Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 2 Bicher: 4 Biücher: 6 Bücher: — —— —— — auf 1 Monat: 1 Mr. — f. 50 Pf. 2 Mk. — f. 2 — — „ „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ver Leſer zum Erſatz des Ganzen verpſflichtet. er Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen häben. — N Pendennis von W. M. Thackeray. Ueberſetzt von Dr. Lennhard Tafel. Erſtes bis fünftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. Erſtes Rapitel zeigt, wie erſte Liebe ein Frühſtück unterbricht. An einem ſchönen Morgen in der vollen Londoner Saiſon kam Major Arthur Pendennis nach ſeiner Ge⸗ wohnheit aus ſeiner Wohnung herüber, um in einem gewiſſen Klub in Pall⸗Mall, deſſen Hauptzierde er war, ein Frühſtück einzunehmen. Da er einer der beſten Weinrichter in England, und ein Mann von thätigem, dominirendem und inquirirendem Geiſte war, ſo war es ganz in der Ordnung, daß er zu einem Mitglied des Klubausſchuſſes erkoren wurde, und wirklich war er auch die Seele deſſelben, und die Buchführer und Kell⸗ ner verbeugten ſich vor ihm ſo ehrerbietig als vor inem Herzog oder einem Feldmarſchall. Eein Viertel nach zehn Uhr erſchien der Major un⸗ eerlich in den beſtgewichsten Stiefeln von ganz , in einer ſcheckigen Morgenkrawatte, die ſich nie te bis zur Dinerzeit, einer gelben Weſte, welche Krone ſeines Souveräns auf den Knöpfen trug, einer ſo fleckenloſen Waſche, daß Mr. Brummel ſelbſt ihn um den Namen ſeiner Wäſcherin fragte, und ſie wahrſcheinlich in ſeine Dienſte gezogen hätte, wenn nicht Unglücksfälle den großen Mann gezwungen hät⸗ Pendennis. I. 1 2 ten, aus dem Lande zu fliehen. Pendennis's Rock, ſeine weißen Handſchuhe, ſein Knebelbart, ſelbſt ſein Stock waren in ihrer Art vollkommene Muſter des Koſtüms eines Militärs en retraite. In einiger Entfernung oder von hinten hätte man ihn für einen Dreißiger ge⸗ haltenz erſt eine nähere Anſicht verrieth, daß ſein rei⸗ ches, braunes Haar nicht naturwüchſig war, und daß etwelche Krähenfüße die etwas verwelkten Augen ſeines ſchönen braungefleckten Geſichtes umzogen, ſeine Naſe war nach dem Wellingtonmuſter, ſeine Hände und Manchetten waren graziös lang und weiß und an letz⸗ teren trug er ſchöne, goldene Knöpfe, ein Geſchenk Sr. königlichen Hoheit des Herzogs von York, und an den erſtern mehr denn einen hübſchen Ring, deren vor⸗ nehmſter und größter mit dem berühmten Wappen der Pendennis prangte. Er nahm immer Beſitz von demſelben Tiſch in der⸗ ſelben Ecke des Zimmers, von dem indeß Niemand ihn zu vertreiben wagte. Einer oder zwei tollköpfige Schalke und Wildfänge hatten in frühern Tagen aus Laune oder Prahlerei ihn zwei oder drei Mal dieſes Platzes beraubt, aber die ruhige Würde, womit der Major am nächſten Tiſche Platz nahm und die Eindringlinge beaugte, machte es Jedermann unmöglich, unter ſeinen Augen dezuſitzen und das Frühſtück zu vollbringen, und dieſer Tiſch — an dem Feuer und doch in der Nähe des Fenſters — wurde ſein Eigenthum. Briefe an ihn wurden hier in Erwartung ſeiner Ankunft in Bereitſchaft gelegt, und viele junge Gent⸗ lemen in der Stadt betrachteten mit Verwunderung die große Zahl der Noten, die Siegel und Stämpel, die ſie trugen. Wenn ſich ein Streit über Etikette, Geſell⸗ ſchaft, Heirathsparthien, oder das Alter von dieſem oder jenem Herzog erhob, ſo war Pendennis der Mann, an den man insgemein appellirte. Marquiſen fuhren an dem Klub vor, gaben Noten an ihn ab, oder riefen ihn heraus. Er war der leutſeligſte Mann von der Welt. ₰ 3 Die jungen Herren liebten es, mit ihm in den Park oder Pall⸗Mall hinab zu ſpazieren, denn vor Jedermann berührte er den Hut, und jeder zweite Mann, den er ſtellte, war ein Lord. Der Major ſetzte ſich an ſeinen gewohnten Tiſch, und während die Kellner ſich beeilten, ihm ſeine geröſteten Brod⸗ ſchnitten und ſeine noch druckfeuchte Zeitung zu bringen, überblickte er durch ſein goldberandetes doppeltes Augen⸗ glas ſeine Briefe. Er trug ſie ſo jugendlich, als ob er ſie blos der Zierde wegen trüge, und überlas eine hüb⸗ ſche Note nach der andern und legte ſie zu Recht. Es waren große feierliche Einladungskarten zu Diners, welche drei Gänge und eine gewichtige Unterhaltung in Ausſicht ſtelllen; niedliche vertrauliche Nötchen, mit Bitten von Frauenhand, eine Note in dickem Papier von dem Marquis von Steyne (ſpr. Stehn), die ihn zu einer kleinen Geſellſchaft in dem Star und Charter (ſpr. Sſchahr⸗ tör)undfranzöſiſcher Unterhaltung einlud, in einer Sprache, deren der Major vollkommen mächtig war, und eine andere von dem Biſchof von Ealing und Mrs. Trail, die ſich die Ehre von Major Pendennis's Geſellſchaft in Ealing Houſe erbat, lauter Briefe, die Pendennis auf's Gnädigſte und mit um ſo größerem Vergnügen las, als der ſchottiſche Wundarzt Glowry (ſprich Glohry), der ihm gegenüber ſein Frühſtück einnahm, ihm zuſah und ihn ob der vie⸗ len Einladungen beneidete, die Niemand an Glowry zu ſenden beliebte. Nachdem er ſie durchleſen hatte, zog der Major ſein Taſchenbuch heraus, um zu ſehen, an welchem Tage er noch nicht verſagt wäre, und welche der vielen gaſt⸗ 4 Einladungen er annehmen könnte, oder ablehnen mußte. Er warf Cutler, den oſtindiſchen Direktor in Baker Street (ſpr. Behkör Striht), über Bord, um mit Lord Steyne und der kleinen franzöſiſchen Geſellſchaft in Star und Charter zu diniren. Die des Biſchofs nahm er an, weil er, obgleich das Diner etwas langweilig 4 war, er es liebte, mit Biſchöfen zu diniren — und ſo ging er ſeine Liſte durch und entſchied ſich für oder gegen, je nach Laune oder Intereſſe. Dann nahm er das Frühſtück vor? überblickte die Zeitung, die Geburten und Todesfälle und die faſhionablen Notizen, um zu ſehen, ob ſein Name bei der Feſtlichkeit des Lords N. N. nicht vergeſſen ſei und führte in den Zwiſchenräumen eine muntere Unterhaltung mit ſeinen Bekannten in dem Zimmer. Pendennis an dieſem Morgen bildeten, blieb nur einer ungeleſen, der einſam und entfernt von allen faſhionablen Londoner Briefen lag und ein Landpoſtzeichen und ein einfaches Siegel trug. Die Unterſchrift war von hüb⸗ ſcher feiner Frauenhand, und obgleich von der ſchönen Briefſtellerin das „ſogleich zu übergeben“ mit ſichtli⸗ cher Fe unterſtrichen war, ſo hatte der Major dennoch bis auf den gegenwärtigen Augenblick aus Gründen, die wir nicht unterſuchen, die demüthige Bitt⸗ ſtellerin nicht erhört. Auch konnte ſie nicht wohl er⸗ warten, unter ſo vielem vornehmem Volke, das ihm in ſeinem Lever aufwartete, vorgelaſſen zu werden. Es war ein Brief von einer weiblichen Pendennis, und während die Notabilitäten von ihres Bruders Bekannt⸗ ſchaft Audienz erhielten und wieder abgingen, wartete der geduldige Landbrief in dem Vorzimmer unter dem Spielnapf lange Zeit auf Zulaſſung. Endlich kam auch an dieſen Brief die Reihe, und der Major erbrach ein Siegel, das die Aufſchrift „Fair⸗ vaks“ (ſprich: Fährohks, Schöneichen) trug, und den Poſt⸗ ſtempel Clavering St. Mary's hatte. Es war ein dop⸗ pelter Brief und der Major begann den Unſchlag zu leſen, ehe er die innere Epiſtel in Angriff nahm. „'s iſt wieder ein Brief von einem andern Jook (ſpr. Tſchuhk) (für duke Herzog),“ brummte Mr. Glowry in ſich hinein, „ſonſt hätte Pendennis ihn nicht auf das Ende aufgeſpart.“ Unter den Briefen, die das Budget des Majors 5 „Mein lieber Major Pendennis,“ begann der Brief, „ich bitte und ſlehe Sie, ſogleich zu mir zu kommen“ — verſteht ſich, dachte Pendennis, und Steyne's Diner heute — „ich bin in der allergrößten Angſt und Noth. Mein liebſter Junge, der bisher Alles war, was die zärtlichſte Mutter wünſchen konnte, macht mir furcht⸗ baren Kummer, er hat, — ich kann es kaum ſchreiben — eine Leidenſchaft, eine Thorheit,“ — der Major grinste, — „für eine Schauſpielerin gefaßt, die hier aufgetreten iſt; ſie iſt wenigſtens zwölf Jahre älter als Arthur — der erſt nächſten Februar achtzehen wird, und der unglückliche Junge beſteht darauf, ſie zu hei⸗ rathen.“ Lzr tauſend! was flucht jetzt Pendennis?“ fragte Mr. Glowry, denn Wuth und Verwunderung hatten ſich um den offenen Mund des Majors fonzentrirt, als er dieſe erſtaunliche Kunde las. „Kommen Sie, theurer Freund,“ fuhr die kummer⸗ volle Lady fort, „kommen Sie unverzüglich nach Em⸗ pfang dieſes Briefes zu mir, und bitten, befehlen Sie, als Arthurs Vormund, dem unglücklichen Kind, von dieſem höchſt beklagenswerthen Entſchluſſe abzuſtehen.“ Und nach weiteren Bitten obigen Inhalts, ſchloß die Brief⸗ ſtellerin, indem ſie ſich als des Majors „unglückliche, liebende Schweſter Helene Pendennis“ unterſchrieb. „Fairvaks Dienſttag“ — ſchloß der Major, indem er die letzten Worte des Briefes las — „eine ſaubere Geſchichte da in Fairvafs am Dienſtag; nun wrllen wir ſehen, was der Junge zu ſagen hat;“ und er nahm den andern Brief, der mit der großen, unſichern Hand eines Jungen geſchrieben und mit dem großen Siegel der Pendennis, einem noch größeren als des Majors, geſiegelt war, wobei noch zum Zeugniß von des Schreibenden zitternder Aufregung ein Ueberfluß von Siegellack rings um das Petſchaft verſchwendet war. Der Brief lautete: 6 Fairvaks, Montag um Mitternacht. „Mein theurer Onkel! „Wenn ich Sie von meinem Verhältniß mit Miß Co⸗ ſtigan, der Tochter von J. Cheſterfield (ſpr. Tſcheſtörfihld) Coſtigan Eſq. von Coſtiganstown, Ihnen aber vielleicht beſſer bekannt unter dem Künſtlernamen Miß Fothoringay von den königlichen Theatern Drury⸗Lane (ſpr. Lehn) und CrowStreet, und von dem Norwicher und Walliſer Umkreis, ſo ſehe ich, daß ich Ihnen eine Nachricht gebe, die Ihnen wenigſtens nach den gegenwärtigen Vorurtheilen der Ge⸗ ſellſchaft nicht willkommen ſein kann. Meine theuerſte Mut⸗ ter, der ich, Gott weiß es, nicht wünſche, unnöthigen Schmerz zu bereiten, iſt, ich muß es leider geſtehen, durch die Nachricht, die ich ihr heute zukommen ließ, tief ergrif⸗ fen und bekümmert. Ich erſuche Sie, mein theurer Herr, herabzukommen, und mit ihr zu ſprechen und ſie zu tröſten. Obgleich Miß Coſtigan ſich durch Armuth genöthigt ſieht, durch Anwendung ihrer glänzenden Talente ſich einen ehrenvollen Unterhalt zu verdienen, ſo iſt doch ihre Familie ſo alt und edel, als die unſrige. Als unſer Vorfahr Ralf Pendennis mit Richard dem Zweiten in Irland landete, waren meiner Emily Vor⸗ fahren Könige dieſes Landes. Ich habe die Notiz von Mr. Coſtigan, der gleich Ihnen Militär iſt.“ „Vergeblich ſuchte ich meiner Mutter darzuthun und zu beweiſen, daß eine junge Lady von unbeſchol⸗ tenem Charakter und Geſchlecht, mit den glänzendſten Gaben der Schönheit und des Genie's, die ſich für den heiligen Zweck der Unterhaltung ihrer Familie einer der edelſten Künſte widmet, ein Weſen iſt, das wir alle lie⸗ ben und verehren ſollten; — meine arme Mutter hat Vorurtheile, die zu beſiegen meiner Logik unmöglich wird, und weigert ſich, eine Jungfrau in ihre Arme zu die ihr Lebtag an ihre zärtlichſte Tochter ſein will. „Obgleich Miß Coſtigan einige Jahre älter iſt, als 7 ich, ſo iſt dieſer Umſtand doch kein Hinderniß für meine Zuneigung, und wird, ich bin es gewiß, keinen Einfluß auf ihre Dauer haben. Eine Liebe, wie die meinige, Sir, iſt, ich fühle es, für die Ewigkeit. Da ich nie von Liebe geträumt hatte, bis ich ſie ſah, ſo fühle ich jetzt, daß ich ſterben werde, ohne je eine andere Leiden⸗ ſchaft zu kennen, ſie iſt das Schickſal meines Lebens. Miß Coſtigan's eigenes Zartgefühl wies mich darauf hin, daß die Verſchiedenheit des Alters, die ich nie fühlte, unſerer Vereinigung entgegen ſtehen dürfte; da ich aber ein Mal liebe, ſo würde ich mich ſelbſt verachten und den Namen eines Gentlemans nicht verdienen, wenn ich anſtünde, bei meiner Leidenſchaft zu verharren, wenn ich nicht Alles gäbe, wo ich Alles fühlte, und die Jung⸗ frau, die mich zärtlich liebt, mit meinem ganzen Herzen und all meinem Beſitze begabte. Ich dringe auf bal⸗ dige Verbindung mit meiner Emily. — Denn warum ſollte ſie in der That aufgeſchoben werden? Ein Auf⸗ ſchub ſchließt einen Zweifel ein, den ich als unwürdig von mir weiſe; es iſt unmöglich, daß meine Gefühle gegen Emily ſich ändern — daß zu irgend einer Zeit ſie aufhören ſollte, der einzige Gegenſtand meiner Liebe zu ſein. Warum auch warten? Ich erſuche Sie, mein theurer Onkel, herabzukommen, und meine liebe Mutter mit unſerer Verbindung zu verſöhnen, und ich wende mich an Sie, als einen Mann von Welt, qui mo- res hominum multorum vidit et urbes, der keine der ſchwachen Bedenklichkeiten und Beſorgniſſe fühlt, die eine Lady beunruhigen, welche kaum über ihr Dorf hinausgekommen iſt.“ „Bitte, kommen Sie unverweilt zu uns herab, ich lebe der Zuverſicht, daß Sie — fern von Geldrückſich⸗ ten — meiner Emily Ihre Bewunderung und Ihren Beifall nicht verſagen werden. Ihr zärtlicher Neffe Arthur Pendennis Ir.“ 8 Als der Major dieſen Brief durchleſen hatte, nahm ſeine Miene einen ſolchen Ausdruck von Wuth und Ent⸗ ſetzen an, daß der Chirurg Glowry in ſeiner Taſche nach ſeinem Lanzet, das er immer in ſeinem Karten⸗ etui führte, griff. und glaubte, ſein hochgeehrter Freund würde einen Anfall bekommen. Die Mittheilung war in der That ganz geeignet, Pendennis in Aufregung zu bringen. Das Haupt der Pendennis ſollte eine zehn Jahre ältere Schauſpielerin heirathen — der eigenſin⸗ nige Junge ſollte ſich häuptlings ins Ehebett ſtürzen. „Die Mutter hat den jungen Schuft verzogen,“ brummte der Major in ſich hinein, „mit ihrer verdammten Sen⸗ timentalität und ihrem romantiſchen Kauderwelſch. Mein Neffe eine Theaterkönigin heirathen! guter Gott, das Volk wird mit Fingern auf mich deuten, ſo daß ich nicht mehr aufzuſchauen wage. Und mit unausſprechlichem Bangen dachte er, daß er das Diner bei Lord Steyne in Richmond im Stiche laſſen, auf ſeine Ruhe verzich⸗ ten und ſeine Nacht in einer abſcheulichen dichtverſchloſſe⸗ nen Briefpoſtkutſche zubringen müſſe, ſtatt, wie er ſich verſprochen hatte, in einer der angenehmſten und aus⸗ gewählteſten Geſellſchaften ſich zu vergnügen. Und nicht nur auf dieſe, ſondern auch auf alle andern Ein⸗ ladungen fürdie nächſte Zukunft mußte er reſigniren. Wer weiß, wie lange dieſe Angelegenheit ihn hinhielt. Er begab ſich von ſeinem Frühſtücktiſche hinweg in das Schreibkabinet, und ließ von dort Abſagebriefe an den Marquis, den Earl, den Biſchof und alle ſeine Gaſt⸗ freunde abgehen und ſeinen Bedienten Plätze in der Brief⸗ poſtkutſche für den Abend nehmen, indem er natürlich die Summe, die er für die Sitze ausgab, auf Rechnung der Wittwe und des jungen Taugenichtſes ſchrieb, deſſen Vormund er war. — — — Zweites Rapitel. Ein Stammbaum und andere Familiengeſchichten. Früh in der Regentſchaft Georg des Prachtlieben⸗ den, lebte in einer kleinen Stadt im Weſten Englands, Clavering (ſpr. Klehwring) ein Gentleman, deſſen Name Pendennis war, es lebten noch Leute, welche ſich wohl er⸗ innerten, wie ſein Name aufeinem Brette geſchrieben ſtand, über welchem ein vergoldeter Mörſer mit Stößel über der Thür eines ſehr beſcheidenen Lädchens in der Stadt Bath zu ſehen war, wo Mr. Pendennis die Stelle eines Apothefers und Wundarztes bekieidete, und wo er nicht allein Gentlemen auf ihrem Krankenbette, und Lady's in den intereſſanteſten Perioden ihres Lebens beſuchte, ſondern ſich auch herabließ, braunes Pflaſter auf Papier geſtrichen über dem Zahltiſch an Bäuerinnen zu verab⸗ reichen, oder Zahnbürſten, Puder und Londoner Parfüme zu verkaufen. Auf dieſe Thatſachen konnten einige Leute in Clavering, wo man vielleicht ein beſſeres Ge⸗ dächtniß hat, als in einer geräuſchvollen Hauptſtadt, einen leiblichen Eid ablegen. Und doch war der kleine Apotheker, welcher jedem lumpigen Kunden einen Penny werth Salz oder ein noch wohlriechenderes Stückchen Windſorſeife verkaufte, ein Gentleman von guter Erziehung und von ſo alter Familie, als irgend eine in der ganzen Grafſchaft Somerſet. Er hatte einen cornwalliſchen Stammbaum, der das Geſchlecht Pendennis in die Zeit der Druiden und wer weiß wie weit höher hinauf führte. Sie hat⸗ ten in einer ſpätern Periode Wechſelheirathen mit Nor⸗ mannen gehabt, und waren mit allen großen Familien von Wales und der Bretagne verwandt. Pendennis hatte auch ein Stückchen Univerſitätsbildung und hätte 10 vielleicht dieſe Laufbahn mit großer Ehre verfolgt, wenn nicht ſein Vater in ſeinem zweiten Jahre zu Cambridge als inſolvent geſtorben wäre und den armen Pen ge⸗ nöthigt hätte, ſich zu dem Stößel und der Schürze zu wenden. Er ſchlug immer das Kreuz vor der Krämerei, und bloß die Noth und das Anerbieten ſeines mütter⸗ lichen Oheims, eines Londoner Apothekers von niederer Familie, in welche Pendennis's Vater zu heirathen ſich herabließ, zwang John Pendennis zu einem ſo verhaß⸗ ten Berufe. Gleich nach ſeiner Lehrzeit verließ er ſeinen unge⸗ bildeten Verwandten, den Praktikanten und that ſich in Bath mit ſeinem beſcheidenen ärztlichen Schilde auf. Er hatte einige Zeit mit bitterer Armuth zu kämpfen und vermochte nicht weiter als ſeinen Laden und ſeine goldenen Ornamente in gehörigem Stande und ſeine bettlägerige Mutter bei Troſt zu erhalten; da geſchah es, daß Lady Ribſtone mit einem betrunkenen iriſchen Kutſcher nach den Rooms vorbeifuhr, und Ihre Herr⸗ lichkeit an Pen's Thürpfoſten warf, und ſeine Wagen⸗ deichſel durch die ſchönſte blaßrothe Flaſche in des Wund⸗ arztes Fenſter trieb. Mit einem Angſtſchrei ſtürzte ſie aus dem Gefährt und wurde ohnmächtig auf einen Stuhl in Mr. Pendennis Laden niedergeſetzt, wo ſie mit Zimmet und So vlatil wieder zur Beſinnung ge⸗ bracht ward. Mr. Pendennis's Manieren waren ſo ungemein gentlemaniſch und gewinnend, daß die Lady, die Gattin Sir Pepin Ribſtone's von Codlingsbury, in der Graf⸗ ſchaft Somerſet, Baronet, ihren Retter, wie ſie ihn nannte, zu ihrem eigenen und ihrer ſehr großen Fa⸗ milie Leibapotheker erhob. Maſter Ribſtone kam in die Chriſtagsferien aus Eton, überaß ſich und hatte ein Fieber, in welchem ihn Mr. Pendennis mit der größten Kunſt und Zärtlichkeit behandelte. Mit einem Wort, er gewann die Gunſt der Familie von Codlingsbury, und von dem Tage an begann es mit ihm aufwärts zu „ — 1¹ gehen. Die gute Geſellſchaft in Bath nahm ihn unter ihren Schutz und unter den Ladies beſonders ward er beliebt und bewundert. Zuerſt wurde ſein beſcheidener kleiner Laden aufgeſtutzt, dann verzichtete er auf den Verkauf von Zahnbürſten und Parfüm, als unwürdig eines Gentlemans von altem Geſchlecht, dann ſchloß er ſeinen Laden ganz und trieb bloß noch ein wenig Chi⸗ rurgie, die ihm ein artiger junger Mann beſorgte; dann bekam er einen zweirädrigen Wagen mit einem Kutſcher, der ihn führte, und vor ihrem Austritt aus dieſer Welt hatte ſeine arme, alte Mutter das Glück, von ihrem Schlafzimmerfenſter, an welches ihr Stuhl gerollt wurde, zu ſehen, wie ihr geliebter John in einen ihm ſelbſtgehörigen engen Wagen ſtieg, ein Einſpänner zwar, aber hübſch bemalt mit dem Wappen der Pen⸗ dennis in den Feldern. „Was würde Arthur jetzt ſagen,“ fragte ſie, indem ſie von einem jüngern Sohne ſprach — „der kein ein⸗ ziges Mal meinen theuerſten Johnny während all der Zeit ſeiner Armuth und Noth beſuchte.“ „Kapitän Pendennis iſt mit ſeinem Regiment in Indien, Mutter!“ bemerkte Mr. Pendennis, und wenn Sie's mir zugut halten, ſo wünſchte ich, daß Sie mich vor dem jungen Mann — vor Mr. Parkins — nicht mehr Johnny nennten.“ Unverweilt kam der Tag, wo ſie aufhörte, ihrem Sohn den Namen Johnny oder ſonſt einen andern Titel der Liebkoſung oder Zuneigung zu geben, und es wurde ganz ſtill in dem Hauſe durch das Verſchwinden der freundlichen, aber grämlichen Stimme. Er hatte ſeine Nachtglocke verändert und ſie in das Zimmer gerichtet, in welchem die gute alte Lady ſo manches lange Jahr ge⸗ knurrt hatte, und ſchlief jetzt hier in dem großen, weiten Bett. Er war über vierzig Jahre alt, als ſich dieſe Ereigniſſe begaben; ehe der Krieg vorüber war; ehe Georg der Prachtliebende auf den Thron kam; vor dieſer Geſchichte jedenfalls: aber was iſt ein Gentle⸗ 12 man ohne einen Stammbaum? Pendennis hatte den ſeinigen mittler Weile hübſch unter Glas und Rahmen gebracht und in ſeinem Beſuchzimmer zwiſchen den Ge⸗ mälden von Codlingbury⸗Houſe in Somerſetſhire und St. Boniface's College, Cambridge, wo er die kurzen und glücklichen Tage ſeines erſten Mannesalters zubrachte, aufgehängt. Was den Stammbaum anbetrifft, ſo hatte er ihn, wie Sterne's Offizier nach ſeinem Schwerte rief, nun er Gentleman war und ihn zeigen konnte, aus einem Koffer hervorgezogen. Um die Zeit von Mrs. Pendennis's Hintritt ſtarb zu Bath auch eine andere von ihres Sohns Patienten, die tugendſame alte Lady Pontypool, Tochter Reginalds des zwölften Earls von Bareaeres (ſpr. Bährékörs) und folglich Urgroßtante des gegenwärtigen Earls und Wittwe Johns des zweiten, Lord Pontypvols, deßgleichen des hochehrwür⸗ digen Jonas Wales von der Armageddon Kapelle Clifton. Die letzten fünf Jahre ihres Lebens war die Lady von Miß Helen Thiſtlewood, einer ſehr entfernten Verwandten des ſchon erwähnten edeln Hauſes von Bareaeres und Tochter des Lieutenants R. Thiſtlewvod R. N. (von der königlichen Marine), der in der Seeſchlacht von Kopenhagen fiel, ge⸗ wartet. Unter Lady Pontypool's Obdach fand Miß Thiſtle⸗ wood ein ſorgenfreies Aſyl, was Unterhalt und Woh⸗ nung anbelangt, erduldete aber eine ſo teufliſche Tyrannei, wie nur Frauen ſie ausüben und von einander erleiden können. Der Doktor, welcher wenigſtens zwei Mal des Tages der Lady Pontypool ſeinen Beſuch machte, konnte nicht umhin, die engelgleiche Sanftmuth und Güte zu bemerken, womit die junge Lady die Mißhandlungen ihrer älteren Verwandtin ertrug, und als ſie in dem vierten Trauerwagen fuhren und die verehrten irdiſchen Ueberreſte Ihrer Herrlichkeit in die Abtei zu Bath be⸗ leiteten, wo ſie nun ruhen, blickte er in ihr liebliches blaſſes Geſicht und beſchloß, ihr eine gewiſſe Frage vor⸗ zulegen, deren Wichtigkeit ſeinen Puls wenigſtens neun⸗ zig Mal ſchlagen ließ. Er war mehr denn zwanzig 5 — 13 Jahre älter, als ſie, und hatte zu keiner Zeit zu den feurigſten Männern gehört. Vielleicht hatte er in ſeinem früheren Leben eine Liebesaffaire gehabt, die er zu er⸗ ſticken wußte — vielleicht ſollten alle frühen Liebſchaf⸗ ten, wie ſo viele blinde Kätzchen, erſtickt oder ertränkt werden. Sei dem, wie ihm wolle, in ſeinem dreiund⸗ vierzigſten war er ein geſetzter, ruhiger, kleiner Gent⸗ leman mit ſchwarzen Strümpfen und einem kahlen Kopf, und wenige Tage nach der Feierlichkeit beſuchte er ſie, und während er ihren Puls fühlte, hielt er ihre Hand in der ſeinigen, und fragte, wo ſie ihren Aufenthalt nehmen werde, nun die Pontypoolfamilie herabgekommen war, um ihr Erbe in Kiſten zu nageln und in Schränke zu verpacken und mit Heubändern zu umwickeln und in Stroh zu begraben und unter dreifachem Verſchluß in den mit grünem Boi ausſtaffirten Silberkiſten aufbe⸗ wahrt unter den Augen der armen Miß Helen davon führen zu laſſen — fragte er ſie, wo ſie ſchließlich ihren Aufenthalt nehmen wollte? Ihre Augen füllten ſich mit Thränen, und ſie ſagte, ſie wüßte es nicht. Sie hätte nur wenig Geld. Die alte Lady hätte ihr tauſend Pfund hinterlaſſen, und ſie meinte, ſie wolle in ein Koſthaus oder in eine Schule gehen: in fne, ſie wußte noch nicht wohin. Jetzt blickte ihr Pendennis in das blaſſe Geſicht und ihr kaltes Händchen haltend, fragte er ſie, ob ſie nicht mit ihm leben wollte? Er wäre alt in Vergleich mit — mit einer ſo blühenden jungen Lady, wie Miß Thiſt⸗ lewood (Pendennis war von der ernſten, alten Kom⸗ plimentirſchule der Gentlemen und Apotheker) aber von guter Herkunft, und wie er ſich ſchmeichle, von guter Denk⸗ und Gemüthsart, ſeine Ausſichten wären gut und beſſerten ſich täglich. Er ſei allein in der Welt und bedürfe einer freundlichen und treuen Genoſſin, welche glücklich zu machen das Studium ſeines Lebens ſein würde. Mit einem Wort: er rezitirte ihr ein Ser⸗ mönchen, das er dieſen Morgen im Bett verfaßt und 14 in ſeinem Wagen wiederholt und vervollkommnet hatte, als er auf dem Wege war, der jungen Lady ſeine Auf⸗ wartung zu machen. Wenn er eine frühe Liebesgeſchichte gehabt hatte, hatte auch ſie vielleicht eines Tags ein anderes Lvos gehofft, als mit einem kleinen Gentleman verbunden zu werden, der mit dem Stock die Zähne klopfte und er⸗ zwungen lächelte, welcher mühſam höflich gegen den Kellermeiſter war, während er die Treppe hinauf in das Geſellſchaftszimmer ſchlich, und überſchwänglich artig gegen der Lady Stubenmädchen, das an der Thür ihres Schlafgemachs wartete, und welcher die alte Patronin wie einer Magd läutete, und die mit noch größerer Eilfertigkeit erſchien, welche die Geſchichten ſammelte, die er ihr mit den Arzneien ſandte, zu ſeiner Patienten Kurzweil und ſeinem eigenen Vortheil. Vielleicht hätte ſie einen andern Mann gewählt — aber ſie wußte auf der andern Seite, wie achtungsvoll, wie klug Penden⸗ nis war; wie gut er gegen ſeine Mutter, wie beharr⸗ lich er in ſeiner Sorge für ſie geweſen war, und das Ende dieſer Beſprechung war, daß ſie erröthend ihm eine ſehr tiefe Verbeugung machte, und bat, ſie zu ver⸗ laſſen — um ſeinen ſehr gütigen Vorſchlag in Erwä⸗ gung zu ziehen. Sie heiratheten ſich in der langweiligen Saiſon in Bath, welche die Blüthezeit der Londoner Saiſon war, und nachdem ſich Pendennis vorläufig durch einen befreundeten Collega M. R. C. S. in Holles Street Cavendis Square beſtellt hatte, nahm er ſein Weib in einer mit zwei Roſſen beſpannten Chaiſe dahin, führte ſie in die Theater, die Parks und die königliche Kapelle, zeigte ihr die Leute, wie ſie in Geſellſchaft gin⸗ gen, und verſchaſſte ihr mit einem Wort alle die Ver⸗ gnügungen der Hauptſtadt. Auch ließ er Karten für Lord Pontypool, den ſehr ehrenwerthen Earl von Ba⸗ reacres, und für Sir Pepin und Lady Röbſtone, ſeine früheſten und gütigſten Gönner, zurück. Bareacres nahm 15⁵ keine Notiz von den Karten. Pontypool lud ihn ein, be⸗ wunderte Mrs. Pendennis und ſagte, Lady Pontypool würde ſie beſuchen, ein Verſprechen, das Ihre Herr⸗ lichkeit durch die Anwaltſchaft ihres Bedienten John erfüllte, der ihre Karte und eine Einladung zu einem Conzert nach fünf Wochen brachte. Pendennis war in ſeinem Einſpänner wieder zurück und verkaufte wieder Arzneikolben und Pillen; aber die Ribſtones baten ihn und Mr. Pendennis zu einem Mahle, von dem Mr. Pendennis bis zum letzten Tag ſeines Lebens zu rühmen nicht aufhörte. Mr. Pendennis hatte immer den gehei⸗ men Ehrgeiz, ein Gentleman zu ſein. Einen Boktor auf dem Lande, deſſen Einnahmen nicht ſehr großartig ſind, koſtet es viel Zeit und ſorgliche Eintheilung, genug Geld bei Seite zu legen, um damit ein Haus und ein Landgut zu kaufen, aber außer ſeiner Frugalität und Klugheit that unſrem Freunde das Glück bedeutenden Vorſchub und hoh ihn auf eine Höhe, nach der er ſo ſehnlich geſtrebt. Er legte ſehr vortheilhaft einiges Geld für ein Haus und ein kleines Landgut nächſt dem zuvor erwähnten Dorfe Clavering aus. Worte können nicht beſchreiben, noch bedachte er ſich, es zu bekennen, wie ſtolz er ſich fühlte, als er ſich im Beſitze eines Land⸗ guts,ſah und über Acres (ſpr. Ehkör) gehen konnte, die ſein igenthum waren. Ein glücklicher Ankauf von Aktien bei einem Kupferbergwerk vermehrte ſeine Mittel be⸗ deutend und er verkaufte ſie mit großer Klugheit, wäh⸗ rend das Bergwerk noch in voller Aufnahme war. Endlich verkaufte er ſein Geſchäft in Bath an Mr. Parkins für eine hübſche Summe baaren Geldes und einen jähr⸗ lichen Abtrag auf eine beſtimmte Zahl von Jahren, nachdem er ſich ganz von dem Handhaben des Mörſers und des Stößels zurückgezogen hatte. Sein Sohn Arthur Pendennis war zur Zeit dieſer Vorgänge acht Jahre alt, ſo daß nicht zu verwundern iſt, daß Letzterer, welcher Bath und die Chirurgie ſo jung verließ, die Exiſtenz eines ſolchen Platzes, und daß 16 ſeines Vaters Hände ſich je mit der Bereitung der ver⸗ haßten Pillen oder der ſchmutzigen Pflaſter verunreinigt hatten, beinahe gänzlich vergaß. Der alte Mann ſprach ſelbſt nie von dem Laden, noch ſpielte er darauf an, be⸗ rief den praktizirenden Arzt von Clavering für ſeine Familie, wenn es nöthig wurde, verabſchiedete ganz und gar die ſchwarzen Hoſen und Strümpfe, beſuchte den Markt und die Aſſiſen, trug einen flaſchengrünen Rock, meſſingene Knöpfe, mit Tuchgamaſchen, wie wenn er ſein Lebtag ein engliſcher Gentleman geweſen wäre. Er ſtellte ſich an das Thor ſeines Park's, um die Kutſchen hereinfahren zu ſehen und verbeugte ſich ernſt vor den Kondukteuren und Kutſchern, die ihre Hüte berührten und vorbeifuhren. Er gründete den Clave⸗ ringer Leſeklubb und ſtiftete die Geſeliſchaft für die Samariter⸗Suppe und die Wolldecken-Geſellſchaft. Er brachte die Briefpoſt, die zuvor durch Cacklefield ging, von dieſem Dorfe weg und nach Clavering. Gleich thätig war er in der Kirche als Kirchenvorſteher und Kirchenbeſucher. An dem Markte ging er jeden Don⸗ nerſtag von den Hühnerkörben nach den Ständen, ſah nach den Muſtern von Haber und Futterkorn, betaſtete das Vieh, ſtieß Gänſe vor die Bruſt, und wog ſie mit der Miene des Kenners, machte Geſchäfte mit den Päch⸗ tern in dem Gaſthaus zum Wappen von Clavering trotz dem älteſten Stammgaſt. Jetzt gereichte es ihm zur Beſchämung, wie früher zum Stolze, wenn man ihn Doktor nannte, und ſolche, die ſich ihm gefällig machen wollten, nannten ihn nie anders denn Squire. Der Himmel weiß, woher ſie kamen, aber mit ei⸗ nem Mal hing eine ganze Reihe Porträte von Pen⸗ dennis rings umher in des Doktors Speiſeſaal, und er verſchwor ſich hoch und heilig, daß es lauter Lelys und Vandykes wären; und wenn man ihn um die Ge⸗ ſchichte der Originale fragte, gab er den unbeſtimmten Beſcheid, daß es Vorfahren von ihm wären. Man konnte an ſeiner Lady Blicken ſehen, daß ſie dieſen —— 17 genealogiſchen Legenden nicht viel Glauben ſchenkte, denn ſie ſuchte immer, wenn er damit anfing, die Unterhal⸗ tung auf Anderes abzulenken. Deſio gläubiger war für den jungen Gentleman nicht minder wirkliche und hiſtoriſche Perſonen, als Robinſon Cruſoe oder Peter Wilkins, oder die ſieben Kämpen der Chriſtenheit, deren Hiſtorien in ſeinem Bücherſchranke ſtanden. Pendennis Vermögen, das ihm bei der größten Sparſamkeit nicht über achthundert Pfund per Jahr ertrug, erlaubte ihm nicht, mit der vornehmen Welt in der Grafſchaft zu leben, aber er hatte eine anſtändige Geſellſchaft zweitbeſten Ranges um ſich. Waren ſie keine Roſen, ſo lebten ſie doch ſo nahe an den Roſen, daß ſie einen guten Theil von dem Geruche des gen⸗ tilen Lebens hatten. Zweimal des Jahres ſtellten ſie ihr Silberzeug zur Schau und ſpeisten in den Voll⸗ mondsnächten mit einander, und kamen ein Dutzend Meilen weit zu dieſen Feſtlichkeiten und außer der Graf⸗ ſchaft hatten die Pendennis noch von der Geſellſchaft der Stadt Clavering ſo viel, nein mehr als ſie wünſchten, denn Mrs. Pybus ſtürte immer in Mrs. Helens Kon⸗ ſervatorien und fing ihre Operationen für Suppenbil⸗ lete und Steinkohlvereine auf. Kapitän Glanders herum und ſuchte ihn in ſeine Streite mit dem Unter⸗ pfarrer, dem Poſtmeiſter, dem hochehrwürdigen F. Whap⸗ ſhot von der Claveringer lateiniſchen Schule, dafür, daß er ſeinen Sohn zu ſehr gepeitſcht, mit dem Angleſea⸗ Glanders — kurz mit dem ganzen Dorfe in fine zu ziehen. Pendennis und ſeine Frau ſegneten ſich oft, daß ihr Haus auf den Fairvafs beinahe eine (engl.) WMeeile von Clavering entfernt war, ſonſt würde es nie Pendennis. 1. 2 4 18 frei von den Späheraugen oder dem Geräuſch des einen oder des andern ſeiner Bewohner geweſen ſein. Fair⸗ vakslawn oder Grasplatz reicht herab bis zu dem Flüß⸗ chen Brawl und auf der andern Seite waren die Plan⸗ tagen und Wälder (ſo viel als davon übrig blieben) von Claveringpark, Sir Francis Clavering Baronet. Der Park war zum Abweiden für Schafe und Vieh vermiethet, als die Pendennis zuerſt nach Fairvaks zu wohnen kamen. Die Fenſterläden im Hauſe waren ver⸗ ſchloſſen, ein glänzender Palaſt aus Quaderſteinen mit großen Treppen, Statuen und Säulengängen, von denen ein Gemälde in den Schönheiten von England und Wales zu ſehen iſt. Sir Richard Clavering, Sir Fran⸗ eis Großvater, hatte den Ruin des Hauſes durch den Bau dieſes Palaſtes begonnen, ſein Nachfolger denſelben dadurch, daß er darin lebte, vollendet. Der gegenwär⸗ tige Beſitzer Sir Franecis lebte irgendwo im Ausland und Niemand war reich genug, das ungeheure Herren⸗ haus zu miethen, durch deſſen verlaſſene Räume und ſchimmelige Hallen und unheimliche Gallerien Arthur Pendennis manchmal in ſeinem Knabenalter zitternd gewandert war. Bei Sonnenuntergang hatte man von dem Grasplatze vor Fairvaks eine hübſche Ausſicht, dies und der Parf von Clavering gegenüber gaben eine reiche goldene Färbung, die ſie beide in ein wun⸗ dervolles Licht ſetzte. Die hohen Fenſter des großen Hauſes flammten, daß Einem die Augen übergingen. Das Flüßchen ſtürzte geräuſchvoll gegen Weſten und verlor ſich in einen düſtern Wald, hinter welchem die Thürme der alten Abteikirche von Clavering (wovon die Stadt bis auf den heutigen Tag Clavering St. Mary's genannt wird) in Purpurglanz erhob. Die Geſtalten des kleinen Arthurs und ſeiner Mutter warfen lange blaue Schatten über das Gras und mit leiſer Stimme pflegte er — eine Naturſchönheit rührte immer den Knaben, der die Empfindſamkeit ſeiner Mutter ererbte — gewiſſe Strophen zu wiederholen; „dieß ſind deins ve ſe — NM — NM— — — — — S . 19 glorreichen Werke, Vater des Guten, Allmächtiger! dein dieſes All,“ zum großen Entzücken von Mrs. Penden⸗ nis. Solche Spaziergänge und Unterhaltungen endeten insgemein mit einem Uebermaß kindlicher und mütter⸗ hören, er ſei gewiß, in den Himmel zu kommen, denn ſeine Mutter könnte ohne ihn nie glücklich ſein. Was John Pendennis, den Vater der Familie, be⸗ trifft, ſo hatte Jedermann die größte Achtung vor ihm, und ſeine Befehle wurden gleich denen der Meder und Perſer befolgt. Sein Hut wurde vielleicht ſo gut ge⸗ bürſtet, als der von irgend Jemand im ganzen Reich, geſprochen, die angekommenen Briefe geleſen, Geſchäfte abgethan, Ställe und Garten inſpieirt, Hühnerſtälle und Goſſe, Scheune und Pferdeſtälle beſucht. Nach dem Diner machte er immer ein Schläfchen mit der Zeitung (Globe) auf dem Knie und ſein gelbes Band⸗ ſie jetzt wieder gute Freunde waren). Und ſo wie ſein Diner Punkt ſechs Uhr ſtatt fand und das ſchon be⸗ rührte Abendgeſchäft etwa um halb acht Uhr vorgenom⸗ men wurde, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß er ſich nicht viel um die Ausſicht der vordern Fenſter ſeines Land⸗ hauſes kümmerte, noch ſich für die Poeſie und die Lieb⸗ koſungen, die dort ſtatt fanden, intereſſirte. Sie famen ſelten unter ſeinen Augen vor. So aufgeräumt ſie auch zuvor waren, Mutter und Kind verſtummten und ſchwiegen, wenn Mr. Pendennis mit ſeiner Zeitung unter dem Arme in das Geſellſchafts⸗ 20 zimmer trat — und hier, während der kleine Pen in einem großen Fauteuil begraben, alle Bücher las, deren er habhaft wurde, durchlas der Squire ſeine eigenen Artikel in der Gardener's Gazette, vder ſetzte ſich mit feierlichem Ernſte zu einem Piket mit Mrs. Pendennis oder mit einem gelegentlichen Freund aus dem Dorfe. Pendennis trug Sorge, daß wenigſtens eines ſeiner großen Eſſen ſtatt fand, wenn ſein Bruder, der Major, welcher bei der Rückkehr ſeines Regiments aus Indien und Neu⸗Südwales ſeine Offiziersſtelle verkauft und in halben Sold getreten war, alle zwei Jahre zu einem Beſuche nach Fairoaks kam. „Mein Bruder, der Major Pendennis,“ war das beſtändige Thema von des weiland Doktors Unterhaltung. Meine ganze Familie iſt ent⸗ zückt über meinen Bruder, den Major. Er war das Hlied, das ſie mit der großen Welt in London und der Faſhion verband; er brachte immer die neueſten Neuig⸗ keiten der Adelswelt herab, und war in beſtändiger Ge⸗ wohnheit mit Lords und vornehmen Leuten zu diniren. Er ſprach von ihnen mit militäriſchem Reſpekt und An⸗ ſtand. Erpflegte zu ſagen: „Mylord Bareacres (Bähréh⸗ körs) hatte die Güte, mich zur Faſanenjagd nach Vareaeres einzuladen,“ oder „Mylord Steyne iſt ſo gütig, meine An⸗ weſenheit in Stillbrook für die Oſterferien zu wünſchen 36 und man durfte verſichert ſein, daß der würdige Mr. Pendennis ſeine Freunde in dem Claveringer Leſezirkel bei den friedensrichterlichen Sitzungen oder in der Pro⸗ vinzialſtadt mit allen Details ſeines Bruders, des Ma⸗ jors, bekannt machte. Ihre Wagen kamen zehn Meilen weit in der Runde, dem Major Pendennis bei ſeinen Beſuchen in Fairoaks aufzuwarten, und ſein Ruf als ein Mann, der in der Stadt nach hohem Tone lebte, war in der ganzen Grafſchaft feſtgeſtellt. Man ſprach davon, daß er Miß Hunkle von Lilybank, die Tochter des alten Hunkle, des Anwalts, mit wenigſtens fünfzehnhundert Pfund jährlicher Einkünfte heirathen werde, aber ſein Bruder Major wies die Sache von 21 der Hand, ſo vortheilhaft ſie auch den meiſten Perſonen erſcheinen mochte. „Bleibe ich Junggeſelle,“ ſagte er, „ſo fragt Niemand, wie arm ich bin. Ich habe das Glück, mit Leuten zu leben, die ſo hoch in der Welt ge⸗ ſtellt ſind, daß ein paar hundert oder tauſend per Jahr mehr oder weniger keinen Unterſchied in der Achtung machen, die ſie für mich zu haben belieben. Miß Hunkle, obgleich eine ſehr achtungswerthe Lady, iſt weder nach Geburt noch nach Manieren geeignet, in die Sphäre aufgenommen zu werden, in der ich die Ehre habe, mich zu bewegen, ich lebe und ſterbe als alter Junggeſell, John, und deine würdige Freundin wird ohne Zweifel einen würdigern Gegenſtand ihrer Zuneigung finden, als einen verwitterten alten Soldaten auf halbem Sold. Die Zeit zeigte, wie richtig der alte Weltmann gemuth⸗ maßt hatte: Miß Hunkle heirathete einen jungen fran⸗ zöſiſchen Edelmann und lebt jetzt in Lilybank unter dem Titel einer Baroneß de Carambole, nachdem ſie ſich kurz nach ihrer Verbindung von ihrem wilden jungen Wüſt⸗ ling von Baron hatte ſcheiden laſſen. Der Major war ein großer Günſtling bei allen Gliedern der kleinen Kolonie in Fairvaks, er war eben⸗ ſo gutmüthig, als eingebildet und hatte aufrichtige Zu⸗ neigung und Achtung für ſeine Schwägerin, die er mit Grund der Wahrheit für eine ſo ſchöne Lady, als es nur je eine in England gebe, und für eine Zierde der Familie erklärte. In der That Mrs. Pendennis anſpruchs⸗ loſe Schönheit, ihre natürliche Lieblichkeit und Seelengüte und jene Einfachheit und Würde, die eine vollkommene Reinheit und Unſchuld einem ſchönen Weibe verleihen müſſen, machten ſie der Lobſprüche ihres Schwagers vollkommen würdig. Ich denke, es iſt nicht nationales Vorurtheil, das mich glauben läßt, daß eine fein erzo⸗ gene engliſche Lady der vollendetſte aller Zöglinge des Himmels iſt. Bei wem ſonſt ſehen wir ſo viel Anmuth und ſo viel Tugend, ſo viel Treue und ſo viel Zärt⸗ lichkeit mit ſo vollkommener Reinheit und Keuſchheit? 22 und unter fein gebildeten Ladies verſtehe ich nicht Her⸗ zoginnen und Gräfinnen. Mag ihre Stellung noch ſo hoch ſein, ſie können doch nur Ladies ſein und Nichts mehr. Aber beinahe jeder, der in der Welt lebt, hat, wie wir hoffen dürfen, das Glück, einige ſolcher Frauen unter den Kreis ſeiner Bekannten zu rechnen, Frauen, in deren engelreinem Weſen etwas Ehrfurcht gebieten⸗ des liegt, zu deren Füßen der wildeſte unſeres Geſchlechts niederfallen und ſich demüthigen muß in Bewunderung jener anbetungswürdigen Reinheit, welche nie Unrechtes zu thun noch zu denken ſcheint. Arthur Pendennis hatte das Glück, eine Mutter zu haben, die mit dieſen Tugenden begabt war. Wäh⸗ rend ſeiner Kindheit und Jugend dachte der Knabe nie anders an ſie, als an einen Engel — als an ein über⸗ natürliches Weſen, voller Weisheit, Liebe und Schön⸗ heit. Wenn ihr Gatte ſie in die Provinzialſtadt auf die Aſſiſenbälle oder Konzerte führte, ſo trat er mit ſeinem Weib am Arm in die Verſammlung und blickte den vornehmen Leuten ins Geſicht, als wollte er ſagen: da ſehen Sie, Mylord, kann einer von Ihnen mir eine Lady zeigen, wie die da? Sie brachte einige Ladies der Grafſchaft, die drei Mal ſo viel Geld hatten, als ſie, durch die Vollkom⸗ menheiten, die ſie an ihr entdeckten, in verzweifelte Wuth. Miß Pybus ſagte; ſie ſei kalt und hochmüthig. Miß Pierce, ſie ſei zu ſtolz für ihre Stellung; Mrs. Wapſchot, als Gattin eines Doktors der Thevlogie, wollte den Vortritt vor ihr haben, da ſie blos die Gattin eines praktizirenden Arztes ſei. Mittler Weile ſchritt dieſe Lady durch die Welt ganz unbekümmert um die Kommentare, welche zu ihrem Lob oder Nach⸗ theil gemacht wurden. Sie ſchien nicht zu wiſſen, daß ſie ob ihren Vollkommenheiten bewundert oder gehaßt wurde; ſondern ging ruhig durch's Leben, betete, liebt⸗ ihre Familie, half ihren Nachbarn und that ihri Pflicht. K — * 23 Daß ſelbſt eine Frau fehlerlos ſein ſollte, geſtattet ſogar die Natur nicht, die uns geiſtige Mängel zuweist, wie ſie uns Kopfweh, Krankheiten oder den Tod zuer⸗ kennt, ohne welche der Plan der Welt nicht ausgeführt, ja ſelbſt einige der beſten Eigenſchaften unſtes Geſchlechts nicht in Ausübung gebracht werden könnten. Wie der Schmerz Tapferkeit und Ausdauer; die Noth Ge⸗ duld; die Armuth Betriebſamkeit und Schöpferkraft; die Gefahr Muth und ſo vieles Andere erzeugt, ſo er⸗ zeugen ſelbſt die Tugenden andrerſeits einige Fehler und kurz und gut, Mrs. Pendennis hatte jenen Fehler, den Mrs. Pybus und Miß Pierce an ihr entdeckten, den des Stolzes, der ſich nicht ſo wohl in ihrer eigenen Perſon als bei ihrer Familie kund gab. Sie ſprach von Mr. Pendennis (immerhin ein achtungswerther, kleiner Gentleman, aber es gibt noch andere, eben ſo gute) mit einer Ehrfurcht, als ob er der Pabſt in Rom auf ſeinem Throne, und ſie ein Kardinal wäre, der zu ſeinen Füßen kniete und ihm Weihrauch ſtreute. Den Major hielt ſie für eine Art von Bayard von Majoren, und ihren Sohn Arthur vergötterte ſie mit einem Eifer, den der junge Galgenſtrick beinahe ſo kaltblütig hin⸗ nahm, als die Statue des Heiligen in der St. Peters⸗ kirche die begeiſterten Küſſe, welche die Gläubigen ſei⸗ nem Zehen appliziren. Dieſe unglückliche Illuſton und Vergötterung der guten Lady war ſchuld an einem großen Theil des Mißgeſchicks, das unſern jungen Gentleman, den Helden dieſer Geſchichte, betraf, und muß gleich beim Anfang unſerer Erzählung in Erwähnung kom⸗ men. Arthur Pendennis's Kameraden in der Greyfriar⸗ ſchule (Graubrüderſchule) behaupten, daß er als Knabe ſich weder durch Dummheit noch durch große Kenntniſſe auszeichnete. Er that in Wirklichkeit gerade ſo viel, als man von ihm verlangte, nicht mehr und nicht we⸗ niger. Wenn er ſich in etwas auszeichnete, ſo war es im Verſemachen; wenn aber auch ſeine Begeiſterung 24 noch ſo groß war, ſo hatte ſie ein Ende, ſo bald er die vorſchriftlich verlangte Zahl von Linien gedichtet hatte ganz unähnlich z. B. dem jungen Swettenham, der mit nicht mehr Poeſie in ſeiner Kompofition als Mr. Watley dem Lehrer nach einem halben Feiertag ſeine hundert langweilige Herameter brachte; oder der junge Flurmore, der nicht allein ſeine eigenen Verſe ſchrieb, ſondern für alle von der fünften Klaſſe. Er ſtudirte außer den Schulſtunden nie weiter, verſchlang dagegen alle Novellen, Schauſpiele und Dichtungen, die er auf⸗ treiben konnte. Er wurde nie gepeitſcht, aber es war ein Wunder, wie er der Stäubſäule entging. Wenn er Geld hatte, ſo verbrauchte er es mit königlicher Ver⸗ ſchwendung zu Torten für ſich und ſeine Freunde, und man weiß von ihm, daß er von zehn Shillingen Wo⸗ chengeld an einem Tag, neun und ſechs Pence (18 kr.) verausgabte. Wenn er keine Fonds hatte, ſo nahm er auf Borg. Gab man ihm keinen Kredit, ſo trottete er davon und war beinahe eben ſo glücklich. Man weiß von ihm, daß er für einen alten Kameraden ſich durch⸗ prügeln ließ, und aufbrüllte, wenn ihm ein Anderer auch nur den leichteſten Schlag verſetzte. Gegen das Fechten hatte er von früheſter Jugend einen Wider⸗ willen, wie gegen Arznei, die griechiſche Grammatil oder eine andere Anſtrengung und ließ ſich nur in der äußerſten Noth dafür beſtimmen. Er log ſelten oder nie und überſchrie nie kleine Knaben. Solche Lehrer oder Senioren, welche gütig gegen ihn waren, liebte et mit kindiſchem Feuer, und obgleich der Doktor, wen er ſeinen Horaz nicht konnte, oder ſein griechiſche Schauſpiel nicht zu konſtruiren vermochte, ſagte, daß der Bube Pendennis eine Schande für die Schule, eis Kandidat des Verderbens in dieſer, und der Verdamm niß in jener Welt ſei, ein Böſegicht, der ſeinen vereh rungswürdigen Vater ruiniren Uhſeine Mutter in ei ſchmähliches Grab bringen würds und dergleichen — ſo wurde, da der Doktor dieſe plimente den meiſte — — — — — — — * — — — et e 25 Knaben in der Schule machte, und keine ungewöhnliche Zahl derſelben Miſſethäter und Taſchendiebe wurden, der kleine Pen zuerſt beunruhigt und erſchreckt durch ſolche Vorwürfe, aber allmählig daran gewöhnt, ſie zu hören, und hat bis auf den heutigen Tag, weder Vater und Mutter ermordet, noch eine Handlung begangen, wegen deren er deportirt oder gehängt worden wäre. Es gab viele der obern Jungen unter den Ciſter⸗ cienſern, unter denen Pendennis erzogen wurde, die ſich alle Privilegien der Männer ſchon lange herausnahmen, ehe ſie das Seminar verließen. Manche derſelben rauch⸗ ten zum Beiſpiel Cigarren — und hatten bereits einige Uebung im Trinken erlangt. Einer hatte ein Duell mit einem Fähndrich eines auf dem Marſch begriffenen Regiments in Folge eines Spektakels im Theater ge⸗ habt — ein anderer hatte ein Buggy *) und ein Pferd in einem gemietheten Stall im Coventgarden gehalten und fuhr jeden Sonntag in Hydepark mit einem Reitknecht mit Wappen und Wappenknöpfen an der Seite. Manche der Senioren hatten ihre Liebſchaften und zeigten einander im Vertrauen Gedichte, die ſie an junge Ladies geſchrieben, oder Briefe und Haarlocken, die ſie von dieſen erhalten hatten — aber Pen, ein beſcheidener und ſchüchterner Junge, beneidete ſie bis jetzt mehr, als er ſie nachahmte. Er war bis jetzt noch nicht über die Theorie hinaus gegangen, die Nutzan⸗ wendung ſollte nachkommen. Indeſſen iſt es, ihr zärt⸗ lichen Mütter und ihr nüchternen Väter chriſtlicher Fa⸗ milien, ein wunderbares Ding um die Theorie des Le⸗ bens, wie ſie in einer großen öffentlichen Schule von Mund zu Munde geht. Wenn ihr hören könntet, wie dieſe vierzehnjährigen Jungen, die vor ihren Müttern errothen und in Gegenwart ihrer Schweſtern ſchweig⸗ ſam davon ſchleichen, unter einander ſprechen, ſo käme an die Frauen die Reihe des Erröthens. Ehe er zwölf ———— Mein zweirädriges, zweiſitziges Gefährt. Anm. des Ueberſ. 26 Jahre alt war, und während ſeine Mutter ihn für einen Engel von Unſchuld hielt, hatte der kleine Pen genug gehört, um ihn in gewiſſen Punkten ganz er⸗ ſchrecklich weiſe zu machen — und ſo hat ihr hübſcher, kleiner, roſenwangiger Sohn, der in die Chriftferien kommt, ſchon ſehr große Fortſchritte gemacht. Ich ſage nicht, daß der Junge verloren iſt, oder daß die Urſchuld die er vom „Himmel, unſerer Heimath,“ hat, eingebüßt, aber daß die Schatten des Gefängniſſes bald ihn um⸗ fangen werden, und daß wir, ſoviel in unſern Kräften ſteht, noch dazu beitragen, ihn zu verderben. Gut — Pen war gerade in einem, den Geſchlechts⸗ unterſchied hervorhebenden Kleide öffentlich aufgetreten, und ſah ſehr ängſtlich in ſeinen Doppelſpiegel, ob ſein Backenbart wachſe, wie bei ſeinen glücklichern Kamera⸗ den und ſtatt der Sopranſtimme, womit er ſprach und ſang — (denn ſeine Singſtimme war ſehr lieblich, ſehr fein, und er pflegte, wenn wenig zu thun war „Hei⸗ math, ſüße Heimath,“ „mein hübſcher Papa“ und ein paar franzöſiſche Lieder, die ſeine Mutter ihn gelehrt hatte, zur Beluſtigung der ältern Jungen aufzufüh⸗ ren, —) war plötzlich in einen tiefen Baß gefallen, welcher oft durch einen ſchrillen Ton unterbrochen wurde, der, wenn er in der Schule zum Ueberſetzen aufgefor⸗ dert war, Lehrer und Schüler zum Lachen brachte. — Er war ſechzehn Jahre alt, als er plötzlich von ſeinen akademiſchen Studien abgerufen wurde. Am Schluſſe der Vormittagsſchule, während wel⸗ cher Pen den ganzen Morgen unbeachtet geblieben war, wurde er von dem Doktor zum Ueberſetzen in einem griechiſchen Schauſpiele aufgefordert. Er konnte kein Wort überſetzen, obgleich der kleine Timmins, ſein Nach⸗ bar, ihm aus Liebeskräften zublies. Pen hatte ein paar gräuliche Böcke geſchoſſen, als das ehrwürdige Haupt der Schule über ihn losbrach. „Pendennis, Sir, Ihre Faulheit iſt unverbeſſerlich, und Ihre Ingnoranz beiſpiellos. Sie find eine Schande S 5 27 für Ihre Schule und Ihre Familie, und werden es ohne Zweifel im Leben für Ihr Vaterland ſein. Wenn das Laſter, Sir, das uns als die Wurzel alles Uebels geſchildert wird, wirklich das iſt, als was es uns die Sittenlehrer vorſtellen, und ich zweifle nicht, daß ſie Recht haben, zu welcher Unzahl von Verbrechen und Elend ſtreuen Sie dann, unglücklicher junger Menſch, den Saamen aus, armſeliger Tändler. Wer in ſeinem ſechzehnten Jahre 6% mit und ſtatt mit aber überſetzt, macht ſich nicht blos der Dummheit und Unwiſſenheit, des unbegreiflichſten Blödſinns ſchuldig, ſondern auch des Verbrechens, eines todeswürdigen Verbrechens, kindlicher Undankbarkeit, bei der ich zittere, wenn ich nur daran denke. Ein Junge, Sir, der ſein griechiſches Schauſpiel nicht lernt, betrügt den Vater, der das Geld für ſeine Erziehung ausgibt. Ein Junge, der ſeinen Vater be⸗ trügt, iſt nicht mehr weit davon, daß er ſeinen Nach⸗ bar beraubt, oder gegen ihn fälſcht. Ein Mann der ge⸗ gen ſeinen Nachbar fälſcht, büßt ſein Verbrechen am Galgen. Aber nicht er iſt es, den ich bemitleide, denn er verdient ſein Schickſal, ſondern ſeine verzweiflungs⸗ vollen Eltern, denen das Herz bricht, und die durch ſeine Verbrechen vor der Zeit ins Grab ſinken, oder wenn ſie noch fortleben, ein elendes, entehrtes Alter dahin ſchleppen. „Machen Sie weiter, Sir, und ich ſage Ihnen, daß Sie bei dem nächſten Fehler, den Sie machen, die Ruthe bekommen! Wer lacht? Welcher Junge iſt ſo verworfen, daß er hier zu lachen wagt?“ In der That, während der Lehrer ſeine Strafpre⸗ digt hielt, war ein allgemeines Kichern hinter ihm in der Schule. Der Redner hatte der offenſtehenden Thüre dieſes alt ehrwürdigen Gebäudes den Rücken gekehrt und ein entleman, der mit der Oertlichkeit wohl vertraut war, — Major Arthur und mit Mr. Pendennis in dieſer Schule geweſen, — war in die Schule getreten und fragte 28 einen an der Thür ſitzenden Schüler nach Pendennis. Der Junge wies grinſend auf den Schuldigen, gegen welchen der Doktor den Donner ſeiner gerechten Ent⸗ rüſtung entlud — Major Pendennis mußte lachen, er erinnerte ſich, wie er unter derſelben Strafſäule, wo jetzt Pen der Jüngere ſtand, vor langen Jahren auch ge⸗ ſtanden hatte und von dem Vorgänger des Doktors beſtürmt worden war. Mit Blitzesſchnelle lief die Bot⸗ ſchaft, daß es Pendennis Onkel ſei, durch die Schule, und hundert junge Geſichter kicherten verwundert und wandten ſich jetzt gegen den neuen Ankömmling und den ehrwürdigen Doktor. Der Major bat denſelben Schüler, dem Doktor ſeine Karte zu bringen, was dieſer mit ſchalkhaftem Blicke that. Major Pendennis hatte auf die Karte ge⸗ ſchrieben: „Ich muß Arthur Pendennis nach Hauſe nehmen, ſein Vater iſt ſehr krank.“ Als der Doktor die Karte erhielt und mit etwas verlegenem Blicke ſeine Standrede beendigte, brach das Gelächter der Jungen, bis jetzt halb unterdrückt, in allgemeines Frohlocken aus. „Stille!“ brüllte der Dok⸗ tor, mit dem Fuße ſtampfend. Pen blickte auf und ſah, wer ſein Befreier war. Der Major winkte ihm ernſt mit einem ſeiner weißen Handſchuhe, und, ſeine Bücher zuſammenraffend, ſchritt Pen durch das Zimmer. Der Doktor zog ſeine Uhr. Es waren noch zwei Minuten bis zwei. „Wir nehmen den Nachmittag den Juvenal,“ ſprach er, dem Kapitän winkend, und alle die Jungen rafften, das Signal verſtehend, ihre Bücher auf und ſtrömten aus dem Sagl. Der junge Pen las in ſeines Oheims Geſicht, daß ſich daheim etwas zugetragen hatte. „Gibt's etwas mit — meiner Mutter?“ fragte er. Er konnte aber kaum ſprechen vor Bewegung und Thränen, die ihm in die Augen traten. „Nein,“ ſagte der Major, aber dein Vater iſt ſehr 29 unwohl, geh und packe ſogleich deinen Koffer, ich habe eine Poſtchaiſe vor das Thor gebracht.“ Pen ging ſogleich in ſein Koſthaus, um den Be⸗ fehl ſeines Oheims auszuführen, und der Doktor, der jetzt allein in der Schule gelaſſen war, kam heraus, um ſeinem alten Kameraden die Hand zu drücken; man hätte ihn nicht mehr für denſelben Mann gehalten. Wie Cinderella zu einer beſtimmten Stunde aus einer ſchimmernden und prunkenden Prinzeſſin ein gewöhn⸗ liches Mädchen in einem grauen Unterrocke wurde, ſo ſchwand, als die Glocke ein Uhr ſchlug, all die donnernde Majeſtät und der furchtbare Grimm des Schulmeiſters dahin. „Es iſt doch nichts Ernſtliches vorgefallen, hoffe ich,“ ſagte der Doktor, „es wäre ſonſt Jammerſchade, den Jungen wegzunehmen; er iſt ein ſehr guter Junge, etwas faul und unenergiſch, aber er iſt ein ſehr ehren⸗ hafter gentlemäniſcher Junge, obgleich ich ihn nicht dahin bringen kann, daß er überſetzt, wie ich es wünſche. Wollen Sie nicht herein kommen und einen Zwiſchen⸗ Imbiß nehmen? Meine Frau wird ſich ſehr glücklich ſchätzen, Sie zu ſehen.“ — Aber Major Pendennis lehnte den Zwiſchenimbiß ab, er ſagte, ſein Bruder ſei ſehr krank, habe Tags zu⸗ vor einen Anfall gehabt und es ſei eine große Frage, ob ſie ihn noch am Leben treffen.“ „Iſt noch ein anverer Sohn da?“ fragte der Dok⸗ tor. Der Major verneinte. „Und iſt was Rechtes hm — was Rechtes hm — beiſammen, glaube ich ?“ fragte der Andere, indem er ihm zum Abſchiede die Hand drückte. „So ſo,“ ſprach der Major, worauf dieſes Zwie⸗ geſpräch zu Ende ging. Und Arthur Pendennis beſtieg mit ſeinem Oheim die Poſtchaiſe, um nie wieder in die Schule zurückzukehren. Als der Wagen durch Cla⸗ vering fuhr, ſtand der Hausknecht pfeifend unter dem ogengang von Clavering Arms, winkte dem Poſtillon 30 bedeutungsvoll, als wollte er ſagen, daß Alles vorüber ſei. Die Frau des Gärtners kam und öffnete das Park⸗ thor und ließ ſchweigſam den Kopf ſchüttelnd die Rei⸗ ſenden ein. Alle Vorhänge in Fairvaks waren herab⸗ gelaſſen, das Geſicht des alten Bedienten, der ſie her⸗ einführte, war bleich. Auch Arthurs Geſicht war blaß, aber mehr von Schrecken, als von Kummer. Wie warm auch der Verſtorbene geliebt haben mochte, und er be⸗ tete ſein Weib an, liebte und bewunderte ſeinen Sohn von ganzem Herzen — aber er verſchloß ſeine Gefühle in ſich und nie hatte der Junge die Eisrinde zu durch⸗ dringen vermocht; aber Arthur war ſeines Vaters Stolz und Ruhm ſein Leben lang geweſen, und ſein Name war der letzte Laut, den John Pendennis zu artikuliren verſuchte, während er da lag und ſeiner Gattin Hand ſeine kalte und feuchte Rechte umſchloß, als der flat⸗ ternde Geiſt in die Finſterniß des Todes trat und Le⸗ ben und Welt vor ihm verſchwand. Das kleine Mädchen, deſſen Geſicht einen Augen⸗ blick durch die Vorhänge guckte, als die Chaiſe herauf⸗ fuhr, öffnete die Thür von der Treppe in die Halle, und führte Arthur, der ſich bückte, um ſie zu küſſen, ſchweigſam an der Hand greifend die Treppen hinauf zu ſeiner Mutter. Der alte John öffnete die Thür des Speiſeſaals für den Major. Das Zimmer war durch die vorgezogenen Vorhänge verdunkelt und rings umhängt von den düſtern Gemälden der Pendennis. Er trank ein Glas Wein, die Flaſche war für den Squire vor vier Tagen geöffnet worden, ſein Hut wurde gebürſtet und auf die Tafel in der Halle gelegt; ſeine neuen Zei⸗ tungen und ſeine Briefmappe, auf deren Meſſingplatte John Pendennis, Esquire, Fairvaks eingegra⸗ ben war, lagen für ihn in Bereitſchaft. Der Doktor und der Advokat, die ſeinen Wagen hatten durchfahren ſehen, kamen in einem Gig *) eine halbe Stunde nach Nein leichtes einſpänniges und zweirädriges Gabelfuhrwerk. 34 des Majors Ankunft von Clavering herauf und traten durch die Hinterthür ein. Der Erſtere gab einen aus⸗ führlichen Bericht von dem Krankheitsanfall und dem Abſterben des Mr. Pendennis, verbreitete ſich über ſeine Verdienſte und den Ruf, in welchem er bei der Nach⸗ barſchaft geſtanden, welcher Verluſt es für die Magi⸗ ſtratenbank, das Grafſchaftsſpital u. ſ. w. wäre. Mrs. Pendennis, ſagte er, wiſſe ſich jedoch beſonders ſeit Maſter Arthurs Ankunft ganz wunderbar zu faſſen. Der Ad⸗ vokat blieb und dinirte mit Major Pendennis, und ſie ſprachen den ganzen Abend über Geſchäfte. Der Major war ſeines Bruders Teſtamentvollſtrecker und theilte die Vormundſchaft mit Mrs. Pendennis. Alles ward ihr belaſſen, außer bei einer zweiten Verheirathung, ein Fall, der, wie Mr. Tatham galant bemerkte, ais von dem Verſtorbenen verſchiedene Vorſichtsmaßregeln getroffen wurden, bei einer ſo jungen und ſchönen Dame gar leicht eintreffen dürfte. Der Major wollte natürlich bei dieſer hoͤchſt traurigen Veranlaſſung die Oberaufſicht über Alles haben. Dieſes Befehles einge⸗ denk, folgte der alte John, der Bediente, als er dem Major Pendennis das Licht zum Bettegehen brachte, gleich darauf mit dem Tellerkorb und brachte ihm am nächſten Morgen den Schluſſel zu der Uhr in der Halle, die der Squire jeden Donnerſtag aufzuziehen pflegte. Mrs. Pendennis's Kammermädchen brachte ihm Botſchaft von ihrer Gebieterin, und beſtätigte den Be⸗ richt des Doftors, daß Maſter Arthur's Ankunft ſeiner Mutter zu großem Troſte gereichte. Was zwiſchen der Lady und dem Jungen vorging, iſt von keinem Belang, über dieſe heiligen Regungen der Liebe und des Kummers ſollte ein Schleier gewor⸗ fen werden. Die Liebe der Mutter iſt für mich ein ge⸗ heiligtes Myſterium. Was man in den römiſchen Kir⸗ chen bei dem Muttergottesbilde damit ſinnbildlich dar⸗ geſtellt findet, daß ihr Buſen vor Liebe blutete, kann man, glaube ich, jeden Tag bezeugt finden und die Güte des Allmächtigen dafür preiſen. Ich ſah erſt ge⸗ ſtern eine jüdiſche Dame mit einem Kinde auf dem Knie, von deren Antlitz gegen das Kind eine ſo eng⸗ liſche Holdſeligkeit leuchtete, daß ſie um beide eine Art Heiligenſchein zu verbreiten ſchien. Ich betheure, ich hätte vor ihr niederknien und in ihr die Güte der Gott⸗ heit anbeten können, daß ſie uns die mütterliche Liebe beſcheerte, die mit unſerem Geſchlechte begonnen hat und der Geſchichte der Menſchheit eine heilige Weihe verleiht. So geſchah es denn, daß Mrs. Pendennis ſich über den Tod ihres Gatten tröſtete, in dem ſie ſtets den beſten, den aufrichtigſten, den weiſeſten, hochſinnigſten, vollkommenſten und ehrwürdigſten der Männer verehrte. Wenn die Frauen aus uns nicht Abgötter machten, und wenn ſie uns ſehen würden, ſo wie wir uns ſehen, würde das Leben erträglich ſein oder könnte die Ge⸗ ſellſchaft fortbeſtehen? Möge der Mann ſtets beten, daß keine ſeiner Frauenzimmer ihn nach ſeinem wahren Werthe abſchätzen möchte. Wenn dein Weib dich kennen würde, Nachbar, wie du biſt, ſo würde ſie ſich nicht ſehr grämen, deine Wittwe zu ſein, und würde deine Grablampe ſehr bald ausgehen laſſen oder ſich vielleicht nicht einmal die Mühe nehmen, ſie anzuzünden, wogegen Helen Pendennis die ſchönſte Denkſchrift ihrem Gatten weihte und ſie beſtändig mit dem koſtbarſten Oel er⸗ neuerte. Was Arthur Pendennis betrifft, ſo bin ich nicht gewiß, ob nicht nach der erſten erſchütternden Aufre⸗ gung, die der Anblick ſeines todten Vaters in ihm her⸗ vorgerufen haben mußte, und dem Gefühle des Bedau⸗ erns, das ein ſolches Ereigniß ohne Zweifel veranlaßte, in demſelben Augenblick des Schmerzes, während er; ſeine Mutter umarmte, zärtlich troſtete und verſprach, ſie für immer zu lieben, in ſeiner Bruſt ein Gefühl geheimen Triumphes und Frohlockens erwachte. Er war jetzt der Herr und Gebieter. Er war Pendennis 33 und alle um ihn her waren ſeine Diener, ſeine Knechte und Mägde. „Du wirſt mich doch nicht wieder fort⸗ ſchicken,“ ſagte die kleine Laura, auf ihn zutrippelnd und ihn an der Hand faſſend. „Du wirſt mich doch nicht in die Schule ſchicken, Arthur? nicht wahr?“ Arthur küßte ſie und pätſchelte ihre Hand. Nein, ſie ſollte nicht in die Schule gehen. Und was ſeine eigene Rückkehr in die Schule betraf, ſo war davon gar keine Rede mehr, er hatte beſchloſſen, daß dieſer Akt ſeines Lebens ſich nicht wieder erneuern ſollte. Mitten unter der allgemeinen Trauer, und während die Leiche noch oben lag, hatte er Muße zu dem Schluſſe zu kommen, daß all ſein künftiges Leben Ferien haben und daß er nicht dahin zurückkehren oder die auf⸗ tauchende Wuth des Doktors ſich weiter über ihn los⸗ laſſen wollte, und hatte hundert ſolcher Tagträume und Entſchlüſſe gehabt. Wie wandern unſere Gedanken, wie ſchnell erzeugen ſie unſere Wünſche! Als er mit Laura an der Hand auf ſeinem Weg nach dem Hundeſtall und den Hühnerſtällen in die Küche kam, verſammelten ſich dort in tiefer Stille alle Diener mit ihren Freunden, den Arbeitern und ihren Frauen, und Sally (Sara) Potter, die mit der Poſtmappe nach Clavering ging, und dem Bäckerburſchen von Clave⸗ g. Das thaten „fühlte er mit einem Mal und mit unbeſchreiblichem Vergnügen. Der Koch rief „o Lord,“ und flüſterte: „wie Maſter Arthur groß wird!“ der Stallknecht Thomas, der im Begriff war zu trin⸗ ken, ſetzte, vor ſeinem Herrn erſchreckt, den Krug nie⸗ der. Thomas's Gebieter fühlte die Ehre tief, er ſchritt burch ſie hin und ſah nach den Hühnerhunden. Als Flora ihre Naſe an ſeine Weſte hob und Ponto, vor Vergnügen bellend, an ſeiner Kette zerrte, betrachtete Pendennis. I. 3 34 Pen die Hunde mit einer Gönnermiene und ſprach mit der größten Herablaſſung: Pfui, Ponto! Pfui, Flora! und dann ſah er nach Laura's Hühnern, nach den Fer⸗ keln, dem Obſtgarten und der Milchkammer. Vielleicht erröthete er bei dem Gedanken, daß er erſt noch in den letzten Ferien den großen Apfelbaum bemaust hatte und ob einem Rahmdiebſtahl von der Milchmagd ausgeſchol⸗ ten wurde. John Pendennis, Esquire, „früher ein ausgezeich⸗ neter, ausübender Arzt in Bath, in der Folge ein tüch⸗ tiger Beamter, ein wohlwollender Grundherr und ein Wohlthäter ſo vieler Anſtalten chriſtlicher Liebe in der Nachbarſchaft und der ganzen Grafſchaft,“ hatte das ſchönſte Leichenbegängniß, wie der Geiſtliche ſagte, ſeit Sir Roger Clavering in der Abteikirche von Clavering St. Mary's beigeſetzt worden war. Eine ſchöne Mar⸗ morplatte, auf welcher die vorerwähnte Inſchrift ſtand, wurde über dem Kirchſtund von Fairoaks in der Kirche aufgerichtet. Darauf iſt zu ſehen bis auf den heutigen Tag der Waffenrock und Helm der Pendennis, ein Adler⸗ der in die Sonne ſchaut und die Deviſe: „nec tenui penna“ trägt. Doktor Portman ſpielte in ſeiner Rede am nächſten Sonntag ganz ſchön und rührend mit den Worten: „unſer theurer, hingeſchiedener Freund“ auf den Verſtorbenen an, und Arthur Pendennis herrſchte an ſeiner Statt. Yrittes Rapitel, in welchem Pendennis noch als ſehr jung erſcheint. Arthur war, wie wir ſchon berichteten, ungefähr ſechszehn Jahre alt, als er zu herrſchen begann; er war ein, was ſeine Freunde „Knopf“ zu nennen pflegten, ſeine Mutter aber eine hübſche kleine Figur nannte. Sein Haar hatte eine geſunde braune Farbe, die in der Sonne wie Gold ſchimmert, ſein Geſicht war rund, roſenroth, ſommerfleckig und gutmüthig, ſein Backenbart (als dieſe Geſichtszierde, nach der er ſo ſehnlichſt ſeufzte, ihm von der Natur beſchert wurde) von entſchieden rother Farbe. In der That, ohne eine Schönheit zu ſein, hatte er ein ſo freies, gutherziges Ausſehen und lachte Einen mit ſeinen ehrlichen hlauen Augen ſo lu⸗ ſtig an, daß man ſich nicht wundern darf, wenn Mrs. Pendennis ihn für den Stolz der ganzen Grafſchaſt hielt. Zwiſchen ſechszehn und achtzehn Jahren erhob er ſich von fünf Fuß ſechs Zoll zu fünf Fuß acht Zoll Höhe, wo er dann zur Verwunderung ſeiner Mutter einen Stillſtand machte. Er war um drei Zoll größer als ſein Vater. War es menſchenmöglich, daß Jemand um drei Zoll höher wuchs, als Mr. Pendennis? Ihr dürft euch verſichert halten, daß er nicht mehr in die Schule zurückkehrte, die Disciplin der Anſtalt behagte ihm nicht, und es geſiel ihm viel beſſer zu Hauſe. Es wurde über ſeine Rückkehr debattirt und ſein Oheim war dafür. Der Doktor ſprach ſich in einem Briefe dahin aus, vaß es für Arthur's künftiges Lebens⸗ glück von größter Wichtigkeit ſei, wenn er ein griechiſches Schauſpiei gründlich inne hätte; aber Pen wußte ſeiner Mutter ſo geſchickt anzudeuten, ein wie gefährlicher 36 Platz die Greyfriars (ſpr. Grehfraiörs) wären, welche traurige, wilde Burſchen ſie dort zum Theil wären, daß die ängſtliche Seele, dadurch beunruhigt, ſeinem Wunſche, zu Hauſe zu bleiben, ihre Zuſtimmung gab. Nun erbot ſich Pen's Oheim, ſelnen Einfluß bei Sr. königlichen Hoheit, dem Oberbefehlshaber, welcher ſehr gütig gegen ihn zu ſein geruhte, zu benützen und für Pen eine Offiziersſtelle bei den Leibwachen zu Fuß zu erhalten. Pen's Herz hüpfte vor Freude; er hatte an einem Sonntag, als er ausging, ſeinen Onkel zu be⸗ ſuchen, ihre Muſik bei dem St. James Palaſt ſpielen hören. Er hatte Tom Ricketts aus der vierten Klaſſe, der eine Jacke und ſo enge Beinkleider hatte, daß die ältern Jungen nicht umhin konnten, ihn zur Zielſcheibe ihres Muthwillens zu machen, er hatte eben dieſen Ricketts in Roth und Gold mit einem Ungeheuer von Bärenmütze auf dem Kopf, unter den Fahnen ſeines Regiments umherwanken ſehen. Tom hatte ihn erkannt und ihm mit Gönnermiene zugewinkt, Tom, ein kleiner Wicht, den er im letzten Jahr noch mit einem Ballſtock über den Rücken geſchlagen, und da ſtand er jetzt im Mittelpunkt des Carré's unter der Fahne ſeines Landes, umringt von Bajonetten, Wehrgehängen und Scharlach, während die Muſik Trompeten und Zimbeln erſchallen ließ — ſprach vertraut mit Rieſen von Kriegern, die Haarbüſchel an ihrem Kinn hatten und mit Waterloo⸗ Medaillen geſchmückt waren. Was hätte nicht Pen ge⸗ geben, um ſolche Epauletten zu tragen und in einen ſolchen Dienſt zu treten! Aber Helen Pendennis gerieth, als ihr Sohn iht vieſen Vorſchlag machte, in Furcht und Schrecken. Sie ſagte, ſie ſtreite nicht mit ſolchen, die anders dächten, aber nach ihrer Meinung habe der Chriſt kein Recht, den Krieg zu ſeinem Berufe zu machen. Mr. Penden⸗ nis hätte nie, nie zugegeben, daß ſein Sohn Soldat würde. Sie würde ſich ſehr unglücklich fühlen, wen er ernſtlich daran dächte. Nun hätte ſich Pen eben ſo S * 5 — — 8 r ie n, ſi 37 bald Naſe und Ohren abgeſchnitten, als mit vorbe⸗ dachter Bosheit ſeine Mutter unglücklich gemacht und war ſo edelmüthig, daß er ſeiner Mutter augenblick⸗ lich ein Geſchenk mit ſeinem Traum von einem rothen Rock und Epauletten und ſeinem Durſt nach Kriegs⸗ ruhm machte. Sie hielt ihn für das edelſte Geſchöpf von der Welt, aber Major Pendennis ſchrieb, als das Anerbie⸗ ten der Offiziersſtelle anerkannt und zurückgewieſen wurde, einen kurzen und ärgerlichen Brief an die Wittwe und dachte, ſein Neffe ſei ein Einfaltspinſel. Er gab ſich jedoch zufrieden, als er ſah, wie der Junge ſich an Weihnachten ſo geſchickt auf der Jagd benahm, als der Major, wie gewöhnlich, nach Fairvaks herabkam. Pen hatte eine ſehr gute Stute und ritt ſie mit viel Geſchick und Anſtand. Er ſetzte mit großer Kälte und Beſonnenheit und ohne Prahlerei über Hecken. Er ſchrieb ſeinen Schulkameraden über ſeine Stulpen⸗ ſtiefel und ſeine Großthaten auf dem Lande. Er be⸗ gann in allem Ernſte an einen Scharlachrock zu denken und ſeine Mutter mußte geſtehen, daß er ihm unge⸗ mein gut ſtehen würde, oögleich ſie natürlich während ſeiner Abweſenheit angſtvolle Stunden verlebte, und täglich erwartete, man würde ihn auf einem Fenſterladen nach Hauſe bringen. Man darf jedoch nicht annehmen, daß Pen während dieſer, wenn gleich zu häufigen Be⸗ luſtigungen ſeine Studien ganz und gar vernachläſſigte. Er hatte eine natürliche Vorliebe für alle Bücher, welche nicht auf ſeinem Schulplane ſtanden. Nur wenn man ihm den Kopf in das Waſſer der Wiſſenſchaft hielt, wollte er nicht trinken. Er verſchlang zu Haus alle Bücher von Inchbald's Theater bis auf White's Huaits Pferdarzneikunde. Er plünderte alle Bibliotheken in der Nachbarſchaft. Er fand in Clavering eine alte Nieder⸗ lage franzöſiſcher Novellen, die er mit der größten An⸗ ſtrengung las, und pflegte ſtundenlang auf der oberſten Stufe von Doktor Portman's Bibliothektreppe zu ſitzen — 38 mit einem Foliobande auf den Beinen, mochten es nun Hackluyt's Reiſen, Hobbes's Leviathan, Augustini opera oder Chaucer's Dichtungen ſein. Er und der Vikar waren ſehr gute Freunde und von ſeiner Hoch⸗ ehrwürden lernte Pen den ritterlichen Geſchmack für Portwein, der ihn ſein ganzes Leben hindurch aus⸗ zeichnete. Was die liebe gute Dame Mrs. Portman betrifft, die nicht im geringſten eiferſuͤchtig war, daß ihr Doktor betheuerte, daß er in Mrs. Pendennis ſterb⸗ lich verliebt, und daß ſie die ſchönſte Lady in der ganzen Grafſchaft ſei — ſo war ihr Hauptkummer, wenn ſie zärtlich zu Pen auf der Büchertreppe aufblickte, daß ihre Tochter Minny zu alt für ihn ſei — was auch wirklich der Fall war — da Miß Mira Portman da⸗ mals nur zwei Jahre jünger als Pen's Mutter und ſo ſchwer war, als Pen und Mrs. Pendennis zuſammen. Sind dieſe Einzelheiten unſchmackhaft? ſieh, guter Freund, auf deine eigene Jugend zurück, und frage, wie es damals war. Ich denke noch gern an einen wohl⸗ genährten wackern und ſanften, warmherzigen und liebe⸗ vollen Knaben zurück, der mit freundlichen, ehrlichen Augen in die Welt hinausſchaute. Wie ſtrahlte in ihr Alles vor Freude! Der Menſch hat nicht viel ſolcher Jahre. Er weiß es nicht, ſo lange ſie da ſind. Erſt wenn ſie ſehr lange vorüber ſind, erinnert er ſich, wie theuer und glücklich ſie waren. Um Mr. Pen nicht je⸗ nem Müßiggange nachhängen zu laſſen, von dem ſein Freund, der Doktor, ſo ſchreckliche Folgen prophezeite, wurde Mr. Smirke, Dr. Portman's Pfarrverweſer, durch einen reichlichen Gehalt vermocht, von Clavering täglich zu Fuß oder zu Pferd herüber zu kommen und mehrere Stunden mit dem jungen Gentleman zuzu bringen. 3 Smirke war ein Mann ohne Fehler für einen Theetiſch, trug eine Haarlocke auf ſeiner ſchönen Stirne und wußte ſein Halstuch mit etwas tragiſcher Grazie zu binden. Er war ein ziemlich guter Gelehrter und 39 Mathematiker und lehrte Pen ſo viel, als der Junge lernen mochte, was jedoch nicht eben viel heißen wollte. Denn Pen hatte ſeinem Mentor bald eine ſchwache Seite abgelauert. Wenn derſelbe auf ſeinem Pferdchen in den Hof von Fairvaks geritten kam, hielt er ſeine Zehen ſo linkiſch auswärts und ließ zwiſchen ſeinen Knieen und dem Sattel eine ſolche Perſpektive, daß ein Junge von einigem Humor vor einem ſolchen Reitersmann unmög⸗ lich großen Reſpekt haben konnte. Er tödtete beinahe vor Schrecken Mr. Smirke, indem er ihn auf ſeine Stute ſetzte und auf einen Ritt über die Gemeinde⸗ weiden mitnahm, wo er mit den zur Fuchsjagd beſtimm⸗ ten Hunden der Grafſchaft, welche gerade von dem tüch⸗ tigen Waidmann Mr. Hardhead von Dumplingbeare abgerichtet wurden, zuſammentraf. Mr. Smirke, auf Pen's Stute Rebekka, die nach Pen's Lieblingsheldin, der Tochter Iſaaks von York, benamst war, brachte die Hunde in Verwirrung, und jagte den Jägersmann in Harniſch, indem er darauf beſtand, unter der Meute zu reiten und einen der erſteren zum Krüppel trat und von dem letztern eine Standrede bekam, die durch Kraft des Ausdrucks jeden Grabſermon, den er gehoört, ſeit⸗ dem er die Fährmänner an den Ufern der Iſis verlaſſen, weit hinter ſich ließ. Smirke ließ ſeinen Zögling ſeine lateiniſchen und engliſchen Dichtungen im Vertrauen leſen und beſchenkte Mrs. Pendennis mit einem Bande der letztern, der in Clapham, ſeinem Geburtsort, gedruckt worden war. Sie beide laſen die alten Dichter zuſammen und rauſchten in einem guten Trott durch ſie hin, der ſehr verſchieden von dem gemeſſenen, bedächtigen Schritte war, womit die Ciſtercienſer den klaſſiſchen Boden zu beſchreiten pflegten, indem ſie jedes Wort, an das ſie kamen, be⸗ rochen und jede Wurzel auf dem Wege aufgruben. Pen machte nicht gern Halt, ſondern ließ ſeinen Hof⸗ meiſter überſetzen, wenn es bei ihm ſelbſt nicht gehen wollte, und galoppirte ſo durch die Ilias und die Odyſ⸗ 40⁰ ſee, die Tragiker und den charmanten, boshaften Ari⸗ ſtophanes (den er für den größten Dichter erklärte). Aber er ritt ſo ſchnell, daß er, obgleich er einen beträcht⸗ lichen Theil des Alterthums durchgaloppirte, es im ſpätern Leben rein vergaß, und nur eine unbeſtimmie — Erinnerung an ſeinen früheren klaſſiſchen Kurs haite, wie etwa ein Mitglied im Unterhaus, das einen Vortath von zwei oder drei Citaten hält, oder ein Recenſent, der Anſtands halber den Beſitz von ein wenig Griechiſch andeutet. Unſere Landsleute ſind die höchſte Proſa von der Welt, aber äußerſt beſtändig, und mit wunderbarer Ehrfurcht erhalten und überliefern wir von Geſchlecht zu Geſchlecht den Köhlerglauben an das, was wir Er⸗ ziehung eines Gentleman nennen. Außer den alten Dichtern las Pen, wie man ſich denken kann, mit großem Guſto die engliſchen. Smirke ſeufzte und ſchüttelte traurig den Kopf über Byron und Moore; aber Pen war ein geſchworner Feueranbeter und ein Korſar, er kannte ſie auswendig und pflegte die kleine Laura an das Fenſter zu nehmen und ſagte: „Zu⸗ leika, ich bin nicht dein Bruder,“ in ſo tragiſchem Tone, daß das feierliche Mädchen ſeine großen Augen noch weiter öffnete. Sie ſaß bis zur Stunde des Schlafen⸗ gehens nähend zu Mrs. Pendennis Knieen und horchte Abends auf Pen, wenn er ihr vorlas, ohne ein Wort von dem zu verſtehen, was er las. Er las ſeiner Mutter, welche ein Intereſſe dafür zu haben vorgab, Shakſpeare, Byron und Pope und ſein Lieblingsbuch Lalla Rookh vor, das ihr leidlich geſiel. Aber bei Biſchof Heber und Mrs. Hemans vor allem pflegte die Lady ganz zu verſchmelzen und ſich in ihr Taſchentuch zu begraben, wenn Pen ihr dieſe mit ſeiner lieblichen, jugendlichen Stimme vorlas. Das „chriſtliche Jahr“ erſchien um dieſe Zeit. Der Sohn und die Mutter flüſterten es einander mit heiligem Grauen zu. Schwach, nur ſchwach und ſelten klang Pendennis in ſeinem ſpätern Leben dieſe feierliche Kirchenmuſik wie⸗ 1 1 v — — b v— — — — — — 4¹ der, aber er liebte immer die Erinnerung daran und an die Zeiten, wo ſie ſein Herz ergriff; und voll Hoff⸗ nung und Zweifels baar wanderte er über die Felder, wenn die Kirchenglocken am Sonntagmorgen erklangen. Es war in dieſer Periode ſeines Lebens, daß Pen in der Poetenecke des County Chronicle's (der Graf⸗ ſchaftschronik) mit einigen Verſen hervortrat, die ſeinen vollen Beifalt hatten. Von ihm ſind die Verſe NEP. unterzeichnet, „an eine Thräne;“ „auf den Jahrestag der Schlacht von Waterlvo;“ „an Madame Cara⸗ dori,“ die bei den Aſſiſenverſammlungen ſang; „auf den St. Bartholomäustag“ (ſonſt die Pariſer Bluthochzeit genannt, eine furchtbare Anklage des Papſtthums und ein feierlicher Warnungsruf an das Volk von England, ſich gegen die Emancipation der Römiſchkatholiſchen zuſammen zu ſchaaren) u. ſ. w., — lauter Meiſterſtücke, welche Mrs. Pendennis mit ſeinen erſten Socken, ſeinem erſten Haarſchnitt, ſeinem Milchfläſchchen und andern Reliquien ſeiner Kindheit bis auf den heutigen Tag aufbewahrt. Er pflegte mit ſeiner Rebekka über die benachbarten Puddinghügel, oder in die Countyſtadt zu galoppiren, die wir, wenn es gefällig iſt, Chatteries (ſpr. Tſchattrihs, Klatſchſtadt) nennen wollen, indem er ſeine eigenen Gedichte ausſprudelte, und wie er dachte, mit einem ächt Byroniſchen Afflatus erfüllt war. Sein Genius war um dieſe Zeit von entſchieden düſterer Stimmung, er brachte ſeiner Mutter ein Trauer⸗ ſpiel, über welches ſie, obgleich er in dem zweiten Akt ſchon ſechszehn Menſchen unter dem Beile verbluten ließ, dermaßen lachen mußte, daß er in der erſten Hitze der Entrüſtung das Meiſterſtück in das Feuer warf. Er projektirte ein epiſches Gedicht in reimloſem Vers: „Cortez oder der Eroberer von Meriko und die Tochter des Inka.“ Er ſchrieb ein Bruchſtück aus „Seneka oder das verhängnißvolle Bad“ und „Ariadne auf Naxos,“ klaſſiſche Stücke mit Chören, Strophen und Antiſtrophen, welche die arme Mrs. Pendennis ganz außer Faſſung brachten, 42 und begann eine „Geſchichte der Jeſuiten,“ in der er dieſen Orden mit furchtbarer Strenge geißelte, und ſeine pro⸗ teſtantiſchen Landsleute vor ihren Umtrieben warnte. Seine loyale Geſinnung that dem Herzen ſeiner Mutter wohl, er war ein ſtandhafter unbeugſamer Orthodor und Royaliſt, und als bei der Wahl Sir Giles Bean⸗ field auf Seite der Blauen gegen Lord Trehawk Lord Eyrie's Sohn, einen Whig und Freund des Papſtthums, ſtand, ritt Arthur Pendennis, mit einer ungeheuern, für ihn ſelbſt von ſeiner Mutter gemachten Bandſchleife und einem blauen Band für Rebekka, an der Seite des hochehrwürdigen Doktor Portman, der auf ſeiner grauen Stute Dowdy und an der Spitze der Claveringer Vo⸗ tanten, welche der Doktor auftrieb, um für den prote⸗ ſtantiſchen Kämpen den Ausſchlag zu geben. An jenem Tage hielt Pen ſeine erſte Rede in dem blauen Hotel, und krank auch, wie es ſcheint, zum erſten Mal in ſeinem Leben, ein wenig mehr Wein als gut für ihn war. Gott im Himmel! was gab das für einen Auftritt in Fairoaks. Als er in ſpäter Nacht vahin zurücktritt, was für ein Hinundherlaufen mit Lalernen in dem Hofraume und den Ställen gab es da, obgleich der Mond hell leuchtete; was für ein Zu⸗ ſammenlaufen der Diener, als Pen heimkam und über die Brücke und den Stallraum mit einem Dutzend Claveringer Votanten daher zog, und den blauen Wahl⸗ geſang anſtimmte. Er erſuchte ſie, alle herein zu kommen und ein Glas Wein zu trinken — ein Glas vortrefflichen Ma⸗ deira — einen Kapital⸗Madeira. „Johann, geh und hole Madeira,“ und man weiß nicht, was die Päch⸗ ter gethan hätten, wenn nicht Madame Pendennis mit einem weißen Umſchlagtuch und einem Lichte gekommen wäre und dieſe eifrigen Blauen, durch den Anblick ihres blaſſen hübſchen Geſichtes ſo verſcheucht hätte, daß ſie ihre Hüte berührten und davon ritten. 