(. Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Seih, und eſebedingungen. 8 Oüensein der Bibliothex. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ nds 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens Uhr bis Aben S . jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprcher hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mi wird. gegennahme nde Sumine mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt b beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; T Wr. — 1 50 Pf. 2 M. — Pf 3 2 3 ſ werden und — 5 5 Auswärtige Ahonnenten haben füt Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefa 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, Ler⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſat des Ganzen verpflichtet. 6 usſeierer Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam. gemacht, daß das Weiterverleihen en, welche die⸗ und Zurückſendung hr ſelbſt zu forgen. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenig * ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Der Jahrmarkt des Lebens. WVanity Fair.) Roman von William Makepeace Thacheray. Aus dem Engliſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Vierzehntes bis neunzehntes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckhſſchen Bnuchhandlung. 1851. Fünfzigſtes Rapitel enthält ein ganz gewöhnliches Ereigniß. Die Muſe — welche ſie immer ſein mag — mit der wir es bei dieſer komiſchen Geſchichte zu thun haben, muß jetzt von den vornehmen Höhen herabſteigen, in denen ſie geſchwebt hat, und die Güte haben, ſich auf das be⸗ ſcheidene Dach John Sevley's in Brompton niederzulaſſen, und eine Beſchreibung von den Ereigniſſen zu geben, die dort vor ſich gehen. Auch hier, in dieſer niedrigen Hütte, wohnen Sor⸗ gen, und Mißtrauen, und Furcht. Mrs. Clapp in der Küche brummt ingeheim bei ihrem Manne wegen der Hausmiethe, und verlangt von dem guten Kerl, daß er fich gegen ſeinen alten Freund, und Gönner, und gegen⸗ wärtigen Miethmann empören ſolle. Mrs. Sedley hat nun aufgehoͤrt, ihre Hauswirthin in den untern Regivnen aufzuſuchen, und iſt in der That nicht mehr in der Lage, Mrs. Clapp zu patroniſiren. ie kann man herablaſſend gegen eine Frau ſein, der man vierzig Pfund ſchuldig iſt, und die an Einem fort Winke in Betreff des Geldes fallen läßt 2 Das iriſche Dienſtmädchen hat ihr freundliches und reſpectvolles Betragen nicht im Mindeſten verändert; allein Mrs. Sedley bildet ſich ein, das Mädchen werde unver⸗ ſchämt und undankbar, und ſieht, wie der ſchuldbewußte Der Jahrmarkt des Lebens. Iy. 1 Dieb, der in jedem Buſche einen Polizeidiener erblickt, in allen Reden und Antworten der jungen Irländerin drohende Winke und Anſpielungen⸗ Miß Clapp, die jetzt eine ausgewachſene junge Dame iſt, wird von der verſauerten alten Frau für einen uner⸗ träglichen und unverſchämten kleinen Zieraffen erklärt. Wie Amalie ſie ſo gern haben, und ſo oft ihre Beſuche annehmen, oder ſo beharrlich mit ihr ſpazieren gehen kann, iſt der Mrs. Sedley ganz unbegreiflich. 2 Die Bitterkeit der Armuth hat das Leben der einſt ſo munteren und freundlichen Dame vergiftet. Sie weiß Amalien keinen Dank für ihr ſich ſo gleichbleibendes und ſanftes Benehmen gegen ſie; ſie bekrittelt ſie wegen ihrer Bemühungen, ſich freundlich gegen ſie zu erweiſen, oder ihr dienſtbar zu ſein; ſie beſpöttelt ſie wegen ihres alber⸗ nen Stolzes, womit ſie ihr Kind betrachtet, und wegen der Vernachläßigung ihrer Eltern. Georgy's Haus iſt nicht ſehr lebhaft, ſeit der von Jos ausgeſetzte Jahrgehalt ausbleibt, und die kleine Fa⸗ milie muß ſich faſt ſo einſchränken, als ob ihr eine Hun⸗ gerkur verordnet wäre. Amalie denkt, und denkt, und zerbricht ſich den Kopf, umirgend ein Mittel ausfindig zu machen, wodurch vas kleine Einkommen, bei dem die Haushaltung am Hungertuche nagen muß, erhöht werden könnte. Kann ſie in irgend Etwas Unterricht geben? Kann ſie Viſitenkartenhalter malen? Kann ſie feine Nadelarbeiten ausführen? Sie findet, daß es Frauenzimmer gibt, die für zwei Pence per Tag angeſtrengt und noch beſſer arbeiten, als ſie es im Stande iſt. Sie kauft ſich ein Paar vergoldete Briſtoler Pappendeckel beim Kunſthändler und malt dar⸗ auf ſo gut ſie nur kann — auf den einen einen Schäfer mit rother Weſte und einem roſafarbenen Geſichte, der inmitten einer Bleiſtift⸗Landſchaft lächelt — auf den an⸗ dern eine Schäferin, die über eine kleine Brücke geht, 3 nebſt einem kleinen Hunde, woran die Schattirung recht nett iſt. Bromptoner Kunſthändler, von dem ſie die Licht⸗ ſchirme gekauft hat, in der eitlen Hoffnung, er werde die⸗ ſelben zurückkaufen, wenn ſie von ihrer Hand verziert ſeien, hat viele Mühe, das Hohnlächeln zu verbergen, womit er dieſe ſchwachen Kunſtwerke unterſucht. Er blickt die Dame, die im Laden wartet, von der Seite an, und wickelt die Pappendeckel wieder in ihren Umſchlag von weißlich brau⸗ nem Papier, und gibt ſie der armen Wittwe und Miß Clapp hin, welche Letztere in ihrem ganzen Leben noch nichts ſo Schönes geſehen, und ganz zu verſichtlich ge⸗ hofft hatte, daß der Mann für die Lichtſchirme zum We⸗ nigſten zwei Guineen geben würde. Nun verſuchen ſie es in andern Kunſtläden im In⸗ nern der Stadt, allein ihre Hoffnungen werden immer mehr herabgedrückt. „Brauche ſie nicht,“ ſagt Einer. „Packen Sie ſich,“ ſagt ein Anderer zornig. So ſind denn drei Shillings und ſechs Pence um⸗ ſonſt ausgegeben, — und die Lichtſchirme ziehen ſich in das Schlafzimmer der Miß Clapp zurück, die nicht auf⸗ hoͤrt, dieſelben für allerliebſt zu halten. Amalie ſchreibt, ſo nett ſie nur kann, und nach lan⸗ gem Nachdenken und vieler auf den Styl verwendeten Mühe eine kleine Karte, worin das Publikum benachrich⸗ tigt wird, wie „eine Dame, die einige freie Zeit habe, die Erziehung einiger kleinen Mädchen zu übernehmen wünſche, die ſie im Engliſchen, im Franzöſiſchen, in der Geographie, in der Geſchichte, und in der Muſik unter⸗ richten wolle — das Nähere ſei zu erfahren bei Herrn Brown, der Briefe mit der Adreſſe A. O. befördern werde.“ Sie vertraut die Karte dem Kunſthändler an, der ſie gnädig auf ſeinem Ladentiſche liegen läßt, wo ſie ſchmutzig und von den Fliegen befleckt wird. 4 Amalie geht gar oft ſehnſüchtig an der Thüre vor⸗ über, in der Erwartung, Herr Brown werde ihr etwas Neues mitzutheilen haben; allein er winkt ihr nie herein. Wenn ſie hineingeht, um kleine Einkäufe zu machen, ſo ſind ebenſo wenig Nachrichten für ſie da. Arme, ſchlichte, zarte, und ſchwache Dame — wie kannſt Du Dich mit der boͤſen, ringenden Welt in einen Kampf einlaſſen! Jeden Tag wird ſie trauriger, und ſetzen ihr die Sorgen mehr zu: ſie heftet ängſtliche Augen auf ihr Kind, deren Ausdruck der kleine Knabe nicht zu deuten vermag. Nachts fährt ſie plotzlich auf, und lugt ganz verſtohlen in ſein Zimmerchen hinein, um ſich zu verge⸗ wiſſern, daß er darin ſchläft, und nicht geraubt worden iſt. Sie ſchläft jetzt nur wenig. Ein Gedanke und Schrecken verfolgt ſie ſtets. Wie ſie in den langen, ſtil⸗ len Nächten weint und betet, — wie ſie es verſucht, den ſtets wiederkehrenden Gedanken zu bannen, daß ſie ſich von dem Knaben trennen müſſe, da ſie die einzige Schranke zwiſchen ihm und dem Glücke fei! Sie kann es aber nicht, ſie kann es nicht! Wenig⸗ ſtens jetzt nicht. Später. Ach! es iſt zu ſchwer, daran zu denken und es zu ertragen. Ein Gevanke, der ſie erröthen macht, und worüber ſie ſich von ſich ſelbſt abwendet, ſteigt in ihrem Geiſte auf: ihre Eltern könnten den Jahrgehalt für ſich behal⸗ ten — der Pfarrer würde ſie heirathen, und ihr und dem Knaben endlich zu einer Heimath verhelfen. Allein George's Bild und theures Andenken find da, um ihr Vorwürfe zu machen. Die Scham und die Liebe ſagen zu dem Opfer: Nein. Sie ſchaudert vor dem Gedanken, als etwas Unheiligem, zurück; und ſolche Ge⸗ danken finden nie eine bleibende Stelle in dem reinen und ſanften Buſen. *5 Der Kampf, den wir hier mit ein Paar Worten beſchreiben, dauerte in dem Herzen der armen Amalie 5 viele Wochen, während welcher ſie keine Vertraute hatte. Auch konnte ſie wirklich keine haben, da ſie ſelbſt an die Moͤglichkeit eines Nachgebens von ihrer Seite ſchlechter⸗ dings nicht glauben konnte, obgleich ſie täglich mehr vor dem Feinde zurückwich, mit dem ſie zu kämpfen hatte. Schweigend zog eine Wahrheit nach der andern ge⸗ gen ſie in's Feld, und behauptete ihren Boden. Armuth und Elend für Alle, Mangel und tiefe Erniedrigung für ihre Eltern, Ungerechtigkeit gegen den Knaben — ſo fie⸗ len die Außenwerke der Citadelle, worin die arme Seele leidenſchaftlich den einzigen, ihr übrig gebliebenen Schatz bewachte, eines nach dem andern. Als der Kampf anging, hatte ſie an ihren Bruder in Calcutta einen Brief voll der zärtlichſten und flehent⸗ lichſten Bitten gerichtet, worin ſie ihm an's Herz legte, daß er doch die Unterſtützung, die er den Eltern bis da⸗ her hätte zukommen laſſen, nicht zurückziehen möchte. Sie malte ihm ihre einſame und unglückliche Lage in Aus⸗ drücken voll des evelſten, ungekünſteltſten Pathos. Sie kannte den wahren Sachverhalt nicht. Der von Jos aus⸗ geſetzte Jahrgehalt wurde immer noch regelmäßig bezahlt: nur bezog ihn jetzt ein Mann in der City, der ſich mit Gelddarlehen befaßte. Der alte Sedley hatte ihn näm⸗ lich an denſelben für eine gewiſſe Summe Geldes ver⸗ kauft, um damit ſeine bodenloſen Pläne zu verfolgen. Emmy berechnete eifrig die Zeit, die verſtreichen würde, ehe eine Antwort auf den Brief kommen koͤnnte. Sie hatte in ihrem Notizenbuche das Datum des Tages verzeichnet, an dem ſie den Brief abſchickte. Dem Vormunde ihres Sohnes, dem guten Major in Madras, hatte ſie von ihren Verlegenheiten und Be⸗ kümmerniſſen Nichts gemeldet. Sie hatte ſeit der Zeit, wo ſie ihr Glückwunſchſchreiben wegen der bevorſtehenden Heirath an ihn hatte abgehen laſſen, nicht mehr an ihn geſchrieben. Sie dachte mit krankhaftem Kleinmuthe dar⸗ an, wie nun auch dieſer Freund, — der einzige, der ſo 6 viel zärtliches Intereſſe für ſie an den Tag gelegt — von ihr abgefallen wäre. Eines Tages, als Alles überaus ſchlimm ſtand — als die Gläubiger drängten, die Mutter in hyſteriſchem Kummer verſunken war, der Vater ſich noch düſterer, denn gewoͤhnlich, zeigte, die Glieder der Familie einander auswichen, und jedes von ſeinem Unglücke und dem Ge⸗ danken darnieder gedrückt war, daß ihm Unrecht geſchehe — waren der Vater und die Tochter zufällig allein bei einander geblieben; und Amalie glaubte ihren Vater da⸗ durch zu tröſten, daß ſie ihm mittheilte, was ſie gethan. Sie ſagte, ſie habe an Joſeph geſchrieben — in drei bis vier Monaten müſſe eine Antwort daſein. Er ſei ſtets großmüthig, wenn er ſich auch bisweilen ſorglos zeige. Er konne nicht umhin, zu thun, was ſie von ihm ver⸗ langt, ſobald er erfahre, in welch' bedrängter Lage ſich ſeine Eltern befänden. Nun enthüllte der arme alte Herr ihr die ganze Wahrheit — ſein Sohn bezahlte immer noch regelmäßig den Jahrgehalt, den ſeine eigene Unbeſonnenheit verſchleu⸗ dert. Er habe nicht gewagt, es ihr früher zu ſagen. Er glaubte, Amaliens graſſer und erſchrockener Blick mache ihm Vorwürfe wegen dieſer Verheimlichung, als er mit zitternder, jämmerlicher Stimme obiges Bekenntniß ablegte. „Ach!“ ſagte er, mit zitternden Lippen, und ſich von ihr abwendend, „Du verachteſt jetzt gewiß Deinen alten Vater.“ „O, Papa! das iſt es nicht,“ rief Amalie, ihm um den Hals fallend, und unzählige Küſſe gebend. „Sie ſind immer gut und liebevoll. Sie hatten dabei gewiß die beſte Abſicht. Es iſt nicht wegen des Geldes — es iſt — o, Du mein Gott! Du mein Gott! erbarme Dich meiner, und verleihe mir die nöthige Stärke, damit ich bei dieſer Prüfung nicht unterliege.“ — * 7 i abermals küßte ſie ihn wild, und entfernte ſich eiligſt. Indeſſen wußte der Vater noch nicht, was dieſe Er⸗ klärung, ſowie der Ausbruch des heftigen Schmerzens, wo⸗ mit die arme Frau ihn verließ, zu bedeuten hatte. Er hatte zu bedeuten, daß ſie ſich nun überwunden gebe. Das Urtheil war geſprochen. Das Kind mußte fort von ihr — mußte zu Andern gehen — mußte ſie vergeſſen. Ihr theuerſter Schatz — ihre Freude, ihre Hoffnung, ihre Liebe, der Gegenſtand ihrer Anbetung, — faſt ihr Gott! Sie mußte ihn nun aufgeben; — und dann — und dann wollte ſie zu George heimgehen, um mit ihm vom Himmel herab über dem Kinde zu wachen, und auf daſſelbe zu warten, bis es zu ihnen käme. Faſt ohne es zu wiſſen, ſetzte ſie ihren Hut auf, und ging hinaus, und ſuchte die ſchmalen Hecken⸗Wege auf, die George einzuſchlagen pflegte, wenn er ſich von der Schule nach Hauſe begab, und bis wohin ſie dem Knaben gewöhnlich entgegen ging. Es war im Monat Mai, und ein halber Vakanztag. Die Blätter kamen alle her⸗ aus; das Wetter war prächtig: der Knabe kam ſtrotzend von Geſundheit, ſingend, und ſeine Schulbücher an einem Riemen haltend, auf ſie zugeſprungen. Da war er. Ihre beiden Arme hielten ihn umfangen. Nein, es war un⸗ möglich. Sie konnten ſich nicht von einander trennen. „Was gibt es, Mutter?“ ſagte er; „Sie ſehen ja ſo blaß aus.“ „Es iſt Nichts, mein Kind,“ ſagte ſie, beugte ſich nieder und küßte ihn. An dieſem Abende mußte der Knabe ſeiner Mutter die Geſchichte von Samuel vorleſen, und wie Hannah, ſeine Mutter, nachdem ſie ihn entwöhnt, zu Eli, dem Hohenprieſter, brachte, damit er dem Herrn diene. F Georgy las Hannä Lobgeſang, worin es alſo eißt: 8 „Der Herr machet arm, und machet reich, er er⸗ niedriget, und erhöhet. „Er hebet auf den Dürftigen aus dem Staube, und erhöhet den Armen aus dem Kothe, daß er ihn ſetze un⸗ ter die Fürſten, und den Stuhl der Ehren erben laſſe, denn der Welt Ende ſind des Herrn, und er hat den Erdboden darauf geſetzt. Der Bogen der Starken iſt zerbrochen, und die Schwa⸗ chen ſind umgürtet mit Stärke.“ Dann las er, wie Samuel's Mutter ihm einen klei⸗ nen Rock machte, und ihm denſelben jährlich brachte, wenn ſie herauf kam, um dem Herrn ihr jährliches Opfer darzubringen. Und dann machte Georgy's Mutter in ihrer holden, ſchlichten Weiſe Commentare über dieſe rührende Ge⸗ ſchichte: wie Hannah, obgleich ſie ihren Sohn ſo ſehr geliebt, ihn dennoch hergegeben; weil ſie es einmal ge⸗ lobt; und wie ſie ſtets an denſelben gedacht haben müſſe, während ſie, ferne von ihm, zu Hauſe geſeſſen, und an dem kleinen Rock gearbeitet: und Samnel habe gewiß ſeine Mutter nie vergeſſen: und wie glücklich dieſelbe geweſen ſein müſſe, als die Zeit herangekommen, (und die Jahre vergingen ſehr geſchwind,) wo ſie ihn habe ſehen, und ſich überzeugen können, wie gut und weiſe er geworden. Sie ſprach dieſe Worte mit ſanfter, feierlicher Stimme und trockenen Augen, bis ſie zu der Stelle kam, wo ſie einander wieder treffen — da hielt ſie mit einem Male inne, ihr zartes Herz ſtrömte über, ſie drückte den Knaben an ihre Bruſt, wiegte ihn in ihren Armen, und weinte ſtille, heilige Schmerzensthränen über ihm. . * Nachdem einmal die Wittwe ihren Entſchluß gefaßt hatte, fing ſie an, ſolche Maaßregeln zu ergreifen, die ihr zur Erreichung ihres Zieles paſſend ſchienen. ² 9 Eines Tages erhielt Miß Osborne in Ruſſell Square (ſeit zehn Jahren hatte Amalie den Namen oder die Nummer des Hauſes nicht mehr geſchrieben — ihre Jugend, ihre frühere Geſchichte drängte ſich ihr wieder auf, als ſie die Adreſſe ſchrieb) — eines Tages, ſagen wir, erhielt Miß Osborne von Amalien einen Brief, der ſie über und über erröthen machte, und Urſache war, daß ſie nach ihrem Vater hin blickte, der an ſeinem Platze am andern Ende des Tiſches ſaß, und ſeinen düſteren Gedanken nachhing. In ungekünſtelter Weiſe führte Amalie die Gründe an, die ſie bewogen, in Betreff ihres Sohnes einen andern Entſchluß zu faſſen. Sie ſagte, ihr Vater hätte aber⸗ mals Unglück gehabt, wodurch er gänzlich zu Grunde gerichtet worden wäre. Ihr eigenes kleines Einkommen wäre ſo unbedeutend, daß es ſie kaum in Stand ſetzen würde, ihre Eltern zu unterhalten; und es wäre ihr dabei unmoglich, Georgy die Vortheile zuzuwenden, die ihm gebührten. So ſchwer es ihr auch ankommen würde, ſich von ihm zu trennen, ſo würde ſie doch, mit Gottes⸗ Hilfe, um des Knaben willen ſich zu dem Opfer ent⸗ ſchließen. Sie wüßte wohl, daß diejenigen, zu denen er käme, Allem aufbieten würden, um ihn glücklich zu machen. Endlich beſchrieb ſte noch ſeinen Charakter ſo, wie ſie ſich denſelben vorſtellte: ſchnell und ungeduldig gegen Zwang oder Härte; jedoch leicht durch Liebe und ein freundliches Weſen zu gewinnen. In einer Nachſchrift bemerkte ſie noch, daß ſchriftlich ausgemacht werden müßte, daß es ihr erlaubt wäre, das Kind ſo oft zu ſehen, als ihr beliebte: — weil ſie ſich unter keiner andern Bedingung von demſelben zu trennen vermöchte. „Wie? Mrs. Stolz hat ſich endlich gedemüthigt. Je?“ ſagte der alte Osborne, als ihm Miß Ooborne mit zitternder Stimme und ganz haſtig den Brief vor⸗ las. — „Recht ausgehungert, he? ha, ha! Ich wußte wohl, daß es ſo weit kommen würde.“ — 10 Er ſuchte ſeine Würde zu bewahren, und, wie ge⸗ wöhnlich, ſeine Zeitung zu leſen, — allein es wollte nicht gehen. Er kicherte und fluchte hinter dem Zeitungs⸗ blatte vor ſich hin. Am Ende warf er daſſelbe weg, und ging, ſeine Tochter, wie gewöhnlich, finſter anſehend, in ſein an⸗ ſtoßendes Arbeitszimmer, aus dem er nach einigen Augen⸗ blicken mit einem Schlüſſel zurückkam. Er warf den Schlüſſel Miß Osborne hin. „Richte das Zimmer über dem meinigen — das Zimmer, das er einſt bewohnte — her,“ ſagte er. „Ja, Sir,“ antwortete ſeine Tochter mit Zittern. Es war George's Zimmer. Seit mehr denn zehn Jahren war es nicht mehr geöffnet worden. Einige ſeiner Kleider, Papiere, Taſchenbücher, Peitſchen und Mützen, Angelruthen und ſonſtige Jagdgeräthſchaften be⸗ fanden ſich noch darin. Eine Armeeliſte vom Jahre 1814 mit ſeinem Namen auf dem Umſchlage; ein kleines Wör⸗ terbuch, das er beim Schreiben zu benützen pflegte; und die Bibel, die ſeine Mutter ihm gegeben, lagen auf dem Kaminſimſe, nebſt einem Paar Sporen, und einem Dinten⸗ zeuge, das mit zehnjährigem Staube bedeckt, worin die Dinte vollkommen eingetrocknet war. Ach! wie viele Tage und Leute ſind verſchwunden ſeit der Zeit, wo dieſe Dinte noch naß war! das Schreibbuch, das noch auf dem Tiſche lag, zeigte Dintenflecke, die von ſeiner Hand herrührten. Miß Osborne griff es ſehr an, als ſie mit den unter ihr ſtehenden Dienſtboten zum erſten Male in dieſes Zimmer trat. Sie ſank ganz bleich auf das kleine Bett hin. „Das ſind ja ganz gute Neuigkeiten, Mam — ja, ja, Mam,“ ſagte die Haushälterin; „und die guten alten Zeiten kommen nun wieder, Mam. Der liebe kleine Burſche, gewiß, Mam — wie glücklich wird er nicht — 11 ſein! Allein gewiſſe Leute in May Fair, Mam, werden ihm grollen, Mam.“ Hiemit ſchob ſie den Bolzen, der das Fenſter ver⸗ ſchloſſen hielt, zurück, und erneuerte die Luft im Zimmer. „Du würdeſt wohl daran thun, wenn Du dem Weibe Etwas Geld ſchickteſt,“ ſagte Herr Osborne, ehe er ausging. „Es ſoll ihr an Nichts gebrechen. Schick' ihr hundert Pfund.“ „Und kann ich ſie morgen aufſuchen?“ fragte Miß Osborne. „Das iſt Deine Sache. Hieher varf ſie aber nicht kommen, merk' Dir's wohl. Nein, bei —, nicht um alles Geld in London. Allein ſie ſoll jetzt nicht Hunger leiden. Sieh Dich deßhalb um, und mache Alles richtig.“ Mit dieſen wenigen Worten verabſchiedete Herr Os⸗ borne ſich von ſeiner Tochter, und trat, wie gewoͤhnlich, ſeinen Weg nach der City an. „Hier, Papa, iſt Geld,“ ſagte Amalie an jenem Abende, indem ſie ihren greiſen Vater küßte, und eine auf hundert Pfund lautende Anweiſung ihm in die Hand drückte. „Und — und, Mama, ſeien Sie nicht barſch gegen Georgy; — er — er iſt nicht mehr lange bei uns.“ Mehr konnte ſie nicht ſagen: ſie ging ſchweigend auf ihr Zimmer. Stören wir ſie nicht in ihren Gebeten und in ihrem Kummer! Ich denke, es iſt das Beſte, wenn wir von ſo viel Liebe und Schmerz wenig ſprechen. 4* 4 Am nächſten Tage kam Miß Osborne, dem in ihrem Billet enthaltenen Verſprechen gemäß, zu Amalien. Man war gegenſeitig freundlich. Ein Blick und einige Worte von Miß Osborne zeigten der armen Wittwe, daß ſie, wenigſtens in Betreff dieſes Frauenzimmers, nicht zu be⸗ 12 fürchten brauche, es werde dieſelbe von nun an die erſte Stelle im Herzen ihres Sohnes einnehmen. Sie war kalt, verſtändig, nicht unfreundlich. Die Mutter hätte es vielleicht nicht ſo gern geſehen, wenn die Nebenbuhle⸗ rin ſchöner, jünger, liebevoller, warmherziger geweſen wäre. Auf der andern Seite dachte Miß Osborne an die alten Zeiten, und da fiel ihr wieder ſo Vieles ein, und da konnte ſie durch die klägliche Lage der armen Mutter nur zum Mitleid gerührt werden. Sie war beſiegt, und unterwarf ſich, gleichſam die Waffen niederlegend, demü⸗ thig. An dieſem Tage kam man über die Präliminarien des Capitulationsvertrags überein. An dem darauf folgenden Tage durfte Georgy die Schule nicht beſuchen, und ſah ſeine Tante. Amalie ließ ſie allein bei einander, und begab ſich auf ihr Zimmer. Sie wollte einen Verſuch machen, wie ihr die Trennung ankäme: — wie die arme, ſanftmüthige Lady Jane Grey die Schärfe des Beils befühlte, das auf ihren Nacken herabfallen, und ihrem zarten Leben ein Ende machen ollte. Unter Beſprechungen, Beſuchen, Vorbereitungen ver⸗ ſtrichen mehrere Tage. Die Wittwe wandte viele Vor⸗ ſicht an, um Georgy die Sache mitzutheilen; ſie glaubte nicht anders, als daß ihn die Nachricht ſehr betrüben würde. Allein er zeigte ſich eher erfreut darüber, — und die arme Frau wendete ſich traurig weg. An jenem Tage prahlte Georgy mit der Nachricht gegen ſeine Schulkameraden, und erzählte ihnen, wie er nun bald bei ſeinem Großvater, dem Vater ſeines Va⸗ ters, — nicht dem, der bisweilen in die Schule käme, — wohnen, und daß er ſehr reich ſein, und einen Wagen, ſowie einen Pony erhalten, und nun in eine viel vorneh⸗ mere Schule kommen würde; auch würde er, wenn er — — — 13 einmal reich wäre, Leader's Bleiſtifthalter kaufen, und das Kuchenweib bezahlen. Der Knabe war ganz das Ebenbild ſeines Vaters, wie auch ſeine zärtliche Mutter meinte. Ich habe wirklich, um unſerer lieben Amalie willen, nicht das Herz, einen genauen Bericht über die letzten Tage, die George zu Hauſe zubrachte, zu geben. 5 Endlich kam der Tag herbei; der Wagen fuhr vor, die kleinen beſcheidenen Päckchen, worin ſich Liebeszeichen und Andenken befanden, lagen im Hausgange ſchon lange parat — George hatte ſein neues Kleid angezogen, zu dem ihm vorher der Schneider das Maß genommen hatte. Mit Sonnenaufgang war er aus ſeinem Bette aufge⸗ ſprungen, und hatte die neuen Kleider angelegt; ſeine Mutter hörte ihn dabei vom anſtoßenden Zimmer aus, wo ſie in ſtummem Schmerz, und ſchlaflos gelegen hatte. Sie hatte zu dem Ende ſchon ſeit mehreren Tagen das Nöthige vorbereitet: hatte für den Knaben verſchiedene kleine Vorräthe gekauft: hatte ſeine Bücher, ſowie ſeine Leinwand gezeichnet: hatte mit ihm geſprochen, und ihn auf die Veränderung vorbereitet — weil ſie in ihrer Zärt⸗ lichkeit ſich einbildete, daß eine Vorbereitung bei ihm nö⸗ thig wäre. Was lag aber ihm daran, wenn er nur Verände⸗ rung hatte? Er ſehnte ſich darnach. Durch tauſend eifrige Erklärungen in Beziehung auf das, was er thun würde, wenn er einmal bei ſeinem Großvater wäre, hatte er der armen Wittwe gezeigt, wie wenig die Idee der Trennung auf ihn niederſchlagend wirkte. „Er wolle,“ ſagte er, „recht oft auf dem Ponh kommen, und ſeine Mama beſuchen: er wolle in dem Wagen kommen, und ſie abholen; worauf ſie in dem Park mit einander Spazieren fahren wuͤrden; auch ſolle ſie Alles bekommen, was ſie brauche.“ Die arme Mutter mußte ſich, wohl oder übel, mit dieſen ſelbſtſüchtigen Anhänglichkeitsbezeigungen be⸗ 14 gnügen, und ſuchte ſich zu überzeugen, daß ihr Sohn ſie aufrichtig liebe. Sie ſagte ſich, er müſſe ſie lieben. Alle Kinder ſeien ſo: ſtets für das Neue eingenommen, und — nein, nicht ſelbſtſüchtig, ſondern bloß eigenwillig. Ihr Kind müſſe auch ſeine Freuden und ſeinen Ehrgeiz auf der Welt haben. Sie ſelbſt habe ihm, durch ihre Selbſt⸗ ſucht und ihre unkluge Liebe zu ihm verleitet, bis daher die Rechte und Freuden vorenthalten, die er beanſpruchen könne. Ich kenne wenige Dinge, die mehr geeignet ſind, einen Menſchen zu rühren, als dieſe furchtſame Erniedri⸗ gung und Selbſtdemüthigung eines Weibes. Wie ſie be⸗ kennt, daß die Schuld ſie treffe, und nicht den Mann: wie ſie alle Fehler und Sünden auf ſich nimmt; wie ſie gewiſſermaßen um Strafe für das Unrecht bittet, das ſie nicht begangen, und darauf beharrt, den wahren Schul⸗ digen zu ſchützen! die meiſte Liebe von Seiten der Frauen wird denjenigen zu Theil, ſo ſich Sünden gegen ſie zu Schulden kommen laſſen; — denn die Frauen ſind von Natur furchtſam und Tyranninen und mißhandeln dieje⸗ nigen, die ſich am Demüthigſten gegen ſie zeigen So hatte ſich denn die arme Amalie mit ſtummem Schmerze auf den Weggang ihres Sohnes vorbereitet, und manche, manche lange einſame Stunde war ihr unter den nothigen Vorbereitungen verfloſſen. George ſtand an der Seite ſeiner Mutter, und beobachtete ihre Anordnun⸗ gen, ohne ſich im Mindeſten bekümmert zu zeigen. Es waren in ſeine Kiſichen Thränen gefallen; in ſeinen Lieb⸗ lingsbüchern waren gewiſſe Stellen unterſtrichen: alte Spielſachen, Reliquien, Schätze waren für ihn aufgehäuft, und mit ſeltſamer Nettigkeit und Sorgfalt zuſammenge⸗ packt worden, — und von allen dieſen Dingen nahm der Knabe keine Notiz Das Kind geht lächelnd davon, während der Mutter das Herz bricht. Beim Himmel! Es iſt etwas Jammer⸗ 15 volles um die unnütze Liebe der Frauen zu den Kindern auf dem Jahrmarkte des Lebens! * * Ein Paar Tage ſind vergangen: und das große Er⸗ eigniß im Leben Amaliens iſt eine vollendete Thatſache. Kein Engel iſt in's Mittel getreten. Das Kind iſt dem Fatum als Opfer dargebrcht; und die Wittwe iſt nun ganz allein. Zwar beſucht der Knabe ſie oft. Er reitet auf einem Pony, und iſt gefolgt von dem Kutſcher, zum großen Entzücken des alten Großvaters, Sedley, der an ſeiner Seite ganz ſtolz das Gäßchen hinabgeht. Sie ſieht ihn; allein es iſt nicht mehr ihr Knabe. Ei, er reitet auch nach der kleinen Schule, um ſeine Kameraden zu beſuchen, 6 ſich ihnen in ſeinem neuen Reichthum und Glanze zu zeigen. In ein Paar Tagen hat er ein etwas herriſches und gönnerartiges Weſen angenommen. Er iſt, wie vor ihm ſein Vater, zum Befehlen geboren, denkt ſeine Mutter. Es iſt jetzt ſchoͤnes Wetter. An den Tagen, wo er nicht kommt, macht ſie Abends einen langen Spaziergang nach der Stadt herein — ja, ſie geht ſogar bis nach Ruſſell Square, und ſetzt ſich auf den Stein an den Staketen des dem Osborne'ſchen Hauſe gegenüberliegenden Gartens. Es iſt ja ſo angenehm und kühl. Sie kann hinaufblicken, und die Salonfenſter, ſowie, gegen neun Uhr, das Zim⸗ mer im obern Stocke, wo Georgy ſchläft, erleuchtet ſehen. Sie weiß es: — er hat es ihr ja erzählt. Wenn das Licht ausgeht, betet ſie — ja, betet ſie recht demüthig, und geht dann, bebend und ſchweigend, wieder nach Hauſe. Wenn ſie zu Hauſe ankommt, iſt ſie recht müde. Viel⸗ leicht ſchläft ſie nach dieſem langen, ermüdeten Spazier⸗ gange um ſo beſſer, und träumt von Georgy⸗ 16 Einſt wandelte ſie — der Tag war ein Sonntag — zufällig in Ruſſell Square, in einiger Entfernung von dem Ooborneſchen Hauſe (ſie konnte daſſelbe indeſſen in der Ferne ſehen), als alle Sabbath⸗Glocken läuteten, und George mit ſeiner Taute herauskam um in die Kirche zu gehen; ein kleiner gaſſenkehrender Knabe bat um ein Al⸗ moſen, und der Lakei, der die Bücher trug, ſuchte ihn weg⸗ zujagen; allein George blieb ſtehen, und gab ihm Etwas. Möge Gottes Segen auf ihm ruhen! Emmy lief um den Square herum, ging auf den kleinen Gaſſenkehrer zu, und gab ihm auch ihr Scherflein. Alle Sabbath⸗Glocken ertönten, und ſie folgte ihrem Sohne, bis ſie an die Findelhaus⸗Kirche kam, in die ſie hineintrat. Hier ſetzte ſie ſich an einen Platz, von wo ſie den Kopf des Knaben unter dem Grabſteine ſeines Va⸗ ters ſehen konnte. Viele hundert friſche Kinderſtimmen erhoben ſich da, und ſchickten zu dem gütigen Allvater Hymnen des Dankes empor; und die Seele des kleinen Georgy war von Wonne durchbebt, als die herlichen Pſal⸗ men erklangen. Seine Mutter konnte ihn durch den Ne⸗ bel hindurch, der ſich vor ihren Augen gelagert hatte, eine Weile nicht mehr ſehen. * Einundfünfzigſtes Rapitel. Worin eine Charade vorkommt, mit der der Leſer vielleicht „umſpringen“ kann, vielleicht auch nicht. Nach Becky's Erſcheinen bei My Lord Steyne's ge⸗ wählten und nur für einen engeren Kreis beſtimmten Ge⸗ ſellſchaften hatte die genannte achtbare Frau vie Geltung der Faſhion erlangt, und es öffneten ſich ihr ſchnell einige — 17 der allergrößten und allerhoͤchſten Thüren in der Metro⸗ pole — Thüren, ſo groß und ſo hoch, daß der verehrte Leſer, ſowie Schreiber dieſes ſich wohl umſonſt Hoffnung macht, je durch dieſelben eingehen zu dürfen. Meine theuren Brüder! zittern wir vor dieſen vorneh⸗ men Portalen! Ich denke mir, es ſind dieſelben von Kam⸗ merdienern mit feurigen ſilbernen Gabeln bewacht, womit ſie alle Diejenigen anſpießen, ſo kein Recht zum Ein⸗ tritte haben. Es heißt, der ehrliche Zeitungsſchreiber, der in der Vorhalle ſitzt, und die Namen der großen Leute aufſchreibt, die bei dieſen Feſtlichkeiten zugelaſſen werden, ſterbe nach kurzer Zeit. Es kommt dieß daher, weiler den Glanz und Schim⸗ mer der Faſhivn nicht in die Länge aushält. Dieſer Glanz verſehrt ihn, wie einſt die Erſcheinung Jupiters in all' ſeiner Pracht der armen, thörichten Semele — einer unheſonnenen Motte von einer Creatur, die ſich dadurch zu Grunde richtete, daß ſie ſich über ihre natürliche At⸗ mosphäre hinauswagte — das Leben gekoſtet hat. Die Mythe von dieſer Semele ſollte man ſich bei den Tyburniern, bei den Belgrapianern zu Herzen nehmen, — man ſollte ſich ihre Geſchichte zu Herzen nehmen, und vielleicht auch die Becky's. Ach, meine Damen! — Fragen Sie den Ehrwür⸗ digen Herrn Thurifer, ob Belgravia nicht ein tönendes Erz, und Tyburnia eine klingende Schelle iſt. Es iſt ſchier eitles Zeug. Auch dieſes wird vergehen. Und es wird einmal ein Tag kommen (gottlob aber erſt wenn wirr ſchon heimgegangen!), wo man Hyde Park Gardens nicht mehr beſſer kennen wird, als die berühmten gartenreichen Umgebungen von Babilon, und wo Belgrave Square ſo öde ſein wird, wie Baker Street, oder Tadmor in der Wüſte. 6 Wiſſen Sie auch, meine Damen, daß der große Pitt in Baker Street wohnte? Was würden nicht Ihre Groß⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. 1V. 2 ₰— — 18 mütter darum gegeben haben, um zu den Geſellſchaften der Lady Heſter in dem jetzt verfallenen Hauſe eine Einladung zu erhalten? Ich habe dort geſpeist — moi qui vous parle. Ich brvölkerte das Zimmer mit den Geiſtern der großen Todten. Als wir dort mit Männern von heute zuſam⸗ menſaßen, und ganz nüchtern Claret tranken, traten die Geiſter der Abgeſchiedenen herein, und ſetzten ſich an den ziemlich düſteren Tiſch hin. Der Lothſe, der den Sturm aushielt, ſchüttete große Becher geiſtigen Portweins hinab: ver Schatten von Dundas ließ nicht die Idee einer Na⸗ gelprobe zurück. — Avdington ſaß da, und verbeugte ſich, und ſchmunzelte größlich, und wollte nicht zurückbleiben, als die Flaſche geräuſchlos herum ging; Scott blinzelte unter buſchigen Augenbrauen hervor bei der Erſcheinung eines Bienenflügels; Wilberforce's Augen hefteten ſich auf die Zimmervecke, ſo vaß er nicht zu wiſſen ſchien, wie ſein Glas voll zu ſeinem Munde hinauf ging, um leer wieder herabzukommenz — auf die Zimmerdecke, die erſt geſtern noch über uns war, und welche die Großen der neueſten Zeit alle angeſehen haben. Jetzt wird das Haus möblirt vermiethet. Ja, Lady Heſter hat einſt in Baker Street gewohnt, und liegt und ſchläft jetzt in der Wüſte. Cothen hat ſie dort geſehen — nicht in Baker Street, ſondern in der andern Einöde. Ohne Zweifel iſt Alles eitel: allein wer möchte in Abreve ſtellen, daß er ein wenig von dieſer Eitelkeit gerne hat? Ich möchte wohl wiſſen, welcher geſunde Kopf Roaſt⸗Beef bloß darum nicht gerne hat, weil es vergäng⸗ lich iſt. Auch es iſt eitel; allein möge doch Jeder, ſo vieß liest, ſein Lebenlang eine geſunde Doſis davon haben; ja, wenn auch die Zahl meiner Leſer fünfmalhundert tau⸗ ſend überſtiege. Setzen Sie ſich, meine Herren, greifen Sie zu, und entwickeln Sie einen recht guten Appetit: Sie dürfen weder das Fette, noch das Magere, noch die Brühe, noch den Meerrettig ſparen, da Sie alles Dieſes 19 einmal gern haben. Noch ein Glas Wein, Jones, mein Junge, — ein kleines Stückchen von der Sonntagsſeite. Ja, wir wollen von dem eitlen Dinge zur Genüge eſſen, und dafür dankbar ſein. Und ebenſo wollen wir aus Becky's ariſtokratiſchen Freuden allen möglichen Nutzen ziehen — denn auch ſie waren, gleich allen andern Ver⸗ gnügungen auf dieſer Welt, bloß vorüber gehend. S * Das Reſultat ihres Beſuches bei Lord Steyne war, daß Seine Hoheit, der Fürſt von Peterwardein, die Ge⸗ legenheit ergriff, ſeine Bekanntſchaft mit Oberſt Craw⸗ ley, als ſie am nächſten Tage im Club einander trafen, zu erneuern, und im Rondell von Hyde Park vor Mrs. Crawley den Hut tief herab zu ziehen. Sie wurde mit ihrem Manne alsbald zu einer der kleinen Geſellſchaften des Fürſten in Levant Houſe, welches Seine Hoheit da⸗ mals, während der temporären Abweſenheit des edlen Be⸗ ſigers von England, bewohnte, eingeladen. Nach dem Diner ſang ſie für den ganz kleinen auser⸗ wählten Kreis. Der Marquis von Steyne war auch da, und überwachte in väterlicher Weiſe die Fortſchritte ſeiner Schülerin. In Levant Houſe traf Becky einen der feinſten Gent⸗ lemen und größten Miniſter, die Europa hervorgebracht — den Duc de la Jabotière, der damals als Geſand⸗ ter ſeiner aller chriſtlichſten Majeſtät in London war, und ſpäter Miniſter ſeines Monarchen wurde. Ich erkläre hie⸗ mit, daß mir von Stolz der Kamm ſchwillt, während ich ſo dieſe hohen Namen mit meiner Feder niederſchreibe, und wenn ich bedenke, in welch' brillanter Geſellſchaft meine liebe Becky ſich bewegt. Sie wurde im franzöſi⸗ ſchen Geſandtſchafts⸗Hotel ein beſtändiger Gaſt, und keine Geſellſchaft galt dort für vollſtändig, ſobald die char⸗ mante Madame Rawdon Crawley fehlte. 20 Meſſieurs de Trüffigny (von der Périgord'ſchen Fami⸗ lie) und Champignac, Beide Attachés bei der Geſandt⸗ ſchaft, wurden flugs von den Reizen der blonden Obriſtin entflammt: und Beide erklärten, der Sitte ihres Volkes getreu, (denn wer hat je einen Franzoſen getroffen, der, wenn er aus England zurückfommt, nicht ein halbes Dutzend Familien unglücklich gemacht, und in ſeinem Taſchenbuche ebenſo viele Herzen mitgenommen hat ²) — Beide, ſage ich, erklärten, daß ſie mit der charmanten Madame Raw⸗ don au mieux wären. Allein ich bezweifle denn doch die Richtigkeit der letzteren Behauptung. Champignac liebte das Eearté⸗ Spiel gar ſehr, und machte Abends mit dem Oberſten viele Partien, während Becky im andern Zimmer Etwas vorſang; und was de Trüffigny betrifft, ſo iſt es eine wohlbekannte Thatſache, daß er ſich nicht getraute, in den Travellers'⸗Club zu gehen, wo er den Kellnern Geld ſchul⸗ dig war, und hätte der würdige junge Gentleman nicht im Geſandtſchaftshotel ſpeiſen können, ſo hätte er ver⸗ hungern müſſen. Ich bezweifle es, ſage ich, daß Beck) einen von dieſen jungen Herren als eine ihrer beſonderen Zuneigung wür⸗ dige Perſon ausgewählt haben würde. Sie mußten Boten⸗ dienſte für ſie verſehen, kauften ihr Handſchuhe und Blumen, ſteckten ſich in Schulden wegen Opernlogen, die ſie für ſie mietheten, und bewieſen, mit einem Worte, auf tauſender⸗ lei Art ihre Liebenswürdigkeit. Auch ſprachen ſie das Engliſche mit avorabler Ein⸗ falt, und zur ſteten Beluſtigung Becky's und my Lord Stehne's. Sie pflegte den Einen oder den Andern vor der Naſe nachzumachen, und ihn wegen ſeiner Fortſchritte ih der engliſchen Sprache mit einer Gravität zu becom⸗ plimentiren, die nie verfehlte, den Marquis, ihren ſardo⸗ niſchen alten Gönner, zu kitzeln. De Trüffigny gab der Briggs einen Shawl, in der Hoffnung, Becky's Vertraute zu gewinnen, und verlangte 21 von ihr, ſie ſolle einen Brief beſorgen, welchen die ſimple alte Jungfrau öffentlich der Perſon übergab, an die er gerichtet war; und deſſen Styl Jeden, der ihn las, auf's Höchſte amüfirte. Lord Steyne las ihn: Jedermann, nur der ehrliche Rawdon nicht, dem man ja nicht Alles zu ſagen brauchte, was in dem kleinen Hauſe in May Fair vorging. Es ſtand nicht lange an, ſo empfing Becky daſelbſt nicht bloß die „beſten“ Ausländer (wie man in unſerem edlen und bewundernswürdigen Geſellſchafts⸗Slang *) ſich ausvrückt), ſondern auch einige der „beſten“ Leute Eng⸗ lands. Ich meine damit nicht die tugendhafteſten, noch die untugendhafteſten, noch die geſcheidteſten, noch die dümmſten, noch die reichſten, noch die Leute von beſter Herkunft, ſondern „die Beſten“, — mit einem Worte, Leute, deren Stellung nicht in Frage gezogen werden kann — wie z. B. die große Lady Fitz⸗Willis, die große Pa⸗ tronin von Almack's, die große Lady Slowbore, die große Lady Grizzel Macbeth (ſie war Lady G. Glowry, Tochter von Lord Grey von Glowry, u. ſ. w.) Wenn die Gräfin von Fitz⸗Willis (ihre Ladyſhip iſt ein Glied der Kingſtreet⸗Familie, — ſiehe Debrett und Burke) einmal Jemand unter ihren Schutz nimmt, ſo iſt derſelbe oder dieſelbe geborgen. Von nun an läßt es ſich Niemand mehr einfallen, die Stellung deſſelben oder der⸗ ſelben in Frage zu ziehen. Nicht als ob my Lady Fitz⸗ Willis in irgend einer Weiſe beſſer wäre, als irgend eine andere Perſon; ſie iſt im Gegentheil verblüht, hat wohl⸗ gemeſſene ſieben und fünfzig Jahre auf dem Rücken, und iſt weder hübſch, noch reich, noch unterhaltend; allein es wird allenthalben zugegeben, daß ſie zu den „beſten“ Leu⸗ ten gehöre. Diejenigen, ſo ſich in ihrem Hauſe einfinden, gehören *) Slang = Rothwälſch, Gaunerſprache, Spitzbubenſprache, über⸗ haupt die einer beſondern Caſte eigenthümliche Sprache. 22 zu den „Beſten:“ und wahrſcheinlich in Folge einer alten Pique, ſo ſie auf Lady Stehne hatte (nach deren Krone ihre Ladyſhip, damals die jugendliche Georgina Frederica, Tochter des Earl von Portanfherry, Günſtlings des Prin⸗ zen von Wales, — getrachtet hatte), entſchloß ſich dieſe große und berühmte Königin der Faſhion, Mrs. Rawdon Crawley anzuerkennen; machte ihr bei der Aſſemblée, bei der ſie den Vorſitz führte, einen höchſt ausgezeichne⸗ ten Knicks: und forderte ihren Sohn, St. Kitts (ſeine Lordſchaft erhielt ſeine Stelle durch die Protection Lord Steyne's) nicht allein auf, Mrs. Crawiey's Haus zu beſuchen, ſondern lud ſie auch zu ſich, in ihr Haus, ein, und ſprach während des Diners auf die öffentlichſte und herablaſſendſte Weiſe zwei Mal mit ihr. Dieſe wichtige Thatſache wurde noch in der nämli⸗ chen Nacht in ganz London bekannt. Leute, die bis daher über Mrs. Crawley nicht genug hatten läſtern können, ſchwiegen jetzt. Wenham, der Witzbold und Advocat, Lord Steyne's rechte Hand, ließ ihr Lob allenthalben er⸗ ſchallen: Einige, die noch gezögert hatten, erklärten ſich jetzt öffentlich für ſie, und bewillkommten ſie. Der kleine Tom Toady, der Southdown gewarnt hatte, ein ſo ver⸗ worfenes Frauenzimmer nicht zu beſuchen, ſtellte jetzt an denſelben die Bitte, daß er ihn ihr vorſtellen möchte. Mit einem Worte, die Welt der Faſhion zählte ſie unter die „beſten“ Leute. Ach, meine geliebten Leſer und Brüder! beneidet die arme Becky doch nicht zu früh — man ſagt, eine Herr⸗ lichkeit, wie die ihrige, ſei von keinem Beſtande. Wie es ziemlich allgemein heißt, ſo ſind ſie ſogar in den in⸗ nerſten, gewählteſten Zirkeln um kein Haar glücklicher, als die armen Wanderer, die ſich außerhalb dieſer Zone bewegen; und Becky, die bis in das Centrum der Faſhion vordrang, und den großen George IV. von Angeſicht zu Angeſicht ſah, hat ſeitdem geſtanden, daß auch da Alles eitel geweſen ſei. — 23 Wir müſſen bei der Schilderung dieſes Theiles ihrer Laufbahn uns kurz faſſen. Gleichwie ich die Myſterien der Freimaurerei nicht beſchreiben kann, obgleich es mich bedünken will, daß ſie ſchier Charlatanerie iſt: ebenſo kann auch ein Uneingeweihter es nicht wagen, die große Welt genauer zu ſchildern, und thut wohl am Beſten daran, wenn er ſeine Anſicht, welche ſie immer ſein möge, für ſich behält. In ſpäteren Jahren hat Becky oft von dieſer Zeit ihres Lebens, wo ſie ſich in den allerhöchſten Kreiſen der Londoner Faſhion bewegte, geſprochen. Ihr Glück regte ſie auf, machte ſie ſtolz, und langweilte ſie dann. Anfangs that ſie Nichts lieber, als die hübſcheſten neuen Kleider und Zierathen erfinden und ſich verſchaffen (Letzteres war, beiläufig bemerkt, für eine Perſon von Mrs. Rawdon Crawley's höchſt unbedeutenden Geldmitteln eine Arbeit, die nicht wenig Mühe und Scharffinn er⸗ heiſchte); und dann liebte ſie es, ſich bei feinen Diners einzufinden, wo ſie von hohen Perſonen bewillkommt wurde; und von den feinen Diners weg bei feinen Aſ⸗ ſembléen, wohin dieſelben Leute kamen, mit welchen ſie geſpeist, die ſie am Abende zuvor geſehen hatte, und die ſie an dem darauffolgenden Tage wieder zu Geſichte be⸗ kam — die jungen Männer untadelhaft gekleidet, hübſch eravatirt, mit den netteſten, glänzenden Stiefeln und wei⸗ ßen Handſchuhen — die älteren ſtattlich mit meſſingenen Knöpfen geſchmückt, nobel ausſehend, höflich, und mono⸗ ton — die jungen Damen blond, furchtſam, und in roſa⸗ farbenen Kleidern — die Mütter großartig, überaus ſchön, prächtig, feierlich, und mit Diamanten geſchmückt. Sie ſprachen engliſch, kein ſchlechtes Franzoſiſch, wie in unſern Romanen. Sie ſprachen über die Häuſer, und den Ruf, und die Familien ihrer Freunde und Bekannten gerade in derſelben Weiſe, wie die Joneſes über die Smiths. Becky's frühere Bekannte haßten und beneideten ſie nun; die arme Frau ſelbſt gähnte im Geiſte. 24 „Ich wollte, ich wäre wieder heraus,“ ſagte ſie bei „Ich möchte lieber die Frau eines Geiſtlichen, und in einer Sonntagsſchule Lehrerin ſein, als dieſes Leben fortführen: oder lieber' moͤchte ich als das Weib eines Unteroffiziers auf dem Packwagen des Regimentes fahren; oder, ach! wie weit luſtiger wäre es, beflitterte Beinklei⸗ der zu tragen, und vor einer Bude auf einem Jahrmarkte zu tanzen!“ „Sie würden da Ihre Sache recht brav machen,“ ſagte Lord Steyne lachend. Sie pflegte nämlich dem großen Manne in ihrer ungekünſtelten Weiſe ihre ennuis und Nöthen zu erzäh⸗ len — ihre Berichte beluſtigten ihn immer. „Rawdon würde einen ſehr guten Ecuyer — Cere⸗ monienmeiſter — wie heißt man doch den Mann in den großen Stiefeln und der Uniform, der, mit der Peitſche knallend, in dem Kreiſe herumgeht? — abgeben. Er iſt groß, ſchwerfällig, und hat eine militäriſche Geſtalt. Ich erinnere mich noch,“ fuhr Becky gedankenvoll fort, „wie mein Vater mich einſt, als ich noch ein Kind war, mit⸗ nahm, und ich zu Brookgreen Fair allerlei Curioſitäten ſah; und als wir nach Hauſe kamen, machte ich mir ein Paar Stelzen, und tanzte zur Verwunderung ſämmtlicher Schüler in dem Atelier meines Vaters.“ „Ich hätte es gern ſehen mögen,“ ſagte Lord Steyne. „Ich möchte es jetzt thun,“ fuhr Becky fort. „Wie würde da Lady Blinky die Augen aufreißen, und wie würde da Lady Grizzel Macbeth ſtieren! Pſt! ſtille! die Paſta fängt an zu ſingen.“ Becky zeigte ſich ſtets auffallend höflich gegen die Künſtlerinnen und Künſtler, welche dieſen ariſtokratiſchen Partien anwohnten — folgte ihnen in die Winkel, wo ſie ſchweigend ſaßen, und ſchüttelte ihnen vor Jedermann die Hand, und lächelte ſie an. Sie war ſelbſt eine Künſt⸗ lerin, wie ſie ganz wahrheitsgetreu ſagte: es lag in der Art und Weiſe, wie ſie ihre Geburt bekannte, eine Offen⸗ — 25 heit und eine Demuth, welche die Anweſenden ärgerte, oder entwaffnete, oder beluſtigte, — wie es nun eben kam. „Wie kaltblütig iſt doch dieſes Weib,“ ſagte der Eine; „wie unabhängig geberdet ſie ſich, und wie unge⸗ nirt thut ſie da, wo ſie ſtill ſitzen und dankbar ſein ſollte, wenn nur Jemand mit ihr ſpricht.“ „Was für eine ehrliche und gutmüthige Seele iſt ſie doch,“ ſagte ein Zweiter. „Welch, ſchlauer kleiner Zieraffe,“ ſagte ein Dritter. Hoͤchſt wahrſcheinlich hatten ſie Alle Recht; allein Becky ließ ſich nicht irre machen, und bezauberte die Künſtler dergeſtalt, daß ſie niemals mit Heiſerkeit be⸗ haftet waren, wenn ſie dieſelben bat, bei ihren Geſell⸗ ten zu fingen, und daß ſie ihr umfonſt Singunterricht gaben. Ja, ſie gab in dem kleinen Hauſe in Curzon Street Geſellſchaften. Viele Dutzende von Wagen, mit blendend hellen Laternen, verſperrten die Straße, zum großen Aer⸗ ger von Nr. 100, wo man vor dem unabläßigen don⸗ nernden Niederfallen des Thürklopfers nicht ſchlafen konnte, und von Nr. 102, wo der Neid die Betreffenden nicht ſchlafen ließ. Die koloſſalen Lakalen, die bei den Wagen waren, hatten in Becky's kleiner Vorhalle keinen Platz, und wur⸗ den in den benachbarten Wirthshäuſern untergebracht, wo ſie bei ihrem Bierkruge ſaßen, bis eigens dazu beſtellte Jungen ſie herbeiriefen, wenn man ſie brauchte. Einige der großen Londoner Dandies drängten ſich auf der kieinen Treppe, wobei ſie einander auf die Füße traten, und lachend ihr Erſtaunen darüber ausdrückten, daß ſie ſich hier zuſammen gefunden, und gar viele ma⸗ kelloſe und ſtrenge Damen von Ton ſaßen in dem klei⸗ nen Salon, und hörten den Sängern zu, die ganz wie gewöhnlich, und wie wenn ſie die Fenſter einſingen woll⸗ ten, ſangen. Und einen Tag darauf erſchien unter den faſhionab⸗ 26 len Reunionen in der „Morning⸗Poſt“ ein Paragraph, alſo lautend: — „Geſtern gaben Oberſt und Mrs. Crawley einer ausgezeichneten Geſellſchaft in ihrem Hauſe in May Fair ein Diner. Ihre Ercellenzen der Fürſt und die Fürſtin von Peterwardein, Seine Ercellenz Papooſh Paſcha, der türkiſche Geſandte (begleitet von Kibob Bey, Dragoman der Geſandtſchaft), der Marquis von Steyne, der Graf von Southdown, Sir Pitt und Lady Jane Crawley, Herr Wagg u. ſ. w. waren anweſend. Nach dem Diner hatte Mrs. Crawley eine Aſſemblée, wobei ſich einfanden: Die (verwittwete) Herzogin von Stilton, der Duc de la Gruyère, die Marquiſin von Cheſhire, Marcheſe Aleſſan⸗ dro Strachino, Comte de Brie, Baron Schapzüger, Che⸗ valier Toſti, die Gräfin von Slingſtone, und Lady F. Macadam, Generalmajor und Lady G. Macheth, ſowie (2) Miß Macbeths; Viscount Paddington, Sir Horace Fogey, der ehrenwerthe Sands Bedwin, Bobbachy Ba⸗ hawder,“ — worauf noch ein u. ſ. w. folgte, das der Leſer nach Belieben ſich durch ein Dutzend eng gevruckter Zeilen in kleiner Schrift ausfüllen mag. Auch legte unſere theure Freundin in ihrem Umgange mit den Großen dieſelbe Offenheit an den Tag, welche ihren Verkehr mit den niedrig Geſtellten auszeichnete. Bei einer Gelegenheit ſprach — es war in einem ſehr vorneh⸗ men Hauſe — Rebekka (vielleicht um damit einiges Auf⸗ ſehen zu erregen) franzöſiſch mit einem berühmten, zur großen Nation gehörenden Tenoriſten, während Lady Grizzel Macbeth das Paar über die Schulter weg finſter anſah. „Wie ungemein gut ſprechen Sie doch franzöſiſch,“ ſagte Lady Grizzel, die ſelbſt mit einem höchſt bemer⸗ kenswerthen Evinburger Accent das Franzöſiſche ſprach. „Ich ſollte es wenigſtens können,“ ſagte Becky be⸗ ſcheiden, und ſchlug die Augen nieder. „Ich habe es in — 27 einer Schule gelehrt, und es war meine Mutter eine Franzöſin.“ Lady Grizzel wurde durch bieſe Demuth beſiegt, und gegen das kleine Weibchen ſanft geſtimmt. Sie bedauerte die fatalen, Alles gleichmachenden Tendenzen unſerer Zeit, die Leuten von allen Klaſſen den Zutritt in die Geſell⸗ ſchaft der Höherſtehenden geſtatteten? allein ihre Ladyſhip geſtend auf der andern Seite, daß dieſe Perſon wenig⸗ ſtens ſich anſtändig zu benehmen wüßte, und nie die ihr im Leben zukommende Stellung vergäße. Sie war eine recht gute Frau; gut gegen die Armen: dumm, tadellos, arglos. Es iſt nicht die Schuld ihrer Ladyſhip, wenn ſie ſich für beſſer hält, als Dich und mich. Seit Jahrhunderten iſt ihren Ahnen ſtets der Saum des Kleides geküßt wor⸗ den: es heißt, es ſeien ſchon tauſend Jahre, daß die Tar⸗ tans des Hauptes der Familie von den Lords und Räthen des ſeligen Duncan angenommen worden, als der große Ahn des Hauſes König von Schottland wurde. Was Lady Steyne betrifft, ſo gab ſie ſich nach der bekannten Muſikſcene überwunden, und war vielleicht Becky nicht ganz abgeneigt. Die jüngeren Damen des Gaunt'ſchen Hauſes mußten ſich nun ebenfalls unterwer⸗ fen. Zwar hetzten ſie noch ein Paar Mal gewiſſe Leute auf ſie; allein ſie wurden aus dem Felde geſchlagen. Die brillante Lady Stunnington brach mit ihr einige Lanzen, wurde aber von der unerſchrockenen kleinen Becky total geſchlagen, und, unter vielem Blutvergießen, in die Flucht gejagt. Wenn Beckh angegriffen wurde, ſo nahm ſie zuweilen ein recht demüthiges, naives Weſen an: dann war ſie immer am Gefährlichſten. Sie ſprach, wenn ſie in ſolcher Laune war, mit der einfachſten, unaffectirteſten Miene das boshafteſte Zeug, und bat dann immer in ungekünſtelter Weiſe wegen ihrer Unbedachtſamkeit um Verzeihung, da⸗ mit Jedermann erfahren ſolle, was ſie geſagt. 28 Herr Wagg, der berühmte Witzbold, und Paraſit und Anhänger Lord Stehne's, ließ ſich von den Damen überreden, ſie anzugreifen; und eines Abends begann der gute Kerl, indem er ſeine Gönnerinnen anſchielte, und ihnen mit dem Auge einen Wink gab, gleich als wollte er ſagen: „Jetzt dürfen Sie ſich auf einen Spaß gefaßt machen,“ über Becky herzufallen, die, ohne an etwas Arges zu denken, ihr Diner verzehrte. Die ſo unverſehens angegriffene, aber ſtets ihre Waf⸗ fen in Bereitſchaft haltende kleine Frau nahm alsbald die erforderliche Kampfſtellung an, parirte, und gab ihm einen Herzſtoß, ſo daß es Wagg, vor lauter Scham, im Geſichte juckte; ſodann machte ſie ſich mit der vollkom⸗ menſten Ruhe, und ſtill lächelnd wieder an ihre Suppe. Wagg's großer Gönner, der ihn zu ſeinen Diners einlud, und ihm bisweilen ein Bischen Geld lieh, und deſſen Wahlgeſchäfte, Zeitungsangelegenheiten u. ſ. f. Wagg zu beſorgen hatte, ließ auf den unglücklichen Kerl einen ſo wilden Blick fallen, daß er faſt unter den Tiſch ſank, und in Thränen ausbrach. Er ſah my Lord, der während des ganzen Eſſens keine Sylbe zu ihm ſagte, ſowie die Damen, die ihn nun verläugneten, mit jämmerlicher Miene an. Am Ende er⸗ barmte ſich Becky ſelbſt ſeiner, und ſuchte ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. Sechs Wochen lang wurde er nicht mehr zum Eſ⸗ ſen eingeladen; und Fiche, my Lord's vertrauter Major⸗ domus, dem natürlich Wagg gewaltig den Hof machte, erhielt den Befehl, ihm zu ſagen, daß, wenn er je wieder ſich beigehen ließe, gegen Mrs. Crawley unartig zu ſein; oder dieſelbe zur Zielſcheibe ſeiner albernen Späſſe zu machen, Milor ſeine ſämmtlichen Schuldſcheine feinem Advocaten ſchicken, und ihn ohne Gnade „ſetzen“ laſſen würde. Wagg weinte vor Fiche, und bat ſeinen theuren Freund flehentlich, bei ſeinem Herrn für ihn zu ſprechen. 29 Nicht zufrieden damit, ſchrieb er auch ein Lobgedicht auf Mrs. R. C., das in der allernächſten Nummer des „Ha⸗ rumſcarum Magazine,“ deſſen Redacteur er war, erſchien. So oft er ſie in einer Geſellſchaft traf, flehte er ſie um ihre Protection an. Im Club dagegen machte er gegen Rawdon den kriechenden Schmeichler. Nach einiger Zeit durfte er wieder in Gaunt Houſe erſcheinen. Becky war ſtets gütig gegen ihn, ſtets amü⸗ ſirt, nie zornig. Der Vezier und vertraute oberſte Diener ſeiner Lord⸗ ſchaft (er ſaß im Parlamente, und hatte ebenfalls einen Sitz am Tiſche des Lords), Herr Wenham, legte in ſei⸗ nem Benehmen und ſeinen Reden weit mehr Klugheit an den Tag, als Herr Wagg. So ſehr er auch geneigt ſein mochte, alle Parvenüs zu haſſen (Herr Wenham ſelbſt war ein ſtandhafter alter Prue Blue Tory *), und ſein Vater ein kleiner Kohlenhändler im Norden von Eng⸗ land), ſo legte doch dieſer Adjutant des Marquis nie irgend welche Feindſeligkeit gegen die neue Favoritin an den Tag, ſondern verfolgte ſie mit heimlichen Gefällig⸗ keiten, und einer ſchlauen und ehrerbietigen Höflichkeit, wobei es Becky unbehaglicher war, als bei den offenen Feindſeligkeiten der andern Leute. Wie die Crawleys ſich das Geld verſchafften, das bei den Diners und Aſſembleen, wozu ſie die vornehme Welt einluden, aufging, war ein Myſterium, das damals die Leute etwas reden machte, und den kleinen Feſtivitäten wahrſcheinlich noch weiteren Reiz verlieh. Einige Perſonen behaupteten, Sir Pitt Crawley habe ſeinem Bruder eine hübſche jährliche Rente ausgeſetzt. Wenn dem aber wirklich alſo war, ſo mußte Becky's Ein⸗ fluß beim Baronet in der That außerordentlich groß ſein, und mußte ſich ferner der Charakter deſſelben in ſeinem höheren Alter gewaltig geändert haben. *) Torh von ächtem Schrot und Korn. 30 Andere gaben zu verſtehen, daß es Becky's Gewohn⸗ heit wäre, ſämmtliche Freunde ihres Mannes in Contri⸗ bution zu ſetzen: bei dem Einen erſchiene ſie in Thränen, um ihm zu berichten, daß ſie gepfändet würden; bei einem Andern fiele ſie auf die Knie mit der Erklärung, daß die ganze Familie in das Schuldgefängniß wandern, oder ſich das Leben nehmen müßte, wenn dieſer oder jener Wechſel nicht bezahlt werden könnte. Es hieß, Lord Southdown habe ſich durch ſolche pathetiſche Vorſtellungen verleiten laſſen, viele Hunderte wegzugeben. Der junge Feltham, von dem — ſten Dra⸗ gonerregimente (und Sohn der Firma Tiler und Feltham, Hutmacher und Verfertiger von allerlei militäriſchen Aus⸗ rüſtungsgegenſtänden), den die Crawleys in das faſ⸗ hionable Leben eingeführt hatten, wurde ebenfalls als eines der Opfer Becky's angeführt; auch er ſollte bedeu⸗ tende Summen dargeliehen haben. Andere Leute erklärten, daß Mrs. Rawdon von ver⸗ ſchiedenen einfältigen Perſonen Geld bekäme, indem ſie denſelben verſpräche, ihnen eine Anftellung bei der Re⸗ gierung zu verſchaffen. Wer weiß, was für Geſchichten von unſerer theuren und unſchuldigen Freundin erzählt, oder nicht erzählt wurden ? So viel iſt gewiß, daß, hätte ſie all' das Geld beſeſſen, ſo ſie erbettelt, oder erborgt, oder geſtohlen haben ſollte, ſie ein ſo hübſches Kapital hätte zuſammenlegen können, um Zeitlebens ehrlich zu bleiben, während — Doch wir greifen der Geſchichte vor. Die Wahrheit iſt, daß man, bei einiger Oekonomie und bei kluger Haushaltung, — bei ſparſamer Anwen⸗ dung von baarem Gelde und bei ſtrenger Befolgung des Grundſatzes, die Zahlungen ſoviel, wie möglich, hinaus⸗ zuſchieben, eine Zeitlang wenigſtens mit ganz geringen Mitteln viel Aufwand machen kannt und wir glauben, daß Becky's Partien, über die man ſo viel ſprach, und die am Ende nie ſehr zahlreich waren, dieſer Dame ſehr 3¹ wenig mehr koſteten, als die Wachskerzen, welche in den Zimmern gebrannt wurden. Stillbrvok und Queen's Crawley lieferten ihr im Ueberfluß Wildpret und Obſt. Lord Steyne's Keller ſtanden ihr zur Verfügung, und die berühmten Köche dieſes trefflichen Edelmanns beſorgten ihre kleine Küche, oder ſchickten auf my Lords Befehl die ſel⸗ teſten Delicateſſen aus ihrer eigenen. Ich kann nicht umhin, hier zu ſagen, daß es ganz ſchändlich von der Welt iſt, eine harmloſe und ungekün⸗ ſtelte Creatur ſo zu verläumden, wie Becky ihrerſeits ver⸗ läumdet wurde, und will hiemit das Publikum fein ge⸗ warnt haben, daß es nicht den zehnten Theil der Lügen glauben dürfe, die über ſie ausgeſprengt wurden. Wenn Jeder aus der Geſellſchaft verbannt werden ſoll, ſo ſich in Schulden ſtürzt, und dieſelben nicht zu zahlen im Stande iſt — wenn wir in unſerer Neugierde Jedermanns Privatleben unterſuchen, über eines Jeden Einkommen uns in Vermuthungen ergehen, und denſelben nicht mehr kennen wollen, ſobald wir ſeine Ausgaben nicht billigen — ei, welch' unheimlicher, untröſtlicher, unerträglicher Aufenthaltsort würde da der Jahrmarkt des Lebens ſein! In ſolchem Falle würde Jeder gegen ſeinen Nächſten aufſtehen, mein lieber Herr, und es wäre um die Wohlthaten der Civiliſativn geſchehen. Wir würden mit einander Streit bekommen, einander ſchmähen, ein⸗ ander meiden. Aus unſern Häuſern würden wahre Höhlen werden: und wir würden in Lumpen einhergehen, weil wir uns um Niemand kümmern würden. Mieth⸗ und Pachtzinſe würden heruntergehen. Es würden keine Ge⸗ ſellſchaften mehr gegeben werden. Alle Geſchäftsleute in der Stadt müßten bankerott werden. Wein, Wachsker⸗ zen, Eßwaaren, Rouge, Unterröcke von Crinoline, Dia⸗ manten, Perrücken, Schmuckſachen, und Zierathen à la Pouis Quatorze, altes Porzellan, Jagdpferde und präch⸗ tige, ſtolz einhergehende Wagenpferde — alle Freuden dieſes Lebens, ſage ich, würden zum Teufel gehen, wenn 32 die Leute nur nach ihren närriſchen Prinecipien handeln, und diejenigen meiden würden, ſo ſie nicht leiden können, und ſo ſie ſchmähen. Bei einiger Nächſtenliebe und gegenſeitiger Nachſicht dagegen geht Alles ziemlich gut: wir können nach Her⸗ zensluſt auf einen Menſchen ſchmähen, können ihn den größten Schuft nennen, der mit dem Galgen noch nicht Bekanntſchaft gemacht — wollen wir ihn aber deßhalb wirklich gehängt wiſſen? Nein. Wir ſchütteln ihm die Hand, wenn wir einander treffen. Hat er einen guten Koch, ſo verzeihen wir ihm, und ſpeiſen bei ihm, und er⸗ warten, daß er gegen uns das gleiche Verfahren einhalten werde. Auf dieſe Weiſe blüht der Handel, und gehen die Geſchäfte, und macht die Civiliſation Fortſchritte; auf dieſe Weiſe wird der Friede erhalten, und braucht man jede Woche neue Kleider zu neuen Aſſembléen; und auf dieſe Weiſe belohnt der vorjährige Weinertrag von Laffitte den ehrlichen Grundeigenthümer, der den Wein zog, für ſeine Mühe und Auslagen. Obwohl zur Zeit, von der wir hier ſchreiben, der große George auf dem Throne ſaß, und die Damen Gi⸗ gots und auf dem Kopfe Kämme ſo groß, wie Schau⸗ feln von Schildpatt, anſtatt der einfachen Aermel, und lieblichen Kränze, ſo jetzt in der Mode find, trugen, ſo waren doch, meines Dafürhaltens, die Manieren der ganz vornehmen Welt nicht weſentlich verſchieden von denen unſerer Zeit: auch waren ihre Vergnügungen ſo ziemlich dieſelben. Uns, die wir nur von Außen, und über die Schultern des Polizeidieners weg, die erſtaunlichen Schön⸗ heiten, wenn ſie zu Hofe oder auf einen Ball gehen, be⸗ ſchauen dürfen, mögen dieſelben als Weſen von überirdi⸗ ſchem Glanze, — als Weſen, deren Glückſeligkeit eben ſo unendlich, als für uns unerreichbar, erſcheinen. Um einige dieſer unzufriedenen Weſen zu tröſten, erzählen wir hier die Kämpfe, und Triumphe, und getäuſchten Hoffnungen 1 unſerer theuren Becky, von welchen Dingen allen ſie, wie 33 bei Perſonen von Verdienſt ſtets der Fall iſt, ihr wohl⸗ gemeſſen Theil hatte. Damals war die ſchöne Sitte, Charaden aufzuführen, aus Frankreich auch bei uns eingeführt worden: und es war dieſelbe bei uns nicht wenig en vogue, da ſie den vielen Damen, die bei uns Schönheit genug beſaßen, Ge⸗ legenheit boten, ihre Reize zu entfalten, und der kleineren Zahl, der es nicht an Verſtand mangelte, ihren Witz vor der Welt leuchten zu laſſen. My Lord Steyhne wurde von Becky, die vielleicht glaubte, daß ſie die beiden ob⸗ genannten Eigenſchaften beſäße, veranlaßt, in Gaunt Houſe ein Feſt zu geben, wobei auch einige dieſer kleinen Dra⸗ men zur Aufführung kommen ſollten — und wir müſſen deßhalb den Leſer in dieſe brillante Reunion einführen, obwohl wir ihm dabei ein melancholiſches Willkomm zurufen müſſen, da dieſelbe zu den allerletzten faſhionablen Feſten gehört, zu denen wir ihn führen können. Ein Theil des herrlichen Saals von Gaunt Houſe, worin die Gemälde⸗Gallerie ſich befand, wurde zum Cha⸗ rade⸗Theater eingerichtet. Schon unter der Regierung Georg's 11I. war er zu ſolchen⸗Zwecken benützt worden, und noch exiſtirt ein Bild von dem Marquis von Gaunt, worauf derſelbe mit gepudertem Haare und einem roſaro⸗ then Bande, nach römiſcher Art, wie es damals hieß, dargeſtellt war. In dieſem Coſtüm hatte der Marquis die Rolle Cato's in der Addiſon'ſchen Tragödie gleichen Namens geſpielt, welche vor Ihren Königlichen Hoheiten, dem Prinzen von Wales, dem Biſchof von Osnabrück, und dem Prinzen William Henry, die, wie der Schau⸗ ſpieler, damals noch Kinder waren, aufgeführt wurde. Einige der alten Requifiten hatten die Rumßelkam⸗ mer verlaſſen müſſen, wo ſie ſeit jener Zeit gelegen hat⸗ ten, und waren für die jetzigen Feſtivitäten aufs Neue herausgeputzt worden. Der junge Bedwin Sands, damals ein eleganter Der Jahrmarkt des Lebens. W. 3 34 Dandy, und bekannt durch ſeine vrientaliſchen Reiſen, hatte die Rolle des Dirigenten übernommen. In jenen Tagen wurde ein Mann, der im Orlente Reiſen gemacht hatte, als etwas Seltenes angeſtaunt, und der abenteuer⸗ liche Bedwin, der ſeinen Quartband veröffentlicht, und einige Monate unter den Zelten in der Wüſte zugebracht hatte, war eine Perſon von nicht geringer Wichtigkeit. — In dem von Sands veröffentlichten Buche befanden ſich mehrere Abbildungen, worin er in verſchiedenen orientali⸗ ſchen Coſtümen dargeſtellt war; auch reiste er überall mit einem ſchwarzen Diener von gar wenig einnehmendem Aeußern, ganz wie ein zweiter Brian de Bois Guilbert, umher. Bedwin, ſeine Coſtüme, ſowie ſein ſchwarzer Diener waren in Gaunt Houſe als ungemein werthvolle Acquiſitionen willkommen. Die erſte Charade kam zur Aufführung. Es erſchien ein türkiſcher Offizier mit einem koloſſa⸗ len Federbuſche (die Janitſcharen galten als noch nicht abgeſchafft, und der Tarbuſch hatte die alte und majeſtä⸗ tiſche Kopfbeveckung der wahren Gläubigen noch nicht ver⸗ drängt): derſelbe kag auf einem Divan, und ſtellte ſich, als ob er aus einem Rarghile rauchte, worin jedoch, um der Damen willen, bloß eine wohlduftende Paſtille brennen durfte. Der türkiſche Würdenträger gähnt, und gibt Zei⸗ chen der Ermüdung und Trägheit von ſich. Er klatſcht in die Hände, und der Nubier Mesrour erſcheint, mit bloßen Armen, Arm⸗ und Ohrringen, Yataghan, und allen Arten vrientaliſcher Zierrathen — hager, groß, und häßlich. Er macht einen Salaam vor dem ga. Die Geſellſchaft iſt von Schrecken und Entzücken durchbebt. Die Damen flüſtern einander zu. Der ſchwarze Selave iſt Sands Bedwin von einem ägyptiſchen Paſcha für drei Dutzend Flaſchen Maraschino gegeben worden. Es hat derſelbe ſchon, der Himmel weiß wie viele, Odalis⸗ ken in Säcke ſtecken, und in den Nil verſenken müſſen. 35 „Der Selavenhändler ſöll eintreten,“ ſagt der türkiſche Wollüſtling mit einer Handbewegung. Mesrour tritt mit dem Sclavenhändler vor ſeinen Herrn: mit Letzterem erſcheint noch ein verſchleiertes Frauenzimmer. Er lüftet ihren Schleier. Ein Beifalls⸗ ſturm erhebt ſich im ganzen Saale, daß das Haus davon wiederhallt. Es iſt Mrs. Winkworth (ſie war eine Miß Abſalom) mit den prächtigen Augen und Haaren. Sie erſcheint in einem prächtigen orientaliſchen Coſtüm; die ſchwarzen, geflochtenen Locken ſind mit unzähligen Juwelen geſchmückt; ihr Kleid iſt mit goldenen Piaſtern überdeckt. Der odiöſe Mahomedaner erklärt, daß er von ihrer Schön⸗ heit bezaubert ſei. Sie fällt auf ihre Knie nieder, und bittet ihn, daß er ſie den Bergen zurückgeben möge, wo ſie geboren iſt, und wo ihr cireaſſiſcher Liebhaber noch immer die Abweſenheit ſeiner Zuleikah beweint. Allein keine Bitten vermögen den hartherzigen Haſſan zu erwei⸗ chen. Er findet den Gedanken, daß ſie in Circaſſien einen Bräutigam habe, geradezu lächerlich. Nun bedeckt Zuleikah ſich mit den Händen das Geſicht, und ſinkt in einer zum Entzücken ſchönen Attitüde der Verzweiflung auf den Boden nieder. Es ſcheint keine Hoffnung mehr für ſie übrig zu ſein, da — da erſcheint der Kistar Aga. Der Kislar Aga überbringt einen Brief vom Sul⸗ tan. Haſſan nimmt den gefürchteten Firman entgegen, und legt ihn auf ſein Haupt. Ein gräßlicher Schrecken bemächtigt ſich ſeiner, während auf dem Geſichte des Ne⸗ gers (es iſt wieder Mesrour, aber in einem andern Co⸗ ſtüm) eine gräßliche Freude ſich kund gibt. „Gnade! Gnade!“ ruft der Paſcha; während der Kislar Aga, entſetzlich grinſend, eine ſeidene Schnur hervorzieht. Der Vorhang fällt gerade in dem Augenblicke, wo er im Begriffe iſt, ſich dieſes furchbaren Strafwerkzeuges zu bedienen. Haſſan ruft hinter dem Vorhange; „Die zwei erſten 36 Silben!“ — und Mrs. Rawdon Crawley, die nun als Mitſpielerin auftritt, erſcheint, und macht der Mrs. Wink⸗ worth Complimente über ihr ſo überaus geſchmackvolles und ſchönes Coſtüm. Nun kommt der zweite Theil der Charade zur Auf⸗ führung. Wir befinden uns abermals im Orient. Haſſan iſt anders gekleidet, und befindet ſich neben Zuleikah, die ganz und gar mit ihm ausgeſöhnt iſt. Aus dem Kislar Aga iſt ein friedlicher ſchwarzer Selave geworden. Es iſt in der Wüſte Sonnenaufgang, und die Türken kehren ihre Häupter nach Oſten, und machen tiefe Verbeugungen auf dem ſandbedeckten Boden. Da keine Dromedare bei der Hand ſind, ſo ſpielt die Muſikbande ſcherzhafter Weiſe die Melodie: „Es kommen die Kameele.“ Ein ungeheurer ägyptiſcher Kopf figurirt in dieſer Scene. Es iſt ein muſikaliſcher, — und zum großen Er⸗ ſtaunen der vrientaliſchen Reiſenden ſingt derſelbe ein ko⸗ miſches, von Herrn Wagg gedichtetes Lied. 8 Tanzend verſchwinden die vrientaliſchen Reiſenden, wie Papageno und der Mohrenkönig in der Zauberflöte. „Die zwei letzten Silben!“ brüllt der Kopf. Der letzte Aet beginnt. Dieſes Mal iſt es ein griechiſches Zelt. Ein hoher und ſtarker Mann ruht darin auf einem Ruhebette. Ueber ihm hängt ſein Helm, ſowie ſein Schild. Er bevarf ihrer jetzt nicht. Ilium iſt gefallen. Iphigenia iſt erſchlagen. Kaſſandra iſt gefangen, in ſeinen Vorhallen. Der Koͤnig der Männer (es iſt Oberſt Crawley, der nicht das Min⸗ deſte von der Plünderung Iliums oder der Gefangenneh⸗ mung der Kaſſandra weiß, und, ſich davon gar keine Vor⸗ ſtellung machen kann), dwh cpoocov, ſchläft in ſeinem Zimmer zu Argos. Eine Lampe wirft den breiten Schat⸗ ten des ſchlafenden Kriegers flackernd auf die Wand — das Schwert und der Schild von Troja erglänzen im Lichte derſelben. Die Muſikbande ſpielt aus Don Juan - 37 die furchtbaren Akkorde, die dem Eintritte des ſteinernen Gaſtes vorangehen. Aegiſthus ſchleicht ſich ganz bleich und auf den Fuß⸗ ſpitzen herein. Was iſt das für ein geiſterhaftes Geſicht, das hinter der Tapete hervor ihm mit unheilſchwangerem Blicke nachſieht? Er hebt ſeinen Dolch in die Höhe, um den Schlafen⸗ den zu treffen, der ſich in ſeinem Bette umwendet, und ſeine breite Bruſt entblößt, gleich als wolle er ſie dem Stoße recht darbieten. Er kann ſich nicht entſchließen, den edlen ſchlummern⸗ den Feldhern zu meucheln. Da ſchlüpft Klytemneſtra ſchnell und geiſterartig in das Zelt herein — ihre Arme find nackt und weiß, — ihr lohfarbenes Haar fließt über ihre Schultern herab, ihr Geſicht iſt tovtenbleich, — und ihre Augen haben einen ſo geiſterhaften Glanz, und ein ſo entſetzliches Lä⸗ cheln, daß man bei ihrem Anblicke zittern muß. Im Saale bebt und ſchaudert Alles zuſammen. „Guter Gott!“ ſagte Jemand, „es iſt Mrs. Raw⸗ don Crawley.“ Voller Verachtung reißt ſie dem Aegiſthus den Dolch aus der Hand, und geht auf das Ruhebett zu. Man ſieht beim Scheine der Lampe den Dolch über ihrem Haupte glänzen, und — und die Lampe erliſcht, es läßt ſich ein Aechzen hören, und Alles iſt dunkel. Die Dunkelheit und die Scene ſelbſt erſchreckten die Zuſchauer. Rebekka ſpielte ihre Rolle ſo gut, und mit ſo gräßlicher Wahrheit, daß Alles ſtumm blieb, bis mit einem Mal alle Lampen im Saale wieder aufflammten, und Alles in einen Beifallsſturm ausbrach. „Bravo! Bravo!“ hörte man den alten Steyne aus der ganzen Verſammlung heraus ſchreien. „Bei Gott, ſie würde es auch thun,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Das ganze ſpielende Perſonal wurde vom Hauſe ge⸗ 38 rufen, das von dem Geſchrei: „Director! Klytemneſtra!“ wiederhallte. Agamemnon war nicht zu bewegen, daß er in ſeiner claſſiſchen Tunica vortrat, ſondern blieb mit Aegi⸗ ſthus und Andern im Hintergrunde. Herr Bedwin Sands erſchien mit Zuleikah und Klytemneſtra an der Hand. Eine hohe Perſon wollte der charmanten Klytemneſtra ſchlechterdings vorgeſtellt werden. „Ha, ha! Ihn erſtechen. Einen Andern heirathen, he?“ war die angemeſſene Bemerkung, die von Seiner Königlichen Hoheit ausging. „Mrs. Rawdon Crawley hat ſo gut geſpielt, daß ihr kein Herz zu widerſtehen vermochte,“ ſagte Lord Steyne, worauf Becky lachte, und mit halb fröhlicher, halb trotzi⸗ ger Miene den hübſcheſten kleinen Knicks machte, der je zu ſehen war. Sofort erſchienen die Domeſtiken mit Präſentirtellern, worauf allerlei kühlende Delikateſſen lagen. Die Schau⸗ ſpieler entfernten ſich, um zur Aufführung des zweiten Charade⸗Tableau Alles vorzubereiten. Die drei Silben dieſer Charade ſollten pantomimiſch werden, und es geſchah dieß in folgender eiſe: — Erſte Silbe: Oberſt Rawdon Crawley, C. B., geht mit ins Geſicht gedrücktem Hute, und mit einem Stabe in der Hand, in einem langen Ueberrocke, und mit einer Stalllaterne über die Bühne weg, wobei er laute Rufe ertonen läßt, gleich als wollte er die Stunde anſagen. Am untern Fenſter erblickt man zwei Colporteurs, die an⸗ ſcheinend Cribbage ſpielen, wobei ſie nicht wenig gähnen. Es kommt zu ihnen Jemand herein, der wie ein Haus⸗ knecht (der ehrenwerthe G. Ringwood) ausſieht, — welche Stelle der junge Edelmann vortrefflich ſpielt: derſelbe befreit ſie von ihrer untern Koͤrperbedeckung. Nach einem Augenblicke kommt auch ein Kammermädchen (der ſehr ehrenwerthe Lord Southdown) herein; ſie hat zwei Leuchter 39 und eine Wärmflaſche in der Hand. Sie geht in das obere Zimmer hinauf und wärmt das Bett. Sie bedient ſich ihrer Wärmflaſche, als einer Waffe, womit ſie die zärtlichen Aufmerkſamkeiten der Colporteurs abwehrt. Sie verſchwindet. Sie ſetzen ihre Nachtmützen auf, und laſſen die Fenſtergardinen herab. Der Hausknecht kommt heraus, und macht die Läden des Parterrezimmers zu. Man hört ihn drinnen die Thüre zuriegeln und zuketten. Alle Lichter gehen aus. Die Muſik ſpielt „Dormez, dormez chers Amours.“ Eine Stimme hinter dem Vorhange ruft: „Die erſte Silbe!“ Zweite Silbe: Mit einem Male verbreiten die Lam⸗ pen wieder ihren hellen Schein. Die Muſik ſpielt die bekannte alte Arie aus Jean de Paris, „Ah quel plai- sir d'étre en voyage.“ Es iſt dieſelbe Scene. Zwi⸗ ſchen dem erſten und zweiten Stockwerke des dargeſtellten Hauſes ſieht man ein Schild, worauf das Steyne'ſche Wappen gemalt iſt. Im ganzen Hauſe Nichts, als Läu⸗ ten und Schellen. Im unter Zimmer ſieht man, wie ein Mann mit einem langen Papierſtreifen denſelben einem andern Manne überreicht: Letzterer ſchüttelt die Fauſt, droht, und betheuert, daß es monſtros ſei. „Hausknecht, meinen Gig!“ ruft ein Anderer an der Thüre. Er ſchlägt dem Kammermädchen (dem ſehr ehren⸗ werthen Lord Southdown) ſanft unter das Kinn; ſie ſcheint ſein Weggehen lebhaft zu bedauern, wie einſt Ka⸗ lypſo das eines andern berühmten Reiſenden, des Ulyſſes nämlich. Der Hausknecht (der ehrenwerthe G. Ringwvod) geht mit einem hölzernen Käſtchen vorüber, das ſilberne Fla⸗ ſchen enthält, und ruft: „Bier, Bier!“ mit ſo köſtlichem Humor und ſo vieler Naturwahrheit, daß das ganze Haus von einem Beifallsſturme erdrohnt, und ihm ein Bouquet zugeworfen wird. Hierauf großes Peitſchengeknall. Wirth, Kammer⸗ mädchen, Kellner — Alles rennt nach der Thüre; allein 40 M gerade in dem Augenblicke, wo ein vornehmer Gaſt an⸗ kommt, fällt der Vorhang wieder, und es ruft der un⸗ ſichtbare Theaterdirektor: „Zweite Silbe!“ „Ich glaube, es iſt „„Hotel““, ſagt Capitän Grigg von der Leibgarde. Allgemeines Gelächter über die vom Capitän entwickelte Gewandtheit. Faſt hat er das Ziel getroffen. Während Alles vorbereitet wird, um die dritte Silbe aufzuführen, fängt die Muſikbande ein nautiſches Pot⸗ pourri zu ſpielen an — „All in the Downs,“ „Cease Bude Boreas,“ „Bule Britannia,“ „In the Bay of Biscay O“ — es muß irgend Etwas auf der See ge⸗ ſchehen. M— In dem Augenblicke, wo der Vorhang aufgeht, hört man ein Geklingel. „Nun, meine Herren, an's Land!“ ruft eine Stimme. Die Leute nehmen von einander Abſchied. Sie deuten ängſtlich nach Etwas hin, das wie ein Paar Wolken aus⸗ ſieht: letztere werden durch einen dunkeln Vorhang vorge⸗ ſtellt: die Leute nicken voller Furcht mit den Köpfen. Lady Squeams (der ſehr ehrenwerthe Lord South⸗ down) ſetzt ſich mit ihrem Schvoßhündchen, ihren Reiſe⸗ ſäcken, ihren Reticülen, und ihrem Manne nieder, und klammert ſich mit denſelben an einige Seile an. Es iſt offenbar ein Schiff. Der Capitän (Oberſt Crawley, C. B.) kommt mit einem Stülphute und Fernrohre herein; er hält den auf ſeinem Kopfe ſitzenden Hut mit der Hand, und ſchaut herum; ſeine Rockflügel fliegen herum, wie bei einem Winde. In dem Augenblicke, wo er aufhört, ſeinen Hut zu halten, um ſich ſeines Fernrohrs zu bedienen, fliegt ſein Hut davon. Ungeheurer Beifall. Es geht ein friſcher Wind. Die Muſik geht immer mehr in ein Crescendo über; die Seeleute taumeln über 41 die Bühne hin, als ob das Schiff ſich heftig bewegte. Der Proviantmeiſter (der ehrenwerthe G. Ringwood) geht taumelnd vorüber: er hält ſechs Waſchbecken in der Hand. Raſch ſtellt er eines derſelben neben Lord Squeams hin — Lady Saueams dagegen kneift ihr Hündchen, das jämmerlich zu heulen beginnt, hält das Taſchentuch vor das Geſicht, und ſtürzt davon, gleich als wollte ſie ſich nach der Cajüte begeben. Die Muſik erreicht den höchſten Grad wilder ſtürmi⸗ ſcher Aufregung, und die dritte Silbe iſt nun vollſtändig. In jenen Tagen gab es ein kleines Ballet, „Le Bossignol“, worin die Monteſſü und die Noblet unge⸗ heuer geftelen. Herr Wagg verpflanzte es als Oper auf die engliſche Bühne, indem er die Verſe, die er dazu dich⸗ tete — und er war ein geſchickter Poet — den hübſchen Melodien des Ballets anpaßte. Die Spielenden trugen ein altes franzofiſches Koſtüm, und der kleine Lord Southdown war jetzt in der Kleidung eines alten Weibes, das an einem tadelloſen krummen n auf der Bühne herumhumpelte, allerliebſt anzu⸗ ehen. Hinter den Couliſſen, und aus einer allerliebſten, mit Roſen bedeckten, und vergitterten Hütte von Pappendeckel hervor hört man ein Getriller. „Philomele, Philomele,“ ruft das alte Weib, und Philomele erſcheint. Neuer Beifall — es iſt Mrs. Rawdon Crawley, ge⸗ pudert und mit Schoͤnpfläſterchen bedeckt, die entzückendſte kleine Marquifin von der Welt. Sie kommt lachend, ſummend herein, und hüpft mit aller Unſchuld theatraliſcher Jugend auf der Bühne um⸗ her — ſie macht einen Knicks. Die Mama ſagt: „Ei, ei, Kind, du lachſt und fingſt ja unaufhörlich,“ — und alsbald hebt ſie zu ſingen an, und gibt zum Beſten 42 Die Roſe auf dem Balkon. Die Roſe, die, im Winter kahl, ſich ſehnt' nach Lenzesduft, Die blühet jetzt auf dem Balkon, umhaucht von Morgenluft; Du fragſt, warum ibr Duft ſo ſüß, warum die Wang' ihr glüht? — Weil wieder hell die Sonne ſcheint, und ſchallt der Vögel Lied. Die Nachtigall im Waldesgrün, mit ihren Melodien, War ſtumm, als noch der Schneeſturm blies durch kahle Aeſte hin; Du fragſt, Mama, warnm ihr Lied ſo lieblich jetzt erſchallt? — Weil in der Sonne neuem Strahl ſich friſch belaubt der Wald. So findet Jedes, was es ſoll: Der Vogel ſeinen Sang, Die Roſe ihre Purpurblüth, zu ſchmücken ibre Wang'; Auch mir im Buſen ſtrahlt, Mama, ein lichter Sonnenſchein: Drum ſinge und erröthe ich; drum muß ich fröhlich ſein. Während der kleinen Pauſen, die zwiſchen den Stan⸗ zen dieſes Liedchens eintraten, ſuchte die gutmüthige, von der Sängerin als Mama angeredete Perſon, deren großer Backenbart ſich unter ihrer Haube zeigte, es ſich ſehr an⸗ gelegen ſein zu laſſen, ihre mütterliche Liebe dadurch an den Tag zu legen, daß ſie die unſchuldige Creatur, welche die Rolle der Tochter ſpielte, küßte. Jede Liebkoſung wurde von dem ſympathiſirenden Publikum mit lautem, freudigem Lachen begrüßt. Als das Lied zu Ende war, ſpielte die Muſik noch eine Symphonie, und es war, als trillerten, ſängen, ſchlügen, zwitſcherten Hunderte von Vögeln: Alles mit Da Capo: der Beifallsſturm wollte nicht enden, und zahlloſe Bonquets wurden der Nachtig all*) des Abende zugeworfen. Unter allen Anweſenden machte ſich Lord Steyne durch ſeine lauten Beifallsrufe bemerklich. Becky, die Nachtigall, nahm die Blume, die er ihr zuwarf, und drückte ſie als eine vollendete Schauſpielerin an ihr Herz. Lord *) Im Engliſchen Night-in-gale (Nachtigall): die getrennten Silben für ſich aber: Nacht — Wirthshaus — Sturm. 43 Steyne war ganz wonnetoll. Der Enthuſiasmus ſeiner Gäſte harmonirte mit dem ſeinigen. Wo blieb die prächtige, ſchwarzäugige Houri, deren Erſcheinung in der erſten Charade ſo freudig begrüßt worden war? Sie war gewiß noch einmal ſo ſchön, als Becky; allein der Glanz der Letzteren hatte ſie gänzlich in den Schatten geſtellt. Alles erklärte ſich für ſie. Man verglich ſie bald mit der Stephens, bald mit der Caradori, bald mit der Ronzi de Begnis, und man ſtimmte, hoͤchſt wahrſcheinlich mit gutem Grunde, darin überein, daß, wenn fie ſich zur Schauſpielerin ausgebildet hätte, ſie auf der Bühne unerreicht dageſtanden ſein würde. Sie hatte ihren Culminatlonspunkt erreicht: ihre Stimme erhob ſich trillernd und in all' ihrem Glanze über den Beifallsſturm, und ſchwebte ſo hoch und ſo freudevoll empor, wie ihr Triumph war. Nach den dramatiſchen Unterhaltungen fand ein Ball Statt, und Alles drängte ſich um Becky, als dem großen Anziehungspunkte des Abends: die Königliche Hoheit be⸗ theuerte mit einem Fluche, daß ſie die perſonifizirte wäre, und ſprach immer von Neuem mit ihr. Die Seele der kleinen Becky ſchwoll bei dieſen Ehrenbezeigungen von Stolz und Entzücken: ſie ſah Reich⸗ thum, Ruhm, Faſhion vor ſich. Lord Steyne war ihr Sklave, ging ihr nie von der Seite, und ſprach kaum mit Jemand Anderm, als ihr, und überhäufte ſie mit den ausgeſuchteſten Complimenten und Aufmerkſamkeiten. Sie trug immer noch ihre Coſtüm als Marquifin, und tanzte ein Menuet mit Monsieur de Pruffigny, onsieur le Duc de la Jabotièrs's Attaché; und der Herzog, der alle Traditionen des alten Hofes bewahrt hatte, erklärte, daß Madame Crawley für eine Schülerin von Veſtris gelten koͤnne, und daß ſie würdig geweſen wäre, zu Verſailles zu figuriren. Nur das Gefühl der Würde, die Gicht, und ſein ſo lebhafter Pflichtſinn, und —— 44 das Bewußtſein, daß er perſönliche Opfer zu bringen habe, konnten Seine Excellenz verhindern, ſelbſt mit ihr zu tanzen; auch erklärte er vor Jedermann, daß eine Dame, die ſo gut ſprechen und tanzen könne, wie Mrs. Rawdon, würdig ſei, an jedem Hofe in Europa als Ge⸗ ſandtin zu figuriren. Er troſtete ſich nur dann, als er hörte, daß ſie von Geburt eine halbe Franzöſin wäre. „Niemand als eine Landsmännin,“ geruchte Seine Ercellenz zu erklären, „war im Stande, dieſen majeſtä⸗ tiſchen Tanz in ſolcher Weiſe auszuführen.“ Sodann figurirte ſie in einem Walzer mit Herrn von Klingenſpohr, Couſin und Attaché des Fürſten von Peterwardein. Der entzückte Fürſt, der nicht ſo viel retenue hatte, wie ſein franzöſiſcher diplomatiſcher College, wollte mit dem bezaubernden Geſchopfe ſchlechterdings eine Tour machen, und wirbelte mit ihr um den Ballſaal herum, und ließ die Diamanien an ſeinen Stiefelquaſten und an ſeiner Huſarenjacke funkeln, bis Seine Hoheit ſo ziemlich außer Athem war. Sogar Papooſh Paſcha würde recht gern mit ihr getanzt haben, wenn dieſe Beluſtigung mit den Sitten und Gebräuchen ſeines Landes vereinbar geweſen wäre. Die Geſellſchaft ſchloß einen Kreis um ſie her, und applaudirte ſo ungeheuer, wie wenn ſie eine Noblet oder eine Taglioni geweſen wäre. Jedermann war in Ent⸗ zücken verloren; auch Becky — man kann ſich darauf verlaſſen. Sie ging an Lady Stunnington mit einem Blicke der Verachtung vorüber. Sie begönnerte Lady Gaunt, ſowie die erſtaunte, und vor Aerger beinahe ber⸗ ſtende Schwägerin derſelben. Sie ſchmetterte alle mit ihr rivaliſirenden Zauberinnen darnieder. Und die arme Mrs. Winkworth mit ihrem langen Haare und ihren großen Augen, welche zu Anfang des Abends von ſo großem Effecte geweſen waren, — wo war ſie jetzt? Nirgends; ſie war aus der Rennbahn ver⸗ ſchwunden. Sie konnte ſich ihr langes Haar ausraufen, 4⁵ und ſich ihre großen Augen ausweinen: allein es war auch nicht eine Perſon anweſend, um ſie zu beachten, oder ihre Niederlage zu bedauren. Den größten Triumph aber feierte ſie beim Souper. Sie wurde mit Seiner Königlichen Hoheit, von der wir bereits geſprochen, und den übrigen großen Gäſten an der ereluſiven Tafel placirt. Sie wurde auf Gold ſervirt. Sie hätte, eine zweite Clevpatra, verlangen dürfen, daß in ihren Champagner aufgelöste Perlen geworfen werden ſollen, — und ihr Wille wäre erfüllt worden; und der Potentat von Peterwardein würde gern die Hälfte der Brillanten an ſeiner Jacke für einen freundlichen Blick von dieſen blendenden Augen hingegeben haben. Der Herzog von Jabotiére ſchrieb ſeiner Regierung von ihr. Die Damen an den andern Tiſchen, deren Service nur von Silber war, und die Lord Steyne's beſtändige Aufmerkſamkeit Becky gegenüber bemerkten, be⸗ theuerten, daß es eine monſtroſe Bethörung, eine em⸗ pörende Beleidigung für Damen von Rang wäre. Hätten bloße Sarkasmen die Kraft gehabt, Jemand zu tödten, ſo würde Lady Stunnington Becky auf der Stelle aus dieſer Welt ſpedirt haben. Rawdon Crawley wurde durch dieſe Triumphe un⸗ ruhig und ſcheu gemacht. Sie ſchienen ſeine Frau mehr, als je, von ihm zu trennen. Mit einem Gefühle, das dem Schmerz ſehr nahe verwandt, dachte er, wie unend⸗ lich ſie ihm überlegen wäre. Als die Stunde des Scheidens kam, begleitete ſie ein Haufen junger Männer an ihren Wagen, nach welchen die Domeſtiken von dem Hauſe riefen, worauf der Ruf von den Fackelträgern wiederholt wurde, die vor den hohen Thoren von Gaunt Houſe ſtanden, jeder Perſon, die herausfuhr Glück wünſchten, und die Hoffnung aus⸗ drückten, es werde ſeine Lordſchaft ſich bei dieſer noblen Partie vergnügt haben. Mrs. Rawdon Crawley's Wagen erſchien nach dem gehörigen Geſchrei an dem Thore, raſſelte in den hell erleuchteten Hof herein, und fuhr an dem bedeckten Aus⸗ gange vor. Rawdon ſetzte ſeine Frau in den Wagen, worauf derſelbe wegfuhr. Herr Wenham hatte ihm den Vorſchlag gemacht, zu Fuß nach Hauſe zu gehen, und bot dem Oberſten eine Cigarre an. Die beiden Herren zündeten ihre Cigarren an der Fackel eines der vielen vor dem Thore ſtehenden Fackel⸗ jungen an, und Rawdon machte ſich mit ſeinem Freunde Wenham auf den Weg. Zwei Perſonen trennten ſich von dem verſammelten Menſchenhaufen und folgten den rauchenden Herren; und kaum hatten Letztere ſich ein Paar Dutzend Schritte von Gaunt Square entfernt, als einer der zwei Männer auf ſie zukam, Rawdon auf die Schulter klopfte, und ſagte; „Bitte ergebenſt um Verzeihung, Herr Oberſtz ich muß durchaus mit Ihnen ſprechen.