ahbiblivther den er, eng ſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Veſebedingungen. 1 Ofensein der Bihliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesep is. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 4f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: ſſen, bei Entgegennahme und 4 Bücher: 6 Bücher: — — 7——— auf 1 Monat: Wec. — Pf. Mt. 50 Pf. 2 et. — Pf. „ — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern .) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt was zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eteni witn der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. * . 2 3 3 S Der Jahrmarkt des Lebens. WVanity Fair.) Roman von William Makepeace Thacheray. —— Aus dem Engliſchen von Pr. Chr. Fr. Grieb. Fünftes bis achtes Bändchen. ——— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. Siebzehntes Kapitel. Wie Capitän Dobbin ein Pianoforte kaufte. Wenn es auf dem ganzen Jahrmarkte des Lebens Etwas zu ſehen gibt, was die Satyre und das Gefühl Arm in Arm mit einander beſchauen koͤnnen; wenn es ein Schauſpiel gibt, wo man auf die ſeltſamſten bewei⸗ nenswerthen und lächerlichen Contraſte ſtößt; wo man mit vollkommenem Anſtande ſanſt und pathetiſch, oder zornig und chniſch ſein kann; ſo iſt es bei einer jener öffentlichen Verſammlungen, deren täglich eine Menge auf der letzten Seite der „Times“ angekündigt werden, und bei denen der ſelige Herr George Robins mit ſo vieler Würde den Vorſitz zu führen pflegte. Ich denke, es gibt wohl ſehr wenige Leute in London, die nicht ſchon bei einer oder der andern dieſer Verſammlungen geweſen wä⸗ ren, und Alle, die gern moraliſiren, müſſen mit einem nicht wenig unangenehm überraſchenden und ſeltſamen Gefühle und Intereſſe an den Tag gedacht haben, wo die Reihe auch an ſie kommen, und Herr Hammerdown *), auf Befehl der Agenten des Diogenes oder der Teſta⸗ mentsvollſtrecker, die Bibliothek, die Möbeln, das Silber⸗ geſchirr, die Garderobe, und die ausgeſuchten Weine aus der Maſſe des ſeligen Epikur zur öffentlichen Verſteige⸗ rung bringen werde⸗ *) Der den Pammer führende Auctionator⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. U. 1 2 Jahrmarkte des Lebens ſo bereitwillig offneten; ſchaft, wenn Du die bequeme Treppe hinaufgingſt, Dei⸗ *) Reicher Mann. **) Zwacker. Mögen wir uns auch den Charakter der auf dem eine Rolle ſpielenden Perſon als noch ſo egviſtiſch denken, immerhin wird die Sympathien und einiges Bedauern nicht unterdrücken können, wenn ſie dieſen ſchmutzigen Theil der Leichenfeier eines verſtorbenen Freundes gewahrt. Die ſterbliche Hülle des Lord Dives*) liegt in der Familiengruft: die Bild⸗ hauer und Steinmetzen hauen eine Inſchrift aus, worin ſeiner Tugenden und der Kummer ſeines Erben, der über ſein Vermögen zu verfügen hat, getreu berichtet ſind. 3 Welcher Gaſt, der früher an der Tafel des Dives ſaß, kann ohne Seufzer an dem wohlbekannten Hauſe vorüber⸗ gehen? — an dem wohlbekannten Hauſe, deſſen Lichter Abends ſo freundlich glänzten; deſſen Thüren ſich deſſen dienſtfertige Diener⸗ nen Namen von Abſatz zu Abſatz meldete, bis derſelbe in das Zimmer vrang, wo der luſtige alte Dives ſeine Freunde willkommen hieß! Wie viele ſolcher Freunde hatte er; und wie nobel bewirthete er dieſelben! Wie witzig waren hier Leute, die, ſobald ſie der Thüre ven Rücken gekehrt hatten, wieder in ihre mürriſche Laune verfielen; und wie höflich und freundlich thaten da Leute, die ſonſt einander überall verläumdeten und haßten! Er war zwar vom⸗ pös; aber was konnte man nicht bei einem ſolchen Koche verſchlucken? Vielleicht war er auch etwas dumm und langweilig; mußte aber nicht ein ſolcher Wein jede Un⸗ terhaltung angenehm machen? „Wir müſſen um jeden Preis von ſeinem Burgunder haben,“ rufen die Trauern⸗ den in ſeinem Club. „Ich erſteigerte dieſe Doſe bei der Auktion des alten Dives,“ ſagt Pincher *), fie bend, „eine von Ludwigs RV. Maitreſſen — ein hübſches Ding, nicht wahr ? — ein llerliebſtes Miniaturgemälde,“ 3 und dann ſprechen ſie von der Art, wie der junge Dives ſein Vermögen durchbringt. Wie ganz anders ſieht nun das Haus aus! Die Fagade iſt mit Plakaten beveckt, worin mit in die Augen fallenden Uncial⸗Buchſtaben die zu verkaufenden Möbeln einzeln aufgeführt find. Aus einem der oberen Fenſter hängt ein Stück von einem Teppiche heraus — ein hal⸗ bes Duzend Reffträger lungert auf der ſchmutzigen Haus⸗ treppe herum — die Vorhalle iſt mit ſchmutzig ausſehen⸗ den Gäſten, die ſich durch ihre vrientaliſchen Geſichter bemerklich machen, Dir gedruckte Karten in die Hand drücken, und ſich Dir als Erſteigerer anbieten, angefüllt. In den obern Zimmern treiben ſich alte Weiber und Lieb⸗ haber herum, welche die Bettvorhänge befühlen, die Hand in die Federn tauchen, an den Matratzen reiben, und Klei⸗ derkäſten, Weißzeugkäſten und Kommoden auf⸗ und zu⸗ machen. Unternehmende junge Hausfrauen nehmen von den Spiegeln und den Vorhängen das Maaß, um zu ſehen, ob ſie für die neue Haushaltung paſſen, — (Snob prahlt noch nach Jahren, daß er dieſes oder jenes in der Dives'ſchen Auction erſtanden) und Herr Hammerdown ſitzt auf dem großen Speiſetiſche von Mahagoni, unten im Speiſeſaale, ſchwingt den elfenbeinernen Hammer, und wendet alle Kunſtgriffe der Beredſamkeit, den Enthuſias⸗ mus, die Bitte, den Verſtand, die Verzweiflung, an; ſchreit ſeinen Leuten zu; ſpottet über Herrn Davids wegen ſeiner Langſamkeit; feuert Herrn Moß zur Thätigkeit an; fleht, befiehlt, und brüllt, bis endlich der Hammer, gewich⸗ tig wie das Schickſal, niederfällt, — und zur nächſten Nummer übergegangen wird. D Dives! Wer hätte wohl, als wir um den breiten, in der Pracht ſeines Sil⸗ bergeſchirres und ſeiner makelloſen Leinwand ſtrahlenden Tiſch herumſaßen, es ſich einfallen laſſen, daß wir je oben an demſelben ein Gericht zu ſehen bekommen würden, wie dieſer ſchreiende Auctionator eines iſt! Die Auction fing bereits ag, zu Ende zu gehen. Das herrliche Salon⸗Ameublement, gefertigt von dem rennommirteſten Fabrikanten; die ſeltenen und famoſen Weine, die ohne Rückſicht auf Koſten, und mit dem wohl⸗ bekannten Geſchmacke des Käufers ausgekühlt worden waren; das reiche und vollſtändige Silber⸗Service der Familie, — Alles das war an den vorangegangenen Ta⸗ gen verkauft worden. Einige von den beſten Weinſorten, (die bei den Liebhabern in der Nachbarſchaft alle eines großen Rüfs genoſſen) waren vom Haushofmeiſter unſers Freundes John Oöborne, Eſquire, bon Ruſſell Square, auf Rechnung ſeines Herrn, der ſie recht gut kannte, ex⸗ ſteigert worden. Ein kleiner Theil Lon den nützlichſtkn Artikeln des Silbergeſchirres waren von einigen jungen Börſenmäklern aus der City gekauft worden. Und jetzt, wo das Publikum darauf aufmerkſam gemacht wurde, daß wieder werthvolle Gegenſtände an die Reihe kämen, ge⸗ ſchah es, daß der Redner auf dem Tiſche ſich über den Werth eines Gemäldes verbreitete, das er der Verſamm⸗ lung anzupreiſen ſuchte; wobei wir bemerken müſſen, daß dieſelbe keineswegs ſo ausgewählt und zahlreich war, wie an den früheren Tagen der Auction. „Nummer 369,“ brüllte Herr Hammerdown. „Das Porträt eines auf einem Elephanten reitenden Herrn. Wer bietet auf den Herrn auf dem Elephanten? Halten Sie das Gemälde in die Höhe, Blowman, und laſſen Sie die Geſellſchaft die Nummer ſehen.“ Ein langer, blaſſer Mann von militäriſchem Ausſehen, der ganz ruhig an dem Mahagonitiſche ſaß, konnte ſich nicht enthalten, zu lächeln, als dieſe werthvolle Nummer von Herrn Blowman gezeigt wurde. „Drehen Sie doch den Elephanten nach dem Capitän hin, Blowman. Wie viel bieten Sie auf den Elephanten, Sir?“ Aber der Capitän wandte ſchnell, und in einer ſeine Verlegenheit ſattſam an den Tag legenden Weiſe erröthend, den Kopf weg, und der Auctionator ſing nun an, den Artikel auf's Neue auszubieten⸗ 4. „Iſt ein Liebhaber zu zwanzig Guineen da 2 — Fünfzehn, fünf — nennen Sie Ihren Preis! Der Herr iſt ſchon ohne den Elephanten fünf Pfund werth.“ „Ich wundere mich nur, daß das Thier nicht ſchon unter ihm erlegen iſt,“ ſagte ein Spaßvogel, „jedenfalls iſt es ein köſtlicher, dicker Kerl;“ worüber (da der Mann auf dem Elephanten ſich gurch ſeine ungeheure Beleibtheit auszeichnete) alle Anweſenden in ein Gelächter ausbrachen. „Suchen Sie doch das Kunſtwerk in ſeinem Werthe nicht herabzuſetzen, Herr Moß,“ ſagte Herr Hammerdown; „möge die Geſellſchaft den Artikel als das betrachten, was er iſt, — ein Kunſtwerk — die Stellung des braven Thiers durchaus naturgetreu; der Herr in einer Nanking⸗ Jacke geht, mit der Flinte in der Hand, auf die Jagd; in der Entfernung bemerkt man einen Piſangbaum und eine Pagode, — höchſt wahrſcheinlich eine Darſtellung irgend eines intereſſanten Punktes in unſern berühmten oſtindiſchen Beſitzungen. Wie viel wird auf dieſe Num⸗ mer geboten? Kommen Sie, meine Herren, und halten Sie mich nicht den ganzen Tag bei dieſem Artikel auf.“ Es bot nun Jemand fünf Shillinge, worauf der militäriſch ausſehende Herr die Augen nach der Seite hin⸗ richtete, von wo dieſes glänzende Angebot gekommen war; und dort ſah er einen andern Offizier mit einer Dame am Arme, welche Beide die Scene in hohem Grade zu beluſtigen ſchien, und am Ende die Nummer für eine halbe Guinee zugeſchlagen erhielten. Der Mann an dem Tiſche ſchien mehr als je überraſcht und verlegen zu ſein, als er dieſes Paar erſpähete, und ſein Kopf verſenkte ſich in ſeinen militäriſchen Kragen, und er kehrte ihnen den Rücken zu, ſo daß er ihre Blicke ganz und gar vermied. Es iſt nicht unſere Abſicht, aller übrigen Artikel, welche Herr Hammerdown an jenem Tage die Ehre hatte, zum Kaufe auszubieten, Erwähnung zu thun; nur einen einzigen wollen wir noch anführen. Es war dieß ein kleines, tafelfoͤrmiges Pianoforte, das aus den obern Re⸗ gionen des Hauſes herunterkam (der prächtige Flügel war ſchon vorher verkauft worden); dieſes probirte die junge Dame mit ſchneller und gewandter Hand (was den Offi⸗ zier abermals erröthen und zuſammenfahren machte), und darauf fing nun, als es an die Reihe kam, ihr Agent an, zu bieten. . Allein hier zeigte ſich ei Concurrenz. Der hebräl⸗ ſche Adjutant im Dienſte des an dem Tiſche ſitzenden Offiziers bot gegen den hebräiſchen Herrn im Dienſte der Elephanten⸗Käufer, und es entſpann ſich nun ein äußerſt lebhafter Kampf um dieſes kleine Pianoforte, wobei die Kämpfenden von Herrn Hammerdown gehörig ermuthigt wurden. Endlich gaben, als das Daraufbieten einige Zeit ge⸗ dauert hatte, der Capitän und die Dame, ſo den Ele⸗ phanten gekauft, den Wettkampf auf; und als der Ham⸗ mer auf den Tiſch niederſank, ſagte der Auctionator: — „Herr Lewis, fünf und zwanzig Pfund,“ und ſo wurde der Auftraggeber des Herrn Lewis Eigenthümer des klei⸗ nen tafelförmigen Pianofortes. Nachdem ſo der Kauf zu Stande gekommen war, richtete derſelbe ſich auf, wie wenn es ihm bedeutend leichter wäre, und als in dieſem Augenblicke das überbotene Paar ihn erſpähete, ſagte die Dame zn ihrem Freunde: „Ei, Rawdon, es iſt ja Capitän Dobbin.“ Vermuthlich war Becky nicht ganz zufrieden mit dem neuen Pianoforte, ſo ihr Mann für ſie gemiethet hatte; vielleicht hatte auch der Eigenthümer dieſes Inſtrumentes es wieder geholt, weil er weitern Credit verſagte; oder aber hatte Becky eine beſondere Vorliebe für dasjenige, welches ſie zu kaufen geſucht hatte, indem ſie ſich noch erinn te, wie ſie einſt in dem kleinen Zimmer unſerer Amalie Sedley darauf geſpielt. Die Verſteigerung fand in dem alten Hauſe in Ruſ⸗ uare Statt, wo wir zu Anfang dieſer Geſchichte Abend e mit einander zugebracht. Der gute aite ,— — John Sedley war zu Grunde gerichtet. Sein Name war auf der Stock⸗Exchange, als der eines Zahlungsunfähigen, ausgerufen worden, und ſein Bankerott, ſo wie ſeine Ver⸗ nichtung als Kaufmann war eine Folge davon geweſen. Herr Oösborne's Kellermeiſter kam, um einen Theil des berühmten Sedley'ſchen Portweines zu erſteigern, und denſelben nach den gegenüberliegenden Kellern wegzubrin⸗ gen. Was ein Duzend ſchön gearbeiteter ſilberner Löffel und Gabeln, ſowie ein Duzend Deſſert ditto ditto betrifft, ſo ſchickten drei junge Börſenmäkler (die Herren Dale, Spiggot, und Dale, von Threadneedle Street), — die mit dem alten Herrn früher zu thun gehabt, und von ihm manche Gefälligkeit in den Tagen erfahren hatten, wo er ſich gegen Alle, mit denen er in Geſchäftsverbin⸗ dung ſtand, gefällig zeigte, — dieſes kleine Stück aus dem Schiffbruche mit ihren Empfehlungen an die gute Mrs. Sedley. Und ſollen wir noch von dem Pianoforte ſpre⸗ chen, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß, da es Amalien gehört hatte, und dieſelbe es jetzt vermiſſen, und ein ſol⸗ ches brauchen, Capitän William Dobbin aber darauf eben ſo wenig ſpielen konnte, als er auf einem Seile zu tanzen verſtand, — ſo iſt es, ſagen wir, wahrſcheinlich, daß Letz⸗ das Inſtrument nicht zu ſeinem eigenen Gebrauche aufte. Mit einem Worte, es kam noch an demſelben Abende in einem winzigen Häuschen in einer von Fulham Road auslaufenden Straße an — in einer jener Straßen, welche die ſchönſten romantiſchen Namen haben — (die in Frage ſtehende hieß St. Adelaide Villas, Anna Maria Road, Weſt), wo die Häuſer wie Kinderhütten ausſehen; wo die Leute, ſo aus den Fenſtern des erſten Stockwerkes ſchauen, mit ihren Füßen, wie man zu glauben verſucht iſt, unfehl⸗ bar im Parterre ſtehen müſſen; wo die Geſträuche in den vor den Häuschen liegenden Gärtchen, Jahr aus Jahr ein, mit Kinderſchürzen, rothen Strümpfchen, Häubchen, Mützchen u. ſ. w. (polyandria polygynia), als ihrem natürlichen Blüthenſchmucke, bedeckt ſind; woraus man die Töne ſchetternder Spinette und ſingender Frauen hervor⸗ dringen hört; wo an den Staketen kleine Porterkrüge hangen, um ſich zu ſonnen; wohin man Abends Commis aus der City mit müdem Schritte wandern ſieht: hier hatte Herr Clapp, Herr Sedley's Buchhalter, ſein Domicil, und in dieſem Aſhle verbarg der gute alte Herr ſammt Frau und Tochter ſein Haupt, als das Unglück über ihn hereinbrach. Jos Sedley hatte, als die Nachricht von dem Fami⸗ lienunglücke bis zu ihm drang, gehandelt, wie man von einem Manne, wie er war, erwarten konnte. Er kam zwar nicht nach London, ſchrieb aber an ſeine Mutter, daß ſie bei ſeinen Agenten ſo viel Geld erheben könne, als ſie brauche, ſo daß ſeine guten tiefgebeugten alten Eltern vor der Hand wenigſtens die Armuth nicht zu fürchten brauchten. Nachdem er dieß gethan, fuhr Jos fort, in ſeinem Gaſthauſe zu Cheltenham ſo ziemlich wie bisher zu leben. Er fuhr in ſeinem Wagen aus, wobei er ſelbſt kutſchirte; trank ſeinen Claret; ſpielte ſeine Partie Whiſt; tiſchte ſeine indiſchen Geſchichten auf, und die triſche Wittwe tröſtete ihn, und ſchmeichelte ihm, wie bis⸗ her. Sein Gelbgeſchenk, ſo gut es auch angebracht war, machte auf ſeine Eltern nur wenig Eindruck; und ich habe Amalie ſagen hören, daß ſie ihren Vater nach dem Ban⸗ kerotte zum erſten Male habe das Haupt wieder erheben ſehen, als das Packet mit den Gabeln und Löffeln ſammt den Empfehlungen der jungen Börſenmäkler angekommen ſei. Was uns betrifft, ſo können wir behaupten, daß er bei deſſen Empfang wie ein Kind in Thränen ausbrach, und noch weit gerührter erſchien, als ſelbſt ſeine Frau, an welche das Geſchenk adreſſirt war. Eduard Dale, der jüngſte Theilhaber des Geſchäftes, der die Löffel und Ga⸗ beln für die Firma kaufte, hegte nämlich ſehr zärtliche Gefühle für Amalie, und wollte ſie, gleich als ob Nichts vorgefallen, immer noch zu der Seinigen machen. Er 6 heirathete Miß Louiſa Cutts (Tochter des großen Korn⸗ händlers Higham und Cutts), die ein ſchönes Vermögen hatte, im Jahre 4820; und lebt jetzt auf glänzendem Fuße, und von einer zahlreichen Familie umgeben, auf ſeiner eleganten Villa, Muswell Hill. Aber wir dürfen uns durch die Erinnerung an dieſen guten Menſchen nicht verleiten laſſen, von der Hauptgeſchichte allzu ſehr abzu⸗ ſchweifen. Hoffentlich hat der Leſer eine viel zu gute Meinung von Capitän und Mrs. Grawley, um anzunehmen, daß es ihnen je hätte einfallen können, einen ſo entfernten Stadttheil, wie Bloomsbury, aufzuſuchen, wenn ſie dach⸗ ten, die Familie, die ſie mit einem Beſuche beehren woll⸗ ten, habe nicht bloß aufgehort, faſhionabel zu ſein, ſondern es beſitze dieſelbe auch keinen Heller mehr, und vermöge ihnen ſomit ferner in keiner Weiſe einen Dienſt zu erwei⸗ ſen. Rebekka war ganz überraſcht, als ſie das gute alte Haus, wo man fie ſo freundlich aufgenommen hatte, von Mäklern und Trödlern in Beſitz genommen, und deſſen ſtille Familienſchätze der öffentlichen Entweihung und Plünderung ausgeſetzt ſah. Einen Monat nach ihrer Flucht hatte ſie an ihre Amalie gedacht, und Rawdon mit einem wiehernden Gelächter ſich völlig bereit erklärt, mit dem jungen George Osborne wieder einmal zuſammen zu tref⸗ fen. „Er iſt ein recht angenehmer Bekannter, Beck,“ ſetzte der Spaßvogel hinzu. „Ich möchte wohl noch ein Pferd an ihn verkaufen, Beck. Ich mochte wohl noch ein Paar Partien Billard mit ihm ſpielen. Er könnte uns gerade jetzt ſo recht nützlich ſein, Mrs. Crawley — ha, ha!“ Indeſſen darf man aus dieſen Reden nicht etwa ſchließen, daß Rawdon Crawley Herrn Osborne abſicht⸗ lich im Spiele betrügen wollte: ſein Verlangen ging nur dahin, von ihm den ehrlichen Vortheil zu ziehen, den faſt Jeder, der auf dem Jahrmarkte des Lebens ſich mit dem abgibt, von ſeinem Nächſten fordern zu können glaubt. Die alte Tante ließ ſich nicht ſo geſchwind „herum⸗ bringen.“ Ein Monat war verſtrichen. Herr Bowls mußte Rawdon die Thüre weiſen; ſeine Bedienten fanden im Hauſe in Park Lane keine Aufnahme mehr; ſeine Briefe wurden uneroffnet zurückgeſendet. Miß Crawley zeigte ſich nie außer dem Hauſe — ſie war unwohl — und Mrs. Bute war immer noch nicht abgereist, und kam nie von ihrer Seite. Sowohl Crawley, als ſeiner Frau wollte die fortwährende Anweſenheit der Mrs. Bute ganz und gar nicht gefallen, und es ahnten Beide Boͤſes. „Bei Gott, ich fange nun an, zu begreifen, warum ſie uns zu Queens Crawley ſtets zuſammenbrachte,“ ſagte Rawvon. „Welch ſchlaues kleines Weib!“ rief Rebekka aus. „Nun, ich bereue es nicht, wenn es Du nicht thuſt,“ rief der Capitän, immer noch, wie ein Liebhaber, entzückt von ſeinem Weibe, die ihn vafür mit einem Kuſſe belohnte, und über das großmüthige Vertrauen ihres Manns in der That nicht wenig erfreut war. „Wenn er nur ein Bischen mehr Verſtand hätte,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt, „ſo könnte ich Etwas aus ihm machen;“ allein ſie ließ ihn nie merken, welche Meinung . ſie von ihm hatte; hörte mit unermüdlicher Geduld ſeinen Stall⸗ und Offizierstiſch⸗Geſchichten zu; lachte über alle ſeine Späße; nahm den lebhafteſten Antheil an Jack Spatterdaſh, deſſen Cabriolet⸗Pferd geſtürzt war, und an Bob Martingale, der in einem Spielhauſe aufgegriffen worden war, und an Tom Cingbars, der bei der Steeple⸗ Chaſe ſich hervorthun wollte. Kam er nach Hauſe, ſo war ſie luſtig und glücklich; ging er aus, ſo drängte ſie ihn vazu, blieb er zu Hauſe, ſo ſpielte und ſang ſie ihm vor, machte ihm gute Getränke, war bei der Bereitung ſeines Mittageſſens in der Küche, wärmte ſeine Pantoffeln, und verſenkte ſeine Seele in Bequemlichkeiten. Ich habe meine Großmutter ſagen hören, die beſten Weiber ſeien Heuchlerinnen. Wir wiſſen nie, wie viel ſie vor uns ver⸗ — — 11 bergen: wie wachſam ſie ſind, wenn ſie am Ungekünſtel⸗ ſten und Zutraulichſten zu ſein ſcheinen; wie oft das offene Lächeln, das ſie ſo leicht zur Schau tragen, eine Falle iſt, um zu ſchmeicheln, oder auszuweichen, oder zu ent⸗ waffnen — dabei meine ich, wohlverſtanden, nicht bloße Koketten, ſondern unſere häuslichen Modelle, und Muſter weiblicher Tugend. Wer hat nicht ſchon geſehen, wie ein Weib die Dummheit eines Gatten geſchickt verbarg, oder den Zorn deſſelben beſänftigte? Wir laſſen uns dieſe lie⸗ benswürdige Sklaverei gefallen, und loben darüber ein Weib: wir nennen dieſe hübſche Verrätherei — Wahrheit. Eine gute Hausfrau iſt nothwendig eine Lüge; und Cor⸗ neliens Gatte wurde wie Potiphar, getäuſcht — nur in anderer Weiſe. Durch dieſe zahlloſen Aufmerſamkeiten fand der ere⸗ mitirte Wüſtling Rawdon Crawley ſich in einen außer⸗ ordentlich glücklichen und unterwürfigen Ehemann umge⸗ wandelt. Die Genoſſen ſeiner früheren Tage ſahen ihn nicht mehr. Sie fragten einige Male nach ihm in ſeinen Clubs, ohne ihn aber ſehr zu vermiſſen: in jenen Buden auf dem Jahrmarkte des Lebens vermißt man einander nur ſelten. Seine ganz von der Welt abgeſchiedene, aber ſtets lächelnde und luſtige Frau, ſeine kleine bequeme Wohnung, ſeine kleinen intimen Mahle, und die zu Hauſe zugebrachten Abende hatten für ihn all' den Zauber der Neuheit und Heimlichkeit. Die Heirath war bis jetzt noch nicht öffentlich erklärt, vder von der Morning⸗Poſt berichtet worden. Alle ſeine Gläubiger wären in Maſſe auf ihn eingeſtürmt, wenn ihnen bekannt geweſen wäre, daß er ein vermögensloſes Frauenzimmer geheirathet. „Meine Verwandten wenigſtens werden mich nicht in den Bann thun,“ ſagte Becky mit einem ziemlich bittern Lachen; und ehe ſie die ihr zukommende Stellung in der Geſell⸗ ſchaft anſprach, wollte ſie in aller Ruhe warten, bis die alte Dame ſich wieder mit ihnen ausgeſoͤhnt haben würde. So lebte ſie in Brompton, und ſah inzwiſchen Nie⸗ mand, vder doch bloß die wenigen Freunde ihres Mannes, die in ihrem kleinen Speiſezimmer Zutritt fanden. Dieſe waren alle von ihr ganz bezaubert. Die kleinen Diners, das Lachen und Plaudern, und die Muſik, die gewöhnlich darauf folgte, entzückten Alle, welche an dieſen Genüſſen Theil nehmen vurften. Dem Major Martingale fiel es nie ein, nach der Licenz zu fragen, die zu ihrer Trauung nöthig geweſen. Capitän Cinqbars war vollkommen be⸗ zaubert von ihrer Geſchicklichkeit im Bereiten des Punſches. Und was den jungen Lieutenant Spatterdaſh betrifft (die⸗ ſer ſpielte gern Piquet, und wurde von Crawley öfter, als die Andern, eingeladen), ſo war er offenbar und bald in Mrs. Crawley verliebt; aber ihre Vorſicht und Sittſam⸗ keit verließen ſie keinen Augenblick, und dann war auch Crawley's Ruf als feuerfreſſender und eiferſüchtiger Sol⸗ dat ein weiteres und vollſtändiges Schutzmittel für ſein Weibchen. Es gibt in London Herren von ganz guter Abkunft und ganz gutem Tone, die noch nie in das Empfangzim⸗ mer einer Lady gedrungen find;z ſo vaß, obgleich über Rawdon Crawley's Heirath in ſeiner Grafſchaft, wo na⸗ türlich Mrs. Bute die Nachricht davon verbreitet hatte, geſprochen werden mochte, dieſelbe in London bezweifelt, oder nicht beachtet, oder überhaupt nicht beſprochen wurde. Er lebte ganz behaglich auf Credit, er hatte ein großes Schulden⸗Kapital, wovon, wenn es verſtändig angelegt wird, ein Mann Jahre lang leben kann, und wovon in der That auch gewiſſe Menſchen, die in der Welt der Faſhion eine Rolle ſpielen, hundert Mal beſſer zu leben wiſſen, als ſelbſt Leute mit baarem Gelde. In der That, gibt es einen Mann auf dem Londoner Pflaſter, der nicht auf ein halbes Duzend Leute hindeuten könnte, die, während er zu Fuße geht, an ihm in Glanz vorbeireiten; die von der Faſhion aufgeſucht werden; vor denen, wenn ſie vorüber⸗ fahren, Gewerbsleute Bücklinge machen; die ſich Nichts verſagen, und leben, wer weiß wovon? Wir ſehen Jack 13 Thriftleß *) im Parke prunkend einherreiten, oder in ſeinem Brougham pfeilſchnell Pall Mall hinabfahren: wir eſſen ſeine Diners, die auf wundervollem Silbergeſchirr ſervirt ſind, und ſagen: „Wie hat dieß angefangen, oder wo wird es enden?“ „Mein lieber Junge,“ hörte ich Jack einmal ſagen, „ich habe in jeder Hauptſtadt Europa's Schulden.“ Ein Mal muß es ausgehen, aber mittler⸗ weile lebt Jack herrlich und in Freuden; die Leute ſind überglücklich, ihm die Hand drücken zu dürfen, wollen Nichts von den ſchlimmen Geſchichtchen wiſſen, die man dann und wann über ihn ſich in's Ohr flüſtert, und er⸗ klären ihn für einen gutmüthigen, jovialen, ſorgloſen Burſchen. Die Wahrheit legt uns die Pflicht auf, zu geſtehen, daß Rebekka einen Herrn von ſolchem Schlage geheirathet hatte. In ſeinem Hauſe war Alles im Ueberfluß vorhan⸗ den, nur kein baares Geld, deſſen Mangel ſich in der jungen Haushaltung bald genug bemerklich machte; und als Rawdon eines Morgens die Gazette las, und auf den Artikel ſtieß: „Lieutenant G. Osborne rückt durch Kauf zum Capitän vor, vice Smith, der in ein anderes Re⸗ giment ſich verſetzen läßt,“ that er über Amaliens Lieb⸗ haber jene Aeußerung, die mit dem Gange nach Ruſſell Sauare endigte. Als Rawdon und ſeine Frau bei der Auction mit Capitän Dobbin ſprechen, und Näheres über die Kata⸗ ſtrophe wiſſen wollten, deren Opfer Rebekka's alte Be⸗ kannte geworden, war der Capitän verſchwunden; und Alles, was ſie erfahren konnten, hatten ſie von einem Laſtträger oder einem Mäkler, der bei der Auction ihnen gerade in die Hände gelaufen war. „Sieh' doch die Leute an, mit ihren gekrümmten Na⸗ ſen,“ ſagte Becky, als ſie, ihr Gemälde unter dem Arme, *) Verſchwender. in der fröhlichſten Stimmung von der Welt, in den Buggh ſtieg. „Sie ſehen aus, wie Geier nach einer Schlacht.“ „Weiß es nicht. War nie in einer Schlacht, meine Theure. Frag' Martingale; der war in Spanien, als Adjutant von General Blazes.“ „Es war ein recht guter alter Mann, der Herr Sed⸗ ley,“ ſagte Rebekka; „es thut mir herzlich leid, daß es ihm nicht am Beſten geht.“ „Oh, Börſenmäkler — Bankerottirer — find ſchon daran gewöhnt, wie Du weißt,“ erwiederte Rawdon, eine Fliege vom Ohre ſeines Pferdes mit der Peitſche weg⸗ ſchlagend. „Ich wollte, wir hätten ſo viel Geld gehabt, um einiges von dem Silbergeſchirr zu kaufen, Rawdon,“ fuhr die Frau in ſentimaler Weiſe fort. „Fünf und zwanzig Guineen war ungeheuer theuer für das kleine Pianoforte. Wir wählten es in Broadwood's Laden für Amalie aus, als ſie von der Schule kam. Damals koſtete es bloß fünf und dreißig.“ „Der Osborne wird jetzt vermuthlich von der Heirath Nichts mehr wiſſen wollen, da die Familie am Bettelſtabe iſt. Wie deprimirt wird jetzt Deine kleine hübſche Freun⸗ din ſein, he, Becky?“ „Sie wird ſich von vem Schlage wohl wieder erho⸗ len;“ ſagte Becky lächelnd. Und ſie fuhren weiter und ſprachen von etwas Anderem. Achtzehntes Kapitel. Wer auf dem von Capitän Dobbin gekaufen Pianoforte ſpielte. Zu ihrem Erſtaunen ſieht nun unſere Geſchichte ſich auf einen Augenblick unter weltberühmte Ereigniſſe und Perſonen verſetzt: ſie hängt ſich an die Rockzipfel der Weltgeſchichte an. Ich möchte wohl wiſſen, ob, als die Adler Napoleon Bonaparte's, des korſiſchen Emporkoͤmm⸗ lings, von der Provence aus, wo ſie, nach einem kurzen Aufenthalte auf der Inſel Elba, ſich niedergelaſſen hatten, und von Kirchthurm zu Kirchthurm weiter flogen, bis ſie auf den Thürmen der Liebfrauenkirche in Paris anlangten, — ich ſage, ich möchte wohl wiſſen, ob da die kaiſerli⸗ chen Vögel ein Auge hatten für einen kleinen Winkel des Kirchſpiels von Blvomsbury in London, den man für ſo ſtille hätte halten können, daß ſelbſt das Schwirren und Schlagen dieſer gewaltigen Flügel dort unbemerkt vorüber⸗ gehen mußte. „Napolevn hat zu Cannes gelandet.“ Eine ſolche Nachricht konnte wohl zu Wien einen paniſchen Schrecken verurſachen, und Rußland veranlaſſen, ſeine Karten fallen zu laſſen und Preußen bei Seite, in eine Ecke zu nehmen, und Talleyrand und Metternich bewegen, die Köpfe einan⸗ der gegenüber zu ſchütteln, während Fürſt Hardenberg, und ſogar der jetzige Marquis von Londonderry nicht wußten, was nun zu thun wärez aber in wie fern konnte dieſe Nachricht eine junge Dame in Ruſſell Square be⸗ rühren, vor deren Thüre der Nachtwächter die Stunden abrief, wenn ſie ſchlief: die, wenn ſie in dem Square umherwandelte, dort durch die eiſernen Staketen und den 16 Hüter beſchützt war; die, wenn ſie einen, auch noch ſo kleinen, Ausgang machte, um in Southampton Row ein Band zu kaufen, von dem ſchwarzen Sambo mit einem ungeheuren Stocke gefolgt war; die allezeit ſo viele Schutzengel mit und ohne Lohn zu ihren Dienſten hatte, — Schutzengel, die für ſie ſorgten, ſie ankleideten, ſie zu Bette brachten, und über ſie wachten? Guter Gott, ſage ich, iſt es nicht fatal, daß der große Kampf um eine Kaiſerkrone nicht Statt finden kann, ohne ein armes, harmloſes, achtzehnjähriges Mädchen zu berühren, deren einziges Geſchäft es iſt, in Ruſſell Square zu ſchnäbeln und zu girren, oder Mouſſelinkrägen zu ſticken? Auch Du, liebliche, einfache Blume! — Soll der heulende Kriegsſturm Dich hier umreißen, obgleich Du unter dem Obdache von Holborn in ſiller Verborgenheit blüheſt? Ja; Napoleon iſt im Begriffe, ſein Letztes auf das Spiel zu ſetzen, und das Glück der armen kleinen Emmy Sed⸗ ley bildet, ohne daß ſie und die Welt es weiß, einen Theil des Einſatzes, Für's Erſte hatte die verhängnißvolle Nachricht das Vermögen ihres Vaters vernichtet. Alle ſeine Spekula⸗ tionen waren in der letzten Zeit dem unglücklichen alten Herrn mißlungen. Unternehmungen hatten fehlgeſchlagen. Kaufleute hatten Bankerott gemacht. Die Staatspapiere waren geſtiegen, während er auf das Sinken gerechnet hatte. Was brauchen wir noch mehr zu ſagen? Wenn das Glück ſelten und langſam kommt, ſo weiß Jedermann auf der andern Seite, wie ſchnell und leicht der Ruin iſt. Der alte Sedley hatte mit Niemand über den fatalen Zuſtand ſeiner Angelegenheiten geſprochen. Alles ſchien in dem ruhigen, reichen Hauſe wie gewohnlich zu gehen; die gutmüthige Hausfrau ſetzte, ohne das Mindeſte zu vermuthen, ihren geſchäftigen Müſſiggang fort, und lag ihren täglichen leichten Berufspflichten ob; die Tochter war voch immer ausſchließlich mit einem und demſelben egviſtiſchen, zärtlichen Gedanken beſchäftigt, und kümmerte 17 ſich um die ganze Außenwelt Nichts, als jener letzte Schlag kam, unter dem die würdige Familie niederſank. Eines Abends ſchrieb Mrs. Sedley Einladungskarten zu einer Geſellſchaft, die ſie geben wollte; die Osbornes hatten eine gegeben und ſo durfte ſie denn nicht zurück⸗ bleiben; John Sevley, der ſehr ſpät aus der City nach Hauſe gekommen war, ſaß, ohne ein Wort zu ſagen und in ſich gekehrt, am Kamine, während ſeine Frau an ihn hinplauderte; Emmy fehlte Etwas, und es war die⸗ felbe niedergeſchlagen, weßhalb ſie ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte. „Das Kind iſt nicht glücklich,“ fuhr die Mutter fort. „George Osborne vernachläßigt ſie. Ich kann das Weſen dieſer Leute nicht ausſtehen. Die Mädchen ſind nun ſeit drei Wochen nicht mehr in unſerem Hauſe ge⸗ weſen; und George kam zwei Mal nach der Stadt, ohne uns zu beſuchen. Eduard Dale ſah ihn in der Oper. Ich bin verſichert, Eduard würde ſie heirathen; und dann würde wohl auch Kapitän Dobbin — nur kann ich keinen Soldaten leiden. Solch' ein Dandy, wie George gewor⸗ den iſt! Und das militäriſche Anſehen, das er ſich gibt, ei, ei! Wir müſſen gewiſſen Leuten zeigen, daß wir ſo gut ſind, wie ſie. Gib nur Eduard Dale einige Hoff⸗ nung und dann wirſt Du ſehen. Wir müſſen eine Geſell⸗ ſchaft geben, Sedley. Warum ſprichſt Du nicht, John? Soll ich ſagen, Dienſtag über vierzehn Tage? Aber warum antworteſt Du mir nicht? Guter Gott, John, was iſt geſchehen?“ John Sedley ſprang aus ſeinem Stuhle auf, und ſeiner Frau entgegen, die auf ihn zuſtürzte. Er drückte ſie in ſeine Arme, und ſagte haſtig: „Wir ſind zu Grunde gerichtet, Mary. Wir müſſen nun wieder von vorn an⸗ fangen, meine Theure. Ich will Dir lieber gleich Alles en.“ Als er ſo ſprach, zitterte er am ganzen Leibe, und Der Jahrmarkt des Lebens. U. 2 18 fiel faſt zu Boden. Er dachte, die Nachricht würde ſeine Frau zu Boden drücken, ſeine Frau, der er nie ein har⸗ tes Wort gegeben hatte. Aber er war es, der am Tief⸗ ſten bewegt war, ſo plötzlich auch der Schlag für ſie kam. Als er in ſeinen Stuhl zurückſank, war es die Frau, ſo das Amt eines Tröſters übernahm. Sie ergriff ſeine zitternde Hand, und kußte dieſelbe, und legte ſie um ihren Hals: ſie nannte ihn ihren John — ihren theuren John — ihren alten Mann — ihren guten alten Mann; ſie hatte hundert unzuſammenhangende Worte der Liebe und Zärtlichkeit für ihn; ihre treue Stimme und ihre einfachen Liebkoſungen bereiteten dieſem betrübten Herzen ein unaus⸗ ſprechliches Entzücken und zugleich eine unausſprechlich ſfüße Qual, und erfreuten und erguickten ſeine von der Laſt darniedergedrückte Seele. Nur ein einziges Mal im Laufe der langen Nacht, als ſie ſo bei einander ſaßen, und der arme Sedley ſeine verſchloſſene Seele öffnete, und die Geſchichte ſeiner Ver⸗ luſte und Verlegenheiten — den Verrath einiger ſeiner älteſten Freunde — die männliche Güte Anderer, von de⸗ nen er ein ſolches Betragen nie erwartet — in einer Ge⸗ neralbeichte erzählte — nur ein Mal zeigte ſie ſich da bewegt. „Mein Gott, mein Gott! es wird unſerer Emmy das Herz brechen,“ ſagte ſie. Der Vater hatte das arme Mädchen vergeſſen. Sie lag, wachend und unglücklich oben in ihrem Zimmer. Umgeben von Freunden und gütigen Eltern, war ſie in ihrem eigenen Hauſe einſam. Wie vielen Leuten kann man Alles erzählen? Wer iſt offen, wo keine Sympa⸗ thie iſt, oder wer fühlt ſich berufen, mit denen zu ſpre⸗ chen, die Einen nie verſtehen können? So war unſere ſanfte Amalie einſam. Sie hatte, ſo zu ſagen, keine Ver⸗ traute, ſeitdem ſie Etwas zu vertrauen hatte. Sie konnte mit der alten Mutter nicht über ihre Zweifel und Sorgen ſprechen; ihre dereinſtigen Schweſtern kamen ihr jeden 19 Tag ſeltſamer vor. Auch hatte ſie Ahnungen, und hegte Befürchtungen, die ſie ſich ſelbſt nicht zu geſtehen wagte, obwohl ſie ingeheim immer darüber brütete. Ihr Herz ſuchte fortwährend zu behaupten, daß George Osborne ihrer würdig und ihr treu ſei, obgleich ſie wußte, daß dem nicht ſo war. Wie Vieles hatte ſie geſagt, ohne daß ein Echo in ſeiner Perſon ihr antwor⸗ tete. Wie manchem Verdachte der Selbſtſucht und der Gleichgültigkeit hatte ſie die Spitze zu bieten, und wie hatte ſie venſelben hartnäckig niedergekämpft. Wem konnte die arme kleine Märtyrerin dieſe tagtäglichen Kämpfe und Qualen vertrauen? Ihr Held jelbſt verſtand ſie nur halb. Sie wagte es nicht, ſich zu geſtehen, daß der Mann ihrer Liebe unter ihr ſtehe; oder zu fühlen, daß ſie ihr Herz zu bald weggeſchenkt. Da dieß nun aber ein⸗ mal geſchehen, ſo war das reine, ſchamhafte Mädchen zu beſcheiden, zu zärtlich, zu vertrauensvoll, zu ſchwach, zu ſehr Weib, um es zurückzunehmen. Wir verfahren mit der Liebe unſerer Frauen, wie die Türken, und haben ſie auch zur Anerkennung unſerer Lehre gezwungen. Wir laſſen ihre Körper ziemlich frei herumgehen, und laſſen ſie lächeln, und laſſen ſie Locken und Roſahüte tragen, um ſie dahinter zu verbergen, anſtatt ihnen Schleier und Yak⸗ maks aufzuerlegen. Aber ihre Seelen dürfen nur von einem einzigen Manne geſehen werden, und ſie gehorchen nicht ungern, und geben ihre Einwilligung dazu, daß ſie als unſere Sklavinnen zu Hauſe bleiben, uns bedienen und gemeine, mühſame Arbeit für uns verrichten wollen. So gefangen und gequält war dieſes ſanfte kleine Herz, als im Monate März, Anno Pomini 1815, Na⸗ poleon zu Cannes landete, und Ludwig XVIII floh, und ganz Europa in Unruhe verſetzt ward, und die Papiere ſielen, und der alte John Sedley zu Grunde gerichtet wurde. ** 20 Wir wollen dem würdigen alten Börſenmäkler nicht durch die letzten geſchäftlichen Qualen und Kämpfe hindurch folgen, die er durchzumachen hatte, ehe ſein commerzieller Tod erfolgte, er wurde auf der Stock⸗Erchange als zah⸗ lungsunfähig erklärt; er blieb von ſeinem Comptoir weg: ſeine Wechſel wurden proteſtirt: ſein Bankerott ward förm⸗ lich ausgeſprochen. Das Haus und das Ameublement in Ruſſell Square wurden mit Beſchlag belegt und verkauft, und er und ſeine Familie daraus vertrieben; und es ward, wie wir geſehen haben, ihnen überlaſſen, ihre Häupter zu bergen, wo ſie konnten. John Sedley hatte nicht ſo viel Muth, um die zu ſeinem Haushalte gehorenden Perſonen, die dann und wann in unſerer Geſchichte zum Vorſchein gekommen ſind, und von denen er nun, durch die Armuth gezwungen, Abſchied nehmen mußte, noch einmal zu ſehen. Es wurde dieſen guten Leuten ihr Lohn mit jener Pünktlichkeit ausbezahlt, welche Leute, ſo nur große Summen ſchulden, häufig zeigen — es that ihnen ſehr leid, gute Plätze verlaſſen zu müſſen — allein es brach ihnen das Herz nicht, als ſie ſich von ihrem angebeteten Herrn und ihrer angebeteten Gebieterin trennten. Das Kammermädchen unſerer Ama⸗ lie war zwar ungemein freigebig mit ihren Beileidsbezeu⸗ gungen, ging aber ganz reſignirt davon, um in einem vornehmeren Theile der Stadt eine beſſere Stelle zu ſu⸗ chen. Der ſchwarze Sambo beſchloß, mit der ſeinem Stande eigenthümlichen Verblendung, ein Wirthshaus zu eröffnen. Nur die ehrliche alte Mrs. Blenkinſop, die Jos und Amalie hatte auf die Welt kommen ſehen, und Zeu⸗ gin geweſen war, wie John Sedley um ſeine Frau warb, wollte auch ohne Lohn bei ihnen bleiben, da ſie in ihrem Dienſte eine ſchöne Summe Geldes erſpart hatte. Dieſe begleitete nun die geſtürzten Leute nach ihrem neuen und beſcheidenen Zufluchtsorte, wo ſie ſie pflegte, und einige Zeit gegen ſie murrte. Unter allen Gegnern Sedley's bei den nun folgenden „ 24 Verhandlungen mit ſeinen Gläubigern, — Verhandlungen⸗ welche den gedemüthigten alten Herrn ſo ſehr darnieder vrückten, daß er in ſechs Wochen mehr alterte, als wäh⸗ rend der verfloſſenen fünfzehn Jahre — ſchien der ent⸗ ſchloſſenſte und hartnäckigſte John Osborne zu ſein, — John Osborne, ſein alter Freund und Nachbar — John Osborne, deſſen Glück er gemacht — John Osborne, der ihm hundert Verbinvlichkeiten ſchuldete, und deſſen Sohn Sevley's Tochter heirathen ſollte. Schon einer dieſer Gründe würde die Bitterkeit von Osborne's Widerſtand hinreichend erklären können. Wenn ein Menſch einem andern, mit dem er ſpäter Streit bekömmt, recht viele Verbindlichkeiten ſchuldig iſt, und wenn dazu letztere nicht klein ſind, ſo macht gleichſam ein gemeinſchaftlicher Anſtandsſinn aus Erſterem einen weit ſchlimmeren Feind, als ein bloßer Fremder ſein würde. um Deine eigene Hartherzigkeit und Undankbarkeit in * ſolchem Falle zu erklären und zu rechtfertigen, biſt Du verbunden, das Verbrechen des andern Theiles zu bewei⸗ ſen. Nicht als ob Du ſelbſtſüchtig, brutal und wüthend wäreſt über das Mißlingen einer Spekulation — nein, nein — Dein Theilhaber iſt es, der durch die niederträch⸗ tigſte Verrätherei, und in der unehrlichſten Abſicht Dich dazu verleitet hat. Schon das Gefühl, daß er ſich con⸗ ſequent bleiben müſſe, verpflichtet einen Verfolger, zu zei⸗ gen, daß der Gefallene ein Gauner, ein Spitzbube, ein Böſewicht iſt — ſonſt iſt der Verfolger ja ſelbſt ein Schuft, ein elender Tropf. Auch darf man es, — was gewiß für alle Gläubi⸗ S ger, die zur Strenge geneigt ſind, ziemlich beruhigend iſt — als eine allgemeine Regel anſehen, daß höchſt wahr⸗ ſcheinlich kein Menſch, der ſich in Verlegenheit befindet, durchaus ehrlich iſt. Solche Leute, die in der Klemme ſtecken, verhehlen immer Etwas; ſie übertreiben glückliche 3 Chancen, verheimlichen den wahren Stand ihrer Angele⸗ & genheiten, ſagen, daß bei ihnen Alles gut ſtehe, während 22 ſie das gerade Gegentheil ſagen ſollten; tragen ſtets ein lächelndes Geſicht zur Schau (ein trauriges Lächeln das!), während ſie am Rande des Bankerottes ſtehen; — ſind bereit, unter jedem Vorwande eine Zahlung zu verſchie⸗ ben, oder Geld zurückzuhalten, um den unausbleiblichen 3 Ruin noch einige Tage hinausſchieben zu können. „Nie⸗ der mit ſolcher Unehrlichkeit!“ ſagt der Gläubiger froh⸗ lockend, und zieht ſeinen finkenden Feind im Kothe herum. „Du Narr, warum klammerſt Du Dich an einen Stroh⸗ 1 halm an?“ ſagt der kalte geſunde Menſchenverſtand dem Manne, der am Ertrinken iſt. „Du Schuft, warum willſt Du nicht in der Gazette ſtehen, in der Du nun doch ein⸗ mal figuriren mußt?“ ſagt der Reichthum zu dem armen Teufel, der ſich in dieſem ſchwarzen Abgrunde abkämpft. 34 Wer hat nicht ſchon den Eifer bemerkt, womit die in⸗ timſten Freunde und die ehrlichſten Menſchen einander 32 wegen Betrugs im Verdachte haben, und ſich gegenſeitig deſſelben beſchuldigen, wenn ſie wegen Geldſachen Streit bekommen. Jedermann thut es. Jedermann hat ver⸗ muthlich Recht, und die Welt iſt ein Schelm. Und dann war bei Osborne noch das unerträgliche Bewußtſein vorhanden, daß er einſt von Sedley Wohl⸗ thaten empfangen; das ſtachelte und ärgerte ihn und, wie man weiß, ſo macht ein ſolches Gefühl die Feindſchaft ſtets noch ärger. Endlich mußte er die beabſichtigte Hei⸗ rath zwiſchen Sedley's Tochter und ſeinem Sohne rück⸗ gängig machen; und da die Sache ſchon ſehr weit ge⸗ diehen, und das Glück, ja vielleicht der gute Ruf des armen Mädchens compromittirt war, ſo war es abſolut nothwendig, zu zeigen, daß die ſtärkſten Gründe für den Bruch vorhanden, und zu beweiſen, daß John Sedley wirk⸗ lich ein ganz ſchlechtes Subjekt ſe. Bei den Gläubiger⸗Verſammlungen benahm ſich da⸗ her John Osborne mit einer ſolchen Wuth und einer ſolchen Verachtung gegen Sedley, daß es ihm faſt gelang, dem ruinirten banferotten Manne das Herz zu brechen. „ 23 Er verbot von der Stunde an George jeden Umgang mit Amalie, und bevrohte den jungen Mann mit ſeinem Fluche, wenn er ſeinem Befehle zuwider handelte, und ſprach von dem armen unſchuldigen Mädchen auf die geringſchätzigſte Weiſe, und ſtellte ſie als das gemeinſte und liſtigſte Weſen dar. Eine Hauptbedingung des Haſſes und Zornes iſt, daß man gegen den verhaßten Gegenſtand Lügen aus⸗ ſprechen und ſolchen glauben muß, um, wie wir geſagt, conſequent zu erſcheinen. Als der große Schlag kam — die Ankündigung des Ruins, und der Abzug von Ruſſell Square, und die Er⸗ klärung, daß zwiſchen ihr und George — zwiſchen ihr und der Liebe, zwiſchen ihr und dem Glücke, zwiſchen ihr und dem Glauben an die Welt — Alles aus ſei — Ein brutaler Brief von John Osborne ſagte ihr in einigen kurzen Zeilen, daß das Benehmen ihres Vaters von der Art geweſen, daß von einem weiteren Verkehre zwiſchen dieſen beiden Familien nicht weiter die Rede ſein könne, und alle eingegangenen Verpflichtungen null und nichtig wären) — als der letzte Schlag kam, erſchütterte er ſie nicht ſo ſehr, wie ihre Eltern, oder vielmehr ihre Mutter erwartet (denn was John Sedley betrifft, ſo war er ſelbſt vollſtändig darniedergedrückt durch ſeinen commerziellen Ruin, und durch den Gevanken, daß ſeine Ehre auf immer vernichtet worden.) Amalie ſah ſehr bleich und ruhig aus, als ihr die Nachricht mitgetheilt wurde. Es war ja nur die Beſtätigung der von ihr ſchon längſt gehegten düſteren Ahnungen. Es war ja nur die Verleſung des Urtheils: — ves Verbrechens hatte ſie ſich ſchon längſt ſchuldig ge⸗ macht, — des Verbrechens nämlich, daß ſie am unrechten Platze, zu heftig, gegen die Vernunft geliebt. Sie ſprach jetzt ihre Gedanken ebenſo wenig aus, wie zuvor. Jetzt, wo ſie überzeugt war, daß alle Hoffnung dahin, ſchien ſie kaum unglücklicher zu ſein, als früher, wo ſie fühlte, aber nicht zu geſtehen wagte, daß dieſelbe dahin ſei. So ſiedelte ſie denn von dem großen Hauſe nach dem 24 kleinen über, ohne durch eine Aeußerung an den Tag zu legen, daß ſie den Unterſchied fühle; hlieb meiſtens in ihrem Zimmerchen; härmte ſich im Stillen ab; und ſtarb täglich mehr dahin. Ich will damit nicht ſagen, alle Frauenzimmer ſeien ſo. Meine theure Miß Bullock, ich glaube nicht, daß Ihr Herz alſo brechen würde. Sie ſind ein verſtändiges junges Frauenzimmer, und haben die rechten Grundſätze. Ich will auch nicht ſagen, daß das meinige brechen würde: es hat Vieles ausgeſtanden, und iſt am Leben geblieben, wie ich geſtehen muß. In⸗ deſſen gibt es doch einige Seelen, die ſo zart organiſirt, ſo ſchwach und ſanft und zärtlich ſind. So voft der alte John Sedley an das Verhältniß zwiſchen George und Amalie dachte, oder mit einigen Worten darauf hindeutete, geſchah es mit einer Bitterkeit, die faſt nicht minder groß war, als die, ſo Herr Osborne ſelbſt gezeigt hatte. Er verfluchte Osborne und deſſen Familie als herzloſe, miſerable, undankbare Geſchöpfe. Er ſchwor, daß keine Macht auf Erden ihn bewegen ſolle, ſeine Tochter dem Sohne eines ſolchen Halunken zu ge⸗ ben, und er befahl Emmy, ſich George aus dem Sinne zu ſchlagen, und alle Geſchenke und Briefe zurückzugeben, ſo ſie je von ihm empfangen. Sie verſprach, ſich in ihr Schickſal ergeben zu wol⸗ len, und verſuchte es, zu gehorchen. Sie packte die we⸗ nigen Schmuckſachen zuſammen; und was die Briefe an⸗ langt, ſo zog ſie ſie aus dem Orte hervor, an dem ſie ſie aufbewahrte; und las dieſelben durch — gleich als ob ſie dieſelben nicht ſchon auswendig gewußt hätte: aber von ihnen konnte ſie ſich nicht trennen. Das war zu viel für ſie; ſie ſteckte ſie wieder in ihren Buſen — wie man ſchon Weiber geſehen hat, die ihr todtes Kind ſäugten! Die junge Amalie fühlte, daß ſie ſterben oder geradezu von Sinnen kommen würde, wenn man dieſen letzten Troſt ihr entzöge. Wie pflegte ſie zu erröthen und aufzuleben, ſo oft früher einer von dieſen Briefen kam! Mit welch' — klopfendem Herzen pflegte ſie wegzutrippeln, um ungeſehen dieſelben leſen zu können! Wenn dieſelben kalt waren, mit welcher Verkehrtheit veutete ſie dann dieſe liebevolle kleine Seele daran, bis ſie dieſelben zu warmen, Liebe athmenden umſtempelte. Wie wußte ſie den Schreiber zu entſchuldigen, wenn ſie kurz oder egoiſtiſch waren! Ueber dieſen wenigen werthloſen Papieren brütete und brütete ſie nun. Sie lebte in ihrem vergangenen Daſein — jeder Brief ſchien einen Umſtand deſſelben zurückzu⸗ rufen. Wie gut erinnerte fie ſich aller! Sein Blick und ſein Ton, ſeine Kleidung, was er ſagte und wie er es ſagte — dieſe Reliquien und Erinnerungen waren Alles, was ihr auf der ganzen Welt geblieben, und das Geſchäft ihres Lebens war nun, den Leichnam der Liebe zu be⸗ wachen. Dem Tode ſah ſie mit unausſprechlichem Verlangen entgegen. „Dann,“ dachte ſie, „werde ich ſtets bei ihm ſein, werde ich ſtets ihm folgen können.