Leihbibliotheł deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Auswürtige Wonhenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Diejenigen, welche die⸗ — e auf 1 Mohat: W W 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unr defecte Bücher 4 —— ——— Der Jahrmarkt des Lebens. (Vanity Fair.) Roman von William NMakepeart Thackeray. A us dem Engliſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Neuntes bis dreizehntes Bändchen. ——— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. S — — — Zweiunddreißigſtes Kapitel. Worin Jos das Haſenpanier ergreift, und der Krieg zu Ende geht. Wir Bewohner der friedlichen City von London haben noch nie eine ſolche Scene der Unruhe und der Verwir⸗ rung geſehen, wie die, ſo die Stadt Brüſſel darbot, und werden es auch nie, ſo Gott will. Menſchenhaufen ſtürzten ſich nach dem Namurer Thore hin, da der Schall in dieſer Richtung kam, und viele ritten die ebene Chauſſée ent⸗ lang, um jede Nachricht von der Armee zuerſt zu erhal⸗ ten. Jeder fragte ſeinen Nachbar nach Neuigkeiten, und ſogar große engliſche Lords und Ladies ließen ſich ſoweit herab, daß ſie mit Perſonen ſprachen, die ſie nicht kann⸗ ten. Die Freunde der Franzoſen zeigten ſich überall, und wußten ihre Freude nicht zu mäßigen; ſie prophezeiten den Triumph ihres Kaiſers. Die Kaufleute machten ihre Lä⸗ den zu, und kamen gleichfalls heraus, um dem allgemeinen Chor der Schreienden und Unruhigen ſich anzuſchließen. Frauen ſtürzten in die Kirchen, und füllten die Kapellen an, und knieten, und beteten auf den ſteinernen Platten und auf den Stufen Der dumpfe Kanonendonner dauerte fort, und das Gedröhne nahm immer mehr zu. Bald, ſingen Wagen mit Reiſenden an, die Stadt zu verlaſſen, und eiligſt durch das Genter Thor hinauszufahren. Die Prophezeiungen der franzöſiſchen Partei fingen an, als Thatſachen zu gelten. „Er hat die Armeen von einander getrennt,“ ſagte man, „er marſchirt gerade auf Brüſſel zu. Er wird die Engländer überwältigen, und noch heute Abend hier ſein.“ Der Jahrmarkt des Lebens. IMI. 1 2 „Er wird die Engländer überwältigen,“ ſchrie Iſidor ſeinem Herrn zu, „und noch heute Abend hier ſein.“ Der Bediente ſprang zwiſchen dem Hauſe und ver Gaſſe beſtändig hin und her, und brachte ſtets neue Ein⸗ zelheiten über das große Unglück. Jos' Geſicht wurde jeden Augenblick bläſſer. Die Angſt fing an, ſich des, dicken Civiliſten ganz und gar zu bemächtigen. Aller Champagner, den er trank, war umſonſt: ſein Muth ſchwand immer mehr. Vor Sonnenuntergang hatte ſeine Aengſtlichkeit einen Grad erreicht, der ſeinem Freunde Iſidor Freude verurſachte; denn nun zählte Letzterer ſicher darauf, daß das Eigenthum des Beſitzers des polniſchen Rockes ſeine Beute werden würde. Während dieſer ganzen Zeit waren die Damen in einem beſondern Zimmer. Als die wackere Majorin dem Kanonendonner einen Augenblick zugehoͤrt hatte, dachte ſie an ihre Freundin im andern Zimmer, und lief hinein, um Amalie zu bewachen, und, wo möglich, ſie zu tröſten. Der Gevanke, daß das hülfloſe und ſanfte Ge⸗ ſchöpf ihrem Schutze anvertraut ſei, verlieh dem natür⸗ lichen Muthe der ehrlichen Irländerin neue Stärke. Sie blieb fünf Stunden an der Seite ihrer Freundin: bald machte ſie ihr Vorſtellungen, bald ſprach ſie heitere Worte, noch öfter aber ſchwieg ſie, und ſandte bange, ſtumme Gebete zum Himmel empor. „Ich ließ ihre Hand erſt nach Sonnenuntergang los, als die Kanonen ausge⸗ donnert hatten,“ ſagte die ſtarke Frau ſpäter. Pauline, die Bonne, lag in einer Kirche, dicht neben dem Hauſe, auf den Knien, und betete für son homme à elle. Als die Kanonade verſtummt war, trat Mrs. O'Dowd aus Amaliens Zimmer in das anſtoßende Gemach, wo Jos ſaß, zwei leere Flaſchen vor ſich ſtehen, und den Muth ganz und gar verloren hatte. Ein Paar Male hatte er ſich in das Schlafzimmer ſeiner Schweſter her⸗ eingewagt, wobei er äußerſt erſchrocken ausſah, und es 3 ſchien, als ob er Etwas ſagen wolle. Allein die Majorin ging nicht von der Stelle, und ſo mußte er denn wieder abziehen, ohne ſeinem Herzen Luft gemacht zu haben. Er ſchämte ſich nämlich, ihr zu ſagen, daß er fliehen wolle. Als ſie aber in dem Speiſezimmer ſich blicken ließ, wo er in der Dämmerung vor ſeinen leeren Champagner⸗ Flaſchen — ſeiner einzigen troſtloſen Geſellſchaft — ſaß, fing er an, ihr ſein Herz aufzuſchließen. „Mrs. O'Dowd,“ ſagte er, „wäre es nicht beſſer, wenn Amalie ſich mit Ihrer Hülfe bereit machte?“ „Wollen Sie mit ihr einen Spaziergang machen?“ ſagte die Majorinz „ſie iſt aber gewiß zu ſchwach dazu.“ „Ich — ich habe den Wagen beſtellt,“ ſagte er, „und — und — Poſtpferde; Iſidor iſt ſchon fort, um ſie herbeizuholen,“ fuhr Jos fort. „Wozu denn heute Abend noch fahren?“ antwortete die Dame. „Iſt es ihr nicht beſſer, wenn ſie auf ihrem Bette bleibt? Eben habe ich es bei ihr ſo weit gebracht, daß ſie ſich niederlegte.“ „Machen Sie, daß ſie aufſteht; ſie muß aufſtehen, ſage ich;“ rief Jos, und ſtampfte mit aller Macht mit dem Fuße auf den Boden. „Ich ſage Ihnen, die Pferde find bereits beſtellt, — ja, die Pferde ſind beſtellt. Es iſt Alles aus, und —“ „Und was?“ fragte Mrs. O'Dowv. „Ich gehe nach Gent,“ erwiederte Jos. „Es geht Jedermann; wenn Sie wollen, ſo können Sie einen Platz haben. In einer halben Stunde geht es fort.“ Die Majorin warf ihm einen Blick voll unendlicher Ver⸗ achtung zu. „Ich rühre mich nicht bälder, als bis O'Dowd mir die Route angibt,“ ſagte ſie, „Sie können gehen, wenn Sie wollen, Herr Sedleyz aber, meiner Treu, Amalie und ich bleiben hier.“ „Sie muß mit,“ ſagte Jos, abermals auf den Boden ſtampfend. Mrs. O'Dowd aber ſtellte ſich vor die Thüre des Schlafzimmers mit untergeſtemmten Armen. „Wollen Sie ſie zu ihrer Mutter bringen?“ ſagte ſie; „oder wollen Sie ſelbſt zu Ihrer Mama gehen, Herr Sevley? Guten Morgen — wünſche Ihnen eine ange⸗ nehme Reiſe, Sir. Bon voyage, wie ſie hier zu Lande ſagen, und nehmen Sle meinen guten Rath an, und ſchneiden Sie dort das Ding herunter — den Schnurr⸗ bart, ſonſt könnten Sie dadurch in Verlegenheit kommen.“ „Vermaledeit!“ brüllte Jos, vor Furcht, und Wuth, und Aerger ganz außer ſich. In dieſem Augenblicke trat Iſidor herein, um ſeiner⸗ ſeits zu fluchen. „Pas de chevaux, sacrebleu!““ ziſchte der wüthende Diener heraus. Alle Pferde waren fort. Jos war an jenem Tage nicht der einzige Menſch in Brüſſel, deſſen ein paniſcher Schrecken ſich bemächtigt hatte. Obwohl aber Jos' Furcht ſchon groß und grauſam war, ſo ſollte ſie ſich doch noch vor Ende der Nacht bis zum Wahnſinn ſteigern. Es iſt erwähnt worden, wie Pauline, die Bonne, ebenfalls son homme aà elle in den Reihen der Armee hatte, die ausgezogen war, um es mit dem Kaiſer Napoleon aufzunehmen. Dieſer Geliebte war ein Brüſſeler Kind, und belgiſcher Huſar. Die Truppen ſeines Landes zeichneten ſich in dieſem Kriege durch alles Andere eher aus, als durch Muth, und der junge Van Cutſum, Paulinens Bewunderer, war ein zu guter Sol⸗ dat, um dem Befehle ſeines Oberſten, daß Alles ſein Heil in der Flucht ſuchen ſolle, nicht zu gehorchen. Während der junge Regulus zu Brüſſel in Garniſon lag (er war zu den Zeiten der Revolution geboren worden), fand er ſeinen größten Troſt und ſein größtes Behagen in Pauli⸗ nens Küche, wo er faſt alle ſeine freien Augenblicke zu⸗ brachte; und mit vollen Taſchen und Holftern — die Speiſekammer der Köchin hatte dabei mit allen Arten von 5 Delikateſſen herhalten müſſen — hatte er vor einigen Tagen von ſeiner weinenden Geliebten Abſchied genommen, um in das Feld zu rücken. So weit es ſein Regiment betraf, war dieſer Feldzug nun zu Ende. Es hatte einen Theil der Diviſion gebil⸗ det, die unter dem Commando ſeines Kronprinzen, des Prinzen von Oranien, ſtand, und was die Länge der Säbel und Schnurrbärte, und den Reichthum der Uniform und der Ausrüſtung betraf, ſo ſah Regulus mit ſeinen Kameraden ſo mattialiſch und tapfer aus, wie nur je ein Corps mit Trompetern. Als Ney ſich auf den Vortrab der alliirten Truppen warf, und eine Poſition nach der andern nahm, bis die Ankunft der Hauptmaſſe der engliſchen Armee von Brüſſel die Lage der Dinge in der Affaire von Quatre Bras änderte, zeigten die Schwadronen, unter denen Regulus auch ritt, die groͤßte Thätigkeit darin, daß ſie ſich vor den Franzoſen zurückzogen: ſie wurden bald von dieſem, bald von einem andern Poſten vertrieben, was ihnen nur Spaß zu machen ſchien. Erſt durch das Vordringen der Briten in ihrem Rücken wurde ihren Bewegungen Ein⸗ halt gethan. Da ſie ſich ſo gezwungen ſahen, Halt zu machen, ſo hatte die feindliche Cavallerie (deren blutdür⸗ ſtige Hartnäckigkeit nicht zu ſtrenge getadelt werden kann) endlich Gelegenheit, mit den vor ihr ſtehenden tapfern Belgiern handgemein zu werden; allein Letztere zogen einen Zuſammenſtoß mit den Briten einem Zuſammen⸗ ſtoße mit den Franzoſen vor, und ſo kehrten ſie denn mit einem Male Letzteren den Rücken, ritten durch die engli⸗ ſchen, hinter ihnen aufgeſtellten Regimenter hindurch, und ſtoben nach allen Richtungen auseinander. In der That eriſtirt das Regiment nicht mehr. Es war nirgends. Es hatte kein Hauptquartier. Regulus galoppirte ganz allein viele Meilen vom Schlachtfelde weg, und wo konnte er einen ſo guten Zufluchtsort finden, als in der Küche und in den treuen Armen, worin Pauline ihn ſo oft bewill⸗ kommt hatte? Gegen zehn Uhr konnte man das Klirren eines Sä⸗ bels auf der Treppe des Hauſes hören, in welchem die Osbornes nach feſtländiſcher Art ein Stockwerk einnah⸗ men: das Geräuſch kam die Treppe herauf. Bald ließ ſich an der Küchenthüre ein Klopfen vernehmen, und die arme Pauline, die von der Kirche nach Hauſe gekommen war, fiel vor Schrecken beinahe in Ohnmacht, als ſie die Thüre aufmachte, und das graſſe Geſicht ihres Huſaren vor ſich ſah. Er ſah ſo blaß aus, wie der Huſar, der einſt zu Leonoren kam. Pauline würde laut aufgeſchrien haben, wenn nicht ihr Geſchrei ihre Herrſchaft aufgeweckt, und ihren Geliebten verrathen hätte. Sie unterdrückte daher ihren Schrei, führte ihren Helden in die Küche hinein, gab ihm Bier, und diejenigen Delikateſſen von der Mittagsmahlzeit, zu deren Verzehrung es Jos an Muth gefehlt hatte. Der Huſar bewies durch das ungeheure Quantum Fleiſch und Bier, das er verſchlang, daß er kein Geiſt ſei, — und während des Kauens erzählte er die Geſchichte ihres Unglücks. Sein Regiment hatte Wunder der Tapferkeit verrich⸗ tet, und hatte eine Weile die ganze franzöſiſche Armee gegen ſich gehabt. Allein endlich wurde es überwältigt und geworfen, wie um dieſe Zeit, ſetzte er hinzu, ohne Zweifel die ganze britiſche Armee überwältigt ſei. Ney hatte jedes Regiment vernichtet, wie es heranmarſchirte. Vergebens legten die Belgier ſich in's Mittel, um der Abſchlachtung der Engländer Einhalt zu thun. Die Braunſchweiger waren total geſchlagen und geflohen — ihr Herzog lag todt auf dem Schlachtfelde. Die débäcle war allgemein. Er ſuchte ſeinen Kummer über die Nie⸗ derlage in Bierſtrömen zu erſäufen. Iſidor, der in die Küche gekommen war, horte das Geſpräch, und rannte hinaus, um ſeinen Herrn von der Sachlage zu unterrichten. 7 „Es iſt Alles aus,“ kreiſchte er Jos zu. „Der Mi⸗ lor Herzog iſt gefangen; der Herzog von Braunſchweig iſt todt, die britiſche Armee flieht über Hals und Kopf; nur ein Mann iſt entronnen, und er ſteht draußen in der Küche — kommen Sie, und hoͤren Sie ihn ſelbſt.“ Es ſchwankte alſo Jos in die Küche hinaus, wo Re⸗ gulus immer noch auf dem Tiſche ſaß, und an ſeinen Bierkrug ſich anklammerte. Im beſten Franzoͤfiſch, das ihm zu Gebote ſtand, und in der That ſehr ungrammati⸗ kaliſcher Art war, erſuchte er den Huſaren, zu erzählen, was er wiſſe. Je länger Regulus ſprach, um ſo groͤßer wurde das Unglück. Er war der einzige Mann von ſei⸗ nem Regimente, der auf dem Schlachtfelde nicht erſchla⸗ gen worden war. Er hatte geſehen, wie der Herzog von Braunſchweig fiel, wie die ſchwarzen Huſaren flohen, wie die Schotten von den Kanonenkugeln niedergeſchmettert wurden. „Und das — ſte Regiment?“ keuchte Jos. „Iſt in Stücke gehauen,“ ſagte der Huſar, — wor⸗ auf Pauline ſchrie: „Ach, meine liebe Herrſchaft, ma bonne petite dame,“ einen hyſteriſchen Anfall nach dem andern bekam, und das ganze Haus mit ihrem Geſchrei erfüllte. Vor Schrecken außer ſich, wußte Herr Sedley nicht, wie oder wo er eine ſichere Zufluchtsſtätte finden ſollte. Er rannte aus der Küche in das Wohnzimmer zurück, und warf auf Amaliens Thüre, die Mrs. O'Dowd ihm vor der Naſe zugeſchloſſen hatte, einen bittenden Blick; allein er erinnerte ſich, wie verächtlich die Majorin ihn empfangen hatte, und verließ daher die Thüre, als er einige Augenblicke dort verweilt und gehorcht hatte, um, zum erſten Male an dieſem Tage, auf die Straße hinab zu gehen. Er nahm daher ein Licht, ſah ſich nach ſeiner goldbeborteten Mütze um, und fand ſie an ihrem ge⸗ wöhnlichen Platze, auf einem Conſole⸗Tiſche im Vorzim⸗ mer, vor einem Spiegel, an dem Jos zu kokettiren pflegte, wobei er ſeine Seitenlocken ſtets drehte, und an ſeiner Mütze ſo lange rückte, bis ſie gehörig ſchief ſaß: erſt wenn alles Dieſes geſchehen war, pflegte er ſein Zim⸗ mer zu verlaſſen, um im Publikum zu erſcheinen. So groß iſt die Macht der Gewohnheit, daß er ſelbſt in ſei⸗ nem Schrecken ganz mechaniſch an ſeinem Haare zu dre⸗ hen, und ſeiner Kopfbedeckung die gehörige ſchiefe Lage zu geben anfing. Dann ſah er ganz beſtürzt auf das blaſſe Geſicht in dem Spiegel, und insbeſondere auf ſei⸗ nen Schnurrbart, der im Laufe von beinahe ſieben Wo⸗ chen — ſo lange war er auf der Welt — in üppiger Weiſe ſich entwickelt hatte. „Er wird Urſache ſein, daß die Leute mich für einen Militär halten,“ dachte er, ſich an Iſidor's wohlgemeinte Warnung in Betreff des Ge⸗ metzels, von dem die ganze geſchlagene britiſche Armee bedroht ſei, erinnernd; ſodann wankte er wieder in ſein Schlafzimmer, und fing an, an der Schelle, auf deren Ruf ſein Kammerdiener herbeizukommen pflegt, wie wahn⸗ ſinnig zu zerren. Iſidor erſchien. Jos war auf einen Stuhl geſunken — und hatte ſeine Halstücher abgeriſſen, ſeinen Hemd⸗ kragen umgeſchlagen, und hielt ſeine beiden Hände an die Gurgel. „Coupez-moi, Iſidor,“ ſchrie erz „vite! Coupez- moi!“ Iſidor glaubte einen Augenblick, ſein Herr ſei wahn⸗ ſinnig geworden, und verlange von ihm, daß er ihm die Gurgel abſchneide. „Les moustaches,“ ſchnaubte Jos; „les mous- taches — coupy, rasy, vite!“ — ſo beſchaffen war ſein Franzöſiſch — geläufig zwar, wie wir bereits geſagt haben, allein nicht ſonderlich grammatikaliſch. In einem Augenblicke hatte Iſidor den Schnurrbart herabgeſäbelt, und der Kammerdiener hörte mit unaus⸗ ſprechlichem Entzücken den Befehl ſeines Herrn, daß er 9 ſi einen Hut und einen gewöhnlichen Rock bringen olle. „Ne porty ploo — habit militair — bonny, donny a voo, prenny dehors““ — waren Jos' Worie, — endlich waren Rock und Mütze Iſidor's Eigenthum. Nachdem Jos ſeinem Kammerdiener dieſes Geſchenk gemacht hatte, wählte er aus ſeinen Effecten einen ein⸗ fachen ſchwarzen Rock und eine ditto Weſte aus, zog ein großes weißes Halstuch an, und ſetzte einen einfachen Caſtorhut auf. Hätte er einen Schaufelhut bekommen können, ſo würde er ihn auch aufgeſetzt haben. So wie er war, hätte man ihn für einen blühenden, dicken Pfar⸗ rer von der engliſchen Hochkirche anſehen können. „Venny maintenong,“ fuhr er fort, „sweevy — ally — party — dang la roo.“ Mit dieſen Worten ſprang er, ſo ſchnell er konnte, die Treppe hinab, und ging auf die Straße hinaus. Obgleich Regulus betheuert hatte, daß er der einzige Mann ſeines Regiments, ja faſt der ganzen alliirten Ar⸗ mee wäre, der von Ney nicht in Stücke gehauen worden, ſo ſchien doch ſeine Angabe nicht ganz genau zu ſein; denn es ſiellte ſich heraus, daß eine weit größere Anzahl von den muthmaßlichen Opfern dem Gemetzel entronnen war. Viele Dutzende von Regulus' Kameraden hatten ihren Weg nach Brüſſel zurückgefunden, und erfüllten, da Alle darin übereinſtimmten, daß ſie entronnen wären, die ganze Stadt mit dem Glauben, daß die Alliirten eine Niederlage erlitten hätten. Man erwartete ſtündlich die Ankunft der Franzoſen, der paniſche Schrecken dauerte fort, und überall machte man ſich zur Flucht bereit. „Keine Pferde!“ dachte Jos in ſeinem Schrecken. Iſidor mußte ſich bei hundert Perſonen erkundigen, ob ſie keine zu vermiethen, oder zu verkaufen hätten, und er wurde immer kleinmüthiger, als jeder neue Verſuch von derſelben verneinenden Antwort begleitet war. Sollte er nun die Reiſe zu Fuß machen? Selbſt die Furcht konnte * 10 den ſchweren Körper nicht zu einer ſolchen Thätigkeit an⸗ treiben. Faſt alle Hotels, welche die Engländer in Brüſſel bewohnten, liegen dem Park gegenüber, und Jos ging un⸗ entſchloſſen in dieſem Stadttheile mit Haufen anderer Leute umher, die, wie er, von Furcht geängſtigt oder von Neugierde bewegt waren. Er ſah einige Familien, die glücklicher geweſen waren, als er ſelbſt, und die, da ſie Pferde zur Flucht gefunden hatten, durch die Straßen dahinraſſelten; andere dagegen befanden ſich in der näm⸗ lichen Lage, wie er, und hatten weder mit Bitten, noch mit Geld ſich die zur Flucht nöthigen Mittel verſchaffen können. Unter Letzteren, das heißt, denen, die gern ge⸗ flohen wären, bemerkte Jos Lady Bareacres mit ihrer Tochter: dieſe beiden Damen ſaßen unter der porte⸗ cochsre ihres Hotels in ihrem Wagen, der über und über bepackt war, und es war ihre Flucht durch ſonſt nichts Anderes, als eben denſelben Mangel an bewegender Kraft, in Folge deſſen Jos nicht von der Stelle konnte, gehindert. In dem nämlichen Hotel wohnte auch Rebekka Craw⸗ ley, und es hatten vor dieſer Zeit zwiſchen derſelben und den Damen der Bareacres'ſchen Familie verſchiedene Rei⸗ bungen Statt gefunden. My Lady Bareacres that, als ſähe ſie Mrs. Crawley nicht, wenn ſie auf der Treppe zufällig mit einander zuſammentrafen, und ſprach an allen Orten, wo der Name der Letzteren erwähnt wurde, be⸗ harrlich ſchlecht von ihrer Nachbarin. Die Gräfin nahm ein Aergerniß an der Vertraulichkeit, die zwiſchen Gene⸗ ral Tufto und der Frau ſeines Adjutanten herrſchte. Lady Blanche mied ſie, gleich als ob ſie die Peſt geweſen wäre. Nur der Earl ſelbſt unterhielt, wenn er ſich außerhalb der Gerichtsbarkeit ſeiner Damen wußte, gelegentlich eine verſteckte Bekonntſchaft mit ihr. Rebekka konnte ſich nun an dieſen inſolenten Fein⸗ dinnen rächen. Es wurde in dem Hotel bekannt, daß Capitän Crawley's Pferde zurückgeblieben wären, und als der paniſche Schrecken anfing, ließ Lady Bareacres ſich ſoweit herab, daß ſie an die Frau des Capitäns ihr Kammermädchen mit den Complimenten ihrer Ladyſhip ſchickte, und ſich nach dem Preiſe der Pferde der Mrs. Crawley erkundigen ließ. Mrs. Crawley ließ ihr ihre Complimente melden, und ſagte ihr in einem kleinen Bil⸗ let, daß es nicht ihre Gewohnheit wäre, mit Kammer⸗ mädchen einen Handel abzuſchließen. Die kurze Antwort führte den Grafen in eigener Perſon in Becky's Wohnung; allein er machte nicht mehr Glück, als die erſte Geſandtſchaft. „Mir ein Kammer⸗ mädchen zu ſchicken!“ rief Mrs. Crawley in großem Zorne;z „warum ließ mir my Lady Bareaeres nicht ſagen, daß ich auch die Pferde ſatteln ſolle! Will ihre Ladyſhip fliehen, oder die kemme de chambre ihrer Ladyſhip?“ Und dieß war die ganze Antwort, die der Earl ſeiner Gräfin zurückbrachte. Was thut nicht die Noth? Die Gräfin erſchien wirk⸗ lich in eigener Perſon bei Mrs. Crawley, als ihre zweite Geſandtſchaft ohne Erfolg zurückkam. Sie bat ſie, den Preis ſelbſt zu beſtimmen; ſie erbot ſich ſogar, Becky einzuladen, wenn ſie ihr die Mittel an die Hand geben wollte, nach Bareacres Houſe zurückzukehren. Mrs. Craw⸗ ley aber verhoͤhnte ſie. „Ich mag von keinen Bailiffs in Livree bedient wer⸗ den,“ ſagte ſie; „indeſſen werden Sie höchſt wahrſchein⸗ lich gar nicht mehr ſo weit kommen — wenigſtens nicht Sie und Ihre Diamanten zuſammen. Letztere bekommen die Franzoſen. In zwei Stunden werden ſie hier, und ich bis dahin halbwegs Gent ſein. Ich möchte meine Pferde nicht verkaufen, nein, nicht einmal für die zwei größten Diamanten, die Ew. Ladyſhip auf dem Balle trug.“ Lady Bareaeres zitterte vor Wuth und Schrecken. Die Diamanten waren in ihr Kleid genäht, und in my Lords Wattirung und Stiefeln verſteckt. 12 „Weib, die Diamanten liegen beim Bankier in Ver⸗ wahrung, und ich will und muß die Pferde haben,“ ſagte ſie. Rebekka lachte ihr in's Geſicht. Die wüthende Gräfin aber ging hinab, und ſetzte ſich in ihren Wagen; ihr Kammermädchen, ihr Courier und ihr Gatte hingegen mußten noch einmal in der Stadt umherrennen, um Pferde herbeizuſchaffen; und wehe denen, ſo zuletzt kamen! Ihre Ladyſhip war entſchloſſen, in demſelben Augenblicke davon zu fahren, wo die Pferde kämen — mit ihrem Manne oder ohne denſelben. Rebekka hatte das Vergnügen, ihre Ladyſhip in dem der Pferde ermangelnden Wagen zu ſehen, und ihre Au⸗ gen auf ſie heften, und, ſo laut ſie nur konnte, die Noth der Gräfin beklagen zu koͤnnen. „RKeine Pferde bekommen zu können!“ ſagte ſie, „und alle dieſe Diamanten in die Wagenkiſſen eingenäht zu haben! Was werden da die Franzoſen für einen Fang machen! — Ich meine an dem Wagen und den Diaman⸗ ten, — nicht an der Lady!“ Dieſe Nachricht von den eingenähten Diamanten theilte ſie dem Gaſthofbeſitzer, den Bedienten, den Gä⸗ ſten, und den unzähligen Perſonen, die ſich im Hofe her⸗ umtrieben mit. Lady Bareacres hätte ſie von ihrem Kutſchenfenſter aus erſchießen mögen. Während ſie ſich ſo an der Demüthigung und der Noth ihrer Feindin weidete, erblickte Rebekka Freund Jos, der geradezu auf ſie zulief, ſobald er ſie bemerkte. Das veränderte, erſchrockene, feiſte Geſicht verrieth ſein Geheimniß hinlänglich. Auch er wollte fliehen, und ſuchte die Mittel dazu. „Der ſoll meine Pferde kaufen,“ ſagte Rebekka, „und ich will ſie ihm theuer genug anhängen. Die Stute reite ich dann ſelbſt.“ Jos trat guf ſeine Freundin zu, und fragte nun zum 13 hundertſten Male ſeit einer Stunde, ob ſie nicht wüßte, wo Pferde zu bekommen wären. „Was, auch Sie wollen fliehen?“ ſagte Rebekka lachend. „Ich glaubte, Sie wären der Beſchützer aller Damen, Herr Sedley?“ „Ich — ich bin kein Militär,“ keuchte er. „Und Amalie? — wer ſoll Ihr armes Schweſter⸗ chen beſchützen,“ fragte Rebekka. „Sie werden ſie doch nicht allein laſſen wollen?“ „Was kann ich ihr nützen, wenn — wenn der Feind kommt?“ antwortete Jos. „Die Franzoſen werden den Frauenzimmern Nichts zu leid thun, aber mein Bedien⸗ ter ſagt mir, daß ſie geſchworen, keinem Manne Pardon zu geben — die miſerablen, ſchändlichen Feiglinge.“ „Entſetzlich!“ rief Rebekka, an ſeiner Verlegenheit ſich ergötzend. „Zudem will ich ſie nicht verlaſſen,“ rief der Bru⸗ der. „Sie ſoll nicht verlaſſen werden. Sie findet in meinem Wagen einen Platz, ſowie auch Sie, meine theure Mrs. Crawley, wenn Sie mitkommen wollenz und wenn wir Pferde bekommen können —“ ſeufzte er. „Ich habe zwei zu verkaufen,“ ſagte die Dame. Bei dieſer Nachricht hätte Jos in ihre Arme fliegen mögen. „Hol' den Wagen, Iſidor,“ rief er; „endlich haben wir ſie gefunden, ja, haben ſie gefunden.“ „Meine Pferde ſind noch nie im Geſchirr geweſen,“ ſetzte die Dame hinzu. „Bulfinch würde den Wagen in Stücke ſchlagen, wenn man ihn einſpannte.“ „Läßt er ſich aber gut reiten?“ fragte der Cwviliſt. „Er iſt ſo ruhig, wie ein Lamm, und ſo geſchwind, wie ein Haſe,“ antwortete Rebekka. „Glauben Sie, er koͤnne mich tragen?“ ſagte Jos. Und ſchon ſaß unſer Freund in Gedanken auf dem Rücken des Pferdes, ohne auch nur einen Augenblick an die arme Amalie zu denken. Welche Perſon, die eine 14 Pferde⸗Spekulation liebte, wäre wohl einer ſolchen Ver⸗ ſuchung widerſtanden? Als Antwort auf ſeine Frage bat Rebekka Jos, in ihr Zimmer hereinzutreten, wohin er ihr ganz athemlos folgte, um den Handel abzuſchließen. Wohl ſelten brachte Jos in ſeinem ganzen Leben eine halbe Stunde zu, die ihm ſo viel Geld koſtete. Re⸗ bekka, die den Werth der Waaren, die ſie zu verkaufen hatte, nach der Kaufwuth Jos' ſowohl, als nach der Seltenheit des Artikels bemaß, verlangte für ihre Pferde eine ſo ungeheure Summe, daß ſelbſt der Civiliſt zurück⸗ bebte. Sie wolle entweder beide oder keinen verkaufen, ſagte ſie entſchloſſen. Rawdon habe ihr befohlen, daß ſie nicht weniger, als die genannte Summe dafür fordern dürfe. Drunten ſei Lord Bareacres, der ihr eben ſo viel dafür geben wolle — und bei aller Liebe und Achtung, die ſie für die Sedley'ſche Familie habe, könne doch ihr lieber Herr Joſeph ſich wohl einbilden, daß arme Leute auch leben müßten. Mit einem Worte, Niemand konnte mehr Liebe und Freundſchaft an den Tag legen, und zugleich eine groͤßere Zähigkeit beim Handel. Jos endigte damit, daß er, wie übrigens nicht an⸗ ders von ihm zu erwarten war, alle Bedingungen ein⸗ ging. Die Summe, die er geben mußte, war aber ſo groß, daß er um Friſt bitten mußte; ſo groß, daß ſie für Rebekka ein ganzes kleines Vermögen ausmachte, — für Rebekka, die ſchnell berechnete, daß ſie mit dieſer Summe, und vdem Verkaufe der übrigen Effecten Raw⸗ don's, und ihrem Wittwengehalte, im Falle ihr Mann umkommen ſollte, jetzt von der Welt ganz unabhängig ſein würde, und ihrem Wittwenſtande ruhig entgegenſehen könnte. Paar Male an die Flucht gedacht. Allein ihr Verſtand gab ihr einen beſſern Rath. „Nehmen wir an, es kom⸗ Zwar hatte ſie ſelbſt auch im Laufe des Tages ein 6 * . 15 men die Franzoſen,“ dachte Becky, „was können ſie einer armen Offizierswittwe thun? Bah, die Zeiten der Plün⸗ derungen und Belagerungen ſind vorbei; man wird uns ruhig nach Hauſe gehen laſſen, oder aber kann ich mit einem hübſchen kleinen Einkommen angenehm auf dem Feſtlande leben.“ Mittlerweile gingen Jos und Iſidor in den Stall hinab, um die ſo eben gekauften Pferde zu beſichtigen. Jos befahl ſeinem Bedienten, das Pferd alsbald zu ſat⸗ teln, da er, wie er ſagte, noch in der nämlichen Nacht, ja noch in der nämlichen Stunde wegreiten wollte. So⸗ dann verließ er den Kammerdiener, und ging nach Hauſe, um ſich ſelbſt zur Abreiſe bereit zu machen, während Iſi⸗ dor bei den Pferden Alles in Ordnung brachte. Seine Abreiſe mußte aber geheim bleibenz daher wollte er durch die Hinterthüre in ſein Zimmer gelangen. Er mochte Mrs. O'Dowd und Amalien nicht vor die Augen kom⸗ men, und denſelben geſtehen, daß er im Begriffe ſei, das Haſenpanier zu ergreifen. Während Jos mit Rebekka den Handel abſchloß, und die Pferde beſichtigt wurden, war es beinahe wieder Mor⸗ gen geworden. Allein obgleich die Mitternachtsſtunde ſchon längſt vorüber war, ſo war doch allen Stadt⸗ Bewohnern die Ruhe fern; Alles war aufgeblieben, die Lichter brannten in den Häuſern, Menſchenhaufen ſtanden noch vor den Thüren, und auf den Straßen war Alles Leben. Gerüchte verſchiedener Art gingen immer von Mund zu Mund; nach dem einen waren die Preußen total geſchlagen worden; nach einem andern waren die Eng⸗ länder angegriffen und beſiegt worden; nach einem drit⸗ ten endlich hatten die Briten das Feld behauptet. Dieſes letztere Gerücht gewann nach und nach an Glaubwürdig⸗ keit. Es hatte ſich bis jetzt noch kein Franzofe blicken laſſen. Einzelne Soldaten waren von der Armee in die Stadt gekommen, und brachten immer günſtigere Bot⸗ ſchaften; endlich kam ein Adjutant mit Depeſchen an den 16 Platzkommandanten an, der alsbald in der ganzen Stadt einen offiziellen Bericht über das glückliche Treffen, das die Allitrten bei Quatre Bras beſtanden, ſowie über die Niederlage der Franzoſen unter Ney nach einem ſechs⸗ ſtündigen Kampfe anſchlagen ließ. Der Adjutant mußte etwa während der Zeit ange⸗ kommen ſein, wo Jos mit Rebekka ſeinen Handel ab⸗ ſchloß, oder ſeinen Kauf beſichtigte. Als er ſein Hotel erreichte, fand er wohl ein Dutzend der vielen Bewohner deſſelben auf der Thürſchwelle: dort beſprach man die Neuigkeit, und es war wohl an der Wahrheit derſelben nicht länger zu zweifeln. Sofort ging er zu den ſeiner Obhut anvertrauten Damen hinauf, um ſie denſelben mit⸗ zutheilen. Er hielt es nicht für nothwendig, ihnen zu ſagen, wie er im Sinne gehabt, ſich von ihnen zu verab⸗ ſchieden; wie er Pferde gekauft, und wie viel er dafür bezahlt. Allein für ſie, die nur für die Sicherheit und das Leben derjenigen beſorgt geweſen waren, die ſie liebten, hatte der Sieg oder die Niederlage keine ſo hohe Wich⸗ tigkeit. Amalie war bei der Nachricht vom Siege ſogar noch mehr aufgeregt, als vorher. Sie wollte noch in demſelben Augenblicke zur Armee abgehen. Sie bat ihren Bruder, mit Thränen in den Augen, daß er ſie dahin bringen möchte. Ihre Zweifel und ihre Bangigkeit er⸗ reichten den Gipfelpunkt; und die arme junge Frau, die viele Stunden lang in Betäubung verſunken geweſen war, rannte in ihrer hyſteriſchen Raſerei hin und her — ein bemitleipenswerther Anblick! Kein Mann, der ſich auf dem ſchwer erkämpften Felde, fünfzehn Meilen von ihr weg, in ſelnem Schmerze krümmte, auf dem Felde, wo nach ihren Kämpfen der Tapferen ſo viele lagen — kein Mann litt mehr, als dieſes arme, harmloſe Opfer des Krieges. Jos konnte den Anblick ihres Schmerzes nicht er⸗ tragen. Er ließ ſeine Schweſter unter der Obhut ihrer 17 ſtärkeren Gefährtin zurück, und ging noch einmal an die Thüre des Hotels hinab, wo noch Jedermann ſtand, und ſprach, und auf weitere Nachrichten wartete. Während ſie ſo da ſtanden, wurde es heller Tag, und neue Nachrichten fingen an, vom Schlachtfelde einzu⸗ treffen: die Ueberbringer waren Männer, die auf dem Kriegsſchauplatze ſelbſt eine Rolle geſpielt hatten. All⸗ mählig kamen auch Bauer⸗Wagen und lange, ländliche Karren mit Verwundeten in die Stadt hereingerollt; das Aechzen, das aus ihnen hervorkam, war jammervoll, und graſſe Geſichter fahen traurig aus dem Stroh hervor. Jos Sedley blickte auf einen dieſer Wagen mit ſchmerzlicher Neugier — das Geſtöhne der darin Liegen⸗ den war entſetzlich — die abgematteten Pferde konnten den Karren kaum mehr ziehen. „Halt! Halt!“ rief eine ſchwache Stimme aus dem Stroh hervor, und der Wagen hielt gegenüber von Herr Sedley's Hotel. „Es iſt George, ich weiß, er iſt es!“ rief Amalie, mit todtenbleichem Geſichte und fliegenden Haaren als⸗ bald auf ven Balkon zueilend. Indeſſen war es nicht George, wohl aber, wenn er nicht ſelbſt kam, das Beſte, was kommen konnte: das heißt, Nachrichten von ihm. Es war der arme Tom Stubble, der vor vier und zwanzig Stunden ſo tapfer aus Brüſſel ausmarſchirt war, und die Fahne des Regiments getragen hatte. Er hatte dieſelbe auf dem Schlachtfelde wacker vertheidigt. Ein franzöſiſcher Lanzenreiter hatte den jungen Fähndrich in das Bein geſtochen, und es war derſelbe gefallen, ohne jedoch ſeine Fahne aus den Händen zu laſſen. Als die Schlacht zu Ende war, hatte man für den armen Jungen in einem Wagen einen Platz gefunden, und ſo war er nach Brüſſel zurückgebracht worden. „Herr Sedley, Herr Sedley!“ rief der Jüngling ſchwach, und Jos ging, faſt erſchrocken, auf den Ruf hin⸗ zu. Er hatte im erſten Augenblicke die Perſon, die ihm rief, nicht erkannt. Der Jahrmarkt des Levens. M. 2 18 Der kleine Tom Stubble ſtreckte ſeine brennende und ſchwache Hand aus. „Ich ſoll in dieſes Hotel gebracht werden,“ ſagte er. „Osborne — und — und Dobbin haben geſagt, man müſſe mich dahin bringen; und Sie ſollen dem Manne zwei Napoleonsd'or geben: meine Mutter wird es Ihnen wieder erſtatten.“ Dieſer junge Burſche war während der langen fie⸗ berhaften Stunden, die er in dem Karren zugebracht, in Gedanken in dem väterlichen Pfarrhauſe geweſen, das er erſt vor wenigen Monaten verlaſſen hatte, und hatte in dieſem Delirium ſeinen Schmerz bisweilen vergeſſen. Das Hotel war groß, und die Bewohner menſchlich, und ſo wurden denn alle Verwundeten, die auf dem Kar⸗ ren lagen, hineingebracht, und auf verſchiedene Ruhebetten gelegt. Der junge Fähndrich wurde in Osborne's Woh⸗ nung hinaufgebracht. Amalie und die Majorin waren zu ihm hinabgeſtürzt, ſobald die Letztere ihn vom Balkon aus erkannt hatte. Man kann ſich die Gefühle dieſer Frauen denken, als man ihnen ſagte, daß die Schlacht vorüber, und daß ihren beiden Gatten kein Unheil wider⸗ fahren ſei; — in welch' ſtummem Entzücken Amalie ihrer guten Freundin um den Hals fiel, und dieſelbe umarmte: — in welch' dankbare und feurige Gebete ſie ausbrach, und wie ſie auf die Knie fiel, und der Macht dankte, die ihren Gatten beſchützt, und am Leben erhalten hatte. Unſerer jungen Dame hätte in ihrem fieberhaften und nervöſen Zuflande kein heilſamerer Trank verſchrieben werden koͤnnen, als derjenige, den ihr der Zufall in die Hände ſpielte. Sie wachte mit Mrs. O'Dowd beſtändig an dem Bette des verwundeten Jünglings, deſſen Schmer⸗ zen ſehr heftig waren, und bei dieſer ihr alſo aufgezwun⸗ genen Pflicht hatte Amalie keine Zeit, über ihren perſoͤn⸗ lichen Beſorgniſſen zu brüten, oder ſich, nach ihrer Gewohn⸗ heit, ihren Befürchtungen und Vorahnungen hinzugeben. Der junge Patient erzählte in ſeiner einfachen Weiſe die Ereigniſſe des Tages, und die Thaten unſerer Freunde 19 vom tapfern — ſten Regimente. Es hatte ſtark gelitten. Es hatte ſehr viele Offiziere und Soldaten verloren. Dem Major war ſein Pferd unter dem Leibe erſchoſſen worden, während das Regiment einen Angriff machte; und man glaubte bereits allgemein, daß O'Dopd umgekommen ſei, und Dobbin nun zum Major vorrücke, bis man, als das Regiment vom Angriffe auf den Standpunkt zurückkehrte, den es urſprünglich eingenommen, den Major entdeckte, wie er auf dem todten Pyramus ſaß, und ſich mit dem Inhalt ſeiner Taſchenpiſtole gütlich that. Es war Capi⸗ tän Osborne, der den franzöſiſchen Lanzenreiter, welcher dem Fähndrich einen Stich gegeben hatte, niederhieb. Amalie wurde bei dieſem Gedanken ſo blaß, daß Mrs. O'Dowd den jungen Fähndrich in der Erzählung nicht weiter fortfahren ließ. Capitän Dobbin dagegen hatte, obwohl ſelbſt verwundet, am Ende der Schlacht den jun⸗ gen Burſchen in die Arme genommen, zum Wundarzte, und von da auf den Karren gebracht, auf dem er nach Brüſſel zurück transportirt werden ſollte. Auch war es Capitän Dobbin geweſen, der dem Fuhrmann zwei Louis⸗ d'or verſprach, wenn er vor Herrn Sedley's Hotel fahren und Mrs. Capitän Osborne ſagen würde, daß der Kampf vorüber, und ihr Gatte unverletzt und geſund wäre. „Er hat doch ein gutes Herz, dieſer William Dob⸗ bin,“ ſagte Mrs. O'Dowd, „wenn er mich auch ſtets auslacht.“ Der junge Stubble betheuerte, daß es in der gan⸗ zen Armee keinen Offizier gäbe, der ihm gleich käme, und konnte die Beſcheidenheit, die Güte des älteſten Ca⸗ pitäns, ſowie deſſen bewundernswürdige Kaltblütigkeit im Felde nicht genug loben. Dieſen Theilen des Geſprächs lieh Amalie nur eine hoͤchſt zerſtreute Aufmerkſamkeit: nur wenn von George geſprochen wurde, horchte ſie auf, und wenn ſeiner nicht Erwähnung gethan wurde, ſo dachte ſie an ihn. Während ſo Amalie ihren Patienten pflegte, und an 20 die wunderbare Rettung ihres Gatten und ihrer Freunde an dem vorangegangenen Tage dachte, verſtrich ihr zweiter Tag nicht allzu langſam. Für ſie gab es nur Einen in der ganzen Armee; und ſo lange dieſem kein Unglück zu⸗ ſtieß, intereſſirten ſie, wie wir bekennen müſſen, die Be⸗ wegungen des Heeres nur wenig. Alle Gerüchte, die Jos auf der Straße hörte und ihr mittheilte, hatten für ihre Ohren nur einen ſehr unbeſtimmten Klang, obgleich ſie hinreichten, um dieſen furchtſamen Herrn und viele andere Leute, die ſich damals in Brüſſel aufhielten, ſo unruhig, wie möglich, zu machen. Allerdings waren die Franzoſen zurückgeſchlagen worden, jedoch erſt nach einem heftigen und verzweifelten Kampfe, woran zudem bloß eine Diviſion der franzöſiſchen Armee ſich betheiligt hatte. Der Kaiſer ſtand mit der Hauptmaſſe des Heeres bei Ligny, wo er die Preußen total vernichtet hatte, und konnte nun mit ſeiner ganzen Macht ſich auf die Alliir⸗ ten werfen. Der Herzog von Wellington zog ſich auf die Hauptſtadt zurück, und es mußte wahrſcheinlich unter ihren Wällen zu einer Schlacht kommen, deren Ausgang mehr als zweifelhaft war. Der Herzog von Wellington hatte bloß 20,000 Mann britiſcher Soldaten, auf die er ſich verlaſſen konnte; denn die Deutſchen waren unerfah⸗ rene Milizen, und die Belgier den Allirten abgeneigt; und mit dieſer Handvoll Leute mußten Seine Gnaden 150,000 Mann Widerſtand leiſten, die unter Napoleon in Belgien eingefallen waren. Unter Napoleon! Wo war ein Krieger, wie berühmt und geſchickt er auch ſein mochte, der es mit ihm aufnehmen konnte? Jos dachte an alles Dieſes und zitterte. Ein Glei⸗ ches that die Stadt Brüſſel, wo man fühlte, daß das Treffen an dem vorangegangenen Tage nur das Vorſpiel eines größeren Kampfes ſei, der bevorſtehe. Eine der dem Kaiſer entgegengeſtellten Armeen war bereits nach al⸗ len Winden auseinander geſtoben. Man glaubte, daß die wenigen Engländer, die man zum Stehen bringen 2¹ könnte, auf ihren Poſten ſterben und der Kaiſer über ihre Leichname weg auf die Stadt zumarſchiren würde. Wehe denen, die er dort fand! In Anbetracht aller vieſer Umſtände wurden Adreſ⸗ ſen vorbereitet, verſammelten ſich und debattirten heimlich offentliche Beamte, wurden Wohnungen in Bereitſchaft geſetzt, und dreifarbige Fahnen und Sinnbilder des Sie⸗ ges angefertigt, um die Ankunft Seiner Majeſtät des Kaiſers und Königs würdig zu feiern. Die Auswanderung dauerte immer noch fort, und wo Familien keine Mittel zur Abreiſe finden konnten, da flohen ſie. Als Jos am Nachmittage des 17. Juni in das Hotel unſerer Freundin Rebekka kam, fand er, daß der große Reiſewagen der Bareacres'ſchen endlich doch die Porte cochöre verlaſſen hatte. Der Earl hatte ſich auf irgend eine Weiſe, der Mrs. Crawley zum Trotze, Pferde zu verſchaffen gewußt, und rollte dahin auf dem Wege nach Gent. Ludwig, der Erſehnte, packte in letzterer Stadt eben⸗ falls ſein Bündel. Es ſchien, als ob das Mißgeſchick nie müde werde, den genannten, unbehülflichen Verbann⸗ damit zu quälen, vaß es ihn ſtets in Bewegung etzte. Jos fühlte, daß der Aufzug vom vergangenen Tage bloß eine Gnadenfriſt geweſen ſei, und daß ſeine theuer erkauften Pferde ganz gewiß noch aufgeboten werden müß⸗ ten. Seine Angſt war den ganzen Tag über unbeſchreib⸗ lich. So lange eine engliſche Armee zwiſchen Brüſſel und Napoleon ſtand, lag keine Nothwendigkeit zu alsbal⸗ diger Flucht vor; allein er ließ ſeine Pferde aus dem entfernten Stalle, in dem ſie ſich befanden, in die Stal⸗ lungen des Hoteis bringen, in dem er wohnte, damit ſie ihm nicht aus den Augen kämen, und er keine Gefahr liefe, ſie in Folge einer Gewaltthat wieder zu verlieren. Iſidor mußte die Stallthüre beſtändig bewachen, und die Pferde geſattelt halten, damit ſein Herr in jedem Augen⸗ 22 blicke ſeine Fluchtreiſe antreten könnte. Und daß der Diener ſich nach dieſem Ereigniſſe von ganzem Herzen ſehnte, wiſſen wir bereits. Nach dem ihr am vorangegangenen Tage geworde⸗ nen Empfange war es Rebekka nicht gar ſehr darum zu thun, ihrer theuren Amalie wieder näher zn kommen. Sie beſchnitt das Bouquet, das ihr George gebracht hatte, gab den Blumen friſches Waſſer, und las das von ihm erhaltene Briefchen durch. „Das arme Geſchöpf,“ ſagte ſie, das kleine Stück Papier in ihren Fingern herum⸗ drehend, „wie koͤnnte ich ſie damit darniederſchmettern! — Und für ein ſolches Weſen will ſie ſich zu Tode grämen — wegen eines Mannes, der ein Dummkopf — ein Geck iſt — und ſich gar Nichts aus ihr macht. Mein armer, guter Rawdon iſt zehn Mal mehr werth, als dieſes Ge⸗ ſchöpf.“ Und dann fing ſie an, darüber nachzudenken, was ſie zu thun hätte, wenn — wenn dem armen guten Raw⸗ don Etwas paſſirte, und welch' großes Glück es geweſen, daß er ſeine Pferve zurückgelaſſen. Im Laufe dieſes Tages dachte Mrs. Crawley, welche die Bareacres'ſchen nicht ohne Aerger hatte abfahren ſehen, auch an die Vorſichtsmaßregel, welche die Grä⸗ fin getroffen, und verrichtete für ſich eine kleine Nadel⸗ arbeit; ſie nähte den groͤßten Theil ihres Geſchmeides, ſowie ihre Wechſel und Banknoten in die Kleider, die ſie anhatte, und war ſo auf alle Fälle gerüſtet — ſie konnte fliehen, wenn ſie es für paſſend erachtete, oder dableiben und den Sieger begrüßen, mochte derſelbe nun Engländer oder Franzoſe ſein. Auch möchte ich nicht behaupten, daß ſie in dieſer Nocht nicht davon träumte, daß ſie eine Herzogin und Madame la Maréchale werden würde, während Rawdon, in ſeinen Mantel gehüllt, und im Regen beim Mont Saint Jean bivouakirend, mit aller Kraft ſeiner Seele an das kleine Weibchen dachte, das er zu⸗ rückgelaſſen hatte. 23 Der folgende Tag war ein Sonntäg, und Mrs. Major O'Dowd hatte die Freude, ihre beiden Patienten an Körper und Geiſt wieder geſtärkt zu ſehen, da dieſel⸗ ben während der Nacht ſich einiger Ruhe zu erfreuen ge⸗ habt hatten. Sie ſelbſt hatte in Amaliens Zimmer auf einem Lehnſtuhle geſchlafen, bereit, ihre arme Freundin oder den Fähndrich zu pflegen, im Falle Eines oder das Andere Etwas brauchte. Als der Morgen herankam, ging dieſes räſtige Frauenzimmer nach dem Hauſe zurück, wo ſie mit ihrem Major einquartirt worden war, und machte da eine ſorgfältige und glänzende Toilette, wie ſie für den Tag paßte. Auch iſt es ſehr wohl moglich, daß, während ſie allein in dem Zimmer war, das ihr Gatte bewohnt hatte, und wo ſeine Mütze noch auf dem Kopfkiſſen lag, und ſein Stock in der Ecke ſtand, für das Wohlergehen des tapfern Soldaten, Michael O'Dowd, wenigſtens ein Gebet zum Himmel emporſtieg. Als ſie zurückkam, brachte ſie ihr Gebetbuch ſammt den famoſen Predigten ihres Onkels, des Dekans, mit, in welch' letzterem Buche ſie unfehlbar jeden Sabbat las; und wenn ſie vielleicht auch nicht Alles verſtand, und viele der Worte, die ihr zu lang und zu abſtrus waren, nicht richtig ausſprach — der Dekan nämlich war ein ſehr gelehrter Mann geweſen, und hatte ſich gerne langer, lateiniſcher Wörter bedient — ſo muß doch dabei geſagt werden, daß ſie mit vielem Ernſte, vieler Emphaſe, und in der Hauptſache ziemlich correct las. „Wie oft hat mein Mick dieſe Predigten angehört,“ dachte ſie, „wenn ich ihm während einer Windſtille in der Cajüte vorlas!“ Sie nahm ſich vor, auch an dieſem Tage wieder eine ſolche geiſtliche Uebung vorzunehmen, mit Amalien und dem verwundeten Fähndrich als Gemeinde. Dieſelben Ge⸗ bete wurden an dieſem Tage und zu verſelben Stunde in zwanzig tauſend Kirchen abgeleſen, und Millionen britiſcher Männer und Frauen flehten auf den Knien um den Schutz des Allvaters. Sie hörten den Lärmen nicht, der unſere kleine Ge⸗ meinde in Brüſſel ſtörte. Viel lauter, als der Kanonen⸗ donner, ſo ſie vor zwei Tagen unterbrochen hatte, fing der von Waterloo, eben als Mrs. O'Dowd nach beſten Kräften die Kirchengebete ablas, an, in ihr Ohr zu dringen. Als Jos dieſen furchtbaren Schall hörte, faßte er den Entſchluß, dieſer unaufhörlichen Wiederkehr von Schreckniſſen ſich nicht länger auszuſetzen, ſondern alsbald ſich auf die Flucht zu machen. Er ſtürzte in das Zim⸗ mer des Kranken, wo unſere drei Freunde mit ihren Gebeten ausgeſetzt hatten, und unterbrach ſie ferner noch durch einen leidenſchaftlichen Aufruf, den er an Amalien ergehen ließ. „Ich halte es nicht länger aus, Emmy,“ ſagte erz „nein, ich mag es nicht länger aushalten, und Du mußt mit mir. Ich habe ein Pferd für Dich gekauft — ſo viel es mir auch gekoſtet haben mag — und Du mußt Dich nun anziehen und mir folgen, und hinter Iſidor aufſitzen.“ „Gott vergebe mir, Herr Sedley, Sie ſind um kein Haar beſſer, als ein Feigling,“ ſagte Mrs. ODowd, das Buch weglegend. „Ich ſage, Amalie, komm' mit,“ fuhr der Civiliſt fort; „hör' nicht auf das, was ſie ſagt; warum ſollen wir hier bleiben, und uns von den Franzoſen abſchlachten laſſen?“ „Sie vergeſſen bas — ſte Regiment, mein Junge,“ ſagte der kleine Stubble, der verwundete Held, von ſei⸗ nem Bette aus — „und — und — Sie verlaſſen mich doch nicht, Mrs. ODowd?“ „Nein, mein lieber Burſche,“ ſagte ſie, ging zu dem Jüngling hin, und küßte ihn. „So lange ich dabei bin, ſoll Ihnen Nichts geſchehen. Ich rühre mich nicht eher, als bis ich von Mick Befehl erhalte. Ich würde mich 25 hübſch ausnehmen auf einem Reikkiſſen, hinter dieſem Laf⸗ fen da, nicht wahr?“ Dieſes Bild machte den jungen Patienten in ſeinem Bette laut auflachen, und machte ſelbſt Amalie lächeln. „Ich ſage es ja nicht zu ihr,“ ſchrie Jos aus Lei⸗ beskräften — ich ſage ja nicht, das — das iriſche Weibs⸗ bild ſolle mitkommen, ſondern Du, Du ſollſt mit mir gehen, Amalie. Ein für alle Mal, willſt Du mit mir gehen?“ „Ohne meinen Gatten, Joſeph?“ ſagte Amalie mit einem Blicke, in dem ſich Verwunderung ausſprach, und gab der Majorin die Hand! Jos' Geduld war erſchöpft. „So lebe denn wohl,“ ſagte er, die Fauſt voller Wuth ſchüttelnd, und die Thüre heftig zuſchlagend, durch die er ſich entfernte. Und dieſes Mal gab er wirklich den Befehl zum Abmarſche, und ſtieg im Hofe auf. Mrs. O'Dowd horte den Hufſchlag der Pferde, als ſich dieſel⸗ ben durch das Hofthor entfernten, und machte, während ſie ihm nachſah, viele verächtliche Bemerkungen über den armen Joſeph, der bald die Straße hinabritt, und von Iſi⸗ dor in der golvbeborteten Mütze gefolgt war. Die Pferve, die mehrere Tage hindurch nicht geritten worden waren, zeigten ſich ungemein lebhaft, und ſprangen von einer Seite der Straße zur andern. Jos, ein ſchwerfälliger und furchtſamer Reiter, nahm ſich im Sattel nicht ſon⸗ derlich gut aus. „Sehen Sie doch hin, theure Amalie; er will ja dort zum Fenſter hineinreiten. Noch nie in meinem Leben ſah ich einen ſolchen Ochſen in einem Por⸗ zellan⸗Laden.“ Aber bald verſchwand das Reiter⸗ ßaar, indem es in kurzem Galopp ſich in der Richtung der Straße von Gent entfernte. Mrs. O'Dowd verfolgte die Beiden mit dem Feuer ihrer Sarkasmen, ſo lange noch Etwas von ihnen zu ſehen war. Den ganzen Tag hindurch, vom Morgen bis nach Sonnenuntergang, hörten die ehernen Schlachthähne nicht auf, zu krähen. Es war bereits dunkel, als die Kanonade mit einem Male verſtummte. Jeder von uns hat ſchon geleſen, was während die⸗ ſes Zeitraums ſich zutrug. Die Erzählung lebt in jedem engliſchen Munde; und Du und ich, die wir Kin⸗ der waren, als die große Schlacht gewonnen und verlo⸗ ren wurde, werden nie müde, die Geſchichte dieſes gro⸗ ßen Kampfes zu hören und wieder zu erzählen. Die Erinnerung nagt noch an Millionen franzöfiſcher Her⸗ zen, an den Herzen der Landsleute der tapferen Män⸗ ner, welche die Schlacht verloren. Sehnlichſt war⸗ ten ſie auf eine Gelegenheit, dieſe Demüthigung zu rä⸗ chen; und ſollte einmal ein Kampf ausbrechen, der mit einem Siege von ihrer Seite endigte, worauf nun fie wieder ſich brüſten, und der ſein fluchbeladenes Erbe von Haß und Wuth uns hinterlaſſen würde, ſo läßt ſich gar nicht abſehen, wie der ſogenannte Ruhm und die ſo⸗ genannte Schande, ſowie die bald glücklichen, bald un⸗ glücklichen Metzeleien zwiſchen zwei hochherzigen Nationen ihre Endſchaft erreichen könnten. Nach Jahrhunderten könnten wir Franzoſen und Engländer immer noch uns gegenſeitig brüſten und morden, während wir das Teu⸗ felsgeſetzbuch der Ehre wacker befolgten. Alle unſere Freunde nahmen Antheil an dem Kampfe, und fochten, wie Männer auf dem großen Schlachtfelve. Den ganzen Tag über wieſen die Reihen der todesmuthi⸗ gen engliſchen Infanterie die wüthenden Angriffe der fran⸗ zöſiſchen Cavallerie zurück. Während dieſer Zeit beteten die Frauen, zehn Mei⸗ len davon. Die Kanonenſchüſſe, die man zu Brüſſel hörte, lichteten ihre Reihen, und die tapfern Ueberlebenden füll⸗ ten raſch wieder die durch vas Fallen der Kameraden ent⸗ ſtandenen Lücken aus. Gegen Abend ließ die Wuth der Angriffe, welche die Franzoſen ſo tapfer wiederholt, und die Engländer ſo tapfer abgeſchlagen hatten, allmählig 27 nach. Die Franzoſen hatten es noch mit andern Feinden, außer den Briten aufzunehmen, oder aber bereiteten ſie ſich auf einen letzten Angriff vor. Dieſer kam endlich: die Colonnen der kaiſerlichen Garden marſchirten den Hü⸗ gel von Saint Jean hinauf, um endlich und mit einem Male die Engländer von der Anhöhe zu treiben, die ſie den ganzen Tag, trotz aller Angriffe, behauptet hatten: ohne ſich durch das Feuer der Artillerie beirren zu laſſen, das von den Reihen der Engländer ausging, und Tauſende darniederſtreckte, drängte die dunkle wogende Colonne ſich heran, und ſtürmte den Hügel hinauf. Schon ſchien ſie beinahe die oberſte Spitze zu bedecken, als ſie anfing, zu wanken. Dann blieb ſie ſtehen, immer noch dem Kugelregen die Bruſt bietend. Endlich ftürzten die engli⸗ ſchen Truppen aus der Stellung hervor, aus der kein Feind ſie zu vertreiben vermocht hatte; da wandte die Garde den Rücken, und floh. In Brüſſel hörte man kein Feuern mehr — die Ver⸗ folgung wälzte ſich mehrere Meilen weit fort. Ueber Feld und Stadt ſenkte ſich die Finſterniß, und Amalie betete für George, der todt, und mit einer Kugel im Her⸗ zen, auf dem Geſichte lag. YPreiunddreißigſtes Kapitel. Worin Miß Crawley's Verwandte um ſie gar ängſtlich beſorgt ſind. Der geneigte Leſer darf gefälligſt nicht außer Acht laſſen, daß, während die Armee Flandern verläßt, und nach ihren Heldenthaten vorrückt, um die Feſtungen an der 28 franzöſiſchen Grenze einzunehmen, ehe das ganze Land be⸗ ſetzt wird, eine Anzahl von Perſonen ruhig in England lebt, die in vorliegende Geſchichte mit verwoben ſind, und auch ihren Theil an der Erzählung anſprechen dürfen. Während der oben geſchilderten Schlachten und Ge⸗ fahren wohnte die alte Miß Crawley zu Brighton, und nahm nur wenigen Antheil an den großen Ereigniſſen, die abrollten. Allerdings machten dieſe großen Ereigniſſe die Zeitungen ziemlich intereſſant, und die Briggs las ihr die Gazette vor, in der Rawdon Crawley's Tapferkeit ehrenvoll erwähnt, und bald darauf deſſen Beförderung zum Oberſtlieutenant gemeldet war. „Ach, wie Schade iſt es doch, vaß dieſer junge Mann einen ſolchen Schritt gethan hat, der nie wieder gut zu machen iſt,“ ſagte ſeine Tante; „bei ſeinem Range und bei der Art, wie er ſich ausgezeichnet hat, hätte er eine Bierbrauerstochter mit einer Viertelmillion, wie Miß Grains, bekommen, oder in eine der beſten engliſchen Fa⸗ milien heirathen können. Früher oder ſpäter hätte er, oder ſeine Kinder — denn, Miß Briggs, ich habe noch keine Eile, aus dieſer Welt zu ſcheiden, wenn auch Ihr es kaum erwarten könnt, bis Ihr meiner los werdet — mein Geld befommen; anſtatt deſſen iſt er nun zur Ar⸗ muth verdammt, und muß er ſich damit begnügen, daß er eine Tänzerin zur Frau hat.“ „Wird meine theure Miß Crawley kein mitleidiges Auge auf den heroiſchen Krieger werfen, deſſen Name in den Annalen des Ruhms ſeines Vaterlandes ſteht?“ ſagte Miß Briggs, die von den Vorgängen bei Waterloo ſehr aufgeregt war, und gern in romantiſcher Weiſe ſprach, ſo oft ſich eine Gelegenheit darbot. „Hat nicht der Capitän — oder der Oberſt, wie man ihn jetzt nennen darf, Tha⸗ ten verrichtet, welche den Namen Crawley berühmt machen?“ „Briggs, Sie ſind eine Närrin,“ ſagte Miß Craw⸗ ey; „Oberſt Crawley hat den Namen Crawley in den 29 Koth gezogen, Miß Briggs. Die Tochter eines Zeich⸗ nungslehrers heirathen, fürwahr! — Eine dame de compagnie heirathen — denn ſie war nicht mehr, Briggs; nein, ſie war gerade, was Sie ſind, nur jünger, und weit hübſcher, und geſcheidter. Waren Sie eine Mitſchuldige der elenden Spitzbübin, die ihn durch ihre nichtswürbigen Kunſtgriffe zu ihrem Opfer gemacht hat, und die Sie ſiets ſo leidenſchaftlich bewunderten? Ich möchte es wohl wiſſen. Ja, ja, Sie waren gewiß bei dem Complotte be⸗ theiligt. Allein Sie werden ſich in Betreff meines Teſta⸗ ments getäuſcht finden, das kann ich Ihnen ſagen; und Sie werden die Güte haben, an Herrn Warh zu ſchrei⸗ ben, und demſelben zu ſagen, daß ich ihn alsbald zu ſpre⸗ chen wünſche.“ Miß Crawley hatte jetzt die Gewohnheit, faſt jeden Tag in der Woche an Herrn Wary, ihren Sachwalter, zu ſchreiben, denn alle ihre früheren Anordnungen in Be⸗ treff ihres Vermögens waren zurückgenommen, und ſie be⸗ fand ſich nun in großer Verlegenheit, da ſie nicht wußte, wie ſie über ihr Geld verfügen ſollte. Die Geſunvheitsumſtände der alten Jungfrau hatten ſich indeſſen bedeutend gebeſſert, was ſich in der erhöhten Kraft und der Häufigkeit ihrer Sarkasmen gegen die arme Briggs zeigte, — welche Angriffe alle die Geſellſchafts⸗ dame mit Sanftmuth, mit Feigheit, mit einer halb groß⸗ müthigen, halb heuchleriſchen Reſignation, — mit einem Worte, mit der ſklaviſchen Unterwürfigkeit ſich gefallen ließ, die Frauenzimmer ihrer Art und ihres Standes an den Tag legen müſſen. Wer iſt nicht Zeuge geweſen, wie Frauenzimmer einander tyranniſiren koͤnnen? Welche Qualen haben wir Männer auszuſtehen, die ſich mit den täglich wiederkehrenden Grauſamkeiten und Bezeigungen der Verachtung vergleichen laſſen, womit arme Frauen⸗ zimmer von den Tyranninen ihres Geſchlechts überhäuft werden? Die armen Opfer! — Aber wir entfernen uns von unſerem Satze, der dahin lautet, daß Mlh Crawley immer ganz beſonders ihr Talent als Peinigerin an den Tag legte, wenn ſie ſich von einer Krankheit wieder er⸗ holte — wie man ſagt, daß Wunden gerade dann, wenn ſie im Begriffe ſeien, zuzuheilen, den heftigſten Schmerz verurſachen. Während ſo die Patientin, wie Alle hofften, ihrer Geneſung raſch entgegen ging, war Miß Briggs das ein⸗ zige Opfer, das um dieſelbe ſein durfte. Indeſſen ver⸗ gaßen die in der Ferne lebenden Verwandten die theure Miß Crawley nicht, ſondern bemühten ſich, durch aller⸗ lei Andenken, Geſchenke, und liebevolle Botſchaften ſich in ihrem Gedvächtniß zu erhalten. Zuerſt wollen wir hier ihres Neffen, Rawdon Craw⸗ ley's, Erwähnung thun. Wenige Wochen nach der be⸗ rühmten Schlacht von Waterlov, und nachdem die Ga⸗ zette ihr die Beförderung und Tapferkeit dieſes ausgezeich⸗ neten Offiziers kund gethan hatte, brachte das Packetboot von Dieppe an Miß Crawley zu Brighton eine Schachtel mit Geſchenken, ſowie einen ehrerbietigen Brief von dem Oberſten, ihrem Neffen. In der Schachtel befand ſich ein Paar franzoſiſche Epauletten, ein Ehrenlegionskreuz, und das Gefäß eines Degens — Reliquien vom Schlachtfelde: und der Brief beſchrieb mit vielem Humor, wie das letztere einem hoͤ⸗ heren Offiziere der Garde gehoͤrt habe, der, nachdem er geſchworen, daß „die Garde ſterbe, aber ſich nicht ergebe,“ in der darauf folgenden Minute von einem Soldaten ge⸗ fangen worden ſei, der den Degen des Franzoſen mit dem Kolben ſeiner Muskete zerſchlagen, wo dann er, Rawdon, ſich der zerbrochenen Waffe bemächtigt habe. Was das Kreuz und die Epauletten betraf, ſo hatten ſie einem franzöſiſchen Cavallerie⸗Oberſten gehort, der in der Schlacht von dem Adjutanten ſelbſt getödtet worden war: und Rawdon Crawley wußte von der Beute keinen beſſern Gebrauch zu machen, als daß er ſie ſeiner beſten und liebevollſten alten Freundin überſandte. 31 Zugleich fragte er an, ob er fortfahren ſolle, ihr von Paris aus zu ſchreiben, wohin jetzt die Armee marſchire. Er würde vielleicht im Stande ſein, ihr intereſſante Nach⸗ richten über dieſe Hauptſtadt, ſowie über einige ihrer al⸗ ten Freunde aus der Zeit der Emigration, gegen die ſie ſich während ihres Unglücks ſo gütig bewieſen, mitzu⸗ theilen. Die alte Jungfrau ließ durch die Briggs einen überaus gnädigen und ſchmeichelhaften Brief an den Ober⸗ ſten ſchreiben, worin Letzterer aufgefordert wurde, ſeinen Briefwechſel fortzuſetzen. Sein erſter Brief ſei ſo außeror⸗ dentlich amüſant und lebhaft geweſen, daß ſie ſich auf deren Nachfolger freue. „Natürlich weiß ich,“ erklärte ſie der Miß Briggs, „daß Rawdon ſo wenig, wie Sie, meine arme Briggs, einen ſo guten Brief ſchreiben kann, und daß es die ge⸗ ſcheidte kleine Spitzbübin von einer Rebekka iſt, die ihm jedes Wort in die Feder diktirt; allein es iſt dieß kein Grund, warum mein Neffe mich nicht amüſiren ſollte; und ſo müſſen Sie ihm denn ſagen, daß ich mich in der beſten Laune von der Welt befinde.“ Ich moͤchte wohl wiſſen, oh ſie wußte, daß Becky nicht allein die Briefe ſchrieb, ſondern daß auch Mrs. Rawdon in Wirklichkeit die Trophäen eroberte und nach Hauſe ſchickte. Sie kaufte dieſelben nämlich um einige Franken von einem der zahlloſen Tabuletkrämer, die als⸗ bald anfingen, mit Kriegsreliquien zu handeln. Der Ro⸗ manſchreiber, der Alles weiß, weiß auch dieß. Wie dem nun aber auch ſein mag, ſo viel iſt gewiß, daß die gnä⸗ dige Antwort der Miß Crawley unſere beiden jungen Freunde, Rawdon und ſeine Frau, gar ſehr ermuthigten, und daß dieſelben von der offenbar beſänftigten Laune ihrer Tante hofften. Aus dieſem Grunde ließen ſie es ſich auch angelegen ſein, ſie mit vielen entzückenden Briefen von Paris aus zu unterhalten, wohin ſie, wie Rawdon ſagte, das Glück hatten, mit der ſiegreichen Armee zu ziehen. 32 Die Mittheilungen der alten Jungfrau an die Frau des Rectors, die nach Hauſe gegangen war, um das ge⸗ brochene Schlüſſelbein ihres Gatten, im Pfarrhauſe zu Queen's Crawley, zu pflegen, waren keineswegs ſo gnä⸗ dig. Mrs. Bute, jene lebendige, gewandte, herrſchſüchtige Frau, hatte ſich, gegenüber ihrer Schwägerin, den ſchlimm⸗ ſten aller Fehler zu Schulden kommen laſſen. Nicht allein hatte ſie Letztere, ſowie die zu ihrem Haushalte gehören⸗ den Perſonen unterdrückt; nein: ſie hatte Miß Crawley auch gelangweilt; und wäre die arme Miß Briggs ein verſtändiges Frauenzimmer geweſen, ſo hätte ſie ſich durch den ihr von ihrer Gebieterin gewordenen Auftrag beglückt gefühlt, daß ſie an Mrs. Bute Crawley ſchreiben und derſelben ſagen ſolle, es gehe mit Miß Crawley's Geſund⸗ heit weit beſſer, ſeitdem Mrs. Bute ſie verluſſen, und daß Letztere ſich doch keine Mühe mehr geben möchte, ihre Familie wegen Miß Crawley zu vernachläſſigen. Dieſer Triumph über eine Frau, die in ihrem Be⸗ tragen gegen Miß Briggs ſehr hochmüthig und grauſam geweſen war, würde die meiſten Frauenzimmer höchlich erfreut haben; allein die Wahrheit iſt, daß die Briggs gar keinen Verſtand beſaß, und daß ſie, ſobald ihre Fein⸗ din darniederlag, anfing, wieder Mitleiden für ſie zu fühlen. „Wie thöricht war es doch von mir,“ dachte Mrs. Bute, und zwar mit Recht, „einen Wink zu geben, daß ich wieder kommen würde, wie ich in dem albernen Briefe that, als wir Miß Crawley die Perlhühner ſchickten. Ich hätte, ohne ein Wort zu ſagen, zu der armen, lieben, alten, faſelnden Creatur gehen, und ſie den Händen der närriſchen Briggs und der Harpye von einer kemme de chambre entreißen ſollen. Oh! Bute, Bute, warum mußteſt Du Dein Schlüſſelbein brechen?“ Warum, in der That? Wir haben geſehen, wie Mrs. Bute, als ſie das Spiel in den Händen hatte, wirk⸗ lich allzu gut ſpielte. Sie hatte über alle, zum Hauſe der 33 Miß Crawley gehörenden Perſonen, nach Art eines abſo⸗ luten Gewalthabers geherrſcht, um abſolut vernichtet zu werden, als eine günſtige Gelegenheit zur Emporung kam. Indeſſen war ſie mit ihrem Hauſe der Anſicht, daß ſie das Opfer einer entſetzlichen Selbſtſucht und eines abſcheu⸗ lichen Verraths geworden, ſowie daß ſie für alle Opfer, die ſie Miß Crawleh gebracht, mit dem ſchwärzeſten Un⸗ dank belohnt worden ſei. Ratvdon's Beförderung, ſowie die ehrenvolle Erwähnung ſeines Namens in der Gazette, erfüllte dieſe gute chriſtliche Dame ebenfalls mit Unruhe. Würde ſeine Tante jetzt, wo er Oberſt und C. B. gewor⸗ den, gnädigere Geſinnungen gegen ihn zeigen 2 Und würde jetzt wieder die odisſe Rebekka der früheren Gunſt ſich zu erfreuen haben? Die Pfarrerin ſchrieb für ihren Mann eine Predigt über die Eitelkeit des militäriſchen Ruhmes, und über das Weltglück der Gottloſen, — welche Rede der würdige Pfarrer mit ſeiner beſten Stimme, und ohne eine Sylbe davon zu verſtehen, ablas. Zu ſeinen Zuhörern gehoͤrte bei dieſer Gelegenheit auch Pitt Crawley, — Pitt, der mit ſeinen beiden Halbſchweſtern in die Kirche gekommen war, die der alte Baronet jetzt um keinen Preis mehr beſuchen wollte. Seit der Abreiſe von Becky Sharp hatte der genannte alte Sünder, zum großen Skandal der Grafſchaft und dem ſtummen Entſetzen ſeines Sohnes, ſich ganz und gar ſei⸗ nem ſchlechten Lebenswandel überlaſſen. Die Bänder an Miß Horrocks' Haube wurden prächtiger, denn je. Alle ehrbaren Familien flohen voller Schrecken das Schloß und deſſen Eigenthümer. Sir Pitt erſchien gewöhnlich bei ſeinen Grundholden, um mit ihnen zu zechen, und trank an Marktagen mit den Pächtern zu Mudbury und an andern benachbarten Orten Grog. Er fuhr mit der, mit vier Pferden beſpannten Fämilienkutſche nach Southamp⸗ ton, und ließ Miß Horrocks ſich in dieſelbe ſetzen: jede Der Jahrmarkt des Lebens. MI. 3 34 Woche erwarteten die Leute in der Grafſchaft, ſowie auch ſein Sohn, in ſtummer Angſt, daß ſeine Heirath mit der⸗ ſelben in der Grafſchaftszeitung ſtehen würde. Es war in der That eine harte Laſt, die Herr Craw⸗ ley da zu tragen hatte. Seine Beredſamkeit bei den Miſſionsfeſten, ſowie bei andern religiöſen Zuſammen⸗ künften in der Nachbarſchaft, wo er ſonſt den Vorfitz ge⸗ führt, und ſtundenlang geſprochen hatte, war jetzt gelähmt; denn ſo oft er aufſtand, fühlte er, daß die Zuhorerſchaft ſagte: „Dieß iſt der Sohn des alten gottloſen Sir Pitt, der höchſt wahrſcheinlich in dieſem Augenblicke in einem Wirthshauſe ſitzt und ſäuft.“ Als er einmal von der Finſterniß ſprach, in welcher der König von Tombuctu dermalen noch wandle, ſowie von der Zahl ſeiner Weiber, die gleichfalls noch in der Finſterniß ſtäken, rief ein halbtrunkener Böſewicht aus der verſammelten Menge heraus: „Wie viele ſolcher Weiber gibt es zu Queen's Crawley, junger Squaretves?“ zur großen Beſtürzung der auf der Eſtrade befindlichen Vorſteher, und zum Ruin von Sir Pitt's Reden. Auch würden die beiden Tochter des Hauſes von Queen's Craw⸗ ley total verwildert ſein (denn Sir Pitt ſchwor hoch und theuer, daß ihm keine Gouvernante mehr das Haus be⸗ treten ſolle), hätte nicht Herr Crawley durch Drohungen den alten Herrn vermocht, ſie in eine Schule zu thun. Unterdeſſen waren, wie wir geſagt, die theuren Nef⸗ fen und Nichten der Miß Crawley, — welche individuellen Differenzen auch zwiſchen ihnen Allen Statt finden moch⸗ ten — darin einig, daß ſie vieſelbe liebten, und ihr Be⸗ weiſe ihrer Liebe gaben. So ſchickte z. B. Mrs. Bute Perlhühner und beſonders ſchönen Blumenkohl, ſowie auch eine nette Börſe, oder ein Nadelkiſſen von ihren geliebten Töchtern, welche um ein kleines Plätzchen im Herzen ihrer theuren Tante nachſuchten, während Herr Pitt Pfir⸗ ſiche, Trauben und Wildpret vom Schloſſe ſandte. Der Southamptoner Poſtwagen pflegte alle dieſe 35 Zeichen der Liebe nach Brighton mitzunehmen: bisweilen Sführte er auch Herrn Pitt dahin; denn ſeine Differenzen mit Sir Pitt veranlaßten jetzt Herrn Crawley, ſich häufig von Hauſe zu entfernen: und zudem hatte Brighton et⸗ was beſonders Anziehendes für ihn in der Perſon der Lady Jane Sheepfhanks, deren Verlobung mit Herrn Crawley im Verlauf dieſer Geſchichte bereits erwähnt worden iſt. Ihre Ladyſhip, ſowie ihre Schweſtern leb⸗ ten zu Brighton mit ihrer Mama, der Gräfin South⸗ down, jener charakterfeſten, in der auf ihr Seelenheil be⸗ dachten Welt ſo vortheilhaft bekannten Dame. Wir müſſen einige Worte über ihre Ladyſhip und deren edle Familie ſagen, die durch Bande jetziger und zukünftiger Verwandtſchaft an das Crawley'ſche Haus gebunden ſind. Ueber das Haupt der Southdown'ſchen Familie, Clement William, vierten Earl Lon Southdown, iſt wenig zu ſagen, es ſei denn, daß ſeine Lordſchaft (als Lord Wolſey) unter den Auſpicien des Herrn Wilberforce in's Parlament kam, und eine Zeitlang ſeinem politiſchen Pathen Ehre machte, und ein entſchieden gottesfürchtiger junger Mann war. Allein Worte vermoͤgen die Gefühle ſeiner bewundernswürdigen Mutter nicht zu beſchreiben, als ſie, ganz kurze Zeit nach dem Hinſcheiden ihres edlen Gatten, erfuhr, daß ihr Sohn Mitglied verſchiedener welt⸗ licher Clubs ſei, und bei Wattiers und in dem Cocosbaum eine bedeutende Summe im Spiele verloren; daß derſelbe gegen Poſtobitſcheine Geld aufgenommen, und das Fami⸗ liengut mit Schulden belaſtet habe; daß derſelbe vier⸗ ſpännig vom Bocke aus fahre, und den Ring *⁴) patroni⸗ ſire; und daß er envlich in der Oper eine Loge habe, wo er die gefährlichſte Geſellſchaft von Junggeſellen empfange. Sein Name wurde im Cirkel der verwittweten Gräfin nur mit Seufzern erwähnt. Lady Emily war um viele Jahre älter, als ihr Bru⸗ 9 Die Preiskämpfer. 36 der, und nahm, als Verfaſſerin einiger der ſchönen, ſchon früher erwähnten Tractate, ſowie vieler geiſtlichen Lieder und Hymnen, in der frommen Welt eine bedeutende Stelle ein. Da ſie ſchon eine Jungfrau von reiferen Jahren war, und wohl nur ſelten noch an das Heirathen dachte, ſo beſchäftigte ihre Liebe zu den Schwarzen faſt alle ihre Gefühle. Wenn ich mich nicht täuſche, ſo verdanken wir ihr das ſchöne Gedicht, das alſo anfängt: — „Führ' uns nach den ſonnigen Inſeln, Dort in dem atlantiſchen Meer; Wo der Himmel an Einem lächelt, Und die Schwarzen an Einem winſeln,“ u. ſ. w. u. ſ. w. Sie correſpondirte mit vielen geiſtlichen Herren in unſern oſt⸗ und weſtindiſchen Colonien, und hatte eine geheime Neigung zu Seiner Ehrwürden, Herr Silas Hornblower, der auf den Inſeln der Südſee tättowirt ward. Was Lady Jane betrifft, der, wie wir bereits geſagt, Herr Pitt Crawley's Liebe ſich zugewendet hatte, ſo war ſie ſanft, ſchweigſam, ſchüchtern, und erröthete leicht. Sie weinte um ihren Bruder ungeachtet ſeines gottloſen Le⸗ benswandels, und ſchämte ſich ordentlich, daß ſie ihn noch liebte. Sogar jetzt noch ſchickte ſie ihm ingeheim kleine, eilige Briefchen, und warf ſolche, ohne daß Jemand Et⸗ was davon wußte, in die Brieflade. Das einzige furcht⸗ bare Geheimniß, das ihr Kummer machte, und ſie dar⸗ nieder drückte, war, daß ſie mit der alten Haushälterin einmal Southdown einen heimlichen Beſuch in ſeiner Wohnung im Albanh gemacht, und ihn — pfui über den nichtswürdigen, lieben, gottloſen Böſewicht — ange⸗ troffen hatte, wie derſelbe eine Cigarre rauchte, und eine Flaſche Curaſſav vor ſich ſtehen hatte. Sie bewunderte ihre Schweſter, betete ihre Mutter an, und hielt Herrn Crawleh für den talentvollſten und liebenswürdigſten aller Männer, Southdown, den gefallenen Engel ausgenommen: 8 37 und ihre Mutter, ſowie ihre Schweſter, welche Damen von der vollendetſten Bildung waren, ordneten Alles für ſie an, und betrachteten ſie mit jenem liebenswürdigen Mitleiden, wovon eine Dame von wirklich vollendeter Bildung ſtets einen Theil zu verſchenken hat. Ihre Mut⸗ ter beſtellte ihre Kleider, ihre Bücher, ihre Hüte, und ihre Ideen für ſie. Sie ritt auf Ponies, oder übte ſich auf dem Claviere, oder nahm ſonſt eine Art körperlicher Arze⸗ nei, wie es gerade my Lavy Southdown für paſſend er⸗ achtete; und ihre Ladyſhip würde ihrer Tochter bis zu ihrem dermaligen Alter von ſechsundzwanzig Jahren das Tragen von Lätzchen vorgeſchrieben haben, wären letztere nicht weggeworfen worden, als Lady Jane der Koͤnigin Charlotte vorgeſtellt wurde. Während der erſten Zeit des Aufenthaltes dieſer Damen in ihrem Hauſe zu Brighton ſtattete Herr Craw⸗ ley nur ihnen perſönliche Beſuche ab, und begnügte ſich, im Hauſe ſeiner Tante eine Karte zu laſſen, und bei Herrn Bowls oder dem ihm beigegebenen Lakalen in be⸗ ſcheidener Weiſe nach der Geſundheit der Patientin zu fragen. Als Herr Crawley Miß Briggs auf dem Heim⸗ wege von dem Buchladen, mit einer Ladung von Roma⸗ nen unter dem Arme, traf, erröthete er auf eine bei ihm ganz ungewohnliche Weiſe, während er vortrat, und die Hand der Geſellſchafterin der Miß Crawley ſchüttelte. Er ſtellte Miß Briggs der Dame vor, mit der er eben einen Spaziergang machte, das heißt der Lady Jane Sheepfhanks, wobei er ſich alſo ausdrückte: „Lady Jane, erlauben Sie mir, Ihnen die liebſte Freundin und herz⸗ lichſte Geſellſchafterin meiner Tante, Miß Briggs, vor⸗ zuſtellen, die Sie bereits in einer andern Eigenſchaft als Verfaſſerin der entzückenden „„Herzenslyrik““ kennen, wo⸗ für Sie eine ſo große Vorliebe haben.“ Auch Lady Jane erröthete, als ſie Miß Briggs ein freundliches Händchen hinſtreckte, und etwas recht Höfli⸗ ches und Unzuſammenhangendes über Mama ſagte, und 38 ihren Entſchluß anzeigte, Miß Crawley zu beſuchen, und auf die Freude hinwies, die es ihr machen würde, mit den Freunden und Verwandten des Herrn Crawley bekannt zu werden. Beim Abſchiednehmen grüßte ſie Miß Briggs mit ſanften taubeuartigen Augen, während Pitt Crawley ihr eine tiefe, höfliche Verbeugung machte, wie einſt Ihrer Hohheit, der Herzogin von Pumpernickel, als er an dieſem Hofe Attaché war. Der ſchlaue Diplomat und Schüler des machiavelli⸗ ſtiſchen Binkie! Er war es, der Lady Jane das bewußte Erxemplar von Miß Briggs Jugendgedichten, das er ſich erinnerte, mit einer Widmung von der Dichterin an ſeines Vaters ſelige Frau zu Queen's Crawley geſehen zu ha⸗ ben; und er brachte den Band mit nach Brighton, las ihn in dem Southamptoner Poſtwagen, und ſtrich mit ſei⸗ nem Bleiſtifte verſchiedene Stellen an, ehe er ihn der ſanften Lady Jane überreichte. Er war es ebenfalls, der Lady Southdown die gro⸗ ßen Vortheile auseinanderſetzte, die eine Folge eines ver⸗ trauten Umgangs zwiſchen ihrer Familie und Miß Craw⸗ ley ſein könnten, — Vortheile weltlicher und geiſtlicher Art: denn Miß Crawley war nun ganz allein; die mon⸗ ſtröſe Verbindung und Liederlichkeit ſeines Bruders Raw⸗ don waren Schuld geweſen, daß ſie dieſem nichtswürdigen jungen Manne ihre Liebe entzogen; die habgierige Tyran⸗ nei und der Geiz der Mrs. Bute Crawley hatten die alte Dame veranlaßt, ſich gegen die exorbitanten Prätentionen dieſes Theils ver Familie zu empören; und obgleich er ſelbſt, wenn vielleicht auch in Folge eines ungebührlichen Stolzes, ſich ſein ganzes Leben hindurch um Miß Craw⸗ ley's Freundſchaft nicht beworben, ſo dachte er doch, daß jedes ſchickliche Mittel ergriffen werden ſollte, ſowohl um ihre Seele von dem Verderben zu erretten, als auch um ihr Vermögen ihm, als dem Haupte des Crawley'ſchen Hauſes, zu ſichern. Die geiſtesſtarke Lady Southdown gab beiden Vor⸗ 39 ſchlägen ihres Schwiegerſohns ihre völlige Zuſtimmung, und wollte alsbald an die Bekehrung der Miß Crawley gehen. In ihrer Heimath, ſowohl zu Southdown, als zu Trottermore Caſtle, pflegte dieſe große und Ehrfurcht ge⸗ bietende Miſſionärin der Wahrheit in ihrer Barvuche mit Vorreitern umherzufahren, wobei ſie unter die Taglohner und Pächter ganze Päcke von Traktaten auswarf, und Gaffer Jones befahl, ſich zu bekehren, ganz in der Weiſe, wie ſie Goody Hicks vorſchrieb, ein Jame'ſches Pulver zu nehmen, das heißt ſo, daß von einer Apellation, einem Widerſlande, oder von Gnade keine Rede ſein konnte. My⸗ lord Southdown, ihr ſeliger Gatte, ein epileptiſcher und einfältiger Edelmann, hatte die Gewohnheit, Alles zu bil⸗ ligen und gut zu heißen, was ſeine Mathilde that und dachte. So kam es denn, daß ſie, welchen Wechſeln auch ihr eigener Glaube ausgeſetzt ſein mochte (und es war derſelbe ein buntes Gemiſch von Anſichten, die ſie von allen Arten von Doktoren unter den Diſſenters entlehnt hatte), nicht im Geringſten Anſtand nahm, ihren ſämmt⸗ lichen Pächtern und Untergebenen zu befehlen, daß ſie in ihrem Glauben ſich nach ihr zu richten hätten. Sie mochte daher entweder den Ehrwürdigen ſchottiſchen Gottesge⸗ lehrten, Saunders Me Nitre — oder den Ehrwürdigen Luke Waters, einen milden Weslehaner — oder den Ehr⸗ würdigen Giles Jowls, den erleuchteten Keſſelflicker, em⸗ pfangen, der ſich den Titel Ehrwürden gab, wie Napoleon ſich zum Kaiſer krönte — ſo erwartete doch my Lady Southdown in allen Fällen, daß die zu ihrem Haushalte gehoͤrigen Perſonen, daß ihre Kinder, ihre Pächter auf die Knie niederfielen, um mit ihrer Ladyſhip zum Gebete eines jeden dieſer Doktoren Amen zu ſagen. Während dieſer geiſtlichen Uebungen durfte der alte Southdown, in Anbetracht ſeines gebrechlichen Zuſtandes, auf ſeinem Zimmer bleiben, und ſich Negus geben, und die Zeitüng vorleſen laſſen. Lady Jane war die Lieblings⸗ tochter des alten Carl, und pflegte und liebte ihn von 40 ganzem Herzen; was Lady Emily, die Verfaſſerin der „Wäſcherin von Finchley Common“ betraf, ſo war das Gemälde, das ſie von den zukünftigen Strafen entwarf (dazumal, denn ſpäter modifizirten ſich ihre Anſichten etwas), ſo furchtbar, daß ſie den furchtſamen alten Herrn, ihren Vater, damit zu erſchrecken pflegte, und die Aerzte die Erklärung abgaben, daß er nach jeder Predigt ihrer Ladyſhip ſtets ſeine Anfälle bekomme. „Gewiß werde ich bei ihr vorſprechen,“ ſagte alsdann Lady Southdown, als Antwort auf die Ermahnung des Herrn Pitt Crawley, des prétendu ihrer Tochter; — „Wer iſt Miß Crawley's Arzt?“ Herr Crawley nannte den Namen des Herrn Creamer. „Ein höchſt gefährlicher und unwiſſender Arzt, mein lieber Pitt. Die Vorſehung hat es gewollt, daß ich das Mittel zu ſeiner Entfernung aus mehreren Häuſern wurde, obgleich ich in einigen Fällen nicht zu rechter Zeit kam. Ich konnte den armen lieben General Glanders nicht ret⸗ ten, der unter den Händen dieſes unwiſſenden Menſchen dahinſtarb — ja, dahinſtarb. Ich adminiſtrirte ihm Pod⸗ ger'ſche Pillen, und es wurde wieder ein wenig beſſer mit ihm; aber ach, es war zu ſpät. Indeſſen war ſein Tod wunderſchön, und er gewann gewiß nur durch den Wechſel. Creamer, mein lieber Pitt, darf nicht länger bei ihrer Tante bleiben.