brief ſehr dank⸗ bar, und daß ſie denken dürfe, daß noch Güte und Ver⸗ gebſamkeit bei dem Jungen ihrer Mutter zu finden ſei. Pen ging die Treppe hinab, indem ſein Herz ihm Vorwürfe machte über ſein thörichtes Benehmen wegen Laura, deren edle und flehentliche Blicke ihm folgten 100 und Vorwürfe machten, und er war kaum aus der Thüre des Ballſaals getreten, als es ihn verlangte, wieder umzukehren und ſie um Verzeihung zu bitten, aber er erinnerte ſich, daß er ſie bei dem verwünſchten Pynſent zurückgelaſſen hatte; er wollte ſich vergleichen und ſeinen Zorn vergeſſen, und mit dem Franzoſen Frie⸗ den ſchließen. Der Chevalier ſchritt unten in der Halle des Wirths⸗ hauſes auf und nieder und kam auf Pen zu, indem er alle Arten von Schelmerei und Unheil auf ſeinem hei⸗ tern Geſichte zu leſen gab. „Ich habe ihn in das Kaffeezimmer gekriegt mit einem Paar Piſtolen und einem Lichte, oder ziehen Sie Degen am Seegeſtade vor? Mirobolant kann verdammt gut mit den Rappieren umſpringen und tödete vier gar⸗ des de corps mit ſeiner Degenſpitze auf den Julibarri⸗ kaden.“ „Verdammt,“ rief Pen vor Wuth, „ich kann mit einem Koch nicht auf die Menſur!“ „Er iſt ein Chevalier de Jule,“ erwiderte der Andere; „in ſeinem eigenen Lande geben ſie ihm Satis⸗ faktion.“ „Und verlangen Sie von mir, Kapitän Strong, mit einem Bedienten loszugehen?“ fragte Pen trotzig; „ich will einen Polizeimann für ihn rufen; aber — aber —“ „Sie wollen mich am Ende zu Haardrückern *) ein⸗ laden,“ ſagte Strong lachend. „Dank Ihnen, will Nichts vavon, es war blos Scherz von mir, ich kam, Händel zu ſchlichten, nicht auszufechten. Ich habe Mirobolant ge⸗ ſchweigt, hab ihm geſagt, daß Sie das Wort Kochnnicht in beleidigendem Sinne nahmen; daß es dagegen wider alle Sitte des Landes ſei, daß ein gedungener Dienſtmann eines Haushalts, wie ich es nannte, ſeinen Arm der *) Piſtolen, deren Drücker oder Schneller, ſo zu ſagen, auf den Druck eines Haares losgeht. 101 Tochter ſeines Hauſes gebe.“ Und dann ſagte er Pen das große Geheimniß, das er von Madame Fribsby hatte, in Betreff der heftigen Leidenſchaft, an der der arme Künſtler litt. Als Arthur dieſe Erzählung hörte, brach er in ein herzliches Gelächter aus, in welches Strong mit ein⸗ ſtimmte, und ſeine Wuth gegen den armen Koch ver⸗ rauchte mit einem Mal; er war ſelbſt den ganzen Abend thöricht eiferſüchtig geweſen und hatte einen Vorwand geſucht, Pynſent zu beleidigen; er erinnerte ſich, wie eiferſüchtig er bei ſeinem erſten Liebeshandel auf Haks geweſen; er war bereit, Alles einem Manne zu verge⸗ ben, der einer ſolchen Leidenſchaft zum Raube war, und ging in das Kaffeezimmer, wo Mirobolant wartete, mit ausgereckter Hand, und hielt auf Franzöſiſch eine Rede an ihn, worin er erklärte, er ſei „sincèrement fäché d'avoir usé une expression qui avait pu blesser Monsieur Mirobolant, et qu'il donnait sa parole comme un gentil homme qu'il n'avait jamais ja- mais — intendé,“ ſagte Pen, der auf ein franzöſiſches Wort für das engliſche intended (beabſichtigte), aus war und insgeheim ſehr zufrieden war mit ſeinem Rede⸗ fluß, und ſeinem richtigen Ausdruck in dieſer Sprache. „Bravv, bravo!“ rief Strong durch Pens Rede ebenſo ſehr amüſirt als erfreut über ſeine freundliche Manier. „Und der Chevalier Mirobolant nimmt natür⸗ lich den Ausdruck, den er gebraucht, zurück und be⸗ dauert ihn aufrichtig.“ „Monſieur Pendennis hat meine Worte ſelbſt wi⸗ derlegt,“ ſprach der Alcide mit vieler Artigkeit; „er hat gezeigt, daß er iſt ein galant homme!“ So drückten ſie ſich die Hände und ſchieden, und Arthur ließ die beſagte Depeſche an Laura abgehen, be⸗ vor er und Strong ſich dem Butcher⸗Boy anvertrauten. Während der Fahrt machte Strong Pen ein Kom⸗ pliment ſowohl über ſein Benehmen, als über ſein Ge⸗ ſchick im Franzöſiſchen. „Sie ſind ein guter Burſche, 102 Pendennis, und Sie ſprechen, beim Jupiter, franzöſiſch wie Chateaubriand!“ „Ich bin von meiner zarten Kindheit an daran ge⸗ wöhnt,“ ſagte Pen, und Strong hatte die Gnade, in den nächſten fünf Minuten nicht zu lachen, wo er dann aber in laute Anfälle der Heiterkeit ausbrach, welche Pendennis vielleicht bis auf den heutigen Tag nicht verſtanden hat. Es war Tagesanbruch, als ſie an den Brawl ka⸗ men, wo ſie ſich trennten. Um dieſe Zeit war auch der Ball in Baymouth zu Ende. Madame Fribsby und Mirobolant machten ſich in dem Claveringer Eilwagen auf den Heimweg; Laura war mit leichtem Herzen im Bett und ſchlummerte bei Lady Rockminſter, und die Claveringer ſchliefen in dem Wirthshaus in Baymouth, wo ſie für die Nacht Quartiere hatten. Kurze Zeit nach dieſer Störung zwiſchen Pen und dem Chef war Blanche aus dem Erfriſchungszimmer gekommen und ſah ſo blaß aus wie ein Citroneneis; ſie erzählte ihrem Mädchen, da ſie keine andere confi- dante bei der Hand hatte, daß ſie das romantiſchſte Abenteuer gehabt — den ſeltſamſten Mann — Einen, der den Urheber ihres Daſeins — ihren verfolgten — ihren unglücklichen — ihren heldenmüthigen — ihren ermordeten Vater gekannt, und ſie begann, ehe ſie ſchlafen ging, ein Sonett auf ſeine Manen. So kehrte Pen nach Fairvaks zurück in Geſellſchaft ſeines Freundes, des Chevaliers, ohne ein Wort von der Botſchaft zu ſagen, die er ſo angelegentlich an Laura in Baymouth abgeſendet hatte. Er konnte jedoch warten bis zu ihrer Heimkehr, die am folgenden Tage ſtatt fand. Er war nicht ernſilich eiferſüchtig über die Fortſchritte, welche Mr. Pynſent in ihrer Gunſt machte, und war ſo ziemlich überzeugt, daß in dieſem, wie in jedem andern Familienarrangement er nur fra⸗ gen und haben dürfte, und daß Laura, wie ſeine Mut⸗ ter, ihm Nichts verſagen könnte. 103 Als Helen's ängſtliche Blicke ihn fragten, was ſich zu Baymouth begeben hätte und ob ihr Lieblingsplan in Erfüllung gegangen ſei, erzählte ihr Pen den Un⸗ fall, der ihm begegnet war, ſagte lachend, daß Niemand unter ſolchen Umſtänden an Erklärungen denken konnte, und ſetzte das Ganze in das gehörige Licht. „Die Ge⸗ fühle, liebe Mutter, haben ein weites Feld, wenn Laura zurückkommt,“ und er ſah mit einer ſchneidenden Miene in das Glas und ſeine Mutter ſtrich ihm das Haar von der Stirn und küßte ihn, und dachte natürlich ihren Theils, daß ihm kein Weib widerſtehen könnte und war außerordentlich glücklich an dieſem Tag. Als er nicht bei ihr war, beſchäſtigte ſich Mr. Pen mit dem Bepacken von Büchern und Mantel⸗ ſäcken, verbrannte oder ordnete Papiere, putzte ſeine Piſtolen und that ſie in das Halfter, kurz, er machte Vorbereitungen zur Abreiſe; denn obgleich er bereit war, ſich zu verheirathen, ſo hatte gleichwohl dieſer Gentleman auch große Begierde, nach London zu gehen, indem er richtig kalkulirte, daß im dreiundzwanzigſten Jahre es hohe Zeit war, mit allem Ernſte einen Beruf zu wählen und ſobald als möglich ſein Glück zu machen. Die Mittel, zu dieſem Ziele zu gelangen, hatte er bereits bei ſich ausgedacht. „Ich werde Zimmer bezie⸗ hen,“ ſagte er, „und in ein Collegium eintreten. Mit ein paar hundert Pfund kann ich das erſte Jahr aus⸗ reichen; dann habe ich keine Zweifel, daß meine Feder mir aushelfen wird, wie dieß mit mehreren Orbridger Kameraden, die jetzt in der Stadt ſind, der Fall iſt. Ich habe ein Trauerſpiel, ein Luſtſpiel und eine No⸗ velle, alle beinahe vollendet, und für die ich unfehlbar einen guten Preis bekomme; und ich werde ziemlich gut leben können, ohne auf meine arme Mutter zu ziehen, bis ich mir einen Weg nach der Gerichtsſchranke gefunden habe. Dann komme ich eines Tags zurück und mache die theure Seele dadurch glücklich, daß ich Laura hei⸗ rathe. Sie iſt eine ſo gute und liebe Seele, das Mäd⸗ 104 chen, als je eine lebte; zudem ſieht ſie wirklich ſehr gut aus und ihre Zuſage wird zur Feſtigung meines Charaf⸗ ters dienen — nicht wahr, Ponto?“ Indem er ſo ſeine Pfeife rauchte und mit dem Hunde ſprach, und durch die Gärten und die Obſtgärten des kleinen Gebiets von Fairvaks ſchlenderte, baute der junge Tagträumer für ſich ſelbſt Luſtſchloͤſſer: „Ja, ſie macht mich ſolid, nicht wahr? Und Du wirſt mich ver⸗ miſſen, wenn ich fort bin, alter Junge?“ fragte er Ponto, welcher mit dem Schwanze wedelte und ſeine braune Naſe in ſeines Gebieters Fauſt drückte. Ponto leckte ſeine Hand und ſeinen Schuh, wie ſie es Alle in jenem Hauſe thaten. Laura kam ſpät am Abend des zweiten Tages heim und Mr. Pynſent führte ſie, ſo wollte es der Unſtern, von Clavering herüber. Das arme Mädchen konnte ſein Anerbieten nicht zurückweiſen; aber ſeine Erſcheinung brachte eine finſtere Wolke auf die Stirne von Arthur Pendennis. Laura ſah es und wurde dadurch beunruhigt. Die eifrige Wittwe ſah dagegen Nichts, und da ſie ohne Zweifel wünſchte, daß die delikate Frage einmal gethan werde, ſo war ſie nach Laura's Ankunft dafür, daß ſie bald zu Bette gingen und ſtand zu dem Ende von dem Sopha auf, wo ſie jetzt gewöhnlich lag und wo Laura ſich ſetzte, arbeitete oder neben ihr las. Als aber Helen aufſtand, ſagte Laura erröthend und mit etwas zitternder Stimme, daß ſie auch ſehr müde ſei und zu Bett gehen wolle, ſo daß die Wittwe ihren Plan für dieſe Nacht wenigſtens vereitelt ſah und Mr. Pen einen weitern Tag in Bezug auf ſein Schickſal im Ungewiſſen blieb. Seine Würde war verletzt dadurch, daß er im Vorzimmerbleiben mußte, während er eine Audienz haben wollte. Ein ſolcher Sultan, wie er, konnte ſich nicht damit beruhigen, daß er warten mußte. Er ging je⸗ doch zu Bett und ſchlief auf dieſe getäuſchte Hoffnung ziemlich ruhig und erwachte erſt am frühen Morgen, 105 als er aufblickte und ſeine Mutter in ſeinem Zimmer ſtehen ſah. „Theurer Pen, ſteh' auf,“ ſagte die Lady. „Sei nicht müßig. Es iſt der ſchönſte Morgen von der Welt. Ich war nicht im Stande, ſeit Tagesanbruch zu ſchla⸗ fen und Laura iſt ſchon ſeit einer Stunde fort. Sie iſt in dem Garten. Jedermann ſollte in dem Garten und an einem ſo ſchönen Morgen draußen ſein.“ Pen lachte. Er ſah, welche Gedanken in dieſem natürlichen Frauenherzen obenan waren. Sein gutherzi⸗ ges Lachen erfreute die Wittwe. „O, Du arge Heuch⸗ lerin,“ ſagte er und küßte ſeine Mutter. „O, Du argliſtiges Geſchöpf, kann Niemand Deinen gottloſen Schlichen entgehen? Und ſoll Dein einziger Sohn Dein Opfer werden?“ Helen lachte auch, erröthete, ſtotterte und war ſehr bewegt. Sie war ſo glücklich, als ſie ſein konnte — eine gute, zärtliche Kupplerin, deren liebſter Plan jetzt in Erfüllung gehen ſollte. Nachdem ſie ſo einige Blicke der Verſtändigung und flüchtige Worte gewechſelt hatten, verließ Helen Arthur, und dieſer junge Held, vom Bette ſich erhebend, ſchickte ſich an, ſeine ſchöne Perſönlichkeit zu dekoriren und ſein ambroſiſches Kinn zu raſiren. Und nach einer halben Stunde begab er ſich aus ſeinem Zimmer in den Gar⸗ ten, um Laura zu ſuchen; ſeine Reflexivnen während der Toilette waren unheimlich. „Ich bin jetzt im Be⸗ griff, mich für mein ganzes Leben zu verbinden, meiner Mutter zu Lieb; Laura iſt die beſte der Frauen, und — und ſie hat mir ihr Geld gegeben, ich wünſche bei Gott, ich hätte es nicht angenommen, ich wünſchte, ich hätte dieſe Schuld heute nicht zu erfüllen. Aber da beide Frauen ihren Sinn auf dieſe Heirath gerichtet haben, ſo muß ich ihnen, glaube ich, willfahren — und nun an's Werk. Ein Mann kann Schlimmeres thun, als zwei der beſten Geſchöpfe auf der Welt glücklich machen.“ So war denn Pen, als er wirklich auf den . 106 Punkt kam, ſehr ernſt und keineswegs erhaben geſtimmt und dachte in der That, daß er ein großes Opfer zu bringen habe. Es war Miß Laura's Gewohnheit, bei ihren Er⸗ kurſionen im Garten eine Art Uniform zu tragen, die, obgleich gering, vielen nicht ungefällig erſchien: ſie hatte einen großen Strohhut mit einem fliegenden, breiten Bande, das wahrſcheinlich unnöthig war, denn der Hut ſchützte genugſam das hübſche Geſicht der Eigenthüme⸗ rin vor der Sonne. Ueber ihre gewöhnliche Kleidung trug ſie eine Blouſe und Schürze, die, um die ſchlanke Taille durch einen knappen Gürtel befeſtigt, ungemein gut aus⸗ ſah, und ihre Hände waren vor den Dornen ihrer Lieb⸗ lingsroſenbüſch durch ein paar Klapphandſchuhe gewahrt, welche dieſer jungen Lady ein kriegeriſches und ent⸗ ſchloſſenes Ausſehen gaben. Sie hatte einigermaßen daſſelbe Lächeln, womit ſie ihn in der Nacht zuvor angelacht hatte, und dieſe Erin⸗ nerung an ſeinen Unfall verletzte Pen zum zweiten Mal. Aber Laura, obgleich ſie ihn ſo düſter und ſor⸗ genvoll den Weg herab fommen ſah, gewährte ihm ein Lächeln der vollkommenſten und einladenſten guten Laune und ging ihm entgegen, indem ſie ihm einen der Hand⸗ ſchuhe hinhielt, ſo daß er ihn drücken mochte, wenn's ihm beliebte — und Mr. Pen ließ ſich herab, ſo zu thun. Sein Geſicht verlor jedoch nicht ſeinen tragiſchen Ausdruck in Folge dieſer Gunſt und er fuhr fort, ſie mit trübſeliger und feierlicher Miene zu betrachten. „Entſchuldigen Sie meinen Handſchuh,“ ſagte Laura lachend, indem ſie Pen's Hand freundlich drückte. „Wir ſind nicht wieder böſe, oder, Pen?“ „Warum lachen Sie über mich?“ fragte Pen, „Sie thaten es vorige Nacht und machten vor den Leu⸗ ten aus Baymouth einen Narren aus mir.“ „Mein lieber Arthur, ich wollte Sie nicht ver⸗ letzen,“ antwortete das Mädchen, „Sie und Miß Roun⸗ dle ſahen ſo drollig aus, als Sie — als Sie Ihren 107 kleinen Unfall hatten, daß ich kein Trauerſpiel daraus machen konnte, lieber Pen, es war kein ernſtlicher Fall. Und zudem war Miß Roundle der unglücklichſte Theil dabei. „Zum Henker mit Miß Roundle,“ ſchrie Pen. „Ich ſchwöre darauf, daß ſie ſo ausſah,“ verſetzte Laura ſchmeichelnd. „Sie waren im Augenblick auf; aber die arme Lady ſaß auf dem Grunde in ihrem rothen Krepanzug und ſah mit dem jämmerlichſten Geſicht um ſich her — kann ich ſie je vergeſſen?“ und Laura begann ein Geſicht zu ſchneiden, das Miß Roundle unter jenem Unſtern vorſtellen ſollte, hielt aber reuevoll inne, mit den Worten, „nun, wir müſſen nicht über ſie lachen, aber ganz gewiß ſollten wir über Sie lachen, Pen, wenn Sie über eine ſolche Kleinigkeit ärgerlich wurden.“ „Sie ſollten nicht über mich lachen, Laura,“ ſagte Pen mit einiger Bitterkeit; „Sie am allerwenigſten.“ „Und warum nicht? Sind Sie ein ſo großer Mann?“ fragte Laura. „Ach nein, Laura, ich bin ein ſo armer,“ antwor⸗ tete Pen, „haben Sie mich nicht bereits genug gehetzt?“ „Mein theurer Pen, und wie denn?“ ſprach Laura. „Gewiß, gewiß, ich glaubte nicht, Sie durch eine ſolche Kleinigkeit zu beleidigen. Ich dachte, ein ſo kluger Mann könne wohl einen harmloſen, kleinen Scherz von ſeiner Schweſter ertragen,“ ſagte ſie, indem ſie ihm wieder ihre Hand hinhielt. Theurer Arthur, wenn ich Sie beleidigt habe, ſo bitt' ich Sie um Verzeihung.“ „Ihre Güte demüthigt mich noch mehr, als Ihr Laura,“ ſagte Pen, „Sie ſind mir immer über⸗ egen.“ „Was! überlegen, dem großen Arthur Pendennis? wie kann das möglich ſein?“ ſagte Miß Laura, die ein wenig Bosheit neben einem großen Theil Gutmüthigkeit hatte, „Sie können nicht meinen, daß irgend eine Frau Ihnen gleichkommt.“ „Diejenigen, welche Wohlthaten erweiſen, ſollten 108 nicht ſpotten; ich liebe es nicht, daß mein Wohlthäter über mich lacht; es macht die Verbindlichkeit ſehr hart zu tragen. Sie verachten mich, weil ich Ihr Geld ge⸗ nommen habe, und ich verdiene verachtet zu werden; aber der Schlag iſt hart, wenn er von Ihnen kommt.“ „Geld! Verbindlichkeit! Schämen Sie ſich, Pen! das iſt unedel,“ ſagte Laura, tief erröthend. „Hat nicht Ihre Mutter Anſpruch auf Alles, was uns gehört? Verdank' ich ihr nicht all mein Glück auf dieſer Welt, Arthur? Kommt es auf ein paar winzige Guineen an, wenn wir ihr zärtliches Herz beruhigen, und ihr Gemüth über Sie erleichtern können? Ich würde draußen auf dem Felde hacken, ich würde hinausgehen und als Magd dienen — ich würde ſterben für Sie. Sie wiſſen, das würde ich,“ ſagte Miß Laura, ſich er⸗ eifernd, „und Sie nennen dieſes winzige Geld eine Verbindlichkeit? O, Pen, 's iſt grauſam — 's iſt un⸗ würdig Ihrer, es ſo zu nehmen! Wenn mein Bruder nicht, was für mich überflüſſig iſt, mit mir theilen varf, wer darf es denn? — Mein? — Ich ſage Ihnen, es war nicht mein; es gehörte Alles Mama; ſie kann damit thun, wie ſie will und ſo mit Allem, was ich habe,“ ſagte Laura. „Mein Leben gehört ihr zu.“ Und das begeiſterte Mädchen blickte nach den Fenſtern der Wittwe und ſegnete in ihrem Herzen das gütige Weſen droben. Helen blickte ungeſehen aus jenem Fenſter, gegen welches Laura's Augen ſich wandten, während ſie ſprach und beobachtete ihre zwei Kinder mit der innigſten Theilnahme und Rührung, indem ſie ſehnlichſt hoffte, daß das Gebet ihres Lebens möchte in Erfüllung gehen, und wenn Laura geſprochen hatte, wie Helen hoffte, wer weiß, welche Verſuchungen Arthur Pendennis erſpart worden wären, oder welche verſchiedenen Prüfungen er nicht hätte beſtehen müſſen. Er wäre vielleicht ſein Lebtag in Fairvaks geblieben und als Landedelmann geſtorben. Aber würde er ihnen entgangen ſein? Ver⸗ 109 ſuchung iſt eine gehorſame Dienerin und läßt ſich auch das Land gefallen, und wir wiſſen, daß ſie ſogar in Einfiedeleien ſo gut als in Städten ihren Wohnſitz auf⸗ ſchlägt, und daß ſie in den entfernteſten und unzugäng⸗ lichſten Wüſten dem flüchtigen Einſiedler Geſellſchaft leiſtet. „Gehört Ihr Leben meiner Mutter,“ ſagte Pen, indem er anfing zu zittern und mit großer Bewe⸗ gung zu ſprechen, „ſo wiſſen Sie, Laura, was die große Aufgabe des ihrigen iſt?“ Und er ergriff noch einmal ihre Hand. „Was, Arthur?“ fragte ſie, ließ ſie fallen, blickte auf ihn, wieder auf das Fenſter und ſenkte dann ihre Augen zu Boden, ſo daß ſie Pen's Blick vermieden. Auch ſie zitterte; denn ſie fühlte, daß die Entſcheidung, für welche ſie ſich insgeheim vorbereitet hatte, gekommen wäre. „Unſere Mutter hat einen Wunſch vor allen an⸗ dern in der Welt, Laura,“ ſagte Pen, „und ich glaube, Sie kennen ihn. Ich geſtehe Ihnen, daß ſie mit mir davon geſprochen hat, und wenn Sie ihn erfüllen wollen, theure Schweſter, ſo bin ich bereit. Ich bin noch ſehr jung; aber ich habe ſchon ſo viele Leiden und getäuſchte Hoffnungen gehabt, daß ich alt und müde bin, ich glaube, ich habe kaum mehr ein Herz, es anzubieten. Beinahe ehe ich den Wettlauf des Lebens begonnen, bin ich ſchon ein müder Mann. Mein Lebenslauf iſt eine Nie⸗ derlage; ich bin von denen beſchutzt worden, die ich von Rechts wegen hätte beſchützen ſollen. Ich geſtehe, daß Ihr Edelſinn und Ihre Großmuth mich beſchämen, theure Laura, während Sie mir Dankbarkeit auferlegen. Als ich von unſerer Mutter hörte, was Sie für mich gethan hätten, daß Sie mich wappneten und mir gebo⸗ ten, noch einmal hinaus in den Kampf zu gehen, ſo verlangte mich hinzugehen, mich zu Ihren Füßen zu werfen und zu ſagen: „Laura, wollen Sie kommen und den Kampf mit mir theilen? Ihre Theilnahme wird 1¹⁰ mich ermuntern, ſo lange er dauert. Ich werde eines der zärtlichſten und edelſten Geſchöpfe unter dem Him⸗ mel haben, mir zu helfen und mir Geſellſchaft zu leiſten. Wollen Sie mich annehmen, theure Laura, und unſere Mutter glücklich machen?“ „Glauben Sie, die Mama würde glücklich ſein, wenn Sie das Gegentheil wären, Arthur?“ fragte Laura mit leiſer, wehmüthiger Stimme. „Und warum ſollte ich nicht glücklich ſein,“ fragte Pen angelegentlich, „mit einem ſo theuern Geſchöpf an der Seite? Ich kann Ihnen nicht meine erſte Liebe ſchenken. Ich bin ein gebrochener Mann; aber in der That, ich würde Sie zärtlich und treu lieben. Ich habe manche Täuſchung und manchen Ehrgeiz hinter mir; aber ich bin immer noch nicht ohne alle Hoffnung. Talente habe ich, das weiß ich, ſo ſchlecht ich ſie auch angewendet habe: ſie mögen mir immer noch dienen. Das würden ſie, hätt' ich einen Antrieb zur Handlung. Laſſen Sie mich fortgehen und die Gewißheit mit mir nehmen, daß ich verpflichtet bin, zu Ihnen zurückzukeh⸗ ren. Laſſen Sie mich gehen und arbeiten und hoffen, daß Sie den Erfolg mit mir theilen werden. Sie haben mir ſo viel gegeben, theure Laura, wollen Sie Nichts von mir nehmen?“ „Was haben Sie noch zu geben, Arthur?“ fragte Laura mit ernſter Wehmuth im Tone, welche Pen er⸗ ſtarren machte und ihn ſehen ließ, daß ſeine Worte ihn verrathen hatten. In der That, ſeine Erklärungen lau⸗ teten nicht ſo, wie er ſie vor zwei Tagen gegeben hätte, wo er voll von Hoffnung und Dankbarkeit zu ſeiner Befreierin geeilt wäre, um ihr für ſeine wiedergewon⸗ nene Freiheit zu danken. Hätte er damals ſprechen dürfen, er hätte geſprochen und ſie hätte vielleicht auf andere Weiſe ihm zugehört. Ein dankbares Herz hätte um ſie angehalten, nicht ein müdes ſich ihr angeboten. Ein dankbares Herz hätte nach dem ihrigen gefragt, nicht ein müdes ihr angeboten, es zu nehmen oder zu 111 laſſen. Laura war beleidigt durch die Bedingungen, unter welchen Pen ſich ihr angeboten hatte. Er hatte in Wahtheit geſagt, daß er keine Liebe hätte und doch wollte er keine Abweiſung annehmen. „Ich gebe mich Ihnen, um meiner Mutter zu willfahren,“ hatte er ge⸗ ſagt, „da ſie wünſcht, daß ich dieſes Opfer bringen ſoll.“ Des Mädchens Sinn wolle keinen Ehemann unter ſolchen Bedingungen ertragen: ſie war nicht gemeint, vorzurennen, weil Pen beliebte, das Hand⸗ tuch auszurecken, und ihr Thun in ihrer Erwiderung an Arthur zeigte ihren Entſchluß, unabhängig zu bleiben. „Nein, Arthur,“ ſagte ſie, „unſre Heirath würde Mama nicht glücklich machen, wie ſie ſich einbildet; denn ſie würde Sie nicht ſehr lange befriedigen. Auch ich habe erfahren, was ihre Wuͤnſche ſind: denn ſie iſt zu offen, um irgend Etwas zu verbergen, was ſie auf dem Herzen hat; und noch einmal, vielleicht dachte ich einmal — aber das iſt nun vorüber — daß ich Sie hätte glücklich machen können — daß es geworden wäre, wie ſie es wünſchte.“ „Sie haben ſonſt Jemand geſehen,“ ſagte Pen, är⸗ gerlich über ihren Ton, und die Vorfälle der letzten Tage ſich zurückrufend. „Die Anſpielung hätte können erſpart werden. Ein Herz, das im dreiundzwanzigſten Jahre ſich abgenutzt hat, gleich dem Ihrigen, wie Sie ſagen, hätte auch die Eiferſucht überleben ſollen. Ich laſſe mich nicht herab, zu ſagen, ob ich jemand Anderes geſehen oder ermuthigt hätte. Ich werde die Anklage weder bejahen noch ver⸗ neinen und bitte Sie, auch nie mehr darauf anzu⸗ ſpielen.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Sie be⸗ leidigt habe; aber wenn ich eiferfüchtig bin, beweist das nicht, daß ich ein Herz habe?“ „Nicht für mich, Arthur. Vielleicht glauben Sie, daß Sie mich nun lieben; aber es iſt nur für den Au⸗ 112 genblick und weil Sie vor den Kopf geſtoßen ſind. Wäre kein Hinderniß da, Sie würden kein Bedürfniß fühlen, darüber Herr zu werden. Nein, Arthur, Sie lieben mich nicht. Sie würden meiner in drei Monaten überdruſſig werden, wie — wie's Ihnen mit den meiſten Dingen geht — und Mama würde, wenn ſie ſähe, daß Sie meiner überdrüſſig wären, unglücklicher ſein, als über meine Weigerung, die Ihrige zu ſein. Seien wir Bruder und Schweſter, Arthur, wie bisher — aber nicht mehr. Sie werden über dieſe kleine Täuſchung ſchon hinüberkommen.“ „Ich will's verſuchen,“ verſetzte Arthur, ſehr auf⸗ gebracht. . „Haben Sie's nicht ſchon zuvor verſucht?“ ſagte Laura etwas empfindlich; denn ſie war auf Arthur ſchon ſehr lange böſe, und war jetzt vermuthlich ent⸗ ſchloſſen, ſich gegen ihn auszuſprechen. „Wenn Sie das nächſte Mal ſich einem Frauenzimmer anbieten, ſo ſa⸗ gen Sie nicht, wie bei mir, ich habe kein Herz, ich liebe Sie nicht; aber ich bin bereit, Sie zu heirathen, weil meine Mutter die Verbindung wünſcht. Wir verlangen mehr als dieß, als Entgegnung für unſere Liebe; das heißt, ich denke mir's ſo. Ich habe bisher noch keine Erfahrung gehabt und habe nicht — die Praxis gehabt, die Sie bei mir vorausſetzten, wenn Sie eben erſt ſag⸗ ten, daß ich ſonſt Jemand geſehen hätte. Sagten Sie Ihrer erſten Liebe, daß Sie kein Herz hätten, Arthur? Oder ihrer zweiten, daß Sie ſie nicht lieben, daß Sie ſie aber haben könnte, wenn ſie wollte?“ „Was — was meinen Sie?“ fragte Arthur, er⸗ röthend und immer noch in großer Wuth. „Ich meine Blanche Amory, Arthur Pendennis,“ ſprach Laura ſtolz. „Es ſind erſt zwei Monate, daß Sie zu ihren Füßen ſeufzten — Gedichte an ſie mach⸗ ten — ſie in hohle Bäume am Flußufer ſchoben. Ich wußte um Alles. Ich beobachtete Sie — das heißt, ſie zeigte ſie mir. Weder mit der einen noch mit der 113 andern war es Ihnen vielleicht Ernſt; aber es iſt noch zu früh, Arthur, eine neue Neigung zu beginnen. Machen Sie wenigſtens die Zeit Ihrer — Ihrer Witt⸗ werſchaft durch und denken Sie nicht an's Heirathen, bis Sie über die Trauerzeit weg ſind.“ — (Hier füllten ſich die Augen des Mädchens mit Thränen und ſie glitt mit ihrer Hand darüber hin.) „Ich bin böſe und em⸗ pfindlich und ich habe kein Recht, es zu ſein, und ich bitte Sie jetzt meiner Seils um Verzeihung, lieber Arthur. Sie hatten ein Recht, Blanche zu lieben. Sie war tauſendmal hübſcher und geliebter als — als irgend ein Mädchen in unſerer Nähe; und Sie konnten nicht wiſſen, daß Sie kein Herz hatte und ſo thaten Sie recht, auch ſie zu verlaſſen. Ich hätte Ihnen wegen Blanche Amory keine Vorwürfe machen ſollen, und daß ſie Sie getäuſcht hat. Verzeihen Sie mir, Pen,“ und ſie hielt Pen noch einmal freundlich die Hand hin. „Wir ſind Beide eiferſüchtig geweſen,“ ſagte Pen. „Liebe Laura, verzeihen wir einander!“ — Und er er⸗ griff ihre Hand und wollte ſie zu ſich herziehen. Er glaubte, ſie laſſe ſich erweichen und nahm bereits die Miene eines Siegers an. Aber ſie ſchrak zurück und ihre Thränen verſchwan⸗ denz ſie heftete einen ſo wehmüthigen und ernſten Blick auf ihn, daß der junge Mann in ſeinem Theile zurück⸗ ſchrak. „Verſtehen Sie mich recht, Arthur,“ ſprach ſie, „es kann nicht ſein. Sie wiſſen nicht, was Sie fordern, und ſeien Sie mir nicht zu böſe, wenn ich ſage, Sie verdienen es nicht. Was können Sie einem Weibe an⸗ bieten für ihre Liebe, ihre Ehre, ihren Gehorſam? Wenn ich je dieſe Worte ſpreche, ſo hoffe ich, lieber Pen, ſie im Ernſte zu ſprechen und unter dem Beiſtande Gottes mein Gelübde zu halten. Aber Sie, — was bindet Sie? Sie kümmern ſich um manche Dinge nicht, die wir armen Weiber für heilig halten. Ich will nicht denken oder fragen, wie weit Ihre Ungläubigkeit Sie Pendennis. M. 8 114 führt. Sie erbieten ſich, zu heirathen Ihrer Mutter zu Gefallen und geſtehen, daß Sie kein Herz wegzu⸗ geben haben. O, Arthur, was iſt es, das Sie mir anbieten? Welch' unbeſonnenen Vertrag wollten Sie ſo leichten Sinnes eingehen? Noch vor einem Monate hätten Sie ſich einer Andern hingegeben. Ich bitte, tändeln Sie nicht ſo ſorglos mit Ihrem oder Anderer Herzen. Gehen Sie, arbeiten Sie, gehen Sie, beſſern Sie ſich, lieber Arthur; denn ich ſehe Ihre Fehler und wage jetzt, davon zu ſprechen; gehen Sie, ſetzen Sie ſich in Ruf, da Sie ſagen, daß Sie es können, und ich will für meinen Bruder beten und für unſere theuerſte Mutter daheim wachen.“ „Iſt das Ihre ſchließliche Entſcheidung, Laura,“ rief Arthur. „Ja,“ ſagte Laura, indem ſie ſich beugte, und noch einmal gab ſie ihm ihre Hand und ging davon. Er ſah ſie unter die Kriechpflanzen des kleinen Portals treten und in dem Hauſe verſchwinden. Die Vorhänge von ſeiner Mutter Fenſter fielen in demſelben Augen⸗ blick; aber er bemerkte es nicht, noch vermuthete er, daß Helen Zeuge der Scene geweſen war. War er vergnügt oder ärgerlich über dieſes Ende? Er hatte ſie gefragt, und ein geheimer Triumph füllte ſein Herz bei dem Gedanken, daß er noch frei ſei, ſie hatte ihn abgewieſen, aber liebte ſie ihn nicht? Das Geſtändniß der Eiſerſucht ließ ihn immer noch denken, daß ihr Herz ſein war, was auch ihre Lippen ſprachen. Und nun ſollten wir vielleicht eine andere Scene beſchreiben, die in Fairvaks zwiſchen der Wittwe und Laura ſtatt fand, als Letztere Helen ſagen mußte, daß ſie Arthur Pendennis abgewieſen habe. Vielleicht war es die härteſte Aufgabe von allen, welche Laura in dieſer Sache durchzumachen hatte, und diejenige, welche ſie am meiſten ſchmerzte. Aber da wir nicht gerne ſe⸗ hen, wie eine gute Frau ungerecht iſt, ſo werden wir kein Wort weiter von dem Streite ſprechen, der jetzt 1¹⁵ zwiſchen Helen und ihrer Adoptivtochter ſich begab, noch von den bittern Thränen, welche das arme Mädchen vergießen mußte. Es war der einzige Zwiſt, den ſie und die Wittwe jemals gehabt und der grauſamſte ſei⸗ nes Urſprunges wegen. Pen verließ die Heimath, als er noch unentſchieden war — und Helen, welche beinahe Alles verzeihen konnte, konnte einen Akt der Gerechtig⸗ keit bei Laura nicht verzeihen. Siebentes Rapitel. Babylon. Unſer Leſer beliebe jetzt, die Wälder und die See⸗ küſte von Weſtengland, die Klatſchereien Claverings und das Alltagsleben des armen kleinen Fairoaks zu verlaſ⸗ ſen und ſich mit Arthur Pendennis auf der Alacrity⸗ Landkutſche nach London zu begeben, wohin er ein für alle Mal geht, um der Welt die Stirn zu bieten und ſein Glück zu machen. Indeß die Kutſche von den freundlichen Thoren der Heimath hinweg durch die Nacht dahinrollt, entwirft der junge Mann in ſeinem Geiſte manchen Plan für ſein künftiges Leben, ſein Benehmen und vielleicht für ſeinen zu hoffenden Erfolg und Ruf. Er weiß, daß er beſſer iſt, als mancher, der ihm bis⸗ her auf der Rennbahn voraus war. Seine erſte Nie⸗ derlage hatte ihm Gewiſſensbiſſe verurſacht und ihn zum Nachdenken gebracht. Es hat ihm aber nicht den Muth oder vielmehr die gute Meinung von ihm ſelbſt be⸗ nommen. Hundert flüchtige Phantaſien und geſchäftige Hoffnungen halten ihn wach. Um wie viel älter haben 116 ihn ſeine Mißgeſchicke, Nachdenken und Selbſtverkehr von einem Jahre gemacht, als da er vor zwölf Monaten dieſe Straße, auf ſeinem Wege nach und von Orbridge, paſſirte? Seine Gedanken wenden ſich in der Nacht mit unausſprechlicher Liebe und Zärtlichkeit zu der ge⸗ liebten Mutter, welche ihm beim Abſchied ihren Segen gab und trotz allen ſeinen frühern Fehlern und Thor⸗ heiten ihm noch vertraut und ihn liebt. Gottes Segen über ſie! Er betet, wie er aufblickt zu den Sternen über ihm. O Himmel, gib ihm Kraft, zu arbeiten, aus⸗ zudauern, ehrlich zu ſein, Verſuchung zu meiden, wür⸗ dig zu ſein der liebenden Seele, die ihn ſo ganz, innig liebt. Sehr wahrſcheinlich wacht auch ſie in dieſem Augenblick und ſendet zu demſelben Vater rei⸗ nere Gebete, als die ſeinigen für die Wohlfahrt ihres Jungen. Frauenliebe iſt ein Talisman, an welchem er hält und hofft, ſeine Rettung zu erlangen und Laura's — gerne hätte er auch ihre Neigung mit ſich fortge⸗ nommen; aber ſie weigerte ſich, als ob er ihrer nicht würdig wäre. Er geſteht es mit Scham und Ge⸗ wiſſensbiſſen; er geſteht, wie viel beſſer und ſtolzer ihre Natur ſei, als die ſeinige. Er geſteht es, und doch iſt er froh, frei zu ſein. „Ich bin nicht gut genug für ein ſolches Weſen,“ geſteht er ſich ſelbſt. Er zieht ſich zu⸗ rück vor ihrer fleckenloſen Schönheit und Unſchuld, wie vor Etwas, das ihm ſchaden kann. Er fühlt, er iſt nicht gewachſen für einen ſolchen Gegner. Wie mancher ſinnloſe Verſchwender, der in frühern Tagen fromm und ſchuldlos geweſen, ſich fern hält von der Kirche, die er vordem häufig beſuchte, indem er ſie ſcheut, aber nicht feindlich gegen ſie geſinnt iſt, ſondern blos fühlt, daß er kein Recht an dieſe reine Stätte hat. Während dieſe Gedanken ihn beſchäftigten, fiel Pen in keinen Schlaf bis zur grauenden Dämmerung eines Oktobermorgens, und erwachte beträchtlich erfriſcht, als die Kutſche an dem alten Frühſtückplatze zu B — hielt, wo er ein paar Dutzend Male auf ſeinem Wege nach 117 und von der Schule und dem Kolleg ſeit ſeiner Knaben⸗ zeit einen luſtigen Imbiß eingenommen hatte. Als ſie wieder abfuhren, brach die Sonne glänzend hervor. Sie fuhren pfeilſchnell davon, das Horn blies, die Meilen⸗ ſteine flogen vorbei, Pen rauchte und ſcherzte mit Con⸗ ducteuren und Mitpaſſagieren den vertrauten Weg ent⸗ lang. Mit jedem Augenblicke wurde er lebhafter und geſchäftiger. Der letzte Zug Grauſchimmel wurde in H — vorgeſpannt und die Kutſche fuhr in London ein. Welchen jungen Burſchen hat es nicht durchbebt, wenn er in dieſes Meer von Häuſern eintauchte. Hunderte anderer Wägen, dicht gefüllt mit ihren Tauſenden von Leuten eilten zu der großen Stadt. „Hier iſt mein Platz!“ dachte Pen; „hier beginnt mein Kampf, in welchem ich kämpfen und ſiegen oder fallen muß. Ich bin bis jetzt ein Knabe und Tändler geweſen. O, mich verlangt, zu zeigen, daß ich ein Mann ſein kann.“ Und von ſeinem Platz auf dem Kutſchendache ſchaute der lebhafte junge Burſche herab auf die Stadt mit einer Art verlangender Sehnſucht, welche junge Soldaten am Vorabend eines Feldzugs empfinden. Wie ſie des Wegs daher gefahren kamen, hatte Pen Bekanntſchaft gemacht mit einem munteren Mit⸗ paſſagiere, der ſehr viel von Gelehrten ſprach, mit denen er auf vertrautem Fuße ſtand, und der in Wirklichkeit ein Berichterſtatter eines Londoner Zeitungsblattes war und als deſſen Stellvertreter er einem großen Wettrin⸗ gen im Weſten beizuwohnen hatte. Dieſer Gentleman kannte, wie es ſchien, aufs Genaueſte alle Koryphäen der gelehrten Welt ſeiner Zeit und ſprach von Tom Campbell und Tom Hood, Sydney Smith und Andern mehr, als ob er ihr vertrauteſter Freund gewe⸗ ſen wäre. Als ſie bei Brompton vorbeikamen, wies dieſer Gentleman dem Pen Mr. Hurtle, den Herausge⸗ ber des Review's. Er krahnte über die Kutſche hinaus, um einen vollen Proſpekt auf den großen Hurtle zu haben. Er war ein Bonifaceman, ſagte Pen. Und 118 Mr. Doolan von der Sternzeitung (denn ſo hieß der Gentleman und die Adreſſe, welche er Pen einhändigte) ſagte: „Meiner Treu, er war es,“ und er kenne ihn ſehr gut. Pen dachte, es ſei eine Ehre, den großen Mr. Hurtle, deſſen Werke er bewunderte, geſehen zu haben. Er hatte noch einen großen Glauben an Autoren, Redakteure, Reviews und Herausgeber von Zeitungsblättern. Selbſt Wagg, deſſen Bücher ihm keine Meiſterſtücke menſchli⸗ cher Intelligenz zu ſein ſchienen, verehrte er insgeheim als erfolgreichen Schriftſteller. Er erwähnte, daß er Wagg auf dem Lande getroffen und Doolan ſagte ihm, wie dieſer famoſe Novelliſt für jede ſeiner Novellen drei⸗ hundert Pfund erhielt. Pen begann ſogleich zu berech⸗ nen, ob er nicht fünftauſend Pfund per Jahr heraus⸗ ſchlagen könnte. Die allererſte Bekanntſchaft, welche Arthur traf, als die Kutſche an dem Gloſter⸗-Kaffeehaus hielt, war ſein alter Freund Harriet Foker, der zu einem Frühſtück die Arlington Sreet hinter einem rieſenhaften Cabriolet⸗ pferd daher kam. Er hatte weiße bockslederne Hand⸗ ſchuhe und weiße Zügel, und die Natur hatte ihn mitt⸗ ler Weile mit einer beträchtlichen Büſchel Haare am Kinn dekorirt. Ein ſehr kleiner Cabrioletbube, als Vice⸗ ſtoopid, zog ſich zurück und ſchwang ſich hinten auf Fo⸗ kers Gefährt und kauerte ſich zuſammen in den engſten Lederhoſen. Foker ſchaute auf die beſtaubte Kutſche und die rauchenden Pferde der „Alacrity,“ auf welcher er in früheren Zeiten Reiſen gemacht hatte. — „Was, Foker!“ rief Pendennis — „Hulloh! Pen, mein Junge!“ ſchrie der Andere und ſalutirte zum Zeichen der Freund⸗ ſchaft mit der Peitſche gegen Arthur, der ſehr erfreut war, ſeines vriginellen Freundes gutes, altes Geſicht wieder zu ſehen. Mr. Doolan bekam großen Reſpekt vor Pen, der einen Bekannten in einem ſo grandioſen Cahriolet hatte; und Pen war ſehr aufgeregt und ver⸗ gnügt, daß er in Freiheit und in London war. Er bat Doolan zu kommen und mit ihm im Cafés des Kovent 1¹9 Garden zu diniren, wo er ſeinen Abſtand nahm. Er rief ein Cabriolet und raſſelte in beſter Laune davon. Er war erfreut, den geſchäftigen Kellner und den höf⸗ lich ſich verbeugenden Gaſtwirth wieder zu ſehen, fragte nach der Wirthin, vermißte den alten Boots und hätte Jedermann die Hände gedrückt. Er warf ſich in ſeinen beſten Staat, dinirte im Kaffeezimmer mit einer beſchei⸗ denen Pinte Sherry (denn er war entſchloſſen, ſehr häus⸗ lich zu ſein) und ging in das nächſte Theater. Die Lichter und die Muſik, die Menge und die Heiterkeit bezauberten und erheiterten Pen, wie ſolcher Anblick bei jungen Burſchen vom Kollege oder Land, denen er erträglich neu iſt, zu thun pflegt. Er lachte über die Späſſe, applaudirte den Liedern, zur Wonne einiger alten, langweiliger Habituss in den Logen, die ſchon längſt aufgehört hatten, in dieſem Platze nächtli⸗ cher Rendezvous die geringſte Aufregung zu finden und erfreut waren, einen ſo friſchen Anfömmling zu ſehen, der ſich ſo ſehr amüſirte. Am Ende des erſten Stü⸗ ckes ging er ſtolzirend davon in die Vorzimmer des Theaters, als ob er in einem Sammelort der höchſten Faſhion wäre. Welcher abgelebte Londoner Pflaſter⸗ treter kann ſich nicht erinnern, daß er vor Olimszei⸗ ten ähnliche Täuſchungen gehabt, und würde ſie nicht gerne wieder zurückrufen? Hier war der junge Foker wieder, ein feuriger Jünger des Vergnügens, wie er immer war. Er ging auf und nieder mit Granby Tip⸗ toff von der Haushaltbrigade, Lord Tiptoffs Bruder und Lord Colchicum, Kapitän Tiptoffs Onkel, einem ehrwür⸗ digen Pair, der ſeit der erſten franzöſiſchen Revolution ein Mann des Vergnügens geweſen war. Foker ſtürzte auf Pen los und nöthigte ihn in ſeine Privatloge, wo eine Lady mit den längſten Locken und den ſchönſten Schultern ſaß. Es war Miß Blenkinſop, die eminente Actrice der hohen Komödie, und im Hintergrunde der Loge in einer Perücke ſaß der alte Blenkinſop, ihr Herr Papa. Er wurde in den Theaterkupferſtichen asAVe⸗ 120 teran Blenkinſop“ — als „der nützliche Blenkinſop,“ „der alte Liebling des Publikums, Blenkinſop“ beſchrieben. — Jene Rollen des Drama, die man die ſchweren Vä⸗ ter nennt, wurden gewöhnlich dieſem Veteran zugewie⸗ ſen, der in der That den ſchweren Vater im Publikum, wie im Privatleben ſpielte. Um dieſe Zeit, es war gegen eilf Uhr, war Mrs. Pendennis zu Fairvaks zu Bette gegangen und wünſchte zu wiſſen, ob ihr theuerſter Arthur nach ſeiner Reiſe gleichfalls ſich zur Ruhe gelegt habe. Um dieſe Zeit wachte auch Laura, und um dieſe Zeit in voriger Nacht, als die Kutſche über die ſchweigſamen Gemeindefelder hin⸗ rollte, wo die Hüttenfenſter flimmerten und die Wälder unter dem ſtillen Sternenhimmel ſich verfinſterten, hatte Pen ſich gelobt, ein neuer Menſch zu werden und der Verſuchung zu widerſtehen, und ſein Herz war daheim Mittlerweile ſchritt die Farce voran mit gro⸗ ßem Erfolg, und Mrs. Leary, in einer Huſarenjacke und geſtreiften Pantalons, bezauberte die Zuhörerſchaft mit ihrer Schelmerei, ihrer lieblichen Figur und ihren köſt⸗ lichen Balladen. Pen, ein Neuling in der Stadt, hätte gerne auf Mrs. Leary gehört; aber die andern Leute in der Loge kehrten ſich nicht an ihren Geſang oder ihre Pantalons und unterhielten ein beſtändiges Geſchnatter. Tiptoff wußte, woher ſie ihre malliots hatte, Colchifum ſah ſie aus Nro. 14 treten, Miß Blenkinſop ſagte, ſie ſinge falſch, zum ſchmerzlichen Erſtaunen Pens, welcher meinte, ſie ſei ſo ſchön als ein Engel und ſinge wie eine Nachtigall. Und als Hoppus, als Sir Harcourt Fea⸗ therby, der junge Mann des Stückes, auftrat, erklärten die Gentlemen in der Loge, daß Hoppus zu ſchal werde wollte ihm Miß Blenkinſops Bougquet zu⸗ werfen. „Um alle Welt nicht,“ rief die Tochter des Ve⸗ teranen Blenkinſop; „Lord Colchicum gab es mir.“ Pen erinnerte ſich an den Namen des Edelmanns, 12¹ und mit einer Verbeugung ſagte er erröthend, er glaube, er habe Lord Colchicum zu danken, daß er ihn auf Erſuchen ſeines Oheims, des Major Pendennis, in den Megatherium⸗Klubb vorgeſchlagen. „Was, Sie ſind Wigsby's Neffe?“ ſagte der Pair, „ich bitte Sie um Verzeihung, wir nennen ihn immer Wigsby.“ Pen erröthete, als er hörte, daß ſein ehrwürdiger Oheim mit einem ſo familiären Namen genannt wurde⸗ „Wir ballottirten über Sie in letzter Woche, nicht wahr? ja, letzten Mittwoch Abends. Ihr Oheim war nicht da.“ Das war eine erfreuliche Kunde für Pen, er be⸗ zeugte Lord Colchicum ſeinen Dank in zierlichen Wor⸗ ten, auf welche jener hörte, indem er ſein Opernglas an die Augen hielt. Pen war in großer Aufregung bei Gedanken, ein Glied dieſes gebildeten Klubbs zu ſein. „Sehen Sie nicht immer nach jener Loge, Sie unartiges Geſchöpf,“ ſchrie Blenkinſop. „Sie iſt ein verdammt hübſches Weib, die Mirabel,“ ſagte Tiptoff, „und doch war Mirabel ein verdammter Narr, daß er ſie heirathete.“ „Ein ſtupider alter Geck,“ fagte der Pair. „Mirabel!“ rief Pendennis. „Ha, ha!“ lachte Harry Foker. „Wir haben ſchon früher von ihr gehört, nicht wahr, Pen?“ Es war Pen's erſte Liebe, es war Miß Fotherin⸗ gay, das Jahr zuvor war ſie von Sir Charles Mirabel G. l. B. und früheren Geſandten in Pumpernickel, der an den Verhandlungen des Kongreſſes von Swam⸗ merdam ſo thätigen Theil genommen und für Ihre brit⸗ i Majeſtät den Frieden von Pultusk unterzeichnet atte. „Emily war immer ſo dumm wie eine Eule,“ ſagte Miß Blenkinſop. „Ch, eh, pas si béte,“ ſagte der alte Pair. 122 „O, Schande!“ rief die Schauſpielerin, die nicht im Geringſten wußte, was er meinte. Und Pen blickte auf und erſchaute wieder ſeine erſte Liebe und wunderte ſich, wie er ſie jemals hatte lieben können. So fand ſich denn Arthur Pendennis in der erſten Nacht ſeiner Ankunft in London eingeführt in einen Klubb, bei einer Schauſpielerin von dem vorneh⸗ men Theater und einem gewichtigen Bühnenvater und einer gemiſchten Geſellſchaft jovialer Geſellen, alt und jung: denn Lord Colchicum, obgleich vorgerückt an Jahren, kahlen Kopfes und ſchmächtiger Perſon, war noch unermüdlich im Genuſſe, und der ehrwürdige Vis⸗ count rühmte ſich, daß er ſo viel Claret trinken könnte, als das jüngſte Mitglied der Geſellſchaft, die er be⸗ ſuchte. Er lebte mit der Jugend in der Stadt, er gab ihr zahlloſe Diners bei Richmond und in Greenwich, war ein erleuchteter Patron des Dramas in allen Spra⸗ chen und der Terpſichoriſchen Kunſt, empfing er Profeſ⸗ ſoren der Dramatik unter allen Nationen bei ſeinen Banketten — Engländer vom Covent Garden und den Strandhäuſern, Italiener vom Haymarket, Franzoſen von ihrem eigenen hübſchen, kleinen Theater oder der Sper, wo ſie tanzten. Und in ſeiner Villa an der Themſe gab dieſer Pfeiler des Staates koſtbare Unter⸗ haltungen für viele Dutzende junger Männer der Faſhion, welche ſehr leutſelig verkehrten mit den Ladies und Gentlemen des Garderobezimmers — hauptſächlich mit erſteren, denn Viscount Colchicum zog ihre Geſellſchaft, als mehr gebildet und heiter, derjenigen ihrer männ⸗ lichen Genoſſen vor. Pen ging am nächſten Tag und bezahlte ſein Ein⸗ trittsgeld in den Klubb, eine Overation, die genau ein Drittel ſeiner hundert Pfund koſtete, nahm Beſitz von dem Gebäude und aß dort mit unendlicher Satisfaktion ſeinen Zwiſchenimbiß. Er vergrub ſich in ein Fauteuil im Bibliothekzimmer und verſuchte alle Magazine zu 123 leſen. Er fragte ſich verwundert, ob er die Aufmerk⸗ ſamkeit der Mitglieder errege, und wie ſie in ſo ſchönen Zimmern die Hüte aufbehalten konnten. Er ſetzte ſich nieder und ſchrieb einen Brief nach Fairoaks auf dem Klubbpapier und ſagte, welcher Comfort dieſer Platz nach vollbrachtem Tagewerk für ihn ſein würde. Er ging in die Wohnung ſeines Onkels nach Bury Street mit beträchtlichem Herzklopfen und in Folge des ernſt⸗ lichen Wunſches ſeiner Mutter, daß er ſogleich bei Ma⸗ jor Pendennis anrufen ſollte, und fühlte ſich nicht wenig erleichtert, als er fand, daß der Major noch nicht in die Stadt zurückgekehrt war. Seine Gemächer waren leer. Braune Holländer bedeckten ſeinen Bibliothektiſch und Noten und Briefe lagen auf dem Kamingeſims, indem ſie ungeduldig auf die Rückkehr ihres Eigenthümers harrten. Der Major war auf dem Feſtland, die Haus⸗ frau ſagte: „Zu Badn⸗Badn mit dem Marcus von Steyne.“ Pen hinterließ ſeine Karte auf dem Geſims bei den andern. Fairoaks ſtand noch darauf geſchrieben. Als der Major nach London zurückkehrte, was er bei Zeiten wegen der Novembernebel that, nach deren Genuß, er ſich in den Chriſtfeiertagen zu einigen Freunden auf dem Lande zu begeben vornahm, fand er eine zweite Karte Arthurs, auf welcher Lamb Court, Temple geſtochen war, und eine Note von dem jungen Gentleman und von ſeiner Mutter, worin zu leſen ſtand, daß er in die Stadt gekommen und als Mitglied in den oberen Tempel eingetreten war, und ſich über Kopf und Hals auf die Barre einſtudire. Lamb Court Temple: — wo war das ? Major Pen⸗ vennis erinnerte ſich, daß einige Ladies der Faſhion von einem Diner mit Mr. Ayliffe de Barriſte zu ſpre⸗ chen pflegten, der in der „Societät“ war und dort in der Kinpsbonth wohnte, von welchem Gefängniß wahr⸗ ſcheinlich eine Abtheilung in dem Temple war und Ay⸗ liffe war ſehr wahrſcheinlich ein Beamter; Mr. Deu⸗ 124 ceace, Lord Crabs' Sohn, hatte, wie er ſich erinnerte, auch dort gewohnt. Er ſandte Morgan aus, um auf⸗ zufinden, wo Lamb Court wäre und über die von Mr. Arthur auserkorne Wohnung zu rapportiren. Der flinke Botſchafter hatte wenig Mühe, Mr. Pens Wohnung zu entdecken. Der diskrete Morgan war ſeiner Zeit Leu⸗ ten auf die Spur gekommen, die weit ſchwieriger zu finden waren, als Arthur. „Was für eine Art von Wohnung iſt es?“ fragte am nächſten Morgen der Major hinter den Bettvor⸗ hängen in Bury Street, als der Valet in dem dicken, gelben Londoner Nebel ſeine Toilette in Ordnung brachte. „Ich würde eher ſagen, ein Schlumpfwinkel,“ ſagte Mr. Morgan; „die Lawyers (Rechtsgelehrten) leben dort und haben ihre Namen auf die Thüren geſchrieben; Mr. Harthur wohnt drei Paar hoch, Sir, Mr. Warring⸗ ton wohnt auch dort.“ „Suffolker Warringtons! ich würde mich nicht wundern: eine gute Familie,“ dachte der Major; „die Nachgebornen vieler von unſern guten Familien ſchlüpf⸗ ten in den Gerichtsmantel, komfortable Zimmer, he?“ „Sah allein die Thür außen, Sir, mit Mr. War⸗ ringstons Namen und Mr. Arthurs darauf gemalt, mit einem Zettel „zurück um ſechs Uhr“ mit Back; aber ich konnte keinen Bedienten ſehen, Sir. „Hekonomiſch auf jeden Fall,“ ſagte der Major. „Sehr, Sir. Drei Stock, Sir. Schmutzige, ſchwarze Treppe, wie ich je eine ſah. Wundre mich, wie ein Gentleman an einem ſolchen Orte leben kann.“ „Wer lehrte Dich doch, wo Gentlemen wohnen ſoll⸗ ten oder nicht, Morgan? Mr. Arthur, Sir, ſtudirt für die Gerichtsſchranken, Sir,“ ſprach der Major mit vie⸗ ler Würde, ſchloß die Unterhaltung und begann, ſich in dem gelben Nebel anzuziehen. „Jungen bleiben Jungen,“ dachte bei ſich der er⸗ weichte Oheim; „er hat mir einen verteufelt guten Brief geſchrieben. Colchicum ſagt; er habe ihn beim 125 Diner gehabt und halte ihn für einen gentlemänniſchen Burſchen. Seine Mutter iſt eins der beſten Geſchöpfe der Welt. Hat er ſeine wilden Eide geſät und macht ſich hinter ſeinen Beruf, ſo kann noch was aus ihm werden. Man denke nur, Charley Mirabel, der alte Narr, hat ſeine Flamme geheirathet! dieſe Fotheringay; er will nicht hieher fommen, bis ich ihm die Erlaubniß gebe, und drückt's auf eine männliche, artige Weiſe aus. War verteufelt bös auf ihn, nach ſeinen Orbrid⸗ ger escapades — und gab's ihm auch zu verſtehen, als er früher hier war. — Bei Gott, ich will ihn auf⸗ ſuchen, hängt mich, wenn ich's nicht thue.“ Und nachdem er ſich verſichert, daß er den Tempel ohne viel Mühe erreichen könne und daß ein City⸗Om⸗ nibus an dem Thor abſetzen würde, trat der Major eines Tags nach dem Frähſtück in ſeinem Klubb, nicht im Polyanthus, in den Mr. Pen eben erſt als Mitglied aufgenommen worden war, ſondern in einem andern Klubb; denn der Major war zu weiſe, einen Neffen als beſtändigen Innſaßen eines Hauſes zu haben, wo er ſich die Zeit zu vertreiben gewohnt war — beſtieg, ſage ich, der Major eines Tags, eines jener öffentlichen Ge⸗ fährte und hieß den Kutſcher ihn an dem Thor des obern Tempels abſetzen. z Als Major Pendennis das ſchmutzige Portal er⸗ reichte, war es ungefähr zwölf Uhr am Tag, und er wurde von einer höflichen Perſon mit einer Nummer und einer weißen Schürze, durch einige dunkle Gänge und unter mehrern melancholiſchen Schwibbögen in Höfe geführt, von denen immer einer unheimlicher war als der andere, bis er endlich Lamb Court erreichte. Wenn es in Pall⸗Mall dunkel war, wie war es erſt in Lamb Cvurt. Lichter brannten in manchen der Zimmer hier, in dem Zöglingraum von Mr. Hodgeman, dem Special pleader *), wo ſechs Zöglinge Deklarationen beim *) Ein Rechtsgelehrter, der auf ſeinem Zimmer Prozeſſe gusarbeitet. 126 Talglichte ſchmierten; in Sir Hokey Walkers Clerks Wohnung, wo der Clerk (Schreiber) eine Perſon weit gentlemäniſcher und freundlicher, als der berühmte Rath, ſein Herr, mit Patronenmanier, mit dem Managing Clerk eines Attorney an der Thür converſirte; und in Curling des Perückenmachers melancholiſchem Laden, wo hinter dem ſchwachen Schein von ein paar Lichtern großartige Perücken von Sergeants und Richtern un⸗ heimlich emporragten. Zwei kleine Schreiber ſpielten unter der Lampe Toss half-penny. Eine Waſcherin in Ueberſchuhen ging in die eine Thür ein und ein Zei⸗ tungs⸗Junge aus der andern heraus. Ein Pförtner, deſſen weiße Schürze kaum ſichtbar war, ſchritt auf und nieder. Unmöglich kann man ſich einen unheimlicheren Platz denken, und der Major ſchauderte bei dem Ge⸗ danken, daß ſich Jemand eine ſolche Reſidenz auser⸗ wählen ſollte. „Gütiger Himmel!“ ſagte er, „der arme Junge muß hier nicht fortleben.“ Die ſchwachen und ſchmutzigen Oellampen, mit wel⸗ chen die Treppen des obern Tempels bei Nacht erleuch⸗ tet werben, beleuchteten natürlich bei Tag die Treppen nicht, und Major Pendennis fand, nachdem er mit Mühe ſeines Neffen Namen unter demjenigen Mr. Warring⸗ tons an der Wand von Nro. 6 geleſen, noch viel grö⸗ ßere Schwierigkeit, die abſcheulichen ſchwarzen Treppen zu erklimmen, auf deren Geländern, welche ihre feuchten Ausdünſtungen ſeinen Handſchuhen mittheilten, er pein⸗ lich forttappte, bis er in das dritte Geſchoß kam. Ein Licht brannte im Gang vor einem der paar Zimmer⸗ reihen; die Thüren waren offen und die Namen von Mr. Warrington und Mr. A. Pendennis erſchienen ſehr deutlich und lesbar für den Major beim Hineintreten. Eine irländiſche Tagelöhnerin mit einer Gelte und einem Beſen öffnete dem Major die Thür. „Iſt das das Bier?“ rief eine mächtige Stimme heraus; „biet es herein.