“ — Ich will hiemit ihr Benehmen nicht gelobt haben, und ebenſo wenig will ich es Miß Bullock als ein nachzuahmendes Muſter hinſtellen. Miß Bullock verſteht es beſſer, ihre Gefühle zu regeln, als dieſes arme kleine Geſchoͤpf. Miß Bullock würde ſich nie ſo compromittirt haben, wie die unkluge Amalie; würde ihre Liebe nicht für immer verpfändet, würde ihr Herz nicht weggebeichtet haben, um dafür Nichts zu erhalten, als ein ſprödes Verſprechen, das in einem Augenblicke gebrochen und werthlos war. Ein langes Liebesverhältniß iſt eine Aſſociation, wobei ein Theil ſein Wort halten oder brechen kann, in der aber vas ganze Kapital des andern ſteckt. Seid daher vorſichtig, Ihr jungen Damen! Sehet wohl zu, wie Ihr Euch bindet! Scheuet Euch, von gan⸗ zem Herzen zu lieben; ſaget nie Alles, was Ihr fühlet, oder — was noch beſſer iſt, fühlet ſehr wenig! Faßt die Folgen in's Auge, denen Ihr Euch ausſetzt, wenn Ihr ſo vorſchnell ehrlich und vertrauensvoll ſeid und miß⸗ trauet Euch und Jedermann. Verheirathet Euch, wie ſie's in Frankreich machen, wo Adovokaten die Rolle der Brautjungfern und Vertrauten übernehmen. Auf jeden Fall müßt Ihr Euch hüten, Gefühle zu hegen, die Euch Unbehaglichkeit verurſachen können, oder ein Verſprechen zu geben, das Ihr nicht zu jeder Stunde in Eurer Ge⸗ walt habt und zurückziehen könnt. Das iſt die rechte Art, auf dem Jahrmarkte des Lebens ſein Glück zu machen, ſich Achtung zu verſchaffen, und als tugendhaft verſchrien zu werden. Hätte Amalie die Commentare hören können, welche in dem Kreiſe, aus demder Ruin ihres Vaters ſie ſo eben vertrieben hatte, über ſie gemacht wurden, ſo würde ſie geſehen haben, welcher Art ihre Verbrechen waren, und wie ſehr ihr guter Ruf gefährdet war. Von einer ſo eriminellen Unklugheit hatte Mrs. Smith noch nie ge⸗ hört; ſolch' abſcheuliche Vertraulichkeiten hatte Mrs. Brown ſtets verdammt, und die Folgen davon ſollten nun ihren Töchtern zum warnenden Beiſpiele dienen. „Capi⸗ tän Osborne kann natürlich die Tochter eines Bankerot⸗ tirers nicht hetrathen,“ ſagten die Miß Dobbins. „Es war gewiß genug, daß ſein Vater von dem alten Sedley beſchwindelt wurde. Was die kleine Amalie betrifft, ſo überſchritt am Ende ihre Thorheit gewiß alle —“ „Alle was?“ brüllte Capitän Dobbin. „Waren ſie nicht ſchon ſeit ihrer Kindheit mit einander verlobt? War es nicht ſo gut, wie eine Heirath? Unterſteht ſich eine Menſchenſeele auch nur ein Wort gegen das lieblichſte, reinſte, zärtlichſte, himmliſchſte aller Mädchen zu ſagen?“ „Ei, ei, William, ſei doch nicht gleich oben aus, ſei nicht ſo kurz angebunden, wenn Du uns Dir gegenüber haſt. Wir ſind keine Männer. Wir können uns nicht mit Dir ſchlagen,“ ſagte Miß Jane. „Wir haben Nichts gegen Miß Sedley geſagt, als daß ihr ganzes Benehmen durchaus unvorſichtig geweſen ſei, um nichts Schlim⸗ 27 meres zu ſagen; und daß ihre Eltern Leute ſeien, die gewiß ihr Unglück verdienten.“ „Willſt nicht Du vielleicht jetzt, wo Miß Sedley frei iſt, ihr Heirathsanträge machen, William?“ fragte Miß Anna in ſarkaſtiſchem Tone. „Es wäre wohl eine höchſt ſchätzenswerthe Familienconnerion. Hi, hi, hi!“ „Ich — ſie — heirathen 1“ ſagte Dobbin, tief er⸗ röthend und geſchwind ſprechend. „Wenn Ihr, meine jungen Damen, ſo vereit ſeid, zu tauſchen und zu wech⸗ ſeln, glaubt Ihr dann, daß auch ſie es ſei? Lacht nur über den Engel und ſprecht Euren Spott aus! ſie kann es ja nicht hören, und iſt elend und unglücklich, und ver⸗ dient verlacht zu werden. Mach' nur mit Deinen Späſſen fort, Anna. Du biſt die Witzreißerin der Familie, und die Andern hören Deine Späſſe gern.“ „Ich muß Dir abermals ſagen, vaß wir hier in keiner Kaſerne ſind, William,“ bemerkte Miß Anna. „In einer Kaſerne, beim Zeus — ich wollte, es würde Einer in der Kaſerne ſagen, was Ihr ſagt,“ brüllte der aufgeſtörte britiſche Löwe. „Ich möchte Einen auch nur ein Wort gegen ſie flüſtern hören, beim Jupiter. Aber Männer ſprechen nicht ſo, wie Du, Anna: nur Weiber können ſo Etwas thun, können ſo die Koͤpfe zu⸗ ſammenſtecken, ſo ziſchen, ſo kreiſchen, ſo ſchnattern. Da, packt Euch — fangt nicht an zu ſlennen. Ich habe ja nur geſagt, Ihr ſeid ein Paar Gänſe,“ ſagte Will Dob⸗ bin, als er bemerkte, daß Miß Anna's rothe Augen ſich in gewohnter Weiſe zu befeuchten begannen. „Nun, nun, meinetwegen ſollt Ihr keine Gänſe ſein, ſondern Schwäne — Alles, was Ihr wollt; nur laßt — laßt Miß Sed⸗ ley ungeſchoren!“ „Man hat doch noch nie ſo Etwas geſehen, wie die Verölendung und die alberne Vorliebe William's für das einfältige, kokettirende, liebäugelnde, kleine Ding,“ dachten die Schweſtern mit ihrer Mama: und ſie waren in Zit⸗ tern und Angſt, daß ſie, da ihr Verhäliniß mit Osborne 28 nun abgebrochen, alsbald ihren andern Anbeter und Ca⸗ pitän erhoren möchte. Bei dieſen Ahnungen urtheilten dieſe würdigen jungen Damen ohne Zweifel nach beſtem Wiſſen, oder richtiger geſprochen (venn ſie hatten bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, zu heirathen, oder, nach ächter Kokettenart, einen Liebhaber mit einem andern zu vertauſchen), nach ihrer eigenen Anſicht von Recht und Unrecht. „Man muß nur froh ſein, Mama, daß das Regi⸗ ment außer Land kommt,“ ſagten die Mädchen. „So iſt denn wenigſtens dieſe Gefahr unſerem Bruder er⸗ ſpart.“ Und ſo war es auch; und ſo kommt es „ daß der franzöfiſche Kaiſer berufen iſt, eine Rolle zu übernehmen in dieſer häuslichen Komoͤdie, die wir jetzt ſpielen, und die ohne die Dazwiſchenkunft dieſer hohen ſtummen Perſon nie zur Aufführung gekommen wäre. Er war es, der die Bourbonen und Herrn John Sedley ruinirte. Er war es, deſſen Ankunft in ſeiner Hauptſtadt ganz Frankreich zu den Waffen rief, um ihn dort zu vertheidigen; und ganz Europa, um ihn auszuſtoßen. Während die fran⸗ zöſiſche Nativn und Armee ſich um die Adler im Champ de Mai ſchaarte, und den Eid der Treue ſchwur, ſetzten vier gewaltige, europäiſche Heere ſich in Bewegung zum Behuf der großen chasse à l'aigle; und eines dieſer Heere war das britiſche, zu dem auch zwei unſerer Hel⸗ den, Capitän Dobhin und Capitän Osborne gehoͤrten. Die Nachricht von Napoleon's Flucht und Landung ren Jubelgeſchrei und mit einem Enthuſiasmus begrüßt, den Jeder begreift, der jenes famoſe Corps kennt. Vom berſten bis zum geringſten Trommler im Regimente herab war Alles von Hoffnung, und Ehrgeiz, und patrioti⸗ ſcher Wuth erfüllt; Alles dankte dem franzöſiſchen Kaiſer, wie für eine perſönliche Gunſtbezeugung, daß er gekom⸗ men, nun den Frieden von Europa zu ſtören. Nun war „ 29 die Zeit endlich gekommen, auf die das ſte Regiment ſo lange und ſo ſehnlich gewartetz jetzt konnte es den Waffenbrüdern zeigen, vaß es den Veteranen, ſo auf der pyrenäiſchen Halbinſel ſich unvergängliche Lorbeeren gs⸗ fammelt, ebenbürtig, und daß nicht aller Muth und alle Tapferkeit des — ſten Regiments durch das Klima Weſtin⸗ diens und das gelbe Fieber ertödtet worden ſei. Stubble und Spooney dachten nun Compagnieführer werden zu können, ohne ihr Patent erſt zu kaufen. Noch vor dem Ende des Feldzugs (bei dem ſie ſich zu betheiligen be⸗ ſchloß) hoffte die Frau Majorin O'Dowd ſich Frau Oberſt O'Dowd, 6. B., *) ſchreiben zu konnen. Un⸗ ſere zwei Freunde, Dobbin und Osborne, waren ebenſo aufgeregt, wie alle Uebrigen: und jeder nahm ſich auf ſeine Weiſe — Herr Dobbin ganz ruhig, Herr Osborne gar laut und energiſch — vor, ſeine Pflicht zu thun, und ſeinen Theil Ehre und Auszeichnung zu erringen. Die Aufregung, welche ſowohl in der Armee als im ganzen Lande in Folge dieſer Nachricht entſtand, war ſo groß, daß man Privatſachen nur wenig beachtete; und wahrſcheinlich wurde deßhalb George Hsborne, der ſo eben zum Hauptmann befördert, mit den Vorbereitungen zu dem unausbleiblichen Marſche beſchäftigt war, und ſich nach weiterer Beforderung ſehnte, — nicht ſo ſehr durch andere Ereigniſſe angegriffen, die ihn in ruhigeren Zeiten intereſſirt haben würden. Er war, wir müſſen es bekennen, über die Kataſtrophe des guten alten Herrn Sedley nicht ſehr niedergeſchlagen. Er probirte ſeine neue Uniform, die ihm ſehr gut ſtand, an dem Tage, wo die erſte Verſammlung der Gläubiger des unglücklichen Herrn Satt fand. Sein Vater ſprach ihm von dem boshaften, ſpitzbübiſchen, ſchändlichen Benehmen des Bankerottirers; erinnerte ihn an das, was er wegen Amaliens geſagt, und wiederholte ihm, daß ihr Verhältniß für immer ab⸗ *) Comander ok ihs Balh. Komthur vom Badorden. 30 gebroch en ſei; und gab ihm an jenem Abende eine ſchöne Summe Geldes, um die neuen Kleider und Epauletten zu bezahlen, in denen er ſo ſiattlich ausſah. Geld konnte der freigebige junge Mann ſlets brauchen, und ſo nahm er es denn ohne viele Worte an. Die Plakate waren an dem Hauſe Sedley's angeklebt, wo er ſo viele, viele glück⸗ liche Stunden zugebracht hatte. Er konnte ſie im Mond⸗ ſcheine weiß glänzen ſehen, als er an jenem Abende aus dem väterlichen Hauſe nach den Old Slaughters ging, wo er logirte, wenn er in der Stadt war. Das gute bequeme Haus hatte ſich alſo vor Amalien und ihren Eltern verſchloſſen: wo mochten ſie wohl eine Zufluchts⸗ ſtätte gefunden haben ? Der Gedanke, daß ſie ruinirt ſeien, afficirte ihn nicht wenig. Jeénen Abend war er im Kaffeezimmer des Slaughters Hotels ſehr melancholiſch; und er trank viel, wie ſeine Kameraden dort bemerkten. Bald kam Dobbin; derſelbe warnte ihn vor dem vielen Trinken, worauf George ſagte, daß er es nur thue, weil ſeine Stimmung eine verdammt gedrückte ſei; als aber ſein Freund begann, plumpe Fragen an ihn zu richten, und von ihm in bedeutſamer Weiſe Neuigkeiten wiſſen wollte, lehnte Osborne es ah ſich mit ihm in ein Ge⸗ ſpräch einzulaſſen; dabei geſtand er jedoch, daß er ver⸗ teufelt unruhig und unglücklich ſei. Drei Tage darauf fand Dobbin Freund Osborne auf ſeinem Zimmer in der Kaſerne: — mit dem Kopfe auf dem Tiſche; um ihn her lagen eine Menge Papiere, und die Stimmung des jungen Capitäns war offenbar eine äußerſt kleinmüthige. Sie hat — ſie hat mir einige Gegenſtände zurück⸗ geſchickt; die ich ihr geſchenkt — verdammtes, miſerables Lumpenzeug. Sieh' her!“ ſagte Osborne. Und es lag wirklich ein kleines Packet da, von einer wohlbekannten Hand adreſſirt an Capitän George Osborne; und einige Gegenſtände konnte man zerſtreut herumliegen ſehen — einen Ring, ein ſilbernes Meſſer, das er als 3¹ Knabe ihr auf einer Meſſe gekauft; eine goldene Kette, und ein Schlößchen mit Haaren. „Es iſt Alles aus,“ ſagte er mit einem Seufzer, worin ſich tiefe Reue ausſprach. „Sieh' her, Will, Du kannſt es leſen, wenn Du willſt.“ Es lag ein nur wenige Zeilen enthaltendes Briefchen da, und darauf deutete er hin. Das Billet ſelbſt war folgenden Inhalts: — „Mein Papa hat mir befohlen, Ihnen dieſe Ge⸗ ſchenke zurückzugeben, die ich in glücklichen Tagen von Ihnen erhalten; und ich ſoll Ihnen zum letzten Male ſchreiben. Ich glaube, ja ich weiß, Sie werden den Schlag, der uns getroffen, eben ſo ſehr fühlen, wie ich. Ich bin es, die ein Verhältniß aufhebt, das bei unſerem gegenwärtigen Elende unmöglich iſt. Ich halte mich überzeugt, daß Sie daran eben ſo wenig Antheil hatten, als an dem grauſamen Verdachte des Herrn Osborne, der von Allen uns am Meiſten drückt. Leben Sie wohl. Leben Sie wohl. Ich flehe zu Gott, daß er mich ſtärken möge, um dieſes und noch anderes Unglück zu ertragen, und ebenſo jlehe ich zu ihm, daß ſein Segen ſtets über Ihnen ruhen moͤge.“ „Amalie.“ N. S. „Ich werde oft auf dem Pianoforte, — Ihrem Pianvforte ſpielen. Es ſah Ihnen gleich, daß Sie mir es ſchickten.“ Dobbin war ſehr weichherzig. Der Anblick eines be⸗ kümmerten Frauenzimmers oder Kindes ſtimmte ihn ſtets weich. Der Gedanke, daß Amalie von Gram verzehrt und einſam ſei, zerriß ſeine gute Seele. Und er gab ſich mit einem Male Gefühlen hin, die Jeder, der Luſt dazu verſpürt, als unmännlich anſehen mag. Er ſchwor, daß Amalie ein Engel ſei, wozu Osborne von ganzem Herzen ja ſagte. Auch er hatte ihre beiderſeitige Lebensgeſchichte überblickt, — und ſie, von ihrer Kindheit bis zu ihrem 32 gegenwärtigen Alter, ſo hold, ſo unſchulbig, ſo bezaubernd einfach, und ungekünſtelt liebevoll und zärtlich geſehen. Welch' ein Schmerz, dieſes Alles nun verlieren zu müſſen: es beſeſſen, und nicht gehörig geſchätzt zu haben! Tauſend in ihrer Einfachheit liebliche Scenen und Erin⸗ nerungen drängten ſich ſeinem Geiſte auf: — ſtets ſah er ſie darin gut und ſchön. Und was ihn ſelbſt anlangte, ſo wurde er vor Scham und Reue roth, bei der Erin⸗ nerung an ſeine Selbſtſucht und Gleichgültigkeit, wenn er ſie jener vollkommenen Relnheit gegenüber ſtellte. Eine Weile war Ruhm, Krieg und Alles vergeſſen, und die zwei Freunde ſprachen einzig und allein von ihr. „Wo ſind ſie?“ fragte OsPorne, nach einem langen Geſpräche, und einer langen Pauſe, — und in der That nicht wenig beſchämt durch den Gedanken, daß er keiner⸗ lei Schritte gethan, um ihr zu folgen. „Wo find ſie? In dem Billet finde ich keine Adreſſe.“ Dobbin wußte es. Er hatte nicht nur das Pianoforte geſchickt, ſondern auch an Mrs. Sedley einige Zeilen ge⸗ ſchrieben, und um Erlaubniß gebeten, ſie beſuchen zu dürfen: — und er hatte ſie, ſowie Amalie geſtern geſehen, ehe er wieder nach Chatham ging; und, was noch mehr ißt, den Abſchiedsbrief und das Packet, wodurch ſie in ſolche Rührung verſetzt worden waren, mitgebracht. Der gutmüthige Burſche hatte Mrs. Sedley nur zu bereitwillig gefunden, ihn zu empfangen. Die gute Dame war ungemein bewegt wegen der Ankunft des Pianofortes, das, wie ſie vermuthete, von George kommen mußte, und ein Zeichen ſeiner Freundſchaft war. Capitän Dobbin zog die würdige Dame nicht aus ihrem Irrthum, ſondern hörte mit großer Sympathie ihrer ganzen Leidens⸗ geſchichte zu — bevauerte ihre Verluſte und Entbehrungen, und fand, wie ſie, das Benehmen des Herrn Osborne gegen ſeinen erſten Wohlthäter grauſam und verwerflich. Als ſie ihr überſtröͤmendes Herz etwas erleichtert hatte, und mit vielen ihrer Sorger herausgerückt war, hatte 33 er wirklich den Muth, nach Amalien zu fragen, die, wie gewöhnlich, oben in ihrem Zimmerchen ſaß, und die ihre Mutter zitternd die Treppe herabführte. Sie ſah ſo todtenblaß aus, und ihr verzweiflungs⸗ voller Blick war ſo pathetiſch, daß der ehrliche William Dobbin bei dem Anblicke ganz erſchrak, und auf dem bleichen, unbeweglichen Geſichte die ſchlimmſten Vorbe⸗ deutungen las. Als ſie einige Minuten bei ihm ſo dage⸗ ſi hatte, gab ſie ihm das Packet in die Hand, und ägte „Bringen Sie dieſes Capitän Osborne, und — und ich hoffe, er befindet ſich recht wohl — und es war recht freundlich von Ihnen, daß Sie uns beſuchten — und unſer neues Haus gefällt uns ungemein. Und ich — ich denke, ich will wieder hinaufgehen, Mama, denn ich fühle mich nicht gar ſtark.“ Und mit dieſen Worten, und einem Knickſe, und einem Lächeln verabſchiedete ſich das arme Kind. Die Mutter warf qualvolle Blicke auf Dobbin, als ſie Amalie hinauf⸗ führte. Einer ſolchen Aufforderung bedurſte es bei dem guten Burſchen nicht. Er ſelbſt liebte ſie viel zu zärtlich, als daß ſo Etwas nothwendig geweſen wäre. Ein unaus⸗ ſprechlicher Kummer, ein unausſprechliches Mitleid, und ein unausſprechlicher Schrecken verfolgten ihn, und er ging, nachdem er ſie geſehen hatte, hinweg, wie ein Ver⸗ brecher. Als Osborne hörte, daß ſein Freund ſie aufgefunden, erkundigte er ſich auf's Angelegentlichſte und Aengſtlichſte nach dem armen Kinde. Er wollte wiſſen, wie es ihr gehe; wie ſie ausſehe; was ſie ſage. Sein Kamerad ergriff ſeine Hand, und ſah ihm in's Geſicht. „George, ſie ſtirbt dahin,“ ſagte William Dobbint — ſonſt konnte er Nichts ſprechen. Ein munteres iriſches Dienſtmädchen verrichtete alle häuslichen Arbeiten in dem kleinen Hauſe, wo die Sed⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. I. 3 ley'ſche Familie eine Zufluchtsſtätte gefunden hatte; und dieſes Mädchen hatte an manchen vorangegangenen Tagen ſich, obwohl vergebens, bemüht, Amalien beizuſtehen, oder dieſelbe zu tröſten. Emmy aber war viel zu traurig, um ihr zu antworten, oder ſelbſt die Verſuche zu bemerken, ſo die andere zu ihren Gunſten machte. Vier Stunden nach dem Geſpräche zwiſchen Dobbin und Osborne kam dieſes Dienſtmädchen in das Zimmer Amaliens, wo dieſelbe, wie gewöhnlich, das heißt, ſtille über ihren Briefen — ihren kleinen Schätzen — brütend, ſaß. Das lächelnde, ſchelmiſch und froh ausſehende Mäd⸗ chen machte mancherlei Verſuche, die Aufmerkſamkeit der armen Emmy auf ſich zu ziehen. Dieſe aber beachtete ſie ganz und gar nicht. „Miß Emmy!“ ſagte das Mädchen. e „Komme gleich,“ ſagte Emmy, ohne ſich umzu⸗ ehen. „Da iſt eine Botſchaft,“ fuhr das Mädchen fort. „Da iſt Etwas — Jemand; — da iſt ein neuer Brief an Sie; — leſen Sie doch die alten nicht mehr.“ Und ſie übergab ihr einen Brief, den Emmy nahm, und las. „Ich muß Dich ſprechen,“ ſagte der Brief. „Theuerſte Su — theuerſte Geliebte — theuerſtes Weib, komm⸗ zu mir.“ George und ihre Mutter ſtanden vor der Thüre, und wollten warten, bis ſie den Brief geleſen. 35 Neunzehntes Kapitel. Miß Crawley in der Pflege. Wir haben geſehen, wie Mrs. Firkin, die Kammer⸗ frau, ſich verpflichtet fühlte, jedes für die Crawley'ſche Familie wichtigere Ereigniß, ſobald es zu ihrer Kenntniß kam, der Mrs. Bute Crawley im Pfarrhauſe mitzuthei⸗ len; auch haben wir weiter oben erwähnt, wie außer⸗ ordentlich freunvlich und aufmerkſam die vorbenannte gut⸗ müthige Dame gegen Miß Crawley's vertraute Dienerin war. Dieſelbe war auch für Miß Briggs, die Geſell⸗ ſchaftsdame, eine gnädige Freundin geweſen, und hatte das Wohlwollen derſelben durch eine Unzahl jener Auf⸗ merkſamkeiten und Verſprechungen gewonnen, die dem, von welchem ſie ausgehen, ſo wenig koſten, und doch dem Empfänger ſo angenehm find, und ſo werthvoll erſcheinen. Es muß wirklich jeder gute Haushälter und jede gute Hausfrau wiſſen, wie wohlfeil und wie liebenswürdig da⸗ vei ſolche Kundgebungen ſind, und welchen Wohlgeſchmack ſie dem einfachſten Gerichte im Leben verleihen. Wer war doch gleich der einfältige Menſch, der ſagte: „Mit bloßen ſchoͤnen Worten ſchmälzt man kein Gericht?“ Ich aber ſage, im Leben wird die Hälfte der Gerichte mit keiner andern Sauce ſervirt, und ſchmackhaft gemacht. Wie der unſterbliche Aleris Soyer für einen halben Penny eine deliciöſere Suppe bereiten kann, als ein ungeſchickter Koch mit vielen Pfunden von Fleiſch und Gemüſen, ebenſo wird auch ein geſchickter Künſtler mit etlichen einfachen und angenehmen Phraſen weiter kommen, als ein bloßer Stüm⸗ per mit einem Vorrathe auch noch ſo ſubſtanzieller Wohl⸗ thaten in der Hand. Ja, wir wiſſen ſogar, daß ſubſtan⸗ 36 zielle Wohlthaten einige Mägen oft zum Erbrechen reizen, während die meiſten jedes beliebige Quantum ſchöner Worte verdauen, und ſiets noch mehr dergleichen Futter haben wollen. Mrs. Bute hatte der Briggs und der Firkin ſo oft von der großen Zuneigung geſprochen, die ſie für ſie hege; und was ſie für ſo vortreffliche und ergebene Freundinnen thun würde, wenn ſie Miß Craw⸗ ley's Vermögen beſäße, daß die in Frage ſtehenden Da⸗ men ſie nicht genug reſpectiren zu können glaubten, und gerade ſo viel Dankbarkeit und Vertrauen fühlten, als ob Mrs. Bute ſie mit den koſtſpieligſten Gunſtbezeigungen überhäuft hätte. Andererſeits gab Rawdon Crawley, wie ein ſelbſi⸗ ſüchtiger, geiſtesarmer Dragoner, der er war, ſich nie die geringſte Mühe, die Adjutantinnen ſeiner Tante ſich geneigt zu machen, legte ſeine Verachtung für das Paar ganz offen an den Tag — ließ ſich einmak von der Firkin ſeine Stiefeln ausziehen — ſchickte ſie im Regen aus mit Aufträgen, die ihr als herabwürdigend erſcheinen mußten — und gab er einmal eine Guinee, ſo warf er ihr die⸗ ſelbe zu, wie wenn ſie eine Ohrfeige wäre. Da auch ſeine Tante die Briggs zur Zielſcheibe ihres Spoites machte, ſo ahmte der Capitän ihr Beiſpiel nach, und ver⸗ folgte ſie mit ſeinen Späſſen, — Späſſe, die etwa ſo zart waren, wie ein Schlag ſeines Pferdes. Mrs. Bute da⸗ gegen zog ſie in ſchwierigen Angelegenheiten, oder in Sa⸗ chen des Geſchmacks zu Rathe, bewunderte ihre Poeſie, und bewies durch tauſend Acte der Höflichkeit und Freund⸗ lichkeit, wie ſehr ſie die Briggs ſchätze; und wenn ſie der Firkin ein Geſchenk im Werthe von 2 ½ Pence machte, ſo begleitete ſie daſſelbe mit ſo vielen Complimenten, daß die 2 ½ Pence im Herzen der dankbaren Kammerfrau ſich in pures Gold verwandelten; dabei erwartete Letztere ganz zufrieden irgend eine ungeheure Wohlthat, die ihr an dem Tage zu Theil werden müßte, wo Mrs. Bute ihr großes Erbe einthun würde. „ 37 Ich mache Perſonen, welche in die Welt eintreten, ganz ergebenſt aufmerkſam auf das verſchiedene Benehmen die ſer zwei Leute. Zu ſolchen ſage ich, lobet Jedermann: ſeid nie ekel, ſondern macht euer Compliment dem Be⸗ treffenden geradezu in's Geſicht, und auch hinter ſeinem Rücken, wenn Ihr halbwegs wißt⸗ daß es ihm wieder zu Ohren kömmt. Laßt nie eine Gelegenheit entſchlüpfen, ein freundliches Wort anzubringen. Wie Collingwood auf ſeinem Gute nie eine leere Stelle ſehen konnte, ohne eine Eichel aus der Taſche zu nehmen, und dieſelbe zu ſtecken; ſo haltet es auch Euer Leben lang mit den Complimenten. Eine Eichel koſtet Nichts, kann aber zu einem koloſſalen Baume werden. Mit einem Worte, während Rawdon Crawley im Glücke ſaß, gehorchte man ihm nur ziemlich mürriſch, und weil man nicht anders konnte; und als er nun in Ungnade fiel, war Niemand da, um ihm zu helfen, oder ihn zu bemitleiden. Mrs. Bute dagegen wußte die Sache geſchickter einzufäveln: als ſie in Miß Crawley's Hauſe den Commandoſtab in die Hände nahm, war die dortige Garniſon ganz entzückt, unter einem ſolchen General zu ſtehen, und erwartete von ihren Verſprechungen, ihrem Edelmuthe, und ihren freundlichen Worten alle erdenklichen Vortheile. Daß er ſich nach einer erſten Niederlage überwunden geben und keinen weitern Verſuch machen würde, die ver⸗ lorene Stellung wieder zu gewinnen, ließ Mrs. Bute Crawley ſich nie einfallen. Sie kannte Rebekka als ein zu geſcheidtes, zu muthiges, und zu verzweifeltes Frauen⸗ zimmer, um ſich der Hoffnung hinzugeben, daß dieſelbe ohne einen heftigen Kampf ſich in ihr Schickſal fügen würde; und fühlte, daß ſie ſich auf dieſe Eventualität vorbereiten, und gegen jeden Angriff, jede Miene, jeden Ueberfall unabläßig auf ihrer Hut ſein müſſe. Fürs Erſte:; war ſie, obwohl ſie die Stadt beſetzt hielt, der Hauptbewohnerin ſo ſicher? Würde Miß Craw⸗ ley ſelbſt aushalten; und hatte Letztere nicht ein geheimes Verlangen, den vertriebenen Gegner darin wieder aufzu⸗ nehmen, und denſelben willkommen zu heißen? Die alte Dame hatte Rawdon gern, ſowie auch Rebekka, die ſie amüſirte. Mrs. Bute konnte ſich die Thatſache nicht ver⸗ hehlen, daß keine ihrer Parteigänger und Parteigänge⸗ rinnen zur Unterhaltung der Stadtdame ſoviel beizutragen im Stande ſei. „Ich weiß, daß das Singen meiner Mädchen nach dem der kleinen odiöſen Gouvernante gar nicht gefällt,“ geſtand ſich die aufrichtige Frau Pfarrerin ſelbſt. „Sie ſchlief immer ein, wenn Martha und Louiſe ihre Duette ſpielten. Jim's ſteife Univerſitäts⸗Manieren, und die Geſpräche des armen theuren Bute über ſeine Pferde und Hunde langweilten ſie ſtets. Würde ich ſie mit mir in das Pfarrhaus nehmen, ſo würde ſie zuver⸗ läßig auf uns Alle bös werden, und entfliehen; und dann könnte ſie wieder in die Klauen des abſcheulichen Rawdon fallen, und ein Opfer jener kleinen Viper von einer Sharp werden. Unterdeſſen iſt es mir klar, daß ſie äußerſt un⸗ wohl iſt, und jedenfalls einige Wochen lang das Haus nicht verlaſſen kann; während dieſer Zeit müſſen wir ir⸗ gend einen Plan aushecken, um ſie dor den Anſchlägen dieſer nichtswürdigen Leute zu ſchützen.“ Sagte Jemand Miß Crawley ſogar in ihren beſten Augenblicken, einmal, daß ſie unwohl ſei, oder fo ausſehe, ſo ſchickte die zitternde alte Dame auf der Stelle nach ihrem Doktor; und es läßt ſich wohl annehmen, daß ſie nach dem plötzlichen Familienereigniſſe, das ſtärkere Ner⸗ ven, als die ihrigen, hätte erſchüttern können, wir klich ſehr unwohl war. Mrs. Bute wenigſtens erachtete es als ihre Pflicht, den Arzt, und den Apotheker, und die Geſellſchaftsdame, und die Dienſtboten wiſſen zu laſſen, daß Miß Crawleh ſich in einem überaus kritiſchen Zu⸗ ſtande befinde, und daß ſie ſich darnach zu benehmen hät⸗ ten. Sie ließ die Straße knietief mit Stroh beſtreuen, den Thürklopfer abnehmen, und Herrn Bowls'“ Silberge⸗ 39 ſchirr, als jetzt zum Gebrauche ungeeignet, einſchließen. Der Doktor mußte täglich zwei Mal kommen, und alle zwei Stunden überſchwemmte ſie ihre Patientin mit Arze⸗ neien. Trat Jemand in das Zimmer, ſo ließ ſie ein ſo ziſchendes und ominöſes Sch Sch Sch hoͤren, daß ſie die arme alte Dame vor Schreck zuſammenfahren machte in ihrem Bette, aus dem dieſe nicht hervorblicken konnte, ohne Mrs. Bute's kleine, kugelförmige Augen, — da Letztere nicht aus dem Armſtuhle neben dem Bette kam — eifrig auf ſich geheftet zu ſehen. Die kleinen Augen ſchienen ſogar im Dunkeln zu leuchten (denn die Vorhänge mußten ſtets zuſammengezogen ſein), wenn Mrs. Bute im Zimmer auf ſammtenen Pfoten, wie eine Katze, herum⸗ ging. So lag Miß Crawley Tage lang — ja viele, viele Tage lang da, und Mrs. Bute las ihr aus Gebetbüchern vor: ſo lag ſie Nächte, lange Nächte hindurch da, wäh⸗ rend welcher ſie hören mußte, wie der Nachtwächter rief, wie das Nachtlicht ſpritzte; um Mitternacht wurde ſie zu guter Letzt noch von dem behutſam einhertretenden Apo⸗ theker beſucht, und dann allein gelaſſen, um Mrs. Bute's funkelnde Augen, oder das gelbe Flackern des Nachtlichts auf der düſtern Zimmerdecke zu betrachten. Hygieia ſelbſt würde bei einem ſolchen Regime krank geworden ſein; um wie viel mehr mußte es alſo dieſes arme, alte, ner⸗ venſchwache Opfer werden! Wir haben geſagt, daß dieſe ehrwürdige Bewohnerin des Jahrmarkts des Lebens, wenn ſie geſund und luſtig war, über Religion und Moral ſo frei dachte, wie nur Monſieur de Voltaire ſelbſt hätte wünſchen können; ſobald ſie aber erkrankte, wurde ihr Zuſtand durch die entſetzlichſten Todesſchrecken verſchlim⸗ mert, und dann bemächtigte ſich der alten darniederlie⸗ genden Sünderin die äußerſte Feigheit. Ein Krankenbeit zum Einflechten von Homilien und frommen Betrachtungen zu benützen, iſt ſicherlich in einem bloßen Geſchichtbuche nicht am Platze, und wir haben nicht im Sinne, (nach der Manier einiger modernen Ro⸗ 40⁰ manſchreiber) das Publikum durch Schmeicheleien zu be⸗ wegen, eine Predigt hinzunehmen, wenn der Leſer nur für eine Komödie zahlt. Indeſſen dürfen wir, auch ohne eine Predigt auftiſchen zu wollen, gewiß unſere Leſer bitten, die Wahrheit im Auge zu behalten, daß das geſchäftige Gedränge, und der Triumph, und das Gelächter, und die Fröhlichkeit, welche der Jahrmarkt des Lebens öffent⸗ lich darbietet, dem Schauſpieler nicht immer auch in das Privatleben folgt, und daß die traurigſie Niederge⸗ ſchlagenheit und die trübſeligſte Reue ſich deſſelben bis⸗ weilen bemächtigen. Die Erinnerung an die koſtlichſten Bankette wird wohl ſchwerlich kranke Epicuräer aufzuhei⸗ tern im Stande ſein. Erinnerungen, wie die, daß ſie einſt die kleidſamſten Anzüge beſeſſen, und die glänzend⸗ ſten Balltriumphe gefeiert, werden zum Troſte verwelkter Schönheiten immer nur wenig beitragen. Vielleicht macht es Staatsmännern in einer gewiſſen Periode ihres Lebens keine ſonderliche Freude, über die glanzvollſten Abſtim⸗ mungen nachzudenken; und die Erfolge oder Freuden von geſtern ſchrumpfen gar gewaltig zuſammen, wenn ein ge⸗ wiſſes (obwohl ungewiſſes) Morgen, an das wir doch Alle einmal, ſei es früher oder ſpäter, denken müſſen, in Ausſicht ſteht. O meine Brüder, die ihr mit mir die Schellenkappe traget! Gibt es nicht Augenblicke, wo Einen die Luftſprünge, und das Lachen, und das Schellenge⸗ klingel anekeln? Mein liebenswürdiger Zweck, theure Freunde und Genoſſen, iſt der, mit Euch über den Jahr⸗ markt hinzugehen, dort die Buden und Schauſtellungen in Augenſchein zu nehmen, und nach all⸗ dem Glanze, all' dem Lärmen, und all' der Luſtigkeit mit Euch wieder heimzugehen, und mit Euch dann im Stillen höchſt un⸗ glücklich zu ſein. „Trüge mein armer Mann einen Kopf auf ſeinen Schultern,“ vachte Mrs. Bute Crawley bei ſich ſelbſt, „wie nützlich könnte er ſich gerade jetzt bei der unglück⸗ lichen alten Dame machen! Er konnte ihr Bußpredigten ⸗ 41¹ halten, und bewirken, daß ſie ihre abſcheuliche Freidenkerei bereuete; er könnte ſie bewegen, ihre Pflicht zu thun, und jenen odiöſen, verworfenen Menſchen, der ſich und ſeine Familie geſchändet hat, abzuſchütteln; und er könnte ſie veranlaſſen, meinen theuren Mädchen und den beiden Jungen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, die, wie ich verſichert bin, jeden Beiſtand, den ihre Verwandten ihnen koͤnnen zu Theil werden laſſen, brauchen und verdienen.“ Und da es ſtets ein Schritt zur Tugend iſt, wenn man das Laſter haßt, ſo ſuchte Mrs. Bute Crawley ihrer Schwägerin einen gehörigen Abſcheu vor all' den man⸗ cherlei Sünden Rawdon Crawley's einzuflößen, von denen die Frau ſeines Oheims einen ſo reichhaltigen Katalog anfertigte, daß derſelbe zur Verdammung eines ganzen Regiments junger Offiziere hätte dienen koͤnnen. Hat ein⸗ mal ein Menſch in ſeinem Leben etwas Unrechtes gethan, ſo kenne ich keinen Moraliſten, der es ſich ängſtlicher an⸗ gelegen ſein ließe, die Welt mit ſeinen Verirrungen be⸗ kannt zu machen, als die eigenen Verwandten; und Mrs. Bute legte vaher auch ein hoͤchſt lebhaftes Familieninte⸗ reſſe, und eine vollkommene Kenntniß von Rawdon's Le⸗ bensgeſchichte an den Tag. Sie war mit allen Einzel⸗ heiten jenes häßlichen Streites mit Capitän Firebrace, in dem Rawdon, der ſchon von Anfang an Unrecht hatte, zuletzt den Capitän erſchoß, vertraut. Sie wußte, wie der unglückliche Lord Dovedale, deſſen Mutter in Orford ein Haus gemiethet hatte, damit derſelbe dort erzogen würde, und der, vor ſeiner Ankunft in London, noch nie eine Karte in der Hand gehabt hatte, von Rawdon in dem Cocosbaum verführt, von dieſem abſcheulichen Ju⸗ gendverderber total betrunken gemacht, und wie demſelben von Letzterem vier tauſend Pfund abgejagt wurden. Sie beſchrieb mit erſtaunlicher Genauigkeit und auf's Findring⸗ lichſte den Schmerz der Provinzialfamilien, die er ruinirt — die Söhne, die durch ihn um Ehre und Vermoͤgen gekommen — die Tochter, die er verführt, und in's Ver⸗ 4² derben geſtürzt. Sie kannte die armen Gewerbsleute, die durch ſeine Verſchwendung an den Bettelſtab gebracht worden — die niederträchtigen Mittel und Spitzbübereien, wodurch er ſich Credit zu verſchaffen gewußt — die koloſ⸗ ſalen Lügen, womit er die edelmüthigſte aller Tanten hinter's Licht geführt, und die Undankbarkeit und den Spott, womit er deren Opfer vergolten. Alle dieſe Ge⸗ ſchichten theilte ſie Miß Crawley allmählig mit, und zwar ſo ausführlich, wie möglich; erachtete es für ihre Pflicht als Chriſtin und Familienmutter, ſo zu handeln; legte nicht das geringſte Mitleiden für das Opfer an den Tag, das ihre Zunge hinſchlachtete; ja, hielt ihre Handlungs⸗ weiſe hoͤchſt wahrſcheinlich für ungemein verdienſtlich, und that ſich auf die Entſchloſſenheit, womit ſie zu Werke ging, nicht wenig zu gute. Ja, man ſage, was man will: ſoll ein Menſch um ſeinen guten Ruf gebracht wer⸗ den, ſo iſt zu ſolchem Geſchäfte Niemand geeigneter, als ein Verwandter. Und was den elenden, unglücklichen Rawdon Crawley betrifft, ſo muß man geſtehen, daß ſchon die bloße Wahrheit zu ſeiner Verdammung voöllig hin⸗ reichte, und daß alle Erfindungen der Seandalſucht von Seiten ſeiner Freunde eine durchaus überflüſſige Mühe waren. Da nun auch Rebekka eine Verwandte war, ſo hatte ſie natürlich ebenfalls vollen Antheil an den gütigen Nach⸗ forſchungen der Mrs. Bute. Dieſe unermüdlich nach Wahr⸗ heit ſtrebende Perſon (ſie hatte ſtrengen Befehl gegeben, gegen alle Emiſſäre oder Briefe von Rawdon die Thüre zu verſchließen) nahm Miß Crawleys Wagen, und fuhr zu ihrer alten Freundin, Miß Pinkerton, in Minerva Houſe, Chiswick Mall, der ſie die ſchreckliche Nachricht von der Verführung Capitän Rawdon's durch Miß Sharp mittheilte, und von der ſie verſchiedene merkwürdige Ein⸗ zelheiten über die Geburt und frühere Geſchichte der Ex⸗ gouvernante erhielt. Die Freundin des großen Lexicogra⸗ phen war reich genug an intereſſanten Geſchichten. Miß 43 Jemima mußte die Quittungen und Briefe des Zeichen⸗ lehrers herbeiholen. Der eine kam aus einem Spunging⸗ Houſe: ²) in einem anderen wurde um Vorſchuß gebeten; wieder ein anderer war voller Dankbarkeit für die Auf⸗ nahme Rebekkas im Hauſe der Dame von Chiswick: und das letzte Dokument aus der Feder des unglücklichen Künſtlers war das, worin er, von ſeinem Todtenbette aus, ſein verwaistes Kind Miß Pinkerton's Schutz empfahl. In der Sammlung befanden ſich gleichfalls jugendliche Briefe und Bittſchriften, worin ſie angelegentlichſt um Unter⸗ ſtützung für ihren Vater bat, oder ihre Dankbarkeit aus⸗ drückte. Vielleicht gibt es auf dem Jahrmarkte des Le⸗ bens keine beſſern Satyren, als eben Briefe. Nehmt einen Pack von denen, ſo euer theurer Freund euch vor zehn Jahren geſchrieben — euer theurer Freund, den ihr jetzt haßt. Seht einen Haufen von Briefen an, die euere Schweſter euch geſchrieben; wie ſehr hinget ihr an ein⸗ ander, bis ihr wegen des Legats von zwanzig Pfund mit einander Streit bekamet! Langet die erſten Schreibverſuche eures Sohnes herab, der ſeitdem durch ſeinen ſelbſtſüchti⸗ gen Ungehorſam euch halb das Herz gebrochen; oder einen Stoß von den eurigen, die unendliche Gluth und ewige Liebe athmen, und von eurer Geliebten zurückgeſendet wurden, als ſie den Nabob heirathete — von eurer Ge⸗ liebten, um die ihr euch jetzt nicht mehr bekümmert, als um die Königin Eliſabeth. Gelübde, Liebesſchwüre, Ver⸗ ſprechungen, vertrauliche Mittheilungen, Dankbezeigungen, — wie ſeltſam liest ſich das nach Verfluß einiger Zeit! Auf dem Jahrmarkte des Lebens ſollte es ein Geſetz geben, vas die Vernichtung jedes geſchriebenen Dokuments (mit *) Das Haus eines Bailiff, worin Arreſtanten, gewöhn⸗ ſich verhaftete Schuldner, einſtweilen verwahrt werden, bis ihnen ein beſtimmtes Gefängniß angewieſen wird; in dieſem Falle zehrt der Bailiff auf Koſten des Ge⸗ fangenen. —— 44 alleiniger Ausnahme gquittirter Rechnungen) nach einem gewiſſen kurzen und paſſenden Zeitraume befähle. Die Quackſalber und Miſanthropen, die in Zeitungen und Plakaten ihre unzerſtörliche japaneſiſche Tinte anpreiſen, ſollten mit ihren gottloſen, nichtsnutzigen Erfindungen gleichfalls der Bernichtung geweiht ſein. Die beſte Tinte, der man auf dem Jahrmarkte des Lebens fich bedienen könnte, wäre eine, die in etlichen Tagen ſo vollſtändig verbliche, daß das Papier wieder ganz rein und weiß würde, und man daſſelbe abermals zum Schreiben an eine andere Perſon zu benützen im Stande wäre. Von Miß Pinkerton's Hauſe weg verfolgte die un⸗ ermüdliche Mrs. Bute die Spur Sharp's und ſeiner Tochter bis in die Wohnung in Greek Street, welche der verſtorbene Maler inne gehabt hatte, und wo das von Sharp, als Gegenſatz für einen Vierteljahrs⸗Hauszins, ge⸗ fertigte Porträt der Hauswirthin in weißem Atlaß und das ihres Gatten in meſſingenen Knoͤpfen noch die Wände des Empfangzimmers zierte. Mrs. Stokes war eine mit⸗ theilſame Perſon, und erzählte ohne Anſtand Alles, was ſie über Herrn Sharp wußte; wie liederlich und arm er geweſen; wie guthmüthig und unterhaltend; wie er un⸗ abläßig von Bailiffs *) und ungeduldigen Gläubigern verfolgt worden; wie er, zum Entſetzen der Hauswirthin — obgleich ſie das Weib nie habe leiden können — ſeine Frau erſt ganz kurz vor ihrem Tode geheirathet; und welch' eine ſeltſame kleine, wilde Füchſin ſeine Tochter geweſen; wie dieſelbe durch ihre Späſſe und ihre virtuoſe Eigenſchaft im Nachäffen ſie Alle unaufhoͤrlich lachen ge⸗ macht; wie ſie gewöhnlich den Genever aus dem Wirths⸗ hauſe geholt, und wie ſie in allen Ateliers des Stadt⸗ viertels bekannt geweſen — kurz, Mrs. Bute erhielt einen ſo vollſtändigen Bericht über Eltern, Erziehung, und Auf⸗ *) Ein vom Sheriff beſtellter Beamter, der Gerichts⸗ diener, Vogt. — ꝛ 4⁵ führung ihrer neuen Nichte, daß Rebekka kaum erfreut geweſen wäre, wenn ſie gewußt hätte, daß man ſolche Nachforſchungen über ſie anſtelle. Die Reſultate aller dieſer fleißigen Nachſuchungen wurden Miß Crawley natürlich nicht vorenthalten; im Gegentheil Mrs. Rawdon Crawley war die Tochter einer Operntänzerin. Sie ſelbſt hatte getanzt. Sie hatte den Malern Modell geſeſſen. Sie war erzogen worden, wie es für die Tochter ihrer Mutter paßte. Sie trank Genever mit ihrem Vater u. ſ. w. u. ſ. w. Es war ein liederliches Frauenzimmer, das einen liederlichen Mann geheirathet; und die aus Mrs. Bute's Erzählung her⸗ vorgehende Nutzanwendung war, daß die Schlechtigkeit des Paares unverbeſſerlich ſei, und daß keine Perſon, ſo Etwas auf ſich hielte, je wieder Notiz von ihnen nehmen würde. Dieß waren die Materialien, welche die umſichtige Mrs. Bute in Park Lane ſammelte, — gleichſam der Proviant und die Munitivn, womit ſie das Haus gegen die Belagerung befeſtigte, die, — wie ſie wohl wußte, — Rawdon und ſeine Frau nicht unterlaſſen würden, gegen Miß Crawley auszuführen. Wenn aber an ihren Anordnungen Etwas zu tadeln iſt, ſo iſt es das, daß ſie zu eifrig war: ſie war etwas zu geſchickt, und chat des Guten etwas zu viel. Ohne allen Zweifel machte ſie Miß Crawley kränker, als gerade nöthig war; und obgleich die alte Patientin ihrer Auto⸗ rität erlag, ſo war dieſe doch ſo ermüdend und ſtrenge, daß das Opfer bei der erſten günſtigen Gelegenheit, welche ſich darbot, ſich geneigt fühlen mußte, dieſelbe abzuſchüt⸗ teln. Geſchickte Weiber, die Zierden ihres Geſchlechtes, — Weiber, die für Jeden Alles anordnen, und ſo unend⸗ lich beſſer, als die betreffende Perſon, wiſſen, was für ihre Nachbarn gut iſt, laſſen pisweilen die Möglichkeit einer häuslichen Revolte außer Acht, oder andere äußerſte Folgen, die aus ihrer allzu weit getriebenen Autorität her⸗ vorgehen müſſen. So trieb zum Beiſpiel Mrs. Bute, ohne Zweifel in der beſten Abſicht von der Welt, und während ſie ſelbſt dadurch aufgerieben wurde, daß ſie ſich um ihrer kranken Schwägerin willen Schlaf, Eſſen und freie Luft verſagte, ihre Ueberzeugung von der Krankheit der alten Dame ſo weit, daß ſie dieſelbe um ein Haar in's Grabh gebracht hätte. Eines Tages zählte ſie dem nie ausbleibenden Apotheker, Herrn Clump, alle von ihr gebrachten Opfer, ſo wie die Reſultate derſelben, her. „Gewiß habe ich es, mein theurer Herr Clump,“ ſagte ſie, „an Anſtrengungen nicht fehlen laſſen, um unſere theure Patientin, die durch die Undankbarkeit ihres Neffen auf das Krankenlager geworfen worden, wieder herzuſtel⸗ len. Vor perſoͤnlichen Unannehmlichkeiten weiche ich nie zurück; ich weigere mich nie, mich aufzuopfern.“ „Ihre Hingebung, man muß es geſtehen, iſt bewun⸗ dernswürdig,“ ſagte Herr Clump, mit einer tiefen Ver⸗ beugung, „aber —“ „Seit meiner Ankunft habe ich kaum ein Mal meine Augen zugethan: Schlaf, Geſundheit, Alles opfere ich meinem Pflichtgefühle auf. Als mein armer James die Pocken hatte, durfte da ein Miethling ihn pflegen? Nein.“ „Sie thaten, was einer vortrefflichen Mutter, der beſten aller Mütter, ziemte, meine theure Madam; aber —“ „Als Familienmutter und als Frau eines engliſchen Geiſtlichen glaube ich demüthig, daß meine Grundſätze gut ſind,“ ſagte Mrs. Bute, mit einer Feierlichkeit der Ueberzeugung, die höchſt glücklich genannt werden mußte; „und ſo lange die Natur mich nicht im Stiche läßt, werde ich nie, nie, Herr Clump, den Poſten der Pflicht verlaſ⸗ ſen. Andere mögen dieſes graue, kummererfüllte Haupt auf das Krankenlager bringen (hier deutete Mrs. Bute mit einer Hand auf eines der kaffeefarbenen Toupets der 47 Miß Crawley, das auf einem Geſtelle im Ankleidezimmer lag,); aber nie werde ich daſſelbe verlaſſen. Ach, Herr Clump! Ich fürchte, ich weiß, daß unſere Patientin geiſt⸗ lichen und ärztlichen Troſt braucht.“ „Was ich bemerken wollte, meine theure Madam,“ — fiel hier der entſchloſſene Clump abermals mit freund⸗ licher Miene ein — „was ich bemerken wollte, als Sie Gefühle an den Tag legten, die Ihnen ſo viele Ehre machen, war, daß Sie, nach meiner Anſicht, wegen unſerer gütigen Freundin ſich viele unnöthige Unruhe machen, und daß Sie Ihre Geſundheit zu ſehr im Dienſte der⸗ ſelben aufopfern.“ „Ich würde mein Leben für meine Pflicht, oder für ein Glied der Familie meines Gatten opfern,“ entgegnete Mrs. Bute. „Ja, Madam, wenn es nöthig wäre; allein wir wollen aus Mrs. Bute Crawley keine Märtyrerin machen,“ ſagte Clump in galanter Weiſe. „Dr. Sauills und ich haben Miß Crawley's Zu⸗ ſtand, wie Sie wohl denken können, mit ängſtlicher Sorg⸗ falt erwogen. Wir ſehen, daß ſie niedergeſchlagen und angegriffen iſt; Familienereigniſſe haben ihre Nerven er⸗ ſchüttert.“ „Ihr Neffe wird der Verdammniß anheim fallen,“ rief Mrs. Crawley. 2 „Haben ihre Nerven erſchüttert: und Sie kamen hier an, wie ein Schutzengel, meine theure Madam, wie ein wahrer Schutzengel, ich verſichere es Ihnen, um ſie in dem Unglücke, das ſo ſchwer auf ihr liegt, aufzurichten. Aber Dr. Squills und ich waren der Anſicht, daß unſere liebenswürdige Freundin ſich nicht in einem ſolchen Zu⸗ ſtande befinde, daß ſie nothwendig in das Bett geſprochen werden müßte. Sie iſt zwar niedergeſchlagen; aber dieſes ewige Einſperren trägt vielleicht zu ihrer Niedergeſchla⸗ genheit noch bei. Sie ſollte Veränderung haben, friſche 48 Luft, Zerſtreuung, — die köſilichſten Arzenelen in der Pharmakopoöe,“ ſagte Herr Clump lächelnd und ſeine ſchönen Zähne zeigend. „Laſſen Sie ſie aufſtehen, theure Madam; überreden Sie ſie dazu; machen Sie, daß ſie ihr Bett verläßt, und nicht mehr ſo niedergeſchlagen iſt; beſtehen Sie darauf, daß ſie jeden Tag ausfährt, wenn auch nur auf ganz kurze Zeit. Dieſe Spazierfahrten wer⸗ den auch auf Ihre Wangen die Roſen zurückbringen, wenn ich mit Mrs. Bute Crawley ſprechen darf.“ „Der zufällige Anblick ihres abſcheulichen Neffen im Parke, wo, wie man mir ſagt, der miſerable Menſch mit ſeiner ſchamloſen Mitſchuldigen ſich im Wagen zu zeigen pflegt,“ ſagte Mrs. Bute (die Katze der Selbſtſucht aus dem Sacke der Heimlichkeit laſſend), „würde ihr einen ſolchen Schlag verurſachen, daß wir ſie alsbald würden zurück, und in's Bett bringen müſſen. Sie darf nicht ausgehen, Herr Clump. So lange ich da bin, um über ſie zu wachen, darf ſie nicht aus dem Hauſe. Und was meine Geſundheit betrifft, — was liegt daran? Freudig gebe ich dieſelbe hin, Sir. Ich opfere ſie auf dem Altare der Pflicht.“ „Auf meine Ehre, Madam,“ ſagte jetzt Herr Clump geradezu heraus, „ich ſtehe nicht für ihr Leben, wenn ſie in dieſem dunkeln Zimmer eingeſchloſſen bleibt. Sie iſt ſo angegriffen, daß wir ſie jeden Tag verlieren können; und wenn Sie wollen, daß Capitän Crawley ſie beerbe, ſo muß ich mit aller Offenheit Sie darauf aufmerkſam machen, Madam, daß Sie Alles thun, um ihm zu dienen.“ „Gütiger Himmel! Iſt denn ihr Leben in Gefahr?2“ rief Mrs. Bute. „Warum, warum, Herr Clump, ſagten Sie mir das nicht früher?“ Den Abend vorher hatten Herr Clump und Dr. Squills (bei einer Flaſche Wein im Hauſe von Sir La⸗ pin Warren, deſſen Gemahlin ihn eben mit einem drei⸗ zehnten Sprößlinge beſchenken wollte) den Zuſtand der Miß Crawleh mit einander beſprochen. „ 49 „Welch' eine kleine Harßye iſt das Weibchen aus Hampſhire, Clump, das die alte Tilly Crawley in Be⸗ ſchlag genommephat,“ bemerkte Squills. „Verteufelt guter Madeira!“ „Was für ein Narr doch Rawdon Crawley geweſen iſt, daß er eine Gouvernante geheirathet!“ erwiederte Clump. „Es war aber auch Etwas an dem Mädchen.“ „Grüne Augen, weiße Haut, hübſche Figur, famoſe Stirnentwickelung,“ bemerkte Squills. „Es iſt Etwas an ihr, und Crawley war ein Narr, Clump.“ „Ein verdammter Narr — war es ſtets,“ erwiederte der Apotheker. „Natürlich wirft ihn nun die alte Jungfer über Bord,“ ſagte der Doktor, und ſetzte nach einer Pauſe hinzu: „Hoffentlich iſt ſie gut zu ſeciren.“ „Setiren,“ ſagte Clump grinſend: „ich moͤchte ſie nicht um zweihundert Pfund per Jahr ſeciren ſehen.“ „Das Weibchen aus Hampſhire bringt ſie in zwei Monaten unter den Boden, Clump, mein Junge, wenn ſie um ſie bleibt,“ ſagte Doktor Squills. „Altes Weib; ſtarke Eſſerin; nervöſes Subject; Herzklopfen; Hirndruck; Schlag: — und fort iſt ſie. Mach', daß ſie aufſteht, Elump; mach', daß ſie ausgeht, ſonſt beziehſt Du Deine zweihundert Pfund nicht lange mehr, — höchſtens noch einige Wochen.