43 Außer den Unterhaltungen und Beſchäftigungen, die Mr. Pen vergnügten, gab es eine, welche das Haupt⸗ ſtück und das Hauptvergnügen der Jugend ausmachte, wenn uns die Dichter recht berichten, die Pen immer ſtudirte; und dieſes Jünglings Herz brannte ſo gewal⸗ tig, und ſeine Einbildungskraft war ſo feurig, daß ſich nicht erwarten ließ, er werde nicht mehr lang der von uns angedeuteten Leidenſchaft entgehen, und die, wie ſie richtig vermuthen, meine Ladies, die Liebe iſt. Pen ſeufzte darnach im Stillen und öffnete wie der liebe⸗ kranke Fant im Ovid, ſein Herz und ſprach: „Aura, veni!“ Welcher edelmüthige Jüngling hat nicht ſeiner Zeit ſolch einer luftigen Fee den Hof gemacht? Ja, Pen fing an, die Nothwendigkeit einer erſten Liebe zu fühlen — einer verzehrenden Leidenſchaft, eines Gegenſtandes, auf den er alle ſeine unbeſtimmten, ſtür⸗ miſchen Phantaſien, unter denen er in ſüßem Schmerze litt, konzentriren konnte — einer jungen Lady, an die er in Wirklichkeit ſeine Verſe richten, die er als Idol aufſtellen und anbeten konnte, ſtatt jener unmateriellen Janthen und Zuleiken, an die er die Erſtlinge ſeiner aufſprudelnden Muſe richtete. Er las ſeine Lieblings⸗ Dichter immer und immer wieder durch, apoſtrophirte die Alma Venus, die Wonne der Götter und der Menſchen, überſetzte Anakreon's Oden und las die ſei⸗ nem Schmerze entſprechenden Stellen von Waller, Dryden, Prior und dergleichen durch. Smirke und er wur⸗ den bei ihren Beſuchen nie müde, von Liebe zu ſprechen. Der treuloſe Hofmeiſter unterhielt ihn mit ſentimentalen Konverſationen ſtatt der Vorleſungen über Algebra und Griechiſch; denn Smirke war auch verliebt, wer konnte das verhindern, da er in täglichem Verkehr mit einer ſolchen Dame war? Smirke war bis zum Wahnſinn verliebt — (ſo fern eine ſo milde Flamme, wie Mr. Smirke's, Wahnſinn genannt werden kann —) in Mrs. Pendennis. Die ehrliche Lady, welche in einem der untern Ge⸗ 44 mächer ſaß und die kleine Laura im Klavier unterrich⸗ tete, oder Flanellunterröcke an die Armen der Umgegend vertheilte oder auf andere Weiſe in dem ſtillen Berufe ihres beſcheidenen, fleckloſen, chriſtlichen Lebens beſchäf⸗ tigt war, ließ ſich nicht träumen, welche Stürme in den zwei Buſen des obern Studierzimmers wütheten — in Pen's, wie er da ſaß in ſeiner Schützenjacke, den Ell⸗ bogen auf den Tiſch des Studierzimmers geſtützt und mit den Händen in dem lockigen, braunen Haare wühlte und den Homer vor ſich liegen hatte — und des würdigen Mr. Smirke, mit dem er ihn leſen ſollte. Hier plauderten ſie dann über Helena und Andromache. „Andromache iſt wie meine Mutter, pflegte Pen zu be⸗ theuern;“ aber ich ſage Ihnen, Smirke, bei Jupiter, ich gebe meine Naſe darum, Helena zu ſehen, und dann ſprudelte er einige Lieblingsſtrophen hervor, die der Leſer an geeigneter Stelle im dritten Buche finden wird. Er zeichnete Porträte von ihr — ſie eriſtiren noch — mit vertikalen Naſen und ungeheuern Augen und „Arthur Pendennis delineavit et pinxit“ war darunter geſchrieben. Mr. Smirke zog natürlich Andromache vor und war in Folge deſſen außerordentlich freundlich gegen Pen. Er gab ihm ſeinen Elzevirer Horaz, der dem Jungen ſehr gefiel und ſein kleines griechiſches Teſta⸗ ment, das ſeine Mama zu Clapham gekauft und ihm geſchenkt hatte. Er kaufte ihm eine ſilberne Bleifeder und beim Lernen ließ er ihn ſo viel oder ſo wenig thun, als er wollte. Er ſchien immer auf dem Punkt, ſich gegen Pen zu entdecken: ja er geſtand dem Letztern, daß er eine — Zuneigung — eine zärtliche Zuneigung habe, über welche Pendennis das Nähere hören wünſchte und ſagte: „ſagen Sie uns, alter Kamerad, iſt ſie ſchön? Hat ſie blaue oder ſchwarze Augen ? Aber Doktor Portman's Gehilfe that einen zärtlichen Seuf⸗ zer, heftete ſeine Augen an die Decke und bat Pen ſchmachtend, in der Unterredung auf einen andern Ge⸗ d 45 enſtand überzugehen. Armer Smirke! er lud Pen nach Ebenn in ſeineWohnung hinüber bei der Mode⸗ händlerin Madame Fribsby zu einem Mittageſſen ein, und als ein Mal an einem Regentage Mrs. Pendennis in ihrem Damenwagen nach Clavering gefahren war, um über das Ablegen ihrer Trauer einige Vorkehrungen zu treffen, und vermocht wurde, bei dem Pfarrgehilfen einzutreten, ſandte er ſogleich nach einpfündigen Kuchen, das Sopha, auf welchem ſie ſaß, wurde ihm von dem Tage an heilig und er hielt für alle Folgezeit Blumen in dem Glaſe, aus welchem ſie getrunken hatte. Da Mrs. Pendennis nie müde wurde, ihren Sohn loben zu hören, ſo dürfen wir verſichert ſein, daß dieſer Schelm von Hofmeiſter keine Gelegenheit verſäumte, ſich mit ihr über dieſen Gegenſtand zu unterhalten. Es mochte ihm ein wenig langweilig ſein, die Geſchichten von Pen's Edelmuth, von ſeiner Tapferkeit in dem Kampfe mit dem trotzigen unartigen Buben, über ſeine Scherze und Späſſe, über ſein wunderbares Geſchick im Lateiniſchen, in der Muſik, im Reiten zu hören — aber welchen Preis hätte er nicht bezahlt, um in ihrer Geſellſchaft zu ſein, und die Wittwe hielt nach dieſen Unterhaltungen Mr. Smirke für einen ſehr arti⸗ gen und wohlunterrichteten Mann. Ihren Sohn an⸗ langend, war ſie noch nicht mit ſich im Reinen, ob er Senior Wrangler und Erzbiſchof von Canterburh, oder Double Firſt Claß in Orford oder Lord Kanzler wer⸗ den ſollte. Daß ganz England ſeines Gleichen nicht aufwies, war eine Thatſache, die ſich nach ihrem Sinne nicht beſtreiten ließ. Sie, eine einzelne Perſon von nicht koſtſpieligen Gewohnheiten, begann jetzt zu Gunſten ihres Sohnes zu ſparen und ein klein wenig haushälteriſch zu werden; während des Trauerjahrs gab man natürlich in Fairvaks keine Gaſtereien, noch kamen des Doktors Silberſervice und Beſteck, auf die er ſo ſtolz war, und die mit dem Wappen der Pendennis überblüht und mit ihrem 46 Federbuſch geſchmückt war, für lange lange Jahre aus dem Silberkaſten. Der Haushalt wurde vermindert und die Koſten beſchränkt. Es war ein wahres Ein⸗ ſiedlermahl, wenn Pen nicht zu Hauſe ſpeiste: und er ſelbſt bevorwortete die Vorſtellungen aus der Küche in Betreff der ſchlechtern Qualität des Fairvakerbiers. Sie wurde für Pen knickeriſch; in der That, wer hätte auch je einer Frau Recht gegeben? Sie opfern ſich im⸗ mer für Jemand oder um Jemandes willen. Es war kein junges Frauenzimmer in dem kleinen Cirkel von Freundinnen der Wittwe, denen Pendennis möglicher Weiſe damit einen Gefallen that, daß er ſie mit dem unſchätzbarſten Schatze eines Herzens begabte, das ihn wegzuſchenken verlangte. Einige junge Bur⸗ ſchen dieſes Prädikats zollen ihre jungen Zuneigungen der Milchmagd Dully, oder werfen ihr zärtliches Ange auf Molly, des Grobſchmieds Tochter. Pen hielt einen Pendennis für eine viel zu vornehme Perſon, um ſich ſo tief zu bücken, er war zu hoch gefinnt für eine ge⸗ meine Intrige, und vor dem Gedanken einer Intrige oder Verführung, wäre er je in ihm aufgeſtiegen, hätte ſich ſein Innerſtes empört, als vor einem Aft der Nie⸗ dertracht oder Schande. Miß Minny Portman war zu alt, zu ſtark und zu erpicht auf die Lektüre von Rol⸗ lins alter Hiſtorie. Die Miß Boardbacks, Admiral Boardbacks Töchter (St. Vinzent's oder Biert⸗Juni⸗ Haus, wie man es nannte) ärgerten Pen mit ihrem Londoner Air, das ſie auf das Land brachten, von Glouceſter Place, wo ſie die Saiſon zubrachten, und die auf Pen als auf einen Gelbſchnabel herabſahen. Die drei Töchter Kapitän Glanders's (H. P., vom fünf⸗ zigſten Regiment Dragoner⸗Leibwache) waren noch in braunen holländiſchen Schürzchen, deren Zopfenden mit einem ſchmutzigen blaßrothen Bande zuſammengebunden war. Da der junge Mann noch nicht die Kunſt des Tan⸗ zens erlernt hatte, ſo vermied er ſolche Gelegenheiten, bei 47 denen er in den Geſellſchaften in Chatteries mit dem ſchönen Geſchlechte hätte in Berührung kommen können; kurz, er war noch nicht verliebt, weil Niemand bei der Hand war, in den er ſich verkieben konnte, und der junge Laffe ritt Tag für Tag aus, um ſich eine Dul⸗ einea zu ſuchen, guckte in alle Damenchaischen und Kut⸗ ſchen vornehmer Leute mit klopfendem Herzen und heim⸗ lichem Zittern und Hoffen, daß ſie in jener gelben Poſichaiſe, welche ſich den Hügel hinauf ſchwang, heran⸗ gefahren komme, oder eine der drei Mädchen in den Biberhüten auf dem Hinterſitz des doppelten Gig ſei, das der dicke, ſchwarz gekleidete Gentleman vier Meilen die Stunde führte. Die Poſichaiſe enthielt aber eine verſchnupfte Wittwe von ſiebzig, mit einem Kammer⸗ mädchen von ungefuͤhr gleicher Jugend, die drei Mäd⸗ chen in den Biberhüten waren nicht ſchöner als die Rüben, welche die Seiten der Straße gürteten. Er mochte thun, was er wollte, und reiten, wohin er wollte, die feenhafte Prinzeſſin, die er erretten und gewinnen ſollte, war dem ehrlichen Pen noch nicht erſchienen. Ueber dieſe Punkte pflegte er mit ſeiner Mutter ſich nicht zu unterhalten. Er hatte eine Welt für ſich. Welches edle, feurige phantaſiereiche Gemüth hat nicht ein geheimes Wonneplätzen, worin es ſich ergeht? Möge keine plumpe Neugier oder einfältige Zudringlichkeit es bei unſern Kindern zu ſtören ſuchen. Aktäon war ein Unthier, daß er auf die Stelle hervorſtürzte, wo iana badete. Laſſen Sie es gelegentlich allein, wenn ſie einen Dichter zum Kinde haben, ſelbſt ihr hochweiſer Rath möchte manchmal am unrechten Orte ſein. Sie ſind fehlerlos; aber daraus folgt nicht, daß Jedermann in ihrer Familie genau ſo denken müſſe, wie Sie ſelbſt. Jenes kleine Kind kann ſelbſt für ihren hohen Geiſt zu tiefe Gedanken haben und Phantaſien, ſo ſchüchtern und furchtſam, daß ſie ſich nicht hervorwagen, wenn Ihre Herrlichkeit daneben ſitzt. 48 Helen Pendennis errieth in Folge ihrer lautern Liebe einen großen Theil von ihres Sohnes Geheim⸗ niſſen. Aber ſie verſchloß ſie in ihrem Herzen und ſprach nicht davon. Zudem hatte ſie ſich in den Kopf geſetzt, daß er die kleine Laura heirathen würde, die achtzehn Jahre alt wäre, wenn Pen ſechsundzwau⸗ zig, er hätte ſeine Studien vollendet und ſeine große Tour gemacht, hätte ſich in London niedergelaſſen, die Hauptſtadt durch ſeine Gelehrſamkeit und Beredt⸗ ſamkeit vor den Gerichtsſchranken in Erſtaunen ſetzend, oder würde in einer lieblichen ländlichen Pfarre, um⸗ geben von Roſenpappeln und Roſen, dicht an einer reizenden, romantiſchen, epheubedeckten Kirche, vnn deren Kanzel Pen die ſchönſten Reden hielte, die jemals ge⸗ ſprochen wurden, ſich befinden. Während dieſe natürlichen Gefühle Krieg und Ver⸗ wirrung in den Buſen des ehrlichen Pen brachten, trug es ſich eines Tages zu, daß er nach Chatteries ritt, um in das County Chronikle für die nächſte Woche ein furchtbares, ſchauderhaftes Gedicht abzugeben, und ſein Pferd nach ſeiner Gewohnheit in den Ställen des George⸗Hotel unterzubringen und hier auf einen alten Bekannten ſtieß. Ein grandioſer ſchwarzer Tandem mit Scharlachrädern kam in den Hof geraſſelt, während Pen in Unterredung mit dem Hausknecht über Rebekka da ſtand und die Stimme des Wagenlenkers; „Hallo, Pen⸗ dennis, biſt Du es?“ in lautem Gönnerton rief. Pen hatte einige Schwierigkeit, unter dem breitrandigen Hut und den ungeheuren Röcken und Halstüchern, wo⸗ mit der neue Ankömmling angethan war, die Perſon und Geſtalt ſeines weiland Schulkameraden Mr. Foker zu erkennen. Eines Jahres Abweſenheit hatte bei dem Gentle⸗ man eine nicht geringe Veränderung hervorgebracht, Ein Junge, der noch vor wenigen Monaten verdienter⸗ maßen durchgepeitſcht ward und ſein Taſchengeld für Torten und Paſtetchen durchgebracht hatte, erſchien jetzt e. t. r⸗ tz 49 in einem jener Koſtüme, die den Mann ber Welt an⸗ kündigen; er hatte eine Bulldog zwiſchen den Beinen und in ſeinem ſcharlachnen Shawlhalstuch ſtak eine Nadel, die einen ditto Bullenbeißer in Gold darſtellte. Er trug eine Pelzweſte, mit goldenen Ketten überſchnürt, einen grünen Rock mit Korbknöpfen und einen weißen Oberrock mit ſilbernen Knöpfen verziert, auf deren je⸗ dem ein Abenteuer der Landſtraße oder der Jagd ein⸗ gegraben war. Alle dieſe Zierathen ſetzten die Geſtalt des jungen Burſchen in ſolchen Vortheil, daß man nicht zu ſagen wußte, welchen Lebensberuf er am meiſten vorſtellte, ob er ein Boxer en goguette oder ein Kutſcher in ſeiner Galalivree ſei. „Haſt dem Platz gute Nacht geſagt, Pendennis?“ fragte Mr. Foker von feinem Landau ſteigend und Pen⸗ dennis einen Finger gebend. „Ja, ſeit einem Jahr oder mehr.“ „Viehmäßig alte Spelunke,“ bemerkte Mr. Foker. „Haſſe ſie. Haſſe den Doktor: haſſe Towzer, den Un⸗ terlehrer; haſſe Jedermann dort. Kein rechter Platz für einen Gentleman.“ „Ganz und gar nicht,“ ſtimmte Pen mit der Miene der höchſten Wichtigkeit bei. „Bei Gott, Sir, es träumt mir jetzt manchmal, daß der Doktor auf mich zuſtürme,“ fuhr Foker fort und Pen lächelte, als dächte er, er habe ſelbſt auch der⸗ gleichen furchtbare Träume. „Wenn ich an die Koſt dort denke, Sir, ſo wundere ich mich, wie ich es aus⸗ hielt. Räudiges Hammelſleiſch, hartes Ochſenfleiſch, Pudding am Donnerſtag und Sonntag, mit dem man einen vergiften könnte, da ſieh auf mein Vorderpferd F haft Du je ein hübſcheres Thier geſehen ? fuhr her⸗ über von Baymouth, kam die neun Meilen in zweiund⸗ vierzig Minuten. Richt ſchlecht gefahren, Sir.“ „Biſt Du für immer in Baymouth, Foker?“ fragte Pendennis. Pendennis. 1. 4 50 „Ja ich fahr dort Kutſchen,“ ſagte der Andere nickend. „Was?“ fragte Pen in einem ſo verwunderten Tone, daß Foker in ein Lachen ausbrach und ſagte: Er wollte lieber berſten, als daß er nicht glaubte, Pen ſei ſo ein Eſel, daß er nicht wiſſe, was kutſchiren be⸗ deute. „Ich bin mit einer Kutſche von Orford herabge⸗ kommen. Ein Hofmeiſter, ſiehſt Du alter Knabe? er kutſchirt mich und ein paar andere Leute ein Bischen vorwärts, ich und Spavin haben das Drag *) zwiſchen uns, und ich dachte, ich wollt einmal herüberhaudern und mir das Schauſpiel mit anſehen. Haſt Du ge⸗ ſehen, wie Rowkins mit dem Dudelſack umſpringt?“ und Mr. Foker begann einige Schritte des Volkstanzes in dem Wirthshaushofe aufzuführen, indem er ſich um die Theilnahme des Hausknechts und der andern Leute im Stalle umſah. Pen dachte, er wollte auch ins Theater gehen und könnte nachher heimreiten, da es Mondlicht ſei. So nahm er denn Fokers Einladung zum Diner an, und die jungen Männer betraten mit einander das Wirths⸗ haus, wo Mr. Foker an dem Schenktiſche hielt und Miß Rincer, der Wirthin ſchöne Tochter, die hier prä⸗ ſidirte, um ein Glas von „ſeiner Miſchung“ bat. Pen und ſeine Familie waren im George bekannt, ſeit ſie in die Gegend kamen, und Mr. Pendennis's Wagen und Pferde wurden, wenn er der Countyſtadt einen Beſuch machte, immer hier eingeſtellt. Die Wirthin machte vor dem Erben von Fairvaks einen ſehr tiefen Knir und bekomplimentirte ihn über ſeine Größe und männliche Erſcheinung und fragte ihn, was es Neues in der Familie in Fairvaks, bei Doktor Port⸗ man und den Leuten in Clavering gebe; lauter Fragen⸗ auf welche der junge Gentleman mit großer Leutſelig⸗ *) ein zweirädriges Gefährt für vier Perſonen. — *— t dt ie n e 16 t⸗ n, 51 keit antwortete; aber er ſprach mit Miß und Mrs. Rincer mit jener Art von Gutmüthigkeit, womit ein junger Prinz ſich an ſeines Vaters Unterthanen wendet, und ſich nie träumen läßt, daß dieſe „bonnes genss“ ſeinesgleichen wären. Mr. Fokers Benehmen war ganz verſchieden, er fragte nach Rincer und ſeinem Schnupfen, ſagte Mrs. Rincer ein Räthſel, fragte Miß Rincer, wann ſie ihn heirathen wollte, und zollte ſeine Komplimente Miß Brett, der andern jungen Lady am Schenktiſch, Alles in einer Minute, und zwar mit einer Lebhaftigkeit und einem Humor, der alle dieſe Ladies zum Kichern brachte, gab dann ein Gluckſen zum Beſten, das ſeinen großen Beifall ausdrücken ſollte über den Genuß „ſeiner Mi⸗ ſchung,“ welche Miß Rincer vorbereitet und ihm ein⸗ gehändigt hatte. „Laß Dir einen Tropfen geben,“ ſagte er zu Pen, ves iſt mir von der Fakultät als ein, wie heißt man's doch, ein Stomaticum ²) empfohlen, alter Knabe. Geben Sie dem Jungen da ein Glas, Rincer, und ſchreiben Sie's treulich anf.“ Der arme Pen nahm ein Glas, und Jedermann lachte über das Geſicht, das er ſchnitt, Ginn, Bitteres und eine andere Herzſtärkung bildeten die Mirtur, an der Mr. Foker ſich ſo vergnügte, daß er ihm den Na⸗ men Fokersmirtur gab. Als Pen ſich würgte, ſpuckte und Geſichter ſchnitt, nahm der Andere Gelegenheit, gegen Mr. Rincer zu bemerken, daß der junge Burſche noch zu grün ſei, daß er ihn aber ſchon bilden werde, und dann ſchritten ſie zur Beſtellung des Diners — das nach Mr. Fokers Anordnung in Schildkrötenſuppe und Wildbrät beſtehen ſollte, wobei er der Wirthin noch beſonders auſtrug, den Wein in das Eis zu ſtellen. . NMein Fehlgriff des jungen Herrn für: stomachicum, Magenſtärkung. Stomachale. 52 Dann ſchlenderten die Herren Foker und Pen zu⸗ ſammen die Hauptſtraße herab — indem der Erſtere eine Cigarre im Munde hielt, die er aus einer Büchſe, beinahe ſo dick als ein Reiſekoffer, gezogen hatte. Er trat, um ſie wieder zu füllen, bei Mr. Lewis ein und ſprach mit dem Gentleman eine Weile, indem er ſich auf den Zahltiſch ſetzte; dann ſprach er bei einem Obſt⸗ händler ein, um das hübſche Kind dort zu ſehen, und machte dem Mädchen ähnliche Komplimente, wie an dem Schenktiſch im George; von da ging es auf die Redaktivn der Countychronik, für welche Pen ſein Pa⸗ ket bereit hatte, das die „Strophen an Thyrza“ ent⸗ hielt; aber der arme Pen wollte das Manuſkript nicht in den Briefkaſten werfen, während er in Geſellſchaft eines ſo feinen Gentleman's, wie Mr. Foker, ſpazieren ging. Sie trafen die ſchweren Dragoner von dem Re⸗ giment, das in Chatteries im Quartier ſtand. Sie hielten und ſprachen von den Bällen in Baymouth, wie ſchön Miß Brown, wie reizend Mrs. Jones ſei. Ver⸗ geblich rief ſich Pen ins Gedächtniß zurück, welch dum⸗ mer Eſel Foker in der Schule war — wie er kaum leſen konnte, wie unreinlich er an ſeiner Perſon, wie bekannt durch ſeine Schnitzer und Dummheiten war. Mr. Foker glich jetzt nicht mehr einem Gentleman als in ſeinen Schultagen, und voch fühlte Pen einen gewiſſen Stolz, die Straße hinab zu ſtolziren mit einem jungen Burſchen, der Tandems ſein eigen nannte, mit Offizieren ſprach, Schildkrötenſuppe und Champagner zum Diner beſtellte. Er horchte und dazu mit einigem Reſpekt auf Mr. Fokers Erzählungen von dem, was die Leute auf der Univerſität thaten, von der Mr. Foker eine Zierde war, und gerieth in eine lange Reihe von Geſchichten von Fiſcherwettrennen, Zechgelagen, Grasplätzen vor den Kollegen und Milchpunſch — und bekam Luſt, ſelbſt auf die Univerſität als einen Platz zu gehen, wo ſo männliche Vergnügungen und Genüſſe zu finden wären Da Farmer Gurnett, der vicht neben Fairoaks wohnt, 53 in dieſem Augenblick vorbeiritt und ſeinen Hut vor Pen berührte, hielt ihn Letzterer an und ließ ſeiner Mutter ſagen, daß er einen alten Schulkameraden ge⸗ troffen habe und in Chatteries zu Mittag ſpeiſen werde. Die beiden jungen Gentlemen ſetzten ihren Spa⸗ ziergang fort und machten ihre Runde um den Kirch⸗ hof der Kathedrale, wo ſie die Muſik des Nachmittag⸗ Gottesdienſtes hören konnten (eine Muſik, die immer außerordentlich viel Eindruck auf Pen zu machen pflegte) wohin aber Mr. Foker kam, um über die Kindermäd⸗ chen, welche den Ulmenweg beſuchen und in Chatteries ungemein hübſch ſind, Muſterung zu halten, und hier ſchlenderten ſie dahin, bis die kleine Verſammlung ent⸗ laſſen wurde. Der alte Doktor Portman war einer der wenigen, die aus dem ehrwürdigen Thore kamen. Als er Pen erſpähte, kam er auf ihn zu, ſchüttelte ihm die Hand, ſchaute mit Verwunderung auf Pen's Freund, aus deſſen Munde und Cigarre Wolken von Wohlgerüchen kamen, die das ehrliche Geſicht des Doktors und ſeinen Schaufelhut umwirbelten. „Ein alter Schulkamerad, Mr. Foker,“ ſagte Pen. Der Doktor ſtieß ein Hm aus und machte ein finſteres Geſicht auf die Cigarre. Damit meinte er nicht ſeine Pfeife auf ſeinem Studirzimmer, aber die Cigarre war dem würdigen Gentleman ein Abſcheu. „Ich hatte Geſchäfte mit dem Biſchof,“ ſagte der Doktor, „wir wollen zuſammen heimreiten, Arthur, wenn's Ihnen recht iſt.“ „Ich — ich habe meinem Freunde hier zugeſagt,“ antwortete Pen. „Sie thäten beſſer, mit mir heim zu kommen,“ ſagte der Doktor. „Seine Mutter weiß, Sir, daß er ausbleibt,“ be⸗ merkte Mr. Foker, „nicht wahr, Pendennis?“ „Aber das beweiſt nicht, daß er nicht beſſer thäte, 54 mit mir heim zu kommen,“ brummte der Doktor und ſchritt mit großer Würde davon. „Der alte Knabe ſieht's, glaube ich, nicht gern, wenn man was Ordentliches auf dem Leibe hat,“ be⸗ merkte Foker. „Ha! wer iſt da? da iſt der General und Bingley, der Direktor. Wie geht's, Cos? wie geht's, Bingley?“ „Wie geht's meinem würdigen und tapfern jungen Foker?“ fragte der als General angeſprochene Gentle⸗ man, der einen abgetragenen militäriſchen Mantel mit einem ſchäbigen Kragen und einen Hut trug, der über ein Auge gar ſehr eingedrückt war. „Gewiß, Sie befinden ſich wohl, mein ſehr theurer Sir, und das königliche Theater wird die Ehre Ihrer Gönnerſchaft heute Abend haben, wir führen den „Fremd⸗ ling“ auf, bei dem ihr unterthäniger Diener —“ „Können Sie nicht in engen Hoſen und heſſiſchen Stiefeln auftreten, Bingley?“ fragte der junge Foker; worauf der General mit iriſchem Accent erwiderte: „aber ich glaube, Miß Fotheringay wird Ihnen in ie Haller gefallen, oder ich heiße nicht Jack Co⸗ ſtigan.“ 6 Pen betrachtete dieſe Perſönlichkeiten mit dem größten Intereſſe; er hatte nie zuvor einen Schau⸗ ſpieler geſehen und ſah Doktor Portmans rothes Geſicht über des Doktors Schulter, wie er ſich von dem Kirchhof der Kathedrale zurückzog, ſichtbar ganz unzu⸗ frieden mit den Bekanntſchaften, denen Pen anheim⸗ gefallen war. Vielleicht wäre es beſſer für ihn geweſen, wenn er des Pfarrers Rath und Begleitung nach Hauſe ange⸗ nommen hätte. Aber wer von uns kennt ſein Schickſal! 55 Piertes Rapitel. Mrs. Haller. In den George zurückgekehrt, ſetzten ſich Mr. Foker und ſein Gaſt zu einem ſtattlichen Mahle in dem Kaffer⸗ zimmer nieder, wo Mr. Rincer das erſte Gericht herein⸗ brachte und ſich ſo tief verbeugte, als ob er dem Lord⸗ lieutenant der Grafſchaft aufzuwarten hätte. Mr. Foker griff die Schildkröte und das Wildbrät mit ſo viel Guſto an, als er Jahrs zuvor gethan, wo er ſich noch in Ingwerbier und eingeſchmuggelten Preßwürſten regalirte. Pen konnte nicht umhin, ſeine Kennerſchaft zu reſpek⸗ tiren, als er den Champagner zum Stachelbeerwein degradirte und mit einem Auge nach dem Portwein winkte. Von letzterem erklärte er, daß er von der rechten Art ſei und bemerkte den Kellnern, daß man ihm kein für ein Z machen könne. Alle dieſe Auf⸗ wärter kannte er bei ihren Taufnamen und zeigte ein großes Intereſſe an ihren Familien, und als die Lon⸗ doner Kutſchen abfuhren, die in jenen frühen Tagen vom George abzufahren pflegten, riß Mr. Foker das Fenſter im Kaffeezimmer auf, rief auch den Konduk⸗ teuren und Poſtillonen bei ihren Taufnamen, fragte ſie nach ihren Familien und ahmte mit großer Lebhaf⸗ tigkeit und Genauigkeit das Blaſen der Hörner nach, als der Hausknecht Tom Pferdsteppiche ausklopfte und die Wagen munter davon fuhren. „Eine Flaſche Sherry, eine Flaſche Sham, eine Flaſche Portwein und eine Taſſe Kaffee iſt nichts Schlechtes, Hr. Pen?“ ſagte Foker und that den Ausſpruch, daß, nachdem alle dieſe Leckerbiſſen gekoſtet und eine Anzahl Nüſſe und Früchte expedirt waren, 56 vaß es Zeit ſei, „auf den Strich zu gehen.“ Pen ſprang mit ſehr glänzenden Augen und glühendem Ge⸗ ſichte auf, und ſie ſetzten ſich in Bewegung nach dem Theater, wo ſie ihr Geld an eine keuchende alte Lady abgaben, welche in der Loge des Kaſſiers ſchlummerte. „Mrs. Dropficum, Bingleys Schwiegermutter, groß in Lady Macbeth,“ bemerkte Foker gegen ſeinen Begleiter, Foker kannte ſie gleichfalls. Sie hatten beinahe die Wahl in den Logen des Theaters, das nicht beſſer ge⸗ füllt war, als es Landtheater gewöhnlich ſind, trotz der allgemeinen Zuſtrömung und dem galvaniſchen Ent⸗ zücken, von dem Bingleh in den Theaterzetteln ſprach. Etliche und zwanzig Zuſchauer betüpfelten die Parterre⸗ bänke, einige weitere ſtampften und pfiffen in den Gal⸗ lerien, und ein Dutzend andere, die mit Freibilleten kamen, befanden ſich in den Logen, wo unſere jungen Gentlemen ſaßen. Die Lieutenants Rodgers und Pod⸗ gers und der junge Fähnrich Tidmus von den Drago⸗ nern nahmen eine Privatloge ein. Die Schauſpieler agirten gegen ſie hin, und dieſe Gentlemen ſchienen mit den Spielenden zu konverſiren, wenn ſie nicht gerade ſprechen mußten, und applaudirten, indem ſie ihnen laut mit Namen riefen. Der Direktor Bingley, welcher alle tragiſchen und komiſchen Hauptrollen übernahm, außer wenn er beſcheiden vor Londoner Sternen, die gelegentlich herab nach Chatteries kamen, zurücktrat, war groß im Charakter des „Fremdlings.“ Er war angethan mit den engen Beinkleidern und den heſſiſchen Stiefeln, welche die Bühnenlegende dem mißhandelten Manne gegeben, nebſt einem großen Mantel und Biber⸗ hut und einer Feder, die über runzliches, altes Geſicht herabhing und ſeine größe lockige braune Per⸗ rücke nur theilweiſe verbarg. Er hatte auch die Bühnen⸗ kleinodien an, von denen er die größten und glän⸗ zendſten Ringe für ſich ſelbſt auslas, und ſeinen kleinen Finger aus feinem Mantel mit einem falſchen Demant⸗ 57 ring hervorzittern ließ und die Augen des Parterres damit blendete. Bingley machte es zu einem Zeichen der Gunſt für die jungen Männer ſeiner Geſellſchaft, bei leichten komiſchen Stücken mit dieſem Ringe vor das Publikum zu treten. Sie ſchmeichelten ihm da⸗ mit, daß ſie ihn um deſſen Geſchichte baten. Die Bühne hat nämlich ihre traditionellen Kleinodien, wie die Krone und alle großen Familien. Dieſer hatte George Frederik Cook zugehört, der ihn von Mr. Quin bekommen, der ihn für einen Shilling gekauft haben mochte. Bingley bildete ſich ein, daß er mit ſeinem Schimmer die ganze Welt bezauberte. Er las aus dem Bühnenbuch — jenem Bühnen⸗ buch, das nicht wie andere Bücher in der Welt ge⸗ bunden iſt, ſondern roth und flitterig, wie der Held oder die Heldin, die es halten, und die es halten, wie man ſonſt Bücher nicht hält und mit dem Finger auf eine Stelle weiſen und bedeutungsvoll ihr Haupt ge⸗ gen die Zuhörerſchaft bewegen und dann Augen und Finger zu der Decke erheben und eine Stärkung von dem Werke erwarten, zwiſchen welchem und dem Himmel eine große Verwandtſchaft beſteht. Jeder, der einen unſerer renommirten Farcekomiker N. N. in einem zitzenen Anzug geſehen hat, wie ihn nie Jemand trug, und ſich dem Publikum als ein junger Edelmann vorſtellend und ſeine Zeit mit leichter Litteratur vertreibend, bis ſein Freund Sir Harry eintrifft oder ſein Vater zum Frühſtück her⸗ abkommt, jeder, ſag' ich, der den großen N. N. über einem Shambuch geſehen hat, hatte großes Vergnügen und dauernden Stoff zum Nachdenken. Der Fremdling ſah alsbald die jungen Männer, er agirte gegen ſie, beaugte ſie feierlich über ſeinem goldenen Band, wie er über der Bühnenbank lag, ſeine Hand, ſeinen Ring und ſeine heſſiſchen Stiefel zeigte. Er berechnete die Wirkung, die jede dieſer Zierden auf ſeine Opfer haben würde, er war entſchloſſen, ſie zu 58 bezaubern, denn er wußte, ſie hatten ihr Geld bezahlt und er ſah ihre Familien vom Lande herein kommen und die Rohrſtühle in ſeinen Logen füllen. Wie er ſo leſend auf der Bank lag, machte ſein Diener Francis Bemerkungen über ſeinen Herrn. „Wieder leſen,“ ſagte Franeis, „ſo iſt es vom Mor⸗ gen bis in die Nacht. Für ihn hat die Natur keine Schönheit — das Leben keinen Reiz. Seit drei Jah⸗ ren habe ich ihn nicht lächeln ſehen (der düſtere Blick Bingleys war während der Bemerkungen des treuen Dieners furchtbar anzuſchauen), nichts divertirt ihn, o, wenn er ſich nur an ein lebendes Geſchöpf, und wäre es ein Thier, anſchließen würde — denn etwas muß der Mann lieben. (Tobias [Goll]tritt ausder Hütte hervor) Er ruft: „o wie erfriſchend, nach ſie⸗ ben langen Wochen dieſe warmen Sonnenſtrahlen wie⸗ der zu fühlen, Dank dem gütigen Himmel für die Freude, die ich fühle,“ er drückt ſeine Mütze zwiſchen die Hände, blickt auf und betet, der Fremdling betrachtet ihn aufmerkſam. Francis gegen den Fremden: „ieſes alten Mannes Antheil an irdiſchem Glück kann nur gering ſein, ſeht doch, wie dankbar er für den ihm beſchiedenen Antheil iſt.“ Bingley. „Weil er, obgleich alt, nur ein Kind iſt an dem Gängelband der Hoffnung“ (er blickt Foker feſt an, der jedoch an den Knöpfen ſeines Rockes gleich⸗ gültig zu ſaugen ſcheint). Francis: „Hoffnung iſt die Flamme des Lebens.“ Bingley: „und ihre Wiege — iſt das Grab.“ Der „Fremdling“ ſprach dieß mit dem Tone eines Fagots in höchſter Verzweiflung und heftete ſeine Au⸗ gen ſo feſt auf Pendennis, daß der arme Junge ganz außer Faſſung kam. Er glaubte, das ganze Haus müſſe auf ihn ſehen, und ſchlug ſeine Augen nieder. Sobald er ſie wieder erhob, hafteten Bingley's Augen wieder auf ihm, die ganze Scene hindurch ſpielte der 59 Direktor gegen ihn. Wenn er im Begriff war, eine gute Handlung zu thun, und Francis mit dem Buche weg⸗ ſchickte, damit der Bediente nicht Zeuge ſeiner beabſich⸗ tigten Wohlthätigkeit wäre, bemerkte Bingley ſorgfältig die Seite, ſo daß er, wenn er wollte, außer der Scene die Stelle wieder vorleſen konnte. Aber Alles ward unmittelbar Pendennis, den der Direktor bewältigen wollte, in's Geſicht geſprochen. Wie froh war der Junge, als die Scene endete, und Foker ſtieß leicht mit dem Stock auf den Boden und rief: „Bravo, Bingley! Klatſche, Pendennis, Du weißt, jeder Geſelle liebt das Klatſchen,“ ſagte Mr. Foker, und der gutmüthige junge Gentleman und Pendennis lachten, und die Dragoner in der Loge gegenüber begannen aus Leibeskräften in ihre Hände zu klatſchen. — Ein Zimmer in Winterſen Caſtle ſchloß ſich über der Tobiashütte und dem „Fremd⸗ ling“ mit ſeinen Stiefeln, und Diener erſchienen und machten ſich mit Stühlen und Bänken zu ſchaffen — „das iſt Hicks und Miß Thackthwaite,“ flüſterte Foker, „ein hübſches Kind, nicht wahr, Pendennis, aber halt Pendennis — hurrah — bravo, hier iſt die Fothe⸗ ringay.“ Das Parterre ſchrie und ſtieß mit den Schirmen. Eine ganze Ladung von Beifall wurde von der Gallerie abgefeuert, die Dragoneroffiziere und Foker ſchlugen wüthend die Hände zuſammen; man hätte glauben ſol⸗ len, das ganze Haus ſei voll, ſo laut war ihr Bei⸗ fallklatſchen, das rothe Geſicht und der ſtraubige Backenbart Mr. Coſtigan's waren in der Kuliſſe zu ſehen; Pen's Augen öffneten ſich weit und glänzend, als Mrs. Haller mit geſenktem Blicke eintrat, dann bei dem Schalle des Beifalls mit dankharem Blicke das Haus überſchaute und ihre Hände über die Bruſt fal⸗ tend mit einer grandioſen Verbeugung niederſank; mehr Applaus, mehr Schirme rauſchten, Pen ſchlug jetzt lammen von Wein und Begeiſterung, klatſchte in die Hände und rief lauter, denn alle, brabo! Mrs. Haller 60 ſah ihn und Jedermann ſonſt, der alte Mr. Bows, der kleine erſte Fiedler auf dem Orcheſter (das dieſen Abend durch die freundliche Erlaubniß des Oberſt Swallow durch einen Theil der Dragonermuſik verſtärkt worden war), ſah auf von dem Pult, an dem er mit der Krücke zur Seite ſich aufgepflanzt hatte und lächelte über die Begeiſterung des Jungen. Diejenigen, welche Miß Fotheringay nur in ſpä⸗ teren Tagen ſeit ihrer Verheirathung und ihrer Ein⸗ führung in das Londoner Leben geſehen haben, haben keine Idee, welch ſchoͤnes Geſchöpf ſie zu der Zeit war, als unſer Freund Pen zuerſt ſein Auge auf ſie warf. Sie war das ſchlankſte Frauenbild und ſtand in ihrem ſechsundzwanzigſten Jahre — denn ſechsundzwanzig war ſie, obgleich ſie betheuert, daß ſie nur neunzehn ſei — in der Blüthe und Fülle ihrer Schönheit; ihre Stirn war groß und ihr ſchwarzes Haar wogte darüber in natürlichen Kräuſeln (was Schönheiten ſpäterer Tage durch Hilfe der Brenneiſen nachzuahmen ſuchten) und wurde in glänzenden und vollen Flechten auf den Rücken eines Nackens gezwängt, wie man es nur auf den Schultern der Louvre⸗Venus — dieſer Wonne der Götter und Menſchen — ſieht. Ihre Augen, wenn ſie ſie erhob, um Jemand anzuſchauen, und ehe ſie ihre Augen⸗ lieder niederſchlug, ſtrahlten von Zärtlichkeit und einem unergründlichen Geheimniß. Liebe und Genie blick⸗ ten aus ihnen und zogen ſich dann ſcheu zurück, als ſchämten ſie ſich, an's Gitter getreten zu ſein. Wer hätte eine ſo gebietende Stirn haben können, als eine Dame von hoher Intelligenz? Sie lachte nie (aller⸗ dings waren auch ihre Zähne nicht gut), aber ein Lä⸗ cheln von unendlicher Zärtlichkeit und Holdſeligkeit ſpielte um ihre ſchönen Lippen, in den Grübchen ihrer Wangen und ihres lieblichen Kinns, ihre Naſe trotzte aller Beſchreibung in jenen Tagen, ihre Ohren waren gleich zwei kleinen Perlmuſcheln, welchen die Ohrringe, die ſie trug (obgleich ſie die ſchönſten Kleinodien des 61¹ Theaters waren) nur Eintrag thaten. Sie war in ein langes, fließendes, ſchwarzes Gewand gekleidet, das ſie mit wundervoller Grazie handhabte und daher ſchleppte, und unter deſſen Falten man nur gelegentlich ihre San⸗ dalen erblickte. Sie waren von größerem Umfang, aber Pen fand ſie ſo bezaubernd, als die Pantoffel der Cinderella. Aber Hand und Arm zeichnete dieſes herr⸗ liche Geſchöpf vor Allem aus, und man konnte ſie ge⸗ wiſſermaßen nur durch dieſe ſehen. Sie umgaben ſie, wenn ſie ſie voll Entſagung über ihrem Buſen faltete, wenn ſie ſie in ſtummer Verzweiflung finken ließ, oder mit ſtolzem Machtgebot erhob, wenn ihre Hände in muthwilligem Scherze ſie umflatterten oder vor ihr her⸗ ſchwebten wie — was ſoll ich ſagen? — wie die ſchneeigen Tauben der Venus — ſo waren es dieſe Arme und Hände, mit welchen ſie ihren Bewunderern winkte, ſie zurückſtieß, ſie flehte, umarmte — nicht einen Einzelnen, denn ſie war mit ihrer eigenen Tugend und mit ihres Vaters Tapferkeit gewappnet, deſſen Schwert bei irgend einer Unbilde, die ſeinem Kinde widerführe, aus der Scheide geſprungen wäre — ſondern das ganze Haus, das ſich vor ihr erhob, wenn ſie knirte und ſich beugte und es bezauberte. So ſtand ſie eine Minute in vollendeter Schönheit — wie Pen ſie anſtarrte. „Muß Einer nicht, Pen, vor ihr zum Marmor erſtarren?“ fragte Mr. Foker. „Still!“ ſagte Pen, „ſie ſpricht.“ Sie begann ihre Rolle mit tiefer lieblicher Stimme. Diejenigen, welche den „Fremdling“ kennen, wiſſen, daß die Worte, welche die verſchiedenen Charaktere ſprechen, weder an Geiſt, noch an Neuheit der Beob⸗ achtung, noch an pvetiſchem Gehalte bedeutend ſind. Wirklich, wenn einer behauptete, es ſei ein einfältiges Stück, ſo würde er nahezu das Wahre getroffen haben. Niemand hat jemals ſo geſprochen. Wenn wir Einfalts⸗ pinſel treffen, wie das geſchehen mag, ſo iſt es eine große Gunſt des Schickſals, wenn ſie nicht ſolcher ge⸗ 62 ſchmackloſer Worte ſich bedienen. Des „Fremdlings“ Rede iſt falſch, wie das Buch, das er liest, das Haar, das er trägt, die Bank, auf der er ſitzt, und der De⸗ mantring, mit dem er ſpielt — aber mitten unter die⸗ ſem Miſch⸗Maſch fließt dahin jene ächte Wirklichkeit von Liebe, kindlicher Unſchuld, Vergebung des Unrechts, auf die man hören muß, wo immer ſie gepredigt wird, und die die ganze Welt in Theilnahme verſetzt. Mit welch' unterdrücktem Kummer, mit wie vollem Pathos hatte Mrs. Haller geſprochen! zuerſt als Graf Winterſen's Schaffnerin hatte ſie als Vorbereitung für die Ankunft Sr. Excellenz über Betten, Möbel und Diener Befehle zu ertheilen, und Alles in Bereitſchaft zu ſetzen, was ſie mit der ruhigen Agonie der Ver⸗ zweiflung thut. Aber wenn ſie die einfältigen Bedienten los werden und ihren Gefühlen gegen das Parterre und das Haus Luft machen konnte, überfloß ſie gegen jeden Einzelnen, als ob er ihr Vertrauteſter wäre, und rief ihm ihren Schmerz entgegen; der kleine Fiedler auf dem Orcheſter (den ſie nicht zu bemerken ſchien, obgleich er ihr unaufhörlich folgte) zupfte, drehte ſich, nickte, zeigte umher, und als ſie an die Lieblingsſtelle kam: „auch ich habe einen Wilhelm, wenn er noch am Leben iſt, ach, ja, wenn er noch am Leben iſt, ſeine kleine Schweſter auch! ach Phantaſie, quälſt du mich ſo! warum rufſt du mir meine armen Kinder vor den Sinn, wie ſie in Krankheit dahin ſchmachten und ih— rer — Mu — Mu — Mutter rufen —“ als ſie an die Stelle kam, begrub der kleine Bows ſein Geſicht in ſein blaues, baumwollenes Sacktuch, nachdem er „bravo“ gerufen. Das ganze Haus war ergriffen, Foker ſeines Theils nahm ein großes, gelbes Bandanna hervor und weinte bitterlich. Pen war zu weit gegangen, er folgte der Heldin überall hin — war ſie von der Bühne ge⸗ treten, ſo war dieſe und das Haus für ihn öde, die Lichter und die rothen Offiziere gaukelten wirr vor * 63 ſeinen Augen umher. Er bewachte ſie in der Kuliſſe, wo ſie ſtand und wartete, um wieder auf der Bühne zu erſcheinen, und ihr Vater ihr den Shawl abnahm, als die Verſöhnung eintrat und ſie ſich auf Mr. Bing⸗ ley's Schulter warf, während die Kinder ihre Knie umſchloßen und die Gräfin (Mrs. Bingley) und Ba⸗ ron Steinforth (mit viel Leben und Geiſt von Garbetts gegeben) — während die übrigen Charaktere eine Gruppe um ſie bildeten, ſchauten Pen's glühende Blicke nur Fotheringay, Fotheringay. Der Vorhang fiel auf ihn wie ein Leichentuch. Er hörte kein Wort von dem, was Bingley ſagte, welcher hervortrat, um das nächſte Stück für den kommenden Abend anzukün⸗ digen und den ſtürmiſchen Applaus, wie gewöhnlich, auf eigene Rechnung nahm. Pen gewahrte nicht ge⸗ nau, daß das Haus nach Miß Fotheringay rief, noch ſchien der Direktor zu begreifen, daß irgend Jemand außer ihm den Beifall der Aufführung herbeigeführt hätte. Endlich verſtand er — trat grinſend zurück und erſchien ſogleich wieder mit Mrs. Haller am Arm. Wie ſchön war ſie! ihr Haar wogte herab, die Offiziere warfen ihr Blumen zu. Sie drückte ſie an ihr Herz. Sie drängte ihr Haar zurück und lächelte rings umher; ihre Augen trafen Pen's; wieder fiel der Vorhang nieder und ſie war verſchwunden. Keine einzige Note hörte er von der Ouvertüre, welche auf gütige Erlaub⸗ niß des Oberſt Swallowtail die Mufikbande der Dra⸗ goner ſpielte. „Sie zermalmt Einen, nicht wahr?“ fragte Mr. Foker ſeinen Begleiter. Pen wußte nicht genau, was Foker ſagte und antwortete unbeſtimmt. Er konnte dem Andern nicht ſagen, was er fühlte; er hätte in dem Augenblick mit keinem Sterblichen ſprechen können. Zudem wußte Pendennis nicht genau, was er jetzt fühlte, es war etwas Ueberwältigendes, Betäubendes, Wonnevolles, 64 ein wildes Freudenſieber und unbeſchreibliches Ver⸗ langen. 836t kamen Rowkins und Miß Thackthwaite, um nach der beliebten doppelten Bockspfeife zu tanzen, und Foker war über dieſes Ballet in demſelben Maße ent⸗ zückt, als ihn einige Minuten zuvor das Trauerſpiel bis zu Thränen gerührt hatte. Pen achtete nicht auf den Tanz. Es war ein Nebel vor ſeinen Augen. Am Ende des Tanzes ſah er auf ſeine Uhr und ſagte, es ſei Zeit für ihn, zu gehen. „Der Teufel auch, bleib und ſieh den Bravo mit dem Schlachtbeil,“ ſagte Foker, „Bingley iſt glanzvoll darin, er trägt rothe, anliegende Hoſen und muß Mrs. Bingley über die tannene Brücke des Katarraktes bringen; und iſt ſie zu ſchwer, es iſt ein großer Spaß, bleib.“ Pen ſah auf den Zettel mit der ſchwachen Hoff⸗ nung, daß Miß Fotheringay's Name irgendwo unter der Liſte des Nachſpiels verborgen wäre, aber es kam kein ſolcher Name. Gehen mußte er, er hatte einen weiten Ritt nach Hauſe, er drückte Foker die Hand, er bemühte ſich zu ſprechen, aber er konnte nicht, er verließ das Theater und rannte wie wahnſinnig in der Stadt umher, er wußte nicht wie lange, dann ſtieg er im George zu Pferd und ritt heim. Die Claveringer Glocke ſchlug Ein Uhr, als er in den Hof zu Fairvaks einritt. Die Lady vom Hauſe mochte gewartet haben, aber ſie hörte ihn blos auf dem Gang vor ſeinem Zimmer, wie er ſich in das Bett ſtürzte und die Klei⸗ der über ſeinen Kopf warf. Pen war nicht gewohnt, die Nächte ſchlaflos zu⸗ zubringen, und fiel ſomit plötzlich in einen geſunden Schlaf. Selbſt in ſpäteren Tagen und bei eins höheren Maaß von Sorge und andern Veranlaſſungen, die ihm den Schlaf verſcheuchen könnten, behält ein Mann durch lange Uebung oder Entſchloſſenheit anfangs 4 65 wie gewöhnlich ſeinen Schlaf, und er macht ſein Nicker⸗ chen, ehe die Sorge kommt, aber ſie ſtellt ſich bald bei ihm ein, klopft ihn auf die Schulter und ſpricht zu ihm: komm, guter Freund, nicht ſo faul, du mußt mit mir wachen, mußt ein Gängchen mit mir machen! — Dann um Mitternacht gerathen ſie hinter einander — nun, was auch immer ihm ſpäter begegnen mochte, der arme kleine Pen war noch nicht auf dieſen Punkt ge⸗ kommen, er gaukelte in einen geſunden Schlaf — er⸗ wachte erſt in einer frühen Morgenſtunde, als die Krähen in einem kleinen Wäldchen den Fenſtern ſeines Schlafzimmers gegenüber zu krähen begannen und in einem und demſelben Augenblick und während ſeine Augen ſich weit öffneten, erſchien das geliebte Bild vor ſeinem Geiſt. „Mein lieber Junge,“ hörte er ſie ſagen, „Du hatteſt einen geſunden Schlaf, und ich wollte Dich nicht ſtören; aber ich bin die ganze Zeit über dicht an deinem Kopfkiſſen geſeſſen und denke nicht, daß Du mich ſo bald verlaſſen ſollſt. — Ich bin die Liebe! Ich bringe Fieber und Leidenſchaft mit mir, wildes Verlangen und den Wahnſinn der Begierde, raſtloſes Flehen und Suchen. Manchen langen, lieben Tag früher hörte ich Dich ſchon nach mir rufen und ſiehe, nun bin ich hier!“ War Pen erſchreckt über dieſen Anruf? nein, das war er nicht, er wußte nicht, was da kommen ſollte; es war noch Alles Vergnügen und Entzücken, und wie damals vor drei Jahren bei ſeinem Eintritt in die fünfte Klaſſe der Ciſtercienſer ſein Vater ihm eine goldene Uhr ſchenkte und der Knabe ſie, ſobald er erwachte, unter dem Kopfliſſen hervornahm und prüfte, und ſie immer insgeheim rieb und polirte, und ſich in die Ecken zurück⸗ zog, um ihrem Picken zu lauſchen, ſo frohlockte der junge Mann über dieſes neue Entzücken, griff in ſeine Weſtentaſche, ob ſie noch da ſei, zog ſie Nachts auf, ſchloß ſie in ſeine Hände ſobald er erwachte, und ſchaute Pendennis. I. 5 66 ſie an. — Nebenbei war aber jene erſte Uhr Pen's ein zwar hübſches, aberſchlechtgearbeitetes Stück von einer Uhr, ſie ging von Anfang an niemals recht und war immer in Unordnung, und nachdem er ſie einige Zeit in eine Kommode bei Seite gelegt und vergeſſen hatte, veräußerte er ſie ſchließlich für eine nützlichere Zeitmeſſerin. Pen fühlte, daß er ſeit geſtern um das Doppelte älter geworden, er konnte ſich nicht mehr täuſchen, er war ſo verliebt, als der beſte Held in dem beſten Ro⸗ man, den er jemals geleſen. Er befahl John mit dem größten Selbſtvertrauen, das Raſierwaſſer zu bringen, iegte an dieſem Morgen ſeine ſchönſten Kleider an, und kam prachtvoll ausgeſtattet herab zu dem Frühſtück⸗ indem er einen Gönnerblick auf ſeine Mutter und die kleine Laura warf, die ſeit mehreren Stunden ſchon ſich in einer muſikaliſchen Lektion abmühten, und die, nach⸗ dem er die Gebete geleſen — (denen er jedoch nicht die geringſte Aufmerkſamkeit ſchenkte) ſich wunderte über ſeine großartige Erſcheinung und ihn fragte, was im Theater geſpielt worden ſei? Pen lachte und verweigerte, ihr über das Theater die gewünſchte Auskunft zu geben; dann fragte ſie ihn, warum er ſeine ſchöne Nadel angeſteckt und ſeine präch⸗ tige Weſte angelegt habe? Pen erröthete und ſagte ſeiner Mutter, daß der alte Schulkamerad, mit dem er in Chatteries zu Mittag geſpeist mit ſeinem Hofmeiſter, einem ſehr gelehrten Manne, ſtudire, und da er wünſchte, ſelbſt in ein Kol⸗ leg zu gehen, und da mehrere junge Männer zu Bay⸗ mouth ihre Studien fortſetzten, ſo wünſche er hinüber zu reiten — und — ſich anzuſehen, worin die Vorle⸗ ſung beſtehe. Laura ſchnitt ein langes Geſicht. Helen Pendennis ſah ihren Sohn bitter böſe an, mehr beunruhigt, denn je durch den unbeſtimmten Zweifel und Schrecken, der ſeit dem letz⸗ ten Abend immer in ihr geſpukt hatte, als Pachter Gri⸗ — 67 nett die Nachricht brachte, daß Pen nicht zum Mittag⸗ eſſen zurückkehren würde. Arthurs Augen trotzten ihr. Sie ſuchte ſich zu tröſten und ihre Beſorgniſſe zu ver⸗ bannen; der Junge hatte ihr noch nie eine Unwahrheit geſagt. Pen benahm ſich während des Frühſtücks ſehr ſtolz und hochmüthig und nachdem er ſich von der ältern und jüngern Lady verabſchiedet hatte, hörte man ihn alsbald aus dem Hauſe reiten. Er ritt anfangs lang⸗ ſam, galoppirte aber wie ein Beſeſſener, ſo bald er glaubte, außer der Hörweite zu ſein. Smirke, der an ſeine eigenen Angelegenheiten dachte, und ſeine Zehen, langſam reitend, auswärts hielt, um Pen zu Fairvaks ſeine dreiſtündigen Vorleſung zu halten, traf ſeinen Zögling, der mit Windesſchnelle an ihm vor⸗ überſchoß. Smirke's Klepper ſcheute, als der andere an ihm vorüber donnerte; der artige Pfarrgehtlfe ſtürzte häupt⸗ lings unter die Brenneſſel unten an der Hecke. Pen lachte, als ſie ſich trafen, wies auf den Weg nach Bay⸗ mouth und war eine halbe Meile in dieſer Richtung ſ nſ ehe der arme Smirke ſich wieder aufraffen onnte. Pen hatte bei ſich beſchloſſen, daß er an dieſem Morgen Foker beſuchen wollte; er mußte von ihr hören, von ihr erfahren, zu Jemand kommen, der ſie kannte, und der ehrliche Smirke ſaß ſeines Theils unter den Brenneſſeln auf, indeß ſein Klepper ruhig an der Ecke weidete, überdachte in ſeinem Unglück bei ſich ſelber, ob er nach Fairvaks gehen wollte, nun ſein Zögling offenbar für dieſen Tag nicht zu Hauſe wäre, ja, er dachte, er ſollte, gleichwohl gehen, er ſollte gehen und Mrs. Pendennis fragen, wann Arthur wieder zurück käme, und Miß Laura ihren Watt's Katechismus ab⸗ hören. Er arbeitete ſich wieder auf den kleinen Klep⸗ per — beide waren an ſein Herabfallen gewöhnt, und rückten auf das Haus zu, von welchem ſein Schüler ſo eben wie im Wirbelwind fortgeſtürzt war. So macht 68 die Liebe uns alle zu Narren, groß und klein, und der Pfarrgehilfe hatte ſich häuptlings überſtürzt, und Pen war in der erſten Hitze ſeines wüthenden Renners fort⸗ geſprengt. Fünftes Rapitel. Mrs. Haller daheim. Ohne ihren Schritt zu hemmen, war Rebekka nach Baymouth galoppirt, wo Pen ſie in einem der Ställe des Gaſthofes unterbrachte, und ſtracks nach der Woh⸗ nung Mr. Fokers rannte, die er nach der Richtung, welche ihm der Gentleman Tags zuvor gegeben, kannte. Als er dieſe Gemächer erreichte, die über dem Laden eines Apothekers waren, deſſen Vorrath an Cigarren und Sodawaſſer durch die freundliche Gönnerſchaft ſeiner jungen Inſaſſen ſchnell zu Ende ging, fand Pen blos Fokers Freund, Mr. Spavin und Theilhaber des Tan⸗ dem, welcher Letztern nach Chatteries geführt hatte. Dieſer ſaß rauchend da und lehrte mit einem Biſſen Zwieback einen kleinen Hund, einen Freund von ihm, Kunſtſtücke machen. Pen's geſundes, rothes Geſicht war friſch vom Galoppiren und ſtach auffallend ab gegen die wächſernen liederlichen Geſichtszüge von Fokers Stubenburſchen; *— der Letztere bemerkte es: „wer iſt der Mann,“ dachte er, „er ſieht ja ſo friſch aus als die Bohne am Stock, ſeine Hand zittert ihm nicht am Morgen, ich wette fünf gegen eins.“ Foker war noch gar nicht nach Hauſe gekommen⸗ 69 Eitle Hoffnung! Mr. Spavin konnte nicht ſagen, wann ſein Freund heimkehren würde. Oft blieb er einen Tag, oft eine Woche aus. Von welchem Kollege war Pen? Wünſchte er wohl etwas zu haben? Sehr gutes Bier war angezapft. Mr. Spavin war in Stand geſetzt, Pendennis's Namen aus der Karte zu erſehen, welche Letzterer herausnahm und miederlegte (vielleicht war Pen in dieſen Tagen ſtolz darauf, eine Karte zu haben) und ſo verabſchiedeten ſich die jungen Männer. Dann begab ſich Pen auf den Felſen hinab und ging auf dem Sande des Ufers der ſehr rauſchenden See, die Nägel beißend, auf und nieder. Glänzend und unendlich lag ſie vor ſeinen Blicken, ſchäumend und heiß erdröhnend kamen die blauen Waſſer in die Bai gerollt. Kaum ſie bemerkend, ſah ihnen Pen mit leerem Blicke ins Geſicht. Welch eine Fluth ſtrömte zur Zeit in des Jun⸗ gen eigenes Gemüth, und wie wenig Kraft hatte er, ihrer Meiſter zu werden. Pen warf Steine in die See, aber immer näher rückte ſie. Er war in Wuth, daß er Foker nicht traf, es drängte ihn, Foker zu treffen, er mußte Foker treffen. „Wie wäre es, wenn ich wei⸗ ter ginge — auf dem Weg nach Chatteries, nur um zu ſehen, ob ich ihn treffen kann?“ dachte Pen. Rebekka war in der nächſten halben Stunde ge⸗ ſattelt und galoppirts auf dem Gras an dem Wege nach Chatteries hin; etwa vier Meilen vor Baymouth zweigt ſich, wie männiglich bekannt, der Weg nach Clavering ab, und die Stute wandte ſich natürlich dort⸗ hin, aber Pen gab ihr eins über die Schulter, kehrte ab und ritt weiter nach dem Schlagbaum, ohne ein Fetzchen von dem ſchwarzen Tandem und den rothen Rädern zu ſehen. Als er an dem Schlagbaum war, konnte er eben ſo gut weiter reiten; das war ganz klar, ſo ritt denn Pen nach dem George und der Hausknecht ſagte ihm, daß Mr. Foker noch ganz feſt hier vor Anker liege, „daß er geſtern Nacht einen furchtharen Spektakel mit 70 trinken und fingen gemacht, und mit dem Poſtjungen Tom einen Strauß beſtehen wollte: der ihm, glaube ich, ſchlimm bekommen wäre;“ fügte der Burſche grin⸗ ſend bei. „Habt Ihr Eurem Herrn heißes Waſſer zum Raſiren hinauf gebracht?“ fuhr er ſathriſch gegen Mr. Fokers Bedienten fort, der mit ſeines Herrn Kleidern aufs ſchönſte gebürſtet und hergerichtet den Hof herab⸗ kam. „Führt Mr. Pendennis hinauf,“ und Pen folgte zuletzt dem Mann in das Zimmer, wo in den Einge⸗ weiden eines Rieſenbettes Mr. Harry Foker ruhte. Das Federbett und die Kiſſen ſchwollen um Mr. Foker empor, ſo daß man ſein blaſſes Geſicht und ſeine rothe ſeidene Nachtkappe kaum entdecken konnte. „Hallo!“ rief Pen. „Wer iſt da, Bruder? ſag's gleich!“ rief eine Stimme aus dem Bett. „Was! Pendennis wieder? weiß Deine Mama, daß Du fort biſt? haſt Du letzte Nacht mit uns ſuppirt? nein — halt — wer ſuppirte letzte Nacht mit uns, Einfaltspinſel?“ „Es waren die drei Offiziere, Sir, und Mr. Bing⸗ ley, Sir, und Mr. Coſtigan, Sir,“ antwortete der Mann, indem er alle Bemerkungen Mr. Foker's mit vollkom⸗ menem Ernſte entgegen nahm. „Ach ja: der Becher und der launige Scherz ging in die Runde: wir ſangen, und ich erinnere mich, ich wollte mich mit einem Poſtjungen ſchlagen, hab' ich ihn ge⸗ droſchen, Einfaltspinſel?“ — „Nein, Sir. Zum Schlagen kam's nicht,“ ſprach der Einfaltspinſel immer noch mit vollkommenem Ernſt; er ordnete Mr. Fokers Kleider⸗ behälter, einen Koffer, die Mitgift einer zärtlichen Mut⸗ ter, ohne welchen der junge Burſche niemals reiſen mochte; er enthielt einen ungeheuren Apparat in Sil⸗ ner: eine ſilberne Taſſe, einen ſilbernen Humpen, ſilberne Büchſen und Flaſchen für alle Sorten von Eſſenzen und eine Auswahl von Raſiermeſſern für die Zeit, da Mr. Fokers Bart kommen ſollte. „Thu es ein anderes Mal,“ ſagte der junge Bur⸗ 7¹ ſche gähnend, und ſeine kleinen, magern Arme über den Kopf zuſammenſchlagend. „Nein, geſchlagen wurde nicht, aber geſungen. Bingley ſang, ich ſang, der General ſang — Coſtigan meine ich. — Haſt Du ihn ſchon „das kleine Ferkel unter dem Bett,“ ſingen hören, Pen?“ — „Den Mann, den wir geſtern getroffen,“ ſagte Pen, am ganzen Leibe zitternd, „den Vater der —“ „Den Vater der Fotheringay? — eben den. Iſt ſie nicht eine Venus, Pen?“ „Erlauben Sie, Herr, Mr. Coſtigan iſt in dem Vorzimmer, Sir, und ſagt, Sir, Sie hätten ihn zum Frühſtück gebeten, Sir. Rief fünf Mal an, Sir, aber ich wollte Sie unter keinerlei Umſtänden wecken und iſt nun ſeit eilf Uhr hier, Sir —“ „Wie viel Uhr iſt es jetzt?“ „Ein Uhr, Sir.“ „Was würde die beſte der Mütter ſagen,“ rief der kleine Faulenzer, „wenn ſie mich um dieſe Stunde im Bette fände? Sie ſchickte mich hieher mit einem Scheerenſchleifer, ſie will, daß ich mein vernachläßigtes Genus einbringen ſollte — he, he! ich ſage, Pen, das lautet anders als die Siebenuhrſchule, — nicht wahr, alter Knabe,“ und der junge Burſche brach in ein knabenhaftes Freudengewieher aus, dann fuhr er fort — „geh' hinein und ſprich mit dem General, während ich mich ankleide, und ich ſag' Dir, Pendennis, bitt ihn, er ſoll Dir „das kleine Ferkel unter dem Bette“ ſingen.“ Pen ging in großer Verwirrung ab, um Mr. Coſtigan aufzuſuchen, und Mr. Foker begann ſeine Toilette. Von Mr. Foker's zwei Großvätern war der eine, von dem er Vermögen erbte, ein Brauer, der andere ein Earl, der ihn mit der einfältigſten Mutter von der Welt begabte. Die Fokers waren vom Vater auf den Sohn in der Ciſtercienſer Schule geweſen, wo unſer Freund, deſſen Name üher der Wand an dem Spielplatze zu 72 ſehen war, am Schild eines Wirthshanſes, unter wel⸗ chem „Fokers Heimath“ angeſchrieben ſtand, wurde furchtbar verſchrien wegen ſeines Handels, ſeines un⸗ ſchönen Geſichts, ſeiner Untauglichkeit zum Lernen, ſei⸗ ner Unreinlichkeit, ſeiner Gefräßigkeit und anderer ſchwa⸗ cher Seiten; aber Diejenigen, welche wiſſen wie ein empfänglicher Jüngling unter der Tyrannei ſeiner Schul⸗ kameraden verſtummt und verknickert, werden auch be⸗ greifen, wie er nach nur wenigen Monaten der Befreiung aus der Dienſtbarkeit, ſich, wie üigura zeigt, entwickelte und der launige, ſarkaſtiſche und glänzende Foker wurde, deſſen Bekanntſchaft zu machen wir die Ehre hatten. Ein Duns (Dummkopf) war er immer, denn Gelehrſamkeit wird nicht dadurch erworben, daß man die Schule verläßt und ins Kollege als eigent⸗ licher Student eintritt, aber er war jetzt in ſeiner Art ein eben ſo großer Dandy, als er vorher eine Schlumpe geweſen war, und als er in das Sittingrvom eintrat, um zu ſeinen zwei Gäſten zu ſtoßen, kam er parfümirt und mit einer feinen Wäſche ausgeſtattet, eine vollkom⸗ men glänzende Erſcheinung. General oder Kapitän Coſtigan, den letztern Rang pflegte er vorzugsweiſe anzunehmen, ſaß im Fenſter mit der Zeitung, die er in Armeslänge ſich vom Leibe hielt. Des Kapitäns Augen waren etwas trübe, und er buch⸗ ſtabirte die Zeitung mit Hilfe ſeiner Lippen ſowohl, als ſeiner blutunterlaufenen Augen, wie man Gentle⸗ men thun ſieht, für die das Leſen eine ſeltene und ſchwie⸗ rige Aufgabe iſt. Sein Hut war auf ein Ohr geſetzt, und da einer ſeiner Füße auf dem Fenſterſitze lag, konnte der Beobachter ſolcher Dinge aus dem Umfang und der Armſeligkeit der Stiefel, welche der Kapitän trug, ent⸗ nehmen, daß die Zeiten mit ihm nicht ganz gleichen Schritt hielten. Die Armuth ſcheint geneigt, ehe ſie einen Mann gänzlich in Beſitz nimmt, zuerſt einen An⸗ griff auf ſeine Ertremitäten zu machen: die Bedeckung ſeines Kopfes, ſeiner Hände und ſeiner Füße ſind ihre 73 erſte Beute. Alle dieſe Theile von des Kapitäns Per⸗ ſon waren in beſonderem Grade ſchäbig und arm⸗ ſelig. So bald er Pen ſah, ſtieg er von dem Fenſterſitze herab und begrüßte den neuen Ankömmling zuerſt auf militäriſche Weiſe, indem er zwei ſeiner (mit einem zerriſſenen, ſchwarzen Handſchuh bedeckten) Finger an ſeinen Hut brachte und dann dieſe Zierde ganz und gar entfernte. Der Kapitän hatte eine Inklination zum Kahlkopf, ſtrich aber eine Quantität ärmlichen eisgrauen Haares über die Glaze und hatte eine doppelte Reihe Bart, von derſelben Farbe, zu beiden Seiten ſeines Ge⸗ ſichts. Viel Whiſky hatte Mr. Coſtigan's gute Ge⸗ ſichtsfarbe, die er in ſeiner Jugend gehabt haben mochte, verdorben, ſein weiland hübſches Geſicht hatte eine Kupferfarbe angenommen; er trug eine ſehr hohe Hals⸗ binde, die an manchen Stellen vernarbt und löcherigt war, und einen an den Stellen, wo die Knöpfe nicht abhanden gekommen, engzugeknöpften Rock. „Der junge Gentleman, dem ich geſtern die Ehre hatte auf dem Kirchhof der Kathedrale vorgeſtellt zu werden,“ ſagte der Kapitän mit einer glänzenden Ver⸗ beugung und Bewegung ſeines Hutes, „ich hoffe, ich ſehe Sie wohl, Sir. Ich bemerkte Sie in dem Thea⸗ ter geſtern Nacht während meiner Tochter Rolle und vermißte Sie bei meiner Rückkehr. Ich führte ſie blos nach Hauſe, Sir, denn Jack Coſtigan iſt, obgleich arm, ein Gentleman, und als ich wieder in das Haus trat, um meinem heitern, jungen Freund Foker meinen Re⸗ ſpekt zu zollen, waren Sie fort. Wir hatten eine luſtige Nacht, Sir, Mr. Foker, die drei tapfern, jun⸗ gen Dragoner und Ihr unterthäniger Diener. Bei Gott, Sir, ſie erinnerte mich an eine unſrer alten Nächte, als ich in dem hundert und dritten Regiment in ſeiner Majeſtät Dienſten war;“ er zog eine alte Tabaksdoſe hervor und präſentirte ſie mit ſtattlicher Miene ſeinem neuen Bekannten. 74 Arthur war viel zu ſehr beunruhigt, um zu ſpre⸗ chen. Dieſer ſchäbig ausſehende Bock war — war ihr Vater! Der Kapitän war parfümirt von den Cigarren der geſtrigen Nacht, zupfte und flocht an ſeinem Kinn ſo leichtfertig als ein junger Dandy nur immer thun konnte. „Ich hoffe, Miß Fotheringay — Miß Coſtigan iſt wohl, Sir,“ ſprach Pen erglühend. „Sie — ſie machte mir größeres Vergnügen, als — als ich — ich — ich je in einem Theater gefunden. Ich glaube, Sir — ich glaube, ſie iſt die beſte Schauſpielerin in der Welt,“ ſprach er in kurzem Athemzug. „Ihre Hand, junger Mann! denn Sie ſprechen vom Herzen,“ rief der Kapitän, „Dank Ihnen, Sir, ein alter Soldat und ein zärtlicher Vater dankt Ihnen, ich habe die „Siddons,“ Sir, und die „O'Nale“ geſe⸗ hen — ſie waren groß, aber was waren ſie im Ver⸗ gleich mit Miß Fotheringay? Ich wünſche nicht, daß ſie ihrem Namen, während ſie auf der Bühne iſt, Schande macht. Meine Familie, Sir, iſt ein ſtolzes Volk, und die Coſtigans von Coſtiganstown glauben, daß ein ehrlicher Mann, der Ihrer Majeſtät Farben im hundert und dritten getragen hat, ſich erniedrigt, indem er erlaubt, daß ſeine Tochter ihrem Vater das Brod verdient.“ „Es kann in der That keine ehrenhaftere Pflicht geben,“ ſagte Pen. „Ehrenhaft! ganz gewiß, Sir, ich möchte den Mann ſehen, welcher ſagte, Jack Coſtigan würde zu etwas Unehrenhaftem ſeine Zuſtimmung geben, ich habe ein Herz, Sir, obgleich ich arm bin; ich liebe den Mann, der ein Herz hat, Sie haben eines? ich leſe es in Ihrem ehrlichen Geſicht und Ihrem feſten Auge, und wollen Sie mir glauben,“ fuhr er nach einer Pauſe mit pathetiſchem Flüſtern fort, „daß der Bingley, der ſein Glück durch mein Kind gemacht hat, ihr nur zwei Guineen die Woche gibt, wobei ſie ſich noch in Klei⸗ 75 dern verhält und was als Zngabe zu meinen eigenen kleinen Mitteln all unſer Einkommen ausmacht?“ Nun aber waren die Mittel des Kapitäns ſo ge⸗ ring, daß ſie, faſt möchte man ſagen unſichtbar waren, aber Niemand weiß, wie der Wind für geſchorene iriſche Lämmer geht und in welchen wunderbaren Plätzen ſie Weide finden. Wenn Kapitän Coſtigan, den ich die Ehre hatte zu kennen, nur ſeine Geſchichte hätte er⸗ zählen wollen, ſo würde es eine große, moraliſche Lek⸗ tion ſein, aber er würde ſie nie erzählt haben, wenn er konnte, noch gekonnt haben, wenn er wollte; denn der Kapitän war nicht allein ungewohnt, die Wahrheit zu ſagen, — er war unfähig, ſie auch nur zu denken — und Wirklichkeit und Dichtung gaukelten in ſeinem verwirrten, verbranntweinten Gehirne wild durcheinan⸗ der. Er begann ſeinen Lebenslauf glanzvoll mit ein paar roſigen Wangen, einer ſchönen Perſon und einer der ſchönſten Stimmen in der Welt, bis in ſeine letzten Tage ſang er mit bewundernswürdigem Pathos und Humor jene wundervollen, iriſchen Balladen, welche ſo luſtig und melancholiſch ſind, und war immer der Erſte, über ihren tragiſchen Inhalt aufzuweinen. Armer Cos! er war zumal brav und betrunken, launig und einfäl⸗ tig; immer gutmüthig und manchmal beinahe zuver⸗ läßig, und bis zu ſeinem letzten Tag pflegte er mit Jedermann zu trinken und Jedermanns Rechnung zu füllen, und ſein Ende war in einem Spunginghaus *), wo der Diener des Sheriff's, der ihn aufgriff, ihm durch die Finger ſah. In dem kurzen Morgen ſeines Lebens war Cos die Wonne der Regimentstiſche und hatte die Ehre, ſeine bacchanaliſchen und ſentimentalen Lieder an den Tiſchen der berühmteſten Generale und *) Spunging house iſt ein Haus, in welchem Schuldner, die man verhaftet, einſtweilen verwahrt werden, bis ihnen ein be⸗ ſtimmtes Gefängniß angewieſen wird, und wo die Bailiffs auf Koſten der Gefangenen leben. 76 Oberbefehlshaber zu ſingen, während welcher Periode er drei Mal ſo viel Claret trank, als gut für ihn war und ſein zweifelhaftes väterliches Erbtheil aufbrauchte. Was nach ſeinem Rücktritt aus der Armee aus ihm wurde, gehört nicht für unſere Unterſuchung. Ich nehme es als zugegeben an, daß kein Fremder das Le⸗ ben eines geldloſen iriſchen Gentlemans verſteht, die Kunſt, mit welcher er ſich immer über dem Waſſer er⸗ hält, die geldverſchaffenden Verſchwörungen, in die er ſich mit Helden einläßt, die eben ſo unglücklich ſind als er — die Mittel, durch welche er während der meiſten Tage der Woche ſeine Portion Whisky und Waſſer auf⸗ zutreiben weiß — all das iſt uns ein unbegreifliches Geheimniß und wir bemerken nur, daß Jack durch alle Stürme des Lebens ſich flott erhalten, und daß die Lampe ſeiner Naſe niemals ausgegangen war. Ehe er und Pen eine halbſtündige Unterhaltung gepflogen, ſuchte der Kapitän von dem jungen Gentle⸗ man durch ein paar Billette in ein Benefiz ſeiner Tochter, welches in Bälde gegeben werden ſollte, ein paar So⸗ vereigns herauszuſchlagen und es war keine Unterhand⸗ lung bona fide wie voriges Jahr, als die arme Miß Fotheringay fünfzehn Shillinge verloren, ſondern es war ein Abfinden mit dem Direktor, wodurch die Lady den Verkauf einer gewiſſen Anzahl Billette haben ſollte, und für ſich einen großen Theil der Kaufſumme be⸗ hielt. Pen hatte nur zwei Pfund in ſeiner Börſe und die übergab er dem Kapitän für die Billete. Er hätte Anſtand genommen, mehr zu bieten, um nicht das Zart⸗ gefühl des Letztern zu verletzen. Coſtigan krizelte ihm eine Anweiſung für eine Loge und ließ die Sovereigns gleichgiltig in ſeine Taſche gleiten und ſchlug mit der Hand auf die Stelle, wo ſie lagen, ſie ſchienen ſeine alten Seiten zu erwärmen. „Meiner Treu, Sir,“ ſagte er, „die Goldbarren find bei mir kärglicher als vor Zeiten, wie das hei manchem guten Schelme geht. Ich 77 gewann ihrer ſechshundert in einer Nacht, als mein guter Freund, Se. königliche Hoheit der Herzog von Kent, in Gibraltar war,“ und ſtracks erzählte er Pen eine Reihe von Geſchichten über den Claret, der dort getrunken, die gemachten Wetten, die Wettrennen, welche die Garniſon daſelbſt gehalten, womit er den jungen Gentleman unterhielt, bis zur Ankunft ihres Gaſtfreundes und ſeines Frühſtücks. Es war lieblich anzuſehen, wie ſich der Kapitän vor dem verteufelten Truthahn und den Hammelsrippen benahm. Seine Geſchichten entſtröͤmten unaufhörlich und ſein Geiſt erhob ſich, wie er mit den jungen Män⸗ nern plauderte. Als er ein Bischen Sonnenſchein be⸗ kam, wärmte ſich der alte Lazaronie darin, er ſchwatzte von ſeinen eigenen Angelegenheiten und ſeinem vergan⸗ genen Glanze, von all den Lords, Generalen und Lord⸗ lieutenants, die er jemals gekannt. Er beſchrieb den Tod ſeiner geliebten Beſſie, der weiland Mrs. Coſtigan, und die Ausforderung, die er dem Kapitän Shanty Clancy, von den Slaſchers ſandte, weil er Miß Fotheringay, als ſie auf ihrem Kyar*) in dem Phaynir*) war, unverſchämt an⸗ ſah, und dann beſchrieb er, wie der Kapitän ſich ent⸗ ſchuldigte, ein Diner in der Kildare⸗Street gab, wo ſechs von ihnen ein und zwanzig Flaſchen Claret tran⸗ ken u. ſ. w., er kündigte an, daß mit zwei ſolchen edeln und noblen Geſellen zuſammen ſitzen das Glück und der Stolz eines alten Soldaten ſei, und als er ein zweites Glas Curacao getrunken, war er ſo glucklich, daß er zu lärmen begann. Wir müſſen ſagen, daß der Kapitän kein Mann von viel Geiſtesſtärke, noch ein für die Jugend zu wählender Geſellſchafter war, aber daß es ſchlimmere Leute gibt, die in höhern Poſten ſtehen und die malhonetter ſind und doch nicht halb ſo viel Schel⸗ *) das engliſche Car, ein zweirädriges, vierſitziges Gefährt. **) Phaenin, ein Park bei Dublin. 78 mereien ausgeführt haben. Sie gingen aus, indem der Kapitän jeden ſeiner theuern jungen Freunde am Arme hielt und in einem weinſeligen Zuſtande warz er winkte nach einem und dem andern Kaufladen, wo er möglicherweiſe eine Rechnung ſchuldig war, als wollte er ſagen: „ſeht, in welcher Geſellſchaft ich bin — glaubt mir, ich bezahle euch, Jungen“ — und dann ſchieden ſie endlich von Mr. Foker an einem Billard⸗ zimmer, wo Letzterer ein beſondres Engagement mit einigen Gentlemen von Oberſt Swallowtail's Regiment hatte. Pen und der ſchäbige Kapitän gingen zuſammen weiter durch die Straße, indem der Kapitän ſchlauer Weiſe über Mr. Fokers Glücksumſtände und Stellung im Leben Erkundigung anſtellte. Pen ſagte ihm, daß Fokers Vater ein berühmter Bräuer und ſeine Mutter Lady Agnes Milton, Lord Roſherville's Tochter ſei. Der Kapitän brach in einen Strom übertriebener Kompli⸗ mente und Lobſprüche Mr. Fokers aus, deſſen „ange⸗ borne Ariſtokratie,“ wie er ſagte, „ſich keinen Angenblick verläugne — und nur dazu diente, andere Eigenſchaften, die er beſitze, einen feinen Verſtand und ein edles Herz zu ſchmücken,“ während der Kapitän ain keines ſeiner Worte glaubte. Pen ging weiter, indem er verwun⸗ dert, gekurzweilt und verwirrt auf ſeines Begleiters Geplauder horchte. Es war dem Jungen noch nicht in den Sinn gekommen, eine der Angaben, die er machte, in Zweifel zu ziehen. Da er ſelbſt aufrichtiger Natur war, ſo nahm er natürlich Alles, was die Leute ihm ſagten, als baare Münze auf. Coſtigan hatte nie einen beſſeren Zuhörer und fühlte ſich durch die Aufmerkſam⸗ keit und das beſcheidene Benehmen des jungen Mannes höchlich geſchmeichelt. So viel Gefallen hatte er an dem jungen Mann, ſo arglos, ehrlich und aufgeräumt ſchien ihm Pen zu ſein, daß der Kapitän ihm endlich eine Einladung machte, die er ſehr ſelten jungen Männern geſtattete und Pen 79 fragte, „ob er ihm die Gunſt erweiſen wollte, in ſeine niedrige Behauſung, die in der Nähe ſei, einzutreten, wo der Kapitän die Ehre haben werde, ſeinen jungen Freund bei ſeiner Tochter Miß Fotheringay einzu⸗ führen?“ Pen war ſo entzückt über dieſe Einladung und von dem plötzlich ihm gebotenen Glücke ſo ergriffen, daß er zuerſt glaubte, er würde an des Kapitäns Arm nieder⸗ ſinken und zitterte, es möchte der Andere ſeine Aufre⸗ gung entdecken. Er ſtammelte in einigen unzuſammen⸗ hängenden Worten das hohe Vergnügen, das er empfinden werde, wenn er einer Lady vorgeſtellt werde, für deren — für deren Talent er ſolche Bewunderung — ſolch außerordentliche Bewunderung fühlte, und folgte dem Kapitän, indem er kaum wußte, wohin der Gentleman ihn führte. Er ſollte ſie ſehen! er ſollte ſie ſehen! in ihr war der Mittelpunkt des Alls, ſie war der Kern der Welt für Pen, das Geſtirn, ehe er ſie kannte, ſchien ſo weit hinter ihm zu liegen — eine Revolution lag zwiſchen ihm und der Vergangenheit, und eine neue Welt that ſich auf. Der Kapitän führte ſeinen jungen Freund in jenes ruhige Sträßchen in Chatteries, das die Priorgaſſe heißt, welche in dem geiſtlichen Qnartier der Stadt, dicht am Dean's⸗Green und den Domherrnhäuſern liegt und von den Rieſenthürmen der Domkirche überſchaut wird. Dort wohnte der Kapitän beſcheiden in dem er⸗ ſten Stock eines niedrigen Dachſtuhlhauſes, an deſſen Thür die Meſſingplatte ausweist: „Creed, Schneider und Kleidermacher.“ Creed war jedoch todt, und ſeine Wittwe war Kirchſtuhlöffnerin in der nahen Domkirche. Sein älteſter Sohn war ein kleiner Vagabund von Chorknabe, der halfpenny *) ſpielte, ſeine kleinen Brüder verführte und eine ſo liebliche Stimme wie Man warf ein Halfpennhſtück in die Höhe und rieth, auf welche Seite es auffallen würde. 80 ein Engel hatte. Ein paar der Letztern ſaßen auf der Thürtreppe, von der man in den Eingang des Hauſes hinabging, und mit großer Munterkeit ſprangen ſie ihrem Miethsmann entgegen und warfen ſich, zu Pen's Erſtaunen, wild auf die Schwalbenſchwänze von des Kapitäns Rock, denn in Wahrheit zu geſtehen, der gut⸗ müthige Gentleman brachte, wenn er bei Kaſſe war, insgemein einen Apfel oder ein Stück Lebkuchen für dieſe Kinder nach Haus, „was zur Folge hatte, daß die Wittwe nicht zu einer Zeit mit der Hausmiethe drängte, wo es nicht geeignet war,“ wie er dann gegen Pen ſchlau winkend und ſeinen Finger auf die Naſe legend bemerkte. Pen taumelte die Treppe hinab, und wie er ſeinem Begleiter die knarrende, alte Treppe hinauf folgte, zit⸗ terten ſeine Knie unter ihm; er konnte kaum ſehen, als er dem Kapitän folgend eintrat und in dem Zimmer — in ihrem Zimmer ſtand. Er ſah etwas Schwarzes vor ſich, das ſich bewegte, als ob es eine Verbeugung machte und hörte, aber ganz undeutlich, wie Coſtigan eine Rede über ihn hielt, in der der Kapitän mit ſeiner gewohnten Groß ſprechrei gegen „ſein Kind“ ſeinen Wunſch ausdrückte, ſie mit ſeinem theuren und bewunderungs⸗ würdigen jungen Freunde Mr. Arthur Pendennis, ei⸗ nem jnngen Grundbeſitzer in der Nachbarſchaft, einem Manne von feiner Bildung und liebenswürdigem Cha⸗ rakter, einem aufrichtigen Liebhaber der Dichtkunſt und einem Manne von fühlendem zuneigungsvollem Herzen bekannt zu machen. „Es iſt ſehr ſchönes Wetter,“ ſagte Miß Fotheringay mit einem iriſchen Accent und einer tiefen, vollen me⸗ lancholiſchen Stimme. „Sehr,“ ſagte Mr. Pendennis. Auf dieſem roman⸗ tiſchen Wege begann ihre Unterhaltung. Sie war außer der Bühne noch ſchöner, als vor den Lampen, alle ihre Attitüden waren natürlich, gran⸗ divs und majeſtätiſch. Wenn ſie ging und vor dem 81 Kamingefimſe ſtand, drapirte ſich ihr Gewand klaſſiſch um ſie herz ihr Kinn ſtützte ſich auf ihre Hand, die“ andern Umriſſe ihrer Geſtalt ordneten ſich in vollen, harmoniſchen Stellungen, ſie ſah wie eine ſinnige Muſe aus. Wenn ſie auf einen Rohrſeſſel niederſaß, rundete ſich ihr Arm über den Rücken des Sitzes. Ihre Hand ſah aus, als ob ein Scepter ihr gebürte, die Falten ihres Anzuges fielen natürlich rund um ſie her, wie Ehrendamen um einen Thron, und ſie ſchaute darein wie eine Kaiſerin. Alle ihre Bewegungen waren graziös und gebieteriſch. Am Morgen ſah ihr Haar blauſchwarz aus, ihr Geſicht war von blendender Schönheit, mit dem ſchmachtendſten Erröthen, das um ihre Wangen ſpielte, ihre Augen waren grau mit wundervollen lan⸗ gen Wimpern, und was ihren Mund betrifft, ſo hat mir Pendennis ſpäter zu verſtehen gegeben, daß er von auffallend rother Farbe war, mit der das glänzendſte Geranium, Siegellack oder ein Hofbedientenrock nicht wetteifern konnte. „Und ſehr warm,“ fuhr die Kaiſerin und Königin von Saba fort. Mr. Pen ſtimmte wieder bei, und die Unterhaltung ging auf dieſe Weiſe fort. Sie fragte Coſtigan, ob er einen vergnügten Abend im George gehabt hätte, und er berichtete ihr das Abendeſſen und die Punſchtummler. Dann fragte ſie der Vater, wie ſie den Morgen zuge⸗ bracht hätte. „Bows kam,“ ſagte ſie, „um zehen Uhr, und wir ſtudirten Ophelia. Es iſt für den vierund⸗ zwanzigſten, wo ich hoffe, Sir, wir werden das Ver⸗ gnügen haben, Sie zu ſehen.“ „Gewiß, gewiß, das werden Sie!“ ſagte Pen, indem er ſich wunderte, daß ſie „Ophelia“ mit einer iriſchen Modulation der Stimme ſprechen ſollte, während ſie auf der Bühne nicht den geringſten irländiſchen Accent hatte. „Ich habe ihn für dein Beneſiz geſichert, Liebe,“ ſagte der Kapitän, indem er an ſeine Weſtentaſche griff, in Pendennis. 1. 6 8² der Pen's Syverigns lagen, und Pen mit einem Auge winkte, worüber der Junge erröthete. „Mr. — der Gentleman iſt ſehr verbindlich,“ ſagte Mrs. Haller. „Ich heiße Pendennis,“ ſagte Pen erröthend, „ich — ich — hoffe, Sie werden den Namen im — Gedächt⸗ niß behalten.“ Sein Herz pochte, als er dieſe kühne Erklärung machte, dermaßen, daß er beinahe darüber erſtickte. „Pendennis,“ begann ſie wieder langſam und ihm voll in die Augen ſchauend mit einem Blicke, ſo frei, ſo klar, ſo glänzend, ſo durchdringend, mit einer Stimme ſo lieblich, ſo offen, ſo leiſe, daß das Wort und der Blick Pen durchdrang, und ihn vor Wonne zu voll⸗ kommenem Erſtarren brachte. „Ich wußte nie zuvor, daß der Name ſo hübſch ſei,“ ſagte Pen. „s iſt ein ſehr hübſcher Name,“ ſagte Ophelia „Pentweazle iſt kein hübſcher Name. Erinnerſt Du Dich, Papa, als wir auf dem Norwicher Zuge waren, des jungen Pentweazle, (ſpr. Pentuihsl) der die unter⸗ geordneten Rollen alter Männer ſpielte, und Miß Raney, die Colombine heirathete: ſie find jetzt Beide in London am Queen's Theater angeſtellt und bekommen fünf Pfund die Woche. Pentweazle war nicht ſein rechter Name. Judkin gab ihn ihm, ich weiß nicht warum. Er hieß Harrington; das heißt, ſein rechter Name war Potts, ſein Vater ein ſehr reſpektabler Geiſtlicher. Harrington war in London und gerieth in Schulden. Du erinnerſt Dich, er kam in Falkland ans Tageslicht, ſeine Mutter iſt Mrs. Bunce's Julie.“ „Und eine hübſche Julie war das!“ fiel der Ka⸗ pitän ein, „eine Fünfzigerin und Mutter von zehen Kindern. Du hätteſt damals Julie ſein können, oder ich heiße nicht Jack Coſtigan.“ „Ich ſtand damals nicht oben an,“ bemerkte Miß Fotheringay beſcheiden, „ich eignete mich noch nicht da⸗ für, bis Bows mich lehrte.“ 83 „Du haſt Recht, meine Theure,“ ſagte der Kapitän, und gegen Pendennis gewandt fuhr er fort: „in meinen Glücksumſtänden zurückgekommen, Sir, war ich eine zeitlang Fechtmeiſter in Dublin (nur drei Männer im Reiche konnten's ein Mal mit dem Rappier mit mir aufnehmen, aber Jack Coſtigan wird jetzt alt und ſteif) und meine Tochter bekam ein Engagement bei dem Theater hier, und mein Freund, Mr. Bows, der ihre Fähigkeiten ſah, und ein ungemein ſcharffinniger Kopf iſt, gab ihr Lektionen in der dramatiſchen Kunſt, und machte aus ihr, was Sie jetzt ſehen. Was haſt Du gethan, Emily, ſeit Bows fort iſt?“ „Ich machte eine Paſtete (pie ſprich pai),“ ſagte Emily mit vollkommener Einfalt, ſie ſprach es poi aus. „Wenn Sie ſie um vier Uhr koſten wollen, Sir, ſo ſagen Sie zu;“ ſagte Coſtigan artig. „Das Mäd⸗ chen, Sir, macht die beſte Kalbfleiſch⸗ und Schinken⸗ paſtete in England, und ich glaube, ich darf Ihnen ein Glas Punſch vom rechten Geſchmack verſprechen.“ Pen hatte verſprochen, um ſechs Uhr beim Diner daheim zu ſein, aber der Schelm glaubte, er könne Vergnügen und Pflicht in dieſem Punkte vereinigen, und war nur zu bereit, die Einladung anzunehmen. Er ſah mit Wonne und Bewunderung zu, wie Ophelia ſich im Zimmer beſchäftigte und Vorbereitungen zum Diner traf, ſie ſtellte die Gläſer auf, legte das kleine Tiſch⸗ tuch zu Recht und glättete es, lauter Geſchäftchen, die ſie mit ruhiger Grazie und gutem Humor verſah, was ihren Gaſt mehr und mehr bezauberte. Die Poi kam zur beſtimmten Stunde an, auf den Händen des einen der Brüder des kleinen Chorknaben: und um vier Uhr ſaß Pen am Diner — wirklich am Diner mit der größ⸗ ten tragiſchen Actrice in der Welt und ihrem Vater — mit dem ſchönſten Weibe der Schöpfung — mit ſeiner erſten und einzigen Geliebten, die er jemals anbetete, ſeit wann? — ſeit geſtern und in alle Ewigkeit. Er 84 aß eine Rinde von ihr bereitet, er ſah ſie ein Glas Punſch trinken — juſt ein Weinglas voll — aus dem Tummler, den ſie für ihren Papa miſchte. Sie war die Gutmüthigkeit ſelbſt, und erbot ſich, auch einen für Pendennis zu miſchen. Er war außerordentlich ſtark; Pen hatte nie in ſeinem Leben ſoviel Geiſt und Waſſer getrunken, war es der Punſch oder die Punſchmacherin was ihn betrunken machte? Während des Diner, und als der Kapitän, den ſeine Tochter auf das reſpektvollſte behandelte, aufhörte von ſich und ſeinen Abenteuern zu plaudern, verſuchte Pen die Fotheringay in eine Unterhaltung über Dicht⸗ kunſt und ihren Beruf zu ziehen; er fragte ſie, was ſie von Ophelia's Wahnfinn halte, und ob ſie in Hamlet ver⸗ liebt ſei, oder nicht? „Verliebt in einen ſo kleinen odioſen Wicht, wie der verbuttete Direktor Bingley?“ Sie erhob ſich mit Entrüſtung bei dem Gedanken. Pen erklärte ihr, daß er nicht von ihr ſpreche, ſondern von Ovhelia in dem Stück. „O gewiß, wenn keine Beleidigung gemeint war, ſo wurde es auch nicht als ſolche aufgenommen: was aber Bingley betreffe, ſo ſchlage ſie ihn nicht hoch an, nicht für dieſes Glas Punſch.“ Pen verſuchte ſie nächſtdem mit Kotzebue: „Kotze⸗ bue? wer war denn der?“ — „Der Verfaſſer des Stücks, in dem ſie ſo bewunderungswürdig geſpielt hatte.“ „Sie wüßte das nicht, der Mannsname auf dem Titel des Buches ſei Tompſon.“ Pen lachte über ihre göttliche Einfalt; er erzählte ihr, von dem traurigen Schickſal des Verfaſſers von dem Stück, und wie Sand ihn ge⸗ tödtet habe. Das erſte Mal in ihrem Leben hörte Miß Coſtigan von dem Daſein Herrn Kotzebue's, aber ihre Miene verrieth ſehr viel Intereſſe für ihn, und ihr Mit⸗ gefühl genügte für den ehrlichen Pen. Und in Mitte dieſer unſchuldigen Unterhaltung ſchlug die Stunde und ein Viertel, welches der arme 85⁵ Pen noch zugeben konnte, entfloh nur zu ſchnell. Er hatte ſich verabſchiedet, war fort, und auf dem Rücken der Rebekka in eiligem Heimzug begriffen. Sie wurde angeſpornt, ihr Feuer in den drei Touren dieſes Tages zu zeigen. „Von was ſprach er? von dem Wahnſinn des Ham⸗ let und der Theorie des großen deutſchen Kritikers,“ ſagte Emily, „über den Gegenſtand ?“ „Wirklich, ich weiß es nicht, theure Milly,“ ant⸗ wortete der Kapitän, „wir wollen Bows fragen, wenn er kommt.“ „Sei dem, wie ihm wolle, er iſt ein netter, höfli⸗ cher, hübſcher, junger Mann,“ ſagte die Laby. * „Meiner Treu, er nahm ſechs und gab mir zwei Guineen, Milly,“ ſagte der Kapitän, „ich vermuthe, der junge Herr iſt nicht ſtark bei Geld.