“ Der Gentleman, welcher ſprach, ſaß an einem Tiſche ungeſchoren und ans einer 127 furzen Pfeife rauchend. Auf einem ditto Stuhle ſaß Pen mit einer Cigarre und hatte ſeine Beine nächſt dem Feuer. Ein kleiner Junge, welcher als Schreiber der beiden Gentlemen diente, grinste dem Major ins Ge⸗ ficht bei dem Gedanken, daß er für Bier genommen wurde. Hier auf dem dritten Boden waren die Zimmer heller, und der Major konnte den Platz über⸗ ehen. „Pen, mein Junge, ich bin es, — 's iſt Dein Onkel,“ ſagte er, indem er vor dem Tabake beinahe erſtickte. Aber da die meiſten jungen Leute der Faſhion dieſes Unkraut gebrauchten, ſo ergab er ſich ziemlich leicht in dieſe Gewohnheit. Mr. Warrington ſtand von dem Tiſche auf und Pen in ſeinem ſehr aufgeregten Zuſtande von ſeinem Stuhl. „Es thut mir leid, daß Sie nicht an die rechte Thüre gekommen,“ ſagte Warrington mit freimüthiger, lauter Stimme. „Wollen Sie eine Cigarre nehmen, Sir? Räume die Sachen von dem Stuhle weg, Pid⸗ geon, und ſtell' ihn an's Feuer.“ Pen warf ſeine Cigarre auf den Roſt und war vergnügt über die Herzlichkeit, womit ſein Onkel ihm die Hand ſchüttelte. Sobald er vor den Treppen und dem Ruuche ſprechen konnte, begann der Major Pen ſehr freundlich über ſich und ſeine Mutter zu fragen; denn Blut iſt Blut, und er war erfreut, den Jungen wieder einmal zu ſehen. Pen gab, was er wußte, zum Beſten, und dann ſtellte er Mr. Warrington — einen alten Bonifaremann, deſſen Zimmer er jetzt anſtarrte, vor. Der Major war ganz zufrieden, als er hörte, daß Mr. Warrington ein jün⸗ gerer Sohn von Sir Miles Warrington von Suffolk war. Er hatte vor Jahren mit einem Oheim von ihm in Oſtindien und in Neuſüdwales gedient. „Nahm dort eine Schafefarm, machte ſein Glück — beſſere Geſchäfte als Jus und Soldatenthum,“ ſagte Warrington, „denke, ich gehe auch dort hin. Und hier 128 fam das erwartete Bier herein, in einem Deckelkrug mit gläſernem Boden; und Mr. Warrington ſagte lachend, er vermuthe, der Major ſei kein Freund von Bier und that ſelbſt einen langen, tieſen Zug, worauf er ſich mit großer Satisfaction mit der Fauſt über den Bart ſtrich. Der junge Mann war vollkommen unverlegen und un⸗ genirt. Er war in eine zerlumpte, alte Jagdjacke ge⸗ kleidet und hatte einen glänzend⸗blauen Bart. Er trank Bier gleich einem Kohlenträger, und doch konnte man ſehen, daß er ein Gentleman war. — Als er eine Minute oder zwei, nachdem er den Zug gethan, dageſeſſen hatte, ging er aus dem Zimmer und überließ es Pen und ſeinem Oheim, über Fa⸗ milienangelegenheiten zu ſprechen, wenn ſie beliebten. „Rauh und flink, ſcheint Dein Stubenburſche,“ ſagte der Major, „etwas verſchieden von Deinen Dandy⸗ Freunden in Orbridge.“ „Die Zeiten ändern ſich,“ verſetzte Arthur erröthend. „Warrington wird eben erſt gerufen und hat kein Ge⸗ ſchäft, aber er verſteht das Geſetz ziemlich gut, und bis ich ſo viel auftreibe, daß ich mit einem Advokaten ſtu⸗ diren kann, benütze ich ſeine Bücher und bediene mich ſeiner Hilfe.“ „Iſt das eines der Bücher?“ fragte der Major lächeind. Eine franzöſiſche Novelle lag auf Pen's Stuhl. „Es iſt heute kein Werktag, Sir, ſagte der Junge; „wir waren letzte Nacht ſehr ſpät in einer Geſellſchaſt bei Lady Whistons,“ fügte Pen hinzu, indem er ſeines Oheims Schwäche kannte. „Die ganze Stadt war da, außer Ihnen, Sir; Grafen⸗Botſchafter, Türken, Sterne und Strumpfbänder — ich weiß nicht mehr — es ſteht Alles in der Zeitung — und mein Name auch,“ ſagte Pen mit Wohlgefallen. „Ich traf eine alte Geliebte von mir, Sir,“ fuhr er lachend fort, „Sie wiſſen, wen ich meine, Sir, — Lady Mirabel — bei der ich wie⸗ der eingefuͤhrt wurde. Sie drückte mir die Hand und war ziemlich gnädig; ich darf Ihnen wohl danken, daß 129 ich aus dieſer Patſche bin. Sie ſtellte mich auch ihrem Manne vor — einem alten Beau mit einem Stern und einer blonden Perücke. Er ſcheint nicht ſehr weiſe zu ſein; ſie bat mich, bei ihr anzurufen, Sir, und ich kann jetzt hingehen, ohne mein Herz zu verlieren.“ „Nun, haben wir einige neue Liebſchaften gehabt?“ fragte der Major in ſehr guter Laune. „Zwei bis drei,“ ſagte Mr. Pen lachend; „aber ich nehm's nicht mehr ſo au grand sérieux, Sir, da⸗ mit iſt's nach der erſten Flamme aus.“ „Ganz recht, mein lieber Junge. Flammen und Pfeile und Leidenſchaft und was dergleichen mehr iſt, laſſen ſich gut bei einem Jungen an: und Du warſt noch ein Knabe, als die Geſchichte mit der Fotheringill — Fotheringay — (wie heißt ſie doch) vor ſich ging. Aber ein Mann von Welt gibt ſolche Thorheiten auf; es mag Dir immer noch wohl gehen. Du biſt zu Fall gekommen, kannſt aber wieder auf die Beine kommen. Du erbſt einmal ein wenig Unabhängigkeit, unter dem ſich Jedermann weiß nicht was vorſtellt; Du haſt einen guten Namen, guten Witz, gute Manieren — ſtellſt was vor — und bei Gott! ich ſehe nicht ein, warum Du nicht ein Weib mit Geld heirathen — ins Parlament kommen — Dich auszeichnen ſollteſt und — und was dergleichen mehr iſt. Bedenke, es iſt eben ſo leicht ein reiches Weib zu heirathen, als ein armes, und es iſt verteufelt viel beſſer, ſich bei einem guten Diner niederzuſetzen, als zu einem dürren Halsſtück von einem Hammel in einer Miethswohnung. Befreunde Dich mit dieſem Gedanken; ein Weib mit einem guten Leibgeding iſt ein tauſendmal beſſerer Beruf, als das Recht, das ſag' ich Dir. Sieh' Dich vor; ich werde für Dich auf der Lauer ſein und zufrieden ſterben, mein Junge, wenn ich Dich mit einem guten, vornehmen Weib, einem guten Wagen und einem guten paar Pferde ſehe; wie Du in Geſellſchaft lebſt und Deine Freunde als Gent⸗ Pendennis. U. 9 130 leman beſuchſt. Möchteſt Du hinvegetiren wie Deine liebe gute Mutter in Fairvaks? — „Gott verdamm' mich, Sir! Leben ohne Geld und beſte Geſellſchaft, iſt nicht werth, daß man es lebtz“ ſo ſprach dieſer zärtliche Oheim und kramte Pen ſeine einfache Philoſophie aus. Dieſe rührende Unterhaltung zwiſchen Oheim und Neffe war kaum geſchloſſen, als Warrington aus ſeinem Schlafgemache kam, nicht länger in Lumpen, ſondern gekleidet wie ein Gentleman, bol⸗ zengerade und vollkommen, frei und gut gelaunt. Er machte die Honneurs ſeines armſeligen Empfangzimmers mit eben ſo vieler Unbefangenheit, als ob es die ſchönſte Wohnung in London geweſen wäre, und ſeltſame Räume waren es, in welchen der Major ſeinen Neffen fand. Der Teppich war voller Löcher — der Tiſch mit vielen Kreiſen von Warringtons vorangegangenen Biergläſern beſchmutzt. Es befand ſich daſelbſt eine kleine Bibliothek von juridiſchen, poetiſchen und mathematiſchen Büchern, auf die er ſehr viel hielt (er war einer von denen, die ſeiner Zeit zu Orbridge am kärglichſten lebten und am kärglichſten ſtudirten, wo der Name Stunning War⸗ rington ebenſo berühmt war im Beſiegen der Bark⸗ leute, zum Preiſegewinnen und zum Trinken von Milchpunſch). Ein Kupferſtich von dem alten College hing über dem Kamingeſims und einige verwitterte Bände von Plato, die ſein wohlbekanntes Wappen trugen, ſtanden auf den Bücherbrettern⸗ Zwei Arm⸗ ſeſſel ſtanden da, eine Leſepult zum Stehen eingerichtet, ein Paar ſehr magere Deklarationen auf einem Studir⸗ tiſche mit gebrochenen Füßen. In der That, es war kaum ein einziges Stück Geräthſchaft da, das nicht im Kampfe geweſen und nicht verwundet worden wäre. „Sehen Sie her, Sir, hier iſt Pen's Zimmer; er iſt ein Dandy, hat Vorhänge an ſein Bett gekriegt, trägt glän⸗ zende Stiefel und ein ſilbernes Nachttiſchkäſtchen.“ In der That, Pen's Zimmer war eher kokettiſch arrangirt, und ein paar hübſche Kupferſtiche von Opertänzerinnen 13¹ aus einer Zeichnung von Fairvaks. In Warringtons Zim⸗ mer war kaum ein Stück Geräth, außer einem großen Tropfbadapparat, und einem Haufen Bücher neben dem Bette, wo er auf Stroh lag, ſeine Pfeife rauchte und die halbe Nacht hindurch in ſeinen Lieblingsgedichten und mathematiſchen Büchern las. Als Mr. Warrington ſeine einfache Toilette vollendet hatte, trat er aus ſei⸗ nem Zimmer und auf den Schrank zu, um nach ſeinem Frühſtück zu ſehen. „Darf ich Ihnen eine Hammelskeule anbieten, Sir? Wir machen Sie ſelber fertig und ich lehre Pen zur ſelben Zeit die Prinzipien des Rechts, der Kochkunſt und der Moral. Er iſt ein fauler Bettler, Sir, und zuviel von einem Dandy.“ Damit peitſchte Mr. War⸗ rington einen Roſt mit einem Stücke Papier, that ihn an das Feuer und darauf zwei Hammelskeulen, und nahm aus dem Schranke ein Paar Teller, Meſſer, ſil⸗ berne Gabeln und Kaſſerolen. „Sprechen Sie nur ein Wort, Major Pendennis,“ ſagte er; „es iſt eine weitere Hammelskeule in dem Schrank, oder holt Ihnen Pidgeon Alles, was Sie brau⸗ chen.“ Major Pendennis ſaß verwundert und gekurzweilt da, ſagte aber, daß er ſo eben gefrühſtückt habe und keinen Zwiſchenimbiß wünſche. So röſtete Warrington die Hammelskeulen und fuhr mit ihnen ziſchend heiß auf die Teller. Pen fiel mit gutem Appetit über ſeine Hammels⸗ keule her, als er einen Blick auf ſeinen Onkel geworfen und geſehen hatte, daß der Gentleman noch in guter Laune war. „Sie ſehen, Sir,“ ſagte Warrington, „Mrs. Fla⸗ nagan iſt nicht hier, um Küchendienſte zu thun, und wir können den Jungen nicht verwenden, denn der kleine Bettler iſt den ganzen Tag mit dem Putzen von Pen's Stiefeln beſchäftigt. Und nun iſt er für einen andern 132 Schluck Bier unterwegs. Pen trinkt Thee; der iſt aber nur für alte Weiber gut.“ „Und ſo waren Sie denn letzte Nacht bei Lady Whiſton?“ ſagte der Major, indem er in Wahrheit nicht tuſt⸗ was er dem ungeſchliffenen Demant bemerken ollte. „Ich bei Lady Whiſton! Bin kein ſolcher Einfalts⸗ pinſel, Sir. Ich frag nicht nach weiblicher Geſellſchaft, es wird mir grün und blau davor. Ich brachte meinen Abend in philoſophiſchen Betrachtungen in der Hinter⸗ küche zu.“ „Der Hinterküche? das wäre!“ ſagte der Major. „Ich ſehe, Sie wiſſen nicht, was das bedeutet,“ ſagte Warrington; „fragen Sie Pen, er war dort nach Lady Whiſton. Berichte dem Major Pendennis über die Hinterküche, Pen — brauchſt Dich nicht zu ſchämen.“ So bemerkte denn Pen, daß es eine kleine, ercen⸗ triſche Geſellſchaft von Gelehrten und Stadtleuten ſei, der er vorgeſtellt worden war; und der Major begann zu denken, daß der junge Burſche ſeit ſeiner Ankunft in London ſchon viel von der Welt geſehen habe. Achtes Rapitel. Die Tempelritter. College, Schulen und Inns of Cvurt Nhaben im⸗ mer noch einigen Reſpekt vor dem Alterthum und be⸗ *) Ehmals Häuſer, worin Studenten ſpeisten und unterrichtet wurden, daher noch heute die vier Collegien in London, wo das gemeine Recht gelehrt wird, inns ok coun heißen. 133 halten eine große Anzahl von Gebräuchen und Einrich⸗ tungen unſrer Vorfahren bei, denen ſolche, welche keine beſondere Achtung vor ihren Vorvätern haben, oder vielleicht mit ihnen nicht viel bekannt ſind, ſeit langer Zeit abgeſagt haben. Ein wohlgeordnetes Arbeitshaus oder Gefängniß ſorgt viel beſſer für Geſundheit, Wohl⸗ behagen und Reinlichkeit, als eine reſpektable Stiftungs⸗ ſchule, ein ehrwürdiges College oder eine gelehrte Inn. In der letztern begnügen ſich die Leute, in ſchmutzigen Ka⸗ binetten zu ſchlafen und für das Wohnzimmer und den Speiſeſchrank zugleich ihr Schlafgemach, den Preis einer guten Villa und Garten in den Vorſtädten, oder eines geräumigen Hauſes in den vernachläßigten Revieren der Stadt zu zahlen. Der ärmſte Handwerker in Spitalfields hat eine Eiſterne und einen beliebigen Vorrath Waſſer zu ſeiner Verfügung; aber die Gentlemen der Inns of Court und die Gentlemen der Univerſitäten beziehen ihren Bedarf dieſes Schönheitsmittels in Krügen durch Wäſcherinnen und Bettmacherinnen, und leben in Wohnungen, die lange vor der Zeit erbaut wur⸗ den, ehe die Gewohnheit der Reinigung und des Anſtandes in England aufkam. Es ſind Individuen noch am Leben, welche die Leute verhöhnen und nur mit Worten der Verachtung von ihnen ſprechen. Meine Herren, es iſt über allen Zweifel erhoben, daß eure Vorfahren die „großen Ungewaſchenen“ waren und in dem Tempel insbeſondere iſt es ſo ziemlich gewiß, daß nur mit der größten Schwierigkeit und Beſchränkung die Tugend, welcher der nächſte Rang nach der Gottſe⸗ ligkeit angewieſen wurde, gar nicht in Ausübung kom⸗ men konnte. Der alte Grump, in der Nähe von Norfolk, der mehr denn dreißig Jahre in den Zimmern unter denen Warringtons und Pen's gewohnt hatte, und der von den geräuſchvollen Tropfbädern, welche dieſe Gentlemen in ihren Gemächern eingerichtet hatten, geweckt zu wer⸗ den pflegte, — von deren Inhalt ein Theil gelegentlich 134 durch die Decke in Mr. Grump's Zimmer ſickerte — erklärte dieſe Anſtalt für eine alberne, neugebackene, ſtutzermäßige Narrheit und verfluchte tagtäglich die Wäſcherin, welche die Treppe beſchlabberte, die er zu vaſſiren hatte. Grump, nunmehr älter, denn ein halbes Jahrhundert, hatte in der That ſich des fraglichen Lurus niemals ſchuldig gemacht. Er hatte ſich ohne Waſſer ganz wohl befunden, und ſo nicht minder unſere Väter vor ihm. Unter allen dieſen Rittern, Baronets, Lords und Gentlemen, welche Waffen führten, deren Schilder auf den Wänden der famoſen Halle des obern Tem⸗ pels gemalt ſind, ſollte kein einziger Philanthrop ſo gut ſein, um eine Anzahl Bäder zum Benefiz der Rechts⸗ herren, ſeiner Genoßſen und Nachfolger, in Vorwurf zu nehmen? Der Geſchichtſchreiber des Tempels thut keine Erwäh⸗ nung eines ſolchen Plans; es gibt Pump⸗Court und einen Fountain⸗Court mit ihrem hydrauliſchen Apparat, aber Niemand hat jemals gehört, von einem Gerichtsbänkler, der an dem Brunnen ſich ergötzt hätte, und muß ſich denken, daß mancher rechtsgelehrte Rath alter Zeiten die Wohlthat der Pumpe benutzt haben mochte. Nichtsdeſtoweniger haben dieſe ehrwürdigen Inns, welche das Lamm und die Flagge und das geflügelte Roß zum Abzeichen haben, Anziehungspunkte für ihre Bewohner und ihren Antheil an den rohen Comforten und der Freiheit, an die man immer mit Vergnügen zurückdenkt. Ich weiß nicht, ob der Rechtsſtudent ſich der Erfriſchung einer Begeiſterung, oder poetiſchen Re⸗ miniszenzen überläßt, wenn er an den hiſtoriſchen Zim⸗ mern vorbei geht, und ſagt: „Dort wohnte Eldon, dort San Cofe über Lyttleton — hier arbeitete Chitty — hier vereinigten Barnwell und Alderſon ihre berühmten Arbeiten — hier ſchrieb Byles ſein großes Werk über die Bills und kompilirte Smith ſeine unſterblichen Leit⸗ fälle — hier arbeitet noch Guſtavus mit Salomon an der Seite; aber der Mann der Wiſſenſchaft muß einen 135 Ort lieben, den ſo viele ſeiner Brüder bewohnten oder den ihre Schöpfungen bevölkerten, die für uns ſo reell ſind als dieſer Tag, als die Autvreu, deren Kinder ſie waren — und wie Sir Roger de Coverley in dem Tem⸗ pelgarten ſich ergeht und mit Mr. Spektator über die Schönheiten in Reifröcken und Schönheitsflecken ſpricht, welche über das Gras ſchlenderten, iſt für mich eine ebenſo lebendige Geſtalt, als der alte Samuel Johnſon, der den ſchottiſchen Gentleman hinter ihm her auf ſei⸗ nem Wege nach Dr. Goldſmith's Gemächern in Brick Court dahin rennt; oder Harry Fielding, mit tintenbe⸗ klecksten Manſchetten und ſeinem naſſen Handtuch um den Kopf, wenn er um Mitternacht Artikel für das Convent⸗Garden⸗Journal ſchreibt, während der Drucker⸗ junge in dem Gange ſchläft. Wenn wir nur die Geſchichte eines einzigen Tages, wie er in einem der vierſtöckigen Häuſer in dem ſchmutzi⸗ gen Hof, wo unſre Freunde Pen und Warrington wohn⸗ ten, ſeinen Verlauf nahm, ſo könnte ein Tempel⸗Asmo⸗ deus uns einen merkwürdigen Band darüber ſchreiben. Unten mag ein großer Parlamentsrath zu ebner Erde ſein, der zur Dinerzeit nach Belgravia abfährt, wo dann auch ſein Schreiber den Gentleman macht und weg geht, um ſeine Freunde zu unterhalten, und ſich ſein Vergnügen macht. Aber vor kurzer Zeit noch war er hungrig und arbeitslos in einem Dachſtübchen der Inn; lebte von geheimer Schriftſtellerei; hoffte, wartete, ſiechte, und keine Klienten kamen; erſchöpfte ſeine eigenen Mit⸗ tel und die Güte ſeiner Freunde, machte den Mahnern demüthige Vorſtellungen und hatte die Geduld armer Gläubiger zu erflehen. Verderben ſchien ihm ins Ange⸗ ſicht zu ſtarren, als ſich plötzlich das Glücksrad drehte, und der glückliche Wicht im Beſitze eines jener Wunder⸗ preiſe war, die zuweilen in der großen Lotterie der Gerichtsſchranken gezogen werden. Mancher beſſere Rechts⸗ gelehrte, denn er hat nicht den fünften Theil von dem Einkommen ſeines Schreibers, der noch vor wenigen 136 Monaten kaum Kredit für die Wichſe für ſeines Herrn unbezahlte Stiefel befommen konnte. Im erſten Stock findeſt du vielleicht einen ehrwürdigen Mann, deſſen Name berühmt iſt, der ein halbes Jahrhundert in der Inn lebte, deſſen Gehirn voll von Büchern und deſſen Bretter von elaſtiſcher und juridiſcher Gelehrſamkeit ſtrotzen, der alle dieſe fünfzig Jahre allein gelebt, allein und für ſich, Gelehrſamkeit aufſpeichernd und Glücks⸗ güter ſammelnd. Er kommt jetzt Nachts allein von dem Klubb zurück, wo er frei dinirt hat, in die einſamen Zimmer, wo er als ein gottloſer, alter Klausner lebt. Wenn er ſtirbt, ſo errichtet ſeine Inn ein Täfelchen zu ſeiner Ehre, und ſeine Crben verbrennen einen Theil von ſeiner Bibliothek. „Möchteſt du eine ſolche Aus⸗ ficht für dein Alter haben, Gelehrſamkeit und Geld auf⸗ ſpeichernd und ſo enden? Aber wir dürfen nicht ſo lange an Herrn Doomsday's Thor verweilen, der wür⸗ dige Mr. Grump wohnt über ihm, auch ein alter Be⸗ wohner der Inn, ſitzt aber, wenn Doomsday nach Hauſe kommt, um den Catull zu leſen, mit drei ſoliden Signo⸗ ren ſeines Standes zu einem ſoliden Robber Whiſt nie⸗ der, nach einem Diner, bei welchem ſie ihre drei ſoliden Flaſchen Portwein geleert haben. Du ſollteſt ſehen, wie die alten Knaben am Sonntag in der Tempelkirche ſchlafen. Attornies beunruhigen ſie ſelten, und ſie haben nur geringe Glücksgüter ſich zu eigen gemacht. Auf der andern Seite des dritten Stockes, wo Pen und Warrington wohnen, ſitzt lange nach Mitternacht Mr. Paley, der die höchſten Ehren der Univerſität erlangte und Mitglied ſeines Collegs iſt, er ſitzt und liest und notirt Rechtsfälle bis zwei Uhr Morgens, ſteht um ſie⸗ ben Uhr auf und iſt vor den Zimmern des Sachwalters, ſo bald ſie ſich öffnen, wo er arbeitet bis eine Stunde vor dem Diner, kommt heim von der Halle, liest und notirt wieder Fälle, bis der nächſte Morgen graut, wo vielleicht Mr. Arthur Pendennis und ſein Freund War⸗ rington von einer ihrer wilden Expeditionen zurückkeh⸗ 137 ren. Wie verſchieden war Mr. Paley's Beſchäftigung geweſen: er hat ſich nicht weggeworfen, er hat bloß einen großen Verſtand mühſam zu der Faſſungskraft eines gemeinen Gegenſtandes herabgeneigt und in einem feſten Griff entſchloſſen von ſeinem Geiſte ausſchließend alle beſſern Dinge, alle Weisheit der Philoſophen und der Hiſtoriker, alle Gedanken der Dichter, allen Witz, alle Phantaſie, Reflerion, Kunſtliebe, Wahrheit, allzu⸗ mal, ſo daß er die verwirrte Legende des Geſetzes mei⸗ ſtern kann, durch deſſen Auslegung er ſeinen Unterhalt zu gewinnen ſich vornimmt. Warrington und Palley waren in früheren Tagen Mitbewerber um Univerſitäts⸗ ehren geweſen, und waren hart gegen einander ange⸗ laufen; und Jedermann ſagte jetzt, daß der Erſtere ſeine Zeit und ſeine Kräfte vergeude, während Jeder⸗ mann Paley's Fleiß rühmte. Man dürfte jedoch bezwei⸗ feln, wer am beſten ſeine Zeit anwendete, der Eine konnte ſich Zeit zum Denken nehmen, der Andere konnte es nicht. Der Eine konnte Sympathien haben und Ge⸗ fälligkeiten erweiſen, der Andere mußte immer ſelbſt⸗ ſüchtig ſein, er konnte nicht Freundſchaft pflegen, oder einen Liebesdienſt thun, kein Genie bewundern oder bei dem Anblick der Schönheit oder den Akkorden des Geſanges ſich erwärmen — er hatte keine Zeit und kein Auge für etwas Anderes, als ſeine Geſetzbücher: alles war dunkel außerhalb ſeiner Studirlampe. Liebe, Natur und Kunſt (der Ausdruck unſeres Lobes und unſeres Sinns für die herrliche Welt Gottes) waren von ſeinem Geſichtskreiſe ausgeſchloſſen. Und wenn er ſeine einſame Nachtlampe löſchte, dachte er nie anders, als daß er ſeinen Tagnützlich hingebracht habe, und ging gleich gedankenlos und reuelos zu Bett; aber ein Schauder überkam ihn, wenn er ſeinen alten Kameraden Warrington auf der Treppe begegnete, und ſcheute vor ihm zurück, wie vor einem, der zur Hölle verurtheilt wäre. Es war vielleicht der Anblick dieſer leichenhaften Ehrſucht und ſelbſtgefälligen Gemeinheit, die ſich in 138 Palley's gelbem Geſichte zeigte und in ſeinen kleinen Augen blinzelte; oder war es eine natürliche Luſt zu Vergnügen oder Jovialität, zu denen Mr. Pen, man muß es geſtehen, ſich außerordentlich hingezogen fühlte, was den unglücklichen jungen Maun abſchreckte, ſeine Abſichten auf die Gerichtsbank, oder den Wollſack mit jenem Eifer und jener Beharrlichkeit zu verfolgen, die von Gentlemen gefordert wird, welche jene Ehrenſitze erklimmen wollen. Er genoß das Tempelleben mit gro⸗ ßer Befriedigung; ſeine würdigen Verwandten glaubten, er ſtudiere, wie es einem eifrigen Muſenſohne zukomme, und ſein Onkel ſchrieb an die freundliche Wittwe zu Fairoaks Beglückwünſchungsbriefe, worin er ankündigte, daß der Junge ſeine wilden Eide geſät hätte und ganz ſolid werde. In Wahrheit aber war eine neue Aufre⸗ gung für Pen das Leben, in das er jetzt eingetreten war, und nachdem er einige jener ſtutzerhaften Präten⸗ ſionen und feinen Gentleman's Airs, die er unter ſeinen ariſtokratiſchen Bekannten in dem College, welche er jetzt ſelten ſah, ſich zu eigen gemacht, aufgegeben hatte, wa⸗ ren die rohen Vergnügungen und Genüſſe eines Londo⸗ ner Junggeſellen für ihn ganz neu und angenehm, und er genoß ſie alle. Es gab eine Zeit, wo er die Dandy's um ihre ſchönen Roſſe in dem Rotten⸗Row beneidete, aber er begnügte ſich jetzt in dem Park zu ſpazieren und ſie anzuſchauen, er war noch zu jung, um in der Londoner Geſellſchaft, ohne einen beſſern Namen und größere Mittel, als er hatte, auf Erfolg hoffen zu dür⸗ fen, und zu läſſig, um ohne dieſe Erforderniſſe voranzu⸗ kommen. Der alte Pendennis glaubte in ſeiner Zärt⸗ lichkeit, er beſchäftige ſich mit dem Recht, weil er die ihm gebotnen ſocialen Vortheile verſchmähte; und ein Halbduzend Mal Bälle und Abendparthien verließ, ehe ſie eintönig und langweilig wurden, und ſo oft Jemand den würdigen Major über ſeinen Neffen fragte, ſagte der alte Gentleman, daß der junge Schelm ein anderer Menſch geworden, und nicht von ſeinen Büchern wegzu⸗ 139 bringen ſei. Aber der Major hätte ſich beinahe ebenſo entſetzt, als Mr. Palley, hätte er gewußt, was Mr. Pen's wirklicher Lebenslauf war, und welche Eingriffe das Vergnügen in ſeine Rechtsſtudien that. Ein langes Morgenſtudium, ein Spaziergang im Park, eine Ruderparthie auf dem Fluß, eine Exkurſion auf den Berg Hampſtead und ein beſcheidenes Diner in einem Weinhaus, eine Junggeſellennacht hier oder dort in Jovialität, nicht im Laſter zugebracht (denn Arthur Pendennis bewunderte die Frauen zu aufrichtig, als daß er ſolche hätte ertragen können, die wenigſtens in ſeiner Einbildung nicht gut oder rein waren); ein ruhi⸗ ger Abend daheim, allein mit einem Freunde und einer Pfeife oder zwei, und ein demüthiger Trank brittiſchen Geiſtwaſſers, deſſen gute Qualität die Wäſcherin Mrs. Flanagan unabänderlich prüfte. Dieß waren unſeres jungen Gentlemans Beſtrebungen; und man muß ge⸗ ſtehen, daß ſein Leben nicht unvergnüglich dahinfloß. Am Ende des Semeſters zeigte Mr. Pen eine ſehr preiswürdige Regelmäßigkeit in Erfüllung eines Theils der Obliegenheit vom Kurſe eines Rechtsſtudenten, daß er ſeine Diners in der Halle nahm. In der That, dieſe Halle des obern Tempels iſt ein nicht unintereſſanter Anblick, und mit Ausnahme einiger unbedeutender Ver⸗ beſſerungen und Anachronismen, welche dort eingeführt worden waren, mag ſich Einer niederſetzen und einbil⸗ den, daß er an einem Mahle des ſiebzehnten Jahrhun⸗ derts Theil nehme. Die Herren der Gerichtsſchranken haben ihre Gerichte, die Studenten ihre Tiſche bei Seite; die älteren Mitglieder ſitzen an einer hohen Tafel auf der erhöhten Plattform, umgeben von den Bildern der Richter und königlicher Perſonen, welche dieſe Feſtlichkeiten mit ihrer Gegenwart und Gönnerſchaft beehrten. Pen ſah ſich bei ſeiner erſten Einführung um und war nicht wenig amüſirt von der Scene, die ſich ihm bot. Unter ſeinen Kameraden von der Studentenklaſſe waren Gent⸗ lemen von jedem Alter, von ſechszig bis zu ſiebzehn 140 Jahren, rüſtige, grauköpfige Attornies, welche zu einer höhern Würde vorſchritten, — Dandies und Stadtleute, welche aus irgend einem Grunde wünſchten, Barriſter von ſieben Jahren zu werden; ſchwarze, ſchwarzäugige Eingeborne der Kolonien, welche kamen, um hier be⸗ rufen zu werden, ehe ſie auf ihren Inſeln praktizirten; und viele Gentlemen der iriſchen Nation, welche in der Middle Temple⸗Lane ſich aufhalten, ehe ſie in ihr grünes Geburtsland zurückkehren. Da waren kleine Re⸗ kruten von Studenten, welche die ganze Dinerzeit über vom Rechte ſprachen. Da waren Ruderleute, welche von Ruderparthien, dem rothen Hauſe, Vaurhall und der Oper ſprachen; Andere waren groß in der Politik und Redner von den debattirenden Studentenklubbs. Mit allen dieſen Klaſſen, außer der erſten, deren Unterredung in einer ihm beinahe unbekannten und ganz unintereſſanten Sprache geſchah, machte Pen allmählig Bekanntſchaft und hatte viele Berührungspunkte. Die alte und liberale Inn des obern Tempels gibt in ihrer Halle unter einem ſehr mäßigen Preis ein vortreffliches geſundes Diner, beſtehend in Suppe, Fleiſch, Torten und Portwein oder Sherrey, für die Barriſters und Studenten, welche dieſen Platz der Ausbildung beſuchen. Die Parthieen ordnen ſich zu vier Gerichten, von wel⸗ chen vier Quartetts jedes ſein Stück Rindfleiſch oder Schöpſenkeule, hinreichend Apfelpaſtete und eine Flaſche Wein hat. Aber die ehrlichen Babitués der Halle unter dem niedrigen Rang der Studenten, welche einen Ge⸗ ſchmack für guten Tiſch haben, verſtehen viele harmloſe Künſte, durch die ſie ihr Bankett verbeſſern und eine delikatere Nahrung als den gewöhnlichen Alltagsroſt⸗ braten der Studententiſche zu erhalten ſuchen. „Warten Sie ein Bischen,“ ſagte Mr. Lowton, einer dieſer Tempelgourmands. „Warten Sie ein Bis⸗ chen,“ ſagte Mr. Lowton, indem er Pen am Kleide zupfte — „die Tafeln ſind ſehr voll und da ſind bloß drei Gerichtshänkler, um die zehn Gerichte zu — 144 eſſen — wenn wir warten, bekommen wir vielleicht etwas von ihrer Tafel.“ Pen ſah, etwas amüſirt, Mr. Lowton mit Bli⸗ cken herzlicher Begierde nach der hohen Tafel der Ben⸗ cher, wo drei alte Gentlemen vor einem Dutzend ſilberner Schüſſeldeckel ſtanden, während der Schreiber ein Tiſch⸗ gebet tremulirte. — Lowton zeichnete ſich im Verlaufe des Diners aus. Sein Abſehen ging darauf, der Erſte zu ſein, Schuͤſſel⸗ Kapitän, und ſicherte ſich das dreizehnte Glas von der Flaſche Portwein. So ſuchte er die Verfügung über die einzelnen Stücke zu haben, an welchen er mit ſei⸗ nen Lieblingsſchnitten operirte und machte blitzſchnelle gewandte Eroberungen an Sauce, welche Pen unendlich amüſirten. „Armer Jack Lowton! Deine Lebensfreuden waren ſehr harmlos; eifriger Epikur, Deine Wünſche überſchritten nicht achtzehn Pence.“ Pen war etwas älter als viele ſeiner Mitſtudenten, und in ſeinem Benehmen und Aeußern lag etwas Stol⸗ zes und Impertinentes, das ihn zum Mann von Ton ſtempelte; ſehr unähnlich jenen blaſſen Studenten, welche mit einander vom Rechte ſprachen, und jenen wilden Dandies in Rudererhemden und wunderſchönen Steck⸗ nadeln und Weſten, welche den eiteln Theil der kleinen Gemeinde repräſentirten. Der beſcheidene und gute Lowton hatte ſich durch Pens überlegene Repliken und Gebärden angezogen gefühlt und über dem Eſſen durch Eröffnung der Unter⸗ haltung Bekanntſchaft gemacht. „Das iſt ein Geſottenrindfleiſchtag, glaube ich, Sir,“ ſagte Lowton zu Pen. „Auf mein Wort, Sir; das ſehe ich nicht,“ ſagte Pen, kaum im Stande, das Lachen zu halten, fuhr aber fort: „Ich bin noch fremd, das iſt mein erſter Kurs;“ worauf Lowton begann, ihm die Notabilitäten in der Halle zu zeigen. „Das iſt Booſey der Bencher, der Kahlkopf, welcher unter dem Gemälde ſitzt und Suppe 142 hat; ich möchte wiſſen, ob es Schildkröte iſt. Sie haben oft Schildkrötenſuppe. Der Nächſte iſt Balls, des Königs Rath und Swettenham — Hodge und Swettenham, wiſſen Sie. Das iſt der alte Grump, der Senior der Gerichts⸗ ſchranke; ſie ſagen, er habe hier vierzig Jahre dinirt. Sie ſenden ihnen oft ihre Fiſche herab von den Benchers auf die Seniorentafel. Sehen Sie jene vier Geſellen, die uns gegenüberſitzen? Die ſind regelmäßig in höheren Regionen — das kann ich Ihnen ſagen — Mr. Trail, Sohn des Biſchofs von Ealing, Ehren Fred. Ringwood, Lord Cinqbars Bruder. Wiſſen Sie, er bekommt einen guten Platz, ich wette, ſo viel Sie wollenz und Bob Suck⸗ ling, der immer bei ihm iſt — will auch hoch hinaus! Ha! ha!“ Hier brach Lowton in ein Lachen aus. „Was gibt es?“ ſagte Pen, immer noch amüſirt. „Ich ſage, ich ſchmauſe gern mit dieſen Geſellen,“ ſagte Lowton, indem er vertraut mit dem Auge winkte und ſein Glas Wein hinunterſtürzte. „Und warum?“ fragte Pen. „Warum! Sie kommen nicht herab, wiſſen Sie, um hier zu diniren; Sie laſſen blos glauben, daß Sie diniren. Sie hier diniren, Gott ſteh Dir bei! Sie gehen in einen der vornehmen Klubbs oder ſonſt zu einer grandioſen Dinerparthie. Sie ſehen ihre Namen in der Morningpoſt bei allen hübſchen Parthien in London. Run ich wette, was Sie wollen, Ringwood hat ſein Cab oder Trail, ſein Brougham; er iſt ein verteufelter Burſche und läßt, das kann ich Ihnen ſagen, in dieſem Augenblick an der Ecke von Eſſerſtreet das Geld des Biſchofs tanzen. Sie diniren! Sie diniren vor zwei Stunden nicht, wage ich zu behaupten.“ „Aber warum ſollten Sie mit ihnen ſpeiſen, wenn Sie kein Diner berühren?“ fragte Pen immer noch er⸗ ſtaunt; „da iſt die Hülle und Fülle, nicht wahr?“ „Wie grün (unerfahren) Sie find!“ ſagte Lowton. „Entſchuldigen Sie mich, aber Sie ſind grün, ſie trin⸗ ——————— 2 143 ken keinen Wein, ſehen Sie's nicht? Und ein Burſche kriegt die Flaſche für ſich, wenn er will, wenn er mit jenen drei Geſellen ſchmaust. Deßhalb machte ſich Cor⸗ koran zu ihnen herbei.“ „Ah, Mr. Lowton, ich ſehe, Sie ſind ein ſchlauer Geſelle,“ ſagte Pen, entzückt durch ſeine Bekanntſchaft; worauf der Andere beſcheiden erwiderte, daß er den beſſern Theil ſeines Lebens in London zugebracht und natürlich ſeine Augen offen hatte. Er fuhr mit ſeiner Liſte gegen Pen fort. „Da iſt eine Parthie Irländer,“ ſagte er; „jener Corkoran iſt einer, und ich kann nicht ſagen, daß ich ihn mag. Sie ſehen jenen hübſchen Geſellen mit dem blauen Halstuch und dem blaßrothen Hemde und der gelben Weſte. Das iſt ein Anderer; das iſt Molloy Maloney von Ballymallony und Neffe des General⸗ Major Sir Hektor O'Dowd; he, he,“ ſagte Lowton, in⸗ dem er ſuchte, den hiberniſchen Accent nachzuahmen. „Er prahlt immer mit ſeinem Onkel und kam an dem Tage, an dem er vorgeſtellt wurde, mit Silberſtreifen an den Hoſen in die Halle; der Andere neben ihm mit dem langen, ſchwarzen Haare iſt ein gräulicher Rebell. Beim Jupiter, Sir, wenn man ihn auf dem Forum hört, ſo gefriert einem das Blut; und der nächſte iſt auch ein Irländer, Jack Finucane, ein Berichterſtatter für ein Zeitungsblatt. Sie ſtecken alle beiſammen, dieſe Irländer. Jetzt iſt's an Ihnen, Ihr Glas zu füllen. Was 2 Sie trinken keinen Portwein, Sie lieben den Portwein nicht bei Ihrem Diner? Da, auf Ihre Ge⸗ ſundheit!“ Und der würdige Mann fühlte ſich nichts deſtoweniger zu Pendennis hingezogen, obgleich dieſer den Portwein beim Diner nicht liebte. Während Pen an einem dieſer Diner mit ſeinem guten Freunde Lowton als Kapitän dieſes Schmauſes theilnahm, geſellte ſich zu ihnen ein Gentleman im Gewande eines Barriſters, der, wie ſich zeigte, unter den Gäſten ſeines Grades keinen Sitz finden konnte, 144 und über die Tafel wegſchritt und auf der Bank, auf welcher Pen ſaß, Platz nahm. Er hatte alte Klei⸗ der und ein verwittertes Gewand, welches hinten an ihm hinabhing und trug ein Hemd, das, obgleich rein⸗ lich, äußerſt zerlumpt und ſehr berſchieden von dem prächtigen, blaßrothen Anzug des Mr. Molloy Maloney, war, der eine gebietende Poſition an dem nächſten Tiſche einnahm. Um ihre Erſcheinung beim Diner anzukün⸗ digen, iſt es Gewohnheit, daß die Gentlemen, welche in der obern Tempelhalle eſſen, ihre Namen auf Strei⸗ fen Papier ſchreiben, welche zu dieſem Zweck mit einem Bleiſtift auf jedem Tiſche aufliegen. Lowton ſchrieb ſeinen Namen zuerſt, dann kam Arthur Pendennis, und der nächſte war derjenige des Gentlemans in den alten Kleidern. Er lächelte, als er Pen's Namen ſah, und blickte ihn an. „Wir ſollten einander kennen,“ ſagte er, zwir ſind Beide von Voniface; ich heiße Warring⸗ ton.“ „Sind Sie St— Warrington?“ fragte Pen hoch⸗ erfreut, dieſen Helden zu ſehen. Warrington lachte. „Stunning Warrington — ja. Ich erinnere mich wohl noch an Ihren Fuchſen⸗ namen; aber Sie ſcheinen mich ganz ausgethan zu haben.“ „Das College ſpricht immer noch von Ihnen,“ ſagte Pen, der eine hochherzige Bewunderung für Ta⸗ lent und Muth hatte. „Der Bootsman hat Sie ge⸗ droſchen, Bill Simes, erinnern Sie ſich nicht, will, daß Sie wieder nach Orbridge kommen. Die Miß Notleys, die Kurzwaarenhändlerinnen —“ „St!“ ſagte Warrington — „bin froh, wieder Ihre Bekanntſchaft zu machen, Pendennis; hörte viel von Ihnen.“ Die jungen Männer waren ſogleich befreundet und auf einmal in ihre Kollegegeſchichten gerathen. Und Pen, der den Tag zuvor den feinen Gentleman geſpielt hatte, als er gegen Lowton vorgab, er könne 145 über Tiſch keinen Portwein trinken, trug, als er War⸗ rington mit ziemlichem Guſto Beſcheid thun ſah, kein Bedenken, ihm zu helfen, zu großem Verdruſſe für den ehrlichen Lowton. Als das Diner vorbei war, fragte Warrington Arthur, wohin er ginge. „Ich dachte, ich gehe nach Haus, um mich anzu⸗ kleiden und Griſt in Norma zu hören,“ ſagte Pen. „Wollen Sie dort Jemand treffen?“ fragte er. Pen ſagte: nein — er wolle blos die Muſik hö⸗ ren, für die er ſehr eingenommen ſei. „Da würden Sie beſſer thun, mit mir nach Hauſe zu gehen und eine Pfeife mit mir zu rauchen,“ ſagte Warrington. „Kommen Sie, ich lebe ganz nahe bei Lamb Court, wir ſprechen dann von Boniface und al⸗ ten Zeiten.“ Sie gingen weg; Lowton ſeufzte ihnen nach, er wußte, daß Warrington eines Baronets Sohn war, und betrachtete mit aufrichtiger Ehrfurcht die ganze Ariſtokratie. Pen und Warrington wurden von dieſer Nacht an geſchworne Freunde, Warringtons heitere Laune und joviales Temperament, ſein geſunder Ver⸗ ſtand, ſein derber Willkomm und ſeine nie fehlende Pfeife Tabak ergötzten Pen, der es unterhaltender fand, in Shilling⸗Kneipen mit ihm zu ſchlüpfen, als einſam unter den ſchweigſamen und höflichen Beſuchern des Polyanthus zu diniren. Es dauerte nicht lange, ſo gab Pen ſeine Woh⸗ nung in St. James auf, wohin er gewandert, nachdem er ſein Hotel verlaſſen, und fand es viel ökonomiſcher, ſeine Wohnung bei Warrington in Lamb Court aufzu⸗ ſchlagen und ſeines Freundes leeren Raum zu möbliren und zu beſetzen, denn man muß von Pen geſtehen, daß Niemand leichter als er dahin gebracht wurde, etwas zu thun, wenn es neu war, oder wenn er Luſt dazu hatte; und der Junge Pidgeon und die Wäſcherin Fla⸗ nagan theilten ihre Ergebenheit zwiſchen Warrington und Pen. Pendennis. I. 10 146 Meuntes Rapitel. Alte und neue Bekanntſchaften. Von dem Wunſche getrieben, das Leben zu ſehen, ging Pen in hundert geringe Londoner Spelunken. Er gefiel ſich in dem Gedanken, mit allen Klaſſen von Menſchen zu verkehren — ſo beſchaute er Kohlenträger in ihren Trinkſtuben, Borer in ihrem Wirthshaus⸗Par⸗ lour; ehrliche Bürger, wie ſie ſich in den Vorſtädten oder am Fluſſe beluſtigten, und er würde mit berühm⸗ ten Taſchendieben angeſtoßen oder eine Kanne Ale mit einer Bande Nachtdiebe oder Gurgelabſchneidern ge⸗ trunken haben, hätte der Zufall ihm Gelegenheit ge⸗ boten, eine Bekanntſchaft mit dieſer Klaſſe der Geſell⸗ ſchaft zu machen. Es war pofſirlich zu ſehen, mit welcher Gravität Warrington dem Tutbury⸗Pet oder dem Brightoner Stunner im Wappen zu dem Kämpen zuhorchte und mit welchem Intereſſe er der Kohlenträ⸗ ger⸗Geſellſchaft, die ſich bei dem Fuchs unter dem Hü⸗ gel verſammelte, beizuwohnen pflegte. Seine Kenntniß der Wirthshäuſer der Hauptſtadt und ihrer Nachbarſchaft und der Stammgäſte ihrer verſchiedenen Parlours war erſtaunlich. Er war der perſönliche Freund des Wirths und der Wirthin und willkommen am Schenktiſch wie in dem Geſellſchaftszimmer. „Er liebe,“ ſagte er, „ihre Geſellſchaft mehr, als diejenige ſeines eigenen Standes, deſſen Manieren ihn langweilten und deren Unterhaltung ihm zuwider ſei.“ In Geſellſchaft, pflegte er zu ſagen, ſind ſich Alle gleich, tragen dieſelben Röcke, eſſen und trinken und ſagen ſich dieſelben Dinge. Ein junger Dandy in dem Klubb ſpricht und ſieht aus wie der andere, eine Miß auf dem Balle gleicht auf und nieder 147 der andern, wogegen hier Charakter iſt. Ich plaudere gern mit dem ſtärkſten Mann in England oder mit dem Manne, der das meiſte Bier in England trinkt, oder mit dem entſetzlichen Republikaner von Hutmacher, der Thiſtlewvod für den größten Charakter in der Geſchichte hält; ich trinke lieber Wachholderbranntwein und Waſſer, als Claret. Ich ziehe einen mit Sand beſtreuten Bo⸗ den auf dem Carnabier Markt einem mit Mergel be⸗ legten in Mayfair *) vor. „Ich ziehe Snobs vor, ich geſtehe es.“ Wirklich war dieſer Gentleman ein ſozialer Republikaner, und während er mit Jack und Tom konverſirte, kam es ihm nicht in den Sinn, daß er in irgend einer Hinſicht beſſer als ſie ſei, obgleich vielleicht die Achtung, die ſie ihm zollten, ihm insgeheim gefallen mochte. Mit großer Freude und Beharrlichkeit folgte ihm Pen in dieſe Kreiſe. Aber er war bedeutend jünger und daher viel feierlicher und ſtolzer als Warrington; in der That, ein verkappter junger Prinz, der die Ar⸗ men in ſeines Vaters Königreich beſuchte. Sie reſpek⸗ tirten ihn als einen hohen Kompan, einen hübſchen Burſchen, einen ſoliden jungen Dandy. Er gab ſich die Miene einer gebieteriſchen, guten Laune und einer königlichen Freimüthigkeit und Majeſtät, obgleich er anſcheinend alleiniger Erbe zu drittehalb Pencen und von der Straße aufgeleſen war. Wenn dieſe Po⸗ ſitionen für uns gemacht werden, ſo beruhigen wir uns ſehr leicht dabei und ſind immer ziemlich be⸗ reit, eine Ueberlegenheit über diejenigen, welche ſo gut ſind, als wir ſelbſt, anzunehmen. Pen's Herab⸗ laſſung war zu dieſer Zeit ſeines Lebens erbaulich an⸗ zuſchauen. Unter Leuten von Fähigkeit gilt dieſe An⸗ maßung und Impertinenz für zu große Jugend, aber es iſt unterhaltend, den Dünkel eines hochgefinnten und verſtändigen Burſchen zu beobachten — es iſt etwas *) Ein Diſtrift von London. 148 beinahe Rührendes in dieſer frühen Schauſtellung von Einfachheit und Thorheit. Nachdem ſie eines Morgens ſehr fleißig, und ich fürchte nicht blos Juridica, ſondern auch Politica und allgemeine Geſchichte und Literatur geleſen, die für den Fortſchritt und die Belehrung eines jungen Mannes eben ſo nothwendig waren, als das bloſe, trockene Recht, nachdem ſie ſich mit erträglichem Fleiße mit Briefen, Reviews, Elementarbüchern des Rechts und vor Allem mit der Zeitung beſchäftigt hatten, bis die Dinerſtunde nahte, machten die jungen Gentlemen mit vielem Muth und Appetit einen Ausfall auf die Stadt und bereiteten ſich auf einen luſtigen Abend, wie ſie einen vergnüglichen Vormittag hingebracht hatten. Es war eine joviale Zeit, die Zeit von vierundzwanzig, wo jede Muskel des Geiſtes und des Leibs in geſunder Thätigkeit und die Welt noch ſo neu war und man angeſpornt von Jugendfeuer und der ergötzlichen Ge⸗ nußfähigkeit vorwärts eilte. Wenn wir uns jemals ſpäter jung fühlen, ſo geſchieht es mit den Kameraden jener Zeit und die Melodien, die wir in unſeremAlter ſummen, ſind diejenigen, welche wir damals lernten. Zuweilen vielleicht lebt die Fröhlichkeit jener Zeit in unſerem Gedächtniß wieder auf; aber wie ſchmutzig iſt der Garten des Vergnügens geworden, wie zerriſſen ſehen die Guirlanden aus, wie karg und alt die Geſellſchaft, und wie viele Lichter find ſeit jenem Tage erloſchen! Graue Haare find wie das Tageslicht hereingeſtrömt — das Tageslicht und Kopfweh mit ihm. Das Ber⸗ gnügen iſt zu Bette gegangen mit dem Roth auf den Wangen. Nun, Freund, gehen wir nüchtern und ernſt, aber freundlich den Tag durch. Ich möchte wiſſen, was Laura und Helen geſagt hätten, wenn ſie, wozu ſie nicht ſelten droben in Lon⸗ don Gelegenheit gehabt hätten, geſehen haben würden, wie am früheſten Morgen, wenn die Brücken im Son⸗ nenaufgang zu erröthen und die ruhigen Straßen der 149 City in der Morgendämmerung ſich zu erhellen began⸗ nen, Mr. Pen und Mr. Warrington über die echoenden Flüſſe nach einer jener wilden Zechnächte — jener wil⸗ den Nächte daherſtürmten, die aber nicht ſo gottlos waren, als ſolche Nächte manchmal find; denn War⸗ rington war ein Weiberfeind; und Pen, wie wir ſchon berichtet, zu ſtolz, um ſich zu einer vulgären Liebes⸗ intrigue herabzulaſſen. Unſer junger Prinz von Fai⸗ rvaks konnte nie mit einem Gliede des andern Geſchlech⸗ tes anders ſprechen, als mit reſpektvoller Verbeugung und ſchrak vor rohen Worten oder Gebärden mit in⸗ ſtinktmäßigem Zartgefühl zurück — denn obgleich wir geſehen haben, daß er ſich in eine Thörin verliebte, wie ſchon Andere über und unter ihm gethan, und wie es wahrſcheinlich iſt, daß er mehr denn einmal in ſeinem Leben es gethan, ſo war es doch für die Zeit der Täuſchung immer eine Göttin, die er anbetete. Die Männer dienen den Frauen immer auf den Knieen, wenn ſie auf die Beine kommen, ſo laufen ſie davon. Dieß ſagte ein Bekannter Pen's zu ihm auf ſeinem melancholiſchen Heimwege; ein alter Freund, auf den er wieder in London geſtoßen war — kein anderer, als der ehrliche Mr. Bows von Chatteries⸗Theater, der jetzt als Pianoforteſpieler verwendet wurde, um das ausgezeichnete, lyriſche Talent zu akkompagniren, wel⸗ ches allnächtlich an dem Fielding's Head in Covent Gar⸗ den das Publikum ergötzte und wo ſich der kleine Klubb verſammelte, den man die Hinterküche nannte. Viele von Pen's Freunden beſuchten dieſe ſehr luſtige Geſellſchaft; Fielding's Head war ein Haus der Unter⸗ haltung ſeit der Zeit, da der berühmte Autor des Tom Jones als Headman in der benachbarten Bow Street reſidirte. Sein Platz wurde gezeigt, deßgleichen der Stuhl, der ihm zugehört haben ſollte und welchen im⸗ mer noch der Präſident der jeweiligen Nachtunterhal⸗ tung einnahm. Der würdige Cutts, der Wirth von Fiel⸗ ding's Head, nahm dieſen Poſten gewöhnlich ein, wenn 150 er nicht durch Gicht oder anderes Uebelſein davon ab⸗ gehalten wurde. Seiner heitern Erſcheinung und ſeiner ſchönen Stimme werden ſich einige meiner männlichen Leſer noch erinnern; er pflegte im Verlaufe der harmo⸗ niſchen Unterhaltung über die Maßen viel zu ſingen, und ſeine Lieder waren, was man die brittiſche Schnaps⸗ und Waſſer⸗Singſchule nennen konnte — als da ſind: „Der gute, altengliſche Gentleman,“ „theurer Tom, der braune Krug hier“ u. ſ. f. — Lieder, in denen Pathos und Gaſtfreundſchaft verbunden ſind und das Lob des guten Getränks und der ſocialen Neigungen im Bary⸗ ton beſungen werden. Die Reize unſerer Frauen, die Heldenthaten unſter Land⸗ und See⸗Befehlshaber werden oft und viel in den Balladen dieſer Schule beſungen, und oft und viel habe ich den Sänger Cutts bewundert, wie er, nachdem er uns alle zur Vaterlandsliebe begei⸗ ſtert hatte, indem er die Art beſchrieb, in welcher der tapfere Abercrombie ſeine Todeswunde erhielt, oder uns alle zu Thränen rührte, die er ſelbſt in reichlichem Maaße vergoß, wenn er uns mit zitternden Akkorden vorſang, wie des Herbſtes fallende Blätter verkündeten, daß der alte Mann ſterben muß.“ — Wie Cutts der Sänger mit einem Mal Cutts der Gaſtwirth wurde, und ehe der Avplaus, den wir mit unſern Fäuſten zum Lobe ſeiner herzzerreißenden Melodie auf ſeinem Tiſche ſchlugen, erſtorben war, rief: „Nun, Gentlemen, befeh⸗ len Sie, der Kellner iſt im Zimmer — John, einen Champagner Kelch für Mr. Green. Ich glaube, Sir, Sie ſagten Bratwürſte und gematſchte Kartoffeln 2 John, bediene den Gentleman.“ „Und ich bitte Sie, mir auch ein Glas Punſch zu geben, John, und Sorge zu tragen, daß das Waſſer ſiedet,“ pflegte nicht ſelten eine Stimme zu rufen, eine Pen wohlbekannte Stimme, bei der der Junge zuerſt erröthete und auffuhr — die des ehrwürdigen Kapitän Coſtigan, welcher jetzt in London etablirt und einer der 15¹ feſten Pfeiler der harmoniſchen Geſellſchaft in Fieldings Head iſt. Des Kapitäns Manieren und Unterhaltung zogen ſehr viele junge Männer nach dem Platze. Er war ein Charakter, und ſein Ruf hatte ſich bald nach ſeiner An⸗ kunft in der Metrovole und vor Allem nach ſeiner Toch⸗ ter Heirath zu verbreiten begonnen. Er war großartig in ſeiner Unterhaltung gegen ſeinen derzeitigen Freund, der ſein Zechnachbar war, über „meine Tochter.“ Er erzählte von ihrer Hochzeit und den Ereigniſſen, welche dieſer Ceremonie vorausgingen und nachfolgten; von den Wagen, welche ſie hielt; von Mirabel's Anbetung für ſie und ihn; von den hundert Pfunden, die er vollkom⸗ mene Freiheit hatte, von ſeinem Schwiegerſohne zu be⸗ ziehen. Und nachdem er angegeben hatte, daß es ſein feſter Entſchluß ſei, nächſten Samftag auf ihn zu ziehen; „ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort, nächſten Samſtag, den vierzehnten, wo Sie ſehen werden, daß mir das Geld bei Cutts' eingehändigt werden wird, in dem Augenblick, da ich präſentire;“ ſo geſchah es nicht ſelten, daß er von ſeinem Freunde eine halbe Krone erbat, bis zur Ankunft jenes Tags im griechiſchen Ka⸗ lender, wo er auf die Ehre eines Offiziers und Gentle⸗ man's der unbedeutenden Verbindlichkeit Genüge thun würde. Sir Charles Mirabel hatte für ſeinen Schwieger⸗ vater nicht die enthufiaſtiſche Anhänglichkeit, deren er ſich manchmal rühmte (obgleich in andern Stadien der Rührung Cos, die Thränen in den Augen, gegen die Undankbarkeit ſeines Pfleglings und die Knauſerei des würdigen, alten Mannes, der ſie geheirathet hatte, los⸗ zog); aber das Paar hatte ſich nicht unfreundlich gegen Coſtigan benommen, hatte ihm eine kleine Penſion aus⸗ geſetzt, die regelmäßig bezahlt und mit noch mehr Re⸗ gelmäßigkeit von dem armen Cos vorausbezogen; und die Zeit der Zahlungen war immer wohl bekannt ſeinen Freunden in Fieldings Head, wohin der ehrliche Kapitän, 152 mit Banknoten in der Hand, ſich zu begeben pflegte, in⸗ dem er mitten in der vollen harmoniſchen Verſammlung laut rief, daß man ihm wechſeln ſollte. „Ich denke, Sie werden finden, Cutts, mein Junge, daß dieſe Note in der Bank von England nicht zurückgewieſen wird,“ pflegte Kapitän Coſtigan zu ſagen. „Bows, haben Sie ein Glas? Sie brauchen heute Nacht nicht zu kargen, und ein Glas Punſch wird machen, daß Sie con spi- rito ſpielen.“ Denn er war verſchwenderiſch frei mit ſeinem Gelde, wenn es hereinkam, und man wußte kaum von ihm, daß er ſeine Hoſentaſche knöpfte, außer, wenn die Münze fort war, oder zuweilen auch, wenn ein Gläubiger herbeikam. In einem dieſer Augenblicke des Frohlockens fand Pen ſeinen alten Freund, prahlend an dem Sänger⸗ tiſch, in der Hinterküche von Fielding's Head, und wie er Gläſer Branntwein und Waſſer für einen ſeiner Be⸗ kannten befahl, der in dem Zimmer erſchien. Warring⸗ ton, der auf vertrautem Fuße mit dem Baßſinger ſtand, vrang hinauf in dieſes Quartier und Pen folgte ihm auf den Ferſen nach. Pen fuhr auf und erröthete, als er Coſtigan ſah. Er war eben von einer Geſellſchaft von Lady Whiſton gekommen, wo er des Kapitäns Tochter wieder zum er⸗ ſten Mal ſeit langer, langer Zeit getroffen und geſpro⸗ chen hatte. Er kam mit ausgeſtreckter Hand herauf, um den alten Mann ſehr freundlich und warm zu grü⸗ ßen, indem er immer noch wohl ſich der Zeit erin⸗ nerte, wo Coſtigans Tochter ihm Alles in der Welt war; denn obgleich der junge Gentleman in ſeinen Zu⸗ neigungen launenhaft geweſen und gelegentlich ſeine Affektionen von einem Frauenzimmer auf das andere übertragen haben mochte, ſo reſpektirte er doch immer die Stelle, wo Liebe geweilt, und gleich dem Sultan der Türkei verlangte er, daß Ehren der Lady gezollt werden ſollten, der er dereinſt das königliche Taſchen⸗ tuch zugeworfen hatte. 153 Der benebelte Kapitän erwiderte den Händedruck von Pen mit all' der Stärke einer Hand, die durch das beſtändige Heben von Gewichten Branntwein's und Waſſer klüftig geworden war, ſah Pen feſt in das Ge⸗ ſicht und rief: „Gütiger Himmel, iſt es möglich? Mein theurer Junge, mein theurer Geſelle, mein theurer Freund,“ und brach dann mit einem Blicke wirrer Neu⸗ gierde in die ehrlichen Worte aus: „Ich kenne Ihr Ge⸗ ſicht, mein theurer, theurer Freund, aber, Gott ſraf mich, ich habe Ihren Namen vergeſſen.“ Fünf Jahre beſtändigen Punſches waren vorüber, ſeit Pen und Co⸗ ſtigan ſich getroffen. Arthur war ſehr verändert, und der Kapitän mochte zu entſchuldigen ſein, daß er ihn vergaß:; wenn ein Mann im gegenwärtigen Augenblick Alles doppelt ſieht, daß ſein Blick in die Vergangenheit etwas verworren iſt. Pen ſah ſeine Lage und lachte, obgleich er vielleicht etwas gedemüthigt war. „Erinnern Sie ſich meiner nicht mehr, Kapitän?“ fragte er. „Ich bin Pendennis, Arthur Pendennis von Chatteries.“ Der Laut von des jungen Mannes freundlicher Stimme rief Cos' umnebelte Erinnerung zurück und firirte ſie, und er ſalutirte Arthur, ſobald er ihn kannte, mit einer lauten Salve freundlicher Begrüßungen. Pen war ſein theuerſter Junge, ſein galanter, junger Freund, ſein nobler Student, den er ſeit ihrer Trennung im in⸗ nerſten Herzen bewahrt habe, fragte, wie ſich ſein Vater, nein, ſeine Mutter und ſein Vormund, der General, der Major ſich befinde. „Aus Ihrem Aeußeren ſchließe ich, daß Sie in Beſitz Ihres Eigenthums getreten ſind, und, ich will des Teufels ſein, Sie werden's wie ein Mann von Geiſt zu verwenden wiſſen — darauf wette ich. Nein? noch nicht in Ihren Grundbeſitz eingetreten? Wenn Sie eine Kleinigkeit brauchen, hören Sie, da iſt der alte, arme Jack Coſtigan, hat eine Guinee oder zwei in der Taſche — und bei Gott! Sie ſollen keinen Mangel leiden, Arthur, mein theurer Junge. Was wol⸗ 154 len Sie haben? John, komm hieher und ſieh luſtig dar⸗ ein; gib dieſem Gentleman ein Glas Punſch und ich will bezahlen dafür. — Ihr Freund? Ich habe ihn ſchon früher geſehen. Erlauben Sie mir die Ehre, mich ſelbſt Ihnen bekannt zu machen, Sir, und Sie zu er⸗ ſuchen, ein Glas Punſch anzunehmen.