“ Bei dieſen Worten ließ ſich ein lautes Pfeifen hören, und der Pfeifende war kein anderer, als der Bekannte des Herrn, der Rawdon alſo angeredet hatte. In einem Nu kam ein Cabriolet herbeigeraſſelt (es war eines von denen, die vor dem Thore von Gaunt Houſe ſtanden): — der Adjutant kam herbeigerannt, und pflanzte ſich gerade vor Oberſt Crawley hin. Der tapfere Offizier wußte alsbald, was dieß zu bedeuten hatte. Er befand ſich in den Händen des Bai⸗ liffs. Er fuhr zurück, wobei er gegen den Mann ſiel, der ihn zuerſt berührt hatte. „Es find unſer Drei — an ein Ausreißen iſt hier nicht zu denken,“ ſprach der Mann, der hinter ihm ſtand. „Ah, Sie ſind es, Moß?“ ſagte der Oberſt, der den Mann zu kennen ſchien. „Wie viel iſt es?“ „Bah, nur eine Bagatelle,“ flüſterte Herr Moß, von Curſitor Street, Ch ancery Lane, und Gehülfe des Sheriffs von Widvleſer — „Ein hundert und ſechs und ſechzig 1 47 Pfund, ſechs Shillings und acht Pence, auf die Klage Herr Nathan's.“ Um's Himmls willen, leihen Sie mir doch hundert Pfund,“ ſagte ver arme Rawdon — ich habe ſiebzig zu Hauſe.“ „Ich beſitze in dieſem Augenblicke keine zehn Pfund,“ ſagte der arme Herr Wenham — „Gute Nacht, mein guter Burſche.“ „Gute Nacht,“ ſagte Rawvon in jämmerlichem one. Und Wenham ging davon — und Rawdon Crawley hatte gerade ſeine Cigarre ausgeraucht, als das Cabriolet unter Temple Bar hinfuhr. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Worin Lord Steyne in einem überaus liebenswürdigen Lichte erſcheint. So oft Lord Steyne den Großmüthigen ſpielen wollte, blieb er nicht auf halbem Wege ſtehen, und ſeine Güte gegen die Crawley'ſche Familie machte dem Unterſchei⸗ dungsvermögen des wohlwollenden Mannes alle Ehre. Seine Lordſchaft dehnte ſeine Protektion auch auf den kleinen Rawdon aus; er machte die Eltern des Knaben darauf aufmerkſam, wie nothwendig es wäre, ihn in eine öffentliche Schule zu ſchicken; wie der Knabe nun ein Aiter erreicht hätte, wo der Nacheifer, die erſten An⸗ fangsgründe der lateiniſchen Sprache, die pugiliſtiſchen Uebungen, und die Geſellſchaft ſeiner Kameraden ihm von dem größten Nutzen ſein würden. 48 Zwar wandte der Vater des Kleinen ein, daß er nicht reich genug wäre, um denſelben in eine gute öffentliche Schule zu thun; ſeine Mutter machte ihrerſeits geltend, daß die Briggs die beſte Lehrerin für ihn wäre, und ihn (was auch wahr war) im Engliſchen, in den Anfangsgründen der lateiniſchen Sprache, ſowie im all⸗ gemeinen Wiſſen ungemein weit gebracht hätte; allein 6 alle dieſe Einwendungen mußten vor der großmüthigen Ausdauer des Marquis von Steyne weichen. Seine Lordſchaft war einer der Directoren jenes berühmten alten Stifts, das den Namen „Whitefriars“ führt. Es war in alten Zeiten, wo das in ſeiner Nähe liegende Smith⸗ field zu Turnieren benützt wurde, ein Ciſterzienſer⸗Kloſter geweſen. Hartnäckige Ketzer brachte man gewöhnlich hie⸗ her, um ſie nicht weit davon zu verbrennen. Harry VIMI., der Vertheidiger des Glaubens, belegte das Kloſter, ſowie deſſen ſämmtliche Beſitzungen mit Beſchlag, und ließ einige von den Mönchen, denen ſeine Reformation etwas zu raſch ging, hängen und foltern. Endlich brachte ein großer Kaufmann das Haus, ſowie den dabei liegenden Grund und Boden käuflich an ſich, und errichtete, da noch andere reiche Schenkungen, beſtehend in Land und Geld, hinzu kamen, einen berühmten Hoſpital für Kinder und alte Männer. An das alte, faſt mönchiſche Stift, das noch mit ſeinem mittelalterlichen Coſtüm und ſeinen mittelalterlichen Gebräuchen beſteht, ſetzte ſich ein Erternat an; und alle Ciſterzienſer beten, daß es noch recht lange blühen möge. Einige der größten Edelleute, Prälaten, und Würden⸗ träger Englands ſind die Directoren dieſes berühmten, Hauſes: und da die Knaben hier ſehr gut logirt, genährt, und erzogen werden, und ſpäter auf der Univerſität gute Stipendien und in der Kirche ſchöne Pfründen erhalten, ſo werden viele kleine Herren von ihrer zarteſten Kindheit an für den geiſtlichen Stand beſtimmt, und deßhalb iſt auch der Andrang von Solchen, die in dieſes Inſtitut aufgenommen werden wollen, bedeutend. 3 49 urſprünglich war es für die Söhne armer, verdienter Geiſtlichen und Laien beſtimmt; allein viele der vornehmen Directoren des Inſtituts wählten, ihr Wohlwollen ziem⸗ lich capriciös ausdehnend, nach und nach allerlei Subjecte aus, um ihnen Gutes zu erweiſen. Eine Erziehung um⸗ ſonſt zu erhalten, und zeitlebens gut verſorgt zu werden, war ein ſo vortreffliches Syſtem, daß ſelbſt einige der reichſten Leute es nicht verſchmähten; und nicht allein die Verwandten der Großen, ſondern auch viele Große ſelbſt ſchickten ihre Söhne dahin, damit dieſelben die gute Ge⸗ legenheit benützen möchten — hochwürdige Prälaten ſchickten ihre eigenen Verwandten, oder die Sohne ihrer Geiſtlichkeit, während es, auf der andern Seite, einige große Edelleute nicht verſchmäheten, die Kinder ihrer ver⸗ trauten Diener zu begönnern, — ſo daß ein junger Menſch, der in das Stift kam, dort eine ſehr gemiſchte junge Geſellſchaft antraf. Rawdon Crawley hatte, obgleich er nur ein einziges Buch, den Wettkalender nämlich, ſtudirte, und obgleich ſeine vornehmſten, ſchonwiſſenſchaftlichen Erinnerungen ſich an die Prügel knüpften, die er in ſeiner frühen Ju⸗ gend zu Eton bekam, — Rawdon Crawley hatte, ſagen wir, jene anſtändige und ehrbare Hochachtung vor der claſſiſchen Gelehrſamkeit, wodurch jeder engliſche Gentle⸗ man ſich auszeichnet, und gefiel ſich in dem Gedanken, daß ſein Sohn vielleicht nun zeitlebens verſorgt würde, und eine ſichere Gelegenheit bekäme, ein Gelehrter zu werden. Und obgleich der Knabe ſein Haupttroſt und vornehmſter Gefährte, ſowie durch tauſend theure, kleine Bande an ihn geknüpft war, worüber er mit ſeiner Frau, die bis vaher beharrlich die äußerſte Gleichgültigkeit gegen ihren Sohn an den Tag gelegt hatte, nicht ſprechen konnte und mochte, ſo entſchloß ſich doch Rawdon alsbald zur Tren⸗ nung, und erklärte ſich bereit, auf ſeinen größten Troſt und Sſeine größte Frende aus Rückſicht für das Wohl des Kleinen zu verzichten. Der Jahrmarkt des Lebens. VI. 4 50 Wie gern er das Kind hatte, ſah er erſt da, wo er es gehen laſſen mußte. Als der Knabe fort war, fühlte er ſich trauriger und niedergeſchlagener, als er ſich ſelbſt geſtehen mochte — viel trauriger, als der Knabe ſelbſt, der ſich glücklich fühlte, eine neue Laufbahn zu betreten, und Kameraden von ſeinem Alter zu finden. Becky brach einige Male in ein helles Gelächter aus, als der Oberſt in ſeiner ſchwerfälligen, unzuſammen⸗ hangenden Weiſe ſeinen ſentimentalen Schmerz über den Weggang des Knaben auszudrücken ſuchte. Und ſo fühlte der arme Mann, daß er um ſeine theuerſte Freude und ſeinen intimſten Freund gekommen. 1 Gar oft, und gar ſehnſüchtig blickte er auf das leere Bett⸗ chen in ſeinem Ankleidezimmer, in dem das Kind gewoͤhn⸗ lich ſchlief. Am Meiſten vermißte er ihn wohl des Mor⸗ 3 gens, und er verſuchte es vergebens, ohne ihn im Park einen Spaziergang zu machen. Vor dem Weggang des kleinen Rawdon wußte er nicht, wie einſam er ſelbſt war. Er liebte diejenigen, ſo den Knaben liebten, und er pflegte ſtundenlang ſich zu ſeiner gutmüthigen Schwägerin Lady Jane hinzuſetzen, und mit ihr über die guten Tugenden, und das gute Ausſehen, und hundert gute Eigenſchaften des Kindes zu ſprechen. Es iſt von uns bereits geſagt worden, daß die Tante des jungen Rawdon dieſen ſehr gerne hattez ebenſo gern hatte ihn auch ihr kleines Mädchen, das in einen Strom von Thränen ausbrach, als die Zeit herbeikam, wo ihr Couſin das väterliche Haus verlaſſen mußte. Der ältere Rawdon war dankbar für die von der Mutter und der Tochter an den Tag gelegte Liebe. Die allerbeſten und ehrlichſten Gefühle des Mannes zeigten ſich in dieſen un⸗ gekünſtelten Ergüſſen väterlicher Liebe, denen er ſich vor . ihnen, und aufgemuntert durch ihre Sympathie, überließ. Durch die Gefühle, die er an den Tag legte, und die er vor ſeiner eigenen Frau nicht zeigen konnte, erwarb er ſich 51 nicht bloß die freundliche Zuneigung der Lady Jane, ſon⸗ dern auch deren aufrichtige Achtung. Die beiden Schwägerinnen aber kamen ſo ſelten, wie möglich, zuſammen. Becky lachte bitter über Jane's ge⸗ fühivolles und ſanftes Weſen; und die milde und ſanfte Natur der Letzteren konnte ſich über das gefühlloſe Be⸗ tragen ihrer Schwägerin nur empören. Dieſes Betragen entfremdete auch Rawdon ſeiner Frau mehr, denn er ſelbſt wußte, oder ſich geſtand. Sie aber ſah dieſe Entfremdung mit gleichgültigen Augen. In der That vermißte ſie weder ihn, noch irgend Jemand. Sie betrachtete ihn als ihren unterthänigſten Sklaven und ihren Botenläufer. War er auch noch ſo niedergeſchlagen oder mürriſch, — ſie nahm von ſeiner Stimmung keine Notiz, oder aber behandelte ſie dieſelbe mit Hohnlächeln. Sie dachte immer und ewig an ihre Stellung, oder an ihre Vergnügungen, oder daran, wie ſie ſich in der Ge⸗ ſellſchaft noch mehr „pouſſiren“ könnte. So viel iſt ge⸗ wiß, daß ſie in derſelben eine bedeutende Stellung hätte einnehmen ſollen. Es war die ehrliche Briggs, die das kleine Bündel, das der Knabe in die Schule mitnehmen ſollte, zuſammen⸗ packte. Molly, das Hausmädchen, weinte ſich im Haus⸗ gange dicke Backen, als er wegging — Molly, die ſtets noch freundlich und treu war, ungeachtet ſie ſeit gar langer Zeit keinen Lohn mehr erhalten hatte. Mrs. Becky konnte ihrem Manne den Wagen nicht geben, um darin den Knaben an ſeinen neuen Beſtim⸗ mungsort zu bringen. Mit den Pferden nach der City fahren! — das ſei ja, ſagte ſie, etwas Unerhörtes. Sie ſagte ferner, ein Cabriolet ſei gut genug zur Ausführung ſeines Vorhabens. Sie bot dem Knaben keinen Kuß an, als er wegging; aber auch der Knabe hatte kein Verlangen, ſie zu küſſen, fondern gab nur der alten Briggs (die er im Allgemeinen nicht gar gerne liebkoste) einen Schmatz, und tröſtete ſie mit den Worten, daß er an Sonnabenden kommen würde, wo ſie Gelegenheit fände, ihn zu ſehen. Als das Cabriolet der City zurollte, raſſelte Becky's Wagen nach dem Park hin. Sie ſchwatzte und lachte mit einem Haufen junger Dandies am Serpentine, als der Vater mit dem Sohne durch die alten Thore der Schule eintrat — wo Rawdon das Kind zurückließ. Der arme gebeugte Mann, der ſchon ſo viel ausgeſtanden, fuhr mit einem traurigeren, reineren Gefühle im Herzen weg, als er vielleicht ſeit dem Tage, wo er ſelbſt die Kinderſtube verlaſſen, je eines gekannt hatte. Er ging gar traurig nach Hauſe, und ſpeiste allein mit der Briggs. Er war recht freundlich gegen ſie, und war ihr dankbar wegen der Liebe, womit ſie über dem Knaben gewacht. Sein Gewiſſen machte ihm Vorwürfe darüber, daß er der Briggs ihr Geld abgenommen, und bei dem Betruge mitgewirkt habe. Sie ſprachen lange Zeit über den kleinen Rawdon, denn Becky kam nur nach Hauſe, um fich anzukleiden, und wieder wegzufahren, da ſie nicht zu Hauſe ſpeiste. Sodann ging er voll unbehaglicher Gefühle weg, um mit Lady Jane Thee zu trinken, und ihr zu erzählen, was ſich zugetragen, und wie der kleine Rawdon wie ein Mann ſich gezeigt, und wie derſelbe nun einen langen Rock und kleine Kniehoſen tragen müßte, und wie der junge Blackball, ein Sohn des Jack Blackball, vom alten Re⸗ gimente, ihn unter ſeine Obhut genommen und verſprochen hätte, freundlich gegen ihn zu ſein. Im Laufe einer Woche hatte der junge Blackball den kleinen Rawdon zu ſeinem „Pudel“, ſeinem Schuhputzer, und Brodröſter erkoren, ihn in die Wyſterien der lateini⸗ ſchen Grammatik eingeweiht, und ihn drei bis vier Mal „gewichst“, jedoch nicht zu viel. Das ehrliche, gutmü⸗ thige Geſicht des kleinen Kerls erwarb ihm ſo ziemlich die Gunſt ſeiner Kameraden. Er bekam nicht mehr Schläge, als er ohne Zweifel brauchen konnte; und was 53 das Schuhputzen, das Brovröſten, und das „Pudeln“ im Allgemeinen betrifft, ſo frage ich meine Leſer, ob dieſe Dienſtleiſtungen nicht als nothwendige Theile der Er⸗ ziehung jedes jungen engliſchen Gentleman angeſehen werden. Indeſſen können wir uns hier nicht auf eine Schil⸗ derung des Schullebens des Maſter Rawdon einlaſſen, da wir es mit der zweiten Generation nicht zu thun haben, und da ſonſt vorliegende Erzählung gar zu lang werden würde. Kurze Zeit darauf beſuchte der Oberſt ſeinen Sohn, und fand den Jungen ziemlich wohl und ziemlich glücklich. Letzterer grinste und lachte in ſeinem kleinen ſchwarzen Gewand und ſeinen Kniehöschen. Der Vater „ſchmierte“ Blackball, den Herrn ſeines Sohns, mit einem Sovereign, und ſicherte ſo dem „Pu⸗ del“ die Gunſt des genannten jungen Herrn. Da der Knabe ein Schützling des großen Lord Steyne, der Neffe eines im Parlamente ſitzenden Graſſchafts⸗ repräſentanten, und Sohn eines Oberſten und C. B. war, deſſen Name bei einigen der faſhionabelſten Partien in der „Morning Poſt“ erſchien, ſo waren vielleicht die Schulautvritäten dem Knaben eher geneigt, als nicht. Letzterem fehlte es nicht an Taſchengeld, und er verwendete daſſelbe zum Ankaufe von kleinen Himbeertorten, womit er ſeine Kameraden königlich bewirthete. Auch durfte ar an Samſtagen oft nach Hauſe, zu ſeinem Vater, gehen, der aus einem ſolchen Tage ſtets ein Jubelfeſt machte. War der kleine Rawdon frei, ſo nahm der Vater ihn mit in's Theater, oder ſchickte ihn mit dem Lakeien dahin; und Sonntags ging der Kleine mit der Briggs, Jane, ſeinem Coufin und ſeinen Couſinen in die rche. Der alte Rawdon verwunderte ſich über die Geſchich⸗ ten, die ſein Sohn ihm erzählte, und deren Gegenſtände die Schule, die Prügeleien, und das „Pudeln“ waren. Es 5⁴ ſtand nicht lange an, ſo wußte er die Namen ſämmt⸗ licher Lehrer und der Hauptperſonen unter den Lernenden ebenſo gut, wie der kleine Rawdon ſelbſt. Er lud den Schulfreund des Letzteren ein, und tractirte die beiden Knaben nach dem Theater dergeſtalt mit Backwerk, Au⸗ ſtern, und Porter, daß es ihnen übel wurde. Er ſuchte ſich ein gelehrtes Anſehen zu geben, als der kleine Raw⸗ don ihm in der lateiniſchen Grammatik zeigte, „wo“ er jetzt wäre. „Sei beharrlich und fleißig, mein Junge,“ ſagte er. mit vieler Gravität zum Kleinenz „es geht Nichts, Nichts über eine gute claſſiſche Erziehung!“ Mit jedem Tage nahm Becky's Verachtung ihrem Manne gegenüber zu. „Thu', was Du willſt; — ſpeiſe, wo Du magſt; — geh,' und laß' Dir Ingwer⸗Bier und Sägemehl bei Aſt⸗ ley's ſerviren, — oder vergnüge Dich damit, daß Du Dich mit Lady Jane im Pſalmſingen übſt; — nur ver⸗ lang' nicht von mir, daß ich mich mit dem Knaben beſchäfligen ſolle. Ich muß für Dich ſorgen, da Du ſelbſt es nicht kannſt. Ich möchte wohl wiſſen, wo Du jetzſt wäreſt, und in welcher geſellſchaftlichen Stellung Du dich jetzt befändeſt, wenn ich mich nicht Deiner ange⸗ nommen hätte.“ Und in der That fragte bei den Geſellſchaften, in welche Becky zu gehenpflegte, keine Seele nach dem armen alten Rawdon. Sie wurde jetzt oft ohne ihn eingeladen. Sie ſprach von vornehmen Leuten, als ob ſie May Fair als Allodial⸗Gut beſäße; und ſo oft bei Hofe Trauer war, kleidete ſie ſich auch ſchwarz. 5 * * Der kleine Rawdon war alſo verſorgt und aufge⸗ hoben. Lord Steyne aber, der ein ſo väterliches Inter⸗ eſſe für dieſe liebenswürdige arme Familie an den Tag 1 * 1 55 legte, meinte, es würden ihre Ausgaben ſich ſehr vor⸗ theilhaft vermindern laſſen, wenn Miß Briggs entlaſſen würde; auch meinte er, Becky ſei geſchickt genug, um ihr Haus ſelbſt zu führen. In einem früheren Kapitel iſt berichtet worden, wie der wohlwollende Evelmann ſeiner Protegirten Geld gab, um ihre kleine Schuld an Miß Briggs abzutragen, die jedoch fortwährend im Haufe blieb; weßhalb my Lord den peinlichen Schluß zog, daß Mrs. Crawley von dem Gelde, ſo er ihr gegeben, einen andern Gebrauch gemacht haben müſſe, als den, zu welchem ihr großmüthiger Gön⸗ ner das Darlehen gegeben hatte. Indeſſen war Lord Steyne nicht ſo unartig, daß er ſeinen Argwohn Mrs. Becky mittheilte, deren Gefühle durch eine Berührung der Geld⸗ frage gar leicht verletzt werden konnten, und die vielleicht tauſend ſchmerzliche Gründe gehabt, über das großmüthige Darlehen ſeiner Lordſchaft in anderer Weiſe zu verfügen. Indeſſen beſchloß er, der Sache auf den Grund zu gehen, und ſtellte daher die nothwendigen Nachforſchungen, wenn auch in ungemein vorſichtiger und delikater Weiſe, an. Für's Erſte ergriff er bald eine Gelegenheit, um Miß Briggs auszuholen. Das war nun allerdings nicht ſchwer. Es bedurfte nur weniger Aufmunterung, und die ehrliche Haut ſchwatzte und ſchwatzte, und ſchüttete ihr ganzes Herz aus. Was that nun my Lord? Eines Tages, als Mrs. Rawdon ausgefahren war (wie Herr Fiche, der vertraute Diener ſeiner Lordſchaft, ohne Mühe in dem Miethſtall erfuhr, wo die Crawleys ihren Wagen und ihre Pferde hatten, oder, richtiger, wo der Pferdevermiether für Herrn und Mrs. Crawley einen Wagen und Pferde hielt), — erſchien my Lord in dem uns wohl bekannten und in Cur⸗ zon Street gelegenen Hauſe — und bat die Briggs um eine Taſſe Kaffee — ſagte ihr, daß er von dem kleinen Knaben in der Schule recht gute Nachrichten hätte — und brachte in fünf Minuten aus ihr heraus, daß Mrs. £ 56 Rawdon ihr Nichts gegeben, außer einem ſchwarz ſeidenen Kleide, wofür Miß Briggs unendlich dankbar war. Er lachte über dieſe ungekünſtelte Geſchichte bei ſich. Denn wir müſſen hier ſagen, daß unſere liebe Freundin Rebekka ihm einen ausführlichen Bericht über das Entzücken der Briggs beim Empfange ihres Geldes — elf hundert fünf und zwanzig Pfund, ſage elf hundert und fünf und zwanzig Pfund — erſtattet, und erzählt hatte, wie dieſelbe dieſe Summe angelegt, und wie ſauer es ihr — Becky — angekommen, eine ſo ſchöne Summe Geldes wegzugeben. „Wer weiß,“ mochte das liebe Weibchen bei ſich ge⸗ dacht haben, „wer weiß, ob er mir nicht noch ein Bis⸗ chen mehr gibt?“ My Lord aber hatte der kleinen Projectmacherin keinen ſolchen Antrag gemacht:; — höchſt wahrſcheinlich glaubte er, daß er ſich bereits großmüthig genug gezeigt. Sodann fragte er, da ihn die Neugirde immer noch plagte, Miß Briggs über den Zuſtand ihrer Pribatange⸗ legenheiten: — und die gute alte Jungfer erzählte ſeiner Lordſchaft aufrichtig ihre Lage, berichtete, wie Miß Craw⸗ ley ihr ein Legat hinterlaſſen — wie ihre Verwandten ſich einen Thell deſſelben zugeeignet — wie Oberſt Craw⸗ ley einen andern Theil verzinslich angelegt, und daß ſie dafür die beſte Sicherheit hätte, und Zinſen bekäme — und wie Herr und Mrs. Rawdon ſo gütig geweſen wären, ſich für ſie bei Sir Pitt zu verwenden, der auf die für ſie vortheilhafteſte Weiſe über den Reſt verfügen würde, ſo⸗ bald er die nöthige Zeit dazu hätte. My Lord fragte, wie viel der Oberſt bereits ver⸗ zinslich für ſie angelegt, und Miß Briggs berichtete ihm nun ohne Weiteres, und wahrheitsgemäß, daß die ganze Summe ſich auf ſechshundert und etliche Pfunde belaufe. Kaum hatte aber die Briggs mit ihrer geläufigen Zunge ihre Geſchichte Preis gegeben, als ſie ihre Offen⸗ herzigkeit bereute, und my Lord inſtändigſt bat, Herrn — . —— aba 57 Crawley doch ja Nichts von all' dem zu ſagen, was ſie ihm bekannt. „Der Oberſt,“ meinte die arme Briggs, „ſei ſo freundlich — Herr Crawley koͤnne ſich leicht be⸗ ieidigt fühlen, und das Geld heimzahlen, für welches ſie nirgends ſo ſchone Zinſen bekommen werde.“ Lord Steyne verſprach lachend, die ganze Unterredung geheim halten zu wollen, und lachte noch viel mehr, als er ſich bei der Briggs verabſchiedet hatte. „Was für ein vollendetes Teufelchen iſt doch dieſes Weibchen!“ dachte er. „Welch herrliche Schauſpielerin, Verwalterin, und Haushälterin! Faſt wäre es ihr neulich mit ihren Schmeicheleien und Liebkoſungen gelungen, mich abermals in Contribution zu ſetzen. Keines der Frauen⸗ zimmer, die ich im Laufe meines ganzen, wohl angewen⸗ deten Lebens kennen gelernt habe, bietet ihr das Waſſer. Sie find, im Vergleich mit ihr, wahre Kinder. Ich ſelbſt bin in ihren Händen ein Gelbſchnabel und ein Narr — ja, ein alter Narr. Im Lügen thut es ihr Niemand zuvor.“ Die Bewunderung, die ſeine Lordſchaft ſchon für Becky hegte, ſtieg bei dieſem Beweiſe ihrer Gewandtheit noch unendlich. Das Geld herauszukriegen, war noch Nichts — allein doppelt ſo viel, als ſie brauchte, herauszulocken, zu bezahlen, — das war ein Meiſter⸗ reich. „Und Crawley,“ dachte my Lord — „Crawley iſt kein ſo großer Narr, als er zu ſein ſcheint, und er aus⸗ ſieht. Er hat ſeinerſeits die Sache geſchickt genug ange⸗ griffen. Aus ſeinem Geſichte und ſeinem Benehmen würde Niemand geſchloſſen haben, daß er um dieſes Geldgeſchäft Etwas wüßte; und dennoch hat er ſie ohne Zweifel ange⸗ leitet, und das Geld „verputzt.“ Hierin täuſchte ſich my Lord, wie wir bereits wiſſen. Allein dieſe ſeine Meinung hatte doch ſo großen Einfluß auf ſein Benehmen gegen Oberſt Crawley, den er jetzt nicht einmal mehr mit dem Scheine von Reſpect zu be⸗ 58 handeln anfing, welchen er bis daher gezeigt. Der Gönner der Mrs. Crawley ließ es ſich nie einfallen, daß das kleine Weibchen auch einen kleinen Sparhafen für ſich an⸗ legen könnte; und vielleicht beurtheilte er, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, Oberſt Crawley ein Bischen nach andern Chemännern, die er im Laufe des langen und wohl angewandten Lebens, das ihn einen Blick in gar viele menſchliche Schwächen hatte thun laſſen, hatte kennen lernen. My Lord hatte in ſeinem Leben ſo viele Männer gekauft, daß wir ihm gewiß unſere Verzeihung angedeihen laſſen dürfen, wenn er meinte, er habe auch den Preis unſers Rawdon gefunden. Sobald er mit Becky wieder allein war, hielt er ihr die Sache vor, wobei er nicht unterlaſſen konnte, ſie in recht gutlauniger Weiſe wegen der Gewandtheit zu be⸗ complimentiren, womit ſie aus ihm mehr Geld heraus⸗ zulocken gewußt, als ſie in der That gebraucht. Becky aber kam dadurch nur wenig in Verlegenheit. Es war nicht die Gewohnheit dieſer theuren Creatur, zu lügen, es ſei denn, daß die Nothwendigkeit ſie dazu zwang; allein in Fällen, wie dieſer, in Fällen, wo die Noth kein Gebot kannte, konnte ſie recht artig lügen. Und ſo hatte ſie denn in einem Nu eine andere recht nette, plauſible Geſchichte parat, womit ſie ihren Gönner regalirte, und die ſie ihm bis auf die kleinſten Umſtände erzählte. „Was ſie ihm früher erzählt, ſei eine Unwahrheit — eine abſcheuliche Lüge,“ ſagte ſie: „ſie geſtehe es, allein wer ſei Schuld varan, daß ſie alſo gelogen?“ „Ach, my Lord,“ fuhr ſie fort, „Sie wiſſen nicht, was ich Alles zu leiden und zu e habe, Sie wiſſen nicht, wie viel ich ertragen muß, ohne meinen Mund aufthun zu dürfen: Sie ſehen mich, wenn ich vor Ihnen erſcheine, fröhlich und glücklich — Sie laſſen ſich aber nicht träumen, wie viel ich leiden muß, wenn ich keinen Beſchützer um mich habe. Es war mein Mann, der mich durch viele Drohungen und die grauſamſte Be⸗ . 59 handlung zwang, die Summe zu verlangen, in Betreff welcher ich Sie hintergangen habe. Er war es, der, in der Vorausſicht, daß nach der Art der Verwendung des Geldes gefragt werden könnte, mich zwang, die bewußte Angabe zu machen. Er hat das Geld genommen. Er ſagte mir, er hätte Miß Briggs bezahlt; ich aber wollte keinen Zweifel in ihn ſetzen, und durfte das auch nicht wagen. Verzeihen Sie das Unrecht, deſſen ſich ein ver⸗ zweifelter Menſch ſchuldig machen muß, und bemitleiden Sie eine unglückliche, unglückliche Frau.“ So ſprechend, brach ſie in Thränen aus. Nie ſah die verfolgte Tugend ſo bezaubernd unglücklich aus. Sie ſprachen lange mit einander, während ſie in Mrs. Crawley's Wagen mehrere Male um den Regent's Park herum fuhren. Wir halten es nicht für nothwendig, die Einzelheiten dieſer Unterredung zu wiederholen; allein das Ende vom Liede war, daß Becky, als ſie nach Hauſe kam, auf ihre theure Briggs mit lächelndem Geſichte zu⸗ flog, und ihr ankündigte, daß ſie ihr eine äußerſt gute Nachricht brächte. „Lord Steyne,“ ſagte ſie, „habe ſich ungemein nobel und großmüthig gezeigt. Er denke ſtets darauf, wie und 3 wo er Gutes thun könne. Jetzt da der kleine Rawdon in der Schule ſei, brauche ſie keine liebe Geſellſchafterin und Freundin mehr. Es ſchmerze ſie unendlich, ſich von ihr zu trennen; allein ihr geringes Einkommen mache es ihr zur Pflicht, ſich ſo viel, wie möglich, einzuſchränken, und ihr Kummer werde nur durch den Gedanken gemildert, vaß ihre theure Briggs bei ihrem großmüthigen Gönner weit beſſer verſorgt werden würde, als in der beſcheidenen Wohnung in Curzon Street. Mrs. Pilkington⸗ die Haus⸗ hälterin in Gauntly Hall, werde nachgerade außerordent⸗ lich alt, ſchwach, und rheumatiſch; es ſei dieſelbe nicht länger im Stande, die Oberaufſicht in dem großen Schloſſe zu führen, und müſſe ſich daher nach einer tüchtigen Nach⸗ olgerin umſehen. Es ſei eine glänzende Stellung. Die 60 Familie komme alle zwei Jahre ein Mal nach Gauntly. Sonſt ſei die Haushälterin ganz unabhängig in dem präch⸗ tigen Schloſſe, und könne es in Allem halten, wie es ihr beliebe — ſie könne täglich vier Perſonen einladen, werde von der Geiſtlichkeit und den geachtetſten Leuten der Graf⸗ ſchaft beſucht, und ſei factiſch die Lady von Gauntly. Auch hatten die zwei letzten Haushälterinnen vor Mrs. Pilkington Pfarrherren von Gauntly geheirathet: allein Mrs. Pil⸗ kington habe das nicht gekonnt, weil ſie die Tante des dermaligen Rektors ſei. Die Stelle ſei jetzt noch nicht gerade erledigt; allein ſie könne bei Mrs. Pilkington ein⸗ mal einen Beſuch machen, und ſehen, ob es ihr erwünſcht ſein könne, die Nachfolgerin derſelben zu werden.“ Welche Worte vermögen die erſtatiſche Dankbarkeit der armen Briggs auszudruͤcken. Alles, was ſie verlangte, war, daß es dem kleinen Rawdon nicht verwehrt werden möchte, ſie im Schloſſe zu beſuchen. Becky verſprach ihr das — verſprach ihr Alles, was ſie nur wollte. Als ihr Mann nach Hauſe kam, eilte ſie zu ihm hinauf, um ihm die frohe Botſchaft mitzutheilen. Rawdon war ſroh, verdammt froh; er fühlte ſein Gewiſſen wegen des Gelds der armen Briggs entlaſtet. Sie war nun jedenfalls verſorgt; allein — allein er war doch von Unruhe geplagt. Es ſchien ihm doch nicht ſo ganz recht zu ſein. Er ſagte dem kleinen Southdown, was Lord Steyne gethan, und das kleine Männchen ſäh Crawley mit einer Miene an, die den Letzteren etwas in Erſtaunen ſetzte. Er erzählte auch Lady Jane dieſen zweiten Beweis von Lord Steyne's Güte; aber auch ſie ſah dabei kurios aus. Das Gleiche war bei Sir Pitt der all. „Sie iſt zu geſcheidt, und — und zu luſtig, als daß man ihr erlauben könnte, ohne einen Begleiter von einer Geſellſchaſt in die andere zu gehen,“ ſagten Beide. „Du mußt, Rawdon, ſtets an ihrer Seite ſein, wenn ſie aus⸗ 61¹ geht, und Du mußt Jemand bei ihr haben, — vielleicht eines der Mädchen von Queen's Crawley, obwohl dieſel⸗ ben ziemlich leichtfinnige Wächterinnen für ſie ſind. Becky mußte alſo eine Hüterin haben. Allein mittler⸗ weile konnte doch wohl die ehrliche Briggs eine ſo gute Ge⸗ legenheit zu lebenslänglicher Verſorgung nicht ungenützt vor⸗ übergehen laſſen; und ſo wurde ſie denn mit ihren Bündel eingepackt, und dem Poſtwagen anvertraut. Und ſo be⸗ fanden ſich jetzt zwei von Rawdons Vorpoſten in den Hän⸗ den des Feindes. Sir Pitt fand ſich bei ſeiner Schwägerin ein, und machte ihr Vorſtellungen über das Wegſchicken der Briggs, über andere ziemlich delikate Familienangele⸗ genheiten. Vergebens deutete Becky darauf hin, wie nothwendig die Protektion Lord Steyne's für ihren armen Mann und wie grauſam es von ihnen wäre, die Briggs um die ihr angebotene Stellung zu bringen. Schmeiche⸗ leien, ſchöne Worte, Lächeln, Thränen — Nichts vermochte auf Sir Pitt Eindruck zu machen, und er bekam mit ſei⸗ ner einſt ſo bewunderten Becky beinahe Streit: die beider⸗ ſeitigen Erklärungen hatten wenigſtens ſehr den Anſchein eines ſolchen. Er ſprach von der Ehre der Familie: dem unbefleckten Rufe der Crawleys; ſprach mit Indignation davon, daß ſie dir jungen Franzoſen — jene wilden, jun⸗ gen Movehelden, und my Lord Steyne ſelbſt empfänge, deſſen Wagen ſtets vor ihrer Thüre ſtände, der jeden Tag ſtundenlang bei ihr wäre, und deſſen beſtändige Anweſen⸗ heit die Leute überall von ihr reden machte. Als das Haupt des Hauſes bitte er ſie inſtändigſt, vorſichtiger zu ſein. Schon ſpreche man in geringſchätzigem Tone bon ihr. Obgleich Lord Steyne ein überaus hochgeſtellter und talentvoller Edelmann ſei, ſo ſei verſelbe doch ein Mann, deſſen Aufmerkſamkeiten jedes Frauenzimmer eompromittiren müßten; — er erſuche und bitte daher inſtändigſt ſeine Schwägerin, und im Nothfalle befehle er ihr, in ihrem 62 Umgange mit dem genannten Edelmanne auf ihrer Hut u ſein. Becky verſprach Alles, was Pitt nur haben wollte; allein Lord Steyne kam darum nicht ſeltener, und ſo wurde Sir Pitt noch böſer. Ich möchte wohl wiſſen, ob es Lady Jane freute oder ärgerte, daß ihr Mann endlich an der ihm ſo theuren Rebekka Etwas auszuſetzen fand. Da Lord Steyne's Beſuche nicht aufhoͤrten, ſo ſtellte er die ſeinigen ein; und ſeine Frau gah ihre Stimme dahin ab, daß man allen ferneren Verkehr mit dem genannten Edelmanne abbrechen, und die Einladung auf den Charade⸗ abend, die ihr von der Marquiſin zugegangen, ablehnen ſolle; allein Sir Pitt war anderer Anſicht, und glaubte, ſie annehmen zu müſſen, da ſeine Koͤnigliche Hoheit an⸗ weſend ſein würde. Obgleich Sir Pitt ſich bei der in Frage ſtehenden Geſellſchaft einfand, ſo verließ er ſie doch ſehr bald, und auch ſeine Frau war froh, weggehen zu können. Becky ſprach faſt keine Silbe mit ihm, und nahm von ihrer Schwäge⸗ rin faſt gar keine Notiz. Pitt Crawley erklärte ihr Be⸗ nehmen für monſtrös unanſtändig, tadelte in ſtarken Aus⸗ drücken die Gewohnheit, Komödie zu ſpielen, und ſich zu verkleiden, als durchaus unziemlich für ein britiſches Frauen⸗ zimmer; und kanzelte, nachdem die Charaden vorüber waren, ſeinen Bruder Rawdon tüchtig ab, daß er ſelbſt aufgetreten, und ſeiner Frau erlaubt, ſich bei ſolchen un⸗ ſchicklichen Schauſtellungen zu betheiligen. Rawdon ſagte, daß ſie ſich bei ſolchen Beluſtigungen nicht mehr hetheiligen dürfe, war aber, und vielleicht ver⸗ anlaßt durch Winke, die er von ſeinem älteren Bruder und ſeiner Schwägerin erhalten, bereits ein ungemein wachſamer und eremplariſcher Ghemann geworden. Er gab ſeine Clubs, ſowie das Billardſpiel ganz auf. Er kam nicht mehr aus dem Hauſe. Er fuhr mit Becky aus, und erſchien mit ihr beharrlich bei allen Geſellſchaf⸗ ten. So oft my Lord Steyne kam, traf er gewiß auch 63 den Oberſten an, und wenn Becky ſich vornahm, ohne ihren Mann auszugehen, oder Einladungen bekam, die ſie allein angingen, ſo befahl er ihr peremtoriſch⸗ dieſelben abzulehnen; auch lag in dem Auftreten des Gentleman jenes Etwas, das ſich Gehorſam zu erzwingen weiß. Die kleine Becky war, wenn wir ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſollen, von Rawdon's Galanterie ganz bezaubert. War er mürriſch, ſo war ſie wenigſtens es nie. Stets hatte ſie, mochten nun Freunde anweſend ſein oder nicht, ein freundliches Lächeln für ihn; und ſtiets war ſie auf ſein Vergnügen und ſeine Brquemlichkeit be⸗ dacht. Er glaubte ſich in die erſte Zeit ſeiner Ehe zurück⸗ verſetzt: es war dieſelbe gute Laune, dieſelbe Zuvorkom⸗ menheit, dieſelbe Luſtigkeit, daſſelbe ungekünſtelte Vertrauen, und dieſelbe liebevolle Achtung. „Wie unendlich angenehm iſt es doch, Dich an mei⸗ ner Seite im Wagen zu hahen, als die närriſche alte Briggs!“ pflegte Becky zu ſagen. „Wir wollen es fortan immer ſo halten, mein theurer Rawdon. Wie nett wäre es, und wie glücklich würden wir immer ſein, wenn wir nur das nöthige Geld hätten!“ Nach dem Eſſen ſchlief er gewöhnlich in ſeinem Seſſel ein; er ſah da das verſtörte, müde, und furchtbare Geſicht, ihm gegenüber, nicht; hatte doch daſſelbe alsbald wieder ein friſches, aufrichtiges Lächeln, wenn er aufwachte. Es küßte ihn froh. Er wunderte ſich nun ſelbſt, daß er je dem Argwohn Raum gegeben. Nein, er hatte ſie nie beargwohnt; alle jene ſtummen Zweifel und mürriſchen Beſorgniſſe, die ſich ihm nach und nach aufgedrängt, waren pure, eitle Eifer⸗ ſüchteleien geweſen. Er ſagte ſich, daß ſie ihn herzlich liebe, wie ſie ſtets gethan. Und wenn ſie in der Geſell⸗ ſchaft glänze, ſo ſei das doch nicht ihre Schuld; ſie ſei dazu geboren, dort zu glänzen. Ob es wohl ein Frauen⸗ zimmer gebe, das ſprechen, ſingen, oder irgend Etwas thun könne, wie ſie? „Wenn ſie doch nur auch den Knaben gerne haben könnte!“ dachte Rawdon. Allein die Mutter und der Sohn konnten nie zu⸗ ſammengebracht werden. Und während ſo Rawdon von Zweifeln geplagt war, und ſich in banger Verlegenheit befand, trug ſich das im voranſtehenden Kapitel von uns berichtete Ereigniß zu, und ſah ſich der unglückliche Oberſt, fern von ſeinem Hauſe, gefangen. Yreiundfünfſigſtes Kapitel. Eine Befreiung und eine Kataſtrophe. Freund Rawdon mußte alſo nach Herrn Moß' Haus in Curſitor Street fahren, und wurde in beſter Form in dieſe trübſelige Stätte der Gaſtfreundſchaft eingeführt. Schon fing der Morgen über den freundlichen Hausgiebeln von Chancery Lane zu grauen an, als das raſſelnde Cabriolet die Echos der Straße aufweckte; und ein kleiner, rothäugiger juͤdiſcher Diener, der einen Kopf hatte, ſo roth, wie der erwachende Morgen, öffnete der Geſell⸗ ſchaft das Haus, und Rawdon wurde von Herrn Moß, ſeinem Reiſegefährten und Wirthe, der ihn ganz luſtig fragte, ob es ihm nach ſeiner Fahrt nicht erwünſcht wäre, ein Glas mit etwas Warmem zu bekommen, eines der Parterrezimmer angewieſen. Der Oberſt war nicht ſo ſehr darniedergedrückt, wie es bei manchen Sterblichen der Fall wäre, die, einen Palaſt und eine placens unor verlaſſend, ſich einige 65 Augenblicke darauf in einem Spunging Houſe aufgehoben ſehen; denn er war, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, ſchon vorher einige Male bei Herrn Moß in die Koſt gegangen. Wir haben es ihm Laufe dieſer Erzählung nicht für nothwendig gehalten, dieſer trivialen kleinen häuslichen Ereigniſſe Erwähnung zu thun; allein der Leſer darf ſich überzeugt halten, daß ſolche Ereigniſſe im Leben eines Mannes, der kein Einkommen hat, und den⸗ noch einen großen Aufwand macht, nicht gar ſelten vor⸗ kommen. Bei ſeinem erſten gezwungenen Beſuche im Hauſe des Herrn Moß war der Oberſt, damals noch ein Jung⸗ geſelle, durch die Großmuth ſeiner Tante der Freiheit wieder gegeben worden; das zweite Mal hatte die kleine Becky mit dem größten Muthe und der größten Güte von Lord Southdown Geld geborgt, und durch ihre Schmeicheleien den Gläubiger (der in der That ihr Shawl⸗, Sammtkleid⸗, Spitzenhandtuch⸗, und Schmuckſachen⸗ Lieferant war) veranlaßt, einen Theil der ſchuldigen Summe in Geld und für den Reſt einen Schuldſchein von Rawdon anzunehmen: ſo daß in dieſen beiden Fällen die Ge⸗ fangennehmung und Befreiung allerſeits mit der größten Artigkeit Statt gefunden hatte. Moß und der Oberſt ſtanden daher ſehr gut mit einander. „Sie werden Ihr altes Bett, und Alles recht bequem finden, Oberſt, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin,“ ſagte der genannte Herr. Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß man es fleißig gelüftet hat; auch haben Leute von der beſten Geſellſchaft darin geſchlafen. In der vorletzten Nacht lag z. B. noch der ehrenwerthe Capitän Famiſh, vom fünfzehnten Dragonerregiment, darin: ſeine Mutter ließ ihn vierzehn Tage bei uns, um ihm, wie ſie ſagte, eine kleine Lection zu geben. Aber, du mein Gott, wie ſtrafte er meinen Champagner: jeden Abend hatte er hier eine Geſellſchaft — die famoſeſten Zierbengel aus den Der Jahrmarkt des Lebens. IW. 5 66 Clubs und dem Weſt⸗End — Capting Ragg, den ehren⸗ werthen Deuceace, der im Temple wohnt, und einige andere Burſche, die ſich auf den Wein verſtehen, das kann ich Sie verſichern. Droben habe ich einen Theologiä Doctor, im Kaffeezimmer fünf Gents, *) und Mrs. Moß hat um halb ſechs Uhr eine Tablydy-Hoty, *) worauf man ein Bischen ſpielt oder Muͤſik macht. Wenn Sie ſich dabei einfinden wollen, ſo ſoll es uns herzlich freuen.“ „Wenn ich Etwas brauche, werde ich klingeln,“ ſagte Rawvon, und ging ruhig in ſein Schlafzimmer hinein. Er war, wie wir geſagt haben, ein alter Soldat, und ließ ſich durch ſolche kleine Schickſals⸗Tücken nicht ſo leicht niederdrücken. Ein ſchwächerer Mann würde im Augenblicke der Gefangennehmung an ſeine Frau einen Brief abgeſandt haben. „Was nützt es aber, wenn ich ſie in ihrer Nachtruhe ſtöre?“ dachte Rawdon. „Sie weiß nicht, ob ich auf meinem Zimmer bin oder nicht. Es wird Zeit genug ſein, an ſie zu ſchreiben, wenn ſowohl ſie, als ich aus⸗ geſchlafen habe. Es ſind ja nur hundert und ſiebzig Pfund, und es müßte wahrhaftig der Teufel die Hand im Spiele haben, wenn wir nicht ſo viel aufzubringen im Stande wären.“ Und ſo legte ſich der Oberſt, während er an den kleinen Rawdon dachte (den er ſeinen jetzigen ſonderbaren Aufenthaltsort nicht gern wiſſen laſſen mochte), in das Bett, das vor Kurzem noch Capitän Famiſh eingenommen hatte, und ſchlief ein. Es war zehn Uhr, als er aufwachte, und als der rothköpfige Burſche ihm, mit ſelbſtbewußtem Stolze, ein ſchones ſilbernes Neceſſair hereinbrachte, damit er die Operation des Raſirens vornehmen konnte. In der That war Herrn Moß' Haus, obwohl etwas ſchmutzig, durchaus glänzend. Es ſtanden auf dem Seitentiſche be⸗ *) . d. Gentlemen. **) Fable d'Möte. — 67 ſtändig ſchmutzige Speiſebretter und Weinkühler; von ungeheuren ſchmutzigen vergoldeten Karnießen hingen an den vergitterten Fenſtern, die auf Curſitor Street hinaus⸗ gingen, ſchmutzige Vorhänge von gelbem Atlaß herab; — koloſſale und ſchmutzige vergoldete Bilder⸗Rahmen um⸗ gaben Stücke ernſterer und leichterer Natur, welche Werke alle von den größten Meiſtern herrührten, und bei den Wechſelgeſchäften, in deren Verlauf ſie immer wieder verkauft und gekauft wurden, für die groͤßten Summen figurirten. Auf demſelben ſchmutzigen und prächtigen Service bekam der Oberſt ſein Frühſtück. Miß Moß, ein ſchwarz⸗ äugiges Mädchen in Haarwickeln, erſchien mit dem Thee⸗ topfe, und fragte den Oberſt lächelnd, wie er geſchlafen; auch brachte ſie ihm die Morning Poſt herein, worauf all' die vornehmen Leute, die am Abend zuvor bei Lord Steyne's Feſt figurirt hatten, namentlich aufgeführt waren. Die Zeitung enthielt einen glänzenden Bericht über die Feſtivitäten, ſowie über die bewundernswürdigen theatra⸗ liſchen Leiſtungen der ſchonen und talentvollen Mrs. Rawdon Crawley. Nach einem lebhaften Geplauder mit dieſer Dame (die ſich ganz behaglich auf den Rand des Frühſtückstiſches ſetzte, wobei ſie die Draperie ihres Strumpfes, ſowie einen exweißen Atlaßſchuh, der hinten niedergetreten war, ſehen ließ) verlangte Oberſt Crawley Tinte, Federn und Papier; und wählte, nachdem er gefragt worden war⸗ wie viele Bogen er zu haben wünſchte, einen, den ihm Moß ſelbſt zwiſchen ihrem Zeigefinger und Daumen rachte. Schon gar manchen Bogen hatte dieſe ſchwarzäugige Dirne alſo hereingebracht; ſchon mancher arme Kerl hatte in der Eile Zeilen voll der inſtändigſten Bitten darauf gekritzelt oder gekleckſt, und war in dem furchtbaren Zim⸗ mer unruhig hin und hergegangen, bis der Bote mit der Antwort zurückkam. Arme Menſchen bedienen ſich ſtets — der Boten anſtatt der Poſt. Wer hat nicht ſchon ſolche Briefe bekommen, woran die Oblaten noch naß waren, und worin ſtand, daß im Hausgange Jemand warte, um die Antwort entgegenzunehmen? Was nun ſeine Bitte um Geld betraf, ſo hegte Rawdon nicht allzu viele Beſorgniſſe. „Meine liebe Becky,“ ſchrieb Rawdon, „hoffentlich haſt Du gut geſchlafen. Erſchrick nicht, wenn ich Dir dieſes Mal Deinen Kaffee nicht hinein bringe. Es iſt mir in vergangener Nacht, während ich rauchend nach Hauſe ging, ein kleines Unglück zugeſtoßen. Moß von Curſitor Street hat mich eingefangen — aus ſeinem vergolde⸗ ten und prächtigen Empfangzimmer ſchreibe ich Dir Dieſes — es iſt daſſelbe Zimmer, das mich vor zwei Jahren gehabt hat. Miß Moß hat mir den Thee herein gebracht — ſie iſt gar fett geworden, und, wie gewöhn⸗ lich, hingen ihr hinten die Strümpfe herunter. „Es iſt Nathan's Geſchichte — hundert und fünfzig — mit den Koſten, hundert und ſiebzig. Schick mir voch alsbald mein Pult und einige Kleidungsſtücke — ich habe Tanzſchuhe und ein weißes Halstuch an (etwa ſo weiß, wie Miß Moß' Strümpfe) — ich habe ſiebzig varin. Und ſobald Du dieſes Billet erhältſt, fahre zu Nathan — biete ihm fünf und ſiebzig in baarem Gelde, und was den Reſt betrifft, ſo ſoll er prolongiren — ſage, ich wolle Wein nehmen — wir können ja etwas Sherry für unſern Mittagstiſch brauchen; aber keine Bilder, — die ſind zu theuer. „Will er nicht darauf eingehen, ſo nimm meine Uhr und einige von Deinen Sachen — ſolche, die Du gerade entbehren kannſt, und ſchicke ſie Balls — natürlich müſſen wir die Summe noch heute Abend haben. Man kann es nicht länger anſtehen laſſen, da morgen Sonntag iſt; die Betten hier ſind nicht ſehr reinlich, und vielleicht werden noch andere Verhaſftbefehle gegen mich ausge⸗ 69 nommen. Ich bin nur froh, daß es nicht der Samſtag iſt, an dem Rawdon nach Hauſe kommt. Gott ſei bei Dir! „In aller Eile „P. S. Beeile Dich und komm'.“ „Der Deinige R C.“ Nachdem dieſer Brief vermittelſt einer Oblate ver⸗ ſiegelt war, wurde er durch einen der Boten abgeſendet, die ſtets in der Nähe des Moß'ſchen Etabliſſements ſich aufhalten; und nachdem Rawdon ihn hatte weggehen ſehen, ging er in den Hof hinaus, und rauchte ſeine Cigarre mit leidlicher Gemüthsruhe — trotz der über ſeinem Kopf befindlichen Eiſenſtange. Wir müſſen hier nämlich bemerken, daß Herrn Moß' Hof käfigartig ein⸗ gegittert iſt, um den Herren, die bei ihm in die Koſt gehen, die Luſt zu benehmen, ſeiner Gaſtfreundſchaft zu entfliehen. * Er berechnete, daß es höchſtens drei Stunden an⸗ ſtehen würde, bis Becky da ſein, und ihm die Thüre des Gefängniſſes öffnen könnte: und dieſe drei Stunden brachte er munter genug damit zu, daß er rauchte, die Zeitung las, und im Kaffeezimmer mit einem Bekannten, Capitän Walker, der zufällig da war, einige Stunden, mit ziem⸗ lich gleichem Glücke auf beiden Seiten, um Sirpence⸗ Stücke Karten ſpielte. Allein der Tag verſtrich, und es kam kein Bote zurück: — ebenſo wenig ließ ſich Becky blicken. Zur beſtimmten Stunde, das heißt, um halb ſechs Uhr, ſpeiste man an Herrn Moß' Tably-dy-Hoty, wo dann ſolche im Hauſe logirende Herren, welche die Mittel hatten, das Bankett zu bezahlen, hereinkamen, und in dem weiter oben beſchriebenen prächtigen Vorderzimmer, mit welchem Herrn Crawley's temporäres Logis communi⸗ eirte, aßen. Um dieſe Zeit erſchien auch Miß Moß (Miß Hem, wie ihr Vater ſie nannte) ohne die Haarwickeln, 70 womit ſie Morgens geſchmückt war; und Mrs. Hem machte die Honneurs einer ausgeſuchten gekochten Ham⸗ melskeule mit Rüben, wovon der Oberſt aber nur mit äußerſt ſchwachem Appetit aß. Als Letzterer gefragt wurde, ob er der Geſellſchaft eine Flaſche Champagner „wichſen“ wolle, willigte er ein, worauf die Damen ſeine Geſundheit tranken, und Herr Moß auf vie hoflichſte Weiſe von der Welt ſich die Erlaubniß erbat, mit ihm ein Glas trinken zu dürfen. Während des Eſſens aber ließ ſich die Thorklingel hören, worauf der junge Moß mit dem rothen Haare aufſtand, und ſich mit den Schlüſſeln entfernte. Nach einer Weile kam derſelbe zurück, und ſagte dem Oberſten, daß der Bote mit einem Nachtſacke, einem Schreibpulte, und einem Briefe zurückgekommen ſei. Letzteren übergab er ſofort. „Keine Umſtände, Oberſt, wenn ich bitten darf,“ ſagte Mrs. Moß mit einer Handbewegung, worauf er den Brief, nicht ohne einiges Zittern, erbrach. Es war ein prächtiger, durch und durch parfumirter Brief auf roſafarbenem Papier. Geſiegelt war er mit hellgrünem Siegellack. „Mon pauore cher petit,“ (ſchrieb Mrs. Crawley). „Ich konnte, da ich nicht wußte, was aus meinem odiöſen alten Monſtrum geworden, die ganze Nacht kein Auge zuthun: erſt am Morgen konnte ich einige Ruhe finden, als ich nach Herrn Blench (venn ich hatte das Fieber) geſchickt hatte. Der Doctor gab mir einen ral⸗ mirenden Trank, und gab Finette den gemeſſenen Befehl, mich unter keiner Bedingung in meiner Ruhe ſtören zu laſſen. So mußte denn der Bote meines armen alten Mannes, der, wie Finette mir ſagt, bien mauvaise mine hatte, et qui sentait le geniévre, einige Stunden im Hausgange warten, bis ich läutete. Du kannſt Dir mei⸗ nen Zuſtand denken, als ich Deinen armen, lieben, alten, mit Schreibfehlern angefüllten Brief las. 7¹ „So krank ich mich auch fühlte, ſo ließ ich doch alsbald den Wagen kommen, und ſobald ich angekleidet war (obwohl ich keinen Tropfen Chocolade trinken konnte — ich verſichere Dich, ich konnte es nicht, da ihn mein Monſtrum mir nicht brachte), fuhr ich ventre ä terre zu Nathan. Ich ſah ihn — ich weinte — ich ſchrie — ich ſiel vor dem odiöſen Kerl auf die Knie. Nichts ver⸗ mochte aber den abſcheulichen Menſchen zu erweichen. Ich fuhr nach Hauſe, in der Abſicht, dieſe triste visite dhez mon oncle zu machen (wo dann all' mein Ge⸗ ſchmeide zu Deiner Diſpoſition geſtanden haben würde, obgleich man im Ganzen dafür keine hundert Pfund be⸗ käme; denn wie Du weißt, ſo ſind bereits einige bei ce cher oncle), und traf vaſelbſt Milor nebſt dem alten bulgariſchen Monſtrum mit dem Schafsgeſichte an: ſie waren gekommen, um mir über meine Leiſtungen von geſtern Abend Complimente zu machen. Auch Paddington kam, und zog, wie gewöhnlich, ſeine Worte, und liſpelte, und drehte an ſeinem Haare; daſſelbe thaten auch Cham⸗ pignac, und deſſen Chef — Alle mit foison de com- pliments, und angenehmen Redensarten — womit ſie mich Arme plagten und quälten, — mich Arme, die ihrer los zu werden wünſchte, und der während der ganzen Zeit auch nicht einen Augenblick son pauvre prisonier aus dem Sinne kam. „Als ſie fort waren, fiel ich vor Milor auf die Knie nieder, und ſagte ihm, daß wir Alles verſetzen müßten, und bat, und bat ihn, daß er mir zweihundert Pfund ge⸗ ben möchte. Er pfuite und pahte ganz raſend — ſagte mir, daß ich nicht ſo närriſch ſein ſolle, Etwas zu ver⸗ ſetzen — und endigte damit, daß er ſagte, er wolle ſehen, ob er mir das Geid leihen könne. Als er dann wegging⸗ verſprach er, mir es morgen früh ſchicken zu wollen: wo ich es meinem armen alten Monſtrum bringen werde, ſammt einem Kuſſe von ſeiner liebenden Becky⸗“ 72 „Ich ſchreibe im Bette. Oh, ich habe ſolches Kopf⸗ und Herzweh!“ Als Rawdon dieſen Brief las, wurde er ſo roth, und ſah ſo grimmig aus, daß die Geſellſchaft an der table d'höte leicht bemerken konnte, daß er keine guten Nach⸗ richten erhalten. All' der Argwohn, den er eine Weile zu verbannen geſucht hatte, erfüllte ſeine Seele von Neuem. Sie konnte nicht einmal ausgehen; und ihr Geſchmeide verkaufen, um ihn der Freiheit wieder zu geben! Sie konnte lachen, und über Complimente, ſo ihr gemacht worden, ſprechen, während er gefangen ſaß! Wer hatte ihn in's Gefängniß gebracht? Wenham war bei ihm ge⸗ weſen, als er hatte heimgehen wollen. War etwa 2 Er konnte es kaum ertragen, auch nur an das zu denken, was er argwohnte. Eiligſt verließ er das Zimmer, und lief auf das ſei⸗ nige. Er öffnete ſein Schreibpult, ſchrieb in aller Eile ein Paar Zeilen, die er an Sir Pitt und Lady Crawley adreſſirte, und befahl dem Boten, dieſelben alsbald nach Gaunt Street zu bringen, wobei er ihn ein Cabriolet nehmen hieß, und ihm eine Guinee verſprach, wenn er in einer Stunde wieder da wäre. In dem Billet flehte er ſeinen lieben Bruder und ſeine liebe Schwägerin um Gottes, um ſeines lieben Kin⸗ des und ſeiner Ehre willen an, zu ihm zu kommen, und ihm in ſeiner Noth zu helfen. „Er ſei,“ ſagte er in ſeinem Brief, „gefangen, und brauche hundert Pfund, um ſeine Freiheit wieder zu erlangen — er bitte ſie inſtän⸗ digſt, zu ihm zu kommen.“ Nachdem er ſeinen Boten abgefertigt, kam er in den Speiſeſaal zurück, und verlangte noch mehr Wein. Er lachte und ſprach in ſeltſam ungeſtümer und polternder Weiſe; ſo kam es wenigſtens den Leuten vor. Biswei⸗ ————— 73 len lachte er wie wahnſinnig über ſeine eigenen Befürch⸗ tungen, und trank eine Stunde lang an Einem fort. Wäh⸗ rend dieſer ganzen Zeit lauſchte er, ob ſich nicht die Räder des Wagens hören ließen, von dem er ſein Heil erwartete. Nach Verfluß der genannten Zeit hoͤrte man ein Rä⸗ dergeraſſel: der Wagen kam an die Thüre her, worauf der junge Pförtner mit den Schlüſſel ſich entfernte. Es war eine Dame, die er zu der Thüre des Bai⸗ liffs hereinließ. „Oberſt Grawley,“ ſagte die heſtig zitternde Dame. Mit einem ſchlauen Blicke ſchloß der Pfoͤrtner die äußere Thüre hinter ihr: — ſodann ſchloß er die innere auf, und rief mit lauter Stimme: „Herr Oberſt, es fragt Jemand nach Ihnen.“ Die Dame aber führte er in das hintere, vom Oberſten bewohnte Zimmer. Rawdon ging aus dem Speiſeſaale, wo man luſtig zechte, auf ſein hinten hinausgehendes Zimmer: ein greller Lichtſchein folgte ihm in das Zimmer, wo die Dame, immer noch in großer Aufregung, ſtand. „Ich bin es Rawdon,“ ſagte ſie mit einer Stimme, obwohl ſchüchtern, froh klingen ſollte. „Es iſt Jane.“ Rawdon war vor Freude ganz außer ſich, als er dieſe freundliche Stimme vernahm. Er ſtürzte auf ſie zu — umſchloß ſie mit den Armen — ſtammelte einige unartikulirte Worte des Dankes, und ſchluchzte lange über ihrer Schulter. Sie kannte die Urſache ſeiner tiefen Geinüthsbewe⸗ gung nicht. Herr Moß bekam intaller Geſchwindigkeit ſein Geld, und vielleicht ärgerte das dieſen Herrn, da er darauf ge⸗ rechnet hatte, daß er den Oberſten wenigſtens über den Sonntag zum Gaſte behalten würde. Mit ſtrahlendem Lächeln, und mit vor Freude funkelnden Augen führte Jane Rawdon aus dem Hauſe des Bailiffs fort, wobei 74 Beide in dem Cabriolet, in dem ſie zu ſeiner Rettung herbeigeeilt war, heimfuhren. „Pitt,“ ſagte ſie, „war weggegangen, um einem parlamentariſchen Diner anzuwohnen, als Ihr Billet kam; und ſo habe ich, lieber Rawdon, habe ich mich ſelbſt auf den Weg gemacht.“ Bei dieſen Worten legte ſie ihre freundliche Hand in die ſeinige. Vielleicht war es gut für Rawdon Crawley, daß Pitt gerade bei jenem Diner war. Rawdon dankte ſeiner Schwägerin tauſend Mal, und vas mit einer ſolchen Gluth der Dankbarkeit, daß die ſanftmüthige Frau davon ganz gerührt, ja beinahe beunruhigt ward. „Oh,“ ſagte er, in ſeiner rohen, ungekünſtelten Weiſe, „Sie — Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich mich geändert habe, ſeit ich Sie kenne, und — und den kleinen Rawdy habe. Ich — ich möchte eine kleine Veränderung. Sie ſehen, ich moͤchte — ich möchte — —“ Er brachte den Satz nicht zu Ende; allein ſie konnte ihn wohl deuten. Und an demſelben Abende betete ſie demüthigſt für den armen müden Sünder, als er ſie ver⸗ laſſen, und ſie an dem Bettchen ihres kleinen Knaben ſaß. 5 ** Rawdon verließ ſie, und ging, ſo ſchnell er nur konnte, nach Hauſe. Es war neun Uhr Abends. Er rannte über die Straßen und die großen Squares des Markts der Welt hin, und ſtand endlich athemlos vor ſeinem Hauſe. Er fuhr zurück, und fiel, als er hinauf⸗ ſah, zitternd gegen die Staketen. Die Fenſter des Salons glänzten von Licht. Und doch hatte ſie geſagt, daß ſie krank im Bette läge. Da blieb er eine Zeitlang ſtehen, und es fiel dabei das aus den Zimmern dringende Licht auf ſein blaſſes Geſicht, * 75 Er zog ſeinen Hausſchlüſſel aus der Taſche, und ſchloß die Thüre auf. Schon im Hausgange drang aus den obern Zimmern ein Gelächter bis zu ihm. Er war noch in dem Ballanzuge, in dem er in der vorigen Nacht aufgegriffen worden war. Leiſe ging er die Treppe hinauf; oben angekommen, ſtützte er ſich auf das Geländer. Im ganzen Hauſe rührte ſich ſonſt keine Seele. Sämmtliche Domeſtiken waren weggeſchickt worden. Rawdon hörte, wie drinnen gelacht — gelacht und geſungen wurde. Becky ſang eine Paſſage des Liedes, das ſie am vorigen Abende geſungen; eine heiſere Stimme ſchrie: „Bravo! Bravo 10 — es war die — Lord Steyne's. Rawdon machte die Thüre auf, und trat hinein. Ein Tiſchchen war gedeckt: darauf war ein vollſtän⸗ viges Diner, ſowie verſchledene Weine zu bemerken. Das Service war von Silber. Steyne lehnte ſich über das Sopha hin, auf dem Becky ſaß. Die elende Frau war in vollſtändiger, bril⸗ lanter Toilette: ihre Arme, ſowie alle ihre Finger fun⸗ kelten von Armſpangen und Ringen; auf ihrer Bruſt glänzten die Brillanten, die Steyne ihr gegeben hatte. Letzterer hielt ihre Hand in der ſeinigen, und bückte ſich eben, um dieſelbe zu küſſen, als Becky, beim Anblick von Rawvon's todtenbleichem Geſichte, mit einem ſchwachen Schrei auffuhr. Im nächſten Augenblicke probirte ſie ein kleines Lä⸗ cheln, ein horribles Lächeln, um ihren Gatten zu bewill⸗ kommen. Steyne aber richtete ſich zähneknirſchend auf: auch er war wuthbleich. Auch er machte einen Verſuch zu lachen — und trat vor, wobei er die Hand ausſtreckte. „Wie zurückgekommen! Wie geht's, Crawley?“ ſagte er. 76 Es zuckten die Nerven ſeines Mundes, als er den Eindringling anzugrinſen ſuchte. In Rawdon's Geſicht lag ſo Etwas, was Becky veranlaßte, ſich vor ihm auf die Knie zu werfen. „Ich bin unſchuldig, Rawdon,“ ſagte ſie; „ſo wahr Gott im Himmel iſt, ich bin unſchuldig.“ Sie klammerte ſich an ſeinen Rock, an ſeine Hände an; ihre eigenen waren voller Schlangen, und Ringe, und Juwelen. „Ich bin unſchuldig. — Sagen Sie doch, ich ſei unſchuldig,“ ſagte ſie zu Lord Steyne. Dieſer glaubte, es ſei ihm eine Falle gelegt worden, und war über das Weib nicht minder wüthend, als über den Mann. „Sie — unſchuldig! Das Donnerwetter hole Sie!“ kreiſchte er. „Was? Sie — unſchuldig! Habe ich nicht alles Geſchmeide, das Sie am Leibe haben, bezahlt? Ich habe Ihnen Tauſende von Pfunden gegeben, die dieſer Kerl da durchgebracht, und wofür er Sie verkauft hat. Unſchuldig, bei Gott! Sie ſind gerade ſo unſchuldig, wie Ihre Mutter, die Ballettänzerin, und wie Ihr braver Mann. Ihr dürft ja nicht glauben, es werde Euch ge⸗ lingen, mir Furcht einzujagen, wie Ihr bei Andern gethan i Sie Platz, Sir, und laſſen Sie mich vorbei!“ Bei dieſen Worten griff Lord Steyne nach ſeinem Hute und ging mit flammenden Augen, und ſeinem Feinde grimmig ins Geſicht ſehend, auf Letzteren zu, wobei er keinen Augenblick zweifelte, daß derſelbe ihm Platz machen würde. Allein Rawdon Crawley ſprang auf ihn zu, packte ihn am Halstuche, und würgte Stehne ſo lange, bis der⸗ ſelbe, faſt erſtickt, ſich unter ſeinen Händen krümmte und wand. „Da liegſt Du, Du Hundeſeele!“ ſprach Rawdon. „Du lügſt, Du Memme, Du Schuft!“ 77 Und er ſchlug mit offener Hand den Pair ein Paar Mal in's Geſicht, und ſchleuderte ihn blutend auf den Boden hin. Alles dieſes geſchah in einem Nu, und ehe noch Re⸗ bekka ſich ins Mittel legen konnte. Da ſtand ſie zitternd vor ihrem Gatten. Sie be⸗ wunderte ihn, den Starken, Tapferen, Siegreichen. „Komm doch zu mir her!“ ſagte er⸗ Sie that, ohne zu zögern, wie er ihr befohlen. „Weg mit den Sachen da!“ Und nun begann ſie, am ganzen Leibe zitternd, die Juwelen von ihren Armen, und die Ringe von ihren Fin⸗ gern abzuziehen, und hielt ſie ihm alle in einem Haufen hin. Dabei ſah ſie bebend zu ihm auf. „Schmeiß ſie auf den Boden!“ ſagte er, und ſie ließ ſie fallen. Sodann riß er ihr den Diamant⸗Schmuck von der Bruſt, und ſchleuderte denſelben Lord Steyne ins Geſicht. Er traf ihn auf ſeine kahle Stirne, ſo daß das Blut vavon floß. Steyne behielt die Wunde zeitlebens. „Nun gehſt Du mit mir hinauf,“ ſagte Rawdon zu ſeiner Frau. . „Bring' mich doch nicht um, Rawdon,“ ſagte ſie. Er aber ließ ein wildes Lachen hören. „Ich muß ſehen, ob der Mann in Betreff des Geldes ebenſo lügt, wie in Betreff meiner. Hat er Dir Geld gegeben?“ „Nein,“ ſagte Rebekka; „das heißt —“ „Die Schlüſſel heraus!“ antwortete Rawdon, und ſie gingen mit einander hinauf. Rebekka gab ihm alle ihre Schlüſſel, nur einen nicht; auch hoffte ſie, daß er nicht merken würde, daß das kleine Schlüſſelchen fehlte. Es gehörte zu dem kleinen Pulte, das ihr Amalie ſchon vor vielen Jahren gegeben, und das ſie an einem geheimen Orte ſiehen hatte. Allein Rawdon riß Schachteln, Koffer, und Schränke 78 auf, warf all' den Tand, womit ſie angefüllt waren auf dem Boden herum, und fand endlich das kleine Pult. Die Frau mußte es öffnen. Es enthielt Papiere, Liebesbriefe, ſchon viele Jahre alt — alle Arten kleiner Schmuckſachen und Notizen. Auch fand ſich darin eine kleine Brieftaſche mit Banknoten. Einige der letztereu trugen ein ſchon zehn Jahre altes Datum: eine der Noten aber war noch ganz neu — es war eine von tauſend Pfund, und es hatte Lord Steyne ſie ihr gegeben. „Hat er Dir dieſe gegeben?“ ſprach Rawdou. „Ja,“ erwiederte Rebekka. „Heute noch werde ich ſie ihm zurückſchicken,“ ſagte Rawdon (denn ſchon fing es wieder an, zu tagen, da über dieſer Hausſuchung viele Stunden verfloſſen waren); auch will ich die Briggs bezahlen, die gegen den Knaben freund⸗ lich geweſen iſt, ſowie einige von den Schulden. Du wirſt ſo gut ſein, mir zu ſagen, wohin ich Dir den Reſt ſchicken kann. Du hätteſt von all' dieſem Gelde doch wohl hundert Pfund abgeben können, Becky, um mich aus dem Gefängniſſe zu befreien — ich habe ja ſtets mit Dir getheilt.“ „Ich bin unſchuldig,“ ſagte Becky. Aber ohne noch ein Wort zu verlieren, ging er weg. Welcher Art waren ihre Gedanken, als er ſie ver⸗ ließ? Sie blieb, nachdem er fort war, mehrere Stunden lang allein auf dem Rande ihres Bettes ſitzen; und ſchon drang das helle Licht der Sonne in ihr Zimmer. Die Schränke und Schubladen waren alle gesffnet, und ihr Inhalt lag auf dem Boden zerſtreut umher, — Kleider und Federn, Schärpen und Schmuckſachen, — ein bunter Haufen von allerlei Tand. Ihr Haar fiel über ihre Schultern herab; da, wo Rawdon die Brillanten weggeriſſen hatte, war ihr Kleid zerriſſen. Sie hörte ihn einige Minuten, nachdem er ſie verlaſſen, die Treppe hinabgehen; ſie hörte, wie die Thüre 79 hinter ihm zuſchlug. Sie wußte, daß er nie mehr zu⸗ rückkommen würde. Er war für immer weggegangen. „Wird er ſich um's Leben bringen?“ fragte ſie ſich; und die Antwort lautete, daß er es nicht thun würde, ſo lange er nicht mit Lord Steyne auf einem andern Boden zuſammengetroffen wäre. Sie dachte auch an ihr langes vergangenes Leben, und an alle trübſeligen Ereigniſſe deſ⸗ ſelben. Ach, wie traurig erſchien es ihr nun; wie elend, wie einſam, wie nutzlos! Sie fragte ſich, vb ſie nicht Laudanum nehmen, und es auch enden ſollte, — ob ſie nicht auch mit allen Hoffnungen, Plänen, Schulden, und Triumphen abſchließen ſollte ? In dieſer Lage fand ſie ihre franzöſiſche Kammer⸗ jungfer: — da ſaß ſie, inmitten ihrer elenden Ruinen mit gefalteten Händen und trockenen Augen. Das Kam⸗ war ihre Mitſchuldige, und ſtand in Steyne's old. „Mon dieu, Madame, was iſt geſchehen ?“ fragte ſie. Was war geſchehen? War ſie ſchuldig, oder war ſie es nicht? Sie verneinte es; allein wer konnte ſagen, ob dieſe Lippen die Wahrheit ſprachen; oder ob das verdorbene Herz in dieſem Falle rein war? Alle ihre Lügen, alle ihre Pläne, alle ihre Selbſtſucht, alle ihre Liſten, all' ihr Witz, und all ihr Genie hatten mit dieſem ſchmählichen Bankerotte geendigt. Das Kammermädchen zog die Vorhänge zu, und brachte ihre Herrin durch Bitten und Freundlichthun dazu, daß ſie ſich auf das Bett legte. Dann ging ſie hinab, und raffte die Schmuckſachen zuſammen, die auf dem Boden liegen geblieben waren, ſeitdem Rebekka ſie auf den Befehl ihres Mannes hatte hinwerfen müſſen. Und dann entfernte ſich auch Lord Steyne. 80⁰ Pierundküntzigſtes Rapitel. Am Sonntag nach der Schlacht. Im Hauſe Sir Pitt Crawley's in Great Gaunt Street war man gerade damit beſchäftigt, ſich anzuziehen, als Rawdon in ſeinem Abendeoſtüm, das er jetzt zwei Tage lang getragen hatte, an dem die Treppe kehrenden Mädchen, das bei ſeinem Erſcheinen ganz erſchrak, vorüber ging, und in das Studirzimmer ſeines Bruders trat. Lady Jane war bereits auf, und in ihrem Morgenkleide droben in der Ammenſtube, um beim Ankleiden ihrer Kinder zugegen zu ſein, und die kleinen Geſchoͤpfe ihr Morgengebet verrichten zu laſſen, was dieſelben an ihren Knien thaten. Das geſchah jeden Morgen, ehe das öf⸗ fentliche Morgengebet Statt fand, bei welchem Sir Pitt den Vorſitz führte, und wobei ſämmtliche zum Hauſe ge⸗ hörende Perſonen zu erſcheinen hatten. Rawdon ſetzte ſich in dem Studirzimmer vor des Baronets Tiſch hin, worauf ein Stoß von blauen Bü⸗ chern*) lag; ebenſo waren darauf Briefe, zierlich bezeich⸗ nete Rechnungen, und ſymmetriſche Brochüren, ſammt verſchloſſenen Rechnungsbüchern, Pulten, Briefkäſichen, einer Bibel, dem Quarterly Review, und dem Hofkalen⸗ der zu bemerken, — welche Gegenſtände alle, wie zur Muſterung aufgeſtellte Soldaten, der Inſpection ihres Herrn harrten. Ein Buch mit Familienpredigten, von denen Sir Pitt ieden Sonntag Morgens eine ſeiner Familie vorzuleſen gewohnt war, lag offen auf dem Tiſche, und harrte ſeiner *) d. h. Parlaments⸗Berichte. 8¹ verſtändigen Auswahl. Neben dem Predigtbuche lag, noch feucht, und zierlich gefaltet, „der Obſerver,“ welcher zu Sir Pitt's Privatgebrauche beſtimmt war. Sein Kammerdiener allein erlaubte es ſich, die Zei⸗ tung zu leſen, ehe er ſie auf ſeines Herrn Tiſch legte. Bevor er ſie an dieſem Morgen in das Studirzimmer ge⸗ bracht, hatte er darin einen überaus glänzenden Bericht über „die Feſtivitäten in Gaunt Houſe“ geleſen: es waren darin die Namen fämmtlicher ausgezeichneten Perſonen aufgeführt, die vom Marquis von Steyne eingeladen worden waren, um mit Seiner Königlichen Hoheit zuſam⸗ menzutreffen. Er hatte nicht verfehlt, in Gegenwart der Haushalterin und ihrer Nichte, als ſie im Zimmer der erſteren Dame ihr erſtes Frühſtück, beſtehend in Thee und warmem, geröſtetem Butterbrode, mit einander einnahmen, Bemerkungen über das Steyne'ſche Feſt zu machen, und ſeine Verwunderung darüber auszudrücken, wie die Raw⸗ ding Crawleys ſo viel Aufwand machen könnten. Darauf hatte der Diener die Zeitung noch einmal gefeuchtet und zuſammengelegt, ſo daß ſie wieder ganz friſch und un⸗ ſchuldig der Ankunft des Herrn des Hauſes entgegen ſah. Der arme Rawdon nahm die Zeitung, und machte einen Verſuch, bis zur Ankunft ſeines Bruders darin zu leſen. Allein die Buchſtaben waren für ſeine Augen ſo gut, wie nicht vorhanden, und er wußte nicht im Gering⸗ ſten, was er las. Die Regierungsnachrichten, ſowie die oͤffentlichen Anſtellungen (die Sir Pitt leſen mußte, da es ſeine öffentliche Stellung mit ſich brachte; denn ſonſt hätte er nie geduldet, daß Sonntagszeitungen in ſein Haus ge⸗ kommen wären), die Theaterkritiken, der Preiskampf zwi⸗ ſchen dem Barking Buicher und dem Tutburh Pet, wobei es auf jeder Seite eine Wette von hundert Pfund gegol⸗ ten hatte, ſelbſt die Beſchreibung der Feſtivitäten in Gaunt Houſe, worin ein hochſt ſchmeichelhafter, obgleich zurück⸗ haltender Bericht über die famoſen Charaden enthalten Der Jahrmarkt des Lebens. w. 6 82 war, in denen Mrs. Becky alle Mitſpielenden überſtrahlt — Alles dieß ging ganz nebelhaft an Rawdon's Auge vorüber, während er ſo da ſaß, und das Haupt der Fa⸗ milie erwartete. In dem Augenblicke, wo die Glocke der ſchwarzmar⸗ mornen Uhr im Studirzimmer mit ihren ſchrillen Tönen die neunte Stunde zu verkündigen anfing, erſchien Sir Pitt friſch, ſauber, ſorgfältig raſirt, mit reinem, wächſer⸗ nem Geſichte, und ſteifem Hemdkragen: ſein dünnes Haar war ſorgfältig gekämmt und geölt, und, ſeine Nägel putzend, ging er in geſtärkter Cravate, und einem grau⸗ flanellenen Schlafrocke majeſtätiſch die Treppe hinab: — ein Bild eines ächten, alt engliſchen Gentleman, — ein Muſter von Sauberkeit und Anſtand. Er fuhr zurück, als er den armen Rawdon mit in Unordnung gebrachten Kleidern, mit Blut unterlaufenen Augen und mit über das Geſicht herabfallenden Haaren in ſeinem Studirzimmer erblickte. Er glaubte einen Au⸗ genblick, ſein Bruder wäre betrunken, und hätte bei einer Orgie die ganze Nacht zugebracht. „Guter Gott, Rawdon,“ ſagte er mit ſchneeweißem Geſichte, „was führt Dich ſo früh hieher, warum biſt Du nicht zu Hauſe?“ „Zu Hauſe?“ ſagte Rawdon mit einem wilden Ge⸗ lächter. „Du brauchſt nicht zu erſchrecken, Pitt. Ich habe keinen Rauſch. Schließ' die Thüre zu; ich muß mit Dir ſprechen.“ Pitt ſchloß die Thüre, und kam zu dem Tiſche her, wo er ſich in den andern Armſtuhl ſetzte, — in den Arm⸗ ſtuhl, der für den Verwalter, den Agenten, oder irgend einen andern Vertrauten beſtimmt war, welcher in Ge⸗ ſchäftsſachen zum Baronet kam, — und an ſeinen Nägeln heftiger, denn je, herumputzte. „Pitt, bei mir iſt Alles aus,“ ſagte der Oberſt nach einer Pauſe. „Mit mir iſt es aus.“ „Ich habe ſtets geſagt, daß es ſo kommen würde,“ — — 83 rief der Baronet mürriſch, wobei er ſeine Nägel, die nun vollſtändig gereinigt waren, im Takte auf den Tiſch fallen ließ. „Ich habe Dich wohl tauſend Mal gewarnt. Ich kann Dir nicht länger helfen. Jeder Shilling meines Geldes hat bereits ſeinen Herrn. Sogar die hundert Pfund, die Jane Dir am vergangenen Abend gebracht hat, ſollte morgen früh mein Advokat bekommen; und ich bin nun deßhalb in nicht geringer Verlegenheit. Ich will damit nicht ſagen, daß ich am Ende gar Nichts für Dich thun werde. Was aber die vollſtändige Befriedigung Deiner Gläubiger betrifft, ſo kann ich mich damit ſo wenig befaſſen, als ich die Nationalſchuld zahlen kann. Es iſt wahnſinnig, wahrhaft wahnſinnig, wenn Du einem ſolchen Gedanken auch nur einen Augenblick Raum zu geben verſucht biſt. Du mußt es zu einem Vergleiche bringen. Es iſt zwar für die Familie etwas Peinliches; allein Jedermann thut es ja. Noch in vergangener Woche hat George Kiteley, Lord Ragland's Sohn, glaube ich, ſich verganten, und wie man ſo ſagt, weiß waſchen laſſen. Lord Ragland wollte auch nicht einen Shilling für ihn bezahlen, und —“ „Ich will kein Geld,“ fiel Rawdon ein. „Ich bin nicht um meinetwillen zu Dir gekommen. Um das, was mir zuſtößt, brauchſt Du Dich nicht zu bekümmern —“ „Was willſt Du denn?“ ſagte Pitt, ſich etwas er⸗ leichtert fühlend. „Ich muß wegen des Kleinen mit Dir ſprechen,“ ſagte Rawdon mit heiſerer Stimme. „Du mußt mir verſprechen, daß Du für ihn ſorgen willſt, wenn ich nicht mehr da bin. Deine liebe, gute Frau iſt ſtets freundlich gegen ihn geweſen; und er liebt ſie mehr, als ſeine — Tod und Teufel! ſchau', Pitt! — Du weißt, daß ich das Geld der Miß Crawley bekommen ſollte; ich bin nicht, wie ein jüngerer Bruder erzogen worden, ſondern man hat mich ſtets zu einem ausſchweifenden und trägen Leben aufgemuntert. Wäre das nicht geweſen, ſo hätte ein ganz anderer Menſch aus mir werden koͤnnen. Ich 84 habe mich beim Regimente ſo ſchlecht nicht gehalten. Du weißt, wie ich um das Geld gekommen bin, und wer es eingeſtrichen hat.“ „Nach den Opfern, die ich gebracht, und der Art und Weiſe, wie ich Dir beigeſtanden habe, ſind, glaube ich, ſolche Vorwürfe nicht am Platze,“ ſagte Sir Pitt. „An Deiner Heirath biſt Du ſelbſt Schuld, nicht ich.“ „Das iſt jetzt vorüber,“ ſprach Rawdon. — „Das iſt nun vorüber.“ Und er zwängte dieſe Worte mit einem Aechzen her⸗ aus, das ſeinen Bruder zuſammenfahren machte. „Guter Gott! Iſt ſie todt?“ ſagt Sir Pitt mit einem Tone wirklicher Unruhe, und wahrhaften Mitleids. „Ich wollte, ich wäre es,“ erwiederte Rawdon. „Wäre mir es nicht um den kleinen Rawdon geweſen, ſo hätte ich mir heute Morgen die Gurgel abgeſchnitten — und ebenſo auch dem verdammten Schurken.“ Sir Pitt errieth alsbald die Wahrheit, und muth⸗ maßte, daß Lord Steyne die Perſon wäre, die Rawdon um's Leben zu bringen wünſchte. Der Oberſt erzählte ſeinem Bruder in Kürze und mit gebrochener Stimme das Vorgefallene. „Es war eine zwiſchen dem Schurken und ihr abge⸗ kartete Sache,“ ſagte er. „Die Bailiffs mußten mich packen: ich wurde feſtgenommen, als ich aus ſeinem Hauſe trat: als ich ihr um Geld ſchrieb, ſagte ſie, ſie läge krank im Bette, und vertröſtete mich auf einen andern Tag. Und als ich nach Hauſe kam, fand ich ſie, wie ſie, in ihren Diamanten ſtrahlend, mit dem Schurken allein da ſaß.“ Sodann ging er auf eine gedrängte Beſchreibung des perſoͤnlichen Kampfes mit Lord Steyne über. „Für eine ſolche Sache,“ ſagte er, „könne es natürlich nur einen Ausgang geben.“ Nach dieſer Conferenz mit ſeinem Bruder wollte er 85⁵ weggehen, um die nöthigen Anordnungen zu dem beabſich⸗ tigten Zweikampfe zu treffen. „Und da der Ausgang für mich unglücklich ſein kann,“ ſagte Rawdon mit gebrochener Stimme, „und da der Knabe keine Mutter hat, ſo muß ich ihn Dir und Jane, † Pitt, übergeben — nur wird es ein Troſt für mich ſein, wenn Du mir verſprechen willſt, ihm ein Freund zu ſein.“ Der ältere Bruder ward durch dieſe Worte ſehr an⸗ gegriffen, und ſchüttelte Rawdon's Hand mit einer Herz⸗ lichkeit, die er nur ſelten an den Tag legte. Rawdon fuhr mit der Hand über ſeine buſchigen Au⸗ genbrauen hin. — —— „Ich danke Dir, Bruder,“ ſagte er. „Ich weiß, vaß ich auf Dein Wort bauen kann.“ Ich werde mein Verſprechen halten, ich mein Whrenwort, ſprach der Baronet. Und ſo ward, faſt ohne daß ein Wort wurde, die Sache zwiſchen ihnen geregelt. * Sofort zog Rawdon aus ſeiner Taſche das Schreib⸗ täfelchen heraus, ſo er in Becky's Pult gefunden hatte. Er zog ein Päckchen Banknoten, die darin lagen, heraus. „Hier ſind ſechshundert,“ ſagte er — „Du wußteſt nicht, daß ich ſo reich war. Dieſes Geld mußt Du der Briggs geben, die es uns gelehnt hat, — und die gegen den Knaben ſo freundlich geweſen iſt — und ich habe mich ſtets geſchämt, daß ich der armen alten Jungfer ihr Geld abgenommen. Und hier iſt noch mehr — ich habe bloß einige Pfund zurückbehalten — die Becky haben kann, damit ſie nicht ganz entblößt iſt.“ Bei dieſen Worten nahm er die übrigen Banknoten, um ſir ſeinem Bruder zu überreichen; allein es zitterten ſeine Hände, und er war dermaßen aufgeregt, daß das Schreibtäfelchen ſeiner Hand entſank, und die Tauſend⸗ pfundnote aus demſelben heraus ſiel, die der lette Gewinnſt der unglücklichen Rebekka geweſen war. — 86 Pitt bückte ſich und hob ſie, über einen ſo großen Reichthum ganz erſtaunt, auf. „Nicht dieſe,“ ſagte Rawdon — „ich hoffe, dem Manne, dem ſie gehort, eine Kugel durch den Leib zu jagen.“ Er hatte ſo bei ſich gedacht, daß es eine artige Rache ſein würde, eine Kugel mit der Banknote zu umwickeln, und Steyne damit zu tödten. Nach dieſer Unterredung ſchüttelten die Brüder ein⸗ ander noch einmal die Hand, und trennten ſich. Lady Jane hatte von der Ankunft des Oberſten ge⸗ hört, und wartete in dem anſtoßenden Speiſeſaale auf ihren Mann, wobei ſie, mit weiblichem Inſtinkte, Unheil ahnte. Zufällig war die Thüre des Speiſeſaales offen geblieben, und die Dame trat natürlich heraus, als die beiden Brüder aus dem Studirzimmer herauskamen. Sie hielt Rawvon die Hand hin, und ſagte, es freue ſie, daß er zum Frühſtücke komme; obgleich ſie an ſeinem verſtör⸗ ten, unraſirten Geſichte, ſowie an dem finſtern Blicke ihres Mannes wohl ſehen konnte, daß ſie nur wenig mit Früh⸗ ſtuͤcksgevanken ſich beſchäftigt hatten. Rawdon murmelte einige Entſchuldigungen, und ſprach von einem Rendezvous, das er Jemand gegeben; ſodann drückte er derb das furchtſame Händchen, das ſeine Schwägerin ihm hinſtreckte. Ihr ſlehendes Auge vermochte in ſeinem Geſichte Nichts als Unheil zu leſen; allein er entfernte ſich, ohne ein weiteres Wort zu ſagen. Auch gab Sir Pitt ihr keine Erklärung. Die Kinder kamen zu ihm her, um ihm einen guten WMorgen zu wünſchen; und er küßte ſie in ſeiner gewoͤhn⸗ lichen kühlen Weiſe. Die Mutter drückte beide an ſich hin, und hielt ein jedes bei der Hand, als ſie zum Ge⸗ bete niederknieten, das Sir Pitt ihnen, ſowie den in ihren Sonntagskleidern oder Livreen auf Stühlen, auf der andern Seite der ziſchenden Theeurne, herumſitzenden Do⸗ meſtiken vorlas. „ — 87 In Folge der eingetretenen Verzoͤgerung wurde an jenem Tage ſo ſpät gefrühſtückt, daß die Kirchenglocken zu läuten anfingen, während ſie noch bei ihrem Mahle ſaßen; und Lady Jane war, wie ſie ſagte, zu unwohl, um in die Kirche gehen zu koͤnnen, obgleich während des ge⸗ meinſamen Morgengebetes ihre Gedanken weit umher ge⸗ ſchweift waren. Mittlerweile war Rawdon Crawley aus Great Gaunt Street fortgerannt, und hatte an den großen, an dem Portale von Gaunt Houſe befinvlichen bronzenen Meduſen⸗ kopf geklopft, und den purpurrothen Silen in rother, ſil⸗ bergeſtickter Weſte, der in dem genannten Palaſte die Stelle eines Portiers verſieht, herausgerufen. Auch dieſer Mann erſchrak über das unordentliche Aeußere des Oberſten, und vertrat ihm den Weg, gleich als befürchtete er, der Andere möchte mit Gewalt einzu⸗ vringen ſuchen. Allein Oberſt Crawley zog bloß eine Karte heraus, und bedeutete ihm, daß er dieſelbe Lord Steyne zu ſchicken, die darauf geſchriebene Avreſſe ſich zu merken, und zu ſagen habe, daß Oberſt Crawley den ganzen Tag, von ein Uhr an, im Regent⸗Club, St. Ja⸗ mes Street — nicht zu Hauſe — anzutreffen wäre. Der dicke Mann ſah ihm mit ſeinem rothen Geſichte ganz erſtaunt nach, als der Oberſt hinwegſchritt; ebenſo auch die in ihren Sonntagskleidern ſteckenden Leute, welche ſchon ſo frühe auf der Straße warenz die Waiſenknaben mit ihren glänzenden Geſichtern; der nachläſfig ſich gegen ſeine Thüre lehnende Gemüſehändler, und der Goſtwirth, der im Sonnenſchein ſeine Fenſterläden ſchloß, weil der Gottesdienſt anfing. Die auf der Fiakerſtation verſam⸗ melten Leute konnten ſich nicht enthalten, über ſein Aus⸗ ſehen zu witzeln, als er dort einen Wagen nahm, und dem Kutſcher befahl, ihn nach der Kaſerne von Knights⸗ bridge zu fahren. Das Geläute und Gebimpel war allgemein, als er an dem genannten Orte ankam. Hätte er ſich umgeſehen, 88 ſo würde er ſeine alte Bekannte, Amalie, auf ihrem Wege von Brompton nach Ruſſell Square erblickt haben. Ganze Haufen von Schulkindern waren auf dem Wege nach der Kirche; das reinliche und glänzende Pflaſter, ſowie die Außenſeiten der Wagen in den Vorſtädten wimmelten von Leuten, die ſich einen vergnügten Sonntag machen woll⸗ ten; allein der Oberſt war viel zu beſchäftigt, um auf dieſe Phänomene zu achten, und ging, bei Knightsbridge angekommen, alsbald in das Zimmer ſeines alten Freun⸗ des und Kameraden, Capitän Maemurdo, hinauf, und Crawley fand ihn zu ſeiner großen Befriedigung in der Kaſerne. Capitän Macmurdo, ein alter Offizier, der auch bei Waterlov gekämpft hatte, und bei ſeinem Regimente un⸗ gemein beliebt war, bei welchem nur der Mangel an Geld ihn verhinderte, ſich zum höchſten Range emporzuſchwingen, lag im Bette, da er an dieſem Vormittage der Ruhe pflegen wollte. Er hatte einem luſtigen Souper ange⸗ wohnt, das am vergangenen Abend der ehrenwerthe Ca⸗ pitän George Cinqbars, in ſeinem Hauſe in Brompton Square, verſchiedenen jungen Offizieren des Regiments, ſowie einer Anzahl von zum Balletcorps gehörenden Damen gegeben hatte; und der alte Mac, der mit Leuten iedes Standes und Alters bekannt war, und mit Generalen, Hundeliebhabern, Operntänzerinnen, Borern, mit einem Worte, mit jeder Art von Menſchen umging, ruhte von ſeinen nächtlichen Strapazen aus, und lag, da er keinen Dienſt hatte, noch im Bette. In ſeinem Zimmer hingen Bilder mit borenden, ja⸗ genden, und tanzenden Figuren herum; er hatte ſie von verſchiedenen Kameraden erhalten, als ſie ihren Abſchied nahmen, ſich verheiratheten, und nun ruhige ehrſame Phi⸗ liſter wurden. Und da er jetzt an die fünfzig war, wo⸗ von er vierundzwanzig beim Corps zugebracht hatte, ſo fand er ſich im Beſitze eines ſonderbaren Muſeums. Er war einer der beſten Schützen in England, und, 89 für einen ſo ſchweren Mann, auch einer der beſten Reiter; in der That waren er und Crawley, als Letzterer noch bei der Armee war, Nebenbuhler geweſen. Kurz und gut, Herr Maemurdo — ein ehrwürdiger Krieger, mit borſtigen, kurz geſchorenen, grauen Haaren, kleinem Kopfe, ſeidener Nachtmütze, rothem Geſichte und rother Naſe, und großem, gefärbtem Schnurrbarte, lag im Bette, und las in „Bell's Leben“ einen Bericht über den von uns weiter oben erwähnten Preiskampf zwiſchen dem Tutbury Pet und dem Barking Butcher. Als Ralpdon dem Capitän ſagte, daß er einen Freund brauche, wußte Letzterer gar gut, welche Freundſchafts⸗ pflicht er zu erfüllen habe. Auch hatte er mit der größ⸗ ten Klugheit und Gewandtheit ſchon Dutzende dergleichen Ehrenſachen für ſeine Bekannten zu Ende geführt. Seine Königliche Hoheit, der vielbetrauerte Oberbefehlshaber, hatte deßhalb für Macmurdo die größte Achtung gehegt; und Letzterer war die gemeinſame Zuflucht von Herren, die ſich in dergleichen Nöthen befanden. „Welches iſt der Grund des Spectakels, Crawley, mein Junge?“ ſprach der alte Krieger. „Hoffentlich keine Spielgeſchichte mehr, wie die, wegen welcher wir Capitän Marker erſchoſſen haben?“ „Der Grund iſt meine — meine Frau,“ antwortete Crawley, die Augen niederſchlagend, und über und über roth werdend. 6 Der Andere ließ einen pfeiſenden Ton hören. „Ich habe immer geſagt, daß ſie Dich über Bord werfen würde,“ hob er an: — „und in der That machte man beim Regimente und in den Clubs Wetten in Be⸗ treff des wahrſcheinlichen Schickſals von Oberſt Crawley, — ſo gering war die Meinung, die deſſen Kameraden und die Welt von dem Charakter ſeiner Frau hegten.“ Als aber Maecmurdo den wilden Blick bemerkte, wo⸗ mit Rawdon den Ausdruck dieſer Meinung beantwortete, 90 zic er es nicht für paſſend, ſich weiter darüber zu ver⸗ breiten. ⸗ „Kann die Sache nicht anders abgemacht werden, alter Knabe?“ fuhr der Kapitän in ernſtem Tone fort. „Iſt es nur Verdacht, weißt Du, oder — oder was iſt es? Briefe? Kannſt Du von der Sache nicht ſchwei⸗ gen? Beſſer, wenn man eine ſolche Geſchichte nicht aus⸗ trompetet, das heißt, ſo lange es halbwegs noch angeht.“ „Schau', ſchau', erſt jetzt entdeckt er das Geheimniß.“ dachte der Capitän hei ſich ſelbſt, und es fielen ihm hun⸗ dert verſchiedene Geſpräche am Offizierstiſche ein, wo an Mrs. Crawley kein guter „Fetzen“ geblieben war. „Gibt nur einen Weg, um aus der Sache heraus⸗ zukommen,“ erwiederte Rawdon; „und für unſer Einen gibt es nur einen Weg, Mac — verſtehſt Du mich? Ich bin aus dem Wege geſchafft, bin arretirt worden — ich habe ſie allein beiſammen gefunden. Ich habe ihm geſagt, daß er ein Lügner und eine Memme ſei, und habe ihn zu Boden geſchlagen und „geklopft.“ „Haſt recht gethan,“ ſagte Maemurdo. „Wer iſt der Mann?“ Rawdon antwortete, daß es Lord Steyne wäre. „Zum Henker! Ein Marquis! Es hat ja geheißen, er — das heißt, Du —“ „Was zum Teufel willſt Du damit ſagen?“ brüllte Rawdon; „willſt Du damit ſagen, Du habeſt einmal die Tugend meiner Frau bezweifeln hören, und habeſt es mir nicht geſagt, Mac?“ „Die Welt bekrittelt gar gern, alter Knabe,“ erwie⸗ derte der Andere. „Was zum Teufel hätte es Dir ge⸗ nützt, wenn ich Dir geſagt hätte, was jeder Narr ſprach?“ „Es war verdammt unfreundſchaftlich von Dir, Mac,“ ſagte Rawvon, ganz niedergebeugt; ſodann bedeckte er ſein Geſicht mit den Händen, und überließ ſich einer Gemüths⸗ bewegung, bei deren Anblick der zähe alte Krieger, der ſich 9¹ ihm gegenüber befand, nicht umhin konnte, vor lauter Sympathie ſich zu krümmen und zu winden. „Muth gefaßt, alter Knabe!