“ Und dieſer Wink war es, was den würdigen Apo⸗ theker veranlaßte, ſo ohne allen Rückhalt mit Mrs. Bute Crawley zu ſprechen. Mrs. Bute hatte, ſo lange die alte Dame unter ihrer Hand, im Bette, und ſonſt Niemand um ſie war, mehr als einen kräftigen Verſuch gemacht, ſie zur Um⸗ ſtoßung ihres Teſtamentes zu veranlaſſen. Allein Miß Crawley's gewoͤhnliche Todesfurcht vermehrte ſich immer bedeutend, wenn man ihr ſolche trübſelige Vorſchläge machte, und Mrs. Bute ſah, daß ſie ihre Patientin vor Der Jahrmarkt des Lebens. n. 4 Allem wieder in eine fröhliche Stimmung verſetzen und etwas geſund werden laſſen müſſe, ehe ſie hoffen könne, den löblichen Zweck, den ſie im Auge hatte, zu erreichen. Wohin ſollte ſie aber gebracht werden? das war die nächſte Schwierigkeit. „Der einzige Ort, an dem es nicht wahrſcheinlich, daß ſie die odiöſen Rawdons trifft, iſt die Kirche, und die amüſirt ſie nicht:“ ſo dachte, und fühlte Mrs. Bute ganz richtig. Dann dachte ſie weiter: „Wir müſſen nach unſern ſchönen Londoner Vorſtädten gehen. Ich höre, daß dieſelben die maleriſchſten von der Welt ſind;“ und ſo fühlte ſie ein plötzliches Intereſſe für Hampſtead, und Hornſey, und fand, daß Dulwich große Reize für ſie habe; ließ ihr Opfer in ihren Wagen brin⸗ gen; fuhr mit ihr nach jenen ländlichen Plätzen; ver⸗ kürzte bei dieſen kleinen Reiſen die Zeit auf angenehme Weiſe mit Geſprächen über Rawdon und deſſen Frau, und erzählte der alten Dame jede Geſchichte, die ihre Entrüſtung wider das verworfene Paar erhöhen konnte. Vielleicht zog ſie die Schlinge feſter zu, als noth⸗ wendig war. Denn obgleich ſie Miß Crawley einen ge⸗ hörigen Widerwillen gegen ihren ungehorſamen Neffen beibrachte, ſo hatte doch auch auf der andern Seite die Patientin eine geheime Furcht vor ihrer Peinigerin; ſie haßte dieſelbe gewaltig, und ſehnte ſich nach ihrer Erlö⸗ ſung. Nach kurzer Zeit empörte ſie ſich wider Highgate und Hornſey, und wollte ſchlechterdings Nichts mehr da⸗ von wiſſen. Sie wollte im Park ſpazieren fahren. Mrs. Bute aber wußte, daß ſie dort den abſcheulichen Rawdon treffen würde, und ſie hatte Recht. Eines Tages ließ im Rondell Rawdon's Stanhope ſich ſehen; Rebekka ſaß ihrem Manne zur Seite. In dem feindlichen Wagen nahm Miß Crawley ihren gewöhnlichen Platz ein: Mrs. Bute war zu ihrer Linken, der Pudel und Miß Briggs auf dem Rückfitze. Es war ein peinlicher Augenblick, und Rebekka's Herz ſchlug, ſo bald ſie den Wagen erkannte, ſo chnell es nur konnte; und als die zwei Wagen hart 5¹ an einander vorbeifuhren, faltete ſie ihre Hände, und ſah die alte Jungfrau mit einer Miene, worin ihre ſchmerz⸗ erfüllte Anhänglichkeit und Hingebung ſich genugſam aus⸗ ſprach, an. Rawdon ſelbſt zitterte, und ſein Geſicht wurde purpurroth hinter ſeinem gefärbten Schnurrbarte. Nur die alte Briggs zeigte ſich in dem andern Wagen bewegt: ſie warf ihre großen Augen ängſtlich auf ihre ehemaligen Freunde. Miß Crawley's Hut blieb beharrlich dem Ser⸗ pentine zugewandt. Mrs. Bute war zufällig mit dem Pudel beſchäſtigt, und nannte ihn ein kleines liebes Ding, ein nettes kleines Zotichen, ein artiges Geſchöpf u. ſ. w. Die Wagen fuhren fort, jeder in ſeiner Reihe. 5 „Verſpielt, beim Zeus,“ ſagte Rawdon zu ſeiner rau. „Verſuch' es doch noch einmal, Rawdon,“ antwor⸗ tete Rebekka. „Könnteſt Du Dich nicht mit Deinen Rä⸗ dern in die ihrigen verfahren, Theuerſter?“ Rawdon hatte aber nicht ſo viel Herz, dieſes Ma⸗ növer zu wagen. Als die Wagen einander abermals be⸗ gegneten, erhob er ſich in ſeinem Stanhope, reckte ſeine Hand in die Hohe, um den Hut abzuziehen, blickte mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Sehkraft hinüber. Dieſes Mal aber war Miß Crawley's Geſicht nicht abgewandtz ſie und Mrs. Bute ſahen ihm gerade zu in's Geſicht, und nahmen mitleidslos lediglich keine Notiz von ihrem Neffen. Mit einem Fluche ſank Letzterer auf ſeinen Sitz zurück, das Rondell, und jagte mit verzweifelter Eile nach auſe. Es war für Mrs. Bute ein herrlicher und entſchie⸗ vener Triumph. Allein ſie fühlte doch, wie gefährlich noch mehrere ſolche Zuſammenkünfte ſein müßten, da fie ſah, wie ſehr die Scene Miß Crawley angriff; ſie be⸗ ſchloß daher, daß es für die Geſundheit ihrer lieben Freundin durchaus nothwendig ſei, der Stadt auf einige Lebewohl zu ſagen, und empfahl Brighton angelegent⸗ . 52 Zwanzigſtes Kapitel. Worin Capitän Dobbin als Bote Hymen's auftritt. * Ohne zu wiſſen wie, wurde Capitän William Dob⸗ bin der hauptſächlichſte Beförderer, Anordner und Unter⸗ händler der Heirath zwiſchen George Osborne und Ama⸗ lien. Ohne ihn würde dieſelbe nie zu Stande gekommen ſein, das mußte er ſich ſelbſt geſtehen: und er lächelte ziemlich bitter bei dem Gedanken, daß er gerade es ſein müſſe, dem die Beſorgung dieſer Heirath anheim gefallen. Aber obgleich die Leitung dieſer Unterhandlung für ihn in Wahrheit eine der peinlichſten Aufgaben war, ſo war doch Capitän Dobbin, ſo baid er eine Pflicht zu erfüllen * hatte, gewohnt, verſelben ohne viele Worte und ohne langes Zaudern nachzukommen; und da er ſich vollſtän⸗ dig überzeugt, daß, wenn Miß Sedley George nicht be⸗ käme, dieſelbe vor Kummer ſterben würde, ſo war er auch entſchloſſen, Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtände, um ſie am Leben zu erhalten. Ich unterlaſſe es, auf die Einzelheiten der Zuſammen⸗ kunft George's mit Amalien einzugehen, als Erſterer durch die Vermittelung ſeines Freundes, des ehrlichen William, zu den Füßen (oder ſollten wir lieber ſagen in die Arme ²) ſeiner jungen Geliebten zurückgeführt wurde. Ein weit härteres Herz, als das George's, würde in Rührung zer⸗ floſſen ſein bei dem Anblicke des lieblichen Geſichtes, auf dem Schmerz und Verzweiflung ſo arge Verheerungen angerichtet, und bei den einfachen zärtlichen Lauten, in denen ſie ihre kleine herzbrechende Geſchichte erzählte; da ſie aber nicht in Ohnmacht fiel, als ihre Mutter, zitternd, Osborne zu ihr führte, und da ſie ihren übermäßigen Schmerz 53 nur erleichterte, indem ſie den Kopf auf ihres Geliebten Schultern legte, und dort eine Weile die zärtlichſten, reich⸗ lichſten und erfriſchendſten Thränen weinte, dachte die alte Mrs. Sedley, ver nun auch ein gewaltiger Stein vom Halſe gewälzt war, es werde wohl das Beſte ſein, wenn ſie die jungen Leute ſich ſelbſt überlaſſe; ſie ließ daher Emmy allein, und dieſe weinte, und küßte demü⸗ thig George's Hand, als ob er ihr oberſter Herr und Meiſter, ſie aber eine total unwürdige, ſchuldbeladene Perſon wäre, die ſeiner Gunſt und Gnade in hohem Grade bedürfe. Dieſes demüthige Weſen und bieſer ſüße, gelaſſene Gehorſam rührte George Osborne eben ſo ſehr, wie er ihm ſchmeichelte: das heißt, außerordentlich. Er ſah in dem einfachen, nachgiebigen, treuen Geſchöpfe eine Sklavin vor ſich, und ſeine Seele erbebte ingeheim vor Stols und Freude, als er ſeine Macht ſo kennen lernte. Als Sul⸗ tan wollte er großmüthig ſein, und dieſe kniende Eſther aufrichten, und eine Königin aus derſelben machen; auch rührten ihn ihre Traurigkeit und ihre Schoͤnheit ebenſo ſehr, wie ihr unterwürfiges Weſen; daher ermunterte er ſie, richtete ſie auf, und verzieh ihr, ſo zu ſagen. Alle ihre Hoffnungen und Gefühle, die dahin ſtarben und im Verwelken begriffen waren, weil dieſe ihre Sonne ihr entrückt worden, blühten abermals und alsbald, als ihnen das Licht wieder geſchenkt war. Man hätte an jenem Abende wohl ſchwerlich das kleine ſtrahlende Geſicht auf Amaliens Kiſſen für dasjenige wieder erkannt haben, das in der Nacht zuvor ſo abgehärmt, ſo leblos, ſo unbeküm⸗ mert um Alles, was um ſie her vorging, darauf gelegen. Das ehrliche iriſche Dienſtmädchen bat, entzückt von der Veränderung, um Erlaubniß, das Geſicht küſſen zu dür⸗ fen, das mit einem Male ſo roſig geworden war. Amalie umfing das Mädchen mit ihren Armen, und küßte ſie, wie ein Kind, von ganzem Herzen. Sie war auch kaum mehr, als ein Kind. In jener Nacht erfreute ſie ſich S eines ſüßen, erquickenden Schlafes, ganz wie ein ſolches — und wie unausſprechlich groß war nicht ihr Glück, als ſie im Morgen⸗Sonnenſcheine erwachte. „Heute kommt er wieder,“ dachte Amalie. „Er iſt der größte und beſte aller Menſchen.“ Und in der That dachte auch George, er ſei eines der edelmüthigſten Ge⸗ ſchöpfe unter Gottes Sonne, und er bringe ein ungeheu⸗ res Opfer, wenn er dieſes junge Geſchöpf heirathe. Während ſie und Osborne oben ihr entzückendes téte- a-töte hatten, ſprachen die alte Mrs. Sedley und Capi⸗ tän Dobbin über den Stand der Angelegenheiten, ſowie über die Chancen und künftigen Arrangements der jungen Leute. Nachdem Mrs. Sedley die beiden Liebenden ein⸗ mal zuſammengebracht und wieder verlaſſen hatte, wie ſie ſich aus allen Kräften umarmten, glaubte ſie, als ein ächtes Frauenzimmer, daß keine Macht auf Erden Herrn Sedley bewegen würde, zu der Heirath zwiſchen ſeiner Tochter und dem Sohne eines Mannes, der ihn ſo ſchänd⸗ lich, boshaft und monſtrös behandelt, ſeine Einwilligung zu geben. Und nun erzählte ſie eine lange Geſchichte von glücklicheren Tagen und ihrem früheren Glanze, wo Os⸗ borne noch in ganz beſcheidener Weiſe in New⸗Road ge⸗ wohnt habe, und deſſen Frau nur zu glücklich geweſen ſei, einige von Jos' Kinderſachen zu bekommen, womit ſie — Murs. Sedley — ihr bei der Geburt eines der Osborne'ſchen Kinder ausgeholfen habe. Die ſataniſche Undankbarkeit Osborne's hatte, wie ſie ſich überzeugt hielt, Herrn Sedley das Herz gebrochen; und was die Heirath anlange, ſo dürfe man nie, nie, nie, nie daran denken, daß er in dieſelbe willigen werde. „In dieſem Falle müſſen ſie mit einander entfliehen, Ma'am,“ ſagte Dobbin lachend, „und es machen, wie Capitän Rawdon Crawley und Miß Emmy's Freundin, die kleine Gouvernante.“ „Nicht moͤglich; das wäre doch unerhoͤrt,“ meinte Mrs. Sedley. Und die gute alte Dame war ganz auf⸗ * 55 geregt bei dieſer Nachricht. Sie wünſchte, die Blenkin⸗ ſop wäre da, um es gleichfalls zu hören: die Blenkinſop habe der Miß Sharp ſtets mißtraut. — Wie geſchickt Jos noch entkommen ſei! Und nun beſchrieb ſie die bereits bekannten Liebes⸗ händel zwiſchen Rebekka und dem Steuereinnehmer von Boggley Wollah. Indeſſen fürchtete Dobbin Herr Sedley's Zorn nicht ganz ſo ſehr, wie den des andern bei der Sache betheilig⸗ ten Vaters, und er geſtand, daß er erhebliche Zweifel und nicht geringe Beſorgniſſe hinſichtlich des Venehmens des finſtern alten Tyrannen von einem Talghändler in Ruſſell Square hege. „Er hat die Heirath ein für alle Mal verboten,“ dachte Dobbin. Er wußte wohl, welch' ein wilder, entſchloſſener Mann Osborne war, und wie wenig derſelbe von dem abwich, was er einmal geſagt. „George varf ſich nur dann Hoffnung auf Wieverausſoͤhnung machen,“ ſo ſchloß ſein Freund, „wenn er ſich in dem bevorſtehenden Feldzuge auszeichnet. Stirbt er, ſo gehen Beide zuſammen aus der Welt. Zeichnet er ſich nicht aus, oder gebricht es ihm an Gelegenheit dazu — was dann 2 Er hat einiges Vermogen von ſeiner Mutter, wie ich gehört — genug, um als Major ſich einzukaufen — oder aber muß er ſein Capitänspatent verkaufen, und in Canada ſich als Anſievler niederlaſſen, oder in einer Hütte auf dem Lande ſich durchzuſchlagen ſuchen.“ Mit einer ſolchen Lebensgefährtin würde er ſelbſt in Sibirien ſich glücklich fühlen, meinte Dobbin — und höchſt ſeltſamer Weiſe dachte dieſer abgeſchmackte und äußerſt unkluge junge Burſche auch nicht einen Augenblick daran, daß der Mangel an den nöthigen Mitteln zur Haltung eines hüb⸗ ſchen Wagens ſammt Pferden, ſowie an einem Einkom⸗ men, das deſſen Beſitzer in den Stand ſetzte, ihre Freunde anſtändig zu bewirthen, einer Verbindung George Os⸗ borne's mit Miß Sedley entgegen ſtehen müſſe. Dieſe gewichtigen Erwägungen lleßen es ihm auch als räthlich erſcheinen, mit der Heirath ſo viel wie mog⸗ lich zu eilen. Wollte er etwa ſelbſt die Sache balvmög⸗ lichſt abgethan wiſſen ? wie die Leute, wenn ein Todesfall vorkommt, das Begräbniß gern beſchleunigen, oder wenn ein Abſchied Statt finden ſoll, mit demſelben Eile haben? So viel iſt einmal gewiß, daß Herr Dobbin, nach⸗ dem er die Sache in ſeine Hände genommen, dieſelbe ungemein eifrig betrieb. Er ſtellte George wiederholt und auf's Einvringlichſte vor, wie nothwendig es wäre, ſchnell zu Werke zu gehen: er wies auf die Ausſichten hin, die er habe, ſich mit ſeinem Vater wieder auszu⸗ ſohnen, und ſetzte hinzu, däß eine günſtige Erwähnung ſeines Namens in der Gazette nicht verfehlen könne, die Ausſöhnung zwiſchen Vater und Sohn herbeizuführen. Wenn es nothwendig ſei, ſo wolle er ſelbſt hingehen, und bei den beiden Vätern die Sache auf ſich nehmen. Auf jeden Fall aber erſuchte er George, die Sache abzuthun, ehe der allgemein erwartete Marſchbefehl käme, der das Regiment in's Ausland riefe. Und mit dieſen Heirathsprojekten eifrigſt beſchäftigt, und mit der Zuſtimmung und Billigung der Mrs. Sed⸗ ley, der es nicht ſonderlich darum zu thun war, die Sache ihrem Manne perſoͤnlich mitzutheilen, ging Herr Dobbin fort, um John Sedley in ſeinem Abſteigequartier in der City, dem Tapioca⸗Kaffeehauſe, aufzuſuchen, wohin, ſeit⸗ dem ſein Comptvir geſchloſſen war, und das Fatum ihn ereilt hatte, der arme, gebeugte, alte Herr tagtäglich zu gehen, und wo derſelbe Briefe zu ſchreiben und zu em⸗ pfangen, ſowie daraus myſteriöſe Päckchen zu machen pflegte, deren er ſtets einige in den Taſchen ſeines Rockes mit herum trug. Ich kenne nichts Traurigeres, als ſolche Geſchäftigkeit und Geheimnißthuerei bei einem ruinirten Manne; als jene Briefe von reichen Leuten, die er Einem zeigt: als jene abgegriffenen, ſchwierigen Dokumente, die Unterſtützung verſprechen, und Beileidsbezeigungen enthal⸗ — 57 ten — Dokumente, die er Einem mit bedeutungsvoller Miene vorlegt, und worauf er neue Glückshoffnungen — worauf er die Hoffnung baut, daß er wieder zu Ehren kommen werde. Dem verehrten Leſer iſt im Laufe ſeines Lebens ohne Zweiſel ſchon von vielen ſolcher unglücklichen Geſellen nachgeſtellt worden. Der Betreffende nimmt Einen in eine Ecke, zieht einen Pack Papiere aus der weit offenſtehenden Rocktaſche heraus, macht die Schnur los, hält dieſelbe im Munde, wählt die Briefe aus, die ihm am Meiſten gefallen, und legt ſie vor Einen hin: und wer kennt nicht den traurigen, gierigen, halb wahn⸗ ſinnigen Blick, den er mit ſeinen hoffnungsloſen Augen auf Einen heftet? In einen Mann dieſer Art fand Dobbin John Sed⸗ ley verwandelt, — John Sedley, der einſt ſo blühend ausgeſehen, ſo jovial geweſen war, ſich in ſo glücklichen Umſtänden befunden hatte. Sein Rock, der ſonſt ſo glän⸗ zend und ſauber geweſen, war jetzt weiß an den Nähten, und die Knöpfe ließen das Kupfer durchblicken. Sein Ge⸗ ſicht war eingefallen, und zeigte deutlich, daß das Raſir⸗ meſſer es nur wenig berühre; ſein Buſenſtreif und ſein Halstuch hingen ſchlaff unter ſeiner Säcke machenden Weſte herab. Wenn er früher luſtige Geſellen in einem Kaffeehauſe traktirte, ſo lachte und ſchrie er lauter, als irgend ein Anderer, und ſtets hatten alle Kellner bei ihm vollauf zu thun; es war jetzt in der That peinlich, zu ſehen, wie demüthig und hoͤflich er gegen den Johann des Tapioca⸗Kaffeehauſes, einen triefäugigen alten Diener in dunkeln Strümpfen und zerriſſenen Tanzſchuhen, war, deſſen Geſchäft darin beſtand, daß er den Gäſten dieſes trübſeligen Gaſthauſes, wo ſonſt Nichts conſumirt zu werden ſchien, Gläſer voll Oblaten, und zinnerne Becher voller Tinte, und Stücke Papier reichte. Was William Dobbin betrifft, den er in ſeinen jungen Jahren wieder⸗ holt beſchenkt, und der dem alten Herrn bei tauſend Ge⸗ legenheiten zur Zielſcheibe ſeines Witzes gedient hatte, ſo 59 ſuch zu machen. Wie befindet ſich Mrs. Sedley, Sir? Hoffentlich iſt ſie ganz wohl.“ Und hier hielt er inne, über ſeine vollendete Heuchelei nachdenkend; denn der Tag war ſo ſchön, und der Son⸗ nenſchein ſo glänzend, wie nur je, in Coffin Court, wo vas Tapioca⸗Kaffeehaus ſteht; und Herr Dobbin erinnerte ſich, daß er ſelbſt Mrs. Sevley erſt vor einer Stunde noch geſehen, indem er Osborne in ſeinem Gig nach Ful⸗ ham gefahren, und dort téte-àtéte mit Miß Amalie ge⸗ laſſen hatte. „Es wird meine Frau ſehr freuen, Ihre Ladyſhip zu ſehen,“ erwiederte Sedley, ſeine Papiere herausziehend. „Ich habe hier einen recht freunvlichen Brief von Ihrem Vater, Sir, und bitte Sie, ihm meine reſpekwollen Com⸗ plimente zu überbringen. Lady Dobbin wird uns jetzt in einem etwas kleineren Hauſe ſinden; iſt daſſelbe aber auch minder geräumig, als das, worin wir ſonſt unſere Freunde empfingen, ſo iſt es doch bequem, und die Luftveränderung thut meiner Tochter gut, die in der Stadt etwas leivend — Sie erinnern ſich doch der kleinen Emmy, Sir? — ja ſehr leidend war.“ Während der alte Herr ſo ſprach, irrten ſeine Augen umher; und er dachte offenbar an etwas Anderes, wäh⸗ rend er ſo daſaß, und auf ſeinen Papieren trommelte, und die abgenützte alte Schnur zerknauſchte. „Sie ſind Militär,“ fuhr er fort; „ich fra ge Sie Bill Dobbin, konnte ſich Jemand einbilden, daß der cor ſiſche Schurke aus Elba je zurückkommen würde? Als die alliirten Monarchen im verfloſſenen Jahre hier waren, und wir ihnen in der City das Eſſen gaben, Sir, und den Tempei der Eintracht, und die Feuerwerke, und die chineſiſche Brücke in dem St. James⸗Parke ſahen, — konnte da ein vernünftiger Menſch denken, daß nicht wirk⸗ lich Friede geſchloſſen ſei, nachdem wir doch dafür ein Te Deum geſungen, Sir? Ich frage Sie, William, — konnte ich mir einfallen laſſen, daß der Kaiſer von Oeſter⸗ 60 reich ein verdammter Verräther ſei — ein Verräther und nichts Anderes ? Ich mag nicht verblümt ſprechen — ein ſcheinheiliger Projektmacher, ein holliſcher Verräther, der die ganze Zeit über ſeinen Schwiegerſohn zurück haben wollte. Und ich ſage, daß die Flucht Boney's aus Elba ein verdammter Betrug und ein Complott war, Sir, wo⸗ bei die Hälfte der europäiſchen Mächte betheiligt war, um die Fonds fallen zu machen, und unſer Land zu ruiniren. Deßhalb bin ich hier, William. Deßwegen ſteht mein Namen in der Gazette. Warum, Sir? — Weil ich dem Kaiſer von Rußland und dem Prinz⸗Regenten traute. Sehen Sie her. Sehen Sie meine Papiere an. Sehen Sie, wie die Fonds am 1. März ſtanden — wie die franzöſiſchen Fünfprocents ſtanden, als ich Zeitkäufe machte. Und wie ſtehen ſie jetzt? Hier fand ein heiliges Einver⸗ ſtändniß Statt, Sir, ſonſt wäre der Schurke gewiß nie entkommen. Wo war ver engliſche Commiſſär, der ihn durchwiſchen ließ? Man ſollte ihn erſchießen, Sir — ſollte ihn vor ein Kriegsgericht ſtellen und erſchießen, beim Zeus!“ „Es wird nicht lange anſtehen, ſo jagen wir den Boneh davon, Sir,“ ſagte Dobbin, etwas unruhig gemacht durch die Wuth des alten Manns, deſſen Stirnadern zu ſchwellen aufingen, und der mit geballter Fauſt auf ſeine Papiere hineinſchlug. „Es ſteht nicht mehr lange an, ſo jagen wir ihn davon, Sir, — der Herzog iſt bereits in Belgien, und wir erwarten täglich Marſchbefehl.“ „Gebt ihm keinen Pardon. Bringt den Kopf des Halunken mit, Sir. Schießt den feigen Kerl zu Boden,“ brüllte Sedley. „Ich würde ſelbſt in's Feld ziehen, beim —; aber ich bin ein alter, darniedergebeugter, rui⸗ nirter Mann — ruinirt durch den verdammten Schurken, und einen Haufen von Gaunern und Dieben in unſerem Lande, die ich zu Männern gemacht, Sir, und jetzt eigene Equipage haben,“ ſetzte er mit gebrochener Stimme hinzu. „ 61 Der Zuſtand dieſes einſt ſo gütigen, und jetzt durch ſein Unglück faſt wahnſinnig gewordenen, und in alters⸗ ſchwachem Zorne wüthenden alten Freundes ging Dobbin nicht wenig zu Herzen. Habe Mitleid mit dem gefallenen alten Herrn, du, dem Nichts über das Geld und einen guten Ruf geht; und ſo ſind ſicherlich die Leute auf dem Jahrmarkte des Lebens. „Ja,“ fuhr er fort, „es gibt Vipern, die man an ſeinem Buſen wärmt, und die Einen hernach ſtechen. Es gibt Bettler, denen man auf's Pferd hilft, und die Einen zuerſt niederreiten. Sie wiſſen, wen ich meine, William Dobbin, mein Junge. Ich meine einen geldſtolzen Schuft in Ruſſell⸗Square, den ich zu einer Zeit kannte, wo er keinen Shilling hatte, und der, wie ich flehentlich bete und zuverſichtlich hoffe, noch einmal ein Bettler wird, wie er einer war, als ich ihm half.“ „Mein Freund George hat mir Etwas davon ge⸗ ſagt, Sir,“ ſprach Dobbin, der es nicht erwarten konnte, bis er zu ſeiner Angelegenheit kam. „Der Streit zwiſchen Ihnen und ſeinem Vater hat ihm gewaltig zugeſetzt, Sir. Ja, ich habe Ihnen eine Botſchaft von ihm zu über⸗ bringen.“ „Oh, ſind Sie deßwegen da?“ rief der alte Mann aufſpringend. „Wie * Vielleicht läßt er mir ſein Beileid bezeigen, he? Recht gut von ihm, dem ſteifen Fante mit ſeinem ſtutzerhaften Weſen und ſeiner Weſt⸗End abgeborg⸗ ten Windbeutelei. Nicht wahr, er läuft immer noch um mein Haus herum? Hätte mein Sohn den Muth eines Mannes, ſo würde er ihn erſchießen. Er iſt ein ebenſo großer Schurke, wie ſein Vater. Ich mag ſeinen Namen in meinem Hauſe nicht hören. Ich verfluche den Tag, an dem er zuerſt in daſſelbe kam, und eher mochte ich meine Tochter todt zu meinen Füßen, als an ihn verhei⸗ rathet ſehen.“ „An der Härte ſeines Vaters iſt George nicht ſchuld, Sir. Daß Ihre Tochter ihn liebt, dazu haben Sie ſo 62 gut beigetragen, wie er. Wer ſind Sie, daß Sie mit der Liebe zweier jungen Leute ſpielen, und ihnen nach Ihrem Belieben das Herz brechen mögen?“ „Vergeſſen Sie nicht, daß es nicht ſein Vater iſt, der von dem Verhältniſſe Nichts mehr wiſſen will,“ rief der alte Sedley aus. „Ich, ich dulde es nicht länger. Die Familie, und die meinige ſind fortan und für immer von einander geſchieden. Ich bin tief gefallen, aber doch nicht ſo tief: nein, nein. Und das können Sie der gan⸗ zen Sippſchaft ſagen — dem Sohne, und dem Vater, und den Schweſtern, und Jedermann.“ „Ich glaube, Sir, daß Sie weder die Gewalt, noch das Recht haben, die beiden jungen Leute zu trennen,“ antwortete Dobbin leiſe; „und daß, wenn Sie zu der Heirath Ihrer Tochter Ihre Zuſtimmung nicht geben wollen, es für dieſelbe eine Pflicht iſt, ſich ohne ſolche trauen zu laſſen. Es liegt gar kein Grund vor, warum ſie wegen Ihrer Verkehrtheit ſterben, oder ein elendes Le⸗ ben dahinſchleppen ſollte. Meines Erachtens iſt ſie ebenſo gut getraut, als ob ſie in allen Kirchen Londons aufge⸗ boten worden wäre. Und welche beſſere Antwort auf die Anſchuldigungen, ſo Osborne gegen Sie vorbeingt, kann es geben, — da nun einmal Anſchuldigungen vorliegen, als daß ſein Sohn in Ihre Familie zu treten, und Ihre Tochter zu ehelichen wünſcht?“ Etwas wie Satisfaction ſchien mit einem Male in dem Geſichte des alten Sedley ſich auszuvrücken, als ihm die Sache alſo vorgeſtellt wurde; doch blieb er hartnäckig dabei, daß mit ſeiner Zuſtimmung die Heirath zwiſchen Amalien und George nie Statt finden würde. „Dann müſſen wir ſie eben entrathen,“ ſagte Dobbin lächelnd, und erzählte Herrn Sedley, nachdem er an dem⸗ ſelben Tage die Geſchichte auch der Mrs. Sedleh erzählte, wie Rebekka mit Capitän Crawley entlaufen. Offenbar amüſirte die Erzählung des Capitäns den alten Herrn. „Ihr ſeid fürchterliche Burſche, ihr Capitäne,“ ſagte er, 63 ſeine Papiere zuſammenbindend; und es zeigte ſich auf ſeinem Geſichte Etwas, das wie ein Lächeln ausſah, zum großen Erſtaunen ves triefäugigen Kellners, der jetzt her⸗ eintrat und auf Sedley's Geſicht nie einen ſolchen Aus⸗ druck bemerkt hatte, ſeitdem Letzterer in das trübſelige Kaffeehaus kam. Vielleicht gefiel dem alten Herrn auch der Gedanke, ſeinem Feinde Osborne einen ſolchen Schlag beizubringen; und als ihr Geſpräch nun bald zu Ende war, ſchieden er und Dobbin als ziemlich gute Freunde von einander. . „Meine Schweſtern ſagen, ſie habe Diamanten, ſo groß wie Taubeneier,“ ſagte George lachend. „Wie müſ⸗ ſen die ihren Teint hervorheben! Es muß ja eine wahre Illumination ſein, wenn ihre Juwelen an ihrem Halſe hangen. Ihr gagatſchwarzes Haar iſt ſo kraus, wie das Sambo's. Sie muß einen Naſenring getragen haben, als ſie ſich bei Hofe vorſtellen ließ; und mit einem Feder⸗ buſche auf ihrer Kopfſchleife würde ſie wie eine vollkom⸗ mene Belle Sauvage ausſehen.“ George ſprach eben mit Amalien, und machte ſich über das Aeußere einer jungen Dame luſtig, die ſein Va⸗ ter und ſeine Schweſtern kürzlich kennen gelernt hatten, und die ein Gegenſtand unendlichen Reſpekts für die Fa⸗ milie in Ruſſell⸗Square war. Man ſagte, ſie beſitze, ich weiß nicht viele Plantagen in Weſtindien, habe eine ſchoͤne Summe in den Fonds, und drei Sterne neben ihrem Na⸗ men in dem Verzeichniſſe der Aktionäre der oſtindiſchen Compagnie. Sie hatte ein Schloß in Surrey, und ein Haus in Portland Place. Der Name der reichen weſtin⸗ viſchen Erbin war beifällig in der Morning⸗Poſt erwähni 64 — worden. Mrs. Haggiſtoun, Oberſt Haggiſtoun's Wittwe, ihre Verwandte, diente ihr als „Chaperon“ und führte ihr Haus. Sie hatte eben das Penſionat verlaſſen, wo ihre Erziehung vollendet worden, und George, ſowie ſeine Schweſtern hatten ſie in einer Abendgeſellſchaft im Hauſe des alten Hulker, auf dem Devonſhire⸗Platze (Hulker, Bullock, und Comp. ſtanden lange mit ihrem Hauſe in Weſtindien in Geſchäftsverbindung) getroffen, und es hat⸗ ten die Mädchen ihr die herzlichſten Avancen gemacht, welche die Erbin mit vielem guten Humor aufgenommen hatte. Eine Waiſe in ihrer Lage — mit ihrem Gelde — ſo intereſſant! ſagten die Miſſes Osborne. Sie waren von ihrer neuen Freundin ganz voll, als ſie von dem Hulker'⸗ ſchen Balle zu Miß Wirt, ihrer Geſellſchafterin, heimka⸗ men: ſie hatten ausgemacht, daß ſie einander recht häufig ſehen wollten, und ließen gleich den Tag darauf einſpan⸗ nen, um ſie zu beſuchen. Mrs. Haggiſtoun, Oberſt Hag⸗ giſtoun's Wittwe, eine Verwandte von Lord Binkie, von dem ſie beſtändig ſprach, kam den lieben, noch ſo unſchul⸗ digen Mädchen etwas hochmüthig vor, und es waren die⸗ ſelben der Anſicht, daß ſie allzu gern von ihren hohen Ver⸗ wandten ſpreche; aber Rhoda war Alles, was ſie nur wünſchen konnten — das vffenſte, freundlichſte, angenehmſte Geſchöpf — zwar noch einiger Politur bedürftig, aber ſo gutmüthig. Die Mädchen nannten einander alsbald nur noch bei ihren Taufnamen. „Sie hätten ſie in ihrem Galakleide ſehen ſollen, Emmy,“ rief Osborne lachend. „Sie kam zu meinen Schweſtern, um ſich darin ſehen zu laſſen, ehe ſie von my Lady Binkie, der Verwandten der Haggiſtoun, feierlich vorgeſtellt wurde. Sie iſt mit Jedermann verwandt, dieſe Haggiſtoun. Ihre Diamanten funkelten und ſchimmerten wie Vaurhall an dem Abende, wo wir dort waren. (Er⸗ innern Sie ſich noch an Vaurhall, Emmy, und wie Jos ſeiner Herz — al — ler — liebſten borſang ²) Diamanten und Mahagoni, meine Theure! Denken Sie ſich nur, wie 65⁵ vortheilhaft dieſer Contraſt — und die weißen Federn in ihrem Haare — ich will ſagen in ihrer Wolle. Sie hatte Ohrringe, ſo groß wie ein Armleuchter; man hätte ſie anzünden können, beim Zeus — und eine Schleppe von gelbem Atlaß, die ſie, wie einen Cometenſchweif, nachzog.“ „Wie alt iſt ſie?“ fragte Emmy, der George am Morgen ihrer Wiedervereinigung von dieſem ſchwarzen Muſter von einem Weibe wacker vorplauderte, — vor⸗ plauverte, wie gewiß kein anderer Menſch auf der Welt es konnte. „Ei, die ſchwarze Prinzeſſin muß zwei⸗ oder dreiund⸗ zwanzig Jahre alt ſein, obgleich ſie eben erſt aus der Schule kommt; und Sie ſollten die Hand ſehen, die ſie ſchreibt! Gewöhnlich ſchreibt Frau Oberſt Haggiſtoun ihre Briefe, aber in einem vertrauten Augenblicke ſchrieb ſie Etwas für meine Schweſtern, und da kam dann anſtatt satin „satting“ und anſtatt Saint-James's „Saint- Jams“ heraus.“ „Ei, ei, das muß die Miß Swartz, die in Miß Pinker⸗ ton's Schule ihr eigenes Zimmer hatte, ſein,“ ſagte Emmy, ſich an das gutmüthige junge Mulattenmädchen erinnernd, das ſo hyſteriſch afficirt geweſen war, als Amalie das Penſionat verließ. „Sy heißt ſie in der That,“ ſagte George. „Ihr Vater war ein deutſcher Jude, — wie man ſagt, ein Sela⸗ venbeſitzer, — der in dieſer oder jener Weiſe mit den Cannibalen⸗Inſeln in Verbindung ſtand. Es iſt derſelbe im verfloſſenen Jahre geſtorben, und es hat Miß Pinker⸗ ton die Erziehung ves Mädchens vollendet. Sie kann auf dem Claviere zwei Stücke ſpielen, kann drei Lieder ſingen, kann ſchreiben, wenn Mrs. Haggiſtoun dabei iſt, um ihr vorzubuchſtabiren; und Jane und Maria haben ſie bereits ſo lieb gewonnen, wie eine Schweſter.“ „Ich wollte, ſie hätten mich geliebt,“ ſagte Emmy gedankenvoll. „Sie waren immer ſehr kalt gegen mich.“ Der Jahrmarkt des Lebens. U. 5 66 „Mein liebes Kind, ſie hätten Sie gewiß geliebt, wenn Sie zweimal hunderttauſend Pfund gehabt hätten,“ erwiederte George. „Sie ſind nun einmal ſo erzogen wor⸗ den. Unſere Geſellſchaft kennt Nichts, als das baare Geld. Wir leben unter Bankiers und City⸗Geldprotzen, zum Henker mit ihnen! Und Jeder, der mit Einem ſpricht, klappert mit den Guineen in ſeiner Taſche. Da iſt der Eſel Fred Bullock, der Maria heirathen wird — dort iſt Goldmore, der Director der oſtindiſchen Compagnie, — dort Dipley, der Talghändler — der Mann macht in un⸗ ſerem Artikel,“ ſagte George erröthend, und ſeine Ver⸗ legenheit durch ſein Lachen an den Tag legend. „Zum Kukuk mit dem ganzen Packe geldmachender Alltagsmen⸗ ſchen! Bei ihren langweiligen Feſteſſen ſchlafe ich immer ein. Ich ſchäme mich, ſo oft mein Vater eine ſeiner gro⸗ ßen Geſellſchaften gibt. Ich bin gewohnt, mit Gentlemen, und Leuten von Mode und Welt zu leben, Emmy, nicht mit einem Haufen Schildkrötenſuppe eſſender Krämer. Theures Kind, Sie ſind die einzige Perſon von unſerem Stande, die je wie eine Lady ausſah, oder dachte, oder ſprach: und Sie thun es, weil Sie ein Engel ſind, und nicht anders können. Machen Sie mir keine Vorſtellun⸗ gen. Sie ſind die einzige Lady. Bemerkte es nicht Miß Crawley, die doch in der beſten Geſellſchaft von Europa gelebt hat? Und was Crawley, den Leibgardeoffizier be⸗ trifft, ſo iſt er, zum Henker, ein wackerer Burſche: und es gefällt mir recht ſehr, daß er das von ihm einmal auserkorene Mädchen geheirathet.“ Auch Amalie bewunderte Herrn Crawley deßhalb ge⸗ waltig, und war der Anſicht, daß Rebekka mit ihm glück⸗ lich ſein, und hoffte (lachend), daß Jos ſich tröſten würde. Und ſo plauderte das Paar darauf los, ganz wie früher. Amalie hatte ihr ganzes Vertrauen gewonnen, obgleich ſie — wie eine kleine Heuchlerin, die ſie war — ſich ſtellte, als ſei ſie auf Miß Swartz ziemlich eiferſüchtig und als ſchwebe ſie in entſetzlicher Furcht, es möchte 67 George ſie vergeſſen, und ihr die Erbin, und ihr Geld⸗ und ihre Beſitzungen auf St. Chriſtoph vorziehen. In Wahrheit aber fühlte ſie ſich viel zu glücklich, als daß ſie Zweifel, oder Befürchtungen, oder Beforgniſſe irgend einer Art hätte hegen koͤnnen: und da ſie George abermals an ihrer Seite ſah, ſo fürchtete ſie keine Erbin, keine Schön⸗ heit, und überhaupt keine Gefahr irgend einer Art. Als Capitän Dobbin am Nachmittage zu dieſen Leu⸗ ten zurückkam — was er mit vieler Sympathie für die⸗ ſelben that, — ſo that es ihm im Herzen wohl, zu ſehen, wie Amalie wieder jung geworden — wie ſie lachte, und zwiſcherte, und wohlbekannte alte Lieder am Claviere ſang, welche nur durch die die Rückkehr Herrn Sedley's aus der City anzeigende Hausklingel unterbrochen wurden, indem George ein Signal erhielt, daß er ſich nun zurück⸗ ziehen ſollte. Rechnen wir das erſte Lächeln der Begrüßung ab, — und auch dieſes war eine Heuchelei, denn ſeine Ankunft ſchien ihr ziemlich ärgerlich — ſo nahm Miß Sedley von Dobbin während ſeines Beſuches auch nicht ein Mal Notiz. Aber er war zufrieden, wenn er ſie nur glücklich ſah, und froh, daß er es geweſen, der ihr das Mittel dazu an die Hand gegeben. 68 Einundzwanzigſtes Kapitel. Ein Streit um eine Erbin. Man kann wohl Liebe fühlen für jede junge Dame, welche die Eigenſchaften der Miß Swartz beſitzt; und der alte Herr Osborne trug ſich plotzlich mit ehrgeizigen Plä⸗ nen, welche ſie realiſiren ſollte. Er ermuthigte mit größter Freundlichkeit und allem ihm zu Gebot ſtehenden Enthu⸗ ſiasmus die liebenswürdige Anhänglichkeit ſeiner Töchter für die junge Erbin, und betheuerte, daß es ihm, als Va⸗ ter, die aufrichtigſte Freude mache, zu ſehen, wie die Liebe ſeiner Mädchen auf eine ſo würdige Perſon gefallen. „Sie werden, theure Miß,“ pflegte er zu Miß Rhoda zu ſagen, „in unſerem beſcheidenen Hauſe in Ruſſell⸗Square nicht jenen Glanz und jene Perſonen von Rang finden, die Sie in Weſt⸗End zu treffen gewohnt ſind. Meine Töchter ſind einfache, uneigennützige Mädchen, aber das Herz ſitzt ihnen auf dem rechten Flecke, und ſie haben eine Zuneigung zu Ihnen gefaßt, die ihnen Ehre macht — ich ſage, die ihnen Ehre macht. Ich bin ein ſchlichter, ein⸗ facher, unbedeutender britiſcher Kaufmann — ein ehrlicher, wie meine verehrten Freunde, Hulker und Bullock, einſt die Correſpondenten Ihres viel betrauerten ſeligen Vaters, bezeugen können. Sie werden an uns eine einfache, eini⸗ ge, glückliche, und ich glaube wohl ſagen zu können, ge⸗ achtete Familie: — Sie werden bei uns einen einfachen Tiſch, ſchlichte Leute, aber ein warmes Willkommen fin⸗ den, meine theure Miß Rhoda — Rhoda, laſſen Sie mich ſagen, denn mein Herz erglüht wirklich für Sie. Ich bin ein offener Mann, und liebe Sie. Ein Glas Champagner, Hicks! Champagner für Miß Swartz!“ — 69 Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber obwalten, ob der alte Osborne wirklich Alles glaubte, was er ſagte, und ob es den Mädchen mit ihren Freundſchaftsverſiche⸗ rungen gegenüber der Miß Swartz wirklich ernſt war. Auf dem Jahrmarkte des Lebens hängt man ſich ganz natürlich an reiche Leute. Wenn die ſchlichteſten Leute ge⸗ neigt ſind, nicht wenig freundlich auf den großen Reich⸗ thum zu blicken, (denn ich rufe jedes Mitglied des briti⸗ ſchen Publikums in die Schranken, und fordere es auf, zu ſagen, ob nicht das Wort „Reichthum“ etwas Ehr⸗ furcht Einflößendes und Wonnevolles für es hat; und ich fordere Dich ſelbſt auf, lieber Leſer, mir zu ſagen, ob Du nicht, wenn man Dir ſagt, duß der bei Tiſche neben Dir ſitzende Mann eine halbe Million beſitze, denſelben mit einem gewiſſen Intereſſe anſiehſtz) — wenn ſchlichte Leute mit ſo vielem Wohlwollen auf das Geld blicken, um wie viel mehr muß es dann nicht der Fall ſein bei alten Weltlingen! Ihre Liebe ſtürzt ſich dem Gelde ent⸗ gegen, um vaſſelbe zu bewillkommen. Ihre freundſchaft⸗ lichen Gefühle gegen die intereſſanten Beſitzer deſſelben er⸗ wachen von ſelbſt. Ich lenne einige reſpektable Leute, die für Niemand Freundſchaft hegen zu dürfen glauben, der nicht ein gewiſſes Vermögen, vder eine Stellung in der Geſellſchaft hat. Bei paſſenden Gelegenheiten laſſen ſie ihren Gefühlen vollen Spielraum. Und ein Beweis für die Wahrheit des Geſagten iſt, daß der größere Theil der Ooborne'ſchen Familie, dem es während fünzehn Jahren unmöglich gewefen war, eine herzliche Zuneigung zu Amalie Sedleh zu faſſen, im Laufe eines einzigen Abends für Miß Swartz ſich ſo ſehr eingenommen fühlte, daß ſelbſt der romantiſchſte Freundſchaftsvertheidiger auf den erſten Blick nicht mehr wünſchen konnte. „Welche vortreffliche Partie wäre ſie für George, und wie unendlich iſt ſie der kleinen unbedeutenden Amalie vorzuziehen,“ — ſo ſprachen ſowohl die Schweſtern, als Miß Wirt. „Ein Burſche, ſo glänzend wie er, ein Burſche von ſeinem guten Ausſehen, von ſeinem Range, und ſei⸗ nen Talenten, wäre gerade der rechte Mann für ſie.“ Viſionen von Bällen in Portland Place, Vorſtellungen bei Hofe und bei der halben Pairie erfüllten den Geiſt der jungen Damen, vie mit ihrer geliebten neuen Freun⸗ din von Nichts ſprachen, als von George und deſſen nob⸗ len Bekanntſchaften. Auch der alte Osborne dachte, ſie würde für ſeinen Sohn eine vortreffliche Partie ſein. Derſelbe würde dann die Armee verlaſſen, in's Parlament gehen, und in der Faſhion, ſowie im Staate eine große Rolle ſpielen. Sein Blut kochte vor ehrlichem britiſchen Entzücken, wenn er den Namen Osborne in der Perſon ſeines Sohnes geadelt ſah, und er ſich dem Gedanken hingab, daß er der Stamm⸗ vater einer glorioſen Reihe von Baronets ſein würde. Er zog in der City und auf der Börſe ſo lange Erkundigun⸗ gen ein, bis ihm in Betreff des Vermogens der Erbin Richts mehr verborgen war; bis er wußte, wie ihr Geld angelegt war, und wo ihre Güter lagen. Der junge Fred Bullock, der eine ſeiner haupiſächlichſten Informations⸗ quellen war, hätte wohl ſelbſt gern auf ſie geboten (ſo vrückte ſich der junge Bankier aus);z allein er war ja für Maria Osborne beſtimmt. Da er ſie nun nicht als Weib heimführen konnte, ſo ließ der uneigennützige Fred ſich dieſelbe gern als Schwägerin gefallen. George müſſe alsbald auf ſie losgehen, und ſie gewinnen, — ſo lautete ſein Rath. „Man muß das Eiſen ſchmieven, ſo lange es heiß iſt, — iſt, wie Sie wiſſen, das Sprichwort: — ſo lange ſie noch in der Stadt wenig bekannt iſt; ſonſt kommt in einigen Wochen einer jener verdammten Kerls aus Weſt⸗End, und ſticht uns Citymänner alle mit ſeinem Titel und ſeinen Schulden aus, wie es voriges Jahr der Fall war, wo Lord Fitzrufus Miß Grogram heimführte, die bereits mit Podder, von der Firma Podder und Brown, verſprochen war. Je bälder die Sache zu Stande kommt, um ſo beſſer iſt es, Herr Osborne; das iſt meine 7¹ Anſicht,“ ſagte der Spaßvogel, obgleich, als Osborne ſich entfernt hatte, Herr Bullock an Amalie dachte, und welch' ein hübſches Mädchen ſie ſei, und wie ſehr ſie an George Osborne hange; und ſo verwendete er wenigſtens zehn Sekunden ſeiner werthvollen Zeit dazu, daß er das Un⸗ glück bevauerte, ſo das liebenswürdige junge Frauenzim⸗ mer getroffen. Während ſo George Osborne's beſſere Gefühle, und ſein treuer Freund und guter Genius, Dobbin, den Un⸗ getreuen zu Amaliens Füßen zurückführten, arrangirten George's Vater und Schweſtern dieſe glänzende Partie für ihn, — eine Partie, in Betreff welcher ſie ſich auch nicht einen Augenblick einfallen ließen, daß er dagegen Einſprache thun könnte. Wenn der alte Osborne, was er einen „Wink“ nannte, gab, ſo konnte auch der Bornirteſte über das, was er wollte, unmöglich länger in Zweifel ſein. Schmiß er einen Lakaien die Treppe hinab, ſo war dieß ein Wink für den Letzteren, daß er ſeinen Dienſt verlaſſen müſſe. Mit ſeiner gewohnten Offenheit und Zartheit ſagte er Mrs. Haggiſtvun, daß er ihr eine auf zehntauſend Pfund lautende Anweiſung an dem Tage geben würde, wo ſein Sohn ihre Mündel als ſeine Frau heimführte; und dieſen Vorſchlag nannte er einen Wink, und betrachtete denſelben als ein ungemein geſchicktes viplomatiſches Kunſtſtück. Zuletzt gab er George einen andern ſolchen Wink in Be⸗ treff der Erbin: er befahl ihm, ſie auf der Stelle zu heirathen, ganz ſo, wie er ſeinem Kellermeiſter befohlen haben würde, eine Flaſche zu entkorken, vder ſeinem Buch⸗ halter, einen Brief zu ſchreiben. Dieſer imperative Wink beunruhigte George gewal⸗ tig. Er befand ſich noch ganz im erſten Entzücken und Enthuſiasmus über ſeine zweite Bewerbung um Amalie, welche für ihn ſo unausſprechlich ſüß war. Der Contraſt zwiſchen ihren Manieren und ihrer äußeren Erſcheinung, und denen der Erbin ließ die Idee einer Verbindung mit 72 der Letzteren doppelt lächerlich und verhaßt erſcheinen. „Wagen und Opernlogen,“ dachte er; „ſtelle Dir einmal vor, man erblicke Dich darin an der Seite einer ſolchen mahagonifarbenen Zauberin!“ Zu allem Dieſem füge man nun noch hinzu, daß Osborne junior ebenſo eigen⸗ ſinnig war, wie Osborne ſenior: wenn er einmal Etwas haben wollte, ebenſo ſtandhaft in ſeinem Entſchluſſe, es zu erlangen; und, wenn im Zorne, gerade ſo heftig, wie ſein Vater in ſeinen grimmigſten Augenblicken. An dem Tage, wo ſein Vater ihm zum erſten Male foͤrmlich den Wink gab, daß er ſeine Liebe zu Miß Swartz' Füßen niederzulegen habe, temporifirte George mit dem alten Herrn. „Sie hätten bälder daran denken ſollen, Sir,“ ſagte er. „Es geht jetzt nicht an, wo wir jeden Tag Marſchbefehl erwarten. Warten Sie bis zu meiner Rückkehr, wenn ich anders zurückkomme.“ Und dann ſtellte er ihm vor, daß die Zeit, wo das Regiment täglich ſich darauf gefaßt machen müſſe, England zu verlaſſen, durch⸗ aus übel gewählt ſei; daß die wenigen Tage in der Woche, wo ſie nicht auszurücken hätten, den Geſchäften, und nicht dem Courmachen gewidmet ſein müßten: zum letzteren ſei immer noch Zeit genug, wenn er als Major zurück⸗ komme; „denn das verſichere ich Ihnen,“ ſagte er mit offenbarer Selbſtzufriedenheit, „daß Sie auf die eine oder die andere Art den Namen George Osborne in der Ga⸗ zette leſen ſollen.“ Die Antwort des Vaters darauf gründete ſich auf die Nachricht, ſo er in der City erhalten, daß die Erbin unfehlbar einem der jungen Vögel von Weſt⸗End in die Hände fallen würde, wenn man ſich nicht beeile: daß, wenn er mit Miß Swartz ſich nicht alsbald trauen laſſen wolle, er es wenigſtens ſchriftlich machen ſolle, daß die Heirath gleich nach ſeiner Rückkehr nach England Statt finden müſſe; und daß ein Menſch, der zehntauſend Pfund per Jahr damit verdienen konne, daß er zu Hauſe bleibe, 73 ein Narr ſei, wenn er ſein Leben in einem ausländiſchen Kriege auf's Spiel ſetze. „Sie möchten alſo haben, daß man auf mich, als einen Feigling deutete, und unſer Name wegen des Geldes der Miß Swartz entehrt würde,“ fiel George ein. Dieſe Bemerkung machte den alten Herrn etwas ſtutzig; da er aber darauf zu antworten hatte, und deſſen ungeachtet ſein Entſchluß feſt ſtand, ſagte er: — „Morgen ſpeiſeſt Du hier, und ſo oft Miß Swartz kommt, wirſt Du hier ſein, um ihr Deine Achtung zu beweiſen. Wenn Du Geld brauchſt, ſo gehe zu Herrn Chopper.“ . So lag alſo ein neues Hinderniß in George's Weg⸗ und verrückte ſeine Plane in Betreff Amaliens; er und Dobbin pflogen mehr als eine vertrauliche Berathung dar⸗ über. Die Anſicht ſeines Freundes über das von ihm einzuſchlagende Verhalten kennen wir bereits. Und was Hsborne betrifft, ſo machten ihn neue Hinderniſſe nur Sit noch entſchloſſener, wenn er einmal Etwas haben wollte. Der ſchwarze Gegenſtand der Verſchwörung, welche die Häupter der Osborne'ſchen Familie angezettelt hatten, wußte von allen dieſen Plänen lediglich Nichts, (Pon wel⸗ chen ſeltſamer Weiſe auch ihre, die Chaperonsrolle ſpie⸗ lende, Freundin ſchwieg), und erwiederte, da ſie alle Schmeicheleien der jungen Damen als baare Wahrheit anſah, und, wie wir ſchon zu zeigen Gelegenheit hatten, von Hauſe ſehr warmherzig und ungeſtüm war, ihre Liebe mit wahrhaft tropiſcher Gluth⸗ Und ſollen wir die ganze Wahrheit ſagen, ſo müſſen wir hinzuſetzen, daß auch ſie ſich in etwas ſelbſtſüchtiger Weiſe zu dem Hauſe in Ruſſell⸗Square hingezogen fühlte; daß ſie, mit einem Worte, George Osborne für einen ſehr netten jungen Mann hielt. Schon am erſten Abende, wo ſie ihn auf em Balle im Hulker'ſchen Hauſe ſah, hatte ſein Backen⸗ vart Einvruck auf ſie gemacht; auch war ſie, wie wir wiſſen, nicht das erſte Frauenzimmer, ſo davon bezaubert worden war. George hatte zu gleicher Zeit etwas Renom⸗ miſtiſches und Melancholiſches, etwas Schmachtendes und Heftiges an fich. Er ſah aus, wie ein Mann mit Leiden⸗ ſchaften und Geheimniſſen, — wie ein Mann, an dem ein geheimer Kummer nagt, und dem Abenteuer nicht unbe⸗ kannt ſind. Seine Stimme war volltönend und tief. Er konnte in ſo traurigem und vertraulichem Tone ſagen, es ſei ein warmer Abend, oder ſeiner Tänzerin ein Glas Eis anbieten, als ob er derſelben den Tod ihrer Mutter mittheilen, oder ihr eine Liebeserklärung machen wollte. Er verdunkelte alle jungen Zierbengel, die ſich bei ſeinem Vater blicken ließen, und war der Held, unter dieſen Leu⸗ ten dritten Rangs. Einige ſpöttelten zwar über ihn, und haßten ihn; Andere aber, unter ihnen Dobbin, bewunder⸗ ten ihn in fanatiſcher Weiſe. Und ſein Backenbart hatte angefangen, ſeinen magiſchen Einfluß zu üben, und ſich um das Herz der Miß Swartz zu winden. So oft ſie irgendwie hoffen konnte, George in Ruſſell⸗ Sauare zu treffen, mußte dieſes einfache und gutmüthige junge Frauenzimmer ihre lieben Miß Osbornes ſehen. Sie machte gewaltige Ausgaben für neue Kleider, und Bracelets, und Hüte, und ungeheure Federn. Sie ſchmückte ihre Perſon mit äußerſter Geſchicklichkeit, um dem Eroberer zu gefallen, und zeigte alle ihre beſcheide⸗ nen Talente, um ſeine Gunſt zu gewinnen. Die Mädchen pflegten ſie mit der größten Gravität von der Welt zu bitten, daß ſie ein wenig Muſik machen moͤchte, und dann ſang ſie ihre drei Lieder, und ſpielte ihre zwei kleinen Stuͤcke, ſo oft man es nur haben wollte, und zwar mit einem ihrerſeits ſtets zunehmenden Vergnügen. Während dieſer koͤſtlichen Unterhaltungen ſaßen Miß Wirt und ihr Chaperon dabei, und muſterten das Adelsbuch, und ſpra⸗ chen vom Adel. Am Tage, nachdem George von ſeinem Vater den bekannten Wink erhalten hatte, und kurz vor der Mittags⸗ — —— 75 mahlzeit lag er in einer ſehr paſſenden und durchaus na⸗ türlichen melancholiſchen Attitüde auf einem Sopha im Salvn. Er war, wie ihn ſein Vater geheißen, bei Herrn Chopper in der City geweſen (der alte Herr wollte ſeinem Sohne nie einen beſtimmten Jahrgehalt ausſetzen, obwohl er ihm große Summen gab, und beſchenkte ihn bloß, wenn er bei guter Laune war). Er hatte darauf drei Stunden bei Amalien, bei ſeiner lieben kleinen Amalie in Fulham zugebracht; und als er nach Hauſe kam, fand er ſeine Schweſtern in geſtärkten Mouſſelinkleidern im Sa⸗ lon, die alten verwittweten Damen im Hintergrunde, plaudernd, und die ehrliche Swartz in ihrem ambrafarbi⸗ gen Atlaßgewande, mit Türkis⸗Bracelets, zahlloſen Rin⸗ gen, Blumen, Federn, und jeder Art von Schmuck und Flittern, faſt ebenſo elegant und herausgeputzt, wie der Schornſteinfeger am erſten Mai. Nachdem die Mädchen verſchiedene vergebliche Verſuche gemacht hatten, ihn in ihr Geſpräch zu ziehen, ſprachen ſie von Moden, und dem letzten Lever, bis er ihres Ge⸗ ſchwätzes ganz überdrüſſig war. Er verglich ihr Beneh⸗ men mit dem der kleinen Emmy: — ihre ſchrillen, un⸗ angenehmen Stimmen, mit Emmy's zarten, melodiſchen Tönen; — ihre Stellungen, und ihre Elbogen, und ihre Stärke mit den beſcheidenen ſanften Bewegungen, ſowie mit dem ſchamhaften Liebreize Amaliens. Die arme Swartz ſaß auf einem Platze, wo einſt Emmy zu ſitzen gewohnt war. Ihre von Juwelen ſtrotzenden Hände lagen auf ihrem ambrafarbigen Atlaßſchvoße ausgebreitet. Ihre Ohrringe, ihre Neſteln, ihr Flitterkram funkelten, und ihre großen rollenden Augen drehten ſich bald dahin, bald dorthin. Mit vollkommener Selbſtzufriedenheit that ſie Nichts, und hielt ſich für bezaubernd. Die Schweſtern hatten noch nie Etwas geſehen, was ihr ſo gut geſtanden, wie der Atlaß. „Der Teufel hole mich,“ ſagte George zu einem ver⸗ trauten Freunde, „wenn ſie nicht ausſah, wie eine chine⸗ — — ſiſche Puppe, die den ganzen Tag Nichts zu thun hat, als zu grinſen, und mit dem Kopfe zu nicken. Beim Zeus, Will, ich mußte mir Gewalt anthun, um ihr nicht das Sophakiſſen an den Kopf zu werfen.