“ „Ich beneide Sir Charles Mirabel um ſeinen Schwiegervater nicht,“ dachte Pendennis. „Und wie geht's meinem alten Freunde Mr. Bows, Kapitän? Haben Sie Nachricht von ihm und ſehen Sie ihn noch?“ „Ohne Zweifel iſt er wohl,“ ſagte der Kapitän, indem er mit ſeinem Gelde klimperte und die Melodie eines Liedes pfiff, der kleine Doodeen, durch deſſen Ab⸗ ſingung er in Fielding's Head gefeiert war. „Mein theurer Junge — ich habe Ihren Namen wieder vergeſſen — aber ich heiße Jack Coſtigan, und ich wollte, Sie tränken in meinem Namen ſo viele Tummler Punſch, als Sie immer wollen. Sie kennen meinen Namen, ich ſchäme mich ſeiner nicht.“ Und ſo plauderte der Kapitän fort. „Es iſt Zahltag bei dem General,“ ſagte Mr. Hod⸗ gen, der Baßſänger, mit welchem Warrington in eif⸗ riger Unterhaltung war; „und er iſt ein koſtbar Theil mehr, als die Hälfte über'm Waſſer. Er hat bereits ſein little Doodeen verſucht und brach es ab, bevor ich Kö⸗ nig Tod ſang. Haben Sie von meinem neuen Lied ge⸗ hört? Der Leichenſchnapper, Mr. Warrington? ankerte in St. Bartholomew's in einer Nacht — ausdrücklich für mich komponirt. Vielleicht wünſchen Sie oder Ihr Freund eine Copie von dem Lied, Sir? John, haben Sie gleich die Güte und geben Sie ein Leichenſchnapper her; wollen Sie? — Da iſt ein Poträt von mir, Sir, wie ich ihn ſinge — als der Snatcher — man findet es ganz ähnlich.“ „Dank Ihnen, ſagte Warrington; „hört es ſchon neun Mal, — kann es auswendig, Hodgen.“ Hier begann der Gentleman, der am Pianoforte — 155 präſidirte, auf ſeinem Inſtrument zu ſpielen, und Pen, der ſeine Augen nach der Muſik richtete, erſchaute eben jenen Mr. Bows, nach welchem er gerade gefragt und deſſen Exiſtenz Coſtigan für den Augenblick rein ver⸗ geſſen hatte. Das kleine, alte Männchen ſaß vor dem Piano (vas ſeine Conſtitution durch ſo viele Nachtwa⸗ chen kläglich angegriffen hatte und mit einer zugal hei⸗ ſern und ſchwachen Stimme ſprach) und begleitete die Sänger, oder ſpielte mit Geſchmack und Anſtand in den Intermezzos. Bows hatte Pen, ſobald er in's Zimmer trat, ge⸗ ſehen und erkannt und bemerkt, mit welcher Wärme der junge Mann Coſtigan wieder erkannte. Er begann jetzt eine Melodie zu ſpielen, von der Pen ſich alsbald erin⸗ nerte, daß ſie von dem Chor der Dörfner in dem „Fremdling“ geſungen wurde, ehe Mrs. Haller auf die Bühne trat. Es ergriff Pen, als er es hörte; er erin⸗ nerte ſich, wie ſein Herz ſchlug, wenn das Stück geſpielt wurde, ehe die göttliche Emily auftrat. Niemand au⸗ ßer Arthur nahm Kenntniß von dem Spiel des alten Bows: man hörte es kaum unter dem Geklirr der ie und Gabeln und dem Rufe nach eingeſchlagenen iern. Pen hing hinauf und drückte dem Spielmann am Ende ſeiner Aufführung freundlich die Hand, und Bows grüßte Arthur mit größter Achtung und Herzlichkeit. „Was, Sie haben die alte Weiſe nicht vergeſſen, Mr. Pendennis?“ ſagte er; „ich dachte, Sie würden ſich varan erinnern. Ich nehme es ſo an. Es war die erſte Weiſe der Art, die Sie jemals ſpielen hörten, nicht wahr, Sir? Sie waren damals noch ein ſehr junger Geſelle. Ich fürchte, der Kapitän macht ſich dieſen Abend ganz ſchlecht; er bricht am Zahltage aus, und ich werde des Teufels Noth haben, ihn nach Hauſe zu kriegen. Wir leben zu⸗ ſammen. Wir hängen noch an einander, Sir; obgleich Miß Em —, obgleich Mylady Mirabel die Firma ver⸗ laſſen hat. — Und ſo erinnern Sie ſich alter Zeiten, 156 nicht wahr? War ſi nicht eine Schoͤnheit, Sir? — Ihre Geſundheit und meinen Dienſt für Sie!“ — und nahm einen Schluck aus der Porterkanne, die während des Spiels an ſeiner Seite ſtand. Pen hatte viele Anläſſe, ſeine früheren Bekannt⸗ ſchaften nachmals zu ſehen und ſeine Beziehungen zu Coſtigan und dem alten Muſiker zu erneuern. Als ſie ſo in freundlichem Geſpräche beiſammen ſaßen, traten Leute aller Stände und Klaſſen in dem Haus der Unterhaltung ein und aus; und Pen hatte das Vergnügen, viele Leute ſeines Gelichters zu be⸗ ſchauen, wie der eifrigſte Beobachter zu thun verbunden iſt. Geſunde Gewerbsleute und Pächter vom Lande, wegen ihres Geſchäfts in London anweſend, kamen und erquickten ſich an dem luſtigen Geſang und den Sou⸗ pers in der Hinterküche, — Schaaren junger Lehrlinge und Gehilfen kamen, während die Fenſterläden über der Scene ſich ſchloßen, hieher, ohne Zweifel, um friſche Luft zu ſchöpfen, — lüderliche, junge Studenten der Medizin, ritterlich hervorſtürzend auf das, was ſchreiend gekleidet hieß und (geſtehen wir es) etwas ſchmutzig war, rauchten und tranken hier und applaudirten laut dem Geſange — auch junge Univerſitätsſtutzer mit je⸗ nem unbeſchreiblichen gentilen Lächeln, das man blos zu den Füßen der Alma Mater findet, und ſchöne, junge Gardeoffiziere und blühende Stutzer von den Klubbs der St. Jamesſtreet — ja ſelbſt engliſche und iriſche Parlamentsmitglieder vom Hauſe der Pairs. Der Baßſänger hatte mit ſeinem Lied, der Body Snatcher (Leichenſchnapper )unermeßlichen Beifall geärn⸗ tet, und die Städter eilten herbei, es zu hören. Ein Vor⸗ hang wurde bei Seite gezogen und Mr. Hodgen erſchien in dem Charakter des Snatcher, auf einem Sarge ſitzend, *) Studenten der Medizin, oder von ihnen gedungene Leute graben mit Lebensgefahr nächtlicher Weile Leichen in den Gräbern auf, damit ſie bei den anaiomiſchen Studien und Vorleſungen benützt werden konnen, und heißen Body Snatchers. 157 mit einer Flaſche Gin vor ſich, mit einem Spaten und einem Licht, das in einem Schädel ſtak. Das Lied wurde mit einem wirklich bewundernswürdigen, ſchreckhaften Humor geſungen. Des Sängers Stimme ſank ſo tief, daß ihr Dröhnen rauſchte in des Zuhörers grauener⸗ griffene Seele, und in den Chor ſiel er ein mit ſeinem Spaten und rief ein dämoniſches „Ha! hal ha!“ das ſelbſt die Gläſer auf dem Tiſche wie vor Schrecken erzittern ließ. Keiner von den andern Sängern, Cutts ſelbſt nicht, konnte, wie dieſer ſtolze Mann geſtand, vor dem Snatcher Stand halten und zog ſich gemeiniglich in Mrs. Cutts' Privatgemächer oder hinter den Schenk⸗ tiſch zurück, ehe der verhängnißvolle Sang ihn aus⸗ that. Des armen Cos' Liedchen: „der kleine Doodeen,“ welches Bows bezaubernd auf dem Piano begleitete, wurde blos vor wenigen Bewunderern geſungen, welche nach dem ſchrecklichen Auferſtehungsſang noch etwa zu⸗ rückbleiben mochten. Der Saal leerte ſich gemeiniglich nach ihm oder blieb nur noch im Beſitze von ſehr weni⸗ gen beharrlichen Jüngern des Vergnügens. Während Pen und ſein Freund einmal hier Nachts oder vielmehr Morgens beiſammen ſaßen, traten zwei habitués oder Stammgäſte des Hauſes beinahe zumal ein. „Mr. Hoolan und Mr. Doolan,“ flüſterte Warring⸗ ton gegen Pen, dieſe beiden Gentlemen begrüßend, und in dem letztern erkannte Pen ſeinen Freund auf der Alacrity⸗Kutſche, der nicht mit Pen diniren konnte, an dem Tage, an welchem er ihn eingeladen hatte, da er, wie er nebſt ſeinen Empfehlungen an Mr. Pendennis, angab, durch Berufspflichten genöthigt war, Freitags Einladungen zum Diner abzulehnen. Doolan's Blatt, die Dämmerung (dawn) lag, ſehr von Porter beſchmutzt, auf dem Tiſche und einträchtig⸗ lich zuſammen mit Hoolan's Zeitung, die wir den „Tag“ (day) nennen wollen; die Dämmerung war liberal — der Tag war ultraconſervativ. Viele eng⸗ liſche Journale werden von iriſchen Gentlemen gelei⸗ 158 tet, und ihre tapfere Brigade verſieht bei uns den Fe⸗ derdienſt, wie ihre Vorfahren das Fechten in Europa und ſie verdingen ſich unter verſchiedene Flaggen, um gute Freunde zu ſein, wenn die Schlacht vorüber iſt. „Nieren, John, und ein Glas Starkes,“ ſagt Hoo⸗ lan. „Wie geht's, Morgan? wie befindet ſich Mrs. Doolan?“ „Beſindet ſich ziemlich wohl; dank Ihnen, Mick, mein Junge — meiner Treu, wie gewöhnlich ſagte Doolan; „wie befindet ſich die Lady, welcher Sie an⸗ gehören? Mag ſein, daß ich am Sonntag einkehre auf ein Glas Punſch, Kilburnway.“ „Bringt Patſey nicht mit, Mick, denn unſer Georgy hat die Maſern bekommen,“ warnte der freundliche Mor⸗ gan, und ſie verfielen nun ſtracks auf Gegenſtände, die mit ihrem Berufe in Berührung ſtanden, auf die frem⸗ den Briefpoſten — wer von Paris korreſpondirte und wer von Madrid ſchrieb — über die Auslagen des Mor⸗ ningjournals, über die Cirkulation des Evening Star (Abendſterns) u. ſ. f. Warrington nahm lachend die Dawn (Dämmerung), die vor ihm lag und wies auf einen der Leitartikel in dieſem Journal, welcher alſo begann. „Da renommirte Schufte früherer Zeiten, welche ein ruchloſes Werk auszuführen hatten, — einen Feind aus dem Wege zu ſchaffen, einen Vorrath falſcher Münze in Umlauf zu ſetzen, einen Meineidigen oder einen Meuchelmörder von Profeſſion dungen, das Werk zu thun, für deſſen Ausführung ſie ſelbſt zu notoriſch oder zu feig waren, ſo nimmt unſer notoriſcher Zeitgenoſſe der „Tag“ zur Thürhinauswerfer in Sold, um erlo⸗ gene Dinge gegen Individuen auf's Tapet zu bringen, und ruft Gurgelabſchneider zu Hilfe, um den Ruf derer, die ihm anſtößig ſind, zu morden. — Ein ſchwarzer, verlarvter Böſewicht (dem wir die Maske abziehen wol⸗ len), welcher den erdichteten Namen Trefoil unterzeich⸗ net, iſt gegenwärtig einer der Hauptbravos und Rauf⸗ 159 bolde in unſeres Zeitgenoſſen Etabliſſement. Er iſt der Verſchnittene, der die ſeidene Schnur bringt und auf das Kommando des „Tags“ ſtrangulirt; wir können die⸗ ſen feigen Sklaven überführen und haben es im Sinn. Die Beſchuldigung, die er gegen Lord Bangbanagher vorbrachte, weil er ein liberaler, iriſcher Pair iſt, und gegen den Ausſchuß der Wächter über das Armengeſetz von dem Bangbanagher Verein, iſt u. ſ. w.“ „Wie nahm man den Artikel bei euch auf, Mick?“ fragte Morgan. „Wenn der Kapitän ſeine Hand dar⸗ auf drückt, ſo iſt's eine furchtbare Hand für einen Ehr⸗ abſchneider. Er ſchrieb den Artikel in zwei Stunden — in hm — Du weißt wo, während der Junge wartete.“ „Unſer Alter meint, das Publikum frage keinen Strohhalm nach dieſem Zeitungsſpektakel und ſagte dem Doftor, er ſollte einhalten mit der Antwort,“ ſagte der Andere. „Die zwei ſprachen mit einander auf meinem Zimmer, der Doktor hätte gern eine Antwort gehabt, denn er ſagt, es ſei ſo eine leichte Arbeit, man ſei ſo bald in ihr orientirt; aber der Herr ſchob ihm einen Riegel vor.“ „Der Geſchmack für Beredtſamkeit geht aus, Mick,“ ſagte Morgan. „In der That, dann iſt's der Fall, Morgan,“ ſagte Mick; „es hatte Hände und Füße, was der Doktor in den Phaynir ſchrieb, und er und Condy Roony feuer⸗ ten Tag für Tag auf einander los.“ „Und mit Pulver und Blei ſo gut als mit Papier,“ ſagte Morgan. „Meiner Treu, der Doktor war zwei Mal draußen und Condy Roony flügelte ſeinen Mann.“ „Sie ſprachen von Doktor Boyne und Kapitän Shandon,“ ſagte Warrington, „welches zwei iriſche Klopffechter in der „Dämmerung“ und dem „Tage“ ſind. Doktor Bohne iſt der proteſtantiſche Kämpe und Kapi⸗ tän Shandon der liberale Redner; ſie ſind, glaube ich, trotz ihren Zeitungskämpfen die beſten Freunde von der Welt, und obgleich ſie gegen die Engländer losziehen, 160 vaß ſie ihr Land mißhandeln, ſo mißhandeln ſie es ſelbſt in einem einzigen Artikel mehr, als wir uns die Mühe nehmen würden, in einem Dutzend Bände zu thun. Wie befinden Sie ſich, Doolan?“ „Ihr Diener, Mr. Warrington, — Mr. Penden⸗ nis, ich bin ſehr erfreut, daß ich die Ehre habe, Sie wieder zu ſehen. Die Nachtreiſe auf dem Giebel der Alacrity war eine der angenehmſten, die ich in meinem Leben machte, und Ihre Lebhaftigkeit und Urbanität machten die Fahrt ſo bezaubernd; ich dachte oft ſchon an die glückliche Nacht und ſprach mit Mrs. Doolan davon; ich habe indeſſen Ihren eleganten jungen Freund, Mr. Foker, Sir, nicht ſelten hier geſehen. Er iſt ein gelegentlicher Beſucher dieſes Gaſthofs und zwar ein recht guter. Mr. Pendennis, als ich Sie ſah, war ich bei der Tom⸗ und Jerry⸗Wochenſchrift; ich habe nun die Ehre, Subredakteur des Dawn (Dämmerung) einer der beſtgeſchriebenen Zeitungen des Reiches zu ſein“ — und er verbeugte ſich leicht gegen Mr. Warrington. Seine Rede war ſalbungsreich und gemeſſen, ſeine Höf⸗ lichkeit vrientaliſch, ſein Ton, wenn er mit den zwei Engländern ſprach, ganz verſchieden von dem, womit er mit ſeinem Kameraden ſprach. „Warum, beim Teufel, bekomplimentirt der Burſche ſo?“ brummte Warrington mit einem Hohne, den er ſich kaum die Mühe nahm, zu unterdrücken. „Pah — wer kommt da? — der ganze Parnaß iſt heute Nacht auf den Beinen, hier iſt Archer, wir bekommen einen Spaß. Nun, Archer Haus auf?“ „Bin nicht dort geweſen. War,“ ſagte Archer mit der Miene des Geheimniſſes, „wo man mich brauchte. Kriegte einen Nachtſchmaus, John — was Subſtan⸗ tielles, ich haſſe eure Granden, die Einen hungrig laſſen. Wär ich in Apsley Houſe geweſen, da würde es ganz anders gegangen ſein. Der Herzog kennt meinen Ge⸗ ſchmack, und ſagt zu dem Kammerherrn: Martin, du bringſt etwas kaltes Beef, nicht zu viel fertig gemacht 161 und eine Pintflaſche blaſſen Ale's und etwas braunen Sherry, wie gewöhnlich auf mein Arbeitszimmer; Ar⸗ cher kommt dieſen Abend her. Der Herzog ſoupirt nicht ſelbſt; aber er ſteht er gern, wenn einer ein herz⸗ liches Mahl einnimmt, es lebt nicht einer von der Luft, Gott ſtraf mich.“ „Erlauben Sie mir, Sie bei meinem Freunde ein⸗ zuführen, Mr. Pendennis,“ ſagte Warrington mit gro⸗ ßer Gravität. „Pen, dieß iſt Mr. Archer, (Bogen⸗ ſchütze) von dem Sie mich ſchon ſprechen hörten. Sie müſ⸗ ſen Pen's Onkel, den Major kennen, Archer, Sie, der Sie Jedermann kennen!“ „Dinirte mit ihm vorgeſtern in Gaunt Hou ſe,“ ſagte Archer. „Wir waren unſer vier — der franzö⸗ ſiſche Botſchafter, Steyne und wir zwei Gemeine.“ „Ei, mein Onkel iſt in Schott —“ wollte Pen gerade herausplatzen, aber Warrington drückte ihn unter dem Tiſch als Signal, ſich ruhig zu verhalten. „Es war in der nämlichen Sache, wegen deren ich heute Abend im Palaſte war,“ fuhr Archer arglos fort; „wo ich vier Stunden im Vorzimmer hingehalten wurde, mit nichts Anderem als mit der geſtrigen Times, die ich auswendig wußte, weil ich drei der Leitartikel ſelbſt geſchrieben hatte; und obgleich der Lordkämmerer vier Mal hereinkam, und ein Mal die königliche Thee⸗ taſſe nebſt der Unterſchale in der Hand hielt, ließ er ſich nicht ein Mal herab, zu mir zu ſagen: „Archer, wollen Sie eine Taſſe Thee haben?“ „Das wäre! wie geht der Wind jetzt?“ fragte Warrington und fuhr gegen Pen ſich wendend fort: „Sie wiſſen vermuthlich, daß, wenn etwas ſchlimm ſteht am Hof, man immer nach Archer ſendet.“ „Es ſteht etwas ſchlimm,“ ſagte Archer, „und da die Geſchichte in einem oder zwei Tagen in der ganzen Stadt herum iſt, ſo darf ich's jetzt wohl erzählen. Bei dem letzten Wettrennen in Chantilly, wo ich Brian Pendennis. M. 11 162 Baru für meinen alten Freund, den Herzog von St. Floud, ritt — ſagte der alte König zu mir: „Archer, »iſt mir nicht wohl mit dem St. Clond. Ich habe ſeine Heirath mit der Prinzeſſin Marie Kunigunde einge⸗ leitet; der Frieden von Europa hängt davon ab, denn Ruß⸗ land will Krieg erklären, wenn die Heirath nicht ſtattfindet, und der junge Narr iſt ſo wahnſinnig verliebt in Ma⸗ dame Maſſena, Marſchall Maſſena's Weib, daß er wirk⸗ lich ſich weigert, eine Rolle bei der Heirath zu ſpielen. Nun, Sir, ich ſprach mit St. Cloud, und da ich ihn durch den Sieg bei dem Wettrennen in ziemlich guten Humor gebracht hatte und ein hübſches Sümmchen in den Kauf erhielt, ſo ſagte er zu mir: „Archer, ſag' dem Alten, ich wolle mir's überlegen.“ „Wie heißen Sie, Governor (Hauptredakteur) auf franzöſiſch?“ fragte Pen, der ſich etwas darauf zu gut that, dieſe Sprache zu kennen. „O wir ſprechen engliſch — ich lehrte ihn, als wir noch Knaben waren; und rettete ihm das Leben bei Twickenham, als er aus einem Punt (Kahn) ſiel,“ ſagte Archer. „Ich werde nie vergeſſen, wie die Köni⸗ gin darein ſah, als ich ihn aus dem Waſſer brachte. Sie gab mir dieſen Demantring und heißt mich immer bis auf dieſen Tag Charles.“ „Madame Maſſena muß ein altes Frauenzimmer ſein, Archer,“ ſagte Warrington. „Verteufelt alt — ſo alt, daß ſie ſeine Großmut⸗ ter ſein könnte; ich ſagte es ihm,“ antwortete Archer noch ein Mal, „aber bei ſolchen Anhänglichkeiten an alte Weiber iſt der Teufel mit im Spiel. So denkt der König: das ſchokirt die arme Königin ſo ſehr. Sie gin⸗ gen letzten Dienſtag Abend von Paris weg und leben bis auf den jetzigen Augenblick in Jauany's Hotel.“ „Hat's eine geheime Heirath gegeben, Archer?“ fragte Warrington. „Ob es eine gab oder nicht, weiß ich nicht,“ ent⸗ gegnete Mr. Archerz „Alles, was ich weiß, iſt, daß ich vier —,— 163 Stunden im Palaſte warten mußte, daß ich nie einen Mann in ſolcher Aufregung ſah, als den König von Belgien, als er herauskam, um mit mir zu ſprechen, und daß ich verteufelt hungrig bin — und hier kommt etwas zum Nachtimbiß.“ „Er iſt heute Abend ziemlich wohlauf geweſen,“ ſagte Warrington, als das Paar mit einander heimging; „aber ich habe ihn in noch viel größrer Stärke geſe⸗ hen, wie er ein ganzes Zimmer in beſtändiger Ver⸗ wunderung erhielt. Aber ſeine Leibſchützenpraris bei Seite geſetzt, iſt dieſer Mann tüchtig und ehrlich — ein guter Geſchäftsmann, ein vortrefflicher Freund, im Kreiſe ſeiner Familie als Ehemann, Vater und Sohn bewundernswerth.“ „Wie kommt es, daß er den langen Bogen auf dieſe wunderbare Weiſe ſpannt?“ „Ein liebenswürdiger Wahnfinn,“ antwortete War⸗ rington, „er that mit ſeinem Gerede noch Niemand was zu leid, noch hat er Uebles von Jemand geſpro⸗ chen. Er iſt auch ein ſtarker Politiker und würde gegen ſeine Partei nie ein Wort ſchreiben, oder etwas thun, was ſo vielen von uns paſſfirt.“ „Von uns! wer ſind die wir?“ fragte Pen, „welchen Beruf hat dieſer Archer?“ „Er iſt von der Korporation des Gänſekiels — von der Preſſe, mein Junge,“ ſagte Warrington, „vom vierten Stande.“ „Gehören Sie denn auch zu dieſer Innung?“ ſagte Pendennis. „Wir wollen davon ein anderes Mal ſprechen,“ antwortete der Andere. Während ihrer Unterhaltung gingen ſie über den Strand und an der Redaktion einer Zeitung vorbei, wo Alles erleuchtet und glänzend war. Berichterſtatter kamen heraus, oder eilten in Kabriolets darauf zu. Lampen brannten in den Zimmern der Redakteure und 164 oben, wo die Schriftſetzer waren: die Fenſter des Ge⸗ bäudes waren in einem Glaſt von Gas. „Da ſehen Sie, Pen,“ ſagte Warrington, „dort iſt ſie — die große Maſchine — ſie ſchlummert nie, ſie hat in jedem Quartiere der Welt ihre Botſchafter, ihre Couriere auf jeder Straße; ihre Dienſtmänner ziehen mit Heeren und ihre Abgeſandten treten in die Kabi⸗ nette der Staatsmänner ein, ſie ſind allgegenwärtig. Das Journal dort hat in dieſer Minute ein en Agenten in Madrid underkauft ſich Staatsgeheimniſſe, während ein Anderer den Preis der Kartoffeln in Koventgarden inſpizirt. Sehen Sie, hier kommt ein Erpreſſe vom Ausland hereinga⸗ loppirt. Sie ſind im Stande, Morgen früh Neuigkeiten in die Downing Street *) zu geben: nach ihnen ſteigen oder fallen Fonds, werden Reichthümer gewonnen oder verloren. Lord B. (Brougham) ſteht auf und das Zei⸗ tungsblatt in der Hand haltend und den edlen Marquis an ſeinem Platz ſehend, hält er eine große Rede; und Mr. Doolan wird von ſeinem Souper in der Hinter⸗ küche weggerufen werden: denn er iſt Unterredakteur für das Ausland und er ſieht die Briefpoſt in ſeiner Zei⸗ tung abgedruckt, ehe er zu Bette geht.“ So ſprechend kehrten die Freunde auf ihre Zimmer, wie der Tag zu dämmern begann. *) Wy der Miniſter des Auswärtigen wohnt. 165⁵ Zehntes Rapitel. In welchem der Druckerteufel vor die Thür kommt. Pen ſah in Mitte ſeiner Gelage und Genüſſe, ſo beſcheiden und mäßig an Koſten, wenn auch nicht in ihrer Art und Weiſe, ein furchtbares Schwert über ſich hangen, das in kurzer Zeit herabfallen und ſeinen Schnurren und Luſtbarkeiten ein Ende machen mußte. Sein Geld war beinahe aufgewendet, ſeine Aufnahme in den Clubb hatte ein Drititheil davon weggenommen, er hatte für die Hauptartikel ſeiner Geräthſchaften, mit welchen er ſein kleines Schlafzimmer ausſtattete, bezahlt, und warendlich auf die Fünfpfundnote in ſeinem Taſchen⸗ buch gekommen und konnte nicht Mittel und Wege erſin⸗ nen, ihr Nachfolger zu verſchaffen; denn unſer Freund war bisher wie ein junger Prinz auferzogen, oder wie ein Kind auf den Armen getragen und, wenn es ſchrie, von der Mutter gefüttert worden. Warrington wußte nicht, welche Mittel ſein Ka⸗ merad hatte, ein einziges Kind, mit einer Mutter auf ihrem Landſitz und mit einem alten Dandy von Onkel, der jeden Tag mit einem großen Mann dinirte: hätte Pen eine ganze Bank zu ſeiner Verfügung haben kön⸗ neu, der Andere wußte es nicht. Er hatte goldene Ketten und ein Toilettkäſichen, an dem ſich ein Lord nicht zu ſchämen hätte, ſeine Gewohnheiten waren die eines Ariſtokraten, — nicht, daß er in einem beſondern Punkte verſchwenderiſch geweſen wäre, denn er dinirte und lachte über die Pint Porter und die Platte Ochſen⸗ fleiſch aus der Garküche mit vollkommener Zufrieden⸗ heit und gutem Appetit; aber er konnte ſich nicht Pfen⸗ 166 nigweis einſchränken. Er konnte keinem Kellner ein Zweipenceſtück geben; er konnte ſich nicht verſagen, ein Kabriolet zu nehmen, wenn er Luſt dazu bekam, oder wenn es regnete, und ſo gewiß als er das Kabriolet nahm, ſo gewiß zahlte er dem Kutſcher über die Ge⸗ bür. Er hatte eine Geringſchätzung gegen gewaſchene Hundſchuhe und gegen Sparſamkeit im Kleinen. Wäre er für einen jährlichen Verbrauch für zehntauſend Pfund erzogen worden, er hätte kaum freigebiger ſein koͤnnen; und für einen Bettler mit einer traurigen Geſchichte, oder ein paar hübſchen Kindern mit kläglicher Miene, konnte er nie widerſtehen, ſeine Hand in die Taſche zu ſtecken. Es war vielleicht bei ihm Natur, daß er großen Auf⸗ wand machte und das Geld nicht achtete, eine natür⸗ liche Generoſität und Güte und möglicher Weiſe eine kleinliche Eitelkeit, die ein Gefallen am Lob hatte, ſelbſt am Lobe von Kellnern und Kutſchern. Ich zweifle, ob ſelbſt die Weiſeſten von uns wiſſen, was unſre eig⸗ nen Beweggründe ſind, und ob nicht einige von den Handlungen, auf die wir am ſtolzeſten ſind, uns über⸗ raſchen werden, wenn wir, wie wir dereinſt thun wer⸗ den, auf die Triebſeder zurückkommen. Warrington wußte Pen's Geldverhältniſſe nicht, und Pen kam nicht dazu, ſie ſeinem Freunde anzuvertrauen. Daß Pen wild und gottlos ausſchweifend im College war, wußte der Andere; Jeder war im College ausſchweif⸗ fend und wild; aber wie groß des Sohnes Aufwand geweſen und wie gering die Mittel der Mutter, waren Punkte, die Mr. Warrington's Prüfung noch nicht unterſtellt worden waren. Zuletzt kam die Geſchichte heraus, während Pen verdrießlich das Geld für die letzte Fünfpfundnote be⸗ trachtete, wie es auf dem Brett aus dem Wirthshauſe bei Mr. Warringtons Bierflaſche lag. „Es iſt die letzte Sommerroſe,“ ſagte Pen, „ſeine blühenden Genoſſen ſind längſt dahin gegangen, und ſiehe, die letzte der Guirlanden hat ihre Blätter getrie⸗ — „ 167 ben;“ und erzählte nun Warrington die ganze Geſchichte von ſeiner Mutter Geldmitteln und ſeinen eigenen Thor⸗ heiten und von Laura's Edelmuth, während Warring⸗ ton ſeine Pfeife rauchte und aufmerkſam zuhoͤrte. „Geldloſigkeit wird gut für Sie ſein,“ ſagte Pen's Freund, indem er am Ende der Erzählung die Aſche ausklopfte; „ich weiß nichts Heilſameres für einen Mann — für einen ehrlichen Mann, wohlgemerkt — für einen Andern verliert die Arznei ihre Wirkung — als Geld⸗ klemme, ſie iſt eine alterirende Arznei, welche die Mus⸗ keln kräftigt; ſie hält die ſittliche Kraft in beſtändiger Aufregung: wie ein Mann, der gegen einen Zaun an⸗ reitet, oder ſeines Gegners Stock vor den Augen ſieht, gezwungen wird, dieſes Hemmniß feſt ins Auge zu faſ⸗ ſen, und ſich zuſammennimmt, es zu pariren, oder dar⸗ über wegzuſetzen. Eine kleine Nöthigung bietet Ihren Muth auf, wenn Sie welchen haben und ſtählt Sie, mit dem Glücke zu ringen; Sie werden eine Menge Dinge entdecken, die Sie entbehren können, wenn Sie kein Geld haben, ſie zu kaufen. Sie werden keine neuen Handſchuhe und gefirnißte Stiefel brauchen, kein Eau de Cologne, keine Kabriolet zum Fahren. Sie ſind als ein ſüßer Herr erzogen und von Weibern verzogen worden. Ein einzelner Mann, der geſunde Glieder und geſunden Verſtand hat, und in der Welt keinen Unter⸗ halt findet, verdient nicht darauf zu bleiben; laſſen wir ihn ſeinen letzten halben Penny bezahlen und über die Waterlvobrücke ſpringen, laſſen wir ihn, eine Hammels⸗ keule ſtehlend aus dem Lande deportiren — er iſt nicht werth, darin zu leben. Pixi, ich habe geſprochen, thun wir einen zweiten Zug im weißen Ale.“ „Sie haben allerdings geſprochenz aber wie ſoll Einer leben?“ ſagte Pen, „es gibt Ochſenfleiſch und Brod die Fülle in England; aber Sie müſſen mit Ar⸗ beit oder Geld dafür zahlen, und wer will meine Ar⸗ beit nehmen? und welche Arbeit kann ich thun?“ Warrington brach in ein Lachen aus. „Setzen 168 wir den Fall, wir machen eine Anzeige in die Times für die Stelle eines Unterlehrers bei einer claſſiſchen oder Handels⸗Akademie — ein Gentleman B. A. von St. Boniface⸗College, Orbridge, der für einen Grad gerupft wurde —“ „Zum Henker mit Ihnen,“ rief Pen. „ — Wünſcht Lektionen in den Claſſikern, der Mathematik und den Anfangsgründen der franzöſiſchen Sprache zu gebenz er kann Haan ſchneiden, die jungen Schüler beaufſichtigen und den Töchtern des Prinzipals auf dem Clavier ſekundiren. A. P. Lamb Court Temple. „JFahren Sie fort,“ ſagte Pen brummend. „Man paßt in alle Sättel. Nun da iſt Ihr Freund Bloundell — Bloundell, iſt ein Schwarzfuß von Pro⸗ feſſion und reist auf dem Kontinent, wo er junge fa⸗ ſhionable Gentlemen auffängt und ihnen die Wolle ſcheert. Da iſt Bob O'Toole, mit welchem ich auf der Schule war, der fährt jetzt die Ballynafater Brief⸗ poſt und bringt des ehrlichen Jack Finukane's höchſt eigene Korreſpondenz nach jener Stadt. Ich kenne einen Mann, Sir, eines Doktors Sohn, ei — nun, werden Sie nicht ärgerlich, ich wollte Sie nicht belei⸗ digen — eines Doktors Sohn, ſage ich, der die Hoſpi⸗ täler hier beſuchte und mit ſeinem Alten über Finanz⸗ fragen in Streit gerieth, und was that er, als er auf ſeine letzte Fünfpfundnote kam? Er ließ ſeinen Schnurrbart wachſen, ging in eine Landſtadt, wo er ſich als Profeſſor Spineto, Chiropodiſt des Kaiſers aller Reuſſen anfündigte, und durch eine glückliche Operation an dem Redakteur der Grafſchaftszeitung gelangte er zu einer Praxis und lebte drei Jahre in allen Ehren, er hat ſich nun mit ſeiner Familie ausgeſöhnt und iſt Nachfolger der väterlichen Arzneikolben geworden.“ „Zum Teufel mit dem Arzneikolben,“ rief Pen, „ich kann nicht den Kutſcher machen, Hühneraugen ausſchnei⸗ 169 den oder mit Karten betrügen. Sonſt ſchlagen Sie nichts vor!“ „Ja, da iſt unſer eigener Korreſpondent,“ ſagte Warrington; „Jedermann hat ſeine Geheimniſſe, ſehen Sie, ehe Sie mir die Geſchichte mit Ihren Geldange⸗ legenheiten erzählten, glaubte ich nicht anders, als daß Sie ein Gentleman von Vermögen wären, denn mit Ihrem verdammten vornehmen Weſen glaubte Jeder⸗ mann, es ſei dem ſoz nach dem aber, was Sie mir von Ihrer Mutter Einkommen ſagen, iſt es klar, daß Sie nicht weiter Hand daran legen dürfen, Sie können die Weiber nicht wie Schwämme ausdrücken, Sie müſſen dieſen Trumpf von Mädchen bezahlen; Laura heißt ſie — hier auf deine Geſundheit, Laura! — Lieber Mör⸗ tel tragen, als einen Shilling von Haus verlangen.“ „Aber wie einen verdienen?“ fragte Pen. „Wie glauben Sie, daß ich lebe? Von dem mei⸗ nem jüngern Bruder ausgeſetzten Gelde, Pendennis! Auch ich habe meine Geheimniſſe, mein Junge,“ und hier verdüſterte ſich Warrington's Geſicht. „Seit fünf Jahren war ich mit meines jüngern Bruders Antheil fertig. Wenn ich mit mir ſelbſt etwas bälder fertig geworden wäre, würde es beſſer geweſen ſein. Ich bin indeſſen auf eigenen Füßen geſtanden. Ich brauche nicht viel Geld. Wenn mein Beutel leer iſt, gehe ich und arbeite, um ihn zu füllen, und dann lieg' ich müſ⸗ ſig, wie eine Schlange oder ein Indianer, bis ich ver⸗ daut habe. Sehen Sie, ich beginne wieder eine Leere zu fühlen,“ ſagte Warrington und zeigte Pen einen langen dünnen Beutel, an deſſen Ende nur ein paar Sovereigns waren. „Aber wie füllen Sie ihn?“ fragte Pen. „Ich ſchreibe,“ ſagte Warrington. „Ich ſage der Welt nicht, daß ich's thue,“ fuhr er erröthend fort; „ich liebe nicht, daß Fragen an mich gerichtet werden; oder vielleicht bin ich ein Eſel und wünſche nicht, daß man von George Warrington ſagt, er ſchreibe um's 170 Brod. Aber ich ſchreibe in die Geſetzreviews; ſehen Sie her, dieſe Artikel ſind von mir,“ und er überſchlug einige Blätter. „Ich ſchreibe hin und wieder in eine Zeitung, die einer meiner Freunde redigirt.“ Warring⸗ ton ging eines Tags mit Pendennis in den Klubb, rief nach einer Nummer von Dawn und wies mit dem Finger ſchweigend auf ein paar Artikel, welche Pen mit Entzücken las. Es koſtete ihn nicht viel Mühe, den Stil nachmals zu erkennen. „Dafür bin ich nicht gemacht,“ ſagte Pen mit aufrichtiger Bewunderung von ſeines Freundes Geiſtes⸗ kräften; „ich verſtehe ſehr wenig von Politik und Ge⸗ ſchichte, Warrington; und habe nur oberflächliche Kenntniſſe von den Wiſſenſchaften, ich kann nicht ſo hoch fliegen, wie Sie.“ „Aber Sie können aus Ihren eigenen Fonds zeh⸗ ren, was leichter iſt und vielleicht höher führt,“ ſagte der Andere gutmüthig. „Die kleinen Bruchſtücke und Verſe, welche ich bei Ihnen geſehen habe, zeigen mir, was in dieſen Tagen ſelten iſt, eine natürliche Gabe, Sir. Sie brauchen nicht zu erröthen, Sie eingebilde⸗ ter junger Affe, Sie haben ſelbſt dieſe zehn Jahre her hin und wieder ſo gedacht. — Sie haben die heilige Flamme überkommen — ein Wenig von wirklich poe⸗ tiſchem Feuer, Sir, denke ich, und alle unſere Oellam⸗ pen ſind in Vergleich damit nichts, wenn auch noch ſo gut herausgeputzt. Sie ſind ein Poet, Pen, mein Junge,“ und ſo ſprechend, reckte Warrington ſeine breite Hand aus und faßte Pen an der Schulter. Arthur war ſo entzückt, daß ihm die Thränen in die Augen traten. „Wie gütig ſind Sie gegen mich, Warrington!“ ſagte er⸗ „Ich liebe Sie, alter Junge,“ ſagte der Andere. „Ich war verteufelt allein in meinen Zimmern und brauchte Jemand. Der Anblick von Ihrem ehrlichen Geſichte geſiel mir. Es gefiel mir, wie Sie Lowton an⸗ lachten, den armen, guten Knirps. Kurz und gut, 17¹ das Warum kann ich Ihnen nicht ſagen — aber ſo iſt es, Junge. Ich bin allein in der Welt, Sir, und ich brauchte Jemand, der mir Geſellſchaft leiſte,“ und ein Blick der innigſten Güte und Wehmuth kam aus War⸗ rington's dunkeln Augen. Pen war zu angenehm beſchäftigt mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken, als daß er die Wehmuth ſeines Freun⸗ des bemerkte, der ihn bekomplimentirte. „Dank Ihnen, Warrington,“ ſagte er, „Dank Ihnen für Ihre Freundſchaft gegen mich, und vas Urtheil, das Sie über mich fällen. Ich habe oft gedacht, daß ich ein Dichter ſei. Ich will einer ſein — ich glaube, ich bin einer, da Sie ſich dahin ausſprechen, obgleich die Welt es nicht anerkennen mag. Iſt es — iſt es die Ariadne auf Naxos, die Ihnen gefiel, (ich war erſt achtzehn Jahre alt, als ich ſie ſchrieb, oder das Preisgedicht?“ Warrington brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ei, Sie junger Narr, von all dem,“ gellte er auf — „von all dem elenden, ſchwachen Miſt, den ich jemals fand, war die Ariadne auf Naxos das widerlichſte und abgeſchmackteſte. Das Preisgedicht iſt ſo pompös und gehaltlos, daß ich mich wirklich wundere, daß es nicht die Medaille erhielt. Sie glauben doch nicht im Ernſt, daß Sie Dichter ſind und Milton und Aeſchylus aus⸗ ſtechen werden. Wollen Sie's wirklich mit Pindar auf⸗ nehmen, Sie abgeſchmackter, kleiner Verſedrechsler, und bilden Sie ſich wirklich ein, die Stärke und den Schwung zu haben, mit dem der thebaniſche Aar allgewaltig durch die Lazurgefilde des Himmels emporſtieg? Nein, mein Junge, ich glaube, Sie können einen Artifel in ein Magazin ſchreiben und eine hübſche Anzahl Verſe lie⸗ fern; das halte ich von Ihnen.“ „Beim Jupiter!“ ſprach Pen, auffahrend und mit dem Fuße ſtampfend, „ich will Ihnen zeigen, daß ich von beſſerem Stoffe bin, als Sie dafür halten.“ Warrington lachte nur noch mehr und blies als 172 Erwiderung gegen Pen vierundzwanzig Züge nach ein⸗ ander aus der Pfeife. Eine Veranlaſſung, ſeine Kunſt zu zeigen, bot ſich, ehe viel Zeit verging. Der ausgezeichnete Verleger, Mr. Bacon, (früher Bacon und Bungay von der Pa⸗ ternoſter Row, zu dem Eigenthümer der legalen Review, in welche Mr. Warrington ſchrieb, und anderer ſolider periodiſcher Schriften beſchenkte alljährlich die Welt mit einem ſchön vergoldeten Werke, dem Spring Annual Gahreslenz) herausgegeben von Lady Violet Lebas, der unter ſeinen Mitarbeitern nicht allein die ausge⸗ zeichnetſten, ſondern auch die faſhionabelſten Dichter unſerer Zeit zählte. Des jungen Lord Dodo's Gedichte erſchienen zuerſt in dieſen Miscellaneen, EhrenPercy Popjoy, deſſen ritterliche Balladen ihm ſolchen Ruf ver⸗ ſchafften; Bedwin Sands's morgenländiſche Ghazuls und viele andere Arbeiten unſeres jungen Adels wur⸗ den in dem Spring⸗Annual, der indeſſen das Schickſal anderer Frühlingsblumen theilte und ſpurlos aus der Welt verſchwand, zuerſt der Welt übergeben. Das Buch wurde zierlich ausgeſtattet mit Bildern herrſchender Schönheiten und anderen Zeichnungen zarten und wol⸗ lüſtigen Charakters, und da dieſe Platten lange zuvor hergerichtet wurden, weil ſie viele Zeit zum Stechen erforderten, ſo mußten die ausgezeichneten Dichter zn den Platten ſchreiben und nicht die Maler die Gedichte illuſtriren. Eines Tags, als eben dieſes Werk ſollte vom Stapel gelaſſen werden, trug es ſich zu, daß Warring⸗ ton in Paternoſter Row eintrat, um mit Mr. Hack, Herrn Bacons Korrektor, der zugleich die herauszuge⸗ benden Werke beaufſichtigte, zu plaudern — denn Mr. Bacon, der nicht im Geringſten Geſchmack in der Poeſie oder in irgend einem Zweige der Wiſſenſchaft hat, be⸗ diente ſich weislich eines Gentlemans von Profeſſion. Warrington ging in Mr. Hack's Zimmer in eige⸗ nen Geſchäften und fand, daß dieſer Gentleman eine 173 Anzahl Korrekturplatten und Bogen des Spring Annual vor ſich hatte und einige derſelben durchſah. Percy Popjoy hatte einige Verſe zur Illuſtrirung von einem der Bilder geſchrieben, welches „das Kirch⸗ portal“ benamst war. Ein ſpaniſches Mädchen eilte mit einem großen Gebetbuch in die Kirche; ein Jüngling in einem Mantel war in einer Wandvertiefung verborgen und beobachtete dieſe junge Schöne. Das Gemälde war hübſch; aber der große Genius hatte Perey Popjoy im Stiche gelaſſen; denn er hatte die jämmerlichſten Verſe gemacht, die je von einem jungen Edelmann zu Tage gefördert wurden. Warrington brach in ein Gelächter aus, als er die Dichtung las, und Mr. Hack lachte auch, aber mit reuevoller Miene. — „Es thut's nicht, das Publikum hält's nicht aus. Bungay's Leute bringen ein ſehr hübſches Buch und haben Miß Bunyan der Lady Vio⸗ let entgegengeſtellt, wir haben die meiſten Titel aller⸗ dings — aber die Verſe find zu ſchlecht. Lady Violet geſteht es ſelbft, ſie iſt fleißig mit ihrem eigenen Ge⸗ dicht. Was fängt man an? Wir können die Platte nicht aufgeben, der Prinzipal gab ſechzig Pfund dafür!“ „Ich kenne einen Burſchen, der, wie ich glaube, einige Verſe machen könnte,“ ſagte Warrington, „laſ⸗ ſen Sie mich die Platte in meiner Taſche nach Hauſe nehmen und Morgen früh die Verſe in meiner Woh⸗ nung abholen. Sie zahlen natürlich gut.“ „Natürlich,“ ſagte Mr. Hack; und Warrington kam, nachdem er ſein eigenes Geſchäft abgethan, mit der Platte in der Hand zu Mr. Pen nach Hauſe. „Nun, Junge, hier iſt ein Geſchäftchen für Sie. Machen Sie mir Verſe zu dem da.“ „Was iſt es?“ „Ein Kirchenportal — eine Schöne tritt ein und 4 Jüngling aus dem Fenſter eines Weinſchanks begafft e.“ „Was zum Henker ſoll ich damit anfangen “ 174 „Verſuchen Sie's“ ſagte Warrington, „gewinnen Sie Ihren Unterhalt, wonach Sie ſo ſehr verlangt.“ „Gut, ich will's verſuchen,“ ſprach Pen. „Und ich will zum Diner gehen,“ ſagte Warring⸗ ton und ließ Mr. Pen in einem braunen Studierzim⸗ mer zurück. Als Warrington in der Nacht zu ſehr ſpäter Stunde nach Hauſe kam, waren die Verſe gefertigt. „Da ſind ſie,“ ſagte Pen, „ich habe ſie am Ende noch herausge⸗ drückt. Ich glaube, ſie werden's thun.“ „Ich glaube auch,“ ſagte Warrington, nachbem er ſie durchleſen hatte. Sie lauteten folgendermaßen: Ob ich auch tret' nicht ein, Doch rings den heiligen Ort Ich oft umgehe, Und an dem Kirchenthor Sehnſücht'gen Blicks ich ſie Erwartend ſtehe. Die Münſterglock' ſchallt aus Ueber der Stadt Gebraus, Geſchrei und Summen, Der Glocken Mund verſtummt. Ich hör' der Orgel Klang! Seh ſie kommen, ſie kommen! Die Schöne kommt am End' Furchtſam, ſchreitetet ſchnell Und eilt zur Stelle. Sittſam das Aug' geſenkt, Sie kommt — iſt hier — iſt fort. Geleit' der Himmel ſie. Knie ungeſtört, dein Lob, Dein Klagen fromm Ström' ſchöne Heilige! Ich tret' nicht ein, befleck' Dein rein Gebet nicht Mit ird'ſchen Wuͤnſchen. ——— 175 Laß ſchweben mich um die Verbot'ne Stätte, duld' Mich eine Weile. Verbannten Geiſtern gleich, Die durch das Himmelsthor Schaun Engel drinnen. „Haben Sie noch mehr, Junge?“ fragte War⸗ rington. „Wir müſſen dafür ſorgen, daß ſie Ihnen ein paar Guineen für die Seite geben; und wenn die Verſe Beifall finden, dann, ei, dann bekommen Sie entrée in Bacons Magazinen und können einen an⸗ ſtändigen Pfennig ziehen.“ Pen muſterte ſeine Mappe und fand eine andere Ballade, von der er glaubte, daß ſie mit Vortheil in dem Spring⸗Annual figuriren dürfte, und, nachdem er dieſe zwei koſtbaren Dokumente Warrington eingehän⸗ digt hatte, wanderte das Paar aus dem Tempel nach dem berühmten Wohnſitz der Muſen und ihrer Gebie⸗ ter, der Paternoſter Row. Bacons Laden war ein altes Gebäude mit weit vorſtehendem Dache, in deſſen Fen⸗ ſtern einige der von der Firma verlegten Bücher aus⸗ geſtellt waren, unter einer Büſte Mylords von Veru⸗ lam und dem Namen Mr. Bacons in Meſſing an der Thür in die Privatwohnung. Gerade gegenüber von Bacons Haus war dasjenige des Mr. Bungay, vdas ſeit Kurzem erſt im Stil des ſiebzehnten Jahrhunderts bemalt und ſorgfältig verziert worden war, ſo daß man ſich hätte einbilden können, der ſtattliche Mr. Evelyn trete über die Schwelle, oder der neugierige Mr. Pe⸗ pys muſtere die Bücher an dem Fenſter. Warrington trat in Mr. Bacons Laden, aber Pen blieb außen. Es wurde beſtimmt, daß ſein Botſchafter ganz für ihn agiren ſollte; und der junge Burſche ſchritt in großer Spannung die Straße auf und nieder, bis er das Re⸗ ſultat der Unterhaltung erführe. Mancher arme Teufel vor ihm hat dieſe Flieſenſteine mit gleichen Sorgen und Beklemmungen betreten, indeß ſein Brod und ſein 176 Ruf von dem Ausſpruch ſeiner großmüthigen Gönner in der Row abhingen. Pen beſchaute alle Wunder aller Läden und das merkwürdige Vielerlei der hier ausgebotenen Literatur. In dieſem waren Werke in gothiſchen Lettern in den hellen blaſſen Typen des Aldus und des Elzevir ausgeſtellt; im nächſten konnte man das Penny Horrific Regiſter ſehen; die Halbpfennig Annalen des Verbrechens und die Geſchichte der berühm⸗ teſten Mörder aller Zeiten, das Raff's Magazin, das Larky Swell und andere Schriften der Pfennigpreſſe; während an dem nächſten Fenſter Porträte mißgeſtal⸗ teter Perſonen mit Faeſimiles der verehrten Unterſchrif⸗ ten der hochehrwürdigen Grimes Wapſhot, des hochehr⸗ würdigen Elias Howle und den von ihnen geſchriebenen Werken und gehaltenen Predigten den brittiſchen Di⸗ ſentern zeigten, wo ſie geiſtige Nahrung finden könnten. Hart daneben iſt ein kleiner Fenſterflügel, behangen mit Emblemen, Münzen, Roſenkränzen, armſeligen Bilder⸗ chen von Heiligen, vergoldet und bemalt; mit Büchern polemiſcher Theologie, durch welche die Getreuen der römiſchen Glaubensanſicht auf kurzem Wege lernen könnten, ſich mit Proteſtanten zu benehmen, einen Gro⸗ ſchen das Stück oder neun Groſchen das Dutzend zur Vertheilung, während man an dem nächſten Fenſter zu ſehen bekommt, „verlaſſet Rom!“ eine Rede gehalten bei der Eröffnung des Schepherd's Buſch College von John Thomas Lord Biſchof von Ealing. Es gibt kaum eine Meinung, die nicht ihren Vertreter und ihren Aus⸗ ſtellungsplatz in dieſer friedlichen, alten Paternoſter Row in dem Bereiche der Glocken von St. Paul fände. Pen guckte in alle Fenſter und Läden, wie ein Gentleman, der eine Beſprechung mit dem Zahnarzt haben will, die Bücher auf dem Wartzimmertiſche un⸗ terſucht. Er erinnerte ſich ihrer nachmals. Es ſchien ihm, als ob Warrington gar nicht mehr herauskommen wollte, und wirklich war Letzterer einige Zeit beſchäf⸗ tigt, die Sache ſeines Freundes zu führen. 177 Pen's natürlicher Dünkel würde unermeßlich ange⸗ ſchwollen ſein, wenn er Warringtons Bericht, den er von ihm gab, hätte hören können. Es traf ſich, daß Mr. Bacon in höchſt eigener Perſon in Mr. Hack's Zimmer ſich herabbemühte, während Warrington dort perorirte; und da Warrington Bacons Schwächen kannte, ſo agirte er zu Gunſten ſeines Freundes auf ſie mit großer Geſchicklichkeit. Zuerſt und vor Allem ſetzte er den Hut auf, um mit Bacon zu ſprechen, und wandte ſich an ihn von dem Tiſche, an welchen er ſich geſetzt hatte. Bacon hatte es gern, von einem Gent⸗ leman unſanft angelaſſen zu werden, und gab es ſei⸗ nen Untergebenen, wie Knaben die Ziegel beim Ziegel⸗ bieten, weiter. „Was? Mr. Pendennis nicht kennen, Mr. Bacon?“ ſprach Warrington; „Sie können nicht viel in der Welt leben, ohne ihn zu kennen; ein Grundbe⸗ ſitzer im Weſten von einer der älteſten Familien in England, mit dem halben Adel im Reiche verwandt; er iſt Vetter zu Lord Pontypool; er war einer der aus⸗ gezeichnetſten Männer zu Orbridge; er dinirt jede Woche in Gaunt Houſe.“ „O Himmel, iſt das Ihr Ernſt, Sir, — Ei — in der That — O Himmel“ — ſagte Mr. Bacon. „Ich habe ſo eben Mr. Hack einige von ſeinen Ver⸗ ſen gezeigt, die zu ſchreiben er geſtern Nacht auf mein Erſuchen aufgeblieben war, und Hack ſpricht davon, ihm ein Exemplar des Buches, des — wie heißt es nur? — zu geben.“ „Das wäre, das thut er? Ja freilich.“ „Der Spring Annual heißt es, als Bezahlung für dieſe Verſe! Sie vermuthen doch nicht, daß ein ſolcher Mann, wie Mr. Arthur Pendennis, ein Diner im Gaunt Houſe für Nichts und wieder Nichts auf⸗ gibt? Sie wiſſen ſo gut als ſonſt Jemand, daß die Leute von der Faſhion bezahlt ſein wollen.“ Pendennis. U. 12 178 „Das wollen ſie, Mr. Warrington, Sir,“ ſagte der Verleger. „Ich ſage Ihnen, 's iſt ein Stern, er wird ſich einen Namen machen, Sir, 's iſt ein neuer Mann, Sir!“ „Das haben Sie von ſo vielen dieſer jungen Her⸗ ren geſagt, Mr. Warrington,“ fiel der Verleger mit einem Seufzer ein. „Da war der Lord Viscount Dodo; ich gab ſeiner Lordſcaft ein ſchön Stück Geld für ſeine Gevichte und verkaufte blos achtzig Eremplare. Mr⸗ Popjoy's Hadgincourt fiel zu Tod.“ „Gut denn, ich will meinen Mann hinüber zu Bungay nehmen,“ ſagte Warrington und ſtand vom Tiſche auf. Dieſe Drohung war für Mr. Bacon zu ſtark; er wax ſogleich bereit, auf jeden billigen Vor⸗ ſchlag Mr. Wrringtons einzugehen, und fragte ſchließ⸗ lich ſeinen Geſchäftsführer, was die Vorſchläge wären? Als er hörte, daß die Unterhandlung ſich bis jetzt blos auf em paar Balladen beziehe, welche Mr. Warring⸗ ton für den Spring Annual anbot, ſagte Mr. Bacon; „ei du mein Gott, geben Sie ihm ſogleich einen Hand⸗ zug *);“ und mit dieſem Papier ging Warrington hin⸗ aus zu ſeinem Freund, und ſchob es Pen grinſend in die Hände. Pen war ſo entzückt, als ob ihm Jemand ein Glück hinterlaſſen hätte. Er bot Warrington ſogleich ein Diner bei Richmond an. Was ſollte er für Laura und ſeine Mutter kaufen? Er mußte etwas kaufen. „Sie werden das Buch lieber denn ſonſt Alles haben,“ ſagte Warrington, „mit des Jungen Namen unter den Verſen, unter der Zahl der Hauptkerls auf⸗ geführt.“ „Gott ſei Dank! Gott ſei Dank!“ rief Arthur. „Nun brauch' ich der alten Mutter nicht mehr zur Laſt zu fallen, ich kann jetzt Laura abbezahlen, kann jetzt *) Auf Bankzetteln, die in England übliche Geldanweiſung auf einen Bankier. 179 ſelbſt meinen Unterhalt verdienen, kann jetzt meinen eigenen Weg gehen.“ „Ich kann des Großveziers Tochter heirathen. Ich kann ein Haus in Belgrave Square kaufen. Ich kann ein hübſches Lufiſchloß bauen,“ ſagte Warrington, vergnügt über des Andern Vergnügen. „Wohl, Sie können Käs und Brod kaufen, und ich geſtehe, es ſchmeckt recht wohl, das Brod, das man ſelbſt verdient.“ Sie tranken ein großes Quantum Claret über Tiſch in dem Klubb an jenem Tage auf Pen's Koſten. Lange hatte er ſich keinem ſolchen Lurus hingegeben; aber Warrington wollte ihm nicht widerſtreiten, und ſie tranken zuſammen auf die Geſundheit des Spring Annual. Das Glück kommt nie allein, ſagt das Sprichwort. So kam denn ſehr ſchnell ein anderer Fall, durch wel⸗ chen Mr. Pen in ſeinem Plane, ſich ſeinen Unterhalt zu ſchaffen, unterſtützt werden ſollte. Warrington warf ihm eines Tags einen Brief über den Tiſch, den ein Junge aus der Druckerei gebracht hatte. „Von Kapitän Shandon, Sir,“ — ſagte der kleine Emiſſär, ging dann und ſchlief auf ſeiner ge⸗ wöhnlichen Bank in dem Gange ein. Er machte noch manchen Beſuch und brachte manche Botſchaft an Pen. „F. P., Dienſtag, Morgen. „Mein lieber Herr! „Bungay wird heute hier ſein wegen der Pall Mall Gazette. Sie würden der rechte Mann ſein, mit einem ächten Weſtendartikel — Sie verſtehen mich — zerſchmetternd, durchbohrend und verdammt ariſto⸗ kratiſch. Lady Hipſhaw wird ſchreiben; aber ſie iſt nicht viel, wie Sie wiſſen, und wir haben zwei Lords; aber je weniger ſie thun, deſto beſſer. Wir müſſen Sie haben. Sie mögen ſelbſt die Bedingungen ſtellen, und wir wollen einen Schlag mit der Gazette aus⸗ führen.“ 180 „Soll B. kommen und Sie aufſuchen, oder können Sie bei mir hier einſprechen? „Immer der Ihrige 6 S. „Etwas mehr Oppoſition,“ ſagte Warrington, als Pen die Rote geleſen hatte. „Bungay und Bacon lie⸗ gen ſich in den Haaren; Jeder heirathete die Schweſter des Andern und ſie waren eine zeitlang die beſten Freunde und hatten alles gemeinſchaftlich. Hack ſagt, Mrs. Bungay habe den Unfrieden zwiſchen beiden angerich⸗ tet; wogegen Shandon, der für Bungay ſehr viel liest, behauptet, Mrs. Bacon ſei ſchuld daran; aber ich weiß nicht, welcher Recht hat, Peachum oder Lockit. Aber ſeit ſie ſich getrennt haben, beſteht ein furchtbarer Krieg zwiſchen den beiden Verlegern: ſobald einer Reiſebeſchreibungen, Gedichte, ein Magazin, eine Vier⸗ teljahrsſchrift, eine Monatſchrift, eine Wochenſchrift oder eine Jahresſchrift herausgibt, rückt der Nebenbuhler mit etwas Aehnlichem in's Feld. Ich habe den armen Shandon mit großer Genugthuung erzählen hören, wie er Bungay durch die Angabe, Bacon habe ſein Truppencorps zu einem Schmaus nach Greenwich ein⸗ geladen, veranlaßte, allen, die für ihn ſchreiben, ein grandioſes Diner in Blackwallzu gebenz als Vungay unſern gefeierten Freund Mr. Wagg engagirte, den „Londoner“ herauszugeben, ſtürzte Bacon ſtraks fort und veranlaßte Mr. Grindle, ſeinen Namen für das „Weſtminſter Maga⸗ zin“ herzugeben. Als Bacon ſeine komiſche, iriſche Novelle von Barney Brallaghan vor's Publikum brachte, ging Bungay flugs nach Dublin und ließ ſeine koſtbare hiberniſche Geſchichte von „Looney Mac Twolter“ vom Stapel laufen. Als Doktor Hicks unter Bacons Auſpi⸗ zien ſeine Wanderungen in Meſopotamien herausgab, publizirte Bungay Profeſſor Sandiman's „Unterſuchun⸗ gen in der Sahara,“ und Bungay gibt ſeine „Palmall Gazette“ als Gegengewicht zu Bacons „Whitehall Re⸗ view“ heraus. Wir wollen gehen und hören, was mit 181 der „Gazette“ iſt. Mag ſein, daß für Sie, Pen, mein Junge, ſich ein Plätzchen dabei findet, wir find ſicher, ihn zu Hauſe zu finden.“ „Wo wohnt er?“ fragte Pen. „In der Fleet Priſon,“ ſagte Warrington, „und ganz gewiß zu Hauſe iſt er auch. Er iſt der König des Platzes.“ Pen hatte die Sonne des Londoner Lebens noch nicht geſehen und trat mit nicht geringem Intereſſe in das häßliche Thor dieſes unheimlichen Gebäudes. Sie durch⸗ ſchritten den Vorplatz, wo die Offizianten und Pförtner ſaßen, und durch das Pförtchen eintretend, gelangten ſie in das Gefängniß. Das Geräuſch und das Gedränge, das Gejubel und Gelärm des Platzes brachte Pen in Aufregung; unaufhörlich und ruhelos waren die Leute in Bewegung, wie die eingekäfigten Thiere einer Mena⸗ gerie. Leute ſpielten Ball, Andere gingen auf und nie⸗ der, hier einer in Unterhaltung mit ſeinem Rechts⸗ freunde in ſchmutzigem Schwarz — dort ſchlendert einer traurig mit ſeinem Weibe an der Seite und einem Kinde am Arm; einige erſchienen in zerlumpten Schlafröcken und hatten die Miene lüderlicher Stutzerei. Ueberall ſummte es, man war geſchäftig und auf den Beinen. Pen war es, als müßte er in dem Platze erſticken und als ob das Thor ſich hinter ihm ſchlöße und ihn nie wieder fortließe. Sie gingen durch einen Hof eine Treppe hinauf und durch Gänge voller Leute, Gelärm, Kreuzlichter und ſchwarzer Thore, welche zuſchlugen; — und Pen war es, wie einem in einem fieberhaften Morgentraume; endlich rief derſelbe kleine Läufer, der Shandons Note gebracht und ihnen, Aepfel kauend, die Fleet Street herab gefolgt war und den zwei Gentlemen den Weg durch das Gefängniß gezeigt hatte. „Hier iſt des Ka⸗ pitäns Thür!