“ „Er iſt voll Büchergelehrſamkeit,“ fuhr Miß Fotheringay fort. „Kotzebue, he, he, was das für ein drolliger Name iſt, und der arme Burſche wurde erſt noch von Sand getödtet! Habt ihr je von ſo was ge⸗ hört? Ich will Bows darüber befragen, lieber Papa.“ „Ein wunderlicher Tod, ſo viel iſt gewiß,“ rief der Kapitän, und ging von dem peinlichen Gegenſtande ab. „Eine ſtattliche Stute reitet der junge Gentleman,“ fuhr Coſtigan fort; „und ein ganz grandioſes Frühſtück hat uns der Mr. Foker aufgetiſcht.“ „Er ſteht gut für zwei Privatlogen und wenigſtens zwanzig Billete. ſollt, ich ſagen,“ rief die Tochter, ein verſtändiges Mädchen, das immer ſeine ſchönen Augen auf die Hauptſache gerichtet hatte. „Dafür bin ich gut,“ antwortete der Papa, und ſo ging ihre Unterhaltung eine Weile fort, bis der Punſch⸗ tummler zu Ende war, und ihre Stunde des Abſchiedes ſchlug; denn um halb ſechs Uhr mußte Miß Fotherin⸗ gay wieder auf dem Theater erſcheinen, wohin ihr Va⸗ ter ſie immer begleitete, und ſtand, wie wir geſehen ha⸗ ben, in der Kuliſſe, ſie beobachtend, und trank Schnapps 86 und Waſſer im Garderobezimmer mit dem Theater⸗ volk. „Wie ſchön ſie iſt,“ dachte Pen, indem er heim⸗ wärts galoppirte. „Wie einfach und wie zärtlich, wie bezaubernd iſt es, eine Lady von ihrem hohen Genins zu ſehen, wie ſie ſich mit den wonniglichen, wenn gleich niedern Dienſten des häuslichen Lebens beſchäftigt, in⸗ dem ſie Gerichte kocht, um es ihrem alten Vater behag⸗ lich zu machen, und für ihn mit ihren zarten Händen ein Getränke braut; wie unſanft war es von mir, von Angelegenheiten des Berufs zu ſprechen, und wie gut ſie die Unterhaltung abzulenken wußte, mittlerweile ſprach ſie ſelbſt von ihrem Beruf, aber mit welchem Humor erzählte ſie die Geſchichte von ihrem Kamera⸗ den Pentweazle, wie ſie ihn nannte. Es geht Nichts über den iriſchen Humor. Ihr Vater iſt etwas ermü⸗ dend, aber durch und durch liebenswürdig, und wie ſchön von ihm, Lektionen im Fechten zu geben, nachdem er die Armee verlaſſen, wo er der Liebling des Herzogs von Kent war. Fechten! Ich wünſchte ſehr meine Fechtübungen fortzuſetzen, ſonſt vergeſſe ich Alles, was ich von Angelo lernte, und Arthur ſah es immer gern, wenn ich focht. Er ſagt, es iſt dies die Uebung eines Gentleman. Teufel auch! ich will einige Lektionen im Fechten nehmen. Fort, fort Rebekka, auf den Hügel⸗ alte Lady, Pendennis, Pendennis, wie ſprach ſie doch das Wort aus! Emily, Emily, wie gut, wie nobel, wie ſchön, wie vollkommen ſie iſt.“ Nun kann der Leſer, der den Vortheil gehabt, die ganze Unterredung Pen's mit Miß Fotheringay mit an⸗ zuhören, für ſich ſelbſt urtheilen über ihre Geiſteskräfte, und mag vielleicht geneigt ſein, zu denken, daß ſie nichts außerordentlich Launigtes oder Verſtändiges im Verlauf ihrer Unterredung geſagt habe. Sie hat indeſſen geheirathet und als die fleckenloſeſte und untadelhafteſte Lady ihre Stellung in der Welt eingenommen, und ich habe das Vergnügen gehabt, ihre Bekanntſchaft zu ma⸗ 87 chen, und ich muß zur Steuer der Wahrheit gegen die Anſicht meines Freundes Pen bezeugen, daß ſeine an⸗ gebetete Emily kein ſehr gewandtes Frauenzimmer war. Die Wahrheit iſt, daß ſie nicht allein nie von Kotzebue gehört, ſondern auch nie von Farquhar oder Congreve oder einem andern Dramatiker, in deſſen Spielen ſie nicht eine Rolle gehabt: und von dieſen Dramen kannte ſie nur den Theil, in dem ſie ſelbſt betheiligt war. Ein Schalk machte ihr einmal weiß, daß Dante in Algier das Licht der Welt erblickt habe, und fragte ſie, — was Dr. Johnſon zuerſt geſchrieben: Irene, oder Jeder⸗ mann in ſeiner Laune; aber ſie zog ſich aufs Beſte aus dem Scherz: ſie hatte nie von Irene, oder Jedermann in ſeiner Laune, oder Dante, oder vielleicht ſelbſt Algier gehört. Es war ihr Alles eins. Sie agirte, was der kleine Bows ihr angab, wo er ſie ſchluchzen hieß, ſchluchzte ſie — wo lachen, lachte ſie. Sie gab die Tirade oder die beißende Antwort ohne den geringſten Begriff von ihrer Bedeutung. Sie ging und geht noch jeden Sonn⸗ tag zur Kirche mit einem vollkommen unbefleckten Ruf, und hat an Verſtand ſo wenig Theil, als an einem Verbrechen. Aber was wußte unſer Pen von dieſen Dingen, er ſah ein paar glänzende Augen und glaubte an ſie — ein ſchönes Bild und fiel davor nieder und betete an. Er ergänzte die Bedeutung, die ihre Worte nicht hatten und ſchuf die Gottheit, die er liebte. War Ti⸗ tania die Erſte, die ſich in einen Eſel verliebte, und Pygmalion der einzige Künſtler, der über einem Stein in Wahnſinn gerieth? Er hatte ſie gefunden, er hatte gefunden, wonach ſeine Seele dürſtete: Er ſtürzte ſich in den Strom und trank mit vollen Zügen. Mögen diejenigen, die es auch ſchon dürſtete, ſagen, wie wonne⸗ voll dieſer erſte Zug geweſen. Als er den Baumgang hinabritt und ſich der Heimath näherte — lachte Pen laut auf, als er den hochehrwürdigen Mr. Snmirke feierlich auf ſeinem Klepper von Fairvaks daher reiten 88 ſah. Smirke hatte getändelt und ſich an den Hütten auf dem Wege aufgehalten und dann gefaſelt mit Laura über ihre Lectionen und dann zu Mrs. Pendennis Gär⸗ ten und verbeſſerten Anlagen aufgeſchaut. Und er hatte ſich in der allerletzten Minute verab⸗ ſchiedet, ohne jene Einladung zum Diner, auf die er ſo ſehnlich gewartet. Pen war voll Freudigkeit und Triumph. „Was, aufgeſchwänzt, wohl und geſund?“ rief er lachend, „komm zurück mit mir, alter Junge, und verſpeiſe mein Diner. Ich habe ſchon mein Theil gehabt: aber wir trinken eine Flaſche Alten auf Ihre Geſundheit, Smirke.“ Der arme Smirke wandte ſeinem Klepper den Kopf und trabte mit Arthur davon. Seine Mutter war hoch⸗ erfreut, ihn in ſo gutem Humor zu ſehen und hieß Mr. Smirke wegen ſeiner willkommen, als Arthur ſagte, er habe den Pfarrgehilfen zum Diner zurückgenöthigt, er gab eine äußerſt poſſierliche Schilderung von dem Schauſpiel der vorigen Nacht und wie der Direktor Bingley in ſeinen verkrippelten heſſiſchen Stiefeln und die umfangreiche Mrs. Bingley als Gräfin in dem ver⸗ runzelten grünen Satinkleid und einem polniſchen Hute auftrat: er äffte ſie nach zum großen Ergötzen ſeiner Mutter und der kleinen Laura, welche vor Vergnügen in die Hände klatſchte. „Und Mrs. Haller?“ fragte Mrs. Pendennis. „Sie iſt eine stunner' Ma'am,“ ſagte Pen lachend, die Worte ſeines Freundes Foker gebrauchend. „Eine — was, Arthur?“ fragte die Lady. „Was iſt eine stunner,“ Arthur? rief Laura in demſelben Tone. So gab er denn eine ſchnurrige Schilderung von Mr. Foker und wie er in der Schule dieſen und jenen Spottnamen erhalten habe, wie er jetzt außerordentlich reich und ein Student in St. Bonifaze ſei. Aber ſo aufgeräumt und mittheilſam Mr. Pen auch war, ſo agte er doch kein Wörtchen von ſeinem Ritt nach 89 Chatteries oder den neuen Freunden, die er dort gewon⸗ nen hatte. Als die beiden Ladies ſich entfernt hatten, füllte Pen mit ſtrahlenden Augen zwei Humpen mit Madeira und ſprach, Smirke voll ins Geſicht blickend: „hier, auf Sie!“ „Hier, auf ſie!“ ſprach der Pfarrgehilfe mit einem Seufzer, indem er das Glas erhob und es leerte, ſo daß ſein Geſicht, als er es hinuntergeſtürzt hatte, einen Anflug von Roth erhielt. Pen hatte dieſe Nacht noch weniger Schlaf als die vorige. Morgens, beinahe ehe es dämmerte, verließ er ſein Zimmer, ſattelte ſelbſt die unglückliche Rebekka und ritt wie ein Wahnſinniger die Hügel hinab. Wieder hatte ihn Liebe geweckt und geſagt, erwache, Pendennis, ich bin hier. Das Wonnefieber, die Sehnſucht, das Feuer der Leidenſchaft, die Ungewißheit er hielt ſie feſt — er wollte um alles in der Welt ſie nicht verlieren. Sechstes Kapitel, handelt von Liebe und Krieg. Cicero und Euripides machten für die nächſte Folge⸗ zeit Mr. Pen nicht viel zu thun, und der ehrliche Mr. Smirke hatte eine ſehr leichte Zeit. Rebekka war das Geſchöpf, das bei dem zeitigen Gemüthszuſtande Pen's am meiſten zu leiden hatte: denn außer jenen Tagen, wo er öffentlich ſeine Abſicht, nach Chatteries in die Fechtſtunde zu gehen, ankündigen konnte und dahin mit Wiſſen ſeiner Mutter ging, machte der junge Schelm, 90 ſo oft er drei Stunden vor ſich frei ſah, einen Parfor⸗ ceritt nach der Stadt und fand ſeinen Weg nach der Priorsgaſſe. Er war ſo wüthend vor Aerger, als Re⸗ bekka lahm wurde, wie Richard vor Bosworth, als ſein Pferd unter ihm getödtet wurde, und kam tief in die Bücher des Mannes der Chatteries, der die Jagdſtälle hielt, für die Behandlung ſeines eigenen und die Miethe eines andern Thieres. Dann, und vielleicht ein Mal in der Woche, unter dem Vorwande, ein griechiſches Schauſpiel mit Smirke zu leſen, ging der junge Auswürfling ſo zeitig ab, daß er mit dem Competitor (Bewerber) hinabfahren und ein paar Stunden in Chatteries bleiben konnte, und fuhr dann mit dem Rival (Nebenbuhler) wieder zurück, der um 10 Uhr Nachts nach London abging. Ein Mal wäre ſein Geheimniß beinahe durch Smirke's Ein⸗ falt verrathen worden, als Mrs. Pendennis fragte, ob ſie vorige Nacht ſo viel geleſen hätten, oder eine ähn⸗ liche Frage an ihn that. Smirke war im Begriff, die Wahrheit zu ſagen, „daß er Mr. Pendennis gar nicht geſehen hätte,“ als des Letztern Stiefelferſe auf Mr. Smirke's Zehen unter dem Tiſch zu arbeiten begann, um den Pfarrgehilfen vor Verrath zu warnen. Sie hatten natürlich ſchon über den Gegenſtand der Zärtlichkeit geſprochen Es iſt ſehr erbaulich, wenn man nicht ſelbſt in die Unterredung gezogen wird, zwei Verliebte mit einander ſprechen zu hören. Einer muß Vertrauen ſchenken, und der Andere der Vertraute werden. Als der Pfarrgehilfe unter den feierlichſten Gelübden der Verſchwiegenheit von Pens Gemüthszu⸗ ſtand Eröffnungen erhielt, ſprach er mit nicht geringem Zittern, „daß er hoffe, es ſei kein unwürdiger Gegen⸗ ſtand — keine unrechtmäßige Bekanntſchaft, die Pen gemacht habe“ — denn wenn dem ſo wäre, ſo fühlte ſich der arme Schelm verpflichtet, ſein Gelübde zu bre⸗ chen, und Pen's Mutter davon in Kenntniß zu ſetzen. Dann würde es, das fühlte er mit unendlichem Be⸗ * 91¹ dauern, zu böſen Häuſern gehen, und ihm unmöglich werden, den Gegenſtand wieder zu ſehen, der ihm auf der Welt der theuerſte war. „Unrechtmäßig! unwürdig!“ Pen ſprang auf bei der Frage des Pfarrgehilfen. „Sie iſt ſo rein, als ſie ſchön iſt; ich würde mein Herz keinem andern Weibe ſchenken. Ich halte die Sache geheim in meiner Fa⸗ milie, weil — weil ich gewichtige Gründe habe, die ich nicht mittheilen darf. Aber jeder, der ein Wort gegen ihre Reinheit athmet, beſchimpft ſo wohl meine als ihre Ehre und — und, Gott verdamm mich, ich würde es nicht leiden.“ Smirke ſagte mit ſchwachem Lächeln: „Gut, gut, fordern Sie mich nur nicht, Arthur, denn Sie wiſſen, ich kann nicht fechten.“ Aber durch dieſe Mittheilung war der unglückliche Pfarrgehilfe mehr denn je in die Gewalt ſeines Zöglings gegeben, und das Griechiſche ſammt Mathematik litt demgemäß. Wenn der hochehrwürdige Gentleman viel Scharf⸗ ſinn gehabt und in die Ppetenecke des County Chroniele's, das in der Mittwochs⸗Mappe ankam, geſchaut hätte, ſo würde er Mrs. „Haller“ „Leidenſchaft und Genius“ „Strophen an Miß Fotheringay am Theater⸗Royal“ und andere Verſe der düſterſten, feurigſten und leidenſchaft⸗ lichſten Art gefunden haben. Da dieſe Dichtungen aber von ihrem liſtigen Verfaſſer nicht mehr NEP., ſon⸗ dern E. R. O. S. unterſchrieben waren, ſo wußte weder der Hofmeiſter noch Helen, die gute Seele, die alle Verſe ihres Sohnes herausſchnitt, daß NEP. kein anderer als der flammende Eros war, der den der neuen Schauſpielerin ſo leidenſchaftlich eſang. Wer iſt die Lady,“ fragte endlich Mr. Pendennis, „die Dein Rival in dem County Chronicle unaufhoͤrlich beſingt? Es gleicht etwas Dir, lieber Pen, aber das Deinige iſt bei weitem das Beſte.“ 92 Pen bejahte; an dem Abend, da er den „Fremd⸗ ling“ geſehen, habe ſie Mrs. Haller geſpielt, ſie be⸗ komme demnächſt ein Benefiz und werde als Ophelia erſcheinen — „wenn wir hingehen — Shakſpeare, weißt Du, Mutter — ſo können wir Pferde von den Clave⸗ ring Arms haben.“ Die kleine Laura ſprang vor Ver⸗ gnügen auf, ſie wünſchte ein Schauſpiel zu ſehen. Pen führte „Shakſpeare, weißt Du“ an, weil der verſtorbene Pendennis, wie einem Manne von ſeinem Charakter zukam, außerordentlichen Reſpekt für den Barden von Avon bezeugte, in deſſen Werken gewiß mehr Poefie als in allen Johnſon's Dichtern zuſammen gefunden werde. Und obgleich Mr. Pendennis nicht viel in den fraglichen Werken las, ſo empfahl er Pen doch ſie zu leſen und bemerkte oft, welches Vergnügen es ihm machen würde, wenn der Junge das Alter habe, ihn und die Mutter in einige gute Stücke des unſterblichen Dichters mitzunehmen. Die ſehr bereiten Thränen tra⸗ ten in der guten Mntter Augen, als ſie ſich der Worte des nun hingeſchiedenen Mannes erinnerte. Sie küßte ihren Sohn zärtlich und ſagte, ſie wolle gehen, Laura ſprang auf vor Freude. War Pen glücklich? — war er beſchämt? Wie er ſeine Mutter ſo umarmte, drängte es ihn, ihr Alles zu ſagen; aber er hielt an ſich, er wollte ſehen, wie ſie ſeiner Mutter gefiele, das Spiel ſollte die Probe ſein, er wollte ſeine Mutter auf die Probe ſtellen, gleich Hamket. Helene bat in ihrer guten Laune Mr. Smirke, ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Der Kirchenmann war von einer zärtlichen Mutter in Clapham erzogen wor⸗ den, welche gegen dramatiſche Vorſtellungen war und hatte deßhalb noch kein Schauſpiel geſehen. Aber Shakſpearel aber mit Mrs. Pendennis in ihrem Wa⸗ gen zu fahren und den ganzen Abend an ihrer Seite zu ſitzen! war ein Wonnegedanke, dem er nicht wider⸗ ſtehen konnte; er that zwar eine ſchwache Einrede, in der er von Verſuchung und Dankbarkeit ſprach und — 93 nahm ſchließlich Mrs. Pendennis äußerſt gütiges Aner⸗ bieten an. Während er ſprach, warf er ihr einen Blick zu, der ihr im höchſten Grade unheimlich war. Sie hatte in letzter Zeit jenen Blick ſie mehr denn ein Mal verfolgen ſehen. Er wurde in den Augen der Wittwe jeden Tag widriger. Wir wollen nicht viel von Pen's Huldigungen gegen Miß Fotheringay ſprechen, denn der Leſer hat bereits ein Pröbchen ihrer Unterhaltung gehabt, von dem ſich nicht viel ſagen läßt. Pen ſaß Stunde für Stunde bei ihr und ſtrömte all ſeine ehrliche Kinderſeele vor ihr aus. Alles wußte, hoffte, fühlte er, hatte er geleſen oder ſich einge⸗ bildet, er wurde nie müde mit Erzählen und Schmach⸗ ten, eins nach dem andern, wo ſeine Gedanken in ſeinem erhitzten Gehirn aufſtiegen, kleidete er ſie in Worte und theilte ſie ihr mit. Ihre Rolle des téte-à-téte war nicht zu ſprechen, ſondern nur zu ſcheinen, als ob ſie verſtünde, was Pen ſprach — (eine ſchwierige Sache, denn der junge Mann platzte mit einem nicht geringen Vorrath von Unſinn heraus) und ausnehmend ſchön und theilnahmvoll darein zu ſchauen. Während er eine ſeiner Tiraden machte und vielleicht entzückt und verwundert über ſeine eigene Beredſamkeit, zwanzig Minuten hinter einander fortſprach — hatte die liebens⸗ würdige Emily, die nicht den zehenten Theil von ſeinen Worten verſtand, Muße, über ihre eigenen Angelegen⸗ heiten nachzudenken und pflegte in ihrem Kopfe an⸗ zuordnen, wie das kalte Schöpſenfleiſch herzurichten, oder wie ſie den ſchwarzen Satin wenden, oder aus dem Schleier einen Hut, wie Miß Thackthwaite's neuer, ſich machen könnte und ſo fort. Pen deklamirte Byron und Moore, Leidenſchaft und Poeſie: ihr Geſchäft war, ihre Angen zu erheben und für einen Augenblick auf ſein Geſicht zu heften und zu rufen, „o, wie ſchön! ach, wie vortrefflich! wiederholen Sie dieſe Strophen noch ein Mal!“ Der Junge begann wieder und ſie kehrte 94 zu ihren eigenen, unſchuldigen Gedanken auf das ge⸗ wendete Kleid oder auf das Schöpſen⸗Haſchi zurück. In der That blieb Pen's Leidenſchaft der liebens⸗ würdigen Emily oder ihrem Vater nicht lange Geheim⸗ niß. Bei ſeinem zweiten Beſuche lag ſeine Bewunde⸗ rung beiden am Tage, und nach ſeinem Abſchied ſagte der alte Gentleman zu ſeiner Tochter, indem er ihr über ſein Glas Grog zuwinkte: „meiner Treu, Milly, mein Schätzchen, ich glaube, Du haſt das Bürſchchen an der Angel?“ „Pah, es iſt ja noch ein Knabe, lieber Papa,“ bemerkte Milly. „Gewiß, er iſt ja noch Kind.“ Pen würde ſehr erbaut worden ſein, wenn er dieſe Phraſe gehört hätte — er galoppirte in wilder Freude dahin, indem er ihren Namen rief. „Du haſt ihn geangelt,“ begann der Kapitän wieder, „und ich ſage Dir, es iſt kein ſchlechter Fiſch. Ich fragte Tom in dem George, und den Krä⸗ mer Flint, wo ſeine Mutter einkauft — hübſches Ver⸗ mögen — fährt im eigenen Wagen, ſplendiden Park, Grund und Boden — Fairvakspark — einziger Sohn — alles ſein Eigenthum mit ein und zwanzig Jahren, könnteſt noch weit gehen und nicht ſo gut fahren, Miß Fotheringay.“ „Es bleibt bei den Jungen meiſt beim Schwatzen,“ bemerkte Milly ernſthaft. „Du weißt, wie Du in Dub⸗ lin mit dem jungen Poldvody abfuhrſt, und ich habe einen ganzen Pult voll Verſe, die er mir ſchrieb, als er in dem Trinity⸗College war, aber er ging fort und ſeine Mutter verheirathete ihn mit einer Engländerin.“ „Lord Poldoody war ein junger Edelmann und bei denen iſt's natürlich: und Du warſt noch nicht in der Stellung, in der Du jetzt biſt, theure Milly, Du mußt aber dieſen jungen Burſchen nicht zu ſehr ermuthigen, bedenke, Jack Coſtigan läßt mit ſeiner Tochter nicht ſpaſſen.“ „Noch ſeine Tochter ſelbſt, Papa, Du darſſt Dich 95 varauf verlaſſen,“ ſagte Milly. „Noch ein Schlückchen unſch, — gewiß er iſt herrlich, Du darfſt Dir mit dem Jungen keine Sorge machen — ich denke, ich bin alt genug, für mich ſelbſt zu ſorgen, Kapitän Co⸗ ſtigan.“ So kam denn Pen Tag für Tag, flürzte herein und galoppirte wieder fort und wurde mit jedem Be⸗ ſuche ungeſtümer; zuweilen war der Kapitän bei ſeinem Beſuche gegenwärtig, da er aber vollkommenes Ver⸗ trauen auf ſeine Tochter ſetzte, ſo war er öfter geneigt, das junge Paar ſich ſelbſt zu überlaſſen, drückte den Hut über ein Auge und trottete bei Pen's Eintritt in irgend einem Geſchäfte davon. Wie wonnevoll waren dieſe Unterhaltungen, des Kapitäns Wohnzimmer war ein niederes, getäfeltes Zimmer mit einem großen Fen⸗ ſter, das auf des Dechant's Garten ging, da ſaß Pen und plauderte — und plauderte mit Emily, die ſo wun⸗ derſchön bei ihrer Arbeit ſaß — ſo wunderſchön und ruhig und das Sonnenlicht ſtrömte zu den großen Fen⸗ ſtern herein und verklärte ihr ſtolzes Geſicht und ihre Geſtalt. Inmitten dieſer Unterhaltung begann die große Glocke zu läuten und er pauſirte lächelnd, bis die mächtige Muſik dahin geſtorben war, oder erhoben gegen Sonnenuntergang die Krähen auf den Ulmen der Kathedrale ein kautes Geſchrei, oder ſcholl der Ton der Orgel und der Chorknaben herüber durch die ruhige Luft und übertönten Pen's Geplauder. Nebenbei muß bemerkt werden, daß Miß Fother⸗ ingay in einem einfachen Shawl und einem geſchloſſe⸗ nen Hut und Schleier jeden Sonntag ihres Lebens in die Kirche ging, begleitet von ihrem unermüblichen Vater, welcher in einem vollen und feinen iriſchen Accent die Reſponſen gab, in die Pſalmen und den Kirchen⸗ geſang einſtimmte und ſich auf's muſterhafteſte benahm. Der kleine Bows, der Hausfreund der Familie, war höchlich erboßt, als er hörte, daß Miß Fotherin⸗ gah ein Bürſchchen ſieben oder acht Jahre jünger als 96 ſie, heirathen ſollte. Bows, der ein Krüppel war, und geſtand, daß er noch ein wenig ungeſtalter als ſelbſt der Direktor Bingley ſei, ſo daß er nicht auf der Bühne erſcheinen konnte, war ein ſeltſamer, tollköpfiger Mann von nicht geringen Talenten und viel Humor. Zuerſt von Miß Fotheringay's Schönheit angezogen, unterrichtete er ſie in der Aktion, er kreiſchte mit ſeiner rauhen Stimme die Rollen, und ſeine Schülerin lernte ſie von ſeinen Lippen durch Uebung und wiederholte ſie mit ihren reichen, vollen Tönen, er zeigte ihr die Attitüden und ſtellle und bewegte jene herrlichen Arme. Diejenigen, welche ſich dieſe große Schauſpielerin auf der Bühne vergegenwärtigen, werden ſich erinnern, wie ſie immer genau die nämlichen Gebärden, Blicke und Töne wiederholte, wie ſie immer auf derſelben Blanke der Bühne die gleiche Stellung einnahm, ihre Augen in demſelben Moment und in dem gleichen Maße rollte und genau mit demſelben herzzerreißenden Pathos und bei derſelben pathetiſchen Silbe zu weinen begann und wenn ſie zitternd und in Aufwallung vor den Zuſchauern erſchien und ſo erſchöpft und thränenvoll um ſich blickte, daß man glaubte, ſie würde von dem Uebermaß des Gefühls zuſammenſinken, ordnete ſie in dem Augen⸗ blick, in dem ſie hinter dem Vorhange war, ihre Haare und ging zu einem Hammelsrippchen und zu einem Glaſe Braunbier nach Hauſe; und wenn die erſchöpfen⸗ den Arbeiten des Tages vorüber waren, ging ſie zu Bett und ſchnarchte ſo entſchloſſen und regelmäßig als ein Kohlenträger. Bows war empört über den Gedanken, daß ſeine Schülerin alle ihre Chancen damit wegwerfen ſollte, daß ſie einem kleinen Landſquire ihre Hand gab. So⸗ bald ein Londoner Direktor ſie ſehen würde, bekäme ſie, prophezeite er, ein Londoner Engagement und zwar mit großem Erfolg. Der Unſtern war nur der, daß die Londoner Direktoren ſie bereits geſehen hatten. Sie hatte vor drei Jahren in London geſpielt und war durch — 97 ihre gänzliche Stupidität durchgefallen. Seitdem hatte ſich freilich Bows ihrer angenommen und Rolle für Rolle eindreſſirt. Wie er arbeitete und ſchrie und ſich hin und her wand und Strophe für Strophe immer und immer wieder repetirte, und mit welch unermüdlicher Geduld und Ungelehrigkeit ſie es that! ſie wußte, daß er ſie herſchulte und ließ ſich herſchulen, ſie war nicht dankbar, nicht undankbar, nicht unfreundlich oder übel gelaunt, ſie war blos dumm; und Pen war wahnſinnig in ſie verliebt. Die Poſtpferde von Clavering Arms kamen zu rechter Zeit an, und führten die Geſellſchaft nach Chat⸗ teries in das Theater, wo Pen zu ſeiner Befriedigung erſah, daß ſich eine ziemlich große Zuhörerſchaft ver⸗ ſammelt hatte. Die jungen Gentlemen von Baymouth hatten eine Loge, in welcher vorn an Mr. Foker und ſein Freund Spavin in vollem, glänzendem Abendkoſtüm ſaßen. Sie begrüßten Pen auf eine kordiale Weiſe und muſterten ſeine Geſellſchaft, mit der ſie zufrieden waren, denn die kleine Laura war ein hübſches, rothwangiges Mädchen mit einer Fülle brauner Locken und Mrs. Pen⸗ dennis in ſchwarzem Sammt mit einem Demantkreuz, das ſie bei hohen Gelegenheiten ſpielen ließ, ſah un⸗ gemein ſchön und majeſtätiſch aus. Hinter ihnen ſaß Mr. Arthur und der artige Smirke mit der Haarlocke, die auf ſeiner hübſchen Stirne ruhte, und der weißen Halsbinde in vollkommener Ordnung. Er erröthete, ſich an einem ſolchen Platze zu finden — aber wie glück⸗ lich war er, daß er da war, er und Mrs. Pendennis brachten das Trauerſpiel „Hamlet“ mit ſich, um der Aufführung zu folgen, wie es Sitte ehrlicher Landleute iſt, wenn ſie in Gala ins Theater gehen. Der Kutſcher Samuel, Stallknecht und Gärtner bei Mr. Pendennis, nahm ſeinen Platz auf dem Parterre, wo Mr. Fokers Dienſtmann gleichfalls zu ſehen war. Es war betupft mit nicht patentirten Dragoner⸗Offizieren, deren Muſik Pendennis. I. 7 S 98 mit der gütigen Erlaubniß des Oberſt Swallowtail wie gewöhnlich das Orcheſter beſetzte, und dieſer beleibte, ausgezeichnete Krieger ſelbſt mit ſeiner Waterloo⸗Me⸗ daille und einer Anzahl ſeiner jungen Offiziere zierte die Logen. „Wer iſt der ältliche Mann, Arthur, der ſich gegen Dich verbeugte?“ fragte Mrs. Pendennis ihren Sohn. Pen erröthete bis an die Ohren, „man heißt ihn Kapitän Coſtigan, Ma'am,“ ſagte er — „ein Offizier, der auf der Halbinſel diente.“ Es war wirklich der Kapitän in einem neuen An⸗ zug, wie er es nannte, und in einem paar großer, wei⸗ ter, bocklederner Handſchuhe, mit deren einem er Pen⸗ dennis zuwinkte, während er den andern über ſein Herz und ſeine Rockknöpfe hielt. Pen ſprach nicht weiter, und wie ſollte Mrs. Pendennis wiſſen, daß Mr. Coſti⸗ gan der Vater der Miß Fotheringay ſei. Mr. Hornbull von London war der Hamlet des Abends, da Mr. Bingley ſich beſcheiden mit der Rolle, des Horatio begnügte und ſeine Hauptſtärke für Wil⸗ liam in der „ſchwarzäugigen Suſanna,“ dem zweiten Stücke, ſparte. Wir haben nichts mit der Aufführung zu thun, und bemerken nur, daß Ophelia liebenswürdig war und mit bewunderungswürdigem wildem Pathos ſpielte, wild darein ſchaute, mit ihren ſchönen weißen Armen geſtikulirte und mit Blumen und Sängen mit dem bezauberndſten Wahnſinn um ſich warf. Welch herrliche Gelegenheit für ihr glänzendes, ſchwarzes Haar über ihre Schultern zu wallen, ſie ſtellte die bezauberndſte Figur dar, die man jemals geſehen; und während Hamlet und Laertes in ihrem Grabe kämpften, fah ſie aus einer hintern Kuliſſe mit einiger Neugierde auf Pen's Loge und die Familienparthie, die ſich dort verſammelt hatte. Es war nur eine Stimme zu ihrem Lob, Mrs. 99 Pendennis war enizückt über ihre Schoͤnheit, die kleine Laura ganz außer ſich über dem Stück und dem Spiel in dem Spiel (während deſſen Pen, als Hamlet zu Ophelia's Füßen lag, Mr. Hornbull gerne erdroſſelt hätte), ſie rief großes Lob für das herrliche, junge Ge⸗ ſchöpf. Pen war bezaubert über den Effekt, den ſie auf ſeine Mutter hervorbrachte — und der geiſtliche Herr fühlte ſeines Theils ein Uebermaß von Begei⸗ ſterung. Als der Vorhang über der Gruppe der Hinge⸗ ſchlachteten fiel, die am Ende Hamlet's ſo plötzlich aus der Welt geſchafft werden und worüber die arme kleine Laura nicht wenig erſchrak, erhob ſich von allen Sei⸗ ten des Hauſes ein unermeßlicher Beifallsruf; der un⸗ erſchrockene Smirke klatſchte in heftiger Aufregung in die Hände und rief bravo, bravo! ſo laut, als ſelbſt die Dragoneroffiziere; dieſe waren in großer Bewegung — ils agitaient leurs bancs — um von unſern Nach⸗ barn Worte zu borgen. Sie wurden jubelnd von dem ſtattlichen Swallowtail, der ſeine Mütze ſchwang, in die Schlacht geführt — und die nicht patentirten Offiziere auf dem Parterre folgten ritterlich ihren Führern. Ein Bravogebrüll füllte das Haus, Pen brüllte am lau⸗ teſten „Fotheringay, Fotheringay!“ und die Herren Spavin und Foker gaben das Front⸗Hallo von ihrer Loge, ſelbſt Miſtreß Pendennis begann mit ihrem Ta⸗ ſchentuch um ſich zu wehen, und die kleine Laura tanzte, lachte, klatſchte und blickte verwundert auf Pen. Hornbull führte die Bénéſiciaire unter Ausbrüchen der Begeiſterung hervor auf die Bühne und ſie ſchaute ſo ſchön und ſtrahlend darein, indeß ihr Haar noch über ihre Schultern wallte, daß Pen vor ungeſtümer Begeiſterung ſich kaum zu halten wußte, er lehnte ſich über ſeiner Mutter Sitz, ſchrie und hurrahte und ſchwang ſeinen Hut, alles, was er thun konnte, war, daß er Helen ſein Geheimniß vorenthielt und nicht ſagte: ſieh, das iſt das Weib, iſt ſie nicht unvergleichlich? Ich ſage 100 Dir, ich liebe ſie. Aber er vergrub dieſe Gefühle unter furchtbarem Schreien und Hurrahrufen. Was Miß Fotheringay und ihr Benehmen betrifft, ſo wird unſer Leſer auf einen früheren Abſchnitt zu⸗ rückgewieſen, ſie machte genau daſſelbe Manöver, ſie überſchaute das Haus in die Runde mit Blicken der Dankbarkeit, zitterte und wäre beinahe über ihrer be⸗ liebten Fallthür vor ſtürmiſcher Aufregung zuſammen⸗ geſunken, ſie ergriff die Blumen (Foker entlud ein Rie⸗ ſenbouquet auf ſie, und ſelbſt Smirke machte einen ſchwachen, ſchüchternen Verſuch mit einer Roſe und er⸗ röthete entſetzlich, als ſie auf das Parterre niederſiel) und drückte ſie an ihr ſchwellendes Herz, ſiehe oben, an ihrer Bruſt blitzen ſah der arme Pen ein Schlöß⸗ chen, das er von Mr. Nathan in der High⸗Street mit dem letzten Shilling, den er werth war und einem von Smirke erborgten Sovereign erſtanden hatte. „Die ſchwarzäugige Suſanna“ folgte, von deren lieblicher Geſchichte unſere zartfühlenden Freunde er⸗ griffen und bezaubert waren, und in welcher Suſanna in einem rothbraunen Gewand und mit einem Roſa⸗ band auf dem Hute nicht minder lieblich darein ſah, als Ophelia. Bingley war groß in William. Goll als der Admiral blickte darein, wie der Perückenſtock eines Vierundſiebenzigers und Garbetts als Kapitän Boldweather, ein Böſewicht, der den Plan macht, die ſchwarzäugige Suſanna zu entführen und einen rieſen⸗ haften Stilphut ſchwingend ſagt: „Komm was da will, er wird ihr Verderben ſein!“ — Alle dieſe Künſtler ſpielten ihre Rollen mit gewohntem Talent, und mit aufrichtigem Bedauern ſahen alle unſere Freunde den Vorhang fallen und der artigen und feinen Hiſtorie ein Ende machen. Wäre Pen auf dem Heimwege mit ſeiner Mutter allein in dem Wagen geweſen, ſo würde er ihr an die⸗ ſem Abend Alles geſtanden haben, aber er ſaß im Mond⸗ ſchein, eine Cigarre ſchmanchend, an Smirke's Seite, — . 101 der ſich mit einem Comfort erwärmte. Mr. Fokers Tandem und Lampen ſchwirrten an den nüchternen alten Claveringer Poſtkleppern vorbei, als ſie ein paar Mei⸗ len auf ihrem Heimwege waren, und Mr. Spavin ſa⸗ lutirte Mr. Pendennis Wagen mit ein paar bedenten⸗ den Variationen von Rule Britannia auf dem Poſt⸗ horn. 5 Zwei Tage nach dieſen Kunſtgenüſſen begab ſich, daß der Herr Dechant von Chatteries einer kleinen aus⸗ erleſenen Zahl geiſtlicher Freunde in der Dechanei ein Diner gab. Daß ſie ungemein guten Portwein tran⸗ ken und über den Biſchof bei ihrem Deſſert gehörig loszogen, ſind Dinge, die ſich ſo ziemlich ſelbſt ver⸗ ſtehen, mit denen wir aber für jetzt Nichts zu ſchaffen haben. Unſer Freund Doktor Portman von Clavering war einer von des Dechants Gäſten, und da er ein galanter Mann war und von ſeinem Sitze am Maha⸗ gonitiſche ſah, wie des Dechant's Lady auf dem Raſen auf und niederging mit ihren muntern Kindern um ſich her und den blaßrothen Sonnenſchirm über ihrem lieb⸗ lichen Haupte, trat der Doktor aus einem der franzö⸗ ſiſchen Fenſter des Speiſezimmers auf den offenen Gras⸗ platz, der das Gemach umgab, und überließ es den an⸗ dern weißen Cravatten, den Tiſch des Biſchofs zu gür⸗ ten. Dann ging der Doltor hinauf, bot der Frau De⸗ chant ſeinen Arm an und ſie ſchlenderten über den an⸗ tiken ſammtweichen Raſenplatz dahin, der für eine un⸗ denkliche Reihe von Danten gemäht und in Schochen gebracht worden war, un ſdner ſtillen ruhigen, comforta⸗ beln Weiſe, in welcher Leute von mittlerem Alter und gutem Temperament nach einem guten Diner ſich er⸗ gehen an einem ſtillen goldenen Sommerabend, wo die Sonne eben erſt hinter vie Rieſenthürme der Domkirche hinabgeſunken und de ſichelförmige Mond jeden Augen⸗ blick am Himmel meht Glanz gewinnt. Nun ſteht an dem Ende von des Dechants Garten, wie wir ſchon bemerk⸗ ten, das Haus der Mrs. Creed, (Krihd) und die Fenſter 102 des erſten Geſchoßes ſtanden offen, um die liebliche Sommerluft einzulaſſen. Eine junge Lady von ſechs⸗ undzwanzig Jahren, die ihre Augen weit offen hatte, und ein unglücklicher Junge von achtzehn, blind vor Liebe und Bethörung, waren in dem Zimmer beiſam⸗ men, in welchen Perſonen der Leſer ohne Schwierigkeit Arthur Pendennis und Miß Coſtigan erkennen wird. Der arme Junge hatte den Sprung gethan. Zit⸗ ternd vor Leidenſchaft mit wildpochendem Herzen, indem ihm Thränen wider Willen in die Augen ſtürzten, mit vor Gefühl beinahe erſtickter Stimme, hatte der arme Pen Worte geſprochen, die er nicht mehr länger zurück⸗ halten konnte, und ſich mit dem Uebermaß von Liebe, Bewunderung und Ungeſtüm dieſer reifen Schönheit zu Füßen geworfen. War er der Erſte, der ſo that? Hat Niemand vor ihm all ſein Lebensglück, wie ein Wilder ſein Land und ſeine Habe, gegen einen Zug aus der Schönhäute F iyrwaſſer oder ein paar Glasaugen auf's Spiel geſetzt? „Weiß Ihre Mutter darum, Arthür?“ ſprach Miß Fotheringay langſam, Er ergriff wahnſinnig ihre Hand und küßte ſie tauſendmal; ſie zog ſie nicht zurück. — „Weiß die alte Lady davon?“ Miß Coſtigan dachte bei ſich: „Vielleicht weiß ſie es,“ und dann erinnerte ſie ſich an das ſchöne Demantkreuz, das Mrs. Pen⸗ dennis Abends im Theater hatte und dachte: „Gewiß, das wird ein Familienſtück.“ „Beruhigen Sie ſich, theurer Arthur,“ ſprach ſie in ihrer tiefen, vollen Stimme und lächelte hold und ernſt auf ihn herab; dann ſchob ſie mit ihrer freige⸗ machten Hand leicht das Haar aus ſeiner pulſtrenden Stirne. Er war in einem ſolchen Entzücken und Tau⸗ mel von Glück, daß er kaum ſprechen konnte. Endlich keuchte er die Worte hervor: „Meine Mutter hat Sie geſehen und bewundert Sie über die Maßen. Sie wird, — 3 103 Sie lieben lernen; wer könnte auch anders? Sie wird Sie lieben, weil ich es thue.“ „In der That, ich glaube wirklich, Sie thun es,“ ſagte Miß Coſtigan, vielleicht mit einer Art von Mit⸗ leid für Pen. Man denke, ſie that es! Natürlich ging jetzt Mr. Pen in ein Labyrinth von Lobpreiſungen über, durch das wir, da wir voll⸗ kommen Herr unſerer Gefühle ſind, dem Jungen zu folgen, keinen Grund haben. Liebe, Treue und Ewigkeit ſpielten ihre Rolle und Worte wurden verſucht, ver⸗ mochten aber nicht, die furchtbare Tiefe ſeiner Neigung zu ergründen. Dieſe Rede, ſagen wir, geht uns nichts an. Sie war zweifelsohne nicht ſehr weiſe; aber was für ein Recht haben wir, zuzuhören? Laſſen wir den armen Jungen ſein Herz der Jungfrau zu Füßen le⸗ gen und gehen wir ſänftlich mit ihm um. Es iſt am beſten ohne Zweifel, weiſe zu lieben; aber thöricht lie⸗ ben iſt beſſer, als überhaupt nicht lieben zu können. Einige von ung können es nicht und ſind ſtolz über ihr Unvermögen. Als ſeine Anſprache zu Ende war, küßte Pen die gebieteriſche Hand mit Entzücken — und ich glaube in demſelben Augenblick und während die Frau Dechant und Doktor Portman im Geſpräch begriffen waren, ſtieß der junge Maſter Ridley Roſet, ihr Sohn, hinten auf ihr weites Gewand und ſagte: „Ich ſage Dir, Ma, da guck her!“ — und wackelte mit ſeinem unſchuldigen Köpfchen. Das war in der That eine Ausſicht von des De⸗ chants Garten, wie ſie von Dechanten ſelten genoſſen oder beſchrieben wird. Der arme Pen drückte einen Kuß auf die roſigen Finger ſeiner Zauberin, welche vieſen Druck mit vollkommener Ruhe und gutem Hu⸗ mor aufnahm. Maſter Ridley ſchaute auf und grinste. Die kleine Miß Roſa blickte ihren Bruder an und öff⸗ nete vor Erſtaunen weit ihren Mund. Die Miene der Frau Dechantin verſchmähte jeden Ausdruck, und was 104 Doktor Portman betrifft, ſo ſtand er, als er ſich den Auftritt beſchaute und ſeinen erſten Günſtling und theuren Zögling Pen erblickte, ſtumm vor Wuth und Verwunderung. Mrs. Haller erſpähte in demſelben Augenblicke die Geſellſchaft unten, fuhr auf und lachte. „Ganz gewiß, es iſt Jemand in des Dechants Garten,“ rief ſie und zog ſich mit vollkommener Ruhe zurück, indeß Pen mit glühendem Geſichte bei Seite flog. Die Gartenpartie war wieder in das Haus ge⸗ treten, als er es wagte, wieder aufzublicken. Der ſichelförmige Mond leuchtete hell an dem Himmel, die Sterne glitzerten, die Glocke ſchlug auf der Domkirche Neun, die Gäſte des Dechants tranken (Einen ausge⸗ nommen, der nach ſeinem Pferde Dumpling gerufen und früh davon geritten war) ihren Thee und aßen Butterkuchen in der Frau Dechantin Geſellſchaftsſaale, als Pen von Miß Coſtigan Abſchied nahm. Pen kam ſpäter zu geeigneter Zeit daheim an und wollte ſich eben in's Bett ſchleichen; denn der arme Junge war ſehr aufgeregt und mitgenommen und ſeine überſtrengten Nerven hatten beinahe die Höhe des Wahnſinns erreicht, als der alte Bediente John, deſſen Miene einen omi⸗ nöſen Ausdruck hatte, ihm die Botſchaft brachte, daß ſeine Mutter ihn noch unten ſprechen müßte. Er band ſich die Halsbinde wieder um und begab ſich hinab in das Geſellſchaftszimmer. Da ſaß nicht allein ſeine Mutter, ſondern auch ihr Freund, der ehr⸗ würdige Doktor Portman. Helen's Geſicht ſah bei dem Lichte der Lampe ſehr blaß aus, des Doktors Geſicht glühte dagegen ſtark und zitterte vor Aufregung und Aerger. Pen ſah mit einem Mal, daß es zur Entſcheidung komme und die Sache verrathen ſei. „Immerhin!“ dachte er. „Wo biſt Du geweſen, Arthur?“ fragte Helen mit zitternder Stimme, 105 „Wie können Sie dieſer — dieſer theuern Lady und einem chriſtlichen Seelſorger in's Geſicht ſehen?“ polterte der Doktor trotz Helens blaſſeii Antlitz und flehenden Blicken heraus. „Wo iſt er geweſen? Wohin ſeiner Mutter Sohn zu gehen ſich hätte ſchämen ſollen, denn Ihre Mutter iſt ein Engel, Sir, ein Engel, wie erdreiſten Sie ſich, Befleckung in ihr Haus zu bringen und dieſes reine Geſchöpf durch den Gedanken an Ihr Verbrechen unglücklich zu machen?“ „Sir!“ rief Pen. „Läugnen Sie es nicht!“ dröhnte der Doktor, „fü⸗ gen Sie nicht Lügen, Sir, zu Ihrer andern Infamie, ich ſelbſt habe Sie geſehen, Sir, ich habe Sie von des Dechanten Garten aus geſehen, ich ſah Sie küſſen die Hand dieſer hölliſchen, geſchmückten —“ „Halten Sie,“ fiel Pen ein, indem er die Fauſt auf den Tiſch ſchlug, daß die Lampe flackerte und wankte: „ich bin ein ſehr junger Mann, aber erinnern Sie ſich, daß ich Gentleman bin, ich laß dieſe Lady nicht be⸗ ſchimpfen.“ „Lady, Sir,“ rief der Doktor, „das eine Lady — Sie — Sie — Sie ſtehen vor Ihrer Mutter und nen⸗ nen das — das Weib eine Lady!“ „In Jedermanns Gegenwart,“ ſchrie Pen, ſie varf ſich überall ſehen laſſen, ſie iſt ſo rein als irgend eine Dame, ſie iſt eben ſo gut, als ſie ſchön iſt. Wenn irgend Jemand außer Ihnen ſie beſchimpfte, ſo wollt ich ſagen, was ich dächte, aber da Sie mein älteſter Freund ſind, ſo glaube ich, Sie haben ein Vorrecht an meiner Ehre zu zweifeln.“ „Nein, nein, liebſter Pen,“ rief Helen in einem Uebermaß von Freude. „Ich ſagte, ich ſagte Ihnen, Doktor, er ſei nicht — nicht, was Sie glaubten:“ und die zärtliche Mutter kam zitternd vorwärts und warf ſich auf Pens Schulter. Pen fühlte ſich als Mann und allen Doktoren im 106 Doktorhut gewachſen, er freute ſich, daß es zu dieſer Erörterung gekommen war. „Sie ſahen, wie ſchön ſie war,“ ſagte er zu ſeiner Mutter mit beſchwichtigender Protektors⸗Miene, wie Hamlet mit Gertrud in dem Schauſpiel. „Ich ſage Dir, liebe Mutter, ſie iſt eben ſo gut, wenn Du ſie kennſt, wirſt Du ebenſo ſagen, ſie iſt von allen, außer Dir, die einfachſte, gütigſte, zärtlichſte der Frauen. Warum ſollte ſie nicht auf der Bühne ſein, ſie unter⸗ hält damit ihren Vater.“ „Ein alter verſoffener Auswürfling,“ brummte der Doktor, aber Pen hörte nicht, oder wollte nicht hören. „Wenn Sie ſehen könnten, was ich gethan, wie ordentlich ihre Lebensweiſe, wie rein und fromm ihr ganzes Benehmen iſt, Sie würden — ja Sie würden, wie ich thue — ja wie ich thue —“ (mit einem wilden Blick auf den Doktos.) — „den Ehrabſchneider verach⸗ ten, der es wagte, ihr unrecht zu thun. Ihr Vater war ein Offizier und zeichnete ſich in Spanien aus. Er war ein Freund von Sr. Königlichen Hoheit dem Herzog von Kent und iſt mit dem Herzog von Wel⸗ lington und einigen der erſten Offiziere der Armee aufs Innigſte vertraut. Er hat meinen Oheim Arthur bei Lord Hill's, denkt er, geſehen. Seine eigene Familie iſt eine der älteſten und angeſehenſten, und in der That ſo gut als die unſrige. Die — die Coſtigans waren Könige von Irland.“ „Nun, Gott ſteh mir bei,“ rief der Doktor, wel⸗ cher kaum wußte, ob er vor Wuth oder Lachen berſten ſollte, „Sie wollten doch nicht ſagen, daß Sie ſie hei⸗ rathen wollen?“ Pen nahm ſeine prinzlichſte Miene an: „Was ſonſt, Doktor Portman,“ ſagte er, „vermuthen Sie, daß mein Wunſch geweſen ſei?“ In ſeinem Angriff zurückgeſchlagen und durch Pen's plötzlichen Sprung niedergeworfen, konnte der Doktor — 107 blos die Worte hervorſtammeln: „Mrs. Pendennis, Ma'am, ſenden Sie nach dem Major.“ „Nach dem Major ſenden ? Von Herzen gern,“ ſagte Arthur Prinz von Pendennis und Großherzog von Fairvaks mit der ſtolzeſten Bewegung der Hand, und das Zwiegeſpräch endete damit, daß ſie einen der bei⸗ den Briefe ſchrieb, welche auf Major Pendennis's Früh⸗ ſtücktiſch in London beim Beginne von Prinz Arthur's wahrhafter Hiſtorie niedergelegt wurden. Siebentes Rapitel, in welchem der Major ſeine Aufwartung macht. Unſer alter Bekannter Major Arthur Pendennis kam zu rechter Zeit in Fairoaks an, nachdem er eine öde Nacht in der Landkutſche zugebracht, wo ein ſtäm⸗ miger Mitpaſſagier, der übernatürlich von Ueberröcken ſtrotzte, ſich in eine Ecke aufgepflanzt hatte und ihn durch unanſtändiges Schnarchen wach erhielt; wo eine Wittwe gegenüber nicht allein dadurch, daß ſie alle Fenſter des Gefährtes ſchloß, die friſche Luft ausge⸗ ſchloſſen, ſondern auch das Innere mit Jamaikadüften, Rum und Waſſer gefüllt, das ſie unaufhörlich aus einer Flaſche ihres Ridikule's in ſich ſog; wo, ſo oft er einen kurzen Augenblick Schlaf erhaſchte, der gellende Laut des Horns an den Schlagbaumthoren, oder die Konflikte mit ſeinem ſtämmigen Nachbar, der immer mehr und mehr Terrain gewann, oder das Spiel der witthüm⸗ lichen Füße auf ſeinen empfindlichen Zehen, den armen Gentleman zu den Schrecken und Wirklichkeiten des 103 * Lebens — eines Lebens erweckte, das jetzt für ihn vor⸗ bei und unmöglich geworden iſt, und nur noch in zärt⸗ lichen Erinnerungen fortbeſteht. Acht (engliſche) Mei⸗ len die Stunde, zwanzig bis vierundzwanzig Stunden lang, eine enge Landkutſche, ein harter Sitz, Anwand⸗ lungen von Gicht, ein beſtändiger Wechſel von Kutſchern, Murren, daß ſie nicht genug Trinkgeld erhielten, ein Mitpaſſagier, der Vorliebe für Schnaps und Waſſer hat, wer hat nicht alle dieſe Uebel in der guten alten Zeit ertragen und wie konnten doch Leute unter ſolchen Beſchwerlichkeiten reiſen, und doch reiſten ſie und wa⸗ ren luſtig dabei. Nächſt der Wittwe und zur Seite von des Majors Bedienten über ihnen ſaßen ein paar Schul⸗ knaben, welche in die Sommerferien nach Hauſe gingen, und Major Pendennis wunderte ſich, als ſie in dem Wirthshaus in Bagſchot ſuppirten und eine Ladung Schinken, Paſteten, Eier, Eingepöckeltes, Thee, Kaffee und geſottenes Ochſenfleiſch einnahmen, was den armen Major, der an einer Taſſe ſehr ſchwachen Thees nippte und mit kleinmüthiger Stimmung daran dachte, daß jetzt eben Lord Steyne's Diner abgetragen würde, in ungewöhnliches Erſtaunen ſetzte. Die unverholene Eßluſt der Knaben amüſirte jedoch den Major, der ſehr gut⸗ herzig war, und er intereſſirte ſich um ſo mehr, als er fand, daß der eine der Knaben, der innen mit ihm fuhr, ein Lordsſohn war, deſſen edeln Vöter Pendennis na⸗ türlich in der von ihm frequentirten hohen Welt ſchon getroffen hatte. Trotz allem Drucke, Hornblaſen und der Wittwe ſchlief der kleine Lord die ganze Nacht hindurch und ſah ſo friſch aus, wie gemalt (und bekannte ſich auch dazu), als der Major mit gelbem Geſicht, mit zer⸗ zaustem Bart, einer Perrücke ohne Locken und heftigen rheumatiſchen Beſchwerden, die durch alle Glieder ſei⸗ nes ungeſunden Leibes zogen, an dem kleinen Thorhäus⸗ chen zu Fairvaks abſtieg, wo ihn die Pförtnerin und Frau des Gärtners ehrerbietig bewillkommte und mit noch größerem Reſpekt ihr Mann Mr. Morgan. — 109 Helen lag auf der Lauer auf ihren erwarteten Gaſt und ſah ihn von ihrem Fenſter aus, aber ſie kam nicht ſogleich hervor, um ihn zu begrüßen. Sie wußte, vaß der Major ſich nicht gern überraſchen ließ und einige Vorbereitung brauchte, ehe er ſichtbar wurde. Pen war in ſeinen Knabenjahren ſehr in Ungnade gefallen, daß er aus des Majors Toilette eine kleine Maroquin⸗ büchſe fortnahm, die, man muß es geſtehen, des Ma⸗ jors Hinterzähne enthielt, die er natürlich in der pol⸗ ternden Briefpoſtkutſche nicht in ſeinen Kinnbacken laſ⸗ ſen wollte und ohne die er nicht gerne erſchien. Mor⸗ gan, der ihn bediente, machte auch ein großes Geheim⸗ niß aus ſeinen Perrücken, indem er ſie an abgelegenen Orten kräuſelte und geheimnißvoll auf ſeines Herrn Zimmer brachte; — auch ohne ſein Haupthaar wollte ſich der Major keinem Gliede ſeiner Familie oder einem Bekannten zeigen. Er ging jetzt auf ſein Zimmer und ergänzte dieſe Mängel, er ſeufzte, ſtöhnte, keuchte und verwünſchte Morgan während ſeiner Toilette, wie es von einem alten Gecken zu erwarten iſt, der die ganze Nacht durch von einem Rheumatismus geplagt war, und eine langweilige Pflicht zu erfüllen hatte. Als er endlich geſtriegelt, gekräuſelt und hergerichtet war, begab er ſich hinab in das Geſellſchaftszimmer mit ernſter majeſtätiſcher Mienes wie es einem Manne geziemte, der zugleich Geſchäfts⸗ und Weltmann war. Pen war jedoch nicht daz; nur Helen und die kleine Laura, die zu ihren Füßen nähte, und welcher er nie mehr als den Zeigefinger gab, wie er auch bei dieſer Gelegen⸗ heit that, nachdem er Helen gegrüßt hatte. Laura nahm den Finger zitternd und floh dann aus dem Zimmer. Major Pendennis beeilte ſich nicht, ſie aufzuhalten und hätte ſie überhaupt ſelbſt nicht im Hauſe vermißt und hatte ſeine beſondern Gründe, ihr ſeinen Beifall vorzu⸗ enthalten, die wir bei einer ſpätern Gelegenheit erwäh⸗ nen wollen. Mittlerweile verſchwand Laura und ſtreifte vor dem Hauſe umher, um Pen zu ſuchen, den ſie als⸗ 110 bald in dem Obſtgarten fand, wie er in ernſter Unter⸗ haltung mit Mr. Smirke auf und nieder ging. In ſeinem Eifer hörte er die helle Stimme der rufenden Laura nicht, bis Smirke ihn am Rocke zog und nach der Stelle wies, wo ſie daher gelaufen kam. Sie rannte herbei und legte ihre Hand in die ſeinige. „Komm herein, Pen,“ ſagte ſie, „'s iſt Je⸗ mand gekommen; Onkel Arthur iſt da.“ „Iſt er? das wäre!“ ſagte Pen, und ſie fühlte, wie er ihr Händchen drückte. Er blickte mit unge⸗ wöhnlichem Trotz auf Smirke, als wollte er ſagen, ich nehm's mit ihm und mit Jedermann auf. — Herr Smirke warf wie gewöhnlich ſeine Augen empor und ſtieß einen ſchwachen Seufzer aus. „Geh' voran, Laura,“ ſagte Pen mit halb trotziger, halb komiſcher Miene — „geh' voran und ſage, ich werde dem Onkel aufwarten,“ aber er lachte, um ſeine große Unruhe zu verbergen und ſchraubte ſeinen Muth hinauf, um das Gottesgericht zu beſtehen, das ſeiner wartete. Pen hatte Smirke in den letzten zwei Tagen zum Vertrauten gemacht und nach dem Ausſpruch, der Doktor Portmans Entdeckung begleitete und während jeder der achtundvierzig Stunden, die er in Mr. Smirke's Geſellſchaft zugebracht, beinahe von Nichts als Miß Fotheringay — Miß Emily Fotheringay — Emily und ſo weiter geſprochen, auf welches Gerede Smirke ohne große Ueberwindung horchte: denn er war ſelbſt ver⸗ liebt, äußerſt beſorgt in allen Dingen, Pen zu ſchirmen und in der That ſelbſt hingeriſſen von dem perſönlichen Zauber dieſer Göttin, derengleichen er, da er noch nie zuvor in einer Bühnevorſtellung war, bis jetzt nicht ge⸗ ſehen hatte. Pen's Feuer und Beweglichkeit, ſeine heiße Beredſamkeit und ſeine reichen poetiſchen Tropen und Figuren, ſein männliches Herz, gütig, feurig, hoffnungs⸗ voll, verſchmähend, Mängel an der geliebten Perſönlich⸗ keit und Schwierigkeiten in ihrer Stellung, über die er nicht wegkommen mochte, zu ſehen, hatte er Mr. Smirke — — 11¹ halb überzeugt, daß das von Mr. Pen proponirte Ver⸗ hältniß möglich und vernünftig ſei und daß es ein großes Glück wäre, Emily in Fairvaks untergebracht, Kapitän Coſtigan in dem gelben Zimmer für immer etablirt und Pen im achtzehnten Jahre verheirathet zu ſehen. Und es iſt Thatſache, daß der Junge in dieſen zwei Tagen beinahe auch ſeine Mutter überredet hätte. All ihre Einwürfe hatte er einen nach dem andern mit jenem unwilligen, geſunden Mutterwitze parirt, der häufig die Vollkommenheit oder der höchſte Grad der Abgeſchmacktheit iſt, und hatte ſie beinahe dahin ge⸗ bracht, daß ſie ſich bei dem Glauben beruhigte, daß wenn die Ehen im Himmel geſchloſſen werden — wie dieß auch der Fall ſei — daß wenn das Fräulein eine gute Perſon wäre, es Alles ſei, was ſie für ihren Theil verlangen könnte, und daß ſie die Ankunft des Vormunds und Oheims eher zu fürchten begann, da er, wie ſie vorausſah, Mr. Pen's Heirath unter einem ganz andern Geſichtspunkt betrachten würde, als die einfache, romantiſche, ehrliche und äußerſt thörichte Weiſe war, auf welche die Wittwe bereits geneigt war, Fra⸗ gen dieſer Art zu betrachten. Denn wie in der alten Allegorie von dem goldnen und ſilbernen Schild, um den die zwei Ritter ſtritten, jeder Recht hat nach dem Standpunkt, von dem er ihn anſieht, ſo iſt es auch mit der Ehe. Die Beantwortung der Frage, ob ſie thöricht oder gut, weiſe oder ſonſt etwas ſei, hängt von dem Geſichtspunkte ab, von wel⸗ chem aus man ſie betrachtet. Wenn ſie ein bequemes Haus in Belgravia und hübſche, kleine Dinerparthien und ein hübſches, kleines Brougham, um in dem Park zu fahren und eine anſtändige Proviſion, nicht blos für das junge Volk, ſondern für die kleinen, zukünftigen Belgravier gewähren ſoll und wenn dieß nothwendige Lebensbedingungen ſind (wie ſie es denn bei vielen ehr⸗ lichen Leuten ſind), ſo wäre es thöricht, von einer an⸗ 112 dern Einrichtung zu ſprechen; von Liebe in Mieth⸗ wohnungen, wäre eine thörichte Ziererei, von Zunei⸗ gung zu ſprechen, die keinem den Fahrlohn oder eine anſtändige Putzhändlerin bezahlte — ein elendes Kau⸗ derwelſch und ein Kinderroman. Wenn auf der andern * Seite eure Meinung iſt, daß Leute ohne ſichere Unter⸗ haltsmittel, aber mit einer ordentlichen Ausſicht, ſie zu erhalten und mit dem Stimulus der Hoffnung, der Geſundheit und ſtarker Zuneigung den Glückswurf neh⸗ men wie er kommt und Freud und Leid mit einander theilen, dann wird andererſeits die vornehme Theorie zur Thorheit, ja zu was Schlimmerem als Thorheit, bei⸗ nahe zur Gottesläſterung und Zweifel an der Vorſehung; und ein Mann, welcher wartet, ſein erkornes Weib glücklich zu machen, bis er ſie mit einem hübſchen Wa⸗ gen mit zwei Roſſen in die Kirche führen kann, iſt nicht beſſer als ein Feigling oder ein Tändler, der weder Liebe noch Glück verdient. Ich ſage nicht, daß die Stadtleute nicht Recht ha⸗ ben, aber Helen Pendennis ward auf dem Lande erzo⸗ gen, und das Buch des Lebens, wie ſie es auslegte, ſagte ihr etwas ganz Anderes, als den Leuten in der Stadt. Wie bei den meiſten ſanften und ſentimentalen Frauen bildete das Heirathſtiften insgemein einen großen Theil ihres Gedankenbereichs, und ich darf wohl ſagen, daß ſie lange auf ihres Sohnes künftige Liebe und ſeine Heirath ſpekulirt hatte, ehe es dem jungen Gentleman in den Sinn gekommen war. Mit jenem wehmüthigen Vergnügen, das ihre Aufopferung gewiſſen Frauen gibt, * dachte ſie gerne an den Tag, wo ſie Pen Alles über⸗ geben und er ſein Weib heihnführen und ſie ihm die Schlüſſel und das beſte Schlafgemach abtreten, ſich an die Seite der Tafel ſetzen und ihn glücklich ſehen würde. Was bedurfte ſie weiter im Leben, als ihren Jungen glücklich zu ſehen? Wie gewiß eine Kaiſerin nicht zu gut für ihn war, . und ſich geehrt fühlen durfte, Mrs. Pen zu werden, ſo 5 113 war ſie auch, wenn er die niedrige Eſther ſtatt der Konigin Vaſti wählte, mit der Wahl Seiner Lordſchaft zufrieden. Uneingedenk, wie niedrig oder arm Die⸗ jenige war, welcher dieſe außerordentliche Ehre zu Theil werden ſollte, war Mrs. Pendennis bereit, ſich vor ihr zu beugen, ſie zu bewillkommnen, und ihr den erſten Platz abzutreten. Aber eine Schauſpielerin, ein älteres Frauenzimmer, vas längſt aufgehört hatte, anders zu erröthen, als mit Schminke, wenn ſie unter den gierigen Blicken von Tau⸗ ſenden daſtand, ohne Bildung und Erziehung, ſehr wahr⸗ ſcheinlich, die mit leichtfertigen Genoſſen zuſammengelebt und zweideutige Unterhaltung mit angehört haben mußte — o, es war ſehr hart, wenn er eine ſolche erwählen, und die Gebieterin des Hauſes ihrer Herrſchaft enthoben werden ſollte, um einer ſolchen Sultanin Platz zu machen. Alle dieſe Zweifel legte die Wittwe Pen vor, wäh⸗ rend der zwei Tage, welche nothwendig vor der Herab⸗ kunft des Oheims verſtreichen mußten; aber er begeg⸗ nete ihnen mit jener glücklichen Freimüthigkeit und Un⸗ gezwungenheit, die ein junger Gentleman auf dieſer Lebensſtufe zu Tage legt, und ſchlug ſeiner Mutter Ein⸗ würfe mit unendlicher Genugthuung für ſich ſelbſt aus dem Felde. Miß Coſtigan war ein Ausbund von Tu⸗ gend und Zartgefühl; ſie war ſo empfindſam, als die ſchüchternſten Mädchen; ſie war ſo rein als der flecken⸗ loſe Schnee, ſie hatte die feinſten Sitten, den glänzend⸗ ſten Witz und das größte Talent, die herrlichſte Bildung, das richtigſte Urtheil in Sachen des Geſchmacks; ſie hatte die bewunderungswürdigſte Gemüthsart und Hin⸗ gebung für ihren Vaker, einen guten, alten Gentleman von hoher Familie, aber herabgekommen in ſeinen Glücks⸗ umſtänden, der jedoch in der beſten Geſellſchaft von Europa gelebt hatte: er hatte keine Eile und konnte noch einige Zeit warten, bis er einundzwanzig Jahre Pendennis. 1. 8 114 alt war; aber er fühlte, unb hier nahm ſeine Miene eine höhere, bewältigende Feierlichkeit un, daß er von der einzigen Leidenſchaft ſeines Lebens entflammt war, und daß der Tod nur ſie endigen könne. Helen ſagte ihm mit wehmüthigem Lächeln und Kopfſchütteln, was lange Verbindlichkeiten anbetreffe, die junge Männer mit älte⸗ ren Frauenzimmern eingehen, ſo wüßte ſie ein Beiſpiel in ihrer eigenen Familie — Laura's armer Vater ſei ein Beiſpiel — wie verderblich ſie werden. Mr. Pen war jedoch entſchloſſen, daß der Tod, im Fall einer Vereitlung, ſeine Strafe ſein müßte, und eher als ihn wirklich um ſeine Hoffnung bringen — hätte dieſe Lady ſich zu jedem Opfer, jedem perſön⸗ lichen Schmerze verſtanden, wäre auf die Kniee geſun⸗ ken, und hätte einer Schwiegertochter aus dem Hotten⸗ tottenlande die Füße geküßt. Arthur kannte ſeine Gewalt über die Wittwe, und der junge Tyrann war, während er ſie übte, im Inner⸗ ſten gerührt. In jenen zwei Tagen brachte er ſie bei⸗ nahe zur Unterwerfung, und ſpielte den gütigen Patron; und widmete den einen Abend der liebenswürdigen Pa⸗ ſtetenbäckerin in Chatteries, wo er ſich ſeiner Herrſchaft. über ſeine Mutter rühmte; am andern Abend dichtete er einige feurige, geiſtreiche Strophen an ſeine Gottheit, in denen er, wie Montroſe, gelobte, ſie durch ſein Schwert gefeiert, und durch ſeine Feder berühmt zu machen, und ſie zu lieben, wie keine Sterbliche ſeit der Schöpfung des Weibes angebetet worden ſei. In jener Nacht, lange nach Mitternacht, ſah die wachſame Helen, an der Thür ihres Sohnes vorbeiſchlei⸗ chend, ein Licht durch die Ritze auf den finſtern Gang ſcheinen und hörte, wie Pen ſich taumelnd umherwarf, und Verſe in ſeinem Bette murmelte. Sie wartete, ängſtlich auf ihn lauſchend, eine Weile außen. In den Fiebern des Kindes und den frühen Krankheiten des Knaben hatte die gütige Mutter ſo manche Nacht an ſeinem Bette gewacht. Sie drehte jetzt ſachte den 148 Schlüſſel und trat ſo leiſe ein, daß Pen ſie einen Au⸗ genblick nicht ſehen konnte. Sein Geſicht war von ihr abgekehrt, ſeine Papiere lagen zum Theil auf ſeinem Pulte, und noch mehrere auf ſeinem Bette umher. Er biß an einem Stift und dachte an Reime und allerlei Thorheiten und Leidenſchaften. Er war Hamlet, der in Ophelia's Grab ſtürzte; er ſchloß als „Fremdling“ Mrs. Haller in ſeine Arme, die ſchöne Mrs. Haller⸗ der die Rabenlocken über die Schultern ſielen. Ver⸗ zweiflung und Byron, Thomas Moore und alle Liebe der Engel, Waller und Herrick, Beranger und all die Minneſänge, die er jemals geleſen, wallten und kochten im Gemüthe dieſes jungen Gentleman, und er war auf der höchſten Höhe im Parorysmus des Wahnſinns, als ihn ſeine Mutter fand. „Arthur,“ ſprach ſeine Mutter mit ihrer ſanften Silberſtimme; er fuhr auf und wandte ſich um. Er ergriff einige Papiere, und fuhr damit unter ſein Kiſſen. „Warum ſchlafſt Du nicht, mein Lieber,“ fragte ſie, mit holdem, zärtlichem Lächeln, ſetzte ſich nieder auf das Bett und ergriff eine ſeiner heißen Hände. Pen ſchaute ſie eine Weile mit wirrem Blicke an: „Ich konnte nicht ſchlafen,“ ſagte er — „ich — ich — ich ſchrieb.“ Hier⸗ auf ſchlang er ſeine Arme um ihren Nacken und ſagte: „ich liebe ſie, ich liebe ſie!“ — Wie konnte eine ſo gute Seele anders als ihn be⸗ ruhigen und bemitleiden! Die zärtliche Mutter that ihr Beſtes, und dachte mit Verwunderung und Liebe zurück, wie er geſtern noch, als ein Kind in jenem Bette lag, und ſie an Feſttagmorgen zu ihm kam und vor ſei⸗ nem Erwachen ihre Gebete darüber ſprach. Es waren ohne Zweifel grandioſe Verſe, obgleich Miß Fotheringay ſie nicht verſtand; aber der alte Cos ſprach mit einem Wink und einem Kennerfinger an der Naſe: „thue ſie zu den andern Briefen, mein Schätz⸗ 1¹6 chen Milly. Polvoody's Gedichte waren Nichts dage⸗ gen.“ So verſchloß denn Milly das Geſchriebene. Als der Major dann umgekleidet und präſentirlich war, präſentirte er ſich der Mrs. Pendennis, und fand nach zehen Minuten Unterhaltung, daß die arme Wittwe bei der von Pen beabſichtigten Heirath nicht ſo ganz unglücklich war, ſondern unglücklicher noch bei dem Ge⸗ danken, daß der Junge ſelbſt darüber unglücklich wurde, und daß ſein Onkel mit ihm einen heftigen Strauß über den Gegenſtand haben würde. Sie erſuchte Ma⸗ jor Pendennis, ja recht ſchonend mit Arthur zu verfah⸗ ren. „Er hat einen ſehr hohen Geiſt, und kann un⸗ freundliche Worte nicht ertragen,“ deutete ſie an. „Dok⸗ tor Portman ſprach an einem der letzten Abende zu hart — und ich muß geſtehen — ungerecht mit ihm — denn meines theuerſten Jungen Ehrgefühl iſt ſo empfind⸗ lich, als eine Mutter nur wünſchen kann. Aber Pen's Antwort erſchreckte mich ganz, ſie war ſo entrüſtet. Erinnern Sie ſich, daß er jetzt Mann iſt, und ſeien Sie ſehr — ſehr vorſichtig,“ ſprach die Wittwe, indem ſie ihre ſchöne lange Hand auf des Majors Aermel legte. Er ergriff ſie, küßte ſie galant, und ſah ihr ver⸗ wundert in das beunruhigte Geſicht mit einer Verach⸗ tung, die er jedoch zu zeigen zu artig war.„Bon Pieu,“ dachte der alte Unterhändler, „der Junge hat wirklich die Alte herumgeſchwatzt, und ſie würde ihm ein Weib kriegen, wie eine Puppe, wenn der Maſter darnach riefe. Warum gibt es doch keine ſolche Dinger, wie lettres de cachet, und eine Baſtille für junge Burſche in der Familie?“ Der Major lebte in ſo guter Geſell⸗ ſchaft, daß er zu entſchuldigen iſt, wenn er wie ein Earl fühlte, er küßte der Wittwe ſchüchtern die Hand, vrückte ſie zwiſchen die ſeinigen, und legte ſie wieder auf den Tiſch mit einer der ſeinigen darüber, indem er ihr lächelnd ins Geſicht ſchaute. „Geſtehen Sie,“ ſagte er, „daß Sie denken, wie 5 1 „ 117 Sie es möglicher Weiſe mit ihrem Gewiſſen zuſammen⸗ reimen, dem Buben ſeinen eigenen Willen zu laſſen.“ Sie erröthete, und war in der gewohnten Weiſe der Frauen bewegt. „Ich denke, er iſt ſehr unglücklich — und ich auch!“ — „Ihm zu widerſprechen, oder ihm ſeinen eigenen Willen zu laſſen?“ fragte der Andere, und fügte mit großem Beifall ſür ſein eigenes Selbſt hinzu: „Ich will verdammt ſein, wenn er ihn haben ſoll.“ — „Zu denken, daß er eine ſo thörichte, grauſame und verderbliche Zuneigung gefaßt haben ſollte,“ ſagte die Wittwe, „wenn ſie mit einem Wehe endigt, was auch ihr Ausgang ſei.“ „Der Ausgang ſoll keine Heirath ſein, theure Schweſter,“ ſprach der Major entſchloſſen, „wir werden doch nicht geſchehen laſſen, daß ein Pendennis, das Haupt des Hauſes, eine herumſtreichende Charlatanin von den Brettern weg heirathe. Nein, nein, wir wollen nicht auf die Greenwicher(Grihnitſchör) Meſſe heirathen, Ma'am“. „Wenn die Verbindung plötzlich abgebrochen wird,“ fiel die Wittwe ein, „ſo weiß ich nicht, was die Folge ſein wird, ich kenne Arthurs feuriges Temperament, die Heftigkeit ſeiner Neigungen, die Spannung zwiſchen Vergnügen und getäuſchten Erwartungen, und ich zit⸗ tere für dieß Eine, wenn es geſchehen muß. Gewiß, gewiß, es darf nicht zu plötzlich über ihn kommen.“ „Meine theure Madame,“ ſagte der Major mit der Miene des tiefſten Mitleids, „ich zweifle nicht, daß Ar⸗ thur verdammt viel zu leiden hat, bis er den kleinen Verluſt verwindet. Aber iſt er, denken Sie ſich, der Einzige, der ſo bedauernswürdig geworden iſt?“ „Nein gewiß nicht,“ ſagte Helen, indem ſie die Angen nicht aufſchlug. Sie dachte an ihren eigenen Fall, und war in dieſem Augenblicke wieder eine Sieben⸗ zehnerin und äußerſt unglücklich.“ „Mir ſelbſt,“ flüſterte ihr Schwager, „wurde in früherer Zeit eine Hoffnung zu Waſſer. Ein junges 118 Frauenzimmer mit 15,000 Pfund, die Nichte eines Earl, ein äußerſt vorzügliches Weſen. Ein Drittheil ihres Geldes hätte meine Beförderung im Augenblicke gemacht, und ich wäre mit Dreißig Oberſt⸗Lieutenant geweſen; aber es ſollte nicht ſein. Ich war nur ein armer Lieu⸗ tenant: Ihre Aeltern traten in's Mittel, und ich ſchiffte mich nach Indien ein, wo ich die Ehre hatte, Sekretär Lord Buckley's, des damaligen Generaliſſimus, zu ſein. — Was geſchah? Wir tauſchten unſere Briefe aus, ſandten unſere Haarlocken zurück (der Major fuhr mit den Fingern durch ſeine Perrücke), wir litten — aber faßten uns. Sie iſt jetzt die Frau eines Baronets mit dreizehen erwachſenen Kindern, allerdings perſönlich herabgekommen; aber ihre Töchter erinnern mich an das, was ſie war, und die dritte wird am Anfang der nächſten Woche der Königin vorgeſtellt werden.“ Helen antwortete nicht. Sie dachte immer noch an alte Zeiten. Ich glaube, wenn einer hundert Jähre lebt, ſo ſind in ſeiner Jugend Zeitpunkte, auf die ihn die Erinnerung immer wieder zurückbringt, und an einen derſelben dachte jetzt Helen. „Sehen Sie meinen eigenen Bruder an, liebſtes — Kind,“ fuhr der Major galant fort: „Er ſelbſt hatte, wiſſen Sie, eine kleine Täuſchung, als er in der — der Mediein anfing — zeigte ſich eine vorzügliche Gele⸗ genheit. Miß Balls, ich erinnere mich noch an ihren Namen, war Tochter eines Apoth — eines Arztes von großer Praris, beinahe wäre es meinem Bruder ge⸗ glückt. — Aber Schwierigkeiten erhoben ſich, Täuſchun⸗ gen kamen, und — ich bin überzeugt, er hat keinen Grund, die Vereitlung ſeiner Hoffnung zu bedauern, welche ihm dieſe Hand gab,“ ſagte der Major, indem er noch einmal artig Helens Finger drückte. „Dieſe Heirathen zwiſchen Leuten von verſchiedenem Rang und Alter,“ ſagte Helen, „bringen nichts Gutes. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ſie großes Un⸗ heil bringen. Laura's Vater, mein Vetter, der — der — 1¹9 mit mir auferzogen wurde“ — fuhr ſie mit leiſer Stimme fort, „war ein Beleg dafür.“ 3 „Aeußerſt unbeſonnen,“ fiel der Major ein: „Ich kenne nichts Peinlicheres für einen Mann, als ein Frauenzimmer zu heirathen, das höher dem Alter, oder niedriger dem Stande nach iſt. Man denke ſich, er hei⸗ rathe ein Weib von niederem Rang und ſein Haus wimmle von dem vertrakten Lumpengeſindel von Ver⸗ wandten! Man denke ſich, die Gattin habe eine An⸗ hänglichkeit an eine Mutter, welche ihre H's nicht aus⸗ ſpricht, oder ſtatt Maria Marire ruft! Wie können Sie ſie in Geſellſchaft einführen, meine liebe Mrs. Penden⸗ nis 2 Ich will keinen Namen nennen, aber in den beſten Zirkeln der Londoner Geſellſchaft habe ich Männer ge⸗ ſehen, die den peinlichſten Kampf hatten; ich habe ge⸗ ſehen, wie ſie durch die Gemeinheit der Verbindungen ihrer Weiber beinahe zu Grunde gingen, Was that Lady Snapperton letztes Jahr bei ihrem déjeuné dan- sant nach dem böhmiſchen Ball? Sie ſagte Lord Broun⸗ ker, daß er ſeine Töchter mitbringen oder mit einem geeigneten Chsperon (Begleitung) ſchicken möchte, daß ſie aber Lady Brounker nichtempfangen würde, welche die Toch⸗ ter eines Materialiſten oder dergleichen was war, und, wie Tom Wagg von ihr bemerkte: gewiß ihr Lebtag keine Medicin brauchte. Guter Gott, was würde der unbedeutende Trennungsſchmerz beim erſten Male ſein gegen den fortwährenden Fluch einer Mesalliance oder den beſtändigen Verkehr mit gemeinen Leuten 4 „Ganz gewiß!“ ſagte Helen, welche lieber gelacht hätte, aber dieſe Neigung bezwang, weil ſie ſich erin⸗ nerte, welch wunderbaren Reſpekt ihr verſtorbener Gatte vor Major Pendennis und ſeinen Geſchichten aus der großen Welt hatte. „Dann iſt das fatale Weibsbild zehn Jahre älter als der einfältige junge Galgenſtrick von Arthur. Was geſchieht in ſolchen Fällen, meine Theure?“ Ich brauche es Ihnen nicht zu ſagen, nun wir 120 allein ſind, daß auf den höchſten Stufen der Geſellſchaft, Elend, unausbleibliches Elend das Ende vom Liede iſt. Sehen Sie einmal Lord Clodworthy mit ſeiner Gattin in ein Zimmer treten — guter Gott, ſieht ſie nicht aus, als ob ſie Clodworthys Mutter wäre? Wie ſteht es mit Lord und Lady Willowbank, deren Neigungs⸗ heirath notoriſch war; er hat ſie bereits zweimal ab⸗ geſchnitten, als ſie ſich aus Eiferſucht gegen die Tän⸗ zerin Mademoiſelle de Sainte Kunegonde erhängte, und merken Sie wohl, was ich ſage, guter Gott, eines Tags wird er die Alte nicht mehr abſchneiden. Nein, meine liebe Madame, Sie ſind nicht in der Welt, aber ich bins: Sie ſind ein Wenig romantiſch und ſentimental (Sie wiſſen das ſelbſt; Damen mit ſo großen ſchoͤnen Augen ſind es immer;) — Sie müſſen die Sache mei⸗ ner Erfahrung überlaſſen. Heirathen dieſes Frauen⸗ zimmer, heirathen im achtzehnten, eine Schauſpielerin von dreißig — pah, pah! — Eben ſo gut wollte ich, er ſchickte in die Küche, und heirathete die Köchin.“ „Ich kenne die Uebel vorzeitiger Engagements,“ ſeufzte Helen; und da ſie von dieſer Anſpielung nicht weni⸗ ger denn dreimal im Verlauf obiger Unterhaltung und von dem Gedanken langer Engagements und ungkeicher Heirathen ſo niedergedrückt zu ſein ſchien, und da, was wir erzählen wollen, Aufſchluß über das gibt, was vielleicht Einzelne zu wiſſen wünſchen, wer die kleine Laura iſt, die ſchon mehr denn einmal vor uns er⸗ ſchienen, ſo wird es am Orte ſein, dieſe Punkte in ei⸗ nem weitern Kapitel zu beleuchten. — 121 2 Achtes Rapitel. In welchem Pen vor der Thüre warten muß, bis der Leſer weiß, wer die kleine Laura iſt. Es war ein Mal ein junger Gentleman von der Univerſität Cambridge, welcher die lange Vakanz in dem Dorfe zubrachte, wo die junge Helen Thiſtlewood mit ihrer Mutter, der Wittwe des bei Kopenhagen gefallenen Lieutenant's Thiſtlewvod lebte. Dieſer Gent⸗ leman, der hochehrwürdige Francis Bell, war der Neffe der Mrs. Thiſtlewood und folglich Geſchwiſterkind mit Helen, ſo daß er ganz berechtigt war, in ſeiner Tante Haus, die in ſehr beſchränkten Verhältniſſen lebte, ſeine Wohnung aufzuſchlagen; und da brachte er die langen Ferien zu, indem er drei oder vier Zöglingen, die ihn nach dem Dorfe begleiteten, Vorleſungen hielt. Mr. Bell war Mitglied eines Collegiums und be⸗ rühmt auf der Univerſität wegen ſeiner Gelehrſamkeit und ſeines Lehrgeſchicks. Seine beiden Verwandten hatten ziemlich bald erhoben, daß der geiſtliche Herr verlobt war und nur auf eine Anſtellung auf der Uni⸗ verſität wartete, die ihn in Stand ſetzte, ſeine Ver⸗ pflichtungen zu erfüllen. Seine Braut war die Tochter eines Geiſtlichen, der Mr. Bell in ſeinen frühern Jah⸗ ren unterrichtete, und während er unter Mr. Coachers Dach und ein Junge von ſiebzehn oder achtzehn Jahren war, warf ſich der ungeſtüme junge Bell der Miß Martha Cvacher, der er Zuckerſchoten im Garten pflücken half, zu Füßen. Als er ſo auf ſeinen Knieen vor dieſen Zuckerſchoten und ihr lag, ſchwor er ihr ewige Zunei⸗ gung. Miß Coacher war um viele Jahre älter als der 122 junge Burſche, und ihr eigenes Herz war durch viele, vorangegangene Täuſchungen in Sachen des Eheſtandes verletzt worden. Nicht weniger als drei Zöglinge ihres Valers halten mit dieſen jungen Neigungen gekändelt. Der Apotheker des Dorfs hatte ſie ſchmählicher Weiſe im Stiche gelaſſen. Der Dragoneroffizier, mit wel⸗ chem ſie ſo viele, viele Male während der glücklichen Saiſon, die ſie mit ihrer gichtiſchen Großmutter in Bath verlebte, getanzt hatte, ſchüttelte an einem ſchönen Morgen munter ſeines Roſſes Zaum und galoppirte davon, ohne jemals wiederzukehren. Iſt es zu verwun⸗ dern, daß das Herz der Martha Coacher, verwundet durch die Geſchoße wiederbolter Undankbarkeit, bänglich verlangte, irgend wo Ruhe zu finden. Sie hörte auf die Anträge des linkiſchen, ritterlichen ehrlichen Jungen mit vieler Güte und guter Laune. Am Ende ſeiner Rede ſagte ſie — „Bell, gewiß, Sie ſind zu jung, um an ſolche Dinge zu denken,“ bemerkte ihm aber, daß ſie ſeine Worte in ihrem jungfräulichen Buſen bewahren wollte. Sie konnte Mr. Bell nicht an ihre Mama weiſen; denn Mr. Coacher war ein Wittwer und zu vertieft in ſeine Bücher und folglich unfähig, ein ſo gebrechliches und wunderbares Schifflein, als da iſt ein Jungfrauenherz, zu ſteuern und überließ deſſen Hand⸗ habung der Miß Martha allein. Eine Locke ihres Haares in ein Stückchen blauen Bandes gebunden, überbrachte dem glücklichen Bell das Reſultat von der Veſtalin Konferenz mit ſich ſelbſt. Dreimal zuvor hatte ſie eine ihrer kaſtanienbraunen Lockchen abgeſchnitten und weggegeben. Die Beſitzer waren treulos; aber die Locken wieder gewachſen: und Martha hatte wirklich Gelegenheit, zu ſagen, daß die Männer täuſchen, als ſie dieſes Zeichen der Liebe dem unſchuldigen Jungen einhändigte. Nummer ſechs war jedoch eine Ausnahme von den früheren Leidenſchaften — Francis Bell war der treueſte Liebhaber. Als ſeine Zeit kam, auf die Univerſität zu 123 gehen und es nothwendig wurde, Mr. Cvacher von dem getroffenen Arrangement in Kenntniß zu ſetzen, rief Letz⸗ terer: „Gott ſteh mir bei, ich hatte nicht die geringſte Ahnung von dem, was vorging,“ was in der That ſehr wahrſcheinlich iſt, da er dreimal zuvor genau auf die gleiche Weiſe überraſcht worden war; und Francis ging auf die Univerſität, entſchloſſen, ſich Ehrenpreiſe zu er⸗ werben, um ſie ſeiner geliebten Martha zu Füßen zu legen. Dieſen Siegespreis vor Augen, machte er wunderbare Anſtrengungen. Termin auf Termin lief Kunde von den gewonnenen Ehrenpreiſen ein. Die Preisbücher ſeiner Collegialverſuche ſandte er an den alten Coacher und den ſilbernen Deklamationsbecher an Miß Martha. Zur gehörigen Zeit ſtand er hoch unter den Wranglers *) und als Collegial; und während all dieſer Vorgänge wurde ein ununterbrochener, zärtlicher Briefwechſel mit Miß Coacher unterhalten, deren Ein⸗ fluß, und vielleicht mit Recht, er die gewonnenen Er⸗ folge zuſchrieb. Mittlerweile jedoch, als der hochehr⸗ würdige Francis Bell M. A. (Magister artium), Mit⸗ glied und Tutor ſeiner Fakultät, ſechsundzwanzig Jahre alt war, geſchah es, daß Miß Coacher vierunddreißig warz auch waren ihre Reize, ihre Manieren und ihr Temperament ſeit dem ſonnigen Tage des jugendlichen Lenzes, wo ſie die Zuckerſchoten in dem Garten pflückte, in kein höheres Stadium der Vortrefflichkeit eingerückt. Nachdem er ſeine akademiſchen Ehren erlangt, ließ er in dem Feuer ſeiner Studien nach, und ſein Urtheil und Geſchmack wurde vielleicht kühler. Der Sonnenſchein der Zuckerſchotenparthie ſchwand hinweg von Miß Martha und der arme Bell fand ſich gebunden — und ſeine Hand mittelſt tauſend Briefen an ein gemeines, übel⸗ gelauntes, häßliches, unmanierliches Frauenzimmer von mittlerem Alter verpfändet. *) Die (gewöhulich zwölf) geſchickteſten zur Graduirung erleſenen Stndenten der Univerſität zu Cambrige. 124 In Folge eines der vielen Streite, in denen Mar⸗ tha's Beredſamkeit in ihrem ſchönſten Lichte ſich zeigte, was ſie daher veranlaßte, ſich derſelben häufig zu über⸗ laſſen, weigerte ſich Francis, ſeine Zöglinge nach Brar⸗ leader's Green, wo Mr. Caacher wohnte und wo Bell gewöhnlich den Sommer zubrachte, zu nehmen und er beſchloß, die Ferien in dem Dorfe ſeiner Muhme zuzu⸗ bringen, das er ſeit vielen Jahren nicht geſehen — ſeit⸗ dem Helen als Mädchen auf ſeinem Knie geſeſſen — er kam herab und lebte mit ihnen. Helen war jetzt zur reizenden Jungfrau herangereift. Sie waxen bei⸗ nahe vier Monate zuſammen, von Juni bis Oktober. Sie gingen an den Sommerabenden ſpazieren. Sie trafen ſich am frühen Morgen. Sie laſen aus demſel⸗ ben Buch, wenn die alte Lady bei Nacht über dem Kerzenſchein doste. Was die kleine Helen konnte, lehrte ſie Frank. Sie ſang ihm: ſie gab ihm ihr argloſes Herz, ſie wußte um ſeine ganze Geſchichte: hatte er ein Ge⸗ heimniß daraus gemacht? Hatte er nicht das Bildniſi des Weibes gezeigt, mit dem er verlobt war und mit Erröthen — ihre harten, ſcharfen und grauſamen Briefe — die Tage ſchwanden dahin, glücklicher und inniger mit mehr Freundlichkeit, Vertrauen und mehr Mitleid. Zuletzt kam ein Morgen im Oktober und Francis kehrte zurück auf die Univerſität, und das arme Mädchen fühlte, daß ihr zärtliches Herz mit ihm gezogen war. Frank erwachte nur zu ſehr aus dem ſeligen Som⸗ mertraum zu der entſetzlichen Wirklichkeit ſeines Schmer⸗ zes. Er zerrte und riß an der Kette, die ihn band. Wahnſinnig begehrte er, ſie zu brechen und frei zu ſein. Sollte es geſchehen? Seine Erſparniſſe dem Weibe geben, an das er gebunden war, und um ſeine Erlöſung bitten? Es war noch Zeit. — Er zögerte. Keine Pfarrei wollte ſich in den nächſten Jahren aufthun. Die Ver⸗ wandten fuhren fort, ſich in Wehmuth und Zärtlichkeit zu ſchreiben, die Verlobte, hart, eiferſüchtig, unzufrieden, 125 beklagte ſich bitter und mit Recht über ihres Francis veränderten Ton. Endlich kam es zur Entſcheidung und die neue Neigung ward entdeckt. Francis geſtand es und gab ſich keine Mühe, zu verhehlen; er ſchalt ſie ob ihrem heftigen Temperament und ihrer Herrſchſucht, und, was das Schlimmſte von Allem war, wegen ihres Mangels an Intelligenz und wegen ihres Alters. Sie erwiderte, wenn er ſein Verſprechen nicht hielte, ſo würde ſie ſeine Briefe vor jeden Gerichtshof im Königreich bringen, Briefe, in denen er ihr ſeine Liebe Khutauſendmal betheuerte und nachdem ſie ihn der Welt als meineidigen Verräther hingeſtellt, werde ſie ſich um's Leben bringen. Frank hatte noch eine Zuſammenkunft mit Helen, deren Mutter jetzt todt war und die jetzt als Geſell⸗ ſchafterm bei der alten Lädy Pontypool lebte, — noch eine Unterredung, in der beſchloſſen wurde, daß er ſeine Pflicht thun, das heißt, ſein Gelübde erfüllen ſollte, das heißt, eine Schuld bezahlen ſollte, in die er durch eine Gaunerin hineingezogen ward, das heißt, zwei ehr⸗ licheLeute unglücklich zu machen. Dieß erkannten Beide für ihre Pflicht und ſchieden. Die Stelle ging nur zu bald auf, aber jetzt war Frank Bell ein grauer abgelebter Mann. Helen ſchrieb ihm bei ſeiner Verheirathung einen Brief und begann mit: „Mein theurer Vetter, und ſchloß: „Immer treulich die Ihrige.“ Sie ſandte ihm die andern Briefe und die Haar⸗ locke zurück — bis auf ein Reſtchen: ſie hatte es in ihrem Pult, als ſie mit dem Major ſprach. Bell lebte drei oder vier Jahre in dieſer Pfarrei, und als jetzt die Kaplanei von Coventry⸗Island erledigt wurde, bewarb ſich Frank insgeheim, erhielt ſie und kündigte jetzt die Anſtellung ſeinem Weibe an. Sie opponirte, wie gegen Alles. Er erklärte ihr bitter, daß er nicht verlange, daß ſie komme; ſo kam ſie. 126 Bell ging aus zur Zeit des Gouverneurs Erawley und wurde in ſeinen letzten Jahren ſehr vertraut mit dieſem Gentleman. Und in Coventry-Island, Jahre nach ſeiner eigenen Heirath und fünf Jahre, nachdem er von der Geburt von Helens Knaben gehört hatte, ward ihm ſeine eigene Tochter geboren. Sie war nicht die Tochter der erſten Mrs. Bell, welche bald nachdem Helen Pendennis und ihr Gatte, dem Helen Alles geſagt hatte, Bell die Geburt ihres Kindes angezeigt hatten, am Inſelfieber geſtorben war! „Ich war alt, nicht wahr?“ ſagte die erſi Mrs. Bell; „ich war alt und durfte ihr das Waſſer nicht bieten, nicht wahr? aber ich heirathete Sie, Mr. Bell und ließ ſie jene nicht heirathen?“ damit ſtarb ſie. Bell heirathete eine Lady aus einer engliſchen Kolonie und liebte ſie zärtlich; aber ſein Schickſal wollte nicht, daß er in der Liebe glücklich ſei, und da dieſe Lady in den Wochen ſtarb, verzweifelte er ſelbſt am Leben, indem er ſein kleines Mädchen zu Helen Pendennis und ihrem Gatten in die Heimath geſchickt, und ſie ſchließlich ge⸗ beten hatte, ſich ihrer freundlich anzunehmen. Das kleine Geſchöpf kam von dem nahen Briſtol nach Fairvaks, ſchwarz gekleidet und in Geſellſchaft einer Soldatenfrau, ihrer Amme, und weinte bitterlich, als ſie ſich von ihr trennen mußte; aber bald waren ihre Thränen unter Helen's mütterlicher Sorgfalt getrocknet. Um ihren Nacken hatte ſie ein Schlößchen mit Haar, welches Helen, vor, ach, wie vielen Jahren dem armen Francis gegeben, der nun todt und begraben war. Dieß Kind war Alles, was er hinterließ, und ſie pflegte, wie ein ſo zartes Geſchöpf es erforderte, das Vermächtniß, das er ihr hinterlaſſen. Das Mädchen hieß, wie er auf ſeinem Todtenbette ſchrieb, Helen Laura. Aber John Pendennis, obgleich er das Anvertraute an⸗ nahm, war immer etwas eiferſüchtig auf die Waiſe und ordnete verdrießlich an, daß ſie nach ihrer Mutter 127 Namen und nicht nach dem erſten, den ihr Vater ihr gegeben, genannt werden ſollte. Sie fürchtete ſich vor Pendennis bis auf den letzten Augenblick ſeines Lebens, und erſt, als ihr Gatte dahingegangen, wagte ſie offen, ſich der Zärtlichkeit, die ſie für das kleine Mädchen fühlte, hinzugeben. So wurde Laura Bell die Tochter der Mrs. Pendennis. Weder ihr Gatte, noch der Bru⸗ der dieſes Gentlemans, der Major, ſahen ſie mit gün⸗ ſtigen Augen an. Sie erinnerte Erſtern an Umſtände in ſeines Weibes Leben, die er hinnehmen mußte, die er aber viel lieber vergeſſen hätte, und was den Letzten anbelanßt, wie konnte er ſie beachten? Sie war weder mit der Familie der Pendennis verwandt, noch mit irgend einem. Edelmann in dieſem Reiche und hatte nur ein paar tauſend Pfund eigenes Vermögen. Und nun laſſen wir Mr. Pen hereintreten, der bis jetzt draußen gewartet hatte. Nachdem er ſeine Nerven geſteiſt und ſich vor der Thür auf die Zuſammenkunft vorbereitet hatte, trat er ein, entſchloſſen, dem furchtbaren Oheim die Stirne zu bieten. Er war bei ſich einig geworden, daß die Begegnung eine ſtürmiſche ſein müßte und war entſchloſſen, die Sache mit all dem Muth und der Würde der berühmten Familie, die er repräſentirte, durchzu⸗ führen. Er riß die Thüre auf und trat mit der ern⸗ ſteſten, kampfluſtigſten Miene cap à pis gewappnet, mit eingelegter Lanze und wehendem Helmbuſche ein und warf einen Blick auf ſeinen Gegner, als wollte er ſagen: „Komm nur, ich bin bereit.