“ ſagte er; „ob er ein großer Mann iſt, oder nicht, thut Nichts zur Sache, und wir wollen ihm, Gott verdamme ihn! eine Kugel durch den Leib jagen. Und was die Weiber anlangt, ſo ſind ſie alle ſo.“ „Du weißt nicht, wie lieb ich dieſes da hatte,“ ſprach Rawdon in beinahe unartikulirten Tönen. „Tod und Teufel! Ich bin ihr immer nachgelaufen, wie ein Lakai. Alles, was ich hatte, habe ich für ſie geopfert. Ich bin ein Bettler, weil ich ſie geheirathet habe. Beim Zeus, Sir, ich habe ſogar meine Uhr verſetzt, um ihr Alles zu verſchaffen, was ſie haben wollte: und ſie — ſie hatte für ſich unterdeſſen einen Schatz angelegt, und wollte mir nicht einmal hundert Pfund geben, um mich aus den Händen des Bailiffs zu befreien.“ Sodann erzählte er in grimmiger und unzuſammen⸗ hangender Weiſe, und mit einer Aufregung, die ſein Rath⸗ geber noch nie an ihm zu bemerken Gelegenheit gehabt hatte, Macmurdo die Einzelheiten der Geſchichte. Sein Rathgeber fing hie und da Einiges davon auf. „Am Ende iſt ſie aber vielleicht voch unſchuldig,“ ſprach er. „Sie ſagt es. Steyne iſt ſchon hundert Mal vorher allein bei ihr im Hauſe geweſen.“ „Es iſt möglich,“ ſprach Rawdon traurig, „allein ſonderlich unſchuldig ſieht es gewiß nicht aus.“ Und nun zeigte er dem Capitän die Tauſendpfund⸗ note, die er in Becky's Schreibtafel gefunden hatte. „Dieſe hat er ihr gegeben, Mac,“ fuhr Rawdon fort; „und ſie hat mir Nichts dapon geſagt; und bei ſo viel Geld, das ſie im Hauſe hatte, weigerte ſie ſich, mir bei⸗ zuſtehen, als ich hinter Schloß und Riegel ſaß.“ Der Capitän konnte nicht umhin, zu geſtehen, daß der Umſtand der heimlichen Aufbewahrung des Geldes eine recht garſtige Geſchichte ſei. 92 Während ſie noch mit einander über die Sache ſpra⸗ chen, ſandte Rawdon Capitän Macmurdo's Diener nach Curzon Street ab, mit dem Befehle an ſeinen Domeſtiken, einen Nachtſack mit Kleidern abzugeben, die der Oberſt gar ſehr brauchte. Und während der Diener fort war, ſetzten Rawdon und ſein Sekundant mit vieler Mühe, und vermittelſt des Johnſon'ſchen Woͤrterbuchs, das ihnen ſehr zu Statten kam, einen Brief auf, den der Capitän an Lord Steyne abſchicken ſollte. Capitän Macmurdo gab ſich die Ehre, dem Marguis von Steyne im Namen von Oberſt Rawdon Crawley ſeine Aufwartung zu machen, und deutete an, daß er von dem Oberſten ermächtigt wäre, alle Anordnungen zu der Zu⸗ ſammenkunft zu treffen, die ſeine Lordſchaft ohne Zweifel ſelbſt beantragen würde, und welche die Ereigniſſe des Morgens durchaus unvermeidlich gemacht hätten. Capi⸗ tän Macmurdo erſuchte Lord Stehne auf die hoͤflichſte Weiſe von der Welt, einen Freund bezeichnen zu wollen, mit dem er (Capitän Maecmurdo) das Nöthige beſprechen könnte, und drückte den Wunſch aus, daß die Zuſammen⸗ kunft in ſo kurzer Zeit, wie möglich, Statt finden möchte. In einer Nachſchrift ſagte der Capitän, daß er eine auf eine hohe Summe lautende Banknote in ſeinem Be⸗ ſitze hätte, und daß Oberſt Crawley annehmen zu dürfen glaube, daß dieſelbe ein Eigenthum des Marquls von Steyne ſei. Zu gleicher Zeit drückte er im Namen des Oberſten dus ängſtliche Verlaugen aus, die Note ihrem Eigenthümer zurück zu geben. Bis dieſes Schreiben aufgeſetzt war, kam der Die⸗ ner des Capitäns von ſeiner Sendung nach Oberſt Craw⸗ ley's Hauſe in Curzon Street zurück, allein ohne den Nachtſack und den Koffer, die er hatte bringen ſollen: auch ſah der Diener ſehr verlegen und ſonderbar aus. „Sie wollen ſie mir nicht geben,“ ſagte der Die⸗ ner; „im Hauſe geht Alles darunter und darüber; es iſt ein Mordſpektakel. Oer Hausherr iſt gekommen, und 7 93 hat Alles für ſein Eigenthum erklärt. Die Dienerſchaft trank oben im Salon. Die Domeſtiken ſagten — ſag⸗ ten, Sie hätten ſich mit dem Silbergeſchirr aus dem Staube gemacht, Herr Oberſt —“ Nach einer Pauſe ſetzte der Dienſtbote hinzu; „Schon iſt eine von den Dienerinnen fort. Und Simpſon, der Bediente, lärmte gewaltig, und war beſoffen, und ſagte, vaß Nichts aus dem Hauſe dürfe, bis er ſeinen Lohn vollſtändig erhalten.“ Der Bericht über dieſe kleine Revolution in May Fair verurſachte einiges Staunen, und brachte in eine ſonſt hoͤchſt trübſelige Unterhaltung einige Luſtigkeit. Die beiden Offiziere lachten über Rawdon's Mißgeſchick. „Ich bin nur froh, daß der Kleine nicht daheim iſt,“ ſprach Rawdon, an ſeinen Nägeln herumbeißend. „Kannſt Du Dich nicht mehr erinnern, Mac, wie Du ihn in der Reitſchule ſahſt? Wie gut er ſich auf dem tiiee Pferde hielt? Hielt er ſich nicht gut, e ² „Ja, das that er, alter Knabe,“ ſagte der gut⸗ müthige Capitän. Als dieſes geſprochen wurde, ſaß der kleine Rawdon unter einem halben Hundert mit langen Röcken bekleideter Knaben in der Kapelle der Whitefriars⸗Schule, und dachte nicht an die Predigt, ſondern daran, daß er nächſten Samstag heimkäme, wo ſein Vater ihm ge⸗ wiß etwas Geld ſchenken, und ihn vielleicht in's Theater führen würde. „Er iſt ein famoſer Kerl, der Kleine,“ fuhr der Vater fort, immer noch über ſeinen Sohn nachſinnend. „Ich ſage Dir, Mac, wenn es ſchief geht — — wenn ich falle — ſo würdeſt Du mir einen Gefallen erweiſen, wenn Du — wenn Du ihn beſuchteſt, und ihm ſagteſt, weißt Du, daß ich ihn recht lieb gehabt, und ſo weiter. Und — zum Teufel — alter Burſche, gib ihm dieſe gol⸗ denen Hemdärmelknöpfe; es iſt Alles, was ich habe.“ 94 Hier bedeckte er ſein Geſicht mit ſeinen ſchwarzen Händen, über die Thränen hinabrollten, und weiße Fur⸗ chen zogen. Auch Herr Macmurdo konnte nicht umhin, ſeine ſei⸗ dene Nachtmütze vom Kopfe zu nehmen, und dieſelbe an ſeinen Augen zu reiben. „Geh hinab, und beſtelle das Frühſtück,“ ſagte er zu ſeinem Diener mit lauter, heiterer Stimme. — „Was iſſeſt Du gern, Crawley? Vielleicht gebratene Nieren nebſt einem Häring? — Und Du, Clah, bring' einige Kleider für den Oberſten her: wir ſind ſtets ſo ziemlich von gleicher Größe geweſen, Rawdon, mein Junge, und wir Beide reiten nicht mehr ſo leicht, wie zur Zeit, als wir zum Regimente kamen.“ Alſo ſprechend, kehrte Macmurdo ſich nach der Wand hin, ließ den Oberſten ſich ankleiden, und fuhr fort, „Bell's Leben“ zu leſen, bis ſein Freund mit ſeiner Toi⸗ lette fertig war, und er nun ſelbſt die ſeinige machen konnte. Capitän Maemurdo verwandte ganz beſondere Sorg⸗ falt darauf, da er mit einem Lord zuſammenkommen ſollte. Er wichste ſeinen Schnurrbart ſo lange, bis der⸗ ſelbe eine brillante Politur erreicht hatte, und legte eine dicht anſchließende Cravate, ſowie einezierliche hellgelbe Weſte an: ſo daß ſämmtliche junge Offiziere im Speiſeſaale, wohin Crawley ſeinem Freunde vorangegangen war, Mac, als er zum Frühſtücke herabkam, becomplimentirten, und ihn fragten, ob er an dem nämlichen Sonntage noch cv⸗ pulirt würde. . 95 Fünfundfüntzigſtes Kapitel. Worin das Thema des vorhergehenden Kapitels noch weiter abgehandelt wird. - Becky erholte ſich von dem Zuſtande der Betäubung und Verwirrung, in welchen die Ereigniſſe des verfloſſenen Abends ihren unerſchrockenen Geiſt verſetzt hatten, nicht eher, als bis die Glocken der Kapellen in Curzon Street die Gläubigen zum Nachmittags⸗Gottesdienſte riefen. Da erhob ſie ſich von ihrem Bette, und fing an, an ihrer Klingel zu zerren, um die franzöſiſche Kammerjungfer, die ſie vor einigen Stunden verlaſſen, herbeizucitiren. Mrs. Rawdon Crawley klingelte und klingelte, aber vergebens, und obgleich ſie beim letzten Male ſo heftig zerrte, daß die Schnur der Klingel ihr in den Händen blieb, ſo erſchien doch Mademoiſelle Fifine nicht, — nein, fie erſchien nicht, obgleich ihre Herrin, hoͤchſt aufgebracht, und mit der Klingelſchnur in der Hand, auf den Trep⸗ penabſatz herauskam, wo ſie, während ihr die Haare un⸗ ordentlich auf die Schulter hinabfielen, nach ihrem Mäd⸗ chen ſchrie. Die Wahrheit iſt, daß die Kammerjungfer ſchon ſeit vielen Stunden das Haus verlaſſen, und ſich auf franzo⸗ ſiſche Weiſe verabſchiedet, das heißt, ſich unvermerkt aus dem Staube gemacht hatte. Nachdem Mademoiſelle die im Salon zerſtreut herumliegenden Schmuckſachen aufge⸗ leſen, war ſie in ihr Zimmer hinaufgegangen; hatte dort ihre Koffer gepackt und geſchnürt; hatte für ſich ein Ca⸗ briolet geholt; hatte eigenhändig ihre Koffer herabgeſchafft und, ohne einen von den übrigen Dienſtboten um Hülfe zu bitten (wahrſcheinlich würde dieſe verweigert worden 96 ſein, da Mademoiſelle Fifine herzlich gehaßt wurde), und r Jemand Lebewohl zu ſagen, Curzon Street ver⸗ laſſen. Nach ihrer Anſicht war das Spiel nun in dieſem kleinen häuslichen Etabliſſement vorüber. Fifine fuhr in einem Cabriolet davon, wie ſchon viele hoͤher geſtellte Perſonen ihrer Nation unter ähnlichen Umſtänden ge⸗ than haben; allein vorſichtiger und glücklicher, als dieſe, brachte ſie nicht nur ihr Eigenthum, ſondern auch einen Theil des Eigenthums ihrer Herrin in Sicherheit (wenn man überhaupt ſagen kann, letztere Dame habe irgend Etwas beſeſſen) — und ließ nicht allein die bewußten Schmuckſachen und einige Anzüge, die ihr ſchon längſt außerordentlich gefallen hatten, „mitlaufen,“ ſondern es waren auch viele reich vergoldete Leuchter à la Louis Quatorze, ſechs vergoldete Albums, Keepſakes, und Books of Beauty, eine reich emaillirte Tabaksdoſe, die einſt Madame dü Barri gehört, und das allerliebſte kleine Schreibzeug, ſowie das mit Perlmutter verzierte Löſch⸗ buch, deren Becky ſich bedient hatte, wenn ſie ihre char⸗ manten kleinen roſafarbenen Billets ſchrieb, zugleich mit Mademoiſelle Fifine aus dem Hauſe in Curzon Street verſchwunden; und ebenſo war auch ſämmtliches Silber⸗ geſchirr abhanden gekommen, das auf dem Tiſche gelegen hatte, welcher bei dem kleinen, von Rawdon unterbroche⸗ nen Feſtin gedient hatte, oder hatte dienen ſollen. Die plattir⸗ ten Sachen aber hatte Mademviſelle, wahrſcheinlich als zu ſchwer und zu vielen Raum einnehmend, zurückgelaſ⸗ ſen, was wohl auch der Grund war, weßhalb ſie das Kamingeräthe, die Kamin⸗Spiegel, ſowie das kleine Piano⸗ forte von Roſenholz unangetaſtet ließ. Eine Dame, die ihr ſehr ähnlich war, hatte ſpäter einen Modewaaren⸗Laden in der Rue qu Helder in Paris, wo ſie, eines großen Anſehens, ſowie der Gönner⸗ ſchaft my Lord Steyne's ſich erfreuend, wohnte. 97 Dieſe Perſon ſprach ſtets von England als dem nie⸗ derträchtigſten Lande unter Gottes Sonne, und machte ihre jungen Apprenties darauf aufmerkſam, wie ſie von Eingebornen der vorbenannten Inſel abſcheulich beſtohlen worden wäre (affreusement volée, wie ſie ſich aus⸗ drückte). Ohne Zweifel war es pures Mitleid mit ihrem Unglücke, was den Marquis von Steyne veranlaßte, gegen Madame de Saint Amaranthe ſo ungemein gü⸗ tig zu ſein. Möge es ihr gut gehen! — ſie verdient es; — auf unſerem Theile des Lebensmarktes bekommen wir ſie nicht mehr zu ſehen. Als Mrs. Crawley hörte, wie man unter ihr ſprach, und hin und her ging, warf ſie, empört über die Unver⸗ ſchämtheit der Dienerſchaft, die ſich um ihr Klingeln Nichts kümmerte, ihr Morgenkleid um, und ſtieg majeſtä⸗ tiſch in den Salon hinab, aus dem der Lärm kam. Da ſaß die Köchin mit ihrem geſchwärzten Geſichte auf dem prachtvollen Chintz⸗Sopha neben Mrs. Raggles, der ſie Maraschino einſchenkte. Der Page mit den Zuckerhutknöpfen, der Becky's roſafarbene Billets auszutragen hatte, und mit ſo vieler Behendigkeit um ihren kleinen Wagen herhüpfte, war jetzt damit beſchäftigt, daß er ſeine Finger in ein Rahm⸗ kännchen ſteckte; der Lakai ſchwatzte mit Raggles, der ein jämmerliches, ellenlanges Geſicht machte — und doch war, obgleich die Thüre offen ſtand, und Becky einige Schritte davon wohl ein halb dutzend Mal geſchrien hatte, auch nicht eine Perſon ihrem Rufe gefolgt. „Nehmen Sie doch noch ein Tröpfchen, Mrs. Rag⸗ gles,“ ſagte die Köchin, als Becky in ihrem flatternden, weißen Caſchemir⸗Schlafrocke hereintrat. „Simpſon! Trotter!“ ſchrie die Herrin des Hauſes in großem Zorne. „Wie koͤnnt Ihr es wagen, Euch nicht zu rühren, wenn Ihr mich rufen höret? Wie könnt Ihr es wagen, vor mir ſitzen zu bleiben? We iſt meine Kammerjungfer?“ Der Jahrmarkt des Lebens. W⸗ 7 98 In ſeinem augenblicklichen Schrecken zog der Page die Finger aus dem Munde; allein die Köchin erplenirte ein Glas Maraschinv, von dem Mrs. Raggles nun ge⸗ nug hatte, und ſtierte Becky über das kleine, vergoldete Glas weg an, indem ſie ſich deſſen Inhalt zu Gemüthe führte. Die Flüſſigkeit ſchien der odiöſen Rebellin Muth zu verleihen. „Ihr Sopha, ei, ei!“ rief die Köchin. „Ich ſitze auf Mrs. Raggles' Sopha. Bleiben Sie doch ruhig ſitzen, Mrs. Raggles, Mum. Ich ſitze auf Herrn und Mrs. Raggles' Sopha, das ſie mit ihrem ehrlichen Gelde gekauft haben, und das theuer genug war. Auch denke ich, ich werde, wenn ich mich hier aufpflanze, bis ich meinen Lohn bekomme, hübſch lang zu warten haben, Mrs. Raggles; und hier will ich auch bleiben, — ha, a 1 Hiemit ſchenkte ſie ſich ein anderes Glas von der genannten Flüſſigkeit ein, und leerte es mit einer noch ſcheußlicheren, ſatyriſcheren Miene. „Trotter! Simpſon! werft dieſes beſoffene Menſch hinaus!“ knirſchte Mrs. Crawley. „Das laſſ' ich fein bleiben,“ ſagte Trotter, der La⸗ kai: „Werfen Sie ſie ſelbſt hinaus! Bezahlen Sie uns unſern Lohn, und werfen Sie mich auch hinaus. Wir gehen gewiß ſchnell genug.“ „Wollt Ihr mich Alle inſultiren? ſchrie Becky in Wuth: „ſobald Oberſt Crawley heimkommt, werde Bei dieſen Worten brachen die Domeſtiken in ein wieherndes Gelächter aus, an dem ſich indeſſen Raggles, noch immer überaus trübſelig ausſah, nicht bethei⸗ gte. „Der kommt nicht mehr,“ fuhr Herr Trotter fort. „Er hat nach ſeinen Sachen geſchickt, und ich wollte die⸗ ſelben nicht fortlaſſen, obgleich Herr Raggles ſeine Ein⸗ 99 willigung dazu gab: auch glaube ich, daß er eben ſo we⸗ nig ein Oberſt iſt, als ich. Er iſt fort: und vermuth⸗ lich werden Sie ihm folgen. Ihr Beide ſeid um kein Haar beſſer, als Schwindler. Sie brauchen mir keine Grobheiten zu machen. Ich laſſe mir' nicht gefallen. Bezahlen Sie uns unſern Lohn, ſage ich! Bezahlen Sie uns unſern Lohn!“ Offenbar hatte auch Herr Trotter, nach ſeinem feu⸗ rigen Geſichte und ſeiner mangelhaften Intonation zu ſchließen, zu alcoholartigen, ſtimulirenden Mitteln ſeine Zuflucht genommen. „Herr Raggles,“ ſagte Becky, faſt außer ſich vor Zorn, „Sie werden mich voch nicht von dieſen beſoffenen Menſchen da inſultiren laſſen?“ „Halten Sie doch das Maul, Trotter,“ ſagte Simp⸗ ſon der Page. Die beklagenswerthe Lage ſeiner Herrin ging ihm nämlich zu Herzen, und es gelang ihm, einer heftigen Abläugnung des Beiwortes „beſoffen“ von Seiten des La⸗ kaien vorzubeugen. „Oh, Mam,“ ſagte Raggles, „nie hätte ich mir ein⸗ fallen laſſen, daß ich einen Tag, wie dieſen, erleben würde. Ich habe die Crawley'ſche Familie ſeit meiner Geburt gekannt. Dreißig Jahre lang bin ich bei Miß Crawley Kellermeiſter geweſen; und ich ließ mir nicht träumen, daß ein Glied dieſer Familie mich einmal zu Grunde richten würde — ja, zu Grunde richten würde — ſagte der arme Kerl, mit Thränen in den Augen. „Können Sie mich auch bezahlen? Sie ſind nun vier Jahre in dieſem meinem Hauſe. Ich habe Ihnen mein ganzes Vermögen anvertraut — mein Silbergeſchirr und mein Leinzeug. Sie ſchulden mir allein für Milch und Butter zweihundert Pfund: Sie mußten immer friſche Eier zu Ihren Omelettes und Rahm für ihr Schvoß⸗ hündchen haben.“ „Sie kümmerte ſich nicht darum, was ihr eigenes 100 Fleiſch und Blut hatte,“ fiel die Köchin ein. „Gar oft würde er Hunger gelitten haben, wenn ich nicht ge⸗ weſen wäre.“ „Er iſt jetzt bei den Waiſenknaben, Köchin,“ ſagte Herr Trotter mit einem „Hah, ha,“ aus dem die Trunkenheit ſprach — und der ehrliche Raggles fuhr in lamentablem Tone fort, ſeine Schmerzen aufzuzählen. Alles, was er ſagte, war die pure Wahrheit. Becky und ihr Gatte hatten ihn ruinirt. Er hatte in der folgenden Woche mehrere Wechſel zu bezahlen, und kein Geld dazu. „Er werde,“ ſagte der arme Mann weiter, „vergantet, und aus ſeinem Hauſe und Laden weggejagt werden, weil er der Crawley'ſchen Familie getraut habe.“ Seine Thränen und Wehklagen machten Becky ver⸗ drießlicher, als je. „Ihr Alle ſcheint gegen mich zu ſein,“ ſagte ſie in bitterem Tone. „Was wollt Ihr denn 2 An einem Sonn⸗ tag kann ich Euch nicht bezahlen. Kommt morgen wie⸗ ver, ſo ſollt Ihr Alles bei Heller und Pfennig bekommen. Ich glaubte, Oberſt Crawley habe mit Euch abgerechnet. Er wird es aber gewiß morgen thun. Ich erkläre Euch bei meiner Ehre, daß er heute Morgen mit fünfzehnhun⸗ dert Pfund in ſeiner Brieftaſche weggegangen iſt. Er hat mir Nichts zurückgelaſſen. Wendet Euch an ihn. Ge⸗ bet mir einen Hut und einen Shawl, und laſſet mich ge⸗ hen, und ihn aufſuchen. Es hat heute Morgen einen Streit zwiſchen mir und ihm gegeben. Ihr ſcheint Alle um die Sache zu wiſſen. Ich verſpreche Euch, und gebe Euch mein Wort, daß Ihr Alle Euer Geld bekommen ſollt. Er hat eine gute Anſtellung erhalten. Laſſet mich fort, daß ich ihn aufſuchen kann.“ Dieſes kühne Auftreten verfehlte ſeine Wirkung nicht. Raggles und die andern anweſenden Perſonen ſahen ein⸗ ander an, wie wenn ſie vom Himmel gefallen wären; und nun verließ ſie Rebekka. Sie ging die Treppe hin⸗ auf, und kleidete ſich dießmal ohne die Hülfe ihrer fran⸗ — 5 — 101 zöſiſchen Kammerjungfer an. Sie ging in Rawdon's Zimmer, und ſah dort, daß ein Koffer und ein Reiſeſack gepackt daſtand, und daß anſtatt der Addreſſe mit Blei⸗ ſtift darauf bemerkt war, daß dieſe Gegenſtände abgege⸗ ben werden ſollten, wenn darnach geſchickt würde. So⸗ dann ging ſie in das Dachſtübchen der Franzöſin. Da war aber gründlich aufgeräumt: alle Schränke und Schubladen waren leer. Sie dachte an die Schmuckſa⸗ chen, die ſie auf dem Boden des Salons zurückgelaſſen hatte, und gewann die Ueberzeugung, daß das Kammer⸗ mädchen geflohen ſein müſſe. „Gütiger Himmel, iſt je ſo Etwas erhoͤrt worden? Fit ein Unglück mit dem meinigen zu vergleichen ?“ ſagte ſie; „ſo nahe am Ziele zu ſein, und Alles mit einem Male zu verlieren! Iſt aber Alles vorüber ? Nein, noch habe ich eine Chance.“ Sie kleidete ſich an, und ging, dieſes Mal unbe⸗ läſtigt, aber allein weg. Es war vier Uhr. Schnell eilte ſie über die Straßen hin (ſte hatte keinen Heller, um einen Wagen zu bezahlen) und lief und lief, bis ſie bei Sir Pitt Crawley's Thüre in Great Gaunt Street ankam. Wo war Lady Jane Crawley? Sie war in der Kirche. Becky that das nicht leid. Sir Pitt war in ſeinem Studirzimmer, und hatte den Befehl gegeben, daß er nicht geſtoͤrt werden dürfe. Sie mußte ihn aber ſprechen, und glitt daher an der in der Livree ſteckenden Schildwache pfeilſchnell vorüber, und ſtand in Sir Pitt's Zimmer, ehe noch der erſtaunte Baronet hatte die Zeitung weglegen können. Er erröthete und fuhr mit einem Blicke, worin ſich Unruhe und ſein Entſetzen ausdrückte, vor ihr zurück. „Sehen Sie mich doch nicht ſo an,“ ſprach ſie. „Ich bin nicht ſchuldig, Pitt, lieber Pitt; Sie waren einſt mein Freund. Ich erkläre Ihnen vor Gott, dem Allmächtigen, daß ich unſchuldig bin. Ich ſcheine nur ——— 102 ſchuldig. Alles ſpricht gegen mich. Und ach! in einem ſolchen Augenblicke! Gerade, als alle meine Hoffnungen der Erfüllung nahe waren; gerade, als das Glück uns zu lächeln anfing.“ „So iſt denn das, was ich in der Zeitung leſe, wahr?“ ſprach Pitt, der durch einen darinſtehenden Pa⸗ ragraphen außerordentlich überraſcht worden war. „Es iſt wahr. Lord Steyne hat es mir am Freitag Abends, am Abende jenes fatalen Balles, geſagt. Seit ſechs Monaten hat man ihm eine Anſtellung verſprochen. Herr Maktyr, der an der Spitze des Colonialdepartements ſtehende Miniſter, ſagte ihm geſtern, daß die Ernennung erfolgt wäre. Es kam jene unglückliche Verhaftung da⸗ zwiſchen, — ſowie jenes entſetzliche Zuſammentreffen. Wenn ich mir Etwas vorzuwerfen habe, ſo iſt es nur das, euh i6 für Rawdon zu viel that. Ich habe Lord Steyne wohl hundert Mal vorher allein empfangen. Ich geſtehe s, daß ich Geld hatte, von dem Rawdon Nichts wußte. Allein wiſſen Sie nicht, wie ſchlecht er damit haushält, und durfte ich es ihm anvertrauen?“ Und ſo fuhr ſie fort, eine recht gut combinirte Geſchichte dem verblüfften Verwandten aufzutiſchen. Sie ſagte etwa Folgendes; Sie habe — ſie geſtehe es ganz offen, obgleich auf der andern Seite mit tiefer Zerknirſchung — Lord Stey⸗ ne's große Zuneigung zu ihr (bei dieſen Worten erröthete Pitt) bemerkt, und da ſie ihrer eigenen Tugend ſo gewiß geweſen ſei, den Entſchluß gefaßt, die Anhänglichkeit des großen Pairs für ſich und ihre Familie zu nützen. „Sie, Pitt Jollten die Pairswürde erlangen,“ fuhr ſie fort (der Schwager erröthete abermals). „Wir haben miteinander darüber geſprochen. Ihr großes Talent, ſowie der Ein⸗ fluß Lord Steyne's, machte einen glücklichen Erfolg mehr denn wahrſcheinlich, wäre nicht dieſe entſetzliche Calami⸗ tät dazwiſchen gekommen, um allen unſern Hoffnungen ein Ende zu machen. Allein für's Erſte muß ich ſagen, * 103 daß es meine Abſicht war, meinen lieben Mann aus ſei⸗ ner dermaligen Lage zu befreien, — meinen Mann, den ich trotz ſeiner Mißhandlungen und ſeines Argwohns immer noch liebe, ihn der Armuth und dem Ruin zu entziehen, die uns immer mehr bedrohten. Ich ſah Lord Steyne's große Zuneigung zu mir,“ ſagte ſie, die Augen niederſchlagend. „Ich geſtehe, daß ich Alles, was in meinen Kräften ſtand, that, um ſeine Gunſt, und, ſo⸗ weit dieß eine ehrliche Frau vermag, ſeine — ſeine Ach⸗ tung zu erlangen. Erſt am Morgen des Freitags kam die Rachricht von dem Ableben des Gouverneurs von Coventry Island an, und alsbald verſchaffte my Lord meinem lieben Manne die Stelle. Es war von uns be⸗ abſichtigt, ihn mit ſeiner Ernennung zu überraſchen: — er ſollte ſie heute in den Zeitungen leſen. Selbſt nach der entſetzlichen Verhaftung (deren Koſten Lord Steyne großmüthig bezahlen wollte, ſo daß ich gewiſſermaßen verhindert war, meinem Manne zu Hülfe zu kommen) lachte my Lord mit mir darüber und ſagte, daß mein theuerſter Rawdon ſich getröſtet finden würde, wenn er in dem abſcheulichen Spun— Bailiff'shaus ſeine Ernen⸗ nung durch die Zeitung erführe. Und dann — dannl kam er nach Hauſe. Sein Argwohn war nun einman rege geworden — es fand die fürchterliche Scene zwiſchen my Lord und meinem grauſamen, grauſamen Rawdon Statt, — und, oh, mein Gott! was wird nun geſchehen? Pitt, mein theurer Pitt! Haben Sie Mitleid mit mir, und ſoͤhnen Sie uns wieder aus!“ Und während ſie ſo ſprach, fiel ſie auf die Kniee nieder, brach in Thränen aus, und faßte Pitt's Hand, die ſie leidenſchaftlich küßte. In dieſer Stellung traf Lady Jane, die, aus der Kirche nach Hauſe kommend, bei der Nachricht, daß Mrs. Rawdon Crawley bei ihrem Manne wäre, alsbald auf des Letztern Zimmer ſtürzte, den Baronet und ſeine Schwä⸗ gerin an. 104 „Ich muß ſtaunen, wie vas Weib noch die Frechheit haben mag, dieſes Haus zu betreten,“ ſagte Lady Jane, am ganzen Körper zitternd, und alle ihre Geſichtsfarbe verlierend. (Ihre Ladyſhip hatte gleich nach dem Früh⸗ ſtücke ihre Kammerjungfer abgeſchickt, die mit Raggles und Rawdon Crawiey's Dienerſchaft ſich in Verbindung zu ſetzen hatte, von welchen ſie Alles erfuhr, und noch viel mehr, als ſie wußten, und von welchen ſie ſich dieſe, ſowie noch viele andere Geſchichten erzählen ließ.) „Wie mag Mrs. Crawleh ſich unterſtehen, das Haus einer — einer ehrlichen Familie zu betreten ?“ Sir Pitt fuhr zurück, ganz erſtaunt von dieſer Kraft⸗ entwickelung von Seiten ſeiner Frau. Becky verhartte immer noch in ihrer knienden Stel⸗ lung, und klammerte ſich an Sir Pitt's Hand an. „Sagen Sie ihr doch, daß ſie nicht Alles wiſſe. Sagen Sie ihr, daß ich unſchuldig ſei, lieber Pitt,“ wim⸗ merte ſie heraus. „Bei meiner Ehre, ich glaube, meine Liebe, daß Du Mrs. Crawley Unrecht thuſt,“ ſagte Sir Pitt; und Re⸗ bekka fühlte ſich durch dieſe Worte ungeheuer erleichtert. „In der That glaube ich, daß ſie —“ „Daß ſie was?“ ſchrie Lady Jane, wobei ihre helle Stimme bebte, und ihr Herz heftig ſchlug. „Daß ſie ein gottloſes Weib, eine herzloſe Mutter, eine ungetreue Frau iſt? Rie, nie hat ſie ihren lieben kleinen Knaben gern gehabt: oft hat derſelbe bei mir Zuflucht geſucht, und mir erzählt, wie grauſam ſie ihn behandle. Nie iſt ſie in eine Familie gekommen, ohne daß ſie Alles aufge⸗ boten hätte, Elend und Unglück um ſich her zu verbrei⸗ ten, und die heiligſten Gefühle durch ihre gottloſe Schmeichelei und ihre gottloſen Lügen zu ſchwächen. Sie hat ihren Mann betrogen, wie ſie Jedermann hinter das Licht geführt hat; ihre Seele iſt ganz ſchwarz von Eitel⸗ keit, weltlichem Sinn, und allen Arten von Verbrechen. 105 Ich muß zittern, wenn ich ſie nur anrühre. Meine Kin⸗ der dürfen ibr nicht vor die Augen kommen. Ich — “ „Lady Jane!“ rief Sir Pitt auffahrend, „fürwahr das iſt eine Sprache —“ „Ich bin Dir ſtets ein treues, aufrichtiges Weib ge⸗ weſen, Sir Pitt,“ fuhr Lady Jane unerſchrocken fort; „ich habe das am Altare vor Gott abgelegte Gelübde treu gehalten, und bin gehorſam und ſanftmüthig geweſen, wie es einer Frau ziemt. Allein auch der ſchuldige Ge⸗ horſam hat ſeine Grenzen, und ich erkläre hiemit, daß ich dieſes — dieſes Weib nicht mehr unter meinem Dach dulde: ſobald ſie hier einzieht, ziehe ich mit meinen Kin⸗ dern aus. Sie iſt nicht werth, in der Nähe von Chri⸗ ſtenmenſchen zu ſein. Du — Du mußt zwiſchen ihr und mir wählen.“ Mit dieſen Worten ſchwebte my Lady, von ihrer Kühnheit ſelbſt ganz überraſcht, aus dem Zimmer hinaus, und überließ Rebekka und Sir Pitt ihrem Erſtaunen. Was Becky betrifft, ſo war ſie durch die Worte der Lady Jane nicht beleidigt; im Gegentheil, ſie freute ſich, daß ſie geſprochen wurden. „Das Diamantſchlößchen haben Sie mir gegeben,“ ſagte ſie zu Sir Pitt, indem ſie ihm die Hand hin hielt; und ehe ſie von ihm wegging, (auf welches Ereigniß my Lady Jane ſicherlich am Fenſter ihres im obern Stocke befindllichen Ankleidezimmers wartete), hatte der Baronet ihr verſprochen, daß er ſeinen Bruder aufſuchen, und ſich es angelegen laſſen ſein würde, eine Verſoͤhnung herbeizu⸗ führen. Rawdon fand einige der jungen Offiziere des Regi⸗ ments im Speiſeſaale beim Frühſtücke, und ließ ſich ohne viele Mühe bewegen, an dieſem Mahle, ſowie an den ge⸗ bratenen Hühnerſchlägeln und an dem Sodawaſſer Theil N 106 zu nehmen, womit dieſe jungen Herren ſich ſtärkten. Sodann ſprach man von verſchiedenen Dingen, wie ſie ſich eben für den Tag und ihr Alter ſchickten: von dem nächſten Taubenſchießen in Batterſea, wobei für und ge⸗ gen Roß und Osbaldiſton gewettet wurde; von Made⸗ moiſelle Ariane von der franzöſiſchen Oper, und von wem vieſelbe verlaſſen worden, und wie ſie ſich von Panther Carr wieder hätte troſten laſſen; und endlich von dem Preiskampfe zwiſchen dem Butcher und dem Pet, und von den Wahrſcheinlichkeiten, daß eigentlich keiner der Beiden wirklich Sieger geblieben. Der junge Tandyman, ein ſiebzehnjähriger Held, der ſich keine Mühe verdrießen ließ, einen Schnurrbart zu ziehen, hatte dem Kampfe angewohnt, und ſprach in über⸗ aus wiſſenſchaftlicher Weiſe von demſelben, ſowie vom Zuſtande der beiden Männer. Er war es, der den But⸗ cher in ſeinem Wagen an Ort und Stelle gebracht hatte, und die ganze Nacht, ſo dem Kampfe vorangegangen, mit ihm aufgeblieben war. Wäre Alles ehrlich zugegan⸗ gen, meinte er, ſo hätte ſein Mann gewinnen müſſen. Sämmtliche aite Schlauköpfe des „Rings“ ſeien bei der Sache betheiligt geweſen; und er — Tandyman — werde nicht bezahlen; nein, er wolle verdammt ſein, wenn er bezahle. Erſt vor einem Jahre hatte der junge Fähndrich, der jetzt mit den Praktiken und der Sprache Cribb's ſo vertraut war, noch eine beſondere Paſſion — für allerlei Süßigkeiten (was ihm immer noch ein Bischen nachging); und erſt vor einem Jahre hatte er noch zu Eton regel⸗ mäßig ſeine Bekanntſchaft mit dem Holze der Haſelſtaude und der Birke erneuert. So ſprach man von Tänzerinnen, von Wettkämpfen, vom Trinken, und von Frauen von verdächtigem Rufe, bis Macmurdo erſchien, und ſich den jungen Burſchen und der Converſation anſchloß. Er ſchien nicht der An⸗ ſicht zu ſein, daß ihrer großen Jugend beſondere Achtung 107 gezollt werden müſſe: der alte Kamerad tiſchte Geſchich⸗ ten auf, die ganz ſo ausgeſucht waren, wie nur irgend eine, welche der jüngſte der anweſenden Wüſtlinge in Bereitſchaft hatte; — auch hielten ihn weder ſeine eige⸗ nen grauen Haare, noch ihre glatten Geſichter ab. Der alte Mac war wegen ſeiner famoſen Geſchichten berühmt. Er paßte nicht eben in die Geſellſchaft von Damen, das heißt, ſeine Freunde luden ihn lieber zu ihren Maitreſſen, als zu ihren Müttern ein. Sein Leben gehörte wohl zu den beſcheidenſten; allein er war ganz und gar da⸗ mit zufrieden, und zeigte ſich ſtets gutmüthig und ein⸗ fach, und machte keine großen Anſprüche. Als endlich Mac ein reichliches Frühſtück bemeiſtert hatte, waren auch die meiſten der andern Offiziere mit ihrem Mahle fertig geworden. Der junge Lord Varinas rauchte aus einer koloſſalen Meerſchaumpfeife, während Capitän Hugues ſich mit einer Cigarre zu ſchaffen machte; das heftige Teufelchen Tandyman hatte ſeinen kleinen Rattenfänger zwiſchen den Beinen, und ſpielte mit aller Macht (der Burſche konnte das Spielen nicht loſſen) mit Capitän Deuceace Münze oder Flach um Shillinge. Mac und Rawdon dagegen machten ſich auf den Weg, um in den Club zu gehen, und hatten natürlich Riemanden Etwas von dem Geſchäfte geſagt, das ſie jetzt erledigen wollten. Beide hatten ſich indeſſen ziemlich luſtig bei der Converſation betheiligt; und warum hätten ſie auch dieſelbe ſtören ſollen? Auf dem Jahrmarkte des Lebens iſt ja das Schmauſen, Trinken, Zotenreißen, und Lachen von allen andern Beſchäftiguugen unzertrennlich. Eben ſirömte die Menge aus der Kirche, als Raw⸗ don mit ſeinem Freunde St. James's Street hinabging, und in das Clubhaus trat. Die alten Zierbengel und Stammgäſte, die gewöhn⸗ lich an dem großen vordern Fenſter des Clubhauſes Maul⸗ affen feil haben, und herausgrinſen, ſtanden noch nicht auf ihren Poſten: — das Leſezimmer war faſt noch ganz leer. Es ſaß ein Herr darin, den Rawdon nicht kannte; einem Andern, der gleichfalls da war, war er eine kleine Summe für verlorene Whiſtpartien ſchuldig, und dieſer war ihm natürlich gleichgültig; ein Dritter las am Tiſche den „Royaliſten“ (ein Sonntagsblatt, das wegen ſeiner Skandalſucht und ſeiner Anhänglichkeit an Thron und Altar berühmt iſt), und ſagte, mit einigem Intereſſe zu Crawley aufſchauend; „Crawley, ich gratulire Ihnen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ ſagte der Oberſt. „Es ſteht im „Obſerver“, ſowie auch im „Royali⸗ ſten“, ſagte Herr Smith. „Was?“ rief Rawdon, ganz roth werdend. Er glaubte nämlich die Affaire mit Lord Steyne ſtehe bereits in den Zeitungen. Smith ſah mit Verwun⸗ derung und Lächeln die Aufregung, die der Oberſt an den * legte, als er die Zeitung nahm, und zitternd zu leſen anfing. Herr Smith und Herr Brown (der Herr, mit dem Rawdon noch wegen der Whiſtſchuld in Rechnung ſtand) hatten vom Oberſten geſprochen, ehe derſelbe hereinkam. „Es iſt gerade noch zur rechten Zeit gekommen,“ ſprach Smith. „Ich vermuthe, daß Crawleh auf der ganzen Welt auch nicht einen Shilling mehr hat. „Es iſt ein Wind, der Jedem etwas Gutes bringt,“ ſagte Herr Brown. „Er kann nicht fortgehen, ohne mir einen Pony zu bezahlen, denn er mir noch ſchuldig iſt. „Wie viel beträgt ſein Gehalt?“ fragte Smith. „Zwei bis dreitauſend,“ antwortete der Andere. „Allein das Klima iſt ſo diaboliſch, daß ſie ſich des Ge⸗ haltes nicht lange erfreuen. Liverſeege hat es dort nur achtzehn Monate ausgehalten: und wie ich höre, ſo ging der Vorgänger deſſelben ſogar nach ſechs Wochen mit Tod ab.“ „Man ſagt, ſein Bruder ſei ein recht geſcheidter Mann.“ 109 „Ich habe ihn ſtets als einen verdammten Langweiler erfunden,“ rief Smith aus. „Indeſſen muß er ziemlich viel Einfluß beſitzen. Er muß dem Oberſten die Stelle verſchafft haben.“ „Er!“ ſprach Brown höhniſch — „Bah! — Es iſt Lord Steyne, dem er ſie verdankt.“ „Wie meinen Sie das?“ „Eine tugendhafte Frau iſt eine Krone für ihren Mann,“ ſprach der Andere räthſelhaft, und fing an, ſeine Zeitungen zu leſen. Was Rawdon betrifft, ſo las er im „Royaliſten“ folgenden überraſchenden Paragraphen her: — „Der Gouverneurs⸗Poſten von Coven⸗ try Island: — Seiner Majeſtät Schiff Yellowjack, Capitän Jaunders, hat Briefe und Zeitungen von Co⸗ ventry Island mitgebracht. Se. Erxcellenz, Sir Thomas Liverſeege iſt ein Opfer des zu Swamptown herrſchenden Fiebers geworden. Sein Verluſt wird in der blühenden Colonie ſchwer empfunden. Wie wir horen, ſo iſt die Gouverneursſtelle einem ausgezeichneten Offiziere, der bei Waterloo gekämpft hat, — dem Oberſten Rawdon Craw⸗ ley, C. B., angetragen worden. Wir brauchen nicht allein Männer von anerkannter Tapferkeit, ſondern auch ſolche, die ſo viel adminiſtratives Talent beſitzen, um die Angelegenheiten unſerer Colonien gehörig zu überwachen; auch zweifeln wir gar nicht, daß der vom Miniſterium der Colonialangelegenheiten für den leider erledigten Poſten eines Gouverneurs von Conventry Island auserſehene Herr vorzüglich geeignet iſt, die entſtandene Lücke würdig auszufüllen.“ „Coventry Island! Wo liegt das? Wer hat Dir zu der Gouverneursſtelle verholfen? Du mußt mich als Sekretär mitnehmen, alter Knabe,“ ſprach Capitän Mac⸗ murd lachend. Und während Crawleh und ſein Freund ſo daſaßen, und ſich wunderten, und ſich über der Anzeige den Kopf 1¹⁰ zerbrachen, brachte der Aufwärter des Clubhauſes für den Oberſten eine Karte herein, worauf der Name des Herrn Wenham zu leſen war. Es wünſchte derſelbe den Ober⸗ ſten Crawley zu ſprechen. Der Oberſt ging mit ſeinem Adjutanten zu dem Herrn hinaus, da er ganz richtig vermuthete, daß derſelbe ein Emiſſär Lord Steyne's ſein müſſe. „Wie geht es, Crawley? Freut mich unendlich, Sie zu ſehen,“ ſprach Herr Wenham, überaus freundlich lächelnd, und Crawley's Hand mit vieler Herzlichkeit er⸗ greifend. „Sie kommen wohl im Auftrage von —“ „Ganz richtig,“ ſprach Herr Wenham. „In dieſem Falle muß ich Ihnen meinen Freund, Capitän Macmurdo, von dem grünen Leibgarderegimente, vorſtellen.“ „Ganz charmirt, Capitän Maemurdo kennen zu ler⸗ nen,“ ſagte Herr Wenham, und bedachte den Sekundanten, wie zuvor den Oberſten, mit einem Händedrucke und einem freundlichen Lächeln. Mac ſtreckte einen mit einem hirſchledernen Hand⸗ ſchuhe bewaffneten Finger hin, und machte über ſeine dicht anſchließende Cravate weg Herrn Wenham eine überaus kalte Verbeugung. Vielleicht ärgerte es ihn, daß er es mit einem „Pekin“ zu thun haben ſollte, und dachte, daß es Lord Steyne's Pflicht geweſen wäre, zum Allerwenig⸗ ſten einen Oberſten an ihn abzuſchicken. „Da ich Maecmurdo beauftragt habe, alles Nöthige zu arrangiren, und da er weiß, was ich will,“ ſagte Crawley, „ſo iſt es wohl am Beſten, wenn ich mich ent⸗ ferne, und die beiden Herren beiſammen laſſe.“ „Natürlich,“ ſprach Macmurdo. „Keineswegs, mein lieber Oberſt,“ ſagte Herr Wen⸗ ham; „als ich die Ehre gehabt habe, Sie um eine Un⸗ terredung zu bitten, ſo wollte ich mit Ihnen ſelbſt ſpre⸗ chen, obwohl die Anweſenheit Capitän Macmurdo's mir 11¹ gleichfalls nur ſehr angenehm ſein kann. In der That hoffe ich, Capitän, daß unſere Unteredung nur hoͤchſt an⸗ genehme Reſultate haben werde, — Reſultate, ganz ver⸗ ſchieden von denen, ſo mein Freund, Oberſt Crawley, zu erwarten ſcheint.“ „Hm!“ ſprach Capitän Maecmurdo. — „Zum Kuk⸗ kuk mit den Civiliſten,“ dachte er bei ſich ſelbſt; „Sie wollen eben immer nur die Sachen arrangiren, und recht viel ſchwatzen.“ Herr Wenham aber nahm einen Stuhl, den man ihm nicht angeboten hatte, zog eine Zeitung aus der Taſche, und fuhr alſo fort: — „Sie haben doch wohl heute Morgen die angenehme Nachricht in den Zeitungen geleſen, Oberſt? Die Regie⸗ rung hat einen hochſt würdigen Diener gewonnen, und Sie haben, wenn Sie, wie ich denke, den Poſten anneh⸗ men, ebenfalls Nichts verloren. Ein Einkommen von dreitauſend Pfund per Jahr, ein vortreffliches Klima, ein prächtiger Gouvernementspalaſt, ganz Ihr eigener Herr in der Colonie, und ſichere Beförderung. Ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen. Ich denke, Sie wiſſen, mein Herr, wem mein Freund ſolch ungehofftes Gluck ver⸗ dankt?“ „Ich will mich hängen laſſen, wenn ich's weiß,“ antwortete der Capitän. Der Oberſt dagegen wurde über und über roth. „Er verdankt es dem großmüthigſten und gütigſten aller Menſchen, — einem der größten aller Menſchen, meinem vortrefflichen Freunde, dem Marquis von Steyne.“ „Er mag zur Hölle fahren, und ſeine Stelle behal⸗ ten!“ brummte der Oberſt. „Sie ſind gegen meinen edlen Freund aufgebracht,“ fuhr Herr Wenham in aller Ruhe fort: „und nun ſagen Sie mir doch im Namen des geſunden Menſchenverſtan⸗ des und der Gerechtigkeit, warum?“ „Warum?“ rief Rawdon ganz elſtaunt. 112 „Warum? Gott verdamm' mich!“ ſagte der Capitän, mit ſeinem Stocke heftig auf den Boden ſtoßend. „Ja, ja, Gott verdamm' mich!“ ſprach Herr Wen⸗ ham, mit dem angenehmſten Lächeln von der Welt; „ſehen Sie aber die Sache an, als ein Mann von Welt — als ein ehrlicher Mann, und fragen Sie ſich, ob Sie nicht Unrecht gehabt haben. Sie kommen von einer Reiſe nach Hauſe, und finden — was? — my Lord Steyne, der in Curzon Street, in Ihrem Hauſe, mit Mrs. Crawley zu Nacht ſpeist. Iſt dieß etwa etwas Sonderbares oder Neues? Iſt das nicht wohl ſchon hundert Mal vorher bei ihm vorgekommen? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, und erkläre Ihnen als Gentleman (hier legte Herr Wen⸗ ham mit einer parlamentariſchen Geberde die Hand auf ſeine Weſte), daß ich Ihren Argwohn für monſtrös und völlig unbegründet erachte, und daß Sie damit einem ehrenwerthen Gentleman Unrecht thun, der durch tauſend Wohlthaten bewieſen hat, wie gut er es mit Ihnen meint — davon gar nicht zu reden, daß Sie zu gleicher Zeit einer durchaus fleckenloſen und unſchuldigen Dame ihre Ehre rauben.“ „Sie werden doch nicht ſagen wollen, Crawley — Crawley habe ſich geirrt?“ ſprach Herr Macmurdv. „Ich glaube, daß Mrs. Crawley ſo unſchuldig iſt, wie meine Frau, Mrs. Wenham,“ antwortete Herr Wen⸗ ham mit vieler Energie. „Ich glaube, daß, irregeführt durch eine hölliſche Eiferſucht, mein Freund hier nicht allein gegen einen ſchwachen, hochgeſtellten Greis, ſeinen beſtändigen Freund und Wohlthäter, einen Schlag führt, ſondern auch gegen ſeine Frau, ſeine eigene, theuerſte Ehre, den künftigen Ruf ſeines Sohnes, und ſeine Ausſichten im Leben.“ „Ich will Ihnen ſagen, was ſich zugetragen hat,“ fuhr Herr Wenham mit großer Feierlichkeit fort. „Heute Morgen hat mich Lord Steyne rufen laſſen. Ich habe⸗ ihn in einem erbarmungswürdigen Zuſtande gefundenz und 113 ich brauche es Ihnen, Oberſt Crawley, nicht erſt zu ſagen, welches der Erfolg ſein muß, wenn ein alter, gebrechlicher Mann es mit einer Perſon von Ihrer Stärke aufzuneh⸗ men hat. Ich ſage es Ihnen ins Geſicht: es war ein grauſamer Vortheil, den Sie da aus Ihrer Stärke gezo⸗ gen haben, Oberſt Crawley. Es iſt nicht allein der Körper meines edlen und vortrefflichen Freundes verwun⸗ det worden: — ſein Herz, Sir, ſein Herz hat geblutet. Ein Mann, den er mit Wohlthaten überhäuft, und dem er ſtets Zuneigung bewieſen, hatte ihn aufs Abſcheulichſte mißhandelt. Hat er Ihnen durch die Ernennung, die heute in den Zeitungen zu leſen iſt, nicht abermals bewieſen, daß er es gut mit Ihnen meint? Als ich vieſen Morgen den Marquis ſah, fand ich ihn in einem wahrhaſt er⸗ barmungswürdigen Zuſtande, und nicht minder eifrig, als Sie, darauf bedacht, den Schimpf, den er von Ihnen er⸗ „ litten, im Blute abzuwaſchen. Ste wiſſen hoffentlich, Crawley, daß er Proben ſeines Muthes abgelegt hat? . „An Muth fehlt es ihm nicht,“ ſprach der Oberſt „Es hat noch Niemand geſagt, daß es ihm daran fehle.“ „Das Erſte, was er mich thun hieß, war, daß ich einen Ausforderungsbrief ſchreiben, und denſelben dem Oberſten Crawley überbringen ſolle. „Einer von uns,““ ſagte er, „„muß auf dem Felde liegen bleiben; nach dem was geſtern Abend vorgegangen, iſt es nicht anders möglich.““ Crawley nickte mit dem Kopfe. „Endlich kommen Sie zur Sache, Wenham,“ ſprach er. „Ich habe Alles aufgeboten, um Lord Steyne zu beſänftigen. „„Guter Gott! Sir,““ ſagte ich, „„wie he⸗ daure ich doch, daß Mrs. Wenham und ich die Einladung der Mrs. Crawley zum Souper nicht angenommen haben““ „Sie hat Sie alſo zum Souper eingeladen ?“ fragte Capitän Maecmurdo. Der Jahrmarkt des Lebens. 1v. 8 114, „Nach der Oper. Hier iſt das Einladungs⸗Billet — und warten Sie — nein, es iſt ein anderes Papier — ich glaubte, ich hätte es bei mir; allein es hat das ja Richts auf ſich, und ich verpfände Ihnen mein Ehren⸗ wort darauf, daß dem wirklich ſo iſt. Wären wir ge⸗ kommen — und nur ein heftiges Kopfweh der Mrs. Wen⸗ ham hat uns abgehalten — ſie leidet gar viel an Kopf⸗ ſchmerzen, insbeſondere zur Frühlingszeit — wären wir gekommen, und hätten Sie uns angelroffen, ſo wäre zu keinem Streit, zu keinen Inſulten, zu keinem Verdachte Gelegenheit vorhanden geweſen: — und ſo iſt alſo wirk⸗ lich das Kopfweh meiner armen Frau Schuld, daß zwei Ehrenmänner einander um's Leben bringen wollen, und im Begriffe ſind, zwei der erſten und älteſten Familien des Königreichs in Schande und Kummer zu ſtürzen.“ Herr Maecmurdo ſah den Oberſten mit höchſt verle⸗ gener Miene an: und Rawdon fühlte mit einer Art Wuth, daß ſeine Beute ihm entſchlüpfte. Er glaubte auch nicht ein Wort von der ganzen Geſchichte; und doch, wie wollte er ſie als unwahrſcheinlich hinſtellen, oder gar das Gegentheil beweiſen? Mit demſelben Rednertalente, von dem er im Parla⸗ ſ* ſchon ſo oft Proben abgelegt, fuhr Herr Wenham S „Ich ſaß eine Stunde oder darüber an Lord Steyne's Bett, und bat Lord Steyne flehentlich, ſeine Abſicht, ſich mit Ihnen zu ſchlagen, aufzugeben. Ich wies darauf hin, wie die Umſtände am Ende denn doch verdächtig, — wie dieſeiben wirklich verdächtig wären. Ich gebe zu, daß ein Mann in Ihrer Lage ſich täuſchen konnte — ich ſagte, daß ein vor Eiferſucht ganz wüthender Mann in aller und jeder Hinſicht ein Wahnſinniger wäre, und als ſolcher angeſehen werden müßte — daß ein Duell zwi⸗ ſchen Ihnen Beiden ſämmtlichen Betheiligten zur Unehre gereichen würde — daß ein ſo hoch geſtellter Mann, wie ſeine Lordſchaft, heut zu Tage, wo die abſcheulichſten re⸗ 11⁵5 volutionären Grundſätze, ſowie die gefährlichſten Nivellir⸗ ungstheorieen dem großen Haufen gepredigt würden, kein Recht hätte, ein Aergerniß zu geben; ſowie daß das ge⸗ meine Volk, ſo unſchuldig er immer wäre, in ihm den⸗ noch beharrlich einen Schuldigen erblicken würde. Mit einem Worte, ich bat ihn flehentlich, von der Herausfor⸗ derung abzuſtehen.“ „Von dieſer ganzen Geſchichte glaube ich nicht ein Wort,“ ſagte Rawdon zähneknirſchend. „Sie kommt mir wie eine verdammte Lüge vor, und ich glaube, daß Sie die Hand mit im Spiele haben, Herr Wenham! For⸗ dert er mich nicht, ſo werde ich ihn fordern, beim Zeus!“ Herr Wenham wurde bei dieſer wüthenden Unter⸗ des Oberſten todtenblaß, und ſah nach der Thüre hin. Allein er fand an Capitän Maemurdo einen Kämpen. Dieſer Herr erhob ſich nämlich mit einem Fluche, und machte Rawdon wegen ſeiner Sprache Vorwürfe. „Du haſt die Sache in meine Hände gelegt, und Du ſollſt nur handeln, wie ich es für paſſend erachte, beim Zeus, — nicht, wie Du es für gut findeſt. Du haſt ganz und gar kein Recht, durch eine ſolche Sprache Herrn Wenham zu inſultiren; und Gott verdamme mich! Herr Wenham, Sie können verlangen, daß Ihnen Abbitte ge⸗ than werde. Und was die Herausforderung an Lord Steyne betrifft, ſo magſt Du Dich nach einem Andern umſehen, um dieſelbe zu überbringen; ich für meine Per⸗ ſon überbringe ſie nicht. Wenn my Lord ſeine Prügel einſtecken will, ſo mag er es thun, Gott verdamm' mich! Und was die Affaire — mit Mrs. Crawley betrifft, ſo glaube ich, daß gar Nichts, lediglich gar Nichts bewie⸗ ſen; daß Deine Frau unſchuldig, ſo unſchuldig, wie Herr Wenham ſagt, iſt: und daß Du auf jeden Fall ein ver⸗ 116 dammter Narr ſein würdeſt, wenn Du die Stelle nicht annehmen, und das Maul nicht halten wollteſt.“ „Capitän Macmurdo, Sie ſprechen wie ein verſtän⸗ diger Mann,“ rief Herr Wenham aus, der ſich unendlich erleichtert fühlte. „Ich vergeſſe alle Worte, die von Crawley in augenblicklicher Hitze geſprochen wor⸗ den ſind.“ „Ich dachte mir es wohl, und es iſt recht geſcheidt von Ihnen,“ ſagte Rawdon hoͤhniſch. „Halt' das Maul, du dummer alter Kerl!“ ſprach 3 der Capitän gutmüthig. „Herr Wenham iſt kein Duel⸗ lant, und hat hierin auch vollkommen Recht.“ „Meiner Anſicht nach ſollte die ganze Sache der tiefſten Vergeſſenheit übergeben werden,“ rief der Stey⸗ ne'ſche Emiſſär. „Es ſollte auch nicht ein Wort dar⸗ über in's Publikum dringen, wenn dieſe Thüren ſich hin⸗ ter uns geſchloſſen haben. Ich ſpreche eben ſo gut im Intereſſe meines Freundes, als in dem von Oberſt Craw⸗ ley, der darauf beharrt, mich als ſeinen Feind anzu⸗ ſehen.“ „Vermuthlich wird Lord Steyne nicht viel darüber ſagen,“ ſprach Capitän Macmurdoz „und ich vermag nicht ein⸗ zuſehen, warum wir die Sache unter die Leute bringen ſollten. Die Sache gehört nicht eben zu den ſchönſten, man mag ſie nehmen, wie man will; und je weniger man darüber ſpricht, um ſo beſſer iſt es. Ihr habt ja die Prügel bekommen, nicht wir; und wenn Ihr damit zufrieden ſeid, ſo glaube ich, daß es wir wohl auch ſein können.“ Nun nahm Herr Wenham ſeinen Hut. Capitän Maemurdo aber ging mit ihm nach der Thüre hin, ſchloß dieſe hinter ſich und dem Agenten Lord Steyne's, und ließ den wüthenden Rawdon im Zimmer zurück. Als die beiden Herren draußen waren, blickte Mac⸗ murdo den Steyne'ſchen Abgeſandten ſcharf an, und es lag auf dem runden, derben, jovialen Geſichte des Capi⸗ 117 täns ein Ausdruck, der eher alles Andere verrieth, als einen beſonderen Grad von Achtung. „Sie ſind nicht ſehr difficil, Herr Wenham,“ ſagte er. „Sie ſchmeicheln mir, Capitän Macmurdo,“ antwor⸗ tete der Andere lächelnd. „Ich kann Ihnen jetzt auf Ehre und Gewiſſen wiederholt ſagen, daß Mrs. Crawley uns zum Souper nach der Oper einlud.“ „Natürlich; und Mrs. Wenham war wieder von ihren Kopfſchmerzen befallen. Ich muß Ihnen noch ſa⸗ gen, daß ich hier eine Tauſendpfundnote habe, die ich Ihnen gegen einen Empfangſchein aushändigen werde; ich werde die Note unter Couvert an Lord Steyne adreſſiren. Mein Mann ſoll ſich nicht mit ihm ſchlagen. Das Geld mögen wir indeſſen nicht behalten.“ „Es war Alles purer Irrthum, — purer Irrthum, mein lieber Herr,“ ſagte der Andere, ſich ganz und gar unſchuldig ſtellend. Und Capitän Macmurdo begleitete ihn unter vielen Bücklingen die Stufen des Clubhauſes hinab, als Sir Pitt Crawley heraufkam. Die beiden Herren — Macmurdo und Sir Pitt — kannten einander ein wenig; der Capitän ging daher mit dem Baronet nach dem Zimmer zurück, wo ſich der Oberſt befand, und ſagte dem Erſteren im Vertrauen, daß er den Streit zwiſchen Lord Steyne und dem Oberſten bei⸗ gelegt habe. 8 Natürlich zeigte ſich Sir Pitt über dieſe Nachricht hoch erfreut, und es konnte ſich derſelbe nicht enthalten, ſeinem Bruder in warmen Ausdrücken zu dem friedlichen Ausgange der Sache Glück zu wünſchen, wobei er es an angemeſſenen moraliſchen Bemerkungen über die Uebel des Duellirens, ſowie über die unbefriedigende Natur einer derartigen Satisfaction nicht fehlen ließ. Nach dieſen einleitenden Bemerkungen bot er ſeine ganze Beredſamkeit auf, um zwiſchen Rawdon und deſſen Frau eine Ausſöhnung herbeizuführen. Er berief ſich auf die Angaben Becky's, wies auf die für deren Wahrheit ſprechenden innerlichen Gründe hin, und machte geltend, daß er ſelbſt von der Unſchuld der Frau überzeugt wäre. Allein Rawdon wollte Nichts davon hören. „Seit zehn Jahren hat ſie hinter mir Geld aufge⸗ gehäuſt,“ ſagte er. „Noch in der vergangenen Nacht hat ſie geſchworen, daß ſie von Steyne keines bekommen hätte. Sie wußte, als ich es gefunden, daß nun Alles aus ſei. Wenn ſie nicht ſchuldig iſt, Pitt, ſo iſt ſie ſo wie ſchuldig; und nie mag ich ſie wieder ſehen — nie!“ Sein Kopf ſank auf die Bruſt herab, als er dieſe Worte ſprach; und er ſah ganz darniedergebeugt und traurig aus. „Armer alter Burſche,“ ſagte Maemurdo kopf⸗ ſchüttelnd. * . * Eine Zeitlang widerſtand RawdonCrawley der Idee, eine Stelle anzunehmen, die ihm durch einen ſo odisſen Goͤn⸗ ner verſchafft worden warz auch wollte er den Knaben aus der Schule zurückziehen, in die er durch Lord Steyne's Einfluß aufgenommen worden war. Indeſſen ließ er ſich durch die Bitten ſeines Bruders und Macmurdo's bewe⸗ gen, dieſe Wohlthaten nicht ſo leichtfinnig von der Hand zu weiſen; hauptſächlich aber ließ er ſich vabei von Letz⸗ terem beſtimmen, der ihm bemerklich machte, wie groß die Wuth Steyne's bei dem Gedanken ſehn müſſe, daß er das Glück ſeines Feindes gemacht. Als der Marquis von Steyne nach ſeinem Unfalle wieder ausging, ging der Colonialſekretär unter vielen Bücklingen auf ihn zu, und beglückwünſchte ſich und den Staat darüber, daß ſie an dem Oberſten eine ſo treffliche Acquiſttion gemacht. Dieſe Glückwünſche wurden natür⸗ 1¹9 lich von Lord Steyne mit entſprechender Dankbarkeit aufgenommen. Ueber die Rencontre zwiſchen ihm und Oberſt Crawley wurde, wie Wenham geſagt, das tiefſte Schweigen be⸗ obachtet, das heißt, von den Sekundanten und den beiden Haupitperſonen. Allein noch ehe der Abend vorüber war, wurde die Geſchichte auf dem Markte des Lebens an fünf⸗ zig Tafeln beſprochen. Der kleine Cackleby ſelbſt ging in ſieben verſchiedene Abendgeſellſchaften, und erzählte die Geſchichte überall mit paſſenden Commentaren und Ver⸗ beſſerungen. Wie ſehr war Mrs. Waſhington White darüber entzückt! Die Frau des Biſchofs von Ealing war davon über die Maßen ſkandaliſirt; der Biſchof aber ging an demſelben Tage nach Gaunt Houſe, um ſeinen Namen in das für Beſuchende aufgelegte Buch einzuzeich⸗ nen. Dem kleinen Southdown that das Vorgefallene leid; und ebenſo that' es ſeiner Schweſter Lady Jane leid, ungemein leid, — wir können uns darauf verlaſſen. Lady Southdown theilte die ganze Sache ihrer andern auf dem Cap der guten Hoffnung wohnenden Tochter mit. In der Stadt war wenigſtens drei Tage lang von nichts Anderem die Rede, und wenn die Zeitungen ſchwie⸗ gen, ſo verdankten es die Betreffenden einzig und allein den Bemühungen des Herrn Wagg, der von Herrn Wen⸗ ham einen Wink erhalten hatte, daß die Sache nicht ruch⸗ bar werden dürfe. e Ueber den armen Raggles in Curzon Street fiel ein Schwarm von Bailiffs und Mäklern her, und es wurde derſelbe ausgepfändet. Und wo befand ſich unterdeſſen die bisherige ſchöne Bewohnerin des armen kleinen Hauſes — wo? Wer kümmerte ſich darum? Wer fragte nach ein paar Ta⸗ gen darnach? War fie ſchuldig oder nicht? Wir Alle wiſſen, wie chriſtlich geſinnt die Welt iſt, und wie auf dem Markte des Lebens der Wahrſpruch ausfällt, ſobald ein Zweifel obwaltet. Einige ſagten, ſie 120 wäre nach Neapel gegangen, Lord Steyne nach; während Anbere wieder behaupteten, my Lord hätte dieſe Stadt verlaſſen, und wäre nach Palermo entflohen, ſobald er von Becky's Ankunft gehört. Wieder Andere ſagten, ſie wohne in Bierſtadt, und ſei bei der Königin von Bulga⸗ rien Dame d'Honneur geworden; ſie halte ſich in Bou⸗ logne auf; oder ſie habe in einem Hotel zu Cheltenham eine Zufluchtsſtätte gefunden. Rawdon ſetzte ihr einen ordentlichen Jahrgehalt ausz und wir dürfen uns überzengt halten, daß ſie es ver⸗ ſtand, mit wenigem Gelde weit zu reichen, wie man zu ſagen pflegt. Er würde bei ſeiner Abreiſe von England ſeine Schulden bezahlt haben, wenn es ihm gelungen wäre, bei einer Aſſecuranz⸗Geſellſchaft ſein Leben zu verſichern; allein das Klima von Coventry Jsland war ſo ſchlecht, daß ihm auf ſeinen Jahrgehalt Niemand Geld vorſtrecken wollte. Indeſſen ſchickte er ſeinem Bruder fleißig Moneten, und ſchrieb ſeinem kleinen Knaben regelmäßig mit jeder Poſt. Maecmurdo verſorgte er mit Cigarren, und Lady Jane ſchickte er eine Menge von Muſcheln, Cayenne⸗ Pfeffer, hot pickles *), Guava gelse, und andere Colonialprodukten. Seinem Bruder ſchickte er die „Swamp Town Ga⸗ zette,“ worin der neue Gouverneur mit unendlichem En⸗ thufiasmus gelobt wurde; während der „Swamp Town Sentinel,“ deſſen Frau nicht in den Gouvernementspalaſt eingeladen worden war, erklärte, daß Seine Ercellenz ein Tyrann wäre, gegen den Nero als ein aufgeklärter Philan⸗ trop erſcheinen müßte. Der kleine Rawdon griff gern nach den Zeitungen, und las von Seiner Excellenz. Die Mutter bezeigte nie Luſt, ihr Kind zu ſehen. Rawdy ging an Sonn⸗ und Feiertagen nach Hauſe zu ſeiner Tante; bald kannte er jedes Vogelneſt in und * Starkgewürzte eingemachte Früchte. 121¹ um Queen's Crawley, und ritt mit Sir Huddleſtone's Hunden aus, die er bei ſeinem erſten unvergeßlichen Be⸗ ſuche in Hampſhire ſo ſehr bewundert hatte. 8 Sechsundfüntzigſtes Rapitel. Aus Georgy wird ein Gentleman gemacht. Georgy Osborne fühlte ſich jetzt in dem Hauſe ſei⸗ nes Großvaters in Ruſſell Square ganz heimiſch; er bewohnte das Zimmer ſeines Vaters, und ihm ſollten, als dem rechtmäßigen Erben, einſt alle dortigen Herrlich⸗ keiten zufallen. Sein hübſches Aeußere, ſein ſtattliches Auftreten, und ſeine gentlemanartige Erſcheinung gewannen dem Knaben das Herz des Großvatens. Herr Osborne war auf ihn ſo ſtolz, wie nur je früher auf den älteren George. Das Kind hatte es noch weit beſſer, als einſt ſein Vater. Osborne hatte in den letzten Jahren in ſeinem Handel viel Glück gehabt. In früheren Zeiten war er froh genug geweſen, den älteren George in eine gute Privatſchule aufnehmen laſſen zu konnen; und das Offi⸗ zierspatent, das er für ſeinen Sohn erhalten, war für ihn eine Urſache von nicht wenigem Stolze geweſen: in Betreff des kleinen George und der künftigen Ausſichten deſſelben aber hegte der alte Mann jetzt weit ehrgeizigere Abſichten. „Er wolle aus dem kleinen Kerlchen einen Gentleman machen,“ konnte man Herrn Osborne in Betreff des klei⸗ nen Georgy beſtändig ſagen hören. Schon ſah er ihn im Geiſte auf der Univerſität, im Parlamente, — viel⸗ leicht ſchon als Baronet. 122 Der alte Mann dachte, er würde zufrieden ſterben, wenn es ihm vergönnt wäre, ſeinen Enkel auf dem Wege zu ſolchen Ehren zu ſehen. Die Erziehung des Knaben ſollte nur einem berühmten Lehrer anvertraut werden, — keinem der vielen Charlatans und Windmacher, — bei Leibe nicht! Noch vor wenigen Jahren war er auf Pfaffen, Ge⸗ lehrte, und dergleichen Volk Nichts weniger, als gut zu ſprechen geweſen: — er hatte dieſelben für einen Haufen von Lumpen, Betrügern und Quackſalbern erklärt, die von ihren elenden lateiniſchen und griechiſchen Brocken leben müßten, ſowie für ein Pack hochmüthiger Hunde, die ſich anmaßten, auf britiſche Kaufleute und Gentlemen Iſtolz herabzuſehen, von denen Jeder ein halbes Hundert derſelben auszukaufen im Stande wäre. Jetzt aber beklagte er es in höchſt feierlicher Weiſe, daß ſeine eigene Erzie⸗ hung vernachläßigt worden, und machte in pompöſen An⸗ ſprachen Georgy wiederholt bemerklich, wie nothwendig und vortrefflich claſſiſche Kenntniſſe wären. So voft man bei'n Eſſen ſaß, pflegte der Großvater den Knaben zu fragen, was er den Tag über gelernt, und legte vieles Intereſſe für die Berichte an den Tag, ſo er erhielt: dabei gab er ſich das Ausſehen, als verſtünde er den kleinen George, wenn derſelbe von ſeinen Studien ſprach. Er ließ ſich dabei tauſend arge Verſtöße zu Schulden kommen, und legte ſeine Unwiſſenheit gar oft an den Tag. Natürlich erhöhte ſich dadurch die Achtung des Knaben vor ſeinem Großvater nicht. Gar bald zeigte auch dem Knaben ſein guter Kopf, ſowie eine beſſere Er⸗ ziehung, daß ſein Großvater keiner von den Geſcheidteſten ſei: und er fing daher an, ihm zu befehlen, und auf ihn herabzuſehen; denn ſeine erſte Erziehung, ſo beſcheiden und beſchränkt dieſelbe auch geweſen, hatte aus Georgy einen weit beſſern Gentleman gemacht, als es ſeinem Großvater bei allen ſeinen Plänen möglich war. Er war von einer liebevollen, ſchwachen, und zärtlichen Frau auf⸗ 123 erzogen worden, die keinen andern Stolz kannte, als ihn, und deren Herz ſo rein, deren Betragen ſo ſanft demüthig war, daß ſie nothwendiger Weiſe eine wirkliche Lady ſein mußte. Sie lebte ihren ſtillen, ſanften Pflichten; und wenn ſie nie durch großen Witz glänzte, ſo ſagte oder dachte ſie doch auch nie etwas Boͤſes: arglos und unge⸗ künſtelt, liebevoll und rein — wie konnte da unſere arme kleine Amalie etwas Anderes ſein, als eine wahrhaft edle und gebildete Dame? Der junge Georgy herrſchte über dieſe ſanfte und nachgiebige Natur unbedingt: und der Contraſt, den die Einfachheit und Zartheit derſelben mit dem rohen pom⸗ pöſen Weſen des alten Mannes, mit dem er zunächſt in Berührung kam, bildete, war Schuld, daß er bald auch den Letzteren beherrſchte. Wäre er ein Kronprinz geweſen, man hätte ihm keine höhere Meinung von ſich ſelbſt bei⸗ bringen, und in derſelben erziehen können. Während ſeine Mutter daheim ſich nach ihm ſehnte, und, wie ich glaube, in jeder Stunde des Tages, ſowie während der meiſten Stunden der trübſeligen, einſamen Nächte an ihn dachte, ging dem jungen Herrn Nichts ab: die Freuden und Vergnügungen, aus denen er, ſo zu ſagen, gar nicht hinauskam, ließen ihn ſeines Theiles die Tren⸗ nung von Amalien gar leicht ertragen. Kleine Knaben, die weinen, wenn ſie in eine Schule kommen, weinen, weil ſie an einen ſehr unbehaglichen Ort kommen. Nur äußerſt wenige gibt es, die aus purer Affection weinen. Wenn Du bedenkſt, daß Deine kindlichen Augen ſich beim Anblicke eines Stückes Pfefferkuchen trockneten, und daß ein Rofinenkuchen Dir ein Erſatz für den Schmerz der Trennung von Deiner Mama und Deinen Schweſtern war, — ſo brauchſt Du, o mein Freund und Bruder, auf Deine eigenen feinen Gefühle nicht allzuſehr zu pochen. Maſter George Osborne konnte alſo über alle Be⸗ quemlichkeiten und Genüſſe gebieten, die ein reicher und freigebiger alter Großvater ihm gern verſchaffte. Der 124 Kutſcher erhielt den Auftrag, den hübſcheſten Pony, der um Geld zu haben war, für ihn zu kaufen; und auf die⸗ ſem lernte George reiten, zuerſt in einer Reitſchule, von wo er, nachdem er gezeigt hatte, daß er auch ohne Steig⸗ bügel auf dem Pferde ſich zu halten, und über die Schranke zu ſetzen vermöge, durch den New Road nach dem Re⸗ gent's Park, und von da nach dem Hyde Park geführt wurde, wo er ganz ſtattlich einherritt, während Martin, der Kutſcher, ihm folgte. Der alte Osborne, der jetzt ſich nicht mehr ſo viel in der City aufhielt, da er die Beſorgung der Geſchäfte mehr den jüngeren Compagnons überließ, pflegte mit Miß Osborne gar oft in derſelben faſhionablen Richtung auszufahren. So oft nun da der kleine Georgy mit ſei⸗ ner ſtutzerhaften Miene und mit nach dem Boden zu ge⸗ richteten Hacken herangeſprengt kam, pflegte der Groß⸗ vater die Tante des Jungen mit dem Elbogen zu ſtoßen, und derſelben zu ſagen: „Sieh nur hin, Miß Osborne.“ Und dann pflegte er zu lachen, und pflegte ſein Geſicht vor lauter Freude roth zu werden, wenn er dem Knaben vom Kutſchenfenſter her zunickte, der Groom die Kutſche, und der Lakai Maſter George ſalutirte. Hier warf auch ſeine Tante, Mrs. Frederick Bullock (deren Wagen täglich im Rondell zu ſehen war, ſammt den goldenen Bullen an den Kutſchenſchlägen und am Geſchirre der Pferde, und drei kleinen teigfarbigen Bullocks, die mit Bandſchleifen und Federn bedeckt waren, und aus den Fenſtern hervorſtarrten), — hier, ſage ich, warf auch Mrs. Frederick Bullock dem kleinen Emporkömmling, wenn er, ſtolz wie ein Lord, den Hut auf einem Ohre, und eine Hand in die Seite geſtemmt, an ihr vorbeiritt, Blicke des grimmigſten Haſſes zu. Obgleich Maſter George kaum erſt elf Jahre alt war, ſo trug er doch ſchon Stege an ſeinen Beinkleidern, ſowie die prächtigſten Stiefelchen, ganz nach Art eines Erwachſenen. Er hatte vergoldete Sporen;z ſeine Reit⸗ 12⁵ peitſche hatte einen goldenen Knopfz an ſeinem Hals⸗ tuche war eine ſchöne Vorſtecknadel zu bemerken; und ſeine Hände zierten die netteſten kleinen Glacs⸗Handſchuhe, die Lamb's Conduit Street zu liefern im Stande war. Seine Mutter hatte ihm ein Paar Halstücher gege⸗ ben, und mit vieler Sorgfalt für ihn einige Hemden ge⸗ macht und geſäumt; als aber ihr Eli kam, um die Wittwe zu beſuchen, ſah ſie, daß dieſelben durch weit feinere erſetzt worden waren. Er trug kleine, mit Juwelen beſetzte Knöpfe an den aus Linon beſtehenden Buſenſtücken ſeiner Hemden. Ihre beſcheidenen Geſchenke waren nicht ſchön genug er⸗ funden worden. Wie ich glaube, ſo hatte Miß Osborne dem Knaben des Kutſchers ein Geſchenk damit gemacht. Amalie ſuchte ſich einzubilden, daß ſie mit der Verände⸗ rung zufrieden wäre. Und in der That war ſie auch glücklich und hoch erfreut, als ſie den Knaben ſo ſchoͤn ſah. Sie beſaß eine kleine Silhouette von ihm, die ſie um einen Shilling hatte machen laſſen; und es hing die⸗ ſelbe neben einem andern Porträt über ihrem Bette. Eines Tages kam der Knabe, um ſie, wie gewoͤhn⸗ lich, zu beſuchen: er galoppirte die kleine Straße in Brompton herab, und Alles flog wieder an die Fenſter, um ſeinen Glanz zu bewundern. Bei ſeiner Mutter an⸗ gekommen, zog er mit vielem Eifer und einem trium⸗ phirenden Blicke ein Etui aus ſeinem Ueberrocke — (es war ein netter weißer Rock, mit einer Kaputze und einem Sammtkragen) — zog er ein rothes ſafftanenes Etui hervor, und gab es ihr. „Ich habe es mit meinem eigenen Gelde gekauft, ſagte er. „Ich glaubte, es würde Ihnen ge⸗ allen.“ Amalie oͤffnete das Etui, that einen kleinen Schret, aus dem das Entzücken der Liebe ſprach, faßte den Kna⸗ ben, und umarmte ihn und küßte ihn wohl hundert Mal. Es war ein Miniaturbild von ihrem Gtorgy, und zwar 126 ein recht neit ausgeführtes (obgleich wir uns verſichert halten dürfen, daß es der Wittwe bei Weitem nicht ſchön genug vorkam). Der Großvater hatte ein Porträt ſeines Enkels von einem Künſtler gewünſcht, deſſen an einem Schaufenſter in Southampton Row ausgeſtellte Arbeiten dem alten Herrn als beſonders gelungen aufgefallen waren; und Georgy, der Geld „wie Heu“ hatte, fiel es ein, den Maler zu fragen, wie viel eine Copie des kleinen Porträts koſten würde, wobei er ſagte, daß er es aus ſeinem eigenen Beutel zu bezahlen, und vamit ſeiner Mutter ein Geſchenk zu machen gedächte. Dem Maler gefiel dieſes, und es führte derſelbe die Copie für einen geringen, Preis aus. Selbſt der alte Osborne gab, als er von der Sache hörte, ſeine Zufriedenheit durch Brummen zu erkennen; auch gab er dem Knaben doppelt ſo viele Sovereigns, als er für das Miniaturbild hatte zahlen müſſen. Allein was war die Freude des Großvaters gegen das Entzücken Amaliens? Dieſer Beweis von Liebe, den ihr ihr Sohn gab, bezauberte ſie dermaßen, daß ſie wirk⸗ lich giaubte, es komme auf der ganzen Welt kein Kind dem ihrigen an Güte gleich. Noch lange, lange Wochen darauf machte der Gedanke an ſeine Liebe ſie glücklich. Sie ſchlief beſſer mit dem Porträt unter ihrem Kopfkiſſen; und wie oft, wie oft küßte ſie es, und weinte ſie, und betete ſie über demſelben! Jede kleine Aufmerkſamkeit von Seiten derer, ſo ſie liebten, ſtimmte dieſes furchtſame Herz zum Danke. Seit ihrer Trennung von George hatte ſie keine ſo große Freude mehr erlebt, und hatte ſie ſich nicht mehr ſo getröſtet gefunden. In ſeiner neuen Heimath herrſchte Maſter George unumſchränkt; beim Diner forderte er mit der größten Kaltblütigkeit die Damen zum Trinken aufz auch verſtand er es, ſeinen Champagner in einer Weiſe zu vertilgen, die ſeinen alten Großvater entzückte. voch an,“ pflegte der alte Mann, 127 mit freudeſtrahlendem, purpurrothem Geſichte, ſeinen Nach⸗ bar mit dem Elbogen ſtoßend, zu ſagen; „haben Sie je einen ſolchen Burſchen geſehen? Mein Gott! mein Gott! Nächſtens wird er ſich ein Neceſſair, ſowie Rafirmeſſer kaufen; ich will „Hans“ heißen, wenn er's nicht thut.“ Indeſſen gefielen die Poſſen des Jungen den Freun⸗ den des Herrn Osborne nicht ſo ganz, wie dem alten Herrn. Es machte dem Herrn Juſtice *) Coffin gar keine Freude, Georgy ſich in die Converſation miſchen, und ſeine Geſchichten verderben zu hören. Oberſt Fogey in⸗ tereſſirte es gar nicht, den kleinen Burſchen halb betrunken zu ſehen. Herr Sergeant Toffy's Frau fühlte keine ſon⸗ derliche Dankbarkeit, als er, mit einem Elhogenſtoße, ihr ein Glas Portwein über das gelbe Atlaßkleid ſchüttete, und zu dem Unglücke noch lachte; auch freute es ſie, ob⸗ gleich der alte Osborne davon ganz entzückt war, ebenſo wenig, als Georgy ihren dritten Knaben (einen jungen Herrn, der ein Jahr älter war, als Georgy, und der aus dem Inſtitut des Dr. Tickleus zu Ealing nach Hauſe ge⸗ kommen war, um daſelbſt die Vakanzzeit zuzubringen) in Ruſſell Square durchprügelte. Georgy's Großvater gab dem Jungen ein Paar Sovereigns für dieſe große Waf⸗ fenthat, und verſprach ihm fernere Belohnungen für jeden ihm an Größe und Alter überlegenen Knaben, den er in gleicher Weiſe abfertigen würde. Es iſt ſchwer zu ſagen, was denn der alte Mann an dieſen Kämpfen Gutes ſah; er hatte einen dunkeln Begriff davon, daß Knaben ſich durch ſolche Prügeleien abhärte⸗ ten, und daß es etwas recht Nützlichees für ſie wäre, ſich zu praktiſchen Thrannen heranzubilden. Seit unvordenk⸗ lichen Zeiten iſt die engliſche Jugend alſo erzogen worden, und die Zahl der Vertheidiger und Bewunderer der Un⸗ gerechtigkeit, der Pein, und der Brutalität, wie ſie unter Kindern vorkommen, beläuft ſich bei uns auf Hundert⸗ tauſende. S *) Bichter. 128 Ganz ſtolz auf das ihm geſpendete Lob, und auf ſeinen Sieg über Maſter Toffy, wünſchte George natürlich ſeine Siege weiter zu verfolgen. Eines Tages, als er in der Nähe von St. Pancras in ungemein ſtutzerhaften neuen Kleidern einherſtolzirte, und ein Bäckerjunge ſich erlaubte, über ſein Aeußeres ſarkaſtiſche Commentare zu machen, zog der junge Patri⸗ zier ganz muthig ſeine Jacke aus, und übergab ſie dem Freunde, der ſich gerade bei ihm befand (es war Maſter Todd, von Great Coram Street, Ruſſell Square, und Sohn des jüngern Compagnons des Hauſes Osborne und Comp.), und nun ſuchte Georgy den Bäckerjungen „durch⸗ zuwichſen.“ Allein dieſes Mal war ihm das Kriegsglück nicht ſo ganz günſtig, und der Bäckerjunge „wichste“ Georgy „durch,“ der mit einem fürchterlichen blauen Auge heimkam. Auch ſeine feine Hemdkrauſe war von dem Claret, der aus ſeiner kleinen Naſe gefloſſen war, ganz befleckt. Er er⸗ zählte ſeinem Großvater, wie er ſich mit einem Rieſen in einen Kampf eingelaſſen; und erſchreckte ſeine arme Mut⸗ ter in Brompton mit langen und keineswegs authenti⸗ ſchen Schlachtberichten. Dieſer junge Todd, von Coram Street, Ruſſell Square, war Maſter Georgy's großer Freund und Be⸗ wunderer. Beide malten gern Bilder aus, welche thea⸗ traliſche Scenen vorſtellten; Beide aßen gern Buiscuits und Himbeertorten; Beive ſchliffen und fuhren gern Schlittſchuh auf dem Eiſe in Regent's Park und auf dem Serpentine, wenn das Wetter es erlaubte; Beide gingen gern in's Theater, wohin ſie oft, auf Herr Os⸗ borne's Befehl, von Rowſon, Maſter Georgy's Leibla⸗ kaien, mit dem ſie ſich ganz behaglich in's Parterre ſetz⸗ ten, geführt wurden. In der Geſellſchaft dieſes Herrn beſuchten ſie ſämmt⸗ liche Haupttheater der Metropole, und lernten fie die Namen glier Schauſpieler, von Drurh Lane bis zu Sadler's 129 Wells herab, kennen; auch führten ſie vor der Todd'⸗ ſchen Familie und ihren jugendlichen Freunden gar viele⸗ von den Schauſpielen, mit Weſt's berühmten Figuren, auf ihrem Theater von Pappendeckel auf. Rowſon, der Lakai, der gern den Freigebigen ſpielte, tractirte, wenn er bei Geld war, nach dem Schauſpiele ſeinen jungen Herrn nicht ſelten mit Auſtern und einem Glaſe Rumſhrub, das als Schlaftrunk dienen ſollte. Wir können uns ſo ziemlich verſichert halten, daß auch Row⸗ ſon bei der Freigebigkeit und Dankbarkeit, womit der junge Herr dem Lakaien für die Vergnügungen lohnte, die er ihm verſchaffte, ſeine Rechnung fand. Es wurde ein berühmter Schneider aus dem Weſt End der Metropole — Herr Osborne wollte für den Knaben keinen der Pfuſcher aus der City oder aus Hol⸗ born haben (obgleich ihm ſelbſt ein Schneider aus der City gut genug war) — citirt, um die Perſon des klei⸗ nen Georgy zu ſchmücken; und es wurde dabei dem Klei⸗ derkünſtler bemerkt, daß Nichts geſpart werden dürfe. Herr Woolſey, von Conduit Street, ließ daher ſeiner Phantaſie den Zügel ſchießen, und ſchickte dem Kinde Phantaſiebeinkleider, Phantaſieweſten, und Phantaſiejacken in ſolcher Anzahl, daß man eine ganze Schule voll kleiner Dandies damit hätte kleiden können. Georgy hatte für die Abendgeſellſchaften kleine weiße Weſten, und für die Diners kleine Weſten von geriſſenem Sammt, und, ganz wie ein kleiner Mann, einen allerlieb⸗ ſten Shawl⸗Schlafrock. Jeden Tag kleidete er ſich wie ein „Weſt⸗End⸗Dandy vom reinſten Waſſer,“ wie ſein Großvater bemerkte, zum Diner an; es war ihm ein ei⸗ gener Bedienter beigegeben, der ihm bei ſeiner Toilette Beiſtand leiſten, auf ſein Klingeln herbeieilen, und ihm ſeine Briefe ſtets auf einem ſilbernen Präſentirteller über⸗ bringen mußte. Nach dem Frühſtück pflegte Georgy ſich im Speiſe⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. 1V. 9 130 zimmer in den Armſeſſel zu ſetzen, und, ganz wie ein Erwachſener, die „Morning Poſt“ zu leſen. „Wie trefflich er ſich ſchun auf das Fluchen und Schwören verſteht,“ pflegte die Dienerſchaft, in der Freude über ſeine Frühreife, zu ſagen. Diejenigen, welche ſich ſeines Vaters, des Capitäns, noch erinnerten, erklärten, daß Maſter George „auf und nieder“ wie ſein Vater wäre. Und der Knabe brachte durch ſein lebhaftes, herri⸗ ſches Weſen, ſowie durch ſein Schelten und ſeine Gut⸗ müthigkeit wirklich ungemein viel Leben in das Haus. — ℳ Georgy's Erziehung war einem in der Nähe woh⸗ nenden Gelehrten und Privaterzieher anvertraut, der „junge Edelleute und Gentlemen für die Univerſitäten, den Senat, und die gelehrten Profeſſivnen vorbereitete deſſen Syſtem Nichts von den entwürdigenden körperlichen Strafen kannte, die noch an den aus den alten Zeiten ſtammenden Erziehungsorten angewandt werden, und in deſſen Familie die Schüler verſichert ſein konnten, alle Eleganz der feinen Geſellſchaft, und die liebevolle und vertrauliche Behandlung des elterlichen Hauſes zu fin⸗ den. Auf ſolche Art ſuchte nämlich Seine Ehrwürden Herr Lawrence Veal, von Hart Street, Bloomsbury, und Hauskaplan der Grafen von Bareacres, im Verein mit Mrs. Veal, ſeiner Frau, Schüler anzulocken. Indem der Hauskaplan und ſeine Frau auf dieſe Weiſe fleißig Annoncen erſcheinen und es ſonſt an keinen Bemühungen fehlen ließen, gelang es ihnen gewöhnlich, einige Schüler zu bekommen, die Viel zahlten, und von denen man glaubte, daß ſie ungemein gut verſorgt wären. So bekamen ſie z. B. einen großen Weſtindier, den Nie⸗ mand beſuchte — einen Burſchen mit mahagonifarbenem 131 Geſichte, einem Wollkopfe, und einem ungemein ſtutzer⸗ haften Aeußern. Im Hauſe des Kaplans war ferner ein anderer Burſche von drei und zwanzig Jahren, der im Lernen etwas zurückgeblieben war, und den Herr und Mrs. Veal in die gebildete Welt einführen ſollten. Endlich waren noch zwei Söhne von Oberſt Bangles da, der in Dienſten der oſtindiſchen Compagnie ſtand. Dieſe Vier aßen an Mrs. Veal's feinem Tiſche, als Georgy in ihr Etabliſſement kam. Georgy war, neben etlichen Dutzenden anderer Schü⸗ ler, bloßer Stadtburſche: morgens kam er unter der Aufſicht ſeines Freundes Rowſon, und war das Wetter ſchön, ſo ritt er Nachmittags auf ſeinem Pony weg, wo⸗ bei ihm der Groom folgte. Der Reichthum ſeines Großvaters galt in der Schule für unermeßlich. Seine Ehrwürden, Herr Veal, pflegte Georgy in eigener Perſon veßhalb Complimente, und ihn darauf aufmerkſam zu machen, daß er zu einer hohen Stellung berufen wäre; daß es ihm ziemte, ſich durch Fleiß und Aufmerkſamkeit in ſeiner Jugendzeit. auf die erhabenen Pflichten vorzubereiten, die ſeiner in einem rei⸗ feren Alter warteten; daß der Gehorſam beim Kinde für den erwachſenen Mann die beſte Vorbereitung zum Be⸗ fehlen wäre; und daß er daher George erſuchte, keinerlei Zuckerwerk in die Schule zu bringen, wodurch er nur die Geſundheit der Maſters Bangles ruiniren würde, die an dem eleganten und reich beſetzten Tiſche der Mrs. Veal Alles fänden, was ſie brauchten. Was die Studien betraf, ſo umfaßte das „Curricu⸗ lum,“ wie Herr Veal es zu nennen beliebte, ungeheuer Viel: und es konnten die jungen Herren in Hart Street von jeder bekannten Wiſſenſchaft Etwas profitiren. Seine Ehrwürden, Herr Veal, beſaß ein Planeta⸗ rium, eine Electrifirmaſchine, eine Drehbank, ein Theater (im Waſchhauſe), einen chemiſchen Apparat, und, wie er es nannte, eine ausgewählte Bibliothek, beſtehend aus 132 allen Werken der beſten Autvren aus alten und neuen Zeiten und Sprachen. Er führte die Knaben in das britiſche Muſeum, und ſprach mit ihnen weitläufig über die dort aufgehäuften Antiquitäten und naturhiſtoriſchen Schätze, ſo daß, während er redete, ſich gewöhnlich ein ganzes Auditorium um ihn verſammelte, und ganz Bloomsbury ihn als einen ungeheuer gelehrten Mann an⸗ ſtaunte und bewunderte. Auch bemühte er ſich, ſo oft er ſprach (was er faſt immer that), die ſchönſten und läng⸗ ſten Worte, die im Wörterbuch ſtanden, zur Anwendung zu bringen, da er die ganz richtige Anſicht hatte, daß es nicht mehr koſte, ein ſchönes und ſonores Beiwort zu ge⸗ brauchen, als ſich eines kleinen, gemeinen, lumpigen zu bedienen. So pflegte er z. B. zu George in der Schule zu ſagen: — „Beim Nachhauſegehen von einer genußvollen, ſeien⸗ tifiſchen Abendeonverſation, mit meinem vortrefflichen Freunde, Dr. Bulders, — einem ächten Archäologen, Gentlemen, einem ächten Archäologen — bemerkte ich, daß die Fenſter der beinahe fürſtlichen Wohnung Ihres hochverehrten Großvaters in Ruſſell Square feſtlich illu⸗ minirt waren. Conjecturire ich richtig, wenn ich glaube, daß Herr Osborne geſtern Abend eine Geſellſchaft aus⸗ erwählter Koͤpfe um ſeinen glänzenden Tiſch verſammelt hatte und bewirthete?“ Der kleine Georgy, der vielen Humor hatte, und nntt vieler Dreiſtigkeit und Gewandtheit Herrn Veal vor ſeiner Naſe nachzuäffen pflegte, antwortete dann, daß Herr Veal ganz Recht habe, wenn er ſo Etwas ver⸗ muthe. dieſem Falle wette ich, was man will, Gent⸗ lemen, daß die Freunde, welchen die Ehre zu Theil ward, Herr Osborne's Gaſtfreundſchaft zu genießen, gewiß kei⸗ nen Grund hatten, ſich über das Gaſtmahl, das ihnen aufgetiſcht wurde, zu beklagen. Ich ſelbſt habe mehr, 133 denn ein Mal das Glück gehabt, mit einer ſolchen Ein⸗ ladung beehrt zu werden. (Beiläufig geſagt, Maſter Osborne, Sie ſind heute Morgen etwas ſpät gekommen, und haben ſich in dieſer Beziehung ſchon öfters Uebertre⸗ tungen der Schulordnung zu Schulden kommen laſſen.) Ich ſelbſt, meine Herren, ich ſelbſt bin, ich muß es Ihnen ſagen, trotz meiner beſcheidenen Lebensſtellung nicht unwür⸗ dig erfunden worden, an Herr Osborne'seleganter Hoſpitali⸗ tät Theil zu nehmen. Und obgleich ich ſchon mit den Großen und Vornehmen dieſer Welt zu Tiſche geſeſſen bin, — denn ich glaube, meinen vortrefflichen Freund und Gönner, den ſehr ehrenwerthen George Earl von Bareacres, unter Letztere zählen zu dürfen, — ſo verſichere ich Sie doch, daß der Tiſch des britiſchen Kaufmanns gerade ſo reich und glänzend ſervirt, und ſein Empfang gerade ſo ge⸗ fällig und edel war. „„Herr Bluck, Sir, wir wollen, wenn es Ihnen beliebt, die Stelle im Eutrop noch ein⸗ mal durchgehen, deren Erklärung durch die ſpäte Ankunft Maſter Osborne's unterbrochen wurde.““ Dieſem großen Mann war alſo George's Erziehung fͤr einige Zeit anvertraut. Amalie konnte gar nicht mehr aus ſeinen Phraſen kommen, hielt ihn aber für ein Wun⸗ der von Gelehrſamkeit. Die arme Wittwe befreundete ſich mit Mrs. Veal: ſie hatte dazu ihre eigenen Gründe. Sie war gern in dem Hauſe, um George in die Schule kommen zu ſehen. Sie ließ ſich gern zu Mrs. Veal's Converſazioni einladen, die jeden Monat ein Mal Statt fanden (wie auf den roſafarbenen Karten mit AOHNM ſtand), und wo der Profeſſor ſeine Schüler und deren Freunde mit ſchwachem Thee und ſcientifiſchen Geſprächen regalirte. Die arme Amalie fehlte bei keiner dieſer Feſtlichkei⸗ ten, und erachtete dieſelben für deliciös, ſo lange ſie neben ihrem Georgy ſitzen konnte. Bei jedem Wetter kam ſie zu Fuß von Brompton herein; und ſie küßte Mrs. Veal immer mit thränenvoller Dankbarkeit für den köſtlichen 134 Abend, wenn ſie, nachdem die Geſellſchaft ſich entfernt hatte, und Georgy mit Herrn Rowſon, ſeinem Leibla⸗ kaien, weggegangen war, ihren Mantel und ihren Shawl umlegte, um ſich gleichfalls — aber zu Fuße — nach Hauſe zu begeben. Was die Kenntniſſe betrifft, die Georgy ſich von dieſem wortreichen Lehrer, welchem keine Wiſſenſchaft verborgen war, eingießen ließ, ſo waren ſeine Fortſchritte ſehr bedeutend, wenn man den wöchentlichen Zeugniſſen Glauben ſchenken durfte, die der Junge ſeinem Großva⸗ ter nach Hauſe brachte. Die Namen von einigen Du⸗ tzenden wünſchenswerther Wiſſenſchaftszweige waren auf einer Tabelle aufgeführt, und es wurden die Fortſchritte des Schülers in jedem Zweige von dem Profeſſor no⸗ tirt Im Griechiſchen wurde Georgy für dc0w09, im Lateiniſchen für optimus erklärt; im Franzöſiſchen er⸗ hielt er très bien u. ſ. w.; und am Ende des Jahres bekam Jedermann für alles Mögliche Prämien. Sogar Herr Swartz, der wollköpfige junge Herr, und Halbbru⸗ der der ehrenwerthen Mrs. Mac Mull, und Herr Bluck, der vernachläſſigte, dreiundzwanzig Jahre alte Schüler aus den Ackerbaubezirken, und der träge junge Bruder Liederlich, Maſter Todd, von dem wir ſchon oben geſpro⸗ chen, bekamen kleine Büchelchen, die achtzehn Pence ge⸗ koſtet hatten. Es war darauf das Wort „Athene“ ge⸗ druckt, und der Profeſſor hatte dieſelben vorher eigenhän⸗ dig mit einigen pompöſen lateiniſchen Worten geſchmückt. Die Angehörigen dieſes Maſter Todd ſpielten im Os⸗ borne'ſchen Hauſe die Rolle von Schmarotzern. Der alte Herr hatte Todd, der früher bloßer Commis war, zum jüngern Compagnon ſeines Etabliſſements befördert. Herr Osborne war der Taufpathe des jungen Ma⸗ ſter Todd (der in der Folge ſich auf ſeinen Karten Herr Osborne Todd ſchrieb, und in der Welt der Faſhion ſehr bekannt wurde), während Miß Osborne Miß Maria 135 Todd aus der Taufe gehoben hatte, und ihrer Protegir⸗ ten jährlich ein Gebetbuch, eine Sammlung von Tractät⸗ chen, einen Band ſehr mittelmäßiger, geiſtlicher Geſänge, oder einen ähnlichen Beweis ihrer Güte gab. Miß Os⸗ borne ließ bisweilen die Todd bei ſich, in ihrem Wagen, fahren: war ſie kranf, ſo brachte ihr Lakai, in weiten, kurzen Plüſchhoſen und ditto Weſte, Gelées und Delica⸗ teſſen jeder Art von Ruſſell Square nach Coram Strest. Coram Street blickte wirklich zitternd zu Ruſſell Saquare aufz und Mrs. Todd, die ſehr geſchickt im Aus⸗ ſchneiden von papierenen Verzierungen für Hammelskeu⸗ len war, und recht nette Blumen, Enten u. ſ. w. aus weißen und gelben Rüben machen konnte, pflegte nach dem „Square“, wie man kurzweg ſagte, zu gehen, und bei den mit einem großen Diner verbundenen Vorbereitungen hülfreiche Hand zu leiſten, ohne ſich auch nur einfallen zu laſſen, daß ſie an dem Bankeit Theil nehmen möchte. Fiel dann in der elften Stunde ein Gaſt aus, ſo durfte Todd mitſpeiſen. Mrs. Todd und Maria kamen im Laufe des Abends herüber, ſchlüpften, leiſe klopfend, in's Haus her⸗ ein und befanden ſich im Salon, wenn Miß Ooborne, und die von ihr geleiteten Damen vas genannte Apparte⸗ ment erreichten. Dort ſtanden ſie bereit, um Duette „loszulaſſen,“ und zu ſingen, bis die Herren heraufkamen. Die arme Maria Todd; die arme junge Dame! Wie mußte ſie in der Street ſich an dieſen Duetten und Sonaten abarbeiten, ehe dieſelben im Square vor den Leuten erſcheinen konntenl So ſchien es alſo das Schickſal zu wollen, daß Georgy Jedermann beherrſchen ſollte, mit dem er in Be⸗ rührung kam, und daß Freunde, Verwandte, und Dome⸗ ſiken vor dem kleinen Kerlchen das Knie beugten. Wir müſſen geſtehen, daß der kleine Herr ſich Solches gar gerne gefallen ließ; es iſt ja dieß bei den meiſten Leuten der Fall. Und Georgy ſpielte gern den Herrn, und hatte vielleicht ein angeborenes Talent dazu. 136 In Ruſſell Square fürchtete ſich Jedermann vor Herrn Osborne, und ſeinerſeits fürchtete ſich Herr Os⸗ borne vor Georgy. Das „forſche“ Weſen des Knaben, und ſein leichtes ungenirtes Geplauder über Bücher und Gelehrſamkeit, die Aehnlichkeit mit ſeinem Vater (der un⸗ verſöhnt zu Brüſſel im Grabe lag), erfüllten den alten Herrn mit einer ehrerbietigen Scheu, ad verſchafften dem jungen Burſchen die Oberherrſchaft. Oft fuhr der alte Mann zuſammen, wenn der Junge, ohne es zu wiſſen, irgend eine Familiengeberde oder einen ererbten Ton an⸗ nahm, und bildete ſich ein, daß Georgy's Vater wieder vor ihm ſtünde. Er ſuchte durch Nachſicht gegen den Enkel die gegen den älteren George an den Tag gelegte Härte wieder gut zu machen. Die Leute waren ganz er⸗ ſtaunt über die Sanftmuth, die er gegenüber von dem Knaben bewies. Er brummte und fluchte immer, noch auf Miß Osborne hinein: wenn aber George zu ſpät zum Frühſtücke herabkam, lächelte er bloß. Miß Osborne, Georgy's Tante, war eine verwelkte und verſauerte alte Jungfrau, die eine mehr denn vierzig⸗ jährige Langweile und eine ebenſo lange rohe Behandlung geiſtig total darnieder gedrückt hatten. Für einen Jungen, dem es nicht an Geiſt und Muth fehlte, war es ein Leich⸗ tes, ſie zu bemeiſtern. Und ſo oft Georgy Etwas von ihr haben wollte, von den mit Conſerbe von geſottenem Obſte gefüllten Töpfen in ihren Wandſchränken an, bis zu den geſprungenen und trockenen alten Farben in ihrer Far⸗ benſchachtel herab (es war dieß die alte Farbenſchachtel, deren ſie ſich einſt bedient hatte, als ſie noch bei Herrn Smee Lectionen nahm, und faſt noch jung und blühend war), eignete er ſich ohne Weiteres den Gegenſtand ſeiner Wünſche zu, und nahm, einmal in den Beſitz deſſelben gelangt, keine Notiz mehr von ſeiner Tante. Zu Freunden und Spießgeſellen hatte er einen pom⸗ pöſen alten Schulmeiſter, der ihm ſchmeichelte, und einen Krötenſchlucker, der älter war, als er, den er aber prü⸗ 137 geln konnte. Es war die höchſte Wonne der theuren Mrs. Todd, ihn bei ihrer jüngſten Tochter, Roſa Jemima, ei⸗ nem allerliebſten, acht Jahre alten Kinde, allein zu laſſen. „Das kleine Pärchen ſieht ſo allerliebſt aus,“ pflegte ſie zu ſagen (nicht aber vor den Leuten im „Square“, — darauf können wir uns verlaſſen). — „Wer weiß, was geſchehen kann? Machen ſie nicht ein allerliebſtes kleines Paar?