“ Indeſſen zügelte er noch dieſe ſeine Gefühle. Die Schweſtern fingen an, die Schlacht von Prag zu ſpielen. „Haltet ein mit dem verdammten Zeug,“ brüllte George wüthend vom Sopha her. „Es macht mich ganz toll. Spielen Sie uns gefälligſt Etwas, Miß Swartz. Singen Sie Etwas, — Alles, was Sie wollen, nur nicht die Schlacht von Prag.“ „Soll ich „Blauäugige Mary“ fingen, oder die „Arie vom Cabinet“?“ fragte Miß Swartz. „Das liebliche Ding vom Cabinet,“ ſagten die Schweſtern. „Das haben wir bereits gehört,“ entgegnete der Miſanthrop auf dem Sopha. „Ich kann „Fluvy du Tajy“ fingen,“ ſagte die Swartz ſanftmüthig, „wenn ich die Worte habe.“ Es war das letzte Stück im Repertoire des lieben jungen Frauenzimmers. „Oh, „Fleuve dü Tage,“ rief Miß Mariaz „wir haben das Lied,“ und holte das Buch, worin es ſtand. Nun war dieſes, damals ſo außerordentlich beliebte Lied den Damen zufällig von einer jungen Freundin ge⸗ ſchenkt worden, deren Namen auf dem Titelblatte zu leſen war, und Miß Swartz hoffte, als ſie das Lied zu George's Beifall (denn der junge Capitän erinnerte ſich, daß es ein Lievlingslied Amaliens ſei) ausgeſungen hatte, vielleicht auf ein Da Capo, und ſpielte mit den Noten⸗ blättern, als ihr Auge auf das Titelblatt ſiel, und ſie in der Ecke „Amalie Sedley“ ſtehen ſah. „Mein Gott!“ rief Miß Swartz, auf dem Muſik⸗ ſtuhle ſich mit der Geſchwindigkeit eines Kreiſels umdre⸗ hend, „iſt es meine Amalie? Die Amalie, die im Pen⸗ 77 ſionate der Miß Pinkerton zu Hammerſmith war? Ich weiß, ſie iſt es. Sie iſt es, und — Erzählen Sie mir doch von ihr — Wo iſt ſie?“ „Sprechen Sie nicht von ihr!“ ſagte Miß Maria Osborne haſtig. „Ihre Familie hat ſich entehrt. Ihr Vater hat Papa betrogen; und was ſie betrifft, ſo darf ihr Name hier nie mehr ausgeſprochen werden.“ So vergalt Miß Maria George's Grobheit wegen der Schlacht von Prag⸗ „Sind Sie eine Freundin Amaliens?“ ſagte George aufſpringend. „Gott lohne Ihnen dafür, Miß Swartz. Glauben Sie doch nicht, was die Mädchen da ſagen. jeden Fall iſt ſie nicht zu tadeln. Sie iſt die eſte —ꝛ „Du weißt, George, daß Du nicht von ihr ſprechen ſollſt,“ rief Jane, „Papa will es nicht haben.“ „Wer will mich daran hindern?“ rief George. „Ich will von ihr ſprechen. Ich ſage, ſie iſt das beſte, freund⸗ lichſte, ſanfteſte, holdeſte Mädchen von ganz England, und mag ihr Vater nun ein Bankerottirer ſein, oder nicht, ſopiel iſt gewiß, daß meine Schweſtern ihr nicht das Waſ⸗ ſer reichen. Wenn Sie ſie lieben, ſo beſuchen Sie ſie, Miß Swartz ſie bedarf jetzt der Freunde; und ich ſage, möge Gott Jedem, ſo ihr freundlich zur Seite ſteht, loh⸗ nen. Jeder, der in freundlichen Ausdrücken von ihr ſpricht, iſt mein Freund;z und Jeder, der wiver ſie ſpricht, iſt mein Feind. Ich danke Ihnen, Miß Swartz.“ Und er ſtand auf, und ſchüttelte ihr die Hand. „George! George!“ rief eine der Schweſtern in fle⸗ hendem Tone. „Ich ſage,“ ſagte George heftig, „ich danke Jedem, der Liebe an den Tag legt für Amalia Sed—.“ Hier hielt er inne. Der alte Osborne ſtand im Zimmer mit einem Geſichte, dem die Wuth eine wahre Bleifarbe verliehen hatte, und mit Augen, die wie glü⸗ hende Kohlen ausſahen. Obgleich George in ſeinem Satze plötzlich abgebro⸗ chen hatte, ſo ließ er ſich doch, da ſein Blut einmal in Wallung war, von allen Generationen der Osbornes nicht einſchüchtern; in einem Augenblicke faßte er ſich wieder, und erwiederte den gebieteriſchen Blick ſeines Vaters mit einem andern, worin ſoviel Entſchloſſenheit und Trotz lag, daß der alte Mann nun ſeinerſeits den Muth ſinken ließ, und wegſah. Er fühlte daß ein Kampf unvermeidlich ſei. „Mrs. Haggiſtoun, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den Arm gebe,“ ſagte er. „Gib Deinen Arm Miß Swartz, George.“ Und es ging Alles zum Eſſen hinab. „Miß Swartz, ich liebe Amalle, und wir find, faſt ſeit unſerer Geburt, mit einander verlobt,“ ſagte Osborne zu der Mulattin, die er am Arme führte; und während des ganzen Diner ſchwatzte George mit einer Geläufigkeit, die ihn ſelbſt überraſchte, und die ängſtliche Aufregung ſeines Vaters noch vermehrte, denn der Kampf konnte nun nicht länger ausbleiben, und mußte Statt finden, ſobald die Damen ſich entfernt hatten. Der Unterſchied zwiſchen Vater und Sohn lag darin, daß, während Erſterer heftig und ein Eiſenfreſſer war, Letterer drei Mal ſo viel Muth und Seelenſtärke beſaß, und nicht bloß einen Angriff machen, ſondern einem ſolchen auch widerſtehen konnte; und da er ſah, daß der Augen⸗ blick nun gekommen, wo der Streit zwiſchen ihm und ſeinem Vater zur Entſcheidung kommen müſſe, ſo nahm er ſein Mittageſſen mit dem beſten Appetit und mit voll⸗ kommener Ruhe ein, ehe man handgemein wurde. Der alte Osborne dagegen war angegriffen, und trank viel. Er blieb in ſeiner Unterhaltung mit den zunächſt bei ihm ſitzenden Damen ſtecken, und George's Kaltblütigkeit machte ihn nur noch zorniger. Es machte ihn halb toll, die Ruhe bemerken zu müſſen, womit George, ſeine Serviette ſchwenkend, und ſich galant verbeugend, den Damen die Thür öffnete, als ſie im Begriffe waren, das Zimmer zu 79 verlaſſen; und wie er ſich ein Glas Wein einſchenkend, vaſſelbe vertilgte, und ſeinem Vater geradezu in's Geſicht ſah, gleich als wollte er ſagen: „Ihr Herren von der Garde feuert zuerſt.“ Auch der alte Mann verſah ſich mit Mu⸗ nition, aber die Flaſche zitterte ihm in der Hand, und ſtieß klirrend gegen das Glas, als er daſſelbe füllen wollte. Er holte erſt tief Athem, und dann begann er mit purpurrothem Geſichte, als wäre er am Erſticken: — „Wie unterſtehſt Du Dich, wie wagſt Du es, den Namen dieſer Perſon heute vor Miß Swartz, in meinem Solon, zu nennen? Ich frage Dich, wie unterſtehſt Du Dich, wie wagſt Du es, das zu thun 24 „Halten Sie inne, Sir,“ ſagte George, „ſagen Sie nicht „wagen,“ Sir. „Wagen,“ iſt ein Wort, deſſen man ſich einem Capitän von der britiſchen Armee gegenüber nicht bedienen darf.“ „Ich ſage zu meinem Sohne, was ich will, Sir. Ich kann ihn in meinem Teſtamente mit einem Shillinge abfinden, wenn ich will. Ich kann ihn zu einem Bettler machen, wenn ich will. Ich werde ſagen, was ich will,“ ſagte der Alte. „Ich bin ein Gentleman, obgleich ich Ihr Sohn bin, Sir,“ antwortete George hochmüthig. „Ich muß mir ausbitten, daß etwaige Mittheilungen, ſo Sie mir zu machen haben, daß etwaige Befehle, ſo Sie mir zu geben belieben, ſich in ihrer Faſſung nicht von der Sprache ent⸗ fernen, die ich zu hören gewohnt bin.“ So oft der junge Osborne in dieſer hochmüthigen Weiſe ſprach, erzeugte er bei dem Vater entweder große Furcht, oder einen gewaltigen Zorn. Der alte Osborne hatte eine geheime Furcht vor ſeinem Sohne, als einem beſſern Gentleman, denn er ſelbſt; und vielleicht haben meine Leſer auf dem Jahrmarkte des Lebens auch ſchon erfahren, daß, wenn es Etwas auf der Welt gibt, wovor Menſchen von niedriger Geſinnung ſich fürchten, und dem ſie mißtrauen, es ein Gentleman iſt. „Mein Vater ließ mir nicht die Erziehung geben, die Du erhalten, noch hatte ich die Vortheile, die Du gehabt, noch das Geld, ſo ich Dir gegeben. Hätte ich die Geſell⸗ ſchaft gehabt, die ich gewiſſen Leuten mit meinen Witteln verſchafft habe, ſo hätte vielleicht mein Sohn keinen Grund, mit ſeiner Superiorität, und ſeinen Weſt⸗End⸗Airs (dieſe Worte wurden in den ſar⸗ kaſtiſchſten Tönen des ältern Osborne geſprochen) zu prahlen, Sir. Allein man glaubte zu meiner Zeit noch nicht, daß es einem Gentleman zieme, ſeinen Vater zu in⸗ ſultiren. Hätte ich ſo Etwas gethan, ſo würde der meinige mich die Treppe hinabgeſchmiſſen haben, Sir.“ „Ich habe Sie nie inſultirt, Sir. Ich habe geſagt, Sie moͤchten nicht vergeſſen, daß Ihr Sohn ſo gut ein Gentleman ſei, wie Sie ſelbſt. Ich weiß recht wohl, vaß Sie mir Geld genug geben,“ ſagte George (einen kleinen Pack Banknoten, den er an dem Morgen deſſelben Tages von Herrn Chopper erhalten, befühlend). „Sie ſagen mir es oft genug⸗ Sir. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich es vergeſſe.“ „Ich wollte, Du erinnerteſt Dich anderer Dinge ebenſo gut,“ antwortete der Vater. „Ich wollte, Du er⸗ innerteſt Dich, daß in dieſem Hauſe — ſo lang Du es mit Deiner Gegenwart zu beehren für gut findeſt, Capitän — ich der Herr bin, und daß jener Name, und daß jener — daß Du — daß, ſage ich —“ „Daß was, Sir?“ fragte George mit einem Anfluge von Hohn, während er ſich ein anderes Glas Claret ein⸗ ſchenkte. „—!“ fuhr ſein Vater mit einem gräßlichen, don⸗ nernden Fluche heraus — „daß der Name dieſer Sedleys hier nicht genannt werden darf, Sir — nicht eines von der ganzen verdammten Brut, Sir.“ „Richt ich war es, Sir, der Miß Sedley's Namen 8¹ zuerſt nannte. Meine Schweſtern ſprachen vor Miß Swartz ſchlecht von ihr;z und ich werde ſie, beim Zeus, vertheidi⸗ gen, wo es auch ſein mag. Niemand ſoll vor mir ſie herabzuſetzen ſuchen. Unſere Familie hat ihr bereits Scha⸗ den genug zugefügt, denke ich, und kann jetzt, wo ſie dar⸗ nieder liegt, ſich der Schmähungen füglich enthalten. Ich ſchieße Jeden, Sie ausgenommen, nieder, der nur ein Wort gegen ſie ſagt.“ „Weiter, weiter, Sir,“ ſagte der alte Herr mit aus dem Kopfe hervorquellenden Augen. „Weiter — worüber ſoll ich weiter ſprechen, Sir? Ueber die Art und Weiſe, wie wir mit dem Engel von einem Mädchen verfahren ſind? Wer hieß ſie mich lie⸗ ben? Sie, Sie. Ich hätte eine andere Wahl treſſen kön⸗ nen, und hätte mich vabei vielleicht nicht auf Ihre Ge⸗ ſellſchaft zu beſchränken gebraucht; aber ich gehorchte Ih⸗ nen. Und jetzt, wo ihr Herz mein iſt, befehlen Sie mir, es wegzuwerfen, und ſie zu ſtrafen, ſie vielleicht zu tödten — für die Fehler anderer Leute. Es iſt eine Schmach, beim Himmel,“ ſagte George, ſich immer mehr in Zorn und Enthuſiasmus bringend, „mit der Liebe eines jungen Mädchens ein leichtfertiges Spiel zu treiben — und noch vazu mit einem Engel, wie ſie iſt — mit einer Perſon, die ſo hoch über den Leuten ſteht, unter denen ſie lebte, daß ſie den Neid hätte erregen können, wäre ſie nicht ſo gut und ſo ſanft geweſen, daß es ein Wunder iſt, wie Jemand es wagen konnte, ſie zu haſſen. Glauben Sie denn, Sir, ſie vergeſſe mich, wenn ich ſie verlaſſe?“ „Ich mag Nichts von ſolchem verdammten ſentimen⸗ talen Unfinn wiſſen, Sir,“ ſchrie der Vater. „In meiner Familie dulde ich keine Bettelheirathen. Willſt Du ein jährliches Einkommen von achttauſend Pfund, das Du haben kannſt, ſobald es Dir anſtändig iſt, wegwerfen, ſo kannſt Du es thun; aber beim Zeus, dann packſt Du auf, und ſpazierſt aus dieſem Hauſe hinaus, Sir. Willſt Du Der Jahrmarkt des Lebens. H. 6 82 ein für allemal thun, was ich Dir ſage, Sir, oder willſt Du es nicht?“ „Die Mulattin da heirathen?“ ſagte George, den Hemdkragen in die Höhe ziehend. „Die Farbe liebe ich nicht, Sir. Fragen Sie den Neger, der dem Fleet Market gegenüber die Gaſſe kehrt, Sir. Ich heirathe einmal keine hottentottiſche Venus.“ Herr Oösborne riß, wie ein Raſender, an der Schnur, womit er den Kellermeiſter zu rufen pflegte, wenn er Wein brauchte — und befahl, faſt ſchwarz im Geſichte, dieſem dienſtbaren Geiſte, für Capitän Osborne einen Wagen herbeizuhohlen. * „Ich habe es gethan,“ ſagte George, als er eine Stunde darauf mit ganz bleichem Geſichte in das Gaſt⸗ haus, die Slaughters genannt, kam. „Was, mein Junge?“ ſagte Dobbin. George erzählte, was zwiſchen ihm und ſeinem Vater vorgefallen war. „Morgen noch heirathe ich ſie,“ ſagte er mit einem Fluche. „Ich liebe ſie täglich mehr, Dobbin.“ 83³ Zweiundzwanzigſtes Rapitel. Eine Heirath und ein Theil des Honigmonats. Die hartnäckigſten und muthigſten Feinde vermögen dem Hunger nicht auf die Länge zu widerſtehen: und ſo war denn der alte Osborne ſo ziemlich ruhig in Betreff ſeines Gegners in dem Kampfe, den wir ſo eben beſchrie⸗ ben. Er erwartete zuverſichtlich, daß George ſich auf Gnade und Ungnade ergeben würde, ſobald es ihm an dem Nothigen zu gebrechen anſfinge. Es war zwar ein Un⸗ glück, daß der Junge gerade an dem Tage, wo das erſte Treffen Statt fand, mit Proviant verſehen worden war; allein der alte Osborne dachte, es würde derſelbe nicht lange dauern, und George's Uebergabe höchſtens etwas ver⸗ zögern. Einige Tage lang fand zwiſchen Vater und Sohn keine Mittheilung Statt. Der Erſtere war über dieſes Schweigen verdrießlich, aber nicht unruhig; denn er wußte, wie er ſagte, wo er George die Daumenſchrauben an⸗ ſetzen konnte, und wollte daher bloß das Reſultat dieſer Operation abwarten. Er erzählte den Schweſtern den Ausgang des Streits zwiſchen ihnen, befahl ihnen aber zu gleicher Zeit, von der Sache keine Notiz zu nehmen, und George bei ſeiner Rückkehr zu bewillkommen, als ob Nichts vorgefallen wäre. Es wurde für ihn jeden Tag, wie gewöhnlich, gedeckt, und der alte Herr erwartete ihn vielleicht ziemlich ängſtlich; allein er ließ ſich nicht blicken. Man erkundigte ſich nach ihm in den Slaughters, wo man aber zur Antwort erhielt, daß er mit ſeinem Freunde, Capitän Dobbin, die Stadt verlaſſen habe. An einem ſtürmiſchen unfreundlichen Tage gegen das Ende des Aprilmonats — der Regen peitſchte das Pfla⸗ 84 ſter der alten Straße, in der einſt das alte Slaughters'⸗ Faffeehaus lag — kam George Osborne in das Kaffeezim⸗ mer; er ſah ungemein verſtört und bleich aus, obgleich ein blauer Frack mit meſſingenen Knöpfen, ſowie ſeine nette hellgelbe Weſte — wie man ſie damals trug — einen ziemlich eleganten Anzug bildete. Dort befand ſich ſein Freund, Capitän Dobbin, gleichfalls in blauem Fracke mit meſſingenen Knöpfen, dem der Militärrock, und die grauen Beinkleider, welche die gewöhnliche Bedeckung ſei⸗ ner ſchmächtigen Perſon bildeten, hatten weichen müſſen. Dobbin war ſchon über eine Stunde im Kaffeezim⸗ mer. Er hatte alle Zeitungen zur Hand genommen, konnte ſie aber nicht leſen. Er hatte unzählige Male auf die Wanduhr geſehen, ſowie auf die Straße, wo der Regen niederplatſchte, und auf die Leute, wie ſie in ihren holzernen Ueberſchuhen vorbeiklapperten, und auf den glänzenden Steinen lange Spuren zurückließen; er trom⸗ melte mit ſeinen Fingern auf dem Tiſche: er biß ſich die Nägel vollſtändig und faſt bis zum Fleiſche ab (es war ſeine Gewohnheit, ſeine großen Hände auf ſolche Weiſe zu zieren,) er balancirte geſchickt den Theeloffel auf der Milchkanne, ſtieß dieſe um, u. ſ. w., u. ſ. w.: — mit einem Worte, er legte jene Zeichen der Unruhe an den Tag, und machte jene verzweifelten Verſuche, ſich die Zeit zu vertreiben, zu denen man gewoͤhnlich ſeine Zu⸗ flucht nimmt, wenn man ſehr ängſtlich, und erwartungs⸗ voll, und unruhig iſt. Einige ſeiner Kameraden, die gerade anweſend wa⸗ ren, zogen ihn mit ſeinem glänzenden Koſtüme, und ſei⸗ ner unverkennbaren Aufregung auf. Einer fragte ihn, ob er im Begriffe ſei, ſich zu verheirathen? Dobbin lachte, und ſagte, er würde ſeinem Freunde (Major Wagſtaff vom Geniecorps) ein Stück Kuchen ſchicken, wenn ſo Etwas geſchähe. Endlich erſchien Capitän Osborne; wie wir geſagt haben, ſehr herausgeputzt, aber ungemein bleich und aufgeregt. Er wiſchte ſein bleiches Geſicht mit einem 85⁵ großen gelben Bandanna⸗Taſchentuche ab, das ungeheuer parfümirt war. Er ſchüttelte Dobbin die Hand, blickte auf die Wanduhr, und ſagte John, dem Kellner, daß er ihm Curaſſao bringen ſolle. Von dieſem herzſtärkenden Mittel ſchüttete er einige Gläſer mit gieriger Haſt hin⸗ unter. Sein Freund fragte ihn ziemlich angelegentlich nach ſeinem Befinden. „Konnte bis Tagesanbruch auch nicht ein Auge zu⸗ thun, Dob,“ ſagte er. „Hölliſches Kopfweh, und Fieber. Stand um neun auf, und ging zu den Hummums hinab, um ein Bad zu nehmen. Ich ſage Dir, Dob, es iſt mir gerade ſo zu Muth, wie an jenem Morgen, wo ich zu Quebek mich mit Rocket paukte.“ „Mir geht es gerade ſo,“ antwortete William. „Ich war an jenem Morgen weit mehr angegriffen, als Du. Du nahmſt da ein tüchtiges Frühſtück ein, wie ich mich noch erinnern kann. Iß jetzt Etwas.“ „Du biſt ein guter alter Kerl, Will. Ich trinke auf Dein Wohl, alter Knabe, und dann Adieu —“ „Nein, nein; zwei Gläſer ſind genug,“ unterbrach ihn Dobbin. „Hier, John, nehmen Sie die Liqueurs weg. Nimm Cayenne⸗Pfeffer zu Deinem Huhn. Aber ſpute Dich ein wenig, denn es iſt Zeit, daß wir an Ort und Stelle kommen.“ Es fehlte etwa noch eine halbe Stunde bis zwölf Uhr, als dieſes kurze Geſpräch zwiſchen den beiden Capi⸗ täns Statt fand. Eine Kutſche, in welche der Bediente des Capitäns Osborne das kleine Schreibepult, ſowie den Neceſſaire ſeines Herrn brachte, hatte ſchon einige Zeit gewartet; und nun gingen die beiden Herren unter einem Regenſchirme eilig auf die Kutſche zu, und ſtiegen ein, während der Bediente ſich auf den Bock ſetzte, und den Regen, ſowie die Näſſe des Kutſchers verwünſchte, der neben ihm dampfte. „Wir werden an der Kirchthüre eine beſſere Falle finden, als dieſe iſt,“ ſagte er; „das iſt ein Troſt. Und nun ging es weiter, Piccadilly hinab, wo Apsley Houſe und der St. Georg's Hoſpital noch rothe Jacken trugen; wo noch Laternen waren, in denen Oel gebrannt wurde; wo der Achilles noch nicht geboren, noch der Pimlico⸗Bogen errichtet, noch das abſcheuliche Mon⸗ ſtrum zu Pferde aufgeſtellt war, das ihn und die Nach⸗ barſchaft anfüllt; — und ſo fuhren ſie, durch Brompton hin, auf eine gewiſſe Kapelle in der Nähe von Fulham⸗ Road zu. Dort wartete ein vierſpänniger Reiſewagen, und ebenſo eine Kutſche von jener Art, die man Glaskutſchen nennt. Nur ſehr wenige Müßiggänger waren in Anbetracht des abſcheulichen Regenwetters dort verſammelt. „Zum Henker!“ rief George; „ich habe doch geſagt, es ſei an zweien genug.“ „Mein Herr wollte vier haben,“ ſagte Herr Joſeph Sedley's Bedienter, der daſtand; und er ſowohl, als Herr Osborne's Diener war, während ſie mit einander George und William in die Kirche nachfolgten, der Anſicht, daß die Hochzeit eine recht ſchäbige ſei, wo man nicht einmal ein Frühſtück, oder eine Hochzeitsſchleife bekomme. „Da ſeid Ihr ja,“ ſagte unſer alter Freund, Jos Sedley, hervortretend. „Du kommſt um fünf Minuten zu ſpät, George, mein Junge. Was für ein Tag, he2 Ich will verdammt ſein, wenn es nicht iſt, wie zu An⸗ fang der Regenzeit in Bengalen. Du wirſt aber ſinden, daß mein Wagen waſſerdicht iſt. Kommt, kommt, meine Mutter und Emmy warten in der Sacriſtei.“ Jos Sedley ſah prachtvoll aus. Er war feiſter, denn je. Sein Hemdkragen war höher, ſein Geſicht röther; ſein Buſenſtreif prangte in ſeinem ganzen Glanze aus ſeiner bunten Weſte hervor. Damals wußte man noch Nichts von lakirten Stiefeln; aber die Suwarowſtiefeln an ſeinen ſchönen Beinen glänzten dergeſtalt, daß ſie vas nämliche Paar ſein mußten, worin der Herr auf dem alten Bilde ſich zu rafiren pflegte; und auf ſeinem hellgrünen Fracke prangte eine ſchoͤne Hochzeitsſchleife, ſo groß, wie eine „ 87 der großten weißen Magnolias. Mit einem Worte, George hatte den großen Wurf gethan. Er ſollte getraut werden. Da⸗ her ſeine Bläſſe und ſein bängliches Weſen — daher die ſchlafloſe Nacht, und ſeine Aufregung am Morgen. Ich habe Leute, welche daſſelbe durchgemacht haben, bekennen hören, daß es ihnen ebenſo zu Muthe geweſen ſei. Ohne Zweifel gewöhnt man ſich daran nach drei oder vier Ceremonien; allein Jedermann geſteht, daß es Einem beim erſten Male nicht ſo ganz wohl zu Muthe ſei. Die Braut war in eine braunſeidene Peliſſe gekleidet (wie Capitän Dobbin mir ſeitdem berichtet hat), und trug einen Strohhut mit einem roſafarbenen Bandez auf dem Hute hatte ſie einen Schleier von Chantilly⸗ Spitzen, — ein Geſchenk von ihrem Bruder, Herrn Jo⸗ ſeph Sedley. Capitän Dobbin ſelbſt hatte um die Er⸗ laubniß nachgeſucht, ihr eine goldene Uhr ſammt einer ſolchen Kette ſchenken zu dürfen, womit fie ſich bei dieſer Gelegenheit geſchmückt hatte; ihre Mutter hatte ihr ihre Diamantbroſche gegeben, — faſt die einzige Schmuckſache, die der alten Dame geblieben war. Während der Trauungs⸗ ceremonie ſaß Mrs. Sedley in einem Kirchenſtuhle, und weinte viel, während das iriſche Dienſtmädchen und Mrs. Clapp, mit der ſie das nämliche Haus bewohnte, ſie trö⸗ ſteten. Der alte Sedley wollte nicht kommen. Jos ver⸗ trat ſeinen Vater, und gab die Braut weg, während Ca⸗ pitän Dobbin bei ſeinem Freunde George als Brautführer fungirte. Außer dem bei der Trauungsceremonie funktioniren⸗ den Perſonale, der kleinen Hochzeitsgeſellſchaft, und den ſie begleitenden Perſonen war Niemand in der Kirche. Die zwei Bedienten hatten ſich hochmüthig weit weggeſetzt. Der Regen ſchlug heftig an die Fenſter. Man konnte ihn, wie auch das Schluchzen der alten Mrs. Sedley im Kirchenſtuhle deutlich hoͤren, ſo oſt in der Feierlichkeit eine kleine Pauſe eintrat. Die Stimme des Pfarrers hallte düſter in den leeren Räumen. Osborne's „Ja“ 88 ertönte im tieſſten Baſſe. Emmy's Antwort ſchwebte zit⸗ ternd vom Herzen zu den Lippen hinauf, wurde aber faſt von Niemand, außer von Capitän Dobbin gehört. Als die Ceremonie vorüber war, trat Jos Sedley vor, und küßte ſeine Schweſter, die Neuvermählte, zum erſten Male ſeit langer Zeit: — George's düſtere Miene war verſchwunden, und er ſchien ganz ſtolz und freude⸗ ſtrahlend. „Nun iſt die Reihe an Dir, William,“ ſagte er, die Hand liebevoll auf Dobbin's Schulter legend; und es trat dann Dobbin hinzu, und berührte Amaliens Wange. Sofort ging es in die Saecriſtei, wo man ſich in das Regiſter einzeichnete. „Gott ſegne Dich, alter Dob⸗ bin,“ ſagte George, ihn bei der Hand faſſend, während Etwas, das gar ſehr wie Feuchtigkeit ausſah, in ſeinen Augen glänzte. William antwortete nur damit, daß er mit dem Kopfe nickte. Sein Herz war zu voll, als daß er hätte viel ſprechen können. „Schreib' augenblicklich, und komm', ſobald es Dir möglich iſt, hinab, weißt Du,“ ſagte Osborne, Nachdem Mrs. Sedley, die ſich immer mehr angegriffen zeigte, von ihrer Tochter Abſchied genommen, ging das Paar auf die Kutſche zu. „Aus dem Wege, ihr Teufelchen,“ rief George einigen vom Regen durchnäßten kleinen Schelmen zu, die an der Kirchthüre ſich herumtrieben. Der Regen ſchlug den beiden Neuvermählten in's Geſicht, als ſie nach dem Wagen hingingen. Die Hochzeitsſchleifen der Poſtil⸗ lone hingen trübſelig an ihren triefenden Jacken herab. Die wenigen Kinder ließen ein traurigklingendes Hurrah horen, als der Wagen in dem aufſpritzenden Kothe ſich entfernte. William Dobbin ſtand unter dem Portale der Kirche, und machte, während er dem Wagen ſo nachſah, fürwahr eine ſeltſame Figur. Das kleine Zuſchauerhäuflein ver⸗ höhnte ihn. Allein er dachte weder an die Gaſſenjungen, noch an ihr Gelächter. „Komm' mit, wir wollen ein kleines Tittin einneh⸗ 89 men, Dobbin,“ rief eine Stimme hinter ihm; und eine gewichtige, fleiſchige Hand legte ſich auf ſeine Schulter, und der ehrliche Burſche konnte nun ſeinen Gevanken nicht weiter folgen. Aber der Capitän konnte es jetzt nicht über ſich gewinnen, mit Jos Sedleh zu ſchmauſen. Er hob die weinende alte Dame und deren Begleiterinnen in die Kutſche, ſammt Jos, und verließ ſie, ohne mit Jemand noch ein Wort zu wechſeln. Auch dieſe Kutſche entfernte ſich, und die kleinen Schelme ließen ein anderes ſarkaſti⸗ ſches Hurrah ertönen. „Hier, ihr kleinen Bettler,“ ſagte Dobbin, einige Sirpence⸗Stücke unter ſie vertheilend, und ging allein im Regen davvn. Alles war vorüber. Sie waren verheira⸗ thet, und glücklich, wie er zu Gott betete. Seit ſeinem Knabenalter hatte er ſich noch nie ſo unglücklich und ſo einſam gefühlt. Von krankhaftem Sehnen erfüllt, wünſchte er, daß die erſten Tage vorüber wären, um ſie — Amalie — wiederſehen zu können. Etwa zehn Tage nach der oben beſchriebenen Cere⸗ monie genoßen drei junge Männer, die wir bereits kennen gelernt haben, jenen herrlichen Anblick von Bogenfenſtern auf der einen Seite, und einer blauen See auf der an⸗ dern, welchen Brighton dem Reiſenden gewährt. Biswei⸗ len fieht der Londoner entzückt nach dem Ocean hin, wenn derſelbe zahlloſe Schönheitsgrübchen darbietet, mit weißen Segeln gefleckt iſt, und Hunderte von Badmaſchinen den Saum ſeines blauen Gewandes küſſen: zuweilen dagegen zieht er die Beobachtung der menſchlichen Natur Ausſichten irgend einer Art vor, und dann wendet er ſich den Bo⸗ genfenſtern und dem ſummenden Menſchenſchwarme zu, der ſich dort zeigt. Aus dem einen dringen die Töne eines Pianoforte, worauf eine junge Dame mit Locken jeden Tag ſich ſechs Stunden lang übt, zum großen Entzücken der Hausgenoſſen: an einem andern kann man die liebens⸗ würdige Polly, die Amme, ſehen, wie ſie Maſter Omnium auf den Händen auf und nieder bewegt, während man 90 am Fenſter unten Jakob, ſeinen Papa, ſieht, wie derſelbe zum Frühſtücke Seegarnelen verzehrt, und die Times ver⸗ ſchlingt. Dort ſind die Miſſes Leery, die nach den jungen Küraſſir⸗Offizieren ſehen, von welchen man ziemlich gewiß weiß, daß ſie auf den Klippen ſpazieren gehen; oder es iſt ein Mann aus der City, der wie ein Seemann aus⸗ ſieht, und ein Teleſkop von der Groͤße eines Sechspfünders nach der See hin gerichtet hat, ſo daß er jedes Luſtboot, jedes Häringsbvot, oder jede Badmaſchine, die an's Ufer herankommt, oder daſſelbe verläßt u. ſ. w. u. ſ. w. erſpä⸗ hen kann. Aber haben wir ſo viel Zeit, um eine Be⸗ ſchreibung von Brighton zu geben? — von Brighton, jenem reinlichen Neapel mit wohlgekleideten Lazzaronis — von Brighton, das immer lebhaft, heiter und bunt aus⸗ ſieht, wie eine Harlekinsjacke — von Brighton, das zur Zeit unſerer Geſchichte ſieben Stunden von London entfernt war; das jetzt nur noch hundert Minuten davon entfernt iſt, und uns noch, wer weiß um wie viel, näher rücken kann, wenn nicht Joinville kommt, und es unzeitig bom⸗ bardirt. „Welch' ein monſtrös ſchönes Mädchen iſt das in der Wohnung über der Putzmacherin,“ bemerkte einer der drei Spaziergänger gegen den andern. „Bei Gott, Crawley, Sie geſehen, wie ſie mir zuwinkte, als ich vorüber⸗ ing ?“ „Brechen Sie ihr nicht das Herz, Jos, Sie Schelm,“ ſagte ein Anderer. „Spielen Sie nicht mit ihrem Herzen, Sie Don Juan!“ „Aus dem Wege!“ ſagte Jos Sedley hocherfreut, und zum fraglichen Dienſtmädchen mit den tödtlichſten Liebesblicken aufſchielend. Jos war zu Brighton ſogar noch prächtiger herausgeputzt, als bei der Trauung ſeiner Schweſter. Er trug brillante Unterweſten, deren jede ſchon hingereicht haben würde, um den Ruf eines gewöhn⸗ lichen Zierbengels zu begründen. Er trug einen kurzen, militäriſchen Ueberrock zur Schau, der mit Schnüren, 9¹ ſchwarzen Knöpfen, und Poſamenten reich verziert war. Er hatte in der letzten Zeit militäriſche Gewohnheiten, und ein militäriſches Aeußere affectirt; und jetzt, wo er neben ſeinen zwei, dieſem Berufe angehörenden Freunden einherging, klirrte er mit ſeinen Sporen, renommirte un⸗ geheuer, und ſchoß tödtliche Blicke auf alle Dienſtmädchen, die werth waren, erſchlagen zu werden. „Was fangen wir an, Jungens, bis die Damen zu⸗ rückkommen?“ fragte der Zierbengel. Die Damen hatten in ſeinem Wagen nach Rottingdean eine Spazierfahrt ge⸗ macht. „Wir wollen eine Partie Billard ſpielen,“ ſagte einer ſeiner beiden Freunde — der große, mit dem ge⸗ färbten Schnurrbarte. „Nein, verdamm' mich; mein Capitän,“ antwortete Jos, ziemlich unruhig. „Kein Billard heute, Crawley, mein Junge; es iſt von geſtern genug.“ „Sie ſpielen ja recht gut,“ ſagte Crawley lachend. „Nicht wahr, Osborne? Hat er nicht die fünf Points ganz famos gemacht, he?“ „Jamos,“ ſagte Osborne. „Jos iſt im Billardſpiel, ſowie in allem Andern, ein Teufelskerl. Ich wollte, es gäbe hier Tiger zu jagen; wir könnten vor Tiſche einige erlegen. (Dort geht ein hübſches Mädchen! Was für ein Knoͤchel, he, Jos *) Erzähl' uns doch die Geſchichte von der Tigerjagd, und wie Du der Beſtie in dem Jungle das Garaus gemacht haſt: — eine wundervolle Geſchichte das, Crawley.“ Sier gähnte Osborne. „Es iſt hier zu Lande ziem⸗ lich einförmig,“ ſagte er; „was können wir anfangen?“ „Wollen wir einige Pferde anſehen, die Snaffler ſo eben vom Markte in Lewes gebracht hat?“ ſagte Crawley. „Wie wäre es, wenn wir bei Dutton etwas Gelee genießen würden,“ ſagte der Schelm Jos, der mit einer Klappe zwei Fliegen todtſchlagen wollte. „Ein verteufelt hübſches Mädchen, das bei Dutton.“ „Wie wäre es, wenn wir hingingen, um den Light⸗ 92 ning ankommen zu ſehen? Es iſt gerade die rechte Zeit,“ ſagte George. Da dieſer Vorſchlag den Sieg über den Stall und die Gelee davon trug, ſo gingen ſie nach dem a⸗ e hin, um den Lightning ankommen zu ehen. Auf ihrem Wege trafen ſie den Wagen — Jos Sed⸗ ley's offenen Wagen mit ſeinen prachtvollen Wappenver⸗ zierungen — das glänzende Gefährt, in dem er zu Chel⸗ tenham umherzufahren pflegte, majeſtätiſch und einſam, mit einem Stülphute, und untergeſchlagenen Armen, oder, glücklicher, in der Geſellſchaft von Damen. Es waren in dem Augenblicke zwei Perſonen in dem Wagen: die eine war klein, hatte ein helles Haar, und war äußerſt modiſch gekleidet; die andere erſchien in einer braunſeidenen Peliſſe, und einem Strohhute mit roſafar⸗ benen Bändern; dabei hatte ſie ein roſiges, rundes, glück⸗ liches Geſicht, das man nur mit Vergnügen anblicken konnte. Sie ließ den Wagen anhalten, als er den drei Herren näher kam; indeſſen ſah ſie nach dieſer Ausübung ihrer Autorität ziemlich ängſtlich aus, und hegann dann in höchſt abgeſchmackter Weiſe zu erröthen. „Die Spa⸗ zierfahrt war wonnevoll, George,“ ſagte ſie, „und — und wir find ſo froh, daß wir wieder da ſind; und Du, Jo⸗ ſeph, ſorg' dafür, daß er nicht ſo ſpät nach Hauſe kommt.“ „Verführen Sie unſere Männer nicht, Herr Sebley, Sie böſer, böſer Mann, Sie,“ ſagte Rebekka, einen hüb⸗ ſchen kleinen Finger, der mit dem zierlichſten bockledernen Handſchuh von franzöſiſcher Fabrikation bedeckt war, gegen Jos erhebend. „Kein Billard, kein Tabakdampf, keine unartigen Streiche!“ „Meine theure Mrs. Crawley — ach, ach! bei mei⸗ ner Ehre!“ — war Alles, was Jos hervorbringen konnte; allein er wußte es doch ſo einzurichten, daß er in eine leidliche Attitüde fiel, wobei er den Kopf auf die Schulter legte, nach ſeinem Opfer hinauflächelte, die eine Hand aüf 93 dem vermittelſt des Stockes geſtützten Rücken hielt, mit der andern aber (der Hand mit dem Diamantringe) an ſeinem Buſenſtreifen und unter ſeinen Unterweſten ſich zu ſchaffen machte. Als der Wagen ſich entfernte, warf er den ſchö⸗ nen Damen, die darin ſaßen, mit der Diamantenhand Küſſe zu. Er wünſchte, ganz Cheltenham, ganz Cho⸗ wringhee, ganz Calcutta möchte ihn in dieſer Stellung ſehen, wie er die Hand gegen eine ſolche Schönheit, und noch dazu in der Geſellſchaft eines ſo famoſen Stutzers, wie Rawdon Crawley von der Leibgarde war, ſchwenkte. Unſer neuvermähltes Paar hatte Brighton zu dem Orte auserkoren, wo es die erſten Tage nach der Heirath zubringen wollte, und lebte dort äußerſt behaglich und ruhig in der Ship Inn, bis Jos zu ihnen ſtieß. Auch war er nicht der einzige Geſellſchafter, den ſie daſelbſt fanden. Eines Nachmittages kamen ſie von einem Spa⸗ ziergange am ufer nach dem Hotel zurück: und wen tra⸗ fen ſie? Rebekka mit ihrem Gatten. Sie erkannten ein⸗ ander augenblicklich. Rebekka flog in die Arme ihrer theuer⸗ ſten Freundin. Crawley und Osborne ſchüttelten einander recht herzlich die Hand; und Becky fand im Laufe weni⸗ ger Stunden Mitlel genug, um Letzteren die wenigen un⸗ angenehmen Worte, ſo bei einer früheren Gelegenheit zwiſchen ihnen gewechſelt worden, vergeſſen zu machen. „Erinnern Sie ſich noch des letzten Mahles, wo wir einander in Miß Crawley's Hauſe ſahen? Ich war da⸗ mals doch recht unartig gegen Sie, lieber Capitän Os⸗ borne: ich dachte, Sie legten gegen die theure Amalie ziemlich viele Gleichgiltigkeit an den Tag. Das war es, was mich ſo böſe machte, und ſo dreiſt, und ſo unfreund⸗ lich, und ſo undankbar. Vergeben Sie mir doch, ich bitte Sie darum!“ ſagte Rebekka, und ſtreckte ihre Hand mit ſo offenherziger und einnehmender Grazie hin, daß Osborne nicht umhin konnte, dieſelbe zu nehmen. Wenn Du offen und demüthig anerkennſt, daß Du Unrecht habeſt, ſo kann man in der That nicht wiſſen, mein Sohn, wie angenehm 94 Du Dich machen kannſt. Ich kannte einmal einen Herrn, einen recht würdigen, und beliebten Mann auf dem Jahr⸗ markte des Lebens, der ſeinen Nächſten abſichtlich ein kleines Unrecht zufügte, um ſpäter dafür in offenherziger und mannhafter Weiſe Abbitte thun zu können: — und was war die Folge davon? Mein Freund Crockey Doyle war allgemein beliebt, und galt, wenn man ihn auch für etwas heftig hielt, für den ehrlichſten Menſchen von der Welt. Und in gleicher Weiſe galt Becky's Demuth bei George Osborne als aufrichtig. Die zwei jungen Paare hatten einander gar Vieles zu erzählen. Man beſprach die beiderſeitigen Heirathen, ſowie die Ausſichten, die man in dem Leben habe, mit der groͤßten Offenheit und dem lebhafteſten Intereſſe. George's Heirath ſollte ſeinem Vater durch ſeinen Freund Capitän Dobbin kund gethan werden; und der junge Döborne war ziemlich beſorgt in Betreff des Reſultats dieſer Mittheilung. Miß Crawley, auf die alle Hoffnun⸗ gen Rawvon's ſich ſtützten, hatte ſich immer noch nicht! erweichen laſſen. Da ihr liebender Neffe, und ihre nicht minder zärtlich gefinnte Nichte es unmöglich gefunden hatten, in ihrem Hauſe in Park Lane ſich Zutritt zu ver⸗ ſchaffen, ſo waren ſie ihr nach Brighton gefolgt, wo ihre Emiſſäre beſtändig die Thüre der alten Dame belagern mußten. „Ich wollte, Du könnteſt einige von Rawdon's Freun⸗ den ſehen, die ſtets um unſere Thüre ſind,“ ſagte Re⸗ bekka lachend. „Haſt Du ſchon einmal einen Mahner ge⸗ ſehen, meine Liebe; oder einen Bailiff mit ſeinem Gehül⸗ fen? Zwei ſolcher abſcheulichen Tröpfe hatten ſich die ganze vergangene Woche beim Gemüſehändler, unſerem Hauſe gegenüber, aufgepflanzt, und wir konnten daher nicht vor Sonntag ausgehen. Was ſollen wir thun, wenn die Tante unerbittlich iſt2“ Rawdon erzählte unter fortwährendem ſchallendem Gelächter von ſeiner Seite ein Dutzend artige Anekdöt⸗ 95 chen von ſeinen Gläubigern, und der geſchickten Behand⸗ lung derſelben durch Rebekka. Mit einem derben Fluche betheuerte er, daß es in ganz Europa kein Frauenzimmer gebe, das es ſo gut, wie ſie, verſtehe, einen Gläubiger herumzukriegen. Sie hatte faſt unmittelbar nach ihrer Heirath begonnen, ihre Künſte in Anwendung zu bringen, und ihr Mann hatte gefunden, von welch' ungeheurem Werth eine ſolche Frau für ihn wäre. An Credit fehlte es ihnen nicht; aber ebenſo wenig fehlte es ihnen an un⸗ bezahlten Rechnungen, und Mangel an baarem Gelde war ihr Hauptleiden. Hatten aber dieſe ewigen Verlegenheiten irgend einen nachtheiligen Einfluß auf Rawdon's gute Laune? Nein. Ein Jeder muß ſchon auf dem Jahrmarkte des Lebens bemerkt haben, wie gut Diejenigen leben, die bis über die Ohren in Schulden ſtecken: wie dieſelben ſich Nichts verſagen; wie luſtig und unbekümmert ſie zu ſein pflegen. Rawdon und ſeine Frau hatten die allerbeſten Zimmer im Gaſthofe Brighton; der Gaſthofbeſitzer ver⸗ beugte ſich vor ihnen, wie vor ſeinen reichſten und vor⸗ nehmſten Gäſten, wenn er das erſte Gericht hereinbrachte: und Rawdon zog über das Eſſen und den Wein ſo un⸗ genirt los, wie keiner der reichſten Männer im Lande. Eine lange Gewohnheit, ein mannhaftes Ausſehen, tadel⸗ loſe Stiefeln und Kleider, und eine glückliche Dreiſtigkeit iſt oft einem Menſchen von ebenſo vielem Nutzen, als ein großes Guthaben bei ſeinem Bankier. Die beiden jungen Paare kamen ſtets auf ihrem Zimmer mit einander zuſammen. Nach zwei oder drei Abenden ſpielten die Herren einmal ein wenig Piket, während ihre Frauen allein mit einander ſprachen. Die⸗ ſer Zeitvertreib, ſowie die Ankunft von Jos Sedley, der in ſeiner großen offenen Kutſche erſchien, und einige Par⸗ tien Billard mit Capitän Crawley ſpielte, füllten Raw⸗ don's Börſe wieder einiger Maßen, und verhalfen ihm zu dem baaren Gelde, in deſſen Ermanglung oft die großten Geiſter ſich nicht mehr zu helfen wifſen. . X 96 Die drei Herren ſpazierten alſo hinab, um den Lightning ankommen zu ſehen. Und auf die Minute hin kam der Eilwagen, innen und außen vollgepfropft, die Straße herabgeraſſelt; der Condukteur blies die wohlbe⸗ kannte Arie auf ſeinem Horne, und endlich hielt der Lightning vor dem Bureau an. „Halloh! da kommt ja der alte Dobbin,“ rief George ganz entzückt, ſeinen alten Freund auf der Imperiale zu erblicken, — ſeinen Freund, deſſen verſprochener Beſuch in Brighton ſich bis jetzt verzögert hatte. „Wie geht es, alter Burſche? Froh, daß Du endlich gekommen biſt. Emmy wird entzückt ſein, Dich zu ſehen,“ ſagte Osborne, die Hand ſeines Kameraden, ſobald derſelbe herabgeſtiegen war, warm ſchüttelnd, — und ſetzte dann mit leiſerer und bewegter Stimme hinzu: „Was gibt's Neues? Biſt Du in Ruſſell⸗Square geweſen? Was ſagt der alte Herr? Sag' mir Alles.“ Dobbin ſah ſehr bleich und ernſt aus. „Ich habe Deinen Vater geſprochen,“ ſagte er. „Wie geht es Ama⸗ lien — Mrs. George? Ich werde Dir in einer Weile Alles ſagen; ich habe aber die großte aller Neuigkeiten mitgebracht, und die iſt —“ „Heraus damit, alter Burſche,“ ſagte George. „Es geht nach Belgien, und auch wir haben Marſch⸗ befehl erhalten. Die ganze Armee bricht dahin auf — die Garde, Alles. Heavytop liegt am Povagra darnieder und iſt ganz toll, daß er ſich nicht rühren kann. O'Dowd hat das Kommando erhalten, und nächſte Woche ſchiffen wir uns in Chatham ein.“ Dieſe Kriegsneuigkeit war für unſere Liebenden, wie ſich nicht anders denken läßt, kein geringer Schlag, und urſache, daß alle dieſe Herren mit einem Male ſehr ernſt ausſahen. Yreiundzwanzigſtes Kapitel⸗ 5 Capitän Dobbin in ſeiner Vermittlersrolle. Welcher Art iſt doch der geheime Mesmerismus, den die Freundſchaft beſitzt, und unter deſſen Einfluß eine gewöhlich träge, oder kalte, oder furchtſame Perſon für einen andern weiſe, thätig und entſchloſſen wird? Wie Alexis nach einigen Strichen von Doktor Elliotſon den Schmerz verachtet, mit dem Hinterkopfe liest, Meilen weit ſieht, weiß was in einer Woche geſchieht, und andere Wunder verrichtet, deren er, ſolange er in ſeinem norma⸗ len Zuſtande verharrt, ganz und gar unfähig iſt, — ſo ſieht man auch in Weltangelegenheiten und unter dem Magnetismus der Freundſchaſt den beſcheidenen Menſchen kühn, den ſcheuen zuverſichtlich, den trägen thätig, und den ungeſtümen klug und friedlich werden. Was iſt es auf der andern Seite, das den Advokaten veranlaßt, ſeine eigene Sach. nicht ſelbſt zu führen, und ſeinen gelehrten Collegen als Rathgeber beizuziehen? Und was iſt Schuld, daß der Arzt, wenn ihm Etwas fehlt, nach ſeinem Neben⸗ buhler ſchickt, und ſich nicht hinſetzt, um ſeine Zunge im Spiegel zu beſchauen, oder an ſeinem Schreibtiſche ſich ſelbſt Etwas zu verſchreiben * Ich werfe dieſe Fragen hin, da⸗ mit intelligente Leſer ſie beantworten, — Leſer, die zu gleicher Zeit wiſſen, wie leichtgläubig und wie ſkeptiſch, wie nachgiebig und wie eigenſinnig, wie ſtandhaft für Andere, und wie ſchüchtern wir in Betreff unſerer ſelbſt ſind. Mittlerweile iſt ſoviel gewiß, daß unſer Freund William Dobbin, der perſoͤnlich ſo nachgiebig was, daß, wenn ſeine Aeltern ſehr in ihn gedrungen wären, er Der Jahrmarkt des Lebens. I. 7 98 rſcheinlich in die Käche hinabgegangen und die Köchin geheirathet haben, und der, wenn es die Förderung ſeiner eigenen Intereſſen gegolten hätte, deshalb wohl kaum über die Straße gegangen ſein würde, — mittlerweile, ſagen wir, iſt ſoviel gewiß, daß William Dobbin in der Füh⸗ rung von George Osborne's Angelegenheiten eine ſo große Geſchäftigkeit und einen ſolchen Eifer an den Tag legte, wie nur immer der ſelbſtſüchtigſte Taktiker in ſeinen eige⸗ nen Sachen zeigen koͤnnte. Während unſer Freund George und ſeine junge Frau die erſten roſigen Tage des Honigmonats zu Brighton genoßen, mußte der ehrliche William als George's Bevollmächtigter in London zurückbleiben, um alle auf die Heirath Bezug ha⸗ benden Geſchäfte zu beſorgen. Es war ſeine Pflicht, den alten Sedley und deſſen Frau zu beſuchen, und Erſteren bei guter Laune zu erhalten; Jos und ſeinen Schwager einander näher zu bringen, ſo, daß Jos' Stellung und Würde als Steuereinnehmer von Boggley⸗Wollah einen Erſatz für das Herunterkommen ſeines Vaters bilden, und den alten Osborne geneigter machen moͤchte, in die Ver⸗ bindung ſich zu fügen; und endlich war es noch ſeine Aufgabe, die Heirath dem Letzteren in einer Weiſe mitzu⸗ theilen, die den Zorn des altern Herrn am Wenigſten erregen würde. Nun aber war Dobbin der Anſicht, daß es, ehe er dem Haupte des Osborne'ſchen Hauſes mit der Reuigkeit auf den Leib rückte, deren Mittheilung er übernommen, politiſch wäre, die übrigen Familienglieder ſich zu Freun⸗ den zn machen, und, wo möglich, die Damen auf ſeine Seite zu bringen zu ſuchen. Er dachte, ſie könnten in ihrem Herzen nicht böſe ſein. Noch nie ſei ein Frauen⸗ zimmer auf eine romantiſche Heirath boͤſe geweſen. Sie würden ein Bischen ſchreien, und dann auf die Seite ihres Bruders treten, worauf ſie alle drei den alten Herrn Os⸗ borne beſtürmen würden. Und ſo dachte denn dieſer macchiavelliſtiſche Infanteriehauptmann auf einige glückliche 99 Mittel oder Kriegsliſten, wodurch er die Miß Osbornes auf eine zarte Manier und ſtufenweiſe in das Geheimniß ihres Bruders einweihen könnte. Einige Erkundigungen in Betreff der Einladungen, ſo ſeine Mutter erhalten, ſetzten ihn bald in den Stand, ausfindig zu machen, von welchen Freundinnen ihrer Lady⸗ ſhip nächſtens Geſellſchaften gegeben wurden, wo er Os⸗ borne's Schweſtern zu treffen hoffen konnte; und obgleich er vor Routs und Abendgeſellſchaften jenen Abſcheu hatte den leider viele verſtändige Männer davor haben, ſo machte er doch bald eine Soiree ausfindig, in der die Miß Os⸗ borne's erſcheinen mußten. Er kam alſo auf den Ball, und tanzte mit beiden einige Male, und war ungeheuer höflich, bis er endlich den Muth faßte, Miß Osborne um eine kurze Unterredung für den nächſten Tag in der Frühe zu bitten, indem er ihr, wie er ſagte, Neuigkeiten von hoͤchſtem Intereſſe mitzutheilen hätte. Was war wohl Schuld, daß ſie zuſammenfuhr, und ihn einen Augenblick anſah, ſowie darauf den Boden zu ihren Füßen, und daß es ihr war, als ob ſie in ſeinen Armen in Ohnmacht ſinken müßte, — hätte er ihr nicht noch zu rechter Zeit auf die Zehen getreten, und ſo die junge Dame wieder zu ſich ſelbſt gebracht? Warum war ſie ſo heftig bewegt, als Dobbin ſeine Bitte vorbrachte 2 Das wird ewig ein Geheimniß bleiben. Als er aber am darauffolgenden Tage erſchien, war Marie nicht mit ihrer Schweſter im Salon, und was Miß Wirt betrifft, ſo ent⸗ ferntete ſie ſich, um Letztere herbeizuholen, — ſo daß der Kapitän und Miß Osborne ganz allein waren. Sie wa⸗ ren Beide ſo ſtille, daß das Ticketack der das Opfer Iphigeniens darſtellenden Stockuhr auf dem Kaminfimſe ganz deutlich gehoͤrt wurde. „Wie hübſch war es doch geſtern Abend auf dem Balle,“ fieng Miß Osborne endlich an, um den Kapitän zu ermuthigen; „und — und welche Fortſchritte haben Sie im Tanzen gemacht, Kapitän Dobbin! Gewiß hat N es Sie Jemand gelehrt,“ ſetzte ſie mit liebenswürdiger Schlauheit hinzu. „Sie ſollten mich einmal einen Reel mit unſerer Freundin, der Frau Majorin O' Dowd, ſo wie einen Jig tanzen ſehen: — haben Sie je einen Jig geſehen? Allein ich glaube, mit Ihnen, Miß Osborne, die Sie ſo gut tanzen, könnte es Jeder.“ „Iſt die Majorin jung und ſchön, Capitän?“ fragte die blonde Fragerin. „Ach, welch fürchterliches Ding muß es ſein, einem Soldaten als Frau anzugehoren! Ich wun⸗ dere mich, daß ſie überhaupt noch Luſt zum Tanzen haben, und noch dazu in dieſen furchtbaren Kriegszeiten! O⸗ Capitän Dobbin, ich zittere bisweilen, wenn ich an unſe⸗ ren theuern George, ſowie an die Gefahren des armen Soldaten denke. Sind beim — ſten Regimente viele Offi⸗ ziere verheirathet, Kapitän Dobbin?“ „Auf Ehre, ſie läßt ihre Karten doch allzuviel ſehen,“ dachte Miß Wirt; allein dieſe Bemerkung iſt rein paren⸗ thetiſch, und wurde durch die Spalte der Thür hindurch, an der die Gouvernante ſie ausſprach, nicht gehoͤrt. „Einer unſerer jungen Männer hat ſich ſo eben in den Stand der Ehe begeben,“ ſagte Dobbin, jetzt zur Sache kommend. „Es war ein ſehr altes Verhältniß, und das junge Ehepaar iſt ſo arm, wie eine Kirchen⸗ maus.