“ Der alte Weltmann konnte, wie er das Benehmen des Jungen gewahrte, kaum ein Grinſen über ſeine be⸗ wundernswürdige, pompöſe Einfalt unterdrücken. Auch Major Pendennis hatte ſein Terrain unterſucht, und da er fand, daß die Wittwe für den Feind halb gewonnen, und ſchlau erſah, daß Drohungen und tragiſche Ermah⸗ nungen keinen Erfolg auf den Jungen hätten, der durchaus ſtörriſch und entſetzlich ernſthaft ſein wollte, ſo verzichtete der Major auf den Ton der Autorität 128 und hielt Pen mit dem natürlichſten, launigſten Lächeln ſeine Hände hin und ſagte, die paſſiven Finger heiter ſchüttelnd: „Nun, Pen, mein Junge, erzähl' uns die ganze Geſchichte.“ Helen war entzückt über den Edelmuth in dem guten Humor des Majors. Dieſer brachte dagegen den armen Pen zurück und außer Faſſung, deſſen Nerven für eine Tragödie aufgehißt waren, und der nun fühlte, daß ſein grandioſes Auftreten lächerlich wurde. Er er⸗ röthete und ſtampfte vor verletzter Eitelkeit und Ver⸗ wirrung. „Ich — Ich — Ich wußte nicht bis eben, daß Sie kommen würden,“ ſagte er: „Iſt — Iſt — die Stadt jetzt recht voll?“ Wenn Pen ſich kaum der Thränen erwehren konnte, ſo konnte der Major ſich kaum des Lachens enthalten. Er kehrte ſich um und ſchoß einen komiſchen Blick auf Mrs. Pendennis, welche gleichfalls fühlte, daß die Scene zumal lächerlich und ſentimental ſei; und da ſie ſomit Nichts zu ſagen hatte, ging ſie auf Mr. Pen zu und küßte ihn. Wenn er an ihre Zärtlichkeit und ihre ſanfte Schmiegfamkeit unter ſeine Wünſche dachte, ſo war es wohl möglich, daß das Eis bei dem Jungen brach. „Was das für ein paar Narren ſind,“ dachte der alte Vormund. „Wäre ich nicht herabgekommen, ſie wäre in Gala hinüber gefahren, um der Familie der jungen Lady einen Beſuch zu machen und ihren mütter⸗ lichen Segen zu ertheilen.“ „Kommt!l kommt!“ ſagte er, das Paar immer noch angrinſend: „Wir wollen ſo wenig als möglich Senti⸗ mentalität, und Du, Pen, guter Junge, erzähle uns die ganze Geſchichte.“ Pen war mit einem Mal ſeiner tragiſch herviſchen Rolle zurückgegeben. „Die Sache verhält ſich, Sir,“ ſagte er, „wie ich Ihnen geſchrieben habe. Ich habe die Bekanntſchaft einer außerordentlich ſchönen und tugend⸗ haften Lady von hoher Familie, aber beſchränkten Glücks⸗ 129 umſtänden gemacht: Ich habe ſie gefunden, in der das Glück meines Lebens, wie in einem Brennpunkt zuſam⸗ menläuft; ich fühle, daß ich nie, nie an ein Frauen⸗ zimmer außer ihr denken kann. Ich ſehe wohl den Unterſchied unſeres Alters und andere Schwierigkeiten, die mir im Wege ſtehen; aber meine Neigung war ſo groß, daß ich fühlte, daß ich ſie alle überſteigen könnte, daß wir Beide es konnten: und ſie hat eingewilligt, ihr Loos mit dem meinigen zu vereinigen und mein Herz und mein Vermögen anzunehmen.“ „Und wie viel iſt das, mein Junge?“ fragte der Major. „Hat Dir Jemand Geld hinterlaſſen? Ich weiß nicht, daß Du über einen Shilling verfügen kannſt.“ „Sie wiſſen, was ich habe, iſt ſein,“ rief Mrs. Pendennis, „Gott im Himmel, Madame, halten ſie das Maul!“ wollte der Vormund ſagen; aber er nahm ſich nicht ohne Kampf zuſammen. „Ohne Zweifel,“ ſagte er, „Sie würden ihm Alles opfern, Jedermann weiß es. Aber bei alledem iſt es Ihr Vermögen, das Pen der jungen Lady anbietet und von dem er in ſeinem achtzehnten Jahre Beſitz zu nehmen wünſcht.“ „Ich weiß, meine Mutter gibt mir Alles,“ ſagte Pen etwas verblüfft. „Ja, mein guter Junge, aber in Allem muß Ver⸗ nunft ſein. Wenn Deine Mutter das Haus hält, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß ſie auch ihre Geſellſchaft wählt. Wenn Du über ihr Haus verfügſt, und die Rechnung ihres Bankiers auf Dich ſelbſt zu Gunſten der Miß — wie heißt ſie doch? — Miß Coſtigan über⸗ trägſt — glaubſt Du nicht, Du ſollteſt wenigſtens meine Schweſter als eine der Hauptperſonen bei der Sache um Rath gefragt haben? Ich ſpreche, wie Du ſiehſt, ohne den geringſten Unwillen und mache die Autorität nicht geltend, die mir das Geſetz und Deines Vaters Wille für die drei nächſten Jahre über Dich gibt, ſon⸗ dern als ein Mann zum andern und ich frage Dich, Pendennis. 1. 9 130 glaubſt Du, weil Du Alles thun kannſt, was Du willſt, mit Deiner Mutter, deshalb auch ein Recht habeſt, ſo zu thun? Da Du von ihr abhängſt, wäre es da nicht nobel geweſen, zu warten, ehe Du dieſen Schritt thateſt, oder wenigſtens ſo höflich zu ſein, ſie um ihre Erlaub⸗ niß zu bitten?“ Pen hatte ſein Haupt geſenkt und begann zu ahnen, daß die Handlung, deren er ſich als des romantiſchſten, edelſten Beiſpiels von uneigennütziger Zuneigung gerühmt, vielleicht die ſelbſtſüchtigſte, eigenfinnigſte Thorheit war. „Ich that es in einem Augenblick der Leidenſchaft,“ ſagte Pen ſtotternd, „ich wußte nicht, was ich ſagte oder that (und darin war er vollkommen aufrichtig), aber nun iſt es geſprochen und ich ſtehe dafür ein. Nein, ich kann und will es nicht zurücknehmen, will lieber ſter⸗ ben, als daß ich es thue — und ich — ich will meiner Mutter nicht zur Laſt fallen,“ fuhr er fort „ich will für mich ſelbſt arbeiten, ich will mit ihr anf die Bühne gehen. Sie — ſie ſagt, ich würde mich da gut befinden.“ „Aber will ſie Dich unter dieſen Bedingungen nehmen?“ fiel der Major ein. „Bedenke, ich ſage nicht, daß Miß Coſtigan nicht das uneigennützigſte aller Weiber iſt; aber glaubſt Du nicht ſelbſt, ehrlich geſtanden, daß Deine Stellung als junger Gentleman von alter Ab⸗ kunft und anſtändigen Ausſichten dazu mitwirkt, daß ſie Deine Bewerbungen willkommen findet?“ „Lieber will ich ſterben, das ſage ich, als mein ihr gegebenes Wort brechen,“ ſagte Pen, ſeine Fäuſte bal⸗ lend und erröthend. „Wer verlangt das von Dir, mein lieber Freund?“ antwortete der unerſchütterliche Vormund. „Natürlich bricht kein Gentleman ſein Wort; aber bei alledem kannſt Du warten. Du biſt Etwas Deiner Mutter, Etwas Deiner Familie — Etwas mir, dem Stellver⸗ treter Deines Vaters, ſchuldig.“ 5 „O, ganz gewiß,“ ſagte Pen und fühlte ſich etwas erleichtert. 131 „Gut, da Du ihr Dein Wort verpfändet haſt, ſo gib uns ein anderes, Arthur, willſt Du?“ „Wofür?“ fragte Arthur. „Daß Du keine geheime Heirath, keinen Abſtecher nach Schottland machſt, verſtehſt Du mich?“ „Das wäre eine Lüge. Pen hat ſeiner Mutter noch nie eine Lüge geſagt,“ ſagte Helen. Pen ſenkte wieder din Kopf und ſeine Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen dir Scham. War nicht dieſer ganze Liebeshandel eine Läge gegen die zärtliche und vertrauensvolle Mutter, die bereit war, Alles für ihn aufzugeben? Er gab ſeinem Oheim Se „Nein, Sir — auf mein Ehrenwort als Gentle⸗ man,“ ſprach er, „ich will mich nie verheirgthen ohne meiner Mutter Zuſtimmung,“ und Helen einen glänzen⸗ den Abſchiedsblick des Vertrauens und unveränderlicher Zuneigung zuwerfend, ging er aus dem Geſellſchafts⸗ ſaal in ſein Studierzimmer. „Er iſt ein Engel — er iſt ein Engel!“ rief ſeine Mutter in einer ihrer Erſtaſen. „Er kommt von einem guten Stamm, Ma'am,“ verſetzte ihr Schwager — „von einem guten Stamm auf beiden Seiten.“ Der Major war mit dem Reſultat ſeiner Diplomatie ſo wohl zufrieden, daß er die Spitzen von Mrs. Pendennis Handſchuh noch ein Mal ſalutirte und von dem kurzen, männlichen geraden Ton, womit er die Unterhaltung mit dem Jungen geführt, in einen ſchleppenden überging, den er immer annahm, wenn er witzig und fein ſein wollte. „Meine Theure,“ ſagte er in ſeinem feinſten Tone, „ich glaube gewiß, es war gut, daß ich herabkam und ich ſchmeichle mir, daß dieſe letzte botte von Wirkung war, ich will Ihnen ſagen, wie ich dar⸗ auf kam. Vor drei Jahren ſandte meine gütige Freun⸗ din, Lady Ferrybridge, zu mir in der größten Angſt wegen ihres Sohnes Gretna, deſſen Geſchichte Sie ſich erinnern, und bat mich, meinen Einfluß bei dem 132 jungen Gentleman geltend zu machen, der eine affaire de coeur mit eines ſchottiſchen Pfarrers Tochter, Miß Mac Toddy, hatte. Ich bat, ich flehte, ſie ſollten ge⸗ linde Maßregeln ergreifen, aber Lord Ferrybridge war wüthend und verfuhr gewaltig, Gretna war eigenſinnig und ſchweigſam und ſeine Eltern glaubten ſchon, ſie hätten ihn beſiegt, aber was war es, meine Theure? Das junge Volk war drei Monate verhei⸗ rathet, ehe Lord Ferrybridge etwas davon wußte, und darum nahm ich Pen das Verſprechen ab.“ „Arthur würde das nie gethan haben,“ ſagte Mrs. Pendennis. „Er hat es nicht gethan,“ antwortete der Schwa⸗ ger. Wie ein vorſichtiger, bedächtiger Weltmann drängte Major Pendennis den armen Pen für den Augenblick nicht weiter, ſondern hoffte das Beſte von der Zeit, und daß dem Jungen in kurzer Zeit die Augen aufgehen würden, um die Albernheit ſeines Schrittes einzuſehen. Als er fand, wie ſcharf der Junge auf dem Punkt der Ehre war, ſo arbeitete er mit großem Geſchick nach dieſem Ziele hin, ſprach mit ihm beim Weine, nach dem Diner und wies Pen die Nothwendigkeit nach, in all ſeinem Thun aufrichtig und offen zu ſein und bat ihn, daß aller Verkehr mit ſeiner intereſſanten jungen Freun⸗ din (wie der Major höflich Miß Fotheringay nannte), nur mit Vorwiſſen, wo nicht mit Billigung der Mrs. Pendennis unterhalten werden ſollte. „Nach alledem, Pen,“ ſagte der Major mit gebürendem Freimuth, der dem Jungen nicht mißſiel, während es die Zwecke des Unterhändlers förderte, „mußt Du bedenken, daß Du dich wegwirfſt. Deine Mutter mag ſich zu Deiner Heirath bequemen, wie zu ſonſt Allem, das Du be⸗ gehrteſt, wenn Du lange genug darnach ſchrie'ſt. Du darfſt aber überzeugt ſein, daß es ihr nicht gefallen kann. Du nimmſt ein junges Frauenzimmer von den Brettern eines Landtheaters und zieheſt ſie, denn dieß iſt der Fall, einer der ſchönſten Ladies Englands vor. 133 Und Deine Mutter wird ſich Deiner Wahl fügen, aber Du kannſt nicht erwarten, daß ſie glücklich dabei iſt. Ich habe mir oft eingebildet, entre nous, daß meine Schweſter im Sinne hat, eine Heirath zwiſchen Dir und ihrer kleinen Mündel — Flora — Laura — oder wie ſie ſonſt heißt, einzuleiten, und ich war immer ent⸗ ſchloſſen, meine geringen Kräfte zur Verhinderung einer ſolchen Verbindung aufzubieten. Das Kind hat nur zweitauſend Pfund, hab' ich mir ſagen laſſen. Nur mit der äußerſten Sparſamkeit und Fürſorge kann meine Schweſter für die anſtändige Führung des Haushaltes und für Deine Erziehung als Gentleman Mittel ſchaf⸗ fen, und ich geſtehe Dir gern, daß ich andere und höhere Abſichten mit Dir hatte. Mit Deinem Namen und Dei⸗ ner Geburt, Sis, — mit Deinen, wie ich vermuthe, anſehnlichen Talenten, mit den Freunden, die ich die Ehre habe zu beſitzen, hätte ich Dich in eine vorzüg⸗ liche Stellung — in eine Stellung bringen koͤnnen, die für einen jungen Mann von ſo außerordentlich ge⸗ ringen Mitteln denkwürdig geweſen wäre, und hatte gehofft zu erleben, daß Du die Ehre Deines Namens zum mindeſten wieder hergeſtellt hätteſt. Die Schwach⸗ heit Deiner Mutter nahm mir die eine Ausſicht, ſonſt hätteſt Du ein General werden können, wie Dein tapférer Vorfahr, der bei Ramillies und Malplaquet gefochten. Ich hatte einen andern Plan: mein vortreff⸗ licher und gütiger Freund Lord Bagwig, der mir ſehr geneigt iſt, hätte Dich, ich habe keinen Zweifel, einer Sendung nach Pumpernickel beigegeben und Du wärſt in der diplomatiſchen Laufbahn vorgerückt, aber verzeih mir, wenn ich wieder auf den Gegenſtand zurückkomme, wie wird ein Mann einem jungen Gentleman von acht⸗ zehn Jahren dienen, der eine Lady von dreißig heira⸗ thet, die er von der Bretterhütte eines Jahrmarkts? — nein, nicht eines Jahrmarkts — einer Scheune ſich auserkoren hat. Dieſe Laufbahn iſt Dir verſchloſſen. Der öffentliche Dienſt iſt Dir verſchloſſen. Die höhere — 134 Geſellſchaft iſt Dir verſchloſſen. Du ſiehſt, guter Freund, wohin Du dich gebracht haſt, Du kannſt allerdings noch in einer Gerichtsſtube unterkommen, da heirathen, wie ich höre, Gentlemen von Verdienſt aus ihren Kü⸗ chen; aber in keinem andern Berufe, Du magſt kom⸗ men, und hier unten — hier unten, mon Dieu! für immer leben“ (ſprach der Major mit traurigem Achſel⸗ zucken, da er mit unausſprechlicher Zärtlichkeit an Pall Mall dachte), wo Deine Mutter die zukünftige Miſtreß Arthur mit aller Freundlichkeit aufnehmen wird; wo das gute Volk aus der Graſſchaft Dich nicht beſuchen wird, und wo bei Gott, Sir, ich ſelbſt Anſtand nehme, Dich zu beſuchen, denn ich ſpreche gern von der Leber weg, und geſtehe Dir, daß ich gern Gentlemen für meine Geſellſchaft habe. Hier haſt Du zu deben, hier mußt Du mit Rum und Waſſer trinkenden Herren Pächtern leben und den jungen Ehemann einer alten Frau durch's Leben hinſchleppen, die, wenn ſie nicht mit Deiner Mutter in Händeln lebt, dieſe Lady wenigſtens ihre Stellung in der Geſellſchaft koſten und ſie in jene zweideutige Kaſte hinabziehen wird, in die Du unfehl⸗ bar fallen wirſt. Es geht mich Nichts an, mein guter Sir. Ich bin nicht unwillig, Dein Fall aber wird mir nicht weiter weh thun, als daß er die Hoffnungen ver⸗ nichtet, meine Familie noch ein Mal ihre Stelle in der Welt einnehmen zu ſehen, nur ihr, Deine Mutter und Du, werdet zu Grunde gerichtet, ihr dauert mich beide in der Seele. Gib den Claret her; er iſt von dem, den ich Deinem armen Vater ſchickte; ich erinnere mich, ich kaufte ihn bei der Verſteigerung des Lord Levant. Aber natürlich,“ fuhr der Major fort, den Wein verkoſtend, „da Du einmal Dich engagirt haſt, ſo thuſt Du, was einem Manne von Ehre gebürt, ſo verderblich auch Dein Verſprechen ſein mag. Verſprich uns jedoch, mein Junge, um was ich Dich zu bitten unterließ — daß Du nichts Heimliches thuſt, Deine Studien fortſetzeſt 135 und Deine intereſſante Freundin nur in geeigneten Zwiſchenräumen beſuchſt. Schreibſt Du ihr viel?“ Pen erröthete und ſagte: „Nun ja, er hätte ihr geſchrieben.“ „Vermuthlich Verſe, he, ſo gut als Proſa? Hatte ſelbſt einmal einen Affen für die Verſe, ich erinnere mich, als ich zuerſt eintrat, ſchrieb ich Verſe und der⸗ gleichen mehr für die Kameraden in dem Regiment, ich ſprach einmal mit meinem alten Freunde, General Hobbler, wegen ein paar Strophen, die ich für ihn im Jahr 1806 entwarf, als wir auf dem Kap ſtanden, und bei Gott, er erinnerte ſich noch jeder Linie davon; denn er gebrauchte ſie ſo oft, der alte Schelm, und hatte ſie wirklich bei Mrs. Hobbler angebracht, Sir, — die ihm ſechzigtauſend Pfund brachte. Ich vermuthe, Du haſt Dich in Verſen verſucht, Pen?“ Pen erröthete und ſagte: „Nun ja, er hätte Verſe geſchrieben.“ „Und antwortete die Schöne in Poeſie oder Proſa?“ fragte der Major, indem er ſeinen Neffen mit dem ſelt⸗ ſamſten Ausdruck beaugte, als wollte er ſagen: o Mo⸗ ſes und grüne Brillen! Was der Junge für ein Thor iſt!“ Pen erröthete wieder, ſie hatte ihm geſchrieben, aber nicht in Verſen, geſtand der junge Liebhaber, und gab ſeiner Bruſttaſche das Benefiz eines Druckes mit dem linken Arm, was dem Auge des Majors nicht entging. „Du haſt dort die Briefe, wie ich ſehe,“ ſagte der alte Feldzügler, indem er Pen winkte und auf die eigene Bruſt deutete (die von Mr. Stultz mit Baumwolle wattirt war). Du weißt es, Du haſt ſie dort. Ich gäbe zwei Penny, wenn ich ſie ſehen könnte.“ „Nun,“ ſagte Pen, indem er die Stiele der Erd⸗ beeren leicht berührte, „ich — ich,“ aber der Satz kam nie zu Ende, denn Pen's Miene war ſo komiſch und verlegen, als der Major ihn firirte, daß der Aeltere 136 ſeinen Ernſt nicht länger bewahren konnte und in ein Lachen ausbrach, in welches Pen nach einer Minute einſtimmen mußte und ſelbſt aus vollem Halſe lachte. Damit gelangten ſie unter vielem Humor in Mrs. Pen⸗ dennis Geſellſchaftszimmer. Sie freute ſich, als ſie ſie lachend über die Halle kommen hörte. „Du ſchlauer Schelm,“ ſprach der Major, indem er munter ſeinen Arm über Pen's Schultern legte und dem Jungen einen ſcherzhaften Puff auf die Bruſttaſche gab, er fühlte, daß Papiere darin knitterten, der junge Burſche war entzückt — wurde witzig — triumphirte, war mit einem Wort ein Kindskopf. Das Paar kam höchſt aufgeräumt an den Thee⸗ tiſch. Unbegränzt war des Majors Artigkeit, er hatte noch nie ſo guten Thee gekoſtet und ſolches Brod konnte man nur auf dem Lande finden. Er bat Mrs. Pen⸗ dennis um eines ihrer bezaubernden Lieder. Dann brachte er Pen zum Singen und war entzückt und er⸗ ſtaunt über die ſchöne Stimme des Jungen; er ließ ſeinen Neffen ſeine Mappen und Zeichnungen bringen, und lobte ſie als wirklich merkwürdige Proben von Talent bei einem jungen Burſchen; er machte ihm Komplimente über ſeine franzöſiſche Ausſprache; er ſchmeichelte dem einfältigen Jungen ſo geſchickt, als nur immer ein Liebhaber ſeiner Geliebten jemals ge⸗ than haben konnte, und als die Bettzeit kam, gingen Mutter und Sohn ganz bezaubert über den gütigen Major auf ihre Zimmer. Als ſie ihre Gemächer er⸗ reicht hatten, fiel Helen, denke ich, wie gewöhnlich auf ihre Kniee nieder und Pen überlas ſeine Briefe, ehe er zu Bette ging, als ob er ſie nicht ſchon Wort für Wort auswendig könnte. Es waren in Wahrheit nur drei ſolcher Liebesurkunden, und ihren Inhalt auswen⸗ dig zu lernen, erforderte keine große Anſtrengung des Gedächtniſſes. In Nro. 1 empfiehlt ſich Miß Fotheringay Mr. Pendennis und dankt ihm in ihrem und ihres Vaters — ————— 137 Namen für ſeine ungemein ſchönen Geſchenke. Sie werden ſie immer ſorgfältig aufbewahren und Miß Fo⸗ theringay und Capitän werden nie den herr⸗ lichen Abend vergeſſen, den ſie letzten Dienſtag in ſeiner Geſellſchaft zubrachten. Nro. 2 beſagte: — „Theurer Sir, nächſten Dien⸗ ſtag Abend werden wir einen kleinen, ſtillen Kreis ge⸗ ſelliger Freunde an unſerem einfachen Tiſche bei einem frühen Thee haben, wobei ich die ſchöne Schärpe tra⸗ gen werde, die mit den ſie begleitenden, herrlichen Ver⸗ ſen mir immer und ewig theuer ſein werden, und Papa heißt mich ſagen, daß er ſich glücklich ſchätzen wird, wenn ſie an dieſem „Feſt der Vernunft und des Seelen⸗ fluſſes,“ an unſerem heitern kleinen Kreiſe Theil neh⸗ men wollen und ich werde ſtets ſein Ihre wahrhaft dankbare Emily Fotheringay.“ Nro. 3 war etwas vertraulicher und zeigte, daß die Sache weiter gediehen war. „Sie waren geſtern Abend ſehr böſe,“ ſagte der Brief, „warum kamen Sie nicht an die Bühnenthür, Papa konnte mich wegen ſeines Auges nicht begleiten; er hatte einen Unfall und ſtürzte Sonntag Abend auf der Treppe über einen ab⸗ gelösten Teppich. Ich bemerkte, daß Sie den ganzen Abend nach Miß Diggle ſchauten und Sie waren ſo bezaubert von Lydia Langueish, daß Sie kaum ein Mal auf Julie ſahen. Ich hätte Bingley zermalmen kön⸗ nen, ſo bös war ich; ich ſpiele Ella Roſenberg am Freitag; werden Sie kommen? Miß Diggle tritt auf als — immer die Ihrige E. F. Dieſe drei Briefe las Mr. Pen in Zwiſchenräumen bei Tag und bei Nacht mit dem Entzücken und Eifer, den ſolche ſchöne Kompoſitionen rechtfertigten; tauſend⸗ mal hatte er das nach Moſchus riechende Satinpapier geküßt, das durch die Hand der Emily Fotheringay geheiligt war. Dieß war Alles, was er für die Flamme 138 ſeiner Leidenſchaft, ſeine Gelübde und Betheurungen, ſeine Reime und dergleichen, für ſeine ſchlafloſen Nächte und endloſen Gedanken, ſeine Zärtlichkeit, ſeine Beſorg⸗ niß und ſeine Thorheit hatte. Der junge Thor hatte dafür ſein Alles eingeſetzt, ſeinen Namen unter endloſe Noten geſetzt, die ſein Herz für ſein Leben gebun⸗ den und den Werth für zwei Penny als Aequivalent dafür erhalten, denn Miß Coſtigan war eine junge Lady von ſo vollkommen guter Aufführung und Selbſt⸗ beherrſchung, daß ſie nie daran gedacht hätte, mehr zu geben, und die Schätze ihrer Zuneigung zurückhielt, bis ſie ſie geſetzlich am Altar übertragen konnte. Sei dem wie ihm wolle, Mr. Pen war zufrieden mit dieſen Zeichen von Achtung, die er erhalten, und ging über dieſe drei Briefe mit vollem Entzücken hin⸗ weg, und ſchlief höchlich vergnügt über ſeinen gütigen Onkel von London, der mit der Zeit offenbar ſich in ſeine Wünſche fügen mußte, und mit einem Wort, es war eine voreilige Zufriedenheit mit ſich ſelbſt und der Welt. UMeuntes Rapitel in welchem der Mäjor den Feldzug eröffnei. Diejenigen, welche ein wirkliches Vergnügen an der Londoner Geſellſchaft und dem Vorrecht des Ein⸗ tritts in ihre außerleſenſten Zirkel haben, müſſen zuge⸗ ben, daß Major Pendennis ein Mann von außergewöhn⸗ licher Großmuth und Zuneigung in dem Opfer war, das er jetzt brachte. Er verzichtete auf London im Mai, „ 39 auf ſeine Zeitungen und ſeine Margen — ſeine Nach⸗ mittage von Klub zu Klub, ſeine kurzen vertraulichen Beſuche bei Myladies, ſeine Ritte in Rotten⸗Row *), ſeine Diners ſeinen Stand in der Oper, ſeine ſchnellen Ausflüge nach Fulham oder Richmond an Samstagen und Sonntagen, Verbeugung, womit ihn Mylord Herzog, oder Mylord Marquis bei den großen Londoner⸗ Unterhaltungen empfing, und ſeinen Namen in der Morning Poſt des folgenden Tages — ſeine ruhigeren kleinern Feſtlichkeiten, ausgewählter, ge⸗ heimer und wonniger — auf alles dieß verzichtete er, um ſich in ein einſames kleines Landhaus einzuſchließen, mit einer einfältigen Wittwe und einem Gelbſchnabel von Sohn, einem abgeſchmackten Pfarrgehilfen und einem Mädchen von zehen Jahren. Er brachte das Opfer, und es war um ſo größer, da wenige deſſen Umfang kannten; ſeine Briefe waren frankirt aus der Stadt gekommen, und er zeigte Helen mit einem Seufzer die Einladungen. Es war tragiſch ſchön, wenn man ſah, wie er eine Parthie um die an⸗ dere zurückwies — wenigſtens bei denen, die, was Helen nicht that, die melancholiſche Größe ſeiner Selbſt⸗ verläugnung zu würdigen wußte. Helen that es nicht, oder lächelte nur bei dem furchtbaren Pathos, womit der Major von dem Court Guide im allgemeinen ſprach, aber der junge Pen ſah mit großem Reſpekt auf die großen Namen auf den Ueberſchriften auf ſeines Oheims Briefen, und horchte auf des Majors Geſchichten von der faſhionablen Welt mit bleibendem Intereſſe und mit Sympathie. In dem guten Gedächtniß des ältern Pendennis waren Tauſende trefflicher Erzählungen aufgeſpeichert, und er ergoß ſie in Pen's williges Ohr mit unfehlba⸗ rer Beredſamkeit; er kannte den Namen und den *8 *) Ein zwei (engl.) Meilen langer Park zu Spazierritten in London. N 140 Stammbaum von jedem Pair und von Jedermanns Verwandtſchaften. „Mein lieber Junge,“ pflegte er mit traurigem Ernſte zu ſagen: „Du kannſt Deine genealogiſchen Stu⸗ dien nicht zu früh beginnen; ich wünſche zu Gott, Du würdeſt jeden Tag in Debrett leſen. Nicht ſowohl der hiſtoriſche Theil, (denn die Stammbäume, unter uns geſagt, ſind manchmal ſehr fabelhaft, und es gibt wenig Familien, die eine ſo unzweifelhafte Abkunft nachweiſen können, als unſre eigne) als vielmehr den Bericht von den Familienverbindungen und die Verwandtſchaftsver⸗ hältniſſe. Ich habe einen Mann gekannt, der durch Unwiſſenheit in Bezug auf dieſen wichtigen, diefen höchſt wichtigen Gegenſtand ſich ſeine Laufbahn verderbte. Erſt letzten Monat, bei einem Mittageſſen bei Mylord Hobanob ſprach ſich ein junger Mann, der in letzter Zeit unter uns aufgenommen wurde, ein junger Mr. Sucklin, (Her⸗ ausgeber eines Werks, glaube ich) über Admiral Bowſers Beſtrebungen, die Miniſter für ſich zu ge⸗ winnen, auf eine, ich muß es geſtehen, äußerſt kecke Weiſe aus; aber wer glaubſt Du, daß dieſem Mr. Sucklin zunächſt und gegenüber ſaß? — Nächſt ihm ſaß — Lady Grampound, Bowſers Tochter, und ihm gegenüber ſaß Lord Grampound, Bowſers Schwieger⸗ ſohn. Der bethörte junge Mann fuhr fort, über des Admirals Aufwand Witze zu reißen, und dachte, alle Welt lache mit ihm. Du kannſt Dir einbilden, wie Lady Hobanob — Hobanob dabei zu Muthe war! — wie Jedem, der ſeine Erziehung hatte, als der unglück⸗ liche Intru ſich ſo erponirte. Er wird nie wieder in South Street diniren, ſoviel ſage ich Dir.“ Mit ſolchen Reden unterhielt der Major ſeinen Neffen, wenn er auf der Terraſſe vor dem Haus den für ſeine Conſtitution erforderlichen, zweiſtündigen Spazier⸗ gang machte, oder ſie nach dem Diner beim Weine bei⸗ ſammen ſaßen. Er beſchwerte ſich, daß Sir Francis Clavering nicht in den Park herabgekommen war, um 14¹ nach ſeiner Heirath dort zu leben und für die Nachbar⸗ ſchaft Geſellſchaft zu machen. Er bedauerte, daß Lord Eyrie nicht auf dem Lande war, daß er Pen ſeiner Lord⸗ ſchaft vorſtellen könnte. „Er hat Töchter,“ ſagte der Major, „wer weiß? Du hätteſt Lady Emily oder Lady Barbara Trevhawk heirathen können; aber alle dieſe Träume ſind jetzt vorbei, armer Burſche! Du mußt jetzt liegen, wie Du Dir ſelbſt gebettet haſt.“ Dieſe Vorſtellungen machten tiefen Eindruck auf den jungen Pendennis. Sie find nicht ſo intereſſant beim Leſen, als wenn ſie mündlich gegeben werden; aber des Majors Anekdoten von dem großen George, von den königlichen Prinzen und Herzogen, von den Staatsmännern, den Schönheiten und fafhionabeln Ladies füllten des jungen Pen's Seele mit Verlangen und Be⸗ wunderung; und er fand die Unterhaltungen mit ſeinem Vormund, die der armen Mrs. Pendennis ſo tief ein⸗ ſchnitten, für ſein Theil nie langweilig. Man kann nicht ſagen, daß Mr. Pen's neuer Füh⸗ rer, Philoſoph und Freund mit ihm über die erhaben⸗ ſten Gegenſtände ſprach, oder die erkorenen Gegenſtände auf die erhabenſte Weiſe behandelte. Aber ſeine Mo⸗ ralität, ſo wie ſie war, hatte Boden. Sie bezwekte vielleicht nicht Jemandes Fortſchritt in der andern Welt, aber ſie war ziemlich gut darauf berechnet, ſeine Intereſſen in dieſer zu befördern; und dann muß man ſich erinnern, daß der Major keinen Augenblick zweifelte, daß ſeine Geſichtspunkte die einzig praktiſchen Geſichts⸗ punkte wären, und daß ſein Benehmen vollkommen tugendhaft und reſpektabel ſei. Er war mit einem Wort ein Mann von Ehre, und hatte, wie er es hieß, die Augen offen. Er bemitleidete den Gelbſchnabel von Neffen, und wünſchte auch ihm die Augen zu öffnen. Niemand ging zum Beiſpiel regelmäßiger in die Kirche, als der alte Junggeſell, wenn er auf dem Lande war. „Es hat in der Stadt nicht ſo viel zu bedeuten,“ ſagte er, „denn die Frauen gehen hin, und die Männer 142 werden nicht vermißt; aber wenn ein Gentleman sur ses terres iſt, muß er dem Landvolk ein Beiſpiel geben, und wenn ich den Ton treffen könnte, glaube ich, ich würde ſogar ſingen. Der Herzog von Saint David's, den ich die Ehre habe zu kennen, ſingt immer auf dem Lande; und laß mich Dir ſagen, es hat einen gar ſchö⸗ nen Effekt vom Familienſtuhl aus, und Du biſt da unten Etwas; ſo lang die Claverings nicht da ſind, biſt Du der erſte Mann in dem Kirchſpiel, und ſo gut als Einer. Du könnteſt die Stadt vertreten, wenn Du Deine Karten gut ausſpielteſt. Deinem armen, theuren Vater wär's gelungen, wäre er am Leben geblieben. — So kannſt's auch Du, aber nicht, wenn Du eine Lady heiratheſt, mit der, bei aller ihrer Liebenswürdigkeit, das Volk vom Lande Nichts zu thun haben will. — Recht, recht; 's iſt ein peinliches Thema; wir wollen auf was Anderes übergehen, Junge.“ Aber wenn Major Pen⸗ dennis einmal auf etwas Anderes überging, ſo kam er zwanzig Mal des Tags darauf zurück, und die Nutzan⸗ wendung ſeiner Rede war immer, daß Pen ſich weg⸗ warf. Nun gehört nicht viel Beſchwatzen oder Schön⸗ thun dazu, einen einfältigen Jungen glauben zu machen, daß er ein recht hübſcher Burſche iſt. Pen nahm ſeines Oheims Räthe zu Herzen. Er hörte, wie wir ſchon erwähnten, den ältern Mann gern ſprechen. Die Unterhaltung des Kapitän Coſtigan wollte ihm gar nicht behagen, und bei dem Gedanken an den alten Trunkenbold als Schwiegervater überlief ihn ein Grauen. Er konnte den unrafirten, nach Punſch riechenden Mann in ſeinen Gedanken mit ſeiner Mutter nicht zuſammen bringen. Selbſt mit Emily — kam man nicht ganz zu Recht, wenn der unbarmherzige Vor⸗ mund anfing, ihn auszufragen. „Iſt ſie hochgebildet?“ Er mußte geſtehen, nein. „Iſt ſie gewandt?“ „Nun ſie hat einen gewöhnlichen Verſtand; aber man konnte durchaus nicht ſagen, daß ſie gewandt ſei.“ „Komm, wir wollen ein Paar ihrer Briefe beſichtigen.“ So 143 mußte denn Pen bekennen, daß er nur jene drei hätte, deren wir bereits erwähnten, und daß ſie nur unbedeu⸗ tende Einladungen oder Antworten ſeien. „Sie iſt vorſichtig genug,“ bemerkte der Major trocken. „Sie iſt älter, als Du, mein armer Junge;“ und dann vertheidigte er ſich mit der größten Frei⸗ müthigkeit und Demuth, und appellirte an Pen's Ge⸗ fühle, indem er den Jungen bat, einen zärtlichen alten Oheim zu entſchuldigen, der nur die Ehre ſeiner Fami⸗ lie im Auge habe, da Arthur's Zorn gleich auf⸗ flammte, wenn Miß Coſtigans Ehrlichkeit in Zwei⸗ fel gezogen wurde, und er ſchwor, daß er ihren Namen nie verunglimpfen laſſe, und nie von ihr ſich losſagen werde. Er wiederholte dieß ſeinem Oheim und ſeinen Freun⸗ den daheim, und auch, man muß es geſtehen, Miß Fotheringay und der liebeswürdigen Familie zu Chat⸗ teries, bei der er immer noch einen Theil ſeiner Zeit zubrachte. Miß Emily war beunruhigt, als ſie hörte, daß Pen's Vormund angekommen ſei, und vermuthete richtig, der Major ſei mit feindlichen Abſichten gegen ſie angekommen. „Ich denke mir, Sie wollen mich verlaſſen, nun Ihr vornehmer Verwandter aus der Stadt herabge⸗ kommen iſt. Er nimmt Sie mit fort, und Sie ver⸗ geſſen Ihre arme Emily, Mr. Arthur!“ „Sie vergeſſen! in Ihrer Gegenwart, in der von Miß Rouney, der Columbine und Milly's vertrauter Freundin in der Theatertruppe, in Gegenwart des Kapitäns ſelbſt ſchwor Pen, er könne nie an eine andere Lady denken, als an ſeine geliebte Miß Fotheringay. Und der Kapitän, zu ſeinen Rappieren aufſchauend, die wie eine Trophäe an der Wand des Zimmers hingen, wo Pen und er zu fechten pflegten, ſprach mit Ingrimm: er würde keinem Manne rathen, ſich unbeſonnen mit den Neigungen ſeines geliebten Kindes zu befaſſen und nie glanben, daß ſein ritterlicher, junger Arthur, 144 den er als ſeinen Sohn behandelte, den er ſeinen Sohn nannte, ſich je eines, jeden Gedanken von Ehre und Menſchlichkeit widerſtrebenden Benehmens ſchuldig mache. Nach ſolchen Worten trater auf Pen zu und umarmte ihn. Er weinte und wiſchte ſich mit einer gewaltigen ſchmutzigen Hand das Auge, während er Pen mit der andern feſthielt. Arthur ſchauderte bei dieſem Griffe und dachte an ſeinen Onkel daheim. Sein Schwieger⸗ vater ſah ungewöhnlich ſchmutzig und ſchäbig darein und ein Geruch von Schnaps und Waſſer war noch entſchiedener, als gewöhnlich. Wie konnte er dieſen Mann mit ſeiner Mutter zuſammenbringen? Er zitterte bei dem Gedanken, daß er Coſtigan (indem er ihm einen Souvereign als Anlehen beiſchloß, deſſen der würdige Gentleman benöthigt war) unumwunden ge⸗ ſchrieben hatte, daß er hoffe, dereinſt als ſein wohl affectio⸗ nirter Sohn Arthur Pendennis zu unterzeichnen. Er war an jenem Tage froh, von Chatteries los gekom⸗ men, von Miß Rounch der Confidante, von dem alten Zechbruder ſeinem Schwiegervater, ja ſelbſt von der göttlichen Emily. „O Emily, Emily!“ jammerte er bei ſich, indeß er auf Rebekka nach Hauſe polterte, „Du weißſt nicht, welche Opfer ich Dir bringe! — Dir, die Du immer ſo kalt, ſo vorſichtig, ſo mißtrauiſch viſt;“ und er dachte an einen Charakter in Pope, mit dem er ſie immer unwillkürlich verglichen hatte. Pen ritt nie wegen eines Geſchäftes nach Chat⸗ teries, ohne daß der Major dieſem Geſchäft auf den Grund gekommen wäre. Treu ſeinem Plane, legte der Major ſeinem Neffen keinerlei Hinderniß in den Weg; aber das beſtändige Gefühl, daß dieſer ihn im Ange habe, eine unheimliche Scham, die das unvermeidliche Bekenntniß, welches die geſtrige Abendunterhaltung auf die natürlichſte, einfachſte Weiſe hervorlocken mußte, be⸗ gleitete, ließ Pen weniger oft ſich zu den Füßen ſeiner Zau⸗ berin ſehen, als es vor ſeines Oheims Anfunft der Fall geweſen war. Ihn konnte er nicht mehr zu täuſchen 145 verſuchen, konnte nicht mehr vorgeben, mit Smirke zu diniren oder griechiſche Schauſpiele mit Foker zu leſen. Pen fühlte, wenn er von einem ſeiner flüchtigen Be⸗ ſuche zurückkehrte, daß Jedermann wußte, woher er kam und als Schuldiger erſchien er vor ſeiner Mutter und vor ſeinem Vormund, wenn ſie über ihren Büchern oder beim Piket ſaßen. Als er einmal eine halbe Viertelſtunde nach der Fairvaker Schenke gegangen war, um den Competitor, der dort die Pferde wechſelte, zu erwarten, und einen Ausflug nach Chatteries zu machen, berührte ein Mann über der Landkutſche ſeinen Hut vor dem jungen Gent⸗ leman: es war ſeines Oheims Bedienter, Mr. Morgan, der eine Botſchaft von ſeinem Herrn hatte und an der Wohnung, wie er ſagte, aufgeſtiegen war. Und Mr. MWorgan kam auch mit dem Rival zurück, ſo daß Pen das Vergnügen von des Domeſtiken Geſellſchaft auf der Hin⸗ und Herfahrt hatte. Zu Hauſe wurde Nichts geſagt, der Junge ſchien jede anſtändige Freiheit zu haben, und doch fühlte er ſich auf eine unbehagliche Weiſe gehütet und bewacht, und ſah ſich ſelbſt bei ſei⸗ ner Duleinea nicht unbelauert. ⸗ Wirklich war auch Pen's Verdacht nicht unge⸗ gründet, und ſein Vormund hatte alle mögliche Aus⸗ kunft über den Jungen und ſeine intereſſante junge Freundin eingezogen. Der verſchwiegene und ſcharf⸗ ſichtige Mr. Morgan, ein vertrauter Londoner Lakei, auf deſſen Treue man ſich verlaſſen konnte, war mehr denn ein Mal in Chatteries geweſen und hatte über die frühere Geſchichte und die derzeitigen Gewohnheiten des Kapitäns und ſeiner Tochter jederlei Erkundigung eingezogen; er inquirirte ins Kreuz und die Quere auf feine Weiſe die Kellner, die Hausknechte und alle Inſaſſen des Gaſthauſes zum George und bekam ſo die wenigen Notizen, die ſie von dem würdigen Kapitän geben konnten. Er ſchien in keiner großen Achtung zu Pendennis. 1. 10 ſtehen, die Kellner wußten nicht wie ſein Geld ausſah, und hatten die Weiſung, dem armen Gentleman keinen Liqueur einzuſchenken, für den nicht ein anderer verant⸗ wortlich war. Er ſchlenderte in dem Kaffeezimmer um⸗ her, kaute an einem Zahnſtocker, ſah die Zeitungen * durch und blieb, wenn ein Freund ihn zum Diner bat. Morgan hörte im George von Pen's Bekanntſchaft mit Mr. Foker und ging hinüber nach Baymouth, um mit dem Bedienten dieſes Gentlemans in nähere Berührung zu kommen; aber der junge Student war zu einem Fiſcherſtechen an die Küſte gegangen und ſein Diener mußte ihm natürlich den Kleiderkoffer beſorgen. Von den Dienern der Garniſonsoffiziere erfuhr Mr. Morgan, daß der Kapitän ſich dort ſo häufig und unmäßig betrunken hatte, daß Oberſt Swallowtail ihm ihren Speiſeſaal verbot. Der unermüdliche Morgan ſetzte ſich dann in Verkehr mit einigen der unteren Schauſpieler und holte ſie bei ihren Cigarren und bei ihrem Punſche aus, und alle ſtimmten überein, daß Coſtigan arm, lumpig, dem Trunk ergeben ſei und Schul⸗ den mache. Aber über den Ruf der Miß Fotheringay verlautete kein Sterbenswörtchen: ihres Vaters Muth hatte ſich, wie man ſich erzählte, bei mehr denn einer Gelegenheit gegen Solche erprobt, die ſeine Tochter frei behandeln wollken. Sie kam nie in das Theater ohne ihren Vater, ſelbſt in den Augenblicken äußerſter Betrun⸗ kenheit, hatte der Gentleman ein wachſames Auge auf ſie. Schließlich fügte Mr. Morgan aus eigener Erfahrung bei, daß er ſie auf der Bühne ſah und war außerdem, daß ſie ein ſplendibes Frauenzimmer war, über ihre Ausführung ungemein entzückt. Mrs. Creed, die Kirchſtuhlöffnerin, beſtätigte dieſe Angaben dem Doktor Portman, der ſie perſön⸗ lich vornahm und eines Tags nach dem Nachmittags⸗ gottesdienſt mit allen Schrecken der Kirche bedrohte. Mrs. Creed hatte nichts Ungünſtiges über ihre Haus⸗ genoſſin zu vermelden. Sie ſehe Niemand; nur ein oder 147 zwei Frauenzimmer von dem Theater, der Kapitän be⸗ trinke ſich manchmal, und zahle ſeine Miethe nicht im⸗ mer regelmäßig; aber er thue es, wenn er Geld habe, oder vielmehr Miß Fotheringay thue es. Seit der junge Gentleman von Clavering komme und Fechtſtunden nehme, wären ein paar weiter aus der Garniſon ge⸗ kommen, Sir Derby Oaks und ſein junger Freund, Mr. Foker, der oft mit ihm zuſammen ſei, und immer von Baymouth in dem Tandem herüber fahre, aber bei den Lektionen ſei Miß Fotheringay ſelten zugegen und komme gewöhnlich zu Mrs. Creed in ihr Zimmer herab. Der Doktor und der Major, welche oft mit ein⸗ ander zu Rathe gingen, ſeufzten über dieſe Mittheilung. Major Pendennis drückte offen aus, daß er ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht habe und ich glaube, ſelbſt der Mann der Kirche war nicht ganz zufrieden, daß er nicht im Stande war, in den Ruf der armen Fothe⸗ ringay ein Loch zu picken. Auch über Pen ſelbſt waren Miß Creed's Be⸗ richte äußerſt günſtig: „So oft er kommt,“ ſagte Mrs. Creed, „hat ſie immer mich, oder eines der Kinder bei ſich, und ſagt mir ſtets, verlaſſen Sie doch das Zimmer unter keinerlei Vorwand, wenn der junge Gent⸗ leman hier iſt. Uns oft und viel hab ich geſehen, wie er ſich umſchaute, als wünſchte er, ich wäre weg, der arme junge Mann; da fiel ihm ein, während der Kirche zu kommen, wo ich natürlich nicht zu Hauſe war, aber ſie hatte immer einen der Knaben bei ſich droben, wenn Papa nicht daheim, oder der alte Mr. Bowſer bei ihr war, um ſie ihre Lektionen einzulernen, oder eine der jungen Ladies von dem Theater.“ Es war alles wahr, welche Ermuthigungen man ihm auch geben mochte, ehe er ſeine Leidenſchaft geſtand, die Klugheit der Miß Emily war wunderbar, nachdem ſich Pen erklärt hatte, und der arme Schelm gerieth in Zorn über ihre hoffnungsloſe Zurückhaltung, die ſein Feuer unterhielt, wie es ſeinen Aerger erregte. Der Major überſchaute den Stand der Dinge mit einem Seufzer. Wenn es nur eine vorübergehende liaison wäre, meinte der Vortreffliche, ſo könnte man ſich's gefallen laſſen. Ein junger Burſche muß ſeine wilden Eide ſäen und was dergleichen mehr iſt, aber eine tugendhafte Zuneigung iſt vom Teufel, ſie kommt von den verdammten romantiſchen Grillen her, die die Jungen fangen, wenn ſie von Weibern auferzogen erden . „Erlauben Sie mir zu bemerken, Major, daß Sie ein wenig zu ſehr als Weltmann ſprechen,“ verſetzte der Doktor. „Nichts kann für Pen wünſchenswerther ſein, als eine tugendſame Zuneigung zu einer jungen Lady von ſeinem Rang und entſprechendem Vermögen — dieſe dermalige Thorheit muß ich natürlich ſo auf⸗ richtig als Sie beklagen. Wenn ich ſein Vormund wäre, ich würde ihm befehlen, ſie aufzugeben.“ „Das ſicherſte Mittel, ihn morgen zur Heirath zu treiben. Wir haben Zeit bei ihm gewonnen, das iſt alles, und damit müſſen wir unſer Beſtes thun.“ „Ich ſage Ihnen, Major,“ ſagte der Doktor am Ende der Beſprechung, in welcher der obige Gegen⸗ ſtand erörtert wurde: „Ich bin natürlich kein Theater⸗ gänger; aber ich denke, wir gehen hin und ſehen ſie.“ Der Major lachte — er war vierzehn Tage in Fairvaks geweſen und hatte ſonderbarer Weiſe nicht daran hedacht. „Gut,“ ſagte er, warum nicht?“ „Nach alledem iſt es nicht meine Nichte, ſondern die Schauſpielerin Miß Fotheringay, und wir haben ein ſo gutes Recht, als das andere Publikum, ſie zu ſehen, wenn wir unſer Geld bezahlen. So fuhren an jenem Tage, als die Anordnung getroffen war, daß Pen zu Haus dinirte und den Abend mit ſeiner Mutter zubrachte, die zwei ältlichen Gentlemen in des Doktors Chaiſe hinüber nach Chatteries, und dinirten dort wie 149 ein paar leichtſinnige Junggeſellen in dem Gaſthof zum George, ehe ſie in das Theater gingen. Nur zwei andere Gäſte waren in dem Zimmer, — ein Offizier von dem Regiment, das in Chatteries ein⸗ quartiert war, und ein junger Gentleman, den der Doktor glaubte irgendwo geſehen zu haben. Sie ließen ſie jedoch beim Mahl und eilten in das Theater. Es war wieder Hamlet. Shakſpeare war Artikel vierzig von des ſtämmigen alten Doktor Portmans Glaubens⸗ bekenntniß, in dem er immer, wenigſtens ein Mal des Jahrs, zu erſcheinen pflegte. Wir haben das Schauſpiel bereits beſchrieben, und wie Diejenigen, welche Miß Fotheringay an einem Tag in Ophelia auftreten ſahen, ſo ſahen ſie ſie genau auch an einem andern. Die beiden ältlichen Gentlemen ſahen mit außerordentlichem Intereſſe auf ſie und konn⸗ ten ſich denken, wie ſehr der junge Pen von ihr be⸗ zaubert wurde. „Gott,“ ſprach der Major durch die Zähne, wie er ſie überſchaute, als ſie wie gewöhnlich hervorgerufen wurde, und ſich vor der ſpärlichen Zuhörerſchaft ver⸗ neigte, — „der junge Schuft hat keine ſchlechte Wahl getroffen.“ Der Doktor aplaudirte ihr laut und aufrichtig. „Auf mein Wort,“ ſagte er, „'s iſt eine ſehr gewandte Schauſpielerin, und ich muß ſagen, Major, ſie iſt mit ſehr bedeutenden perſönlichen Reizen begabt.“ „Das Gleiche denkt der junge Offizier auf der Bühnenloge,“ antwortete Major Pendennis und zeigte dem Doktor Portman den jungen Dragoner von dem Kaffeezimmer im George, der in der fraglichen Loge ſaß und mit unermeßlicher Begeiſterung aplaudirte. Sie ſah auch äußerſt holdſelig auf ihn hinüber, dachte der Ma⸗ jor; aber das iſt ſo ihre Art — und er verſchloß ſein Opernglas und ſchob es in die Taſche, als ob er nicht wünſchte, dieſen Abend mehr zu ſehen. Auch ſchlug natürlich der Doktor nicht vor, bis zum Nachſpiel zu 15⁰ bleiben; ſie erhoben ſich denn, und verließen das Thea⸗ ter. Der Doktor kehrte zu Mrs. Portman zurück, die auf Beſuch in der Dechanei war, und der Major ging gedankenvoll nach dem George, wo er ein Bett beſtellt hatte. Zehntes Kapitel. Rückt dem Feinde vor's Geſicht. Langſam nach Hauſe ſchlendernd, erreichte Major Pendennis endlich den George und fand Mr. Morgan, ſeinen treuen Diener, der an dem Thore des Gaſthofs zum George wartete und ſeinem Herrn, der im Begriff war, ein Licht zu nehmen, um zu Bette zu gehen, den Weg vertrat und mit gewohnter Ehrerbietung ihm be⸗ merkte: „Ich glaube, Sir, Sie ſollten auf das Kaffee⸗ zimmer gehen; es iſt dort ein junger Gentleman, wie Sie einen zu ſehen wünſchen.“ „Was, iſt Mr. Arthur hier?“ fragte der Major mit großem Aerger. „Nein, Sir — aber ſein vertrauter Freund, Mr. Foker, Sir. Lady Agnes Foker's Sohn iſt hier, Sir. Er hat im Keffeezimmer ſeit ſeinem Diner geſchlafen, und ſo eben nach ſeinem Kaffee geklingelt, Sir. Und ich glaube, vielleicht könnten Sie ihn in eine Unter⸗ redung ziehen,“ ſprach der Diener, indem er die Thür des Kaffeezimmers öffnete. Der Major trat ein; und da war denn allerdings Mr. Foker der einzige Inhaber des Platzes. Er rieb ſich die Augen, und ſaß vor einem Tiſche, der mit leeren 15¹ Caraffen und Reliquien eines Nachtiſches dekorirt war. Er hatte auch die Abſicht, ins Theater zu gehen, aber der Schlaf hatte ihn nach einem reichlichen Mah'e über⸗ fallen. Er hatte ſeine Beine auf die Bank geworfen, und überließ ſich, ſtatt der dramatiſchen Kurzweil, einem Schlummer. Der Major zerbrach ſich den Kopf, wie er an den jungen Mann kommen ſollte; aber der Letztere erſptarte ihm dieſe Mühe. „Wünſchen Sie die Abendzeitung zu leſen, Sir?“ fragte Foker, der bereits mittheilſam und geſprächig war, und er nahm den Globe vom Tiſche und gab ihn dem neuen Ankömmling. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden,“ ſagte der Major, ſich dankbar verbeugend und lächelnd. „Irre ich mich nicht in der Familienähnlichkeit, ſo habe ich das Ver⸗ gnügen, mit Mr. Henry Foker, Lady Agnes Foker's Sohn, zu ſprechen. Ich habe das Glück, Ihre Herrlich⸗ keit unter meine Bekanntſchaften zu zählen — und Sie, Sir, haben ein Roſherville's Geſicht.“ „Hullo! ich bitte um Verzeihung,“ ſagte Mr. Foker; „ich nahm Sie,“ — er war im Begriff zu ſagen, ich nahm Sie für einen Handelsmann. Aber er hieit mitten in ſeinem Satze; „mit wem habe ich das Ver⸗ gnügen zu ſprechen?“ fügte er bei. 2 „Mit dem Verwandten von einem Ihrer Freunde und Schulkameraden, — Arthur Pendennis. Mein Neffe hat oft von Ihnen mit großer Achtung geſprochen. Ich bin Major Pendennis, von dem Sie ihn vielleicht ſprechen hörten. Darf ich mein Sodawaſſer an Ihrem Tiſche trinken? Ich habe das Vergnügen gehabt, an Ihres Großvaters Tiſche zu ſitzen.“ „Sie machen mich ſtolz, Sir,“ ſprach Mr. Foker äußerſt höflich. „Und ſo ſind Sie denn Arthur Penden⸗ nis Onkel, nicht wahr?“ „Und Vormund,“ fügte der Major bei. „Er iſt ein ſo guter Burſche, als je einer auf Er⸗ den wandelte, Sir,“ ſagte Mr. Foker. 152 „Es freut mich, daß Sie ſo von ihm denken.“ „Und auch geſcheidt. Ich war immer ein ſtupider Junge; aber ſehen Sie, Sir, ich finde ſie ſchon heraus wenn ſie geſcheidt ſind, und liebe ſie darum.“ „Sie beweiſen zu gleicher Zeit Ihren Geſchmack und * Ihre Beſcheidenheit,“ ſagte der Major. „Ich habe Ar⸗ . thur zu wiederholten Malen von Ihnen ſprechen hören, und er ſagte, Ihre Talente wären ſehr gut.“ „Ich bin nicht gut in den Büchern,“ ſagte Mr. Foker den Kopf ſchüttelnd — „konnte nie damit um⸗ ſpringen — Pendennis konnte es. Er machte der hal⸗ ben Schule Verſe — und doch“ — Der junge Gentle⸗ man brach ab, — Sie ſind ſein Vormund; und ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, wenn ich ſage, daß ich ihn für einen Dummkopf halte,“ ſagte der ehrliche junge Gentleman. Der Major fand ſich im Augenblick mitten in einer * höchſt intereſſanten und vertraulichen Unterhaltung. „Und wie ſo iſt Arthur ein Dummkopf?“ fragte er lächelnd. „Sie wiſſen,“ antwortete Foker, ihm winkend — er hätte mit eben ſo wenig Bedenklichkeit dem Herzoag von Wellington gewinkt, denn er war in jenem Zuſtande der Abweſenheit, Offenheit und Unbeſorgtheit, die Einer oft hat, wenn er ein Paar Flaſchen Wein getrunken hat — „Sie wiſſen, Arthur iſt ein Dummkopf — mit den Weibern, meine ich.“ „Er iſt nicht der erſte unter uns, mein lieber Mr. Henry,“ antwortete der Major. — „Ich habe etwas davon gehört.“ — „Nun, Sir, ſehen Sie — es iſt zum Theil meine Schuld. Er ging eines Abends in das Theater — denn, Sie ſehen, ich treibe hier meine Studien, nur komme ich ziemlich häufig in meinem Drag von Bay⸗ mouth herüber. — Gut, Sir, wir gingen in's Theater, und Pen war Knall und Fall in Miß Fotheringay ver⸗ ſchoſſen. — Coſtigan iſt ihr eigentlicher Name. — Ein 153 ungemein ſchönes Mädchen iſt ſte auch, und am näch⸗ ſten Morgen führte ich ihn bei dem General ein, wie wir ihren Vater heißen, ein alter Thunichtgut — und hat eine kindiſche Leidenſchaft für Whisky und Waſſer, und er iſt dort intim geworden. Er hat ſich in ſie ver⸗ liebt, und ich will des Teufels ſein, wenn er ihr nicht Anträge gemacht hat,“ ſagte Foker, indem er mit der Hand auf den Tiſch ſchlug, daß alles Deſſert zu klin⸗ geln begann. „Wie, Sie wiſſen es auch?“ fragte der Major. „Ob ich es wiſſe! ja freilich! und noch viel mehr. Wir ſprachen geſtern am Regimentstiſche davon, und brachten Derby Haks ſo in Harniſch, daß er tobte wie ein Hutmacher. Kennen Sie, Sir, Derby Oaks? Wir dinirten zuſammen, und er ging in's Theater. Wir ſtanden rauchend an der Thür, ich erinnere mich noch, als Sie an uns vorbei zum Diner gingen.“ „Ich erinnere mich ſeines Vaters, des Sir Thomas Daks, bevor er Baronet oder Ritter wurde; er wohnte in Cavendiſh⸗Square, und war Arzt bei der Kö⸗ nigin Charlotte. „Der Junge macht die Geldſpinne, kann ich Ihnen ſagen,“ ſprach Mr. Foker. „Und iſt Sir Derby Haks,“ fragte der Major mit Freude und Theilnahme, „ein weiterer Soupi⸗ rant?“ „Ein weiterer was?“ inquirirte Mr. Fofer. „Ein weiterer Bewunderer der Miß Fotheringay.“ „Gott ſteh mir bei! wir heißen ihn den Montag, Mittwoch, Freitag, und Pen den Dienstag, Donnerstag, Samstag;z aber wohlgemerkt, 's geht nicht mit unrech⸗ ten Dingen zu. Miß Fotheringay hat dafür die Augen ein Wenig zu weit offen, Major Pendennis. Sie ſpielt mit Einem gegen den Andern. Sie ſpannt, wie wir zu ſagen pflegen, zwei Sehnen an ihrem Bogen auf.“ „Ich denke, auch Sie haben die Augen erträglich weit offen, Mr. Foker,“ ſagte Pendennis lachend. 154 „Ziemlich weit, dank Ihnen, Sir — wie ſtets mit Ihnen?“ verſetzte Foker in unverwüſtlicher Laune. „Ich bin vielleicht nicht gewandt, ſondern bin eher flaumig, und parteiiſche Freunde ſagen, ich wiſſe erträglich gut wie hoch's am Tage ſei. Soll ich Ihnen auf irgend eine Weiſe ſagen, wieviel Uhr es iſt?“ „Auf mein Wort,“ ſagte der Major ganz entzückt, „ich glaube, Sie können mir einen ſehr großen Dienſt erweiſen. Sie ſind ein junger Mann, der die Welt ge⸗ ſehen hat, und mit einem ſolchen geht man gerne um; und als ſolchem brauch' ich Ihnen nicht zu ſagen, daß unſre Familie über den abgeſchmackten Liebeshandel, i den ſich Arthur eingelaſſen, nicht ſehr erfreut ſt.“ — „Das kann ich mir denken,“ ſagte Mr. Foker, „keine wählbare Verbindung. Zu viel Bier getrunken in den Wirthſchaftsgebäuden. Braucht keine Irländer. Das glaube ich, meinen Sie.“ Der Major ſagte, daß dieß genau ſeine Meinung ſei, obgleich er in Wahrheit nicht verſtand, was Mr. Foker's Meinung war, und ſchritt dann vor, ſeinen neuen Bekannten in Bezug auf die liebenswürdige Familie, in die ſein Sohn eintreten wollte, auszuholen, und gewann bald von dem aufrichtigen Jungen eine Anzahl Einzel⸗ heiten, die Coſtigan's Haus betrafen. . Wir müſſen jedoch Mr. Foker Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, und ſagen, daß er von Mr. und Miß Coſtigan's moraliſchem Charakter äußerſt günſtig ſprach: „ſehen Sie,“ ſagte er, „ich glaube, der General iſt ein großer Freund von der luſtigen Punſchbowl, und wenn ich mein Geld ſicher aufheben wollte, ſo würd' ich's nicht in ſeine Taſche thun — aber er hat immer ein wach⸗ ſames Auge auf ſeine Tochter, und weder er noch ſie werden ſich zu etwas hergeben, was nicht ehrenhaft iſt. Pen's Aufmerkſamkeiten für ſie werden in der ganzen Geſellſchaft beſprochen, und ich höre Alles darüber von einer jungen Lady, die ſehr vertraut mit ihr war, und » 155 mit deren Familie ich manchmal einen freundſchaftlichen Thee trinke. Miß Rouncy ſagt: Sir Derby Oaks hatte ein Aug auf Miß Fotheringay, ſo lange ſein Regiment hier unten warz aber Pen hat ihn in letzter Zeit aus⸗ geſtochen, was den Baron ſo verrückt machte, daß er nahe daran war, ihr gleichfalls Anträge zu machen. Ich wünſchte, er thäte es, und Sie würden ſehen, wel⸗ chem der beiden Miß Fotheringay zuſpringen würde.“ „Ich dächte auch,“ ſagte der Major. „Sie machen mir großes Vergnügen, Mr. Foker, ich hätte gewünſcht, Sie früher zu ſprechen.“ „Miſche mich nicht gern ein,“ verſetzte der andere. „Spreche nicht, bis ich gefragt werde, dann aber ſpreche ich, wenn ſonſt Nichts im Wege ſteht, frei heraus. Hörte, Ihr Diener ſei dem meinigen auf den Weg geſtanden — wußte ſelbſt nicht, was im Werke war, bis Miß Fotheringay und Miß Rouncy den Spektakel mit den Straußenfedern hatten, da hat mir denn Miß Rouncy Alles haarklein geſagt.“ „Miß Rouney war vermuthlich die Confidante.“ „Confidante? ich glaube Ihnen, nun, ſie iſt zwei Mal ſo geſcheidt als Miß Fotheringay und wiſſenſchaft⸗ während Miß Foth nicht viel mehr als leſen ann.“ „Sie kann ſchreiben,“ ſagte der Major, indem er ſich an Pen's Bruſttaſche erinnerte. Foker brach in ein ſardoniſches „he, he!“ aus, „Rouney ſchreibt ihre Briefe,“ ſagte er; „und ſeit ſie mit einander zerfallen ſind, weiß ſie nicht, wie ſie damit zurecht kommen ſoll, Miß Rounch hat eine ungemein hübſche Hand, wogegen der Aite mit dem Schreiben und Buchſtabiren furchtbar zu leiden hat, wenn Bons nicht bei der Hand iſt. Rouncy hat in letzter Zeit ihre Abſchriften beſorgt — ſie ſchreibt eine hübſche Hand, die Rouncy.“ „Ich vermuthe, Sie kennen ſie ganz gut,“ ſagte der Major ſchalkhaft, worauf Mr. Foker ihm wieder zuwinkte. 156 „Ich gäbe viel darum, wenn ich eine Schriftprobe von ihrer Hand hätte,“ fuhr Major Pendennis fort, „ich darf wohl ſagen, Sie könnten mir eine geben!“ „Nein, nein, das wäre zu ſchlecht, vielleicht hätte ich nicht ſo viel ſagen ſollen, als ich gethan habe, Miß Fotheringay ſchreibt nicht ſo ganz ſchlecht, ſie hat Miß Rounch nur gebeten, den erſten Brief zu ſchreiben, und ſie hat damit fortgemacht, aber merken Sie auf mein Wort, bis ſie wieder Freunde ſind, werden keine Briefe ge⸗ ſchrieben.“ „Ich hoffe, ſie werden nie wieder Freunde werden,“ ſagte der Major mit großer Aufrichtigkeit, „und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr ich erfreut bin, daß ich das Glück hatte, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Sie müſſen fühlen, mein lieber Herr, als ein Mann von Welt, wie verderblich für meines Neffen Ausſich⸗ ten dieſer Schritt iſt, den er vorhat, und wie eifrig wir darauf los ſein müſſen, ihn von dieſem ſinnloſen Verhältniſſe wegzubringen.“ „Er iſt ſehr dick gekommen,“ ſagte Mr. Foker, ich habe ſeine Briefe geleſen, Rounch ſchrieb ſie ab, und ich ſagte zu mir ſelbſt, als ich ſie ſah, da hätt' ich viel zu thun, wenn ich an das Weibervolk Verſe machen wollte — das iſt Alles.“ „Er hat einen Narren aus ſich gemacht, wie man⸗ cher gute Burſche vor ihm that, wie greifen wir's an, daß er ſeine Narrheit einſieht, und wir ihn davon heilen? Ich bin überzeugt, Sie werden uns alle mög⸗ liche Hilfe gewähren, den edelfinnigen jungen Mann aus den Händen der beiden Planmacher zu befteien, wie dieſer Vater und dieſe Tochter zu ſein ſcheinen. An Liebe von Seiten der Lady iſt nicht zu denken.“ „Liebe, ja!“ ſagte Foker, „hätte Pen nicht zwei⸗ tauſend Pfund das Jahr, wenn er mündig wird.“ „Wenn Pen nicht was hätte?“ rief der Major erſtaunt. 157 „Zweitauſend Pfund das Jahr, hat er nicht zwei⸗ tauſend Pfund das Jahr? — der General ſagt es.“ „Mein lieber Freund,“ rief der Major mit einer Heftigkeit, wie dieſer Gentleman ſelten zeigte: „dank Ihnen! dank Ihnen! — Nun beginn ich klar zu ſehen — zweitauſend per Jahr! nun ſeine Mutter hat nur fünfhundert Pfund und keinen Heller weiter — es iſt wahrſcheinlich, daß ſie achtzig Jahre alt wird und Ar⸗ thur hat keinen Shilling, als was ſie ihm überlaſſen kann!“ „Was! er iſt alſo nicht reich?“ fragte Foker. „Auf Ehre, er hat nicht mehr, als ich ſage.“ „Und Sie hinterlaſſen ihm Nichts?“ Der Major hatte Alles, was er auftreiben konnte, in eine Leibrentenanſtalt gethan und hinterließ natürlich Pen Nichts, aber das verſchwieg er Fokern. „Wie viel glauben Sie denn, daß ein Major auf halbem Sold zurücklegen kann?“ ſagte er. „Wenn dieſe Leute Flauben, an ihm einen Glücksgriff zu thun, ſo ſind ſie in großem Irrthum — und — und Sie haben mich zum glücklichſten Manne der Welt gemacht.“ „Mein Herr, ich bin der Ihrige,“ ſagte Mr. Foker höflich, und als ſie für die Nacht von einander ſchieden, drückten ſie ſich mit der größten Herzlichkeit die Hand. Und als der Major auf ſein Zimmer ging und Mr. Foker ſeine Cigarre, an die Thürpfoſten des Greorge gelehnt, rauchte, lag Mr. Pen höchſt wahrſcheinlich zehn Meilen weit entfernt im Bett und küßte den Brief von ſeiner Emily. Am nächſten Morgen hatte der zuthuliche Major, ehe Mr. Foker in ſeinem Drag von dannen fuhr, einen Brief von Miß Rounch in ſeinem eigenen Taſchenbuch! Möge es eine Lektion für Frauen ſein, wie ſie ſchreiben. Hohen Muthes rief Major Pendennis bei Doktor Port⸗ man in der Dechanei an und ſagte ihm, welch glückliche Entdeckungen er in der Nacht zuvor gemacht hatte. Während ſie in vertraulicher Unterhaltung in des De⸗ 158 kans mit Eichenholz getäfeltem Frühſtückparlour ſaßen, konnten ſie über den Raſenplatz in Kapitän Coſtigans Fenſter ſehen, an welchem der arme Pen vor drei Wochen nur allzu ſichtbar geworden war. Der Doktor war äußerſt aufgebracht gegen Mrs. Creed wegen ihrer Doppelzüngigkeit, womit ſie Sir Derby Oaks's fort⸗ währende Beſuche bei ihren Miethsleuten verheimlichte und drohte, ſie von der Domkirche auszuſchließen. Ma⸗ jor Pendennis dachte, daß Alles zum Beſten diene und da er über Nacht mit ſich zu Rath gegangen, fühlte er i ſrark genug, dem Kapitän Coſtigan die Stirn zu bieten. „Ich mache einen Gang mit dem Dragoner,“ ſagte er lachend zu Doktor Portman. „Und ich nehme Sie in die Beichte, Sir, ihd wünſche Ihnen gutes Glück,“ antwortete der Doktor. Vielleicht ſah er, Mrs. Portmann und Miß Mira, wie ſie bei ihrer Freundin, des Dekans Lady im Geſell⸗ ſchaftszimmer ſaßen, mehr denn ein Mal nach dem Fen⸗ ſter des Feindes, ob ſie nicht Spuren des Kampfes ver⸗ nähmen. Der Major nahm nach den ihm gewordenen Wei⸗ ſungen einen Umweg, und fand in Bälde Mrs. Creed's kleine Hausthür, er begab ſich in die Wohnung Kapi⸗ tän Coſtigan's hinauf und konnte ein Stampfen der Füße und den lauten Ruf: „ha ha!“ der aus dem Innern vrang, vernehmen. . „Sir Derby Oaks hat ſeine Fechtſtunde,“ ſagte das Kind, das den Major Pendennis pilotirte. „Er nimmt ſie Montags, Mittwochs und Freitags.“ Der Major pochte, und endlich kam ein großer Gentleman mit Rappier und Maske in der einen und einem Fechthandſchuh in der andern Hand, heraus. Pendennis machte ihm eine tiefe Verbeugung. „Ich glaube, ich habe die Ehre mit Kavitän Coſtigan zu ſprechen — ich hin Major Pendennis.“ 159 Der Kapitän ſalutirte mit der Waffe und ſagte: „Major, die Ehre iſt auf meiner Seite; es freut mich, Sie zu ſehen.“ Eilttes Rapitel. Unterhandlung. Der Major und Kapitän Coſtigan waren alte Soldaten und gewohnt, dem Feinde die Stirn zu bie⸗ ten, ſo dürfen wir annehmen, daß ſie vollkommen ihre Geiſtesgegenwart behielten, aber die übrige Geſellſchaft in Cos's Wohnzimmer war über Pendennis's Erſcheinung vielleicht etwas beunruhigt. Miß Fotheringay's lang⸗ ſames Herz begann ohne Zweifel zu ſchlägen, denn ihre Wange überflog ein geſundes Roth, als Lieutenant Sir Derby Oaks ſie mürriſch anblickte. Der kleine, gekrümmte, ältliche Mann auf dem Fenſterſitz, der der Fechtparthie der zwei Gentlemen anwohnte und durch ihr Stampfen und Springen ſich genöthigt ſah, alle Verſuche, an der Theatermuſik fortzuſchreiben, aufzu⸗ geben, ſah aufmerkſam auf den neuen Ankömmling, als der Major in ſeinen gut geſchwärzten Stiefeln in das Zimmer trat und die gnädigſten Verbeugungen an alle Anweſenden vertheilte. „Meine Tochter — mein Freund Mr. Bows, mein tapferer, junger Zögling und Freund, wie ich ihn nen⸗ nen darf, Sir Derby Haks,“ ſagte Coſtigan mit einer ſtattlichen Bewegung der Hand, indem er die Aufmerk⸗ ſamkeit des Majors auf jedes einzelne Individuum der Geſellſchaft richtete. „In einem Augenblick, Major, 160 ich bin Ihr unterthäniger Diener,“ und in das kleine Mebenzimmer, wo er ſchlief, zu ſtürzen, ſeinem ſchlich⸗ ten Haar mit ſeiner Haarbürſte (einem wundervollen Alterthum) einen Strich zu geben, ſeine alte Halsbinde abzureißen und mit einer neuen von Emily verfertigten zu erſetzen, eilfen ſchönen reinen Kragen umzunehmen und den neuen Rock, der bei Gelegenheit von Miß Fotheringay's Benefiz beſtellt worden war, anzulegen, war für den immer noch rührigen Coſtigan das Werk eines Augenblicks. MNach ihm trat Sir Derby ein und tauchte alsbald wieder aus demſelben Zimmer hervor, um ſeine Jacke anzuziehen, die des jungen Offiziers feiſter Perſönlichkeit ſehr eng anlag und die er, Miß Fotherin⸗ gay und vielleicht auch der arme Pen über die Maßen bewunderte. Mittlerweile hatte ſich eine Unterhaltung zwiſchen der Schauſpielerin und dem neuen Ankömmling ent⸗ ſponnen, und die gewöhnlichen Bemerkungen über das Wetter waren ausgetauſcht, ehe Coſtigan in ſeiner Me⸗ tamorphoſe wieder erſchien. „Ich brauche mich nicht zu entſchuldigen, Major,“ ſagte er in ſeiner reichſten und höflichſten Manier, „daß ich Sie in Hemdärmeln empfing.“ „Ein alter Soldat kann ſeine Zeit nicht beſſer an⸗ wenden, als daß er einen jungen den Gebrauch ſeines Schwertes lehrt,“ antwortete der Major galant. „Ich erinnere mich, in alten Zeiten gehört zu haben, daß ſie das ihrige ganz gut zu gebrauchen wußten, Kapi⸗ tän Coſtigan.“ „Was, Sie haben von Jack Coſtigan gehört?“ ſagte der andere, ſich in die Bruſt werfend. Der Major hatte es in der That; er hatte ſeinen Neffen über ſeinen neuen Freund, den irländiſchen Offi⸗ zier, ausgefragt und ob er ſeine Kunde nur auf dieſe Weiſe erlangt, oder ſich wirklich ſeiner erinnerte, ver⸗ mögen wir nicht zu ſagen. Aber der Major war ein 161 Mann von Ehre und unbezweifelter Wahrhaftigkeit, und ſagte, daß er ſich noch gar wohl erinnerte, Mr. Coſtigan getroffen und ihn an Sir Richard Strachan's Tafel zu Walcheren ſingen gehört zu haben. Bei dieſer Kunde und der einſchmeichelnden und herzlichen Weiſe, womit ſie gegeben ward, blickte Bows ganz verlegen auf. „Aber wir wollen von dieſen Dingen ein anderes Mal ſprechen,“ fuhr der Major fort, der vielleicht nicht wünſchte, ſich blos zu ſtellen; „der Miß Fotheringay wollte ich heute meine Aufwartung machen,“ und er machte ihr eine zweite Verbeugung ſo tief und graziös, daß dr, wenn ſie eine Herzogin geweſen wäre, ſie nicht anſtändiger hätte machen können. „Ich hatte, Madame, von Ihren Vorſtellungen von meinem Neffen gehört,“ ſagte der Major, „der für Sie begeiſtert iſt, wie Sie, glaube ich, gar wohl wiſſen. Aber Arthur iſt noch ein Knabe und ein enthuſiaſtiſcher Wildfang, deſſen Meinungen man nicht au pied de la lettre nehmen darf, und ich geſtehe, ich war begie⸗ rig, ſelbſt ein Urtheil zu fällen. Erlauben Sie mir zu ſagen, daß Ihre Darſtellung mich geſtern entzückt und in Staunen verſetzt hat, ich habe unſre beſten. Schauſpielerinnen geſehen und auf mein Wort, ich glaube, Sie übertreffen ſie alle, Sie ſind ſo majeſtätiſch als Mrs. Siddons.“ „Bei Gott, ich ſagte es immer,“ ſprach Coſtigan, ſeiner Tochter winkend. „Major, nehmen Sie einen Stuhl,“ Milly ſtand bei dieſem Winke auf, nahm ein unvollendetes Satingewand von dem einzigen noch verfügbaren Sitz und brachte letzteren dem Major Pen⸗ dennis mit einer ihrer ſchönſten Verbeugungen. „Sie ſind ſo pathetiſch als Miß O Reill,“ fuhr er fort, indem er ſich verbeugte und Platz nahm. „Wenn Sie Bruchſtückchen aus Liedern gaben, erinnerten Sie mich an Mrs. Jordan in ihrer beſten Zeit, als wir noch junge Männer waren, Kapitän Coſtigan; und Ihre Ma⸗ Pendennis. I. 44 * . 162 nier erinnerte mich an Mars, haben Sie Mars ſchon geſehen, Miß Fotheringay?“ „Es gab zwei Mahers in Crow Street,“ bemerkte Miß Emily; „Fanny war ziemlich hübſch, aber Biddy war nicht viel Schatzes werth.“ „Gewiß, der Major meint den Gott des Kriegs, Milly, meine Theure,“ fiel der Vater ein. „Nicht den Mars meint' ich, obgleich Venus ver⸗ muthlich Pardon verdient, wenn ſie an ihn denkt;“ er⸗ widerte der Major mit einem Lächeln, deſſen volle Salve auf Sir Derby Oaks gerichtet war, der in ſeiner Jacke ſo eben in das Zimmer trat; aber die Lady verſtand die Worte nicht, die er gebrauchte, noch be⸗ ſänftigte das Kompliment Sir Derby, der es wahr⸗ ſcheinlich auch nicht verſtand, und es jedenfalls mit großem Unbehagen und Murrſinn aufnahm, indem er Miß Fotheringah einen grollenden Blick zuwarf, der etwa ſagen wollte: „was thut zum Teufel dieſer Mann hier?“ Major Pendennis war über des Gentleman's üble Laune nicht im geringſten beunruhigt, im Gegentheil, ſie ergötzte ihn, „ſo,“ dachte er, „ſteht ein Nebenbuhler in dem Feld,“ und er that Gelübde, daß Sir Derby in dem Liebeshandel, in welchem er und Pen engsagirt waren, nicht blos Rival, ſondern Sieger ſein möchte. „Ich fürchte, ich unterbrach Ihre Fechtſtunde, aber mein Aufenthalt in Chatteries iſt ſehr kurz, und ich wünſchte mit meinem alten Kriegskameraden Coſtigan bekannt zu werden, und eine Lady, die mich auf der Bühne ſo ſehr bezauberte, näher kennen zu lernen; ich war nicht der einzige Epris vorige Nacht, Miß Fothe⸗ ringay, (wenn ich Sie ſo nennen muß, obgleich Ihr Familienname ein ſehr alter und edler iſt) einer meiner Freunde, ein geiſtlicher Herr, ging voll Begeiſternng für Ophelia nach Haus, und ich ſah Sir Derby Daks ein Bouquet werfen, das keine Aktrice jemals beſſer ver⸗ diente, und ich hätte ſelbſt meinen Tribut dargebracht, wenn ich gewußt hätte, welcher Genuß meiner wartete; 163 ſind es nicht dieſelben Blumen in dem Glaſe auf dem Kamingeſimſe dort?“ „Ich bin eine große Blumenfreundin,“ ſagte Miß Fotheringay, mit einem ſchmachtenden Seitenblick auf Sir Derby Oaks — aber der Baronet ſchmollte immer noch mürriſch. „Süßes der Süßen — drückt das nicht das Spiel aus?“ fragte Mr. Pendennis, der einmal aufgeräumt ſein wollte. 2 „Auf Leib und Seele, ich weiß es nicht, ich ver⸗ ſtehe mich nicht viel auf Gelehrſamkeit,“ antwortete Sir Derby. „Iſt es möglich?“ fuhr der Major mit der Miene des Erſtaunens fort, „Sie hätten dann nicht, Sir Derby, Ihres Vaters Liebe zu den Wiſſenſchaften ererbt, er war ein ausnehmend gelehrter Mann, und ich hatte die Ehre ihn ſehr gut zu kennen.“ „Das wäre,“ ſagte der Andere und bewegte mür⸗ riſch den Kopf. „Er rettete mir das Leben,“ fuhr Pendennis fort. „Das Leben?“ rief Miß Fotheringay, indem ſie ihre Augen zuerſt auf den Major, dann anf Sir Derby mit Dankbarkeit wendete, aber Letzterer war bomben⸗ feſt gegen ſolche Blicke, und weit entfernt, ſeine Freude zu bezeugen, daß der Apotheker, ſein Vater, dem Major Pendennis das Leben gerettet haben ſollte, ſah der junge Mann wirklich ſo darein, als ob er wünſchte, der Er⸗ folg wäre ein anderer geweſen. „Mein Vater war, glaube ich, ein ſehr guter Dok⸗ tor,“ gab der junge Gentleman als Erwiderung, „ich ſelbſt thue Nichts in dieſem Fache, ich wünſche Ihnen einen guten Morgen, Sir. Ich habe ein Rendezvous, Cos, beiläufig geſagt, — guten Morgen, Miß Fothe⸗ ringay.“ Trotz den flehenden Blicken und dem appelli⸗ renden Lächeln der jungen Lady, verbeugte ſich der Dragoner ſteif und verließ das Zimmer, und das Ge⸗ klirr ſeines Säbels ließ ſich hören, als er die krachende 164 Treppe hinabſtieg. Mit ärgerlicher Stimme fluchte er über den kleinen Tom Creed, der ſich in dem Gange beluſtigte, und deſſen Kreiſel Sir Derby mit einem Fluch auf die Straße ſchleuderte. Der Major lächelte nicht im Geringſten, obgleich er allen Grund zur Heiterkeit hatte. „Ein außerordentlich ſchöner junger Mann das, die ſchönſte Kiegergeſtalt, die ich jemals ſah,“ ſagte er zu Coſtigan. „Macht Ehre der Armee. und der Menſchennatur im Allgemeinen,“ antwortete Coſtigan. „Ein junger Mann von feinen Sitten, an⸗ ſtändiger Leutſeligkeit und fürſtlichem Vermögen, ſeine Tafel iſt flott: er wird angebetet im Regiment, und reitet ſechzehen Stein ſchwer.“ „Ein vollkommener Kämpe,“ ſagte der Major, „ich zweifle nicht, daß alle Ladies ihn bewundern.“ „Er iſt ſehr geſund, trotz ſeinem Gewicht, nun er jung iſt,“ ſagte Milly, „aber er iſt keine Unterhaltung.“ „Er iſt am beſten auf dem Pferd,“ ſagte Mr. Bows, worauf Milly erwiderte, daß der Baronet in dem Kirchthurmrennen *) auf ſeinem Pferde Tareaways den dritten Preis gewann. Und der Major begann zu be⸗ greifen, daß die junge Lady ſelbſt nicht im Beſitze gro⸗ ßer Intelligenz ſei, und wunderte ſich, wie ſie ſo dumm ſein, und doch ſo gut ſpielen ſollte. Coſtigan nöthigte mit irländiſcher Gafffreiheit, na⸗ türlich, ſeinem Gaſte eine Erfriſchung auf; und der Major, der nicht hungriger war, als einer nach dem Diner bei dem Lordmajor iſt, erklärte daß er ein Biscuit mit einem Glaſe Wein allem vorziehen würde, da er ſich von langem Faſten ganz ſchwach fühle; aber er wußte, daß kleine Freundlichkeiten anzunehmen, dem Geber ſehr ſchmeichle, *) Ein Wettrennen zu Pferde, bei dem man einen Kirchthurm oder einen andern hohen Gegenſtand zum Ziele beſtimmt hat, welches man auf dem geradeſten Wege über Hecken, Zäune, Gräben u. ſ. w. ſetzend zu erreichen ſucht wobei die Reiter gewogen wurde und unſer Freund 16 mal 14 Pfund wog. 165 und daß die Leute einem geneigt werden müſſen, wenn ſie ihm ihre Gaftfreundſchaft gewähren. „Von dem alten Madeira, Milly, Schätzchen,“ ſagte Coſtigan, ſeinem Kinde winkend, und die Lady, ihrem Vater einen Blick der Verſtändigung zuwerfend, verließ das Zimmer und ging die Treppe hinab, wo ſie ihrem kleinen Ausſendlin Tommy Creed leiſe herbeirief, und ihn mit einem Stücke Geld nach einer Pint Madeira in die Grapes (Grehps), und für ſechs Penny Backwerk beim Becker, ſie bat ihn zu eilen, dann bekomme er ſelbſt zwei Stückchen davon. Während ſie Tommy Creed erwartete, ſaß Miß Coſtigan unten bei Mrs. Creed, und erzählte ihrer Hausfrau, wie Mr. Arthur Pendennis's Onkel, der Ma⸗ jor oben ſei, ein artiger, ſanfter, alter Gentleman, daß Butter in ſeinem Munde nicht ſchmelzen würde, und daß Sir Derby in einer Wuth von Eiferſucht aus dem Zim⸗ mer gegangen, und daß man darauf denken müſſe, was zu thun ſei, um Beide zufrieden zu ſtellen. „Sie hat die Schlüſſel zum Keller,“ ſagte Mr. Coſligan, als das Mädchen das Zimmer verließ. „Auf mein Wort, Sie haben einen ſehr ſchönen Kellermeiſter,“ verſetzte Pendennis galant, „und ich wun⸗ dere mich nicht, daß junge Leute über ihr aus dem Häus⸗ chen kommen. Als wir von ihrem Alter waren, Kapitän Coſtigan, glaub, ich, wären gewöhnlichere Frauenzimmer mit uns fertig geworden.“ „Meiner Treue und Sie mögen das wohl ſagen, Sir — und glücklich iſt der Mann, der ſie bekömmt⸗ Fragen Sie meinen Freund Bob Bows hier, ob Miß Fotheringay's Geiſt nicht noch höher ſteht, als ihre Per⸗ ſönlichkeit, und ob ſie nicht einen kultivirten Verſtand und eine liebeswürdige Geſinnung hat?“ „O gewiß,“ ſagte Mr. Bows trocken. „O gewiß, hier kommt Hebe erröthend aus dem Keller. Glauber Sie nicht, daß es Zeit iſt, in die Probe zu gehen, Miß — Hebe? Sie werden geſtraft werden, wenn Sie ſpäter 166 kommen —“ und er gab der jungen Lady einen Blick, der ihr ſagte, daß ſie viel beſſer thäte, den Platz zu räumen, und die zwei alten Herren beiſammen zu laſſen. Auf dieſen Befehl nahm Miß Hebe Hut und Shawl, ſah ungemein hübſch, gut, galant und lächelnd drein, und Bows rollte ſeine Papiere zuſammen und trippelte über das Zimmer nach Hut und Stock. „Müſſen Sie gehen?“ fragte der Major, „können Sie uns nicht einige Minuten zugeben, Miß Fotherin⸗ gay? Ehe Sie uns verlaſſen, erlauben Sie einem alten Burſchen, Ihnen die Hand zu drücken, und glauben Sie, daß ich ſtolz auf die Ehre bin, Ihre Bekanntſchaft ge⸗ macht zu haben, und aufrichtig wünſche, Ihr Freund zu ſein.“ Miß Fotheringay machte über den Schluß dieſer galanten Rede eine tiefe Verbeugung, und der Major folgte ihren entweichenden Tritten nach der Thür, wo er ihre Hand auf's freundſchaftlichſte und väterlichſte drückte. Bows war über dieſe Schauſtellung von Herz⸗ lichkeit ganz verwirrt: Die Verwandten des Jungen könſen in Wirklichkeit nicht wünſchen, ihn mit ihr zu verheirathen, dachte er — und ſo ſchieden ſie. „Nun an's Werk?“ dachte Major Pendennis, und Mr. Coſtigan benützte augenblicklich die Abweſenheit ſeiner Tochter, um den Reſt des Weines weg zu trinken, und nahm mit gierig zitternder Hand ein Glas nach dem andern Madeira aus den Grapes in ſich auf. Der Major trat an den Tiſch, nahm ſein Glas und ſchlürfte es mit jovialem Geſchmatz. Wenn es Lord Steyne's Leibtrank und nicht ein Kapwein aus einer Schenkwirt⸗ ſchaft geweſen wäre, hätte er nicht mehr Geſchmack dar⸗ an finden können. „Ein Ausbund Madeira, Kapitän Coſtigan, wo kriegen Sie ihn? Ich trinke auf die Geſundheit dieſes bezaubernden Geſchöpfs ein Glas: Meiner Treu, Ka⸗ pitän, ich wundere mich nicht, daß die Leute über ihr von Sinnen kommen; mein Lebtag ſah ich keine ſolche 167 Augen oder ein ſo grandioſes Benehmen. Ich bin überzeugt, ſie iſt eben ſo intelligent als ſchön, und ich zweifle nicht, daß ſie eben ſo gut als geſcheidt iſt. „Ein gutes Mädchen, Sir, — ein gutes Mäd⸗ chen, Sir,“ ſprach der entzückte Vater, „und von ganzem Herzen thue ich Beſcheid auf ſie! Soll ich nach einer zweiten Pint in den — in den Keller ſen⸗ den? Er iſt gleich bei der Hand. Nein? Nun in der That, mein Herr, Sie mögen ſagen, ſie iſt ein gutes Mädchen und der Stolz und der Ruhm ihres Va⸗ ters — des ehrlichen alten Jack Coſtigan. Der Mann, der ſie kriegt, bekommt ein Kleinod zum Weibe, Sir, und ich trinke ſeine Geſundheit, Sir, und Sie wiſſen, wen ich meine, Major.“ „Ich wundere mich nicht, daß Jung und Alt ſich in ſie verlieben,“ ſagte der Major, „und ich muß Ihnen offen geſtehen, obgleich ich über meinen armen Neffen Arthur ſehr ärgerlich war, als ich von des Jungen Leidenſchaft hörte, ſo kann ich ihm, nun ich die Lady geſehen habe, Alles verzeihen. Beim heiligen Georg, ich möchte ſelbſt in die Schranken treten, wenn ich nicht ein ſo alter und armer Burſche wäre.“ „Und es gebe keinen beſſern Mann, Major, ich bin's gewiß,“ rief Jack bezaubert. „Ihre Freundſchaft, Sir, entzückt mich. Ihre Bewunderung für mein Mädchen lockt mir Thränen in die Augen — Thränen, Sir — männliche Thränen — und wenn ſie meine niedere Wohnung mit Ihrem glänzendern Herrenhaus vertauſcht, hoffe ich, daß ſie ein Plätzchen für ihren armeu, alten Vater, den armen, alte Jack Coſtigan behält.“ Der Kapitän ließ die That auf die Worte folgen, und ſeine blutunteriaufenden Augen füllten ſich mit Waſſer, als er mit dem Major ſprach. „Ihre Gefühle machen Ihnen Ehre,“ ſagte des Andere, „aber, Kapitän Coſtigan, über einen Punkt, den Sie hier erwähnten, muß ich lächeln.“ „Und der wäre, Sir?“ fragte Jack, der auf einer 168 zu herviſchen und ſentimentalen Höhe ſtand, um herab⸗ zuſteigen. „Sie ſprachen von unſerem ſplendiden Herrenhaus — meiner Schweſter Wohnſitze, glaube ich?“ 2 „Ich meine den Park und das Herrenhaus von Arthur Pendennis, Esquire von Fairvaks⸗Park, den ich als Parlamentsmitglied für ſeine Mutterſtadt Clavering zu ſehen hoffe, wenn er das Alter hat, dieſen wichtigen Poſten einzunehmen,“ rief der Kapitän mit vieler Würde. Der Major lächelte, als er einen Pfeil aus ſeinem Köcher erkannte. Er ſelbſt hatte Pen auf den Gedan⸗ ken gebracht, für den benachbarten Burgflecken im Par⸗ lament zu ſitzen — und der arme Junge hatte offenbar über den Gegenſtand vor Coſtigan und der Lady ſeines Herzens geprahlt. „Fairvaks⸗Park,“ mein lieber Sir,“ ſagte er, „Können Sie unſere Geſchichte? Wir ſind allerdings von außerordentlich alter Familie; aber ich begann meine Laufbahn mit kaum genug Geld, um mein Patent zu kaufen, und mein älteſter Bruder war ein Landapotheker, der jeden Shilling, den er beſaß, mit Mörfer und Stößel verdiente.“ „Ich habe meine Zuſtimmung gegeben, über dieſen Punkt wegzuſehen, Sir,“ ſprach Coſtigan majeſtätiſch, „in Betracht der bekannten Achtungswürdigkeit Ihrer Familie.“ „Zum Teufel mit Deiner Schamloſigkeit,“ dachte der Major; aber er lächelte und verbeugte ſich. „Auch die Coſtigans haben ihre Unfälle gehabt; und unſer Haus, Caſtle Coſtigan, iſt durchaus nicht mehr, was es war. Ich habe ſehr ehrenwerthe Apo⸗ theker gekannt, Sir, und Einer iſt in Dublin, der hat die Ehre gehabt, mit dem Lord⸗Lieutenant an der Tafel zu ſpeiſen.“ „Sie ſind ſehr gütig, daß Sie uns die Wohlthat Ihres Mitleids erweiſen,“ fuhr der Majo fort. „Aber erlauben Sie mir, zu bemerken, daß es ſich davon nicht handelt. Sie ſprechen ſo eben von meinem kleinen Nef⸗ * 169 fen, als Erben von Fairvaks Park und ich weiß nicht, was Alles weiter.“ „Fundirtes Eigenthum ohne Zweifel, Major, und ein hübſches Sümmchen eventualiter von Ihnen.“ „Mein guter Sir, ich ſage Ihnen, der Junge iſt der Sohn eines Landapothekers,“ rief Major Penden⸗ nis, „und wenn er das Alter hat, bekommt er keinen Shilling.“ „Pah, Major, Sie haben mich zum Beſten,“ ent⸗ gegnete Mr. Coſtigan, „mein junger Freund iſt zweifels ohne Erbe von zweitanſend Pfund das Jahr.“ „Zweitauſend Fiedelbogen! Bitte um Verzeihung, lieber Herr! hat Ihnen der Junge was aufgebunden ?“ Es iſt ſonſt nicht ſeine Art. Auf Wort und Ehre, als Gentleman und Vollzieher von meines Bruders Teſta⸗ ment, ſage ich Ihnen: er hinterließ wenig mehr als jährliche fünfhundert Pfund.“ „Bei gehöriger Sparſamkeit iſt auch dieß noch eine hübſche Summe Geldes, Sir,“ antwortete der Kapitän. Meiner Treu, ich hab einen Mann in Irland gekannt, der ſeinen Claret trinkt und mit vier Pferden fährt bei fünfhundert Pfund per Jahr und großer Sparſamkeit. „Wir wollens zu Rathe halten, Sir — verlaſſen Sie ſich auf Jack Coſtigan.“ „Mein lieber Kapitän Coſtigan — ich gebe Ihnen mein Wort, daß mein Bruder ſeinem Sohne Arthur keinen Shilling hinterließ.“ „Scherzen Sie mit mir, Major Pendennis?“ rief Jack Coſtigan. „Spotten Sie der Gefühle eines Va⸗ ters und eines Gentleman?“ „Ich ſage Ihnen die ehrliche Wahrheit,“ ſagte Major Pendennis, „jeden Shilling, den mein Bruder hatte, hinterließ er ſeiner Wittwe mit theilweiſem Heim⸗ fall allerdings an den Jungen. Aber ſie iſt eine junge Lady und kann heirathen, wenn er ſie vor den Kopf ſtößt, oder ihn überleben, denn ſie kommt aus einer Familie, die ungewöhnlich lange lebt. Und ich 170 frage Sie, als Gentleman und Mann von Welt: Was kann meine Schweſter, Mrs. Pendennis, von den jähr⸗ lichen fünfhundert Pfund, die ihr ganzes Vermögen ſind, ihrem Sohne ausſetzen — das ihm möglich macht, ſich und Ihre Tochter in dem Range, der einer ſo voll⸗ endeten, jungen Lady gebürt, zu erhalten.“ „Muß ich es ſo verſtehen, Sir, daß der junge Gent⸗ leman Ihr Neffe, den ich als Sohn meines Herzens pflegte und liebte, ein Betrüger iſt, der mit den Gefühlen meines geliebten Kindes ein unerlaubtes Spiel getrieben?“ rief der General in einem Anfall von Wuth. „Haben Sie ſelbſt auf des jungen Mannes empfindliche Natur ge⸗ wirkt und ihn veranlaßt, ſein Wort und damit meiner angebeteten Emily Herz zu brechen? Nehmen Sie ſich in Acht, Sir, treiben Sie keinen Scherz mit der Ehre John Coſtigan's. Wenn ich dächte, daß ein Sterb⸗ licher ſo zu thun Willens wäre, bei Gott, ich müßte ſein Blut haben, Sir — wäre er alt oder jung.“ „Mr. Coſtigan!