“ dachte die zärtliche Mutter. Der tiefgebeugte alte Großvater von mütterlicher Seite mußte dem kleinen Thrannen ſich gleichfalls fügen. Er konnte nicht umhin, einen Jungen zu reſpectiren, der ſo ſchöne Kleider hatte, und hinter dem ein Groom ein⸗ herritt. Seinerſeits horte Georgy immer nur rohe Schmä⸗ hungen und pöpelhafte Satyren von Herrn Osborne gegen John Sedley ausgehen. Erſterer war immer noch der unbarmherzige alte Feind. Er pflegte den Letztern den alten Armenhäusler, den alten Kohlenmann, den alten Bankerottirer zu nennen, und demſelben noch viele andere ſolche brutale Schimpfnamen zu geben. Wie konnte nun der kleine George einen ſo tiefge⸗ beugten Mann achten ? Der Knabe war einige Monate im Hauſe ſeines Großvaters von väterlicher Seite: da ſtarb Mrs. Sedley. Zwiſchen ihr und dem Kinde hatte nie ein großer Aus⸗ tauſch von Liebe Statt gefunden. Er legte daher auch nicht viel Schmerz an den Tag. Er beſuchte ſeine Mutter in einem ſchönen neuen Trauerkleide, und war recht böſe, daß er nicht in ein Schauſpiel gehen konnte, das er über⸗ aus gern geſehen hätte. „ Die Krankheit der alten Dame hatte Amalie viel beſchäftigt, und war vielleicht ein Glück für dieſelbe ge⸗ weſen. Was wiſſen wir Männer von den hundert tauſend Leiden des weiblichen Geſchlechts? Wir würden geradezu von Sinnen kommen, wenn wir auch nur den hundertſten Theil der tagtäglichen Qualen ertragen müßten, denen ſo 138 viele Frauenzimmer in aller Geduld und Sanftmuth ſich unterwerfen. Endloſe Selaverei, der nie ein Lohn wird; beſtändige Sanftmuth und Freundlichkeit, die ebenſo be⸗ ſtändig nur auf Grauſamkeit ſtößt; Liebe, Arbeit, Ge⸗ duld, Wachſamkeit, die ſich nicht einmal ein gutes Wort anerkannt ſehen: — wie viele von ihnen müſſen nicht Alles dieſes ruhig ertragen, und vor den Leuten mit frohen Geſichtern erſcheinen, gleich als ob ſie Nichts fühl⸗ ten! Zärtliche Sklavinnen, die ſie ſind, müſſen ſie noth⸗ wendig Heuchlerinnen und ſchwach ſein. Amaliens Mutter hatte endlich ihren Armſeſſel mit ihrem Bette vertauſcht, welch' Letzteres ſie nie verließ, und von welchem ſich Mrs. Osborne ſelbſt nie entfernte, ausgenommen, wenn ſie ihren George aufſuchte. Selbſt dieſe ſeltenen Beſuche mißgönnte ihr die alte Damet ſie, die einſt, in den Tagen ihres Glückes, eine freundliche, lächelnde, gutmüthige Mutter geweſen war, die nun aber die Armuth und die Gebrechlichkeit ihres Alters ganz darniedergebeugt hatten. Ihre Krankheit legte Amalien keine Pflichten auf, die ihr zu läſtig erſchienen wären; auch ſtieß ſie ſich an der eingetretenen Entfremdung nicht. Sie ſah ſich im Gegentheil dadurch in den Stand geſetzt, das andere Un⸗ glück, unter dem ſie litt, und über das ſie ſchon deßhalb nicht mehr nachgrübeln konnte, weil die Patientin ſie ſtets in Anſpruch nahm, leichter zu ertragen. Amalie ertrug in aller Sanftmuth die Härte ihrer Mutter; machte das unbehagliche Kiſſen weicher; hatte ſtets für die wachſame, klagende Stimme eine ſanfte Antwort in Bereitſchaft; be⸗ ſänftigte die Leidende mit Worten der Hoffnung, wie ihr frommes, einfältiges Herz ſie am Beſten zu fühlen und auszudrücken vermochte, und drückte endlich die Augen zu, aus denen ihr einſt ſo viele Zärtlichkeit entgegengeblickt hatte. Und nun ließ ſie es ſich angelegen ſein, alle ihre Zärtlichkeit auf den einſamen alten Vater überzutragen, 139 und alle ihre Zeit dazu zu verwenden, daß ſie ihn tröſtete und pflegte. Der Greis war ganz betäubt von dem Schlage, der ihn betroffen, und ſtand nun ganz einſam in der Welt da. Seine Frau, ſeine Ehre, ſein Vermögen, Alles, was ihm am theuerſten geweſen war, war für ihn dahin. Nur Amalie war noch übrig, um dem wankenden alten Manne mit dem gebrochenen Herzen beizuſtehen, und ihn mit ih⸗ ren ſanften Armen zu ſtützen. Wir wollen dieſes hier nicht näher beſchreiben: es würde gar zu traurig und langweilig ſein. Schon ſehe ich die Leute auf dem Jahrmarkte des Lebens darüber gähnen; alſo vorwärts! e Eines Tages, als die jungen Herren in dem Schul⸗ zimmer Seiner Ehrwürden, Herrn Veal's, verſammelt waren, und der Hauskaplan des ſehr ehrenwerthen Grafen von Bareacres in ſeiner gewöhnlichen Weiſe deklamirte, fuyr ein hübſcher Wagen an der mit der Bildſäule der Athene geſchmückten Thüre vor, und es ſtiegen zwei Herren heraus. Die jungen Maſters Bargles rannten auf das Fenſter zu, da ſie dachten, es könnte ihr Vater von Bombay angekommen ſein. Der große drei und zwanzig Jahre alte Schüler, der ſich ingeheim über einer Stelle des Eutrop abquälte, drückte ſeine vernachläßigte Naſe an einer der Fenſterſcheiben platt, und ſchaute den Wagen an, als der Laquais de place von dem Bocke herabſprang, und den Kutſchenſchlag offnete. „Es iſt ein dicker und ein magerer Herr,“ ſprach Herr Bluck, als ſich an der Thüre donnerähnliche Schläge vernehmen ließen. Jedermann war geſpannt, vom Hauskaplane, der der Hoffnung lebte, er würde die Väter von einigen künfligen Schülern zu Geſicht bekommen, bis zu Maſter Georgy 140 herab, dem jeder Vorwand, ſein Buch weglegen zu können, willkommen war. Der Junge in der abgeſchabten, mit trüben kupfernen Knöpfen beſetzten Livree, der ſich ſtets in ſeinen engen Rock warf, um die Thüre zu öffnen, trat in das Schul⸗ zimmer herein, und ſagte: „Zwei Herren wollen Maſter Osborne ſprechen.“ Der Profeſſor hatte zufällig an demſelben Morgen mit dem genannten jungen Herrn einen kleinen Streit ge⸗ habt, der daher rührte, daß Letzterer ſich erlaubt hatte, während der Schulſtunden einige Crackers *) herauszuzie⸗ hen, und zu verzehren. Der Profeſſor hatte in dieſem Stücke die Anſicht des Knaben nicht unbedingt gelten laſſen wollen. Indeſſen nahm ſein Geſicht wieder den ge⸗ wohnten Ausdruck ſanfter Höflichkeit an, als er ſagte: „Maſter Osborne, ich gebe Ihnen volle Erlaubniß, Ihre ſo eben ausgeſtiegenen Freunde zu ſprechenz dabei erſuche ich Sie, denſelben meine und Mrs. Veal's ehrer⸗ bietigſten Complimente zu melden.“ Georgy ging in das Empfangzimmer und ſah zwei Fremde vor ſich, die er in ſeiner gewöhnlichen hochnaſigen Weiſe mit in die Höhe geworfenem Kopfe anſchaute. Einer der Herren war ſehr dick und war beſchnurr⸗ bartet; der Andere war mager und groß, und hatte einen blauen Rock an; ſein Geſicht war gebräunt und ſein Haupt⸗ haar gräulich. „Mein Gott, wie ſehr ſieht er ihm gleich!“ ſprach der hagere Herr, und fuhr dabei zurück. „Kannſt Du errathen, wer wir ſind, George?“ Eine lebhafte Röthe überflog das Geſicht des Knaben, und es funkelten ſeine Augen, wie es gewöhnlich der Fall war, wenn er unter einer Aufregung litt. „Den Andern kenne ich nicht,“ ſprach er; „es will ich aber bedünken, daß Sie kein Anderer, als Major bin ſein können.“ *) Eine Art Zwieback. 141 Und in der That war es auch unſer alter Freund. Seine Stimme erzitterte vor Freude, als er den Knaben grüßte, und zu ſich herzog, indem er die beiden Hände deſſelben faßte. „Deine Mutter hat wohl mit Dir ven mir geſpro⸗ chen — nicht wahr?“ ſagte er. „Ja, das hat ſie,“ antwortete Georgy, „und zwar viele tauſend Male.“ ⸗ Siebenundkünkzigſtes Rapitel. Eothen. Der verſönliche Stolz, worin der alte Osborne ſich ſo ſehr geſiel, hatte gar viele Gründe, und einer derſelben war, daß Sedley, ſein ehemaliger Rival, Freund und Wohlthäter, in ſeinen letzten Tagen ſo ganz und gar ruinirt und gedemüthigt war, daß er aus der Hand des Mannes, von dem er die groͤßten Mißhandlungen und Inſulten erfahren hatte, eine Unterſtützung annehmen mußte. 5 Der glückliche Weltling verwünſchte den alten Bettler, und ließ ihm von Zeit zu Zeit eine Unterſtützung zukom⸗ men. Wenn er Georgy Geld für ſeine Mutter gab, gab er dem Knaben in ſeiner brutalen, rohen Weiſe zu ver⸗ ſtehen, daß ſein Großvater von mütterlicher Seite nichts Anderes, als ein miſerabler alter Bankerottirer und Ab⸗ hängling wäre, ſowie daß John Sedley dem Manne, dem er bereits ſo viel Geld ſchuldete, für die Unterſtützung danken müßte, die deſſen Großmuth ihm jetzt zu Theil werden ließe. 142 George überbrachte die in ſo pompöſer Weiſe geſpen⸗ deten Almoſen ſeiner Mutter und dem tiefgebeugten alten Wittwer, deſſen Pflege und Tröſtung nun das Hauptge⸗ ſchäft ihres Lebens bildete. Der kleine Kerl begönnerte den ſchwachen, total ſchiffbrüchigen alten Mann⸗ Es mag einen Mangel an „angemeſſenem Stolze“ von Seiten Amaliens bewieſen haben, daß ſie ſolche pecu⸗ niäre Unterſtützungen aus den Händen des Feindes ihres Vaters annahm. Allein dieſe arme Dame hatte von einem „angemeſſenen Stolze“ nie ſehr viel gewußt. Ein von Natur einfaches und ſchutzſuchendes Weſen; eine lange Zeit der Armuth und Demüthigung; eine lange Zeit tag⸗ täglicher Entbehrungen und boͤſer Worte; eine lange Zeit freundlicher Dienſtleiſtungen, für die ſie nie einen Erſatz erhielt, war faſt ſeit ihrem Eintritte in das Frauenalter, oder ſeit ihrer unglücklichen Heirath mit George Osborne ſtets ihr Lvos geweſen. Du, der Du Leute, die beſſer ſind, als Du, täglich unter dieſer Schande ſich noch aufrecht erhalten, die Du ſie unter den Schlägen des Schickſals geduldig leiden, ſanft und unbemitleidet, arm, und wegen ihrer Armuth gar verachtet ſiehſt, ſteigſt Du je von der Höhe Deines Glückes herab, um dieſen armen, müden Bettlern die Füße zu waſchen? Schon der Gedanke an dieſe Leute iſt Dir odiös; ſchon der Gedanke an dieſelben erſcheint Dir als gemein. „Es muß einmal verſchiedene Klaſſen geben — es muß einmal Reiche und Arme geben,“ ſpricht Dives, in⸗ dem er ſeinen Claret ſich ſchmecken läßt — (es iſt recht gut, wenn er dem unter ſeinem Fenſter ſitzenden Lazarus auch nur die Ueberbleibſel des Eſſens hinausſchickt). Ganz richtig; allein bedenke doch, wie myſteriös, und wie uner⸗ klärlich oft die Lotterie des Lebens iſt, die dieſem Manne ſſenur und die feine Leinwand, und dem Andern zu Kleidern Lumpen, und zu Tröſtern Hunde gibt. 143 So muß ich denn geſtehen, daß Amalie, nicht nur ohne ſich viel zu härmen, ſondern im Gegentheil mit einem Gefühle, das ſehr nahe an Dankbarkeit hinſtreifte, die Krumen auflas, die ihr Schwiegervater hie und da fallen ließ, und daß ſie damit ihren eigenen Vater ernährte. Sobald ſie einſah, daß ihr Etwas von der Pflicht geboten ſei, lag es im Weſen dieſer jungen Frau (meine Dame, ſie iſt noch nicht über dreißig, und für uns noch in dieſem Alter eine junge Frau) — lag es, ſagen wir, in ihrem Weſen, ſich aufzuopfern, und Alles, was ſie hatte, dem geliebten Gegenſtande vor die Füße zu werfen. Wie viele dankloſe Nächte hindurch hatte ſie ſich für den kleinen Georgy abgearbeitet, während derſelbe noch bei ihr war; welche Schläge des Schickſals, wie viele Verachtung, wie viele Entbehrungen, welche Armuth hatte ſie ſich nicht um ihrer Eltern willen gefallen laſſen! Und bei all' die⸗ ſer einſamen Reſignation, bei all' dieſen Opfern, von denen Niemand Zeuge war, hatte ſie keine höhere Meinung von ſich ſelbſt, und ſah ſie ſich nicht für mehr an, als wofür die Welt ſie anſah; im Gegentheil, ſie dachte, wie ich überzeugt bin, in ihrem Herzen, daß ſie ein feigherziges, armſeliges kleines Geſchöpf ſei, dem es im Leben noch viel zu gut gehe. Ach, ihr armen Frauen! O, ihr armen geheimen Opfer und Märtyrerinnen, deren Leben eine lange Qual iſt; die ihr in euren Schlafzimmern auf der Folterbank liegt, und die ihr täglich am Salontiſche eure Köpfe auf den Block legt; Jeder, der eure Schmerzen beobachtet, oder in die dunkeln Orte hineinlugt, wo ihr auf die Folter geſpannt werdet, muß euch bemitleiden — und — und Gott danken, daß ihn die Natur mit einem Barte be⸗ ſchenkt hat! Ich erinnere mich noch, daß ich, vor vielen Jahren, im Irrenhauſe von Bicétre bei Paris einen armen Men⸗ ſchen ſah, der von ſeiner langen Einkerkerung und ſeiner Gebrechlichkeit ganz darnieder gebeugt war⸗ 144 Jeder von uns gab ihm in einer papierenen Düte für einen halben Kreuzer Schnupftabak. Dieſe freund⸗ liche Aufmerkſamkeit war für das arme epileptiſche Ge⸗ ſchoͤpf zu viel. Der Mann war vor Wonne und Dank⸗ barkeit ſo außer ſich, daß er in Thränen ausbrach. Gäbe Jemand Dir oder mir eine jährliche Rente von tauſend Pfund, oder rettete Jemand uns das Leben, ſo könnten wir nicht ſo tief gerührt ſein. Und ebenſo wirſt Du, wenn Du ein Frauenzimmer recht tyrannifirſt, finden, daß für einen halben Kreuzer Freundlichkeit auf ſie die Wirkung hervorbringt, und ihre Augen mit Thränen füllt, als wäreſt Du ein Engel, der ſie mit Wohlthaten überhäuft. Solcher Art waren die beſten Gaben, womit das Glück die kleine arme Amalie erfreute. Ihr Leben, das nicht unglücklich begonnen hatte, war allmählig zu einem gemeinen Kerker, und zu einer langen unwürdigen Skla⸗ verei herabgeſunken. Der kleine George ſuchte ſie bis⸗ weilen in ihrem Gefängniſſe auf, und ließ in daſſelbe einige ſchwache Schimmer des Troſtes und der Aufmun⸗ terung fallen. Ruſſell Square war die Grenze ihres Kerkers: ſie konnte bisweilen dahin gehen, fand ſich aber Abends ſtets wieder in ihrer Zelle ein, um darin zu ſchlafen; um freudenloſe Pflichten zu erfüllen; um an Krankenbetten zu wachen, wofür ihr kein Dank ward; um den Lebens überdruß und die Tyrannei des ſtets kla⸗ genden, um alle Lebenshoffnungen betrogenen hohen Alters zu ertragen. Wie viele tauſend Menſchen, und zwar meiſtentheils Frauen, gibt es, die vom Schickſal zu dieſer langen Skla⸗ verei verurtheilt ſind ? — die ſich zu Wärterinnen in Hoſpitälern hergeben, ohne dafür einen Lohn zu heiſchen, wenn man ſie ſo nennen will, barmherzige Schwe⸗ ne die Romantik und das Gefühl der Aufopfe⸗ ſt rung ſind, — die unbemitleidet ſich abmühen, faſten, wa⸗ chen und leiden. 145 Der geheimen und ehrfurchterregenden Weisheit, welche die Schickſale der Menſchen beſtimmt, gefällt es, die Zärtlichen, Guten, und Weiſen alſo zu demüthigen und zu erniedrigen; und die Selbſtſüchtigen, die Thörich⸗ ten, die Gottloſen zu erhöhen. Oh, ſei demüthig in Deinem Glücke, mein Bruver! Sei ſanftmüthig gegen die, die nicht ſo glücklich ſind, wenn ſie es vielleicht auch mehr verdienen. Bedenke doch, ob Du ein Recht haſt, Andere zu verachten, Du, deſſen Tugend nur in einem Mangel an Verſuchung ihren Grund hat, Du, deſſen Glück ein Werk des Zufalls ſein kann; Du, Der Du Deine Stellung vielleicht einem Ahnen verdankſt; Du, deſſen Weltglück höchſt wahrſcheinlich eine Satyre iſt! — & * Amaliens Mutter wurde auf dem Kirchhofe von Brompton begraben, und der Begräbnißtag war gerade wieder ein ſo regnichter, finſterer Tag, wie der, an dem Amalie ſich vort eingefunden hatte, um ſich mit George trauen zu laſſen. Amalie konnte ſich dieſes Umſtandes noch gar gut erinnern. Ihr kleiner Knabe ſaß in pracht⸗ voller neuer Trauerkleidung neben ihr. Sie erkannte auch die alte Kirchenſtuhlöffnerin, ſowie den Küſter wie⸗ der. Ihre Gedanken waren andern Zeiten zugekehrt, als der Pfarrer das Todten⸗Gebet ablas. Hätte ſie nicht Georgy's Hand in der ihrigen gehalten, ſo hätte ſie viel⸗ leicht gern ihren Platz vertauſcht mit „. Dann ſchämte ſie ſich, wie gewöhnlich, ihrer ſelbſt⸗ ſüchtigen Gedanken, und betete inbrünſtig zu Gott, daß er ihr die nöthige Stärke verleihen möchte, ihre Pflicht zu erfüllen. Siefaßte daher den Entſchluß, alle ihre Kraft und Stärke aufzubieten, um ihren alten Vater glücklich zu machen. Sie arbeitete, wie eine Sklavin, plackte ſich, flickte, beſ⸗ ſerte aus, ſang, und ſpielte Puff, las die Zeitung von Der Jahrmarkt des Lebens. 1v. 10 146 Anfang bis zu Ende, kochte dem alten Sedley feine Sa⸗ chen, führte ihn fleißig aus, nach den Kenſington Gar⸗ dens oder den Brompion Lanes, hörte mit unermüvlichem Lächeln und liebevoller Heuchelei ſeinen Geſchichten zu, oder ſetzte ſich ſinnend, und ihre eigenen Gedanken und Er⸗ innerungen verfolgend, zu dem alten Manne hin, wenn derſelbe, ſchwach und jammernd, ſich auf den Gartenbän⸗ ken ſonnte, und von dem erlittenen Unrecht oder ſeinen Kümmerniſſen ſprach. Wie trübe, unbefriedigend waren da die Gedanken der Wittwe! Die Kinder, welche in den Gärten die Ab⸗ hänge und breiten Wege hinauf⸗ und hinabliefen, erinner⸗ ten ſie an ihren George, — an George, der ihr ent⸗ riſſen worden; ebenſo war ihr auch der erſte George ge⸗ nommen worden: ihre ſelbſtſüchtige, ſündhaſte Liebe war in beiden Fällen gerügt und empfindlich geſtraft worden. Sie bemühte ſich, zu denken, daß dieſe Strafen ihr ge⸗ bührten. Sie ſei eine ſo elende, gottloſe Sünderin. Sie ſtehe ganz allein in der Welt da. Ich weiß, daß ein Bericht über ein ſolches einſames Leben und über eine ſolche Einkerkerung unausſtehlich langwei⸗ lig iſt, wenn nicht irgend ein heiterer oder humoriſtiſcher Vorfall hereingezogen wird, um demſelben einiges Leben zu verleihen: — . B. ein zärtlicher Kerkermeiſter, oder ein ſchalkhafter Feſtungscommandant, oder eine Maus, die herauskommt, und an Latüde's Bart herumzerrt, oder ein unterirdiſcher Gang unter dem Schloſſe, der von Trenk mit ſeinen Nägeln und einem Zahnſtocher gegraben wird. — Der Geſchichtſchreiber aber hat in der Erzäh⸗ lung von Amaliens Gefangenſchaft Nichts zu berichten, wodurch dieſelbe an Intereſſe gewänne. Wir müſſen ſie uns während dieſer Zeit als ſehr traurig vorſtellen: dabei hat ſie jedoch ſtets ein Lächeln auf dem Munde, wenn man mit ihr ſpricht: ſie befindet ſich in einer ſehr niedrigen, armen, um nicht zu ſagen, puigären Lebensſtellung; ſie fingt Lieder, macht Puddings, 147 ſpielt Karten, flickt Strümpfe, — Alles zum Beſten ihres alten Vaters. Mag ſie daher eine Heldin ſein oder nicht; oder moͤgen wir, Du und ich, noch ſo alt, zänkiſch und bankerott ſein; es thut hier Nichts zur Sache: — moͤgen wir nur in unſern letzten Tagen eine freundliche, ſanfte Schulter finden, auf die wir uns ſtützen können, und eine zarte Hand, welche die Kiſſen, worauf wir un⸗ ſere alten, von Podagra geplagten Glieder legen, weich zu machen im Stande iſt! Nach dem Tode ſeiner Frau faßte der alte Sedley ungemein viel Zuneigung zu ſeiner Tochter; und Amalie fand ihren Troſt in dem Bewußtſein, daß ſie ihrer Pflicht gegen den Greis nachkomme. Allein wir wollen dieſe beiden Leute nicht lange in elner ſo niedrigen und armſeligen Lebensſtellung laſſen. Beider warteten beſſere Tage, inſofern man darunter das Weltglück verſtehen will. Vielleicht hat der ſcharfſinnige Leſer bereits errathen, wer der wohlbeleibte Herr war, der mit unſerem giten Freunde, Major Dobbin, Georgy in ſeiner Schule auf⸗ ſuchte. Es war ein anderer, alter Bekannter, der nach England zurückgekehrt war, und zwar zu einer Zeit, wo ſeine Anweſenheit ſeinen dortigen Verwandten, wahrſchein⸗ lich nicht wenig zum Troſte gereichte. Es war Major Dobbin nicht ſchwer geworden, von ſeinem gutmüthigen Commandanten die Erlaubniß zu er⸗ halten, in dringenden Privatangelegenheiten nach Madras, und von da wahrſcheinlich nach Europa reiſen zu dürfen. Tag und Nacht reiste der Major, bis er das Ziel ſeiner Reiſe erreichte; er hatte ſo große Eile gehabt, daß er im heftigſten Fieber zu Mapras anlangte. Die Diener, die ihn begleiteten, brachten ihn in das Haus eines Freundes, wo er beſchloſſen hatte, bis zu ſeiner Abreiſe nach Europa zu bleiben. Der Major de⸗ lirirte; und viele Tage lang hindurch glaubte man, daß er nicht mehr weiter kommen würde, als bis auf den Kirch⸗ 11 148 hof in der Nähe der St. Georg's Kirche, wo die Trup⸗ pen über ſeinem Grabe eine Salve geben würden, und wo gar mancher tapfere Offizier, fern von den Seinigen, ruht. Während der arme Burſche hier in ſeinem Fieber ſich hin⸗ und herwälzte, konnten ſeine Wärter ihn von Amalien phantaſiren hören. Der Gedanke, daß er ſie nie wieder zu Geſicht bekommen würde, drückte ihn in ſeinen lichten Stunden darnieder. Er glaubte, ſein letzter Tag ſei gekommen, und traf die feierlichſten Anſtalten zum Scheiden, indem er ſeine zeitlichen Angelegenheiten noch in Ordnung brachte, und das kleine Vermögen, das er beſaß, denen hinterließ, denen er am meiſten Gutes zu thun wünſchte. Der Freund, in deſſen Hauſe er Auf⸗ nahme gefunden hatte, unterſchrieb ſein Teſtament als Zeuge. Er wünſchte mit einer kleinen braunen Haar⸗ ſchnur begraben zu werden, die er am Halſe trug, und die er, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, von Ama⸗ liens Kammerjungfer zu Brüſſel bekommen hatte, als während des Fiebers, an dem, nach dem Tode George Osborne's auf dem Plateau von Mont St. Jean, die junge Wittwe darnieder lag, der Letzteren das Haar ab⸗ geſchnitten wurde. Er genas und erholte ſich wieder, hatte aber bald dar⸗ auf wieder einen Rückfall, und mußte, während der Zeit ſeiner Krankheit, durch Aderläſſen ſo viel Blut verlieren, und mußte ſo viel Calomel ſchlucken, daß ſeine ſtarke Conſtitution dazu gehörte, um nicht Allem Dieſem zu unterliegen. Er war nur noch Haut und Bein, als man ihn an Bord des Ramchunder brachte, eines Oſtindienfahrers, der, von Capitän Bragg geführt, von Calcutta zu Ma⸗ dras angelangt war, um von dort die Reiſe nach Europa fortzuſetzen. Und ſo ſchwach und entkräftet war der Ma⸗ jor, daß ſein Freund, der ihn während ſeiner Krankheit gepflegt hatte, prophezeite, der ehrliche William würde die Reiſe nimmermehr überleben, und eines ſchoͤnen Mor⸗ . Wcü 149 gens, in eine Flagge und eine Hängmatte gewickelt, über Bord wandern, und in das Meer die Reliquie mit hinab⸗ nehmen, die er auf ſeinem Herzen trug. Allein ſei es, daß die Seeluft, oder daß die neue auflebende Hoffnung ihn ſtärkte, — von dem Tage an, wo das Schiff ſeine Segel entfaltete, und in die See ſtach, um der theuren Heimath zuzuſteuern, ging es mit der Geſundheit unſeres Freundes allmählig beſſer, und, ehe ſie das Cap erreichten, befand er ſich ganz wohl, (obgleich er ſo vürr war, wie ein Windhund.) „Dieſes Mol wird Kirk noch nicht Major,“ ſagte er lächelud: „er macht ſich wohl Rechnung darauf, daß er ſeine Ernennung in dem Staatsanzeiger finden werde, bis das Regiment in's Vaterland zurückkommt.“ Wir müſſen nämlich hier einſchalten, daß, während der Major, der ſo große Eile gehabt hatte, nach Madras zu kommen, in letzter Stadt an dem Fieber, das er ſich zu⸗ gezogen, darnieder lag, das tapfer — ſte Regiment, das jetzt viele Jahre im Ausland zugebracht, nach ſeiner Rück⸗ kehr aus Weſtindien durch den Feldzug von Waterloo verhindert worden war, in England zu bleiben, und in Flandern den Befehl erhalten hatte, ſich nach Indien ein⸗ zuſchiffen, endlich nach Hauſe beordert worden war, ſo daß der Major ſeine Kameraden hätte begleiten können, wenn er deren Ankunft zu Madras hätte abwarten mo⸗ en. Vielleicht mochte er ſich auch nicht in dem Zuſtande der Erſchöpfung, in dem er ſich befand, auf's Neue der Obhut unſerer Freundin Glorvina anvertrauen. „Ich glaube, Mrs. O⸗Dowd würde mir den Treff gegeben haben,“ ſagte er lachend zu einem Mitpaſſagier, „wenn wir ſie an Bord gehabt hätten, und ſobald ſie mich in die Tiefe des Meeres verſenkt gehabt hätte, würde ſie über Dich hergefallen ſein, und würde Dich als Priſe nach Southampton geführt haben: Du darſſt Dich varauf verlaſſen, Jos, mein Junge.“ 150 Denn der andere Paſſagier am Bord des Ramchun⸗ der war wirklich kein anderer, als unſer dicker Freund. Er war nun zehn Jahre in Bengalen geweſen. — Die beſtändigen großen Diners, die vielen Tiffins, das viele blaſſe Ale, und der viele Claret, die ungeheuren Arbeiten, die ihm der Cutcherry gekoſtet, und der Brandy⸗Pawnee, den er dort zu ſeiner Stärkung und Labung vertilgen mußte, hatten auf den Waterloo⸗Sedley gehoͤrig einge⸗ wirkt. Eine Reiſe nach Europa war, nach der Erklä⸗ rung der Aerzte, eine Nothwendigkeit für ihn geworden, und da er die vorgeſchriebene Zeit in Oſtindien gedient, und einen ſchönen Gehalt gehabt hatte, wodurch er in Stand geſetzt worden war, eine erkleckliche Summe zu erſparen, ſo konnte er jetzt entweder nach England zurück⸗ kehren und dort mit einer ſchönen Penſion bleiben, oder aber nach Oſtindien zurückkommen und im Dienſte den Rang einnehmen, wozu ihm die Anciennetät und ſeine ungeheuren Talente ein Recht gaben. Er war ſeit der Zeit, wo wir ihn zum letzten Male ſahen, etwas magerer geworden, hatte aber an majeſtä⸗ tiſchem und feierlichem Weſen viel gewonnen. Er hatte ſich nun wieder den Schnurrbart beigelegt, wozu ihm ſeine Dienſtleiſtungen bei Waterloo berechtigten, und ſtol⸗ zirte in einer prächtigen Sammtmütze, woran ein golde⸗ nes Band zu bemerken war, und mit Vorſtecknadeln und Juwelen ganz überdeckt, auf dem Verdecke auf und ab. Er frühſtückte in ſeiner Cajüte, und kleidete ſich, wenn er auf dem Hinterdeck erſcheinen wollte, mit eben ſo vieler Feierlichkeit, als ob es gälte, ſich in Bond Street oder auf dem Corſo von Calcutta zu zeigen. Er hatte einen eingebornen Domeſtiken bei ſich, der ſein Kammerdiener und Pfeifenträger war, und auf ſei⸗ nem Turban das ſilberne Familienwappen der Sedleys trug. Dieſer vrientaliſche Diener hatte unter Jos Sed⸗ ley ein gar elendes Leben. Jos war auf ſeine Perſon ſo eitel, wie ein Frauenzimmer, und brachte bei ſeine Toi⸗ 151 lette eben ſo viele Zeit zu, wie die erſte beſte verwelkende Schoͤnheit. Die jüngeren unter den Paſſagieren, wie der junge Chaffers vom 150. Regimente, und der arme kleine Ricketts, der nach ſeinem dritten Fieber in's Vaterland zurückkehrte, pflegten am Cuddy⸗Tiſche Sedley zum Spre⸗ chen zu bringen, und ließen ihn da wunderſame Geſchich⸗ ten erzählen, die ihn ſelbſt und ſeine Großthaten gegen Tiger und Napoleon zum Gegenſtande hatte. Er war wirklich groß, als er zu Longwood das Grab des Kaiſers beſuchte; denn da beſchrieb er dieſen Herren, ſowie den jungen Offizieren des Schiffes, in Abweſenheit Major Dobbin's, die ganze Schlacht von Waterloo, und ſein Bericht lief beinahe darauf hinaus, daß Napoleon nim⸗ mermehr nach St. Helena gekommen wäre, wenn nicht er — Jos Sedley — ſich „an die Lade gelegt“ hätte. Nachdem man St. Helena verlaſſen, wurde Jos un⸗ gemein freigebig: er verſchenkte ein großes Quantum von Schiffsborräthen, wie z. B. Claret, eingemachte Speiſen, und große Fäſſer voller Sodawaſſerflaſchen, die er zu ſeiner eigenen Labung mitgenommen hatte. Am Bord des Schiffes waren keine Damen; der Major ließ dem Civiliſten den Vortritt, ſo daß Letzterer bei Tiſche der erſte Würdenträger war, und von Capitän Bragg, ſowie von den Offizieren des Ramchunder mit der ſeinem Range zukommenden Achtung behandelt wurde. Während eines zweitägigen Sturmes bemächtigte ſich ſeiner ein paniſcher Schreckenz er ließ die Fenſterluken ſeiner Cajüte hermetiſch vermachen, und verſchwand ganz und gar. Er blieb nämlich in ſeiner Hängematte liegen, und las die „Wäſcherin von Finchley Common,“ die von der ſehr ehrenwerthen Lady Emily Hornblower, Gemahlin des ehrwürdigen Silas Hornblower, als ſie nach dem Cap reiste, wo Seine Ehrwürden Miſſionär war, am Bord des Schiffes zurückgelaſſen worden. Sonſt aber las er Romane und Schauſpiele, wovon er eine ganze Maſſe 152 e mitgenommen hatte, und die er den übrigen Perſonen am Bord des Schiffes lieh. Und ſo geſchah es, daß er ſich durch ſeine Freundlichkeit und Herablaſſung bei Allen be⸗ liebt machte. Gar manche Nacht ſaßen Herr Sedley und der Ma⸗ jor, während das Schiff die tobende finſtere See durch⸗ furchte, der Mond und die Sterne am Himmel ſchienen, und die Glocke zur Ablöſung rief, auf dem Hinterdecke des Schiffes, und ſprachen miteinander von der Heimath, wobei der Major ſeinen Glimmſtengel rauchte, und der Civiliſt aus der Hookah, die ſein Diener ihm geſtopft hatte, Wolken empor trieb. Es war wirklich etwas Wunderbares, mit welcher Ausdauer, und welchem Scharfſinn bei dieſen Geſprächen Major Dobbin immer wieder auf Amalie und ihren kleinen Knaben überzugehen wußte. Jos, der wegen des Unglücks und wegen unceremoniöſer Anſpielungen auf denſelben etwas mürriſch war, wurde durch den Major beſänftigt, der ihn auf das vielfache Mißgeſchick und das hohe Alter des alten Herrn aufmerkſam machte. Er würde — ſagte der Major — vielleicht nicht bei dem alten Paare wohnen, deſſen Sitten und Stunden wohl nicht die eines jüngeren, an eine andere Geſellſchaft ge⸗ wöhnten Mannes (bei dieſen Complimente machte Jos einen Bückling) wären; allein zu gleicher Zeit machte er Jos Sedley varauf aufmerkſam, wie vortheilhaft es für ihn ſein würde, ein eigenes Haus in London zu bewohnen, und daſelbſt nicht mehr, wie früher, auf dem Fuße eines Junggeſellen zu leben; wie ſeine Schweſter Amalie gerade die rechte Perſon wäre, um ſeinem Hausweſen vorzuſtehen; wie elegant, wie ſanft Letztere wäre, und welch' feine gute Manieren ſie hätte. Er erzählte Geſchichten von dem Glücke, das Mrs. George Osborne in früheren Tagen zu Brüſſel und zu London gemacht, wo ſie von Leuten vom beſten Tone hewundert worden wäre. Sodann gab er Jos zu verſtehen, wie wohl es ihm anſtehen würde, Georgy ———— 153 in eine gute Schule zu thun, und einen Mann aus ihm zu machen, da ſeine Mutter, ſowie die Eltern der Letztern ihn gewiß verderben würden. Kurz und gut, der Civiliſt mußte unſerem ſchlauen Major verſprechen, daß er ſich Amaliens, und ihres ſo allein daſtehenden Kindes annehmen wollte. Der Major wußte nicht, was in der kleinen Sedley'ſchen Familie vor⸗ gefallen war, und wie der Tod die Mutter von dieſem Leben abgerufen, und wie der Reichthum Amalien George entriſſen hatte. Allein eine Thatſache iſt und bleibt es, daß dieſer verliebte, in mittlerem Lebensalter ſtehende Mann Tag und Nacht an Mrs. Osborne dachte und daß er auf Nichts ſann, als darauf, wie er ihr Gutes thun könnte. Er überhäufte Jos Sedley mit Schmeicheleien, Cajolerien, und Complimenten, und legte dabei eine Ausdauer und Herzlichkeit an den Tag, von der er höchſt wahrſcheinlich ſelbſt Nichts wußte; allein Männer, die unverheirathete Schweſtern oder auch Toͤchter haben, werden ſich wohl erinnern, wie ungemein liebenswürdig man gegen die männlichen Verwandten ſein kann, wenn man um ein Frauenzimmer wirbt; und vielleicht wurde dieſer Schelm von Dobbin in ſeinem Betragen durch eine ähnliche Heuche⸗ lei beſtimmt. Die Wahrheit iſt, daß Major Dobbin, der ſehr krank an Bord des Ramchunder kam, während der drei Tage, welche das Schiff auf der Rhede von Madras lag, ſich gar nicht zu erholen anfing, und daß ſelbſt der Anblick und die Wiedererkennung ſeines alten Bekannten, des Herrn Sedley, der ſich gleichfalls an Bord befand, ihn nicht gar ſehr ſtärkte und aufheiterte, bis ſie eines Tages, wo der Major, noch ganz ſchwach, auf das Verdeck gelegt worden war, eine ziemlich lange Unterredung mit einander hatten. Er ſagte da, er glaube, dem Tode nicht entrinnen zu können; er habe daher ſeinem kleinen Pathen in ſeinem Teſtamente eine kleine Summe vermacht; und hoffe und 154 wünſche, daß Mrs. Osborne ſeiner freundlich gedenken, und bei der von ihr beabſichtigten Heirath glücklich ſein werde. „Heirathen? ſie denke gar nicht daran,“ antwortete Jos; „er habe von ihr Briefe erhalten; ſie ſage aber von der Heirath keine Silbe, und es ſei, beiläufig geſagt, recht ſonderbar, daß ſie geſchrieben, wie Major Dobbin ſich zu verheirathen gedächte, und daß ſie die Hoffnung ausgedrückt, daß er glücklich ſein werde. Wie alt waren die Briefe, die Sedley aus Europa erhalten? Der Civiliſt brachte ſie herbei. Sie waren um zwei Monate jünger, als die des Majors; und der Schiffs⸗ chirurg wünſchte ſich zu der Behandlung Glück, die er bei ſeinem neuen Patienten befolgte, welcher von dem Arzte in Madras ſchon ſo gut wie aufgegeben worden war, als er ihn auf das Schiff bringen ließ; denn von dem nämlichen Tage, — von dem Tage an, wo er ſeinem Kranken eine andere Arzenei gab, fing Major Dobbin an, wieder zu geneſen. Und ſo geſchah es, daß ein ſo ver⸗ dienſtvoller Offizier wie Capitän Kirk nicht zum Major avancirte. Als ſie St. Helena hinter ſich liegen ließen, war Major Dobbin's Heiterkeit und Stärke von der Art, daß alle andern Paſſagiere davon ganz erſtaunt waren. Er trieb mit den Seekadetten allerlei Spaß; zeigte den Maa⸗ ten, daß er ſich auf das Stockfechten verſtehe; kletterte wie ein Schiffsjunge die Maſten hinaufz ſang eines Abends ein komiſches Lied, zum großen Ergoͤtzen der ganzen Geſellſchaft, die nach dem Abendeſſen beim Grog ſaß; nd zeigte ſich ſo luſtig, lebendig, und liebenswürdig, daß ſelbſt Capitän Bragg, der anfänglich geglaubt, es ſtecke nicht viel hinter ſeinem Paſſagier, und der ihn für einen ziemlich einfältigen Burſchen gehalten hatte, nicht umhin konnte, zu geſtehen, es ſei der Major ein zwar ſehr zu⸗ rückhaltender, aber dabei wohlunterrichteter und verdienſt⸗ voller Offizier. 15⁵ „Er hat nicht die ausgezeichnetſten Manieren, Gott verdamm' mich!“ bemerkte Bragg gegen ſeinen erſten Maat; „er würde, Roper, im Gouvernementspalaſt nicht an ſeinem Platze ſein, wo ſeine Lordſchaft und Lady William ſo freundlich gegen mich waren, und vor der ganzen Geſellſchaft mir die Hand ſchüttelten, und mich beim Diner, ſogar in Gegenwart des Obercommandanten, aufforderten, ein Glas Bier mit ſeiner Lordſchaft zu trinken; er hat keine Manieren, allein es ſteckt 'was hinter ihm. —“ Durch dieſe Meinung bewies Capitän Bragg, daß er als Menſch nicht ohne Unterſcheidungsgabe, und als Commandant nicht ohne Geſchicklichkeit war. Als aber der Ramchunder England ſo nahe gekommen war, daß er es in zehn Tagen erreichen konnte, und plötzlich eine Windſtille eintrat, wurde Dobbin ſo ungeduldig, und verlor ſo ſehr ſeinen guten Humor, daß die nämlichen Kameraden, die zuvor ſeine Lebhaftigkeit und ſein aufge⸗ räumtes Weſen bewundert hatten, davon ganz überraſcht waren. Auch änderte ſich ſeine Stimmung nicht eher, als bis wieder ein friſcher Wind in die Segel blies. Und als endlich der Lothſe an Bord kam, befand der Major ſich in einem Zuſtande großer Aufregung. Guter Gott! wie ſchlug ſein Herz ſo heftig, als die zwei freundlichen Kirchthürme von Southampton am Horizonte auftauchten! 156 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Unſer Freund, der Herr Major. Unſer Major hatte ſich am Bord des Ramchunder ſo beliebt zu machen gewußt, daß, als er mit Herrn Sed⸗ ley in das willkommene Landungsboot hinabſtieg, die ganze Schiffsmannſchaft, Gemeine wie Offiziere, der große Capitän Bragg vorn an, für Major Dobbin, der über und über erröthete, und zum Zeichen des Danks den Kopf ſenkte, drei Lebehochs erſchallen ließ. Jos, der wahr⸗ ſcheinlich dachte, daß die Hurrahs ihm gälten, zog ſeine goldbebortete Mütze ab, und ſchwenkte dieſelbe ſeinen Freunden majeſtätiſch zu, worauf ſie an das Ufer ge⸗ rudert wurden, und am Molo mit vieler Würde landeten. Von da ging es nach dem Royal George Hotel. Obgleich der Anblick der prächtigen Rindskeule, und der ſilbernen, auf ächtes britiſches Ale und ächten britiſchen Porter ſchließen laſſenden Kannen, die immer und ewig das Auge des vom Auslande zurückkommenden, und in das Kaffeezimmer des Royal George Hotels tretenden Reiſenden begrüßen, an ſich ſelbſt ſchon ſo ſtärkend und wonnevoll iſt, daß ein Menſch, der in ein ſo bequemes, nettes, reinliches engliſches Wirthshaus kommt, ſich wohl verſucht finden mag, einige Tage dort zu bleiben, ſo fing doch Dobbin alsbald an, von einer Poſtkutſche zu ſprechen, und war kaum in Southampton angelangt, als er bereits wieder ſich auf dem Wege nach London zu befinden wünſchte. Jos aber wollte unter keiner Bedingung noch an dem ämlichen Abende ſein träges Fleiſch weiter bewegen laſſen. Warum ſollte er eine Nacht in einer Poſtchaiſe, anſtatt in einem großen, breiten, undulirenden, weichen Federbette, 157 das hier parat war, und das abſcheuliche, enge, kleine Betichen erſetzte, worin der ſtattliche bengaliſche Gentle⸗ man während der ganzen Reiſe ſich hatte einpreſſen laſſen müſſen, zubringen? Es konnte von einer Weiterbewegung bei ihm keine Rede ſein, ſo lange ſein Gepäck beim Zoll⸗ amte nicht clarirt war, und ebenſowenig von einer Weiter⸗ reiſe, ſo lange ſein Chillum nicht freigegeben war. Es blieb daher dem guten Major nichts Anderes übrig, als die Nacht über da zu bleiben. Indeſſen ließ er an ſelne Familie alsbald einen Brief abgehen, worin er derſelben ſeine Ankunft melvete; auch mußte ihm Jos verſprechen, daß er gleichfalls an ſeine Freunde ſchreiben wollte. „ Jos verſprach es zwar, hielt aber ſein Verſprechen nicht. Der Capitän, der Schiffschirurg, und etliche Paſſa⸗ giere fanden ſich gleichfalls in dem Gaſthauſe ein, und ſpeisten mit unſern beiden Herren. Jos griff ſich ge⸗ waltig an, indem er ein köſtliches Mittageſſen beſtellte; auch verſprach er dem Major, daß er im Laufe des nächſten Tages mit ihm nach der Stadt reiſen wollte. Der Gaſtwirth ſagte, es ſei für ihn eine wahre Augen⸗ weide geweſen, als er Herrn Sedley ſeine erſte Pinte Por⸗ ter habe vertilgen ſehen. Hätte ich die nöthige Zeit, und dürfte ich mir her⸗ ausnehmen, Abſchweifungen zu machen, ſo würde ich ein ganzes Kapitel über dieſe erſte Pinte Porter, die auf engliſchem Grund und Boden getrunken wurde, ſchreiben. Ach, welcher Hochgenuß! Es verlohnt wahrlich die Mühe, der Heimath auf ein Jahr Lebewohl zu ſagen, nur um dieſen Göttertrunk einmal wieder ſo recht goutiren zu können. Am nächſten Morgen erſchien Major Dobbin, wie gewöhnlich, hübſch gekleidet und raſirt. Es war aber noch ſo früh am Tage, daß im Hauſe noch keine Seele ſich rührte, mit Ausnahme des wunderbaren Hausknechts, 158 der des Schlafes nie zu bedürfen ſcheint. Auch konnte der Major die verſchiedenen Hausbewohner laut genug ſchnarchen hören, als er durch die düſteren Hausgänge in ſeinen krachenden Stiefeln ſchritt. Alsdann ging der ſchlafloſe Hausknecht von einer Thüre zur andern, um vor jeder eine Stiefelleſe zu halten: hier ſtanden Blüchers, vort Wellingtons, dort Oxonians. Sofort erhob ſich auch Jos' eingeborner Diener, und fing an, den ſchweren Ankleideapparat ſeines Herrn in ſ zu bringen, und die Hookah zu reinigen und zu opfen. Endlich ſtanden auch die Mägde auf, und kreiſchten laut auf, als ſie den braunen Mann in den Corridors erblickten; ſie hielten ihn nämlich für den Teufel in höchſt⸗ eigener Perſon. Er und Dobbin ſtolperten über ihre in den Gängen ſtehenden Eimer, als die Hausmädchen die Verdecke des Royal George ſcheuerten. Als der erſte unraſirte Kellner zum Vorſchein kam, und die Thüre des Gaſthauſes aufſchloß, glaubte der Ma⸗ jor nicht anders, als daß die Zeit zur Abreiſe herbeige⸗ kommen wäre, und ließ alsbald eine Poſtchaiſe herbeiho⸗ len, um mit Jos ſeine Reiſe unverweilt fortzuſetzen. Sodann wandte er ſeine Schritte Herr Sedley's Zim⸗ mer zu, und ſchlug die Vorhänge eines großen breiten Familienbetts zurück, worin Herr Jos ſchnarchte. „Steh' doch auf, Sedley!“ ſprach der Major; „wir müſſen fort; in einer halben Stunde ſteht die Poſichaiſe vor der Thüre!“ Jos murrte unter dem Deckbette hervor, um ſich nach der Tagesſtunde zu erkundigen; als es ihm aber endlich gelang, aus dem errothenden Major (der nie mit Lügen umging, wie ſehr dieſelben auch zu ſeinem Vor⸗ theile ſein mochten) die wahre Stunde herauszubringen, ergoß er ſich in einen Strom von mehr oder minder übel klingenden Worten, die wir indeſſen hier nicht an⸗ führen wollen. Nur ſo piel wollen und müſſen wir ſagen, 159 vaß er Dobbin zu verſtehen gab, er — Jos — würde ſeine Seele in Gefahr bringen, wenn er in dieſem Augen⸗ blicke aufſtünde. Noch ſetzte er hinzu, der Major könne ſich zum Teufel ſcheren; er — Jos — wolle nicht mit Dobbin reiſen; und es ſei durchaus unfreundlich, und eines Gentleman unwürdig, Jemand in ſeinem Schlafe auf ſolche Weiſe zu ſtören: worauf der Major wohl oder übel abziehen mußte, und Jos ſeinen unterbrochenen Schlummer wieder in aller Gemächlichkeit fortſetzen konnte. Es ſtand nicht lange an, ſo fuhr die Poſtchaiſe vor. Der Major wollte nicht länger warten. Wäre er ein zu ſeinem Vergnügen reiſender engliſcher Evelmann, oder ein Depeſchen überbringender Zeitungs⸗ courier geweſen (die Botſchaften der Regierung werden in der Regel viel ruhiger weiter befoͤrdert), ſo hätte er nicht ſchneller reiſen köͤnnen. Die Poſtillone verwunderten ſich über das reichliche Trinkgeld, das er ihnen zuwarf. Wie glücklich und wie grün ſah das Land aus, als die Poſichaiſe von einem Stundenzeiger zum andern fortflog; als dieſelbe durch nette Landſtädtchen, wo die Gaſtwirthe an der Thüre erſchienen, um ihn lächelnd und unter einer Menge von Verbeugungen zu bewillkommen, — als ſie an hübſchen, an der Straße gelegenen Gaſthäuſern vor⸗ überkam, wo die Schilder an den Ulmen hingen, und die Fuhrleute mit ihren Pferden im bunten Schatten der Bäume ſich labten und tranken; als ſie an alten Schlöſ⸗ ſern und Parks, — als ſie an ländlichen, um alte graue Kirchen zuſammengedrängten Dörfern und Weilern vorübereilte; als ſie durch die bezaubernde, freundliche engliſche Landſchaft dahinfuhr! Gibt es auf der ganzen Welt ſo Etwas? Einem Reiſenden, der in das Vater⸗ land zurückkehrt, erſcheint das Alles ſo freundlich: — es ſb Dir die Hand zu ſchütteln, wenn Du mitten durch⸗ ährſt. Auch Major Dobbin fuhr auf ſeiner Reiſe von Sonth⸗ 160 ampton nach London an allen dieſen Scenen vorüber, bemerkte aber außer den Stundenzeigern nicht gar Viel. Man ſieht, wie ſehr es ihn drängte, ſeine Eltern zu Camberwell zu ſehen. Es dauerte ihm viel zu lange, bis er von Piccadilly aus vor ſeiner alten Herberge, dem Slaughters Kaffee⸗ hauſe, ankam, wo er getreulich einkehrte. Viele Jahre waren verſtrichen, ſeitdem er zum letzten Male dort ge⸗ weſen; ſeitdem er und George, als junge, lebensluſtige Männer, dort ſo manche Flaſche getrunken, ſo manches Mahl verzehrt. Er war jetzt in dem Stadium des Lebens angelangt, wo er ſich zu den alten Junggeſellen zählen mußte. Sein Haar war jetzt graulich geworden, und manche Leidenſchaft und manches Gefühl ſeiner Jugend war während dieſer Zeit gleichfalls ergraut. An ver Thüre aber ſtand noch der alte Kellner in dem alten ſchmierigen ſchwarzen Anzuge, mit dem nämlichen Doppel⸗ kinne, und dem nämlichen ſchlaffen Geſichte, mit ver näm⸗ lichen ungeheuren Maſſe von Petſchaften an ſeiner Uhr⸗ taſche: wie früher kläpperte er mit dem Gelde in ſeiner Taſche. Er empfing den Major, als ob Letzterer erſt vor einer Woche weggegangen wäre. „Bringt das Gepäck des Majors auf Nro. 23; das iſt ſein Zimmer,“ ſprach John, ohne ſich im Mindeſten überraſcht zu zeigen. „Vermuthlich ein gebratenes Huhn zum Diner? Haben keine Frau? Es hat geheißen, Sie ſeien verheirathet: — Ihr ſchottiſcher Regimentsarzt iſt hier geweſen. Nein, es war Capitän Humby vom 33ſten Regiment, das mit dem — ſten in Indien ſtand. Wollen warmes Waſſer? Warum mit Ertrapoſt hergekommen; iſt der gewöhnliche Poſtwagen nicht gut genug?“ Mit dieſen Worten führte der treue Kellner, der jeden Offizier, ſo in das Haus kam, kannte und ſich deſſen erinnerte, und dem ein Zeitraum von zehn Jahren wie ein Tag vorkam, Dobbin in ſein altes Zimmer hinauf, wo das große Bett aus wollenem Mohr ſtand, und der 164 ſchäbige, ein klein wenig ſchmutzigere Teppich, ſowie ſämmt⸗ liche alte ſchwarze, mit abgeſchoſſenem Zitz überzogene Meubeln ſich befanden, gerade ſo wie der Major ſich erinnerte, ſie in ſeiner Jugendzeit geſehen zu haben. Er erinnerte ſich noch, wie George, am Tage vor ſeiner Trauung, in dem Zimmer auf und abgegangen war, und an ſeinen Nägeln gekaut, und geſchworen hatte, daß der Alte ſich herumbringen laſſen müſſe, und daß, wenn dieſes nicht geſchehe, er ſich keinen Strohhalm darum küm⸗ mere. Er konnte ſich noch recht gut vorſtellen, wie George hereinkam, und die Thüre von Dobbins Zimmer, ſowie ſeine eigene, hart daneben gelegene zuſchlug. „Nicht jünger geworden,“ ſagte John, ſeinen alten Freund ruhig muſternd. Dobbin lachte. „Zehn Jahre und ein Fieber verjüngen einen Men⸗ ſchen nicht,“ ſprach der Major. „Sie aber bleiben ſtets jung: — Nein, Sie bleiben ſtets alt.“ „Was iſt aus Capitän Osborne's Wittwe geworden,“ ſagte John. „War ein feiner junger Burſche das. Mein Gott, wie ging er mit dem Gelde um! Er hat ſich ſeit dem Tage ſeiner Trauung hier nicht wieder blicken laſſen. Er iſt mir noch jetzt drei Pfund ſchuldig. Schauen Sie her: es ſteht in meinem Buche. April 40, 1815, Capi⸗ tän Osborne; Pfund 3. Möchte wohl wiſſen, ob mich ſein Vater nicht bezahlen würde.“ Mit dieſen Worten zog der John vom Slaughters Kaffeehauſe die nämliche ſaffianene Brieftaſche heraus, in der er neben vielen anderen hingekritzelten Notizen, welche einſtige Gäſte betrafen, auf einer noch vorhandenen ſchmie⸗ rigen, halb verwiſchten Seite das dem Capitän gemachte Darlehen aufgezeichnet hatte. Nachdem John den alten Gaſt auf ſein Zimmer ge⸗ führt, zog er ſich mit vollkommener Ruhe zurück. Major Dobbin aber nahm, nicht ohne über ſeine eigene Abſur⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. W. 11 162 dität etwas zu erröthen und zu lächeln, aus ſeinem Koffer den zierlichſten und anſtändigſten Civilanzug heraus, den er beſaß, und lachte über ſein gebräuntes Geſicht und ſeinen grauen Kopf, als er denſelben in dem armſeligen Toiletteſpiegelchen auf dem Ankleidetiſche ſah. „Freut mich, daß der alte John mich nicht vergeſſen,“ dachte er. „Hoffentlich wird auch ſie mich noch kennen.“ Und nun verließ er das Gaſthaus, und wandte ſeine Schritte von Neuem Brompton zu. Jeder Umſtand ſeiner letzten Zuſammenkunft mit Amalien, mochte derſelbe auch noch ſo geringfügig ſein, ſchwebte dem treuen Manne vor der Seele, als er ihrem Hauſe zuwanderte. Seitdem er zum letzten Male in Piccavilly geweſen, war die Achillesſtatue aufgeſtellt, ſowie der Triumphbogen errichtet worden; hundert Veränderungen, die ſein Ange und ſein Geiſt nur unbeſtimmt bemerkten, hatten Statt gefunden. Er fing an, zu zittern, als er die Lane von Brompton hinaufging, — die ihm ſo wohl bekannte Lane, welche nach der Straße, die ſie bewohnte, führte. Wollte ſie wirklich eine neue Heirath eingehen oder nicht? Wenn er ihr etwa mit dem kleinen Knaben be⸗ gegnete — guter Gott, was ſollte er da thun? Er ſah, wie eine Frau mit einem etwa fünf Jahre alten Kinde auf ihn zukam — war ſi es? Bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit dieſes Zuſammentreffens fing er an, am ganzen Leibe zu zittern. Als er endlich bei der Häuſerreihe anlangte, wo ſie wohnte, und als er ſich vor ihrer Thüre befand, erfaßte er dieſelbe mit der Hand, und blieb ſtehen. Er hätte das Pochen ſeines Herzens hören können. „Möge Gott der Allmächtige ſie ſegnen, was auch geſchehen ſein mag,“ dachte er bei ſich ſelbſt. „Bahl Vielleicht wohnt ſie gar nicht mehr hier,“ ſprach er, und ging durch das Pförtchen. Das Fenſter des Parlours, worin ſie ſich aufzuhalten „ 163 pflegte, ſtand offen; und es befand ſich im Zimmer keine Seele. Indeſſen glaubte der Major, er erkenne das Pianoforte mit dem darüber hangenden Bilde wieder: es war Alles wie in früheren Tagen. Seine Unruhe erneuerte ſich. Herr Clapp's meſſingenes Schild befand ſich immer noch an der Thüre, deren Klopfer nun Dobbin in BVewe⸗ gung ſetzte. Auf das Klopfen kam ein üppig und lebhaſt aus⸗ ſehendes Mädchen von ſechzehn Jahren herbei: es hatte daſſelbe gar helle Augen und purpurne Wangen. Das Mädchen ſah den Major ſcharf an, während derſelbe ſich an die Wand der kleinen Vorhalle lehnte. Er war ſo bleich, wie ein Geſpenſt, und vermochte kaum die Worte hervorzuſtottern: „Wohnt Mrs. Osborne hier?“ Sie ſah ihm einen Augenblick ſcharf in's Geſicht, erblaßte dann gleichfalls, und ſpracht „Gott ſtehe mir bei: es iſt Major Dobbin!“ Sie ſtreckte ihre beiden Hände hin, die heftig zitterten. „Koͤnnen Sie ſich meiner nicht mehr erinnern?“ fuhr das Mädchen fort; „ich hieß Sie ja immer nur den Major Sugarplums.“ Bei dieſen Worten ſchloß der Major — und ich glaube wahrlich, vaß er zum erſten Mal in ſeinem ganzen Leben ſich ſo aufführtke — das Mädchen in ſeine Arme, und küßte es. Sie begann hyſteriſch zu lachen und zu weinen, und aus Leibeskräften „Ma, Pa!“ zu rufen, worauſ die guten Leute herbeikamen, die den Major bereits vom Fenſter des Küchen⸗Parlours aus bemerkt hatten, und ganz erſtaunt waren, als ſie ihre Tochter, in dem kleinen Hausgange, in den Armen eines himmellangen, hageren, in einem blauen Rocke und in weißen Duckhoſen ſteckenden Mannes erblickten. „Ich bin ein alter Freund,“ ſprach er — jedoch nicht * 164 ohne zu erröthen. „Kennen Sie mich nicht mehr, Mrs. Clapp, und erinnern Sie ſich nicht mehr der guten Kuchen, die Sie mir ſo oft zum Thee machten? — Kennen Sie mich nicht mehr, Clapp? Ich bin George's Taufpathe, und bin eben erſt aus Oſtindien angelangt.“ Nun fand ein allgemeines, herzliches Händeſchütteln Statt. Mrs. Clapp war tief gerührt und faſt außer ſich vor Freude; auch rief ſie im Hausgange noch unzählige Male die Intervention des Himmels an. Der Hauswirth und die Hauswirthin führten den würdigen Major in das Zimmer der Sedleys (wo er noch jedes einzelne Möbel kannte, von dem alten, mit meſſingenen Zierathen verſehenen Piano⸗Forte an — es war einſt ein hübſches kleines Inſtrument geweſen, das aus der Stothard'ſchen Werkſtätte hervorgegangen war — bis zu den Ofen⸗ und Lichtſchirmen und dem aus Ala⸗ baſter verfertigten Miniatur⸗Grabſteine herab, in deſſen Mitte Herr Sedley's goldene Uhr tickte), und dort benach⸗ richtigten der Vater, die Mutter, und die Tochter, mit tauſend von Ausrufungen begleiteten Unterbrechungen in der Erzählung, den Major, nachdem derſelbe in dem leeren Armſeſſel des Zimmerbewohners Platz genommen hatte, von dem, was wir bereits wiſſen, was er aber noch nicht wußte, und noch nicht wiſſen konnte — das heißt, von dem Tode der Mrs. Sedley, von George's Ausſohnung mit ſeinem Großvater Osborne, von der Art, wie die Wittwe die Trennung von ihrem Sohne er⸗ tragen, ſowie von noch anderen Einzelheiten, die auf das Leben der Letzteren Bezug hatten. Ein Paar Male wollte er ſchon fragen, wie es mit ihrer Heirath ſtünde; allein er beſaß nicht ſo viel Muth. Er mochte dieſen Leuten ſein Herz nicht aufſchließen. Endlich wurde ihm geſagt, daß Mrs. Osborne mit ihrem Pa in den Kenſington Gardens ſei, wohin ſie den alten Herrn nach dem Diner zu führen pflege, wenn das Wetter es erlaube. Zugleich erfuhr auch der Major, daß 165 ver alte Sedley jetzt gar ſchwach und mürriſch geworden wäre, und ihr Leben zu einem höchſt peinlichen machte, obgleich ſie gewiß ſich ganz wie ein Engel gegen ihn benähme. „Die Zeit iſt mir ſehr knapp zugemeſſen,“ ſprach der Major, „und ich habe heute Abend noch wichtige Geſchäfte zu beſorgen. Gleichwohl wäre es mir ſehr erwünſcht, Mrs. Osborne zu ſehen. Vermuthlich wäre Miß Polly ſo gut, mit mir zu gehen und mir den Weg zu zeigen.“ Miß Polly war von dieſem Vorſchlage ganz bezau⸗ bert; allein ſie war auch ebenſo erſtaunt darüber. „Sie kenne den Weg,“ ſagte ſie. „Sie wolle ihn dem Major zeigen. Sie jei oft mit Herrn Sedley vahin gegangen, wenn Mrs. Osborne nicht zu Hauſe — auf dem Wege nach Ruſſell Square geweſen ſei: auch wiſſe ſie die Bank recht gut, auf welcher er am Liebſten Platz nehme.“ Und⸗ fort ſprang ſie und eilte auf ihr Zimmer, um in einem Augenblicke in ihrem beſten Hute, und im gelben Shawl und in einer großen aus geſchliffenem Kryſtall be⸗ ſtehenden Broſche ihrer Mama wieder zu erſcheinen. Die letzteren zwei Gegenſtände hatte ſie ſich die Freiheit genommen, auf einen Augenblick zu borgen, um eine würdige Begleiterin für den Major zu ſein. Dann gab der letztgenannte Offizier, der in ſeinem blauen Ueberrocke ſtak, und ſeine bockledernen Handſchuhe anhatte, der jungen Dame den Arm, worauf Beide ganz fröhlich abmarſchirten. Er war erfreut, eine Freundin bei der Scene, die er einiger Maßen fürchtete, um ſich zu haben. Er richtete an ſeine Begleiterin tauſend weitere Fra⸗ gen über Amalie: es that dem guten Manne in der Seele weh, wenn er daran dachte, daß ſie ſich in die Nothwendigkeit verſetzt geſehen, ſich von ihrem Sohne zu trennen. Wie ertrug ſie dieß? Sah ſie ihn oft? Ging 106 es Herrn Sedley jetzt im weltlichen Sinne des Wortes ziemlich gut? Polly beantwortete alle dieſe von Major Sugar⸗ plums an ſie gerichteten Fragen ſo gut ſie konnte. Und mitten auf ihrem Spaziergange trug ſich Etwas zu, was, obgleich es ſeiner Natur nach höchſt einfach war, Major Dobbin, das größte Vergnügen verurſachte. Es kam nämlich ein blaſſer junger Mann, mit ſchwachem Backenbarte, und ſteifem, weißem Halstuche en sandwich: — das heißt, mit einer Dame an jedem Arme, die Lane herabſpaziert. Eine der Damen war groß, von mittlerem Alter, und ſah gebieteriſch aus: ihre Geſichtszüge, ſowie ihr Teint hatten Aehnlichkeit mit denen des hochkirchlichen Geiſtlichen, an deſſen Seite ſie einherging. Die Andere war ein kleines, verbuttetes, ſchwärz⸗ lich ausſehendes Weibchen, und ſtak in einem ſchönen, neuen, mit weißen Bändern verzierten Hute, ſowie in einer hübſchen Peliſſe. Die Mitte ihrer Geſtalt war von einer koſtbaren goldenen Uhr eingenommen. So ſehr nun auch der Herr ſchon von den beiden Damen, ſo er am Arme führte, in Anſpruch genommen war, ſo trug er deſſenungeachtet noch einen Sonnenſchirm, einen Shawl, und einen Korh, ſo daß ſeine Arme voll auf beſchäftigt waren, und er natürlich nicht an ſeinen Hut „hinaufſtechen“ konnte, um den Knicks, womit Mrs. Mary Clapp ihn begrüßte, zu erwiedern. In Erwiederung ihres Grußes neigte der Geiſtliche ganz demüthig den Kopf;z ſeine beiden Damen aber nah⸗ men dabei eine Gönnermiene an, und blickten zu gleicher Zeit gar ernſt auf das Individuum hin, das in blauem Rocke und mit einem Bambusrohre Miß Polly begleitete. „Wer iſt das?“ fragte der Major, nachdem er den Dreien Platz gemacht hatte, damit ſie die Lane herauf⸗ kommen konnten. Die Gruppe hatte ihn hoͤchlich amüſirt. Mary blickte ihn mit ziemlich ſpitzbübiſcher Miene an. „Das iſt unſer Pfarter, Seine Ehrwürden, Herr — 167 Binney (hier erfolgte ein Zuck von Seiten des Majors), und ſeine Schweſter, Miß Binney. Du mein lieber Gott, wie plagte die uns in der Sonntagsſchulel Die andere Dame, die kleine, etwas ſcheel blickende, welche die hübſche Uhr hat, iſt Mrs. Binney, — eine geborene Grits. Ihr Pa war Specereikrämer, und hielt die Little Original Gold Tea Pot in Kenſington Gravel Pits. Sie ſind ver⸗ gangenen Monat copulirt worden, und eben erſt von Margate zurückgekommen. Sie hat ein Vermögen von fünftauſend Pfund; allein ſie hat bereits mit Miß Bin⸗ ney, welche die Heirath zu Stande gebracht hat, Streit gehabt.“ Hatte der Major vorher einen Zuck gethan, ſo fuhr er jetzt zuſammen, und ſtieß mit ſeinem Bambusſtocke ſo gewaltig auf den Boden, vaß Miß Clapp nicht umhin konnte, zu lachen und „Du mein Gott“ zu ſchreien. Er blieb einen Augenblick mit offenem Munde ſtehen, ohne ein Wort zu ſagen, und blickte dem abmarſchirenden jungen Paare nach, während Miß Mary ihre Geſchichte erzählte; allein er hoͤrte außer der Nachricht von der Heirath Seiner Ehrwürden Nichts; es ſchwindelte ihm wirklich: ſo glücklich fühlte er ſich. Nach dieſer Begegnung fing er an, dem Orte ſeiner Beſtimmung in militäriſchem Geſchwindſchritte zuzueilen; und doch hatten ſie die Bromptoner Lanes (denn er zitterte und bebte beim Gedanken an eine Zuſammenkunft, nach der er ſich ſeit zehn Jahren immer geſehnt hatte) zu bald hinter ſich liegen; und doch war es ihm ſchier zu bald, als ſie durch das kleine alte Portal in Kenfington Garden Wall eintraten. „Dort ſind ſie,“ ſprach Miß Polly, — und fühlte ihn an ihrem Arme abermals zurückfahren. Sie war als⸗ bald mit dem ganzen Sachverhalte vertraut. Sie wußte die Geſchichte ſo gut, als ob ſie dieſelbe in einem der Lieblingsromane ihres Vaters — in „der vaterloſen 5 168 Waiſe“ oder in „den ſchottiſchen Häuptlingen“ geleſen hätte. „Wie wäre es, wenn Sie vorausliefen, und es ihr ſagten?“ ſprach der Major. Polly eilte davon, ſo vaß ihr gelber Shawl im Winde flatterte. Der alte Sedley ſaß auf einer Bank, mit über die Knie gebreitetem Taſchentuche, und ſchwatzte, wie ge⸗ wöhnlich, darauf los, wobei er irgend eine alte Geſchichte aus den alten Zeiten preisgab, welche Amalie ſchon oft gehört, und die ſie ſchon oft mit einem geduldigen Lächeln erwiedert hatte. Sie konnte nun ſchon ſeit einiger Zeit an ihre eigenen Angelegenheiten denken, und über die Geſchichten ihres Vaters lächeln, oder ihre Aufmerkſamkeit durch irgend ein anderes Zeichen zu erkennen geben, ohne in Wirklich⸗ keit Viel davon zu hören. Als Mary herbeigeſprungen kam, und Amalie ihrer anſichtig wurde, fuhr ſie bon ihrer Bank auf. Ihr erſter Gedanke war, daß Georgy Etwas geſchehen ſein möchte; allein beim Anblicke des eifererfüllten und glücklichen Ge⸗ ſichtes der Bötin ſchwand dieſe Furcht aus dem Buſen der furchtſamen Mutter. „Neues! Neues!“ rief Major Dobbin's Emiſſärin. „Er iſt da! Er iſt da! „Wer iſt da?“ ſprach Emmhy, immer noch an ihren Sohn denkend. „Da ſehen Sie hin!“ antwortete Miß Clapp, ſich umdrehend, und in einer gewiſſen Richtung deutend; worauf Amalie Dobbin's hagere Geſtalt und langen Schatten über das Gras herſchreiten ſah. Nun fuhr auch Amalie zuſammen: in demſelben Augenblicke wurde ſie auch feuerroth, und fing, wie natür⸗ lich, zu weinen an. Bei allen Feſten dieſer ſchlichten kleinen Creatur mußten die grandes eaux ſpielen. Er blickte ſie an — und ach, wie zärtlich! — als 169 § ſie, mit ausgeſtreckten Händen, — bereit, ſie ihm zu geben — auf ihn zugelaufen kam. Sie haite ſich gar nicht verändert. Sie war etwas blaß, etwas beleibter geworden. Ihre Augen waren noch die nämlichen: waren noch dieſelben freundlichen treuen Augen. Kaum daß in ihrem weichen braunen Haare drei Silberlinien zu bemerken waren. Sie gab ihm beide Hände, als ſie, mit geroͤthetem Geſichte und durch ihre Thränen hindurch lächelnd, ihm in's Geſicht blickte — in das Geſicht, das in ſeiner Häß⸗ lichkeit ſo ehrlich ausſah. Er nahm die zwei Händchen in die ſeinigen, und hielt ſie dort gefangen. Einen Augenblick ſtand er ſprach⸗ los da. Warum ſchloß er ſie nicht in die Arme, und warum gelobte er nicht, daß er ſie nie mehr verlaſſen würde? Sie hätte nachgeben müſſen; ſie hätte nicht anders, als ihm gehorchen können. „Ich — ich habe Ihnen noch eine andere Ankunft zu melden,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Mrs. Dobbin?“ ſagte Amalie zurückweichend. Warum ſprach er nicht? „Nein,“ ſagte er, indem er ihre Hand fahren ließ: „wer hat Ihnen ſolche Lügen vorgemacht? — Ich will ſagen, Ihr Bruder Jos iſt mit demſelben Schiffe ange⸗ langt, und kommt in's Vaterland zurück, um Sie Alle glücklich zu machen.“ „Papa, Papa! rief Emmy aus; „was Neues! Mein Bruder iſt in England. Er iſt gekommen, um Sie glücklich zu machen. — Hier iſt Major Dobbin.“ Herr Sedley fuhr auf, wobei er am ganzen Leibe zitterte und ſeine Gedanken zuſammenſuchte. Dann trat er vor, und machte vor dem Major, den er Herrn Dob⸗ hin nannte, einen altmodiſchen Bäckling, und ſprach die Hoffnung aus, daß ſein würdiger Vater, Sir William, recht wohl wäre. Er habe ſich vorgenommen, ſetzte der 170 Greis hinzu, Sir William, der ihm vor Kurzem die Ehre erwieſen habe, ihm einen Beſuch zu machen, auch zu beſuchen. Sir William hatte den alten Herrn ſchon ſeit acht Jahren nicht mehr beſucht: — dieſen Beſuch wollte nun der Greis erwiedern. „Er iſt ſehr nervenſchwach und im Augenblick ſehr erſchüttert,“ flüſterte Emmy, als Dobbin auf den alten Mann zuging, und demſelben die Hand ſchüttelte. Obgleich der Major an jenem Abende ſo dringende Geſchäfte in London zu beſorgen hatte, ſo ließ er ſich doch auf Herrn Sedley's Einladung hin bereden, mit ihnen nach Hauſe zu gehen, und dort den Thee einzunehmen. Amalie nahm den Arm ihrer jungen Freundin mit dem gelben Shawl, und ging der Geſellſchaft beim Nach⸗ hauſegehen voran, ſo daß unſerem Freunde Dobbin der alte Sedley zufiel. Der alte Mann konnte nur ſehr langſam gehen, und erzählte eine Menge alter Geſchichten über ſich, und ſeine arme Beſſy, über ſein früheres Glück, und ſeinen Banke⸗ rott. Er lebte, wie es bei Greiſen, die kindiſch zu werden anfangen, der Fall iſt, ganz und gar in früheren Zeiten. Von der Vergangenheit wußte er aber nur wenig mehr, mit Ausnahme der großen Kataſtrophe, deren Wirkungen er noch jetzt fühlte. Der Major ließ ihn gern fortplaudern. Seine Augen waren auf die vor ihm wandelnde Geſtalt geheftet — auf die theure kleine Geſtalt, die ihm ſtets, in ſeinen Gebeten, ſowie in ſeinen Träumen, bei wachem Zuſtande oder im Schlafe, vorgeſchwebt hatte. Amalie war recht glücklich und geſchäftig, und lächelte recht viel während dieſes ganzen Abends; dabei kam ſie ihren Pflichten als Wirthin bei dem kleinen Familienfeſte mit außerordentlich vieler Grazie und vielem Anſtande nach. So dachte wenigſtens Dobbin, Seine Augen folgten ihr überall hin, während ſie im Zwielichte bei einander ſaßen. Wie oft hatte er ſich — — — 171 nach dieſem Augenblicke geſehnt; wie oft hatte er in weiter Ferne, unter heißen Winden und auf ermüdenden Märſchen an ſie gedacht, und ſich dieſelbe vorgeſtellt, wie ſie, ſanft, freundlich und glücklich dem hohen Alter ihre Pflege angedeihen ließe, und die Armuth mit holder Unterwürfigkeit zierte: und ſo ſah er ſie jetzt. Ich will damit nicht ſagen, ſein Geſchmack ſei der feinſte geweſen, oder es ſei die Pflicht großer Geiſter, ſich mit einem Butterbrod⸗Paradieſe zu begnügen, wie das bei un⸗ ſerem ſchlichten alten Freunde eintraf; allein ſeine Wünſche waren nun einmal von dieſer Art, mochten ſie nun gut oder ſchlecht ſein; und ſo lange Amalie ihm einſchenkte, er ſo viele Taſſen Thee trinken, wie Dr. Johnſon elbſt. Als Amalie dieſe ſeine Neigung gewahrte, leiſtete ſie verſelben, lachend, noch Vorſchub, und nahm eine äußerſt ſchalkhafte Miene an, indem ſie ihm eine Taſſe nach der andern einſchenkte. Dabei müſſen wir jedoch be⸗ merken, daß ſie nicht wußte, daß der Major noch Nichts zu Mittag gegeſſen hatte, und daß für ihn im Slaugh⸗ ters Kaffechauſe gedeckt war, wo, zum Zeichen der frühe⸗ ren Belegung, ein Teller auf dem Tiſche des Cabinets lag, in dem der Major und George ſo oft geſchmaust und gezecht hatten, als ſie noch ein Kind, und eben erſt aus Miß Pinkertons Schule nach Hauſe gekommen war. Das Erſte, was Mrs. Osborne dem Major zeigte, war ein Miniaturbild Georgy's, das ſie, ſobald ſie zu Hauſe angelangt waren, von ihrem Zimmer herabholte. Natürlich war es nicht halb ſo hübſch, als es nach der Schönheit des Knaben ſein ſollte; „allein war es nicht ſchön von in daß er daran dachte, es ſeiner Mutter zu brin⸗ gen?“ So lange ihr Papa noch wach war, ſprach ſie nicht viel über George. Der alte Mann hoörte nicht gern von Herrn Osborne und Ruſſell Square ſprechen, und höchſt wahrſcheinlich wußte er nicht einmal, daß er ſeit mehreren 172 Monaten hauptſächlich von den Spenden ſeines reichen Nebenbuhlers gelebt. So viel aber iſt gewiß, daß er ſei⸗ nen Gleichmuth alsbald verlor, wenn auf den reichen Kaufmann von Ruſſell Square auch nur angeſpielt wurde. Dobbin erzählte dem alten Sedley Alles, und viel⸗ leicht noch etwas mehr, als Alles, was ſich am Bord des Ramchunder ereignet hatte; und übertrieb Jos' wohlwol⸗ lende Geſinnungen gegen ſeinen Vater, ſowie deſſen Ent⸗ ſchluß, ihm in ſeinen alten Tagen ein angenehmes Leben zu bereiten. Die Wahrheit iſt aber, daß ver Major während der Reiſe ſeinem Mitpafſagiere dieſe Pflicht auf's Dringendſte eingeſchärft, und ihm mehrmals das poſitive Verſprechen abgedrungen hatte, daß er ſich ſeiner Schweſter und ihres Kindes annehmen wollte. Er beſänftigte Jos, der auf den alten Herrn wegen der Wechſel, die dieſer auf ihn gezogen hatte, immer noch nicht gut zu ſprechen warz erſtattete ihm lachend Bericht von ſeinen eigenen Leiden in dieſem Punkte, ſowie von der famoſen Weinconſignation, womit der alte Herr ihn bedacht; und ſtimmte Herrn Jos, der mit nichten ein bösartiger Menſch war, ſobald man ihn bei guter Laune erhielt, und ihm ein Bischen ſchmei⸗ chelte, gegen ſeine Verwandten in Europa recht gut. Endlich muß ich noch erröthend hinzuſetzen, daß der Major ſich erlaubte, ſo weit von der Wahrheit abzu⸗ weichen, daß er behauptete, es wäre hauptſächlich der Wunſch, ſeinen Vater wieder zu ſehen, der Jos abermals nach Europa führte. Zu ſeiner gewohnten Stunde fing Herr Sedley an, in ſeinem Armſeſſel einzuſchlummern, und nun ergriff Amalie die Gelegenheit, die eigentliche Unterhaltung an⸗ zufangen, was ſie mit vielem Eifer that: — indeſſen beſchränkte ſich dieſelbe ganz auf Georgy. Sie ſprach gar nicht von den Leiden, die es ihr gekoſtet, als ſie ſich von ihm hatte trennen müſſen; denn die gute Fran dachte, obgleich ihr die Trennung von dem Kinde beinahe das B ——— B 173 Leben koſtete, dennoch, daß es recht gottlos von ihr wäre, wenn ſie ſich wegen ihres Verluſtes abhärmte; allein Nichts, was ihn betraf, verſchwieg ſie. Sie ſprach von ſeinen guten Eigenſchaften, ſeinen Talenten, und ſeinen Ausſichten. Sodann ging ſie auf eine Beſchreibung ſeiner engel⸗ gleichen Schönheit über, und erzählte hundert Beiſpiele von Großmuth und Geiſtesgroͤße, wodurch er ſich, ſo lange er bei ihr geweſen, bemerklich gemacht: wie eine Herzogin von königlichem Geblüte in Kenſington Gardens angehalten und ihn bewundert hätte; wie herrlich er nun verſorgt wäre; und wie er einen Grvom und einen Pony hätte; welch' lebhaften Verſtand er beſäße und wie geſcheidt er wäre, und weich' ausgezeichneten, wohl⸗ beleſenen, und entzückenden Lehrer Georgy in der Perſon Seiner Ehrwürden, des Herrn Lawrence Veal, hätte. „Er weiß Alles,“ ſprach Amalie. „Er gibt die entzückendſten Geſellſchaften. Sie, der Sie ſelbſt ſo gelehrt find, und ſo Viel geleſen haben, und ſo geſcheidt und talentvoll ſind — ſchütteln Sie den Kopf nicht, und ſagen Sie nicht Nein — er ſagte mir immer, daß Sie es wären — Sie werden von Herr Veal's Geſellſchaften ge⸗ wiß bezaubert ſein. Er gibt ſeine Geſellſchaften immer am letzten Dienſtag des Monats. Er ſagt, es ſei bei den Gerichten oder im Senate kein Platz, der ſich für Georgy einſt nicht aufthun werde. Schauen Sie her“ — Alſo ſprechend ging ſie an das Pianoforte hin; und zog aus einer Schublade eine Compoſition Georgy's her⸗ vor. Dieſer große geniale Verſuch, der ſich noch jetzt im Beſitze von Georgy's Mutter befindet, lautet alſo: — „Ueber die Selbſtſucht. „Von allen Laſtern, welche den menſchlichen Cha⸗ rakter herabwürdigen, iſt die Selbſtſucht das gehäſſigſte und verächtlichſte. Eine übermäßige Selbſtliebe führt zu 174 den monſtroſeſten Verbrechen, und verurſacht, ſowohl in den Staaten, als auch in den Familien, das größte Unglück. Gleichwie ein ſelbſtſüchtiger Menſch ſeine Famille an den Bettelſtab bringt, und oft ganz und gar ruinirt: ebenſo ſtürzt auch ein ſelbſtſüchtiger König ſein Volk in's Verderben, und gar oft in Krieg. „Beiſpiele; „Die Selbſtſucht des Achilles war, wie der Poet Homer bemerkt, für die Griechen die Urſache von tauſend Leiden. euo0 4ctois clye 60s — (Hom. L. vV. 2) — Die Selbſiſucht des verſtorbenen Napoleon Bonaparte verurſachte in Europa unzählige Kriege, und war Schuld, daß er ſelbſt auf einem elenden Eilande — auf der Inſel St. Helena im atlantiſchen Ocean — ſchmählich endete. „Aus dieſen Beiſpielen erſehen wir, daß wir unſer eigenes Intereſſe und unſern Ehrgeiz nicht voranſtellen dürfen, ſondern daß wir die Intereſſen Anderer ſo gut, wie die unſrigen, berückſichtigen müſſen.“ Alhene Houſe, 24. April, 1827. „George S. Osborne. „Denken Sie nur: ein Knabe von ſeinem Alter, der ſo ſchreibt, und dazu Griechiſch citirt,“ ſprach die ent⸗ zückte Mutter. „O William!“ ſetzte ſie, dem Major die Hand hinſtreckend, hinzu — „welchen Schatz hat mir der Himmel an dieſem Knaben gegeben! Er iſt der Troſt meines Lebens — und iſt das Bild deſſen — deſſen, der heimgegangen!“ „Darf ich böſe auf ſie ſein, weil ſie ihm treu bleibt? dachte William. „Darf ich auf meinen im Grabe ruhen⸗ den Freund eiferſüchtig ſein; oder darf es mich verdrießen, daß ein Herz, wie das Amaliens, nur Ein Mal und für immer lieben kann? O George, George! Wie wenig wußteſt Du den Schatz, den Du beſaßeſt, nach ſeinem ganzen Werthe zu ſchätzen!“ —. —. 175 Dieſe Gedanken fuhren William durch den Kopf, während er Amaliens Hand in der ſeinigen hielt. Ein Taſchentuch verdeckte ihm die Augen ſeiner An⸗ gebeteten. „Theurer Freund,“ ſprach ſie, die Hand drückend, ſo die ihrige hielt, „wie gut, wie freundlich ſind Sie ſtets gegen mich geweſen! Doch ſehen Sie! Papa rührt ſich. Sie werden Georgy doch morgen beſuchen, — nicht wahr?“ „Morgen kann es nicht ſein,“ ſprach der arme alte Dobbin. „Ich habe Geſchäfte zu beſorgen.“ Der Wahrheit gemäß müſſen wir ſagen, daß er nicht geſtehen mochte, daß er noch nicht bei ſeinen Eltern und ſeiner lieben Schweſter Anna geweſen — eine Nachläßig⸗ keit, wegen deren jede wohlerzogene Perſon ohne Zweifel den Major tadeln wird. Bald darauf verabſchiedete er ſich, und ließ für Jos ſeine Adreſſe zurück. Und ſo war der erſte Tag vorüber, und hatte er ſie geſehen. Als er nach dem Slaughters'ſchen Kaffeehauſe zu⸗ rückkam, war das gebratene Huhn natürlich kalt, in wel⸗ chem Zuſtande er es zu ſeinem Nachteſſen verzehrte. Und da er wußte, daß ſeine Familie nicht lange aufblieb, und daß es nutzlos ſein würde, ſie noch ſo ſpät in ihrem Schlafe zu ſtören, ſo will die Geſchichte wiſſen, daß Major Dobbin an jenem Abende ſich damit vergnügt habe, daß er ſich zum halben Preiſe ein Billet geka und in das Haymarket Theater gegangen ſei. Wir wollen hoffen, daß er ſich daſelbſt gut amü Meunundfünfzigſtes Rapitel. Das alte Clavier. Der Beſuch des Majors hatte den alten John Sed⸗ ley gewaltig angegriffen und aufgeregt. Seine Tochter konnte ihn an jenem Abende nicht bewegen, ſich ſeinen Beſchäftigungen oder Beluſtigungen hinzu⸗ geben. Er brachte den ganzen Abend damit zu, daß er ſeine Schränke, Käſten und Schreibepulte durchſtöberte, wobei er mit zitternden Händen ſeine Papiere aufband, und die⸗ ſelben ſortirte und in Ordnung brachte, um ſie Jos bei ſeiner Ankunft ſogleich weiſen zu können. Er hatte ſie in der größten Ordnunz — ſeine Schnüre und Papiere, ſeine Empfangſcheine, und die Briefe, die er mit Advo⸗ caten, und Correſpondenten gewechſelt; die Dokumente, welche ſich auf das Weinproject (das in höchſt unerklär⸗ licher Weiſe fehlſchlug, nachdem es mit den glänzendſten Ausſichten begonnen hatte), auf das Kohlenproject (wozu nur das nöthige Kapital fehlte; ſonſt hätte es das glän⸗ zendſte Geſchäft werden müſſen, das es je gegeben), auf die Patent⸗Sägemühlen und auf das Sägemehl⸗Conſoli⸗ dationsproject u. ſ. w. u. ſ. w. bezogen.— Er brachte faſt die ganze Nacht damit zu, daß er dieſe Dokumente zurecht legte, wobei er von einem Zim⸗ mer in das andere zitterte, und in ſeinen unſicheren Hän⸗ den ein ſchwankendes Licht hielt. „Hier ſind die Weinpapiere, hier iſt das Sägemehl, hier find die Kohlen; hier ſind die Briefe, die ich nach Calcutta und Madras geſchrieben, ſammt den Antworten, die ich von Major Dobbin, C. B., und von Herrn Joſeph 177 Sebley auf dieſelben erhalten habe. Er ſoll bei mir . in Ordnung finden, Emmy,“ ſprach der alte err. Emmy lächelte. „Ich glaube, Jos wird ſich nicht viel um dieſe Pa⸗ piere kümmern, Papa,“ ſagte ſie. „Du verſtehſt eben vom Handel Nichts, meine Theure,“ antwortete der Vater mit bedeutungsvollem Kopfſchütteln. Auch müſſen wir in der That geſtehen, daß Emmy in dieſem Punkte ſehr unwiſſend war, und daß es Jammer⸗ ſchade iſt, daß manche Leute ſo Viel davon verſtehen. Als endlich der alte Sedley alle dieſe werthloſen Dokumente auf einem Seitentiſche zurecht gelegt hatte, bedeckte er ſie ſorgfältig mit einem ſauberen Bandanna Taſchentuche (es war eines derienigen, die Major Dob⸗ bin geſchickt hatte), und band dem Hausmädchen, ſowie der Hauswirthin in feierlichſter Weiſe auf die Seele, daß ſie dieſe Papiere, welche am nächſten Morgen Herr Joſeph Sedley, „Herr Joſeph Sevley, Civilbeamter im Dienſte der ehrenwerthen vſtindiſchen Compagnie, Ab⸗ theilung Bengalen,“ unterſuchen würde, nicht anrühren dürften. Am nächſten Morgen fand ihn Amalie ſchon in aller Frühe auf den Beinen: der arme Mann war eifriger, hektiſcher und zitternder, als je. „Ich habe nicht viel geſchlafen, liebe Emmy,“ ſprach er. „Ich habe an meine arme Beſſy gedacht. Ich wollte, ſie wäre noch am Leben, damit fie noch einmal in Jos' Wagen fahren könnte. Sie hatte einſt ihren eigenen Wagen, und es ſtand ihr das Fahren gar wohl an.“ Hier füllten ſich ſeine Augen mit Thränen, die über ſein gefurchtes altes Geſicht herabtröpfelten. Amalie wiſchte ſie ab, und küßte ihn lächelnd, und ſchlang das Halstuch des alten Mannes zu einem hüb⸗ ſchen Knoten, und ſteckte ſeine Vroſche in ſeinen ſchonſten Der Jahrmarkt des Lebens. IW. 121 1* 178 Buſenſtreifen, — in welchem ſonntäglichen Traueranzuge er von ſechs Uhr Morgens daſaß, und der Ankunft ſeines Sohnes harrte. „ Es ſind in der High Street zu Southampton einige prächtige Schneiderbuden, an deren aus feinem Spiegel⸗ glas beſtehendeu Fenſtern prachtvolle Weſten jeder Art — Weſten von Seide und Sammt, und Gold und carme⸗ ſinrother Farbe, — ſowie Bilder hangen, welche die neueſten Moden darſtellen, und worauf wundervolle Her⸗ ren, mit Lorgnetten, ſich in der Nähe von kleinen Kna⸗ ben mit außerordentlich großen Augen und gerolltem Haare befinden, und Damen in Reithabits, die an der Achillesſtatue bei Apsley Houſe ſtolz vorbeireiten, beäugeln. Obwohl Jos mit einigen der prächtigſten Weſten verſehen war, die Caleutta liefern konnte, ſo dachte er doch, daß er nicht nach der Stadt gehen könnte, ſo lange er nicht mit einigen dieſer Kleidungsſtücke verſehen wäre. Er wählte ſich daher eine hochrothe Weſte aus, worein goldene Schmetterlinge geſtickt waren; ferner eine tar⸗ tanartige ſchwarzrothe, ſammtne mit weißen Streifen und einem Shawlkragen, womit er, nachdem er noch ein prächtiges blaues Atlaß⸗Col, und eine goldene Vorſteck⸗ nadel gekauft hatte, die ein Thor mit fünf Riegeln dar⸗ ſtellte, worüber ein Reiter in roſarother Emaille ſetzte — in London mit einiger Würde einziehen zu können glaubte. Denn wir müſſen hier bemerken, daß Jos frühe⸗ res ſcheues Weſen, ſowie ſeine ehemalige von ſietem Er⸗ röthen begleitete täppiſche Furchtſamkeit einer aufrichtige⸗ ren und muthigeren Erkenntniß ſeines eigenen Werths Platz gemacht hatte. „Ich geſtehe ganz offen,“ ſprach der Waterloo⸗Sedley oft zu ſeinen Freunden, „daß ich mich gern fein geputzt zeige.“ 179 Und obgleich es ihm nie ganz wohl war, wenn auf den Bällen im Gouvernements⸗Palaſt ihn Damen anſchauten, und obgleich er, ſo lange er dem Feuer ihrer Blicke aus⸗ geſetzt war, erröthete und ſich ganz unruhig wegwandte, ſo vermied er ſie doch hauptſächlich darum, weil er fürch⸗ tete, ſie möchten ſich in ihn verlieben. Denn er wollte von einer Heirath ſchlechterdings Nichts wiſſen. Allein es gab, wie ich habe ſagen hören, in Calecutta keinen zweiten Elegant, wie Waterloo⸗Sedleh: auch erſchien er, wenn er ausfuhr, im hübſcheſten Aufzuge. Sein Silber⸗ geſchirr war in der ganzen Stadt das ſchönſte, ſowie ſeine Junggeſellen⸗Diners entſchieden die beſten. Um dieſe Weſten für einen Mann von ſeiner Größe und ſeinem Anſehen zu fertigen, war wenigſtens ein Tag nothwendig, wovon er einen Theil dazu verwendete, daß er einen Bedienten annahm, der ihn und ſeinen eingebor⸗ nen Domeſtiken zu bedienen hatte, ſowie dazu, daß er dem Agenten, der ſein Gepäck, ſeine Kiſten, ſeine Bücher, worin er nie las; ſeine Kiſten voller Mangos, Chutney, und Curry⸗Pulver; ſeine Shawls zu Geſchenken für Leute, die er noch nicht kaunte; ſowie den Reſt ſeines Perſicos Apparatus clarirte, Verhaltungsbefehle gab. Endlich fuhr er am dritten Tage in aller Gemäch⸗ lichkeit und in ſeiner neuen Weſte nach London. Der ein⸗ geborne Diener ſaß, zähneklappernd und in einem Shawl vor Kälte zitternd, auf dem Kutſchbocke an der Seite des neu angenommenen europäiſchen Domeſtiken; Jos dagegen „dampfte“ von Zeit zu Zeit im Innern des Wagens, und ſah ſo majeſtätiſch aus, daß kleine Buben Hurrah ſchrien, und Viele glaubten, es konne Niemand anders ſein, als ein Generalgouverneur. Ich kann meinen Leſern verfichern, daß er die ſer⸗ vilen Einladungen der Gaſtwirthe in den hübſchen Land⸗ ſtädtchen nicht verſchmähte, ſondern fleißig ausſtieg und ſich erfriſchte. Nachdem er zu Southampton ſich ein copioſes Früh⸗ 180 ſtück, beſtehend aus Fiſchen, Reis und hartgeſottenen Eiern zu Gemüthe geführt, däuchte es ihm zu Wincheſter, vaß ein Glas Feres ihm nicht ſchaden könnte. Zu Alton ſtieg er auf das Anſuchen ſeines Dieners aus, und vertilgte ein Quantum von dem Ale, wegen deſſen der Ort berühmt iſt. Zu Farnham ließ er anhalten, um das biſchöfliche Schloß in Augenſchein zu nehmen, und ſich mit einem leichten Diner, beſtehend aus gedämpften Aalen, Kalbsco⸗ teletten, grünen Bohnen, und einer Flaſche Claret, zu ſtärken. Es fror ihn, als er über die Haide von Bagſhot hinfuhr. Dem eingebornen Bedienten klapperten die Zähne noch mehr, und Jos Sahib genoß etwas Grog, ſo daß er, als er in die Stadt hineinfuhr, von Wein, Bier, Fleiſch, Pickles, Kirſchbranntwein ſo angefüllt war, n das Zimmer des Stewards auf einem Dampf⸗ ſchiffe. Es war Abend, als ſein Wagen vor die kleine Thüre in Brompton hinraſſelte, wohin es den von Liebe erfüll⸗ ten Burſchen drängte, zuerſt, und noch ehe er nach dem Slaughters Kaffeehauſe ſich bringen ließ, wo Dobbin für ihn Zimmer beſtellt hatte, zu gehen. In der ganzen Straße lag Alles an den Fenſternz das kleine Hausmädchen flog an das Pfoͤrtchen; Mes- dames Clapp ſahen zum Fenſter des Küchen⸗Parlours heraus; Emmy ſtand, heftig aufgeregt, in dem Haus⸗ gange unter den Hüten und Rocken, und der alte Sed⸗ ley zitterte drinnen, im Parlour, am ganzen Leibe. Jos ſtieg gar majeſtätiſch aus der Poſtchaiſe, und den krachenden, nachgebenden Kutſchentritt hinab, wobei er von dem in Southampton neu angenommenen Diener und dem vor Kälte ſchaudernden Eingebornen, deſſen braunes Geſicht vor Kälte jetzt ſchwarzblau geworden war, und ausſah, wie der Kropf eines Truthuhns, geſtüzt wurde. Bald varauf erregte derſelbe im Haus⸗ 181 gange ungeheure Senſation; denn Mrs. und Miß Clapp, die vielleicht an der Parlour⸗Thüre hatten horchen wollen, fanden Loll Jewab, wie er auf der Bank in der Vorhalle unter den Röcken zitterte, auf eine ſonderbare jämmerliche Weiſe ſtoͤhnte, und ſeine gelben Augäpfel ſowie ſeine weißen Zähne zeigte. Denn wir haben, wie Du ſiehſt, lieber Leſer, hinten Jos, dem alten Vater, und der armen kleinen ſanften Schweſter, die drinnen im Zimmer ſind, die Thüre ge⸗ ſchloſſen, um ſie bei der Scene des Wiederſehens nicht zu ſtören. Der alte Mann ward dadurch ſehr angegriffen, und natürlich auch ſeine Tochter; ſelbſt Jos zeigte ſich nicht ganz gefühllos. Während einer zehn Jahre langen Abweſenheit denkt wohl auch der ſelbſtſüchtigſte Menſch an ſeine Heimath und an frühere Bande. Die Entfer⸗ nung heiligt beide. Ein langes Brüten über dieſen ver⸗ lorenen Freuden hat zur Folge, daß man ſich eine über⸗ triebene Vorſtellung von ihrem Reize und ihrer Süßigkeit. macht. Es freute alſo Jos aufrichtig, ſeinen Vater zu ſehen, und demſelben die Hand zu ſchütteln, obgleich zwiſchen ihnen beiden einige Kälte geherrſcht hatte; — es freute ihn, ſeine kleine, einſt ſo hübſche und lächelnde Schweſter zu ſehen, und er war betrübt über die Veränderung, welche Zeit, Kummer und Unglück in der Erſcheinung des geſchwächten alten Mannes hervorgebracht hatten. Emmy war in ſchwarzem Anzuge an die Thüre herausgekommen, und hatte ihm Etwas über den Tod ihrer Mutter zugeflüſtert, und ihn gebeten, er moͤchte doch mit dem Vater nicht davon ſprechen. Allein dieſe Vorſichtsmaßregel war unnütz, da der ältere Sedley ſelbſt alsbald anfing, von dem Ereigniſſe zu ſprechen, und, während er ſo plauderte, darüber reichliche Thränen zu vergießen. Es war dem Indier nicht wenig anſtößig, und war die Urſache, daß er weniger an ſich dachte, als der arme Kerl zu thun gewohnt war. 182 Das Ergebniß der Unterredung mußte ein ſehr be⸗ friedigendes geweſen ſein; denn als Jos wieder in ſeine Poſtchaiſe geſtiegen, und nach ſeinem Hotel weggefahren war, küßte Emmy ihren Vater zärtlich, und fragte den alten Mann mit triumphirender Miene, ob ſie nicht ſtets geſagt, daß ihr Bruder ein gutes Herz habe. In der That erklärte auch Joſeph Sedley, dem die niedrige Stellung, in der er ſeine Verwandten fand, zu Herzen ging, in der durch vas erſte Wiederſehen hervor⸗ gerufenen wohlwollenden Stimmung, und ſo lang ihm noch das Herz überſtrömte, daß ihnen fortan an Nichts mehr gebrechen ſollte; daß er auf jeden Fall einige Zeit im Vaterland bliebe, während welcher ſie über ſein Haus, ſowie über Alles, was er beſäße, unbedingt verfügen könn⸗ ten; und daß Amalie ſich oben an ſeinem Tiſche gar hübſch ausnehmen würde — bis es ihr erwünſcht wäre, einen eigenen zu führen. Sie ſchüttelte traurig den Kopf, und ließ, wie ge⸗ woͤhnlich, die Waſſerwerke ſpielen. Sie wußte, was er mit dieſen Worten ſagen wollte. Sie hatte mit ihrer jungen Vertrauten, Miß Mary, die Sache ſchon am Abend der Ankunſt des Majors auf's Weitläufigſte beſprochen; denn die ungeſtüme Polly hatte es nicht über ſich ver⸗ mocht, mit der von ihr gemachten Entdeckung länger hinter dem Berge zu halten, ſondern hatte ihr das Zu⸗ ſammenfahren, ſowie das freudige Zuſammenzucken be⸗ ſchrieben, wodurch Major Dobbin ſich verrieth, als Herr Binney mit ſeiner jungen Frau vorüberging, und der Major erfuhr, daß er nun keinen Rival mehr zu fürchten abe. „Haben Sie nicht geſehen, wie er am ganzen Leibe zitterte, als Sie ihn fragten, ob er verheirathet wäre, und er antwortete: „Wer hat Ihnen ſolche Lügen vor⸗ gemacht?