“ „Ach, wie entzückend! Ach, wie romantiſch!“ rief Miß Osborne, als der Capitän die Worte: „altes Ver⸗ hältniß“ und „arm“ ausſprach. Ihre Sympathie machte ihn muthiger. „Der feinſte junge Burſche im ganzen Regimente,“ fuhr er fort. „Es gibt in der ganzen Armee keinen wackereren, vder hübſcheren Offizier; und dazu noch eine ſo bezaubernde Frau! Wie würden Sie ſie lieben; wie werden Sie ſie lieben, wenn Sie ſie werden kennen ler⸗ nen, Miß Osborne.“ Die junge Dame dachte, es ſei jetzt der Angenblick 101 gekommen, und Dobbin's Aeugſtlichkeit, die ſich durch die vielfachen Verzerrungen ſeines Geſichtes, durch die Art, wie er mit ſeinen großen Füßen auf dem Boden hin⸗ und herfuhr, durch das raſche Auf⸗ und Zuckknöpfen ſei⸗ nes Rockes u. ſ. w., u. ſ. w. kund gab, — Miß Ooborne, ſage ich, glaubte, er würde, ſobald er ſich etwas Luft ge⸗ macht, ſein ganzes Herz ausſchütten, und bereitete ſich vor, ihm mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zuzuhoren. Und als die Uhr in dem Altare, worauf die Iphigenie lag, nach einer vorangegangenen Zuckung anfing, zwölf zu ſchlagen, ſchien es, als ob das bloße Schlagen bis Ein Uhr dauern würde — ſo lange kam es der ängſtlich wartenden Jungfrau vor. „Aber ich wollte nicht vom Heirathen ſprechen — das heißt von der Heirath — das heißt — nein, ich meine — meine theure Miß Osborne, ich muß mit Ih⸗ nen von unſerem theuren Freunde George ſprechen, ſagte Dobbin. „Von Grorge?“ ſagte ſie in einem ſo niedergeſchla⸗ genen Tone, daß Maria und Miß Wirt auf der andern Seite der Thüre lachten, und daß ſelbſt der gottloſe Menſch von einem Dobbin ſich verſucht fühlte, zu lächeln; denn er kannte den Stand der Dinge einiger Maßen, da George ihn oft in anmuthiger Weiſe aufgezogen, und zu ihm ge⸗ ſagt hatte: — „Zum Henker, Will, warum nimmſt Du nicht die alte Polly? Sie nimmt Dich, wenn Du um ſie anhältſt. Ich wette fünf gegen zwei, daß ſie's thut.“ „Ja, von George,“ fuhr er fort. „Es hat zwiſchen ihm und Herrn Osborne einen kleinen Streit gegeben. Und ich achte und liebe ihn ſo ſehr — denn Sie wiſſen, daß wir ſtets wie Brüder geweſen ſind — doß ich hoffe und bitte, es möge der Streit beigelegt werden. Wir müſſen in den Krieg, und England verlaſſen, Miß Os⸗ borne. Jeden Tag kann Marſchbefehl kommen. Wer weiß, was während des Feldzugs geſchieht? Seien Sie 102 nicht unruhig, theure Miß Osborne; und dieſe Beiden wenigſtens ſollten als Freunde von einander ſcheiden.“ „Es hat keinen Streit gegeben, Kapitän Oösborne; es war nur eine jener kleinen gewöhnlichen Scenen, die er mit Papa hatte,“ ſagte die Dame. „Wir erwarten George täglich zurück. Was Papa haben wollte, war rein zu ſeinem Beſten. Er braucht bloß zurückzukommen, und dann iſt, wie ich überzeugt bin, Alles wieder gut; und was die theure Rhoda betrifft, die äußerſt, äußerſt böſe von hier fortgegangen iſt, ſo weiß ich, daß ſie ihm verzeihen wird. Ein Frauenzimmer verzeiht nur zu leicht, Capitän.“ „Ein Engel wie Sie würde das gewiß thun,“ ſagte Herr Dobbin mit abſcheulicher Liſt. „Und kein rechter Mann kann es ſich verzeihen, daß er einmal einem Frauen⸗ zimmer einen Schmerz bereitet. Wie würde Ihnen zu Muthe ſein, was würden Sie thun, wenn ein Mann Ihnen untreu würde?“ „Ich würde ſterben — ich würde zum Fenſter pin & ausſpringen — ich würde Gift nehmen — ich würde da⸗ hinſiechen und ſterben. Ja, das würde ich,“ rief die Miß, die deſſen ungeachtet ſchon einige Herzensangelegenheiten Archensch hatte, ohne Selbſtmord⸗Gedanken Raum zu eben. 3 „Und es gibt noch Andere,“ fuhr Dobbin fort, „die ebenſo wahr, ebenſo treu, ebenſo gutherzig ſind, wie Sie. Ich ſpreche nicht von der weſtindiſchen Erbin, Miß Os⸗ borne, ſondern von einem armen Mädchen, das George einſt liebte, und das von ſeiner früheſten Kindheit an nur an ihn denken durfte. Ich habe ſie in ihrer Armuth ge⸗ ſehen, habe geſehen, wie ſie nicht klagte, wie ihr Herz gebrochen ward, wie ſie tadellos blieb. Ich ſpreche von Miß Sedley. Theure Miß Osborne, kann Ihr edelmü⸗ thiges Herz Ihrem Bruder darüber zürnen, daß er ihr treu bleibt? Könnte es ſein eigenes Gewiſſen ihm je ver⸗ zeihen, wenn er ihr untreu würde? Seien Sie ihre Freun⸗ 103 vin — ſie liebte Sie ſteis — und — und ich ſtehe hier im Namen George's, und ſoll Ihnen ſagen, daß er die gegen ſie übernommene Verpflichtung als die heiligſte Schuld anſieht, die er auf dieſer Erde hat, und Sie wenigſtens bitten, zu ihm zu halten.“ Wenn irgend eine ſtarke Gemüthsbewegung ſich des Herrn Dobbin bemächtigte, und die erſten Worte vorbei waren, die von ſeiner Verlegenheit Zeugniß gaben, ſo konnte er ganz geläufig ſprechen, und es war offenbar, daß ſeine Beredtſamkeit bei dieſer Gelegenheit auf die Dame, mit der er redete, einigen Eindruck machte. „Nun,“ ſagte ſie, „das iſt — hochſt überraſchend — höchſt peinlich — höchſt außerordentlich: — was wird Papa darüber ſagen? — daß George eine ſo prächtige Partie von der Hand weist; — aber auf jeden Fall hat er einen tüchtigen Kämpen an Ihnen gefunden, Kapitän Dobbin. Es hhilft indeſſen Nichts,“ ſuhr ſie nach einer Pauſe fort; „die Lage der armen Miß Sedley geht mir ganz gewiß zu Herzen — ia ſehr zu Herzen, wiſſen Sie. Wir hielten die Partie nie für eine gute, obgleich wir hier ſtets freundlich, — ja ſehr freundlich gegen ſie waren. Aber Papa wird nie ſeine Einwilligung geben, ich weiß es gewiß. Und ein wohlerzogenes junges Frauenzimmer, wiſſen Sie, — ein Frauenzimmer, das Verſtand hat, muß — George muß ſie aufgeben, theurer Kapitän Dobbin, ja das muß er.“ „Darf ein Mann das Frauenzimmer aufgeben, das er liebte, ſobald das Unglück ſie verfolgt?“ ſagte Dobbin, ſeine Hand ausreckend. „Liebe Miß Osborne! Iſt das der Rath, den ich von Ihnen höre? Meine liebe junge Dame, Sie müſſen ihr als Freundin zur Seite ſtehen. Er kann ſie nicht aufgeben. Er darf ſie nicht aufgeben. Würde wohl ein Mann Sie aufgeben, wenn Sie arm wären?“ Dieſe geſchickte Frage rührte das Herz der Miß Jane Ooborne nicht wenig. „Ich weiß nicht, ob wir armen Mädchen dem Glauben ſchenken dürfen, was ihr Männer ſagt, Kapitän,“ ſagte ſie. „Es liegt in der Liebe der Weiber Etwas, was ſie veranlaßt, allzu leicht zu glauben. Ich befürchte, ihr ſeid arge, arge Betrüger.“ — Und Dobbin glaubte wirklich einen Druck der Hand zu ver⸗ ſpüren, die Miß Osborne ihm hingehalten hatte. Er ließ die Hand etwas unruhig fahren. „Betrü⸗ ger!“ ſagte er. „Nein, theure Miß Osborne, nicht alle Männer ſind das; Ihr Bruder iſt jedenfalls keiner; George hat Amalie Sedley von ſeinem und Ihrem Kindesalter an geliebt; kein Reichthum auf der Welt könnte ihn ver⸗ anlaſſen, eine andere zu ehelichen, als ſie. Soll er ſie verlaſſen? Würden Sie ihm rathen, das zu thun?“ Was konnte Miß Jane auf eine ſolche Frage, und während ſie ſo ihre eigenen beſonderen Abſichten hatte, ſagen? Sie konnte ſie nicht beantworten; daher ſagte ſie, ausweichend: — „Gut, wenn Sie kein Betrüger ſind, ſo ſind Sie auf jeden Fall ſehr romantiſch.“ Und Capitän William ließ dieſe Bemerkung unan⸗ gefochten gelten. Endlich, als er dachte, daß Miß Osborne durch ſeine hoflichen Redensarten genugſam vorbereitet ſei, um die ganze Nachricht zu hören, enthielt er dieſelbe ihrem Ohre nicht länger vor. „George konnte Amalie nicht aufgeben — George ward mit ihr getraut,“ — und dann erzählte er die Umſtände der Heirath, wie wir dieſelben bereits kennen; wie das arme Mädchen geſtorben ſein würde, wenn ihr Liebhaber den Ungetreuen geſpielt hätte: wie der alte Sedley von der Heirath ſchlechterdings Nichts habe wiſſen wollen, und wie man ſich eine Licenz ver⸗ ſchafft, und wie Joſeph Sedley von Cheltenham gekom⸗ men, um die Braut wegzugeben: wie ſie in Jos' vier⸗ ſpännigem Wagen nach Brighton gefahren, um dort die Flitterwochen hinzubringen: und wie' George auf ſeine theuren, guten Schweſtern rechne, daß ſie bei ihrem Va⸗ 105 ter für ihn ein gutes Wort einlegten, wie ſo treue und liebevolle Frauenzimmer, wie ſie, gewiß thun würden. Und ſo verbeugte und verabſchiedete ſich Capitän Dobbin, nachdem er ſie noch um die (bereitwillig gegebene) Er⸗ laubniß gebeten, ſie wieder beſuchen zu dürfenz und ganz richtig war ſeine Vermuthung, daß es keine fünf Minu⸗ ten anſtehen würde, bis die von ihm überbrachte Neuig⸗ keit den andern Damen mitgetheilt wäre. Kaum war er aus dem Hauſe, ſo ſtürzten Miß Maria und Miß Wirt zu Miß Osborne herein; und es wurde ihnen nun das ganze wunderbare Geheimniß von letzterer Dame mitgetheilt. Dabei muß ich jedoch den beiden Schweſtern die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß keine ſehr böſe darüber war. Es liegt in einer unbe⸗ ſonnenen Heirath Etwas, worüber wenige Damen ernſtlich koſe ſein können, und Amalie ſtieg ſogar noch in ihrer Achtung wegen des Muthes, den ſie dadurch an den Tag gelegt, daß ſie ihre Zuſtimmung zu der Verbindung ge⸗ geben. Während ſie ſo über die Geſchichte debattirten, und plauderten, und ſich wunderten, was Papa thun und ſagen würde, ließ ſich an der Thüre ein lautes Pochen, ähnlich einem rächenden Donnerſchlag vernehmen, — wel⸗ ches dieſe Verſchwoͤrerinnen zuſammenfahren machte. Es muß Papa ſein, dachten ſie. Allein er war es nicht. Es war nur Herr Frederick Bullock, der verſprochener Maßen aus der City gekommen war, um die Damen in eine Blumenausſtellung zu begleiten. Wie man ſich wohl denken kann, ſo ward dieſem Herrn das Geheimniß nicht lange vorenthalten. Allein ſein Geſicht zeigte, als er es hoͤrte, Erſtaunen, das ganz und gar verſchieden war, von der ſentimentalen Verwun⸗ derung, die ſich in der Miene der Schweſtern ausſprach. Herr Bullock war ein Weltmann, und ein jüngerer Theil⸗ haber einer reichen Firma. Er wußte, was das Geld iſt, und kannte deſſen Werth: und in ſeinen kleinen Augen ſprach ſich eine überaus ſüße Erwartung aus, und er 106 mußte ſeine Maria anlächeln bei dem Gedanken, daß ſie durch dieſen Narrenſtreich des Herrn George wohl drei⸗ ßigtauſend Pfund mehr werth werden konne, als er je durch und mit ihr zu bekommen gehofft hatte. „Bei Gott, Jane,“ ſagte er, ſelbſt die ältere Schwe⸗ ſter, mit einigem Intereſſe muſternd, „Eels wird es nun leid thun, daß er von dem Heirathsprojecte wieder abge⸗ gangen iſt. Sie können noch einmal fünfzigtauſend Pfund werth werden.“ Die Schweſtern hatten bis auf dieſen Augenblick noch nie an die Geldfrage gedacht, aber Fred Bullock zog ſie während ihrer Vormittagsereurſion mit graziöſer Heiter⸗ keit damit auf; und ſie waren nicht wenig in ihrer eige⸗ nen Achtung geſtiegen, als ſie, nachdem die Morgenbelu⸗ ſtigung vorüber war, zum Eſſen heimfuhren. Auch möge der verehrte Leſer ſich nicht gegen dieſe Selbſtſucht, als unnatürlich, auflaſſen. Erſt heute Morgen noch bemerkte der Verfaſſer dieſer wahrhaften Geſchichte, während er auf der Imperiale des Omnibus von Richmond ſaß, und die Pferde gewechſelt wurden, drei kleine Kinder, die in einer Pfütze unten recht ſchmutzig, und freundſchaftlich, und glücktich mit einander ſpielten. „Zu dieſen dreien kam bald noch ein anderes kleines Geſchöpf. „Polly,“ ſagte das Mädchen, „Deine Schweſter hat einen Penny.“ Und nun ſprangen die Kinder augenblicklich auf, verließen ihre Pfütze, und rannten davon, um Peggy den Hof zu machen. Und als der Omnibus davon fuhr, ſah ich Peggy, mit dem Kinder⸗Gefolge hinter ihr her, mit großer Würde auf den Stand einer Händlerin zu⸗ ſchreiten, die in der Nähe allerlei Eßwaaren feil hatte. 107 Pierundzwanzigſtes Kapitel. Worin Herr Osborne die Familienbibel herablangt. Nachdem ſo Dobbin die Schweſtern vorbereitet hatte, eilte er nach der City, um den übrigen und ſchwierigeren Theil der von ihm übernommenen Aufgabe zu erfüllen. Der Gedanke, daß er dem alten Osborne gegenüber zu ſtehen habe, machte ihn nicht wenig ängſtlich, und mehr als ein Mal dachte er, er wolle es den jungen Damen überlaſſen, demſelben das Geheimniß mitzutheilen, das ſie, — wie ihm wohl bewußt war, — nicht lange ver⸗ ſchweigen konnten. Allein er hatte George verſprochen, er wolle ihm ſagen, wie der ältere Osborne die Nachricht aufgenommen; und ſo ging er nach der City in das väterliche Comptoir in Thames⸗Street, ſchickte von dort ein Billet an Herrn Osborne, worin er ihn um eine halb⸗ ſtündige Unterredung in Sachen ſeines Sohns Georges anging. Dobbin's Bote kam von Herr Osborne's Bureau mit den Complimenten des Letztern zurück, ſowie mit der Nachricht, daß es demſelben Freude machen würde, den Capitän alsbald zu ſprechen. Dobbin machte ſich daher alsbald auf den Weg. Der Capitän, der wohl wußte, welch' ſchlimmes Ge⸗ heimniß er zu enthüllen, und der die Ausſicht auf eine ſtuͤrmiſche und höchſt unangenehme Unterredung vor ſich hatte, trat in das Comptoir des Herrn Osborne mit höchſt trüber Miene und höchſt unſicheren Schritten, und wurde, als er durch das äußere Zimmer ging, wo Herr Chopper den Vorſitz führte, von dieſem Funktionär von ſeinem Schreibtiſche aus mit einer Schalksmiene begrüßt, — was ihn noch mehr aus der Faſſung brachte. Herr Chop⸗ 10⁸ per winkte, und nickte mit dem Kopfe, und deutete mit der Feder auf die Thüre des Prinzipals, und ſagte mit einem Humor, der für den Capitän hochſt ärgerlich ſein mußte: „Sie werden den alten Herrn ganz in der er⸗ wünſchten Stimmung ſinden.“ Ooborne erhob ſich gleichfalls, und drückte ihm freund⸗ lich die Hand, und ſagte: „Wie geht es Ihnen, mein lieber Junge?“ mit ſo vielex Herzlichkeit, daß der Abge⸗ ſandte des armen George ſich doppelt ſchuldig fühlte. Seine Hand lag wie todt in der des alten Manns. Er fühlte, daß er, Dobbin, mehr oder minder ſchuld an Allem ſei, was geſchehen. Er war es, der George zu Amalien zurückgeführt; er war es, der zur Heirath auf⸗ gemuntert, derſelben ſeinen Beifall geſchenkt, ja ſie faſt vollzogen hatte, und nun war er gekommen, um ſie George's Vater zu eröffnen, und der Letztere hieß ihn mit freundlichem Lächeln willkommen, klopfte ihm auf die Schulter, und nannte ihn „Dobbin, mein lieber Junge.“ Der Abgeſandte hatte wohl Urſache, den Kopf hangen zu laſſen. Osborne glaubte gar nicht anders, als daß Dobbin gekommen wäre, um ihm die Unterwerfung ſeines Sohnes zu melden. Herr Chopper beſprach mit ſeinem Prineipale die bewußte Sache gerade in dem Augenblicke, als Dob⸗ bins Bote erſchien. Beide waren der Anſicht, daß George ſeine Unterwerfung ankündigen laſſe. Beide hatten ſeit einigen Tagen darauf gezählt, und Herr Osborne ſagte deßhalb zu ſeinem Buchhalter: „Mein Gott! Chopper, was für eine Hochzeit werden wir haben!“ Bei dieſen Worten ſchnallte der alte Herr mit ſeinen dicken Fingern, und klapperte mit allen Guineen und Shillingen, die er in ſeinen großen Taſchen hatte, und ſah ſeinen Untergebenen mit triumphirender Miene an. Mit ähnlichen, in beiden Taſchen vorgenommenen Operationen, und einer ſchlauen, fröhlichen Miene ſah Osborne von ſeinem Stuhle aus nach Dobbin hin, der 109 ohne ein Wort zu ſagen, und ganz verlegen ihm gegenüber ſaß. „Welch' ein Tölpel von einem Capitän iſt er doch,“ dachte der alte Osborne. „Es will mich wunder nehmen, daß Beorge ihn noch keine beſſeren Manieren gelehrt hat.“ Endlich faßte Dobbin ſo viel Muth, um mit der Farbe herauszurücken. „Sir,“ ſagte er, „ich bringe Ihnen ſehr ernſte Nachrichten. Ich bin dieſen Morgen im Kriegsmi⸗ niſterium geweſen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß unſer Regiment Marſchbefehl erhält, und auf dem Wege nach Belgien ſich befindet, ehe eine Woche vorübergeht. Auch wiſſen Sie, Sir, daß wir nicht eher heimkommen werden, als bis wir einen Strauß beſtanden, bei dem Mancher von uns ſeine Haut laſſen wird.“ Osborne ſah ſehr ernſt aus. „Das Regiment wird ſich nicht nachſagen laſſen, Sir, daß es ſeine Pflicht nicht gethan, ich möchte darauf ſchworen,“ ſagte er. „Die Franzoſen ſind aber ſehr ſtark, Sir, fuhr Dob⸗ bin fort. „Es wird lange anſtehen, bis die Ruſſen und Oeſterreicher heranrücken können. Wir werden den erſten Strauß auszufechten, den erſten Angriff auszuhalten ha⸗ ben, Sir; und verlaſſen Sie ſich darauf, Bonny wird ſchon dafür ſorgen, daß der Strauß ein harter wird.“ „Wo wollen Sie hinaus, worauf zielen Sie ab 2 Dobbin?“ ſagte der Alte unruhig, und mit einem ſauren Geſichte. „Hoffentlich fürchtet ſich doch kein Brite vor einem der verdammten Franzoſen, he?“ „Ich meine nur, daß, ehe wir gehen, und in Erwä⸗ ung der großen und gewiſſen Gefahr, die über uns Allen ſinspt, — es ebenſo gut ſein würde — falls Zwiſtig⸗ keiten irgend einer Art zwiſchen Ihnen und George ob⸗ walteten — wenn — wenn eine gegenſeitige Ausſohnung Statt fände: ſind Sie nicht auch der Anſicht? Sollte ihm irgend Etwas zuſtoßen, ſo glaube ich, daß Sie es ſich wohl nie verzeihen würden, wenn Sie nicht in Frie⸗ den und Liebe von ihm geſchieden wären.“ Bei dieſen Worten wurde der arme William Dobbin ſcharlachroth: er fühlte und mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß er ein Verräther ſei. Wäre er nicht geweſen, ſo würde dieſe Trennung vielleicht nie Statt gefunden haben. Warum war George's Heirath nicht aufgeſchoben worden? Was drängte vazu; welcher Grund lag vor, dieſelbe mit ſo vielem Eifer zu betreiben? Er fühlte, daß es George, auf jeden Fall keinen tödtlichen Gram verurſacht haben würde, ſich von Amalien zu trennen. Auch Amalie hätte ſich von dem Schlage wieder erholen können. Auf ſei⸗ nen Rath hin war die Heirath erfolgt, ſomit war auch er an Allem ſchuld, was aus derſelben hervorgehen mochte. Und warum hatte er alſo gehandelt? Weil er ſie ſo ſehr liebte, daß er ſich nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, ſie unglücklich zu ſehen: oder weil vielleicht ſeine eigenen Leiden in Folge des ungewiſſen Zuſtands ſo uner⸗ träglich waren, daß er froh war, dieſelbe mit einem Male erſücken zu können: — wie wir nach einem Todesfalle ein Begräbniß beſchleunigen, oder wie wir, wenn eine Trennung von denen, ſo wir lieben, bevorſteht, nicht eher ruhen können, als bis der Abſchied vorüber iſt. „Sie ſind ein guter Junge, William,“ ſagte Herr Osborne, ſichtlich erweicht; „und ich und George ſollten nicht im Zorne von einander ſcheiden, das iſt wahr. Sehen Sie her. Ich habe für ihn gethan, ſoviel nur je ein Vater ihat. Er hat gewiß drei Mal ſoviel Geld von. mir bekommen, als Sie von Ihrem Vater. Allein ich prüſte mich nicht damit. Wie ſehr ich mich für ihn ab⸗ geplagt, wie viel ich gearbeitet, und wie ich meine Talente und meine Thatkraft angewandt, will ich nicht ſagen. Fragen Sie Chopper. Fragen Sie ihn ſelbſt. Fragen Sie die ganze Cith von London. Wohlan! Ich ſchlage ihm eine Heirath vor, auf die jeder britiſche Edelmann ſtolz zu ſein Urſache hätte — das Einzige, was ich je in meinem Leben von ihm verlangt — und er will Nichts davon wiſſen. Habe ich Unrecht? Habe ich den Streit verurſacht? Was ſuche ich Anderes, als ſein Wohl, für 11¹ das ich ſeit ſeiner Geburt mich wie ein Galeerenſclabe abgearbeitet habe? Niemand kann ſagen, daß in mir etwas Selbſtſüchtiges liege. Er ſoll zurückkommen. Ich ſage, hier iſt meine Hand. Ich ſage, vergeſſen und ver⸗ geben. Es iſt außer aller Frage, daß er ſich jetzt nicht verheirathen kann. Er mag die Sache mit Miß Swartz abmachen, und ſpäter heirathen, wenn er als Oberſt zu⸗ rückkommt; denn er ſoll Oberſt werden, bei Gott, ja, er ſoll es, wenn Geld es thun kann. Ich bin froh, daß Sie ihn herumgebracht haben. Ich weiß, es iſt Ihr Werk, Dobbin. Sie haben ihn ſchon aus mancher Ver⸗ legenheit gezogen. Er mag zurückkommen. Ich werde mich nicht hart zeigen. Bringen Sie ihn heute zum Mit⸗ tageſſen mit, und ſpeiſen wir miteinander in Ruſſell⸗ Square. Das alte Haus, die alte Stunde. Sie werden ein gutes Stück Wildpret, einen Rehrücken finden, und Alles, was vorgefallen iſt, ſoll vergeſſen ſein.“ Dieſes Lob und Zutrauen konnte nicht anders, als Dobbin ſchmerzlich treffen. Jeden Augenblick, den das Geſpräch in dieſem Tone fortging, fühlte er ſich ſchuldiger. „Sir,“ ſagte er, „ich befürchte, daß Sie ſich täuſchen. Gewiß thun Sie das. George iſt ein viel zu hochherziger Mann, als daß er jemals nach Geld heirathen möchte. Eine Drohung von Ihrer Seite, daß Sie ihn enterben würden, im Falle er ſich ungehorſam zeigen ſollte, würde auf ſeiner Seite nur Widerſtand zur Folge haben.“ „Ei, zum Henker, Mann, Sie werden das doch nicht eine Drohung nennen, wenn ich ihm ein Jahreseinkommen von acht bis zehntauſend Pfund anbiete?“ ſagte Herr Hsborne, immer noch in einer zum Verzweifeln guter Laune. „Mein Gott, wenn Miß Swartz mich nehmen will, ſo bin ich ihr Mann. Ob ein Bischen mehr oder weniger ſchwarz, — darauf ſehe ich nicht beſonders.“ Und der alte Herr lächelte ſchlau, und brach in ein derbes Gelächter aus. „Sie vergeſſen, Sir, frühere Verbindlichkeiten, die 112 Capitän Osborne eingegangen hat,“ ſagte der Geſandte ernſt. „Welche Verbindlichkeiten? Was zum Teufel wollen Sie damit ſagen? Hoffentlich meinen Sie damit nicht,“ fuhr Herr Osborne fort, allmählig dem Zorn und dem Erſtaunen Raum gebend, wie ſich ihm jetzt der Gedanke zum erſten Male aufdrängte — „hoffentlich meinen Sie nicht damit, daß er ein ſo verdammter Narr ſei, um im⸗ mer nach der Tochter des alten Schwindlers und Banke⸗ rottirers nachzulaufen? Hoffentlich ſind Sie nicht hieher gekommen, um mich glauben zu machen, daß er dieſe hei⸗ rathen wolle? Ja, ja, die ſe heirathen, — das wäre nicht übel. Mein Sohn und Erbe eine Bettelmannstoch⸗ ter von der Straßengoſſe weg nehmen! Gott verdamm' ihn, wenn er ſo 'was thut; dann mag er ſich einen Be⸗ ſen kaufen und auf irgend einem Kreuzwege ſich als Gaſſenkehrer aufſtellen. Stets lief ſie ihm nach und ſuchte ihn mit ihren verliebten Blicken zu ködern, ja, ja ich erinnere mich deſſen jetzt; und ohne Zweifel wurde ſie dazu von dem alten Gauner, ihrem Vater, angewieſen.“ „Herr Sedley war einſt einer Ihrer beſten Freunde, Sir,“ fiel Dobbin ein, beinahe froh, als er fand, daß er ſelbſt zornig wurde. „Es war einmal eine Zeit, wo Sie ihn anders nannten, als einen Spitzbuben und einen Schwindler. Die Verbindung iſt ja Ihr Werk. George kein Recht, ein leichtfertiges Spiel zu treiben m t „Ein leichtfertiges Spiel treiben!“ brüllte der alte OHsborne. „Ein leichtfertiges Spiel treiben! Ei, zum Kukuk, das ſind ja die nämlichen Worte, deren mein Gentleman ſelbſt ſich bediente, als er am Donnerſtag vor 14 Tagen ſo vornehm that, und ſeinem Vater, der ihn doch zu dem gemacht hat, was er iſt, von der britiſchen Armee vorſprach. Was, ſind Sie es, der ihm das Ding in den Kopf geſetzt hat — ſind Sie es? Nehmen Sie meinen beſten Dank dafür hin, Capitän. Sind Sie 113 es, der Bettler in meine Familie bringen will? Danke Ihnen nicht darum, Capitän. Ja, ja, dieſe heirathen — er, er! Warum ſollte er? Ich garantire Ihnen, daß ſie auch ohne das ihm ſchnell genug zufallen würde.“ „Sir,“ ſagte Dobbin, in unverſtelltem Zorne auf⸗ fahrend; „Niemand ſoll auf dieſe Dame vor mir ſchim⸗ pfen, und Sie am Wenigſten von Allen.“ „Ah, Sie wollen mich herausfordern, nicht wahr? Warten Sie, ich will klingeln, und Piſtolen für zwei bringen laſſen. Herr George hat Sie hergeſchickt, um ſeinen Vater zu inſultiren, nicht wahr?“ ſagte Osborne, die Klingelſchnur ziehend. „Herr Osborne,“ ſagte Dobbin mit zitternder Stim⸗ me, „Sie ſind es, der das beſte Geſchöpf, das es auf dieſer Welt gibt, beleidigt. Sie würden wohl beſſer da⸗ ran thun, wenn Sie in anderem Tone von ihr ſprächen, Sir, denn ſie iſt Ihres Sohnes Frau.“ Und mit dieſen Worten entfernte ſich Dobbin, wohl fühlend, daß er Nichts mehr ſagen könne; Osborne dage⸗ gen ſank in ſeinen Stuhl zurück, und blickte ihm wild nach. Es trat auf das Klingeln ein Commis herein; und kaum hatte der Capitän den Hof verlaſſen, in dem ſich das Bureau des Herrn Osborne befand, als Herr Chopper, der erſte Commis, baarhäuptig demſelben nach⸗ gerannt kam. „Um's Himmels willen, was gibt es denn?“ ſagte Herr Chopper, den Capitän am Flügel faſſend. „Der alte Herr liegt ohnmächtig da. Was hat doch Herr George angeſtellt?“ „Er hat vor fünf Tagen Miß Sedley geheirathet,“ erwiederte Dobbin. „Ich war ſein Brautführer, Herr Chopper, und Sie müſſen ſich als ſeinen Freund be⸗ währen.“ Der alte Buchhalter ſchüttelte den Kopf. „Wenn das die Neuigkeit iſt, die Sie zu überbringen haben, Ca⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. I. 8 114 pitän, ſo iſt dieſelbe ſchlimm genug. Nie wird ihm der alte Herr das verzeihen.“ Dobbin bat Chopper, er möchte ihn in dem Hotel, in dem er abgeſtiegen, die weiteren Schritte des alten Oosborne wiſſen laſſen, und ging verdrießlich, und ſowohl in Betreff der Vergangenheit, als der Zukunft äußerſt unruhig, weſtwärts. Als die Familie in Ruſſell⸗Square an jenem Abende ſich zum Mittageſſen einfand, fand ſie den Hausvater zwar an ſeinem gewöhnlichen Platze ſitzend; allein auf ſeinem Geſichte lag jene Düſterheit, die, ſobald ſie ſich dort zeigte, dem ganzen Kreiſe den Mund verſchloß. Die Damen und Herr Bullock, der mit ihnen ſpeiste, fühlten, vaß die Nachricht bereits bis zu Herr Ooborne's Ohren gedrungen. Der finſtere Blick des alten Herrn hatte zwar auf Herrn Bullock den Einfluß, daß er ſich ſtill und ruhig verhielt; auf der anderen Seite aber war er außerordentlich freundlich und aufmerkſam gegen Miß Marie, neben welcher er ſaß, und ebenſo gegen ihre Schwe⸗ ſter, die oben am Tiſche Platz genommen hatte. So kam es denn, daß Miß Wirt allein auf ihrer Tiſchſeite ſaß, indem zwiſchen ihr und Miß Jane Osborne ein Stuhl unbeſetzt geblieben war. Nun aber war dieß George's Platz, wenn er zu Hauſe ſpeiste, und wie wir geſagt haben, ſo war für ihn immer gedeckt, in der Er⸗ wartung, daß er zurückkommen würde. Während der Eſſenszeit trug ſich Nichts zu, was die Stille hätte unter⸗ brechen können, wenn man nicht das matte vertrauliche Geflüſter des lächelnden Herrn Frederick, oder das Ge⸗ klirre und Geklapper des Silber⸗ und Porzellangeſchirrs hier anführen will. Die Domeſtiken gingen ganz leiſe hin und her, um ihren Dienſtobliegenheiten nachzukommen. Die bei einer ausgeſtellten Leiche ſtehenden Diener konnten wohl kaum finſterer und trübſeliger ausſehen, als an jenem Abende die Oöborne'ſchen Bedienten. Der Rehrücken, zu dem der alte Herr Dohbin eingeladen hatte, wurde von 11⁵ demſelben in aller Stille zerlegt, und er ſprach nicht eine Sylbe dabei; aber ſeine eigene Portion wurde faſt unver⸗ ſucht wieder abgetragen, obgleich er viel trank, und der Kellermeiſter ſein Glas fleißig zu füllen hatte. Endlich — es war gerade zu Ende des Mittageſſens — hefteten ſich ſeine Augen, die der Reihe nach Jeder⸗ mann angeſtarrt hatten, eine Weile auf das Couvert George's. Alsbald deutete er mit der linken Hand darauf hin. Seine Toͤchter ſahen ihn an, und verſtanden entwe⸗ der das Signal nicht, oder wollten daſſelbe nicht verſtehen; und auch die Bedienten wußten es anfangs nicht zu deuten. „Fort mit dieſem Couverte,“ ſagte er endlich, mit einem Fluche auſſtehend: — und mit dieſen Worten ſtieß er ſeinen Stuhl zurück, und begab ſich in ſein Zimmer. Hinter Herr Osborne's Speiſezimmer befand ſich jenes Gemach, das man im Hauſe unter dem Namen des Stu⸗ dirzimmers kannte, und einzig und allein für den Herrn des Hauſes beſtimmt war. Hieher pflegte Herr Osborne ſich Vormittags, an Sonntagen, zurückzuziehen, wenn er nicht in die Kirche gehen mochte; und hier brachte er den Morgen in ſeinem carmefinledernen Seſſel damit zu, daß er die Zeitung las. Einige mit Glasſcheiben verſehene Bücherſchränke ſtanden daſelbſt, und enthlelten gediegene Werke in ſtarkem, vergoldetem Einbande, wie z. B.: das „Annual⸗Regiſter,“ das „Gentleman's Magazine,“ „Blair's Predigten,“ ſowie „Hume und Smollett.“ Von einem Jahrende zum andern nahm er nie einen dieſer Bände von dem Regale herab; allein um keinen Preis hätte es ein Glied der Familie gewagt, eines der Bücher zu be⸗ rühren, ausgenommen an jenen ſeltenen Sonntagsabenden, wo kein großes Eſſen war; wo die große ſcharlachrothe Bibel, und das ſcharlachrothe Gebetbuch aus der Ecke ge⸗ nommen wurden, wo ſie neben einem Exemplare des Adelsbuchs ſtanden, und wo, nachdem die Klingel die Dienſtboten in das Speiſezimmer heraufbeſchieden, Os⸗ borne ſeiner Familie mit lauter, kreiſchender, pompoſer Stimme das Abendgebet vorlas. Kein Glied des Hauſes, mochte es nun eines ſeiner Kinder, oder ein Dienſtbote ſein, betrat das fragliche Zimmer ohne einen gewiſſen Schrecken. Hier unterſuchte er die Rechnung der Haushälterin, und prüfte das Keller⸗ buch des Haushofmeiſters. Von hier konnte er über den ſauberen, mit kleinen Kieſelſteinen bedeckten Hofraum weg die Hinterthüre des Stalles ſehen, womit eine ſeiner Klingeln communicirte; und in dieſem Hofe mußte der Kutſcher aus dem Hinterhauſe, wie in eine Gerichtsſtube, treten, wenn Osborne vom Fenſter des Studirzimmers aus ihm Etwas zu ſagen hatte; von hier aus pflegte auch der Herr mit dem Diener zu zanken, und ihn zu ſcheiten. Vier Mal im Jahre betrat Miß Wirt dieſes Zimmer, um hier ihren Gehalt zu holen, und ſeine Toch⸗ ter, um ihr vierteljährliches Taſchengeld in Empfang zu nehmen. Als ein Knabe war George in dieſem Zimmer gar oft durchgepeitſcht worden; gewöhnlich ſetzte ſich dann ſeine Mutter betrübt auf die Treppe, und hörte den Strei⸗ chen zu, die mit der Reitpeitſche geführt wurden. Der Knabe ſchrie faſt nie bei dieſer Strafe; die arme Frau aber pflegte ihn immer ingeheim zu liebkoſen, und zu küſ⸗ ſen, und ihm Geld zu geben, um ihn zu beſchwichtigen, wenn er herauskam. Ueber dem Kaminſimſe hing ein Familiengemälde, das nach dem Tode der Mrs. Osborne aus dem Vorder⸗ zimmer dahin gebracht worden war: — George ſaß auf einem Ponh, und die ältere Schweſter reichte ihm einen Blumenſtrauß hinauf; die jüngere wurde von ihrer Mutter geführt; Alle aber hatten rothe Wangen, und einen gro⸗ ßen rothen Mund, und ſahen einander lächelnd an, wie das ſo bei Familienportraits der Brauch iſt. Die Mutter lag jetzt unter dem Boden, und war ſchon längſt vergeſ⸗ ſen; — die Schweſtern und der Bruder hatten, jedes für ſich, hundert verſchiedene Intereſſen, und waren, obwohl 117 äußerlich auf einem vertrauten Fuße mit einander lebend, doch ſich gegenſeitig ganz und gar entfremdet. Welch' bittere Satyre liegt nicht einige Dutzend Jahre darauf, wenn alle dargeſtellten Perſonen alt geworden ſind, in dieſen prunkenden kindiſchen Familienportraits, mit ihren erheuchelten Gefühlen, und ihren lächelnden Lügen, und ihrer Unſchuld, — einer Unſchuld, die ſich ihrer ſelbſt ſo bewußt, und ſo ſelbſtzufrieden iſt. Osborne's eigenes Staatsportrait ſammt dem ſeines großen ſilbernen Schreib⸗ zeugs, und dem ſeines Lehnſeſſels hatte im Speiſezimmer den Ehrenplatz eingenommen, ſeitdem das Familienſtück daraus entfernt worden war. In dieß Studirzimmer zog ſich alſo der alte Osborne zurück, zur großen Erleichterung der kleinen Geſellſchaft, die er dort zurückließ. Als die Domeſtiken ſich entfernt hatten, fingen ſie an, eine Weile ſchnell, aber ſehr leiſe zu ſprechen; dann gingen ſie ruhig die Treppe hinauf, wobei Herr Bullock ganz behutſam auf ſeine krachenden Schuhe trat. Es fehlte ihm am nöthigen Muthe, um allein, und ſo nahe bei dem fürchterlichen alten Herrn in dem anſtoßenden Studirzimmer beim Weine ſitzen zu bleiben. Es war wenigſtens eine Stunde nach Einbruch der Nacht, als endlich der Kellermeiſter, ohne gerufen worden zu ſein, an ſeine Thür klopfte, und ihm Wachslichter und Thee hineinbrachte. Der Herr des Hauſes ſaß in ſeinem Seſſel, und las anſcheinend die Zeitung; und als der Bediente die Lichter, ſo wie die obbenannte Erfriſchung auf den Tiſch neben ihn geſtellt hatte, ſo zog er ſich zurück, und es ſtand Herr Osborne auf, und ſchloß hinter ihm die Thür. Dieſes Mal konnte man ſich nicht täuſchen; das ganze Haus wußte, daß irgend eine große Kataſtrophe im Anzuge ſei, die nicht eben zum Vortheile des Maſter George ausſchlagen werde. . In dem großen glänzenden Schreibtiſche aus Maha⸗ goniholz hatte Herr Osborne eine Schublade, worin aus⸗ 1¹8 ſchließlich die ſeinen Sohn betreffenden Papiere aufbewahrt wurden. Hier hielt er ſeit des Letztern Geburt alle ſich auf denſelben beziehenden Dokumente verſchloſſen; hier waren ſeine Prämienbücher, ſeine Zeichenbücher, ſämmtlich mit den Schriftzügen George's und denen des Lehrers verſehen: hier waren auch ſeine erſten Briefe, die er noch mit unerfahrener Hand geſchrieben, und worin er Papa und Mama herzlich grüßte, und ſie um einen Kuchen bat. Sein lieber Pathe Sevley war mehr als ein Mal darin genannt. Flüche bebten auf den bleifarbenen Lippen des alten Osborne, und ein abſcheulicher Haß und Aerger wüthete in ſeinem Herzen, als er, während er einige die⸗ ſer Papiere durchſah, auf dieſen Namen ſtieß. Sie waren alle bezeichnel, nummerirt, und mit einer rothen Schnur umwunden. Da war einer — „Von Georgy mit der Bitte um fünf Shillinge, April 23, 18—; beantwortet, April 25,“ — oder „Georgh wegen eines Pony, Oktober 13, — u. ſ. w. In einem andern Pakete waren „Dr.⸗ S.'s Rechnungen“ — „Gs Schneiderrechnungen, und Ausſtattungen, Anweiſungen auf mich von G. Osborne junior,“ u. ſ. w.; — ſeine Briefe aus Weſtindien — die Briefe ſeines Agenten, ſowie Zeitungen, welche ſeine Er⸗ nennung und Beförderung brachten: hier befanden ſich auch eine Reitpeitſche, die er noch als Knabe gehabt, und in einem Papiere ein Schlößchen mit ſeinem Haare, das ſeine Mutter gewöhnlich getragen hatte. Der unglückliche Mann brachte viele Stunden damit zu, daß er eines dieſer Gedenkzeichen nach dem andern anſah, und darüber nachdachte. Sein theuerſter Ehrgeiz, ſeine theuerſten Hoffnungen, ſeine theuerſte Eitelkeit, — Alles hatte ſich für ihn hier vereinigt. Wie ſtolz war er auf ſeinen Namen geweſen! Es war das ſchönſte Kind, das man je geſehen. Jedermann ſagte, das Kind ſehe wie das eines Edelmanns aus. Eine königliche Prinzeſſin hatte es in Kew Gardens einmal bemerkt, und es geküßt, und ſich nach ſeinem Namen erkundigt. Welcher Mann 1¹19 in der City konnte ein Kind, wie dieſes aufweiſen? Hätte ein Prinz ſorgfältiger aufgezogen werden koͤnnen? Alles, was mit Geld angeſchafft werden konnte, hatte ſein Sohn erhalten. An Prüfungstagen pflegte er vierſpännig, und mit Bedienten in neuen Livreen nach der Schule zu fah⸗ ren, und neue Shillinge unter die Mitſchüler George's auszutheilen oder auszuwerfen: als er mit George nach dem Regimentsdepot ging, ehe der Junge ſich nach Canada einſchiffte, gab er den Offizieren ein Diner, das eines Her⸗ zogs von York würdig geweſen wäre. Hatte ex je einen Wechſel, den George gezogen, unbezahlt gelaſſen? Da lagen ſie — bezahlt — bezahlt, ohne daß je von ihm eine Einrede gemacht worden wäre. Mancher General in der Armee hatte nicht die Pferde, die George hatte. — Er konnte noch ſehen, wie ſein Sohn George bei hundert verſchiedenen Gelegenheiten vor ihm ſtand: nach dem Eſſen, wenn er ſtolz wie ein Lord hereinzukommen, und an ſeines Vaters Seite, oben am Tiſche, ſein Glas aus⸗ zutrinken pflegte; — er konnte ihn noch vor ſich ſehen, wie er zu Brighton auf dem Pony ritt, über die Hecke ſetzte, und gleichen Schritt mit dem Jäger hielt; — er ſtand noch vor ſeinen Augen, wie er dem Prinzregenten beim Lever vorgeſtellt wurde, und der ganze St. James⸗ palaſt keinen ſchoͤneren Burſchen aufweiſen konnte. Und das — das war nun das Ende vom Liede! — Damit hatte er geendet, daß er die Tochter eines Bankerottirers geheirathet, vaß er ſeiner Kindespflicht Hohn geſprochen, daß er den Reichthum, das Glück von ſich gewieſen! Welche Demüthigung, und welche Wuth war jetzt gleich der ſeinigen! Welche Qualen zehrenden Grimmes, ge⸗ täuſchten Ehrgeizes, und getäuſchter Liebe! Wie mußten die Wunden beleidigter Eitelkeit, ja ſelbſt Zärtlichkeit, die vieſem alten Weltkinde geſchlagen worden waren, ſchmerzen! Nachdem George's Vater dieſe Papiere unterſucht, und in jenen bitterſten, peinlichſten, troſtloſeſten aller Stimmungen, womit Unglückliche an vergangene glückliche 120 Zeiten zurückdenken, über dieſem und jenem gebrütet hatte, — nahm er ſämmtliche Dokumente aus der Schublade, in der er ſie ſo lange aufbewahrt hatte, und verſchloß ſie in einem Schreibkäſtchen, das er zuband, und vermit⸗ telſt ſeines Siegels verſiegelte. Dann öffnete er den Bü⸗ cherſchrank, und langte die große rothe Bibel herab, von der wir geſprochen haben — ein prachtvoll ausgeſtattetes Buch, das man ſelten anſah, und das über und über von glänzendem Golde bedeckt war. Das Titelblatt ſtellte die Opferung Iſaaks durch Abraham vor. Hier hatte, dem allgemeinen Brauche gemäß, Osborne auf dem Vorſetze⸗ blatt mit ſeiner großen kaufmänniſchen Hand die Data ſeiner Heirath und des Todes ſeiner Frau, ſowie den Ge⸗ burtstag und die Taufnamen ſeiner Kinder verzeichnet. Zuerſt kam Jane, dann George Sedley Osborne, und end⸗ lich Marie Frances, ſowie die Tage, an denen ein jedes getauft worden. Eine Feder ergreifend, löſchte er George's Namen auf dem Blatte ſorgfältig aus; und als das Blatt ganz trocken war, ſtellte er das Buch wieder an den Ort, von wo er es genommen hatte. Sodann zog er ein Dokument aus einer andern Schublade heraus, worin ſeine eigenen Privatpapiere lagen; und nachdem er daſſelbe geleſen hatte, drückte er es zuſammen, ſo daß es ganz zerknittert wurde, zündete es an einem der Lichter an, und ſah ruhig zu, wie es im Kamine gänzlich verbrannte. Es war ſein Teſta⸗ ment; und als daſſelbe verbrannt war, ſetzte er ſich nie⸗ der, ſchrieb einen Brief, und klingelte ſeinem Bedienten, der von ihm den Befehl erhielt, denſelben am nächſten Morgen zu beſorgen. Es war bereits Morgen: als er zu Bette ging, war es ſchon im ganzen Hauſe hell, und es ſangen die Vögel im friſchen grünen Laube in Rufſell⸗ Square. Von dem eifrigen Wunſche beſeelt, die ganze Osbor⸗ ne'ſche Familie, ſowie deren Dienerſchaft und ſonſtige Un⸗ tergebene bei guter Laune zu erhalten, und George im Augenblicke der Noth ſo viele Freunde, wie moͤglich, zu 121 erwerben, ließ William Dobbin, der gar wohl wußte, welche Wirkung ein gutes Diner und gute Weine auf die Seele eines Menſchen ausüben, ſobald er in ſein Hotel zurückgekehrt war, Thomas Chopper, Eſquire, die gaſt⸗ freundlichſte Einladung zugehen, worin der eben genannte Herr gebeten ward, am folgenden Tage mit ihm in dem Slaughters⸗Kaffeehauſe zu Mittag zu ſpeiſen. Herr Chop⸗ per erhielt die Einladung, noch ehe er vie City verließ, und die augenblickliche Antwort lautete, daß „Herr Chopper Capitän Dobbin ſeine reſpektvollen Complimente melde, und die Ehre und das Vergnügen haben werde, demſelben ſeine Aufwartung zu machen.“ Die Einladung, ſowie das Concept der Antwort wurde, bei ſeiner Ankunft in Somers'⸗Town, noch an jenem Abende Mrs. Chopper und deren Töchtern gezeigt, und man ſprach nun im Hauſe über Militärperſonen und Weſt-End⸗Leute mit großem Entzücken während des Thees. Als die Mädchen ſich zur Ruhe begeben hatten, beſprachen Herr und Frau Chopper die ſeltfamen Ereigniſſe, die in der Familie des alten Herrn Statt fanden. Noch nie hatte der Buchhalter ſei⸗ nen Principal ſo heftig bewegt geſehen. Als er, nachdem Capitän Dobbin weggegangen, in Herr Osborne's Zim⸗ mer trat, fand Herr Chopper ſeinen Principal ganz ſchwarz im Geſichte, und einer Ohnmacht nahe: ein furchtbarer Streit mußle zwiſchen Herrn Osborne und dem jungen Capitän Statt gefunden haben, — davon hielt ſich Herr Chopper überzeugt. Auch war er angewieſen worden, alle an Capitän Osborne während der letzten drei Jahre aus⸗ gezahlten Summen aus den Büchern auszuziehen. „Und wahrlich, er hat einen ſchoͤnen Haufen Geld bekommen,“ ſagte der erſte Commis, und achtete ſeinen alten und jun⸗ gen Herrn nur um ſo mehr wegen der verſchwenveriſchen Freigebigkeit, womit die Guineen geſchenkt und ausgege⸗ ben worden waren. Der Streit mußte wegen Miß Sed⸗ ley entſtanden ſein. Mrs. Chopper bethenerte und erklärte, daß ſie die 122 arme junge Dame wegen des Verluſtes eines ſo hübſchen jungen Mannes, wie der Capitän ſei, bemitleide. Was Herrn Chopper betrifft, ſo hegte er für Miß Sevley, als die Tochter eines unglücklichen Speculanten, der nur eine hoͤchſt ſchäbige Divivende zu zahlen im Stande geweſen, keine ſonderliche Achtung. Er achtete das Osborne'ſche Haus vor allen anderen in der City von London: und ſeine Hoffnung, ſowie ſein Wunſch war, daß Capitän George die Tochter eines Edelmanns heirathen möchte. Der Buchhalter ſchlief in jener Nacht viel beſſer, als ſein Principal; und machte ſich, nachdem er ſeine Kinder ge⸗ herzt, und ſein Frühſtück mit beſtem Appetite eingenom⸗ men, (obgleich ſein Lebenslvos nur ein beſcheidenes, und der Taſſe Kaffee oder Thee zu vergleichen war, die er mit braunem Zucker verſüßte) in ſeinem beſten Sonntagsputze und ſeinem ſchönſten, mit einem Buſenſtreife verſehenen Hemde, auf den Weg nach ſeinem Bureau, wobei er jedoch ſeiner von Bewunderung erfüllten Frau verſprach, daß er Capitän Dobbin's Portwein am Abende nicht allzu ſehr ſtrafen wollte. Als Herr Osborne in der City zur gewöhnlichen Zeit erſchien, fiel ſein Geſicht den Untergebenen, die aus guten Gründen auf deſſen Ausdruck zu merken pflegten, als beſonders geiſterhaft und angegriffen auf. Um zwölf Uhr kam, wie er beſtellt worden war, Herr Higgs (von der Firma Higgs und Blatherwick, Procuratoren, Bedford Row), und wurde in das Privatzimmer des alten Herrn geführt, wo er länger als eine Stunde blieb. Etwa um ein Uhr erhielt Herr Chopper ein Billet. Daſſelbe ward von Capitän Dobbin's Diener überbracht, und enthielt eine Einlage für Herrn Osborne, die der Buchhalter alsbald abgab. Kurze Zeit darauf wurden Herr Chopper und Herr Birch, der zweite Commis, gerufen, und erſucht in der Eigenſchaft als Zeugen ein gewiſſes Papier zu unter⸗ ſchreiben. „Ich habe ein neues Teſtament gemacht,“ ſagte Herr Osborne, worauf dieſe Herren daſſelbe unterſchrie⸗ 123³ ben. Herr Higgs ſah ungemein ernſt aus, als er in die äußeren Zimmer trat, und blickte Herrn Chopper ſcharf in's Geſicht; Erklärungen fanden jedoch keine Statt. Zum großen Erſtaunen derjenigen, denen das finſtere Ge⸗ ſicht des Herrn Osborne als Unheil verkündend erſchienen war, zeigte ſich der alte Herr den ganzen Tag beſonders ruhig und ſanft. Er enthielt ſich an jenem Tage alles Schimpfens, und man horte ihn auch nicht ein einziges Mal fluchen. Er verließ das Comptoir ziemlich früh, und ehe er wegging, rief er ſeinen erſten Commis noch einmal zu ſich herein, und fragte ihn, nachdem er ihm allgemeine Verhaltungsbefehle gegeben, anſcheinend ungern und zögernd, e wiſſe, ob Capitän Dobbin in der Stadt ſei, oder nicht. Chopper ſagte, er glaube, ja. In der That aber wußten es Beide recht wohl. Osborne nahm nun einen an den fraglichen Offizier avreſſirten Brief, gab ihn dem Buchhalter, und erſuchte Letzteren, ihn alsbald Dobbin ſelbſt zuzuſtellen. „Und nun, Chopper,“ ſagte er, nach ſeinem Hute greifend, und mit einem ſonderbaren Blicke, „bin ich ruhig.“ Mit dem Schlage zwei (ohne Zweifel hatte man ſich be⸗ ſiellt) kam Herr Frederick Bullock, und holte Herrn Os⸗ borne ab. Der Oberſt des — ſten Regiments, bei welchem die Herren Dobbin und Osborne Compagnien hatten, war ein alter General, der ſeinen erſten Feldzug unter General Wolſe bei Quebek gemacht hatte, und ſchon längſt viel zu alt und ſchwach war, um das Commando zu führen; allein er nahm immer noch einiges Intereſſe an dem Re⸗ gimente, deſſen nominelles Haupt er war, und hielt ſtets offene Tafel für einige unter ſeinen jungen Offizieren, — eine Art Gaſtfreundſchaft, die heutiges Tags, wie ich glaube, bei ſeinen Collegen nicht allzu häufig vorkommt. Capitän Dobbin ſtand bei dieſem alten General ganz be⸗ ſonders in Gunſt. Dobbin war mit der Literatur ſeines 124 der Kaiſerin⸗Koͤnigin, und deren Kriegen faſt eben ſo gut ſprechen, als der General ſelbſt, der gegen die Triumphe der neueſten Zeit gleichgültig, und deſſen Herz bei den Taktikern war, die vor fünfzig Jahren gelebt. Dieſer Offizier ſchickte an dem Morgen, wo Herr Osborne ein anderes Teſtament machte, und Herr Chopper dasjenige unter ſeinen Hemden anlegte, welches den ſchönſten Buſen⸗ ſtreifen hatte, nach Dobbin, mit der Bitte, daß er bei ihm frühſtücken möchte, und benachrichtigte ſodann ſeinen jungen Liebling einige Tage voraus von dem, was Jeder erwartete, — d. h. er ſagte ihm, daß es jetzt nach Bel⸗ gien gehe; daß der Befehl, das Regiment ſolle ſich marſch⸗ fertig machen, in einigen Tagen vom Kriegsminiſterium ausgehen, und daß doſſelbe, da Transportſchiffe in großer Anzahl vorhanden, ſich noch vor Ende der Woche an Bord befinden würde. Während das Regiment in Chatam ge⸗ ſtanden hatte, hatten ſich Rekruten eingefunden; und der alte General hoffte, daß das Regiment, welches Mont⸗ calm in Canada hätte ſchlagen, und Herrn Waſhington auf Long Island hätte in die Flucht treiben helfen, ſich auf den vielbetretenen Schlachtfeldern der Niederlande ſei⸗ nes hiſtoriſchen Rufes würdig zeigen würde. „Wenn Sie daher, mein guter Freund, eine affaire là haben,“ ſagte der alte General, mit ſeiner zitternden weißen Hand ein Priſe Schnupftabak nehmend, und auf die Gegend ſeines Schlaf⸗ rocks deutend, wo ſein Herz noch ſchwach ſchlug, „wenn Sie eine Phyllis zu tröſten, oder von Vater und Mutter ſich zu verabſchieden, oder ein Teſtament zu machen haben, ſo rathe ich Ihnen, die Sache nicht länger anſtehen zu laſſen.