“ Pitt drückte ſeine vollkommene Zuſtimmung aus. Auch er war durch die Energie ſeiner edlen Verwandten und zukünftigen Schwiegermutter hingeriſſen. Er hatte Saun⸗ ders Me Nitre, Luke Waters, Giles Jowls, Podger's Pillen, Rodger's Pillen, Pokey's Elirir, das heißt, ledes der geiſtlichen oder weltlichen Heilmittel ihrer Ladyſhip an⸗ nehmen müſſen. Er verließ ihr Haus nie, ohne ehrer⸗ bietigſt ganze Ladungen ihrer quackſalberiſchen Theologie und Medicin mitzunehmen. O meine theuren Brüder und Genoſſen auf dem Jahrmarkte des Lebens, wer von Euch kennt nicht einen 4¹ ſolchen wohlwollenden Deſpoten, oder wer von Euch leidet nicht unter einem ſolchen? Es nützt Nichts, wenn Ihr auch zu denſelben ſagt: „Liebe Madame, ich habe, wie Sie mir in vergangenem Jahre anempfohlen, Podger's Spezificum genommen, und glaube daran. Warum, war⸗ um ſoll ich nun von meinem Glauben abtrünnig werden und die Robgerſchen Artikel annehmen?“ Es hilft aber Alles Nichts: die gläubige Proſelytenmacherin bricht, wenn ſie durch Vernunftgründe nicht mehr zu überzeugen ver⸗ mag, in Thränen aus, und am Ende des Streites nimmt der Widerſpenſtige denn doch die Pillen, und ſagt: „Nun gut, nun gut, ſo ſoll denn Rodger mein Mann ſein!“ „Und was ihren Seelenzuſtand betrifft,“ fuhr die Lady fort, „ſo muß natürlich alsbald darnach geſehen werden; ſo lange Creamer um ſie iſt, kann ſie jeden Tag ſterben; und in welchem Zuſtande, mein lieber Pitt, in welch' entſetzlichem Zuſtande! Ich will alsbald den Ehr⸗ würdigen Herrn Frons zu ihr ſchicken. Jane, ſchreibe einige Zeilen an den Ehrwürdigen Bartholomew Frons, in der dritten Perſon, und ſage ihm, daß ich mir das Vergnü⸗ gen ſeiner Geſellſchaft für dieſen Abend um halb ſieben Uhr beim Thee erbitte. Er iſt ein gar erweckender Mann, und ſollte Miß Crawley noch heute Abend, bevor ſie zu Bette geht, beſuchen. Und Du, Emily, mein Schatz, packe einige Bücher für Miß Crawley zuſammen. Schicke ihr „„Eine Stimme aus den Flammen,““ „„Warnende Po⸗ ſaunentöne für Jericho,““ ſowie „„Die zerbrochenen Fleiſch⸗ töpfe, oder, der bekehrte Cannibale.““ „Und „„Die Wäſcherin von Finchley Common,““ Mama,“ ſagte Lady Emily. „Es wird nicht übel ſein, wenn wir im Anfange etwas ſanft zu Werke gehen.“ „Halt, meine theuren Ladies,“ ſagte Pitt, der Di⸗ plomat. „Bei aller Achtung für die Meinung meiner ge⸗ liebten und verehrten Lady Southdown halte ich es voch ganz und gar für unräthlich, bei Miß Crawley ſo früh ernſte Gegenſtände auf's Tapet zu bringen. Erinnern Sie ſich gefälligſt ihres zarten Geſundheitszuſtandes, und be⸗ denken Sie, wie wenig, wie äußerſt wenig ſie bis jetzt an Betrachtungen gewohnt war, die mit ihrem ewigen Heile zuſammenhangen.“ „Können wir da zu früh anfangen, Pitt?“ ſagte Lady Emily, die bereits ſechs kleine Büchelchen in der Hand hatte, und aufſtand. „Wenn Sie ſo ohne alles Weitere, und ohne ſie erſt einigermaßen vorbereitet zu haben, an's Werk gehen, ſo werden Sie ihr die Sache ganz entleiden, und ſie zurück⸗ ſchrecken. Ich kenne die weltliche Natur meiner Tante ſo gut, daß, nach meiner Ueberzeugung, jeder urplötzliche Bekehrungsverſuch das allerſchlechteſte Mittel iſt, das zum Wohle dieſer unglücklichen Dame angewandt werden kann. Sie werden damit nichts Anderes erreichen, als daß Sie ſie erſchrecken und ärgern. Höchſt wahrſcheinlich wird ſie die Bücher wegwerfen, und ſich jedes Umgangs mit den Gebern weigern.“ „Sie ſind aber eben ſo weltlich gefinnt, wie Miß Crawley, Pitt,“ ſagte Lady Emily, mit ihren Büchel⸗ chen in der Hand, und in heftiger Bewegung das Zimmer verlaſſend. „Und ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, meine theure Lady Southdown,“ fuhr Pitt mit leiſer Stimme, und ohne auf die Unterbrechung zu achten, fort; „ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr es den Hoffnungen, die wir etwa auf den Beſitz der weltlichen Güter meiner Tante bauen mögen, ſchaden koͤnnte, wenn wir es an den nöthigen Rückſichten fehlen ließen und etwas unvorſichtig zu Werke gingen. Bedenken Sie wohl, daß ſie ſiebzigtau⸗ ſend Pfund befitzt; bedenken Sie ihr Alter, ſowie ihren durchaus nervöſen und hinfälligen Zuſtand: ich weiß, daß ſie das Teſtament vernichtet hat, das zu Gunſten meines Bruders (des Oberſten Crawley) gemacht war: dadurch, daß wir die verwundete Seele beſänftigen, müſſen wir ſie auf den rechten Weg führen, nicht aber dadurch, daß wir 43 ſie erſchrecken; und ich glaube daher, daß Sie mir Recht geben werden, wenn ich ſage, daß — daß —“ „Natürlich, natürlich,“ bemerkte Lady Southdown. „Meine liebe Jane, Du brauchſt das Briefchen nicht an Herrn Irons zu ſchicken. Iſt ihr Geſundheitszuſtand von der Art, daß Diskuſſionen ſie ermüden, ſo wollen wir warten, bis es wieder beſſer mit ihr geht. Ich werde morgen bei Miß Crawleh vorſprechen.“ 2 „Und ich moͤchte, wenn es mir erlaubt wäre, Etwas zu ſagen, meine holde Lady,“ ſagte Pitt in ſchmeichelndem Tone, „Ihnen den Rath geben, unſere vortreffliche Emily nicht mitzunehmen, da dieſelbe zu enthuſiaſtiſch iſt; ſon⸗ dern es wäre beſſer, wenn Sie ſich von unſerer holden und lieben Lady Jane begleiten ließen.“ „Ganz gewiß, Emilh würde Alles verderben,“ ſagte Lady Southdown, die ſich dieſes Mal herbeiließ, ihrer Gewohnheit untreu zu werden, ihrer Gewohnheit — die, wie wir bereits geſagt haben, darin beſtand, daß ſie, ehe ie ſich perſönlich an ein Individuum wagte, das ſie zu unterjochen beſchloſſen hatte, ein Quantum von Traktaten auf den Bedrohten abfeuerte (wie einem Angriffe der Fran⸗ zoſen ſtets eine wüthende Kanonade vorausging). Lady Southdown, ſagen wir, ließ ſich herbei, zu temporiſiren, theils um der Geſundheit, theils um des ewigen Seelen⸗ heils, theils um des Geldes der Patientin willen. An dem darauffolgenden Tage fuhr die große, für den weiblichen Theil des Hauſes beſtimmte Southdown'ſche Familienkutſche, mit der Krone des Grafen und der Raute (worauf neben den drei hüpfenden Lämmern von Silber, die auf dem grünen Felde der Southdowns ſtanden, ein ſchwarzer Schrägebalken mit drei rothen Schnupftabaks⸗ doſen, dem Abzeichen des Binkie'ſchen Hauſes, angebracht war) in ſtattlicher Weiſe vor Miß Crawleh's Thüre vor, wo dann der große gottesfürchtige Lakai Herrn Bowle ihrer Ladyſhip Karten für Miß Crawley und Miß Briggs übergab. In Form eines Compromiſſes ſchickte Lady Emily noch am Abende an die letztgenannte Dame ein Paket, worin Exemplare der „Wäſcherin,“ ſowie andere milde und beliebte Traktälchen für Miß Briggs ſelbſt, ſowie einige für das Bedientenzimmer enthalten waren. Von letz⸗ teren führen wir hier an „die Broſamen aus der Speiſe⸗ kammer,“ „die Bratpfanne und das Feuer“ und „die Livree der Sünde:“ welche Traktate ſämmtlich von weit krftige⸗ rer Art waren. Pierunddreißigſtes Rapitel. Worin James Crawley's Pfeife ausgeht. Das liebenswürdige Betragen des Herrn Crawley, ſowie der freundliche Empfang, der ihr von Seiten der Lady Jane zu Theil geworden war, ſchmeichelte Miß Briggs ungemein, die für Letztere ein gutes Wort ein⸗ legen konnte, nachdem die Karten der Southdown'ſchen Familie Miß Crawley übergeben worden waren. Daß eine Gräfin in eigener Perſon für ſie, Briggs, eine Karte zu⸗ rückgelaſſen, ſchmeichelte der armen, aller Freunde baaren Geſellſchafterin nicht wenig. „Ich mochte wohl wiſſen, was Lady Southdown da⸗ mit bezwecken wollte, daß ſie für Sie, Miß Briggs, eine Karte zurückließ?“ ſagte die republikaniſche Miß Craw⸗ ley; worauf die Geſellſchaftsdame demüthig etwiederte, vaß ſie hoffe, man werde keinen Anſtoß daran nehmen, und nichts Arges varan finden, wenn eine Dame von Stande ein armes, gebildetes Frauenzimmer von guter Herkunft beachte, — und dieſe Karte in ihrem Arbeitskäſichen unter 45 den Schätzen aufbewahrte, auf die ſie den meiſten Werth legte. Ferner ſetzte Miß Briggs auseinander, wie ſie Tags zuvor Herrn Crawley mit feiner Cvuſine, die bekanntlich ſeit langer Zeit auch ſeine Braut ſei, getroffen, und ſagte, wie freundlich und fein die Dame ausgeſehen, und wie einfach, um nicht zu ſagen gemein, ihr Anzug geweſen, — deſſen ſämmtliche Beſtandtheile ſie ſodann „ vom Hut bis zu den Stiefeln, mit weiblicher Genauigkeit beſchrieb und würdigte. Miß Crawley ließ die Briggs fortſchwatzen, ohne ſie allzu oft zu unterbrechen. Da es mit ihrer Geſundheit wieder beſſer ging, ſo ſehnte ſie ſich nach Geſellſchaft. Herr Creamer, ihr Arzt, wollte von einer Fortſetzung ihres alten, luſtigen Lebenswandels in London Nichts hören, ſon⸗ dern ſprach ſich im Gegentheil entſchieden dagegen aus. Auch war die alte Jungfrau nur allzu froh, zu Brighton Geſellſchaft zu finden, und nicht allein wurde ſchon am folgenden Tage der Beſuch durch Karten erwiedert, ſon⸗ dern es wurde auch Pitt Crawley gnädigſt zu ſeiner Tante eingeladen. Er kam, und brachte Lady Southdown, ſowie deren Tochter mit. Die verwittwete Gräfin ſagte da aber keine Sylbe von Miß Crawley's Seelenzuſtand, ſondern ſprach mit vieler Beſonnenheit vom Wetter, vom Kriege, und vom Sturze des Monſtrums, genannt Bonaparte, vor Allem aber von Aerzien, Quackſalbern, und den be⸗ ſondern Verdienſten des Dr. Podger, den ſie damals pa⸗ troniſirte. Während dieſer ihrer Unterredung führte Pitt Craw⸗ ley einen Hauptſchlag aus, — einen Schlag, der bewies, daß er es, wenn ſeine diplomatiſche Laufbahn nicht durch frühe Vernachläßigung gehemmt worden wäre, in dem von ihm gewählten Stande zu einem hohen Range hätte brin⸗ gen können. Als die Gräfin Southdown nach der dama⸗ ligen Sitte über den korſiſchen Emporkömmling herfiel, und darzuthun ſuchte, daß derſelbe ein mit jedem erdenk⸗ lichen Verbrechen beflecktes Monſtrum, ein Feigling und ein Tyrann ſei, der nicht verdiene, daß man ihn am Le⸗ ben laſſe, daß der Fall deſſelben prophezeit worden ſei u. ſ. w., trat Pitt Crawley plötzlich für den Mann des Schickſals in die Schranken. Er beſchrieb den erſten Con⸗ ſul, wie er ihn zur Zeit des Friedens von Amiens zu Paris geſehen, wo er, Pitt Crawley, die hohe Ehre ge⸗ habt, die Bekanntſchaft des großen und guten Herrn For zu machen, — eines Staatsmannes, den man, ſo ſehr er auch in ſeinen Anſichten von ihm abwiche, unmöglich allzu ſehr bewundern könne, — eines Staatsmannes, der ſtets die höchſte Meinung von dem Kaiſer Napoleon gehabt. Sodann ſprach er in Ausdrücken der höchſten Indignation von dem treuloſen Benehmen der Alliirten gegenüber die⸗ ſem entthronten Monarchen, der, nachdem er ſich ihnen großmüthig überliefert, zu einer gemeinen und grauſamen Verbannung verurtheilt worden ſei, während ein bigotter, Pöbelhaufen an ſeiner Stelle Frankreich tyran⸗ niſire. Dieſe orthodore Verabſcheuung römiſchen Aberglau⸗ bens rettete Pitt Crawley in Lady Southdowns Meinung, während ſeine Bewunderung für For und Napoleon ihn in Miß Crawley's Augen unendlich hob. Wir haben der Freundſchaft, die ſie fuͤr den genannten britiſchen Staats⸗ mann gehegt, bereits Erwähnung gethan, als wir ſie in dieſe Geſchichte einführten. Als eine ächte Anhängerin der Wigh⸗Partei hatte Miß Crawley während des ganzen Krieges in den Reihen der Oppoſition geſtanden, und ob⸗ gleich ſicherlich der Sturz des Kaiſers die alte Dame nicht gar zu ſehr erſchütterte, noch auch die Mißhandlung deſ⸗ ſelben geeignet war, ihr Leben zu verkürzen, oder ihre na⸗ türliche Ruhe zu ſtören, ſo ſprach ihr doch Pitt ganz aus dem Herzen, als er ihre beiden Idole lobte; und durch dieſe wenigen Worte machte er in ihrer Gunſt ungeheure Fortſchritte. „Und was iſt denn Ihre Meinung, meine Liebe?“ 47 ſagte Miß Crawley zu der jungen Dame, zu der ſie, ſo⸗ bald ſie ſie erblickte, Zuneigung gefaßt hatte, wie dieß bei ihr ſtets der Fall war, wenn ihr hübſche und beſchei⸗ dene junge Perſonen gegenüberſtanden, obgleich wir ein⸗ geſtehen müſſen, daß ihre Liebe ſich ebenſo ſchnell wieder abkühlte, wie ſie entſtand. Lady Jane wurde über und über roth, und ſagte, „daß ſie ſich nicht auf die Politik verſtünde, und daß ſie in dieſem Stücke geſcheidteren Köpfen nicht vorgreifen wollte; aber obgleich ohne Zweifel Mama Recht hätte, ſo wäre doch auf der andern Seite nicht zu läugnen, daß Herr Crawleh vortrefflich geſprochen.“ Und als die Damen endlich ſich entfernten, drückte Miß Crawley die Hoffnung aus, „daß Lady Southdown ſo freundlich ſein und bisweilen Lady Jane zu ihr ſchicken würde, wenn Letztere abkommen koͤnnte, um ein armes, krankes, einſames, altes Frauenzimmer zu tröſten.“ Dieſes Verſprechen wurde mit vieler Grazie gegeben, worauf man ſich als die beſten Freunde von der Welt trennte. „Laß doch Lady Southdown nicht wieder zu mir kommen, Pitt,“ ſagte die alte Dame⸗ „Sie iſt dumm und pompos, wie die ganze Familie Deiner Mutter, die ich nie ausſtehen konnte. Bring' aber die nette, gutmü⸗ thige Lady Jane mit, ſo oft es Dir beliebt.“ Pitt verſprach dieß ſeiner Tante. Er ſagte aber der Gräfin von Southdown nicht, welche Meinung ſeine Tante von ihrer Ladyſhip habe, die im Gegentheile glaubte, daß ſie einen überaus guten und majeſtätiſchen Eindruck auf Miß Crawleh gemacht habe. Und ſo beſuchte Lady Jane, der es Freude machte, eine kranke Dame tröſten zu können, und die vielleicht in ihrem Herzen froh war, von Zeit zu Zeit den langweili⸗ gen Anſprachen des ehrwürdigen Bartholomew Frons, ſowie den auf ihr Seelenheil bedachten Speichelleckern zu entrinnen, die ſich um die pompöſe Gräfin, ihre Mama, drängten, Miß Crawley ziemlich häufig, begleitete ſie auf ihren Spazierfahrten, und verkürzte manchen ihrer Abende. Sie war von Natur ſo gut und ſanft, daß ſelbſt die Fir⸗ kin nicht eiferſüchtig auf ſie war; und was die ſanft⸗ müthige Briggs betraf, ſo glaubte ſie, ihre Freundin ſei weniger grauſam gegen ſie, wenn die liebe Lady Jane zugegen ſei. Das Benehmen der Miß Crawley gegenüber von ihrer Ladyſhip war bezaubernd. Die alte Jungfrau er⸗ zählte ihr tauſend Anekdotchen aus ihrer Jugendzeit, wo⸗ bei ſie mit ihr in einem ganz andern Tone ſprach, als früher mit der kleinen gottloſen Rebekka; denn es lag in Lady Jane's Unſchuld Etwas, was leichtfertige Reden in ihrer Gegenwart zur Unverſchämtheit ſtempelte, und Miß Crawley war ein viel zu gebildetes Frauenzimmer, um ſolche Reinheit beleidigen zu wollen. Die junge Lady ſelbſt hatte noch von Niemand Liebesbeweiſe erhalten, als von dieſer alten Jungfrau, ihrein Bruder, und ihrem Va⸗ ter, und vergalt Miß Crawley's engoüment durch un⸗ gekünſtelte Sanftmuth und Freundſchaft. An den Herbſtabenden (wo Rebekka zu Paris in ihrem Staate prunkte und glänzte, die luſtigſte unter den luſtigen Eroberern, die ſich damals in der franzöſiſchen Hauptſtadt aufhielten, und ach, wo war unſere Amalie, unſere liebe, von tiefem Gram verzehrte Amalie?) an den Herbſtabenden, ſagen wir, ſetzte Lady Jane ſich ge⸗ wöhnlich in den Salon der Miß Erawley, und ſang ihr in der Dämmerung, während die Sonne unterging, und das Meer am Strande brauste, ihre einfachen Liedchen und Hymnen mit ſanfter Stimme vor. Die alte Jung⸗ frau pflegte aufzuwachen, wenn dieſe Lieder verſtummten, und noch um andere zu bitten. Was die Briggs, und vas Quantum von Glücksthränen betrifft, die ſie jetzt vergoß, während ſie that, als ſtrickte ſie, und während ſie auf den herrlichen, vor den Fenſtern ſich dunkel aus⸗ breitenden Ocean, und nach den Lichtern des Himmels 49 blickte, die immer heller zu funkeln anfingen, — wer, ſage ich, kann die Glückſeligkeit und Senſibilität der Briggs ermeſſen? Unterdeſſen pflegte Pitt im Speiſezimmer, mit einer Broſchüre über die Korngeſetze, oder einem Miſſionsbe⸗ richte neben ſich, jener Art von Erholung, die romanti⸗ ſchen und unromantiſchen Männern nach dem Eſſen an⸗ ſteht. Er ſchlürfte Madeira, baute Luftſchlöſſer, hielt ſich für einen prächtigen Burſchen, war weit mehr in Jane verliebt, als je in den vergangenen ſieben Jahren, die ihre Liaiſon ohne die geringſte Ungeduld von Seiten Pitt's gedauert hatte — und ſchlief ſehr viel. Wenn die Zeit herbeikam, wo der Kaffee ſervirt wurde, pflegte Herr Bowls auf eine geräuſchvolle Weiſe hereinzukommen, und Squire Pitt zu rufen, der im Dunkeln mit ſeiner Bro⸗ ſchüre gewaltig beſchäftigt war. „Ich wollte, meine Liebe, ich hätte Jemand, der mit mir Piquet ſpielte,“ ſagte Miß Crawleh eines Abends, als der ſo eben genannte Diener mit den Lichtern und dem Kaffee erſchien. „Die arme Briggs kann ſo wenig ſpielen, wie eine Eule, ſie iſt ſo dumm“ (die alte Jung⸗ frau ergriff jede Gelegenheit, vor den Dienern auf die Briggs zu ſchelten); „und ich glaube, daß ich beſſer Si wenn ich jeden Abend mein Spielchen machen nnte.“ Bei dieſen Worten erröthete Lady Jane bis an die äußerſten Enden ihrer kleinen Ohren, und bis an die Spitzen ihrer hübſchen Finger; und als Herr Bowls das Zimmer verlaſſen hatte, und die Thüre ganz zugemacht war, ſagte ſie: „Miß Crawley, ich kann ein wenig ſpielen. Ich pflegte ein wenig mit meinem armen theuren Papa zu — zu ſpielen.“ 6 „Kommen Sie her zu mir, und küſſen Sie mich. Kommen Sie ſogleich zu mir her, und küſſen Sie mich, Der Jahrmarkt des Lebens. MI. 4 Sie liebe gute kleine Seele,“ rief Miß Crawley voller Entzücken; und bei dieſer pittoresken freundſchaftlichen Beſchäftigung fand Herr Pitt die alte und die junge Dame, als er, ſeine Broſchüre in der Hand haltend, her⸗ aufkam. Wie erröthete ſie den ganzen Abend, die arme Lady Jane! Man darf ſich nicht einbilden, daß Herr Pitt Craw⸗ ley's Kunſtgriffe der Aufmerkſamkeit ſeiner theuren Ver⸗ wandten im Pfarrhauſe zu Queen's Crawleh entgingen⸗ Hampſhire und Suſſer liegen ganz nahe bei einander, und Mrs. Bute hatte in letzterer Grafſchaft Freunde, die ſie ſorgfältigſt von Allem, ja noch von weit mehr, als Allem ton vorging. Pitt war dort immer öfter. Es ſtand oft ganze Monate an, bis er wieder ſich im Schloſſe blicken ließ, wo ſein abſcheulicher alter Vater ſich ganz und gar dem Rum und Waſſer, ſowie der odiöſen Geſellſchaft der Horrocks'ſchen überließ.. Pitt's Glück machte die Familie des Rectors wü⸗ thend, und Mrs. Bute bedauerte mehr (bekannte jedoch weniger), als je, ihren ungeheuren Fehler, indem ſie Miß Briggs ſo inſultirt, und gegen Bowls und die Firkin ſo hochmüthig und geizig geweſen, daß ſie jetzt im ganzen Hauſe der Miß Crawley auch nicht eine Perſon hatte, 3 ihr von dem, was dort vorging, hätte Nachricht geben mogen. „Bute's Schlüſſelbein iſt an Allem Schuld,“ pflegte ſie an Einem fort zu ſagen; „wäre dieſes Unglück nicht paſſirt, ſo würde ich nie von ihrer Seite gewichen ſein. Ich bin eine Märtyrerin meiner Pflichttreue, und Deiner et einem Geiſtlichen ſo wenig anſtehenden Jagdluſt, ute. „Jagdluſt; Unſinn! Du haſt ſie erſchreckt, Bar⸗ bara,“ ſiel der Geiſtliche ein. „Du biſt zwar ein ge⸗ —unterrichteten, was in Miß Crawley's Hauſe zu Brigh⸗ * 51 ſcheidtes Weib, haſt aber eine verteufelte Gemüthsart, und nebenbei knauſerſt Du auch allzu ſehr, Barbara.“ „Du würdeſt ſchon lange im Schuldthurme ſitzen, Bute, hätte ich nicht mit Deinem Gelde geknauſert.“ „Ja, ja, das weiß ich wohl, meine Theure,“ ſagte der Rector gutmüthig. „Du biſt ein geſcheidtes Weib, t Du richteſt Deine Sachen allzu pfiffig ein, weißt Und der gottesfürchtige Mann tröſtete ſich mit einem gewaltigen Glaſe Portwein. „Was, zum Henker, mag ſie nur an dem Einfalts⸗ pinſel von einem Pitt Crawley finden?“ fuhr er fort. „Der Kerl hat nicht einmal ſo viel Muth, um eine Gans zu verſcheuchen. Ich erinnere mich noch gar wohl der Zeit, wo Nawdon, der ein Mann iſt (wenn ihn nur der Henker holte!), ihn im Stalle herum zu prügeln pflegte, als ob er ein Kreiſel wäre: Pitt ging alsdann plärrend zu ſeiner Ma — ha ha! Ei, von meinen Jungen würde ihn jeder mit einer Hand darnieder ſchlagen. Jim ſagt, er ſei zu Orford immer noch als Miß Crawley bekannt — der Einfaltspinſel!“ „Hör 'mal, Barbara,“ fuhr Seine Ehrwürden nach einer Pauſe fort. „Was?“ ſagte Barbara, die ſich die Nägel abbiß, und auf dem Tiſche trommelte. „Hör' mal, warum ſchicken wir nicht Jim nach Brighton hinüber, um zu ſehen, ob er mit der Alten Nichts anfangen kann. Du weißt, er promovirt bald. Er iſt im Examen erſt zwei Mal durchgefallen, gerade, wie ich — allein er iſt in Orford geweſen, und hat die Vortheile genoſſen, welche dieſe Stadt, ſowie eine Uni⸗ verſitätsbildung bietet. Er kennt einige der beſten Burſche daſelbſt. Das Bonifacius⸗Boot hat keinen beſſern Rude⸗ rer, als er iſt. Er iſt ein hübſcher Kerl. Zum Henker, Madame, wir müſſen ihn hinter die Alte hetzen, und ihmn ſagen, er ſolle Pitt breiweich ſchlagen, wenn derſelbe zu muckſen verſucht iſt. Ha! ha! ha! ha!“ „Jim könnte allerdings hinabgehen, und ſie beſu⸗ chen,“ ſagte die Hausfrau, und ſetzte noch mit einem Seufzer hinzu: „Wenn wir doch nur eines von den Mävchen in's Haus bringen könnten; allein ſie hat die⸗ ſelben nie leiden können, weil ſie nicht hübſch ſind.“ Dieſe unglücklichen und wohlerzogenen Frauenzimmer ließen ſich, während ihre Mutter ſo ſprach, in dem an⸗ ſtoßenden Salon hören, wo ſie mit ſchweren Fingern ein kunſtvolles Muſikſtück auf dem Pianoforte abtrommelten; und in der That beſchäftigten ſie ſich den lieben, langen Tag, entweder mit Mufik, oder mit Geographie, oder mit Geſchichte, wenn nicht etwa durch den heilſamen Ge⸗ S des Rückenbrettes ihre Zeit in Anſpruch genommen wurde. 3 Allein was nützen alle dieſe Dinge auf dem Jahr⸗ markte des Lebens Mädchen, die klein, arm, häßlich ſind, und einen ſchlechten Teint haben. Mrs. Bute wußte, außer dem Pfarrverweſer, keine Seele, die Luſt gehabt hätte, ihr eine ihrer Töchter abzunehmen;z und da in die⸗ ſem Augenblicke Jim vom Stalle durch das Fenſter des Wohnzimmers hereinkam, wobei er eine kurze Pfeife in ſeiner wachstuchenen Mütze ſtecken hatte, ſo fing er mit ſeinem Vater von Wetten zu ſprechen an, und das Ge⸗ ſpräch zwiſchen dem Pfarrherrn und ſeiner Frau war da⸗ mit zu Ende. Mrs. Bute erwartete für ihre Sache nicht viel Gu⸗ tes von der Abſendung ihres Sohnes James in der Ei⸗ genſchaft eines Geſandten, und ſah in ziemlich gedrückter Stimmung ihn abreiſen. Auch erwartete der junge Burſche ſelbſt nicht viel Vergnügen oder Nutzen von der Reiſe, als man ihm ſagte, welcher Art ſeine Sendung ſei; da er aber ſich mit dem Gedanken tröſtete, daß die alte Dame ihm vielleicht eine ſchöne Summe als Anden geben würde, womit er einige ſeiner dringendſten Sch 53 den zu Anfang des nächſten Orforder Semeſters zahlen könnte, ſo ſetzte er ſich auf den Southamptoner Poſtwa⸗ gen, der ihn noch an demſelben Abende mit ſeinem Kof⸗ fer, ſeinem Lieblings⸗Bulldog Towzer, und einem unge⸗ heuren Korbe voller Feld⸗ und Gartenfrüchte, welche bie lieben Leute im Pfarrhauſe der lieben Miß Crawley ſchickten, unverſehrt nach Brighton brachte. Da er die kranke Dame am erſten Abende ſeiner Ankunft nicht mehr ſtören wollte, und er auch glaubte, daß es zu einem Be⸗ ſuche zu ſpät ſei, ſo kehrte er in einem Gaſthauſe ein, und erſchien bei Miß Crawley erſt ſpät in den Nachmit⸗ tagsſtunden des folgenden Tages. James Crawleh war, als ſeine Tante ihn zum letz⸗ ten Male geſehen hatte, ein linkiſcher Burſche von jenem unerfreulichen Alter geweſen, wo die Stimme zwiſchen einem unerquicklichen Diskante und einem widernatürli⸗ chen Baſſe ſchwankt; wo das Geſicht nicht ſelten Blüthen hervortreibt, wogegen Rowland's Kalydor ein Heilmittel ſein ſoll; wo man Knaben ſieht, die ſich heimlich mit der Scheere ihrer Schweſter raſtren, und der Anblick an⸗ derer jungen Frauenzimmer unerträgliche Gefühle des Schreckens bei ihnen weckt; wo die großen Hände und Knoͤchel weit aus Kleidern hervorſtehen, die dafür zu enge geworden ſind; wo ihre Anweſenheit nach dem Eſſen für die Damen, die im Zwielichte im Salon mit einander flüſtern, ein Gegenſtand des Schreckens, und für die Her⸗ ren auf dem Sopha, die durch die Gegenwart dieſer lin⸗ kiſchen Unſchuld in ihrer freien Unterhaltung und ihren ergötzlichen Witz ſpielen, ſich genirt fühlen, unausſprech⸗ lich vdiös iſt; wo die Papas, wenn das zweite Glas ge⸗ trunken iſt, ſagen: „Jack, mein Junge, geh' hinaus, und ſieh nach, ob dieſen Abend das Wetter ſchön bleibt,“ und der Jüngling, der gern frei wäre, und ſich ärgert, und verletzt fühlt, daß man ihn noch nicht als einen Mann gelten laſſen will, das unvollſtändige Bankett verläßt. James, der dazumal ein linkiſcher Burſche geweſen, war jetzt ein junger Mann geworden, da er die Vortheile einer Univerſitätsbildung genoſſen, und die unſchätzbare Politur erworben hatte, die man dadurch erlangt, daß man in einem kleinen Collegium in einer ſtreng abge⸗ ſchloſſenen Geſellſchaft lebt, und Schulden contrahirt, und 1 consilium abeundi erhält, und durch's Eramen fällt. Indeſſen war er ein ſchöner Burſche, als er ſich ſei⸗ ner Tante zu Brighton vorſtellte, und ein hübſches Ge⸗ ſicht verlieh dem Beſitzer ſiets einen Anſpruch auf die Gunſt der wetterwendiſchen Dame. Auch ſchadete ihm ſein Erröthen und ſein linkiſches Weſen bei ihr nicht; im Gegentheile, ſie ergötzte ſich an dieſen geſunden Zeichen der Unſchuld des jungen Herrn. Er ſagte, er ſei auf einige Tage herabgekommen, um einen Studiengenoſſen zu beſuchen — „und — und um Ihnen meine Aufwartung zu machen, Ma'am, ſowie um Ihnen viele Grüße von meinem Vater und meiner Mutter zu melden, welche hoffen, daß Sie ſich wohl be⸗ finden.“ Pitt war im Zimmer bei Miß Crawley, als der Jüngling ſich anmelden ließ, und ſah recht verblüfft aus, als der Name des Letztern ausgeſprochen wurde, die alte Dame beſaß Humor genug, und ergötzte ſich an der Ver⸗ legenheit ihres fehlerfreien Neffen. Sie fragte mit vielem Intereſſe nach allen Perſonen im Pfarrhauſe, und ſagte, ſie habe im Sinne, dort bald einen Beſuch abzuſtatten. Sie lobte den Jüngling in's Geſicht, und ſagte, er ſei recht gut gewachſen, und habe ſich ſehr zu ſeinem Vor⸗ theile verändert, und es ſei Schade, daß ſeine Schwe⸗ ſtern ſo wenig von ſeinem hübſchen Aeußern beſäßen; und als ſie auf Befragen fand, daß er in einem Hotel abge⸗ ſtiegen, wollte ſie nicht dulden, daß er länger daſelbſt bleibe, ſondern befahl Herrn Bowls, auf der Stelle Herr James Crawley's Effecten herbringen zu laſſen. „Und hören Sie, Bowls,“ ſetzte ſie in äußerſt gnädiger Weiſe 55 hinzu, „Sie werden ſo gut ſein, die Rechnung des Herrn James zu zahlen.“ Hier warf ſie Pitt einen ſchlauen triumphirenden Blick zu, der den Diplomaten vor Neid faſt erſticken machte. So ſehr er ſich auch bei ſeiner Tante in Gunſt zu ſetzen gewußt hatte, ſo hatte ſie ihn doch noch nie aufgefordert, unter ihrem Dache zu wohnen, und da kam nun ein junger Gelbſchnabel, dem mit einem Male ge⸗ währt wurde, was er nie hatte erreichen können. „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte Bowls, mit einer tiefen Verbeugung vortretend; „aus welchem Hotel, Sir, ſoll Thomas das Gepäck holen?“ „Oh, verdamm' es,“ ſagte der junge James auf⸗ und anſcheinend etwas unruhig, „ich gehe ſelbſt n.“ „Was!“ ſagte Miß Crawley. „Ich logire im Gaſthofe zum „„Tom Cribb'ſchen Wappen,““ ſagte James, tief erröthend. Bei dieſem Namen brach Miß Crawley in ein Ge⸗ lächter aus. Als alter, des beſondern Vertrauens der Familie ſich erfreuender Diener, ließ Herr Bowls ein ab⸗ ruptes Kittern hoͤren, verſchluckte aber den Reſt der Salve; der Diplomat lächelte bloß. „Ich — ich wußte es nicht beſſer,“ ſagte James, die Augen niederſchlagend. „Ich bin noch nie hier ge⸗ weſen; der Kutſcher hat mich in das Haus gewieſen.“ Der junge Lügenbeutel! Die Wahrheit iſt, daß Ja⸗ mes Crawley, am'porangegangenen Tage, auf dem South⸗ amptoner Poſtwagen den Tutbury Pet getroffen hatte, der nach Brighton ging, um mit dem Rottingdean Fib⸗ ber einen Kampf zu beſtehen, und daß er, entzückt von der Unterhaltung des Pet, den Abend, in der Geſell⸗ ſchaft dieſes wiſſenſchaftlich gebildeten Mannes und ſeiner Freunde, in dem fraglichen Wirthshauſe zugebracht hatte. „Ich will doch lieber ſelbſt hingehen und die Rech⸗ nung berichtigen,“ fuhr James fort. „Kann Ihnen das nicht zumuthen, Ma'am,“ ſetzte er großmüthig hinzu. Dieſes Zartgefühl machte ſeine Tante nur noch mehr lachen. „Gehen Sie, und bezahlen Sie die Rechnung, Bowls,“ ſagte ſie, mit einer Handbewegung, und bringen Sie mir dieſelbe.“ Die arme Dame, ſie wußte nicht, was ſie gethan atte. „Ich habe — ich habe einen kleinen Hund dort,“ ſagte James, in deſſen Geſicht ſich ein entſetzliches Schuld⸗ bewußtſein ausſprach. „Es iſt beſſer, wenn ich ſelbſt hin⸗ gehe, und ihn hole. Er beißt Lakaien in die Waden.“ Die ganze Geſellſchaft brach bei dieſer Beſchreibung in ein ſchallendes Gelächter aus, ſelbſt die Briggs und Lady Jane, die während der Unterredung zwiſchen Miß Crawley und ihrem Neffen keine Sylbe geſagt hatte; und ohne weiter ein Wort zu ſagen, verließ Bowls das Zimmer. Indeſſen fuhr Miß Crawley, um ihren älteren Neffen zu ſtrafen, immer noch fort, ſich gegen den jungen Or⸗ forder gnädig zu erweiſen. Ihre Güte, oder ihre Com⸗ plimente hatten gar keine Grenze, wenn ſie einmal anfing. Sie ſagte Pitt, daß er zum Mittageſſen kommen ſolle, und beſtand darauf, ſich bei ihrer Spazierfahrt von James begleiten zu laſſen, wobei ſie ihn auf dem Rückſitze der Barouche Platz nehmen ließ, und mit ihm den Felſenweg auf und ab paradirte. Während dieſer ganzen Ercurſion war ſie ſo gnädig, ihm höfliche Dinge zu ſagen, citirte Stellen aus italieni⸗ ſchen und franzöſiſchen Dichtern, was den armen Jungen ganz verlegen machte, und behauptete, er ſei ein recht wackerer Gelehrter, und werde gewiß eine goldene Medaille bekommen, und ein Senior Wrangler *) werden. *) Wrangler = die (gewöhnlich zwölf) geſchickteſten zur Graduirung erleſenen Studenten. b 57 „Ha, ha!“ lachte James, durch alle dieſe Compli⸗ mente ermuthigt; „ja, ja, Senior Wrangler; das iſt in der andern Bude.“ „Welches iſt die andere Bude, mein liebes Kind?“ ſagte die Dame. „Senior Wranglers gibt es zu Cambridge nicht, aber zu Orford,“ ſagte der Student mit ſchlauer Miene, und wäre wahrſcheinlich in ſeinen vertraulichen Mitthei⸗ lungen noch weiter gegangen, wenn ſich nicht plötzlich auf dem Felſenwege, in einem von einem prächtigen Pony gezogenen Korbwagen, und in weißen Flanellröcken mit Perlmutterknöpfen, ſeine Freunde, der Tutbury Pet und der Rottingdean Fibber, mit drei andern Herrn, die zu ihrer Bekanntſchaft gehörten, gezeigt hätten. Alle dieſe Herren grüßten den armen James in ſeinem Wagen. Dieſer Vorfall ſchlug den Muth des treuherzigen Jünglings etwas nieder, und auf dem ganzen Wege war nun kein Ja und kein Nein mehr aus ihm heraus zu bringen. Bei ſeiner Rückkehr fand er ſein Zimmer parat, und darin ſeinen Koffer; auch hätte er bemerken können, daß Herr Bowls Geſicht, als Letzterer ihn in ſein Zimmer führte, ernſt war, und, neben der Verwunderung, Mitlei⸗ den ausdrückte. Allein er hatte an etwas Anderes zu denken, als an Herrn Bowls. Er bedauerte die furchtbare Lage, in der er ſich befand, in einem Hauſe voll alter Weiber, die franzöſiſch und italieniſch plapperten, und ihm poetiſches Zeug vorſchwatzten. „Schändliches Pech, beim Schinder!“ rief der ſitt⸗ ſame Junge, welcher der ſanfteſten ihres Geſchlechts — nicht einmal der Briggs — in's Geſicht ſehen konnte, wenn dieſelbe anfing, zu ſprechen; während er, nach Iffley Lock verſetzt, es im Slang mit dem kühnſten Bootsknechte aufnehmen konnte. Beim Diner erſchien James in einem weißen Hals⸗ tuche, unter dem er beinahe erſtickte; er hatte die Ehre, 58 my Lady Jane die Treppe hinabführen zu dürfen, wäh⸗ rend die Briggs und Herr Crawley nachfolgten, und die alte Dame mit ihrem Apparate von Bündeln, Shawls und Kiſſen geleiteten. Die halbe Zeit der Briggs beim Eſſen verging damit, daß ſie für die Bequemlichkeit der Patientin ſorgte, und für den fetten Schooßhund der Letzteren Hühnerfleiſch in Stücke ſchnitt. James ſprach nicht viel, forderte aber ſämmtliche Damen beharrlich zum Trinken auf, und nahm Herrn Crawley's Herausforderung an, und führte ſich den größten Theil einer Flaſche Champagner zu Gemüthe, die Herr Bowis, ihm zu Ehren, hatte aufſtellen müſſen. Als die Damen ſich zurückgezogen hatten, und die beiden Vettern allein beiſammen waren, wurde Pitt, der Erdiplomat, äußerſt mittheilſam und freundſchaftlich. Er erkundigte ſich nach James' Laufbahn auf der Univerſität — fragte, welche Ausſichten er hätte — hoffte von gan⸗ zem Herzen, daß es ihm gut gehen würde, und war, mit einem Worte, offen und liebenswürdig. Mit dem Port löste ſich auch James' Zunge, und er erzählte nun ſeinem Vetter ſein Leben, ſeine Durchfälle im Eramen, ſeine Händel mit den Aufſehern, ſprach von ſeinen Ausſichten, ſeinen Schulden, und füllte ſich einmal nach dem andern aus den vor ihm ſtehenden Flaſchen ein, wobei er mit fröhlicher Geſchäftigkeit bald zur Port⸗, bald zur Madeira⸗ flaſche griff. „Das Hauptvergnügen meiner Tante iſt,“ ſagte Herr Crawley, ſein Glas füllend, „wenn Leute ſich bei ihr ganz und gar nicht geniren, und thun, als ob ſie zu Hauſe wären. Wir ſind hier in der Freiheitshalle, James, und Du kannſt Miß Crawley keinen größern Gefallen er⸗ weiſen, als wenn Du thuſt, und verlangſt, was Dir ge⸗ fällt. Ich weiß, daß ihr Alle auf dem Lande mich aus⸗ gelacht habt, weil ich ein Tory bin. Miß Crawley iſt ſo freiſinnig, wie man es nur verlangen kann. Sie iſt im 59 Prinzip eine Republikanerin, und verachtet Alles, was an Rang und Titel erinnert.“ „Warum heiratheſt denn Du aber die Tochter eines Earl?“ ſagte James. „Mein lieber Freund, Du darſſt nicht vergeſſen, daß die arme Lady Jane nicht Schuld daran iſt, wenn ſie von hoher Geburt iſt,“ erwiederte Pitt mit höſiſcher Miene. „Sie kann Nichts dafür, daß ſie eine Lady iſt, zu dem bin ich ja ein Tory, wie Du weißt.“ „O, was das betrifft,“ ſagte James, „ſo geht Nichts über altes Blutz nein, ich will verdammt ſein, es geht Nichts darüber. Ich bin keiner von Euren Radicalen. Ich weiß, was es heißt, ein Gentleman zu ſein, ich will verdammt ſein, wenn ich's nicht weiß. Sieh einmal die Burſche bei einem Bootrennen anz ſieh die Kerls bei einem Fauſtkampfe anz ja, ſieh nur einen Hund an, der Ratten erwürgt, — wer gewinnt? immer diejenigen, ſo von gu⸗ tem Blute ſind. Noch mehr Port, Bowls, alter Knabe, während ich dieſe Flaſche da leere. Was ſagte ich eben?“ „Ich glaube, Du ſprachſt von Hunden, die Ratten umbringen,“ bemerkte Pitt ſanft, indem er ſeinem Vetter die Flaſche überreichte, damit er dieſelbe leere. „Ich ſprach von der Rattenjagd? Nun Pitt, biſt Du ein Jäger? Willſt Du einen Hund ſehen, der eine Ratte umbringen kann? Wenn Du willſt, ſo komm' mit mir zu Tom Corduroy, in Caſtle Street Mews: dort will ich Dir einen Bull⸗Terrier *) zeigen, wie —“ „Bah, Narrheiten,“ rief James, über ſeine eigene Abſurdität in ein lautes Gelächter ausbrechend, — „Du kümmerſt Dich nicht um einen Hund oder eine Ratte; 's iſt lauter Unſinn. Ich laſſe mich hängen, wenn Du den Unterſchied zwiſchen einem Hunde und einer Ente weißt.“ „Nein, ich weiß ihn nicht; beiläufig geſagt,“ fuhr Pitt immer freundlicher fort, „Du ſprachſt vom Blute, *) Art Dachshund. 60 und den perſönlichen Vorzügen, deren die Leute durch eine patriziſche Geburt theilhaftig werden. Hier iſt die friſche Flaſche.“ „Ja, ja, Blut iſt das Wort,“ ſagte James, die ru⸗ binfarbige Flüſſigkeit hinunterſchüttend. „Es geht Nichts über das Blut, Sir, bei Pferden, Hunden und Menſchen. Ei, erſt im letzten Semeſter, gerade ehe ich das consilium abeundi erhielt, das heißt, ich meine, gerade ehe ich die Maſern hatte, ha, ha! — war ich mit Ringwood von Chriſtchurch — Bob Ringwood, Lord Cingbar's Sohn — in der „Glocke“ zu Blenheim, wo wir Bier tranken; da kam der Schiffsmann von Banbury zu uns her, und erbot ſich, um eine Bowle Punſch mit einem von uns Beiden ein Paar Gänge zu machen. Ich konnte mich aber auf dieſes Anerbieten nicht einlaſſen. Ich trug einen Arm in der Schlinge, konnte nicht einmal kutſchiren, — eine vermaledeite Stute war erſt zwei Tage vorher mit mir geſtürzt, als ich mit dem Abingdon draußen war, und ich glaubte, ich hätte den Arm gebrochen. Wohlan, Sirt Ich konnte mich alſo nicht mit ihm pauken, allein in einem Nu hatte Bob ſeinen Rock ausgezogen — worauf er drei Minuten lang den Munn von Banburh vornahm, und denſelben in vier Gängen ohne alle Mühe ausſchmierte. Mein Gott, wie plumpte der Kerl hin, Sir, und was verhalf Vob zu ſeinem Siege? Das Blut, Sir, Nichts, als das Blut.“ „Du trinkſt ja gar nicht, James,“ fuhr der Er⸗ Attaché fort. „Zu meiner Zeit eirkulirte zu Orxford die Flaſche geſchwinder, als es bei Euch jungen Burſchen der Fall zu ſein ſcheint.“ „Komm, komm,“ ſagte James, die Hand an die Naſe legend, und ſeinem Vetter mit einem Paar umne⸗ belter Augen zuwinkend, „kein Späße, alter Knabez Du kriegſt mich nicht dran. Du willſt mich nur beichten machen, aber es geht nicht an. In vino veritas, alte Knabe. Mars, Bacchus, Apollo virorum, het Ich * — 61 wollte, meine Tante ſchickte ein Quantum von dieſem an meinen Alten hinab; er iſt fürwahr gar nicht bitter, gar nicht bitter.“ „Du würdeſt wohl daran thun, wenn Du ſie darum bäteſt,“ fuhr der Machiavell fort „„oder wenn Du jetzt Deine Zeit auf die beſtmögliche Weiſe benützteſt. Sagt der Dichter nicht: „ Munc vino pellite curas, Cras ingens iterabimus aequor ?““ Und der Bacchus⸗Prieſter, der die obige Stelle mit der Miene eines Unterhaus⸗Mitglieds citirte, ſtürzte, mit ſeinem Glaſe eine ungeheure Schwenkung machend, bei⸗ nahe einen ganzen Fingerhut voll Wein hinab. Wenn im Pfarrhauſe nach dem Eſſen die Portflaſche geöffnet wurde, erhielt jede der jungen Damen ein Gläschen Johannisbeerwein aus einer beſonderen Flaſche. Mrs. Vute trank gewöhnlich ein Gläschen Port, der ehrliche James dagegen bekam gewöhnlich ein Paar Gläſer; da aber das Geſicht des Vaters ſich bedeutend verfinſterte, wenn der Sohn der Flaſche weiter zuſetzte, ſo ließ es der gute Junge gewöhnlich dabei bewenden, und hielt ſich entweder an den Johannisbeerwein, oder aber an den Genever, den er ingeheim im Stalle mit dem Kutſcher trank, wobei dann auch die Pfeife nicht fehlen durfte. Zu Orford war das Quantum des Weines unbeſchränkt, da⸗ degen aber die Qualität eine geringere; wenn ſich aber uantität und Qualität, wie im Hauſe ſeiner Tante, vereinigten, ſo zeigte James, daß er ſie in der That zu würdigen verſtehe, und bedurfte kaum einer Aufmunterung von Seiten ſeines Couſins, als es galt, mit der zweiten, von Bowls herbeigebrachten Flaſche ein Wörtchen zu ſprechen. Als indeſſen die Zeit zum Kaffee und zur Zurückkehr zu en Damen, vor denen er eine heilige Scheu hatte, her⸗ beikam, verließ den jungen Herrn ſeine angenehme Offen⸗ heit, und es verfiel derſelbe wieder in ſeine gewoͤhnliche 62 mürvſche Schüchternheit. Er begnügte ſich im Laufe des Abends damit, ja oder nein zu ſagen, Lady Jane ein ſau⸗ res Geſicht zu machen, und eine Taſſe Kaffee umzuwerfen. Wenn er nicht ſprach, ſo gähnte er auf eine erbar⸗ mungswürdige Weiſe, und ſeine Gegenwart war nicht ge⸗ eignet, die Geſellſchaft zu erheitern, denn Miß Crawley und Lady Jane, die ihre Partie Piquet ſpielten, und Miß Briggs, die an ihrer Arbeit war, fühlten, daß ſeine Augen ſich wild auf ſie hefteten, und es war ihnen bei dieſem halbtrunkenen Blicke nicht ganz wohl. „Er ſcheint ein ſehr ſchweigſamer, linkiſcher, ver⸗ ſchämter Burſche zu ſein,“ ſagte Miß Crawley zu Herrn Pitt. „Er iſt in der Geſellſchaft von Männern mittheilſa⸗ mer, als bei Damen,“ erwiederte der Machiavell trocken, dem es vielleicht nicht ganz recht war, daß der Portwein Jim nicht geſprächig gemacht hatte. Die erſten Stunden des nächſten Morgens hatte Ja⸗ mes damit zugebracht, daß er an ſeine Mutter einen über⸗ aus günſtigen Bericht über ſeine Aufnahme bei Miß Crawley ſchrieb. Aber ach! Er wußte nicht, wie unheil⸗ ſchwanger der Tag für ihn, und wie kurz die Zeit ſeiner Gunſt ſein ſollte. Ein Umſtand, den Jim vergeſſen hatte — ein trivia⸗ ler, aber unglückſeliger Umſtand — hatte im Gaſthauſe „zum Cribb'ſchen Wappen“ am Abende vor dem Beſuche bei ſeiner Tante Statt gefunden. Es war folgender; — Jim, der von Hauſe aus ein großmüthiger Burſche, und beſonders, wenn er etwas „bezopft“ war, ſich ſehr gaſt⸗ freundlich zeigte, hatte im Laufe des Abends den Kämpfer pon Tutbury, ſowie den Mann von Rottingdean, ſammt deren Freunden, zwei oder drei Male mit Genever und Waſſer bewirthet — ſo daß nicht weniger, als achtzehn Gläſer dieſes Fluidums, das Glas zu acht Pence, Herrn James Crawleh aufgeſchrieben waren. Es war nicht die Totalſumme, welche die verſchiedenen acht Penee ausmach⸗ 63 ten, ſondern das Quantum Geneber, was vem guten Rufe des armen James in unheilbringender Weiſe Eintrag that, als der Haushofmeiſter ſeiner Tante, Herr Bowls, auf den Befehl ſeiner Gebieterin hinging, um die Rechnung des jungen Herrn zu bezahlen. Der Gaſtwirth, welcher befürchtete, er möchte am Ende gar Nichts bekommen, betheuerte feierlichſt, daß der junge Herr in eigner Perſon Alles getrunken hätte, und daß kein Tropfen an jemand Anders abgegeben worden wäre: endlich bezahlte Bowls die Rechnung, und zeigte ſie bei ſeiner Rückkehr der Mrs. Firkin, die ſich über die ungeheure Conſumtivn von Ge⸗ never entſetzte, und die Rechnung der Miß Briggs, als der Hauptbuchhalterin, zeigte, die ihrerſeits es für ihre Pflicht hielt, ihre Prinzipalin, Miß Crawley, von der Sache zu unterrichten. Hätte Jim ein Dutzend Flaſchen Claret getrunken, ſo würde die alte Jungfrau es ihm nachgeſehen haben. Herr For und Herr Sheridan tranken ja auch Claret. Gentlemen tranken Claret, aber achtzehn Gläſer Genever, in der Geſellſchaft von Borern in einer ignoblen Kneipe conſumirt — das war ein odiöſes Verbrechen; ein Ver⸗ brechen, das ſie nicht ſo leicht verzieh. Der junge Burſche hatte in Allem Unglück: er kam mit einem lieblichen Stall⸗ geruche (er hatte nämlich ſeinem Hunde Towzer einen Beſuch abgeſtattet) nach Hauſe, und er wollte eben ſeinen Freund im Stalle ein wenig ſpazieren führen, als er Miß Crawley und ihren kurzathmigen Schooßhund, von der ſogenannten Blenheimer Race traf, welch“ letzteren Towzer in Stücke zerriſſen und aufgefreſſen haben würde, wenn ſich nicht der Blenheimer guickſend unter die Fittiche der 5 Briggs geflüchtet hätte, während der abſcheuliche Berr des Bullenbeißers hinſtand, und über die furcht⸗ bare Verfolgung lachte. An dieſem Tage war auch die Beſcheidenheit von dem unglücklichen Jungen gewichen. Er war bei Tiſche recht munter, und ließ ſeinem Humor den Zügel ſchießen. 64 Während des Eſſens fand er Gelegenheit, ein Paar Scherze gegen Pitt Crawleh anzubringen: er trank ſo viel Wein, wie Tags zuvor, und fing, als er ohne allen Verdacht in den Salon zurückkam, an, die Damen mit einigen ausgewählten Orforder Geſchichten zu unterhalten. Er beſchrieb die verſchiedenen pugiliſtiſchen Eigenſchaften von Molyneur und Dutch Sam, wollte mit Lady Jane, ganz nach dem Belieben ihrer Ladyſhip, für oder gegen den Tutbury Pet, oder den Mann von Rottingdean wetten, und krönte ſein ſcherzhaftes Werk damit, daß er ſich er⸗ bot, ſich mit ſeinem Vetter, Pitt Crawley, entweder mit Handſchuhen, oder ohne ſolche, zu pauken. „Und das iſt ein ehrliches Anerbieten, guter Burſche,“ ſagte er laut lachend, und Pitt auf die Achſel klopfend: „und mein Vater hat mir auch geſagt, daß ich es wohl wagen könne, und daß er bei der Wette ſich mit der hal⸗ ben Summe betheiligen wolle, ha ha!“ Alſo ſprechend nickte der herzige Jüngling der armen Miß Briggs ſchlau zu, und deutete mit dem Daumen, über die Achſel weg, in poſſenhafter und triumphirender Weiſe auf Pitt Crawley hin. Pitt freute das vielleicht nicht allzu ſehr, aber den⸗ noch war er in der Hauptſache nicht unglücklich. Der arme Jim lachte nach Herzensluſt, bis er endlich ſelbſt keinen Spaß mehr daran fand, und torkelte mit dem Lichte ſeiner Tante von einem Ende des Zimmers nach dem andern hin, als die alte Dame aufſtand, um ſich zur Ruhe zu begeben, und wollte ihr mit dem holdeſten trun⸗ kenen Lächeln einen Kuß geben, und verabſchiedete ſich von der andern Geſellſchaft, und ging in ſein Schlafzim⸗ mer hinauf, ganz und gar mit ſich ſelbſt zufrieden, und der angenehmen Hoffnung lebend, daß das Geld ſeiner Tante ihm vor allen andern Gliedern der Familie, ja ſogar vor ſeinem Vater ſelbſt zufallen würde. Nachdem er einmal in ſeinem Schlafzimmer angelangt war, hätte man glauben ſollen, vaß es ihm unmöglich geweſen wäre, die Sache noch ſchlimmer zu machen; und doch that dieß der unglückſelige Junge. Der Mond ſchien ſehr ſchoͤn auf das Meer, und Jim, der durch das ro⸗ mantiſche Ausſehen des Oceans und des Himmels an das Fenſter gelockt wurde, glaubte, er könne, während er ſich an der herrlichen Ausſicht labe, ſein Vergnügen noch da⸗ durch erhöhen, daß er ein Pfeifchen ſchmauche. Er dachte, daß Niemand den Tabak riechen würde, wenn er pfiffiger Weiſe das Fenſter öffnete, und ſowohl Kopf als Pfeife in die freie Luft hielte. Dieß that er denn auch: da aber der arme Iim in einem ziemlich aufgeregten Zuſtande ſich befand, ſo hatte er vergeſſen, daß die ganze Zeit über ſeine Thüre offen geblieben war, ſo daß, da der Wind hereinblies, und ein recht artiger Zug entſtand, die Tabaks⸗ wolken die Treppe hinab gejagt wurden, und mit unver⸗ mindertem Dufte bis zu Miß Crawley und Miß Briggs drangen. Dieſe Pfeife Tabak gab den Ausſchlag: und die Bute Crawleys erfuhren nie, wie viele tauſend Pfunde dieſelbe ihnen koſtete. Die Firkin rannte die Treppe hinab, zu Bowls, der ſeinem Adjutanten mit lauter und geiſterhaf⸗ ter Stimme aus „dem Feuer und der Bratpfanne“ vor⸗ las. Das furchtbare Geheimniß wurde ihm von der Fir⸗ kin mit einem ſo ſchreckerfüllten Blicke mitgetheilt, daß Herr Bowls, ſowie ſein Gehülfe im erſten Augenblicke glaubte, es ſeien Räuber im Hauſe, deren Beine die Frau wahrſcheinlich unter Miß Crawleh's Bett entdeckt hatte. „ Als er indeſſen von der wahren Sachlage in Kennt⸗ niß geſetzt wurde, ſo rannte er die Treppe hinauf, wobei er immer drei Stufen auf einmal nahm, — trat in das Zimmer des armen James, der ſich von All' dem Nichts träumen ließ, rief mit vor Beſtürzung halberſtickter Stim⸗ me „Herr James,“ und ſchrie: „Um Gottes Willen, Sir, hören Sie doch zu rauchen auf,“ — was Alles das Werz einer Minute war. Der Fahrmarkt des Lebens. M. 5 66 „Oh, Herr James, was haben Sie gethan,“ fuhr er mit ungemein pathetiſcher Stimme fort, während er das Werkzeug zum Fenſter hinaus ſchmiß. „Was haben Be Vehens Bir; Miſis kann den Labeisrauch richt ausſtehen.“ „Miſſis braucht ja nicht zu rauchen,“ ſagte James mit wahnſinnigem, hoͤchſt übel angebrachtem Lachen, und hielt das Ganze für einen capitalen Jur. Allein am an⸗ dern Morgen war ſeine Anſicht denn doch eine ganz andere, als Herr Bowls' Gehülfe, der Herr James' Stiefeln zu frottiren hatte, und ihm ſein warmes Waſſer brachte, da⸗ mit er den Bart wegraſiren möchte, den er ſo ängſtlich erwartete, in Herr James Bett ein Billet von Miß Briggs' Hand hinein reichte. Daſſelbe lautete alſo: — „Lieber Herr, Miß Crawley hat eine ungemein un⸗ ruhige Nacht gehabt, was von der abſcheulichen Weiſe herrührt, in der das Haus durch Tabak verunreinigt wor⸗ den iſt. Miß Crawley läßt Ihnen ſagen, wie ſie bedaure, Sie in Folge ihres Unwohlſeins vor Ihrer Abreiſe nicht mehr ſprechen zu können — und vor Allem, daß ſie Sie veranlaßt habe, die Bierkneipe zu verlaſſen, wo Sie ſich⸗ nach ihrer feſten Ueberzeugung, während der übrigen Zeit Ihres Aufenthaltes zu Brighton unendlich behaglicher fühlen werden.“ So endigte die Laufbahn des ehrlichen James, als Bewerbers um die Gunſt ſeiner Tante. Er hatte in der That, und ohne es zu wiſſen, gethan, womit er ge⸗ droht hatte. Er hatte ſich mit ſeinem Vetter Pitt in Hand⸗ ſchuhen gepaukt. „ * Wo war mittlerweile derjenige, der einmal bei dieſer Geldjagd die meiſte Ausſicht gehabt hatte? Becky und Rawdon hatten ſich, wie wir geſehen ha⸗ — 3 67 ben, nach der Schlacht von Waterloo wieder vereinigt, und brachten den Winter von 1815 zu Paris in großem Glanze und in großer Fröhlichkeit zu. Rebekka war eine gute Haushälterin, und die Summe, die der arme Jos Sedley für die zwei Pferde hatte bezahlen müſſen, reichte allein hin, um ihr kleines Etabliſſement, wenigſtens ein Jahr lang, flott zu erhalten; es war nicht nothwendig, „meine Piſtolen, die nämlichen, womit ich Capitän Mar⸗ ker erſchoß,“ oder das goldene Neceſſär oder den mit Pelz gefutterten Mantel zu Geld zu machen. Becky ließ ſich aus letzterem Kleidungsſtücke eine Peliſſe machen, wo⸗ rin ſie zur Bewunderung Aller in dem Bois de Bou⸗ logne ſpazieren fuhr: und Du hätteſt, verehrter Leſer, die Scene ſehen ſollen, die zwiſchen ihr und ihrem ent⸗ zückten Manne Statt fand, als ſie ſich mit dieſem in Cam⸗ bray wieder vereinigte, und ihre Kleider auftrennte, und daraus alle Uhren, Schmuckſachen, Banknoten, Anweiſungen und ſonſtige werthvolle Gegenſtände hervornahm, die ſie in Brüſſel, vor ihrer beabſichtigten Flucht, in der Wat⸗ tirung verborgen hatte! Tufto war ganz bezaubert, und Rawdon war ſo ent⸗ zückt, daß er vor Freude nicht mehr lachte, ſondern brüllte und ſchwor, „ſie ſei beſſer, als jedes Luſtſpiel, das er je geſehen, beim Zeus!“ Die Art, wie ſie Jos gegenüber die Roßtäuſcherin geſpielt hatte — eine Scene, die ſie in ungemein drolliger Weiſe beſchrieb — ſteigerte ſein Entzücken bis zu einem wahrhaft wahnſinnigen Enthuſtasmus. Er glaubte an ſein Weibchen eben ſo feſt, wie die franzöſiſchen Soldaten an ihren Napoleon. Sie machte in Paris raſendes Glück. Alle fran⸗ zöſiſchen Damen fanden ſie charmant. Sie ſprach das Frarzöſiſche ganz vortrefflich; und nahm in einem Nu die Grazie, und Lebhaftigkeit, und Manieren der ſchönen Pariſerinnen an. Ihr Mann war zwar ein Dummkopf — alle Engländer ſind Dummlöpfe — aber in Paris 68 iſt ein einfältiger Ehemann ſtets ein Punkt zu Gunſten einer Dame. Er war der Erbe der reichen und geiſt⸗ reichen Miß Crawley, deren Haus, während der Emigra⸗ tion, für ſo viele Angehörige der franzoͤſiſchen Nobleſſe offen geweſen war. Sie empfingen die Oberſtin in ihren Hotels. — „Warum,“ ſchrieb eine große Dame an Miß Crawley, die der Herzogin ihre Spitzen und Schmuckſachen zu dem von ihr ſelbſt beſtimmten Preiſe abgekauft, und dieſelbe während der Zeit der Noth nach der Revolution gar oft zum Eſſen eingeladen hatte — „Warum kommt nicht unſere theure Miß zu ihrem Neffen und ihrer Nichte, und ihren von Liebe erfüllten Freunden nach Paris? Jeder⸗ mann iſt ganz vernarrt in die bezaubernde Miſtreß, und deren beauté espiègle. Ja, wir erblicken in ihr die Grazie, den Zauber, den Witz unſerer lieben Freundin Miß Crawley! Der König nahm geſtern in den Tuile⸗ rien Notiz von ihr, und wir find Alle ungemein eiferſüch⸗ tig auf die Aufmerkſamkeit, womit Monſieur ſie beehrt. Hätten Sie nur auch den Aerger einer gewiſſen albernen Milady Bareacres (deren Habichtsnaſe, und Toque, und Federn die Köpfe aller Aſſembléen überragen) ſehen kön⸗ nen, als Madame, die Herzogin von Angvuléme, die er⸗ habene Tochter und Genoſſin von Königen, Mrs. Craw⸗ ley, als Ihrer lieben Tochter und Protégée, ausdrücklich vorgeſtellt zu werden wünſchte, und derſelben, im Namen Frankreichs, für alle Wohlthaten dankte, die Sie unſern Unglücklichen, während ihres Exils, erwieſen haben! Sie iſt bei allen Geſellſchaften, bei allen Bällen — bei den Bällen — ja — bei den Tänzen, nein; und doch, wie intereſſant und hübſch ſieht dieſe holde Creatur aus, wenn die Männer ihr ihre Huldigungen darbringen, — ihr, die ſo bald Mutter werden wird! Sie von Ihnen, ihrer Be⸗ ſchützerin und Mutter, ſprechen zu hören, könnte Wehr⸗ wölfen Thränen entlocken. Wie liebt ſie Sie! Wie ſehr 69 lieben wir Alle unſere bewundernswerthe, verehrungswür⸗ dige Miß Crawley!“ Es ſteht zu befürchten, daß dieſer Brief der großen Pariſer Dame dem Intereſſe der Mrs. Becky bei ihrer bewundernswerthen, verehrungswürdigen Verwandten kei⸗ neswegs günſtig war. Im Gegentheil, die Wuth der alten Jungfrau kannte keine Grenzen mehr, als ſie vernahm, in welchen intereſſanten Umſtänden ſich Rebekka befand, und wie froh dieſelbe ſich des Namens der Miß Craw⸗ ley bedient hatte, um in der Pariſer Geſellſchaft Zutritt zu erlangen. Zu ſehr an Körper und Geiſt geſchwächt, um einen Brief in franzöſiſcher Sprache, als Antwort auf den ihrer Correſpondentin, abzufaſſen, diktirte ſie der Briggs in ihrer Mutterſprache eine wüthende Epiſtel, worin ſie Mrs. Rawdon Crawley ganz und gar verläugnete, und das Pu⸗ blikum vor ihr, als einer ungemein gefährlichen und Ränke ſchmiedenden Perſon, zu warnen. Da aber die Frau Her⸗ zogin von F. nicht länger, als zwanzig Jahre in England geweſen war, ſo verſtand ſie auch nicht ein Wort von der Sprache, und begnügte ſich damit, bei ihrer nächſten Zuſammenkunft mit Wrs. Rawdon Crawley, Letztere zu benachrichtigen, daß ſie von der chère Mees einen char⸗ manten Brief erhalten, und daß derſelbe Nichts, als Lie⸗ bes und Gutes über Mrs. Crawley enthalte, — die nun ernſtlich zu hoffen anfing, daß die alte Jungfrau endlich ſich erweichen laſſen würde. Mittlerweile war ſie die luſtigſte und am Meiſten bewunderte von allen Engländerinnen, und hatte an den Abenden, wo ſie empfing, immer einen kleinen europäiſchen Congreß bei ſich — Preußen und Koſaken, Spanier und Engländer — Alles war während dieſes berühmten Win⸗ ters zu Paris — und es würde der Anblick der Sterne und Ordensbänder, die in Rebekka's beſcheidenem Salon zu ſehen waren, die ganze Baker Street mit Neid erfüllt haben. Berühmte Krieger ritten im Bois neben ihrem 70 Wagen einher, oder drängten ſich um ſie in ihrer beſchei⸗ denen kleinen Loge in der Oper. Rawdon war in der fröhlichſten Stimmung von der Welt. Bis jetzt wurde er in Paris noch nicht von unge⸗ ſtümen Gläubigern bombardirt: jeden Tag ſpeiste man in Geſellſchaft bei Véry oder Beauvilliers; ſpielen konnte er nach Herzensluſt, und er hatte dabei auch viel Glück. Tufto war vielleicht minder gut aufgelegt. Es war nämlich Mrs. Tufto, auf ihre eigene Einladung hin, nach Paris gekommen, und außer dieſem contre-temps, dräng⸗ ten ſich nun jetzt einige Dutzend Generale um Becky's Stuhl, und ſo oft Letztere in das Theater ging, konnte ſie immer unter zwölf Bouquets wählen. Lady Barea⸗ cres, ſowie die Häupter der engliſchen Geſellſchaft, ein⸗ fältige und untadelige Frauenzimmer, ärgerte und peinigte das Glück der kleinen Emporköͤmmlingin, unſerer Freun⸗ din Becky, deren giftgeſchwängerte Scherze in ihre keuſchen Buſen ſich einwühlten, und dieſelben erbeben machten, der⸗ geſtalt, daß ſie ſich vor Schmerz ordentlich krümmten. Sie hatte aber alle Männer auf ihrer Seite. Sie be⸗ kämpfte die Frauenzimmer mit unerſchütterlichem Muthe, und Letztere hatten den Nachtheil, daß ſie nur in ihrer ei⸗ genen Mutterſprache ihrer Skandalſucht den Lauf laſſen konnten. So verging in Feſten, Vergnügungen und Glück Mrs. Rawdon Crawley der Winter von 1815— 16. Es iſt hiebei zu bemerken, daß unſere Freundin ſich in das vornehme Leben ſo ſehr zu ſchicken wußte, daß man hätte glauben können, ihre Vorfahren ſeien Jahrhunderte hin⸗ durch Leute von Faſhion geweſen, und es iſt nicht mehr als billig, wenn wir hinzuſetzen, daß ſie, vermöge ihres Witzes, ihres Talents, und ihrer Energie, wirklich einen Ehrenplatz auf dem Jahrmarkte des Lebens verdiente. Zu Anfang des Frühlings von 1816 ſtand in einem intereſſanten Theile von Galligniani's Zeitung folgende Anzeige: — 7¹ „Am 26. März — die Gemahlin des Oberſtliente⸗ nants Crawley, vom grünen Leibgarderegiment — von einem Sohn und Erben entbunden.“ Dieſe Anzeige ging in die Londoner Zeitungen über, aus denen Miß Briggs der Miß Crawleh, beim Früh⸗ ſtücke, zu Brighton das Ereigniß vorlas. So ſehr man ſich auch ſchon längſt auf ein ſolches Ereigniß gefaßt machen konnte, ſo verurſachte doch die Nachricht davon eine Kriſe in den Angelegenheiten der Crawley'ſchen Familie. Die Wuth der alten Jungfrau erreichte ihren Höhepunkt, und alsbald ſchickte ſie nach Pitt, ihrem Neffen, und nach Lady Southdown in Bruns⸗ wick Square, um auf den alsbaldigen Abſchluß der Ehe, die von Seiten der beiden Familien ſchon ſeit langer Zeit beabſichtigt war, zu dringen. Miß Crawley kündigte zugleich ihre Abſicht an, noch zu ihren Lebzeiten dem jungen Ehepaare eine jährliche Rente von tauſend Pfund auszuſetzen, nach ihrem Tode aber ſollte die Hauptmaſſe ihres Vermögens ihrem Nef⸗ ſ und ihrer theuren Nichte, Lady Jane Crawley, zu⸗ allen. Wary kam von London, um die Dokumente auszu⸗ fertigen — Lord Southdown machte bei der Trauung ſeiner Schweſter den Brautvater — und Letztere ward von einem Biſchofe, und nicht von dem Ehrwürdigen Bartholemew Irons — zum Aerger des irregulären Prä⸗ laten — vollzogen. Nach der Trauung würde Pitt, wie es ſich ſür Leute ihres Standes ziemte, mit ſeiner Frau gerne eine Hoch⸗ zeitreiſe gemacht haben. Allein die Liebe der alten Dame zu Lady Jane war ſo groß geworden, daß ſie ganz ehr⸗ lich eingeſtand, ſie könne ſich von ihrem Liehlinge nicht trennen. Pitt zog daher ſammt ſeiner Frau zu Miß Crawley: und Lady Southdown beherrſchte (zum großen Aerger des armen Pitt, der ſich als einen überaus unglücklichen 72 Menſchen anſah, indem er den Launen ſeiner Tante auf der einen, und denen ſeiner Schwiegermutter auf der an⸗ dern Seite ausgeſetzt wäre) von ihrem in der Nähe lie⸗ genden Hauſe aus die ganze Famille — Pitt, Lady Jane, Miß Crawley, die Briggs, Bowls, die Firkin, mit einem Worte, Jedermann. Sie verfolgte ſie Alle unbarmherzig mit ihren Tractätchen und ihren Arzeneien, entließ Crea⸗ mer, inſtallirte Rodger, und entzog Miß Crawley bald auch jeden Schein von Autorität. Die arme Seele wurde ſo furchtſam, daß ſie wirklich die Briggs nicht länger tyrannifirte, und von Tag zu Tag liebevoller und erſchro⸗ ckener ſich an ihre Nichte anklammerte. Friede ſei mit Dir, gute, ſelbſtſüchtige, eitle, groß⸗ müthige alte Heidin! — Wir werden Bich nicht mehr ſehen. Wir wollen hoffen, daß Lady Jane ſie freundlſch unterſtützt, und ſie mit ſanfter Hand aus dem Gewühle des Jahrmarkts des Lebens hinweggeführt. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Wittwe und Mutter. Die Nachricht von der Schlacht von Quatre Bras und der von Waterloo kam zu derſelben Zeit nach Eng⸗ land. Die Gazette veröffentlichte zuerſt das Reſultat der beiden Schlachten, welche glorioſe Nachricht ganz Eng⸗ land vor Triumph und Furcht erbeben machte. Dann folgten die Einzelheiten, und nachdem die Siege gemel⸗ det waren, kam die Liſte der Verwundeten und Ge⸗ fallenen. 73 Wer vermag die Bangigkeit auszuſprechen, womit dieſer Katalog geoffnet und geleſen wurde! Man ſtelle ſich einmal vor, welcher Art faſt in jedem Dorfe und je⸗ dem Hauſe in den vereinigten Königreichen, hei der An⸗ kunft der inhaltsſchweren Botſchaft von den Schlachten in Flandern, die Gefühle der Freude, und der Dankbar⸗ keit, und der Trauer, und des Schreckens in dem Augen⸗ blicke waren, wo die Liſten der Verluſte der verſchiede⸗ denen Regimenter durchgegangen wurden, und es ſich her⸗ ausſtellte, ob der theure Freund und Verwandte mit dem Leben davongekommen, oder gefallen war. Jeder, der ſich die Mühe geben mag, einen Stoß Zeitungen aus jener Zeit durchzublättern, muß ſogar jetzt noch dieſe athemloſe Pauſe der Erwartung nachempfinden. Dieſes Verzeichniß der Verwundeten und Getödteten iſt von Tag zu Tag fortgeführt: man hält mitten in dem⸗ ſelben inne, wie bei einer Erzählung, die in einer näch⸗ ſten Nummer fortgeſetzt werden ſoll. Man denke ſich einmal, welcher Art die Gefühle geweſen ſein müſſen, als dieſe Zeitungen friſch aufeinander folgten, wie ſie aus der Preſſe kamen; und wenn man in unſerem Vaterlande ſo lebhaften Antheil and einer Schlacht nahm, wo nur zwanzig tauſend unſerer Leute im Feuer ſtanden, ſo denke man ſich den Zuſtand von Europa in den zwanzig vorangegangenen Jahren, wo nicht Tauſende, ſondern Millionen einander gegenüber ſtanden, und wo ein Jeder, der einen Feind zu Boden ſtreckte, irgend ein unſchuldiges Herz in weiter Ferne ſchmerzlich verwundete. Die Nachricht, welche die berühmte Gazette den Heborneſchen brachte, war ein furchtbarer Schlag für die Familie und deren Haupt. Die Mädchen überließen ſich ohne Rückhalt ihrem Kummer. Der trübſinnige alte Vater wurde durch ſein Schickſal und ſeinen Kummer noch mehr darniederge⸗ beugt. Er ſuchte ſich an den Gedanken zu gewohnen, daß dieſes Strafgericht über George wegen ſeines Unge⸗ 74 horſams ergangen. Er wagte es nicht, ſich ſelbſt zu ge⸗ ſtehen, daß die Strenge des Gerichtes ihn erſchrecke, und daß daſſelbe allzu bald auf ſeinen Fluch gefolgt ſei. Bisweilen überfiel ihn ein Schauder des Entſetzens, als ſei er Schuld an dem Gerichte, das er auf ſeinen Sohn herabgerufen. Vor dieſem Getichte war doch wenigſtens noch nicht jene Möglichkeit einer Ausſöhnung abgeſchnitten geweſen. Es konnte die Frau ſeines Sohnes ſterben, oder aber konnte Letzterer zurückkommen, und ſagen: „Vater, ich habe geſündigt!“ Aber jetzt war keine Hoffnung mehr vorhanden. Er ſtand auf der andern Seite des unüber⸗ ſchreitbaren Abgrundes, und erſchien ſeinem Vater mit trauererfüllten Augen. Der Alte erinnerte ſich, dieſelben ſchon früher ein⸗ mal ſo geſehen zu haben, als der Junge an einem Fie⸗ ber darniederlag, und Jedermann ſchon glaubte, er ſei am Sterben, und George ſprachlos und mit ſtieren, von furcht⸗ barer Düſterheit erfüllten Augen auf ſeinem Bette ruhte. Guter Gott! Wie klammerte ſich da der Vater an den Doktor an: und mit welch' krankhafter Bangigkeit folgte er da allen Bewegungen des Letzteren; von welch' ſchwe⸗ rem Kummer fühlte er ſich befreit, als der Jüngling nach überſtandener Kriſis wieder genas, und ſeinen Vater wieder mit Augen anſah, welche ihn erkannten! Aber jetzt war keine Hülfe, keine Heilung mehr moͤg⸗ lich; jetzt war jede Möglichkeit einer Ausſöhnung ver⸗ ſchwunden: vor Allem gab es keine demüthigen Worte, um die gekränkte und wüthende Eitelkeit zu beſänftigen, und dem vergifteten, zornerfüllten Blute wieder ſeinen gewohn⸗ ten Lauf anzuweiſen. Und es iſt ſchwer zu ſagen, welche Qual das Herz des ſtolzen Vaters am Heftigſten zerriß, — ob es der Umſtand war, daß ſein Sohn ſich außerhalb des Be⸗ —reiches ſeiner Verzeihung geſtellt, oder der andere, daß die Entſchuldigung, die ſein Stolz erwartete, ihm ent⸗ gangen. — — 75 Welcher Art aber auch bie Gefühle des alten, ſtren⸗ gen Mannes ſein mochten, ſoviel iſt gewiß, daß er ſie in keines Vertrauten Herz ausſchüttete. Nie erwähnte er den Namen ſeines Sohnes bei ſeinen Töchtern; er gab nur der älteren den Befehl, die ganze weibliche Diener⸗ ſchaft ſchwarz zu fleiden, und hieß die männlichen Dienſt⸗ boten ebenfalls Trauer anlegen. Natürlich mußten nun' auch alle Geſellſchaften, und alle großen Diners unter⸗ bleiben. Eine Mittheilung an ſeinen künftigen Schwie⸗ gerſohn, deſſen Hochzeitstag bereits beſtimmt war, fand nicht Statt: allein es lag genug in Herr Osborne's Ge⸗ ſicht, um Herrn Bullock von Fragen, oder einer Beſchleu⸗ nigung der Feierlichkeit abzuhalten. Bisweilen flüſterte er ganz leiſe im Salon mit den Damen darüber — im Salon, wohin der Vater nie kam. Letzterer blieb be⸗ ſtändig in ſeinem Studirzimmer, und der ganze Vorder⸗ theil des Hauſes blieb geſchloſſen, bis die Zeit der erſten Trauer vprüber war. Etwa drei Wochen nach dem 18. Juni ſprach Herr Osborne's Bekannter, Sir William Dobbin, in Herr Ooborne's Hauſe in Ruſſell Square vor. Sir William hatte ein ſehr blaſſes und verſtörtes Geſicht, und wollte ſchlechterdings mit dem Herrn vom Hauſe ſprechen. In das Zimmer des Letzteren eingeführt, zog Erſterer, nach⸗ vem einige Worte gewechſelt waren, die weder der Spre⸗ cher noch der Hörer verſtand, aus einem Couvert einen Brief hervor, woran ein großes rothes Siegel zu be⸗ merken war. „Mein Sohn, Major Dobbin,“ ſagte der Alderman etwas unſchlüſſig, „hat mir durch einen Ofſizier bes — ſten Regiments, ver heute in der Stadt angekommen iſt, einen Brief überſchickt. Dem Briefe meines Sohnes war ein anderer, an Sie gerichteter beigeſchloſſen, Sir.“ Der Alderman legte den Brief auf den Tiſch, und Hoborne ſtarrte ihn einige Augenblicke, ohne ein Wort zu ſagen, an. Seine Blicke erſchreckten den Geſandten, der, nachdem er einige Minuten den gramerfüllten Mann ſchuldbewußt angeblickt hatte, davon eilte, ohne ein ande⸗ res Wort zu ſagen. Der Brief war von George geſchrieben; es war deſſen wohlbekannte kühne Handſchrift. Es war der Brief, den er am 16. Juni, vor Tagesanbruch, und ganz kurz vor ſeinem Abſchiede von Amalien, geſchrieben hatte. Auf dem großen rothen Siegel war das von Osborne aus dem Adelsbuche entlehnte Wappen; als Motto wa⸗ ren darauf die Worte zu leſen: „Pax in bello,“ und es war daſſelbe das Motto des herzoglichen Hauſes, mit dem der alte eitle Mann gerne verwandt gewe⸗ ſen wäre; er ſuchte es ſich wenigſtens einzubilden. Die Hand, die dieſen Brief unterſchrieben hatte, konnte nun keine Feder und keinen Degen mehr führen. Selbſt das Petſchaft, womit er geſiegelt worden, hatte ein Räuber ſich auf dem Schlachtfelde zugeeignet, während George's Leich⸗ nam dort lag. Der Vater wußte hievon Nichts, indeſſen ſah er den Brief mit ſchreckenerfüllter Gedankenleere an. Er fiel faſt zu Boden, als er ſich erhob, um ihn zu öffnen. Haſt Du je, verehrter Leſer, einen Streit mit einem lieben Freunde gehabt? Wie peinigen Dich nicht da, und welche Vorwürfe enthalten da nicht für Dich ſeine Briefe, die zur Zeit der Liebe und des Zutrauens geſchrieben waren! Welch' trübſelige Trauer iſt es, bei ſolchen feurigen Betheurungen einer Liebe, die nun erſtorben iſt, zu verweilen! Welch' lügenhafte Grabſchrift bilden ſie über dem Leichnam der Liebe! Welch' düſtere, grauſame Commentare über das Leben und die Eitelkeit deſſelben! Wohl die Meiſten von uns haben ganze Schubladen voll ſolcher Briefe empfangen, oder geſchrieben. Es ſind Ge⸗ rippe, die wir in unſerm geheimſten Gemache aufbewah⸗ ren und meiden. Osborne zitterte lange vor dem Briefe ſeines todten Sohnes. — Der Brief des armen Jungen war kurz gefaßt. Er 77 war zu ſtolz geweſen, die Zärtlichkeit an den Tag zu le⸗ gen, von der er innerlich durchdrungen war. Er ſagte bloß, daß er am Vorabend einer großen Schlacht das Bedürfniß fühle, ſeinem Vater Lebewohl zu ſagen, und deſſen Beiſtand für die Frau — vielleicht für das Kind — ſo er zurücklaſſe, in Anſpruch zu nehmen. Er gab zerknirſcht zu, daß er durch ſein unregelmäßiges und ausſchweifendes Leben bereits einen großen Theil ſeines kleinen mütterlichen Vermögens vergeudet. Er dankte ſeinem Vater für die Großmuth, die er in früheren Zei⸗ ten gegen ihn bewieſen, und gelobte ihm, daß er in jedem Falle, ob er nun auf dem Schlachtfelde bliebe, oder mit dem Leben davon käme, ſich des Namens George Osborne würdig zeigen würde. Sein engliſches Weſen, ſein Stolz, vielleicht ſeine Ungeſchicklichkeit hatte ihn nicht weiter ſagen laſſen. Sein Vater konnte den Kuß nicht ſehen, den George auf die Adreſſe ſeines Briefes gedrückt hatte. Herr Osborne ließ das Schreihen mit der bitterſten, tödtlichſten Qual getäuſchter Liebe und Rache ſeiner Hand entfinken. Er liebte immer noch ſeinen Sohn, und immer noch hatte er ihm nicht verziehen. Als indeſſen, etwa zwei Monate darauf, die jungen Damen der Familie mit ihrem Vater in die Kirche gin⸗ gen, bemerkten ſie, wie Letzterer nicht ſeinen gewoͤhnlichen Sitz einnahm, und wie er von ſeinem, ihnen gegenüber befindlichen Polſter aus nach der Wand aufblickte, die ſt gerade über ihren Köpfen befand. Hiedurch ſahen die jungen Frauenzimmer ſich veranlaßt, gleichfalls nach dem Orte hinzuſehen, worauf die düſteren Augen des Vaters geheftet waren: und da erblickten ſie ein feingearbeitetes Monument, worauf die Britania dargeſtellt war, wie ſie über einer Urne weinte. Ein zerbrochenes Schwert und ein liegender Löwe zeigten an, daß dieſe Bildhauerarbeit zu Ehren eines gefallenen Kriegers aufgeſtellt worden. Die Bildhauer hatten in jenen Tagen Vorräthe von ſol⸗ 78 chen Trauer⸗Emblemen, wie man noch heutiges Tages an den Wänden der Sanct Paulskirche ſehen kann, die mit hunderten ſolcher großprahleriſchen heidniſchen Alle⸗ gorien überdeckt ſind. Es fand während der erſten fünf⸗ zehn Jahre des gegenwärtigen Jahrhunderts eine beſtän⸗ dige Nachfrage nach dergleichen Monumenten Statt. Unter dem fraglichen Kunſtwerke war das wohlbe⸗ kannte und pompöſe Osborne'ſche Wappen angebracht, und die Inſchrift beſagte, das Monument ſei „Geweiht dem Andenken von George Osborne, Junior, Eſquire, weiland Capitän im — ſten Infanterie⸗Regimente Seiner Majeſtät, und gefallen am 18. Juni 1815, im Alter von achtundzwanzig Jahren, während er bei dem glorio⸗ ſen Siege von Waterlov für König und Vaterland ſtritt. Pulce et decorum est, pro patria mori.“ Der Anblick dieſes Steins erſchütterte die Nerben der Schweſtern dergeſtalt, daß Miß Maria ſich genothigt ſah, die Kirche zu verlaſſen. Die Anweſenden machten dieſen in tiefe Trauer gekleideten und ſchluchzenden Mäd⸗ chen ehrerbietig Platz, und bemitleiveten den ſtrengen alten Vater, der dem Denkmale des gefallenen Kriegers gegen⸗ über ſaß. „Wird er Mrs. George verzeihen?“ ſagten die Mäd⸗ chen unter einander, ſobald ſie ſich von ihrem Kummer wieder etwas erholt hatten. Es wurde auch unter den Bekannten der Osborne'ſchen Familie, die von dem zwi⸗ ſchen dem Sohne und Vater durch die Heirath des Er⸗ ſteren herbeigeführten Bruche wußten, Viel darüber ge⸗ ſprochen, ob eine Ausſöhnung mit der jungen Wittwe in das Gebiet der Möglichkeiten gehöre. Es fanden unter den Herren in Ruſſell Square und in der City ſogar Wetten Statt. Wenn die Schweſtern in Betreff der möglichen An⸗ erkennung Amaliens als einer Tochter der Familie in einiger Angſt ſchwebten, ſo wurde dieſelbe bald, gegen Ende des Herbſtes, noch dadurch vermehrt, daß ihr Va⸗ 79 ter ihnen ſeinen Entſchluß, eine Reiſe nach dem Feſtlande zu unternehmen, kund gab. Er ſagte nicht, wohin er zu gehen gedachte, allein ſie erriethen ohne Schwierigkeit, daß er ſeine Schritte nach Belgien hinlenken würde, und es war ihnen nicht verborgen, daß George's Wittwe ſich noch in Brüſſel aufhielt. Durch Lady Dobbin und deren Töchter hatten ſie in der That immer ziemlich genaue Nachrichten über die arme Amalie. Unſer ehrlicher Ca⸗ pitän war in Folge des Todes des zweiten Majors des Regiments, der auf dem Felde der Ehre gefallen war, befördert worden; und der tapfere O'Dowd, der ſich hier, wie bei allen Gelegenheiten, wo er ſeine Kaltblütigkeit und Tapferkeit einigermaßen zeigen konnte, ſehr ausge⸗ zeichnet hatte, war Oberſt und Offizier des Bath⸗Ordens geworden. Sehr viele Mitglieder des tapfern — ſten Regiments, das an beiden Schlachttagen ſtarke Verluſte erlitten hatte, lagen noch im Herbſte zu Brüſſel, wo ſie wegen ihrer Wunden in ärztlicher Behandlung waren. Die Stadt war nach den großen Schlachten, ein unermeßliches Mili⸗ tär⸗Hoſpital während mehrerer Monatez und da Soldaten und Offiziere allmählig wieder curirt wurden, ſo waren die Gärten, die öffentlichen Plätze und Vergnügungsorte voll verſtümmelter alter und junger Rrieger, die, eben erſt dem Tode entronnen, ſich leidenſchaftlich dem Spiele ergaben, und der Froͤhlichkeit und Liebe huldigten, wie Leute auf dem Jahrmarkte des Lebens zu thun pflegen. Herr Osborne fand leicht einige Leute vom — ſten Regimente. Er kannte ihre Uniform gar gut, und war allen Beförderungen und jedem Stellentauſche, ſo im Re⸗ gimente Statt fanden, gefolgt, und ſprach von dem Re⸗ gimente und deſſen Offizieren ſo gern, als oh er dazu gehört hätte. Am Tage nach ſeiner Ankunft in Brüßſel ſah er in dem Augenblicke, wo er aus ſeinem dem Parke 80 gegenüberliegenden Hotel trat, einen Soldaten mit den wohlbekannten Aufſchlägen. Der Soldat ruhte auf einer ſteinernen Bank im Gar⸗ ten aus, und Osborne ging auf ihn zu, und ſetzte ſich zitternd neben den Reconvalescenten. „Sind Sie bei Capitän Osborne's Compagnie ge⸗ ſtanden?“ ſagte er, und ſetzte nach einer Pauſe hinzu; „Er war mein Sohn, Sir.“ Der Soldat war nicht bei der Compagnie geſtanden, allein er hob ſeinen unverwundeten Arm in die Höhe, und ſalutirte den graß ausſehenden, tief gebeugten Herrn, der ihn fragte, dadurch, daß er ſeine Mütze traurig und ehrerbietig berührte. „In der ganzen Armee war kein ſchönerer oder beſ⸗ ſerer Offizier,“ ſagte der Soldat. „Der Sergeant von der Compagnie des Capitäns (der jetzige Commandant ſei Capitän Raymond) ſei indeſſen in der Stadt,“ fuhr der Soldat fort, „und ſei eben erſt von einem Schuſſe in die Schulter geheilt worden. Wenn der Herr wolle, ſo könne er denſelben ſprechen, der ihm Alles ſagen könne, was er von — von den Thaten des —3 wiſſen wolle. Aber ohne Zweifel habe der Herr ſchon Major Dobbin, den treuen Freund des tapfern Capitäns, geſehen, ſowie auch Mrs. Osborne, die ſich ebenfalls in der Stadt be⸗ finde, und, wie er von Jedermann gehört habe, ſehr krank geweſen ſei.“ „Man ſagt,“ ſo endigte der Soldat, „ſie ſei ſechs Wochen, oder noch länger, im Kopfe irre geweſen. Allein Ew. Wohlgeboren find wohl von all' Dieſem unter⸗ richtet — und ich muß Sie deßhalb um Verzeihung bitten.