“ O Ma'am,“ fuhr Polly fort, „er verwandte ſeine Augen keinen Augenblick von Ihnen; ſtets heftete er dieſelben auf Sie; und ich laſſe mir es nicht nehmen, — —— ————— 183 er iſt von nichts Anderem grau geworden, als davon, daß er ſtets an Sie gedacht hat.“ Allein Amalie blickte zu ihrem Bette auf, über dem die Portraits ihres Mannes und ihres Sohnes hingen, und ſagte ihrer jungen protégée, daß ſie nie, nie mehr dieſen Gegenſtand berühren dürfe; daß Major Dobbin, der theuerſte Freund ihres Gatten, und ihr und Georgy's gütigſter und liebevollſter Vormünder und Beſchützer ge⸗ weſen ſei; daß ſie ihn zwar wie einen Bruder liebte, — daß aber eine Frau, die einen ſolchen Engel zum Manne gehabt (hiebei deutete ſie nach der Wand hin), nimmer⸗ mehr daran denken könne, ſich von Neuem zu verehlichen. Die arme Polly ſeufzte: ſie dachte, was ſie thun ſollte, wenn der junge Herr Tomkins, im Laboratorium, der ſie in der Kirche immer ſo anſah, und durch dieſe aggreſſiven Blicke allein ihr furchtſames Herzchen ſo ver⸗ wundet hatte, daß ſie ſich ohne Weiteres ergeben wollte, — was ſie thun ſollte, wenn er mit Tod abginge. Sie wußte, daß er an der Schwindſucht litt; ſeine Wangen waren ſo roth, und er war ſo ungewöhnlich dünn um den Leib. Nicht als ob Emmy, auf des ehrlichen Majors Liebe einmal aufmerkſam gemacht, denſelben in irgend einer Weiſe zurückgewieſen hätte, oder auf ihn böſe gewe⸗ ſen wäre. Eine ſolche Liebe, eine Liebe, die von einem ſo ächten und loyalen Gentleman ausging, konnte keine Frau boſe machen. Desdemona war nicht böſe auf Caſ⸗ ſio, obgleich ihr die Liebe des Lieutenants wohl ſchwerlich verborgen blieb (und was mich betrifft, ſo glaube ich wirklich, daß in jener traurigen Geſchichte weit mehr vor⸗ ging, als der gute Mohr je wußte); ia auch Miranda war gegen Caliban ſelbſt recht freundlich, und wohl ans demſelben Grunde. Nicht als ob ſie ihm — dem armen gräßlichen Monſtrum — hätte Hoffnung machen wollen — das war natürlich nicht der Fall. Und eben ſo wenig wollte Emmy ihrem Bewunderer, dem Major, Hoffnung machen. Sie wollie ihm die freundſchaftliche Achtung und Liebe zu Theil werden laſſen, deren eine ſo ſeltene Vortrefflichkeit und Treue würdig war; ſie wollte ihn mit vollkommener Herzlichkeit und Offenheit behandeln, bis er mit ſeinen Anträgen herausrückte; und dann, ſagte und dachte ſie, werde es immer noch Zeit genug ſein, zu ſprechen, und Hoffnungen ein Ende zu machen, die nie realiſirt werden könnten. Sie ſchlief daher an jenem Abende, nachdem ſie mit Miß Polly die hier berichtete Unterredung gehabt, mit der größten Ruhe, und fühlte ſich trotzdem, daß Jos noch nicht da war, ungewoͤhnlich glücklich. „Es freut mich nur, daß er nicht die Miß O'Dowd heirathet,“ dachte ſie. „Oberſt O⸗Dowd konnte nie eine Schwägerin haben, die für einen ſo gebildeten Mann, wie Major William, paßte.“ Befand ſich in ihrem kleinen Kreiſe eine Perſon, die würdig war, ſeine Frau zu werden? Gewiß konnte hier von Miß Binney die Rede nicht ſein: die war zu alt und übellaunig; auch von Miß Osborne nicht? — Auch ſie war zu alt. Die kleine Polly dagegen war zu jung. Kurz und gut, Mrs. Osborne konnte, bevor ſie ſich ſchla⸗ fen legte, unter allen ihren Bekannten keine finden, die für den Major paßte. Als indeſſen der Briefträger kam, wurde die kleine Geſellſchaft durch den Empfang eines Briefes von Jos an ſeine Schweſter von jeder weitern Ungewißheit erlöst, da derſelbe meldete, daß er ſich nach ſeiner Reiſe ein wenig ermüdet fühlte, und daß er an dieſem Tage nicht im Stande ſein würde, ſich wieder auf den Weg zu machen, ſondern daß er im Sinne hätte, am nächſten Morgen in aller Frühe Southampton zu verlaſſen, und am Abende bei ſeinem Vater und ſeiner Mutter zu ſein. Als Amalie ihrem Vater den Brief vorlas, hielt ſie bei dem letztern Worte inne: es ging daraus hervor, daß ihr Bruder nicht wußte, was in der Familie vorgefallen 185 war. Auch konnte er es nicht wiſſen: denn obgleich Ma⸗ jor Dobbin von der ganz richtigen Anſicht ausging, daß ſein Reiſegefährte in einem ſo kurzen Zeitraume, das heißt in vier und zwanzig Stunden, nimmermehr in Bewegung gebracht werden könnte, und daß derſelbe irgend eine Aus⸗ rede finden würde, um ſein Zögern zu entſchuldigen, ſo hatte er, Dobbin, doch nicht an Jos geſchrieben, um den⸗ ſelben von dem Unglücke zu benachrichtigen, das die Sedley'ſche Familie getroffen. Denn der Major hatte ja bis zum Abgange der Poſt und noch lange darauf mit Amalien ſprechen müſſen. An demſelben Morgen erhielt auch Major Dobbin im Slaughters Kaffeehauſe einen Brief von ſeinem Freunde in Southampton; Letzterer bat varin den lieben Dob, ihn, Jos, zu entſchuldigen, wenn er an dem vorangegangenen Tage, als er aufgeweckt worden, in Wuth geweſen ſei (er habe ungeheure Kopfſchmerzen gehabt, und habe gerade in erſten Schlafe gelegen), und erſuchte Dob, im Slaugh⸗ ters Hotel für Herrn Sedley und deſſen Dienerſchaft ein paſſendes Logis zu beſtellen. Der Major war während der Seereiſe Jos nothwendig geworden. Jos hatte Dob⸗ bin gern, und klammerte ſich an ihn an. Die andern Paſſagiere waren nach London abgereist. Der junge Ricketts und der kleine Chaffers reisten noch an demſelben Tage mit dem Poſtwagen ab — Ricketts auf dem Kutſchbocke, wo er ſich von Botley die Zügel geben ließ; der Doktor war fortgegangen, um ſeine Fa⸗ milie zu Portſea aufzuſuchen; Bragg war nach London, zu ſeinen Mittheilhabern, abgereist; und der erſte Maat war mit dem Ausladen des Ramchunder beſchäftigt. Herr Jos war daher zu Southampton ganz verlaſſen, und es mußte der Beſitzer des George Hotels an jenem Tage ein Glas Wein mit ihm trinken — und ſonderbarer Weiſe geſchah dieß zu derſelben Stunde, wo Major Dobbin am Tiſche ſeines Vaters, Sir Williams, ſaß, und ſeine Schwe⸗ ſter ausfindig machte (denn es war dem Major unmoglich, 186 mit Lügen umzugehen), daß er ſchon bei Mrs. George Osborne geweſen. Jos fühlte ſich in Saint Martin's Lane ſo behaglich, konnte ſeine Hookah dort ſo ruhig rauchen, und, wenn er ſich dazu aufgelegt fühlte, ſo hübſch zu den Theatern hin⸗ abſtolziren, daß er vielleicht im Slaughters' Hotel für immer geblieben ſein würde, wäre nicht ſein Freund, der Major, um ihn und hinter ihm her geweſen. Letzterer Herr ließ dem Bengalen ſo lange keine Ruhe, bis er ſein Verſprechen, für Amalie und ſeinen Vater ein Haus zu miethen, erfüllte. Jos ließ ſich von Jedem um den „Finger herum⸗ wickeln“; Dobbin war in Jedermann's Angelegenheiten ungemein thätig, nur nicht in den ſeinigen; und der Civiliſt wurde daher ganz leicht ein Opfer der argloſen Liſten des gutmüthigen Diplomaten, und ließ ſich bereit finden, Alles, was nur ſein Freund für paſſend erachten mochte, zu thun, zu kaufen, zu miethen, oder zu laſſen. Loll Jewab, den die Knaben in und um Saint Mar⸗ tin's Lane grauſam zu verhöhnen pflegten, ſo oft er ſein vunkles Antlitz auf der Straße zeigte, wurde in dem Oſt⸗ indienfahrer, Lady Kicklebury, zu deſſen Eigenthümern auch Sir William Dobbin gehoͤrte, nach Caleutta zurück⸗ geſchickt; vorher aber hatte er Jos' europäiſchen Diener die Kunſt lehren müſſen, Curries und Pilaws zu bereiten, ſowie Pfeifen zu ſtopfen. Für Jos war es eine hochſt erwünſchte Beſchäftigung, beim Bau eines hübſchen Wagens, den er und der Major in dem benachbarten Long Aere beſtellten, die Oberaufſicht zu führen: ſofort wurde ein Paar ſchöner Pferde gemie⸗ thet, und Jos fuhr damit ſtattlich im Parke umher, wenn er nicht ſeine indiſchen Freunde beſuchte. Bei dieſen Erkurſionen ſaß Amalie nicht ſelten an ſeiner Seite; und auch Major Dobbin war dann auf dem Rückſitze der Kutſche zu ſehen. Sonſt benützten der alte Sedley und ſeine Tochter das Gefährt: und Miß Clapp, 187 die mit ihrer Freundin häufig ausfuhr, fand vieles Ver⸗ gnügen varan, ſich dem jungen Herrn in dem Laboratorium neben Amalien und in ihrem famoſen gelben Shawl, zu zeigen; denn, ſo oft fie vorbeifuhr, ließ ſich in der Regel ſ das Geſicht deſſelben über den Fenſterſchirmen er⸗ en. * 4 Ganz kurze Zeit nach Jos' erſtem Erſcheinen zu Brompton trug ſich in dem beſcheidenen Häuschen, in dem die Sedley's die letzten zehn Jahre ihres Lebens zugebracht hatten, eine in der That traurige Scene zu. Eines Ta⸗ ges erſchien Jos' Gefährt (das einſtweilen gemiethete, nicht der Wagen, der eben im Ban begriffen war), und entführte den alten Sedley, ſowie deſſen Tochter, — um ſie nie wieder zu bringen. Die Thränen, die bei dieſer Gelegen⸗ heit von der Hauswirthin und der Tochter der Hauswir⸗ thin vergoſſen wurden, waren ſo ächte Thränen des Kum⸗ mers, wie nur irgend welche, ſo in dem Laufe dieſer Geſchichte vergoſſen worden find. Während ihrer langen Bekanntſchaft und ihres langen vertrauten Umgangs konn⸗ ten ſie ſich keines böſen Wortes erinnern, das von Amalien ausgegangen. Sie war lauter Milde und Güte geweſen, hatte ſich ſtets dankbar, ſtets ſanft gezeigt, ſelbſt wenn Mrs. Clapp die Geduld verlor, und wegen des Hauszinſes vrängte. Als das gute Geſchoͤpf das Haus für immer verließ, machte die Hauswirthin ſich bittere Vorwürfe darüber, vaß ſie ihr je ein böſes Wort gegeben — wie weinte ſie, als mit Oblaten an vas Fenſter ein Papier angeklebt wurde, worauf bemerkt war, daß das ſo lang bewohnte kleine Appartement zu vermiethen ſei! Daß ſie nie wieder S Miethleute bekommen würde, war der guten Dame ar. Die Erfahrung bewies auch die Wahrheit dieſer 188 traurigen Prophezeiung: und, wenn das Menſchengeſchlecht ſich ſtets verſchlechterte, ſo rächte Mrs. Clapp ſich da⸗ durch, daß ſie die Theebächſen und Hammelsſchlägel ihrer Miethleute ganz ſchonungslos in Contribution ſetzte. Die Meiſten ſchimpften und brummten; Einige vergaßen, zu bezahlen; Niemand blieb lange im Hauſe. Die Haus⸗ wirthin hatte wohl Urſache, den Verluſt der alten, alten Freunde, die ſie verlaſſen, zu bedauren. Was Miß Mary betrifft, ſo war ihr Schmerz über das Wegziehen Amaliens ſo groß, daß ich nicht verſuchen werde, denſelben zu ſchildern. Seit ihrer Kindheit war ſie ja täglich um ſie geweſen; und ſo leidenſchaftlich war die Zuneigung, die ſie zu der theuren guten Dame gefaßt hatte, daß ſie, als die große Barouche vorfuhr, um die⸗ ſelbe einem neuen glanzvollen Leben entgegenzuführen, in den Armen ihrer Freundin, die in der That faſt nicht minder gerührt war, als das gutmüthige Mädchen, ohn⸗ mächtig wurde. Amalie liebte ſie wie eine Tochter. Während eines Zeitraums von eilf Jahren war das Mädchen ihre beſtän⸗ dige Freundin und Gefährtin geweſen. Und ſo war denn die Trennung für ſie recht ſchmerzlich. Allein es wurde natürlich ausgemacht, daß Mary recht oft ſie in dem gro⸗ ßen neuen Hauſe beſuchen müſſe, wohin Mrs. Osborne nun ging, und wo ſie, wie Mary ſich überzeugt hielt, nie ſo glücklich ſein konnte, wie in ihrer beſcheidenen Hütte: ſo nannte Miß Clapp das Ding in der Sprache der Novellen, für die ſie beſonders eingenommen war. Wir wollen hoffen, daß ſie ſich in ihrem Urtheile irrte. Der glücklichen Tage waren für die arme Emmy in der beſcheidenen Hütte gar wenige geweſen. Ein fin⸗ ſteres Schickſal hatte ſie dort bevrückt. Sie mochte nie mehr in das Haus zurückkommen, nachdem ſie es einmal verlaſſen hatte; auch mochte ſie die Hauswirthin nicht mehr ſehen, die ſie tyranniſirt hatte, wenn ſie nicht in der beſten Laune war, oder ihren Hauszins nicht auf den Tag ————————— 189 bekam; oder die ſie, wenn ihr Alles nach Wunſch ging, mit einer rohen Familiarität behandelt hatte, die kaum minder odiös war. Ihre Servilität und ihre wiverlichen Complimente, als Emmy wieder im Glücke ſaß, konnten Letzterer ebenſo wenig behagen. Sie konnte das neue Haus nicht genug bewundern, und hrach beim Anblicke jedes Moöbels oder jeder Zierath in Ausdrücke des Staunens aus: ſie be⸗ ſühlte Mrs. Osborne's Kleider, und berechnete deren Werth. Sie behauptete und betheuerte, daß für die holde Dame Nichts zu gut ſein könne. Allein in der gemeinen Sykophantin, die ihr jetzt den Hof machte, erkannte Emmy immer wieder die rohe Tyrannin, die ſie ſo oft unglücklich gemacht; die ſie um Nachſicht hatte bitten müſſen, wenn der Hauszins verfallen war; die ſie eine Verſchwenderin hieß, wenn ſie für ihre kranke Mutter, oder ihren ſchwachen Vater Delikateſſen kaufte; die ſie in ihrer Erniedrigung geſehen und mit Füßen getreten hatte. Keine Seele hörte je von dieſen Kümmerniſſen, die zum Lebensgeſchicke unſeres armen kleinen Weibchens mit gehört hatten. Sie hielt dieſelben vor ihrem Vater ver⸗ borgen, deſſen Unvorſichtigkeit an ihrem Unglücke viel Schuld war. Sie mußte allen Tadel für ſeine Fehler auf ſich nehmen, und war wirklich auch ſo ungemein ſanft und demüthig, daß ſie von der Natur dazu beſtimmt ſchien, ſich für Andere zum Opfer herzugeben. Hoffentlich hat ſie nun keine ſo harte Behanvlung mehr zu erdulden. Und da man ſagt, daß bei allen Küm⸗ merniſſen noch ein gewiſſer Grad von Troſt vorhanden ſei, ſo kann ich hier erwähnen, vaß die arme Mary, als ſie bei dem Weggange ihrer Freundin in einem hyſteriſchen Zuſtande verharrte, von dem jungen Burſchen in dem Lahoratorium behandelt wurde, und ſo nach kurzer Zeit wieder vollſtändig genas. Emmy ſchenkte, als ſie von Brompton wegging, Mary jedes Mobel, das ſich in dem Hauſe befand; ſie nahm einzig und allein ihre Bilder 190 (die beiden Porträts über ihrem Bette), ſowie ihr Piano⸗ Forte mit — das kleine alte Clavier, das jetzt zwar den klagenden ſchetternden Ton des Greiſenalters angenommen hatte, ihr aber aus beſonderen Gründen gar theuer war⸗ Sie war noch ein Kind geweſen, als ſie zum erſten Male darauf ſpielte; und ihre Eltern hatten es ihr gegeben. Wie ſich der Leſer noch erinnern wird, ſo hatte ſie es ſeit⸗ dem abermals wieder zum Geſchenke erhalten, als ihr Vater Schiffbruch litt, und das Inſtrument aus demſelben gerettet wurde. Es freute den Major Dobbin ungemein, als der Wagen, während er ſelbſt in Jos' neuem Hauſe, das er, der Malor, recht hübſch und bequem eingerichtet wiſſen wollte, Alles anordnete, — als, ſagen wir, der Wagen von Brompton ankam, und, neben den Koffern und Schach⸗ teln der Emigranten, auch das alte Clavier mitbrachte. Amalie wollte es durchaus in ihrem Wohnzimmer haben — einem hübſchen Zimmerchen im zweiten Stockwerke, das an das Zimmer ihres Vaters ſtieß, und wo der alte Herr ſich gewöhnlich Abends aufhielt. Als die mit dem Aus⸗ und Einzug beauftragten Leute den alten Muſikkaſten heraufbrachten, und Amalie den Befehl ertheilte, daß derſelbe in dem vorgenannten Zimmer aufzuſtellen wäre, fühlte Dobbin ſich ungemein gehoben und Ungemein ſtolz. „Es freut mich, daß Sie das Ding behalten haben,“ ſagte er in hochſt ſentimentaler Weiſe. „Ich befürchtete, es möchte Ihnen nicht viel daxan gelegen ſeiu.“ „Ich ſchätze es mehr, als irgend Etwas auf der Welt,“ ſprach Amalie. „Wirklich, Amalie?“ rief der Major. Er hatte es nämlich, wie wir wiſſen, ſelbſt gekauft, obgleich er keiner Seele je Etwas davon ſagte; und ſo ließ er ſich auch nie träumen, daß Emmy denken könne, es ſei von Jemand anders gekauft, und ihr von Jemand anders geſchenkt worden, als von ihm. 191 „Wirklich, Amalie?“ fragte er nochmals. Und die Frage, — für ihn die große Frage, bebte auf ſeinen Lippen, als Emmy erwiederte: „Wie kann ich auch anders? — Hat nicht er es mir gegeben?“ 8 „Ich wußte es nicht,“ ſprach der arme alte Dob ganz niedergeſchlagen. Emmy merkte ſich im Augenblicke dieſen Umſtand nicht; auch entging ihr der trübſelige Ausdruck, den das Geſicht des ehrlichen Dobbin annahm; allein ſie dachte ſpäter daran. Und da mußte ſie ſich zu ihrem unausſprech⸗ lichen Schmerze und Verdruſſe mit einem Male ſagen, daß ſie das Clavier von William, und nicht von George, wie ſie ſich bisher wingebildet, erhalten. Es war kein Geſchenk George's — das einzige, das ſie, wie ſie glaubte, von ihrem Gellebten erhalten — das Ding, das ſie über Alles geſchätzt und werth gehalten — ihre theuerſte Re⸗ liquie, ihr werthvollſtes Beſitzthum. Sie hatte mit dem⸗ ſelben von George geſprochen; hatte auf demſelben ſeine Lieblingsſtücke geſpielt; hatte lange, lange Abendſtunden davor geſeſſen, und alle ihre geringe Kunſt aufgeboten, um aus demſelben düſtere Harmonien hervorzuzaubern, und in aller Stille darüber zu weinen. Es war keine Reliquie von George. Jetzt war es werthlos. Als der alte Sedley ſie daher das nächſte Mal bat, daß ſie Etwas ſpielen möchte, ſagte ſie, es ſei furchtbar verſtimmt; ſie habe Kopfweh; ſie könne nicht ſpielen. Dann machte fie ſich, ihrer Gewohnheit gemäß, ſelbſt Vorwürſe über ihre Empfindlichkeit und Undankbarkeit, und beſchloß, dem ehrlichen William wegen der Gering⸗ ſchätzung, die ſie nicht gegen ihn, ſondern gegen ſein Ge⸗ ſchenk, das Clavier, an den Tag gelegt, Genugthuung zu geben. Als ſie einige Tage darauf bei einander in dem Sa⸗ lon ſaßen, wo Jos nach dem Diner recht behaglich ein⸗ 192 geſchlummert war, ſprach Amalie mit etwas ſtockender Stimme zu Major Dobbin: — „Ich muß Sie wegen einer gewiſſen Sache um Ver⸗ zeiung bitten.“ „Wegen welcher?“ ſagte er. „Wegen — wegen des kleinen tafelförmigen Claviers. Ich habe Ihnen nie dafür gedankt, als Sie mir es ſchon dor vielen, vielen Jahren, lange vor meiner Trauung, gaben. Ich glaubte, ich hätte es von einer andern Per⸗ ſon erhalten. Ich danke Ihnen, William.“ Sie ſtreckte ihre Hand aus; allein dem armen Weib⸗ chen blutete das Herzz und was ihre Augen betraf, ſo waren ſie natürlich wieder in gewohnter Thätigkeit. Allein William konnte ſich nicht länger halten. „Amalie, Amalie,“ ſprach er, „ich kaufte es für Sie. Damals, wie jetzt, liebte ich Sie. Ich muß es Ihnen ſagen. Ich glaube, ich liebte Sie von dem erſten Augen⸗ blicke an, wo ich Sie ſah, als George mich in Ihr Haus führte, um mir die Amalie zu zeigen, mit der er ver⸗ ſprochen war. Sie waren damals ein junges Mädchen, in weißem Kleide, und mit großen Ringeln. Sie kamen ſingend aus Ihrem Zimmer herab — können Sie ſich deſſen noch erinnern? — Und wir gingen ſodann nach Vaurhall. Seit jenem Augenblicke habe ich nur noch an ein Weib auf dieſer Welt gedacht, — und dieſes Weib waren Sie. Ich glaube, während eines Zeitraums von zwölf Jahren hat es keine Tagesſtunde gegeben, wo ich nicht an Sie dachte. Ich wollte Ihnen das vor meiner Abreiſe nach Indien ſagen; allein Ihnen war es nicht dar⸗ um zu thun, und ich hatte das Herz nicht, zu ſpechen. Ihnen war es ganz einerlei, ob ich blieb, oder ob ich ing.“ 3 „Ich war recht undankbar,“ ſagte Amalie. „Rein; nur gleichgültig,“ fuhr Dobbin in verzwei⸗ felter Weiſe fort. „Ich beſitze keine ſolchen Vorzüge, um ein Frauenzimmer zu einer anderen Geſinnung zu bringen⸗ — 193 Ich weiß, welches jetzt Ihre Gefühle ſind. Die Entdeck⸗ ung mit dem Piano thut Ihnen in der Seele weh; Sie können es nicht verſchmerzen, daß es von mir, und nicht von George kam. Ich vergaß es, ſonſt würde ich nimmer⸗ mehr ſo davon geſprochen haben. Ich muß Sie um Ver⸗ zeihung bitten, daß ich einen Augenblick ein Thor geweſen, und daß ich gedacht, daß Jahre der Treue und Hinge⸗ bung für mich bei Ihnen ein gutes Wort eingelegt haben könnten.“ „Nun ſind Sie grauſam,“ etwiederte Amalie ziemlich muthig. „George iſt mein Mann, hier und im Himmel. Wie konnte ich einen andern lieben? Ich gehöre ihm jetzt ſo gut, wie in dem Augenblicke, wo Sie mich zum erſten Male ſahen, lieber William. Er war es, der mir ſagte, wie gut und großmüthig Sie ſeien, und der mich Sie, wie einen Bruder, lieben lehrte. Sind Sie mir und meinem Knaben nicht Alles und Alles geweſen? Sind Sie nicht unſer theuerſter, wahrſter, gütigſter Freund und Beſchützer geweſen ? Wären Sie einige Monate früher gekommen, ſo wäre es vielleicht in Ihrer Macht geſtanden, mir jene furchtbare Trennung zu erſparen. Ach, ſie koſtete mir beinahe das Leben, William — allein Sie kamen nicht, obgleich ich wünſchte und betete, daß Sie kommen möch⸗ ten; und man entriß ihn mir. Iſt er nicht ein herrlicher Junge, William? Bleiben Sie auch ferner ſein und mein Freund!“ Hier verſagte ihr die Stimme: ſie konnte nicht wei⸗ ter ſprechen, und verbarg ihr Geſicht an ſeiner Schulter. Der Major ſchlang ſeine Arme um ſie, drückte ſie gegen ſich, als ob ſie ein Kind wäre, und küßte ſie auf den Kopf. „Ich werde mich nie ändern, liebe Amalie,“ ſprach er. „Ich verlange bloß Ihre Liebe. Ich glaube, daß ich ſie auch nicht anders haben möchte. Laſſen Sie mich nur um Sie bleiben, damit ich Sie oft ſehen kann.“ Der Jahrmarkt- des Lebens. IV. 13 194 „Ja, recht oft,“ ſagte Amalie. Und ſo durfte denn William ſchmachten und ſie an⸗ ſehen: wie der arme Schulknabe, dem es an Geld fehlt, ſich nach den Delikateſſen der Kuchen⸗ und Obſthändlerin ſehnen darf. Sechzigſtes Rapitel. Rückkehr zur feinen Welt. Das Glück fängt nun wieder an, Amalien zu lächeln. Es freut uns, ſie aus der niedrigen Sphäre, in der ſie bis jetzt hat jämmerlich leben müſſen, herausführen, und in gebildetere Kreiſe bringen zu koͤnnen, — in Kreiſe, zwar nicht ſo großartig und vornehm, wie die, worin unſere andere Freundin, Mrs. Becky, ſich bewegt hat, deren An⸗ ſprüche aber in Bezug auf feine Sitte und Faſhion immer⸗ hin nicht gering ſind. Jos' Freunde waren ſämmtlich aus den drei Präſidentſchaften, und ſein neues Haus lag in dem comfortablen anglo ⸗„indiſchen Diſtricte, wovon Moira Place den Mittelpunkt bildet. Minto Square, Great Elive Street, Warren Street, Haſtings Street, Schterlony Place, Flaſſy, Square, Aſſaye Terrace, C„Gardens,“ — dieſes glückliche Wort wurde im Jahre 1827 noch nicht auf Stukhäuſer, vor denen ſich Asphalt⸗ Terraſſen befinden, angewendet) — wer kennt nicht dieſe reſpectablen Aufenthaltsorte desjenigen Theils der indiſchen Ariſtokratie, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen hat, und wer kennt nicht mit einem Worte das Quartier, das von Herrn Wenham „das ſchwarze Loch“ genannt 1 — 195 Jos' Lebensſtellung war nicht ſo hoch, daß ſie ihn zu einem Hauſe in Moira Place berechtigt hätte, wo Niemand wohnen kann, mit Ausnahme penſivnirter Raths⸗ mitglieder, und ehemalige Theilhaber oſtindiſcher Firmen (die Bankerott machen, nachdem ſie ihren Frauen haben hundert tauſend Pfund zuſchreiben laſſen, und mit einem jährlichen Einkommen von vier tauſend Pfund ſich auf einen Landſitz zurückziehen, und ſich in ihre vergleichungs⸗ weiſe Armuth ergeben); er miethete ein comfortables Haus zweiten bis dritten Rangs in Gilleſpie Street, und kaufte die Teppiche, die koſtbaren Spiegel, ſowie die ſchönen, aus Sevdons' berühmter Werkſtätte hervorgegangenen Moͤbeln, von den Maſſecuratoren des Herrn Scape, der ſeit eini⸗ ger Zeit in das große Calecuttaſche Haus Fogle, Fake, und racksman als Compagnon getreten war, wobei der arme Scape ſiebzig tauſend Pfund, vie Erſparniſſe eines langen und ehrenhaften Lebens, eingelegt, und Fake er⸗ ſetzt hatte, welcher ſich in einen fürſtlichen Park in Suſſer zurückzog (die Fogles find ſchon lange nicht mehr im Ge⸗ ſchäfte, und Sir Horace Fogle wird nun bald, als Ba⸗ ron Bandanna, die Pairswürde erlangen) — der, ſagen wir, in das große Agentur⸗Haus Fogle und Fake als Compagnon getreten war, — zwei Jahre, bevor es einen Bankerott von einer Million Pfund machte, und das halbe indiſche Publikum an den Bettelſtab brachte. Der ehrliche Scape, der in ſeinem fünfundſechzigſten Lebensjahre ſich ruinirt ſah, ging mit gebrochenem Herzen nach Calcutta, um die Geſchäfte des Hauſes vollends zu bereinigen. Walter Scape wurde aus der Schule von Eton zurückgezogen, und in einem Handlungshauſe unter⸗ gebracht. Florence Scape, Fanny Scape, und ihre Mutter verſchwanden und zogen ſich nach Boulogne zu⸗ rück; wir werden nicht weiter von ihnen hören. Jos kaufte, damit ich mich kurz faſſe, ihre Teppiche und Seitentiſche, und bewunderte ſich in den Spiegeln, die zuvor ihre freundlichen hübſchen Geſichter zurückge⸗ 196 worfen hatten. Die Hañdwerkslente und die Kaufleute der Scapes, die ſämmtlich zu ihrem Gelde gekommen waren, ſchickten ihre Karten, und bewarben ſich um die Kundſchaft ves neuen Hausbewohners. Die großen Kerls in weißen Weſten, die bei den Diners der Scape'ſchen aufgewartet hatten, ſonſt Gemüſehändler, Milchhändler, und Bankviener — hinterließen ihre Adreſſen, und ſuch⸗ ten ſich bei dem Kellermeiſter einzuſchmeicheln. Herr Chummy, der Kaminfeger, der für die drei letzten Fami⸗ lien gefegt hatte, ſuchte ſowohl den Kellermeiſter, als den unter demſelben ſtehenden Jungen fur ſich einzunehmen, — den Jungen, deſſen Pflicht es war, in einem mit Knöpfen über⸗ deckten Rocke, ſowie mit Streifen an den Hoſen auszu⸗ gehen, um Mrs. Amalie als Schutzwache zu dienen, ſo oft ſie Luſt hatte, das Haus zu verlaſſen. Es war eine recht beſcheidene Haushaltung. Der Kellermeiſter war zu gleicher Zeit Jos' Kammerdiener, und betrank ſich nie mehr, als einem Kellermeiſter in einer kleinen Familie, der auf den Wein ſeines Herrn gehörig Rückſicht nimmt, ziemt. Emmy erhielt als Kammerjungfer ein auf dem vor⸗ ſtäbtiſchen Wohnſitze Sir William's aufgewachſenes Mäd⸗ chen: ein gutes Mädchen, deſſen freundliches und demü⸗ thiges Weſen Mrs. Osborne entwaffnete, die anfänglich bei dem Gedanken, daß ſie einen dienſtbaren Geiſt für ſich allein bekommen ſolle, ganz erſchrak; die nicht im Mindeſten wußte, was ſie mit einem ſolchen anfangen ſollte, und die mit Domeſtiken ſtets mit der ehrerbietig⸗ ſten Höflichkeit ſprach. Allein dieſe Kammerjungfer machte ſich bei der Familie dennoch ſehr nützlich, indem ſie den alten Herrn Sedley geſchickt pflegte, der ſich faſt immer in dem ihm angewieſenen Theile des Hauſes aufhielt, und bei den Luſtbarkeiten, welche im Hauſe Statt fanden, ſich nie betheiligte. Gar viele Leute fanden ſich nun im Hauſe ein, um Mrs. Ooborne zu beſuchen. Lady Dobbin war, mit ihren 197 Töchtern, gar ſehr erfreut über den eingetretenen Glücks⸗ wechſel, und fand ſich bei ihr ein. Miß Osborne von Ruſſell Square erſchien in ihrem großen Wagen mit der feuerrothen Decke auf dem Kutſchbocke, worauf das Wap⸗ pen von Leeds prunkte. Es hieß, Jos ſei unermeßlich reich. Und ſo hatte venn der alte Osborne gar Nichts dagegen einzuwenden, wenn Georgh auch von ſeinem Oheim als Erben einge⸗ ſetzt wurde. „Zum Henker, wir wollen aus dem Burſchen noch einen rechten Mann machen,“ ſagte er; „und ich will ihn noch vor meinem Tode im Parlamente ſitzen ſehen. Du magſt hingehen, und ſeiner Mutter einen Beſuch machen, Miß Osborne, obgleich ich ſie nie anſehen werde.“ Und ſo erſchien denn auch Miß Osborne. Wir können uns darauf verlaſſen, daß es Emmy recht viele Freude machte, ſie zu ſehen, und ſo mit Georgy in noch nähere Verbindung gebracht zu werden. Und nun durfte auch dieſer junge Burſche ſeine Mutter viel öfter beſuchen, als zuvor. Jede Woche ſpeiste er ein⸗ bis zweimal in Gilleſpie Street, wobei er die Domeſtiken und ſeine Verwandte ganz in derſelben Weiſe plagte und tyranniſirte, wie in Ruſſell Square. Indeſſen war er ſtets voller Reſpekt gegen Major Dobbin, und auch in ſeinem Betragen zeigte er ſich be⸗ ſcheidener, wenn der genannte Herr anweſend war. Er war ein geſcheidter Burſche, und hatte Furcht vor dem Major. Georgy konnte nicht umhin, die Einfachheit ſei⸗ nes Freundes, ſeine ſtets gute Laune, ſein vielfaches Wiſ⸗ ſen, das er in aller Beſcheidenheit mittheilte, ſeine allge⸗ meine Wahrheits⸗ und Gerechtigkeitsliebe zu bewundern. Noch nie war er bis jetzt mit einem ſolchen Manne zu⸗ ſammengetroffen, und vabei fühlte er ſich inflinktmäßig zu jedem Gentleman hingezogen. Er war immer am Liebſten um ſeinen Taufpathen, und es war ihm die hochſte Wonne, mit Dobbin in den Parks ſpazieren zu gehen, 198 und denſelben ſprechen zu hören. William erzählte Georgy Vieles von ſeinem Vater, von Indien und Waterlov, — von Allem, nur nicht von ſich ſelbſt. War George einmal außergewoͤhnlich naſeweis und eingebildet, ſo zog ihn der Major auf, — was Mrs. Os⸗ borne recht grauſam vorkam. Eines Tags nahm ihn der Major mit in das Thea⸗ ter, und als der Knabe nicht auf das Parterre gehen wollte, weil vaſſelbe, wie er ſagte, nur für die gemeinen Leute ſei, ſo führte ihn der Major in eine Loge hinauf, ließ ihn da allein, und ging für ſeine Perſon wieder auf das Parterre. Es ſtand nicht lange an, ſo fühlte er, wie ein Arm ſich an den ſeinigen hindrückte, und wie eine kleine, zarte, in einem Glacehandſchuh ſteckende Hand ihn in den Arm kneipte. George hatte die Abſurdität ſeines Benehmens eingeſehen, und war von der obern Region herabgekommen. Ein zärtliches wohlwollendes Lächeln verklärte das Geſicht und die Augen des alten Dobbin, als er den reuigen kleinen Verſchwender anſah. Er liebte den Knaben, wie Alles, was Amalien ge⸗ hörte. Wie entzückt war nicht Letztere, als ihr dieſes Beiſpiel von George's gutem Weſen mitgetheilt wurde! Ihre Augen blickten freunvlicher auf Dobbin, denn je ein⸗ mal zuvor. Wie er glaubte, ſo erröthete ſie, als ſie ihn ſo angeſehen hatte. Georgy konnte den Major bei ſeiner Mutter nie ge⸗ nug loben. Er pflegte zu ihr zu ſagen: — „Ich habe ihn ſo gern Mama, weil er ſo ungeheuer Viel weiß; und weil er es nicht macht, wie der alte Veal, der ſtets den Mund ſo voll nimmt, und ſich ſo langer Wörter bedient: wiſſen Sie nicht? Die Knaben in der Schule heißen ihn nur „den Langſchwanz.““ Ich habe ihm dieſen Namen gegeben; finden Sie ihn nicht capital? Allein Dob liest lateiniſch, wie engliſch und franzöſiſch u. ſ. f.; und wenn wir mit einander ausgehen, erzählt er mir ſo viele Geſchichten von Papa, und nie von ſich — 199 ſelbſt; obgleich ich, bei Großpapa, Oberſt Buckler habe ſagen hören, daß er zu den tapferſlen Offizieren der Armee gehöre, und ſich ungemein hervorgethan habe. Großpapa war darüber ganz erſtaunt und ſagte: „„Der Kerl Ei, ich habe geglaubt, er könne keine Gans verſcheuchen““ — allein ich weiß, daß er das könnte, — nicht wahr, er könnte das, Mama?“ Emmy lachte: ſie dachte, es ſei recht wahrſcheinlich, daß der Major ſo Viel könne. Wenn George und der Major einander wirklich gern hatten, ſo müſſen wir auf der andern Seite bekennen, daß zwiſchen dem Knaben und ſeinem Oheim die Liebe nicht gar groß war. George hatte eine beſondere Art, ſeine Backen aufzublaſen und die Hände in die Weſten⸗ taſchen zu ſtecken, und dabei zu ſagen: „Gott ſtehe mir bei, es wird doch nicht ſo ſein?“ — wobei er den alten Jos ſo gut nachmachte, daß man ſich des Lachens un⸗ möglich enthalten konnte. Die Domeſtiken pflegten beim Diner loszuplatzen, wenn der Junge Etwas verlangte, was nicht auf dem Tiſche war, und dann ein ſolches Ge⸗ ſicht annahm, und ſich der angeführten Lieblingsphraſe bediente. Sogar Dobbin brach oft in ein gellendes Ge⸗ lächter aus, wenn er den Knaben ſeinen Nachäffungstrieb befriedigen ſah. Aeffte George ſeinen Oheim nicht geradezu vor deſſen Naſe nach, ſo unterließ es der kleine Taugenichts nur deßhalb, well er Dobbin's Tadel fürchtete, und ihn Amalie mit Biiten beſtürmte, woraus ihr Schrecken ſprach. Und da dem würdigen Civiliſten ein vunkles Bewußtſein bei⸗ wohnte, daß der Junge ihn für einen Eſel halte, und ſeinen Spaß mit ihm treiben wolle, ſo pflegte er vor Maſter Georgy immer ungemein ängſtlich, und natürlich auch noch einmal ſo pomphaft und würdevoll ſich zu gebahren. So oft es hieß, daß der junge Herr in Gilleſpie Street erwartet werde, und daß derſelbe bei ſeiner Mutter 200 ſpeiſe, fand Herr Jos in der Regel, daß er im Club Etwas zu thun habe. Vielleicht that ſeine Abweſenheit Niemand ſehr leid. An ſolchen Tagen ließ ſich in der Regel auch Herr Sedley bewegen, aus ſeiner Zufluchtsſtätte in den obern Stock⸗ werken herauszukommenz und dann fand ſich gewöhnlich auch Major Dobbin in dem kleinen Familienkreiſe ein. Er war der ami de la maison; der Freund des alten Sedley, der Freund Emmy's, der Freund Georgy's, der Rathgeber des würdevollen Jos! „So viel wir ihn ſehen, könnte man faſt annehmen, er ſei noch in Madras,“ bemerkte Miß Ann Dobbin zu Cambrewell. Ah! Miß Ann, ſahen Sie nicht, daß der Major eine Andere, als Sie heirathen wollte? Joſeph Sedley führte alſo ein würdevoll müßiggän⸗ geriſches Leben, wie es einer ſo eminenten Perſon, wie er war, ziemte. Sein erſtes Geſchäft war natürlich, daß er ſich in den Oriental Club als Mitglied aufnehmen ließ: dort brachte er ſeine Morgenſtunden in der Geſellſchaft befreundeter Indier zu; dort dinirte er; von dort brachte er Leute zum Diner mit. Amalie mußte dieſe Herren, ſowie deren Damen, empfangen und bewirthen. Von ihnen hörte ſie, wie Smith bald im Rathe ſitzen würde; wie viele Lacs Jones zu⸗ rückgebracht: wie Thomſon's Haus in London die von Thomſon, Kibobjee u. Co., dem Hauſe in Bombay, ge⸗ zogenen Wechſel anzunehmen ſich geweigert, und wie man glaube, auch das Haus in Calcutta müſſe nun falliren: wie äußerſt unklug, um die Sache ganz gelind auszudrücken, die Aufführung der Mrs. Brown (der Frau Brown's, von den Ahmednuggar'ſchen irregulären Truppen) geweſen ſei, indem ſie bei dem jungen Swankey, von der Leibgarde, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht auf dem Verdecke geſeſſen, und indem Beide, bei einem Spazierritte auf dem Cap, Gelegenheit gefunden hätten, eine Zeit lang zu 201 verſchwinden: wie Mrs. Hardyman ihre dreizehn Schwe⸗ ſtern, Töchter eines Landpfarrers, des Ehrwürdigen Felir Rabbits, habe aus England kommen laſſen, und wie ſie eilf davon an den Mann gebracht, und zwar ſieben ſehr gut an den Mann gebracht habe, da Letztere hohe Beamte geheirathet; wie Hornby „fuchswild“ ſei, weil ſeine Frau in Europa bleiben wolle, und wie Trotter zum Zoll⸗ und Steuereinnehmer zu Ummerapoora ernannt ſei. Solches und Aehnliches wurde bei allen großen Di⸗ ners, bei denen unſere Freunde erſchienen, geſprochen. Ueberall daſſelbe Geſpräch; daſſelbe ſilberne Tiſchgeräth; dieſelben Hammelsrücken, dieſelben gekochten Truthühner und Entrées. Kurz nach dem Eſſen kam die Politik aufs Tapet; alsdann zogen ſich die Damen in den Salon über der Treppe zurück, und ſprachen von ihren Leiden und ihren Kindern. So iſt es, mutato nomine, allenthalben. Sprechen nicht die Frauen der Advokaten von den Vierteljahrs⸗ ſitzungen? — Flaudern nicht die Frauen der Soldaten über das Regiment? — Reden nicht die Pfarrerinnen von Sonntagsſchulen und Stellvertretern? — Sprechen nicht die allergrößten Damen von der kleinen Clique von Perſonen, zu der ſie gehören, — und warum ſollen nun unſere indiſchen Freunde nicht auch ſich unterhalten dürfen, wie es ihnen beliebt? — Nur gebe ich gerne zu, daß dieſe Unterhaltung Lalen, deren Loos es bisweilen iſt, da⸗ . zu ſitzen und zuzuhoren, nie beſonders knrzweilig er⸗ eint. Es ſtand nicht lange an, ſo hatte Emmy ein Viſiten⸗ buch, und fuhr regelmäßig aus, wobei ſie Lady Bludyer (Frau des Generalmajors Sir Roger Bludyer, K, C B. von der bengaliſchen Armee), Lady Huff (Frau Sir G. Huff's, von der Armee in Bombay), Mrs. Pice (Frau von Direktor Piee), u. ſ. w. u. ſ. w. beſuchte. Es ſteht in der Regel nicht lange an, bis wir uns an Lebenswechſel gewöhnen. Die Kutſche fuhr jeden Tag 202 in Gilleſpie Street vor; der mit Knöpfen bedeckte Burſche ſprang mit Emmy's und Jos' Viſitenkarten vom Bocke herab und wieder hinaufz zu beſtimmten Stunden holte Emmy in ihrem Wagen Jos ab, der in ſeinem Clubhauſe ſaß, und fuhr mit ihm ſpazieren; oder aber ließ ſie den alten Sedley in die Kutſche ſteigen, und führte den Greis um Regents' Park herum. Amalie gewöhnte ſich an die Kammerjungfer und den Wagen, das Viſitenbuch und den Burſchen mit dem mit Knoͤpfen überſäeten Rocke bald ebenſo, wie früher an das beſcheidene Leben zu Brompton. Sie gewöhnte ſich an das Eine, wie an das Andere. Hätte das Schickſal ſie zu einer Herzogin beſtimmt gehabt, ſo würde ſie auch dieſer Pflicht ſich entledigt haben. In Jos' weiblicher Geſellſchaft galt ſie für ein recht angenehmes junges Frauenzimmer; — es ſtecke zwar, hieß es, nicht Viel hinter ihr, allein ſie ſei angenehm, u. ſ. w. Die Männer fühlten ſich, wie gewöhnlich, durch ihre ungekünſtelte Freundlichkeit, ſowie durch ihr einfaches feines Benehmen angezogen. Die tapfern und galanten jungen indiſchen Dandies, die ſich auf Urlaub im Vater⸗ lande befanden — ungeheure Dandies, die, bekettet und beſchnurrbartet, in Cabriolets dahinraſſelten, worin man ſeines Lebens nicht ſicher war; in allen Theatern ſich zeigten, und in Weſtend⸗Hotels logirten, — bewunderten deſſen ungeachtet Mrs. Osborne, grüßten ſie gern, wenn ſie in ihrem Wagen im Parke erſchien, und bewarben ſich um die Ehre, ihr einen Morgenbeſuch machen zu dürfen. Sogar Swankey, von der Leibgarde, ein gefährlicher Jüngling, und der größte Stutzer unter den zur indiſchen Armee gehörenden Offizieren, die ſich jetzt auf Urlaub im Vaterland befanden, wurde eines Tags von Major Dob⸗ bin allein bei Amalien angetroffen. Der holde Jüngling beſchrieb Mrs. Osborne eben mit vielem Humor und vieler Beredſamkeit eine in Indien übliche Art, Schweine zu jagen, wobei dieſelben mit Speeren erlegt werden; und 203 ſprach ſpäter von einem verdammten königlichen Offiziere, der immer im Hauſe ſich zu thun mache — einem langen, dürren, wunderlich ausſehenden, ältlichen Burſchen, der zu gleicher Zeit ſo wunderſam trocken ſei, daß er, wenn er mit Jemand ſpreche, keine Spur von Politur mehr an demſelben laſſe. Hätte der Major eine etwas größere Doſis Eitelkeit beſeſſen, ſo würde er auf einen ſo gefährlichen jungen Stutzer, wie der herzerobernde bengaliſche Capitän war, eiferſüchtig geworden ſein. Allein Dobbin war von Na⸗ tur zu ſchlicht und großmüthig, um in Amalie irgend einen Zweifel zu ſetzen. Es freute ihn, wenn junge Leute ihr ihre Achtung bewieſen, und wenn Andere ſie bewun⸗ derten. War ſie nicht faſt ſeit der Zeit, wo ſie ein Weib geworden, ſtets verfolgt und unterſchätzt worden? Es freute ihn, zu ſehen, wie es der Freundlichkeit gelang⸗ ihre guten Eigenſchaften an's Licht zu bringen, und wie ihre Stimmung ſich mit ihrem Glücke ſanft hob. Jeder, der ſie zu ſchätzen wußte, machte eben dadurch dem ge⸗ ſunden Urtheile des Majors ein Compliment — das heißt, wenn man von einem Manne, der ſich unter dem an Täuſchungen ſo reichen Einfluſſe der Liebe befindet, ſa⸗ gen kann, daß ſein Urtheil ein geſundes ſei. 3 4* Nachdem Jos einmal bei Hofe erſchienen war, wo⸗ bei er, wie wir uns verſichert halten dürfen, als ein loyaler Unterthan ſeines Souverains handelte (ehe es nach Hofe ging, hatte er ſich in voller Gala in ſein Club⸗ haus begeben, wo Dobbin, der eine recht ſchäbige alte Uniform anhatte, ihn abholte), wurde er, der ſtets ein wackerer Loyaliſt und Bewunderer Georgs IV. geweſen war, ein ſo ungeheurer Tory und Staatspfeiler, daß er haben wollte, es ſolle nun auch Amalie ſich bei einem Lever einſinden. Ich weiß nicht, wie es kam, daß er all⸗ 204 mählig ſich an den Gedanken gewöhnt hatte, an ſeine höchſteigene Perſon knüpfe ſich der Beſtand des allgemei⸗ nen Wohls, und der Souverain werde nicht glücklich ſein, ſo lange Jos Sedley mit ſeiner Familie ſich nicht um denſelben im St. James⸗Palaſt ſchaare. Emmy lachte. „Soll ich die Familiendiamanten tragen, Jos?“ ſprach ſie. „Ich wollte, Sie ließen mich Ihnen einige kaufen,“ vachte der Major. „Ich möchte die Juwelen ſehen, die für Sie zu gut wären.“ Einundſechzigſtes Kapitel. Worin zwei Lichter verlöſchen. Es erſchien ein Tag, wo die Runde anſtändiger Ver⸗ gnügungen und feierlicher Luſtbarkeiten, woran die Fami⸗ lie des Herrn Jos Sedley Theil nahm, durch ein Ereig⸗ niß unterbrochen wurde, das in den meiſten Hänſern vor⸗ kommt. Wenn Du, verehrter Leſer, in Deinem Hauſe vom Salon in den Stock hinaufgehſt, in welchem die Schlafzimmer liegen, ſo haſt Du vielleicht ſchon in der Treppenwand, gerade vor Dir, einen kleinen Bogen be⸗ merkt, welcher die vom zweiten in den dritten Stock füh⸗ rende Treppe (gewöhnlich befinden ſich in letzterem Stock die Kinder⸗ und Bedientenſtuben) plötzlich erhellt, und noch zu einem andern nützlichen Zwecke dient, wovon Dir die Leute des Leichenbeſorgers einen Begriff geben können. Es laſſen nämlich dieſelben die Särge auf dieſem Bogen 205 ruhen, oder aber bringen ſie ſie ſo durch denſelben hin⸗ durch, daß ſie den kalten Bewohner, der innerhalb des ſchlummert, nicht in unziemlicher Weiſe dren. Dieſer im zweiten Stocke eines Londoner Hauſes liegende Bogen, welcher den Treppenraum nach oben und unten, und damit den Hauptdurchweg der Bewohner des Hauſes beherrſcht; auf dem die Köchin vor Tagesanbruch hinabſchleicht, um ihre Töpfe und Pfannen in der Küche zu ſcheuern; den der junge Herr ganz leiſe heraufkommt, nachdem er ſeine Stiefeln in der Vorhalle gelaſſen, und, nach einer im Club luſtig verbrachten Nacht, bei ſchon grauendem Morgen ſich die Thüre geoffnet hat; den Miß in friſchen Bändern und weitem Mouſſelinkleide, glänzend und ſchoͤn, und zu Eroberungen und dem Balle gerüſtet, herabgerauſcht kommt; oder den Maſter Tommy, das Ge⸗ länder als eine Fahrgelegenheit benützend, und Gefahr und Treppe verſchmähend, hinuntergleitet; den die lä⸗ chelnde Mutter in zärtlicher Weiſe an dem ſtarken Arme ihres Manns (wobei letzterer langſam und feſt auf jeder Stufe auftritt, und die auf den Monat gevungene Amme nachfolgt) an dem Tage hinabgeführt wird, wo der Arzt den Ausſpruch gethan hat, daß die ſchöne Patientin wie⸗ der hinabgehen dürfe; den John langſam heraufkommt, wenn er gähnend und mit ſpritzendem Talglichte zu Bette geht, und wenn er vor Sonnenaufgang die Stiefeln zu⸗ ſammenſucht, die ſeiner in den Hausgängen warten; — dieſe Treppe, die kleine Kinder hinauf⸗ und hinabgetragen, über die alte Leute weggeführt werden, Gäſte zum Balle, der Pfarrer zur Taufe, der Doktor in das Krankenzim⸗ mer, und die Leute des Leichenbeſorgers in den obern Stock gehen — welch' ein Erinnerungszeichen von Leben, Tov und Eitelkeit iſt nicht dieſer Bogen, iſt nicht dieſe Treppe — wenn Du ſie betrachten, und Dich auf den Abſatz ſetzen, und den Treppenraum hinauf⸗ und hinunter⸗ ſehen willſt! 206 Der Doktor wird gleichfalls auf dieſem Wege uns zum letzten Male beſuchen, v mein buntgekleideter und eine Schellenkappe tragender Freund! Die Krankenwär⸗ terin wird zwiſchen den Bettvorhängen hereinſehen, und Du wirſt keine Notiz mehr davon nehmen, — und dann wird ſie die Fenſter ein Bischen aufmachen, und friſche Luft hereinlaſſen. Dann werden ſie alle Rouleaux und Per⸗ ſiennes auf der Vorderſeite des Hauſes herablaſſen, und in den hintern Zimmern wohnen — dann werden ſie nach dem Advokaten, oder nach andern Männern in ſchwarzer Kleidung ſchicken, u. ſ. w. u. ſ. w. — Dann wird Deine und meine Komödie ausgeſpielt ſein, und dann werden wir, o wie weit! von dem Trompetengetön, und dem Freudegeſchrei und den Bocksſprüngen wegkommen. Gehoͤren wir zur vornehmen Welt, ſo wird an unſerer ehemaligen Wohnung ein Leichenwagen prangen, worauf vergoldete Cherubim angebracht ſind, ſowie Mottos, worin erklärt iſt, daß „nur im Himmel Ruhe zu finden.“ Dein Sohn wird neue Möbeln anſchaffen, oder vielleicht das Haus ver⸗ miethen, und ein moderneres Quartier aufſuchen; in dem darauf folgenden Jahre wird auf den Liſten der Clubs, zu denen Du gehört haſt, Dein Name unter den „Verſtorbenen Mitgliedern“ aufgeführt ſein. Wie groß auch die Trauer um Dich ſein mag, — Deine Wittwe wird auf nette Trauerkleider ſehen — die Koͤchin wird heraufſchicken oder ſelbſt heraufkommen, um wegen des Diners die nöthigen Verhaltungsbefehle einzuhvlen — den Ueberlebenden wird es bald nicht mehr ſo ſchwer an⸗ kommen, Dein über dem Kaminſimſe hangendes Portrait anzuſehen, und es wird nicht gar lange anſtehen, ſo wird daſſelbe auch ſeines Ehrenplatzes verluſtig gehen, um dem Portrait des regierenden Sohnes Platz zu machen. Für welche Todten erſchallen die zärtlichſten und leidenſchaftlichſten Klagen? Ich glaube für diejenigen, ſo die Ueberlebenden am Wenigſten lieben. Der Tod eines Kindes verurſacht einen ſo leidenſchaftlichen Kummer und 207 ſolche Ströme blutiger Thränen, wie dein Ende, Bruder Leſer, ſie nie hervorrufen wird. Der Tod eines Kindes, das Dich kaum kannte, das nach einer Abweſenheit von einer Woche nicht mehr an Dich gevacht haben würde, drückt Dich mehr darnieder, als der Verluſt Deines in⸗ timſten Freundes, oder der Tod Deines erſtgebornen Sohnes — eines Mannes, der, wie Du ſelbſt, ein höheres Ilter erreicht, und Kinder hat. Sind wir auch hart und ſtrenge gegenüber von Juda und Simeon — ſo iſt doch unſere Liebe und unſer Mitleid dem kleinen Benja⸗ min gewiß genug. Und viſt Du alt, wie mancher meiner Leſer entweder ſchon jetzt iſt, oder doch ſein wird — biſt Du alt und reich, oder alt und arm, ſo denkſt Du viel⸗ leicht einmal bei Dir ſelbſt: „Dieſe Leute, die mich um⸗ geben, find recht gut; allein ihr Kummer wird nicht all⸗ zu heftig ſein, wenn ich einmal fort bin. Ich bin recht reich, und da wollen ſie mich beerben — oder aber bin ich recht arm, und ſie ſind es müde, mich ferner zu er⸗ halten.“ Jos hatte eben erſt um Mrs. Sedley ausgetrauert, und hatte kaum ſo viel Zeit gehabt, ſeine Trauerkleidung abzulegen, und ſich in den glänzenden Weſten zu zeigen, die er ſo ſehr liebte, als es der umgebung des Herrn Sedley klar wurde, daß ein anderes Freigniß bevorſtehe, und daß der alte Mann in Bälde ſeiner Frau in das unbekannte Land nachfolgen werde, wohin ſie ihm voran⸗ geeilt war. „Der Geſundheits⸗Zuſtand meines Vaters,“ bemerkte Jos feierlich in ſeinem Club, „verhindert mich, in dieſer Saiſon meine großen Geſellſchaften zu geben; wenn Sie aber um halb ſieben Uhr ganz ruhig hereinkommen und mit ein Paar Leuten von der alten Bande ein ſchlich⸗ tes Diner einnehmen wollen, Chutney, mein Junge, ſo wird es mich ſtets freuen, Sie bei mir zu ſehen.“ Und ſo ſpeiste denn Jos mit ſeinen Freunden in aller Ruhe, und ſo tranken ſie ihren Claret unter ſich; 208 während droben im Glaſe des Greiſes der Lebensſand ausrann. Der ſammtfüßige Kellermeiſter brachte ihnen ihren Wein; und nach dem Eſſen machten ſie ihren Rub⸗ ver, wobei Major Dobbin bisweilen erſchien und ſich be⸗ theiligte. Gelegentlich kam auch Mrs. Osborne herab, wenn ihr Patient droben für die Nacht Nichts mehr zu wünſchen und einen jener leicht geſtörten Schlummer ange⸗ fangen hatte, die an dem Kopfkiſſen eines Greiſes ſich einzufin⸗ den pflegen. Der Greis konnte ſich während dieſer Krankheit von ſeiner Tochter kaum mehr trennen. Er wollte ſeine Brühen und Arzeneien faſt aus keiner andern Hand mehr annehmen. Es war jetzt faſt das einzige Geſchäft ihres Lebens, ihn zu pflegen. Ihr Bett ſtand hart an der Thüre, die in ſein Zimmer führte, und bei dem gering⸗ ſten Geräuſch, das von dem Lager des ſtets klagenden Patienten ausging, ſtand ſie auf. Indeſſen müſſen wir dem Greiſe doch die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, vaß er gar manche Stunde wachend dalag, ohne ſich zu rühren, und ohne ein Wort zu ſprechen, da er ſeine freundliche wachſame Wärterin in ihrem Schlafe nicht ſtören wollte. Die Liebe zu ſeiner Tochter war jetzt vielleicht eine zärtlichere, als je ſeit den Tagen ihrer Kindheit. In der freundlichen Uebung von Kindespflichten, ſowie in ver Art und Weiſe, wie ſie zarte Dienſte leiſtete, zeigte dieſe ſchlichte Creatur ſich ganz beſonders vortheilhaft. „Sie tritt in das Zimmer ſo ſtill herein, wie ein Sonnenſtrahl,“ vachte Herr Dobbin, wenn er ſie in das Zimmer ihres Vaters hinein⸗ oder aus demſelben heraus⸗ gehen ſah: eine holde Heiterkeit verklärte ihr ganzes Ge⸗ ſicht, wenn ſie, graziös und geräuſchlos, hin⸗ und her⸗ ging. Wer hat nicht ſchon ſolche holde engelgleiche Strahlen der Liebe und des Mitleids auf dem Geſichte einer Frau geſehen, die um ihre Kinder, oder in einem Krankenzimmer beſchäftigt iſt 2 — 209 So fand eine geheime Fehde, die ſchon ſeit einigen Jahren gedauert, ihre Endſchaft, ohne daß die Ausſoͤh⸗ nung ein Wort erforderte. In dieſen letzten Stunden ſeines Lebens vergaß der durch ihre Liebe und Güte ge⸗ rührte Greis alle ſeine geheimen Beſchwerden und alles Unrecht, worüber er und ſeine Frau manche lange Nacht geſprochen hatten; wie ſie für ihren Sohn Alles geopfert: wie wenig ſie ſich um ihre greiſen und unglücklichen El⸗ tern kümmerte, und bloß an das Kind dächte: wie ab⸗ ſurd, wie thöricht, ja wie gottlos ſie ſich bei der Tren⸗ nung von George betragen. Der alte Sevley vergaß alle dieſe Beſchwerden, als er ſeine letzte Rechnung ab⸗ ſchloß, und ließ der ſanften kleinen Märtyrerin, die nie einen Klagelaut hören ließ, Gerechtigkeit widerfahren. Einſt ſchlich ſie in der Nacht in ſein Zimmer hin⸗ ein, und fand ihn wach. Da bekannte der gebeugte Greis ihr Alles. „O Emmy, ich habe eben ſo daran gedacht, wie unfreundlich und ungerecht wir gegen Dich geweſen ſind,“ ſprach er und ſtreckte ihr ſeine kalte und ſchwache Hand hin. Sie kniete nieder und betete an ſeinem Bette: er that ein Gleiches, wobei er ihre Hand immer noch in der ſeinigen hielt. Mögen wir, mein Freund, bei unſerem Gebete auch eine ſolche Geſellſchafterin finden, wenn unſer Stünd⸗ lein kommt! Vielleicht ging, als er damals wachend in ſeinem Bette lag, ſein vergangenes Leben an ſeiner Seele vor⸗ über — ſeine frühen hoffnungsvollen Kämpfe und Be⸗ mühungen, die Erfolge und das Glück ſeines Mannes⸗ alters, ſein Sturz in zunehmendem Alter, und ſeine der⸗ malige hülfloſe Lage — keine Möglichkeit, ſich an dem Glücke zu rächen, dem er unterlegen — weder einen Namen, noch Geld zu hinterlaſſen, ein bald abgelaufenes, Der Jahrmarkt des Lebens, M. 14 210 zweckloſes Leben voll getäuſchter Hoffnungen und voller Niederlagen, — und hier zu enden! Welches moͤchte wohl, Bruder Leſer, das beſſere Loos ſein: mit Glücksgütern überhäuft und berühmt, oder arm und in ſeinen Hoffnungen getäuſcht zu ſterben ? Zu beſitzen, und ſich zum Aufgeben ſeines Beſitzthums „ gezwungen zu ſehen; oder unbeachtet aus dieſem Leben zu ſcheiden, nachdem man geſpielt und das Spiel ver⸗ loren hat? Es muß ein ſonderbares Gefühl ſein, wenn in un⸗ ſerem Leben ein Tag erſcheint, wo wir uns ſagen müſſen: „Morgen wird Dir an einem glücklichen Erfolge oder am Fehlſchlagen Deiner Pläne nicht mehr Viel liegen: es wird die Sonne aufgehen, und es werden all die My⸗ riaden von Menſchen, wie gewöhnlich, ihren Geſchäften oder ihren Vergnügungen nachgehen, während ich von all' dem Gewühle Nichts mehr bemerken werde.“ Und ſo kam ein Morgen, und ſo ging einmal die Sonne auf, wo Jedermann aufſtand und ſeiner Arbeit oder ſeinem Vergnügen nachging, mit Ausnahme des alten Joſeph Sedley, der nicht mehr mit dem Glücke ringen, oder weiter hoffen, oder weitere Pläne ausdenken, ſondern auf einem Kirchhofe zu Brompton, neben ſeiner al⸗ ten Frau, eine ruhige und ganz und gar unbekannte Wohnung beziehen ſollte. Major Dobbin, Jos, und Georgy begleiteten ſeine Ueberreſte in einem mit ſchwarzem Tuche ausgeſchlagenen Wagen bis an's Grab. Jos kam zu dieſem Zwecke von dem Star and Garter zu Richmond, wohin er ſich nach dem beklagenswerthen Ereigniſſe zurückgezogen hatte, her⸗ ein. Er wollte bei bewandten Umſtänden mit dem — (wir wiſſen ſchon, was er ſagen will) nicht unter einem Dache bleiben. Emmy aber blieb daheim, und that ihre Pflicht wie gewöhnlich. Sie war durch den Schmerz nicht beſonders darniedergebeugt, und erſchien eher feierlich, als grqh 4 211 erfüllt. Sie betete zu Gott, daß ihr Ende ebenſo ruhig und ſchmerzlos ſein möchte, und dachte voller Vertrauen und Ehrerbietung an die Worte, die ſie von ihrem Vater, während ſeiner Krankheit gehört hatte, und die ſeinen Glauben, ſeine Ergebung, ſowie ſeine zukünftige Hoffnung anzeigten. Ja, ich glaube, das iſt, genau betrachtet, doch das beſſere Lebensende. Nehmen wir einmal an, Du ſeieſt beſonders reich, und es gebreche Dir an Nichts, und Du ſageſt an dem letzten Tage Deines Lebens: „Ich bin ſehr reich; ich bin in der Welt ſo ziemlich gekannt; ich habe immet in der beſten Geſellſchaft gelebt, und bin, Gott ſei Dank, einer hochſt ehrbaren Familie entſproſſen. Ich habe meinem Könige und meinem Vater⸗ lande ehrenvoll gedient. Ich habe viele Jahre im Parla⸗ mente geſeſſen, wo, ich kann es wohl ſagen, meine Reden gern gehoͤrt und gut aufgenommen wurden. Ich bin keinem Menſchen einen Heller ſchuldig; im Gegentheil, ich habe meinem alten Univerſitätsfreunde, Jack Lazarus, fünfzig Pfund geliehen, um die ihn meine Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker nicht drängen werden. Ich hinterlaſſe jeder mei⸗ ner Töchter 10,000 Pfund — eine recht artige Mitgift für Mädchen: mein Silbergeſchirr, meine Möbeln, mein Haus in Baker Street vermache ich ſammt einem ſchönen Jahrgehalt meiner Wittwe für die übrige Zeit ihres Le⸗ bens; und mein Grundeigenthum, ſowie Geld in den Fonds, und meinen Keller mit lauter gut ausgewählten Weinen in Baker Street bekommt mein Sohn. Mein Kammerdiener erhält einen Jahrgehalt von zwanzig Pfund; und es ſoll, wenn ich fort bin, einmal Jemand auftreten, und mir Etwas Unrechtes nachſagen!“ Oder wir wollen annehmen, Dein Schwan ſinge Dir einen ganz andern Grabgeſang, und Du ſagſt: „Ich bin ein armer, unglücklicher alter Kerl, dem Nichts nach Wunſch gegangen, und deſſen Leben ein fort⸗ 2¹2 geſetzter Bankerott geweſen iſt. Ich war weder mit vie⸗ lem Verſtande begabt, noch lächelte mir das Glück: und ich bekenne dazu noch, daß ich mir hundert dumme Fehler und hundert Mißgriffe habe zu Schulden kommen laſſen. Ich geſtehe, daß ich gar oft meiner Pflicht nicht nachge⸗ kommen bin. Ich kann meine Schulden nicht bezahlen. Ich liege ganz hilflos und gebeugt auf dieſem meinem letzten Bette, und bete zu Gott, daß er mir meine Sün⸗ den vergeben möge, und werfe mich mit zerknirſchtem Her⸗ zen, die göttliche Gnade anflehend, auf die Knie nieder.“ Welche von dieſen beiden Reden würde Dir wohl als die beſte Leichenrede für Dich ſelbſt erſcheinen? Der alte Sedley hielt ſich die letztere; und in ſolcher demüthigen Stimmung entſchwand ihm das Leben mit ſeinen Täuſchungen und ſeiner Eitelkeit, während er noch die Hand ſeiner Tochter in der ſeinigen hielt. — * * „Du ſiehſt,“ ſagte der alte Osborne zu Georgh, „wie es einem Manne geht, der ſich verdient macht, fleißig iſt, und vernünftig ſpekulirt, u. ſ. w. Sieh mich und mein Guthaben bei meinem Bankier an. Und ſieh dann Dei⸗ nen armen Großvater Sedley, und deſſen Bankerott an. Und doch war derſelbe vor zwanzig Jahren beſſer, als ich — wenigſtens um 10,000 Pfund beſſer, als ich.“ Außer dieſen Leuten und Herr Clapp's Familie, die von Brompton herüberkam, um einen Trauerbeſuch zu machen, kümmerte ſich keine lebende Seele um den alten Joſeph Sedley; ja es wollte ſich ſogar Niemand mehr erinnern, daß es je eine ſolche Perſon gegeben habe. Als der alte Osborne (wie der kleine Georgy uns bereits berichtet hat) zum erſten Male von ſeinem Freunde, dem Oberſten Bukler, hörte, welch' ausgezeichneter Offi⸗ zier Major Dobbin ſei, legte er anfänglich in verächtlicher 2¹³ Weiſe ſeinen Unglauben an den Tag, und drückte darauf ſein Erſtaunen aus, wie ein ſolcher Kerl dazu komme, Verſtand oder einigen Ruf zu beſitzen. Allein bald hörte er den Major von verſchiedenen Mitgliedern ſeiner Geſell⸗ ſchaft loben. Sir William Dobbin hatte eine gar hohe Meinung von ſeinem Sohne, und ezählte manche Geſchich⸗ ten, welche die Gelehrſamkeit und die Tapferkeit des Ma⸗ jors, ſowie das Anſehen, in dem er bei der Welt ſtand, darthaten. Endlich erſchien ſein Name auch auf den Liſten einiger Geſellſchaften, die der hohe Adel gabz und dieſer Umſtand wirkte zauberhaft auf den alten Ariſtokraten in Ruſſell Square. Die Stellung des Majors, als Vormunds des kleinen Georgy, deſſen Befitz an ſeinen Großvater abgetreten wor⸗ den war, machte einige Unterredungen zwiſchen den beiden Herren unvermeivlich; und bei einer derſelben ſtieß der alte Osborne, als ſcharffichtiger Geſchäftsmann, während er die Rechnungen des Majors prüfte, auf Etwas, was ihn ungemein ſtutzig machte, und ihm zu gleicher Zeit geſiel und peinlich war: es war das Faktum, daß ein Theil der Gelder, von welchen die arme Wittwe und das Kind gelebt hatten, aus keiner andern Quelle, als aus der Taſche William Dobbin's, gefloſſen war. Als Osborne deßhalb Dobbin zu Leibe ging, erröthete und ſtotterte der Major, der nicht mit Lügen umgehen konnte, gewaltig, bis er endlich Alles bekannte. „Die Heirath,“ ſprach er (hier verfinſterte ſich das Geſicht des alten Osborne) „war großen Theils mein Werk. Ich glaubte, mein armer Freund könne mit Ehre nicht mehr zurücktreten; es ſtand das Leben der Mrs. Osborne auf dem Spiele; die Sache war ſchon zu weit gediehen; und ich konnte deßhalb, als ſie ganz mittellos daſtand, nicht weniger thun, als ihr zu ihrem Unterhalte ſo viel Geld zu geben, als ich entbehren konnte.“ „Major Dobbin,“ ſprach Herr Osborne, ihn ſcharf anblickend, und gleichfalls über und über roth werdend — 2¹14 „Sie haben ſich ſchwer an mir verſündigt; allein erlau⸗ ben Sie mir, Sir, Ihnen zu ſagen, daß Sie ein ehrlicher Bürſche ſind. Hier haben Sie meine Hand, Sir, obgleich ich mir nie einfallen ließ, daß mein Fleiſch und Blut von Ihnen lebe —“ „ Und die beiden Herren ſchüttelten einander die Hand, wobei die Verwirrung Major Dobbin's wegen der Ent⸗ deckung ſeiner wohlthätigen Heuchelei nicht gering war. Er bemühte ſich, den alten Mann vollends zu be⸗ fänftigen, und mit dem Andenken ſeines Sohnes aus⸗ zuſoͤhnen. „Er war ein ſo edler Burſche,“ ſprach er, „daß Jeder von uns ihn liebte, und alles für ihn gethan haben würde. Ich, ver ich damals noch ein junger Mann war, fühlte mich über die Maßen dadurch geſchmeichelt, daß er mich allen Uebrigen vorzog; und es freute mich mehr, in ſeiner Geſellſchaft, als in der des Oberbefehlshabers, ge⸗ ſehen zu werden. Nie habe ich ſeines Gleichen geſehen, was den Muth, und die Kühnheit, und alle Eigenſchaften eines Soldaten betrifft.“ Und Dobbin erzählte dem alten Vater möglichſt viele Geſchichten von der Tapferkeit und den Heldenthaten ſeines Sohnes. „Und Georgy iſt ihm ſo ganz ähnlich,“ ſetzte der Major hinzu. „Er iſt ihm ſo ähnlich, daß er mich manchmal zit⸗ tern macht,“ ſagte der Großvater. Der Major erſchien auch einige Male bei Herrn Osborne, um bei ihm zu ſpeiſen (es war während der Krankheit des Herrn Sedley), und ſobald die beiden nach dem Diner bei einander ſaßen, wurde von nichts Anderem, als dem dahingeſchiedenen Helden geſprochen. Der Alte prahlte wieder wie gewohnlich, und ſuchte ſeinen Ruhm darin, die Großthaten und die Tapferkeit ſeines Sohnes bis an den Himmel zu heben; allein dieſe Stimmung war auf jeden Fall eine beſſere und liebevollere, als die bis⸗ — —— herige; und das chriſtliche Herz des guten Majors freute ſich über dieſe Symptome wiederkehrenden Friedens und Wohlwollens. Am zweiten Abende nannte der alte Osborne unſern Freund Dobbin bereits wieder William, wie in den Tagen, wo Dobbin und George noch Knaben waren: und der ehrliche Gentleman fand viel Wohlgefallen an dieſem Zei⸗ chen der Ausſöhnung. Am nächſten Tage, beim Frühſtücke, wagte es Miß Osborne, mit der ihrem Alter und Charakter eigenthüm⸗ lichen Strenge einige geringſchätzige Bemerkungen über das Aeußere oder über das Benehmen des Majors zu machen. Da fiel ihr der Herr des Hauſes in's Wort und ſprach: „Du würdeſt an dem Major froh genug geweſen ſein, Miß Osborne. Allein die Trauben ſind ſauer⸗ Hal ha! Major William iſt ein feiner Burſche.“ „Das iſt er, Großpapa,“ ſprach Georgy, ihm Recht gebend; darauf ging er zu dem alten Herrn hin, packte ihn bei ſeinem großen grauen Backenbarte, lachte ihm gut⸗ launig in's Geſicht, und küßte ihn. Jrch an demſelben Abende erzählte der Kleine die Geſchichte ſeiner Mutter, die ganz ſeine Anſicht theilte. „Ja, er iſt ein feiner Mann,“ ſagte ſie. „Dein theurer Vater ſagte es ſtets. Er iſt einer der beſten rechtſchaffenſten aufrichtigſten Männer.“ Zufällig erſchien gleich darauf Dobbin, was Amalie vielleicht errdthen machte; und der kleine Schelm vermehrte noch die Verwirrung dadurch, daß er Dobbin den andern Theil der Geſchichte erzählte. „Hören Sie einmal, Dob,“ ſagte er, „ich weiß ein ungemein nettes Mädchen, das gern ihre Frau werden moͤchte. An Silber fehlt es ihr nicht; und was das Uebrige betrifft, ſo ſchmückt ſie ſich mit falſchen Locken, und ſchilt die Dienſtboten vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend.“ 216 „Wer iſt es?“ fragte Dobbin. „Es iſt Tante Osborne,“ antwortete der Knabe. „Großpapa hat es geſagt. Und hören Sie einmal, Dob: wie herrlich wäre es, wenn ich Sie zum Onkel bekäme!“ In dieſem Augenblicke ließ ſich in dem anſtoßenden Zimmer die zitternde Stimme des alten Sedley hören: er rief Amalie. Und ſo hörte das Lachen auf. Daß bei dem alten Osborne eine Sinnesänderung vorging, war klar genug. Der Alte fragte Georgy bis⸗ weilen nach ſeinem Oheim, und lachte über das Nach⸗ äffungstalent des Knaben, wenn Letzterer das Jos'ſche 6 ſteh' mir bei“ hören ließ, und ſchlang ſeine Suppe inab. Sodann ſagte er: „Es iſt nicht reſpektvoll, Sir, wenn ſo junge Bürſchchen ihre Verwandten nachäffen. Miß Osborne, wenn Du heute ausfährſt, ſo vergiß nicht, meine Karte bei Herrn Sedley abzugeben; hörſt Du? Ich habe keinen Grund, ihm feind zu ſein.“ Nun gab auch Jos ſeine Karte ab, und die Folge war, daß er mit dem Major zum Eſſen eingeladen wurde, — zu einem Eſſen, das vielleicht das glänzendſte und langweiligſte war, ſo je von Herrn Osborne gegeben wurde; kein Stück vom Silbergeſchirr durfte fehlen, und es wurde die allerbeſte Geſellſchaft geladen. Herr Sedley führte Miß Osborne in den Speiſeſaal hinab, und es zeigte dieſe Dame ſich recht gnädig gegen ihn, während ſie mit dem Major, der weit weg von ihr, neben Herrn Ooborne, recht furchtſam ſaß, kaum ein Wort ſprach. Jos ſagte in höchſt feierlichem Tone, es ſei die beſte helle Schildkrötenſuppe, die er je in ſeinem Leben gekoſtet, und fahte Herrn Osborne, von wem er ſeinen Madeira be⸗ ziehe? „Es iſt von dem Sedley'ſchen Wein,“ flüſterte der Kellermeiſter ſeinem Herrn zu. „Ich habe ihn ſchon lange; auch hat er mir ziemlich viel gekoſtet,“ ſagte Herr Osborne mit lauter Stimme zu 217 ſeinem Gaſte; und flüſterte dann dem zu ſeiner Rechten ſitzenden Nachbar zu, wie er den Wein „aus der Maſſe des alten Kerls“ gekauft. Mehr denn einmal fragte er den Major nach — nach Mrs. George Osborne: ein Thema, worüber der Major recht beredt ſprechen konnte, wenn er wollte. Er erzählte Herrn Osborne alle ihre Leiden, berichtete ihm ihre leiden⸗ ſchaftliche Anhänglichkeit an ihren Gatten, deſſen Andenken ſie immer noch verehrte, — die zärtliche, ſchöne Weiſe, wie ſie ihre Eltern unterſtützt, und ſich von dem Knaben getrennt, ſobald es ihr als eine Pflicht erſchienen wäre, alſo zu handeln. „Sie wiſſen nicht, was ſie gelitten hat, Sir,“ ſprach der ehrliche Dobbin mit etwas zitternder Stimme; „und ich lebe der vertrauensvollen Hoffnung, daß Sie ſich mit ihr wieder ausſöhnen werden. Wenn ſie Ihnen Ihren Sohn entriß, ſo gab ſie Ihnen den ihrigen; und wie ſehr Sie auch Ihren George geliebt haben mögen, ſo liebte ſie doch den ihrigen zehnmal mehr: Sie dürfen ſich darauf verlaſſen.“ „Bei Gott, Sie ſind ein guter Burſche, Sir,“ war Alles, was Herr Osborne ſagen konnte. Es war ihm nie beigefallen, daß es der Wittwe ſchwer ankommen würde, ſich von dem Knaben zu trennen, oder daß es ihr Kummer verurſachen könnte, wenn derſelbe ein ſchoͤnes Vermögen bekäme. Eine Wiederausſöhnung ſollte daher, da ſie für un⸗ vermeivlich erklärt wurde, in Bälde erfolgen; und ſchon klopfte das Herz⸗Amaliens ängſtlich bei dem bloßen Ge⸗ an die furchtbare Zuſammenkunft mit George's ater. Indeſſen ſollte dieſelbe nicht mehr Statt finden. Es kam die ziemlich lange Krankheit und der Tod Sedley's dazwiſchen, und nach letzterem war eine Zuſammenkunft eine Zeit lang unmoöglich. Dieſe Kaͤtaſtrophe und noch andere Vorfälle mögen 218 2 nicht ohne Einfluß auf Herrn Osborne geblieben ſein. Seine Kraft hatte in der letzten Zeit ſehr abgenommen: er hatte ſtark gealtert, und „ſinuirte“ an Einem fort. Er hatte ſeinen Advokaten kommen laſſen, und mit ſeinem Teſtamente wahrſcheinlich einige Aenderungen vorgenom⸗ men. Der Arzt, der herbeigerufen wurde, erklärte ihn für nervenſchwach und aufgeregt, und rieth ihm eine kleine Aderläſſe, ſowie den Gebrauch ver Seeluft an. Allein er gebrauchte keines dieſer Mittel. Eines Tags fand er ſich nicht beim Frühſtücke ein. Der Diener, der ihn vermißte, ging daher in ſein An⸗ kleidezimmer hinauf, und fand ihn ohnmächtig vor dem Waſchtiſche liegen. Miß Osborne wurde alsbald davon in Kenntniß geſetzt: man ſchickte nach den Doctoren: Georgy durfte nicht in die Schule gehen: und es erſchie⸗ nen die Chirurgen, um ihn zu ſchröpfen, und ihm eine Ader zu ſchlagen. Osborne kam wieder etwas zu ſich, konnte aber nicht mehr ſprechen, obgleich er einige Male verzweifelte Verſuche machte. Vier Tage darauf ſtarb er. Und nun kamen die Aerzte herab, und gingen die Leute des Leichenbeſorgers hinauf. Sämmtliche Läven nach dem Garten in Ruſſell Square zu ſchloſſen ſich. Bullock kam aus der City herbeigeeilt. Er wollte ſehen, „wie viel Geld der Alte dem Kleinen hinterlaſſen? — Hoffent⸗ lich doch nicht die Hälfte ſeines Vermögens? Hoffentlich hatte der Alte doch drei gleiche Theile gemacht?“ Es war ein aufregender Augenblick. Was hatte der arme alte Mann ein Paar Mal ver⸗ gebens zu ſagen geſucht? Hoffentlich wollte er nach Amalie ſehen, und ſich mit dem theuren und treuen Weibe ſeines Sohnes ausſoͤhnen, ehe er aus dieſer Welt ſchied. Höchſt wahrſcheinlich war es das; denn aus ſeinem Teſtamente ging hervor, daß der Haß, dem er ſo lange Raum ge⸗ geben, aus ſeinem Herzen gewichen war. Man fand in der Taſche ſeines Schlafrocks den Brief — — — — —— ——————— 219 — mit dem großen rothen Siegel, den George ihm von Waterloo geſchrieben. Auch hatte er die andern Briefe, ſo auf ſeinen Sohn Bezug hatten, gemuſtert; denn der Schlüſſel des Schrankes, in dem er dieſelben aufbewahrte, befand ſich ebenfalls in ſeiner Taſche; und es zeigte ſich, daß die Siegel und Couverte erbrochen waren. Höchſt wahrſcheinlich war dieſes am Abende vor dem Anfalle ge⸗ ſchehen; denn als der Kellermeiſter ihm an jenem Tage den Thee in das Studirzimmer hinaufbrachte, fand er, daß der alte Herr in der großen rothen Familienbibel las. Als das Teſtament geöffnet wurde, ſtellte es ſich heraus, daß Georgy das halbe Vermogen, das Uebrige aber den beiden Schweſtern vermacht war. Herr Bullock ſollte im Intereſſe der drei Erben das Geſchäft fortführen, oder ausſcheiden, wie er es für angemeſſen hielte. Eine Jahresrente von 500 Pfund St., die dem Vermögen Georgy's zu entnehmen war, wurde für ſeine Mutter be⸗ ſtimmt, „für die Wittwe meines vielgeliebten Sohnes George Osborne.“ Auch ward die Wittwe zur Vormün⸗ derin ihres Sohnes ernannt. „„Major William Dobbin, der Freund meines viel⸗ geliebten Sohnes,““ war zum Teſtamentsvollſtrecker er⸗ koren; „„und da er, aus purer Liebe und Güte, und aus eigenen Mitteln meinen Enkel, ſowie die Wittwe meines Sohns erhalten hat, als dieſelben ganz mittellos waren,““ (ſo fuhr der Teſtator fort) „„ſo danke ich ihm hiemit von ganzem Herzen für die große Liebe und Freundſchaft, die er ihnen bewieſen; und ferner bitte ich ihn, eine Summe anzunehmen, womit er eine Oberſtlieutenants⸗Stelle kaufen kann: im Uebrigen kann er dieſe Summe auch auf jede andere beliebige Weiſe verwenden.““ Als Amalie hörte, daß ihr Schwiegervater ſich noch ſo vollſtändig mit ihr ausgeſöhnt, erweichte ſich ihr Herz, und war für das Vermoͤgen, ſo er ihr hinterlaſſen, dank⸗ bar. Als ſie a ber horte, wie Georgy ihr wieder geſchenkt 220 ſei, und als ſie erfuhr, wie und durch wen, und wie ſie durch William's Güte während der Zeit ihrer Armuth unterſtützt worden, und wie ſie ihren Gatten und ihren Sohn William verdanke — oh, da ſiel ſie auf die Knie nieder, und erflehte den Segen des Himmels für das treue liebevolle Herz: da beugte und demüthigte ſie ſich, da küßte ſie, ſo zu ſagen, dieſer ſchönen und großmüthigen Liebe die Füße. Und für eine ſo bewunderungswürdige Hingebung und für ſo viele Wohlthaten, konnte ſie nur dankbar ſein — nur dankbar ſein! So oft ſie an irgend eine andere Vergeltung dachte, ſtand ihr George aus dem Grabe auf, trat vor ſie hin, und ſprach: „Du gehörſt mir, und mir allein, jetzt und in alle Ewigkeit.“ William kannte ihre Gefühle wohl: hatte er es ſich nicht ſein Lebenlang angelegen ſein laſſen, dieſelben zu errathen? *. 3 * Als die Welt die Beſchaffenheit des Osborne'ſchen Teſtamentes erfuhr, konnte man zu ſeiner großen Erbau⸗ ung bemerken, wie Mrs. George Osborne in der Achtung der Leute ſtieg, die zum Kreiſe ihrer Bekannten gehoͤrten. Die Dienſtboten des Jos'ſchen Hauſes, die ihren beſchei⸗ denen Befehlen nicht auf der Stelle nachzukommen, ſon⸗ dern zu ſagen pflegten, ſie würden erſt „bei dem Herrn anfragen,“ ob ſie gehorchen ſollten, oder nicht, ließen ſich jetzt eine ſolche Art von Appellation nicht mehr einfallen. Die Köchin unterließ es, über ihre abgetragenen alten Kleider (die allerdings durch den Staat der Erſteren in Schatten geſtellt wurden, wenn ſie Sonntag Abends voll⸗ ſtändig geputzt erſchien, um in die Kirche zu gehen) höhniſche Bemerkungen zu machen; den Uebrigen ſiel es nicht mehr ein, zu brummen, wenn Amalie klingelte, oder zögernd auf ihren Ruf herbeizukommen. Der Kutſcher, der früher 22¹ immer gemurrt hatte, wenn er anſpannen ſollte, und der ſeinen Wagen nicht zu einem Hoſpital für den alten Kerl und Mrs. Osborne gemacht wiſſen wollte, fuhr ſie jetzt mit dem beſten Willen von der Welt, war voller Angſt und Furcht, daß er von Herrn Osborne's Kutſcher erſetzt werden möchte, und fragte, „was die Kutſcher von Ruſſell Square von der Stadt wüßten, und ob die würdig wären, vor einer Lady auf einem Bocke zu ſitzen.“ Jos Freunde und Freundinnen intereſſirten ſich plötz⸗ lich für Emmy, und es vermehrten ſich die Beileidskarten auf dem Tiſche in ihrer Vorhalle. Jos ſelbſt, der ſie als eine gutmüthige harmloſe Bettlerin angeſehen hatte, der er pflichtmäßig Speiſe und ein Obdach geben müſſe, er⸗ wies ihr und dem kleinen reichen Knaben, ſeinem Neffen, nun die größte Achtung — wollte „der armen lieben Frau“ nur um jeden Preis Veränderung und Unterhaltung verſchaffen, nachdem ſie ſo viele Prüfungen durchgemacht und ſo Vieles gelitten — und fing nun an, beim Früh⸗ ſtücke zu erſcheinen, und ſich recht angelegentlich zu er⸗ kundigen, was ſie an dem Tage zu thun gedächte. In ihrer Eigenſchaft als Vormünderin Georgy's er⸗ ſuchte ſie, unter Beiſtimmung des Mitvormunds, des Majors nämlich, Miß Osborne, ſo lange das Haus in Ruſſel Square zu bewohnen, als es ihr gut dächte; allein dieſe Dame erklärte unter vielen Danksbezeigungen, daß es ihr nie einfallen könne, in dem unheimlichen Hauſe allein zu bleiben, und reiste mit einigen von ihren alten Domeſtiken nach Cheltenham ab, während ſie noch in der tiefſten Trauer war. Die übrige Dienerſchaft wurde entlaſſen, nachdem ſie noch freigebig beſchenkt worden war. Der treue alte Kel⸗ lermeiſter, den Mrs. Osborne gerne in ihren Dienſten be⸗ halten hätte, reſignirte, und legte ſeine Erſparniſſe lieber in einem Wirthshauſe an, wobei er, wie wir hoffen wollen, nicht ſchlecht fuhr. Da Miß Oösborne auf den Antrag, in Rufſell Square 222 zu wohnen, nicht einging, ſo wollte auch Mrs. Osborne, nachdem ſie ihre Freunde darüber zu Rathe gezogen, nicht in dem düſtern alten Hauſe ſein. Es wurde vaher vaſſelbe ganz ausgeräumt; die reichen Möbeln und Effek⸗ ten, die hehren Kronleuchter und die trübſeligen Spiegel wur⸗ den zuſammengepackt, und an einen ſichern Ort gebracht; die reichen Salon⸗Möbeln, die ſämmtlich aus Roſenholz waren, mußten ſich in ſtroherne Mäntel hüllen; die Tep⸗ piche wurden zuſammengerollt und mit Stricken umwun⸗ den; die kleine auserleſene, aus gut gebundenen Büchern beſtehende Bibliothek mußte ſich in zwei große Weinkiſten verbergenz und ſämmtliche Paraphernalien wurden in einigen ungeheuren Güterwagen nach dem Pantechnicon gebracht, vo ſie bis zur Zeit von Georgy's Majorenität bleiben ollten. Die großen, ſchweren, ſchwarzen, das Silbergeſchirr enthaltenden Kiſten wanderten in die Keller des großen Bankhauſes Stumpy und Rowdy, wo dieſelben gleichfalls ebenſo lange bleiben ſollten. Eines Tags beſuchte Emmy, mit George an der Hand, und in tiefſte Trauer gekleidet, das verlaſſene Haus, in das ſie ſeit ihren Mädchenjahren nicht mehr gekommen war. Der Platz vor dem Hauſe war da, wo die Wagen beladen und weggefahren waren, dicht mit Stroh bedeckt. Sie gingen in die großen leeren Zimmer herein, wo an den Wänden noch die Orte zu bemerken waren, wo die Gemälde und Spiegel gehangen hatten. Sodann gingen ſie die große leere ſteinerne Treppe nach den oberen Zim⸗ mern hinauf; ſie traten in dasjenige, wo der Großvater ſiarb, wie George flüſternd ſagte, und ſodann gingen ſie noch weiter hinauf, in das Zimmer George's. Der Knabe war immer noch an ihrer Seite; allein ſie dachte noch an einen Andern. Sie wußte, daß es ſo gut das Zimmer ſeines Vaters, wie das ſeinige geweſen. Sie ging auf eines ver offenſtehenden Fenſter (eines von denjenigen, nach welchen ſie, in der erſten Zeit ihrer 223 gezwungenen Trennung von Georgy, mit gramerfülltem Herzen aufzublicken pflegte) zu, und konnte von dort, über die Bäume von Ruſſell Square weg, das alte Haus ſehen, in dem ſie ſelbſt geboren worden war, und wo ſie ſo viele glückliche Jugendtage verlebt hatte. Sie traten ihr alle wieder vor die Seele, die lieblichen Feiertage, die freund⸗ lichen Geſichter, die ſorgloſen luſtigen vergangenen Zeiten, ſowie die langen Qualen und Prüfungen, die ſie ſeitdem darniedergedrückt hatten. Sie dachte über letztere längere Zeit nach; ſie dachte an den Mann, der ihr beſtändiger Beſchützer, ihr guter Genius, ihr alleiniger Wohlthäter, ihr zärtlicher und groß⸗ müthiger Freund geweſen war. „Sehen Sie doch her, Mutter,“ ſprach Georgy, „hier iſt ein G. O. mit einem Diamante auf das Glas geritzt. Ich habe es noch nie geſehen; ich habe es nicht gethan.“ „Es war das Zimmer Deines Vaters, lange bevor Du geboren wurdeſt, George,“ ſagte ſie, und erröthete, während ſie den Knaben küßte. Auf dem Rückwege nach Richmond, wo für ſie auf einige Zeit ein Haus gemiethet worden war, war ſie durch⸗ aus ſchweigſam. In Richmond beſuchten ſie auch die lächelnden Advokaten, ſo oft ſie mit ihr Etwas zu ver⸗ handeln hatten (und wir dürfen uns überzeugt halten, daß ſie nie vergaßen, einen Gang gehorig in Rechnung zu bringen); und natürlich hatte auch Major Dobbin, der häufig herübergeritten kam, indem er für ſeinen kleinen Pfleg⸗ ſohn viele Geſchäfte abzumachen hatte, im Hauſe ein Zimmer. Um dieſe Zeit durfte Georgy auf unbeſtimmte Zeit Herr Veal's Schule verlaſſen. Der letztgenannte Herr aber erhielt den ehrenvollen Auftrag, eine Inſchrift für eine ſchöne Marmorplatte zu verfertigen, die in der Findel⸗ hauskirche, unter dem Monumente von Kapitän George Hoborne, ihren Platz finden ſollte. 224 Die Bullock, Georgy's Tante, legte, obwohl ſie durch das kleine Monſtrum um die Hälfte der Summe gebracht worden war, die ſie von ihrem Vater erwartet hatte, dennoch ihre liebevolle Geſinnung dadurch an den Tag, daß ſie ſich ſowohl mit der Mutter, als mit dem Knaben ausſohnte. Roehampton liegt nicht weit von Richmond, und eines Tags fuhr der Wagen, mit den goldenen Bullen an den Schlägen, und den ungeſund ausſehenden Kindern drinnen, an Amaliens Hauſe zu Richmond vor; und es fielen die Bullock'ſchen in den Garten ein, wo Amalie in einem Buche las, Jos ganz behaglich, in einer Laube, Erdbeeren in Wein tunkte, und der Major, in einer ſeiner indiſchen Jacken fleckend, Georgy ſich über den Rücken hinwegſpringen ließ, zu welchem Zwecke er eine gebückte Stellung angenommen hatte. Georgy ſprang über den Kopf des Majors hinaus, und fſiel mitten in die kleine Avantgarde der Bullocks, die ungeheure ſchwarze Schlei⸗ fen an den Hüten trugen, und in koloſſalen ſchwarzen Schärpen ihrer trauernden Mama voranſchritten. „Er hat gerade das rechte Alter für Roſa,“ dachte die zärtliche Mutter, und warf einen Blick nach dem theuren Kinde, einer ungeſunden kleinen Miß, das in einem Alter von fieben Jahren ſtand, hin. „Roſa, geh' doch zu Deinem lieben Coufin hin, und küſſe ihn,“ ſprach Mrs. Frederick. „Kennſt Du mich nicht, George? — Ich bin Deine Tante!“ „Ich kenne Sie recht gut,“ ſagte George; „allein ich kann das Küſſen nicht leiden.“ Und der Knabe zog ſich vor den Liebkoſungen ſeiner gehorſamen Coufine zurück. „Führ' mich doch zu Deiner lieben Mama, Du vrolliges Kind,“ ſprach Mrs. Frederick weiter; und ſo bekamen dieſe Damen, nach mehr als fünfzehn Jahren, einander wieder einmal zu Geſicht. Während Emmy's Armuth und ſorgenvoller Zeit hatte die Andere auch nicht 225 einmal daran gedacht, ihr einen Beſuch zu machen; aber jetzt, wo ſie wieder eine anſtändige Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft behauptete, und wo ſie wieder ſo ziemlich im Glücke ſaß, konnte ihre Schwägerin natürlich nicht um⸗ hin, ſich bei ihr einzufinden. Daſſelbe thaten noch Viele. So kam z. B. auch unſere alte Freundin, Miß Swartz, mit ihrem Manne von Hampton Court herbei⸗ geraſſelt: ihre Domeſtiken ſtaken in Livreen vom gelbſten Gelb, und ſie that mit Amalien ſo zärtlich, wie nur je. Die Swartz würde ſie immer gern gehabt haben, wenn ſie ſie hätte ſehen können. Dieſe Gerechtigkeit muß man ihr widerfahren laſſen. Allein, que voulez vous 2 — In der ungeheuren Weltſtadt hat man nicht ſo viel Zeit, um ſeine Freunde aufzuſuchen; ſobald ſie nicht mehr gleichen Schritt zu halten vermögen und zurückbleiben, verſchwinden ſie, da wir ohne ſie fortmarſchiren. Wen vermißt man je auf dem Jahrmarkte des Lebens?2 Allein ſo fand ſich, mit einem Worte, und ehe noch die Zeit der Trauer um Herrn Osborne vorüber war, Emmy im Mittelpunkte eines recht feinen Kreiſes, deſ⸗ ſen Glieder nicht begreifen konnten, daß Jemand, der zu demſelben gehörte, nicht ungeheuer glücklich wäre. Unter den Damen befand ſich kaum Eine, die nicht einen Pair zum Verwandten hatte, wenn auch ihr Mann in der City einen Laden mit eingepoͤkelten Eßwaaren, Oel u. ſ. w. hielt. Einige von den Damen gehoͤrten zu den „durch⸗ aus blauen“ und gelehrten, laſen Mrs. Somerville, und beſuchten die Royal Inſtitution; andere waren in ihren religisſen Grundſätzen äußerſt ſtrenge, und hingen Ereter Hall an. Sollen wir die Wahrheit ſagen, ſo müſſen wir ge⸗ ſtehen, daß Emmy, bei dem leeren Geſchwätze derſelben, ar nicht wußte, wie ſie ſich verhalten ſollte, und daß e bei den Paar Gelegenheiten, wo ſie Mrs. Frederick Der Jahrmarkt des Lebens. W. 15⁵ 226 Bullocks Gafffreundſchaft nicht wohl zurückweiſen konnte, fürchterlich litt. Letztere Dame wollte ſie um jeden Preis patroni⸗ ſiren, und faßte den höchſt gnädigen Entſchluß, ſie zu bilden. Sie verſchaffte Amalien die nöthigen Modiſtin⸗ nen, und regelte ihren Haushalt, ſowie ihre Manieren; ſie kam beſtändig von Roehampton herübergefahren, und regalirte ihre Freundin mit mattem, faſhionablem Ge⸗ ſchwätze, und etwa gleich intereſſanten Neuigkeiten vom königlichen Hofe. Jos hörte das gar gern; allein der Major pflegte, ſo oft dieſe Frau mit ihrer Zweigroſchen⸗Vornehmheit ſich blicken ließ, Reißaus zu nehmen, und brummend da⸗ vonzugehen. Er ſchlief einſt nach dem Diner bei einer der beſten Geſellſchaften des kahlköpfigen Frederick Bul⸗ lock ein, und zwar geradezu vor dem reichen Bankier (Fred wollte immer noch das Osborne'ſche Vermögen dem Bankhauſe Stumpy und Rowdy entziehen, um das Geld ſeinem Hauſe zuzuwenden), während Amalie, die kein Latein verſtand, die auch nicht wußte, wer der Ver⸗ faſſer des letzten famoſen Artikels im Edinburgh Review war, und Herr Peel's neuliches außerordentliches Zögern bei der fatalen Katholiken⸗Emanecipations⸗Bill nicht im Mindeſten bevauerte, oder pries, in dem großen, auf ſammtene Grasplätze, gut unterhaltene Kieswege, und glitzernde Gewächshäuſer hinausgehenden Salon ſtumm mitten unter den Damen ſaß. „Sie ſcheint ein recht gutmüthiges, aber inſipides Ding zu ſein,“ ſprach Mrs. Rowdy; der Major ſcheint beſonders épris zu ſein.