“ und Mr. Shandon's Stimme von innen erlaubte ihnen den Eintritt. Der Ort, obgleich nackt, war nicht unfreundlich. Die Sonne ſchien zu dem Fen⸗ 182 ſter herein, neben welchem eine Lady an der Arbeit ſaß, die vor Zeiten lebhaft und ſchön geweſen war, in deren verblichenem Geſichte aber Güte und Zärtlichkeit ſich ausſprachen. Durch alle dieſe Irrſale, Mißgeſchicke und Unfälle betete dieſe getreue Seele ihren Gatten an und hielt ihn für den beſten und geſcheideſten Mann, wie er auch wirklich einer der gütigſten der Männer war. Nichts ſchien die Anmuth ſeines Temperaments zu ſtö⸗ ren: keine Schulden, keine Gläubiger, kein Elend, die Flaſche nicht, nicht ſeines Weibes unglückliche Lage oder der Ruin ſeiner Kinder. Er liebte Weib und Kinder nach ſeiner Art auf's Zärtlichſte; hatte immer das gü⸗ tigſte Wort oder Lächeln für ſie und ruinirte ſie mit dem Uebermaß ſeines holdſeligen Temveraments; er konnte weder ſich, noch ſonſt Jemand einen Genuß verſagen, den ſein Geld verſchaffen konnte; er theilte ſeine letzte Guinee mit Jack und Tom und wir dürfen gewiß ſein, daß er ein paar Dutzend ſolcher Anhängſel hatte. Er hätte ſeinen Namen hinter Jedermanns Schuldbrief ge⸗ ſchrieben und bezahlte nie eine eigene Schuld; er ſchrieb für jede Partei und griff ſich ſelbſt oder einen andern mit ungeſchwächter Gleichgiltigkeit an; er war einer der witzigſten, liebenswürdigſten und unverbeſſerlichſten Irländer. Niemand konnte umhin, Charley Shandon zu lieben, der ihn ein Mal geſehen, und diejenigen, welche er ruinirte, konnten ihm kaum böſe ſein. Als Pen und Warrington ankamen, ſaß der Kapi⸗ tän (er hatte einmal in einem irländiſchen Militzregi⸗ mente geſtanden und der Titel war ihm geblieben) auf ſeinem Bett in einem zerriſſenen Schlafrock mit einem Schreibpult auf ſeinen Knieen, auf dem er ſo ſchnell ſchrieb, als ſeine flüchtige Feder zu leiſten vermochte. Schnipfel auf Schnipfel fiel von dem Schreibpult naß auf den Boden. Ein Gemälde, das ſeine Kinder vor⸗ ſtellte, hing über ſeinem Haupte und das Jüngſte trip⸗ pelte im Zimmer umher. Dem Kapitän gegenüber ſaß Mr. Bungay, ein 183 wohlbeleibter Mann mit thörichtem Ausſehen, mit dem das kleine Kind eine Unterhaltung anzuknüpfen ver⸗ ſuchte. „Papa iſt ein ſehr geſcheider Mann,“ ſagte ſie, „Mama ſagt ſo.“ „O, ganz gewiß,“ ſagte Mr. Bungay. „Und Sie ſind ein ſehr reicher Mann, Mr. Bundy!“ rief das Kind, das kaum ſprechen konnte. „Marie!“ rief Mama an ihrer Arbeit. „O, ſeien Sie unbeſorgt,“ ſprach Bungay unter großem Gelächter, „verſchlägt Niemand was, wenn ſie ſagt, daß ich reich bin, he, he; ich befinde mich ziemlich wohl dabei, meine kleine Theure.“ „Wenn Sie reich ſind, warum nehmen Sie Papa nicht aus dem Gefängniß“ (Piz'n für Priſon) fragte das Kind. Mama begann jetzt ihre Augen mit der Arbeit zu wiſchen, mit der ſie beſchäftigt war. (Die arme Lady hatte in dem Zimmer Vorhänge aufgehängt und ein paar Verſuche gemacht, es herauszuputzen.. Mama be⸗ gann zu weinen; Mr. Bungay erröthete und ſah trotzig aus ſeinen blutunterlaufenen kleinen Augen; Shandons Feder ſchrieb weiter und Pen und Warrington pochten an die Thür. Kapitän Shandon ſah von ſeiner Arbeit auf. „Wie geht's Ihnen, Mr. Warrington?“ Warring⸗ ton brachte ein altes Felleiſen zum Vorſchein — den einzigen nutzbaren Sitz und ſetzte ſich darauf mit einer Verbeugung vor Mrs. Shandon und einem Nick gegen Bungay. Das Kind kam und blickte Pen feierlich an, und in ein pähr Minuten hörte das Schreiben auf; und Shandon, das Pult auf das Bett hinüber ſchie⸗ bend, bückte ſich und hob die Papiere auf. „Ich denke, das wird's thun,“ ſagte er, „es iſt der Proſpektus für die Pall Mall Gazette.“ „Und hier iſt das Geld dafür,“ ſagte Mr. Bun⸗ gay, indem er eine Fünfpfundnote niederlegte. „Ich bin 184 ſo gut als mein Wort, ja, das bin ich; wenn ich ſage ich will's bezahlen, bezahle ich.“ „Meiner Treu, das iſt mehr, als einer von uns ſagen kann,“ meinte Shandon und ſchob eifrig die Note in ſeine Taſche. Eilftes Kapitel berichtet, was in der Nachbarſchaft von Ludgate Hill vorging. Unſer eingekerkerter Kapitän kündigte in ſcharfer und nachdrücklicher Sprache in ſeinem Proſpektus an, daß endlich die Zeit gekommen ſei, wo es für die Gentle⸗ men in England nothwendig werde, ſich zur Vertheidi⸗ gung ihrer gemeinſamen Rechte und ihrer ruhmvollen Ordnung, die auf allen Seiten durch fremde Revolu⸗ tionen, durch Radikalismus im Innern, durch liſtige Verleumdungen der Mühleneigenthümer und Baum⸗ wollenlords und durch die ſtupide Feindſeligkeit der Maſſen, der von ihnen bethörten und mißleiteten Maſſen, bedroht ſei, ſich zuſammenzuſchaaren, „die alte Monar⸗ chie“ ſei, ſagte der Kapitän durch ein trotziges, repub⸗ likaniſches Geſindel inſultirt; die Kirche durch neidi⸗ ſchen Abfall preis gegeben und durch heimliche Untreue unterwühlt. Die guten Einrichtungen, welche unſer Land mit Ruhm gekrönt und den Namen des engliſchen Gentleman zum ſtolzeſten auf der Welt gemacht, ſeien ohne Vertheidigung gelaſſen und dem Angriff und der Beſchimpfung von Leuten ausgeſetzt, denen kein Heilig⸗ thum heilig ſei, da ſie an nichts Heiliges glauben; keine Geſchichte ehrwürdig, da ſie zu unwiſſend ſeien, um von ——————— 185 der Vergangenheit gehört zu haben; und kein Geſetz bindend ſei, das ſie zu brechen nicht flark genug wären, wenn ihre Anführer das Signal zur Plünderung gä⸗ ben. Weil die Könige Frankreichs ihren Gentkemen mißtrauten, bemerkte Mr. Shandon, ging die Monarchie des heiligen Ludwigs unter; weil das Volk Englands den Glauben an ihre Gentlemen nie verlor, beſtand und überwand dieſes Land den größten Feind, den eine Na⸗ tion jemals hatte; weil wir von Gentlemen angeführt wurden, zogen ſich die Adler vor uns vom Douro nach der Garonne zurück; und ein Gentleman war es, der bei Trafalgar die Linie durchbrach und die Feinde von der Ebene von Waterlvo trieb. Bungay nickte auf anerkennende Weiſe mit dem Kopf und drückte die Augen zu, als der Kapitän an die Waterlooſtelle kam. Und Warrington brach in ein La⸗ chen aus. „Sie ſehen, wie unſer ehrwürdiger Freund Bungah gerührt iſt,“ ſagte Shandon, indem er ſchlau von ſeinen Papieren aufblickte, „das iſt unſer untrüglicher Probier⸗ ſtein: ich habe den Herzog von Wellington und die Schlacht von Waterloo ſchon hundert Mal aufgeführt und habe nie gefunden, daß der Herzog nicht ſeine Wir⸗ kung that.“ Der Kapitän fuhr dann fort mit großer Aufrich⸗ tigkeit zu bekennen, daß bis auf den heutigen Tag die Gentlemen von England, vertrauend ihrem Recht und unbekümmert um diejenigen, die es in Frage ſtellten, das politiſche Intereſſe ihres Standes, ſowie die Ver⸗ waltung ihres Grundbeſitzes und die Beſorgung ihrer Rechtsangelegenheiten Perſonen überließen, die ſich zu dem beſondern Dienſte eigneten, und ihre Intereſſen in der Preſſe durch Proktoren und Advokaten von Profeſ⸗ ſion vertreten ließen. Die Zeit, welche Shandon im Auge zu haben vorgab, wäre jetzt vorbei, die Gentle⸗ men von England müßten ihre eigenen Kämpen ſein, die erklaͤrten Feinde ihres Standes wären tapfer, ſtark, 186 zahlreich und unbedingt. Sie müßten ihren Feinden im Felde in's Auge ſchauen, dürften ſich nicht von Mieth⸗ lingen, von Advofaten belügen und falſch vertreten laſ⸗ ſen; ſie dürften keine Grub Street Gazettes von White Hall haben; „das iſt ein Stich auf Bacon's Leute, Mr. Bungay,“ ſagte Shandon, indem er ſich zu dem Verle⸗ ger umwandte. Bungay ſtieß mit dem Stocke auf den Boden; „zum Henker mit ihm, los auf ihn, Capting,“ rief er froh⸗ lockend; und gegen Warrington gewandt, bewegte er ſein ſchwaches Haupt heftiger als je und ſagte: „Für einen Peitſchartikel, Sir, thut's keiner dem Kapitän gleich — Ka — einer!“ Der Proſpektusſchreiber fuhr fort und ſagte, daß einige Gentlemen, deren Namen aus leichtbegreiflichen Gründen nicht vor das Publikum gebracht würden (wor⸗ über Mr. Warrington wieder zu lachen begann), ſich entſchloſſen hätten, ein Journal ans Licht zu ſtellen, deſ⸗ ſen Grundſätze die und die wären. „Dieſe Männer ſind ſtolz auf ihren Stand und tragen Verlangen, ihn zu vertheidigen,“ rief Kapitän Shandon, indem er grinſend ſein Papier ſchwang. „Sie ſind loyal gegen ihren Sou⸗ verän, durch treue Ueberzeugung und von den Vorvä⸗ tern ererbten Gehorſam; ſie lieben ihre Kirche, in der ſie wünſchen, daß ihre Kinder anbeten und für welche ihre Vorväter bluteten; ſie lieben ihr Vaterland und wollen es behaupten als das, zu was es die Gentlemen von England, ja die Gentlemen von England (wir wollen das groß gedruckt haben, mein Junge) ge⸗ macht haben, zum größten und freieſten auf der Welt, und wie die Namen einiger derſelben der Urkunde augehängt ſind, welche unſte Freiheiten zu Runnymede ſicherten —“ . „Was iſt das?“ fragte Mr. Bungay. „Einer meiner Vorfahren beſiegelte ſie mit ſeinem Schwertgriff,“ ſprach Pen mit großer Gravität. „Es iſt die Habeas Corpus⸗Akte, Mr. Bungay,“ 187 ſagte Warrington, worauf der Verleger antwortete: „Alles richtig, ſo viel iſt gewiß,“ und gähnte, ſetzte aber bei: „Fortgefahren, Capting.“ „Zu Runnymede; ſie ſind bereit, dieſe Freiheit noch heute mit Schwert und Feder zu vertheidigen und jetzt, wie damals, ſich zu ſchaaren um die alten Geſetze und Freiheiten Englands.“ „Bravo!“ rief Warrington. Das kleine Kind ſtand verwundert da; die Lady arbeitete ſchweigſam fort und ſah mit zärtlicher Bewunderung darein. „Komm her, kleine Marie,“ rief Warrington und pätſchelte des Kindes hübſche Locken mit ſeiner großen Hand. Aber ſie ſchrak zurück vor ſeiner rauhen Liebko⸗ ſung, und zog es vor, zwiſchen Pen's Kniee zu flüchten und mit ſeiner ſchönen Uhrkette zu ſpielen: und Pen war ſehr ſatisfacirt, daß ſie zu ihm kam, denn er war ſehr weichherzig und natürlich, obgleich er ſeine Sanft⸗ heit unter einem zurückhaltenden und pompöſen Weſen verbarg. Sokletterte ſie auf ſeinen Schooß, während ihr Vater fortfuhr, ſein Programm zu leſen. „Sie lachten,“ ſagte der Kapitän zu Warrington, „über die leichtbegreiflichen Gründe, welche ich erwähnte. Nun, ich will Ihnen zeigen, was Sie ſind, Sie un⸗ gläubiger Heide. Wir ſagten,“ fuhr er fort, „daß wir die Namen der bei dem Unternehmen Betheiligten nicht geben könnten, und daß leicht begreifliche Gründe für dieſe Verheimlichung ſprächen. Wir zählen einflußreiche Freunde in beiden Häuſern des Senats und haben un⸗ ſere Verbündete in allen diplomatiſchen Cirkeln Euro⸗ pa's. Unſere Quellen ſind von der Art, daß ſie un⸗ möglich veröffentlicht werden können, und wirklich von der Art, wie ſie kein Londoner oder europäiſches Jour⸗ nal je ſich verſchaffen könnte. Aber das ſagen wir frei, daß die früheſte Mittheilung, die mit der engliſchen oder der Kontinentalpolitik in Berührung ſteht, blos in den Spalten der „Pall Mall Gazette“ gefunden werden wird. Der Staatsmann und der Kapitaliſt, der Gent⸗ 188 leman auf dem Land und der Geiſtliche wird unter der Zahl unſerer Leſer ſein, weil diejenigen, die das Blatt ſchreiben, unter ihnen ſind. Wir wenden uns an die höheren Cirkel der Geſellſchaft, wir bedenken uns nicht, es zu geſtehen. Die Pall Mall Gazette wird von Gent⸗ lemen für Gentlemen geſchrieben, ihre Führer ſprechen zu den Klaſſen, in welchen ſie leben und geboren wur⸗ den; die Prediger auf offenem Felde, die radikalen Frei⸗ denker haben ihre Journale, warum ſollten die Gent⸗ ſie England in der Preſſe nicht auch vertreten ein? . Mr. Shandon fuhr dann fort, mit großer Beſchei⸗ denheit ſich über die literariſchen und faſhionablen Fä⸗ cher der Pall Mall Gazette zu verbreiten, welche Gent⸗ lemen von anerkanntem Rufe, Männer berühmt auf den Univerfitäten (worüber Mr. Pendennis ſich kaum be⸗ zwingen konnte, zu lachen und zu erröthen), bekannt in den Klubbs und der Geſellſchaft, die ſie beſchrieben, geleitet werden. Sie gaben denen, welche Ankündigungen ſendeten, mit vielem Zartgefühl zu verſtehen, daß die Pall Mall Gazette nicht das Medium ſein wollte, ihren Verkäufen die gewünſchte Publizität zu geben, und mit beredter Zunge rief er Englands Nobleſſe, Englands Baronet⸗ ſchaft, Englands hochehrwürdigen Clerus, Englands Gerichtsſchranken, Englands Matronen und Töchter, Heimathen und Herde auf, ſich um die gute, alte Sache zu verſammeln; und Bungay erwachte bei dem Schluſſe der Vorleſung aus einem zweiten Nickerchen, dem er ſich hingegeben hatte, und ſagte wieder, daß Alles recht wäre. Als die Vorleſung des Proſpektus geſchloſſen war, gingen die anweſenden Gentlemen in einige Details über die politiſche und literariſche Führung des Blattes ein, und Mr. Bungay ſaß dabei, horchte und nickte mit dem Kopf, als ob er verſtünde, was der Gegenſtand der Unterhaltung wäre, und er ihre Anſichten billigte. Bungay's Anſichten waren in der That ſehr einfach. 189 Er glaubte, der Kapitän könnte den beſten Vernichtungs⸗ artikel von der Welt ſchreiben. Er wollte, daß das Op⸗ poſitionshaus Bacon's vernichtet werde, und war der Meinung, daß der Kapitän dieſes Geſchäft übernehmen könnte. Wenn der Kapitän einen Juniusbrief in ein Zeitungsblatt geſchrieben oder einen Theil des Kirchen⸗ katechismus abgeſchrieben hätte: Mr. Bungay wäre voll⸗ kommen zufrieden geweſen und hätte den Artikfel für einen Vernichtungsartikel angeſehen. Er ſchob die Pa⸗ piere mit der größten Satisfaktion in die Taſche, und bezahlte nicht nur für das Manuſkript, wie wir geſehen haben, ſondern rief auch die kleine Mary zu ſich und gab ihr beim Abſchied einen Penny. Als das Leſen des Manuſkripts vorüber war, ging die Geſellſchaft auf eine allgemeine Unterhaltung über, indem Shandon mit leichtfertiger, faſhionabler Miene, als Compliment für die zwei Gäſte, welche bei ihm ſaßen und nach ihrem Aeußern und Benehmen, wie er annahm, Perſonen von dem beau monde waren, einen leichtfertigen, faſhionablen Ton anſtimmte. Er wußte in der That ſehr wenig von der großen Welt, aber er hatte ſie geſehen, und machte aus dem, was er geſehen, möglichſt viel. Er ſprach von den Charakteren des Ta⸗ ges und den großen Perſonen der Faſhion mit leichter Familiarität und ſcherzhaften Anſpielungen, als ob es ſeine Gewohnheit wäre, unter ihnen zu leben. Er er⸗ zählte Anekdoten aus ihrem Privatleben, von Unterhal⸗ tungen, die er gehabt, und von Schmauſereien, denen er beigewohnt, und bei denen das und das ſich er⸗ eignete. Pen war amüſirt, den armſeligen Gefangenen in einem zerlumpten Schlafrock ſo zungenfertig von den Großen des Landes ſprechen zu hören. Mrs. Shandon war immer entzückt, wenn ihr Gatte auf dieſe Erzählungen kam und glaubte an ſie in vollem Ernſte. Sie fühlte kein Bedürfniß, ſich ſelbſt mit der faſhionablen Welt zu befaſſen; ſie war nicht gewandt genug; aber die große Geſellſchaft war der rechte Platz für ihren Charles: er 190 glänzte in ihr, er war in ihr hoch angeſehen. Shandon war wirklich einmal von dem Earl zu H. zum Diner geladen worden; feine Frau hob die Einladungskarte in ihrem Arbeitskörbchen bis auf den heutigen Tag auf. Mr. Bungay hatte mit einem Mal genug an die⸗ ſem Geträtſche und ſtand auf, um ſich zu verabſchieden, worauf Warrington und Pen ſich erhoben, um ſich mit dem Verleger zu entfernen. Obgleich der Letztere ge⸗ wünſcht hätte, zu bleiben, um weitere Bekanntſchaft mit dieſer Familie zu machen, die ihn intereſſirte und ſein Mitgefühl erregte. Er ſagte Etwas wie von Hoff⸗ nung auf Erlaubniß, ſeinen Beſuch zu wiederholen, wor⸗ auf Shandon mit traurigem Grinſen erwiderte, daß er immer zu Haus zu finden ſei und ſich ſehr freuen würde, Mr. Pennington bei ſich zu ſehen. „Ich will Sie bis zu meinem Parkthor begleiten,“ ſagte Kapitän Shandon, trotz einem flehentlichen Blicke und dem halb unterdrückten Rufe „Charles,“ von Mrs. Shandon. Und der Kapitän ſchwankte in ſchlechten Pantoffeln vor ſeinen Gäſten her durch die unheimlichen Gänge des Gefängniſſes. Seine Hand ſpielte bereits mit ſeiner Weſtentaſche, wo Bungay's Fünfpfundnote war, als er von den drei Gentlemen an dem Thörchen Abſchied nahm, während einer derſelben, Arthur Pen⸗ dennis, ſich höchlich erleichtert fühlte, als er ſich außer dem Bereiche des entſetzlichen Platzes ſah und wieder ni freiem Fuße die Flieſen von Farringdons Street etrat. Mrs. Shandon ſaß traurig am Fenſter, das in den Hof ging, mit ihrer Arbeit beſchäftigt. Sie ſah Shandon mit einem Paar Männern hinter ſich her in der Richtung von der Gefängnißſchenke eilen. Sie hatte gehofft, ihn heute beim Diner zu haben: ſie hatten ein Stück Fleiſch und etwas Salat in einem Becken auf der abhängigen Außenſeite des Fenſters in dem Zimmer, von dem ſie erwartet hatte, daß ſie und die kleine Mary es mit des Kindes Vater theilen würden; aber dazu — 191 war jetzt keine Hoffnung mehr. Er blieb in der Schenke, bis die Stunde zum Schluſſe vorüber war; dann ging er fort und ſpielte Karten, oder trank in eines Andern Behauſung und kam ſchweigſam zurück mit überglasten Augen, taumeite ein klein wenig auf dem Wege, ſo daß ſeine Frau ihn führen mußte. O, welche Mannigfaltig⸗ keiten des Schmerzes, den wir unſere Frauen erleiden laſſen! So begab ſich Mrs. Shandon an den Speiſe⸗ ſchrank und bereitete ſich ſtatt eines Diners ein wenig Thee. Und bei dieſen Mannigfaltigkeiten des Schmer⸗ zes, von dem wir geſprochen haben, was hat da nicht der arme Theetopf die Confidante geſpielt, ſeit die gütige Pflanze unter uns eingeführt wurde! Wie viel My⸗ riaden von Frauen haben bei ihr geweint! An wie viel Siechbetten hat ſie nicht gedampft; welche fieber⸗ haften Lippen haben nicht Erfriſchung aus ihr geſogen! Die Natur meinte es freundlich mit den Frauen, als ſie die Theepflanze ſchuf, und mit dem ſtillen Gedanken, welch' eine Reihe von Bildern und Gruppen die Phan⸗ taſie heraufbeſchwören und um den Theetopf und die Theetaſſen verſammeln mag. Miliſſa und Sachariſſa ſprechen von Liebesgeheimniſſen über ihm, die alte Polly hat ihn und ihres Liebhabers Briefe über dem Tiſch, von ihm, der noch geſtern ihr Geliebter war, und, als das noch der Fall war, weinte ſie mit Ver⸗ gnügen, nicht mit Verzweiflung darüber. Mary kommt geräuſchlos daher getrippelt in ihrer Mutter Schlafgemach und bringt eine Taſſe des Tröſters der Wittwe, die keine andere Nahrung nehmen will. Ruth braut ihn geſchäftig für ihren Gatten, welcher vom Aerntefeld heimkommt — man könnte eine ganze Seite mit An⸗ deutungen zu ſolchen Gemälden füllen; — endlich ſetzen ſich Mrs. Shandon und die kleine Mary nieder und trinken ihren Thee zuſammen, indeß der Kapitän aus und ſeinem Vergnügen nachgeht. Sie ſorgt für Nichts, als für dieſes, wenn ihr Gatte fort iſt. Ein Gentleman, mit welchem wir bereits oberfläch⸗ 192 lich bekannt ſind, Mr. Jack Finucane, aus derſelben Stabt mit Kapitän Shandon, fand des Kapitäns Frau und die kleine Mary (für welche er immer ein Zuckerbrod in der Taſche brachte) über dieſem Mahl. Jack hielt Shandon für eines der größten Genies, hatte ein oder zwei Mal von dem gutherzigen Verſchwender Aushilfen erhalten, der immer ein freundliches Wort und manch⸗ mal eine Guinee für einen Freund in der Noth hatte; und nie verging ein Tag, an welchem er nicht ſeinen Gönner beſuchte. Er war immer bereit, für Shandon Gänge zu machen, ſeine Geldgeſchäfte mit Verlegern und Redakteuren, Gläubigern, Pfandleihern und ſolchen Gentlemen zu beſorgen, welche geneigt waren, in ſolchen Sicherheitsobjecten zu ſpeculiren und die tauſend kleinen Angelegenheiten eines in Verlegenheit befindlichen irlän⸗ diſchen Gentlemans abzumachen. Nie fand er einen am⸗ baraſirten iriſchen Gentleman, der nicht einen Adju⸗ tanten ſeiner eigenen Nation gehabt hätte, der nicht gleichfalls in Umſtänden pecuniärer Unbehaglichkeit ſich befand. Dieſer Adjutant hat Subalterne, welche viel⸗ leicht wieder andere inſolvente Dienſtnamen haben — ſein Lebtag zog unſer Kapitän an der Spitze eines ſolchen Lungenſtabs, der ſich in das wechſelvolle Glück ſeines Häuptlings theilte. Er wird die Fünfpfundnote nicht ſehr lange haben, ich wette ein Guinee, „ſagte Mr. Bungay von dem Kapitän, als er und ſeine zwei Begleiter aus dem Gefängniſſe weggingen; und der Verleger hatte ganz richtig gemuthmaßt; denn als Mrs. Shandon ihres Mannes Taſchen leerte, fand ſie von der Rimeſſe vom Morgen nur noch ein paar Shillinge und einige Halbpence übrig. Shandon hatte ein Pfund einem ſeiner Knappen gegeben, hatte einen Hammelſchlegel, Kartoffeln und Bier einem Bekannten auf der Armenſeite des Gefängniſſes geſchickt, hatte eine rückſtändige Rechnung in der Schenke, wo er ſeink Fünfpfundnote wechſelte, bezahlt, hatte vort ein Diner mit zwei Freunden gehabt, an die er ſpäter verſchiedent⸗ 193 liche halbe Kronen im Spiele verlor, ſo daß die Nacht ihn ſo arm ließ, als ihn der Morgen gefunden hatte. Der Verleger und die zwei Gentlemen hatten, nach⸗ dem ſie Shandon verlaſſen, noch weiter zuſammenge⸗ ſprochen, und Warrington wiederholte Bungay, was er bereits ſeinem Nebenbuhler Bacon geſagt hatte, daß nämlich Pen ein hochſtrebender Burſche von hohem Ge⸗ nie und was noch mehr ſei, in der großen Welt gut bekannt und mit einer Unzahl von Pairs verwandt ſei. Bun⸗ gay erwiderte, daß er ſich freuen würde, mit Mr. Pen⸗ dennis Geſchäfte zu machen und hoffe, das Vergnügen zu haben, ſie beide, ehe viel Zeit vergehe, auf eine Hammelsſchnitte bei ſich zu ſehen; und ſo ſchieden ſie unter gegenſeitigen Artigkeiten und Freundſchaftserflä⸗ rungen. „Es iſt hart, einen ſolchen Mann wie Shandon zu ſehen,“ ſagte Pen, nachdenklich über den Anblick, den er dieſen Abend gehabt hatte, von ſo manchfaltigen Vorzügen und ſo unbeſtreitbarem Talent und Humor als Inſaßen eines Kerkers für ſeine halbe Lebenszeit zu ſehen und als Schleppträger eines Buchhändlers, wenn er das Gefängniß verläßt.“ „Ich bin eines Buchhändlers Schleppträger und Sie ſind auch im Begriff, ſich auf die Schritte eines Mieth⸗ gaules einzuüben,“ ſagte Warrington lachend. „Wir find Alle Haudergäule auf der einen oder der andern Straße; ich will's lieber ſein, als unſer Nachbar Pa⸗ ley, der ſo viel Genuß von dem Leben hat, als ein Maulwurf. Verdammt viel unverdientes Mitleid wurde ſchon verſchwendet an das Laſtthier Ihres Buchhändlers, wie Sie es heißen.“ „Viel einſame Pfeifen und Ale machen einen Cy⸗ niker aus Ihnen,“ ſagte Pen. „Sie ſind ein Diogenes beim Bierfaß, Warrington. Niemand ſoll mir ſagen, daß ein Mann von Genie, wie Shandon, getrieben werden ſollte von einem ſo gemeinen Sklaventreiber, Pendennis. M. 13 194 wie jener Mr. Bungay iſt, den wir ſo eben verlaſſen, der ſich mäſtet von den Profiten aus des Andern Ge⸗ hirn und ſich bereichert von der Arbeit ſeines Journaliſten. Es bringt mich in Aerger, wenn ich ſehe, daß der Gentleman ein Sklave eines ſolchen Geſchöpfes iſt, wie dieſer, eines Mannes, der nicht einmal die Sprache ſprechen kann, von der er lebt, und der nicht einmal taugt, Shandon die Stiefel zu wichſen.“ „So haben Sie denn bereits begonnen, ſich über die Verleger herzumachen und gegen unſern Orden Par⸗ tei zu ergreifen. Bravo, Pen,“ mein Junge, antwortete Warrington, immer noch lachend. „Was können Sie gegen Bungay's Beziehungen zu Shandon einwenden? Glau⸗ ben Sie, der Verleger habe den Autor in's Gefängniß geſchickt? Hat Bungay die Fünfpfundnote verlumpt, die wir eben noch ſahen, oder Shandon?“ „Das Unglück treibt einen Mann in ſchlechte Ge⸗ Pſellſchaft,“ ſagte Pen. „Es iſt leicht, „pfui“ zu rufen über einen armen Burſchen, der nur ſolche Geſellſchaft hat, wie er ſie im Gefängniſſe findet und keine Troſt⸗ quelle außer der Vergeſſenheit und der Flaſche. Wir müſſen ſäuberlich umgehen mit den Excentricitäten des Genies und uns erinnern, daß eben das Feuer und die Begeiſterung des Temperaments, welches den Autor ergötzlich macht, den Mann oft in die Quere führt.“ „Einen Fidelbogen um Leute von Genie!“ rief War⸗ rington, der über einige Punkte ein ſehr ſtrenger Mo⸗ raliſt war, obgleich möglicher Weiſe ein ſehr ſchlechter Vollbringer. „Ich läugne, daß es ſo viele Genies gibt als Leute, welche das Schickſal der Literaten bejammern, be⸗ haupten, daß es gebe. Es gibt tauſend verſtändige Burſche in der Welt, welche, wenn Sie wollen, Verſe drechſeln, Artikel ſchreiben, Bücher leſen und ein Ur⸗ theil darüber abgeben können. Die Sprache der Kri⸗ tiker und Schriftſteller von Profeſſion iſt um keinen Deut glänzender, tiefer oder unterhaltender, als von jeder andern Geſellſchaft der gebildeten Welt. Wenn 195 ein Rechtskundiger oder ein Soldat ſein Einfommen überſteigt und ſeine Rechnungen nicht bezahlt, ſo muß er ins Gefängniß wandern und auch mit einem Schrift⸗ ſteller macht man nicht mehr Umſtände. Wenn ſich ein Schriftſteller beſauft, ſehe ich nicht ein, warum er am andern Morgen nicht Kopfweh haben ſollte — wenn er einen Rock beſtellt, warum er nicht dafür zahlen ſollte.“ „Ich würde ihm mehr Geld geben, um Röcke zu kaufen,“ ſagte Pen lächelnd. „Ich vermuthe, ich würde gerne zu der Profeſſivn der Wohlgekleideten gehören. Ich proteſtire gegen jenen unglücklichen Vermittler, den ich zwiſchen dem Genie und ſeinem großen Grund⸗ herrn, dem Publikum, ſehe, und der mehr denn die Hälfte von des Arbeiters Verdienſt und Ruf zu ärn⸗ ten pflegt.“ „Ich bin ein Proſa⸗Arbeiter, ſagte Warrington; „Sie, mein Junge, ſind ſo etwas von einem Dichter und ſo glauben Sie vielleicht, Sie dürfen oben hinaus. Was brauchen Sie? Brauchen Sie nicht eine Schaar Kapitaliſten, die gezwungen werden ſollen, die Werfe aller Autoren zu kaufen, welche ſich ihnen, das Manuſ⸗ kript in der Hand, vorſiellen? Jeder, der ſein Helden⸗ gedicht ſchreibt, jeder Faſelhans, der buchſtabiren kann, oder nicht kann, und ſeine Novelle oder ſein Trauer⸗ ſpiel hervorzieht, ſollen ſie Alle fommen und einen Beutel mit Sovereigns für ihre werthvollen Rieſe Papier finden? Wer ſoll feſtſetzen, was gut oder ſchlecht, ver⸗ käuflich oder nicht verkäuflich iſt? Wollen Sie dem Käufer erlauben, zu kaufen oder nicht zu kaufen? Ei, Sir, wenn Johnſon hinter dem Schrein zu St. John ſaß und ſein Diner beſonders nahm, weil er zu lumpig und armwar, um mit den literariſchen Perücken⸗ ſtöcken zuſammenzukommen, die ſich um Mr. Cave's beſtes Tiſchtuch gütlich thaten, ſo that dieſer darum nicht un⸗ recht. Du kannſt dem Verleger nicht zumuthen, daß er das Genie in dem jungen Manne erfennt, der ſich ihm zer⸗ 196 lumpt, dürr und hungrig vorſtellte. Lumpen ſind noch nicht der Beweis des Genie's; wogegen das Kapital vollkommen iſt, den Preis diktirt und das Recht hat, mit dem literariſchen Erfinder wie mit einem andern umzuſpringen; — wenn ich was Neues in dem Buch⸗ handel producire, ſo muß ich es, ſo gut ich kann, an den Mann bringen; aber ich kann Mr. Murray nicht mehr zwingen, meine Reiſebeſchreibungen oder meine Predigten zu kaufen, als ich Mr. Tatterſall nöthigen kann, mir hundert Guineen für mein Pferd zu geben. Ich kann meine eigenen Gedanken über den Werth meines Pegaſus haben und ihn für das wun⸗ dervollſte Thier auf der Welt halten; aber der Käufer hat auch ein Recht auf ſeine eigene Meinung und braucht vielleicht ein Frauenpferdchen oder einen Hengſt für einen ſchweren und furchtſamen Reiter oder einen geſunden Haudergaul auf die Straße, und meine Beſtie paßt nicht in ſeinen Kram.“ „Sie gefallen ſich in Metaphern, Warrington,“ ſagte Pen; „aber Sie haben Recht, daß Sie ganz pro⸗ ſaiſch ſind. Armer Shandon! Es liegt Etwas in der Freund⸗ lichkeit dieſes Mannes und in der Sanftmuth des lieb⸗ lichen Geſchöpfes von Weib, das mich im Innerſten ergreift. Ich fürchte, ich liebe ihn mehr als einen beſſern Mann.“ „Und ſo auch ich,“ ſagte Warrington. „Geben wir ihm das Benefiz unſerer Theilnahme und des Mitleids, das man ſeiner Schwäche ſchuldig iſt; ob⸗ gleich ich fürchte, daß dieſe Art von Güte von einem höheren Charakter als Verachtung empfunden würde. Sie ſehen, er nimmt ſeinen Troſt mit ſeinem Mißgeſchicke hin und Eines erzeugt das Andere, oder wiegt es auf. Er iſt ein Gefangener, aber er iſt nicht unglücklich.“ „Sein Genius fingt innerhalb der Kerkerriegel,“ ſprach Pen. „Ja,“ bemerkte Warrington bitter; „Shandon fin⸗ det ſich in ſeinen Käſig ziemlich gut. Er ſollte ſich un⸗ 197 glücklich fühlen, aber er hat Jack und Tom, mit ihm zu trinken, und das tröſtet ihn. Er möchte vielleicht für Weib und Kinder ſorgen; aber Thomas und John haben eine Flaſche Branntwein gekriegt, welche ſie ihn koſten laſſen; er könnte dem armen Snip, dem Schnei⸗ der, die zwanzig Pfund bezahlen, welche der arme Teu⸗ fel für ſeinen Hausherrn bedarf; aber John und Thomas legen ihre Hände auf ſeine Börſe und ſo trinkt er, während ſein Handwerfsmann in dem Kerker und ſeine Familie zu Grunde geht. Haben wir Mitleid mit dem Unglück des Genie's und verſchwören wir uns gegen die Tyrannen von Verlegern, welche Männer der Wiſſenſchaft unterdrücken.“ „Was! Sie wollen noch ein zweites Glas Schnaps und Waſſer?“ fragte Pen mit humoriſtiſchem Blicke. Obige philoſophiſche Unterhaltung zwiſchen den beiden jungen Männern fand in der Hinterküche ſtatt. Warrington lachte wieder wie gewöhnlich. Video meliora proboque — das heißt: „Bring mir Heißes mit Zucker, John,“ ſagte er zu dem Kellner. „Auch ich wünſche noch mehr zu haben, nur brauch' ich's nicht,“ ſagte Pen. „Es ſcheint mir nicht, Warrington, als ob wir viel beſſer als unſere Nach⸗ barn wären.“ Und als Warrington's letztes Glas abgefertigt war, kehrte das Paar auf ſeine Zimmer zurück. Sie fanden bei ihrer Rückkehr ein Paar Noten in der Briefbüchſe, die von ihrem Bekannten vom Morgen, Mr. Bungah, geſendet worden waren. Der gaſtfreund⸗ liche Gentleman entbot Jedem der Gentlemen ſeine Komplimente, und erſuchte ſie um das Vergnügen ihrer Geſellſchaft zu einem Diner an einem der nächſten Tage, um dort ein paar literariſche Freunde zu treffen. „Wir haben da eine grandioſe Muſterkarte,“ ſagte Warrington, „und werden Bungay's ganzes Corps bei⸗ ſammenfinden.“ „Alle, außer dem armen Shandon,“ ſagte Pen, 198 indem er ſeinem Freunde eine gute Nacht nickte und in ſein kleines Zimmer abtrat. Die Ereigniſſe und Bekanntſchaften des Tages hatten ihn ziemlich aufgeregt. Er wachte eine Zeit lang und dachte darüber nach, als Warringtons kräfti⸗ ges und regelmäßiges Schnarchen aus dem benachbarten Zimmer ihm verkündete, daß dieſer Gentleman in einen tiefen Schlummer übergegangen war. „Iſt es wahr,“ dachte Pendennis in ſeinem Bette liegend und das glänzende Mondlicht beſchauend, welches eine Ecke ſeines Toilettiſches und den Rahmen einer kleinen, von Laura gefertigten Skizze von Fairvafs be⸗ ſchien, die über ſeiner Kommode hing — „iſt es wahr, daß ich jetzt endlich mein Brod und zwar mit meiner Feder verdiene, daß ich die theure Mutter nicht länger ihrer Mittel beraube, und daß ich vielleicht Namen und Ruf in der Welt gewinne? Dieſe ſind willkom⸗ men, wenn ſie anrücken,“ dachte der junge Viſionär, lachend und vor ſich ſelbſt erröthend, obgleich allein und in der Nacht, wenn er bedachte, wie willkommen ihm Ehre und Ruf ſein würden, wenn ſie ſein werden könn⸗ ten. „Wenn das Glück mich begünſtigt, ſo lob ich es, iſt es mir zuwider, ergeb' ich mich darein; gebe Gott, daß ich ehrlich bleibe, mag es mir fehlen, oder gelin⸗ gen. Gebe Gott, daß ich die Wahrheit ſage, ſo weit ich ſie einſehe, daß ich nicht durch Schmeichelei, In⸗ tereſſe, perſönliche Feindſchaft oder Parteivorurtheil abirre. Theuerſte, alte Mutter, wie ſtolz wirſt Du ſein, wenn ich etwas thun kann, das unſres Namens würdig iſt, und Du, Laura, wirſt mich nicht verachten als den werthloſen Müßiggänger und Verſchwender, wenn Du ſiehſt, daß ich — wenn ich vollendet habe — pah! was für ein Eiſenfreſſer ich bin, weil ich durch meine Ge⸗ dichte fünf Pfund gewonnen und engagirt bin, ein halb Dutzend Artikel in eine Zeitung zu ſchreiben;“ er fuhr mit dieſen Gedanken fort, glücklicher, hoffnungsvoller und demüthiger geſtimmt, als er ſeit vielen Tagen ge⸗ 199 weſen, er überdachte die Verirrungen, den Müßiggang, die Leidenſchaften, Ausſchweifungen, verunglückten Er⸗ wartungen ſeiner launiſchen Jugend, er riß das Fenſter auf und ſtarrte hinaus in die Racht und dann ging er auf einen Impuls, der, wie wir hoffen, ein guter war, hinauf und küßte das Gemälde von Fairvaks, warf ſich an dem Bette nieder auf ſeine Kniee, blieb in dieſer Atitude der Hoffnung und Unterwerfung einige Zeit. Als er ſich erhob, geſchah es mit thränenden Augen. Er hatte gefunden wie er mechaniſch einige wenige Worte wiederholte, welche er als Kind an ſeiner Mut⸗ ter Seite zu wiederholen gewohnt war, warauf ſie ihn ſanft an ſein Bett zu nehmen und die Vorhänge um ihn zu ſchließen pflegte und ihm ihren mütterlichen Se⸗ gen gab. Am nächſten Morgen brachte ihr Diener Mr. Pidgeon einen großen braunen Papierumſchlag an G. Warrington Eſq. adreffirt, mit Mr. Trotter's Compli⸗ menten und einer Note, welche Warrington las. „Pen, Sie Bettler,“ rief Warrington Pen zu, der in ſeinem eigenen Zimmer war. „Hullo,“ reſpondirte Pen. „Kommen Sie her, man fragt nach Ihnen,“ rief der Andere, und Pen kam heraus, „was gibt es,“ fragte er. „Faß!“ rief Warrington und warf das Paket Pen an den Kopf, der niedergeworfen worden wäre, hätte er es nicht aufgefangen. „Es ſind Bücher zu kritiſiren für die Pall Mall Gazette, auf ſie!“ ſagte Warrington. Pen war ſein Lebtag noch nicht ſo vergnügt geweſen, ſeine Hand zit⸗ terte, als er die Schnur des Pakets aufſchnitt und be⸗ ſchaute in einer hübſchen Reihe neuer Calico⸗Einbände Reiſen, Novellen und Gedichte. „Schließ die Thür, Pidgeon,“ rief er, „ich bin heute für Niemanden zu Haus,“ dann warf er ſich in ſeinen 200 Armſtuhl und gönnte ſich kaum Zeit, ſeinen Thee zu trinken, ſo eifrig war er, ſeine Lektüre und ſeine Kritik zu beginnen. Zwölftes Rupitel, in welchem die Geſchichte immer noch in der Fleet Street verweilt. Kapitän Shandon hatte, gedrängt von ſeinem Weibe, das ſich ſelten in Geſchäftsſachen einmiſchte, ſtipulirt, daß John Finucane Eſq. vom obern Tempel als Unterredakteur der neuen Pall Mall Gazette be⸗ ſtellt werden ſollte, und dieſer Poſten wurde demgemäß von dem geiſtreichen Eigenthümer des Journals Mr. Finucane übertragen. In der That, er verdiente jede Freundlichkeit von Seiten Shandons für die treue An⸗ hänglichkeit an den Kapitän und ſeine Familie und war ſo eifrig bemüht, ihm einen Dienſt zu erweiſen. In Finucane's Zimmern pflegte Shandon ſich zu verbergen, wenn Gefahr war und die Bailiffs ihn bedrohten, bis endlich ſein Verſteck bekannt wurde und des Sheriffs Beamte an Finucane's Treppe ſo regelmäßig den Kapi⸗ tän erwarteten, wie an ſeiner eigenen Thür. In Finu⸗ cane's Zimmer kam die arme Mrs. Shandon oft und viel, um ihre Bedrängniß und ihren Kummer zu kla⸗ gen und Mittel der Rettung für ihren angebeteten Ka⸗ pitän zu berathen. Manches Mahl verſchaffte Finucane ihr und dem Kinde daſelbſt, es war eine Ehre für ſeine beſcheidenen Räume, von einer ſolchen Lady heimgeſucht zu werden, und wenn ſie, mit ihrem Schleier vor dem — 201 Geſicht, das Treppenhaus hinab ging, pflegte Fin, auf das Geländer gelehnt, ihr nachzuſchauen, um zu fehen, ob ſie nicht ein Liebesritter vom Tempel unterwegs überfalle. Vielleicht hegte er die Hoffnung, daß ein Böſewicht verſucht würde, ihr aufzulauern, ſo daß er, Fin, das Vergnügen haben könnte, zu ihrer Rettung herbeizueilen und dem Schufte den Hals zu brechen. Es gewährte Mrs. Shandon ein aufrichtiges Vergnü⸗ gen, als die Anorbnungen getroffen waren, durch welche ihr freundlicher, ehrlicher Kämpe zum Adjutanten ihres Mannes bei dem Zeitungsblatte beſtellt wurde. Er pflegte bei Mrs. Shandon ſo lange zu ſitzen, als die Gefängnißſtunden erlaubten, und war manch⸗ mal Zeuge geweſen, wie die kleine Mary, welche eine Krippe in dem Zimmer einnahm,“ zu Bette gebracht wurde, und zu ihren Abendgebeten, daß Gott Papa ſegnen möchte, hatte Finucane, obgleich ſeines Theils der römiſchen Kirche zugehörig, mit vieler Sympathie ſein Amen geſagt — aber er war zu Mr. Bungay, in Bezug auf die Zeitungsangelegenheiten, die ſie über einem ruhigen Diner erörtern wollten, eingeladen. So ging er denn um ſechs Uhr von Mrs. Shandon weg, machte aber am nächſten Morgen in dem Fleet Priſon ſeine gewohnte Aufwartung, nachdem er ſich in ſeinen beſten Anzug und Putz geworfen, der, obgleich wohl⸗ feil in Bezug auf die Koſten, nach Farbe und Erſchei⸗ nung ſehr brilliant war, und hatte in ſeiner Taſche vier Pfund zwei Shillinge, den Betrag ſeines Wochenge⸗ halts bei dem Tagblatt, minus zwei Shillinge, die er auf dem Weg nach dem Gefängniß für ein paar Hand⸗ ſchuhe ausgelegt hatte. Er hatte mit Mr. Bungay, und Mr. Trotter, Bungay's Korrektor und Geſchäftsführer für das Lite⸗ rariſche, Tags zuvor in Dick's Kaffeehaus, wie erſterer Gentleman ſich ausdrückte, ſeine Hammelskeule ge⸗ ſchnitten, und war ganz in ſeine Anſichten, in Bezug auf die Führung der Pall Mall Gazette, eingegangen. Er 202 hatte meiſterhaft nachgewieſen, wie der Unterredakteur die Zeitung einzurichten hätte, welche Typen die ver⸗ ſchiedenen Artikel erhalten, wer die Märkte, wer den Torf und Ring, wer über die Kirche, wer über den faſhionabeln Schnick⸗Schnack berichten ſollte; er war mit Gentlemen bekannt, welche dieſe verſchiedenen Zweige kultivirten und dem Publikum mittheilten — kurz, Jack Finucane war, wie Shandon von ihm ſagte und er ſelbſt ſtolz von ſich eingeſtand, einer der beſten Unterredakteure einer Zeitung in London, er wußte das wöchentliche Einkommen von Jedem, der mit der Preſſe in Verbin⸗ dung ſtand, und wußte tauſend Kniffe oder ſinnreiche ökonvmiſche Pfiffe, durch welche für geiſtreiche Kapita⸗ liſten, welche eine Zeitung aufthun wollten, Geld er⸗ ſpart werden konnte, er blendete und myſtifizirte zugleich Mr. Bungay, der langſam begriff, durch die Schnellig⸗ keit der Berechnungen, die er zu Papier brachte, wäh⸗ rend ſie in dem Verſchlag ſaßen, und Bungay geſtand nachmals ſeinem Unterfeldherrn Mr. Trotter, daß der Irländer ein geſcheider Burſche zu ſein ſcheine. Und nun, nachdem er dieſen Eindruck auf Mr. Bun⸗ gay gemacht, ſteuerte der getreue Burſche auf den Punkt los, der ihm ſehr nahe am Herzen lag, nämlich die Befreiung ſeines bewunderten Freundes und Häuptlings, Kapitän Shandon, aus dem Gefängniß. Er wußte bis auf den Shilling den Betrag der Forderungen an den Kapitän, die in der Porters Lodge in der Fleet nieder⸗ gelegt waren, und in der That behauptete er, alle ſeine Schulden zu kennen, obgleich dieß unmöglich war, da ſie Niemand in England, am wenigſten der Kapitän ſelbſt, alle kannte. Er ſtellte vor, was Shandon's Ver⸗ bindlichkeiten wären und wie viel beſſer er arbeiten würde, wenn er nicht mehr eingeſperrt wäre; (dieß verneinte Mr. Bungay, denn, „wenn der Kapitän hinter Thür und Riegel iſt,“ ſagte er, „ſo ſind wir gewiß, ihn daheim zu finden, wogegen Sie, wenn er frei iſt, ihn nirgend erhaſchen können“); ſchließlich bearbeitete — ———————— 203 er durch die Schilderung, wie Mrs. Shandon in dem Gefängniß verſchmachte und das Kind dahin ſieche, Mr. Bungay's Gefühle bergeſtalt, daß der Verleger dahin gebracht wurde, zu verſprechen, daß er, wenn Mrs. Shan⸗ don am nächſten Morgen zu ihm komme, ſehen wollte, was ſich thun laſſe. Die Beſprechung endigte dießmal mit einer zweiten Salve Branntwein und Waſſer. Ob⸗ gleich Finurane, der vier Guineen in der Taſche hatte, die Schenkrechnung mit Vergnügen entrichtet hätte, ſagte Bungay: „nehmen, Sir — das iſt meine Sache, wenn Sie erlauben. James, nehmen Sie die Rechnung und achtzehn Pence für Sie ſelbſt,“ und damit händigte er dem Kellner die nöthigen Fonds ein. So geſchah es, daß Finucane, der nach dem Diner bei Dick's in dem Tempel zu Bette ging, wirklich am Samſtag Morgen ſeinen Wochengehalt unberührt in der Taſche fand. Er gab Mrs. Shandon einen ſo freudigen Wink, daß das gute Geſchöpf wußte, daß gute Neuigkeiten für ſie zu erheben ſeien, und ſie eilte nach ihrem Hut und Shawl, als Fin fragte, ob er die Ehre haben dürfe, ſie auf einen Spaziergang zu begleiten und ſie ein wenig in die friſche Luft zu führen. Die kleine Mary hüpfte vor Freude über den Gedanken an einen Feſttag, denn Finu⸗ cane vernachläßigte nie, ihr etwas zum Spielen zu ge⸗ ben, oder ſie wohin zu nehmen, wo etwas zu ſehen war, und brachte illuſtrirte Zeitungsannoncen für alle Arten von Londoner Unterhaltungen in ſeiner Taſche mit, um das Kind zu kurzweilen, und hätte freudig ſein ruheloſes Gehirn für ſie verſpritzt, um ihnen, oder ſeinem ange⸗ beteten Kapitän, einen Dienſt zu erweiſen. „Kann ich gehen, Charley? oder ſoll ich bei Dir bleiben, denn Du biſt dieſen Morgen nicht wohl auf, mein Lieber? Er hat das Kopfweh bekommen, Mr⸗ Finucane. Er leidet oft an Kopfweh, und ich redete ihm zu, im Bette zu bleiben,“ ſagte Mrs. Shandon. „Pack Dich fort mit Polly. Jack, nimm Dich ihrer an. Gib mir Burton's Anatomie herüber und ü berlaß 204 mich meinen vertrakten Planen,“ ſagte Shandon in voll⸗ kommen guter Laune. Er ſchrieb und nahm nicht ſel⸗ ten ſeine griechiſchen und lateiniſchen Citationen (von denen er als Publiciſt geeigneten Gebrauch zu machen wußte) aus dieſem wundervollen Repertorium der Ge⸗ lehrſamkeit. So gab denn Fin Mrs. Shandon ſeinen Arm, und Mary hüpfte die Gänge des Gefängniſſes hinab und durch das Thor in die freie Luft. Von Fleet Street nach Paternoſter Row iſt es nicht ſehr weit. Als die drei Mr. Bungay's Laden erreichten, trat Mrs. Bungay gleichfalls in die Thür zu ihrer Privatwohnung, indem ſie ein Fetzchen Papier und ein in Roth gebundenes Manuſkript hielt, das ihre Ver⸗ handlungen mit dem Fleiſcher auf dem benachbarten Markte enthielt. Mrs. Bungay trug ein glänzendes ſeidenes Kleid, das von Roth und Purpur flammte; ſie trug einen gelben Shawl und hatte rothe Blumen inner⸗ halb ihres Huts und einen glänzenden hellblauen Son⸗ nenſchirm. Mrs. Shandon war in einen alten, ſchwar⸗ zen, gewäſſerten Seidezeug gekleidet; ihr Hut hatte nie ſehr glänzende Tage des Glücks geſehen, ſo wenig, als ſeine Beſitzerin; aber ſie konnte nicht helfen, ſie ſah wie eine Lady aus, wie auch ihr Anzug war. Die zwei Frauen beknirten einander, jede in ihrer Art. „Ich hoffe, Sie befinden ſich wohl, Mum?“ fragte Mrs. Bungay. „Es iſt ein ſehr ſchöner Tag,“ meinte Mrs. Shandon. „Wollen Sie nicht eintreten, Mum?“ ſagte Mrs. Bungay, indem ſie das Kind ſo ſcharf anſah, daß ſie es beinah' fürchtig machte. „Ich — ich ſollte ein Geſchäft mit Mr. Bungay abmachen — ich — ich hoffe, er befindet ſich wohl?“ ſagte furchtſam Mrs. Shandon. „Wenn Sie zu ihm auf's Comptoir gehen, könn⸗ ten Sie — könnten Sie nicht Ihr kleines Mädel bei mir laſſen?“ ſagte Mrs. Bungay in tiefem Ton und 205 mit tragiſchem Blick, indem Sie dem Kinde einen Fin⸗ ger darhielt. „Ich will bei Mama bleiben,“ rief die kleine Mary, indem ſie ihr Geſicht in ihrer Mutter Kleid vergrub. „Geh mit dieſer Lady, Mary, meine Liebe,“ ſagte die Mutter. „Ich will Dir hübſche Bilder zeigen,“ ſprach Mrs. Bungay mit der Stimme einer Währwölfin, „und noch andere niedliche Sächelchen; da ſieh her“ — damit öffnete Mrs. Bungay ein braunes Papier, das aller⸗ liebſte Zuckerbrödchen enthielt, wie ihr Bungay ſie nach dem Weine liebte. Die kleine Mary folgte dieſem An⸗ ziehungspunkte, und die ganze Geſellſchaft betrat den Eingang zu der Privatwohnung, von welcher eine Sei⸗ tenthür in Mr. Bungah's Geſchäftszimmer führte. Als jedoch hier das Kind von ſeiner Mutter ſich trennen ſollte, verließ es der Muth und es eilte wieder auf die Mutter zu, worauf die gute, freundliche Mrs. Shandon, als ſie den Blick getäuſchter Erwartung in Mrs. Bungay's Miene ſah, gutmüthig ſagte: „Wenn Sie mir erlauben, ſo komme ich auch hinauf und ſetze mich ein paar Minuten,“ und ſo begaben ſie ſich zu dreien die Treppen hinauf. Ein zweites Zuckerbrod wirkte auf die kleine Mary zauberhaft, ſie gewann vol⸗ les Vertrauen und in ein paar Minuten wagte ſie ohne den geringſten Rückhalt zu ſprechen. Der treue Finucane fand mittler Weile Mr. Bun⸗ gah in einer ernſtern Stimmung, als Nachts zuvor, wo zwei Drittel einer Flaſche Portwein und zwei ſtatt⸗ liche Gläſer Brandy und Waſſer ſein Gemüth erwärmt und begeiſtert und in ſeinen Verſprechungen für Kapi⸗ tän Shandon zum Edelmuth geſtimmt hatten. Sie hatte Befehl gegeben, daß er dem Kapitän keinerlei Vorſchub thun ſollte, er wäre ein Taugenichts, dem Geld nicht helfen könnte. Sie mißbilligte ſeinen Plan mit der Pall Mall Gazette und erwartete, daß Vungay 206 nur ſein Geld dabei verliere, wie ſie über der Straße drüben (ſie nannte ihres Bruders Etabliſſement immer nur „über der Straße“) an dem Whithall-Jour⸗ nal“ verlören. „Laß Shandon in ſeinem Gefängniß und dort arbeiten; er war dort am beſten aufgehoben.“ Umſonſt plädirte, verſprach und flehte Finucane, denn ſein Freund Bungay hatte am Morgen eine volle Stunde Lektion gehabt und war unerbittlich. Aber was der ehrliche Jack unten im Comptvir nicht ausrichtete, das bewirkten die hübſchen Geſichter und die artigen Manieren der Mutter mit dem Kinde im Geſellſchaftszimmer, wo ſie die trotzige, aber in Wirk⸗ lichkeit ſanfte Mrs. Bungah erweichten. Es lag eine kunſtloſe Lieblichkeit in Mrs. Shandons Stimme und eine gewinnende Freimüthigkeitin ihrem Benehmen, welche die meiſten Leute für ſie ſtimmten und ihr Mitleid er⸗ regten. Ermuthigt durch die rauhe Freundlichkeit, wo⸗ mit die Hauswirthin ſie empfing, erzählte die Lady des Kapitäns ihre Geſchichte, ſchilderte ihres Mannes Güte und Tugenden und ihres Kindes ſchwindende Geſund⸗ heit (ſie war, wie ſie ſagte, genöthigt, ſich von zweien ihrer Kinder zu trennen und ſie in die Schule zu ſchicken, denn ſie hätte ſie nicht an dieſem entſetzlichen Platze behalten können) — ſo daß Mrs. Bungay, ob⸗ gleich ſo grimmig, als Lady Macbeth, unter dem Ein⸗ ſluß der einfachen Erzählung ſchmolz und ſagte, ſie wollte hinabgehen und mit Bungay ſprechen. Nun hieß aber in dieſem Haushalte bei Mrs. Bungay ſprechen ſoviel, als befehlen, und bei Bungay hören ſoviel, als gehorchen. Eben war der arme Finucane in Verzweiflung über ſeine Unterhandlung, da ließ ſich die majeſtätiſche Mrs. Bungay zu ihrem Gatten herab, erſuchte Mr. Finucane höflich, zu ſeinen Freunden in das Geſellſchaftszimmer hinaufzugehen, während ſie eine Unterhaltung von eini⸗ gen Minuten mit Mr. Bungay pflege, und während das Paar allein war, machte des Verlegers beſſre Hälfte 207 ihn mit ihren Abſichten zu Gunſten der Lady des Ka⸗ pitäns bekannt. „Wie geht der Wind jetzt, meine Theure?“ fragte der Mäcenas, über den veränderten Ton ſeines Weibes erſtaunt. „Du wollteſt dieſen Morgen Nichts davon hören, daß ich Etwas ſür den Kapitän thue: es wun⸗ dert mich, was Dich ſo umgeſtimmt hat.“ „Der Kapting iſt ein Irländer,“ verſetzte Mrs. Bungay, „und ich hab' Dir immer geſagt, daß ich die Irländer nicht leiden kann, aber ſein Weib iſt eine Lady, wie Jedermann ſehen kann, und eine gute Frau und die Tochter eines Geiſtlichen und eine Weſtengländerin, Vungay, was ich auch bin von meiner Mutter Seite her — und, o, Marmaduke! haſt Du nicht ihr kleines Mädchen geſehen?“ „Ja, Mrs. Bungay, ich ſah das Mädchen.“ „Und haſt Du nicht geſehen, wie viel es unſrem Engel Beſſy gleicht, Mr. Bungay?“ — und Mrs. Bun⸗ gay's Gedanken flogen in eine Zeit vor achtzehn Jah⸗ ren zurück, wo Bacon und Bungay eben als kleine Buchhändler in einer Landſtadt ſich aufgethan hatten, und wo ſie ein Kind mit Namen Beſſy gehabt, das der kleinen Mary, die ſo eben ihr Mitleid erregt hatte, etwas gleich ſah. „Gut, gut, meine Theure,“ ſagte Mr. Bungay, als er ſah, daß die kleinen Augen ſeines Weibes blinz⸗ ten und roth wurden; „der Kapitän iſt für nicht viel drinn, 's ſind nur hundert und dreißig Pfund gegen ihn eingeklagt. Die Hälfte des Geldes bringt ihn aus der Fleet,“ ſagte Finucane, „und wir wollen ihm halben Gehalt zahlen, bis die Rechnung quitt iſt. Als die Kleine ſagte: „Warum bringſt Du nicht Par *) aus dem pien?“ fühlte ich es, Elifabeth, auf meiné Ehre, ich fühlte es,“ und das Ende ihrer Beſprechung war, daß Mr. und Mrs. Bungay beide ſich in das Geſellſchafts⸗ — * Par gemein ſür Pa, Papa. pien für prison, Gefängniß. 208 zimmer hinaufbegaben und Mr. Bungay in einer ſchwer⸗ fälligen und plumpen Anrede der Mrs. Shandon an⸗ kündigte, daß, da er hörte, daß fünf und ſechzig Pfund ihren Gatten frei machen würden, er bereit ſei, dieſe Summe vorzuſtrecken, indem er ſie von des Kapitäns Gehalt abziehe, und daß er es ihr unter der Bedingung geben wollte, daß ſie ſelbſt perſönlich in Betreff der Be⸗ freiung ihres Mannes mit den Gläubigern ſich in's Reine ſetze. Ich glaube, dieß war der glücklichſte Tag, den Mrs. Shandon und Mr. Finucane ſeit langer Zeit hat⸗ ten. „Ich will des Teufels ſein, Bungay, Sie find ein Staatskerl!“ brüllte Fin im Uebermaß der Freude. „Geben Sie uns die Hand, alter Junge, und wenn wir nicht die „Pall Mall Gazette“ auf Zehntauſend die Woche bringen, ſo will ich Alles heißen!“ Und er ſprang im Zimmer umher, und warf die kleine Mary unter hundert verrückten Gaukeleien in die Höhe. „Wenn ich Sie, Mrs. Shandon, in meinem Wa⸗ gen wohin führen kann — ſo ſteht es ganz zu ihren Dienſten,“ ſagte Mrs. Bungay, indem ſie auf das ein⸗ ſpännige Gefährt hinausſah, das eben angefahren kam, und auf das ſich dieſe Lady piel zu Gute that — und die beiden Ladies fuhren, mit der kleinen Mary zwiſchen ihnen (deren Händchen die Gattin des Mäcenas in ihrer großen Pratze feſthielt), mit dem entzückten Mr. Finucane auf dem Rückſitze, von der Paternoſter Row ab, während die Eigenthümerin des Gefährtes verächt⸗ liche Blicke nach Bacon's Fenſter gegenüber warf. „Es wird dem Kapitän nicht von Nutzen ſein,“ dachte Bungay, als er zu ſeinem Pult und zu ſeinen Rechnungen zurückkehrte, „aber MWrs. Bungah kommt alle Mal vom Verſtanb, wenn ſie an ihr Unglück denkt. Das Kind wäre geſtern mündig geworden, wenn es noch am Leben wäre. Beſſy ſagte mir ſo.“ Er wun⸗ derte ſich, wie die Weiber doch an Alles denken mögen⸗ 209 Wir ſind ſo glücklich, berichten zu können, daß Mrs. Shandon mit ſehr gutem Erfolg ihre Runde machte. Sie, welche Gläubiger zu erweichen hatte, während ſie gar kein Geld und nur Thränen und Bitten zur Be⸗ ſänftigung hatte, fand es nicht ſchwer, ſie durch eine Beſtechung von zehn Shillingen am Pfund zu beſchwich⸗ tigen; und der nächſte Sonntag war der letzte, für einige Zeit wenigſtens, welchen der Kapitän im Ge⸗ fängniß zubrachte. Preizehntes Rapitel. Ein Diner in der Row. An dem feſtgeſetzten Tage erſchienen unſere zwei Freunde vor Mr. Bungay's Thür in der Paternoſter Now nicht an dem öffentlichen Eingang, durch den des Buchhändlers Jungen mit ihren Säcken, voll von Bun⸗ gay's Werken, herauskamen, und welche furchtſame Aſpi⸗ ranten mit ihren jungfräulichen Manuſkripten, die ſie bereit waren, an den Sultan Bungay abzugeben, z5. gernd umſchwebten, ſondern an der Thür in die Privat⸗ wohnung, aus der die glänzende Mrs. Bungay hervor⸗ zukommen pflegte, um in ihre Chaiſe zu ſteigen und davon zu fahren, indem ſie ſich auf dem Kiſſen zu Recht ſetzte und Blicke der Ausforderung an Mrs. Bacon's Fenſter gegenüber warf, an Mrs. Bacon's, welche noch nicht in der eigenen Chaiſe fahren konnte. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte Mrs. Bacon, wenn ſie über den Glanz ihrer Schwägerin ſehr in Pendennis. I. 14 2¹⁰ Zorn gerieth, das Schiebfenſter in ihrem Geſellſchafts⸗ zimmer aufzureißen und mit ihren vier Kindern nach der Chaiſe hinauszuſehen, als wollte ſie ſagen; „Da ſieh her auf dieſe vier Lieblinge, Flora Bungay! Das iſt der Grund, warum ich nicht in meinem eigenen Wa⸗ gen fahre. Du würdeſt eine Kutſche mit vier Pferden darum geben, wenn Du denſelben Grund hätteſt.“ Und dieſe Pfeile ſchoß Emma Bacon auf Flora Bungay, wie ſie neidiſch und kinderlos in ihrem Wagen ſaß. Als Pen und Warrington an Bungay's Thor ka⸗ men, fuhren ein Wagen und ein Cab vor Bacon's an. Der alte Doktor Slocum ſtieg ſchwerfällig aus dem er⸗ ſten. Des Doktors Equipage war ſo gewichtig, als ſein Stil, aber beide hatten einen hübſchen ſonoren Effekt auf die Verleger in der Row. Ein paar blendend weiße Weſten ſtiegen aus dem Cab. Warrington lachte. „Sie ſehen, Bacon hat auch ſeine Tiſchgeſellſchaft. Das iſt Doktor Slocum, der Verfaſſer der Memoiren der Giftmiſcher! Sie hätten kaum unſern Freund Hoolan in jener galanten weißen Weſte erkannt. Doolan iſt einer von Bungay's Leuten, und meiner Treu, hier kommt er.“ In der That waren Meſſieurs Hoolan und Doolan vom Strande in dem⸗ ſelben Cabrivlet gekommen und hatten unterwegs dar⸗ um geloost, wer den Shilling bezahlen ſollte; und Mr. Doolan ſchritt herüber von der andern Seite des Weges in Schwarz gekleidet mit einem ſtattlichen Paar weißer Handſchuhe, welche ſich über ſeine Hände aus⸗ breiteten und die der Eigenthümer nicht umhin konnte, mit Wohlgefallen zu betrachten. . Der Pförtner in einem Abendrock (Frack) und Gentle⸗ men mit Handſchuhen, ſo ſtattlich als Doolan's, aber von dem berühmten Berliner Geweb, ſtanden am Eingang von Mr. Bungay's Haus, um der Gäſte Hüte und Röcke in Empfang zu nehmen und ihre Namen die Treppe hinaufzurufen. Einige der letztern waren angekommen, als die drei neuen Gäſte auftauchten; aber blos Mrs. 2¹1 Bungah in rothem Satin und einem Turban hatte ihr eigenes bezauberndes Geſchlecht zu vertreten. Sie machte jedem neuen Ankömmling, wie er in das Ge⸗ ſellſchaftszimmer trat, ihre Knire, aber ihr Geiſt war offenbar durch auswärts ſtrebende Gedanken in Anſpruch genommen. Thatſache iſt, daß Mrs. Bacon's Diner⸗ varthie ihr ſtörend war, und ſobald ſie jedes Indivi⸗ duum ihrer eigenen Geſellſchaft empfangen hatte, flog Flora Bungah an die Vertiefung des Fenſters zurück, von der ſie die Wagen von Emma Bacon's Freunden, wie ſie die Row heraufgeraſſelt kamen, überſchauen konnte. Der Anblick von Doktor Slocum's großem Ge⸗ fährt mit den luſtigen Haudergäulen, ſchmetterte Flora darnieder. Nur haudernde Cabriolets waren heute vor ihrer eigenen Thüre angefahren. Es waren lauter Literaten, obgleich bis jetzt Pen unbekannt. Da war Mr. Bole, der wirkliche Redak⸗ teur des Magazins, deſſen nominelles Haupt Mr. Wagg war, Mr. Trotter, der, nachdem er vor der Welt als Dichter des Trauerſpiels und des Selbſtmords verun⸗ glückt, ſich in einem von Mr. Bungay's hintern Läden als Correktor dieſes Gentlemans niedergelaſſen; und Kapitän Sumph, ein Erſtutzer, der jedoch immer noch das Stadtpflaſter trat und auf eine unbeſtimmte Weiſe mit Literatur und Pairſchaft verwandt war. Man ſagte von ihm, daß er vor Zeiten ein Buch geſchrieben habe, ein Freund Lord Byrons geweſen und mit Lord Sum⸗ phington verwandt ſei; Thatſache war, daß er Anek⸗ doten Byron's zum Beſten gab und ſelten ſprach, ohne den Namen dieſes Dichters oder eines ſeiner Zeitgenoſſen im Munde zu führen, als da war: ich erinnere mich noch, wie der alte Shelley in der Schule heraufgeſchickt wurde nach einer Copie von Verſen, von denen ich jede Strophe geſchrieben hatte, beim Jupiter! vder ich er⸗ innere mich, als ich mit Byron in Miſſolunghi wor und auf Gamba wettete u. ſ. w. Dieſem Gentleman hörte, wie Pen bemerkte, Mrs. Bungay mit großer Aufmerk⸗ 2¹2 5 ſamkeit zu; ſeine Anekdoten von der Ariſtokratie, von ver er ein Mitglied von mittlerem Alter war, entzückten die Lady des Verlegers, und er war in ihren Augen beinahe ein größerer Mann, als ſelbſt Mr. Wagg. Wäre er nur in ſeinem eigenen Wagen angefahren, Mrs. Bungay hätte ihren Bungay vermocht, jedes Werk ſei⸗ ner Feder an ſich zu bringen. Mr. Bungay ging bei ſeinen Gäſten, wie ſie an⸗ kamen, herum und machte die Honneurs ſeines Hauſes mit vieler Herzlichkeit. Wie beſinden Sie ſich, Sir? Schöner Tag, Sir. Freut mich, Sie hier zu ſehen, Sir. Flora, meine Liebe, laß mich die Ehre haben, Mr. Warrington Dir vorzuſtellen. Mr. Warrington, Mrs. Bungay. Mr. Pendennis, Mrs. Bungay. Hoffe, Sie haben guten Appetit mitgebracht, Sir. Sie, Dov⸗ lan, haben, das weiß ich, denn Sie haben immer gehabt bei dem verdammten Twiſt. „Gott im Himmel, Bungay!“ rief Mrs. Bungay⸗ „Meiner Treu, es muß Einer ſchwer zu befriedigen ſein, Bungay, der in dieſem Hauſe kein gutes Diner findet,“ ſagte Doolan und er winkte und ſtreichelte ſeine dürren Kinnbacken mit ſeinen großen Handſchuhen und machte Betheurungen der Freundſchaft der Mrs. Bungay, welche dieſe ehrliche Dame von dem furchtſamen Manne mit Verachtung zurückwies. „Ich kann dieſen Doolan nicht leiden,“ ſagte ſie im Vertrauen zu ihren Freun⸗ den und wirklich, auch alle ſeine Schmeicheleien wollten bei ihr nicht anſchlagen. Während ſie ſo ſprachen, und Mrs. Bungay von ihrem Fenſter aus das Menſchengeſchlecht unten über⸗ ſchaute, erſchien die glänzende Viſion eines ungeheuer großen grauen Cabrioletpferdes und nahte ſich mit Blitzesſchnelle. Ein Paar weißer Zügel, gehalten von kleinen weißen Handſchuhen, wurden dahinter ſichtbar; nein blaſſes Geſicht, aber reichlich geſchmückt mit einem Kinnbuſch, das Haupt eines kleinen Kutſchers, das über die Cabrioletſpitze hervorragte — dieſe glänzenden Ge⸗ — 213 genſtände wurden der entzückten Mrs. Bungay enthüllt. „Ehren Percy Popjoy iſt ſehr pünktlich, das muß ich ſagen,“ ſprach und ſie ſegelte nach der Thür, um die Ankunft des Edelmanns zu erwarten. „Es iſt Percy Popjoy,“ ſprach Pen, aus dem Fen⸗ ſter ſchauend und ein Individuum gewahrend, das in außerordentlich glänzend gewichsten Stiefeln aus dem ſchwunghaften Cabriolet ſtieg, und in der That, es war der junge Edelmann — Lord Falconets älteſter Sohn, wie wir Alle ſehr wohl wiſſen, der gekommen war, um mit dem Verleger zu diniren — ſeinem Ver⸗ leger von der Row. „Er war mein Leibfuchs in Eton,“ ſagte Warring⸗ ton, „hätte ihn noch ein wenig mehr belecken ſollen. Er und Pen hatten in den Orbridger Unionsdebatten einige Lanzen gebrochen, wobei Perch bedeutend den Kürzern zog.“ Er präſentirte ſich alsbald mit ſeinem Hut unter dem Arm und einem Blicke unbeſchreiblich guter Laune und Leerheit in ſeinem runden, mit Grüb⸗ chen verzierten Geſichte, auf welches die Natur ein Kinnbüſchel gepflanzt, aber in dieſer Anſtrengung ſich ſo erſchöpft hatte, daß das übrige Geſicht von allem Haar entblößt war. Der zeitige Kammerdiener brüllte herein: „Ehren Percy Popjoy,“ zum großen Verdruſſe dieſes Gentle⸗ mans, als er ſeinen Titel ankündigen hörte. „Was wollte denn der Mann mir meinen Hut nehmen, Bungay?“ fragte er den Verleger. „Kann nicht ohne meinen Hut auskommen — brauch' ihn, um Mrs. Bungay meine Reverenz zu machen. Wie gut Sie heute ausſehen, Mrs. Bungah! Habe Ihren Wagen nicht in dem Park geſehen: warum find Sie nicht dort geweſen? ich vermißte Sie.“ „Ich fürchte, Sie ſind ein arger Witzbold,“ ſagte Mrs. Bungay. „Witzbold! hab' mein Lebtag keinen Witz gemacht. 2¹4 5 — Hullo, wer iſt da? Wie befinden Sie ſich, Pendennis? Wie geht's, Warrington? Das ſind alte Freunde von mir, Mrs. Bungay, ich frage, wie zum Henker ſind Sie hie⸗ her gekommen?“ fragte er die zwei jungen Männer, indem er ſeine zwei lakirten Ferſen Mrs. Bungay zu⸗ wandte, welche ihres Gatten zwei junge Gäſte reſpek⸗ tirte, nun ſie fand, daß ſie mit dem Sohne eines Lords auf vertrautem Fuße ſtanden. „Was, kennen ſie ihn?“ fragte ſie ſchnell Mr. Bungay. „Vornehme Burſche, ſage ich Dir, — der Jüngere iſt mit dem ganzen Adel verwandt,“ ſagte der Verleger. Und beide rannten vor, lächelnd und ſich verbeugend, ſie als beinahe ſo hohe Perſonen zu grüßen, als der junge Lord war — keine geringern Charaktere in der That, als der große Mr. Wenham und der große Mr. Wagg, welche jetzt angekündigt werden. Wenham trat ein mit ſeinem gewohnten ernſten Blicke und verſtohlnen Lächeln, womit er gemeiniglich die Schnäbel ſeiner hübſchen, glänzenden Stiefelchen überſchaute und das er nur ſelten auf die Perſon über⸗ trug, die ſich an ihn wandte. Wagg's weiße Weſte dagegen, mit verſchwenderiſchem Glanze ausgebreitet, ſein aufgedunſenes, rothes Geſicht überglänzte ſie und war erleuchtet von dem Gedanken an glückliche Scherze und ein gutes Diner, er liebte es, lachend ſein Entrée in ein Geſellſchaftszimmer zu machen, und wenn er Nachts fortging, mit einem Scherze zu ſcheiden, der hin⸗ ter ihm erplodirte. Keine perſönliche Kalamitäten oder Unglücksfälle (von welchen dieſer Humoriſt ſeinen An⸗ theil, gleich wie der unſpaßhafte Theil des Menſchen⸗ geſchlechts erhielt), vermochten ſeinen Humor ganz darnieder zu halten. Was immer ſeine Kümmerniſſe ſein mochten, der Gedanke an ein Diner raffte ſeinen hohen Geiſt wieder auf; und wenn er einen Lord ſah, ſo grüßte er ihn mit einem Schwank. Wenham kam denn mit einem ſchmucken Lächeln — — 215 und Geflüſter auf Mrs. Bungay zu und blickte ſie un⸗ ter ſeinen Augbrauen hervor an und wies ihr die Spitzen ſeiner Shuhe. Wagg ſagte, ſie ſehe bezaubernd aus, und fuhr geradenwegs auf den jungen Edelmann, den er Pop nannte, zu, um ihm alsbald eine ſchnurrige Ge⸗ ſchichte zu erzählen, die mit dem gros sel der Franzo⸗ ſen gewürzt war. Er war gleichfalls entzückt, Pen zu ſehen, drückte ihm die Hand und patſchte ihn kordial auf den Rücken, denn er war voll Geiſtes und guten Hu⸗ mors. Er ſprach mit lauter Stimme von ihrem letzten Rendezvous in Baymouth und fragte, wie ſich ihre Freunde in Clavering Park befänden und ob Sir Francis nicht auf die Saiſon nach London komme, und oh Pen die Lady Rockminſter, welche angekommen ſei, nicht be⸗ ſucht habe — „eine hübſche alte Lady, die Lady Rock⸗ minſter!“ Dieſe Bemerkungen machte Wagg nicht ſo wohl für Pen's Ohr, als zur Erbauung der Geſell⸗ ſchaft, welche ihn freute zu inſtruiren, daß er Gentle⸗ men auf ihren Landſitzen Beſuche abſtatte und in ver⸗ trauten Verhältniſſen mit dem Adel ſtehe. Wenham drückte unſtem jungen Freunde auch die Hand — lauter Auftritte, welche Mrs. Bungay mit reſpekt⸗ vollem Vergnügen bemerkte und nachher ihre Gedanken in Bezug auf Mr. Pendennis' Wichtigkeit Bungay mit⸗ theilte — Gedanken, durch welche Pen viel mehr pro⸗ fitirte, als er ſich einbildete. Nächſtdem erſchien die ge⸗ feierte Miß Bunion. Pen, welcher einige ihrer Werke geleſen und be⸗ wundert hatte, (und in Miß Bunion eine Perſon zu finden erwartete, die in etwas ihrer eigenen Beſchreibung in der Paſſionsblume glich, in welcher ſie berichtete, daß ihre Jugend glich Einem Veilchen, das ſcheu bebet Wenn ſcharf der Märzwind wehet; Der Wildbahn furchtſamem Hirſchkalb, Wo Eichäſte rauſchen grünlich, — 216 und daß ihre reifere Schönheit wenigſtens ſehr verſchie⸗ den von der kunſtloſen Lieblichkeit ihres Frühlings was, doch ausnehmend bezaubernd) erblickte zu ſeinem Er⸗ ſtaunen und ſeiner Kurzweil eine ſtattliche, ſtarkknochige Dame in einem zerkrümpelten Satinanzug, welche mit einem ſchweren Grenadierſchritt in das Zimmer pol⸗ terte. Wagg bemerkte ſogleich das Stroh, das ſie an dem zerkrümpelten Schoße ihres Gewandes herein⸗ brachte und würde ſich gebückt haben, um es aufzupi⸗ cken, aber Miß Bunion entwaffnete alle Kritik damit, daß ſie dieſe Zierde ſelbſt bemerkte und ihren großen Fuß darauf ſetzte, daß ſie es von ihrem Kleide trennte, hielt und das Stroh aufhob, indem ſie zu Mrs. Bun⸗ gay ſagte, daß ſie ſehr bedaure, ein wenig ſpät zu kom⸗ men, daß aber der Omnibus ſehr langſam gefahren, und wie komfortabel die Fahrt von Brompton hieher für ſechs Pence ſei. Niemand lachte über die Rede der Dichterin, ſie war ſo natürlich gehalten, in der That, die würdige Dame ließ ſich nicht im Geringſten ein⸗ fallen, ſich einer Handlung zu ſchämen, die im Gefolge der Armuth iſt. „Sind das Paſſionsblumen ?“ ſagte Pen zu Wen⸗ ham, neben welchem er ſtand. „Ihr Bild in dem Werk⸗ chen ſtellt ſie als eine ſehr gut ausſehende junge Dame dar.“ „Sie wiſſen, daß Paſſionsblumen, wie alle andere, in den Samen ſchießen,“ ſagte Wenham; „Miß Bu⸗ nion's Portrait wurde wahrſcheinlich ſchon vor Jahren gemalt.“ „Gut, ich mag ſie darum leiden, daß ſie ſich ihrer Armuth nicht ſchämt.“ „Auch ich,“ ſagte Mr. Wenham, der lieber geſtor⸗ ben wäre, als zu einem Diner in einem Omnibus zu kommen, „daß ſie das Stroh um ſich her blähen laſſen muß, was meinen Sie, Mr. Pendennis? Meine theüre Miß Bunion, wie befinden Sie ſich? Ich war dieſen Morgen in einer vornehmen Lady Geſellſchaftszimmer 217 nund Jedermann war entzückt über Ihr neues Werk. Die Strophen über die Taufe der Lady Fanny Fantail lockten Thränen in die Augen der Herzogin. Ich ſagte, ich glaube, heute das Vergnügen zu haben, Sie zu treffen, und ſie bat mich, Ihnen zu danken und zu ſa⸗ gen, wie ſehr ſie ſatisfacirt ſei. Dieſe, auf eine holde, einſchmeichelnde Manier er⸗ zählte Geſchichte von einer Herzogin, welche Wenham dieſen Morgen geſprochen hatte, brachte des armen Wagg's Wittwe und Baronet ganz außer Kurs und ſtellte Wenham jals einen Mann der Faſhion über Wagg. Wenham benützte dieſen unſchätzbaren Vortheil, bemächtigte ſich der Unterhaltung und erging ſich in einer Menge Anekdoten aus dem Bereiche der Ariſtokra⸗ tie. Er verſuchte, Mr. Popjoy in die Unterhaltung zu ziehen, indem er an ihn appellirte und ſagte: „Ich ſagte Ihrem Herrn Vater heute morgen,“ oder „ich glaube, Sie waren letzten Abend ind Wagg's Hauſe ge⸗ genwärtig, als der Herzog das und das ſagte;“ aber Mr. Popjoy wollte ihm nicht den Gefallen thun, an der Unterhaltung Theil zu nehmen, und zog es vor, mit Mrs. Bungay in die Fenſtervertiefung ſich zurück⸗ zuziehen und die Cabriolets zu beobachten, die an der Thür gegenüber anfuhren. Endlich, als er nicht ſpre⸗ chen wollte, hoffte die Bewirtherin, daß dieſe verhaßten Bacons wenigſtens ſehen würden, daß ſie den edeln Perey Popjoy für ihre Geſellſchaft gewonnen habe. Aber die Glocke von St. Paul ſchlug jetzt eine halbe Stunde mehr als die Zeit, für welche Mr. Bun⸗ gay ſeine Geſellſchaft eingeladen hatte, und ſie war vollſtändig bis auf zwei Gäſte, welche endlich zum Vor⸗ ſchein kamen, und in denen Pen mit Vergnügen Kapi⸗ tän und Mrs. Shandon erkannte. Als Beide den Herrn und die Frau vom Hauſe begrüßt und mit den meiſten der Anweſenden Winke ge⸗ nauerer oder geringerer Wiedererkennung gewechſelt hatten, traten Pen und Warringion auf ſie zu und 218 drückten Mrs. Shandon ſehr warm die Hand, die viel⸗ leicht erfreut war, ſie wieder zu ſehen und zu denken, daß ſie ſie vor einigen Tagen da oder dort geſehen hätte. Shandon war aufgebürſtet und ſah ſehr munter darein, in einer rothen Sammetweſte und einer Hemdkrauſe, in welche ſeine Gattin ihre beſte Broche geſteckt hatte. Trotz Mrs. Bungay's Güte und vielleicht in Folge derſelben fühlte Mrs. Shandon Scheu und Schrecken, als ſie ihr nahte, und ſie war wirklich Ehrfurcht gebietender als je in ihrem rothen Satin⸗ und Paradiesvogelgewand, und erſt, als ſie ſie mit ihrer lauten Stimme nach ih⸗ rem lieben Mädchen fragte, wurde Letztere etwas er⸗ muthigt und wagte zu ſprechen. „Ein hübſches Frauenzimmer,“ flüſterte Popjoy Warrington zu. „Stellen Sie mich Kapitän Shandon vor, Warrington. Ich habe mir ſagen laſſen, er ſei ein verdammt geſcheider Burſche; und Gott verdamm mich, ich venerire die Intelligenz, beim Jupiter, das thue ich!“ Das war auch richtig: der Himmel hatte den jungen Mr. Popjoy mit nicht viel eigener Intelli⸗ genz begabt; hatte ihm aber die großmüthige Eigen⸗ ſchaft gegeben, ſie bei Andern zu bewundern, wenn auch nicht zu würdigen. „Und ſtellen Sie mich Miß Bunion vor; ich habe mir ſagen laſſen, daß ſie auch ſehr ge⸗ ſcheid ſei. Sie iſt allerdings ſeltſam anzuſehen, aber das thut nichts; Gott verdamm mich, ich rechne mich ſelbſt unter die Literaten und wünſche alle die geſcheiden Burſche kennen zu lernen.“ So hatten denn Mr. Popjoy und Mr. Shandon das Vergnügen, mit einander be⸗ kannt zu werden, und als jetzt die Flügelthüren des an⸗ ſtoßenden Speiſeſaals ſich öffneten, traten die Verſam⸗ melten ein und nahmen ihre Sitze an der Tafel. Pen fand ſich zunächſt Bunion auf der einen Seite und von Mr. Wagg — die Wahrheit zu ſagen, war Wagg be⸗ ſtürzt vor dem leeren Sitze neben der Dichterin geflo⸗ hen und Pen genöthigt worden, denſelben einzunehmen. Das begabte Weſen ſprach nicht viel während des —— 2¹9 Diners, aber Pen bemerkte, daß ſie mit außerordentli⸗ chem Appetit aß und keinen der Zuflüſſe Weines zurück⸗ wies, die ihr von dem Kellermeiſter geboten wurden. In der That, da Miß Bunion eine Minute Mr⸗ Pen⸗ dennis betrachtet hatte, der ſich ſehr in die Bruſt warf und in einem äußerſt faſhionabeln Style gekleidet, mit ſeinen beſten Ketten, Hemdknöpfen und kammertuchenen Bruſtſtücken, nicht ohne Grund von der Dichterin zu einem Naſeweis kondemnirt wurde, ſo hielt ſie es für beſſer, ſich ihrem Diner zu widmen, als Notiz von ihm zu nehmen. Sie ſagte ihm dieß in ſpäteren Tagen mit ihrer gewohnten Aufrichtigkeit. „Ich nahm Sie für einen der kleinen Mayfairer Dandies. Sie ſahen ſo feierlich aus, als ein kleiner Leichenbeſorger, und da ich einen unermeßlichen Widerwillen gegen das odiöſe Ge⸗ ſchöpf an meiner andern Seite hatte, ſo hielt ich es für's Beſte, mich an das Diner zu halten und zu ſchweigen.“ „Und Sie thaten Beides in vollem Maaße, meine theure Miß Bunion,“ ſagte Pen lachend. „Nun, ſo halt ich's; aber ich habe im Sinn, das nächſte Mal mit Ihnen viel durchzureden: denn Sie ſind weder ſo feierlich, noch ſo albern, noch ſo vorwitzig, als Sie ausſehen,“ „Ach, Miß Bunion, wie ſehne ich mich nach dieſer nächſten Zeit, die da kommen ſoll,“ ſagte Pen mit der Miene komiſcher Galanterie; — aber wir müſſen zu dem Tage und dem Diner in Paternoſter Row zurück⸗ kehren. Das Mahl war in dem reichſten Style — „was wir den blühenden gothiſchen Styl nennen,“ flüſterte Wagg Pen zu, der neben dem Humoriſten ſaß, in ſeinem halblauten Tone. Die Leute in den krachenden Schuhen und den Berlinerhandſchuhen waren zahlreich und feier⸗ lich, und pflegten flüchtigen Verkehr hinter den Gäſten, wie ſie ſich mit den Gerichten ab und zu bewegten. Doolan rief einem derſelben: „Kellner,“ und erröthete über ſeinen Verſtoß. Mr. Bungay's eigener Laufbube 220 verlor ſich unter dieſen großen und ſchwarzröckigen Aufwärtern. „Sehen Sie den Mann in dem Bogenfenſter dort,“ ſagte Wagg. „Er iſt ein Leichenſäger in der Amenecke und wartet bei Leichen und Diners auf. Kaltes und warmes Fleiſch, verſtehen Sie mich; er iſt hier der quaſi Kellermeiſter und ich habe die Erfahrung ge⸗ macht, mein lieber Mr. Pendennis, und Sie werden's in Ihrem Leben gleichfalls finden, daß, wo der Keller⸗ meiſter nachgemacht iſt, auch der Wein nicht lauter iſt. Der Sherry iſt unrein. Bungay, mein Junge, wo⸗ her haben Sie dieſen deliciöſen, braunen Sherry be⸗ kommen?“ „Es freut mich, wenn er Ihnen ſchmeckt,“ ſagte der Verleger. „Hab ihn aus Alderman Bennings Ma⸗ gazin und gab eine gute Nummer dafür, das ſag ich Ihnen, Mr. Pendennis, wollen Sie mit uns thun?“ Ihre Geſundheit, Gentlemen!“ „Der alte Schelm, wo will er mit uns hinaus? Er kam von dem Wirthshaus,“ ſagte Wagg, „man braucht zwei Männer, dieſen Sherry zu ſchleppen, er iſt ungemein ſtark. Ich wünſchte, ich hätte eine Flaſche von des alten Steyne's Wein hier, Pendennis, Ihr Onkel und ich haben manche Flaſche ausgeſtochen. Er ſchickt ihn herum zu Leuten, wo er gewöhnlich dinirt. Ich erinnere mich, bei dem alten Rawdon Crawley, Sir Pitt Crawley's Bruder — er war Gouverneur von Co⸗ ventry Island — kam Steyne's Chef immer am Morgen und der Kellermeiſter mit dem Champagner von Gaunt Hvuſe in den Eiskörben. „Wie gut das iſt!“ ſagte Popjoy gutmüthig. „Sie müſſen einen Cordon bleu in Ihrer Küche haben.“ „O, ja,“ ſagte Mrs. Bungay, indem ſie vermuthete, er ſpreche wahrſcheinlich von der Kette für den Roſibraten. „Ich meine einen franzöſiſchen Chef,“ ſagte der höfliche Gaſt. „O, ja, Euer Lordſchaft,“ ſagte wieder die Lady. 224 „Sagte Ihr Speiſekünſtler, er ſei ein Franzoſe, Mrs. Bungay?“ rieth Wagg. „Ei, das weiß ich nicht,“ antwortete die Lady des Veriegers. „Weil er, wenn er's thut, ein Spaßvogel iſt,“ rief Mr. Wagg; aber Niemand merkte den Stich, was den ſchüchternen Spaßmacher etwas außer Faſſung brachte. „Das Diner iſt von Griggs in dem St. Pauls Kirch⸗ hof, das von Bacon nicht minder,“ flüſterte er Pen zu. „Bungay ſchreibt, er gebe eine halbe Krone mehr als Bacon — das Gleiche thut Bacon. Sie würden einan⸗ der das Eis vergiften, wenn ſie ihm beikommen könn⸗ ten, und was dieſe auswärts bezogenen Gerichte betrifft, — ſo ſind ſie Gift. Dieß Brimborion à la Sévigné iſt vortrefflich, Mrs. Bungay,“ ſagte er, indem er von einer Platte nahm, die der Leichenbeſorger ihm ein⸗ händigte. „Nun, es freut mich, wenn es Ihnen ſchmeckt,“ antwortete Mrs. Bungay erröthend, und nicht wiſſend, ob der Name des Gerichtes wirklich derjenige ſei, den Wagg ihm gab, aber dunkel ahnend, daß dieſes Indi⸗ viduum ſich über ſie luſtig mache. Demzufolge haßte ſie Mr. Wagg mit weiblichem Ungeſtüm und würde ihn alsbald des Oberbefehls über Mr. Bungay's Zeitſchrift entſetzt haben, wenn ſein Name nicht im Buchhandel ei⸗ nen guten Klang gehabt hätte und ſein Ruf im Lande bedeutend geweſen wäre. Bei dem Setzen der Perſonen war Warrington an die rechte Seite der Mrs. Shandon zu ſitzen ge⸗ kommen, die in einfachem ſchwarzem Seidenkleid und verblichenen Verzierungen an der Seite des blühenden Verlegers ſaß. Das wehmüthige Lächeln der Lady be⸗ wegte ſein rauhes Herz zum Mitleid. Niemand ſchien ſich für ſie zu intereſſiren, ſie ſaß da und blickte ihren Gatten an, der über die Gegenwart einiger Perſonen in der Geſellſchaft verlegen ſchien. Wenham und Wagg kannten ihn und ſeine Umſtände. Er hatte mit Letzterem 222 gearbeitet und war ihm an Witz, Genie und Kennt⸗ niſſen unendlich überlegen. Aber Waggs Stern glänzte in der Welt und der arme Shandon war dort unbekannt. Er konnte nicht ſprechen vor dem lärmenden Zungen⸗ gedreſch des heiſern und glücklichern Mannes, ſondern trank ſtillſchweigend ſeinen Wein und zwar ſoviel, als die Leute ihm geben wollten. Er war unter Snvveil⸗ lance. Bungay hatte den Leichenbeſorger inſtruirt, dem Kapitän das Glas nicht zu oft zu füllen und nicht zu voll. Es war eine traurige Vorſicht und um ſo trau⸗ riger, als ſie nothwendig war. Auch Mrs. Shandon warf unruhige Blicke über die Tafel, um zu ſehen, ob ihr Mann nicht des Guten zu viel thue. Verlegen über das Mißglücken ſeines erſten Schwan⸗ kes, — denn er war unverſchämt und leicht außer Faſ⸗ ſung gebracht — richtete Wagg ſeine Unterhaltung wäh⸗ rend des übrigen Diners hauptſächlich gegen Pen und ſprach vornehmlich von ihren Nachbarn. „Dieß iſt einer von Bungay's großen Schlachttagen,“ ſagte er. „Wir ſind Alle Bungavier, — haben Sie Popjoy's Novelle geleſen? Es war eine alte Magazingeſchichte, die der arme Buzzard vor Jahren geſchrieben, und die hier vergeſſen lag, bis Mr. Trotter (Trotter dort in dem großen Hemdkragen) ſie herausſfiſchte und ihm bedünkte, daß ſie auf das letzte Entweichen angewendet werden könnte; ſo ſchrieb den Bob ein paar Kapitel, àpropos — Popjoy erlaubte ſeinen Namen vorzuſetzen und ſup⸗ plirte, ich darf es wohl ſagen, hier und dort eine Sei⸗ tenzahl, und die Deſparation oder die flüchtige Herzogin trat vor das Publikum. Großen Spaß macht es, Popjoy über ſein eigenes Werk, von dem er nicht ein Wort weiß, in's Verhör zu nehmen. — Ich ſage, Popjoy, eine Kapitalſtelle iſt die in Band III., wo der verkappte Kardinal, nachdem er von dem Biſchof in London be⸗ kehrt worden, der Tochter der Herzogin Heirathsvor⸗ ſchläge macht.“ 223 „Freut mich, wenn's Ihnen gefällt,“ antwortete Pop⸗ joy, „es iſt einer meiner Haupeoups.“ „Es ſteht im ganzen Buch kein Wörtchen davon,“ flüſterte Wagg gegen Pen. „Hab's ſelbſt erfunden! wäre kein ſchlechtes Problem für eine Hochkirchnovelle.“ „Ich erinnere mich, wie der arme Byron, Hobhouſe, Trelawney und ich ſelbſt in Rom mit Kardinal Mezzo⸗ caldo,“ begann Kapitän Sumph, „dinirten und wir zum Diner Orvietowein hatten, den Byron beſonders liebte. Da erinnere ich mich, wie der Kardinal bedauerte, daß er Innggeſelle wäre; wir gingen zwei Tage ſpäter nach Civita Vecchia, wo Byrons Jacht war — und, beim Jupiter, der Kardinal ſtarb in den nächſten drei Wochen; und Byron bedauerte es ſehr, denn er hatte ihn lieb.“ „Eine verdammt intereſſante Geſchichte, in der That,“ ſagte Wagg. „Sie ſollten einige ſolcher Geſchichten vor's Pu⸗ blikum bringen, Käpitän Sumph, ja das ſollten Sie. Ein ſolches Werk müßte Freund Bungay's Glück ma⸗ chen,“ ſagte Shandon. „Warum bitten Sie nicht Sumph, ſie in Ihrem neuen Journal — wie heißt es doch — abvrucken zu laſſen, Shandon?“ rief Wagg. „Warum bitten Sie ihn nicht, ſie in Ihrem alten Magazine, dem Thingumbob, dem Publikum aufzu⸗ tiſchen?“ verſetzte Shandon. „Kommt eine neue Zeitung heraus?“ fragte Wen⸗ ham, welcher es ganz gut wußte, ſich aber ſeiner Ver⸗ bindung mit der Preſſe ſchämte. „Bungay gibt eine Zeitung heraus?“ rief Popjoy, der im Gegentheil ſtolz auf ſeinen literariſchen Ruf und ſeine Bekanntſchaften war. „Sie müſſen mich emplohiren, Mrs. Bungay, gebrauchen Sie Ihren Einfluß bei ihm, daß er mich emplohirt, Proſa dder Verſe — was be⸗ lieben Sie 2— Novellen, Gedichte, Reiſen oder Leitartikel, bei Gott. Ein und Alles — Wenn Bungay mich be⸗ 224 zahlt, bin ich zu Allem bereit — ja, das bin ich, meine theure Mrs. Bungay, bei Gott.“ „Es wird das Dünnbier Chroniele heißen,“ brummte Wagg, und der kleine Popjoy wird für das Kleinkinder⸗ Departement engagirt.“ „Es wird die Pall⸗Mall Gazette heißen, und wir werden uns ſehr glücklich ſchätzen, Sie unter die Unſern zu zählen,“ ſagte Shandon. „Pall⸗Mall Gazette — warum Pall⸗Mall Ga⸗ zette?“ fragte Wagg. „Weil der Redakteur zu Dublin, der Unterredakteur zu Cork geboren ward, der Eigenthümer in Paternoſter Row wohnt, und das Journal in Katharine Street, Strand herausgegeben wird. Genügt Ihnen dieſer Grund, Wagg,“ ſagte Shandon, welcher etwas ärgerlich wurde. „Jedes Ding muß einen Namen haben, mein Hund Ponto hat einen Namen gekriegt, Sie haben einen Na⸗ men gekriegt, und einen Namen, den Sie mehr oder weniger verdienen, bei Gott, was mißgönnen Sie un⸗ ſerem Blatte den Namen?“ „Bei jedem andern Namen hätte es denſelben füßen Wohlgeruch.“ „Ich will nicht, daß Sie ſeinen Namen ein — wie heißt er doch — nennen, Wagg,“ ſagte Shandon. „Sie kennen ſeinen Namen gut genug, und — und Sie ken⸗ nen den meinigen.“ „Und ich kenne auch Ihre Adreſſe,“ ſagte Wagg mit gedämpfter Stimme, und der gutmüthige Irländer war beinahe im Augenblick nach dem Aufbrauſen ſeines Spleens wieder beruhigt, und bat Wagg in freundlichem Tone, mit ihm Wein zu trinken. Als die Ladies ſich von der Tafel zurückzogen, wurde die Unterredung noch lauter, und alsbald ſchlug Wenham in höflichen Worten vor, es ſollte Alles auf das Gedeihen des neuen Journals trinken, indem er den Talenten, dem Witze und der Gelehrſamkeit ſeines Redakteurs, Kapitän Shandon, hohes Lob zollte. Es war 225 ſeine Marime, nie die Unterſtützung eines Journaliſten einzubüßen, und im Verlaufe des Abends machte er die Runde und ſalutirte jeden Literaten durch ein Kom⸗ pliment, das er beſonders an ihn richtete, indem er dem Einen zu wiſſen that, welchen Eindruck ſein letzter Ar⸗ tikel in der Downing Street machte, wie ſehr ſein guter Freund, der Herzog N. N., durch die Gediegenheit der letzten Nummer ſatisfacirt worden ſei. Die Abendunterhaltung kam zum Schluß, und trotz aller Vorſichtsmaßregeln taumelte der arme Shandon im Gehen und kam mit ſeinem getreuen Weibe an der Seite in ſeine neue Wohnung, und von dem Cabriolet⸗ mann auf dem Bocke geneckt. Wenham hatte ſeinen eigenen Wagen, den er nach Popjoy's Wohnung fahren ließ; und als die furchtſame Mrs. Bunion ſah, daß ihr Nach⸗ bar Mr. Wagg ſich zum Aufbruche anſchickte, beſtand ſie zum großen Verdruſſe auf einem Sitz in ſeinem Gefährt. Pen und Warrington gingen mit einander im Mond⸗ lichte nach Haus. „Und nun,“ ſagte Warrington, „da Sie die Männer der Wiſſenſchaft geſehen haben, ſagen Sie mir, ob ich großes Unrecht hatte, wenn ich ſagte, daß Tauſende in der Stadt, die keine Bücher ſchreiben, in vollem Maße eben ſo geſcheid und intelligent ſind, als ſolche, die es thun.“ Pen mußte geſtehen, daß die literariſchen Notabi⸗ litäten, mit denen er bekannt geworden war, im Ver⸗ laufe der Abendunterhaltung nicht viel geſagt hatten, das verdiente, bemerkt oder citirt zu werden. In der That, während des ganzen Abends war kein Wort der Wiſſenſchaft geſprochen worden, und man darf den Un⸗ eingeweihten, die die Gewohnheiten der Gelehrten ken⸗ nen zu lernen und ihre Bekanntſchaft zu machen wün⸗ ſchen, in das Ohr flüſtern, daß es keinen Schlag Leute gibt, die ſo wenig von Büchern ſprechen oder vielleicht ſo wenig Bücher leſen, als eben dieſe Männer der Literatur. Pendennis. I. 15 226 pierzehntes Rupitel. Die Pall⸗Mall Gazette. Das neue Journal hatte Anfangs bedeutenden Er⸗ folg. Es wurde allgemein behauptet, daß eine einfluß⸗ reiche politiſche Partei das Blatt unterſtütze, und aus⸗ gezeichnete Namen wurden aufgeführt, die Beiträge in ſeine Spalten lieferten. Hatten dieſe Gerüchte eini⸗ gen Grund? Wir ſind nicht ermächtigt, zu ſagen, ob ſie gegründet waren oder nicht; aber ſo viel dürfen wir ſagen, daß ein Artikel über fremde Politik, der allge⸗ mein einem edeln Lord, deſſen Konnexion mit dem Mini⸗ ſterium des Auswärtigen nur zu bekannt war, zuge⸗ ſchrieben ward, in Wirklichkeit von Kapitän Shandon in dem Parlour des Gaſthofs zum Staff und Bear, nächſt den Whitehall⸗Treppen, wohin der Druckerjunge ihm nachgeſpürt, und wo ein literariſcher Verbün⸗ deter von ihm, Mr. Bludyer, ſeine zeitweilige Reſidenz aufgeſchlagen hatte, verfaßt worden war, und daß eine Reihe von Artikeln über Finanzfragen, die nach allge⸗ meiner Annahme aus der Feder eines großen Staats⸗ mannes vom Hauſe der Gemeinen hervorgegangen, von Mr. George Warrington vom obern Tempel geſchrie⸗ ben war. Daß einiger Verkehr zwiſchen der Pall⸗Mall Ga⸗ zette und dieſer einflußreichen Partei ſtattgefunden, iſt ſehr wohl möglich. Perey Popioy, deſſen Vater, Lord Falconet, ein Mitglied der Partei war, konnte man nicht ſelten die Treppen zu Warringtons Zimmern hinaufgehen ſehen. Auch erſchienen in dieſem Blatte Mittheilungen, die ihm einen Charakter gaben und nur aus ganz be⸗ ſondern Ouellen geſchoͤpft ſein konnten. Mehrere Ge⸗ „ 227 dichte, ſchwach im Gedanken, aber laut und kräftig im Ausdruck, erſchienen in der Pall⸗Mall Gazette, P. P. unterzeichnet; und man muß geſtehen, daß ſeine Novelle in dieſem neuen Journal auf eine übertriebene Weiſe belobt wurde. Dem politiſchen Theile der Zeitung blieb Mr. Pen fremd; aber für das Fach der Literatur war er ſehr thätig. Die Pall⸗Mall Gazette hatte ihre Geſchäfts⸗ zimmer im Catherine Street. Und hieher kam Pen oft mit ſeinen Manuſkripten in der Taſche und mit großem Lärm und Vergnügen, wie man es fühlt bei dem An⸗ tritt der literariſchen Laufbahn, wenn es noch eine neue Senſation erregt, daß man ſich gedruckt ſieht, und man ſich noch in dem Gedanken gefällt, daß, was man ſchreibt, einen Lärm in der Welt mache. 126 Hier war es, wo Mr. Jack Finucane mit Kleiſter und Scheeren das Journal kompilirte, deſſen Beaufſich⸗ tiger er war. Mit einem Adlerauge durchſuchte er alle Zeitungen, welche mit der Modewelt, über die er prä⸗ ſidirte, etwas zu thun hatten. Er ließ keinen Todesfall, keine Dinerparthie vorüber, ohne daß er in den Spal⸗ ten ſeines Journals davon Meldung gethan hätte, und von den verborgenſten Provinzialmittheilungen und den fernen ſchottiſchen und iriſchen Zeitungsblättern fiſchte er auffallende Stellen und Notizen über die obern Klaſ⸗ ſen der Geſellſchaft auf. Es war ein großartiger, ja rührender Anblick für einen Philoſophen, zu ſehen, wie Jack Finucane Esquire mit einem Teller Fleiſch aus der Garküche und einem Glas Porter aus der Schenke für ſein Mahl die Feſte der Großen berichtete, als ob er dabei gegenwärtig geweſen wäre, und in zerlumpten Hoſen und ſchmutzigen Hemdärmeln die glänzendſten fétes der Modewelt aufs Munterſte beſchrieb und arrangirte. Die Nichtübereinſtimmung von Finucane's Beruf, mit ſeinen Manieren und ſeiner Erſcheinung amüſirte ſeinen Freund Pen. Seit er ſein heimathliches Dorf verlaſſen, wo ſein Rang wahrſcheinlich nicht ſehr hoch war, hatte Jack 228 ſelten eine andere Gefellſchaft geſehen, als eine ſolche, welche in dem Parlour der Schenken, die er beſuchte, ſich herumtrieb; wogegen nach dem, was er ſchrieb, man vermuthet hätte, daß er mit Botſchaftern dinirte, und daß er für gewöhnlich durch White's Bogenfenſter müßig hinausgaffte. Verſehen in der Beſchreibung entſchlüpften zwar gelegentlich ſeiner Feder; aber darunter litt der „Ballinafader Sentinell,“ deſſen eigener Korreſpondent er war, nicht aber die Pall⸗Mall Gazette, in welche Jack nicht viel ſchreiben durfte, da ſeine Chefs in London glaubten, daß er Scheere und Kleiſter beſſer als die Feder handhabe. Pen gab ſich große Mühe mit ſeinen Muſterungen, und da er ein gut Theil flüchtiger Lektüre gehabt, die er in den frühern Jahren ſeines Lebens gewonnen, eine lebhafte Phantaſie und einen ſcharfen Sinn für Scherz hatte, ſo gefielen ſeine Artikel ſeinem Chef und dem Publikum, und er war ſtolz darauf, daß er das Geld, welches er erwarb, verdiente. Wir dürfen überzeugt ſein, daß die Pall⸗Mall Gazette regelmäßig in Fairoaks eintraf und von den beiden Ladies daſelbſt mit Ent⸗ zücken geleſen wurde. Sie wurde auch in Clavering Park bezogen, wo, wie wir wiſſen, eine junge Lady von hohem, literariſchem Geſchmacke war; und ſelbſt der alte Doktor Portman, dem die Wittwe, nachdem ſie ihres Sohnes Artikel zuvor auswendig gelernt, das Journal über⸗ ſandte, bezeigte ſeinen Beifall zu Pen's Erzeugniſſen, in⸗ dem er ſagte, daß der Burſche Geiſt, Geſchmack und Phantaſie habe, und wo nicht wie ein Gelehrter, doch jedenfalls wie ein Gentleman ſchreibe. Und wie erſtaunt und entzückt war unſer Freund Major Pendennis, als er bei einem Gang in einen ſei⸗ ner Klubb, den Regent, wo Wenham, Lord Falkonet und einige andere Gentlemen von gutem Ruf und von Faſhion verſammelt waren, ſie eines Tags über eine Nummer der Pall Mall Gazette und von einem Artikel ſprechen hörte, der in ihren Spalten erſchien und ſich 229 bittern Scherz über ein Buch erlaubte, das kürzlich von der Gattin eines gefeierten Mitglieds der Oppoſitions⸗ partei herausgegeben wurde. Das fragliche Buch ent⸗ hielt Reiſen in Spanien und Ftalien von der Gräfin Muffborough, in denen es zweifelhaft war, was mehr Bewunderung verdiente, das Franzöſiſche oder vas Eng⸗ liſche, in welchen zwei Sprachen Ihre Herrlichfeit ab⸗ wechſelnd, wie es ihr in die Feder kam, ſchrieb, oder die Verſtöße, auf welche der Kritiker mit wonnevoller Schadenfreude herabſchoß. Der Kritiker war kein anderer als Pen: er hüpfte und tanzte um ſeinen Gegenſtand mit größter Spaßluſt und Lebhaftigkeit; er hob die Fehler der edeln Lady mit bewundernswürdig maskirtem Ernſt und Anſtand hervor, kein Wort war in dem Artikel unhöflich oder ungentlemänniſch, und der unglückliche Ge⸗ genſtand der Kritik wurde während der Operation be⸗ lacht und geſchröpft. Wenhams gallichtes Geſicht glänzte vor boshaftem Vergnügen, als er die Kritik las. Lady Muffborough hatte ihn das ganze letzte Jahr nicht zu ihren Parthien gebeten. Lord Falfonet kicherte und lachte von ganzem Herzen, Lord Muffborough und er waren ihr Leben lang Nebenbuhler geweſen, und dieſe bekomplimen⸗ tirten Major Pendennis, der bis jetzt Winken, welche ſeine Fairoaker Korreſpondenz über des „theuern Arthurs beharrliche und ernſtliche literariſche Beſchäftigungen, die, wie ich fürchte, des armen Jungen Geſundheit unter⸗ graben“ hingeworfen, kaum einige Aufmerkſamkeit ge⸗ zollt und gedacht hatte, daß eine Kenntnißnahme von Mr. Pen und ſeinen Zeitungskonnexionen ganz unter der Würde eines Majors und Gentlemans wären. Als aber das Orakel Wenham des Jungen Geiſtes⸗ erzeugniß lobte, als Lord Falkonet, der die Notitz von Perey Popjoy gehabt, dem Genie des jungen Pen ſei⸗ nen Beifall ſchenkte; als der große Lord Steyne ſelbſt, dem der Major den Artikel zutrug, lachte und ſchwor, daß es ein Kapitalartikel ſei und daß die Muffborongh ſich darunter winden würde, wie ein Wallfiſch unter 230 der Harpune, begann der Major, wie es die Pflicht er⸗ forderte, ſeinen Neffen ſehr zu bewundern und ſagte: „Bei Gott, der junge Schelm hat Stoff in ſich und wird es zu was bringen;“ er habe immer geſagt, daß er's zu was bringen würde; und mit einer vor Ver⸗ gnügen zitternden Hand ſetzte ſich der alte Gentleman nieder, um der Wittwe zu Fairvaks Alles zu ſchreiben, was die vornehme Welt zu Pen's Lobe geſagt hatte; und auch an den jungen Schelm ſchrieb er und fragte ihn, ob er nicht eine Hammelskeule mit ſeinem alten Onkel eſſen wollte, auch bemerkte er ihm, daß er be⸗ auftragt ſei, ihn zu einem Diner nach Gaunt Houſe mitzunehmen, denn Lord Steyne war jeder willkommen, welcher ihn durch ſeine Thorheit, durch ſeine Lebhaftig⸗ keit, ſeine Dummheit, Sonderbarkeit, Ziererei, ſeinen Witz, oder vurch irgend eine andere Eigenſchaft unter⸗ halten konnte. Pen warf ſeinen Prief über den Tiſch Warrington zu und wunderte ſich vielleicht, daß der Andere nicht viel daraus zu machen ſchien. Der Muth junger Kritiker iſt erſtaunlich; ſie er⸗ klimmen den Richterſitz und geben ohne alles Bedenken ihre Meinung über Werke der ſchwierigſten und profun⸗ deſten Wiſſenſchaft ab. Wäre Macaulay's Geſchichte, oder Herrſchels Aſtronomie um dieſe Zeit Pen vorgelegt wor⸗ den, er hätte die Werke überblickt, bei einer Cigarre ſeine Anſicht darüber feſtgeſtellt und ſeinen erhabenen Beifall des einen oder des andern Autors ausgeſprochen⸗ als ob der Kritiker ihr geborner Oberer, nachſichtiger Gebieter und Patron geweſen wäre. Mit Hilfe der Bio⸗ graphie Univerſelle oder des brittiſchen Muſeums hätte er ein flüchtiges Reſumé einer hiſtoriſchen Periode ge⸗ geben und auf Namen, Daten und Thatſachen auf eine ſo meiſterhafte, unbefangene Manier angeſpielt, daß ſeine Mama daheim erſtaunt wäre, und ſich verwundert hätte, wo ihr Junge ſo unermeßliche Schätze des Wiſſens ge⸗ ſammelt hätte, und auch er nicht minder, wenn er zwei oder drei Monate nach ihrer Abfaſſung und nachdem er 231 den Gegenſtand und die Bücher, welche er zu Rathe gezogen, vergeſſen hätte. Von dieſer Periode ſeines Le⸗ bens geſteht Mr. Pen, daß er nicht angeſtanden wäre, nach einer Friſt von vierundzwanzig Stunden eine Mei⸗ nung über die größten Gelehrten zu geben oder ein Ur⸗ theil über die Enchklopädie zu fällen. Zum Glück hatte er Warrington, der ihn auslachte und ſeine Anmaßung durch beharrliche, heilſame Verſpottung niederhielt, ſonſt wäre er unerträglich eingebildet geworden; denn Shandon liebte das leichtfertige Gedreſch ſeines jungen aide de camp und war zufriedener mit Pem's leichten, glänzenden Blitzen, als mit dem ſchweren Kaliber, das ſein älterer Gehilfe ins Feld führte. Aber obgleich er vb dem Uebermaß der Imperti⸗ nenz und des vorſchnellen Urtheils getadelt werden konnte, ſo war Mr. Pen doch ein vollfommen ehrlicher Kritiker, und viel zu arglos für Mr. Bungay's Zwecke, der auch wirklich über ſeine Unparteilichkeit gewaltig brummte. Pen und ſein Chef, der Kapitän, hatten eines Tags einen Streit über den Gegenſtand. „Im Namen des geſunden Menſchenverſtandes ſagen Sie mir, Mr. Pen⸗ dennis,“ fragte Shandon, „was iſt Ihnen eingefallen, daß Sie eines von Mr. Bacons Büchern lobten 2 Bun⸗ gay iſt dieſen Morgen in voller Wuth bei mir geweſen, da er den lobenden Artikel auf eines der Werke der ge⸗ häſſigen Firma über dem Wege drüben las.“ Pen's Augen öffneten ſich weit vor Erſtaunen. „Wollen Sie damit ſagen,“ fragte er, „daß wir keine Bücher loben ſollen, die Bacon verlegt: oder daß wir, wenn die Bücher gut ſind, ſagen ſollen, ſie ſeien ſchlecht?“ „Mein guter, junger Freund — nun, glauben Sie, daß ein wohlwollender Verleger ein kritiſches Journal unternimmt, um ſeinem Nebenbuhler einen Haſen in die Küche zu jagen?“ fragte Shandon. „Natürlich zu ſeinem Nutzen, aber auch, um zu ſagen, was wahr iſt,“ ſagte Pen — „ruat coelum, um zu ſagen, was wahr iſt.“ 232 „Und glauben Sie, daß mein Proſpektus,“ fragte Shandon mit höhniſchem Lachen, „ein Werk mathema⸗ tiſcher Genauigkeit in den Angaben iſt?“ „Verzeihen Sie mir, das iſt nicht die Frage,“ ſagte Pen, „und ich glaube nicht, daß Ihnen ſehr darum zu thun iſt, den Beweis zu führen. Ich hatte einige Spu⸗ kereien in meinem Gewiſſen über dieſen Proſpektus und debattirte die Sache mit meinem Freunde Warrington; wir wurden jedoch einig,“ ſagte Pen lächelnd, „daß, weil der Proſpektus mehr deklamatoriſch und poetiſch, und der Rieſe auf dem Schaubrett größer als das Ori⸗ ginal innerhalb des Kannevaſſes iſt, ſo brauchten wir nicht zu ſkrupulös über die unbedeutende Ungenauigkeit zu ſein und könnten unſere Rolle bei dem Schauſpiele ausführen, ohne Verluſt des Charakters oder Gewiſſens⸗ biſſe. Wir ſind die Fiedler und ſpielen blos unſere Stückchen. Sie haben beim Ganzen vor den Riß zu ſtehen.“ „Und führen den Zug an,“ ſagte Shandon. „Nun, es freut mich, daß Ihr Gewiſſen Ihnen zuließ, uns auf⸗ zuſpielen.“ „Ja,“ ſagte Pen mit ſcharfem Gefühl der Würde ſeiner Stellung, „wir Alle in England ſind Partei⸗ männer, und ich halte zu meiner Partei, wie's einem Britten geziemt. Ich will ſo gutmüthig gegen unſere Seite ſein, als Sie wollen: ein Narr iſt, wer mit dem eigenen Neſte hadert; ich will den Feind ſo hart treffen, als Sie wollen — aber in ehrlichem Kampf, Kapitän, wenn Sie's erlauben. Man braucht nicht alle Wahrheit zu ſagen; aber man darf Nichts als die Wahrheit ſagen, und ich würde, beim Jupiter! eher ſterben und nie einen Pfennig weiter mit meiner Feder verdienen (dieſes ge⸗ fürchtete Inſtrument war nun allbereits ſechs Wochen in Thätigkeit, und Pen ſprach von ihm mit gewaltigem Enthuſiasmus und Reſpekt), als wider einen Gegner einen unehrlichen Schlag zu führen, oder, aufgefordert, 233 ihm ſeine Stelle anzuweiſen, ihn unter ſeinem Verdienſte zu taxiren.“ „Gut, Mr. Pendennis, wenn wir Bacon einen Treff geben wollen, ſo müſſen wir nach einem andern Hammer ſehen,“ verſetzte Shandon mit verhängnißvoller Gutmüthigkeit und dachte ſehr wahrſcheinlich bei ſich: „In ein paar Jahren vielleicht iſt der junge Gentleman nicht mehr ſo ekel.“ Der alte Condottiere ſelbſt war nicht mehr ſo bedenklich; er hatte auf ſo mancher Seite ſo manches Jahr her gekämpft und getödtet, daß Ge⸗ wiſſensbiſſe ihn ſchon kängſt nicht mehr plagten. „Bei Gott,“ ſagte er, „Sie haben ein zartes Gewiſſen, Mr. Pendennis, das iſt ein Lurus bei allen Novizen; aber dieſe Art Blüthe ſtößt ſich in dem Gedränge der Welt gar bald ab, und ich geb' mir nicht die Mühe, mir ein künſtliches Geſicht zu machen, wie unſer frommer Freund Wenham oder unſer Tugendmuſter Wagg.“ „Ich weiß nicht, ob die Heuchelei des Einen nicht beſſer iſt, Kapitän, als der Cynismus des Andern.“ „Sie iſt jedenfalls profitabler,“ ſagte der Kapitän, indem er ſich auf die Nägel biß. „Dieſer Wenham iſt der einfältigſte Prahlhans auf Gottes Erdboden, und Sie ſehen, wie er in einem Wagen zu dem Diner fuhr. Meiner Tren, es braucht noch lange Zeit, bis Mrs. Shandon in ihrem eigenen Wagen ſpazieren fährt. Gott ſteh ihr bei, dem armen Ding!“ Pen verließ ſei⸗ nen Chef nach dieſem kleinen Streit und Zwiegeſpräch, indem er an die Rede des Kapitäns den Maßſtab ſeiner eigenen Moral anlegte und bei ſich dachte: „Seht, dieſer Mann iſt mit Genie, Witz, Gelehrſamkeit und hundert guten natürlichen Gaben ausgeſtattet; ſeht, wie elend er ſie dadurch angewendet hat, daß er mit der Recht⸗ ſchaffenheit marktet und vergißt, ſich ſelbſt zu achten. Willſt Du Dich erinnern, Pen? Du biſt einbildiſch genug! willſt Du Deine Ehre um eine Flaſche Wein verkaufen 2 Nein, um's Himmelswillen, wir wollen ehr⸗ lich ſein, was uns auch immer widerfährt, und unſer 234 Mund ſoll einzig und allein die Wahrheit ſprechen, wenn er ſich aufthut.“ Eine Beſtrafung oder wenigſtens eine Prüfung er⸗ wartete Mr. Pen. In der nächſten Nummer der Pall⸗ Mall Gazette las Warrington mit ſchallendem Gelächter einen Artikel, der Arthur Pendennis keineswegs amü⸗ ſirte, welcher ſo eben mit einer Kritikfür die nächſte Wochen⸗ nummer deſſelben Journals beſchäftigt war, und in welcher der Spring Annual von einem unbekannten Schreiber furchtbar mitgenommen wurde. Am grauſam⸗ ſten gezüchtigt wurde Pen ſelbſt. Seine Verſe waren nicht unter ſeinem eigenen Namen in dem Spring An⸗ nual, ſondern unter einer angenommenen Ziffer erſchie⸗ nen. Da er ſich geweigert hatte, das Buch zu recen⸗ ſiren, ſo hatte Shandon es Mr. Bludyer mit dem Auftrag übergeben, ihm ſein Recht anzuthun. Und er hatte dies ſo nachdrücklich gethan, dieſer Mr. Bludyer, der ein Mann von ſehr beträchtlichem Talent und von einem Schlage war, der, wie ich glaube, in der Preſſe unſerer Zeit ganz untergegangen iſt, hatte eine gewiſſe Berühmtheit in ſeiner Profeſſion und einen Ruf für wilden Humor. Er zerſchmiß und zertrat die armen Frühlingsblumen mit nicht mehr Erbarmen, als ein Bullochs in einem Gartenbeet; und nachdem er das Buch nach Herzensluſt zerzaust hatte, ging er fort und ver⸗ kaufte es in einer Bücherbude und kaufte mit dem Er⸗ trag eine Pinte Branntwein dafür. Fünfzehntes Kapitel, wo Pen in Stadt und Land erſcheint. Uebergehen wir einige Monate von Mr. Arthur Pendennis's Geſchichte, während welcher manche Vorfälle ſich ereignet haben mögen, die für ihn intereſſanter und aufregender waren, als ſie wahrſcheinlich für den Leſer vorliegender Memoiren ſein würden. Wir verließen ihn in ſeinem letzten Kapitel, nachdem er als berufsmäßiger Schriftſteller oder literariſcher Miethgaul, wie Mr. Warrington ſich und ſeinen Freund zu benamſen beliebte, in's Geſchäft getreten war; und wir wiſſen, wie das Leben jedes Miethgauls, des wirklichen oder literariſchen, in einer Pfarre, oder in einem marſchirenden Regiment, oder am Schreibpulte eines Kaufmanns eine traurige Rou⸗ tine und langweilig zu ſchildern iſt. Eines Tages Arbeit gleicht zu ſehr der andern; ein Literat hat oft für ſein Brod zu arbeiten über die Zeit, oder gegen ſeinen Wil⸗ len, oder ſeiner Geſundheit, ſeiner Indolenz oder ſeinem Widerwillen gegen den Gegenſtand zum Trotz, welchen er zu bearbeiten berufen iſt, gerade wie ein andrer Tagelöhner. Wenn Ihr mit dem Pegaſus Geld ver⸗ dienen müſſet (wie vielleicht derjenige muß, der kein anderes verkäufliches Eigenthum hat), dann lebet wohl, Poeſie und ätheriſche Flügel: der Pegaſus erhebt ſich nun blos, wie Mr. Green's Ballon zur vorbeſtimmten Stunde und wenn die Zuſchauer ihr Geld bezahlt. Der Pegaſus trabt eingeſchirrt über das Pflaſter und ſchleppt einen Karren oder ein Cabriolet hinter ſich. Oft thut der Pegaſus ſeine Arbeit keuchend mit zitternden Knieen und bekommt nicht ſelten von dem Treiber ein's über die Ohren gehauen. 