“ Hoborne drückte dem Soldaten eine Guinee in die Hand, und ſagte ihm, daß er ihm eine zweite geben würde, wenn er den Sergeanten in das Hotel dü Park mitbrächte: — ein Verſprechen, das den Unteroffizier, den Herrn Osborne zu ſprechen wünſchte, gar bald vor 8¹ Letzteren führte. Der erſte Soldat entfernte ſich darauf; und nachdem derſelbe einigen Kameraden⸗ erzählt hatte, wie Capitän Osborne's Vater gekommen, und welch' ein freigebiger großmüthiger Herr er wäre, wurden die Gui⸗ neen, die aus der ſtolzen Börſe des trauernden alten Va⸗ ters gekommen waren, gemeinſchaftlich verjubelt. In der Geſellſchaft des Sergeanten, der ebenfalls ein Reconvalescent war, beſuchte Osborne die Schlachtfelder von Waterlov und Quatre Bras, wie damals noch viele Tauſende ſeiner Landsleute. Er nahm den Sergeanten in ſeinem Wagen mit, und ließ ſich von ihm Alles er⸗ klären. Er ſah auf dem Wege den Punkt, wo das Re⸗ giment am 16. in's Feuer ging, ſowie den Abhang, den es die franzöſiſche Cavallerie hinabtrieb, welche den Bel⸗ giern auf dem Rückzuge hart zuſetzte. Dort war der Punkt, wo der tapfere Capitän den franzöſiſchen Offizier niedergehauen hatte, der, nachdem die Fahnenbedeckung zu Boden geſtreckt war, dem jungen Fähndriche die Re⸗ gimentsfahne entreißen wollte. Auf dieſem Wege reti⸗ rirten ſie am darauffolgenden Tage, und hier war die Erderhöhung, an der das Regiment unter dem Regen der Nacht vom 17. bivuakirte. Etwas weiter entfernt war die Stellung, die das Regiment den Tag über einnahm und behauptete, indem es von Zeit zu Zeit Carrés bil⸗ dete, um die Angriffe der feindlichen Cavallerie abzu⸗ ſchlagen, und ſich niederlegte, um ſich hinter der Erder⸗ höhung vor dem wüthenden franzöſiſchen Geſchützfeuer zu ſchützen. Und an dieſem Abhange erhielt der Capitän, als am Abende die ganze engliſche Linie den Befehl zum Vorrücken bekam, und der Feind nach ſeinem letzten An⸗ erirwich einen Schuß, und hier fiel er todt nie⸗ der, im Augenblicke, wo er, Hurrah rufend und den De⸗ gen ſchwenkend, den Hügel hinab ſtürzte. „Es war Major Dobbin, der den Leichnam des Ca⸗ pitäns nach Brüſſel zurückbrachte, und ihn begraben ließ, Der Jahrmarkt des Lebens. MI. 6 8² wie Ew. Ehren wiſſen,“ ſagte der Sergeant mit leiſer Stimme. Die Bauern und Reliquienjäger drängten ſich krei⸗ ſchend um das Paar, als der Soldat ſeine Geſchichte erzählte, und boten alle Arten von Gedenkzeichen, die ſie aufgeleſen, — Kreuze, und Epauletten, und beſchädigte Kuiraſſe, und Adler — zum Kaufe an. Osborne belohnte den Sergeanten, als er ſich, nach dem Beſuche des Schauplatzes der letzten Thaten ſeines Sohnes, von ihm trennte, fürſtlich. Die Grabſtätte George's hatte er bereits geſehen. In der That hatte er ſich unmittelbar nach der Ankunft in Brüſſel dahin fahren laſſen. George's ſterbliche Hülle lag auf dem ſchönen Gottesacker von Laeken, nahe bei der Stadt, an welchem Orte er hatte begraben ſein wollen, wie er ein⸗ mal, bei einem Beſuche deſſelben, ſich leichthin gegen die Perſonen ausgeſprochen hatte, die ihn bei der betreffenden Luſtpartie begleiteten. Und hier war der junge Offizier von ſeinem Freunde zur Erde beſtattet worden, in dem ungeweihten Winkel des Gartens, der durch eine kleine Hecke von den Tempeln, und Gebäuden, und Pflanzungen von Blumen und Sträuchern, unter denen die römiſch⸗ katholiſchen Todten ruhen, getrennt war, Es ſchien dem glten Osborne der Gedanke, daß ſein Sohn, ein engliſcher Gentleman, ein Capitän in der be⸗ rühmten britiſchen Armee, nicht würdig befunden worden, an einem Orie zu ruhen, wo bloße Ausländer begraben wurden, eine Demüthigung zu enthalten. Wer von uns vermag zu ſagen, wie viel Eitelkeit in unſerer wärmſten Nächſtenliebe liegt, und wie ſelbſtſüchtig unſere Liebe 7 Der alte Osborne erging ſich nicht in vielen Spe⸗ kulationen über die gemiſchte Natur ſeiner Gefühle, und er dachte nicht darüber nach, wie ſein Inſtinct und ſeine Selbſtfucht mit einander im Kampfe lagen. Er lebte der feſten Ueberzengung, daß Alles recht ſei, was er thue, 83 daß er bei jeder Gelegenheit thun dürfe, was er wolle — und wie der Stachel einer Weſpe oder Schlange ſchoß ſein Haß, gewaffnet und giftig, gegen Alles hervor, das wie Widerſtand ausſah. Er war auf ſeinen Haß ſtolz, wie auf alles Andere. Stets Recht zu haben, ſtets rück⸗ ſichtslos vorzudringen, und nie zu zweifeln, — ſind das nicht die großen Eigenſchaften, womit die Mittelmäßigkeit die erſte Rolle in der Welt ſpielt? Als, nach dem Ausfluge nach Waterloo, Herr Os⸗ borne's Wagen bei Sonnenuntergang an das Stadtthor herankam, traf er auf eine andere offene Barvuche, in der ein Paar Damen mit einem Herrn ſaßen, und neben welcher ein Offizier herritt. Osborne fuhr mit einem Male zurück, und der Ser⸗ geant, der neben ihm ſaß, warf einen Blick der Ueber⸗ raſchung auf ſeinen Nachbar, als er vor dem Offiziere, der mechaniſch die Ehrenbezeugung erwiederte, ſeine Mütze berührte. Es war Amalie, welcher der lahme junge Fähn⸗ drich zur Seite, und ihre treue Freundin Mrs. O'Dowd, gegenüber ſaß. Es war Amalie, aber wie ganz verſchieden war ſie von dem friſchen, holvſeligen Mädchen, das Osborne einſt gekannt hatte. Ihr Geſicht war weiß und abgemagert. Ihr hübſches braunes Haar hatte ſich unter eine Witt⸗ wenhaube verſteckt: — das arme Kind! Ihre Augen waren ſtarr und ihr Blick öde. Sie ſtierten Osborne an, als die Wagen an einander vorüber fuhren, allein ſie erkannte ihn nicht; aber auch er erkannte ſie nicht eher, als bis er aufblickte, und Dobbin neben ihr herreiten ſah. uubt wer es n r haßte ſie. Er wußte nicht, wie ſehr er ſie haßte ni ſehr e ſe heſt Als ihr Wagen vorüber war, kehrte er ſich um, und ſtarrte, mit einem Fluche und einer Herausforderung im uge, den Sergeanten an, der ſich nicht enthalten konnte, ihn anzublicken: — in dieſem ſeinem Blicke lagen die 84 Worte ausgeſprochen: „Wie wagſt Du es, mich anzu⸗ ſehen? Zum Henker mit Dir: ich haſſe ſie. Sie iſt es, die meine Hoffnungen geknickt, und all meinen Stolz 3 zum Falle gebracht hat.“ „Sagen Sie dem Halunken von einem Kutſcher, daß er ſchnell fahren ſoll,“ ſchrie Osborne mit einem Fluche dem auf dem Bocke ſitzenden Lakaien zu. Eine Minute darauf ließen ſich auf dem Fflaſter eilige Hufſchläge hören, und es kam hinter Osborne's Wagen ein Pferd herangeſprengt, worauf Dobbin ſaß. Er ritt an den Wagen heran. Die Gedanken des guten William waren anderswo geweſen, als die Wagen an einander vorüber fuhren, und erſt, als er noch einige Schritte fortgeritten war, erin⸗ nerte er ſich, daß der Mann, der ſo eben an ihm vor⸗ beigefahren, Osborne wäre. Sodann wandte er ſich um, um zu unterſuchen, ob der Anblick ihres Schwiegervaters auf Amalie irgend einen Eindruck gemacht hätte; allein die arme Frau wußte nicht, wer vorbeigekommen war. Alsdann zog William, der ſie bei ihren Spazierfahrten täglich zu begleiten pflegte, ſeine Uhr heraus, entſchuldigte ſich mit einem Geſchäfte, das er, wie ihm plötzlich ein⸗ gefallen, zu beſorgen hätte, und ritt fort. Sie bemerkte auch dieſes nicht, ſondern ſah fortwährend vor ſich hin, über die wenig intereſſante Landſchaft weg, nach den in der Ferne liegenden Wäldern, in welcher Richtung George abmarſchirt war. „Herr Osborne, Herr Osborne!“ rief Dobbin her⸗ anreitend, und ſeine Hand ausſtreckend. Osborne rührte ſich nicht, um die vargebotene Hand zu ergreifen, ſondern ſchrie noch einmal, und mit einem neuen Fluche dem Kutſcher zu, daß er ſich ſputen ſolle. Dobbin legte die Hand auf den Kutſchenſchlag. „Ich will und muß Sie ſprechen, Sir,“ ſagte er⸗ „Ich habe eine Botſchaft an Sie.“ „Von dem Weibe dort?“ ſagte Ooborne grimmig. 85⁵ „Nein,“ erwiederte der Andere, „von Ihrem Sohne;“ worauf Osborne in die Ecke ſeines Wagens zurückſank. Dobbin ließ den Wagen weiter fahren, und ritt hart hinter demſelben her; und ſo ging es auch durch die Stadt hindurch, und ohne daß ein Wort gewechſelt wurde, bis man in Herr Osborne's Hotel ankam. Dort folgte er Osborne in ſeine Wohnung hinauf. George war vft dort geweſen, da es das Logis war, welches die Craw⸗ „während ihres Aufenthaltes in Bräſſel, inne gehabt atten. . „Haben Sie etwa Befehle für mich, Capitän Dob⸗ bin, vder vielmehr, verzeihen Sie mir, Major Dobbin, da beſſere Männer, als Sie, todt ſind, und Sie in deren Schuhe treten,“ ſagte Herr Osborne in dem ſarkaſti⸗ ſchen Tone, den es ihm bisweilen gefiel, anzunehmen.“ „Beſſere Männer ſind todt,“ erwiederte Dobbin. „Ich muß mit Ihnen von Einem derſelben ſprechen.“ „Machen Sie es kurz, Sir,“ ſagte der Andere mit einem Fluche, zu dem ſich ein mürriſcher Blick auf ſei⸗ nen Beſucher geſellte. „Ich ſtehe hier als ſein intimſter Freund,“ fuhr der ajor fort, „und ich ſtehe hier als ſein Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker. Er hat ſeinen letzten Willen niedergeſchrieben, bevor wir in die Schlacht gingen. Wiſſen Sie auch, wie gering das von ihm hinterlaſſene Vermögen iſt, und Aſe S, in welch' prückenden Verhältniſſen ſeine Witt⸗ we lebt?“ „Ich kenne ſeine Wittwe nicht, Sir,“ ſagte Osborne. „Sie mag in das Haus ihres Vaters zurückgehen.“ Aber der Herr, zu dem er dieſes ſagte, war ent⸗ ſchloſſen ſich nicht in Zorn bringen zu laſſen, und fuhr, ohne auf das Geſagte zu achten, alſo fort: „Kennen Sie, Sir, Mrs. Osborne's Lage? Ihr Leben und faſt auch ihr Verſtand find durch den Schlag erſchüttert worden, der ſie getroffen hat. Es iſt noch ſehr zweifelhaft, ob ſie ſich wieder erholen wird. In⸗ 86 deſſen hat ſie noch eine Chance und darüber will ich mit Ihnen ſprechen. Sie wird bald Mutter. Wollen Sie das Unrecht des Vaters am Kinde rächen? Oder wollen Sie dem Kinde um des armen George willen vergeben?“ Osborne brach in eine Rhapſodie von Selbſtlob und Verwünſchungen aus. Durch erſteres wollte er ſich vor dem Forum ſeines eigenen Gewiſſens wegen ſeines Be⸗ nehmens entſchuldigen; letztere hatten den Zweck, den Un⸗ gehorſam George's zu übertreiben. Osborne meinte, es gebe in ganz England gewiß keinen Vater, der ſich groß⸗ müthiger gegen einen Sohn benommen, ſo ſich frech ge⸗ en ihn empört. Sein Sohn ſei ſogar geſtorben, ohne das Bekenntniß abzulegen, daß er gefehlt. Nun ſolle derſelbe auch die Folgen ſeines Ungehorſams auf ſich neh⸗ men. Was ihn, Herrn Osborne, ſeibſt betreffe, ſo ſei er ein Mann, der gern ſein Wort halte. Er habe ſich ver⸗ ſchworen, daß er nie und nimmermehr mit jenem Weibe ſprrchen⸗ oder ſie als die Frau ſeines Sohnes anerkennen wolle. „Und das können Sie ihr ſagen,“ — ſo ſchloß er mit einem Fluche; „und davon werde ich bis zum letz⸗ ten Tage meines Lebens nie abgehen.“ Von dieſer Seite alſo war Nichts mehr zu hoffen. Die Wittwe mußte von dem Wenigen leben, was ſie hatte, oder von dem, was Jos ihr geben konnte. „Sage ich ihr es auch, ſo wird ſie es doch nicht be⸗ achten,“ dachte Dobbin traurig: denn ſeit der Kataſtrophe waren die Gedanken der armen Frau an einem andern Orte; ſie war unter dem Drucke ihres Kummers ganz hetäubt, und Gutes und Böſes war ihr vollig gleichgültig. Ebenſo auch Freundſchaft und Liebe. Sie empſing beide, ohne ſich zu beklagen, und verfiel dann wieder in ihren Kummer. 3 87 Nehmen wir an, es ſeien zwoͤlf Monde nach dem oben berichteten Geſpräche in dem Leben unſerer armen Amalie verſtrichen. Sie hat den erſten Theil dieſer Zeit in ſo tiefem und bemitleidenswerthem Kummer zugebracht, daß wir, die wir einige Regungen dieſes ſchwachen und zarten Herzens bewacht und beſchrieben haben, uns vor dem entſetzlichen Schmerze zurückziehen müſſen, unter dem es blutet. Wir wollen ſtill an das Schmerzenslager der armen, ganz darnieder gebeugten Seele treten. Wir wol⸗ len die Thüre des dunkeln Zimmers, worin ſie leidet, ſanft zumachen, wie die freundlichen Leute, die ſie während der erſten Monate ihres Schmerzes pflegten, und ſie nicht verließen, bis der Himmel ihr Troſt geſandt hatte. Es kam ein Tag — ein Tag der Wonne und Ver⸗ wunderung, einer Wonne, die faſt eine ſchreckenerfüllte zu nennen war — wo die arme Wittwe ein Kind an ihre Bruſt drückte, — ein Kind, das die Augen ihres gefal⸗ lenen George hatte, ein Knabe, ſo ſchoͤn, wie ein Engel. Wie wunderſam war ſein erſter Schrei! Wie lachte und wie weinte ſie darüber — wie erwachten wieder die Liebe, und die Hoffnung, und das Gebet in ihrem Buſen, als das Kindlein ſich dort anniſtelte. Sie war gerettet. Die Aerzte, die ſie behandelten, und für ihr Leben oder ihren Verſtand gefürchtet, hatten dieſe Kriſis ängſtlich abgewartet, ehe ſie ſich darüber aus⸗ ſprechen konnten, ob das erſtere oder das letztere, oder aber ob beide geſichert wären. Die Perſonen, die beſtän⸗ dig um ſie geweſen waren, fanden ſich für die langen Monde des Zweifels und der Furcht angenehm belohnt, . ſie die Augen Amaliens wieder zärtlich ſtrahlen ſahen. Unſer Freund Dobbin war eine dieſer Perſonen. Er war es, der ſie nach England und in das Haus ihrer Mutter zurückgebracht hatte, als Mrs. O'Dowd, auf den peremtoriſchen Befehl ihres Oberſten, ſich wieder mit ihm zu vereinigen, ihre Patientin hatte verlaſſen müſſen. Es 88 würde Jedem, der einigen Humor beſitzt, unendlich viel Spaß gemacht haben, wenn er hätte ſehen können, wie Dobbin das Kind in den Armen hielt, und wenn er das triumphirende Lachen Amaliens gehoͤrt hätte, wie ſie ihm zuſah. William war der Pathe des Kindes, und bot allen ſeinen Scharfſinn im Einkaufen von Bechern, Loͤf⸗ feln, Booten aus Pappendeckel, und Korallen für dieſen kleinen Chriſten auf. Wie ſeine Mutter ihn ſäugte, pflegte, kleidete, und ſich an ſeinem Anblicke labte; wie ſie alle Wärterinnen davon jagte, und das Kind kaum von einer andern Hand berühren laſſen wollte, als der ihrigen; wie ſie der An⸗ ſicht war, daß die größte Gunſt, die ſie ſeinem Tauf⸗ pathen, dem Maior Dobbin, erweiſen könne, darin beſtehe, daß ſie dem Major gelegentlich erlaube, ihn in ſeinen Armen und auf den Knien zu wiegen, — braucht hier nicht erzählt zu werden. Das Kind war ihr Leben. Ihre Exiſtenz war eine mütterliche Liebkoſung. Sie umgab das ſchwache und bewußtloſe Geſchöpf mit Liebe und Verehrung. Es war ihr Leben, das das Kind aus ihrer Bruſt ſog. Während der Nacht, und wenn ſie allein war, hatte ſie geheime und intenſive Exſtaſen mütterlicher Liebe, wie Gottes wunderbare Vorſicht ſie dem weiblichen Inſtinkte gewährt hat — Freuden, die weit über und unter der Vernunft ſtehen — blinde, herrliche Gebete, eine blinde, herrliche Andacht, wie ſie nur Frauenherzen kennen. Es war William Dobbin's Aufgabe, über dieſe Be⸗ wegungen Amaliens nachzugrübeln, und ihr Herz zu be⸗ wachen; und wenn ſeine Liebe ihn faſt alle Gefühle er⸗ rathen ließ, die daſſelbe bewegten, ſo konnte und mußte er leider auch wahrnehmen, daß dort kein Plätzchen für ihn war. Und ſo ertrug er mit Sanftmuth ſein Schick⸗ ſal, ohne zu murren, und ohne in einer Selbſttäuſchung befangen zu ſein. Ich nehme an, daß Amaliens Vater und Mutter 89 die Abſichten des Majors durchſchauten, und denſelben durch ihr Betragen einigermaßen ermuthigten; denn Dob⸗ bin kam täglich in ihr Haus, und blieb ſtundenlang bei ihnen, oder bei Amalien, oder bei dem ehrſamen Hausbe⸗ ſitzer, Herrn Clapp, und deſſen Familie. Unter dieſem und jenem Vorwande brachte er für Jedermann, und faſt jeden Tag Geſchenke, und hieß bei deni kleinen Mädchen des Hauswirths, das bei Amalien nicht wenig in Gunſt ſtand, nur Major Sugarplums. *) Dieſes kleine Mädchen war es, das gewöhnlich die Rolle der Ceremonienmeiſterin ſpielte, und ihn bei Mrs. Osborne einführte. Sie lachte eines Tags, als Major Sugarplums' Cabriolet Fulham Street hinauf fuhr, und derſelbe abſtieg, wobei er ein hölzernes Pferd, eine Trom⸗ mel, eine Trompete und andere kriegeriſche Spielwaaren für den kleinen Georgy in der Hand hielt, der kaum erſt ſechs Monate alt war, und für den die fraglichen Artikel durchaus noch zu früh kamen. Das Kind ſchlief. „Stille,“ ſagte Amalie, die vielleicht über das Krachen der Stiefeln des Majors etwas ärgerlich war, worauf ſie ihm ihre Hand hinhielt und lächelte, da Wil⸗ liam ſie nicht ergreifen konnte, bevor er ſich ſeiner Ladung von Spielwaaren entledigt hatte. „Geh' hinunter, kleine Mary,“ ſagte er nach einigen Augenblicken zu dem Kinde, „ich muß mit Mrs. Osborne ſprechen.“ Amalie blickte etwas erſtaunt auf, und legte das Kind auf ſein Bett. „Ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu verab⸗ ſchicden, Amalie,“ ſagte er, ihr zartes, weißes Händchen ſanft ergreifend. „Verabſchieden? Und wohin gehen Sie denn?“ ſagte ſie lächelnd. Zuckererbſen⸗, Zuckermandeln⸗Maior. 90 „Schicken Sie Ihre Briefe an meinen Agenten,“ ſagte er; „der wird ſie beſorgen; denn Sie werden mir ſchreiben, nicht wahr ? Ich werde lange abweſend ſein.“ „Ich werde Ihnen von Georgy ſchreiben,“ ſagte ſie, „theurer William, wie gut ſind Sie gegen ihn und mich geweſen! Sehen Sie ihn doch an! Sieht er nicht aus wie ein Engel?“ Die roſigen Händchen des Kindes ſchloſſen ſich mecha⸗ niſch um des ehrlichen Soldaten Finger, und Amalie ſah ihm mit mütterlicher Wonne in's Geſicht. Die grau⸗ ſamſten Blicke hätten ihn aber nicht mehr verwunden kön⸗ nen, als dieſer Blick hoffnungsloſer Freundlichkeit. Er neigte ſich über das Kind und die Mutter. Einen Augen⸗ blick konnte er nicht mehr reden. Und er mußte alle ſeine Kraft aufbieten, um ein „Gott behüte Sie“ herauszu⸗ bringen. „Gott behüte Sie,“ ſagte Amalie, und gab und empfing einen Kuß. „Stille! Wecken Sie mir Georgh nicht auf!“ ſetzte ſie hinzu, als William Dobbin mit ſchwerem Tritte auf die Thüre zuging. Sie hörte das Raſſeln der Räder ſeines Cabriolets nicht, als er wegfuhr: ſie ſah das Kind an, das in ſei⸗ nem Schlafe lachte. f 91 Sechs unddreißigſtes Rapitel. Wie man kein Einkommen zu haben braucht, und dennoch gut leben kann. Es iſt wohl auf dem Jahrmarkte des Lebens kein Menſch, der ſich ſo wenig um die Andern kümmert, daß er nicht bisweilen an die weltlichen Angelegenheiten ſeiner Bekannten denkt; und es iſt wohl Keiner ſo außerordent⸗ lich chriſtlich geſinnt, daß er ſich nicht dann und wann wundert, wie ſein Nachbar Jones, oder ſein Nachbar Smith es angreift, um mit ſeinem Einkommen zu reichen. Bei aller Achtung für die Familie (denn ich bekenne, daß ich zwei bis drei Male in jeder Saiſon bei ihr ſpeiſe) kann ich zum Beiſpiel nicht umhin, zu geſtehen, daß die Erſcheinung der Jenkinſes im Parke, in der großen Ba⸗ rouche mit den wie Grenadiere ausſehenden Lakaien, mich bis an meinen Sterbetag in Verwunderung ſetzen und myſtifieiren wird; denn obgleich ich weiß, daß das Fuhr⸗ werk bloß gemiethet iſt, und ſämmtliche Perſonen im Dienſte der Jenkinſes Koſtgeld erhalten, ſo müſſen doch dieſe drei Dienſtboten und der Wagen zum Wenigſten einen Aufwand von ſechshundert Pfund per Jahr reprä⸗ ſentiren: — und dann kommen die prächtigen Diners, die zwei Knaben zu Eton, die gut bezahlte Gouvernante, ſammt den übrigen Lehrern für die Mädchen, die Reiſe nach dem Continent, oder nach Eaſtbourne oder Worthing im Herbſte, der jährliche Ball ſammt dem von Gunter gelieferten Souper (beiläufig geſagt, liefert der genannte Reſtaurateur die meiſten Diners erſter Claſſe, die Jenkins gibt, wie mir wohl bekannt iſt, da ich einmal 92 eingeladen worden bin, um einen leeren Platz auszufüllen; da ſah ich denn ſogleich, daß dieſe Eſſen unendlich beſſer ſind, als die gewöhnlichen, zu denen die beſcheide⸗ nere Art von Bekannten, ſo Jenkins hat, Einladungs⸗ karten erhält) — wer, ſage ich, kann, ſelbſt wenn er der gutmüthigſte Menſch von der Welt iſt, umhin, ſich zu wundern, wie die Jenkinſes es angreifen mögen, um aus⸗ zukommen 2 Was iſt Jenkins ? — Wir wiſſen es Alle — Com⸗ miſſär im Schnur⸗ und Siegellack⸗Amte, mit einer jähr⸗ lichen Beſoldung von zwölfhundert Pfund. Hatte ſeine Frau etwa ein bedeutendes Privatver⸗ mögen? Bah! — Miß Flint — eines von den elf Kindern eines kleinen Squire in Buckinghamſhire. Alles, was ſie von ihrer Familie bekommt, iſt ein Truthahn um Weih⸗ nachten, wofür ſie zwei oder drei von ihren Schweſtern, vor oder nach der Saiſon, zu beköſtigen und zu beherber⸗ gen, und ihre Brüder zu logiren und zu füttern hat, wenn ſie in die Stadt kommen. Wie greift es denn aber Jenkins an, um mit ſeinem Einkommen zu reichen * Ich frage, wie jeder ſeiner Freunde fragen muß: Wie kommt es, daß er nicht ſchon längſt den Händen der Bailiffs verfallen iſt: und daß er vergangenes Jahr S zu Aller Erſtaunen geſchah) von Boulogne zurück⸗ kam „Jenkins“ ſoll hier die Welt im Allgemeinen vor⸗ ſtellen — die Mrs. Grundy von jedes verehrten Leſers Privateirkel — von denen jeder auf einige Familien hin⸗ weiſen kann, die er kennt, und von denen Niemand weiß, wie ſie es anfangen, um zu leben. Wir Alle haben vhne Zweifel ſchon manchmal mit dem gaſtfreundlichen Haus⸗ wirthe angeſtoßen, und uns gewundert, wie zum Henker er es angegriffen habe, um den Wein zu zahlen. * 7 *5 93 Als Rawdon Crawley mit ſeiner Frau „etwa drei bis vier Jahre nach ihrem Aufenthalte in Paris, in ei⸗ nem zwar ſehr kleinen, aber bequemen Hauſe in Curzon Street, Mayfair, eingerichtet war, befand ſich unter den vielen Freunden, die bei ihnen ſpeisten, wohl nicht einer, der nicht obige Frage in Betreff ihrer an ſich gerichtet hätte. Wie bereits geſagt worden, ſo weiß der Roman⸗ ſchreiber Alles, und da ich mich in der Lage befinde, ei⸗ nem verehrten Publikum berichten zu können, wie Craw⸗ ley und deſſen Frau es angriffen, um von Nichts zu le⸗ ben, ſo ſtelle ich an die Zeitungsblätter, welche die Ge⸗ wohnheit haben, Auszüge aus den verſchiedenen periodiſchen Werken, ſo jetzt veröffentlicht werden, zu geben, die ge⸗ ziemende Bitte, folgenden genauen Bericht und folgende Berechnung — wovon ich als der Entdecker (und die Sache hat mir nicht wenig gekoſtet) den alleinigen Vor⸗ theil anzuſprechen habe, nicht abzudrucken. Mein Sohn — würde ich ſagen, wenn ich mit ei⸗ nem Kinde geſegnet wäre — Du kannſt durch tiefe Forſchun⸗ gen und durch beſtändigen Umgang mit ihm lernen, wie man bequem leben kann, ohne eigentlich ein Einkommen zu haben. Allein es iſt am beſten, wenn Du mit Herren dieſer Art Dich nicht auf einen allzu vertrauten Fuß ſetzeſt und die Calculation aus zweiter Hand nimmſt, wie hei den Logarithmen; denn Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß es Dir etwas Erkleckliches koſten wird, wenn Du ſelbſt den Calculator machen willſt. Crawley lebte alſo mit ſeiner Frau in Paris höchſt glücklich und bequem von einem Einkommen, das eigent⸗ lich keines war, und zwar, während einer Zeit von zwei bis drei Jahren, von denen wir indeſſen hier nur einen ſehr gedrängten Bericht geben können. Um dieſe Zeit ſchied er aus der Leibgarde aus, und verkaufte ſeine Stelle. Wenn wir ihn wieder finden, find ſein Schnurrbart und der Oberſten⸗Titel auf ſeiner Karte die einzigen noch übri⸗ gen Spuren ſeines früheren Standes. 94 Es iſt von uns geſagt worden, daß Rebekka, bald nach ihrer Ankunft in Paris, eine hervorragende Stellung in der Geſellſchaft dieſer Hauptſtadt einnahm, und in einigen der ausgezeichnetſten Häuſer des wiederhergeſtellten franzöſiſchen Adels aufgenommen war. Auch die in Paris befindlichen Engländer von Stande machten ihr den Hof, zum großen Ekel ihrer rechtmäßigen Gattinnen, welche die Parvenüe nicht ausſtehen konnten. Einige Monate lang entzückten, und berauſchten vielleicht ein wenig die Salons des Faubourg Saint Germain, in denen ſie wohl gelitten war, ſowie der Glanz des neuen Hofes, wo ſie ſtets mit vieler Auszeichnung empfangen wurde, Mrs. Crawley, die, während dieſer Zeit ihrer Erhöhung, ge⸗ neigt geweſen ſein mag, die Leute — meiſtens junge ehr⸗ liche Militärs — welche die Hauptgeſellſchaft ihres Mannes bildeten, gering zu ſchätzen. Allein der Oberſt gähnte entſetzlich in der Geſellſchaft der Herzoginnen und großen Hofdamen. Die alten Wei⸗ ber, ſo Ecarté ſpielten, machten wegen eines Fünffranken⸗ ſtückes einen ſo entſetzlichen Lärm, daß es für den Ober⸗ ſten Crawley der Mühe nicht verlohnte, ſich an einen Spieltiſch zu ſetzen. Den Witz ihrer Unterhaltung wußte er nicht zu ſchätzen, da er ihre Sprache nicht verſtand. Und was konnte es ſeiner Frau nützen — wie er meinte — wenn ſie jeden Abend vor einem ganzen Zirkel von Prinzeſſinnen Knickſe machte? Es ſtand daher nicht lange an, ſo ließ er Rebekka allein in dieſe Geſellſchaften gehen; er ſelbſt aber nahm wieder zu ſeinen früheren Gewohn⸗ heiten, Beſchäftigungen und Vergnügungen in Geſellſchaft ver liebenswürdigen Freunde ſeiner eigenen Wahl ſeine Zuflucht. Die Wahrheit iſt, daß, wenn wir von einem Gentle⸗ man ſagen, er lebe elegant von einem Einkommen, das eigentlich keines ſei, wir die Worte „kein Einkommen“ nicht in ihrem wortlichen Sinne gebrauchen, ſondern vaß wir damit bloß eine unbekannte Größe anzeigen wollen; 95 wir wollen damit einfach ſagen, daß es uns unbekannt ſei, wi fragliche Gentleman den Aufwand ſeines Hauſes eſtreite. Nun aber beſaß unſer Freund, der Oberſt, ein ent⸗ ſchiedenes Talent zur Erlernung aller Arten von Glücks⸗ ſpielen: und da er ſich fortwährend im Kartenſpiele übte, und den Würfelbecher, ſowie das Billard⸗Queue fleißig handhabte, ſo läßt ſich leicht denken, daß er in dem Ge⸗ brauche dieſer Gegenſtände einen weit höheren Grad von. Geſchicklichkeit erreichte, als Solche, die nur gelegentlich dieſelben handhaben. Der rechte Gebrauch eines Billard⸗ Queues will ebenſo gut gelernt ſein, wie der des Blei⸗ ſtifts, oder der Flote, oder des Degens: — keines dieſer Geräthe läßt ſich gleich Anfangs meiſterhaft handhaben, und nur vermittelſt eines fortgeſetzten Studiums und lan⸗ ger Ausdauer, wozu ſich ein angebornes Talent geſellt, läßt ſich in der Handhabung derſelben einige Virtuoſität erlangen. 2 Nun aber war Crawley aus einem brillanten Lieb⸗ haber ein vollendeter Meiſter im Billardſpiele geworden. Sein Genie pflegte, wie bei einem großen General, mit der Gefahr ſich zu erhöhen, und wenn während eines ganzen Spieles das Glück ihm ungünſtig geweſen, und daher die Wetten gegen ihn waren, ſo pflegte er, mit voll⸗ endeter Geſchicklichkeit und Kühnheit, einige überaus ge⸗ ickte und unerwartete Stöße zu machen, welche das Schlacht⸗Glück wieder zu ſeinen Gunſten wandten, und am Ende, zum Erſtaunen Aller — d. h. Aller, welche mit der Art ſeines Spieles nicht vertraut waren, den Sieg davon zu tragen. Diejenigen, die ihn oft ſpielen ſahen, waren ſehr behutſam in der Art, wie ſie ihr Geld gegen einen Mann ſetzten, der ſo unerwartete Hülfsmittel, t ſo brillante und überwältigende Geſchicklichkeit eſaß. In allen Kartenſpielen war er nicht minder geſchickt; denn obgleich er zu Anfang des Spiels Geld verlor, und 96 ſ ſo unbedachtſam ſpielte, und ſo viele grobe Fehler machte, vaß Leute, die ihn nicht kannten, vft geneigt waren, ſein Talent ſehr gering zu ſchätzen, ſo konnte man doch, wenn er einmal durch wiederholte, kleine Verluſte geſpornt, und vorſichtiger geworden war, bemerken, daß Crawley's Spiel ein ganz anderes wurde, und daß er dann ſeinem Gegner ſo ziemlich gewiß eine vollſtändige Niederlage beibrachte, ehe die Nacht vorüber war. In der That konnten nur ſehr Wenige ſich rühmen, daß ſie ihn je beſiegt. Seine Triumphe waren ſo häufig, daß es nicht zu verwundern war, wenn Neider und Beſiegte bisweilen mit Bitterkeit von demſelben ſprachen. Und gleichwie die Franzoſen vom Herzoge von Wellington, ber nie eine Niederlage erlitt, ſagen, daß nur eine erſtaunenswerthe Reihe glücklicher Zufälle ihn in den Stand geſetzt habe, ſtets Sieger zu bleiben (obgleich ſelbſt ſie auch zugeben, daß er bei Waterloo einen Betrug geſpielt, und ſo im Stande geweſen ſei, den großen letzten Stich zu machen): — ſo ließ man in engliſchen Kreiſen Winke darüber fal⸗ len, daß man, die beſtändigen Triumphe des Oberſten Crawley ſchlechterdings nicht anders zu erklären vermöge v man annehme, daß der Betrug dabei eine Rolle piele. Oögleich dazumal zu Paris der Salon und Frascati ihre Thuͤren geöffnet hatten, ſo war doch die Spielwuth ſo ungeheuer verbreitet, daß die öffentlichen Spielhäuſer die Zahl der ſich Herbeidrängenden kaum zu faſſen ver⸗ mochten, und in Privathäuſern ebenſo ſtark geſpielt wurde, als ob keine öffentlichen Mittel zur Befriedigung dieſer Leidenſchaft vorhanden geweſen wären. Bei Crawley's bezaubernden kleinen Abend⸗Reunivnen überließ man ſich gewöhnlich dieſem unglückſeligen Vergnügen — zum gro⸗ ßen Aerger der gutmüthigen kleinen Mrs. Crawley. Sie ſprach im Tone des tiefſſten Schmerzes pon der Leiden⸗ ſchaft, die ihr Mann für das Würfelſpiel habe; ſie klagte es Jedem, der in ihr Haus kam. Sie bat die jungen 92 Leute inſtändigſt, nie einen Würfelbecher zu berühren; und als der junge Green, von den Büchſen⸗Schützen, eine bedeutende Summe Geldes verlor, brachte Rebekka eine ganze Nacht in Thränen zu, wie der Diener dem unglück⸗ lichen jungen Herrn erzählte, und fiel ſogar vor ihrem Manne auf die Knie nieder, um ihn flehentlich zu bit⸗ ten, daß er die Schuld erlaſſen, und den dafür ausgeſtell⸗ ten Schein verbrennen möchte. Wie konnte aber ihr Mann ſo Etwas thun? Er ſelbſt hatte ebenſo viel an Blackſtone, von den Huſaren, und an den Grafen Punter, von der Hannöverſchen Ca⸗ vallerie, verloren. Green ſolle, ſagte der geſtrenge Gatte, eine raiſonnable Friſt zur Bezahlung ver Spielſchuld erhal⸗ ten; aber bezahlen müſſe er natürlichz — von der Ver⸗ iihtnn eines Schuldſcheines zu ſprechen, ſei pure Kin⸗ derei. Andere Offiziere, insbeſondere junge — denn die jungen Burſche ſammelten ſich um Mrs. Crawley — kamen mit ziemlich langen Geſichtern von ihren Partien nach Hauſe, da ſie auf den unſeligen Spieltiſchen mehr oder weniger Geld hatten liegen laſſen müſſen. So geſchah es denn, daß das Haus des Crawley'⸗ ſchen Chepaars allmählig in einen ziemlich ſchlechten Ruf kam. Die alten Spieler warnten die minder erfahrenen, und machten ſie auf die Gefahr aufmerkſam, der ſie ſich ausſetzten. Oberſt O Dowd, vom — ſten Regimente, das damais mit andern Paris beſetzt hielt, warnte Lieutenant Spooneh, der zu ſeinem Corps gehörte. Ein lauter und heftiger Streit fand deßhalb zwiſchen dem Infanterie⸗Oberſten und deſſen Frau, die in dem Café de Paris ſpeisten, und dem Oberſten und Mrs. Crawley, die dort gleichfalls aßen, Statt. Auf beiden Seiten nahmen die Damen an dem Kampfe An⸗ theil. Mrs. O'Dowd ſchnippte mit den Fingern Mrs. Crawley in's Geſicht, und ſagte, ihr Mann ſei „um kein Der Jahrmarkt des Lehens. IM. 7 98 Haar beſſer, als ein betrügeriſcher Spieler.“ Oberſt „ Crawleh forderle Oberſt O Dowd, C. B. Als aber der Sbercommandant von dem Streite hörte, ſchickte er nach Oberſt Crawley, der ſchon dieſelben Piſtolen herrichtete, „womit er Capitän Marker erſchoß,“ und hatte eine ſolche Unterredung mit ihm, daß das Duell unterblieb. Und wäre nicht Rebekka vor General Tufto auf die Knie gefallen, ſo würde Crawley nach England zurückge⸗ ſchickt worden ſein; und dieſem Umſtande iſt es wohl auch zuzuſchreiben, wenn er, nach dieſem Auftritte, einige Wo⸗ chen lang nur noch mit Civiliſten ſpielte. Allein bei aller Geſchicklichkeit und bei allem Glücke Rawdon's wurde es Rebekka, wenn ſie dieſe Dinge erwog, doch klar, daß ihre Stellung nur eine precäre wäre, und vaß ſelbſt ihr kleines Capital, obgleich ſie faſt Niemand piten, eines Tages zu Null zuſammenſchrumpfen würde. „Das Spiel, mein Lieber,“ ſagte ſie oft, „iſt ſchon 44 um ein Einkommen gelegentlich zu erhöhen, allein anſiatt eines Einkommens ſelbſt kann es nicht dienen. Es kann einmal eine Zeit kommen, wo die Leute nicht mehr ſpielen moͤgen, — und was wird dann aus uns?“ Und Rawdon gab ihr Recht; und in Wahrheit hatte er ſelbſt auch bemerkt, daß die Leute, wenn ſie einige Male zu ſeinen kleinen Soupers, u. ſ. w. eingeladen geweſen, mit ihm nicht mehr ſpielen wollten, und, trotz aller Reize Rebekka's, ſich nicht ſehr eifrig zeigten, wieder in ſeinem Hauſe zu erſcheinen. So angenehm und behaglich auch ihr Leben zu Pars war, ſo war es im Grunde doch nur ein eitles Tändeln und liebenswürdiges Nichtsthun; und es ſah Rebekka ein, daß ſie in ihrem Vaterlande Rawdon's Glück zu befördern ſuchen müſſe. Sie mußte ihm zu Hauſe, oder in den Co⸗ lonien zu einer Anſtellung verhelfen, und beſchloß daher, ihr Gluck in England zu verſuchen, ſobald es anginge. Der erſte Schritt, den ſie in dieſer Hinſicht that, war, daß ſie Crawley bewog, ſeine Stelle in der Ga Scdneu —— 99 zu verkaufen, und ſich auf Halbſold ſetzen zu laſſen. Schon Lorher hatte ſeine Funktion als Adjutant von General Tufto ihre Endſchaft erreicht. Rebekka lachte in allen Geſellſchaften über den genannten Offizier, ſein Toupet (das er ſich gleich nach ſeiner Ankunft in Paris anſchaffte), ₰ ſeinen Leibgurt, ſeine falſchen Zähne, vor Allem aber über ſeine Prätentionen als Damen⸗Beſieger, und ſeine abſurde Eitelkeit, die darin beſtand, daß er fich einbildete, jedes Frauenzimmer, in deſſen Nähe er käme, wä ſterblich in ihn verliebt. Und ſo kam es denn, daß der General nun MWrs. Brent, die ſchwarzhaarige Frau von Herrn Com⸗ miſſär Brent, zu derjenigen erkor, der er ſeine ſpezielle Aufmerkſamkeit zuwandte: — die Bouquets, die Diners in den Reſtaurationen, die Opernbillets, und die Schmuck⸗ ſachen wurden nun ihr zu Theil. Die arme Mrs. Tufto war darum nicht glücklicher, als zuvor, und mußte immer noch lange, lange Abende allein bei ihren Töchtern ſitzen, während ſie wußte, daß ihr General, parfümirt und vom Friſeur herausgeputzt, fort⸗ gegangen war, um während des Schauſpiels ſich hinter Mrs. Brent's Stuhl zu ſtellen. Becky hatte zwar anſtatt ſeiner ein Dutzend neuer Bewunderer gewonnen, und konnte mit ihrem Witze ihre Nebenbuhlerin vernichten. Allein ſie war, wie bereits von uns geſagt worden, dieſes müſſi⸗ gen Lebens nachgerade ſatt: Opernlogen und Diners in eſtaurationen waren ſchale Dinge für ſie: Blumenſträuße ließen ſich nicht für ſpätere Jahre aufbewahren, und boten des Soliden zu wenig: und was die hunderttauſend Klei⸗ nigkeiten, Schmuckſachen, geſtickte Taſchentücher, und hock⸗ lederne Handſchuhe betraf, ſo konnte ſie nicht davon leben. ie fühlte, mit einem Worte, die Frivolität ihrer Vergnügungen, und ſehnte ſich nach etwas Subſtanziellerem. Um dieſe Zeit kam eine Nachricht an, die den zahl⸗ reichen Gläubigern des Oberſten zu Paris viele Freude machte. Miß Crawley, die reiche Tante, von der er ſein großes Erbe erwartete, war am Sterbenz der Oberſt Aufbewahren gegeben hatte. Madame Crawley hatte ihm 100 mußte daher an ihr Todtenbett eilen. Mrs. Crawley dagegen wollte mit ihrem Kinde zurückbleiben, bis er zu⸗ rückkäme, um ſie abzuholen. Rawdon Crawley reiste ſonach nach Calais ab, und man hätte nun erwarten ſollen, daß er, nachdem er an letzterem Orte wohlbehalten angekommen, nach Dover überſetzen würde; anſtatt deſſen aber nahm er die Dili⸗ gence nach Dünkirchen, und ging von da nach Brüſſel, für welches er aus früherer Zeit eine Vorliebe hatte. Die Wahrheit aber iſt, daß er zu London noch mehr Schulden hatte, als zu Paris, und daß er die ruhige kleine belgiſche Stadt den beiden geräuſchvolleren Haupt⸗ ſtädten vorzog. Seine Tante war geſtorben. Mrs. Crawley kleidete ſich und den kleinen Ramdon in die tiefſte Trauer. Was den Oberſten betrifft, ſo ordnete er eifrigſt die Erbſchafts⸗ angelegenheiten. Und nun konnten ſie auch den erſten Stock des Hotels, anſtatt des kleinen Entreſols, den ſie bis vaher bewohnt hatten, nehmen. Mrs. Crawley und der Hauswirth hatten wegen der neuen Tapeten eine Con⸗ ſultation, und wegen der Teppiche einen freundſchaftlichen Streit miteinanderz und endlich wurde Alles ausgeglichen — nur die Rechnung nicht. Sie fuhr in einem ſeiner Wagen davon, wobei ſie die franzöſiſche Bonne und das Kind begleiteten, und der bewundernswürdige Hauswirth mit ſeiner Frau ihr vom Thore aus ein Lebewohl zu⸗ lächelte. General Tuſto war wüthend, als er ihre Abreiſe vernahm, und Mrs. Brent war wüthend auf den Gene⸗ ral, weil derſelbe wüthend war; Lieutenant Spooney ging die Sache tief zu Herzen; und der Hauswirth ließ ſeine beſten Appartements vor der Rückkehr des bezaubernden Weibchens und ihres Mannes herrichten. Mit der größ⸗ ten Sorgfalt ſchloß er die Koffer ein, die ſie ihm zum ganz beſonders anempfohlen, dieſelben an einem ſiche . 101 Orte zu verwahren. Indeſſen fand ſich nichts beſonders Werthvolles darin, als ſie ſpäter geöffnet wurden. Ehe aber Mrs. Crawley zu ihrem Manne in der belgiſchen Hauptſtadt ſtieß, machte ſie einen kleinen Aus⸗ flug nach England, wobei ſie ihr Soͤhnchen unter der Ob⸗ hut ſeiner franzöſiſchen Bonne auf dem Feſtlande zurück⸗ ließ. Der Abſchied zwiſchen Rebekka und dem kleinen Raw⸗ don war für keinen Theil ſehr peinlich. Sollen wir die Wahrheit ſagen, ſo hatte ſie von dem jungen Gentleman ſeit ſeiner Geburt nicht viel geſehen. Nach der liebens⸗ würdigen Sitte franzöfiſcher Mütter hatte ſie ihn in einem Dorfe, in der Nähe von Paris, bei einer Säugamme untergebracht, wo der kleine Rawvon ſeine erſte Kindheit, nicht unglücklich, mit einer zahlreichen Familie von Milch⸗ brüderchen und Milchſchweſterchen in Holzſchuhen zu⸗ brachte. Sein Vater ritt oft hinaus, um ihn zu beſuchen, und es that dem väterlichen Herzen des ältern Rawdon ungemein wohl, ihn mit rofigen Wangen und ſchmutzig zu ſehen, ihn luſtig ſchreien zu hören, und zu bemerken, mit welcher Wonne der Kleine, unter der Aufücht der Gärt⸗ nersfrau, ſeiner Pflegemutter, Dreckpaſteten fabrizirte. 4 Rebekka dagegen kümmerte ſich nicht viel um ihren Sohn und Erben, und beſuchte ihn nur ſelten. Einmal verderbte er ihr eine neue, taubenfarbige Peliſſe. Er zog die Liebkoſungen ſeiner Pflegemutter“ denen ſeiner Mutter vor, und als er endlich die derbe Amme, die faſt eine Mutter für ihn war, verließ, ſchrie er ſtundenlang fort. Er ließ ſich nur durch das Verſprechen ſeiner Mutter troͤſten, daß man ihn den nächſten Tag zu ſeiner Amme zurückbringen würde; und wirklich wurde auch der Amme ſelbſt, der es wahrſcheinlich ebenfalls ſchwer angekommen ſein würde, ſich von ihm zu trennen, geſagt, daß das Kind ihr bald würde zurückgegeben werden. Und eine Zeitlang wartete die gute Frau ganz ängſt⸗ lich auf die Rückkehr ihres Pflegekindes. 102 In Wahrheit können wir von unſern Freunden hier ſagen, daß ſie zu den erſten von jenem Gelichter kecker engliſcher Abenteurer gehörten, die von jener Zeit an das Feſtland überſchwemmt, und in allen europäiſchen Haupt⸗ ſtädten vie Rolle von Schwindlern geſpielt haben. In jenen glücklichen Tagen von 1817— 18 war der Reſpect vor dem Reichthum und der Ehrenhaftigkeit der Briten gewaltig groß. Wie man mir ſagt, hatten ſie damals noch nicht gelernt, mit der Zähigkeit, die ſie dermalen auszeichnet, zu markten. Die großen eurvopäiſchen Städte hatten bis dahin noch nicht Gelegenheit gehabt, den Un⸗ ternehmuugsgeiſt unſerer Schurken zu bewundern. Und während jetzt in ganz Frankreich und Italien faſt keine Stadt iſt, in der wir nicht einige unſerer lieben Lands⸗ leute treffen können, die, neben der glücklichen Windbeu⸗ telei und Inſolenz des Betragens, die wir überall hin verpflanzen, Gaſtwirthe prellen, leichtgläubige Bankiers mit falſchen Anweiſungen heimſuchen, Wagenfabrikanten um ihre Wagen, Goldſchmiede um ihre Waaren, Rei⸗ ſende, die ſich gehen laſſen, im Kartenſpiele um ihr Geld betrügen, ja ſelbſt offentliche Bibliotheken ihrer Bücher berauben; — brauchte man vor dreißig Jahren, nur ein Milor Anglais zu ſein und in einem eigenen Wagen zu reiſen, um ſtets und überall Credit zu finden. Anſtatt zu betrügen, wurden damals Gentlemen betrogen. Erſt einige Wochen nach der Abreiſe der Crawleys fand der Beſitzer des Hotels, in dem ſie während ihres Aufenthaltes zu Paris gewohnt hatten, wie viel er ver⸗ loren: vorher aber mußte noch zu wiederholten Malen die Movehändlerin, Madame Marabou, mit ihrer kleinen Rechnung für Artikel, ſo ſie Madame Crawley geliefert, kommen: auch Monſieur Didelot von der Boule d'Or im Palais Royal mußte erſt ein halb Dutzend Mal vor⸗ ſprechen und nachfragen, ob die charmante Miladi, die von ihm Uhren und Bracelets gekauft, de retour wäre. Auch iſt es eine Thatſache, daß ſogar die arme Gärt⸗ „ 103 nersfrau, die das Kind der Madame geſäugt hatte, nach den erſten ſechs Monaten für die Milch, die ſie dem der⸗ ben und geſunden kleinen Rawdon ſo freundlich gereicht, nicht mehr bezahlt wurde. Nein, nicht einmal vie Säug⸗ amme wurde bezahlt — die Crawlehs hatten zu ſehr Eile, als daß ſie an die Berichtigung der kleinen Schuld noch hätten denken können. Was den Beſitzer des Hotels anlangte, ſo häufte er die heftigſten Flüche und Verwünſchungen auf die engli⸗ ſche Nation, und dieß dauerte während der ganzen Zeit, die er noch auf dieſer Erde zu wallen hatte. Er fragte alle Reiſenden, ob ſie nicht einen gewiſſen Colonel Lor Crawley — avec sa femme — une petite dame, très spirituelle — kennten. „Ah, Monsieur !“ pflegte er hinzuzufügen, — ils m'ont afreusement volé.“ Es war wirklich traurig mit anzuhhren, wenn er auf dieſe Kataſtrophe zu ſprechen kam; ſeine Stimme hatte ii ſtets einen ganz eigenthümlichen melancholiſchen lang. Der Zweck unſerer Rebekka bei ihrer Reiſe nach Lon⸗ don war folgender. Sie wollte eine Art Vergleich zwi⸗ ſchen ihrem Gatten und deſſen zahlreichen Gläubigern her⸗ heiführen, um Erſterem die Rückkehr in ſein Vaterland dadurch wieder möglich zu machen, daß ſie Letzteren neun Pence oder einen Shilling vom Pfund bot. Es ziemt uns nicht, alle Schrilte zu verfolgen, die ſie thun mußte, um dieſe äußerſt ſchwierige Unterhandlung zu einem glück⸗ lichen Ende zu führen; nur ſo viel wollen wir hier ſa⸗ gen, daß ſie, nachdem ſie den Gläubigern bewieſen, daß die Summe, die ſie ihnen zu hieten im Stande wäre, das Lanze Kapital ihres Mannes repräſentirte; nachdem ſie ſie überzeugt hatte, doß Oberſt Crawley lieber für immer auf dem Feſtlande bleiben, als in ſeinem Vaterlande ſich aufhalten würde, ſo lange ſein Schuldenweſen nicht be⸗ reinigt wäre; nachdem ſie ihnen dargethan hatte, daß ihm von keiner andern Seite je Etwas zufallen könnte, und daß 104 ſie auf dieſer Welt keine Hoffnung hätten, eine größere Dividende zu erhalten, als die, ſo ſie ihnen zu bieten er⸗ mächtigt wäre, — nur ſo viel ſagen wir hier, daß ſie die Gläubiger des Oberſten, Mann für Mann, dahin brachte, daß ſie ihre Vorſchläge annahmen, — auf welche Weiſe ſie dann mit fünfzehn hundert Pfund baaren Geldes eine mehr denn zehnmal größere Schuldenmaſſe tilgte. Mrs. Crawley brauchte bei dieſer ganzen Verhand⸗ lung keine Advokaten. Die Sache war ſo einfach, und ſie bemerkte ſo richtig, daß es ſich nur darum handeln konne, ob die Gläubiger Etwas oder gar Nichts wollten, daß Letztere das Geſchäft durch ihre eigenen Advokaten ab⸗ machen ließen. Und Herr Lewis, der Herrn Davids von Red Lion Square repräſentirte, ſowie Herr Moß, welcher Herrn Manaſſeh von Curſitor Street (die Hauptgläubiger des Oberſten) vertrat, becomplimentirte die Frau des Letz⸗ teren über die brillante Art, womit ſie Geſchäfte abzu⸗ wickeln wiſſe, und es erklärten Beide, daß kein Mann vom Fache es mit ihr aufzunehmen im Stande ſei. Rebekka empfing ihre Complimente mit vollkommener Beſcheidenheit, ließ eine Flaſche Sherry, ſowie eine Brod⸗ torte kommen, und bewirthete die Advokaten der Gegen⸗ partei in der kleinen finſteren Wohnung, die ſie während ihrer Unterhandlungen inne hatte; ſodann ſchüttelte ſie ihnen, beim Abſchied, in der beſten Laune von der Welt, vie Hand und kehrte geradenwegs nach dem Feſtlande zu⸗ rück, um wieder zu ihrem Gatten und zu ihrem Sohne zu ſioßen, und Erſteren mit der frohen Botſchaft von ſei⸗ ner vollſtändigen Schulvenbefreiung zu überraſchen. Was den jungen Rawdon betrifft, ſo war er⸗ wäh⸗ rend der Abweſenheit ſeiner Mutter, von Mademoiſelle Genevidve, ſeiner franzöſiſchen Bonne, bedeutend vernach⸗ läſſigt worden; denn letzteres Frauenzimmer knüpfte gar hald eine Bekanntſchaft mit einem zu Calais in Garniſon liegenden Militär an, und vergaß ihren Schutzbefohlenen in der Geſellſchaft ihres Soldaten, und es fehlte nicht 105 iel, ſo wäre der kleine Rawdon um dieſe Zeit am ufer von Calais ertrunken, wo Genevièbe, mit andern Dingen beſchäftigt, ihn zurückgelaſſen und verloren hatte. „ Und ſo kamen denn der Oberſt und Mrs. Crawley nach London zurück: und hier, in ihrem Hauſe in Cur⸗ zon Street, May Fair, entwickelten ſie wirklich die Ge⸗ ſchicklichkeit, welche diejenigen, ſo von dem am Eingange dieſes Kapitels beſprochenen Einkommen leben wollen, nothwendig beſitzen müſſen. Siebenunddreißigſtes Rapitel. Fortſetzung. Für's Erſte liegt es uns ob, zu beſchreiben, wie man es anzugreifen hat, um ein Haus zu miethen, in dem man umſonſt ſitzt. Solche Häuſer kann man entweder unmöblirt haben, — in dieſem Falle kann man ſie, ſofern man bei den Herren Gillows und Bantings Credit hat, nach ſeiner ei⸗ genen Phantaſie prächtig herrichten und vollſtändig deco⸗ riren laſſen; — oder aber kann man dieſelben bereits möblirt miethen — was für die meiſten Leute ein weniger mühſames und complicirtes Arrangement iſt. Letzterer Art, ein Haus zu miethen, gaben auch Craw⸗ ley und ſeine Frau den Vorzug. Ehe Herr Bowls über das Haus und den Keller der . WMiß Crawley in Park Lane geſetzt wurde, hatte letztge⸗ nannte Dame zu ihrem Haushofmeiſter einen Herrn Rag⸗ gles gehabt, der auf dem Familiengute von Queen's Craw⸗ 106 ley geboren, und ein jüngerer Sohn eines dortigen Gärt⸗ ners war. Durch eine gute Aufführung, ein hübſches Aeußeres, ſchoͤne Waden und ein ernſtes Benehmen, ſchwang Raggles ſich von dem Meſſerbrette bis zum Fuß⸗ brette hinter der Kutſche, und vom Fußbrette bis zum wichtigen Poſten eines Kellermeiſters auf. Als er eine gewiſſe Anzahl von Jahren an der Spitze von Miß Crawleh's Haushalt geſtanden, wo er neben einem guten Lohne, ſchöne Nebeneinfünfte und gar manche andere Gelegenheit gehabt hatte, ſich Etwas zu erſparen, kündigte er ſeinen Entſchluß an, ſich mit einer früheren Köchin der Miß Crawley, die ſich vermittelſt eines klei⸗ nen Gemüſehandels und einer Mange, welche ſie für die Nachbarſchaft hielt, ehrenvoll durchgebracht hatte, zu verehlichen. Die Wahrheit iſt, daß die Trauungsceremonie ſchon vor einigen Jahren heimlich Statt gefunden hatte, obgleich die Nachricht von Herr Raggles' Heirath der Miß Craw⸗ ley zuerſt durch einen kleinen Knaben von ſieben und ein Mädchen von acht Jahren zukam, deren beſtändige An⸗ weſenheit in der Küche die Aufmerkſamkeit der Miß Briggs auf ſich gezogen hatte. Herr Raggles nahm alſo ſeinen Abſchied, und über⸗ nahm in eigener Perſon die Aufſicht über den kleinen La⸗ den und die Gemüſe. Bald handelte er auch mit Milch und Rahm, mit Eiern und Speck von auf dem Lande gemäſteten Schweinen, und begnügte ſich ſo damit, daß er mit den einfachſten Landprodukten handelte, während an⸗ dere ehemalige Kellermeiſter in Wirthshäuſe rn Spirituvſen verkauften. Und da er unter den Haush ofmeiſtern der Nachbarſchaft viele Bekannte, ſowie ein gar geſchickt ge⸗ legenes Hinterzimmer hatte, wo er und Mrs. Raggles ſie empfingen, ſo erfreuten ſich ſeine Milch, ſein Rahm, und ſeine Eier bald eines raſchen Abſatzes, ſo daß ſein Ge⸗ winnſt mit jedem Jahre zunahm. Jahr aus, Jahr ein häufte er in aller Ruhe und N N —,——— 107 Beſcheidenheit Geld auf, und als endlich die bequeme und vollſtändig eingerichtete Innggeſellenwohnung in Rro. 201. Curzon Street, Mah Fair, die in letzterer Zeit der ehren⸗ werthe Frederick Deuceace, vor ſeiner Abreiſe nach dem Auslande, inne gehabt hatte, mit ihrem reichen und paſ⸗ ſenden Ameublement, von den erſten Fabrikanten der Haupt⸗ ſtadt, öffentlich verſteigert wurde, kaufte das Ameublement des Hauſes, und trat in den Mietheontrakt kein anderer Menſch ein, als Charles Raggles. Zwar borgte er einen Theil des Geldes, und zwar zu ziemlich hohen Intereſſen, von einem ſeiner Collegen, einem Kellermeiſter, allein den großten Theil bezahlte er doch baar, und Mrs. Raggles that ſich nicht wenig zu gute darauf, als ſie fand, daß ſie in einem Bette von geſchnitztem Mahagoniholz, mit ſeidenen Vorhängen, einem ungeheuren Pfycheſpiegel ihr gegenüber und einem Kleiderkaſten „der ſie, und Raggles, und die ganze Familie aufnehmen konnte, ſchlief. Natürlich war es nicht ihre Abſicht, ein ſo prächtiges Appartement für immer zu bewohnen. Raggles hatte den Kauf abgeſchloſſen, um das Haus wieder zu vermiethen. Sobald ſich ein Miethmann fand, zog er wieder in den beſcheidenen Gemüſehändlerladen; jedoch war es immer ein höchſt angenehmes Gefühl für ihn, aus letzterem nach Curzon Street gehen, und dort ſein Haus — ſein eigenes Haus — mit Geraniumſtöcken vor den Fenſtern, und ei⸗ nem zierlichen Thürklopfer aus Bronce, in Augenſchein nehmen zu können. Der Lakai, der gelegentlich an dem, den freien Hausplatz umgebenden Gitter ſtand, begegnete ihm reſpektvoll; die Köchin kaufte bei ihm ihre Gemüſe, und nannte ihn Herrn Hausbeſitzer; und es konnten die Miethleute nicht das Mindeſte thun, ja, ſie konnten auch nicht ein Gericht eſſen, ohne daß Raggles es wußte, wenn er es wiſſen wollte. Er war ein guter Menſch: gut und glücklich. Das Haus trug ihm eine ſo ſchoͤne jährliche Rente, daß er ſich entſchloß, ſeine Kinder in gute Schulen zu thun, und 108 es wurde daher, ohne Rückſicht auf die Koſten, Charles in die Koſtſchule des Dr. Swiſhtail, Sugar⸗cane Lodge, geſchickt, und die kleine Mathilde zu Miß Peckover, Lau⸗ rentinum Houſe, Clapham. Raggles liebte die Crawley'ſche Familie, und betete dieſelbe als die Urheberin ſeines ganzen Glückes an. Er hatte in dem Hintertheile ſeines Ladens eine Silhouette ſeiner ehemaligen Gebieterin, ſowie eine getuſchte Zeich⸗ nung von dem Portierhäuschen in Queen's Crawley eine Zeichnung, die von der Hand der alten Jungfrau ſelbſt her⸗ rührte. Das einzige Stück, das er zu den Decorationen des Hauſes in Curzon Street hinzufügte, war ein Kupfer⸗ ſtich, der Queen's Crawley in Hampſhire, den Sitz von Sir Walpole Crawley, Baronet, darſtellte. Letzterer er⸗ ſchien auf dem Bilde in einem von ſechs Schimmeln ge⸗ zogenen und vergoldeten Wagen, und fuhr an einem See vorbei, der mit Schwänen und mit Nachen, worin ſich Damen in Reifröcken, und Muſiker mit Fahnen und Per⸗ rücken befanden, bedeckt war. In der That glaubte Rag⸗ gles, es gebe auf der ganzen Welt keinen ſolchen Palaſt, noch eine ſo erhabene Familie. Der Zufall fügte es ſo, daß Raggles' Haus in Cur⸗ zon Street zu vermiethen war, als Rawdon mit ſeiner Frau nach London zurückkam. Der Oberſt wußte es, und kannte den Beſitzer des Hauſes recht gut, da Raggles mit der Crawley'ſchen Familie ſtets in Verbindung ge⸗ blieben war, und Herrn Bowls unterſtützte, ſo oft Miß Crawley Freunde empfing. . So kam es, daß der alte Mann nicht allein ſein Haus an den Oberſten vermiethete, ſondern daß er auch bei demſelben als Kellermeiſter fungirte, ſo oft er Geſell⸗ ſchaft hatte; dabei war Mrs. Raggles unten in der Küche thätig, und ſchickte Diners hinauf, die wohl den Beifall der alten Miß Crawley ſelbſt erhalten haben würden. Auf dieſe Weiſe bekam Crawley ſein Haus für Nichts; denn obgleich Raggles Steuern und Abgaben, ſowie die Intereſſen aus dem von ſeinem Collegen, dem „ 109 Kellermeiſter, entlehnten Gelde und ſeine Jahresquote an die Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft, und das Koſt⸗ und Schulgeld für ſeine Kinder, ſowie das Eſſen und Trin⸗ ken ſeiner Familie — und eine Zeit lang auch das der Familie des Oberſten Crawley — zahlen mußte; und ob⸗ gleich der arme Tropf durch dieſes Geſchäft ganz und gar zu Grunde gerichtet, ſeine Kinder auf die Straße geſetzt wurden, und er ſelbſt in den Schuldthurm in Fleet Street wandern mußte, ſo muß doch am Ende Jemand auch für Herren bezahlen, die von Nichts per Jahr le⸗ ben: — und ſo kam es, daß dieſer unglückliche Raggles ſich zum Repräſentanten von Oberſt Crawley's mangel⸗ haftem Capital erkoren ſah. Ich moͤchte wohl wiſſen, wie viele Familien durch großartige Praktiker in Crawley's Weiſe zur Spitzbübe⸗ rei und zum Bankerotte getrieben werden? — Wie viele große Edelleute die kleinen Gewerbsleute, die für ſie ar⸗ beiten, beſtehlen, — und fich herablaſſen, ihre armen Diener und ſonſtige arme Leute, die mit ihnen zu thun haben, um miſerable, kleine Summen zu prellen, und um einige Shillinge zu betrügen? Wenn wir leſen, daß ein hoher Adeliger nach dem Continente abgereist ſei, oder daß ein anderer hoher Ade⸗ liger in ſeinem Hauſe Erecution habe, und daß jeder der⸗ ſelben ſechs bis ſieben Millionen ſchuldig ſei, ſo ſcheint uns ſogar die Niederlage glorios, und dann achten wir das Opfer in ſeinem ungeheuren Ruin. Allein wer be⸗ mitleidet einen armen Barbier, der, nachdem er die La⸗ knien gepuvert, nicht zu ſeinem Gelde kommen kann, oder einen armen Zimmermann, der ſich dadurch ruinirt hat, daß er zum Déjeüné der Lady Pavillons hergerichtet und dieſelben ausgeſchmückt hat; oder den armen Teufel von einem Schneider, den der Hausverwalter patroniſirt, und der ſein ganzes Vermögen, und vielleicht noch darü⸗ ber, verpfändet hat, und um die Livreen liefern zu können, die my Lord ihm die Chre erwieſen hat, zu beſtellen? — 1¹⁰ Wenn das große Haus zuſammenſtürzt, ſo fallen dieſe armen Teufel, unbemerkt, mit demſelben: wie die alten Legenden ſagen, vaß ein Menſch, bevor er ſelbſt zum Teu⸗ fel gehe, demſelben eine Menge anderer Seelen zuſende. Rawdon und ſeine Frau patronifirten in großmüthi⸗ ger Weiſe alle Handwerksleute und Lieferanten der Miß Crawley, die keinen Anſtand nahmen, ſie zu bedienen. Einige, insbeſondere die ärmeren, ließen ſich ziemlich gerne dazu herbei. Es war wunderbar, die Hartnäckigkeit zu ſehen, wo⸗ mit die Waſchfrau von Tooting jeden Samstag mit ih⸗ rem Karren vorfuhr, und eine Woche um die andere ihre Rechnung beilegte. Herr Raggles ſelbſt hatte das Grün⸗ zeug zu liefern. Die Rechnung für an die Dienerſchaft abgegebenen Porter iſt eine Curioſität in den Annalen des Biers: das alſo begünſtigte Wirthshaus aber war „zum Kriegsglück“ benannt. Ebenſo blieb man ſämmtlichen Dienſtboten den grö⸗ ßeren Theil ihres Lohnes ſchuldig, und zwang dieſelben auf ſolche Weiſe, an dem Hauſe ein Intereſſe zu nehmen. In der That wurde Niemand bezahlt. Weder der Schloſſer, der die Thüre aufzumachen hatte; noch der Glaſer, der eine neue Scheibe einzuſetzen, oder zu flicken hatte; noch der Mann, von dem man den Wagen und die Pferde gemiethet hatte: noch der Grvom, der den Kutſcher machte; noch der Fleiſcher, der die Hammels⸗ keule lieferte; noch der Kohlenhändler, bei dem man die zum Braten vderſelben nöthigen Kohlen nahm; noch die Köchin, welche die Hammelskeule beträufelte; noch die Dienſtboten, ſo dieſelben aße: — und ſo leben, wie ich hören muß, nicht ſelten Leute ganz elegant von Nichts per Jahr. In einem kleinen Städtchen geht ſo Etwas nicht an. Dort kennen wir genau das Quantum Milch, das unſer Nachbar verbraucht, und dort ſehen wir das Geflügel oder den Schlägel, der zu ſeinem Eſſen in's Haus kommt. Wahrſcheinlich wußte man ſo auch in Nr. 200 und 202 111 in Curzon Street, was in vem zwiſchen inne liegenden Hauſe vorging, da die Dienerſchaft durch das Gatterwerk vor jedem Hauſe mit einander in Verbindung ſtand; al⸗ lein Crawleh, und ſeine Frau, und ſeine Freunde wußten von Nr. 200 und Nr. 202 Nichts. Wenn man in das Haus Nr. 201 kam, ſo fand man ein herrliches Willkommen, ein freunvliches Lächeln, ein gutes Mittag⸗ eſſen, und erhielt von dem Hauswirth und von der Haus⸗ wirthin einen fröhlichen Händedruck, gleich als ob dieſel⸗ ben über ein jährliches Einkommen von drei bis vier tauſend Pfund zu verfügen gehabt hätten. Und in der That war letzteres auch der Fall: hatten ſie auch nicht den Werth in Geld, ſo hatten ſie ihn doch in Produkten und Arbeit; wenn ſie auch das Hammelfleiſch nicht be⸗ zahlten, ſo hatten ſie es dennoch; wenn ſie für ihren Wein kein baares Geld gaben, waren ſie deßhalb weniger gut damit verſehen ? Nie war ein Tiſch mit ſo gutem Claret verſehen wie der des ehrlichen Rawdon; noch nie hatte es fröhlichere und zierlichere Diners gegeben; ſeine Ge⸗ ſellſchaftszimmer waren die hübſcheſten, kleinen, beſcheide⸗ nen Salons, die man ſich nur denken konnte: ſie waren von Rebekka mit dem größten Geſchmacke, und mit tau⸗ ſend Kleinen, netten Pariſer Artikeln ausgeſchmückt wor⸗ den: nd wenn fie an ihrem Pianoforte ſaß, und mit fröh⸗ lichem Herzen Lieder abträllerte, ſo konnte ein Fremder ſich in kin kleines Paradies volk häuslicher Behaglichkeit und Ruhe verſetzt wähnen, und es mußte derſelbe geſtehen, daß, wenn auch der Mann ziemlich einfältig, die Frau auf jeden Fall bezaubernd „und die Diners die angenehmſten von der Welt ſeien. Ihr Witz, ihre Geſcheidtheit und ihr leichtfertiges Maul brachte Rebekka bei einer gewiſſen Menſchenclaſſe in London gar hald en vogue. Man ſah vor ihrer Thüre beſcheidene Wagen, aus denen ſehr hoch geſtellte Leute ſtiegen. Man ſah im Park ihren Wagen von Dan⸗ ſchaften werden in den faſhionablen Zeitungsblättern mit 112 dies umringt, die in der faſhionablen Welt eine Rolle ſpielten. Die kleine Loge der dritten Gallerie des Opern⸗ hauſes war ſtets mit neuen Köpfen angefüllt; allein wir müſſen hier ausdrücklich bemerken, daß die Damen mit ihr Nichts zu ſchaffen haben wollten, und daß die Thüren verſelben unſerer kleinen Abenteurerin beharrlich verſchloſ⸗ ſen blieben. Was die Welt der weiblichen Faſhion, ſowie deren Sitten betrifft, ſo kann Schreiber dieſes natürlich bloß von Hörenſagen ſprechen. Ein Mann kann ſolche Myſte⸗ rien ebenſo wenig durchdringen oder verſtehen, als er wiſ⸗ ſen kann, wovon die Damen ſprechen, wenn ſie nach dem Diner ſich in den Salon zurückziehen. Nur wenn man lange und beharrlich nachforſcht, erhält man bisweilen Winke über dieſe Geheimniſſe; und in Folge eines ähnlichen Fleißes weiß Jever, der das Pflaſter von Pall⸗ Mall tritt, und die Clubs unſerer Metropole beſucht, ent⸗ weder aus eigener Erfahrung, oder durch die Vermitte⸗ lung eines Bekannten, mit dem er Billard ſpielt, oder ſpeist, Etwas von der vornehmen Londoner Welt, und erfährt er, daß, gleichwie es Männer (Rawdon Craw⸗ ley, deſſen Berhältniſſe wir ſo eben beſprochen, iſt ein Exemplar dieſer Gattung) gibt, welche in den Augen der unwiſſenden Welt, und vor den Leuten, die im Park ihre Lehrlingszeit erſtehen, und ſie dort mit den bekannteſten Dandies verkehren ſehen, eine gute Figur machen, ebenſo auch Frauen exiſtiren, die man vielleicht Männer⸗Frauen nennen könnte, da ſie von allen Herren eifrig geſucht, und von allen Frauen derſelben gemieden oder verachtet werden. Mrs. Firebrace gehörte zu dieſer Gattung; es iſt die Dame mit den prächtigen blonden Locken, die man jeden Tag, umgeben von den größten und berühmteſten Dandies dieſes Reiches, in Hyde Park ſehen kann. Mrg. Rockwood iſt eine andere Frau dieſer Art; ihre Geſell⸗ —— — 7———½ — 113 größter Ausführlichkeit beſchrieben, und man ſieht alle Arten von Geſandten und hohen Adeligen bei ihr ſpeiſen; und es ließen ſich noch gar manche Andere anführen, wenn ſie mit der uns gegenwärtig beſchäftigenden Geſchichte Etwas zu thun hätten. Während aber fimple Leute, die nicht zur feinen Welt gehören, oder Leute vom Lande, die für das vor⸗ nehme Leben einen Sinn haben, dieſe Damen an öffent⸗ lichen Orten in ihrer anſcheinenden Glorie erblicken, oder dieſelben aus der Ferne beneiden, könnten Perſonen, ſo beſſer unterrichtet ſind, ihnen ſagen, daß dieſe beneideten Damen ebenſo wenig Ausſicht haben, ſich in der „Geſell⸗ ſchaft“ eine Stellung zu verſchaffen, als die in der Dun⸗ kelheit und Finſterniß wandelnde Squiresfrau in Somer⸗ ſetſhire, die von all dieſen Dingen in der Morning Poſt liest. Leute, die in London leben, ſind mit dieſen furcht⸗ baren Wahrheiten nicht unvertraut. Man hoͤrt, wie un⸗ barmherzig manche Damen, die anſcheinend zu den reichen und hochgeſtellten gehören, von dieſer Geſellſchaft ausge⸗ ſchloſſen werden. Die wahnſinnigen Anſtrengungen, die ſie machen, um in dieſen Kreis zu dringen; die Gemeinheiten, die ſie ſich gefallen laſſen; die Beleidigungen, Demüthi⸗ Lungen und Kränkungen, denen ſie ſich ausſetzen, und die ſie geduldig hinnehmen, ſind ein Gegenſtand der Verwun⸗ derung für Solche, welche die Menſchen oder das weib⸗ liche Geſchlecht zum Gegenſtande ihres Studiums ma⸗ chen; und die Faſhion in ihren Noͤthen zu ſchildern, wäre ein herrliches Thema für einen Mann, der den Witz, die Muße, ſowie die Meiſterſchaft in Handhabung der engliſchen Sprache beſäße, die nothwendig find, wenn eine ſolche Geſchichte geliefert werden ſoll. Nun aber wollten die wenigen weiblichen Bekannten, mit denen der Zufall Mrs. Crawley auf dem Continente zuſamnengeführt hatte, ſie nicht allein nicht beſuchen, als ſie ſich wieder auf diefer Seite des Kanals befand, ſon⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. M. 8 — 114 dern ſie ignorirten ſie auch beharrlich, wenn ſie an öffent⸗ lichen Orten mit einander zuſammentrafen. Es war ein merkwürdiges Schauſpiel, wenn man ſo ſah, wie die gro⸗ ßen Damen ſie vergeſſen hatten, und ohne Zweifel gehörte dieſes Studium nicht eben zu den angenehmſten, die Re⸗ bekka machen konnte. Wenn Lady Bareacres ſie im Wartſaal des Opern⸗ hauſes traf, ſammelte ſie ihre Töchter um ſich, gleich als ob dieſelben durch eine Berührung mit Becky befleckt würden; ſodann pflegte ſich dieſelbe einige Schritte zu⸗ rückzuziehen, ſich vor ihre Töchter hinzuſtellen, und ihre kleine Feindin anzuſtarren. Um aber Becky durch ein ſtarres Anblicken aus der Faſſung zu bringen, war ein ſtrengerer Blick nothwendig, als der, den ſelbſt die kalte alte Bareacres aus ihren ſchrecklichen Augen hervorzu⸗ ſchießen vermochte. Wenn Lady de la Mole, die einige Dutzend Male zu Brüſſel an Becky's Seite geritten war, Mrs. Crawley's offenen Wagen in Hyde Park traf, war ihre Ladyſhip to⸗ tal blind, und es vermochte dieſelbe ihre frühere Freundin durchaus nicht mehr zu erkennen. Selbſt Mrs. Blenkinſop, die Bankiersfrau, ignorirte ſie in der Kirche. Vecky ging nämlich jetzt regelmäßig in die Kirche; und es war wirklich erbaulich, wenn man ſie, mit Rawdon an der Seite, und ein Paar großen ver⸗ goldeten Gebetbüchern unter dem Arme, in dieſelbe treten, und ſodann, anſcheinend mit dem größten Ernſte, die ganze Ceremonie durchmachen ſah. Rawdon ging anfänglich die Geringſchätzung, die man ſeiner Frau bewies, ſehr zu Herzen, und er wollte den Mißmuthigen und Wilden ſpielen. Er ſprach dabon, daß er die Männer und Brüder einer jeden der unver⸗ ſchämten Frauen, die der ſeinigen nicht die gehörige Ach⸗ tung erwieſen, fordern würde; und es bedurfte von Sei⸗ ten Becky's der flehentlichſten Bitten und der ſtärkſten 1¹⁵ Befehle, um ihn zum Einhalten eines anſtändigen Be⸗ nehmens zu bewegen. „Du kannſt mich ja nicht in die Geſellſchaft hinein⸗ ſchießen,“ ſagte Becky gutlaunig. „Du darfſt nicht ver⸗ geſſen, mein Lieber, daß ich eine bloße Gouvernante war, und Du, Du armer, alberner, alter Mann, haſt den ſchlimm⸗ ſten Ruf als Schuldenmacher, als Freund des Würfel⸗ ſpiels, und jeder Art von nichtsnutzigem Zeug. Wir wer⸗ den bald ſo viele Freunde bekommen, als wir brauchen, und mittlerweile mußt Du ein guter Junge ſein, und Dei⸗ ner Lehrerin in Allem folgen, was ſie Dich thun heißt. Erinnerſt Du Dich noch, in welcher Wuth Du warſt, als wir erfuhren, daß Deine Tante Pitt und deſſen Frau faſt Alles hinterlaſſen 2 Du würdeſt es ganz Paris erzählt haben, hätte ich Dich nicht zur Beſonnenheit ermahnt, und wo wäreſt Du um dieſe Stunde? — Im Schuldenge⸗ fängniſſe von St. Pélagie, und nicht in London in einem hübſchen Hauſe, und umgeben von jeder Bequemlichkeit des Lebens: — Du warſt in einer ſolchen Wuth, Du gottloſer Kain Du, daß Du Deinen Bruder morden woll⸗ teſt, und was hätte es uns genützt, wenn wir uns hãät⸗ ten unverſöhnlich zeigen wollen ? Alle Wuth von der elt kann uns das Geld Deiner Tante nicht verſchaffen; und es iſt weit beſſer, wenn wir mit der Familie Dei⸗ nes Bruders auf einem freundſchaftlichen Fuße bleiben, als wenn wir, in der Weiſe der dummen Butes, als Feinde auf⸗ treten. Wenn Dein Vater ſtirbt, ſo wird Queen's Craw⸗ ley für uns einen recht angenehmen Aufenthaltsort für den Winter geben. Sind wir ruinirt, ſo kannſt Du vor⸗ ſchneiden und über die Ställe die Aufſicht führen, wäh⸗ rend ich bei den Kindern der Lady Jane die Gouvernante mache. Ruinirt! Poſſen! Vorher verſchaffe ich Dir noch eine gute Stelle; oder aber ſtirbt Pitt ſammt ſeinem kleinen Jungen, und dann ſind wir Sir Rawdon und my Lady. So lange man noch lebt, iſt noch Hoffnung vor⸗ handen, mein Lieber, und ich will aus Dir noch Etwas 116 machen. Wer hat Dir Deine Pferde verkauft? Wer hat Dir Deine Schulden bezahlt?“ — Und Rawdon mußte zugeben, daß er alles Dieſes Niemand anders verdanke, als ſeiner Frau, und gelobte, daß er auch ferner ſich ihrer Führung anvertrauen würde. In der That kam, als Miß Crawleh das Zeitliche ſegnete, und das Geld, um das ihre ſämmtlichen Ver⸗ wandten ſich ſo heftig geſtritten hatten, am Enve Pitt zu⸗ fiel, Bute Crawley, der fand, daß er nur fünftauſend Pfund anſtatt der zwanzigtauſend erhalten, auf die er ge⸗ rechnet hatte, in eine ſolche Wuth, daß er die abſcheu⸗ lichſten Schimpfworte auf ſeinen Neffen häufte; und der Streit wurde immer heftiger, bis endlich alle Verbindung zwiſchen den beiden Familien abgebrochen wurde. Auf dieſe Weiſe legte ſeine Ehrwürden den Schmerz an den Tag, den ihm die Vereitelung ſeiner Hoffnungen verur⸗ ſachte. Das Benehmen Rawdon Crawley's dagegen, der nicht mehr als hundert Pfund erhalten hatte, war von der Art, daß ſein Bruder darüber erſtaunt, und ſeine Schwägerin davon ganz entzückt war. Letztere nämlich legte, ſchon vermöge ihrer Gemüthsanlage, gern freund⸗ liche Geſinnungen gegen ſämmtliche Glieder der Familie ihres Gatten an den Tag. Rawdon ſchrieb aus Paris einen ſehr offenen, mannhaften, gutlaunigen Brief an ſeinen Bruder. Es hieß darin, daß er durch ſeine Heirath die Gunſt ſeiner Tante ſelbſt verſcherzt; und obgleich er nicht umhin konnte, von der Härte, die ſie gegen ihn an den Tag gelegt, zu ſprechen, ſo drückte er doch ſeine Freude darüber aus, daß das Geld bei dem Zweige der Familie geblieben, dem ſie Beide angehörten, und beglückwünſchte ſeinen Bruder von ganzem Herzen wegen des Glückes, das ihm widerfahren. Zugleich gedachte er ſeiner Schwä⸗ gerin auf's Liebevollſte, und drückte, ſie freundlich grüßend, die Hoffnung aus, daß ſie Mrs. Crawley ihre Zuneigung ſchenken werde; und der Brief ſchloß mit einer Nachſchrift 7 117 an Pitt, welche von der Hand der zuletzt genannten Dame ſelbſt herrührte. Auch ſie, hieß es darin, fühle ſich ge⸗ drungen, ſich den Glückwünſchen ihres Mannes anzuſchlie⸗ ßen. Sie werde ſich immer der Güte erinnern, die Herr Crawley gegen ſie in früheren Zeiten an den Tag gelegt, wo ſie eine Waiſe ohne alle Freunde, wo ſie die Lehrerin ſeiner kleinen Schweſter geweſen, an deren Wohlergehen ſie immer noch den zärtlichſten Antheil nehme. Sie wünſche ihm alles Glück zu ſeiner Heirath, und drückte, während ſie ihn um Erlaubniß bat, ſich Lady Jane (von deren Güte ſie überall höre) empfehlen zu dürfen, die Hoffnung aus, daß es ihr einſt vergönnt ſein werde, ihren kleinen Jungen ſeinem Oheim und ſeiner Tante vorzu⸗ ſtellen, deren Zuneigung und Protection ſie für denſelben in Anſpruch zu nehmen ſich erlaube. Pitt Crawley nahm dieſen Brief ſehr gnädig auf — gnädiger, als Miß Crawley früher einige ſtyliſtiſche Verſuche Rebekka's, wozu Rawdon ſeine Hand geliehen, aufgenommen hatte; und was Lady Jane betrifft, ſo war ſie von dem Briefe ſo entzückt, daß ſie erwartete, es würde ihr Mann alsbald das Lon ſeiner Tante erhaltene Erbe in zwei gleiche Theile theilen, und die eine Hälfte ſeinem Bruder nach Paris ſchicken. Zum Erſtaunen ihrer Ladyſhip aber wollte Pitt ſei⸗ nem Bruder keine auf dreißigtauſend Pfund lautende An⸗ weiſung zugehen laſſen. Indeſſen bot er, — was ſchön von ihm war — Rawdon ſeine Hand an, für den Fall, daß derſelbe nach England käme, und dieſelbe annehmen wollte; und indem er Mrs. Crawley für die gute Mei⸗ nung, ſo ſie von ihm und Lady Jane hegte, dankte, ſprach er in gnädiger Weiſe ſeine Bereitwilligkeit aus, jede Ge⸗ legenheit zu ergreifen, wo er ihrem kleinen Knaben nütz⸗ lich ſein könnte. So wurde zwiſchen den heiden Brüdern beinahe eine vollſtändige Ausſöhnung herbeigeführt. Als Rebekka nach der Stadt kam, waren Pitt und 118 deſſen Frau nicht in London. Oſtmals fuhr ſie an der alten Thüre in Park Lane vorüber, um zu ſehen, ob ſie das Haus der Mrs. Crawley in Beſitz genommen hätten. Allein die neue Familie ließ ſich nicht blicken; nur durch Raggles hörte ſie von ihrem Thun und Laſſen — wie Miß Crawley's Domeſtiken mit anſtändigen Geſchenken verab⸗ ſchiedet worden, und wie Herr Pitt ſich nur ein einziges Mal in London gezeigt, wo er ſich einige Tage im Hauſe aufgehalten, daſelbſt mit den Advokaten Geſchäfte abge⸗ macht, und ſämmtliche franzöſiſche Romane der Miß Crawley an einen Buchhändler in Bond Street verkauft hätte. Becky hatte gute Gründe, um ſich nach dem Ein⸗ treffen ihrer neuen Verwandten zu ſehnen. „Wenn Lady Jane kommt,“ dachte ſie, „ſo ſoll ſie mich in die gute Londoner Geſellſchaft einführen; und was die Frauen⸗ zimmer betrifft, bah! — Die Frauenzimmer werden mich ſchon einladen, wenn ſie finden, daß die Männer meine Geſellſchaft wünſchen.“ 3 Für eine Dame in ſolcher Stellung iſt ihre Geſell⸗ ſchafterin ein eben ſo nothwendiger Artikel, wie ihr Broug⸗ ham oder ihr Bonquet. Ich habe ſtets die Art und Weiſe bewundert, wie die zarten Geſchöpfe, die vhne Sym⸗ pathie nie zu leben vermögen, eine ungemein häßliche Freundin wählen, von der ſie faſt unzertrennlich find. Der Anbllck eines ſolchen unvermeivlichen Frauenzimmers, wenn dieſelbe in ihrem ſchon längſt nicht mehr friſchen Kleide hinter ihrer Freundin in der Opernloge ſitzt, oder den Rückſitz in der Barouche einnimmt, iſt für mich ſtets ein moraliſcher und zuträglicher, — ein eben ſo luſtiger Mahner, wie der Anblick des Todtenkopfes, der bei den Gaſtmählern ägyptiſcher Bonvivants ſigurirte — ein ſelt⸗ 1¹9 hnes ſarboniſches Denkmal auf dem Jahrmarkte des ebens. Wie? — ſelbſt die ſchon ſo arg mitgenommene, ausgeſchämte, ſchöne, gewiſſenloſe, herzloſe Mrs. Firebrace, deren Vater an ihrer Schande ſtarb; ſelbſt die liebens⸗ würdige, kühne Mrs. Mantrap, die über irgend einen Zaun wegreitet, über den es Jemand in England einfallen mag, zu ſetzen, und die mit ihren Grauſchimmeln im Park ſpazieren fährt, während ihre Mutter noch jetzt in Bath einen Höckerkram hat; — ſelbſt diejenigen, die ſo frech ſind, daß man ſich einbilden könnte, ſie ſcheuten ſich vor Nichts, dürfen es nicht wagen, ohne eine Freundin vor die Welt zu treten. Sie müſſen eine Perſon haben, an die ſie ſich anklammern können „die liebevollen Ge⸗ ſchöpfe. Auch kann man ſie wohl kaum an einem oͤffent⸗ lichen Orte ſehen, ohne daß eine Geſellſchafterin, in einem gefärbten, abgeſchoſſenen ſeidenen Kleide, dicht hinter ihnen im Schatten ſitzt. „Rawdon,“ ſagte einſt Becky ſehr ſpät Abends, als eine Geſellſchaft von Gentlemen um ihr praſſelndes Feuer herumſaß; (denn die Männer kamen in ihr Haus, um die Nacht vollends todt zu ſchlagen; und ſie hatte für ſie Eis und Kaffee von der beſten Quglität, die in Lon⸗ don zu haben war;) „ich muß einen Schäferhund haben.“ . „Was mußt Du haben?“ ſagte Rawdon, von einem Erarts⸗Tiſche aufblickend. „Einen Schäferhund,“ ſagte der junge Lord South⸗ down. „Meine liebe Mrs. Crawley, was haben Sie da für einen Einfall! Warum wollen Sie nicht lieber eine däniſche Dogge haben ? Ich weiß eine, die, beim Zeus, faſt ſo groß iſt, wie eine Giraffe. Sie könnte faſt Ihren Brougham ziehen. Oder einen perfiſchen Windhund, he? Gch proponirez) oder ein Möpschen, das in eine von — —,— Lord Steyne's Schnupftabaksdoſen gehen könnte 2 Es iſt n Bayswater ein Mann, der ein ſolches Möpschen beſitzt, 120 und daſſelbe hat eine Naſe, an der man (— ich markire den König, und ſpiele —) einen Hut aufhängen kann.“ „Ich markire den Stich,“ ſagte Rawdon ernſt; denn er gab gewöhnlich auf ſein Spiel Acht, und miſchte ſich wenig in die Unterhaltung, außer wenn von Pferden und Wetten die Rede war. „Was in aller Welt wollen Sie mit einem Schäfer⸗ ſi anfangen?“ fuhr der lebhafte kleine Southdown ort. „Ich meine einen moraliſchen Schäferhund,“ ſagte Becky lachend, und Lord Steyne anblickend. „Was, zum Teufel, iſt das?“ ſagte ſeine Lord⸗ ſchaft. „Ein Hund, um die Wölfe von mir abzuhalten,“ fuhr Rebekka fort. „Ein Hund, der bei mir die Stelle einer Geſellſchaftsdame vertreten ſoll.“ „Liebes, kleines, unſchuldiges Lamm, Sie brauchen einen,“ ſagte der Marquis; und ſein Kinnbacken drängte ſich noch mehr hervor, und er fing an, ſcheußlich zu grin⸗ ſen, wobei ſeine Aeuglein auf Rebekka hinſchielten. Der große Lord von Steyne ſtand bei dem Feuer, und ſchlürfte Kaffee. Das Feuer praſſelte und brannte luſtig. Um das Kaminfims her funkelten ein Paar Dutzend Lichter, in allen Arten zierlicher Leuchter von vergoldeter Bronze und vergoldetem Porcellan. Sie beleuchteten die Figur Rebekta's zum Verwundern gut, als ſie ſo auf ei⸗ nem Sopha, deſſen Zeug voll prächtiger Blumen war, ſaß. Sie hatte ein Roſa⸗Kleid an, das ſo friſch, wie eine ſo eben gepflückte Roſe war; ihre blendend weißen Arme und Schultern waren von einer dünnen helartigen Gaze bedeckt, durch die ſie hindurchſchimmerten; ihr Haar hing in Locken an ihrem Halſe hinab; eines ihrer Füßchen guckte aus den friſchen, krauſen Falten der Sekde hervor: das hübſcheſte Füßchen, in dem hübſcheſten Schühchen, und im feinſten Seidenſtrumpfe von der Welt. Die Lichter beleuchteten Lord Steyne's vn 121¹ kahles Haupt, das von rothen Haaren ringsum beſetzt war. Er hatte dicke, buſchige Augenbrauen, nebſt kleinen funkelnden blutunterlaufenen Augen, die von tauſend klei⸗ nen Falten umgeben waren. Sein Kinnbacken ſtand her⸗ vor, und wenn er lachte, ſo kamen zwei weiße Fangzähne zum Vorſchein, die inmitten ſeines Grinſens wild gleiß⸗ ten. Er hatte mit Perſonen von der königlichen Familie geſpeist, und trug ſeinen Hoſenbandorden, ſowie das breite Ordensband. Seine Lordſchaft war ein kleiner Mann, breitbrüſtig, und mit Säbel⸗Beinen verſehen, allein ſtolz auf den ſchönen Fuß und das ſchone Knöchel; wobei noch zu bemerken iſt, daß ſeine Lordſchaft ſich ſtets mit dem zu ſchaffen machte, an dem der Hoſenbandorden ſich efand. „Es kann alſo der Schäfer,“ ſagte er, „ſein Lämm⸗ chen nicht allein beſchützen ?