“ „Was ihr ganz und gar abgeht, iſt der Ton,“ ſagte Mrs. Hollyock. „Meine liebe Creatur, es wird Ihnen nie gelingen, ſie zu bilden.“ „Sie iſt fürchterlich ignorant oder indifferent,“ ſagte Mrs. Glowry mit einer Grabesſtimme, und einem be⸗ denklichen Kopf⸗ und Turbanſchütteln. — „Ich fragte ſie, ——— — —— — 227 ob ſie glaube, daß es mit dem Papſte im Jahre 1836, wie Herr Jopls wolle, oder im Jahre 1839, wie Herr Wapſhot ſage, aus ſei. Da ſagte ſie mir: „Der arme Papſii Hoffentlich geſchieht das nicht — was hat er denn verbrochen?“ „Sie iſt, meine theuren Freundinnen, meines Bru⸗ ders Wittwe,“ erwiederte Mrs. Frederick, „und als ſol⸗ cher dürfen wir ihr, wie ich glaube, bei ihrem Eintritte in die Welt keine Unterweiſung vorenthalten, und müſſen wir ihr unſere Aufmerkſamkeit ſchenken. Sie können ſich wohl einbilden, daß bei Perſonen, deren désappointe- ments bekannt genug find, keine mercenäre Motive ob⸗ walten.“ „Die arme liebe Mrs. Bullock,“ ſagte die Rowdy zur Hollyock, als ſie miteinander wegfuhren — „ſie kann das Plänemachen nicht laſſen. Sie möchte gern Mrs. Osborne's Geld unſerem Hauſe entziehen und dem ihrigen zuwenden — und die Art und Weiſe, wie ſie dem Knaben ſchmeichelt, und wie ſie ihn neben ihre triefäugige kleine Roſa hinſitzen läßt, iſt vollkommen lächerlich.“ „Ich möchte, die Glowry erſtickte an ihrem „Sün⸗ denmenſchen,“ und an ihrer „Schlacht“ von Armageddon,“ rief die Andere. Und der Wagen rollte über Putney Bridge weg. Allein vieſe Art von Geſellſchaft war für Emmy zu fürchterlich vornehm: und Alles hüpfte in ihrem Hanſe vor Freude, als eine Reiſe auf den Contiinent vorgeſchla⸗ gen wurde. 228 Pweiundſechzigſtes Kapitel. Am Rhein. Die oben angeführten Alltagsbegebenheiten hatten Statt gefunden, und es waren einige Wochen verſtrichen, als an einem ſchoͤnen Morgen, da der Sommer ſchon vorgerückt war, die Parlamentsſitzungen für geſchloſſen erklärt wurden, die ganze gute Geſellſchaft in London ſich bereit machte, letztgenannte Stadt zu verlaſſen, um die gewohnte jährliche Tour zu machen, und entweder dem Vergnügen nachzujagen, oder ſich Geſundheit zu ho⸗ len, — und das Dampfſchiff der „Batavier“ mit einer ziemlichen Anzahl engliſcher Flüchtlinge die Tower⸗ Stairs verließ. Ueber dem Hinterdecke war das Zelt aufgeſpannt, und es waren die Bänke und Gänge mit einer ſolchen Menge von roſenwangigen Kindern, von ge⸗ ſchäftig hin und her gehenden Kindsmädchen, von Damen in allerliebſten Roſahüten und Sommerkleidern, von Herren in Reiſemützen und leinenen Jacken, deren (das heißt der Herren) Schnurrbärte für die Tour, die ſie vorhatten, eben zu keimen angefangen hatten, und von wohlbeleibten, ſchöngeputzten alten Veteranen mit geſtärk⸗ ten Halstüchern und ſauber gebürſteten Hüten angefüllt, wie es ſeit der Beendigung des letzten Kriegs ſtets der Fall war, von welcher Zeit an wir uns über ganz Europa verbreitet haben, und das nationale Goddam nach jeder Stadt des Continents tragen. Die Anzahl der auf dem Verdecke verſammelten Hutſchachteln, Bramah'ſchen Schreibpulte, und Neceſſaire war ungeheuer. Unter den Reiſenden konnte man luſtige junge Cambridger Studenten ſehen, die mit ihrem Hof⸗ — 229 meiſter reisten, und eine wiſſenſchaftliche Tour nach Non⸗ nenwerth oder Königswinter machten: iriſche Gentlemen, die, mit wundervollen Backenbärten und Juwelen geſchmückt, immer und ewig von Pferden ſprachen, und gegen die jungen Damen an Bord ungeheuer höflich waren, wäh⸗ rend die Cambridger Burſchen und ihr bleich ausſehender Hofmeiſter Letztere mit jungfräulicher Schüchternheit ver⸗ mieden. Ferner bemerkte man darunter alte Faulenzer aus Pall Mall, die nach Ems und Wiesbaden gehen wollten, um durch das dortige Waſſer ſich von den Reſten der Diners der Saiſon zu befreien, und ein Bischen Roulette und trente-et-quarante zu ſpielen im Sinne hatten, um nicht aus der Aufregung hinauszukommen; auch der alte Methuſalah war varunter, der ſich eben ein junges Weib beigelegt hatte, und bei ihnen Capitän Pavillon von der Garde, der ihren Sonnenſchirm und ihre Reiſehandbücher hielt. Ferner befand ſich der junge May, der mit ſeiner Neuvermählten (der früheren Mrs. Winter, die mit May's Großmutter in der Schule geweſen war) eine Vergnügungsreiſe macht; endlich kamen Sir John und und my Lady mit einem Dutzend Kinder und der ge⸗ hörigen Anzahl von Kindsmädchen, ſowie die große, hoch⸗ adelige Bareacres'ſche Familie, die ganz allein in der Nähe des Steuerrades ſaß, Jedermann anſtierte, und mit keiner Seele ſprach. Ihre Wagen mit den Grafenkronen und den glänzenden Imperialen befanden ſich auf dem Vorderdecke, und waren von einem weiteren Dutzend ſol⸗ cher Fuhrwerke eingeſchloſſen: es war ſchwer, zwiſchen denſelben ſich einen Weg zu bahnen; und die armen Leute in der Vorderkajüte hatten faſt gar keinen Platz, um ſich Bewegung zu machen. Dieſe Vorderkajüten⸗Paſſagiere beſtanden aus einigen gar prächtig gekleideten Herren von Houndsditch, die ihre eigenen Lebensmittel führten, und die Hälfte der glänzen⸗ 230 den Leute im großen Salon auszukaufen im Stande ge⸗ weſen wären; aus einigen ehrlichen Kerls mit Schnurr⸗ bärten und Portefeuilles, die zu ſkizziren anfingen, noch ehe ſie eine halbe Stunde an Bord waren; aus ein Paar franzöſiſchen femmes de chambre, die, als das Dampf⸗ ſchiff an Greenwich vorüber kam, bereits furchtbar ſee⸗ krank wurden; aus ein Paar Grooms, die in der Nähe der Pferdeſtände, wo ſie die Aufſicht zu führen hatten, herumlungerten, oder ſich in der Gegend der Schaufel⸗ räder des Schiffes über letzteres hinauslehnten, und dar⸗ über ſprachen, wer bei dem Leger⸗Wettrennen wohl Sie⸗ ger bleiben, und was ſie darauf wetteten, daß der Good⸗ wood'ſche Becher von Dem oder Dem gewonnen oder verloren würde. Sämmtliche Couriere verſammelten ſich, und fingen an, zu plaudern und zu rauchen, als ſie auf dem Schiffe Alles in Augenſchein genommen, und ihre Herrſchaften in den Kajüten oder auf dem Verdecke untergebracht hatten: und bald geſellten ſich die hebräiſchen Herrn zu ihnen, und ſchauten die Wagen an. Unter letzteren fielen ihnen beſonders in die Augen Sir John's großer Reiſewagen, worin dreizehn Perſonen Platz hatten, — my Lord Methuſalah's Wagen, und my Lord Bareacres' Kaleſche, Britſchka, und Fourgon, die bezahlen konnte, wer wollte. Es war nur ein Wunder, wie my Lord es angegriffen, um ſich das zur Beſtreitung der Reiſekoſten nöthige baare Geld zu verſchaffen. Allein die hebräiſchen Herren wußten gar wohl, wo er es her hatte, und wie er es ſich verſchafft. Sie wußten, wie viel Geld ſeine Lordſchaft im Augenblicke in der Taſche hatte, und welch' hohe Zinſe er dafür bezahlte, und wer ihm damit ausgeholfen. Endlich war darunter noch ein gar netter, hübſcher Reiſewagen zu bemerken, über den die Herren ſich in Speculationen ergingen. „A qui cette voiture là ſprach einer der — — — 231 Herren Couriere, der eine große ſaffianene Geldtaſche umhangen hatte und Ohrringe trug, zu einem andern 2 mit Ohrringen und einer großen ſaffianenen Geld⸗ taſche. „C'est à Kirsch je bense — je l'ai vu toute a heure — qui brenvit des sangviches dans la ſprach der Courier in ſchonem Deutſch⸗Fran⸗ zöfiſch. Kirſch, der einen Augenblick darauf aus der Gegend des Schiffraums auftauchte, wo er den mit Verwahrung des Gepäcks der Paſſagiere beſchäftigten Schiffsleuten Verhaltungsbefehle, die mit Poiyglott⸗Flüchen unter⸗ miſcht waren, zugebrüllt hatte, berichtete nun ſeinen Brü⸗ der Dollmetſchern das Nöthige über ſich und ſeine Herr⸗ ſchaft. Aus ſeinem Berichte ging hervor, daß der Wa⸗ gen einem enorm reichen Nabob von Calcutta und Ja⸗ maika gehoͤrte; und mit dieſem reiste er. In vieſem Augenblicke ſtieg ein junger Herr, der auf der Brücke zwiſchen den Radkäſten nicht hatte bleiben dürfen, und von da ſich auf die Decke von Lord Methu⸗ ſalah's Wagen gemacht hatte, von wo er⸗ über andere Wagen und Imperialen weg bis zu ſeinem eigeneu fort⸗ geklettert war, von dort herab, und durch das Fenſter in denſelben hinein, was die zuſchauenden Couriere veranlaßte, ihren Beifall laut zu erkennen zu geben. „Nous allons avoir une pelle traversée, Mon- sieur George,“ ſagte der Courieur grinſend, während er ſeine goldbebordete Mütze lüftete. „Der Teufel hole Ihr Franzöſiſch,“ ſprach der junge Herr, „wo liegt der Zwieback, he?“ Worauf Kirſch ihm in engliſcher Sprache, oder we⸗ nigſtens in einer Nachahmung derſelben, wie ſie ihm eben zu Gebote ſtand, antwortete: — denn obgleich Herr Kirſch mit allen Sprachen vertraut war, ſo kannte er doch keine einzige, und ſprach alle gleich geläufig und in⸗ correct. 232 Der gebieteriſche junge Herr, der an dem Zwieback wacker herunterbiß (und es war jetzt in der That Zeit, ſich etwas zu reſtauriren, da er ſchon vor vollen drei Stunden zu Richmond gefrühſtückt hatte), war unſer junger Freund George Osborne. Onkel Jos und ſeine Mama hielten ſich auf dem Hinterdecke mit einem Herrn auf, der oft zu ihnen kam, und es waren die Vier im Begriffe, eine kleine Sommerreiſe zu machen. Jos ſaß in dieſem Augenblicke unter dem aufge⸗ ſpannten Zelte, und dem Grafen von Bareacres und deſ⸗ ſen Familie, deren Thun und Laſſen die Aufmerkſamkeit des Bengalen beinahe ganz abſorbirte, faſt gerade gegen⸗ über. Das hohe Paar ſah faſt jünger aus, als in dem an Ereigniſſen ſo reichen Jahre 1815, wo Jos es zu Brüſſel geſehen zu haben ſich erinnerte (wir müſſen hier beifügen, daß es in Indien ſtets ſeine Gewohnheit gewe⸗ ſen war, ſich auf ſeine genaue Bekanntſchaft mit dem Paare Etwas zu gute zu thun). Das Haar der Lady Carabas, welches um jene Zeit dunkel geweſen war, hatte jetzt eine prächtige goldbraune Farbe angenommen, wäh⸗ rend der ſonſt rothe Backenbart des Lord Carabas nun vom ſchönſten Schwarz, mit purpurfarbnen und grünen Refleren im Lichte, war. Allein ſo ſehr ſich auch das hohe Paar verändert hatte, ſo beſchäftigten doch deſſen Bewegungen Jos' Geiſt ganz und gar. Die Anweſenheit eines Lords wirkte zauberiſch auf ihn, und er konnte ſchlechterdings nichts Anderes anſehen. „Die Leute da ſcheinen Dich nicht wenig zu intereſ⸗ ſiren,“ ſprach Dobbin lachend und ihn beobachtend. Auch Amalie lachte. Sie trug einen Strohhut mit ſchwarzen Bändern, und auch ihr übriger Anzug war der einer Trauernden⸗ Allein die kleine mit der Reiſe verbundene Unruhe, ſowle der feiertägliche Anſtrich, den Alles hatte, regte ſie freudig auf, ſo daß ſie ungemein glücklich ausſah. ——— —— ——— 233 „Welch' himmliſcher Tag!“ ſagte Emmy, und ſetzte mit vieler Originalität hinzu, „hoffentlich bekommen wir eine ruhige Ueberfahrt.“ Jos machte hier mit der Hand eine verachtungsvolle Bewegung, und ſchielte zu gleicher Zeit ſchüchtern nach den ihm gegenüber ſitzenden hohen Perſonen hin. „Hälteſt Du die Reiſen gemacht, die wir gemacht haben,“ ſprach er, „ſo würdeſt Du Dich um das Wetter nicht gar viel bekümmern.“ Allein trotz dem, daß er ſo große Reiſen gemacht, lag er die Nacht über entſetzlich ſeekrank in ſeinem Wa⸗ gen, wo es ihm ſein Courier an Grog und allerlei guten Dingen nicht fehlen ließ. Endlich landete zur gewöhnlichen Zeit die glückliche Geſellſchaft an den Kais von Rotterdam, von wo ſie ein anderes Dampfſchiff nach der Stadt Cöln führte. . Hier verließ der Wagen, ſowie die Familie das Waſ⸗ ſer, und Jos war nicht weniß erfreut, ſeiner Ankunft in 5 den Cölner Zeitungen in pompöſer Weiſe Erwähnung ge⸗ than, und darin ſich als „Herr Graf Lord von Sedley nebſt Begleitung aus London“ aufgeführt zu ſehen. Er hatte ſeinen Galaanzug, worin er ſich bei Hofe producirte, mitgenommen, und da er ſchlechterdings darauf beſtanden hatte, ſo hatte auch Dobbin ſeine in ſeiner Uniform be⸗ ſtehenden Paraphernalien mit ſich geführt. Jos hatte nämlich erklärt, wie es ſeine Abſicht wäre, ſich an einigen fremden Höfen vorſtellen zu laſſen, und den Souverainen der Länder, die er mit ſeinem Beſuche beehrte, ſeine Aufwartung zu machen. An allen Orten, wo die Geſellſchaft anhielt, und die 6 Sache ausführbar war, gab Herr Jos ſeine und des Ma⸗ jors Karte bei „Unſerem Geſchäftsträger“ ab. Nur mit großer Mühe konnte man ihn von dem Vorhaben abbrin⸗ gen, dem engliſchen Conſul in der freien Judenſtadt, als der eben erwähnte gaſtfreundliche Beamte unſere Reiſen⸗ 5 den zum Diner einiud, in ſeinem Stülphute und ſeinen —— ——— 4* 234 Kniehoſen die Aufwartung zu machen. Er führte ein Reiſetagbuch, und bemerkte fleißig die Mängel oder Vor⸗ züge der verſchiedenen Gaſthoͤfe, wo er abſtieg, wobei na⸗ türlich die Weine und Gerichte nicht vergeſſen blieben. Was Emmy betrifft, ſo war ſie recht glücklich und froh. Dobbin pflegte ihren Felvſtuhl, ſowie ihr Skizzen⸗ buch zu tragen, und bewunderte die Zeichnungen der gut⸗ müthigen kleinen Künſtlerin in einer Weiſe, wie dieſelben noch nie bewundert worden waren. Auf den Verdecken der Dampfſchiffe zeichnete ſie Felſen und Burgen; auch ließ ſie ſich von Eſeln zu Burgen hinantragen, die einſt berühmten Raubrittern gehört hatten, — aber immer hatte ſie Georgy und Dobbin, als Adjutanten, um ſich. Sie lachte über die drollige Figur, die der Major auf dem Rücken eines Eſels, wo er mit ſeinen langen Beinen ſtets den Voden berührte, machte: und der gute Major ſtimmte in das Gelächter mit ein. Der Major übernahm auch bei der Geſellſchaft die Rolle eines Dolmetſchers, da er das Deutſche ſo gut ver⸗ ſtand, als man von einem Militär erwarten kann; und er und der entzückte George machten die Feldzuge am Rhein und in der Pfalz im Geiſte noch einmal durch. Im Laufe weniger Wochen machte Georgy, der auf dem Kutſchenbocke mit Herrn Kirſch ſich fleißig unterhielt, fabelhafte Fortſchritte in der hochdeutſchen Sprache, und bald konnte er mit den Kellnern in den Gaſthöfen, ſowie mit den Poſtillonen in einer Weiſe ſprechen, die ſeine Mutter bezanberte, und ſeinen Vormund beluſtigte. Herr Jos ſchloß ſich nur ſelten den Nachmittags⸗ Freurſionen ſeiner Reiſegefährten an. Er ſchlief gern nach dem Eſſen, wenn er ſich nicht in den Lauben der an⸗ muthigen Gärten der Hotels ſonnte. O ihr anmuthigen Gärten am Rheine! O ihr holden Scenen des Friedens, o ihr Seenen voller Sonnenſchein — ihr prächtigen Purpurberge, die ihr euch mit euren Spitzen in dem herr⸗ lichen Strome ſpiegelt — wer hat euch je geſehen, ohne — — 6 3* 235 ein dankbares Andenken an dieſe Scenen freunblicher Ruhe und Schönheit zu bewahren? * Es macht Einen glücklich, die Feder weglegen, und auch nur an das ſchöne Rheinland denken zu koͤnnen! „ Um dieſe Zeit des Sommers kommen Abends die Kühe leuend und mit ihren tönenden Schellen von den Bergen zu der alten Stadt mit ihren alten Gräben, und Thoren, und Thürmen, und Kaſtanienbäumen, die lange blaue Schatten über das Gras hinwerfen, herab; der Himmel, ſowie der Fluß vor uns flammt earmeſinroth, und iſt wie pures Gold; und ſchon lugt der Mond her⸗ vor, und ſieht blaß der untergehenden Sonne zu. Endlich ſinkt die Sonne hinter die hohen mit Burgen gekrönten Berge hinab; mit einem Male iſt die Nacht da; der Fluß wird dunkler und dunkler; die Fenſter auf den alten Wällen werfen zitternde Lichter hinein, während dieſe Lichter in den unter den Hügeln am entgegengeſetzten ufer liegenden Dörfern friedlich blinken. Es pflegie alſo Jos viel mit ſeinem Bandanna über dem Geſichte zu ſchlafen, und auf ſeine Bequemlichkeit bedacht zu ſein, und alle engliſchen Neuigkeiten, und jedes Wort in Galignani's bewunderungswürdiger Zeitung (möge der Segen aller Engländer, die je auf dem Continente geweſen, auf den Gründern und Eigenthümern des ge⸗ nannten, aus lauter nachgedruckten Artikeln beſtehenden Blattes ruhen!) zu leſen, und er wurde, mochte er wachen oder ſchlafen, von ſeinen Freunden nicht ſehr vermißt. Ja, vieſe waren überaus glücklich. Sie gingen oft Abends in die Oper — fanden ſich oft in den beguemen, unprä⸗ tenzioͤſen, lieben alten Opernhäuſern der kleinen deutſchen Städte ein, wo der Adel auf der einen Seite ſitzt, und weint, und Strümpfe ſtrickt, während dem bürgerlichen Volke die andere Seite angewieſen iſt; wo Seine Durch⸗ laucht der Herzog, und Seine Durchlauchtige Familie, lau⸗ ter ungemein dicke und gutmüthige Perſonen, die große Loge in der Mitte einnehmen, und das Parterre voll der 236 eleganteſten dünnleibigſten Offiziere, mit ſtrohfarbenen Schnurtbärten und mit zwölf Kreuzern täglicher Gage, iſt. Hier fand Emmy iht höchſtes Vergnügen; hier wurde ſie zum erſten Male mit der wundervollen Muſik Mozarts und Cimaroſas bekannt. Wir haben ſchon weiter oben von dem muſikaliſchen Sinn des Majors geſprochen, und haben ihn als einen ziemlich geſchickten Flötenſpieler ge⸗ rühmt. Vielleicht beſtand aber das Hauptvergnügen, das er an dieſen Opern fand, darin, daß er Emmy's Entzücken beobachtete, während ſie der himmliſchen Muſik lauſchte. Eine neue Welt der Liebe und der Schönheit ging in ihr auf, als ſie mit dieſen göttlichen Compoſitionen bekannt wurde: unſere Dame beſaß die zarteſte und feinſte Senſibilität, und wie konnte ſie gleichgültig bleiben, wenn ſie Mozart hörte? Die zärtlichen Theile in Don Juan entzückten ſie dermaßen, daß ſie, wenn ſie ihr Abendgebet verrichtete, ſich zu fragen pflegte, ob es nicht gottlos wäre, einem ſo hohen Grade von Wonne Raum zu geben, wie der war, womit „Vedrai Carino,“ und „Batti Batti, ihr ſanftes Herzchen füllte? Allein der Major, den ſie als ihren theologiſchen Ge⸗ wiſſensrath (und der Major hatte wirklich eine fromme, gottesfürchtige Seele) wegen dieſes Punktes zu Rathe zog, ſagte, daß, was ihn betreffe, ihn jede Schönheit der Kunſt oder der Natur dankbar ſtimme und glücklich mache; und daß das Vergnügen, das man empfinde, wenn man einer ſchönen Mufik lauſche, oder wenn man die Sterne am Himmel anſehe, oder wenn man eine ſchöne Landſchaft oder ein ſchönes Gemälde anſchaue, ein Genuß ſei, der uns mit ebenſo aufrichtigem Danke gegen den Himmel erfüllen müſſe und dürfe, wie jedes andere zeitliche Gut. Und als Antwort auf einige ſchwache Einwürfe von Seiten der Mrs. Amalie (dieſelben waren gewiſſen theo⸗ logiſchen Werken, wie z. B. „der Wäſcherin von Finch⸗ ley Common,“ und noch anderen von demſelben Schlage entnommen, die man Mrs, Osborne während ihres Aufent⸗ 237 halts zu Brompton zu leſen gegeben hatte) erzählte er ihr eine vrientaliſche Fabel von der Eule, die da glaubte, daß die Augen den Sonnenſchein nicht auszuhalten ver⸗ möchten, und daß die Nachtigall ein hochſt überſchätzter Vogel wäre. „Dem Einen iſt es nun einmal gegeben, zu ſingen, und dem Anderen, zu kreiſchen, wie eine Eule,“ ſprach er lachend; „und eine Perſon, die eine ſo liebliche Stimme zibe wie Sie, gehoͤrt nothwendig zu der Bulbul⸗ artei.“ Ich verweile gerne bei dieſer Periode ihres Lebens, und es macht mir Freude, zu denken, daß ſie fröhlich und glücklich war. Wir wiſſen ja wohl, daß ſie bis jetzt eine ſolche Art von Exiſtenz nicht allzu viel gekannt hat, und daß ihr die Mittel, ihren Geſchmack oder ihren Verſtand zu bilden, bis jetzt unerreichbar geweſen ſind. Bis daher iſt ſie von Leuten gemeinen Geiſtes beherrſcht worden. Es iſt das das Loos ſo vieler Frauen. Und da Jede von dem lieben Geſchlechte die Nebenbuhlerin aller Anderen ihrer Art iſt, ſo gilt bei ihren von chriſtlicher Liebe ein⸗ gegebenen Urtheilen die Schüchternheit für Thorheit, die Sanftmüthigkeit für Geiſtesbeſchränktheit und Dummheit; und insbeſondere findet die Schweigſamkeit — die nur ein ſtiller Proteſtantismus und eine ſchüchterne Verneinung des unwillkommenen anmaßenden Benehmens derjenigen iſt, ſo ſtets das große Wort führen — vor der weiblichen Inquiſition keine Gnade. Müßten wir uns zum Beiſpiel, mein lieber und civili⸗ ſirter Leſer, heute Abend mit einander in einer Geſellſchaft von Grünzeughändlern bewegen, ſo iſt es hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß unſer Geſpräch nicht ſehr brillant ſein würde; würde ſich auf der andern Seite ein Grünzeug⸗ händler an Deinem feinen Theetiſche einfinden, wo Jeder⸗ mann mit ſeinem Geiſte zu glänzen bemüht iſt, und jede Perſon von Faſhion und Ruf ihre Freunde in der ergotz⸗ lichſten Weiſe durchhechelt und an denſelben kein gutes 23³8 Haar läßt, ſo würde der Fremde wahrſcheinlich nicht ſehr geſprächig, und keineswegs intereſſant ſein, noch auch an dem Geſpräche Intereſſe finden. Auch dürfen wir nicht vergeſſen, daß die arme Dame bis auf dieſen Augenblick noch keinen wahrhaften Gentle⸗ man gekannt hatte. Vielleicht ſind ſolche nicht ſo häufig, als Manche von uns denken mögen. Wer von uns kann unter ſeinen Bekannten viele ſolche herausfinden — Män⸗ ner, deren Zwecke evel, deren Wahrheitsliebe conſtant, und nicht allein in ihrer Art conſtant, ſondern auch in ihrem Grade erhaben iſt; die ganz einfach ſind, weil ihnen jede Art von Gemeinheit unbekannt iſt; die der Welt mit gleicher männlicher Sympathie für die Großen und die Kleinen ehrlich in's Geſicht blicken können? Wir Alle kennen Hunderte, deren Röcke ſehr gut gemacht ſind; und einige Dutzende von Menſchen, die ausgezeichnete Manie⸗ ren haben; und ein Paar glückliche Weſen, die, wie man das Ding heißt, in den innerſten Zirkeln ſich bewegen, und, wenn man die Faſhion mit einer Schießſcheibe ver⸗ gleichen will, den Zweck hinausgeſchoſſen haben; allein wie viele wahrhafte Gentlemen? Wir wollen einmal einen kleinen Fetzen Papier neh⸗ men, und unſere Leute notiren: Meinen Freund, den Major, trage ich keinen Anſtand, ſogleich als einen Gentleman zu notiren. Er hatte zwar gar lange Beine und ein gelbes Geſicht; auch liſpelte er ein wenig, was anfänglich etwas lächerlich herauskam. Allein ſeine Gedanken waren richtig, ſein Kopf ziemlich gut, ſein Leben ehrlich und rein, ſein Herz warm und demüthig. Auch das iſt nicht zu läugnen, daß er unge⸗ mein große Hände und Füße hatte, welche von den beiden George Osbornes karrikirt und verlacht zu werden pfleg⸗ ten; und vielleicht führte der Spott und das Gelächter die arme kleine Emmy in Betreff ſeines innern Werthes irre. Allein haben wir Alle uns nicht ſchon in Betreff — . 239 unſerer Helden täuſchen und irre führen laſſen; und haben wir nicht ſchon hundert Mal unſere Anſichten gewechſelt? Und ebenſo fand auch Emmy, daß ihre Anſicht in Betreff der Verdienſte des Majors eine gar große Ver⸗ änderung erlitt. Vielleicht war es die glücklichſte Zeit ihres Lebens: es gehorte ſonſt Nichts dazu, als vaß ſie es wußten — und wer weiß es? Wer von uns kann beſtimmt ſagen, das war der Culminationspunkt, — der Gipfel menſch⸗ licher Freuden? Allein jedenfalls war das Paar recht zufrieden, und vergnügte ſich auf ſeiner Semmertour, wie nur irgend ein Paar, das in jenem Jahre England verließ. Georgy ging ſtets auch mit in das Theater; allein es war ver Major, der, wenn die Vorſtellung zu Ende war, Emmy ihren Shawl umlegte; auf den Spaziergängen und Ex⸗ curſionen war der junge Vurſche gewoͤhnlich voraus, und kletterte die Treppe eines Thurms oder einen Baum hin⸗ an, während das nüchternere Paar unten blieb; der Major damit beſchäftigt, ſeine Cigarre mit moglichſter Serlenruhe und Beharrlichkeit zu rauchen, Emmy varauf bedacht, eine getreue Skizze der Landſchaft oder der Ruine zu entwerfen. Auf dieſer Tour hatte ich, der Schreiber dieſer Ge⸗ ſchichte, an der kein unwahres Wort iſt, das Vergnügen, ſie zum erſten Male zu ſehen, und mit ihnen bekannt zu werden. In der kleinen comfortablen, großherzoglichen Reſi⸗ denzſtadt Pumpernickel (es iſt der nämliche Ort, an dem Sir Pitt Crawley ſo viele Gelegenheit gefunden hatte, ſich als Attaché auszuzeichnen; allein es war dieß ſchon gar lange her, und ehe noch die Nachricht von der Schlacht von Auſterlitz ſämmtliche engliſche Diplomaten aus Deutſchland vertrieb) ſah ich zum erſten Male Oberſt Dobbin mit feiner Geſellſchaft. Sie waren mit Wagen und Courier im Erbprinzen, dem beſten Gaſthofe der 240 Stadt angekommen, und es ſpeiste die ganze Geſellſchaft an der Table d'Hote. Jedermann bemerkte das majeſtätiſche Weſen unſeres Freunds Jos', ſowie die Kennermiene, womit er den Jo⸗ hannisberger, den er beſtellt hatte, nippte, oder richtiger geſagt, ſog. Auch der kleine Burſche entwickelte, wie wir bemerk⸗ ten, einen famoſen Appetit, und verzehrte Schinken, und Braten, und Kartoffeln, und eingemachte Preiſelbeeren, und Salat, und Pudding, und gebratene Hühner, und Confekt, mit einer Tapferkelt, die ſeiner Nation alle Ehre machte. Nach etwa fünfzehn verſchiedenen Gerichten, von denen er gegeſſen, beſchloß er ſein Mahl mit dem Deſſert, von dem er ſogar einen Theil einſteckte und mit⸗ nahm; denn einige junge Herren, die ſein kaltblütiges, ungenirtes Weſen während des Eſſens beluſtigt hatte, über⸗ redeten ihn, eine Hand voll Makaronen einzuſtecken, die er auf dem Wege nach dem Theater, wohin in dem fröh⸗ lichen, geſelligen, deutſchen Städtchen Jedermann ging, verzehrte. Die in Trauer gekleidete Dame, die Mama des Knaben, lachte, und errothete, und ſah im Verlaufe des Diners ungemein vergnügt und ſchüchtern aus, als ſie die unterſchiedlichen Heldenthaten und Eſpisglerien ihres Herrn Sohnes gewahrte. Was den Oberſten betrifft, — denn er wurde es bald darauf, — ſo zog er, ſo viel ich mich erinnere, den Knaben deßhalb nicht wenig auf. In ſeiner trockenen Weiſe deutete er auf Gerichte hin, die der Kleine noch nicht verſucht hatte, und ermuthigte ihn, ſich Nichts abgehen, ſondern von Dieſem und Jenem ſich noch einmal geben zu laſſen. Madame Schroͤder Devrient, die damals in der Blüthe ihrer Schönheit und auf dem Gipfel ihres Ruh⸗ mes ſtand, gaſtirte an jenem Abende im koͤniglich groß⸗ herzoglichen Pumpernickel ſchen Hoftheater in der Rolle —————— 241 der Heldin der wundervollen Oper „Fidelio.“ Von un⸗ ſeren Sperrſitzen aus konnten wir unſere vier Freunde von der Table d'Hote in der Loge ſehen, die Schwendler vom Erbprinzen für ſeine beſten Gäſte hielt: und es war mir nicht ſchwer, die Wirkung zu bemerken, welche die herrliche Schauſpielerin und die in ihrer Art einzige Muſik auf Mrs. Osborne hervorbrachten; denn ſo hörten wir den dicken beſchnurrbarteten Herrn ſie nennen. Während des ſtaunenswerthen Gefangenen⸗Chors, über welchen die herrliche Stimme der Sängerin in entzückend⸗ ſter Harmonie ſich aufſchwang, malte ſich auf ihrem Geſichte ein ſo lebhaftes Erſtaunen und Entzücken, daß ſelbſt der kleine Fipps, der blaſirte Attaché, davon betrof⸗ fen war, und, ſeinen Operngucker auf ſie richtend, in ſeiner gewohnten Weiſe, das heißt, mit gedehnter Stimme, die Worte ſprach: „Mein Gott, es thut Einem wirklich wohl, ein Frauenzimmer zu ſehen, bei dem ein ſolcher aufgeregter Zuſtand noch unter die möglichen Dinge ge⸗ hort.“ In der Kerker⸗Scene, wo Fidelio, auf ihren Gat⸗ ten zuſtürzend, ſingt: „Nichts, Nichts, mein Floreſtan,“ war ſie vor Entzucken weg, und bedeckte ihr Geſicht mit ihrem Taſchentuche. Zwar ſchnüffelte und ſchluchzte in dieſem Augenblicke jedes Frauenzimmer im Hauſe; allein vermuthlich bemerkte ich gerade dieſe Dame deßhalb, weil ich prädeſtinirt war, die Memoiren derſelben zu ſchreiben. Den Tag darauf wurde ein anderes Beethoven'ſches Stück, „die Schlacht bei Vittoria“ aufgeführt. Gleich am Anfange des Stücks kommt Malbrook, um das leb⸗ hafte Vorrücken der franzöſiſchen Armee anzudeuten. Dann großes Getrommel, Trompetenſtöße, Kanonendon⸗ ner, Geächze und Geſtöhne von Sterbenden, bis am Ende das große immer lauter ertönende Triumphlied „God ſave the King“ ſich vernehmen läßt. Es waren vielleicht ein Paar Dutzend Engländer im Hauſe; als aber dieſe geliebte und wohlbekannte Mu⸗ Der Jahrmarkt. des Lebens. 1v. 16 242 ſik mit Einem Male erſchallte, erhoben ſich Alle, wir junge Kerls auf den Sperrſitzen, Sir John und Lady Bullminſter (die zu Pumpernickel ein Haus gemiethet hatten, um dort ihre neun Kinder zu erziehen), der dicke beſchnurrbartete Herr, der lange Major in weißen Duckhoſen, und die Dame mit dem kleinen Knaben, gegen die ſein Benehmen ſo zärtlich war, und ſogar Kirſch, der Courier auf der Gallerie, kerzengerade auf ihren verſchiedenen Plätzen, und erklärten ſich für Glieder der lieben alten britiſchen Nation. Was Tapeworm, den Legalionsſekre⸗ tär betrifft, ſo ſtand er in ſeiner Loge auf, und verbengte ſich, und lächelte, und gab ſich das Anſehen, als müſſe er das ganze Reich repräſentiren. Tapeworm war ein Neffe, ſowie der Erbe des alten Marſchalls Tiptoff, der in dieſer Geſchichte ganz kurz vor der Schlacht von Wa⸗ terlov erſchienen iſt; der Oberſt des — ſten Regiments war, bei welchem Major Dobbin diente, und in demſelben Jahre, mit Ehren überhäuft, und an einer Natter von Kibitzeiern, ſtarb; worauf das Regiments⸗Commando durch die Gnade Seiner Majeſtät an Oberſt Sir Michael O'Dowd, K. C. B., überging der das Corps in man⸗ chen glorrreichen Schlachten ſchon befehligt hatte. Tapeworm mußte Oberſt Dobbin in dem Hauſe des Marſchalls, des Oberſten unſeres Oberſten, ſchon früher geſehen haben, denn er erkannte ihn an dieſem Abende im Theater; und Seiner Majeſtät Geſchäftsträger kam in ungemein herablaſſender Weiſe von ſeiner Loge her⸗ über, und wechſelte mit ſeinem neugefundenen Freunde öffentlich einige Händedrücke. „Man ſehe einmal den hölliſchen, ſchlauen Kameraden von Tapeworm an.“ flüſterte Fipps, der ſeinen Vorgeſetz⸗ ten von den Sperrſitzen aus muſterte. „Wo ſich nur ein hübſches Frauenzimmer ſehen läßt, gelingt es ihm, ſich einzuflechten.“ Und was mich betrifft, ſo moöchte ich wohl wiſſen, — — — 243 ob die Diplomaten zu etwas Anderem da ſind, als zu ſolchem Geſchäfte. „Habe ich die Ehre, Mrs. Dobbin vor mir zu ſehen 2“ fragte der Seeretär mit hoͤchſt einſchmeichelndem Grinſen. Georgy brach in ein Gelächter aus, und ſagte: „Beim Zeus, das iſt ein köſtlicher Spaß.“ Emmy und der Major wurden feuerroth; wir ſahen das von den Sperrſitzen aus. „Dieſe Dame iſt Mrs. George Osborne,“ ſprach der Major, „und dieß iſt ihr Bruder, Herr Sevley, ein aus⸗ gezeichneter Beamter im Civildienſte ver vſtinviſchen Com⸗ pagnie, Abtheilung Bengalen: erlauben Sie mir, ihn Ew. Lordſchaft vorzuſtellen.“ My Lord lächelte auf eine ſo bezaubernde Weiſe, daß Jos vor lauter Stolz und Freude ſich faſt nicht mehr auf den Beinen zu halten vermochte. „Haben Sie im Sinne, ſich längere Zeit in Pumper⸗ nickel aufzuhalten?“ ſprach my Lord. „Der Ort iſt gar langweilig; allein wir brauchen einige anſtändige artige Leute, und würden Alles aufbieten, denſelben Ihnen ſo angenehm zu machen. Mr. — Ahum — Mrs. — oho. Ich werde mir die Ehre geben, Sie morgen in Ihrem Gaſthofe aufzuſuchen.“ Und er entfernte ſich mit einem parthiſchen Grinſen und einem parthiſchen Blicke, von denen er glaubte, daß ſie Mrs. Osborne vollſtändig unterjochen müßten. Als die Vorſtellung vorüber war, lungerten die jun⸗ gen Burſche in den Gängen herum, und wir konnten die Geſellſchaft hinausgehen ſehen. Die verwittwete Herzogin fuhr in ihrer lotterigen alten Kutſche davon, begleitet von zwei treuen und ver⸗ welkten alten Ehrendamen, und einem kleinen, mit Schnupf⸗ tabak überſtreuten, ſpinvelfoͤrmigen Kammerherrn. Letz⸗ terer ſtak in einem grünen Rocke voller Orden, unter denen der Stern und das große gelbe Pumpernickel'ſche 244 Band des St. Michaels Orden am Meiſten in's Auge fielen. Es wurden die Trommeln gerührt, es präſentirte die Wachmannſchaft das Gewehr, und es fuhr der alte Wagen davon. Darauf erſchien Seine Durchlaucht, der Herzog, ſo⸗ wie Seine Durchlauchtige Familie mit den hohen Haus⸗ und Staatsbeamten. Seine Durchlaucht verbeugte ſich in überaus gnä⸗ diger und freundlicher Weiſe gegen Jedermann. Und un⸗ ter dem Salutiren der Wachmannſchaft, und dem Flackern der Fackeln der in Scharlach gekieideten Läufer, fuhren die Durchlauchtigen Wagen nach dem alten herzoglichen Schloſſe ab, das mit ſeinen Thürmen und Zinnen, wie männiglich bekannt, auf dem Schloßberge ſteht. Zu Pumpernickel kannte Jeder den Andern. So oft ein Fremder ſich dort blicken ließ, begab ſich der Mini⸗ ſter der auswärtigen Angelegenheiten, oder irgend ein anderer hoher oder niederer Staatsbeamter in den Erb⸗ prinzen, um ſich nach dem Namen und Stande der Neu⸗ angekommen zu erkundigen. Auch ſie ſahen wir aus dem Theater gehen. Tapeworm war eben, in ſeinen Mantel gehüllt (wo⸗ mit ſein koloſſaler Jäger ſtets auf ihn warten mußte), und ſo viel wie möglich wie Don Juan ausſehend, ab⸗ ſpaziert. Die Frau des Premier⸗Miniſters hatte ſich eben in ihre Portechaiſe hineingezwängt, und ihre Tochter, die bezaubernde Ida, hatte eben ihre Galloſchen angezo⸗ gen, und ſich mit ihrer großen Capote bedeckt, — als die engliſche Geſellſchaft herauskam. Der Knabe gähnte trübſelig; der Major gab ſich unendlich viel Mühe, den Shawl auf Mrs. Osborne's Kopf zu befeſtigen, und Herr Sedley ſah in ſeinem Claquehute, den er ganz auf einer Seite des Kopfes ſitzen hatte, ſowie mit ſeiner Hand, die in einer geräumigen weißen Weſte ſtak, wirk⸗ lich grandios aus. Wir nahmen vor unſeren Tiſchge⸗ noſſen die Hüte ab, und erhielten dafür von der Dame ——— W — — — — 245⁵ ein kleines Lächeln und einen Knicks, wofür Jeder dank⸗ bar ſein konnte. Die Kutſche des Gaſthauſes wartete unter der Auf⸗ ſicht des geſchäftigen Herrn Kirſch, um die Geſellſchaft aufzunehmen; allein der dicke Mann ſagte, er wolle zu Fuß nach Hauſe gehen, und unterwegs eine Cigarre rauchen. Und ſo zogen die andern Drei ohne Herrn Sevley ab, wobei ſie uns zunickten und zulächelten. Kirſch dagegen folgte mit der Cigarrendoſe ſeinem Herrn nach. Wir Alle gingen zu Fuß mit einander, und ſprachen mit dem dicken Herrn über die Annehmlichkeiten des Ortes. Und dieſer bot derſelben für einen Engländer in der That genug. Da gab es Jagdpartien, worunter auch Treibjagden; da gab es Hof⸗Bälle und Hof⸗Feſte die Hülle und Fülle. Der Hof war gaftfreundlich; die Geſellſchaft im Allgemeinen gut; das Theater vortrefflich; und Alles wohlfeil. „Und unſer Geſchäftsträger ſcheint ein höchſt ge⸗ ſprächiger und allerliebſter Mann zu ſein,“ ſprach unfer neuer Freund. „Bei einem ſolchen Geſandten, und — und einem guten Arzte muß der Ort höchſt angenehm ſein: Gute Nacht, meine Herren!“ Und Jos ging, von dem ein Paar brennende Ker⸗ zen in der Hand haltenden Kirſch begleitet, die Treppe hinan, die unter ihm krachte. Er begab ſich zu Bette. Wir Andere aber hofften, daß ſich das nette Weib⸗ chen zu einem längern Aufenthalt in der Stadt herbei⸗ laſſen würde. 246 Preiundſechzigſtes Kapitel. Worin wir eine alte Bekannte wieder finden. Ein ſo höfliches Benehmen, wie das Lord Tape⸗ worm's, verfehlte nicht, auf Herrn Sedley die günſtigſte Wirkung hervorzubringen, und ſchon am nächſten Morgen ſprach er ſich beim Frühſlücke dahin aus, daß Pumper⸗ nickel der angenehmſte kleine Ort wäre, an den ſie auf ihrer Tour bis jetzt gekommen. Jos' Beweggründe und Hintergedanken waren nicht ſehr ſchwer zu durchſchauen; und Dobbin lachte, wie ein Heuchler, der er war, in die Fauſt, als er an der Ken⸗ nermiene des Civiliſten, ſowie an der Art und Weiſe, wie der Letztere, als wohlunterrichteter Mann, über Tape⸗ worm Caſtle, und die übrigen Glieder der Familie ſprach, ſah, daß Jos im Laufe des Morgens ſich ſchon in ſeiner „Peerage“ umgeſehen haben müſſe. „Ja,“ ſagte Jos, „er habe den ſehr ehrenwerthen Grafen von Bag⸗ wig, den Vater Sr. Lordſchaft, geſehen; er wiſſe gewiß, vaß er ihn zu — bei dem Leber getroffen — ob ſich Dob nicht erinnere?“ Und als der Diplomat, ſeinem Verſprechen gemäß, der Geſellſchaft ſeine Aufwartung machte, empfing ihn Jos mit ſo vieler Höflichkeit, und ſo vielen Ehren, wie es dem kleinen Geſandten wohl noch ſelten vorgekommen war. Beim Eintritte ſeiner Exellenz gab er Kirſch ein Zeichen, worauf der eben genannte Emiſſär, der ſchon vorher ſeine Verhaltungsbefehle bekommen, ſich entfernte und kalte Speiſen, Gélees, ſowie andere Delikateſſen ſerviren ließ, von denen der hohe Gaſt auf Jos' Andringen ſchlechter⸗ dings eſſen mußte. ————— d— ———————— — 247 So lange Tapeworm Gelegenheit haben konnte, die ſchoͤnen hellen Augen der Mrs. Osborne (deren friſcher Teint ſich bei Tage beſonders gut ausnahm) zu bewundern, ließ er ſich ſchon eine Einladung von Seiten des Herrn Sedley gefallen; er ſtellte einige geſchickte Fragen über Indien und die dortigen tanzenden Mädchen an ihn; fragte Amalie über den ſchönen Knaben, der bei ihr ge⸗ weſen, und becomplimentirte das erſtaunte Weibchen über die ungeheure Senſation, die ſie im Hauſe gemacht; und ſuchte Dobbin dadurch einzunehmen, daß er von dem letzten Kriege, ſowie von den Heldenthaten des Pumpernickel'ſchen Contingents unter dem Commando des Erbprinzen, jetzigen Herzogs von Pumpernickel, ſprach. Lord Tapeworm hatte von der in ſeiner Famille her⸗ kömmlichen Galanterie nicht Wenig geerbt, und er lebte in dem glücklichen Wahne, daß faſt jedes Frauenzimmer, vas er mit freundlichen Augen anſehe, in ihn verliebt ſei. Er ging von Emmy in der Ueberzeugung weg, daß ſie durch ſeinen Geiſt und ſeine übrigen Reize beſiegt ſei, und ging nach Hauſe, um ein artiges Briefchen an ſie zu ſchreiben. Sie war aber keineswegs bezaubert, ſondern wußte bloß nicht, was ſie von ſeinem Grinſen, ſeinem Lächeln, ſeinem parfümirten feinen battiſtenen Taſchentuche, ſowie von ſeinen lackirten, mit hohen Abſätzen verſehenen Stiefeln halten ſollte. Sie verſtand nicht die Hälfte der Compli⸗ mente, die er ihr machte; ſie, die die Menſchen noch ſo wenig kennen gelernt, hatte bis jetzt noch keinen jener Männer geſehen, die aus der Eroberung von Damen⸗ herzen ihr Lebensgeſchäft machen, und ſah my Lord mehr als eine Curioſät, denn als etwas Angenehmes an; und wenn ſie ihn nicht bewunderte, ſo verwunderte ſie ſich doch gewiß über ihn. Jos dagegen war vor Freude und Bewunderung ganz entzückt. „Wie herablaſſend und geſprächig doch Seine Lord⸗ 248 ſchaft iſt,“ ſagie er. „Wie freundlich war es doch von my Lord, zu ſagen, daß er ſeinen Arzt ſchicken wollte! Kirſch, Sie werden alsbald unſere Karten bei dem Gra⸗ fen von Schlüſſelbach abgeben: es wird dem Major, ſo⸗ wie mir das größte Vergnügen machen, baldmoöglichſt bei Hofe zu erſcheinen und der großherzoglichen Familie unſere Ehrerbietung zu bezeigen. Thun Sie meine Uniform her⸗ aus, Kirſch, — unſere beiden Uniformen. Jeder engliſche Gentleman ſollte ſich ſo höflich zeigen, den Souveränen der Länder, welche er beſucht, wie den Repräſentanten ſei⸗ nes Vaterlandes, ſeine Aufwartung zu machen. Er iſt das ſc „benſo gut, wie den Ländern, in denen er reist, ſchul⸗ g. d Als Tapeworms Arzt, Doktor von Glauber, Leibarzt Seiner Durchlauchtigſten Hoheit des Herzogs, kam, ge⸗ lang es ihm bald, Jos zu überreden, daß die Mineral⸗ quellen von Pumpernickel, ſowie die beſondere Behandlung des Doktors den Bengalen unfehlbar wieder zu einem jungen ſchmächtigen Manne machen würden. „Voriges Jahr,“ ſprach er, „kam General Bulkeley, ein engliſcher General, hieher, Sirt er war zwei Mal ſo dick wie Sie. Nach Verfluß von drei Monaten ging er ganz dünn wieder nach Hauſe; und nach Verfluß von zweien tanzte er mit der Baroneſſe von Glauber.“ Jos Entſchluß war gefaßt; die Mineralquellen, der Doktor, der Hof, und ver Chargé d'Affaires waren eben⸗ ſo viele Ueberzeugungsgründe für ihn, und ſo beſchloß er denn, den Herbſt in dieſer himmliſchen Gegend zuzu⸗ bringen. — Und, wie er verſprochen, ſtellte am darauf folgenden Tage der Chargé d'Affaires Jos und den Major am Hofe von Victor Aurelius XVII., vor; als Hofmarſchall fungirte dabei Graf von Schlüſſelbach. Alsbald wurden ſie auch zum Diner bei Hofe einge⸗ laden, und da ihre Abſicht, ſich längere Zeit in der Stadt aufzuhalten, unterdeſſen bekannt geworden war, ſo wurde Mrs, Osborne augenblicklich von den feinſten Damen der —— — — 249 ganzen Stadt beſucht; und da von Letzteren auch nicht Eine, ſo arm ſie immer ſein mochte, unter dem Range einer Baroneſſe war, ſo war Jos' Freude unausſprechlich groß. Er ſchrieb an Freund Chutney, der zu ſeinem Club gehört hatte, um ihm zu ſagen, daß die Beamten der oſtindiſchen Compagnie in Deutſchland hochgeſchätzt wür⸗ den; daß er im Begriff wäre, ſeinem Freunde, dem Gra⸗ fen von Schlüſſelbach, zu zeigen, wie man nach indiſcher Manier ein Schwein abſteche; und daß ſeine allerhöchſten Freuude, der Herzog und die Herzogin, die perſonificirte Höflichkeit und Freundlichkeit wären. Auch Emmy wurde der allerhöchſten Familie vorge⸗ ſtellt, und da man an gewiſſen Tagen bei Hofe nicht in Trauerkle idern erſcheinen darf, ſo machte ſie ihre Auf⸗ wartung in einem roſafarbenen Kreppkleide, das mit einem Diamantſchmucke, den ſie von ihrem Bruder erhalten, ver⸗ zlert war. In dieſem Coſtüme ſah ſie ſo hübſch aus, daß der Herzog und der Hof (der Major, der ſie zuvor kaum einmal in einem Abendkleide geſehen, und betheuerte, daß ſie noch keine 25 Jahre alt zu ſein ſcheine, iſt na⸗ türlich hier ganz außer Frage) ſie außerordentlich bewun⸗ derten. In vieſem Anzuge tanzte ſie auf einem Hofballe mit Major Dobbin eine Polonaiſe, bei welchem leichten Tanze Herr Jos die Ehre hatte, der Gräfin von Schlüſſelbach, einer alten, mit einem Hoͤcker geſegneten Dame, die da⸗ gegen nicht weniger als ſechzehn gute Ahnen hatte, und mit der Hälfte der regierenden Häuſer Deutſchlands ver⸗ wandt war, die Hand zu geben. Pumpernickel ſteht in der Mitte eines glücklichen Thals, vurch welches das befruchtende Pumpflüßchen ſtroͤmt, um ſich an irgend einem Punkte mit dem Rhein zu vereinigen; welches aber genau dieſer Punkt iſt, weiß ich im Augen⸗ blicke nicht zu ſagen, da ich keine Karte bei der Hand habe. An einigen Stellen iſt das Flüßchen groß genug, um einen Fährkahn zu tragen, an andern, um eine Mühle zu 250 treiben; in Pumpernickel ſelbſt ließ Seine Durchlaucht, der große und berühmte Victor Aurelius XIV., eine prächtige Brücke bauen, auf der ſeine Statue ſteht, umgeben von Woſſernymphen, und Emblemen des Siegs, des Friedens, und des Ueberfluſſes; ſein Fuß ruht auf dem Nacken eines zu Boven liegenden Türken — die Geſchichte berichtet, er habe bei der Befreiung Wiens durch Sobiesky mit einem Janitſcharen angebunden, und vemſelben den Degen durch den Leib gerannt, — allein, ganz und gar unberührt von dem Toveskampfe des zu Boden liegenden Mahomedaners, der ſich in gräßlichſter Weiſe zu ſeinen Füßen krümmt, lächelt der Fürſt ſanft, und deutet mit ſeinem Commando⸗ ſtabe nach dem Aurelius⸗Platze hin, wo er anfing, einen neuen Palaſt zu erbauen, welches ein achtes Weltwunder geworden wäre, wenn es dem großherzigen Fürſten nicht an den zur Vollendung nöthigen Geldern gefehlt hätte. Allein die Vollendung von Mon plaisir (die guten Deut⸗ ſchen nennen es Mon blaisir) unterblieb, weil es, wie geſagt, an baarem Gelde fehlte, und nun beſindet ſich ſo⸗ wohl das Schloß, als der damit verbundene Park und Garten in einem ziemlich ſchlechten Zuſtande, und erſteres iſt nicht mehr als zehn Mal ſo groß, als zur Aufnahme des Hofs der regierenden Souverains erfoderlich wäre. Der Schloßgarten war großartig genug angelegt worden, um mit dem in Verſailles rivaliſiren zu können, und unter den Terroſſen und Hainen ſieht man noch einige ungeheure allegoriſche Waſſerwerke, die bei gewiſſen Feſt⸗ lichkeiten entſetzlich ſpeien und ſchäumen, und Einen mit ihren ungeheuren aquatiſchen Inſurrectionen erſchrecken. Dort befindet ſich das Becken des Trophonius, in welchem, in Folge kunſtreicher Vorrichtungen, die bleiernen Tritonen nicht nur Waſſer ſpeien, ſondern auch aus ihren bleiernen Muſcheln das entſetzlichſte Geheul hervorgehen laſſen müſſen: — dort beſindet ſich auch das berühmte Nymphen⸗ bad, ſowie der große Niagara⸗Fall, welche beide von den Leuten der Nachbarſchaft über die Maßen bewundert 251 werden, wenn ſie, zur Zeit der Eröffnung der Kammer, auf die alle Jahre ein Mal ſtattfindende Meſſe kommen, oder ſich bei den Feſtlichkeiten einfinden, womit das glück⸗ liche Voölkchen noch die Geburts⸗ und Trauungs ⸗»Tage ſeiner Regenten feiert. Um letztere Zeit ſtrmt aus allen Städtchen des Herzogthums, das etwa zehn engliſche Meilen lang und breit iſt, — aus Bolkum, vas an ſeiner Weſtgränze und Preußen trotzig gegenüber liegt; — aus Grogwitz, wo der Fürſt ein Jagpſchlößchen hat, und ſeine Beſitzungen durch das Pumpflüßchen bon denen des benachbarten Fürſten von Potzenthal getrennt werden; — aus all den kleinen Dörfern, womit, nach Abrechnung dieſer drei großen Städte, das kieine glückliche Land überſäet iſt; — ſowie aus den Bauerhöfen und Mühlen, vie entlang dem Pumpflüßchen liegen, eine Maſſe von Leuten in rothen Weiberroͤcken und Sammthauben, oder mit Nebelſpaltern, und mit Pſeifen im Mund, herbei, um in der Reſidenz an den Freuden der Meſſe, ſowie an den Feſtlichkeiten Theil zu nehmen. Dann iſt Freitheater; dann fangen die Waſſerwerke von Mon plaisir zu ſpielen an (es iſt nur ein Glück, daß immer viele Leute da ſind, um dieſelben anzuſchauen, da ein Menſch, der ſie allein ſehen wollte, gewiß Furcht bekommen würde); — dann kommen allerlei Gaukler und engliſche Reiter (es iſt noch gar wohl bekannt, wie Seine Durch⸗ laucht von einer zu einem ſolchen Cireus gehörenden Dame bezaubert worden war; und man glaubt immer noch, daß La Petite Vivandidre, wie ſie hieß, eine Spionin im Solde Frankreichs geweſen ſei), — und dann wird dem entzückten Volke erlaubt, ein Zimmer des groß⸗ herzoglichen Palaſtes nach dem andern zu durchwandern, und den ſchlüpfrigen Fußboden, die reichen Tapeten, ſo⸗ wie die Spucknäpfe an den Thüren all' der unzähligen Gemächer anzuſtaunen. In Monplaiſir befindet ſich ein Pavillon, den Au⸗ relius Victor KV. — ein großer, aber dem Vergnügen 252 zu ſehr ergebener Fürſt — einrichten ließ, und der, wie ich mir habe ſagen laſſen, an üppiger Eleganz Alles über⸗ bietet. Die Geſchichte von Bacchus und Ariadne iſt auf die Wände deſſelben gemalt, und eine Winde treibt den Tiſch in das Zimmer hinein, ſowie aus demſelben hinaus, ſo daß die Geſellſchaft die Hülfe von Domeſliken entbehren konnte, wenn ſie bedient ſein wollte. Allein dieſer Pavillon wurde von Barbara, Aurelius XV. Wittwe, einer ſtrengen und frommen Prinzeſſin aus dem Hauſe von Bolkum, und Regentin des Herzogthums während der ruhmvollen Minderjährigkeit ihres Sohnes, da ihr Gatte ihr in der Blüthe ſeines nur dem Vergnügen gewidmeten Lebens ent⸗ riſſen worden war, geſchloſſen. In jenem Theil von Deutſchland iſt das Theater von Pumpernickel bekannt und berühmt. Zwar kam es ein wenig herunter, als der dermalige Herzog in ſeiner Ju⸗ gendzeit dort ſchlechterdings die von ihm ſelbſt componir⸗ ten Opern aufgeführt wiſſen wollte; und man ſagt, er habe eines Tages in der Wuth, von ſeinem Platze im Hrcheſter aus, wo er einer Probe beigewohnt, dem Kapell⸗ meiſter ein Fagott auf dem Kopfe zerſchlagen, weil der⸗ ſelbe das Tempo zu langſam genommenz während der⸗ ſelben Zeit ſchrieb auch die Herzogin Sophie Komödien aus dem Familienleben, die den Theaterbeſuchern gar nicht luſtig vorkommen mußten. Allein jetzt läßt der Fürſt die von ihm componirte Muſik nur noch privatim auf⸗ führen, und was die Herzogin betrifft, ſo ſchenkt ſie ihre Schauſpiele nur noch den Fremden von Diſtinetion, ſo ihren freundlichen kleinen Hof beſuchen. An dieſem Hofe wird aber ein gar großer Glanz entwickelt; auch findet man ſich dort gar behaglich. So oft dort ein Ball ſtattfindet, wird immer, je vier Gäſten, obgleich es beim Souper bisweilen an die vierhundert ſein mögen, zur Bedienung ein in einem ſcharlachenen Treſſenrocke ſteckender Mann beigegeben; auch beſteht je⸗ des Stück des Tafelgeſchirres aus gutem Silber. Die 253 Feſte und Diners nehmen gar kein Ende; und der Her⸗ zog hat ſeine Kammerherren und Stallmeiſter, die Her⸗ zogin ihre Oberhofmeiſterin und ihre Ehrendamen ſo gut, wie jeder andere mächtigere Potentat. Die Verfaſſung iſt, oder war ein gemäßigter Deſpotis⸗ mus, beſchränkt durch eine Kammer, die gewählt werden fonnte, oder auch nicht. So lange ich in Pumpernickel war, habe ich nie gehoͤrt, daß ſie eine Sitzung gehalten hätte. Der Premierminiſter wohnte im zweiten Stocke eines Hauſes; und der Miniſter Staatsſekretär für die aus⸗ wärtigen Angelegenheiten hatte die bequemen Appartements über Zwieback's Conditorei. Das Heer beſtand aus einem vortrefflichen Muſikchor, das auf dem Theater verwendet wurde, wo es wirklich luſtig war, die guten Kerls in türkiſcher Kleidung, ge⸗ ſchminkt, und mit hölzernen Säbeln, oder als römiſche Krieger mit Ophikleiden und Baßpoſaunen einherſchreiten zu ſehen, — ſie wieder, ſage ich, bei Nacht zu ſehen, nach⸗ dem man ſie den ganzen Morgen auf dem Aureliusplatze gehört hatte, wo ſie, dem Kaffeehauſe gegenüber, in dem wir frühſtückten, ſich hören ließen. Außer dieſem Mufikcorps war auch ein glänzendes und zahlreiches Oſſiziercorps, nebſt, wie ich glaube, einigen Soldaten da. Neben den gewöhnlichen Schildwachen pflegten vrei bis vier in Huſarenkleidung ſteckende Burſche im Palaſte Dienſt zu haben; allein nie ſah ich einen der⸗ ſelben zu Pferde, und au fait, wozu brauchte man Rei⸗ terei in einer Zeit ſo tiefen Fricdens? — und wohin, zum Henker, ſollten auch die Huſaren reiten? Alles — Alles, was von Adel war, (— von Adel, wie ſich von ſelbſt verſteht, denn was die Bürgerlichen betrifft, ſo konnten dieſelben nicht wohl erwarten, daß wir von ihnen Notiz nähmen —) beſuchte ſeinen Nachbar. Ihre Ercellenz Frau von Burſt empfing jede Woche ein Mal; Ihre Excellenz Frau von Schnurrbart gab eben⸗ 254 falls jede Woche eine Abendgeſellſchaft: — zwei Mal in der Woche war das Theater geöffnet; und ein Mal war Empfang bei Hofe, ſo daß ein Menſch, wenn ihm ſonſt die unprätentiöſe Pumpernickel'ſche Weiſe gefiel, Jahr aus Jahr ein in einem Meere von Freuden und Vergnügun⸗ gen ſchwimmen konnte. Daß es in der kleinen Reſidenz an Fehden nicht fehlle, kann nicht geläugnet werden. Zu Pumpernickel beſchäf⸗ tigte man ſich leidenſchaftlich mit der Politik, und der Parteihaß war äußerſt heftig. Da war die Strumpff'ſche Partei, und die Lederlung'ſche Partei: die eine unterſtützt von unſerem Geſchäftsträger, die andere von dem franzoͤ⸗ ſichen Chargé d'Affaires Monsieur de Macabau. Es durfe nämlich unſer Geſandter ſich nur für Madame Strumpff erklären, die offenbar die größere der beiden Sängerinnen war, und die in ihrem Regiſter drei Töne mehr hatte, als Madame Lederlung, ihre Rivalin — es durfte, ſage ich, unſer Geſandter nur irgend eine An⸗ ſicht preisgeben, um dieſelbe von dem franzöfiſchen Diplo⸗ maten alsbald bekämpft und widerſprochen zu ſehen. In der Stadt gehörte jeder Menſch entweder zu der einen oder zu der andern dieſer Parteien. Zwar war die Lederlung ein ziemlich hübſches Creatürchen; auch war ihre Stimme (ſo viel ihr nämlich zu Gebot ſtand) recht lieblich, und ohne Zweifel ſtand die Strumpff nicht mehr in ihrer erſten Jugend und in der Blüthe ihrer Schoͤn⸗ heit, und ebenſo wenig konnte es einem Zweifel unterliegen, daß ſie gar zu beleibt war; wenu ſie z. B. in der letzten Scene der „Sonnambula“ im Nachthemde, mit der Lampe in der Hand, erſchien, aus dem Fenſter ſteigen, und über die Planke der Mühle gehen mußte, hatte ſie alle Mühe von der Welt, ſich durch das Fenſter hindurchzuzwängen; dabei pflegte das Brett unter der ungewohnten Laſt ſich zu biegen und zu krachen — allein wie ſang ſie das Finale der Oper! und wie wahnſinnig ftürzte ſie in El⸗ vino's Arme — ſo daß ſie ihn faſt erdrückte! Die kleine 255 Lederlung hingegen — doch fort mit dieſem Geſchwätze! — So viel ſteht feſt, daß dieſe zwei Damen die zwei Fah⸗ nen der franzöſiſchen und engliſchen Partei zu Pumper⸗ nickel waren, und daß die Leute es ſonach mit der einen oder ver andern der zwei großen Nationen hielten. Auf unſerer Seite hatten wir den Miniſter des In⸗ nern, den Oberſiſtallmeiſter, den Privatſekretär des Herzogs, ſowie den Hofmeiſter des Prinzen, während der Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten⸗ die Gattin des Ober⸗ beſehlshabers, der unter Napoleon gedient hatte, und der Hofmarſchall und deſſen Frau, die durch Monsieur de Macabau's Courier ſtets ihre Hauben und ſonſtigen Putzſachen aus Paris erhielt, zur franzöſiſchen Partei ge⸗ hörten. Der Sekretär dieſes Monsieur de Macabau war der kleine Grignac, ein kleiner junger Kerl, der, ſo malitiss, wie der Satan ſelbſt, alle Albums der Stadt mit Zerrbildern von Tapeworm anfüllte. Ihr Hauptquartier, ſowie ihre Table d'Hote befand ſich im Pariſer Hof, dem andern Gaſthofe der Stadt; und obgleich dieſe Herren natürlich ſich gezwungen ſahen, vor den Leuten höflich gegen einander zu ſein, ſo verfolg⸗ ten ſie doch einander mit Epigrammen, die ſo ſcharf, wie Raſirmeſſer waren: — wie ich einmal in Devonſhire ein Paar Athleten geſehen habe, die einander mit aller Gewalt auf die Schienbeine ſchlugen, und doch ihren Schmerz auf keinem Muskel ihres Geſichts zeigten. Nie ließen Tapeworm und Macabau eine Depeſche an ihre Regierung abgehen, ohne daß ſie darin einander aufs Heftigſte angegriffen hätten. So ſchrieb man z. B. unſererſeits: „Das Intereſſe Goßbritanniens an dieſem Orte, ſo wie in ganz Deutſchland, findet ſich gefährdet, wenn der dermalige franzöfiſche Geſandte im Amte verbleibt; dieſer Menſch hat einen ſo infamen Charakter, daß er vor keiner Lüge zurückweicht, und kein Verbrechen ſcheut, um ſeine Endzwecke zu erreichen. Er vergiftet den Geiſt des 256 Hofes gegen den engliſchen Geſchäftsträger, ſtellt die Po⸗ litik Großbritanniens im odiöſeſten und ſcheußlichſten Lichte dar, und wird unglücklicher Weiſe unterſtützt durch einen Miniſter, deſſen Unwiſſenheit und Geldnoth ebenſo notoriſch ſind, als ſein Einfluß ein unglücklicher genannt werden muß.“ Ihrerſeits hieß es: „Monsieur de Tapeworm ſetzt ſein Syſtem ſtu⸗ pider, inſulariſcher Arroganz und gemeiner Lüge gegen die größte Nation der Welt fort. Geſtern hat man ihn in geringſchätzigem Tone von Ihrer Königlichen Hoheit, Madame la Duchesse de Berry, ſprechen hören; bei einer früheren Gelegenheit hat er den heldenmüthigen Duc d'Angouléme inſultirt, und zu inſinuiren gewagt, daß Seine Königliche Hoheit Monsieur le Duc d'Orléans gegen den erhabenen Lielien⸗Thron conſpirire. Ueberall, wo ſeine ſtupiden Drohungen ihren Zweck verfehlen, ope⸗ rirt er mit ſeinem Golde, das er mit verſchwenderiſcher Hand auswirft. Durch dieſe beiden Mittel iſt es ihm ge⸗ lungen, hier Hofereaturen auf ſeine Seite herüberzuziehen, — und mit einem Worte, Pumpernickel kann ebenſo wenig, als Deutſchland, zur Ruhe kommen, Frankreich kann nicht geachtet, Europa nicht zufrieden ſein, ſo lange dieſe giftige Viper nicht zertreten iſt:“ u. ſ. w. So oft von der einen oder der andern Seite eine gepfefferte Depeſche abgegangen war, erfuhr es gewiß auch die Stadt. Wie die Geſchichte berichtet, ſo empfing auch Emmy, ehe der Winter noch ſehr vorgerückt war, an einem Abende Geſellſchaft, was mit allem Anſtande und aller Beſcheidenheit geſchah. Sie nahm bei einem franzöſiſchen Sprachlehrer Unterricht, und Letzterer machte ihr eine Menge Complimente über die Reinheit ihrer Ausſprache und die Leichtigkeit, womit ſie lernte. Wir müſſen aber hier ſagen, daß ſie ſchon vor langer Zeit franzöſiſch ge⸗ lernt, und ſich ſpäter ſelbſt in der Grammatik befeſtigt hatte, ſo daß ſie George darin Unterricht geben konnte⸗ — — — —— ———— — 257 Madame Strumpff gab ihr Unterricht im Singen, und auch hierin hielt ſie ſich ſo gut, daß die Fenſter des Majors, der gerade gegenüber unter dem Premierminiſter wohnte, ſtets vffen waren, damit ihm ja kein Ton, ſo ſie während ihrer Lection ſang, entgehen möchte. Einige von den adeligen deutſchen Damen, die unge⸗ mein ſentimental ſind, und das Einfache lieben, gewannen ſie mit einem Male überaus lieb, und redeten ſie ohne Weiteres mit „Du“ an. Dieß find wohl triviale Details; allein ſie ſtehen mit glücklichen Zeiten in Verbindung. Der Major machte ſich zum Erzieher Georgy's, und las mit ihm Cäſars Commentare, wie er ihm auch Unterricht in der Mathe⸗ matik gab. Nebenbei hatten ſie einen deutſchen Sprach⸗ lehrer. Abends ritten ſie neben Emmy's Wagen her: — dieſe war aber immer zu furchtſam, und machte einen fürchterlichen Lärm, ſobald ſie nur glaubte, daß einem der beiden Reiter Etwas geſchehen könnte. Und ſo fuhr ſie gewöhnlich mit einer ihrer lieben deutſchen Freundinnen und Jos aus, der aber auf dem Rückſitze der Barouche beharrlich in Morpheus' Armen Ruhe ſuchte. Freund Jos that nach und nach ungemein zärtlich mit der Gräfin Fanny von Butterbrod, einer äußerſt ſanf⸗ ten, weichherzigen, und anſpruchsloſen jungen Creatur, die Stiftsdame und berechtigt war, den Titel „Gräfin“ zu führen, allein kaum ein Einkommen von zehn Pfund beſaß. Ihrerſeits erklärte Fanny, daß ihr vom Himmel kein größeres Glück beſchieden werden konnte, als wenn ſie Amalie zur Schweſter bekäme. Und ſo hätte denn Jos auf ſeinem Wagen und ſeinen Gabeln das Wappen und die Krone einer Gräfin über ſeinem eigenen Wappen anbringen laſſen können, da — da kam Etwas dazwiſchen, — da fanden die großen Feſtlichkeiten zu Ehren der Vermählung des Erbprinzen von Pumper⸗ nickel mit der liebenswürdigen Prinzeſſin Amalie von Humburg⸗Schlippen⸗ſchloppen Statt. Der Jahrmarkt des Lebens. 1V. 17 258 Bei dieſer Feſtlichkeit wurde in dem kleinen deutſchen Städtchen eine Pracht entfaltet, wie man ſie ſeit den Tagen des verſchwenderiſchen Victor XIV. noch nicht wieder geſehen hatte. Alle benachbarten Fürſten, Fürſtin⸗ nen, und Großen wurden zu dem Feſte eingeladen. Man zahlte in Pumpernickel für ein einziges Nachtlager die ungeheure Summe von einer halben Krone, und das Heer war ganz erſchöpft, da es für die von überall her her⸗ beiſtrömenden Hoheiten, Durchlauchteu, und Excellenzen Ehrenwachen zu liefern hatte. Die Prinzeſſin war in der Reſidenz ihres Vaters dem Grafen von Schlüſſelbach, als dem Stellvertreter des hohen Bräutigams, angetraut worden. Es regnete Schnupftabaksdoſen (wie wir von dem Hofjuwelier erfuh⸗ ren, der ſie verkauft hatte, und ſpäter wieder ankaufte), und der Pumpernickelſche St. Michaelsorden wurde in ganzen Scheffeln an den hoffähigen Adel ausgetheilt, während von dem Schlippenſchloppen'ſchen St. Katharinen⸗ Rad⸗Orden große Körbe voller Cordons und Decoratio⸗ nen an unſern Hof geſchickt wurden. Der franzöſiſche Geſandte war ſo glücklich, beide Orden zu bekommen. „Er iſt mit Bändern bedeckt, wie ein feſtlich ge⸗ ſchmückter Karrengaul,“ ſprach Tapeworm, der vorſchrift⸗ mäßig keine Decoration annehmen durfte. „Er mag die Cordons behalten; allein wer hat den Sieg davon ge⸗ tragen?“ 2 Wir müſſen hier nämlich einſchalten, daß die Heirath für die britiſche Diplomatie ein Triumph war, da die franzöſiſche Partei eine Heirath mit einer Prinzeſſin von dem berühmten Hauſe Potztauſend⸗Donnerwetter yorge⸗ ſchlagen, und mit aller Gewalt durchzuſetzen geſucht, wir aber, wie natürlich, allen unſern Einfluß gegen eine ſolche aufgeboten hatten. Krethi und Plethi wurde zu den Hochzeitsfeierlich⸗ keiten eingeladen. Guirlanden und Triumphbogen ſchmück⸗ —— — — — — 2⁵9 ten die Straße, um die junge Prinzeſſin bei ihrem Einzuge zu bewillkommnen. Die Rohren des großen St. Michaels⸗ brunnens gaben, anſtatt des gewohnten Waſſers, unge⸗ wöhnlich ſauren Wein von ſich; der Brunnen auf dem Artillerieplatze dagegen ſprudelte ſchäumendes Bier hervor. Die großen Waſſerwerke ſpielten; und im Parke, ſowie im Schloßgarten wurden für das überglückliche Landvolk Kletterſtungen errichtet, an deren Spitzen Uhren, jſilberne Gabeln, mit roſafarbenen Bändern behangene Würſie, u. ſ. w. hingen, welche diejenigen, ſo klettern konnten, herabholen durften. Auch Georgy gelang es, eine ſolche Wurſt abzureißen, nachdem er zur großen Freude der Zuſchauer hinaufgeklettert, und mit der Geſchwindigkeit eines Waſſerfalls wieder herabgeglitten war. Allein der Knabe hatte dieſes Heldenſtück nur der Chre wegen ausgeführt. Er gab die Wurſt einem Bauer, der dieſelbe um ein Haar erfaßt hätte, und nun flennend am Fuße der Stange ſtand, weil ihm ſein Verſuch nicht geglückt war. An der franzöſiſchen Chancellerie waren bei der Illu⸗ mination ſechs Lampen mehr aufgeſtellt, als an der unſernz allein unſer Transparent, welches das junge Paar vor⸗ ſtellte, wie daſſelbe vorwärts ſchritt, und wie die Zwie⸗ tracht, die der komiſchſten Aehnlichkeit mit dem franzoſi⸗ ſchen Geſandten genug bot, ſich fliehend entfernte, ließ das franzöſiſche Bild unendlich weit hinter ſich; und ich zweifle gar nicht, daß Tapeworm ſeinem Transparente ſein Avancement, ſowie das Kreuz des Bathordens ver⸗ dankte, vas er ſpäter bekam. Ganze Maſſen von Fremden und natürlich auch von Engländern fanden ſich bei den Feſtlichkeiten ein. Neben den Hofbällen fanden auch öffentliche Bälle auf dem Rath⸗ hauſe und dem Redoutenſaale Statt; und am erſteren Orte wurde, bloß für die Dauer der Feſtlichkeiten, durch eine der großen deutſchen Geſellſchaften von Ems oder Aachen ein Zimmer eingerichtet, wo Roulett und 260 Trente-et-quarante geſpielt wurde. Beamte oder Be⸗ wohner der Stadt durften bei dieſen Spielen ihe Glück nicht verſuchen, wohl aber Fremde, Bauern, Damen, mit einem Worte, jede andere Perſon, die Geld gewinnen wollte, oder ſolches zu verlieren hatte. Unter andern fand ſich auch der kleine Taugenichts Georgy Osborne, der die Taſchen immer voller Thaler hatte, und deſſen Verwandte dem großen Hoffeſte an⸗ wohnten, in Geſellſchaft des Couriers ſeines Oheims, des Herrn Kirſch, auf dem Rathhaus⸗Balle ein, und da er zu Baden⸗Baden, an Dobbin's Arm hangend, nur in ein Spielzimmer hineingeblickt, und natürlich nicht hatte ſpielen dürfen, ſo zog ihn dieſer Theil des Feſtes vorzugsweiſe an. Er trieb ſich an den Tiſchen herum, wo die Cron⸗ piers und Pointeurs ihrer Arbeit oblagen. Es ſpielten auch Frauenzimmer; einige derſelben waren maskirt. Man durfte ſich dieſe Freiheit während der wilden Car⸗ nevalszeit erlauben. Ein Frauenzimmer mit lichtem Haare, in ſtark aus⸗ geſchnittenem, ſchon längſt nicht mehr friſchem Kleide, und mit einer ſchwarzen Maske, durch deren Löcher hin⸗ durch ſeltſam funkelnde Augen zu bemerken waren, ſaß an einem der Roulett⸗Tiſche, und hatte einige Gulden, ſowie eine Stecknadel und eine Karte vor ſich. So oft der Croupier Farbe und Zahl angab, durchſtach ſie regelmäßig und ſorgfältig die Karte, und ſetzte ihr Geld nur dann auf die Farben, wenn eine gewiſſe Anzahl von Malen Roth oder Schwarz gekommen war. Sie ſah ſeltſam aus. Allein trotz ihrer Sorgfalt und ihres Fleißes rieth ſie nicht gut, und der Croupier zog mit ſeiner Krücke die zwei letzten Gulden an ſich, als er mit ſeiner uner⸗ bittlichen Stimme die gewinnende Farbe und Zahl aus⸗ rief. Sie ließ einen Seufzer hoͤren, zuckte mit den Ach⸗ ſeln, die ſchon zu viel aus ihrem Kleide hervorragten, ſpießte plötzlich die Karte mit der Stecknadel auf dem Tiſche an, und ſaß eine Weile mit den Fingern trom⸗ ——,,— ——— 261 melnd da. Sodann blickte ſie um ſich, und ſah Georgy mit ſeinem ehrlichen Geſichte die Scene anſtaunen. Der kleine Taugenichts! Was hatte er da zu ſchaf⸗ en? Als ſie den Knaben ſah, dem ſie durch ihre Maske hindurch ſcharf in's Geſicht ſah, ſagte die Dame mit den funkelnden Augen: „Monsieur n'est pas joueur.“ „Non, Madame,“ ſagte der Knabe. Allein ſie mußte aus ſeiner Ausſprache das Land ſeiner Geburt errathen haben; ſie antwortete ihm in leicht fremdländiſchem Tone: „Sie haben noch nie geſpielt — wollen Sie mir eine kleine Gefälligkeit erweiſen?“ „Was verlangen Sie von mir?“ ſagte Georgy, abermals erröthend. Herr Kirſch war ſelbſt mit dem Bouge et-Moir zu ſehr beſchäftigt, um ſeinen jungen Herrn zu ſehen. „Setzen Sie dieß doch für mich, ſetzen Sie auf irgend eine Nummer, auf jede Nummer, die Sie wollen.“ Und ſie zog aus ihrem Buſen eine Börſe, und aus letzlerer ein Golvſtück, das einzige Stück Geld, ſo ſich varin befand, hervor, und legte es in Georgy's Hand. Der Knabe lachte und that, wie man ihm geheißen. Die Nummer, auf die er geſetzt hatte, kam wirklich heraus. Die Leute ſagen, eine geheime Gewalt begün⸗ ſtige ſo die Anfänger. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie, das Geld eifrig zu ſich herziehend; „ich danke Ihnen. Darf ich Sie um Ihren Namen bitten?“ „Ich heiße Osborne,“ erwiederte Georgy. Und eben griff er in ſeine Taſchen nach Thalern, um das Glück nun auf ſeine eigene Rechnung zu verſuchen, als der Major, in ſeiner Unfform, und Jos, en Mar⸗ quis, vom Hofballe kommend, in den Saal traten. An⸗ vere Leute, die ſich im Schloſſe nicht viel amüſirt gten⸗ 262 und den Luſtbarkeiten, die auf dem Rathhauſe vor ſich gingen, den Vorzug gaben, hatten den Hofball ſchon frü⸗ her verlaſſen; allein wahrſcheinlich waren der Major und Jos nach Hauſe gegangen, und hatten den Knaben nicht gefunden, denn der Erſtere ging augenblicklich auf ihn zu, und führte ihn, ihn bei der Schulter faſſend, raſch von dem Orte der Verſuchung hinweg. Sodann blickte er im Zimmer umher, und ſah Kirſch in der von uns angege⸗ benen Weiſe beſchäftigt. Raſch auf den Courier zugehend, fragte ihn der Major, wie er ſich habe unterſtehen können, Herrn George an einen ſolchen Ort zu bringen. „Laissez moi tranquille,“ ſprach Herr Kirſch, der vom Spiele und Wein nicht wenig aufgeregt war. „Il faut s'amuser, parbieu. Je ne suis pas au service de Monsieur.“ Als der Major ſah, in welchem Zuſtande ſich der Mann befand, wollte er ſich mit ihm in keine weiteren Erörterungen einlaſſen, ſondern begnügte ſich damit, daß er Georgy hinwegzog und Jos fragte, ob er auch weg⸗ gehen wollte. Derſelbe ſtand hart bei der maskirten Dame, die jetzt ziemlich glücklich ſpielte; und ſah mit vielem In⸗ tereſſe dem Spieht zu. „Würdeſt Dü nicht beſſer daran khun, Jos, wenn Du mit George und mir gingeſt?“ ſprach der Major. „Ich bleibe noch da, und werde mit Kirſch, dem Halunken, nach Hauſe gehen,“ antwortete Jos. Und daſſelbe Anſtands⸗ und Sittlichkeitsgefühl, das nach des Majors Anſicht vor dem Knaben an den Tag gelegt werden ſollte, verhinderte ihn jetzt, Jos Vorſtellungen zu machen. Er ließ daher dieſen ſtehen, und ging mit Georgy nach Hauſe. „Haſt Du geſpielt?“ fragte der Major, als ſie ſich auf dem Wege nach Hauſe befanden. Der Knabe ſagte: „Nein!“ — 263 „Gib mir als ein Gentleman dein Ehrenwort, daß Du es nie thun willſt.“ „Warum?“ fragte der Knabe: „der Zeitvertreib ſcheint mir ſo übel nicht.“ Und nun bewies ihm der Major in ſehr beredter und eindringlicher Weiſe, warum er es nicht thun ſolle, und würde ſeinen Lehren durch das Beiſpiel von Georgy's eigenem Vater Nachdruck zu geben verſucht haben, hätte er Etwas ſagen wollen, was demſelben in der Achtung ſei⸗ nes Sohnes hätte ſchaden können. Als er ihn nach Hauſe gebracht hatte, begab er ſich zu Bette, und ſah nach kurzer Zeit ſein Licht in dem kleinen Jimmer neben dem Amaliens verſchwinden. Auch Amaliens Licht verſchwand eine halbe Stunde varauf. Ich vermag nicht anzugeben, warum der Major ſich Alles das ſo genau merkte. Jos dagegen blieb am Spieltiſche zurück. Er war zwar kein Spieler, doch liebte er vann und wann eine ſolche kleine Aufregung; auch hatte er einige Napoleons in den geſtickten Taſchen ſeiner Gallaweſte, und klimperte mit denſelben. Er ſetzte einen, wobei er ſeinen Arm über die weiße Schulter der kleinen Spielerin vor ihm hinbe⸗ wegen mußte: er gewann. Sie machte eine kleine Be⸗ wegung, um ihm neben ſich Platz zu machen, und nahm bloß den Saum ihres Kleides von einem leer vaſtehenden Stuhle weg. „Bringen Sie mir Glück!“ ſprach ſie, immer noch mit fremdem Accent, der von dem offenen und durchaus engliſchen „Thank von,“ womit ſie Georgy's glücklichen Coup begrüßt hatte, ganz und gar verſchieden war. Der ſtattliche Herr ſah ſich um, um ſich zu verge⸗ wiſſern, daß ihn keine Perſon von Rang beobachte, und ſetzte ſich; er murmelte: „Ah, in der That, ei, ei, Gott ſteh' mir bei; ich pin recht glücklich; gewiß werde ich Ihnen Glück bringen,“ ſowie noch andere becomplimenti⸗ rende und confuſe Worte. 264 „Sind Sie ein ſtarker Spieler?“ fragte die fremde Maske. „Ich ſetze ein Paar Naps,“ ſprach Jos mit ſtolzer Miene, und warf ein Goldſtück hin. „Ja; einen Nap nach dem Diner,“ ſagte die Maske ſchalkhaft. Als aber Jos ganz erſchrocken ausſah, fuhr ſie in ihrem hübſchen franzöſiſchen Accent fort: „Sie ſpielen nicht um des Gewinnſtes willen. Eben⸗ ſo wenig ich. Ich ſpiele, um zu vergeſſen; allein es will mir nicht gelingen. Ich kann alte Zeiten nicht vergeſſen, Monſieur. Ihr kleiner Neffe iſt das Ebenbild ſeines Va⸗ ters; und Sie — Sie haben ſich verändert — doch nein, auch Sie haben ſich verän — Alles verändert ſich; Alles vergißt; Niemand hat ein Hetz.“ „Guter ( Gott, wer iſt es?“ fragte Jos beſtürzt. „Können Sie' es nicht errathen, Joſeph Sedley?“ h das Weibchen mit trauriger Stimme, und ſah ihn, die Maske abnehmend, an. „Sie haben mich vergeſſen, — nicht wahr?“ „Gütiger Himmel! Mrs. Crawley!“ keuchte Jos ängſt⸗ lich hervor. „Rebekka,“ ſprach die Andere, ihre Hand auf die ſei⸗ nige legend; allein trotzdem, daß ſie ihn anblickte, ließ ſie doch das Spiel keinen Augenblick aus dem Auge. „Ich logire im Elephanten,“ fuhr ſie fort. „Fragen Sie nach Madame de Rawdon. Geſtern habe ich meine liebe Amalie geſehen; wie hübſch und wie glücklich ſah ſie aus! Auch Sie ſehen ſo aus! Jedermann, nur ich Unglückliche nicht, Joſeph Sedley!“ Und ſie ſchob ihr Geld von Roth auf Schwarz, wo⸗ bei ihre Hribbſweguit als eine rein zufällige herauskam, und ſie mit der andern Hand ſich die Augen vermittelſt eines mit zerriſſenen Spitzen beſetzten Taſchentuches ab⸗ trocknete. 265 8 Es kam abermals Roth und ſie verlor ihren ganzen atz. „Kommen Sie, wir wollen gehen!“ ſprach ſie. „Be⸗ gleiten Sie mich ein wenig — wir ſind ja alte Freunde; — nicht wahr, lieber Herr Sedley?“ Und da Herr Kirſch jetzt auch all ſein Geld verſpielt hatte, ſo folgte er ſeinem Herrn auf die vom Monde be⸗ leuchtete Straße hinaus, wo das Transparent über un⸗ ſerem Geſandtſchaftshotel kaum noch ſichtbar, und die Feſtlampen am Verloͤſchen waren. Pierundſechzigſtes Rapitel. Sh In dem wir bald dahin, bald dorthin kommen. Wir müſſen nun einen Theil von Mrs. Rebekka Crawley's Biographie mit jener Leichtigkeit und Delika⸗ teſſe an dem Auge unſerer Leſer vorüberführen, welche die Welt verlangt, — das heißt die moraliſche Welt, die viel⸗ leicht nichts Beſonderes gegen das Laſter einzuwenden hat, allein das Laſter um keinen Preis bei ſeinem rechten Na⸗ men nennen hoͤren will. Es gibt auf dem Markte des Lebene Dinge, die wir thun und gar gut kennen, obgleich wir nie davon ſprechen: wie die Ahrimanier den Teufel anbeten, ihn aber nicht nennen: und ein gebildetes Pub⸗ likum findet eine authentiſche Beſchreibung des Laſters ebenſo unausſtehlich, als ein wirklich feines engliſches oder amerikaniſches Frauenzimmer das Wort „Hoſen“, wenn es vor ihren keuſchen Ohren ausgeſprochen werden will. Uund doch, Madame, ſehen wir beide alle Tage an 266 uns vorübergehen, ohne daran allzu viel Anſtoß zu neh⸗ men. Woliten Sie erröthen, ſo oft dieſelben an Ihnen vorbeigehen, — wie müßte da Ihr Teint beſchaffen ſein! Nur wenn ihr anſtößiger Name ausgeſprochen wird, hat Ihr Schamgefühl Gelegenheit, ſich beängſtigt oder verletzt zu zeigen; und im ganzen Verlaufe dieſer Geſchichte iſt Schreiber dieſes von dem Wunſche beſeelt geweſen, ſich demüthig vor der jetzt herrſchenden Mode zu beugen, und bloß in leichter, flüchtiger und angenehmer Weiſe auf das Vorhandenſein des Laſters anzuſpielen, damit Niemand in ſeinen feinen Gefühlen verletzt werde. Es trete einmal Jemand auf und ſage, daß unſere Becky, die gewiß einige Laſter hat, dem Publikum nicht in einer recht anſtändigen, unanſtößigen Weiſe hingeſtellt worden ſei! Mit beſcheidenem Stolze kann der Autor an ſeine ſämmtlichen Leſer die Frage ſtellen, ob er bei der Beſchreibung dieſer ſingenden und lächelnden, und ſchmeichelnden und cajolirenden Sirene auch nur ein Mal die Geſetze der Höflichkeit vergeſſen, und ob er den häßli⸗ chen Schwanz des Monſtrums über dem Waſſer gezeigt habe. Nein! Diejenigen, ſo Luſt haben, moͤgen unter das Waſſer, das ja ziemlich durchſichtig iſt, hinuntergu⸗ cken, und denſelben ſich darin, verteufelt häßlich und ſchlammig, krümmen und winden, unter Gebeinen herum⸗ zappeln, oder ſich um Cadaver herumſchlingen ſehen: allein ich frage, ob oberhalb des Waſſers nicht Alles recht an⸗ ſtändig zugegangen, ob da nicht Alles recht angenehm geweſen iſt, und ob der difficilſte Immoraliſt auf dem Markte des Lebens Pfui rufen darf. Wenn indeſſen die Sirene verſchwindet und untertaucht, hinab zu den Cadavern, ſo wird natürlich das Waſſer über ihr trübe, und es iſt dann eine verlorene Mühe, wenn nan noch ſo neugierig hineinblickt. Dieſe Sirenen ſehen recht hübſch aus, wenn ſie auf einem Felſen ſitzen, ihren Harfen Töne entlocken, und ſich kämmen, und ſingen, und Einem winken, man ſolle zu — 267 ihnen hinkommen und hnen den Spiegel halten; wenn ſie aber wieder in ihr Element hinab finken, ſo hat man, — wir dürfen uns darauf verlaſſen — von dieſen Meer⸗ frauen nicht viel Gutes und Schoͤnes zu erwarten, und dann thut man wohl am Beſten, wenn man die teufli⸗ ſchen Seecannibalinnen nicht beobachtet, während ſie ſchwär⸗ men, und ſchmauſen, und ihre armen gepokelten Opfer verzehren. Und deßhalb kann man, ſo oft uns Becky nicht auf⸗ ſtößt, zuverläßig annehmen, daß ſie nichts beſonders Gutes ſchafft, und daß es wirklich das Beſte iſt, wenn wir von ihrem Treiben ſo wenig wie möglich ſprechen. Wollten wir einen genauen, vollſtändigen Bericht über ihr Treiben während der Paar Jahre, die ſeit der bekann⸗ ten Kataſtrophe von Curzon Strect verfloſſen find, geben, ſo wäre für das Publikum einiger Grund vorhanden, zu ſagen, daß dieſes Buch unanſtändig ſei. Die Handlungen recht eitler, herzloſer, vergnügungsſüchtiger Leute ſind gar oft unanſtändig (wie auch viele von den Deinigen, Du, mein Freund, mit der ernſten Miene und dem un⸗ befleckten Rufe; — allein dieß ſoll nur beiläufig geſagt ſein); und was ſind die eines Weibes ohne Glauben — oder ohne Liebe — oder ohne guten Ruf? Auch bin ich geneigt, zu glauben, daß in Mrs. Becky's Leben eine Pe⸗ riode eintrat, wo nicht Reue, ſondern eine Art Verzweif⸗ lung ſie ergriff, und wo ſie ihre Perſon abſolut vernach⸗ läßigte, und wo ihr ſelbſt ihr Ruf gleichgültig war. Dieſe Niedergeſchlagenheit und Erniedrigung waren aber nicht das Werk eines Augenblicks: ſie wurden, nach ihrem Unglücke, und nach vielen Kämpfen und Anſtrengungen, ſich aufrecht zu erhalten, allmählig herbeigeführt — wie ein über Bord fallender Matroſe ſich an einen Sparren anklammert, ſo lange ihm noch einige Hoffnung ibt, denſelben aber los und ſich in die Tiefe hinabfinken läßt, wenn er findet, daß es vergebens iſt, ſich länger abzu⸗ mühen, und gegen ſein Schickſal anzukämpfen. 3 268 So lange ihr Gatte in London noch die nöthigen Anſtalten traf, nach ſeinem neuen Beſtimmungsorte ab⸗ zzugehen, hielt ſie ſich auch in der Stadt auf; und man glaubt, daß ſie mehr als einen Verſuch machte, ihren Schwager, Sir Pitt Crawley, zu ſprechen, und ihn, den ſie zur Hälfte ſchon herumgebracht, weiter zu bearbeiten. Als einſt Sir Pitt und Herr Wenham ſich nach dem Unterhauſe begaben, erſpähete Letzterer Mrs. Rawdon, wie dieſelbe, in ſchwarzem Schleier, in der Nähe des Geſetzgebungs⸗Palaſtes, auf der Lauer lag. Sie ſchlich ſich weg, als ihre Augen denen des Herrn Wenham begeg⸗ neten, und wirklich gelangen ihr die Anſchläge, die ſie auf die Gefühle des Baronets machte, nicht. Wahrſcheinlich war Lady Jane dabei im Spiele. Ich habe gehoͤrt, daß ſie ihren Gatten durch den Muth, den ſie bei der Affaire an den Tag legte, ſowie durch ihren feſten Vorſatz, Mrs. Becky nicht mehr als eine Verwandte anzuerkennen, ganz in Erſtaunen ſetzte. Aus eigenem An⸗ triebe lud ſie Rawdon ein, bis zu ſeiner Abreiſe nach Coventry Jsland in Gaunt Street zu wohnen, da ſie wußte, daß, ſo lange er ſich daſelbſt aufhielte, Mrs. Becky keinen Verſuch machen würde, ihr Haus zu betreten: auch ſah ſie neugierig die Adreſſen aller an Sir Pitt kommenden Briefe an, um jede Correſpondenz zwiſchen ihm und ihrer Schwägerin nothigen Falls verhindern zu können. Nicht als ob Rebekka nicht hätte ſchreiben können, wenn es ihr darum zu thun geweſen wäre; allein ſie machte keinen Verſuch, Pitt in ſeinem Hauſe zu ſprechen, oder ihm dahin zu ſchreiben, und willigte nach einigen vergeblichen Bemühungen in ſeine Forderung, daß jeve Correſpondenz, die auf ihre ehelichen Differenzen Bezug hätte, nur durch Advocaten geführt werden ſollte. eit war nämlich mittlerweile gehoͤrig bearbeitet worden. Kurze Zeit nach Lord Steyne's Unfall hatte Wenham mit dem Baronet eine Unterredung gehabt, bei welcher Gelegenheit er demſelben eine Biographie der 269 Mrs. Becky gab, die das Parlamentsmitglied für Queens⸗ Crawley ſtaunen machte. Er erfuhr Alles, was ſie betraf: wer ihr Vater war; in welchem Jahre ihre Mutter in der Oper tanzte; er wurde in ihre frühere Geſchichte ein⸗ geweiht, ſowie mit ihrer Aufführung ſeit ihrer Heirath bekannt gemacht: (— da der größte Theil der Geſchichte ohne Zweifel erlogen, und von intereſſirter Böswilligkeit eingegeben war, ſo werde ich hier nicht davon ſprechen —). Allein ſo viel iſt gewiß, daß Becky bei dem Landedel⸗ mann und Verwandten, der ihr früher ſo ziemlich geneigt geweſen war, dadurch in einen gar ſchlechten Ruf kam. Die Einkünfte des Gouverneurs von Coventry Js⸗ land ſind nicht gar groß. Einen Theil derſelben legte Se. Excellenz bei Seite, um gewiſſe Schulden zu bezahlen und gewiſſe Berbinvlichkeiten zu erfüllen; auch erforderte ſeine hohe Stellung einen bedeutenden Repräſentations⸗Auf⸗ wandz und ſo ſtellte es ſich denn am Ende heraus, daß er ſeiner Frau nur einen Jahrgehalt von 300 Pfund aus⸗ ſetzen konnte, den er ſich verbindlich machte, ihr zu be⸗ zahlen, wenn ſie ihn in Ruhe laſſen wollte. Im andern Falle wäre ein Scandal, eine Scheidung unvermeidlich, und müßte die ganze Sache vor das wohlbekannte Gericht, Poctors' Commons genannt, gezogen werden. Allein es lag in Herr Wenham's, Lord Steyne's, Rawdon's, kurz in Jedermanns Intereſſe, ſie aus dem Lande zu bringen, und eine höchſt wiverwärtige Geſchichte zu vertuſchen. Wahrſcheinlich nahm die Ordnung dieſer Geſchäfts⸗ ſachen mit den Advocaten ihres Mannes ſie dermaßen in Anſpruch, daß ſie ganz vergaß, wegen ihres Sohns, des kleinen Nawdon, auch nur einen Schritt zu thun, und daß ſie keine Zeit fand, ihn auch nur ein Mal zu beſuchen. Der ſo eben genannte junge Herr war nun ganz der Ob⸗ hut ſeiner Tante und ſeines Oheims anvertraut, und wir wiſſen, daß Erſtere die Liebe des Kindes in nicht geringem Grade beſaß. Seine Mama ſchrieb ihm, als ſie England verließ 270 von Byulogne aus einen netten Brief, worin fie ihn er⸗ mahnte, recht brav zu lernen, und ſagte, daß ſie im Be⸗ griffe ſei, auf dem Continente zu reiſen, und ſich bald wieder das Vergnügen machen werde, ihm zu ſchreiben. Allein ſie that das erſt ein Jahr darauf, und zwar erſt dann, als Sir Pitt's einziger Knabe, der ſtets kränk⸗ lich geweſen war, am Keuchhuſten und an den Maſern ſtarb. Da ſchrieb denn Rawdon's Mama den liebevollſten Brief an ihren vielgeliebten Sohn, der durch dieſen Zu⸗ fall Erbe von Queens⸗Crawley, und ſo der gütigen Dame, deren zärtliches Herz ihn bereits adoptirt hatte, noch theurer geworden war. Als Rawdon Crawley, der jetzt ein großer, hübſcher Burſche war, den Brief bekam, erröthete er. „Ach, Tante Jane, Sie ſind meine Mutter, und nicht — und nicht Jene,“ ſagte er. Indeſſen ließ er an Mrs. Rebekka, die ſich damals zu Florenz in einem Koſthauſe aufhielt, als Antwort einen freundlichen und reſpektvollen Brief abgehen. Aber ich ſehe, daß ich dem natürlichen Laufe der Dinge vorgreife. Der erſte Flug unſerer vielgeltebten Becky war kein ſehr weiter. Sie ließ ſich zu Boulogne, auf der franzö⸗ ſiſchen Küſte, nieder — an jenem Orte, ver eine ſo große Menge verbannter engliſcher Unſchuld beherbergt, und lebte da auf ziemlich anſtändigem Fuße, wie eine Wittwe, indem ſie eine femme de chambre, und einige Zim⸗ mer in einem Hotel hatte. Sie ſpeiste an der Table ihre Nachbarn mit Geſchichten über ihren Schwager, Sir Pitt, ſowie über ihre großen Londoner Bekannten unter⸗ hielt. Sie bediente ſich dabei jener leichten, nichtsſagenden faſhionablen Sprache, die bei gewiſſen Leuten von geringer Bildung von ſo großer Wirkung iſt. * Bei vielen ſolcher Leute galt ſie für eine wichtige Perſon; ſie gab kleine Theegeſellſchaften auf ihrem Zim⸗ mer, und hetheiligte ſich bei den unſchuldigen Vergnü⸗ d'Hote, wo ſie für eine recht angenehme Perſon galt, und 271 gungen, die der Ort bot: — ſie nahm Seebäder, machte kleine Ausflüge in offenen Wagen, ging auf den Dünen ſpazieren, und beſuchte das Theater. Mrs. Burjoice, die Frau des Buchdruckers, die den Sommer über mit der Familie in dem Hotel wohnte, und der ihr Burjoice Samſtags und Sonntags einen Beſuch abſtattete, erklärte ſie für eine charmante Perſon, bis endlich der kleine Spitzbube von Burjoice ihr gar zu viele Aufmerkſamkeit zu erweiſen begann. Allein an der ganzen Geſchichte war rein Nichts: nur war Becky ſtets geſprächig, leicht zu⸗ gänglich und gutmüthig — und das insbeſondere Männern gegenüber. Wie gewöhnlich gingen zu Ende der Saiſon viele Leute auf den Continent, und Becky fehlte es nicht an Gelegenheiten, aus dem Benehmen ihrer der großen Lon⸗ doner Welt angehörenden Bekannten die Anſicht der „Ge⸗ ſellſchaft“ in Betreff ihrer Aufführung kennen zu lernen. Eines Tages fand ſich Becky, als ſie beſcheiden auf dem Haſendamme von Boulogne auf und ab ſpazierte, und die in der Ferne, über die tiefblaue See herüber, glänzenden Klippen Albions betrachtete, Lady Partlet und deren Töchtern gegenüber. Alsbald führte Lady Partlet mit ihrem Sonnenſchirme eine Schwenkung aus, um ihre ſämmtlichen Toͤchter um ſich zu ſammeln, worauf ſie unter wüthenden Blicken, die ſie der armen kleinen, ganz allein vaſtehenden Becky zuwarf, den Hafendamm verließ. An einem andern Tage lief das Packetboot ein. Der Wind war ziemlich friſch geweſen, und es amüſirte Becky ſtets, die drolligen, jammervollen Geſichter der Leute zu ſehen, wenn ſie aus dem Boot ſtiegen. An jenem Tage war zufällig Lady Slingſtone an Bord. Ihre Ladyſhip war in ihrem Wagen ungemein ſee⸗ krank geweſen, und war ſo erſchöpft, daß ſie kaum im Stende war, über die vom Schiffe auf den Hafendamm führende Planke zu gehen. Allein ihre ganze Kraft er⸗ wachte wieder in dem Augenblicke, wo ſie Becky ſah, die unter einem Roſahute recht ſchalkhaft hervorlachte: ſie warf ihr einen ſo verachtungsvollen Blick zu, daß wohl die meiſten Weiber darunter vergangen ſein würden, und ging, ohne länger einer Stütze zu bedürfen, in das Zoll⸗ haus hinein. Becky lachte bloß; allein ich glaube kaum, daß ſie Gefallen daran fand. Sie fühlte ſich allein, ganz allein; und die in der Ferne glänzenden Klippen Englands konnte und durfte ſie nicht überſchreiten. Auch in dem Benehmen der Männer war, ich weiß nicht welche Veränderung eingetreten: Grinſtone wies ihr die Zähne und lachte ihr mit einer Familiarität in's Geſicht, die Nichts weniger, als angenehm war. Der kleine Bob Suckling, der noch vor drei Monaten immer nur mit der Mütze in der Hand vor ſie getreten war, und im Regen eine Meile zu gehen pflegte, um, wenn ſie ſich in Gaunt Houſe befand, ihren in der Reihe ſtehenden Wagen vorfahren zu laſſen, ſprach eines Tags auf dem Hafendamme, während Becky dort ſpazieren ging, mit Fitzoof von der Garde (Lord Heehaw's Sohn). Der kleine Bob nickte ihr, über die Achſel weg, zu, ohne den Hut zu rücken, und fuhr in ſeinem Geſpräche mit dem Erben von Heehaw fort. Tom Raifes machte den Verſuch, mit der Cigarre im Munde, in ihr Zimmer im Gaſthofe zu dringen; allein ſie ließ ihn nicht herein, und würde die Thüre geradezu geſchloſſen haben, wenn er nicht mit den Fingern ſchon im Zimmer geweſen wäre. Sie fühlte nachgerade ihre einſame Stellung gar ehr. „Wenn er hier geweſen wäre,“ ſprach ſie, „ſo wür⸗ den dieſe feigen Kerls es nie gewagt haben, mich zu in⸗ ſultiren.