“ rief der Major. „Mr. Coſtigan kann und will ſeine und ſeiner Tochter Ehre beſchützen,“ ſagte der andere. „Schauen Sie dort die Kommode an, ſie enthält Haufen von Briefen, welche die Natter an das unſchuldige Kind gerichtet hat. Sie enthalten ſoviel Verſprechungen, daß ſie eine Putzſchachtel füllen würden, und wenn ich den Schuft vor die Gerichtshöfe geführt und ſeinen Meineid und ſeine Ehrloſigkeit darge⸗ than habe, habe ich in jener Mahagonikapſel noch ein Mit⸗ telchen, Sir, das mir Recht verſchafft, Sir, bei Jeder⸗ mann — merken Sie ſich, was ich ſage, Major Penden⸗ nis — bei Jedermann, der Ihrem Neffen gerathen hat, einen Soldaten und Gentleman zu beſchimpfen. Was meine Tochter ſollte gefoppt, und meine grauen Haare von dem Sohne eines Apothekers entehrt werden? So wahr ein Gott im Himmel iſt, Sir, ich möchte den Mann ſehen, der ſo was wagen ſollte.“ Ich muß es denn ſo verſtehen, daß Sie erſtens dro⸗ hen, die Briefe eines achtzehnjährigen Jungen an ein 171 Frauenzimmer von achtundzwanzig zu veröffentlichen und ſodann mir die Ehre einer Ausforderung zu erwei⸗ ſen,“ ſagte derMajor mit vollkommener Kaltblütigkeit. „Sie haben meine Abſichten mit vollkommener Ge⸗ nauigkeit bezeichnet, Major Pendennis,“ antwortete der Kapitän, indem er ſeinen verkommenen Bart über dem Kinne ſtrich. „Gut, gut; das ſind Dinge, über die man ſpäter übereinkommen kann; aber eh' wir's zu Pulver und Blei kommen laſſen, mein guter Sir, — haben Sie die Güte und überlegen Sie, mit was in aller Welt ich Sie beleidigt habe? Ich habe Ihnen geſagt, daß mein Neffe von ſeiner Mutter abhängt, die kaum mehr als fünfhundert Pfund jährlich hat.“ „Ich habe über die Richtigkeit dieſer Behauptung meine eigene Meinung,“ ſagte der Kapitän. „Wollen Sie zu meiner Schweſter Sachwalter, dem So Tatham hier, gehen und ſich Gewißheit verſchaf⸗ fen „Ich muß es ablehnen, mit dieſem Gentleman in Berührung zu fommen,“ verſetzte der Kapitän mit etwas verwirrter Miene. „Wenn es ſo iſt, wie Sie ſagen, ſo bin ich von Jemand furchtbar getäuſcht wor⸗ den, und an dieſer Perſon werd' ich Rache nehmen.“ „Iſt es mein Neffe?“ rief der Major, indem er auffuhr und ſeinen Hut aufſetzte. „Hat er Ihnen jemals geſagt, daß ſein Eigenthum zweitauſend Pfund in dem Jahr betrüge? Wenn er es that, ſo hab ich mich in dem Jungen getäuſcht! — Lügen iſt man nicht ge⸗ wöhnt in unſerer Familie, und ich glaube nicht, daß meines Bruders Sohn es ſchon gelernt hat. Verſuchen Sie's und ſehen Sie, ob Sie ſich nicht getäuſcht, oder übertriebenen Gerüchten vom Hörenſagen Glauben ſchenk⸗ ten. Was mich betrifft, Sir, ſo ſteht es Ihnen frei, anzunehmen, daß ich mich vor allen Coſtigan's Frlands nicht fürchte, und recht wohl weiß, wie ich mich irgend welcher Drohungen, von welcher Seite ſie auch kommen, zu erwehren habe. Ich komme hieher als Vormund des Jungen, um gegen eine höchſt abſurde und ungleiche Heirath zu proteſtiren, die nur Armuth und Elend mit ſich bringen kann und damit, daß ich Sie verhindere, bin ich, glaub' ich, eben ſo wohl Ihrer Tochter Freund, die, wie ich nicht zweifle, eine ehrenhafte junge Lady iſt, als der Freund meiner eigenen Familie, und ver⸗ hindern will ich die Heirath, Sir, durch jedes Mittel, das mir zu Gebote ſieht. Nun habe ich geſagt, Sir, was ich zu ſagen hatte.“ „Aber ich noch nicht, Major Pendennis — und Sie ſollen mehr von mir hören,“ ſprach Mr. Coſtigan mit einem Blicke furchtbaren Ernſtes. „Was meinen Sie damit, Sir?“ fragte der Ma⸗ jor, indem er ſich an der Thürſchwelle umdrehte und dem unerſchrockenen Coſtigan in's Geſicht ſchaute. „Sie ſagten, glaub ich, im Laufe der Unterhal⸗ tung, daß Sie in dem George Hotel wohnten,“ ſagte Mr. Coſtigan in ſtolzem Tone. „Ein Freund wird Ihnen dort aufwarten, ehe Sie die Stadt verlaſſen.“ „Mag er eilen, Mr. Coſtigan,“ rief der Major beinahe außer ſich vor Wuth, „ich wünſche Ihnen einen guten Morgen, Sir.“ Kapitän Coſtigan machte eine feierliche Verbeugung der Herausforderung über den Landungsplatz, als Letzterer ſich die Treppen hinab zu⸗ rückzog. 173 Zwölftes Kapitel. In welchem eine Schießparthie proponirt wird. Es wurde ſchon früher ein Mr. Garbetts als Haupt⸗ tragiker, ein viel verſprechender, athletiſcher junger Schauſpieler, von jovialen Gewohnheiten und unregel⸗ mäßigen Neigungen erwähnt, mit welchem Mr. Coſtigan auf beſonders vertrautem Fuße ſtand. Sie waren die Hauptzierden des Klubs von Lebemännern in dem Mag⸗ pie Hotel; ſie halfen einander in verſchiedenen Wech⸗ ſelangelegenheiten, indem Sie ſich gegenſeitig ihre werthvollen Unterſchriften liehen. Sie waren Freunde, obgleich Mr. Garbetts ſelten bei Coſtigan's einſprach, da er bei Miß Fotheringay nicht wohl gelitten war, auf welche ihrerſeits Mrs. Garbetts in hohem Grade, eiferſüchtig war. Der Grund war folgender: Garbetts hatte Miß Fotheringay den Hof gemacht und einen Korb erhalten, ehe er Mrs. Garbetts ſeine Hand anbot. Ihre Geſchichte bildet jedoch keinen Theil unſerer Erzählung, genug, Mr. Garbetts wurde von Kapitän Coſtigan, ſobald ſeine Tochter und Mr. Bows das Haus verlaſſen hatten, gerufen als ein Freund, der unter der dermaligen Kon⸗ ſtellation zu Rath gezogen werden mußte. Er war ein großer Mann, von lauter Stimme und trotziger Miene, der die ſchönſten Beine in der ganzen Geſellſchaft hatte und ein Schüreiſen aus bloßem Scherz über ſeinem ſtählernen Arm zerbrechen konnte. „Lauf, Tommy,“ ſagte Mr. Coſtigan zu dem klei⸗ neu Botſchafter, „und hole Mr. Garbetts, von ſeiner Wohnung über den Gedärm laden, weißt Du, und ſag ihm, er ſolle zwei Gläſer Whisky und heißes Waſſer aus den Grabes (Trauben) ſchicken.“ Tommy ging ſeines 174 Wegs und alsbald erſchienen Mr. Garbetts und der Whisky. Kapitän Coſtigan enthüllte ihm nicht das ganze Getheil der Ereigniſſe, die der Leſer kennt, ſondern verfaßte mit Hilfe von Schnaps und Waſſer einen dro⸗ henden Brief an Major Pendennis, in welchem er dieſen Gentleman aufforderte, der Verbindung von Mr. Arthur Pendennis und ſeiner Tochter Miß Fotheringay kein Hin⸗ derniß entgegen zuſetzen, und eine nahe Friſt für deren Feier anzuberaumen, widrigenfalls ihm diejenige Ge⸗ nugthuung zu geben, die zwiſchen Männern von Ehre gewöhnlich ſei. Sollte Major Pendennis auf die Alter⸗ native nicht eingehen wollen, ſo deutete der Kapitän an, daß er ihn durch Applizirung der Hetzpeitſche auf die Perſon des Majors zur Annahme zwingen würde. Die eigenſten Ausdrücke dieſes Briefes können wir nicht geben, aus Gründen, die alsbald ſpecifizirt werden ſol⸗ len; er war aber ohne Zweifel in dem feinſten Stil des Kapitäns abgefaßt und mit aller Sorgfalt geſiegelt mit dem großen Siegel der Coſtigans, dem einzigen ſilbernen Familienmöbel, das der Kapitän beſaß. Gar⸗ betts wurde jetzt mit dieſer Botſchaft und dem Briefe abgeſandt, und der General drückte ihn, des Himmels Segen wünſchend, ſeinem Botſchafter die Hand und ſah ihn ſcheiden. Dann nahm er ſeine ehrwürdigen, mör⸗ deriſchen Duell⸗Piſtole mit Feuerſteinſchlöſſern herab, die manchem wackern Burſchen in Dublin aus der Welt geholfen hatten. Dann unterſuchte er dieſelben, und als er ſie in genügendem Zuſtande fand, nahm er alle Briefe und Gedichte Pen's, die er immer las, ehe er dieſen Genuß ſeiner Emily geſtattete, aus der Kommode, in der ſie verſchloſſen waren. In etwa zwanzig Minuten kam Garbetts mit ängſtlicher, niedergeſchlagener Miene zurück. „Haben Sie ihn geſehen?“ fragte der Kapitän. „Nun, ja,“ ſagte Garbetts. „Und auf wann iſt ſie beſtimmt?“ fragte Coſti⸗ 175 gan, indem er das Schloß einer ſeiner alten Piſtolen unterſuchte und ſie in das Niveau ſeines Auges brachte — wie er den blutunterlaufenen Ball zu nennen be⸗ liebte. „Auf wann ſie beſtimmt iſt?“ fragte Mr. Garbetts. „Die Zuſammenkunft, mein lieber Junge.“ „Sie meinen doch keinen mörderiſchen Kampf, Ka⸗ pitän?“ fragte Garbetts entſetzt. „Was zum Teufel ſollt ich ſonſt meinen, Garbetts, ich muß den Mann, der meiner Ehre zu nahe getreten, erſchießen, oder ſelbſt als Opfer zu Boden ſinken.“ „Gott verd — wenn ich Forderungen überbringe,“ entgegnete Mr. Garbetts, „ich bin ein Mann von Fa⸗ milie und will Nichts mit Piſtolen zu thun haben — nehmen Sie Ihren Brief zurück,“ und zum Erſtaunen und Aerger Coſtigans warf ſein Ausſendling den Brief mit ſeiner großen geſpreizten Aufſchrift und dem zer⸗ klecksten Siegel auf den Tiſch. „Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie ihn ge⸗ ſehen und ihm den Brief nicht gegeben haben?“ rief der Kapitän in voller Wuth. „Ich ſah ihn, konnte ihn aber nicht ſprechen, Ka⸗ pitän,“ ſagte Mr. Garbetts. „Und warum, beim Teufel, nicht?“ fragte der andere. „Es war einer da, den zu treffen mich nicht ver⸗ langte, noch auch Sie,“ antwortete der Tragiker mit einer Grabesſtimme. „Unſer Favorit Tatham war da, Kapitän.“ „Der feige Schuft!“ prüllte Coſtigan, „er hat Angſt und iſt im Begriff, zu ſchwören, daß er mit mir Frie⸗ den halten wolie.“ „Ich will Nichts mit dem Duell zu thun haben, merfen Sie ſich's,“ entgegnete der Tragiker ſtörriſch, „und ich wünſche, ich hätte weder Tatham geſehen, noch dieſen Wiſch von —“ „Halten Sie's Maul, Bob Acres (Ehfers). Ich glaube Sie ſind nicht beſſer, als eine Memme,“ ſagte Kapitän 176 Coſtigan, indem er Sir Lucius O'Trigger citirte, deſſen Rolle er beides ab und auf der Bühne rühmlichſt ge⸗ ſpielt hatte, und nach einigen weiteren Worten, die das Paar gewechſelt, ſchieden ſie in nicht ſehr gutem Humor. Ihre Unterhaltung wurde hier zuſammengedrängt, da der Leſer weiß, um was ſie ſich drehte. Er wird aber ſehen, wie unmöglich es iſt, einen genauen Bericht von dem Briefe zu geben, welchen der Kapitän an Major Pendennis ſchrieb, da er gar nicht von dieſem Gentleman geöffnet worden war. Als Miß Coſtigan von der Probe nach Hauſe kam, die ſie in der Geſellſchaft des gétreuen Mr. Bows angeſtellt hatte, fand ſie, daß ihr Vater in großer Aufregung und in Mitten eines gewaltigen Geruchs von Schnaps und Waſſer im Zimmer auf und nieder ging. Die Pendennis⸗Papiere lagen auf dem Tiſche, umgeben von leeren Kelchen und dem jetzt nutzloſen Theelöffel, der dazu gedient hatte, des Kapitäns und ſeines Freundes Liqueur zu halten und zu miſchen. Als Emily ins Zim⸗ mer trat, ſchloß er ſie in ſeine Arme und rief: „Bereite Dich vor, mein Kind, mein geliebtes Kind,“ mit einer ängſtlichen Stimme und thränenvollen Augen. „Du biſt wieder betrunken, Papa,“ ſagte Miß Fotheringay, indem ſie ihren Vater von ſich ſtieß. „Du verſprachſt mir, vor dem Diner nichts Geiſtiges zu trinken.“ „Nur um meinen Kummer zu vergeſſen, armes Kind, habe ich ſpeben einen Tropfen genommen,“ rief der berauſchte Vater — „nur um meine Sorge wegzu⸗ ſchwemmen, habe ich mich an die Bole gewendet.“ „Ihre Sorge hat vieler Flüſſigkeit bedurft, lieber Kapitän, um ertränkt zu werden,“ ſagte Bows, ſeines Freundes Ton nachahmend; „was iſt vorgefallen? hat der ſanft ſprechende Gentleman in der Perücke Ihnen was zu leid gethan?“ „Der ſchmutzige Schuft, ich muß ſein Blut haben!“ brüllte Cos. Es muß vorausgeſchickt werden, daß —,— 177 Miß Milly aus ſeiner Umarmung auf ihr Zimmer ge⸗ flohen war, und dort Hut und Shawl ablegte. „Ich dachte mir, daß er Unheil im Sinne hatte, er war ſo ungemein höflich,“ ſagte der Andere. „Was hat er zu ſagen gehabt?“ „O, Bows, er hat mich überwältigt,“ ſagte der Kapitän, „es iſt eine hölliſche Verſchwörung gegen mein armes Kind im Werk, und ich bin der Meinung, daß beide Pendennis, Neffe und Onkel, zwei ſataniſche Ver⸗ räther und Schurken ſind, die von der Erde vertilgt werden ſollten.“ „Was gibt es? was hat ſich ereignet?“ fragte Mr. Bows aufgeregt. Coſtigan erzählte ihm nun, daß der Major ange⸗ geben habe, der junge Pendennis habe keine zweitau⸗ ſend Pfund, keine zweihundert Pfund per Jahr, und drückte ſeine Wuth aus, daß er einem ſolchen Betrüger geſtattete, ſein unſchuldiges Mädchen zu beſchwatzen und zu narren, und daß er eine ſolche Natter an ſeinem eigenen Buſen gewärmt. „Ich habe jedoch das Gewürm von mir geſchüttelt,“ ſagte Coſtigan, „und was ſeinen Onkel betrifft, ſo will ich ſolche Rache an dem alten Manne nehmen, daß er den Tag beklagen ſoll, an dem er einen Coſtigan beſchimpfte.“ „Was wollen Sie, General?“ fragte Bows. „Ich will ſein Leben, Bows, ſein niederträchtiges Leben, mein Junge;“ und er raffte das alte Piſtolen⸗ halfter auf eine wilde, ominöſe Weiſe auf. Bows hatte ihn oft an dieſe Todesbehälter appelliren hören, die ſeinen Feinden Verderben bringen ſollten; aber der Ka⸗ pitän ſagte ihm nicht, daß er dem Major Pendennis wirklich geſchrieben und eine Ausforderung geſendet hatte, weßhalb Mr. Bows den Piſtolen in dieſem Fall keine große Aufmerkſamkeit ſchenkte. In dieſem Augenblicke kehrte Miß Fotheringay aus ihrem Privatgemach in das Wohnzimmer zurück, voll⸗ Pendennis. 1. 12 178 kommen friſch, glücklich und unbekümmert: ein auffal⸗ lender Kontraſt gegen ihren Vater, der vor Gram, Aerger und ſonſtiger Aufregung beinahe delirirte. Sie brachte ein paar gebrauchte Satinſchuhe mit, die ſie mit einer Brodkrume möglichſt rein reiben wollte, indem ſie am Abend des nächſten Dienſtags als Ophe⸗ lia in Wahufinn gerathen wollte. Sie ſah auf die Papiere auf dem Tiſch, hielt, als ob ſie eine Frage thun wollte, beſann ſich aber wieder, ging an den Schrank und wählte dort ein Stückchen Brod, mit dem ſie auf den Satinſchuhen operiren wollte, kam an den Tiſch zurück, ſetzte ſich da mit den Schuhen zu Recht, und fragte dann ihren Vater in ihrem ehr⸗ lichen iriſchen Kauderwelſch: „Was haſt Du da die Briefe, Gedichte und Kleidungsſtücke von Maſter Arthur herausgenommen, Pa? Du wirſt doch den Unfinn nicht leſen wollen?“ „Emily!“ rief der Kapitän, „der Junge, den ich liebte, wie mein Buſenkind, iſt ein Schurke, ein Be⸗ trüger, mein armes Mädchen,“ und ſah auf höchſt tra⸗ giſche Weiſe Mr. Bows gegenüber an, der ſeinen Theils etwas beſorgt auf Miß Coſtigan blickte. „Ja gewiß, der arme Junge iſt ſo einfältig als ein Schulknabe,“ ſagte ſie. „Alle Kinder ſchreiben Verſe und Unſinn.“ „Er hat die Rolle einer Natter an dieſer Feier⸗ ſeite geſpielt, iſt ein Verräther an dieſer Familie ge⸗ worden,“ rief der Kapitän. „Ich ſage Dir, er iſt nicht beſſer als ein Betrüger.“ 5 „Was hat der arme Burſche gethan, Papa?“ fragte mily. „Gethan? er hat uns auf die entſetzlichſte Weiſe getäuſcht,“ ſagte Miß Emily's Papa, „er hat mit Deiner Neigung getändelt, und meine ſchönen Gefühle beſchimpft. Hat er ſich nicht als ein Mann von Ver⸗ mögen vorgeſtellt, und nun koͤmmt es heraus, daß er nicht beſſer als ein Bettler iſt. Hab ich Dir nicht oft 179 geſagt, er habe zweitauſend Pfund das Jahr? Er iſt ein Bettelmann, ſag' ich Dir, Miß Coſtigan, hängt von der Gnade ſeiner Mutter ab, einer guten Frau, die wieder heirathen fann, allem nach in alle Ewigkeit lebt und nur jährliche Fünfhundert hat. Wie wagt er von Dir zu verlangen, Du ſollſt in eine Familie heirathen, die nicht die Mittel zu Deinem Unterhalte hat? Du biſt gröblich getäuſcht und genarrt worden, Milly, und ich glaube, der alte Schuft von Onkel in einer Perücke iſt im Komplot gegen uns. „Der ſaufte, alte Gentleman? was hat er gethan, Papa?“ fuhr Emily immer noch unerſchüttert fort. Coſtigan benachrichtigte Milly, daß der Major, als ſie fort war, ihm in ſeiner falſchen höflichen Pall⸗Mall⸗ manier ſagte: daß der junge Arthur gar kein Vermö⸗ gen habe, daß der Major ihn (Coſtigan) zu den Schuf⸗ ten, den Rechtsanwalten wies, (von denen er wußte, daß ſie einen Wechſel von ihm hätten, und daß er nicht zu ihm könne) und das Teſtament von des Jungen Va⸗ ter nachſehen hieß: und daß ſchließlich ihn ein hölli⸗ ſcher Schwindel gegen das Paar ergriffen, und daß er entſchloſſen ſei, die Heirath durchzuſetzen, oder das Blut von ihnen Beiden haben müßte. Milly ſah ſehr ernſt und gedankenvoll darein, indem ſie die weißen Satinſchuhe rieb. „Gewiß, wenn er kein Geld hat, ſo hilft es Nichts, ihn zu heirathen, Papa,“ bemerkte ſie feierlich. „Warum ſagte der Schurke, daß er ein Mann von Vermögen ſei?“ fragte Coſtigan. „Der arme Burſche ſagte immer, daß er arm ſei,“ antwortete das Mädchen. „Du wollteſt immer haben, daß er reich ſei, Papa — und machteſt, daß ich darein willigte, ihn zu nehmen.“ „Er hätte ſich erklären, und uns ſein Einkommen ſagen ſollen, Milly,“ antwortete der Vater. „Ein jun⸗ ger Burſche, der eine Vollblutſtute reitet, und mit Shawls und Armbändern um ſich wirft, iſt ein Be⸗ 180 trüger, wenn er kein Geld hat — und was ſeinen Onkel betrifft, ſo will ich des Todes ſein, wenn ich ihm nicht, wo immer ich ihn ſehe, die Perücke vom Kopfe ſchlage. Bows hier ſoll die Botſchaft an ihn überneh⸗ men und es ihm ſagen. Entweder gibts eine Heirath, oder er trifft mich auf dem Feld wie ein Mann, oder ich zwick ihn vor ſeinem Hotel in den Sandalleen von Fairvakspark vor der ganzen Grafſchaft an der Naſe, ſchwere Noth.“ „Beim Henker, Sie können ſonſt Jemand mit der Botſchaft ſenden,“ ſagte Bows lachend, „ich bin ein Fiedler und kein Fechter, Kapitän.“ „Ha, Sie haben keinen Muth,“ brüllte der Ge⸗ neral, „ich will mein eigner Sekundant ſein, wenn Nie⸗ mand mir zur Seite ſtehen will, und man mich be⸗ ſchimpfen läßt. Ich nehme mein Piſtolenhalfter und ſchieß ihn in George's Kaffeezimmer nieder.“ „Und ſo hat denn Arthur kein Geld?“ ſeufzte Miß Coſtigan etwas kläglich. „Armer Junge, er war auch noch ein guter Junge: ein Wildfang, und ſprach Unſinn mit ſeinen Verſen und ſeiner Poeſie und noch dazu ein braver, nobler Junge, in der That, ich mochte ihn — und er mochte mich,“ fuhr ſie in ſanftem Tone fort und rieb an ihrem Schuh. „Warum heirathen Sie ihn nicht, wenn Sie ihn ſo mögen?“ fragte Mr. Bows etwas grauſam, „er iſt bloß zehn Jahre jünger als Sie. Seine Mutter läßt ſich vielleicht erweichen, und Sie gingen hin nach Fair⸗ vakspark und hätten genug, warum wollen Sie nicht gehen, und eine Lady werden? Ich könnte fortgeigen, und der General von ſeinem halben Solde leben, war⸗ S he Sie ihn nicht? Sie wiſſen ja, er mag ie . „Es gibt Andere, die mich eben ſo gut mögen, Bows, die kein Geld haben und alt genug ſind,“ ſagte Miß Milly nachdrücklich. „Ja, Gott verdamm mich,“ ſagte Bows mit bitte⸗ 181 rem Fluche — „die alt genug, und arm genug, und Narren genug für alles Andere ſind.“ „Es gibt alte Narren und junge Narren, Sie haben oft ſo geſagt, Sie einfältiger Mann,“ ſprach die gebieteriſche Schönheit mit einem ſelbſtbewußten Blick auf den alten Gentleman. „Wenn Pendennis nicht Geld genug hat, daß man davon lehen kann, ſo iſt's eine Thorheit, vom Heirathen zu ſprechen und hiemit Punk⸗ tum.“ „Und der Junge 2“ fragte Mr. Bows. „Beim Ju⸗ piter, Sie werfen Einen weg, wie einen alten Hand⸗ ſchuh, Miß Coſtigan.“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen, Bows,“ ſagte Miß Coſtigan gelaſſen, indem ſie den zweiten Schuh rieb. „Wenn er die Hälfte von den zweitauſend, die Papa ihm gab, oder die Hälfte von dieſer Hälfte ge⸗ habt hätte, ſo würde ich ihn heirathen „aber was iſt mit einem Bettler geholfen? Wir ſind ſo ſchon arm ge⸗ nug, was hälfe es mich, mit einer alten Lady zu leben, die vielleicht wunderlich und widerwärtig iſt, und mir jeden Biſſen Fleiſch mißgönnen würde. Es iſt jetzt bald Eſſenszeit und Suky hat noch nicht gedeckt,“ und dann, fuhr Miß Coſtigan ganz unſchuldig fort, „ſetzen wir noch den Fall, daß Familie da wäre? — ei, Papa, da wären wir noch ſchlimmer daran als jetzt.“ „In der That, da wollteſt Du nicht, liebe Milly2“ verſetzte der Vater. „Und da hat es denn ein Ende mit all dem köſtlichen Schwatzen von Mrs. Arthur Pendennis von Fairvakspark, der Lady eines Parla⸗ mentsmitglieds,“ ſagte Milly lachend, „prächtige Wagen und Pferde zum Fahren und Reiten! — Davon haſt Du immer geſprochen, Papa, aber es iſt immer das alte Lied, wenn Einer mich anſah, meinteſt Du gleich, er wollte mich heirathen, und wenn er einen guten Rock an hatte, bildeteſt Du Dir ein, er ſei ſo reich, als Crazes (Krehſis).“ „— Als Cröſus,“ ſagte Mr. Bows. 182 „Recht, nennt ihn, wie ihr wollt. Aber ſo viel iſt gewiß, daß Papa mich dieſe acht Jahre zwanzig Mal verheirathet hat; ſollt' ich nicht Milady Poldoody von Oyſtherstown Caſtle werden, dann kam der Seekapitän zu Portsmouth und der alte Chirurg zu Norwich und der Methodiſtenpfarrer, und wer weiß, wie viele noch weiter, nun ich wette einen Penny, mit all Dei⸗ nem Planiſiren ſterb ich am Ende als Milly Coſtigan. So hat der arme Arthur kein Geld? Bleiben Sie, Bows, beim Diner, wir haben ein ſchönes „Beefſteak Pud⸗ ding.“ „Ich möchte wiſſen, wie ſie mit Sir Derby Oaks daran iſt,“ dachte Bows, deſſen Augen und Gedanken ſie immer bewachten, „die Schlauköpfe von Weibern trotzen all unſerem Rechnen, und ich bin gewiß, Sie würde nicht ſo leichten Kaufs von dem Jungen laſſen, wenn ſie nicht ſchon einen Andern am Bändel hätte.“ Man wird bemerkt haben, daß Miß Fotheringay, obgleich gewöhnlich ſchweigſam und keineswegs eine glänzende Unterhalterin, wo es ſich um Dichtkunſt, Li⸗ teratur, over ſchöne Künſte handelte, doch in ihrem Familienkreiſe frei und verſtändig ſprechen konnte. Auch waren ihre literariſchen Kenntniſſe groß; ſie öff⸗ nete nie wieder einen Shakſpeare von dem Tage an, da ſie die Bühne verließ, auch verſtand ſie ihn in der That nicht, während all der Zeit, wo ſie die Bühne zierte; aber über einen Pudding, eine Stickerei oder Hausangelegenheit war ſie eine ſo gute Richterin, als ſich je eine finden konnte, und da ſie durch keine ſtarke Einbildungskraft, oder Leidenſchaftlichkeit irre ge⸗ führt wurde, ſo behielt ſie ein kälteres Urtheil. Ueber Tiſch ſuchte Coſtigan ſich und die Geſellſchaft zu überzeu⸗ gen, daß des Majors Angabe über Pen's Finanzen keinen Glauben verdiene, und von Seiten des alten Heuchlers eine bloße Finte ſei, ſie zu veranlaſſen, von ihrer Seite die Verbindung abzubrechen. Miß Milly aber wollte für den Augenblick die Moglichkeit einer Tänſchung „ 183 von Seiten des Gegners nicht zugeben, und wies genau nach, daß ihr Vater ſich getäuſcht, und nicht der arme, kleine Pen ſie betrogen habe. Was den armen Jungen betreffe, ſo ſagte ſie, daß ſie ihn von ganzem Herzen bemitleide; auch aß ſie mit außerordentlich gutem Ap⸗ petit, zur Bewunderung von Mr. Bows, der beſondere Verachtung gegen dieſes Frauenzimmer hatte. Während und nach dem Mahle berieth die Geſellſchaft über das beſte Mittel, die Liebesgeſchichte zu einem guten Ende zu bringen. Was Cofligan anbelangt, ſo verſchwand ſein Plan, den Major in die Naſe zu zwicken, als zum Nachdiner Whisky und Waſſer folgte, und er fügte ſich unter ſeine Tochter und war zu jedem Plan bereit, für den ſie ſich entſcheiden möchte, um der Kriſis zu be⸗ gegnen, die, wie ſie ſah, bevorſtand. Der Kapitän, welcher, ſo lang er ſich einbildete, Unrecht zu erleiden, beide, ſowohl Pen, als ſeinen On⸗ kel, zu vernichten wünſchte, ſchrak vielleicht vor dem Gedanken zurück, den erſtern zu treffen, und fragte, was ſie zu dem Jungen ſagen würden, wenn er ſeiner Verpflichtung getreu bliebe und ſie der ihrigen untreu würden? „Was, wiſſen Sie nicht, wie man einen Mann über Bord wirft?“ ſagte Bows, „bitten Sie ein Frauen⸗ zimmer, es Ihnen zu ſagen,“ und Miß Fotheringah zeigte, wie dieſe That auf eine ganz einfache Weiſe vollbracht werde — nichts wäre leichter. „Papa ſchreibt an Arthur und wünſcht zu wiſſen, welche Bedingungen er im Fall einer Heirath ſtellen würde2 und fragte ihn nach ſeinen Mitteln, Arthur ſchreibt zurück und ſagt, was er bekommt, und Sie werden es finden, wie der Major ſagt, ich bin gut dafür. Dann ſchreibt Papa und ſagt, es iſt nicht genug, und die Verbindung hat ihre Endſchaft erreicht.“ „Und natürlich ſchließen Sie ein Paar Linien zum Abſchiede bei, und ſagen, daß Sie ihn ſtets als Bruder betrachten werden,“ ſagte Mr. Bows, der ſie verächtlich beaugte, 184 „Natürlich, das thue ich,“ antwortete Miß Fothe⸗ ringay, „er iſt ein höchſt würdiger junger Mann, ich bin es gewiß. Ich bitte Sie, mir das Salz herbeizu⸗ geben, die Lambertnüſſe ſind vortrefflich.“ „Und da braucht es keine Naſenſtieber, Cos, mein Junge. Ich fürchte, Sie werden getäuſcht,“ ſagte Mr. Bows. „O nein, ich glaube nicht,“ fagte Cos, indem er ſich die Hände rieb. „Was fängſt Du mit den Briefen, Verſen und Gedichten an, Milly, mein Schätzchen?“ „Wigsby würde hundert Pfund dafür geben,“ ſagte Bows, hohnlächelnd. „Ja, das würde er,“ fagte Kapitän Coſtigan, der ſich leicht anführen ließ. „Papa!“ ſagte Miß Milly, „wärſt Du nicht dafür, dem armen Jungen ſeine Briefe zurückzuſenden? Die Briefe und Gedichte ſind mein. Sie waren ſehr lang und voll von allen Arten von Unſinn und Latein und Dingen, von denen ich nicht die Hälfte verſtehen konnte. In der That, ich habe ſie nicht alle geleſen; aber wir wollen Sie ihm zurückſenden, wenn's an der Zeit iſt.“ Und, zu einer Kommode tretend, nahm Miß Fotherin⸗ gay eine Nummer des County Chronikle's und Chatte⸗ ries⸗Champion heraus, in welche Pen flammende Verſe geſchrieben, die ihre Erſcheinung unter dem Charakter Imogen feiern, und das Blatt, auf welchem das Gedicht erſchien, beilegend (denn gleich Ladies ihres Berufs be⸗ hielt ſie die gedruckten, günſtigen Notizen über ihre Aufführungen), wickelte ſie Pen's Briefe, Gedichte, Lei⸗ denſchaften und Phantaſieen ein und umband ſie ſäu⸗ berlich mit einem Schnürchen, als ob es ein Paquet Zucker wäre. Auch war ſie nicht im Geringſten bewegt, während ſie dieſen Akt vollzog. Wie viel Stunden hatte der Junge über dieſen Papieren gearbeitet, von welcher Liebe, welchem Verlangen, von welch edelmüthiger Treue und männlicher Hingebung — von wie viel durch⸗ —,——— 185 wachten Nächten und einſamen Fiebern mochten ſie er⸗ zählen! Sie band ſie zuſammen, als wären es Speze⸗ reien, ſetzte ſich nieder und bereitete mit vollkommen ruhigem und züfriedenem Herzen Thee, während Ven zehn Meilen fern nach ihr ſchmachtete und ihr Bild vor ſeiner Seele ſchwebte. Yreizehntes Rapitel. Eine Kriſis. Mitler Weile wunderte man ſich zu Fairvaks, daß der Major nicht zurückkehrte. Doktor Portman und ſeine Lady hielten auf ihrem Heimweg nach Clavering an Heleu's Lodgenthor *) mit einer kurzen Note für ſie von Major Pendennis, in welcher er ſagte, daß er noch einen Tag in Chatteries bleibe, weil er wünſchte mit den Rechtsanwälten Tatham, die er dieſen Nachmittag treffen würde, zu ſprechen; aber mit keiner Silbe wurde die Behandlung erwähnt, mit welcher der Schreibende während des Morgens beſchäftigt war. Wirklich die Note war geſchrieben in der Pauſe, nach dem erſten Theile des Engagements und wo der Major entſchie⸗ den in der Schlacht den Kürzeren zog⸗ Pen wollte nicht in die Stadt gehen, während ſein Oheim da war. Er wünſchte nicht, daß ſein Oheim vor dem verwünſchten Grasplatz der Decha⸗ *) Lodge heißt ein Häuschen am Eingang zu einem Familienpark, in welchem der Pförtner wohnt, wenn das Landgut von einem Parke umgeben iſt. 186 nei ſpioniren möchte, während er ſelbſt in Miß Coſti⸗ gan's Wohnzimmer liebkoste und die Genüſſe eines Spaziergangs, die er ſich jedoch ſehr ſelten erlanbte, wären ihm verkümmert worden, wenn er den Mann mit den geglätteten Stiefeln bei dieſer Gelegenheit ge⸗ troffen hätte. Seine beſcheidene Liebe konnte ſich nicht durch äußere Zeichen kund geben, außer den Augen, mit welchen der arme Burſche in der That recht heftig darein ſchaute; aber er war ſtumm in Gegenwart drit⸗ ter Parthien, und das war um ſo beſſer, da von allem Geplauder auf Erden das von Verliebten für den Un⸗ eingeweihten das albernſte iſt. Es iſt das Wörterbuch ohne den Schlüſſel, es iſt die Lampe ohne die Flamme. Möge der verehrte Leſer einige alte Liebesbriefe, die er oder ſie bekommen oder vergeſſen hat, wieder vorneh⸗ men, wie öde, wie nichtsſagend ſchienen ſie! Welche Be⸗ thörung war es, die den Unſinn ſchön finden konnte! Man wundert ſich, daß ſolches Geträtſch einen glücklich machen konnte, und doch gab es Tage, wo Ihr dieſe ein⸗ fältigen Briefe mit Entzücken küßtet, von ſechs abge⸗ ſchmackten Linien eine Woche lang lebtet, bis die reak⸗ tionäre Periode kam, wo ihr ruhelos und unglücklich waret, bis Ihr einen neuen Sukkurs von Thorheit er⸗ hieltet: das iſt der Grund, warum wir es ablehnen, einen der Briefe oder Gedichte, welche Mr. Pen in dieſem Abſchnitte ſeines Lebens ſchrieb, zum Beſten zu geben, bloße Rückſicht auf des jungen Burſchen Cha⸗ rakter, ſie waren zu einfältig und überhirniſch. Junge Ladies ſollten nicht aufgefordert werden, ſie bei kaltem Blute zu leſen, wartet ein wenig zu, junge Ladies, viellicht bekommt und ſchreibt ihr ſie bald auch auf eigne Rechnung. Mittler Weile wollen wir Mr. Pen's erſte Ergießungen reſpektiren und ſie in die Zeitungen mit Miß Fotheringay's Faden eingebunden und mit Kapitän Coſtigan's großem ſilbernem Siegel verſiegelt behalten. Der Major kam von ſeiner Beſprechung mit Ka⸗ pitän Coſtigan in einem ſolchen Zuſtunde von Wuth 187 zurück, daß man ſich fürchtete, ihm zu nahen, „der freche, lumpige Sumpftreter,“ dachte er, „wagt es, mir zu drohen! wagt es, davon zu ſprechen, daß er erlaube, daß ſeine verdammte Coſtigans die Pendennis heirathen, ſendet mir eine Ausforderung! Wenn der Burſche irgend was in Geſtalt von einem Gentleman auftreiben kann, ſo habe ich die größte Luſt, ihm Satisfaktion zu ver⸗ weigern. Pah, was würden die Leute ſagen, wenn ich mit einem betrunkenen Charlatan wegen eines Handels mit einer Scheueractrice einen Gang machen müßte.“ Als daher der Major Doktor Portman beſuchte, welcher ihn ängſtlich über den Ausgang ſeiner Schlacht mit dem Dragoner befragte, ſagte Mr. Penbennis dem geiſt⸗ lichen Herrn Nichts von dem inſolenten Benehmen des Generals, ſondern nur, daß die Sache äußerſt widrig und unangenehm und noch keineswegs abgethan ſei. Er bat Doktor und Mrs. Portman, Nichts in Fai⸗ rvaks zu ſagen, wohin er ſich begnügte die oben er⸗ wähnte Note abzuſenden. Er fehrte in ſein Hotel zurück, wo er ſeinen Unmuth an ſeinem Diener Mr. Morgan ausließ, „ein Gott verdamm mich und ſchelten Treppen auf und ab,“ wie der Gentleman gegen Mr. Fokers Bedienten bemerkte, in deſſen Geſellſchaft er in der Bedientenſtube im George ſein Diner einnahm. Der Bediente brachte die Kunde ſeinem Herrn, und als Mr. Foker um dieſe Zeit (es war zwei Uhr Nachmittags) ſein Frühſtück beendigt hatte, fiel es ihm ein, daß er das Ergebniß der Zuſammenkunft ſeiner beiden Freunde wiſſen müßte, und nachdem er die Num⸗ mer von des Majors Empfangzimmer erfragt hatte, ging er in ſeinem Brokatanzug hinüber und klopfte an der Thür. Major Pendennis hatte in Bezug auf einen Pacht der Wittwe ein Geſchäft abzumachen, über das er den alten Mr. Tatham, den Advokaten, berathen wollte, der ſeines Bruders Geſchäftsmann geweſen und eine Filialgeſchäftsſtube in Clavering hatte, wo er und ſein Sohn an Markt⸗ und andern Tagen drei oder vier 188 Mal zu ſprechen waren. Dieſer Gentleman und ſein Klient ſaßen jetzt in Berathung, als Mr. Foker in ſeinem grandioſen Schlafrock und ſeiner geſtickten Haus⸗ mütze an Major Pendennis's Thür ſich zeigte. Als er den Major mit Papieren beſchäftigt und einen alten Mann mit grauem Haupte bei ihm ſah, wollte ſich der beſcheidene Jüngling zurückziehen und ſagte, „v Sie haben Geſchäfte, ruf ein ander Mal an.“ Aber Mr. Pendennis wünſchte ihn zu ſprechen, worauf Mr. Foker ſeine geſtickte Mütze (die von der zärtlich⸗ ſten der Mütter gearbeitet war) abnahm und vor den Gentlemen ſich verbeugend und ſie gnädig anlächelnd vortrat. Mr. Tatham hatte noch nie zuvor eine ſo glänzende Erſcheinung wie dieſen Brokatjüngling ge⸗ ſehen, der ſich in einen Armſtuhl ſetzte, in dem er ſeine Carmoifinſchöße ausbreitete und mit ausneh⸗ mender Güte und Freimüthigkeit die andern zwei In⸗ haber des Zimmers anſah. „Sie ſcheinen an meinem Hausgewand Gefallen zu finden,“ ſagte er zu Mr. Ta⸗ tham, „ein hübſches Stück, nicht wahr, niedlich, aber nicht im geringſten grell. Und wie befinden Sie ſich, Major Pendennis, Sir, und wie geht die Welt mit Ihnen um?“ Es lag Etwas in Mr. Fokers Manier und Er⸗ ſcheinung, das ſelbſt einen Inquiſitor zu guter Laune geſtimmt hätte, und auch die Runzeln auf Pendennis's Stirne ebnete. „Ich habe mit jenem Irländer (Sie dürfen ſich vor meinem Freunde, Mr. Tatham hier, der alle Ange⸗ legenheiten der Familie kennt, nicht geniren) eine Be⸗ ſprechung gehabt, die, ich geſtehe es, nicht ganz zu meiner Zufriedenheit ausgefallen iſt, er wollte nicht glauben, daß mein Neffe arm iſt: er ſagt, wir beide ſeien Lügner: er that mir die Ehre an, bei meinem Ab⸗ ſchied mir anzudeuten, daß ich eine Memme ſei, und ich glaubte, als Sie an der Thür pochten, daß Sie der Gentleman ſein möchten, den ich mit einer Ausforder⸗ 189 ung von Mr. Coſtigan erwarte. — So geht die Welt mir mir um, Mr. Foker.“ „Sie meinen doch nicht den Irländer, den Vater der Schauſpielerin,“ rief Mr. Tatham, der ein Diſſenter war und das Drama nicht ſehr begünſtigte. „Den Irländer, den Vater der Schauſpielerin — haben Sie nicht gehört, wie mein Neffe über dem Mädchen ſo zum Narren wurde?“ — Mr. Tatham, der nie in das Theater gekommen, hatte Nichts gehört und Major Pendennis mußte die Geſchichte von ſeines Neffen Liebſchaft wieder erzählen und Mr. Foker gab in ſeiner gewohnten vertraulichen Sprache den geeigneten Kommentar dazu. Tatham war über die Erzählung über die Maßen verwundert. Warum hatte doch Mrs. Pendennis nicht einen ernſthaften Mann geheirathet — Mr. Tatham war ein Witwer — und ſv ihren unglücklichen Sohn vom Verderben zurückgehalten. Was Mr. Coſtigan's Tochter betraf, ſo wollte er Nichts ſagen, ihr Beruf charakteriſire ſie genug, Mr. Foker trat hier ins Mittel und erklärte, daß er ungemein gute Leute auf den Bret⸗ tern gefunden habe, wie er den Tempel der Muſen nannte. Nun, dem möge ſo ſein, hoffte Mr. Tatham — aber den Vater kenne er (Tatham) perſönlich, einen Mann vom ſchlimmſten Charakter, einen Weinſäufer, der in den Schenken und Billardzimmern umher ſchlendere und ein notoriſcher Lump ſei, „ich kann mir den Grund denken, Major,“ ſagte er, „warum der Burſche nicht auf mein Geſchäftszimmer kommen und ſich von der Wahrheit Ihrer Angabe überzeugen wollte. Wir haben eine Urkunde gegen ihn und einen andern unreputirlichen Burſchen, einen von den Theaterkameraden für einen Wechſel, den er für einen Mr. Skinner in dieſer Stadt, einen ſehr reſpektabeln Gewürzkrämer, Wein⸗ und Li⸗ queurhändler und ein Mitglied der Geſellſchaft der Freunde ausgeſtellt hatte. Dieſer Coſtigan kam wei⸗ nend zu Mr. Skinner — weinend in den Laden, Sir 190 — und wir ſind nicht gegen ihn vorgegangen, da keiner von beiden einen Schuß Pulver werth war.“ Während Mr. Tatham dieſe Hiſtorie erzählte, ver⸗ nahm man ein drittes Pochen an der Thür, und herein trat ein athletiſcher Gentleman in einem ſchäbigen Frack, der einen Brief mit einem großen rothen Siegel in der Hand trug. „Kann ich die Ehre haben, mit Major Pendennis allein zu ſprechen?“ begann er — „ich habe einige Worte für Ihr Ohr, Sir. Ich bin der Ueberbringer einer Botſchaft von meinem Freunde, Kapitän Coſtigan,“ aber hier pauſirte der Mann mit der Baßſtimme, ſtot⸗ terte und erbleichte — er gewahrte das rothe und wohl⸗ bekannte Geſicht des Mr. Tatham. „Halloh Garbetts, ſprechen Sie!“ rief Mr. Foker entzückt. „Ei du mein Gott, das iſt ja der andere Theil⸗ haber von dem Wechſel!“ ſagte Mr. Tatham, „ich ſage, Sir, halten Sie, ſag ich.“ Aber Garbetts mit einem Geſicht, ſo weiß als Mackbeths, als Banquo's Geiſt erſchien, ſtammelte einige unartikulirte Worte und floh aus dem Zimmer. Des Majors Ernſt war jetzt völlig überwunden und er brach in ein Lachen aus, desgleichen Mr. Foker, welcher rief, „beim Jupiter, das war ein guter!“ Nicht minder der Sachwalter, ein ſeinem Be⸗ rufe nach ernſthafter Mann. „Ich glaube, zur Schlacht kommt es nicht, Major,“ meinte der junge Foker, und begann den Tragiker nach⸗ zuahmen, „wenn es der Fall wäre, ſo darf der alte Gentleman — Sie heißen Tatham? — bin ſehr glück⸗ lich, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Mr. Tatham nur die Bailiffs ſchicken, um die Herrn zu trennen;“ und Mr. Tatham ſagte zu. Der Major war keineswegs beſorgt über den komiſchen Ausgang des Streits. „Es ſcheint mir,“ ſagte er zu Mr. Foker, „daß Sie immer ankommen, um mich in guten Humor zu verſetzen.“ Auch war es nicht die einzige Gelegenheit, bei 191 welcher Mr. Foker an dieſem Tage der Familie Pen⸗ dennis nützlich werden ſollte. Wir haben bereits er⸗ wähnt, daß er bei Kapitän Coſtigan Entrée hatte und im Verlaufe des Nachmittags dachte er, er wollte dem General einen Beſuch machen und aus ſeinem eigenen Munde hören, was bei dem Morgenbeſuch von Mr. Pendennis vorgefallen wäre. Kapitän Coſtigan war nicht zu Hauſe, er hatte die Erlaubniß, nein die Aufmunterung von ſeiner Toch⸗ ter erhalten, in den Geſellſchaftsklubb im Magpie⸗Hotel zu gehen, wo er ohne Zweifel in demſelben Augenblick mit dem Wunſche prahlle, einem Raufbold den Garaus zu machen; denn er war nicht blos tapfer, ſondern wußte es auch und liebte es, in Geſellſchaft ſich auf ſeinen Muth etwas zu Gute zu thun. Coſtigan war abweſend, aber Miß Fotheringay war daheim und wuſch die Theetaſſen, während Mr. Bows ihr gegenüber ſaß. „Gerade gefrühſtückt, ſeh ich, wie befinden Sie ſich ?“ ſagte Mr. Foker, indem er ſeinen kleinen, ko⸗ miſchen Kopf hereinſtreckte. „Gehen Sie hinans, Sie kleiner Spaßmacher,“ rief Miß Fotheringay. „Sie wollten fagen, kommen Sie herein,“ antwortete der andere — „hier ſind wir!“ und in das Zimmer tretend, ſchlug er ſeine Arme übereinander und begann ſeinen Kopf mit Blitzesſchnelle umzudrehen, wie der Harlekin in der Pantomime, wenn er zuerſt aus ſeinem Kokon oder ſeiner Umhüllung ausſchlüpft. Miß Fothe⸗ ringah lachte herzlich: ein Wink von Foker machte ſie achen, während der bitterſte Scherz, den Bows jemals machte, ihr kein Lächeln entlockte, oder Pens ſchönſte Rede ſie in Verwirrung brachte. Am Ende ſeiner Harlekinade ſank er auf ein Knie und küßte ihr die Hand. „Sie ſind der drolligſte kleine Mann,“ ſagte ſie und gab ihm einen tüchtigen gutgemeinten Schlag. 192 X Pen pflegte zu zittern, wenn er ihre Hand küßte, Pen würde an einem Schlage geſtorben ſein. Als die Präliminarien vorüber waten, begannen ſie miteinander zu ſchwatzen. Mr. Foker kurzweilte ſeine Geſellſchafter, indem er ihnen den Auftritt erzählte, wie Mr. Garbetts außer Faſſung gekommen, woraus ſie erſt jetzt erfuhren, wie weit der General in ſeiner Wuth gegen den Major Pendennis gegangen war. Foker ſprach ſtark zu Gunſten des Majors in Bezug ſeiner Wahrheitsliebe und Ehrenhaftigkeit und beſchrieb ihn als einen überfeinen Mann, der ſich in den obern Zirkeln der Geſellſchaft bewege, der ſich nie zu irgend einer Täuſchung herabließe — geſchweige denn ein ſo bezauberndes junges Frauenzimmer, wie Miß Fotherin⸗ gay, hinter das Licht zu führen. Er berührte delikat die delikate Heirathsgeſchichte, obgleich er nicht umhin konnte, zu zeigen, daß er auf Mr. Pen keine große Stücke halte. Er hegte vielleicht gerechte Verachtung gegen Mr. Pen's hochſtrömende Sentimentalität, die, wie er dachte, nicht ſeine ſchwache Seite ſei, „ich wußte, daß es ſich nicht thun würde, Miß Fotheringay,“ ſagte er, ſein Köpfchen ſchüttelnd, „nicht thun konnte. Wollte ſo nicht die Hand im Spiele haben, wußte aber, daß es ſich nicht thun könnte. Er iſt zu jung, für Sie zu unreif, viel zu unreif? und wird am Ende ſo arm wie Hiob, kann ihn um keinen Preis haben, nicht wahr, Mr. Bows?“ „In der That, er iſt ein hübſcher, armer Junge,“ ſagte die Fotheringay etwas wehmüthig. „Ein armer kleiner Bettler,“ ſagte Bows mit ſei⸗ nen Händen in den Taſchen und einen ſchiefen Blick auf Miß Fotheringay werfend. Vielleicht dachte er mit Verwunderung an die Weiſe, womit Weiber mit Männern ſpielen, ſie täuſchen, gewinnen und wieder fallen laſſen. Aber Mr. Bows hatte nicht die geringſte Einwen⸗ dung, Miß Fotheringay nicht vollkommen in ihrem 193 Recht zu erklären, Mr. Arthur Pendennis aufzugeben und hielt die Heirath immer für unvernünftig, und Miß Coſtigan geſtand, daß ſie ſelbſt ſo dachte, aber die zwei⸗ tauſend Pfund per Jahr nicht aus der Hand laſſen wollte. „Es kommt Alles davon her, daß Papa ſich ein⸗ fältige Dinge aufbinden läßt,“ ſagte ſie; „und ganz gewiß will ich ein ander Mal ſelbſt für mich wählen,“ und höchſt wahrſcheinlich trat in dem Augenblick das Bild des ſtattlichen Lieutenants Sir Derby Oaks vor ihren Sinn. Nachdem er dem Major Pendennis ſein Lob gezollt, den Miß Coſtigan für einen vollkommenen Gentleman erklärte, der nach Lavendel rieche und ſo hübſch wie eine Stecknadel ſei, und den Mr. Bows für einen rechten Burſchen erklärte, der nur zu viel von einem alten Gecken habe, ließ Mr. Foker ſich plötzlich einfallen, das Paar zu bitten, mit dem Major auf dieſen Abend zu einem Diner auf ſeinem Zimmer in dem George zu⸗ ſammen zu kommen. Er willigte ein, mit mir zu di⸗ niren und ich denke nach dem — nach dem kleinen Streite dieſen Morgen, in welchem, wie ich ſagen muß, der General Unrecht hatte, wäre es freundlich, wiſſen Sie. — „Ich weiß, der Major iſt verliebt in Sie, Miß Fotheringay, er ſagte ſo.“ „So kann ſie immer noch Mrs. Pendennis wer⸗ den,“ ſagte Bows höhniſch. „Nein, ich danke Ihnen, Mr. Foker, ich habe ſchon dinirt.“ „Ja, um drei Uhr,“ ſagte Miß Coſtigan, die einen Appetit hatte, „und ich kann nicht ohne Sie gehen.“ „Wir haben Hummerſalat und Champagner,“ ſagte das kleine Ungeheuer, das keine Linie Latein konſtruiren konnte. Nun würde aber, um Hummerſalat und Cham⸗ pagner auf ehrliche Weiſe zu gewinnen, Miß Coſtigan Pendennis. 1. 13 194 überall hingegangen ſein — und Major Pendennis fand ſich wirklich um ſieben Uhr ein und faß an einer Diner⸗ tafel in Geſellſchaft des Mr. Bows, einem Fiedler von Profeſſion, und Miß Coſtigan, deren Vater noch vor weni⸗ gen Stunden ihm das Hirn aus dem Kopfe blaſen wollte. Um den Kreis der Glücklichen zu vervollſtändigen, ordnete Mr. Foker, der Coſtigans Gänge kannte, Stu⸗ pid nach dem Klubb in Magpie ab, wo der General eben ein pathetiſches Lied abſang, und brachte ihn weg zu einem Abendimbiß. Seine Tochter und Bows an dem Tiſche zu finden, war für ihn allerdings eine Ueber⸗ raſchung. Major Pendennis lachte und hielt ihm herz⸗ lich die Hand hin, die der General avec effusion er⸗ griff, wie die Franzoſen ſagen. In der That war er bedeutend betrunken und hatte bereits über ſein eigenes Lied geweint, ehe er in den kleinen Kreis in dem George gelangte. Er brach während des Traktaments mehr denn einmal in Thränen aus und nannte den Major ſeinen theuerſten Freund. Stupid und Mr. Fofer gingen mit ihm nach Haus, und der galante Major bot Miß Coſtigan den Arm. Er wurde am andern Morgen, als er bei ihnen anrief, auf's freund⸗ lichſte empfangen, wo die Gentlemen viele Höflichkeilen wechſelten. Beim Abſchied drückte er den angelegent⸗ lichen Wunſch aus, Miß Coſtigan bei irgend einer Ge⸗ legenheit, wo er nützlich werden könnte, zu dienen, drückte Mr. Foker auf's herzlichſte und dankbarſte die Hand und verſicherte dieſem Gentleman, daß er ihm den allergrößten Dienſt geleiſtet habe. „Ganz recht,“ ſagte Mr. Foker, und ſie ſchieden mit gegenſeitiger Achtung von einander. Bei ſeiner Rückkehr nach Fairvaks am nächſten Tage ſagte Major Pendennis Nichts von dem, was ihm in der Nacht zuvor begegnet war, noch ſpielte er auf die Geſellſchaft an, in der er ſie hingebracht hatte; aber er bat Mr. Smirke, beim Diner zu bleiben, und wer gewohnt war, ſein Benehmen zu beobachten, hätte 195 bemerken können, daß in ſeiner Heiterkeit und Plauder⸗ haftigkeit etwas Gezwungenes war und daß er außer⸗ gewöhnlich gnädig und vorſichtig in ſeinen Mitthei⸗ lungen an ſeinen Neffen war. Er gab Pen ein nachdrück⸗ liches „Gott ſegne Dich!“ als der Junge zu Bette ging, und als ſie für die Nacht ſich trennen ſollten, ſchien es, als ob er Miß Pendennis Etwas ſagen wollte; aber es däuchte ihm, wenn er ſpräche, ſo würde er ihre Nachtruhe ſtören, und er erlaubte ihr, in Frieden zu ſchlafen. Am nächſten Morgen war er in dem Frühſtuck⸗ zimmer früher als gewöhnlich und grüßte Jedermann daſelbſt mit großer Herzlichkeit. Gegen das Ende die⸗ ſes Mahls pflegte die Poſt anzukommen. Als John, der alte Diener, eintrat und die Mappe ihrer Briefe und Papiere entledigte, blickte der Major ſcharf auf Pen, als der Junge den ſeinigen erhielt — Arthur errö⸗ thete und legte ſeinen Brief nieder auf den Tiſch. Er kannte die Hand; es war die des alten Coſtigan und er beeilte ſich nicht, ihn öffentlich zu leſen. Maior Pendennis kannte auch den Inhalt des Briefs. Er hatte ihn Tags zuvor ſelbſt auf die Poſt gethan. Er hieß die kleine Laura fortgehen, was das Mäd⸗ chen gerne that, da ſie einen innerlichen Widerwillen gegen ihn hatte; und als die Thür ſich hinter ihr ſchloß, nahm er Mrs. Pendennis Hand und gab ihr einen Blick, voll von Bedeutung, wies auf den Brief unter der Zeitung, welche Pen ſich ſtellte zu leſen. „Wollen Sie in das Geſellſchaftszimmer kommen?“ ſagte er. „Ich ſollte mit Ihnen ſprechen.“ Sie folgte ihm verwundert in die Halle. „Was gibt es?“ fragte ſie ängſtlich. „Die Geſchichte iſt zu Ende,“ ſagte Major Pen⸗ dennis. „Er hat dort einen Brief, der ihm den Ab⸗ ſchied gibt, ich diktirte ihn geſtern ſelbſt, es ſtehen auch einige Zeilen von der Lady darin, die ihm Lebewohl ſagt. Alles iſt vorüber.“ 196 Helen eilte zurück nach dem Speiſeſaal, ihr Bru⸗ der folgte ihr. Pen war, ſobald ſie ſich entfernt hat⸗ ten, über ſeinen Brief hergefallen; er las ihn eben mit verblüffter Miene, der Brief beſagte, was der Major angedeutet hatte, daß Mr. Coſtigan ſehr dankbar ſei für die Güte, womit Arthur ſeine Tochter behandelt hatte, daß er aber eben jetzt über Mr. Pendennis Glücks⸗ umſtände in's Klare geſetzt worden ſei, ſie ſeien von der Art, daß eine Verbindung für jetzt unmöglich ſei, und in Betracht der großen Ungleichheit der Jahre beider könne auch in Zukunft nicht davon die Rede ſein. Unter dieſen Umſtänden ſage Mr. Coſtigan mit dem größten Bedauern und der höchſten Hochachtung Arthurn Lebewohl und bitte ihn, wenigſtens für einige Zeit, ſein Haus nicht mehr zu beſuchen. Einige Zeilen von Miß Coſtigan waren bet ſchloſſen; ſie ergab ſich in die Entſcheidung ihres Papa. Sie wies darauf hin, daß ſie viele Jahre älter, als Arthur ſei und daß an eine Verbindung nicht zu den⸗ ken wäre, ſie würde ihm immer dankbar für ſeine Güte ſein und hoffe, ſeine Freundſchaft zu erhalten; für jetzt aber, und bis der Schmerz der Lrennung Lorüber ſei, drückte ſie den Wunſch aus, daß ſie ſich nicht wieder ſprechen. Pen las Coſtigan's Brief und den Einſchluß me⸗ chaniſch durch, da er kaum wußte, was er vor Augen hatte. Er blickte wild auf und ſah ſeine Mutter und ſeinen Oheim ihn mit traurigen Blicken betrachten, wenigſtens war Helens Miene voll zärtlicher, mütter⸗ licher Aengſtlichkeit. „Was, was iſt das?“ ſagte Pen, „es iſt ein t dieß iſt nicht ihre Hand, es iſt die Hand einer wer ſpielt folche Poſſen mit mir?“ „Es kommt unter dem Einſchluß ihres ſagte der Major, „jene Briefe, die Du früher bekamſt, waren nicht von ihrer Hand, das iſt die ihrige.“ „Wie wiſſen Sie das?“ fragte Pen ſehr trotzig. 197 „Ich ſah ſie ſchreiben,“ antwortete der Oheim, als der Junge auffuhr, und ſeine Mutter trat vor und ergriff ſeine Hand. Er drückte ſie hinweg. „Wie kamen Sie dazu, ſie aufzuſuchen? Wie mochten Sie zwiſchen mich und Sie treten? Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie — o, es iſt nicht wahr, es iſt nicht wahr!“ Pen brach in wilde Verwünſchungen aus: „ſie kann es nicht aus freiem Willen gethan haben, es kann dieß nicht ihre Abſicht ſein, ſie iſt mir zugeſagt, wer hat ihr Lügen geſagt, um ſie von mir loszureißen?“ „Lügen werden in der Familie nicht geſagt,“ ent⸗ gegnete Major Pendennis, „ich ſagte ihr die Wahr⸗ heit, daß Du kein Geld habeſt zu ihrem Unterhalt, denn ihr thörichter Vater hatte ihr vorgeſtellt, daß Du reich ſeieſt, und als ſie wußte, daß Du arm warſt, zog ſie ſich mit einem Mal zurück und ohne Unterredung von meiner Seite. Sie hatte ganz recht, ſie iſt zehn Jahre älter als Du. Sie paßt durchaus nicht zu Deinem Weibe, und weiß es. Sieh die Handſchrift an und frage Dich ſelbſt, ob ein ſolches Frauenzimmer zur Geſellſchaft Deiner Mutter ſich eignet?“ „Ich will es von ihr ſelbſt wiſſen, ob es wahr iſt,“ ſagte Arthur, indem er das Papier zerknitterte. „Willſt Du nicht mein Ehrenwort nehmen? Ihre Briefe waren von einer Confidante geſchrieben, die beſſer ſchreibt, als ſie es kann — ſieh her, hier iſt einer von der Lady an ihren Freund Mr. Foker — Du haſt ſie bei Miß Coſtigan geſehen, als deren Amanu⸗ enſis ſie agirte,“ ſagte der Major mit möglichſt wenig Jronie, und legte ein gewiſſes Billet auf den Tiſch, das Mr. Foker ihm gegeben hatte. „Das iſt es nicht,“ ſagte Pen, vor Scham und Wuth erröthend. „Ich ſetze voraus, daß, was Sie ſa⸗ gen, wahr iſt, aber ich will es von ihr ſelbſt hören.“ „Arthur!“ rief ſeine Mutter. „Ich will ſie ſprechen,“ ſagte Arthur. „Ich will 198 ſie noch einmal bitten, mich zu heirathen, ich will. — Niemand ſoll mich abhalten.“ „Was, ein Frauenzimmer, das Affektion mit einem f ſchreibt? Unſinn, Sir, ſei ein Mann und erinnere Dich, daß Deine Mutter eine Lady iſt. Sie war nie dazu gemacht, mit dieſem verſoffenen alten Abenteurer oder ſeiner Tochter in Geſellſchaft zu leben, ſei ein Mann und vergiß ſie, wie ſie Dich vergißt.“ „Sei ein Mann und tröſte Deine Mutter, mein Arthur,“ ſprach Helen, indem ſie auf ihn zueilte und ihn umarmte, und da er ſah, daß beide ſehr angegriffen waren, verließ Major Pendennis das Zimmer und ver⸗ ſchloß die Thür, indem er klüglich vorausſetzte, daß ſie am beſten allein beiſammen wären. Er hatte einen vollſtändigen Sieg gewonnen, hatte wirklich Pen's Briefe in ſeinem Nachtſack von Chatte⸗ ries weggebracht, nachdem er Mr. Coſtigan, als er ſie ihm zurückgab, dgmit bekomplimentirte, daß er ihm die kleine Schulvverſchreibung zurückgab, die ihn und Mr. Garbetts ſo ſehr beunruhigt hatte, und welche der Ma⸗ jor mit Mr. Tatham ins Reine brachte. Pen ſtürzte an dieſem Tage ungeſtüm nach Chat⸗ teries, verſuchte aber vergeblich Miß Fotheringay zu ſprechen, für welche er einen an ihren Vater einge⸗ ſchloſſenen Brief hinterließ. Der Einſchluß wurde von Mr. Coſtigan zurückgeſendet mit der Bitte, daß aller Briefwechſel aufhören möchte. Nach ein par weiteren Verſuchen des Jungen ſprach der unwillige General den Wunſch aus, daß ihre Bekauntſchaft aufhören möchte. Er brgegnete Pen auf der Sttaße. Als Arthur und Fo⸗ ker eines Tags auf dem Caſtleweg dahergingen, ſtießen ſie auf Emily an ihres Vaters Arm; ſie ging ohne ein Nicken der Wiedererkennung vorüber. Foker fühlte, wie der arme Pen an ſeinem Arme zitterte. Sein Oheim wollte, er ſolle auf Reiſen gehen und das Land eine Zeitlang verlaſſen, und auch ſeine Mutter drang in ihn, denn er wurde ſehr un⸗ 499 wohl und litt empfindlich, aber er weigerte ſich und erklärte, daß er nicht gehen würde. Er wollte in die⸗ ſem Fall nicht gehorchen, und ſeine Mutter war zu zärtlich und ſein Oheim zu weiſe, um ihn zu nöthigen. So oft Miß Fotheringay auftrat, ritt er nach Chatte⸗ ries in das Theater und ſah ſie. An einem Abend waren ſo wenig Leute in dem Hauſe, daß der Direktor das Geld zurückgab. Pen kam heim, ging um acht Uhr zu Bett und hatte ein Fieber. Wenn das ſo fort⸗ geht, ſo fährt ſeine Mutter in der Verzweiflung hinüber und holt das Mädchen ab, dachte der Major. Was Pen anbelangt, ſo meinte er zu ſterben; wir wol⸗ len ſeine Gefühle nicht ſchildern, noch ein Trauerſignal von ſeiner Verzweiflung und Leidenſchaft geben. Sind nicht auch andere Gentlemen außer Mr. Pen in der Liebe verunglückt? In der That, aber ſie ſterben nicht an dem Kummer. Pierzehntes Rapitel. In welchem Miß Fotheringay in ein nenes Engagement tritt. Innerhalb eines kurzen Abſchnitts der oben erzähl⸗ ten Ereigniſſe führte der Direktor Bingley ſeinen fa⸗ moſen Charakter „Rolla in Pizarro“ vor einem aus⸗ nehmend dünn beſetzten Hauſe auf, ſo daß es ſchien, als ob Rolla keineswegs bei dem Volke von Chatteries ſo beliebt wäre, als bei dem ausgezeichneten Schau⸗ ſpieler ſelbſt. Nur Einzelne ſaßen im Theater, der arme Pen hatte die Logen beinahe alle allein und ſaß hier ein⸗ ſam, mit blutunterlaufenen Augen, und lehnte ſich wie an jenem unglücklichen Abend, wo der arme Pen fort⸗ 200 über die Brüſtung und ſah mit verſtörten Blicken auf die Bühne, wenn Cora erſchien. Wenn ſie nicht auf die Bühne trat, ſah er nichts. Spanier und Peruaner, Prozeſſionen und Schlachten, Prieſter und Jungfrauen der Sonne gingen ein und aus und hielten ihre Reden, aber Arthur nahm keine Notiz von ihnen und ſah nur Cora, nach welcher ſein Herz verlangte. Er ſagte nach⸗ mals, er wundere ſich, daß er keine Piſtole nahm und ſie erſchoß, ſo wahnſinnig war er vor Liebe, Wuth und Verzweiflung, und wäre ſeine Mutter daheim nicht ge⸗ weſen, mit welcher er zwar nicht über ſeine unglück⸗ liche Lage ſprach, deren ſtumme Sympathie und Auf⸗ merkſamkeit aber dem einfachen Burſchen mit halbge⸗ brochenem Herzen Troſt gewährte, wer weiß, ob er nicht in der Verzweiflung etwas gethan und in dem Ge⸗ fängniß in Chatteries ſeine Tage beendigt hätte. Da ſaß er denn, der Unglückliche, und ſchaute nur auf ſie, und ſie nahm nicht mehr Notiz von ihm, als er von dem Reſte des Hauſes. Die Fotheringay war ungemein ſchön in einem weißen Anzug und einer Lespardenhaut, mit einer Sonne auf der Bruſt und ſchönen flimmernden Armbändern an ihren ſchönen, glänzenden Armen, ſie ſprach bewunderns⸗ werth die wenigen Worte ihrer Rolle, und ſah noch beſſer darein. Die Augen, welche Pauls Seele bewäl⸗ tigten, rollten und ſchimmerten ſo glanzvoll wie immer, aber nicht auf ihn waren ſie dieſen Abend gerichtet, er wußte nicht auf wen, noch bemerkte er zwei Gentlemen in der Loge neben ihm, auf welche Miß Fotheringay's Blicke beſtändig herüber leuchteten. Auch hatte Pen nicht die außerordentliche Um⸗ wandlung auf der Bühne bemerkt, die kurz nach dem Eintritt dieſer zwei Gentlemen auf dem Theater ſtatt⸗ gefunden hatte. So wenig Leute waren in dem Hauſe, daß der erſte Akt völlig verlahmte, und ſchon die Frage war, ob man das Geld nicht wieder zurückgeben wollte, 201 getrieben wurde. Die Schauſpieler waren vollkommen ſorglos über ihre Rollen, gähnten während des Vor⸗ trags, und ſprachen laut miteinander in den Zwiſchen⸗ räumen. Selbſt Bingley war verdroſſen, und Mrs. Bingley in Elvira ſprach nicht in vollen Tönen. Wie kam es, daß Mrs. Bingley plötzlich ihre Stimme zu erheben, und wie ein Stier von Baſan zu brüllen begann? Woher kam es, daß Bingley, ſeiner Apa⸗ thie ſich entſchlagend, auf die Bühne ſtürzte, und wie Kean brüllte, warum verſuchten Garbetts und Rowkins und Miß Rounch jedes an ſeinem Theil die Force ihrer Reize und Grazien, und agirten, polterten, und riefen in ihren lauteſten Tönen gegen die zwei Gentlemen in Loge Nr. drei? Einer war ein ruhiger, kleiner, ſchwarzge⸗ kleideter Mann mit grauem Haupt und jovialem, ſchlauem »Geſicht, der andere ein in jeder Hinſicht glänzendes und merkwürdiges Individuum, er war ein großer, ſtattli⸗ cher Gentleman mit einer Habichtsnaſe und einer Fülle braunen Lockenhaars und Bartes, ſein Rock war bedeckt mit den reichſten Froſchſchnüren und Sammt. Er hatte Unterweſten, viele glänzende Ringe, mit Juwelen beſetzte Radeln und Halsketten. Als er ſein gelbes Taſchentuch mit ſeiner, in weiße bockslederne Handſchuhe gehüllten Hand herausnahm, verbreitete ſich ein herrlicher Duft von Moſchus und Bergamotöl durch das Haus. — Es war offenbar eine Perſon von Rang, und gegen ſie zu agirte die kleine Geſellſchaft in Chatteries. Es war mit einem Wort kein Anderer, als Mr. Dolphin, der große Direktor von London, begleitet von ſeinen treuem Freunde und Sekretär, Mr. William Minns, ohne welchen er niemals reiste; er war keine zehen Minuten in dem Theater, als ſeine hehre Gegen⸗ wart von Bingley und den andern bemerkt wurde, und ſie begannen ihr Beſtes zu thun, um ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zu feſſeln. Selbſt Miß Fotheringay's mat⸗ tes Herz, das Nichts in Aufregung brachte, fühlte viel⸗ leicht einige Unruhe, als ſie vor die Augen des berühm⸗ 202 ten Londoner Impresario trat, ſie hatte nicht viel in ihrer Rolle zu thun, ſondern nur hübſch auszuſehen, und in pittoresken Attituden ihr Kind zu umgehen, und ſie that dieß aufs bewunderungswürdigſte. Vergeblich ſuch⸗ ten die verſchiedenen Schauſpieler die Kunſt des großen Bühnenſultans zu gewinnen, und Mrs. Bingley brüllte, und der Direktor nahm eine Prieſe aus ſeiner großen golde⸗ nen Doſe. Erſt in der letzten Scene, wo Rolla mit dem Kinde hereingewankt kommt, (Bingley iſt nicht ſo ſtark als er früher war, und ſein vierter Sohn Maſter Talma Bingley iſt ein Rieſenkind ſür ſein Alter) — Als Rolla mit dem Kinde hereingewankt kommt zu Cora, welche mit einem Schrei vorwärts ſtürzt, und ruft: „o Gott, es iſt Blut an ihm!“ — klatſchte der Londoner Direktor in die Hände, und brach in ein enthuſiaſtiſches Bravo aus. Als er ſich ausgeklatſcht hatte, gab Mr. Dolphin ſeinem Sekretär einen Schlag auf die Schulter und ſagte: „beim Jupiter, Billy, ſie wird recht ſein, wer hat ſie doch dieſen Zug gelehrt — ich erinnere mich ihrer noch bei einer früheren Probe, und der Teufel hole mich, wenn ſie zu einer Gans „wau“ ſagen konnte.“ Mr. Bows im Orcheſter hatte ſie die fragliche Finte (Dodge) gelehrt. Das ganze Perſonal hörte den Applaus, und kam, als der Vorhang fiel, zu ihr herum, beglückwünſchte und haßte Miß Fotheringay. Nun dürfte Mr. Dolphin's Erſcheinung in dem Winkeltheater zu Chatteries auf folgende Weiſe zu er⸗ klären ſein. Trotz allen ſeinen Anſtrengungen, und den beſtän⸗ digen Triumphſtößen — den Blitzen von Talent, den Siegen des guten altengliſchen Luſiſpiels, welche ſeine Theaterzettel verkündeten, wollte ſein Theater (das wir, wenn es beliebt, um bei keinen Empfindlichkeiten und Intereſſen der Gegenwart anzuſtoßen, Muſeumstheater nennen wollen) keineswegs gedeihen, und der famoſe Impresario ſtand am Rande des Verderbens. Der große Hubbard hatte zwanzig Abende das legitime Thea⸗ 203 ter aufgeführt, und niemand als ſich ſelbſt etwas einge⸗ bracht. Die gefeierten Mr. und Mrs. Cawdor waren in Mr. Rawhead's Trauerſpiel aufgetreten, und hatten in ihren beliebten Rundſtücken das Publikum nicht ange⸗ zogen. Herr Garbage's Löwen und Tieger hatten eine kurze Zeit gezogen, bis eine der Beſtien dem Herrn ein Stuck aus der Schulter biß; da legte ſich der Lord Kämmerer darein, und machte dieſem Genre von Auf⸗ führung ein Ende; und das große lyriſche Drama, ob⸗ gleich mit beiſpielloſem Glanze und Erfolg mit Monſieur Poumons als erſtem Tenor und einem ungeheuren Or⸗ cheſter aufgeführt, ſo daß, ſo groß auch ſein Talent und ſeine Mittel waren, ſie erſchöpft zu ſein ſchienen. Er ſchleppte ſeine Saiſon mit halben Gehalten, kleinen Opern, ſchwachen alten Luſtſpielen und ſeiner Ballet⸗ bande elendiglich dahin, und jedermann ſah dem Tage ent⸗ gegen, wo derſelbe als Gantmann in der Zeitung er⸗ ſcheinen würde. Einer der erlauchten Patrone des Muſeumstheaters, der die große das Proscenium beherrſchende Loge ein⸗ nahm, war ein Gentleman, deſſen Name in unſerer Geſchichte ſchon früher erwähnt worden war. Jener hochgebildete Patron der Künſte, jener erlauchte Lieb⸗ haber von Muſik und Drama, der höchſt noble Marquis von Steyne. Seiner Lordſchaft Geſchäfte als Staatsmann verhinderten ihn, das Theater ſehr oft zu beſuchen oder ſehr früh zu kommen, aber er erſchien gelegentlich in dem Theater zur Zeit, wo das Ballet begann, und wurde von dem Direktor ſtets mit dem größten Reſpekt em⸗ pfangen, und ließ ſich zu Zeiten herab, ſeinen Beſuch in ſeiner Loge anzunehmen. Sie ſtand mit der Bühne in Verbindung, und wenn auf ihr etwas vorkam, das ihm beſonders geſiel, wenn ein neues Geſicht unter den Koryphäen auftauchte, oder eine hübſche Tänzerin einen pas mit beſonderer Grazie oder Agilité aus⸗ führte, wurde Mr. Wenham, Mr. Wagg oder ein an⸗ derer aide de euamp des edlen Marquis beauftragt, 204 hinter die Kuliſſen zu gehen, um den Beifall des gro⸗ ßen Mannes auszudrücken oder Nachfragen anzuſtellen, die Sr. Lordſchaft Neugierde oder ſein Intereſſe an der dramatiſchen Kunſt hervorgerufen hatte. Er konnte von den Zuſchauern nicht geſehen werden, denn Lord Steyne ſaß beſcheiden hinter einem Vorhang und ſah blos auf die Bühne, aber man konnte wiſſen, daß er im Hauſe war, denn das ganze Corps-de-ballet und alle Haupttänzer warfen ihre Blicke auf ſeine Loge. Ich habe viele Dutzend Paar Augen geſehen (wie in dem Palmtanz in dem Ballet: Cvok auf Odaheite, wo nicht weniger als hundert und zwanzig liebenswürdige In⸗ dianerinnen in Palmblättern und Federſchürzen Flori⸗ dor, als Kapitän Cook, umtanzen) wie die jene Loge be⸗ äugelten, während ſie vor ihr auftraten, und habe oft die Geiſtesgegenwart der Mademviſelle Sauterelle, oder Mademoiſelle de Bondi (bekannt als la petite Caout. choue) bewundert, welche, während ſie wirklich ſich in den Lüften ſchwangen, wie ebenſo viele Feder⸗Bälle, im⸗ mer mit ihren lieblichen Augen nach der Loge winkten, in welcher der große Steyne ſaß; hin und wieder konnte man eine barſche Stimme hinter dem Vorhange rufen hören: Bravo, Bravol oder ein paar weiße Handſchuhe aus ihr ſich hervorbewegen und den Applaus beginnen ſehen. Bondi oder Sauterelle knirten und lächelten, wenn ſie wieder auf die Erde herabkamen, beſonders gegen jene Hände, ehe ſie mit glücklichem Herzklopfen wieder auf die Bühne traten. Eines Abends ſaß dieſer Fürſt, umgeben von einer kleinen Elite von Freunden, in ſeiner Loge in dem Mu⸗ ſeumstheater, und ſie machten einen ſolchen Lärm und erhoben ein ſolches Gelächter, daß das Parterre ſich ſkandaliſirte und viele empörte Stimmen ſo laut Still⸗ ſchweigen geboten, daß Wagg ſich wunderte, daß die Polizei die Schufte nicht am Kopfe nahm. Wenham amüſirte die Geſellſchaft in der Loge mit Auszügen von Privatbriefen, die er von Major Pendennis erhalten hatte, 205 deſſen Abweſenheit auf dem Lande, in der vollen Lon⸗ doner Saiſon, aufgefallen und natürlich von ſeinen Freunden beklagt worden war. „Das Geheimniß iſt heraus,“ ſagte Mr. Wenham, „es iſt ein Weib im Spiel.“ „Ei verdammt, Wenham, er iſt von Ihrem Alter,“ ſagte der Gentleman hinter dem Vorhang. „Pour les ames bien nées l'amour ne compte pas le nombre des années,“ ſagte Mr. Wenham mit galanter Miene. „Ich für mein Theil hoffe dem Lie⸗ besgott zum Oper zu fallen bis an mein ſeliges Ende, und daß mir jedes Jahr meines Lebens das Herz bricht, was dieſer Spruch beſagt, brauch' ich Ihnen, Mylord, nicht zu ſagen! ich bin drei Jahre jünger als Sie, und zwei Mal ſo gut konſervirt.“ „Wenham, Sie rühren mich,“ ſprach der große Mann mit einem ſeiner gewohnten Flüche, „bei — Sie thun es, ich ſeh es gern, wenn ein Burſche alle Illuſio⸗ nen der Jugend bis zu unſern Jahren — und ſein Herz ſo warm erhält als das Ihrige iſt. Zum Henker, Sir — es iſt ein Troſt, wenn man ein ſo edles, natürliches Geſchöpf findet; wer iſt das hübſche Mädel in der zwei⸗ ten Reihe mit blauen Bändern, das Dritte von der Bühne? Hübſches Kind. Ja, Sie und ich ſind Senti⸗ mentaliſten. Wagg fragt, glaub ich, nicht ſo viel dar⸗ nach — der Magen kommt bei Ihnen mehr ins Spiel, als das Herz, nicht wahr, Wagg, mein Junge?“ „Ich liebe Alles, was gut iſt,“ antwortete Mr. Wagg voll Hochſinn,“ Schönheit und Burgunder, Venus und Wildbrät *). Ich ſage nicht, daß der Venus Tauben zu verachten ſind, weil man ſie nicht in den Londoner Gar⸗ küchen appretirt; aber — aber ſagen Sie uns etwas von dem alten Pendennis, Mr. Wenham,“ brach er plötz⸗ lich ab, denn ſein Scherz kam ins Stocken, da er ſah, Im Engliſchen ein Wortſpiel: Beauth and Burgundy, Venus and venison. 206 vaß ſein Patron nicht darauf hörte. In der That, Steyne's Gläſer ſtanden empor, und er prüfte einen Gegenſtand auf der Bühne. „Lieber Wenham,“ — beginnt er, Mr. Wenham las — „da Sie in den letzten drei Wochen meinen Charakter in Händen haben, und mich ohne Zweifel nach Ihrer Gewohnheit in Stücke zerriſſen haben, ſo können Sie, denk ich, auch zur Abwechslung ein Mal guten Humors ſein, und mir einen Dienſt erweiſen, es iſt ein delikater Gegenſtand, entre nous, une affaire de coeur. Ein junger Freund hat ſich in eine gewiſſe Miß Fotheringay, eine Schauſpielerin an dem Theater hier verliebt, und ich muß Ihnen geſtehen, ein ſo hüb⸗ ſches Frauenzimmer und, wie es mir ſcheint, eine. ſo gute Schauſpielerin, als nur immer Eine Roth aufgelegt hat, ſie ſpielt Ophelia, Lady Teazle, Mrs. Haller — und dergleichen. Auf mein Wort, ſie iſt ſo ſplendid als Georges in ihren beſten Tagen, und ſteht, ſo viel ich weiß, höher als Alles, was wir auf unſter Bühne ha⸗ ben, ich brauch' ein Londoner Engagement für ſie, vermöchten Sie nicht Ihren Freund Dolphin, zu kommen und ſie zu ſehen — ſie zu engagiren — ſie von hier weg zu nehmen? Ein Wort von einem edeln Freund von uns (Sie verſtehen mich) wäre unſchätzbar, und wenn Sie das Gaunt⸗Haus für mich intereſſiren könnten, ich verſpreche Ihnen für Ihren Dienſt alles, was ich kann — und werde ihn als einen der größten betrach⸗ ten, der mir gethan werden kann. Thun Sie, thun Sie es nun als guter Burſche, für den ich Sie im⸗ mer erklärte, und befehlen Sie dagegen über Ihren treuen A. Pendennis. „Die Sache iſt klar,“ ſagte Mr. Wenham, nach⸗ dem er den Brief geleſen hatte, „der alte Pendennis iſt verliebt, und möchte gern das Weibsbild in London haben, handgreiflich,“ fuhr Mr. Wagg fort. 207 „Ich möchte gerne den Pendennis Kuf den Knieen ſehen, von ſeinem Rheumatismus geplagt,“ meinte Mr. Wenham, „oder wie er den geliebten Gegenſtand mit einer Locke ſeines Haares begluͤckt,“ ſagte Wagg. „Unfinn!“ ſagte der große Mann. „Er hat Ver⸗ wandte in der Grafſchaft, nicht wahr? er ſagte was von einem Neffen, der ein Parlamentsmitglied werden könnte, 's geht ſeinen Neffen an, verlaßt euch darauf. Der Junge iſt in der Patſche. War's ſelbſt auch ein Mal, als ich in der fünften Klaſſe zu Edon war — eines Kunſtgärtners Tochter — und ſchwor, ich wollte ſie heirathen, ich war verrückt mit ihr, arme Polly!“ Hier machte er eine Pauſe, und vielleicht ſtieg die Ver⸗ gangenheit vor Lord Steyne auf, und George Gaunt ward wieder Knabe. — „Aber das ſage ich, ſie muß ein hübſches Weibsbild ſein, nach Pendennis Beſchrei⸗ bung. Holt Dolphin her, und laßt uns hören, ob er was von ihr weiß.“ Damit ſprang Wenham aus der Loge vorbei an dem Diener, der an der Thür wartete, die mit der Bühne in Verbindung ſtand, und der Mr. Wenham mit tiefem Reſpekt begrüßte. Der Ausſendling eilte vorwärts und hatte, mit der Oertlichkeit vertraut, keine Schwierigkeit, den Direktor aufzufinden, der eben, was nich ſelten vorkam, über die Ladies von dem Corps de ballet ſchimpfte und fluchte, daß ſie ihre Schuldigkeit nicht gethan. Die Flüche ſtarben auf Dolphins Lippen, ſobald er Mr. Wenham ſah, und er zog die Hand zu⸗ rück, die einer der ſchuldigen Koryphäen ins Geſicht geballt war, um diejenige des neuen Ankömmlings zu drücken. „Wie befinden Sie ſich, Mr. Wenham? Wie Se. Lordſchaft heute Abend? Sieht ungemein gut aus,“ ſagte der Direktor lächelnd, als ob er ſein Lebtag nie übler Laune geweſen wäre, und er war nur zu erfreut, Lord Steyne's Botſchafter zu folgen, um dieſem großen Mann perſönlich ſeinen Reſpekt zu bezeugen. 208 Der Beſuch zu Chatteries war das Ergebniß ihrer Beſprechung, und Mr. Dolphin ſchrieb an Se. Lord⸗ ſchaft von dort und gab ſich die Ehre, die Marquiſin von Steyne zu benachrichtigen, daß er die Lady ge⸗ ſehen, von der Se. Lordſchaft geſprochen, und daß er ſowohl von ihren Talenten, als ihrer perſönlichen Er⸗ ſcheinung überraſcht wurde, und mit Miß Fotheringay ein Engagement getroffen, die bald die Ehre haben werde, vor einer Londoner Zuhörerſchaft, und ſeiner edeln und erleuchteten Patronin, der Marquiſin von Steyne, zu erſcheinen. Pen las die Nachricht von Miß Fotheringay's Engagement in der Zeitung von Chat⸗ teries, wo er ſo oft ihre Reize geprieſen hatte. Der Herausgeber that rühmlich Erwähnung ihres Talents und ihrer Schönheit und prophezeite, daß ſie in der Hauptſtadt Erfolg haben werde. Der Direktor Bingiey begann den letzten Abend von Miß Fotheringays En⸗ gagement anzukündigen. Der arme Pen und Sir Derby Daks waren beſtändig im Theater; Sir Derby auf der Bühnenloge, indem er Bouquets warf und Blicke ärntete — Pen in den entfernteſten Logen abgehärmt, elend und einſam, Niemand fragte darnach, ob Miß Fotheringay gehe oder bleibe — und vielleicht noch einem, Mr. Bows auf dem Orcheſter. Er kam eines Abends aus ſeinem Platze und begab ſich in das Haus nach der Loge Pen's, hielt ihm die Hand hin und ſchlug ihm einen Spaziergang vor. Sie gingen zuſammen die Straße hinab und ſetzten ſich im Mondlicht auf die Brücke von Chatteries und ſprachen! über ſie. „Wir mögen auf derſelben Brücke ſitzen,“ ſagte er, „wir ſind lange Zeit in demſelben Boot ge⸗ fahren. Sie ſind nicht der einzige Mann, der über dem Weibe zum Narren geworden, und ich habe weni⸗ ger Entſchuldigung als Sie, weil ich älter bin und Sie beſſer kenne. Sie hat nicht mehr Herz, als der Stein an dem Sie lehnen, und wenn er, Sie oder ich ins Waſſer fallen und nicht mehr zum Vorſchein kommen, 209 ſo würde ſie nichts darnach fragen. Ja, ſie würde nach mir fragen, weil ſie mich braucht, und ſie würde nicht im Stande ſein, ohne mich fortzukommen, und wird ge⸗ nöthigt ſein, nach mir von London zu ſchicken. Aber ſie thäte es nicht, wenn ſie meiner nicht bedürfte. Sie hat weder Herz, noch Kopf, noch Verſtand, noch Gefühl, noch Kummer, noch Sorge. Ich wollte auch ſagen, noch Vergnügen; aber Thatſache iſt, daß ſie ihr Diner liebt, und es gern hat, wenn die Leute ſie bewundern.“ „Und was thun Sie?“ fragte Pen über die Ma⸗ ßen geſpannt und verwundert über das ſauertöpfiſche, häßliche, kleine, alte Männchen. „Es iſt Gewohnheit, wie das Schnupfen oder Schnapſen,“ ſagte der Andere, „ich habe ſie dieſe fünf Jahre eingeſchult und kann nicht ohne ſie ſein, ich bil⸗ dete ſie. Wenn ſie nicht nach mir ſchickt, ſo werd' ich ihr folgen, aber ich weiß, ſie ſendet nach mir: Sie braucht mich, eines Tags wird ſie heirathen, und mich weg⸗ werfen, wie ich's mit dem Stümpchen der Cigarre thue.“ Das Feuerklöschen fiel in das Waſſer unten und ver⸗ ſchwand; und Pen dachte, als er nach Hauſe ritt, wirk⸗ lich noch an Jemand außer ihm. Fünßzehntes Kapitel. Das glückliche Dorf. Bis der Feind von der Feſtung gezogen, war Major Pendennis entſchloſſen, in Fairvaks in Garniſon zu liegen. Er ſchien Pen's Benehmen nicht zu überwachen, oder den Handlungen ſeines Neffen Zwang anzuthun, Pendennis. I. 14 240 aber er wußte es deſſen ungeachtet ſo einzuleiten, daß der Junge ſtets unter ſeinen, oder ſeiner Agenten Au⸗ gen war, und daß des jungen Arthurs Kommen und Gehen ſeinem wachſamen Vormunde nicht entging. Ich vermuthe, daß es kaum einen Mann gibt, welcher dieſe oder irgend eine andere Novelle liest, der nicht ein Mal durch Schickſal, Umſtände, Falſchheit der Weiber, oder ſeine eigne Schuld in der Liebe verun⸗ glückte. Möge dieſer würdige Freund ſeine Gefühle unter den gegebenen Umſtänden ſich zurückrufen und ſie als Kommentar auf Mr. Pen's Seelenzuſtand anwenden. Ach was für öde Nächte, welche Fieber, welch wahnſinnige Begierden brachen ſich an dem Felſen der Gleichgil⸗ tigkeit, oder der Hinderniſſe, und prallten ohne Eindruck zurück von dem Granit! Könnte man in dieſer Nacht noch in London eine Liſte der Seufzer, der Verwünſchungen unglücklicher Liebhaber entwerfen, wie groß würde ſie werden. Ich wundere mich, wie viele Prozente der männlichen Bevölkerung der Hauptſtadt um zwei oder oder drei Uhr Morgens wach im Bette liegt und die Stunden zählt, wie ſie traurig verklingen und ſich ruhelos, ſchmachtend und herzkrank von der Rechten zur Linken werfen. Was das ein Bangen iſt: ich habe allerdings noch nie einen Mann vor Liebe ſterben, aber ich habe einen Mann von zwölf Steinen gekannt, der bis auf neun, nein fünf herabkam durch eine verun⸗ glückte Leidenſchaft, ſo daß man ſagen kann, daß bei⸗ nahe ein Viertel ſeines Ichs darauf gegangen iſt, und das will viel heißen. Er iſt in der Folge wieder zu ſeinem früheren Umfang zurückgekehrt, iſt vielleicht dicker als je. Sehr wahrſcheinlich hat eine neue Affektion ſein Herz und ſeine Rippen umſchloſſen, und ſie komfortabel gemacht und der junge Pen iſt ein Mann, der ſich, wie wir alle, tröſten kann. Wir bemerken dieß, damit nicht die Ladies ihn vor der Zeit betrauern, oder in Rückſicht auf ſeine Schmerzen ernſtlich unwohl werden. Seine Mutter war — doch was wird eine mütterliche Zärt⸗ 211 lichkeit nicht fürchten oder empfinden? „Verlaſſen Sie ſich darauf, mein liebes Kind,“ ſagte der Major galant zu ihr, „der Knabe erholt ſich wieder; ſo bald wir ſie vom Lande wegbringen, nehm' ich ihn wohin und zeige ihm ein wenig Welt. Die Hälfte des Kummers von einem Burſchen über den Verluſt eines Frauenzimmers ent⸗ ſpringt mehr aus Eitelkeit, denn aus Neigung. Von einem Frauenzimmer verlaſſen zu werden, iſt vom Uebel, aber wie leicht verlaſſen wir ſie.“ Mrs. Pendennis wußte das nicht. Dieſe Art von Kenntniß war ihr noch nicht geworden, in der That, ſie mochte nicht von dieſem Gegenſtande ſprechen, ihr Herz hatte ſein eigenes Privatunglück, ſie hatte es er⸗ tragen, und die Wunde geheilt, und vielleicht hatte ſie nicht viel Geduld mit Anderer Leidenſchaften, Arthurs natürlich ausgenommen, deſſen Leiden ſie zu den ihrigen machte, indem ſie in der That ſehr wahrſcheinlich bei vielen Krankheiten und Schmerzen des Jungen mehr fühlte, als Pen ſelbſt; und ſie überwachte ihn bei ſeinem gegenwärtigen Schmerze mit einer eiferſüchtigen, ſtum⸗ men Sympathie, obgleich er, wie wir ſchon geſagt haben, über ſein Unglück nicht mit ihr ſprach. Man muß geſtehen, daß der Major nicht wenig Verdienſt und Geduld hatte, und einen hohen Grad von Familienzuneigung zeigte. Das Leben in Fairvaks war ungewöhnlich einſam und traurig für einen Mann, der in der Hälfte der Londoner Häuſer Zutritt hatte und gewohnt war, in drei oder vier Geſellſchafts⸗ zimmern in einer Nacht den Bückling zu machen. Ein Diner mit Doktor Portman oder einem benachbarten— Squire hin und wieder, eine traurige Parthie im Bret⸗ ſpiel mit der Wittwe, die ihr Möglichſtes that, ihn guter Laune zu machen: das waren ſeine Hauptver⸗ gnügen. Es verlangte ihn nach der Briefmappe, und er las jedes Wort in der Abendzeitung, er wurde ſein eigner Arzt — ein ruhiges Leben nach den Londoner Banketten würde, ſo dachte er, ihm gut bekommen. 