“ „Der Schäfer ergibt ſich zu ſehr dem Kartenſpiele, geht zu gern in ſeine Clubs,“ antwortete Becky achend. „Gott, welch' debauchirter Corydon!“ ſagte my Lord — „was für ein Mund für eine Hirtenflöte“ „Ich nehme Ihre drei gegen zwei an,“ ſagte hier Rawdon am Spieltiſche. „Hören Sie den Meliböus,“ brummte der edle Mar⸗ quis; „auch liegt er gegenwärtig einem Geſchäfte ob, das einem Schäfer wohl anſteht; er ſchiert einen South⸗ down. Welch' ein unſchuldiger Schöps, he Zum Hen⸗ ker, welch' ſchneeweißes Vließ!“ Rebekka's Augen ſchoſſen Strahlen höhniſchen Hu⸗ mors. „My Lord,“ ſagte ſie, „Sie ſind ein Ritter von dieſem Orden.“ Er hatte in der That den Orden vom goldenen Pließe — ein Geſchenk der wieder in ihre Rechte einge⸗ ſetzten Prinzen von Spanien — am Halſe hängen. Lord Steyne war in ſeiner Jugend wegen ſeiner Kähnheit und ſeines Glückes im Spiele bekannt geweſen. Er hatte einmal mit Herrn For zwei Tage und zwei Nächte hinter einander beim Hazard⸗Spiel geſeſſen. Er hatte den höchſten Perſonen des Reiches Geld abgewon⸗ nen: er hatte, wie man ſagte, am Spieltiſche ſein Mar⸗ quiſat gewonnen; allein er hörte nicht gerne Anſpielun⸗ gen auf dieſe fredaines aus ſeiner Jugendzeit. Rebekka ſah, wie ſich über ſeine düſtere Stirne hin Runzeln bildeten. Sie ſtand von ihrem Sopha auf, ging auf ihn zu, und nahm mit einem leichten Knickſe die Kaffeetaſſe aus ſeiner Hand. „Ja,“ ſagte ſie, „ich muß mir einen Schäferhund anſchaffen. Allein Sie wird er nicht anbellen.“ Hierauf ging ſie in das andere Geſellſchaftszimmer, ſetzte ſich an das Pianoforte, und fing an, mit ſo bezau⸗ bernder, zum Herzen dringender Stimme kleine franzöfiſche Lieder zu ſingen, daß der umgeſtimmte Edelmann ihr raſch in dieſes Zimmer nachfolgte, wo man hätte ſehen können, wi er kopfnickend, und ſich über ſie neigend den Takt an⸗ gab. Rawdon ſpielte mittlerweile mit ſeinem Freunde Ecarté, bis ſie genug hatten. Der Oberſt gewann; mochte er aber auch noch ſo viel und noch ſo oft gewin⸗ nen, ſo mußten doch wohl ſolche Nächte, wie ſie in der Woche oft vorkamen — da man mit ſeiner Frau allein ſprach, und dieſelbe allein bewunderte, während er ſchwei⸗ gend außerhalb des Kreiſes ſaß, und keine Silbe von den Scherzen, von den Anſpielungen, und der mhſtiſchen Sprache innerhalb deſſelben verſtand — für den Er⸗Dragoner etwas ermüdend ſein. „Wie befindet ſich Mrs. Crawley's Mann?“ pflegte Lord Steyne, anſtatt des gewöhnlichen Grußes, zu ihm zu ſagen, wenn ſie mit einander zuſammen trafen; und in der That war dieß jetzt der Beruf ſeines Lebens. Er 123 war nicht mehr Oberſt Crawley. Er war Mrs. Craw⸗ ley's Mann. — — * Wenn bis daher über den kleinen Rawdon noch Nichts geſagt worden, ſo rührt dieß daher, weil er irgend⸗ wo in einer Dachſtube ſteckt, oder in die Küche hinab gekrochen iſt, um ſich dort Geſellſchaft zu ſuchen. Seine Mutter kümmerte ſich um ihn faſt gar nicht. Er brachte die Tage bei ſeiner franzöfiſchen Bonne zu, ſo lange die⸗ ſelbe bei der Crawley'ſchen Familie blieb, und als die Franzöſin wegging, erbarmte ſich des kleinen Kerls, der in der Einſamkeit der Nacht heulte, ein Hausmädchen, das ihn aus ſeiner einſamen Ammenſtube in ihr Bett daranſtoßenden Dachſtübchen nahm, und ihn röſtete. Rebekka, my Lord Steyne, und noch ein Paar Her⸗ ren befanden ſich eines Abends nach der Oper im Ge⸗ ſellſchaftszimmer, und tranken Thee, als ſich dieſes Ge⸗ ſchrei über ihren Köpfen vernehmen ließ. „Es iſt mein Cherub, der nach ſeiner Amme ſchreit,“ ſagte ſie. Dabei blieb ſie ruhig ſitzen, und machte keine Anſtalt, nach dem Knaben zu ſehen. „Regen Sie ſich doch nicht auf, indem Sie nach ihm ſehen,“ ſagte Lord Steyne ſardoniſch. „Bah!“ erwiederte die Andere, beinahe erröthend, „er wird ſo lange ſchreien, bis er darüber einſchläft.“ Und nun ſprach man wieder über die Oper. Rawdon hatte ſich indeſſen fortgeſtohlen, um nach ſeinem Sohne und Erben zu ſehen, und kam zurück, als er fand, daß die ehrliche Dolly das Kind tröſtete. Das Ankleidezimmer des Oberſten befand ſich in dieſen obern Regionen des Hauſes. Dort pflegte er den Knaben in⸗ geheim zu ſehen. Jeden Morgen ſahen ſie einander, wenn der Oberſt ſich rafirte; während dieſer Operation ſetzte ſich Rawdon junior auf eine Kiſte neben ſeinen Vater, und ſah ihm mit nie endendem Vergnügen zu. Er und der Vater waren große Freunde. Der Vater pflegte ihm vom Deſſert⸗Confect mitzubringen, und daſſelbe in einem gewiſſen alten Epaulettenkäſtchen zu verbergen, wo das Kind darnach ſuchte, und wenn es den Schatz fand, vor Freude lachte: lachte, aber nicht allzu laut; denn Mama ſchlief unten, und durfte nicht geſtoͤrt werden. Sie ging erſt ſehr ſpät zu Bette, und ſtand ſelten vor Mittag auf. Rawvon kaufte dem Knaben eine Menge Bilder⸗ bücher, und pfropfte ſeine Ammenſtube mit Spielſachen an. Die Wände des Zimmers waren mit Bildern überdeckt, die ſein Vater mit eigener Hand angeklebt, und für baa⸗ res Geld gekauft hatte. Wenn der ältere Rawdon bei Mrs. Rawdon im Park keinen Dienſt hatte, ſo ging er in dieſes Zimmer hinauf, und brachte dort Stunden bei dem Knaben zu, der ihm auf die Bruſt ſaß, und an ſei⸗ nem großen Schnurrbarte zerrte, als ob derſelbe ein Zü⸗ gel wäre, — und auf dieſe Weiſe brachte der Vater ganze Tage bei dem Sohne zu, ohne der Sprünge und Spiele müde zu werden. Das Zimmer war niedrig, und einſt — das Kind war noch keine fünf Jahre alt — ſtieß der Vater, der es in die Höhe ſchlenkerte, den Schädel des armen kleinen Burſchen ſo heftig gegen die Zimmer⸗ vecke, daß er ihn beinahe fallen ließ; ſo groß war der Schreck, den ihm der Unfall einflößte. Rawdon junior hatte bereits ſeinem Geſichte den⸗ jenigen Ausdruck gegeben, der einem entſetzlichen Gebrüll voranzugehen pflegt — und wir müſſen ſagen, daß die Heftigkeit des Stoßes ihm allerdings ein Recht auf dieſes Vergnügen gab; allein eben als er anfangen wollte, legte ſich der Vater in's Mittel. „Um's Himmelswillen, Rawdy, weck' Mama nicht auf,“ rief er. und das Kind blickte ſeinen Vater in ſehr harter —,—,— 12⁵5 und erbarmungswürdiger Weiſe an, biß ſich in die Lip⸗ pen, ballte die Fäuſtchen, und ſchrie ganz und gar nicht. Rawdon erzählte die Geſchichte in den Clubs, am Offizierstiſche, in der ganzen Stadt. „Bei Gott, Sir,“ ſagte er zum großen Publikum, „welch' mannhafter und couragirter Burſche mein Knabe iſt — er iſt ein wahrer Matador! Ich ſtieß ſeinen Kopf halb durch die Decke, bei Gott, und er wollte nicht ſchreien, aus Furcht, ſeine Mutter zu ſtören.“ Bisweilen — ein oder zwei Male in der Woche — beſuchte letztere Dame die oberen Regionen, wo das Kind ſich aufhielt. Sie kam, wie eine belebte Figur, aus dem Magasin des Modes, und lächelte hold in den präch⸗ tigſten neuen Kleidern, und Handſchuhen, und Stiefelchen. Wundervolle Schärpen, Spitzen, und Juwelen ſchimmer⸗ ten und glitzerten an ihrer Perſon. Sie hatte ſtets einen neuen Hut auf: und ſtets blüheten Blumen darauf: oder aber war derſelbe mit prächtigen, krauſen Straußenfedern, ſo weich und ſchneeweiß, wie Camellias, geſchmückt. Zwei oder drei Male nickte ſie dann dem kleinen Knaben, der von ſeinem Eſſen, oder von den Soldatenbildern, die er eben illuminirte, aufblickte, in ächter Gonnerweiſe zu. Wenn ſie das Zimmer verließ, blieb in der Ammenſtube, ſowie in deren Umgebung ſtets ein Roſenduft, oder irgend ein anderer magiſcher Wohlgeruch zurück. In den Augen des Knaben war ſeine Mutter ein überirdiſches Weſen — ein Weſen, das über ſeinem Va⸗ ter, ja über der ganzen Welt ſtand: ein Weſen, das nur aus ehrfurchtsvoller Ferne verehrt und bewundert werden durfte. Mit dieſer Dame auszufahren, war für ihn eine hehre Ceremonie; er ſaß dabei auf dem Rückſitze, und wagte kein Wort zu ſprechen, und ſah bloß, ohne ein Auge zu verwenden, die prächtig gekleidete Prinzeſſin an, die ihm gegenüber ſaß. Herren, auf prächtigen, ſich bäu⸗ menden Pferden, kamen dann herangeritten, und lächelten, und ſprachen mit ihr. Wie ſtrahlten und blitzen da ihre 126 Augen auf Alle hin! Ihre Hand pflegte zu zittern, und eine grazisſe Bewegung zu machen, wenn dieſelben vor⸗ überritten. Wenn er mit ihr ausfuhr, hatte er ſein neues rothes Kleid an. Sein altes von brauner Leinwand war dagegen gut genug, wenn er zu Hauſe bleiben mußte. Bisweilen ₰ kam er in das Zimmer ſeiner Mutter, wenn dieſelbe fort war, und Dolly, ſeine Bonne, ihr Bett machte. Da er⸗ ſchien ihm dann immer das Schlafzimmer ſeiner Mutter als der Aufenthaltsort einer Fee — als ein myſtiſcher Ort des Glanzes und der Wonne. Dort in der Garde⸗ robe hingen die wundervollen Kleider — die roſafarbenen, die blauen, die bunten. Dort ſtand das Juwelenkäſichen mit ſeinen ſilbernen Zierathen: und die myſtiſche Bronze⸗ hand auf dem Ankleidetiſche, an der hundert Ringe glänz⸗ ten. Dort befand ſich der Pſycheſpiegel, jenes Wunder⸗ werk der Kunſt, worin er gerade noch ſeinen eigenen, Verwunderung ausdrückenden Kopf, ſowie den Refler der „ die Kiſſen des Bettes ſchlagenden und glatt ſtreichenden Dolly (ſeltſam verzerrt, und wie von der Decke herkom⸗ mend) ſehen konnte. Ach, Du armer, einſamer, kleiner, in der Finſterniß 0 wandelnder Knabe! Mutter iſt auf den Lippen und in den Herzen kleiner Kinder der Name für Gott; und hier war eines, das einen Stein anbetete! Nun aber waren im Herzen Rawdon Crawley's, ſo ſchurkiſch auch der Oberſt ſonſt ſein mochte, noch nicht alle Gefühle der Liebe erſtorben, und es konnte derſelbe immer noch ein Kind und ein Weib lieben. So hatte er denn auch zu Rawdon junior ingeheim eine große Zu⸗ neigung, und ſeine Zärtlichkeit entging Rebekka nicht, ob⸗ gleich ſie mit ihrem Manne nicht darüber ſprach. Es verurſachte ihr keinen Aerger: ſie war zu gutmäthig dazu. Nur vermehrte dieſer Umſtand die Verachtung, die ſie bereits gegen ihn hegte. Er aber ſchämte ſich einiger⸗ maßen dieſer väterlichen Weichherzigkeit, verbarg ſie vor 127 ſeiner Frau, und überließ ſich derſelben nur dann, wenn er allein bei dem Knaben war. Er pflegte ihn Morgens auszuführen, und beſuchte da mit ihm die Ställe und den Park. Der kleine Lord Southdown, der gutmüthigſte aller Menſchen, der Einem ſeinen Hut vom Kopfe wegſchenkte, und deſſen vornehm⸗ ſtes Lebensgeſchäft es war, allerlei Schmuck⸗ und Spiel⸗ ſachen zu kaufen, um dieſelben ſpäter wieder weggeben zu können, kaufte dem kleinen Jungen einen Pony, nicht viel größer, als eine große Ratte, wie der Geber ſagte, — und auf dieſen kleinen ſchwarzen ſhetländiſchen Pygmäen ſetzte des jungen Rawdon's großer Vater mit vieler Wonne den Knaben, und ſchritt an ſeiner Seite im Park einher. Es freute ihn, ſein altes Quartier, ſowie ſeine alten Kameraden zu Knightsbridge zu ſehen: er hatte angefan⸗ gen, mit einem, an Bedauern grenzenden Gefühle an ſei⸗ nen Junggeſellenſtand zurückzudenken. Die alten Soldaten waren ihrerſeits erfreut, ihren alten Offizier wieder zu Geſichte zu bekommen, und den kleinen Oberſten auf den Armen und Knien zu ſchaukeln. Oberſt Crawley ſelbſt fand es ſehr angenehm, am Offizierstiſche und in der Geſellſchaft ſeiner Kameraden zu ſpeiſen. „Zum Henker, ich bin für ſie nicht geſcheidt genug — ich weiß es. Sie wird mich nicht vermiſſen,“ pflegte er zu ſagen. Und er hatte vollkommen Recht: ſeine Frau vermißte ihn nicht. Rebekka hatte ihren Mann gern. Sie war ſtets durchaus gutlaunig und freundlich gegen ihn. Sie zeigte ſogar die Verachtung, die ſie gegen ihn hegte, nicht ſehr; vielleicht hatte ſe ihn darum nur um ſo lieber, weil er ein einfältiger Menſch war. Er war ihr oberſter Diener und maitre d'hötel. Sie ſchickte ihn aus, um durch ihn ihre Geſchäfte beſorgen zu laſſen: er gehorchte ihren Befehlen ohne Murren; fuhr mit ihr im Rondell herum, 128 ohne ſich zu beklagenz führte ſie in ihre Opernloge; trö⸗ ſtete und labte ſich in ſeinem Club während der Vor⸗ ſtellung; und kam pünktlich zur angegebenen Stunde zu⸗ rück, um ſie abzuholen. Es würde ihm Freude gemacht haben, wenn ſie gegen den Kleinen etwas zärtlicher ge⸗ weſen wäre; allein auch damit ſohnte er ſich aus. „Zum Henker, Sie wiſſen, ſie iſt ſo geſcheidt,“ pflegte er zu ſagen; „und es geht mir die höhere Bildung ab, u. ſ. f., wie Sie wiſſen.“ Denn es iſt, wie bereits von uns ge⸗ ſagt worden, nicht viel Weisheit erforderlich, um im Kar⸗ ten⸗ und Billardſpiele zu gewinnen, und auf eine andere Art von Geſchicklichkeit machte Rawdon keinen Anſpruch. Als die Geſellſchafterin kam, wurden ſeine häuslichen Pflichten ſehr leicht. Seine Frau forderte ihn auf, außer dem Hauſe zu ſpeiſen; ja, er hatte nun auch im Opern⸗ hauſe keinen Dienſt mehr zu thun. t „Bleib' doch heute Abend nicht zu Hauſe, um Dich ba zu langweilen, mein Lieber,“ pflegte ſie zu ſagen. „Es kommen einige Männer, die Dir nur Langweile verurſa⸗ chen werden. Ich würde ſie nicht eialaden, allein Du weißt, daß es zu Deinem Beſten iſt, und ſeitdem ich einen Schäferhund habe, brauche ich mich ja nicht mehr zu fürchten, wenn ich allein bin.“ „Ein Schäferhund — zu einer Geſellſchaftsdame! Becky Sharp mit einer Geſellſchafterin! Iſt das nicht ein capitaler Spaß?“ dachte Mrs. Crawley bei ſich ſelbſt. Dieſer Gedanke kitzelte ihren humoriſtiſchen Sinn nicht wenig. Eines Sonntags Morgens, als Rawdon Crawleh, ſein kleiner Sohn, und der Ponh, im Park ihre gewöhn⸗ lichs Ereurſion machten, kamen ſie an einem alten Be⸗ kannten des Oberſten, an Corporal Clink, von ſeinem Regimente, vorüber. Der Corporal ſprach mit einem Freunde, einem alten Herrn, der einen Knaben, etwa vom Alter des kleinen Rawdon, in den Armen hielt. Dieſer andere kleine Junge hatte die Waterlov⸗Medaille, die der 129 Corporal trug, in die Hand genommen, und muſterte dieſelbe mit vielem Entzücken. . „Guten Morgen, Ew. Ehren,“ ſagte Clink, in Er⸗ wiederung des vom Oberſten geſprochenen; „Wie geht es, Clink?“ „Dieſer junge Herr da iſt etwa ſo alt, wie der kleine berſt, Sir,“ fuhr der Corporal fort. „Sein Vater iſt auch in der Schlacht von Waterlov geweſen,“ ſagte der alte Herr, der den Knaben trug. „Iſt's nicht ſo, Georgy?“ „Ja,“ ſagte Georgy. Und er, und der kleine Kerl auf dem Ponh ſahen einander ſo ſcharf an, als ſie nur konnten, und muſterten einander feierlich, wie Kinder zu thun pflegen. „Er ſtand bei einem Linienregimente,“ ſagte Clink . mit einer Gönnermiene. „Er war Capitän heim — ſten Regimente,“ ſagte der alte Herr ziemlich pompös. „Capitän George Os⸗ borne, Sir — vielleicht haben Sie ihn gekannt? Er ſtarb den Heldentod, Sir, indem er gegen den korſiſchen hrannen kämpfte.“ Oberſt Crawley wurde über und über roth. „Ich habe ihn recht gut gekannt, Sir,“ ſagte er, vund ſeine Frau, ſeine liebe kleine Frau, Sir — wie geht es ihr?“ „Sie iſt meine Tochter, Sir,“ ſagte der alte Herr, den Knaben ſchnell niederſetzend, und mit großer Feier⸗ lichkeit eine Karte herausziehend, die er dem Oberſten überreichte. Es ſtand darauf: — Herr Sedley, Alleiniger Agent der Schwarzdiamant⸗ und Antiaſchen ⸗ Kohlengeſellſchaft, Bunker's Wharf, Thames Street, und Anna⸗Maria Cottages, Fulham vad Weſt. — . Der kleine Georgy ging auf den ſhetländiſchen Pony zu, und ſchaute denſelben an. Der Jahrmarkt des Lebens. M. 9 „Hätteſt Du vielleicht Luſt, darauf zu reiten?“ ſagte Rawdon Minor vom Sattel herab. „Ja,“ ſagte Georgy⸗ Und'der Oberſt, der ihn mit einigem Intereſſe an⸗ geſehen hatte, hob den Jungen hinauf, und ſetzte ihn auf den Pony, hinter Rawdon Minor. 5 Halt' Dich an ihm, Georgy,“ ſagte er — „Nimm meinen kleinen Knaben um den Leib — er heißt Raw⸗ 1. don — 4. Und beide Kinder ſingen an, zu lachen. „Sie werden wohl, denke ich, an dieſem Sommer⸗ tage kein ſchöneres Paar zu Geſichte bekommen, Sir,“ ſagte der gutmüthige Corporal. Und der Oberſt, der Corporal, und der alte Herr Sedley, mit ſeinem Regenſchirme, ſchritten neben den Kindern einher. Achtunddreißigſtes Rapitel. Eine Familie, bei der es ſehr knapp hergeht. nun annehmen, daß der kleine George Osborne von Knightsbridge weg nach Fulham zugeritten iſt, und in dieſem Dorfe anhalten, um uns nach einigen Freunden zu erkundigen, die wir dort zurückgelaſſen haben. Wie geht es Mrs. Amalie nach dem Sturme von Wa terloo Iſt ſie noch am Leben, und geht es ihr gut? Was iſt aus Major Dobbin geworden, deſſen Cabriolet ſo fleißig ihren Aufenthaltsort aufſuchte? Und weiß man Etwas vom Steuereinnehmer von Boggley Wollah? Wir müſſen 131 Was wir von Letzterem wiſſen, wollen wir in Fol⸗ gendem kurz berichten: Unſer würdiger dicker Freund, Joſeph Sedley, kehrte nicht lange nach ſeiner Flucht aus Brüſſel nach Indien zurück. Entweder war ſein Urlaub abgelaufen, oder aber befürchtete er mit Zeugen ſeiner Waterloo⸗Flucht zuſam⸗ men zu treffen. Wie dem nun auch ſein mag, er kehrte ganz kurze Zeit, nachdem Napoleon ſeinen Wohnſitz zu St. Helena aufgeſchlagen hatte, wo Jos den Erkaiſer ſah, nach Bengalen zurück, um dort ſeinen Dienſtpflichten nachzukommen. Wer den Herrn Sedley am Bord des Schiffes ſpre⸗ chen hoͤrte, hätte aus den Reden deſſelben ſchließen können, daß er nicht zum erſten Male mit dem Korſen zuſammen⸗ getroffen, und daß der Civiliſt dem franzoſiſchen General bei Mont Saint Jean die Zähne gewieſen. Jos wußte tauſend Anekdoten über die berühmten Schlachten zu er⸗ zählen; er kannte die Stellung jedes Regiments, ſowie die Verluſte, die jedes erlitten. Er läugnete keinen Augen⸗ blick, daß er bei dieſen Siegen betheiligt, daß er bei der Armee geweſen ſei, und für den Herzog von Wellington Depeſchen überbracht habe. Auch beſchrieb er Alles, was der Herzog in jedem erdenklichen Augenblicke am Tage der Schlacht von Wa⸗ terlvo that und ſprach, und Jos entwickelte dabei eine ſo genaue Kenntniß der Geſinnungen und Gefühle, ſowie des ganzen Thuns und Treibens Seiner Gnaden, daß es offen⸗ bar war, daß derſelbe den ganzen Tag über an der Seite des Siegers geweſen ſein müſſe, obgleich ſein Name, als der eines Nichtcombattanten, in den oͤffentlichen Doeu⸗ menten, die von der Schlacht ſprachen, nicht erwähnt war. Vielleicht hrachte er es nach und nach dahin, daß er ſelbſt glaubte, er habe bei der Armee geſtanden. So viei iſt auf jeden Fall gewiß, daß er einige Zeit lang zu Caleutta ungeheuer viel Aufſehen machte, und während 132 ſeines ganzen übrigen Aufenthaltes in Bengalen nur Wa⸗ terloo⸗Sedley genannt wurde. Die Wechſel, die Jos beim Ankaufe der unglückſeli⸗ gen Pferde an die Verkäuferin ausgeſtellt hatte, wurden von ihm und ſeinen Agenten richtig bezahlt. Nie hörte man ihn auf dieſen Handel anſpielen, und Niemand weiß zuverläſſig, was aus den Pferden wurde, — oder wie er derſelben, oder Iſidor's, ſeines belgiſchen Bedienten, ledig wurde, welch' Letzterer zu Valenciennes, im Laufe des Herbſtes 1815, einen Schimmel verkaufte, der demjenigen ſehr ähnlich war, ſo Jos ritt. Jos' Agenten in London hatten die Weiſung, an ſeine Eltern zu Fulham jährlich einhundert und zwanzig Pfund auszuzahlen. Dieß war die vornehmſte Hülfs⸗ quelle des alten Paares; denn die Spekulationen, die Herr Sedley nach ſeinem Bankerotte unternahm, trugen keineswegs dazu bei, dem tiefgebeugten und bankerotten alten Herrn wieder aufzuhelfen. Er verſuchte es mit dem Weinhandel, mit dem Kohlenhandel, verkaufte Lotterie⸗ Billets u. ſ. w. u. ſ. w. So oft er ein neues Geſchäft anfing, ſchickte er an ſeine Freunde Proſpekte, und ließ ein neues meſſingenes Schild an ſeine Thüre machen, und ſprach in pompoſem Tone davon, wie er noch einmal ein reicher Mann werden würde. Allein das Glück ſuchte den armen ſchwachen alten Mann nicht mehr auf. Seine Freunde ſielen, einer nach dem andern, von ihm ab, und waren es müde, ihm theure Kohlen, und ſchlechten Wein abzukaufen; und auf der ganzen Welt glaubte nur noch eine Perſon, daß der alte Mann in der City Geſchäfte mache, wenn er Morgens dahin wankte, — und dieſe eine Perſon war ſeine Frau. Abends kam er langſam zurück, und vielleicht wäre es richtiger, zu ſagen, er ſei zurückgekrochen; dann ging er in eine kleine Geſellſchaft, die ſich in einem Wirthshauſe verſammelte, und verfügte dort über die Fi⸗ nanzen der Nation. Es war etwas Wunderbares, ihn ſo — 133 von Millionen, und Agios, und Diskontos, ſowie von den Unternehmungen Rothſchilds, und der Gebrüder Baring ſprechen zu hören. Der alte Herr ſprach da immer von ſo ungeheuern Summen, daß die zur Geſellſchaft gehörenden Herren (der Apotheker, der Leichenbeſorger, der Zimmermann und Baumeiſter, der Käſter der Pfarrkirche, der verſtohlener Weiſe kommen durfte, und Herr Clapp, unſer alter Be⸗ kannter) einen gewaltigen Reſpekt vor ihm bekamen. „Ich war einmal in beſſeren Umſtänden, Sir,“ pflegte er zu Jedem zu ſagen, der in die Geſellſchaft kam. „Mein Sohn, Sir, iſt in dieſem Augenblicke erſter Beamter von Ramgunge in der Präſidentſchaft Bengalen, und nimmt ſeine vier tauſend Rupien per Monat ein. Meine Tochter könnte Frau Oberſtin ſein, ſobald ſie wollte. Ich könnte auf meinen Sohn, den erſten Beamten, Sir, morgen einen Wechſel von zweitauſend Pfund ziehen, und Alerander würde mir, Sir, auf der Stelle den Betrag auszahlen, Sir. Allein die Sedleys ſind ſtets eine ſtolze Familie geweſen.“ Du und ich, verehrter Leſer, können auch einmal in eine ſolche Lage kommen; denn iſt es nicht vielen unſerer Freunde ſo ergangen? Unſer Glück kann ſich wenden: unſere Kräfte können uns verlaſſen: unſere Stelle auf den Brettern kann von beſſeren und jüngeren Mimen ein⸗ genommen werden: die Wille des Lebens kann wegrollen, und uns zerſchmettert oder beſchädigt auf dem Strande zurücklaſſen. Dann werden die Leute über die Straße weg⸗ ſchreiten, wenn ſie uns treffen — oder, was noch ſchlim⸗ mer iſt, uns ein Paar Finger hinſtrecken, und uns mit der Miene des Mitleids patroniſiren: — dann wird es geſche⸗ hen, daß, ſobald wir den Rücken gewendet, unſer Freund anfängt, zu ſagen: „Der arme Teufel! welche Thorhei⸗ ten hat der Kerl doch begangen, und welche glückliche Chancen hat er unbenützt gelaſſen!“ Nun, nun — eine Equipage mit einem jährlichen 134 Einkommen von dreitauſend Pfund iſt nicht der hoöchſte Lohn, noch das Endurtheil Gottes über einen Menſchen. Wenn Quackſalber ebenſo oft proſperiren, als ſie zum Teufel gehen — wenn Gaukler Glück machen und Spitz⸗ buben zu Vermögen kommen, und, vice versa, ihren Glücks⸗ und Unglücksantheil ebenſo gut haben, wie die Geſchickteſten und Ehrlichſten unter uns, ſo können, ſage ich Dir, Bruder, die Gaben und Freuden des Jahrmark⸗ tes des Lebens nicht gar hoch angeſchlagen werden, und wahrſcheinlich ſind . Doch wir kommen von der uns hier beſchäftigenden Geſchichte ab. Wäre Mrs. Sedley eine Frau von Energie geweſen, ſo würde dieſelbe nach dem Ruin ihres Mannes bewieſen, und etwa ein großes Haus gemiethet und Herren in Koſt und Logis genommen haben. Der bankerotte Sedley würde ſich gar gut als Gatte der das Koſthaus halten⸗ den Wirthin ausgenommen haben; er würde der Munnoz des Privatlebens, der Titular⸗Herr und Meiſter, der Vor⸗ ſchneider, Haushofmeiſter und demüthige Gatte der Frau geweſen ſein, die den trübſeligen Thron eingenommen hätte. Ich habe Männer von Kopf und Erziehung, — Männer, die einſt gute Ausſichten und ſchöne Kräfte hatten, — Männer, die in ihrer Jugend Squires bewirtheten, und Jagdpferde hielten, ganz gelaſſen für zänkiſche alte Vetteln Hammelskeulen zerlegen ſehen, wobei dieſelben noch den Vorſitz an dem traurigen Speiſetiſche führen wollten: — allein Mrs. Sedley, ſagen wir, hatte nun einmal nicht ſo viel Energie, um ſich um „einige auserwählte Perſonen, die bei einer fröhlichen muſikaliſchen Familie Koſt und Logis finden moͤchten,“ — wie in der Times täglich zu leſen iſt — umzuthun. Sie begnügte ſich damit, auf dem ufer liegen zu bleiben, auf dem das Glück ſie als eine Schiffbrüchige zurückgelaſſen — und man konnte leicht ſehen, daß die Laufbahn dieſes alten Paares zu Ende war., — 135 Ich glaube nicht, daß ſie unglücklich waren. Viel⸗ leicht waren ſie in ihrem Unglücke ein wenig ſtolzer, als einſt in ihrem Glücke. Mrs. Sedley war ſtets eine große Perſon für ihre Hauswirthin, Mrs. Clapp, wenn ſie in die untern Hausräume oder die Parlour⸗Küche zu ihr hin⸗ abkam, und manche Stunden dort mit ihr verplauderte. Die Hüte und Bänder des iriſchen Dienſtmädchens, der Betty Flanagan, ihr trotziges Weſen, ihre Trägheit, ihre ungeheure Lichterverſchwendung, ihre Thee und Zucker⸗Con⸗ ſumtion u. ſ. w. beſchäftigten und beluſtigten die alte Dame faſt ebenſo ſehr, wie ihre frühere Haushaltung, als ſie Sambo, und den Kutſcher, und einen Groom, und einen Ausläufer, und eine Haushälterin, ſammt einem Regimente weiblicher Domeſtiken hatte — wie ihre frühere Haushaltung, von der die gute Dame wohl hundert Mal des Tages ſprach. Auch hatte Mrs. Sedley, neben der Betty Flanagan, ſämmtliche Dienſtmädchen der Straße zu beaufſichtigen. Sie wußte, wie jeder Miethsmann in den Häuschen der Straße, in der ſie wohnte, ſeinen kleinen Hauszins bezahlte, oder ſchuldig blieb. Sie trat auf die Seite, wenn Mrs. Rougemont, die Schauſpielerin, mit ihrer zweideutigen Famllie vorüberging. Sie warf den Kopf in die Höhe, wenn Mrs. Peſtler, die Frau des Apothekers, in der ein⸗ ſpännigen Chaiſe vorüberfuhr, deren ſich ihr Mann bei ſeinen Geſchäften bediente. Sie ſprach oft mit dem Ge⸗ müſehändler wegen der Paar Rüben, die Herr Sedley gern aß: ſie hatte ein wachſames Auge auf den Milch⸗ händler und Bäckerjungen: auch machte ſie häufig Beſuche bei dem Fleiſcher, der höchſt wahrſcheinlich Hunderte von Ochſen mit weniger Mühe verkaufte, als an Mrs. Sedley einen Hammelsbraten: ſo viele Umſtände pflegte die gute Dame zu machen. Endlich zählte ſie auch Sonntags die Kartoffeln unter den Braten, und ging, in ihrem beſten Anzuge, zwei Mal in die Kirche, und las Abends Blair's Predigten. 136 An Sonntagen war es auch — denn an Wochen⸗ tagen gönnten ihm ſeine „Geſchäfte“ ein ſolches Vergnü⸗ gen nicht — des alten Sedley höchſte Wonne, ſeinen kleinen Enkel Georgh nach den benachbarten Parks, oder nach den Kenſington Gardens zu führen, um die Soldaten zu ſehen, oder die Enten zu füttern. Georgh liebte die Rothrocke nicht wenig, und ſein Großpapa erzählte ihm, wie ſein Vater ein famoſer Sol⸗ dat geweſen, und machte ihn mit vielen Sergeanten und andern Militärs bekannt, die Waterlov⸗Medaillen auf der Bruſt trugen: ſolchen ſtellte dann der alte Großvater in pompöſer Weiſe das Kind als den Sohn von Capitän Osborne vom — ſten Regimente, der am glorioſen 18. ruhmvoll gefallen, vor. Es ſchickte ſich wohl auch zu⸗ weilen, daß er einigen dieſer Herren ein Glas Porter „aufwichste;“ und nicht zufrieden damit, pflegte er auch an den erſten Sonntagsſpaziergängen den kleinen Georgy, auf Koſten von deſſen Geſundheit, mit Aepfeln und Ku⸗ chen voll zu pfropfen, und demſelben ein wenig den Magen zu verderben — bis Amalie erklärte, daß Georgy mit ſeinem Großpapa nicht mehr ausgehen dürfte, wenn Letz⸗ terer nicht feierlich verſpräche, und ſein Ehrenwort gäbe, daß er dem Kinde keinen Kuchen, kein Zuckerbackwerk, oder keine Hökerwaaren irgend einer Art mehr geben wollte. Zwiſchen Mrs. Sedley und ihrer Tochter herrſchte wegen des Knaben eine gewiſſe Kälte und eine geheime Eiferſucht; dann eines Abends — George war damals noch ein ganz kleines Kind — lief Amalie, die in ihrem kleinen Parlour bei ihrer Arbeit geſeſſen, und das Weg⸗ gehen der alten Dame kaum bemerkt hatte, inſtinktmäßig in die Kinderſtube hinauf, als das Kind, das bis auf die⸗ ſen Augenblick ruhig geſchlafen hatte, plötzlich zu ſchreien anfing, — und fand dort Mrs. Sedley, wie dieſelbe eben dem Kinde verſtohlener Weiſe Daffy's Eliir eingab. Amalie, das ſanftmüthigſte und holdeſte aller All⸗ tagsmenſchenkinder, zitterte und bebte vor Zorn am W 137 ganzen Leibe, als ſie dieſe Einmiſchung in ihre mütterliche Autorität wahrnahm. Ihre Wangen, ſonſt blaß, wurden jetzt feuerroth, — ſo roth, wie dieſelben in ihrem zwoͤlf⸗ ten Lebensjahre geweſen waren. Sie riß ihrer Mutter das Kind aus den Armen, griff dann nach dem Fläſchchen, und ließ die alte wüthende, ſie angaffende Dame mit dem fatalen Theelöffel in der Hand ſtehen. Amalie ſchleuderte das Fläſchchen in das Kamin, vaß es mit einem Krache zerſprang. „Ich will nicht haben, daß man mir mein Kind ver⸗ gifte, Mama,“ rief Emmy, das Kind mit beiden um daſſelbe geſchlungenen Armen heftig wiegend, und mit fun⸗ kelnden Augen ſich gegen ihre Mutter wendend. „Vergiften, Amalie!“ ſagte die alte Dame; „dieſe Sprache gegen mich?“ „Er ſoll keine andere Medizin bekommen, als die, ſo Herr Peſtler ihm ſchickt. Er hat mir geſagt, daß Daffy's Elirir wahres Gift ſei.“ „Sehr gut: Du glaubſt alſo, ich ſei eine Mörderin,“ erwiederte Mrs. Sedley. „Das iſt alſo die Sprache, die Du gegen Deine Mutter führſt? Ich habe im Leben Unglück gehabt; ich bin in den Augen der Welt tief ge⸗ ſunken, ich habe einſt einen Wagen gehalten, und gehe jetzt zu Fuß; allein ich wußte noch nicht, daß ich eine WMoörderin ſei, und danke Dir für die Nachricht.“ „Mama,“ ſagte die arme, ſtets zum Weinen berelte Frau — „Sie ſollten mich darüber nicht hart anlaſſen. Ich — ich wollte — wollte — wollte nicht ſagen, daß es Ihre Abſicht geweſen ſei, dem lieben Kinde da Böſes zuzufügen; nur —“ „O nein, meine Liebe — Du wollteſt nur ſagen, ich ſei eine Mörderin; in welchem Falle ich beſſer daran thun würde, wenn ich nach der Old Bailey wanderte. Und doch habe ich Dich nicht vergiftet, als Du ein Kind wa⸗ reſt, ſondern habe Dir die beſte Erziehung geben laſſen, und habe Dir die theuerſten Lehrer gehalten, die man ſich 138 mit Geld verſchaffen konnte. Ja: ich habe fünf Kinder geſäugt, und drei zu Grabe getragen; und das Kind, das ich am Meiſten von allen liebte, das ich während aller ſeiner Krankheiten, während des Zahnens, und als es den Keuchhuſten, und die Maſern, und den Croup hatte, pflegte, — das Kind, dem ich, ohne auf die Koſten zu ſehen, alle fremden Lehrer gab, und das ich ſorgfältig in Minerba⸗Houſe erziehen ließ —, welche Vortheile alle ich nicht hatte, als ich ein Mädchen war, wo ich zu froh war, meinen Vater und meine Mutter zu ehren, damit ich lange im Lande leben möchte, und mich nützlich zu machen, und nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer zu hocken und zu träumen, und die feine Dame zu ſpielen — dieſes Kind ſagt nun, ich ſei eine Mörderin. Ach! Mrs. Osborne! Moögeſt Du nie eine Viper in Deinem Buſen nähren, — das iſt mein ſehnlichſter Wunſch.“ „Mama, Mama!“ rief die außer ſich gebrachte junge Frau: und das Kind in ihren Armen ſchrie, wie wahn⸗ ſinnig. „Ja, ja, eine Mörverin! Fall' auf die Knie nieder und ſiehe zu Gott, daß er Dein gottloſes, undankbares Herz reinigen möge, Amalie; und moge Er Dir verge⸗ ben, wie ich!“ Und Mrs. Sedley verließ heftig das Zimmer, wobei ſie noch einmal das WortGift ziſchte, und ſo ihren liebe⸗ vollen Segensſpruch zu Ende brachte. Dieſer Bruch zwiſchen Mrs. Sedleh und ihrer Toch⸗ ter wurde, ſo lange Erſtere noch lebte, nie ganz wieder geheilt. Der Streit gab der älteren Dame zahlloſe Vor⸗ theile, die ſie nicht verfehlte, mit weiblichem Scharffinne und mit weiblicher Ausdauer zu nützen. So ſprach ſie z. B. lange Wochen hernach kaum mit Amalie; ſie ſagte den Domeſtiken in warnendem Tone, daß ſie das Kind nicht anrühren dürften, da Mrs. Osborne es übel nehmen fönnte. Sie erſuchte ihre Tochter, ſelbſt nachzuſehen und ſich davon zu überzeugen, daß in den Speiſen, die für . — — 139 Georgy bereitet würden, kein Gift wäre. Wenn Nach⸗ barn nach der Geſundheit des Knaben fragten, verwies ſie dieſelben ſpitzig an Mrs. Osborne. Sie mochte nie fragen, ob das Kind ſich wohl oder übel befinde. Sie wollte das Kind nicht anrühren, obgleich es, wie ſie ſagte, ihr Enkel, und obgleich es ihr Liebling, über den ihr Nichts gehe, ſei, da ſie, nicht an Kinder gewohnt, denſelben umbringen könnte. So oft Herr Peſtler kam, um ſich nach dem Befin⸗ den der Bewohner des Hauſes zu erkundigen, empfing ſie den Doktor mit ſo ſarkaſtiſcher und verächtlicher Miene, daß derſelbe erklärte, nicht einmal Lady Thiſtlewvod ſelbſt, deren Arzt er die Ehre habe zu ſein, könne ſich ſtolzer geberden, als die alte Mrs. Sedley, von der er doch nie ein Honorar annahm. Und höchſt wahrſcheinlich war Emmy ihrerſeits auch eiferſüchtig — denn welche Mutter wäre nicht eiferſüchtig auf alle diejenigen, die ihre Kin⸗ der für ſie pflegen, oder die erſte Stelle in deren Herzen einnehmen wollen? So viel iſt gewiß, daß ſie, wenn Jemand ſich mit dem Kinde zu ſchaffen machte, unruhig war, und daß ſie der Mrs. Clapp, oder dem Dienſtmäd⸗ chen ebenſo wenig erlaubte, es anzuziehen, oder ihm Speiſe und Trank zu geben, als ſie ihnen erlaubt haben würde, das über ihrem Bettchen hangende Miniaturbild ihres verſtorbenen Gatten zu waſchen. Es war das nämliche Bettchen, welches die arme Frau einſt gegen das ſeinige vertauſcht hatte, und in deſſen Nähe ſie ſich nun während vieler langen, ſtillen, thränenvollen, aber glücklichen Jahre zurückzog. In dem Zimmerchen, in welchem dieſes Bettchen ſtand, befand ſich Amaliens ganzes Herz, und befanden ſich alle ihre Schätze. Hier pflegte ſie ihren Knaben; hier wachte ſie, mit einer ſtets gleich bleibenden, leidenſchaftli⸗ chen Liebe, an ſeiner Seite in allen, während der Kind⸗ heit beſonders häufig vorkommenden Krankheiten. Der ältere George kehrte einigermaßen in ihm wieder, nur 140 verbeſſert und wie wenn derſelbe aus dem Himmel zurück⸗ gekommen wäre. In hundert kleinen Tönen, Blicken und Bewegungen war das Kind ſeinem Vater ſo ähnlich, daß das Herz der Wittwe bebte, wenn ſie es an daſſelbe vrückte; und oft fragte das Kind nach den Urſachen ihrer Thränen. Sie ſagte ihm ohne Anſtand, es geſchehe we⸗ gen ſeiner Aehnlichkeit mit ſeinem Vater. Sie ſprach be⸗ ſtändig mit ihm von dieſem todten Vater; ſie wurde es nie müde, dem unſchuldigen und verwunderten Kinde von ihrer Liebe zu George zu erzählen; viel häuſiger, als ſie je mit George ſelbſt, oder irgend einer Vertrauten ihrer Jugend davon geſprochen hatte. Mit ihren Eltern ſprach ſie nie über dieſen Gegen⸗ ſtand, indem ſie ſich ſcheute, denſelben ihr Herz zu offen⸗ baren. Wahrſcheinlich konnte der kleine George ſie nicht beſſer verſtehen, als ihre Eltern; allein in ſeine Ohren, und nur in ſeine Ohren ſchüttete ſie rückhaltslos alle ihre ſentimentalen Geheimniſſe aus. Sogar die Freude dieſer Frau war eine Art Schmerz, oder es war dieſelbe wenigſtens ſo zart, daß ihr Ausdruck Thränen waren. Ihre Gefühle waren ſo weicher und zarter Art, daß in einem Buche eine Schilderung derſelben viel⸗ leicht gar nicht am Platze iſt. Dr. Peſtler (ein jetzt ſehr geſuchter Damenarzt, der eine prächtige, dunkelgrüne Kutſche hält, ein Haus in Mancheſter Square beſitzt, und Ausſicht hat, bald die Ritterwürde zu erlangen) hat mir erzählt, daß ihr Schmerz bei der Entwöhnung des Kin⸗ des einen Anblick dargeboten, der ſelbſt einen Herodes hätte erweichen müſſen. Der Doktor war vor vielen Jahren ein recht weichherziger Mann, und ſeine Frau da⸗ mals, und noch lange nachher, fürchterlich eiferſüchtig auf Mrs. Amalie. Vielleicht hatte die Frau des Doktors guten Grund zu ihrer Eiferſucht: die meiſten Frauen, die zu dem klei⸗ nen Kreiſe von Amaliens Bekannten gehörten, theilten dieſelbe, und waren über den Enthuſiasmus, womit das 141 andere Geſchlecht ſie betrachtete, wirklich böſe. Denn faſt alle Männer, die ihr nahe kamen, liebten ſie, obgleich ſie ohne Zweifel nicht zu ſagen gewußt hätten, warum, wenn ſie darüber zur Rede geſtellt worden wären. Sie war weder brillant, noch witzig, noch ungemein klug, noch außerordentlich ſchön. Allein deſſen ungeachtet rührte und bezauberte ſie, wohin ſie nur kam, jede Perſon männlichen Geſchlechtes ſo unfehlbar, als ſie die Verachtung und die Unglaubigkeit der Perſonen ihres eigenen Geſchiechtes er⸗ weckte. Ich glaube, es war ihre Schwäche, die ihren vor⸗ nehmſten Zauber bildete: — eine Art holder Unterwürſig⸗ keit und Weichheit, die an die Sympathie und den Schutz Mannes, mit dem ſie zuſammentraf, zu appelliren ien. Wir haben geſehen, wie beim Regimente — obgleich ſie nur mit wenigen von George's Kameraden ſprach — alle Degen der jungen Burſche am Offizierstiſche aus ihren Scheiden geflogen wären, um eine eiſerne Mauer um ſie her zn bilden, wenn es gegolten hätte, ſie zu be⸗ ſchützen: und ſo war es auch in dem kleinen engen Häus⸗ chen und in dem kleinen Kreiſe von Fulham: — ſie in⸗ tereſſirte und geſiel Jedermann. Wäre ſie Mrs. Mango ſelbſt, — Mrs. Mango vom großen Hauſe Mango, Plan⸗ tain und Co., Crutched Friars, — und die prachtliebende Gigenthümerin der Pineries *) in Fulham geweſen, die Sommer⸗Dejeuners gab, bei denen ſich Herzoge und Gra⸗ fen einfanden, und im Kirchſpiele mit prachtvollen gelben üvreen und Braunen umherfuhr, wie die königlichen Mar⸗ ſtälle in Kenfington ſelbſt keine aufweiſen konnten — ich ſage, wäre ſie Mrs. Mango ſelbſt, oder deren Schwieger⸗ tochter, Lady Mary Mango (eine Tochter des Grafen von aſtlemvuldy, die ſich herabließ, das Haupt der Firma zu heirathen,) geweſen, ſo hätten die Kauf⸗ und Hand⸗ ——— * Gewächshäuſer für Ananas⸗Pflanzen. 142 werksleute der Nachbarſchaft ihr nicht mehr Ehre erwei⸗ ſen können, als ſie ſtets und immer der ſanften jungen Wittwe erzeigten, wenn ſie an ihren Thüren vorüberging, oder in ihren Läden ihre beſcheldenen Einkäufe machte. So geſchah es denn auch, daß nicht bloß Herr Peſt⸗ ler, der Doktor, ſondern auch Herr Linton, der junge Ge⸗ hülfe, der die Dienſtmädchen und kleinen Gewerbsleute zu curiren hatte, und den man jeden Tag in der Apotheke die Times leſen ſehen konnte, ſich öffentlich für den Sklaven der Mrs. Osborne erklärte. Herr Linton war ein recht netter junger Mann, der in Mrs. Sedley's Hauſe gerner geſehen wurde, als ſein Prinzipal; und ſo oft Georgy Etwas fehlte, kam er wohl zwei bis drei Mal des Tages, um das Bürſchchen zu beſuchen, und dachte nicht einmal daran, für ſeine Beſuche ein Honorar zu verlangen. Er nahm ingeheim aus den Schubladen der Apotheke Bruſtküchelchen, Tamarinden und andere Delica⸗ teſſen für den kleinen Georgy, und machte Letzterem Mir⸗ turen und Tränke von ſo wundervoller Süßigkeit, daß es für das Kind ein wahres Vergnügen war, krank zu ſein. Er und Peſtler, ſein Prinzipal, blieben einmal zwei ganze Nächte bei dem Knaben aufz es war in der furchtbaren und gefahrvollen Woche, wo Georgy die Maſern hatte, und wo man, nach dem Schrecken der Mutter zu urthei⸗ len, hätte glauben können, daß es noch nie zuvor in der Welt Maſern gegeben. Würden die Beiden dieß auch für andere Leute ge⸗ than haben? Blieben ſie für die Leute in den Pineries auf, als Ralph Plantagenet und Gwendoline und Gui⸗ never Mango dieſelbe Kinderkrankheit hatten? Blieben ſie bei der kleinen Mary Clapp, der Tochter des Haus⸗ wirthes, welche die Krankheit von dem kleinen Georgy erbte, auf? Die Wahrheit zwingt uns, zu ſagen, daß ſie es nicht thaten. Sie ſchliefen ganz ruhig, ſo weit es we⸗ nigſtens Letztere betraf; — erklärten bei ihr, daß die —,—— 143 Sache Nichts auf ſich hätte, daß ſie faſt allein wieder geſund werden würde; ſchickten ihr etliche Mirturen, und warfen, als das Kind ſich wieder erholte, mit vollkom⸗ mener Gleichgültigkeit und nur der Form halber, China⸗ rinde hinein. Auch können wir nicht umhin, des kleinen franzöſiſchen Chevaliers Erwähnung zu thun, der Mrs. Osborne ge⸗ genüber wohnte. Es war dieß ein Herr, der in verſchie⸗ denen Schulen der Nachbarſchaft Unterricht in ſeiner Mutterſprache gab, und den man Abends in ſeinem Zim⸗ mer alte zitternde Gavotten und Menuette auf einer hei⸗ ſern alten Geige ſpielen hören konnte. So oft dieſer be⸗ puderte und überaus höfliche alte Mann, der keinen Sonn⸗ tag in der Kloſterkapelle zu Hammerſmith fehlte, und in aller und jeder Beziehung, in Gedanken, Benehmen und Haltung, total verſchieden war von den bärtigen Wilden ſeiner Nation, welche das perfide Albion verwünſchen und in den Quadrant⸗Arkaden jetzt den Vorübergehenden, über ihre Cigarren weg, ſcheel anblicken, ſo oft der alte Chevalier de Talonrouge von Miſtreß Osborne ſprach, pflegte er zuerſt ſeine Priſe Schnupftabak zu nehmen, die übrig gebliebenen Staubtheilchen mit einer graziöſen Hand⸗ bewegung wegzuſchnellen, ſeine Finger wieder zuſammen zu preſſen, um ſie ſodann ſeinem Munde zu nähern und mit einem Kuſſe und dem Ausrufe: Ah, la divine, eréature! aufzublaſen. Dieſer alte franzoͤſiſche Cheva⸗ lier ſchwur und betheuerte, daß, wenn Amalie in den Brompton Lanes hinwandle, unier ihren Füßen Blumen in Menge emporſproßten. Er nannte den kleinen Georgy Cupido, und fragte ihn nach Venus, ſeiner Mama; und ſagte der erſtaunten Betty Flanagan, daß ſie eine der drei Grazien und die Liehlingsbienerin der Reine des Amours wäre. Es ließen ſich leicht noch mehr Beiſpiele dieſer leicht erworbenen Beliebtheit, worüber Amalie ſich ſelbſt nicht gehörig Rechenſchaft zu geben wußte, oder wovon ſie ſich Richts träumen ließ, anführen⸗ Beſuchte nicht 144 Herr Binnh, der milde und ſanfte Geiſtliche an der Be⸗ zirkskapelle, in welche die Familie ging, die Wittwe fleißig, und wiegte er nicht den kleinen Knaben auf ſeinem Knie, und erbot er ſich nicht, ihn lateiniſch zu lehren, zum großen Aerger der ältlichen Jungfrau, ſeiner Schwe⸗ ſter, die ſein Hausweſen beſorgte? „Es iſt Nichts an ihr, Beilby,“ pflegte die letztere Dame zu ſagen. „Wenn ſie zu uns zum Thee kommt, ſo ſpricht ſie während des ganzen Abends auch nicht eine Sylbe. Sie iſt nur eine arme, ewig ſeufzende Creatur, und ich glaube, daß ſie gar kein Herz hat. Es iſt nur ihr hübſches Geſicht, wegen deſſen ihr Herren ſie ſo be⸗ wundert. Miß Grits, die ein Vermögen von fünſtauſend Pfund und noch mehr zu erwarten hat, hat doppelt ſo viel Charakter und iſt nach meinem Geſchmacke tauſend Mal angenehmer; und wäre ſie hübſch, ſo würdeſt Du ſie gewiß für die Vollkommenheit ſelbſt halten.“ Höchſt wahrſcheinlich hatte Miß Binnh großentheils Recht. Es iſt das hübſche Geſicht, das in den Herzen der Männer, der gottloſen Schelme, Sympathie erweckt. Ein Frauenzimmer kann die Weisheit und Keuſchheit der Minerva beſitzen, und doch beachten wir ſie nicht, wenn ſie ein häßliches Geſicht hat. Welche Thorheit macht nicht ein Paar ſchöne Augen vergeſſen; welche Thorheit wird dadurch nicht verzeihlich? Welche Einfalt koͤnnen rothe Lippen und ſüße Töne nicht angenehm machen? Und ſo folgern die Damen mit ihrem gewöhnlichen Sinne für Gerechtigkeit, daß ein Frauenzimmer dumm ſein müſſe, weil ſie hübſch iſt. O, Damen, Damen! Es gibt un⸗ ter euch etwelche, ſo weder hübſch, noch geſcheidt ſind. Es ſind aus dem Leben unſerer Helden nur triviale Vorfälle zu berichten. Es kommen in ihrer Geſchichte keine Wunder vor, wie der verehrte Leſer ohne Zweifel be⸗ reits bemerkt hat, und wäre über ihr Thun und Laſſen während ver ſieben Jahre nach der Geburt ihres Sohnes ein Tagebuch geführt worden, ſo würden darin wenige Und jedes Mal baten ſie Gott, daß er dem lieben Papa 10 145 Ereigniſſe zu finden ſein, die bemerkenswerther wären, als die auf der voranſtehenden Seite erwähnte Maſernge⸗ ſchichte. Doch bat ſie eines Tages, und zwar zu ihrer großen Verwunderung, der eben erwähnte Ehrwürdige Herr Binny, daß ſie ihren Namen Osborne gegen den ſeinigen vertauſchen möchte, worauf ſie ihm, tief erröthend, mit Thränen in den Augen und mit tiefbewegter Stimme, für ſeine Zuneigung, ſowie für die viele Aufmerkſamkeit, die er für ſie und ihren armen kleinen Knaben an den Tag gelegt, dankte, zugleich aber auch ſagte, daß ſie nie, nie an einen Andern denken könne, als — als an den Gatten, ſo ſie verloren. Am 25. April, ſowie am 18. Juni, als den Tagen ihrer Trauung und des Todes ihres Mannes, blieb ſie auf ihrem Zimmer, um dieſelben (und wir wiſſen nicht, wie viele Stunden einſamen Nachdenkens bei Nacht, wenn. ihr kleiner Knabe in ſeinem Bettchen neben dem ihrigen ſchlief) ganz dem Andenken des dahingeſchiedenen Freundes zu weihen. Während des Tages war ſie nun thätiger. Sie mußte George leſen und ſchreiben, und ein wenig zeich⸗ nen lehren. Sie las Bücher, um ihm daraus Geſchich⸗ ten erzählen zu können. Als ſich die Augen des Kindes oͤffneten und ſein Verſtand unter der Einwirkung der ihn umgebenden Natur ſich entwickelte, lehrte ſie daſſelbe den Allvater erkennen, ſo weit es in ihren Kräften ſtand, die, wie wir wiſſen, beſcheidener Art waren; und jeden Abend und je⸗ den Morgen betete ſie mit ihm — (in jener Ehrfurcht einflößenden und rührenden Gemeinſchaft, die keinen Menſchen, der Zeuge davon iſt, oder ſich derſelben er⸗ innert, gefühllos laſſen kann) — betete die Mutter mit em kleinen Knaben zu unſerem Vater im Himmel, — die Mutter von Herzensgrund, das Kind ſtammelnd. Der Jahrmarkt des Lebens. MI. 146 ſeinen Segen geben möchte, gleich als ob er noch am Le⸗ ben und im Zimmer bei ihnen wäre. Sie hatte den jungen Herrn zu waſchen und anzu⸗ kleiden — mußte ihn Morgens, vor dem Frühſtücke, und ehe der Großpapa in's „Geſchäft“ ging, ein wenig aus⸗ führen — mußte ihm die wundervollſten und zierlichſten Kleider machen; zu welchem Zwecke die haushälteriſche Wittwe jedes brauchbare ſchöne Plätzchen zerſchnitt und än⸗ derte, das ſie noch aus der Garderobe beſaß, ſo ſie während der Zeit ihres Eheſtandes gehabt hatte (— denn Mrs. Os⸗ borne ſelbſt trug zum großen Aerger ihrer Mutter, die beſonders ſeit ihrem Unglücke ſchöne Kleider liebte, ein ſchwarzes Gewand, ſowie einen Strohhut mit ſchwarzem Bande — ), und alle dieſe verſchiedenen Geſchäfte nah⸗ men ihr täglich viele Stunden weg. Andere Stunden hatte ſie im Dienſte ihrer Mutter und ihres alten Vaters zu verwenden. Sie hatte ſich die Mühe nicht verdrießen laſſen, Cribbage ſpielen zu lernen, und ſo oft der alte Herr Abends nicht in ſeine Geſell⸗ ſchaft ging, ſpielte ſie mit ihm. Wenn er es haben wollte — und es war ein gutes Zeichen — ſang ſie ihm Et⸗ was vor, und dann fiel er während der Muſik jedes Mal in einen behaglichen Schlaf. Auch ſchrieb ſie ſeine zahlreichen Noten, Briefe, Pro⸗ ſpecte und Projecte in's Reine. In ihrer Handſchrift wurden die meiſten früheren Bekannten des alten Herrn davon in Kenntniß geſetzt, daß er Agent für die Schwarz⸗ diamant⸗ und Antiaſchen⸗Kohlengeſellſchaft geworden ſei, und ſeine Freunde und das Publikum mit den beſten Koh⸗ len, zu — Shilling per Chaldron, *) verſehen könne. Er„ ſelbſt unterzeichnete bloß die Circulare, und ſchrieb mit ſeiner zitternden Kaufmannshand die Adreſſe darauf. Gines vieſer Papiere kam auch an Major Dobbin, vom — ſien Regimente, unter der Adreſſe von Meſſts. „ . ³) Ein engliſches Kohlenmaaß, 36 Scheffel = 2000 v * * 147 Cor und Greenwood; allein da der Major damals zu Madras war, ſo brauchte er keine Kohlen. Er kannte indeſſen die Hand, die den Proſpect geſchrieben hatte. Guter Gott! Was hätte er nicht darum gegeben, wenn er dieſelbe in ſeiner Hand hätte halten koͤnnen. Bald kam ein zweiter Proſpect, wo der Major benachrichtigt wurde, daß J. Sedley und Compagnie Agenturen zu Oporto, Bordeour und Ste. Marie er⸗ richtet hätten und im Stande wären, ihren Freunden, ſowie dem Publikum im Allgemeinen die feinſten und be⸗ rühmteſten Portweine, Sherries und Clarets zu mäßigen Preiſen und unter ganz ungewöhnlichen Vortheilen anzu⸗ bieten. Auf dieſen Wink hin bat Dobbin beim Gouver⸗ neur, beim Oberkommandanten, bei den Richtern, bei den Regimentern, kurz bei Jedermann, den er in der Prä⸗ fiventſchaft kannte, auf's Angelegentlichſte um Aufträge, und ſchickte an Sedley und Co. eine ſo große Maſſe von Weinbeſtellungen, daß Herr Sedley und Herr Clapp, welch' Letzterer der Compagnon im Geſchäfte war, ganz erſtaunt waren. Allein es kamen keine weiteren Beſtel⸗ lungen, und ſo konnte der arme alte Sedley kein Haus in der City bauen, keinen Schwarm Commis engagiren, keine eigene Docke miethen, und nicht mit der ganzen Welt in Correſpondenz treten, wie er auf dieſen erſten und vereinzelten Glücksfall hin bereits zu thun beabſich⸗ tigt hatte. Der alte Herr hatte nicht mehr ſeinen alten Kenner⸗Geſchmack, und die Verwünſchungen des Offiziers⸗ tiſches folgten dem Major Dobbin allenthalben wegen der ſchlechten Getränke, an deren Anſchaffung er Schuld ge⸗ weſen; und es blieb unſerem Freunde Nichts übrig, als ein großes Quantum der von Sedley geſandten Weine zurückzukaufen, und dieſelben, mit ungeheurem Schaden, öffentlich verſteigern zu laſſen. Es iſt wohl unnütz hinzu⸗ daß der Major den Schaden allein zu tragen hatte. 148 Was Jos betrifft, der jetzt beim Finanz⸗Collegium zu Calcutta eine höhere Stelle erhalten, ſo war er ganz wüthend, als er durch die Poſt einen Pack dieſer Wein⸗ Proſpecte, ſammt einem kurzen Schreiben von ſeinem Va⸗ ter, erhielt, worin Letzterer Jos ſagte, wie er bei dieſen Unternehmungen auf ihn rechnete, und ein Ouantum, ausgeſuchter Weine, laut Frachtbrief, an ihn conſignirt, und für den Betrag auf ihn gezogen hätte. Jos, für den der Gedanke, daß man erfahren könne, 3 ſein Vater, der Vater Jos Sedley's vom Finanz⸗Colle⸗ gium in Calcutta, ſei ein um Beſtellungen bittender Wein⸗ händler, ebenſo ärgerlich war, als wenn Letzterer Jack Ketch in eigener Perſon geweſen wäre, wies die Wechſel verächtlich zurück, ſchrieb einen ſchnöden Brief an den al⸗ ten Herrn, und ſagte ihm varin, er ſolle ſich um ſeine eigenen Angelegenheiten bekümmern. Und als die pro⸗ teſtirten Papiere zurückkamen, mußten Sedley und Co. vieſelben mit dem Gewinnſte, den ihnen die Madrasſen⸗ dung gebracht, ſowie mit einem kleinen Theile von Em⸗ my's Erſparniſſen, einlöſen. Außer ihrer Penſion von fünfzig Pſund per Jahr waren, nach der Angabe des Teſtamentsvollſtreckers ihres Gatten, zur Zeit von Osborne's Tod fünfhundert Pfund in den Händen des Agenten geblieben, welche Summe Dobbin, als Georgh's Vormünder, zu acht Prozent in einem voſtindiſchen Agenturhauſe anlegen wollte. Herr Sedley, der glaubte, der Major wolle das Geld ſich ſelbſt zueignen, widerſetzte ſich mit aller Macht dieſem Plane; ja, er ging ſogar zu dem Agenten, um perſoͤnlich gegen die Verwendung des fraglichen Geldes zu proteſtiren. Da erfuhr er aber zu ſeiner Ueberraſchung, daß keine ſolche Summe in ſeinen Händen geweſen; daß das ganze Guthaben des verſtorbenen Capitäns ſich auf keine hundert Pfund belaufe, und daß die fraglichen fünfhun⸗ dert Pfund ohne Zweifel eine beſondere Summe ſeien worüber nur Major Dobbin Auskunft zu geben 149 Mehr als je überzeugt, daß es hier mit unredlichen Dingen zugehe, verfolgte der alte Sedley den Major. Als der nächſte Freund und Anverwandte ſeiner Tochter verlangte er in gebieteriſcher Weiſe von ihm Rechenſchaft über das Vermögen des verſtorbenen Capitäns. Dobbin's Stottern, Erröthen und Verlegenheit beſtärkte den Andern nuur noch mehr in dem Glauben, daß er es mit einem Spitzbuben zu thun hätte; und in majeſtätiſchem Tone ſagte er dem Offiziere ſeine Meinung, die einfach in dem lauben beſtand, daß der Major das Vermögen ſeines verſtorbenen Schwiegerſohnes dem Erben widerrechtlich vorenthalte. Bei dieſer Anſchulbigung riß Dobbin endlich die Geduld, und wäre ſein Ankläger nicht ſo alt und ſo ſchwach geweſen, ſo hätte zwiſchen ihnen im Slaughters Kaffeehauſe, wo die beiden Herren in einem Cabinette einander über die Sache ſprachen, ein Streit entſtehen nnen. „Kommen Sie mit hinauf, Sir,“ ſtotterte der Ma⸗ lor heraus. „Ich beſtehe darauf, daß Sie mit mir her⸗ aufkommen, und ich will Ihnen zeigen, wem Unrecht ge⸗ ſchieht, dem armen George, oder mir.“ Mit dieſen Worten zog er den alten Herrn in ſein Schlafzimmer hinauf, wo er aus ſeinem Pulte Osborne's Rechnungen herauszog, ſowie einen Pack von Schuldſchei⸗ nen, die der Letztere ausgeſtellt hatte, der, wenn wir ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſollen, ſtets bereit war, einen Schulbſchein zu geben. „Er hat zwar ſeine Schulden in England bezahlt,“ fügte Dobbin hinzu: „allein als er ſiel, beſaß er auf der ganzen Welt keine hundert Pfund mehr. Ich habe nit einigen ſeiner Kameraden die kleine Summe zuſam⸗ mengelegt; es war Alles, was wir im Augenblicke ent⸗ behren konnten; und nun erfrechen Sie ſich, uns zu ſa⸗ 3 n, da wir die Wittwe und die Waiſe zu betrügen chen2“ 150 Sedley war ſehr gedemüthigt und zerknirſcht, ob⸗ gleich William Dobbin dem alten Herrn eine große Lüge erzählt hatte; da er nämlich jeden Shilling des Geldes ſelbſt hergegeben, da er ſeinen Freund hatte begraben laſ⸗ ſen, und da er alle Koſten und Ausgaben beſtritten hatte, die eine Folge des Unglückes und der Abreiſe der armen Amalie geweſen waren. An dieſe Ausgaben hatte der alte Osberne ſich nie die Mühe gegeben, zu denken, und ebenſo wenig ein an⸗ derer Verwandter Amaliens, ja nicht einmal Amalie ſelbſt. Sie traute Major Dobbin, als ihrem Rechnungs⸗ führer, vollkommen, nahm ſeine etwas confuſen Rech⸗ nungen als richtig an, und ließ ſich nie träumen, wie ſehr ſie ſeine Schuldnerin ſei. Zwei oder drei Mal ſchrieb ſie ihm, ihrem Verſpre⸗ chen gemäß, nach Madras; in ihren Briefen aber ſprach ſie von nichts Anderem, als dem kleinen Georgy. Wie ſorgfäitig bewahrte er dieſe Papiere auf! So oft Amalie ſchrieb, ſchrieb er zurück, früher aber nicht. Zugleich ſchickte er ſeinem Pathen, ſowie ihr, zahlloſe Andenken. So beſtellte und ſchickte er einmal ein Kiſichen mit Schärpen, und ein großes elfenbeinernes chineſiſches Schachſpiel. Die Bauern waren kleine grüne und weiße Männchen mit wirklichen Schwertern und Schildern; die Springer waren Reiter; die Thürme wa⸗ ren auf den Rücken von Elephanten. „Mrs. Mango's Schachſpiel in den Pineries iſt nicht ſo ſchön,“ bemerkte Herr Peſtler. Dieſes Schauſpiel bildete die hoͤchſte Freude von Georgy's Leben, und zum Danke „für dieſes Geſchenk kritzelte er ſeinen erſten Brief an ſeinen Pathen. Der Major ſchickte auch allerlei eingemachte Früchte, und varunter auch Pickles, welche letztere der junge Herr eines Tages im Seitentiſche erſpähete und heimlich ver⸗ ſuchte, ſo daß es ihn faſt umbrachte. Er glaubte, es es ihn im ganzen Leib brannte. ſei eine Strafe des Himmels für ſeinen Diebſtahl, 7 —.— 151 Emmy ſchrieb einen kleinen komiſchen Bericht über dieſen Unfall an den Major, und es freute ihn der Ge⸗ danke, daß ſie ſich jetzt wieder etwas aufzurichten anfange, und daß ſie jetzt bisweilen luſtig ſein koͤnne. Er ſchickte auch ein Paar Shawls, einen weißen für ſie, und einen ſchwarzen mit Palmblättern für ihre Mutter, ſowie ein Paar rothe Schärpen, als Winter⸗ Halsbinden für den alten Sedley und George. Die Shawls waren jeder wenigſtens fünfzig Gui⸗ neen werth, wie Mrs. Sedley wußte. Sie trug den ihrigen, wenn ſie in der Kirche zu Brompton beſonders geputzt erſcheinen wollte, und wurde von ihren Freundin⸗ nen wegen der herrlichen Acquifition beglückwünſcht. Auch der unſerer Emmy paßte recht hübſch zu ihrem be⸗ ſcheidenen ſchwarzen Kleide. „Wie Schade iſt es doch, daß ſie Nichts von ihm wiſſen will,“ bemerkte Mrs. Sedley gegen Mrs. Clapp, ſowie gegen alle ihre Freundinnen zu Brompton. „Jos hat uns gewiß nie ſolche Geſchenke geſchickt, und thut in Allem ſo ſparſam uns gegenüber, und gibt uns Alles ſo ungern. Offenbar iſt der Major ſterblich in ſie verliebt: und doch wird ſie roth, und fängt an zu weinen, und geht in ihr Zimmer hinauf, und ſetzt ſich ihrem Miniaturbild gegen⸗ über, wenn ich nur darauf anſpiele. Ich mag von dem Miniaturbilde Nichts mehr wiſſen. Ich wollte, wir hät⸗ ten die odiöſen, geldſtolzen Osbornes in unſerem Leben nie geſehen.“ So beſcheiden waren die Lebensverhältniſſe und die ungebungen, unter welchen die Kindheit Georgy's ver⸗ ſrich; und es wurde aus Letzterem ein zarter, reizbarer, gebieteriſcher Knabe, — ein junges Herrchen „as, nach Art der Kinder, welche nur ihre Mütter zu Erziehern ge⸗ habt haben, ſeine ſanfte Mama, trotz dem, daß er ſie leidenſchaftlich liebte, dominirte. Er regierte die ganze kleine ibrige Welt, die ihn umgab. Als er größer wurde, hat⸗ * ſeine Großeltern, ſowie ſeine Mutter Gelegenheit, ſich 152 über ſein hochmüthiges Weſen, ſowie über die große Aehnlichkeit mit ſeinem Vater — eine Aehnlichkeit, die er in allen Stücken verrieth — zu wundern. Er wollte von Allem den Grund wiſſen, wie die forſchende und neu⸗ gierige Jugend zu thun pflegt. Die Tiefe ſeiner Bemer⸗ kungen und Fragen ſetzte ſeinen alten Großvater in Stau⸗ nen, und Letzterer brachte in ſeiner Geſellſchaft im Wirths⸗ hauſe immer und ewig Geſchichten von dem großen Wiſſen und den außerordentlichen Talenten des kleinen Jungen auf's Ta⸗ pet, ſo daß es der Geſellſchaft nachgerade läſtig wurde. Seine Großmutter ſah er mit einer Art gutlauniger Gleichgül⸗ tigkeit an. Der kleine Kreis um ihn her war der An⸗ ſicht, daß der Knabe auf der Erde nicht ſeines Gleichen hätte. Georgy, der den Stolz ſeines Vaters geerbt hatte, glaubte vielleicht, daß die Leute nicht Unrecht hätten. Als er ein Alter von etwa ſechs Jahren erreicht hatte, ſing Dobbin an, ſehr oft an ihn zu ſchreiben. Der Major wollte wiſſen, ob Georgy in eine Schule gehe, und hoffte, daß er ſich dort auszeichnen würde: zugleich fragte der Major, ob es ihm vielleicht lieber wäre, einen guten Hauslehrer zu haben? Es wäre nun Zeit, daß er zu lernen anfinge; und ſein Pathe und Vormund gab zu verſtehen, wie er hoffe, daß man ihm erlauben werde, die Koſten der Erziehung des Knaben zu beſtrei⸗ ten, da dieſelben nicht wohl aus dem geringen Einkom⸗ men ſeiner Mutter beſtritten werden könnten, und Letztere dadurch allzu ſehr genirt werden würde. Mit einem Worte, der Major dachte ſtets an Ama⸗ lie und ihren kleinen Knaben, und ließ Letzteren durch ſeine Agenten ſtets mit Bilderbüchern, Farbenſchachteln, Pulten und allen erdenklichen Beluſtigungs⸗ und Belehrungsmit⸗ teln verſehen. Drei Tage vor Georgys ſechſtem Geburts⸗ tage fuhr ein von einem Diener begleiteter Herr in einem Gig an Herr Sedley's Haus vor, und verlangte Maſter George Osborne zu ſprechen; es war Herr Woolſey, Nilitärſchneider von Conduit Street, der auf des Majors * 153 Befehl erſchien, um dem jungen Herrn das Maaß zu ei⸗ nem vollſtändigen tuchenen Anzuge zu nehmen. Er hatte früher die Ehre gehabt, den Capitän, den Vater des jungen Herrn, zu bedienen. Bisweilen — und es geſchah ohne Zweifel auf den Wunſch des Majors — kamen auch deſſen Schweſtern, die Miſſes Dobbin, in ihrem Familienwagen, um mit Amalien und dem kleinen Knaben, wenn es dieſen er⸗ wünſcht war, auszufahren. Die Freundlichkeit und Gönnermiene vieſer Damen war Amalien gar nicht angenehm, allein ſie fand ſich doch ziemlich gut darein, da es in ihrem Weſen lag, nach⸗ zugeben; und zudem machte die Kutſche mit ihrer Pracht dem kleinen Georgy ungeheuer viel Vergnügen. Zuweilen wollten auch die Damen das Kind auf einen Tag bei ſich haben und der Knabe freute ſich ſtets, wenn er nach der ſchönen Gartenwohnung auf Denmark Hill gehen durfte, wo in den Gewächshäuſern ſo ſchöne Trauben und an den Mauern Pfirſiche zu finden waren. Eines Tages kamen ſie ganz freundlich zu Amalien mit einer Nachricht, von der ſie, wie ſie ſagten, überzeugt wären, daß ſie ihr Freude machen würde; — wobei ſie hinzu ſetzten, daß es etwas recht Intereſſantes über ihren theuren Willlam wäre. Sie fragte mit freudeſtrahlenden Augen, was es wäre, und ob er nach England zurückkäme. „Ach, nein, — nicht im Geringſten,“ hieß es — vallein ſie hätten guten Grund zu glauben, daß der liebe William im Begriffe wäre, ſich zu verheirathen — und zwar mit einer Verwandten von einer ſehr theuren Freun⸗ din Amaliens — mit Miß Glorvina O'Dowd, Sir Mi⸗ chael O'Dowd's Schwägerin, die jetzt bei Ladh S Dowd zu Madras wäre — ein recht ſchönes und gebildetes Mäd⸗ chen, wie es allenthalben hieße.“ Amalie ſagte: „Oh!“ Amalie fühlte ſich in der That recht, recht glücklich 154 — allein ſie dachte, daß Glorvina ihrer alten Bekannten unmöglich ähnlich ſein koͤnne, die zwar eine recht gute Frau ſei — aber — aber ſie fühlte ſich in der That recht glücklich. Plötzlich fühlte ſie ſich gedrungen — die Bedeutung dieſes Impulſes vermag ich nicht zu erklären — Georgy in die Arme zu nehmen und denſelben mit außerordent⸗ licher Zärtlichkeit zu küſſen. Ihre Augen waren ganz feucht, als ſie das Kind wiever niederſetzte, und während der ganzen Fahrt ſprach ſie kaum ein Wort, obgleich ſie ſich wirklich ſo unendlich glücklich fühlte. Neununddreißigſtes Kopitel. Ein eyniſches Kapitel. Unſere Pflicht führt uns nun auf kurze Zeit zu eini⸗ gen alten Bekannten in Hampſhire zurück, deren Hoff⸗ nungen in Betreff der Erbſchaft, die ihnen durch den Tod ihrer reichen Verwandten zufallen ſollte, ſo jämmer⸗ lich getäuſcht worden waren. Es war für Bute Craw⸗ ley, nachdem er auf dreißigtauſend Pfund gerechnet hatte, ein ſchwerer Schlag, daß ihm ſeine Schweſter nur fünf⸗ tauſend vermacht hatte; — von welcher Summe nur ein ſehr kleiner Reſt zur Ausſtattung ſeiner vier häßlichen Töchter übrig blieb, nachdem er ſeine Schulden, ſowie die Iim's, ſeines auf der Univerſität befindlichen Sohnes, be⸗ zahlt hatte. Mrs. Bute wußte nie, oder wollte wenigſtens nie bekennen, wie ſehr ihr tyranniſches Benehmen dazu bei⸗ 155 getragen, ihren Mann zu ruiniren. Sie betheuerte und behauptete wiederholt, Alles gethan zu haben, was nur eine Frau thun könne. War es ihre Schuld, wenn ſie in den ſykophantiſchen Kunſtgriffen unbewandert war, die ihr hypokritiſcher Reffe, Pitt Crawley, anwandte? Sie wünſchte ihm zu ſeinem übel erworbenen Gelde alles Glück, das er verdiente. „Das Geld wird wenigſtens in der Familie bleiben,“ ſagte die Pfarrerin in ächt chriſtlicher Weiſe. „Pitt wird daſſelbe nie verſchwenden, mein Schatz, das iſt ganz ge⸗ wiß; denn einen größeren Geizhals gibt es in England nicht, und er iſt, wenn auch in anderer Weiſe, nicht min⸗ der odiös, als ſein verſchwenderiſcher und liederlicher Bru⸗ der Rawdon.“ Es fing daher Mrs. Bute, als die erſte Wuth und der erſte Aerger vorüher war, an, ſich nach der Decke zu ſtrecken, und möglichſt zu ſparen, und ſich einzuſchränken. Sie unterwies ihre Töchter in der Kunſt, die Armuth mit frohem Herzen zu ertragen, und erfand tauſend be⸗ merkenswerthe Methoden, dieſelbe zu verbergen, oder ihr zu entgehen. Sie führte ſie mit lobenswerther Energie auf Bälle und an die öffentlichen Orte der Umgegend; ja, ſie bewirthete ſogar ihre Freunde recht anſtändig im Pfarrhauſe, und zwar weit häufiger, als vor dem Tode der Miß Crawley. Aus ihrer äußeren Erſcheinung würde wohl Niemand geſchloſſen haben, daß die Familie in ihren Hoffnungen getäuſcht worden; und ebenſo wenig würde ihr häufiges Erſcheinen auf Bällen, in Geſellſchaften, überhaupt an öffentlichen Orten, haben vermuthen laſſen, wie ſehr ſie zu Hauſe ſparte und ſich einſchränkte. Ihre Töchter waren jetzt reicher mit Putz verſehen, als je zu⸗ vor. Sie erſchienen beharrlich bei den Aſſembleen in Win⸗ cheſter und Southampton; ſie drangen bis nach Cowes, um die dortigen Wettrennbälle und Regatta⸗Luſtbarkeiten mitzumachen; und ihr Wagen, mit den vom Pfluge weg⸗ genommenen Pferden, war beſtändig auf der Fahrt, bis 156 man faſt allgemein zu glauben anfing, daß die vier Schwe⸗ ſtern von ihrer Tante, deren Namen die Familie vor den Leuten nur mit der zärtlichſten Dankbarkeit und Liebe er⸗ wähnte, ein Bedeutendes geerbt hätten. Ich kenne keine Art von Lügen, die auf dem Jahr⸗ markte des Lebens häufiger wäre, als dieſe; und es mag hier bemerkt werden, wie Leute, welche dieſe Art von Lüge cultiviren, ſich auf ihre Heuchelei noch gar viel zu gute thun, und ſich einbilden, ungemein tugendhaft und des Lobes würdig zu ſein, weil ſie im Stande ſind, die Welt in Betreff ihrer Mittel hinter's Licht zu führen. Gewiß hielt Mrs. Bute ſich für eine der tugendhaf⸗ teſten Frauen Englands, und der Anblick ihrer glücklichen Familie war für Fremde höchſt erbaulich. Da war Alles ſo froh, ſo liebevoll, ſo einfach; und wie wohlerzogen waren nicht die Mädchen! Martha malte wunderſchöne Blumen, und verſah die Hälfte der zu Gunſten der Armen der Grafſchaft veran⸗ ſtalteten Lotterien, ſowie der Bazars, die zu dem gleichen Zwecke eröffnet wurden, damit. Emma war eine wahre Grafſchafts⸗Bulbul, und ihre Verſe im „Hampſhire⸗Tele⸗ graph“ waren die Zierde von deſſen Poetenwinkel. Fanny und Mathilda ſangen mit einander Duette, wobei Mama ſie auf dem Klavier begleitete, und die beiden andern Schweſtern ſich mit den Armen umſchlungen hielten und liebevoll zuhörten. Niemand ſah, wie die armen Mädchen daheim ihre Duette „einpaukten.“ Niemand ſah, wie Mama ſie ſtundenlang und ſtrenge einſchulte. Mit einem Worte, Mrs. Bute machte zu böſem Spiele gute Miene, und bewahrte den Schein auf die tugendhafteſte Weiſe. Alles, was eine gute und achtbare Mutter thun konnte, that Mrs. Bute. Sie lud von Southampton Yachtbe⸗ ſitzer ein, von dem Cathedral Cloſe zu Wincheſter Geiſt⸗ liche, und von der dort befindlichen Kaſerne Offſiziere. Sie ſuchte die jungen Advokaten, ſo oft die Aſſiſen abgehalten wurden, in ihr Netz zu locken und ermunterte Jim, Freunde 157 in deren Geſellſchaft er auf die Hetzjagd ging, nach Hauſe zu bringen. Was thut nicht eine Mutter Alles, um ihre geliebten Töchter unter die Haube zu bringen! Zwiſchen einer ſolchen Frau und ihrem Schwager, dem odiöſen Baronet auf dem Familienſchloſſe, konnte offenbar kein ſehr lebhafter Verkehr Statt finden. Der Bruch zwiſchen Bute und ſeinem Bruder Sir Pitt war vollſtändig; und in der That dehnte ſich dieſer Bruch auf die ganze Grafſchaft aus, für welche der alte Mann ein Aergerniß war. Mit dem vorrückenden Alter nahm auch ſeine Abneigung gegen jede reſpektable Geſellſchaft zu, und das Parkthor hatte ſich für keinen, einem Gentleman gehörenden, Wagen mehr gesffnet, ſeitdem Pitt und Lady Jane, nach ihrer Heirath, die ihr vom Anſtand vorge⸗ ſchriebene Viſite gemacht hatten. Es war dieß ein furchtbarer und unglücklicher Be⸗ ſuch, an den die Familie nicht ohne Schrecken denken konnte. Pitt erſuchte ſeine Frau mit geiſterhafter Miene, nie davon zu ſprechen; und nur durch Mrs. Bute ſelbſt, die immer noch Alles wußte, was auf dem Schloſſe vor⸗ ging, wurben die Umſtände des Empfanges bekannt, der dem neuvermählten Paare von Seiten Sir Pitt's wurde. Als ſie in ihrem hübſchen, ihrem Stande angemeſ⸗ ſenen Wagen die Allee des Parkes hinanfuhren, bemerkte Pitt, zu ſeinem Schrecken und zu ſeinem großen Aerger, große Lücken zwiſchen den Bäumen — ſeinen Bäumen — die der alte Baronet ganz unbefugter Weiſe fällen ließ. Im Parke ſah es allenthalben traurig aus: überall bot ſich das Bild des völligen Verfalles und der Oede dar. Die Fahrwege waren ſchiecht unterhalten, und der hübſche Wagen ſank in die mit Koth angefüllten Pfützen entlang des Weges, und wurde mit Schmutz bedeckt. Der große Platz vor der Terraſſe und der Eingangstreppe, wo die Wagen auffuhren, war ganz ſchwarz und mit Moos be⸗ deckt; die einſt hübſchen und ſorgfältig unterhaltenen Blumenbeete waren voll wuchernden Unkrautes. Faſt die 158 ganze Fagade des Hauſes entlang waren die Fenſter durch Läden verſteckt; das große Schloßthor wurde erſt nach vielem Klingeln entriegelt, und man ſah eine mit Bändern geſchmückte Perſon die ſchwarze eiſerne Treppe hinauf⸗ ſchweben, als Horrocks endlich den Erben von Queen's Crawley mit ſeiner jungen Frau in das Schloß ſeiner Väter einließ. Er führte ſie in Sir Pitt's „Bibliothek⸗ zimmer,“ wie man es nannte, und je näher Pitt und Lady Jane dieſem Zimmer kamen, um ſo ſtärker wurde der Tabaksgeſtank⸗ „Sir Pitt iſt nicht ganz wohl,“ bemerkte Horrocks entſchuldigend, und deutete an, daß ſein Herr am Hüftweh leide. Das Bibliothekzimmer ging auf den vor der Fronte des Hauſes befindlichen Weg und Theil des Parkes hinaus. Sir Pitt hatte eines der Fenſter geöffnet und ſchrie von da dem Poſtillon, ſowie dem Bedienten Pitt's zu, die Anſtalten zum Abpacken zu treffen ſchienen. „Rührt keinen von den Koffern an,“ ſchrie er, indem er mit einer Pfeife, die er in der Hand hielt, auf ven Wagen deutete. „Es iſt bloß ein Morgenbeſuch, Tucker, Du dummer Menſch. Gott, wie ſieht das andere Pferd dort an den Hufen ſo übel aus! Iſt Niemand im King's Head, um dieſelben ein wenig zu putzen? Wie geht's Pitt? Wie geht's, meine Liebe? Wollen Sie den alten Mann beſuchen, he? Ei, ei — Sie haben kein übles Geſichtchen. Sie ſehen nicht aus, wie die alte Pferde⸗ pathin, Ihre Mutter. Kommen Sie und geben Sie dem alten Pitt einen Kuß, wie ein gutes kleines Weibchen, das Sie ſind.“ Die Umarmung brachte die Schwiegertochter etwas in Verlegenheit, was bei Liebkoſungen alter, unraſirter und nach Tabak ſtinkender Herren nicht erſtaunen darf. Allein ſie erinnerte ſich, daß ihr Bruder Southdown auch einen Schnurrhart trage und Cigarren rauche, und unterwarf ſich der Ceremonie mit leidlichem Anſtande. —— 15⁵9 „Pitt iſt recht dick geworden,“ ſagte der Baronet nach dieſem Liebesbeweiſe. „Liest er Ihnen auch recht lange Predigten vor, meine Theure? Den hundertſten Pſaim, die Abendhymne, he, Pitt? Holen Sie ein Glas Malvaſier und einen Kuchen für Mylady Jane, Horrocks, Sie großer Einfaltspinſel, und ſtarren Sie uns nicht ſo an, wie ein fettes Schwein. Ich will Sie nicht zum Dableiben bewegen, meine Liebe; Sie würden es zu mo⸗ noton finden, und auch ich würde mich bei Pitt langwei⸗ len. Ich bin jetzt ein alter Mann, und gehe gern meinen eigenen Weg, und rauche Abends meine Pfeife, und ſpiele einige Partien Tricktrack.“ „Ich kann auch Tricktrack ſpielen, Sir,“ ſagte Lady Jane lachend. „Ich pflegte mit Papa und Miß Crawley zu ſpielen, nicht wahr, Herr Crawley?“ „Lady Jane, Sir, verſteht das Spiel, das Sie, wie Sie ſagen, ſo ſehr lieben,“ ſagte Pitt in hochmüthigem Tone. „Allein darum ſoll ſie nicht hier bleiben. Nein, nein, geht nach Mudbury zurück, und laßt Mrs. Rincer Etwas verdienen; oder geht in das Pfarrhaus, und ladet Euch bei Buty zum Mittageſſen ein. Es wird ihn höch⸗ lich freuen, Euch zu ſehen, wißt Ihr; er iſt Euch ſo ſehr dafür verbunden, daß ihr das Geld des alten Weibes be⸗ kommen habt. Ha, hal Ein Theil Eurer Erbſchaft wird e um, wenn ich fort bin, das Schloß auszu⸗ en.“ „Ich ſehe, Sir,“ ſagte Pitt, mit gehobener Stimme, „daß Ihre Leute die großen Bäume nicht ſchonen.“ „Ja, ja, recht ſchönes Wetter, recht ſchones Wetter, und wie es für die Jahreszeit paßt,“ antwortete Sit Pitt, der plötzlich taub geworden war. „Aber ich werde nun alt, Pitt. Und es kann nicht wohl anders ſein, du guter Gott, da Du ja ſelbſt nicht mehr weit von fünfzig biſt. Allein er hat ſich gut conſervirt, meine hübſche Lady Jane, nicht wahr? Das kommt von ſeinem from⸗ 160 men, nüchternen, und ſtreng ſittlichen Leben her. Sehen Sie mich an; ich bin bald achtzig — ha, ha!“ Und der Baronet lachte, und nahm eine Priſe, und ſah ſie mit einem Satyrblicke an, und drückte ihr die Hand. Pitt brachte noch einmal die Holzfällungen auf's Tapet; allein der Baronet wurde in einem Augenblicke wieder taub. „Ich fange an, ſehr alt zu werden, und habe dieſes Jahr furchtbar am Hüftweh gelitten. Ich werde es nicht mehr lange treiben; allein es freut mich, daß Sie ge⸗ kommen ſind, Schwiegertochter. Ich mag Ihr Geſicht⸗ chen recht wohl leiden, Lady Jane: es liegt Nichts von dem verdammten hochnaſigen Binkie'ſchen Weſen darin; und ich werde Ihnen, mein Schatz etwas Hübſches geben, womit Sie ſich bei Hofe ſehen laſſen können.