“ Sie dachte gar wehmüthig, und vielleicht ſehnſüchtig an „ihn“, — an ſeine ehrliche, dumme, beſtändige Freund⸗ 273 lichkeit und Treue; an ſeinen unbegränzten Gehorſam; an ſeine gute Laune; an ſeine Tapferkeit und ſeinen Muth. Hoͤchſt wahrſcheinlich weinte ſie auch; denn ſie war beſon⸗ ders lebhaft, und hatte ein wenig mehr Rouge aufgelegt, als ſie beim Eſſen erſchien. Jetzt ſchminkte ſie ſich regelmäßig: und — und ihre Kammerjungſer mußte ihr Cognae holen, neben dem, der auf der Rechnung des Gaſtwirths ſigurirte. . Vielleicht waren aber die Beleidigungen der Männer für ſie nicht ſo unerträglich, wie die Sympathie gewiſſer Frauenzimmer. Mrs. Crackenbury und Mrs. Maſhington White kamen auf ihrer Schweizerreiſe durch Boulogne. (Die Geſell⸗ ſchaft wurde von Oberſt Horner, dem jungen Beaumoris, und natürlich auch von dem alten Crackenbury, und Mrs. White's kleinem Mädchen beſchützt) Sie gingen ihr nicht aus dem Wege. Sie lachten, ſchwatzten, plauderten, ſchnatterten, condolirten, tröſteten, und patroniſirten ſie, bis ſie ſie vor Zorn faſt wüthend machten. „Von dieſen da patroniſirtzu werden!“ dachte ſie, als ſie, nachdem ſie ſie geküßt, lächelnd hinweggingen. Auch hörte ſie, wie Belugtrie auf der Treppe in ein lautes Ge⸗ lächter ausbrach; ſie wußte recht gut, wie ſie ſeine Heiter⸗ keit zu nehmen hatte. Nach dieſem Beſuche erging an Becky, die ihre wöchent⸗ lichen Rechnungen regelmäßig bezahlt; die ſich gegen Jedermann im Hauſe eines freundlichen Betragens be⸗ flißſen hatte; die für die Wirthin immer nur eine lächelnde Miene hatte, die Kellner „Monſieur“ titulirte, und die Zimmermädchen mit Höflichkeit und Entſchuldigungen be⸗ zahlte, was für eine kleine Knauſerigkeit in Geldſachen (wo Becky ſich nie ſehr freigiebig zeigte) mehr denn einen vollgültigen Erſatz bot, — nach dieſem Beſuche, ſagen wir, erging an Becky vom Wirthe, dem von Jemand geſagt worden war, daß er beſſer daran thäte, wenn er dieſe Der Jahrmarkt des Lebens. Iv. 18 274 Perſon nicht in ſeinem Gaſthofe beherbergte, da engliſche Damen nicht mit ihr bei Tiſche erſcheinen wollten, die Aufforderung, ſich nach einem andern Logis umzuſehen. Und ſo mußte ſie eine Wohnung miethen, deren Lanweilig⸗ keit und Einſamkeit für ſie höchſt läſtig war. Alle dieſe peinlichen Erfahrungen waren nicht im Stande, ſie zu entmuthigen; im Gegentheil verſuchte ſie, ſich einen guten Namen zu erwerben, und den böſen Mäulern dadurch Stillſchweigen aufzuerlegen. Sie ging daher ſehr regelmäßig in die Kirche, und ſang Lort lauter, als jeder andere Menſch. Sie intereſſirte ſich für die Wittwen von Fiſchern, die im Waſſer ihren Tod gefunden hatten, und lieferte Arbeiten und Zeichnungen für die Quaſhyboo Miſſionz ſie ſubſeribirte zur Aſſemblée, und wollte ſchlechterdings nicht walzen. Mit einem Worte, ſie that Alles, was reſpektabel war, und deßhalb verweilen wir bei dieſem Theile ihrer Laufbahn lieber, als bei ſpäteren Theilen ihrer Geſchichte, die minder angenehm ſind. Sie ſah, wie die Leute ſie mieden, und bemühte ſich doch, ſie anzulächeln; ihr Geſicht verrieth nie, welche Qualen der Demüthigung ſie ingeheim ausſtand. Ihre Geſchichte war am Ende ier Geheimniß. Die Meinungen waren gar verſchieden. Einige Perſonen, die ſich die Mühe nicht verdrießen ließen, ſich mit der Sache zu beſchäftigen, meinten, ſie ſei der ſchuldige Theil; während Andere betheuerten, daß ſie ſo unſchuldig wie ein Lamm ſei, und daß die ganze Schuld auf ihren odiöſen Mann falle. Gar viele gewann ſie dadurch, daß ſie wegen ihres Knaben in Thränen ausbrach, und den wahnſinnigſten Schmerz an der Tag legte, ſobald beſſen Name erwähnt wurde, oder ſie Jemanden ſah, der Aehnlich⸗ keit mit ihm hatte. So gewann ſie unter andern auch das Herz der guten Mrs. Alderneh, die als die Königin des britiſchen Bou⸗ logne anzuſehen war, und unter allen dort wohnenden Fremden die meiſten Diners und Bälle gab; ſie weinte 2. 275 nämlich, als Maſter Alderneh aus Doktor Swiſhlail's Grziehungsanſtalt zurückkam, um die Vacanz bei ſeiner Mutter zuzubringen. „Er ſei gerade ſo alt, wie Rawdon, und ſehe ihm ſo ähnlich,“ ſprach Becky, und wollte bei dieſen Worten vor Schmeiz beinahe erſticken; wöhrend doch die beiden Knaben fünf Jahre auseinander waren, und zwiſchen ihnen ebenſo wenig Aehnlichkeit eriſtirte, als zwiſchen meinem verehr⸗ ten Leſer und ſeinem unterthänigen Diener. Wenham klärte, als er auf den Continent ging, um in Kiſſingen zu Lord Steyne zu ſtoßen, Mrs. Aldernch hierüber auf, und erzählte ihr, wie er weit mehr im Stande wäre, ihr den kleinen Rawdon zu beſchreiben, als ſeine Mama, die ihn bekanntlich haßte und nie mit ihm zuſammenkäme; wie der fleine Rawdon jetzt dreizehn, der kleine Alderney vagegen erſt neun Jahre alt wäre; wie Erſterer ein blondes, Letzterer aber ein dunkles Haar hätte: kurz und gut, er ſprach mit der in Frage ſtehenden Dame ſo lange, daß ſie ihr gutes Weſen bereute. So oft Becky ſich mit unendlicher Mühe und An⸗ ſtrengung einen kleinen Zirkel gebildet hatte, kam immer wieder Jemand, und zerſtörte ihn, ſo daß ſie ihre Arbeit wieder von vorn anzufangen hatte. Es war hart, recht hart, einſam und entmuthigend. Eine Zeit lang nahm ſich ihrer eine gewiſſe Mrs. Newbright an. Dieſe Dame fand ſich durch ihren ange⸗ nehmen Geſang in der Kirche, ſowie durch ihre richtigen Anſichten über religiöſe Gegenſtände, auf welchem Felde es Mrs. Becky in ftüheren Tagen zu Queens⸗Crawley an Anleitung nicht gefehlt hatte, erbaut. — Wohlan! Becky nahm nicht bloß Traktätchen an, ſondern las dieſel⸗ ben auch. Sie machte flanellene Weiberroͤcke für die Quaſhyboos — baumwollene Schlafkappen für die Co⸗ coanut⸗Indianer — malte Lichtſchirme für die Bekehrung des Papſtes und der Juden — ſaß Mittwochs unter Mrs. Rowis, Donnerſtags unter Herrn Huggletonz ging Sonr⸗ 276 tags zwei Mal in die Kirche, und hörte nebenbei noch Sonntag Abends Herrn Bawler, den Darbyiten. Aber Alles war vergebens. Mrs. Newbright hatte mit der Gräfin von South⸗ down wegen des Wärmflaſchen⸗Fonds für die Feejee⸗ Inſulaner (bei welcher wohlthätigen Geſellſchaft vie ge⸗ nannten beiden Dumen Comite⸗Mitglieder waren) einige Briefe zu wechſeln, und als ſie bei dieſer Gelegenheit ihrer „lieblichen Freundin,“ der Mrs. Rawdon Crawley, Er⸗ wähnung that, ſchrieb die verwittwete Gräfin über Becky einen Brief zurück, worin ſolche Einzelheiten, Winke, Fakta, Lügen, und allgemeine Drohungen enthalten waren, daß die Intimität zwiſchen Mrs. Newbright und Mrs. Crawley ſofort ein Ende hatte: und die ganze fromme Welt von Tours, wo dieſes Unglück ſich ereignete, brach alsbalb jeden Umgang mit der Verworfenen ab. Diejenigen, welche die engliſchen Colonien auf dem Continente kennen, wiſſen, daß wir unſern Stolz, unſere Pillen, unſere Vor⸗ urtheile, unſere Harvey⸗Saucen, unſern Cayenne⸗Pfeffer, und andere Laren mit uns nehmen, und aus jevem Orte, wo wir uns nieverlaſſen, ein kieines England machen. Von einer Colonie floh Becky unbehaglich zur andern. Von Boulogne nach Dieppe, von Dieppe nach Caen, von Caen nach Tours, und bot überall Alles auf, um reſpec⸗ tabel zu erſcheinen. Aber ach! neberall wurde ihr frü⸗ her oder ſpäter die Maske abgeriſſen, und wurde ſie von den wirklichen Krähen zum Käfig hinausgebiſſen. An einem der letzgenannten Orte nahm Mrs. Hook Eagles ſich ihrer an. Dieſe Mrs. Hook Eagles hatte ein Haus in Port⸗ man⸗Square, und man konnte ihr nichts Böſes nachſagen. Sie logirte in einem Hotel zu Dieppe, wohin Becky floh. Sie lernten einander auf dem Meere kennen, wo ſie zu⸗ ſammen ſchwammen, und nachher an der Table d'Hote des Hotels. Mrs. Eagles hatte — war es ein Wunder, da Je⸗ 277 dermann davon ſprach? — etwas von der ſcandalöſen Steyneſchen Geſchichte gehörtz ſie ſprach ſich aber, nach einer Unterredung mit Becky, allenthalben laut dahin aus, daß MWrs. Crawley ein Engel, ihr Mann ein wüſter, roher, ſich zu jedem Verbrechen hergebender Menſch, Lord Steyne, wie Jedem bekannt, ein grundſatzloſer Wicht, und Alles eine infame niederträchtige Verſchwörung, die der Schurke Wenham gegen Mrs. Crawley angeſponnen, wäre. „Wäreſt Du ein Mann von Muth, Eagles, ſo wür⸗ deſt Du dem Schuft das nächſte Mal, wo Du ihn im Club ſäheſt, Ohrfeigen geben,“ ſprach ſie zu ihrem Manne. Allein Eagles war bloß ein ruhiger alter Herr, Gatte der Mrs. Eagles, für die Geologie eingenommen, und nicht ſo groß, daß er im Stande geweſen wäre, Jeman⸗ den mit einer Ohrfeige zu bedienen. Die Eagles patroniſirten ſodann Mrs. Rawdon, ließen ſie in Paris in ihrem Hauſe wohnen, brachen mit der Frau des Geſandten, weil dieſe ihre protégée nicht em⸗ pfangen wollte, und thaten Alles, was in der Macht eines Weibes lag, um Becky's Tugend und guten Namen keine Gefahr laufen zu laſſen. Anfangs war Becky recht reſpektabel und ordentlich; allein es ſtand nicht lange an, ſo wurde ſie des tugend⸗ haften Lebens, wobei ſo wenig Spaß war, äußerſt über⸗ drüſſig. Jeder Tag brachte daſſelbe; jeden Tag kehrte vaſſelbe langweilige und behagliche Leben wieder; jeden Tag fuhr man in dem langweiligen Bois de Boulogne ſpazieren; jeden Abend ſah man dieſelbe Geſellſchaft; jeden Sonntag bekam man Abends dieſelbe Blair'ſche Predigt zu hören — dieſelbe Oper, die immer und ewig wieder zur Aufführung gebracht wurde. Becky ſtarb bei⸗ nahe vor Ueberdruß, als, zum Glücke für ſie, der junge Herr Eagles von Cambridge kam, und ſeine Mutter, den Eindruck gewahrend, den ihre kleine Freundin auf ihn 278 machte, Becky flugs bat, ſich nach einem andern Logis umzuſehen. Dann machte ſie einen Verſuch, mit einer Freun⸗ vin zuſammenzuwohnen; dann fing die doppelte Haushal⸗ tung an, ſich zu befehden, und ſich in Schulden zu ſtür⸗ zen. Dann entſchloß ſie ſich zu einer Hotel⸗Garni⸗Eriſtenz, und wohnte einige Zeit in dem berühmten Hauſe, das Madame de Saint Amour, in der Rue Royale, zu Paris, hielt, wo ſie anfing, ihren Liebreiz, ſowie ihre bezaubern⸗ den Eigenſchaſten alle gegenüber von den ſchäbig ausſehen⸗ den Dandies und nichts weniger als friſchen Schönheiten geltend zu machen, welche die Salons ihrer Wirthin beſuchten. Becky liebte die Geſellſchaft, und konnte in der That ebenſo wenig ohne dieſelbe ſein, als ein Opium⸗ eſſer ohne ſein Labſal, und war während dieſes ihres Hotel⸗ Garni⸗Lebens ziemlich glücklich. „Die Weiber, die ich hier ſehe, ſind gerade ſo unter⸗ haltend, wie die in May⸗Fair,“ ſagte ſie zu einer alten Lon⸗ voner Freundin, die ſie traf — „nur ſind ihre Kleider nicht ganz ſo friſch. Die Männer tragen alte Handſchuhe, die ſie, ich weiß nicht wie oft ſchon, haben reinigen laſſen, und ſind gewiß traurige Subjekte; allein ſie ſind voch nicht ſchlimmer, als Jack This, und Tom That. Die Wirthin iſt zwar ein Bischen gemein; doch kommt ſie mir nicht ſo gemein vor, wie Lady —“ Hier ſprach ſie den Namen einer berühmten faſhio⸗ nablen Dame aus, den ich aber um Alles in der Welt nicht verrathen mochte. In der That, ein Menſch, der Abends Madame de Saint Amours Zimmer erleuchtet, Herren mit Ordens⸗ ſternen und Cordons an den Erartétiſchen, und nicht weit davon die Damen ſitzen ſah, konnte einen Augenblick glau⸗ ben, er befinde ſich in guter Geſellſchaft, und Madame ſei eine wirkliche Gräfin. Gar Viele waren dieſer Mei⸗ nung; und Becky gehörte eine Zeit lang zu den Zierden der Soalons der Gräfin. —à, — — —— 279 Allein wahrſcheinlich machten ihre alten Gläubiger von 1815 her ſie ausfindig, und vertrieben ſie aus Paris; denn das arme Weibchen mußte etwas plötzlich aus der Stadt fliehen. Von Parts ging ſie nach Brüſſel. Wie bekannt kam ihr die Stadt vor! Sie grinste ein wenig, als ſie zu dem kleinen Entreſol hinaufſah, den ſie bewohnt hatte, und an die Bareacres'ſche Familie dachte, wie dieſelbe in ihrem Wagen, zur Flucht bereit, unter der Port⸗Cochere des Hotels ſaß, und um Pferde rief. Sie ging nach Waterloo⸗ ſowie nach Laeken, wo vas Grabmal George Osborne's ihr ſehr auffiel. Sie entwarf eine kleine Skizze davon. „Der arme Cupido!“ ſprach ſie; „wie fürchterlich war er in mich verliebt, und welch' ein Thor war er! Möchte wohl wiſſen, ob die kleine Emmy noch am Leben iſt. Sie war eine gute kleine Creatur: und ihr dicker Bruder! Ich habe noch unter meinen Papieren ſein fettes komiſches Porträt. Es waren gute einfache Leute!“ Zu Brüſſel kam Becky mit einem Empfehlungsſchrei⸗ ben von Madame de Saint Amour an ihre Freundin, Madame la Comteſſe de Borodino, Wittwe des Napo⸗ leonſchen Generals, des berühmten Grafen von Boro⸗ dino, an. Die Frau Gräfin hielt, da der verſtorbene Held ſie ganz mittellos hinterlaſſen hatte, eine Table d'Hote, ver⸗ bunden mit einem Ecarté Tiſche. Dandies und Roués zweiten Rangs, verwittwete Damen, die ſtets einen Proceß haben, und recht einfältige Engländer und Engländerinnen, die ſich einbilden, ſie ſähen in dieſen Häuſern „die conti⸗ nentale Geſellſchaft“, ließen auf Madame de Borodino's Tiſchen ihr Geld ſitzen, oder nahmen bei ihr ihre Mahle ein. An der Table d'Hote bewirtheten die galanten jungen Burſche ſämmtliche Geſellſchaft mit Champagner; auch ritten dieſelben mit den Damen aus, mietheten Pferde bei Ausflügen auf's Land, legten Geld zuſammen, um im 280 Schauſpiel, oder Opernhauſe Logen zu nehmen, wetteten, an den Ecarté⸗Tiſchen über die weißen Schultern der Damen weg, und ſchrieben an ihre Eltern in Debonſhire, um denſelben ihre glückliche Einführung in gute continen⸗ tale Geſellſchaft zu berichten. Hier, wie zu Paris, war Becky eine Koſthaus⸗Kö⸗ nigin, und herrſchte in „Penſionen“ mit ausgewählter Geſellſchaft. Nie ſchlug ſie den Champagner, oder die Bouquets, oder die Ausflüge aufs Land, oder die Privat⸗ logen aus; was ſie aber am Meiſten liebte, war vas Eerarté Abends — und ſie ſpielte kühn. Zuerſt ſpielte ſie nur ganz niedrig, dann um Fünf⸗ frankenſtücke, dann um Napoleons, dann um Banknoten: dann konnte ſie ihre monatliche „Penſion“ nicht bezahlen: dann entlehnte ſie von den jungen Herrn Geld: dann war . ſie wieder bei Kaſſe, und ſpielte die Tyrannin gegenüber von Madame de Borodino, der ſie vorher auf jede Weiſe geſchmeichelt hatte: dann ſpielte ſie wieder ein Mal um zehn Sous, und befand ſich in entſetzlicher Armuth: dann bekam ſie die fällig gewordene Quartal⸗Rate ihres Ge⸗ halts, und bezahlte, was ſie Madame de Borodino ſchul⸗ dig war: und vann ſpielte ſie noch einmal mit Monſieur de Roſſignol, oder mit dem Chevalier de Raff. Ais Beck) Brüſſel verließ, war ſie, wie wir leider berichten müſſen, Madame de Borodino drei Monate à — — für Koſt und Logis ſchuldig. Von dieſem Faktum, ſowie von ihrem Spielen, und ihrem Trinken, und ihrem Auf⸗ die⸗Knie⸗Niederfallen vor ſeiner Ehrwürden, Herrn Muff, Ministre Auglican, und dem Geld⸗Borgen von ihm, und ihren Schmeichelreden, und ihrein Kokettiren mit Milor Noodle, einem Schüler des Ehrwürdigen Herrn Muff, den ſie auf ihrem Privatzimmer zu empfangen pflegte, und dem ſie im Eearté große Summen abgewann, — von dieſem Faktum, ſage ich, ſowie von hundert an⸗ dern Spitzbübereien, die ſie ſich zu Schulden kommen ließ, unterrichtet die Gräfin von Borodino jeden Engländer 281 und jede Engländerin, ſo ſich in ihrem Etabliſſement aufhält, und ſetzt hinzu, daß Madame Rawdon um kein Haar beſſer, als eine vipère ſei. So ſchlug unſere kleine Wandererin, ſo ruhelos wie ulyſſes oder Campfylde Moore Carew, ihr Zelt in ver⸗ ſchiedenen kleinen Städten Europas auf. Mit jedem Tage ſank ſie tiefer: mit jedem Tage entwickelte ſich ihr Sinn für Alles, was nicht reſpektabel iſt, mehr. Es ſtand nicht lange an, ſo wurde ſie eine vollkommene Zigeunerin, die ihr Vergnügen daran fand, ſich zu Leuten zu geſellen, in deren Geſellſchaft ein honetter Menſch um keinen Preis geſehen werden möchte. Es gibt in Europa keine einzige größere Stadt, in der ſich nicht eine kleine Colonie engliſchen Geſindels be⸗ fände. Zu dieſem Geſindel gehören Männer, deren Namen Herr Hemp, der Gerichtsbeamte, im Sheriffs'⸗Court pe⸗ riodiſch abliest — junge Herren, die oft von ſehr guter Familie, allein von den Ihrigen verſtoßen find; Leute, die ſtets auf den Billards und in den Eſtaminets herumliegen, und die continentalen Wettrennen und Spieltiſche patro⸗ niſiren. Sie bevolkern die Schuld⸗Gefängniſſe — ſie ſaufen und bramarbaſiren — ſie duelliren, raufen, prügeln ſich, und ſtreiten ſich lärmend — ſie gehen durch, und vergeſſen, ihre Schulden zu bezahlen — ſie fordern fran⸗ zöſiſche und deutſche Offiziere — ſie prellen Herrn Spooney im Eecarté, — ſie nehmen das Geld, und fahren in präch⸗ tigen Britſchken nach Baden⸗Baden ab — ſie verſuchen ihre infallible Martingale, lungern mit leeren Taſchen in der Nähe der Spieltiſche herum, als Renommiſten in ſchäbigen Kleidern, und Zierbengel ohne einen Heller, bis es ihnen gelingt, einen jüviſchen Bankier mit einem fal⸗ ſchen Wechſel „anzuführen,“ oder einen neuen Herrn Spooney auszuziehen. Die Glanz⸗Wechſel, welche dieſe Leute erleiden, bilden ein recht ſonderbares Schauſpiel. Ihr Leben muß ein 282 nicht wenig aufgeregtes ſein. Beck) — müſſen wir es bekennen? — nahm zu dieſem Leben ihre Zuflucht, und zwar nicht ungern. WMit dieſen Zigeunern und Zigeunerinnen wanderte ſie von Stadt zu Stadt. Bald kannte man die glückliche Mrs. Rawdon an jedem Spieltiſche in Deutſchland. Zu Florenz wohnte ſie mit Madame de Cruchecassée zu⸗ ſammen. Aus München wurde ſie, wie es heißt, polizei⸗ lich ausgewieſen; und mein Freund, Herr Frederick Pigeon, behauptet, daß man ihn zu Lauſanne, in ihrem Hauſe, betrunken gemacht, in welchem Zuſtande er dann an Major Loder, ſowie an den ehrenwerthen Herrn Deuceace 800 Pfund verloren habe. Wir müſſen, wie Du ſiehſt, ver⸗ ehrter Leſer, Dir von Becky's Leben einige Skizzen geben; allein je weniger wir über dieſe Periode ſagen, um ſo beſſer iſt es. Ferner geht die Sage, es habe Mrs. Crawley, ſo oft ſie ſich in beſonders ungünſtigen Glücksumſtänden be⸗ funden, Concerte, auch hie und da Unterricht in der Muſik gegeben. So viel aber iſt gewiß, daß eine Madame de Baudon zu Wildbad einmal eine matinée musicale gab; in ihrem Gefolge war Herr Spoff, erſter Pianiſt des Hoſpodars der Wallachei, ſowie mein kleiner Freund, Herr Eaves, der Jedermann kannte, und ſchon in aller Herren Länder gereist war. Dieſer mein Freund erklärte beharrlich, daß er im Jahre 1830 zu Straßburg geweſen ſei; es ſei damals eine gewiſſe Madame Rebecque in der „Weißen Frau“ aufgetreten, und habe in dem dortigen Theater Anlaß zu einem ungeheuren Spectakel gegeben. Sie ſei vom Publi⸗ kum ausgeziſcht worden, und habe abtreten müſſen, theils weil ſie ihrer Rolle nicht gewachſen geweſen, theils und hauptſächlich in Folge der übel angebrachten Sympathie einiger Perfonen im Parquet (wo die Offiziere der Gar⸗ niſon gewoͤhnlich ſäßen); und Eaves hielt ſich überzeugt, — 283 daß die unglückliche, in Frage ſtehende Döbutante keine andere Perſon, als Mrs. Rawdon Crawley, geweſen ſei. In der That war ſie eine wahre Vagabundin auf dieſer Erde. Sobald ſie ihr Geld bekam, ergab ſie ſich dem Spiele; wenn ſie es verſpielt hatte, ſo mußte ſie zu allerlei Mitteln ihre Zuflucht nehmen, um nur leben zu können; wer weiß, wie oder durch welche Mittel ihr das gelang? Es heißt, ſie ſei einmal in St. Petersburg geſehen, allein von der Polizei ohne viele Umſtände aus dieſer Hauptſtadt wieder entfernt worden, ſo daß das Gerücht, das ſie in der Eigenſchaft einer ruſſiſchen Spionin zu Töplitz, und ſpäter zu Wien ſich aufhalten ließ, unmöglich wahr ſein kann. Auch hat man mir geſagt, daß ſie zu Paris eine Verwandte aufgefunden, die Niemand anders geweſen ſei, als ihre Großmutter von mütterlicher Seite. Dieſe alte Frau ſei aber mit nichten eine Montmorency geweſen, ſondern eine abſcheulich häßliche, garſtige Logenſchließerin in einem auf den Boulevards gelegenen Theater. Ihre erſte Zuſammenkunft, die auch anderen Perſonen, wie anderswo angedeutet worden, bekannt geworden zu ſein ſcheint, muß ſehr rührender Art geweſen ſein. Was den Schreiber dieſes aber betrifft, ſo gehen ihm alle zuver⸗ läßigen Einzelheiten in Betreff diefes Ereigniſſes ab. Es geſchah einmal zu Rom, daß Mrs. de Rawdon's halbjährliche Rate gerade an das erſte dortige Bankhaus übermacht worden war. Da nun Jedermann, der mehr als fünfhundert Seudi bei dieſem Fürſten unter den Kauf⸗ leuten ſtehen hatte, zu den Bällen eingeladen wurde, die während des Winters im Hauſe des großen Bankiers Statt fanden, ſo wurde auch Becky mit einer ſolchen Ein⸗ ladung beehrt, und erſchien bei einer der glänzenden Abend⸗ geſellſchaften des Fürſten und der Fürſtin Polonia. Die Fürſtin gehörte der Pompili'ſchen Familie an, und ſtammte von dem zweiten Koͤnige von Rom, und von Egeria, aus 284 dem Hauſe Olympus, ab, während der Großvater des Fürſten, Aleſſandro Polonia, Seifenkugeln, Eſſenzen, Ta⸗ bak, und Taſchentücher verkaufte, den Botenläufer machte, und kleine Summen Geldes zu Wucherzinſen auslieh. Die ganze große Welt von Rom fand ſich in ſeinen Salons ein: da konnte man Fürſten, Herzoge, Geſandte, Künſtler, Geiger, Monſignori, junge Bären mit ihren Führern — kurz Menſchen aus allen Ständen, Menſchen in allen möglichen Lebensverhältniſſen, beiſammen ſehen. Das ganze Haus des Fürſten erglänzte in einem Licht⸗ es waren eine Anzahl von vergoldeten, Gemälde enthalten⸗ den Rahmen, ſowie von zweifelhaften Antiken da; und die koloſſale vergoldete Krone, und das Wappen des fürſt⸗ lichen Eigenthümers — ein goldener Pilz auf rothem Felde — (es war dieß die Farbe der Taſchentücher, die er einſt verkauft hatte), und der ſilberne Brunnen der Pompili'ſchen Familie waren allenthalben, auf dem Dache, an den Thüren, ſowie auf den Panelen des Hauſes, und auf den großen Sammtbaldachinen zu ſehen, unter denen Päpſte und Kaiſer empfangen wurden. Es erhielt alſo Becky, die von Florenz im Eilwagen angekommen, und in einem Gaſthauſe ſehr beſcheiden logirt war, eine Einladung zu dem fürſtlich Polonia'ſchen Feſte; und es kleidete ſie ihr Mädchen mit ungewohn⸗ licher Sorgfalt an; und ſie ging auf dieſen ſchoͤnen Ball, am Arme Major Loder's, mit dem ſie um jene Zeit reiste (es war derſelbe Mann, der in dem darauf folgenden Jahre zu Neapel den Fürſten Ravioli erſchoß, und von Sir John Buckskin Stockprügel erhielt, weil er außer den Königen, deren er ſich beim Ecarté bediente, noch vier andere in ſeinem Hute hatte); — und dieſes Paar trat zuſammen in die fürſtlichen Räume, und Becky ſah eine Anzahl alter Geſichter, die ſich erinnerte, in glücklichere Tagen geſehen zu haben, wo ſie, wenn auch nicht un⸗ ſchuldig, ſo doch noch nicht als ſchuldig erkannt war. meere; überall ſah man Nichts, als die größte Pracht; 285 Major Loder kannte gar Viele von den Fremden, — lauter bärtige Männer mit ſtark markirten Geſichtszügen, ſchmutzigen geſtreiften Bändern in den Knopflöchern, und ſehr pauvrer Wäſche; allein es war unſchwer zu be⸗ merken, daß der Major von ſeinen Landsleuten gemieden wurde. Auch Becky ſah hie und da einige Damen, die ſie kannte — franzöſiſche Wittwen, zweifelhafte italieniſche Gräfinnen, die von ihren Männern mißhandelt worden waren. — Doch weg damit! Was ſollen wir, die wir uns in ver allerbeſten Geſellſchaft, die der Markt des Lebens auf⸗ zuweiſen hat, bewegt haben, von dieſer menſchlichen Hefe, was ſollen wir von dieſem Bodenſatze von Schuften, Halunken, Spitzbuben und Schurken ſagen? Wenn wir ſpielen, ſo wollen wir wenigſtens mit ſauberen Karten ſpielen, und nicht mit ſo ſchmutzigen. Allein Jeder, der zu der unendlich großen Armee von Reiſenden gehört hat, hat dieſe marodirenden Irregulären bemerkt, wie ſie, nach Nym's und Piſtol's Art, der Haupt⸗ macht folgen, die Farben des Königs tragen, und ſich mit den ihnen ertheilten Aufträgen brüſten, und auf ihre Patente pochen, allein auf eigene Rechnung dem edlen Geſchäfte des Plünderns obliegen, und gelegentlich an einem am Wege ſtehenden Galgen ein Plätzchen finden. Wohlan denn! Sie hing am Arme Major Loder's; und ſie gingen in den fürſtlichen Räumen umher, und tranken ein großes Quantum Champagner am Büffet, wo die Leute und insbeſondere das irreguläre Corps, wozu der Major gehörte, ſich um Erfriſchungen beinahe ſchlu⸗ gen. Und als das Paar ſein Genüge hatte, drang es weiter vor, bis es den mit roſarothem Sammt ausge⸗ ſchlagenen Salon der Herzogin, ganz am Ende der Zim⸗ merreihe (wo ſich die Statue der Venus befindet, ſowie die großen venetianiſchen Spiegel in ihren ſilbernen Rah⸗ men), erreichte. Dort hatte die fürſtliche Familie ihre vornehmſten Gäſte zu einem Souper vereinigt, welches an 286 einem runden Tiſche eingenommen wurde. Es war gerade ein ſo kleines, für wenige auserwählte Perſonen beſtimmtes Bankett, wie dasjenige, zu welchem Becky ſich erinnerte, von Lord Steyne einſt zugezogen worden zu ſein: — und da ſaß dieſer Lord am Tiſche Polonia's, und ſie ſah ihn. Die durch den Diamant auf ſeiner weißen, kahlen, glänzenden Stirne verurſachte Narbe ſah feuerroth aus; ſein rother Backenbart war purpurroth gefärbt, was ſein bleiches Geſicht noch bleicher erſcheinen ließ. Er trug ſeine Ordenskette, ſeinen Orden vom Hoſenbande, ſein blaues Band, ſowie noch eine Menge anderer Orden. Er war ein größerer Fürſt, als irgend einer der dort Verſammelten, obgleich ſich ein regierender Herzog, ſowie eine königliche Hoheit, ſammt ihren Prinzeſſinnen eingefunden hatte. Neben ſeiner Lordſchaft ſaß die wunderſchöne Gräfin von Belladonna, née de Glandier, deren Mann (Graf Paolo della Belladonna) durch ſeine ſchönen entomologi⸗ ſchen Sammlungen, ſo bekannt iſt, und auf einer Miſſion bei dem Kaiſer von Marocco ſchon lange abweſend war. Als Becky das ihr ſo wohl bekannte, erlauchte Ge⸗ ſicht ſah, wie gemein erſchien ihr da mit einem Male Major Loder, und wie ſtank da der odiöſe Capitän Rook nach Tabak! In einem Nu nahm ſie wieder die ganze Haltung einer feinen Lady an, und machte den Verſuch, ſo auszuſehen und ſolche Empfindungen heraufzubeſchwören, als ob ſie abermals nach May⸗Fair verſetzt wäre. „Dieſes Weibsbild ſieht dumm und übellaunig aus; ſie kann ihn ſicherlich nicht amüfiren. Nein, er muß ſich durch ſie gelangweilt fühlen: — und gewiß kann er das von mir nicht ſagen.“ So dachte ſie. Hundert ſolche rührende Hoffnungen, Befürchtungen und Erinnerungen ſtiegen in ihrem pochenden kleinen Her⸗ zen auf, als ſie mit ihren glänzendſten Augen (die Schminke, die ſie nicht geſpart, und womit ſie ſelbſt ihre Augenlider nicht verſchont hatte, machte dieſelben — die Augen näm⸗ lich — blinken) nach dem großen Evelmann hinſah. 287 An Abenden, wo Lord Steyne ſeine Orden, und ins⸗ beſondere ſeinen Hoſenband⸗Orden trug, pflegte er auch ſeine vornehmſte Manier anzunehmen, und wie ein großer Fürſt, der er war, zu ſprechen und auszuſehen. Becky bewunderte ihn, wie er ſo vornehm, leicht, er⸗ haben und ſtattlich lächelte. Ah, bon Pieu, welch' an⸗ genehmer Geſellſchafter war er; wie brillant war ſein Witz, wie intereſſant und mannigfaltig ſein Geſpräch, wie großartig ſein Weſen! — Und Alles dieß hatte ſie gegen den Cigarren dampfenden und nach Grog riechenden Major Loder, ſowie gegen Capitän Rook mit ſeinen Jockey⸗ Witzen und ſeinem Preiskämpfer⸗Slang, und dergleichen ausgetauſcht. „Ich moͤchte wohl wiſſen, ob er mich noch kennt!“ dachte ſie. Lord Steyne ſprach und lachte mit der großen er⸗ lauchten Dame, die neben ihm ſaß, als er aufblickte und Becky ſah. Sie war heftig bewegt, als ihre Augen einander be⸗ gegneten, und beſchwor das allerbeſte Lächeln auf ihre Wangen herauf, das ihr zu Gebot ſtand, und machte ihm ein ſchüchternes, flehendes Knickschen. Er aber ſtarrte ſie etwa eine Minute, beſtürzt und von Schrecken durchbebt, an, wie etwa Macheth ausſehen mochte, als er bei ſeinem Ballſouper Banquo's Geiſt erblickte. Und ſo ſtarrte er ſie mit offenem Munde an, bis der abſcheuliche Major Loder ſie fortzog. „Kommen Sie doch mit in den Speiſeſaal, Mrs. Rawdon,“ ſprach dieſer Herr; „der Anblick dieſer ſchmau⸗ ſenden vornehmeu Leute hat mir den Mund nach dem Champagner des Alten wäſſerig gemacht. Kommen Sie, wir wollen demſelben ein Bischen zuſprechen.“ Becky dachte, daß der Major demſelben bereits viel zu viel zugeſprochen. An dem darauf folgenden Tage machte ſie auf dem Monte Pincio, — dem Hyde Park der Müßiggänger 288 Roms — einen Spaziergang: vielleicht hoffte ſie, Lord Steyne noch einmal zu Geſicht zu bekommen. Allein ſie traf dort einen andern Bekannten. Es war Herr Fiche, der mit dem boſondern Ver⸗ trauen Sr. Lorvſchaft beehrte Diener. Er ging auf ſie zu, wobei er ihr ziemlich vertrau⸗ lich zunickte; und einen Finger an ſeinen Hut legte. „Ich wußte von Madame's Hierſein,“ ſprach er; „ich bin ihr von ihrem Hotel an nachgegangen. Ich habe Madame einen guten Rath zu geben.“ „Von Seiten des Marquis von Steyne?“ fragte Becky, die ſich möglichſt würdevoll geberdete, und von Hoffnung und Erwartung nicht wenig bewegt war. 5 „Nein,“ antwortete der Diener, „ich gebe Ihnen den guten Rath. Rom iſt gar ungeſund.“ „In dieſer Jahreszeit nicht, Monſieur Fiche; — erſt nach Oſtern.“ „Ich ſage aber, Madame, daß es jetzt ungeſund iſt. Für gewiſſe Leute hört die Malaria nicht auf. Der ver⸗ maledeite Sumpfwind koſtet in allen Jahreszeiten gar vielen Menſchen das Leben. Sehen Sie, Madame Craw⸗ ley, Sie waren ſtets bon enfant, und ich nehme Antheil an Ihnen, parole d'honneur. Laſſen Sie ſich warnen. Bleiben Sie nicht in Rom, ich ſage es Ihnen — ſonſt werden Sie krank, und müſſen ſterben.“ Becky lachte, obgleich vor Wuth. „Was 2 Mich armes Weibchen um's Leben bringen?“ ſprach ſie. „Wie romantiſch! Hat my Lord Bravos zu Courieren, und führt er in den Fourgons Stilette nach? Bah! Ich bleibe, und wäre es auch nur, um ihn zu plagen. Ich habe Leute, die ſich meiner annehmen und mich vertheidigen werden, ſo lange ich hier bin. Nun war die Reihe an Herrn Fiche, zu lachen. „Sie vertheidigen,“ ſagte er, „und wer denn? Der Major, der Capitän, jeder von den Spielern, die Madame ſieht, würde ihr für hundert Louisdor das Lebenslicht aus⸗ 259 blaſen. Wir wiſſen von Major Loder (der ebenſo wenig Major iſt, als ich my Lord, Marquis von Steyne bin) Dinge, die ihn auf die Galeeren, wenn nicht an einen andern ſchlimmern Ort bringen müßten. Wir wiſſen Alles, und haben überall Freunde. Wir wiſſen, mit wem Sie in Paris umgingen, und welche Verwandte Sie dort an⸗ getroffen haben. Ja, Madame mag ſtaunen; allein was ich da ſage, iſt die pure Wahrheit. Wie kam es, daß auf dem Continente Madame in keinem Geſandtſchaftshotel empfangen wurde? Sie hat Jemand beleidigt; — Je⸗ mand, der nie verzeiht — deſſen Wuth ſich verdoppelte, als er ſie ſah. Als er in vergangener Nacht nach Hauſe kam, war er wie verrückt. Madame de Belladonna machte ihm wegen Ihrer eine Scene, und war wie eine Furie.“ „Oh, es war Madame de Belladonna? ſagte Becky, die ſich etwas erleichtert fühlte; denn was ſie ſo eben er⸗ fahren, hatte ſie etwas erſchreckt. „Nein — es liegt nicht viel an ihr — ſie iſt immer und ewig eiferſüchtig. Ich ſage Ihnen, es war Mon⸗ ſeigneur. Sie thaten unrecht daran, daß Sie ſich ihm zeigten. Und wenn Sie hier bleiben, ſo werden Sie es zu bereuen haben. Merken Sie ſich meine Worte. Gehen Sie. Hier kommt my Lords Wagen. —“ Bei dieſen Worten rannte er, Becky's Arm ergreifend, eine Allee des Gartens hinab. Die Barouche Lord Steyne's rollte, von heraldiſchen Emblemen ſchimmernd, die Avenüe entlang; ſie war ge⸗ zogen von den prächtigſten Pferden, — von Pferden, die faſt nicht mit Geld zu bezahlen waren. In dem Wagen ſaß Madame de Belladonna, nach⸗ läßig auf die Kiſſen gelehnt, ſchwarzhaarig, mürriſch, und blühend, mit einem King Charles auf dem Schvoße, und einem weißen Sonnenſchirme über dem Kopfe. Neben ihr lag der alte Steyne, mit ſeinem ſchwarzblauen Ge⸗ ſichte und ſeinen graſſen Augen, ausgeſtreckt. Haß, oder Der Jahrmarkt des Lebens. W. 19 290 Zorn, oder Verlangen machte letztere noch von Zeit zu Zeit glänzen; allein gewöhnlich waren ſie lichtlos, und ſchienen müde zu ſein, eine Welt anzuſchauen, deren Lüſte und größte Schönheiten für den abgelebten, gottloſen, alten Mann faſt alle ſchal geworden waren. „Monſeigneur hat ſich von dem Schlage jener Nacht nie mehr erholt, nie mehr,“ flüſterte Monſieur Fiche Mrs. Crawleh zu, als der Wagen vorbeiflog, und ſie ſelben, von ihrer Stellung hinter den ſie verbergenden Büſchen aus, anblickte. „Das iſt auf jeden Fall ein Troſt,“ dachte Becky. Ob my Lord wirklich morderiſche Abſichten gegen Mrs. Becky hegte, wie Monfiecur Fiche ſagte — (ſeit dem Tode Monſeigneurs iſt er in ſein Vaterland zurückgekehrt, wo er in großer Achtung ſteht und lebt, und von ſeinem Fürſten den Titel eines Barons von Fieci gekauft hat), — und ob das Factotum ſich zu einem Morde nicht herge⸗ ben wollte; oder ob er ganz einfach beauftragt worden war, Mrs. Crawley aus einer Stadt wegzuſcheuchen, wo Seine Lordſchaft den Winter zuzubringen gedachte, und ihr Anblick dem großen Edelmanne beſonders unangenehm ſein mußte, — über dieſen Punkt hat man nie in's Reine kommen können. Allein die Drohung verfehlte bei dem Weibchen ihre Wirkung nicht, und ſie ſuchte fortan nicht mehr ihren ehemaligen Beſchützer durch ihre Gegenwart zu erfreuen. Jedermann kennt das traurige Ende des Edelmanns, der uns hier beſchäftigt. Daſſelbe trat zu Neapel, zwei Monate nach der franzöſiſchen Revolution vom Jahr 1830, ein, wo der ſehr ehrenwerthe George Guſtavus, Marquis von Stehne, Earl von Gaunt und Gaunt Caſtle, als Pair von Irland, Viscount Hellborough, Baron Pitchley and Grillsby, Ritter des allerhöchſten Ordens vom Hoſen⸗ bande, des goldenen Vließes von Spanien, des ruſſiſchen St. Nicolausordens erſter Kiaſſe, des türkiſchen Halbmond⸗ —W — 291 ordens, erſter Lord des Puder⸗Cabinets, und Groom der Hintertreppe, Oberſt des Gaunt⸗ oder Regent's Own Regiment of Militia *), Curator des britiſchen Muſeums, älterer Bruder von Trinity Houſe, Mitdirector von White Friars, und D. C. L., nach einer Reihe von Anfällen ſtarb, die, laut der Zeitungsberichte, indem heftigen Schlage ihren Grund hatten, welchen die Gefühle Seiner Lord⸗ ſchaft durch den Sturz der alten franzöſiſchen Monarchie erlitten. Ein Wochenblatt brachte einen beredten Bericht, wor⸗ in ſeine Tugenden, ſeine Prachtliebe, ſeine Talente und ſeine guten Handlungen geſchildert waren. Er habe, hieß es darin, mit ſolcher Innigkeit und Treue an dem er⸗ lauchten Hauſe der Bourbons, mit dem er durch Bande des Bluts verbunden geweſen, gehangen, daß er das Un⸗ glück, das ſeine hohen Verwandten getroffen, nicht habe überleben können. Sein Körper ſei zu Neapel begraben, ſein Herz aber — jenes Herz, das ſtets nur für das Schöne und Gute geſchlagen — in einer ſilbernen Urne nach Caſtle Gaunt gebracht worden. „An ihm,“ ſagte Herr Wagg, „haben die Armen, ſowie die ſchoͤnen Künſte einen großen Gönner, die Geſellſchaft eine ihrer glänzendſten Zierden, und England einen ſeiner beſten Patrioten und Staats⸗ männer verloren.“ u. ſ. w. u. ſ. w⸗ Wegen ſeines Teſtamentes wurde lange Zeit pro⸗ ceſſirt; auch wurde ein Verſuch gemacht, Madame de Belladonna das berühmte Juwel, der „Juden⸗Augen⸗ Diamant“ genannt, das Seine Lordſchaft ſtets am Zeige⸗ finger trug, und nach ſeinem viel bedauerten Hintritte von da verſchwunden war, zu entreißen. Allein ſein vertrauter Diener und Freund, Monſieur Fiche, bewies, daß der er⸗ wähnte Ring der beſagten Madame de Belladonna zwei *) Leib⸗Miliz⸗Regiment des Regenten. Tage vor dem Tode des Marquis geſchenkt worden, ſammt den Banknoten, Juwelen, franzoͤſiſchen und neapo⸗ litaniſchen Staatspapieren u. ſ. w. u. ſ. w., die in dem Secretair Sr. Lordſchaft ſich vorfanden, und der armen unſchuldigen Frau von ſeinen Erben wieder abgenommen werden wollten. Fünkundſechzigſtes Kapitel. Worin von Nichts als ichi und Vergnügungen die ede iſt. Am Tage nach dem Zuſammentreffen am Spiel⸗ tiſche ließ Jos ſich mit ungewöhnlicher Sorgfalt und ungewohnlichem Glanze anziehen, und ging, ohne es für nölhig zu halten, einem Mitgliede ſeiner Familie über die Vorfallenheiten vom vergangenen Abend auch nur ein Wort zu ſagen, oder ſich Jemands Geſellſchaft bei ſeinem Spaziergange zu erbitten, ſchon frühe aus. Nicht lange varnach ſah man ihn, wie er an der Thüre des Hotels zum Elephanten ſich nach Etwas erkundigte. In Folge der Feſtlichkeiten war vas Haus voller Leute; die auf der Straße ſtehenden Tiſche waren bereits von Leuten beſetzt, die rauchten, und ſich mit nationalem Dünnbiere erfriſchten; in den Wirthſchaftszimmern konnte man vor Rauch einander ſchon nicht mehr ſehen, und nach⸗ dem Herr Jos ſich in ſeiner pompöſen Weiſe und in ſei⸗ nem ungeſchlachten Deutſch nach der Perſon erkundigt hatte, die er ſuchte, hieß man ihn bis unter das Dach 293 ves Hauſes gehen, — über die Zimmer des erſten Stocks hinauf, wo einige Tabulettkrämer logirten, und ihre Bi⸗ jouterie⸗Waaren, ſowie ihre Brokate feil boten; über die Appartements im zweiten Stocke hinauf, die von dem Generalſtab der Spielbank beſetzt waren; über die Ge⸗ mächer des dritten Stockw erks hinauf, worin die berühmte boͤhmiſche Luftſpringer- und Gauklerbande hauste; und ſo fort bis zu den kleinen Dachſtübchen hinauf, wo Becky unter Studenten, Ranzen⸗ und Felleiſenträgern, kleinen Handwerksleuten, und unter allerlei Bauervolk, ſo ſich auf die Dauer der Feſte in der Stadt eingefunden, ein Neſt⸗ chen gefunden hatte: — eine Zufluchtsſtätte, ſo ſchmutzig und ſo klein, wie nur je eine, worin die Schoͤnheit ver⸗ ſteckt gelegen. Becky fand ein ſolches Leben ganz nach ihrem Ge⸗ ſchmacke. Sie fühlte ſich ganz behaglich unter den Ta⸗ bulettkrämern, Pointeurs, Gauklern und Studenten; und kannte Alles im Hauſe. Sie hatte ein wildes unſtätes Weſen, das ſie von ihren Eltern geerbt hatte, — von ihren Eltern, die theils aus Geſchmack, theils weil ſie durch die Umſtände ſich dazu gezwungen ſahen, ein unſtätes Leben führten: war kein Lord in der Nähe, ſo ſprach ſie mit deſſen Courier mit dem größten Vergnügen; das Ge⸗ lärm, das unruhige geſchäftige Weſen, das Trinken, das Rauchen, das Geſchwätz der hebräiſchen Tabulettkrämer, die feierlichen Aufſchneidereien der armen Luftſpringer, das Geplauder der duckmäuſerigen Spielbank⸗Officianten⸗ das Singen und die Renommiſterei der Studenten, ſowie das Geſumme und Gebrumme und Gemurmel in dem Gaſthauſe überhaupt hatten dem Weibchen gefallen und ſie gekitzelt, ſelbſt zu einer Zeit, wo das Glück ihr ganz ab⸗ hold war, und ſie nicht einmal die Mittel beſaß, um ihre Rechnung zu bezahlen. Wie angenehm war all' das Treiben für ſie, jetzt, wo ihre Börſe von dem Gelde voll war, das der kleine Georgh am bergangenen Abend für ſie gewonnen hatte. 294 Als Jos die letzte Treppe keuchend, und blaſend, und mit großem Geknarre heraufkam, und ſprachlos daſtand, wie er auf dem Treppenabſatze anlangte, und anfing, ſich das Geſicht abzutrocknen, und ſich nach Nro. 92. umzu⸗ ſchauen, in welchem Zimmer er die Perſon zu ſuchen hatte, mit der er zu ſprechen wünſchte, ſtand die Thüre des gegenüberliegenden Zimmers, Nro. 90., offen, und es lag darin ein Student in Kanonenſtiefeln und einem ſchmutzigen Schlafrocke, auf dem Bette; derſelbe rauchte aus einer langen während ein anderer Student mit langem, gelbem Haare, und in einem mit Schnüren und Quaſten reich verzierten, ungemein „flotten“, und eben⸗ falls ſchmierigen Rocke vor Nro. 92. auf den Knien lag, und der Perſon, ſo darin war, durch das Schlüſſel⸗ loch hindurch, flehentliche Bitten zubrüllte. „Fort, fort,“ ſagte eine wohlbekannte Stimme, die Jos beben machte. „Ich erwarte Jemand; ich erwarte meinen Großpapa. Cr darf Sie nicht bei mir finden.“ „O Engel von einer Engländerin!“ brüllte der kniende Student mit den weißlich braunen Locken und dem großen Fingerringe, „haben Sie doch Mitleid mit uns. Geben Sie doch ein „Stelldichein“! Speiſen Sie mit mir und Fritz in dem Gaſthauſe im Park. Wir werden gebratene Faſanen, und Porter, und Plum⸗Pudding, und franzö⸗ ſiſchen Wein beſtellen. Wir verſchmachten vor Sehn⸗ ſucht, wenn Sie unſerem Verlangen nicht willfahren.“ „Ja, das werden wir,“ ſprach der junge auf dem Bette liegende Edelmann. Und zu dieſem Zwiegeſpräche kam Jos; allein er verſtand das Geſagte nicht, da er ſich nie mit dem Stu⸗ dium der Sprache befaßt hatte, in der daſſelbe geführt wurde. „Newmero kattervang dooze, si vous platt,“ ſagte Jos in ſeiner grandioſeſten Manier, als er envlich zu ſprechen vermochte. 295 „Kater fang tu Isl“ ſagte der Student auf⸗ ſpringend. Und fort ſtürzte er in ſein Zimmer, deſſen Thüre er abſchloß, und wo ihn Jos mit ſeinem auf dem Bette liegenden Kameraden lachen horte. Der Herr aus Bengalen ſtand, durch dieſen Vorfall aus der Faſſung gebracht, da und wußte ſich nicht zu rathen und zu helfen, als die Thüre von Nro. 92. von ſelbſt aufging, und Becky's Köpfchen voll Schelmerei und Spitzbüberei herausguckte. Sie gewahrte Jos. „Ah, Sie ſind es „ ſprach Sie herauskommend. „Wie lange habe ich ſchon auf Sie gewartet! Warten Siel Noch nicht — in einem Augenblicke koͤnnen Sie hereinkommen.“ Und in dieſem Augenblicke verſteckte ſie ein Töpfchen mit Schminke, eine Flaſche mit Branntwein, und einen Teller mit verſchiedenen Fleiſch⸗Ueberreſten in dem Bette, bürſtete ihr Haar ein wenig glatt, und ließ endlich ihren Beſuch herein. Als Morgengewand diente ihr ein roſarother Domino, der zwar nicht ganz friſch, und etwas beſchmutzt, ſowie hie und da mit Pomade beſudelt war; aber man konnte ihre weißen ſchöͤnen Arme unter den weiten Aermeln des Kleides hervorſchimmern ſehen; und was das Kleid be⸗ trifft, ſo war es in einer Weiſe um ihre kleine Taille ge⸗ punden, die die nette kleine Figur derjenigen, ſo es trug, gar nicht übel hervorhob. Sie führte Jos an der Hand in ihr Dachſtübchen. „Kommen Sie herein,“ ſprach Sie. „Kommen Sie und ſprechen Sie mit mir. Setzen Sie ſich auf den Stuhl dort hin.“ und Sie gab der Hand des Civiliſten einen kleinen Druck, und ſetzte ihn lachend auf einen Stuhl. Sie ſelbſt aber ſetzte ſich auf das Bett — nicht auf die Flaſche oder auf den Teller, davon dürfen wir uns überzeugt hal⸗ 296 ten — worauf ſich Jos hätte ſetzen können, wenn er dieſen Sitz gewählt hätte; und ſo ſaß ſie da, und ſprach mit ihrem alten Anbeter. „Wie wenig Sie ſich doch während der langen Zeit verändert haben,“ ſagte ſie mit einem Blicke voll des zärtlichſten Intereſſes. „Ich würde Sie überall wieder erkannt haben; welch ein Troſt iſt es, wieder einmal das offene ehrliche Geſicht eines alten Freundes zu ſehen, wenn man ſich unter Fremden befindet.“ Sollen wir aber die Wahrheit ſagen, ſo hatte ſich in dieſem Augenblicke auf dem offenen ehrlichen Geſichte eher jeder andere Ausdruck, als der der Offenheit und Ehrlichkeit gemalt; im Gegentheile, es ſah gar verlegen und unruhig aus. Jos muſterte das wunderliche kleine Zimmerchen, in welchem er ſeine alte Flamme wiederfand. Einer ihrer Röcke hing neben dem Bette, ein anderer an einem Nagel an der Thüre; ihr Hut verdeckte den halben Spiegel, wo⸗ rauf gleichfalls das hübſcheſte broncefarbene Stiefeletten⸗ Pärchen lag; ein franzöſiſcher Roman lag auf dem Nacht⸗ tiſchchen; ebenſo ſtand auch ein Leuchter darauf, deſſen Kerze aber nicht von Wachs war. Becky hatte auch das in's Belt hineinſtecken wollen; hatte aber bloß das pa⸗ pierene Nachtmützchen auf die Seite gebracht, womit ſie, als ſie zu Bette ging, das Licht ausgelöſcht hatte. „Ich würde Sie überall wieder erkannt haben,“ fuhr ſie fort; „einem Frauenzimmer find gewiſſe Dinge ewig unvergeßlich. Und Sie waren der erſte Mann, den ich je — den ich je ſah.“ „Wirklich?“ ſagte Jos. „Gott ſtehe mir bei, es wird — es wird doch nicht ſo ſein.“ „Als ich mit Ihrer Schweſter von Chiswick kam, war ich kaum mehr als ein Kind,“ ſprach Becky. „Wie befindet ſich meine liebe Freundin? Ach, ihr Mann war ein ſchlechtes gottloſes Subject, und natürlich war nun 297 die arme liebe Amalle auf mich eiferſüchtig. Als ob ich mich um ihn bekümmert hätte, ha! ha! — zu einer Zeit, als Jemand da war, der — aber nein, — nein wir wollen das Alte ruhen laſſen.“ Und bei dieſen Worten fuhr ſie mit ihrem Taſchen⸗ tuche, woran die zerriſſenen Spitzen waren, über ihre Augenlider hin. „Iſt das nicht,“ fuhr ſie fort, „ein etwas ſonderbarer Ort für ein Frauenzimmer, das einmal in einer ſo gar verſchiedenen Welt gelebt hat? Es iſt ſo vieler Kummer und ſo vieles Unrecht über mich ergangen, Joſeph Sed⸗ ley, ich habe ſo Furchtbares ausſtehen müſſen, daß ich bis⸗ weilen faſt wie wahnſinnig bin. Ich kann an keinem Orte lange bleiben, ſondern muß ſtets ruhelos und unglücklich umherwandern. Alle meine Freunde ſind falſch gegen mich geweſen — ja alle. Auf der ganzen Welt iſt kein ehr⸗ licher Menſch zu finden. Ich bin das treueſte, rechtſchaf⸗ fenſte Weib geweſen, das je lebte, obgleich ich meinen Mann einzig und allein aus Aerger heirathete, weil ein Anderer — doch achten Sie nicht darauf. Ich war treu und rechtſchaffen, und zum Lohne dafür hat er mich mit Füßen getreten und mich ſitzen laſſen. Ich war die zärt⸗ lichſte Mutter. Ich hatte bloß ein Kind, ein allerliebſtes Kind, eine Hoffnung, eine Freude, — ein Kind, das mir an's Herz gewachſen, das mein Leben, mein Gebet, meine — meine Seligkeit warz und man — man hat es mir entriſſen — ja mir entriſſen.“ Und ſie legte mit einer leidenſchaftlichen, verzweiflungs⸗ vollen Geberde die Hand auf ihr Herz, und begrub ihr Geſicht einen Augenblick im Bette. Die im Bette liegende Branntweinflaſche ſtieß klirrend gegen den Teller, worauf ſich die kalte Wurſt befand. Ohne Zweifel waren beide gerührt, als ſie Zeugen eines ſo ungeheuchelten und ſo großen Kummers ſein mußten. Mar und Fritz ſtanden an der Thüre, und horten ver⸗ 298 wundert Mrs. Becky ſchluchzen und weinen. Auch Jos erſchrak nicht wenig, und war recht gerührt, als er ſeine alte Flamme in dieſem Zuſtande ſah. Sodann began Becky ihre Geſchichte zu erzählen — eine Geſchichte, ſo ſäuberlich, einfach und ungekünſtelt, daß demjenigen, der ſie horte, ganz klar ſein mußte, daß, wenn je ein Engel in weißen Kleidern vom Himmel her⸗ abgeſtiegen, um hienieden den hölliſchen Anſchlägen und den Niederträchtigkeiten teufliſcher Feinde ſich auszuſetzen, dieſes makelloſe Weſen — dieſe unbefleckte, unglückliche Märthrerin vor Jos auf dem Bette ſitze — auf dem Bette, auf der Branntweinflaſche ſitze. Sie ſprachen da ſehr lange, ſehr fre undſchaftlich, und vertraulich mit einander. Im Verlaufe dieſes Geſprächs erfuhr Jos Sedley (allein auf eine Weiſe, die ihn nicht im Mindeſten ſcheu machte oder beleidigte), daß Becky's Herz zum erſten Male ſchlagen gelernt, als ſie ſich in ſeiner bezaubernden Geſellſchaft gefunden; daß George Osborne ihr zwar den Hof gemacht, was ſie nicht ent⸗ ſchuldigen wolle, und was Amaliens Eiferſucht, und ihren kleinen Bruch zu erklären vermöge; daß aber Becky dem unglücklichen Ofſiziere nie die geringſte Hoffnung gemacht, und daß ſie keinen Augenblick aufgehört hätte, vom erſten Tage an, wo ſie Jos geſehen, an Letzteren zu denken, ob⸗ gleich ihre Pflichten als verheirathete Frau, wie natürlich, hätten vorgehen müſſen — Pflichten, denen ſie ſtets nach⸗ gekommen, und bis zu ihrem Todestage nachkommen würde, es wäre denn, daß das ſprüchwörtlich ſchlechte Klima, in dem Oberſt Crawley jetzt lebte, ſie von einem Joche be⸗ freien würde, das deſſen Grauſamkeit für ſie wahrhaft odiös gemacht. Jos verließ ſie, feſt überzeugt, daß ſie nicht allein die bezauberndſte, ſondern auch dietugendhafteſte aller Frauen ſei, und trug ſich mit allerlei wohlwollenden Plänen, die darauf berechnet waren, ſie wieder glücklich zu machen. Die Verfolgungen, denen ſie bis daher ausgeſetzt 299 geweſen, ſagte er, ſollten nun aufhören: ſie ſolle wieder der Geſellſchaft geſchenkt werden, zu deren Zierden ſie gehöre. Er wolle ſehen, was zu thun ſei. Allein das Erſte müſſe ſein, vaß ſie ihren jetzigen Ort verlaſſe, und eine ruhige Wohnung beziehe. Amalie müſſe ſie be⸗ ſuchen, und ihr wieder eine Freundin ſein. Er wolle ſich die Sache angelegen ſein laſſen, und fie in Ordnung bringen, und den Major darüber zu Rathe ziehen. Becky weinte Thrähnen innigſter Dankbarkeit, als ſie von ihm ſchied, und drückte ſeine Hand, als der galante dicke Herr ſich bückte, um die ihrige zu küſſen. So entließ Becky Freund Jos unter unendlich vielen Knickſen aus ihrem Dachſtübchen, und entwickelte dabei eben ſo viel Liebreiz, als ob der Ort, deſſen Honneurs ſie machte, ein Palaſt geweſen wäre. Nachdem der ſchwerfällige Herr die Treppe hinabge⸗ ſtiegen und verſchwunden war, kamen Marx und Fritz⸗ mit der Pfeife im Munde, aus ihrem Loche hervor; und nun amüſirte ſie ſich damit, daß ſie vor ihnen Jos nach⸗ äffte, während ſie ihre kalte Wurſt ſammt Brod gierig kaute, und ihrer Branntweinflaſche wacker zuſprach. Bei⸗ fügen müſſen wir indeſſen, daß ſie den Brantwein nur in der Form von Grog trank. Jos ging in hoöchſt feierlicher Weiſe in Dobbin's Wohnung hinüber, und theilte ihm da die rührende Ge⸗ ſchichte mit, die er ſo eben in ihren Einzelheiten erfahren, wobei er ſich jedoch hütete, der Spielgeſchichte vom Lo⸗ rigen Abende Erwähnung zu thun. Und ſo ſteckten die beiden Herren die Köpfe zuſammen, und beriethen ſich über die beſte Art und Weiſe, der Mrs. Becky zu nützen, wäh⸗ rend dieſe ihr ununterbrochenes déjeüner à la fourchette zu Ende brachte. Wie war ſie in die kleine Stadt gekommen? Wie kam es, daß ſie ſogar keine Freunde hatte, und ſo ganz allein in der Welt umherwanderte? 300 In der Schule lernen ſchon kleine Knaben, — Kna⸗ ben, die das erſte lateiniſche Buch in die Hand bekommen, daß in den Avernus gar leicht hinabzukommen ſei. Wir wollen daher die Zwiſchenzeit in der Geſchichte ihres Sinkens lieber ganz übergehen. Sie war jetzt nicht ſchlech⸗ ter, als in den Tagen ihres Glücks; nur war ſie jetzt ein Bischen „auf dem Hund.“ Was Mrs. Amalie betrifft, ſo war ſie ein ſo weich⸗ herziges, thörichtes Ding, daß ihr Herz, ſobald ſie von einem Unglücklichen hoͤrte, alsbald von Mitleid gegen den Lei⸗ denden überfloß; und da ſie ſelbſt nie Etwas gedacht oder gethan hatte, was für eine große Sünde hätte gelten können, ſo war ſie nicht von demjenigen Abſcheu gegen das Laſter erfüllt, der viel beſſer unterrichtete Moraliſten kennzeichnet. Wenn ſie Jeden, der ihr nahe kam, durch ihr freundliches Weſen und durch ihre Complimente ordentlich verwöhnte; — wenn ſie ſich, ſo oft ſie klingelte, bei allen ihren Die⸗ nern entſchuldigte, daß ſie ihnen ſo viele Mühe verur⸗ ſachen müſſe; — wenn ſie bei einem Ladendiener, der ihr ein Stück Seide zeigte, ſich entſchuldigte, oder einem Gaſſenkehrer einen Knicks machte, und denſelben mit ei⸗ ner ſchmeichelhaften Bemerkung über den netten Zuſtand der von ihm gekehrten Stelle beglückte — und ſie war faſt jeder dieſer Thorheiten fähig —, ſo konnte die Nach⸗ richt, daß eine alte Bekannte im Unglücke ſei, ihr Herz nicht anders als erweichen; auch wollte ſie nie davon hö⸗ ren, daß Jemand ſein Unglück verdiene. Eine Welt unter einer Geſetzgebung, wie die ihrige, würde durch ihre Ordnung ſich nicht eben vortheilhaft auszeichnen; allein es gibt nicht viele Frauen, wenigſtens unter den herrſchenden nicht, die ſind, wie ſie. Ich glaube gar, dieſe Frau würde alle Kerker, Strafen, Handſchellen, Peitſchenhiebe, Noth, Krankheit in der Welt abgeſchaft haben; und es war dieſelbe eine Creatur von ſo wenigem Muthe und ſo weniger Energie, daß ſie — wir müſſen es 301 offen geſtehen — ſogar eine tödtliche Beleidigung vergeſſen konnte. Als der Major durch Jos von dem ſentimentalen Abenteuer unterrichtet wurde, das Letzterer ſo eben gehabt, legte er, wie bekannt werden muß, bei Weitem nicht ſo viel Intereſſe dafür an den Tag, wie der Herr aus Ben⸗ galen. Im Gegentheil, ſeine Aufregung war weit entfernt, angenehmer Art zu ſein; er bediente ſich eines kurzen, aber unpaſſenden Ausdrucks, wenn er von einem armen, unglücklichen Weibe wirklich ſagte: „Iſt die loſe Dirne wie⸗ der einmal zum Vorſchein gekommen?“ Gr hatte ſie nie leiden können, und hatte vom erſten Augenblicke an, wo ihre grünen Augen den ſeinigen begegnet waren, und ſich ab⸗ gewendet hatten, ein herzliches Mißtrauen gegen ſie gehegt. „Das Teufelsweibchen ſtiftet überall Unheil, wohin ſie kommt,“ ſagte der Major in unehrerbietiger Weiſe. „Wer weiß, welches Leben ſie geführt hat; und was hat ſie hier in einem fremden Lande, und allein zu ſchaffen? Man ſpreche mir nicht von Verſolgern und Feinden; ein ehrliches Frauenzimmer hat ſtets Freunde, und iſt nie von ihrer Familie getrennt. Warum hat ſie ihren Mann ver⸗ laſſen? Er mag, wie Du ſagſt, ehrlos und ſchlecht gewe⸗ ſen ſein. Er war das ſtets. Ich erinnere mich noch gar gut des vermaledeiten Falſchſpielers, ſowie der Art und Weiſe, wie er den armen George zu blenden und zu be⸗ gaunern pflegte. War ihre Trennung nicht mit einem Scandal verbunden? Ich glaube, Etwas davon gehört zu haben,“ rief der Major aus, der ſich um Klatſchereien nicht viel kümmerte; und den Jos vergebens davon zu überzeugen ſuchte, daß Mrs. Becky in aller und jeder Hinſicht ein überaus tugendhaftes Frauenzimmer ſei, dem man fürchterliches Unrecht thue. „Nun, nun, wir wollen darüber Mrs. George hören,“ ſprach der Erzdiplomat von einem Major. „Wir wollen zu ihr hinübergehen, und ihre Meinung einholen. Hoffent⸗ 302 lich gibſt Du zu, daß ſie jeden Falls eine gute Richterin iſt, und weiß, was in ſolchen Dingen Recht iſt.“ „Hm Emmy iſt recht gut,“ ſprach Jos, der zufällig in ſeine Schweſter nicht verliebt war. „Recht gut? Bei Gott, Sir, ſie iſt die feinſte Dame, mit der ich je in meinem Leben zuſammengekommen,“ platzte der Major heraus. „Wir wollen ſie ein für alle⸗ mal fragen, ob man mit dieſem Weibe umgehen darf — ihrem Ausſpruche werde ich mich unterwerfen.“ Nun aber dachte der odiöſe, durchtriebene Schelm von einem Major bei ſich, daß er ſeiner Sache ſo ziem⸗ lich gewiß ſei. Emmy war einſt, wie er ſich erinnerte, furchtbar, und zwar mit Recht, auf Rebekka eiferſüchtig geweſen, und erwähnte des Namens der Letzteren nur mit Widerwillen und Entſetzen. Ein eiferſüchtiges Weib, dachte Dobbin, vergibt nie. Und ſo ging das Paar über die Straße zu Mrs. George hinüber. Letztere trillerte gerade höchſt zufrieden mit Madame Strumpff, die ihr eine Singſtunde gab. Als die Sängerin fort war, fing Jos an, in der ge⸗ pompöſen Weiſe mit ſeinem Anliegen herauszu⸗ rücken. „Meine gute Amalie,“ ſprach er, „ſo eben habe ich das außerordentlichſte, ja — Gott ſtehe mir bei! — das außerordentlichſte Abenteuer gehabt: — eine alte Freundin — ja, eine hoöchſt intereſſante alte Freundin von Dir, — eine alte, alte Freundin, kann ich ſagen, — iſt ſo eben hier angekommen, „und Du würdeſt mir einen großen Gefallen thun, wenn Du ſie beſuchteſt.“ „Sie!“ ſagte Amalie, „wer iſt es? Major Dobbin, zerbrechen Sie mir doch meine Scheere nicht.“ Der Major trieb nämlich das ſo eben genannte In⸗ ſtrument an dem Kettchen, an dem daſſelbe bisweilen auf den Leib ſeiner Beſitzerin hinabhing, raſch im Kreiſe um⸗ her, und brachte dadurch ſein eigenes Auge in Gefahr. . 303 „Es iſt ein Frauenzimmer, das ich nicht ausſtehen kann,“ ſagte der Major verdrießlich; „ein Frauenzimmer, das Sie gar keinen Grund haben, zu lieben.“ „Es iſt Rebekka, gewiß iſt es Rebekka,“ ſagte Amalie erröthend, und heftig erregt. „Sie haben Recht; und ſiets haben Sie Recht,“ antwortete Dobbin. Brüſſel, Waterlov, alte, alte Zeiten, Schmerzen Qualen, Erinnerungen ſtürmten wieder auf Amaliens ſanftes Herz ein, und verurſachten dort eine fürchterliche Aufregung. „Ich mag ſie nicht ſehen,“ fuhr Emmy fort. „Ich könnte ſie nicht ſehen.“ „Ich habe es Dir geſagt,“ ſagte Dobbin zu Jos. „Sie iſt gar unglücklich, und — und ſo fort,“ machte Jos geltend. „Sie iſt gar arm und unbeſchützt: und iſt krank — entſetzlich krank geweſen — und der Schurke von einem Mann hat ſie ſitzen laſſen.“ „Ah!“ ſagte Amalie. „Sie hat in der ganzen weiten Welt auch nicht einen Freund,“ fuhr Jos, nicht ungeſchickt, fort; „und ſie hat geſagt, ſie glaube, daß ſie ſich auf Dich verlaſſen könne. Sie iſt ſo unglücklich, Emmy. Sie iſt vor lauter Kum⸗ mer faſt wahnſinnig geweſen. Ihre Geſchichte hat mich ganz angegriffen — ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß dem ſo iſt: — ich kann ſagen, daß eine ſo grauſame Ver⸗ folgung wohl noch nie mit ſo engelgleicher Geduld und Ergebung ertragen worden iſt. Ihre Familie hat ſich äußerſt grauſam gegen ſie betragen.“ „Arme Creatur!“ ſagte Amalle. „Auch ſagt ſie, ſie glaube, es werde ihr das Leben koſten, menn ſie keinen Freund bekommen könne,“ fuhr Jos mit leiſer, bebender Stimme fort. — Gott ſtehe mir dei! Weißt Du auch, daß ſie ſchon einen Selbſtmords⸗ verſuch gemacht hat? Sie hat Laudanum bei ſich — ich 304 habe die Flaſche in ihrem Zimmer geſehen — in einem ſo miſerablen Stübchen — in einem Wirthshauſe dritten Rangs, im Elephanten, ganz unter dem Dache. Ich habe ſie dort aufgeſucht.“ Dieß ſchien Emmy nicht gar ſehr zu rühren. Sie lächelte ſogar ein Bischen. Vielleicht ſtellte ſie ſich Jos vor, wie derſelbe die Treppe keuchend hinaufſtieg. „Sie iſt vor Kummer ganz außer ſich,“ ſprach er weiter. „Die Qualen, die dieſes Frauenzimmer hat aus⸗ ſtehen müſſen, find fürchterlich: man ſchaudert, wenn man ſie davon ſprechen hört. Sie hatte einen kleinen Knaben, ſo alt, wie Georgy.“ „Ja, ja, ich glaube mich deſſen zu erinnern,“ be⸗ merkte Emmy. „Was weiter?“ „Es iſt das ſchönſte Kind, das man je geſehen,“ ſagte Jos, der, wie wir wiſſen, ſehr dick war, ſich leicht rühren ließ, und den Beckh mit ihrer Geſchichte wirklich zu rühren gewußt hatte; „ein wahrer Engel, der ſeine Mutter anbetete. Die Schurken haben ihr das ſchreiende Kind aus den armen geriſſen, und nie dulden wollen, daß daſſelbe ſie beſuche.“ „Mein lieber Joſeph,“ rief Emmy, mit einem Male aufſpringend, „wir wollen ſie alsbald aufſuchen.“ Und ſie begab ſich eiligſt in ihr anſtoßendes Schlaf⸗ zimmer, befeſtigte recht beunruhigt ihren Hut, kam mit ihrem Shawl auf dem Arme hexaus, und ließ an Dobbin den Befehl ergehen, ihr zu folgen. Er ging zu ihr hin und legte ihr den Shawl — es war ein weißer Kaſchemir⸗Shawl, den der Major aus Indien bekommen hatte — um. Er ſah, daß ihm Nichts übrig bleibe, als zu gehorchen; und ſo gab ſie ihm den Arm, worauf ſie abzogen. „Es iſt Nro. 92, über vier Treppen,“ ſprach Jos, der vielleicht nicht ſehr Willens war, die Treppen aber⸗ mal hinanzuſteigen; doch ſtellte er ſich an das Zimmer 305 ſeines Salons, der auf den FPlatz hinausgeht, wo das Gaſthaus zum Elephanten ſteht, und ſah das Paar über den Markt hingehen. Es war ebenſo gut, daß auch Becky ſie von ihrem Dachſtübchen aus ſah; denn dort plauderte und lachte ſie mit den zwei deutſchen Studenten. Letztere hatten allerlei Späße über das Aeußere von Becky's Großpapa, von deſſen Ankunft und Weggang ſie Zeugen geweſen waren, gemacht; allein ſie hatte noch ſo viel Zeit, ſie zu ent⸗ laſſen, und in ihrem Stübchen aufzuräumen, ehe der Gaſt⸗ geber zum Elephanten, der wußte, daß Mrs. Osborne am Durchlauchtigen Hofe ſehr in Gunſt ſtand, und ſie dar⸗ nach reſpektirte, mit Miladi und dem Herrn Major denen er während des Heraufſteigens beſtändig Muth einſprach, auf dem Dachboden angekommen war. „Gnädige Frau, gnädige Frau!“ ſprach der Gaſt⸗ geber, an Becky's Thüre klopfend. An dem vorangegangenen Tage hatte er ſie bloß Madame genannt, und hatte ſich keineswegs hoͤflich gegen ſie gezeigt. „Wer iſt es?“ ſagte Beckh, ihr Koͤpfchen heraus⸗ ſtreckend. Und alsbald ſtieß ſie einen kleinen Schrei aus. Emmy ſtand zitternd, und Dobbin, der lange Major, mit ſeinem Stocke da. Er rührte ſich nicht, und beobachtete bloß, nahm aber offenbar vielen Antheil an der Scene. Mit einem Male ſprang Emmy mit offenen Armen auf Rebekka zu, und vergab ihr in demſelben Augenblicke, und umarmte ſie, und küßte ſie von ganzem Herzen. Ach, du Elende, wann waren ſchon ſo reine Küſſe auf Deine Lippe gepreßt worden? Der Jahrmarkt des Lebens. W. 20 Sechsundſechzigſtes Rapitel. Amantium Irae. Ein ſo offenes und freundliches Weſen, wie das Ama⸗ liens, konnte und mußte wohl ſelbſt eine ſo verhärtete kleine Sünderin, wie Becky, rühren. Sie erwieverte Emmy's Liebkoſungen und freunvliche Worte mit Etwas, was ſehr wie Dankbarkeit ausſah, und einer Rührung, die, wenn ſie auch nicht andauerte, doch einen Augenblick faſt aufrichtig war. Das war ein Meiſterſtreich von ihr, als ſie von „dem ſchreienden, ihr aus den Armen geriſſe⸗ nen Kinde“ ſprach. Dieſes erſchütternde Unglück hatte unſerer Becky ihre Freundin wieder geſchenkt, und es war daſſelbe, wir dürfen uns darauf verlaſſen, einer der aller⸗ erſten Punkte, worüber unſere arme einfältige kleine Emmy mit ihrer wiedergefundenen Bekanntin zu ſprechen anfing. „Man hat Dir alſo Deinen Liebling entriſſen?“ rief unſere einfältige Amalie. „O Rebekka, arme liebe lei⸗ dende Freundin, ich weiß, was es heißt, einen Sohn zu verlieren, und kann für diejenigen fühlen, die einen ſolchen verloren haben. Allein hoffentlich wird der Himmel Dir den Deinigen wieder ſchenken, wie eine barmherzige, gnä⸗ dige Vorſehung mir den meinigen zurückgegeben hat.“ „Das Kind, mein Kind? Ach ja, die Qualen, die ich ausgeſtanden, ſind unausſprechlich,“ geſtand Becky, die vielleicht hier das Gewiſſen ein Bischen ſchlug. Es war ihr nicht ganz angenehm, ſogleich Lügen auftiſchen, und ſo vieles Vertrauen und ſo viele Einfalt alſo erwiedern zu müſſen; allein das iſt das Unglück, wenn man mit ſolchen Fälſchungen einmal den Anfang macht. Wird, „ 307 wenn ich mich ſo ausdrücken darf, eine Lüge fällig, ſo muß man alsbald eine andere ſchmieden, um die erſte ein⸗ löſen zu können, und ſo vervielfältigt ſich unvermeivlich die Anzahl der Lügen, die man in Umlauf geſetzt, und ſo wird die Gefahr der Entdeckung mit jedem Tage großer. „Meine Qualen,“ fuhr Becky fort, „waren entſetzlich (ſie wird ſich doch nicht auf die Branntweinflaſche ſetzen), als man ihn mir entriß; ich glaubte, es müſſe mir das Herz brechen; allein glücklicher Weiſe bekam ich ein Hirn⸗ fieber, während deſſen mein Arzt mich ſchon aufgab, und — und ich kam wieder auf, und — und bin nun hier, arm und ohne alle Freunde.“ „Wie alt iſt er?“ fragte Emmy. „Eilf,“ antwortete Becky. „Eilf!“ rief die Andere. „Ei, er wurde ja in dem⸗ ſelben Jahre geboren, wie Georgy, und dieſer iſt —“ „Ich weiß, ich weiß es,“ rief Becky aus, die in der That ganz vergeſſen hatte, wie alt der kleine Rawdon war. „Theuerſte Amalie, ich habe ſo Vieles vergeſſen: mein Kummer iſt Schuld daran. Ich bin gewaltig ver⸗ ändert: zuweilen bin ich halb verrückt. Er war eilf Jahre alt, als man ihn mir entriß. Der Himmel ſegne den holden Knaben; ich habe ſein Antlitz ſeit der Zeit meines Unglücks nicht wieder geſehen.“ „War er blond, oder hatte er ein dunkles Haar?“ fuhr die abſurde kleine Emmy fort. „Zeig mir doch ſein Haar.“ Becky lachte beinahe über ihre Einfalt. „Heute nicht, Beſte,“ ſagte ſie, „— ein ander Mal, wenn meine Koffer von Leipzig angekommen, von Wo ich mich hieher begeben habe. Dann werde ich Dir auch ein kleines Portrait von ihm zeigen, das ich in glücklicheren Tagen gemacht habe.“ „Arme Becky, arme Becky!“ ſprach Emmy. „Wie dankbar, wie dankbar muß ich da ſein!“ (obgleich ich 308 zweifle, ob jene Art von Frömmigkeit, die uns in frühe⸗ ſter Jugend von unſerem Frauenvolk eingeprägt wird, und welche darin beſteht, daß wir recht dankbar ſein ſollen, weil es uns beſſer geht, als Andern, auch eine ſehr ver⸗ nünftige religiöſe Uebung iſt). Und dann fing ſie, wie gewöhnlich, an zu denken, wie ihr Sohn der hübſcheſte, beſte und geſcheidteſte Knabe auf Gottes Erdboden wäre. „Du wirſt meinen Georgh ſehen,“ war das Beſte, woran Emmy, um Becky zu tröſten, denken konnte. „Wenn Etwas im Stande iſt,“ ihren Schmerz zu lindern, ſo iſt es das,“ dachte Emmy. Und ſo fuhren die beiden Frauen fort, eine Stunde, oder darüber, mit einander zu ſprechen, während welcher Zeit Becky Gelegenheit hatte, ihrer neuen Freundin eine vollſtändige Verſion ihrer Privatgeſchichte zu geben. Sie zeigte, wie ihre Heirath mit Rawdon Crawieh von der Familie unaufhoͤrlich mit Gefühlen des äußerſten Haſſes betrachtet worden; wie ihre Schwägerin (ein Weib voller Liſt) ihren Mann gegen ſie eingenommen; wie derſelbe odiöſe Verbindungen angeknüpft, die ihr ihn ganz ent⸗ fremdet; wie ſie aber von dem Weſen, das ſie am Mei⸗ ſten gellebt, Alles ertragen — Alles, Armuth, Vernach⸗ läßigung, Kälte — Alles um ihres Kindes willen; wie ſie endlich durch die flagranteſte Beſchimpfung ſo weit getrieben worden, daß ſie verlangt habe, von ihrem Manne geſchieden zu werden. Da habe der Elende die Frechheit ſo weit getrieben, daß er verlangt, ſie ſolle ihren guten Ruf aufopfern, um ihm durch den Kanal eines biel gel⸗ tenden und mächtigen, aber grundſatzloſen Mannes — des Marquis von Stehne nämlich, zu einer einträglichen Stelle zu verhelfen. Das abſcheuliche Ungeheuer! Becky legte bei der Erzählung dieſes Theils ihrer an Ereigniſſen ſo reichen Geſchichte die äußerſte weibliche Delicateſſe an den Tag, und ſtellte ſich, als tugendhaftes Weib, ungemein empört. —— —————— 309 Als ſie durch dieſe grobe Beſchimpfung ſich gezwun⸗ gen geſehen habe, das Dach ihres Mannes zu fliehen, habe, fuhr Becky fort, der feige Menſch ſeine Rache weiter getrieben, und habe ihr ihr Kind entriſſen. Und ſo komme es, daß ſie arm, unbeſchützt, ohne Freunde, und im Elend einherwandere. Emmy nahm dieſe Geſchichte, die ziemlich weitläufig erzählt ward, ſo auf, wie Diejenigen, die ihren Charakter kennen, denken mögen, daß ſie dieſelbe aufgenommen habe. Sie bebte vor Indignation bei dem Berichte über die Aufführung des erbärmlichen Rawdon und des grundſatz⸗ loſen Steyne. So lange Becky die Verfolgungen ihrer ariſtokrati⸗ ſchen Verwandten, und den Abfall ihres Manns beſchrieb, ſprachen die Augen Emmy's bei jedem Satze ihre Be⸗ wunderung aus. (Becky ſchmähte nicht auf ihn. Ihre Sprache war mehr die Sprache des Kummers, als die des Zorns. Sie hatte ihn bloß zu zärtlich geliebt; und war er nicht der Vater ihres Knaben ²) Und was die Trennungsſcene von dem Kinde hetrifft, ſo zog ſich, während Becky dieſelbe beſchrieb, Emmy ganz und gar hinter ihr Taſchentuch zurück, ſo daß die vollen⸗ dete kleine Schauſpielerin ganz entzückt geweſen ſein muß, als ſie die Wirkung bemerkte, die ihr Spiel auf ihr Publikum hervorbrachte. Während die Damen ſo miteinander ſprachen, ging Amaliens beſtändiger Geleitsmann, der Major, der ſie na⸗ türlich in ihrer Unterredung nicht ſtören wollte, und kein beſonders großes Vergnügen daran finden mochte, in dem engen Gange an der Treppe, an deſſen Decke er die Haare ſeines Huts abfegte, ſich herumzudrücken, in das Parterre⸗ geſchoß des Hauſes hinab, und in die große Wirthsſtube des Elephanten hinein, wo die Treppe endete. Dieſe Stube iſt ſtets voller Tabakrauch, der ſich darin wolkenartig an⸗ häuft; auch iſt ſie nicht wenig mit Bier beſprengt. Auf 310 einem ſchmierigen Tiſche ſtehen einige Dutzende meſſingene Leuchter von gleicher Größez es ſtecken Talglichter für die im Hauſe logirenden Gäſte, deren Schlüſſel in Reihen über den Lichtern hangen, darin. Emmy war erröthend durch das Zimmer hindurch gegangen, wo Leute jedes Stands und jedes Schlags bei⸗ ſammen waren: Tyroler Handſchuhhändler und Leinwand⸗ händler von der Donau mit ihren Päcken; Studenten, die ſich mit Butterbrod und Fleiſch labten; Müſſiggänger, die auf den naſſen, ſchmutzigen, bierigen Tiſchen Karten oder Domino ſpielten; Luftſpringer und Gankler, die während der Pauſen, die ſie machten, ſich erfriſchten: — mit einem Worte, all' der fumus und strepitus eines deutſchen Wirthshauſes zur Zeit der Meſſe. Der Kellner brachte dem Major einen Krug Bier, ohne ihn erſt gefragt zu haben. Unſer Freund aber zog eine Cigarre heraus, und wollte ſich mit dieſem verderb⸗ lichen Kraute, ſowie mit einer Zeitung amüſfiren, bis die, ſo er hieher begleitet, wieder herabkommen und nach ihm fragen würde. Es ſtand nicht lange an, ſo kamen auch Max und Fritz die Treppe herab. Sie hatten die Mütze ganz auf einer Seite des Kopfes ſitzen; ihre Sporen raſſelten, und ihre Pfeifen mit den Wappen und den koloſſalen Quaſten waren prächtig anzuſchauen. Sie hängten den Schlüſſel von Nro. 90 an das Brett, und verlangten die gewohnte Ration Butterbrod und Bier. Das Paar ſetzte ſich zu dem Major hin, und fing ein Geſpräch an, von dem er nicht umhin konnte, Einiges zu hören. Die Wörter, die darin am Häufigſten wieder⸗ kehrten, waren: „Fuchs,“ „Philiſter“ „Duell,“ und „großes Commers.“ Die Univerſität, der die Beiden angehörten, lag ganz in der Nähe, und hieß Schoppenhauſen, von welchem berühmten Muſenſitze ſie ſo eben im Eilwagen angekommen 31¹ waren, um ſich bei den Hochzeitsfeierlichkeiten zu Pumper⸗ nickel einzufinden. Wie es ſchien, ſo war Becky in ihrer Geſellſchaft gereist. „Die kleine Engländerin ſcheint en bays de gon- noissance zu ſein,“ ſprach Marx, der im Franzöſiſchen ſtark war, zu Fritz⸗ ſeinem Kameraden. „Als der alte Großpapa fort war, kam eine nette kleine Landsmännin. Ich habe ſie in dem Stübchen des kleinen Weibchens mit einander plappern und heulen hören.“ „Wir müſſen ihr die Concert⸗Billets abnehmen,“ ſagte Fritz. „Haſt Du Geld, Mar?“ „Bahl“ ſagte der Andere; „das Concert iſt ein Con⸗ cert in nubibus. Hans hat mir geſagt, daß ſie auch zu Leipzig eines angekündigt habe; und die Burſchen ha⸗ ben viele Billets genommen; allein ſie ging davon, ohne zu ſingen. Sie hat geſtern im Wagen geſagt, daß der Pianiſt, der ſie begleite, krank in Dresden liege. Sie kann nicht ſingen, das iſt mein feſter Glaube: ihre Stimme iſt um kein Haar beſſer, als die Deinige, o du renommi⸗ ſtiſches Bierfaß!“ „Ja, ja, ihre Stimme iſt nicht weit her; ich habe ſie eine ſchreckliche engliſche Ballade aus ihrem Fenſter heraus probiren hören. Es war die Ballade: be Rose upon de Balgony.“*“ „Saufen und Singen paßt nicht zuſammen,“ bemerkte Fritz mit der rothen Naſe, der offenbar der erſteren Art von Beluftigung den Vorzug gab. „Nein, Du darfſt ihr kein Billet abnehmen. Sie hat geſtern Abend im PTrente- et- quarante Geld gewonnen. Ich habe ſie geſehen! ein kleiner engliſcher Bube hat für ſie ſpielen müſſen. Wir wollen Dein Geld dort oder im Theater „hinausjagen““; oder aber „„wichſen““ wir ihr franzöſiſchen Wein oder Cognac im Aurelius⸗Garten. Doch die Billets nehmen wir ihr nicht ab. Was ſagſt Du, dazu? — Wie iſ's, trinken wir noch einen Krug Bier 7* 312 Und nachdem Beide ihre blonden Bärte in dem wi⸗ derlichen Getränke begraben hatten, kräuſelten ſie dieſelben, und gingen als flotte Burſche auf den Markt hinaus. Der Major, der geſehen hatte, wie der Schlüſſel zu . Nro. 90 an ſeinen Haken gehängt worden war, und das . Geſpräch der zwei „Burſchen“ gehört hatte, hatte keine Mühe, herauszufinden, daß ſie Becky gemeint hatten. „Daskleine Teufelchen probirt wieber die alten Streiche,“ dachte er, und lächelte, als er ſich die alten Zeiten ins Gedvächtniß zurückrief, wo er Zeuge von der verzweifelten Liebelei mit Jos, und dem komiſchen Ende des Abenteuers geweſen war. Er hatte nachher vft mit George varüber gelacht, und ſogar noch einige Wochen nach George's Heirath, wo auch Letzterer ſich in die Netze der kleinen Circe verſtrickt, und mit derſelben ein geheimes Verſtänd⸗ niß hatte, das ſein Kamerad allerdings muthmaßte, allein lieber ignorirte. William fühlte ſich zu ſehr verletzt, oder ſchämte ſich ₰ viel zu ſehr, um das ſchändliche Myſterium ergründen zu wollen, obgleich George einmal, und zwar in einer Weiſe, die offenbar Gewiſſensbiſſe von ſeiner Seite verrieth, dar⸗ auf angeſpielt hatte. Es war am Morgen der Schlacht von Waterloo, als die jungen Männer vor der Fronte ihrer Linie beiſammen ſtanden, und die ſchwarzen Maſſen von Franzoſen muſterten, welche auf den gegenüber lie⸗ genden Höhen aufgeſtellt waren; während der Regen herabſtrömte. „Ich habe mich mit einem Weibe in eine thörichte Intrigue eingelaſſen,“ ſagte George. „Es iſt mir recht 1 lieb, daß wir ausmarſchiren mußten. Wenn ich falle, ſo hoffe ich, daß Emmh nie Etwas davon erfährt. Ich wollte, die ganze Geſchichte wäre unterblieben!“ Und William freute es, denken zu können, wie er auch mehr denn ein Mal die Wittwe des alten George 3 mit dem Berichte getröſtet hatte, daß Osborne, nachdem —————— 313 er ausmarſchirt, ſowie nach dem Gefechte von Quatre Bras, am erſten Tage, in ernſter und liebevoller Weiſe mit ſeinem Kameraden von ſeinem Vater und ſeiner Frau geſprochen. Auf dieſe Thatſachen hatte auch William bei ſeinen Geſprächen mit dem ältern Osborne ſich wieder⸗ holt und nachdrücklich berufen; und ſo war er das Mittel geweſen, den alten Herrn, kurz vor ſeinem Tode, noch mit dem Andenken ſeines Sohnes auszuſoͤhnen. „Dieſes Teufelchen kann alſo das Intriguiren nicht laſſen,“ dachte William. „Ich wollte, ſie wäre hundert Meilen von hier. Wo ſie ſich zeigt, folgt ihr das Unheil auf dem Fuße nach.“ Und über dieſen Ahnungen und hochſt unangenehmen Gedanken brütete er, mit dem Kopfe zwiſchen den Hän⸗ den, und der Pumpernickel'ſchen Staatszeitung von ver⸗ gangener Woche vor der Naſe ler las die Zeitung aber nicht), als Jemand ihm ſanft mit dem Sonnenſchirme auf ſeſe ſchlug, und er aufſah, und Mrs. Amalie er⸗ te. Dieſe Frau hatte ſo eine Att, Major Dobbin zu tyranniſiren (denn auch der ſchwächſte aller Menſchen do⸗ minirt irgend Jemand), und es ſchickte dieſelbe ihn bald dahin, bald dorthin: ſie ſtreichelte ihn, und ließ ihn ap⸗ portiren, wie wenn er ein Hund von Newfoundländer⸗ Race geweſen wäre. Es freute ihn, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, auf ihr „Apport' Dobbin“ in's Waſſer ſpringen, und mit ihrem Reticül im Mund hinter ihr her⸗ traben zu können. Und wir müſſen ſagen, daß wir bei unſerer Geſchichte unſeren Zweck ſo ziemlich verfehlt ha⸗ ben, wenn der Leſer noch nicht gemerkt hat, daß der Ma⸗ jor ein Einfaltspinſel war. „Warum haben Sie nicht auf mich gewartet, Sir, um mich die Treppe hinab zu begleiten?“ ſagte ſie mit einem überaus ſarkaſtiſchen Knickſe, wobei ſie den Kopf ein Bischen in die Hohe warf. 314 „Ich konnte mich in dem Gange nicht aufrecht hal⸗ ten,“ antwortete er mit einem komiſchen, um Verzeihung bittenden Blicke. Auch würde er, entzückt, ihr den Arm geben, und ſie aus der abſcheulichen, mit Rauch angefüll⸗ ten Stube wegführen zu können, ohne Weiteres, und ohne an den Kellner zu denken, abmarſchirt ſein, wäre nicht der junge Kerl ihm nachgerannt, und demſelben es ge⸗ lungen, des Majors noch an der Thürſchwelle des Ele⸗ phanten habhaft zu werden, wo er von ihm Bezahlung 3 das Bier verlangte, das unſer Freund nicht conſumirt atte. Emmh lachte: nannte ihn einen nichtsnutzigen Mann, der davongehen wolle, ohne ſeine Schulden zu bezahlen; und machte wirklich einige Witze, die gar nicht übel an⸗ gebracht waren, und insbeſondere auf das Dünnbier paß⸗ ten. Sie war gar gut aufgelegt, und trippelte recht flink über den Marktplatz hin. Sie wollte Jos augenblicklich ſprechen. Der Major lachte über die ungeſtüme, von Mrs. Amalie an den Tag gelegte Liebe; denn der Fall, daß ſie ihren Bruder „augenblicklich“ ſprechen wollte, kam wirklich nicht gar häufig vor. Sie trafen den Civiliſten in ſeinem Salon im erſten Stocke; er war in dem Zimmer auf und ab gegangen, und hatte an den Nägeln gekaut, und hatte wenigſtens hundert Mal während der letzten Stunde über den Markt⸗ platz nach dem Elephanten hingeſehen, während Emmy bei ihrer Freundin im Dachkämmerchen ſaß, und der Major auf den ſchmierigen Tiſchen der Wirthsſtube im unterſten Geſchoße den Zapfenſtreich getrommelt hatte. Aber Jos verlangte es nicht wenig, Mrs. Osborne zu ſehen. „Nun?“ ſprach er. „Die arme gute Creatur, wie Viel ſie doch ausge⸗ ſtanden hat!“ ſagte Emmy. 3¹⁵ „Gott ſteh' mir bei, ja,“ ſagte Jos, mit dem Kopfe dergeſtalt wackelnd, daß ſeine Backen wie Gelée⸗Maſſen zitterten. „Sie kann im Zimmer der Payne wohnen, und Letz⸗ tere kann höher hinaufgehen,“ fuhr Emmy fort. Die Pahne war eine geſetzte engliſche Kammerjung⸗ fer, und bediente Mrs. Osborne; ihr macht der Courier, wie es auch nicht anders denn ſeine verdammte Schuldig⸗ keit war, den Hof. Georgy aber pflegte ſie mit deut⸗ ſchen Räuber⸗ und Geſpenſtergeſchichten entſetzlich zu äng⸗ ſtigen. Den größten Theil ihrer Zeit brachte ſie damit zu, daß ſie brummte, ihre Herrin commandirte, und ihre Abſicht kundgab, am nächſten Morgen nach Clapham, dem Orte, wo ſie gebören worden, zurückzukehren. 