236 Doch ſeien wir nicht zu verſchwenderiſch mit unſrem Mitleid gegen den Pegaſus. Es iſt nicht abzuſehen, warum dieſes Thier mehr denn andere Geſchöpfe auf Gottes Welt von Arbeit und Drangſal verſchont ſein und nicht herunterkommen ſollte. Wenn Pegaſus die Peitſche bekommt, ſo verdient er ſie auch nicht ſelten, und ich, für mein Theil, bin ganz bereit, mit meinem Freunde George Warrington gegen die Lehre zu pro⸗ teſtiren, welche einige poetiſche Gefühlsnarren geltend machen möchten, daß nämlich Leute der Wiſſenſchaft und ſogenannte Genies den proſaiſchen Pflichten des brodbedürftigen und Steuer zahlenden Alltagslebens ent⸗ hoben und gleich ihren Nachbarn zu arbeiten und zu zahlen geſchaffen ſein ſollen. Sei dem wie ihm wolle, als die Pall⸗-Mall Gazette in beſter Form etablirt und die Verdienſte Pen's als eines ſchalkhaften, witzigen und amüſirenden Kritikers anerkannt waren, arbeitete er allwöchentlich hart darauf los, indem er Recenſionen ſolcher Werke, welche in ſein Bereich gehörten, vorbereitete und ſie zwar leichtfertig, aber ehrlich und nach beſtem Vermögen ſchrieb. Es mochte ſich zutragen, daß ein Geſchichtſchreiber mit ſechszig Jahren, der ein Vierteljahrhundert an einem Werke ſchrieb, mit welchem unſer junger Gentleman im Verlauf einer zweitägigen Lektüre auf dem brittiſchen Muſeum fertig wurde, von einem ſo leichten Kritiker nicht ſo ganz ſäuberlich behandelt ward; oder daß ein Dichter, der erhabene Sonnetten und Oden ſo lange aus⸗ feilte, bis er ſie für das Publikum und ſeinen Ruf geeignet hielt, durch zwei oder drei Dutzend impertinente Linien in Mr. Pen's Recenſion, in welcher des Dichters Anſprüche von dem Kritiker feſtgeſtellt wurden, als ob Letzterer Mylord auf der Gerichtsbank und der Autor ein erbarmenswerther, vor ihm zitternder, kleiner Sol⸗ lizitant wäre, geaͤrgert wurde. Die Schauſpieler in den Theatern beklagten ſich gleichfalls bitter über ihn und ſehr wahrſcheinlich war er zu hart gegen ſie; aber bei 237 alle dem wurde kein großer Schaden angerichtet. Es iſt jetzt, ſo viel wir wiſſen, verſchieden; aber es gab damals ſo wenig große Geſchichtsſchreiber, oder große Dichter, oder große Schauſpieler, daß kaum Einer unter Allen vor ſeinem kritiſchen Pulte zum Gericht kam. Diejenigen, welche ein wenig gefuchtelt wurden, erhiel⸗ ten, was am Ende gut für ſie war; nicht als ob der Richter beſſer oder weiſer geweſen wäre, als die Per⸗ ſonen, welche er aburtheilte, noch dünkte er ſelbſt ſich ſo hoch. Pen hatte ein ſtarkes Gefühl für Humor und Gerechtigkeit und daher keinen übermäßigen Reſpekt vor ſeinen eigenen Werken; überdieß hatte er ſeinen Freund Warrington zur Seite — einen furchtbaren Kritiker, wenn der junge Mann Luſt bekam, einbildiſch zu wer⸗ den, und wilder gegen Pen, als er je gegen ſolche war, die er vor ſeinen literariſchen Aſſiſen unterſuchte. Durch dieſe kritiſchen Arbeiten und gelegentlichen Beiträge zu Leitartikeln des Journals, wo, ohne ſeine eigene Zeitſchrift zu vernachläßigen, dieſer ausgezeichnete Publiciſt mit gutem Gewiſſen ſich ausſprechen konnte, gewann Mr. Arthur Pendennis vier Pfund, vier Shil⸗ ling die Woche und zwar mit nicht geringer Mühe und Anſtrengung. Zudem ſtattete er Magazine und Reviews von ſeiner Hand aus; ja, man glaubt ſogar, daß er (obgleich er über derlei Dinge nie zu ſprechen beliebt) der Londoner Korreſpondent des Kämpen von Chatteries war, der um dieſe Zeit einige ſehr brillante und beredte Briefe aus der Hauptſtadt enthielt. Durch dieſe Arbei⸗ ten war der glückliche Jüngling in Stand geſetzt, eine iährliche Summe von ungefähr vierhundert Pfund zu gewinnen; und um die zweiten Weihnachten, nach ſeiner Ankunft in London, brachte er ſeiner Mutter wirklich hundert Pfund als Abſchlagszahlung ſeiner Schuld an Laura. Daß Mrs. Pendennis ihres Sohnes Werke Wort für Wort las und ihn für den tiefſten Denker und den geſchmackvollſten Schriftſteller ſeiner Zeit betrach⸗ tete; daß ſie die Wiedererſtattung der hundert Pfund — 238 für einen Akt engeliſcher Tugend anſah; daß ſie fürch⸗ tete, er möchte durch ſeine Arbeiten ſeine Geſundheit untergraben, und entzückt war, wenn er ihr von der Geſellſchaft, in die er kam, und den ausgezeichneten Männern der Wiſſenſchaft und Faſhion ſeiner Bekannt⸗ ſchaft erzählte, werden ſich alle Leſer überzeugen, die den Sohndienſt unter Müttern und jene bezaubernd na⸗ türliche Liebe mit angeſehen haben, womit Frauen auf dem Lande die Laufbahn ihrer Lieblinge in London be⸗ wachen. Wenn John die und die Rechtsausfertigung gemacht; wenn Tom zu dem und dem Ball eingeladen worden oder George dieſen oder jenen großen und be⸗ rühmten Mann beim Diner getroffen, welche Wonne iſt dieß in den Herzen der Mutter und Schweſter da⸗ heim in Sommerſetſhire! Wie werden die Briefe des jungen Hoffnungsvollen geleſen und auswendig gelernt! Welch reiches Thema zu Dorfunterhaltung und freund⸗ licher Beglückwünſchung bieten ſie. Im zweiten Win⸗ ter kam Pen auf ſehr kurze Zeit und erfreute das Herz der Wittwe und brachte Licht und Leben in das ein⸗ ſame Haus zu Fairvaks. Helen hatte ihren Sohn ganz für ſich; Laura war auf einem Beſuche bei der alten Lady Rockminſter; die Leute in Clavering Park waren abweſend, die wenigen alten Freunde des Hauſes und an ihrer Spitze Doktor Portman machten Mr. Pen ihre Aufwartung und behandelten ihn mit ausgezeichneter Hochachtung; zwiſchen Mutter und Sohn herrſchte die innigſte Zärtlichkeit, Vertraulichkeit und Zuneigung. Es waren die glücklichſten vierzehn Tage in der Wittwe ganzem Leben, vielleicht in Beider Leben. Die Ferien waren nur zu bald vorbei. Pen war zurück in der ge⸗ ſchäftigen Welt und die zarte Wittwe wieder allein. Sie ſandte Arthurs Geld an Laura: ich weiß nicht, warum die junge Lady die Gelegenheit ergriff, die Heimath zu verlaſſen, als Pen dort eintraf, oder ob er mehr pikirt oder erleichtert durch ihre Abweſenheit war. Er war um dieſe Zeit durch ſeine eigenen Verdienſte 239 und durch den Vorſchub ſeines Oheims in London ziem⸗ lich gut eingeführt und in literariſchen und vornehmen Zirkeln gleich bekannt. Unter den erſtern kam ihm ſein faſhionabler Ruf nicht wenig zu ſtatten; er wurde als ein Gentleman von guten Mitteln und noch beſſern Aus⸗ ſichten, der zu ſeinem Vergnügen ſchrieb, betrachtet — die beſte Empfehlung für einen jungen Aſpiranten im Felde der Literatur — Bacon, Bungay und Kompagnie waren ſtolz darauf, ſeine Artikel zu empfangen; Mr. Wenham lud ihn zum Diner; Mr. Wagg ſah mit günſtigen Au⸗ gen auf ihn, und ſie berichteten „wie ſie ihn in den faſhionablen Häuſern getroffen, bei welchen er ziemlich willkommen war, da ſie ſich nicht um ſeine zeitigen oder zukünftigen Mittel bekümmerten, ſein Aeußeres und ſeine Gewandtheit lobenswerth waren „ und da er für einen geſcheiden Burſchen galt. Schließlich wurde er in das A. gebeten, weil er im Hauſe B. geſehen wurde, und ſo boten ſich dem jungen Manne nicht geringe Ab⸗ wechſelungen in dem Londoner Leben: er wurde mit allen Arten von Leuten von Paternoſter Row bis Pimlico vertraut und war eben ſo ſehr bei den Mayfairer Di⸗ nirtafeln daheim als an den Tiſchen der Speiſehäuſer, wo einige ſeiner Genoſſen von der Feder ſich zu ver⸗ ſammeln pflegten. Voll hohen Muthes und Wißbegierde an alle, mit denen er in Berührung fam, leicht ſich anſchließend, gefiel ſich der junge Burſche in dieſem ſeltſamen Mancher⸗ lei und Getümmel der Welt und war überall willkommen oder wohl gelitten, wohin er kam. So konnte er zum Beiſpiel bei Mr. Plovers eines Morgens frühſtücken in Geſellſchaft eines Pairs, eines Biſchofs, eines Parla⸗ mentsredners, zweier blauen Ladies von der Faſhion, eines populären Predigers, des Verfaſſers der letzten neuen Novelle und des letzten Löwen von Egypten oder Amerika gebracht, und pflegte dann dieſe ausgezeichnete Geſellſchaft mit der Hinterſtube der Zeitungsredaktion zu vertauſchen, wo Tinte und Federn und die noch naſſen 240 Korrekturen ſeiner warteten. Hier war auch Finucane, der Unterredafteur, mit den jüngſten Nenigkeiten aus dem Row, und Shandon kam alsbald herein, gab Pen einen Wink und begann am andern Ende der Tafel, von einer Pinte Sherry flankirt, die, ſobald der Gargon ihn erſchaute, ſtillſchweigend dem Kapitän gebracht wurde, ſeinen Leitartikel zu ſchreiben, oder ließ ſich Mr. Blubyers Stentorſtimme in der Vorderſtube vernehmen, wo dieſer ſchreckliche Kritiker die Bücher auf dem Ladentiſch trotz den furchtſamen Vorſtellungen des Verlegers Mr. Midge in Beſchlag nahm, und nachdem er ſie durchgeſehen und an die gewohnte Bücherbude verkauft und von dem Ertrag des Verkaufs in dem Verſchlag eines Weinhauſes getrunken und dinirt hatte, nach Tinte und Feder rief, um den Urheber ſeines Diners und der Novelle zu Tod zu ſchlagen. Gegen Abend ſtrich Mr. Pen in der Rich⸗ tung ſeines Klubbs umher, um Warrington zu einem Spaziergang für ihre Geſundheit mitzunehmen. Dieſe Bewegung machte die Lunge frei und gab Appetit zum Diner, nach welchem Pen das Privilegium genoß, in einigen ſehr angenehmen Häuſern, in die er eingeführt war, ſeine Aufwartung zu machen, oder die Stadt vor ſich hatte, um Unterhaltung zu ſuchen. Man ging in die Oper, in die Eagle Tavern, auf einen Ball in der Mayfair, oder hatte eine ruhige Nacht bei einer Cigarre, einem Buch, und einer langen Unterhaltung mit War⸗ rington, oder einen wundervollen neuen Geſang in der „Hinterküche.“ — In dieſem Stadium ſeines Lebens muſterte Mr. Pen alle Plätze und Leute und fand ſehr wahrſcheinlich erſt lange nachher, wie viel er Genüſſe hatte, als Bälle ihm kein Vergnügen mehr boten, Poſſen ihn nicht mehr zum Lachen brachten, Wirthshausſchwänke ihn nicht mehr intereſſirten, und die liebenswürdigſte Tänzerin, die jemals ihre Knöchel zeigte, ihn nicht mehr nach dem Diner von ſeinem Stuhle auftrieb. In dem reiferen Alter ſind jetzt alle dieſe Genüſſe vorbei und die Zeiten vorüber. Nur ſehr wenige Jahre ſind es — 241 aber die Zeit iſt vorbei und die meiſten der Helden ſind dahin. Bludyer verpoltert nicht mehr Autoren und prellt Wirthe nicht mehr um ihre Rechnungen. Shan⸗ don, der gelehrte und verſchwenderiſche, der witzige und unweiſe Shandon ſchläft ſeinen letzten Schlaf. Sie be⸗ gruben den ehrlichen Doolan eines andern Tages, nim⸗ mer kriecht noch ſchmeichelt er, ſchießt nicht mehr den langen Bogen, oder leert die Whiskykanne. Die Londoner Saiſon war jetzt in ihrer vollen Blüthe, und die faſhionablen Zeitungsblätter überſtrömten von Berichten großartiger Banfette, Geſellſchaften und Bälle, welche die gebildete Welt belebten. Unſer gnädiger Souverän hielt Levers und Hofzirkel in St. James: in den Bogenfenſtern der Clubbs erſah man Kopf an Kopf, zeitungleſende, reſpeftable Gentlemen mit rothen Geſich⸗ tern; die Serpentine entlang fuhren Tauſende von Wa⸗ gen; Geſchwader berittener Dandies trabten über die Rotten Row: mit einem Wort, Jedermann war in der Stadt, und natürlich durfte Major Arthur Penden⸗ nis, der auch ein Jemand war, nicht fehlen. Den Kopf mit einem bunten Bandanaſacktuch umwunden und das magere Gerippe in einen glänzenden türkiſchen Schlaf⸗ rock gehüllt, ſaß der würdige Gentleman an der Feuer⸗ ſeite und ließ ſeine Füße in einem Bade ſchmoren, während er ſeine Morgentaſſe Thee trank und ſeine „Morning Poſt“ las. Er konnte dem Tag nicht vor's Geſicht treten, ohne ſeine zweiſtündige Toilette, ohne ſeinen Morgenbecher Thee, ohne ſeine Morning Poſt. Ich vermuthe, Niemand in der Welt außer Morgan, nicht einmal Morgan's Gebieter ſelbſt, wußte, wie ſchwach und alt der Major wurde, und welcher Unzahl von Be⸗ lebungsmitteln er bevurfte. Wenn wir Männer nach unſerer Gewohnheit über die Kunſtgriffe einer alten Schönheit, über ihre Schminke, ihre Parfüms, ihre falſchen Locken, über jene Unzahl uns unbekannter Kriegsliſten, womit die böſe Welt ſagt, Pendennis, M. 16 242 daß ſie gegen die Verheerungen der Zeit reagirt und die Reize, deren die Jahre ſie beraubten, wieder herzuſtellen ſucht, ſpotten, ſo darf man annehmen, daß die Frauen ihrer⸗ ſeits gar wohl wiſſen, daß es Männer gibt, die eben ſo eitel ſind als ſie, und daß die Toiletten alter Gecken ebenſo ſorgfältig ſind als die ihrigen. Wie kommt es, daß der alte Bluſhington das unſterbliche Bischen Roſenteint auf ſeinen Wangen behält und wo bekömmt der alte Blondel das Mittelchen her, mit dem er ſeinem Silber⸗ haar die goldene Farbe gibt? Haſt du je geſehen, daß Lord Hotſpur vom Pferde ſteigt, wenn er glaubt, daß Niemand es ſehe? Seinen Bügeln entnommen, können ſeine glänzenden Stiefeln kaum die Treppen von Hot⸗ ſpurhouſe hinaufwackeln. Er iſt ein rüſtiger junger Edelmann, wenn du ihn von hinten in der Rotten Row ſiehſt; wenn du ihn zu Fuß beſchauſt, was für ein alter, alter Geſelle iſt er! Haſt du dir je ein Bild von Dick Lacy (Dick iſt dieſe ſechzig Jahre Dick geweſen) in ſei⸗ nem natürlichen Zuſtande gemacht und ohne ſeine Schnür⸗ brüſte? Alle dieſe Männer ſind Gegenſtände, die der Beobachter menſchlichen Lebens und menſchlicher Sitten mit eben ſo viel Nutzen betrachten kann, als die ält⸗ lichſte Belgravier Venus, oder eine verhuzelte May⸗ fairer Iſebel. Eine alte langbeinige Mücke, die dieſe fünfzig Jahre her nie gebetet hat (außer vielleicht in der Rirche), ein alter Geck, der ſich an ſo viele Gewohnheiten der Jugend noch anklammert, als ſein ſchwacher Griff noch halten kann: der die Flaſche aufgegeben, aber bei ihr mit jungen Leuten noch ſitzen bleibt und bei Brodwaſſer von lüderlichen Geſchichten ſchwatzt, der die Schönheit aufgegeben hat, aber davon noch ſo leichtfertig ſchwatzt, als der jüngſte roué in der Geſellſchaft — ein ſolcher alter Burſche ſage ich, könnte, wenn ein Pfarrer in Pimlico oder St. James ihn durch die Kirchenbüttel in das mittlere Schiff bringen und da in einen Armſtuhl ſetzen ließe und ihn zum Tert nehmen und vor der Gemeinde über ihn predigen würde, — ——————— * — — 243 einmal in ſeinem Leben zu Etwas nütze ſein und mit Erſtaunen finden, daß gute Gedanken aus ihm kämen⸗ Aber wir kommen von unſerem Terte, dem ehrlichen Major ab, der indeſſen in dem Bade ſitzt und ſeine Füße verkuhlen läßt: Morgan nimmt ſie aus dieſem Stande der Reinigung heraus, trocknet ſie ſäuberlich ab und hilft dem alten Gentleman auf die Beine mit Hoſenband und Perücke, geſtärkter Krawatte und fleckenloſen Stiefeln und Handſchuhen. Während dieſer Toilette hielten Morgan und ſein Dienſtherr ihre vertraulichen Beſprechungen, denn ſie trafen ſich zu andern Zeiten des Tages nicht gar oft — da der Major die Geſellſchaft ſeiner eigenen Stühle und Tafeln in ſeiner Wohnung verabſchente und Mor⸗ gan, wenn ſeines Herrn Toilette vorüber und ſeine Briefe abgeliefert waren, ſeine Zeit allmeiſt zu eigener Ver⸗ fügung hatte. Dieſe erübrigte Zeit brachte der thätige und wohl⸗ manierliche Gentlemanunter den Valets und Kellermeiſtern der Nobleſſe ſeiner Bekanntſchaft zu; und Morgan Pen⸗ dennis, wie er hieß (denn durch ſolche zuſammengeſetzte Namen werden die Gentlemen der Gentlemen in ihren Privatzirkeln benannt), war ein häufiger und willfom⸗ mener Gaſt an einigen der höchſten Tafeln dieſer Stadt. Er war ein Mitglied zweier einflußreicher Klubbs in Mayfair und Pimlico und ſo im Stande, die Klatſcher der ganzen Stadt kennen zu lernen und ſeinen Herrn und Gebieter während der zwei Toiletteſtunden aufs an⸗ genehmſte zu unterhalten. Er wußte hundert Geſchich⸗ ten und Sagen über Perſonen des höchſten Tones, deren Valets ihre erhabenen Geheimniſſe erörtern, juſt, theure Madame, wie unſre eignen Stubenmädchen und Dienſt⸗ boten in der Küche unſere Charaktere, unſern Geiz und unſere Generoſität, unſere Geldmittel oder Verlegenhei⸗ ten, unſre kleinen häuslichen oder ehlichen Zänkereien und Streite diskutiren. Wenn ich dieſes Manuſtript offen auf meinem Tiſche liegen laſſe, ſo habe ich nicht den 244 geringſten Zweifel, daß Betty es liest, daß ſie am Abend in den untern Regionen es beſprechen und daß ſie am Morgen mein Frühſtück mit der Miene ſolch unverwüſtlicher Unſchuld hereinbringt, daß kein Sterb⸗ licher vermuthen könnte, daß ſie der Spionerie ſich ſchuldig gemacht habe. Wenn Sie und der Kapitän über einen Gegenſtand in Hitze gerathen, was ja möglich iſt, ſo werden die Umſtände des Streits und die Cha⸗ raktere Beider mit unparteiiſcher Beredtſamkeit über dem Küchetheetiſche verhandelt; undwenn das Mädchen der Mrs. Smith eine Taſſe Thee mit dem Ihrigen trinkt, ſo wird unzweifelhaft ihre Gegenwart der fraglichen Erörterung keinen Zwang anthun, auch ſie wird mit aller Offenheit ihre Stimme abgeben und am nächſten Tage wird wahr⸗ ſcheinlich ihre Gebieterin wiſſen, daß Kapitän und Mrs. Jones, wie gewöhnlich, einen Streit mit einander ge⸗ habt. Nichts iſt geheim; nehmen Sie als Regel an, daß John Alles weiß: und wie in unſrer niedern Welt, ſo geht es in der höchſten: ein Herzog iſt kein groͤßerer Held gegen ſeinen Valet de chambre, als Sie oder ich; und ſeiner Gnaden Dienſtmann ſpricht in ſeinem Klubb in Geſellſchaft mit andern Mannen des gleichen ſozialen Rangs über ſeines Herrn Charakter und Ange⸗ Gentlemen zukömmt, welche auf einen vertrauten Fuß zu einander geſetzt ſind. Wer ein Knicker iſt und ſein Geld in der Büchſe zuſammenhält: wer in den Händen der Geldwucherer iſt und ſeinen edeln Namen auf die Kehrſeite von Wechſeln ſetzt: wer mit dem Weibe des N. N. vertraut ſteht, welche ihre Tochter an Einen ver⸗ heirathen will und was dieſer nicht, um keinen Preis nicht eingehen will: — alle dieſe Thatſachen diskutiren die vertrauten Gentlemen der Gentlemen unter ſich im Vertrauen, und Jedermann kennt und prüſt ſie, der irgend einen Anſpruch auf den Bereich gentiler Geſell⸗ ſchaft hat. Mit einem Wort, wenn man von dem alten Pendennis ſagte, daß er Alles wiſſe und zumal von allen legenheiten mit freimüthiger Wahrhaſtigkeit, wie ſie 245 Skandalen wunderbar unterrichtet und ergötzlich ver⸗ ſchwiegen ſei, ſo müſſen wir Morgan die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ein gut Theil von ſeines Gebie⸗ ters Allwiſſenheit dem würdigen Manne ſein Diener zu⸗ trug, welcher ausging und Neuigkeiten für ihn foura⸗ girte. In der That kann man wohl einen praktiſcheren Plan anlegen, Neuigkeiten über die Londoner Welt zu erhalten, als wenn man von unten, das heißt in der Küche beginnt? So konverſirten Mr. Morgan und ſein Dienſtherr, während des Letztern Toilette vor ſich ging. Tags zu⸗ vor war Geſellſchaft bei Hofe geweſen und der Major las, daß Lady Clavering von Lady Rockminſter, und Miß Amory von ihrer Mutter Lady Clavering vorge⸗ ſtellt wurde, und in einem ſpätern Theile der Zeitung ihre Anzüge mit einer Genauigkeit und in einem Jar⸗ gon beſchrieben, der den Alterthümler ſpäterer Generatio⸗ nen kurzweilen und in Erſtaunen ſetzen wird. Der An⸗ blick dieſer Namen führte Pendennis im Geiſte auf das Land zurück. „Wie lange ſind die Claverings in Lon⸗ don geweſen?“ fragte er; „haſt Du von ihren Leuten geſehen, Morgan?“ „Sir Francis haben ihren Leibdiener fortgeſchickt, Sir,“ verſetzte Mr. Morgan; „und haben einen Freund von mir in Dienſte genommen; in der That erſuchte er mich um meine Rekommandation. Sie erinnern ſich viel⸗ leicht noch Towlers, Sir — ein großer Mann mit rothem Geſicht — färbt aber das Geſicht. War Kam⸗ merdiener in Lord Levant's Familie, bis Se. Lordſchaft aufbrachen. 's iſt keine Avance für Towler, Sir, aber arme Leute dürfen nicht wähliſch ſein,“ ſagte der Diener pathetiſch. „Verteufelt hart für Towler, bei Gott!“ ſagte der amüſirt⸗ „und unangenehm für Lord Levant — el he!“ „Wußte wohl, daß es kommen würde, Sir. Ich ſprach mit Ihnen davon, letzte Michaelis waren's vier 246 Jahre, als die gnädige Frau ihre Demante verpfändete. Towler, Sir, brachte ſie in zwei Cabrioletten zu Dob⸗ ree's und ein gut Theil des Silbergeräths ging denſelben Weg. Erinnern Sie ſich nicht, bei Blackwall davon ge⸗ ſehen zu haben, mit Levant's Wappen und Krone, und Lord Levant ſaß gegenüber davon bei Marquis von Steyne's Diner. Bitt' um Verzeihung, hab' ich Sie ge⸗ ſchnitten?“ Morgan operirte gerade an des Majors Kinn — er fuhr in dem Thema fort, während er das ſcharfe Ra⸗ ſirmeſſer führte: „Sie haben ein Haus auf Grosvenor Place und rücken ſehr hoch auf, Sir. Die gnädige Frau gibt drei Geſellſchaften, überdieß ein Diner die Woche, Sir. Ihr Vermögen reicht nicht zu — kann nicht zu⸗ reichen.“ „Gott, Sie hatte einen verteufelt guten Koch, als wir in Fairoaks waren,“ ſagte der Major mit ſehr wenig Mitleid für den Mammon von Amory's Wittwe. „Mirobblant hieß er, Sir; — Marobblant iſt fort, Sir,“ ſagte Morgan — und der Major ſagte mit herzlichem Mitleid: „Es thäte ihm verteufelt leid, ihn zu verlieren.“ „Es gab einen ſchrecklichen Spektakel mit dieſem Moſſeer Mirobblant,“ fuhr Morgan fort. „Auf einem Ball zu Baymouth, Sir, hatte er die Unverſchämtheit, Mr. Harthur zu fordern, Sir, und Mr. Harthur war nahe daran, ihn zu Boden zu ſchlagen und aus dem Fenſter zu werfen, und ihm zu thun, was ihm gehörte — aber Chevalier Strong, Sir, kam dazu und that Einhalt — bitt' um Verzeihung — der Streit, Sir — die franzö⸗ ſiſchen Köche haben einen Stolz und eine Hinſolenz, als ob ſie veritable Gentlemen wären.“ „Ich hörte was von dem Streit,“ ſagte der Major; „aber Mirobblant ward darum nicht fortgeſchickt?“ „Nein, Sir — dieſe Geſchichte, Sir, welche Mr. Harthur ihm vergab und bei der er ſich ſo ſchön benahm, ward vertuſcht. Wegen Miß Hamory, Sir, wurde er fort⸗ geſchickt. Dieſe franzöſiſchen Burſchen bilden ſich ein, 247 daß Jedermann in ſie verliebt ſei; und er klimmte an dem großen Weinſtock hinauf nach ihrem Fenſter, Sir, und verſuchte hineinzukommen, da wurde er ertappt; und Mr. Strong kam heraus, und ſie nahmen ſo ein Garteninſtrument und ſpielten auf ihm, und der Spek⸗ takel wollte gar kein Ende nehmen, Sir.“ „Zum Henker mit dieſer Frechheit! Du willſt doch nicht ſagen, Miß Amory habe ihn ermuthigt,“ rief der Major, erſtaunt über einen eigenthümlichen Ausdruck in Mr. Morgan's Miene. Morgan gewann wieder ſeinen unverwüſtlichen Ernſt. „Weiß Nichts davon, Sir, die Diener ſind wenigſtens dem Ding nicht auf den Grund gekommen, höchſt wahr⸗ ſcheinlich war nichts daran — man lügt ſo viel über Familien. Marobblant ging mit Sack und Pack fort, mit Saucepfännchen, Clavier und all' den Siebenſachen — der Burſche hatte ein Clavier, ſchrieb franzöſiſche Ge⸗ dichte und bezog eine Wohnung in Clavering, und ſchlich um das Herrenhaus herum, und man ſagte, daß Madame Fribsby, die Putzmacherin, Briefe an Miß Hamory überbrachte, aber ich glaub' kein Wort davon, und eben ſo wenig, daß er ſich mit Kohlendampf ver⸗ giften wollte, lauter Lugenwerk zwiſchen ihm und Ma⸗ dame Fribsby; auch vaß er beinahe von dem Jäger in dem Parke erſchoſſen wurde.“ Im Verlaufe deſſelben Tages wollte der Zufall, daß der Major ſich in dem großen Fenſter von Bays's Klubb in St. James Street ſtationirt hatte, zu einer Stunde des Nachmittags, wo man ein Dutzend reſpek⸗ tabler, alter Gecken ſich auf gleiche Weiſe rekreiren ſieht (Bays's iſt jetzt ein altmodiſcher Verſammlungsplatz und manche ſeiner Mitglieder ſind über dem mittlern Alter; aber zur Zeit des Prinz Regenten nahmen dieſe Burſche daſſelbe Fenſter ein und gehörten unter die größten Dan⸗ dies im ganzen Reich) — Major Pendennis ſchaute aus dem großen Fenſter und erſpähte ſeinen Neffen Arthur, 248 wie er in Geſellſchaft ſeines Freundes, des Mr. Pop⸗ joy, die Straßen hinabging. „Sehen Sie!“ ſagte Popjoy zu Pen, als ſie vor⸗ übergingen, „find Sie je um vier Uhr an Bays's vor⸗ übergegangen, ohne dieſen Schlag alter Tauben geſehen zu haben? Es iſt ein regelmäßiges Muſeum. Sie ſoll⸗ ten in Wachs gegoſſen und bei Madame Tuſſauds auf⸗ geſtellt werden —“ „In einem Zimmer alter Schauer *) ganz allein,“ ſagte Pen lachend. „In einem Zimmer der Schauer! Gott, verdammt gut!“ rief Popjoy. „Sie ſind alte Schelme, die mei⸗ ſten von ihnen, man greift nicht leicht fehl. Da iſt der alte Blondel, mein Onkel Colchicum, der abſcheulichſte alte Sünder in ganz Europa — da iſt — Hullo, es reißt Jemand das Fenſter auf und winkt uns.“ „Es iſt mein Onkel, der Major,“ ſagte Pen. „Iſt er auch ein alter Sünder?“ „Ein notoriſcher, alter Schelm,“ ſagte Popjoy, den Kopf bewegendz („notowiſchew, altew Schelm,“ ſprach er die Worte aus und machte ſie damit nur um ſo empha⸗ tiſcher), „er winkt Ihnen hinein, er will mit Ihnen ſprechen.“ „Kommen Sie auch herein,“ ſagte Pen. „Kann nicht,“ erwiderte der Andere. „Halte mit Onkel Colchicum vor zwei Jahren einen Sturz wegen Mademoiſelle Frangipane. Ta, ta,“ und der junge Suͤn⸗ der verabſchiedete Pen und den Klubb der ältern Sün⸗ der und ſchlenderte nach Blacquiere's, einem nahen Etabliſſement, das von Böſewichten ſeines Alters be⸗ ſucht wurde. Colchieum, Blondel und die ältern Gecken hatten ſich eben über die Claveringer Familie unterhalten, deren Erſcheinen in London den Gegenſtand von Major *) In einem Zimmer der obigen Wachsfigurenausſtelung, in welcher Robespierre und Konſorten zu ſeben waren. Aum. des Ueberſ. 249 Pendennis's Morgenunterhaltung mit ſeinem Diener ge⸗ bildet hatte. Mr. Blondel's Haus ſtand neben demſe⸗ nigen von Sir Francis Claverings in Grosvenor Place. Er gab ſehr gute Diner's und hatte einige Thätigkeit in ſeines Nachbars Küche bemerft. Sir Franeis hatte wirklich einen neuen Chef, der mehr denn einmal herein kam und Mr. Blondel's Diner für ihn zurichtete, da dieſer Gentleman blos eine ungemein erfahrene Speiſe⸗ künſtlerin für gewöhnlich in ſeinem Hauſe engagirt hatte, und ſolche Chefs von Renommee, die gerade frei waren, bei Gelegenheit ſeiner großen Bankets verwendete. „Sie machen verteufelt viel Aufwand und ſehen, wie ich höre, bis jetzt verteufelt ſchlechte Geſellſchaft bei ſich,“ ſagte Mr. Blondel, — „ſie fegen die Straßen, bei Gott, um Leute an ihre Tafel zu bekommen. Champignon ſagt, das Herz breche ihm, wenn er ihrer Geſellſchaft das Diner ſervire. Es iſt eine Schande, daß ſo niederes Volk überhaupt Geld hat,“ rief Mr. Blondel, deſſen Großvater ein ehrſamer Lederhoſenmacher geweſen war und deſſen Vater den Prinzen Geld geliehen hatte. „Ich wünſchte, ich wäre ſelbſt auf die Wittwe ge⸗ rathen,“ ſeufzte Lord Colchicum, „und wäre nicht von der Gicht in Livorno abgetakelt worden. — Ich hätte ſelbſt das Frauenzimmer geheirathet. — Ich habe ge⸗ hört, ſie habe ſechsmal hunderttauſend Pfund in den dreiprozentigen (Fonds der Bank).“ „Nicht ganz ſo viel, — ich kannte ihre Familie in Indien,“ — ſagte Major Pendennis. „Ich kannte ihre Familie in Indien; ihr Vater war ein ungeheuer reicher Indigopflanzer, — kenne alle ihre Verwandten, — Clavering hat das nächſte Gut bei dem unſern auf dem Lande. — Ha! da geht mein Neffe mit“ — „mit meinigem, — dem hölliſchen, jungen Galgenſtrick“ — ſagte Lord Colchicum, indem er aus ſeinen ſchweren Aug⸗ brauen auf Popjoy hervorſtierte, und wandte ſich von dem Fenſter weg, als Major Pendennis an daſſelbe klopfte. Der Major war in beſter Stimmung. Die Sonne 250 glänzte hell, die Luft war friſch und kräftigend, er hatte beſchloſſen, Lady Clavering heute einen Beſuch zu ma⸗ chen, und dachte, Arthur würde ein guter Geſellſchafter auf dem Weg über den grünen Park nach der Thür ihrer Herrlichkeit ſein. Maſter Pen war nicht abgeneigt, ſeinen berühmten Verwandten zu begleiten, der ihm ein Dutzend hohe Perſonen auf ſeinem kurzen Weg durch St. James Street zeigte, und ſich vor einem Herzog auf einem Kreuzweg, vor einem Biſchof (er ritt auf einem Hengſt) und einem Kabinetsminiſter mit einem Schirme verbeugte. Der Herzog bot dem ältern Pen⸗ dennis einen Finger, eines mit Pfeifererde weißgemach⸗ ten Handſchuh's *), den der Major mit großer Vereh⸗ rung drückte; und Pen rieſelte das Blut in allen Adern, als er ſich ſo zu ſagen in wirklicher Berührung mit die⸗ ſem famoſen Mann fand, denn Pen war im Beſitz von des Majors linkem Arm, während des Gentlemans an⸗ dere Schwinge Sr. Gnaden Rechte berührte, und er wünſchte, daß die ganze Graubrüderſchule, die ganze Orbridger Univerſität, die ganze Paternoſter Row und der Tempel, Laura und ſeine Mutter in Fairvaks an den beiden Seiten der Straße geſtanden wären, um dieſes Zuſammentreffen zwiſchen ihm und ſeinem Onkel und dem berühmteſten Herzog in der Chriſtenheit mit anzuſehen. „Wie befindet man ſich, Pendennis — ſchöner Tag,“ waren Sr. Gnaden denkwürdige Worte, und mit einem Nicken ſeines erhabenen Hauptes ging er vorüber, in einem blauen, kurzen Ueberrock und fleckloſen, weißen Beinkleidern und in einer weißen Kravatte mit einer glänzenden Schnalle hinten. Der alte Pendennis, deſſen Aehnlichkeit mit Sr. Gnaden ſchon bemerkt worden war, begann ihn unwill⸗ kürlich nachzuahmen: er ſprach in kurzen Sätzen nach *) Wellington läßt ſeine Handſchuhe nicht waſchen, ſondern, wie die Soldaten, mit Pfeifererde weiß machen. ————— — 251 der Weiſe des großen Mannes. Wir alle haben ohne Zweifel mehr denn einen Offizier getroffen, der ſo die Manier eines gewiſſen, großen Feldherrn unſerer Zeit nachahmte, und ſeinem Charakter und ſeiner Geſinnung eine Turnure gab, weil das Schickſal ihn mit einer Adlernaſe begabt hatte. Haben wir nicht auf gleiche Weiſe manchen Andern ſich auf ſeine hohe Stirn und eine vermeintliche Aehnlichkeit mit Mr. Canning etwas ein⸗ bilden ſehen? Mancher Andere ging ſtolz vor Selbſtge⸗ fühl durchs Leben wegen einer eingebildeten Aehnlichkeit (wir ſagen eingebildeten, weil es unmöglich iſt, daß irgend Jemand dieſem ſchönſten und vollkommenſten der Män⸗ ner gleichen ſollte) mit dem großen und verehrten Georg dem IV. Wieder Andere trugen niedere Krägen an ihren Kleidern, weil ſie ſich einbildeten, daß Lord Byron und ſie ſelbſt in ihrem Aeußern einander ähnlich wären. Und hat ſich nicht erſt das Grab über dem armen Tom Bickerſtaff geſchloſſen, der nicht mehr Imagniation als Mr. Joſeph Hume hatte, aber in den Spiegel ſchaute und ſich einbildete, daß er Shakſpeare gleiche, raſirte ſeine Stirne, um dem unſterblichen Barden mehr zu gleichen, ſchrieb unaufhörlich Trauerſpiele und ſtarb als vollkommener Narr — und ging ſo buchſtäblich an ſeiner Stirn zu Grunde? Dieſe oder ähnliche Grillen der Eitelkeit müſſen die meiſten Leute, welche das Licht dieſer Welt erblickt, erlebt haben. Pen lachte ſchelmiſch in ſeinen Aermel, über die Art, in welcher ſein Oheim den großen Mann, den ſie ſo eben verlaſſen, nachzuahmen begann; aber Mr. Pen war vielleicht auf ſeine Weiſe eben ſo eitel als der ältere Gentleman, und ſtolzirte mit wichtiger Miene an der Seite des Majors. „Ja, mein lieber Junge,“ ſagte der alte Junggeſell, als ſie durch den grünen Park ſchlenderten, wo viele arme Kinder ſich glücklich erluſtigten, und Laufjungen, Toſſhalfpenny ſpielten, und ſchwarze Schafe im Sonn⸗ ſchein weideten, ein Schauſpieler auf einer Bank ſeine 252 Rolle lernte, Kindsmädchen mit ihren Pflegbefohlenen umherſtrichen und mehrere Paare allgemächlich luſtwan⸗ delten. „Ja, verlaß Dich darauf, mein Junge; für einen armen Mann iſt Nichts beſſer, als gute Bekannt⸗ ſchaften zu haben. Was waren jene Männer, mit denen Du mich bei Bays's in dem Bogenfenſter ſahſt? Zwei waren Pairs von dem Reiche, Hobananob wird ein Pair, ſobald ſein Großonkel ſtirbt, und dieſer hat ſeinen drit⸗ ten Schlaganfall gehabt; und von den andern vier hat keiner weniger als ſeine Siebentauſend per Jahr. Haſt Du den dunkelblauen Brougham mit dem gewaltigen Pferde an dem Thor des Klubs warten ſehen? Du wirſt es wieder“ zu Geſicht bekommen, es gehört Sir Hugh Trumpington; der iſt nie in ſeinem Leben zu Fuß gegangen, iſt nie auf den Straßen zu Fuß geſehen wor⸗ den — nie: und wenn er die zweite Thür von ſeinem Hauſe gehen muß und ſeine Mutter, die verwittwete Lady, be⸗ ſuchen will (bei der ich Dich auch einführen werde, denn ſie empfängt einen kleinen Kreis von der beſten Geſell⸗ ſchaft in London), ſo ſteigt er vor Nummer 23 auf und Nummer 25 wieder ab Er iſt jetzt droben bei Bays's und ſpielt Piket mit Graf Punter: er iſt der zweitbeſte Spieler in England, was er auch ſehr gut ſein kann; denn er ſpielt jeden Tag ſeines Lebens außer den Sonn⸗ tagen (Sir Hugh iſt ein außerordentlich religiöſer Mann) von vier Uhr bis halb acht, wo er ſich zum Diner kleidet. „In der That eine ſehr fromme Weiſe, ſeine Zeit hinzubringen,“ ſagte Pen lachend und meinte, ſein Oheim werde nächſtdem kindiſch werden. „Gott, Sir, das iſt nicht die Frage. Ein Mann von ſeinem Grundbeſitz kann ſeine Zeit hinbringen, wie er will; wenn Du ein Baronet, oder ein Parlaments⸗ mitglied aus einer Grafſchaft, mit zehntauſend Aeres von Cheſhire biſt, und einen Landſitz haſt, wie Trum⸗ pington (obgleich er niemals hingeht), ſo kannſt Du thun, was Du willſt.“ —— — 253 „Und ſo war denn dieß ſein Brougham, Sir, nicht wahr?“ ſprach der Neffe beinahe hohnlächelnd. „Sein Brougham — o ja, ja!l und das bringt mich auf meinen Punkt zurück — Revenons à nos moutons.“ „Ja, bei Gott, Revenons à nos moutons. Gut, dieſer Brougham iſt mein, wenn ich will, zwiſchen vier und ſieben, ſo gut mein, als ob ich ihn von Tilburys, bei Gott, für dreißig Pfund per Monat gemiethet hätte; Sir Hugh iſt der gutmüthigſte Burſche von der Welt, und wenn es kein ſo ſchöner Nachmittag wäre, ſo wür⸗ deſt Du in dieſer Minute auf unfrem Weg nach Gros⸗ venor Place in jenem Brougham ſitzen. Das hat man davon, wenn man reiche Leute kennt; — ich dinire um⸗ ſonſt, Sir; — ich gehe aufs Land und habe für Nichts zu zahlen, andere Leute halten Hunde und Wildhüter für mich. Sic vos non vobis, wie wir bei den Grey Friars zu ſagen pflegten, nicht wahr? Ich halt's mit meinem alten Freunde Leech vom Vierundvierzigſten, und ein verteufelt guter, ſchlauer Burſche war es, wie's die meiſten Schottländer ſind, Gott, Sir; Leech pflegte zu ſagen, er ſei ſo arm, daß er keinem armen Mann etwas hätte bieten können.“ „Sie handeln nicht nach Ihren Grundſätzen, Oheim,“ ſagte Pen gutmüthig. „Nach meinen Grundſätzen; wie ſo, Sir?“ fragte der Major etwas unwirſch. „Sie hätten mich in St. James Street gelaſſen, Sir,“ ſagte Penz „wäre Ihre Praris nicht wohlwol⸗ lender als Ihre Theorie, Sie, die Sie mit Herzogen und Magnaten des Landes leben, würden von einem armen Teufel, wie ich, keine Kenntniß nehmen.“ Aus dieſen Worten können wir erſehen, daß Mr. Pen in der Welt voran kam, und eben ſo gut ſchmeicheln, als in den Aermel lachen konnte. Major Pendennis war im Augenblick begütigt. Er drückte ſeines Neffen Arm, an dem er lehnte, und ſagte: „Du biſt mein Fleiſch und Blut! der Teufei hole mich, 2⁵4 wenn ich nicht ſehr ſtolz auf Dich und ſehr verliebt in Dich war, da kamen Deine verdammten Thorheiten und Ausſchweifungen und wilden Eide, die Du jetzt hoffent⸗ lich geſät haſt. Ja, bei Gott! Ich hoffe, Du haſt ſie geſät; ich hoffe, Du haſt ſie geſät, bei Gott. Mein Hauptaugenmerk iſt jetzt, Arthur, einen Mann aus Dir zu machen, Dich in eine Stellung in der Welt zu brin⸗ gen, die einem Manne Deines und meines Namens ge⸗ ziemt, Sir. Du haſt einigen Ruf gewonnen durch Deine literariſchen Talente, welche ich weit entfernt bin, ge⸗ ring zu ſchätzen, obgleich zu meiner Zeit, bei Gott, Poeſie, Genie und dergleichen Dinge verdammt wenig Reputation brachten. Da war der arme Byron, zum Beiſpiel, der ſich ruinirte und ſich durch den Umgang mit Dichtern und Zeitungsſchreibern und dergleichen Volk die ſchlimmſten Gewohnheiten angeeignet hat. Die Zei⸗ ten ſind jetzt anders, es iſt ein Rennen nach Literatur — geſcheide Burſche kommen in die beſten Häuſer, bei Gott! Tempora mutantur, Sir! Und beim Ju⸗ piter, ich glaube, was immer iſt, iſt recht, wie Shak⸗ ſpeare ſagt.“ Pen hielt es nicht für geeignet, ſeinem Oheim zu ſagen, wer der Autor war, der dieſen denkwürdigen Aus⸗ ſpruch gethan, und hier aus dem Green Park herabſtei⸗ gend, nahm das Paar ſeinen Weg nach Grosvenor Place und nach dem Thor des von Sir Francis und Lady Clavering bewohnten Herrenhauſes. Die Fenſterläden des Speiſeſaals in dieſer ſchönen Wohnung waren friſch vergoldet, die Klopfer ſchauten prachtvoll auf das neubemalte Thor; auf dem Balkon vor dem Geſellſchaftszimmer erblühte ein tragbarer Gar⸗ ten von den ſchönſten Pflanzen mit weißen, blaß⸗ rothen und Scharlachblumen; die Fenſter der obern Wohnung, das Heiligthum und Toilettezimmer der Lady ohne Zweifel, und ein hübſcher, kleiner Fenſterflügel des dritten Stockes, das der ſcharfſichtige Mr. Pen als das jungfräuliche Schlafgemach der Miß Blanche Amory 255 erkannte, waren gleichfalls mit Blumenſchmuck geziert, und das ganze Aeußere des Hauſes gewährte den bril⸗ lanteſten Anblick, den friſche Verblendung, ſchimmerndes Spiegelglas, neugewaſchene Backſteine und fleckenloſer Mörtel dem Beſchauer gewähren konnten. „Welchen Genuß mußte Strong haben, als er alle dieſe Glanzparthieen arrangirte,“ dachte Pen. Er er⸗ kannte des Chevaliers Genius in der Pracht, die ſich vor ihm aufthat. „Lady Clavering macht ihre Fahrt,“ ſagte der Ma⸗ jor. „Wir werden blos unſere Pappendeckel abgeben können, Arthur.“ Er gebrauchte das Wort Pappen⸗ deckel, da er es von einem der geiſtreichſten Jünglinge des Adels in der Stadt gehört hatte, und als einen mo⸗ dernen Ausdruck, der ſich für Pens zartes Alter eignete. In der That, als die zwei Gentlemen das Thor erreich⸗ ten, fuhr ein Landauer an, ein prachtvolles, gelbes Ge⸗ fährt mit Brocat oder Satin von zarter Sahnfarbe gefüttert, von wundervollen Grauſchimmeln gezogen, mit flammenden Bändern und einem Geſchirr, das ganz mit Helmen be⸗ deckt war. Nicht weniger als drei dieſer heraldiſchen Embleme ſtiegen über die Waffenröcke in den Feldern empor, und dieſe Schilde enthielten eine furchtbare An⸗ zahl von Schildabtheilungen, welche das Alterthum und den Glanz des Hauſes Clavering und Snell bezeugten. Ein Kutſcher in einer ſaubern Silberperücke über⸗ ragte den prachtvollen Ueberzug des Kutſchenbocks (auf dem dieſelben Wappen in maſſivem Silber eingewirkt waren) und lenkte die ſteigenden Grauſchimmel — noch ein junger Mann, aber von feierlicher Miene mit ver⸗ brämter Weſte und Schnallen auf den Schuhen — kleinen Schnallen, ungleich denen, welche John nnd Ja⸗ mes, die Bedienten, tragen, und welche, wie wir wiſſen, groß ſind und ſich zierlich über den Fuß verbreiten. Einer der Flügel des Hallenthors war geöffnet, und John, einer der größten Männer ſeines Geſchlechts — lehnte gegen den Thürpfeiler mit ſeinem ambroſiſch 256 duftenden Puderhaar mit gekreuzten Beinen, in ſeinen Silberſtrümpfen ſchön anzuſchauen, den goldknöpfigen Stock, den bol )6ontov in der Hand. Jeames war un⸗ ſichtbar, aber nah bei der Hand, in der Halle wartend⸗ mit dem Gentleman, der nicht Livree trägt und gewär⸗ tig iſt, die härene Decke zu unterbreiten, über welchen die gnädige Frau in ihren Wagen wegſchreiten ſollte. Dieſe Gegenſtände und Menſchen, deren Schilderung Zeit erfordert, überſchaut das geübte Auge mit einem Blick: und in der That, der Major und Pen hatten kaum die Straße überſchritten, als der zweite Flügel des Thores aufflog. Der Roßhaarteppich ſiel die Thor⸗ treppen hinab bis vor den Wagen; John öffnete auf einer Seite des mit Wappenſchildern bemalten Thors und Jeames auf der andern; und zwei Ladies, im höch⸗ ſten Modeſtil gekleidet und von einer Dritten begleitet, welche einen kläffenden Blenheimer Wachtelhund mit einem hellblauen Halsbande trug, kamen hervor, um den Wa⸗ gen zu beſteigen. Miß Amory ſollte zuerſt einſteigen, was ſie mit ätheriſcher Leichtigkeit that, und nahm denjenigen Platz ein, den ſie für den beſten hielt. Lady Clavering folgte nächſt ihr — aber die gnädige Frau war reiferen Alters und ſchwereren Fußes, und einer der Füße in einen grünen Satinſtiefel gekleidet, mit einem Theil eines Strumpfes, der ſehr fein war, wie auch immer der Knöchel ſein mochte, den er umgab, ſchwang ſich auf den Kutſchentritt, während die gnädige Frau zur Stütze auf den Arm des unbeugſamen Jeames lehnte, wie der entzückte Beobachter weiblicher Schönheit, welcher ge⸗ rade bei dieſem impoſanten Ceremoniell vorüber ging erſchauen konnte. Beide Pendennis, senior und junior, gewahrten dieſe Reize, wie ſie der Thüre nahten — indem der Major ernſt und höflich, Pen aber etwas verlegen, nach der Kutſche und ihren Eigenthümern blickten; denn er dachte an verſchiedentliche kleine Vorfallenheiten zu 257 Clavering, die ſein Herz etwas lebhafter ſchlagen ließen. In dieſem Augenblick ſah Lady Clavering zurück und erſah das Paar — ſie war auf dem erſten Kutſchen⸗ tritt und wäre mit einer zweiten Sekunde im Gefährte geweſen; aber ſie that einen Sprung zurück (der einen Theil des Puders von dem Haar des ambroſiſchen Jeames in die Lüfte zerſtreute) und rief: „Himmel, iſt das nicht Arthur Pendennis und der alte Major!“ Sie ſprang alsbald zurück auf die terra firma und zwei feiſte Hände in enge, orangegelbe Handſchuhe eingezwängt, vorhaltend, grüßte die gutmüthige Frau den Major und ſeinen Neffen auf's herzlichſte. „Kommen Sie beide herein! — Warum ſind Sie nicht früher gekommen? — Komm heraus, Blanche, komm und ſieh Deine alten Freunde. — O, ich bin ſo erfreut, Sie zu ſehen, wir haben immer auf Sie ge⸗ wartet und gewartet, ſo lange Zeit her. Kommen Sie herein, der Zwiſchenimbiß iſt noch nicht hinab gekom⸗ men,“ ſagte die gaſtfreundliche Lady, indem ſie Pen's Hand in ihren beiden drückte, (ſie hatte des Majors Hand nach kurzem Druck der Wiedererkennung ſinken laſſen) und Blanche, welche ihre Augen zu den Ka⸗ minen aufſchlug, ſtieg alsbald aus dem Wagen mit furchtſamem, flehendem Blicke erröthend und bot dem ajor Pendennis eine kleine Hand. Die Begleiterin mit dem Wachtelhunde ſah unent⸗ ſchloſſen umher und wußte nicht, ob ſie nicht Fido ſeine Spazierfahrt machen laſſen ſollte; aber auch ſie ſchwenkte rechts um und defilirte hinter Lady Clavering, ihrer Tochter und den beiden Gentlemen in das Haus. Und der Wagen mit den ſteigenden Grauſchimmeln ward auße dem Kutſcher in der Silberperücke unbeſetzt ge⸗ aſſen. Pendennis. IM. 17 Sechszehntes Rapitel, in welchem die Sylphe wieder erſcheint. Vornehmere Leute, als Morgan, der valet, waren nicht ſo gut unterrichtet, als die Gentlemen in Bezug auf die Größe von Lady Clavering's Reichthümern, und bei der Ankunft der gnädigen Frau in der gebildeten Hauptſtadt ging die Sage in London, daß ihr Vermögen unermeßlich ſei. Indigofactoreien, Opiumſchneidereien, Banken mit Rupien überfließend, Demanten und Ju⸗ welen und ungeheure Summen von Intereſſen, die ſie oder ihre Vorgänger an Lady Clavering's Vater bezahl⸗ ten, wurden als Quellen ihres Reichthums aufgeführt. Ihre Einlage bei ihrem Londoner Bankier war genau dekannt, und die Summe umfaßte ſo viel Ziffern, daß ſie bei dem erſtaunten Zuhörer manches Oh der Be⸗ wunderung hervorrief. Es war eine bekannte Thatſache, daß ein Geſandter von einem indiſchen Fürſten, ein Oberſt Altamont, erſter Günſtling des Nawaub von Lucknow, ein außerordentlicher Mann, der, wie man ſagte, zum Islam übergetreten und tauſend wilde und gefährliche Abenteuer beſtanden hatte, jetzt in dieſem Lande war und mit der Begum Clavering „den Le kauf von des Nawaub's berühmtem Naſenringdemant, über dem Lichte des Diwans“ zu unterhandeln ſuchte. Unter dem Titel Begum begann Lady Claverings Ruhm ſich in London zu verbreiten, ehe ſie in die Haupt⸗ ſtadt herabſtieg, und wie Delolme und Blackſtone und alle Panegyriker der brittiſchen Konſtitution rühmen, daß wir in unſre Ariſtokratie Verdienſte aller Art auf⸗ nehmen und daß der niedrigſtgeborne Mann, wenn er's nur verdient, das Staatsgewand eines Peers tragen 259 und neben einem Cavendiſh oder einem Stanley ſitzen kann: ſo ſollte ſich unſre gute Geſellſchaft rühmen, daß, ſo hochmüthig ſie auch ſein mag, ſo natürlich eiferſüch⸗ tig auf ihre Privilegien und vorſichtig, wer in ihren Kreis zugelaſſen werden ſollte, doch wenn ſothanes In⸗ dividuum nur reich genug iſt, alle Schranken alsbald fallen und er oder ſie bewillkommt wird, wie ſie durch ihren Reichthum es zu ſein verdienen. Dieſe Thatſache zeigt unſere brittiſche Unabhängigkeit und Ehrlichkeit — unſere höheren Stände ſind nicht ſo rein hochmüthige Ariſtokraten, wie der Ignorant ſie darſtellt: im Gegen⸗ theil, wenn Einer Geld hat, ſo ſtrecken ſie die Hände nach ihm aus, eſſen ſeine Diners, tanzen auf ſeinen Bällen, heirathen ſeine Töchter oder geben ihre eigenen liebenswürdigen Mädels ſeinen Söhnen mit einer Leut⸗ ſeligkeit, wie man ſie nur von dem gemeinſten roturier erwarten ſollte. Wie unſer Freund, der Chevalier Strong, die Ober⸗ aufſicht über die Arrangements des Herrenhauſes auf dem Lande geführt hatte, ſo ließ er auch den faſhio⸗ nablen Londoner Tapezierern, welche das Stadthaus für die Aufnahme der Claveringer Familie vorbereiteten, das Benefiz ſeines Geſchmackes und Rathes angedeihen. Bei der Ausſtattung dieſes eleganten Wohnſitzes hatte der ehrliche Strong ſo viel Genuß, als ob er der Eigen⸗ thümer ſelbſt geweſen wäre. Er hängte und verhängte die Gemälde, er ſtudirte die Poſitionen der Sophas, er hatte Beſprechungen mit Weinhändlern und Proviant⸗ meiſtern, welche das neue Etabliſſement zu verſorgen hatten, und zu gleicher Zeit nahm des Baronets Facto⸗ tum und vertrauter Freund Gelegenheit, ſeine eigenen Zimmer zu möbliren — und ſein eigenes, ſchmuckes Kellerchen zu füllen. Seine Freunde bekomplimentirten ihn über die Nettigkeit der erſtern; und die auserwähl⸗ ten Gäſte, welche hereinkamen, um ſeine Kotelettchen mit Strong zu theilen, fanden jetzt eine Flaſche vor⸗ trefflichen Clarets, um das Mahl zu würzen. Der 260 Chevalier lebte jetzt, wie er ſagte, „wie der Vogel im Hanſſamen.“ Er wurde von einem früheren ſpaniſchen Legionär und Kameraden bedient, den er in einer Breche einer ſpaniſchen Feſtung verlaſſen und bei einem Gang über die Straße von Tottenhamcourt wieder gefunden, und zum Range eines Leibtrabanten für ſich und den Stuben⸗ burſchen erhob, der für jetzt die Wohnung mit ihm theilte. Dieß war kein andrer als der Liebling des Nawaub von Lucknow, der tapfere Oberſt Altamont. Niemand war weniger neugierig und jedenfalls mehr verſchwiegen, als Ned Strong, und er fühlte kein Be⸗ dürfniß, der geheimnißvollen Verbindung nachzuſpüren, die bald nach ihrer erſten Begegnung in Baymvuth ſich zwiſchen Sir Francis Clavering und dem Abgeſandten des Nawaub entſpann. Der Letztere kannte ein Geheim⸗ niß, das den Erſtern betraf und Clavering gewiſſerma⸗ ßen in ſeine Gewalt gab; und Strong, welcher wußte, daß ſeines Patrons früheres Leben etwas unregelmäßig und ſeine Carriöre bei ſeinem Regiment in Indien keine glänzende geweſen war, vermuthete, daß der Oberſt, welcher darauf ſchwor, Clavering zu Kalkutta gut ge⸗ kannt zu haben, hatte einen Halt an Sir Francis, wo⸗ bei der Letztere weich geben mußte. In Wahrheit, Strong hatte längſt erhoben, daß Sir Francis Claverings Cha⸗ rakter äußerſt ſchwach, und daß er ein moraliſcher und phyſiſcher Tändler und Zungenheld war. Mit dem armen Clavering hatte ſeine Excellenz, nachdem ſie ſich in Baymouth getroffen, eine oder ein paar Beſprechungen, deren Natur der Baronet Strong nicht anvertraute, obgleich er durch dieſen Gentleman, der ſein Botſchafter in allen und jeden Angelegenheiten war, Briefe an Altamont überſandte. Bei einer dieſer Gelegenheiten mußte des Nawaubs Geſandter in äußerſt übler Stimmung geweſen ſein: denn er zerknitterte Cla⸗ verings Brief in der Hand und ſprach in der ihm eigenthümlichen, nachdrucksvollen Weiſe: — „Hundert, der Teufel auch! Ich will keinen wei⸗ . 261 teren Firlefanz. Sagen Sie Clavering, ich will tauſend haben, oder beim Jupiter, ich zerſplittere ihn in Atome. Er gebe mir Tauſend, und ich gehe außer Landes und gebe Ihnen mein Wort als Gentleman, daß ich ein Jahr lang nichts mehr von ihm haben will. Bringen Sie ihm meine Botſchaft, Strong, mein Junge, und ſagen Sie ihm, wenn das Geld nicht nächſten Freitag um zwölf Uhr hier iſt, ſo ſteht am Samſtag ein Artikel in und in nächſter Woche fliegt Alles in die uft!“ Strong brachte dieſe Worte an ſeinen Gebieter zu⸗ rück, auf welchen ſie ſolchen Eindruck machten, daß wirklich an benanntem Tag zur feſtgeſetzten Stunde der Chevalier wieder zu Baymouth mit der verlangten Summe in Altamonts Hotel erſchien. Altamont war, wie er ſagte, ein Gentleman und benahm ſich als ſol⸗ cher; er bezahlte ſeine Rechnung in dem Gaſthaus und die Baymouther Zeitung kündigte an, daß er in das Ausland verreiſe. „Es muß am Ende eine Prellerei ſein,“ dachte er, „die Clavering in des Burſchen Ge⸗ walt gebracht, und der Oberſt hat das Aktenſtück ſich verſchafft.“ Ehe jedoch das Jahr um war, ſah dieſes glückliche Land den Oberſt wieder an ſeinen Geſtaden. Ein ver⸗ dammtes Auflaufen auf das Rothe hatte ihn, wie er ſagte, zu Baden⸗Baden fertig gemacht. Kein Gentle⸗ man konnte gegen eine Farbe, die vierzehn Mal wieder⸗ kehrte, Stand halten. Er hatte ſich genöthigt geſehen, auf Sir Clavering zu ziehen, um Mittel zur Heimkehr zu bekommen. Und Clavering, obgleich in Geldnoth (denn er hatte Wahlausgaben, hatte ſich auf dem Lande ein⸗ gerichtet und mußte ſein Haus in London in gehörigen Stand ſetzen), hatte gleichwohl Mittel gefunden, ob⸗ gleich ſichtbar ganz gegen ſeinen Willen, Oberſt Alta⸗ mont's Wechſel zu honvriren: denn Strong hörte mit an, wie Sir Francis unter vielen Flüchen den frommen Wunſch ausſprach, daß der Oberſt in einem Schuld⸗ 262 thurm in Deutſchland lebenslänglich möchte eingeſperrt werden, um ihm nie wieder beſchwerlich zu fallen. Dieſe Summen für den Oberſt mußte Sir Franeis hinter dem Rücken ſeiner Frau aufbringen; denn trotz ihrer Freigebigkeit, trotz ihrem verſchwenderiſchen Auf⸗ wande hatte die Lady ein leidliches Geſchick für das Geſchäft mit dem großen Vermögen ihres Vaters Snell ererbt, und ſetzte ihrem Manne nur eine ſo hübſche Summe aus, als ſie für einen Gentleman ſeines Ran⸗ ges für geeignet hielt. Hin und wieder machte ſie ihm ein Geſchenk oder zahlte eine Spielſchuld; aber ſie ver⸗ langte immer einen ziemlich genauen Nachweis über die ſo geforderten Summen; und in Bezug auf die Sub⸗ ſidien für den Oberſt geſtand Clavering Strong offen, daß er mit ſeinem Weib darüber nicht ſprechen könnte. Ein Theil von Mr. Strong's Lebensaufgabe war, dieſes Geld und andere Summen für ſeinen Patron auf⸗ zutreiben. Und in des Chevaliers Gemächern in Shep⸗ herd's Inn fanden viele Unterhandlungen zwiſchen Gentlemen, welche Geld ausleihen wollten, und Sir Francis Clavering ſtatt, und viele werthvolle Bankno⸗ ten und Stücke Stempel⸗Papiers wurden zwiſchen ihnen gewechſelt. Wenn ein Mann von ſeiner frühen Ju⸗ gend an die Gewohnheit gehabt hat, Schulden zu machen, und ſeine Verſprechungen, in einem Jahre zu zahlen, gegen baare Summen Geldes zu vertauſchen, ſo möchte es den Anſchein haben, als ob kein gutes lück bleibende Einkehr bei ihm machte, und eine kurze Weile nach Aufgang des Glückſterns iſt der Geldleiher wieder in dem Hauſe und die Verſchreibungen mit der alten Unterſchrift wieder auf dem Geldmarft. Clavering fand es rathſamer, dieſe Herren in Strong's Wohnung, als in der eigenen, zu ſehen; und ſo groß war die Freundſchaft des Chevaliers für den Baronet, daß, ob⸗ gleich er ſelbſt keinen Shilling ſein nennen konnte, ſein Name doch als Traſſant beinahe aller Wechſel erſchien, welche Sir Franecis Clavering aceeptirte. Nachdem er — — — 263 ſo Claverings Wechſel gezogen, ließ er ſie „in der City“ discontiren. Als ſie verfielen, benahm er ſich mit den Wechſelinhabern und gab ihnen Termine für ihre Schuld, oder gewann Zeit, ſie mit neuen Acceptationen zu ver⸗ tauſchen. Regelmäßig oder unregelmäßig müſſen Gent⸗ lemen irgend wie leben, und wie wir ſeiner Zeit laſen, daß die Truppen zu Comorn, welche die Garniſon dort bildeten, luſtig und guter Dinge waren, ſpielten, auf Baͤllen tanzten und ihre Rationen verzehrten, obgleich bedroht mit einem Sturm von dem Feinde draußen und mit dem Galgen, wenn es die Oeſtreicher gewannen, — ſo ſind Hundert von ritterlichen Geiſtern in dieſer Stadt, die wohlgemuth umhergehen, tagtäglich in erträglich guter Stimmung und Fülle diniren und ganz ungeſtört ſchla⸗ fen, während der Gerichtsdiener ihnen mehr oder weni⸗ ger nahe iſt, und ein Schuldenſtrick um ihren Hals hängt — lauter unbedeutende Uebelſtände, welche der alte Sol⸗ dat Ned Strong mit vielem Gleichmuth trug. Aber wir werden eine andere Gelegenheit haben, die Bekanntſchaft dieſer und einiger andern intereſſanten Bewohner von Shepherds Inn zu machen, und halten mittler Weile Lady Clavering und ihre Freunde zu lange auf der Treppe von Grosvenor Place. Zuerſt begaben ſie ſich in den ſtattlichen Speiſeſaal, der, Lady Clavering konnte um alle Welt nicht ſagen, warum, in dem mittelalterlichen Stile ausgeſtattet war. „Es ſeie denn,“ ſagte die gutmüthige Lady lachend, „daß ich und Clavering von mittlerem Alter ſind;“ und hier wurden ihnen die reichlichen Ueberreſte des Zwiſchenim⸗ bißes geboten, an dem ſich Lady Clavering und Blanche eben noch betheiligt hatten. Wenn Niemand um den Weg war, war unſere kleine Sylphe, welche beim Diner mehr als die ſechs Reiskörner der Amina, der reundin der Ghouls in Tauſend und eine Nacht, aß, mit Meſſer und Gabel äußerſt thätig und verzehrte eine ſehr ſubſtantielle Portion Hammelsrippchen, eine Heu⸗ chelei, in der ſie, wie man dafür hält, andern jungen 264 Ladies der Faſhion glich. Pen und ſein Oheim lehnten die Labung ab, bewunderten aber mit geeigneten Kom⸗ plimenten den Speiſeſaal und erklärten ihn mit der ge⸗ eigneten Phraſe für „ſehr rein.