“ Bei dieſen Worten ſtreckte der General ſeinem jungen Freunde einen Finger zum Schütteln hin, und nickte demſelben mit ſeinem gepuderten und mit einem BZopfe geſchmückten Kopfe gutmüthig zu, worauf er ſich, als Dobbin ſich entfernt hatte, niederſetzte, um ein poulet Eer war außerordentlich eitel auf ſein Franzöſiſch) an Fachs vertraut, und konnte vom großen Friedrich, und 3 125 * Mademviſelle Aménaide vom Theater ſeiner Majeſtät zu ſchreiben. Dieſe Nachricht verſetzte Dobbin in eine ernſte Stim⸗ mung, und er dachte an unſere Freunde in Brighton, und ſchämte ſich, daß er an Amalie ſtets zuerſt denke (ſtets vor allem Anderen — vor Vater und Mutter, vor Schwe⸗ ſtern, und vor den ihm durch ſeinen Beruf auferlegten Pflichten — ja ſtete, wachend und ſchlafend, den ganzen Tag); und als er wieder in ſeinem Hotel anlangte, ließ er an Herrn Osborne ein kleines Billet abgehen, worin er ihn mit der eben erhaltenen Nachricht bekannt machte, in der Hoffnung, er würde dadurch zu einer baldigen Aus⸗ ſöhnung mit George noch weiter beitragen. Dieſes Billet, das durch denſelben Boten, der den Tag vorher die Einladung an Chopper überbracht, über⸗ ſchickt ward, beunruhigte den würdigen Buchhalter nicht wenig. Es war an ihn adreſſirt, und als er den Brief öffnete, zitterte er für ſein Mittageſſen, indem er glaubte, es wäre daſſelbe wieder abgeſagt. Er fühlte ſich unend⸗ lich erleichtert, als er fand, daß das Couvert nur die Einladung wiederholte, und die Mahnung enthielt, ja nicht zu fehlen, (Capitän Dobbin ſchrieb natürlich: „Ich er⸗ warte Sie um halb ſechs Uhr“). Er nahm ungemein vielen Antheil an der Familie ſeines Principals; aber que voulez vous? ein großes Diner war ihm wichtiger, als die Angelegenheit irgend eines andern Sterblichen. Dobbin durfte die vom General erhaltene Nachricht jedem Offiziere des Regiments mittheilen, auf den er etwa ſtoßen möchte; demgemäß machte er Fähndrich Stubble damit bekannt, den er bei ſeinem Agenten traf, und der — ſo groß war ſein militäriſcher Eifer — ſich alsbald auf den Weg machte, um ſich in einem Laden, wo Ausrüſtungs⸗ gegenſtände zu haben waren, einen Degen zu kaufen. Da legte der junge Burſche, der, obgleich erſt ſiebzehn Jahre alt, und nur etwa 65 Zoll groß war, und eine von Natur ſchwächliche, und durch allzu frühen Genuß von Brannt⸗ 126 wein und Waſſer noch mehr ruinirte Conſtitution hatte, gar großen Muth an den Tag, zeigte das Herz eines Loͤwen, wog, probirte, bog, und balancirte eine Waffe, die, wie er glaubte, die Franzoſen zu Hunderten vernich⸗ ten würde. „Ha, ha!“ ſchreiend, und mit ſeinen Füß⸗ chen aus Leibeskräften auf den Boden ſtampfend, fiel er ein paar Male auf Capitän Dobbin aus, der die Stoͤße aber mit ſeinem Bambusrohre lachend parirte. Herr Stubble gehörte zu den Light Bobs, wie ſich aus ſeiner Größe und Schmächtigkeit ſchließen läßt. Fähndrich Spooney dagegen war ein großer ſchöngewach⸗ ſener Jüngling und gehörte zu Capitän Dobbin's Grena⸗ diercompagnie: er probirte daher eine neue Bärenmütze, unter der er viel wilder ausſah, als es ſeine Jahre mit ſich brachten. Sodann gingen die beiden jungen Leute in das Slaughters⸗Kaffeehaus, beſtellten ein gutes Diner, und ſchrieben an ihre lieben ängſtlichen Eltern und Ver⸗ wandten zu Hauſe Briefe, die von Liebe, und Herzlichkeit, und Muth, und ſchlechter Orthographie ſtrotzten. Ach! damals ſchlugen in England manche Herzen bänglich; damals floßen in gar vielen Häuſern Mutterthränen; da⸗ mals ſtiegen viele Gebete von Müttern zum Himmel mpor. Als Dobbin den jungen Stubble an einem der Tiſche des Kaffeezimmers des Slaughters⸗Hotels mit Schreiben beſchäftigt, und ihm die Thränen an der Naſe herab auf das Papier fließen ſah (denn der junge Menſch dachte an ſeine Mutter, und daß er dieſelbe vielleicht nie wieder zu Geſicht bekommen würde), kam eine weiche Stimmung über ihn, und er verſchloß wieder ſein Schreibpult, an dem er eben einen Brief an George Osborne hatte ſchrei⸗ ben wollen. „Warum ſollte ich auch jetzt ſchreiben?“ ſagte er. „Möge ſie dieſe Nacht glücklich verleben. Mor⸗ gen früh will ich zu meinen Eltern gehen, und dann ge⸗ radezu nach Brighton.“ Er ging dahes auf den jungen Stubble zu, und legte ſeine große Hand auf ſeine Schulter, und richtete den jungen Krieger wieder auf, und ſagte ihm, daß noch ein an Capitän George Osborne befördern zu wollen. Wei⸗ 127 guter Soldat aus ihm, der ſich ſtets als einen gutherzi⸗ gen, gebildeten Burſchen erwieſen, werden könnte, wenn er dem Branntwein und Waſſer Valet ſagen würde. Bei dieſen Worten glänzten die Augen des jungen Stubble plötzlich vor Freude, denn Dobbin ſtand beim Regimente als der beſte und geſcheidteſte Offizier in großer Achtung. „Ich danke Ihnen, Dobbin,“ ſagte er, ſich die Au⸗ gen mit den Knöcheln abwiſchend. „Ich ſchrieb ihr eben — eben, daß ich es thun würde. Und, o Sir, ſie iſt ſo verdammt gütig gegen mich.“ Und nun begannen die Waſſerwerke ihre Thätigkeit von Neuem, und ich bin nicht gewiß, ob dem weichherzigen Capitän nicht ebenfalls die Augen flimmerten. Die zwei Fähndriche, der Capitän und Herr Chopper ſpeisten in einem und demſelben Cabinette. Chopper brachte den Brief von Herrn Osborne, worin Letzterer Capitän Dobbin mit kurzen Worten grüßte, und bat, die Einlage ter wußte Chopper Nichts, wenn er auch Herr Osborne's Ausſehen beſchrieb, und erzählte, wie ſein Advokat bei ihm geweſen, und darüber ſeine Verwunderung ausdrückte, daß er Niemanden angeflucht, und ſich in einer Menge von Speculationen und Vermuthungen erging, als die Weinflaſche die Runde machte. Mit jedem Glaſe aber wurden dieſe Vermuthungen unbeſtimmter, bis ſie am Ende ganz und gar unverſtändlich waren. Es war der Abend ſchon bedeutend vorgerückt, als Capitän DPobbin ſeinen Gaſt, der den Schluchzer hatte, und hoch und theuer ſchwor, daß er des Kick — Kick — Capitäns Freund immer bleiben würde, in einen Fiaker brachte. „ Wir haben erzählt, wie Capitän Dobbi Miß Ooborne ſich verabſchiedete, um Er ferner beſuchen zu dürfen, und die ſchz frau erwartete ihn am nächſten Tage 128 wo ſie vielleicht, wenn er gekommen wäre, und die Frage an ſie geſtellt hätte, die ſie bereit war, zu beantworten, ſich als die Freundin ihres Bruders erklärt haben würde, und zwiſchen George und ſeinem grimmigen Vater eine Ausſöhnung erfolgt wäre. Aber obgleich ſie daheim war⸗ tete, ließ ſich doch der Capitän nicht blicken. Er hatte ſeinen eigenen Geſchäften nachzugehen, ſeine Eltern zu be⸗ ſuchen und zu tröſten, und noch zu einer frühen Stunde des Tages ſeinen Platz auf dem Lightning einzunehmen, um zu ſeinen Freunden nach Brighton zu eilen. Im Laufe des Tages hörte Miß Osborne ihren Vater den Befehl geben, daß der ſteis mit Intriguen ſich befaſſende Halunke, Capitän Dobbin, nie mehr ſein Haus betreten dürfe, und ſo war es denn mit allen Hoffnungen, die ſie ingeheim ge⸗ hegt haben mochte, aus. Herr Frederick Bullock kam, und war ganz beſonders liebevoll gegen Maria, und ganz be⸗ ſonders aufmerkſam gegen den gramerfüllten, alten Herrn. Denn obgleich Letzterer ſagte, er ſei nun ruhig, ſo ſchie⸗ nen doch die Mittel, wodurch er dieſes Reſultat erreichen wollte, noch nicht ſonderlich angeſchlagen zu haben, und die ſt der letzten zwei Tage hatten ihm ſichtlich zugeſetzt. 129 Jünfundzwanzigſtes Kapitel. Worin ſämmtliche Hauptperſonen es für angemeſſen er⸗ achten, Brighton zu verlaſſen. Als Dobbin zu den Damen in der Ship⸗Inn geführt wurde, nahm er ein joviales Weſen an, und wurde außer⸗ ordentlich geſprächig, was bewies, daß dieſer junge Offi⸗ zier mit jedem Tage ein vollendeterer Heuchler wurde. Er luchte zum Erſten ſeine eigenen Gefühle zu verbergen, als er Mrs. George Osborne in ihrem neuen Zuſtande ſah, und zum Zweiten, ſeine Befürchtungen in Betreff der Wirkung, welche nach ſeiner Anſicht die von ihm mitge⸗ brachten ſchlechten Nachrichten auf ſie hervorbringen mußten, zu maskiren. „Ich bin der Anſicht, George,“ ſagte er, „daß der franzöſiſche Kaiſer noch vor drei Wochen uns mit ſeiner ganzen Macht angreifen und dem Herzog dergeſtalt zuſetzen wird, daß die Halbinſel dagegen als ein bloßes Kinder⸗ ſpiel erſcheinen dürfte. Du brauchſt das aber Mrs. Os⸗ borne nicht zu ſagen, weißt Du. Vielleicht kommen wir am Ende gar nicht zum Kampfe, und vielleicht ſiellt ſich unſer ganzes Geſchäft in Belgien als eine bloße militäriſche Oecupation heraus. Viele theilen dieſe Anſicht; und Brüſſel iſt voll feiner Leute und faſhionabler Damen.“ Und ſo wurde denn beſchloſſen, die Aufgabe des bri⸗ tiſchen Heeres in Belgien Amalien in dieſem harmloſen Lichte darzuſtellen. Als man in Betreff dieſes Complotts ſo weit im Reinen war, grüßte der heuchleriſche Dobbin Mrs. George Ooborne ganz heiter, verſuchte, ihr einige Complimente Der Jahrmarkt des Levens. M. 9 über ihren neuen Stand als Neuvermählte zu machen (welche Complimente, wie wir bekennen müſſen, außerordentlich ungeſchickt herauskamen und jämmerlich vergeckten), und fing dann an, von Brighton und der Seeluft, und den Annehmlichkeiten und Vergnügungen des Ortes, und den Schönheiten des Weges, und der Vortrefflichkeit des Light⸗ ning und der Pferde zu ſprechen, — Alles das auf eine Weiſe, die für Amalie völlig unverſtändlich, für Rebekka aber, die, wie Jeden, ſo ihr nahe kam, auch den Capitän ſorgfältig beobachtete, äußerſt beluſtigend war. Die kleine Amalie hatte, wir müſſen es eingeſiehen, keine ſehr hohe Idee von dem Freunde ihres Mannes, un⸗ ſerem Capitän Dobbin. Er liſpelte — war Nichts weni⸗ ger, als ſchön, und dabei ungemein linkiſch und ſchwer⸗ fällig. Sie konnte ihn wegen der Anhänglichkeit, die er für ihren Gatten an den Tag legte (und ſicherlich lag nur ſehr wenig Verdienſt darin), wohl leiden, und hielt George für ungemein großmüthig und gütig, weil er ſei⸗ nem Kameraden ein Freund war. George hatte vor ihr oft Dobbin's Geliſpel und wunderliche Manieren nachge⸗ äfft, obgleich er, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſtets mit der höchſten Achtung von den guten Ei⸗ genſchaften ſeines Freundes ſprach. Zur Zeit ihres Glückes, wo ſie den ehrlichen William noch nicht ſo genau kannte, ſchätzte ſie ihn nicht ſehr hoch — und er wußte recht wohl, wie ſie von ihm dachte, und ließ es ſich ohne Wei⸗ õ teres gefallen. Es kam aber eine Zeit, wo ſie ihn beſſer kennen lernte, und ihre Anſicht von ihm änderte;z aber dieſe Zeit war noch fern. Was Rebekka anlangt, ſo kannte ſie, ehe noch Ca⸗ pitän Dobbin zwei Stunden in der Geſellſchaft der Da⸗ men geweſen war, deſſen Geheimniß vollkommen. Sie mochte ihn nicht leiden und fürchtete ihn ingeheim; auch war er nicht allzu ſehr für ſie eingenommen. Er war ſo ehrlich, daß ihre Künſte und Schmeicheleien ganz und gar an ihm abprallten, und ein inſtinktmäßiger Wiverwille 131 war das einzige Gefühl, das ſie ihm einflößte. Und da ſie keineswegs ſo hoch über ihrem Geſchlechte ſtand, daß ſie über die Eiferſucht ſich hinweggeſetzt hätte, ſo haßte ſie ihn als Anbeter Amaliens nur um ſo mehr. Deſſen⸗ ungeachtet benahm ſie ſich äußerſt reſpektvoll und heczlich gegen ihn. Ein Freund der Osbornes! Ein Freund ihrer theuerſten Wohlthäter! Sie betheuerte, daß ſie ihn ſtets aufrichtig lieben würde: ſie erlnnerte ſich ſeiner von der Vaurhall⸗Partie her noch gar gut, wie ſie Amalien ſchel⸗ miſch bemerkte, und machte ſich ein wenig über ihn luſtig, als die beiden Damen ſich entfernten, um ſich zum Mit⸗ tageſſen anzukleiden. Rawdon Crawley ignorirte Dobbin juß ganz, indem er ihn als einen gutmüthigen Dummkopf, und als einen Krämersſohn von gemeiner Erziehung an⸗ ſah. Jos ſpielte ihm gegenüber mit vieler Würde den Gönner. Als George und Dobbin allein in des Letzteren Zim⸗ mer waren, wohin ihm George nachgefolgt war, nahm Dobbin aus ſeinem Pulte den Brief, den er aus Auftrag des Herrn Osborne ſeinem Freunde zu übergeben hatte. „Es iſt nicht die Handſchrift meines Vaters,“ ſagte George, deſſen Geſicht einige Unruhe verrieth; auch war es in der That nicht die Handſchrift des alten Herrn. Der Brief war von dem Advokaten des Herrn Oöborne geſchrieben, und lautete alſo; — „Bedford Row, Mai 7, 1815. „Sir „Ich ſoil Sie im Namen des Herrn Osborne be⸗ nachrichtigen, daß er bei dem Entſchluſſe beharrt, den er bei einer früheren Gelegenheit gegen Sie ausgeſprochen, ſo⸗ wie daß er, in Folge der Heirath, die es Ihnen beliebt hat, einzugehen, Sie hinfür nicht mehr als ein Glied ſei⸗ ner Familie anſieht. Dieſer Entſchluß iſt definitiv und unwiderruflich. e „Obwohl die während Ihrer Minderjährigkeit auf Sie verwendelen Gelder, ſowie die Wechſel, welche Sie während der letzten Jahre in ſo großer Anzahl auf ihn gezogen haben, dem Betrage nach bei Weitem die Summe überſteigen, auf die Sie rechtmäßiger Weiſe Anſpruch ma⸗ chen können (das heißt den vritten Theil vom Vermögen Ihrer Mutter, der verſtorbenen Mrs. Osborne, das Ihnen, ſowie Miß Jane Osborne und Miß Maria Frances Os⸗ borne zufiel), ſo ſoll ich Ihnen doch im Namen des Herrn Doborne eröffnen, daß er von Ihrem Vermoͤgen Nichts in Anſpruch zu nehmen gedenkt, und daß die Summe von 2000 Pfund, in vierprocentigen Annuitäten, zum Tages⸗ courſe (als das Ihnen von der Summe von 6000 Pfund zukommende Drittel) entweder an Sie ſelbſt, oder Ihre Agenten, gegen Quittung ausgefolgt werden ſolle von „Ihrem gehorſamen Diener, „S. H i 99 s.“ „P. S. — Herr Osborne gibt mir den Auftrag, Ihnen ein für allemal zu ſagen, daß er Botſchaften, Briefe, dder Mittheilungen von Ihnen über dieſen oder irgend einen andern Gegenſtand unter keinen umſtänden anneh⸗ men werde.“ „Ich muß ſagen, Du haſt die Sache in einer Weiſe betrieben, daß Nichts zu wünſchen übri bleibt,“ ſagte George mit einem wilden Blicke auf William Dobbin. „Sieh her, Dobbin,“ — und er warf Letzterem das väter⸗ liche Schrelben zu. „Ein Bettler, beim Zeus, und Alles das in Folge meiner verdammten Sentimentalität. War⸗ um konnten wir nicht warten? Eine Kugel hätte mir im Laufe des Krieges das Lebenslicht ausblaſen können, und kann es noch, — und was wird es Emmy nützen, wenn ſie als eine Bettlerswittwe zurückbleibt? Du biſt an Allem ſchuld. Du hatteſt weder Raſt noch Ruhe, als bis ich verheirathet und ruinirt war. Was, zum Henker, ſoll ich mit 2000 Pfund thun? Eine ſolche Summe reicht bei mir keine zwei Jahre. Seitdem ich hier bin, 133 habe ich allein 140 Pfund im Karten⸗ und Billardſpiele an Crawley verloren. Fürwahr, Du verſtehſt es vortreff⸗ lich, die Angelegenheiten Anderer in Ordnung zu bringen.“ „Es läßt ſich nicht läugnen, daß die Lage eine ſchwie⸗ rige iſt,“ erwiederte Dobbin, nachdem er den Brief durch⸗ geleſen hatte, wobei ſein Geſicht eine große Bläſſe und Niedergeſchlagenheit zeigte; „und ich bin, wie Du ſagſt, theilweiſe ſchuld daran. Es gibt aber doch noch Leute, die mit Dir gern tauſchen würden,“ ſetzte er mit bitterem Lächeln hinzu. Wie viele Capitäne im Regimente, glaubſt Du wohl, haben 2000 Pfund zu ihrer Verfügung übrig? Du mußt, bis Dein Vater eine verſöhnlichere Stimmung zeigt, von Deiner Gage leben, und wenn Du ſtirbſt, ſo hinterläſſeſt Du Deiner Frau eine jährliche Rente von 100 Pfund.“ „Du wirſt doch nicht glauben, ein Mann von mei⸗ nen Gewohnheiten könne von ſeiner Gage und einem wei⸗ teren Jahreseinkommen von 100 Pfund leben,“ rief George in heftigem Zorne. „Du mußt ein Narr ſein, daß Du ſo reden kannſt, Dobbin. Wie, zum Henker, kann ich meine Stellung in der Welt bei einem ſo miſerablen Einkommen behaupten? Ich kann meine Gewohnheiten nicht ändern. Ich muß meine Bequemlichkeiten haben. Ich wurde nicht bei Mehlſuppe aufgezogen, wie Mac Whirter, oder bei Kartoffeln, wie der alte O⸗Dowd. Denkſt Du etwa, meine Frau ſolle den Soldaten ihre Wäſche beſorgen, oder dem Regimente in einem Bagagewagen nachfahren?“ „Nun, nun,“ ſagte Dobbin in ſeiner gutmüthigen Weiſe, „wir wollen für ein beſſeres Fuhrwerk ſorgen. Aber verſuch' es einmal, und erinnere Dich, daß Du jetzt bloß ein entthronter Prinz biſt, George, mein Junge; und bleibe ruhig, ſo lange der Sturm dauert. Lange kann er nicht anhalten. Es werde einmal Dein Name in der Gazette erwähnt, und ich wette, was Du willſt, daß der alte Va⸗ ter dann andere Saiten aufzieht.“ „Mein Name in der Gazette erwähnt!“ antwortete 134 g6 „Und in welchem Theile derſelben? Unter den Todten und Verwundeten, und höchſt wahrſcheinlich an der Spitze der Liſte.“ „Bah! Es wird Zeit genug ſein, ſo laut aufzu⸗ ſchreien, wenn uns Etwas geſchieht,“ ſagte Dobbin. „Und wenn ein Unglück geſchieht, ſo weißt Du, George, daß ich etwas Weniges beſitze; und da ich keiner von denen bin, die an's Heirathen denken, ſo werde ich in meinem Teſtamente mein Pathchen nicht vergeſſen,“ ſetzte er lä⸗ chelnd hinzu. Damit war der Streit zu Ende, — wie früher ſchon eine Menge ſolcher Unterredungen zwiſchen Osborne und ſeinem Freunde geendet hatten: — der Er⸗ ſtere erklärte, es ſei unmöglich, mit Dobbin auf die Länge böſe zu ſein, und verzieh ihm höchſt großmüthig, nachdem er ohne allen Grund auf ihn losgezogen war. „Höre, Becky,“ rief Rawdon Crawley aus ſeinem Ankleidezimmer ſeiner Frau zu, die ſich in ihrem Gemache zum Eſſen ankleidete. „Was?“ ſagte Becky mit ihrer ſchrillen Stimme. Sie ſah gerade über ihre Schulter weg in den Spiegel⸗ Sie hatte den netteſten und friſcheſten weißen Rock, den man ſich nur denken kann, angezogen, und ſah mit ihren bloßen Schultern, einem kleinen Halsbande, und einem hellblauen Gürtel wie die perſoniſteirte jugendliche Un⸗ ſchuld und wie ein Bild mädchenhaften Glückes aus. „Hore, was wird Mrs. Osborne thun, wenn Osborne mit dem Regimente in das Feld zieht?“ ſagte Crawley, in das Zimmer tretend, mit zwei ungeheuren Haarbürſten auf ſeinem Kopfe ein Duett ſpielend, und unter ſeinem Haare hervor voller Bewunderung auf ſein hübſches Weib⸗ chen blickend. „Ich denke, ſie wird ſich die Augen ausweinen,“ ant⸗ wortete Becky. „Schon bei dem Gedanken daran hat ſie bereits ein halb Dutzend Mal vor mir gewimmert.“ „Dir macht es vermuthlich keinen Kummer,“ ſagte Rawdon, halb hoͤſe über die Gefühlloſigkeit ſeiner Frau. habe, mit Dir zu gehen?“ erwiederte Becky. „ „Du böſer Menſch! weißt Du nicht, daß ii findeſt Du Dich in einer ganz andern Lage. Du wirſt General Tufto's Adjutant. Wir gehoͤren nicht zur Linſe,“ ſagte Mrs. Crawley, ihren Kopf mit einer ſolchen Miene in die Höhe werfend, daß ihr bezauberter Gatte ſich nie⸗ derbeugte, und denſelben küßte. „Rawdon, mein lieber Rawdon — meinſt Du nicht auch, daß es beſſer wäre, wenn Du das — Geld von Cu⸗ pido verlangteſt, bevor er geht?“ fuhr Becky fort, indem ſie eine prachtvolle Schleife befeſtigte. Sie nannte George Osborne einen Cupido. Sie hatte ihm bereits einige Dutzend Male mit ſeinem einnehmenden Aeußeren geſchmei⸗ chelt. Sie hielt ſich freundlich in ſeiner Nähe, wenn er Abends auf eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen in Rawdon's Zimmer hereinkam, um einige Partien Pcarté zu machen. Oft hatte ſie ihn einen abſcheulichen ausſchweifenden Menſchen genannt, und ihm gedroht, daß ſie Emmy von ſeinem nichtsnutzigen Leben und ſeinen verwerflichen, ertra⸗ vaganten Gewohnheiten ſagen wolle. Sie brachte ſeine Cigarre, und zündete ſie ihm an; ſie kannte die Wirkungen dieſes Manoͤvers, da ſie es ſchon früher an Rawdon Craw⸗ ley probirt hatte. Sie ſchien ihm munter, lebhaft, ſchel⸗ miſch, distinguse, entzückend. Bei ihren kleinen Spazier⸗ fahrten und Diners verdunkelte natürlich Becky die arme Emmy ganz, die durchaus ſtumm und ſchüchtern blieb, während Mrs. Crawley und ihr Gatte mit einander dar⸗ auf losſchwatzten, und Capitän Crawley (und Jos, nach⸗ dem er zu dem neuvermählten Paare geſtoßen war) in aller Ruhe dem Eſſen oblag. Emmy war es in Betreff ihrer Freundin nicht recht wohl um's Herz. Rebekka's Witz, ihr lebendiges Weſen, und ihre Talente verurſachten ihr eine peinliche Unruhe. Sie waren erſt eine Woche verheirathet, und ſchon lang⸗ weilte ſich George, und ſchon ſuchte derſelbe eifrig die Geſellſchaft Anderer! Sie zitterte für die Zukunft. Wie kann ich ihm eine Gefährtin ſein, dachte ſie, — ihm, der ſo geſcheidt und ſo voller Geiſt iſt, während ich ein ſo unbedeutendes thörichtes Geſchöpf bin? Wie edel war es von ihm, daß er mich heirathete — daß er auf Alles verzichtete, und ſich zu mir herabließ! Ich hätte ihm meine Hand verweigern ſollen; nur daß ich nicht vas Herz dazu habe. Ich hätte daheim bleiben, und für den armen Papa ſorgen, und ihn pflegen ſollen. Und jetzt kam es ihr zum erſten Mal in den Sinn, daß ſie ihre Eltern vernachläßigt (und in der That war dieſe Anklage, welche das unruhige Gewiſſen des armen Kindes vor⸗ brachte, nicht ganz ungegründet), — und es trieb ihr die Schamröthe in's Geſicht. Oh! dachte ſie, ich bin recht gottlos und ſelbſtſüchtig geweſen — ſelbſiſüchtig, weil ich ſie in ihrem Kummer vergaß — ſelbſtſüchtig, weil ich George nöthigte, mich zu heirathen. Ich weiß, daß ich ſeiner nicht würdig bin — ich weiß, er würde ohne mich glücklich geweſen ſein — und doch — verſuchte ich wieder⸗ holt, obwohl vergebens, ihn aufzugeben. Es iſt etwas Peinliches, wenn, bevor noch eine Ehe eine Woche alt iſt, ſolche Gedanken und Geſtänvniſſe ſich einer jungen Frau aufdrängen. Allein ſo verhielt es ſich nun einmal; und an dem Abende vor Dobbin's Ankunft, an einem ſchönen prachtvollen Mondſcheinabende im Mai⸗ monate — an einem Abende, der ſo warm und balſamiſch war, daß die auf den Balkon gehenden Fenſter aufge⸗ macht wurden, und George mit Mrs. Crawley draußen auf den ruhigen, glänzenden Ocean hinausſchaute, der vor ihnen lag, während Rawdon mit Jos drinnen eine Partie Tricktrack ſpielte — an jenem Abende ſagen wir, fühlte Amalie, die ganz vernachläßigt in einem großen Lehnſeſſel ruhte, und die Anweſenden beobachtete, eine Ver⸗ zweiflung und Reue, die für dieſe ſanfte verlaſſene Seele bitter genug ſein mußten. Es war kaum eine Woche verſtrichen, und ſchon war es zu dem gekommen! Hätte ſie die Zu⸗ 137 kunft in's Auge gefaßt, ſo mußte ſie ihr trübe Ausſichten bieten; aber Emmy war, ſo zu ſagen, viel zu ſchüchtern, um ihr Auge darauf zu richten, und allein ſich auf dieſe weite See zu wagen, die ſie ohne einen Führer und Be⸗ ſchützer ſich nicht zu beſchiffen getraute. Ich weiß, daß Miß Smith keine ſehr hohe Meinung von ihr hat. Aber wie Viele, mein theures Fräulein, beſitzen Ihre ungeheure Geiſtesſtärke 2 „Mein Gott, welch' ſchöne Nacht, und wie hell der Mond ſcheint!“ ſagte George, aus ſeiner Cigarre eine Wolke in die Luft emportreibend. „Wie köſtlich riecht das nicht im Freien! Wie köſi⸗ lich! Wer ſollte denken, daß der Mond zwei Mal hun⸗ dert ſechsunddreißig tauſend achthundert und vierundſiebzig Meilen von uns entfernt iſt?“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie lächelnd zu dem Geſtirne aufblickte. „Iſt es nicht zum Erſtaunen, daß ich mich an ſo Etwas noch erinnere? Bah, das Alles haben wir bei Miß Pinkerton gelernt! Wie ruhig doch die See iſt, und wie klar Alles! Ich kann faſt die Küſte von Frankreich ſehen.“ Und ihre glänzenden grünen Augen ſchickten einen Blick in die Nacht hinaus, als ob ſie hindurchſehen könnten. „Wiſſen Sie, was ich an einem ſchönen Morgen zu thun im Sinne habe?“ ſagte ſie; „ich ſinde, daß ich eine vortreffliche Schwimmerin bin, und eines Tags⸗ wenn die Geſellſchaftsdame der Tante Crawley — die alte Briggs, wie Sie wiſſen — Sie erinnern ſich doch noch des Weibes mit der Habichtsnaſe und den langen Haarbüſcheln? — wenn die Briggs alſo ein Bad nimmt, ſo habe ich im Sinne, unter ihr Badezelt zu tauchen, und im Waſſer auf eine Ausſöhnung zu dringen. Iſt das nicht eine vortreffliche Kriegsliſt?“ George brach bei dem Gedanken an dieſe aquatiſche Zuſammenkunft in ein Gelächter aus. „Was habt Ihr Beide da draußen? ſchrie Rawdon, den Würfelbecher ſchüttelnd. Was Amalie betrifft, ſo legte ſie wieder ein abſurdes hyſteriſches Weſen an den Tag, und zog ſich auf ihr Zimmer zurück, um da allein ſich ihren Thränen zu überlaſſen. In dieſem Kapitel muß unſere Geſchichte in einer anſcheinend ſehr unentſchloſſenen Weiſe bald vorwärts, bald rückwärts gehen, und wenn wir dieſelbe demnächſt bis zum morgenden Tage geführt haben werden, ſo werden wir alsbald wieder Gelegenheit haben, auf den geſtrigen zurückzukommen, damit meine Leſer ſie ganz kennen lernen. Wie man beim Lever Ihrer Majeſtät die Wagen der Ge⸗ ſandten und hohen Würdeträger von einer beſonderen Thüre wegfahren ſieht, während die Damen des Capitän Jones auf ihren Fly *) waren: wie man in dem Vorzimmer des Sekretärs des Schatzamts **) ein halbes Dutzend Bittſteller in Geduld auf Audienz warten, und nacheinan⸗ der hereinrufen ſieht, während plötzlich ein iriſches Mit⸗ glied, oder eine hochgeſtellte Perſon hereinkommt, und augenblicklich vor der Naſe aller Anweſenden zum Herrn Unterſekretär hineingeht: ſo muß auch bei einer Erzählung der Romanſchreiber dieſe überaus parteiiſche Art von Ju⸗ ſtiz üben. Obgleich keiner der kleinen Zwiſchenvorfälle unerwähnt bleiben darf, ſo müſſen ſie doch zurückgeſtellt werden, wenn große Ereigniſſe eintreten; und ganz ge⸗ wiß war ein Umſtand, wie der, ſo Dobbin nach Brighton führte, d. h. der Befehl an die Garde und die Linie, nach Belgien aufzubrechen, ſowie die Vereinigung der alliirten Heere in dem eben genannten Lande unter dem Commando Seiner Gnaden, des Herzogs von Wellington, — ſo war doch, ſage ich, ein ſo überaus wichtiger Umſtand, wie dieſer, berechtigt, allen minder wichtigen Vorfallenheiten, woraus unſere Geſchichte hauptſächlich beſteht, vorzugehen, und deßhalb war eine kleine Unordnung zu entſchuldigen und am Platze. Wir ſind jetzt in der Zeit nur ſo weit *) Art Kutſche. **) Finanzminiſter. 139 über das zwei und zwanzigſte Kapitel hinaus, daß wir unſere verſchiedenen Perſonen in ihre Ankleidezimmer vor dem Mittageſſen, das am Tage von Dobbin's Ankunft, wie ſonſt, Statt fand, hinaufbefördert haben. George war zu human, oder zu ſehr mit dem Binden ſeines Halstuchs beſchäſtigt, um Amalien alsbald alle Nachrichten mitzutheilen, die ſein Kamerad von London mitgebracht hatte. Er kam indeſſen mit dem Briefe des Advokaten in der Hand, und mit einer ſo feierlichen und wichtigen Miene in das Zimmer ſeiner Frau, vaß dieſe, die ſich ſtets auf irgend ein Unheil gefaßt machte, glaubte, es ſei das größte Unglück im Anzuge, auf ihren Gatten zueilte, und ihren theuerſten George inſtändigſt bat, ihr doch ſogleich Alles zu ſagen: — er müſſe ausmarſchiren, es werde nächſte Woche eine Schlacht geben — ſie wiſſe das wohl, — ſie wiſſe Alles. Der theuerſte George parirte die Frage in Betreff des Feldzugs, und ſagte mit melancholiſchem Kopfſchüt⸗ teln: „Nein, Emmy; das iſt es nicht: nicht meinetwegen bin ich bekümmert, ſondern deinetwegen. Ich habe von meinem Vater ſchlimme Nachrichten bekommen. Er will mit mir ferner Nichts zu thun haben; er hat uns abgeſchüt⸗ telt, und überläßt uns der Armuth. Mir macht es nicht ſo ſehr viel aus; allein wie wirſt Du es, meine Theure, er⸗ tragen? Da lies!“ Und mit dieſen Worten überreichte er ihr den Brief. Amalie hörte, mit einem Blicke zärtlicher Unruhe in den Augen, ihrem edlen Helden zu, als er die ſo eben von uns angeführten edelmüthigen Gefühle an den Tag legte, und las, ſich auf das Bett nieverſetzend, den Brief, den George ihr mit einer ſo pompoͤſen, märtyrerartigen Miene überreicht hatte. Indeſſen klärte ſich, während ſie das Dokument las, ihr Geſicht zuſehends auf. Der Ge⸗ danfe, Armuth und Entbehrung mit dem geliebten Ge⸗ genſtande zu theilen, iſt, wie bereits von uns erwähnt worden, weit entfernt, bei einem warmherzigen Weibe ein 14⁰ Gefühl der Niedergeſchlagenheit zu erregen. Ja, dieſer Gedanke war der kleinen Amalie ſogar angenehm. Dann ſchämte ſie ſich, wie gewöhnlich, daß ſie in einem ſo un⸗ paſſenden Augenblicke ſich glücklich fühle, bezähmte ihre Freude, und ſagte ganz demüthig: — „O George, wie muß doch Dein armes Herz bei dem Gedanken bluten, daß Du von Deinem Papa ge⸗ trennt biſt.“ „Ja, es blutet,“ ſagte George, in deſſen Geſicht ſich ein lebhafter Schmerz ausſprach. „Aber er kann mit Dir nicht lange zürnen,“ fuhr ſie fort. „Das kann Niemand; ich bin davon überzeugt. Er muß Dir verzeihen, mein theuerſter, beſter Mann. Oh, ich werde es mir nie verzeihen, wenn er es nicht thut.“ „Was mich quält und ärgert, meine arme Emmy, iſt nicht mein Unglück, ſondern Deines,“ ſagte George. „Ein Bischen Armuth kümmert mich nicht; und ich glaube ohne Eitelkeit ſagen zu können, daß ich Talente genug beſitze, um mir eine Poſition zu erringen.“ „Das haſt Du,“ fiel ſeine Frau ein, welche glaubte, daß der Krieg in einem Augenblicke ſein Ende erreichen, und ihr Mann General werden würde. „Ja, ich werde mir ſo gut, wie ein Anderer, Bahn brechen, und eine Stellung erringen,“ fuhr Osborne fort; „aber Du, mein liebes Kind, wie kann ich es über's Herz bringen, Dir die Bequemlichkeit abgehen, und Dich nicht diejenige Stellung in der Geſellſchaft einnehmen zu ſehen, auf die meine Frau Anſpruch machen darf? Mein theuer⸗ ſtes Kind in Kaſernen; die Frau eines Soldaten bei einem Feldregimente; jeder Art von Entbehrung urd Beläſtigung ausgeſetzt! Es macht mich ganz ungluͤcklich, wenn ich daran denke!“ Emmy ergriff jetzt, da dieß der einzige Grund der Unruhe ihres Gatten war, ganz beruhigt deſſen Hand, und fing mit einem freudeſtrahlenden Geſichte und Lächeln an, aus dem bekannten Volksliede „Wapping O1d 144 Stairs“ die Stanze zu ſingen, worin die Heldin, nachdem ſie ihren Tom wegen ſeines Mangels an Aufmerkſamkeit geſcholten, verſpricht, „ſeine Hoſen flicken, und auch ſeinen Grog machen zu wollen,“ wenn er anders beſtändig und brav ſei, und ſie nicht verlaſſe. „Zudem,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, während welcher ſie ſo hübſch und glücklich ausſah, als nur immer eine junge Frau zu ſein braucht, „ſind nicht 2000 Pfund ungeheuer viel Geld, George?“ George lachte über ihre Naivetät, und ſchließlich gingen ſie zum Eſſen hinab, Amalie an George's Arm angeklammert, und immer noch die Arie von „Wapping Old Stairse“ trillernd, und vergnügter und luſtiger, als ſie ſeit einigen Tagen geweſen. So war denn das Mittagsmahl, das, wie Alles auf dieſer Welt, zu Ende ging, nicht nur nicht traurig, ſon⸗ dern im Gegentheile ungemein belebt und luſtig. Die in dem Gedanken an den bevorſtehenden Feldzug liegende Aufregung wirkte bei George, der durch den Enterbungs⸗ brief verurſachten Niedergeſchlagenheit entgegen. Dobbin bewährte ſich fortwährend als ein unermüblicher Schwätzer. Er beluſtigte die Geſellſchaft mit Berichten über die Ar⸗ mee in Belgien, wo von Nichts die Rede ſei, als von Feſtlichkeiten, Vergnügungen und Dingen, die in's Gebiet der Faſhion gehörten. Sodann ging der pfiffige Capitän, einen beſonderen Endzweck verfolgend, zu einer Beſchrei⸗ bung der Frau Majorin O'Dowd über, und erzählte, wie ſie ihre und ihres Majors Garderobe eingepackt, und wie die beſten Epauletten deſſelben in eine Theebüchſe ge⸗ wandert ſeien, während ihr famoſer gelber Turban, mit dem in Packpapier gehüllten Paradiesvogel, ſich in vie blecherne Hutkapſel des Mojors geflüchtet habe, — und ſagte, er möchte doch gern ſehen, was man darüber an dem Hofe des franzöſiſchen Königs zu Gent, oder auf den großen Offiziersbällen zu Brüſſel ſagen würde. „Gent! Brüſſel!“ rief Amalie, vor Schrecken plotz⸗ lich zuſammenfahrend. „Muß das Regiment in's Feld, George — muß es ausmarſchiren?“ Ein Blick des Schreckens zeigte ſich auf dem lieb⸗ lichen, lächelnden Geſichte, und ſie kiammerte ſich gleichſam inſtinktmäßig an George an. „Habe keine Furcht, Theuerſte,“ ſagte er gutmüthig, „in zwölf Stunden ſind wir drüben. Es wird Dir Nichts thun. Du ſollſt auch mitgehen, Emmy.“ „Ich habe im Sinne, zu gehen,“ ſagte Becky; „ich bin beim Generalſtabe. Ich zähle General Tufto zu mei⸗ nen eifrigſten Anbetern. Iſt es nicht ſo, Rawdon?“ Rawdon brach in ſein gewöhnliches, ſchallendes Ge⸗ lächter aus. William Dobbin wurde feuerroth. „Sie kann nicht mitgehen,“ ſagte erz „denk' doch an die — die Gefahr,“ wollte er hinzuſetzen; hatte aber nicht ſein ganzes Geſpräch während des Eſſens den Zweck gehabt, zu beweiſen, daß keine vorhanden wäre? Er wurde mit einem Male höchſt ſchweigſam und verlegen. „Ich muß und will gehen,“ rief Amalie mit größter Lebhaftigkeit; und George ſtreichelte, ihrer Entſchloſſenheit Beifall ſpendend, ihr Kinn, und fragte alle Anweſenden, ob ſie je einen ſolchen Brauſekopf von einem Weibe geſe⸗ hen, und erklärte ſich bereit, ſie mitzunehmen. „Mrs. O'Dowd wird Dir als Chaperon dienen,“ ſagte er. Was lag ihr daran, ſo lange ihr Gatte bei ihr war? Und ſo wurde denn die Bitterkeit des Scheidens gleich⸗ ſam wegescamotirt. Obgleich der Krieg mit ſeinen Gefahren gewiß genug war, ſo konnte es doch noch Mo⸗ nate anſtehen, bis derſelbe kam. Auf jeden Fall war es ein Aufſchub, der die furchtſame kleine Amalie faſt ebenſo glücklich machte, wie wenn ihr angekündigt worden wäre, daß es nun gar nicht zu einem Kriege kommen würde, und ſelbſt Dobbin mußte ſich geſtehen, daß ein ſolcher Aufſchub äußerſt willkommen ſei. Denn Amalie ſehen zu dürfen, war jetzt das groͤßte Glück und die ſüßeſte Hoffnung ſeines Lebens, und er machte ingeheim Plane, 143 wie er ſie beſchützen und über ſie wachen wollte. Ich hätte ſie nicht mitgehen laſſen, wenn ſie meine Frau wäre, dachte er. Allein George war nun einmal der Herr, und ſein Freund erachtete es nicht für angemeſſen, demſelben darüber Vorſtellungen zu machen. Ihren Arm um die Taille ihrer Freundin ſchlingend, ſührte Rebekka endlich Amalie von dem Tiſche fort, wo ſo viele Dinge von Wichtigkeit beſprochen worden waren, und verließ die Herren, die in der heiterſten Stimmung von der Welt zurückblieben, um zu trinken und zu plaudern. Im Laufe des Abends erhielt Rawdon von ſeiner Frau ein kleines Familienbillet, das wir, obgleich er es zerknitterte und alsbald am Lichte verbrannte, doch ſo glücklich waren, über Rebekka's Schulter hinweg zu leſen. „Wichtige Neuigkeiten,“ ſchrieb ſie. „Mrs. Bute iſt fort. Suche von unſerem Cupido dieſen Abend das Geld zu erhalten, da er morgen hochſt wahrſcheinlich Brighton verläßt. Denk' daran. — R.“ Als daher die kleine Geſellſchaft im Begriffe war, die Sitzung aufzuheben, um ſich wieder zum Kaffee im Zimmer der Damen einzufinden, klopfte Rawdon Capitän Osborne auf den Elbogen, und ſagte graziös: „Hören Sie einmal, Osborne, mein Junge, wenn es Sie nicht ge⸗ nirt, ſo würden Sie mir einen Gefallen erweiſen, wenn Sie die bewußte kleine Schuld berichtigten.“ Es genirte zwar George ein wenig, gleichwohl machte er ihm eine bedeutende Abſchlagszahlung in Banknoten, die er aus ſeinem Taſchenbuche hervorlangte, und gab ihm für den Reſt einen in acht Tagen zahlbaren Wechſel an ſeinen Agenten. Nachdem dieſes Geſchäft abgethan war, hielten George, Jos und Dobbin bei ihren Cigarren einen Kriegsrath, und beſchloſſen, daß am folgenden Tage in Jos offenem Wagen der allgemeine Aufbruch nach London erfolgen ſolle. Jos hätte es wohl gerne geſehen, wenn man bis zu Rawdon Crawley's Abreiſe in Brighton geblieben 144 wäre; allein Dobbin und George überſtimmten ihn, und ſo ließ er ſich denn herbei, die Geſellſchaft nach der Stadt zu bringen, und beſtellte, wie es ſeiner Würde angemeſſen war, vier Pferde. Mit dieſen fuhren ſie am folgenden Tage nach dem Frühſtücke in ſtattlichſter Weiſe ab. Amalie war am Morgen in aller Frühe aufgeſtanden und hatte mit großtem Eifer ihre kleinen Koffer gepackt, während Osborne im Bette liegen blieb, und bedauerte, daß ſie keine Kammerfrau habe, die ſie unterſtützen könnte. Sie war aber nur zu froh, dieſes Geſchäft ſelbſt beſorgen zu können. Schon erfüllte ein vages, unheimliches Gefühl in Beziehung auf Rebekka ihr Gemüth; und obgleich ſie beim Abſchiede einander recht zärtlich küßten, ſo wiſſen wir doch, was Eiferſucht iſt; und Mrs. Amalie beſaß dieſelbe unter andern Tugenden ihres Geſchlechtes. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß neben dieſen ab⸗ und zugehenden Perſonen ſich noch einige andere alte Bekannte von uns in Brighton befanden, Miß Crawley nämlich ſammt ihrem Gefolge. Obgleich nun Rebekka mit ihrem Gatten nur ein Paar Steinwürfe von der immer noch nicht wieder hergeſtellten Miß Crawley weg wohnte, ſo blieb doch für Beide die Thüre der alten Dame eben ſo unbarmherzig verſchloſſen, wie bis daher zu London. So lange Mrs. Bute Crawley um ihre Schwägerin blieb, ſorgte ſie dafür, daß ihre geliebte Mathilde nicht durch ein Zuſammentreffen mit ihrem Neffen aufgeregt wurde. Fuhr die alte Jungfrau aus, ſo ſetzte ſich die treue Mrs. Bute neben ſie. Ließ Miß Crawley ſich in einer Sänfte austragen, um friſche Luft zu ſchöpfen, ſo ging Mrs⸗ Bute auf einer Seite her, während die ehrliche Briggs ſich auf die andere ſtellte. Und trafen ſie zufällig einmal mit Rawdon und deſſen Frau zuſammen, ſo ging die Crawley'ſche Geſellſchaft, obgleich der Erſtere beſtändig und demüthig den Hut abzog, mit einer ſo kalten und darniederſchmetternden Gleichgültigkeit an ihm vorhei, daß Rawdon anfing zu verzweifeln. 145 ₰ „Wir könnten eben ſo gut in London ſein, wie hier,“ ſagte Rawdon oft mit einer Miene, aus der die Nieder⸗ geſchlagenheit ſprach. „Ein comfortables Hotel zu Brighton iſt beſſer, als ein Spunging⸗Houſe in Chancery⸗Lane,“ antwortete ſeine Frau, die von Natur mehr zur Froͤhlichkeit geneigt war. „Denk' nur an die zwei Avjutanten des Herrn Moſes, des vem Sheriff beigegebenen Gerichtsdieners, welche unſere Wohnung eine ganze Woche hindurch nicht aus dem Auge verloren haben. Unſere Freunde hier ſind zwar ſehr al⸗ bern und langweilig, allein Herr Jos und Capitän Cu⸗ pivo ſind immerhin beſſere Geſellſchafter, als die Leute des Herrn Moſes, mein beſter Rawdon.“ „Was mich wundert, iſt, daß die Verhaftsbefehle mir nicht auf dvem Fuße hieher gefolgt ſind,“ fuhr Raw⸗ don fort, immer noch verzagend. „Gelangen ſie dennoch hieher, ſo werden wir ſchon zu entgehen wiſſen,“ ſagte die unerſchrockene kleine Becky, und machte ihrem Manne bemerklich, wie vortheilhaft es geweſen, und wie erwünſcht es gekommen, daß ſie Jos und Oöborne getroffen, deren Bekanntſchaft Rawdon Crawley gerade zu rechter Zeit einen kleinen Vorrath von baarem Gelde verſchafft hätte. „Es wird kaum zur Bezahlung des Wirthes hin⸗ reichen,“ brummte der Leibgardiſt. „Warum dieſen auch bezahlen?“ ſagte die Dame, die auf Alles eine Antwort in Bereitſchaft hatte. Durch Rawdon's Kammerdiener, der mit den männ⸗ lichen Dienſtboten der Miß Crawley immer noch in einiger Verbindung ſtand, und angewieſen worden war, den Kut⸗ ſcher, ſo oft ſie zuſammen kämen, zum Trinken zu animi⸗ ren und denſelben frei zu halten, erfuhr unſer junges Paar ſo ziemlich die Bewegungen der alten Miß Crawley, und Rebekka kam glücklicher Weiſe auf den Gedanken, unwohl zu ſein, und denſelben Arzt herbeizurufen, den die alte Jungfrau hatte, ſo daß ſie, im Ganzen genommen, 10 Der Jahrmarkt des Lebens. U. 146 ſo ziemlich gut unterrichtet waren. Auch war Miß Briggs, wenn auch äußerlich eine feindliche Stellung einnehmend, ingeheim gegen Rawdon und veſſen Frau nicht feindſelig geſtimmt. Sie war von Hauſe aus ein gutes Geſchöpf, das Niemand Etwas lange nachtrug. Jetzt, wo der Grund ihrer Eiferſucht entfernt war, verſchwand auch ihr Wi⸗ derwille gegen Rebekka, und erinnerte ſie ſich nur noch an die guten Worte und die gute Laune der Letzteren. Und in der That ſeufzte ſie mit Mrs. Firkin, der Kammerfrau, und dem ganzen Dienſtperſonal der Miß Crawley inge⸗ heim unter der Tyrannei der triumphirenden Mrs. Bute. Wie es ſich oft fügt, verfolgte dieſes gute, aber herrſch⸗ ſüchtige Frauenzimmer ihren Vortheil zu weit, und ihr Glück zu unbarmherzig. Im Laufe weniger Wochen war es ihr gelungen, die Kranke in einen ſolchen Zuſtand hülf⸗ loſer Gelehrigkeit zu verſetzen, daß die arme Seele ſich unbedingt und ohne Widerrede in die Befehle ihrer Schwä⸗ gerin fügte, und ſich nicht einmal bei der Briggs oder der Firkin über ihre Sklaverei zu beklagen wagte. Mrs. Bute maß die Gläſer Wein, welche Miß Crawley täglich trinken durfte, mit einer Genauigkeit aus, der Nichts zu widerſtehen vermochte, — zum großen Aerger der Fir⸗ kin und des Haushofmeiſters, die ſich ſo ſelbſt die Herr⸗ ſchaft über die Sherry⸗Flaſche entzogen ſahen. Sie theilte die Kalbsbröschen, Geleen, Hühner u. ſ. w. aus; und beſtimmte ſowohl deren Quantum, als deren Reihenfolge. Nachts, und Mittags, und Morgens brachte ſie die abſcheu⸗ lichen, vom Arzte verordneten Tränke, und mit einem ſo rührenden Gehorſam nahm die Patientin dieſelben von ihr an, daß die Firkin ſagte: „Meine arme Miß nimmt ihre Arzenei, wie ein Lamm, ein.“ Sie ſchrieb jede Spazier⸗ fahrt vor, beſtimmte, wann ſie in einer Sänfte ausgetra⸗ gen werden ſollte, und drückte, mit einem Worte, die alte Dame während der Zeit ihrer Wiedergeneſung in einer Weiſe darnieder, wie ſie nur bei ſo geſchickten, mütterlich geſinnten, moraliſchen Frauenzimmern zu finden iſt. Lei⸗ — ———— 147 ſtete einmal die Patientin einen ſchwachen Widerſtand, und wollte dieſelbe ein klein wenig mehr zu eſſen haben, oder einen Tropfen Arznei weniger nehmen, ſo bedrohte ihre Wärterin ſie mit augenblicklichem Tode, — und dann gab Miß Crawley augenblicklich nach. „Es iſt gar kein Leben mehr in ihr,“ bemerkte die Firkin gegen die Briggs; „ſchon ſeit drei Wochen hat ſie mich keine Närrin mehr geheißen.“ Endlich hatte Mrs. Bute auch den Entſchluß gefaßt, die vorbenannte ehrliche Kammerfrau, Herrn Bowls, den dicken Vertrauensmann, und die Briggs ſelbſt zu entlaſſen, und ihre Töchter aus dem Pfarrhauſe her⸗ beizurufen, bevor ſie die theure Patientin nach Queen's Crawley brächte, — als ein verhaßter Zufall ſich ereig⸗ nete, der ſie der Erfüllung ſo angenehmer Pflichten ent⸗ riß. Seine Ehrwürden, Herr Bute Crawley, ihr Gatte, hatte ſich nämlich das Schlüſſelbein gebrochen, als er eines Abends auf dem Heimwege mit ſeinem Pferde ſtürzte. Es ſtellten ſich mit dem Fieber Entzündungs⸗Symptome ein, und Mrs. Bute mußte aus Suſſer nach Hampſhire aufbrechen. Sie verſprach, zu ihrer theuerſten Freundin zurückzukehren, ſobald Bute wieder hergeſtellt wäre, und hinterließ bei ihrer Abreiſe für die Dienerſchaft die ge⸗ meſſenſten Befehle in Betreff des gegenüber ihrer Herr⸗ ſchaft zu beobachtenden Benehmens, und kaum war die kleine Frau Pfarrerin in den Southamptoner Poſtwagen geſtiegen, als im ganzen Hauſe der Miß Crawley ein Frohlocken entſtand, wie ſolches den dort vereinigten Per⸗ ſonen ſeit vielen Wochen unbekannt geweſen war: Alles fühlte ſich erleichtert, und lebte von Neuem auf. Noch an demſelben Tage verſäumte es Miß Crawley, ihre nach⸗ mittägliche Doſis Arzenei zu nehmen: noch an demſelben Nachmittage öffnete Bowls eine friſche Flaſche Sherry für ſich und Mrs. Firkin: noch in derſelben Nacht ver⸗ gnügten ſich Miß Crawley und Miß Briggs mit einer Partie Piquet, anſtatt zu dem Porteus'ſchen Predigtbuche zu greifen. Es war ganz wie in dem bekannten alten 148 Ammenmährchen, wo der Stock den Hund zu ſchlagen vergaß, und der ganze Lauf der Ereigniſſe eine friedliche und glückliche Umwälzung erlitt. Zwei bis drei Mal in der Woche pflegte Miß Briggs Morgens in aller Frühe eine Badmaſchine aufzuſuchen, und in einem flanellenen Rocke und einer Haube von Wachstaffet ſich im Waſſer zu vergnügen. Wie wir ge⸗ ſehen haben, war dieſer Umſtand Rebekka nicht unbekannt, wie ſie gedroht hatte, die Briggs zu beſtürmen, und plötz⸗ lich vor letzterer Dame aufzutauchen und dieſelbe unter ihrem geheiligten Zelte zu überfallen, ſo beſchloß doch Mrs. Rawdon, die Briggs anzugreifen, wenn dieſelbe er⸗ friſcht und geſtärkt, und wahrſcheinlich in guter Laune, aus ihrem Bade käme. Becky ſtand alſo am nächſten Morgen in aller Frühe auf, nahm das Fernrohr in ihr Wohnzimmer, das auf die Sce hinausging, und richtete es auf die am Strande befindlichen Badmaſchinen. Bald ſah ſie vie Briggs her⸗ beikommen, in ihr Cabinet treten, und auf die See hin⸗ ausfahren; und war am Strande, gerade als die Nymphe, wegen deren ſie gekommen, aus der kleinen Caravane her⸗ vor und auf die vor ihren Füßen liegenden Kieſelſteine trat. Es war ein hübſches Gemälde: der Strand, die Geſichter der Badeweiber, die lange Felſen⸗ und Häuſer⸗ Reihe errötheten und erſtrahlten im Sonnenlichte. Re⸗ bekka trug ein freundliches, zärtliches Lächeln zur Schau, und ſtreckte in dem Augenblicke, wo die Briggs aus dem Cabinette trat, ihre hübſche weiße Hand aus. Was Anderes konnte die Briggs thun, als den Gruß annehmen? „Miß Sh—, Mrs. Crawley,“ ſagte ſie. Mrs. Crawley ergriff ihre Hand, drückte ſie an ihr Herz, und küßte, mit einem Male die Briggs mit den Armen umfangend, dieſelbe herzlich. „Theure, theure Freundin!