“ Bei dieſen Worten wackelte der Baronet über das Zimmer hin und auf einen Wandſchrank zu, woraus er ein kleines altes Etui nahm, das Juwelen von ziemlich großem Werthe enthielt. „NRehmen Sie das, mein Schatz,“ ſagte er; „es hat meiner Mutter, und dann der erſten Lady Binkie gehoͤrt. Hübſche Perlen — gab ſie nie der Eiſenhänvlerstochter. Nein, nein. Nehmen Sie ſie, und bewahren Sie ſie ge⸗ ſchwind auf,“ ſagte er, ſeiner Schwiegertochter das Etui in die Hand vrückend, und die Thüre des Schrankes zu⸗ ſchlagend, als Horrocks mit einem Präſentirteller und Er⸗ friſchungen in das Zimmer trat. h n „Was haben Sie Pitt's Frau gegeben 2“ ſagte die bebänderte Perſon, als Pitt und Lady Jane von dem alten Herrn ſich verabſchiedet hatten. Es war Miß Hor⸗ rocks, die Tochter des Haushofmeiſters — die Urſache des Aergerniſſes, das die ganze Grafſchaft nahm — die 161 Dame, die jetzt faſt unumſchränkt zu Queen's Crawley herrſchte. Die Erhebung dieſes bebänderten Frauenzimmers und die ſteigende Gunſt, deren ſich daſſelbe zu erfreuen hatte, war von der Grafſchaft und der Familie mit Entſetzen wahrgenommen worden. Die in Frage ſtehende bebän⸗ derte Perſon hatte ſich in den Büchern der Filialſparkaſſe von Mudbury eine Rechnung eroͤffnen laſſen; die bebän⸗ derte Perſon fuhr in die Kirche, und monopolifirte dabei die Pony⸗Chaiſe, welche für die ganze Dienerſchaft des Schloſſes beſtimmt war. Die Dienſtboten wurden ent⸗ laſſen, ſobald ſie es haben wollte. Der ſchottiſche Gärt⸗ ner, der immer noch auf dem Gute war, ſeinen Stolz in ſeinen Spalieren und in ſeinen Gewächshäuſern fand, und aus dem Garten, den er gepachtet hatte, und deſſen Produkte er zu Southampton verkaufte, ein recht hübſches Einkommen zog, traf an einem ſonnenhellen Morgen die bebänderte Perſon an dem ſüdlichen Spaliere, wie die⸗ ſelbe Pfirſiche aß, und bekam einige Ohrfeigen, als er ſich gegen dieſen Eingriff in ſein Eigenthum aufließ. In Folge dieſes Ereigniſſes ſahen er, und ſeine ſchottiſche Frau, und ſeine ſchottiſchen Kinder, welche Leute zuſammen die einzigen reſpectablen Bewohner von Queen's Crawley waren, ſich gezwungen, mikt ihrer Habe abzuziehen, wo⸗ durch der ſchöne Garten, der bis dahin einen guten Er⸗ trag gewährt hatte, verdarb, und die Blumenbeete der erwilderung anheim fielen. Der Roſengarten der armen Lady Crawley wurde zur traurigſten Wildniß. Nur zwei oder drel Domeſtiken blieben ſchaudernd in der öden, alten Bedientenſtube zurück. Die Ställe und Wirthſchaftsgebäude waren leer und verſchloſſen, und lagen halb in Ruinen. Sir Pitt lebte ganz für ſich, und zechte jeden Abend mit Horrocks, ſeinem Kellermeiſter oder Haushofmeiſter (wie derſelbe jetzt nach und nach genannt wurde), und Der Jahrmarkt des Lebens. M. 11 162 der verworfenen bebänderten Perſon. Die Verhältniſſe hatten ſich gewaltig geändert ſeit der Zeit, wo ſie in einer † ſchlechten Karre nach Mudbury fuhr, und den kleinen Handwerksleuten den Titel „Sir“ gab. Mochte es nun aus Scham, oder aus Wiverwillen gegen ſeine Nachbarn geſchehen, ſo viel ſteht feſt, daß der alte Cyniker von Queen's Crawley jetzt faſt gar nicht mehr über ſein Parkthor hinauskam. Er zankte ſich jetzt mit ſeinen Agenten nur noch ſchriftlich herum; und ebenſo plackte er ſeine Pächter nur noch ſchriftlich. Seine e vergingen unter Briefſchreiben; die Advocaten, und Balliffs, die ſeine Pächter zum Zahlen anhalten mußt und mit ihm zu thun hatten, konnten nur durch die bänderte Perſon bis zu ihm gelangen, wobei beſagte P ſon ſie an der Thüre des der Haushälterin angewieſe Zimmers empfing, — welche Thüre den hintern Einga durch den ſie in's Haus gelaſſen wurden, beherrſchte; un ſo nahm die Unordnung in den Angelegenheiten des Ba ronets, und mit derſelben ſeine Noth und ſeine Verlegen heiten zu. Es läßt ſich leicht denken, wie groß das Entſetzen Pitt Crawley's war, als die Gerüchte von dem kindiſchen Zuſtande ſeines Vaters dem muſterhafteſten und exempla⸗ riſchſten aller Gentlemen zu Ohren kam. Er zitterte täg⸗ lich vor Furcht, die bebänderte Perſon mochte zum Range einer zweiten legalen Stiefmutter erhoben werden. Nach dieſem erſten und letzten Beſuche wurde in Pitt's feinem und anſtändigem Hauſe der Name des Vaters nie mehr erwähnt. Letzterer war das Skelett in ſeinem Hauſe, und die ganze Familie ging ſchweigend und ſchreckerfüllt daran vorüber. Die Gräfin Southdown fuhr fort, vom Wagen aus am Parkthore die aufregendſten Tractate niederzulegen, — Tractate, die Einem vor Entſetzen die Haare ausfallen ma⸗ chen konnten. Mrs. Bute im Pfarrhauſe ſchaute jede Nacht zum * 163 Fenſter hinaus, um zu ſehen, ob der Himmel über den Ulmen, hinter denen das Schloß ſtand, nicht geroͤthet wäre, und ob das Schloß nicht in Flammen ſtände. Sir G. Wapſhot und Sir H. Fuddleſtone, alte Freunde des Hauſes, wollten bei den Quartalſitzungen nicht auf einer Bank mit Sir Pitt ſitzen, und ignorirten ihn total in der High Street von Southampton, wo der ſ Sünder ſtand, und ihnen ſeine ſchmutzigen alten Hände hinhielt. Allein es ſchlug Nichts mehr bei ihm an; er ſteckte die Hände in ſeine Taſchen, und brach in ein Gelächter aus, als er in ſeinen mit vier Pferden beſpannten Wagen krabbelte; er pflegte über Lady Southdown's Tractate in ein Gelächter auszubrechen; und er lachte über ſeine Söhne, und über die Welt, und über die bebänderte Per⸗ ſon, wenn dieſe ärgerlich war, was nicht ſelten der Fall war. Miß Horrocks ward zu Qucen's Crawleh als Haus⸗ hälterin inſtallirt, und herrſchte über alle Domeſtiken dort mit großer Majeſtät und Strenge. Sämmtliche Dienſt⸗ boten waren angewieſen, ſie mit „Mum“ oder „Madam“ anzureden, — und es war ſogar ein kleines Dienſtmäd⸗ chen da, das, auf Beförderung dienend, ſie beharrlich mit „my Lady“ anredete, ohne daß die Haushälterin ſie deß⸗ halb tadelte. „Es hat ſchon beſſere Ladies gegeben, aber auch ſchon ſchlechtere, Heſter,“ lautete Miß Horrocks' Antwort auf das Compliment ihrer Untergebenen. So herrſchte ſie un⸗ umſchränkt über Alles, mit Ausnahme ihres Vaters, den ſie indeſſen mit bedeutendem Hochmuthe behandelte, und dem ſie bedeutete, daß er ſich wohl zu hüten hätte, eine Perſon, aus der noch „eine Baronets⸗Lady“ werden würde, zu familiär zu behandeln. Und in der That ſpielte ſie, bei ihren Repetitionen, dieſe hohe Lebensrolle zu ihrer eigenen großen Zufrieden⸗ heit, ſowie zur großen Beluſtigung des alten Sir Pitt, 164 der über ihre Alrs, und ihre Grazie, ſowie über ihr an⸗ genommenes würdevolles Weſen, und ihre Nachahmungen aus dem vornehmen Leben oft ſtundenlang aus vollem Halſe lachte. Der alte Sünder ſchwor, es ſei ſo gut, wie eine Komödie, wenn man ſie in der Rolle einer fei⸗ nen Dame ſehe; und in Folge deſſen mußte ſie eines der Galakleider der erſten Lady Crawley anlegen, und Sir Pitt ſchwor (wobei Miß Horrocks ihm ganz und gar Recht gab), vaß der Anzug ihr zum Verwundern gut ſtehe, und ließ die Drohung fallen, daß er ſie noch in demſelben Augenblicke in einer vierſpännigen Kutſche nach Hofe fahren laſſen würde, Miß Horrocks plünderte die Garderobe der beiden verſtorbenen Ladies, und ſchnitt, und änderte an deren nachgelaſſenem Putz, ganz wie es ihr behagte, und wie es ihre Figur erforderte. Auch hätte ſie gar gerne die Juwelen und Schmuckſachen in Beſitz genommen; allein der alte Baronet hielt dieſelben in ſeinem Privatſchranke verſchloſſen, und ließ ſich durch keine Schmeicheleien und Liebkoſungen zur Herausgabe der Schlüſſel bewegen. Und ferner iſt es eine Thatſache, daß einige Zeit, nachdem dieſe Dame Queen's Crawley verlaſſen, ein ihr gehoͤrendes Schreibbuch entdeckt wurde, woraus man erſehen konnte, daß ſie ſich ingeheim viele Mühe gegeben, die Schreibe⸗ kunſt im Allgemeinen ſich anzueignen, und insbeſondere ihren eigenen Namen als Lady Crawley, Lady Betſy Horrocks, Lady Elizabeth Crawley u. ſ. w. ſchreiben zu lernen. * Oögleich die guten Leute im Pfarrhauſe das Schloß nie betraten, und den abſcheulichen alten, kindiſchen Be⸗ ſitzer deſſelben mieden, ſo fanden ſie doch immer Wege und Mittel, Alles, was dort geſchah, auf's Genaueſte zu erfahren. Und täglich erwarteten ſie die Kataſtrophe, die auch Miß Horrocks mit aller Macht zu beſchleunigen ſuchte. Allein das neiviſche Fatum verrückte ihre Pläne, 165 und ließ ſie nicht den Lohn ernten, der einer ſo unbefleck⸗ ten Liebe und Tugend gebührte. Eines Tages überraſchte der Baronet „ihre Lady⸗ ſhip,“ wie er ſie im Spaſſe zu nennen pflegte, an dem alten und total verſtimmten Klaviere im Geſellſchaftszim⸗ mer, das ſeit der Zeit, wo Becky Sharp Quadrillen darauf geſpielt hatte, nicht mehr berührt worden war. Sie ſaß mit außerordentlicher Gravität an dem Klaviere, und ſchrie und kreiſchte aus Leibeskräften, um die Muſik nachzuahmen, ſo ſie bisweilen gehört hatte. Das kleine, auf Beforderung dienende Küchenmädchen ſtand während der Operation neben ihrer Herrin, ganz entzückt, mit dem Kopfe nickend und rufend: „Mein Gott, Mum, 's iſt prachtvoll, — ganz nach Art eines in modiſchen Klei⸗ dern ſteckenden Sykophanten in einem wirklichen Salon. Dieſer Vorfall machte den alten Baronet, wie ge⸗ woͤhnlich, aus vollem Halſe lachen. Er erzählte Horrocks die Sache wohl ein Dutzend Male im Laufe des Abends, was Miß Horrocks ihrerſeits gar nicht gern horte. Er trommelte auf dem Tiſch, als ob derſelbe ein mufikaliſches Inſtrument wäre, und ſchrie und kreiſchte, um ihre Sing⸗ weiſe nachzuahmen. Auch betheuerte er, daß eine ſo prachtvolle Stimme ausgebildet werden, und erklärte, daß ſie einen tüchtigen Singlehrer haben ſollte, — worin ſie durchaus nichts Lächerliches fand. An jenem Abende war er auf's Beſte aufgelegt, und trank mit ſeinem Freunde und Kellermeiſter ein unge⸗ wöhnlich großes Quantum Rum und Waſſer, — bis zu einer ſehr ſpäten Stunde der treue Freund und Dienſtbote ſeinen Herrn in ſein Schlafzimmer brachte. „ 3 Eine halbe Stunde darauf rannte im Hauſe Alles hin und her. Von einem Fenſter zum andern bewegten ſich in dem einſamen, öden alten Schloſſe, von dem der 166 Beſitzer gewöhnlich nur zwei bis drei Zimmer zu be⸗ wohnen pflegte, Lichter. Einen Augenblick darauf galoppirte ein junger Dienſt⸗ bote auf einem Pony nach Mudbury, auf das Haus des Doctors zu. Und eine Stunde darauf (es iſt dieß ein Factum, woraus wir erſehen können, wie gut die vortreffliche Mrs. Crawley ſtets von Allem unterrichtet war, was in dem großen Hauſe vorging) war die genannte Dame in Ue⸗ berſchuhen und in ihrer großen Capote, mit Seiner Ehr⸗ würden, Herrn Bute Crawley, ſowie mit ihrem Sohne, James Crawley, von dem Pfarrhauſe durch den Park ge⸗ wandert, und durch die offene große Thüre in das Schloß eingedrungen. Sie gingen durch die Vorhalle und das kleine, mit Eichenholz ausgetäfelte Parlour, wo auf dem Tiſche noch die drei großen Tummler ſammt der leeren Rumflaſche, die bei Sir Pitt's Gelage gedient hatten, ſtanden; und von da in Sir Pitt's Arbeitszimmer, wo ſie die Miß Horrocks mit den verbrecheriſchen Bändern fanden. Die⸗ ſelbe ſah wild aus, und ſuchte mit einem Bunde Schlüſſel Schränke und Pulte zu öffnen. Mit einem Schrei des Schreckens ließ ſie die Schlüſ⸗ ſel fallen, als die Augen der kleinen Mrs. Bute unter ihrer großen ſchwarzen Capote ſie anfunkelten. „Seht her, James und Herr Crawley,“ rief Mrs. Bute, auf vas ſchreckerfüllte Geſicht der ſchwarzäugigen⸗ ſtrafbaren Dirne deutend. „Er hat ſie mir gegeben; er hat ſie mir gegeben!“ rief die Dirne. „Hat ſie Dir gegeben, Du verworfenes Geſchöpf!“ kreiſchte Mrs. Bute. „Du biſt Zeuge, Crawley, daß wir dieſes nichtsnützige Weibsbild auf der That ertappt haben, wie ſie Deines Bruders Eigenthum ſtahl; und ſie kommt an den Galgen, wie ich immer geſagt habe.“ Betſy Horrocks warf ſich, jetzt ganz muthlos ge⸗ 167 macht, auf die Knie nieder, und brach in Thränen aus. Allein diejenigen, vie ein wahrhaft gutes Frauenzimmer kennen, wiſſen wohl, daß ſie nicht auf der Stelle verzeiht, und daß die Demüthigung eines Feindes für ihre Seele die höchſte Wonne iſt. „Schelle doch, James,“ ſagte Mrs. Bute. „Schelle ſo lange, bis die Leute kommen.“ Die drei oder vier Domeſtiken, die in dem verlaſſe⸗ nen alten Hauſe wohnten, kamen auf das fortwährende Geklingel endlich herbei. „Bringet dieſes Weibsbild in das Gefängnißzimmer,“ ſagte ſie. „Wir haben ſie auf der That ertappt, wie ſie Sir Pitt beſtahl. Crawley, Du wirſt den Verhaftsbefehl ausſtellen — und Sie, Beddoes, werden ſie noch dieſen Morgen auf der offenen Karre in das Gefängniß von Southampton abliefern.“ „Meine Liebe,“ wandte der Magiſtrat *) und Pfarr⸗ herr ein — „ſie hat nur —“ „Sind keine Handſchellen da?“ fuhr Mrs. Bute fort, und ſtampfte dabei mit ihren Ueberſchuhen auf den Bo⸗ den. „Es waren doch ſonſt Handſchellen hier. Wo iſt der abſcheuliche Vater dieſer Creatur?“ „Er hat ſie mir gegeben,“ rief immer noch die arme Betſy: „nicht wahr, Heſter? Du haſt ja geſehen, wie Sir Pitt — Du wirſt es wohl noch wiſſen — mir ſie ſchon vor langer Zeit — den Tag nach dem Jahr⸗ markte von Mudbury — gab: aber ich brauche ſie nicht. Nehmen Sie ſie, wenn Sie glauben, daß ſie nicht mein Eigenthum ſeien.“ Und hier zog die unglückliche Sünderin aus ihrer Taſche ein Paar großer, mit falſchen Steinen beſetzter Schuh⸗ ſchnallen hervor, die ſchon längſt ihre Bewunderung erregt, und die ſie ſich aus einem der im Arbeitszimmer befind⸗ lichen Bücherſchränke herausgeholt hatte. ——— *) Magistrate, Friedensbeamter. 168 „Ei, ei, Betſy, wie mögen Sie doch eine ſo abſcheu⸗ liche Lüge vorbringen!“ ſagte Heſter, das kleine, auf Be⸗ förderung dienende Küchenmädchen — „und noch dazu gegenüber von Madam Crawley, die ſo herzensgut iſt, und gegenüber von Seiner Ehrwürden“ (— hier machte ſie einen Knicks —), „und Sie können gewiß alle meine Schachteln und Käſten durchſuchen, Mum, und hier ſind meine Schlüſſel: ich bin ein ehrliches Mädchen, wenn ich auch von armen Eltern herkomme, und im Arbeitshauſe auferzogen worden bin; — und wenn Sie auch nur ein lumpiges Stück Spitzen, oder einen ſeldenen Strumpf von all' den Kleidern finden, die Sie haben plündern koͤnnen, ſo will ich nicht mehr in die Kirche kommen.“ „Die Schlüſſel heraus, Du in Sünde verhärtetes Menſch,“ ziſchte die tugendhafte kleine Dame aus der großen Capote heraus. „Und hier iſt ein Licht, Mum, und wenn es Ihnen recht iſt, Mum, ſo will ich Ihnen ihr Zimmer zeigen, Mum, und den Schrank im Zimmer der Haushälterin, Mum, wo ſie Haufen von Sachen liegen hat, Mum,“ ſchrie die kleine eifrige Heſter mit unzähligen Knickſen. „Halt' Du Dein Maul, ſei ſo gut. Ich kenne das Zimmer recht gut, das die Creatur da inne hat. Mrs. Brown, ſeien Sie ſo gut, und kommen Sie mit mir, und Sie, Beddves, verlieren Sie das Weibsbild nicht aus dem Geſichte,“ ſagte Mrs. Bute, den Leuchter ergreifend. — „Crawley, es wäre beſſer, wenn Du alsbald hinaufgingeſt, und dafür ſorgteſt, daß Sie Deinen unglücklichen Bruder nicht ermorden —“ Und die große Capote ſchritt, von Mrs. Brown be⸗ gleitet, dem Zimmer zu, das ſie, wie ſie ganz richtig be⸗ merkt hatte, genau kannte. Bute ging hinauf, und fand den Doctor von Mud⸗ bury, ſowie den ſchreckenerfüllten Horrocks neben dem in einem Stuhle ſitzenden Sir Pitt Crawley. Sie verſuch⸗ ten es, demſelben zur Ader zu laſſen. 169 Schon Morgens in aller Frühe wurde von der Frau des Pfarrherrn, welche das Regiment übernommen, und bei dem alten Baronet während der Nacht gewacht hatte, ein Erpreſſer an Herrn Pitt Crawley abgeſchickt. Der Baronet war zu einer Art Leben zurückgebracht worden; er konnte nicht ſprechen, jedoch ſchien er ſeine Leute zu kennen. Mrs. Bute wich nicht von ſeinem Bette. Das kleine Weibchen ſchien nie des Schlafes zu bedürfen, und ſchloß ihre ſchwarzen feurigen Augen auch nicht ein⸗ mal, obgleich der Doctor in dem Armſeſſel ſchnarchte. Horrocks machte einige verzweifelte Anſtrengungen, um ſeine Autorität geltend zu machen, und ſeinem Herrn beizuſtehen; allein Mrs. Bute nannte ihn einen beſoffenen alten Sündenknecht, und befahl ihm, ſich im Hauſe nicht mehr blicken zu laſſen, widrigenfalls er mit ſeiner ab⸗ ſcheulichen Tochter transportirt werden würde. Erſchreckt durch ihr Auftreten, ſchlich er ſich in das mit Eichenholz getäfelte Parlour hinab, wo ſich Herr James befand, der, nachdem er die bewußte Flaſche un⸗ terſucht und keine geiſtige Flüſſigkeit darin gefunden hatte, Herrn Horrocks den Befehl gab, noch eine Flaſche Rum heraufzuholen, was derſelbe denn auch that. Zugleich brachte er reine Gläſer herbei, und nun ſetzten ſich der Pfarrer und ſein Sohn an den Tiſch, um ſich den Inhalt der Flaſche zu Gemüthe zu führen: vorher hatte indeſſen Horrocks noch den Befehl erhalten, die Schlüſſel augen⸗ blicklich hinzulegen, und ſich mit keinem Auge wieder blicken zu laſſen. Dieſes Benehmen hatte zur Folge, daß Horrocks, ganz erſchrocken, die Schlüſſel abgab. Noch in der nämlichen Nacht ſchlich er mit ſeiner Tochter in aller Stille davon, und räumte das Schloß von Queen's Crawley. ———————— Pierzigſtes Kapitel. Worin Becky von der Familie anerkannt wird. Der Erbe von Crawley langte, nach dieſer Kata⸗ ſtrophe, zu gehöriger Zeit auf dem Schloſſe ſeiner Väter an, und man kann von ihm ſagen, daß er von nun an in Queen's Crawley regiert habe. Denn obgleich der alte Baronet noch viele Monde lebte, ſo erlangte er doch den Gebrauch ſeines Verſtandes oder der Junge nicht mehr ganz, und ſo ging denn die Regierung auf ſeinen älteſten Sohn über. Pitt fand das Familiengut, ſowie das Vermoͤgen überhaupt, in einem ſonderbaren Zuſtande. Sir Pitt hatte immer und ewig gekauft, und verpfändet; hatte zwanzig Agenten gehabt, und mit jedem Streit bekommen; hatte alle ſeine Pächter prozeſſirt; hatte Prozeſſe mit den Ad⸗ vocaten, — Prozeſſe mit den Bergbau⸗ und Dock⸗Geſell⸗ ſchaften, bei denen er betheiligt war, kurz, Prozeſſe mit jedem Menſchen, mit dem er einmal zu thun gehabt. Alle dieſe Schwierigkeiten zu löſen, und das Ver⸗ mögen ſchuldenfrei zu machen, war eine Aufgabe, des ordnungsliebenden und beharrlichen Diplomaten von Pum⸗ pernickel würdig. Auch ging er mit ungeheurem Fleiße an dieſe Rieſenarbeit. Natürlich kam nun ſeine ganze Familie nach Queen's Crawley, wo ſich natürlich auch Lady Southdown einfand. Letztere fing an, die Kirch⸗ ſpiel⸗Angehörigen vor der Naſe des Pfarrherrn zu bekeh⸗ ren, und zum Entſetzen der erbosten Mrs. Bute ihre irreguläre Geiſtlichkeit in den Kampf zu führen. Sir Pitt hatte über den Verkauf der Pfründe von Queen's Crawley noch keinen Handel abgeſchloſſen; und 171 ihre Ladyſhip nahm ſich für den Fall, daß die Pfründe erledigt würde, vor, bei der Verleihung ſelbſt ein Wört⸗ chen mitzuſprechen, und einem jungen Schützlinge die Pfarrſtelle zuzuwenden: — über welchen Gegenſtand der diplomatiſche Pitt Nichts ſagte. Mrs. Bute's Abſichten in Bezug auf Miß Betſy Horrocks blieben unausgeführt: und ſo blieb denn auch Letztere mit dem Southamptoner Gefängniſſe verſchont. Sie verließ mit ihrem Vater das Schloß, worauf Letz⸗* terer von dem „Crawleh'ſchen Wappen“ im Dorfe, das Sir Pitt an ihn verpachtet hatte, Beſitz ergriff. Der Erkellermeiſter hatte dort gleichfalls ein kleines Freigut erhalten, wodurch er einer der Wahlmänner des Burg⸗ fleckens wurde. Ein anderer Wahlmann war der Pfarrherr, und dieſe beiden Stimmen bildeten nebſt noch vier andern den Wahl⸗ körper, der die zwei Parlamentsmitglieder für Queen's Crawley wählte. Der Verkehr zwiſchen den Damen im Pfarrhauſe und auf dem Schloſſe war ein anſcheinend freundlicher, S ſo weit es wenigſtens die jüngern betraf, denn Mrs. Bute und Lady Southdown konnten nie zuſammenkommen, ohne daß ſie ſich geſtritten hätten, und ſo hörten denn die beiden letztgenannten Damen allmählig auf, einander zu beſuchen. Ihre Ladyſhip blieb beharrlich auf ihrem Zimmer, wenn die Damen vom Pfarrhauſe ihre Verwandten im Schloſſe beſuchten. Vielleicht war Herrn Pitt dieſe öftere Abweſenheit ſeiner Schwiegermutter nicht ganz unlieb. Er hielt zwar die Binkie'ſche Familie für die größte, und weiſeſte, und intereſſanteſte von der Welt, und ihre Ladyſhip, ſowie auch ſeine Tante hatte ihn lange in der Zucht gehalten; allein bisweilen fühlte er denn doch, daß ſie ihm gar zu viel befehle. Ohne Zweifel war es ſchmeichelhaft, für jung angeſehen zu werden; allein in einem Alter von ſechs und — 172 vierzig Jahren, wie ein Bube geſchulmeiſtert und behan⸗ delt zu werden, war denn doch bisweilen ärgerlich. Indeſſen ließ Lady Jane ihre Mutter in Allem ge⸗ währen. Sie legte ihre Liebe gegen ihre Kinder nur in⸗ geheim an den Tag; und es war ein Glück für ſie, daß Lady Southdown's vielfältige Geſchäfte, ihre Conferenzen mit Geiſtlichen, und ihre Correſpondenz mit ſämmtlichen Miſſionären Afrikas, Aſiens, und Auſtraliens u. ſ. w. u. ſ. w. die ehrwürdige Gräfin ſtark beſchäftigte, ſo daß ſie ihrer Enkelin, der kleinen Matilda, und ihrem Enkel, Maſter Pitt Crawley, nur wenig Zeit widmen konnte⸗ Letzterer war ein ſehr ſchwächliches Kind: und nur durch Adminiſtrirung von ungeheuren Quantitäten Calomel ge⸗ lang es Lady Southdown, ihn überhaupt am Leben zu erhalten. Was Sir Pitt betraf, ſo zog er ſich in die Gemächer zurück, wo früher Lady Crawley den letzten Athem aus⸗ gehaucht hatte, und wurde da von Miß Heſter, dem auf Beförderung dienenden Mädchen mit beſtändiger Sorgfalt und unabläßigem Fleiße gepflegt. Welche Liebe, welche Treue, welche Beſtändigkeit kommt der Liebe, der Treue, der Beſtändigkeit einer Wärterin, die einen guten Lohn hat, gleich? Solche Wärterinnen ſtreichen Einem das Kopfkiſſen glatt: und machen Arrow⸗Root; ſtehen in der Nacht auf: ertragen Klagen und üble Launen; ſehen die Sonne draußen ſcheinen, und haben keine Sehnſucht, aus⸗ zugehen: ſchlafen auf Armſeſſeln, und eſſen ganz allein: bringen lange, lange Abende damit zu, daß ſie Nichts thun, daß ſie die Kohlen, und das im Topfe gelinde kochende Getränke des Patienten beobachten: leſen von einem Ende der Woche bis zum andern das Wochenblatt; und begnügen ſich Jahr aus Jahr ein, mit Law's „Ern⸗ ſtem Rufe“ oder der „Ganzen Pflicht des Menſchen 1 ſtatt aller andern Lectüre: — und wir zanken mit ihnen, weil, wenn ihre Verwandten einmal in der Woche kom⸗ — —— — „ 173 men, um ſie zu beſuchen, in ihrem Weiszeugkorbe mit⸗ unter ein wenig Genever eingeſchmuggelt wird. Meine Damen, glauben Sie wohl, daß es auf dieſer Welt einen Mann gibt, deſſen Liebe ſo weit ginge, um den Gegenſtand ſeiner Liebe ein volles Jahr am Kranken⸗ bette zu pflegen? Aber eine Wärterin verläßt Einen nie für vierteljährige zehn Pfund, und wir find ſo undankbar, daß wir glauben, ſie ſei zu gut bezahlt. Wenigſtens brummte Herr Crawley gar oft darüber, daß er Miß Heſter halb ſo viel dafür zahlen mußte, daß dieſelbe den Baronet, ſeinen Vater, beſtändig hediente und pflegte. An freundlichen Tagen wurde der alte Herr in einem Stuhle auf die Terraſſe gebracht: — es war der nämliche Stuhl, den Miß Crawley zu Brigthon gehabt hatte, und der mit einem Theile der Lady Southdown'ſchen Effecten von dort nach Queen's Crawley geſchafft worden war. Lady Jane war viel um den alten Mann, und er konnte ſie offenbar ſehr wohl leiden. Er pflegte ihr gar oft zuzunicken und zuzulächeln, wenn ſie hereinkam, und ein unartikulirtes, flehentliches Geſtoͤhne horen zu laſſen, wenn ſie fortging. Wenn die Thüre ſich hinter ihr geſchloſſen hatte, pilegte der alte Mann zu weinen und zu ſchluchzen, — worauf Heſter's Geſicht und Weſen, das in Gegenwart ihrer Lady ſtets außerordentlich ſanft und freundlich war, ſich mit einem Male veränderte: dann pflegte ſie ihm Gri⸗ maſſen zu machen, und ballte die Fauſt und ſchrie: „Hal⸗ ten Sie das Maul, Sie dummer alter Eſel,“ und ſeinen Stuhl vom Feuer, in das er gern ſah, wegdrehte — worauf er dann nur noch mehr weinte. Denn dieß war Alles, was nach mehr als ſiebzigjährigem Pfiffigſein, und Kämpfen, und Trinken, und Plänemachen, und Sündigen, und ſelbſtſüchtigem Handeln von ihm übrig war; — ein winſelnder alter Idiot, der ins Bett gebracht, und aufge⸗ hoben, und gereinigt, und gefüttert werden mußte, wie ein kleines Kind! 174 Endlich kam ein Tag, an dem die Wärterin ihrer Laſt endlich entledigt ward. Eines Morgens in aller Frühe, als Pitt Crawley die Bücher ſeines Verwalters und ſeines Bailiffs in ſeinem Studierzimmer prüfte, ließ ſich ein Klopfen an der Thüre vernehmen, und es erſchien Heſter, die mit einem Knickſe alſo ſprach: „Erlauben Sie mir, Sir Pitt, Sie zu benachrichti⸗ gen, daß Sir Pitt dieſen Morgen geſtorben iſt, Sir Pitt. Ich roͤſtete eben für ihn Brod, Sir Pitt, zu ſeinem Hafer⸗ ſchleim, Sir Pitt, den er jeden Morgen, Schlag ſechs Uhr, zu ſich nahm, Sir Pitt, und — es war mir, als hoͤrte ich etwas einem Geächze Aehnliches, Sir Pitt, und — und — und — und —“ Sie machte abermals einen Knicks. Was war Schuld, daß Pitt's blaſſes Geſicht mit einem Male purpurroth aufflammte? Geſchah es darum, weil er nun endlich Sir Pitt mit einem Sitze im Par⸗ lamente war, und weil ihm künftige Ehren in Ausſicht ſtanden? „Ich will jetzt das Gut mit dem baaren Gelde ſchul⸗ denfrei machen,“ dachte er, und berechnete raſch die darauf haftenden Pfandſchulden, ſowie die Koſten der von ihm beabſichtigten Verbeſſerungen. Er hatte das Geld ſeiner Tante nicht früher angrei⸗ fen wollen, aus Furcht, Sir Pitt möchte wieder aufkom⸗ men, und es möchten ſeine Auslagen vergeudet ſein. * 3 Im Schloſſe und im Pfarrhauſe wurden alle Jalou⸗ ſien geſchloſſen; die Kirchenglocke ließ ihre Trauertöne hören, und es wurde die Kanzel ſchwarz behangen; und Bute Crawley unterließ es, ſich bei einer Hetzjagdpartie einzufinden. Dagegen ging derſelbe nach Fuddleſtone, und ſpeiste dort ruhig zu Mittag: man ſprach beim Port von ſeinem verſtorbenen Bruder, und dem jungen Sir Pitt. 175 Miß Betſy, die ſich um dieſe Zeit bereits mit ei⸗ Sattler von Mudbury verheirathet hatte, weinte ge⸗ waltig. Der Familienarzt ritt hinüber, und empfahl ſich ehrer⸗ bietigſt, und erkundigte ſich nach der Geſundheit ihrer Ladyſhips. Zu Mudburh und „im Crawley'ſchen Wappen“ wurde der Tod des alten Baronets beſprochen. Herr Horrocks, der Wirth, hatte ſich in neueſter Zeit mit dem Pfarrherrn ausgeſoͤhnt, welch' Letzterer gelegentlich ſich in dem Par⸗ lour blicken ließ, wo er das milde Horrocks'ſche Bier verſuchte. „Soll ich an Deinen Bruder ſchreiben — oder willſt S es thun?“ fragte Lady Jane ihren Gatten, Sir itt. „Ich werde ſchreiben, wie ſich von ſelbſt verſteht,“ ſprach Sir Pitt, „und werde ihn zur Leichenfeier einladen: der Anſtand erfordert es.“ „Und — und — und Mrs. Rawdon,“ ſagte Lady Jane ſchüchtern. „Janel“ ſagte Lady Southdown, „wie magſt Du nur an ſo 'was denken.“ „Natürlich muß Mrs. Rawdon auch eingeladen wer⸗ den,“ ſagte Sir Pitt entſchloſſen. „Nicht aber ſo lange ich im Hauſe bin!“ rief Lady Southdown. „Ew. Ladyſhip werden ſich gefülligſt erinnern, daß ich das Haupt der Familie bin,“ erwiederte Sir Pitt. „Lady Jane, ſchreib' gefälligſt einen Brief an Mrs. Raw⸗ don Crawley, und bitte ſie, ſich bei dieſem traurigen An⸗ laſſe hier einzuſinden.“ „Jane, ich verbiete Dir, eine Linie zu ſchreiben!“ rlef die Gräfin. „Ich glaube, ich bin das Haupt der Familie,“ wie⸗ derholte Sir Pitt, „und wie ſehr ich auch jeden Umſtand bedauern muß, der Ew. Ladyſhip veranlaſſen koͤnnte, die⸗ „ 176 ſes Haus zu verlaſſen, ſo muß ich doch auf der andern Seite, mit Ihrem Verlaub, fortfahren, es zu regieren, wie es mir am Paſſendſten ſcheint.“ Lady Southdown ſtand auf ſo majeſtätiſch, wie Mrs. Siddons als Lady Macheth, und befahl, alsbald ihren Wagen anzuſpannen. „Wenn,“ ſagte ſie, „ihr Sohn und ihre Tochter ſie aus ihrem Hauſe trieben, ſo wolle ſie ihren Kummer an einem einſamen Orte verbergen, und um die Bekehrung ihres Schwiegerſohnes und ihrer Tochter zu beſſeren Gedanken beten.“ „Wir treiben Sie aber ja nicht aus unſerem Hauſe, ſagte die furchtſame Lady Jane in flehendem Tone. „Ihr ladet aber Leute ein, mit denen keine chriſtliche Sot zuſammen kommen kann, und morgen frühe fahre weg.“ „Sei ſo gut und ſchreibe, Jane, was ich Dir diktire,“ ſagte Sir Pitt aufſtehend, und ſich in eine befehlende At⸗ titüde werfend, ähnlich der, ſo man auf dem Porträt ei⸗ nes Gentleman in der Kunſtausſtellung bemerkt, „und fang' an. „„Queen's Crawley, September 14, 1822. — Mein lieber Bruder —““ Als ſie dieſe entſcheidenden und furchtbaren Worte hörte, erhob ſich Lady Macbeth, die auf ein Zeichen der Schwäche oder des Wankens von Seiten ihres Schwie⸗ gerſohnes gewartet hatte, und verließ das Bibliothekzimmer, wobei ſie ganz verſcheucht ausſah. Lady Jane ſah zu ihrem Gatten auf, als wolle ſie ihrer Mama folgen und ſie beſänftigen; allein Pitt ver⸗ bot ſeiner Frau, ſich von der Stelle zu bewegen. „Sie geht nicht fort,“ ſagte er. „Sie hat ihr Haus in Brighton vermiethet, und hat ihr letztes Halbjahrsein⸗ kommen bereits verbraucht. Eine Gräfin, die in einem Gaſthauſe lebt, iſt eine ruinirte Frau. Ich habe längſt auf eine günſtige Gelegenheit gewartet, um en ent⸗ ſcheidenden Schritt zu thun, mein Schatz; denn es iſt, 177 wie du ſelbſt einſehen mußt, für eine Familie eine Un⸗ möglichkeit, zwei Häuptern zu gehorchen: und nun wollen wir, ſo es Dir recht iſt, mit dem Briefſchreiben fortfahren. „„Mein lieber Bruder, die peinliche Nachricht, die mir obliegt, meiner Familie mitzutheilen, kann Dir nicht ganz unerwartet kommen u. ſ. w. u. ſ. w.““ Mit einem Worte, Pitt war, nachdem er ſeiner Väter Thron beſtiegen, und durch Glück, oder vielmehr durch Verdienſt — wie er die Sache anſah, faſt alles Vermögen bekommen hatte, auf das ſeine andern Ver⸗ wandten ſich Rechnung gemacht, entſchloſſen, ſeine Fami⸗ lie freundlich und anſtändig zu behandeln, und aus Queen's Crawley abermals ein Haus zu machen. Er gefiel ſich in dem Gedanken, daß er das Haupt deſſelben ſei. Auch nahm er ſich vor, den ungeheuren Einfluß, den ſein her⸗ vorragendes Talent, ſowie ſeine ebenſo hervorragende ge⸗ ſellſchaftliche Stellung ihm, nach ſeiner Meinung, in kur⸗ zer Zeit im Lande verſchaffen mußte, zu anſtändiger Ver⸗ ſorgung ſeines Bruders und ſeiner ſonſtigen Verwandten zu benützen, und vielleicht fühlte er ein wenig den Stachel der Reue bei dem Gedanken, daß er der Eigenthümer Alles deſſen geworden, was ſie gehofft. Im Laufe einer drei⸗ oder viertägigen Regierung hatte ſich ſein ganzes Betragen geändert, und hatten ſeine Plane eine feſte Geſtalt angenommen: er beſchloß, gerecht und ehrlich zu regieren, Lady Southdown zu entthronen, und mit allen ſeinen Blutsverwandten ſich auf einen mög⸗ lichſt freundlichen Fuß zu ſetzen. Er diktirte alſo einen Brief an ſeinen Bruder Raw⸗ don — einen feierlichen, fein geſetzten Brief, der die tief⸗ ſinnigſten Bemerkungen enthielt, voll der längſten Worte war, und die kleine Sekretärin, die ſchrieb, was ihr Mann ihr diktirte, mit Verwunderung erfüllte. „Was für einen Redner wird er geben,“ dachte ſie, „wenn er in das Haus der Gemeinen tritt,“ (über dieſen Der Jahrmarkt des Lebens. m. 12 178 Punkt, ſowie über die Tyrannei der Lady Southdown, hatte Pitt bisweilen gegen ſeine Frau im Bette Winke fallen laſſen); „wie weiſe, und wie gut, und welch' ein Genie iſt mein Mann! Ich hielt ihn für ein Bischen kalt; aber wie gut, und welch' ein Genie iſt er!“ Die Wahrheit iſt, daß Pitt Crawley jedes Wort des Briefes auswendig gelernt, und denſelben mit diplo⸗ matiſcher Heimlichkeit tief und vollkommen überlegt hatte, lange vor der Zeit, wo er es für paſſend erachtete, den⸗ ſelben ſeiner erſtaunten Frau mitzutheilen. 2 6 * K Dieſer Brief wurde alſo, mit einem ungeheuren ſchwarzen Rande und Siegel verſehen, von Sir Pitt Craw⸗ ley an ſeinen Bruder, den Oberſten in London, abgeſchickt. Rawdon Crawley war aber über den Empfang deſſelben nicht ſonderlich erfreut. „Was nützt es, wenn ich an den langweiligen Ort gehe?“ dachte er. „Ich kann nach dem Diner nicht bei Pitt allein ſein, ich kann es nicht aushalten; auch wer⸗ den uns die Pferde hin und her zwanzig Pfund koſten.“ Er wandte ſich, wie er immer in ſeinen Nöthen that, an Becky, und brachte ihr mit ihrer Chocolade, die er jeden Morgen ihr machte und hinauftrug, den Brief in ihr Schlafzimmer hinauf. Er ſtellte das Speiſebrett mit dem Frühſtücke und dem Briefe auf den Ankleidetiſch, vor dem Becky ſaß⸗ und ihr gelbes Haar kämmte. Sie nahm das ſchwarz⸗ beränderte Miſſiv, und hüpfte, nachdem ſie es geleſen, von ihrem Stuhle auf, wobei ſie Hurrah rief, und den Brief um ihren Kopf herumſchwenkte. „Hurrah?“ ſagte Rawdon, der ſich über die kleine Figur wunderte, die in einem fliegenden flanellenen Schlaf⸗ rocke, und mit aufgelosten, lohfarbenen Haaren her ſprang. 179 „Er hat uns keinen Penny hinterlaſſen, Beckh ich habe meinen Antheil bekommen, als ich volljährig wurde.“ „Du wirſt nie volljährig werden, Du dummer alter Kerl,“ erwiederte Becky. „Geſchwind, geh' zu Madam Brünoh, denn ich muß einige Trauerkleider haben: und mach', daß Du einen Flor an Deinen Hut bekommſt, und laß' Dir eine ſchwarze Weſte machen — ich glaube nicht, daß Du eine haſt; ſage aber ausdrücklich, daß es mor⸗ gen da ſein müſſe, ſo daß wir am Donnerſtag abreiſen können.“ „Ou wirſt doch nicht gehen wollen?“ fiel Rawdon ein. „Natürlich will ich gehen. Lady Jane ſoll mich nächſtes Jahr bei Hofe vorſtellen. Und Dein Bruder ſoll Dir einen Sitz im Parlamente geben, Du dummes altes Geſchöpf. Lord Steyne ſoll Beine und ſeine Stimme bekommen, mein lieber, alter, einfältiger Mann; und Du ſollſt ein iriſcher Sekretär, oder ein weſtindiſcher Gouver⸗ neur, oder ein Schatzkammer⸗Lord, oder ein Conſul, oder ſo Etwas werden.“ „Das Reiſen mit Ertrapoſt wird aber verdammt viel koſten,“ brummelte Rawdon. „Wir könnten Southdown's Wagen nehmen, der ja doch bei dem Leichenbegängniſſe anweſend ſein muß, da der Lord ein Verwandter der Familie iſt: doch nein — wir wollen mit dem Eilwagen reiſen. Es wird ihnen angenehmer ſein. Es ſieht demüthiger aus —“ „Natürlich geht Rawdy auch mit?“ fragte der erß. „Nichts, Nichts: warum ſollten wir einen weitern Platz bezahlen?“ Er iſt zu groß, um zwiſchen uns Bei⸗ den noch Platz zu haben; er ſoll hier in ſeiner Ammenſtube bleiben, und die Briggs kann ihm einen ſchwarzen Rock machen. Geh', und thu', wie ich Dich geheißen. Und wohl daran thun, wenn Du Sparks, Deinem 180 Bedienten, ſagſt, der alte Sir Pitt ſei todt, und Du „ erbeſt ein Schönes, wenn Alles in's Reine gebracht ſei. Er wird es Raggles ſagen, der uns um Geld drängt, und es wird den armen Raggles ein Bischen beruhigen.“ Und ſo fing Becky an, ihre Chocolade zu ſchlürfen. Als der treue Lord Steyne im Laufe des Abends kam, fand er Beck) und ihre Geſellſchafterin, die Nie⸗ mand anders war, als unſere Freundin Briggs, eifrigſt damit beſchäftigt, daß ſie alle Arten ſchwarzer Stoffe, die in dem vorliegenden traurigen Falle benützt werden wt zerriſſen, zerſchnitten, zerſchnipfelten, und aus⸗ aſen. „Miß Briggs und ich ſind in Trauer und Verzweif⸗ lung verſetzt worden, wegen des Todes unſerer Papas,“ ſagte Rebekka. Sir Pitt Grawley iſt heimgegangen zu ſeinen Vätern, my Lord. Wir haben uns den ganzen Mor⸗ gen die Haare ausgerauft, und jetzt zerreißen wir unſere alten Kleider.“ „Oh, Rebekka, wie können Sie doch —“ war Al⸗ les, was die Briggs ſagen konnte, als ſie die Augen aufſchlug. „Oh, Rebekka, wie können Sie doch —“ wiederholte my Lord. „So iſt alſo der alte Spitzbube einmal todt, he? Es hätte ein Pair aus ihm werden können, wenn er ſeine Karten beſſer geſpielt hätte. Es fehlte gar nicht viel, ſo hätte Herr Pitt ihn zu einem gemacht; allein er fehlte immer zur unrechten Zeit, wenn es an's Abſtimmen ging. Welch' ein alter Silenus war er doch 1“ „Ich hätte die Wittwe des Silenus werden können,“ ſagte Rebekka. „Erinnern ſie ſich nicht mehr, Miß Briggs, wie Sie zum Schlüſſelloche hereinguckten, und den alten Sir Pitt auf ven Knien vor mir liegen ſahen Miß Briggs, unſere alte Freundin, erröthete bei dieſer Reminiſcenz gewaltig, und war recht froh, als Lord Steyne ſie die Treppe hinabgehen, und ihm eine Ta bereiten hieß. 5 * 181 Die Briggs war der Haushund, den Rebekka ſich als einen Hüter und Beſchützer ihrer Unſchuld und ihres guten Rufes angeſchafft hatte. Miß Crawley hatte ihr eine kleine Penſton vermacht. Sie wäre gern in der Crawley'ſchen Familie bei Lady Jane geblieben, die gegen e, wie gegen Jedermann, gütig war; allein Lady South⸗ down ſchickte die arme Briggs ſo geſchwind fort, als nur der Anſtand geſtattete, und Herr Pitt (der ſich durch die unnöthige Großmuth ſeiner verſtorbenen Tante gegen eine Dame, die nur etwa zwanzig Jahre Miß Crawley's treue Dienerin und Gefährtin geweſen war, ſehr benachtheiligt glaubte, erhob keine Einſprache gegen dieſe Ausübung der Autorität von Seiten der verwittweten Gräſin. Bowls und die Firkin erhielten ebenfalls ihre Legate, ſowie ihren Abſchied, und heiratheten einander, und errichteten ein ſ und Wohnhaus, wie Leute ihres Gleichen zu thun egen. . Die Briggs verſuchte es, bei ihrer Verwandten auf dem Lande zu leben, fand aber, daß dieſer Verſuch ein vergeblicher war, nachdem ſie ſich einmal an eine beſſere Geſellſchaft gewöhnt hatte. Dieſe Leute, die ein kleines Geſchäft in einem Landſtäbtchen hatten, zankten und ſitrit⸗ ten ſich um Miß Briggs' jährliche vierzig Pfund eben⸗ ſo heftig, und nur noch offener, als früher die Verwand⸗ 5 der Miß Crawley um die Erbſchaft der letztgenannten ame. Briggs' Bruder ein radikaler Hutmacher und Spe⸗ zereikrämer, nannte ſeine Schweſter eine geldſtolze Ari⸗ ſokratin, weil ſie nicht einen Thell ihres Kapitals her⸗ ſchießen wollte, um ſeinen Laden beſſer mit Vorräthen zu bderſehen, und höchſt wahrſcheinlich würde ſie es dennoch gethan haben, hätte nicht ihre Schweſter, eine diſſentirende chuhmachersfrau, die mit dem Hutmacher und Spezerei⸗ krämer zerfallen war, weil verſelbe in eine andere Ka⸗ lle ging, ihr gezeigt, wie ihr Bruder ſich am Rande des Bankerottes befände, und hätte ſie nicht ſo eine Zeitlang die 182 Briggs in Beſchlag genommen. Der diſſentirende Schuh⸗ macher wollte haben, daß Miß Briggs ſeinen Sohn ſtudi⸗ ren laſſe, und einen Gentleman aus demſelben mache. So geſchah es, daß die beiden Familien ihr einen großen Theil ihrer Erſparniſſe abdrangen: und endlich ſtoh ſie nach London, verfolgt von den Verwünſchungen beider, und feſt entſchloſſen, wieder einen Dienſt zu ſuchen, — das heißt, wieder in einen Zuſtand zu kommen, der unenvlich weniger läſtig für ſie war, als die Freiheit. Sie ließ in die Zeitungen eine Anzeige rücken, fol⸗ genden Inhalts: „Eine Dame von angenehmen Manieren, und an die beſte Geſellſchaft gewöhnt, wünſcht bei u. ſ. w. eine Stelle zu erhalten,“ bezog bei Herrn Bowls in Half Moon Street ein Zimmer, und wartete das Ergebniß der Anzeige ab. So geſchah es, daß ſie mit Rebekka zuſammentraf. Eines Tages fuhr Mrs. Rawdon's ſchöner kleiner Wagen, woran die Ponies ſich befanden, raſch die Straße hinab, in demſelben Augenblicke, als Miß Briggs, ganz ermüdet, bei Mrs. Bowls Thüre nach einem langen ermödenden Gange in die City, wo ſie auf dem Büreau der Times geweſen war, um ihre Anzeige zum ſechſten Male einrücken zu laſſen, anlangte. Rebekka kutſchirte ſelbſt, und erkannte ſogleich die Dame mit den angenehmen Manieren, und da ſie ſelbſt, wie wir geſehen, ein durchaus gutlauniges Frauenzimmer war, und die Briggs leiden konnte, ſo hielt ſie die Ponies gerade vor den Stufen der Treppe an, gab dem Groom die Zügel, ſprang aus dem Wagen, und hatte ſchon die beiden Hände der Briggs ergriffen, ehe das Frauenzimmer mit den angenehmen Manieren von der Gemüthserſchütterung ſich wieder erholt hatte, die ihr der plötzliche Anblick ihrer alten Freundin verurſachte. Die Briggs weinte, und Becky lachte viel, und küßte die Geſellſchaftsdame, ſobald ſie in den Hausgang, und von da in Mrs. Bowls' vorderes Empfangzimmer, mit den Vorhängen von rothem, wollenem Mohr, und —— 183 runden Spiegel, über dem ein angeketteter Adler zu ſehen war, der auf die Rückſeite des am Fenſter ſteckenden Zettels ſah, worauf ſtand: „Zimmer zu vermiethen,“ ge⸗ kommen war. Die Briggs erzählte ihre ganze Geſchichte unter jenen vollkommen unnöthigen Schluchzern und Ausrufun⸗ gen der Verwunderung, womit Frauenzimmer von ihrem weichen Weſen eine alte Bekannte begrüßen, oder eine Begegnung auf offener Straße aufnehmen; denn obgleich man täglich einander trifft, ſo gibt es doch Leute, welche beharrlich Wunder entdecken wollen; und Frauenzimmer, ſelbſt wenn ſie einander nicht haben ausſtehen können, fangen an, zu weinen, wenn ſie einander begegnen, und erinnern ſich mit Bedauern der Zeit, wo ſie ſich zum letzten Male zankten. Und ſo kam es, mit einem Worte, daß die Briggs ihre ganze Geſchichte erzählte, und Beckh mit der ihr eigenen Offenheit und dem ungekünſtelten Weſen, das wir an ihr ſchätzen gelernt haben, einen Ab⸗ riß ihres bisherigen Lebens gab. Mrs. Bowls, die wir früher unter ihrem Familien⸗ namen Firkin gekannt haben, kam und behorchte in dem Hausgange das hyſteriſche Geſchnüffel und Gekicher, das in dem vordern Empfangzimmer Statt fand. Becky war bei ihr nie beſonders beliebt geweſen. Seitdem das ver⸗ heirathete Paar ſich in London etablirt hatte, waren Beide oft mit ihren früheren Freunden vom Raggles'ſchen Hauſe zuſammen gekommen, und hatten Raggles offen geſagt, daß die Wirthſchaft des Oberſten ihnen gar nicht gefalle. „Ich moͤchte ihnen nicht ereditiren, Ragg, mein Junge,“ bemerkte Bowls: und ſeine Frau begrüßte Mrs. Rawdon, als dieſe aus dem Parlour herauskam, mit einem Knickſe, der offenbar nur höchſt ungern gemacht wurde; und ihre Finger waren, wie eben ſo viele Brat⸗ würſte, kalt und leblos, als ſie dieſelben, zum Zeichen ihrer ehrerbietigen Achtung, Mrs. Rawdon hinſtreckte, „ 184 die ſchlechterdings die Hand der ehemaligen Kammerjungfer drücken wollte. Endlich fuhr Becky wieder weg, nach Pieccadilly hin, wobei ſie mit dem füßeſten Lächeln der Miß Briggs zu⸗ nickte, die gleichfalls nickend, dicht unter der Avertiſſements⸗ karte, am Fenſter hing, und war einen Augenblick darauf im Park, wo ein halbes Dutzend Dandies um ihren Wagen her galoppirte. Als Becky ſah, in welcher Lage ihre Freundin ſich befand, und daß unſere, von Miß Crawley in ihrem Teſtamente anſtändig bedachte Geſellſchaftsdame nicht ge⸗ rade auf Gehalt zu ſehen habe, ſo machte ſie alshalv einige wohlwollende kleine häusliche Pläne in Betreff ihrer. Es war nun eine Geſellſchafterin gefunden, wie ſie ſie gerade für ihr Haus brauchte, und ſie lud daher die Briggs noch auf denſelben Abend zum Eſſen ein, u ſie ihr ihren allerliebſten kleinen Rawdon zeigen wollte. Mrs. Bowls warnte ihre Koſtgängerin, und machte ſie darauf aufmerkſam, wie gefährlich es ſei, ſich in die Höhle des Loöwen zu wagen. „Sie werden es bereuen, Miß Briggs, wenn Sie mir nicht folgen, behalten Sie meine Worte, ſo wahr ich Bowls heiße,“ ſagte die frühere Kammerjungfer. Und die Briggs verſprach ihr, daß ſie recht vorſichtig ſein wolle. Das Ergebniß dieſer Vorſicht aber war, daß ſie noch in der darauf folgenden Woche in das Haus der Mrs. Rawdon zog und daß ſie, ehe noch ſechs weitere Monde vorüber waren, Rawdon Crawley ſechs hundert Pfund gegen eine Leibrente geliehen hatte. Einundvierzigſtes Rapitel. Worin Becky das Schloß ihrer Vorfahren wieder beſucht. Als nun die Trauerkleider fertig waren, ſetzte ſich Oberſt Crawley, der Sir Pitt Crawley von ſeiner Ankunft in Kenntniß geſetzt hatte, mit ſeiner Frau auf dieſelbe alte Highflyer⸗Kutſche, in der Rebekka, in der Geſellſchaft des ſeligen Baronets, vor etwa neun Jahren zum erſten Male in die Welt hinaus geſegelt war. Wie gut erinnerte ſie ſich noch des Wirthshaushofes, und des Hausknechtes, einſchmeichelnden Studenten von Cambridge, der ſie auf dieſer Reiſe in ſeinen Ueberrock gehüllt hatte! Rawdon ſetzte ſich außen auf die Kutſche, und würde ſelbſt kutſchirt haben, wenn ſeine Trauer es zugelaſſen hätte. Er ſaß neben dem Kutſcher, und ſprach auf dem ganzen Wege nur von Pferden und der Straße, und fragte, wer die Gaſthäuſet halte, und wer die Pferde zu der Kutſche liefere, mit der er ſo oft gereist war, als er und Pitt, als Knaben, ſich noch in der Schule von Eton befanden. In Mudburh wartete ein Wagen mit zwei Pferden auf ſie: der Kutſcher war ſchwarz gekleidet. „Es iſt die alte Truhe, Rawdon,“ ſagte Rebekka beim Einſteigen. „Die Würmer haben das Tuch gewaltig zerfteſſen — da iſt der Fleck, wegen deſſen Sir Pitt — hal ich ſehe, daß Dawſon, der Eiſenhändler, feine Fenſter vermacht hat, — wegen deſſen Sir Pitt ſo viel Lärmen machte. Es war eine Flaſche Kirſchbranntwein, die er zerbrach, und die wir für Deine Tante von Southampton geholt hatten. Wie flieht doch die Zeit! Das kann doch dem ſie kein Trinkgeld hatte geben wollen, und des jungen 186 nicht Polly Talboys ſein, das dicke Mädchen dort, das an dem Häuschen bei ihrer Mutter ſteht. Ich erinnere mich noch ihrer, als eines kleinen räudigen Mädchens, das im Garten das Unkraut ausjätete!“ „Ein hübſches Mädchen,“ ſagte Rawvon, den Gruß, der von dem Häuschen ausging, mit zwei, an ſeinen be⸗ florten Hut gelegten, Fingern erwiedernd. Becky verbeugte ſich, und grüßte, und erkannte da und dort in gnädiger Weiſe ihre Leute. Die Begrüßun⸗ gen waren ihr unausſprechlich angenehm. Es ſchien, als ob ſie nicht mehr eine Betrügerin ſei, ſondern als ob ſie die Heimath ihrer Vorfahren beſuche. Rawdon dagegen war ziemlich verlegen und nieder⸗ geſchlagen. Welche Erinnerungen aus ſeiner unſchuldigen Iugendzeit mochten ihm durch den Kopf gehen? Welche Qualen dunkler Reue, und dunklen Zweifels, und dunkler Scham? „Deine Schweſtern müſſen jetzt ziemlich groß ſein,“ ſagte Rebekka, die jetzt vielleicht zum erſten Male wieder, ſeitdem ſie die Mädchen verlaſſen, an dieſelben dachte. „Kann Dir's führwahr nicht ſagen,“ erwiederte der Oberſt. „Hullo! Da iſt ja die alte Mutter Lock. Wie geht's Mrs. Lock? Können Sie ſich noch meiner erinnern? Maſter Rawdon, he? Zum Henker, wie lange leben voch die alten Weiber; ſie war hundert Jahre alt, als ich ein Knabe war.“ Sie fuhren durch das Parkthor ein, an dem die alte Mrs. Lock die Wache hatte. Unſere Freundin Rebekka wollte ſchlechterdings dem alten Weibe die Hand drücken, als es das knarrende, alte, eiſerne Thor aufſtieß, und der Wagen fuhr zwiſchen den beiden, mit Moos bewachſenen Pfeilern hindurch, auf venen die Taube und die Schlange prangten. „Der Alte hat mit dem Holze ſchon gewirthſchaftet,“ ſagte Rawdon, herumblickend, und ſchwieg dann. Auch Becky ſchwieg. 187 Beide waren ziemlich aufgeregt, und dachten an die alten Zeiten. Er an Eton, und an ſeine Mutter, deren er ſich, als einer kalten, gravitätiſchen Frau, erinnerte, und an eine Schweſter, die geſtorben war, und die er einſt leidenſchaftlich geliebt hatte, auch dachte er daran, wie es einſt ſeine Gewohnheit geweſen, Pitt abzuſchmieren; und endlich dachte er noch an den kleinen Rawdon daheim. Rebekka ihrerſeits dachte an ihre eigene Jugend, und an die dunkeln Geheimniſſe jener frühen, befleckten Zeit, und an den Augenblick, wo ſie durch jenes Thor in's Le⸗ ben eingetreten, und an Miß Pinkerton, und an Jon, und an Amalie. Der mit Kies beſchüttete Weg war, ſammt der Ter⸗ raſſe, recht gut gereinigt worden. Ein großes gemaltes Trauerwappen ſtand bereits über dem großen Eingange, und zwei ſehr große und hoͤchſt feierlich ausſehende Per⸗ ſonen in ſchwarzer Kleidung rißen jede einen Flügel der ſu⸗ auf, als der Wagen vor der wohlbekannten Treppe elt. Rawdon erröthete, und Becky erblaßte ein wenig, als ſie, Arm in Arm, mit einander durch die alte Halle ſchritten. Sie zwickte ihren Gatten in den Arm, als ſie in das mit Eichenholz getäfelte Parlour traten, wo Sir Pitt mit ſeiner Frau ihrer harrte. Sir Pitt in ſchwarzer Kleidung, Lady Jane ebenfalls, und my Lady Southdown in einem großen ſchwarzen Kopfputze mit ſchwarzen Glas⸗ korallen und Federn, die ſich auf dem Kopfe ihrer Lady⸗ hin und herbewegten, wie bei einem Leichenwagen⸗ pferde. Sir Pitt hatte Recht gehabt, wenn er vermuthete, daß ſie das Schloß nicht verlaſſen würde. Sie begnügte ſich damit, daß ſie vor Pitt und ſeiner rebelliſchen Frau ein feierliches, marmornes Schweigen beobachtete, und daß ſie die Kinder in der Ammenſtube durch ihr geſpenſterhaft düſteres Benehmen in Schrecken ſetzte. Nur eine ſehr ſchwache Bewegung des Kopfputzes und der Federn be⸗ 188 willkommte Rawdon und deſſen Frau, als das verſchwen⸗ deriſche Paar, gleich dem verlornen Sohne im Evange⸗ lium, wieder heimkam. Sollen wir die Wahrheit geſtehen, ſo müſſen wir ſagen, daß ſie ſich aus dieſem kalten Benehmen nicht gar viel machten. Seltſamer Weiſe war ihre Ladyſhip gerade damals in ihren Augen nur eine Perſon von untergeord⸗ neter Wichtigkeit: — ſie waren geſpannt auf den Em⸗ pfang, der ihnen von Seiten des regierenden Bruders und ſeiner Gattin zu Theil werden würde. Pitt ging mit etwas erhoͤhter Geſichtsfarbe auf ſei⸗ nen Bruder zu, und ſchüttelte ihm die Hand, und begrüßte Rebekka mit einem Händevrucke und einer ſehr tiefen Ver⸗ beugung. Lady Jane aber ergriff beide Hände ihrer Schwä⸗ gerin, und küßte ſie liebevoll. Die Umarmung und der Kuß brachte, ich weiß nicht wie, Thränen in die Augen der kleinen Abenteurerin — was, wie wir wiſſen, nicht alle Tage bei ihr vorkam. Dieſer ungekünſtelte Beweis des Zutrauens und der Güte rührte ſie und gefiel ihr; und Rawdon drehte, durch dieſe Demonſtration von Seiten ſeiner Schwägerin ermuthigt, an ſeinem Schnurrbarte, und erlaubte ſich, Lady Jane mit einem Kuſſe zu begrüßen, der ihre Ladyſhip tief er⸗ roͤthen machte. „Ein verteufelt nettes Weibchen, die Lady Jane,“ war ſein Ausſpruch, als er bei ſeiner Frau wieder allein war. „Pitt iſt auch dick geworden, und weiß ſich ordent⸗ lich zu benehmen.“ „Er kann es wohl,“ ſagte Rebekka, und pflichtete der ferneren Anſicht ihres Gatten bei, „daß die Schwie⸗ germutter ein fürchterlicher alter Guy — und die Schwe⸗ ſtern ziemlich hübſche junge Frauenzimmer wären.“ Auch an ſie war die Aufforderung ergangen, der Leichenfeier beizuwohnen, und ſie hatten deßhalb ihre Schule auf einige Tage verlaſſen. Es ſchien, als habe Sir Pitt Crawley, um der Würde des Hauſes und der Familie —————————— 189 willen, es für paſſend erachtet, ſo viele Perſonen in ſchwar⸗ zer Kleidung um ſich zu verſammeln, als er herbeicitiren konnte. Die ſämmtliche männliche und weibliche Diener⸗ ſchaft des Hauſes, die alten Weiber vom Armenhauſe, die der alte Sir Pitt um einen großen Theil deſſen, was ihnen zukam, betrogen hatte, die Familie des Küſters des Kirchſpiels, ſowie die beſonderen Angehörigen und Unter⸗ gebenen des Schloſſes und des Pfarrhauſes waren ſchwarz gekleidet; hiezu kamen noch die Leute des Leichenbeſorgers, wenigſtens zwei Dutzend, mit Flören und ſchwarzen Hut⸗ bändern, — lauter Leute, die ſich prachtvoll ausnah⸗ men, als das große Begräbniß⸗Schauſpiel Statt fand. Allein dieß find ſtumme Perſonen in unſerem Drama, und da ſie Nichts zu thun oder zu ſagen haben, ſo kön⸗ nen ſie darin mit einem ganz kleinen Plätzchen abgefertigt werden. Ihren Schwägerinnen gegenüber machte Rebekka kei⸗ nen Verſuch, ihre frühere Stellung als Gouvernante ver⸗ geſſen zu machen, ſondern ſprach im Gegentheile offen und freundlich davon: mit vielem Ernſte erkundigte ſie ſich nach ihren Studien, und ſetzte hinzu, daß ſie gar vft an ſie gedacht, und zu wiſſen gewünſcht hätte, ob es ihnen wohl ginge. In der That hätte man vermuthen können, daß ſie ſeit dem Augenblicke, wo ſie ſie verlaſſen, nicht aufgehört habe, vor Allem an ſie zu denken, und das zärtlichſte Intereſſe an ihrem Wohlergehen zu nehmen. So dachte Lady Crawleh ſelbſt, und mit ihr ihre jungen Schwägerinnen. „Sie hat ſich ſeit acht Jahren faſt gar nicht verän⸗ dert,“ ſagte Miß Roſalind zu Miß Violet, als ſie ſich zum Eſſen ankleideten. „Solche rothhaarige Frauenzimmer ſehen zum Ver⸗ wundern gut aus,“ erwiederte die Andere. „Ihr Haar iſt jetzt aber weit dunkler, als früher; ſie muß es färben,“ ſetzte Miß Roſalind hinzu. 190 „Auch iſt ſie beleibter, und fieht überhaupt beſſer aus,“ fuhr Miß Roſalind fort, die viele Anlage zur Be⸗ leibtheit hatte. „Sie thut wenigſtens nicht ſo vornehm, und erinnert ſich noch, daß ſie einſt unſere Gouvernante war „ ſagte Miß Violet, wobei ſie andeutete, daß es allen Gouver⸗ nanten zieme, die ihnen zukommende Stellung nicht zu vergeſſen, und ganz und gar außer Acht ließ, daß ſie nicht allein eine Enkelin von Sir Walpole Crawley, ſondern auch von Herrn Dawſon von Mudbury war, und daher in ihrem Wappen einen Kohlenſchütter hatte. Man be⸗ gegnet auf dem Jahrmarkte des Lebens jeden Tag eben ſolchen Leuten, die es ebenſo gut mit Einem meinen, und gewiß ebenſo vergeßlich find. „Es kann doch nicht wahr ſein, was die Mädchen vom Pfarrhauſe geſagt haben, daß nämlich ihre Mutter eine Operntänzerin geweſen —“ „Es kann Niemand für ſeine Geburt,“ erwiederte Roſalind mit großer Freiſinnigkeit. „Und ich pflichte un⸗ ſerem Bruder ganz bei, daß wir Notiz von ihr nehmen müſſen, da ſie nun einmal in der Familie ſei. Tante Bute braucht fürwahr Nichts zu ſagen: ſie will Kate an den jungen Hooper, den Weinhändler, verheirathen, und hat ihn wirklich aufgefordert, in das Pfarrhaus zu kommen, um dort Beſtellungen entgegenzunehmen.“ „Ich will doch ſehen, ob Lady Southdown nicht fort geht; ſie blickte Mrs. Rawdon ſehr finſter an,“ ſagte die Andere. „Ich wollte, ſie ginge, ich mag die „„Wäſcherin von Finchley Common““ nicht leſen,“ betheuerte Violet. Und alſo ſprechend, und einen Gang vermeidend, an deſſen Ende ein gewiſſer Sarg ſtand, neben dem zwei Wächter, und in einem verhangenen Zimmer beſtändig prennende Lichter ſich befanden, gingen die beiden Mäd⸗ chen zu dem Familienmahle hinab, zu dem die Glocke, wie gewöhnlich, das Signal gab. 19¹ Allein vorher führte Lady Jane Rebekka noch in die für ſie bereit gehaltenen Zimmer, die ſammt dem ganzen übrigen Hauſe, ſeit Pitt's Regierung, was Ordnung und Bequemlichkeit anlangte, weit beſſer ausſahen; und als ſie da ſah, daß Mrs. Rawdon's beſcheidene kleine Koffer angekommen, und in dem Schlafzimmer, ſowie in dem daran anſtoßenden Ankleidezimmer aufgeſtellt waren, ſo half ſie ihrer Schwägerin ihren netten ſchwarzen Hut und Mantel abnehmen, und fragte ſie, womit ſie ihr ſonſt noch dienlich ſein könne. „Was mir am Liebſten wäre,“ ſagte Rebekka, „wäre ein Beſuch in der Kinderſtube; ich möchte Ihre lieben Kinderchen ſehen.“ Bei dieſen Worten blickten die beiden Damen einan⸗ der recht freundlich an, und gingen Hand in Hand in das genannte Zimmer. Becky bewunderte die kleine Matilda, die noch nicht ganz vier Jahre alt war, als den allerliebſten Engel, den es auf dieſer Welt gebe; und erklärte den Knaben, einen kleinen, zwei Jahre alten, bleichen, ſchläfrig ausſehenden, dickkoͤpfigen Jungen, für ein Meerwunder, was Größe, Intelligenz, und Schoͤnheit anlangte. „Ich wollte, Mama gäbe ihm weniger Arzenei; allein ſie will leider in dieſem Punkte nicht nachgeben,“ ſagte Lady Jane mit einem Seufzer. „Ich glaube oft, wir Alle würden uns ohne Arzeneien beſſer befinden.“ Sodann ließ ſich Lady Jane mit ihrer neuen Freun⸗ din in eines jener vertraulichen mediciniſchen Geſpräche über die Kinder ein, woran alle Mütter, und, wie man mir ſagt, die meiſten Frauenzimmer beſonders Gefallen finden. Vor fünfzig Jahren, als Schreiber dieſes noch ein intereſſanter kleiner Knabe war, und nach dem Eſſen mit den Damen das Zimmer zu verlaſſen hatte, ſprachen ſie, wie ich mich noch ſehr gut erinnere, hauptſächlich über die Leiden derſelben; ſeit dieſer Zeit habe ich dieſe Frage an zwei oder drei direct geſtellt, und von ihnen 192 ſtets erfahren, daß die Zeiten ſich in dieſer Beziehung nicht geändert haben. Mögen meine ſchönen Leſerinnen ſelbſt noch heute Abend in dieſer Richtung Beobachtungen anſtellen, wenn ſie nach dem Deſſert weggehen, und ſich vereinigen, um die Myſterien des Salons zu feiern. In einer halben Stunde alſo waren Becky und Lady Jane ganz intime Freundinnen geworden — und im Laufe des Abends ſprach ihre Ladyſhip ſich gegen Sir Pitt vahin aus, daß ſie ihre neue Schwägerin als eine freund⸗ offene, unaffectirte, und liebevolle junge Frau an⸗ ehe. Und nachdem das unermüdliche kleine Weibchen die Zuneigung der Tochter ſo leicht gewonnen hatte, ließ ſie es ſich angelegen ſein, ſich die hohe Lady Southdown geneigt zu machen. Sobald ſie ihre Ladyſhip allein fand, ging ihr Rebekka mit einem Male mit der Ammenſtuben⸗ frage zu Leibe, und ſagte, daß ihr eigener kleiner Knabe durch reichliche Anwendung des Calomels gerettet, wirk⸗ lich vom Tode gerettet worden ſei, als alle Aerzte in Paris das liebe Kind ſchon aufgegeben. Und dann er⸗ wähnte ſie, wie oft der vortreffliche Mann, Seine Ehr⸗ würden Herr Lawrence Grills, Geiſtlicher an der Kapelle in May Fair, welche ſie beſuche, von Lady Southdown geſprochen habe; und wie gewaltig ſich ihre Anſichten, in Folge der Umſtände und des Unglücks, das ſie erlitten, geändert hätten; und wie ſie hoffe, daß ein früher in weltlichem Streben, und in Finſterniß zugebrachtes Leben ſie nicht ganz unfähig machen werde, künftig ernſteren Gedanken Raum zu geben. Sie beſchrieb, wie ſie in früheren Tagen von Herrn Crawley religiöſe Unterweiſung erhalten, berührte mit einigen Worten „Die Wäſcherin von Finchley Common,“ welches Buch ſie mit dem größ⸗ ten Rutzen geleſen zu haben behauptete, und fragte nach Lady Emily, der geiſtreichen Verfaſſerin, — nun Lady Emily Hornblower, in der Capſtadt, wo ihr Gatte viele Ausſicht hatte, Biſchof vom Caffernlande zu werden. * 193 Allein ſie kroͤnte ihr Werk, und befeſtigte ſich in Lady Southdown's Gunſt dadurch, daß ſie nach dem Leichen⸗ begängniſſe ſich gewaltig aufgeregt und höchſt unwohl fühlte, und daß ſie ſich den ärztlichen Rath ihrer Lady⸗ ſhip erbat. Nicht nur ertheilte ihr denſelben die verwitt⸗ wete Gräfin, ſondern ſie kam ſogar, in ein Nachtgewand gehüllt, und mehr, als je, wie Lauy Macheth ausſehend, während der Nacht ingeheim in Becky's Zimmer, mit einem Packe von ihren Lieblingstractätchen, und einer von ihr ſelbſt bereiteten Medicin, die Mrs. Rawdon durchaus einnehmen ſollte. Zuerſt nahm Becky die Tractätchen an, und begann dieſelben mit vielem Intereſſe durchzuſehen, wobei ſie ſich mit der verwittweten Gräfin in ein Geſpräch über die⸗ ſelben und über ihr Seelenheil einließ, — wodurch ſie ihren Körper der Medication entziehen zu können glaubte. Allein als die religiöſen Fragen erſchöpft waren, wollte Lady Macheth Becky's Zimmer ſchlechterdings nicht ver⸗ laſſen, ſo lange nicht auch das Glas mit dem Nachttrunke geleert war; und ſo mußte denn die arme Mrs. Raw⸗ don zu höſem Spiele gute Miene machen, und vor der Naſe der unbeugſamen alten Wittwe, die endlich ihr Opfer mit einem Segenswunſche verließ, die Arzenei hinunterſchlucken. Dieſer Trank diente nicht gar ſehr zur Labung der Mrs. Rawdon; ſie ſah gar kurios aus, als Rawdon he⸗ reinkam, und hörte, was vorgefallen war; und er brach in ſein gewöhnliches wieherndes Gelächter aus, als ihm Becky in höchſt drolliger Weiſe — ſie konnte ſich dieſes Vergnügen nicht verſagen, wenn ſie ſich auch auf ihre eigenen Koſten luſtig machte — den ganzen Hergang der Sache erzählte, und auseinander ſetzte, wie ſie von Lady Southdown gepeinigt worden. Lord Steyne und ihr Sohn in London lachten gar oft über die Geſchichte, als Rawdon mit ſeiner Frau Der Jahrmarkt des Lebens. M. 13 194 nach ſeiner Wohnung in May Fair zurückkehrte. Becky ſpielte ihm die ganze Scene vor. Sie ſetzte eine Nacht⸗ haube auf, undzog ein Nachtgewand an. Sie hielt eine lange Predigt in ächt pietiſtiſcher Weiſe, und verbreitete ſich ves Längern über die Heilkraft der Medicin, die ſie zu adminiſtriren vorgab, und ahmte die gravitätiſche Gräfin ſo meiſterhaft nach, daß man hätte glauben können, ſie ſchnüffle durch die eigene römiſche Naſe der Gräfin. „Geben Sie uns doch Lady Southdown und die ſchwarze Doſis,“ — konnte man immer in Becky's kleinem Sa⸗ lone in May Fair rufen hören. Und ſo wurde zum erſten Male in ihrem Leben die verwittwete Gräfin von Southdown eine amüſante Per⸗ ſon. Sir Pitt erinnerte ſich der Beweiſe von Achtung und Verehrung, die ihm in früherer Zeit von Seiten Re⸗ bekka's zu Theil geworden, und war gegen ſie ziemlich gut geſinnt. Die Heirath, ſo unpaſſend ſie auch war, „ hatte doch ſehr zur Beſſerung Rawdon's beigetragen — es zeigte ſich dieß klar in den veränderten Gewohnheiten und dem veränderten Benehmen des Oberſten — und war dieſelbe keine glückliche Verbindung geweſen, ſoweit es Pitt ſelbſt anging? Der ſchlaue Diplomat lachte bei ſich, da er ſich geſtehen mußte, daß er derſelben ſein Vermogen verdanke, und daß es wenigſtens nicht an ihm ſei, ſich dagegen aufzulaſſen. Und ſeine Zufriedenheit erlitt durch Rebekka's eigene Angaben, ſowie durch das Benehmen und die Geſpräche derſelben keinen Eintrag. Hatte ſie ihn früher durch die ehrerbietige Rückſicht, die ſie gegen ihn an den Tag legte, bezaubert, ſo war es jetzt, wo ſie ihre Anſtrengungen verdoppelte, noch mehr der Fall. Sie wußte ſeiner Rednergabe ſo viel Spiel⸗ raum zu verſchaffen, daß Pitt, der, ſtets geneigt, ſeine eigenen Talente zu verehren, dieſelben noch mehr bewun⸗ derte, als Rebekka ihn darauf aufmerkſam machte, ſelb darüber erſtaunt war. Ihrer Schwägerin konnte Rebekka 195 in überzeugender Weiſe darthun, daß es Mrs. Bute Crawley geweſen ſei, welche die Heirath, ſo ſie ſpäter ſo arg verläumdet, veranlaßt habe: daß es der Geiz der Mrs. Bute — die das ganze Vermögen der Miß Craw⸗ ley habe bekommen wollen, und auf alle Weiſe bemüht geweſen ſei, Rawdon die Gunſt ſeiner Tante zu entziehen — ſei, der all' die gottloſen Gerüchte gegen Rebekka er⸗ funden und ausgeſprengt habe. „Es iſt ihr gelungen, uns zu armen Leuten zu ma⸗ chen,“ ſagte Rebekka mit einer Miene voll engelgleicher Geduld; „aber wie kann ich mit einem Weibe zürnen, dem ich den beſten aller Gatten verdanke? Und iſt nicht ihr Geiz durch den Ruin ihrer eigenen Hoffnungen, und den Verluſt des Vermögens, nach dem ſie ſo ſehr ſtrebte, hinreichend beſtraft? Arm!“ rief ſie. „Theure Lady ane, was kümmern wir uns um die Armuth? Seit meiner Kindheit bin ich ja daran gewöhnt, und ich danke oft dem lieben Gott, daß Miß Crawley's Geld dem Manne zugefallen, der den Glanz der edlen alten Fami⸗ lie wieder herſtellt, zu der ich mich mit ſo vielem Stolze rechne. Ich bin überzeugt, daß Sir Pitt einen beſſeren davon machen wird, als Rawdon, wenn er es ätte.“ Alle dieſe Reden wurden Sir Pitt von der treueſten aller Frauen ſorgfältig hinterbracht, und vermehrten noch den günſtigen Eindruck, den Rebelka machte; es ging dieß ſo weit, daß, als am dritten Tage nach dem Leichen⸗ begängniſſe die Familie bei dem Mittageſſen verſammelt war, Sir Pitt Crawley, der am obern Ende des Tiſches Geflügel zerlegte, zu Mrs. Rawdon wirklich die Worte ſagte: „Hm! Rebekka, darf ich Ihnen einen Flügel geben? — Worte, welche die Augen des kleinen Weib⸗ chens vor Freuden funkeln machten. * 6 * . 196 Während Rebekka die oben beſprochenen Pläne und Hoffnungen verfolgte, und Pitt Crawley die Leichenfeier, ſowie andere Gegenſtände anordnete, welche mit ſeinen künftigen ehrgeizigen Abſichten und ſeiner Würde in Ver⸗ bindung ſtanden, und Lady Jane in ihrer Kinderſtube beſchäftigt war, ſoweit es ihre Mutter zuließ, und die Sonne auf⸗ und niederging, und die Glocke auf dem Thurme des Schloſſes, wie gewöhnlich, die Bewohner zum Mittegsmahle und zum Gebete rief, lag der Körper des geweſenen Eigenthümers von Queen's Crawley in dem Zimmer, das derſelbe bewohnt hatte, und wurde un⸗ abläſſig von den zu dieſer Ceremonie eigens gedungenen Leuten bewacht. Ein Paar Weiber, und drei bis vier Leichenträger, die beſten, ſo in Southampton zu finden waren, — alle ſchwarz gekleidet, und in ihrem Benehmen recht ernſt und tragiſch, — mußten abwechslungsweiſe bei dem Leichname wachen: wurden ſie abgelöst, ſo fan⸗ den ſie ſich in dem Zimmer der Haushälterin ein, und ſpielten dort heimlich Karten, und tranken ihr Bier. Die Glieder der Familie, ſowie die Dienerſchaft des Hauſes hielten ſich ferne von dem düſteren Orte, wo die Gebeine des Abkömmlings einer langen Reihe von Rittern und Gentlemen lagen, und auf die endliche Beiſetzung in der Familiengruft warteten. Niemand bedauerte den Verſtorbenen, mit alleiniger Ausnahme des armen Frauen⸗ zimmers, das Sir Pitt's Frau und Wittwe zu werden gehofft hatte, und das auf ſchimpfliche Weiſe aus dem Schloſſe hatte fliehen müſſen, deſſen Beherrſcherin ſie um ein Kleines geworden wäre. Außer ihr und einem alten Hühnerhunde, den er be⸗ ſonders ſeit der Zeit ſeines Blodfinnes ſehr lieb gewonnen hatte, beſaß der alte Mann auch nicht einen einzigen Freund, der ihn beweint hätte, und es iſt dieß kein Wun⸗ der, da er im ganzen Verlaufe ſeines Lebens ſich nie die geringſte Mühe gegeben hatte, ſich einen ſolchen zu er⸗ werben. 197 Koͤnnten die Beſten und Liebevollſten von uns, die aus dieſer Welt ſcheiden, dieſelbe wieder einmal beſuchen, ſo glaube ich wohl, daß er oder ſie (vorausgeſetzt, daß es noch Lebensmarktsgefühle in der Sphäre gibt, der wir zuwandern) ſich eines betrübenden Gevankens nicht würde erwehren können bei der Entdeckung, daß die uns Ueber⸗ lebenden ſich ſo ungemein ſchnell tröſten. Und ſo ward denn Sir Pitt vergeſſen — wie die Liebevollſten und Be⸗ ſten von uns — nur etliche Wochen bälder. Diejenigen, ſo Luſt dazu haben, mögen ſeinen Kör⸗ per nach dem Grabe begleiten, wohin er an dem beſtimm⸗ ten Tage auf die anſtändigſte Weiſe gebracht wurde: die Familie erſchien dabei in ſchwarzen Kutſchen, mit Taſchen⸗ tüchern vor den Geſichtern, um ſogleich die Thränen ab⸗ zutrocknen, die ausblieben. Der Leichenbeſorger und veſ⸗ ſen Leute in großer Trübſal: die auserleſene Pächterſchaft, die aus Rückſicht für den neuen Grundeigenthümer trauerte: die Wagen der benachbarten Gentry, die langſam, leer, und in tiefer Trauer folgten: der Pfarrer, der die her⸗ gebrachte Formel von „unſerem theuren dahingeſchiedenen Bruder“ ſprach. So lange wir noch über den Körper eines Menſchen verfügen können, treibt unſere Eiteikeit mit demſelben ſein piel: wir umgeben ihn mit Narrentand und Cere⸗ monien, ſtellen ihn aus, und packen ihn mit Sammt und vergoldeten Nägeln ein, und legen endlich einen Stein var⸗ äber, der mit Lügen angefüllt iſt. Bute's Vicar, ein ge⸗ chickter junger Orforder Geifllicher, und Sir Pitt Craw⸗ leh machten mit einander eine paſſende lateiniſche Grab⸗ ſchrift für den ſeligen, viel beklagten Baronet, und Er⸗ ſierer hielt eine klaſſiſche Predigt, worin er an die Ueber⸗ lebenden die Mahnung ergehen ließ, ſich von ihrem Schmerze nicht überwältigen zu laſſen, und dieſelben auf die ehrer⸗ bietigſte Weiſe von der Welt benachrichtigte, daß einſt auch an ſie die Aufforderung ergehen würde, durch die düſtere und myſteriöſe Pforte einzugehen, die ſich ſo eben über 198 den Uebetreſten ihres viel beweinten Bruders und Freun⸗ des geſchloſſen. Dann ritt die Pächterſchaft wieder heim, oder blieb im „Crawley'ſchen Wappen,“ um ſich dort gütlich zu thun. Sofort entfernten ſich, nach einem von der Diener⸗ ſchaft in der Bedientenſtube zu Queen's Crawley einge⸗ nommenen Leichenſchmauſe, die Kutſchen der Gentrh nach verſchiedenen Richtungen; dann kamen die Leute des Leichen⸗ beſorgers, die, nachdem ſie die Seile, Bahrtücher, Sammt⸗ Bekleidungen, Straußfedern, ſowie die übrigen Begräb⸗ niß⸗Requiſiten zuſammengepackt hatten, auf das Dach des Leichenwagens kletterten, und nach Southampton fuhren. Ihre Geſichter nahmen wieder ihren natürlichen Ausdruck an, als die Pferde das Parkthor hinter ſich hatten, und auf der offenen Straße einen lebhafteren Trab anzuſchla⸗ gen begannen, und man hätte Haufen von den Leuten des Leichenbeſorgers ſehen können, welche die Eingänge zu den Wirthshäuſern mit ihren ſchwarzen Geſtalten verdunkelten, und blanke, im Sonnenſcheine glänzende, zinnerne Krüge in der Hand hielten. Sir Pitt's Krankenſtuhl aber wurde in das Geräthe⸗ haus im Garten gerollt. Anfangs pflegte auch bisweilen der alte Hühnerhund zu heulen; allein dieß waren die einzigen Schmerzenslaute, die ſich in dem Schloſſe ver⸗ nehmen ließen, deſſen Herr und Eigenthümer Sir Pitt Crawley, Baronet, etliche ſechzig Jahre geweſen war. * 3 * Da an Rebhühnern kein Mangel war, und dieſe Jagd ſo zu ſagen die Pflicht eines engliſchen Gentleman don halbwegs ſtaatsmänniſcher Meigung iſt, ſo ging Sir Pitt Crawley, ſobald der erſte Kummer vorüber war, ein Bischen hinaus, und gönnte ſich dieſes Vergnügen in weißem, florumwundenem Hute. Der Anblick dieſer Stop⸗ — . 199 pel⸗ und Rübenfelder, die er jetzt ſein Eigenthum nennen konnte, verurſachte ihm manche geheime Freude. Bisweilen nahm er, mit ausgeſuchter Demuth, keine Flinte mit, ſondern bloß ein friedliches Bambusrohr; Rawdon, ſein großer Bruder, und die Wilvhüter ſchoſſen dafür an ſei⸗ ner Seite wacker drauf los. Pitt's Geld⸗ und Landbeſitz hatte auf ſeinen Bruder eine große Wirkung. Der mittelloſe Oberſt wurde ganz unterwürfig und ehrerbietig gegen das Haupt ſeines Hau⸗ ſes, und verachtete den weibiſchen Pitt nicht mehr. Raw⸗ don hoͤrte mit vielem Antheil den Anpflanzungs⸗ und Ent⸗ wäſſerungsplänen ſeines Bruders zu: enthielt ſeinen guten Rath über Ställe und Vieh nicht vor, ritt nach Mud⸗ bury hinüber, um eine Stute anzuſehen, von der er glaubte, daß ſie für Lady Jane zum Reiten geeignet wäre, und erbot ſich, das Thier zuzureiten, u. ſ. w. u. ſ. w. Der rebelliſche Dragoner war ganz demüthig und unterwürfig, und wurde ein höchſt anſtändiger jüngerer Bruder. Er bekam von Miß Briggs in London ſtets Nachrichten über den kleinen Rawdon, der dort hatte zu⸗ müſſen, und von Zeit zu Zeit ſelbſt auch chrieb. „Ich befinde mich recht wohl,“ pflegte er zu ſchreiben. „Ich hoffe, daß Sie ſich recht wohl befinden. Ich hoffe, daß Mama ſich recht wohl befindet. Der Pony befindet ſich recht wohl. Grey läßt mich im Park reiten. Ich kann jetzt in kurzem Galopp reiten. Ich habe den kleinen ungen angetroffen, der ſchon einmal ritt. Er weinte, als er den kurzen Galopp ritt. Ich aber weine nicht.“ Rawdon las dieſe Briefe ſeinem Bruder, ſowie Lady Jane vor, die davon ganz entzückt war. Der Baronet verſprach, dem Knaben eine tüchtige Erziehung geben zu laſſen, und die Koſten auf ſich zu nehmen; ſeine gutmü⸗ thige Frau aber gab Rebekka eine Banknote und bat Letztere, ihrem kleinen Neffen damit ein Geſchenk zu kaufen. — 200 Ein Tag folgte auf ven andern und die Damen vom Hauſe brachten ihre Zeit unter jenen ruhigen Be⸗ ſchäftigungen und Beluſtigungen zu, womit Damen auf dem Lande ſich begnügen. Die Glocke rief zu den Mahl⸗ zeiten und zum Gebete. Die jungen Damen übten ſich jeden Morgen nach dem Frühſtücke auf dem Pianoforte, und Rebekka ließ ihnen dabei ihren Unterricht angeveihen. Alsdann zogen ſie dicke Schuhe an, und gingen in den Park oder in den Garten hinaus, oder aber ließen ſie den Parkzaun hinter ſich liegen, und gingen in das Dorf und ſuchten dort die Hütten, wo ein Kranker lag, mit der Arzenei und den Tractätchen der Lady Southdown heim. Lady Southdown ſelbſt fuhr in einer Pony⸗Chaiſe aus, und nahm gewöhnlich Rebekka mit, die mit dem geſpannteſten Intereſſe auf ihre feierlichen, frommen Re⸗ den horchte. Unſere Freundin Becky ſang auch Abends der Familie Stücke aus den Compofitionen Händel's und Haypn's vor, und machte ſich an eine großartige Strick⸗ arbeit, als ob ſie nie etwas Anderes gethan, und als ob ſie dieſe Lebensweiſe fortſetzen wollte, bis ſie in einem ſchönen hohen Alter in's Grab ſänke, und viele Leidtra⸗ gende, und eine große Maſſe von Conſols zurückließe — als ob nicht vor dem Parkthore Sorgen aller Art, und ungeſtüme Gläubiger, und Pläne, und Verlegenheiten, und Armuth auf ſie warteten, um bei ihrer Rückkehr auf ſie loszuſtürzen. „Es iſt ſo ſchwer nicht, die Frau eines Landedel⸗ mannes zu ſein,“ dachte Rebekka. „Ich glaube, es koͤnnte ein gutes Weib aus mir werden, wenn ich nur jährlich fünftauſend Pfund hätte. Ich könnte meine Zeit in der Kinderſtube vertändeln, und die Aprikoſen am Spaliere zählen. Ich könnte Pflanzen in einem Gewächshauſe be⸗ gießen, und von den Geranien abgeſtorbene Blätter weg⸗ nehmen. Ich könnte bei alten Weibern mich nach ihren Rheumatismen erkundigen, und den Armen Suppe für eine halbe Krone geben laſſen. Es würde bei einem jähr⸗ 201 lichen Einkommen von fünftauſend Pfund ein ſolcher Auf⸗ wand nicht gar drückend für mich ſein. Ich könnte ſogar bis auf zehn Meilen in der Runde bei Nachbarn ſpeiſen, und mich nach der Mode, die vor zwei Jahren galt, klei⸗ den. Ich koͤnnte in die Kirche gehen, und in dem großen Familienſtuhle wach bleiben: oder ich könnte auch hinter dem Vorhange, und mit niedergelaſſenem Schleier, ein Schläfchen machen, wenn ich die Sache einmal los hätte. Ich könnte Jedermann bezahlen, wenn ich nur vas Geld hätte. Das iſt es, worauf die Hexenmeiſter ſich Etwas zu gute thun. Sie blicken voller Mitleiden auf uns arme Sünder herab, die keines haben. Sie halten ſich für großmüthig, wenn ſie unſern Kindern eine Fünfpfundnote geben, und uns für verächtlich, wenn wir eine ſolche nicht haben.“ Und wer weiß, ob Rebekka bei ihren Spekulationen nicht Recht hatte — und ob es nicht eine bloße Geld⸗ und Vermögensfrage war, die den ganzen Unterſchied zwiſchen ihr und einer ehrbaren Frau ausmachte? Wer kann, wenn er die Verſuchung gehoͤrig in Anſchlag bringt, ſagen, er ſei beſſer, als ſein Nächſter? Macht auch das Glück und der Beſitz eines ſchönes Vermoͤgens Einen noch nicht ehrlich, ſo kann es Einen doch auf der Bahn der Ehrlichkeit erhalten. Einem Alderman, der gerade von einem Feſtmahle kommt, wo er ſich mit Schildkroten⸗ ſuppe angefüllt hat, wird es ſchwerlich einfallen, aus ſeinem Wagen zu ſteigen, und eine Hammelskeule zu ſtehlen; man laſſe ihn aber einmal hungern, und man wird vann ſehen, ob er ſich nicht einen Laib Brod zu⸗ eignet, der nicht ſein Eigenthum iſt. Und ſo tröſtete ſich Becky damit, daß ſie die Chancen gegen einander abwog, und die Vertheilung des Guten und Böſen auf dieſer Welt egaliſirte. Die alten Orte, die alten Spaziergänge, Felder und Gehölze, die Wälder, Teiche, und Gärten, die Zimmer des alten Hauſes, wo ſie vor ſieben Jahren ein paar Jahre zugebracht hatte, beſuchte ſie ſorgfältig alle wieder. Sie war da jung, oder doch verhältnißmäßig jung ge⸗ 202 weſen, denn ſie konnte ſich der Zeit nicht mehr erinnern, wo ſie wirklich jung war — allein ſie dachte wieder an die Gefühle, und vergegenwärtigte ſich wieder die Ge⸗ danken, die ſie vor ſieben Jahren beſchäftigt, und ſtellte dieſelben ihren jetzigen gegenüber — jetzt, wo ſie die Welt geſehen, und mit vornehmen Leuten gelebt, und ſich über ihre urſprüngliche niedrige Stellung weit erhoben hatte. „Ich habe mich über meine niedrige Stellung erho⸗ ben, weil ich Kopf habe,“ dachte Becky, „und weil faſt die ganze übrige Welt aus Narren beſteht. Ich könnte jetzt nicht zurückgehen, und mit den Leuten leben, die ich in meines Vaters Atelier zu treffen gewohnt war. Es kommen nun Lords mit Sternen und dem Hoſenband⸗ Orden vor meine Thüre, anſtatt armer Künſtler, mit einem Bischen Tabak in der Taſche. Ich habe einen Gentleman zum Gatten, und eine Grafen⸗Tochter zur Schwägerin, in dem nämlichen Hauſe, wo ich vor einigen Jahren kaum mehr, als ein Dienſtbote war. Allein ſtehe ich jetzt beſſer in der Welt, als zu jener Zeit, wo ich noch die arme Malerstochter war, und von dem Spe⸗ zereikrämer an der Ecke durch Schmeicheleien Zucker und Thee bekommen mußte? Hätte ich auch Francis, der mich ſo ſehr liebte, geheirathet, — ich könnte nicht viel ärmer ſein, als jetzt. Heigho! — Ich wollte, ich könnte meine Stellung in der Geſellſchaft und alle meine Ver⸗ wandten gegen eine hübſche Summe in den dreiprozenti⸗ gen Conſols austauſchen.