212 Er kleidete ſich jeden Morgen und Nachmittag aufs ſorgfältigſte, machte ſich regelmäßig Bewegung, indem er auf dem Terraſſenweg auf und nieder ging: ſo ver⸗ theidigte ſich dieſer würdige, weltliche Philoſoph mit ſeinem Stock, ſeiner Toilette, ſeiner Arzneibüchſe, dem Bretſpiel und der Zeitung gegen die Langweile, und wenn er nicht jede Stunde des Sonnenſcheins, wie die Biene an der Gartenmauer der Wittwe, benützen konnte, ſo ließ Major Pendennis eben eine Stunde nach der andern verſtreichen, wie er konnte, und machte ſich ſeine Gefangenſchaft ſo erträglich als möglich. Nach dieſer Zeit war zu bemerken, daß er die Unterhaltung gern auf den amerikaniſchen Krieg brachte, auf das Wyomin⸗ ger Blutbad und die glänzenden Thaten von Saint Lucie, ſintemal er ein paar Bände des „Annual⸗ Regi⸗ ſter“ in ſeinem Schlafzimmer hatte, und ſie fleißig ſtu⸗ dirte. So weiß ſich ein wohlgeordneter Mann in die Umſtände zu ſchicken und ſich mit Ruhe über das Schick⸗ ſal erhaben zu zeigen. Pen nahm zuweilen ſeine Zuflucht zu dem Bret⸗ ſpiel, oder horchte auf ſeiner Mutter einfache Muſik an Sommerabenden — aber er fand keine Ruhe, und war trotz alle dem unglücklich: vor Tagesanbruch war er ſchon auf, und unten in Claveringpark an einem Karpfenteich, einem trübſeligen Pfuhl, mit unzähligen, wiſpelnden Binſen und grünen Erlen, wo ſich zu den Zeiten von des Baronets Großvater eine Milchmagd ertränkte, und wo ihr Geiſt immer noch gehen ſollte. Aber Pen ertränkte ſich nicht, wie ſeine Mutter viel⸗ leicht beſorgen mochte, er ging gerne hin und fiſchte und ſinnirte in Muße, wie die Flut ſich kräuſelte in den klei⸗ nen Wirbeln des Teiches, und die Fiſche um ihn her ſchnappten. Wenn einer anbiß ſo regte es ihn auf, und er brachte gelegentlich Karpfen, Schleien und Aale heim, die der Major auf die Weiſe des Feſtlandes zubereitete. Bei dieſem Teich und unter einem Baume verfaßte Pen eine Anzahl Gedichte, die ſich für ſeine Umſtände 213 eigneten — er errothete in ſpäteren Tagen, indem er ſich verwundert fragte: wie er auf ſolchen Unſinn habe kommen können? In eine Höhlung dieſes Baumes that er die zinnerne Büchſe für Fiſchköder und andere Fiſch⸗ geräthſchaften, die er nachher — doch wir eilen unſrer Geſchichte voraus. Es genüge zu bemerken, daß er Gedichte ſchrieb, und ſich ſehr erleichtert fühlte. Wenn Jemandes Kummer oder Leidenſchaft auf diefem Punkte angelangt, mag es noch rumoren, aber es geht nicht mehr tief. Wenn ein Genkleman ſich den Kopf zerbricht, auf ſorgen einen andern Reim zu finden, als borgen und morgen, ſo iſt ſein Weh dem Ende näher als er glaubt. So war es mit Pen. Er hatte ſeine hitzigen und ſeine kalten Fieber. Seine Tage des Murrens und des Eigenſinns, der trüben Entſagung und Ver⸗ zweiflung und gelegentliche Parorysmen der Wuth und des Verlangens, wo dann Rebekka geſattelt wurde und hinaus auf das Land nach Chatteries galoppirte, wäh⸗ rend ihr Reiter auf ihrem Rücken wild geſtikulirte und den Namen der Falſchen rufend, Kärner und Weggeldein⸗ nehmer, an denen er vorbei rannte, in Verwunderung ſetzte. Mr. Foker war ein ſehr häufiger und willkommener Gaſt in Fairvaks während dieſer Zeit, wo ſein guter Humor und ſeine wunderlichen Einfälle den Major und Pendennis amüſirten, indeß ſie die Wittwe und die kleine Laura nicht wenig in Erſtaunen ſetzten. Sein Tan⸗ dem machte große Senſation auf dem Claveringer Marktplatze, wo er einen Markiſtand umwarf und Mrs. Pybus Pudel über den Rücken hieb, und ein Glas Himbeerſaft in dem Wappen von Clavering trank. Alle Geſellſchaft in dem kleinen Platze hörte, wer er war und ſuchte ſeinen Namen in den Pairs⸗Regiſtern. Er war ſo jung und ihre Bücher ſo alt, daß ſein Name in vielen derſelben nicht erſchien und ſeine Mama, nun⸗ mehr eine außer Curs gekommene Lady, noch unter der Nachfommenſchaft des Earls von Roſherville als Lady Milton figurirte, 2¹4 Betrachtet man die kleine alte Stadt von Clave⸗ ring St. Mary von der Londoner Straße aus, wie ſie an der Lodge zu Fairoafs vorbeiführt, und ſieht den Brawl, den ſchnellen und ſchimmernden Brawl, ſich rings um die Stadt winden und die Wälder von Clavering⸗ park gürten und den alten Kirchthurm und die Giebel⸗ dächer der Häuſer ſich mitten unter Bäumen und alten Mauern erheben, hinter welchen ein ſchöner Hinter⸗ grund, ſonniger, von Clavering weſtwärts an die See ſich erſtreckender Hügel emporſchwillt — ſo ſieht der Ort ſo heiter und komfortabel aus, daß manchem Reiſenden, oben auf der Kutſche das Herz nach ihm hindrängte und er dachte, daß er in einem ſo ruhigen, freundlichen Winkel ſich vor den Kämpfen des Lebens bis an ſein Ende bergen möchte. Tom Smith, der die Alaerity⸗ Kutſche zu fahren pflegte, wies ſeinem Nebenſitzer auf dem Bocke oft einen Baum nächſt dem Fluſſe, von dem man eine ſchöne Ausſicht auf die Kirche und die Stadt hat, und bemerkte ihm, daß Maler kommen und die Kirche von dem Baume dort aufnehmen. Es war einmal eine Abtei dort, Sir, und es iſt wirklich eine ſehr hübſche Ausſicht, die ich Mr. Stanfield oder Mr. Ro⸗ berts für ihre nächſte Tour empfehle. Wie Conſtantinopel vom Bosporus aus geſehen; wie Mrs. Rougemount in ihrer Loge von der entgegen⸗ geſetzten Seite des Hauſes, wie mancher Gegenſtand, den wir im Leben verfolgen und bewundern, ehe wir ihn erreicht haben, iſt Clavering hübſcher in der Ferne, als bei näherer Bekanntſchaft: die Stadt, ſo heiter an⸗ zuſehen, einige Ackerlängen weit, iſt ſehr öde und trüb⸗ ſelig. Außer den Markttagen iſt Niemand auf den Straßen. Der Schall von ein Paar Ueberſchuhen echo't durch den halben Ort, und man hört das Knarren eines roſtigen alten Schildes an dem Wappen von Cla⸗ vering, ohne durch ein weiteres Geräuſch geſtört zu werden. In den Aſſembly Rooms iſt, ſeit die Claveringer 21⁵ Freiwilligen ihrem Oberſt, dem alten Sir Francis Cla⸗ vering, dort einen Ball gaben, kein zweiter mehr ge⸗ halten worden, und die Ställe, welche vor Zeiten einen großen Theil jenes glänzenden, jetzt verblichenen Regi⸗ ments enthielten, ſind jetzt freudlos und öde. Außer an Donnerſtagen, wenn die Farmer dort einſtellen und ihre geneigten Kärren und Gigs dem Platze einen flüch⸗ tigen Schein von Leben verleihen, oder an den Petty Seſſions, wenn die Friedensrichter in dem alten Karten⸗ zimmer ſich verſammeln. An der ſüdlichen Seite des Markts erhebt ſich die Kirche mit ihren großen, grauen Thürmen, deren feine Zierathen die Sonne verklärt, indem ſie die Schatten der hohen Strebepfeiler ſchwärzt und die glitzernden Fenſter und flammenden Wetterfahnen vergoldet. Das Bild der Schutzheiligen der Kirche war vor Jahrhun⸗ derten aus dem Portale entfernt. Solche Statuen der Heiligen, die im Bereiche der Steine und Hämmer waren, wurden in jener Periode frommer Zerſtörungsſucht ver⸗ ſtümmelt und enthauptet, und von denen, welche außer dem Schuſſe waren, weiß nur Doktor Portman Namen und Geſchichte, denn ſein Gehilfe Smirke iſt kein großer Alterthumsforſcher und Mr. Simcoe (Gatte der ehren⸗ werthen Mrs. Simcve) Pfründner und Architekt der Hilfskapelle in der untern Stadt, hält ſie für einen Gräuel der Zerſtörung. Die Rektorei iſt ein ſtarfes, maſſives Backſtein⸗ gebäude aus der Regierung der Königin Anna. Sie ſteht mit der Kirche und dem Markt durch verſchiedene Thore in Verbindung und ſteht an der Einmündung der Eibenbaumgaſſe, wo die lateiniſche Schule (mit Sr. Hochehrwürden Herrn⸗Wapſhot), die Eibenbaum⸗Cottage (mit Miß Flather), das Schlachthaus, eine alte Scheune oder Bräuhaus aus den Abteizeiten und die Anſtalt der Miſſes Finucane für junge Ladies ſtehen. Die beiden Schulen hatten ihre Stühle oben auf beiden Seiten der Orgel, bis die Abteifirche durch den Abfall der Ge⸗ 216 meinde, die in die Ketzerhütte in der untern Stadt verlockt wurde, der Doktor die Miſſes Finucane über⸗ redete, ihre hübſche kleine Heerde die Treppen herab⸗ zubringen, und die Hüte der jungen Ladies nahmen ſich in den leeren Flügeln der Kirche ziemlich gut aus, Nie⸗ mand ſteht in dem großen Kirchſtuhl der Clavering⸗ Familie, außer den Standbildern der ſeligen Baronets und ihrer Ladies. Da iſt Sir Poyntz Clavering, Ritter und Baronet, der in einem viereckigen Bart ſeiner Gattin in einer Halskrauſe gegenüber kniet: eine ſehr beleibte Lady, die Dame Rebecca Clavering in alto relievo wird von zwei kleinen, blauaderigen Engelchen — die eine ſehr ſchwere Arbeit zu haben ſcheinen, in den Himmel getragen — und ſo fort. Wie gut erin⸗ nerte ſich Pen im ſpätern Leben dieſer Bilder und wie oft unterſuchte er ſie, während der Doktor ſeine Rede von der Kanzel polterte und Smirkes mildes Haupt und Schmachtlocke auf der Stirn über das große Ge⸗ betbuch des Leſepultes hervorguckte. Die Fairvakerleute waren ſehr fleißig in der alten Kirche, ihr Geſinde hatte einen Kirchſtuhl, desgleichen Doktor Wapſfhots und die drei Mägde der Anſtalt der Miſſes Finucanes, nebſt einem hübſch ausſehenden jungen Mann in Livree. Die Familie Wapſhot war zahlreich und getreu. Glan⸗ ders und ſeine Kinder kamen regelmäßig in die Kirche, desgleichen einer der Apotheker. Mrs. Pybus ging ab⸗ wechslungsweiſe in die Kirche der untern Stadt und in die Abtei, die Charityſchule und ihre Familien kamen natürlich. Wapfhot's Jungen machten einen luſtigen Lärm, während ſie durch die Kirche die Treppe hinauf zu der Orgel marſchirten, mit ihren Füßen ſtampften, oder während des Gottesdienſtes ziemlich beharrlich ihre Naſen ſchneuzten. Die Abteikirche war mit einem pracht⸗ vollen Schirm, vielen Wappenſchilden und heraldiſchen Grabſteinen geſchmückt, der Doktor verwendete einen großen Theil ſeines Einkommens auf die Verſchönerung ſeines Lieblingsplatzes, er hatte ſie mit einem pracht⸗ 217 vollen in den Niederlanden gekauften Fenſter und einer Orgel beſchenkt, die groß genug für eine Kathedrale war, aber trotz der Orgel und dem Fenſter und höchſt wahrſcheinlich in Folge des letztern, das aus einem papiſtiſchen Platze gekommen und über und über mit Abgöttereien verziert war, gevieh die Claveringer neue Kirche zum Aergerniß der Orthodorie und viele von des Doktors Gemeinde deſertirten zu Mr. Simcve und ſeiner ehrenwerthen Gattin, ihre Anſtrengungen ver⸗ dünnten ſogar das Ebenezer, hart bei ihnen, ein Ge⸗ bände, das vor Simeve's Ankunft ſo voll war, daß man die Rücken der Gemeindemitglieder dicht gedrängt durch deſſen Bogenfenſter ſehen konnte. Mr. Simcoe's Trak⸗ tätchen flatterten in die Thüren von allen Hütten des Doktors und wurden ſo gierig hingenommen als Mrs. Portman's Suppe, mit deren Qualität das undankbare Volk nicht immer zufrieden war. Bei den Leuten in der Bandfaftorei an dem Wehr des Brawl, um welches die untere Stadt aufgeſchoſſen war, konnte die Ortho⸗ dorie überhaupt keinen Eingang finden. Die ruhige Miß Myra war von der ungeſtümen Mrs. Simcoe und ihren weiblichen Adjutanten ausgeſtochen. Ach es war eine harte Prüfung für des Doktors Lady, zu ſehen, wie ihres Mannes Gemeinde zuſammen ſchwand, bei den wenigen Gelegenheiten, wo ſie zuſammen trafen, der notoriſchen Gattin eines Geiſtlichen der niedern Kirche, welche die Tochter eines irländiſchen Pairs war, den Vortritt zu geben; zu wiſſen, daß in Clavering, ihrer eignen Stadt Clavering, auf welche ihr Doktor viel mehr als ſein amtliches Einkommen verwendete, eine Partei gab, die ihn haßte, weil er Whiſt ſpielte, und ihn für einen Heiden erklärte, weil er ins Theater ging. In ihrem Gram erſuchte ſie ihn, das Theater und das Whiſt aufzugeben — in der That, ſie konnten jetzt kaum ein Eſſen geben, ſo furchtbar war das Ge⸗ ſchrei gegen die weltliche Luſt, — aber der Doktor er⸗ klärte, daß er thun werde, was recht ſei, und was der 218 große und gute Georg der Dritte that, deſſen Kaplan er geweſen, und was das Aufgeben des Whiſt betreffe, weil das einfältige Volk dorüber losziehe, ſo werde er bis an ſeliges Ende mit ſeinem Weib und Myra den Strohmann ſpielen und nicht auf ihre verächtlichen Verfolgungen achten. Von den zwei Familien, den Eigenthümern der Faktorei, (welche den Brawl ſeiner Forellen beraubten und alles Unheil in die Stadt brachten) ging der ältere Theilhaber Mr. Rolt in den Ebenezer, der jüngere, Mr. Barker, in die neue Kirche. Mit einem Wort, die Leute kämpften in dieſem kleinen Orte weit heftiger, als Nachbarn in London; und in dem Leſeklubb, den der kluge und verſöhnliche Penden⸗ nis geſtiftet hatte und der ein neutraler Boden hätte ſein ſollen, ſcharmuzirten ſie ſo heftig, daß ſich beinahe Niemand in dem Leſezimmer ſehen ließ außer Smirke, der, obgleich er ein oberflächliches gutes Benehmen mit der Simcoepartei unterhielt, immer noch Geſchmack für Magazine und leichte weltliche Literatur hatte, und der alte Glanders, deſſen weißes Haupt und gräulicher Bart am Fenſter geſehen werden konnte und natürlich die kleine Mrs. Pybus, die Jedermanns Briefe, wie ſie die Poſt brachte, (denn die Claveringer Leſegeſell⸗ ſchaft wurde, wie männiglich bekannt iſt in Bakers Bibliothek London Street, früher Schafgaſſe, gehalten) beguckte und jedes Avertiſſement in der Zeitung las. Es läßt ſich denken, welche Senſation in dieſer liebenswürdigen kleinen Gemeinde entſtand, als dahin die Kunde von Pen's Liebesfahrten nach Chatteries ge⸗ langte. Sie wurde von Haus zu Haus getragen und an den Tiſchen der Hochkirche, der niedern Kirche und von den Unkirchlichen beſprochen. Sie wurde von den Mrs. Finucane und ihren Lehrern erörtert und ſehr wahr⸗ ſcheinlich von den jungen Dämchen in den Schlafſälen debattirt. Wapſhots dicke Jungen hatten ihre Verſion von der Geſchichte und beaugten neugierig Pen, wenn er in ſeinem Kirchſtuhle ſaß, oder deuteten mit den 2¹9 Fingern der Verachtung auf ihn, wenn er durch Chat⸗ teries ging. Sie haßten ihn immer und nannten ihn Lord Pendennis, weil er keine Corduroy, wie ſie, trug, ein Pferd ritt und ſich das Anſehen eines Stutzers ga undwenn man die Wahrheit ſagen will, ſo darf nicht verſchwiegen werden, daß Mrs. Portman ſelbſt die Haupt⸗ verbreiterin von Pens Liebesgeſchichten war. Jede Notiz⸗ welche dieſe harmloſe Lady vernahm, trug ſie ihren Nach⸗ barn zu, und nachvem ſie durch den kleinen Skandal in Chatteries in den Beſitz von Pen's Geheimniß geſetzt war, wußte Doktor Portman genau, daß es am näch⸗ ſten Tag in der Kirchengemeinde, deren Rektor er war, die Runde machen würde; und ſo war es denn auch. Die ganze Geſellſchaft wußte die Legende — in dem Zeitungszimmer, bei der Putzmacherin, in dem Schuh⸗ laden, in dem allgemeinen Waarenhauſe an der Ecke des Marktes, bei Mrs. Pybus, bei Glanders, in der Soirée der ehrenwerthen Mrs. Simeve, in der Faktorei; ja in die Mühle ſelbſt war in wenigen Stunden die Kunde gelangt, und des jungen Arthur Pendennis Thor⸗ heit war in Aller Mund. Alle Bekanntſchaften Doktor Portmans kläfften auf, als er am nächſten Tag durch die Straße ging. Der arme, geiſtliche Herr wußte, daß ſeine Betſy die Urheberin des Gerüchtes war und er⸗ grimmte im Geiſte. Schon recht — es mußte in ein paar Tagen doch dahin kommen, und es war gut, daß die Stadt die wahre Geſchichte bekam. Was das Cla⸗ veringer Volk von Mrs. Pendennis dachte, daß ſie ihren Sohn ſo verzogen und daß der frühreife junge Schuft Arthur es wagte, einer Schauſpielerin Anträge zu machen, braucht hier nicht erzählt zu werden. Wenn Stolz unter unſerm Volke auf dem Lande exiſtirt, und ſicherlich haben wir genug davon, ſo ſitzt kein Stolz tiefer, als bei alten Pfennigedeldamen in kleinen Städten. Gott ſteh mir bei, rief man, wie vernarrt die Mutter in den naſeweißen Gelbſchnabel von Buben iſt, der ſich das Air eines Lords gibt, auf ſeiner Vollblutſtute, und 220 für den unſere Geſellſchaft nicht gut genug iſt und der eine widerwärtige geſchminkte Scheueraktrice heirathen will, um Spektakel zu machen. Wäre der zute Mr. Pen⸗ dennis noch am Leben, ſo wäre dieſer Skandal nie vorgekommen. Auch hätten wir, ſehr wahrſcheinlich, Pens Ge⸗ ſchichte nie zu erzählen gehabt. Es iſt wahr, daß er ſich den Leuten von Clavering gegenüber in die Bruſt warf: von Natur ſtolz und frei, haßte er ihr Geſchnatter und Geträſch und die Eiferſüchteleien der kleinen Würdeträ⸗ ger und zeigte ihnen eine Verachtung, die er nicht ver⸗ bergen konnte. Der Doktor und ſein Gehilfe waren die einzigen, um welche Pen ſich kümmerte, ſelbſt Mrs. Portman war nicht frei von Mißtrauen gegen ihn und ſeine Mutter die Wittwe, die ſich über der Dorfgeſell⸗ ſchaft hielt und dem gemäß verhöhnt wurde, weil ſie in Wahrheit ſuchte, ihren Kopf mit den großen Fami⸗ lien der Grafſchaft in gleicher Höhe zu tragen. Sie allerdings, Mrs. Barker in der Faktorei, bekommt vier Mal von dem Fleiſch, das hinauf nach Fairvaks geht, mit allen ihren feinen Airs ꝛc. ꝛc. ꝛc. — Möge der Leſer das Getheil nach ſeinem Belieben und ſeinen kleinſtädtiſchen Erfahrungen auffüllen, ſie werden genügen zu zeigen, wie es geſchehen konnte, wie eine Frau, die ſich allein damit beſchäftigte, ihre Pflicht gegen ihren Nachbar und ihre Kinder zu erfüllen und ein ehrlicher, wackerer Junge, ungeſtüm und voll guten Willens, der allen Sterblichen Gutes wünſchte, Feinde und Verkleinerer unter Leuten fanden, über die ſie erhaben waren und denen ſie nie etwas zu Leide gethan hatten. Die Claveringer Köter kläfften um das Haus von Fairvafs und freuten ſich, Pen herunter zu ziehen. Doktor Portman und Smirke hüteten ſich beide, die Wittwe von den beſtändigen Aus⸗ brüchen der Verleumdung, die den armen Pen verfolg⸗ ten, in Kenntniß zu ſetzen, aber Glanders, ein Freund vom Hauſe, hielt ihn immer auf dem Laufenden. Es ließ ſich denken, wie groß ſeine Entrüſtung war. War 22¹ Jemand im Dorfe, den er zur Rechenſchaft ziehen konnte? Alsbald begannen einige Spaßvögel mit Kreide an das Thor von Fairöaks: „Vivat Fotheringay!“ und andere ſarkaſtiſche Anſpielungen auf die letzten Vorgänge mit Kreide anzuſchreiben. Ein Anderer brachte einen großen Theaterzettel von Chatteries und klebte ihn dort Nachts an. Einmal glaubte Pen, als er durch die untere Stadt ritt, zu hören, daß die Faktorei⸗Buben ihn aus⸗ ſpotteten und ſchließlich, als er durch des Doktors Thor in den Kirchhof ging, wo einige von Wapſhots Jungen herumlungerten, warf ſich der größte von ihnen, ein junger Gentleman von ungefähr zwanzig Jahren, der Sohn eines benachbarten kleinen Squire, der in der zweifelhaften Eigenſchaft eines Parlourbvarder bei Mr. Wapſhot wohnte, in eine theatraliſche Atitude und fing an Hamlets Strophe über Ophelia zu ſprechen mit einem häßlichen Seitenblick auf Pen. Der junge Burſche gerieth ſo in Wuth, daß er auf Hobnell den Aelteren mit einem Rufe zuſtürzte, der einem Fluche gar nicht unähnlich war, ihn mit der Reitgerte, die er trug, wüthend über das Geſicht ſchlug, ſie wegwarf, indem er den feigen Schuft aufforderte, ſich zu verthei⸗ digen und in einer zweiten Minute den verblüfften jun⸗ gen Kalban in das Grab hinabſchlug, das eben jetzt auf einen anderartigen Inſaßen wartete. Dann rief er mit geballten Fäuſten und einem vor Leidenſchaft und Entrüſtung zitternden Geſicht Mr. Hobnells gaffenden egleitern zu, ob nicht einer von den Lumpenhunden herankommen wollte. Aber ſie blieben murrend ſtehen und zogen ſich zurück, als Doktor Portman an ſein Pförtchen kam und Mr. Hohnell mit blutender Naſe und Lippe aus dem Grabe auftauchte. Pen ſchaute mit tödtlicher Ausforderung die Jungen, die ſich auf ihre Seite des Kirchhofs zurückzogen, an, ging wieder durch des Doktors Pförtchen zurück und wurde von dieſem Gentleman ausgefragt. Der junge Schelm war ſo aufgeregt, daß er kaum ſprechen konnte, 222 ſeine Stimme erſtarb in ein Stöhnen, als er antwortete. „Die Memme beſchimpfte mich, Sir,“ ſagte er und der Doktor ging über den Fluch weg und achtete die Auf⸗ wallung des ehrlichen, jungen Dulders. Pendennis der ältere, der als ein reeller Weltmann gehörige nachhaltige Furcht vor der Meinung ſeines Nachbars hatte, war höchlich aufgebracht über den kleinen Sturm, der ſich in Chatteries erhob und gegen den Ruf Maſter Pen's ausſprach. Doktor Portman und Kapitän Glanders hatten die Angriffe der ganzen Geſellſchaft von Chatteries gegen den jungen Auswürf⸗ ling, den man für ein Ungeheuer von Verbrecher an⸗ ſah, zu beſtehen. Pen ſagte daheim Nichts von dem Straus auf dem Kirchhof, fondern ging nach Baymouth hinüber und berieth ſich mit ſeinem Freunde Herrn Fo⸗ ker, Esg., welcher alsbald in ſeinem Drag nach dem „Wappen von Clavering“ hinüber fuhr, von wo er Stupid mit einer Note an Thomas Hobnell, Esq., im Hauſe des hochehrwürdigen J. Wapſhot ſandte und die höfliche Frage an ihn ſtellte, wann er dieſen Gentle⸗ man erwarten könnte. Stupid brachte die Kunde zurück, daß Mr. Hob⸗ nell die Note einem Halbdutzend großer Jungen vor⸗ las, auf welche ſie nicht geringen Eindruck zu machen ſchien, und nachdem ſie ſich zuſammenberathen und ge⸗ lacht hätten, habe Mr. Hobnell geſagt, er werde nach der Nachmittagsſchule, wenn die Glocke läute, Antwort ſenden, und Mr. Wapſhot ſei in ſeinem Magiſterrock herausgekommen. Stupid war bekannt mit dem Uni⸗ verſitätskoſtume, da er Mr. Foker in St. Boniface be⸗ dient hatte. Mr. Foker ging aus, um mittlerweile die Merk⸗ würdigkeiten Claverings zu ſehen; da er aber keinen Geſchmack für Baukunſt hatte, ſo zog Doktor Portmans ſchöne Kirche ſeine Aufmerkſamkeit nicht beſonders auf ſich und er ſprach ſich dahin aus, daß der Thurm ſo ſchimmelig ſei, als ein alter Stiltoner Käſe. Er ging 223 die Straße hinab und betrachtete die wenigen Läden daſelbſt. Er ſah Kapitän Glanders an dem Fenſter des Leſezimmers, und nachdem er dieſen Gentleman gehörig angegafft hatte, neigte er zum Zeichen der Zufrieden⸗ heit den Kopf gegen ihn; er fragte mit dem größten Intereſſe bei dem Fleiſcher nach dem Preiſe des Fleiſches und wann der nächſte Schlachttag ſei. Er plättete ſeine kleine Naſe an dem Fenſter der Madame Fribsby, um zu ſehen, ob etwa eine hübſche Nähterin im Hauſe wäre; aber es war kein holdſeligeres Geſicht darin, als das der Puppe mit der franzöſiſchen Haube unter dem Fenſter, außer dem der Madame Fribsby ſelbſt, die, eine Novelle leſend, in dem Parlour nicht recht ſichtbar war. Der Gegenſtand hatte nicht genug Intereſſe, um Mr. Fokers Betrachtung lange zu feſſeln und nach⸗ dem er die Stadt und die Wirthsſtälle, in denen kein Vieh war, als ein Paar alte Poſtklepper, die dadurch, daß ſie die vornehme Welt zu den Grafſchaftsdiners führten, einen ſpärlichen Unterhalt gewannen, gab ſich Mr. Foker ganz dem Ennui hin, als endlich ein Bot⸗ ſchafter von Mr. Hobnell angekündigt wurde. Es war kein Geringerer als Mr. Wapſhot ſelbſt, der mit der Miene großer Entrüſtung kam und Pen's Sendſchreiben in der Hand haltend, Mr. Foker fragte, wie er es wage, eine ſo unchriſtliche Botſchaft, als da ſei eine Ausforderung an einen ſeiner Schüler, zu über⸗ bringen? Wirklich hatte Pen Tags zuvor eine Note an ſei⸗ nen Gegner geſchrieben, worin er ihm ſagte, daß er, falls er nach der Züchtigung, die ſeine Unverſchämtheit in vollem Maaße verdiente, ſich geneigt fühlte, diejenige Genugthuung zu verlangen, welche gewöhnlich unter Gentlemen gegeben werde, ſo ſei Mr. Arthur Penden⸗ nis's Freund, Mr. Henry Foker, bevollmächtigt, jederlei Anordnungen in Bezug auf Mr. Hobnells Satisfaktion zu treffen. „Und ſo ſchickte er denn Sie mit der Antwort, — 224 nicht wahr, Sir?“ fragte Mr. Foker, indem er den Schulmeiſter in ſeinem ſchwarzen Rock und geiſtlichen Koſtüme mit ven Augen muſterte. „Wenn er dieſe gottloſe Ausforderung angenommen hätte, ſo hätt ich ihn gepeitſcht,“ ſprach Mr. Wapſhot und ſchenkte Mr. Foker einen Blick, der zu ſagen ſchien, er hätte ſehr gute Luſt, ihn gleichfalls durchzupeitſchen. „Ungemein gütig von Ihnen, Sir, ganz gewiß,“ ſagte Pen's Botſchafter. „Ich ſagte meinem Freunde, daß ich glaube, der Andere würde nicht los gehen,“ fuhr er mit hoher würdevoller Miene fort. „Er läßt ſich lieber peitſchen, als daß er ſich ſchlägt, Sir, darf ich wohl ſagen. Darf ich Ihnen eine Erfriſchung an⸗ bieten, Mr. — 7 ich weiß nicht, wie Sie heißen.“ „Ich heiße Wapſhot, Sir, und bin Lehrer der la⸗ teiniſchen Schule in dieſer Stadt, Sir,“ ſagte der An⸗ dere; „und ich bedarf keiner Erfriſchung, Sir, ich danke Ihnen und habe kein Verlangen, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Sir.“ „Ich ſuchte nicht die Ihrige, Sir, verlaſſen Sie ſich darauf,“ verſetzte Mr. Foker. „In derlei Dingen, wiſ⸗ en Sie, iſt es, glaube ich, zu bedauern, daß der Clerus 9 zu Hilfe gerufen wird; aber de gustibus non est disputandum.“ „Ich glaube, es iſt zu bedauern, daß Knaben, Sir, ſo leichtſinnig, wie Sie, vom Morden ſprechen,“ brüllte der Schulmeiſter, „und wennich Sie in meiner Schule hätte—“ „So darf ich wohl ſagen, Sie würden mich beſſer ziehen, Sir,“ ſagte Mr. Foker mit einer Ver⸗ beugung. „Dank Ihnen, Sir. Ich habe meine Er⸗ ziehung vollendet, Sir, und geh nicht wieder in die Schule, Sir, — wenn ich's thue, will ich an Ihr güti⸗ ges Anerbieten denken, Sir. John, führe den Herrn da die Treppen hinab — und, natürlich, da Mr. Hob⸗ nell gedroſchen ſein will, ſo können wir Nichts dagegen haben, Sir, und wir werden, wenn er uns in den Weg kommt, ſo glücklich ſein, ihn zu bedienen.“ 225 Damit wies der junge Burſche den ältern Gent⸗ leman mit einer Verbeugung aus dem Zimmer, ſetzte ſich nieder und ſchrieb eine Note an Pen, in welcher er ihn benachrichtigte, daß Mr. Hobnell nicht geneigt ſei, ſich zu ſchlagen und ſchlug vor, mit der Peitſche, die Pen ihm bereits applicirt, weiter vorzugehen. Sechſehntes Kapitel. Mehr Stürme in der Pfütze. Pen's Benehmen in der Sache wurde natürlich bald bekannt und ärgerte ſeinen Freund Doktor Port⸗ mann nicht wenig, während ſie Major Pendennis nur amüſirte. Mrs. Pendennis gerieth beinah in Verzweif⸗ lung, als ſie von dem Streit und Pen's unchriſtlichem enehmen hörte, allerlei Elend, Verdruß, Verbrechen, Plagen ſchienen aus dieſem Handel, in den ſich der un⸗ glückliche Junge eingelaſſen, hervorzugehen, und ſie wünſchte mehr denn je, ihn für einige Zeit von Chat⸗ teries und von ihr entfernt, die ihn in ſo viel Unheil geſtürzt hatte. Als Pen ſeiner zärtlichen Mutter Vorſtellungen machte, und der Doktor ihn über ſeine Heftigkeit und ſeine rohen Intenſionen ärgerlich zurecht wies, nahm Pen die Sache mit dem Troſt der Jugend au grand serieux und ſagte, daß ihm die Sache ſehr leid thue, und daß die Beſchimpfung ohne die geringſte Aufrei⸗ zung von ſeiner Seite Statt gefunden habe, daß er keine Beſchimpfung erdulde, ohne ſeine Ehre zu verthei⸗ Pendennis. 1. 5 15 226 digen und appellirte mit großer Würde an ſeinen Oheim, indem er fragte, ob er als Gentleman hätte anders handeln können, als daß er die widerfahrne Unbilde geahndet und dem Gezüchtigten Genugthuung angeboten habe. „Vous allez trop vite, mein guter Sir,“ ſagte der Oheim etwas verlegen, denn er hatte ſeinem Neffen von ſeinen eignen Begriffen über den Punkt der Ehre beigebracht, Begriffe weit mehr aus der alten Welt von Lager und Piſtolen, als den nüchternen Anſichten der Gegenwart entſprechend. „Davon, wie es zwiſchen Männern von Welt zu halten iſt, will ich nicht ſpre⸗ chen — aber bei Schülern wird es lächerlich, mein lieber Junge — vollkommen lächerlich.“ „Es iſt im höchſten Grade gottlos und gleicht mei⸗ nem Sohne nicht,“ ſprach Mrs. Pendennis mit Thrä⸗ nen in den Augen und beunruhigt über den Eigenſinn des Jungen. Pen küßte ſie, und ſprach mit wichtiger Miene, „Frauen, liebe Mutter, verſtehen ſich nicht auf dieſe Dinge — ich gab mich ganz in Foker's Hände, und konnte nicht anders vorgehen.“ Major Pendennis grinste und zuckte die Schultern, „die Jungen machen große Fortſchritte,“ dachte er, Mrs. Pendennis erklärte, daß dieſer Foker ein gottloſer, abſcheulicher kleiner Wicht ſei, der ihrem Jungen Un⸗ glück bringen werde, wenn Pen mit ihm in daſſelbe College gehe. „Ich habe große Luſt, ihn gar nicht gehen zu laſſen,“ und wenn ſie ſich nicht erinnert hätte, daß; des Jungen Vater ihn immer für die Univerſität be⸗ ſtimmte, auf welcher er ſeine kurze Erziehungskarriere gemacht, ſo hätte die zärtliche Mutter ſehr wahrſchein⸗ lich ein Veto eingelegt. Daß er gehen müßte und zwar mit dem nächſten Oktober, war zwiſchen allen Autoritäten, die Pen's Wohl⸗ fahrt präſidirten, ausgemacht. Foker hatte verſprochen, ihn in die rechte Geſellſchaft zu bringen; und Major Pendennis legte großen Werth darauf, daß Pen durch 227 dieſen bewundernswerthen jungen Gentleman in das Leben und die Geſellſchaft der Akademiker eingeführt werde. „Mr. Foker kennt die beſten jungen Männer, die jetzt auf der Univerſität ſind,“ ſagte der Major, „und Pen wird hier Verbindungen anknüpfen, die ihm von größtem Vortheil für ſein künftiges Leben ſind. Der junge Marquis von Plinlimmon iſt dort, der älteſte Sohn des Herzogs von Saint Davids — Lord Magnus Charters iſt dort, Lord Runnymede's Sohn und ein Geſchwiſterkind von Mr. Foker (Lady Runnimede, meine Liebe, war Lady Agatha Mhlto, Sie erinnern ſich ihrer natürlich, Lady Agnes wird ihn ſicherlich nach Logword einladen, und ohne mich im Geringſten über ſein ver⸗ trautes Verhältniß zu ihrem Sohne zu beunruhigen, der ein ſehr eigenthümlicher, launiger, aber äußerſt kluger und liebenswürdiger junger Mann iſt, und dem wir unſtreitig für ſein bewundrungswürdiges Benehmen in der Geſchichte mit Fotheringay's beabſichtigter Hei⸗ rath Dank ſchuldig ſind, und betrachte ich es als den glücklichſten Umſtand mit Pen, daß er mit dem äußerſt amüſtrenden Gentleman Freundſchaft geſchloſſen hat.“ Helen ſeufzte, ſie meinte, der Major müſſe es am beſten wiſſen, Mr. Foker ſei in der unglücklichen Ge⸗ ſchichte mit Miß Coſtigan allerdings ſehr gütig gewe⸗ ſen, und ſie wußte ihm Dank dafür, aber eine unbe⸗ ſtimmte Ahnung von Uebeln, die da kommen ſollten, machten ſie um das Schickfal ihres Jungen beſorgt. Doktor Portman war entſchieden der Anſicht, daß Pen auf die Univerſität gehen ſollte. Er hoffte, daß der Junge ſtudiren und auch die beſte Geſellſchaft in be⸗ ſchränktem Maaße beſuchen würde; er war der Meinung, daß Pen ſich auszeichnen würde. Smirke ſprach ſehr hoch von ſeinen Fortſchritten: der Doktor ſelbſt hatte ihn konſtruiren gehört und meinte, er hätte es ausneh⸗ mend gut gethan. Daß er von Chatteries wegkomme, war jedenfalls eine Hauptrückſicht, und Pen, der durch die verſchiedenen Händel und Unruhen, die ihn umgaben, 228 von ſeinem Grame abgekommen war, erklärte düſter, daß er gehorchen würde. GEs gab Aſſiſen, Wettrennen, Unterhaltungen und Zuſtrömungen von Geſellſchaft zu Chatteries während eines Theils der Monate Auguſt und September, und Miß Fotheringay trat immer noch auf und ſagte wäh⸗ rend vieſer Zeit dem Publikum in dem Chatteriesthea⸗ ter Lebewohl. Niemand ſchien durch ihre Gegenwart, oder durch ihre angekündigte Abreiſe beſonders afficirt außer den bereits genannten Perſonen, noch konnte die gebildete Welt in der Graſſchaft, welche Häuſer in Lon⸗ don hatte und höchſt wahrſcheinlich die Fotheringay in der Haupiſtadt außerordentlich bewunderte, wenn ſie on der Faſhion, die ſich zu ihren Gunſten entſchied, ſo angewieſen wurde, etwas ſo Ausgezeichnetes in der Aktrice finden, während ſie auf den Duodezbrettern in Chatteries auftrat. Manches Genie und mancher Char⸗ latan hat vor und nach Miß Coſtigan's Zeit ähnliches Schickſal gehabt. Dieſes ehrliche Frauenzimmer trotzte mittlerweile der Vernachläßigung des Publikums und allen andern Widerwärtigkeiten und Plagen mit ihrer gewohnten Gleichmüthigkeit: Sie aß, trank, agirte, ſchlief mit jener Regelmäßigkeit und Behaglichkeit, wel⸗ che Leuten ihres Temperaments eigenthümlich iſt. Wie viel Gram, Sorge und andere peinliche Aufregung ver⸗ meidet eine geſunde Stumpfheit und Unempfindlichkeit. Damit will ich nicht ſagen, daß Tugend nicht Tugend ſei, weil ſie nicht verſucht wird, in die Irre zu gehen, nur daß Abſtumpfung eine viel ſchönere Gabe iſt, als wir ihr gelten laſſen, und daß es Leute gibt, die ſehr glücklich ſind, mit einem guten Vorrath dieſer großen, ſchmerzſtillenden Arznei begabt zu ſein. Pen ging während dieſer Saiſon traurig in dem Theater zu Chatteries ein und aus. Sein Benehmen peinigte ſeine Mutter nicht wenig, und ihre Aengſtlich⸗ keit hätte ſie oft verleitet, einzuſchreiten, hätte ſie der Major nicht zurückgehalten und zu gleicher Zeit ermu⸗ 229 thigt, denn der ſchlaue Weltmann bildete ſich ein, eine günſtige Wendung in Pen's Krankheit entdeckt zu haben. Es war unter anderen Symptomen, welche Pen's Vor⸗ mund und Arzt beruhigten, ein heftiges Ausfließen von Verſen. Er ſprudelte ſie auf den Feldweg durch die Gebüſche hin oder murmelte ſie zwiſchen den Zähnen, wenn er Abends daheim im Familienzirkel ſaß. Wäh⸗ rend er eines Tags in Pen's Abweſenheit im Hauſe herumſtöberte, fand der Major ein großes Buch voll Verſen in dem Arbeitszimmer des Jungen. Er kann nicht ſehr unwohl ſein, dachte klüglich der Pall⸗Mall⸗ philoſoph, und er machte Pen's Mutter, vielleicht nicht ohne ein geheimes Gefühl getäuſchter Erwartung bei ihr zu erregen, (denn ſie liebte das Romantiſche wie andere ſanfte Frauen) darauf aufmerkſam, daß der junge Gentleman ſeit vierzehn Tagen Abends ganz hung⸗ rig zum Diner heim käme, und auch Morgens einen ganz anſtändigen Appetit zum Frühſtück bringe. „Gott, ich wünſchte, ich könnte es ſo,“ ſagte der Major, mit wehmüthiger Erinnerung an ſeine Dinerpillen. „Der Junge hat wieder einen geſunden Schlaf, verlaſſen Sie ſich darauf.“ Es war grauſam, aber wahr. Da er keine andere Seele für ſein Vertrauen hatte — mit ſeiner Mutter konnte er von ſeiner Liebe und ſeinen vereitelten Hoffnungen nicht ſprechen; ſein Onkel behandelte die Sache im verächtlichen Tone des Welt⸗ manns, der, obgleich ſorgfältig gewählt und höflich, gleichwohl zu Mr. Pen's Gefühlen nicht ſtimmte — und Foker war viel zu ungeſchlacht, als daß er ſo feine ſen⸗ timentale Geheimniſſe würdigen konnte, — verdoppelte ſich die Freundſchaft des Jungen für den Pfarrgehilfen, oder vielmehr er wurde nie müde, Smirke's Ohren vor⸗ zuklagen. Was iſt ein Liebhaber ohne einen Vertrau⸗ ten! Mr. Smirke war dem Pen, was dem Korydon die Ulme, in die er den Namen ſeiner Gebieterin ſchnitt. Er ließ in ihm den Namen ſeiner ſchönen Amaryllis widertoͤnen. Wenn Männer eine Melodie nicht mehr 230 ſpielen, ſo kümmern ſie ſich nicht mehr viel um das Inſtrument: aber Pen glaubte große Freundſchaft für Smirke zu hegen, weil er ſeinem Hofmeiſter ſeinen Liebeskummer vorſeufzen konnte, und Smirke hatte ſeine eigenen Gründe, dem Jungen immer ein geneigtes Ohr zu leihen. Pen's Gefühle ſtrömten in einer Fülle von Sonnet⸗ ten gegen den Freund ſeines Herzens aus, wie er den Pfarrgehilfen nannte, welche der Andere mit großer Theilnahme aufnahm. Er überhäufte Smirke mit latei⸗ niſchen Sapphen und alkaiſchen Verſen. Seine Minne⸗ lieder vervielfachten ſich unter ſeiner Feder, und Smirke erklärte und glaubte, daß ſie ſchön wären. Auf der andern Seite drückte Pen eine gränzenloſe Dankbarkeit aus, daß der Himmel ihm einen ſolchen Freund unter ſolchen Umſtänden geſendet habe. Er beſchenkte ſeinen Hofmeiſter mit ſeinen beſtgebundenen Büchern, ſeiner Uhrenkette, und bat ihn, ſein doppelläufiges Gewehr anzunehmen. Er ging nach Chatteries und und nahm auf Borg (denn er hatte kein Geld und war noch Smirke's Schuldner für einige Geſchenke an Fotherin⸗ gay) einen goldnen Bleiſtifthalter, den er Smirke ſchenkte, mit einer Aufſchrift, welche ſeine unveränder⸗ liche und ewige Dankbarkeit gegen den Pfarrgehilfen ausdrückte; und dieſer war natürlich über jeden Beweis von des Jungen Anhänglichkeit hoch erfreut. Der arme Pfarrgehilfe war natürlich über die in Ausſicht ſtehende Abreiſe ſeines Zöglings ſehr betrübt. Mit Arthur ſollte auch Smirke's Beſchäftigung und Wonne ſcheiden. Welchen Vorwand konnte er zu einem täglichen Beſuche in Fairvaks finden, und von dem freund⸗ „lichen Wort oder Blick der dortigen Lady, die dem Pfarr⸗ gehilfen eben ſo nothwendig waren, als das frugale Diner, das Madame Fribsby ihm ſervirte? Wenn Ar⸗ thur fort war, ſö würde er blos noch wie jeder andere Bekannte Beſuche machen dürfen; die kleine Laura konnte ihn nicht mehr als einmal in der Woche den Katechis⸗ 231 mus lernen. Er hatte ſich wie ein Epheu um Fairoaks geſchlungen; er verſchmachtete bei dem Gedanken, daß er ſeinen Halt an dem Orte aufgeben ſollte. Sollte er ſich ausſprechen und vor der Wittwe auf die Knie fal⸗ len? Er überdachte einige Kennzeichen in ihrem Be⸗ nehinen, die ſeinen Hoffnungen ſchmeichelten. Sie hatte vor drei Wochen ſeine Predigt gelobt; ſie hatte ihm außerordentlich gedankt für das Geſchenk einer Melone, und würde ihm immer dankbar ſein für ſeine Güte ge⸗ gen Arthur; und als er erklärte, daß es für ſeine Liebe und Zuneigung gegen den lieben theuren Jungen keine Gränzen gebe, hatte ſie wenigſtens auf eine roman⸗ tiſche Weiſe erwidert und ihre innige Dankbarkeit und Werthſchätzung für alle Freunde ihres Sohnes bezeigt. Sollte er ſich ausſprechen? Sollte er es aufſchieben? Wenn er ſich ausſprach, und ſie ihn abwies, ſo war ihm der Gedanke ſchrecklich, daß ihm das Thor von Fairvaks für immer verſchloſſen wäre. So, meine freundlichen Leſer, ſehen wir, wie Jeder⸗ mann in der Welt ſeinen eigenen Kummer hat, und Angelegenheiten, durch welche er mehr niedergeſchlagen oder beſchäftigt wird, als durch die Angelegenheiten oder Sorgen jeder andern Perſon. Während Mrs. Pen⸗ dennis ſich über den Verluſt ihres Sohnes und des An⸗ halts beunruhigte, den ſie ſo lange an ihm hatte, ſo lange er im Neſte der Mutter blieb, aus dem er nun in die weite Welt ausfliegen ſollte — während des Majors große Seele ſich erhitzt und aufreibt durch die ärgerliche Erwägung, wie große Parthien in London vor ſich gehen, wie er ſich in dem Blicke von Herzogen und Herzoginnen ſonnen könnte, wie ihn dieſe verdammten Geſchichten in der elenden kleinlichen Landpelunke zurück⸗ hielten — während Pen zwiſchen ſeiner Leidenſchaft und einer angenehmern Aufregung, der er zwar noch nicht vollen Raum gibt, die ihn aber ſchon bedeutend in Bewegung ſetzt, ſein Verlangen die Welt zu ſehen, hin⸗ und hergeworfen wird, hat Smirke eine Privatſorge, 232 die an ſeiner Bettſeite wachte, und hinter ihm auf dem Klepper ſaß, und iſt nicht mehr ſatisfacirt als wir Alle. Wie einſam ſind wir in der Welt, wie ſelbſtſüch⸗ tig und geheim. Du und Dein Weib ſeid vierzig Jahre lang auf demſelben Kiſſen gelegen und bildet Euch ein, Eure Seelen ſeien Eins. — Pah, weint ſie, wenn Du das Zipperlein haſt? Nimmt es Dir den Schlaf, wenn ſie am Zahnweh leidet? Deine argloſe Tochter, die Unſchuld ſelbſt, wie Du glaubſt, deren ganze Welt ihre Mama und das Piano iſt, denkt an keines von Beiden, ſondern an den jungen Lieutenant, mit dem ſie auf dem letzten Balle getanzt. Der ehrliche, offene Junge, der erſt von der Schule heimkommt, ſpeculirt insgeheim auf das Geld, das Du ihm geben willſt für die Schul⸗ den, die er beim Tortenmann gemacht. Die alte Groß⸗ mutter, die ſich in der Ecke dort krümmt und in weni⸗ gen Monden in die andere Welt unter Segel geht, hat noch ihre eigenen Geſchäftchen und Sorgen ganz für ſich allein, von denen Niemand etwas weiß — höchſtwahrſcheinlich denkt ſie fünfzig Jahre zurück, und an jene Nacht, in der ſie ſolchen Eindruck machte auf und einen Cotillon tanzte mit dem Hauptmann, ehe Dein Vater ihr ſein Herz anbot, oder was für ein närriſches, ſich überſchätzendes Geſchöpf Dein Weib iſt, und wie albern Du mit ihr thuſt — und, was Dein Weib betrifft — o philoſophiſcher Leſer antworte und ſprich — ſagſt Du Ihr Alles, o, Sir? — Ein ganz verſchiede⸗ nes Univerſum wandelt unter Deinem und unter mei⸗ nem Hut. — Alle Dinge auf der Welt unterſcheiden ſich — das Weib, das wir anblicken, hat für uns Beide nicht die gleichen Züge: das Gericht, das wir ſpeiſen, hat nicht den gleichen Geſchmack für den Einen und den Andern — Du und ich find nur ein Paar von den unendlich vielen Inſelweſen mit ein paar Brudereilan⸗ den, die mehr oder weniger nahe bei uns liegen. Doch kehren wir zu unſerm einſamen Smirke zurück. —— —— 233 Smirke hatte blos eine Vertraute für ſeine Lei⸗ denſchaft — jene höchſt unverſtändige Madame Fribsby. Wie ſie Madame Fribsby wurde, weiß Niemand. Als Miß Fribsby hatte ſie Clavering verlaſſen, um zu einer Putzhändlerin nach London zu gehen. — Sie behaup⸗ tete, daß ſie dieſen Rang in Paris, während ihrer Reſi⸗ denz in jener Stadt, erhalten habe. Wie konnte aber der König von Frankreich, auch bei dem beſten Willen, ihr einen ſolchen Titel verleihen? Doch wir wollen den Schleier dieſes Myſteriums nicht lüften, und ſagen nur ſoviel, daß ſie als kühnes, lebensfrohes, junges Mädchen aus der Heimath fort ging, und als eine ält⸗ liche Perſon zurückkehrte mit einer Madonnaſtirn und melancholiſchen Zügen — kaufte das Geſchäft der ſeli⸗ gen Mrs. Harbottle an, nahm ihre alte Mutter zu ſich ins Haus, war ſehr gut gegen die Armen, ging fleißig in die Kirche, und führte ſich muſterhuft auf; aber Nie⸗ mand in Clavering, Mrs. Portman ſelbſt nicht ausge⸗ nommen, las ſo viele Novellen als Madame Fribsby. Sie hatte in Wahrheit auch für dieſe Kurzweil Zeit ge⸗ nug. Denn ſehr wenig Leute außer denen in der Rek⸗ torei und in Fairvaks gaben ihr Beſchäftigung, und durch das beſtändige Leſen von ſolchen Büchern, die in den Tagen, von denen wir ſchreiben, keineswegs ſo mo⸗ raliſch und erbaulich waren, als heut zu Tage, war ſie ſo albern ſentimental geworden, daß in ihren Augen das Leben nichts Anderes war, als eine endloſe Frei⸗ werberei, und ſie konnte nie zwei Leute bei einander ſehen, ohne daß ſie ſich einbildete, ſie ſtürben für ein⸗ ander. Am Tage nach Mrs. Pendennis Beſuch bei dem Pfarrgehilfen, von dem wir längſt Erwähnung gethan, wurde Madame Fribsby bei ſich einig, daß Mr. Smirke in die Wittwe verliebt ſein müßte, und bot Allem auf, dieſe Leidenſchaft auf beiden Seiten zu ermuthigen. Mrs. Pendennis ſah ſie ſehr ſelten, außer öffentlich und in ihrem Stuhl in der Kirche. Dieſe Lady bedurfte 234 in der That den Modekram ſehr ſelten, oder machte ſie ſich die meiſten ihrer Kleider und Hüte ſelbſt. Aber bei den ſeltenen Anläſſen, bei welchen Madame Fribsby Beſuche von Mrs. Pendennis erhielt oder in Fairvaks ihre Aufwartung machte, verfehlte ſie nie, die Wittwe mit dem Lobe des Pfarrgehilfen zu unterhalten und ſchil⸗ derte, was für ein engelreiner Mann er ſei, wie fein, wie einſam er ſei, wie fleißig er ſtudire, und wie ſie ſich wundern müßte, daß keine Lady ſich ſeiner erbar⸗ men wollte. 8 Helen lachte über dieſe ſentimentalen Bemerkungen und wunderte ſich ihrerſeits, daß Madame ſelbſt nicht ſich ſeiner erbarme und ihn tröſte. Madame Fribsby ſchüttelte ihre Madonnaſtirne: „Mong cure a boco souffare,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hand auf den Theil legte, den ſie als ihr eure bezeichnete. „Il est more en Espang, Madame,“ ſagte ſie mit einem Seufzer. Sie war ſtolz auf ihre Vertrautheit mit der franzöſi⸗ ſchen Sprache und ſprach ſie mehr gewandt als richtig. Mrs. Pendennis fühlte kein Bedürfniß, in die Geheim⸗ niſſe ihres verwundeten Herzens einzudringen, und war, einige Vertraute ausgenommen, eine zurückhaltende und vielleicht ſtolze Frau. Sie ſah in ihres Sohnes Hofmeiſter blos einen Begleiter dieſes jungen Prinzen, der als Geiſtlicher immerhin mit Rückſicht, aber als ein Dienſtmann des Hauſes Pendennis mit gehöriger Würde zu behandeln ſei; auch waren ihr die beſtändigen Anſpielungen der Madame auf den Pfarrgehilfen nicht beſonders angenehm. Es gehörte auch wirklich ſehr viel ſentimentaler Scharfſinn dazu, herauszufinden, daß die Wittwe eine geheime Neigung fuͤr Mr. Smirke habe, ein verderblicher Irrthum, den ſich Madame Fribsby nicht nehmen ließ. Ihr Miethsmann war ganz beſonders geneigt, mit ſeiner weichherzigen Hausfrau zu ſprechen. So oft ſie den Pfarrgehilfen bei Mrs. Pendennis gerühmt hatte, kam ſie von ihr mit dem Glauben zurück, daß die 235 Wittwe ſelbſt ihn gerühmt habe. „Ptre soul au monde est bien ouneeyong,“ pflegte ſie zu ſagen, indem ſie einen Blick auf das Bild eines franzöſiſchen Carabiniers in einem grünen Rocke und meſſingenem Küraß warf, das ihr Zimmer zierte. „Verlaſſen Sie ſich darauf, wenn Mr. Pendennis auf die Univerſität geht, ſo fühlt ſich ſeine Mama ſehr verlaſſen. Sie iſt noch ſehr jung. — Man möchte glauben, ſie ſei noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt. Monsieur le Cury, song cure est touchy-j'ong suis sure — je conny cela biang — ally Monsieur Smirke.“ Er erröthete ſanft; er ſeufzte, er hoffte; er fürch⸗ tete; er zweifelte; er gab manchmal dem wonnevollen Gedanfen nach — er fand ein Vergnügen darin, in Madame Fribsby's Zimmer zu ſitzen und über den Ge⸗ genſtand zu plaudern, wo, da die Putzhändlerin den größten Theil der Unterhaltung in franzöſiſcher Sprache führte und ihre alte Mutter taub war, die zurückge⸗ zogene Alte, welche vor Zeiten Haushälterin, Weib und Wittwe eines Kellermeiſters in der Familie Clavering war, kaum eine Silbe von ihrer Unterredung verſtehen konnte. Als daher Major Pendennis dem Hofmeiſter ſeines Neffen ankündigte, daß der junge Burſche im Oktober auf die Univerſität gehe und daß Mr. Smirke's ſchätzbare Dienſte ſeinem Zögling nicht länger nöthig ſein würden, und der Major, der wie ein Lord mit großer Hoheit ſprach, ſeine ausnehmende Dankbarkeit bezeugte und Mr. Smirke erſuchte, über ſeine Verwendungen in jeder Weiſe zu verfügen — fühlte der Pfarrgehilfe, daß für ihn der entſcheidende Augenblick gekommen ſei und fühlte ſich gepeinigt und gefoltert durch jene gräulichen Qualen, welche die Veranlaſſung hervorrief. Madame Fribsby hatte natürlich die größte Theil⸗ nahme an dem Fortſchritt von Pen's Liebesgeſchichte mit Miß Fotheringay genommen; ſie war nach Chat⸗ teries hinüber gegangen und hatte, nachdem ſie die 236 Schauſpielerin hatte auftreten ſehen, den Ausſpruch ge⸗ than, daß ſie alt ſei und überſchätzt werde; auch hatte ſie über Maſter Pen's Leidenſchaft in ihrem Laden oft und viel geſprochen gegen ein halb Dutzend alter Jung⸗ frauen und alter Frauen in Männerkleidern, die ſich finden in kleinen Landſtädten, und welche die vornehme Bevölkerung von Clavering bildeten. Kapitän Glanders hatte ausgeſprochen, daß Pen ein Teufel von einem Burſchen werden würde und früh angefangen hätte. Mrs. Glanders hatte ihn gebeten, ſeine Bemerkungen zu unterlaſſen und ſeinem eigenen Weibe Achtung zu ſchenken. Sie ſagte, es würde Helen eine Warnung für ihren Stolz und ihre alberne Bethörung für den Jungen ſein. Mrs. Pybus ſagte, viele wären ſtolz auf ſehr geringe Dinge; ſie für ihr Theil wüßte nicht, warum eines Apothekers Frau ſich ſo in die Bruſt werfen ſollte. Mrs. Wapſhot rief einmal ihre Töchter von der Seite der Straße weg, wo Pen auf Rebekka vor dem Laden eines Sattlers hielt, um ſich eine neue Schnur an ſeine Peitſche zu kaufen. Sie Alle hatten aus Neugierde einen Beſuch in Fairvaks gemacht, um der Wittwe ihr Beileid zu bezeugen, oder die Geſchichte mit der Fotheringay auf das Tapet zu bringen und würden durch die ſtolze Zurückhaltung der Mrs. Pen⸗ dennis, die durch die kalte Höflichkeit des Majors, ihres Schwagers, unterſtützt wurde, auf ernſte Weiſe zurück⸗ gewieſen. Dieſe Zurückweiſungen ſetzten jedoch der Klatſcherei noch kein Ende und die Verläſterungen der unglücklichen Familie in Fairvaks nahmen immer noch zu. Glanders (H. P.), ein Kavallerieoffizier außer Dienſt, deſſen Halbſold und große Familie ihn nöthigte, nachdem er den Dragonern Lebewohl geſagt hatte, ſich in Schnaps und Waſſer ſtatt in Claret zu betrinken, hatte gelegentlichen Zutritt in Fairvaks und hielt ſeinen Freund, den Major, daſelbſt mit allen Geſchichten, die man in Clavering erzählte, auf dem Laufenden. Mrs. Pybus hatte ein Billet für einen innern Platz der — ————.—— —.———— 237 Kutſche nach Chatteries genommen und war nach dem George gegangen, um die Einzelnheiten zu erfahren. Mrs. Speers's Bedienter hatte zu gleichem Zwecke Mr. Fokers Diener in Baymouth traktirt. Man erzählte ſich, Pen habe ſich aus Verzweiflung in dem Obſtgar⸗ ten erhängt und ſein Oheim ihn abgeſchnitten, daß im Gegentheil Miß Coſtigan getäuſcht wurde und nicht der junge Arthur, und daß die Geſchichte durch Bezahlung einer großen Summe Geldes, deren Betrag verſchiedentliche Leute in Clavering bezeugen könnten, vertuſcht worden ſei — wobei natürlich die Summe je nach der Berechnung des einzelnen Erzählers wechſelte. Pen ſchüttelte ſeine Mähne und tobte wie ein wüthender Löwe, als die Skandale, die Miß Coſtigans und ſeine Ehre betrafen, zu ſeinen Ohren kamen. Warum war Pybus nicht ein Mann (ſie hatte jedoch Barthaar genug), daß er ſie ausfordern und erſchießen konnte, als Pen Simeve vorübergehen ſah, warf er ihm vom Rücken der Rebekka aus einen ſo finſtern Blick zu und ſchwang ſeine Peitſche auf ſo drohende Weiſe, daß der geiſtliche Herr heim ging und eine Rede ſchrieb oder wenigſtens einſtudirte (denn er gab im weiteſten Umfange mündliches Zeugniß ab), in welchem er von Iſabell und theatraliſchen Unkerhaltungen ſprach (ein doppelter Stich, denn von dem Rektor der alten Kirche, Doktor Portman, war es bekannt, daß er ſolche beſuche) und von einem Jüngling, der ſich in's Verderben ſtürze und auf eine Art, die es Jedem, der ſeine fünf Sinne hatte, klar machen mußte, daß Pen damit gemeint ſei. Was wurde nicht Alles gegen den Jungen Pendennis erſonnen, während er wie Achilles in ſeinem Zelte ſaß und um den Verluſt ſeiner geraub⸗ ten briſeis grollte. Nach dem Vorfall mit Hobnell wurde Pen nicht blos für einen Verworfenen, ſondern ſogar für einen Mörder erklärt und ſein Name zu einem Namen des 238 Schreckens und zum Sprichwort in Clavering gemacht. Aber dieß war nicht Alles, er war nicht das einzige Glied der Familie, über das man in dem Dorfe zu klatſchen begann; auch ſeine Mutter ſollte ein Opfer ihrer Klatſchereien werden⸗ „Es iſt Alles im Reinen,“ ſagte Miß Pybus zu Mrs. Speers, „der Junge muß auf die Univerſität, und dann wird ſich die Wittwe zu tröſten wiſſen.“ „Er iſt jeden Tag ganz ungeſcheut dort geweſen, meine Theure,“ fuhr Mrs. Speers fort, „genug, um den armen Mr. Pen in ſeinem Grabe umzukehren,“ ſagte Mrs. Wapſhot. konnte ihn nie leiden, das wiſſen wir,“ ſagte r1. „Heirathete ihn wegen ſeines Geldes, das weiß Jedermann: war ein geldloſes Anhängſel der Lady Pontypool,“ ſagte Nr. 2. „Es liegt nur zu ſehr am Tage, wie ſie einen Liebhaber ermuthigte, unter dem Vorwand, einen für ihren Sohn zu halten,“ bemerkte 3. „Stl hier kommt Mrs. Portman,“ ſagte eine An⸗ dere, als die Gattin des guten Rektors in den Laden der Madame Fribsby trat, um ihr Modejournal ein⸗ uſehen, das ſo eben von London angekommen war. Leht konnte Madame Fribsby nicht mehr länger an ſich halten und eines Tags, nachdem ſie und ihr Mieths⸗ mann über Pen's nahe Abreiſe geſprochen und der Pfarrgehilfe abgegangen war, um eine ſeiner letzten Lektionen dieſem Gentleman zu geben, theilte Madame Fribsby der Mrs. Pybus, die zufällig mit Mrs. Speers bei ihr eintrat, mit, wie ſie ſtarken Verdacht, ja bei⸗ nahe die Gewißheit hätte, daß zwiſchen einem gewiſſen geiſtlichen Herrn und einer gewiſſen Lady, deren unge⸗ zogener Sohn ganz unlenkbar werde, eine Zuneigung ſtatt finde, die in Bälde eine gewiſſe Heirath zur Folge haben werde. ia 239 Mrs. Portman ſah es natürlich ganz klar, als die Sache zur Sprache kam. Was für ein ſchlauer Fuchs der Pfarrgehilfe war! Er ſei ein Niederkirchler; ſie habe ihn nie leiden können, und er ſollte denken, daß Mrs. Pendennis von ihm was wolle, nachdem ſie einen Mann, wie Mr. Pendennis, geheirathet hätte! Sie konnte kaum fünf Minuten bei Madame Fribsby aushalten, ſo ſehr verlangte ſie nach der Rektorei zu eilen und Doktor Portman die Nachricht zu bringen. Als Doktor Portman dieſe Kunde erhielt, gerieth er in ſolche Wuth gegen ſeinen Pfarrgehilfen, daß ſein erſter Impuls war, mit Mr. Smirke zu brechen und ihn zu bitten, er möchte ſeine Dienſte einem andern Kirchſpiele zuwenden. „Dieſes Milchſuppengeſicht hält ſich einer ſolchen Dame wie Mrs. Pendennis für würdig!“ fuhr der Doktor aus, „wo will es noch mit der Frechheit hinaus!“ „Sie iſt viel zu alt für Mr. Smirke,“ bemerkte Mrs. Portman: „Könnte doch die arme, theure Mrs. Pendennis beinahe ſeine Mutter ſein!“ „Du findeſt immer den nachſichtsvollſten Grund, Betſy,“ rief der Rektor. „Eine Matrone, mit einem erwachſenen Sohn — ſie würde nie wieder an's Heira⸗ then denken.“ „Du meinſt nur Männer ſollten wieder heira⸗ then, Doktor Portman?“ antwortete ſeine Lady ſpitzig. „Du ſtupides altes Weib,“ ſagte der Doktor, „wenn ich fort bin, magſt Du heirathen, wen Du willſt. Ich will ausdrücklich in meinem letzten Willen dafür Für⸗ ſorge treffen, und meinem Nachfolger einen Ring ver⸗ machen, und mein Geiſt ſoll kommen und hei Deiner Hochzeit tanzen.“ „Es iſt grauſam für einen geiſtlichen Herrn, ſo zu ſprechen,“ antwortete die Lady mit bereitem Wimmern; aber dieſe leichten Lüftchen ſtrichen ſehr ſchnell über die Oberfläche von des Doktors Hausſegen hin, und hatten Windſtille und Sonnenſchein im Gefolge. Der Doktor adoptirte einen Plan, um Mrs. Portman's beunruhigte 240 Züge, wieder zu beſänftigen, der eine große Wirkung thut, wenn er bei einem würdigen Paare in Anwen⸗ dung kommt, und von dem eines dem andern treu zu⸗ gethan iſt. „Thäteſt Du nicht beſſer, mit Mr. Smirke zu ſpre⸗ chen, John?“ fragte Mrs. Portman. „Wenn Pen auf die Univerſität geht, cadit quae- stio,“ erwiderte der Rektor, „hören Smirkes Beſuche in Fairvaks von ſelber auf, und dann braucht man nicht der Wittwe in den Ohren zu liegen. Sie hat genug zu leiden mit den Angelegenheiten ihres einfältigen Jungen, ohne daß man ſie noch mit dem Gewäſch in unfrem Orte zu beunruhigen braucht, das Ganze iſt in dem Kopfe der Närrin Fribsby gewachſen.“ „Vor der ich Dich immer gewarnt habe, wie Du wohl weißt, lieber John,“ fiel Mrs. Portman ein. „Das haſt Du gethan, und thuſt es ſehr oft, meine Liebe,“ antwortete der Doktor lachend, „nicht aus Man⸗ gel an Warnung von Deiner Seite, hab ich, glaube ich, meine Meinung über die meiſten Frauen unſrer Bekanntſchaft feſtgeſtellt. Madame Fribsby iſt eine När⸗ rin und Stadtklatſche, wie noch andere, aber ſie iſt gut gegen die Armen, ſorgt für ihre Mutter und geht jeden Sonntag zweimal in die Kirche, und was Smirke an⸗ belangt, meine Liebe —“ hier nahm des Doktors Miene für einen Augenblick einen komiſchen Ausdruck an, den Mrs. Portman nicht bemerkte (denn ſie ſah eben aus dem Fenſter des Beſuchszimmers, und wunderte ſich, wie Mrs. Pybus auf dem Markt wieder um Geflügel feilſchen konnte, während ſie doch vor zwei Tagen eine Sendung von Livermore's bekommen hatte), „und was Mr. Smirke betrifft, liebe Betſy, willſt Du mir ver⸗ ſprechen, daß Du gegen keinen Sterblichen davon ath⸗ weß was ich Dir als ein tiefes Geheimniß anvertrauen will?“ . „Was iſt es, John: natürlich thu ich es nicht,“ antwortete des Rektors Frau. 241 „Nun denn — ich kann es nicht als Thatſache geben, aber wenn Du findeſt, daß Smirke in dieſem Augenblick — ja ſeit Jahren — mit einer jungen Lady — einer Miß — einer Miß Thompſen, wenn Du den Namen haben willſt, die in der Claphamer Gemeinde, ja in der Claphamer Gemeinde nicht weit von Mrs“ Smirkes Hauſe wohnt, verhängt iſt, was wird dann aus Deiner Geſchichte mit Smirke und Mrs. Pendennis werden?“ „Warum haſt Du mir das nicht früher geſagt?“ fragte des Doktors Frau, „ſeit wann weißt Du es 2 Wie haben wir uns doch alle in dieſem Manne ge⸗ täuſcht!“ „Warum ſollte ich mich in andrer Leute Händel miſchen, meine Liebe,“ antworttte der Doktor, „ich weiß ein Geheimniß zu bewahren, und vielleicht iſt es bloß eine Erfindung wie die andere einfältige Geſchichte, zum mindeſten habe ich ſie Dir bloß als Gegengeſchenk für die andere aufgetiſcht.“ Damit ging der Doktor auf ſein Studierzimmer, und da Mrs. Portman die Bemerkung machte, daß es heute ein ausnehmend ſchö⸗ ner Tag ſei, dachte ſie, ſie wollte das Wetter benützen und einige Beſuche machen. Der Doktor, welcher aus dem Fenſter ſeines Stu⸗ dierzimmers ſchaute, ſah wie das Weib ſeines Herzens in voller Gala das Haus verließ. Sie ging quer über den Marktplatz, grüßte rechts und links die Marktwei⸗ ber, warf einen Blick in die Svpecerei, den allgemeinen Stapelplatz an der Ecke, betrat dann die Londoner Straße (vor Zeiten Saugaſſe), hielt einen Augenblick vor Madame Fribsby's Fenſter, ſah ſich die Modeartikel an, welche hier ausgeſtellt waren, ſchien einen Augen⸗ blick zu zögern, ob ſie eintreten wollte, ging aber vor⸗ über und hielt nicht früher, als bis ſie vor Mrs. Py⸗ bus grüne Gartenthür gelangte, durch welche ſie in die niedrige Behauſung dieſer Lady eintrat. Pendennis. 1. 16 242 Hier verlor er nalürlich Mrs. Portman aus dem Geſicht. „O was für einen langen Pfeil hab ich abgeſchoſ⸗ ſen,“ ſprach er bei ſich, Gott ſteh mir bei, und habe mein eigen Fleiſch und Blut getroffen, es darf kein weiteres Geklatſch und Aergerniß in dieſem Hauſe ſein, ich muß ihm ein Ende machen und mit Smirke ſpre⸗ chen, ich will ihn heute Abend zum Diner bitten.“ Da der Doktor eine Predigt zu machen hatte, ſo ſetzte er ſich nieder ans Werk und war ſo eifrig beſchäftigt, daß er nicht vor fünf Uhr Nachmittags ſchloß. Jetzt begab er ſich in Mr. Smirke's Wohnung, um ſeine gaſt⸗ freundlichen Abſichten in Bezug auf dieſen Gentleman auszuführen. Er erreichte Madame Fribsby's Thür, als der Pfarrgehilfe eben aus derſelben trat. Mr. Smirke war prachtvoll gekleidet, und da er ſeine Zehen auswärts bog, zeigte er ein Paar elegan⸗ ter ſeidner Strümpfe mit Spitzengrund und glänzende Tanzſchuhe; ſeine weiße Crawatte hatte eine glänzende, ſteife Schleife und ſeine goldnen Hemdknöpfe erglänz⸗ ten auf ſeiner fleckenloſen Wäſche, ſein Haar war um ſeine ſchönen Schläfe gekräuſelt. Hatte er Madame Fribsby's Brenneiſen geborgt, um ihm dieſe Lockengrazie zu geben? ſein weißes Batiſt⸗Sacktuch duftete von dem köſtlichſten Eau de Cologne. „0 gracilis puer,“ rief der Doktor. — „Wohin gehen Sie, ich wünſchte, daß Sie mit mir zum Diner heimkommen.“ „Ich bin zum Diner nach — nach Fairvaks ein⸗ geladen,“ ſagte Smirke leicht erröthend und das duf⸗ tende Taſchentuch bewegend. Da ſein Klepper auf ihn wartete, ſo ſtieg er auf und ritt einfältig lächelnd die Straße hinab. Kein Unfall begegnete ihm heute und er kam mit ſeiner Schleife in beſter Ordnung vor Mrs. Pendennis's Hauſe an. 243 Siebzehntes Rapitel, welches den erſten Theil dieſer Geſchichte beſchließt. Der Pfarrgehilfe war in ſeinem täglichen Beruf nach Fairvaks gegangen, und war oben über den Trep⸗ pen auf Pen's Arbeitszimmer, indem er vorgab, in dieſer frühen Stunde des Nachmittags mit ſeinem Zögling zu lefen. Als Mrs. Portman ihr Geſchäft mit Mrs. Pybus abgemacht hatte, und das Wetter ſo außerord⸗ entlich ſchön fand, erſtreckte ſie ihren Spaziergang bis nach Fairvaks, um ihrer theuren Freundin daſelbſt einen Beſuch abzuſtatten. Im Verlaufe der Unterhaltung er⸗ zählte des Rektors Lady der Mrs. Pendennis und dem Major über den Pfarrgehilfen Mr. Smirke ein ſehr großes Geheimniß, das Nichts weniger war, als daß er ein ſehr altes Verhältniß habe, welches er lange ganz geheim gehalten. „Und wem hat Mr. Smirke ſein Herz geſchenkt?“ fragte Mrs. Pendennis mit ſtolzer Miene, aber inner⸗ licher Unruhe. „Nun, meine Theure,“ antwortete die andere Lady, „als er zuerſt kam, und in der Rektorei zu diniren pflegte, ſagten die Leute, wir wollten ihn für Mira haben, und wir ſahen uns genöthigt, unſre Einladungen einzuſtellen. Dann ſagten ſie, er habe ſich auf ein anderes Quartier geworfen; aber ich widerſprach im⸗ mer, und ſagte, daß Sie —“ „Daß ich!“ rief WMrs. Pendennis; „gewiß, die Leute find im höchſten Grad inpertinent. Mr. Smirke kam hieher als Arthurs Hofmeiſter und ich bin er⸗ ſtaunt, daß ſich Jemand erfrecht, ſo zu ſprechen.“ „Meiner Seele, das iſt ein wenig zu viel,“ ſprach 244 der Major, indem er die Zeitung und das doppelte Augenglas niederlegte. „Mit dieſer Mrs. Pybus iſt es nicht mehr zum Aushalten,“ fuhr Helen entrüſtet fort. „Ich ſagte ihr, daß es nicht wahr ſei,“ verſetzte Mrs. Portman, „ich ſagte ihr immer ſo, meine Theure, und jetzt kommt es heraus, daß der ſi ſittſame Gentleman ſeit langer Zeit mit einer jungen Lady Miß Thompſon von der Gemeinde Clapham verlobt iſt, und ich freue mich für mein Theil, und auch für Mira: denn ein unverheiratheter Pfarrgehilfe iſt immer ein Vorwurf für das Haus und wir müſſen es natürlich geheim hal⸗ ten, aber ich dachte, ich ſollte Ihnen davon ſagen, da es Unannehmlichkeiten beſeitigen könnte. Aber kein Wort von der Geſchichte, wenn ich bitten darf.“ Mrs. Pendennis ſagte vollkommen aufrichtig, daß es ſie ausnehmend freue, die Neuigkeit zu hören, ſie hoffe, Mr. Smirke, der ein ſehr gütiger und liebens⸗ würdiger Mann ſei, bekomme eine ſeiner würdige Gat⸗ tin; und als ihr Beſuch fort war, ſprachen Helen und ihr Schwager über die Sache mit großer Satisfaktion, indem die gütige Lady ſich Vorwürfe über ihr Beneh⸗ men gegen Mr. Smirke machte, den ſie in letzter Zeit eher gemieden hätte, anſtatt ihm für ſeine beharrliche Aufmerkſamkeit gegen Arthur Dank zu wiſſen. „Es iſt ganz recht, wenn man gegen ſolche Leute dankbar iſt,“ ſagte der Major, aber von Vertraulichkeit darf keine Rede ſein. Dieſer Gentleman gibt ſeine Lek⸗ tionen und erhält ſein Geld dafür, wie jeder andere Lehrer. Sie ſtellen ſich nicht hoch genug, meine Gute. Man muß im Rang u. dergl. Unterſchiede machen. Ich — ſagte Ihnen früher, Sie ſeien zu gütig gegen Mr. Smirke.“ Aber Helen war nicht dieſer Meinung, und jetzt, da Arthur fortging und da ſie bedachte, wie ungemein gütig Mr. Smirke geweſen, wie er Botſchaften für ſi ſie ausgerichtet habe, wie er Bücher gebracht und Muſi⸗ 24⁵ kalien abgeſchrieben, wie er Laura ſo viel Nützliches gelehrt und ihr ſo viele freundliche Geſchenke gemacht habe, bereute ſie in ihrem Innern ihre Undankbarkeit gegen den Pfarrgehilfen in dem Maße, daß, als er von dem Arbeitszimmer mit Pen herabkam und vor ſeinem Abgang in der Halle zögerte, ſie hinaustrat, ihm mit etwas erröthendem Geſichte die Hand drückte, und ihn bat, in ihr Geſellſchaftszimmer einzutreten, wo ſie ihn, wie ſie ſagte, jetzt nimmer ſehen würden, und da es an dieſem Tage ein reichlicheres Diner gab, ſo lud ſie ihn ein, daran Theil zu nehmen, und wir dürfen verſichert ſein, daß er nur zu glücklich war, dieſe wonnevolle Aufforderung anzunehmen. Durch obige Mittheilung aller ihrer früheren Zwei⸗ fel und Beſorgniſſe in Bezug auf den Pfarrgehilfen entledigt, war Helen während des Diner ausnehmend gütig und liebreich gegen Mr. Smirke und verdoppelte ihre Aufmerkſamkeiten vielleicht, weil Major Pendennis gegen den Hofmeiſter ſeines Neffen ſehr ſtolz und zu⸗ rückhaltend war. Als Pendennis Smirke bat, Wein zu trinken, wandte er ſich an ihn, als ob ein Souverän mit einem niedrigen Dienſtmanne ſpräche, in einem ſo herablaſſenden Tone, daß ſelbſt Pen darüber lachte, ob⸗ gleich er ſeines Theils nicht weniger eingebildet war, als die meiſten jungen Leute ſind. Aber Smirke kümmerte ſich nicht um die Imper⸗ tinenzen des Majors, ſo lange die Frau vom Hauſe ſo gütig gegen ihn war, und es waren ſelige Augenblicke, die er an ihrer Seite genoß, indem er alle ſeine Un⸗ terhaltungskräfte aufbot, ihr zu gefallen, und auf eine theils geiſtliche, theils weltliche Weiſe von dem Fauci⸗ bazaar und der großen Miſſionärverſammlung, von der letzten neuen Novelle und des Biſchofs vortrefflicher ede — von den faſhionablen Parthieen in London ſprach, von denen er in den Zeitungen geleſen hatte — kurz, er vernachläßigte keine Kunſt, wodurch ein ſtudier⸗ ter Geiſtlicher, welcher Talente für geiſtreiche und wiſ⸗ 246 ſenſchaftliche Unterhaltung, einen Geſchmack für das Edle, einen guten Ruf, und ein empfängliches Herz hat, verſucht, ſich einer Perſon angenehm zu machen, der er ſeine Neigung geſchenkt. Major Pendennis kam bald gähnend aus dem Speiſezimmer, nachdem daſſelbe ſeine Schwägerin und die kleine Laura verlaſſen hatten — „was für ein un⸗ ausſtehlicher Bauer dieſer Mann iſt, und wie er ſprach,“ ſagte der Major. „Er iſt ſehr gut gegen Arthur geweſen, der in ihn ganz verliebt iſt — ich möchte wiſſen, wer die Miß Thompſon iſt, die er heirathen will?“ „Ich dachte immer, der Burſche ſehe nach einer andern Richtung,“ ſagte der Major. „Und nach welcher?“ fragte Mrs. Pendennis ganz unſchuldig, — „nach Myra Portman?“ „Nach Helen Pendennis, wenn Sie's wiſſen müſſen,“ antwortete ihr Schwager. „Noch nie! unmöglich!“ ſagte Helen, welche gar wohl wußte, daß dieß der Fall war. „Seine Heirath wird eine ſehr glückliche ſein, ich hoffe, Arthur trinkt nicht zu viel Wein.“ Nun aber erröthete Arthur vor Stolz über das Vorrecht, die Schlüſſel des Kellers zu haben, undeingedenk, daß wahrſcheinlicher Weiſe ſehr wenige Diners ſtatt finden würden, an denen er und ſein theurer Freund Smirke theilnehmen könnten, hatte er einen reichlichen Vor⸗ rath von Claret heraufbringen laſſen, und als die Aeltern ihn mit der kleinen Laura verlaſſen hatten, ſo begannen er und der Pfarrgehilfe dem Wein ſehr eifrig zuzuſprechen.. Eine Flaſche gab bald ihren Geiſt auf, eine andere hatte mehr denn die Hälfte ihres Blutes vergoſſen, ehe die beiden Zecher mehr als eine halbe Stunde bei⸗ ſammen waren — Pen hatte mit hohlem Lachen und hohler Stimme einen Becher auf die Falſchheit der Weiber getrunken und ſardoniſch bemerkt, daß der Wein 247 jedenfalls eine Geliebte ſei, die niemals untreu werde und einen ſtets willkommen heiße. Smirke bemerkte ſanft, daß er für ſeinen Theil Frauen kenne, die voller Treue und Zärtlichkeit ſeien, und ſeine Augen an die Decke werfend, und einen Seuf⸗ zer ausholend, als ob er etwas Theures und Unnenn⸗ bares heraufbeſchwöre, ergriff er ſein Glas und leerte es, und der roſige Inhalt begann ſein Roth über ſein Geſicht zu ergießen. Pen recitirte einige Verſe, die er dieſen Morgen gemacht, in denen er ſich ſelbſt benachrichtigte, daß das Weib, das ſeine Leidenſchaft verſchmäht habe, nicht werth ſein könne, ſie zu gewinnen, daß er aus der Liebe wahn⸗ ſinnigem Fieber erwache und unter dieſen Umſtänden Fai⸗ rvaks verlaſſe und ſich von der herzloſen Betrügerin wende; daß ein Name, der im Lande einſt gefeiert worden, wieder gehört werden dürfte, und vaß, obgleich er nie der ſorgloſe glückliche Junge ſein könnte, der er vor noch vor wenigen Monaten geweſen, oder ſein Herz ſein, was es war, ehe die Leidenſchaft es erfüllte und der Gram es beinahe getödet hätte, daß obgleich ihm per⸗ ſönlich der Tod ſo willkommen als das Leben ſei, und er nicht zögern würde, daraus zu ſcheiden, deſſen Glück von dem ſeinigen abhänge — ſo hoffte er doch zu zei⸗ gen, daß er ein Mann ſei, ſeines Geſchlechtes würdig, und daß eines Theils die Falſche dahin zur Erkennt⸗ niß gebracht werden ſollte, wie groß der Schatz und wie edel das Herz war, die ſie von ſich geſtoßen. Pen, der äußerſt erregſam war, ſtrömte mit ſeiner vollen, lieblichen Stimme, die vor Bewegung zitterte, während unſer Dichter ſprach, dieſe Verſe hervor, er⸗ erröthete in ſeinem erregten Zuſtande ſo lieblich, und ſeine großen, ehrlichen grauen Augen verriethen ſo ächte herzliche und männliche Empfindſamkeit, daß Miß Co⸗ ſtigan, wenn ſie ein Herz hatte, ſich nothwendig er⸗ weicht haben würde, und ſehr wahrſcheinlich war ſie, 248 wie er ſagte, der Zuneigung, die er an ſie verſchwen⸗ dete, ganz und gar unwürdig. Der ſentimentale Smirke war von der Aufregung ſeines jungen Freundes ergriffen, er faßte Pen's Hand, über die Deſſertteller und Weingläſer. Er ſagte, die Verſe wären ſchön, Pen ſei ein Dichter, ein großer Dichter und würde, ſo Gott wolle, eine große Carriere in der Welt machen: „mögen Sie zugehen und gedeihen, theurer Arthur,“ rief er, „die Wunden, unter denen Sie jetzt leiden, ſind vorübergehend, und der Schmerz, den Sie empfinden, wird Ihr Herz nur reinigen und ſtärken. Ich habe immer das Höchſte und Herrlichſte von Ihnen prophezeit, ſo bald Sie einige Schwächen und Fehler des Charakters gebeſſert haben, die Ihnen noch anhängen, aber Sie werden darüber wegkommen, mein Lieber, Sie werden darüber wegkommen; und wenn Sie berühmt und gefeiert ſind, wie Sie es ſein werden, ſo erin⸗ nern Sie ſich Ihres alten Hofmeiſters und der glücklichen Jahre Ihrer Jugend.“ Pen betheuerte es mit einem zweiten Händedruck über den Gläſern und der Aprikoſen. „Ich werde nie vergeſſen, wie freundlich Sie gegen mich geweſen find, Smirke,“ ſagte er. „Ich weiß nicht, was ich ohne Sie angefangen hätte, Sie ſind mein beſter Freund.“ „Bin ich das, wirklich, Arthur?“ ſagte Smirke durch ſeine Brille ſehend, und ſein Herz begann zu ſic⸗ ſo daß er glaubte, Pen müßte es beinahe ören. „Mein beſter Freund, mein Freund für immer, Gott ſegne Sie, alter Junge, und er trank das letzte Glas der zweiten Flaſche des berühmten Weines, den ſein Vater eingelegt, den ſein Onkel gekauft, den Lord Levant eingeführt, und der jetzt, wie ein indolenter Sklave ſeinem gegenwärtigen Eigenthümer Vergnügen, ſeinem jungen Gebieter Ergötzung gewährte. „Wir wollen noch eine weitere Flaſche trinken, alter Junge,“ ſagte Pen, „beim Jupiter, das wollen 249 wir. Hurrah! Nichts geht über den Claret. Mein Onkel ſagte mir, daß er Sheridan bei Brookes fünf Flaſchen und überdieß eine Flaſche Maras⸗Chim trin⸗ ken ſah. Dieß iſt einer der beſten Weine in England, ſagte er. Das iſt er auch; beim Jupiter. 's gibt kei⸗ nen, der's ihm gleich thut. Nunc vino pellite curas, cras ingens iterabimus aequor, — füllen Sie Ihr Glas, alter Smirke. Ein Orhoft davon würde Ihnen Nichts zu Leide thun.“ Und Mr. Pen fing an das Trinklied aus dem Freiſchützen zu ſingen. Die Fenſter des Speiſeſaals ſtanden offen und ſeine Mutter ging gemächlich auf dem Raſen draußen ab und zu, während die kleine Laura die untergehende Sonne betrachtete. Die lieblichen, friſchen Akkorde von des Jungen Stimme erweichten die Wittwe. Es frente ihr liebendes Herz, daß ſie ihn ſingen hörte. „Sie — Sie trinken zu viel Wein, Arthur,“ be⸗ merkte Smirke ſanft. — „Sie regen ſich auf.“ „Nein,“ ſagte Pen, „die Weiber machen Kopfweh, aber der da nicht. Füllen Sie Ihr Glas, alter Junge, und laſſen ſie uns trinken, — ſage ich, Smirke, mein Junge — laſſen Sie uns trinken auf ſie — Ihre Sie, meine ich, nicht die meinige, um die ich mich, ich ſchwöre es, nicht mehr kümmere — nein, keinen Pfifferling — keinen Heller — nein, kein Glas Wein. Geben Sie uns was von der Lady zum Beſten, Smirke, ich habe oft geſehen, wie Sie nach ihr ſeufzten. „O!“ ſprach Smirke und ſeine ſchöne Batiſthemd⸗ krauſe und ſeine glänzenden Hemdknöpfe bogen ſich von der Aufregung, die ſeinen zarten und leidenden Buſen bewegte. „O, — was für ein Seufzer!“ rief Pen, indem er ſehr aufgeräumt wurde, füll, mein Junge, und trink den Toaſt. Sie können einen Toaſt nicht zurückweiſen, kein Gentleman weist einen Toaſt zurück. Da, auf ihre Geſundheit und gut Glück für ſie, möge ſie bald Mrs. Smirke werden.“ „Sagen Sie ſo?“ fragte Smirke zitternd. „Sagen 250 Sie wirklich ſo, Arthur? Da, auf Mrs. Smirke's Ge⸗ ſundheit: auf, auf, Hurrah!“ Smirke ſtürzte krampfhaft ſein Glas hinab, und Pen ſchwenkte das ſeinige über dem Haupt und jubelte ſo, daß ſeine Mutter und Laura auf dem Grasplatze ſich wunderten und ſein Oheim, der über der Zeitung im Geſellſchaftszimmer doste, auffuhr und bei ſich ſelbſt ſagte: „der Junge trinkt zuviel.“ Snirke ſetzte das Glas nieder. 2 „Ich nehme die Vorbedeutung an,“ keuchte der erröthende Pfarrgehilfe. „O, mein theurer Arthur, Sie — Sie kennen ſie —“ „Was — Myra Portman? Ich wünſche Ihnen Glück: ſie hat eine verteufelt breite Taille; aber ich wünſche Ihnen Glück, alter Junge.“ „O, Arthur!“ ſtöhnte der Pfarrgehilfe wieder und ſchüttelte ſprachlos den Kopf. „Bitt' um Verzeihung — fürchte, ich beleidigte Sie — aber ſie hat eine ſehr breite Taille bekommen — eine verdammt breite Taille,“ fuhr Pen fort, indem die dritte Flaſche auf den jungen Gentleman ſichtbar zu wirken ſchien. . „'s iſt nicht Miß Portman,“ ſagte der Andere mit der Stimme eines Gepeinigten. „Iſt's Jemand in Chatteries oder in Clapham 2 Iſt's Jemand hier, nein — Iſt's nicht die alte Pybus? Es kann nicht Miß Rolt in der Faktorei ſein — ſie iſt erſt vierzehn.“ „'s iſt Jemand Aelteres, als ich, Pen,“ rief der Pfarrgehilfe ſeinen Freund anblickend, und dann ſchuld⸗ bewußt die Augen auf das Teller ſenkend. Pen brach in ein Lachen aus. „Es iſt Madame Fribsby, beim Jupiter, es iſt Madame Fribsby, Madame Fribsby beim den unſterblichen Göttern!“ Der Pfarrgehilfe konnte ſich nicht mehr halten. „O Pen,“ rief er „wie können Sie vermuthen, daß Eines von jenen von jenen, mehr denn gewöhnli⸗ — —r troffen. 25¹ chen Weſen, die Sie genannt haben, einen Einfluß auf dieſes Herz haben konnten, während ich täglich der Vollkommen⸗ heit ſelbſt ins Antlitz ſchaute! ich mag unfinnig, mag ver⸗ rückt, ehrgeizig, ich mag anmaßend ſein, — aber ſeit zwei Jahren hat mein Herz nur ein Bild erfüllt und keinen andern Abgott gekannt. Hab ich Sie nicht als Sohn geliebt, Arthur? ſagen Sie, hat Karl Snirke Sie nicht als Sohn geliebt?“ „Ja, alter Junge, Sie ſind immer ſehr gut gegen mich geweſen,“ ſagte Pen, deſſen Zuneigung zu ſeinem Hofmeiſter jedoch keineswegs kindlicher Ratur war. „Meine Mittel,“ platzte Smirke heraus, „ſind ge⸗ genwärtig beſchränkt, und ich geſtehe es, meine Mutter iſt nicht ſo freigebig, als zu wünſchen ſein möchte; aber was ſie hat, gehört bei ihrem Tode mir. Würde ſie hören, daß ich eine Lady von Rang und guten Glücks⸗ umſtänden heirathete, ſo würde ſie gewiß freigebig ſein. Was ich habe, oder in der Folge ererbe, das ſind zum allerwenigſten jährliche fünfhundert, — die würden ihr zugeſchrieben und — und — und Sie wür⸗ den bei meinem Tode — das heißt —“ „Was zum Henker meinen Sie, und was habe ich mit Ihrem Gelde zu ſchaffen?“ rief Pen ganz be⸗ „Arthur, Arthur!“ rief der Andere mild, „Sie ſa⸗ gen, ich ſei Ihr liebſter Freund — laſſen Sie mich mehr ſein. O, können Sie nicht ſehen, daß das Engelweſen, das ich liebe — die reinſte, die beſte der Frauen — keine Andere iſt, als Ihr theurer, theurer Engel von Mutter.“ „Meine Mutter!“ rief Arthur aufſpringend, und war im Augenblicke nüchtern. „Pah! Gott verdamme mich, Smirke, Sie müſſen verrückt ſein — ſie iſt ſieben oder acht Jahre älter als Sie ſind.“ „Iſt das Ihr einziger Einwurf?“ fragte Smirke mit kläglicher Stimme, indem er natürlich auf das hö⸗ here Alter von Pen's eigner Liebſchaft anſpielte. 252 Der Junge fühlte den Wink, und erröthete über und über. „Die Fälle ſind nicht gleich, Smirke,“ ſagte er, „und die Anſpielung hätte erſpart werden können. Ein Mann kann ſeinen Rang vergeſſen und irgend ein Weib zu ſich erheben; aber erlauben Sie mir, zu ſagen, unſere Stellungen ſind ſehr verſchieden.“ „Theurer Arthur, wie meinen Sie das?“ fiel der Pfarrgehilfe wehmüthig ein, indem er niederkauerte, da er fühlte, daß ſein Urtheil ihm verleſen werde ſolle. „Wie ich's meine?“ ſagte Arthur. „Ich meine, was ich ſage. Mein Hofmeiſter, ich ſage, mein Hof⸗ meiſter, hat nicht das Recht, eine Lady von meiner Mutter Rang ſich zur Ehe zu erbitten. Es iſt ein Bruch des Vertrauens, ich ſage, es iſt eine Freiheit, die Sie ſich nehmen, Smirke — es iſt eine Freiheit — meine? freilich!“ „O Arthur!“ Der Pfarrgehilfe begann mit gefal⸗ teten Händen und einem feurigen Geſichte zu ſprechen; aber Arthur ſtampfte wiederholt mit dem Fuße und be⸗ gann die Glocke zu ziehen. „Wir wollen nicht mehr von Dieſem. Wir wollen Kaffee, wenn's gefällig iſt,“ fagte er mit majeſtätiſcher Miene, und als der alte RKellermeiſter eintrat, hieß ihn Arthur dieſe Erfriſchung bringen. John ſagte, er hätte ſo eben Kaffee in das Geſellſchaftszimmer gebracht, wo ſein Onkel nach Ma⸗ ſter Arthur frage, und der alte Mann warf einen Blick der Verwunderung auf die drei leeren Claretflaſchen. Smirke ſagte, er meine, er wollte — er wollte lieber nicht in das Geſellſchaftszimmer gehen, worauf Arthur hochmüthig erwiderte: „Wie's gefällig iſt,“ und befahl, Mr. Smirke's Pferd vorzuführen. Der arme Schelm ſagte, er wiſſe den Weg nach dem Stall, und wolle ſich ſein Pferdchen ſelbſt verſchaffen und begab ſich in die Halle, und nahm traurig Stock und Hut. Pen folgte ihm unbedeckt. Helen ging immer noch, da die Sonne unterging, auf dem weichen Grasplatze auf und nieder. Der Pfarrgehilfe nahm ſeinen Hut ab und verbeugte —— — —— — 253 ſich zum Abſchied und begab ſich nach der Thür, die in den Stallhof führte, in welchem das Paar verſchwand. Smirke wußte, wie er ſagte, den Weg nach dem Stalle ganz gut, er tappte an der Sattelgurt umher, die Pen für ihn befeſtigte, legte den Zaum an und führte den Klepper in den Hof. Der Junge war be⸗ troffen über den Schmerz, den der Andere beim Auf⸗ ſteigen in ſeiner Miene verrieth. Pen hielt ihm die Hand dar und Smirke drückte ſie ſchweigend. „Smirke,“ ſprach er mit bewegter Stimme, „ver⸗ zeihen Sie mir, wenn ich zu barſch geweſen bin — denn Sie ſind immer ſehr, ſehr gut gegen mich gewe⸗ ſen. Aber es kann nicht ſein, alter Geſelle, es kann nicht ſein, ſeien Sie ein Mann. Gott ſegne Sie!“ Smirke nickte ſchweigend mit dem Kopf, und ritt ſtill aus dem Lodgenthor, und Pen ſah ihm ein paar Minuten nach, bis er aus ſeinen Augen verſchwand und der Hufſchlag ſeines Kleppers dahin ſtarb. Helen ſchlenderte noch auf dem Grasplatz dahin und wartete, bis der Junge zurückkam. — Sie ſtrich ihm das Haar von der Stirne und küßte ihn zärtlich; ſie fürchtete, er hätte zu viel Wein gekrunken. „Warum war Mr. Smirke fortgegangen, ohne zuvor Thee zu trinken?“ Heitere Laune ſtrahlte aus ſeinem Geſicht und er antwortete lachend: „Smirke iſt unwohl.“ Seit langer Zeit hatte Helen den Jungen nicht ſo aufgeräumt ge⸗ ſehen. Er ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und ging mit ihr vor dem Hauſe auf und nieder. Laura begann an das Fenſter des Geſellſchaftszimmers zu pochen, zu nicken und zu lachen. „Kommt, kommt ihr zwei Leut⸗ chen,“ rief der Major Pendennis, „euer Kaffee wird ganz kalt.“ Als Laura zu Bette gegangen war, brach Pen mit dem Geheimniß, an dem er ſchwer getragen, hervor, und beſchrieb den tragiſchen, aber zugleich komiſchen Auftritt, der ſich begeben hatte. Helen hoͤrte es mit manchem Erröthen, das ihrem blaſſen Geſichte wohl anſtand, und 254 einer aenhei an, an der ſich Arthur ſchelmiſch weidete. „Zum Henker auch mit der Frechheit des Burſchen,“ ſprach der Major Pendennis, indem er ſein Licht nahm, „wo will es noch mit dieſem anmaßenden Volke hin⸗ aus?“ Pen und ſeine Mutter plauderten dieſen Abend noch lange, voll von Liebe, Vertrauen und Scherz, und der Junge ſchlief geſünder, und erwachte früher, als er ſeit vielen Monaten gethan. Ehe der große Mr. Dolphin Chatteries verließ, ſchloß er nicht allein mit Miß Fotheringay einen vortheilhaften Vertrag, ſondern hinterlegte auch eine reichliche Summe zur Bezahlung etwaiger Schulden, welche die kleine Familie während ihres dortigen Aufenthalts gemacht haben mochte, und die durch die haushälteriſche Spar⸗ ſamkeit der Lady nicht beträchtlich waren. Die kleine Rechnung bei dem Liqueurhändler, welche Major Pen⸗ dennis berichtigte, war die Hauptſchuld Kapitän Coſtigan's, und obgleich der Kapitän eimal davon ſprach, er wolle Alles auf Pfennig und Heller zurückbezahlen, ſo ſcheint es doch nicht, daß er dieſe Drohung ausgeführt habe, auch verpflichteten ihn die Geſetze der Ehre nicht im Geringſten zu der Ausführung. Als Miß Coſtigan alle ausſtehenden Rechnungen bis auf den letzten Shilling bezahlt hatte, übergab ſie den Ueberſchuß ihrem Vater, der in Gaſtfreundlichkeiten gegen alle ſeine Freunde ausbrach. Den kleinen Creeds gab er mehr Aepfel und Lebkuchen, als er ihnen jemals zuge⸗ ſtellt hatte, ſo daß die Wittwe Creed ihres Miethsmanns immer mit Verehrung gedachte, und die Kleinen bei ihrem Abgang bitterlich weinten, und mit einem Worte, er wirthſchaftete auf das Geld ſo eifrig los, daß er viele Tage vor der Zeit ihrer Abreiſe einen Wechſel auf Mr. Dolphin ziehen mußte, um die Reiſekoſten zu beſtreiten. In einer Schenke jener Countyſtadt wurde all⸗ wöchentlich von einer Geſellſchaft Gentlemen, die ſich . 