“ ſagte ſie in einem Tone, worin ſo viel na⸗ türliches Gefühl lag, daß Miß Briggs natürlich nicht und obgleich ſie nicht den Verſuch machte, in der Weiſe, 3 —————— —— 149 umhin konnte, alsbald dahin zu ſchmelzen; ja, daß ſelbſt das Badeweib dadurch erweicht wurde. Es wurde Rebekka nicht ſchwer, ein langes, vertrautes, und entzückendes Geſpräch mit der Briggs anzuknüpfen. Alles, was ſeit dem Morgen von Becky's plätzlichem Ver⸗ ſchwinden aus Miß Crawley's Hauſe in Park Lane bis zum letzten Augenblicke, ſowie bis zur Zeit des glücklichen Rückzugs der Mrs. Bute ſich zugetragen, ward von der Briggs erörtert und beſchrieben. Alle Symptome der Miß Crawley, ſowie alle Einzelheiten ihrer Krankheit und der ärztlichen Behandlung, der ſie unterworfen geweſen, wurden von der Vertrauten mit jener Pünktlichkeit und Vollſtändigkeit beſchrieben, woran Frauenzimmer ſo viel Gefallen finden. Koͤnnen Damen je einander genug von ihren Leiden und ihren Aerzten erzählen? Die Briggs wenigſtens konnte bei dieſer Gelegenheit kaum zu Ende kommen; und wenn ſie im Erzählen unermüdlich war, ſo war Rebekka nicht minder unermüdlich im Zuhören. Sie dankte dem Himmel, daß es der lieben guten Briggs, daß es der treuen, der unſchätzbaren Firkin vergönnt ge⸗ weſen, bei ihrer Wohlthäterin während deren Krankheit zu bleiben. Der Himmel ſegne dieſe Wohlthäterin! ob⸗ gleich ſie, Rebekka, dem Anſcheine nach gegen Miß Craw⸗ ley ſich verfehlt habe; allein ſei ihr Fehler nicht ein na⸗ türlicher und entſchuldbarer? habe ſie umhin koͤnnen, dem Manne, der ihr Herz gewonnen, ihre Hand zu geben? Die ſentimentale Briggs konnte bei dieſer Anrufung nur ihre Augen zum Himmel aufheben, und einem ſympathetiſchen Seufzer Luft machen, und denken, daß auch ſie einſt, vor vielen Jahren, Jemand ihr Herz geſchenkt, und geſtehen, daß Rebekka keine gar große Verbrecherin ſei. „Kann ich je diejenige vergeſſen, welche der aller Freunde entbehrenden Waiſe ſtets als Beſchützerin zur Seite ſtand 2 Nein, obgleich ſie mich verſtoßen hat,“ ſagte Rebekka, „werde ich doch nie aufhoren, ſie zu lieben, und ſtets würde ich mein Leben ihrem Dienſte weihen. Als 1 15⁰ meine Wohlthäterin, als die angebetete Verwandte meines geliebten Rawdon liebe ich Miß Crawley, und bete ſie an, meine liebe Miß Briggs, — liebe und bewundere ich ſie mehr, als irgend ein Frauenzimmer in der Welt und nach ihr liebe ich am Meiſten alle diejenigen, ſo ihr treu ſind. Nie würde ich die treuen Freundinnen der Miß Crawley in der Weiſe behandelt haben, wie jene ovioſe, ſtets mit Ränken umgehende Mrs. Bute gethan. Nawdon, der ganz Herz war,“ fuhr Becky fort, „obgleich ſeine äußere Erſcheinung Einem rauh und ſorglos dünken mochte, hatte wohl hundert Male, mit den Thränen in den Augen, geſagt, wie er dem Himmel dafür danke, daß er ſeiner theuerſten Tante zwei ſo bewunvernswürdige Wär⸗ terinnen geſchenkt, wie ihre ergebene Firkin, und ihre nie genug zu bewundernbe Miß Briggs. Sollten die Anſchläge der abſcheulichen Mrs. Bute, wie ſie — Rebekka — nur zu ſehr befürchte, damit endigen, daß Jeder, der Miß Crawley liebte, aus der Gegenwart der Letzteren verbannt, und ſo die arme Dame ein Opfer der Harpyen im Pfarr⸗ hauſe würde, ſo bitte ſie — Rebekka — ihre Freundin — Miß Briggs — ſich zu erinnern, daß ſie in ihrem Hauſe, ſo beſcheiden es immer ſei, ſtlets bereitwillige Aufnahme finden werde. Liebe Freundin,“ rief ſie in einem Aus⸗ bruche von Enthuſiasmus, „es gibt Herzen, welche Wohl⸗ thaten nie vergeſſen; nicht alle Frauenzimmer find Bute Crawleys! Allein weßhalb ſollte ich mich über dieſe Frau beklagen,“ ſetzte Rebekka hinzu; „verdanke ich, ob⸗ gleich ich ihr Werkzeug geweſen, und das Opfer ihrer S. geworden bin, ihr nicht meinen theuerſten Raw⸗ don?“ Und nun enthüllte Rebekka der Briggs das ganze Benehmen der Mrs. Bute zu Queen's Crawley, ein Benehmen, das, obgleich es ihr damals unverſtändlich geweſen, jetzt durch die Ereigniſſe deutlich genug erklärt werde, — jetzt, wo ſich ein Verhältniß gebildet, das Mrs. Bute durch tauſenderlei Künſte begünſtigt, — jetzt, wo ——— ,— —— ———,— 151 zwei unſchuldige Perſonen in die ihnen gelegte Schlinge gefallen, und durch ihre Anſchläge veranlaßt worden ſeien, einander zu lieben, und zu heirathen, und eben dadurch auch ihrem Ruin blindlings entgegen zu gehen. Es war Alles ganz der Wahrheit gemäß. Die Briggs ſah ſo deutlich, wie möglich, die von Mrs. Bute angewandten Kunſigriffe. Die Frau Pfarrerin hatte Rawdon und Rebekka zuſammengebracht. Obgleich aber Letztere ein durchaus unſchuldiges Opfer war, ſo konnte doch Miß Briggs ihrer Freundin nicht verhehlen, wie ſie fürchte, daß Miß Crawley's Liebe ſich für immer von Rebekka abgewandt, und vaß die alte Dame ihrem Neffen es nie verzeihen werde, daß er eine ſo unkluge Heirath eingegangen. In dieſem Punkte hatte Rebekka ihre eigenen An⸗ ſichten, und war noch immer getroſten Muthes. Wenn Miß Crawley ihnen auch nicht jetzt verzieh, ſo konnte ſie doch ſpäter wieder gnädigere Geſinnungen an den Tag legen. Selbſt jetzt ſtand nur noch der ſieche, ſchwächliche Pitt Crawley zwiſchen Rawvon und der Baronetswürde; und ſollte Erſterem Etwas zuſtoßen, ſo würde alles An⸗ dere Nichts zu ſagen haben. Jedenfalls war es eine Ge⸗ nugthuung, die Pläne der Mrs. Bute ohne Rückhalt ent⸗ hüllt, und die Intriguantin in ihrem wahren Lichte hin⸗ geſtellt zu haben, und konnte Rawvon's Intereſſen dienenz und nach einer ſtundenlangen Unterredung mit der wieder⸗ erlangten Freundin verließ Rebekka Letztere unter den zärtlichſten Freundſchafts⸗ und Liebesverſicherungen, und in der vollkommenen Ueberzeugung, daß das Geſpräch, das ſie mit einander gehabt, Miß Crawley berichtet wer⸗ den würde, noch ehe viele Stunden vorüber wären. Als die Unterredung zu Ende war, mußte Rebekla ſich beeilen, in ihr Gaſthaus zurückzukehren, wo die ganze Geſellſchaft vom vorherigen Tage bei einem Abſchieds⸗ frühſtücke beiſammen war. Rebekka nahm von Amalien ſo zärtlich Abſchied, wie es ſich für zwei Frauenzimmer ———————————— ———— 152 ſchickte, die einander wie Schweſtern liebten; und als ſie von ihrem Taſchentuche den größtmöglichen Gebrauch ge⸗ macht, und an dem Halſe ihrer Freundin gehangen, als ob ſie ſich auf immer trennten, und das vorbenannte Taſchen⸗ tuch (das, beiläufig geſagt, ganz trocken war) beim Weg⸗ fahren des Wagens aus dem Fenſter geſchwenkt hatte, — ging ſie an den Tiſch zurück, auf dem die Reſte des Früh⸗ ſtückes lagen, und aß — wenn man ihre Rührung in Anſchlag bringt, mit ziemlichem Appetite — einige See⸗ Garnelen; und während ſie dieſe Delikateſſen verzehrte, erklärte ſie Rawdon, was auf ihrem Morgen⸗Spazier⸗ gange zwiſchen ihr und der Briggs vorgefallen. Sie war von den beſten Hoffnungen erfüllt, und es gelang ihr, ihren Gatten ſo zu ſtimmen, daß auch er dieſelben theilte⸗ Denn war es nicht eine Thatſache, daß ſie durch ihre Ueberredungskunſt ihren Mann ewig und immer zu ihren Anſichten zu bekehren wußte, mochten dieſelben nun trau⸗ riger oder fröhlicher Art ſein? „Du mußt nun, mein Lieber, Dich an den Schreib⸗ tiſch ſetzen, und mir ein kleines hübſches Brieſchen an Miß Crawley ſchreiben, und ihr darin ſagen, daß Du ein guter Junge biſt u. ſ. f.“ Und ſo ſetzte ſich denn Rawdon hin, und ſchrieb flugs; „Brighton, Donnerſtag,“ und „meine liebe Tante:“ aber hier ließ die Phantaſie den tapfern Offizier im Stiche. Er kauete an der Spitze ſeiner Feder, und ſah ſeinem Weibchen ims Geſicht. Dieſe konnte ſich nicht enthalten, über ſeine Jammermiene zu lachen, und, mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf⸗ und abgehend, begann nun das Weibchen dem geiſtes⸗ armen Dragoner einen Brief zu diktiren. „Bevor ich England verlaſſe, und in einen Krieg ziehe, der mir das Leben koſten kann,“ „Was?“ ſagte Rawdon ziemlich überraſcht, fand aber doch Gefallen an dem Humor der Phraſe, und ſchrieb ſie grinſend hin. 153 „Der mir das Leben koſten kann, bin ich hieher ge⸗ kommen —“ „Warum nicht: „hergekommen,“ Becky? „Herge⸗ kommen“ iſt doch gewiß grammatikaliſch richtig,“ fiel der Dragoner ein. „Bin ich hieher gekommen,“ wiederholte Rebekka, mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend, „um meiner theuerſten und älteſten Freundin Lebewohl zu ſagen. Ich bitte Sie, ehe ich ſcheide, um vielleicht nie zurückzu⸗ kommen, flehentlich, mich noch einmal die Hand drücken zu laſſen, aus der ich mein Leben lang Nichts, als Liebes und Gutes, empfangen habe.“ „Aus der ich mein Leben lang Nichts, als Liebes und Gutes, empfangen habe,“ wiederholte Rawdon, die Worte hinkra tzend, und ganz erſtaunt über ſeine außerordentliche Gewandtheit im Briefſchreiben. „Ich verlange von Ihnen Nichts, als daß wir als Freunde von einander ſcheiden. In einigen Stücken, wenn auch nicht in allen, beſitze ich den Stolz meiner Familie. Ich habe die Tochter eines Malers zur Frau genommen, und ſchäme mich dieſer Verbindung ganz und gar nicht.“ „Nein, ich laß' mich hängen, wenn ich's thue!“ rief Rawdon. „Du alter Dummkopf,“ ſagte Rebekka, ihn beim Ohre zupfend, und ſich über ihn beugend, um ſo viel, wie möglich, Schreibfehler von ſeiner Seite zu verhüten, — „flehentlich wird nicht mit einem „d“, ſondern einem „t“ geſchrieben, und nicht mit einem „ä“, ſondern einem „e“.. Der Dragoner, dem überlegenen Wiſſen ſeiner kleinen Miſſis nachgebend, änderte ſofort das Wort ab. „Ich glaubte Sie von unſerem Liebesverhältniſſe un⸗ terrichtet,“ fuhr Rebekka fort: „ich wußte, daß Mrs. Bute Crawley es gut hieß und unterſtützte. Allein ich will hier keine Vorwürfe machen. Ich habe ein armes Mädchen geheirathet, und will die Folgen meines Schrittes auf mich nehmen. Hinterlaſſen Sie Ihr Vermoͤgen, theure 154 Tante, wem Sie wollen: verfügen Sie darüber ganz nach Ihrem Belieben. Ich werde mich nie deßhalb be⸗ klagen. Mein einziger Wunſch iſt, Ihnen die Ueberzeu⸗ gung beizubringen, daß ich Sie nicht um Ihres Geldes, ſondern um Ihrer ſelbſt willen liebe. Ich kann England nicht verlaſſen, ſo lange ich nicht mit Ihnen ausgeſöhnt bin. Geſtatten Sie mir doch, ich bitte Sie inſtändig darum, Sie zu ſehen, ehe ich gehe. In einigen Wochen oder Monaten möchte es zu ſpät ſein; und ich kann den Gedanken, mein Vaterland ohne ein freundliches Abſchieds⸗ wort von Ihnen verlaſſen zu müſſen, nicht ertragen.“ „Sie wird hierin meinen Styl ſchwerlich erkennen,“ ſagte Becky. „Ich habe die Sätze abſichtlich ſo kurz und bündig gemacht.“ Und nun wurde dieſes authentiſche Miſſiv unter Cou⸗ vert an Miß Briggs abgeſchickt. Die alte Miß Crawley lachte, als die Briggs mit äußerſt geheimnißvoller Miene ihr dieſe aufrichtige und ungekünſtelte Epiſtel überreichte. „Wir können es jetzt wohl leſen, da Mrs. Bute fort iſt,“ ſagte ſie. „Leſen Sie mir den Brief vor, Briggs.“ Als die Briggs dem Wunſche ihrer Gebieterin ge⸗ willfahrt hatte, lachte Letztere noch weit mehr. „Sehen Sie nicht, Sie Gans,“ ſagte ſie zu der Briggs, die ſich den Anſchein gab, als ſei ſie von der uneigennützigen Liebe, die in dem ganzen Schreiben ſich ausſprach, gar ſehr ge⸗ rührt, „ſehen Sie nicht, daß Rawdon auch nicht eine Sylbe davon geſchrieben hat? So lange er lebt, hat er noch nie an mich geſchrieben, ohne Geld zu verlangen; und alle ſeine Briefe ſind voller Schreibfehler, voller Sprachfehler, und voll ausgeſtrichener Worte. Die kleine Schlange von einer Gouvernante iſt es, die ihn regiert.“ Sie gleichen Alle einander, dachte Miß Crawley in ihrem Herzen. Alle möchten mich im Grabe ſehen: Alle ſehnen ſich nach meinem Gelde. „Ich habe Nichts dagegen, wenn Rawdon mich ſpre⸗ — — — 155 chen will,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe, und in einem Tone vollkommener Gleichgültigkeit hinzu: „Was ſchadet es, wenn ich ihm die Hand drücke? Warum ſollten wir nicht zuſammen kommen, — vorausgeſetzt, daß es keine Scene gibt? Ich habe Nichts dagegen. Allein die menſchliche Geduld hat ihre Grenzen; und vergeſſen Sie nicht, meine Liebe, Mrs. Rawdon mag ich nicht ſehen: das kann ich nicht ſo ganz ertragen.“ Und Miß Briggs mußte ſich, wohl oder übel, mit dieſer halben Verſöhnungsbotſchaft, zufrieden geben, und vachte, die beſte Art, die alte Dame mit ihrem Neffen zuſammenzubringen, wäre, wenn ſie Rawdon in Kenntniß ſetzte, daß er auf dem Felſen warten ſolle, ſobald Miß Crawley ſich in ihrer Sänfte dorthin bringen ließe, um die Seeluft einzuathmen. Dort trafen ſie auch zuſammen. Ich weiß nicht, ob Miß Crawley noch eine geheime Zuneigung zu ihrem alten Lieblinge hatte, oder ob ſie bei ſeinem Anblicke einige Rührung empfand; — allein ſo viel iſt richtig, daß ſie ihm mit ſo lächelnder Miene, und mit ſo vieler guter Laune ein Paar Finger hinhielt, als ob ſie einanber erſt Tags zuvor geſehen hätten. Und was Rawdon betrifft, ſo wurde er ſo roth, wie ein Scharlachtuch, und riß der armen Briggs beinahe die Hand ab, — ſo groß war ſein Entzücken und ſeine Verwirrung bei dem Zuſammentreffen. Vielleicht war es das Intereſſe, das ihn in ſolche Auf⸗ regung verſetzte; vielleicht war es Affectation; vielleicht war er auch durch die Veränderung gerührt, welche die Krankheit der letzten Wochen im Aeußern ſeiner Tante hervorgebracht hatte. „Die alte Jungfer hat mich ſtets abgetrumpft,“ ſagte er zu ſeiner Frau, als er ihr die Unterredung berichtete, „und es war mir, weißt Du, etwas wunderlich zu Muthe, und ſo fort. Ich ging, weißt Du, neben den, — wie heißen ſie doch? — einher, bis vor ihre Thüre, wo Bowls 156 kam, und ſie hineinführte. Und ich verſpürte in mir gar große Luſt, mit hineinzugehen, aber —“ „Und Du biſt nicht hineingegangen, Raw⸗ don!“ ſchrie ſein Weibchen. „Nein, meine Liebe; der Teufel hole mich, wenn ich mich nicht fürchtete, als es zur Sache kam.“ „Du Narr! Du hätteſt hineingehen, und nicht mehr herauskommen ſollen,“ ſagte Rebekka. „Keine Schimpfworte!“ ſagte der gewaltige Leib⸗ gardiſt vervrießlich. „Vielleicht war ich ein Narr, Becky, aber Du ſollteſt es nicht ſagen. „Und er warf ſeiner Frau einen Blick zu, wie ihn ſein Auge im Zorne her⸗ vorbringen konnte, — einen Blick, dem man nicht beſon⸗ ders gerne begegnen mochte. „Nun, liebſter Rawdon, Du mußt eben morgen wieder auf der Lauer liegen, und ſie aufſuchen, ob ſie Dich nun einladet, oder nicht, behalte es wohl,“ ſagte Rebekka, ihren zornigen Lebensgefährten zu beſänftigen ſuchend, worauf Letzterer erwiederte, daß er thun würde, was ihm beliebte, und daß er ihr rathen möchte, in Zu⸗ kunft ſich einer höflicheren Sprache zu bedienen. Mit dieſen Worten entfernte ſich der gekränkte Ehe⸗ mann, und brachte den Vormittag mürriſch, ſchweigſam, und argwöhniſch im Billard⸗Zimmer zu. Die Nacht war aber noch nicht vorüber, als der tapfere Krieger ſich genöthigt ſah, nachzugeben, und aber⸗ mals der ſo oft bewährten groͤßeren Ein⸗ und Vorſicht ſeiner Frau Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, indem ihre Vorahnungen in Betreff der Folgen des Fehlers, den er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, ſich auf's Traurigſte beſtätigten. Miß Crawley mußte ſich einigermaßen be⸗ wegt gefühlt haben, als ſie ihn nach einem ſo langen Bruche wiederſah, und ihm wieder die Hand drückte. Sie dachte lange Zeit über die Zuſammenkunft nach. „Raw⸗ don wird ſehr dick und alt, Briggs,“ ſagte ſie zu ihrer Geſellſchaftsdame. „Seine Naſe iſt ganz roth geworden, 157 und er ſieht außerordentlich gemein aus. Seine Heirath mit dieſem Frauenzimmer hat ihn zu einem ganz gemei⸗ nen Menſchen gemacht, und er iſt für immer verloren. Mrs. Bute ſagte mir immer, daß ſie mit einander trän⸗ ken; und ich zweifle gar nicht, daß ſie das thun. Ja: er roch noch ganz entſetzlich nach Genever. Ich bemerkte es wohl. Haben Sie es nicht auch wahrgenommen?“ Vergebens wandte die Briggs ein, daß Mrs. Bute von Jevermann Uebles ſage: und ſoweit eine Perſon in ihrer beſcheidenen Stellung zu urtheilen vermöge, ſo ſei ſie ein —“ „Ein Frauenzimmer voller Ränke und Anſchläge, nicht wahr? Ja, das iſt ſie, auch iſt es wahr, daß ſie von Jedermann nur Uebles ſpricht. Aber doch bin ich über⸗ zeugt, daß das bewußte Frauenzimmer ſchuld iſt, wenn Ratdon ſich dem Trunke ergeben hat. Alle dieſe gemei⸗ nen Leute —“ k „Er war ſehr angegriffen, als er Sie ſah, Ma'am,“ ſagte die Geſellſchafterin; „und ich bin überzeugt, Sie werden, wenn Sie bedenken, daß et ſich auf das Feld der Gefahr begibt —“ „Wie viel Geld hat er Ihnen verſprochen, Briggs?“ ſchrie die alte Jungfrau, ſich in eine nervöſe Wuth hin⸗ ein arbeitend — „da haben wir's nun, wie gewöhnlich fangen Sie jetzt an zu flennen. Ich mag keine Scenen. Warum ſoll ich immer geplagt und gequält werden 2 Gehen Sie in Ihr Zimmer hinauf, und weinen Sie dort, und ſchicken Sie die Firkin zu mir, — oder nein, bleiben Sie da, ſetzen Sie ſich, und ſchneuzen Sie ſich, und laſſen Sie Ihr Flennen, und ſchreiben Sie einen Brief an Ca⸗ pitän Crawley.“ Die arme Briggs that, wie ihr befohlen worden, und ſetzte ſich gehorſam an das Schreibbuch. Die Blät⸗ ter deſſelben waren ſämmtlich mit Ueberreſten von der ſtarken, feſten, ſchnellen Hand der Mrs. Bute Crawley, 158 welche die Correſpondenz der alten Jungfrau zuletzt ge⸗ führt hatte, überdeckt. „Fangen Sie an: „„Mein lieber Herr,““ oder „„Lieber Herr,““ das wird beſſer ſein, und ſagen Sie, daß Ihnen Mrs. Crawley, — nein, daß Ihnen Miß Crawley's Arzt, Herr Creamer, den Auftrag gegeben, zu ſagen, daß meine Geſundheit von der Art ſei, daß in meinem dermaligen Zuſtande, wo ich mich noch ſo ſchwach fühle, alle ſtarken Gemüthsbewegungen gefährlich ſeien, — und daß ich fernerhin jedwede Beſprechung über Fa⸗ milienangelegenheiten, und überhaur jedwede Zuſammen⸗ kunft mir verbitten müſſe. Und de en Sie ihm, daß er nach Brighton gekommen, und ſo weier, und ſagen Sie ihm, daß ich ihn erſuche, um meawillen nicht länger hier zu verweilen. Und, Miß Beiggs, Sie können noch hinzuſetzen, daß ich ihm eine glückliche Reiſe wünſche, und daß er, wenn er ſich e Mühe geben wolle, bei mei⸗ nen Advokaten in Sr ar Square vorzuſprechen, dort eine Mittheilung von wir inden werde. Ja, ja, das wird hinreichen, und ihn veronlaſſen, von Brighton weg⸗ zugehen.“ ₰ Die wohlwollende Priggs ſchrieb den letzten Satz mit der größten Zufriehraheit nieder. „Gerade den Fag nach Mrs. Bute's Abreiſe mich anzufallen,“ ſchwatzte die alte Dame fort; „es war wahr⸗ lich allzu unanſtändig. Briggs, meine Liebe, ſchreib' an Mrs. Crawley, und ſag' ihr, ſie brauche nicht zurückzu⸗ kommen. Nein — ſie braucht nicht zurückzukommen — und ſie ſoll auch nicht zurückkommen — und ich mag in meinem Hauſe keine Sklavin ſein — und ich will mich nicht aushungern und vergiften laſſen. Sie wollen mich Alle umbringen — Alle — ja Alle“ — und bei dieſen Worten brach das verlaſſene alte Weib in ein klägliches Geſchrei, und in einen Strom hyſteriſcher Thränen aus. Die letzte Scene ihrer trübſeligen Comödie nahete mit raſchen Schritten; die flimmernden Lampen gingen, 159 eine nach der andern, aus; und der dunkle Vorhang war beinahe am Fallen. 6 Der Schlußparagraph, der Rawdon an Miß Craw⸗ ley's Advokaten in London wies, und den die Briggs mit ſo vieler Gutmüthigkeit geſchrieben hatte, tröſtete den Dragoner und ſeine Frau einigermaßen, als ihr erſter Aerger über die ablehnende Antwort der alten Jungfer vorüber war. Auc erfüllte er vollkommen den Zweck, den die alte Dame beim Schreiben deſſelben im Auge gehabt hatte, indem zwdon es nun nicht erwarten konnte, bis er nach London 11 Mit dem Gelde, v er Jos abgewonnen, und mit den Banknoten George Oborne's bezahlte er die Rech⸗ nung in ſeinem Gaſthofe, ſſen Beſitzer wahrſcheinlich noch bis auf dieſen Tag nin wie unſicher einen Augenblick ſeine Forderung ud. Denn gleichwie ein General vor einem Treffen ſ& Ge k bei der Arriere⸗ Garde in Sicherheit zu bungen pfl , alſo hatte auch Rebekka wohlweislich ihr werthollles Eigenthum zuſam⸗ mengepackt, und durch George's 4 ner wegbringen laſſen, der mit dem Eilwagen nach London zuräckkehrte, um die darauf gepackten Koffer nicht aus dem Auge zu verlieren. Nawvon und ſeine Frau kehrten an dem darauffolgenden Tage mit derſelben Gelegenheit nach der Stadt zurück. „Ich hätte die alte Jungfer vor unſerer Abreiſe doch noch einmal ſehen mögen,“ ſagte Rawdon. „Sie fieht ſo krank und verändert aus, vaß ſie es gewiß nicht mehr lange treiben kann. Möchte wohl wiſſen, auf wie⸗ viel die Anweiſung bei Wary lautet. Zweihundert — es kann nicht weniger, als zweihundert ſein, — he, Becky?“ In Folge der wiederholten Beſuche gewiſſer Herren, deren Porträts auf einer der voranſtehenden Seiten ge⸗ geben worden ſind, kehrte Rawdon mit ſeiner Frau nicht nach ſeiner Wohnung in Brompton zurück, ſondern ſtieg in einem Gaſthofe ab. An dem varauf folgenden Mor⸗ gen, ganz in der Frühe, hatte Rebekka Gelegenheit, die⸗ ſelben zu ſehen, als ſie auf ihrem Wege nach dem Hauſe der alten Mrs. Sevley in Fulham, wohin ſie ſich begab⸗ um nach ihrer theuren Amalie und ihrem Brightoner Freunde zu fragen, an jener Vorſtadt vorbei kam. Sie waren Alle nach Chatham, und von va nach Harwich ge⸗ gangen, um ſich mit dem Regimente nach Belgien einzu⸗ ſchiffen, — während ſie die gute alte Mrs. Sedley in ſehr gedrückter Stimmung, und weinend, und einſam fand. Als Rebekka von dieſem Beſuche zurückkam, fand ſie ihren Mann, der in Gray's Jnn geweſen war, und nun wußte, woran er ſich zu halten hatte. Er war ganz wüthend zurückgekommen. „Beim Zeus, Becky,“ ſagte er, „ſie hat mir nur zwanzig Pfund gegeben!“ Obgleich ſie ſelbſt varunter litten, war der Streich doch gar zu gut, und Becky brach über Rawdon's langes Geſicht in ein ſchallendes Gelächter aus. 161 Sechsundzwanzigſtes Rapitel. Zwiſchen London und Chatham. Als unſer Freund George Brighton verließ, fuhr er, wie es einer in einer vierſpännigen Barouche reiſenden Perſon von Rang und Faſhion ziemte, in der ſtattlichſten Weiſe von der Welt an einem ſchoͤnen Hotel in Caven⸗ diſh Square vor, wo eine Reihe prachtvoller Zimmer, und eine mit ſuperbem Silbergeſchirre bedeckte, und von einem halben Dutzend ſchweigſamer, in ſchwarzer Kleidung ſteckender Kellner umgebene Tafel für die beiden Neuver⸗ mählten in Bereitſchaft waren. George machte ganz in der Art eines Fürſten, Jos und Dobbin gegenüber, die Honneurs des Ortes; und Amalie führte zum erſten Male, und zwar mit außerordentlicher Schüchternheit und Aengſt⸗ lichkeit, den Vorſitz an ihrem eigenen Tiſche, wie George es zu nennen beliebte. George hatte gar Vieles an dem Weine auszuſetzen, und jagte die Kellner in ächt königlicher Weiſe hin und herz und was Jos betrifft, ſo ſchlang er die Schildkrö⸗ tenſuppe mit unendlichem Wohlgefallen hinunter. Dobbin gab ihm davon, denn die Dame des Hauſes, vor der die Terrine aufgeſtellt war, kannte den Inhalt verſelben ſo wenig, daß ſie Herrn Sedley ſerviren wollte, ohne ihm Calipaſh oder Calipen zu geben. Der Glanz des Diners, und des Zimmers, worin daſſelbe gegeben wurde, machte Herrn Dobbin unruhig, der, als das Eſſen vorüber war, und Jos bereits in dem großen Lehnſeſſel ſchlief, ſeinem Freunde gegenüber einige Vorſtellungen wagte. Allein er ließ ſich vergebens gegen Der Jahrmarkt des Lebens. U. 11 die enorme Verſchwendung auf, und remonſtrirte umſonſt gegen die Schildkrötenſuppe und den Champagner, die, wie er ſagte, allenfalls bei einem Erzbiſchofe ſo gut an⸗ zutreffen ſei. „Ich bin ſtets gewohnt geweſen, wie ein Gentleman zu reiſen,“ ſagte George, „und ich will ver⸗ dammt ſein, wenn ich meine Frau nicht wie eine Lady reiſen laſſe. So lange ich noch einen Schuß in der Schublade habe, ſoll ſie an Nichts Mangel leiden,“ ſagte der großmüthige Burſche, in hohem Grade mit ſich ſelbſt zufrieden wegen der von ihm an den Tag gelegten Pracht⸗ liebe. Auch machte Dobbin keinen Verſuch, ihm die Ue⸗ berzeugung beizubringen, daß Amaliens Glück nicht auf dem Genuſſe von Schilvkrötenſuppe beruhe. Kurz nach dem Eſſen drückte Amalie ziemlich ſchüch⸗ tern den Wunſch aus, ihre Mutter in Fulham beſuchen zu dürfen, und George erlaubte es ihr, obwohl etwas mürriſch. Sofort trippelte ſie in ihr ungeheures Schlaf⸗ zimmer, in deſſen Mitte das koloſſale Prachtbett ſtand, „in dem die Schweſter des Kaiſers Halirander ſchlief, als die alliirten Souveräne hier waren,“ und warf über die Maßen vergnügt und in aller Eile ihren Shawl um, und ſetzte ihren Hut auf. George ſaß noch bei ſeinem Claret, als ſie in den Speiſeſaal zurückkam, und machte keine Anſtalten zum Aufbruche. „Willſt Du mich nicht vegleiten, Theuerſter?“ fragte ſie. Nein; der „Theuerſte“ hatte an jenem Abende Geſchäfte. Sein Diener ſollte ihr einen Wagen holen, und mit ihr gehen. Und als nun ver Wagen vor der Thüre des Hotels ſtand, machte Ama⸗ lie, nachdem ſie George vergebens einige Male in's Ge⸗ ſicht geſchaut, ihm einen kleinen Knicks, worin ſich ein Anflug von Aerger zu erkennen gab, und ging traurig die große Treppe hinab, mit Capitän Dobbin, der ihr nachfolgte, ihr einſteigen half, und das Fuhrwerk nach ſeinem Beſtimmungsorte abgehen ſah. Sogar der Kam⸗ merdiener ſchämte ſich, vor den Kellnern dem Miethkut⸗ V V 163 ſcher die Adreſſe anzugeben, und ſagte, er wolle ihn in⸗ ſtruiren, wenn ſie weiter fort wären. Dobbin ging nach ſeinem alten Quartiere in dem Slaughters'⸗Kaffeehaufe, und dachte höchſt wahrſcheinlich bei ſich ſelbſt, daß es die höchſte Wonne wäre, in der be⸗ wußten Miethkutſche bei Mrs. Osborne zu ſitzen. George's Geſchmack war offenbar ganz anderer Art; denn als er Wein genug getrunken hatte, ging er zum halben Preiſe in das Theater, um Herrn Kean in der Rolle des Shylock zu ſehen. Capitän Osborne war ein großer Freund des Schauſpiels, und hatte ſelbſt bei verſchiedenen theatrali⸗ ſchen Vorſtellungen, welche die Offiziere des Regiments gegeben hatten, mit vielem Glücke tragiſche Rollen ge⸗ ſpielt. Jos ſchlief unterdeſſen gemüthlich fort, und es war ſchon lange dunkel geworden, als er durch die Be⸗ wegungen ſeines Dieners, der die Flaſchen auf dem Liſche entfernte und leerte, plötzlich aufgeweckt wurde, worüber der dicke Herr zuſammenſchrak; ſofort wurde die Mieth⸗ kutſchen⸗Station abermals in Requiſition geſetzt, und es kam ein Gefährt, um den Steuereinnehmer von Boggley Wol⸗ lah nach Hauſe und in's Beit zu bringen. Es läßt ſich nicht anders erwarten, als daß Mrs. Sedley ihre Tochter mit all⸗ der einer ſo zärtlichen Mut⸗ ter zukommenden Liebe an ihr Herz drückte, und als der Wagen vor dem kleinen Gartenthore hielt, eifrigſt zur Thüre hinauseilte, um die weinende, zitternde junge Frau zu bewillkommen. Der alte Herr Clapp, der in Hemd⸗ ärmeln ſich in ſeinem Gärtchen zu ſchaffen machte, fuhr erſchrocken zurück. Das iriſche Dienſtmädchen eilte aus der Küche herauf, und lächelte der jungen Frau ein „Grüß Gott“ zu. Amalie vermochte kaum über die ſtei⸗ nernen Platten und die Treppe weg in das Empfangzim⸗ mer zu gehen. Wie die Thränen⸗Schleuſen ſich öffneten, und Mut⸗ ter und Tochter weinten, als ſie in dieſem Heiligthum beiſammen waren, und einander umarmten, kann ſich je⸗ der Leſer denken, der nur halbwegs ſentimental iſt. Wann weinen Frauenzimmer nicht? Bei welchem freudigen, oder traurigen, oder andern Anlaſſe? Und gewiß durften nach einem Ereigniſſe, wie die Hochzeit eines iſt, Mutter und Tochter ſich einer Senfibilität hingeben, die eben ſo zärt⸗ lich, als erquickend iſt. Aus Anlaß einer Heirath habe ich ſchon Frauenzimmer, die einander haſſen, ganz zärtlich zuſammen weinen und einander küſſen ſehen. Um wie viel ſtärker ſind nun ihre Gefühle, wenn ſie einander lie⸗ ben! Gute Mütter machen bei der Trauung ihrer Toͤchter die Hochzeitsceremonie von Neuem durch: und wer weiß nicht, was die ſpäteren Ereigniſſe betrifft, wie ultramüt⸗ terlich die Großmütter find? — In der That weiß eine Frau oft nur dann erſt recht, was es heißt, Mutter zu ſein, — wenn ſie Großmutter geworden iſt. Wir wollen daher Amalie und ihre Mama bei ihrem Flüſtern, und Weinen, und Lachen, und Schluchzen im Empfangzimmer und in der Dämmerung nicht ſtoͤren. Auf jeden Fall that es der alte Herr Sedley nicht. Er hatte nicht er⸗ rathen, wer in der Kutſche ſaß, als dieſelbe vor dem Hauſe hielt. Er war nicht ſeiner Tochter entgegengeeilt, obgleich er ſie bei ihrem Eintreten in das Zimmer (wo er, wie immer, mit ſeinen Papieren, und ſeinen Schnüren, und ſeinen Bilanzen ſich beſchäftigte) mit vieler Herzlichkeit küßte, und ließ wohlweislich das Zimmerchen im aus⸗ ſchließlichen Beſitze der Mutter und der Tochter, nachdem er einen Augenblick bei ihnen ſitzen geblieben war. George's Kammerdiener ſah mit überaus hochmü⸗ thiger Miene Herrn Clapp an, wie derſelbe in Hemdär⸗ meln ſeine Roſenſträuche begoß. Indeſſen nahm er mit vieler Herablaſſung den Hut vor Herrn Sedley ab, der ihn nach ſeinem Schwiegerſohne und nach Jos' Wagen fragte, und ob ſeine Pferde auch in Brighton geweſen ſeien, und was man von dem hoͤlliſchen Verräther Bona⸗ party und dem Kriege ſage, — bis das iriſche Dienſt⸗ mädchen mit einem Teller und einer Flaſche Wein er⸗ — — 165 ſchien, aus der der alte Herr dem Kammerdiener ſchlech⸗ terdings einſchenken wollte. Auch gab er ihm eine halbe Guinee, die der Diener mit einer Miſchung von Ver⸗ wunderung und Verachtung in die Taſche ſteckte. „Auf das Wohl Ihres Herrn und Ihrer Herrin, Trotter,“ ſagte Herr Sedley, „und da haben Sie Etwas, um Ihre Ge⸗ ſundheit zu trinken, wenn Sie nach Hauſe kommen, Trot⸗ ter.“ Amalie hatte das kleine Häuschen und ihre Eltern erſt ſeit neun Tagen verlaſſen, — aber wie viele Zeit ſchien ihr ſchon verſtrichen zu ſein, ſeitdem ſie denſelben Lebewohl geſagt. Welch' ein Abgrund lag zwiſchen ihr und ihrem früheren Leben. Sie konnte von ihrem jetzigen Standpunkte aus darauf zurückblicken, und da erſchien ihr, faſt wie ein anderes Weſen, das junge unverheira⸗ thete Mädchen, das, in ihre Liebe verſunken, für nichts Anderes ein Auge hatte, als für einen einzigen Gegen⸗ ſtand; das die elterliche Liebe, wenn auch nicht undank⸗ bar, ſo doch gleichgültig und als Etwas, worauf ſie An⸗ ſpruch habe, hinnahm; — deſſen ganzes Herz und deſſen Gedanken alle nur auf die Erfüllung eines Wunſches gerichtet waren. Der Rückblick auf dieſe kaum erſt ent⸗ ſchwundne, und doch ſchen in ſo grauer Ferne liegende Vergangenheit erweckte in ihr ein Gefühl der Scham; und der Anblick ihrer guten Eltern erfüllte ſie mit zärt⸗ licher Reue. War der Preis — der Himmel des Lebens — gewonnen, und die Gewinnerin immer noch unbefrie⸗ digt und in Zweifeln befangen? Gewöhnlich läßt der Romanſchreiber, wenn ſein Held und ſeine Heldin in den Hafen der Ehe eingelaufen ſind, den Vorhang fallen, als ob das Drama nun vorüber, — als ob die Zweifel und Kämpfe des Lebens nun zu Ende, — als ob im Lande der Ehe Alles grün und Wonne wäre, und als ob Mann und Frau nun nichts Anderes zu thun hätten, als einan⸗ der beim Arme zu nehmen, und in Glück und Zufrieden⸗ heit langſam dem Grabe zuzuſteuern. Aber unſere kleine Amalie war eben erſt in ihrer neuen Heimath ausgeſtie⸗ gen, und ſah ſchon, vom Ufer aus, bange nach den trau⸗ rigen, freundlichen Geſtalten zurück, die auf dem entge⸗ gengeſetzten fernen Ufer, über das Waſſer hin, ihre Tücher ſchwenkten, um ihr Lebewohl zu ſagen. Die Mutter erachtete es für nothwendig, zu Ehren der jungen Frau einen kleinen Feſtſchmeus anzurichten. Als man daher ſich ein Wenig ausgeſprochen hatte, ver⸗ abſchiedete ſie ſich auf eine Weile von Mrs. George Os⸗ borne, und tauchte in die untern Regionen des Hauſes, in eine Art Küchen⸗Parlour hinab (wo Herr und Mrs. Clapp, und Abends, wenn ihr Geſchirr gewaſchen und ihre Haarwickeln abgenommen waren, Miß Flannigan, das iriſche Dienſtmädchen, ſich aufhielten), um dort die nöthigen Anſtalten zur Bereitung eines großartigen Feſt⸗ thees zu treffen. Ein jeder Menſch hat ſo ſeine Art, ſeine Liebe an den Tag zu legen, und es ſchien Mrs. Sedley, daß ein Muffin *) und ein Quantum Orangemarmelade in einer kleinen Kryſtallſchale für Amalie in ihrer überaus intereſſanten Lage ganz beſonders erwünſchte Erfriſchungen wären. Während drunten alle dieſe Delikateſſen zubereitet wurden, ging Amalie, den Salon verlaſſend, die Treppe hinauf, und befand ſich bald, faſt ohne zu wiſſen, wie ihr geſchah, in dem Zimmerchen, das ſie vor ihrer Hei⸗ rath bewohnt, und auf demſelben Stuhle, auf dem ſie ſo manche bittere Stunde zugebrcht hatte. Sie ſank in die Arme des Seſſels zurück, als ob derſelbe ein alter Freund wäre, und dachte über die vergangene Woche, und das darüber hinausliegende Leben nach. Schon traurig und voll unbeſtimmter Unruhe zurückzublicken: ſtets ſich nach Etwas zu ſehnen, das, wenn erlangt, mehr den Zweifel und die Traurigkeit in ſeinem Geleite hatte, als das Ver⸗ gnügen; das war das Loos unſeres armen kleinen Geſchöpfs, *) Müffchen, eine Art Butterſemmel. 167 und des harmloſen einſamen Wanderers in dem dichten Menſchengewühl auf dem Jahrmarkte des Lebens. Da ſaß ſie nun, und rief ſich ſo gern das Bild des George zurück, vor dem ſie vor ihrer Heirath gekniet hatte. Geſtand ſie ſich wohl auch, wie verſchieden der wirkliche Mann von dem prächtigen jungen Helden ſei, den ſie angebetet hatte? Es braucht viele, viele Jahre — und ein Mann muß wirklich ſehr ſchlecht ſein — bis der Stolz und die Eitelkeit eines Weibes ſich zu einem ſol⸗ chen Geſtändniſſe herbeilaſſen. Dann erſchienen ihr auch die funkelnden grünen Augen, und das unheilbringende Lächeln Rebekka's, und erfüllten ſie mit Bangigkeit. Und ſo ſaß ſie eine Weile da, in ihr gewöhnliches ſelbſtſüchti⸗ ges Brüten verſunken, und ganz und gar in jener gleich⸗ gültigen und melancholiſchen Haltung, in der das ehr⸗ liche Dinſtmädchen ſie an dem Tage gefunden hatte, als ſie ihr den Brief hinaufbrachte, worin George bei Amalien ſeinen Heirathsantrag erneuerte. Sie ſah nach dem weißen Bettchen hin, das noch vor wenigen Tagen das ihrige geweſen war, und meinte, ſie mochte dieſe Nacht gerne darin ſchlafen, und am Mor⸗ gen, beim Erwachen, wie früher, ihre lächelnde Mutter an ihrer Seite erblicken. Dann dachte ſie mit Schrecken an den großen, unheimlichen Damaſtpabillon in dem un⸗ geheuren, und düſteren Staatsſchlafzimmer, das in dem großen Hotel in Cavendiſh Square auf ſie wartete. Das liebe weiße Bettchen! Wie manche lange Nacht hatte ſie auf dem Kiſſen deſſelben weinend zugebracht! Wie oft hatte ſie verzweifelt, und darin zu ſterben gehofft; und waren jetzt nicht alle ihre Wünſche erfüllt, und war jetzt nicht der Geliebte, an dem ſie verzweifelt war, für immer der Ihrige? Die gute Mutter! Mit welcher Geduld und Zärtlichkeit hatte ſie an dieſem Bette gewacht! Sie kniete ſofort an demſelben nieder; und es ſuchte dieſe verwun⸗ dete und ſchüchterne, aber ſanfte und liebende Seele da Troſt, wo unſer kleines Mädchen, wie wir zugeben müſſen, 168 bis daher nur ſelten ſich darnach umgeſehen hatte. Bis daher war die Liebe ihr Glaube geweſen; und das trau⸗ rige, blutige, in ſeinen Erwartungen getäuſchte Herz begann nun zu fühlen, daß es einen andern Tröſter brauche. Haben wir ein Recht, ihr Gebet zu wiederholen, oder zu behorchen? Dieß, mein Bruder, ſind Geheimniſſe, und gehören nicht zu dem Jahrmarkte des Lebens, auf dem unſere Erzählung ſich bewegt. Indeſſen mag hier ſoviel geſagt werden, daß, als ver Thee endlich ſervirt war, unſere junge Dame weit froher die Treppe herunterkam; daß ſie nicht mehr in der frühe⸗ ren zaghaften Stimmung war; daß ſie nicht mehr ihr Schickſal beklagte, oder an George's Kälte, und an die Augen Rebekka's dachte, wie ſie in der letzten Zeit ſo oft gethan. Sie ging die Treppe hinab, und küßte ihren Va⸗ ter und ihre Mutter, und ſchwatzte mit dem alten Herrn, und machte ihn heiterer, als er ſeit langer Zeit geweſen. Sie ſetzte ſich an das Piano⸗Forte, das Dobbin ihr ge⸗ kauft hatte, und ſang alle alten Lieblingslieder ihres Vaters. Sie erklärte den Thee für vortrefflich, und lobte den ſel⸗ tenen Geſchmack, womit die Marmelade in den Schalen ſervirt war. Und während ſie ſich ſo vornahm, Jeder⸗ mann in ihrer Nähe glücklich zu machen, fand ſie ſich ſelbſt glücklich, und ſchlief in dem großen düſtern Pavillon ruhig ein, und wachte erſt dann mit einem Lächeln auf, als George aus dem Theater zurückkam. An dem darauf folgenden Tage hatte George Wich⸗ tigeres zu thun, als Herrn Kean in der Rolle des Shy⸗ lock zu ſehen: dieſes Mal hatte er wirklich „Geſchäfte“ zu verrichten. Unmittelbar nach ſeiner Ankunft in London hatte er an die Advokaten ſeines Vaters geſchrieben, und denſelben ſeinen königlichen Willen kund gethan, daß Tags darauf zwiſchen ihnen eine Unterredung Statt haben müſſe. Durch ſeine Verluſte im Billard⸗ und Kartenſpiel in der Ship⸗Inn zu Brighton — Verluſte, welche Capi⸗ 169 tän Crawley zu gut gekommen waren, — war die Börſe des jungen Manns faſt geleert worden. Vor ſeinem Weg⸗ gange mußte er ſie daher wieder füllen, und es blieb ihm Nichts übrig, als die zweitauſend Pfund, zu deren Aus⸗ bezahlung die Sachwalter von dem älteren Osborne beauf⸗ tragt worden waren, anzugreifen. Er war innerlich überzeugt, vollkommen überzeugt, daß ſein Vater in Kur⸗ zem nachgeben würde. Wie konnte auch ein Vater auf die Länge gegen einen ſolchen Ausbund von Vollkommen⸗ heit, wie er, ſich verhärten? Würden ſeine bloßen früheren und perſönlichen Verdienſte nicht im Stande ſein, den Vater zu erweichen, ſo wollte George in dem bevor⸗ ſtehenden Feldzuge ſich ſo ungeheuer hervorthun, daß der alte Herr wohl oder übel von ſeinem Entſchluſſe wieder abſtehen mußte. Und wenn nicht? Bah! Die ganze weite Welt lag vor ihm. War er nicht jung, konnte er nicht in Zukunft im Kartenſpiel mehr Glück haben 2 Und auf jeden Fall waren ja zweitauſend Pfund nicht ſo leicht durchzubringen. Er ſchickte alſo Amalie abermals im Wagen zu ihrer Mutter, mit der ſtrengen Weiſung und Carte blanche für die beiden Damen, alles Nöthige für eine Frau von Mrs. George Osbornels Stellung in der Welt einzukau⸗ fen, und NRichts zu vergeſſen, was eine ſolche in's Ausland reiſende Dame brauchen konnte. Sie hatten nur einen Tag zu allem Dieſem, und es läßt ſich daher leicht denken, daß dieſes Geſchäft ſie ziemlich in Anſpruch nahm. Als Mrs. Sedley wieder in einem Wagen ſaß, von der Mode⸗ handlerin zum Leinwandhändler fuhr, und von dienſtfertigen Ladendienern, oder höflichen Principalen an den Wagen zurückbegleitet wurde, war ſie beinahe wieder die alte Mrs. Sedley, und zum erſten Male ſeit ihrem Unglücke wieder wahrhaft glücklich. Aber auch Mrs. Amalie hatte ihre Freüde an dieſen Ladenbeſuchen, am Feilſchen, am Beſehen und Kaufen hübſcher Sachen. (Würde wohl ein Mann, — würde wohl der größte Philoſoph einen Groſchen um ein 10 Frauenzimmer geben, die an ſolchen Dingen keine Freude hätte ²) Sie kam daher der Weiſung ihres Mannes recht gerne nach, und kaufte für ſich ein Quantum von Klei⸗ dungsſtücken und ſonſtigen einer Dame nöthigen Artikeln, wobei ſie, nach dem Zeugniſſe aller Commis und Laden⸗ inhaber, mit denen ſie zu thun hatte, gar viel Geſchmack und Schönheitsſinn an den Tag legte. Und was den bevorſtehenden Krieg betraf, ſo beun⸗ ruhigte ſich Mrs. Osborne nicht allzu ſehr darüber; Bo⸗ naparty mußte faſt ohne Kampf erdrückt werden. Es ſegelten faſt Tag um Tag von Margate Paketboote voll faſhionabler Herren und hochgeſtellter Damen ab, die nach Brüſſel und Gent gingen. Man ging nicht ſowohl in den Krieg, als auf eine faſhionable Tour. Die Zeitungen verhoͤhnten den miſerablen Emporkömmling und Schwind⸗ ler. Wie konnte auch ein ſolcher korſiſcher Tropf den vereinigten Heeren von Europa und dem Genie des un⸗ ſterblichen Wellington widerſtehen! Amalie hegte die groͤßte Verachtung gegen ihn; denn es braucht wohl kaum erſt hier geſagt zu werden, daß dieſes ſanfte und liebe Geſchöpf ſich nach der Meinung der Leute richtete, die ſie umgaben, und in ihrer Treue viel zu beſcheiden war, um für ſich ſelbſt zu denken. Mit einem Worte alſo: ſie widmete in der Geſellſchaft ihrer Mutter den ganzen Tag den beſagten Ladenbeſuchen, und legte bei dieſem ihrem erſten Erſcheinen in der vornehmen Londoner Welt nicht wenig Geſchmack und Thätigkeit an den Tag. Unterdeſſen machte ſich George, mit dem Hute auf einer Seite und mit überaus „forſcher“, martialiſcher Miene, nach Bedford Row auf, und trat ſo gravitätiſch in das Bureau des Sachwalters, als ob er der Herr und Gebieter jedes bleichwangigen, dintenkleckſenden Schreibers daſelbſt wäre. Er gab in ſtolzer Gönnerweiſe Jemand den Befehl, Herrn Higgs zu benachrichtigen, daß Capitän Osborne gekommen, und ihn ſprechen müſſe, als ob der Pekin von einem Sachwalter, der doch drei Mal mehr 171 Kopf, fünfzig Mal mehr Geld, und tauſend Mal mehr Erfahrung, als er, beſaß, ein ganz unbedeutendes Subject wäre, das augenblicklich alle ſeine Geſchäfte liegen laſſen müſſe, um dem Capitän zu Dienſten zu ſein. Er bemerkte nicht das verächtliche Lächeln, das durch das ganze Zim⸗ mer, vom erſten Schreiber bis zu den Incipienten, von den Incipienten bis zu den zerlumpten Copiſten und bleich⸗ wangigen Ausläufern in ihren zu eng gewordenen Klei⸗ dern, hinlief, während er ſo vaſaß, mit ſeinem Spazierſtocke auf den Stiefel ſchlug, und dachte, welcher Pack von elenden armen Teufeln alle dieſe Leute ſeien. Die elenden armen Teufel waren mit dem Stande ſeiner Angelegen⸗ heiten vollkommen vertraut. Sie ſprachen Abends, beim Bierglaſe, im Wirthshauſe mit andern Schreibern dar⸗ über. Ihr Götter, was wiſſen nicht die Advokaten und Advokatenſchreiber in London! Nichts bleibt ihrem Auge verborgen, und ihre Vertrauten beherrſchen in aller Stille unſere Metropole. Vielleicht hoffte George, als er in das Bureau des Herrn Higgs trat, eine Botſchaft von ſeinem Vater vor⸗ zufinden, wodurch der Advokat ermächtigt wäre, mit ihm einen Vergleich zu treffen, oder eine gegenſeitige Ausſöh⸗ nung herbeizuführen; vielleicht ſollte ſein hochmüthiges und kaltes Benehmen ſeinen Muth und ſeine Entſchloſſen⸗ heit bekunden; wenn aber dieſes der Fall war, ſo traf ſein hochfahrendes Weſen beim Advokaten auf eine ſo eiſige Kälte und Gleichgültigkeit, daß daneben alles „Forſchthun“ als vollkommen abſurd erſcheinen mußte. Er gab ſich im Augenblicke, wo der Capitän eintrat, den Anſchein, als ſei er mit Schreiben beſchäftigt. „Nehmen Sie doch gefälligſt Platz, Sir,“ ſagte erz „in einem Augenblicke werde ich Ihre kleine Angelegenheit vornehmen. Herr Poe, ein Quittungsformular!“ — Und dann fuhr er fort zu ſchreiben. Als Poe das verlangte Papier gebracht hatte, be⸗ 172 rechnete ſein Principal den Betrag von 2000 Pfund Stock *) nach dem Tagescourſe, und fragte Capitän Osborne, ob er für die Summe eine Anweiſung auf das Bankhaus haben wolle, oder ob er für ihn durch letzteres Stock bis zu dem genannten Betrage kaufen laſſen ſolle. „Einer der Curatoren der ſeligen Mrs. Osborne iſt gegenwärtig nicht in der Stadt,“ ſagte er gleichgültig; „allein mein Client wil! Ihren Wünſchen entgegenkommen, und das ganze Geſchäft ſo raſch wie möglich abgethan wiſſen.“ „Geben Sie mir eine Anweiſung auf das Bankhaus, Sir,“ ſagte der Capitän höchſt verdrießlich. „Zum Henker mit den Shillingen und Halfpence, **) Sir,“ ſetzte er hinzu, während der Advokat die Anweiſung ausfertigte; und in dem ſchmeichelhaften Glauben, daß er durch dieſe Kundgebung ſeiner Großmuth die alte Schreiberſeele be⸗ ſchämt habe, ſchritt er aus dem Bureau, mit dem Papier in der Taſche. „Der Burſche ſitzt in zwei Jahren im Schuldthurme,“ ſagte Herr Higgs zu Herrn Poe. 6 ſich wohl Osborne nicht herumbringen laſſen, r „Wird wohl das Monument ſich nicht herumbringen laſſen?“ antwortete Herr Higgs. „Er treibt's ordentlich,“ ſagte der Schreiber. „Er iſt erſt ſeit einer Woche verheirathet, und ſchon habe ich ihn, in Geſellſchaft einiger andern Burſche vom Militär⸗ ſtande, Mrs. Highflyer nach dem Schauſpiele in den Wa⸗ gen heben ſehen.“ Sofort ging es an ein anderes Geſchäft, und ſo fand von jetzt an George Osborne keinen Platz mehr in dem Gedächtniſſe dieſer würdigen Herren. Die Anweiſung lautete auf unſere Freunde Hulker und Bullock von Lombard⸗Street; und dahin begab ſich )i. e in Staatspapieren, **) Halbe Pence. 173 nun George, immer noch im Glauben, daß er ſeinen Ge⸗ ſchäften nachgehe. Er erhlelt ſein Geld. Frederick Bul⸗ lock, Eſquire, deſſen gelbes Geſicht ſich über ein Lagerbuch neigte, vor welchem ein ernſt ausſehender Commis ſaß, war gerade in dem Kaſſenzimmer, als George hereintrat. Sein gelbes Geſicht nahm eine noch leichenhaftere Farbe an, als er den Capitän erblickte, und er ſchlich ſich in ſeinem Schuldbewußtſein in das innerſte Zimmer zurück. George war zu ſehr damit beſchäftigt, das Geld anzu⸗ ſtieren (denn noch nie war eine ſo große Summe in ſei⸗ nem Beſitze geweſen), als daß er das Geſicht oder die Flucht des cadavroſen Liebhabers ſeiner Schweſter bemerkt hätte. Frederick Bullock erzählte dem alten Osborne das Erſcheinen und Benehmen ſeines Sohns. „Er kam mit einer Zuverſicht herein, über die Nichts geht,“ ſagte Fre⸗ derick. „Er hat ſich Alles bei Heller und Pfennig geben laſſen. Wie lange wird ein ſolcher Burſche, wie er, mit einigen hundert Pfund reichen?“ Osborne ſchwor hoch und theuer, daß es ihm ganz und gar gleichgültig wäre, wann oder wie bald derſelbe damit fertig würde. Von nun an aß Frederick täglich in Ruſſell Square. Seinerſeits war George hochlich zufrie⸗ den mit den Geſchäften, die er im Laufe des Tages ge⸗ macht. All' ſein Gepäck ward raſch geordnet, und er bezahlte Amaliens Einkäufe mit Anweiſungen auf ſeine Agenten, und in der glänzenden Weiſe eines Lords. 