“ Denn ſo fühlte Becky die Eitelkeit der Fenſchlichen Dinge, und ſo hätte ſie auf dem genannten ſicheren Grunde ankern mögen. Vielleicht fiel ihr auch ein, daß ſie durch ein ehrba⸗ res und beſcheidenes Betragen, durch getreue Pflichter⸗ füllung, und durch Verfolgung einer geraden Bahn dem Glücke eben ſo nahe gekommen ſein möchte, als auf dem Wege, auf dem ſie es zu erreichen ſuchte. Allein, — gerade wie die Kinder zu Queen's Crawley um das 203 Zimmer herumgingen, in dem die Leiche ihres Vaters lag, — ſo pflegte auch Becky um dieſe Gedanken, wenn ſie überhaupt ſolche hatte herumzugehen, und nicht hin⸗ einzuſehen. Sie wich denſelben aus, oder verachtete ſie — over konnte nun wenigſtens den andern Pfad nicht mehr verlaſſen, da ſie auf demſelben ſchon zu weit ge⸗ gangen war. Was mich betrifft, ſo glaube ich, daß die Reue der⸗ jenige moraliſche Sinn des Menſchen ißß, der die wenigſte Thätigkeit zeigt, — daß derſelbe am Allerleichteſten zu tödten iſt, wenn er erwacht: und bei einigen Menſchen erwacht er nie. Es thut uns leid, wenn man uns er⸗ tappt, und die Idee der Schande oder Strafe macht uns Kummer; allein das bloße Bewußtſein des Unrechtes macht auf dem Jahrmarkte des Lebens nur höchſt wenige Menſchen unglücklich. Und ſo machte ſich Rebekka, während ihres Aufent⸗ haltes zu Queen's Crawley moͤglichſt viele Freunde mit dem ungerechten Mammon. Lady Jane und ihr Gatte verabſchiedeten ſich unter den wärmſten Freundſchaftsbe⸗ zeigungen von ihr. Sie freuten ſich im Voraus auf die Zeit, wo das Haus der Familie in Gaunt Street ausge⸗ beſſert und verſchönert ſein würde, und ſie in London wie⸗ der zuſammen kommen könnten. Lady Southdown machte einen Pack Arzeneien zu⸗ ſammen, und ſchickte durch Rebekka einen Brief an Seine Ehrwürden Herrn Lawrence Grills, worin der genannte Herr ermahnt war, den Brand, der den Brief zu über⸗ die Ehre haben würde, nicht weiter brennen zu aſſen. Pitt brachte ſie in einer vierſpännigen Kutſche nach Mudbury, nachdem er zuvor ihr Gepäck, in Begleitung von ganzen Ladungen von Wildpret, auf einem Karren dahin geſchickt hatte. „Wie glücklich werden Sie ſich fühlen, wenn Sie 204 Ihren allerliebſten kleinen Jungen wiederſehen,“ ſagte Lady Crawley, als ſie von ihrer Schwägerin Abſchied nahm. „Oh, ſo unendlich glücklich!“ ſprach Rebekka, ihre grünen Augen zum Himmel emporhebend. Sie fühlte ſich unendlich glücklich, den Ort endlich verlaſſen zu koͤnnen, und doch ging ſie nur ungern. Queen's Crawley war ein abſcheulich langweiliger Ort, und doch war die Luft, ſo man dort athmete, reiner, als die, welche ſie zu athmen hatte. Alles war recht langweilig, aber auch wieder in ſeiner Weiſe recht freundlich geweſen. „Das Alles kommt von dem langen Beſitze der Dreiprocents her,“ ſagte Becky zu ſich ſelbſt, und hatte höchſt wahrſcheinlich Recht. Indeſſen ſtrahlten die Lampen in London freudig, als der Eilwagen in Piccadilly einlenkte, und die Briggs hatte in Curzon Street ein prächtiges Feuer angemacht, und der kleine Rawdon war noch auf, um ſeinen Papa und ſeine Mama hei ihrer Rückkehr zu bewillkommnen. Zweiundvierzigſtes Kapitel. So von der Osborne'ſchen Familie handelt. Es iſt ſchon eine geraume Zeit her, daß wir unſern verehrten Freund, den alten Herrn Osborne von Ruſßſell Square, nicht mehr geſehen haben. Seit unſerer letzten Zuſammenkunft iſt er nicht eben der glücklichſte Sterbliche geweſen. Es haben ſich Dinge ereignet, die ſein Tempe⸗ rament nicht verbeſſert haben, und mehr, denn einmal iſt es ihm nicht nach Willen gegangen. 205 Es war dem alten Herrn ſtets ſchädlich, wenn man dieſem billigen Verlangen hemmend entgegen trat; und jeder Widerſtand wurde doppelt ärgerlich, als die Gicht, das Alter, die Einſamkeit, und das Gewicht mancher ge⸗ täuſchten Hoffnung ſich vereinigten, um ihn darnieder zu drücken. Sein borſtenartiges, ſchwarzes Haar wurde bald nach dem Tode ſeines Sohnes total weiß, und ſein Geſicht röther, ſeine Hände zitterten immer mehr, wenn er ſich ſein Glas Porter einſchenkte. Seine Commis in der City hatten böſe Tage bei ihm, und ſeine Familie daheim fühlte ſich nicht viel glücklicher. Ich zweifle, ob Rebekka, die, wie wir geſehen haben, ſo inbrünſtig um Conſols betete, ihre Armuth, die ſtete, tolle Aufregung, und das Ungewiſſe ihres Lebens gegen Osborne's Geld und die düſtere Langeweile, die ſich an ihn heftete, vertauſcht hätte. Der alte Osborne hatte um Miß Swartz gefreit, war aber von den Freunden der genannten Dame, welche ſie an einen jungen Sproſſen vom ſchottiſchen Adel ver⸗ heiratheten, mit Verachtung abgewieſen worden. Er war der Mann, der eine Frau aus ganz niedrigem Stande ge⸗ heirathet, und dieſelbe ſpäter furchtbar tyranniſirt hatte: allein er fand keine Perſon, die ihm anſtändig geweſen wäre: und nun tyranniſirte er anſtatt der Frau, die er nicht fand, ſeine unverheirathete Tochter daheim. Sie hatte einen ſchönen Wagen und ſchöne Pferde, und führte an einer mit dem reichſten Silbergeſchirre beladenen Tafel den Vorfitz. Sie konnte auf ihren Vater ziehen, ſo oft ſie wollte; ſo oft ſie ſpazieren ging, folgte ihr ein him⸗ mellanger Lakai; ſie hatte bei allen Geſchäftsleuten unbe⸗ ſchränkten Credit, und erhielt von ihnen Verbeugungen und Complimente ſonder Zahl; mit einem Worte, ſie war äußerlich ganz wie eine reiche Erbin geſtellt; allein bei alle dem war ihre Exiſtenz eine erbarmungswürdige. Das kleine Waiſenmädchen im Findelhauſe, die Gaſſen⸗ kehrerin auf der Kreuzſtraße, die ärmſte, niedrigſte Magd 206 in der Bedientenſtube war glücklich zu nennen, im Ver⸗ gleich mit der armen, jetzt im mittleren Lebensalter ſtehen⸗ den Tochter Osborne's. Friderick Bullock, Eſquire, vom Hauſe Bullock, Hul⸗ ker und Bullock, hatte endlich Marie Osborne, aber nicht ohne viele Schwierigkeiten und ohne vieles Brummen von Seiten des Herrn Bullock, geheirathet. Da George todt, und von ſeinem Vater enterbt war, ſo beſtand Friderick varauf, daß das halbe Vermögen des alten Herrn ſeiner Marie zugeſchrieben werde, und weigerte ſich wirklich lange, ſich dieſelbe unter irgend einer andern Bedingung „aufoctroyiren“ zu laſſen. Osborne jagte, Fred habe ſich ja bereit erklärt, ſeine Tochter mit zwanzigtauſend zu nehmen, und zu mehr mache er ſich nicht verbindlich. „Fritz könne es haben, und dann wünſche er ihm alles Glück dazu, — oder aber könne er es ſtehen laſſen, und zum Teufel gehen.“ Fred, deſſen Hoffnungen bei der Enterbung George's nicht wenig geſtiegen waren, meinte, der alte Kaufmann habe an ihm auf ſchändliche Weiſe den Betrüger geſpielt, und that einige Zeit, als ob er die Heirath wieder ganz rückgängig machen wollte. Ssborne eröffnete Bullock und Hulker kein Conto mehr, ging auf die Boͤrſe mit einer Reitpeitſche, die er, wie er ſchwor, einem gewiſſen Schufte, den er nicht nennen möge, zu fühlen geben würde, und benahm ſich in ſeiner gewöhnlichen, heftigen Weiſe. Jane Osborne condolirte ihrer Schweſter Maria während dieſer Familienfehde. „Ich habe Dir ſtets ge⸗ ſagt, Maria, vaß er Dein Geld liebt, und nicht Dich,“ ſagte ſie beſänftigend. „Auf jeden Fall hat er doch mich und mein Geld gewählt, und nicht Dich und Dein Geld,“ erwiederte Maria, den Kopf in die Höhe werfend. Indeſſen war der Bruch nur ein temporärer. Fred's Vater und älterer Mittheilhaber riethen ihm, Maria auch mit den zwanzig tauſend Pfund, von denen die Hälfte 207 baar, und die andern beim Ableben des Herrn Osborne bezahlt werden ſollten, und mit den Chancen der ferneren Vermögenstheilung zu nehmen. Und ſo „ließ er ſich denn herbei,“ Maria zu nehmen, und ſchickte den alten Hulker mit friedlicher Eröffnung an Osborne ab. Er ließ ſeinem Schwiegervater ſagen, es ſei ſein Vater geweſen, der die Schwierigkeiten gemacht habe, und der von der Heirath Nichts habe wiſſen wollen; was ihn ſelbſt betreffe, ſo ſei er von dem eifrigſten Wunſche beſeelt, das gegebene Wort zu halten. Die Entſchuldigung wurde von Herrn Osborne ziem⸗ lich mürriſch angenommen. Allein Hulker und Bullock waren eine hohe Familie in der City⸗Ariſtokratie, und mit unſern ariſtokratiſchſten Weſtend⸗Leuten verwandt. Der alte Mann durfte ſich Etwas darauf zu gute thun, ſagen zu können: „Mein Schwiegerſohn, Sir, vom Hauſe Hulker, Bullock und Co., Sir; meiner Tochter Coufine, Lady Marh Mango, Sir, eine Tochter des ſehr ehren⸗ werthen Earl von Caſtlemouldy.“ Schon ſah er im Geiſte die hohe Ariſtokratie ſich in ſein Haus drängen. Er ver⸗ zieh daher dem jungen Bullock, und gab ſeine Einwilli⸗ gung zu der Heirath. Es war etwas Großartiges — indem die Verwand⸗ ten des Bräutigams das Frühſtück gaben, weil ſie in der Nähe der Sanct George's Kirche in Hanover Square wohnten, wo der Handel auf „ſtät und feſt“ abgeſchloſſen wurde. Die Weſtend⸗Ariſtokratie war eingeladen worden, und viele Mitglieder derſelben trugen ihre Namen in das Buch ein. Es waren Herr Mango und Lady Mary Mango anweſend, ſammt der lieben jungen Gwendoline und der lieben Guinever Mango, als Brautjungfern; ferner Oberſt Bludyer vom Gardedragoner⸗Regiment (öälteſter des Hau⸗ ſes Gebrüver Bludyer, Mincing Lane), ein anderer Couſin des Bräutigams, ſowie die ehrenwerthe Mrs. Bludyer; der ehrenwerthe George Boulter, Lord Levant's Sohn, und ſeine Gemahlin, die ehemalige Miß Mango; Lord Vis⸗ 208 count Caſtletoddy;z der ehrenwerthe James Me Mull und Mrs. Me Mull (früher Miß Swartz), ſowie eine Menge faſhionabler Perſonen, die Alle nach Lombard Street ge⸗ heirathet, und zur „Verodelung“ von Cornhill mächtig beigetragen haben. Das junge Paar hatte ein Haus in der Nähe von Berkeley Square, ſowie eine kleine Villa zu Roehampton unter der dortigen Bankierskolonie. Die Damen ſeiner Fa⸗ milie meinten, Fred habe eher eine Mesalliance gemacht, als nicht, wobei zu bemerken iſt, daß ihr Großvater in einer Armenſchule erzogen worden, daß ſie aber zu glei⸗ cher Zeit durch ihre Gatten mit einigen engliſchen Fa⸗ milien vom beſten Blute verwandt waren. Maria konnte alſo nicht umhin, das Mangelhafte ihrer Geburt durch größeren Stolz und durch größere Sorgfalt in der Zu⸗ ſammenſetzung ihres Viſitenbuches wieder gut zu machen, und erachtete es deßhalb für ihre Pflicht, ihren Vater, ſowie ihre Schweſter ſo wenig, wie möglich, zu ſehen. Man darf aber nicht glauben, daß es ihr je in den Sinn gekommen, mit dem alten Manne, der noch ſo viele tauſend Pfund zu verſchenken hatte, gänzlich zu brechen. Fred Bullock würde dazu ſeine Zuſtimmung nie gegeben haben. Allein ſie war noch jung, und verſtand es noch nicht recht, ihre Gefühle zu verbergen, und richtete da⸗ durch, daß ſie ihren Vater und ihre Schweſter zu ihren Geſellſchaften dritten Ranges einlud, und ſich gegen die⸗ ſelben, wenn ſie kamen, recht kalt benahm, und davurch, daß ſie Ruſſell Square ſorgfältig mied, und ihren Vater, unbedachtſam genug, bat, daß er doch dieſen odiö⸗ ſen, gemeinen Ort verlaſſen möchte, mehr Schaden an, als alle diplomatiſchen Künſte Frederick's wieder gut zu machen vermochten, und gefährdete ſo ihre Erbſchafts⸗ chance, wie ein kopfloſes, unbeſonnenes Geſchoͤpf, das ſie war. „Ruſſell Square iſt alſo für Mrs. Maria nicht mehr gut genug?“ ſagte der alte Herr, die Kutſchenfenſter raſch 209 und geräuſchvoll hinaufziehend, als er eines Abends mit ſeiner Tochter, nach dem Diner, von Mrs. Frederick Bullock wegfuhr. „Sie ladet alſo ihren Vater und ihre Schweſter zu den Ueberbleibſeln der Eſſen ein, die ſie den Tag zuvor gegeben (wenn die ontrys, wie man ſie heißt, nicht ſchon geſtern ſervirt waren, will ich verdammt ſein), und bringt uns mit City⸗Leuten, und Leuten von der Feder zuſammen, und behält die Carls, und die Ladies, und die Ehrenwerthen *) für ſich ſelbſt. Die Ehrenwer⸗ then? Hole der Teufel die Ehrenwerthen! Ich bin nur ein ſchlichter britiſcher Kaufmann, ja, das bin ich; allein ich könnte das Bettelpack ſammt und ſonders auskaufen. Ja, ja, Lords! Ei, ich habe bei einer ihrer „Swar⸗ reys“ einen von ihnen mit einem verdammten Geiger ſprechen ſehen — einem Kerl, den ich verachte, und ſie wollen aißt nicht nach Ruſſell Square kommen, ſie wollen es nicht? Ei, ich ſetze meinen Kopf daran, wenn bei mir nicht ein beſſeres Glas Wein zu finden iſt, und wenn mir der meinige nicht mehr koſtet, und wenn ich nicht ſchöneres Silbergeſchirt habe, und wenn ich nicht auf meinen Mahagonytiſch ein beſſeres Eſſen ſetzen kann, als ſie je auf ihren Tiſchen zu ſehen bekommen — die krie⸗ chenven, niederträchtigen, aufgedonnerten Narren. Fahr' zu, James; es verlangt mich, nach Ruſſell Square zu⸗ rückzukommen, — ha, ha!“ Und er ſank mit einem wüthenden Gelächter in die Ecke zurück. Mit ſolchen Betrachtungen über ſeine eigenen Vor⸗ Züge pflegte der alte Herr gar häufig ſich zu tröſten. Jane Osborne konnte nicht umhin, dieſe Anſichten *) Honourables: ein Titel, der in England den Töchtern und Söbhnen des Barons, und den jüngeren Söhnen des Eart zukommt. Der Titel Most Honourable dagegen kommt dem Marguis, der Titel Righi Honourable dem Viscvunt, Baron und Earl zu. Der JFahrmarkt des Lebens. UI. 14 2¹⁰ über das Benehmen ihrer Schweſter zu theilen; und als Mrs. Fredyrick's Erſtgeborner, Frederick Auguſtus Howard Stanley Devereur Bullock, auf die Welt kam, begnügte ſich der alte Osborne, der zur Taufe eingeladen worden war, und Pathenſtelle vertreten ſollte, damit, daß er dem Kinde einen goldenen Becher, worin zwanzig Guineen für die Amme lagen, ſchickte. „Das iſt mehr, als irgend einer von Euren Lords gibt, ich ſtehe dafür,“ ſagte er, und weigerte ſich, ſich bei der Feierlichkeit einzufinden. Das glänzende Geſchenk machte jedoch dem Bullock'⸗ ſchen Hauſe viele Freude. Maria glaubte, ihr Vater ſei ungemein mit ihr zufrieden, und Frederick ahnte nur Gu⸗ tes für ſeinen kleinen Sohn und Erben. Man kann ſich die Qualen vorſtellen, die der Miß Osborne in ihrer Einſamkeit in Ruſſell Square das Leſen der „Morning⸗Poſt“ verurſachte, wo der Name ihrer Schweſter in den Artikeln mit der Ueberſchrift „Faſhio⸗ nahle Reunionen“ von Zeit zu Zeit vorkam, und wo ſie Gelegenheit hatte, eine Beſchreibung von Mrs. F. Bul⸗ lock's Coſtüm zu leſen, als dieſelbe von Ladh Frederica Bullock bei Hofe vorgeſtellt wurde. Wie bereits von uns geſagt worden, ſo kam in Jane's Leben ſolche Herrlichkeit nicht vor. Es war eine furcht⸗ bare Exiſtenz. Sie mußte an unfreundlichen Winter⸗ morgen aufſtehen, um für ihren finſtern alten Vater, der das ganze Haus zur Thüre hinausſpedirt haben würde, wenn nicht ſein Thee Schlag halb neun Uhr'fertig ge⸗ weſen wäre, das Frühſtück zu bereiten. Sie ſaß ihm gegenüber, ohne ein Wort zu ſagen, und horchte auf das Ziſchen des Waſſers in der Urne, und ſaß zitternd da, während der Vater ſeine Zeitung las, und ſeine gewohnte Portion Muffins und Thee verzehrte. Um halb zehn Uhr ſtand er auf, und ging nach der City, und nun konnte ſie bis zur Zeit, wo das Diner eingenommen wurde, in der Küche Beſuche machen, und die Dienſtboten ausſchel⸗ — ——— 211 ten: oder konnte ſie ausfahren, und die Geſchäftsleute heimſuchen, die ungeheuer ehrerbietig waren: oder konnte ſie ihre und ihres Papas Viſitenkarte in den großen, fin⸗ ſter ausſehenden, reſpectablen Häuſern ihrer City⸗Freunde abgeben: oder konnte ſie ſich in den großen Salon ganz allein ſetzen, und Beſuche abwarten, und neben dem Feuer, auf dem Sopha, dicht bei der großen Jphygenia⸗Uhr, die in dem öden Zimmer ſo laut und ſo traurig tickte und ſchlug, an einem ungeheuren Ueberwurfe häkeln. Der große Spiegel über dem Kaminſimſe, dem der andere große Conſoleſpiegel, an dem entgegengeſetzten Ende des Zimmers, ſich gegenüber befand, vergrößerte und ver⸗ vielfältigte zwiſchen beiden den hraunen Sack aus Lein⸗ wand, worin der Kronleuchter hing; ſo daß man dieſe braunen Leinwandſäcke in endloſen Perſpectiven allmählig verſchwinden ſah, und dieſes Zimmer der Miß Osborne das Centrum eines Syſtems von Salons zu ſein ſchien. Wenn ſie das Corduan⸗Leder auf dem Flügel zurück⸗ ſchlug, und Etwas ſpielte, tönte es unendlich traurig, und ſchreckte die unheimlichen Echos des Hauſes auf. George's Bild war verſchwunden, und ruhte oben im Hauſe, in der Rumpelkammer; und obgleich man an ihn dachte, und Vater und Tochter oft inſtinetmäßig wußten, daß er im Geiſte zugegen ſei, ſo geſchah des tapfern und einſt ſo geliebten Sohnes doch nie Erwähnung. Um fünf Uhr kam Herr Osborne nach Hauſe zum Eſſen zurück, welches er mit ſeiner Tochter ſchweigend einnahm (und dieſes Schweigen wurde ſelten unterbro⸗ chen, es ſei denn, daß er fluchte und wild war, wenn die Speiſe oder die Art der Zubereitung nicht nach ſeinem Geſchmacke war). Zwei Mal des Monats war auch eine trübſelige Geſellſchaft, beſtehend aus Freunden von Os⸗ borne's Rang und Alter, geladen: der alte Dr. Gulp und deſſen Frau von Bloomsbury Square; der alte Herr Frowſer, der Rechtsanwalt, von Bedford Row, — ein ſehr bedeutender Mann, der, vermöge der Natur ſeines 212 Geſchäftes, mit der hohen Weſtend⸗Ariſtokratie auf ganz vertrautem Fuße ſtand; der alte Oberſt Livermore, von der Bombay⸗Armee, und Mrs. Livermore, von Upper Bedford Place; der alte Serjeant *) Toffy und Mrs. Toffy; ſowie bisweilen auch ver alte Sir Thomas Cof⸗ fin, und Lady Coffin, von Bedford Square. Sir Thomas war dadurch berühmt geworden, daß er, als Richter, eine beſondere Paſſion für das Hängen hatte, und ſo oft er —,— bei Herrn Osborne ſpeiſte, wurde der bekannte lohfarbene Port aufgetiſcht. Dieſe Leute und ihres gleichen gaben dem pompöſen Kaufmann von Ruſſell Square wieder pompöſe Diners. Wenn ſie, nachdem ſie genug getrunken, wieder in den Salon hinaufkamen, wurden einige feierliche Partien Whiſt geſpielt: um halb elf Uhr fuhren ihre Wagen fort. Viele reiche Leute, die wir arme Teufel die Gewohn⸗ heit haben, zu beneiden, führen in aller Zufriedenheit ein Leben, wie das, ſo wir ſo eben beſchrieben. Jane Osborne kam ſelten mit einem Manne unter ſechzig Jahren zuſam⸗ men, und faſt der einzige Junggeſelle, der in der Geſell⸗ ſchaft ihres Vaters erſchien, war Herr Smirk, der be⸗ rühmte Damenarzt. Ich kann nicht ſagen, daß ſich Richts ereignet habe, um vie Monotonie dieſer furchtbaren Exiſtenz zu unter⸗ brechen: die Wahrheit iſt, daß im Leben der armen Jane ein Geheimniß geweſen war, das ihren Vater noch wilder und mürriſcher gemacht hatte, als ihn ſelbſt die Natur, ſein Stolz, und ſein übermäß iges Eſſen und Trinken hat⸗ ten machen können. Dieſes Geheimniß ſtand mit Mi Wirt in Verbindung, die einen Künſtler, Herrn Smee, der ſeitdem als Porträtmaler und als Mitglied der königli⸗ chen Akademie der Künſte ſehr berühmt geworden iſt, der *) in England ein Rechtsgelehrter, Sachwalter erſter laſſe. 21³ aber einſt recht froh war, vornehmen Damen Zeichnungs⸗ ſtunden geben zu dürfen, zum Coufin hatte. Herr Smee hat jetzt vergeſſen, wo Ruſſell Square liegt; allein er war recht froh, es im Jahre 1818, wo Miß Oeborne Unterricht bei ihm nahm, beſuchen zu können. Smee (früher ein Schüler Sharp's von Frith Street, eines liederlichen, unordentlichen Mannes, der kein Glück hatte, allein in ſeiner Kunſt eine virtuoſe Geſchicklichkeit beſaß) war alſo ein Couſin der Miß Wirt, wurde von Letzterer Miß Osborne vorgeſtellt, deren Hand und Herz nach verſchiedenen unvollſtändigen Liebesgeſchichten noch frei war, und fühlte eine große Zuneigung zu dieſer Dame. Auch glaubt man, daß er ihr gleichfalls eine ſoche ein⸗ zuflößen wußte. Miß Wirt war in dieſe Intrigue ein⸗ geweiht. Ich weiß nicht, ob ſie das Zimmer zu berlaſſen pflegte, wenn der Lehrer und ſeine Schülerin mit einan⸗ der malten, um ihnen Gelegenheit zu geben, die Gelübde und Gefühle gegenſeitig auszutauſchen, die ſich vor einer dritten Perſon nicht ſo ganz gut ausſprechen laſſen: es iſt mir unbekannt, ob ſie hoffte, daß ihr Couſin, im Falle es ihm gelänge, die reiche Kaufmannstochter heimzufüh⸗ ren, ihr — der Miß Wirt — einen Theil des Reichthums geben würde, zu deſſen Gewinnung ſie ihm verholfen hätte: — nur ſo viel iſt gewiß, daß Herr Osborne von der Sache Etwas erfuhr, und eines Tages plötzlich aus der City zurückkam, und mit ſeinem Bambusrohre in den Salon trat. Dort fand er den Maler, die Schülerin und die Geſellſchaftsdame, die Alle außerordentlich bleich ausſahen. Den Maler jagte er zur Thüre hinaus, unter vielfachen Drohungen, wobei er ihm in Ausſicht ſtellte, daß er ihm alle Knochen im Leibe entzwei ſchlagen würde; und eine halbe Stunde darauf bekam Miß Wirt gleich⸗ falls ihren Abſchied, wobei der alte Herr die Koffer der⸗ ſelben mit den Füßen die Treppe hinabſtieß, auf ihren Hutſchachteln herumtrat, und die Fauſt nach der Mieth⸗ 2¹4 kutſche hin ſchüttelte, als dieſelbe mit der Geſellſchafts⸗ vame wegfuhr. Jane Osborne verließ lange ihr Schlafzimmer nicht. Von nun an durfte ſie keine Geſellſchaftsdame mehr haben. Ihr Vater machte ſie unter vielfachen Schwüren darauf aufmerkſam, daß ſie auch nicht einen Shilling von ſeinem Gelde bekommen würde, wenn ſie ohne ſeine Zuſtimmung eine Heirath einginge; und da er ein weibliches Weſen brauchte, um ſein Hausweſen zu führen, ſo durfte ſie nicht heirathen: ſo vaß ſie ſich genöthigt ſah, ſämmtliche Projecte aufzugeben, bei venen Cupido halbwegs betheiligt war. Und ſo ergab ſie ſich denn, ſo lange ihr Papa noch lebte, in ihr Schickſal, und führte das oben beſchriebene einförmige Leben, und mußte es ſich gefallen laſſen, daß ſie eine alte Jungfrau wurde. Mittlerweile bekam ihre Schweſter jedes Jahr Kin⸗ der mit vornehmeren Namen — und immer ſpärlicher wurden die Beſuche zwiſchen den beiden Familien. „Wir bewegen uns nicht in der nämlichen Sphäre des Lebens, Jane und ich,“ ſagte Mrs. Bullock. „Na⸗ türlich ſehe ich ſie als meine Schweſter an,“ — ein Aus⸗ vruck, der bedeutet — was bedeutet es, wenn eine Dame ſagt, ſie ſehe Jane als eine Schweſter an? * „ 3. Es iſt von uns berichtet worden, wie die Miſſes Dobbin mit ihrem Vater eine ſchone Villa auf Denmark Pill bewohnten, wo es an Trauben und Pfirſichen, die dem kleinen Georgy Osborne ungemein gefielen, nicht fehlte. Die Miſſes Dobbin, die oft nach Brompton fuh⸗ ren, um unſere iiebe Amalie zu beſuchen, ließen ſich bis⸗ weilen auch in Ruſſell Square ſehen, wo ſie ihre alte Bekannte, Miß Osborne, heſuchten. Es geſchah wohl 215 in Folge der Befehle ihres Bruders, des Majors in In⸗ dien (den ihr Papa ungeheuer reſpectirte), daß ſie Mrs. George ſo viele Aufmerkſamkeit bewieſen; denn der Ma⸗ jor, der Taufpathe und Vormund des kleinen Sohnes unſerer Amalie, hoffte immer noch, daß der Großvater des Kindes ſeine Gefinnungen ändern, und daſſelbe um ſeines Sohnes willen anerkennen würde. Die Miß Dobbins machten Miß Osborne fortwäh⸗ rend mit dem Zuſtande der Angelegenheiten Amaliens bekannt; erzählten ihr, wie ſie mit ihren Eltern lebte: wie arm die Leute wären: wie ſie, die Miß Dobbins, ſich wunderten, was doch die Männer, und insbeſondere Männer, wie ihr Bruder, der Major, und der ſelige Capitän Osborne, an einem ſo unbedeutenden kleinen Ding hätten finden können, oder noch fänden: wie dieſelbe noch immer eine affectirte Creatur, ein albernes Milch⸗ und Waſſeergeſchöpf — wie aber der Kleine wirklich der allerliebſte, herrlichſte Junge wäre, den ſie je geſehen: — denn die Herzen aller Frauenzimmer erwärmen ſich für junge Kinder, und es gibt keine alte Jungfer, ſo ſauer⸗ töpfiſch man ſich dieſelbe auch vorſtellen mag, die gegen dieſelben nicht freundlich wäre. Eines Tages erlaubte Amalie, nach vielen Bitten von Seiten der Miſſes Dobbin, dem kleinen George, mit ihnen zu gehen, und auf Denmark Hill einen Tag (— von dem ſie ſelbſt einen Theil dazu verwendete, daß ſie an den Major in Indien ſchrieb —) zuzubringen. Sie gratulirte demſelben zu dem glücklichen Ereigniſſe, von dem ſeine Schweſtern ſie ſo eben in Kenntniß geſetzt. Sie ſprach ihre herzlichſten Wünſche aus, daß es ihm, ſowie der von ihm Gewählten wohl ergehen möge. Sie dankte ihm für die unendlich vielen Liebesdienſte und Beweiſe beharrlicher Freundſchaft, die ſie in ihrer Betrübniß von ihm erhalten. Sie theilte ihm das Neueſte über den kleinen Georgy mit, und ſagte ihm, wie derſelbe gerade mit ſeinen Schweſtern weggegangen, um den Tag bei 216 ihnen auf dem Lande zuzubringen. Sie unterſtrich Vieles in ihrem Briefe, und unterſchrieb ſich als ſeine „liebende Freundin, Amalie Osborne.“ Dieſes Mal vergaß ſie, ſich Lady O'Dowd, wie ſie doch ſonſt gewohnt war, zu empfehlen — und erwähnte Glorvina nicht namentlich, ſondern hieß ſie nur des Ma⸗ jors Braut — welches Wort unterſtrichen war — und flehte um des Himmels Segen für dieſelbe. Allein die Nachricht von der Heirath des Majors war Schuld, daß ſie die bisherige Zurückhaltung nicht länger beobachtete. Es freute ſie, geſtehen und fühlen zu können, wie warm ſie ihm zugethan ſei, und mit wel⸗ cher Dankbarkeit ſie ihn betrachte — und was den Ge⸗ danken betrifft, daß ſie auf Glorvina (Glorvina, in der That!) eiferſüchtig ſei, ſo würde Amalie denſelben ver⸗ lacht haben, ſelbſt wenn ein Engel vom Himmel ihn gegen ſie ausgeſprochen hätte. Als an jenem Abende Georgy in der Pony⸗Chaiſe, an der er ſoviel Freude hatte, und in der er von Sir William Dobbin's altem Kutſcher zurückgefahren wurde, nach Hauſe kam, hatte er eine ſchöne goldene Kette ſammt Uhr um den Hals. Er ſagte, eine alte Dame, die gar nicht hübſch ſei, habe ſie ihm gegeben, und habe viel ge⸗ weint und ihn geküßt. Allein er habe ſie nicht gern. Trauben dagegen liebe er ſehr. Und er habe nur ſeine Mama gern. * Amalie bebte zuſammen und ſtutzte: die furchtſame Seele hatte ein Vorgefuͤhl des Schreckens, als ſie ver⸗ nahm, daß die Verwandten ſeines Vaters das Kind ge⸗ ehen. Miß Osborne kam nach Hauſe zurück, um ihrem Vater ſein Eſſen zu geben. Letzterer hatte in der City eine gute Spekulation gemacht, und war daher ziemlich gut aufgelegt, und bemerkte zufällig rie Aufregung ſeiner Tochter. 217 „Was gibt es, Miß Osborne?“ geruhte er zu agen. Das Frauenzimmer brach in Thränen aus. „Ach, Sir,“ ſagte ſie, „ich habe den kleinen George geſehen. Er iſt ſo ſchön, wie ein Engel — und ihm ſo ganz ähnlich!“ Der alte, ihr gegenüber ſitzende Mann erwiederte keine Silbe, ſondern erroͤthete bloß im ganzen Geſichte, und fing an, an allen Gliedern zu zittern. Vreiundvierzigſtes Kapitel. Worin der Leſer um das Cap herumfahren muß. Wir müſſen nun den erſtaunten Leſer bitten, eine kleine Reiſe von zehn tauſend Meilen nach der Militär⸗ ſtation von Bundlegunge, in der zu unſerem indiſchen Reiche gehörenden Präfidentſchaft Madras, zu machen, wo unſere tapfern alten Freunde vom — ſten Regimente unter dem Commando des wackern Oberſten, Sir Mi⸗ chael O'Dowd, ſtehen. Die Zeit iſt mit dem letztgenannten wackeren Offi⸗ ziere gnädig verfahren, wie das ſo gewöhnlich ihre Art iſt, wenn ſie es mit Leuten zu thun hat, die einen guten Magen und ein gutes Temperament beſitzen, und denen jede übermäßige Anſtrengung des Gehirnes fremd bleibt. Der Oberſt weiß beim Tiffin Meſſer und Gabel gut zu führen, und greift beim Mittageſſen wieder mit vielem Erfolge zu dieſen Waffen. Nach beiden Mahlzeiten raucht er ſeinen Hookah, und ſchmaucht, trotz dem, daß er dabei 218 von ſeiner Frau ausgeſcholten wird, ſo ruhig, wie einſt unter dem Feuer der Franzoſen bei Waterlov. Das Alter und die Hitze des Klimas haben weder der Thätigkeit, noch der Beredſamkeit des Abkömmlings der Malonys und der Molloys Eintrag gethan. Ihre Ladyſhip, unſere alte Bekannte, iſt in Madras ebenſo gut, wie zu Brüſſel, in dem Cantonnirungsquar⸗ tier ebenſo gut, wie im Felplager, zu Hauſe. Auf dem Marſche konnte man ſie, an der Spitze des Regimentes, auf einem königlichen Elephanten einherreiten ſehen, — ein prachtvoller Anblick. Auf dieſem Thiere reitend, hat ſie im Jungle mit Tigern ſich in einen Kampf eingelaſ⸗ ſen: ſie iſt von eingebornen Fürſten empfangen worden, die ſie, ſowie Glorvina, an die verborgenſten Stellen ihrer Zenanas vordringen ließen, und ihr Shawls und Juwelen anboten, die es ihr herzlich leid that, nicht an⸗ nehmen zu dürfen. Die Schildwachen aller Waffengat⸗ tungen ſalutiren ſie überall, wo ſie ſich zeigt: und ſie erwiedert die Begrüßung damit, daß ſie gravitätiſch an ihren Hut „hinaufſticht.“ Lady O'Dowd iſt eine der größten Damen in der Präſidentſchaft Madras: — ihr Streit mit Lady Smith, Frau von Sir Minos Smith, dem Unterrichter, iſt in Madras noch nicht ganz vergeſſen. Die Frau Oberſtin ſchnippte der Frau Richterin mit den Fingern in's Ge⸗ ſicht, und ſagte, ſie würde in ihrem Leben nie vor einem lumpigen Civiliſten einen Fuß breit weichen. Sogar heut zu Tage noch, obgleich nun fünf und zwanzig Jahre darüber vergangen find, erinnern ſich Leute, wie Lady O'Dowd im Gouvernementspalaſte einen Jig tanzte, bei welcher Gelegenheit ſie zwei Adjutanten, einen Major von der Madras⸗Cavallerie, ſowie zwei Herren im Civildienſte, zu Schanden tanzte: und wie ſie, von Major Dobbin, C. B., und zweitem Commandanten des — ſten Regiments, endlich bewogen, ſich in den Speiſe⸗ ſaal zu begeben, lassata nondum satiata recessit. 2¹9 Peggy O'Dowd iſt in der That immer noch die alte: voll Güte und Freundlichkeit in ihren Handlungen und Gedanken: ungeſtüm, was das Temperament betrifft; voller Herrſchſucht; eine Tyrannin ihrem Michael gegen⸗ über: ein wahrer Drache unter ſämmtlichen Frauen des Regiments: eine Mutter für alle jungen Ofſtziere, die ſie in ihren Krankheiten pflegt, bei allen Verlegenheiten, in die ſie ſich ſtürzen, vertheidigt, und bei denen Lady Peggy einer ungeheuren Popularität ſich erfreut. Allein die Damen der Subalternoffiziere, ſowie der Capitäne (der Major iſt unverheirathet) ſchmieden ſtets Cabalen gegen ſie. Sie ſagen, Glorvina thue doch gar zu vor⸗ nehm, und Peggy ſelbſt ſei gar zu herrſchſüchtig. Peggy O'Dowd konnte eine kleine Congregation nicht ungeſchoren laſſen, die Mrs. Kirk zuſammen gebracht atte, und lachte die jungen Herren von ihren Predigten wobei ſie behauptete, daß die Frau eines Soldaten ch nicht in das Geſchäft eines Pfaffen miſchen dürfe: daß Mrs. Kirk weit beſſer daran thäte, die Hoſen ihres Mannes zu flicken: und daß, wenn das Regiment Pre⸗ digten brauchte, ſie die ſchönſten von der Welt, die ihres Oheims, des Dekans, hätte. Einer Liebesgeſchichte zwiſchen Lieutenant Stubble und der Frau des Regimentschirurgen machte ſie plötzlich ein Ende, indem ſie dem Lieutenant drohte, daß ſie das Geld, das er von ihr entlehnt, alsbald zurückverlangen würde (der junge Burſche war immer noch ein kleiner Verſchwender), wenn er nicht die Verbindung auf der Stelle abbräche, und ſich krank meldete, und auf Urlaub nach dem Cap ginge. Auf der andern Seite nahm ſie in ihrem Hauſe die Mrs. Posky auf, die einſt in der Nacht aus ihrem Bun⸗ galow entfloh, verfolgt von ihrem wüthenden Manne, der ſeine zweite Flaſche Branntwein in der Hand hatte; nicht zufrieden damit, brachte ſie den armen Posky wirk⸗ lich durch das delirium tremens, und gewohnte ihm 220 vas abſcheuliche Trinken ab, das bei vieſem Offiziere all⸗ mälig die Ueberhand gewonnen hatte, wie es bei allen üblen Gewohnheiten der Fall iſt. Mit einem Worte, in der Noth war ſie die beſte aller Tröſterinnen, im Glück die läſtigſte aller Freundin⸗ nen; dabei hatte ſie immer die beſte Meinung von ſich ſelbſt, und mußte in Allem und um jeden Preis ihren Willen haben. Unter Anderem hatte ſie auch beſchloſſen, daß Glor⸗ vina unſern alten Freund Dobbin zum Mann bekommen müßte. Mrs. O'Dowd wußte, daß der Major ein ſchö⸗ nes Vermögen zu erwarten habe, und würdigte gehörig ſeine guten Eigenſchaften, ſowie den hohen Ruf, deſſen er ſich bei ſeinen Standesgenoſſen erfreute. Glorvina, eine ſehr hübſche, rothwangige, ſchwarzhaarige, blauäu⸗ gige, junge Dame, die mit jedem Mädchen aus der Grafſchaft Cork in die Wette ein Pferd reiten oder eine „Sonatta“ ſpielen konnte, ſchien ihr die Perſon zu ſein, welche die Beſtimmung habe, Dobbin glücklich zu machen — weit mehr, als die arme, gute, kleine, ſchwache Ama⸗ lie, mit der er ſich ſo viel zu ſchaffen machte. „Sehen Sie einmal Glorvina an, wenn ſie in ein Zimmer hereinkommt,“ pflegte Mrs. O'Dowd zu ſagen, „undvergleichen Sie ſie mit der armen Mrs. Osborne, die keine Gans verſcheuchen kann. Sie wäre Ihrer würdig, Ma⸗ jor — Sie ſind ſelbſt ein ruhiger Mann, und haben Je⸗ mand nöthig, der für Sie ſpricht. Und obgleich ſie von keinem ſo guten Blute abſtammt, wie die Malonys oder Molloys, ſo muß ich Ihnen doch ſagen, daß ſie einer ſo alten Familie angehört, daß jeder Edelmann ſtolz darauf ſein dürfte, in dieſelbe heirathen zu können.“ Der Wahrheit gemäß müſſen wir indeſſen hier ge⸗ ſtehen, daß Glorvina, ehe ſie zu einem ſolchen Entſchluſſe kam, und ehe ſie Major Dobbin durch ihre Reize zu unterjochen beſchloß, von letzteren ſchon an andern Or⸗ ten flarken Gebrauch gemacht hatte. Sie hatte eine Sai⸗ 22 ſon in Dublin mitgemacht, und wer weiß, wie viele in Cork, Killarney und Mallow? Sie hatte mit allen hei⸗ rathsfähigen Offizieren, die in ſämmtlichen Depots ihres Vaterlandes aufzutreiben waren, und mit allen noch un⸗ verheiratheten Squires geliebelt, die ihr „nicht übel“ zu ſein ſchienen. Sie war wohl ſchon ein Dutzend Mal in Irland „verſprochen“ geweſen, ehe ſie ſich mit dem Geiſt⸗ lichen zu Bath verlobte, der mit ihr ſo übel verfuhr. Auf der ganzen Reiſe von England nach Madras hatte ſie mit dem Capitän und erſten Lieutenant des Oſtindien⸗ fahrers Ramchunder geliebelt, und am Sitze des Gou⸗ vernements mit ihrem Schwager und Mrs. O'Dowd, die ſich dort aufhielt, während der Major des Regiments auf der Station das Commando führte, eine Saiſon zu⸗ gebracht. Jedermann bewunderte ſie da; Jedermann tanzte mit ihr: aber es zeigte ſich zum Heirathen Nie⸗ mand, der acceptabel geweſen wäre. Zwar ſeufzten ein Paar äußerſt junge Subalternoffiziere, ſowie ein Paar unbärtige Civiliſten nach ihr; allein ſie verwarf dieſe Partien, als zu gering, und andere und jüngere Jung⸗ frauen verheiratheten ſich noch vor Glorvina. Es gibt einmal Frauenzimmer, und noch dazu ſchöne Frauenzimmer, die das Schickſal auf dieſe Weiſe ver⸗ folgt. Sie verlieben ſich in einem Nu; ſie reiten und gehen mit allen Offizieren ſpazieren, obgleich ſie nicht mehr weit von den Vierzigen ſind, und doch find die Miß O'Gradys immer noch Miß O'Gradys. Was Glorvina insbeſondere betrifft, ſo behauptete ſie, daß ſie, wäre nicht der unglückſelige Streit der Lady O'Dowd mit der Frau des Richters vorgekommen, zu Madras eine recht gute Partie gemacht haben würde, wo der alte Herr Chutney. der an der Spitze der Civil⸗ verwaltung ſtand (und ſpäter Miß Dolbey, eine junge, nur dreizehn Jahre alte Dame, die eben erſt die Schule verlaſſen hatte, und aus Europa angekommen war, hei⸗ 222 rathete), eben im Begriffe geweſen ſei, ihr ſeine Hand anzubieten. Obgleich nun Lady O'Dowd und Glorvina ſich je⸗ den Tag ein Dutzend Mal, und zwar faſt wegen jeder er⸗ denklichen Sache, zankten, — und in der That würden, hätte Mick O'Dowd nicht eine wahre Engelsgeduld beſeſſen, ihn zwei ſolche Weiber, die ihm beſtändig in den Ohren lagen, gewiß verrückt gemacht haben — ſo waren ſie doch in dem Punkte vollkommen mit einander einverſtanden, daß Glorvina den Major Dobbin zum Manne bekommen müſſe. Und in Folge deſſen beſchloſſen die beiden Damen, dem Major keine leibliche Ruhe mehr zu laſſen, ſo lange das Arrangement nicht zu Stande gekommen wäre. Nicht abgeſchreckt durch vierzig bis fünfzig frühere Riederlagen, belagerte ihn Glorvina nach allen Regeln der Kriegskunſt. Sie ſang ihm beſtändig iriſche Melo⸗ dien vor. Sie fragte ihn ſo oft und ſo pathetiſch: „Wol⸗ len Sie in die Laube kommen?“ — daß es wirklich ein Wunder iſt, wie überhaupt ein Mann von Gefühl der Einladung widerſtehen konnte. Sie wurde nie müde, zu fragen, ob der Kummer ſeine jungen Tage welk gemacht; und war bereit, wie Desdemona der Erzählung ſeiner Feldzüge und Gefahren zu lauſchen, und dabei Thränen zu vergießen. Es iſt von uns berichtet worden, daß unſer ehrlicher und theurer alter Freund die Gewohnheit gehabt habe, Flöte zu ſpielen, wenn er allein geweſen. Nun beſtand Glorvina darauf, mit ihm Duette zu ſpielen, und Lady O'Dowd ſtand dann gewoͤhnlich auf, und verließ in ganz unſchuldiger Weiſe das Zimmer, wenn das junge Paar alſo beſchäftigt war. Auch zwang Glorvina den Major, mit ihr an ſchö⸗ nen Morgen auszureiten. Das ganze Regiment ſah ie mit einander wegreiten und zurückkommen. Ferner ſchickte ſie ihm unabläſſig Billets, und entlehnte von ihm Bücher, wobei ſie ſolche ſentimentale und humoriſtiſche Stellen, 223 die ihre Sympathie erregten, mit ihrem Bleiſtifte ſtark unterſtrich. Sie entlehnte ſeine Pferde, ſeine Diener, ſeine Löffel, ſeinen Palankin: — kein Wunder daher, daß das öffentliche Gerücht in ihr ſeine künftige Gattin ſehen wollte, und daß die Schweſlern des Majors in England glaubten, ſie würden in kurzer Zeit eine Schwägerin be⸗ kommen. Dobbin, der ſo tapfer belagerte Mann, verharrte mittlerweile in einem Zuſtande abſoluter und in der That höchſt odiöſer Ruhe. Er pflegte zu lachen, wenn die jungen Burſche des Regimentes ihn mit den offenbaren und vielfachen Aufmerkſamkeiten Glorvinas aufzogen. „Bah!“ ſagte er, „ſie thut dieß nur, um nicht aus der Uebung zu kommen — ſie übt ſich an mir, wie auf Mrs. Tozer's Pianoforte, weil es das am Leichteſten zu ſpielende Inſtrument auf der ganzen Station iſt. Ich bin viel zu ſehr abgenützt, und viel zu alt für eine ſo ſchöne junge Dame wie Glorvina.“ Und ſo fuhr er fort, mit ihr ſpazieren zu reiten, und ihre Albums mit Abſchriften von Muſikalien und Verſen zu bereichern, und ganz unterthänig mit ihr Schach zu ppielen; denn ſolchen einfachen Vergnügnngen ſind viele Offiziere in Indien gewohnt, ſich in ihren freien Augeu⸗ blicken hinzugeben; während andere, von minder häusli⸗ chem Charakter, ſich damit abgeben, Schweine zu jagen, und Schnepfen zu ſchießen, oder ſpielen, und Cigarren rauchen, und der Branntweinflaſche hulvigen. Was Sir Michael O'Dowd anlangt, ſo drangen zwar ſeine Frau und ſeine Schwägerin täglich in ihn, daß er zum Major gehen und ihn auffordern ſolle, ſich zu erklären, und ein armes, unſchuldiges Mädchen nicht fortwährend auf eine ſo ſchändliche Weiſe zu peinigen; allein der alte Soldat mochte ſchlechterdings Nichts mit der Verſchwörung zu thun haben. „Meiner Treu, der Major iſt groß genug, um ſelbſt eine Wahl zu treffen,“ ſagte Sir Michael; „er wird ſchon 224 um Dich anhalten, wenn er Dich haben will;“ — oder aber ſuchte er ſie ſich mit einem Scherze vom Halſe zu ſchaffen, indem er erklärte, „daß Dobbin noch zu jung wäre, um an ein eigenes Hausweſen denken zu koͤnnen, und daß derſelbe nach Hauſe geſchrieben habe, um ſeine Mama um die nöthige Erlaubniß anzugehen.“ Ja, der Oberſt ging ſogar noch weiter: er warnte unter vier Augen ſeinen Major, und pflegte ihn aufzu⸗ ziehen, wobei er ausrief: „Seien Sie auf ihrer Hut, Dob, mein Junge, die Frauenzimmer führen Etwas im Schilde: — meine Frau hat ſo eben eine Kiſte voll Frauen⸗ zimmerkleider aus Europa erhalten, und es iſt darunter eines von roſarothem Atlaß für Glorvina, das Ihnen vollends den Treff geben wird, Dob, wenn es überhaupt einem Frauenzimmer, oder dem Atlaß gegeben iſt, Ihr Herz zu rühren.“ Allein die Wahrheit iſt, daß ihn weder Schönheit, noch Faſhion erobern konnte. Unſerem ehrlichen Freunde ſchwebte nur ein Ideal von einem Weibe vor, und dieſes glich ganz und gar nicht der Miß Glorvina O'Dowd in ihrem roſarothen Atlaßkleide. Ein ſanftes, kleines, ſchwarz gekleidetes Weibchen mit großen Augen und braunem Haare — ein Weibchen, das nur ſelten ſprach, es ſei denn, daß es angeredet wurde, und das auch dann eine Stimme hören ließ, die mit der der Miß Glorvina nicht die mindeſte Aehnlichkeit hatte — eine zarte junge Mutter, die ein kleines Kind pflegt, und dem Major lächelnd zu⸗ winkt, daß er es doch anſehen möge — ein roſenwangiges Mädchen, das fingend in das Zimmer in Ruſſell Square tritt, oder glücklich und liebend an George Osborne's Arm hängt, — das war das Bild, ſo die Seele unſers ehrlichen Majors Tag und Nacht erfüllte, und ihn ſtets beherrſchte. Höchſt wahrſcheinlich war Amalie dem Bilde nicht ſo ganz ähnlich, das der Major ſich von ihr entwarf; es befand ſich in einer gewiſſen Nummer einer Damen⸗ 225 zeitung, die ſeine Schweſtern in England gehabt, und die ihnen William heimlich entwendet hatte, ein Bild, das er auf die innere Seite des Deckels ſeines Pultes klebte, weil er ſich einbildete, er ſehe in dem Kupferſtiche einige Aehnlichkeit mit Mrs. Osborne, während ich, der ich das Bild geſehen, ſagen kann, daß daſſelbe nur ein mit einer langen Taille verſehenes Frauenzimmerkleid ſammt einem unmöglichen, einfältig lächelnden Puppengeſichte darſtellte — und vielleicht war Herr Dobbin's ſentimentale Amalie der wirklichen ebenſo unähnlich, als dieſes abſurde kleine Bild, das er ſo ſehr liebte. Aber wer von uns iſt beſſer unterrichtet, wenn er verliebt iſt? — Oder aber iſt man viel glücklicher, wenn man einſieht, und ſich ſelbſt geſtehen muß, daß man ſich getäuſcht? Unter der Einwirkung dieſes Zaubers nun ſtand unſer Freund Dobbin. Er plagte ſeine Freunde und das Publikum nicht gar viel mit ſeinen Gefühlen; und ebenſo wenig verlor er darüber ſeinen natürlichen Appetit. Seit⸗ dem wir ihn nicht mehr geſehen haben, iſt ſein Kopf etwas ergraut; auch laſſen ſich in dem weichen braunen Haare ein Paar ſilberne Linien unterſcheiden. Allein ſeine Ge⸗ fühle haben ſich nicht im Mindeſten verändert, und haben durchaus nicht gealtert; und ſeine Liebe bleibt ſo friſch, wie die jugenvlichen Erinnerungen des erwachſenen Mannes. Wir haben berichtet, wie die beiden Miß Dobbins und Amalie, die Correſpondentinnen des Majors in Europa, aus England an ihn ſchrieben: Mrs. Osborne hatte ihm dabei mit vieler Offenheit und Herzlichkeit zu ſeiner be⸗ vorſtehenden Vermählung mit Miß O'Dowd gratulirt. „Ihre Schweſter iſt ſo eben ſo freundlich geweſen, mich zu beſuchen,“ ſchrieb Amalie in ihrem Briefe, „und es hat dieſelbe mich von einem intereſſanten Ereig⸗ niſſe unterrichtet, zu dem ich Ihnen von ganzem Herzen Glück wünſche. Ich hoffe, die junge Dame, Der Jahrmarkt des Lebens. m. 15 226 mit der Sie ſich zu verbinden geſonnen ſind, wird ſich in jeder Beziehung eines Mannes würdig zeigen, der ſelbſt lauter Freundlichkeit und Güte iſt. Die arme Wittwe kann nur Gebete für Ihr Wohlergehen zum Himmel emporſenden, und ihre herzlichſten Glückwünſche darbringen! Georgy empfiehlt ſich ſeinem lieben Pathen beſtens, und hofft, Sie werden ihn nicht vergeſſen. Ich ſage ihm, daß Sie im Begriffe ſeien, andere Bande zu knüpfen, und gewiß verdiene die Perſon, die Sie gewählt, Ihre ganze Liebez allein obgleich ſolche Bande natür⸗ lich die ſtärkſten und heiligſten ſein müſſen, und alle andern erſetzen, ſo ſei ich doch überzeugt, daß die Wittwe und das Kind, die Sie von jeher beſchützt und geliebt, in Ihrem Herzen ſtets ein kleines Plätzchen be⸗ halten werden.“ So ging es in dem Briefe, von dem wir oben ge⸗ ſprochen, weiter, und es war daraus die vollkommene Zu⸗ friedenheit der Schreiberin zu erſehen. Dieſer Brief, der mit demſelben Schiffe ankam, mit dem Lady O'Dowd eine Kiſte mit Putzwaaren aus Lon⸗ don erhielt (und gewiß öffnete Dobbin den Brief vor allen andern Packeten, die ihm die Poſt brachte), verſetzte den Empfänger in einen ſolchen Gemüthszuſtand, daß Glorvina, und ihr roſafarbenes Atlaßkleid, und Alles, was ſie betraf, ihm vollkommen odiös wurde. Der Major verwünſchte das Weibergeſchwätz, ſowie das ſchöne Geſchlecht überhaupt. Alles ärgerte ihn an jenem Tage — die Parade war für ihn unerträglich heiß und ermüdend. Gütiger Himmel! Wie konnte ein Mann von Verſtand, Tag für Tag, ſein Leben damit vergeu⸗ den, daß er das Lederwerk unterſuchte, und Narren exer⸗ cirte? Das ſinnloſe Geplauder der jungen Leute am Offi⸗ zierstiſche widerte ihn mehr, als je, an. Was kümmerte er, ein Mann, nicht mehr weit von Vierzigen, ſich dar⸗ um, ob Lieutenant Smith viele oder wenige Schnepfen geſchoſſen, oder ob Fähndrich Brown's Stute ſich gut over ſchlecht hielt. Die Scherze, die bei Tiſche vorge⸗ bracht wurden, erfüllten ihn mit Scham. Er war jetzt zu alt, um auf die Späſſe des Unterarztes und den Slang der Subalternoffiziere zu horchen, worüber der alte ODowd mit ſeinem Kahlkopfe und ſeinem rothen Ge⸗ ſichte herzlich lachte. Der alte Mann hatte dieſe Späſſe nun ſeit dreißig Jahren angehört, und Dobbin ſelbſt ſeit fünfzehn. Und nach der lärmerfüllten Langweile des Offi⸗ zierstiſches, die Zänkereien und Scandalſucht der Damen des Regiments! Es war unerträglich, ſchändlich! „O, Amalie, Amalie,“ dachte unſer Major, „Du, der ich ſo treu geblieben, — Du machſt mir Vorwürfe! Nur darum ſchleppe ich dieſes ermüdende Leben hin, weil ich Dich kalt laſſe. Und Du lohnſt mir nach vieljähriger Ergebenheit damit, daß Du mir Deinen Segen zu mei⸗ Aſn mit dieſem putzliebenden iriſchen Mädchen g A Der arme William fühlte ſich unglücklicher und ein⸗ ſamer, als je: es war ihm ſo enge um's Herz! Er wünſchte, des Lebens und ſeiner Eitelkeit ganz überhoben zu ſein: ſo zwecklos und ſo unbefriedigend ſchien ihm der Kampf, ſo traurig und trübe die Zukunft. In jener ganzen Nacht konnte er kein Auge zuthun, und er ſehnte ſich von ganzem Herzen nach Hauſe. Ama⸗ liens Brief erſchien ihm wie eine Niete, die er in der großen Lotterie des Lebens erhalten. Keine Treue, keine, wenn auch noch ſo wahre und beſtändige, Liebe konnte ſie erwärmen. Sie wollte ſeine Liebe zu ihr nicht ſehen. Sich in ſeinem Bette wälzend, ſprach er mit ihr. „Guter Gott, Amalie,“ ſagte èr, „weißt Du nicht, daß ich nur Dich auf der Welt liebe — Dich, die Du wie ein Stein gegen mich biſt — Dich, die ich viele Monde lang in ihrem Kummer und ihrer Krankheit pflegte, und die mir, mit einem Lächeln auf der Lippe, Lebewohl 228 ſagte, und mich vergaß, ehe die Thüre zwiſchen uns ſich ſchloß!“ Die eingebornen Diener, die außerhalb ſeiner Ver⸗ andah lagen, ſahen zu ihrer großen Verwunderung den ſonſt ſo kalten und ruhigen Major jetzt ſo leidenſchaftlich erregt und ſo niedergeſchlagen. Würde ſie ſich wohl über ihn erbarmt haben, wenn ſie ihn geſehen hätte? Er las wiederholt alle Briefe durch, die er von ihr erhalten — Geſchäftsbriefe, die ſich auf das kleine Vermögen bezogen, das ihr, wie er ſie hatte glauben machen, von ihrem Manne hinterlaſſen worden — kleine Einladungsbillets — kurz iedes Stück Papier, das ſie ihm einmal geſchickt — wie kalt, wie freundlich, wie hoffnungslos, wie ſelbſtſüchtig waren ſie! Wäre nun eine liebe ſanfte Seele in der Nähe ge⸗ weſen, die es verſtanden hätte, in dieſem ſchweigenden, edelmüthigen Herzen zu leſen, und daſſelbe gehörig zu würdigen, — wer weiß, ob dann nicht das Reich Ama⸗ liens vorüber geweſen wäre, und die Liebe unſeres Freun⸗ des William einen beſſeren Kanal gefunden hätte? Allein da war nur Glorvina mit den gagatſchwarzen Ringeln, mit der er auf einem vertrauten Fuße ſtand, und dieſe glänzende junge Dame war nicht ſowohl darauf erpicht, den Major zu lieben, als ſich von dem Major bewun⸗ dern zu laſſen — gewiß ein durchaus eitles und hoff⸗ nungsloſes Benehmen, wenn man die Mittel erwägt, die das arme Mädchen beſaß, um daſſelbe auszuführen. Sie lockte ihr Haar, und ließ ihn ihre Schultern ſehen, gleich als wollte ſie ſagen: „Haben Sie je ſolche rabenſchwarze Ringeln, und einen ſolchen Teint geſehen?“ Sie lächelte ihn an, damit er ſehen moͤchte, wie alle ihre Zähne ge⸗ ſund ſeien — und nie beachtete er alle dieſe Reize. Ganz kurze Zeit nach der Ankunft der Kiſte mit den Putzwaaren, und vielleicht denſelben zu Ehren, gaben Lady O'Dowd und die Damen des königlichen Regimentes den Regimentern der Compagnie, ſowie den Civiliſten auf der 229 Station einen Ball. Glorvina zeigte ſich in dem roſa⸗ farbenen Kleide, dem Nichts zu widerſtehen vermochte, und der Major, der ſich bei dem Balle einfand, und recht jämmerlich in den Zimmern auf⸗ und abging, bemerkte nicht einmal das roſarothe Kleid. Glorvina tanzte, wie eine Furie, mit ſämmtlichen jungen Subalternoffizieren der Station an ihm vorbei, und der Major war nicht im Mindveſten eiferſüchtig auf ihre Leiſtungen, oder böſe, weil Copitän Bangles von der Covallerie ſie zum Souper führte. Weder die Eiferſucht, noch Kleider, noch Schul⸗ tern konnten auf ihn Eindruck machen, und mehr beſaß Glorvina nicht. So ſtellten alſo die Beiden die Eitelkeit dieſes Lebens recht deutlich an ſich dar: Jedes ſehnte ſich nach dem, was es nicht bekommen konnte. Glorvina preßte das Fehlſchlagen ihrer Pläne Thrä⸗ nen der Wuth aus. Sie hatte, wie ſie ſchluchzend ge⸗ ſtand, auf den Major „mehr, als auf alle Andern“ ge⸗ zählt. „Er iſt gewiß noch Schuld, daß mir das Herz bricht, ja, ja, Peggy.“ pflegte ſie vor ihrer Schweſter zu wim⸗ mern, wenn ſie keine Händel mit einander hatten; „ge⸗ wiß müſſen meine ſämmtlichen Rocke enger gemacht wer⸗ den — ich werde ein wahres Skelett.“ Mochte ſie dick oder mager ſein, mochte ſie lachen oder ſich in Melancholie verſunken zeigen, mochte ſie zu Pferde oder vor dem Klaviere ſitzen, — dem Major war Alles gleichgültig. Und was den Oberſten betrifft, ſo meinte er, wenn er, mit der Pfeife im Munde, dieſen Klagen zuhörte, daß Glory ſich mit dem nächſten Schiffe einige Traueranzüge aus London kommen lafſen müſſe, und erzählte eine recht geheimnißvolle Geſchichte von einer Dame in Irland,“ die der Kummer über den Verluſt ihres Mannes in's Grab gebracht, noch ehe ſie denſelben bekommen. 230 Während der Major auf ſolche Weiſe Glorvina Tan⸗ talus⸗Qualen ausſtehen ließ, mit keinem Heirathsantrage herausrücken wollte, und beharrlich darauf beſtand, ſich nicht zu verlieben, kam aus Europa ein anderes Schiff an, das Briefe mitbrachte, und unter letzteren befanden ſich auch einige für ven herzloſen Mann. Es waren Briefe ans England, welche ein älteres Poſtzeichen trugen, als die mit dem letzten Packetboote angekommenen, und da Major Dobbin unter den ſeinigen die Handſchrift ſeiner Schweſter erkannte, welche die von ihr an ihren Bruder gerichteten Briefe ſtets ein Paar Mal quer durchſchrieb, — immer alle möglichen ſchlechten Nachrichten ſammelte, die ſie auftreiben konnte, — ihn zankte, und ihm mit ſchweſterlicher Offenheit predigte, und ihn ſtets, wenn „der theuerſte William“ mit dem Leſer einer ihrer Epi⸗ ſteln fertig war, einen Tag lang unglücklich machte — ſo muß zur Steuer der Wahrheit hier geſagt werden, daß der theuerſte William ſich nicht ſehr beeilte, das Siegel von Miß Dobbin's Brief zu erbrechen, ſondern einen be⸗ ſonders günſtigen Tag, und eine beſonders rofige Laune abwartete, um dieſes Geſchäft vorzunehmen. Zudem hatte er ihr auch vor vierzehn Tagen geſchrieben, um ſie dar⸗ über auszuſchelten, daß ſie Mrs. Osborne dergleichen ab⸗ ſurde Geſchichten erzählt, und hatte zu gleicher Zeit an letztere Dame, als Antwort auf ihr Schreiben, einen Brief abgehen laſſen, worin er die über ihn umlaufenden Gerüchte als lügenhaft bezeichnete, und ihr die Verſiche⸗ rung gab, daß er „für den Augenblick nicht im Mindeſten daran denke, eine Heirath einzugehen.“ Zwei bis drei Tage nach der Ankunft dieſes zweiten Brief⸗Packetes hatte der Major in Lady O'Dowd's Hauſe ven Abend ziemlich luſtig zugebracht, und Glorvina meinte ſchon, er lauſche mit mehr Aufmerkſamkeit, als je, ihrem Geſange, als ſie ihnmit dem „Meeting of the Wathers,“ dem „Minshtrel Boy,“ und noch einigen andern ſolchen Muſikſtüͤcken beglückte (wobei wir indeſſen geſtehen müſ⸗ — — — — 231 ſen, daß er auf Glorvina ebenſo wenig hörte, als auf das Geheul der Schakals im Mondlichte draußen, und daß ſie ſich wieder einmal arg täuſchte); und als Major Dobbin mit ihr ſeine Partie Schach geſpielt hatte (wo⸗ gegen der Lieblingszeitvertreib der Lady O'Dowd in der Partie Cribbage beſtand, die ſie Abends mit dem Regi⸗ mentschirurgen ſpielte), verabſchiedete er ſich zur gewöhn⸗ lichen Stunde von der Familie des Oberſten, und ging nach Hauſe. Da lag vorwurfsvoll auf ſeinem Tiſche der ſchwe⸗ ſterliche Brief. Er nahm ihn, und bereitete ſich, ſich ſeiner Nachläßigkeit etwas ſchämend, ſchon auf eine un⸗ angenehme Stunde in Geſellſchaft der abweſenden Ver⸗ wandten, deren wunderliche Schriftzüge vor ihm lagen, Es mochte etwa eine Stunde verfloſſen ſein, ſeitdem der Major ſich von ver Familie des Oberſten verabſchiedet — Sir Michael ſchlief den Schlaf der Gerechten; Glor⸗ vina hatte ihre rabenſchwarzen Ringeln in die unzähligen kleinen Papierſtückchen gewickelt, in welche ſie dieſelben einzuzwängen pflegte; auch Lady O'Dowd war in dem ehelichen Schlafzimmer zu ebener Erde zu Bette gegan⸗ gen, und hatte ihre Musquito⸗Vorhänge um ihre ſchöne Geſtalt gezogen, als die Schildwache am Thore der Woh⸗ nung des Obercommandanten im Mondlichte Major Dob⸗ bin erblickte, wie derſelbe mit raſchem Schritte und in großer Aufregung auf das Haus zu kam. Der Major ging an der Schildwache vorbei, und nu a eines der Fenſter des Zimmers, in dem der Oberſt lief. „O'Dowd — Oberſt!“ ſchrie Dobbin aus Leibes⸗ kräften. „Um's Himmels willen, Major!“ rief Glorvina in be Lockenwickeln, und ſtreckte den Kopf aus dem enſter. „Was gibt es, Dob, mein Junge?“ ſagte der Oberſt, 232 welcher ſchon glaubte, es ſei auf der Station Feuer aus⸗ gekommen, oder es ſei aus dem Hauptquartiere der Be⸗ fehl zum Abmarſche angelangt. „Ich — ich muß Urlaub haben. Ich muß nach England — in Privatangelegenheiten von der größten Dringlichkeit,“ ſagte Dobbin. „Gütiger Himmel, was iſt geſchehen!“ dachte Glor⸗ vina, an allen Haatwickeln zitternd. „Ich muß fort — ſogleich — noch heute Nacht,“ fuhr Dobbin fort. * Sofort ſtand der Oberſt auf, und kam heraus, um mit ihm zu parlamentiren. In der Nachſchrift von Miß Dobbin's quer beſchrie⸗ benem Briefe war der Major ſo eben auf einen Paragra⸗ phen geſtoßen, der alſo lautete: — „Geſtern bin ich ausgefahren, um Deine alte Be⸗ kannte, Mrs.⸗Osborne, zu beſuchen. Du kennſt das elende Haus, das ſie ſeit ihrem Bankerotte bewohnen, — Herr Sedley iſt, nach einem meſſingenen Schilde an der Thüre ſeiner Hütte (das Haus iſt kaum beſſer) zu urtheilen, Kohlenhändler geworden. Der kleine Knabe, Dein Path⸗ chen, iſt zwar ein recht ſchones Kind, indeſſen iſt er ſehr keck, und ſpielt gern den Trotzigen und Eigenwilligen. Allein nach Deinem Wunſche haben wir Notiz von ihm genommen, und haben ihn ſeiner Tante, Miß Osborne, vorgeſtellt, der er gar nicht übel gefallen hat. Vielleicht läßt ſich ſein Großvater, ich meine nicht den bankerotten, der faſt kindiſch iſt, ſondern Herrn Osborne von Ruſſell Square, bewegen, daß er ſich des Kindes Deines Freun⸗ des, ſeines irrenden und eigenwilligen Soh⸗ nes, annimmt. Amalie ſelbſt wird ſich nicht abgeneigt finden laſſen, das Kind dem Großvater zu überlaſſen. 233 Die Wittwe iſt getröſtet, und im Begriffe, einen Geiſtlichen, den ehrwürdigen Herrn Binney, einen der Seelſorger von Brompton, zu heirathen. Eine armſelige Partie. Allein Mrs. Osborne wird nachgerade alt, und ich habe auf ihrem Kopfe viele graue Haare erblickt — ſie war recht gut aufgelegt: und Dein kleines Pathchen hat ſich in unſerem Hauſe übereſſen. Viele herzliche von Mama und Deiner treu liebenden, Ann Dob⸗ n.“ Pierundvierzigſtes Kapitel. Zwiſchen London und Hampſfhire. 2 Das Haus der Crawley'ſchen Familie in Great Gaunt Street zeigte auf ſeiner Vorderſeite immer noch das Leichenwappen, das dort als ein Zeichen der Trauer über Sir Pitt Crawley's Ableben aufgeſtellt war; indeſſen war ſchon dieſes heraldiſche Emblem an und für ſich ein gar prächtiges, viel vorſtellendes Möbel, und bald wurde auch das ganze übrige Haus brillanter, als es je während der Regierung des verſtorbenen Baronets geweſen. Die ſchwarze Hülle, unter der die Backſteine ſich verſteckt hatten, wurde entfernt, und es zeigten dieſelben nun ein fröhliches, rothes, mit weißen Streifen durchzogenes Geſicht: die alten bronzenen Löwen am Thürklopfer wurden hübſch vergoldet, Geländer und Staketen angemalt, und ſo wurde aus dem trübſeligſten Hauſe in Great Gaunt Street das geputzteſte im ganzen Quartier, ehe noch in Hampſhire die grünen Blätter die halb gelben erſetzt hatten, welche 234 ſich auf den Bäumen in der Allee von Queen's Crawley befanden, als der alte Sir Pitt Crawley zum letzten Male ſich unter denſelben hinbewegte. Ein kleines Weibchen, mit einer entſprechenden Kutſche, zeigte ſich ſtets in der Nähe dieſes Hauſes; und ebenſo konnte man auch täglich eine ältliche Jungfrau, die von einem kleinen Knaben begleitet war, dahin kommen ſehen. Es war Miß Briggs mit dem kleinen Rawdy: ihr Ge⸗ ſchäft beſtand darin, daß ſie die innere Renovation von Sir Pitt Crawley's Haus überwachte; die Frauenzimmer, die an den Rouleaur und Fenſtervorhängen näheten, be⸗ auſſichtigte; in den Commoden und Schränken ſtöberte und wühlte, die mit den ſchmutzigen Reliquien und dem geſammten Plunder zweier Lady Crawleys und ihrer Kinder angepfropft warenz; und ein möglichſt genaues Inventar über das Porzellan, die Glasvorräthe, und andere Dinge, die in den Schränken und Vorrathszimmern lagen, aufnahm. Mrs. Nawdon Crawley hatte bei dieſen Arrange⸗ ments den Oberbefehl, und Sir Pitt hatte ihr die nöthige Vollmacht ertheilt, Hausrath zu verkaufen, zu vertauſchen, zu confisziren, oder einzukaufen. — Mrs. Rawdon freute ſich nicht wenig einer Beſchäftigung, die ihrem Geſchmacke und ihrem Scharfſinne ſo vielen Spielraum gab. Die Renovation des „Hauſes wurde beſchloſſen, als Sir Pitt im November nach der Stadt kam, um ſeine Advokaten zu ſprechen, bei welcher Gelegenheit er beinahe eine ganze Woche in Curzon Street, unter dem Dache ſeines liebe⸗ tiln Bruders und ſeiner liebevollen Schwägerin, zu⸗ rachte. Er war anfänglich in einem Gaſthofe abgeſtiegen; ſobald aber Becky von der Ankunft des Baronels hoͤrte, ſuchte ſie ihn allein auf, um ihn zu begrüßen, und kehrte nach einer Stunde, mit Sir Pitt im Wagen, nach Curzon Street zurück. Es war bisweilen unmöglich, dem gaſt⸗ freundlichen Weſen dieſer ungekünſtelten kleinen Kreatur 235 zu widerſtehen: ſo freundlich wußte fie in ihre Leute zu dringen, ſo offen und liebenswürdig waren ihre Aner⸗ bietungen. Becky ergriff Pitt's Hand vor lauter Dankbarkeit, als er ihr verſprach, daß er bei ihr logiren würde. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie, die Hand des Baronets drückend, und ihm in die Augen ſehend, während er tief erröthete; „wie glücklich wird dieß Rawdon machen.“ Ihre Freude gab ſich insbeſondere auch dadurch zu erkennen, daß ſie ſich mit Pitt's Schlafzimmer ungemein viel zu thun machte, und daß ſie ſelbſt den Dienern vor⸗ anging, welche ſeine Koffer hinauftrugen. Sie nahm ſogar einen Kohlenſchütter in ihrem Zimmer, und trug ihn lachend in das, ſo ſie Sir Pitt angewieſen hatte. Schon loderte ein luſtiges Feuer in Sir Pitt's Zimmer (es war, beiläufig geſagt, Miß Briggs! Zimmer, die oben dei dem Dienſtmädchen ſchlafen mußte). „Ich wußte wohl, vaß ich Sie mitbringen würde,“ ſagte ſie mit freuveſtrahlendem Geſichte. Und in der That war ſie zeii erfreut darüber, daß ſie ihn bei ſich zu Gaſte atte. Rawdon mußte, nach dem Willen Becky's, ein Paar Mal Geſchäfte halber auswärts ſpeiſen, während Pitt nicht ausging, und der Baronet den glücklichen Abend allein bei ihr und der Briggs zubrachte, Sie ging in die Küche hinab, und kochte dort ſelbſt Verſchiedenes für ihn. „Iſt es nicht ein guter Salmi?“ ſagte ſie; „ich habe denſelben für Sie bereitet. Ich kann noch beſſere Gerichte machen: und Sie ſollen dieſelben bekommen, wenn Sie mich beſuchen.“ „Alles, was Sie thun, machen Sie gut,“ ſagte der Baronet galant. „Der Salmi iſt wirklich vortrefflich.“ „Die Frau eines armen Mannes,“ erwiederte Rebekka fröhlich, „muß ſich nützlich machen, wie Sie wiſſenz“ wor⸗ auf ihr Schwager betheuerte, daß „ſie verdiene, die Ge⸗ 236 mahlin eines Kaiſers zu ſein, und daß Geſchicklichkeit in häuslichen Pflichten gewiß eine der bezauberndſten Eigen⸗ ſchaften einer Frau wäre.“ Und Sir Pitt dachte mit einem etwas an Aerger gränzenden Gefühle an Lady Jane, die er zu Hauſe ge⸗ laſſen, ſowie an eine gewiſſe Paſtete, die ſie ſchlechterdings für ihn hatte bereiten, und beim Mittageſſen ſerviren wollen — eine ganz abſcheuliche Paſtete. Außer dem Salmi, wozu Lord Steyne's Cottage *) Stillbrvok die Faſanen hatte liefern müſſen, gab Becky ihrem Schwager eine Flaſche weißen Wein, die, neben andern, mit Rawdon aus Frankreich herüber gewandert war, und die derſelbe für Nichts bekommen hatte, wie die kleine Lügnerin behauptete; während das Getränk in Wahrheit weißer Hermitage aus dem berühmten Keller des Marquis von Steyne war, ein Wein, der den bleichen Wangen des Baronets Leben verlieh, und ſeinen ſchwachen Koͤrper wie Feuer durchſtrömte. Sodann gab ſie ihm, als er die Flaſche mit dem petit vin blanc geleert hatte, die Hand, und führte ihn in den Salon hinauf, und bat ihn, ſich auf das be⸗ queme Sopha neben dem Feuer zu ſetzen, und ließ ihn ſprechen, während ſie ſich zu ihm hinſetzte, an einem Hemde für ihren lieben kleinen Knaben zu ſäumen anfing, und ſeinen Worten mit dem zärtlichſten, freundlichſten Intereſſe lauſchte. So oft Mrs. Rawdon beſonders demüthig und tugendhaft erſcheinen wollte, mußte dieſes Hemdchen ihr Arbeitskäſtchen verlaſſen. Indeſſen war daſſelbe ſchon lange, ehe es fertig wurde, für den kleinen Rawdon zu klein geworden. Rebekka hoörte ihm alſo zu, ſprach mit ihm, ſang ihm vor, ſchmeichelte ihm, und hatte ihn ſo lieb, daß er mit jedem Tage gerner von ſeinem Advokaten in Gray's *) Kleiner Landſitz. 237 Jim zu dem hell lodernden Feuer in Curzon Street zu⸗ rückkehrte, — worüber der Advokat ſich nicht minder freute, da Pitt's Reden zu den längſten gehörten — und daß, als die Stunde der Abreiſe kam, ihm die Trennung wirk⸗ lich Schmerz verurſachte. Wie hübſch ſah ſie aus, als ſie ihm vom Wagen aus eine Kußhand zuwarf, und ihr Taſchentuch ſchwenkte, nachdem er in der Poſtkutſche ſeinen Platz eingenommen! Einmal ſah man ſogar ihr Taſchen⸗ tuch ſich nach ihren Augen hin bewegen. Er aber zog ſeine Seehundsmütze über die ſeinigen, als die Kutſche wegfuhr, ſank in eine Ecke zurück, und dachte bei ſich ſelbſt, wie ſie ihn achte, und wie er es verdiene, und wie Rawvon ein dummer, langweiliger Kerl ſei, der ſeine Frau nicht halb verſtehe, und ſie nicht entfernt nach ihrem wahren Werthe zu ſchätzen wiſſe: und wie ſtumm und langweilig ſeine eigene Frau ſei, wenn man ſie mit der brillanten kleinen Becky vergleiche. Becky hatte vielleicht ſelbſt auf Alles dieſes ſchon hingedeutet, allein in ſo zarter und ſanfter Weiſe, daß man kaum wußte, wann oder wo. Und ehe man ſich trennte, faßte man noch den Beſchluß, daß das Haus in London für die nächſte Saiſon friſch decorirt werden müſſe, und daß die Familien der beiden Brüder um Weihnach⸗ ten auf dem Lande wieder zuſammen kommen ſollten. „Ich wollte, es wäre Dir gelungen, etwas Geld aus ihm heraus zu ziehen,“ ſagte Rawdon ziemlich mür⸗ riſch zu ſeiner Frau, als der Baronet fort war. „Ich möchte gern dem alten Raggles Etwas geben: ich laſſe mich hängen, wenn es nicht wahr iſt. Es iſt nicht recht, weißt Du, daß wir dem alten Kerl gar Nichts geben. Es kann leicht Unannehmlichkeiten zur Folge haben, und der Mann kann auch das Haus an Jemand anders ver⸗ miethen, weißt Du.“ „Sag' ihm,“ ſagte Becky, „daß, ſobald Sir Pitt's Angelegenheiten geordnet ſeien, Jedermann bei Heller und Pfennig bezahlt werde, und mach' ihm einſtweilen eine 238 kleine Abſchlagszahlung. Hier iſt eine Anweiſung, vie Pitt für den Knaben mir zugeſtellt hat.“ Und ſie nahm aus ihrem Beutel, und gab ihrem Manne ein Papier, das ihr Schwager ihr für den kleinen Sohn und Erben des jüngeren Zweiges der Crawley'ſchen Familie übergeben hatte. Die Wahrheit iſt, daß ſie perſönlich den Boden nicht ununterſucht gelaſſen hatte, auf dem ſie ſich, nach dem Wunſche ihres Mannes, verſuchen ſollte: — ſie hatte den⸗ ſelben aber nur ganz behutſam unterſucht, und ihn als unſicher erfunden. So oft ſie auf ihre Geldverlegenheiten auch nur mit einem Worte anſpielte, zeigte Sir Pitt Crawley ſich unruhig, und brachte etwas Anderes auf's Tapet. Auch erklärte er einmal in einer langen Rede, wie ſehr er ſelbſt in Geldſachen genirt wäre; wie die Pächter nicht bezahlen wollten; wie der Zuſtand der An⸗ gelegenheiten ſeines Vaters, und das Begräbniß des alten Herrn große Ausgaben von ſeiner Seite nach ſich gezo⸗ gen; wie er Schulden abzuzahlen hätte; und wie bei den Bankiers und Agenten ſchon mehr Geld erhoben worden wäre, als er bei ihnen gut gehabt. Und Pitt Crawley endigte damit, daß er mit ſeiner Schwägerin einen Ver⸗ gleich einging, und ihr für ihren kleinen Knaben eine ganz kleine Summe gab. Es war Pitt nicht unbekannt, wie arm ſein Bruder und deſſen Familie ſein mußte. Es konnte einem ſo kal⸗ ten und erfahrenen alten Diplomaten nicht entgangen ſein, daß Rawdon's Familie kein Einkommen hatte, und daß man unmöglich umſonſt ein Haus machen, und eine Gqui⸗ page halten kann. Er wußte gar wohl, daß er das Geld bekommen, das, wenn Alles ging, wie es ſollte, ſeinem jüngern Bruder zufallen mußte, und wir dürfen uns über⸗ zeugt halten, daß er mitunter ingeheim von Gewiſſens⸗ biſſen geplagt war, die ihm ſagten, daß er einen Akt der Gerechtigkeit, vder, wenn man lieber will, der Compen⸗ ſation, gegenüber von dieſen in Nachtheil verſetzten Ver⸗ 239 wandten, ausüben müſſe. Als ein gerechter, anſtändiger Mann, dem es nicht ganz an Kopf fehlte, der ſeine Gebete verrichtete, und ſeinen Katechismus auswendig wußte, und äußerlich ſich keine Vernachläßigung ſeiner Pflicht zu Schulden kommen ließ, konnte er nicht umhin, ſich zu ſagen, daß er für ſeinen Bruder Etwas thun müſſe, und daß er moraliſch Rawdon's Schuldner ſei. Wie man aber von Zeit zu Zeit in den Spalten der Times ſeltſame Anzeigen vom Kanzler der Schatzkam⸗ mer liest, worin derſelbe den Empfang von fünfzig Pfund von A. B., oder von zehn Pfund von W. T., als eines Gewiſſensgeldes und als Ausgleichung für Abgaben, welche von Seiten des benannten A. B. oder W. T. unbezahlt geblieben, anzeigt, welche Zahlungen, nach dem Wunſche der reuigen Sünder, der ſehr ehrenwerthe Gentleman in den Zeitungen als geleiſtet melden ſoll; — ſo weiß ohne Zweifel auch der Kanzler, wie der Leſer, ſtets gar wohl, daß die obgenannten A. B. und W. T. eigentlich nur eine ganz kleine Abſchlagsſumme zahlen, und daß der⸗ jenige, welcher eine Zwanzigpfundnote einſchickt, hochſt wahrſcheinlich noch Hunderte oder ſogar Tauſende ſchuldet. So kommt es mir wenigſtens vor, wenn ich A. B.'s oder W. T.'s ungenügende Reue⸗Acte ſehe. Und ich zweifle gar nicht, daß Pitt Crawley's Zerknirſchung, oder, ſo man lieber will, deſſen Güte gegen ſeinen jüngern Bru⸗ der, von dem er ſo viel Nutzen gezogen, nur eine ſehr kleine Dividende von der Kapitalſumme darſtellte, die er Rawvon ſchuldig war. Indeſſen zahlt nicht Jeder gern auch nur ſo viel. Sich von ſeinem Gelde zu trennen, iſt ein Opfer, zu dem ſich faſt kein Menſch, der einigen Sinn für Ordnung hat, gern entſchließt. Es gibt kaum einen Menſchen auf der Welt, der ſich nicht gewaltig viel darauf zu gute thut, wenn er ſeinem Nachbar fünf Pfund gibt. Thriftleß *) *) Verſchwender. gibt, nicht aus wohlwollender Freude am Geben, ſondern, weil er am Ausgeben ein träges Vergnügen findet. Er möchte ſich keinen einzigen Genuß verſagen; weder ſeine Opernloge, noch ſein Pferd, noch ſein Diner, noch ſelbſt das Vergnügen, Lazarus die fünf Pfund geben zu können. Thrifty, *) der gut, weiſe, gerecht iſt, und keinem Men⸗ ſchen einen Heller ſchuldet, wendet ſich von einem Bettler ab, knickert mit einer Miethkutſche, oder will Nichts von einem armen Verwandten wiſſen. Welcher von den Bei⸗ den iſt der ſelbſtſüchtigſte? Ich weiß es in der That nicht. Nur hat vas Geld einen verſchiedenen Werth in den Au⸗ gen eines Jeden. Pitt Crawley dachte alſo, mit einem Worte, daß er für ſeinen Bruder Etwas thun, und dachte dann, daß er ein anderes Mal weiter darüber nachdenken wolle. Und was Becky betrifft, ſo war ſie kein Frauenzim⸗ mer, vas von der Großmuth ihrer Nächſten gar zu viel erwartete, und war daher ganz zufrieden mit Allem, was Sir Pitt Crawley für ſie gethan hatte. Sie war von dem Haupte der Familie nun anerkannt. Wollte Pitt ihr Nichts geben, ſo konnte er ihr doch früher oder ſpä⸗ ter Etwas verſchaffen. Wenn ſie von ihrem Schwager kein Geld bekam, ſo bekam ſie Etwas, was ſo gut wie Geld war — Credit. Als der arme Raggles die zwiſchen den Brüdern herrſchende Einigkeit ſah, wurde er wieder ziemlich ruhig, und als am Ende noch eine kleine Baarzahlung, ſowie das Verſprechen erfolgte, daß er in Bälde noch eine viel größere Summe erhalten würde, ließ er ſich vollends be⸗ ſchwichtigen. Und Rebekka ſagte der Miß Briggs, deren Weihnachtsdividende für die kleine, von ihr dargeliehene Summe Becky mit einer Miene aufrichtiger Freude be⸗ zahlte, gleich als ob ihre Schatzkammer von Gold über⸗ ſtrömte, — Rebekka, ſagen wir, theilte der Miß Briggs unter *) Haushälteriſcher Mann. 241 dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit mit, daß ſie mit Sir Pitt, der ein ſehr geſchickter Finanzmann wäre, darüber geſprochen hätte, wie ihr, der Miß Briggs', übri⸗ ges Kapital auf die nutzbringendſte Weiſe anzulegen wäre; daß Sir Pitt, nach reiflicher Erwägung der Sache, eine ganz ſichere und vortheilhafte Anlegungsweiſe eingefallen wäre; daß er, da er ſich für ſie, als eine ergebene Freun⸗ din der ſeligen Miß Crawley und der ganzen Familie, ganz beſonders intereſſirte, ſchon lange vor ſeiner Abreiſe aus der Stadt, die Weiſung gegeben hätte, das Geld parat zu halten, ſo daß es jeden Augenblick verwendet, und der günſtige Zeitpunkt zum Ankaufe der Actien, die Sir Pitt im Auge hätte, benützt werden könnte. Die arme Miß Briggs war für dieſen Beweis von Aufmerk⸗ ſamkeit, der ihr von Seiten Sir Pitt's geworden, hochſt dankbar; er komme, ſagte ſie, ſo ohne all' ihr Zuthun, denn es würde ihr nie eingefallen ſein, das Geld aus den öffentlichen Fonds zu ziehen — und die dabei an den Tag gelegte Delicateſſe erhöhe noch in ihren Augen die Güte und Freundlichkeit, welche in dem Dienſte liege, ſo er ihr zu erweiſen gedenke. Und ſo verſprach denn die Briggs, daß ſie alsbald ihren Agenten aufſuchen wolle, um im rechten Augenblicke mit ihrem Gelde parat zu ſein. Und das gute Frauenzimmer war noch ſo dankbar für die von Rebekka in dieſer Sache an den Tag gelegte Güäte, ſowie für die ihres großmüthigen Wohlthäters, des Oberſten, daß ſie alsbald ausging, und einen großen Theil ihrer Halbjahrsvividende zum Ankaufe eines ſchwar⸗ zen Sammtrockes für den kleinen Rawdon verwendete, welch' Letzterer jetzt für ſchwarzen Sammt beinahe zu alt, und groß genug war, um die männliche Jacke und Hoſe anzulegen. Er war ein ſchöner Knabe, mit offenem Geſichte, blauen Augen, und wallendem, flachsfarbenem Haare, ſtarkgliederig, aber groß⸗ und ſanftmüthig; er hatte Alle Der Jahrmarkt des Lebens. m. 16 gern, ſo ihm Gutes erwieſen — den Pony — Lord South⸗ down, der ihm das Pferd ſchenkte — (er erröthete, und ſein Geſicht glühte immer vor Freude, wenn er den guten jungen Edelmann ſah) — den Groom, der den Pony be⸗ ſorgte — Molly, die Koͤchin, die ihn Nachts mit Geiſter⸗ geſchichten und guten Sachen vom Diner regalirte und voll pfropfte — die Briggs die er plagte und auslachte — und insbeſondere ſeinen Vater, der eine merkwürdige Anhänglichkeit für den Jungen an den Tag legte. Man kann ſagen, daß, als er etwa acht Jahre alt wurde, ſeine Liebe ſich nicht weiter erſtreckte. Der ſchoͤne Muttertraum war bald in ein Nichts dahingeſchwunden. Faſt zwei Jahre lang hatte die Mutter kaum mit dem Kinde geſprochen. Sie konnte es nicht leiden. Der Knabe hatte die Maſern und den Keuchhuſten. Er war ihr zur Laſt. Eines Tages, als er auf dem Treppenabſatze ſtand (— er war nämlich, durch die Stimme ſeiner Mutter, die Lord Steyne gerade Etwas vorſang, herbeigelockt, aus den untern Regionen heraufgeſchlichen —), öffnete ſich plötzlich die Salonthüre, und ließ den kleinen Spion ſehen, der erſt einen Augenblick vorher ganz entzückt ge⸗ weſen war, und der Muſik zugehört hatte. Seine Mutter kam heraus, und gab ihm ein Paar derbe Ohrfeigen. Er hörte den Marquis, der ſich im innern Zimmer befand, und den dieſe ungekünſtelte Kund⸗ gebung von Seiten Becky's beluſtigte, lachen, und floh zu ſeinen Freunden in die Küche hinab, wo er ſich ſeines heftigen Kummers entlud. „Es iſt nicht, weil es mir weh thut,“ keuchte der kleine Rawdon heraus — „nur — nur“ — und heftige Schluchzer und Thränen ließen den Knaben nicht weiter reden. Dem kleinen Burſchen blutete das Herz. „Warum ſoll ich ſie nicht ſingen hören dürfen? Warum fingt ſie 3 it vor, wie dem kahlköpfigen Manne mit den großen ähnen?