255 Buckanier nannten, ein luſtiges, beinahe tumultuari⸗ ſches Kränzchen gehalten. Einige der größten Geiſter von Chatteries gehörten zu dieſem luſtigen Klubbe. Der Apotheker Graves (kein beſſerer Geſelle ſteckte jemals die Pfeife in den Mund und ſchmauchte), Smart, der talentvolle, launige Porträtmaler von High Street, der treffliche Auktionär, Croker u. ſ. w. Hicks, der tüchtige dreiundzwanzigjährige Herausgeber des Graf⸗ ſchafts⸗Chronikle's und des Kämpen von Chatteries waren unter der Mannſchaft der Buckaniers, zu denen auch der Direktor Bingley am Samſtag Abend ſtieß, wenn er von ſeiner Lady die Erlaubniß erhielt. Coſtigan war auch ein gelegentlicher Buckanier. Aber Unpünkt⸗ lichkeit im Bezahlen hatten ihn einigermaßen aus der Geſellſchaft ausgeſchloſſen, wo er ſich unangenehmen Bemerkungen des Wirths ausſetzte, welcher behaup⸗ tete, daß ein Buckanier, der ſeine Zeche nicht bezahle, ganz und gar nicht verdiene, ein Seebandit zu werden. Als aber den Ears, wie ſich die Klubbiſten vertraulich nannten, bekannt wurde, daß Miß Fotheringay ein glän⸗ zendes Engagement gemacht habe, trat in dem Kiubb, in Bezug auf Kapitän Coſtigan, eine große Revolution der Gefühle ein. Solly, der Wirth zur Traube (und ich brauche nicht zu ſagen, daß nie ein wackrerer Burſche hinter dem Schenktiſche ſtand), ſagte der Nobleſſe in dem Zimmer der Buckanier eines Abends, wie nobel der Kapi⸗ tän ſich benommen, und alle ſeine Borgſchulden in Chat⸗ teries, ſeine drei Pfund vierzehn Shillinge hier miteinge⸗ ſhloſſen, bezahlt habe — und erklärte, daß Cos im Grund ein guter Burſche und ein Gentleman ſei, und er, Solly, habe immer ſo geſagt, und wirkte ſchließlich ſo auf die Gefühle der Buckanier, daß ſie dem Kapitän ein Diner gaben. — Das Bankett fand am letzten Abend von Coſtigan's Aufenthalt in Chatteries ſtatt, und wurde auf Solly's gewohnte Manier ſervirt. Ein ſo gutes alt⸗ engliſches Diner, als je auf einem Tiſche duftete, wird von Mrs. Solly zubereitet, und achtzehn Gentlemen 256 ſaßen in die Runde, Mr. Jubber (der ausgezeichnete Tuchhändler von High Street) präſidirte, und hatte dieſen ausgezeichneten Klubbgaſt ſich zur Rechten ſitzen, der tüchtige, handfeſte Hicks funktionirte als Crvupier; die meiſten Klubbmitglieder waren gegenwärtig und H. Foker Esq. und Spavin Esq., Freunde Kapitän Coſti⸗ gan's, waren Theilnehmer des Feſtes. Als die Tafel abgedeckt war, ſprach der Präſident: „Coſtigan, da iſt Wein, wenn Sie wollen,“ da aber der Kapitän Punſch vorzog, ſo wurde dieſe Flüſſigkeit durch Akklamation votirt, und nachdem das „Non Nobis““ zu allgemeiner Bewunderung von den Herren Bingley, Hicks und Bullby (von dem Cathedralchore, einen jovialern Kopf gab es nicht), der einen Humpen oder eine Bulle leerte, brachte ver Präſident die Geſundheit des Königs aus, die mit der Jovialität der Männer von Chatteries getrunken, und brachte dann ohne weitere Umſchweife ihren Freund, Kapitän Coſtigan, in Wurf. Nachdem ſich das begeiſterte Lebehoch, das durch alt Chatteries erſchollen, ſich gelegt hatte, erhob ſich Kapitän Coſtigan und hielt eine Rede von zwanzig Minuten, in welchen er wiederholt von ſeinen Gefühlen überwältigt wurde. Der ritterliche Kapitän bat wegen unzuſammen⸗ hängender Rede um Entſchuldigung, wenn ſein Herz zu voll ſei, Worte zu finden, er verlaſſe eine Stadt, berühmt durch ihr Alterthum, ihre Gaſtfreundlichkeit, die Schönheit ihrer Frauen, die Treue, Edelmuth und Jovialität ihrer Männer (Jubel); er ſcheide aus dieſer alten und ehrwürdigen Stadt, an die er, ſo lang ſein Gedächtniß ihn nicht verlaſſe, ſtets mit der zärtlichſten Rührung denken werde, nach einer Hauptſtadt, wo die Talente ſeiner Tochter ein reiches Feld haben würden, und wo er ſie wie ein Schutzengel bewachen werde; er werde nie vergeſſen, daß ſie in Chatteries die Kunſt gewonnen, die ſie jetzt in einer anderen Sphäre nus⸗ üben werde und in ihrem und ſeinem eigenen Namen 257 danke er, Jack Coſtigan, und wünſche ihnen des Him⸗ mels Segen. Die Worte des ritterlichen Offiziers wurden mit wieherndem Jubel aufgenommen. Mr. Hicks, Croupier, brachte mit glänzendem Nach⸗ druck die Geſundheit der Miß Fotheringay aus. Kapitän Coſtigan dankte in einer Rede, die voll von Gefühl und Beredtſamkeit war. Mr. Jubber brachte einen Toaſt auf das Drama und das Theater von Chatteries aus, und Mr. Bingley war im Begriff ſich zu erheben, wurde aber von Kapitän Coſtigan ver⸗ hindert, der vermöge ſeiner langen Verbindung mit dem Theater von Chatteries und von wegen ſeiner Tochter der Geſellſchaft dankte. Er benachrichtigte ſie, daß er in Gibraltar und in Malta in Garniſon und bei der Ein⸗ nahme von Fluſhing geweſen ſei. Der Herzog von York ſei ein Schutzherr des Drama, er habe die Ehre ge⸗ habt mit Sr. königlichen Hoheit und dem Herzog von Kent oft und viel zu diniren und der Erſtere ſei mit Recht ein Freund der Soldaten genannt worden (Jubel). Jetzt wurde ein Toaſt auf die Armee proponirt und Kapitän Coſtigan dankte wieder. Im Verlaufe der Nacht ſang er ſeine wohlbekannten Lieder „der Deſer⸗ teur,“ „der Shan van Voght,“ „das kleine Ferkel un⸗ ter dem Bett“ und „das Lebewohl von Avoca.“ Der Abend war ein großer Triumph für ihn — er endete. Alle Triumphe und alle Abende haben ihr Ende. Am nächſten Tage nahmen, nachdem Miß Coſtigan von allen ihren Freunden ſich verabſchiedet und mit Miß Rounch ausgeſöhnt, für welche ſie Halsſpitzen und ein weißes Satinfleid hinterließ, er und Miß Coſtigan Plätze auf dem Competitor, der an dem Thore von Fairvaks⸗ Lodge vorbei rollte, und Pendennis ſah ſie nimmer. Der Kutſcher Tom Smith wies Fairoaks dem Mr. Co⸗ ſtigan, der auf dem Bocke ſaß und nach Rum und Waſſer roch — und der Kapitän meinte, es ſei ein arm⸗ ſeliger Sitz — und fuhr fort: „Ihr ſolltet Caſtle Co⸗ Pendennis. 1. 17 v 258 ſtigan County Mayo ſehen, mein Junge,“ worauf Tom ſagte, daß er es ſehr zu ſehen wünſchte. Sie waren jetzt fort, und Pen hatte ſie nimmer geſehen! Er erfuhr ihre Abreiſe blos aus der County Zeitung, wo ſie angezeigt wurde, und galoppirte ſtracks nach Chatteries hinüber, um die Wahrheit zu hören. Sie waren allerdings fort; ein Zettel: „Wohnung zu vermiethen,“ war an das kleine Familienfenſter geheftet; er ſtürzte hinauf in das Zimmer und muſterte es, er ſaß lange in dem alten Fenſterſitz und ſchaute in den Garten des Dechants, aus dem er und Emily ſo oft zuſammen hinausgeſehen hatten. Mit einer Art Schrecken trat er in ihr leeres, kleines Schlafgemach, das jetzt ausgefegt und für neue Ankömmlinge hergerichtet war. Der Spiegel, der ihr ſchönes Geſicht reflektirte, war für ihre Nachfolger bereit; die Vorhänge lagen ins Gevierte gefaltet auf dem kleinen Bett: er warf ſich darauf nieder und begrub ſein Haupt in das erledigte Kiſſen. Laura hatte eine Börſe gehäkelt, in welche ſeine Mutter einige Sovereigns gethan und Pen hatte ſie am Morgen auf ſeinem Toilettiſch gefunden. Er gab einen davon dem kleinen Diener, der den Coſtigans aufzuwarten pflegte, und den andern den Kindern, weil ſie ſagten, daß ſie ſie ſo lieb hätten. Es waren erſt wenige Monate, und wie viel Jahre ſchienen es ihm, daß er zuerſt dieſes Zimmer betreten hatte! Er fühlte, daß Alles vorüber war. Oede, müde, äußerſt elend und allein fühlte ſich der Junge. Seine Mutter ſah an ſeinem Blicke, als er heim kam, daß ſie fort war. Er wünſchte jetzt gleichfalls zu entfliehen, als ob jetzt andere Leute in Chatteries wohnten. Der arme Smirke wünſchte der Sirene von Wittwe aus den Augen zu kommen. Foker begann jetzt zu finden, daß er genug von Baymouth gehabt, und daß ein paar Souper⸗Parthien in Saint Boniface 259 gar nicht übel wären. Den Major von Pendennis ver⸗ langte es gleichfalls fort zu einer kleinen Faſanenjagd nach Stillbrook, um all die Langweilen und Tracasseries des Dorfes los zu werden; die Wittwe und Laura ſchickten ſich an Pens Abreiſe vorzubereiten und füllten Koffer mit ſeinen Büchern und ſeiner Waſche. Helen ſchrieb Adreſſen mit dem Namen Arthur Pendennis Esg., welche gebürender Maßen auf die Schachteln geheftet wurden, auf die ſie und Laura mit thränen⸗ vollen, ſehnſüchtigen Augen blickten. Langez lange nach ſeinem Abgang erſt erinnerte ſich Pen, wie treu und zärtlich die Zuneigung dieſer Ladies geweſen und wie ſelbſtſüchtig ſein eigenes Benehmen war. Eine Nacht kömmt bald und die Poſtkutſche mit dem echoenden Horn und den ſchimmernden Lampen hält an dem Lodgen⸗Thor von Fairoaks, und Pens und ſeines Oheims Koffer werden oben auf den Wagen ge⸗ bracht, in welchen das Paar gleich darauf eintritt. Helen und Laura ſtehen an dem Immergrün des Ge⸗ ſtrüͤpps, ihre Geſtalten ſind von den Wagenlampen er⸗ leuchtet, der Wächter ruft ſeine Stundez in einem zwei⸗ ten Augenblick rollt der Wagen dahin, die Lichter ver⸗ ſchwinden und Helens Herz und Gebete begleiten ſie. Ihre frommen Segenswünſche folgen dem ſcheidenden Jungen. Er hat das heimathliche Neſt verlaſſen, das ihn erwärmt und wohin er nach ſeinem erſten Ausflug blutend und verwundet zurückfehrt und wünſcht, wiever fortzugehen und ſeine raſtloſen Schwingen zu ver⸗ ſuchen. Wie einſam das Haus ohne ihn ausſieht, die Kof⸗ fer und Bücherſchränke ſtehen verſchloſſen in ſeinem leeren Arbeitszimmer, Laura bittet ſich aus, in Helens Zimmer zu ſchlafen, und nachdem ſie ſich in den Schlaf geweint, geht die Mutter leiſe in Pen's leeres Zimmer, kniet an dem Bette nieder, auf das der Mond ſcheint, und betet hier für ihren Jungen, wie Mütter allein 260 zu thun vermögen. Er weiß, daß ihre reinen Seg⸗ nungen ihm folgen, indeß er viele Meilen weit fortge⸗ führt wird. Achtzehntes Rapitel. Alma Mater. Jeder muß, wie kurz und ruhmlos auch ſeine aka⸗ demiſche Laufbahn geweſen ſein mag, mit Liebe und Zärtlichkeit an die alten Kameraden und Tage der Uni⸗ verfität zurückdenken. Des jungen Mannes Leben be⸗ ginnt aber erſt; die Gängelbande der Knabenzeit ſind durchſchnitten und er genießt all die Wonnen und Wür⸗ den der Freiheit. Er weiß noch Nichts von Sorgen, von ſchlechter Geſundheit, von Schurkerei, von Armuth, von getäuſchten Hoffnungen. Das Spiel iſt noch nicht ſo oft aufgeführt worden, um ihn zu ermüden, obgleich der Nachtrunk, den wir mechaniſch wiederholen, ſchal und bitter iſt, ſo war doch der erſte funkelnde Zug der Luſt rein und glanzvoll! wie ſtürzt ſich der Junge auf den Becher, mit welch wilder Begierde ſtürzt er ihn hinab. Aber alte Epikuräer, denen die Genüſſe der Tafel verſagt, und die auf ein eingeſchlagenes Ei und ein Glas Waſſer geſetzt ſind, ſehen doch gerne Leute mit gutem Appetit und wie das nächſte beſte Ding für die Kurzweil durch Pantomime für uns iſt, wenn wir unſere Kinder ihn haben ſehen, ſo hoffe ich, daß es keinen Grad von Alter oder Erfahrung gibt, den ein Sterb⸗ licher erreichen kann, wo er ein ſo ſauertöpfiſcher Phi⸗ loſoph wird, daß es ihn nicht freut, wenn er die Ju⸗ — ,— — — 264 gend glücklich ſieht. Als ich vor einigen Wochen von einem kurzen Beſuch auf der alten Univerſität Orbridge zurück kam, wo mein Freund, Mr. Arthur Pendennis, einen Theil ſeines Lebens zubrachte, reiſte ich auf der Eiſenbahn an der Seite eines jungen Burſchen, der gegenwärtig Student in Saint Boniface iſt. Er hatte irgendwie Urlaub bekommen und war jetzt für einen Tag auf einer Suite in London. Er hörte nicht auf zu poltern und zu plaudern vom Anfang der Reiſe bis zu Ende, das nur zu bald für mich kam, denn ich wurde nicht müde, auf die Späſſe und das ehrliche Lachen des ehrlichen Jungen zu hören; und als wir an dem Ziele ankamen, ſo wollte ihm Nichts genügen, als ein Han⸗ ſom⸗Cab, um deſto ſchneller in die Stadt zu kommen und ſich in die Vergnügungen zu ſtürzen, die ihn dort erwarteten. Und davon rollte der junge Fant, indeß ihm die Freude auf dem ehrlichen Geſichte ſtrahlte, und was des Leſers unterthänigen Diener betrifft, ſo hatte ich blos einen kleinen Reiſeſack und ſetzte mich auf die Außen⸗ ſeite eines Omnibus und ſaß hier ganz zufrieden zwi⸗ ſchen einem jüdiſchen Hauſirer, der ſchlechte Cigarren rauchte, und dem Diener eines Gentlemans, der einen Pudel beaufſichtigte, bis wir unſere vom Schickſal be⸗ ſtimmte Zahl von Paſſagieren und Zahl von Schach⸗ teln hatten, worauf dann der Kutſcher mit aller Muße davon fuhr, wir hatten keine Eile, in die Stadt zu mmen. Auch war keiner von uns beſonders darauf erpicht, in das in der Nähe rauchende Babylon zu eilen, oder am Abend in einem Klubb zu diniren, oder auch am Abend auf einem Caſino zu tanzen. Ein paar Jahre weiter, und mein junger Freund von der Eiſen⸗ bahn wird um kein Härchen begieriger ſein. Es gab noch keine Eiſenbahnen, als Arthur Pen⸗ dennis auf die berühmte Univerſität Orbridge kam, ondern er fuhr dahin in einer wohlverwahrten Kutſche, die innen und außen mit Don's, Studenten, jungen 262 Füchſen, die auf die Univerſität wollten, und ihren Vor⸗ mündern, die ſie dahin brachten, angefüllt war. Ein feiſter, alter Gentleman in grauen Strümpfen von der City, der neben Major Pendennis in dem Wagen ſaß und ſeinen bleichwangigten Sohn gegenüber hatte, er⸗ ſchrak über die Maßen, als er hörte, daß der Wagen ein paar Stationen weit von dem jungen Mr. Foker vom Saint Boniface Colleg geführt worden, der ein Freund aller Menſchen, die Kutſcher mit eingeſchloſſen, war, und ſo gut kutſchiren konnte, als Tom Hicks in eigener Perſon. Pen ſaß oben auf und muſterte Wa⸗ gen, Paſſagiere und Land mit größter Wonne und Neugier. Sein Herz hüpfte ihm vor Freude, als ihm die berühmte Univerſität zu Geſicht kam, und ſich die pracht⸗ volle Ausſicht auf ehrwürdige Thürme und Zinnen, ſchlanke Ulmen und den ſchimmernden Fluß vor ihm ausbreitete. Pen hatte einige Tage in der Wohnung des Ma⸗ jors in der Burgſtraße zugebracht, ehe ſie nach Or⸗ bridge abreiſten. Major Pendennis glaubte, die Gar⸗ derobe des Jungen bedürfe einer Reform und Arthur war einem Plane, der ihm neue Röcke und Weſten bringen ſollte, ganz und gar nicht entgegen. Kein Ende nahmen die Opfer, welche der ſelbſtverläugnende Oheim zu Gunſten des Jungen brachte. London war entſetz⸗ lich einſam, das Pallmallpflaſter war verlaſſen; ſelbſt die Rothjacken waren aus der Stadt gegangen. Kaum war ein Geſicht zu ſehen in den Logenfenſtern der Klubbs. Der Major führte ſeinen Neffen in einige dieſer ver⸗ laſſenen Behauſungen und ſchrieb den Namen des Jun⸗ gen auf die Kandidatenliſte von einem derſelben, und⸗ Arthurs Vergnügen über dieſes Kompliment von Seiten ſeines Vormunds war überſchwänglich, er las in dem Pergamentband ſeinen Namen und ſeine Titel: „Arthur Pendennis, Esquire, von Fairvaks⸗Lodge — Shire und Saint Boniface College Orbridge, vorgeſchlagen von 263 Major Pendennis und unterſtützt von Viscount Colchi⸗ cum mit größtem Entzücken. „In ungefähr drei Jahren wird über Dich ballo⸗ tirt und in dieſer Zeit haſt Du Deine Grade auf der Hochſchule erlangt,“ ſagte der Vormund. „Pen wünſchte ſich, die drei Jahre wären vorüber, und muſterte die Stukkatur⸗Hallen, die mächtigen Bücherzimmer und Geſellſchaftsfäle bereits als ſein Eigenthum. Der Major lachte ſchlau, als er die feierliche Miene des einfachen, jungen Burſchen ſah, wie er aus dem Hauſe ſtolzirte. Er und Foker fuhren in des Letztern Cabriolet eines Tags zu den Grey Friars und erneuten ihre Bekannt⸗ ſchaft mit einigen ihrer alten Kameraden daſelbſt. Die Jungen ſchaarten ſich um das Cabriolet, das vor den Thoren der Grey Friars ſtand, und bewunderten das kaſtanienbraune Pferd, und die Livree des ernſten Stu⸗ pid, des Tigers *). Die Glocke in die Nachmittagsſchule erklang, als ſie auf dem Spielplatze mit ihren alten Kameraden herumſchlenderten und ſchwatzten. Der furchtbare Doktor ging, mit ſeiner Grammatik in der Hand, vorbei in die Schule, Foker ſchlich unbehaglich auf die Seite, aber Pen ging erröthend auf ihn zu und ſchüttelte dem Würdeträger die Hand. Er lachte bei dem Gedanken an die wohlbekannte, lateiniſche Grammatik, welche ihm oft und viel um die Ohren geſaust hatte. Er war hochſinnig, gutmüthig und fühlte ſich mit einem Wort, und war mit ſich zufrieden. Dann fuhren ſie nach dem alterlichen Bräuhauſe. Fokers' Entire **) wird bereitet in einer ungeheuern Gruppe von Gebäuden, nicht weit von den Grey Friars, und der Name dieſer wohlbe⸗ kannten Firma findet ſich auf unzähligen Schilden von Wirthshauſern, die von ihren Vaſallen in der Nachbar⸗ ſchaft gepachtet ſind, und der hochgeſchätzte jüngere 3 Spigname für einen Bedienten, wie Affe. *) Eigentlich Stärkſtes, Einſud, der noch nicht mit Waſſer ge⸗ ſchwächt iſt. 264 Theilnehmer und Verwalter erwies dem jungen Herrn der Fäſſer und ſeinem Freunde alle Ehre und ſervirte ſie mit ſilbernen Flaſchen ſtarken Porters ſo ſtark, daß man hätte glauben ſollen, nicht allein die jungen Män⸗ ner, ſondern ſelbſt das Pferd, das Mr. Harry Foker trieb, ſei von der Macht des Trunkes ergriffen, denn er rannte in ſo reißend ſchnellem Lauf heim nach dem Weſtende der Stadt, daß die Stände der Paſtetenbäcker und die Frauen an den Querſtraßen in Gefahr kamen, und die Tritte des Cabriolets mit den Pfoſten an den Straßenecken kollidirten und Stupid auf ſeinem Brette hinten eine furchtbare Schwingung erhielt. Der Major war hoch erfreut, wenn Pen bei ſeinem jungen Bekannten war, hörte auf Mr. Fokers harmloſe Geſchichten mit größtem Intereſſe, gab den zwei Jungen ein hübſches Diner in einem Kaffeehauſe von Covent⸗ garden, aus dem ſie ſich in das Theater begaben, war aber über die Maßen glücklich, als Mr. und Lady Agnes Foker, die zufällig in London waren, ſich das Vergnügen von Major Pendennis's und Mr. Arthur Pendennis's Geſellſchaft bei einem Diner in Grosvenor Street aus⸗ baten. „Nachdem Du die Entrée in das Haus der Lady Agnes Foker erhalten haſt,“ ſagte er mit Zärt⸗ lichkeit und feierlichem Ernſte, der der Wichtigkeit der Veranlaſſung geziemte, „ſo gebürt es ſich, mein lieber Junge, ſie zu erhalten, Du mußt nie unterlaſſen, wenn Du nach London kommſt, in Großvenor Street Deine Aufwartung zu machen. Ich empfehle Dir in Debrett die Alliancen und die Genealogie der Earls von Roſher⸗ ville ſorgfältig zu ſtudiren, und wenn Du kannſt, einige flüchtige Anſpielungen auf die Familie zu machen, ein hiſtoriſches, hübſches Kompliment oder dergleichen was zu ſagen, was Dir bei Deiner poetiſchen Phantaſie ein leichtes iſt. Mr. Foker ſelbſt iſt ein würdiger Mann, obgleich nicht von hoher Geburt oder beſonderer Erzie⸗ hung, er macht es immer zu einem Ehrenpunkt, nach dem Diner ein Glas Familienporter herum ſerviren zu 265 laſſen, den Du jedenfalls nicht zurückweiſen wirſt, und den auch ich trinken werde, obgleich mir alles Bier auf den Tod zuwider iſt.“ Und der herviſcheMärtyrer brachte, wie er verheißen hatte, wirklich das Opfer, als das Diner ſtattfand und der alte Mr. Foker oben an der Tafel ſeinen gewohnten Scherz über Fokers Entire machte. Wir würden alle, ich bin es ſicher, wünſchen, den Major grinſen zu ſehen“ als der würdige, alte Gentleman pflichtlich am geeig⸗ neten Ort ſeinen ſtändigen Scherz machte. Lady Agnes, welche in Harry vernarrt und eine der zärtlichſten Mütter und eine der gutmüthigſten, ob⸗ gleich nicht weiſeſten Frauen war, empfing ihres Sohnes Freund mit großer Herzlichkeit, und ſetzte Pen durch ihre Berichte von dem ſtrengen Studienkurſe, den ihr geliebter Sohn einhalte und von dem ſie fürchte, daß er ſeine theure Geſundheit angreife, in höchſtes Erſtau⸗ nen. Foker der Aeltere brach in ein wieherndes Ge⸗ lächter über derlei Sermone aus, und der Erbe des Hauſes winkte mit einem Auge ſehr verſchmitzt ſeinem Freunde, und Lady Agnes durchlief dann ihres Sohnes Geſchichte von ſeiner früheſten Kindheit, ſchilderte feine mirakuloſen Leiden in den Maſern und bei dem Keuch⸗ huſten, wie er ein Mal beinahe ertrank, welch entſetz⸗ liche Tyrannei er in jener ſchrecklichen Schule erduldete, in die Mr. Foker ihn ſchicken wollte, weil er ſelbſt dort gebildet worden ſei, und ſie wollte jenem häßlichen Doktor nie verzeihen, nein nimmermehr — nach dem Lady Agnes, ſagen wir, eine Stunde lang unaufhörlich von ihrem Sohn geſchwatzt, wurde ſie der Meinung, daß die beiden Meſſieurs Pendennis die angenehmſten Männer wären. Als bei dem zweiten Gange die Fa⸗ ſanen kamen, welche der Major als die ſchönſten Vögel pries, die er jemals geſehen, ſagte Ihre Herrlichkeit, daß ſie von Logwood kämen (wie der Major recht wohl wußte, und hoffte, daß ſie beide ihr dort an Weihnachten 266 oder wenn der liebe Harry in den Ferien daheim ſei, einen Beſuch abſtatten würden. „Gott ſegne Dich, mein lieber Junge,“ ſagte Pen⸗ dennis zu Arthur, als ſie darauf in Bury Street ihre Lichter anzündeten, um zu Bette zu gehen. „Du haſt dort ſehr hübſch und gut eine Anſpielung auf Aginevurt gemacht, wo einer der Roſherville's ſich auszeichnete, obgleich Lady Agnes ſie nicht ganz verſtand; aber es war ausnehmend gut für einen Anfänger, nur hätteſt Du, nebenbei geſagt, nicht ſo erröthen ſollen — und ich bitte Dich, mein lieber Arthur, merk Dirs im Leben, daß mit einem Entrée — einem guten Entrée wohl⸗ gemerkt — es Dir eben ſo leicht wird, eine gute Ge⸗ ſellſchaft als eine ſchlechte zu haben, und daß es einen, wenn man gehöriger Maßen eingeführt iſt, nicht mehr Mühe oder Soins koſtet, in den beſten Häuſern von London guten Fuß zu faſſen, als mit einem Advokaten in Bedford Square zu diniren. Merke Dir's, wenn Du in Orbridge Deine Studien machſt, und ſei um's Himmelswillen recht beſonnen bei den Bekanntſchaften, die Du machſt. Der Premier pas im Leben iſt der wichtigſte von allen — Haſt Du Deiner Mutter heute geſchrieben — Nein? nun thue es, eh Du gehſt, und rufe bei Mr. Foker an und bitte ihn um eine Gefällig⸗ keit — ſie lieben es ſo — gute Nacht, Gott ſei mit Dir. Pen ſchrieb einen drolligen Bericht über ſeine Tha⸗ ten in London, von dem Theater und dem Beſuch bei den alten Friars, der Brauerei und der Parthie bei Mr. Fokers an ſeine theuerſte Mutter, welche daheim in dem einſamen Hauſe ihr Herz voll Liebe und unausſprech⸗ licher Zärtlichkeit für den Jungen betete, und ſie und Laura laſen den Brief und die folgenden viele, viele Male und brüteten darüber, wie Weiber thun. Es war der erſte Schritt ins Leben, welchen Pen that, und ach wie gefährlich iſt die Wanderung, und wie können die Wackerſten ſtraucheln und die Stärkſten ausgleiten. Bru⸗ der Wanderer! möchteſt Du einen Freundesarm finden, 267 der den deinigen unterſtützt auf dem Wege, und eine freundliche Hand für ſolche haben, die neben Dir fallen, mag Treue führen und Gnade verzeihen am Ende und Liebe immer geleiten. Ohne dieſe Lampe, wie blind wäre der Wanderer, wie finſter und freudlos die Wanderung! So fuhr der Wagen hinauf zu der alterthümlichen und behaglichen Schenke zum Teller, die in der Haupt⸗ ſtraße von Orbridge ſteht, und Pen bemerkte mit freu⸗ diger Neugierde zum erſten Mal, wie Studenten um⸗ hergingen, die Kapellglocken läuteten (Glocken läuten in Oxbridge vom Morgen bis zum Abend) — Thürme und Zinnen erhoben ſich ruhig und ſtolz über die Gie⸗ bel und Hausdächer der heimlichen, geſchäftigen Stadt. Vorgängige Mittheilungen hatten für Pen zwiſchen Doktor Portman und Mr. Buck, dem Tutor von Boni⸗ face, bei dem Pen eintrat, ſtatt gefunden, und ſo bald Major Pendennis ſeine perſönliche Erſcheinung ſo aran⸗ girt hatte, daß ſie einen gehörigen Eindruck auf Pens Tutor machte, ging das Paar die Hauptſtraße hinab und vorbei an dem großen Thor und dem Glockenthurm von dem Saint George College, und kam ſo ihrer Weiſung zu Folge zu Saint Boniface, wo Pens Herz wieder zu ſchlagen begann, als ſie durch das Pförtchen des Epheu bekleideten Thors von dem College eintraten. Es iſt überragt von einem alterthümlichen Dom, der beinahe von Kriechpflanzen überdeckt und mit dem Eben⸗ bild des Heiligen, von dem das Haus ſeinen Namen trägt, und vielen Wappen ſeiner königlichen und edeln Wohlthäter geſchmückt iſt. Der Pförtner wies auf einen ſeltſamen alten Thurm des Vierecks, durch welchen man in Mr. Buck's Ge⸗ mächer gelangte, und die zwei Gentlemen gingen über das Square, deſſen Hauptzüge ſich ein für alle Mal in Pens Geiſt eindrückten — der hübſche Brunnen, der im Mittelpunkt der ſchönen Grasplätze ſpielt, die hohen Kapellfenſter und Strebepfeiler, die ſich zur Rechten er⸗ heben; die Halle mit ihrer Wachskerzenlaterne und dem 268 kleinen Oriollfenſter, die Lodge, aus der der Meiſter, in rauſchendes Silber gekleidet, hervortrat, die Umriſſe der umgebenden Räume hübſch verziert mit durchbrochenen Kaminen, grauen Thürmchen und zierlichen Giebeln — alle dieſe Einzelheiten, ſahen Pens Blicke mit einem Eifer ein, welchen erſte Eindrücke hervorrufen, und Ma⸗ jor Pendennis muſterte ſie mit der Ruhe eines Gentle⸗ mans, den das Pittoreske gleichgiltig läßt, und deſſen Augen der beſtändige Anblick des Pflaſters von Pall⸗ Mall abgeſtumpft hat. St. George College iſt das größte auf der Uni⸗ verſität Orbridge mit ſeinen vier gewaltigen Vierecken, ſeiner herrlichen Halle und ſeinen Gärten und die Ge⸗ orgianer, wie ſich die Mitglieder nennen, tragen Ge⸗ wänder von beſonderem Schnitt, und geben ſich kein geringes Air von Ueberlegenheit über alle andern jungen Männer. Der kleine Saint Boniface iſt nur eine winzige Einſiedelei im Vergleich mit der unge⸗ heuern, geweihten Baumaſſe, an der ſie liegt. Aber in Betracht des Umfangs erhielt es immer einen aus⸗ gezeichneten Namen auf der Univerſität; ſein Ton iſt ſehr gut, die beſten Familien gewiſſer Grafſchaften haben ſeit unverdenklicher Zeit ihre jungen Männer nach Saint Boniface geſchickt. Die College⸗Pfründen ſind beſonders gut, und die Stipendien leicht zu erhal⸗ ten, die Boniface⸗Männer hatten mehr als den gebü⸗ renden Theil an den Ehren der Univerſität; ihr Boot war das dritte auf dem Fluß. Ihr Kapellchor ſteht ſelbſt dem von St. Georg nicht nach, und das Boni⸗ fare⸗Ale iſt das Beſte in Orbridge. In der comforta⸗ beln, alten getäfelten Collegehalle und ringsum Rou⸗ billiac's Standbild des St. Boniface (der in der Attitude ſeraphiſcher Segnung über das ungemein gute Mahl der Collegetafeln daſteht, hängen die Portraite vieler höchſt ausgezeichneter Bonifacianer; als da ſind, „der ge⸗ lehrte Doktor Griddle, der zu Heinrich des VIII. Zeit litt, und Erzbiſchof Buſh, der ihn verbrannte — Lord —,— — 269 Oberrichter Hicks — der Herzog von St. Davids, K. G., Kanzler der Univerfität und Mitglied dieſes College — der Dichter Sprott, auf deſſen Ruf das College mit Recht ſiolz iſt — Doktor Blogg, Lehrer und Freund des Doktor Johnſon's, der ihn zu St. Boniface beſuchte — und andere Geſetzkundige, Gelehrte und Theologen, deren Abbildungen an den Wänden zu ſchauen ſind, oder deren Wappenſchilde in Smaragd und Rubin, Gold und Lazur in den hohen Fenſtern des Refektoriums ſchimmern. Der ehrwürdige Koch von dem College iſt einer der beſten Speiſekünſtler in Orbridge, ſein Sohn erhielt die höchſten Ehren auf der andern Univerſität Camford), und der Wein im Speiſeſaal der Collegiaten iſt lange durch ſeine Vortrefflichkeit und ſeinen Ueber⸗ fluß berühmt geweſen.“ In dieſer gewiß nicht am wenigſten geſchätzten Be⸗ hauſung unter den Hallen der Akademie, fand Pen jetzt ſeinen Weg an ſeines Oheims Arm und ſchnell erreich⸗ ten ſie Mr. Bucks Gemächer, und wurden in das Zim⸗ mer von dieſem höflichen Gentleman geführt. Er hatte vorläufige Nachricht von Doktor Portman über Pen erhalten, über deſſen Familie, Glücksumſtände und perſönliche Vorzüge der ehrliche Doktor mit nicht geringem Lob ſich verbreitete. Wirklich hatte Portman den Tutor als einen jungen Gentleman von Vermögen und Grundbefitz und als Sprößling einer der älteſten Familien des Königsreichs geſchildert, und ſolchem Cha⸗ rakter, und ſolchen Talenten, die gewiß unter geeigneter Führung dem College und der Univerſität Ehre machen würden. Unter ſolchen Empfehlungen war der Tutor äußerſt herzlich gegen den jungen Novizen und ſeinen Vormund, lud den Letztern ein, in der Halle zu diniren, wo er die Genugthnung haben würde, ſeinen Neffen zum erſten Mal in ſeinem Gewand und beim Diner zu ſehen, und erſuchte beide, nach dem Diner ein Glas Wein in ſeiner Behauſung mit ihm zu trinken, und ſagte, daß er nach dem höchſt günſtigen Berichte über 270 Arthur Pendennis die beſte Wohnung im College, die eines Gentlemanpenſionärs, welche glücklicher Weiſe frei geworden, anweiſen werde. So ſchieden ſie bis zur nahen Dinerzeit, und Major Pendennis erklärte, daß Mr. Buck ungemein artig ſei. In der That, wenn ein College⸗ Magnat ſich die Mühe nimmt, höflich zu ſein, ſo gibt es keinen charmanteren Mann. In ihre Bücher begra⸗ ben und durch den Ernſt ihrer Beſchäftigung von der Welt ausgeſchloſſen, nehmen dieſe ehrwürdigen Männer eine feierlich hohe Miene an, in der ſie daherrauſchen und ſchwellen wie in ihren grandioſen Staatsgewän⸗ dern. Dieſe ſeidenen und brokatnen Stoffe werden nicht für alle Ankömmlinge und jeden Tag angelegt. Als die beiden Gentlemen ſich von dem Tutor in ſeinem Studirzimmer verabſchiedet, und in ſein Vorzim⸗ mer, oder Vorleſezimmer, ein ſehr hübſches Gemach mit türkiſchen Teppichen und behängt mit vorzüglichen Zeich⸗ nungen und Gemälden in reichen Rahmen, zurückgekehrt waren, wartete bereits des Tutors Bedienter von einem Manne begleitet, der eine Balle Mützen und Gewänder trug, aus welchen ſich Pen eine Mütze und ein Gewand ausleſen ſollte, und der Diener erwartete ohne Zweifel eine ſeinen Dienſten entſprechende Belohnung. Mr. Pen zitterte vor Vergnügen, als der geſchäftige Schneider ihm eine Kleidung anprobirte und erklärte, daß ſie ihm vortrefflich paſſe, und dann ſetzte er die hübſche College⸗ mütze auf mehr nach Dandy⸗Manier und etwas auf eine Seite, wie er ſie Fiddicombe, den jüngſten Lehrer bei der Grey Friars tragen ſah. Er inſpizirte den gan⸗ zen Anzug mit großer Befriedigung in einem der gro⸗ ßen goldrahmigen Spiegel, die das Vorleſezimmer Mr. Bucks verzierten. Denn dieſe College⸗Geiſtlichen ſind über die Spiegel nicht mehr erhaben, als Ladies, und ſehen auf den Faltenwurf ihrer Gewänder und ihrer Mützen mit nicht weniger Sorgfalt, als das liebens⸗ würdigere Geſchlecht. Der Major lächelte, wie er ſah, daß der jugendliche Dandy ſich ſo in dem Spiegel be⸗ 271 ſchaute. Der alte Gentleman war über die Erſcheinung des hübſchen Jungen nicht unbefriedigt. Dann führte ſie Davis der Skip oder Aufwärter mit den Schlüſſeln in der Hand über das Viereck und der Major und Pen folgten ihm, der Letztere erröthend und vergnügt über ſeinen neuen akademiſchen Anzug, nach den Zimmern, die für den Fuchſen beſtimmt und durch den Austritt des Gentleman⸗Penſionärs Mr. Spicer erledigt waren. Die Räume waren ſehr com⸗ fortabel mit großen ſich kreuzenden Balken, hohem Ge⸗ täfel und kleinen Fenſtern in tiefen Fenſteröffnungen. Mr. Spicers Geräthſchaft war hier und ſollte auf Ab⸗ ſchätzung verkauft werden, und Major Pendennis ver⸗ ſtand ſich dazu, zum Frommen ſeines Neffen den nutz⸗ baren Theil davon zu übernehmen, wovon er jedoch lachend (allerdings mit Pens eigner Zuſtimmung) ſechs Jagdkupferſtiche und vier Gruppen von Operntänzerin⸗ nen mit Gazetraperien ausſchloß, welche die Gemälde⸗ ſammlung des letzten Bewohners bildeten. Dann gingen ſie zum Eſſen in die Halle, wo Pen ſich niederſetzte und mit ſeinen Mitfuchſen ſeine Haus⸗ mannskoſt aß, und der Major ſeinen Platz an der höhern Tafel bei den Collegewürdenträgern und andern Vätern oder Vormündern der Jungen nahm, welche mit ihren Söhnen nach Orbridge gekommen waren; und aus der Halle gingen ſie zu Mr. Buck's zum Weine, und nach dem Wein in die Kapelle, wo der Major mit großer Gravität in dem obern Platze ſaß und eine hübſche Ausſicht auf den Maſter auf ſeinem geſchnitzelten Throne oder Stand unter dem Orgelchor hatte, wo dieſer Gentleman, der gelehrte Doktor Donne, in aller Pracht mit ſeinem großen Gebetbuch vor ſich als ein Bild ſta⸗ tuariſcher Frömmigkeit und ſtrenger Andacht daſaß. Alle Fuchſen benahmen ſich mit Ernſt und Anſtand, aber Pen ärgerte ſich, zu ſehen, wie der gottloſe fleine Foker, der mit ein Halbdutzend ſeiner Kameraden in die Plaͤtze der Gentlemen⸗Penſtonäre hereinkamen, kicher⸗ 272 ten und ſchwatzten, als ob ſie in Opernplätzen wären⸗ Aber alle vieſe Vorfälle begaben ſich, man muß ſich erinnern, vor mehrern Jahren, als William der Vierte noch König war. Die jungen Männer benehmen ſich jetzt viel beſſer und außerdem iſt St. Boniface ein ehrenfeſtes College. Pen konnte die Nacht in ſeinem Bettraum in dem Teller kaum ſchlafen, ſo ſehr verlangte er, ſein College⸗ leben zu beginnen, und in ſeine eigenen Gemächer zu kommen. An was dachte er, als er ſich wachend in ſeinem Bette hin und her warf? Dachte er an ſeine Mutter in der Heimath, an die liebevolle Seele, deren Leben in dem ſeinigen aufging? Ja, wir wollen hoffen, daß er an ſie ein wenig dachte. An Miß Fotheringay und ſeine ewige Leidenſchaft, die ihn ſo viele Nächte wach erhielt und ihm ſoviel Elend und Sehnſucht er⸗ regte? Er hatte die Eigenheit, daß er erröthete, und wenn ihr in dem Zimmer geweſen wäret und das Licht hätte noch gebrannt, ſo hättet ihr ſehen können, daß das Geſicht des Jünglings mehr denn ein Mal erröthete, als er in leidenſchaftliche unzuſammenhängende Ausru⸗ fungen in Bezug auf jenes unglückliche Ereigniß ſeines Lebens ausbrach. Seines Oheims Lehren waren auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen; der Nebel ſeiner Leidenſchaft war jetzt vor ſeinen Augen verſchwunden, und er ſah ſie, wie ſie war, und Pendennis mußte den⸗ ken, daß er von einem ſolchen Weibe zum Selaven gemacht und von ihr dann gefoppt worden war, daß er ſich ſo weit erniedrigte, um in den Koth getreten zu werden; daß es eine Zeit in ſeinem Leben gab und zwar erſt vor wenigen Monaten, wo er Willens war, Coſtigan zum Schwiegervater zu nehmen. „Armer, alter Smirke!“ Pen lachte alsbald auf — „gut, ich will ſchreiben, und verſuchen, den urmen, alten Jungen zu tröſten, er wird an ſeiner Leidenſchaft nicht ſterben, ha, ha!“ Der Major hätte, wenn er wachte, viele ſolcher Ausrufungen von Pen gehört, wie — ——————— —— — 273 er wach und unruhig in der erſten Nacht ſeines Auf⸗ enthalts in Orbridge in ſeinem Bette lag. Vielleicht wäre es für den Jüngling, deſſen Kampf mit dem Leben am Morgen beginnen ſollte, beſſer ge⸗ weſen, wenn er den Vorabend unter anderem Wachen zugebracht hätte; aber die Welt hatte ihn in der Ge⸗ ſtalt ſeines ſelbſtſüchtigen, alten Mentors erfaßt, und diejenigen, welche einiges Intereſſe an ſeinem Charakter haben, müſſen ſchon bemerkt haben, daß dieſer Junge, ebenſo fchwach als ungeſtüm, ebenſo eitel als offen, und wenn auch von edler Geſinnung, doch inmitten ſeiner Verſchwendung nicht wenig ſelbſtfüchtig und auch leichtſinnig war. Die ſechsmonatliche Leidenſchaft hatte ihn be⸗ trächtlich gealtert; es lag eine ungeheure Kluft zwiſchen Pen, dem Opfer der Liebe, und Pen, dem unſchuldigen Jungen von achtzehn Jahren, der darnach ſeufzte; und ſo hatte Arthur Pendennis alle Erfahrung und Ueber⸗ legenheit, überdieß jene Herrſchaft, welche ihm nachmals Einbildung und Herrſchſucht über die jungen Männer gab, mit denen er jetzt zu leben begann. Er und ſein Oheim brachten den Morgen mit großer Selbſtbefriedi⸗ gung damit zu, daß ſie für die beſſere Bequemlichkeit der Gemächer, die der Junge einnehmen ſollte, Einkäufe machten. Mr. Spicers Porzellan und Glaswerk war in einem furchtbar verwahrloſten Zuſtand, ſeine Lampen zerbrochen, und ſeine Bücherſchränke keineswegs ſo ge⸗ räumig, daß ſie den Inhalt der Kiſten, die in der Halle zu Fairvaks ſtanden, und von der armen Helen eigen⸗ händig an Arthur adreſſirt waren, aufnehmen konnten. Die Kiſten, welche ſeine Mutter mit ſo viel Sorgfalt gepackt hatte, kamen in einigen Tagen an. Pen war gerührt, als er die Aufſchriften der theuren, wohlbe⸗ kaunten Hand las und ordnete in ihre geeigneten Plätze alle Bücher, ſeine alten Freunde, und alle Waſch⸗ und Tiſchtücher, welche Helen aus dem Familienvorrath Pendennis. 1. 18 274 ausgeleſen, und alle Töpfe mit Marmelade, welche die kleine Laura in Stroh gebunden, und die hundert klei⸗ nen Geſchenke von Haus. Pen hatte jetzt eine andere Alma mater, aber nicht alle Kinder halten ſich ſo freundlich zu ihr. Meunzehntes KRapitel. Pendennis von Boniface. Unſer Freund Pen war nicht ſehr betrübt, als ſein „Mentor zwei Tage nach der Ankunft des Paars in Orbridge von dem jungen Gentleman Abſchied nahm, und wir dürfen verſichert ſein, daß auch der Major ſeiner Seits ſehr froh war, dieſe Pflicht hinter ſich zu haben. Mehr als drei Monate koſtbarer Zeit hatte dieſer Mär⸗ tyrer von Major ſeinem Neffen geopfert. Wurde je ein Egoiſt zu ſo großen Opfern aufgefordert? Er ſetzt ſein Leben in Gefahr, oder legt ſein Haupt unter das Beil für ſeine Ehre, aber wir müſſen Anſtand nehmen, ihn zu bitten, ſein Wohlbehagen oder ſeinen Herzens⸗ wunſch aufzugeben. Sehr wenige von uns beſtehen in einer ſolchen Prüfung. Sage, würdiger Leſer, wenn du einen Bart haſt, würdeſt du ſo viel thun? Ich will nicht ſagen, daß eine Frau es nicht thun wird, ſie ſind daran gewohnt. Wir ſorgen dafür, ſie an Opfer zu gewöh⸗ nen; aber guter Sir, der Belauf von Selbſtverläug⸗ nung, die ſie wahrſcheinlich ihr Lebtag beweiſen, werden die Wagſchale nicht auf die Kreditſeite finken. Recht, recht es hilft nichts, von ſo häßlichen Dingen zu ſpre⸗ chen und ſie ſind zu hoflich, das gemeine tu quoque, ————————— 275 aber ich wünſche, ein für allemal auszuſprechen, daß ich den Major für ſein Benehmen während des letzten Vierteljahrs höchlich bewundere, und glaube, er hat ganz recht ſich zu freuen, daß er Ferien bekam. Foter und Pen ſahen ihn in der Poſtkutſche abfahren und der erſtere junge Gentleman gab beſondere Befehle an den Kutſcher, für den Herrn im Wagen beſondere Sorge zu tragen; der ältere Pendennis war erfreut, ſeinen Neffen in der Geſellſchaft eines jungen Burſchen zu ſehen, der ihn in die beſte Geſellſchaft auf der Univerſität einführen würde. Der Major eilte nach London und von da nach dem Bade Cheltenham, von wo aus er Ab⸗ ſtecher in einige benachbarte große Häuſer, deren Fa⸗ milien nicht auf Reiſen waren, und wo es gute Jagd und Geſellſchaft gab, machte. Ein Viertheil des ernſteren Raumes, den die Ge⸗ wohnheit den Werken der Natur anweist, iſt der Erzählung einer einzigen Stelle in Pens Lebenslauf gewidmet, und es liegt am Tage, daß alle ſeine Abenteuer nicht in gleichem Umfang abgehandelt werden können, wofern nicht ein Abkömmling von Pens Hiſtoriographen die Feder ergriffe. Wir ſind nicht gewillt, die akademiſche Laufbahn des jungen Studenten mit gleicher Ausführ⸗ lichkeit durchzugehen. Ach, das Leben ſolcher Jungen läßt ſich gar nicht beſchreiben; ich wünſchte es wäre möglich, ich frage Sie, gehts bei dem Ihrigen an? So lange als Ihre Ehre nicht leidet, iſt, vermuthe ich, bei Ihnen alles wohl beſtellt. Frauen ſind rein, aber nicht die Männer, die Frauen ſind uneigennützig, aber nicht die Männer. Ich wollte von dem armen Arthur Pen⸗ dennis eben nicht ſagen, daß er ſchlimmer als ſeine Nachbarn war, ſondern blos, daß ſeine Nachbarn größ⸗ tentheils ſchlecht waren. Seien wir aufrichtig und ge⸗ ehen wenigſtens ſo viel, können Sie zehen makelloſe Nänner Ihrer Bekanntſchaft nennen? die meinige iſt ziemlich groß, aber ich kann keine zehen Heilige auf der Liſte finden. 276 Während der erſten Zeit von Mr. Pens akademi⸗ ſchem Leben beſuchte er die klaſſiſchen und mathemati⸗ ſchen Vorleſungen mit leidlichem Fleiße, da er aber nach kurzer Zeit entdeckte, daß er wenig Geſchmack oder Talent für die ſtrengeren Wiſſenſchaften hatte und viel⸗ leicht ſich ärgerte, daß ein paar ſehr gewöhnliche junge Männer, die nicht einmal Riemen an ihren Beinkleidern trugen, um die abſcheulich dicken und derben Schuhe und Strümpfe zu bedecken, ihn vollſtändig in dem Vor⸗ leſezimmer aus dem Felde ſchlugen, gab er ſeine Be⸗ ſuche in jenem Kurſe auf und kündigte ſeiner zärtlichen Mutter an, daß er im Sinne hätte, ſich ausſchließlich dem Studium der griechiſchen und römiſchen Literatur zu widmen Mrs. Pendennis war ihres Theils ganz zufrieden, daß ihr lieber Sohn dieſen Zweig der Gelehrſamkeit, für welchen er am meiſten Neigung hatte, ver⸗ folgte, und erſuchte ihn nur, nicht durch allzufleißiges Studieren ſeine Geſundheit zu untergraben, denn ſie hatte die traurigſten Geſchichten junger Studenten gehört, welche durch übergroße Anſtrengung ſich Hirnentzün⸗ dungen zugezogen, und in Mitten ihrer akademiſchen Laufbahn dahin ſtarben. Pen's Geſundheit, welche im⸗ mer zart geweſen, mußte, ſagte ſie, allen andern Rück⸗ ſichten oder eiteln Ehren vorgezogen werden. Pen, ob⸗ gleich keine lauernde Krankheit ſein Leben gefährdete, verſprach gleichwohl ſeiner Mutter freundlich, nicht zu lange beim Leſen aufzubleiben, und hielt in dieſer Be⸗ ziehung ſein Wort mit weit mehr Beharrlichkeit, als er bei andern Gelegenheiten zeigte, wo er vielleicht ein wenig nachläßig war. Alsbald begann er zu finden, daß er wenig Gutes in der claſſiſchen Vorleſung lernte; ſeine Mitſtudenten waren zu bornirt, während ſie in der Mathematik zu gelehrt für ihn waren, der Tutor Mr. Buck war kein beſſerer Gelehrter, als mancher Junge der fünften Klaſſe bei den Grey Friars, mochte zwar einige widerſinnige 277 Grillen über das Metrum und die grammatiſche Kon⸗ ſtruktion, über einige Stellen im Aeſchylus oder Ariſto⸗ phanes haben, hatte aber von dem pvetiſchen Werthe nicht mehr Kenntniß, als ſeine Bettmacherin, Mrs. Binge, und Pen wurde es müde, die hartköpfigen Studenten und den Tutor ſich durch wenige Linien eines Schau⸗ ſpiels durcharbeiten zu hören, die er in dem zehnten Theil der Zeit, die ſie ihm widmeten, leſen konnte. Nach all dem war das Privatſtudium, wie er anfing einzuſehen, das Einzige, was ihn wirklich weiter brachte, und er kündigte ſeiner Mama an, daß er für ſich allein weit mehr leſen konnte, und öffentlich ein gut Theil weniger. Die vortreffliche Frau wußte von Homer nicht mehr als von der Algebra, aber ſie war ganz zufrieden mit Pens Studienplane, und hoffte zuverſichtlich, daß ihr lieber Junge die verdiente Stellung erhalten werde. Pen kam erſt nach Weihnachten, zu innigem Ver⸗ druſſe ſeiner Mutter und Laura's, welche es verlangte, ein Schneekaſtell für ihn aufzuführen, wie er es vor drei Wintern gethan hatte. Aber er war nach Logwood zu Lady Foker eingeladen, wo ein Liebhabertheater war, und eine muntere Weihnachtparthie ſehr vornehmer Leute ſich ſammelte, unter denen einige waren, die Major Pendennis ſeinen Neffen um keinen Preis hätte vernach⸗ läßigen laſſen, doch blieb er die drei letzten Wochen der Ferien daheim, und Laura hatte Gelegenheit, eine An⸗ zahl neuer Kleider, die er mit ſich brachte, zu bemerken, und ſeine Mutter bewunderte ſeine beſſere Erſcheinung und ſeinen männlichen, entſchiedenen Ton. Er kam auf Oſtern nicht nach Hauſe; als er aber in die langen Ferien anlangte, brachte er mehr Mode⸗ anzüge, und erſchien Morgens in einer wundervollen Jagdjacke mit auffallenden Knöpfen, Abends aber in prachtvollen Sammtweſten, reich geſtickten Krawatten und zierlicher Waſche, und als ſie im Zimmer umher⸗ ſchnüffelte, ſah ſie ein wunderſchönes Nachttiſchkäſtchen mit ſilbernen Ecken und Schlöſſern und einer Anzahl 278 lieblicher Ringe und Juwelen. Auch hatte er eine neue ſranzöſiſche Uhr mit goldener Kette ſtatt des unförmli⸗ chen, großen, alten Chronometers mit einer Büſchel klingender Siegel, welche aus dem Uhrtäſchchen des John Pendennis gehangen, welche, alt gekauft, dem ſeligen Doktor behilflich war, ſeiner Zeit den Puls der Patien⸗ ten zu bemeſſen. Noch vor wenigen Monaten hatte Pen ſich nach dieſer Uhr geſehnt, die er für das glän⸗ zendſte, erhabendſte Meiſterſtück in der Welt hielt, und unmittelbar vor ſeinem Abgang auf die Univerfität hatte ſie Helen aus dem Schmuckkäſtchen, wo ſie ſeit dem Tode ihres Eheherrn unaufgezogen geblieben war, Pen mit einem geeigneten, feierlichen, kleinen Ser⸗ mon über ſeines Vaters Verdienſte und die rechte Anwendung der Zeit übergeben. Dieſen majefläti⸗ ſchen, werthvollen Chronometer erklärte jetzt Pen als altmodiſch und machte wirklich einige Vergleichungen zwiſchen ihr und einer Wärmflaſche, welche Laura für reſpektwidrig hielt. Wirklich ließ er die Uhr in einer Schublade in Geſellſchaft von geſchwärzten Primel⸗ Handſchuhen, Kravatten, welche in Ungnade gefallen, und der urſprünglichen Schuluhr, die früher ſchon in dieſer Geſchichte eine Rolle geſpielt. Unſere alte Freun⸗ din Rebekka konnte nach Pens Ausſpruch ſeine gewich⸗ tige Perſönlichkeit nicht länger tragen, und wurde gegen ein kräftigeres Roß weggegeben, deſſen ſchweres Kali⸗ ber er mit gutem Gelde aufwägen mußte. Mrs. Pen⸗ dennis gab dem Jungen das Geld für das neue Pferd, und Laura weinte, als Rebekka weggeholt wurde. Auch brachte Pen eine mächtige Cigarrenbüchſe mit Cigärren Colorados, Afranceſados, Teleſcopios, Fud⸗ ſon, Orford Street, oder unter andern dergleichen frem⸗ den Titeln, und begann dieſe nicht nur in den Ställen und Gewächshäuſern, wo ſie für Helens Pflanzen ſehr gut waren, ſondern auch auf ſeiner Studierſtube zu rau⸗ chen, was ſeine Mutter anfangs nicht billigen wollte, aber er hatte ein Preisgedicht in Arbeit, wie er ſagte, und könnte ohne ſeine Cigarre nicht dichten, wobei er die Strophen des jüngſt betrauerten Lord Byrons zu Gunſten des Rauchens anführte. Da' er zu ſo gutem Zwecke rauchte, ſo konnte ſeine Mutter ihre Zuſtimmung nicht verſagen. Als die gute Seele eines Tages auf ſein Zimmer kam, mitten unter Pens Arbeiten (er ſah ſich ſo eben in einer neuerſchienenen Novelle um zur Kultivirung der leichten Literatur ſeines eigenen Landes ſowohl, als fremder Nativnen, wofür er ſehr eifrig war) — als Helen, ſage ich, in ſein Zimmer kam und Pen auf dem Sopha in Arbeit fand, ſo ging ſie, um ihn nicht zu ſtören, um einen Feuerzeug und eine Cigarren⸗ büchſe in dem nächſten Schlafgemach zu holen, ſteckte ihm wirklich die Cigarre in den Mund, und zündete das Zündhoͤlzchen an, um ſie in Feuer zu ſetzen. Pen lachte und küßte ſeiner Mutter Hand, welche zärtlich über die Lehne des Sophas geneigt war; „Liebe, alte Mutter,“ ſagte er, „wenn ich Dir ſagen wollte, Du ſollſt das Haus abbrennen, ich glaube, Du thäteſt es.“ Es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß Pen Recht hatte, und die thörichte Lady beinahe ſoviel für ihn gethan ätte. Außer den Werken der engliſchen „leichten Litera⸗ tur,“ welche der fleißige Student verſchlang, brachte er auch Kiſtchen der „leichten Literatur“ des benachbarten Frankreichs mit herab, und als Helen einen Blick in dieſelbe that, las ſie ſolche Dinge, vor denen ihre Au⸗ gen vor Verwunderung weit ſich öffneten. Aber Pen zeigte ihr, daß er nicht ſelbſt dieſe Bücher gemacht habe, wie es aber unumgänglich nothwendig ſei, ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit den berühmten Schriftſtellern des Tages im Fluß zu erhalten, und wie es eben ſo natürlich Pflicht für ihn ſei, den eminenten Paul de Cock zu leſen, als Swift oder Moliöre zu ſtudieren. Mrs. Pendennis gab mit einem verlegenen Seufzer nach. Aber Miß Laura wurde vor den Büchern gewarnt, ſowohl von ihrer ängſtlichen Mutter, als auch dem geſtrengen Moraliſten 280 Mr. Arthur Pendennis ſelbſt, der, obgleich es ſein Be⸗ ruf wäre, jeden Zweig der Literatur zu ſtudieren, um ſeinen Geiſt zu kultiviren, und ſeinen Styl zu vervoll⸗ kommnen, eine ſolche Lektüre keineswegs einer jungen Lady vorſchreiben würde, deren Lebensberuf ein ganz anderer wäre. Im Verlaufe der langen Ferien trank Mr. Pen den Vorrath von Klaret auf, den ſein Vater eingelegt hatte, und von dem wir den Sohn bemerken hörten, daß ein ganzes Orhoft kein Kopfweh machte; und als dieſer Weinvorrath erſchöpft war, beſchrieb er einen weiteren von „ſeinen Weinhändlern,“ den Meffrs. Binney und Latham im Mark Lane London, bei denen freilich der alte Doktor Portman Pen bei ſeinem Abgang auf die Univerſität empfohlen hatte, ſeinen Bedarf an Portwein und Sherry zu beziehen. „Sie haben natürlich Ihren jungen Freunden in Boniface Weingeſellſchaften zu ge⸗ ben,“ hatte der ehrliche Rektor dem Jungen bemerkt. „Sie waren zu meiner Zeit auf der Univerſität gebräuch⸗ lich, und ich würde Ihnen rathen, ſich lieber an ein zu⸗ verläßiges, reſpektables Haus in London, wegen Ihres kleinen Weinvorrathes zu wenden, als ihn von den Orbridger Händlern zu beziehen, deren Getränke, wenn ich mich recht erinnere, von verderblicher Oualität und übermäßigem Preiſe iſt.“ Der gehorſame junge Gentleman befolgte des Doktors Rath, und beehrte die Mefſrs. Binney und Latham, auf des Rektors Anweiſung, mit ſeinem Vertrauen. Während er ſo Anordnungen für den Weinvorrath traf, der in die Keller in Fairvaks zu liefern war, deutete er dieſen Meſſrs. Binney und Lathan an, ſie möchten ſeine Univerſitätsrechnung mit derjenigen nach Fairoaks einſenden. Die arme Wiktwe erſchrak über die Summe, aber Pen lachte über ihre altfränkiſchen Anſichten, ſagte, daß die Rechnung mäßig ſei, daß jetzt Jedermann Claret und Champagner trinke, und ſchließlich zahlte die Wittwe mit der trübſeligen Ahnung, daß ſich die Ausgaben 2 281 ihres Haushalts beträchtlich vermehren und ihr be⸗ ſchränktes Einkommen kaum zureichen würde, ſie zu be⸗ ſtreiten; aber ſie waren ja nur gelegentlich. Pen kam nur auf wenige Wochen in die Ferien; Laura und ſie konnten, wenn er fort war, ſich einſchränken. Sollten ſie ihn in der kurzen Zeit, welche er bei ihnen war, nicht glücklich machen? Arthurs eigene Gelder waren nebenbei ſehr frei⸗ gebig zugemeſſen und in der That viel bedeutender als Söhne reicherer Aeltern erhielten. Vor Jahren hatte der ſparſame, zärtliche John Pendennis, deſſen Lieblings⸗ projekt war, ſeinem Sohne eine Univerſitäts⸗Erziehung zu geben, und jene Vortheile zuzuwenden, deren ihn ſeines Vaters Verſchwendung beraubt hatte, begonnen, Geld zurückzulegen, das er Arthurs Erziehungsfonds nannte; Jahr auf Jahr fanden ſeine Willensvollſtrecker in ſeinem Buche Einträge von Suminen auf A. E. F. (Arthurs Erziehungsfonds) und ſeit ihres Gatten Tod und Pen's Eintritt in das College hatte die Wittwe dieſem Fonds verſchiedene Summen beigelegt, ſo daß er, als er nach Orbridge ging, eine ziemliche Höhe erreicht hatte. „Man gebe ihm reichliche Mittel,“ ſagte der Major, „er mache ſeine erſte Entrée in die Welt als Gentle⸗ man, und er nehme ſeinen Platz unter Leuten von gu⸗ tem Rang und gehöriger Stellung ein. Hat man ihm das gewährt, ſo iſt es ſeine Pflicht, ſeine Poſition zu behaupten; es gibt Nichts Unpolitiſcheres, als bei ei⸗ nem Jungen zu kargen, oder ihn niedriger zu ſtellen, als ſeine Kameraden. Arthur muß der Welt vor's Ge⸗ ſicht treten, um ſich gleich in ihr durchzukämpfen. Mitt⸗ lerweile ſorgen wir ihm für gute Freunde, gentlemä⸗ niſche Manieren und ſichern ihm den Rücken und ſchulen ihn ein, daß er gewappnet iſt, wenn es an die wirkli⸗ chen Kämpfe geht, und dieſe liberalen Anſichten verfocht der Major wahrſcheinlich, weil ſie richtig waren, und weil er nicht mit ſeinem eigenen Gelde zu zahlen hatte. So erſchien der junge Pen, der einzige Sohn eines 282 begüterten Landgentlemans mit guten Mitteln, einer gentlemäniſchen Haltung und Perfönlichkeit als ein Junge von größerer Wichtigkeit, als er in Wirklichkeit war, und wurde von den Orbridger Autoritäten, Han⸗ delsleuten und Nichtgraduirten als ein junger Stutzer und ein Mitglied der Ariſtokratie angeſehen. Seine Ma⸗ nieren waren frei, ritterlich und vielleicht ein wenig im⸗ vertinent, wie ſich's bei einem hochſinnigen Jüngling gerne findet. Er war vollkommen nobel und freigebig mit ſeinem Gelde, das er die Hülle und Fülle zu haben ſchien, er liebte Jovialität und hatte eine gute Stimme für den Geſang. Wettrennen mit Booten war zu Pen's Zeiten, wie wir hören, noch nicht zu dem fureur getrie⸗ ben, wie ſeitdem auf der Univerſität; Reiten und Tantem⸗ fahren dagegen bei der vornehmen Jugend im Schwunge. Pen zu Pferd auf der Jagd, erſchien in Blaßroth, wie es einem jungen Stutzer geziemte, und war nicht beſonders verſchwenderiſch im Reiten oder andern Kurzweilen, trieb es aber doch ſo, daß er bei Nilz, dem Pferdausleiher, und in andern Quatieren hübſche Rech⸗ nungen machte. Kurz dieſer glückliche junge Gentleman hatte beinahe für alles Geſchmack; er hatte eine beſon⸗ dere Vorliebe für Bücher aller Art, Doktor Portman hatte ihm ſeltene Ausgaben empfohlen, und ſein eigener Geſchmack trieb ihn zu ſchönen Einbänden. Es war zum Erſtaunen, welche große Bände vergoldet und marmorirt die Buchhändler und die Buchbinder für Pens Bücher⸗ . ſchränke lieferten. Er hatte einen feinen Geſchmack für Kunſtgegenſtände und großes Gefallen für Abdrücke von Werken hoher Kunſtſchulen — nicht für franzöſiſche Operntänzerinnen oder prunkende Abdrücke von Wett⸗ rennen, wie ſie die Augen des einfachen Mr. Spicer, ſeines Borgängers, ergötzten — ſondern nur Stranges und Rembrandtiſche Federzeichnungen und Wilkin's Er⸗ wartung eines Briefs, mit welchen ſeine Zimmer in dem beſten Geſchmacke, wie er ſich eben auf der Univerſität findet, wo dieſer junge Mann ſich in nicht geringen 283 Ruf ſetzte, ausgeſchmückt waren. Wir haben ſchon er⸗ wähnt, daß er eine gewiſſe Vorliebe für Ringe, Klein⸗ odien, Kleider aller Art zeigte; und wir müſſen geſte⸗ hen, daß Mr. Pen während ſeines Aufenthalts auf der Univerſität ſich gerne in glänzendem Anzuge zeigte. Er und ſeine artigen Freunde pflegten ſich, wenn ſie zum Diner zu einander aufs Zimmer kamen, eben ſo ſorgfältig zu kleiden, als andere thun, wenn ſie auf Freiersfüßen gehen. Sie ſagten ſogar von ihm, daß er über ſeine Glagehandſchuhe Ringe trage, was er je⸗ doch niemals gelten läßt; aber welche Tollheiten begeht nicht ein junger Menſch, mit der der Jugend eigen⸗ thümlichen bewundernswürdigen Einfalt, Unſchuld und Wichtigkeit in Kleinigkeiten? Daß er parfümirte Bä⸗ der nahin, iſt wahr, und er pflegte zu ſagen, daß er ſie nehme, wenn er mit einem ſehr niedrigen Schlag Leute in der Halle zuſammengekommen ſei. Als in Pen's zweitem Jahre Miß Fotheringay ihren Hauptcvup in London machte und Dutzende von Kupferſtichen von ihr ausgegeben wurden, hatte Pen einen derſelben in ſeinem Schlafzimmer hängen und vertraute den Gliedern ſeiner Geſellſchaft an, wie lei⸗ denſchaftlich, wie furchtbar, wie wild, wie wahnſinnig er ſie geliebt habe. Er zeigte ihnen im Vertrauen die Verſe, die er an ſie gedichtet, ſeine Augbrauen verfin⸗ ſterten ſich, ſeine Augen rollten, ſeine Bruſt hob ſich von Bewegung, wenn er an dieſe verhängnißvolle Pe⸗ riode ſeines Lebens zurück dachte und die Seelenkämpfe beſchrieb, die er damals beſtanden. Die Verſe wurden abgeſchrieben, umhergereicht, belacht, bewundert und wanderten von einer Geſellſchaft in die andere. Es gibt wenig Gegenſtände, welche einen Jungen in der Achtung ſeiner Kameraden ſo hoch ſtellen, als wenn er einer großen und romantiſchen Leidenſchaft anheimge⸗ fallen iſt. Es iſt immer etwas Nobles darin, und unter jungen Leuten gilt es fü: heroiſch — Pen wurde für einen famoſen Charakter erklärt, ſie ſagten, er ſei bei⸗ 284 nahe zum Selbſtmörder geworden, habe mit einem Ba⸗ ronet ein Duell wegen ihrer gehabt. Fuchſen zeigten ihn einander. Wenn er zur Zeit der Promenade, um zwei Uhr, von ſeinen Freunden umgeben, aus dem College hervor ſtolzirte, war er merkwürdig anzuſchauen. Er war aufs ſorgfältigſte gekleidet. Er beſchaute die Ladies, welche kamen, um die Univerſität zu ſehen und an den Armen glücklicher Muſenſöhne vor ihm defi⸗ lirten, gab ſein Urtheil über ihre Reize oder Toilette mit dem Ernſt eines Kritikers, deſſen Erfahrung ihn berechtigte, eine Autorität abzugeben. Männer ſag⸗ ten ſich, wenn ſie mit Pendennis gegangen, und hatten es gerne, in ſeiner Geſellſchaft geſehen zu werden, wie einer von uns, wenn er mit einem Herzog Pall Mall hinabgeht. Er und der Proktor lüpften vor einander die Hüte, wenn ſie ſich trafen, als wären ſie rivaliſi⸗ rende Mächte, und man wußte kaum, wer der Höhere war. In der That, im Verlaufe ſeines zweiten Jahres war Arthur Pendennis einer der Männer der Faſhion auf der Univerſität geworden. Es iſt intereſſant, die leichte Bewundrung und die einfältige Treue der Ju⸗ gend zu beobachten. Sie hängen ihrem Führer an, be⸗ wundern, lieben ihn und ahmen ihn nach. Nie glaube ich, lebte ein Junge von edlern Gefühlen, der nicht einen andern Jungen bewundert hätte, und Monſieur Pen hatte zu Orbridge ſeine Schule, ſeine treue Bande von Freunden und ſeine Nebenbuhler. Wenn die jungen Leute bei den Krämerläden hörten, daß Mr. Pendennis eine karmoiſinrothe Satin⸗Krawatte beſtellt hatte, ſo konnte man im Verlauf der Woche ein paar Dutzend Ditto Satin⸗Krawatten in der Main Street ſehen, und von dem Juwelier Simon wußte man, daß er nicht weniger als zwei Groß (= 24 Dutzend) Pendennis⸗Nadeln ver⸗ kaufte nach dem Muſter, welches der junge Gentleman in ſeinem Laden ausgeleſen hatte. Wenn nun einer, der gerne rechnet, ſich die Mühe N 285 nimmt, auszurechnen, welche Summe Geldes ein junger Menſch koſtet, der alle obigen Liebhabereien, deren Be⸗ ſitz wir Mr. Pen zutheilten, nachhängt, ſo wird er finden, daß ein junger Burſche mit ſo liberalem Ge⸗ ſchmack und ſolcher Kurzweil im Verlaufe von zwei oder drei Jahren eine hübſche Summe Geldes aufwenden oder ſchuldig bleiben muß. Wir haben geſagt, daß unſer Freund Pen keine Liebhaberei für das Rechnen hatte. Keine derſelben trieb er ins äußerſte Uebermaß und es iſt gewiß, daß Paddingtons Schneiderrechnung, Guttlebury's Rechnung für Diner's, Dillon Tandy's Rechnung bei Finn, dem Kupferſtichhändler, für Raphael Morghens und Landſeer⸗Abdrücke und Wormalls Rech⸗ nungen bei Parkton, dem großen Buchhändler für al Diner ausgaben, Folianten in gothiſche Schrift und reich bemalte Meßbücher aus dem ſechszehnten Jahr⸗ hundert und Snaffle's oder Foker's Regiſter bei dem Pferdehändler, jedes für ſich unvergleichlich größer, als die kleinen Rechnungen Mr. Bill's bei den obenerwähn⸗ ten Herren waren. Aber Pendennis von Boniface hatte vor allen dieſen jungen Gentlemen, ſeinen Freunden und Genoſſen, den Vorzug der Univerſalität des Ge⸗ ſchmacks, und während der junge Lord Paddington keinen Pfifferling nach dem ſchönſten Kupferſiiche fragte, oder in einen Goldrahmen guckte, wenn er nicht einen Spie⸗ gel umſchloß; Guttlebury ſich nicht daran kehrte, wie er gekleidet war, und einen Widerwillen, ja Schrecken von der Leibesübung zu Pferd hakte, und Snaffle kein Buch als den „Wettrennkalender“ (Racing Calendar) oder „Bell's Leben,“ oder ſich um ein anderes Manu⸗ ſkript, als ſein ſchmieriges Gekritzel von Wettbuch küm⸗ merte, ſah ſich unſer univerſeller junger Freund in allen dieſen Zweigen der Wiſſenſchaft oder des Vergnügens um und zeichnete ſich in jedem leidlich aus. Daher gewann der junge Pen auf der Univerſität einen ungeheuern Ruf; und was den Preis in den eng⸗ liſchen Verſen anbelangt, um den wir ihn zu Fairvaks 286 ſich umthun ſahen, ſo hätten ihn gewiß Jones de Jeſus dieſes Jahr davon getragen, wenn nicht die Ungraduir⸗ ten Pen's Gedicht für viel ſchöner gehalten hätten und er ſeine Verſe auf eigene Koſten gedruckt, und in ver⸗ goldeten Maroquindecken an ſeine Bekannten ausgetheilt hätte. Ich fand ohnlängſt ein Eremplar davon in einer ſtaubigen Ecke von Mr. Pen's Bücherſchränken und habe es im Augenblick vor mir, zuſammengebunden mit einer Sammlung Orbridger Abhandlungen, Univerſi⸗ tätsſtatuten, Preisgedichten, glücklicher und unglücklicher Kandidaten, in der Univerſitätskapelle vorgetragener Deklamationen, Vorträgen, die in der Union Debating Society gehalten und mit Arthurs Namen und College, Pendennis — Boniface überſchrieben — oder ihm von ſeinem liebenden Freunde Tomſon oder Jackſen verehrt wurden. Wie ſeltſam die Aufſchriften dieſer halb knaben⸗ haften Hände ausſehen, und welchen Eindruck der An⸗ blick dieſer Urkunden einem nach Verlauf von ein paar Dutzend Jahren macht! Wie das Schickſal ſeit der Zeit die einen weggerafft, andere entfremdet, mit allen grau⸗ ſam umgegangen iſt. Manche Hand iſt jetzt kalt, welche dieſe freundlichen Denkſchriften verfaßt und der wir den traulichen, hochſinnigen Druck jugendlicher Freundſchaft gaben. Wie leivenſchaftlich waren unſere Freundſchaf⸗ ten in jenen Tagen, wie arglos, wie frei von allem Zweifel; wie der Arm, den ihr nie müde wurdet, in den eurigen zu nehmen, in den ſchönen Collegealleen oder am Fluſſe dahin, wo er die Magdalenen Gärten oder die Wieſen der Chriſtuskirche beſpült, oder ſich bei der Trinitätskirche, oder der Königsſtraße durchwindet, ſich nothwendig zurückzog, ſobald ihr in die Welt ein⸗ tratet und ihr euch trenntet, um euch durch das große Gedränge auf dem Weg durch das Leben durchzupuffen und durchzukämpfen. Sind wir noch die nämlichen Leute, die jene Aufſchriften geſchrieben — jene Gedichte ge⸗ leſen — jene ſo einfachen, ſo pompöſen, ſo poffierlich feierlichen Abhandlungen und Vorträge hielten, oder 287 hörten, ſo kunſtlos aus den Büchern parodirt mit ſo ſchmucken Vollmondsgeſichtern geſprochen und mit einem ſo bewundernswürdigen Nachäffen von Weisheit und Gravität? Hier liegt das Buch vor mir: es iſt kaum fünfzehn Jahre alt, hier wehklagt Jack vor Verzweiflung und byroniſchem Menſchenhaß, deſſen Laufbahn auf der Univerſität durch lauter Milchpunſch ging. Hier iſt Toms kühner Aufſatz zur Vertheidigung des Selbſtmords und des Republikanismus im allgemeinen bei Gelegen⸗ heit von Relamds und der Girondiſten Tod — Toms, der jetzt die ſteifſte Knotenperücke in der ganzen Diöceſe trägt und lieber nach Smithfield ginge, als daß er in Lent Beafſteak am Freitag äße. Hier iſt Bob von dem — Unkreis, der ſein Glück in den Eiſenbahnkomite's gemacht und deſſen Diner ſo gut ſind, deklamirt, und ruft mit Tanfred und Gottfried: auf die Breche, ihr Soldaten vom Kreuz, erſteigt die rothe Mauer und laßt die verdammten Feinde in ihrem Blute ſchwimmen! Ihr unerſchrocknen Bogenſchützen, laßt eure Armbrüſte ſchwirren, wohlauf mit Hellebarden und Streitärten und dem Wurfgeſchütz, laßt die Sturmblöcke und die Kata⸗ pulten los, Jeruſalem iſt unſer — id Deus Vult.“ Hierauf kommt eine honigſüße Beſchreibung der Gärten Scharons und der Jungfrauen von Salem und eine Beſchreibung, daß Roſen das ganze Land Syrien bedecken und in Bälde ein Reich des Friedens errichtet werde — alles in zehnſilbigen Linien und der ſonder⸗ barſten Nachäffung von Verſtand, Gefühl und Dich⸗ tung. Und da ſind Abhandlungen und Gedichte mit dieſen ernſten Parodien und knabenhaften Uebun⸗ gen (zumal ſo kühn und falſch, ſo luſtig und doch ſo wehmüthig) von jugendlichen Händen, die nicht mehr ſchreiben werden. Das finſtere Schickſal iſt ins Mittel getreten, die jungen Stimmen ſind verſtummt, das eifrige Gehirn hat aufgehört zu ſchaffen; dieſer eine hatte Genie und hohe Abkunft, und ſchien vom Schickſal zu Ehren beſtimmt, die jetzt wenig werth für ihn haben; 288 Jener hatte Verdienſt, Gelehrſamkeit, Genie — jederlei Fähigkeit und Begabung, die ihm Liebe, Bewunderung und weltlichen Ruhm ſichern konnten: ein obſkurer, ein⸗ facher Kirchhof enthält das Grab mancher theuren Hoff⸗ nungen und den Denkſtein, der ihnen Lebewohl ſagt. Ich ſah gegen das Ende des letzten Jahrs die Sonne darauf ſcheinen und hörte den lieblichen Dorfchor ſeine Lieder rings um ihn anſtimmen. Was frommt es, ob das Weſtminſter, oder ein kleiner Landkirchthurm deine Aſche überſchattet, oder ob wenige Tage früher oder ſpäter die Welt dich vergißt! Unter dieſen Freunden und einem Heere Anderer, brachte Pen mehr denn zwei glänzende und glückliche Jahre ſeines Lebens hin. Er hatte ſein volles Maaß Vergnügen und Popularität, keine Diner⸗, keine Souperparthie war vollſtändig ohne ihn; und Pens jovialer Witz, Pen's Lieder und überſprudelnder Muth, Pens freies und männliches Gebahren bezauberte alle Ungraduirten und entwaffnete ſelbſt die Tutoren, welche über ſeinen Mü⸗ ßiggang klagten und über ſeine verſchwenderiſche Le⸗ bensweiſe murrten. Obgleich er der Liebling und Führer junger Leute war, welche an Reichthum und Stellung weit über ihm ſtanden, war er doch zu hochſinnig, ſie durch irgend eine Gemeinheit oder Kriecherei für ſich zu gewinnen und vernachläßigte den Niedrigſten unter ſeinen Bekannten nicht, um die Gunſt der reichſten jungen Magnaten auf der Univerſität zu buhlen. Sein Name wird immer noch in dem Union Debatin Klub als einer der glänzendſten Redner ſeiner Zeit genanntz nebenbei war er in ſeinem Fuchſenjahr ein feuriger Tory, ſeine Grundſätze nahmen aber eine plötzliche Wendung und er wurde ein Liberaler vom heftigſten Schlage. Er geſtand, Dantoniſt zu ſein, und behauptete, daß Ludwig dem Sechszehnten ſein Recht widerfahren, und was Karl den Erſten betrifft, ſo gelobte er, er wollte dieſem Monarchen mit eigener Hand den Kopf abſchla⸗ gen, wenn er jetzt in dem Union Debating Klub wäre, 289 und Cromwells keinen andern Urtheilsvollſtrecker für den Verräther hätte. Er und Lord Magnus Charters, des Marquis von Runnimede's Sohn, deſſen wir bereits Shi waren die gräulichſten Republikaner ſeiner eit. Unabhängig von der Collegiaten⸗Hierarchie, wurden in der Studenten⸗Republik derlei Reputationen gewon⸗ nen. Es kann einer in den Ehrenliſten berühmt und dennoch den Ungraduirten ganz unbekannt ſein, welche Könige und Häuptlinge aus ihrer Mitte wählen, denen ſie Bewunderung und Gehorſam zollen, wie Neger⸗ banden ihre eignen ſchwarzen Souveräne haben, denen ſie insgeheim Gehorſam leiſten, außer jenen, die ſie öffentlich für ihre Herren und Treiber anerkennen. Unter den Jun⸗ gen wurde Pen berühmt und beliebt: nicht als ob er viel gethan hätte, aber es war allgemeine Annahme, daß er viel thun könnte, wenn er wollte. „Ach wenn Pendennis von Boniface es nur verſuchen wollte, hieß es, et könnte ſchon etwas thun.“ Er wurde unterſtützt für die griechiſche Ode, welche Smith von Trinity ge⸗ wann. Jedermann glaubte, er werde den Preis im la⸗ teiniſchen Hexameter gewinnen, den jedoch Brown von Sankt Johns davon trug, und auf dieſem Weg ging eine Ehre nach der andern für ihn verloren, bis Mr. Pen nach zwei oder drei Niederlagen aufhörte, als Mit⸗ bewerber aufzutreten; aber er gewann den Deklama⸗ tionspreis in ſeinem eigenen College und brachte für ſeine Mutter und Laura nach Fairvaks eine Anzahl Preis⸗ bücher mit dem vergoldeten Collegewappen vergoldet und ſo ſtattlich gutgebunden und prachtvoll, daß dieſe Ladies glaubten, es ſei nie zuvor in einem College ein Preis, wie derjenige Pen's, gegeben worden, auch habe er die höchſte Ehre gewonnen, die Orbridge zu erthei⸗ len vermöge. Da Vakanz nach Vakanz und Friſt nach Friſt verſtrich, ohne die gewünſchte Kunde, daß Pen einen Stiftungsgehalt erhielt, oder einen Ehrenpreis gewann, Pendennis. 1. 19 290 wurde Doktor Portman in ſeinem Benehmen gegen Ar⸗ thur ſehr finſter und nahm einen mürriſchen und hohen Ton gegen ihn an, den der Junge mit gleichem Stolze erwiderte. In einer Vakanz machte er dem Doktor gar keinen Beſuch, zum großen Verdruß ſeiner Mutter, welche es für ein großes Vorrecht hielt, in die Rektorei zu Clavering einzutreten und auf Doktor Portmans, wenn auch noch ſo oft wiederholten, antiken Scherze und Geſchichten mit ungeſchwächter Verehrung horchte. „Ich kann des Doktors Gönnermiene nicht ertragen,“ ſagte Pen, „er iſt viel zu freundlich, viel zu väterlich gegen mich, ich habe in der Welt beſſere Männer als ihn ken⸗ nen gelernt und will mich nicht damit langweilen, daß ich ſeine einfältigen, alten Geſchichten anhöre und ſeinen ſchalen alten Portwein trinke. Die ſtillſchweigende Fehde zwiſchen Pen und dem Doktor griff der Wittwe Nerven an, ſo daß auch ſie Portman vermied und, wenn Arthur zu Hauſe war, auch nicht in die Rektorei gehen mochte. An einem Sonntag in der letzten, langen Vakanz, trieb der unglückliche Junge ſeinen rebelliſchen Sinn ſo weit, daß er nicht in die Kirche ging und vor den Augen der Gemeinde, als ſie aus Sankt Mary's ging, an dem Thor zu dem Wappen von Clavering eine Ci⸗ garre rauchte. Hierauf entſtand eine furchtbare Sen⸗ ſation in der Dorfgeſellſchaft, Portman prophezeite Pen's Ruin und ſeufzte in ſeinem Geiſte über den re⸗ belliſchen, jungen Verſchwender. Helen zitterte in ihrem Herzen und die kleine Laura — Laura war indeſſen zu einem ſchmucken Mäd⸗ chen herangewachſen, anmuthig und ſchön, um Helen ſich ſchlingend und ſie mit leidenſchaftlicher Zuneigung verehrend. Beide fühlten, daß mit ihrem Jungen eine Veränderung vorgegangen war; er war nicht mehr der harmloſe Pen, wie vor Zeiten, ſo wacker, ſo ſtürmiſch, ſo zärtlich. Seine Miene war ſorgenvoll und verſtört, ſeine Stimme hatte einen tiefen Klang, ſeine Töne waren ſarkaſtiſcher. Sorge ſchien ihn zu quälen, gber 291 er lachte nur, wenn ſeine Mutter ihn fragte und parirte ihre ängſtlichen Fragen mit einem verächtlichen Scherz; auch brachte er keinen großen Theil der Ferien daheim zu, machte Beſuche bei einem oder dem andern vorneh⸗ men Freund und geſchweigte das ſtille Paar zu Fairvaks mit Geſchichten großer Häuſer, in die er eingeladen worden war, und ſprach von Lords, ohne ihre Titel zu nennen. Der ehrliche Harry Foker, welcher das Mittel war, Arthur Pendennis in jenen Kreis junger Männer auf der Univerſität einzuführen, von deren Geſellſchaft und Verbindungen Arthurs Oheim erwartete, daß der Junge großen Vortheil ziehen würde, welcher Arthur bei ſeiner erſten Sängerparthie zu ſeinem erſten Lied aufgefordert und der ihn in dem Barmecide Klub vorgeſtellt hatte, wo nur die beſten Glieder der Orbridger zugelaſſen wurden, (ſie beſtand zu Pen's Zeit aus ſechs Edeln, acht Gentlemenpenſionärs und zwölf der ausgeleſenſten Collegiaten zweiter Klaſſe) fand ſich bald von dem jungen Fuchſen in der faſhinabeln Welt von Orbridge überholt, und da er ein großmüthiger und würdiger Burſche war, ohne ein Fünkchen Neid, war er außeror⸗ dentlich zufrieden über den Erfolg ſeines jungen Pro- tégé und bewunderte Pen ebenſo ſehr, als irgend einer der andern jungen Leute that. Er folgte jetzt Pen, eitirte ſeine Reden, lernte ſeine Lieder, tiſchte ſie bei kleineren Abendgeſellſchaften auf und war nie müde, ſie von des begabten jungen Dichters eignem Munde zu hören, denn ein großer Theil der Zeit, die Mr. Pen weit vortheilhafter auf die regelmäßigen ſcholaſtiſchen Studien verwendet hätte, wurde der Abfaſſung weltli⸗ cher Balladen gewidmet, die er bei Parthien nach der akademiſchen Weiſe abſang. Es wäre für Arthur gut geweſen, wenn der ehrliche Foker einige Zeit in dem College geblieben wäre, denn bei all ſeiner Lebhaftig⸗ keit war er ein kluger, junger Mann und hielt Pen oft von Verſchwendungen zurück; aber Fokers Collegiat⸗ 292 zeit dauerte nicht mehr ſehr lange nach Arthurs Ein⸗ tritt bei Boniface. Wiederholte Zerwürfniſſe mit den Autoritäten der Univerſität vermochten Mr. Foker Ox⸗ bridge zu einer ungelegenen Zeit zu verlaſſen. Er wollte darauf beſtehen, Wettrennen auf der Hungerford-Heide, trotz den Verboten ſeiner akademiſchen Obern zu beſu⸗ chen. Er konnte nie dazu gebracht werden, die Kapelle des College mit der regelmäßigen Frömmigkeit zu be⸗ ſuchen, welche die Alma Mater von ihren Kindern ver⸗ langt. Tandem's, welche ein Abſcheu in den Augen der Häupter und Tutoren waren, gewährten Foker das größte Vergnügen und ſo rückſichtslos war ſein Fahren und ſo häuſig waren die Unfälle und Umſtürzungen ſeines Drag, daß Pen eine Fahrt mit ihm die Luſt⸗ barkeiten des Purley nannte. Da er ſchließlich eine Di⸗ nerparthie in ſeinen Zimmern für einige Freunde von London zu unterhalten hatte, wollte Mr. Foker ſich nicht zufrieden geben, ohne Mr. Buck's Thür roth an⸗ geſtrichen zu haben, bei welchem Schwank er von dem Proktoren ertappt wurde; und obgleich der junge Black Strap, der berühmte Negerkämpfer, welcher einer von Mr. Fokers ausgezeichneten Gäſten war und den Far⸗ bentopf hielt, während der junge Künſtler an der Thür operirte, zwei von des Proktors Dienern niederſchlug und Wunder von Tapferkeit verrichtete, ſo ſchadeten dieſe Großthaten Foker mehr, als ſie ihm nützten, da der Proktor ihn recht wohl erkannte und man ihn mit dem Pinſel in der Hand aufgriff, ihn ſummariſch kon⸗ venirte und von der Univerfität fortſchickte. Der Tutor ſchrieb über die Sache einen ſehr freund⸗ lichen und gefühlvollen Brief an Lady Agnes, in dem er angab, daß Jedermann den Jüngling gern habe, daß er nie Jemand etwas zu Leid thun wollte, daß er ſeines Theils mit Vergnügen den harmloſen, kindiſchen Streich verziehen hätte, wenn nicht zum Unglück deſſen OSeffentlichkeit es unmöglich gemacht hätte, den Einfall nachzuſehen, und hegte die feierlichſten Wünſche für das 293 Wohlergehen des jungen Studenten — Wünſche, die ohne Zweifel aufrichtig waren, da Foker, wie wir wiſſen, von ſeiner Mutterſeite von einer vornehmen Familie ſtammte und auf der andern Erbe vieler tau⸗ ſend jährlicher Pfunde war. „Einerlei,“ ſagte Foker, indem er die Sache mit Pen durchſprach — „ein wenig früher oder ſpäter, was thut das? ich mußte, ich weiß es, für mein kleines Händelchen gerupft werden — das Latein will mir nicht in den Kopf und meiner Mama Beſorgniß hätte doch in nächſter Zeit der Sache ein Ende gemacht. Der Papa wird wie ein alter Nordkaper aufprotzen, ja, das wird er, ſchon recht, wir müſſen halten, bis er wieder in den Wind kommt, ich werde wahrſcheinlich über Land gehen und meinen Geiſt durch weite Reiſen kultiviren, ich will nach Paris, dort das Tanzen lernen und meine Erziehung vollenden; aber nicht um mich iſt mir bange, Pen, ſo lange die Leute Bier trinken hat's bei mir keine Noth — um Dich bin ich in Sorge, mein Junge, Du reiteſt zu ſchnell und kannſt den Schritt nicht halten, ich ſage dies, es handelt ſich nicht um die fünfzig Pfund, die Du mir ſchuldig biſt, zahl ſie oder nicht, wie Du willſt — nein, um den Altagsſchritt, und ich ſage Dir, es bringt Dich um. Du lebſt, als ob's mit dem Geld daheim kein Ende nehmen könnte. Du ſollteſt keine Diner geben, Dich nur einladen laſſen, die Burſchen ſind froh, wenn ſie Dich nur haben. Du ſollteſt keine Pferdsrechnungen machen, ſollteſt anderer Jungen Klepper reiten, Du verſtehſt nicht mehr vom Wetten, als ich von der Algebra; die Burſchen gewinnen Dein Geld ſo gewiß, als Du es einſetzeſt, der Henker hole mich, wenn Du nicht in Alles Deine Naſe ſteckſt, ich ſah Dich letzte Woche bei Trumpingtons zum Pearté niederſitzen und nach Ringwoads Souper die Beiner aufleſen. Sie hauen Dich über die Ohren, Pen, mein Junge, ſelbſt wenn's mit rechten Dingen zugeht, was ich nicht behaupten will; ich ſage nicht, daß ſie's thun 294 oder nicht, wohl gemerkt, aber ich würde nicht ſpielen mit ihnen, Du kannſt ihnen die Stange nicht halten. Fällſt nicht ſo in's Gewicht, 's iſt wie wenn der kleine Black Strap gegen Tom Spring auf die Menſur tritt — der Black iſt ein ganz ordentlicher Fechter, aber, Gott ſtrafe mich, ſein Arm iſt zu kurz, er kann dem Tom nicht auf den Leib und ich ſage Dir, Du haſt's mit Burſchen zu thun, die ſchwerer in's Gewicht fallen. Sieh her — wenn Du mir verſprichſt, nicht mehr zu wetten, einen Würfelbecher oder eine Karte anzurühren, ſo laß ich Dir meine zwei Klepper.“ Aber Pen ſagte lachend, „daß, wenn er die zwei Klepper im Augenblicke nicht bezahlen könne, er keines⸗ wegs wünſchte Schulden, die er habe, unbezahlt zu laſſen;“ und er und Foker trennten ſich nicht ohne finſtre Ahnungen von Seite des Letztern, in Bezug auf ſeinen Freund, der, dachte Harry, dem Verderben pfeil⸗ ſchnell in die Arme ſtürze. „Mit den Wölfen muß man heulen,“ ſagte Pen im Dandy⸗Ton, indem er mit einigen Sovereigns in ſeiner Weſtentaſche ſpielte. „Ein ruhiges Spielchen beim Ecarté kann einen Mann, der ſich auf's Spiel verſteht, nicht zu Grunde richten — ich kam von Ring⸗ wood's Souper um vierzehn Sovereigns reicher nach Hauſe und bei Gott, ich brauchte das Geld.“ Er ging davon, nachdem er dem armen Foker Lebewohl geſagt, der ohne Trommelſchlag oder Anerbieten einer Beglei⸗ tung Orbridge verließ, um bei einem kleinen Diner zu präſidiren, das er in Boniface in ſeiner Wohnung gab, auf welche Diners der Koch des College, der großen Reſpekt vor Mr. Pendennis hatte, zu Ehren ſeines jungen Günſtlings immer beſondere Sorgfalt verwendete. 295 zwanzigſtes Rapitel. Fortſchritt der Liederlichkeit. Kurze Zeit vor Mr. Fokers Abreiſe von Orbridge war nach Boniface ein Gentleman gekommen, der frü⸗ her, wie es eben ging, der andern Univerſität Camford angehörte, welche er wegen einiger Zerwürfniſſe mit den dortigen Tutoren und Behörden hatte verlaſſen müſſen. Dieſer Gentleman, welcher Horace Bloundell hieß, ſtammte aus dem alten Suffolker Geſchlechte der Bloundell⸗Bloundell, von Bloundell-Bloundellhall, in Bloundell⸗Bloundellſhire, wie die jungen Scheime ſich auszudrücken pflegten. Und ohne Zweifel, wegen dieſer ſeiner Abkunft und weil Doktor Donne, der Maſter von Boniface, ſelbſt aus Suffolk und vielleicht mit der Fa⸗ milie verwandt war, wurde Mr. Horace Bloundell in Boniface aufgenommen, nachdem St. Georges und ein paar andere Colleges ſeine Aufnahme verweigert hatten. Es war eine Stiſtung in der Familie, welche Mr. Bloundell nicht fallen laſſen wollte, und da er in einem Dragoner⸗Regiment war, zur Zeit da ſein dritter Bru⸗ der, für den der Stiftungsgehalt urſprünglich beſtimmt war, erkrankte und ſtarb, entſchloß ſich Mr. Bloundell, nachdem er den carmoiſinrothen Pantalons und den ſchwarzen Tſchakows Lebewohl geſagt, für den ſchwar⸗ zen Mantel und das weiße Halstuch eines engliſchen Theologen. Die Unfälle, welche ihm in Camford wi⸗ derfuhren, brachten in Mr. Bloundells Plane einige Störung, aber trotz der einmaligen Niederlage war der entſchloſſene Erdragoner nicht abgeſchreckt und ſchickte 5 an, an einem andern Orte einen Sieg zu ge⸗ winnen. 