“ Da waren auch wirklich hochlehnige, holländiſche Stühle vom ſiebzehnten Jahrhundert, ein mit Schnitz⸗ werk geziertes Buffet vom ſechszehnten; ein Seitentiſch aus dem Schnitzwerk einer Kirche, in den Niederlanden geraubt, und eine gewaltige Kathedrallampe von Meſ⸗ ſing über dem runden, eichenen Tiſch. Da waren alte Familienporträts von Wardourſtreet und ein Teppich von Frankreich, Rüſtungen, zweihändige Schwerter und Streitärte aus carton pièrre, Spiegel, Statuetten von Heiligen und Dresdener Porzellan — kurz, Nichts konnte reiner ſein. Hinter dem Speiſeſaal war das Bibliothek⸗ zimmer, ausgeſtattet mit Büſten und Büchern von jeder⸗ lei Größe, und wundervollen Lehnſeſſeln und feierlichen Bronzen in dem ernſten klaſſiſchen Stil. Hier war es, wo hinter doppelten Thüren Sir Francis Cigarren ſchmauchte und „Bell's Leben in London“ las, und nach dem Diner ein Schläfchen machte, wenn er nicht über dem Billard in ſeinen Klubbs rauchte, oder in den Spielhäuſern von St. James pointirte. Aber was konnte dem reinen Glanze der Geſell⸗ ſchaftszimmer gleich kommen? — Die Teppiche waren ſo prachtvoll und dick, daß der Fuß nicht mehr Geräuſch darauf machte, als der Schatten: auf ihrem weißen Grunde blühten Roſen und Tulpen ſo groß als Wärm⸗ flaſchen: im Zimmer umher waren hohe Stühle, niedere Stühle, krummbeinige Stühle, ſo dünne Stühle, daß es ein Wunder war, wenn Jemand anders als eine Sylphe darauf ſitzen konnte; Tiſche mit eingelegter Arbeit, mit wunderbaren Porzellanornamenten aller Alter und Län⸗ der, Bronzebilder, vergoldete Dolche, Porträtbücher, Ya⸗ tagans, türkiſche Papuſchen⸗Doſen mit Pariſer Bon⸗ bons. Wo immer man nieder ſaß, waren Dresdener Schä⸗ fer und Schäferinnen rings umher; da waren ferner —— — — —— 265 hellblaue Pudel, Enten, Hähne und Hennen in Porzel⸗ lan. Da waren Nymphen von Boucher und Schäferin⸗ nen von Greuze in ſehr reinem Geſchmack in der Thatz da waren Moufſeline⸗Vorhänge, Brocat⸗Vorhänge, gol⸗ dene Käfige mit Papagaien und Liebevögeln, zwei ſchril⸗ lende Kakadus, einander ausquickend und ausſchwatzend; eine Uhr, welche die Töne auf einem Conſoltiſche ſang, und eine andere, welche die Stunden brummte, auf dem Ka⸗ mingeſims — da war mit einem Wort Alles, was die Behaglichkeit wünſchen und der feinſte Geſchmack erden⸗ ken konnte. Ein Londoner Geſellſchaftszimmer, ohne Rück⸗ ſicht auf Aufwand ausgeſtattet, iſt ſicherlich einer der nobelſten und ſehenswertheſten Anblicke unſrer Zeit. Die Römer der letzten Zeiten des römiſchen Reiches, die thenern Markgräfinnen und Gräfinnen Ludwig XV. konnten kaum einen feinern Geſchmack gehabt haben, als unſere modernen Leute zu Tage legen; und Jeder⸗ mann, der Lady Clavering's Empfangzimmer ſah, mußte geſtehen, daß ſie äußerſt elegant waren; und die hüb⸗ ſcheſten Zimmer in London, die der Laty Harley Quin, der Lady Hanwey Wardour oder Mrs. Hodge Podg⸗ ſon, der Frau des großen Eiſenbahn-Cröſus, waren nicht mit ſo vollendeter „Reinheit“ ausgeſtattet. Die arme Lady Clavering wußte indeſſen blutwe⸗ nig in Bezug auf dieſe Dinge und zeigte eine traurige Indolenz für den Glanz um ſie her. „Ich weiß blos ſo viel, daß ſie eine koſtbare Summe Geldes koſten, Ma⸗ jor,“ ſagte ſie zu ihrem Gaſt, „und daß ich Ihnen nicht rathe, es mit einem dieſer vergoldeten, leichten Seſſel zu verſuchen: als wir unſere zweite Dinerparthie gaben, kam ich mit einem auf den Grund. Warum ſind Sie nicht früher gekommen und haben uns beſucht? Wir hätten Sie auch dazu gebeten.“ „Sie hätten ſich gewiß daran erbaut, wie Mama mit dem Stuhle niederkam, Mr. Pendennis!“ ſagte die theure Blanche mit einem Hohnlächeln. Sie war ärger⸗ lich, weil Pen mit Mama planderte und lachte, und 266 weil Mama bei der Beſchreibung des Hauſes ſo und ſo viel Verſtöße gemacht hatte — und aus hundert an⸗ dern guten Gründen. „Ich wünſchre dabei geweſen zu ſein, um Lady Cla⸗ vering meinen Arm anzubieten, wenn ſie deſſen bedurft hätte,“ antwortete Pen erröthend, mit einer Verbeu⸗ ung. „Quel preux Chevalier!“ rief die Sylphe, ihr Köpfchen emporwerfend. „Ich habe ein Mitgefühl für Alle, welche fallen, wie Sie ſich erinnern,“ ſagte Pen: „ich hatte einmal ſelbſt ſehr viel dadurch zu leiden.“ „Und Sie gingen heim, um ſich bei Laura zu tro⸗ ſten,“ ſagte Miß Amory. Pen wurde unruhig. Er dachte nicht gern zurück an den Troſt, der ihm von Laura zu Theil wurde, und fand ſich nicht ſehr geſchmeichelt, zu finden, daß ſeine Zurückweiſung vor der Welt bekannt wurde, hatte ſomit Nichts zur Erwiderung zu fagen und begann ſich ungemein für das Ameublement um ihn her zu intereſſiren und Lady Clavering's Geſchmack mit aller Macht zu erheben. „Es iſt nicht mein Verdienſt,“ ſagte die ehrliche Lady Clavering, „der Tapezierer und Kapitän Strong haben Alles gethan. Sie thaten es, während wir im Parke waren und — und — Lady Rockminſter iſt hier geweſen und ſagt die Salongs ſeien ſehr hübſch,“ ſagte Lady Clavering mit der Miene und dem Tone großer Ehrerbietung. „Meine Couſine Laura iſt bei ihr geweſen,“ ſagte en. „Ich meine nicht die Wittwe, ich meine die Lady Rockminſter.“ 2 „Das wäre!“ rief Major Pendennis, als er dieſen hohen Namen der Faſhion hörte. „Wenn Sie den Beifall Ihrer Herrlichkeit haben, Lady Clavering, können Sie nicht weit fehl fahren; nein, nein, da können Sie nicht weit fehl fahren. Lady 267 Rockminſter iſt, möchte ich ſagen, der Mittelpunkt in dem Kreiſe der Faſhion und des Geſchmacks. Die Zimmer ſind in der That ſchön!“ Und des Majors Stimme erloſch, während er von dieſer großen Lady ſprach und er blickte umher und beſchaute die Gemächer mit einem Reſpekt und einer Ehrfurcht, als ob er in der Kirche wäre. „Ja, Lady Rockminſter hat uns ufgnomme.“ „Aufgenommen!“ rief Blanche mit ſchriller Stimme. „Gut, alſo aufgenommen,“ ſagte Mylady; „es iſt ſehr gütig von ihr und ich darf wohl ſagen, es wird uns recht wohl thun, wenn wir daran gewohnt ſind; nur zuerſt iſt's Einem, als wäre man nicht gut ufgnomme, gut aufgenommen. Sie will unſere Bälle für uns geben und will zu allen unſern Diners für uns einladen. Aber ich leide es nicht; ich will meine alten Freunde haben, ich will nicht ſtumm an meiner eigenen Tafel präſidiren. Sie müſſen zu mir kommen, Arthur und Major; kommen Sie, wir wollen ſehen, an dem vier⸗ zehnten. Es iſt keines von unſern großen Diners, Blanche,“ ſagte ſie, indem ſie ſich nach ihrer Tochter umſah, welche ſich in die Lippen biß und für eine Sylphe ſehr wild darein ſchaute. Der Major ſagte mit einem Lächeln und einer Ver⸗ beugung, er würde lieber zu einem ruhigen Zirfel, als zu einem großen Diner kommen; er habe genug von dieſen großen Gaſtgeboten gehabt und ziehe den einfachen, hei⸗ miſchen Zirkel vor. „Ich glaube immer, ein Diner iſt am beſten am zweiten Tag,“ ſagte Lady Clavering, welche ihre erſte Rede verbeſſern wollte. Am vierzehnten werden wir eine ganz ſtille, kleine Geſellſchaft ſein;“ über welchen zweiten Verſtoß Miß Blanche vor Verzweiflung die Hände rang und rief: „O, Mama, vous étes incor- rigible.“ Major Pendennis betheuerte, daß er ſtille Diners vor Allem in der Welt am meiſten liebe und ſammelte feurige Kohlen auf das Haupt ihrer Herrlich⸗ 268 keit, daß ſie einen Mann, wie ihn, zu einem Nachdiner am andern Tage lud. Aber er war ein Mann von häuslichem Sinn und da er bedachte, daß er dieſe Leute über Bord werfen könnte, wenn ſich was beſſeres zeigte, ſo nahm er mit der ſchmeichelndſten Miene an. Pen ſuchte keine dreißig Jahre an fremder Leute Tiſch ſein Diner, und der Gedanke an ein ſchönes Speiſe⸗ feſt in einem ſchönen Hauſe war für ihn immer will⸗ kommen.- „Was war das für ein kleiner Strauß, den Ew. Ehren mit Miß Amory hatte?“ fragte der Maior Pen, als ſie mit einander fortgingen; „ich dachte, Du warſt au mieux in dieſem Quartier.“ „Warſt,“ antwortete Pen mit einer Stutzermiene, „iſt ein ſehr unbeſtimmter Ausdruck, wenn man von einem Weibe ſpricht. Warſt und biſt find zwei ſehr verſchie⸗ dene Ausdrücke, Sir, beſonders wenn's ſich um Weiber⸗ herzen handelt.“ „Nun ja, ſie wechſeln, wie wir ſelber thun,“ ſagte der Aeltere. Als wir aufs Cap der guten Hoffnung kamen, war dort, ich erinnere mich noch gut, eine Lady, die für Deinen gehorſamen Diener ſich vergiften wollte und in drei Monaten lief ſie ihrem Manne mit ſonſt Jemand davon. Laß Dich mit dieſer Miß Amory nicht ein, ſie iſt keck, affektirt und hat keine Erziehung; und ihr Charakter iſt — ich weiß nicht, wie ich ſagen ſoll; aber denk' nicht an ſie; zehntauſend Pfund reichen nicht für Dich. Was, mein guter Junge, wollen zehntauſend Pfund? Mit dem Zins von dem Gelde könnte ich kaum die Rechnung von der Putzmacherin des Mädchens be⸗ zahlen.“ „Sie ſcheinen connaisseur in der Putzmacherei, Onkel,“ ſagte Pen. „Ich war es, Sir, ich war es,“ entgegnete der Se⸗ nior; „und das alte Schlachtroß, weißt Du, hört nie den Schall der Trompete, ohne daß es anfängt zu hi hi hi! — Du verſtehſt,“ und er warf einen närriſchen, „ — — 269 obgleich etwas matten Seitenblick und Bückling nach einem Wagen, der an ihnen vorbei fuhr und ſich nach dem Parke wendete. „Lady Katharine Martingale's Wagen,“ ſagte er, „monſtrös ſchöne Mädchen die Toͤchter; doch bei Gott, ihre Mutter kann ich mir noch tauſend Mal ſchöner denken. Nein, Arthur, mein lieber Junge, mit Deiner Perſon und Deinen Ausſichten ſollteſt Du einmal einen guten coup machen; und obgleich ich nicht wünſchte, daß das in Fairvaks wieder erzählt würde, Du Schelm, ha! ha! ſo thut doch ein Renommee von ein wenig Muthwillen, und daß man ein homme dangereux iſt, einem jungen Burſchen bei den Weibern keinen Ein⸗ trag. Sie lieben es, Sir — ſie haſſen ein Milchſuppen⸗ geſicht — junge Leute müſſen eben jung ſein, weißt Du. Was aber das Heirathen betrifft,“ fuhr der alte Mo⸗ raliſt fort, „ſo iſt das eine andre Sache. Heirathe ein Weib mit Geld, ich hab' Dir's ſchon früher geſagt, es iſt eben ſo leicht, ein reiches Weib zu bekommen, als ein armes; und es iſt tauſend Mal komfortabler, zu einem wohlgekochten Diner niederzuſitzen mit ſäuber⸗ lich ſervirten kleinen Entrées, als Nichts zu haben zwiſchen Dir und Deiner Frau, als einen verdammt kalten Hammelſchlegel. Wir werden am vierzehnten ein gutes Diner bei Sir Francis Clavering haben. Halte darauf, mein Junge, in Deinen Beziehungen zu der Familie. Kultivire ſie, aber behalte ſie blos zum Di⸗ niren, keine jugendlichen Thorheiten, keinen ſolchen Un⸗ ſinn von Liebe in der Hütte mehr!“ „Es muß eine Hütte ſein, von zwei Kutſchenpfer⸗ den gezogen, eine Hütte, eine Adelshütte muß es ſein, Sir,“ ſagte Pen, indem er die abgedroſchene Ballade von des Teufels Spaziergang anführte; aber ſein Oheim kannte das Gedicht nicht (obgleich er vielleicht Pen ge⸗ rade auf die fragliche Promenade führte) und fuhr mit ſeinen philoſophiſchen Bemerkungen fort, ſehr vergnügt über die Gelehrigkeit des Schülers, an den er ſich wandte⸗ 270 In der That, Arthur Pendennis war ein kluger Burſche, der ſehr leicht die Farbe von ſeinem Nachbar annahm, und dieſe Anbequemung nur zu leicht fand. Warrington, der Brummbart, brummte gewaltig, daß Pen ſo ein Zierbengel wurde, daß er bald nicht mehr auszuſtehen wäre, aber in Wahrheit gefiel der Erfolg und die faſhionabeln Manieren ſeinem älteren Be⸗ gleiter. Er ſah es gern, wenn Pen munter und wohl⸗ gemuth, übervoll von Geſundheit, Leben und Hoffnung war, wie ein Mann, der ſchon längſt nicht mehr vom Hanswurſt und Harlekin amüſirt wird, aber immer noch mit Vergnügen ein Kind in der Pantomime beo⸗ bachtet. Mr. Pen's früherer Trübſinn verſchwand mit ſeinem beſſeren Glück und erblühte, wie die Sonne auf ihn zu ſcheinen begann. Siebenzehntes Rapitel, in welchem Oberſt Altamont erſcheint und verſchwindet. An dem feſtgeſetzten Tage kamen Major Pendennis, der keine beſſere Einladung gehabt, und Arthur, der keine gewünſcht hatte, zuſammen bei Sir Franeis Cla⸗ vering an, um mit ihm zu diniren. Die einzigen In⸗ haber des Geſellſchaftszimmers waren, als Pen und ſein Oheim darin eintrafen, Sir Franeis, ſeine Gattin und unſer Freund, Kapitän Strong, welchen zu ſehen Ar⸗ thur ſehr erfreut war, obgleich der Major Strong ſehr unvergnüglich anſah, da es ihm ganz und gar keine Ehre war, mit dem verdammten Haushofmeiſter Cla⸗ vering's, wie er Strong unehrerbietig nannte, zum Di⸗ — 271 ner niederzuſitzen. Als aber Mr. Welbore, Cla⸗ verings Landnachbar und Kollege im Parlament, eilig ankam, war Pendennis, der Aeltere, etwas be⸗ ſänftigt, denn Welbore, obgleich ein vollkommener Lang⸗ weiler und an der Unterhaltung beim Diner nicht mehr Theil nehmend, als der Bediente hinter ſeinem Stuhl, war ein reſpektabler Landgentleman von alter Familie und ſieben Tauſend per Jahr; und der Major fühlte ſich immer behaglich in ſolcher Geſellſchaft. Dazu ka⸗ men noch andere Perſonen von Auszeichnung; die ver⸗ wittwete Lady Rockminſter, die ihre Gründe hatte, mit der Claveringer Familie gut zu ſtehen, und Lady Agnes Foker mit ihrem Sohne Mr. Harry, unſerem alten Be⸗ kannten. Mr. Pynſent konnte nicht kommen, da ſeine parlamentariſchen Obliegenheiten ihn zu Hauſe hielten, Obliegenheiten, welche den beiden andern Senatoren nicht viel zu ſchaffen machten. Miß Blanche Amory war die letzte in der Geſellſchaft, welche ihre Aufwar⸗ tung machte. Sie war in feine, weiße Seide gekleidet, welche ihre Perlenſchultern im beſten Vortheile zeigte. Foker flüſterte Pen, der ſie mit ſichtbarer Bewunderung betrachtete, zu, daß er ſie für eine „Stunner“ halte. Sie geruhte heute gegen Arthur ſehr gnädig zu ſein, bot ihm auf's freundlichſte die Hand und ſprach von den Lieben in Fairvaks, fragte nach der theuren Laura und ſeiner Mutter und ſagte, daß ſie ſich ſehr nach dem Lande zurückſehne und war in der That ganz einfach, zärtlich und natürlich. Harry Foker glaubte, noch keine ſo liebenswür⸗ dige und ergötzliche Dame geſehen zu haben. Nicht gewohnt an die Geſellſchaft von Ladies und in der Regel ganz ſtumm in ihrer Geſellſchaft, fand er, daß er vor Miß Amory ſprechen konnte, und wurde ungewöhnlich lebhaft und geſprächſam, ehe noch zum Diner gerufen wurde und die Geſellſchaft in die unteren Räume hinab⸗ ſtieg. Er hätte ſehr gewünſcht, ſeinen Arm der ſchönen Blanche zu geben, und ſie die breite beteppichte Treppe 272 hinabzuführen; aber das Loos beſchied ſie dießmal Pen, da Mr. Fokern in Folge ſeines höhern Rangs als En⸗ kel eines Earls die Beſtimmung zufiel, Mrs. Welbore zu eskortiren. Aber obgleich er während der Treppenparthie von dem Gegenſtande ſeiner Wünſche getrennt war, fand ſich der entzuckte Foker doch an der Dinertafel an Miß Amory's Seite und ſchmeichelte ſich, ſehr gut manövrirt zu haben, um ſich dieſen glücklichen Platzzu ſichern. Esiſt jedoch mög⸗ lich, daß der Zug nicht ſein eigener, ſondern von einer andern Perſon gethan worden war. Blanche hatte ſo die beiden jungen Männer je einen auf jeder Seite, und Jeder ſuchte artig und angenehm zu erſcheinen⸗ Foker's Mama, die von ihrem Platze aus ihren Liebling im Auge hatte, war von ſeiner Lebhaftigkeit überraſcht. Harry ſprach beſtändig mit ſeiner ſchoönen Nachbarin von der Topik des Tages. „Taglioni in der Sylphide geſehen? Bringen Sie mir jenes souprame einer Volile (für supréme de volaile) noch einmal, wenn's gefällig iſt (dieß war an den Bedienten in ſeiner Nähe gerichtet), ſehr gut: kann mir nicht denken, woher die souprames fommen; muß mich wundern, was aus den Schlegeln des Ge⸗ flügels wird. Sie iſt zum Küſſen in der Sylphide, nicht wahr?“ Und er begann ſehr gütig die hübſche Arie zu ſummen, welche das hübſcheſte aller Ballete durchläuft, jetzt verhallt mit der ſchönſten und graziöſeſten aller Tänzerinnen. „Wird das junge Volk je ſo was Be⸗ zauberndes, ſo was Klaſſiſches, ſo was, gleich Taglioni, ſehen?“ „Miß Amory iſt ſelbſt eine Sylphe,“ ſagte Mr. n. „Welch herrliche Tenorſtimme Sie haben, Mr. Foker!“ ſagte die junge Lady. „Sie haben ſie gewiß recht kultivirt. Ich ſinge ſelbſt ein wenig. Es würde mir Vergnügen machen, mit Ihnen zu ſingen.“ Pen erinnerte ſich, daß ganz ähnliche Worte von der Pe 273 jungen Lady an ihn ſelbſt gerichtet worden waren, und daß es ihr in frühern Tagen Vergnügen gemacht hatte, mit ihm zu ſingen. Höhniſch fragte er ſich, mit wie vielen andern Gentlemen ſie wohl ſeit dieſer Zeit Duette ge⸗ ſungen, fand aber nicht für geeignet, dieſe linkiſche Frage laut zu ſtellen und bemerkte blos mit der zärt⸗ lichſten Miene, die er annehmen konnte: „es würde mir Vergnügen machen, Sie wieder ſingen zu hören. Ich hörte, glaube ich, nie eine Stimme, die mir ſo wohl gefiel, wie die Ihrige.“ „Ich dachte, Sie fänden Laura's ſchön,“ ſagte Miß Blanche. „Laura's iſt ein Contralto, und dieſe Stimme fehlt oft, wie Sie wiſſen,“ ſagte Pen bitter. „Ich habe ein gut Theil Muſik in London gehört,“ fuhr er fort. „Ich bin müde dieſer Leute von Profeſſion. Sie ſingen zu laut — oder ich bin zu alt, oder zu plasé geworden. Man wird ſehr früh alt in London, Miß Amory. Und wie allen alten Burſchen gefallen mir nur noch Lieder, die ich in meiner Jugend hörte.“ „Ich habe die engliſche Muſik am liebſten. Frage nicht viel nach fremden Liedern. Geben Sie mir ein Stückchen von dem Hammelsrücken,“ ſagte Mr. Foker. „Ich venerire vor Allem engliſche Valladen,“ ſagte Miß Amory. „Singen Sie mir eines der alten Lieder nach dem wollen Sie?“ ſagte Pen in flehentlichem one. „Soll ich Ihnen ein engliſches Lied nach dem Diner ſingen?“ fragte die Sylphe, ſich an Mr. Foker wendend⸗ „Ich will, wenn Sie mir verſprechen, bald heraufzu⸗ kommen,“ und gab ihm eine volle Saive ihrer ſchönen Augen. „Ich komme hald genug nach dem Diner hinauf,“ ſagte er harmlos. „Ich trinke nicht viel Wein hernach — nimm meine Ration über dem Diner — mein De⸗ Pendennis. I. 18 274 putätchen, meine ich, und wenn ich ſo viel habe, als ich brauche, ſo wackle ich zu dem Thee hinauf. Ich bin ein Haushammel, Miß Amory — meine Gewohnheiten ſind einfach — und wenn mir's gefällt, ſo bin ich ins⸗ gemein bei guter Laune, nicht wahr, Pen? Jene Sauce, wenn's gefällig iſt — nicht die da, die andere mit den Kirſchen darin. Wie, zum Henker, kriegen Sie die Kirſchen in die Sauce?“ Auf dieſem Wege ſchwatzte der argloſe Jüngling fort, und Miß Amory hörte mit unerſchöpflich guter Laune auf ihn. Als die Ladies ihren Rückzug nach den oberen Regionen antraten, nahm Blanche den jungen Männern das Verſprechen ab, bald die Tafel zu verlaſſen und ſchied mit freundlichen Blicken gegen beide. Sie ließ auf Foker's Seite am Tiſche ihre Handſchuhe, auf Pen's ihr Sacktuch fallen. Jedem war einige Aufmerkſamkeit gezollt worden. Ihre Artig⸗ keit gegen Mr. Foker war vielleicht ein wenig mehr ermuthigend, als ihre Güte gegen Arthur, aber das wohlwollende kleine Geſchöpf that ſein Möglichſtes, beide Gentlemen glücklich zu machen. Foker erhaſchte ihren letzten Blick, als ſie aus der Thüre eilte; der glänzende Blick ging über Mr. Strong's breite weiße Weſte und ſchoß gerade auf Harry Foker. Die Thür ſchloß ſich hinter der Zauberin. Er ſetzte ſich mit einem Seufzer nieder und ſtürzte ein Glas Claret hinunter. Da das Diner, bei welchem Pen und ſein Oheim ſich einfanden, keines von jenen großartigen Parthien war, ſo wurde es zu einer weit frühern Stunde ſer⸗ virt, als jene ceremoniellen Bankette der Londoner Saiſon, die herkoͤmmlich nicht vor neun Uhr ihren Anfang neh⸗ men ſollen, und da die Geſellſchaft klein und Miß Blanche ſehr darauf bedacht war, ſich zu ihrem Klavier in dem Geſellſchaftszimmer zu begeben, und ihrer Mutter be⸗ ſtändige Winke zum Rückzuge gab, — verſtand ſich Lady Clavering ſehr früh zu dieſem Signal, ſo daß es noch ganz hell war, als die Ladies die oberen Gemächer er⸗ reichten, von deren mit Blumen geſchmückten Balkonen 275 ſie eine Ausſicht auf die beiden Parks hatten, auf die armen Paare und Kinder, welche noch in dem einen ſchlenderten und auf die Equipagen der Ladies und die Pferde der Dandie's, die durch das Bogenthor des an⸗ dern gingen. Die Sonne war mit einem Wort noch nicht hinter den Ulmen der Kenſingtoner Gärten hin⸗ unter und vergoldete noch immer das Standbild, welches die Frauen England's zu Ehren Sr. Gnaden des Her⸗ zogs von Wellington errichtet hatten, als Lady Clave⸗ ring und ihre Freundinnen die Gentlemen beim Weine zurückließen. Die Fenſter des Speiſeſaals waren geöffnet, um die friſche Luft einzulaſſen, und boten den Vorbeigehen⸗ den auf der Straße den vergnüglichen oder vielleicht tantaliſirenden Anblick von ſechs Gentlemen in weißen Weſten mit einer Anzahl Karaffen und einer Auswahl von Obſt vor ihnen — kleine Knaben, die vorübergingen, und an den Geländern hinaufſprangen und hineinguckten, ſagten zu einander: „Meiner Treu, Jim, möchteſt Du nicht auch dort ſein, und eine Schnitte von dem Ana⸗ nas dort haben?“ — Die Pferde und Wagen der hohen und niedern Nobleſſe fuhren vorbei zu den belgra⸗ viſchen Toiletten. Der Polizeimann mit ſeinen krum⸗ men Füßen patrouillirte vor dem Herrenhauſe auf und ab: Die Abendſchatten begannen ſich zu verlängern: Der Gaſemann kam und zündete die Lampen vor Sir Fran⸗ eis Hausthor an: Der Kellermeiſter trat in den Speiſe⸗ ſaal und illuminirte den antiken gothiſchen Armleuchter über der antiken mit Schnitzwerk verzierten eichenen Svpeiſetafel, ſo daß man von außen in das Haus wie auf eine feſtliche Nachtſcene hineinſah und von innen eine Viſion eines ruhigen Sommermonats und der Mauer des Sankt James Parks und des Himmels oben hatten, an welchem ſo eben ein paar Sterne zu blitzen begannen. Jeames lehnte mit verſchränkten Beinen an dem Thürpfeiler von ſeines Gebieters Wohnung und ſah nachdenklich auf das vorgenannte ruhige Schauſpiel hin, 276 während ein Zuſchauer ſich an das Geländer drückte und die frühere Scene muſterte. Polizeimann K. ging vorüber und ſchenkte ſeine Aufmerkſamkeit keiner von beiden, ſondern ſixirte ſie auf das Individum, das ſich an dem Geländer hielt, und in Sir Francis Clavering Speiſezimmer hineingaffte, wo Strong lachte und die Geſellſchaft plaudernd unter⸗ hielt. Der Mann an dem Geländer war ſehr ſtattlich ge⸗ ſchmückt mit Ketten, Kleinodien und Weſten, welche die Beleuchtung aus dem Hauſe zu ihrem großen Vortheil ins Licht ſtellte; ſeine Stiefel waren glänzend, er hatte meſſingene Knöpfe an ſeinem Rock und große weiße Preischen über ſeine Knöchel; und ſah in der That ſo vornehm aus, daß K. ſich einbildete, er habe ein Par⸗ laments⸗Mitglied oder ſonſt einen Mann von Bedeutung vor ſich. Was auch immer ſein Rang war, mochte er ein M. P. oder ſonſt ein Mann von Bedeutung ſein, ſo war er bedeutend von Wein aufgeregt: denn er wankte etwas in ſeinem Gang und ſein Hut ragte über ſeine wilden blutunterlaufenen Augen auf eine Weiſe, die kein nüch⸗ terner Hut jemals eingenommen hätte. Sein reichliches ſchwarzes Haar war ſichtlich nicht naturwüchſig und ſein Schnurrbart von tyriſchem Purpur. Als Strong's Gelächter einem ſeiner eigenen gros mots folgend durch das Fenſter erſcholl, lachte dieſer Gentleman außen und kicherte auf die ſeltſamſte Weiſe und ſchlug auf ſeine Schenkel und winkte Jeames, der nachdenklich in dem Porticus ſtand, als wollte er ſagen: Der tauſend, Junge, das iſt eine luſtige Ge⸗ ſchichte! Jeames's Aufmerkſamkeit wurde allmählig von dem Mond am Himmel auf dieſe untermondliche Scene ge⸗ zogen, er war verdutzt und beunruhigt von der Erſchei⸗ nung des Mannes in den glänzenden Stiefeln: „ein Streit,“ bemerkte er nachmals in der Bedientenſtube — „ein Streit mit einem Burſchen auf den Straßen thut 277 niemals gut, auch war er zu keinen ſolchen Zwecken in Dienſt genommen.“ Nachdem ſich Jeames den Mann, der fortlachte, ſchwankte und mit trunkener Selbſtgefällig⸗ keit den Kopf ſchüttelte, eine Weile angeſehen hatte, guckte er aus dem Portikus hervor, rief mit gedämpfter Stimme: „Polizeimann,“ und winkte dieſem Offieianten X. *); derſelbe marſchirt entſchloſſen auf mit einem Berliner Handſchuh in ſeiner Kuppel, und Jeams deutete einfach mit dem Zeigefinger auf das Individuum, das gegen das Geländer hin lachte. Kein Wort weiter als„Polizei⸗ mann“ ſprach er und ſtand wieder da in dem ſtillen Sommerabend, ſtill den Finger ausreckend: ein impo⸗ nirender Anblick. k. rückte auf das Individuum zu und ſprach: „Nun, Sir, wollen Sie die Güte haben und weiter gehen?“ Das Individuum war in vollkommen gutem Hu⸗ mor und ſchien kein Wort zu hoͤren, das Polizeimann X. ſprach, ſondern nickte und wackelte mit ſeinem grin⸗ ſenden Haupt gegen Strong, bis ihm ſein Hut beinahe über das Geländer fiel. „Nun, Sir, gehen Sie weiter, hören Sie?“ rief K. in einem viel perremptoriſchern Tone und berührte den Fremden ſanft mit einem der Finger, die in dem großen Handſchuh des Berliner Gewebs ſteckten. Er fuhr oder taumelte vielmehr alsbald aus den vielen Schwankungen in eine Attitude der Selbſtver⸗ theidigung zurück und begann in dieſer Stellung die Operation, welche Squaring **) benamst iſt, gegen Poli⸗ zeimann K. und zeigte ſich wacker und kriegeriſch, wenn auch unſichern Trittes. „Hullo! halten Sie Ihre Hände *) et ſind in London nach dem Alphabeth nu⸗ merirt. *) Der Boxer fuhr mit gebalten Fäuſten, ſein Geficht deckend, gegen das ſeines Gegners abwechſelnd vor und zurück. 278 fern von einem Gentleman!“ rief er mit einem Fluch, den man nicht zu wiederholen braucht. ſ „Gehen Sie weiter von hier fort,“ ſprach K. „und blelben Sie nicht auf dem Pflaſter ſtehen, um in die Speiſezimmer von Gentlemen zu gucken.“ „Richt gucken — oho — nicht gucken — das iſt ein guter,“ entgegnete der Andere mit ſatyriſchem Hohn⸗ gelächter — „wer will mich hindern, zu gucken, zu ſehen nach meinen Freunden, wenn's mir beliebt: Ihr nicht, alter Prahlhans.“ „Freunde! das wäre! Gehen Sie weiter!“ ant⸗ wortete X. „Wenn Ihr mich berühret, ſo ſchlag ich auf euch los, ja, das will ich,“ ſchrie der Andere, „ich ſag euch, ich kenn ſie alle — das iſt Sir Franeis Cla⸗ vering, Baronet, M. P. — ich kenne ihn, und er kennt mich — und das iſt Strong, und das iſt der junge Laffe, der den Spektakel auf dem Balle machte. Strong, Strong! ſag ich.“ „Das iſt der verd — Altamont,“ rief Sir Francis innen und fuhr mit ſchuldbewußtem Blicke auf, und auch Strong mit ärgerlichem Blicke ſprang von der Tafel auf und rannte hinaus, dem Eindringling ent⸗ gegen. — Ein Gentleman in einer weißen Weſte baarhaupt aus dem Speiſeſaal rennend, ein Polizeimann und ein Individuum anſtändig gekleidet, die auf dem Pflaſter draußen einander beinahe an den Haaren griffen, waren Mann's genug, ſelbſt in dieſer ruhigen Nachbarſchaft um halb acht Uhr Abends noch ein Getümmel zu ma⸗ chen, und ein wenig Kanaille begann ſich um Sir Francis Thor zu ſammeln. „Um Gottes willen kommen Sie herein,“ ſagte Strong, ſeinen Bekannten am Arme ergreifend. „Schicken Sie doch nach einem Cabriolet, Jeames,“ fuhr er mit gedämpfter Stimme gegen dieſen Bedienten fort, und den aufgeregten Gentleman von der Straße wegſchlep⸗ ——— 279 pend, ließ er das äußere Thor hinter ihm ſchließen und die kleine Zuſchauerſchaft begann ſich zu entfernen. Mr. Strong hatte die Abſicht, den Fremden in Sir Francis Privatapartement zu bringen, wo die Hüte der männlichen Gäſte ſie erwarteten, und, nachdem er hier ſeinen Freund durch einſchmeichelnde Unterhaltung beſänftigt hätte, ſobald das Cabriolet ankäme, ihn fort⸗ ſchaffen zu laſſen — aber der neue Ankömmling war in einem Zuſtand zu großer Aufregung über die un⸗ würdige Behandlung, die ihm widerfahren war, und rief, als Strong ihn nach der zweiten Thür führen wollte: „das iſt nicht die Thür, dort iſt die Thür in den Speiſeſaal — wo gezecht wird — und ich will gehen und was haben, beim Jupiter, ich will gehen und was haben.“ Ueber dieſe Kühnheit ſtand der Keller⸗ meiſter wie verſteinert, und ſtellte ſich vor die Thür, aber ſie ging hinter ihm auf und der Herr des Hauſes kam mit ängſtlichen Blicken zum Vorſchein. „Ich will was haben — beim — ja das will ich,“ dröhnte der Eindringling, als Sir Franeis vortrat. „Hullo, Clavering, ich ſage, ich bin gekommen, um mit Ihnen etwas Wein zu trinken; he, alter Junge, he, alte Korkſchraube! Gieb uns eine Flaſche von dem gelben Siegel, du alter Dieb — dem allerbeſten — Rupien das Dutzend und kein Mißverſtänd⸗ niß!“ Der Herr vom Hauſe reflektirte einen Augenblick über ſeine Geſellſchaft. Da iſt ja blos Welbore, Pen⸗ dennis und die zwei Jungen, dachte er — und mit einem erzwungenen Lächeln und mitleidigen Blick ſagte er, „nun, Altamont, kommen Sie herein, es freut mich recht, Sie zu ſehen, Gott ſtraf mich.“ Oberſt Altamont (der verſtändige Leſer hat in die⸗ ſem ohne Zweifel ſchon längſt ſeine Excellenz den Bot⸗ ſchafter des Nawaub von Lucknow erkannt) taumelte in den Speiſeſaal mit einem triumphirenden Blick gegen Jeames, den Bedienten, womit er zu ſagen ſchien; 280 „Nun, Sir, was denken Sie jetzt davon, nun bin ich ein Gentleman oder nicht?“ und ſank auf den erſten leeren Stuhl nieder. Sir Franeis Clavering ſtotterte furchtſam des Oberſten Namen gegen ſeinen Gaſt Mr. Welbore. Welbore und ſeine Excellenz begann alsbald Wein zu trinken und auf die Geſellſchaft umherzublicken mit dem wunderbarſten Stirnrunzeln und hin und wie⸗ der mit dem einſchmeichelndſten Lächeln und brachte heckernd Lobeserhebungen über den Wein, von dem er in ſich ſog. „Ein ſehr ſonderbarer Mann. Hat lange Zeit an einem Eingebornenhof in Indien gelebt,“ ſagte Strong mit großer Gravität, da den Chevalier nie die Geiſtes⸗ gegenwart verließ — „an jenen indiſchen Höfen bekom⸗ men ſie ganz abſonderliche Gewohnheiten.“ „Ganz gewiß,“ bemerkte Major Pendennis trocken und verfluchte die Geſellſchaft, in die er gerathen war. Mr. Foker war vergnügt über den neuen Ankömmling. „'s iſt der Mann, der in der Hinterküche das Malaien⸗ lied zu ſingen pflegte,“ flüſterte er Pen zu. „Koſten Sie dieſen Ananas, Sir,“ ſagte er dann zu Oberſt Al⸗ tamont, „'s iſt ein ungemein ſchöner.“ „Ananas — ich habe die Schweine mit Ananas füttern ſehen,“ ſagte der Oberſt. „Alle Schweine des Nawaub von Lucknow werden mit Ananas gefüttert,“ flüſterte Strong gegen Major Pendennis. „O, ganz gewiß,“ antwortete der Major. Sir Francis Clavering ſuchte indeſſen den Zuſtand des neuen Ankömmlings gegen feinen Bruder Gaſt zu entſchul⸗ digen und brummte etwas über Altamont, daß erein außer⸗ ordentlicher Charakter ſei, ſehr excentriſch, ſehr — in⸗ diſche Gewohnheiten habe — die Regeln der engliſchen Geſellſchaft nicht verſtehe — worauf der alte Welbore, ein kluger, alter Gentleman, der ſeinen Wein mit großer Regelmäßigkeit trank, ſagte, „das ſcheine ziemlich klar.“ Als der Oberſt ſodann Pen's ehrliches Geſicht ſah, 281 firirte er es eine Weile ſo feſt, als ſein Zuſtand es er⸗ laubte und ſagte: „Ich kenne Sie auch, junger Burſche. Ich erinnere mich Ihrer wohl noch, Baymouth⸗Ball bei Jingo. Wollten mit dem Franzmann fechten. Ich erin⸗ nere mich noch Ihrer;“ und er lachte und horte mit ſeinen Fäuſten hin und her und ſchien in den Tiefen ſeiner Trunkenheit höchlich amüſirt, als dieſe Erinne⸗ rungen an ſeinem Geiſt vorübergingen oder vielmehr taumelten. „Mr. Pendennis, Sie erinnern ſich Oberſt Alta⸗ monts in Baymouth?“ ſagte Strong: worauf Pen, ſich ſteif verbengend, ſagte: er hätte das Vergnügen, ſich an dieſen Umſtand noch vollkommen gut zu erinnern. „Wie heißt er?“ rief der Oberſt. Strong nannte Mr. Pendennis wieder. „Pendennis! — Zum Henker mit Pendennis!“ brüllte Altamont zum Erſtaunen eines Jeden und ſchlug mit ſeiner Fauſt auf den Tiſch. „Auch ich heiße Pendennis, Sir,“ ſagte der Major, deſſen Würde durch die Vorgänge des Abends außer⸗ ordentlich gedemüthigt war — daß er, Major Penden⸗ nis, zu einer ſolchen Parthie gebeten, und daß ein Be⸗ trunkener in ſie ſollte eingeführt worden ſein. „Ich heiße Pendennis und werde Ihnen verbunden ſein, wenn ſie nicht zu laut darüber fluchen.“ Der betrunkene Mann kehrte ſich ringsum, und als er aufblickte, ſchien es, als ob Oberſt Altamont plötz⸗ lich nüchtern geworden wäre. Er fuhr mit der Hand über die Stirn und verrückte damit ein wenig die ſchwarze Perücke, die er trug, und ſeine Augen ſtierten wild auf den Major, der ſeines Theils, wie ein ent⸗ ſchloſſener alter Krieger, ſeinem Gegner ſehr ſcharf und feſt in's Auge ſah. Am Schluſſe dieſer gegenſeitigen Inſpektivn begann Altamont ſeinen Rock mit meſſingenen Knöpfen zuzuknöpfen, erhob ſich plötzlich von ſeinem Sitz, taumelte zum Erſtaunen der Geſellſchaft nach der Thür und verließ, von Strong gefolgt, das Zimmer. 282 Alles, was der Letztere von ihm hörte, war — „Kapitän Beak! Kapitän Beak! bei Jingo!“ Zwiſchen ſeinem Erſcheinen und ſeinem eben ſo plötzlichen Abſchied war kaum eine Viertelſtunde ver⸗ floſſen. Die zwei jungen Männer und des Baronets andrer Gaſt wunderten ſich über den Auftritt und konnten keine Erklärung dafür finden. Clavering er⸗ ſchien außerordentlich blaß und aufgeregt und wendete ſich beinahe mit Blicken des Schreckens gegen Major Pendennis. Der Letztere hatte ſeinen Bewirther ein paar Augenblicke ſcharf ins Auge gefaßt: „Kennen Sie ihn?“ fragte Sir Francis den Major. „Ganz gewiß hab' ich den Burſchen geſehen,“ erwi⸗ derte der Major, gleichfalls verlegen, wie es ſchien. „Ja, ich habe es. Er war ein Ausreißer von der be⸗ rittenen Artillerie, der in des Nawaubs Dienſte ging. Ich erinnere mich noch ganz wohl ſeines Geſichts.“ „O!“ ſagte Clavering mit einem Seufzer, welcher verrieth, daß ihm ein großer Stein vom Herzen war, und der Major blickte ihn mit einem Blinzeln ſeiner ſcharfen, alten Augen an. Das Cabriolet, welches Strong hatte rufen laſſen, fuhr mit dem Chevalier und Oberſt Altamont davon. Man brachte den zurückblei⸗ benden Gentlemen Kaffee, und ſie gingen die Treppen hinauf zu den Ladies in das Geſellſchaftszimmer, indem Foker Pen im Vertrauen erklärte, daß dieß der ſelt⸗ ſamſte Abſchied wäre, den er je geſehen habe, „ein Ur⸗ theil,“ bemerkte Pen lachend, „das von Seiten Mr. Foker's großen Scharfſinn verrathe. Miß Amory machte, ihrem Verſprechen getreu, den jungen Herren Muſik. Foker war über ihre Ausfüh⸗ rung entzückt und akkompagnirte ihr bei den Liedern, welche ſie ſang, wenn ſie ihm gerade bekannt waren. Pen ſtellte ſich, als ob er bei Seite mit Andern von der Geſellſchaft ſpräche, aber Blanche brachte ihn ſchnell zu dem Piano, indem ſie einige mit ſeinen eignen Wor⸗ ten ſang, die wir in einer fruͤhern Nummer gegeben und 283 die Sylphe ſelbſt, wie ſie ſagte, in Muſik geſetzt hatte. Ich weiß nicht, ob die Melodie von ihr war, oder wie viel davon Signor Twankidillo, bei dem ſie Lektionen nahm, für ſie hergerichtet hatte; aber gut oder übel, Original oder ſonſt etwas, es entzückte Mr. Pen, der jetzt an ihrer Seite blieb und äußerſt geſchäftig die Blätter für ſie wendete — „Gott! wie wünſchte ich, daß ich wie Du Verſe machen könnte, Pen,“ ſeußzte Foker nachmals gegen ſeinen Begleiter. „Wenn ich's thun könnte, würd' ich's nicht von Herzen gern thun? Aber das Schreiben war nie meine ſchwache Seite, weißt Du, und es thut mir leid, daß ich in der Schule ſo faul war.“ Vor den Ladies wurde des ſeltſamen kleinen Auf⸗ tritts, der unten ſtattgefunden hatte, nicht erwähnt, ob⸗ gleich Pen auf dem Punkte war, Miß Amory eine kleine Schilderung davon zu geben, als dieſe junge Lady nach Kapitän Strong fragte, der ein Duett mit ihr ſingen ſollte. Als er aber zufällig zu Sir Francis Clavering aufblickte, ſah Arthur in dem ſonſt leeren Geſichte des Baronets einen beſondern Ausdruck der Unruhe und hatte ſo viel Rückſicht, zu ſchweigen. Es war ein langweiliger Abend. Welbore ſchlief ein, wie er immer bei Muſik und nach dem Diner that; auch Major Pendennis unterhielt die Damen nicht nach ſei⸗ ner Gewohnheit aus ſeinem reichen Schatze von Anek⸗ doten und ſkandalöſen Geſchichtchen, ſondern hörte auf die Muſik und beobachtete die ſchöne junge Spielerin. Als die Stunde zum Aufbruche kam, erhob ſich der Major, indem er bedauerte, daß ein ſo herrlicher Abend ſo ſchnell vorüber ſei und richtete ein beſonders feines Kompliment an Miß Amory wegenihrer glänzenden Talente als Sängerin. „Ihre Tochter, Lady Clavering,“ ſagte er zu dieſer Lady, „iſt eine vollkommene Nachtigall — eine vollkommene Nachtigall, bei Gott! Ich habe kaum etwas Aehnliches gehört, und ihre Pronunciation jeder Sprache — bei Gott, jeder Sprache, ſcheint mir ganz vollendet; und die beſten Häuſer in London müſſen ſich vor einer Lady öffnen, die ſolche Talente, und erlauben Sie einem alten Burſchen, Miß Amory, ein ſolches Ge⸗ ſichtchen hat.“ Blanche war über ſolche Komplimente eben ſo er⸗ ſtaunt, als Pen, gegen welchen ſich ſein Oheim noch kurz zuvor ganz verſchieden ausgeſprochen hatte. Der Major und die beiden jungen Männer gingen mit ein⸗ ander nach Hauſe, nachdem Mr. Foker ſeine Mutter vorher in ihrem Wagen untergebracht und ſich ein Licht für eine Rieſencigarre verſchafft hatte. Des jungen Gentleman's Geſellſchaft, oder ſein Ta⸗ bak ſchienen dem Major Pendennis nicht angenehm zu ſein, denn er warf ihm zu verſchiedenen Malen einen Seitenblick zu, welcher deutlich verrieth, daß er wünſchte, Mr. Foker möchte Abſchied nehmen; aber Foker hängte ſich entſchloſſen an den Onkel und den Neffen, bis ſie an des Erſtern Thür in Bury Street kamen, wo der Major den Jungen eine gute Nacht wünſchte. „Und ich ſage Dir, Pen,“ flüſterte er vertraulich, indem er ſeinen Neffen auf die Seite rief, „vergiß ja nicht, morgen in Großvenor Place anzurufen. Sie ſind ungemein höflich; außerordentlich höflich und gütig.“ Pen verſprach und wunderte ſich, und als Morgan die Thür hinter dem Major geſchloſſen, nahm Foker Pen's Arm und ging mit ihm eine Zeitlang weiter, in⸗ dem er ſeine Cigarre blies. Als ſie endlich Charing Croß erreichten, wo Arthurs Weg nach dem Temple führte, erleichterte ſich Harry Foker und brach in Lob⸗ ſprüche über die Dichtkunſt und in jenes Bedauern einer übel zugebrachten Jugend aus, wie wir ſo eben erwähn⸗ ten. Und auf dem ganzen Weg längs dem Strande und bis vor die Thür von Pen's Treppe in Lamb Cuurt Temple hoͤrte Harty Foker nicht auf, von Geſang und Blanche Amory zu ſprechen. 285 Achtzehntes Rapitel. Berichtet von Harry Foker's Angelegenheiten. Seit jenem verhängnißvollen, aber wonnereichen Abend in Grosvenor Place war Mr. Harry Foker's Herz in ſolcher Agitation geweſen, als man bei einem ſo großen Philoſophen kaum für möglich gehalten hätte. Wenn wir uns erinnern, welch guten Rath er in frü⸗ hern Tagen Pen gegeben, wie frühe Weisheit und Welt⸗ kenntniß ſich in dem begabten Jüngling geoffenbart, wie eine beſtändige Selbſtbefriedigung, ſo wie ſie einem Gentleman von ſeinen Mitteln und Ausſichten mit Recht ſeinen Cynismus geſteigert haben und ihn mit jedem folgenden Tag ſeines Lebens um jedes Individuum, mit einziger Ausnahme des Mr. Harry Foker, ſich immer und immer weniger bekümmern ließ, ſo könnte man ſich wundern, wie er ein Mißgeſchick haben konnte, dem die meiſten von uns ein oder zwei Mal im Leben unter⸗ worfen ſind, und ſein hohes Gemüth über einem Weibe beunruhigen konnte. Aber Foker, obgleich in früher Zeit weiſe, blieb doch immer noch Menſch. Er konnte dem gemeinſamen Looſe nicht mehr entgehen, als Achilles, oder Ajax, oder Lord Nelſon, oder unſer Urahn Adam. Und nun, da ſeine Zeit erfüllet war, wurde der junge Harry ein Opfer der Liebe, dieſer Allbezwingerin. Als er an jenem Abend, nachdem er Arthur Pen⸗ dennis an ſeiner Treppenthür in Lamb Court verlaſſen hatte, nach der Hinterküche ging, hatte der Gintwiſt und der verteufelte Turkey keine Reize für ihn, die Scherze ſeiner Kumpanen drangen unbeachtet in ſein Ohr; und als Mr. Hodgen, der Sänger des „Leichen⸗ ſchnappers,“einen noch furchtbarern und humoriſtiſchern 286 Geſang, als jene famoſe Kompoſition zum Beſten gab, ſo hatte Foker, obgleich er als ein Freund erſchien und aus gewöhnlicher Artigkeit und vermöge ſeiner Stellung, als eines der Häupter der Hinterküche, bravo, Hodgen! ge⸗ rufen hatte, doch von all dem Geſang, der (unter dem Titel: die Katze in dem Speiſeſchrank) Hodgen ſeitdem ſo berühmt gemacht hat, kein Wort genau gehört. Spät und ſehr ermüdet ſchlüpfte er daheim in ſeine Privat⸗ zimmer und begrub ſich in ſein Daunenkopfliſſen; aber ſein Schlummer wurde geſtört durch ſein Seelenfieber, und in demſelben Augenblick, da er aus ſeinem unruhigen Schlafe erwachte, präſentirte ſich ihm das Bild der Miß Amory und ſprach: hier bin ich, ich bin Ihre Prin⸗ zeſſin und Schönheit. Sie haben mich entdeckt und werden hinfort für Nichts mehr Sinn haben.“ Himmel! Wie ſchal und geſchmacklos erſchienen ihm jetzt ſeine früheren Beſtrebungen und Freundſchaften! Er war bis auf dieſen Augenblick der Geſellſchaft von Frauen ſeines Ranges fremd geweſen. Wenn er von ſolchen ſprach, ſo nannte er ſie „beſcheidene Frauenzim⸗ mer.“ Die Tugend, welche ſie, wir wollen hoffen, be⸗ ſaßen, hatte Mr. Foker noch keinen Erſatz geboten für den Abgang lebhafterer Eigenſchaften, deren ſich die meiſten ſeiner eigenen Verwandten nicht erfrenten, und welche er bei mesdemoiselles, den Damen der Bühne fand. Seine Mutter, obgleich gut und zärtlich, bot ihrem Jungen keine Kurzweil; ſeine Couſinen, die Töchter ſeines mütterlichen Oheims, des ehrwürdigen Earl's von Roſherville, langweilten ihn über die Maßen. Eine war blau und ſtudirte die Erdkunde, eine war ein Roß⸗ kamm und rauchte Cigarren; eine dritte war übermäßig niederkirchlich und hatte die hetherodoreſten Anſichten über Gegenſtände der Religion, ſo ſagte wenigſtens die Andere, welche ſelbſt von der allerhöchſt kirchlichen Fraktion war und einen Schrank in ihrem Zimmer zu einem Betſtuhle machte und an jedem Freitag im Jahre faſtete. Ihr väterliches Haus in Drummington 287 zu beſuchen, konnte Foker nur ſehr ſelten vermocht werden. Er ſchwor, er wolle lieber in die Tretmühle gehen, als dort verweilen. Er war bei deſſen Bewoh⸗ nern nicht ſehr beliebt. Lord Erith, Lord Rosherville's Erbe, betrachtete ſeinen Vetter als eine gemeine Per⸗ ſon, von kläglich gemeinen Sitten, Gewohnheiten und Manieren, während Foker ihn mit gleichem Rechte für einen Hochmuthsnarren und Dummkopf, die Schlaf⸗ haube des Unterhauſes, für eine Schmach des Spre⸗ chers und für den langweiligſten aller philanthropiſchen Schwätzer erklärte. Auch konnte ihm George Robert, Earl von Graveſend und Rofherville, nie vergeſſen, daß der junge Gentleman eines Abends, als er ſich herab⸗ ließ, mit ſeinem Neffen Billard zu ſpielen, ſeine Lord⸗ ſchaft mit dem Billardſtocke in die Seite ſtieß und ſagte: „Nun alter Göckel, ich habe ſchon manchen ſchlech⸗ ten Stoß in meinem Leben geſehen; aber nie ſah ich einen ſo ſchlechten wie den da.“ Er ſpielte die Parthie mit engeliſcher Sanftmuth zu Ende, denn Harry war ebenſowohl ſein Gaſt als ſein Neffe; aber er hätte in der Nacht beinahe ſeinen Anfall bekommen, und hielt ſich in ſeinen Zimmern, bis der junge Harry Drum⸗ mington verließ und nach Orbridge zurückkehrte, wo der intereſſante junge Mann ſeine Erziehung vollendete. Es war ein ſchrecklicher Schlag für den ehrwürdigen Earl, es wurde in der Familie nie auf den Umſtand angeſpielt. Er vermied Foker, ſo oft er ſie in London oder auf dem Lande beſuchte und konnte kaum dazu ge⸗ bracht werden, ein how d'ye do? gegen den jungen Läſterer hervorzuathmen. Aber er wollte ſeiner Schwe⸗ ſter Agnes nicht durch Verbannung Harry's aus der Familie überhaupt das Herz brechen, noch konnte er auch wirklich mit Mr. Foker, dem Aeltern, brechen, zwiſchen welchem und Seiner Lordſchaft verſchiedene Privatver⸗ handlungen ſtatt fanden, welche einen Austauſch von Handzügen von Mr. Foker und Handſchriften von dem Earl ſelbſt zur Folge hatten, bei denen die Chiffern 288 OU*) über ſeiner erlauchten Unterſchrift zu leſen waren. Außer den vier Töchtern des Lord Graveſend, deren verſchiedentliche Eigenſchaften wir in dem letzten Abſatze beſchrieben haben, war ſeine Lordſchaft mit einem fünf⸗ ten Mädchen, der Lady Ann Milton, geſegnet, welche von den früheſten Jahren der Ammenzeit her zu einer eigenthümlichen Lebensſtellung beſtimmt war. Es wurde von ihren Aeltern und ihrer Tante beſtimmt, daß, wenn Mr. Hariy Foker das gehörige Alter erreiche, Lady Ann ſeine Gattin werden ſollte. Dieſer Gedanke war ihrem Geiſte ſchon vertraut, als ſie noch die Ueberſchürze trug, und Harry, der ſchmutzigſte der Knaben, mit ſchwar⸗ zen Kreiſen um die Augen, von der Schule nach Drum⸗ mington oder in ſeines Vaters Haus nach Logwood kam, wo Lady Ann viel bei ihrer Tante wohnte. Das junge Volk ſtimmte mit dem von den Aeltern propo⸗ nirten Arrangement ohne alle Proteſte oder Schwierig⸗ keiten überein. Es kam Lady Ann nicht mehr in den Sinn, die Anordnung ihres Vaters in Frage zu ſtel⸗ len, als es Eſther eingefallen wäre, die Befehle des Ahasveros zu beſtreiten. Der gewiſſe Erbe des Hau⸗ ſes Foker fügte ſich auch, wenn der alte Gentleman ſagte: Harry, Dein Onkel und ich ſind übereingekommen⸗ daß Du Lady Ann heirathen ſollſt, wenn Du 's Alter haſt. Sie bekommt kein Geld; aber ſie iſt von gutem Blut und hübſch und ich werd' es euch komfortabel machen. Wenn Du Dich deſſen weigerſt, ſo bekommſt Du Deiner Mutter Leibgeding und zweihundert per Jahr, ſo lang ich lebe. — Harry, welcher wußte, daß ſein Erzeuger zwar wenig Worte machte, aber unbe⸗ dingten Glauben verdiente, gab ſich mit dem älterlichen Beſchluſſe zufrieden und ſagte: „recht, Sir, wenn Ann übereinkommt, ſo ſage ich ditto. Das Mädchen ſieht nicht übel aus.“ *) Für: l owe you. Ich ſchulde Ihnen. 289 „Und hat das beſte Blut von ganz England, Sir. Deiner Mutter Blut, dein eignes Blut, Sir,“ ſagte der Brauer. „Dem thut's keines gleich, Sir.“ „Gut, Sir, wie's Ihnen beliebt,“ erwiderte Harry, „wenn Sie mich brauchen, ziehen Sie nur die Glocke, doch es hat ja keine Eile, und ich hoffe, Sie werden uns eine lange Friſt geben, ich möchte gerne noch meinen Flug haben, ehe ich an's Heirathen komme.“ „So jlieg aus, Harry,“ antwortete der wohlwol⸗ lende Vater, „Niemand hindert dich.“ Und ſo wurde denn ſehr wenig mehr über dieſen Gegenſtand geſagt, und er verfolgte diejenigen Lebens⸗ genüſſe, die ihm am beſten zuſagten. Er hängte ein kleines Bild von ſeinem Mümchen in ſeinem Wohnzim⸗ mer unter ſeinen franzöſiſchen Kupferſtichen, den Lieb⸗ lingsaktriſen und Tänzerinnen, den Wett⸗ und Wagon⸗ rennen auf, die ſeinem Geſchmacke zuſagten und ſeine Gallerie bildeten. Es war ein unbedeutendes Bildchen, das ein einfaches rundes Geſicht mit Löckchen darſtellte, und es ſpielte, man muß es geſtehen, eine ſehr armſelige Rolle an der Seite von Mademvoiſelle Petitot, die über einen Regenbogen tanzte, oder Mademviſelle Redowa, die in rothen Stiefeln und der Mütze eines Lancier, die Zuſchauer angrinste. Da Lady Ann Milton verſorgt und aufgehoben war, ſo ging ſie nicht ſo viel unter die vornehme Welt, als ihre Schweſtern, und blieb in London oft daheim im älterlichen Hauſe in Gaunt Square, wenn ihre Mama mit den andern Ladies ausging. Sie ſpra⸗ chen und tanzten mit einem Mann nach dem andern, und die Maͤnner kamen und gingen, und die Geſchich⸗ ten über ſie waren mannigfaltig; aber über Ann gab es nur die eine Geſchichte, daß ſie mit Harry Foker verlobt ſei. So hatte ſie denn an ſonſt Niemand zu denken. Es war keine ſehr amüſirende Geſchichte. Gut, ſobald Foker am Tage nach Lady Claverings Pendennis. M. 19 290 Diner erwachte, glänzte ihm Blanche's Bild mit ihren hellen, grauen Augen und ihrem gewinnenden Lächeln entgegen. Der Ton ihrer Stimme klang ihm in den Ohren: doch rings um den Ort oftmals ich ſchwebe, oftmals ich ſchwebe. Dieſe Worte begann der arme Foker kläglich zu ſummen, wie er in ſeinem Bette unter der ſeidenen karmoifinrothen Bettdecke daſaß. Ihm ge⸗ genüber hing ein franzöfiſcher Kupferſtich, der eine türkiſche Dame und ihren griechiſchen Liebhaber dar⸗ ſtellte, wie ſie von einem ehrwürdigen Ottomanen, dem Gatten der Dame, überraſcht werden. An der andern Wand waren ein Gentleman und eine Lady zu ſehen, die in vollem Galopp ritten und einander küßten. Rings in dem keuſchen Schlafgemache waren andere franzöſiſche Kupferſtiche, theils Opernnymphen in durchſichtigem Gaze, oder liebliche Illuſtrationen von Novellen, oder vielleicht ein paar engliſche chefs d'oeuvre, auf wel⸗ chen Miß Calverley vom T. R. E. O. in anliegenden Pantalons, in ihrer beliebten Pagenrolle, oder Miß Rougemont als Venusprangten. Der Werth dieſer Kupfer⸗ ſtiche war noch erhöht durch die Unterſchriften dieſer La⸗ dies, Maria Calverley oder Frederica Rougemont, die in einem vorzüglichen Faeſimile darunter ſtanden. An ſol⸗ chen Bildniſſen hatte der ehrliche Harry ſeine Freude. Er war nicht ſchlimmer, als viele ſeiner Nachbarn; er war ein müßiger, jovialer, freundlicher junger Städter; und wenn ſeine Zimmer mit Werken franzöſiſcher Kunſt ſo verſchwenderiſch dekorirt waren, daß die einfache Lady Agnes, ſeine Mama, beim Eintritt in die Ge⸗ mächer, in denen ihr Liebling in Wolken lieblich duf⸗ tender Latakia eingehüllt ſaß, über die neuen Erſchei⸗ nungen, die hier ſich ihr boten, oſt außer Faſſung ge⸗ rieth, nun, ſo muß man ſich erinnern, daß er reicher als die meiſten jungen Leute war und ſeinem Geſchmack größere Geldopfer bringen konnte. Ein Brief von Miß Calverley in einem ſehr dega⸗ girten Styi, unrichtig und ſchülerhaft auf dünnes Pa⸗ 291 pier gekritzelt, und der damit anfing, daß ſie Mr. Harry ihren theuren Hokey — pokey — fokey nannte, lag auf ſeinem Toilettetiſch neben ihm unter Schlüſſeln, So⸗ vereigns, Cigarrenetuis und einem Fetzchen Verbena, das Miß Amory ihm gegeben hatte und das ihn an den zu hoffenden Tag erinnerte, da er in dem Elephan⸗ ten und Schloß zu Richmond das verſprochene Di⸗ ner geben ſollte; eine Karte in eine Privatloge für Miß Rougemonts nahendes Beneſice; eine Anzahl Bil⸗ lete für „Ben Budgeons Nacht, dem Northlancaſhirer Pipin, bei Martin Faunce's, dem Dreiſpitz, in der St. Martinsgaſſe, wo Conkey Sam Dick, der Nagelſchmid, und Deadman (der Worceſterſhirer Nobber) die Fecht⸗ handſchuhe anziehen wollten, und wozu die Liebhaber einer guten, altbrittiſchen Beluſtigung eingeladen wur⸗ den“ — dieſe und diverſe andere Dokumente über Mr. Fokers Beſtrebungen und Genüſſe lagen neben ihm auf dem Tiſch, als er erwachte. Ach wie leer ſchienen ihm jetzt alle dieſe Vergnü⸗ gungen! Was fragte er nach Conkey Sam oder dem Worceſterſhirer Nobber (Boxer), was nach den franzö⸗ ſchen Bildern, die ihn aus allen Ecken und Seiten des Zimmers beäugelten; und vollends die ſchlecht buchſta⸗ birende Calverley, die ihn Hockey⸗fokey nannte, zum Henker mit der frechen Dirne! Der Gedanke, daß er zu einem Diner im Elephanten und Schloß zu Rich⸗ mond mit dem alten Weibe (vas ſeine ſiebenunddreißig Jahre alt war, wo nicht älter,) engagirt war, erfüllte ihn mit Ekel und Schauer, ſtatt des Vergnügens, das er noch geſtern von dieſer Unterhaltung erwartete. Als ſeine zärtliche Mama ihren Jungen dieſen Mor⸗ gen anſah, konnte ihr die Bläſſe ſeiner Wangen und die allgemeine Veidüſterung ſeiner Miene nicht entge⸗ hen. „Warum ſpielſt Du doch wieder Billard bei dem heilloſen Spratt's?