“ Dieſe Ausrufe der Wuth und des Schmerzens drückte . ⸗ 243 er in verſchiedenen Zwiſchenräumen heraus. Die Koͤchin ſah das Hausmävchen an; das Hausmädchen warf dem Lakaien ſchlaue Blicke zu — die furchtbare Kücheninqui⸗ ſition, die in jedem Hauſe zu Gerichte ſitzt, und Alles weiß, hielt in dieſem Augenblicke über Rebekka Gericht. Nach dieſem Vorfalle ſteigerte ſich die Abneigung der Mutter bis zum wirklichen Hoſſe; das Bewußtſein, daß das Kind ſich im Hauſe befinde, war ein Vorwurf und eine Pein für ſie. Sie konnte ihn nicht einmal ſehen. Und auch in der Bruſt des Knaben entwickelte ſich mit der Furcht und dem Zweifel der Wiverſtand. Von dem Tage an, wo die Ohrfeigen gegeben wurden, waren die Mutter und der Knabe geſchiedene Perſonen. Auch Lord Steyne konnte den Knaben nicht ausſiehen. Wenn es das Ungluck fügte, daß ſie mit einander zuſam⸗ mentrafen, machte er ſarkaſtiſche Verbeugungen oder Be⸗ merkungen gegen den Knaben, oder aber glotzte er ihn ganz wild an. Rawdon ſeinerſeits ſah ihm ſtarr in's Geſicht, und ballte ſeine Fäuſtchen. Er kannte ſeinen Feind; und dieſer Herr war von allen, die in's Haus kamen, derjenige, der am Meiſten ſeinen Zorn erregte. Eines Tages überraſchte ihn der Lakai, wie er Miene machte, Lord Steyne's Hut im Vorzimmer mit geballten Fäuſten bearbeiten zu wollen. Der Lakai erzählte die Geſchichte, als einen guten Spaß, dem Kutſcher Lord Steyne's; Letzterer theilte ſie Lord Steyne's Kammer⸗ diener, ſowie dem ganzen Bedientenzimmer mit. Und als bald darauf Mrs. Rawdon Crawley im Gaunt Houſe erſchien, wußte der Portier, der die Thüre aufmachte, — wußten die in der Vorhalle ſtehenden Diener aller Uni⸗ formen, — wußten die Beamten in weißen Weſten, die von einem Treppenabſatze zum andern die Namen von Oberſt und Mrs. Rawdon Crawley ſchrien, Alles von hr, oder glaubten wenigſtens Alles von ihr zu wiſſen. Der Bediente, der ihr Erfriſchungen brachte und hinter ihrem Stuhle ſtand, hatte mit dem großen Herrn in bunt⸗ 244 farbigen Kleidern neben ihm ihren Charakter weitläufig beſprochen. Bon dieu! Es iſt etwas Furchtbares um dieſe Bevienten⸗Inquiſition! Du fiehſt, bei einer großen Geſellſchaft, in einem prächtigen Salon, ein Frauenzim⸗ mer, umgeben von treuen Bewunderern: ſie theilt fun⸗ kelnde Blicke aus, iſt auf's Vollkommenſte gekleidet, fri⸗ ſirt, geſchminkt, ſie lächelt und iſt glücklich: — mit einem Male tritt die Entdeckung in der Geſtalt eines koloſſalen, gepuderten Mannes mit großen Waden und einem Prä⸗ ſentirteller mit Gefrorenem auf ſie zu; — hinter ihm ſchreitet die Verläumdung (die ebenſo gefährlich iſt, als die Wahrheit) in der Geſtalt des dicken Kerls, der mit den Biscuits herumgeht, einher. Mavame, Ihr Geheim⸗ niß wird von dieſen Leuten noch heute Abend im Wirths⸗ hauſe beſprochen werden. Jeames wird Chawlöé, während ſie, ein Pfeifchen ſchmauchend, vor ihren zinnernen Bier⸗ krügen ſitzen, Alles ſagen, was er von Ihnen hält. Auf dem Jahrmarkte des Lebens ſollten gewiſſe Leute Stumme zu Bevienten haben — Stumme, die nicht ſchreiben konn⸗ ten. Biſt Du ſchuldig, ſo zittere. Der Kerl hinter Dei⸗ nem Stuhle kann ein Janitſchar ſein, der in der Taſche ſeiner Plüſchhoſe eine ſeidene Schnur hat. Biſt Du nicht ſchuldig, ſo nimm Dich vor dem Schein in Acht, der ebenſo verderblich iſt, wie die Schuld ſelbſt. „War Rebekka ſchuldig oder nicht?“ Das in der Bedientenſtube ſitzende Vehmgericht hatte gegen ſie entſchieden. Und ich ſchäme mich wahrhaftig, ſagen zu miüſſen, vaß ſie keinen Credit erhalten haben würde, wenn dieſe Leute ſie nicht für ſchuldig gehalten hätten. Es waren die Wagenlaternen des Marquis von Steyne, die Rag⸗ gles, wie er ſpäter ſelbſt ſagte, noch mehr „aufrecht er⸗ hielten,“ als ſelbſt Rebekka's Künſte und Schmeicheleien! ja, es waren die Wagenlaternen, die um die ſpäte Mit⸗ ternachtsſtunde, und in der Finſterniß der Nacht vor ihrer — 245⁵ Thüre ihren hellen Schein verbreiteten, — wodurch das Ver⸗ trauen des armen Raggles aufrecht erhalten wurde. Und ſo wand und drängte ſie ſich — höchſt wahr⸗ ſcheinlich ſchuldlos — vorwärts, um das zu erringen, was man eine „Stellung in der Geſellſchaft“ zu nennen pflegt; und ſo deuteten die Dienſtboten auf ſie, als auf eine ver⸗ lorene und ruinirte Frau, hin. So kann man Molly, das Hausmädchen, Morgens eine Spinne an der Hausthüre beobachten ſehen, wie ſie ihr Netz ausſpannt und mühſam an dem Faden hinaufkriecht, bis endlich das Mädchen, nachdem ſie ſich ſatt geſehen, zu ihrem Beſen greift, und den Faden, ſammt der Künſtlerin, hinwegfegt. * — * Ein Paar Tage vor Weihnachten machten Becky, ihr Mann und ihr Sohn ſich reiſefertig, um die Feiertage auf dem Schloſſe ihrer Ahnen zu Queen's Crawley zuzu⸗ bringen. Gerne würde Becky den kleinen Balg zu Hauſe gelaſſen haben, und es hätte derſelbe wirklich daheim blei⸗ ben müſſen, wenn nicht Lady Jane den Jungen durchaus hätte bei ſich haben wollen, und wenn nicht bei dem älte⸗ ren Rawdon ſelbſt Symptome der Empörung und Unzu⸗ friedenheit über die Vernachläßigung ſeines Sohnes zum Vorſcheine gekommen wären. „Er iſt der prächtigſte Junge in ganz England,“ ſagte der Vater im Tone des Vorwurfs zu ihr, „und Du ſcheinſt Dich ebenſo viel um ihn zu bekümmern, Becky, wie um Deinen Schooßhund. Er ſoll Dir nicht allzu läſtig fallen: daheim wird er ſich in der Kinderſtube auf⸗ halten, wo Du ihn nicht zu ſehen bekommſt, und die Reiſe ſoll er mit mir auf der Außenſeite der Kutſche machen.“ „Welcher Ort Dir ſelbſt erwünſcht iſt, weil Du Deine garſtigen Cigarren rauchen willſt,“ entgegnete Mrs. Rawdon. 246 „Ich kann mich noch recht gut der Zeit erinnern, wo ſie Dir ſo unangenehm nicht waren,“ antwortete der Gatte. Becky lachte: ſie war faſt immer guter Laune. „Das war zu einer Zeit, wo ich auf Beförderung wartete, Du großer Gänſerich,“ ſagte ſie, „nimm Raw⸗ don zu Dir auf den Wagen hinaus, und wenn Du Luſt haſt, ſo kannſt Du ihm auch eine Cigarre geben.“ Rawdon hielt ſeinen kleinen Sohn für dieſe Winter⸗ reiſe nicht auf ſolche Weiſe warm, ſondern er und die Briggs wickelten das Kind in Shawls und hohe wollene Halsbinden ein, und an einem finſtern Morgen wurde er ehrerbietig auf das Dach der Kutſche, die unter den Lam⸗ pen des White Horſe Cellar ſtand, hinaufgehißt: und mit nicht geringem Entzücken ſah der Knabe, wie es allmählig tagte, und wie er dem Orte zufuhr, den ſein Vater im⸗ mer noch ſeine Heimath nannte. Es war das erſte Mal, daß er dieſe Reiſe machte. Wie ſchon geſagt, gewährte dem Knaben dieſe Reiſe unendlich viele Freude, und Alles, was er auf dem Wege ſah und horte, war für ihn ein Gegenſtand des lebhafte⸗ ſten Intereſſes; ſein Vater beantwortete alle an ihn ge⸗ richteten Fragen, und ſagte ihm, wer in dem großen weißen Hauſe zur Rechten wohnte, und wem der Park gehörte. Seine Mutter, die mit ihrer Kammerjungfer, und ihren Pelzen, und ihren Shawls, und ihren Riech⸗ fläſchchen im Innern des Wagens ſich befand, machte ſo viele Umſtände, daß ein Uneingeweihter hätte glauben können, ſie habe noch nie in ihrem Leben in einem Poſt⸗ wagen geſeſſen — noch viel weniger aber würde er ſich haben einfallen laſſen, daß ſie auf einer gewiſſen Reiſe, die vor etlichen zehn Jahren Statt gefunden, aus demſelben Wagen habe ſteigen müſſen, um für einen bezahlenden Poſſagier Platz zu machen. Es war ſchon wieder finſter⸗ als der kleine Rawdon aufgeweckt wurde, um in die zu Muvbury wartende Kutſche ſeines Oheims zu ſteigen; und . . 247 er ſaß und blickte voller Verwunderung hinaus, als das große eiſerne Parkthor aufflog, und als die weißen Stämme der Lindenbäume vorbeiſchwanden, bis ſie endlich vor den hellen Fenſtern des Schloſſes hielten, die ſo froh glänzten, und die Weihnachtsfreuden ſo lieblich verkündeten. Die große Hausthüre flog auf — ein großes Feuer brannte in dem geräumigen alten Kamine — ein Teppich lag über den bunten ſchwarzen Steinen. — „Es iſt der alte türkiſche Teppich, der ſonſt in der Damen⸗Gallerie lag,“ dachte Rebekka, und küßte im näch⸗ ſten Augenblicke Lady Jane. Sie und Sir Pitt führten dieſelbe Begrüßung mit vieler Gravität aus; Rawdon aber, der geraucht hatte, hielt ſich etwas von ſeiner Schwägerin entfernt, deren zwei Kinder zu ihrem Vetter herangelaufen kamen; und während Matilda ihre Hand ausſtreckte und ihn küßte, hielt ſich Pitt Binkie Southdown, der Sohn und Erbe, in einiger Entfernung, und muſterte ihn, wie ein kleiner Hund einen großen. Sodann führte die freundliche Wirthin ihre Gäſte auf die Zimmer, die ſie für ſie bereit gehalten hatte: es loderten luſtige Feuer darin. Sofort kamen die jungen Damen, und klopften an Mrs. Rawdon's Thüre, unter dem Vorwande, ſich nützlich zu machen, in Wirklichkeit aber, um das Vergnügen zu haben, den Inhalt ihrer Hut⸗ ſchachteln, ſowie ihre Anzüge zu beſichtigen, die, obgleich ſchwarz, nach der neueſten Londoner Move gemacht waren. Auch erzählten ſie, wie im Schloſſe nun Alles beſſer ge⸗ worden, und wie die alte Lady Southdown fort wäre, und wie Pitt die eines Crawley würdige Stellung in der Graſſchaft einnehme. Dann ließ ſich vie große Glocke hören, welche das Signal zum Mittageſſen gab, und es verſammelte ſich daher die Familie im Speiſeſaale, wo Rawdon junior neben ſeiner Tante, der gutmüthigen Dame vom Hauſe, ſitzen mußte; Sir Pitt hatte zu ſeiner 248 Rechten ſeine Schwägerin, und zeigte ſich ungemein auf⸗ merkſam gegen ſie. Der kleine Rawdon entwickelte einen vortrefflichen Appetit, und führte ſich recht anſtändig auf. „Hier eſſe ich gern,“ fagte er zu ſeiner Tante, als er mit dem Eſſen fertig war, nach deſſen Beendigung Sir Pitt ein paſſendes Dankgebet ſprach, und der junge Sohn und Erbe eingeführt, und neben dem Baronet auf einen hohen Stuhl geſetzt wurde, während die Tochter den Stuhl und das kleine Weinglas, die neben ihrer Mutter für ſie bereit ſtanden, in Beſitz nahm. „Hier eſſe ich einmal gerne,“ ſagte Rawdon minor, das freundliche Geſicht ſeiner Tante anblickend. „Warum?“ ſagte die gute Lady Jane. „Wenn ich zu Hauſe bin, ſo muß ich immer in der Küche oder mit der Briggs eſſen,“ erwiederte Rawdon minvr. Allein Becky war mit dem Baronet, ihrem Wirthe, dermaßen beſchäftigt, und mußte eine ſolche Maſſe von Complimenten machen, mußte ſo oft von ihrem Entzücken ſprechen, mußte den jungen Pitt Binkie — den ſie für das ſchönſte, intelligenteſte, in ſeinem edlen Geſichte ſeinem Vater ganz und gar ähnliche kleine Geſchöpf erklärte — ſo ſehr bewundern, daß ſie die Bemerkungen ihres eigenen Fleiſches und Blutes am andern Ende des breiten, glän⸗ zenden Tiſches nicht hörte. . Als Gaſt, und da er erſt angekommen, durfte Raw⸗ don, der zweite, bis zur Stunde aufbleiben, wo, nachdem der Thee vorüber, und ein großes vergoldetes Buch auf den Tiſch vor Sir Pitt gelegt worden war, ſämmtliche Domeſtiken der Familie hereinſtrömten, und Sir Pitt das Abendgebet vorlas. Es war das erſte Mal, daß der arme kleine Junge Zeuge einer ſolchen Ceremonie war, oder davon horte. Das Haus hatte ſich ſeit der kurzen Regierung des Baronets ſehr verſchönert, und wurde von Becky für un⸗ 249 tadelhaft, bezaubernd, entzückend erklärt, als ſie es in ſeiner Geſellſchaft beſichtigte. Was den kleinen Rawdon anlangte, der es mit den Kindern, die ihm als Führer dienten, ſah, ſo ſchien es ihm ein vollkommener Zauberpallaſt. Da waren lange Gallerien, und alte, prächtige Schlafzim⸗ mer; dort Gemälde, und altes Porcellan, und Rüſtungen. Dort waren die Zimmer, in denen der Großpapa ver⸗ ſchieden war, und an denen die Kinder ſcheu vorüber⸗ gingen. „Wer war der Großpapa?“ fragte er. Und ſie ſagten ihm, wie derſelbe ſehr alt geweſen, und wie man denſelben in einem großen Gartenſtuhle hätte herumfahren müſſen. Auch zeigten ſie ihm eines Tages dieſen Gartenſtuhl, der in dem Nebengebäude ver⸗ faulte, wohin man ihn gebracht hatte, ſeitdem der alte Herr nach der Kirche drüben gefahren worden war, deren Thurm über den Ulmen des Parkes glänzte. Die Brüder hatten während mehrerer Vormittage vollauf zu thun, um alle die Verbeſſerungen einzuſehen, die man Sir Pitt's Genie und Sparſamkeit verdankte. Und da ſie gingen oder ritten, und genug zu ſehen hatten, ſo konnten ſie ſprechen, ohne einander allzu ſehr zu lang⸗ weilen. Auch verfehlte Pitt nicht, Rawdon zu ſagen, wie ungeheuer viel ihm alle dieſe Verbeſſerungen gekoſtet; und daß ein Mann, auch wenn er Grundeigenthümer und Kapitaliſt ſei, oft nicht wiſſe, wo er zwanzig Pfund hernehmen ſolle. „Da iſt das neue Parkthor,“ ſagte Pitt, mit ſeinem Bambusrohre ganz beſcheiden darauf hindeutend; „ich kann, ſo lange ich die Januarsdividenden nicht habe, daſ⸗ ſit ebenſo wenig bezahlen, als ich zu fliegen im Stande n.“ „Bis dahin kann ich Dir aushelfen, Pitt,“ antwortete Rawdon in ziemlich kläglichem Tone. Und ſie gingen hinein, und ſahen das reſtaurirte Portierhäuschen an, wo gerade das Familienwappen neu 250 in Stein ausgehauen wurde; und wo die alte Mrs. Lock, zum erſten Male ſeit langen, langen Jahren, nun feſt ſchließende Thüren, ein für den Regen undurchdringliches Dach, und ganze Fenſterſcheiben hatte. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Zwiſchen Hampſhire und London. Sir Pitt Crawley hatte ſich aber nicht damit be⸗ gnügt, auf dem Familiengute von Queen's Crawley bloß Zäune auszubeſſern, und verfallene Portier⸗Häuschen zu repariren. Wie ein weiſer Mann hatte er es ſich ange⸗ legen ſein laſſen, die Popularität ſeines Hauſes, die ſeit einer Reihe von Jahren ſich ſo ſehr vermindert hatte, wieder herzuſtellen, und die Lücken wieder auszufüllen, welche durch ſeinen alten, unreputirlichen Vorgänger, der bei all' dem zu Nichts gekommen, in ſeinen guten Namen gemacht worden waren, und in der That läßt ſich ſagen, daß letzterer in Ruinen lag. Bald nach dem Hinſcheiden ſeines Vaters wurde Sir Pitt in das Parlament gewählt; als Magiſtrat, als Par⸗ lamentsmitglied, als Grafſchaftsmagnat und Repräſentant einer alten Familie machte er es ſich zur Pflicht, ſich vor dem Publikum von Hampſhire zu zeigen, ließ ſich, ſo oft es galt, in der Graſſchaft wohlthätige Zwecke zu fördern, nicht knauſerig finden, beſuchte fleißig ſämmtliche angeſehene Perſonen der Grafſchaft, und ließ es ſich, mit einem Worte, angelegen ſein, in Hampſhire, und ſpäter im Reiche 251 viejenige Stellung einzunehmen, wozu ſeine ungeheuren Talente, wie er meinte, ihn berechtigten. . Lady Jane hatte die Weiſung erhalten, ſich gegen die Fuddleſtones, und Wapſhots, und die übrigen famoſen Baronets, ihren Nachbarn, freunvlich zu zeigen. Man konnte jetzt die Wagen der Letzteren häufig in der Allee von Queen's Crawley ſehen; es fanden jetzt auf dem Schloſſe (wo die Küche ſo gut war, daß Lady Jane's Hand offenbar nicht mit im Spiele ſein konnte) ziemlich häufig große Diners Statt, wogegen Pitt mit ſeiner Frau bei jedem Wetter, und ſo groß auch die Entfernung ſein mochte, wieder auf's Energiſchſte auswärts ſpeiste. Denn obgleich Pitt ſich um Jovialität nicht viel kümmerte, da er ein recht kühler Mann von ſchlechter Geſundheit und ebenſo ſchlechter Eßluſt war, ſo huldigte er doch der An⸗ ſicht, daß es für einen Mann von ſeiner Stellung ſchlech⸗ terdings nothwendig ſei, ſich gaſtfreundlich und herablaſſend zu zeigen, und ſo oft er ſich durch allzu langes Ausharren bei der Flaſche, nach Tiſche, Kopfſchmerzen zugezogen hatte, war er von dem Gefühle durchdrungen, daß er ein Märtyrer ſeiner Pflicht ſei. Er ſprach mit den beſten Landedelleuten über die Ernte, über Korngeſetze, und Politik. Er (der früher eine Neigung gehabt hatte, in dieſem Stücke ſich als fa⸗ taler Freidenker zu erweiſen) ſprach nun mit vielem Eifer gegen das Wildvieben und für die Erhaltung des Wilves. Er ſelbſt jagte nicht, er war kein Jäger: er war ein Bü⸗ cherwurm und ein Mann von friedlichen Gewohnheiten; allein er war der Anſicht, daß die Pferdezucht, und con⸗ ſequenter Weiſe auch die Fuchszucht, befördert werden müſſe. Auch ſagte er, daß, wenn ſein Freund, Sir Huddle⸗ ſtone Fuddleſtone, auf ſeinem Grund und Boden jagen, und, wie früher, ſich zu Queen's Crawley mit ſeinen Freunden und Hunden einfinden wollte, es ihm jeder Zeit ſehr angenehm wäre. Und zum großen Entſetzen der Lady Southdown 252 wurde er jetzt auch in ſeinen religiöſen Anſichten täglich orthodorer: er gab das öffentliche Predigen auf, und be⸗ ſuchte keine Verſammlungen von Diſſenters mehr: er ging fleißig in die Kirche, beſuchte den Biſchof und die ganze übrige Geiſtlichkeit zu Wincheſter, und hatte Nichts ein⸗ zuwenden, wenn der Ehrwürdige Archidiaconus Trumper mit ihm eine Partie Whiſt ſpielen wollte. Wie groß mußten nicht die Qualen der Lady Southdown ſein, und für welchen verworfenen Menſchen mußte ſie nicht ihren Tochtermann halten, weil er eine ſo gottloſe Unterhaltung geſtattete, und als der Baronet einſt bei der Rückkunft der Familie von einem Oratorium zu Wincheſter, den jungen Damen ankündigte, daß er ſie nächſtes Jahr wahr⸗ ſcheinlich zu den „Grafſchaftsbällen“ mitnehmen würde. Sie beteten ihn um dieſer freundlichen Abſicht willen an. Lady Jane war in dieſem Stücke nur zu gehorſam, und es freute ſie vielleicht ſelbſt, ſich bei dieſen Bällen einfinden zu können. Die verwittwete Gräfin aber ſtellte der Verfaſſerin der „Wäſcherin von Finchley Common“ auf dem Cap das weltliche Benehmen ihrer Tochter im gräßlichſten Lichte dar, und kehrte, da um dieſe Zeit ihr Haus in Brighton leer wurde, an dieſen Badeort zurück, wobei wir bemerken müſſen, daß ihre Abweſenheit von den Kindern nicht gar ſehr bedauert wurde. Auch dürfen wir wohl annehmen, daß Rebekka, als ſie zum zweiten Male nach Queen's Crawley kam, die Abweſenheit der Dame mit der Hausapotheke nicht beſon⸗ ders ſchmerzlich empfand, obgleich ſie an ihre Ladyſhip einen Weihnachtsbrief ſchrieb, worin ſie ſich ehrerbietigſt dem Andenken der Lady Southdown empfahl, mit vieler Dankbarkeit von dem Vergnügen ſprach, das die Unterhal⸗ tung ihrer Ladyſhip ihr bei dem früheren Beſuche gewährt, und ſich über die Güte verbreitete, womit ihre Ladyſhip ſie in kranken Tagen behandelt, und erklärte, daß in Queen's Crawley Alles ſich an ihre abweſende Freundin erinnere. Der Grund des veränderten Benehmens, ſowie die Lx 253 Popularität Sir Pitt Crawley's hätte ſich großentheils in den Rathſchlägen der ſchlauen kleinen Dame in Curzon Street finden laſſen. „Sie wollen ein Baronet bleiben — Sie wollen ſich mit der Rolle eines bloßen Landedelmannes begnü⸗ gen?“ ſagte ſie zu ihm, als er in London ihr Gaſt war. „Nein, Sir Pitt Crawley, ich kenne Sie beſſer. Ich kenne Ihre Talente und Ihren Ehrgeiz. Sie wollen die⸗ ſelben verbergen; aber bei mir gelingt das Ihnen nicht. Ich habe Lord Steyne Ihre Broſchüre über die Malzfrage gegeben. Er kannte ſie aber ſchon recht gut, und ſagte, ſie ſei nach der Anſicht des ganzen Cabinets das Beſte, was über dieſen Gegenſtand erſchienen. Das Miniſterium hat Sie ſchon längſt im Auge, und ich weiß, was Sie wollen. Sie wollen ſich im Parlament auszeichnen, und Jevermann ſagt: Sie ſeien der beſte Redner, den England aufzuweiſen habe (denn die Reden, die Sie zu Orford ge⸗ halten, ſind noch in gutem Andenken). Sie wollen Par⸗ lamentsmitglied für die Grofſchaft werden, wo Sie mit Ihrer eigenen Stimme, und unterſtützt von Ihrem Burg⸗ flecken, Alles in der Hand haben. Auch wollen Sie Ba⸗ ron Crawley von Queen's Grawley werden; und es wird Ihnen nicht fehlen. Ich ſehe das Alles recht gut. Ich habe in Ihrem Herzen geleſen, Sir Pitt. Hätte ich einen Mann, der Ihren Verſtand beſäße, wie er Ihren Namen beſitzt, ſo denke ich bisweilen, daß ich deſſelben nicht ganz unwürdig wäre — aber — aber ich bin jetzt — Ihre Schwägerin,“ ſetzte ſie lachend hinzu. „Wenn ich auch noch ſo arm bin, ſo beſitze ich doch einigen Einfluß — und wer weiß, ob die Maus vielleicht nicht im Stande iſt, dem Löwen zu helfen.“ Pitt Crawley war über ihre Rede ebenſo erſtaunt, als entzückt. „Wie mich doch dieſes Weib verſteht!“ ſagte er. „Ich habe Jane nie ſo weit bringen können, daß ſie meine Broſchüre über die Malzfrage las. Sie läßt ſich 25⁵4 nicht einmal davon träumen, daß ich hervorragende Ta⸗ lente, oder einen geheimen Ehrgeiz beſitze. Ah⸗ ſie erin⸗ nern ſich jetzt meiner Orforder Reden? Die Spitzbuben! Jetzt, wo ich meinen Burgflecken repräſentire und Ausſicht habe, als Vertreter der Grafſchaft in's Parlament zu kommen, fangen ſie an, ſich meiner zu erinnern! Ei, noch vor einem Jahre hat Lord Stehne beim Lever mich ignorirt: endlich fangen ſie an, einzuſehen, daß Pitt Crawley denn doch Etwas iſt. Ja, der Mann, den dieſe Leute vernachläſſigt haben, iſt ſtets derſelbe geweſen: nur an der rechten Gelegenheit hat es gefehlt, und nun will ich ihnen zeigen, daß ich ihm Stande bin, ebenſo gut zu ſprechen und zu handeln, als ich ſchreibe. Achilles enthüllte ſich nicht eher, als bis man ihm das Schwert gab. Jetzt habe ich es in der Hand, und die Welt ſoll noch von Pitt Crawley hören.“ Und deßhalb war der ſchlaue Diplomat ſo gaſtfreund⸗ lich geworden; deßhalb zeigte er ſich bei Oratorien und bei der Unterſtützung von Spitälern ſo freigebig; deßhalb that er ſo freundlich gegen Dekane und Kapitel; deßhalb gab er ſo ſchone Diners, und deßhalb folgte er ſo häufig den Ein⸗ ladungen, die an ihn ergingen; deßhalb zeigte er ſich an Markttagen ſo ungemein gnädig gegen die Pächter; deß⸗ halb nahm er ſo vielen Antheil an den Angelegenheiten der Grafſchaft, und deßhalb ging es auf dem Schloſſe während der Weihnachtsfeiertage ſo luſtig her, — viel lu⸗ ſtiger, als ſeit vielen, vielen Jahren. Am Chriſttage fand eine große Familienverſamm⸗ lung Statt. Sämmtliche Crawleys vom Pfarrhauſe fanden ſich beim Eſſen ein. Rebekka war ſo offen gegen Mrs. Bute und that ſo freundlich mit ihr, als ob Letz⸗ tere nie ihre Feindin geweſen wäre, legte ungemein viel Intereſſe für die lieben Mädchen an den Tag, und war ganz überraſcht von den Fortſchritten, die ſie ſeit ihrem — Rebekka's — erſten Hierſein in der Muſik gemacht, und ließ ſie die Duette aus den großen Mufikbüchern, 255 die Jim, obwohl brummend, und unter dem Arme aus dem Pfarrhauſe hatte herüber tragen müſſen, immer wie⸗ derholen. So ſah ſich denn Mrs. Bute gezwungen, gegenüber der kleinen Abenteurerin ein anſtändiges Benehmen einzu⸗ halten, wobei es ihr natürlich unverwehrt blieb, mit ihren Töchtern nachher über den abſurden Reſpekt zu ſprechen, womit Sir Pitt ſeine Schwägerin behandle. Allein Jim, der bei Tiſche neben ihr geſeſſen hatte, gab die Erklärung ab, daß ſie ein „Trumpf“, und die ganze Pfarrersfami⸗ lie ſtimmte darin überein, daß der kleine Rawdon ein ſchöner Junge ſei. Sie reſpectirten in dem Knaben einen möglichen Baronet, da zwiſchen ihm und dem Titel nur der kleine kränkliche Pitt Binkie ſtand. Die Kinder konnten einander recht gut leiden. Pitt Binkie war ein zu kleines Kerlchen, um mit einem ſo großen Kerl, wie Rawdon, zu ſpielen: und da Matilda nur ein Mädchen war, ſo eignete ſie ſich natürlich nicht zur Geſellſchafterin für einen jungen Herrn, der bald acht Jahre alt war, und mit Nächſtem in eine Jacke ſchlüpfen durfte. Er übernahm alsbald das Commando über die kleine Geſellſchaft — und das kleine Mädchen, ſowie der kleine Knabe folgte ihm überall hin mit großer Chrerbietung, ſo oft er ſich herabließ, mit den beiden zu ſpielen. Er fand ſich auf dem Lande unenvlich glücklich. Der Küchengarten gefiel ihm ungeheuer, die Blumen mit⸗ telmäßig: aber die Tauben und das Geflügel, ſowie die Ställe waren, ſo oft er ſie beſuchen durfte, entzückende Gegenſtände für ihn. Er wollte ſich von den Miß Craw⸗ 8 leys ſchlechterdings nicht küſſen laſſen: nur Lady Jane durfte ſich das bisweilen erlauben: und neben ihr ſaß er am Liebſten, wenn das Signal zum Ruckzuge gegeben wurde, und die Damen, ſich nach dem Salon begebend, die Herren bei ihrem Claret ſitzen ließen — neben ihr ſaß er lieber, als neben ſeiner Mutter. Als Rebekka ſah, daß die Zärtlichkeit an der Tages⸗ 256 ordnung war, ſo rief ſie eines Abends den kleinen Raw⸗ don zu ſich her, neigte ſich zu ihm herab, und küßte ihn vor allen Damen. . Der Knabe aber ſah ihr nach der Operation ſcharf ins Geſicht, und zitterte, und wurde über und über roth, wie es ſo ſeine Gewohnheit war, wenn er unter einer hefti⸗ gen Aufregung litt. 3 „Sie küſſen mich ja aber daheim nie, Mama,“ ſagte er; worauf ein allgemeines Stillſchweigen und eine all⸗ gemeine Beſtürzung erfolgte, und in Becky's Augen ſich ein keineswegs angenehmer Blick kund gab. Rawdon hatte ſeine Schwägerin gern wegen ihrer Liebe zu ſeinem Sohne. Lady Jane und Becky ſtanden dieſes Mal nicht ₰ ſo ganz gut mit einander, wie beim erſten Beſuche, ww die Oberſtin um jeden Preis gefallen wollte. Die Worte, die das Kind bei den beiden angeführten Gelegenheiten ſprach, hatte ihre Liebe etwas erkalten gemacht. Viel⸗ leicht war auch Sir Pitt ein Bischen zu aufmerkſam gegen ſie. Allein Rawdon liebte, wie es ſeinem Alter und ſei⸗ ner Größe ziemte, mehr die Geſellſchaft von Männern, als die von Frauenzimmern, und wurde es nie müde, mit ſeinem Vater in die Ställe zu gehen, wohin der Oberſt ſich zurückzog, um ſeine Cigarre zu rauchen, w⸗ bei Jim, der Pfarrersſohn, ſich ſeinem Coufin bisweilen beigeſellte. Und ebenſo nahm der Studioſus noch an an⸗ dern Vergnügungen des Oberſten Theil. Iim ſtand mit dem Jäger des Baronets auf ganz vertrautem Fuße, da ſie ihre gegenſeitige Paſſion für Hunde häufig zuſammenführte. Bald gingen Herr Ja⸗ mes, der Oberſt, und Horn, der Jäger, auf die Faſanen⸗ jagd, und nahmen den kleinen Rawdon mit. Bald nah⸗ men die vier Herren an einem andern wonnereichen Mor⸗ gen eine Rattenjagd in einer Scheune vor, — die nobelſten Beluſtigungen, die Rawvon bis jetzt geſehen. Bei dieſer Gelegenheit vermachten ſie die Ausgänge gewiſſer Oeff⸗ 257 nungen in der Scheune und brachten in andere Oeffnun⸗ gen Frettchen; ſofort ſtellten ſie ſich in aller Stille auf die Seite, und hielten ſich zum Zuſchlagen parat, wobei ſie ihre Stöcke in die Höhe hoben, während ein kleiner, eifriger Rattenfänger (war es doch Herr James' berühm⸗ ter Hund Forceps), der vor Aufregung kaum athmen konnte, dem ſchwachen Quieken der Ratten unten bewe⸗ gungslos und auf drei Beinen zuhoͤrte. Endlich drangen die armen verfolgten Thierchen mit dem Muthe der Ver⸗ zweiflung eiligſt aus den Loͤchern hervor; der Ratten⸗ fänger nahm es mit einem auf, der Jäger mit einem andern; Rawdon verfehlte in einer großen Aufregung ſeine Ratte; dagegen hatte er die Befriedigung, ein Frett⸗ chen halb todt zu ſchlagen. Der größte Tag von allen war jedoch der, an dem Sir Hudvleſtone Fuddleſtone's Hunde auf dem großen freien Grasplatze zu Queen's Crawleh zuſammentrafen. Das war für den kleinen Rawdon ein famoſes Schau⸗ ſpiel. Um halb elf Uhr ſieht man Tom Moody, Sir Huddleſtone Fudvleſtone's Jäger, die Allee herauftraben, — ihm nach die Hunde in compacter Maſſe — wobei der Nachtrab unter dem Commando der zwei Hundejungen in bunten Scharlachröcken anrückt: dieſe Hundejungen ſind leichte Burſche mit groben Geſichtern, reiten auf mageren Pferden von guter Race, und beſitzen eine ans Wunder⸗ bare gränzende Geſchicklichkeit, inſofern ſie es verſtehen, die Spitzen ihrer langen, ſchweren Peitſchen nach dem dünnſten Theile einer Hundshaut hin zu bewegen, die es ſich erlaubt, ſich von dem Gros der Armee zu entfernen, oder die mindeſte Notiz von den Haſen und Kaninchen zu nehmen, oder auch bloß nach denſelben zu ſchielen, wenn ſie dem armen Hunde vor der Naſe aufſpringen. Nun kommt der kleine Jack, Tom Moody's Sohn, der fünf Stein wiegt, acht und vierzig Zoll groß iſt, und in ſeinem Leben nie größer werden wird. Er ſitzt auf Der Jahrmarkt des Lebens. M. 17 25⁵⁸ einem großen dürren Jagdpferde, das von einem un⸗ geheuren Sattel halb bedeckt iſt. Dieſes Thier iſt Sir Huddleſtone Fuddleſtone's Lieblingspferd — der Nob. Von Zeit zu Zeit kommen andere Pferde, die von andern kleinen Burſchen geritten werden, herbei, und warten auf ihre Herren, die bald herangeſprengt kommen werden. Tom Moody reitet an die große Thüre des Schloſſes heran, wo er von dem Kellermeiſter bewillkommt wird, der ihm einen Trunk anbietet, welchen er ausſchlägt. Er zieht ſich ſofort mit dem Hundepack in einen vor dem Winde geſchützten Winkel des großen Grasplatzes zurück, wo die Hunde ſich auf dem Graſe herumwälzen, und ſpie⸗ len, oder einander zornentbrannt anbrummen, anknurren, anbellen, und von Zeit zu Zeit wüthend über einander herfallen, — welcher Kampf aber durch die im Schelten ihres Gleichen ſuchende Stimme Tom's, oder durch die ſchlangenartigen Riemen der Peitſchen in einem Momente wieder befchwichtigt und geſchlichtet wird. Viele junge Herren kommen auf Vollblutpferden her⸗ angeſprengt: ſie find bis an die Knie herauf mit Koth beſpritzt, und gehen in das Schloß hinein, um Kirſchen⸗ waſſer zu trinken, und den Damen ihren Reſpekt zu be⸗ weiſen; oder aber entledigen ſie ſich, in beſcheidenerer und waidmänniſcherer Weiſe, ihrer Kothſtiefeln, vertauſchen ihre Vollblutpferde mit ihren Jagdpferden, und erwärmen ſich das Blut durch einen vorläufigen Galopp um den großen Grasplatz herum. Sofort verſammeln ſie ſich um das Hundepack, das ſich in dem Winkel aufhält, und ſpre⸗ chen mit Tom Moody über frühere Jagden, und über die großen Vorzüge Snivellers und Diamonds, und über den Zuſtand des Landes, und über die dermalige miſerable Fuchsrace. Bald erſcheint Sir Huddleſtone auf einem ſchonen Hengſte, und reitet auf das Schloß zu; er tritt in daſſelbe ein, und ſagt den Damen einige Complimente, worauf er als ein Mann, der nur wenige Worte macht, an's Ge⸗ 259 ſchäft geht. Die Hunde müſſen vor der großen Thüre des Schloſſes erſcheinen, und der kleine Rawdon geht un⸗ ter ſie hinein, freudig erregt, und doch wieder halb be⸗ unruhigt durch die Liebkoſungen, die ſie ihm erweiſen, durch die Schläge, die er von ihren ſich beſtändig hin und herbewegenden Schwänzen erhält, ſowie durch ihre Zän⸗ kereien, denen durch Tom Moody's Zunge und Peitſche nur mit vieler Mühe Einhalt gethan wird. Unterdeſſen hat ſich Sir Huddleſtone unbehülflich auf den Nob hinauf gehißt. „Wir wollen Sowoter's Spinney probiren, Tom,“ ſagte der Baronet, „Pächter Mangle ſagt mir, es ſeien zwei Füchſe darin.“ Tom bläst auf ſeinem Horne, und trabt ab, — ihm nach die Hunde, die Hundejungen, die jungen Herren von Wincheſter, die Pachter der Umgegend, die Taglöhner des Kirchſpiels zu Fuß, für die der Tag ein großes Feſt iſt; den Nachtrab bilden Sir Huddleſtone und Oberſt Craw⸗ ley, und das ganze Gefolge verſchwindet die Allee hinab. Seine Ehrwürden Herr Bute Crawley, der zu be⸗ ſcheiden geweſen iſt, ſich vor den Fenſtern ſeines Neffen bei der allgemeinen Verſammlung einzufinden, und den Tom Moody vor vierzig Jahren als einen ſchmächtigen Geiſtlichen kannte, der die wildeſten Pferde ritt, über die breiteſten Bäche ſprang, und über die neueſten Gatterthore in der Grafſchaft ſetzte — Seine Ehrwürden, ſagen wir, trabt zufällig in demſelben Augenblicke, wo Sir Huddle⸗ ſtone vorbeireitet, vom Pfarrhauſe auf ſeinem kräftigen Rappen weg; er holt den würdigen Baronet ein. Hunde und Reiter verſchwinden, und der kleine Rawdon bleibt r und glücklich auf der Treppe vor dem Hauſe zurück. Während pieſes denkwürdigen Feiertages hat der kleine Rawdon, wenn er auch keine beſondere Vorliebe für ſeinen ſtets feierlichen, und kalten, und in ſeinem Stu⸗ dierzimmer in Grafſchafts⸗Angelegenheiten angelegentlichſt beſchäftigten, und von Bailiffs und Pächtern umgebenen Oheim gefaßt hat, die Zuneigung ſeiner verheiratheten und unverheiratheten Tanten, der zwei kleinen Leuichen auf dem Schloſſe, und Jim's, vom Pfarrhauſe, gewonnen, den Sir Pitt ermuthigt, einer der jungen Damen den Hof zu machen, wobei er ihm ohne Zweifel zu verſtehen gegeben hat, daß er die Pfründe erhalten ſolle, ſobald ſie durch den Heimgang ſeines fuchsjagdliebhabenden alten Vaters erledigt werde. Jim ſelbſt hat die Hetziagd auf⸗ gegeben, und begnügt ſich damit, daß er ein wenig der harmloſen Enten⸗ und Schnepfenjagd obliegt, oder daß er während der Weihnachtsfeiertage ſich auf Koſten der Ratten — wenn auch in aller Ruhe — ein wenig Spaß macht, worauf er nach der Univerſität zurückkehren, und noch einen Verſuch machen will, im Eramen nicht durch⸗ zufallen. Bereits hat er den grünen Roͤcken, den rothen Halstüchern, und andern weltlichen Zierathen Adieu ge⸗ ſagt: er bereitet ſich nun auf ein neues Leben vor. Auf dieſe wohlfeile und haushälteriſche Weiſe ſucht Sir Pitt ſeine Familienſchulden abzuzahlen. 4 Ehe noch dieſe fröhlichen Weihnachtsfeiertage vor⸗ über waren, hatte der Baronet auch ſo viel Muth in ſich gefunden, um ſeinem Bruder eine zweite Anweiſung auf ſeinen Bankier zu geben, und dieſes Mal lautete ſie auf nicht weniger, als hundert Pfund, — eine Handlung, die Sir Pitt anfänglich fürchterliche Qualen verurſachte, ihn aber bald mit inniger Freude erfüllte, da er ſich nun ſelbſt als einer der großmüthigſten Menſchen erſchien. Rawdon und ſein Sohn gingen mit entſetzlich ſchwe⸗ rem Herzen wieder nach der Stadt zurück. Becky dage⸗ gen, und den Damen kam es nicht ſo ſauer an, von ein⸗ ander zu ſcheiden: und unſere Freundin kehrte nach London zurück, um an das Geſchäft zu gehen, dem wir ſie zu 261 Anfang dieſes Kapitels haben obliegen ſehen. Unter ihrer Oberaufſicht wurde das Crawley'ſche Haus in Great Gaunt Street wieder total verjüngt; und es war zur Aufnahme von Sir Pitt und ſeiner Familie bereit, als der Baronet nach London kam, um ſeinen Pflichten im Parlamente nachzukommen und diejenige Stellung im einzunehmen, wozu ihn ſein ungeheures Genie be⸗ ähigte. Während der erſten Seſſion ließ der Schlaukopf ſeine Projecte nicht merken, und öffnete die Lippen nur ein ein⸗ ziges Mal, um eine Petition von Mudbury zu übergeben. Allein er fand ſich fleißig in den Sitzungen ein, und machte ſich mit den Geſchäften und den Gewohnheiten des Hauſes vertraut. Daheim las er gar fleißig in den blauen Büchern, zum Schrecken und zur großen Verwunderung ver Lady Jane, die glaubte, daß er durch ſein Aufbleiben bei Nacht und ſeinen ungeheuren Fleiß ſich noch um's Leben hringen würde. Auch machte er mit den Miniſtern und den Häuptern ſeiner Partei Bekanntſchaft, mit dem feſten Entſchluſſe, ſich ebenfalls ſo hoch aufzuſchwingen, ehe noch viele Jahre vorüber wären. Lady Jane's Milde und Freundlichkeit iit unſerer Rebekka eine ſolche Verachtung gegen ihre Ladyſhip ein⸗ geflößt, daß das kleine Weibchen die groͤßte Mühe hatte, dieſelbe zu verbergen. Diejenige Art von Güte und Ein⸗ fachheit, ſo Lady Jane beſaß, konnte unſere Freundin Becky nicht ausſtehen, und es war ihr zu Zeiten unmög⸗ lich, der Andern ihre Verachtung nicht zu zeigen, oder ſie dieſelbe wenigſtens nicht errathen zu laſſen. Aber auch Laby Jane war nicht ruhig, ſo lange Becky da war. Ihr Gatte ſprach beſtändig mit Letzterer. Es ſchienen zwiſchen Beiden Zeichen eines Einverſtänd⸗ niſſes gewechſelt zu werden; und Pitt redete mit ihr über Gegenſtände, die er mit Lady Jane auch nicht einmal zu beſprechen gedachte. Zwar verſtand Letztere dieſelben ganz gewiß nicht; allein es war doch recht kränkend, ſo ſtille ſitzen zu müſſen, und noch kränkender zu wiſſen, daß man Nichts zu ſagen habe, und die kleine freche Mrs. Raw⸗ don in einem Nu von einem Gegenſtande zum andern übergehen zu hören, wobei ſelbe für jeden ein Wort fand, und jederzeit einen treffenden Witz anzubringen wußte; und im eigenen Hauſe allein am Kamin ſitzen und beob⸗ achten zu müſſen, wie alle Männer ihre Rivalin um⸗ ringten. Wenn auf dem Lande Lady Jane den Kindern, die ſich um ſie drängten (der kleine Rawdon war auch dabei, und konnte ſeine Tante recht gut leiden), Geſchichten er⸗ zählte, und Becky hohnlächelnd, und mit grünen, Verach⸗ tung ausdrückenden Augen in das Zimmer trat, verſtummte die arme Lady Jane. Zitternd entſchwanden vor dieſen unheilbringenden Blicken ihre einfachen kleinen Phantaſien, wie Feen in den Mährchen⸗Büchern vor einem großen, böſen Engel. Es war ihr unmoͤglich fortzufahren, ob⸗ gleich Rebekka, kaum mit einer Spur von Sarkasmus in ihrer Stimme, ſie bat, mit der bezaubernden Geſchichte fortzumachen. Und ihrerſeits konnte Mrs. Becky ſanfte Gedanken und einfache Freuden nicht ausſtehen: ſie waren ihrer Na⸗ tur zuwider; ſie haßte die Leute, weil ſie dieſelben liebten; ſie ſtieß Kinder und Kinderfreunde von ſich. „Ich finde an Butterbrod keinen Geſchmack,“ pflegte ſie zu ſagen, wenn ſie bei my Lord Steyne Lady Jane und ihre Manier karrikirte. „Ebenſo wenig, wie eine gewiſſe Perſon am Weih⸗ waſſer,“ erwiederte ſeine Lordſchaft mit einer Verbeugung und einem Grinſen, auf das ein gewaltiges kreiſchendes Gelächter folgte. So fam es, daß die beiden Damen nicht viel von einander ſahen: man fam nur dann zuſammen, wenn die Frau des jüngeren Bruders von der andern Etwas erlan⸗ gen wollte. Zwar warfen ſie noch beſtändig mit Worten, wie „meine Liebe“ und „meine Theure“ um ſich, indeſſen —,— 263 hielten ſie ſich fern von einander, während Sir Pitt, bei ſeinen vielfachen Geſchäften, jeden Tag noch Zeit fand, ſeine Schwägerin zu beſuchen. Als Sir Pitt zum erſten Male beim Sprecher ²) ſpeiste, ergriff er die Gelegenheit, ſich ſeiner Schwägerin in ſeiner Uniform, das heißt, in dem alten Diplomaten⸗ fracke vorzuſtellen, den er als Attaché bei der Geſandt⸗ ſchaft in Pumpernickel getragen hatte. Becky bekomplimentirte ihn, und bewunderte ihn in ſeiner Uniform faſt ebenſo ſehr, wie ſeine eigene Frau und Kinder, denen er ſich in ſeinem Staate zeigte, ehe er von Hauſe wegging. Sie ſagte, nur der ächte Gentleman verſtehe es, das Hofkleid vortheilhaft zu tragen; nur Leu⸗ ten von altem Avel ſtehe die culotte courte. Pitt ſah mit vieler Selbſtgefälligkeit auf ſeine Beine, die, wenn wir die Wahrheit geſtehen ſollen, nicht viel mehr Sym⸗ metrie beſaßen, und in Beziehung auf ſchwellende Formen ſich nicht viel mehr auszeichneten, als der dünne Hofdegen, der an ſeiner Seite herumbammelte: — Pitt ſah auß ſeine Beine herab, und dachte in ſeinem Herzen, es könne ihm kein Weiberherz widerſtehen. Als er fort war, machte Mrs. Becky eine Carrikatur von ſeiner Geſtalt, und zeigte dieſelbe Lord Steyne, als er kam. Seine Lordſchaft nahm, entzückt von der genauen Aehnlichkeit, die Skizze mit. Er hatte Sir Pitt Crawleh die Ehre erwieſen, in Mrs. Becky's Haus mit ihm zu⸗ ſammen zu kommen, und war gegen den neuen Baronet und das neue Parlamentsmitglied ungemein gnädig ge⸗ weſen. Auch war Pitt von der Ehrerbietung und Achtung betroffen, womit der große Pair ſeine Schwägerin behan⸗ delte, ſowie nicht minder von der Leichtigkeit ihres Beneh⸗ mens, und ihrer geiſtreichen Unterhaltung, und von dem Entzücken, womit die übrigen Männer der Geßellſchaft ihrem Geſpräche zuhörten. Lord Steyne bezweifelte gar *) Sprecher des Hauſes der Gemeinen. nicht, daß der Baronet ſeine politiſche Laufbahn erſt be⸗ gonnen, und ſagte, es verlange ihn ungemein, das neue Mitglied als Redner auftreten zu ſehen, da ſie Nachbarn wären (denn Great Gaunt Street mündet in Gaunt Square ein, von dem Gaunt Houſe, wie männiglich be⸗ kannt, eine Seite bildet), ſo drückte my Lord die Hoffnung aus, daß Lady Steyne, ſobald ſie nach London käme, die Ehre zu Theil werden würde, Lady Crawley kennen zu lernen. Im Laufe der nächſten Tage gab er bei ſeinem Nachbar eine Viſitenkarte ab, — bei ſeinem Nachbar, von dem er nie die mindeſte Notiz genommen, und den er ebenſo wenig beachtet hatte, wie ſeinen Vorfahr, ob⸗ gleich ſie faſt ſeit einem Jahrhunderte neben einander gewohnt hatten. Inmitten dieſer Intriguen und parties fines, und kluger und brillanter Perſonen fühlte Rawdon ſich von Tage zu Tage mehr iſolirt. Er durfte jetzt mehr in ſeinen Club gehen: durfte mit ſeinen luſtigen Freunden aus dem Junggeſellenſtande auswärts ſpeiſen; durfte kommen und gehen, wenn und wie es ihm beliebte, ohne daß man eine Frage an ihn ſtellte. Und er und Rawdon, der jüngere, pflegten gar oft nach Gaunt Street zu gehen, und dort zu der Lady und den Kindern hinzuſitzen, während Sir Pitt auf ſeinem Wege nach dem Hauſe der Gemeinen, oder auf ſeinem Rückwege mit Rebekka Conferenzen hielt. Der Exoberſt pflegte in ſeines Bruders Hauſe voft ſtundenlang dazufitzen, ohne ein Wort zu ſagen, und ohne überhaupt viel zu denken und zu thun. Es freute ihn, wenn er einen Auftrag auszurichten hatte: wenn er Erkun⸗ digungen über einen Bedienten oder ein Pferd einziehen, oder wenn er beim Eſſen der Kinder den Hammelsbraten vorſchneiden konnte. Er war allmählig ein ganz träger und unterwürfiger Menſch geworden. Belila hielt ihn ge⸗ fangen, und hatte ihm noch dazu das Haar abgeſchnitten. Das kühne junge Blut, das vor zehn Jahren ſich um 265 Nichts gekümmert hatte, war unterjocht, und dafür ſtand nun ein träger, unterwürfiger, dicker Gentleman von mitt⸗ lerem Alter da. Und die arme Lady Jane ſah, daß Rebekka ihren Mann gänzlich eingenommeu, obgleich ſie und Mrs. Raw⸗ don einander, ſo oft ſie einander trafen, die Worte „meine Liebe“ und „meine Theure“ an den Kopf warfen. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Prüfungen und Kämpfe. Mitklerweile brachten unſere Bromptoner Freunde ihre Weihnachten auf ihre, und zwar keineswegs allzu luſtige, Weiſe zu. Von den hundert Pfund, die etwa ihr Jahresein⸗ kommen bildeten, hatte die Wittwe Osborne gewöhnlich beinahe drei Viertel ihren Eltern gegeben, um ihnen die für ſie und ihren kleinen Knaben gemachten Ausgaben zu vergüten. Da Jos weitere hundert zwanzig Pfund bei⸗ ſchoß, ſo hätte dieſe aus vier Perſonen beſtehende Familie, die von einem einzigen iriſchen Mädchen, welches zu glei⸗ cher Zeit bei der Clapp'ſchen die Haushaltungs⸗Geſchäfte beſorgte, bedient wurde, Jahr aus Jahr ein ziemlich be⸗ haglich leben, und eine anſtändige Stellung in der Geſell⸗ ſchaft behaupten, und, nach den Stürmen und Täuſchun⸗ gen ihres früheren Lebens, einem Freunde immer noch eine Taſſe Thee geben können. Sedley galt immer noch ſehr viel bei Herrn Clapp, ſeinem Ertommis, und deſſen Familie. Clapp erinnerte 266 ſich noch der Zeit, wo er, auf dem Rande des Stuhls ſitzend, an dem reich beſetzten Tiſche des Kaufmanns in Ruſſekl Square ein Glas auf die Geſundheit von „Mrs. Sedley, Miß Emmy und Herrn Joſeph in Indien“ leerte. Die Zeit erhöhte noch den Glanz dieſer Erinnerungen in dem Herzen des ehrlichen Commis; ſo oft er aus dem Küchen⸗Parlour in den Salon herauf kam, und mit Herrn Sedley eine Taſſe Thee oder ein Glas Grog trank, pflegte er zu ſagen: — „Einſt ſtand es beſſer, Sir,“ worauf er die Geſundheit der Damen in eben ſo ernſter und ehrer⸗ bietiger Weiſe trank, wie früher in den Tagen ihres größten Glückes. Er war der Anſicht, daß Miß Melia's Klavierſpiel die himmliſchſte Muſik, die man noch gehört, und daß dieſelbe die feinſte Dame wäre. Sogar in ſei⸗ nem Club wollte er ſich nicht vor Sedley niederſetzen, noch geſtatten, daß dem Rufe des alten Herrn von irgend einem Mitgliede der Geſellſchaft zu nahe getreten wurde. Er hatte die erſten Männer in London Herrn Sedley die Hand drücken ſehen, und ſagte deßhalb, „er habe ihn zu einer Zeit geſehen, wo man ihn täglich mit Rothſchild auf der Börſe habe ſehen können, und er ſelbſt habe ihm Alles zu verdanken.“ Clapp, der die beſten Zeugniſſe und eine ſehr gute Handſchrift hatte, war es kurze Zeit nach dem Unglücke ſeines Prinzipals wieder gelungen, eine andere Beſchäfti⸗ gung zu finden. „So kleine Fiſche, wie ich, können in jedem Eimer ſchwimmen,“ pflegte er zu bemerken, und ein Glied des Hauſes, aus dem der alte Sedley einſt ge⸗ treten war, nahm recht gern die Dienſte des Herrn Clapp an, und gab Letzterem ein anſtändiges Salair. Mit einem Worte, ſämmtliche reiche Freunde Sedley's waren nach und nach von ihm abgefallen, während dieſer arme Ex⸗ abhängige immer noch treu zu ihm hielt. Mit dem kleinen Reſte ihres Einkommens, den Amalie zurückbehielt, mußte die Wittwe ungemein ſparen, um im Stande zu ſein, ihr geliebtes Kind ſo zu kleiden, wie 267 George Osborne's Sohn gekleidet ſein mußte, und die Koſten der kleinen Schule zu beſtreiten, in die ſie, nach vielen Beſorgniſſen, und vielem Widerſtreben, und man⸗ chen geheimen Qualen und Befürchtungen von ihrer Seite, ſich hatte bewegen laſſen, den Jungen zu ſchicken. Sie war bei Nacht oft aufgeblieben, und hatte Lectionen durch⸗ gegangen, und Grammatiken durchbuchſtabirt, die für ſie voll böhmiſcher Dörfer waren, und ſich in Geographien vertieft, um ihren Georgy unterrichten zu können. Sie hatte ſich ſogar an die kleine lateiniſche Grammatik ge⸗ macht, in der ſüßen Hoffnung, daß ſie ſelbſt es ſo weit brin⸗ gen würde, um ihn in dieſer Sprache unterrichten zu können. Sich den ganzen Tag von ihm zu trennen; ihn dem Stecken eines Schulmeiſters anheim zu geben, und der rauhen Behandlung ſeiner Schulkameraden auszuſetzen, war für die ſchwache, ängſtliche, ſo überaus gefühlvolle Mutter faſt ebenſo arg, ais ob ſie ihn noch einmal ent⸗ wöhnen müßte. Der Knabe dagegen fühlte ſich äußerſt glücklich, end⸗ lich in die Schule zu kommen. Er ſehnte ſich nach einer Veränderung. Dieſe kindiſche Freude verwundete die Mut⸗ ter, die ſich ſo ungern von dem Kinde trennte. Sie meinte, es wäre doch beſſer, wenn er nicht in die Schule ginge, und etwas betrübter wäre: und fühlte dann doch wieder innerlich eine tiefe Reue darüber, daß ſie es wage, ſo ſelbſiſüchtig zu ſein, und ihren eigenen Sohn unglück⸗ lich zu ſehen wünſche. Georgy machte in der Schule große Fortſchritte. Die Schule ſelbſt aber wurde von einem Freunde des Ehrwürdigen Herrn Binney, des treuen Bewunderers ſei⸗ ner Mutter, gehalten. Der Knabe brachte zahlloſe Prä⸗ mien und gute Zeugniſſe mit nach Hauſe. Jeden Abend erzählte er ſeiner Mutter unzählige Geſchichten von ſeinen Schulkameraden; und welch' ein feiner Burſche Lyons, und welch' elender, hinterliſtiger Geſelle Sniffin wäre: und wie Steel's Vater das Fleiſch für das Inſtitut lie⸗ 268 ferte, wohin Golding's Mutter jeden Samſtag in einem Wagen käme, um ihn abzuholen; und wie Neat Stege an ſeinen Beinkleidern hätte, — ob denn Neat auch Stege tragen dürfte? — und wie Bull Major (obgleich derſelbe erſt den Eutropius exponirte) ſo ſtark wäre, daß man glaubte, es könne derſelbe den Unterlehrer, Herrn Ward ſelbſt, „zwingen“. So lernte Amalie jeden Knaben in der Schule ſo gut kennen, wie Georgy ſelbſt: und Abends pflegte ſie ihm bei ſeinen Exercitien zu helfen, und ſich über ſeinen Aufgaben ihr Köpfchen ebenſo eifrig zu zerbrechen, als ob ſie ſelbſt am nächſten Morgen vor dem Lehrer zu erſchei⸗ nen hätte. Einmal kam George, nach einem gewiſſen Kampfe mit Maſter Smith, mit einem blauen Auge heim, und prahlte mit der von ihm an den Tag gelegten Tapferkeit gewaltig gegen ſeine Mutter und ſeinen entzückten alten Großvater, während er doch in Wahrheit ſich nicht ſon⸗ derlich heldenmüthig benommen, und entſchieden den Kür⸗ zeren gezogen hatte. Allein Amalie hat noch bis auf dieſen Tag dieſem Smith nicht vergeben, obgleich er jetzt ein friedfertiger Apotheker in der Nähe von Leiceſter Saquare iſt. Unter dieſen ruhigen Arbeiten und harmloſen Sorgen verging das Leben der ſanften Wittwe. Ein Paar Sil⸗ berhaare auf ihrem Haupte, und eine, wenn auch noch ſo kleine, Runzel auf ihrer kleinen Stirne zeigten an, daß auch an ihr die Zeit nicht vorüber gegangen, ohne ihre gewöhnlichen Spuren zurück zu laſſen. Amalie pflegte darüber zu lächeln. „Was macht das einer alten Frau, wie ich bin, aus?“ fragte ſie. Sie wollte nur noch leben, um ihren Sohn groß, berühmt, und in ſeiner Glorie zu ſehen. Er verdiente es ja. Sie bewahrte ſeine Schreib⸗ bücher, ſeine Zeichnungen, und Stylübungen auf, und zeigte ſie in ihrem kleinen Kreiſe, als ob dieſelben Wunder des Benies wären. Einige dieſer Proben vertraute ſie — 269 Miß Dobbin an, um dieſelben Miß Osborne, George's Tante, zu zeigen, welche dieſelben wieder Herrn Osborne ſelbſt zeigen ſollte — damit der alte Mann die von ihm gegen den Hingeſchiedenen an den Tag gelegte Grauſam⸗ keit und Hartherzigkeit bereuen möchte. Alle Schwächen und Fehler ihres Gatten hatte ſie mit ihm begraben: ſie erinnerte ſich nur noch des Geliebten, der ſie, ohne ein Opfer zu ſcheuen, geheirathet: ſie erinnerte ſich nur noch des edeln, ſo tapfern und ſchönen Gatten, in deſſen Armen ſie an dem Morgen gelegen, wo er zum Kampfe ausge⸗ zogen, um ehrenvoll für ſeinen König zu ſterben. Der Held mußte vom Himmel herab auf den unvergleichlichen Knaben lächeln, den er ihr zum Troſte hinterlaſſen. Wir haben geſehen, wie einer von Georgy's Groß⸗ vätern (Herr Osborne) in ſeinem Lehnſtuhle in Ruſſell Square von Tag zu Tag heftiger und launiſcher wurde, und wie deſſen Tochter, trotz ihrer ſchönen Kutſche, und ihrer ſchönen Pferde, und ihres faſt auf allen Subſerip⸗ tionsliſten zur Förderung wohlthätiger Zwecke in der Stadt ſtehenden Namens, eine einſame, unglückliche, unter Ver⸗ folgungen leidende alte Jungfrau war. Der ſchöne kleine Knabe, ihres Bruders Sohn, den ſie einmal geſehen, kam ihr immer wieder in den Sinn. Sie ſehnte ſich nach der Erlaubniß, in ihrem ſchönen Wagen nach dem Hauſe fah⸗ ren zu dürfen, in dem er wohnte; und jeden Tag, wenn ſie im Park ihre einſame Spazierfahrt machte, pflegte ſie zum Kutſchenfenſter hinaus zu ſehen, in der Hoffnung, ihn zu erſpähen. Ihre Schweſter, die Bankiersfrau, ließ ſich gelegent⸗ lich herab, ihrer alten Heimath und Gefährtin in Ruſſell Sgquare einen Beſuch zu machen. Sie brachte ein Paar kränkliche Kinder mit, die von einer affectirten Amme be⸗ gleitet waren, und ſchnatterte in leiſem, vornehmem, kicherndem Tone ihrer Schweſter von ihren ſchönen Be⸗ kanntſchaften vor, und wie ihr kleiner Frederick der leib⸗ haftige Lord Cland Lollypop, und ihre liebliche Maria von der Baroneſſe bemerkt worden wäre, als ſie zu Roehampton in ihrer mit Eſeln beſpannten Chaiſe ausge⸗ fahren. Sie drang in ſie, daß ſie ihren Papa bewegen ſolle, Etwas für die alierliebſten Kleinen zu thun. Fre⸗ derick ſolle in die Garde treten; und wenn ſie einen älte⸗ ren Sohn aus ihm machten (und Herr Bullock ruinire ſich wirklich, und eſſe beinahe nicht mehr genug, um Land kaufen zu können), wie ſolle dann das liebe Mädchen ver⸗ ſorgt werden? „Ich erwarte das von Dir, meine Liebe,“ pflegte Mrs. Bullock hinzuzuſetzen; „denn natürlich muß mein Antheil am Vermoͤgen unſers Papas auf das Haupt des Hauſes übergehen, weißt Du. Die liebe Rhoda Macmull wird ſämmtliches Caſtletoddy'ſche Eigenthum frei machen, ſobald der arme theure Lord Caſtletoddy mit Tod abgeht, und es iſt derſelbe ſchon ganz epileptiſch; und dann wird der kleine Maeduff Maecmull Viscvunt Caſtletoddy werden. Die beiden Herren Bludyer von Mineing Lane haben ihr Vermoͤgen Fanny Bludher's kleinem Sohne vermacht. Mein lieber Frederick muß um jeden Preis ein älteſter Sohn werden; und — und ſuch' Papa zu bewegen, daß er uns wieder Etwas verdienen läßt, nicht wahr, Liebe? Es ſieht gar nicht gut aus, daß er uns Stumpy und Rowdy vorzieht.“ Nach ſolchen Reden, wobei die Faſhion ſich glücklich mit einem ſolideren Hintergrunde zu vermählen wußte, und nach einem Kuſſe, der wie die Berährung einer Auſter war, pflegte Mrs. Frederick Bullock ihre zarten, übel aus⸗ ſehenden Kinder um ſich zu verſammeln, und mit gezier⸗ tem Lächeln wieder in ihren Wagen zu ſteigen. Jeder Beſuch, den dieſe Tonangeberin ihrer Familie abſtattete, war für ſie unglücklicher. Ihr Vater hatte immer mehr Geld für Stumpy und Robdy. Ihr Ge⸗ bahren als Gönnerin wurde von Tag zu Tag unausſteh⸗ licher. Die arme Wittwe, die in dem kleinen Häuschen zu Brompton wohnte, und dort ihren Schatz bewachte, 271 ließ ſich nicht träumen, wie ſehr gewiſſe Leute darnach verlangten. An dem Abende, wo Jane Osborne ihrem Vater geſagt hatte, daß ſie ſeinen Enkel geſehen, hatte ihr der alte Mann keine Antwort gegeben, allein auf der andern Seite hatte er auch keinen Zorn gezeigt — und hatte er ihr mit ziemlich freundlicher Stimme eine gute Nacht ge⸗ wünſcht, als er zu Bette ging. Und er mußte über ihre Worte nachgedacht, und ſich bei der Dobbin'ſchen Familie in Betreff ihres Beſuches erkunvigt haben; denn etwa vierzehn Tage darauf fragte er ſie, wo ihre kleine fran⸗ zöſiſche Uhr und Kette wäre, die ſie ſonſt immer getragen. „Ich habe ſie mit meinem eigenen Gelde gekauft, Sir,“ ſagte ſie ganz erſchrocken. „Geh', und beſtelle Dir wieder eine ſolche, oder eine beſſere, wenn Du eine bekommen kannſt,“ ſagte der alte Herr, und verfiel dann wieder in ſein Schweigen. Seit einiger Zeit wiederholten die Miß Dobbins bei Amalien ihre Bitte, daß ſie George erlauben mochte, ſie beſuchen zu dürfen. Seine Tante, ſagten ſie, habe gezeigt, daß ſie ihn gern habe; vielleicht laſſe ſich auch ſein Groß⸗ vater bewegen, ſich freundlich gegen ihn zu zeigen, mein⸗ ten ſie. Gewiß könne Amalie ſo ſchöne Ausſichten, die ſich dem Knaben eröffneten, nicht von der Hand weiſen. Und in der That konnte ſie es auch nicht; indeſſen nahm ſie ihre Anträge nur mit ſchwerem und argwöhni⸗ ſchem Herzen an, war ſtets unruhig, wenn das Kind nicht bei ihr war, und bewillkommte es, wenn es zurückkam, ſtets in einer Weiſe, als ob es einer Gefahr entronnen wäre. Georgy brachte Geld und Spielſachen mit, worauf die Wittwe mit Unruhe und Eiferſucht blickte: ſie fragte ihn ſtets, ob er einen Herren geſehen. Der Knabe ſagte aber immer, er habe nur den alten Sir William geſehen, der mit ihm in dem vierräderigen Wagen ausgefahren, ſowie Herrn Dobbin, der am Nach⸗ mittage auf dem prächtigen Braunen herangeritten ſei; — derſelbe habe einen grünen Rock, ein roſafarbenes Halstuch und eine Peitſche mit goldenem Knopfe gehabt, und habe ihm verſprochen, daß er ihm den Tower von London zeigen, mit ihm auf die Jagd gehen, und Surrey⸗ Hunde mitnehmen wolle. Endlich ſagte einmal Georgy: „Es iſt ein alter Herr mit großen dicken Augenbrauen und einem breiten Hute dageweſen; derſelbe hatte eine große Uhrkette und dergleichen Siegel. Er kam eines Tages, als der Kutſcher mich auf dem grauen Pony um den Grasplatz herumreiten ließ. Er ſah mich ſehr lange an. Er zitterte gar ſehr. Nach dem Eſſen ſagte ich das „Ich heiße Norval““ her. Meine Tante fing an, zu weinen. Sie weint immer.“ So lautete der Bericht Georgy's an jenem Abende. Nun wußte Amalle, daß der Knabe ſeinen Groß⸗ vater geſehen, und erwartete mit fieberhafter Ungeduld einen Vorſchlag, da ſie ſich überzeugt hielt, daß ein ſol⸗ cher kommen würde, und der in der That nach einigen Tagen kam. Herr Osborne erbot ſich förmlich, den Kna⸗ ben zu ſich zu nehmen und ihn zum Erben des Vermö⸗ gens zu machen, das er dem Vater deſſelben hätte geben wollen. Er wollte Mrs. George Osborne einen Jahres⸗ gehalt geben, damit ſie anſtändig leben könnte. Im Falle Mrs. George Osborne ſich wieder verehelichen wollte, wie er hörte, daß es ihre Abſicht wäre, ſo würde er ihr dieſen Jahresgehalt laſſen. Allein es verſtünde ſich von ſelbſt, daß das Kind ganz bei ſeinem Großvater in Ruſſell⸗ Square, oder an irgend einem andern Orte, den Herr Osborne wählen würde, bleiben müßte; und daß es ihm von Zeit zu Zeit erlaubt werden würde, Mrs. George Osborne in ihrer Wohnung zu beſuchen. Dieſe Botſchaft wurde ihr eines Tages in einem Briefe gebracht oder vorgeleſen, als ihre Mutter von Hauſe abweſend, und ihr Vater, wie gewohnlich, in der City war. 273 Sie war in ihrem ganzen Leben nur zwei bis drei Mal zornig geweſen, und Herr Osborne's Sachwalter hatte das Glück, ſie in eine ſolche Stimmung zu ver⸗ ſetzen. Sie erhob ſich zitternd, und über und über roth, ſobald Herr Poe ihr den Brief vorgeleſen und übergeben hatte. Sie zerriß das Papier in tauſend Stücke, und trat mit den Füßen darauf. „Ich wieder heirathen! — Ich mein Kind um Geld verkaufen! Wer wagt es, mich durch einen ſolchen Vor⸗ ſchlag zu inſultiren? Sagen Sie dem Herrn Osborne, es ſei ein niederträchtiger Brief, Sir — ja, ein nieder⸗ trächtiger Brief — ich mag ihn nicht beantworten. Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen, Sir“ — „und, wie eine Königin in der Tragoͤdie, brachte ſie mich mit lauter Verbeugungen zur Thüre hinaus,“ ſagte der Advokat, der die Geſchichte erzählte. Ihre Eltern bemerkten an jenem Tage ihre Aufre⸗ gung nicht, und ſie ſelbſt ſagte ihnen Nichts von der Unterredung, die zwiſchen ihr und dem Advokaten Statt gefunden. Sie hatten an ihre eigenen Angelegenheiten zu denken — Angelegenheiten, die dieſe unwiſſende Dame, die ſich von Nichts träumen ließ, gar ſehr intereſſiren mußten. Der alte Herr, ihr Vater, konnte das Spekuliren nicht laſſen. Wir haben geſehen, wie die Wein⸗Com⸗ pagnie und die Kohlen⸗Compagnie ihm „vergeckt“ waren. Allein dennoch trieb er ſich fortwährend ruhelos in der City umher, und heckte endlich einen andern Plan aus, der ihn ſo ſehr enthuſiasmirte, daß er, aller Vorſtellun⸗ gen des Herrn Clapp ungeachtet, dem er in der That nie zu ſagen wagte, wie tief er ſich eingelaſſen, deſſen Aus⸗ führung beſchloß. Und da es bei Herrn Sedley ſtets Grundſatz war, vor Frauenzimmern nicht von Geldange⸗ legenheiten zu ſprechen, ſo ließen ſie ſich von dem Un⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. M. 18 274 glücke, das ihrer wartete, Nichts träumen, bis der un⸗ glückliche alte Herr nicht länger umhin konnte, allmählig mit Geſtändniſſen herauszurücken. Zuerſt kamen die Rechnungen der kleinen Haushal⸗ tung, die bis daher jede Woche bezahlt worden waren, in Rückſtand. Die Gelder aus Oſtindien waren ausge⸗ blieben, wie Herr Sedley ſeiner Frau mit verſtörtem Ge⸗ ſichte ſagte. Da ſie bis daher ihre Rechnungen ganz pünktlich bezahlt hatten, ſo waren ein Paar Geſchäftsleute, welche die arme Dame um Friſt bitten mußte, über einen Aufſchub, an den ſie bei unregelmäßigeren Kunden ganz gewöhnt waren, ſehr boͤſe. Indeſſen erhielt Emy's Bei⸗ trag, der freudig und ohne Weiteres bezahlt wurde, die kleine Geſellſchaft bei halben Rationen. Und ſo vergingen die erſten ſechs Monate ziemlich leicht, während der alte Sedley immer noch durch den Gedanken aufrecht erhalten wurde, daß ſeine Aktien ſteigen müßten, und daß am Ende ſich Alles noch zum Guten wenden würde. Indeſſen kamen am Ende des halben Jahres keine ſechzig Pfund, um die Haushaltung zu unterſtützen; und ſo kam dieſelbe immer mehr in Noth und Verlegenheit. Mrs. Sedley, die allmählig altersſchwach wurde, und deren Geſundheit nicht wenig erſchüttert war, that den Mund nicht auf, und weinte bei Mrs. Clapp in der Küche gar viel. Der Fleiſcher zeichnete ſich insbeſondere durch ſein „Brummen“ aus: der Spezereikrämer wurde grob — ein Paar Mal hatte der kleine Georgy das Eſſen ſchlecht gefunden: und Amalie, die mit einem Stückchen Brod fürlieb genommen haben würde, konnte nicht um⸗ hin zu bemerken, daß ihr Sohn vernachläſſigt ward, und kaufte aus ihrem Privatbeutel Kleinigkeiten, um den Kna⸗ ben bei guter Geſundheit zu erhalten. Am Ende erzählten ſie ihr eine Geſchichte, dergleichen Leute, ſo ſich in Verlegenheit befinden, gewöhnlich erzählet⸗ Eines Tages, als ihr Geld angekommen, und Amalie im Begriffe war, daſſelbe auszuzahlen, ſchlug ſie, die die von —— ¹ 275 ihr ausgegebenen Gelder verzeichnet hatte, vor, eine ge⸗ wiſſe Summe von ihrer Dividende zurückzubehalten, da ſie einen neuen Anzug für Georgy zu bezahlen hätte. Da kam es nun heraus, daß Jos im Rückſtande ſei; daß das Haus ſich in Verlegenheit befinde, was Amalie ſchon früher hätte bemerken müſſen, wie ihre Mutter ſagte, wenn ſie ſich in dieſer Welt noch um etwas An⸗ deres bekümmerte, als den kleinen Georgy. Bei dieſer Mittheilung ſchob ſie all' ihr Geld ihrer Mutter über den Tiſch hin, ohne ein Wort zu ſagen, und ging wieder auf ihr Zimmer, um ſich die Augen auszu⸗ weinen. Auch kam es ihr gar ſauer an, als ſie an je⸗ nem Tage die Kleider, die lieben Kleider abbeſtellen mußte, die ſie auf Weihnachten hatte haben wollen, und deren Schnitt ſie erſt nach vielen Unterredungen mit einer klei⸗ nen Putzmacherin, ihrer Freundin, angegeben hatte. Was ihr aber am Sauerſten ankam, war, daß ſie die Sache ihrem Georgy mittheilen mußte, der, als ſie mit der Sache herausrückte, in ein lautes Geſchrei aus⸗ brach. Er ſagte, Jedermann bekomme zu Weihnachten neue Kleider; die andern Knaben würden ihn auslachen; er wolle neue Kleider haben; ſie habe ſie ihm ja ver⸗ ſprochen. Die arme Wittwe konnte ihm aber nur Küſſe geben. Mit thränenden Augen beſſerte ſie den alten Anzug aus. Sie durchſtoberte ihre kleinen Schmuckſachen, um zu ſehen, ob ſie nicht Etwas verkaufen könnte, womit ſie im Stande wäre, ihrem Sohne den von ihm gewünſchten neuen An⸗ zug anzuſchaffen. Da lag ihr vſtindiſcher Shawl, der ihr von Dobbin geſchickt worden war. Sie erinnerte ſich noch, daß ſie früher ofters mit ihrer Mutter in einen ſchönen Laden mit oſtindiſchen Waaren auf Ludgate Hill gekom⸗ men war, wo die Damen ſolche Artikel kauften, verkauf⸗ ten und vertauſchten. Ihre Wangen wurden roth und ihre Augen ſtrahlten vor Freude, als ſie an dieſes Hülfs⸗ mittel dachte, und ſie entließ an jenem Morgen George, 276 der in die Schule ging, mit vielen Küſſen, und lächelte ihm freudig nach. Der Knabe fühlte, daß ihr Blick gute Nachrichten verkündete. Sie packte ſodann ihren Shawl in ein Taſchentuch Cauch dieſes war ein Geſchenk des guten Majors), verbarg ihn unter ihrem Mantel, und ging mit gerötheten Wangen und ganz eifrig zu Fuß bis nach Ludgate Hill, wobei ſie die Parkmauer entlang forttrippelte, und über die Kreuz⸗ wege ſchritt, ſo daß Mancher, wie ſie ſo an ihm vorbei eilte, ſich umwandte, um ihr hübſches roſiges Geſicht an⸗ zublicken. Sie berechnete, wie ſie das aus dem Shawl erlöſte Geld verwenden ſollte: wie ſie, außer den Kleidern, die Bücher, die er wünſchte, kaufen, ſowie dem Lehrer das Semeſter zahlen, und wie ſie ihrem Vater, ſtatt des a Ueberrockes, den er trug, einen Mantel kaufen wollte. Sie hatte ſich in Betreff des Werthes des ihr vom Major überſchickten Geſchenkes nicht getäuſcht. Es war ein äußerſt feines und prachtvolles Gewebe: und der Kaufmann machte ein ſehr gutes Geſchäft, als er ihr zwanzig Guineen für ihren Shawl gab. Ganz erſtaunt und beſtürzt über ihren Reichthum eilte ſie in Darton's Laden in St. Paul's Church Yard, und kaufte dort den „Parent's Aſſiſtant,“ ſowie „Sand- ford and Merton,“ die Georgy haben wollte, und ſtieg dann mit ihren Päckchen in eine Kutſche, und fuhr ent⸗ zückt nach Hauſe. Und es freute ſie, mit ihrer kleinen Hand, ſo nett ſie nur konnte, auf das Schmutzblatt ſchrei⸗ ben zu können, „George Osborne, als Weihnachtsgeſchenk von ſeiner liebenden Mutter.“ Die Bücher ſind mit der ſchönen zarten Aufſchrift noch bis auf dieſen Tag zu ſehen. Sie wollte eben die Bücher auf Georgy's Tiſch legen, damit er dieſelben, wenn er aus der Schule käme, finden möchte, als ſie im Gange ihre Mutter traf. Amalie 277 hielt die Bücher in der Hand, und der mit Gold verzierte der fieben hübſchen Bändchen fiel der alten Dame auf. „Was haſt Du da?“ ſagte ſie. „Einige Bücher für Georgy,“ erwiederte Amalie erröthend — „ich — ich habe ſie ihm auf Weihnachten verſprochen.“ „Bücher!“ rief die alte Dame unwillig. „Bücher, wenn es im ganzen Hauſe an Brod fehlt! Bücher, wenn ich, um Dich und Deinen Sohn mit Leckerbiſſen zu ver⸗ ſorgen, und Deinen guten alten Vater vor dem Gefäng⸗ niſſe zu bewahren, alle Schmuckſachen, die ich hatte, ſelbſt den oſtindiſchen Shawl von meinem Rücken weg, ja ſogar die filbernen Loffel verkauft habe, damit die Leute, denen wir Etwas ſchuldig ſind, uns nicht inſultiren, und damit Herr Clapp, wozu er gewiß berechtigt iſt, da er kein harter Wirth, und ein höflicher Mann, und ſelbſt Familien⸗ vater iſt, ſeinen Hauszins bekommen möchte. Ach, Amalie! Du brichſt mir noch das Herz mit Deinen Büchern, und Deinem Jungen, den Du ins Unglück ſtürzeſt, obgleich Du Dich von ihm nicht trennen magſt. O, Amalie, möge Gott Dir ein gehorſameres Kind ſchenken, als die, ſo ich gehabt habe. Da iſt Jos, der ſeinen Vater im Alter verläßt: und da iſt George, der verſorgt und reich ſein konnte, und, wie ein Lord, mit einer goldenen Uhr und Kette um den Hals in die Schule geht — während mein lieber, lieber alter Mann nicht einen Sh—, Shilling hat.“ Hyſteriſche Schluchzer und Thränen beſchloſſen Mrs. Sedley's Rede — ſie wurde in jedem Zimmer des kleinen Häuschens gehört, und es entging auch nicht ein Wort den anderen weiblichen Bewohnern deſſelben. „Ach, Mutter, Mutter!“ rief die arme Amalie. „Sie haben mir Nichts geſagt — ich — ich hatte ihm die Bücher verſprochen. Ich — ich habe dieſen Morgen bloß meinen Shawl verkauft. Da haben Sie das Geld — nehmen Sie Alles!“ 278 Und mit zitternder Hand nahm ſie ihr Silber und ihre Sovereings — ihre koſtbaren goldenen Sovereings heraus, die ſie eiligſt ihrer Mutter in die Hand drückte, aus der ſie, überſtrömend, die Treppe hinabrollten. Und dann ging ſie auf ihr Zimmer, und ſank vor Verzweiflung, und vom Unglücke darnieder gedrückt, auf einen Stuhl. Jetzt wußte ſie Alles. Sie opferte den Knaben ihrer Selbſtſucht. Nur ſie war Schuld daran, wenn er keinen Reichthum beſaß, wenn er keine gute Er⸗ ziehung erhielt, wenn er nicht auf die Stellung Anſpruch machen konnte, worauf ſein Vater um ihretwillen Verzicht geleiſtet. Sie brauchte nur ein Wort zu ſprechen, ſo hatte ihr Vater wieder ein anſtändiges Auskommen, — ſo ge⸗ langte ihr Sohn zu Vermögen. Ach, welch' traurige Unuguns war vieß für das zärtliche und geplagte Herz maliens. Siebenundvierzigſtes Rapitel. Gaunt Honſe. Es iſt männiglich bekannt, daß Lord Stehne's Stadt⸗ palaſt in Gaunt Square ſteht, auf den Great Gaunt Street ausmündet, wohin wir zu den Lebzeiten des alten Sir Pitt Crawley Rebekka geleitet haben. Blickt man über die eiſeren Staketen, und zwiſchen den ſchwarzen Bäumen hindurch in den Garten des Squa⸗ res, ſo ſieht man einige arme Gouvernanten, die mit bleichausſehenden Kindern ganz um denſelben, ſowie um den trübſeligen Grasplatz herumgehen, in deſſen Mitte 279 die Bilvſäule Lord Gaunt's ſich erhebt, der bei Minden focht, und äußerlich ſich vurch eine dreizipfelige Perrücke auszeichnet, im Uebrigen aber ganz wie ein römiſcher Kaiſer gekleidet iſt. Gaunt Houſe nimmt faſt eine ganze Seite des Squa⸗ res ein. Die übrigen drei Seiten beſtehen aus Häuſern, die als Wittwenſitze dienen: es find dieß hohe, finſter ausſehende Häuſer mit ſteinernen Fenſterkreuzen, die mitunter auch ein helleres Roth zeigen. Hinter dieſen trübſeligen Fenſtern ſcheint jetzt ein wenig Licht; und auch die Gaftfreundſchaft ſcheint von vieſen Thüren nicht minder gewichen zu ſein, wie die mit Treſſen verbrämten Lakaien und Fackelträger, die ihre Fackeln in den blechernen Löſchhörnern, die man immer noch neben den Lampen über den Stufen der Treppe ſehen kann, auszulöſchen pflegten. Meffingene Schilde haben ſich nach und nach auf dem Square eingedrängt — Doctoren, die Diddleſer⸗Bank Weſtern Branch — die engliſche und europäiſche Reunion u. ſ. w., u. ſ. w. — Der Platz ſieht trübſelig aus, und my Lord Steyne's Palaſt nicht minder. Alles, was ich je davon geſehen, iſt die große vordere Mauer, mit den toskaniſchen Säulen am Haupteingange, an dem zuweilen ein alter Portier mit feiſtem und düſte⸗ rem rothen Geſichte ſich blicken läßt, — und über der Mauer die Fenſter der Bodenkammern und Schlafzimmer, ſowie die Kamine, aus denen jetzt ſelten Rauch aufſteigt. Denn der dermalige Lord Stehne lebt zu Neapel, und zieht die Ausſicht auf den Meerbuſen, und auf Capri, und auf den Veſuv dem trübſeligen Anblicke der Mauer in Gaunt Square vor. Geht man New Gaunt Street bierzig bis fünfzig Schritte hinab, ſo ſtoͤßt man auf eine kleine beſcheidene Hinterthüre, die in die Gaunt⸗Mews *) führt, und die *) Mews = Ställe, Stallgebäude, Marſtälle. 280 der, ſo mit den Lokalitäten nicht genau vertraut, von den Thüren der übrigen Ställe wohl kaum zu unterſcheiden im Stande iſt. Allein ſchon mancher kleine verſchloſſene Wagen hat vor dieſer Thüre angehalten, wie mein Be⸗ richterſtatter (der kleine Tom Caves, der Alles weiß, und mir den Platz zeigte) mir geſagt hat. „Der Prinz und Perdita ſind zu dieſer Thüre hin⸗ ein⸗ und wieder herausgegangen, Sir,“ hat er mir oft geſagt; „Marianne Clarke iſt mit dem Herzoge von — hineingegangen. Die Thüre führt zu den famoſen petits appartements des Lord Steyne — wovon eines, Sir, ganz mit Elfenbein und weißem Atlaß, ein anderes mit Ebenholz und ſchwarzem Sammt ausmöblirt iſt. Dort befindet ſich ein kleines Banketzimmer, das Cosway ge⸗ malt, und wozu das Salluſtiſche Haus zu Pompeji das Muſter geliefert hat — eine kleine Privatküche, wo jede Pfanne von Silber, und ſämmtliche Bratſpieße von Gold ſind. Hier briet Egalité Orléans Rebhühner in der Nacht, wo er und Marquis von Steyne im Lhombre⸗Spiel einer hohen Perſon hunderttauſend Pfund abgewonnen hatten. Die Hälfte des Geldes wurde zur Förderung der franzöſiſchen Revolution verwendet, die andere diente dazu, Lord Gaunt's Marquiſat und Hoſenbandorden zu kaufen — und das übrige —“ Allein es liegt nicht in unſerem Plane, zu erzählen, was aus dem übrigen wurde: der kleine Tom Eaves, der die Angelegenheiten aller Leute kennt, kann jedoch über die Verwendung jedes übrigen Shillings, ſowie über noch gar vieles Andere Auskunft geben. 6 Außer ſeinem Stadtpalaſte hatte der Marquis in verſchiedenen Theilen der drei Königreiche Schlöſſer und Paläſte, deren Beſchreibung in allen Reiſehandbüchern zu finden iſt — Caſtle Strongbow, mit ſeinen Wäldern, an den Ufern des Shannonz Gaunt Caſtle, in Carmarthenſhire, wo Richard II. gefangen genommen wurde; Gauntly Hall in Yorkſhire, wo ſich, wie ich mir habe ſagen laſſen, 281 für die Gäſte des Hauſes ein aus zweihundert ſilbernen Theekannen beſtehendes Frühſtücks⸗Service befand, und alles Uebrige damit an Glanz wetteiferte; ſowie Still⸗ brook in Hampſhire, einen beſcheidenen Landſitz, deſſen wundervolles Ameublement, das nach my Lords Ableben durch einen ehemaligen berühmten Auktionator verſteigert wurde, noch in unſer Aller Andenken iſt. Die Marquiſin von Steyne war entſproſſen aus der berühmten und alten Familie der Caerlyons, Marquis von Camelot, die ſeit der Bekehrung des ehrwürdigen Druiden, ihres erſten Ahnen, ſtandhaft an dem alten Glanben feſt gehalten haben, und deren Stammbaum noch weit über die Zeit der Ankunft des Königs Brutus in unſerem In⸗ ſellande hinausgeht. Pendragon iſt der Titel des älteſten Sohnes des Hauſes. Die Söhne find ſeit unvordenklichen Zeiten ſtets Arthur, Uther, und Caradve genannt worden. Ihre Koͤpfe ſind in mancher loyalen Verſchwörung gefal⸗ len. Eliſabeth ließ dem zu ihrer Zeit lebenden Arthur, der bei Philipp und Maria Kammerherr geweſen war, und die zwiſchen der Koͤnigin von Schottland und deren Oheimen, den Guiſen, gewechſelten Briefe beſorgte, den Kopf abhauen. Ein jüngerer Sohn des Hauſes war Offizier bei dem großen Herzoge, und zeichnete ſich in der berühmten Verſchwörung, welche die Bartholomäus⸗Nacht zur Folge hatte, aus. Während der ganzen Zeit, die Maria im Kerker zubrachte, conſpirirte das Camelot'ſche Haus zu deren Gunſten. Die Koſten, die ihm die Ausrüſtung einer kleinen Eskadre gegen die Spanier, zur Zeit der Armada, verur⸗ ſachte, laſteten nicht minder ſchwer auf ihm, als die Geld⸗ ſtrafen und Confiskationen, die es unter Eliſabeth wegen Aufnahme von Prieſtern, wegen beharrlicher Abweichung von der herrſchenden Religion, und anderer papiſtiſcher Unthaten trafen. Ein zu den Zeiten Jakobs lebender Ab⸗ trünniger ließ ſich durch die Gründe, welche vieſer große Theolog vorbrachte, bewegen, eine Zeit lang ſeinem Glau⸗ 282 ben untreu zu werden, und es hob ſich wieder einigermaßen durch dieſe rechtzeitige Schwäche die Stellung der Familie. Allein der unter der Regierung Karl's lebende Graf von Camelot nahm wieder den alten Glauben ſeiner Fa⸗ milie an, und dieſe fuhr nun fort, dafür zu kämpfen, und ſich dafür zu Grunde zu richten, ſo lauge noch ein Stuart lebte, um eine Rebellion anzuſtiften, oder ſich an deren Spitze zu ſtellen. Lady Mary Caerlyon wurde in einem Kloſter zu Paris erzogen, und es war die Dauphine Marie Anto⸗ niette ihre Tauſpathin. In der glanzvollſten Zeit ihrer Schönheit und Jugend war ſie an Lord Gaunt, der da⸗ mals zu Paris lebte, und dem Bruder der Lady bei eini⸗ gen Banketten, welche Philipp von Orleans gab, große Summen abgewonnen hatte, verheirathet, — oder, — wie es hieß, — verkauft worden. Das berühmte Duell des Grafen von Gaunt mit dem Grafen de la Marche, von den grauen Musketieren, wurde vom Gerichte den Prätenſionen dieſes Offiziers, der ein Page der Königin geweſen, und ihr Liebling ge⸗ blieben war, und ſich gleichfalls um die Hand der ſchönen Lady Mary Caerlyon bewarb, zugeſchrieben. Sie wurde an Lord Gaunt verheirathet, während der Graf noch an ſeiner Wunde krank darnieder lag, und bewohnte Gaunt Houſe, und figurirte einige Zeit an dem glänzenden Hofe des Prinzen von Wales. For hatte Toaſte auf ſie ausgebracht. Morris und Sheridan hatten ſie in Gedichten gefeiert. Malmsburh hatte ihr ſeine beſte Verbeugung gemacht; Walpole hatte ſie für bezaubernd erklärt; Devonſhire war faſt eiferſüch⸗ tig auf ſie geweſen; allein ſie wurde durch die wilden Vergnügungen und Luſtbarkeiten der Geſellſchaft, in die ſie geſchleudert worden war, verſcheucht, und zog ſich, nachdem ſie zwei Soͤhne geboren, ganz von der Welt zu⸗ rück, um ein frommes Leben zu führen. Es iſt daher auch kein Wunder, wenn my Lord 283 Stehne, dem Nichts über die Freuden und Luſtbarkeiten dieſer Welt ging, nach ihrer Heirath nicht ſehr oft an der Seite dieſer zitternden, ſchweigſamen, abergläubiſchen, un⸗ glücklichen Dame geſehen wurde. Der ſchon erwähnte Tom Eaves *) (der mit vorlie⸗ gender Geſchichte nur in ſofern verwoben iſt, als er alle vornehmen Leute in London, ſowie die Geſchichte und Myſterien jeder Familie kannte) hatte über my Lady Steyne noch Anderes erfahren, das wahr oder unwahr ſein mag. „Die Demüthigungen,“ pflegte Tom zu ſagen, „denen ſich dieſe Frau in ihrem eigenen Hauſe ausgeſetzt geſehen hat, ſind entſetzlicher Art geweſen; Lord Stehne hat ſie genöthigt, ſich mit Frauenzimmern an einen Tiſch zu ſetzen, mit denen Mrs. Eaves nicht zuſammen kommen dürfte, und wenn es mir auch das Leben koſten ſollte — mit Lady Crackenbury, mit Mrs. Chippenham, mit Madame de la Cruchecassée, der Frau des franzöſiſchen Geſandt⸗ ſchafts⸗Sekretärs,“ (von welchen Damen allen Tom Eaves, — der ſeine Frau umgebracht haben würde, wenn ſie dieſelben gekannt hätte — nur zu gern ein Diner annahm, oder ſich einen Knicks machen ließ), „kurz mit der re⸗ gierenden Favorite. Und glauben Sie denn, daß dieſe Frau, von dieſer Familie, die ſo ſtolz iſt, wie die Bourbonen, und gegen welche die Steynes nur Lakaien, nur Glückspilze von geſtern ſind (denn ſie gehoͤren, genau betrachtet, nicht dem Hauſe der alten Gaunts, ſondern einem jüngeren und zweifelhaften Zweige ves Hauſes an); glauben Sie denn, ſage ich“ (der Leſer muß ſich geneig⸗ keſt erinnern, daß immer Tom Eaves ſpricht), „daß die Marquiſin von Steyne, das hochmüthigſte Frauen⸗ zimmer in ganz England, ſich gegen ihren Mann ſo un⸗ terwürfig und unterthänig zeigen würde, wenn nicht irgend ein Grund vorhanden wäre? Bah! Ich ſage Ihnen, es ſind geheime Gründe vorhanden. Ich ſage Ihnen, *) Etwa gleichbedeutend mit: Horcher, Anfpaſſer. 