6 „Sie kann das Zimmer der Payne bewohnen,“ ſagte m my. „Sie werden doch aber das Weib nicht in's Haus wollen?“ platzte der Major heraus, und ſprang auf. „Ei warum denn nicht?“ ſagte Amalie auf die un⸗ ſchuldigſte Weiſe von der Welt. „Seien Sie nicht böſe und zerbrechen Sie die Möbeln nicht, Major Dobbin. Natürlich nehmen wir ſie auf.“ „Natürlich, mein Lieber,“ ſagte Jos. „Die arme Creatur, nach all' ihren Leiden,“ fuhr Emmy fort: „ihr abſcheulicher Bankier iſt bankerott und durchgegangen: ihr Mann — der heilloſe Schurke — hat ſie ſitzen laſſen, und hat ihr ihr Kind entriſſen“ (hier ballte ſie ihre zwei Fäuſichen, und hielt ſelbe in höchſt drohender Stellung vor ſich hin, ſo vaß es dem Major das größte Vergnügen machte, eine ſo unerſchrockene Vi⸗ rago zu ſehen), „das arme theure Ding! Ganz allein, und wirklich in die Nothwendigkeit verſetzt, Singſtunden zu geben, um nur leben zu können, — und ſie nicht auf⸗ zunehmen!“ 3¹6 „Nehmen Sie Unterricht bei ihr, meine liebe Mrs. George,“ rief der Major; „allein nehmen Sie ſie doch nicht in's Haus! Ich bitte Sie um Alles in der Welt.“ „Bah,“ ſagte Jos. „Sie, der Sie ſtets gut und freundlich find: der Sie es jedenfalls ſtets waren: — ich muß wirklich über Sie ſtaunen, Major William,“ rief Amalle. „Sagen Sie mir doch, gibt es einen beſſern Augenblick, ihr zu Hülfe zu kommen, als jetzt, wo ſie ſo im Elend iſt? Jetzt iſt die Zeit, ihr Dienſte zu erweiſen. Die älteſte Freundin, die ich je hatte, und nicht —“ „Sie war nicht immer Ihre Freundin, Amalie,“ ſagte der Major; denn er war ganz böſe. Dieſe Anſpielung war aber zu viel für Emmy, die dem Major beinahe grimmig in's Geſicht ſah und ſagte: „Ei, ſchämen Sie ſich doch, Major Dobbin!“ Nachdem ſie dieſen Schuß gethan, ſpazierte ſie mit hoͤchſt majeſtätiſcher Miene aus dem Zimmer, und ſchloß die Thüre recht lebhaft hinter ſich, und ihrer gröblich be⸗ leidigten Würde. „Darauf arzuſpielen!“ ſagte ſie, als vie Thüre zu war. „Ach, es war recht grauſam von ihm, mich daran zu erinnern.“ Und ſie blickte zu George's Portrait auf, das wie ſhtlich da hing, und darunter das Portrait des Kna⸗ en. „Es war recht grauſam Lon ihm,“ fuhr ſie fort. „Durfte er davon ſprechen, wenn ich es verziehen hatte? Nein. Und aus ſeinem eigenen Munde habe ich erfah⸗ ren, wie gott⸗ und grundlos meine Eiferſucht warz und daß Du rein wareſt, — ach ja, Du wareſt rein, mein im Himmel wohnender Heiliger!“ Zitternd und unwillig ging ſie im Zimmer auf und ab. Sie ſtützte ſich auf die Kommode, über der das Portrait hing, und ſchaute und ſchaute es an. Die Au⸗ ———. — 317 gen deſſelben ſchienen vorwurfsvoll auf ſie herabzublicken; und je länger ſie hinſah, um ſo vorwurfsvoller ſchien ihr Ausdruck zu werden. Die erſten theuren, theuren, und leider ſo kurzen Tage der Liebe ſtanden mit einem Male wieder vor ihrem Geiſte. Die Wunde, die ſo viele Jahre kaum zu vernarben vermocht hatten, blutete von Neuem, und ach, wie groß war der Schmerz! Sie konnte die Vorwürfe des dort vor ihr ſtehenden Gatten nicht aus⸗ halten. Es konnte nicht ſein. Nie, nie! Armer Dobbin; armer alter William! Ein unglück⸗ ſeliges Wort hat das Werk vieler Jahre — das langſam und mühſam zu Stande gekommene Gebäude eines Lebens voll Liebe und Treue, hat ein auf geheimen und verbor⸗ genen Grundlagen, worin Leivenſchaften, zahlloſe Kämpfe, unbekannte Opfer begraben lagen, ruhendes Gebäude ver⸗ nichtet: — ein Wörtchen war gefallen, und zuſammen⸗ ſtürzte der ſchöne Palaſt der Hoffnung — Ein Wort —, und hinweg flog der Vogel, den er ſein Lebenlang anzu⸗ locken verſucht hatte! Obwohl Amaliens Blicke William ſagten, daß eine große Kriſe gekommen, ſo fuhr er doch fort, Sedley in den energiſchſten Ausdrücken zu bitten, ſich vor Rebekka in Acht zu nehmen; er beſchwor Jos eifrigſt, ja faſt wie ein Wahnſinniger, dieſelbe nicht aufzunehmen. Er erſuchte Herrn Sedley, wenigſtens Erkundigungen über ſie einzu⸗ ziehen: erzählte ihm, wie er gehört, daß ſie ſich mit Spielern und Leuten von üblem Rufe herumtreibe; deutete auf das Unheil hin, das ſie ſchon früher angerichtet: wie ſie und Crawley den armen George ins Verderben ge⸗ ſtürzt: wie ſie nun, nach ihrem eigenen Geſtändniſſe, und wohl aus guten Gründen, von ihrem Manne getrennt wäre. Und endlich wies er darauf hin, welch' gefährliche Gefähr⸗ tin ſie für ſeine Schweſter ſein würde, die von den Din⸗ gen dieſer Welt Richts verſtünde. William bat Jos mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Beredtſamkeit, und mit 318 einer Energie, die weit größer war, als die ſo unſer ruhi⸗ ger Herr gewöhnlich an den Tag legte, inſtändig, Rebekta doch ja nicht aufzunehmen. Wäre er nicht ſo heftig, oder auch, wäre er geſchick⸗ ter geweſen, ſo hätte er vielleicht mit ſeinen Bitten bei Jos Glück gemacht; allein der Cuviliſt konnte das befehls⸗ haberiſche Weſen, das, wie er ſich einbildete, der Major ſich ſtets gegen ihn erlaubte, ſchon längſt nicht mehr lei⸗ den (er hatte wirklich Herrn Kirſch, den Courier, deſſen Rechnungen Major Dobbin auf dieſer Reiſe controlirte, und der es mit ſeinem Herrn hielt, für würdig erfunden, ihm dieſe ſeine Anſicht über den Major mitzutheilen), und begann eine polternde Rede über ſeine Fähigkeit, ſeine Ehre ſelbſt zu vertheidigen, ſowie ſeinen Wunſch, daß man ihn ungeſchoren laſſen, und ſich Niemand in ſeine Ange⸗ legenheiten miſchen möge, mit einem Worte, über ſeine Abſicht, ſich gegen den Major zu emporen, — als der etwas langen und ſtürmiſchen Unterredung auf die ein⸗ fachſte Weiſe von der Welt, d. h. durch die Ankunft der Mrs. Becky, der ein Hausknecht des Gaſthauſes zum Ele⸗ phanten ihr ſehr kleines Bündel nachtrug, ein Ende ge⸗ macht wurde. Sie grüßte mit liebevollem Reſpekte ihren Gaſtfreund, und in ziemlich furchtſamer, aber freundſchaftlicher Weiſe Major Dobbin, der, wie ihr Inſtinkt ihr alsbald ſagte, ihr Feind war und gegen ſie geſprochen hatte. Die Geſchäftigkeit, ſowie der Lärm, der mit der An⸗ kunft Becky's verbunden war, brachte Amalie aus ihrem Zimmer, die auf ihren Gaſt zuging, und denſelben mit größter Wärme umarmte, von dem Major aber nur in ſoweit Notiz nahm, als ſie ihm einen zornigen Blick zu⸗ warf — wohl der ungerechteſte und geringſchätzigſte Blick, der auf dem Geſichte des armen Weibchens ſeit ihrer Geburt ſich gezeigt hatte. Allein ſie hatte ihre eigenen Gründe, und wollte nun ſchlechterdings böſe auf ihn ſein. Und Dobbin ging, indignirt über die Ungerechtigkeit, M. 319 nicht über die Niederlage, hinweg und machte ihr eine Verbeugung, die gerade ſo hochmüthig war, wie der tödt⸗ liche Knicks, womit die kleine Frau für paſſend erachtet hatte, ihm Lebewohl zu ſagen. Als er fort war, war Emmy beſonders munter und freundſchaftlich gegenüber von Rebekka, und machte ſich in den Zimmern zu ſchaffen, und inſtallirte ihren Gaſt mit einem Eifer und einer Thätigkeit, die wir bei unſerer ruhigen kleinen Freundin nur ſelten zu bemerken Gelegen⸗ heit gehabt haben. Wenn aber ein Akt der Ungerechtig⸗ keit, und insbeſondere durch ſchwache Menſchen, verübt werden ſoll, ſo iſt es wohl am Beſten, wenn es recht raſch geſchieht; und Emmy dachte, ſie entwickle bei die⸗ ſem ihrem Benehmen viele Feſtigleit, und lege dabei ge⸗ gen den verſtorbenen Capitän Osborne die geziemende Verehrung und Geſinnung an den Tag. Georgy kam von den Feſtlichkeiten zum Eſſen nach Hauſe, und fand, wie gewöhnlich, für vier Perſonen ge⸗ deckt; allein einer der Plätze war von einer Dame, an⸗ ſtatt von Major Dobbin, eingenommen. „Hullo! Wo iſt Dob?“ fragte der junge Herr in ſeiner gewöhnlichen unceremoniöſen Weiſe. „Major Dobbin ſpeist vermuthlich in der Stadt,“ ſagte ſeine Mutter, und gab dem Knaben, indem ſie den⸗ ſelben zu ſich herzog, viele Küſſe, und ſtrich ihm das Haar aus der Stirn, und ſtellte ihn Mrs. Crawley vor. „Dieß iſt mein Knabe, Rebekka,“ fuhr Mrs. Osborne fort — womit ſie ſagen wollte: kann die Welt etwas Schoneres aufweiſen? Becky blickte ihn entzückt an, und vruckte ſeine Hand mit vieler Zärtlichkeit. „Theurer Knabe!“ ſprach ſie — „er iſt gerade, wie mein —“ Ihre tiefe Gemüthsbewegung ließ ſie nicht weiter ſprechen; allein Amalie wußte ſo gut, als ob Becky aus⸗ geſprochen, daß dieſelbe an ihr eigenes liebes Kind dachte. 3²⁰ Indeſſen fand Mrs. Crawleh ſich durch die Geſell⸗ ſchaft ihrer Freundin getröſtet, und ließ ſich das Eſſen recht wohl ſchmecken. Während des Eſſens hatte ſie Gelegenheit, mehrere Male zu ſprechen, wobei Georgy ſie immer anſah und mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörte. Beim Deſſert war Emmy hinausgegangen, um ſer⸗ nere häusliche Arrangements zu beaufſichtigen. Jos lag in ſeinem großen Lehnſtuhle und ſchlum⸗ merte mit ſeinem Galignani in der Hand. Georgy und die Neuangekommene ſaßen hart neben einander: er hatte fortgefahren, ſie mehr denn ein Mal ſt anzublicken, bis er endlich den Nußknaker weg⸗ egte. „Hören Sie einmal,“ ſagte Georgh. „Was willſt du mir ſagen?“ ſagte Becky lachend. „Sie ſind die maskirte Dame, die ich beim Rouge⸗ t⸗Noir geſehen habe.“ „Still! Du ſchlaues Geſchöpfchen,“ ſagte Becky, ſeine Hand erfaſſend und dieſelbe küſſend. „Dein Oheim war ja auch dort, und Mamma darf Nichts davon wiſ⸗ ſen.“ „Ach nein, — um Alles in der Welt nicht,“ ant⸗ wortete der kleine Kerl. „Du ſiehſt, wir find bereits ganz gute Freunde,“ ſagte Becky zu der jetzt wieder eintretenden Emmy. Und wir müſſen in der That geſtehen, daß Mrs. Osborne eine recht verſtändige und liebenswürdige Ge⸗ fährtin in ihr Haus aufgenommen hatte. 3 3 3 324 William ging, obwohl er noch nicht den ganzen Ver⸗ rath kannte, der ſeiner wartete, in einem Zuſtande großer Indignation und überaus wild in der Stadt umher, bis er auf den Legationsſecretär Tapeworm ſtieß, der ihn zum Eſſen einlud. Als ſie ſo beiſammen ſaßen und dem Eſſen zuſpra⸗ chen, fand ſich der Major veranlaßt, den Secretär zu fragen, ob er Nichts von einer gewiſſen Mrs. Rawdon Crawley wüßte, vie, wie er ſich zu erinnern glaubte, in London ziemlich viel von ſich ſprechen gemacht hätte. Tapeworm, der natürlich alle Londoner Klatſchereien kannte, und nebenbei noch ein Verwandter der Lady Gaunt war, ſchüttete in die Ohren des erſtaunten Majors über Becky und deren Gatten eine Geſchichte aus, worüber der Fragende ſich beinahe auf den Kopf ſtellte. Auf eben dieſelbe Weiſe erfuhr auch Schreiber dieſes, der vor Jah⸗ ren einmal das Vergnügen hatte, an dem nämlichen Tiſche zu ſpeiſen, alle Einzelheiten ſeiner Erzählung. Tufto, Steyan, die Crawleyhs, und ihre Geſchichte — Alles, was mit Becky und ihrem frühern Leben zuſammenhing, ließ der bittere Diplomat durch die Muſterung gehen. Er wußte über Jedermann Alles, und noch viel mehr, als das: — mit einem Wort, er machte dem Major, der, wie wir wiſſen, einfältigen Herzens war, ie überraſchend⸗ ſten Enthüllungen⸗ Als Dobbin ſagte, daß Mrs. Osborne und Herr Sedley ſie aufgenommen hätten, brach er in vin ſchallen⸗ des Gelächter aus, worüber ver Major ſich en etzte, und fragte, ob ſie nicht lieber aus dem Gefängniſſe vin Paar Herren mit geſchorenen Koͤpfen und gelben Jackenholen laſſen wollten, um dieſelben in Koſt und Logis zu neh⸗ men, — ein Paar jener Herren, die, immer paar eiſe an einander geſchmiedet, zu Pumpernickel die Gaſſen feg⸗ ten. Dieſelben könnten dann auch Hofmeiſtersſtelle b dem kleinen Taugenichts von Georgy verſehen. Der Jahrmarkt des Lebens. 1v⸗ 21 Der Major war über dieſe Nachrichten nicht wenig erſtaunt und entſetzt. Es war am Morgen (ehe die Zuſammenkunft mit Rebekka Statt fand) feſigeſetzt worden, daß Amalie am Abende ſich auf dem Hofballe einfinden ſollte. Das ſei wohl, dachte der Major, der beſte Ort, um ihr das Re⸗ ſultat ſeiner Erkundigungen mitzutheilen. —In Folge deſſen ging der Major nach Hauſe, zog ſeine Uniform an, und ging nach Hof, in der Hoffnung, Mrs. Osborne zu ſehen. Wer aber nicht kam, war Amalie. Als er nach ſeiner Wohnung zurückkehrte, brannte kein einziges Licht mehr im Sedley'ſchen Logis. Er konnte ſie daher nicht vor dem nächſten Morgen ſprechen. Wie er mit dem furchtbaren Geheimniſſe, das er mit ſich in's Bett nahm, ſchli nicht. Am nächſten Morgen ſchickte er in aller Frühe, das heißt, ſobald er glaubte, daß es der Anſtand zulaſſe, ſei⸗ nen Bedienten mit einem Billet hinüber, worin ſtand, daß er durchaus mit ihr ſprechen müſſe. Es kam eine Botſchaft zurück, des Inhalts, daß Mrs. Osborne äußerſt unwohl ſei, und ihr Zimmer hü⸗ ten müſſe. Auch ſie hatte die ganze Nacht nicht geſchlafen. Sie hatte an Etwas gedacht, was ſie ſchon hundert Mal vor⸗ her unruhig, gemacht hatte. Hundert Mal war ſie auf dem Punkte geſtanden, nachzugeben, und hundert Mal war ſie Vor einem Opfer zurückgebebt, das ihr, wie ſie fühlte, zu groß war. Sie konnte nicht, trotz ſeiner Liebe und ſeines treuen Ausharrens, und trotz ihrer eigenen zu Wag gekommenen freundſchaftlichen Achtung und Dank⸗ barkeit. Was ſind Wohlthaten, was iſt Treue, was find Verdienſte? Eine einzige Locke vom Kopfe eines Mäd⸗ „ weiß ich in der That 323 chens, ein einziges Haar vom Barte eines Mannes gibt in einer Minute den Ausſchlag gegen ſie alle. In den Augen Emmy's wogen ſie nicht mehr, als in denen einer andern Frau. Sie hatte ſie probirt; wollte ſie für voll⸗ wichtig annehmen; konnte nicht; und nun hatte das un⸗ barmherzige Weibchen einen Vorwand gefunden, und den Entſchluß gefaßt, ſich frei zu machen. Als endlich der Major im Laufe des Nachmittags vor Amalie gelaſſen wurde, erhielt er ſtatt des herzlichen und liebevollen Grußes, an den er nun ſchon lange ge⸗ wohnt war, einen Knicks, ſowie ein kleines behandſchuh⸗ tes Händchen, das aber kaum hingeſtreckt worden, als es ſchon wieder zurückgezogen ward. Rebekka befand ſich ebenfalls im Zimmer, und ging lächelnd und mit ausgeſtreckter Hand auf ihn zu. Dobbin zog ſich ziemlich verwirrt zurück. „Ich — ich bitte Sie um Vergebung, Ma'am,“ ſprach er; „allein ich muß Ihnen ſagen, daß ich jetzt nicht als Ihr Freund hier erſcheine.“ „Bah! Erſpar' uns doch das verdammte Zeug!“ Jos, der eine Scene vermieden wiſſen wollte, un⸗ ruhig. „Möchte wohl wiſſen, was Major Dobbin gegen Rebekka zu ſagen hat?“ ſagte Amalie mit leiſer, klarer leicht bebender Stimme, und mit einem Blicke, worin ſich große Entſchloſſenheit ausſprach. „Ich mag ſo Etwas nicht im Hauſe haben,“ fiel Jos wieder ein. „Ich ſage nochmals, ich mag es nicht haben: und Dich, Dobbin, bitte ich, ruhig zu ſein.“ Und zitternd und ſtark erröthend blickte er umher, worauf er mit gewaltigem Gekeuche auf ſeine Thüre zu⸗ ging. „Theurer Freund!“ ſprach Rebekka mit engelgleicher Sanftmuth, „hören Sie doch, was Major Dobbin gegen mich zu ſagen hat.“ „Ich mag es nicht hören, ſage ich,“ ſchrie Jos aus Leibeskräften, wobei ſeine Stimme einen quiekenden Ton annahm. Sofort wickelte er ſich in ſeinen Schlafrock, und marſchirte ab. „Wir ſind nur zwei Frauen,“ ſagte Amalie. „Sie können jetzt ſprechen, Sir.“ „Sie benehmen ſich auf eine Weiſe gegen mich, die Ihnen ſchwerlich ziemen möchte, Amalie,“ antwortete der Major hochmüthig; „auch glaube ich nicht, daß ich mir gewöhnlich ein rauhes Benehmen gegen Frauenzimmer zu Schulden kommen laſſe. Es iſt für mich gar kein Vergnügen, mich der Pflicht zu entledigen, die mir in dieſem Augenblicke obliegt.“ „Machen Sie es doch gefälligſt geſchwind ab, Ma⸗ jor Dobbin,“ ſprach Amalie, die immer verdrießlicher wurde. Der Ausdruck von Dobbin's Geſicht war nicht an⸗ genehm, als ſie in ſolch' gebieteriſcher Weiſe ſich verneh⸗ men ließ. „Ich bin gekommen, um Ihnen zu ſagen — und da Sie dableiben, Mrs. Crawley, ſo muß ich es in Ihrer Gegenwart ſagen —, daß ich glaube, daß Sie nicht in die Geſellſchaft meiner Freunde gehören. Eine Frau, die von ihrem Manne getrennt lebt, die unter einem an⸗ dern Namen reist, die an öffentlichen Spieltiſchen zu ſehen iſt —“ „Ich war auf den Ball gegangen,“ rief Becky aus. 4 „— iſt keine paſſende Gefährtin für Mrs. Osborne und deren Sohn,“ fuhr Dobbin fort: „auch konn ich hinzuſetzen, daß hier Leute leben, die Sie kennen, und in Betreff Ihres Lebens Dinge zu wiſſen behaupten, die ich vor — vor Mrs. Osborne nicht einmal erwähnen möchte.“ „Ihre Verläumdung iſt von ſehr beſcheidener und 325 bequemer Art, Major Dobbin,“ ſagte Rebekka. „Sie ſchleudern gegen mich eine ſchwere Anklage, ohne dieſelbe gehörig zu formuliren, und laſſen mich ſo unter der Wucht derſelben. Was iſt es? Wirft man mir Un⸗ treue gegen meinen Mann vor 2 Ich verachte dieſe Anklage, und fordere Jedermann auf, Beweiſe gegen mich zu liefern; — ich wiederhole es, liefern Sie mir Beweiſe. Meine Ehre iſt ſo makellos, wie die des bitterſten Feindes, der mich je verläſtert. Wollen Sie ſagen, ich ſei arm, ver⸗ laſſen, im Unglücke, und klagen Sie mich deßhalb an ? Ja, dieſer Fehler bin ich ſchuldig, und täglich werde ich dafür beſtraft. Laß, mich gehen, Emmy. Ich darf mir ja nur einbilden, ich habe Dich nicht gefunden, und bin heute nicht ſchlimmer daran, als geſtern. Ich brauche mir bloß einzubilden, die Nacht ſei nun vorüber, und die arme Wandererin wieder auf ihrem Wege. Erinnerſt Du Dich nicht mehr des Liedes, das wir in guten, alten Zeiten, woran ich ſo gern denke, mit einander zu ſingen pflegten? Seit jener Zeit habe ich ſtets umherirren müſſen — eine arme Verſtoßene, verachtet, weil ich im Unglücke bin, und inſultirt, weil ich allein ſtehe. Laß' mich gehen: mein Aufenthalt bei Dir paßt nicht in den Kram dieſes Herrn.“ „Sie haben Recht, Madame,“ ſprach der Major, „Wenn ich in dieſem Hauſe einige Autorität beſitze —“ „Autorität? Keine!“ platzte Amalie heraus. „Re⸗ bekka, Du bleibſt bei mir. Ich werde Dich nicht verlaſ⸗ ſen, weil Du verfolgt worden biſt; auch werde ich Dich nicht inſultiren, weil — weil es Major Dobbin alſo zu thun beliebt. Komm' mit mir, Liebe!“ Und die beiden Frauenzimmer gingen auf ihre Thüre zu. William öffnete dieſelbe. Als ſie aber im Begriffe waren, hinauszugehen, er⸗ griff der Major Amaliens Hand und ſagte: „Wollen Sie noch einen Augenblick bleiben und mit mir ſprechen?“ „Er will mich forthaben, um mit Dir allein zu h ſagte Becky, und ſah dabei wie eine Märtyre⸗ rin aus. Als Antwort darauf faßte Amalie ſie bei der Hand. „Auf meine Ehre, ich will nicht über Sie ſprechen,“ ſagte Dobbin. „Kommen Sie zurück, Amalie!“ Und ſie kam zurück. Dobbin verbeugte ſich gegen Mrs. Crowley, als er hinter ihr die Thüre ſchloß. Amalie lehnte ſich gegen den Spiegel, und blickte ihn an: ihr Geſicht, ſowie ihre Lippen waren ganz weiß. „Ich war verwirrt, als ich ſo eben mit Ihnen ſprach,“ ſagte der Major nach einer Pauſe: und ich hätte das Wort Autorität nicht gebrauchen ſollen; es war nicht am rechten Platze.“ „Sie haben es aber gebraucht,“ ſagte Amalie, der die Zähne klapperten. „Ich kann wenigſtens verlangen, daß man mich an⸗ höre,“ fuhr Dobbin fort. „Es iſt recht großmüthig von Ihnen, mich an un⸗ ſere Verbindlichkeiten gegen Sie zu erinnern,“ antwortete die Frau. „Wenn ich ſage, ich könne verlangen, daß man mich anhoͤre, ſo will ich damit nur das Recht bezeichnen, das ich von Georgy's Vater überkommen habe,“ ſprach Wil⸗ liam. „Ja, und Sie haben deſſen Andenken inſultirt. Das thaten Sie geſtern. Sie wiſſen es wohl. Auch werde ich Ihnen das nie verzeihen. Nie!“ ſagte Amalie. Jeden dieſer kleinen Sätze begleiteten ein Zorn und 327 eine Gemüthsbewegung, welche die Sprechende ordentlich beben machten. „Es iſt das doch nicht Ihr Ernſt, Amalie,“ ſprach William traurig. „Hoffentlich ſollen doch dieſe in der Uebereilung geſprochenen Worte nicht ein ganzes Leben voller Hingebung aufwiegen? Ich glaube, daß Georges Andenken durch meine Worte nicht geſchmäht worden iſt, und wenn es denn zu ärgerlichen Vorwürfen kommen ſoll, ſo kann ich Ihnen nur ſagen, daß ich wenigſtens von ſeiner Wittwe und der Mutter ſeines Sohnes keine verdiene. Denken Sie ſpäter noch darüber nach, wenn — wenn Sie Muße haben, und gewiß wird alsdann Ihr Gewiſſen dieſe Anklage zurücknehmen. Ja, es nimmt das⸗ ſelbe ſie jetzt ſchon zurück.“ Amalie ließ den Kopf ſinken. „Nicht die geſtern geſprochenen Worte ſind es, was Sie bewegt,“ fuhr er fort. „Das iſt nur der Vorwand⸗ Amalie; oder aber habe ich Sie ſeit fünfzehn Jahren ver⸗ gebens geliebt und beobachtet. Habe ich nicht während die⸗ ſes Zeitraums alle Ihre Gefühle leſen, und alle Ihre Ge⸗ danken durchſchauen gelernt 2 Ich weiß, weſſen Ihr Herz fähig iſt: es kann ſich treu an eine Erinnerung an⸗ klammern, und einer Phantaſie nachhangen; allein es kann keine Anhänglichkeit fühlen, wie ſie zu der meinigen paßt, wie ſie die meinige verdient, und wie ich ſie bei einem großmüthigeren Frauenzimmer, als Sie ſind, auch gefunden haben würde. Rein, Sie ſind der Liebe nicht würdig, die ich Ihnen geweiht. Ich habe mir keinen Augenblick verhehlt, daß der Preis, für den ich mein Le⸗ ben eingeſetzt, nicht werth ſei, daß ich ihn zu gewinnen ſuche; daß ich ein Thor ſei, der, ſich in Phantaſien wie⸗ gend, ſeine ganze Wahrheit und ſeine ganze Gluth gegen einen kleinen ſchwachen Ueberreſt von Liebe vertauſche. Länger will ich nun nicht handeln; ich ziehe mich zurück. Ich mag Sie nicht tadeln. Sie ſind recht gutmüthig, und haben ſiets gethan, was in ihren Kräften ſtand; allein Sie konnten nicht — Sie konnten ſich nicht bis zu der Höhe der Liebe aufſchwingen, die ich für Sie hegte, und die eine größere Seele, als die Ihrige, vielleicht mit Stolz getheilt haben würde. Leben Sie wohl, Amalie! Ich habe Ihre Kämpfe geſehen. Wir wollen der Sache nun ein Ende machen. Wir Beide ſind des Spieles ja müde.“ Amalie ſtand furchtſam und ſchweigend da, während William ſo plötzlich die Kette, an der ſie ihn bis jetzt ge⸗ fangen gehalten, zerriß, und ſeine Unabhängigkeit, ſowie ſeine Superivrität erklärte. Er hatte ſich ihr ſo lange zu Füßen gelegt, daß das arme kleine Weibchen ſich da⸗ ran gewöhnt hatte, ihn mit Füßen zu treten. Sie wollte ihn nicht heirathen; und doch wünſchte ſie, ihn an ihre Perſon zu feſſeln. Sie wollte ihm Nichts bieten; er aber ſollte ihr Alles geben. Es iſt dieß ein Handel, der in Liebesangelegenheiten gar häufig vorkommt. William's Ausfall hatte ſie ganz niedergeſchlagen. Ihr Angriff war ſchon längſt vorüber und zurückge⸗ ſchlagen. „Soll ich Sie alſo ſo verſtehen, — daß Sie ge⸗ ſonnen ſeien, fort — fortzugehen — William 2“ ſagte ie. Er lachte trübe. „Schon einmal ging ich fort,“ ſagte er, „und kam nach zwölf Jahren zurück. Damals waren wir noch jung, Amalie. Leben Sie wohl. Ich habe bei dieſem Spiele genug von meinem Leben vergeudet.“ Während ſie ſo mit einander geſprochen hatten, war die in Mrs. Osborne's Zimmer führende Thüre ein Bis⸗ chen aufgegangen: und in der That hatte Rebekka den Griff der Thüre feſtgehalten, und denſelben ein klein wenig niedergedrückt, ſobald Dobbin's Hand nicht mehr darauf lag. 329 „Welch' edles Herz hat doch dieſer Mann,“ dachte ſie; „und welch' ſchändliches Spiel treibt dieſes Weib damit.“ Sie bewunderte Dobbin, und trug es ihm nicht nach, daß er Partei gegen ſie ergriffen hatte. Es war ein offener Zug im Spiele, und es waltete dabei keine Un⸗ ehrlichkeit vb. „Ah!“ dachte Becky weiter, „hätte ich nur einen ſolchen Mann bekommen — einen Mann von Kopf und Herz! Ich würde auf ſeine großen Füße nicht geachtet haben.“ In demſelben Augenblicke eilte ſie auf ihr Zimmer, ſann über Etwas nach, und ſchrieb ein Billet an ihn, worin ſie ihn bat, noch einige Tage zu bleiben; und nicht an's Weggehen zu denken. Beigefügt war noch, daß ſie ihm bei Amalien von Nutzen ſein könne. Der Abſchied war vorüber. Noch einmal ging der arme William nach der Thüre hin und verſchwand dann. Die Urheberin von all' Dieſem, die kleine Wittwe, hatte nun ihren Willen, hatte den Sieg davongetragen, und konnte ſich nun deſſelben nach Herzensluſt erfreuen. Mögen die Damen ihren Triumph beneiden! Zur romantiſchen Eßſtunde erſchien Herr Georgy, und bemerkte abermals die Abweſenheit des „alten Dob.“ Das Mahl wurde von der Geſellſchaft in aller Stille eingenommen; Jos⸗ Appetit war der gewöhnliche, allein Emmy aß gar Nichts. Nach dem Mahle lag Georgy, geſtützt auf Polſter, in dem großen alten Erkerfenſter, das auf der einen Seite den Marktplatz, wo das Gaſthaus zum Elephanten ſteht, beherrſcht, und dem das intereſſante Haus, worin der Major logirte, gegenüber lag: — Georgy lag alſo in dieſem Fenſter, und ſeine geſchäftige Mutter war gar nicht weit von ihm weg, Mit einem Male bemerkte der Knabe im Hauſe des 330 Majors, auf der andern Seite der Straße, Symptome der Bewegung. „Hullo!“ ſagte er, „da iſt ja Dob's „„Truhe““ — man bringt ſie aus dem Hofe heraus.“ Die in Frage ſtehende „Truhe“ war ein Wagen, den der Major für ſechs Pfund Sterling gekauft hatte, und wegen deſſen er gar oft aufgezogen wurde. * Sun fuhr ein Bischen zuſammen, ſagte aber keine ylbe. „Hullo!“ fuhr Georgh fort, „da kommt ja Franz mit den Koffern heraus; und dort kommt Kunz, der einäugige Poſtillon mit drei Schimmeln über den Marktplatz her. Sehen Sie doch einmal ſeine Stiefeln und ſeine gelbe Jacke an, Mama: — ſieht der Kerl nicht kurivs aus? Was — man ſpannt die Pferde an Dob's Wagen? Macht er denn eine Reiſe 2“ „Ja,“ ſagte Emmyz „er macht eine Reiſe.“ „Macht eine Reiſe? Und wann kommt er denn wieder?“ „Er kommt — kommt nicht wieder,“ antwortete Emmy. „Kommt nicht wieder!“ rief Georgh aufſpringend. „Da geblieben, Sir!“ brüllte Jos. „Bleib, da, Georgy,“ ſagte ſeine Mutter mit gar trübem Geſichte. Der Knabe blieb da, ſprang im Zimmer hin und her; hüpfte auf den Fenſterſitz, kniete dort, und hüpfte wieder herab, und zeigte mit einem Worte alle Symptome der Unruhe und Neugierde. Endlich war angeſpannt. Die Koffer waren feſtge⸗ ſchnallt. Franz kam mit dem Degen und dem Stocke, und dem Regenſchirme ſeines Herrn, welche zuſammen ein Bündel bildeten, heraus, und legte letzteres in das Flaſchenfutter der Kutſche: das Pult, ſowie das alte zin⸗ nerne Hutfutteral dagegen ſtellte er unter den Sitz. — 331 Franz brachte auch den alten, blauen, mit vielen Flecken verſehenen, und mit rothem Camelot ausgeſchlagenen Mantel heraus, der ſeit fünfzehn Jahren ſeinen Beſitzer gar oft geſchützt, und, wie es in einem zu jener Zeit be⸗ kiebten Liede hieß, gar manchen Sturm erlebt hatte. Der Mantel war neu, als es im Jahre 1815 nach Belgien ging, und hatte George und William nach der Schlacht bei Quatre⸗Bras bedeckt. Der alte Burck, der Beſitzer des Hauſes, in dem der Major wohnte, kam heraus; ſodann erſchien Franz mit noch mehr Gepäck — es war das letzte: — endlich zeigte ſich auch Major William. Burck wollte ihn küſſen; denn wir müſſen hinzuſetzen, daß der Major von allen Leuten, mit denen er zu ſchaffen hatte, angebetet wurde. Es koſtete dem guten Maior nicht wenig Mühe, ſich dieſer Liebesdemonſtration zu entziehen. „Beim Zeus, ich will gehen,“ ſchrie Georgy. „Gib ihm das,“ ſagte Becky in einem Tone, der viele Theilnahme verrieth, und ſteckte dem Kleinen ein Papierchen in die Hand. In einem Nu war derſelbe unten an der Treppe, und drüben über der Straße. Der gelbe Poſtillon knallte ein wenig mit ſeiner Peitſche. William war in den Wagen geſtiegen, nachdem er von den Umarmungen ſeines Hauswirths erlost war⸗ Georgy hüpfte hinter dem Major hinein, und ſchlang ſeine Arme um deſſen Hals (wie man vom Fenſter aus ſah), und fing vann an, ihm gar viele Fragen vorzulegen. Sovann ſteckte er die Hand in die Weſtentaſche, und zog ein Billet heraus, das er dem Major gab. William ergriff es ziemlich eifrig, und öffnete es zitterndz allein alsbald nahm ſein Geſicht einen andern Ausdruck an. Er riß das Billet in zwei Stücke, und warf dieſelben zum Wagen hinaus. 332 Sodann küßte er Georgy auf den Kopf, und der Knabe ſtieg mit Franzens Hülfe aus. Seine Augen wa⸗ ren durch ſeine geballten Fäuſte verdeckt. „Fort, Schwager!“ Und nun fing der gelbe Poſtillon an, mit ſeiner Peitſche ungeheuer zu knallen; Franz ſprang auf den Bock, und fort galoppirten die Schimmel. Dobbin ließ den Kopf auf die Bruſt herabſinken. Er ſah nicht hinauf, als es an Amaliens Fenſter vorüber⸗ ging; und Georgy, der allein auf der Straße zurückge⸗ blieben war, fing mit einem Male vor der ganzen Men⸗ ſchenmenge heftig zu weinen an. Emmy's Kammerjungfer hörte ihn im Laufe der Nacht wieder heulen, und hrachte ihm eingemachte Aprikoſen, um ihn einigermaßen zu tröſten. Ihre Wehklagen vermiſchten ſich mit den ſeinigen. Alle armen, alle niedrigen, alle ehrlichen, alle guten Leute, die den gutherzigen und ſchlichten Herrn kannten, liebten ihn. Und Emmy? Hatte ſie nicht gethan, was ihr die Pflicht gebot? Zu ihrem Troſte hatte ſie das Portrait George's. Siebenundſechzigſtes Rapitel. Enthaltend Geburten, Heirathen und Todesfälle. Welcher Art immer der geheime Plan Becky's ſein mochte, wodurch Dobbin's treue Liebe mit Erfolg gekrönt werden ſollte, ſo dachte voch die kleine Frau, daß ſich das Geheimniß wohl bewahren laſſen würde. Und in der That hatte ſie, da ſie bei Niemands Wohlergehen ſo ſehr intereſſirt war, wie bei ihrem eigenen, viele Dinge zu be⸗ rückſichtigen, die ſie ſelbſt betrafen, und die ihr weit mehr am Herzen lagen, und ſie weit mehr angingen, als Major Dobbin's Lebensglück. Mit einem Male, und ohne daß ſie es erwartet, be⸗ fand ſie ſich in einem guten, comfortablen Quartiere, um⸗ 25 geben von Freunden, liebevoller Aufmerkſamkeit, und gut⸗ müthigen ſchlichten Leuten, — was ihr ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr begegnet war; und wenn ſie auch gezwun⸗ gen und aus Neigung in der Welt herumzog, ſo gab es doch auch Augenblicke, wo die Ruhe ihr angenehm war; wie auch der abgehärtetſte Araber, der je auf dem Höcker eines Dromedars über die Wüſte hineilte, bisweilen gern unter den Dattelbäumen am Waſſer ausruht, oder Städte aufſucht, in den Bazars auf⸗ und abgeht, ſich in den Bädern erfriſcht, und in den Moſcheen ſeine Gebete ver⸗ richtet, ehe er wieder auf Raub auszieht. Jos Zelte und Pilau kamen der kleinen Jsmaelitin ſehr erwünſcht. Sie band ihr Roß an einen Pfahl, hängte ihre Waffen auf, und wärmte ſich an ſeinem Feuer, und ließ es ſich dort behagen. Dieſer Halt in ihrem unruhi⸗ gen Vagabunden⸗Leben war für ſie unausſprechlich ange⸗ nehm und erquickend. 334 Da ſie ſo ſelbſtzufrieden war, ließ ſie es ſich möglichſt angelegen ſein, auch den Andern zu Gefallen zu leben, und es iſt uns ja bekannt, daß ſie in dieſer Kunſt eine ſeltene Virtuoſität beſaß, und ungemein viel Glück hatte. Was Jos betrifft, ſo hatte ſie ſchon bei der kleinen Unterredung im Dachſtübchen des Gaſthauſes zum Ele⸗ phanten Mittel gefunden, ſeine Zuneigung großen Theils wieder zu gewinnen. Im Laufe einer Woche hatte der Civiliſt ſich in ihren allerunterthänigſten Sclaven und fa⸗ natiſchen Bewunderer verwandelt. Nach dem Diner ſchlief er nun nicht mehr, wie es ihm in der weit weniger leb⸗ haften Geſellſchaft Amaliens in der Regel paſſirte. Er fuhr mit ihr in ſeinem offenen Wagen aus. Er veran⸗ ſtaltete kleine Geſellſchaften in ſeinem Hauſe, und erſann, um ihr recht viele Ehre zu erweiſen, Feſtivitäten. Tapeworm, der Legationsſecretär, der ihr ſo üble Dinge nachgeſagt, erſchien ebenfalls, und ſpeiste bei Jos, und kam dann jeden Tag, um Becky ſeine Ehrerbietung 3 erweiſen. Um die arme Emmy, die zu keiner Zeit ſehr geſprächig geweſen, und nach Dobbin's Abreiſe ſchwer⸗ müthiger und ſchweigſamer, als je, war, kümmerte ſich gar Niemand mehr, wenn das uns bekannte Genie erſter Klaſſe ſich zeigte. Der franzöſiſche Miniſter war von Becky nicht weni⸗ ger bezaubert, als ſein engliſcher Nebenbuhler. Die deutſchen Damen, die, was die Sittlichkeit, und insbeſondere bei Engländern und Engländerinnen, betrifft, nie ſehr difftril ſind, waren ganz entzückt von dem Ver⸗ ſtande und dem Witze der bezaubernden Freundin der Mrs. Osborne; und obgleich ſie nicht das Verlangen aus⸗ geſprochen hatte, bei Hofe zu erſcheinen, ſo hoörten doch die allerhöchſten und durchlauchtigſten Perſonen von ihrem bezaubernden Weſen, und konnten es kaum erwarten, bis ſie ihre Bekanntſchaft machten. Als es bekannt wurde, daß ſie von Adel ſei; daß ſie — — 335 einer alten engliſchen Familie angehöre; und daß ihr Gatte Garde⸗Oberſt, Excellenz und Gouverneur einer Inſel ſei, der von ſeiner Frau nur wegen einer jener unbedeu⸗ tenden Differenzen getrennt lebe, die in einem Lande, wo man „den Werther“ immer noch liest, und die „Göthe'⸗ ſchen Wahlverwandtſchaften“ als ein erbauliches, morali⸗ ſches Buch angeſehen werden, nur wenig zu bedeuten haben, ließ es ſich niemand mehr einfallen, ihr Erſcheinen in ver allerhöchſten Geſellſchaft des Herzogthums unpaſſend zu finden; und es waren die Damen bei ihr mit ihrem ver⸗ traulichen „Du“, und ihren Verſicherungen ewiger Freund⸗ ſchaft noch bälder da, als früher bei Amalien. Bei den ſimplen Deutſchen werden Liebe und Frei⸗ heit auf eine Weiſe gedeutst, die die guten Leute in Yorkſhire und Somerſetſhire nur wenig verſtehen, und in einigen philoſophiſchen und civilifirten Städten des guten Deutſch⸗ lands kann eine Frau einige Dutzend Mal von ihren reſpektiven Männern geſchieden werden, ohne dadurch ihrer geſellſchaftlichen Stellung zu ſchaden. F Jos' Haus war, ſeitdem er ſelbſt ein Haus machte, nie ſo angenehm geweſen, als ſeit Rebekka's Einzuge. Sie ſang, ſpielte, lachte, ſprach zwei bis drei Sprachen, brachte Jedermann in's Haus, und machte Jos glauben, daß es ſeine eigenen großen geſellſchaftlichen Talente wären, die, in Verbindung mit ſeinem Witze, die große Beſellſchaft der Stadt in ſein Haus führten. Was Emmy betrifft, die in ihrem eigenen Hauſe gar Nichts mehr zu ſagen hatte, es ſei denn, wenn es an die Bezahlung von Rechnungen ging, ſo entdeckte Becky bald ein Mittel, ſie zu beſänftigen und ihr zu gefallen. Sie ſprach mit ihr beſtändig über Major Dobbin, deſſen ſie ſich ſo ohne Weiteres entledigt, und nahm gar keinen Anſtand, ihre Bewunderung für den trefflichen, hoch⸗ herzigen Mann an den Tag zu legen, und Emmy zu fagen, daß ſie ſich überaus grauſam gegen ihn benommen. 336 Emmy vertheidigte ihr Benehmen, und bewies, daß es bloß aus den reinſten religiöſen Prineipien gefloſſen; daß ein Frauenzimmer, das einmal, wie ſie, an einen ſolchen Engel verheirathet geweſen, nicht mehr heirathen könnte, ſondern für immer gebunden wäre; daß ſie aber Nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn Becky den Major auch noch ſo ſehr lobte; und brachte jeden Tag wohl ein Mal das Geſpräch auf die Dobbin'ſche Angele⸗ genheit. Es wurden leicht Mittel ausfindig gemacht, die Gunſt Georgy's und der Dienerſchaft zu gewinnen. Wie bereits von uns geſagt worden, war Amaliens Kammerjungfer ganz und gar für den edelmüthigen Major. Anfänglich hatte ſie Becky nicht wohl leiden können, weil Letztere Schuld daran geweſen war, daß der Major ab⸗ reiste; allein ſpäter machte ſich die Sache etwas anders, weil Mrs. Crawley William's feurigſte Bewunderin und Fürſprecherin wurde. Und bei den großen Conclaves, welche die beiden Damen nach ihren Geſellſchaften hielten, und während Mrs. Pahne ihre „aare“ bürſtete, wie ſie die gelben Locken der einen, und die weichen braunen Flechten der andern nannte, legte das Mädchen ſtets ein gutes Wort für den lieben Herrn, den Major Dobbin, ein. Die Schutzreden der Kammerjungfer brachten Amalie ebenſo wenig auf, als die Bewunderung, welche Rebekka ihm zollte. Georgy mußte ihm an Einem fort ſchreiben, und ihm in der Nachſchrift ſtets viele herzliche Grüße von Mama melden. Und wenn ſie Nachts zum Portrait ihres Mannes aufblickte, hatte daſſelbe keine Vorwürfe mehr für ſie: — vielleicht machte ſie dem Portrait Vor⸗ würfe, jetzt, wo William fort war. Emmy fühlte ſich nach ihrem herviſchen Opfer nicht gar glücklich. Sie war immer ſehr zerſtreut, aufgeregt, ſchweigſam, und difficil. Noch nie hatte die Familie ſie ſo mürriſch geſehen. Sie wurde bleich und krank. Oft — 8. 337 wollte ſie gewiſſe Lieder ſingen („Einſam bin ich nicht alleine,“ — jenes ſanfte Weber'ſche Liebeslied, das, meine jungen Damen, vor langer, langer Zeit, wo Sie kaum erſt geboren waren, den Beweis lieferte, daß die, ſo vor Ihnen lebten, ſich auf Liebe und Geſang gleichfalls ein Bischen verſtanden, — war eines derſelben); — ſie wollte, ſage ich, oft gewiſſe Lieder fingen, die der Major gern gehört hatte; und wenn ſie dieſelben im Zwielichte im Salon trillerte, pflegte ſie in der Mitte des Liedes plotz⸗ lich abzubrechen und in das anſtoßende Zimmer zu gehen, und daſelbſt ohne Zweifel eine Zufluchtsſtätte bei dem Miniaturbilde ihres Gatten zu ſuchen. Von Dobbin waren einige Bücher zurückgeblieben, worin ſein Namen geſchrieben ſtand: ein deutſches Woͤr⸗ terbuch zum Beiſpiel, mit „William Dobbin, vom — ſten Regiment,“ auf dem Vorſetzeblatt; ein Reiſehandbuch mit den Anfangsbuchſtaben ſeines Namens, ſowie noch ein Paar andere Bände, welche dem Major gehörten. Emmy räumte ſie weg, und legte ſie auf die Kommode, auf der ſich ihr Arbeitskäſtchen, ihr kleines Schreibpult, ihre Bibel und ihr Gebetbuch, unter den Portraits der beiden Georges, befanden. Auch hatte der Major beim Weggehen ein Paar Handſchuhe zurückgelaſſen. Dieſe fand Georgy⸗ als er einige Zeit darauf das Pult ſeiner Mutter durchſtöberte, in demſelben zierlich zuſammengefaltet, und in den ſoge⸗ nannten geheimen Fächern liegen. Da Emmy ſich um Geſellſchaft nicht viel kümmerte, und dort gewöhnlich ihren Träumen nachhing, ſo war es an Sommerabenden ihr Hauptvergnügen, mit Georgy lange Spaziergänge zu machen (während derſelben blieb Rebekka allein bei Herrn Joſeph), und da pflegten dann die Mutter und der Sohn von dem Major in einer Weiſe zu ſprechen, die ſelbſt den Knaben lächeln machte. Der Jahrmarkt des Lebens. W. 22 338 Sie ſagte ihm zum Beiſpiel, daß ſie Major William, für den beſten, und ſanfteſten, und freundlichſten, und tapferſten, und beſcheidenſten Mann auf der ganzen Welt halte. Sie ſagte ihm hundert und tauſend Mal, wie ſie Alles, was ſie auf der Welt beſäßen, der wohlwollenden Fürſorge dieſes gütigen Freundes verdankten; wie er ihnen während ihrer Armuth und ihres Unglücks als Freund zur Seite geſtanden; wie er über ſie gewacht, zu einer Zeit, wo Niemand ſich um ſie bekümmert hätte; wie alle ſeine Kameraden ihn bewunderten, obwohl er ſelbſt nie von ſeinen tapfern Thaten ſpreche; wie Georgy's Vater auf ihn mehr Vertrauen geſetzt, als auf irgend einen andern Menſchen, und wie der gute William demſelben ſtets ein treuer Freund geweſen. „Als Dein Papa noch ein kleiner Knabe war,“ ſagte ſie oft zu Georgy, „erzählte er mir oft, daß es William geweſen ſei, der ihn gegen einen Thrannen in ihrer Schule vertheidigt habe; und ihre Freundſchaft hoͤrte von dem Tage an nie mehr auf, ſondern dauerte bis zu der Stunde, wo Dein theurer Vater fiel.“ „Hat Dobbin den Mann, der Papa um's Leben brachte, auch um's Leben gebracht?“ ſagte Georgy. „Ge⸗ wiß hat er es gethan; oder aber würde er es gethan haben, wenn er ihn hätte erreichen können; nicht wahr Mutter? Wenn ich einmal Soldat bin, wie werde ich da die Franzoſen haſſen! — Und damit Punktum!“ Mit ſolchen Zwiegeſprächen brachten die Mutter und das Kind einen großen Theil ihrer Zeit zu. Das unge⸗ künſtelte Weib hatte aus dem Knaben ihren Vertrauten gemacht. Er war ebenſo ſehr Williams Freund, wie jeder Andere, der denſelben gut kannte. Mrs. Becky hatte, beiläufig geſagt, um nicht min⸗ der ſentimental zu erſcheinen, ebenfalls ein Miniaturbild in ihrem Zimmer aufgehängt, zum großen Erſtaunen und zur Beluſtigung der meiſten Leute, und zum Entzücken — — K. 339 des Originals, das Niemand anders war, als unſer Freund Jos. Als das kleine Weibchen bei den Sedleys einzog, hatte ſie nur ein äußerſt mageres, ſchäbiges Kofferchen. Vielleicht ſchämte ſie ſich ihres armſeligen Aufzugs. Sie ſprach daher oft mit vielem Reſpect von ihrem noch in Leipzig liegenden Gepäcke, das ſie von da kommen laſſen müſſe. Wenn ein Reiſender Dir ſtets von ſeinem großen und ſchönen Gepäcke vorſpricht, das er aber zufällig nicht bei ſich habe, ſo nimm vich vor dieſem Reiſenden in Acht, mein Sohn! Man kann dann Zehn gegen Eins wetten, daß man einen Betrüger vor ſich hat. Weder Jos, noch Emmy kannte dieſe wichtige Ma⸗ rime. Es ſchien ihnen von gar keiner Bedeutung, ob Becky viele ſehr ſchöne Kleiver in unſichtbaren Koffern beſitze, oder nicht. Da aber der dermalige Kleidervorrath ihrer Freundin außerordentlich klein war, und dazu noch der Umſtand kam, daß ſich die in Frage ſtehenden Klei⸗ dungsſtücke nicht eben im beſten Zuſtande befanden, ſo half ihr Emmy mit ihren eigenen Vorräthen aus, und führte ſie zu der beſten Modiſtin der Stadt, um das noch Fehlende zu ergänzen. Jetzt konnte von keinen zer⸗ riſſenen Krägen mehr die Rede ſein, und eben ſo wenig von verblichenen Seidengewändern, die von der Schulter herabſielen. Becky nahm mit einer andern Stellung nun auch andere Gewohnheiten an: der Schminktopf hatte einige Zeit lang Ruhe; — und ebenſo griff ſie nun nicht länger zu einem gewiſſen Aufregungsmittel, an das ſie ſich gewoͤhnt hatte, oder aber wendete ſie es nur inge⸗ heim an; zum Beiſpiel, wenn ſie an Sommerabenden ſich von Jos, während Emmy und der Knabe ihren Spazier⸗ gang machten, bewegen ließ, ein wenig Branntwein mit Waſſer zu ſich zu nehmen. Wenn ſie aber der Branntweinflaſche nicht zuſprach, 340 ſo that es auf jeden Fall der Courier; der Halunke von Kirſch konnte die Flaſche nie in Ruhe laſſen; auch konnte er nicht ſagen, wie viel er ſich davon zu Gemüth führte, wenn er ſeinem Herrn darüber kam. Bisweilen war er, Kirſch, ſelbſt über die ſchnelle Abnahme von Herr Sed⸗ ley's Cognae erſtaunt. Nun, nun; es iſt dieß ein Um⸗ ſtand, den ich nicht gerne berühre. Hoͤchſt wahrſcheinlich ging jetzt Becky mit dem Cognac nicht mehr ſo ver⸗ ſchwenderiſch um, wie früher, als ſie noch nicht von einer anſtändigen Familie aufgenommen war. Endlich kamen denn doch die Koffer, von denen ſie ſo viel geſprochen, von Leipzig an: — drei von denſelben waren keineswegs groß oder glänzend; — auch ſchien Becky keine Art von Kleidern oder Schmuckſachen daraus zu nehmen, als ſie anlangten. Allein aus einem derſel⸗ ben, der eine Maſſe von ihr gehörenden Papieren enthielt (es war der nämliche Koffer, den Rawdon Crawley bei ſeinem wüthenden Suchen nach Becky's verſtecktem Gelde durchſtöbert und geplündert hatte), zog ſie mit voller Fröhlichkeit ein Gemälde hervor, das ſie in ihrem Zim⸗ mer aufhängte, und Jos zeigte. Es war das mit Blei⸗ ſtift gezeichnete Portrait eines Herrn, deſſen Geſicht den Vorzug hatte, daß es roſenroth angemalt war. Er ritt auf einem Elephanten von einigen Cocosbäumen und einer Pagode weg: es war eine orientaliſche Landſchaft. „Gott ſtehe mir bei, es iſt mein Portrait!“ rief 0 * Und in der That war er es auch; es war Jos in der Blüthe der Schönheit und Jugend; ſein Kleid war eine Nankin⸗Jacke nach dem Schnitte von 1804. Es war das alte Gemälde, das früher in Ruſſel⸗Square hing. „Ich habe es gekauft,“ ſprach Becky, und ihre Stimme zitterte dabei: ſo groß war ihre Gemüthsbewegung. Ich ging hin, um zu ſehen, ob ich meinen gütigen Freunden Nichts nützen könnte. Nie habe ich mich von dem Bilde getrennt — und nie werde ich es.“ — 34¹ „Iſt es Ihr Ernſt?“ rief Jos mit einem Blicke un⸗ ausſprechlichen Entzückens und unausſprechlicher Befriedi⸗ gung. „Haben Sie es wirklich wegen meiner werth ge⸗ halten?“ „Sie wiſſen das recht gut,“ ſprach Beckyz „allein warum wollen wir jetzt noch davon ſprechen — warum wollen wir an vergangene Zeiten zurückvenken, — auf die Vergangenheit zurückblicken?“ Es iſt jetzt zu ſpät!“ An dieſem Abende war die Unterhaltung für Jos wirklich entzückend. Emmy kam bloß herein, um ſehr müde und unwohl zu Bette zu gehen. Jos und ſein blonder Gaſt hatten ein bezauberndes PTöte-ä-Téte, und ſeine Schweſter konnte, da ſie im anſtoßenden Zimmer lag, aber ohne zu ſchlafen, horen, wie Rebekka Jos die alten Lieder von 1815 wieder vorſang. Auch iſt es eine merkwürdige Thatſache, daß Jos in jener Nacht ebenſo wenig ſchlief, als Amalie. Es war Juni, und folglich hatte in London die Sai⸗ ſon ihren Höhepunkt erreicht. Jos, der den unvergleich⸗ lichen „Galignani“ (des Verbannten beſten Freund) jeden Tag durchlas, pflegte die Damen während ihres Früh⸗ ſtücks mit Auszügen aus ſeiner Zeitung zu beglücken. Jede Woche befindet ſich in dieſem Blatte ein aus⸗ führlicher Bericht über alle Veränderungen, die bei der Armee vorgehen, und Jos intereſſirte ſich, als ein Mann, der zu ſeiner Zeit auch gedient, ganz beſonders dafür. Einſt las er folgenden Artikel: — „Ankunft des — ſten Regiments. — Gravesend, Juni 20. — Der Oſtindienfahrer, Ramchunder, iſt heute Morgen in den Fluß eingefahren: an Bord befinden ſich 14 Offiziere, ſowie 132 Soldaten dieſes tapfern Corps. Seit 14 Jahren iſt das Regiment nicht mehr in England geweſen, da es ein Jahr nach der Schlacht bei Waterloo, bei welch' glorreichem Kampfe es wacker mitwirkte, ſich einſchiffte; ſpäter hat ſich das Regiment im burmeſiſchen 342 Kriege ausgezeichnet. Der alte verdiente Oberſt, Sir Michael O'Dowd, K. C. B., iſt geſtern hier mit ſeiner Frau und Schweſter, ſowie mit den Kapiäns Posky, Stubble, Macraw, Malony; mit den Lieutenants Smith, Jones, Thompſon, F. Thomſon; und den Fähndrichen Hicks und Grady, an's Land gegangen: die Regiments⸗ muſik ſpielte dabei auf dem Hafendamm die National⸗ hymne, und die Menge ließ viele Hurrahs ertönen, wäh⸗ rend die tapfern Veteranen ſich nach Wayte's Hotel be⸗ gaben, wo für die Vertheidiger von Altengland ein präch⸗ tiges Bankett bereit gehalten war. Während des Mahles, das, wir brauchen es nicht erſt zu ſagen, in Wayte's beſtem Styl ſervirt ward, dauerten die Hurrah⸗Rufe fort, und zwar ſo enthuſiaſtiſch, daß Lady O'Dowd mit dem Oberſten auf den Balkon heraustrat, und Beide auf das Wohl ihrer Landsleute ein Glas von Wayte's beſtem Cla⸗ ret leerten.“ Ein anderes Mal las Jos eine ganz kurze Anzeige — Major Dobbin war wieder zu dem — ſten Regimente in Chatham geſtoßen. Einige Zeit darauf theilte Jos aus ſeiner Zeitung ſeinen Zuhörerinnen Rachrichten über die Vorſtellungen bei Hofe mit; beim Lever hatten ſich unter Andern einge⸗ funden: Oberſt Sir Michael O'Dowd, K. C. B., Lady O'Dowd (vorgeſtellt durch Mrs. Molloy Malony von Ballymalony), und Miß Glorvina O'Dowd (vorgeſtellt durch Lady O' Dowd). Faſt unmittelbar darauf kam Dobbin's Name unter den Oberſtlieutnants; denn der alte Marſchall Tiptoff war während der Ueberfahrt des — ſten Regiments von Madras geſtorben, und der Souberän hatte ſich gnädigſt bewogen gefunden, Oberſt Sir Michael O'Dowd bei ſei⸗ ner Rückkehr nach England zum General⸗Major zu be⸗ fördern, wobei er aber das Commando des ausgezeichne⸗ 343 ten Regiments, an deſſen Spitze er ſo lange geſtanden, behalten ſollte. „ Amalie hatte einige dieſer Veränderungen erfahren. Der Briefwechſel zwiſchen Georgy und ſeinem Vormunde hatte keineswegs aufgehört; William hatte ihr ſogar ſeit ſeiner Abreiſe ein Paar Mal geſchrieben; allein in einer ſo ungezwungen kühlen Weiſe, daß die arme Frau jetzt fühlte, daß ſie ihre Macht über ihn verloren, und daß er, wie er geſagt, nun frei ſei. Er hatte ſie ver⸗ laſſen, und ſie fühlte ſich elend⸗ Seine faſt zahlloſen Freundſchaftsdienſte, ſeine hohe und liebevolle Achtung traten ihr jetzt vor vie Seele, und machten ihr Tag und Nacht Vorwürfe. Wie ſie immer zu thun gewohnt war, brütete ſie über dieſen Frinnerungen; ſie ſah die Rein⸗ heit und Schönheit der Liebe ein, mit der ſie leichtfertig geſpielt, und neachte ſich darüber Vorwürfe, daß ſie einen ſolchen Schatz weggeworfen. Und dieſer Schatz war in der That verſchwunden: William hatte ihn ganz aufgezehrt. Er glaubte, er liebe ſie nicht mehr, wie er ſie früher geliebt. Er glaubte, daß er es nie wieder könne. Die Art liebevoller Freundſchaft, die er während ſo vieler, treuer Jahre angeboten, kann nicht weggeworſen und zerſchmiſſen, und wieder ſo geflickt werden. daß von dem Bruche keine Spuren zurückbleiben. Die kleine unbe⸗ ſonnene Tyrannin hatte ſie ſo zerſtört. Nein, William vachte aber und abermal: „Ich ſelbſt habe mich betrogen; ich war es, der fortfuhr, zu cajoliren: wäre ſie der Liebe würdig gewe⸗ ſen, die ich ihr ſchenkte, ſo würde ſie dieſelbe ſchon längſt erwiedert haben. Es war ein zärtliches Mißver⸗ ſtändniß. Und iſt nicht das ganze Leben ein ſortgeſetztes 344 angenommen, ich hätte ſie errungen, am Tage nach meinem Siege der ſein? Warum ſollte ich mich uun gr Niederlage ſchämen?“ täuſchung ein. Ich will darauf ſehen, daß die Knöpfe recht blank ſind, und da zierstiſche ſpeiſen, und dem ſchottiſchen C Wallenſtein ſagt. Ich Morgen fahren wir mit dem „„Batavier““ bloß den letzten Satz hörte, wurden g er zu Rotterdam ſich im Boompjes erging. Stelle ſehen, wo er mi Crawley ihm ſagen wollen 2 „Bah!“ wir in See, und nach England, in die * * Mißverſtändniß, ein fortgeſetzter Irrthum? Und auch — würde nicht ſchon Zauber weggeweſen ämen, oder meiner Je mehr er über dieſen langen Abſchnitt ſeines Le⸗ bens nachdachte, um ſo deutlicher ſah er ſeine Selbſt⸗ „Ich will wieder in's Geſchirr gehen,“ „und in derjenigen Sphäre des Lebens meine Pflicht thun, die mir der Himmel in ſeiner Gnad ß die Unteroffizie Rechnungen ſich nicht ſloßen. Ich will an dem Offi⸗ hirurgen zuhö⸗ ren, wenn er ſeine Geſchichten auftiſcht. Wenn ich und dienſtunfähig bin, will ich mich auf Halbſold ſe laſſen, und es ſollen meine alten Schweſtern mich ſe ten. Ich habe geliebt und gelebet, wie das bin fertig. — Bezahl' nung, und hole mir eine Cigarre: erkundige Dich nach dem Schauſpiele, das heute Abend gegeben wird, Die hier angeführten Worte, wovon Franz aber eſprochen, während vier“ lag im Hafen. Er konnte auf dem H t Emmy auf der glücklich fahrt geſeſſen hatte. Was hatte wohl die klei Morgen gehen Heimath zurück, um zu thun, was die Pflicht von uns fordert!“ Nach dem Monat Juni pflegte die ganze kleine Hof⸗ geſellſchaft von Pumpernickel, nach deutſcher Gewohnheit, aus einander zu ſtäuben, und da und dort hin, in hun⸗ dert verſchiedene Bäder zu reiſen, um dort eine Kur zu gebrauchen. In den Bädern ritt man auf Eſeln; ſpielte man auf den Redouten, wenn man Luſt und Geld hatte; that man ſich, mit Hunderten von Leuten gleicher Art, an den Tables d'Hote gütlich, und brachte ſo den Som⸗ mer mit Nichtsthun zu. Die engliſchen Diplomaten gin⸗ gen nach Töplitz und Kifſingen ab; ihre franzöſiſchen Ri⸗ vale dagegen machten ſich, nachdem ſie ihre Chancellerie geſchloſſen hatten, nach ihrem vlelgeliebten Boulevard de Gand auf. Die durchlauchtige regierende Familie ging ebenfalls ins Bad, oder zog ſich auf eines ihrer vielen Jagoſchlöſſer zurück. Jeder, der auf einige Bildung und Stellung Anſpruch machen konnte, ging fort: unter An⸗ dern natürlich auch Doctor von Glauber, der Hofarzt, mit ſeiner Baroneſſe. Die Badeſaiſon war immer die productivſte Periode in der Praris des Doctors: — er verband vas Geſchäft mit dem Vergnügen, und ſein Lieb⸗ lingsort war Oſtende, das von Deutſchen viel beſucht wird, und wo der Doctor ſich und ſeine Baroneſſe mit Seebädern regalirte. Sein intereſſanter Patient, Jos, war für den Dor⸗ tor eine gar gute Milchkuh, und es gelang Letzterem leicht, den Civiliſten zu bewegen, daß er, ſowohl um ſei⸗ ner eigenen Geſundheit, als um der wirklich ſtark er⸗ ſchütterten Geſundheit ſeiner reizenden Schweſter willen, den Sommer in der genannten häßlichen Hafenſtadt zu⸗ brachte. Emmy war es ſo ziemlich gleichgültig, wohin es ging. Georgy hüpfte vor Frende bei dem bloßen Gedan⸗ ken an eine vorzunehmende Ortsveränderung. Was Becky betrifft, ſo nahm ſie, wie ſich von ſelbſt verſteht, in der ſchönen, von Herrn Jos gekauften Ba⸗ 346 rouche den vierten Platz ein; die beiden Domeſtiken da⸗ gegen mußten ſich auf den Bock ſetzen. Wohl mochte ihr ahnen, daß ſie dort gewiſſe Freunde finden würde, die wahrſcheinlich häßliche Geſchichten von ihr zu erzählen hätten; — aber, bah! ſie war ſtark genug, um ihre Stellung zu behaupten. Sie hatte bei Jos nun ſo tief Anker geworfen, daß ein ſtarker Sturm erforderlich war, um ſie aus ihrer Stellung zu vertreiben. Die Geſchichte von dem Gemälde hatte ihm den Treff gegeben. Becky nahm ihren Elephanten herunter, und legte ihn in das kleine Käſtchen, das ihr Emmy ſchon vor vielen Jah⸗ ren geſchenkt hatte. Auch Emmy nahm ihre Laren — die beiden Por⸗ traits — mit, und endlich fand ſich die Geſellſchaft in einem außerordentlich theuren und unwohnlichen Hauſe zu Oſtende logirt. Amalie fing hier an, Seebäder zu nehmen, und da⸗ durch ſo viel möglich ihre Geſundheit wieder zu kräfti⸗ gen; und obgleich gar viele Bekannte Becky's an Letzterer vorbeikamen, und ſie ignorirten, bemerkte doch Mrs. Os⸗ borne, die ſich mit ihr auf Spaziergängen zeigte, und Niemand kannte, die Behandlung nicht, die der Freundin, die ſie ſo verſtändiger Weiſe zu ihrer Gefährtin erkoren hatte, widerfuhr. Auch müſſen wir hier bemerken, daß Becky es nie für angemeſſen erachtete, ihr zu ſagen, was vor ihren unſchuldigen Augen geſchah. Einige von Mrs. Rawdon Crawley's Bekannten er⸗ neuerten indeſſen die Bekanntſchaft ohne vielen Anſtand, — und vielleicht bereitwilliger, als Becky es ſelbſt wünſchen mochte. Unter dieſen Bekannten befanden ſich Major Loder (bei keinem Corps eingetheilt), und Capitän Rook (früher bei den Büchſenſchützen). Dieſe beiden Herren konnte man täglich auf dem Damme ſpazieren gehen ſehen, wobei ſie rauchten, und die Frauenzimmer anſtarrten. In gar kurzer 347 Zeit wurden dieſelben an den gaſtfreien Tiſch, ſowie in den auserwählten Kreis des Herrn Joſeph Sedley gezogen. Sie wollten in der That von keiner Weigerung Etwas hören, ſondern brachen ohne Weiteres in das Haus ein, ohne darauf Rückſicht zu nehmen, ob Becky zu Hauſe war, oder nicht; ſie gingen in Mrs. Osborne's Salon hin⸗ ein, den ſie mit ihren Roͤcken und Schnurrbärten parfü⸗ mirten; nannten Jos „einen alten Zierbengel,“ drängten ſich an ſeinen Speiſetiſch, und lachten, und tranken dort viele Stunden lang. „Was mögen ſie wohl damit meinen?“ fragte Georgy, der dieſe Herren nicht liebte. „Ich hörte den Major geſtern zu Mrs. Crawley ſagen: „Nein, nein, Becky, Sie dür⸗ fen den alten Zierbengel nicht allein behalten. Die „Knö⸗ chel“ müſſen auf den Tiſch, vder ich beichte: ich will verdammt ſein, wenn ich's nicht thue.“ Was konnte doch der Major damit meinen, Ma?“ „Major! heiß' doch den nicht Major!“ ſprach Emmy. „Ich kann Dir fürwahr nicht ſagen, was er damit meinte.“ Die Gegenwart der beiden Freunde der Mrs. Becky erfüllte Emmy mit unerträglicher Angſt und mit Abſcheu. Sie machten ihr, wenn ſie betrunken waren, Complimente; ſie ſchielten ſie bei Tiſche an. Auch that der Capitän bei ihr gewiſſe Schritte, die ſie mit Abſcheu und Bangigkeit erfüllten, ſo daß ſie ihn nie ſehen wollte, außer wenn ſie Georgy an ihrer Seite hatte. Auch Rebekka wollte, wenn wir ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſollen, keinen dieſer Männer allein bei Amalien laſſen. Auch die Hand des Majors war noch nicht vergeben, und er ſchwor daher, daß Emmy ihm ge⸗ hören müſſe. So kämpften ein Paar Schurken um dieſe unſchuldige Creatur, und ſpielten um ſie an ihrem eigenen Tiſche; und obgleich ſie die Abſichten dieſer Schufte nicht merkte, 348 ſo fühlte ſie ſich doch in ihrer Gegenwart fürchterlich beengt, und wollte ſchreckerfüllt fliehen. Sie erſuchte, ſie bat Jos inſtändigſt, doch wieder in die Heimath zurückzugehen. Das war aberzu viel berlangt. Er bewegte ſich nur langſam, war an ſeinen Doctor ge⸗ bunden, und vielleicht auch an anderen Gängelbändern feſtgehalten. Unſere Becky wenigſtens verlangte es gar nicht, nach England zu gehen. Endlich faßte Amalie einen großen Entſchluß — that den großen Schritt. Sie ſchrieb einen Brief an einen Freund, den ſie jenſeits des Waſſers hatte, — einen Brief, von dem ſie Niemand eine Sylbe ſagte; den ſie ſelbſt unter ihrem Shawl auf die Poſt trug. Auch merkte Niemand Etwas davonz; nur ſah ſie ungemein roth und aufgeregt aus, als Georgy zu ihr kam. Sie küßte und drückte ihn an jenem Abende gar oft. Sie ging, als ſie von ihrem Spaziergang zurückgekommen war, nicht mehr aus ihrem Zimmer. Becky glaubte, der Major Loder und der Capitän hätten ihr einen ſolchen Schrecken eingejagt. „Sie darf nicht hier bleiben,“ dachte Beckh bei ſich. „Sie muß fort, die kleine Thörin. Immer noch flennt ſie um jenen Einfaltspinſel von einem Manne — der nun ſchon fünfzehn Jahre todt iſt (und es iſt ihm ganz recht geſchehen). Sie ſoll keinen von dieſen Männern heirathen. Es iſt voch gar zu ſchlecht von Loder. Nein; ſie ſoll das Bambusrohr heirathen; noch heute Abend muß die Sache in's Reine gebracht werden.“ Becky nahm alſo eine Taſſe Thee, und brachte ſie Amalien auf ihr Zimmer. Bei ihrem Eintritte fand ſie die letzggenannte Dame neben ihren Miniaturbildern und in einem höchſt traurigen und aufgeregten Zuſtande. Sie ſtellte die Theetaſſe vor Emmy hin. „Ich danke Dir,“ ſprach Amalie. 349 „Hör' mich einen Augenblick an, Amalie!“ ſagte Beckh, vor der Andern im Zimmer auf und ab gehend, und ſie mit einer Art verächtlicher Freundlichkeit muſternd. „Ich muß mit Dir ſprechen. Du mußt fort von hier: Du darfſſt Dich den Ungebührlichkeiten dieſer Männer nicht länger ausſetzen. Ich will es nicht haben, daß ſie Dich plagen; und wenn Du noch länger bleibſt, ſo werden ſie Dich inſultiren. Ich ſage Dir, es ſind Schufte; Männer, die auf einen Hulk *) gehoren. Frage mich nicht, woher ich dieſelben kenne. Ich kenne Jedermann. Jos tann Dich nicht ſchützen; er iſt zu vick und zu ſchwach, und bedarf ſelbſt Jemands, der ihn ſchützt. Du kannſt wenig allein in der Welt leben, als ein kleines Kind, das man noch auf den Armen trägt. Du mußt heirathen; ſonſt gehſt Du mit Deinem herrlichen Jungen zu Grunde. Du brauchſt einen Mann, Du Thoörin, und einer der beſten Gentlemen, ſo ich je geſehen, hat ſich Dir ſchon hundert Mal angetragen, und Du haſt ihm den Abſchied gegeben, . Du albernes, herzloſes, undankbares kleines Geſchopf!“ „Ich habe — habe gethan, was in meinen Kräften ſtand, Rebekka,“ ſagte Amalie in flehendem Tone; „allein ich konnte nicht vergeſſen —“ Und ſie vollendete den Satz damit, daß ſie zu dem Portrait aufblickte. „Konnte ihn nicht vergeſſen!“ rief Becky, „den ſelbſtſüchtigen Tropf, den ungebildeten, alltäglichen Stutzer, den ausgeſtopften, wattirten Tölpel, der weder Witz⸗ noch Manieren, noch Herz beſaß, und Deinem Freunde mit dem Bambusrohre ebenſo wenig zu vergleichen war, als Du der Königin Eliſabeih. Ei, der Mann war Deiner müde, und würde den Untreuen an Dir geſpielt haben, hätte Dobbin ihn nicht genöthigt, ſein Wort zu halten. *) Der Rumpf eines alten, zum Dienſte unbrauchbaren Schiffes, gewöhnlich zur Aufnahme von Straͤflingen beſtimmt. 350 Er geſtand es mir. Nie hat er ſich um Dich gekümmert. Er ſpottete bei mir über Dich unzählige Male; und machte mir Liebesanträge, ehe Du noch eine Woche mit ihMm verheirathet wareſt.“ „Das iſt falſch! das iſt falſch! Rebekka,“ rief Amalie, auffahrend. „Da ſieh', Du Thörin!“ ſagte Becky, die immer noch einen verzweifelt guten Humor zeigte, und aus ihrem Gürtel ein Papierchen hervorzog, das ſie aufmachte, und Emmy in den Schooß warf. „Du kennſt ſeine Handſchrift,“ fuhr Becky fort. „Dieſes Billet hat er an mich geſchrieben — er wollte, ich ſolle mit ihm durchgehen — er gab es mir vor Dei⸗ ner Naſe, am Tage, ehe er erſchoſſen wurde — was ihm recht geſchah!“ Emmy hoͤrte ſie nicht; ſie ſah den Brief an. Es war derjenige, der von George, am Abende des vom Herzog von Richmond gegebenen Balles, in das Bouquet geſteckt und Becky gegeben worden war. Es war, wie Becky ſagte; der thörichte junge Mahn hatte von ihr verlangt, ſie ſolle mit ihm entfliehen. Emmy ließ den Kopf finken, und überließ ſich, faſt zum letzten Male in dieſer Geſchichte, ihren Thränen. Ihr Haupt ſank auf ihren Buſen herab, und ihre Hände erhoben ſich zu ihren Augen; und in ſolcher Stellung überließ ſie ſich eine Zeitlang ihren Gemüthsbewegungen, während Becky daſtand und ſie anſchaute. Wer ſoll dieſe Thränen analyſiren, und wer vermag zu ſagen, ob ſie ſüß oder bitter waren? War ſie tief betrübt darüber, daß das Jol ihres Lebens herabgeſtürzt und zu ihren Füßen zerſchmettert war; oder fühlte ſie Unwillen darüber, daß man ihre Liebe ſo verachtet; oder war ſie froh, daß die Schranke endlich entfernt war, welche die Schamhaftigkeit zwiſchen ſie und eine neue wirkliche Liebe geſtellt hatte 2 351 „Es tritt mir nun Nichts mehr hindernd entgegen,“ dachte ſie. „Jetzt kann ich ihn von ganzem Herzen lie⸗ ben. Oh, ich will es, oh, ich will es, wenn er es nur zugibt und mir verzeiht 1“ Ich glaube, es war dieß das Gefühl, das alle an⸗ dern beherrſchte, ſo dieſen ſanften kleinen Buſen beweg⸗ ten. In der That weinte ſie nicht ſo viel, als Becky er⸗ wartet hatte — die Andere beſänftigte und küßte ſie — ein bei Mrs. Becky ſeltenes Zeichen der Sympathie. Sie behandelte Emmy wie ein Kind und tätſchelte ſie auf den Kopf. „Und nun wollen wir Feder und Tinte nehmen, und ihm ſchreiben, daß er unberweilt kommen ſolle,“ ſagte ſie. „Ich — ich habe dieſen Morgen ſchon an ihn ge⸗ ſchrieben,“ antwortete Emmy und wurde feuerroth. Becky brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Un biglietto“, ſang ſie mit Roſine, „eccolo qua!“ Das ganze Haus ertönte von ihrem ſchrillen Ge⸗ ſange. — — X Zwei Morgen nach dieſem kleinen Auftritte ſtand Amalie, obgleich es regneriſch und windig war, und ſie die ganze Nacht kein Auge hatte zuthun konnen, da ſie dem Brauſen des Windes hatte lauſchen, und alle Rei⸗ ſenden zu Waſſer und zu Land hatte bemitleiden müſſen, frühe auf, und wollte mit Georgy ſchlechterdings einen Spaziergang auf dem Damme machen. Da ging ſie auf und ab, während der Regen ihr ins Geſicht ſchlug, und blickte weſtwärts über die düſtere Seelinie, und die ge⸗ ſchwollenen Wellen hin, welche ſchäumend gegen das Ufer her geſtürzt kamen. Auch ſprach ſie nicht viel, abgerech⸗ 352 net einige Male, als der Knabe zu ſeiner ſchüchternen Gefährtin einige Worte ſagte, die Sympathie und Schutz andeuteten. „Hoffentlich kommt er nicht bei ſolchem Wetter her⸗ über,“ ſprach Emmy. „Ich wette Zehn gegen Eins, daß er kommt,“ antwortete der Knabe. „Sehen Sie doch dahin, Mutter: dort iſt der Rauch des Dampfſchiffs.“ Und es war in der That dieſes Signal. Allein obgleich das Dampfſchiff herankam, ſo war es doch moͤglich, daß er ſich nicht an Bord befandz er konnte den Brief nicht bekommen haben; er mochte viel⸗ leicht nicht kommen. — Hundert Befürchtungen zogen eine nach der andern in das kleine Herzchen ein, und ſtürz⸗ ten ſo raſch über einander her, wie die Wellen, die dem Damme zueilten. Es ſtand nicht lange an, ſo konnte man auch vas Schiff ſehen. Georgy hatte ein kleines, zierliches Teleskop und handhabte daſſelbe ſo geſchickt, daß er das Schiff ohne viele Mühe erſpähte. Und nun machte er paſſende nau⸗ tiſche Bemerkungen über die Art der Annäherung des Dampfboots, als daſſelbe, bald höher, bald tiefer im Waſſer ſchwebend, immer näher herankam. Das Signal, das bedeutet, daß ein engliſches Dampfſchiff vom Lande aus ſichtbar ſei, ſtieg flatternd am Maſte auf dem Ha⸗ fendamme in die Höhe. Ich glaube behaupten zu können, daß Mrs. Amaliens Herz ſich ebenſo heftig bewegte. Emmy machte den Verſuch, über Georgy's Schulter weg durch das Telesfop zu ſehen; allein es war ihr unmoͤglich, Etwas zu erkennen. Sie ſah bloß etwas Schwarzes ſich vor ihren Augen auf⸗ und abbewe⸗ gen. Georgy griff abermals nach dem Fernrohr und mu⸗ ſterte das ganze Schiff. „Wie das Schiff ſtampft!“ ſagte er. „Da ſchlägt 353 eine Welle gerade über den Bug hin. Neben dem Steuer⸗ mann befinden ſich nur zwei Perſonen auf dem Verdecke. Da liegt ein Mann auf dem Boden, und da iſt ein — Burſche in einem — Mantel mit einem — Hurrah!! — beim Zeus! Es iſt Dob!“ Er ſtieß das Fernrohr zuſammen, und umſchlang ſeine Mutter heftig mit den Armen. Was dieſe Dame betrifft, ſo wollen wir das, was ſie that, mit den Worten eines Dichters bezeichnen, den wir beſonders lieben: — Anoosn yscicoc. Sie hatte die Ueberzeugung, daß es Niemand anders ſein könne, als William. Wenn ſie geſagt hatte, ſie hoffe, daß er nicht kom⸗ men werde, ſo war es pure Heuchelei geweſen. Natür⸗ lich kam er: was konnte er auch anders thun? Sie wußte, daß er kommen würde. Raſch kam das Schiff näher und näher. Als ſie ſich in Bewegung ſetzten, um auf dem Quai beim Lan⸗ den zugegen zu ſein, zitterten Emmy die Knie der Ma⸗ ßen, daß ſie kaum laufen konnte. Sie wäre gern auf die Knie niedergefallen, um dort ein Dankgebet zum Himmel emporſteigen zu laſſen. „Ach,“ dachte ſie, „mein ganzes Leben ſoll nichts Anderes ſein, als ein fortwäh⸗ rendes Dankgebet!“ Es war, als das Schiff an den Quai herankam, ſo ſchlechtes Wetter, daß keine Müßiggänger draußen wa⸗ ren; kaum daß ein Packträger der wenigen Paſſagiere, die ſich auf dem Dampfboote befanden, harrte; der junge Taugenichts von Georgy war ebenfalls verſchwunden; und als der Herr in dem alten, mit rothem Zeuge aus⸗ geſchlagen Mantel an das Ufer trat, war kaum Eine Perſon anweſend, um Zeuge zu ſein von dem, was ſich da zutrug, und was, mit kurzen Worten geſagt, in Fol⸗ gendem beſtand: Der Jahrmarkt des Lebens. w. 23 Eine Dame in weißem, triefendem Hute und Shawl ging, mit ausgeſtreckten Händen, auf ihn zu, und war in der nächſten Minute unter den Falten des alten Mantels gänzlich verſchwunden, und küßte inbrünſtigſt eine ſeiner Hände; während die andere, wie ich vermuthe, die Auf⸗ gabe hatte, ſie an ſein Herz zu drücken (bis zu welchem ihr Kopf etwa hinaufreichte), und ihr Niederfallen zu verhindern. Sie murmelte Etwas wie: — Vergeben Sie — theurer William — theurer, theurer, theuerſter Freund“ — dann Kuß, Kuß, Kuß, und ſo fort — und gebahrte ſich in der That ganz abſurd unter dem Mantel. Als Emmy unter demſelben wieder hervortauchte, hielt ſie immer noch eine von Williams Händen feſt, und blickte zu ſeinem Geſichte auf. Daſſelbe war voll Trau⸗ rigkeit, voll zärtlicher Liebe, und voll Mitleid. Sie ver⸗ ſtund den darin liegenden Vorwurf, und ließ den Kopf ſinken. Es war Zeit, daß Sie mich zu ſich beſchieden, theure Amalie,“ ſagte er. Sie werden nie mehr fortgehen, William.“ „Rein, nie,“ antwortete er, und drückte die liebe kleine Seele noch einmal an ſein Herz⸗ Als ſie das Zollgebäude hinter ſich hatten, kam Georgy piötzlich auf ſie zu. Er hielt ſein Teleskop in die Höhe ſeiner Augen, und ſtellte ſich, als wollte er hin⸗ durchſehen; zu gleicher Zeit ließ er ein lautes, bewill⸗ kommendes Gelächter hören. Er tanzte um das Paar her, und führte gar viele luſtige Sprünge aus, während er ihnen auf dem Wege nach Hauſe voranging. Jos war noch nicht auf; Beck) aber war unſicht⸗ var (obgleich ſie durch die Jalouſien hindurch auf ſie blickte). Georgy lief eiligſt fort, um das Frühſtück herauf⸗ zubefördern. Emmy, der Shawl und Hut im Hausgange durch Mrs. 355 Payne abgenommen worden waren, beſchäftigte ſich nun da⸗ mit, das Schloß an Williams Mantel aufzumachen, und — wir wollen, wenn es Dir geſällig iſt, verehrter Leſer, mit Georgy hinausgehen, und nach dem Frühſtücke des Ober⸗ ſten ſehen. Das Schiff liegt jetzt im Hafen. Er hat den Preis errungen, den er ſein ganzes Leben hindurch erſtrebt hat⸗ Endlich iſt der Vogel hereingeſlogen. Dort iſt er, und legt den Kopf auf ſeine Schulter, und girrt, und ſchnä⸗ belt dicht an ſeinem Herzen, mit weichen, ausgeſtreckten, flatternden Flügeln. Das hat er ſeit achtzehn Jahren jeden Tag und jede Stunde gewollt. Darnach hat er ſich geſehnt. Da iſt es nun — der Gipfel, das Ende — die letzte Seite des fünften Bandes. Oberſt! — Gott ſegne Dich, ehrlicher Wil⸗ iam! — Lebe wohl, theure Amalie! — Grüne wieder, Du zarte kleine Schmarotzerpflanze, an der rauhen alten Eiche, um welche Du Dich ſchlingſt! Vielleicht waren es Gewiſſensbiſſe, wenn ſie an die freundliche und einfache Creatur dachte, welche zuerſt in ihrem Leben als ihre Vertheidigerin aufgetreten warz viel⸗ leicht war es auch Abneigung gegen alle derartigen ſen⸗ timentalen Scenen, — aber Rebekka ließ ſich, zufrieden mit der in letzter Inſtanz von ihr geſpielten Rolle, nie Ser vor Oberſt Dobbin und der Dame, die er heirathete, en. 356 „Beſondere dringende Geſchäfte,“ ſagte ſie, „riefen ſie nach Brügge. Dahin begab ſie ſich denn auch; und bloß Georgy und deſſen Oheim wohnten der Trauung bei. Als dieſelbe vorüber, und Georgy bei ſeinen Eltern war, kehrte Mrs. Becky (nur für ein paar Tage) zurück, um den einſamen Junggeſellen, Joſeph Sedleh, zu tröſten. Letzterer zog es, wie er ſagte, vor, auf dem Continente zu leben, und wollte nicht bei ſeiner Schweſter und dem Gatten derſel⸗ ben wohnen. Emmy empfand die innigſte Freude, ſo oft ſie daran dachte, daß ſie an ihren Mann geſchrieben, noch ehe ſie den bewußten Brief George's geleſen, oder davon Kennt⸗ niß gehabt. „Ich wußte das während der ganzen Zeit,“ ſagte William; „aber konnte ich dieſe Waffe gegen das An⸗ denken des armen Burſchen führen? Das ſchmerzte mich ſo ſehr, als Du —“ „Sprich nie mehr von jenem Tage,“ rief Emmy, ſo zerknirſcht und demüthig, daß William dem Geſpräch eine andere Richtung gab, in dem er von Glorvina, ſowie von der lieben alten Peggy O'Dowd erzählte. Bei dieſen ſaß er, als das Schreiben anlangte, das ihn zurückrief. FHätteſt Du mich nicht zurückgerufen,“ ſetzte der Oberſt lachend hinzu, — „wer weiß, wie dann Glorvina ſich ſchreiben würde?“ Dermalen ſchreibt ſie ſich Glorvina Posky (nun Mrs. Major Posky). Sie nahm ihn nach dem Tode ſeiner erſten Frau, da ſie den feſten Entſchluß gefaßt hatte, nie aus dem Regimente zu heirathen. Auch Lady O'Dowd hat eine ſo große Anhänglichkeit an daſſelbe, daß ſie erklärt, ſie werde in allewege zurückkommen, und einen von ihnen heirathen, wenn ihrem Mick Etwas zuſtoßen ſollte. Allein der General⸗Major befindet ſich ganz wohl, und lebt ſehr glänzend zu O'Dowdstown; er hat eine Koppel trefflicher 357 Windhunde, und iſt, wenn man vielleicht ſeinen Nachbar, Hoggarty von Caſtle Hoggarty ausnimmt, der erſte Mann ſeiner Grafſchaft. Ihre Ladyſhip tanzt immer noch Jigs, und wollte auf dem letzten Balle des Lord Lieutenants den Großſtallmeiſter dabei ſchlechterdings zu ihrem Part⸗ ner haben. Sowohl ſie, als Glorvina erklärte, daß Dobbin mit Letzterer ſchändlich verfahren; da aber Posky vakant wurde, ließ ſich Glorvina tröſten; und was Lady O'Dowd betrifft, ſo beſänftigte ein ſchöner Pariſer Turban ihren Zorn. Als Oberſt Dobbin ſeinen Abſchied nahm, was er unmittelbar nach ſeiner Heirath that, pachtete er ein kleines, hübſches Landgut in Hampſhire, nicht weit von Queen's Crawley, wo, nachdem die Reformbill durchge⸗ gangen, Sir Pitt mit ſeiner Familie jetzt beſtändig ſich aufhielt. Der Baronet mußte ſich nun den Gedanken aus dem Kopfe ſchlagen, daß er dereinſt noch Pair werden könnte, da ſeine beiden Sitze im Parlamente verloren ge⸗ gangen waren. Die genannte Kataſtrophe ſchwächte ſowohl ſeinen Beutel, als ſeine Lebensgeiſter; ſeine Geſundheit nahm immer mehr ab, und er prophezeite den baldigen Untergang des Reiches. Lady Jane und Mrs. Dobbin wurben innige Freun⸗ dinnen: — immer und ewig liefen Pony⸗Chaiſen zwi⸗ ſchen dem Schloſſe und Evergreens, dem Landſitze des Oberſten (der einem mit ſeiner Familie auf dem Conti⸗ nente weilenden Freunde des Letzteren, Major Ponto näm⸗ lich, gehörte) hin und her. Ihre Ladyſhip hielt Mrs. Dobbin's Kind über die Taufe: daſſelbe erhielt ihren Na⸗ men, und wurde von Sr. Ehrwürden, Herrn James Crawley, der nach ſeinem Vater die Pfründe bekam, ge⸗ tauft. Auch beſtand eine ziemlich innige Freundſchaft zwiſchen den beiden jungen Burſchen, George und Rawdon, die während der Vakanzen mit einander jagten, zu Cam⸗ bridge in das nämliche Collegium eintraten, und wegen Lady Jane's Tochter, in die ſie natürlich Beide verliebt waren, mit einander Streit bekamen. Eine ehliche Ver⸗ bindung zwiſchen George und der fraglichen jungen Dame gehörte lange Zeit zu den Lieblingsplänen der beiden Müt⸗ ter, obgleich ich gehört habe, daß Mrs. Crawley ſelbſt ihrem Coufin mehr gewogen war. Mrs. Rawdon Crawley's Name wurde von keiner der beiden Familien je erwähnt. Es lagen für Alle ge⸗ wichtige Gründe vor, über ſie zu ſchweigen. Denn wohin auch Herr Joſeph Sedley ſich begab, ſo reiste ſie gleich⸗ falls dahin; und der bethörte Mann ſchien ganz und gar ihre Seclave zu ſein. Der Oberſt wurde von ſeinen Advo⸗ caten benachrichtigt, daß ſein Schwager ſein Leben ver⸗ ſichert habe, und zwar für eine ſtarke Summe; was es denn wahrſcheinlich machte, daß er Geld aufgenommen, um Schulden zu bezahlen. Derſelbe ließ ſich auch vom Eaſt India Houſe ſeinen Urlaub verlängern, und in der That nahm ſeine Gebrechlichkeit mit jedem Tage zu. Als Amalie von der Lebensverſicherung hoͤrte, legte ſie viele Unruhe an den Tag, und bat ihren Mann, nach Brüſſel zu gehen, wo Jos ſich gerade aufhielt, um den Zuſtand ſeiner Angelegenheiten zu unterſuchen. Der Oberſt entfernte ſich nur ungern von Hauſe (denn ſeine „Geſchichte des Punjaub,“ die ihn zur Stunde noch beſchäftigt, nahm ihn ganz in Anſpruchz auch war er wegen ſeiner kleinen Tochter, die er vergottert, und die eben den Frieſel gehabt hatte, ſehr beſorgt), und ging nach Brüſſel, und fand Jos in einem der ungeheuren Hotels logirt. Mrs. Crawleh, die einen eigenen Wagen hielt, Geſellſchaften und Feſte gab, und auf einem ziemlich vor⸗ nehmen Fuße lebte, bewohnte in demſelben Hotel eine an⸗ dere Reihe von Zimmern. Natürlich verlangte es den Oberſten nicht, die genannte Dame zu ſprechen; ja er hielt es nicht einmal für ange⸗ meſſen, ihr ſeine Ankunft zu Brüſſel kund zu thun, denn 359 er ſchickte durch ſeinen Diener ein bloß für Jos beſtimm⸗ tes Billet. Jos bat den Oberſten, daß er ihn doch noch an dem⸗ ſelben Abende beſuchen möchte, da Mrs. Crawley bei einer Soirée ſein würde, und ſie Beide dann allein wären. Der Oberſt fand ſeinen Schwager in einem Zuſtande Mitleid erregender Gebrechlichkeit; und ebenſo fand er, daß verſelbe ſich entſetzlich vor Rebekka fürchtete, obgleich er ſie nicht genug loben konnte. Nach Jos Ausſage hatte ſie ihn während einer Reihe unerhorter Krankheiten ge⸗ pflegt, und zwar mit einer überaus bewundernswerthen Treue: ſie war ihm eine Tochter geweſen. „Aber — aber — ach, um's Himmelswillen! kommt doch, und lebet in meiner Nähe, und — und — beſuchet mich bisweilen!“ wimmerte der unglückliche Mann. Bei dieſen Worten verfinſterte ſich die Stirne des Oberſten. „Das kann nicht ſein, Jos,“ ſagte er. „Amalie kann dich in Anbetracht der Umſtände nicht beſuchen.“ „Ich ſchwöre Dir — ich ſchwöre dir auf die Bibel,“ keuchie Joſeph, der das Buch küſſen wollte, hervor, „daß ſie ſo unſchuldig, wie ein Kind, ſo makellos, wie Deine eigene Frau iſt“ „Das mag ſein,“ ſagte der Oberſt düſter; „allein Emmy kann nicht zu Dir kommen. Ermanne dich Jos: brich dieſe unreputirliche Connerion ab. Komm heim zu Deiner Familie. Wie wir hören, ſo ſteht es, was den Geldpunkt anbetrifft, bei Dir nicht eben am Beſten.“ „Nicht am Beſten!“ rief Jos. „Wer hat ſolche Ver⸗ läumdungen ausgeſprengt? All' mein Geld iſt überaus vortheilhaft angelegt. Mrs. Crawley — das heißt — ich meine, — es iſt ſo vortheilhaft, wie möglich angelegt.“ „Du biſt alſo nicht verſchuldet? Warum haſt Du dann Dein Leben verſichert?“ 360 „Ich dachte — ein kleines Geſchenk für ſie — im Falle Etwas paſfiren ſollte; und Du weißt, mit meiner Ge⸗ ſundheit ſteht es nicht am Beſten — Richts, als die ge⸗ wöhnliche Dankbarkeit, weißt Du — und ich habe im Sinne, Dir Alles, was ich beſitze, zu vermachen —. Und ich kann es mit dem, was mir von meinem jährlichen Einkommen übrig bleibt, bezahlen; ja das kann ich,“ rief Williams ſchwacher Schwager aus. Der Oberſt drang in Jos, daß er alsbald fliehen — daß er nach Indien zurückkehren ſolle, wohin ihm Mrs. Crawley nicht nachfolgen koͤnne; und erſuchte ihn, eine Verbindung abzubrechen, welche, wie er hinzuſetzte, die un⸗ glücklichſten Folgen für ihn haben könne. Jos ſchlug die Hände zuſammen, und rief: „Er wolle nach Indien zurückkehren. Er wolle Alles thun, was man von ihm verlange, nur ſolle man ihm etwas Zeit laſſen; man dürfe aber Mrs. Crawley Nichts davon ſagen.“ „Sie würde — ſie würde, fügte Jos hinzu, „mich um⸗ bringen, wenn ſie es wüßte. Du weißt nicht, welch⸗ fürchterliches Weib ſie iſt.“ „Warum gehſt Du dann nicht ſogleich mit mir?“ antwortete Dobbin; allein Jos hatte nicht ſo vielen Muth. „Er wolle Dobbin am nächſten Morgen wieder ſprechen; er dürfe aber ja nicht ſagen, daß er da geweſen. Jetzt müſſe er gehen. Becky könne nach Hauſe kommen.“ Und Dobbin verließ ihn voll unheimlicher Ahnungen. Er ſah Jos nie wieder. Drei Monate darauf ſtarb Joſeph Sedley zu Aachen. Es ſtellte ſich heraus, daß ſein ganzes Vermogen zu Speculationen verwendet worden, und daß daſſelbe durch werthloſe Aktien von verſchiedenen, in Seifenblaſen machen⸗ den Geſellſchaften repräſentirt war. Sein ganzes wirk⸗ liches Vermögen beſtand in den 2000 Pfund, für welche ſein Leben verſichert war, und die zur Hälfte ſeine viel⸗ 361 geliebte „Schweſter Amalle, Frau von u. ſ. w. u. ſ. w., und, zur andern, ſeine Freundin und unſchätzbare Wärterin in kranken Tagen, Rebekka, Frau von Oberſtlieutnant, Rawdon Crawley, C. B.,“ die zur Teſtamentsvollſtreckerin ernannt war, bekommen ſollte. Der Advocat der Lebensverſicherungs⸗ Geſellſchaft ſchwor, es ſei der abſcheulichſte Fall, der ihm in ſeinem Leben vorgekommen, und ſprach davon, daß eine Commiſſion nach Aachen geſchickt werden müſſe, um die wahre Ur⸗ ſache des Todes zu erforſchen. In Folge deſſen weigerte ſich die Geſellſchaft, die Police zu bezahlen. Allein Mrs., oder Lady Crawley, wie ſie ſich nannte, kam alsbald nach London, erſchien mit ihren Advokaten, den Herren Burke, Thurtell, und Hayes, von Thavies Inn, und verlangte in frecher Weiſe von der Geſellſchaft die Auszahlung der bewußten Summe. Ihre Advocaten trugen ſelbſt auf eine Unterſuchung an, und erklärten, daß ihre Clientin der Gegenſtand einer heilloſen Verſchwörung ſei, die ſie ihr ganzes Leben lang verfolgt hätte, — und trugen am Ende den Sieg davon. Das Geld wurde ausgezahlt, und ſie rein gewaſchen; allein Oberſt Dobbin ſchickte den ihm zugefallenen Vermächtniß⸗Antheil an die Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft zurück, und wollte mit Rebekka ſchlechterdings Nichts zu ſchaffen haben. Sie wurde nie Lady Crawley, obwohl ſie fortfuhr, ſich ſo zu nennen. Seine Exelleenz, Oberſt Rawdon Craw⸗ ley, ſtarb zu Coventry Island am gelben Fieber, allge⸗ mein geliebt und auf's Tiefſte bedauert, — und zwar ſechs Wochen vor dem Hinſcheiden ſeines Bruders, Sir Pitt's. In Folge deſſen ging das Gut an den gegenwärtigen Sir Rawdon Crawley, Baronet, über. Aber auch er mag ſeine Mutter nicht ſehen, der er einen ſchönen Jahrgehalt ausgeſetzt hat, und die außerdem ſehr reich zu ſein ſcheint. Der Baronet lebt ganz zu Der Jahrmarkt des Lebens. IV. 24 362 Queen's Crawley mit Lady Jane und deren Tochter, während Rebekka, Lady Crawley, ſich hauptſächlich in Bath) und Cheltenham herumtreibt, wo eine ſehr ſtarke Partei trefflicher Leute ſie als eine Frau anſieht, der man ent⸗ ſetzlich Unrecht gethan und noch thue. Sie hat zwar auch ihre Feinde. Allein wer hat deren nicht? Ihr Le⸗ ben mag Ihnen als Antwort dienen. Rebekka, Lady Crawley, iſt jetzt gar fromm gewor⸗ ven, und thut allerlei gute Werke. Ihr Name ſteht auf allen Wohlthätigkeits⸗Liſten. Das arme Pomeranzen⸗ Mädchen, die vernachläßigte Wäſcherin, der unglückliche, mit Muffins handelnde Mann findet an ihr eine groß⸗ müthige Freundin, die mit ihrer Hülfe nie zögert. Bei zu ſolchen Wohlthätigkeitszwecken veranſtalteten Ausſtel⸗ lungen weiblicher Arbeiten, iſt ſie ſtets in einer Bude zu erblicken. Emmy, ihre Kinder, und der Oberſt, die vor einiger Zeit nach London kamen, fanden ſich bei einer dieſer Ausſtellungen mit einem Male ihr gegenüber Sie ſchlug recht ſittſam die Augen nieder und lächelte, als ſie erſchrocken von ihr wegeilten, wobei Emmy ſich auf den Arm ihres Sohns George (der nun zu einem gar ſchö⸗ nen jungen Herrn herangewachſen ifi) ſtützte, und der Oberſt ſeine kleine Janey auf den Arm nahm, — ſeine Janey, die er über Alles in der Welt liebt, und die ihm ſogar über ſeine „Geſchichte des Punjaub“ geht. „Die er mehr liebt, als mich,“ denkt Emmy mit einem Seufzer. Allein nie ſagte er zu Amalien ein Wort, das nicht freundlich und ſanft geweſen wäre; z und nie dachte er an eines ihrer Bedürfniſſe, ohne daß er daſſelbe zu be⸗ friedigen geſucht hätte. Ah! Vanitas vanitatum! Wer von uns iſt glück⸗ lich auf dieſer Welt? Wem von uns geht Alles nach ———— 363 Herzenswunſch? Oder wer von uns iſt zufrieden, wenn er Alles hat, wornach er ſich ſehnt? — Kommt Kinder, wir wollen den Puppenkaſten wieder ſ denn wir ſind nun am Ende unſeres Schau⸗ piels. Ende. 5/8 g14 Senqe ——