“ fragte Lady Agnes. „Liebſtes Kind, dieſe Billards bringen Dich noch unter den Bo⸗ den, ja, das thun ſie.“ 292 „Die Billards ſind nicht Schuld daran,“ entgegnete Harry trübſelig. „Dann iſt's die garſtige Hinterküche,“ meinte Laby Agnes. „Ich habe ſchon oft gedacht, weißt Du, Harry, ich wolle an die Wirthin ſchreiben und ſie bitten, ſie möchte die Güte haben und nur wenig Wein in den Negus ſchütten, den Du dort trinkſt und darauf ſehen, daß Du Deinen Shawl anhaſt, ehe Du in den Broug⸗ ham ſteigſt.“ „Thun Sie's Ma'am. Mrs. Cutts iſt eine äußerſt gütige, mütterliche Frau,“ ſagte Harry. Aber 's iſt auch nicht die Hinterküche,“ fügte er mit einem geiſter⸗ haften Seufzer bei. Da Lady Agnes ihrem Sohne nie etwas verwei⸗ gerte und auf alle ſeine Wege mit der zärtlichſten Er⸗ gebung einging, wurde ſie auch mit vollkommenem Vertrauen von Seiten des jungen Harry belohnt, wel⸗ chem niemals einfiel, die Kenntniß der von ihm beſuchten Orte ihr vorzuenthalten. Im Gegentheil brachte er ihr von den Clubs und Billardzimmern die köſtlichſten Anekdoten zurück, an denen ſich die einfache Lady höch⸗ lich erquickte, wenn ſie ſie auch nicht verſtand. „Mein Sohn geht zu Spratt's,“ pflegte ſie gegen ihre ver⸗ trauten Freundinnen zu äußern. „Alle jungen Männer gehen zu Spratt's nach ihren Bällen. Es iſt de rigueur, meine Liebe; und ſie ſpielen Billard, wie ſie zu Mr. For's Zeit Makao und Hazard geſpielt haben. Ja, mein lieber Vater erzählte mir oft, daß ſie bei Brookes's immer bis neun Uhr am nächſten Morgen mit Mr. For ſitzen blieben, deſſen ich mich noch in Drummington erinnere, als ich noch ein kleines Mäd⸗ chen war. Er hatte eine hellgelbe Weſte und ſchwarze Satinhoſen an. Mein Bruder Erith ſpielte nie, als er noch jung war, und blieb nicht lange auf; er hatte die Geſundheit nicht dazu; aber mein Junge muß thun, wie's Jedermann thut, wiſſen Sie. Ja und dann geht eroft an einen Ort, der die Hinterküche heißt und von 293 allen witzigen Köpfen und Autoren beſucht wird, wiſſen Sie, die man zwar nicht in Geſellſchaft ſieht, welche zu treffen aber für Harry ein großes Vorrecht und Ver⸗ gnügen iſt, und da hört er die Fragen des Tages dis⸗ kutiren; mein lieber Vater ſagte oft, daß es unſere Pflicht ſei, die Literatur zu encouragiren, und hatte gehofft, den weiland Doktor Johnſon in Drummington zu fehen. Allein Doktor Johnſon ſtarb. Ja, und Mr. Sheridan kam herüber und trank viel Wein, — Jedermann trank zu jener Zeit viel Wein, — und Papa's Rechnung beim Weinhändler war zehn Mal größer als Erith's iſt, der ſeinen Bedarf von Fortnum's und Maſon's be⸗ zieht und gar keinen im Vorrath hat.“ „Das war geſtern ein ungemein gutes Diner, Ma'am, das wir hatten,“ bemerkte jetzt der liſtige Harry. „Ihre dünne Suppe iſt beſſer, als unſere, Moufflet thut an Alles zu viel Dragun. Das su“ preme de volaille war ſehr gut; die ſüßen Gerichte waren beſſer als Moufflet's. Haſt Du die plombière gekoſtet und das Maraschinogelée? Erſtaunlich gut, das Maraschinogelée!“ Lady Agnes drückte ihre Zuſtimmung zu dieſen, ſo⸗ wie zu beinahe allen andern Urtheilen ihres Sohnes aus, der ſeine ſchlaue Unterhaltung weiter führte. „Sehr ſchönes Haus, das der Claverings. Das Hausgeräthe, möchte ich ſagen, ohne alle Rückſicht auf Aufwand herbeigeſchafft, prachtvolles Silbergeſchirr, Ma'am.“ Die Lady gab zu allen dieſen Sätzen ihre Bei⸗ ſtimmung. „Sehr nettes Volk, die Claverings.“ „Hm!“ tönte Lady Agnes. „Ich weiß, was Du meinſt. Lady C. iſt nicht ge⸗ rade distangy*), aber ſehr gutmüthig.“ Mſollte heißen, dlninguss. 294 „O, ſehr,“ ſagte Mama, welche ſelbſt eines der gutmüthigſten Weiber war. „Und Sir Francis, er ſpricht nicht viel vor Ladies, aber nach dem Diner führt er ungemein ſtark das Wort, Ma'am — ein höchſt angenehmer, wohlunterrichteter Mann. Wann willſt Du ſie zum Diner bitten? Sieh Dir einen baldigen Tag aus;“ und in Lady Agnes Taſchenbuch ſehend, wählte er einen aus, zwiſchen dem blos vierzehn Tage (ein Menſchenalter ſchienen dieſe vierzehn Tage dem jungen Gentleman) mitten inne la⸗ gen, als die Clavering nach Grosvenor Street eingeladen wurden. Die fügſame Lady Agnes ſchrieb die verlangte Ein⸗ ladung. Sie war gewohnt, ſo zu thun, ohne ihren Gatten um Rath zu fragen, der ſeine eigenen Geſell⸗ ſchaften und Gewohnheiten hatte und ſeiner Gattin überließ, ihre Freunde allein bei ſich zu ſehen. Er ſah nach der Farte; aber auf der Einladung war eine Auslaſſung, die ihm ganz und gar nicht gefallen wollte. „Du haſt Miß, — wie heißt ſie doch? — Miß Emery, Lady Clavering's Tochter, nicht eingeladen. „O, das kleine Geſchöpf!“ rief Lady Agnes. „Nein ich glaube nicht, Harry.“ „Wir müſſen Miß Amory bitten,“ ſagte Foker — Ich — ich muß Pendennis einladen und — und er iſt ſehr gut auf ſie zu ſprechen, glaubſt Du nicht auch, daß ſie ſehr ſchön ſingt, Ma'am 7“ „Ich dachte, ſie ſei etwas vorwitzig, und hörte nicht auf ihren Geſang. Sie ſang blos für Dich und Mr. Pendennis, wie mir ſchien. Aber ich will ſie einladen, wenn Du es haben willſt, Harry,“ und ſo wurde denn Miß Amory's Name mit dem ihrer Mutter auf die Karte geſchrieben. Nachdem dieſes Stückchen Diplomatie ausgeführt war, umarmte Harry ſeine zärtliche Mutter mit der größten Affektion und zog ſich in ſeine eigenen Gemächer zurück, wo er ſich auf ſeine Ottomane ausſtreckte und 295 ſtillſchweigend und brütend dalag, indem er nach dem Tage ſeufzte, der die ſchöne Miß Amory unter ſein väterliches Dach bringen ſollte und hundert abenteuer⸗ erſann, wie er mit ihr zuſammentreffen wollte. Auf ſeiner Rückkehr von der großen Tour hatte Mr. Foker junior einen ſprachenkundigen Diener mit⸗ gebracht, der Stoopid's Stelle einnahm und ſich herab⸗ ließ, beim Diner in Hemden mit geſticktem Muſſelin⸗ mit vielen goldenen Hemdknöpfen und Ketten ſeinem Gebieter und den ältern Gliedern der Familie aufzu⸗ warten. Dieſer Mann, der keinem beſondern Lunde angehörte, und alle Sprachen gleich übel redete, machte ſich Mr. Harry auf verſchiedenen Wegen nütz⸗ lich — zlas die ganze Korreſpondenz des harmloſen Jünglings, kannte ſeine Lieblingsgänge und die Adreſ⸗ ſen ſeiner Bekanntſchaft und funklionirte bei den Pri⸗ vatdiners, die der junge Gentleman gab. Als Harry nach ſeiner Beſprechung mit ſeiner Mutter in einen wunderſchönen Schlafrock gelleidet und ſeine Pfeife in düſterem Stillſchweigen aufblaſend auf ſeinem Sopha lag, mußte auch Anatole bemerkt haben, daß ſeines Gebieters Geiſt affizirt war, obgleich er keine von ſchlechter Erziehung zeugende Sympathie mit Harry's Aufregung verrieth. Als Harry ſich in ſeinen Morgen⸗ anzug kleidete und ſich zum Ausgehen richtete, war er ſehr ſchwer zu befriedigen und beſonders ſtreng und heikel in ſeiner Toilette. Er probirte und verfluchte Panta⸗ lons von den verſchiedenſten Streifen, Würfelungen und Farben; alle Stiefel waren ſchlecht gewichst, die Hem⸗ den mit zu ſchreienden Muſtern. Er beduftete ſeine Wäſche und ſeine Perſon heute beſonders reichlich; und wie groß mußte das Erſtaunen des Dieners geweſen ſein, als nach einigem Erröthen und Zögern von Sei⸗ ten Harry's der junge Gentleman fragte: „als ich Dich in Dienſt nahm, Anatole, ſagteſt Du da — hm — ſag⸗ teſt Du da nicht, daß Du Haar — hm — Haar kräu⸗ ſeln könneſt?“ Der Diener bejahte. „Cherchy alors une paire de tongs — et-curly moi un pew,“ ſagte Mr. Foker ungezwungen, und der Diener, der ſich verwundert fragte, ob ſein Herr ver⸗ liebt ſei, oder auf eine Maskerade gehe, ſuchte die Ar⸗ titel — zuerſt bei dem alten Kellermeiſter, welcher den Mr. Foker ſenior bediente, auf deſſen kahler Stirn die Zange kaum hundert Haare auftreiben konnte, und ſchließlich bei der Lady, welche das weiche nußbraune Haar der Lady Agnes zu bedienen hatte, und als die Zange herbeigeſchafft war, drehte Monſieur Anatole ſeines jungen Gebieters Locken ſo meiſterlich, daß Harry's Kopf ſo kräuſelig als ein Negerkopf wurde, worauf der Jüngling ſich mit der größten Sorgfalt und Pracht ankleidete und ſich zu einem Ausfall anſchickte. „Zu welchen Seit ſoll ick befehlen den Drag, Sir, vor Miß Calverley's Thür, Sir?“ flüſterte der Diener ſeinem Gebieter bei deſſen Abgang zu. „Zum Henker mit Dir! — ſage das Diner ab — ich kann nicht gehen!“ ſagte Foker. „Nein, der Teufel auch — ich muß gehen. Poyntz und Rougemont und ſo viele Andere kommen. Der Drag muß um ſechs Uhr an der Pelhamsecke ſtehn, Anatole.“ Der Drag war nicht eine von Mr. Fokers eigenen Equipagen, ſondern wurde für feſtliche Gelegenheiten aus einem Leihſtall gemiethet. Foker verlangt jedoch an dieſem Morgen ſeinen eigenen Wagen, und zu welchem Zwecke vermu⸗ thet wohl der gütige Leſer? Ei nun, nach Lamb Court, Temple, hinab zu fahren, Grosvenor Place, (das, wie männiglich bekannt, in der geraden Richtung des Tem⸗ pels von Grosvenor Street liegt) auf dem Wege mit zu nehmen, wo er eben nur das Vergnügen hatte, an Miß Amory's blaßrothe Fenſtervorhänge hinaufzuſchauen⸗ und als er dieſe genugthuende That vollbracht hatte, nach Pen's Wohnung hinweg zu fahren. Warum begehrte er, ſeinen theuern Freund Pen ſo oft zu ſehen? War⸗ — ——˙— 297 um begehrte und verlangte er nach ihm? Warum ſchien es für Fokers Exiſtenz ſogar nothwendig, daß er Pen an dieſem Morgen ſehen ſollte, nachdem er ihn Nachts zuvor in vollkommenſter Geſundheit verlaſſen hatte? Pen hatte zwei Jahre in London gelebt und Foker ihm kein Halbdutzend Beſuche in ſeiner Wohnung gemacht. Was führte ihn jetzt in ſolcher Eile dahin? Was? — Wenn junge Fräulein dieſe Zeilen leſen, ſo brauche ich ſie nur zu benachrichtigen, daß, wenn der gleiche Unfall über ſie kommt, der jetzt vor mehr denn zwölf Jahren über Harry Foker gekommen, Leute ihnen intereſſant werden, nach denen ſie den Tag zuvor keinen Pfifferling gefragt, ſowie auf der andern Seite Perſonen, in die ſie ſich früher vernarrt geglaubt, un⸗ angenehm und geſchmacklos erfunden werden. Sodann wird Ihre theuerſte Eliſe und Marie letzter Tage, an die Sie Briefe und ellenkange Haarlocken geſandt, mit einem Mal Ihnen ſo gleichgiltig, als ihr ſtupideſtes Bäschen, während Sie auf der andern Seite für ſeine Verwandten ein ſo warmes Intereſſe fühlenl Eine ſo liebevolle Sehnſucht, ſich bei ſeiner Mama in Gunſt zu ſetzen, und an dem lieben, guten, alten Mann, ſeinem Vater, ein ſolches Gefallen zu finden. Wenn Er die Gewohnheit hat, dieſes oder jenes Haus zu beſuchen, welche Manöver machen Sie, um gleich⸗ falls dorthin zu laviren. Wenn Er eine verheirathete Schweſter hat, ſo finden Sie es allerliebſt, den lieben langen Morgen bei ihr zuzubringenz Sie ermüden Ihre Zofe, indem Sie zwei, drei Mal des Tages an ſie Noten ſchicken, welche die dringendſte Nothwendigkeit Ihnen diktirt hat. Sie weinen, wenn Ihre Mama gegen Ihre zu häufigen Beſuche in ſeiner Familie Einſprache thut. Das einzige lebende Weſen, das Ihnen zuwider iſt, iſt vielleicht ſein jüngerer Bruder, der in den Ferien daheim iſt, und den Eigenſinn hat, in dem Zimmer zu bleiben, wenn Sie kommen, um ihre neu gefundene, theure Freundin, ſeine Lieblingsſchweſter, zu beſuchen. 298 Etwas der Art mag Ihnen begegnen, junge Fräulein, oder laſſen Sie uns wenigſtens hoffen, daß der Fall möglich iſt, ja Sie müſſen in dieſem allerliebſten Fieber bald ins Waſſer, bald ins Feuer fallen. Ihre Mütter, wenn Sie ehrlich ſein wollen, haben es, bevor Sie das Licht der Welt erblickten, durchgemacht, wobei ihr theu⸗ rer Papa natürlich der Gegenſtand der Leidenſchaft war, — wer konnte es auch ſonſt ſein? Und wie Sie, ſo werden's Ihre Brüder in ihrer Weiſe und nach ihrer Art auch ſein. Mehr ſelbſtſüchtig, als Sie, ungeſtümer und eigenſinniger als Sie, ſtürzen ſie ihrem Verhängniß entgegen, wenn die verwünſchte Zauberin erſcheint, oder wenn ſie's nicht thun, und Sie thun's nicht, dann genade Ihnen Gott! Wie der Spieler von ſeinen Wür⸗ feln ſagte: „Lieben und Gewinnen iſt das Beſte von der Welt, Lieben und Verlieren das Zweitbeſte.“ Sie ſterben nicht an dem Schmerze: nur ſehr wenige thun es. Das edle, verwundete Herz duldet und überlebt, und er iſt kein Mann, oder ſie kein Weib, der, oder die nicht von ihm beſiegt wird oder ihn ſeiner Zeit be⸗ ſiegt. Nun denn, wenn Sie fragen, warum Heinrich Foker Esquire es ſo eilig hatte, Arthur Pendennis zu beſuchen, und ſo plötzlich ſeinen hohen Werth anerkannte, ſo kann man ohne Schwierigkeit behaupten, daß es ge⸗ ſchah, weil Pen wirklich in Mr. Foker's Augen einen hohen Werth erhalten hatte, weil, wenn Pen nicht die Roſe war, er wenigſtens in der Nähe dieſer duftenden Blume der Liebe geweſen. Hatte er nicht die Gewohn⸗ heit, in ihr Haus in London zu gehen? Lebte er nicht in ihrer Nähe auf dem Lande? — wußte er nicht um Alles und Jedes, was die Zauberin betraf? Was, frage ich verwunderlich, hätte wohl Lady Ann Milton, Mr. Fokers Muhme und prétendue, geſagt wenn Ihre Herrlichkeit Alles gewußt hätte, was in dem Buſen dieſes närriſchen kleinen Gentleman vorging? Ach! als Foker Lamb Court erreichte und ſeinen Wagen der Bewunderung der kleinen Schreiber überließ, 299 welche in dem Bogengange lungerten, der von da in den Flag Court führt, welcher führt in Upper⸗Temple⸗ lane, war Warrington in der Wohnungz aber Pen ausgeflogen. Pen war in die Druckerei gegangen, um nach ſeinen Probebogen zu ſehen. „Wollte Foker eine Pfeife haben und ſollte die Wäſcherin in die Kneipe zu dem Hahn gehen und ihm etwas Bier holen?“ fragte Warrington, indem er mit wohlgefälligem Er⸗ ſtaunen die glänzende Toilette dieſes parfümirten und glanzbeſtiefelten, jungen Ariſtokraten bemerkte; aber Foker hatte nicht den geringſten Wunſch nach Bier oder Tabak; er hatte ein ſehr dringendes Geſchäft; er eilte hinweg nach der Redaktion der Pall⸗Mall Gazette und ſollte Pen nothwendig ſprechen. Pen hatte den Platz verlaſſen, Foker wünſchte, daß ſie mit einander bei Lady Clavering einſprechen möchten. Foker ging troſtlos hin⸗ weg und verlangweilte eine oder zwei Stunden in den Klubs, und als es Zeit war, einen Beſuch zu machen, dachte er, es würde doch anſtändig und artig ſein, vor Grosvenor Place vorzufahren und für Lady Clavering eine Karte zu hinterlaſſen. Er hatte nicht den Muth, als das Thor ſich öffnete, eine Audienz zu erbitten und überlieferte blos in ſprachloſer Seelenangſt an Jeames zwei Karten, auf denen Mr. Henry Foker zu leſen war. Jeames empfing die Karten, indem er ſein bepudertes Haar verbeugte. Die gefirnißten Thore ſchloſſen ſich vor ihm. Der geliebte Gegenſtand, obgleich ſo nahe, war ſo fern von ihm, als er jemals geweſen. Er glaubte die Töne eines Klaviers und eine Sirenenſtimme zu hören, die von dem Geſellſchaftszimmer kam und über das Geraniumgeſtrüpp auf dem Balkon daher⸗ ſchwebte. Gern hätte er gehalten und gelauſcht, aber es ließ ſich nicht thun. „Fahr nach Tatterſall's,“ ſagte er zu dem Grvom mit vor Aufregung bewegter Stimme, „und bringe meinen Paßgänger herum,“ fügte er bei, als der Mann in Sturmeseile davon fuhr. Sein gutes Glück wollte, daß die glänzende Ba⸗ 300 rouche der Lady Clavering, die in einem früheren Kapitel oberflächlich beſchrieben worden war, an ihrer Herrlich⸗ keit Thor auffuhr, als Mr. Foker eben ſein Leibpferd beſtieg das auf ihn wartete. Er beſchritt das feierliche Thier und lavirte um das Bogenthor des Green Park, indem er den Wagen ſcharf im Auge behielt, bis er Lady Clavering und mit ihr — wer konnte die Engelge⸗ ſtalt anders ſein, als die Zauberin, in eine Art Goſſamer gekleidet, in einem blaßrothen Hute und mit einem hell⸗ blauen Sonnenſchirm, — als Miß Amory? einſteigen ſah. Der Wagen brachte ſeine ſchönen Inhaberinnen zu dem Spiz⸗ und Haubenladen der Madame Rigo⸗ don, zu Mrs. Wolſey's Berliner Wollzeugladen und wer weiß zu welchen andern Sammelplätzen des Frauen⸗ verkehrs. Dann fuhr er vor Hunter's und nahm Eis ein, denn Lady Clavering war etwas üppig in ihrem Geſchmacke und ihrer Kurzweile, und liebte es, nicht nur in den glänzendſten Wagen in London aus⸗ zufahren, ſondern auch, daß das Publikum ſie darin ſehen ſollte; und ſo aß ſie denn mit einem weißen Hute mit gelber Feder eine ſtattliche Portion Elritzeneis im Sonnenſchein vor Hunter's Thür, bis Foker auf ſeinem Pferdchen und die rothe Jacke, die ihn begleitete, des Wartens beinahe müde wurden. Endlich nahm ſie ihren Weg in den Park und der ungeſtüme Foker ſtürzte hervor. Was war zu thun? eben nicht viel mehr als einen Wink des Erkennens von Miß Amory und ihrer Mutter zu gewinnen, ein Halbdutzend Mal auf ihrer Fahrt ſie zu kreuzen, ſie von der andern Seite des Grabens, wo die Reiter ſich verſammeln, wenn die Muſikbande in den Kenſington Garden's ſpielt, zu beobachten und zu begaffen. Was frommt es doch, ein Frauenzimmer in einem blaßrothen Hute quer über einen Graben anzuſchauen. Welche Wohl⸗ that gewährt Einem ein Nicken mit dem Kopfe? Selt⸗ ſam, daß Männer mit ſolchen Vergnügungen befriedigt 301 werden, oder wenn auch nicht befriedigt, ſie wenigſtens ſo eifrig ſuchen. Kein Wort wechſelte Harry, deſſen Rede ſonſt ſo reichlich in der Unterhaltung floß, an jenem Tage mit ſeiner Zauberin. Stumm ſah er ſie zu ihrem Wagen zurückkehren, und unter den mehr ironiſchen Begrüßun⸗ gen der jungen Männer in dem Parke davon fahren. Einer ſagte: die oſtindiſche Wittwe laſſe die väterlichen Rupien pfeilſchnell davon tanzen; ein Anderer ſagte: ſie hätte ſich lebendig verbrennen und das Geld ihrer Tochter laſſen ſollen. Dieſer Eine fragte, wer Clave⸗ ring ſei —? und der alte Tom Eales, der Jedermann kannte und nie einen Tag in dem Parke auf ſeinem grauen Klepper verſäumte, bemerkte gütigſt, daß Cla⸗ vering über Kopf und Hals ſein Landgut verpfändete, daß man verdammt häßliche Geſchichten von ihm er⸗ zählte, als er noch jung war, und ſogar wiſſen wollte, er ſei in einem Spielhauſe engagirtz gewiß ſei, daß er im Regimente die weiße Feder gezeigt. „Er ſpielt immer noch; iſt faſt jede Nacht in einer Spielhölle,“ fügt Mr. Eales hinzu. „Ich ſollte meinen, ſeit ſeiner Heirath,“ ſagte ein Schalk. „Er gibt verdammt gute Diners,“ ſagte Foker, der die Ehre ſeines Wirthes von geſtern zu retten verſuchte. „Ich darf wohl ſagen und darf wohl ſagen, daß er Eales nicht zu Gaſte bittet,“ ſagte der Schalk. „Ich ſehe Eales, diniren Sie bei Claverings, — bei der Be⸗ gum?“ „Ich dort diniren?“ ſagte Mr. Eales, der mit Beelzebub dinirt haben würde, wenn er eines guten Koches ſicher wäre, und wenn er fort wäre, hätte er ſeinen Wirth ſchwärzer gemalt, als das Schickſal ihn gemacht hatte. „Sie möchten es ganz gewiß, wenn gleich Sie ihn ietzt ſo ſchlecht machen,“ fuhr der Schalk fort. Sie ſa⸗ gen, es ſei dort äußerſt vergnüglich, Clavering ſchlaft 302 nach dem Eſſen; die Begum hat einen Daps vom Kirſchbranntwein und die junge Lady ſingt Lieder für die jungen Gentlemen, ſie ſingt gut, nicht wahr Fo?“ „Vortrefflich! Ich ſag' Ihnen was, Poyntz, ſie ſingt wie eine — wie heißt man's doch — Sie wiſſen, was ich meine — wie eine Waſſernixe, wiſſen Sie, aber ſo heißen ſie nicht.“ „Ich hörte nie eine Waſſernire ſingen,“ entgegnete der Schalk Mr. Poyntz. „Wer hat je eine Waſſernire gehört? Eales, Sie ſind ein alter Burſche, hörten Sie eine?“ „Machen Sie mich nicht zum Narren, zum Henker, Poyntz!“ ſagte Foker erröthend, und Thränen traten ihm in die Augen. „Sie wiſſen, was ich meine, die, wie heißen ſie doch — im Homer, wiſſen Sie. Ich ſagte noch nie, daß ich hoch geſchult ſei.“ „Und Niemand hat Ihnen dieß noch nachgeſagt, mein Junge,“ bemerkte Mr. Poyntz Foker gab ſeinem Pferdchen die Sporen und ga⸗ loppirte die Rotten Row hinab, während ſein Gemüth von manchfaltigen Aufwallungen, ehrgeizigen Planen und Gefühlen der Demüthigung, und des Aergers bewegt war. Er bedauerte, daß er früher nicht mehr über den Büchern geſeſſen hatte — daß er alle Burſchen um ſie her ausgeſtochen hätte, die von Sprachen ſchwatzten, Poeſie ſchrieben und Bilder in ihr Album malten, und — u. ſ. w. „Und was bin ich,“ dachte der kleine Fo⸗ ker, „im Vergleich mit ihr? Sie iſt ganz Seele, das iſt ſie, und kann Poeſie ſchreiben und Muſik komponi⸗ ren, ſo leicht, als — als ich ein Glas Bier trinke. Bier? — Gott verdamm' mich, das iſt Alles, was ich, was ich kann; bin nur für's Bier gemacht. Ich bin ein armes, unwiſſendes Lümpchen — für Nichts gut, als für Fokers Vollſud. Ich verſchwendete meine Jugend und ließ meine Kameraden meine Exercitien für mich machen. Und was ſind jetzt die Folgen davon? O Harty Fo⸗ ker, was für ein verwünſchter Narr biſt Du geweſen!“ Während er dieſes unerbauliche Selbſtgeſpräch hielt, war er aus Rotten Row in den Park galoppirt, und hier wollte eben ein großer alter geräumiger Familien⸗ wagen hinabfahren, auf den er nicht achtete, als eine freudige Stimme rief: „Harry, Harry!“ und als er aufſchaute, erblickte er ſeine Tante, Lady Rosherville und zwei ihrer Töchter, von denen die Eine, welche rief, Harry's Verlobte, die Lady Ann warz er fuhr erblaſſend mit ſcheuem Blicke zurück, als der Gedanke an eine Wirklichkeit, an die er den ganzen Tag nicht gedacht hatte, auf ihn eindrang, dort auf dem Rückſitze des Wagens, dort ſaß ſein Verhängniß. „Was iſt Ihnen, Harry? warum ſind Sie ſo blaß, Sie haben zu viel geſchlemmt und geraucht, Sie böſer Junge,“ ſagte Lady Ann. „Wie befinden Sie ſich, Tante? wie befinden Sie ſich, Ann?“ fragte Foker verwirrt — murmelte etwas on einem dringenden Geſchäft — wirklich ſah er an der Park⸗Uhr, daß er auf ſeine Geſellſchaft in dem Drag beinahe eine Stunde gewartet haben mußte — und winkte ihnen ein Lebewohl zu. Der kleine Mann und das Roͤßchen waren in einem Nu aus dem Geſicht — und der große Wagen rollte davon. Niemand in ihm kümmerte ſich gar viel um ſein Kommen oder Gehen. Die Gräfin beſchäftigte ſich mit ihrem Wach⸗ telhund, Lady Luch's Gedanken und Augen waren auf einen Band Predigten gerichtet und Lady Ann's auf eine neue Novelle, welche die Schweſtern ſich eben aus einer Leihbibliothek verſchrieben hatten. neunzehntes Rapitel führt den Leſer nach Richmond und Greenwich. Der arme Foker fand an dem Diner in Richmond die langweiligſte Unterhaltung, auf die je ein Sterbli⸗ cher ſeine Guineen verſchwendete. „Es wundert mich, wie ich, beim Deux, an dieſem Volke Geſchmack finden konnte,“ dachte er bei ſich. „Kann ich doch die Krähen⸗ füße unter Rougemont's Augen ſehen, und die Schminke iſt auf ihrer Wange ſo dick aufgetragen, als auf des Hanswurſt's in der Pantomime. Die Art, wie die Calverley ihr Rothwälſch ſpricht, iſt ekelhaft. Ich haſſe das Uebermaß von Laune bei einer Frau. Und der alte Colchicum! Dieſer alte Col kommt herab in ſeinem Brougham mit ſeinem Krönchen darauf und ſetzt ſich, beim Henker! zwiſchen Mademoiſelle Coralie und ihre Mutter! Es iſt zu ſchlecht. Ein engliſcher . Pair und eine Kunſtreiterin von Franconi's! — Es geht nicht, beim Jupiter, es geht nicht! Ich bin nicht ſtolz; aber es geht nicht!“ 1 „Zwei und einen halben Penny für Ihre Gedan⸗ ken, Fokey!“ rief Miß Rongemont, indem ſie ihre Ci⸗ garre aus ihren wahrhaft ſcharlachrothen Lippen nahm, als ſie den jungen Burſchen in Gedanken verſunken ſah, wie er oben an der Tafel ſaß unter ſchmelzendem Eiſe und aufgeſchnittenen Ananas, vollen und leeren Flaſchen und Cigarrenaſche zerſtreut auf dem Obſt und den Trümmern eines Nachtiſches, der für ihn kein Ver⸗ gnügen hatte. 5 „Denkt Foker wirklich?“ ſprach langſam Mr. Poyntz. „Foker, hier an dieſem Ende der Tafel bietet eine hübſche Kapitaliſtin eine beträchtliche Summe Geldes 305 für die dermaligen Ausflüſſe Ihres koſtbaren, ſcharfen Verſtandes, alter Knabe!“ „Der Deuxel! Von was ſpricht der Pohntz da?“ fragte Mrs. Calverley ihren Nachbar. „Ich haſſe ihn. Er iſt eine ſchleppende, höhniſche Beſtie.“ „Was für ein drolliges Männchen der kleine Fo⸗ kähr iſt, Mylor,“ bemerkte Mademoiſelle Coralie in ihrer eigenen Sprache, und mit dem reichen ſcharfen Ton der ſonnigen Gascogne, in der ihre dunkeln Wan⸗ gen und ihre glänzenden ſchwatzen Augen ihr Feuer angezündet hatten. „Was für ein drolliger Mann! 3 ſieht aus, als ob er noch keine zwanzig Jahre ätte.“ „Ich wollte, ich wäre von ſeinem Alter!“ ſagte der ehrwürdige Colchicum mit einem Seufzer, indem er ſein Purpurgeſicht gegen einen Becher Claret neigte. „C' te Jeunesse. Peuh! je m'en fiche,““ ſprach Madame Brack, Coraliens Mama, indem ſie eine reich⸗ liche Priſe aus Lord Colchicum's delikater goldener Ta⸗ baksdoſe nahm. Je n'aime que les hommes faits, moi. Comme milor. Coralie! n'est ce pas que tu n'aimes que les hommes faits, ma pichette *“ Mylord ſagte grinſend: „Sie ſchmeicheln mir, Ma⸗ dame Brack. „Taisez vous, Maman, vous n'étes qu'une béte,“ rief Coralie, ihre ſtarken Schultern emporzie⸗ hend, worauf Mylord ſagte, daß ſie jedenfalls nicht ſchmeichle und ſieckte ſeine Tabaksdoſe in die Taſche, indem er nicht wünſchte, daß Madame Brack's unſichere Finger zu häufig in ſeinen Mackabaw tauchten. Wir brauchen kein langes Getheil der lebhaften Unterhaltung zu geben, die während des übrigen Ban⸗ kets erfolgte; eine Unterhaltung, die den Leſer nicht ſehr erbauen würde. Und es iſt kaum nothwendig zu bemerken, daß nicht alle Damen des Conps de danse Pendennis I. 20 306 Miß Claverley und nicht alle Pairs dem erlauchten Mitglied ihres Standes, dem letzt beklagten Viscount Colchicum gleichen; aber es hat ſolche, ſoweit wir uns denken können, gegeben, welche die Geſellſchaft der ſchwelgeriſchen Jugend der Geſellſchaft von Männern ihres Alters und Ranges vorzogen, und den Jungen die koſtbare Wohlthat ihrer Erfahrung und ihres Bei⸗ ſpiels gaben; und es hat auch ſehr reſpektable Männer gegeben, welche gegen dieſe Art der Unterhaltung we⸗ niger als gegen die Publicität derſelben hatten. Ich bin zum Beiſpiel überzeugt, daß unſer Freund, Major Pen⸗ dennis, keinerlei Einwendung gegen die Theilnahme an einer Vergnügensparthie hätte, vorausgeſetzt, daß es en petit comité wäre, und daß ſolche Männer wie My⸗ lord Steyne und Mylord Colchicum in dem Kreiſe nicht fehlen würden. „Laßt den jungen Leuten ihr Vergnügen,“ ſagte dieſer würdige Vormund mehr denn ein Mal zu Pen, „ich bin keiner von euern ſtarren Moraliſten, ſon⸗ dern ein alter Weltmann, bei Gott! und ich weiß, daß ſo lang, als es angeht, junge Leute jung ſein werden.“ Und es gab etwelche junge Leute, denen dieſer ſchätz⸗ bare Philoſoph ſiebzig Jahre geſtattete, ihre wilden Eide zu ſäen, aber ſie waren Männer der Faſhion. Mr. Foker führte ſeine liebenswürdigen Gäſte dieſe Nacht in ſeinem Drag nach Brompton heim; aber erwar ganz gedankenvoll und düſter während der ganzen kleinen Reiſe von Richmond zurückund hörte nicht auf die Späſſe der Freunde hinter ihm und auf dem Bock an ſeiner Seite, noch belebte er ſie, wie er ſonſt gewohnt war, durch ſeine eigenen witzigen Ausfälle. Als die Ladies, welche er nach Haus geführt hatte, an der Thür ihres Hau⸗ ſes abſtiegen und ihren vortrefflichen Kutſcher fragten, ob er nicht halten und etwas trinken wolle, ſo lehnte er es mit melancholiſcher Miene ab, ſo daß ſie vermuthe⸗ ten, ſein Vater und er ſeien hinter einander gekommen oder es ſei ihm ein Unglück begegnet; und er ſagte dieſen Leuten nicht, was der Grund ſeines Grames war, — 307 ſondern verließ Mesdames Rougemont und Calverley trotz dem Rufe der Letztern, welche, wie Iſabelle, über den Balkon hing und ihm zurief, er ſollte bald eine andere Parthie geben. c3 Er ſandte den Drag unter der Führung eines der Stallknechte nach Hauſe, ging ſelbſt zu Fuß, mit den Händen in der Taſche und in Gedanfen verſunken. Die Sterne und der Mond ſchienen ruhig über ſeinem Haupt und ſahen in dieſer Nacht auf Mr. Foker herab, wie er ſeines Theils ſie ſentimental betrachtete. Er ging und gaffte hinauf an das Hans in Grosvenor Place und an die Fenſter, welche, wie er vermuthete, dem geliebten Gegenſtand angehörten. Er wehklagte und ſeufzte auf eine jämmerliche und erſtaunliche Weiſe, ſo daß der Polizeimann K. Sir Francis Claverings Leute, welche ſich auf dem Kutſchenbock an dem benach⸗ barten Wirthshauſe in Bier erfriſchten, nachdem ſie ihre Lady von dem franzöſiſchen Theater nach Hauſe gebracht, ſagte, daß dieſen Abend ſich ein anderer Burſche über das Geländer neigte — ein kleiner Burſche, wie ein Dandy gekleidet. Und jetzt begann Mr. Foker mit einer Handgreif⸗ lichkeit, Offenheit und Entſchloſſenheit, die nur einer gewiſſen Leidenſchaft eigen iſt, Miß Amory vurch London nachzugehen, und überall zu erſcheinen, wo er ſie treffen konnte. Wenn Lady Clavering in das franzöſiſche Theater ging, wo Ihre Herrlichkeit eine Loge hatte, erſchien Mr. Foker, deſſen Kenntniß der Sprache, wie wir gehört haben, nicht ſehr auffallend war, in einem Sperrſitz. Er fand heraus, wo ſie engagirt war (es iſt möglich, daß ſein Dienſtmann Anatole mit Sir Francis Clavering's Gentlemen bekannt war, und ſich ſo mit ihrer Herrlichkeit Viſitenbuch in Kenniniß er⸗ hielt), und bei vielen dieſer Abendparthien erſchien Mr. Foker — zum Erſtaunen der Welt, und ſeiner Mutter insbeſondere, welche er beorderte, ſich für Karten zu dieſen Parthien zu verwenden, für welche er bis jetzt 308 eine ſupreme Verachtung gezeigt hatte. Er ſagte der ſatisfazirten und nichts ahnenden Lady, daß er zu Parthien gehe, weil er die Welt ſehen müßte, er ſagte ihr, daß er in das franzöſiſche Theater gehe, weil er ſich in der Sprache vervollkommnen müßte, und es gäbe keine beſſere Lektion als ein Luſtſpiel oder ein Vaude⸗ ville — und als eines Abends die erſtaunte Lady Agnes ihn auſſtehen und tanzen ſah, und ihn über ſeine Eleganz und Lebhaftigkeit bekomplimentirte, behauptete der lügen⸗ hafte kleine Schelm, daß er in Paris tanzen gelernt, während Anatole wußte, daß ſein junger Gebieter ins geheim in eine Akademie in der Bräuerſtraße ging und dort einige Stunden des Morgens ſtudierte. Das Kaſino unſerer modernen Tage war noch nicht erfun⸗ den, oder für jetzt noch in ſeiner Kindheit, und Gent⸗ lemen von Mr. Fokers Zeit hatten es nicht ſo leicht, die Wiſſenſchaft des Tanzens zu erlangen, welcher unſre gegenwärtige Jugend ſich erfreut. Der alte Pendennis verfehlte ſelten in die Kirche zu gehen; er betrachtete es als ſeine Pflicht als Gent⸗ leman der Anſtalt der öffentlichen Anbetung ſeinen hohen Schutz zu verleihen, und daß es ganz ſolid erſcheine, am Sonntag in der Kirche geſehen zu werden. Eines Tages begab es ſich, daß er und Arthurzuſammen dahin gingen; der Letztere, der jetzt in hoher Gunſt war, hatte mit ſeinem Oheim frühſtücken müſſen, von deſſen Wohnung ſie über den Park nach einer Kirche gingen, die nicht weit von Belgrave Square war. Dort war eine Almoſenpredigt bei St. James's, wie der Major wußte aus den Zetteln, welche an den Pfeilern ſeiner Pfarrkirche angeſchlagen waren, was wahrſchein⸗ lich Urſache war, daß er, der ein ſehr haushälteriſcher Mann war, es an jenem Tag vergaß, überdieß hatte er andere Abſichten für ſich und Pen. Wir wollen in die Kirche, Sir, über den Park und dann, bei Gott, wollen wir zu Claverings gehen, und ſie freundlich um einen Zwiſchenimbiß bitten. Lady Clavering hat es gern, 309 wenn man ſie um einen Zwiſchenimbiß bittet, und iſt ungemein gütig und monſtrös gaftfreundlich. „Ich traf ſie letzte Woche beim Diner bei Lady Agnes Foker's, Sir,“ ſagte Pen, „und die Begum war in der That ſehr freundlich. Das war ſie auch auf dem Lande, und das iſt ſie überall. Aber ich theile Ihre Meinung über Miß Amory, eine Ihrer Meinungen heißt das, Onkel, denn Sie haben in der letzten Zeit, da wir von ihr ſprachen, umgeſchlagen.“ „Und was hältſt du jetzt von ihr?“ fragte der Aeltere. „Ich halte ſie für die verwünſchteſte Kokette in ganz London,“ antwortete Pen lachend. „Sie machte einen furchtbaren Angriff auf Harry Foker, der ihr zu⸗ nächſt ſaß, und an den ſie alle ihre Worte richtete, ob⸗ gleich ich ſie hinab nahm.“ „Pah! Henry Foker iſt mit ſeiner Muhme verlobt, alle Welt weiß es: kein ſchlechter coups von Lady Roſherville das, ich möchte behauptens, daß der junge Mann bei ſeines Vaters Tod, und mit des alten Mr. Fokers Geſundheit ſteht es verteufelt ſchlecht: (Du weißt er hatte letztes Jahr bei Arthur's einen Anfall), ich möchte behaupten, ſag ich, daß der junge Foker nicht weniger als vierzehntauſend per Jahr von der Brauerei hat, außer dem Logwood und dem Norfolker Grund⸗ beſitz. Ich bin nicht im geringſten ſtolz, Pen. Ich liebe gewiß einen Mann von Geburt, aber verdamm mich, ich lieb auch eine Brauerei, die einem vierzehntauſend per Jahr einbringt; he, Pen? ha, ha, das iſt ein Mann für mich, und ich empfehle Dir jetzt, der Du in die Welt hinausgeworfen biſt, Dich an Burſche der Art zu halten, an Burſche, die in dem Lande etwas einzu⸗ ſetzen haben, bei Gott!“ — „Foker hält ſich an mich, Sir,“ antwortete Pen, „er iſt in letzter Zeit mehrere Mal in unſern Zimmern geweſen, er hat mich zum Diner gebeten, wir ſind bei⸗ nahe ſo gute Freunde, als wir's in unſrer Jugend 3¹0 waren, und er ſpricht von Morgen bis in die Nacht von Blanche Amory, ich bin gewiß, er iſt in ſie ver⸗ liebt.“ „Ich bin gewiß, er iſt mit ſeiner Muhme verlobt, und daß ſie den jungen Mann beim Wort nehmen werden,“ ſagte der Major. „Die Heirathen in dieſen Familien ſind Staatsaffairen, Lady Agnes wurde von dem Lord ſelig an den alten Foker verheirathet, obgleich ſie für ihren Vetter war, der nachmals bei Albuera fiel, und ſie aus dem See bei Drummington gerettet hatte. Ich erinnere mich noch wohl, Sir, Lady Agnes war ein außerordentlich ſchönes Frauenzimmer, aber was that ſie? — ſie heirathete natürlich ihres Vaters Bruder. Mr. Foker ſaß bis zur Reformbill für Drum⸗ mington im Unterhaus und zahlte auch verteufelt gut für ſeinen Sitz, und du darfſt dich darauf verlaſſen, Sir, daß Fofer senior, der ein Parvenu iſt, und den vornehmen Mann liebt, wie alle Parvenus thun, für ſeinen Sohn ebenſo gut als für ſich ſelbſt ehrgeizige Abſichten hegt, und daß Dein Freund Harry thun muß, was ſein Vater ihn heißt. Gott ſteh Dir hei! ich kenne hundert Liebesaffairen von jungen Männern und Ladies, Maſter Arthur. Verſtehſt Du mich, ſie ſtampfen mit den Füßen, ſie ſperren ſich, ſie machen einen Allerwelt⸗ ſpektakel, aber am Ende nehmen ſie Raiſon an, bei Gott.“ „Blanche iſt ein gefährliches Mädchen,“ ſagte Pen, vich war ſelbſt ein Mal in ſie vernarrt und ſchon ſehr weit gekommen,“ fuhr er fort, „aber ſchon vor Jahren.“ „Das wäre! und wie weit kam esk Erwiderte ſie's?“ fragte der Major, indem er Pen ſcharf anſah. Pen ſagte lachend, „daß er ein Mal glaubte, er ſtehe ſehr hoch in Miß Amory's Gunſt. Iber meine Mutter konnte ſie nicht leiden, und die Geſchichte ging aus.“ Pen hielt es nicht für geeignet, all die Einzelheiten —,. . 311 jener Hofmacherei, die ſich zwiſchen ihm und der jungen Lady begeben, mitzutheilen. „Es kann einer noch weiter gehen, und ſchlimmer fahren, Arthur,“ ſagte der Major, indem er ſeinen Neffen ſonderbar anſah. „Ihre Geburt, Sir; ihr Vater war, ſagen Sie Schiffsmate; und ſie hat nicht Geld genug,“ warf Pen mit einer Dandymine ein. „Was ſind zehentauſend Pfund, und ein Mädchen, die wie ſie auferzogen iſt?“ „Du nimmſt mir die Worte aus dem Mund, und es iſt alles ganz recht. Aber ich ſag Dir im Vertrauen, Pen — auf Ehre, merk Dir's — ich glaube, ſie hat verteufelt viel mehr als zehentauſend Pfund und nach dem, was ich ſchon von ihr ſah, und — und von ihr hörte — möchte ich behaupten, daß ſie ein verteufelt vollfommenes, geſcheides Mädchen iſt, und bei einem verſtändigen Mann eine gute Hausfrau ſein würde.“ „Wie wiſſen Sie's mit dem Gelde,“ fragte Pen lächelnd, „Sie ſcheinen über Jedermann unterrichtet zu ſein, und der ganzen Stadt in die Karten zu ſehen!“ „Ich weiß Einiges, Sir, und ſag nicht alles, was ich weiß. Merk Dir das,“ verſetzte der Onkel, „und was die bezaubernde Miß Amory betrifft, — denn bezaubernd iſt ſie, bei Gott, — wenn ich ſie als Mrs. Arthur Pendennis ſähe, ſo würde ich weder beſorgt, noch erſtaunt ſein, bei Gott! und wenn Du was gegen zehentauſend Pfund haſt, was würdeſt Du ſagen, Sir, zu dreißig, zu vierzig oder fünfzig?“ und der Major ſah Pen immer ſchlauer und ſchärfer an. „Gut, Sir,“ ſagte er zu ſeinem Pathen und Na⸗ mensbruder, „machen Sie ſie zu Mrs. Arthur Pendennis. Sie können's ſo gut thun, als ich.“ „Pah, Du lachſt mich aus, Freund,“ entgegnete der Andere etwas empfindlich, „und Du ſollteſt ſo nah an der Thür einer Kirche nicht lachen. Hier ſtehen wir vor St. Benedict; Oriel ſoll ein guter Prediger ſein. — In der That die Glocken läuteten, die Leute ver⸗ 312 ſammelten ſich in der ſchönen Kirche; die Wagen der Einwohner des vornehmen Quartiers entluden ihre ſchönen Bürden von Andächtigen, in deren Geſellſchaft Pen und ſein Oheim ihre erbauliche Unterhaltung beendigend, das Heiligthum betraten. Ich weiß nicht, ob andere Leute ihre weltlichen Angelegenheiten mit in die Kirche nehmen: Arthur, der, aus gewohnter Ehr⸗ furcht immer hochſt reſpektvoll in einer Stätte der Anbetung war, dachte vielleicht an die Unſchicklichkeit ihres Plauderns, während der alte Gentleman an ſeiner Seite eines ſolchen Kontraſtes ſich nicht im Geringſten bewußt war. Sein Hut war gebürſtet: ſeine Perücke ſaß hübſch: ſein Halstuch war vollkommen geſchleift. Er ſchaute aber allerdings nach jedem Gliede der Ge⸗ meinde: den Kahlköpfen und den Frauenhüten, den Blumen und den Federn, aber ſo ehrbarlich, daß er kaum ſeine Augen vom Buche erhob — von dem Buche, das er ohne Augengläſer nicht leſen konnte. Was Pen's Ernſt betraf, ſo wurde er anf eine harte Probe geſtellt, wenn erzufällig nach den Sitzen blickte, wo die Diener⸗ ſchaft ſich ſammelte und an der Seite eines in Plüſch gekleideten ernſten Gentleman's Henry Foker, Esquire, erblickte, der dieſe Stätte der Andacht entdeckt hatte. Der Richtung von Harry's Auge folgend, das oft und viel von ſeinem Buche abirrte, fand Pen, daß er ſie auf einen gelben und einen blaßrothen Hut niederſchoß, und daß dieſe Hüte Lady Claverings und Blanche Amory's Köpfe überragten. Wenn Pen's Oheim nicht der einzige Mann war, der bis vor die Kirchthür von weltlichen Angelegenheiten plauderte, iſt dann wohl der arme Harry Foker der einzige, der ſeine weltliche Liebe bis in den Kirchflügel brachte ? Als die Verſammlung beim Schluſſe des Gottes⸗ dienſtes hervorwogte, war Foker unter den Erſten; aber Pen hatte ihn alsbald eingeholt, während er am Ein⸗ gang hängen blieb und dieſen nicht zu verlaſſen gewillt war, bis Mylady's Barouche mit dem Kutſcher in 313 der ſtattlichen Perücke ihre Gebieterin und deren Tochter ihrer Andacht entführt hätte. Als die beiden Ladies herauskamen, fanden ſie die Pendennis, Onkel und Neffe, nebſt Harry Foker, Es⸗ quire, der an dem Knopfe ſeines Stockes nagte, wie ſie alldorten in dem Sonnenſcheine daſtanden. Sie zu ſehen und zum Eſſen zu bitten, war bei der gutmüthigen Begum das Werk eines Augenblicks, und ſie lud die drei Gentlemen unverweilt zu einem Zwiſchenimbiß ein. Auch Blanche war ungemein gnädig. „O thun Sie's, fommen Sie!“ ſagte ſie zu Arthur: „wenn Sie kein zu großer Mann find. Es verlangt mich ſo ſehr, mit Ihnen zu ſprechen von“ — aber wir dürfen hier, wie Sie wiſſen, nicht ſagen, was. Was würde Oriel dazu ſagen? Und die junge Andächtlerin ſprang ihrer Mama in den Wagen nach. — „Kein Wort iſt mir entgangen. Es iſt adorable,“ fügte ſie, immer noch an Pen gewandt, hinzu. „Ich weiß, wer es iſt,“ verſetzte Mr. Arthur mit einer lebhaften Verbeugung. „Was geht wieder um,“ fragte Mr. Foker, etwas verlegen. „Ich vermuthe, Miß Clavering meint Walter Lo⸗ raine,“ ſagte der Major, indem er vertraut aufblickte und Pen einen Wink gab. Es ſtand dieſen Morgen eine famoſe Recenſion davon in der Pall⸗Mall. Sie war jedoch von Warrington, und ich darf ſo nicht zu ſtolz darauf ſein.“ „Eine Recenſion in Pall⸗Mall * — Walter Lorraine? Was der Teufel meinſt Du?“ fragte Foker. „Walter Loraine, der arme kleine Bettler, ſtarb an den Maſern, ſo lange wir bei den Grey Friars waren. Ich kann mir wohl noch denken, wie ſeine Mutter heraufkam.“ „Du biſt kein Mann der Literatur, Foker,“ ſagte Pen lachend, und ſchob ſeinen Arm in den ſeines Freun⸗ des. „Du mußt wiſſen, ich habe eine Novelle geſchrie⸗ ben, und einige Tagblätter haben ſich ſehr günſtig dar⸗ 314 über ausgeſprochen. Vielleicht liest Du die Sonntags⸗ blätter nicht?“ „Ich leſe regelmäßig Bell's Life, alter Junge,“ antwortete Mr. Foker, worauf Pen wieder lachte, und die drei Gentlemen begaben ſich in ſehr guter Laune nach Lady Clavering's Haus. Der Gegenſtand der Novelle wurde nach dem Zwiſchenimbiß von Miß Amory wieder vorgenommen: ſie liebte Dichter und Männer der Wiſſenſchaft vor Allen, und war eine wirkliche Künſt⸗ lerin im Gefühle. „Ein paar Stellen in dem Buche rührten mich bis zu Thränen, ganz gewiß,“ ſagte ſie. Pen ſagte, etwas albern: „Ich ſchätze mich glück⸗ lich bei dem Gedanken, daß ich einen Theil von vos larmes habe, Miß Blanche,“ — und der Major, (der nicht mehr denn ſechs Seiten in Pen's Buch geleſen hatte), bemerkte mit ſalbungsvoller Miene: „Ja, einige Stellen ſind ganz monſtrös rührend, und“ — „O, wenn Sie darob weinen müßten,“ erklärte Lady Amory, „dann leſe ich es gewiß nicht.“ „Thun Sie's nicht, Mama,“ rief Blanche mit einem franzöſiſchen Zucken der Schultern; und ging dann auf Einzelheiten des Buches über, ſprach von den Dichtun⸗ gen, die eingeſtreut waren, von den zwei Heldinnen, Leonora und Neära; von den zwei Helden Walter Lorraine und ſeinem Nebenbuhler, dem jungen Herzog — „und in welch gute Geſellſchaft führen Sie uns ein,“ bemerkte die junge Lady ſchelmiſch, „quel ton! Wieviel von Ihrem Leben haben Sie am Hyfe verlebt, ſind Sie der Sohn eines Premierminiſters, Mr. Arthur?“ Pen begann zu lachen — es iſt für einen Novellen⸗ ſchreiber ſo leicht, einen Herzog zu kreiren, als einen Baronet zu machen. „Soll ich Ihnen ein Geheimniß ſagen, Miß Amory? Ich ließ auf den Wunſch des Verlegers alle meine Helden avanciren. Der junge Herzog war bloß ein junger Baron, als die Novelle zuerſt geſchrieben wurde; ſein falſcher Freund der Viscount — —— — 315 war ein einfaches bürgerliches Blut, und ſo ging es mit allen Perſönlichkeiten in der Geſchichte.“ „Was für ein böſer, ſathriſcher, imvertinenter junger Mann Sie geworden ſind! Comme vous voila formé!“ ſagte die junge Lady, „wie verſchieden von Arthur Pen⸗ dennis auf dem Lande! Ach! ich glaube, ich ziehe doch Arthur Pendennis vom Lande vor!“ und ſie gab ihm das volle Beneſice ihrer Augen — beide mit einem zärtlichen appellirenden Blick in die ſeinigen und dann beſcheiden geſenkt auf den Teppich, wodurch ihre dunkeln Augenlieder und ihre langen Wimper in ihrem beſten Lichte ſich zeigten. Pen betheuerte natürlich, daß er ſich nicht im Ge⸗ ringſten verändert habe, und als ſie dachte, daß ſie vollkommen genug gethan hätte, um Arthur glücklich oder elend (je nach den Umſtänden) zu machen, begann ſie, ſeinen Begleiter, Mr. Harry Foker, zu kajoliren, der während der literariſchen Unterhaltung ſchweigſam da⸗ geſeſſen, an dem Knopf ſeines Stockes geſogen und ſich gewünſcht hatte, ein eben ſo gewandter Burſche, wie dieſer Pen, zu ſein. Wenn der Major glaubte, daß er vor Miß Amory Mr. Fokers Verhältniß zu ſeinem Mühmchen Lady Ann Milton erwähnte, eine Notiz, die der alte Gentleman auf ganz ſäuberliche Weiſe dem Mädchen mittheilte, als er beim Imbiß unten an ihrer Seite ſaß, — wenn, ſagen wir, der Major glaubte, daß die Kenntniß dieſer Thatſache Blanche verhindern würde, dem jungen Erben von Fokers Vollbier ferner Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſo war er gänzlich im Irrthum. Sie wurde nur um ſo gnädiger gegen Foker: ſie rühmte ihn und Alles, was ihm zugehörte; ſie rühmte ſeinen Namen; ſie rühmte das kleine Pferd, das er in dem Parke ritt; ſie rühmte die hübſchen Bilderchen, welche der junge Gentleman an ſeiner Uhrkette trug, jenen theuren, kleinen Liebling von Stock und jene lieben, herrlichen Affenköpfchen mit ihren Karfunkelaugen, welche Harry's Hemd zierten 316 und ſeine Weſtenknöpfe bildeten! und nachdem ſie den weichen Jüngling gelobt und geliebkost hatte, bis er erröthete und vor Vergnügen erglühte, und bis Pen glaubte, daß ſie wirklich weit genug gegangen ſei, ging ſie auf ein anderes Thema über. „Ich fürchte, Mr. Foker iſt ein recht trauriger junger Mann,“ ſagte fie, nach Pen ſich herumwendend. „Er ſieht nicht ſo aus,“ gab Pen ſpöttiſch zur Antwort. „Ich meine, wir haben traurige Geſchichten von ihm gehört. Nicht wahr, Mama? Was ſagte Mr. Poyntz hier Tags darauf von jener Parthie zu Rich⸗ mond? O Sie nichtsnutziges Geſchöpf! Als ſie aber ſah, daß Harry's Miene den Ausdruck großer Beunru⸗ higung annahm, während Pen ſich ſehr zu amüſiren ſchien, wandte ſie ſich zu Letzterem und ſagte: „Ich glaube, Sie ſind eben ſo böſe: ich glaube, Sie wären auch gern dort geweſen, — nicht wahr? ganz gewiß wünſchen Sie es;z ja — und auch ich.“ „Gott, Blanche!“ rief die Mama. „Gewiß, das wünſchte ich. Ich habe mein Lebtag noch keine Aktrice geſehen. Ich gäbe Alles darum, eine zu kennen; denn ich verehre das Talent, Richmond iſt mein Heiligthum, ja das iſt es, und Greenwich nicht minder, und ich geſtehe, ich würde gerne dorthin gehen.“ „Warum ſollten nicht wir drei Junggeſellen,“ brach hier der Major galant und zu ſeines Neffen ganz beſon⸗ derer Ueberraſchung los, „dieſe Ladies bitten, uns mit ihrer Geſellſchaft in Greenwich zu beehren? Soll Lady Clavering immer die gütige Wirthin gegen uns machen und wir Nichts erwidern? Sagen Sie ſelbſt, junge Männer, — he, bei Gott! hier iſt mein Neffe, die Taſchen voll Geld, ja die Taſchen voll, bei Gott! und Mr. Henry Foker, der, wie ich ſagen hörte, in der Welt ſich ganz wohl umzutreiben weiß, — wie befindet ſich Ihre liebenswürdige Muhme, Lady Ann, Mr. Foker? Hier find dieſe zwei junge Gentlemen, — und Sie er⸗ 317 lauben ſchon einem alten Burſchen, wie mir, zu ſprechen. Lady Clavering, wollen Sie mir die Gunſt erweiſen. mein Gaſt zu ſein? und Miß Blanche ſoll Arthur's ſein, wenn ſie ſo gut ſein will.“ „O, vortrefflich!“ rief Blanche. „Ich liebe auch gern ein Bischen Schwank,“ ſagte Lady Clavering, „und wir wollen einen Tag auserſehen, an dem Sir Franecis —“ „An dem Sir Francis nicht zu Hauſe ſpeist, ja Mama. Es wird entzückend werden.“ Und ein herrlicher Tag war es. Das Diner wurde in Greenwich beſtellt, und Foker, obgleich er Miß Amory nicht einlud, hatte einige köſtliche Gelegenheiten zur Unterhaltung mit ihr, während des Mahles und nachher auf dem Balkon ihres Zimmers in dem Hotel, und wieder während der Heimfahrt in der Barouche ihrer Herrlichkeit. Pen kam herab mit ſeinem Oheim, in Sir Hugh Trumpingtons Brougham, welches der Major für dieſe Gelegenheit geborgt hatte. „Ich bin ein alter Soldat, bei Gott, ſagte er, „und ich lernte ſchon früh' mir's bequem machen.“ Und da er ein alter Soldat war, erlaubte er den zwei jungen Männern, das Diner unter ſich zu zahlen und auf dem ganzen Heimweg in dem Brougham neckte er Pen mit Miß Amory's auffallender Vorliebe für ihn; rühmte ihr gutes Ausſehen, ihren Geiſt und Witz: und eröffnete wieder Pen unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit, daß ſie verteufelt viel reicher ſei, als die Leute von ihr glaubten. In unſerem Verlag ſind ferner erſchienen, und um die Anſchaffung zu erleichtern, von uns im Preiſe ermäßigt worden: Bührlen, F. L., die Prima Donna. Ein Theater⸗Roman. 2 Thle. mit dem Portrait des Verfaſſers. So. 1844. Bisher 3 Thlr. oder 5 fl. jetzt 1 Thlr. oder 1 fl. 36 kr. Chezy, Wilh., der fromme Jude. Eine Familiengeſchichte unſerer Tage. 4 Thle. So. 1845. Bisher 5 Thlr. oder 9 fl., jetzt 1 Thlr. 24 Ngr. oder 3 fl. Deeg, J. G., Gedichte. So. 1843. Bisher 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr., jetzt 18 Ngr. oder 1 fl. Erzähler, der, aus der Heimath und Fremde. Orginalerzählungen und Ueberſetzungen. Heraus⸗ gegeben von Carl Spindler. So. Jahrg. 1846, 1847, 1848, je vier Bände. Bisher. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. oder 6 fl. 24 kr., jetzt 1 Thlr. 16 Ngr. oder 2 fl. 40 kr. Frenden und Leiden eines Commis vohageur. 2 Thlr. So. 1844. Bisher 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr., jetzt 18 Ngr. oder 1 fl. Löwe, Feodor, Gedichte. 80. 1843. Bisher 1 Thlr. 6 Ngr. oder 2 fl., jetzt 15 Ngr. oder 48 kr. Rau, Heribert, Myſterien eines Freimau⸗ rers. Manuſeript für Freimaurer. 2 Thlr. So. 1844. Verklebt. Bisher 2 Thlr. oder 3 fl. 30 kr., jetzt 21 Ngr. oder 1 fl. 12 kr. Ran, H., Gevichte 80 1843. Bisher 2 oder 3 fl. 24 kr., jetzt 18 Ngr. oder 1 Scherr, Johs., Ein Prieſter. Hiſtorie aus der Gegenwart. 80. 1843. Bisher 1 Thlr. 6 Ngr. oder 2 fl., jetzt 15 Ngr. oder 48 kr. — Scherr, Johs., der Prophet von Florenz. Wahrheit und Dichtung. 3 Thle. 80. 1845. Bisher 4 Thlr. oder 6 fl. 18 kr. jetzt 1 Thlr 16 Ngr. oder 2 fl. 36 kr. Scherr, Johs., die Waiſe von Wien. 3 Thle. So. 1847. Bisher 3 Thlr. 6 Ngr. oder 5 fl. 24kr., jetzt 1 Thlr. 15 Ngr. oder 2 fl. 36 kr. Ortlepp, Ernſt, Lieder eines po iſchen Tagwächters. So. 1843. Bisher 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr., jetzt 18 Ngr. oder 1 fl. Alle Buchhandlungen Deutſchlands koͤnnen dieſe Werfe zu den beigeſetzten ermäßigten Preiſen liefern. Franckh ſche Verlagshandlung. 78 er⸗ zeqe S