5 296 In Pen's zweitem Jahre machte Major Pendennis einen kurzen Beſuch bei ſeinem Neffen und wurde bei verſchiedenen Univerſitätsfreunden Pen's eingeführt: dem feinen und artigen Lord Plinlimmon, dem galanten und offenherzigen Magnus Charters, dem ſchlauen und witzigen Harland, dem unerſchrockenen Ringwood, der in dem Union⸗Debating⸗Klub von ſeinen Meinungen und ſeinen tollen Verſtößen Rupert genannt wurde; Broadbent, genannt Barebanes, Brvadbent genannt von ſeinen republikaniſchen Anſichten, (er ſtammte von einer Diſſenter Familie aus Briſtol, ein vollkommener Boaner⸗ ges in der Debattc); Mr. Bloundell-Bloundell endlich, der mit einem Mal ſeinen Platz unter den Auserwähl⸗ ten der Univerſität genommen hatte. Major Pendennis war, obgleich er Harlands griechiſche Citationen nicht verſtand, noch Broadbents dicke Schuhe und ſchmutzige Hände vollkommen würdigen konnte, mit der um ſeinen Neffen verſammelten Geſellſchaft Nichts deſto weniger hoch erfreut und gab allen jungen Männern, mit Aus⸗ nahme eines Einzigen, der ſich das größte Anſehen in der Geſellſchaft gab und am meiſten die Manieren eines Weltmanns haben wollte, ſeinen vollen Beifall Als er und Pen am Morgen nach der Paſthie in der Wohnung des Letztern beim Frühſtück ſaßen, gab der Major ſeine Anſichten in Bezug auf die jungen Männer, mit denen er in der beſten Laune war. Er hatte ſie mit einigen ſeiner Geſchichten regalirt, die, ob⸗ gleich nicht ganz friſch in London, wo die Leute in Sa⸗ chen der Anekdoten einen ungeſunden Appetit nach Neuem haben, in Orbridge nagelneu waren, und die Jungen hörten ſie mit jener aufrichtigen Sympathie, jenem vol⸗ len Vergnügen, jenem ſchallenden Gelächter und jenem tiefen Reſpekt, die in der Hauptſtadt ſo ſelten ſind und für en racconteur von Profeſſion das Lebenselement ſein müſſen. Nur ein- oder zweimal während der Er⸗ zählung der Anekdoten trug Bloundells Geſicht den Aus⸗ druck der Verachtung, oder verrieth, daß er mit dem Gtzählten bekannt ſei. Einmal hatte er die Kühnheit, die Genauigkeit der von Major Pendennis gegebenen Erzählung in Frage zu ſtellen, und gab ſeine eigene Verſion der Anekdote, von der er wußte, daß ſie recht warz denn er hörte ſie öffentlich in dem Klubb N. N. beſpre⸗ chen, von ſolchen, die bei der Sache gegenwärtig waren. Die Jüngſien ſahen ſogleich mit Verwunderung zu ihrem Genoſſen auf, der es wagte, den Major zu unterbrechen — Wenige von ihnen wußten, die wehmüthige Grazie und Artigkeit zu ſchätzen, womit Major Pendennis ſogleich Mr. Bloundells Verſion beitrat und ihm für Berichti⸗ gung ſeines Irrthums dankte. Sie ſtierten ihn bei der nächſten Gelegenheit an, als er von dem alten Pen in verächtlichen Ausdrücken ſprach, und ſagte, Jedermann kenne den alten Pen, den regelmäßigen, alten Freſſer in Gaunt Houſe, den notoriſchen, alten Schwätzer, den pedentiſchen, alten Dummkopf. Major Pendennis konnte ſeiner Seits Mr. Bloun⸗ dell auch nicht im Geringſten leiden. Man darf dar⸗ auf rechnen, daß ſolche Sympathien bei Herren und Damen gegenſeitig ſind, und wenn ein gütiger Freund mir ſagt, daß der und der mich verunglimpft habe, ſo bin ich meiner Seits ziemlich gewiß, daß ich den und den auch nicht leiden mag. Wir haben unſer Wohlge⸗ fallen oder Mißfallen an einander, wie man ein Wohl⸗ gefallen oder Mißfallen an dem Geruch gewiſſer Blu⸗ men, oder dem Geſchmack gewiſſer Gerichte, oder Weine oder Bücher hat. Wir können nicht ſagen, warum; — aber als allgemeine Regel mag gelten, daß alle Gründe in der Welt nicht bewirken, daß wir Dr. Fell lieben, und ſo gewiß, als wir ihn nicht lieben, dürfen wir ver⸗ ſichert ſein, daß er an uns keinen Gefallen findet. So ſagte der Major: „Pen, mein Junge, Dein Diner ging à merveille von Statten; Du machteſt die Honneurs allerliebſt, haſt gut vorgeſchnitten, — es fteut mich, daß Du vorſchneiden gelernt haſt, — man thut's iett auf den meiſten Häuſern auf dem Nebentiſch, aber 298 es iſt immer ein wichtiger Punkt und kann Dir in mit⸗ leren Häuſern zu Statten kommen. — Der junge Lord Plinlimmon iſt ein ſehr liebenswürdiger, junger Mann, ganz das Bild ſeiner theuren Mutter (welche ich als Lady Aquila Brownbill kannte), und Lord Magnus's Republikanismus wird vergehen — er ſteht einem jun⸗ gen Patrizier in frühen Jahren ganz wohl an, iſt aber äußerſt ekelhaft bei Perſonen unſeres Ranges — Mr. Broadbent ſcheint viel Beredtſamkeit und Beleſenheit zu haben: Dein Freund Foker iſt immer ergötzlich: aber Dein neuer Bekannter, Mr. Bloundell, iſt ein jun⸗ ger Mann, der in keiner Hinſicht verdient, von Dir auf⸗ geſucht zu werden.“ „Gütiger Gott, Sir! Bloundell, Bloundell!“ rief Pen lachend, „ei, Sir, der iſt der populärſte Mann auf der Univerſität: wir wählten ihn von den Barmeciden in der erſten Woche, da er herauf kam — hatten eine beſondere Verſammlung wegen ſeiner — Sufolker Bloun⸗ dells, ſtammend von Richard's Blonde, — führen eine Harfe im Schildhaupt — und als Motto: „0 Mong roy.“ 4 „Es kann einer ein ſehr gutes Wapvenſchild haben und doch ein Tiger ſein, mein Junge,“ ſagte der Ma⸗ jor, indem er ſein Ei zerſchnitt; „dieſer Mann iſt ein Tiger, denk an mich — ein niedrig geſinnter Mann. Ich will darauf wetten, daß er ſein Regiment, das ein recht gutes iſt, (denn ein reſpektablerer Mann als mein Freund Lord Martingale ſaß nie in einem Sattel) in ſchlechtem Geruche verlaſſen hat. Dieſer Mr. Bloun⸗ dell hat unverkennbar den Blick einer Schlange und ſchlechte Gewohnheiten, er beſucht ſchlechte Spielhäuſer und Billardhöllen, er ſpukt in Klubbs dritten Rangs; ich weiß, daß er es thut; ich kenn's an ſeinem Beneh⸗ men. Ich hab' mich noch nie in meinem Mann ge⸗ täuſcht. Haſt Du bemerkt, wie viele Ringe und Ju⸗ welen er trägt? Dieſem Burſchen iſt das Scamp (Aus⸗ reißer) ins Geſicht geſchrieben, wie keinem; denk an 299 mich und geh ihm aus dem Weg: doch ſprechen wir von etwas Anderem. Das Diner war ein wenig zu flott, aber ich habe Nichts dagegen, daß Du etwas er⸗ tra thuſt, wenn Du Freunde empfängſt. Natürlich thuſt Du's nicht oft und nur bei ſolchen, die Du fe⸗ tiren mußt. Die Cotelettes waren vortrefflich und das Soufflé ungemein leicht und gut. Die dritte Flaſche Champagner war nicht nöthig; aber Du haſt ein gutes Auskommen und ſo lang Du nicht darüber brauchſt, will ich nicht mit Dir darüber ſtreiten, lieber Junge.“ Armer Pen! der würdige Onkel wußte wenig, wie oft dieſe Diners ſtatt fanden und der ſorgloſe junge Amphitryo liebte es, ſeine Gafifreiheit und Geſchick in der gourmandise zu zeigen. Es gibt Nichts, in was die Jungen ſo ſehr auf Kennerſchaft aus ſind, als dieſe Kunſt, die ſo ſchwer zu erlernen und für viele Unglück⸗ liche ſo unmöglich und ſo unerſchwinglich iſt. Eine Kennerſchaft in den Weinen und der Kocherei erſcheint ihnen als Attribut eines vollendeten roué und rechten Gentlemans. Es ergötzt mich immer, wenn ich ſehe, wie ſie bei einem Glas Claret winken, als ob ſie die beſten Kenner von der Welt wären und über eine Salmi diskutiren — arme Jungen! Erſt wenn ſie alt werden, wiſſen ſie, daß ſie Nichts wiſſen von der Wiſſenſchaft, während vielleicht ihr Gewiſſen ihnen zuflüſtert, daß die Wiſſenſchaft an ſich ſelbſt wenig Werth hat, und daß eine Hammelskeule und Zufriedenheit ſo gut iſt, als die Schmauſereien der Päpſte. Aber der kleine Pen hielt es für nothwendig, ein großer Kritiker und Schöp⸗ fer von Diners zu ſein. Wir haben eben erſt geſagt, daß der Collegekoch Reſpekt vor ihm hatte und werden bald zu beklagen haben, daß dieſer würdige Mann unſerem Pen ſo blindlings vertraute. Im dritten Jahr von des jungen Aufenthalt in Orbridge war ſeine Treppe keineswegs beſchwertmit Schüſſeldeckeln und Nach⸗ tiſchen und Aufwärtern, welche Gerichte hereinbrachten und Stips, welche im Eis geſtandene Champagnerbouteillen 300 öffneten. Rudel anderer Aufwärter mit verdroſſe⸗ nen oder mitleidigen Geſichtern warteten außen und fielen den unglücklichen Jungen an, wenn er ſeinen Bau verließ. Auch that ſeines Vormunds Rath nicht die Wirkung, daß Mr. Pen die Geſellſchaft des übel⸗ berüchtigten Mr. Bloundell vermied. Was junge Män⸗ ner an ihren Geſellſchaftern lieben und was Pen einen großen Theil ſeines Rufs und ſeiner Popularität ge⸗ wann, iſt wirkliche oder vermeintliche Kenntniß des Le⸗ bens. Ein Mann, der die Welt geſehen hat, oder mit Kennermiene von ihr ſprechen kann, — ein rous, der ſeine Abenteuer zu erzählen hat, darf auf eine bewun⸗ dernde Zuhörerſchaft unter der Jugend rechnen. Es iſt hart, es zu bekennen, aber es iſt ſo: wir können einer ſolchen Bravour unſern Reſpekt nicht verſagen; von unſern Schultagen an haben wir ſie bewundern gelernt. Gibt es fünf von hundert und abermal hun⸗ dert engliſchen Schuljungen, die an unſern großen Schulen und Univerſitäten erzogen wurden, die nicht geſtehen müſſen, daß ſie einmal in ihrem Leben den Don Juan geleſen und geliebt haben? Furchtbare Schule des Uebels! Der Gedanke daran ſollte den Mann, der die Feder hält, zittern machen. Es möchte Unwahrheit, Unreinheit, ungerechter Aerger oder unge⸗ rechtes Lob ihr entwiſchen. Ein ſolches räüdiges Schaf reicht hin eine ganze Kolonie anzuſtecken, und die Tutoren von Boniface be⸗ gannen zu finden, daß der ſittliche Ton ihres College ſich verſchlimmerte und ihre jungen Leute unlenkſam und beinahe ungentlemaniſch wurden, bald nach Bloun⸗ dells Ankunft in Orbridge. Die jungen Magnaten des benachbarten großen College von Saint George, welche Pen und diejenigen, in deren Geſellſchaft er lebte, ach⸗ teten, waren von Bloundells oberflächlichen Grazien und liederlichen Modezügen nicht ſehr eingenommen. Broad⸗ bent nannte ihn Kapitän Macheath und ſagte, er würde ſo lange leben, bis er gehenkt würde. Foker ſagte 301 während ſeines kurzen Verbleibens auf der Univerſität mit Macheath mit charakteriſtiſcher Vorſichtigkeit Nichts zu Ungunſten des Kapitäns, nur deutete er Pen an, daß er beim Whiſt ihn beſſer auf ſeiner Seite hätte, als gegen ſich, und beim Pearté lieber für ihn, als gegen ihn wette.. „Du ſiehſt, er ſpielt beſſer a Du, Pen,“ be⸗ merkte der ſcharfſinnige junge Gentleman, „er ſpielt ungemein gut der Kapitän und, Pen, ich würde nicht ſo ohne Weiteres mit ihm wetten, wenn ich Du wäre. Ich glaube, er hat keinen Ueberfluß an Gold der Ka⸗ pitän.“ Aber über dieſe dunkeln Andentungen und Allgemeinheiten hinaus konnte der vorſichtige Foker nicht gebracht werden. Nicht als ob dieſer Rath bei einem eigenſinnigen, jungen Mann mehr Gewicht gehabt hätte, als ein Rath gewöhnlich bei einem Jungen hat, der entſchloſſen iſt, ſeinen eigenen Weg zu gehenz Pens Appetit für Ver⸗ gnügen war unerſättlich und er flürzte ſich, wo es ſich zeigte, mit einem Ungeſtüm darein, das ſeine feurige Konſtitution und jugendliche Geſundheit bewies. Er hieß es, ſich Vergnügen machen, „das Leben ſehen,“ und führte wohlbekannte Grundſätze aus Terenz, Horaz und Shakſpeare an, um zu zeigen, daß man Alles thun ſollte, was einem Manne geziemt. Er ließ ſich gut an und verſprach, wenn er ſo fortt ſchte, in ein Paar Jahren ein vollkommener roué zu werden. Eines Abends nach einer Soupergeſellſchaft im Col⸗ lege, bei welchem Pen und Macheath gegenwärtig ge⸗ weſen, und ein fkleines, ruhiges vingt et un geſpielt worden war, (eine Unterhaltung, die für Studenten in ihrem zweiten oder dritten Jahre angenehmer iſt, als das geräuſchvolle Liederſingen, das die Proktors aus ihren Stuben treibt und mit der Zeit ſchal wird, da jeder ſein Budget ausgebraucht hatte, als die Gentle⸗ men ihre Kappen genommen hatten, und fortgingen, ohne große Verluſte oder Gewinnſte auf irgend einer 302 Seite, nahm Mr. Blondell ſcherzhaft ein grünes Wein⸗ glas von dem Soupertiſch, das dazu beſtimmt war, einen eiſigen Trunk zu enthalten, in das er aber etwas ge⸗ than, was noch weit verderblicher war, ein paar Wür⸗ fel, die der Gentleman aus ſeiner Weſtentaſche genom⸗ men. Dann machte er mit dem Glaſe eine graziöſe Bewegung, welche zeigte, daß ſeine Hand in dem Werfen der Würfel ganz erfahren war, dann rief er: „ſieben gewinnt!“ huſchte die elfenbeinernen Würfel leicht auf den Tiſch und raffte ſie wieder ungezwungen von dem Tiſchtuche auf, und wiederholte dieß zwei oder drei Mal. Die Andern ſahen zu, unter ihnen natürlich auch Pen, der noch nie gewürfelt hatte, außer beim Brett⸗ ſpiel daheim. Mr. Bloundell, der eine gute Stimme hatte, begann den Chor von Robert dem Teufel vorzutragen, eine Oper, die damals ſehr im Schwunge war, und viele der Gentlemeh ſtimmten ein, beſonders Pen, der ſehr aufgeräumt war, da er eine gute Anzahl Shilling und halber Kronen in dem vingt et un gewonnen — und alsbald ſetzten ſich, ſtatt nach Hauſe zu gehen, die Mei⸗ ſten um den Tiſch und würfelten, indem das grüne Glas von Hand zu Hand ging, bis Pen es endlich zer⸗ brach, nach dem er ſechs Paſch geworfen hatte. Seit jener Nacht ſtürzte ſich Pen in die Wonnen des Hazardſpiels mit demſelben Eifer, mit welchem er jedem neuen Vergnügen nachjagte. Würfeln kann man morgens ſo gut als nach dem Mittag⸗ oder Abendeſſen. Bloundell pflegte nach dem Frühſtück zu Pen auf das Zimmer zu kommen, und es war erſtaunlich, wie ſchnell die Zeit verging, wenn die Würfel raſſelten. Sie hatten kleine, ruhige Parthien bei verſchloſſenen Thüren, und Bloundell erfand einen Becher, der mit Filz gefüttert war, ſo daß die Würfel kein Geräuſch machten, und ihr verrätheriſcher Schall nicht die ſcharfhörenden Tu⸗ toren auf das Zimmer rief. Bloundell, Ringwood und Pen wurden einmal beinahe erwiſcht von Mr. Buck, der 303 einmal vorbeiging, und durch Pen's offenes Fenſter die Worte zwei auf eins auf den Werfer zu hören glaubte. Als der Tutor aber in Arthur's Wohnung kam, fand er die drei jungen Herren mit drei Ho⸗ meren vor ſich, und Pen ſagte, daß er verſuche mit den zwei andern in die Wette zu überſetzen, und fragte Mr. Buck mit großer Gravität, wie der Fluß Skamander jetzt beſchaffen ſei, ob er ſchiffbar ſei, oder nicht. Mr. Arthur Pendennis gewann nicht viel Geld in dieſen Unterhaltungen mit Mr. Bloundell, noch überhaupt viel Gutes außer der Kenntniß der Spielregeln, welche er aus den Büchern hätte lernen können. Kapitän Macheath hatte noch andere Vorzüge, die er zum Nutzen Pen's in Ausübung brachte. Des Ka⸗ pitäns Geſchichten hatten einen großen, unglücklichen Reiz für Arthur, der nicht müde wurde, auf ſeine Er⸗ zählungen von Garniſonseroberungen und ſeine Thaten in den Landquartieren zu hören. Er war in Paris ge⸗ weſen und hatte eine Menge Sagen von dem Palais Royal, dem Salon und Frascati. Er war eines Abends in den Salon gegangen, nach einem Kaffee in Paris, „als wir, beim Jupiter, als wir Alle verteufelt benebelt waren und als ich am Morgen in meinem Zimmer er⸗ wachte, hatte ich zwölftauſend Franken unter meinem Kiſſen und hundertundneunundvierzig Napoleons d'or in einem meiner Stiefel. War das nicht ein coup?“ ſagte der Kapitän. Pen's Augen glänzten vor Aufregung, wie er dieſe Geſchichte hörte. Er reſpektirte den Mann, der eine ſolche Summe Geldes gewinnen konnte, er ſeufzte und ſagte, das würde ihn wieder auf die Beine bringen. Macheath lachte und ſagte, er ſollte noch einen weitern Tropfen Maraschino trinken. „Ich könnte Ihnen Ge⸗ ſchichten erzählen, die noch viel wunderbarer ſind; und das hätte der Kapitän allerdings gekonnt, ohne eine andere Mühe, als die der Erfindung, eine poetiſche 304 Sabs mit der ihn die Natur reichlich ausgeſtattet atte. Er lachte höhniſch über Pen's Liebe zu Miß Fo⸗ theringay, als er von dieſer Liebſchaft von Arthur hörte, wie das gar bald geſchah; denn Pen war, wie ſchon erwähnt, nicht mehr abgeneigt, ſeinen vertrauten Freun⸗ den die Geſchichte zu erzählen, und er und ſie waren ſtolz darauf; aber Macheath benahm Pen allen Dünkel darüber, indem er nicht die Thorheit von des Jungen Leidenſchaft für ein ungebildetes, viel älteres Frauen⸗ zimmer nachwies, ſondern das alberne Verlangen, ſeine Leidenſchaft auf geſetzlichem Wege zu befriedigen. „Sie heirathen,“ ſagte er; „da hätten Sie eben ſo gut die — hier nannte er eine der bekannteſten Aktricen auf der Bühne — „heirathen können. Sie hatte kein Fetz⸗ chen Charakter.“ Er kannte zwanzig Männer, die ganz offene Bewunderer von ihr waren, und benannte ſie, und die Summen, die Jeder auf ſie verwendet hatte. Ich kenne keine Art von Verleumdung, die ſchrecklicher oder allgemeiner iſt, als diejenige, welche den Ruf der Frauen antaſtet, keine rückſichtsloſere und verderblichere Männer, als diejenigen, welche ſie unbeſonnen nachſa⸗ gen, und keine verächtlichere Klaſſe von Feiglingen, als die Leute, die ſolche Verläſterungen erfinden. Iſt es ein Unglück oder nicht, daß ein Gentleman, welcher ſelbſt aufrichtig iſt, und wie unſer Freund Pen geneigt, mit der Wahrheit bei allen Gelegenheiten her⸗ auszuplatzen, ſeinen Eintritt ins Leben damit beginnt, daß er Alles glaubt, was man ihm ſagt? Wäre es beſſer für den Jungen, weniger gläubig und ſo weniger ehrlich zu ſein? Es erfordert keine geringe Weltkenntniß, herauszufinden, daß Einer uns ohne beſondern Grund dafür Unwahrheiten ſagt. Ich weiß nicht, ob es nicht das Beſte iſt, ſich für eine gewiſſe Zeit dupiren zu laſ⸗ ſen. Auf jeden Fall hatte unſer Pen eine natüßliche Leichtgläubigkeit, die ihn befähigte, alle Angaben, die ihm gemacht wurden, als wahr anzunehmenz und er 305 nahm jede Erdichtung des Kapitän Macheaths, als wäre ſie das unbeſtreitbarſte Ereigniß von der Welt. Bloundells Angabe in Betreff Miß Fotheringay ſchmerzte und demüthigte Pen außerordentlich. Wenn er ſich ſeiner Leidenſchaft zuvor geſchämt hatte — was waren jetzt ſeine Gefühle in Beziehung darauf, als ſie, der Gegenſtand reiner Liebe und Anbetung, ſich als werthloſe Betrügerin auswies, als Betrügerin entdeckt von Allen außer ihm. Es kam Pen nie ein Zweifel, ob das Fak⸗ tum oder die Frage, ob die Geſchichten eines Mannes, der, wie ſein neuer Freund, niemals gut von einem Weibe ſprach, auch wahr ſein dürften. In einer Oſter⸗Vakanz, wo Pen ſeiner Mutter und ſeinem Oheim ſeine Abſicht ankündigte, nicht hinabzu⸗ kommen, ſondern in Orbridge zu bleiben und zu ſtudi⸗ ren, wurde Mr. Pen gleichwohl veranlaßt, in Geſell⸗ ſchaft ſeines neuen Freundes Mr. Bloundell einen kurzen Beſuch in London zu machen. Sie ſtiegen in einem Hotel im Covent Garden ab, und genoßen die Vergnügun⸗ gen der Stadt ſehr frei nach der Gewohnheit junger Stu⸗ denten. Bloundell gehörte noch zu einem militäriſchen Klubb, wohin er Pen ein paar Mal zum Diner mit⸗ nahm, die jungen Leute fuhren dahin in einem Cab⸗ riolet, indem er zitterte, er möchte Major Pendennis treffen auf ſeinem Weg nach Pall⸗Mall, und hier wurde Pen einer Anzahl galanter, junger Burſche mit Sporen und Knebelbärten vorgeſtellt, mit denen er Morgens blaſſes Ale trank und Nachts die Stadt durchſchwärmte. Hier ſah er allerdings Etwas von dem Leben, auch war er in ſeinen Gängen nach den Theatern und den Sing⸗ häuſern, welche dieſe lärmenden Geſellen beſuchten, nicht in dem Falle, eine Begegnung mit ſſeinem Vormund befürchten zu müſſen. Eines Abends jedoch waren ſie einander ſehr nahe; nur eine Planke trennte Pen, der in den Logen des Muſeumstheaters war, von dem Ma⸗ jor, welcher ſich in Lords Steyne's Loge mit dieſem ver⸗ Pendennis. 1. 20 306 ehrten Edelmann befand. Die Fotheringay war auf dem Zenith ihres Ruhmes; ſie hatte einen glücklichen Zug gethan; das heißt, beinahe ein ganzes Jahr ſehr gute Häuſer eingezogen, hatte die Provinzen mit großem Eclat durchreist, war zurückgekehrt, um in London mit etwas vermindertem Glanze zu leuchten, und feierte nun mit immer größerem „Zuſpruch“ u. ſ. w. „den Triumph des guten altbrittiſchen Dramas,“ wie die Theaterzettel ſich ausdrückten, vor einem Hauſe, das Raum genug für Jeden hatte, der ſie ſehen wollte. Es war nicht das erſte Mal, daß Pen ſie geſehen hatte ſeit dem denkwürdigen Tage, da ſich Beide in Chatteries getrennt hatten. Im vorigen Jahre, als die Stadt viel Aufhebens von ihr machte, und die Preſſe ihre Schönheit rühmte, hatte Pen einen Vorwand ge⸗ funden, während der Collegienzeit nach London zu kom⸗ men, und war in das Theater geeilt, um ſeine alte Liebe wieder zu ſehen. Er erinnerte ſich mehr, als daß er ſich wieder entflammte; er rief ſich zurück, mit wel⸗ chem Feuer er in Chatteries auf der Lauer lag, während der geeignete Spieler Ophelias oder Mrs. Hallers Auf⸗ tritt auf der Bühne einleitete. Jetzt, wenn ihr Vor⸗ gänger ſprach, durchſchauerte es ihn leicht: wenn ein donnernder Beifall erſchallte und Ophelia mit der alten Verbeugung eintrat, fühlte Pen eine leichte Erſchüt⸗ terung und erröthete tief, wenn er ſie anſah, und konnte nicht umhin, zu denken, daß das ganze Haus auf ihn ſehe. Kaum hörte er den erſten Theil des Schauſpiels, und gedachte mit ſolcher Wuth an die erlittene Demüthigung, daß er begann ſich einzubilden, er wäre eiferſüchtig und noch in ſie verliebt. Er eilte nach der Bühnenthüre des Theaters, um ſie wo mög⸗ lich zu ſehen, aber es gelang ihm nicht. Sie ging aller⸗ dings mit einer Begleiterin dicht an ihm vorbei; aber er kannte ſie nicht — noch ſie ihn. Am nächſten Tage kam er ſpät herein, und blieb ganz ruhig beim Nach⸗ ſpiel, und am dritten und letzten Abend ſeines Aufent⸗ 307 halts in London — tanzte noch Taglioni in der Oper — Taglioni! und dann kam Don Juan, den er vor Allem in der Welt bewunderte:; und ſo ging Mr. Pen in den Don Juan und zu Taglioni. Dieſe Zeit der Täuſchung über ſie war ganz vor⸗ bei; aber ſie war gewiſſermaßen nicht mehr dieſelbe. Die Glut ihrer Augen, die ihn überſtrahlte, war erlo⸗ ſchen, oder wurde Pen nicht mehr von ihr bewältigt. Ihre Stimme war noch ſo voll, wie vordem; aber Pens Herz ſchlug nicht mehr ſo hoch, wie zuvor. Er glaubte ihren iriſchen Accent heraus zu merken, und ihre Akkorde ſchienen ihm plumb und falſch. Es ennuirte ihn, dieſelbe Emphaſe auf denſelben Worten nur etwas lauter geſprochen zu vernehmen; noch mehr, es ennuirte ihn, daß er je dieſe handgreifliche Dreſſur für Genie genommen, und bei dieſen Schluchzern und Seufzern dahin ſchmolz. Es war ihm beinahe, als wäre er in einem andern Leben, als hätte ſich jemand Anderes in ſie verliebt. Er fühlte Scham und bittere Demüthi⸗ gung und in ſich eine große Leere. O, armer Pen! Die Täuſchung iſt oft beſſer, als die Wirklichkeit, und ſchöne Träume beſſer, als trauriges Wachen. Sie gingen und hatten jenen Abend ein ſehr lär⸗ mendes Soupé, und Mr. Pen am nächſten Morgen hef⸗ tiges Kopfweh, mit welchem er nach Orbridge zurück⸗ kehrte, nachdem all ſein baares Geld daraufgegangen war. Da die ganze Erzählung Pen's eignen Bekennt⸗ niſſen entnommen iſt, ſo daß der Leſer ſich von der Wahrheit jedes Worts darin überzeugen kann, und Pen ſelbſt nie genau wußte, wie er ſein Geld durchbrachte, und ſich während ſeines unſeligen Aufenthalts in Or⸗ bridge in immer tiefere Geldverlegenheiten ſtürzte, ſo iſt es mir natürlich unmöglich, von der allgemeinen Skizze ſeines dortigen Lebens, die wir kurz vorher gegeben, in das einzelſte Getheil einzugehen. Er ſpricht nicht zu hart von der Schurkerei der Handelsleute auf der Uni⸗ 308 verſität, noch von denen in London, die er beim Beginn ſeiner Laufbahn mit ſeinem Schutze beehrt. Selbſt Finch, der Geldleiher, bei dem ihn Bloundell einführte, und mit welchem er verſchiedentliche Geſchäfte machte, be⸗ handelte ihn nach ſeiner eigenen Angabe mit Schonung, und legte ihn nie höher als mit hundert Prozent an. Der alte Collegekoch, ſein eifriger Bewunderer, machte ihm eine Privatrechnung, und erbot ſich, ihm Diners bis auf ſeine letzte Stunde hereinzuſenden, und wollte bis auf ſeinen Sterbetag nicht auf die Bezahlung drin⸗ gen. Arthur Pendennis's Freimüthigkeit und Offenher⸗ zigkeit gewannen ihm die meiſten Leute, welche mit ihm in Berührung kamen, und während es ihn zu einer leichten Beute für Schurken machte, vielleicht mehr gu⸗ ten Willen, als er verdiente, von vielen ehrlichen Leuten. Es war nicht möglich, ſeiner Gutmüthigkeit zu wider⸗ ſtehen, noch ſelbſt in ſeinen ſchlimmſten Augenblicken nicht zu hoffen, daß er von gänzlichem Ruin bewahrt werden würde. In dervollſten Blüthe ſeiner akademiſchen Luſtbarkeiten konnte er die heiterſte Geſellſchaft verlaſſen, um an das Krankenbett eines Freundes zu ſitzen. Er kannte keinen Unterſchied zwiſchen Niedern und Hohen in der Behandlung ſeiner Bekannten; wie ſehr auch der Geſchmack des unglück⸗ lichen Jungen für den Aufwand ihn gute Geſellſchaft vorziehen ließ, ſo war er nur zu bereit, ſeine Guineen mit einem armen Freunde zu theilen, und wenn er Geld bekam, hatte er eine unwiderſtehliche Neigung zum Bezahlen, die ihn ſein ganzes Leben nicht verließ. In feinem dritten Univerſitätsjahre begannen die Gläubiger ihm furchtbar auf den Leib zu gehen, und es ſammelten ſich Morgenbeſuche vor ſeiner Thür, welche den Tutoren ein großes Aergerniß wurden, und die manches ſtärkere Herz erſchreckt haben würden. Mit den Einen verſtritt er ſich, mit den Andern polterte er unter Mr. Boundell's Anleitung, der in dieſer Kunſt Meiſter war, obgleich er ſonſt in keiner andern graduirte, 309 bei Andern entſchuldigte er ſich. Und es wird von ihm erzählt, daß, als die kleine Marie Frodſham, die Toch⸗ ter eines armen Vergolders und Rahmenmachers, den Mr. Pen zu beſchäftigen für paſſend hielt, und der ihm eine Menge prachtvoller Rahmen für ſeine ſchönen Ku⸗ pferſtiche gemacht hatte, zu Pendennis mit der klägli⸗ chen Erzählung kam, daß ihr Vater am kalten Fieber darniederliege, und Exekution in ihrem Hauſe ſei, Pen in der Angſt ſeines Herzens davonſtürzte, ſeine grandioſe Uhr und all ſein Geſchmeide bis auf zwei alte Aermel⸗ knöpfe, die ſeinem Vater gehört, verpfändete, und mit dem Ertrag in Frodſhams Laden eilte, wo er mit Thränen in den Augen und der innigſten Reue und Zerknirſchung für den armen Handwerksmann um Nach⸗ ſicht bat. Dieß, junge Gentlemen, wird nicht als ein Beleg für Pen's Vortrefflichkeit, ſondern eher ſeiner Schwäche aufgeführt; es würde viel tugendſamer von ihm gewe⸗ ſen ſein, wenn er gar keine Kupferſtiche gehabt hätte. Er war noch ſchuldig für den Flitter, den er verkaufte, um Frodſhams Rechnung zu zahlen, und ſeine Mutter hatte grauſam zu kargen, um die Rechnung des Juwe⸗ liers zu bezahlen, ſo daß ſie am Ende für die imper⸗ tinenten Grillen und Thorheiten des Jungen zu leiden hatte. Wir ſtellen Euch Pen nicht als Helden oder Muſter, ſondern blos als einen Jungen vor, der mitten unter tanſend Eitelkeiten und Schwächen noch einige edle Impulſe hat, und noch nicht ganz und gar ohne Ehrgefühl iſt. Wir haben geſagt, daß es dem Tutor Mr Buck zum Aergerniß gereichte, daß Pen's Verſchwendung ruchbar wurde; aus der Art, wie er in das College eintrat, aus dem Umgang, den er wählte, und der Einführung Dok⸗ tor Portmans und des Majors glaubte Buck eine lange Zeit, daß ſein Zögling ein Mann von großem Beſitze ſei, und wunderte ſich, daß er nur eine einfache Kleidung trug. Als er einmal nach London zu einem Lever im 310 Auftrag von ſeiner Majeſtät loyaler Univerſität Orbridge ging, hatte Buck Major Pendennis in St. James in Unterhaltung mit zwei Hoſenbandrittern geſehen, auch ſah der verblüffte Tutor den Major in dem Wagen von einem derſelben nach dem Lever davonfahren. Gleich nach ſeiner Heimkunft lud er Pen zum Weine ein, und ließ ihn mehr denn ſonſt von der Kapelle und den Vor⸗ leſungen weg, und war vollkommen überzeugt, daß er ein junger Gentleman von großem Grundbeſitze ſei. So war er denn wie vom Blitze getroffen, als er die Wahrheit erfuhr, und von Pen das traurige Ge⸗ ſtändniß erhielt. Seine Univerſitätsſchulden waren groß, und der Tutor konnte Nichts thun; natürlich ſagte Pen ihm Nichts von ſeinen Londoner Schulden. Was ſagt einer nicht, wenn er von ſeinen Freunden wegen ſeiner Ver⸗ bindlichkeiten in die Enge getrieben wird. Der Tutor erfuhr genug, um zu wiſſen, daß Pen arm war, daß er eine ſchöne, beinahe glänzende, für ſeine Studien aus⸗ geſetzte Summe aufgebraucht, und eine ſo hübſche Aernte von Schulden ringsumher hatte, daß es für einen Mann ſchwer wurde, ſie niederzumähen, denn es gibt keine Pflanze, die ſo ſchnell empor wuchert, wenn ſie ein Mal Wurzel gefaßt hat. Vielleicht war Pen darum, da ſeine Mutter ſo gut und liebevoll war, der Gedanke ſo entſetzlich, daß ſie von ſeinen Sünden erfahren ſollte; „ich kann es nicht ertragen, es ihr zu entdecken,“ ſagte er zu dem Tutor in Todesangſt. „O, Sir, ich war ein Schurke gegen ſie, — und er fühlte Reue und wünſchte die Zeit noch einmal zurückleben zu dürfen, und fragte ihn: „Warum, warum doch beſtand mein Onkel darauf, daß ich mit vornehmen Leuten leben müßte, und wie viel nützt mir jetzt ſeine hohe Bekanntſchaft?“ Sie waren nicht zurückhaltend, aber Pen hielt ſie dafür, und zog ſich in letzter Zeit vor ihnen zurück. Bei Geſellſchaften war er ſo traurig, als ein Todten⸗ kopf. Er vermied ſie ſelbſt, und ſeine jüngern Freunde 311 luden ihn bald nicht mehr ein. Jeder wußte, daß Pen⸗ dennis „auf dem Hunde war.“ „Der Boundell, welcher Niemand bezahlen konnte und nach drei Terminen fort mußte, war ſein Ruin,“ ſagten ſie. Seine traurige Ge⸗ ſtalt ſah man um die einſamen Vierecke ſchleichen in ſeiner verwitterten alten Kappe und zerriſſenem Ge⸗ wande, und der, der noch vor einem Jahre der Stolz der Univerſität geweſen, den alle Jungen mit Vergnü⸗ gen anſchauten, war jetzt der Gegenſtand der Unterhal⸗ tung der Fuchſenparthien, und ſie ſprachen von ihm mit Grauen und Verwunderung. Zuletzt kamen die Gra⸗ duirungsprüfungen. Mancher junge Mann von ſeiner Promotion, deſſen Bauernſchuhe Pen verlacht, und deſ⸗ ſen Geſicht oder Rede er earrikirt hatte, Mancher, den er im Vorleſungszimmer mit Verachtung behandelte, oder in dem Debatingklubb mit ſeiner Beredſamkeit nieder⸗ geſchmettert hatte — Mancher aus ſeiner eigenen Zeit, der nicht halb ſo viel Kopf, aber ein wenig Regel⸗ mäßigkeit und Beharrlichkeit im Arbeiten hatte, bekam hohe Ehren, oder ſchied mit geziemendem Credit. Und wo auf der Liſte ſtand Pen, der Stolze, Pen, der Witzige und Dandy, Pen, der Dichter und Redner? und wo war Pen, der Liebling und einzige Stolz der Wittwe? Die Liſten kamen heraus, und ein furchtbarer Rumor ging durch die Univerſität, daß Pendennis von Boniface durchgefallen ſei. 3¹2 Einundzwanzigſtes Kapitel. Flucht nach der Niederlage. Jeder, der auch nur die geringſte Kenntniß von der Heraldik und dem Reichsadel hat, muß wiſſen, daß die edle Familie, von der, wie wir wiſſen, Helen Pen⸗ dennis ein Mitglied war, als Helmſchmuck ein Neſt voll kleiner Pelikane hat, welche an dem blutigen Buſen eines großen mütterlichen Vogels picken, der in reicher Fülle die Kleinen mit der Nahrung verſieht, durch die ſie nach der heraldiſchen Legende groß erzogen wurden. Sehr wahrſcheinlich lieben es weibliche Peltkane, unter den ſelbſtiſchen Schnäbeln ihrer Jungen zu bluten. Ge⸗ wiß iſt, duß Frauen es thun. Es muß eine Art Ver⸗ guügen dabei ſein, das wir Männer nicht verſtehen, das den Schmerz der Opferung begleitet, und ich glaube in der That, es gibt Frauenzimmer, die wirklich lieber leiden wollen, als nicht. Sie lieben es, ſich zum Be⸗ hufe des Gegenſtandes, den ihr Inſtinkt ſie lieben lehrt, zu opfern, ſei es für einen gleichgiltigen Gatten, einen verſchwenderiſchen Sohn, oder einen geliebten Springins⸗ feld von Bruder. Wie bereit ihre Herzen ſind, ihre beſten Schätze zum Wohl der geliebten Perſon auszu⸗ ſchütten, und welchen Antheil an dieſem Genuſſe geben wir unſerer Seits den ſanften Geſchöpfen? Es gibt nicht leicht einen Mann, der dieß liest und nicht in dieſer Art ſeiner Frauenſchaft Vergnügen gemacht und ſie ſo behandelte, um ihnen die Wonne der Verzeihung zu ge⸗ währen. Sie bedenken nicht, wie ſie ſelbſt leben; aber wenn der Verſchwender heimkommt, ſtellen ſie ein Freu⸗ denmahl an und tödten das fetteſte Kalb für ihn, und auf den erſten Wink, daß der Sünder zurückkehrt, be⸗ 313 reiten die gütigen Engel ihr Feſt, und Gnade und Ver⸗ zeihung lächeln ihm einen Willkomm entgegen. Ich hoffe, es wird für uns Alle immer ſo ſein, wenn wir nur ſo gerecht ſind, es zu erkennen. Der Himmel helfe uns! Während des letzten Theils von Pen's Aufenthalt auf der Univerſität Orbridge hatte ſeines Onkels Theil⸗ nahme für den Jungen in hohem Gnade zugenommen. Der Major war ſtolz auf Arthur, der hohen Sinn, freie Manieren, eine gute Perſönlichkeit und hohes, gentle⸗ maniſches Gebaren hatte. Es gefiel dem alten Londoner Junggeſellen, daß Pen mit den jungen Patriziern ſeiner Univerſität ging, und er (von dem man wußte, daß er nie ſeine Freunde bewirthete und deſſen Karkheit eine Art Sprichwort unter einigen Schalken des Klubbs ge⸗ worben war, welche ihn um ſeine vielen Einladungen beneideten und nicht ſeine Armuth in Anſchlag hrachten) war hoch erfreut, ſeinem Neffen und den jungen Lords kleine Diners in ſeiner Wohnung zu geben, und ſie mit gutem Claret und ſeinen beſten bons mots und Ge⸗ ſchichten zu regaliren, von denen einige durch die Wie⸗ derholung beeinträchtigt würden; denn des Majors Manier, ſie zu erzählen, war unvergleichlich hübſch und ſorgfältig, und andere, deren Wiederholung Niemand was nützen konnte. Er machte ihren Eltern durch die jungen Leute den Hof und ſich ſelbſt, ſo zu ſagen, durch ihre Geſellſchaft. Er machte mehr denn einen Beſuch zu Orbridge, wo die jungen Burſchen ſich amuſirten, den alten Gentleman zu unterhalten, Parthieen gaben, Frühſtücke und Feſte, theils um ihren Scherz mit ihm zu haben, theils ihm eine Ehre zu erweiſen. Er ſchlug ſie breit mit ſeinen Geſchichten. Er machte ſich ſelbſt jugendlich und heiter in der Geſellſchaft der jungen Lords. Er ging hin, Pen bei einer grandioſen De⸗ batte in der ünion zu hören, ſchrie und jubelte, und ſchwang er ſeinen Stock im Chor mit den Freuderufen der Leute, und er war erſtaunt über des jungen Beredtſamkeit und Feuer. Er dachte, 314 er hätte einen jungen Pitt ſtatt ſeines Neffen erhal⸗ ten. Er hatte eine beinahe väterliche Liebe für Pen. Er ſchrieb dem Jungen Briefe mit ſcherz⸗ haftem Rath und den Neuigkeiten der Stadt. Er ſtol⸗ zirte mit Arthur in ſeinen Klubbs und führte ihn mit Vergnügen in die Unterhaltung ein, indem er ſagte, daß die jungen Burſchen die älteren an die Wand drücken; daß die Jungen, welche heraufkämen, der junge Lord Plinlimon ein Freund von meinem Jungen, der junge Lord Magnus Chartres, ein Intimus von meinem Wild⸗ fang u. ſ. w. würden eine größere Figur machen in der Welt, als ſelbſt ihre Väter vor ihnen gethan hätten. Er bat um Erlaubniß, Arthur zu einer großen Fete im Gaunt⸗Houſe bringen zu dürfen. Er ſah ihn mit un⸗ ausſprechlicher Befriedigung mit den Schweſtern der jungen Edelleute tanzen, und bemühte ſich, ſo gut er konnte, Einladungskarten für den Jungen in einige gute Häuſer zu erhalten, als wäre er eine Mama, die ihr Töchterchen unter die Haube bringen wollte, und kein Offizier auf halbem Sold mit einer Perücke. Er rühmte überall des Jungen große Talente und ſeine merkwür⸗ dige Rednergabe, und das brillante Examen, das er machen werde. Lord Runnymede wolle ihn mit auf ſeine Geſandtſchaft nehmen, oder der Herzog ihn für einen ſeiner Flecken ins Parlament wählen laſſen, ſchrieb er immer und immer an Helen, welche ihres Theils nur zu bereit war, Alles zu glauben, was irgend Je⸗ mand zu Gunſten ihres Sohnes zu ſagen beliebte. All dieſer Stolz, alle Zuneigung von Onkel und Mutter war durch Pens heilloſe Verſchwendung und Faulenzerei unter die Füße getreten! Ich beneide Pen nicht um ſeine Gefühle, wenn er daran dachte, was er gethan hatte. Er hatte geſchlafen und die Schildkröte im Wettlauf geſiegt. Er hatte gleich beim Anlauf eine glänzende Laufbahn vereitelt, er hatte unedel in ſeiner edelmüthigen Mutter Börſe gegriffen, hatte ihr nieder⸗ trächtig und rückſichtslos ihre Hoffnungen zu nichte ge⸗ 315 macht. O, es war die Hand eines Feiglings, welche ein ſo zartfühlendes Geſchöpf geſchlagen und beraubt hatte. Und wenn Pen das Unrecht fühlte, das er An⸗ dern gethan, dürfen wir annehmen, daß ein junger Gentleman von ſeiner Eitelkeit nicht noch empfindlicher die Schande fühlte, die er über ſich ſelbſt gebracht? Seien wir überzeugt, daß es keine granſameren Ge⸗ wiſſensbiſſe gibt, als dieſe, keine kläglicheren Seufzer, als die verwundeter Selbſtliebe. Wie John Millers Freund, der Senior Wrangler *), der ſich im Schau⸗ ſpielhauſe von ſeiner Loge aus gegen die Verſammelten verbeugte, weil er und der König zu gleicher Zeit in das Theater traten, mit der gleichen (für ihn ſelbſt nur minder angenehmen) Bethörung war der arme Arthur Pendennis vollkommen überzeugt, daß ganz England ſeinen Namen auf der Examinationsliſte vermiſſen und von ſeinem Unfall ſprechen würde. Wie konnte er ſei⸗ nem verletzten Tutor, wie ſeinen vielen Gläubigern, dem Skip und dem Bettmacher, der ihn bediente, den nicht Graduirten ſeiner Zeit und der Jahre unter ihm, auf die er mit verächtlichem Gönnerblick herabgeſchaut — wie konnte er jetzt Einem von Ihnen ins Geſicht bli⸗ cken? Er ſtürzte in ſeine Wohnung und ſchloß ſich darin ab, und ſetzte da einen Brief an ſeinen Tutor auf, voller Dank und Erkenutlichkeit, Gewiſſensbiſſe und Verzweif⸗ lung, in dem er ihn erſuchte, ſeinen Namen in den Collegebüchern zu ſtreichen, und den Wunſch und die Er⸗ wartung ausſprach, daß der Tod bald den Wehen des entehrten Arthur Pendennis ein Ende machen werde. Dann ſchlich er ſich hinaus, indem er nicht recht wußte, wohin er ging, aber inſtinktmäßig die unbeſuch⸗ teſten Gäßchen des Stadttheils unter den Colleges durch⸗ wandelte, bis er über den Bereich der Univerſitätsſtadt hinauskam und an die Ufer der Cameſis gelangte, die *) Wrangler hieß einer der zwölf geſchickteſten zur Graduirung erleſenen jungen Studenten auf der Univerſität. 316 jetzt verlaſſen, ſo oft aber von den Bootrennen und den Mannſchaften der jubelnden Muſenſöhne belebt waren. Hier wanderte er fort und fort, bis er ſich etwa eine Stunde weit von Orbridge entfernt fand, oder vielmehr daſelbſt von einigen Bekannten, welche dieſe Stadt ver⸗ ließen, gefunden wurde. Als Pen einen Hügel hinaufging, ſchlug ihm ein feiner Januarregen ins Geſicht, und ſein zerfetztes Mu⸗ ſengewand wurde hinter ihm vom Winde aufgeblaſen; denn er hatte ſeit dem Morgen ſeinen akademiſchen An⸗ zug nicht abgelegt — kam ein Reiſewagen des Wegs dahergeraſſelt, auf deſſen Bocke ein Diener ſaß, während innen, oder vielmehr halb außer dem Wagenfenſter ge⸗ neigt, eine Cigarre rauchend, ein junger Gentleman ſaß, und mit lauter Stimme den Poſtillon zur Eile ermahnte. Es war unſer junger Freund von Baymouth, Mr. Spa⸗ vin, der auf der Hochſchule ſeine Grade erlangt hatte, und jetzt in ſeinem gelben Reiſewagen im Triumph nach Hauſe fuhr. Er gewahrte die Geſtalt, welche wahnſin⸗ nig geſtikulirend ſich den Hügel hinaufarbeitete, und des armen Pen blaſſes und geiſterhaftes Geſicht, als der Wagen an ihm vorbeiflog. „O weh!“ brüllte Mr. Spavin dem Poſtillon zu, und die Pferde hielten an in ihrem wüthenden Lauf, und der Wagen ſchoß noch fünfzig Schritte weiter vor Pen dahin. Er hörte ſeinen Namen rufen und erblickte die obere Hälfte von Mr. Spavin aus dem Seitenfenſter gedrückt, wie er Pen heftig herbeiwinkte. Pen hielt, zögerte, ſchüttelte wild den Kopf und wies vorwärts, als wünſchte er, daß der Poſtillon weiter führe. Er ſprach nicht, aber ſeine Miene mußte Ver⸗ zweiflung ausgedrückt haben; denn der junge Spavin, der ihn mit dem Ausdrucke höchſter Beſtürzung ange⸗ ſtiert hatte, ſprang ſogleich aus dem Wagen, rannte auf Pen zu, ergriff ihn bei der Hand: „Hulloh, alter Junge, wo gehen Sie hin, und was gibt es wieder ?“ 317 „Ich gehe, wohin ich zu gehen verdient habe,“ ſprach Pen mit einem Fluche. „Das iſt nicht der Weg,“ ſagte Spavin lächelnd. „Das iſt der Weg nach Fenbury; ich ſag Ihnen, Pen, nehmen Sie's nicht ſo zu Herzen, daß Sie durchgehagelt ſind, es will Nichte heißen, wenn man einmal daran gewöhnt iſt. Bin drei Mal durchgehagelt, alter Junge, und nach dem erſten Mal fragte ich Nichts mehr dar⸗ nach. Bin aber froh, daß es vorüber iſt. Sie werden das nächſte Mal ſchon beſſer Glück haben.“ Pen ſah ſeinen frühern Bekannten an. Er war durchgefallen, war weggewieſen worden, hatte erſt nach wiederholten Durchfällen korrekt leſen und ſchreiben ge⸗ lernt und hatte trotz all dieſen Rückſtößen die Ehre der Graduirung erlangt. „Dieſer Mann kam durch,“ dachte er, und ich bin durchgefallen. Das war beinahe zuviel für ihn. „Leben Sie wohl, Spavin,“ ſagte er: „Es freut mich ſehr, daß Sie durch ſind, ich will Sie nicht auf⸗ halten; ich habe Eile — ich gehe heute Abend in die Stadt.“ „Sie ſcherzen,“ ſagte Spavin, „das iſt nicht der Weg nach der Stadt, ſage ich Ihnen.“ „Ich wollte eben umkehren,“ ſagte Pen. „Alle Kutſchen ſind jetzt voll von den Leuten, die hinabgehen,“ ſagte Spavin. Pen kratzte ſich. „Für eine Zehnpfundnote bekämen Sie keinen Platz. Kommen Sie in meinen Gelbenz ich ſetze Sie zu Mudford ab, wo Sie die Fenburyer Poſt benützen können. Ich leih Ihnen einen Hut und einen Rock. Ich habe Gelder bekommen. Kommen Sie, ſpringen Sie herein, alter Junge! fahr zu, Schwager“ — und auf dieſe Weiſe ſah ſich Pen in Mr. Spavins Reiſewagen, und fuhr mit dieſein Gentleman bis an das Wirthshaus zum Widder in Mudford, fünfzehn Meilen von Orbridge, wo die Fenburyer Poſtkutſche Pferde wechſelte und Pen einen Platz nach London nahm. 318 Am nächſten Tag war eine ungeheure Aufregung in Boniface College, wo eine Zeitlang das Gerücht ging, zum Schrecken von Pen's Tutor und Philiſtern, daß Pendennis über den Verluſt ſeines Grads in Wahn⸗ ſinn gerathen und ſich auf und davon gemacht habe, eine zuſammengedrückte Mütze, auf welcher ſein Name kaum erkennbar war, zuſammt einem Petſchaft, das ſeinen Helmſchmuck, einen Adler, der in die (jetzt unter⸗ gegangene) Sonne ſchaute, war drei Meilen von der Straße nach Fenbury an einem Mühlwaſſer gefunden worden, und man vermuthete, daß ſich der arme Pen in die Strömung geſtürzt hätte, bis Briefe von ihm mit dem Londoner Poſtzeichen ankamen. Die Poſtkutſche erreichte London um die unheimliche fünfte Stunde des Tags, und er eilte nach dem Gaſthof in Covent Garden, wo er abzuſteigen pflegte und der immer wache Pförtner ihn einließ, und ihn in ein Bett führte. Pen ſah den Mann ſcharf an und fragte ſich verwundert, ob Boots wohl wüßte, daß er durchgefallen ſei. Als er im Bett war, konnte er nicht ſchlafen, er warf ſich darin umher, bis der düſtere Londoner Tag anbrach. Er ſprang verzweiflungsvoll auf und ging in ſeines Oheims Wohnung in Bury Street, wo das Mädchen, welches die Treppen ſcheuerte, ihn verdächtig anſah, da er mit unraſirtem Geſicht und übernächtigem Anzug erſchien. Er dachte, daß auch ſie ſchon von ſeinem Unſtern wüßte. „Guten Tag, Mr. Arthur, was hat es gegeben, Sir?“ fragte der Valet Mr. Morgan, der ſo eben die wohlgebürſteten Kleider und die glänzenden Stiefel an der Thür von ſeines Herrn Schlafzimmer geordnet hatte, und dem Major die Perücke hineinbrachte. „Ich muß meinen Onkel ſprechen,“ rief er mit einer Geiſterſtimme und warf ſich auf einen Stuhl. Morgan fuhr vor dem blaſſen und verzweiflungs⸗ 319 vollen jungen Mann mit entſetzter und verwunderter Miene zurück, und verſchwand in das Zimmer ſeines Herrn. Der Major ſtreckte, ſobald er ſeine Perücke auf hatte, aus der Thüre des Schlafgemachs. „Was? das Eramen vorüber? Senior Wrangler, doppelte erſte Klaſſe, hn! ich komme ſogleich;“ und der Kopf verſchwand. „Sie wiſſen noch nicht, was vorgefallen iſt,“ ſtöhnte Pen; „was werden ſie ſagen, wenn ſie Alles wiſſen!“ Pen war mit dem Rücken gegen das Fenſter ge⸗ ſtanden und in einem ſo zweideutigen Licht, als Bury Street in einem neblichten Januarmorgen ſich deſſen erfreut, ſo daß ſein Oheim den Ausdruck von des jungen Mannes Miene oder die Blicke finſterer Verzweiflung nicht ſehen konnte, die ſelbſt Mr. Morgan aufgefallen waren. Als aber der Major aus ſeinem Ankleidezimmer geſchniegelt und ſtrahlend vor Freude heraustrat und von Wohlgerüchen aus Delcrol's Laden, aus welchem Stappelplatze Major Pendennis's Perücke und Taſchen⸗ tuch ihren Parfum bezogen, angekündigt wurde, ſtreckte er eine ſeiner Hände gegen Pen aus und wollte ihn eben in ſeinem luſtigen Tone anreden, als er das Ge⸗ ſicht des Jungen in vollen Augenſchein nahm und, ſeht Si ſenkend, ſprach: „Guter Gott! Pen, was gibt es?“ „Sie werden's in den Zeitungen beim Frühſtück ſinden, Sir,“ ſagte Pen. „Was ſehen?“ „Mein Name ſteht nicht darin, Sir.“ „Zum Henker, warum ſollt' er darin ſtehen?“ fragte der Major noch mehr betroffen. „Ich habe Alles verloren, Sir,“ ſtöhnte Pen; „meine Ehre iſt fort; ich bin unrettbar ruinirt; ich kann nicht mehr nach Orbridge zurück.“ „Deine Ehre verloren? lebt ein Gott im Himmel! 320 Du willſt doch nicht ſagen, daß Du die weiße Feder gezeigt *)2“ Pen lachte bitter bei dem Worte Feder und wieder⸗ holte es. „Nein, das iſt's nicht, Sir; ich fürchte mich nicht vor dem Erſchießen; ich wünſche zu Gott, daß es Einer thäte. Ich bin nicht graduirt. Ich — ich bin gerupft (durchgefallen), Sir.“ Der Major hatte von Rupfen gehört, aber nur unbeſtimmt und flüchtig, und ſchloß, daß es eine Cere⸗ monie ſei, die körperlich an einem rebelliſchen Univerſi⸗ tätsjüngling vollzogen werde. „Ich wundere mich, daß Du nach einer ſolchen Schande mir noch unter die Augen treten kannſt,“ ſprach er; „ich wundere mich, daß Du als Gentleman es über Dich ergehen ließeſt.“ „Ich konnte Nichts dafür, Sir. Meine klaſſiſchen Arbeiten waren gut genug. Die hölliſche Mathematik iſt Schuld daran, welche ich immer vernachläßigt habe.“ „Geſchah es öffentlich, Sir?“ „Was?“ „Das — das Rupfen?“ fragte der Vormund, in⸗ dem er Pen ängſtlich in's Geſicht ſah. Pen merkte den Irrthum, an dem ſein Vormund laborirte, und mitten unter ſeinein Elend rief dieſer Verſtoß ein ſchwaches Lächeln in die Miene des armen Wichts, und diente dazu, die Unterhaltung aus der Tragödie in die Wirklichkeit überzuführen. Er erklärte ſeinem Oheim, daß er ſich zur Prüfnng geſtellt habe und durchgefallen ſei. Darauf ſagte der Major, er hätte von ſeinem Neffen Beſſeres erwartet, das Unglück ſei aber nicht ſo groß; es ſei kein Schimpf, ſo weit er ſehe, Pen müßte es eben wieder verſuchen. „Ich wieder in Orbridge,“ dachte Pen, „nach ſolcher Demüthigung!“ Er fühlte, daß er nicht zurückkehren könnte, außer um das Neſt niederzubrennen. *) Bei den Hahnenkämpfen wurde der Hahn für feig gehalten, der eine weiße Feder in ſeinem Schwanze hatte. . 321 Als er aber bei ſeinem Onkel auf ſeine Schulden zu ſprechen kam, war dieſer hoch erſtaunt und entrüſtet, und er brach gegen Pen in äußerſt ſtrenge Reden aus, die der Junge, ſo gut er konnte, hinnahm, ohne davor zurückzuweichen. Er war entſchloſſen, Alles oſſen zu geſtehen, und hatte eine vollſtändige Liſte von all ſeinen Rechnungen und Verbindlichkeiten auf der Univerſität und in London aufgeſetzt. Sie beſtanden in verſchie⸗ denen Items, als da find: Londoner Schneider. Orbridger dito. Kurzwaarenhändler für Hemden und Handſchuhe. Juwelier. College⸗Koch. Konditor für Deſſerts. Schuhmacher. Weinhändler in London. Orbridger dito. Rechnung für Pferde. Kunſthändler. Bücher. 4. Buchbinder. Friſeur und Parfum. Gaſthofrechnung in London. Verſchiedentliches. Alle dieſe Items mag der Leſer nach Belieben aus⸗ füllen — ſolche Rechnungen ſind von den Aeltern vieler Muſenſöhne inſpieirt worden — und es zeigte ſich, daß Mr. Pens Rechnungen in Allem ſich auf ſiebenhundert Pfund beliefen (8400 fl.), und daß er überdieß wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts in Orbridge mehr als noch ſoviel Baares erhalten hatte. Dieſe Summe (über 25000 fl.) hatte er verbraucht, und was konnte er vafür aufweiſen? was? „Sie brauchen einen Mann, der drunten iſt, nicht noch weiter hinabzudrücken, Sir,“ ſagte Pen traurig zu Pendennis. I. 21 322 ſeinem Onkel. „Ich weiß ſehr wohl, Sir, wie gottlos und faul ich geweſen bin. Meine Mutter wird mich nicht entehrt ſehen wollen, Sir,“ fuhr er kleinlaut fort; „und ich weiß, daß ſie dieſe Rechnungen bezahlen wird; aber ich werde ſie nie um weiteres Geld bitten.“ „Wie Du willſt,“ ſagte der Major. „Du haſt das Alter. Ich waſche meine Hände in Unſchuld, ich will Nichts mehr mit Deinen Angelegenheiten zu ſchaffen haben. Du kannſt aber nicht ohne Geld leben, und haſt, ſo weit ich ſehe, nicht die Mittel, es Dir zu er⸗ werben, obgleich Du ein hübſches Talent haſt, ſie zu verbrauchen, und ich glaube, daß Du ſo fortmachſt, wie Du's angefangen haſt, und Deine Mutter zu Grunde richteſt, ehe Du um fünf Jahre älter biſt. — Guten Morgen; es iſt Zeit, daß ich zum Frühſtück gehe. Meine Engagements werden mir nicht erlauben, Dich während Deines Aufenthalts in London viel zu ſehen. Ich nehme an, daß Du Deiner Mutter die Mittheilungen machſt, die Du mir ſo eben gemacht haſt.“ Seinen Hut aufſetzend und in ſeinen Gliedern etwas zitternd, verließ Major Pendennis vor ſeinem Neffen ſein Haus und ging traurig an die gewohnte Ecke ſeines Klubbs ab. Er ſah die Orbridger Prü⸗ fungsliſten in den Morgenzeitungen und las, da er die Sache nicht verſtand, die Namen mit trauervoller Genauigkeit. Er zog im Laufe des Tages in ſeinen Klubbs verſchiedene alte Dummköpfe ſeiner Bekannt⸗ ſchaft zu Rathe, den Dechant Wenham, verſchiedene Rechtsgelehrte, und ließ ſich ihre Meinung ſagen, in⸗ dem er einigen derſelben die Summe von ſeines Neffen Schulden zeigte, die er auf die Kehrſeite einer Karte bemerkt hatte, und ſie fragte, was zu thun ſei; ob ſolche Schulden nicht ungeheuer, nicht albern ſeien 2 Was zu thun ſei? Nichts anderes war zu thun, als ſie zu zahlen. Wenham und die andern erzählten dem Major von jungen Leuten, die zwei Mal ſoviel — fünf Mal ſoviel Schulden hatten, als Arthur, und gar 323 feine Mittel, ſie zu zahlen. Die Berathungen, Berech⸗ nungen und Meinungen gaben dem Major wieder etwas Muth. Nach alle dem hatte nicht er zu zahlen. Aber er dachte mit bitterem Schmerz an die vielen Plane, die er geſchmiedet hatte, um einen Mann aus ſeinem Neffen zu machen, an die Opfer, welche er ge⸗ bracht und wie ſeine Hoffnungen vereitelt wurden. Er ſchrieb einen Brief an Doktor Portman, benachrichtigte ihn von den gräulichen Ereigniſſen, welche ſtattgefun⸗ den hatten, und bat den Doktor, die Sache Helen beizu⸗ bringen. Denn der orthodore, alte Gentleman behielt in Allem die regelmäßige Routine, und war der Mei⸗ nung, daß es ordentlicher ſei, einer Perſon eine ſchlechte Nachricht mittelſt eines (möglicherweiſe ungeſchickten und gefühlloſen) Boten beizubringen, als ſie durch eine Note einfach an den Ort ihrer Beſtimmung gelangen zu laſſen. So ſchrieb denn der Major an Doktor Portman, und ging dann aus zum Diner, und ſaß an jenem Tage als die traurigſte Perſon, die jemals in einem Londoner Speiſe⸗ ſaal zu ſitzen kam. Auch Pen ſchrieb ſeinen Brief, und ſchlenderte den Reſt des Tages durch die Londoner Straßen, indem er ſich einbildete, daß Jedermann ihn anſehe und gegen ſeinen Nachbar über ihn flüſterte: „Das iſt Pendennis von Boniface, der geſtern durchgefallen iſt.“ Sein Brief an ſeine Mutter war voll von Zärtlichkeit und Gewiſ⸗ ſensbiſſen; er weinte die bitterſten Thränen darüber, iuh die Reue und Leidenſchaft beſänftigten ihn einiger⸗ maßen. Er ſah eine Geſellſchaft lärmender, junger Burſche von Oxbridge in dem Kaffeeſaal ſeines Hotels, und ſchlich ſich hinweg von ihnen und ſchritt durch die Straßen. Er erinnert ſich, ſagte er, der Kupferſtiche, die er an Ackermanns Fenſter in Regen dahängen ſah, und eines Buchs, das er in einem Stande nächſt dem Temple las. Nachts ging er in das Theater auf das Parterre und 324 ſah Miß Fotheringay, aber er erinnert ſich nicht im geringſten, in welchem Stücke. Am zweiten Tag kam ein freundlicher Brief von ſeinem Tutvr, der viele ernſte und geeignete Bemerkun⸗ gen über den Unfall enthielt, der ihm begegnet war, aber nachdrücklich in Pen drang, ſeinen Namen nicht aus den Univerſitätsbüchern ſtreichen zu laſſen und einen Unfall wieder gut zu machen, den er bloß ſeiner Nach⸗ läßigkeit zuzuſchreiben habe, und den er durch fleißiges Studium eines Monats wieder gut machen könnte. Er ſagte, er habe Pens Bedienten Befehl gegeben, ei⸗ nige Koffer mit des jungen Mannes Garderobe zu be⸗ packen, die denn auch treulich ankamen und oben darauf eine friſche Abſchrift von allen Schuldzetteln Pens überhrachten. Am dritten Tage kam ein Brief aus der Heimath, den Pen in ſeinem Schlafzimmer las, und der zur Folge hatte, daß er auf ſeine Knie niederfiel, ſein Haupt in das Bett begrub und ſein Herz in demüthigem Gebete ergoß; und nachdem er die Treppen hinabgegangen und ein tüchtiges Frühſtück zu ſich genommen, ging er aus und nahm für den Abend ſeinen Platz bei dem Bull und Mouth Picadilly auf der Poſtkutſche nach Chatteries. Pweiundzwanzigſtes Rapitel. Der verlorne Sohn kehrt nach Haus. Einen ſolchen Brief, wie ihn der Major ſchrieb, ſandte Doktor Portman natürlich nach Fairvaks und ging dahin mit der Schnelligkeit eines rechtſchaffenen — —,— —,— — 325 Mannes ab, wenn er eine unangenehme Nachricht mit⸗ zutheilen hat. Er wünſcht, daß es gethan, ſchnell ge⸗ than würde. Es thut ihm leid, aber que voulez vous? Der Zahn muß herausgenommen werden, und er hat Dich in dem Seſſel, und es iſt zum Erſtaunen, mit wie viel Muth und Kraft der Fauſt er die Zange an⸗ legt. Es iſt möglich, daß er nicht ſo thätig oder eifrig wäre, wenn es ſein Zahn wäre; aber kurz und gut, es iſt eine Pflicht und Schuldigkeit, ihn ausziehen zu laſſen. So geſchah es denn, daß der Doktor, nachdem er die Epiſtel Myra und Mrs. Portman mit mancher verdammenden Randgloſſe auf den jungen Unhold, der ſich immer tiefer und tiefer ins Verderben ſtürze, vor⸗ geleſen hatte, dieſe Ladies zurück ließ, um die Nach⸗ richt unter der Claveringer Geſellſchaft zu verbreiten, was ſie mit ihrer gewohnten Genauigkeit und Eile tha⸗ ten, nach Fairvaks hinüber ſchritt, um der Wittwe die Hiobspoſt zu überbringen. Sie hatte bereits die Kunde. Sie hatte Pens Brief geleſen und darin einige Erleichterung gefunden. Eine düſtere Ahnung von Unglück hing ſeit vielen, vie⸗ len Monaten über ihrem Gemüth. Sie wußte jetzt das Schlimmſte, und ihr theurer Junge kam reuig und zer⸗ knirſcht zu ihr zurück. Brauchte ſie mehr? Alles, was der Rektor ſagen konnte (und ſeine Bemerkungen waren ſowohl von dem geſunden Menſchenverſtande diktirt, als auch durch das Alterthum ehrwürdig gemacht), ver⸗ mochte nicht, Helen dahin zu bringen, daß ſie beſondern Unwillen zeigte oder ſich unglücklich fühlte, außer, daß der Junge ungläcklich wäre. Was war denn dieſer Grad, von dem ſie ſo viel Aufhebens machten, und was konnte er Pen viel Gutes bringen? Warum beſtanden Doktor Portman und ſein Oheim darauf, daß man den Jungen nach einem Orte ſchickte, wo ſo viel Verſuchung zu erwarten und ſo wenig Gutes zu gewinnen war? Warum ließen ſie ihn nicht daheim bei ſeiner Mutter? Was ſeine Schulden anbelangte, ſo mußten ſie natürlich 326 bezahlt werden; — Seine Schulden! — Gehörte nicht alles Geld ſeines Vaters ihm, und hatte er nicht ein Recht, es zu verwenden? In dieſem Sinn empfing die Wittwe den tugendſamen Doktor, und alle Pfeile ſeiner Entrüſtung prallten, ſo zu ſagen, an dem Harniſch ihres edeln Herzens ab. Seit einiger Zeit war eine angenehme Gewohn⸗ heit, ſchon ſeit alten Zeiten bekannt, durch welche Ge⸗ ſchwiſter ihre Zuneigung einander bethätigen, und der ſich Pen und ſeine kleine Schweſter Laura in den Ta⸗ gen ihrer Kindheit ſo oft hingegeben, durch gegenſeitige Uebereinkunft Beider aufgegeben worden. Von der Univerſität nach einer Abweſenheit einiger Monate von der Heimath zurückkommend, hatte Mr. Arthur ſtatt des einfachen Mädchens eine ſchlanke, ſchöne Jungfrau ge⸗ funden, der er ſchicklicherweiſe wohl nicht den Kuß an⸗ bieten konnte, den er ihr früher geſpendet hatte, und die ihn jetzt mit holdſeliger Verbeugung und dargebo⸗ tener Hand empfing und mit hohem Erröthen auf eben der Stelle empfing, wo der junge Pen ſie zu küſſen gewohnt war. Ich verſtehe mich nicht auf Schilderungen weibli⸗ cher Schönheit und lege in der That auch nicht den geringſten Werth darauf, indem ich dafür halte, daß Herzensgüte und Tugend, wie ſich von ſelbſt verſteht, eine junge Lady weit mehr zieren, als die flüchtigen Reize von Geſtalt und Antlitz, und verſuche deßhalb nicht, eine beſondere Zeichnung von Miß Laura Bell in ihrem ſechzehnten Jahre zu geben. In jenem Alter hatte ſie ihre gegenwärtige Höhe von 5 Fuß 4 Zoll erreicht, ſo daß ſie ſchlank und lenkiſch, von den Einen und den andern ihres Geſchlechts, die kleinere Frauen⸗ zimmer vorziehen, eine Hopfenſtange genannt wurde. Wenn ſie aber eine Hopfenſtange war, ſo hatte ſie ſchöne Roſen um ihr Haupt, und es iſt Thatſache, daß viele junge Schäfer um ſie tanzten. Sie war für gewöhn⸗ lich blaß, mit einem ſchwachen Roſenteint auf ihren —.— 327 Wongen; aber ſie errötheten im Augenblick, wenn ſich Gelegenheit bot, und die Roſen blühten fort, nachdem die Aufregung, die ſie ins Leben gerufen, ſchon lange vorüber war. Ihre Augen wurden von ihrer früheſten Jugend an als ſehr groß beſchrieben und behielten dieſe Eigenthümlichkeit auch im ſpäteren Leben bei. Gut⸗ müthige Kritiker (immer weibliche) behaupteten, daß ſie die Gewohnheit hatte, mit dieſen Augen ihr Spielchen zu treiben und damit Herrn und Damen in der Geſell⸗ ſchaft verſtohlen anzub icken; aber Thatſache iſt, daß die Natur ſie ſo ſtrahlen und blinken ließ und ſie konnten nicht mehr dafür, als ein Stern dafür kann, daß er glänzender ſtrahlt, als ein anderer. Ohne Zweifel um dieſen Strahlenſchein zu mildern, waren Miß Lauras Augen mit zwei Schleiern in Geſtalt der längſten und ſchönſten ſchwarzen Augenwimpern verſehen, ſo daß, wenn ſie ihre Augen ſchloß, dieſelben Leute, welche Ein⸗ würfe gegen die Augballen machten, behaupteten, ſie wolle ihre Augenwimper zur Schau ſtellen, und in der That, ich darf wohl ſagen, daß ſie ſchlafend zu ſehen kein übler Anblick geweſen wäre. Was vollens die Geſichtsfarbe anbelangt, ſo war ſie beinahe ſo brillant als Lady Mantraps, und zwar ohne das Pulver, das Ihre Herrlichkeit aufzutragen pflegt. Der Umriß ihrer Naſe wird der Einbildungs⸗ kraft des Leſers anheimgegeben. Wenn ihr Mund et⸗ was groß war (wie Miß Piminy betheuert, die, wenn man ſie nicht eſſen ſah, ſollte man meinen, kaum etwas Größeres als einen Knopf verſchlingen konnte), ſo ge⸗ ſtand doch Jedermann, daß ihr Lächeln bezaubernd war und eine Reihe von Perlenzähnen wies, während ihre Stimme ſo tief und zart war, daß man eine liebliche Muſik zu hören meinte. Weil ſie die Gewohnheit hat, ſehr lange Kleider zu tragen, ſo wollen die Leute na⸗ türlich wiſſen, daß ihre Füße nicht klein ſind; aber es iſt möglich, daß ſie von einer ihrer Geſtalt entſprechen⸗ den Größe ſind, aber daraus, daß Mrs. Pincher ihren 328 Fuß beſtändig vorſtreckt, folgt noch nicht, daß alle an⸗ dern Ladies die ihrigen aufs Tapet bringen müſſen: kurz Miß Laura Bell war mit ſechzehn Jahren eine liebliche junge Lady. Wir wollen hoffen, daß viele tauſende ſolcher Ladies ſich in dieſem Lande finden, wo kein Mangel an Herzensgüte, Beſcheidenheit, Rein⸗ heit und Schönheit iſt. Nun war Miß Laura, ſeit ſie gelernt hatte, für ſich ſelbſt zu denken (und in den letzten zwei Jahren hatte ſie ſich geiſtig und leiblich ungemein entwickelt), mit Pen's Aufführung und Benehmen nur halb zufrie⸗ den geweſen: ſeine Briefe an ſeine Mutter waren in letzter Zeit ſehr ſparſam und kurz geweſen; vergeblich machte die zärtliche Mutter geltend, wie anhaltend Ar⸗ thurs Arbeiten und Studien ſeien, wie vielſeitig ſeine Verpflichtungen. „Lieber ſollte er einen Preis nicht gewinnen,“ ſagte Laura, „als ſeine Mutter vergeſſen: und in der That, Mama, ich finde nicht, daß er eben viele Preiſe gewinnt. Warum kommt er nicht heim und bleibt bei Dir, ſtatt daß er ſeine Ferien in vor⸗ nehmer Freunde ſchönen Häuſern zubringt; Niemand wird ihn dort halb ſo viel lieben als — als Du —.“ „Als ich allein, Laura,“ ſeufzte Mrs. Pendennis. Laura erklärte rund heraus, daß ſie Pen kein Bischen liebe, wenn er ſeine Pflicht gegen ſeine Mutter nicht erfülle; und wollte ſich durch keine Gründe der lieben⸗ den Helen überzeugen laſſen, daß der Junge ſeinen Weg durch die Welt machen müſſe, daß ſein Onkel angele⸗ gentlich wünſche, daß Pen die Bekanntſchaft von Per⸗ ſonen kultivire, die ihm im Leben als Freunde zur Seite ſtehen könnten, daß Männer tauſend Bande und Rückſichten hätten, welche Weiber nicht verſtünden und ſo fort. Vielleicht glaubte Helen ſelbſt nicht mehr an dieſe Entſchuldigungen, als ihre Adoptivtochter. Aber ſie verſuchte zu glauben, daß ſie ſie glaube, und tröſtete ſich mit mütterlicher Bethorung, und das iſt ein Punkt, auf den mancher Gentleman, glaube ich, reflektirt hat, 3²9 daß, thun wir, was wir wollen, wir der Liebe Derje⸗ nigen, die ein Mal die unfrige geweſen, ſicher find, und daß dieſe unermüdliche Zärtlichkeit und Verzeihung uns nie entgehen wird. Auch ſprach ſich in den letzten Reden und Handlungen Arthurs eine ſolche Freiheit, beinahe Frechheit aus, die Laura befremdet und ihr mißfallen hatte; nicht als ob er ſie durch Rohheit beleidigt, oder ein Wort an ſie gerichtet hätte, das ſie nicht hätte hören ſollen; denn Mr. Pen war ein Gentleman und durch Natur und Erziehung gegen jedes hohe und niedere Frauenzimmer artig; aber er ſprach leichtfertig und frei von Frauen im Allgemeinen, war weniger rückſichtsvoll in Handlungen als in Wor⸗ ten, nachläßig bei verſchiedenen Anläſſen und in vielen kleinen Gefälligkeiten des Lebens. Es verletzte Miß Laura, daß er ſeine gräulichen Pfeifen im Hauſe her⸗ umrauchte; daß er ſich weigerte, ſeine Mutter in die Kirche, auf Spaziergängen, oder Beſuchen zu begleiten, daß man ihn gähnend über ſeiner Novelle in ſeinem Ankleidezimmer fand, als die ſanfte Wittwe von dieſen Pflichtdingen zurückkehrte. Der Held von Lauru's frü⸗ her Kindheit, der Gegenſtand ihrer Unterhaltung an ſo vielen, vielen Abenden mit Helen, deren Erzählungen von den Vorzügen der Liebe, der Bravheit des Jungen, während er fort in der Schule war, kein Ende nahmen, waren ganz verſchieden von dem jungen Mann, den ſie jetzt kannte; kühn, brillant, ſarkaſtiſch und trotzig, ſchien er die einfachen Beſchäftigungen oder Vergnügen, ja ſelbſt die Andachtsübungen der Frauen zu verachten, mit denen er lebte, und die er unter ſo geringfügigen Vor⸗ wänden verließ. Die Geſchichte mit der Fotheringay zumal, als ſie davon hörte (zuerſt aus ſarkaſtiſchen Anſpielungen des Major Pendennis, auf einem Beſuche in Fairoaks, und dann von ihren Nachbarn in Clavering, welche ihr dar⸗ über eine Menge Aufſchlüſſe gaben), gaben der Miß Laura großes Aergerniß. Ein Pendennis ſollte ſich an 330 ein ſolches Frauenzimmer wegwerfen! Helens Sohn ſollte Tag für Tag von Hauſe fort galoppiren, um vor einer Schauſpielerin auf die Kniee zu fallen, und mit ihrem garſtigen Vater gehen! Ein guter Sohn ſollte einen ſolchen Mann und ein ſolches Frauenzimmer in ſein Haus bringen, und über ſeine Mutter ſetzen wol⸗ len! „Ich würde fortgelaufen ſein, Mama; ja das würde ich, und wenn ich barfuß durch den Schnee lau⸗ fen müßte,“ ſagte Laura. „Und auch Du würdeſt mich dann verlaſſen ha⸗ ben?“ entgegnete Helen, worauf Laura natürlich ihre Aeußerung zurücknahm und Beide einander in die Arme ſtürzten mit jener Wärme, die ihnen eigenthümlich war, und nicht Wenige ihres Geſchlechtes charakteriſirt. Wo⸗ her kam doch all dieſer Unwille der Miß Laura über Arthurs Leidenſchaft? Vielleicht wußte ſie nicht, daß, wenn Männer ſich an Weiber wegwerfen, auch Weiber ſich an Männer wegwerfen, und daß hier Liebe nicht mehr als irgend eine andere phyſiſche Anziehung oder Abſtoßung im Spiele iſt. Vielleicht wurde ſie von den Leuten in Clavering und der alten Mrs. Portman falſch berichtet, die änßerſt bitter gegen Pen war, beſonders ſeit ſeinem inpertinenten Benehmen gegen den Doktor, und ſeit der Elende unter der Kirche Cigarren geraucht hatte. Vielleicht war ſie auch eiferſüchtig; aber das iſt ein Fehler, in welche Ladies ſehr ſelten verfallen ſollen. Sei dem, wie ihm wolle; ſie war ärgerlich auf Pen. Gegen ſeine Mutter hatte ſie kein ſolches Gefühl. Sie weihte ſich Helen mit der innigſten Kraft mädchen⸗ hafter Zuneigung, einer Zuneigung, wie Jungfrauen, deren Herzen nicht gefeſſelt find, auf eine ihnen nahe⸗ ſtehende Freundin übertragen. Es war Hingebung — es war Leidenſchaft; es war eine Miſchung von Zärt⸗ lichkeit und Thorheit; es war ein Uebermaß von Lieb⸗ koſungen und zärtlichen Beinamen, welche nüchternen Geſchichtsſchreibern mit Bärten nachzuerzählen nicht zu⸗ Smmt. Verachten wir Männer dieſe Inſtinkte nicht, 331 weil wir ſie nicht nachfühlen können. Dieſe Weiber waren zu unſerm Comfort und Vergnügen geſchaffen, mit all dem Reſt der niederen Thierwelt. Sobald aber Miß Laura hörte, daß Pen unglücklich war, war auch ihr Groll gegen ihn mit einem Mal ver⸗ ſchwunden, und wich dem zärtlichſten und unvernünftigſten Mitleid. Es war der Pen der alten Tage ihr wieder geſchenkt, der offenherzige, zärtliche, edelgeſinnte, zart⸗ fühlende Junge. Sie nahm plötzlich mit Helen Partei gegen Doktor Portman, wenn er gegen die enormen Ausſchweifungen Pen's zu Felde zog. Schulden? Was waren ſeine Schulden? Sie waren eine Kleinigkeit. Er war auf den Befehl ſeines Oheims in eine Geſell⸗ ſchaft, die Anfwand machte, geworfen worden, und natür⸗ lich gezwungen, auf demſelben Fuße zu leben mit den jungen Gentlemen, deren Geſellſchaft er beſuchte. Ent⸗ ehrt dadurch, daß er ſeinen Grad nicht erlangte? Der aume Junge war unwohl, als er zur Prüfung ging. Er konnte nicht an ſeine Mathematik denken, und war wüſte im Kopfe vor den Schulden, die ihn drückten; ſehr wahrſcheinlich waren einige der garſtigen Tutoren eiferſüchtig über ihn, und hatten ihre Günſtlinge, die ſie ihm vorziehen mußten. Andere mochten ihn nicht, waren grauſam, ja unehrlich gegen ihn, das wußte ſie ganz gewiß; und ſo raiſonnirte dieſes junge Geſchöpf mit glühenden Wangen und vor Aerger leuchtenden Augen; ſie ging auf Helen zu, ergriff ſie bei der Hand, und küßte ſie in des Doktors Gegenwart, und ihre Blicke forderten den Doktor heraus und ſchienen ihn zu fragen, wie er es wage, gegen ihre geliebte Mutter Pen ein Wort zu ſprechen. Als der geiſtliche Herr, nicht wenig verblüfft und erſtaunt über die eigenſinnige Hartnäckigkeit der Damen, Abſchied nahm, wiederholte Laura ihre Umarmungen und Gründe mit zehnfältigem Eifer gegen Helen, daß die meiſten der Letztern ſehr viel überzeugende Kraft ent⸗ hielten. Es muß eine Eiferſucht gegen Pen im Spiele 332 ſein. Sie wußte ganz gewiß, daß er einige der Exa⸗ minatoren beleidigt hatte, daß dieſe eine gemeine Rache an ihm nahmen. — Nichts war wahrſcheinlicher. Dieß Alles zuſammengenommen, beunruhigte dieſe beiden Ladies die Nachricht von dem Unglücke in der That ſehr wenig. Pen, der in London in Scham und Gram verſunken, und mit peinlichen Gewiſſensbiſſen an den Kuhnmer ſeiner Mutter dachte, würde ſich gewundert haben, wie leicht ſie dieſen Jammer ertrug. In der That, Jammer iſt Weibern willfommen, wenn ſie be⸗ denken, daß er eine ſchlummernde Neigung wieder ins Leben ruft; und wenn Du Deine Geliebte auf eine Rinde Brod zurückgebracht haſt, ſo verlaß Dich darauf, daß ſie nicht böſe wird, und nur ein Bischen für ſich behält, wofern Du das Uebrige in ihrer Geſellſchaft iſſeſt. Und ſobald der Doktor fort war, ließ Laura Feuer in Mr. Arthurs Zimmer anzünden, ſein Bettzeug an die Luft bringen, und hatte dieſe Vorbereitungen voll⸗ endet, als auch Helen mit dem zärtlichſten und liebevollſten Brief an Pen fertig war. Da nahm das Mädchen, zärtlich lächelnd, ihre Mama an der Hand und führte ſie in jene Gemächer, wo die Feuer ſo luſtig praſſelten, und die zwei liebevollen Geſchöpfe ſetzten ſich nieder auf das Bett und plauderten lange von Pen. Laura gab Helens Brief noch eine Nachſchrift, in der ſie ihn ihren theuerſten Pen nannte, und ihn alsbald kom⸗ men hieß, mit zweien der ſchönſten Federzüge unter dem Worte, um mit ſeiner Mutter und ſeiner zärtlichen Schweſter Laura glücklich zu ſein. Mitten in der Nacht — als dieſe zwei Ladies, nach⸗ dem ſie einen großen Theil des Abends in ihren Bibeln geleſen und auf der Wanderung nach dem eigenen einen Blick in Pen's Zimmer gethan, — mitten in der Nacht, ſage ich, rief Laura, deren Haupt nicht ſelten ſich erhob, das Kiſſen zu drücken, das die Nachtmütze des ſeligen Pendennis zu beſchweren gewohnt war, plötzlich aus: „Mama, wachſt Du?“ 333 Helen rührte fich und ſagte: „Ja, ich wache.“ Obgleich ſie nämlich ganz ſtill und ſchweigſam dagele⸗ gen war, hatte ſie keinen Augenblick geſchlafen und nach der Nachtlampe in dem Kamin geſchaut und Stunde für Stunde an Pen gedacht. Jetzt begann Miß Laura, welche den gleichen Trug geſpielt und, mit ihren Gedanken beſchäftigt, ſo bewe⸗ gungslos als Helens Geſchmeide mit Pen's und Laurs's Haar darin auf dem weißen Nadelkiſſen auf Helens Toilet⸗ tiſche gelegen war, Mrs. Pendennis einen merkwürdigen Plan mitzutheilen, den ſie in ihrem geſchäftigen Ge⸗ hirnchen ausgeheckt hatte. „Du weißt, Mama,“ ſagte die junge Lady, „daß ich nun ſeit zehn Jahren mit Dir lebe, während wel⸗ cher Zeit Du nichts von meinem Gelde angenommen und mich behandelt haſt, als ob ich ein Almoſenkind wäre. Nun, dieſe Verbindlichkeit iſt mir ſehr nahe ge⸗ gangen, weil ich ſtolz bin und mich von den Leuten nicht darum anſehen laſſen will und da, wenn ich in die Schule gegangen wäre — ich hätt' es aber nicht mögen — es mich zum mindeſten jährliche fünfzig Pfund gekoſtet hätte, ſo iſt es klar, daß ich Dir fünfzigmal zehn Pfund ſchuldig bin, welche Du, wie ich weiß, für mich in die Bank von Chatteries gethan haſt und die mir ganz und gar nicht gehören. Nun wollen wir morgen nach Chatteries gehen und den niedlichen alten Mr. Rowdy mit dem Kahlkopf beſuchen, — nicht we⸗ gen ſeines liebenswürdigen Kopfes, ſondern wegen der fünfhundert Pfund: und ich darf wohl ſagen, daß er uns zweihundert weiter ſchickt, die wir erſparen und zurückzahlen wollen; und wollen ſie Pen ſchicken, der alle ſeine Schulden bezahlen kann, ohne Jemand was abzubrechen.“ Was Helen auf dieſen Antrag erwiderte, braucht nicht angeführt zu werden, da die Antwort der Wittwe in einer Menge unzuſammenhängender Ausrufungen, Umarmungen und anderem nicht hieher gehörigem Zeuge 334 beſtand. Aber die beiden Ladies ſchliefen gut nach vieſem Geplauder; und als die Nachtlampe mit einem Gekniſter ausging und die Sonne ſich herrlich über die bepur⸗ purten Hügel erhob und die Vögel zu ſingen und luſtig unter den lanbloſen Bäumen und dem glitzernden Im⸗ mergrün auf Fairoaks Grasplatze zu pfeifen begannen, erwachte auch Helen, und als ſie auf das liebliche An⸗ tlitz des neben ihr ſchlafenden Mädchens blickte, während ihre Lippen ſich zu einem Lächeln trennten, ihre Wangen und ihr fleckloſer Buſen in leichten Wel⸗ lungen ſtieg und fiel, als ob glückliche Träume darüber hinſchwebten — fühlte Pens Mutter ſich glücklich und dankbar über allen Ausdruck der Worte, außer ſolchen, welche fromme Frauen dem wohlthätigen Spender von Liebe und Gnade darbringen, — zu deſſen Ehre ein Chor ſolcher Lobpreiſungen rings aus dem Weltall emporſteigt.. Obgleich es Januar und kalt Wetter war, ſo war doch Mr. Pens Reue ſo aufrichtig und ſeine Sparſam⸗ keitspläne ſo entſchieden, daß er keinen innern Platz in der Kutſche nehmen wollte, ſondern hinten mit ſeinem Freunde, dem Conducteur, ſaß, der ſich ſeiner früheren Freigebigkeit erinnerte und ihm eine Menge großer Röcke lieh. Vielleicht war es die Kälte, von der ſeine Knie zitterten, als er am Lodgenthore abſtieg, oder war er ſo bewegt, als er die gütige Mutter ſehen ſollte, deren Liebe er mit ſo viel Selbſtſucht erwiderte. Der alte John wartete, um ſeines Herrn Gepäck in Empfang zu nehmen; aber er erſchien in einer Mancheſterjacke und trug nicht weiter ſeine grobwollene blaue Livree. Er ſei Gärtner, verſehe den Stall und wohne jetzt in der Lodge, bemerkte dieſer würdige Mann mit einem Grinſen des Willkomms gegen Pen und etwas errothend; aber ſohald Pen um die mit Buſchwerk bewachſene Ecke bog und aus dem Bereich der Kutſche war, erſchien Helen mit vor Liebe und Verzeihung ſtrahlendem Ge⸗ 335 ſicht — denn Verzeihen lieben gewiſſe Frauen am meiſten. Wir dürfen überzeugt ſein, daß die Wittwe, welche ein anderes Ziel verfolgte, keine Zeit verlor, Pen eine Schilderung von dem edlen, großmüthigen, glänzenden Anerbieten Lauras zu machen, indem ſie ihren Brief mit einer Fülle von Segnungen für ihre beiden Kinder ſpickte. Wahrſcheinlich war es die Kenntniß dieſer Geld⸗ verbindung, welche Pen tief erröthen machte, als er Laura ſah, welche in der Halle wartete und nur dießmal die kleine Uebereinkunft brach, von der wir geſagt ha⸗ ben, daß ſie zwiſchen ihr und Arthur in den letzten paar Jahren beſtand. Aber wahr iſt, daß in dieſem Kapitel zuviel ſchon vom Küſſen geſprochen worden. So kam der verlorene Sohn nach Haus, und das gemäſtete Kalb wurde für ihn geſchlachtet und er wurde ſo glücklich gemacht, als zwei einfache Frauen ihn ma⸗ chen konnten. Keine Anſpielungen wurden auf den Orbridger Unfall gemacht, noch Fragen über ſeine Zu⸗ kunft gethan. Aber Pen debattirte ſie ängſtlich in ſeinem eigenen Geiſt und oben auf ſeinem eigenen Zimmer, wo er viele Zeit in Nachdenken zubrachte. Wenige Tage nach ſeiner Heimkunft ritt er auf ſeinem Roſſe nach Chatteries und kam oben auf der Kutſche zurück. Er benachrichtigte ſeine Mutter, daß er das Pferd zum Verkaufe zurückgelaſſen habe, und als die Operation vorüber war, händigte er ihr den Betrag ein, den ſie und möglicherweiſe Pen ſelbſt für einen Akt ungewöhnlicher Tugend und Selbſtverläug⸗ nung hielt, was aber Laura blos für ſtrenge Gerechtig⸗ keit erklärte. Er erwähnte ſelten des Anlehens, das ſie gemacht hatte, und das von der Wittwe wirklich unter gewiſſen Beſchränkungen angenommen worden war; aber ein oder zweimal und mit großem Zögern und Stammeln ſpielte er darauf an und dankte ihr. Aber es peinigte ſichtlich ſeine Eitelfeit, daß er der Waiſe für Beihilfe verbindlich war. Er war ſehr darauf aus, ein Mittel zu finden, es ihr wieder zu erſetzen. Er gab das Weintrinken auf und beſchränkte ſich, aber mit großer Mäßigung, auf die Erfriſchung durch Whisky und Waſſer. Er gab das Cigarrenrauchen auf; aber man muß geſtehen, daß er in den letzten Jahren Pfeifen und Tabak ebenſo oder noch mehr liebte, ſo daß vieſes Opfer ihn keine große Ueberwindung koſtete. Er ſchlief nach dem Mittageſſen, nachdem er ſich bei den Damen im Geſellſchaftszimmer eingefunden hatte, und überhaupt ſehr mürriſch und traurig. Er erwartete mit großem Intereſſe die Poſtkutſchen und be⸗ gab ſich fleißig nach Clavering, um die Zeitungen zu leſen, aß mit Einem, der ihn einlud, zu Mittag, und die Wittwe war froh, daß er in ihrer Einſamkeit eine Unterhaltung hatte und ſpielte Crilbage mit Kapitän Glanders. Er vermied Doktor Portman, der ſeines Theils, ſo oft Pen vorüber ging, ihm unter ſeinem Schippen⸗ hut ernſte Blicke zuwarf. Er ging jedoch mit ſeiner Mutter ſehr regelmäßig zur Kirche und las für ſie da⸗ heim Gebete. Der kleine Haushalt, immer beſchei⸗ den, war jetzt ſehr vermindert. Ein paar Mägde verſahen die Arbeit im Hauſe zu Fairvaks. Das Sil⸗ berſervice kam nicht mehr ans Tageslicht. John legte ſeine Livree blos an, um in die Kirche zu gehen und an den Sonntagen ſeine Würde zu behaupten; aber es war blos der Form wegen. Er war Gärtner und hatte draußen zu thun, war Vicellpton, welcher reſig⸗ nirte. Es war wenig Feuer in der Küche von Fairo⸗ aks und John und die Mägde tranken dort ihr Bier beim Licht einer einzigen Kerze. Alles dieß that Mr. Pen, und der Stand der Dinge vermehrte nicht ſeine Munterkeit. Eine Zeit lang ſagte Pen, keine Macht auf Erden könnte ihn vermögen, zurück nach Orbridge zu gehen, nachdem er dort durchgefallen; aber eines Tags ſagte 337 Laura unter vielem Erröthen zu ihm, daß ſie dächte, er ſollte gewiſſermaßen zur Buße und Beſtrafung für ſeine — Faulenzerei dorthin zurückkehren und ſeinen Grad erlangen, wenn er ihn auf dieſe Art erlangen könnte. Und ſo ging Mr. Pen zurück. Ein Durchgefallener iſt auf einer Univerſität ein trauriges Geſchöpf; er gehört zu keiner Klaſſe und wird von Niemand anerkannt. Pen fühlte in der That, daß ihm alle ſeine ſchönen Federn, die er während ſeiner glänzenden Jahre gewonnen hatte, ausgerupft waren, und ſelten erſchien er außerhalb ſeines College, indem er regelmäßig in die Morgenkapelle ging und ſich Nachts in ſeinem Zimmer abſchloß, fern von dem Lärm und den Soupers der Ungraduirten. Keine Phi⸗ liſter warteten an ſeiner Thür; ſie wurden alle bezahlt — kaum einige Karten wurden dort zurückgelaſſen. Die Leute ſeiner Promotion hatten ihre Grade erlangt und waren fort. Er unterwarf ſich einer zweiten Prüfung und kam mit leichter Mühe durch. Es war ihm etwas beſſer zu Muthe, als er in ſeinem Baccalaureatgewand erſchien. Auf ſeinem Rückweg von Orbridge machte er ſei⸗ nem Oheim in London einen Beſuch. Aber der alte Gentleman empfing ihn ſehr kalt und wollte ihm zum Gruße kaum den Zeigefinger geben. Er rief ein zweites Mal bei ihm an, aber Morgan ſagte ihm, ſein Herr ſei nicht zu Haus. Pen kam zurück nach Fairvaks zu ſeinen Büchern, ſeinem Müſſiggang, ſeiner Einſamkeit und Hoffnungs⸗ loſigkeit. Er fing verſchiedene Trauerſpiele an und ſchrieb viele Kopien von Verſen düſtern Inhalts. Er machte ſich Pläne für das Leben und gab ſie wieder auf. Er gedachte ſich — um einen Beruf zu haben — in die ſpaniſche Legion einſchreiben zu laſſen. Er ereiferte ſich gegen ſeine Gefangenſchaft, verfluchte die Faulheit, die Pendennis. I. 22 338 ſie veranlaßte. Helen klagte, das Herz werde ihm noch brechen und ſah mit Kummer ſeine Niedergeſchlagenheit. Sobald ſie es erſchwingen könnte, ſollte er auf Reiſen gehen — ſollte nach London gehen — ſollte frei wer⸗ den von der trübſeligen Geſellſchaft der zwei armen Ladies. Sie war allerdings traurig — ja ſehr traurig. Der zärtlichen Wittwe gewohnte Melancholie ſchien ſich zu einer größern Düſterheit zu verfinſtern; und Laura ſah mit Unruhe, daß ihre theure Freundin jedes Jahr ſchmachtender und müder wurde, und daß ihre bleiche Wange immer mehr erbleichte.