284 daß zur Zeit der Emigration der Abbé de la Marche der hier war, und nebſt Puiſaye und Tinteniac bei der Affaire von Quiberon verwundet wurde, der nämliche Oberſt der Mousquetaires Gris war, mit dem Steyne im Jahre ſechs und achtzig ſich ſchlug, daß er und die Marquiſin wieder mit einander zuſammenkamen; daß Lady Steyne erſt, ſeitdem der Ehrwürdige Oberſt in der Bre⸗ tagne erſchoſſen worden, ihre ganze Zuflucht zu dem Him⸗ mel genommen hat; denn ſie ſchließt ſich täglich mit ihrem Gewiſſensrath ein — iſt jeden Morgen in der Meſſe in Spaniſh Place zu ſehen, ich habe ſie dort beobachtet — das heißt, ich bin zufällig dort vorübergegangen — und Sie können ſich darauf verlaſſen, daß hier nicht Alles lauter iſt. Die Menſchen find nicht ſo unglücklich, wenn ſie nicht Etwas zu bereuen haben,“ ſetzte Tom Eaves mit einem ſchlauen Kopfſchütteln hinzu; „und verlaſſen Sie ſich darauf, dieſes Weib würde ſich nicht ſo unter⸗ würfig zeigen, wenn der Marquis nicht ein Schwert hätte, das er über ihrem Haupte hält.“ Iſt alſo Herr Eaves gut unterrichtet, ſo iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe Dame in ihrer hohen Stellung ſich in ihrem Hauſe gar manche Beſchimpfung gefallen laſſen, und manchen geheimen Kummer unter einem ruhi⸗ gen Geſichte verbergen mußte. Und tröſten wir uns, meine Brüder, deren Namen nicht im rothen Buche ſtehen, — tröſten wir uns mit dem angenehmen Gedanken, daß Leute, die in Beziehung auf Geburt und Reichthum uns voran⸗ gehen, unendlich unglücklich ſein können, und daß dem Damokles, der auf Atlaß⸗Kiſſen ſitzt, und deſſen Service von purem Golde iſt, in der Geſtalt eines Bailiffs, oder einer erblichen Krankheit, oder eines Familiengeheimniſſes ein furchtbares Schwert über dem Kopfe hängt, das von Zeit zu Zeit in geſpenſterhafter Weiſe aus der geſtickten Tapete hervorguckt, und gewiß früher oder ſpäter einmal auf die rechte Stelle herabfallen wird. Auch finden wir, wenn wir die Lage des Armen mit 285 der des Großen vergleichen (ich berichte immer die An⸗ ſicht des Herrn Eaves), eine andere große Quelle des Troſtes für den Erſteren. Du, der Du wenig oder kein Vermögen zu vermachen oder zu erben haſt, kannſt mit Deinem Vater oder Deinem Sohne im Frieden leben, während der Erbe eines großen Fürſten, wie zum Beiſpiel my Lord Steyne einer iſt, natürlich darüber böſe ſein muß, daß er noch nicht an der Regierung iſt; und es läßt ſich leicht denken, daß derſelbe den Inhaber nicht mit einem gar freundlichen Auge betrachtet. „Sie dürfen im Allgemeinen annehmen,“ pflegte die⸗ ſer ſardoniſche alte Eaves zu ſagen, „daß die Väter und die älteſten Soͤhne in allen großen Familien einander haſſen. Der Kronprinz befindet ſich ſtets auf der Oppoſitionsſeite, oder ſtrebt nach der Krone. Shakſpeare kannte die Welt wohl, mein lieber Herr, und wenn er beſchreibt, wie Prinz Heinz (von dem die Gaunts abſtammen wollen, obgleich ſie John von Gaunt ſo wenig angeht, wie Sie) die Krone ſeines Vaters aufſetzt, ſo ſchildert er ganz naturgetreu alle Thronerben. Oder wollen Sie mir vielleicht weiß machen, daß Ihnen, wenn Sie ein Herzogthum, ſowie ein Einkommen von tauſend Pfund per Tag zu erben hätten, der Beſitz nicht erwünſcht wäre? Bahl Und es läßt ſich nicht anders denken, als daß jeder Große, der einſt dieſes Gefühl gegen ſeinen eigenen Vater hegte, ſich in Betreff der Gefühle ſeines Sohnes keinen Augenblick täu⸗ ſchen kann; und ſo müſſen ſie denn einander beſtändig im peh haben, und feindſelig gegen einander geſinnt ein. „Nun kommen wir erſt noch an die Gefühle, welche die älteren gegen die jüngeren Söhne hegen. Mein lieber Herr, Sie müſſen wiſſen, daß jeder ältere Bruder die jüngeren Sohne des Hauſes als ſeine Feinde anſieht, die ihm ſo viel baares Geld entziehen, das er nebenbei anzu⸗ ſprechen hat. Ich habe George Mae Turk, Lord Baja⸗ zet's älteſten Sohn, oft ſagen hoͤren, daß, wenn er unum⸗ — — ſchränkt zu gebieten hätte, er, bei ſeinem Regierungsantritte, es gerade ſo, wie die Sultane machen, und das Familien⸗ gut von allen Verbindlichkeiten dadurch befreien würde, daß er allen ſeinen jüngeren Brüdern auf einmal die Köpſe abſchlagen ließe; und ſo verhält es ſich, mehr oder weniger, bei ihnen allen. Ich ſage Ihnen, in ihrem Her⸗ zen ₰ ſie lauter Türken. Bah! Sir, ſie kennen die Welt.“ Uund da hier zufällig ein großer Herr vorbeikam, ſo flog Tom Eaves' Hut alsbald von ſeinem Kopfe herab, und es rannte mein Berichterſtatter mit einer Verbeugung und einem Grinſen auf ihn zu, woraus zu erſehen war, vaß auch er die Welt kannte — das heißt, in der Tom Eaves'ſchen Weiſe. Und da Tom jeden Shilling ſeines Vermögens gegen eine Leibrente weggegeben hatte, ſo konnte er ſeine Neffen und Nichten gar wohl lieben, und ſo war es ihm auch recht wohl möglich, in Beziehung auf Leute, die über ihm ſtanden, keinem anderen Gefühle Raum zu geben, als einem ſteten und großmüthigen Wunſche, bei ihnen zu ſpeiſen. Zwiſchen die Marquifin und ihre natürliche Mutter⸗ liebe ſtellte ſich, als grauſame Scheidewand, die Glau⸗ bensverſchiedenheit. Die Liebe, die ſie zu ihren Söhnen fühlte, diente dazu, die ſchüchterne und fromme Dame nur noch furchtſamer und unglücklicher zu machen. Der Abgrund, der ſie von ihren Kindern trennte, war ein verhängnißvoller und unüberſteiglicher. Sie konnte ihre ſchwachen Arme nicht über denſelben hinüberſtrecken, und ſie konnte ihre Kinder nicht auf die Seite herüberziehen, auf der allein das Heil war, wie ihr ihr Glaube ſagte. Während der Jugendzeit ſeiner Soöhne kannte Lord Steyne, der ſehr ſchöne Kenntniſſe hatte, und ein tüchtiger Caſuiſt war, wenn die Familie ſich auf dem Lande auf⸗ hielt, Abends nach dem Eſſen kein größeres Vergnügen, als beim Wein den Erzieher der Knaben, den Ehrwürdi⸗ gen Herrn Trail (jetzt Lord Biſchof von Caling) auf Pater —— 287 Molé, den Beichtvater ihrer Ladyſhip, zu hetzen, und Orford gegen St. Acheul in den Kampf zu führen. Er pflegte abwechſelnd „Bravo, Latimer!“ und „Gut geſpro⸗ chen, Loyola“ zu rufen; er verſprach Molé die Biſchofs⸗ würde, wenn er übertreten würde, und betheuerte, daß er allen ſeinen Einfluß aufbieten wollte, um Trail zu einem Cardinalshut zu verhelfen, wenn er ſich entſchließen könnte, ſeiner Kirche abtrünnig zu werden. Keiner von den bei⸗ den Geiſtlichen wollte ſich überwunden gebenz und ob⸗ gleich die Mutter in ihrer Zärtlichkeit der Hoffnung lebte, daß es ihr noch gelingen würde, ihren jüngſten und Lieb⸗ lingsſohn zu ihrer Kirche, — ſeiner Mutterkirche — her⸗ überzuziehen, ſo mußte doch die fromme Dame eine traurige, furchtbare Erfahrung machen, — eine Erfahrung, die ein Gericht Gottes wegen der Sünde ihrer Ehe zu ſein ſchien. My Lord Gaunt heirathete, wie Jedem, der mit dem hohen Adel umgeht, bekannt ſein muß, Lady Blanche Thiſtlewvod, eine Tochter des edlen Bareacres'ſchen Hau⸗ ſes, von dem in dieſer wahrhaften Geſchichte ſchon früher die Rede geweſen iſt. Es wurde dem neuvermählten Paare ein Flügel in Gaunt Houſe angewieſen; denn das Haupt der Familie wollte daſſelbe gleichfalls beherrſchen, und konnte ſich überhaupt nicht an den Gedanken gewöh⸗ nen, mit Jemand ſeine Macht zu theilen — der Sohn und Erbe des Hauſes aber liebte das häusliche Leben nicht, hatte ſtets Streit mit ſeiner Frau, und borgte auf Poſtobits ſo viel Geld, als er über die ſehr mäßige Summe hinaus brauchte, die ihm von ſeinem Vater aus⸗ geſetzt war. Der Marquis kannte die Schulden ſeines Sohnes bei Heller und Pfennig. Bei ſeinem vielbe⸗ dauerten Ableben fand es ſich, daß er ſelbſt im Beſitze vieler Schuldſcheine ſeines Sohnes war, die ſeine Lord⸗ ſchaft aufgekauft, und für die Kinder ſeines jüngeren Sohnes, als Erbe, beſtimmt hatte. Da Lady Gaunt, zu my Lord Gaunt's Schrecken, und zum innerlichen Vergnügen ſeines natürlichen Feindes und Vaters, keine Kinder hatte, ſo erging an Lord George Gaunt die Aufforderung, von Wien, wo er ſich mit Walzen und Diplomatie beſchäftigte, nach England zurückzukehren, und mit der ehrenwerthen Jvan, einziger Tochter von John Jones, erſtem Baron von Helvellyn, und Haupt der Firma Jones, Brown, und Robinſon, Bankiers in Thread⸗ needle Street, einen Ehebund einzugehen; aus welcher Verbindung mehrere Söhne und Töchter entſproſſen, deren Thun und Laſſen aber nicht in unſere Geſchichte gehoͤrt. Die Ehe war Anfangs recht glücklich. My Lord George Gaunt konnte nicht allein leſen, ſondern auch ziemlich correct ſchreiben. Er ſprach das Franzöſiſche mit vieler Geläufigkeit, und war einer der beſten Walzertänzer in ganz Curopa. Bei ſolchen Talenten und dem großen Einfluſſe ſeiner Familie konnte es nicht fehlen, daß ſeine Lordſchaft ſich früher oder ſpäter zu den hoͤchſten Würden in ſeinem Berufe aufſchwang. Die Lady, ſeine Frau, fühlte, daß die Höfe ihre Sphäre ſeien; und ihr Reich⸗ thum ſetzte ſie in den Stand, in denjenigen Städten des Continents, wohin ihr Mann durch ſeine diplomatiſchen Pflichten geführt wurde, ein überaus glänzendes Haus zu machen. Es hieß ſchon, daß er Geſchäftsträger werden würde, und im Travellers' Club wettete man, daß er in Kurzem zum Geſandten avanciren würde, als mit einem Male Gerüchte über das außerordentliche Benehmen des Geſandtſchafts⸗Sekretärs bis nach England drangen. Bei einem großen diplomatiſchen Diner, das ſein Geſandter gegeben, war er plötzlich aufgeſprungen und hatte erklärt, daß ein päté de foie gras vergiftet wäre. Auf einem Balle im Hotel des bayeriſchen Geſandten, Grafen von Springbock⸗Hohenlaufen hatte er ſich mit geſchorenem Haupte und in einer Kapuzinerkutte eingefunden. Es war kein Maskenball, wie gewiſſe Leute zu behaupten verſuch⸗ ten. Man flüſterte ſich zu, daß die Sache etwas ſonderbar 289 wäre. Sein Großvater ſei auch ein Sonderling gewe⸗ ſen; es ſei in der Familie. Seine Frau kehrte mit ihren Kindern nach England zurück, und wählte Gaunt Houſe zu ihrem Wohnſitze. Lord George gab ſeinen Poſten auf dem europäiſchen Continent auf, und ſollte, wie der Staatsanzeiger berich⸗ tete, nach Braſilien als Geſandter gehen. Allein man wußte es beſſer; er kehrte von dieſer Expedition nach Bra⸗ ſilien nicht mehr zurück — er ſtarb auch nicht in Bra⸗ ſilien — noch hielt er ſich dort auf, — noch war er überhaupt dahingekommen. Er war nirgends: er war ganz und gar verſchwunden. „Braſilien,“ ſagte ein Klatſch⸗ maul grinſend zum andern — „Braſilien iſt St. John's Wood. Rio Janeiro iſt ein von vier Mauern umgebener Landſitz; und George Gaunt iſt bei einem Hüter beglau⸗ der ihn mit dem Orden der Zwangsjacke beehrt at.“ Solcher Art ſind die Grabſchriften, womit auf dem Jahrmarkte des Lebens die Menſchen einander beehren. Zwei bis drei Mal in der Woche beſuchte, in den früheſten Morgenſtunden, die arme Mutter, zur Strafe ihrer Sünden, den armen Kranken. Bisweilen lachte er ſie aus (und ſein Gelächter war mitleiderregender, als ſein Weinen); bisweilen traf ſie den glänzenden diplomatiſchen Dandy des Wiener Congreſſes, wie er ein Kinderſpielzeug auf dem Boden herumzog, oder wie er eine Puppe, welche dem Kinde ſeines Wärters gehörte, liebkoste und pflegte. Bisweilen erkannte er ſie, ſowie Pater Molé, ihren Gewiſſensrath und Begleiter; noch öfter aber vergaß er ſie, wie er Weib, Kinder, Liebe, Ehrgeiz, Eitelkeit ver⸗ geſſen hatte. Er erinnerte ſich jedoch ſeiner Eßſtunde, und pflegte zu weinen, wenn ſein mit Waſſer vermiſchter Wein nicht ſtark genug war. Es war die myſteriöſe Familienkrankheit: die arme Mutter hatte ſie aus ihrem alten Geſchlechte in das der Der Jahrmarkt des Lebens. UMI. 19 290 Gaunts herüber verpflanzt. Das Uebel war in der Familie ihres Vaters ein Paar Male zum Ausbruch gekommen,, lange vor den Sünden der Lady Steyne, und lange ehe ſie durch Faſten, Thränen, Kaſteiungen und Bußübungen jeder Art dieſelben zu ſühnen unternommen hatte. Der Stolz ihres Geſchlechtes war, wie die Erſtgebornen Pha⸗ rao's, durch die Hand Gottes geſchlagen. Das düſtere Zeichen des Gerichts und des Fatums war auf der Schwelle — auf der hohen, alten, von Kronen und heraldiſchem Schnitzwerke überragten Schwelle. Unterdeſſen plauderten die Kinder des abweſenden Lords, und wuchſen heran, ohne zu wiſſen, daß auch ſie dem Gerichte verfallen waren. Zuerſt ſprachen ſie von ihrem Vater, und erſannen Pläne, um ſeine Rückkehr un⸗ möglich zu machen. Dann kam der Name des Lebendig⸗ Todten minder häuſig auf ihre Lippen — und am Ende wurde er gar nicht mehr erwähnt. Allein die tiefgebeugte alte Großmutter erzitterte bei dem Gedanken, daß auch dieſe die Schande ihres Vaters, ſo gut wie ſeine Ehren, geerbt: und erwartete in Angſt den Tag, wo der furcht⸗ bare, auf ihrem Hauſe laſtende Fluch auch auf ſie fallen würde. Dieſe dunkle Vorahnung ließ auch Lord Steyne keine Ruhe. Er ſuchte das furchtbare, um ſein Bett ſpukende Geſpenſt in einem rothen Meere von Wein und Luſtbar⸗ keiten zu verſenken, und verlor es zuweilen auch in der Menge und bei ſeinen rauſchenden Vergnügungen aus den Augen. Allein ſtets ſuchte es ihn wieder auf, wenn er allein war, und ſchien mit jedem Jahre eine drohendere Haltung anzunehwen. „Ich habe Deinen Sohn genommen,“ ſagte es; „warum ſoll ich nicht auch Dich nehmen? Ich kann Dich noch in einen Kerker führen, und dort hinter Schloß und Riegel verwahren, wie Deinen Sohn George. Ich kann Dich morgen auf den Kopf treffen, und dahin find dann Freuden und Ehren, Feſte und Schoͤnheit, Freunde, — 291 Schmeichler, franzöſiſche Köche, ſchöne Pferde, und ſchöne Häuſer, — und Du bekommſt dafür einen Kerker, einen Hüter, und eine Strohmatratze, wie George Gaunt.“ Und dann forderte my Lord den drohenden Geiſt her⸗ aus; denn er kannte ein Mittel, wodurch es in ſeiner Macht ſtand, ſeinen Feind zu hintergehen. So war alſo Glanz und Reichthum, aber vielleicht keine große Glückſeligkeit hinter den hohen geſchnitzten Portalen von Gaunt Houſe mit ihren vom Rauche ge⸗ ſchwärzten Kronen und Chiffern. Die Feſte, die dort gegeben wurden, gehörten zu den grandioſeſten in London; allein man war dabei nie ſehr fröhlich, wenn man die Gäſte abrechnet, die an my Lords Tiſche ſaßen. Wäre er nicht ein ſo großer Fürſt geweſen, ſo hätten ihn wohl nur ſehr Wenige beſucht; allein auf dem Markte des Lebens iſt man gegen die Sünden ſehr hoher Perſonen ſehr nachſichtig. „Nous regardons à deux fois“ (ſagt die franzöſiſche Dame), ehe wir eine Perſon von my Lords unbezweifeltem Adel verdammen.“ Es gab wohl einige notoriſche Krittler und difficile Moraliſten, die mit Lord Steyne unzufrieden waren; allein ſie ließen es ſich nie zwei Mal ſagen, wenn er ſie in ſein Haus einlud. „Lord Steyne treibt es doch gar zu arg,“ ſagte Lavh Slingſtone; „da aber- Jedermann hingeht, ſo kann ich natürlich nicht wegbleiben, und muß dafür Sorge tragen, daß meine Mädchen keinen Schaden nehmen.“ „Seine Lordſchaft iſt ein Mann, dem ich Viel, ja Alles im Leben verdanke,“ ſagte der Hochwürdige Dr. Trail, und dachte dabei, daß der Erzbiſchof etwas alters⸗ ſchwach werde; und Mrs. Trail, ſowie die jungen Ladies würden ebenſo gern die Kirche, als eine der Partien ſei⸗ ner Lordſchaft verſäumt haben. „Seine Sitten ſind nicht die beſten,“ ſagte der kleine Lord Southvown zu ſeiner Schweſter, die ihm ſanfte Vor⸗ ſtellungen machte, da ihre Mama ihr die Vorgänge in Gaunt Houſe mit den düſterſten Farben geſchildert hattez „allein der Henker hole es, er hat den beſten Sillery in Europa!“ Und was Sir Pitt Crawley, Bart., — Sir Pitt, jenes Muſter von Anſtand — Sir Pitt, der gewohnt ge⸗ weſen war, bei Miſſionsverſammlungen den Vorſitz zu füh⸗ ren, betraf, — ſo ließ er ſich keinen Augenblick einfallen, daß er nicht auch hingehen würde. An einen Ort, wo man Leute trifft, wie den Biſchof von Ealing und die Gräfin von Slingſtone, können wir gewiß voch auch gehen, Jane,“ pflegte der Baronet zu ſagen. „Der hohe Rang und Stand Lord Steyne's macht es ihm moöglich, Leuten, wie wir find, zu befehlen. Der Lord Lieutenant einer Grafſchaft, meine Theure, iſt ein achtbarer Mann. Auch ſtand ich in meiner Jugendzeit auf einem vertrauten Fuße mit George Gaunt; er kam im Range nach mir, als wir zu Pumpernickel zuſammen Atta⸗ chés waren.“ Mit einem Worte, Jedermann machte dem Großen der Welt ſeine Aufwartung — Jedermann, der geladen wurde: wie Du, verehrter Leſer (ſage nicht: nein), oder ich, der Schreiber dieſes, uns einfinden würden, wenn wir eine Einladung bekämen. 4 293 Achtundvierzigſtes Rapitel. Worin der Leſer in die allerbeſte Geſellſchaft eingeführt wird. Endlich ſollte Becky's Freundlichkeit und Aufmerkſam⸗ keit gegen das Haupt der Familie ihres Mannes eine außerordentlich große Belohnung erhalten: eine Belohnung, die, obwohl ſie allerdings etwas unſubſtantieller Art war, von dem kleinen Weibchen lebhafter erſehnt war, als po⸗ ſitivere Vortheile. Wollte ſie auch kein tugendhaftes Le⸗ ben führen, ſo wollte ſie doch im Rufe der Tugend ſtehen, und wir wiſſen, daß in der vornehmen Welt keine Dame dieſes Gutes theilhaftig wird, ſo lange ſie keine Schleppe und keine Federn trägt, und ſo lange ſie nicht ihrem Sou⸗ verän bei Hofe vorgeſtellt worden iſt. Iſt ſie aber einmal dieſer hohen Perſon vorgeſtellt worden, ſo iſt ſie unfehl⸗ bar zu einer ehrbaren Frau geſtempelt. Der Lord Kam⸗ merherr gibt ihr ein Tugendzeugniß. Und gleich wie ver⸗ dächtige Waaren oder Briefe in der Quarantäne durch einen mit aromatiſchem Eſſig beſprengten Ofen gehen müſſen, bevor ſie für rein erklärt werden, ebenſo macht auch manche Dame, deren Reputativn ſonſt zweifelhaft wäre, und an⸗ ſtieckend wirken könnte, die heilſame Ordalie der Vorſtel⸗ lung bei Hofe durch, und geht aus derſelben ganz makel⸗ los hervor. Wohl mochten my Lady Bareaeres, my Lady Tufto, Mrs. Bute Crawley auf dem Lande, und noch andere Damen, die mit Mrs. Rawdon Crawley in Berührung gekommen waren, ſich darüber hoͤchſt indignirt zeigen, daß die vdiöſe kleine Abenteurerin ihren Knicks vor dem Sou⸗ verän gemacht, und erklären, daß, wenn die liebe, gute Königin Charlotte noch am Leben geweſen wäre, ſie einer 294 Perſon von ſo durchaus tadelhaftem und unanſtändigem Lebenswandel nimmermehr den Zutritt in ihren keuſchen Salon geſtattet haben würde. Wenn wir aber auf der andern Seite bedenken, daß es der erſte Gentleman in Europa war, in deſſen hoher Gegenwart Mrs. Rawdon ihr Eramen machte, und gleichſam in der Reputation gra⸗ vuirte, ſo iſt es gewiß offene Unloyalität, noch länger an ihrer Tugend zu zweifeln. Was mich betrifft, ſo blicke ich mit Liebe und Ehr⸗ furcht auf dieſen großen, hiſtoriſchen Charakter zurück. Ah, welch' hoher Maßſtab mußte auf dem Markte des Lebens bei der Würdigung eines Gentleman angelegt wer⸗ den, wenn jenes hochverehrte, erhabene Weſen, unter all⸗ gemeiner Zuſtimmung des gebildeten Theils unſers Lan⸗ des, mit dem Titel eines Premier Gentilhomme ſeines Reiches belegt wurde. Erinnerſt Du Dich noch, mein lieber M—, o Freund meiner Jugend, wie an einem ſeligen Abende vor fünf und zwanzig Jahren, als, unter der Direction Elliſton's, der „Heuchler“ geſpielt wurde, wobei Dowton und Liſton auftraten, zwei Knaben von ihren loyalen Lehrern vie Erlaubniß erhielten, die Slaugh⸗ ter⸗Houſe⸗Schule, wo ſie erzogen wurden, zu verlaſſen, und auf der Bühne von Drury Lane unter einer Menge zu erſcheinen, die ſich dort verſammelt hatte, um den König zu begrüßen. Der König? Da war er. Leibwächter ſtanden vor der Loge des Monarchen; der Marquis von Steyne (Lord des Puder⸗Cabinets), und andere hohe Staatsbe⸗ amte ſtanden hinter dem Stuhle, auf dem er ſaß. Er ſaß da mit blühendem Geſichte und mit Orden überdeckt: ſeine Geſtalt war ſtattlich und ſein Haar reich und lockig. Wie ſangen wir va: God save the king! Wie hallte es in dem Hauſe von dieſer herrlichen Muſik, und wie erzitterte es davon! Wie rief man Vivat, und wie ſchrie man, und wie wehte man mit den Taſchentüchern! Da⸗ men weinten: Miütter drückten ihre Kinder an ſich und 4₰ —— ₰ ——————— „ — 295 küßten ſie: einige wurden ohnmächtig, — ſo groß war die Aufregung, die ſich ihrer bemächtigt hatte. Im Par⸗ terre erſtickten Menſchen, und ein furchtbares Gekreiſche und Geächze ſtieg aus der dort zuſammen gepreßten und ju⸗ belnden Maſſe ſeines Volkes empor, das bereit war, und in der That ſich faſt bereit zeigte, für ihn zu ſterben. Ja, wir ſahen ihn. Das kann uns vas Schickſal nicht rauben. Andere haben Napoleon geſehen. Auch gibt es noch einige Wenige, ſo Friederich den Großen, Dr. Johnſon, Marie Antoinette u. ſ. w. geſehen haben — begnügen wir uns, gegen unſere Kinder mit Recht uns rühmen zu können, daß wir George, den Guten, den Herrlichen, den Großen geſehen haben. Es kam alſo in Mrs. Rawdon Crawley's Exiſtenz ein glücklicher Tag, wo dieſer Engel in das ſo heiß er⸗ ſehnte Paravies eines Hoſes eingelaſſen wurde; als Pa⸗ thin fungirte dabei ihre Schwägerin. Am beſtimmten Tage fuhren Sir Pitt und ſeine Gattin in ihrem großen Familienwagen (der eben erſt neu gebaut worden war, und worin der Baronet bei der Uebernahme des Amts eines Oberſheriffs ſeiner Grafſchaft erſcheinen wollte) an dem kleinen Hauſe in Curzon Street vor, zur großen Erbauung unſeres Freundes Raggles, der in ſeinem Gemüſeladen Wache ſtand, und im Wagen ſchöne Federn, ſowie die neuen Livreeröcke der Lakaien auf ver Bruſt mit ungeheuren Blumenſträußen geſchmückt ſah. Sir Pitt, der in einer ſchimmernden Uniform ſtak, ſtieg in Curzon Street aus, wobei er ſeinen Degen zwi⸗ ſchen die Beine bekam. Der kleine Rawdon ſtand am Fenſter des Parterre⸗Zimmers, und lächelte, und nickte aus Leibeskräften ſeiner Tante zu, die draußen im Wagen ſaß; und bald erſchien Sir Pitt wieder, und führte eine Dame am Arm, die einen weißen Shawl und große Fe⸗ dern trug, und eine Schleppe von prächtigem Brokat zier⸗ lich emporhob. Sie ſtieg in die Kutſche, als ob ſie eine Prinzeſſin, und ihr Lebenlang gewohnt geweſen wäre, zu 296 Hofe zu gehen: dabei lächelte ſie dem am Wagenſchlage ſtehenden Lakaien, ſowie Sir Pitt, der hinter ihr einſtieg, gnädig zu. Dann kam Rawdon in ſeiner alten Gardeuniform, welche der Zahn der Zeit jämerlich benagt hatte, und viel zu enge geworden war. Er ſollte nach dem urſprüng⸗ lichen Plane der Prozeſſion folgen, und ſeinem Souverän in einem gemietheten Cabriolet die Aufwartung machen; allein ſeine gutmüthige Schwägerin beſtand darauf, daß Alle mit einander gehen ſollten. Die Kutſche, ſagte ſie, ſei geräumig, die Damen nähmen nicht allzu vielen Raum ein, da ſie ihre Schleppen auf den Schooß nehmen könn⸗ ten: — und ſo kam es denn, daß die Vier brüderlich mit einander gingen. Bald ſchloß ſich ihr Wagen der Reihe loyaler Equi⸗ pagen an, welche, Piccadilly und St. James's Street hinab, dem alten backſteinernen Palaſte zufuhren, wo der Stern von Braunſchweig ſeines Adels und der Honora⸗ tioren des Landes harrte, um ſie zu empfangen. Unſerer Freundin Becky war es zu Muthe, als ob ſie von den Wagenfenſtern aus dem Volke ihren Segen geben könnte; ſo gehoben fühlte ſie ſich, ſo ſtark war bei ihr das Bewußtſein der würdevollen Stellung, die ſie im Leben endlich errungen. Selbſt unſere Becky hatte ihre Schwächen, und gleichwie man oft ſehen muß, wie ge⸗ wiſſe Menſchen ſich auf Vorzüge Etwas zu gute thun, welche Andere nicht bemerken können; wie z. B. Comus feſt glaubt, er ſei der großte Tragödienſpieler in England; wie Brown, der große Romanſchreiber, nicht als ein Mann von Genie, ſondern als ein Mode⸗Mann angeſehen werden will, während Robinſon, der große Juriſt, ſich nicht im Mindeſten um ſeinen Ruf in Weſtminſter⸗Hall kümmert, ſondern ſich für einen Reiter hält, dem es, Land auf Land ab, an Kühnheit Keiner zuvorthut, und für den es keine Hinderniſſe gibt — ſo war es Becky's — 3. 297 einziges Beſtreben, eine reſpectable Frau zu ſein, und für eine ſolche gehalten zu werden. Auch gelang es ihr, da ſie einen unvergleichlichen Eifer und ungemein viel Gewandtheit entwickelte, gar bald, ſich das Aeußere der vornehmen Welt anzueignen. Wir haben berichtet, wie es Zeiten gegeben, wo ſie ſich ſelbſt für eine vornehme Dame hielt, und⸗vergaß, daß ihre Kaſſe zu Hauſe leer war — daß ungeſtüme Gläu⸗ biger an der Thüre warteten, und daß ſie durch allerlei „Künſte und Schmeicheleien die Leute, ſo ihr borgten, zu beſchwichtigen ſuchen mußte — mit einem Worte, daß ſie keinen feſten Boden hatte, auf den ſie treten konnte. Und als ſie im Wagen — im Familienwagen — zu Hofe fuhr, nahm ſie ein ſo ſtolzes, ſelbſtzufriedenes, entſchiede⸗ nes, und impoſantes Weſen an, daß ſogar Lady Jane darüber lachen mußte. Sie trat in die Köͤniglichen Ap⸗ partements ſtolz, und warf den Kopf in einer Weiſe in die Höhe, daß ſich keine Kaiſerin hätte daran ſchämen dürfen. Auch zweifle ich gar nicht, daß ſie, wäre ſie wirklich eine ſolche geweſen, in dieſer Rolle Beifall ge⸗ ärntet haben würde. Wir ſind zu der Erklärung ermächtigt, daß Mrs. Rawdon Crawley's Costume de Cour am Tage, wo ſie ihrem Souverän vorgeſtellt wurde, überaus elegant und glänzend war. Wir mogen einige Damen geſehen haben, wir, die wir Sterne und Ordensbänder tragen, und uns bei den Aſſembléen in St. James' Palaſt ein⸗ finden, oder wir, die wir in kothbeſchmutzten Stiefeln Pall⸗Mall auf⸗ und abſchlendern, und in die Kutſchen hinein gucken, wenn dieſelben mit den vornehmen, in ihren Federn prangenden Leuten vorüberfahren — wir mögen, ſage ich, an einem Lever⸗Tage um zwei Uhr einige faſhio⸗ nable Damen geſehen haben, während die bebortete Jacken tragende Muſikbande der Leibgarde auf ihren ſich bäu⸗ menden Muſikſtühlen, ihren ſchneeweißen Schimmeln — die zu dieſer frühen Tageszeit keineswegs liebliche und anlockende Gegenſtände ſind, Triumphmärſche bläst. Eine wohlbeleibte Gräfin von ſechzig Jahren iſt, wenn ſie ſo dscolletée, bemalt, mit Runzeln im Geſichte, mit Schminke bis an vie welken Augenlider hinauf bedeckt, und in ihren aus ihrer Perrücke hervorfunkelnden Dia⸗ manten erſcheint, ein heilſames und erbauliches, aber keineswegs angenehmes Schauſpiel. Sie ſieht ſo verbli⸗ chen aus, wie am frühen Morgen eine Illumination der St. James's Street, wenn die ein Hälfte der Lampen verlöſcht iſt, und die übrigen nur noch einen ſchwachen Schein von ſich geben, gleich als ob ſie vor der Morgen⸗ vämmerung, wie Geiſter, vergehen wollten. Reize, wie die, ſo wir, wenn auch nur unvollkom⸗ men, erblicken, während der Wagen ihrer Ladyſhip vor⸗ über fährt, ſollten ſich nur bei Nacht ſehen laſſen. Wenn ſelbſt Cynthia an Nachmittagen, wie z. B. zuweilen während des jetzigen Winters, graß und verſtört ausſieht, während Phöbus ſie von der entgegengeſetzten Seite des Himmels aus anſtarrt, und aus der Faſſung bringt, — um wie viel mehr kann da die alte Lady Caſtlemouldy ſich ſehen laſſen, wenn die Sonne durch die Wagenfenſter hindurch ihr ganzes Geſicht beſcheint, und alle Riſſe und Sprünge zeigt, womit die Zeit doſſelbe markirt hat! Nein, die Levers ſollten ſtets im November Statt ſinden, oder auf den erſten nebeligen Tag angeſetzt werden: oder aber ſollten die ältlichen Sultaninnen unſeres Lebens⸗ marktes in dicht verhängten Sänften herbeifahren, in einem bedeckten Wege abſteigen, und unter dem Schutze des Lampenlichtes vor dem Souverän ihren Knicks machen. Unſere geliebte Rebekka brauchte indeſſen einen ſol⸗ chen freundſchaftlichen Lichtring nicht, um ihre Schönheit hervorzuheben. Noch konnte ihr Teint jeden Sonnenſchein ertragen; und ihr Anzug — obgleich jetzt jede Dame auf dem Lebensmarkte denſelben für den lächerlichſten und ungeheuerlichſten erklären würde, ſo man je getragen, — war in ihren Augen, ſowie auch, vor etwa fünf und —— — 6* —— * 299 zwanzig Jahren, in denen des Publikums ſo ſchön, wie das brillanteſte Coſtüm der berühmteſten Schönheit der jetzigen Saiſon. In ein Paar Dutzend Jahren wird auch dieſes modiſche Wunderwerk, mit allen früheren Eitelkei⸗ ten, dem Reich des Abgeſchmackten anheim gefallen ſein. Doch wir ſchweifen zu ſehr ab. Mrs. Rawdon's Anzug wurde alſo an dem ereig⸗ nißvollen Tage ihrer Vorſtellung für bezaubernd erklärt. Selbſt die gute kleine Lady Jane mußte dieß zugeben, als ſie ihre Verwandte anſah: auch konnte ſie nicht um⸗ hin, ſich zu ihrer großen Betrübniß zu geſtehen, daß ſie des Geſchmackes Mrs. Becky durchaus nach⸗ ehe. Sie wußte nicht, wie viel Sorgfalt, Nachdenken, und Genie Mrs. Rawdon auf dieſen Anzug verwenvet hatte. Rebekka hatte ſo viel Geſchmack, wie nur eine Modiſtin in Guropa, und wußte Alles unendlich geſchick⸗ ter anzugreifen, als Lady Jane. Die Augen der Letzteren fielen bald auf den prächtigen Brokat an Becky's Schleppe, ſowie auf die koſtbaren Spitzen an ihrem Kleide. Vecky ſagte, der Brokat ſei ein alter Ueberreſt; und was die Spitzen betreffe, ſo habe ſie dieſelben faſt um Nichts gekauft. Sie beſitze dieſelben ſchon ſeit hundert Jahren. „Meine liebe Mrs. Crawley, Ihre Spitzen müſſen ein kleines Vermögen gekoſtet haben,“ ſagte Lady Jane, auf ihre eigenen Spitzen, die bei Weitem nicht ſo gut waren, blickend. Sofort prüfte ſie die Qualität des alten Brokats, welcher das Material von Mrs. Rawdon's Hof⸗ kleid bildete, und fühlte große Luſt, zu ſagen, daß ſie ſo ſchoͤne Kleiver ſich nicht anſchaffen könne. Allein ſie that ſich einige Gewalt an, und lieh dieſen Gedanken, als von einem liebloſen Benehmen gegen ihre Verwandte zeugend, keine Worte. Und doch würde wohl ſelbſt der guten, gemüthlichen Lady Jane die Geduld ausgegangen ſein, wenn dieſelbe Alles gewußt hätte. Es verhielt ſich nämlich die Sache folgendermaßen. Zur Zeit, als Mrs. Rawdon Sir Pitt's Haus in Ordnung brachte, hatte ſie die Spitzen ſammt dem Bro⸗ kate in alten Kleiderſchränken gefunden. Dieſe Gegen⸗ ſtände hatten den früheren Damen des Crawley'ſchen Hauſes gehört, und Becky hatte ſie ganz ruhig mit nach Hauſe genommen, und für ihre eigene kleine Perſon zu⸗ recht gemacht. Die Briggs ſah es, wie ſie dieſelben nahm, ſtellte keine Fragen an ſie, und ſchwatzte nicht aus der Schule; indeſſen glaube ich, daß ſie in dieſem Stücke mit ihr vollkommen ſympathiſirte, und gerade ſo würde es manche andere ehrliche Frau machen. Und die Diamanten! — „Wo zum Henker haſt Du Deine Diamanten her, Becky?“ ſagte ihr Mann, der einige Juwelen bewunderte, welche er noch nie zuvor geſehen, und welche in großer Menge an ihren Ohren und an ihrem Halſe funkelten. Becky erröthete ein Bischen, und ſah ihm einen Au⸗ genblick feſt ins Geſicht. Auch Pitt Crawley erröthete ein Bischen, und ſah zum Wagenfenſter hinaus. Wir müſſen nämlich der Wahrheit gemäß ſagen, daß er ihr einen ſehr kleinen Theil der Brillanten gegeben hatte — ein hübſches Diamant⸗Schlößchen, das ein Per⸗ lenhalsband zuſammen hielt, ſo ſie trug; und der Baro⸗ net hatte es unterlaſſen, dieſen Umſtand ſeiner Dame mit⸗ zutheilen. Becky ſah ihren Mann, und ſodann Sir Pitt mit „ einer Miene trotzigen Triumphes an — gleich als wollte ſie ſagen: „Soll ich Sie verrathen?“ „Rath' einmal!“ ſagte ſie zu ihrem Manne. „Ei, ei, Du närriſcher Mann,“ fuhr ſie fort, „wo glaubſt Du, daß ich ſie herhabe — alle, das kleine Schloͤßchen aus⸗ genommen, das mir ein theurer Freund ſchon vor langer ——— — — — 301 Zeit verehrt hat. Ich habe ſie gemiethet, — es iſt nicht anders. Ich habe ſie von Herrn Polonius, in Coventry Street, gemiethet. Du wirſt doch nicht glauben, daß alle Diamanten, die ſich bei Hoſe ſehen laſſen, denen ge⸗ hören, ſo ſie tragen; wie die prächtigen Steine da, die Lady Jane hat, und die ganz gewiß weit ſchöner ſind, als die, ſo ich habe.“ „Es find Familienjuwelen,“ ſagte Sir Pitt, der aber⸗ mals verlegen ausſah. Und inmitten dieſer Familienunterhaltung rollte der Wagen die Straße hinab, bis er endlich an den Thoren des Palaſtes, in dem der Souverän ſein Lever hielt, ſeine Ladung niederſetzte. Die Diamanten, die Rawdon's Bewunderung erregt hatten, wanderten nie zu Herrn Polonius, von Coventrh Street, zurück, und es reklamirte auch der genannte Herr dieſelben nie; ſie zogen ſich aber in ein kleines geheimes Fach in einem alten Schreibepulte zurück das Amalie Sedley ihr vor vielen Jahren geſchenkt, und worin Becky manche nützliche und vielleicht werthvolle Dinge aufbe⸗ wahrte, von denen ihr Mann Nichts wußte. Nichts, oder wenig zu wiſſen, liegt in der Natur ge⸗ wiſſer Ehemänner. Etwas zu verbergen aber — in wie vieler Weiber Natur liegt das? O, Ihr Damen! Wie viele von Euch haben Rechnungen von Modiſtinnen, die der Mann nie zu ſehen bekommt? Wie viele von Euch haben Kleider und Bracelets, die ſie nicht zu zeigen wa⸗ gen, oder die ſie nur zitternd tragen? — Ja, zitterndz und dabei ſuchen ſie den an ihrer Seite ſitzenden Gatten durch ihr Lächeln in eine gute Stimmung zu verſetzen, — ihren Gatten, der das neue Sammtkleid nicht von dem alten, oder das neue Bracelet nicht von dem vorjährigen zu unterſcheiden vermag, oder der ſich nicht einfallen läßt, daß die zerlumpt ausſehende, gelbe Spitzenſchärpe vierzig Gui⸗ neen gekoſtet hat, und daß Madame Bohinot Woche um ₰ 302 Woche „Brummbriefe“ ſchreiben muß, um endlich zu ihrem Gelde zu kommen! Es wußte alſo Rawdon Nichts von den brillanten Diamant⸗Ohrringen, oder dem prächtigen Brillantſchmucke, der den weißen Buſen ſeiner Gattin zierte; allein Lord Steyne, der, als Lord des Puderkabinets, und als einer der Großwürdenträger und erſten Stützen des engliſchen Thrones, bei Hofe an ſeinem Platze ſtand, und mit allen ſeinen Sternen, Hoſenbandorden, Ordensketten, und Ordens⸗ bändern auf die kleine Frau zuging, und ihr ganz beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit bewies, wußte, woher die Juwelen kamen, und wer ſie bezahlt hatte, Als er ſich vor ihr verbeugte, lächelte er, und führte aus dem „Lockenraube“ die wohlbekannten und herrlichen Linien über Belinda's Diamanten an, „welche Juden küſ⸗ ſen und Ungläubige anbeten könnten.“ „Allein hoffentlich ſind Euer Lordſchaft orthodor,“ ſagte die ktrin Dame, den Kopf in die Höhe werfend. Und viele Damen rund umher flüſterten und ſpra⸗ chen, und viele Herren nickten und flüſterten, als ſie be⸗ merkten, wie viele Aufmerkſamkeit der große Edelmann der kleinen Abenteurerin bewies. Was zwiſchen Rebekka Crawley, née Sharp, und ihrem königlichen Herrn geſprochen wurde, ziemt einer ſo ſchwachen und unerfahrenen Feder, wie die meinige iſt, nicht, zu erzählen zu ſuchen. Die geblendeten Augen ſchlie⸗ ßen ſich vor dieſer magnifiken IJdee. Die loyale Ehrer⸗ bietung und der Anſtand machen ſelbſt der Phantaſie ein Gebot daraus, nicht allzu kühn und allzu ſcharf in dem geheiligten Audienzzimmer umherzuſehen, ſondern, unter tiefen Verbeugungen, ſich raſch, ſchweigend, und ehrerbietig aus der allerhoͤchſten Nähe zurückzuziehen. So viel aber können wir ſagen, daß nach dieſer Vor⸗ ſtellung in ganz London kein loyaleres Herz zu finden war, als das Becky's. Der Name des Königs ſchwebte ſtets auf ihren Lippen, und ſie erklärte ihn für den char⸗ — — ——— —— — — — ——— — 303 manteſten aller Männer. Sie ging zu Colnaghi, und be⸗ ſtellte das ſchönſte Portrait von ihm, das die Kunſt er⸗ zeugt, und der Credit verſchaffen konnte. Sie wählte das famoſe Bild, auf dem der beſte der Monarchen im Pelz⸗ rocke, mit kurzen Beinkleidern und ſeidenen Strümpfen dargeſtellt iſt, und, auf einem Sopha ſitzend, unter ſeiner braunen, lockigen Perrücke hervorlächelt. Sie ließ ihn auch auf eine Broſche malen, und trug dieſelbe — und in der That beluſtigte und quälte ſie ein wenig ihre Bekannten mit ihrem beſtändigen Gerede über ſeine Urbanität und Schön⸗ heit. Wer weiß? Vielleicht dachte das kleine Weibchen, ſie könnte noch einmal berufen ſein, die Rolle einer Main⸗ tenon oder einer Pompadour zu ſpielen. 3 Das Luſtigſte von Allem aber, nach ihrer Vorſtel⸗ lung bei Hofe, war, ſie Schlagworte, wie: Tugend, gute Sitte, Anſtand u. ſ. w., im Munde führen zu hören. Sie hatte einige weibliche Bekannte, die, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, auf dem Jahrmarkte des Lebens nicht eben des beſten Rufes genoßen. Nachdem aber Becky, um uns ſo auszudrücken, eine ehrliche Frau geworden war, wollte ſie mit dieſen Damen von etwas zweiveutigem Rufe nicht länger umgehen, und ignorirte Lady Crackenbury, wenn dieſe ihr von ihrer Opernloge aus zunickte; und fuhr im Rondell an Mrs. Waſhington White vorüber, ohne ſie zu kennen. . „Man muß den Leuten zeigen, mein Lieber, daß man Etwas iſt,“ pflegte ſie zu ihrem Manne zu ſagen. „Man kann ſich nicht in der Gefellſchaft von zweideutigen Leuten ſehen laſſen. Ich bedaure Lady Crackenbury von ganzem Herzen; und Mrs. Waſhington White mag eine recht gut⸗ müthige Perſon ſein. Du kannſt wohl zu ihnen gehen, und mit ihnen ſpeiſen, da Du gern Deinen Aubber ſpielſt. Allein ich kann und mag mich nicht in ihrer Geſellſchaft zeigen; und Du wirſt ſo gut ſein, Smith zu ſagen, daß ich nicht zu Hauſe ſei, ſo oft eine von ihnen kommt.“ Becky's Coſtüm war in den Zeitungen im Detail be⸗ 304 ſchrieben: — Federn, Diamanten, Spitzen, Schnitt u. ſ. w., Nichts fehlte. Mrs. Crackenbury las den betreffenden Paragraphen in ziemlich bitterer Stimmung, und ſprach mit ihren Leuten über die Airs, die dieſes Frauenzimmer ſich gebe. Mrs. Bute Crawley und ihre jungen Damen auf dem Lande erhielten aus der Stadt ein Exemplar von der betreffenden Nummer der Morning⸗Poſt; und es machten dieſelben ihrer ehrlichen Indignation Luft. Wäreſt Du rothhaarig, grünäugig, und die Tochter einer franzoͤſiſchen Seiltänzerin geweſen,“ ſagte Mrs. Bute zu ihrem älteſten Mädchen (vas, im Gegentheil, ſehr braun, kurz, und ſtülpnaſig war), „ſo hätteſt Du gewiß auch prächtige Diamanten bekommen, und von Deiner Coufine, der Lady Jane, bei Hofe vorgeſtellt werden können. All⸗ ein Du biſt eben nur ein Frauenzimmer von guter Ge⸗ burt, mein armes theures Kind. Du haſt bloß das beſte Blut von England in den Adern, und nur gute Grund⸗ ſätze und Frömmigkeit als Heirathsgut. Ich ſelbſt, ob⸗ wohl ich dabei noch die Frau des jüngern Bruders eines Baronets bin, dachte nie daran, mich bei Hofe vorſtellen zu laſſen, — und auch andere Leute würden ſich ſo Et⸗ was nicht einfallen laſſen, wenn die gute Königin Char⸗ lotte noch am Leben wäre.“ Auf ſolche Weiſe tröſtete ſich die würdige Pfarrerin; und ihre Töchter ſeufzten, und ſtudirten den ganzen Abend in dem Adelsbuche. Einige Tage nach der beſprochenen Vorſtellung wurde der tugendhaften Beckh eine andere große, außerordent⸗ liche Ehre z. Theil. Lord Steyne's Wagen fuhr an Herr Rawdon Crawley's Thüre vor, und der Lakai, anſtatt die Fronte des Hauſes einzuſchlagen, wie er, nach ſeinem furchtbaren Klopfen zu ſchließen, im Sinne zu haben ſchien, hatte ein Einſehen, und gab bloß ein Paar Karten ab, — — 305 worauf die Namen der Marqulſin von Steyne und der Gräfin von Gaunt gravirt waren. Wären dieſe Stücke Kartenpapier prachtvolle Gemälde, oder wären hundert Ellen Mechelner Spitzen, doppelt ſo viele Guineen werth, darum gewickelt geweſen, ſo hätte Becky ſie nicht mit größerer Freude anſehen können. Man darf ſich darauf verlaſſen, daß ſie nicht zu unterſt in die Porzellan⸗Schale auf dem Solontiſche, wo Becky die Karten der Beſuchenden aufbewahrte, gelegt wurden. Du mein Gott! Du mein Gott! Wie ſank die Karte der armen Mrs. Waſhington White mit der der Lady Crackenbury, welche unſere kleine Freundin noch vor we⸗ nigen Monaten recht gern empfangen hatte, und worauf die närriſche kleine Creatur einſt ſich ziemlich viel zu gut that — Du mein Gott! Du mein Gott! ſage ich, wie bald ſanken, als dieſe großen Hofkarten erſchienen, jene aiſutu kleinen, vernachläßigten Teufel auf den Boden hina „Steyne! Bareaeres! Jones von Helvellyn! und Caerlyon von Camelot! Wir dürfen uns darauf verlaſſen, daß Becky mit der Briggs im Adelsbuche dieſe hohen Na⸗ men aufſchlug, und die edlen Geſchlechter durch alle Ver⸗ zweigungen des Stammbaumes hindurch verfolgte. Mylord Steyne kam einige Stunden darauf, und fand, als er ſich umſah, und nach ſeiner Gewohnheit Alles beobachtete, die Karten ſeiner Damen ſchon wie Trümpfe, ſo Becky zugefallen, aufgelegt, und grinste, wie dieſer alte Cyniker zu thun gewohnt war, ſo oft ihm eine naive Kundgebung menſchlicher Schwäche aufſtieß. Becky erſchien bald; ſo vft das liebe Kind ſeine Lord⸗ ſchaft erwartete, war ſie mit ihrer Toilette fertig, war ihr Haar in vollkommenſter Ordnung, waren ihr Taſchen⸗ tücher, ihre Schürzen, ihre Schärpen, ihre kleinen ſafſia⸗ nenen Pantoffeln, und der andere weibliche Tand geordnet, und ſaß ſie in ungekünſtelter und lieblicher Haltung da, Der Jahrmarkt des Lebens. m. 20 * 306 bereit, ihn zu empfangen: — wurde ſie aber überraſcht, ſo lag es ihr natürlich ob, in ihr Zimmer hinauf zu flie⸗ gen, ſich raſch im Spiegel zu begucken, und dann wieder herunter zu trippeln, um dem großen Pair ihre Aufwar⸗ tung zu machen. Bei ihrem Hereintreten ſah ſie, wie der Lord über ihre Porzellan⸗Schale hingrinste. Sie war entveckt, und erröthete ein wenig. „Ich danke Ihnen, Monſeigneur,“ ſagte ſie. „Sie ſehen, daß Ihre Damen hier geweſen ſind. Wie gut war es doch von ihnen! Ich konnte nicht früher kommen — ich war in der Küche und machte einen Pudding.“ „Ich weiß, daß Sie dort waren: ich habe Sie durch die Staketen hindurch geſehen, als mein Wagen vorfuhr,“ erwiederte der alte Herr. „Sie ſehen Alles,“ erwiederte ſie. „Hie und da Etwas, aber nicht das, meine hübſche Dame,“ ſagte er gutmüthig. „Sie närriſche, kleine Lüg⸗ nerin! Ich habe Sie in dem Zimmer über mir gehoͤrt, wo Sie ohne Zweifel ſich ein Bischen geſchminkt haben; Sie müſſen Mylady Gaunt, die einen ganz entſetzlichen Teint hat, von Ihrem Rouge geben; auch habe ich die Thüre des Schlafzimmers aufgehen hören, und darauf ſind Sie die Treppe herabgekommen.“ „Iſt es ein Verbrechen, wenn ich Alles aufbiete, um vor Ihnen ſo gut, wie möglich, auszuſehen?“ ant⸗ wortete Mrs. Rawdon in klagendem Tone, und rieb ſich die Wange mit ihrem Taſchentuche, um zu zeigen, daß von Schminke in dieſem Falle keine Rede ſein könne, ſondern daß das Erröthen eben ſo ächt, wie ihre Sitt⸗ ſamkeit ſei. Wer kann darüber ſtreiten? Ich weiß, daß es eine Schminke gibt, die ſich nicht mit einem Taſchentuche ab⸗ reiben läßt; ja, es gibt ſogar eine ſo gute, daß ſelbſt Thränen ſie nicht zu verwiſchen im Stande find. „Nun, nun,“ ſagte der alte Herr, die Viſitenkarte 30 ſeiner Frau in der Hand herumdrehend, „Sie wollen nun einmal um jeden Preis eine vornehme Dame werden. Sie plagen mich armen alten Mann zu Tode, um Sie in die Welt zu bringen. Sie können dort Ihren Platz nicht be⸗ haupten, Sie kleine Närrin. Sie haben kein Geld.“ „Sie werden uns eine Stelle verſchaffen,“ fiel Becky ſo raſch wie möglich ein. „Sie haben kein Geld, und wollen doch mit denjeni⸗ gen wetteifern, denen es daran nicht fehlt. Sie armes, kleines, irdenes Töpfchen, Sie wollen in der Geſellſchaft von großen kupfernen Keſſeln den Strom hinabſchwimmen. Die Frauen ſind eine wie die andere. Jede ſtrebt nach dem, was nicht werth iſt, daß man es beſitzt! Mein Gott! Ich habe geſtern mit dem Könige geſpeist, und wir haben Rüben und das Halsſtück von einem Hammel gehabt. Ein aus Kräutern beſtehendes Eſſen iſt gar oft beſſer, denn ein gemäſteter Ochſe. Sie wollen um jeden Preis Zutritt in Gaunt Houſe erhalten. Sie laſſen einem armen Kerl keine Ruhe, als bis Sie dort find. Es iſt aber dort nicht halb ſo nett, wie hier. Sie werden ſich bort langweilen, wie ich ſchon längſt. Meine Frau iſt ſo luſtig, wie Lady Macheth, und meine Tochter ſo fröhlich, wie Regan und Goneril. Ich getraue mir nicht in dem, was ſie mein Schlafzimmer heißen, zu ſchlafen. Das Bett iſt wie der Baldachin von Sct. Peter, und die Bilder er⸗ ſchrecken mich. Ich habe in einem Ankleidezimmer ein klei⸗ nes meſſingenes Bett, und eine kleine Haarmatratze, wie ein Anachoret. Ich bin ein Anachoret. Ho! ho! Nächſte Woche ſollen Sie zum Eſſen eingeladen werden. Und gare aux femmes, ſeien Sie auf Ihrer Hut, und ſuchen Sie Ihren Platz zu behaupten! Wie werden die Weiber Sie quälen!“ Dieß war eine ſehr lange Rede für einen Mann, der ſo wenige Worte machte, wie my Lord Stehne; auch war es nicht die erſte, die er an jenem Tage zu Becky's Vortheil preis gab. Die Briggs ſah von dem Arbeitstiſche auf, an wel⸗ chem ſie im anſtoßenden Zimmer ſaß, und ließ einen tiefen Seufzer entfahren, als ſie den großen Marquis mit ſolcher Geringſchätzung von ihrem Geſchlechte ſprechen t „Wenn Sie den abſcheulichen Schäferhund nicht aus dem Hauſe jagen,“ ſagte Lord Steyne, mit einem wilden Blicke, den er ihr über die Schulter weg zuwarf, „ſo laſſe ich ihn noch vergiften.“ „Ich gebe meinem Hunde ſtets von meinem eigenen Teller zu freſſen,“ ſagte Rebekka, boshaft lachend; und erſt nachdem ſie ſich einige Zeit an dem Aerger des Lords geweidet hatte, der die arme Briggs nicht ausſtehen konnte, weil ſie ſeine téte antétes mit der hübſchen Frau des Oberſten ſtörte, erbarmte ſich Mrs. Rawdon ihres Be⸗ wunderers, und befahl der Briggs, die ſie zu ſich herrief, das Kind ſpazieren zu führen, wobei ſie ſie auf das ſchöne Wetter aufmerkſam machte. „Ich kann ſie nicht fortſchicken,“ ſagte Becky nach einer kleinen Pauſe in einem recht traurigen Tone. Ihre Augen füllten ſich, während ſie ſo ſprach, mit Thränen, und ſie wendete den Kopf weg. „Sie ſind ihr vermuthlich ihren Lohn noch ſchuldig?“ ſagte der Pair. „Es iſt noch ſchlimmer,“ ſagte Becky, immer noch ihre Augen niederſchlagendz „ich habe ſie zu Grunde ge⸗ richtet.“ „Sie zu Grunde gerichtet? — Warum jagen Sie ſie dann nicht fort?“ fragte der Herr. „Das thun Männer,“ antwortete Becky bitter. „Die Frauen ſind nicht ſo ſchlecht, wie Ihr. Vergangenes Jahr, als wir auf unſere letzte Guinee reduzirt waren, hat ſie uns Alles gegeben. Sie ſoll mich nicht eher ver⸗ laſſen, als bis wir ſelbſt total zu Grunde gerichtet ſind, was nicht mehr lange anſtehen zu ſollen ſcheint, oder 309 bis ich ihr Alles bei Heller und Pfennig bezahlen kann.“ „Vermaledeit, wie viel iſt es?“ ſagte der Pair mit einem Fluche. Und Becky, die an ſein großes Vermogen dachte, nannte nicht allein die Summe, die ſie von Miß Briggs geborgt hatte, ſondern eine beinahe doppelt ſo hohe. Dieß veranlaßte den Lord Steyne, ſeinem Aerger durch einen andern kurzen und energiſchen Ausdruck Luft zu machen, worauf Rebekka den Kopf nur noch tiefer finken ließ, und bitterlich weinte. „Ich konnte mir nicht anders helfen. Es war mein letztes Rettungsmittel. Ich wage es meinem Manne nicht zu ſagen. Er würde mich umbringen, wenn ich ihm ſagte, was ich gethan habe. Ich habe es Jedermann, außer Ihnen, verheimlicht — und Sie haben mir mein Geheimniß abgedrungen. Ach, was ſoll ich thun, Lord Steyne? Ich bin recht, recht unglücklich!“ Lord Steyne wußte hierauf keine andere Antwort zu geben, als daß er den Zapfenſtreich des Teufels ſchlug, und an ſeinen Nägel kaute. Endlich führte er eiligſt den Hut nach ſeinem Kopfe, und ſtürzte aus dem Zimmer hinaus. Rebekka verließ ihre jämmerliche Attitude nicht früher, als bis die Thüre hinter ihm zuſchlug, und ſein Wagen fortrollte. Dann erhob ſie ſich, und der ſeltſamſte Aus⸗ druck fiegreicher Boshaftigkeit funkelte in ihren grünen Augen. Ein Paar Mal brach ſie in ein lautes Gelächter aus, während ſie bei ihrer Arbeit ſaß, ſodann ſetzte ſie ſich an das Pianoforte, und führte auf den Taſten eine Phantaſie aus, die ſo triumphirend ausfiel, daß die Leute vor dem Hauſe ſtehen blieben, um ihrer brillanten Muſik zu lauſchen. An jenem Abende langten aus Gaunt Houſe zwei Billets für das kleine Weibchen an: das eine enthielt eine Einladung von Lord und Lady Steyne zu einem Diner, das am nächſten Freitag in Gaunt Houſe Statt finden ſollte; im andern lag ein kleiner Fetzen grauen Papiers mit der Unterſchrift Lord Steyne's, und der Adreſſe von Meſſrs. Jones, Brown, und Robinſon, Lom⸗ bard Street. Rawdon hörte in der Nacht Becky ein Paar Mal achen. Es ſei bloß die Freude, daß ſie endlich in Gaunt Houſe erſcheinen, und den Damen daſelbſt vor das Ge⸗ ſicht treten könne, was ſie ſo amüſire, ſagte ſie. Allein die Sache verhielt ſich ein Bischen anders. Becky beſchäftigte ſich mit gar vielen andern Ge⸗ danken. Sie fragte ſich z. B., ob ſie der alten Briggs ihr Geld und den Abſchied geben ſolle. Sie fragte ſich, ob ſie Raggles dadurch in ein Staunen verſetzen ſolle, daß ſie ſeine Rechnung berichtige. Alles dieſes überlegte ſie ſo zu wiederholten Malen, während ihr Köpfchen auf dem Kiſſen lag, und ebenſo an dem darauf folgenden Tage, wo, nachdem Rawdon fortgegangen, um im Club ſeinen Morgenbeſuch zu machen, Mrs. Crawley (verſchleiert und in einem ganz beſchei⸗ denen Anzuge) in eine Miethkutſche ſtieg, und ſo ge⸗ ſchwind nur die Pferde laufen konnten, nach der City fuhr. Vor dem Hauſe der Herren Jones und Robinſon hielt der Wagen an, worauf ſie ausſtieg, und der am Se fitzenden Autorität ein Dokument über⸗ reichte. Die Autorität fragte ſie darauf, „wie ſie es nehmen wollte?“ Mit ſanfter Stimme ſagte ſie, „ſie wolle ein hundert und fünfzig Pfund in kleinen Noten, und das Uebrige in einer Note nehmen.“ Sodann fuhr ſie durch St. Paul's Church YPard, ließ daſelbſt anhalten, und kaufte für die Briggs das hübſcheſte ſchwarzſeidene Kleid, das um Geld zu haben 31¹ war, und das ſie mit einem Kuſſe und den freundlichſten Worten der einfachen alten Jungfrau überreichte. Hierauf ging ſie zu Herrn Raggles, erkundigte ſich in liebevoller Weiſe nach ſeinen Kindern, und gab ihm abſchläglich fünfzig Pfund. Ferner ging ſie zu dem Manne, der ſie bis daher mit Wagen und Pferden verſehen hatte, und beglückte ihn mit der gleichen Summe. „Und hoffentlich wird das eine Lection für Sie ſein, Spavin,“ ſagte ſie, „— und hoffentlich braucht beim nächſten Lever mein Schwager, Sir Pitt, nicht dadurch genirt zu werden, daß er vier von uns in ſeinen Wagen nimmt, und uns zu Hofe führt, weil mein Wagen nicht da iſt.“ Wie es ſcheint, ſo hatte es am letzten Lever⸗Tage eine kleine Differenz gegeben. Und ſo hätte damals der Oberſt um ein Kleines die Erniedrigung erlitten, in einem gemietheten Cabriolet vor ſeinem Souverän er⸗ ſcheinen zu müſſen. Nachdem Alles dieſes in Ordnung gebracht war, ging Becky ein wenig zu dem weiter oben erwähnten Pulte in ihrem Schlafzimmer hinauf, — zu dem Pulte, das Amalie Sedley ihr vor vielen Jahren geſchenkt hatte, und das viele nützliche und werthvolle kleine Gegenſtände enthielt. dieſes Privatmuſeum legte ſie die eine Note, ſo der Caſſier der Herren Jones und Robinſon ihr ge⸗ geben hatte. Meunundvierzigſtes Kapitel. Worin der Leſer mit drei Trachten und einem Deſſert bewirthet wird. Als die Damen von Gaunt Houſe an jenem Mor⸗ gen beim Frühſtücke ſaßen, erſchien Lord Steyne (der ſeine Chocolade auf ſeinem Zimmer trank, und die Frauen⸗ zimmer ſeines Hauſes ſelten ſtörte, oder überhaupt ſah, ausgenommen an öffentlichen Tagen, oder wenn ſie in der Vorhalle an einander vorüberkamen, oder wenn er ſie, von ſeiner Parterre⸗Loge in der Oper aus, in ihrer Loge auf der erſten Gallerie lorgnettirte) — ſeine Lordſchaft ſagen wir, erſchien bei den Damen und Kindern, die bei ihrem Thee und geröſteten Butterbrode ſaßen, und es erfolgte nun eine großartige Schlacht wegen Re⸗ bekka's. „My Lady Steyne,“ ſagte er, „ich möchte das Ver⸗ zeichniß der auf nächſten Freitag zu Ihrem Diner einge⸗ ladenen Perſonen ſehen; und Sie müſſen, wenn Sie die Güte haben wollen, eine Einladungskarte für Oberſt und Mrs. Crawley ſchreiben.“ „Blanche ſchreibt dieſelben,“ ſprach Lady Steyne ver⸗ wirrt. „Lady Gaunt ſchreibt dieſelben.“ „An die Perſon ſchreibe ich nicht,“ ſagte Lady Gaunt, eine hohe und ſtattliche Dame, die, nachdem ſie geſprochen hatte, einen Augenblick auf⸗ und dann wieder niederblickte. Es war für diejenigen, die Lord Steyne einmal be⸗ leidigt hatten, nicht gut, deſſen Augen zu begegnen. „Fort mit den Kindern! Fort!“ ſagte er, die Klingel⸗ ſchnur ziehend. Die armen Teufelchen, die ſich ſtets vor ihm ge⸗ 5 — 1 313 fürchtet hatten, entfernten ſich, und ihre Muiter war im Begriffe, ihnen zu folgen. „Sie gehen nicht,“ ſagte Lord Steyne. „Sie bleiben.“ „My Lady Steyne,“ fuhr er fort, „wollen Sie, ein für alle Mal, die Güte haben, an das Pult hinzugehen, und die Einladung zu Ihrem am nächſten Freitag Statt findenden Diner zu ſchreiben?“ „My Lord, ich werde mich nicht dabei einfinden,“ antwortete Lady Gaunt; „ich werde nach Hauſe gehen.“ „Ich wollte, Sie thäten, was Sie da ſagten, und blieben dort. Sie werden an den Bailiffs zu Bareacres eine recht angenehme Geſellſchaft finden, und ich bin dann der Nothwendigkeit überhoben, Ihren Verwandten Geld zu leihen, und Ihrer verdammten, aus der Tragödie entlehnten Airs quitt. Wer ſind Sie, daß Sie hier befehlen zu können glauben? Sie haben kein Geld. Sie haben keinen Kopf. Sie ſind hieher gerufen worden, um Kinver zu zeugen, und haben keine bekommen. Gaunt iſt Ihrer müde; und George's Frau iſt die einzige Perſon in der Familie, die nicht wünſcht, daß Sie im Grabe liegen möchten. Gaunt würde ſich wieder verheirathen, wenn Sie todt wären.“ „Ich wollte, ich wäre es,“ antwortete ihre Ladyſhip, mit Thränen der Wuth in den Augen. „Ja, ja, es ziemt Ihnen wohl, daß Sie ſich tugend⸗ haft ſtellen; während meine Frau, die, wie Jedermann weiß, eine fleckenloſe Heilige iſt, und in ihrem Leben ſich nie etwas Unrechtes hat zu Schulden kommen laſſen, Nichts dagegen einzuwenden hat, wenn ich meine junge Freundin, Mrs. Crawley, einlade. My Lady Steyne weiß, daß der Schein bisweilen gegen die beſten Frauen iſt; daß oft die unſchuldigſten unter denſelben verläumdet werden. Soll ich Ihnen, Madame, vielleicht einige Anek⸗ dötchen über my Lady Bareacres, Ihre Mama, erzählen?“ „Sie können mich ſchlagen, wenn Sie wollen, Sir, * oder irgend einen grauſamen Streich gegen mich führen,“ ſagte Lady Gaunt. Seine Frau und Schwiegertochter leiden zu ſehen, verſetzte ſeine Lordſchaft ſtets in gute Laune. „Meine holde Blanche,“ ſagte er, „ich bin ein Gent⸗ leman, und lege nie Hand an ein Frauenzimmer, es ſei denn, in freundlicher Weiſe. Ich will nur kleine Fehler, woran Ihr Charakter leidet, verbeſſern. Ihr Frauen ſeyd gar zu ſtolz, und es gebricht Euch leider an der nöthigen Demuth, wie Pater Molé my Lady Steyne gewiß ſagen würde, wenn er hier wäre. Ihr müſſet nicht ſo vornehm thun, müſſet Euch keine Airs geben, ſondern müſſet ſanft⸗ und demüthig ſein, Ihr Holdinnen. Was man auch Lady Steyne geſagt haben mag, — dieſe verläumdete, einfache, gutlaunige Mrs. Crawleh iſt durchaus unſchuldig, ſogar noch unſchuldiger, als ſie ſelbſt. Zwar genießt ihr Mann nicht eben des beſten Rufes; allein er iſt auf jeden Fall ſo gut, wie der Bareacres', der ein Bischen geſpielt, und nicht ſehr viel bezahlt hat; der Sie um das einzige Le⸗ gat, das Ihnen zufiel, betrogen, und Sie mir, als eine Beitlerin, an den Hals geworfen hat. Auch iſt Mrs. Crawley nicht von gar hoher Geburt; allein ſie iſt nicht ſchlechter, als Fanny's berühmter Ahn, der erſte de la Jones.“ „Das Geld aber, das ich in die Familie gebracht habe, Sir,“ rief Lady George — „Sie haben damit ein Rückfallsrecht erworben,“ ant⸗ wortete der Marquis finſter. „Stirbt Gaunt, ſo kann Ihr Mann zu ſeinen Ehren gelangen; Ihre kleinen Knaben können dieſelben erben, und wer weiß, was noch? Unter⸗ deſſen, Ladies, ſeien Sie außer dem Hauſe ſo ſtolz und⸗ tugendhaft, wie Sie wollenz nur geben Sie ſich keine Airs gegen mich. Was Mrs. Crawley's Ruf betrifft, ſo mag ich mir ebenſo wenig, als dieſem durchaus makel⸗ loſen und vorwurfsfreien Frauenzimmer dadurch Etwas vergeben, daß ich auch nur ſo weit gehe, um anzudeuten, 315 daß dieſer Ruf einer Vertheidigung bedürfe. Sie werden die Güte haben, dieſelbe mit der größten Herzlichkeit zu empfangen, wie Sie es überhaupt bei allen Perſonen halten werden, die ich in dieſes Haus bringe. Dieſes Haus?“ — fuhr er, in ein Gelächter ausbrechend fort. Wer iſt der Herr deſſelben? was iſt es? Dieſer Tempel der Tugend gehört mir. Und wenn ich auch ganz Newgate, oder ganz Bedlam hieher einlade, ſo ſollen doch dieſe Leute bei mir willkommen ſein, bei Gott!“ Nach dieſer kräftigen Anrede, — und Lord Steyne ließ es an ſolchen nie fehlen, ſo oft in ſeinem „Harem“ ſich Symptome der Inſubordination zeigten — hatten die gedemüthigten Frauen natürlich nichts Anderes mehr zu thun, als zu gehorchen. Lady Gaunt ſchrieb die von ſeiner Lordſchaft verlangte Einladung, und fuhr mit ihrer Schwiegermutter in eigener Perſon, und bitteren und gedemüthigten Herzens, nach Curzon Street, um im Hauſe der Mrs. Rawdon die Karten, deren Empfang dem eben genannten unſchuldigen Frauennimmer ſo viel Vergnügen verurſacht hatte, abzugeben. „Es gab in London Familien, die es ſich würden ein Jahreseinkommen haben koſten laſſen, um von dieſen hohen Damen einer ſolchen Ehre gewürdigt zu werden. So würde z. B. Mrs. Frederick Bullock von May Fair nach Lombard Street auf den Knien gerutſcht ſein, wenn Lady Steyne und Lady Gaunt in der City auf ſie ge⸗ wartet hätten, um ſie aufzuheben, und ihr zu ſagen: „Kommen Sie nächſten Freitag zu uns,“ — nicht zu einer der großen Quetſchpartien, und großen Bälle in Gaunt Houſe, wobei ſich Jedermann einfand, ſondern zu einem der geheiligten, unnahbaren, myſteriöſen, deliciöſen Diners, wobei erſcheinen zu dürfen, ein Privilegium, und eine Ehre, und das höchſte Glück war. Streng, makellos, und ſchön, ſtand Lady Gaunt auf dem Markte des Lebens in der vorderſten Reihe. Die ausgezeichnete Höflichkeit, womit Lord Steyne ſie behan⸗ delte, bezauberte Jeden, der Zeuge ſeines Benehmens war, und zwang die ſtrengſten Kritiker, einzuräumen, daß er ein vollkommener Gentleman ſei, und einzugeſtehen, daß ſeine Lordſchaft das Herz wenigſtens auf dem rechien Flecke ſitzen habe. — Die Ladies von Gaunt Houſe riefen Lady Barea⸗ cres zu Hülfe, um den gemeinſamen Feind aus dem Felde zu ſchlagen. Einer von Lady Gaunt's Wagen fuhr nach Hill Street, um ihrer Ladyſhip Mutter, deren Equipagen alle ſich in den Händen der Bailiffs befanden, und deren Ju⸗ welen und Garderobe ſogar, wie man ſagte, von den unerbittlichen Jsraeliten mit Beſchlag belegt worden waren, abzuholen. Auch Bareacres Caſtle befand ſich in den Händen der Juden mit allen ſeinen koſtbaren Gemälden, Möbeln, und Objets de Vertu — den herrlichen Van⸗ dyks; den ſchönen Reynold'ſchen Gemälden; den ſchönen und flitterhaften Lawrence'ſchen Porträts, die, vor dreißig Jahren, für ſo koſtbar, wie die Werke des wirklichen Ge⸗ nies galten; der unvergleichlichen tanzenden Nymphe von Canova, zu der Lady Bareacres in ihrer Jugend das Modell geliefert hatte, indem ſie dem Bildhauer bei ſeiner Arbeit ſaß; — Lady Bareacres, damals glänzend, unddurch Reichthum, Rang, und Schönheit ausgezeichnet — jetzt ein zahnloſes, kahlköpfiges altes Weib, ein bloßer Fetzen eines früheren Staatskleides. Ihr Lord, der zu derſelben Zeit von Lawrence ge⸗ malt worden war, und auf dem Porträt vor Bareacres Caſtle den Säbel ſchwenkt, und in ſeiner Uniform als Oberſt der Tiſtlewvod Yeomantrh ſteckt, war nun ein abge⸗ lebter, alter, dürrer Mann, der neben einer Brutus⸗ Perrücke einen Ueberrock trug; derſelbe ſchlich hauptſäch⸗ lich des Morgens in der Nähe von Grey's Inn herum, 317 und ſpeiste allein in den Clubhäuſern. Er ſaß jetzt nicht mehr gerne bei Steyne. Sie hatten in ihrer Jugendzeit mit einander im Jagen nach den Freuden dieſer Welt gewett⸗ eifert, und Bareacres war bei dieſen Wettrennen Sieger geblieben. Allein Steyne war ſtärker und muskulöſer, und hatte ihn überdauert. Der Marquis war jetzt ein zehn Mal größerer Mann, als der junge Lord Gaunt vom Jahre 1785; und Bareacres war jetzt auf der Rennbahn nirgends mehr zu ſehen — er war alt, geſchlagen, banke⸗ rott, und niedergebeugt. Er hatte von Steyne zu viel Geld entlehnt, um ein öfteres Zuſammentreffen mit ſeinem alten Kameraden angenehm und wünſchenswerth zu fin⸗ den. So oft Letzterer ſich einen Spaß machen wollte, pflegte er in höhniſchem Tone Lady Gaunt zu fragen, warum ihr Vater ſie nicht mehr beſuche? „Er läßt ſich nun ſchon ſeit vier Monaten nicht mehr blicken,“ pflegte Lord Steyne zu ſagen. „Mein Bankiersbuch zeigt mir ſpäter immer an, wann ich von Bareacres einen Beſuch erhalte. Wie gut iſt es doch, meine Damen, daß ich einen der Schwiegerbäter meiner Söhne zum Bankier habe, und daß ich der Bankier des andern bin!“ Von den übrigen vornehmen Perſonen, mit welchen Becky bei dieſem ihrem erſten Erſcheinen in der großen Welt die Ehre hatte, zuſammen zu treffen, ziemt es dem gegenwärtigen Geſchichtſchreiber nicht, Viel zu ſagen. Es hatte ſich dort Seine Ercellenz, der Fürſt von Peterwar⸗ dein, mit ſeiner Fürſtin eingefunden; es war ein feſt ge⸗ ſchnürter Edelmann mit großer, militäriſcher Bruſt, auf der ſein großer Ordensſtern ſich prächtig ausnahm; auch hatte derſelbe das rothe Band des goldenen Vließes um den Hals. Er war der Eigenthümer zahlloſer Schafherden. „Sehen Sie doch ſein Geſicht an. Er kann gewiß nur von einem Schafe abſtammen,“ flüſterte Becky Lord Steyne zu. Und wirklich hatte das lange, feierliche, und weiße Geſicht Seiner Ercellenz, mit dem Ordensbande um den 318 Hals, einige Aehnlichkeit mit dem eines ehrwürdigen, mit einer Glocke gezierten Leithammels. Sodann war Herr John Paul Jefferſon Jones, Titular⸗Attaché bei der amerikaniſchen Geſandtſchaft, und Correſpondent des „New⸗Yorker Demagogen“ da. Dieſer Herr fragte, um bei der Geſellſchaft ſich angenehm zu machen, als in der Unterhaltung bei Tiſche eine kleine Pauſe eingetreten war, Lady Steyne, wie ſein theurer Freund, George Gaunt, ſich in Braſilien gefiele. Er und George waren zu Neapel ganz intime Freunde geweſen, und hatten mit einander den Veſuv beſtiegen. Herr Jones ſchrieb einen ausführlichen Bericht über das Diner, der richtig im „Demagogen“ erſchien. Er erwähnte die Namen und Titel ſämmtlicher Gäſte, wobei er nicht vergaß, den bedeutendſten eigene biographiſche Skizzen zu widmen. Er beſchrieb die Perſonen der Damen mit großer Beredſamkeit; ebenſo das Tafelgeräthe, die Größe und das Coſtüm der Diener; zählte die aufgetragenen Gerichte und Weine auf; beſprach die Verzierungen auf den Sei⸗ tentiſchen, und ſtellte Berechnungen über den wahrſchein⸗ lichen Werth des Silbergeſchirres an. Ein ſolches Diner konnte, caleulirte er, nicht unter fünfzehn bis achtzehn Dollars per Kopf hergeſtellt werden. Dieſer Diplomat pflegte noch vor gar nicht langer Zeit protégés mit Empfehlungsbriefen an den dermaligen Marquis von Steyne zu ſchicken, wozu er ſich durch die intime Freundſchaft berechtigt glaubte, die ihn einſt an ſeinen theuren Freund, den ſeligen Lord, geknüpft hatte. Er war ganz empört darüber, vaß ein junger und unbe⸗ veutender Ariſtokrat, der Graf von Southdown, bei ihrem Gange nach dem Speiſezimmer hin ihm vorgetreten war. „Gerade als ich herantrat, um meine Hand einer ſehr angenehmen und witzigen faſhionablen Dame, der brillanten und ereluſiven Mrs. Rawdon Crawley anzu⸗ hieten,“ — ſchrieb er — „ſtellt ſich der junge Patrizier 3¹9 zwiſchen mich und die Dame, und entführte mir meine Helene in einem Nu, ohne ein Wort der Entſchuldigung vorzubringen. Wohl oder übel mußte ich mich alſo mit dem Oberſten, dem Manne der Dame, einem dicken Krie⸗ ger mit rothem Geſichte, der ſich bei Waterloo auszeich⸗ nete, wo es ihm beſſer ging, als einigen ſeiner rothröcki⸗ Brüder bei New Orleans, in's Hintertreffen ſtellen.“ Beim Eintritte in dieſe vornehme Geſellſchaft erröthete der Oberſt ganz in der Weiſe eines ſechzehnjährigen Burſchen, der den Schulgefährtinnen ſeiner Schweſter vor⸗ geſtellt wird. Wir haben früher gemelbet, daß der ehrliche Raw⸗ don zu keiner Zeit ſeines Lebens viel in der Geſellſchaft von Damen geweſen. Im Club oder am Offizierstiſche war er ſo ziemlich an ſeinem Platze; er ritt, wettete, rauchte, oder ſpielte Billard ſo kühn und ſo gut, wie nur einer von den Männern, die er dort traf. Auch hatte er zu ſeiner Zeit mit Frauenzimmern auf einem freundſchaft⸗ lichen Fuße geſtanden; allein das war vor zwanzig Jah⸗ ren, und es waren die Damen vom Range derjenigen, mit denen der junge Marlow in der Komödie auf einem vertrauten Fuße ſteht, ehe er vor Miß Hardeaſtle ſich ſchämt, und in Verlegenheit kommt. Die Zeiten ſind von der Art, daß man ſich kaum ge⸗ traut, auf jene Art von Geſellſchaft anzuſpielen, die doch Tauſende unſerer jungen Leute auf dem Markte des Lebens Tag für Tag aufſuchen; die Nachts die Cafinos und Tanzſäle anfüllt; von der man weiß, daß ſie ebenſo gut eriſtirt, wie das Rondell in Hyde Park, oder die Congrega⸗ tion im St. James' Palaſt — die aber die ekelſte, wenn auch nicht moraliſchſte aller Geſellſchaften zu ignoriren entſchloſſen iſt. Mit einem Worte, obgleich Oberſt Crawley jetzt ein 320 Alter von fünfundvierzig Jahren erreicht hatte, ſo war er doch in ſeinem ganzen Leben nicht ſo glücklich geweſen, ein halbes Dutzend rechtſchaffener Frauenzimmer, wenn man ſein Muſter von einem Weibe abrechnet, kennen zu lernen. Alle, ſie und ſeine freundliche Schwägerin, Lady Jane, ausgenommen, deren ſanfte Natur ihn gezähmt und erobert hakte, machten den würdigen Oberſt ſcheu: und bei ſeinem erſten Erſcheinen in Gaunt Houſe hörte man ihn 6 andere Bemerkung machen, als die, daß es ſehr heiß ei. Auch würde ihn Becky gewiß zu Hauſe gelaſſen haben, hätte die Tugend nicht Einſprache erhoben und gebieteriſch verlangt, daß ihr Mann an ihrer Seite ſein müſſe, um die furchtſame und unruhige kleine Creatur bei ihrem erſten Erſcheinen in der vornehmen Welt zu beſchützen. Bei ihrem Erſcheinen trat Lord Steyne vor, nahm ſie bei der Hand, grüßte ſie mit vieler Höflichkeit, und ſtellte ſie Lady Steyne und ihren Ladyſhips, ihren Schwieger⸗ töchtern, vor. Ihre Ladyſhips machten drei vornehme Knickſe, und die älteſte unter ihnen reichte der eben Ein⸗ getretenen die Hand, — allein dieſe Hand war ſo kalt und leblos, wie Marmor. Becky nahm ſie indeſſen mit dankbarer Demuth an, und warf ſich, nachdem ſie eine Verbeugung gemacht, welche dem berühmteſten Tanzmeiſter Ehre gemacht haben würde, Lady Steyne, ſo zu ſagen, zu Füßen, indem ſie anführte, wie ſeine Lordſchaft ihres Vaters früheſter Freund und Gönner geweſen, und wie ſie, Becky, von den Tagen ihrer Kindheit an, die Steyneſche Familie ehren und hochachten gelernt. Lord Steyne hatte nämlich dem ſeli⸗ gen Sharp einmal ein Paar Bilder abgekauft, und die liebevolle Waiſe fand es natürlich unmöglich, ihre Dank⸗ barkeit für dieſe Gunſt zu vergeſſen. Sodann bekam Becky Lady Bareacres zu Geſicht; die Obriſtin machte ihr gleichfalls eine höchſt reſpectvolle Vers —— beugung, welche von der fraglichen hohen Perſon mit ſtrenger Würde erwiedert wurde. „Ich hatte vor zehn Jahren zu Brüſſel das Ver die Bekanntſchaft Ew. Ladyſhip zu machen,“ ſagte in überaus einnehmender Weiſe. „Es wurde mir 1 Glück zu Theil, Lady Bareacres auf dem Balle der Herzogin von Richmond zu treffen: es war am Abend vor der Schlacht von Waterloo. Auch erinnere ici ch, wie Ew. uyſtin und my Lady Blanche, Ihre Tochter, in dem Wagen unter der Porte Cochtre des Gaſthofes ſaßen, und auf Pferde warteten. Hoffentlich ſind Ew. Ladyſhip Diamanten gut aufgehoben.“ Jeder blickte hier ſeinen Nachbar an. Es ſcheint nämlich, daß den famoſen Diamanten ein ſamoſes Unglück zugeſtoßen, und daß kſeite mit Be⸗ ſchlag belegt waren, — wovon Becky natürlich Nichts wußte. Rawdon Crawley zog ſich mit Lord Soulhdown in eine Fenſtervertiefung zurück, wo man Letzteren in ein un⸗ mäßiges Gelächter ausbrechen hörte, als Rawvon ihm er⸗ zählte, wie Lady Bareacres auf Pferde gewartet, und ſich vor Mrs. Crawley „beim Zeus, gedemüthigt hätte.“ „Vor dieſem Weibe brauche ich mich doch wohl ſchwerlich zu fürchten,“ dachte Becky. In der That wechſelte Lady Bareaeres erſchrockene und zornige Blike mit ihrer Tochter: dann zog ſie ſich an einen Tiſch zurück, wo ſie anfing, mit großer Energie Kupferſtiche anzuſehen. Als das Potentat von der Donau erſchien, wurde die Unterhaltung in franzöſiſcher Sprache geführt, und zu ihrem weiteren Aerger fanden Lady Bareacres und die jüngeren Damen, daß Mrs. Crawley dieſe Sprache weit beſſer verſtand, und mit einem weit beſſeren Aecent ſprach, als ſie. Becky hatte in den Jahren 1816 und 1817 bei der Der Jahrmarkt des Lebens. M. * „ 322 Armee in Frankreich andere ungariſche Magnaten kennen gelernt. Sie erkundigte ſich mit vielem Intereſſe nach ihren Freunden Die hohen ausländiſchen Perſonen hielten ſie für eine Dame von großer Diſtinction; und der Fürſt fragte die Marquiſin, die Fürſtin den Lord Steyne, als ſie miteinander in den Speiſeſaal gingen, wer die petite dame ſei, die ſo gut ſpreche. Als endlich die Prozeſſion in der von dem ameri⸗ kaniſchen Diplomaten geſchilderten Ordnung organifirt war, ging es in den Saal, wo das Banket ſervirt war. Ich werde indeſſen nicht verſuchen, daſſelbe hier zu beſchreiben, ſondern den geehrten Leſer daſſelbe anördnen laſſen, wie es ihm gut dünkt. Becky wußte wohl, daß der eigentliche Krieg erſt dann angehen mürde, wenn die Damen allein wären. Und in der That befand ſich, nachdem ſich dieſelben in den Salon zurückgezogen hatten, das kleine Weibchen in einer Lage, wo ſie ſich geſtehen mußte, daß Lord Steyne vollkommen Recht gehabt, als er ihr gerathen, ſich vor der Geſellſchaft von Damen zu hüten, die über ihr ſtänden. Wie man ſagt, daß diejenigen Perſonen, welche die Irländer am Meiſten haßten, immer Irländer ſeien, ſo ſind gewiß auch die groͤßten Weiber⸗Tyrannen die Weiber ſelbſt. Als daher die arme kleine Becky mit den großen Damen an das Kamin hinging, ließen Letztere ſie ſtehen, und nahmen von einem Tiſche Beſitz, worauf verſchiedene Zeichnungen und Kupferſtiche lagen. Als Becky ihnen folgte, und ſich dem Tiſche, worauf die Kupferſtiche ſich befanden, näherte, gingen dieſelben wieder, kine nach der andern, an das Kamin hin. Sie verſuchte es, mit einem der Kinder zu ſprechen (zu denen ſie vor den Leuten ge⸗ wöhnlich viele Zuneignung fühlte); allein Maſter George Gaunt wurde von ſeiner Mama weggerufen; und es wurde, mit einem Worte, die Fremde mit ſolch' raffinirter Grau⸗ ſamkeit behandelt, daß ſelbſt Lady Steyne Mitleid mit ihr — 3 323 haite, und auf das aller Freunde entbehrende Weibchen zutrat, um mit ihr zu ſprechen. „Lord Steyne,“ ſagte ihre Ladyſhip, während ihre bleichen Wangen eine plötzliche Röthe überflog, „ſagt, daß Sie wundervoll ſingen und ſpielen, Mrs Crawley: — wollen Sie nicht die Güte haben, mir Etwas vorzu⸗ ſingen?“ „Ich will Alles thun, was my Lord Steyne oder Ihnen Vergnügen machen kann,“ ſagte Rebekka mit einem Gefühle aufrichtiger Dankbarkeit. Sodann ſetzte ſie ſich an das Pianoforte, und fing an, zu ſingen. 5 Sie ſang religisſe Leder von Mozart, für die Lady Steyne ſchon ſeit langer Zeit eingenommen war, und zwar ſo zart und ſo lieblich, daß die Dame, die in der Nähe des Pianofortes ſtehen geblieben war, ſich neben daſſelb⸗ ſetzte, und zuhorte, bis ihr Thränen aus den Augen drangen. Zwar fuhren die in der Oppoſition befindlichen Da⸗ men am andern Ende des Zimmers fort, zu flüſtern und laut zu ſprechen; allein Lady Steyne hörte von dieſem Geräuſche Nichts. Sie war wieder ein Kind — und war durch eine vierzigjährige Wüſte nach ihrem Kloſtergarten zurückgewandert. Die Orgel der Kapelle hatte einſt die⸗ ſelben Töne gehabt; die Organiſtin, die Schweſter, die ſie unter allen Gliedern der Gemeinde am Meiſten liebte, hatte ſie dieſelben in jenen frühen glücklichen Tagen gelehrt. Sie war wieder ein Mädchen, und die kurze Zeit ihres Glückes blühete wieder eine Stunde lang auf. Sie fuhr zuſammen, als die knarrenden Thürftügel aufflogen, und die Männer der Geſellſchaft, unter dem lauten Gelächter Lord Steyne's, voller Heiterkeit herein⸗ traten. Er ſah auf den erſten Blick, was während ſeiner Abweſenheit vorgefallen war:; und war ſeiner Frau wirk⸗ lich dankhar. Er ging auf ſie zu, und ſprach mit ihr, und — 324 nannte ſie bei ihrem Taufnamen, ſo daß ihr bleiches Ge⸗ ſicht ſich abermals röthete. „Meine Frau ſagt, Sie hätten wie ein Engel ge⸗ ſungen,“ ſagte er zu Becky. „Nun aber gibt es zwei Arten von Engeln, und beide ſollen in ihrer Weiſe be⸗ zaubernd ſein.“ Wie unangenehm auch der erſte Theil des Abends für Becky geweſen ſein mochte, ſo viel iſt gewiß, daß der Reſt deſſelben für ſie ein großer Triumph war. Sie ſang, ſo gut ſie nur konnte, und zwar ſo gut, daß ſämmt⸗ liche Herren zu ihr hingingen, und ſich um das Piano⸗ forte drängten. Die Frauen, ihre Feindinnen, mußten ſehen, wie ſie ganz allein blieben. Und Herr Paul Jefferſon Jones glaubte ſchon, an Lady Gaunt eine Eroberung gemacht zu haben, weil er auf ihre Ladyſhip zutrat, und ſich über den herrlichen Ge⸗ ſang ihrer bezaubernden Freundin in Lobeserhebungen er⸗ ging. 578 1i onenqe