174 Siebenundzwanzigſtes Rapitel. Worin Amalie zu ihrem Regimente ſtößt. Das erſte Geſicht, das Amalie, als Jos' ſchöner Wagen vor dem Hotel in Chatham hielt, erkannte, war das freundliche Antlitz Capitän Dobbin's, der ſchon über eine Stunde die Straße auf⸗ und abgegangen war, in der Hoffnung, ſeine Freunde heranfahren zu ſehen. Der Capitän hatte in ſeinem mit Militärknöpfen verſehenen Rocke, in ſeiner carmefinrothen Schärpe, und mit ſeinem Säbel, ein durchaus militäriſches Ausſehen, ſo daß Jos ganz ſtolz darauf war, einen ſolchen Mann zu ſeinem Bekannten rechnen zu dürfen, und daß der dicke Civiliſt ihn mit einer Herzlichkeit begrüßte, die auch nicht ent⸗ fernt an den Empfang erinnerte, den Jos ſeinem Freunde in Brighton und Bond Street zu Theil werden ließ. Bei dem Capitän war Fähndrich Stubble, der, als die Barvuche ſich dem Gaſthofe näherte, in die Osborne's Wahl alle Ehre machenden Worte: „Beim Zeus! welch' hübſches Weibchen!“ ausbrach. In der That ſah auch Amalie in den Roſabändern, ſowie in der Peliſſe, die fie zum erſten Male bei ihrer Trauung getragen, und mit der durch die ſchnelle Reiſe in der freien Luft verurſachten Röthe im Geſichte ſo friſch und hübſch aus, daß das Compliment des Fähndrichs vollkommen am Platze war. Dobbin machte es viele Freude, daſſelbe zu hören. Als er vortrat, um die Dame beim Ausſteigen zu unterſtützen, ſah Stubble, welch' hübſches Händchen ſie ihm gab, und welch' holdes hübſches Füßchen ſie auf den Tritt ſetzte. Er wurde ſcharlachroth im Geſichte, und machte die aller⸗ beſte Verbeugung, deren er fähig warz worauf Amalie, —— —— als ſie die Nummer des — ſten Regiments auf die Mütze des Fähndrichs geſtickt ſah, mit Erröthen und Lächeln, und einem Knickſe ihrerſeits antwortete: — natürlich ward nun auch der junge Fähndrich auf der Stelle beſiegt. Dobbin legte von dieſem Tage an gar viele Freundſchaft für Herrn Stubble an den Tag, und munterte ihn, wenn ſie bei Spaziergängen, oder auf dem Zimmer des Einen oder Anderen allein waren, auf, von Amalien zu ſprechen. Bald wurde es unter allen ehrlichen jungen Burſchen des — ſten Regiments Mode, Mrs. Osborne zu bewundern und anzubeten. Ihr einfaches, ungekünſteltes Betragen, ſowie die beſcheidene Freundlichkeit, die, wie wir wiſſen, ihr eigen war, gewann ihr alle noch unverdorbenen Her⸗ zen; es würde jedoch unmöglich ſein, in einem Buche all' dieſes einfache und holde Weſen zu beſchreiben. Wer iſt aber auf ein ſolches noch nicht bei Frauenzimmern geſtoßen, und wer hat noch nicht alle Arten ſchöner und guter Ei⸗ genſchaften an ihnen bemerkt; wenn ſie Einem auch Nichts weiter ſagen, als daß ſie für die nächſte Quadrille bereits engagirt, oder daß es ſehr heiß ſei? George, der bei ſei⸗ nem Regimente ſtets für einen ritterlichen Mann gegolten hatte, ſtieg unendlich in der Achtung der jungen Leute des Corps durch den Edelmuth, den er an den Tag gelegt, indem er dieſes vermögensloſe junge Geſchöpf geheirathet, ſowie davurch, daß er ſich eine ſo hübſche freundliche Le⸗ bensgefährtin auserkoren. In dem Wohnzimmer, das der Reiſenden wartete, fand Amalie zu ihrem großen Erſtaunen einen an Mrs. Capitän Osborne adreſſirten Brief. Es war ein drei⸗ eckiges Briefchen auf roſafarbenem Papier; als Siegel bemerkte man darauf eine Taube mit einem Oelzweige; und was das hellblaue Siegellack betraf, ſo war in dieſem Falle ein verſchwenderiſcher Gebrauch davon gemacht wor⸗ den; die Handſchrift aber war offenbar die eines Frauen⸗ zimmers, und ſehr groß, obgleich unentſchieden. 176 „Es iſt Peggy O'Dowd's Fauſt,“ ſagte George lachend. „Ich ſehe es am Siegel.“ und in der That war es ein Billet von der Frau Majorin O'Dowd, worin ſie Mrs. Osborne bat, fie möchte noch an demſelben Abende ihr das Vergnügen machen, ſich bei einer kleinen Geſellſchaft von Freunden in ihrer Wohnung einzufinden. „Du mußt gehen,“ ſagte George. „Du wirſt dort mit dem ganzen Regimente bekannt werden. O'Dowd hat das Commando über das Regiment erhalten, und Peggy führt das Commando über O'Dowd.“ Ihr Entzücken über Mrs. O'Dowd's Brief hatte aber noch nicht viele Minuten gedauert, als die Thüre aufflog, und eine ſtämmige, muntere Dame im Reitkleide, gefolgt von einigen Offizieren des Regiments, in das Zimmer trat. „Fürwahr, ich konnte nicht bis zur Theezeit war⸗ ten. George, mein lieber Junge, ſtellen Sie mich Ihrer Gemahlin vor. Madame, es freut mich unendlich, Sie zu ſehen, und Ihnen meinen Mann, Major O'Dowd, vorzuſtellen.“ Bei dieſen Worten ergriff die muntere Dame im Reitkleide mit vieler Herzlichkeit Amaliens Hand, und Letztere wußte nun mit einem Male, daß die Dame vor ihr ſtehe, über die ihr Mann ſo oft gelacht. „Ihr Mann da hat Ihnen gewiß genug von mir erzählt,“ ſagte die Dame mit vieler Lebhaftigkeit. „Er hat Ihnen gewiß genug von ihr erzählt,“ wie⸗ derholte ihr Mann, der Major. Amalie antwortete lächelnd, daß dem wirklich ſo ſei. „Und gewiß hat er Ihnen nicht viel Gutes von mir geſagt,“ erwiederte Mrs. O'Dowd, und fügte noch bei, daß George ein nichtsnutziger Teufel ſei. „Das kann ich verbürgen,“ ſagte der Major, der den Verſuch machte, eine ſchlaue Miene anzunehmen, worüber George natürlich lachte; was aber Mrs. O'Dowd betrifft, ſo bedeutete ſie dem Major mit einem leichten Schlage, den ſie ihm mit ihrer Reitpeitſche gab, daß er vr Ur 177 ruhig ſein ſolle, und bat ſofort, der Frau Hauptmann Oosborne in aller Form vorgeſtellt zu werden. „Dieß, meine Liebe,“ fagte George mit vieler Gra⸗ vität, „iſt meine ſehr gute, liebe und vortreffliche Freun⸗ din Amalie Margaretta, ſonſt Peggy genannt.“ „Meiner Treu, Sie haben Recht,“ fiel der Major ein. „Sonſt Peggy genannt, Gemahlin des Majors Mi⸗ chael O'Dowd, von unſerem Regimente, und Tochter von Fitziurld Ber'sford de Burgo Malony von Glenmalony, Grafſchaft Kildare.“ „Und Murhan Squeer, Doblin,“ ſagte die Dame mit ruhiger Superivrität. „Und Muryan Square, ja, ja,“ flüſterte der Major. Und dort haſt Du um mich gefreit, mein beſter Meejor,“ ſagte die Dame. Und der Major gab zu dieſem, wie zu jedem andern Ausſpruche, der gewohnlich in einer Geſellſchaft gethan wurde, ſeine Zuſtimmung. „Major O'Dowd, der ſeinem Koͤnige in allen Thei⸗ len der Welt gedient, und jede Beforderung durch eine mehr als hinreichende kühne und tapfere That erkauft hatte, war der beſcheidenſte, ſchweigſamſte, unterwürfigſte und ſanfteſte aller kleinen Männer, und ſeiner Frau ſo gehorſam, als ob er ihr Laufburſche geweſen wäre. Am Offizierstiſche verhielt er ſich ſtets ganz ſchweigſam, und trank viel. Sobald er voll war, torkelte er ſchweigend nach Hauſe. Wenn er ſprach, ſo geſchah es ſtets, um Jedem in jedem ordentlichen Punkte Recht zu geben. Und ſo kam er in vollkommener Ruhe und in der beſten Laune durch's Leben. Die heißeſte Sonne Indiens hatte ihn nie in Hitze zu hringen, und das Walcheren⸗Fieber nie ſeine Gemüthsruhe zu erſchüttern vermocht. Er ging auf eine Batterie mit eben ſo bieler Gleichgültigkeit und Ruhe los, wie auf einen Speiſetiſch; er hatte Pferdefleiſch und Schild⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. I. 12 178 krötenſuppe gleich gern und mit demſelben Appetit gegeſſen; auch hatte er eine alte Mutter, Mrs. O'Dowd von O'Dowd'stown, der er nie ungehorſam geweſen war, es ſei denn, als er ihr entlief, um ſich anwerben zu laſſen, und als er die odiöſe Peggy Malony aller Einſprache zum Trotze heirathete. Peggy war eine der fünf Töchter und elf Kinder des edlen Hauſes von Glenmalony; ihr Gatte aber war, obwohl ihr leiblicher Vetter, doch nur von mütterlicher Seite mit ihr verwandt, und hatte ſonach nicht die unſchätzbare Ehre, mit den Malonies verwandt zu ſein, die ſie für die erſte Familie der Welt hielt. Als ſie nach neun zu Dub⸗ lin, und zwei zu Bath und Cheltenham verlebten Saiſons keinen Lebensgefährten gefunden hatte, befahl Miß Ma⸗ lony ihrem Vetter Mick, ſie zu heirathen. Sie war damals etwa dreiundreißig Jahre alt, und da der ehrliche Burſche that, was ſie haben wollte, ſo nahm er ſie nach Weſtin⸗ dien mit, um in der Geſellſchaft der Damen des — ſten Regiments, in das er ſo eben durch Tauſch getreten war, den Vorſitz zu führen. Mrs. O'Dowd war noch keine halbe Stunde in Amaliens Geſellſchaft (ſie hielt es übrigens mit allen andern Menſchen ebenſo) geweſen, und ſchon hatte die liebenswürdige Dame ihrer neuen Freundin Alles mitge⸗ theilt, was auf ihre Abkunft und ihren Stammbaum Be⸗ zug hatte. „Meine Liebe,“ ſagte ſie gutmüthig, „es war meine Abſicht, Garge zu meinem Schwager zu ma⸗ chen, und meine Glorvina würde ganz und gar für ihn gepaßt haben. Da aber, was einmal geſchehen, nicht mehr zu ändern iſt, und da er mit Ihnen ſchon verſprochen war, ſo habe ich mich entſchloſſen, Sie als eine Schweſter anzunehmen, und Sie als eine ſolche zu betrachten, und — Sie wie ein Glied meiner Familie zu lieben. Meiner Treu, Sie haben ein ſo hübſches, gutmüthiges Geſicht, und ein ſo freundliches Weſen, daß wir uns gewiß ver⸗ — 179 „ tragen werden, und auf jeden Fall bilden Sit einen Zu⸗ wachs zu unſerer Familie. „Meiner Seel', das wird ſie,“ ſagte O⸗Dowd mit einer Miene, worin ſeine Zuſtimmung ſich ausſprach; und was Amalie betrifft, ſo fühlte ſie ſich nicht wenig belu⸗ ſtigt, und zu Dank verpflichtet, ſo plötzlich in eine ſo große Verwandtſchaft aufgenommen zu werden. „Wir Alle hier ſind gute Burſche,“ fuhr die Frau Majorin fort. „Es gibt kein Regiment in königlichem Dienſte, wo Sie eine einträchtigere Geſellſchaft, und einen angenehmeren Offizierstiſch finden werden. Bei uns gibt es keine Streitigkeiten, keine Zänkereien, keine Verläum⸗ dungen, keine böſen Mäuler. Wir Alle lieben einander.“ „Ganz beſonders Mrs. Mogenis,“ ſagte George lachend. „Mrs. Capitän Magenis und ich haben uns wieder ausgeſöhnt, obgleich die Art, wie ſie ſich gegen mich be⸗ tragen, mir vor Kummer graue Haare machen, und mich in's Grab bringen könnte.“ „Und doch haſt Du ſo prächtige ſchwarze Locken, meine liebe Peggy,“ rief der Major. „Halt's Maul, Mick, Du Dummkopf. Die Ehe⸗ männer ſtehen Einem immer im Wege, meine liebe Mrs. Osborne; und was meinen Mick anlangt, ſo ſage ich ihm immer und ewig, daß er nie das Maul aufmachen ſollte, es ſei denn, um zu commandiren, und Speiſe und Trank in daſſelbe zu führen. Ich werde Ihnen Alles, was das Regiment betrifft, mittheilen, und Ste warnen, wenn wir einmal allein ſind. Stellen Sie mich nun Ihrem Bruder vor; fürwahr, er iſt ein gewaltig hübſcher Mann, und erinnert mich an meinen Vetter Dan Malony (Malony von Ballymalony, meine Liebe, wiſſen Sie, der Ophalia Scully, von Oystherstown, eine leibliche Coufine von Lord Poldoody, heirathete). Mr. Sedley, Sir, es freut mich unendlich, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Vermuth⸗ lich ſpeiſen Sie heute am Offizierstiſche. (Denk' an den verteufelten Doktor, Mick, und bleib fein nüchtern, denn ich habe dieſen Abend Geſellſchaft.)“ „Das 150 ſte gibt uns heute ein Abſchiedseſſen, mein Schatz,“ fiel der Major ein; „wir werden aber für Herrn Sedley ohne Mühe eine Karte bekommen.“ „Gehen Sie, Simple (Fähndrich Simple, von unſe⸗ rem Regimente, meine liebe Amalie, ich habe vergeſſen, denſelben Ihnen vorzuſtellen), — gehen Sie eiligſt zu Oberſt Tadiſh, und melden Sie ihm viele Complimente von Mrs. jor O'Dowd, und ſagen Sie ihm, Capitän Oeborne habe ſeinen Schwager mitgehracht, und werde ſich Schlag fünf Uhr mit demſelben am Speiſetiſche des 150ſten einfinden, — und dann koͤnnen wir, meine Liebe, hier Etwas zu uns nehmen, wenn Sie Luſt haben.“ Und noch hatte Mrs. O'Dowd nicht ausgeredet, als bereits der junge Fähndrich die Treppe hinabeilte, um ſeinen Auftrag auszurichten. „Gehorſam iſt die Seele der Armee. Wir wollen unſerem Dienſte nachgehen, während Mrs. O'Dowd bei Dir bleibt, und Dir die verſprochenen Aufſchlüſſe gibt, Emmy,“ ſagte Capitän Osborne; worauf die beiden Ca⸗ pitäne ſich je eines Armes des Majors bemächtigten, und mit dieſem Offiziere, über ſeinem Kopfe weg einander zu⸗ grinſend, abmarſchirten. und jetzt, wo ſie bei ihrer neuen Freundin allein war, fing die ungeſtüme Mrs. O Dowd an, eine ſolche Unmaſſe von Nachrichten und Mittheilungen jeder Art preiszugeben, daß wir wohl nicht zu viel ſagen, wenn wir behaupten, daß das Koͤpfchen eines armen Weibchens zur Aufnahme derſelben zu klein war. Sie ſagte Ama⸗ lien tauſend Einzelheiten über die ſehr zahlreiche Familie, unter deren Glieder ſich die erſtaunte junge Dame ſo mit einem Male aufgenommen ſah. „Mrs. Heavytop, die Oberſtin, ſtarb in Jamaika am gelben Fieber, wozu ſich noch ein tiefer Gram geſellt hatte, denn der abſcheuliche glte Oberſt, mit einem Kopfe, ſo kahl, wie eine Kano⸗ —— 181 7 nenkugel, beliebäugelte dort eine Mulattin. Mrs. Magenis war, obwohl ohne alle Erziehung, ein gutes Weib, hatte aber ein Teufelsmaul, und würde ihre eigene Mutter beim Whiſt betrügen. Mrs. Capitän Kirk muß fürwahr bei dem Gedonken an ein ehrliches Spiel ihre Hummer⸗ Augen zum Himmel emporheben, (wiewohl mein Vater, ein ſo frommer Mann, als je einer in die Kirche ging, mein Onkel Dane Malony, und unſer Vetter, der Biſchof, jeden Abend ihres Lebens ein Paar Partien Whiſt oder Loo ſpielten). Dieſes Mal geht keine von Beiden mit dem Regimente,“ ſetzte Mrs. O'Dowd hinzu. „Fanny Magenis bleibt bei ihrer Mutter, die höchſt wahrſcheinlich einen kleinen Kohlen⸗ und Kartoffel⸗ handel in Jslington⸗Town, ganz in der Nähe von London, treibt, obwohl ſie immer und ewig mit den Schiffen ihres Vaters prahlt, und ſie uns mit den Fingern zeigt, wenn ſie den Fluß hinauffahren; und Mrs. Kirk wird mit ihren Kindern hier, in Bethesda Place bleiben, um in der Nähe von ihrem Lieblingsprediger, Doktor Ramshorn, zu ſein. Mrs. Bunny iſt in intereſſanten Umſtänden — ja, ja, ganz, wie gewöhnlich — und hat dem Lieutenant bereits ſieben geboren. Und Fähndrich Posky's Frau, die zwei Monate vor Ihnen zu uns kam, meine Liebe, hat mit Tom Posky wohl ſchon ein Paar Dutzend Male Streit gehabt, daß man es in der ganzen Kaſerne, hören konnte (man ſagt, ſie hätten einander ſchon die Köpfe blutig ge⸗ ſchlagen, und Tom wußte nie anzugeben, woher er ſein blaues Auge hatte); ſie wird nun zu ihrer Mutter heim⸗ gehen, die zu Richmond eine Schule für junge Damen hält, — warum iſt ſie aber auch von dort entlaufen? Wo haben Sie Ihre letzte Erziehung erhalten, meine Liebe? Ich habe die meinige — und ich muß ſagen, daß dabei keine Koſten geſcheut wurden — in der Anſtalt der Madame Flanahan, zu Ilyſſus Grove, Booterstown, bei Dublin, erhalten, wo wir eine Marquiſin hatten, um uns den ächten Pariſer Aceent beizubringen, und einen „ 182 ehemaligen franzöſiſchen Generalmajor, um uns in der Grammatik zu unterrichten.“ In dieſe bunte Familie ſah ſich ſo unſere erſtaunte Amalie mit einem Male aufgenommen, und ſo ſah ſie Mrs. O'Domd ſich als eine ältere Schweſter beigegeben. Ihren übrigen weiblichen Verwandten wurde ſie beim Abendthee vorgeſtellt, und wir müſſen der Wahrheit gemäß ſagen, daß ſie, da ſie ruhig, gutmüthig, und nicht zu ſchön war, auf dieſelben einen recht angenehmen Eindruck machte, bis die Herren von dem großen Eſſen des 150 ſten Regimentes kamen, und ſie Alle dermaßen bewunderten, daß ihre Schweſtern natürlich anfingen, an ihr Ausſtellungen zu machen. „Hoffentlich hat Osborne ſich nun die Hörner abge⸗ laufen,“ ſagte Mrs. Magenis zu Mrs. Bunny. „Wenn aus einem gebeſſerten Wüſtlinge ein guter Ehemann wer⸗ ven kann, ſo ſind fürwahr ihre Ausſichten nicht die ſchlech⸗ teſten, und Garge wird ſich machen,“ bemerkte Mrs. O⸗Dowd gegen die Posky, die nun ihre Stellung als jüngſte Frau beim Regimente eingebüßt hatte, und natürlich über die Uſurpatorin ganz böſe war. Und was Mrs. Kirk be⸗ trifft, ſo ſtellte die Schülerin von Doktor Ramshorn einige Hauptfragen an Amalie, um zu ſehen, ob ſie vom Geiſte des Herrn erweckt, ob ſie eine gute Chriſtin, und ſo wei⸗ ter wäre, und als ſie aus den ſchlichten Antworten der Mrs. Osborne herausfand, daß dieſelbe noch in tiefſter Finſterniß wandie, ſo ſteckte ſie ihr drei kleine Tractät⸗ chen mit Illuſtrationen, — die „Finſterniß voll heulender Thiere,“ die „Waſchfrau von Wandsworth Common,“ und „des britiſchen Soldaten beſtes Bajonet,“ — in die Hand, welche, da Mrs. Kirk ihren Kopf darauf geſetzt hatte, Amalie noch vor dem morgenden Tage aus ihrem Sündenſchlafe aufzuwecken, Letztere noch an demſelben Abende, bevor ſie zu Bette ginge, leſen ſollte. Alle Männer aber, als gute Burſche, die ſie waren, ſammelten ſich um das hübſche Weibchen ihres Kamera⸗ 183 den, und machten ihr mit der bei Soldaten gewöhnlichen Galanterie den Hof. Sie feierte einen kleinen Triumph, der ſie in Aufregung verſetzte, und ihre Augen funkeln machte. George war ganz ſtolz auf ihre Popularität, und nicht wenig erfreut über das zugleich muntere und graziöſe, obgleich naive und etwas ſchüchterne Weſen, womit ſie die Aufmerkſamkeiten der Herren empfing, und ihre Complimente erwiederte. Und er in ſeiner Uniform — wie unendlich hübſcher war er, als irgend einer der im Zimmer anweſenden Männer! Sie fühlte, daß er ſie liebevoll beobachtete, und war von Freude über ſeine Güte durchglüht. „Ich will mit allen ſeinen Freunden freund⸗ lich ſein,“ beſchloß ſie in ihrem Herzen. „Ich will Alle lieben, ſo ihn lieben. Ich will ſtets bemüht ſein, munter und gutlaunig zu erſcheinen, um ihn in ſeinem häuslichen Leben glücklich zu machen.“ Das Regiment adoptirte ſie in der That auf's Freu⸗ digſte. Die Capitäns ſprachen ihre Billigung, die Lieu⸗ tenants ihren Beifall, die Fähndriche ihre Bewunderung aus. Der alte Doktor Cutler machte ein Paar Witze, die, als in ſeinen Beruf einſchlagend, hier nicht wiederholt zu werden brauchen; und Cackle, ver aſſiſtirende M. D. von Edinburgh, ließ ſich herab, ſie in der Litteratur zu eraminiren, und ſtellte ſie mit ſeinen drei beſten franzö⸗ ſiſchen Citaten auf die Probe. Der junge Stubble ging von Einem zum Andern, und flüſterte dabei: „Beim Zeus⸗ iſt es nicht ein nettes Weibchen?“ und wandte ſeine Augen nie von ihr ab, außer wenn der Negus *) ſervirt wurde. Was Capitän Dobbin anlangt, ſo ſprach er den ganzen Abend faſt kein Wort mit ihr. Er brachte jedoch mit Capitän Porter vom 150ſten Regimente Jos nach ſeinem Hotel, denn es befand ſich derſelbe wieder einmal *) Ein Getränk aus Wein, Waſſer, Zucker, Muskate und Citronenſaft. 184 in einem ziemlich benebelten Zuſtande, und hatte mit vie⸗ lem Erfolge ſowohl am Offizierstiſche, als der in ihrem Turban und Paradiesvogel prangenden Mrs. O'Dowd, während der Soirée, ſeine Tigerjagd⸗Geſchichte aufge⸗ tiſcht. Nachdem Dobbin den Steuereinnehmer von Bogg⸗ ley Wollah den Händen ſeines Bedienten überliefert hatte, ging er in der Straße auf und ab, und rauchte vor der Thüre ſeines Gaſthauſes eine Cigarre. Mittlerweile hatte George ſeine Frau ſorgfältigſt eingeſhawlt, und ſie aus Mrs. O'Dowd's Wohnung weggebracht, nachdem ein all⸗ gemeines Händedrücken von Seiten der jungen Offiziere Statt gefunden hatte, die ſie an den Wagen hinabbeglei⸗ teten, und belebehochten, während die Kutſche ſich ent⸗ fernte. Als es an's Ausſteigen ging, ſtand Dobbin da, und es reichte ihm Amalie ihr kleines Händchen, und machte ihm lächelnd Vorwürfe darüber, daß er den ganzen Abend gar keine Notiz von ihr genommen. Der Capitän überließ ſich noch lange, nachdem die Leute im Gaſthauſe und auf der Straße zu Bette gegan⸗ gen waren, dem verderblichen Vergnügen des Rauchens. Er beobachtete, wie die Lichter von den Fenſtern von George's Wohnzimmer verſchwanden, und in dem daran⸗ ſtoßenden Schlafzimmer ſich wieder zeigten. Es war faſt Morgen, als er nach ſeiner Wohnung zurückkehrte. Er konnte den freudigen Lärm und die Hurrah⸗Rufe horen, die vom Fluſſe her kamen, wo die Transport⸗Schiffe be⸗ ihre Ladungen einnahmen, ehe ſie die Themſe hinab⸗ glitten. 185 Achtundſwanzigſtes Rapitel. Worin Amalie in die Niederlande einfällt. Das Regiment ſollte ſammt ſeinen Offizieren ſich auf Fahrzeugen einſchiffen, welche die Regierung Sr. Ma⸗ jeſtät zur Bewerkſtelligung des Transportes lieferte; und zwei Tage nach der bei Mrs. O'Dowd Statt gefundenen Soirée fuhren die Transport-Schiffe inmitten des Freu⸗ dengeſchreies der Seeleute auf ſämmtlichen im Fluſſe lie⸗ genden Oſtindienfahrern, und des am Ufer ſtehenden Mi⸗ litärs, und unter ven Tönen der von der Regimentsmuſik geblaſenen National⸗Hymne: „God ſave the King,“ dem Schwenken der Hüte von Seiten der Offiziere, und den wackern Hurrah⸗Rufen der Mannſchaft, den Fluß hinab, um unter Convoy auf Oſtende zuzuſteuern. Unterdeſſen hatte der wackere Jos ſich entſchloſſen, ſeiner Schweſter, ſowie der Frau Majorin, deren Gepäck und ſonſtige Habe, mit Einſchluß ves famoſen Paradiesvogels und des Tur⸗ bans, ſich zum größten Theile bei der Regimentsbagage befand, als Eskorte zu dienen: ſo daß unſere zwei Hel⸗ dinnen faſt ohne alle Unbequemlichkeit bis nach Ramsgate kamen, wo es nicht an Packet⸗Booten fehlte, die zwiſchen dieſem Hafen und Oſtende fuhren, und auf deren einem ſie bald ihren Beſtimmungsort erreichten. Die nun folgende Periode von Jos' Leben war ſo voller Ereigniſſe, daß er noch viele Jahre hernach davon zu erzählen wußte, und ſelbſt die Tigerjagd⸗Geſchichte in⸗ tereſſanteren Erzählungen über die große Campagne von Waterloo weichen mußte. Sobald er ſich dazu verſtanden hatte, mit ſeiner Schweſter in's Ausland zu ziehen, konnte man bemerken, 186 vaß er es unterließ, ſeine Oberlippe zu raſiren. Zu Chath⸗ am fand er ſich mit größter Pünktlichkeit bei allen Pa⸗ raden und Exercitien ein. Er hörte mit größter Auſmerk⸗ ſamkeit den Geſprächen ſeiner Kameraden und Collegen (wie er ſie in ſpäteren Zeiten bisweilen nannte) zu, und merkte ſich ſo viele militäriſche Namen, wie möglich. Bei dieſen Studien unterſtützte ihn die treffliche Mrs. O'Dowd nicht wenig; und am Tage, wo ſie ſich endlich auf der „Lovely Roses einſchifften, die ſie an ihren Beſtim⸗ mungsort bringen ſollte, erſchien er in einem polniſchen Rocke, in Duck⸗Hoſen *), und einer mit einem präch⸗ tigen goldenen Sturm⸗Bande geſchmückten Militärmütze. Da er ſeinen Wagen bei ſich hatte, und, obwohl nur ganz im Vertrauen, Jedermann am Bord ſagte, daß er zu der Armee des Herzogs von Wellington ſtoße, ſo hielt man ihn irriger Weiſe für eine gar wichtige Perſon, für einen⸗ General⸗Commiſſär, oder zum Allerwenigſten für einen von der Regierung abgeſandten Courier. Während der Ueberfahrt war er ungeheuer leidend, und nicht weniger, wo nicht mehr ſeekrank, als die Da⸗ men; Amalie aber wurde, als das Packetboot die Küſte von Oſtende erreichte, durch den Anblick der Transport⸗ ſchiffe, die mit ihrem Regimente faſt zu gleicher Zeit, wie die Lovely Roſe, in den Hafen einliefen, wieder in's Le⸗ ben zurückgerufen. Jos begab ſich, mehr todt als lebend, in ein Gaſthaus, während Capitän Dobbin die Damen eskortirte, und ſich ſofort damit beſchäftigte, Jos' Wagen und Gepäck aus dem Schiffe und dem Zollamte heraus⸗ zubekommen; denn Herr Jos war im Augenblicke ganz hülflos, da ſein eigener wohlgenährter und verwöhnter Bedienter mit dem Osborne's zu Chatham ſich in eine Verſchwörung eingelaſſen, und Beide ohne Weiteres er⸗ klärt hatten, ſie würden nicht über das Waſſer gehen. Dieſe ſo unerwartet, und noch am letzten Tage zum Aus⸗ *) Duck, Art grohen Zeugs zu Säcken, Segeln ꝛc, 20. 187 bruch gekommene Revolte, beunruhigte Herrn Sedley jun. dermaßen, daß er ſchon auf dem Punkte war, die Erpe⸗ dition aufzugeben; allein Capitän Dobbin (der ſich, wie Jos ſagte, in dieſer Angelegenheit ungemein geſchäftig und dienſtfertig zeigte) ſchalt und lachte ihn tüchtig aus: der Schnurrbart war bereits im ſchoͤnſten Wachsthume begriffen, und endlich ließ ſich Jos zur Einſchiffung be⸗ wegen. Anſtatt der gut geſchulten und wohlgenährten Londoner Bedienten, die nur engliſch ſprechen konnten, fand Dobbin für Jos' Geſellſchaft einen kleinen belgiſchen Diener von dunkelbrauner Geſichtsfarbe, der gar keine Sprache ſprechen konnte, aber durch ſein geſchäftiges We⸗ ſen, ſowie dadurch, daß er Herrn Sedley ſtets mylordele, in kurzer Zeit die Gunſt des Letzteren ſich erwarb. Die Zeiten ſind jetzt in Oſtende andere geworden; von den Briten, welche dahin gehen, ſehen nur äußerſt wenige wie Lords aus, oder handelt kaum Einer, wie die eben genannten Glieder unſerer erblichen Ariſtokratie. Sie ſchei⸗ nen größtentheils ſchäbig in ihrem Anzuge, und ſchmutzig in ihrer Wäſche zu ſein, und das Billard⸗Spiel, und den Branntwein, und Cigarren, und ſchmutzige Speiſe⸗ häuſer über Alles zu lieben. Es kann aber als Norm angenommen werden, daß jeder Engländer bei der Armee des Herzogs von Welling⸗ ton pünktlich bezahlte: die Erinnerung an eine ſolche Thatſache ziemt ſicherlich einer Nation von Krämern. Es war ein Segen für ein handelliebendes Land, von einem ſolchen Heere von Kunden überſchwemmt zu wer⸗ den, und ſo ſolide Krieger zu Koſtgängern zu bekommen. Und das Land, zu deſſen Schutze ſie herbeikamen, iſt kein kriegeriſch geſinntes. Seit langer, langer Zeit hat es andern Völkern als Tummelplatz gedient. Als der Ver⸗ faſſer dieſer Geſchichte ſich dahin begab, um das Schlacht⸗ feld von Waterlov mit Ablerblicken zu überſchauen, fragte er den Condukteur der Diligence, einen ſtattlichen, kriege⸗ riſch ausſehenden Veteranen, ob er bei der Schlacht geweſen 188 wäre. „Pas si béte“ — lautete die Antwort, und gewiß würde nie ein Franzoſe ſo Etwas gedacht, oder geſagt haben. Dagegen war aber auch der Poſtillon, der uns fuhr, ein Vicomte, und Sohn eines bankerotten kaiſerlichen Generals: ſeines Ranges ungeachtet nahm er während der Fahrt ein Glas Bier von uns an. Die Lehre, die ſich daraus ziehen läßt, iſt ſicherlich keine ſchlechte. Dieſes flache, blühende, wohlhabende Land konnte wohl nie einen reicheren und glänzenderen Anblick darge⸗ boten haben, als zu Anfang des Sommers 1815, wo ſeine grünen Felder und ruhigen Städte durch Tauſende von Rothröcken belebt: wo ſeine breiten Chauſſeen von brillanten engliſchen Equipagen bedeckt: wo ſeine großen an fetten Weiden, und netten, alterthümlichen Dörfern, und alten, von alten Bäumen umgebenen Schlöſſern vor⸗ beigleitenden Kanal⸗Boote alle mit wohlhabenden engliſchen Reiſenden überfüllt waren; wo der Soldat, der in der Dorf⸗Kneipe trank, nicht allein trank, ſondern auch ſeine Zeche bezahlte, und Donald, der Hochländer, *) der in dem flämiſchen Bauerhauſe einquartirt worden, das Kind wiegte, während Jean und Jeannette das Heu einheimsten. Da unſere Maler eben jetzt ſich viel mit militäriſchen Gegenſtänden beſchäftigen, ſo nehme ich mir die Freiheit, ihnen dieſen Zug als zur gehorigen Darſtellung eines ehr⸗ lichen britiſchen Krieges weſentlich nothwendig, ſpeziell zu empfehlen. Alles ſah ſo brillant und harmlos aus, wie bei einer Revue in Hyde Park. Unterdeſſen bereitete Napoleon, hinter ſeiner Kette von Grenzfeſtungen, ſich auf den Krieg vor, der alle vieſe ordentlichen Leute in Wuth bringen, in ein Blutbad treiben, und ſo viele von ihnen ins Grab ſtürzen ſollte. *) Dieſes Vorfalls iſt Erwähnung gethan in Herr Gleig' „Geſchichtel der Schlacht von Waterloo,“ einem Werke, das noch nicht lange erſchienen. 4 — 189 Ein Jeder hatte ein ſo vollkommenes Zutrauen zu dem Anführer (denn das entſchloſſene Vertrauen, das der Herzog von Wellington der ganzen engliſchen Nation ein⸗ geflößt hatte, war eben ſo ſtark, wie der wildere Enthu⸗ ſiasmus, womit einſt die Franzoſen ihren Napoleon betrachteten); das Land ſchien in ſo gutem Vertheidigungs⸗ ſtande, und, im Falle der Noth, die Hülfe ſo nahe und nachhaltig zu ſein, daß man von einer Furcht Nichts wußte, und unſere Reiſenden, unter denen doch zwei natür⸗ lich einer ſehr furchtſamen Gattung angehörten, wie alle andern, ſo zahlreichen engliſchen Touriſten, vollkommen ruhig waren. Das famoſe Regiment, von dem wir ſo viele Offiziere kennen gelernt haben, wurde auf Kanal⸗ Booten nach Brügge und Gent gebracht, um von da nach Brüſſel zu marſchiren. Jos begleitete die Damen auf einem der öffentlichen Boote, deren prächtiger und beque⸗ mer Einrichtung ſich Alle die noch zu erinnern wiſſen werden, die einſt in Flandern reisten. So ungeheuer gut war vas Eſſen und Trinken am Bord dieſer zwar höchſt langſamen, aber außerordentlich comfortablen Fahrzeuge, daß man ſich dort von einem engliſchen Reiſenden erzählt, der, auf eine Woche nach Belgien gekommen, in einem dieſer Bvote gefahren, und von der Koſt, die er da gefun⸗ den, ſo entzuckt geweſen, daß er bis zur Erfindung der Eiſenbahnen perpetuirlich von Gent nach Brügge, und von Brügge nach Gent gefahren ſei, und bei der letzten Fahrt des Bootes ſeinen Tod im Waſſer geſucht und gefunden habe. Jos ſollte keines ſolchen Waſſertodes ſterben; in⸗ deſſen fühlte er ſich ungemein behaglich, und Mrs. O'Dowd behauptete, daß einzig und allein noch ihre Schweſter Glorvina fehle, um ſein Glück zu einem vollkommenen zu machen. Er ſaß den ganzen Tag über auf dem Dache der Cajüte, trank flämiſches Bier, ſchrie nach Iſivor, ſei⸗ nem Bedienten, und ſprach in galanter Weiſe mit den Damen. Sein Muth war grenzenlos. „Boney uns angrei⸗ 190 fen!“ rief er. „Mein liebes Geſchoöpf, meine arme Emmy, Du brauchſt Dich nicht zu fürchten. Von einer Gefahr kann gar keine Rede ſein. Ich ſage Dir, die Allürten ſind in zwei Monaten in Paris, und dann führe ich Dich, beim Zeus, in's Palais⸗Royal zum Eſſen. Es ſind 300,000 Ruſſen da, ſage ich Dir, die über Mainz und den Rhein in Frankreich eindringen, — 300,000 unter Wittgenſtein und Barclay de Tolly, mein armes Kind. Du verſtehſt von militäriſchen Dingen Nichts, meine Liebe. Ich aber verſtehe mich darauf, und ſage Dir, daß keine franzöſiſche Infanterie ſich mit der ruſſiſchen meſſen kann, und daß kein General Boney's Wittgenſtein das Waſſer bietet. Dann kommen die Oeſtreicher, zum Allerwenigſten 500,000 Mann ſtark, und es ſtehen dieſelben, unter Schwarzenberg und Erzherzog Karl, in dieſem Augenblicke nur noch zehn Tagemärſche von der Grenze. Dann haben wir die Preußen unter dem tapfern Fürſt⸗Marſchall. Sag' mir einen Cavallerie⸗General, der ihm gleichkommt, ſeit⸗ dem Murat den Tod gefunden. He, Mrs. O'Dowd? Glauben Sie, daß unſer junges Weibchen da Urſache habe, ſich zu fürchten? Iſt Grund dazu vorhanden, Iſidor? He, Monſieur? Bringen Sie noch mehr Bier!“ Mrs. O'Dowd meinte, ihre Glorvina fürchte ſich vor Niemand auf der Welt, am Allerwenigſten aber vor einem Franzoſen, und ſtürzte ein Glas Bier mit einem Augen⸗ blinzen hinunter, das ihre Vorliebe für das Getränk ge⸗ nugſam anzeigte. Da unſer Freund, der Steuereinnehmer, gar oft vor dem Feinde, oder, mit andern Worten, vor den Damen zu Cheltenham und Bath geſtanden hatte, ſo hatte er auch einen großen Theil ſeiner früheren Furchtſamkeit verloren, und war jetzt, beſonders wenn er durch geiſtige Getränke ſich geſtärkt hatte, ſo geſprächig, wie nur möglich. Bei dem Regimente hatte er ſich ſo ziemlich beliebt gemacht, da er die jungen Offiziere prächtig bewirthete, und ſie durch das militäriſche Anſehen, das er ſich gab, beluſtigte. Und wie es in unſerer Armee ein Regiment gibt, dem — —— 194 beim Marſche ſtets eine Ziege vorangeht, und ein anderes, das von einem Hirſche angeführt wird, ſo ſagte George in Beziehung auf ſeinen Schwager, daß ſein Regiment mit einem Elephanten marſchiere. Seit George Amalie bei dem Regimente eingeführt hatte, fing er an, ſich eines Theiles der Geſellſchaft, der er ſie hatte vorſtellen müſſen, etwas zu ſchämen; er war daher, wie er zu Dobbin ſagte (und wir brauchen wohl nicht zu ſagen, welche Freude dieß Letzterem verurſachte), Willens, ſich bald zu einem beſſeren Regimente verſetzen zu laſſen, und ſeine Frau von der Geſellſchaft dieſer ver⸗ dammt gemeinen Weiber zu befreien. Dieſe Gemeinheit aber, ſich der Geſellſchaft Anderer zu ſchämen, iſt weit häufiger bei Männern, als bei Frauenzimmern (natürlich mit Ausnahme der großen Modedamen, die derſelben fröhnen); und Mrs. Amalie, als eine natürliche und un⸗ affectirte Perſon, wußte Nichts von jener erkünſtelten Schamhaftigkeit, die ihr Mann bei ſich fälſchlicher Weiſe für Zartgefühl hielt. So hatte z. B. Mrs. O'Dowd eine Hahnenfeder auf dem Hute, und eine ſehr große Repetir⸗Uhr an ihrem Gürtel, die ſie bei jeder Gelegen⸗ heit ſchlagen ließ, wobei ſie erzählte, wie ſie ihr von ihrem Vater geſchenkt worden, als ſie nach der Trauung in den Wagen geſtiegen ſei; und dieſe Zierathen, wozu ſich noch andere äußerliche Eigenthümlichkeiten der Frau Ma⸗ jorin geſellten, ſpannten Capitän Osborne auf die Folter, ſo oft ſeine Frau mit der des Majors in Berührung kam; Amalie dagegen nahm an den Excentricitäten der guten Dame ganz und gar keinen Anſtoß, fand dieſelben höch⸗ ſtens beluſtigend, und ſchämte ſich ihrer Geſellſchaft nicht im Geringſten. Auf dieſer wohlbekannten Reiſe, die ſeitdein faſt jeder Engländer von einigem Vermögen gemacht hat, hätten unſere Freunde wohl eine belehrendere, aber ſchwerlich eine unterhaltendere Geſellſchaft, als die der Frau Majo⸗ rin O'Dowd finden können. „Sprechen Sie mir von Kanal⸗Booten, meine Liebe. Sie ſollten einmal die zwi⸗ ſchen Dublin und Ballinasloe ſchen. Da reist man ſchnell. und da bekommt man ſchönes Vieh zu ſehen. Mein Vater bekam einmal eine goldene Medaille (und Se. Ercellenz aß ſelbſt ein Stück davon, und betheuerte, daß er noch nie in ſeinem Leben etwas Beſſeres gegeſſen) für eine vier⸗ jährige Kuh, wie Sie hier zu Lande gewiß nie eine zu Geſicht bekommen.“ Und Jos bekannte mit einem Seuf⸗ zer, daß kein Land auf der Welt ſo gutes, ſaftiges, zu⸗ gleich fettes und mageres Rindfleiſch aufweiſen könne, wie Altengland. „Irland ausgenommen, wo Ihr all Euer beſtes Fleiſch herbekommt,“ ſagte die Majorin, und fuhr in der bei Patrioten ihres Volkes nicht ungewöhnlichen Weiſe fort, Vergleichungen anzuſtellen, die ganz und gar zu Gunſten ihres Heimathlandes ausfielen. Der Gedanke, daß man den Markt von Brügge dem von Dublin ge⸗ genüberſtellen könne, erfüllte ſie mit Hohn und Spott, obwohl ſie ſelbſt Anlaß dazu gegeben hatte. „Sprechet mir doch nicht von der alten Baracke dort oben auf dem Marktplatze,“ ſagte ſie mit einem Hohngelächter, das den alten Thurm hätte zum Fallen bringen können. Die Stadt war bei ihrer Durchreiſe voll von engliſchem Mili⸗ tär. Engliſche Hörner weckten ſie am Morgen auf; bei Einbruch der Nacht gingen ſie beim Schalle britiſcher Pfeifen und Tr mmeln zu Bette: das ganze Land und ganz Europa ſtand unter den Waffen, und vas großte Er⸗ eigniß der Geſchichte bereitete ſich vor; was indeſſen die ehrliche Peggy O'Dowd, die dabei eben ſo gut betheiligt war, wie irgend Einer, nicht verhinderte, von Ballinafad, und den Pferden in den Ställen von Glenmalony, und dem Claret zu ſprechen, ver dort getrunken werde. Sei⸗ nerſeits nahm Jos Sedley Anlaß, von der Curry und dem Reis zu Dumdum zu ſprechen, während Amalie an ihren Mann dachte, und wie ſie am Beſten ihre Liebe zu ihm an den Tag legen könnte, — gleich als ob dieß die 193 Angelegenheiten wären, die jetzt die Welt am Meiſten intereſſirten. Diejenigen, welche das Geſchichtbuch gern weglegen, um ſich in Spekulationen zu ergehen, und ſich zu fragen, was in der Welt hätte geſchehen können, wenn unglück⸗ licher Weiſe nicht gerade das geſchehen wäre, was geſchah (eine ungemein ergötzliche, finnreiche, nützliche, weit aus⸗ ſehende und kopfverwirrende Art des Nachdenkens), haben ohne Zweifel oft bei ſich gedacht, wie unglücklich Napo⸗ leon ſeine Zeit gewählt habe, um von Elba zurückzukom⸗ men, und ſeinen Adler vom Golf Sant Juan nach den Thürmen von Notre⸗Dame fliegen zu laſſen. Die Ge⸗ ſchichtſchreiber auf unſerer Seite erzählen uns, daß die Armeen der alliirten Mächte glücklicher Weiſe ſämmtlich auf dem Kriegsfuße geſtanden, und bereit geweſen ſeien, ſich im erſten Augenblicke auf den Kaiſer von Elba zu ſtürzen. Die hohen und allerhöchſten Mäkler, die zu Wien in ihrer Weisheit die Königreiche Europa's zu⸗ ſchnitten, hätten, ſagt man, unter ſich ſo viele Urſachen zum Streite gehabt, daß ſie die Armeen, die zur Beſie⸗ gung Napoleons gedient, gegen einander gekehrt haben würden, wäre nicht der Gegenſtand allſeitigen Haſſes und allſeitiger Furcht zurückgekehrt. Ein Monarch habe eine gewaltige Armee auf den Füßen gehabt, weil er Polen eingeſackt, und entſchloſſen geweſen ſei, es zu behaltenz ein anderer habe ſich halb Sachſen zugeeignet gehabt, und habe ſeinen Raub um jeden Preis feſthalten wollen; ein dritter habe Italien zum Gegenſtande ſeiner ſpeziellen Fürſorge erkoren gehabt. Jeder habe gegen die Raubſucht des Andern proteſtirt; und hätte der Korſe in ſeinem Ge⸗ fängniſſe nur warten können, bis alle dieſe Gewaltigen der Welt über einander hergefallen wären, ſo hätte er zurückkommen und unbeläſtigt regieren können. — Was wäre aber alsdann aus unſerer Geſchichte und allen unſern Freunden geworden? Was würde aus der See werden, wenn alle Tropfen in derſelben vertrockneten 2 Der Jahrmarkt des Lebens. I. 13 194 Unterdeſſen gingen die Geſchäfte des Lebens und ins⸗ beſondere die Vergnügungen ihren Gang, als ob ihrer kein Ende wartete, und als ob kein Feind daſtände. Als unſere Reiſenden in Brüſſel ankamen, wo ihr Regiment im Quartiere lag (ein großes Glück, wie Alle ſagten), fan⸗ den ſie ſich in einer der luſtigſten und glänzendſten kleinen Hauptſtädte Europa's, wo alle Buden, die man auf dem Jahrmarkte des Lebens bemerkt, die verlockendſte Pracht und vas glänzendſte Leben zeigten. Man ſpielte und tanzte da gewaltig: man ſchmauste dermaßen, daß ſelbſt der große Gourmand von einem Jos voller Entzücken war: es war ein Theater da, wo eine wundervolle Catalani alle Zuhörer hinriß; prächtige Wege und Alleen für Reiter und Wagen, alle voller Leben und voll militäriſchen Glanzes; eine merkwürdige alte Stadt mit ſeltſamen Trachten und wundervollen Gebäuden, um das Auge der kleinen Amalie zu ergötzen, die noch nie ein fremdes Land geſehen, und um ihr bezaubernde Ueberraſchungen in Menge zu bereiten; ſo daß jetzt und einige Wochen lang in einer ſchoͤnen Wohnung, deren Koſten von Jos und Osborne, der Geld in Hülle und Fülle hatte, und voll zarter Aufmerkſamkeit gegen ſeine Frau war, beſtrit⸗ ten wurden, — ſo vaß, ſage ich, etwa vierzehn Tage lang, womit ihr Honig⸗Monat zu Ende ging, Mrs. Amalie ſo froh und glücklich war, wie nur irgend eine Neuvermählte außerhalb Englands. Während dieſer glücklichen Zeit bchte jeder Tag für Alle etwas Neues, und Etwas, was zum Vergnügen diente. Da gab es eine Kirche oder eine Gemälde⸗Gal⸗ lerie zu ſehen: — dort machte man einen Spazierritt oder eine Spazierfahrt mit: — dort gab es eine Oper. Die Regimentsmufiken ließen ſich zu allen Stunden hören. Die größten Leute von England gingen im Park ſpazie⸗ ren: — es war ein perpetuirliches militäriſches Feſt. George, der ſeine Frau jeden Abend zu einer neuen Schmauſerei oder an einen neuen Vergnügungsort führte, — — 195 war, wie gewöhnlich, mit ſich ſelbſt außerordentlich zu⸗ frieden, und betheuerte, daß er ungemein häuslich werde. Und ein Ausgang, oder eine Beluſtigung in ſeiner Geſellſchaft! Reichte das nicht hin, um das kleine Herz⸗ chen vor Freude ſchlagen zu machen? Die Briefe, die ſie um dieſe Zeit an ihre Mutter richtete, waren voller Entzücken und Dankbarkeit. Ihr Gatte hieß ſie Spitzen, Putzwaaren, Juwelen, und allerlei Schmuckſachen kaufen. Oh, er war der freundlichſte, beſte und großmüthigſte aller Männer! Der Anblick der großen Anzahl von Lords, und La⸗ dies, und faſhionablen Perſonen, welche die Stadt anfüll⸗ ten und an allen öffentlichen Orten erſchienen, erfüllte George's ächt britiſche Seele mit hohem Entzücken. Sie legten da jene glückliche Kälte und Inſolenz des Beneh⸗ mens ab, welche unſere Großen gelegentlich charakteri⸗ ſirt, wenn ſie in ihrem Vaterlande ſind, und geruhten, ſo oft ſie ſich an den vielen offentlichen Orten zeigten, von der übrigen Geſellſchaft, die ſie dort trafen, Notiz zu neh⸗ men, und mit derſelben zu verkehren. Eines Abends hatte George bei einer Geſellſchaft, die von dem General der Diviſion, zu der unſeres Freundes Regiment gehörte, ge⸗ geben wurde, die Ehre, mit Lady Blanche Thiſtlewvod, einer Tochter von Lord Bareaeres, zu tanzen; er war äuſ⸗ ſerſt geſchäftig im Herbeiholen von Eis und Erfriſchungen für die zwei edeln Ladies; er drückte und zwängte ſich durch, um Lady Bareacres' Wagen vorfahren zu laſſen; er machte, als er nach Hauſe kam, ſo viel Rühmens von der Gräfin, daß ſelbſt ſein Vater es nicht hätte ärger machen können. Am darauf folgenden Tage machte er den Damen ſeine Aufwartung, ritt im Park an ihrer Seite, lud ſie zu einem großen Diner in einer Reſtauration ein, und wußte vor Freude ſich kaum mehr zu faſſen, als ſie die Einladung annahmen. Der alte Bareacres, der nicht viel mit dem Stolze, wohl aber mit einem ungeheuren 196 Appetit geplagt war, würde für ein Mittageſſen überall hingehen. „Hoffentlich werden außer unſerer Geſellſchaſt ſonſt keine Damen da ſein,“ ſagte Lady Bareacres, nachdem ſie über die allzu leicht angenommene Einladung nach⸗ gedacht hatte. „Guter Himmel, Mama — Sie werden doch nicht glauben, daß der Mann ſeine Frau mitbringt,“ ſchrie Lady Blanche, die am vorhergehenden Abend, wo man ſich mit dem neu eingeführten Walzer vergnügte, ſtunden⸗ lang in George's Armen geſchmachtet hatte. „Die Män⸗ ner kann man ſich allenfalls gefallen laſſen, aber ihre Weiber —“ „Frau, ſeit ganz kurzer Zeit verheirathet, verteufelt Frauenzimmer, wie ich hoͤre,“ ſagte der alte raſ. „Nun, meine liebe Blanche,“ ſagte die Mutter, „ich venke, wir können nicht wohl wegbleiben, da Papa ein⸗ mal gehen will; aber weißt Du, wir brauchen ſie in Eng⸗ land nicht zu kennen.“ Und ſo gingen dieſe vornehmen Leute, feſt entſchloſſen, ihren neuen Bekannten in Bond⸗Street zu ignoriren, hin, um in Brüſſel ſeinem Diner die Ehre anzuthun, es zu verzehren, und legten, während ſie ſich herabließen, ihn ihr Vergnügen zahlen zu laſſen, ihre Würde dadurch an den Tag, daß ſie ſeine Frau ſorgfältig von der Unterhal⸗ tung ausſchloſſen und ſie in eine peinliche Lage verſetzten. Das iſt ſo eine Art von Würde, worin eine hochgeborne britiſche Dame unübertroffen daſteht. Das Benehmen einer feinen Dame gegenüber anderen, minder hochgebornen Frauenzimmern zu beobachten, iſt für einen mit philoſo⸗ phiſchem Geiſte begabten Menſchen, der den Jahrmarkt des Lebens beſucht, eine ganz beſonders gute Unterhaltung. Dieſes Feſtmahl, das dem ehrlichen George gewaltig viel Geld koſtete, war die trübſeligſte aller Gaſtereien, bei denen Amglie während ihrer Flitterwochen war. Sie ſchrieb 197 den kläglichſten Bericht über das Gaſtmahl nach Hauſe an ihre Mama: wie die Gräfin Bareacres nicht geant⸗ wortet, wenn man mit ihr geſprochen; wie Lady Blanche ſie mit ihrem Augenglaſe angeſtiert habe; und wie groß die Wuth Capitän Dobbin's über das Benehmen der bei⸗ den edlen Damen geweſen ſei; und wie my Lord, als das Eſſen endlich vorüber geweſen und man aufgeſtanden ſei, verlangt, daß man ihm die Rechnung zeige, und wie der⸗ ſelbe es für ein verdammt ſchlechtes und theures Diner erklärt habe. Obgleich aber Amalie alle dieſe Dinge ſagte, und die Ungezogenheit ihrer Gäſte, ſowie ihre eigene Ver⸗ legenheit ſchilderte, ſo war doch die alte Mrs. Sedley in hohem Grade darüber erfreut, und ſprach von Emmy's Freundin, der Gräfin von Bareacres, ſo fleißig, daß die Nachricht, wie ſein Sohn Pairs und Pairinnen bewirthe, auch dem alten Osborne in der City zu Ohren am. Diejenigen, ſo den dermaligen Generallieutenant Sir George Tufto, K. C. B., kennen, und geſehen haben, — was ſie faſt alle Tage während der Saiſon können, — wie derſelbe, durch und durch wattirt und in ſeinem Schnür⸗ leibe ſteckend, in der Art eines ächten, obwohl etwas ge⸗ brechlichen und an Gliederſchwäche leidenden Windbeutels auf ſeinen mit hohen Abſätzen verſehenen und lackirten Stiefeln Pall⸗Mall hinabſtolzirt, vorüber gehenden Damen unter ven Hut ſchaut, oder in den Parks einen prächtigen Braunen reitet, und Broughams beäugelt — diejenigen, ſage ich, ſo den dermaligen Sir George Tufto kennen, wurden wohl ſchwerlich in ihm den kühnen Offizier wie⸗ der erkennen, der auf der pyrenäiſchen Halbinſel und bei Waterloo ſich ſo ſehr hervorgethan. Er hat jetzt ein dich⸗ tes, braunes Kraushaar, ſowie ſchwarze Augenbrauen, und ſein Backenbart hat die tiefſte Purpurfarbe. Im Jahre 1815 hatte er ein helles Haar, war kahl, und ſtärker an Leib und Gliedern, welche insbeſondere in neueſter Zeit bedeutend zuſammengeſchrumpft ſind. Als er etwa ſiebzig 198 Jahre alt war (er iſt jetzt nicht mehr weit von achtzig) wurde ſein Haar, das ſehr dünn und ganz weiß war, mit einem Male dicht und braun und voll zierlicher Locken, und es nahmen ſeine Augenbrauen mit ſeinem Backenbart ihre vermalige Farbe an. Mißgünſtige Perſonen ſagen, ſeine Bruſt ſei pure Wolle, und ſein Haar ſei eine Per⸗ rücke, da es nie wachſe. Tom Tufto, mit deſſen Vater er vor unvordenklicher Zeit Streit gehabt hat, erklärt, daß Mademviſelle de Jaiſey, vom franzoͤſchen Theater, ſeinem Großpapa in dem Garderobezimmer das Haar aus⸗ geriſſen habe; aber Tom iſt ein notoriſch bösartiger und eiferſüchtiger Menſch; auch hat die Perrücke des Generals mit unſerer Geſchichte Nichts zu ſchaffen. Eines Tages, als einige unſerer Freunde vom — ſten Regimente auf dem Blumenmarkte von Brüſſel umher⸗ gingen, nachdem ſie das Hotel de Ville beſichtigt hatten, von dem die Frau Majorin O'Dowd behauptete, daß es, was Groͤße und Schönheit betreffe, mit dem Schloſſe ihres Vaters zu Glenmalony keinen Vergleich aushalten könne, kam ein höherer Ofſizier, dem eine Ordonnanz folgte, auf den Markt zugeritten, ſtieg ab, ſah ſich auf dem ganzen Blumenmarkte um, und wählte endlich das allerſchoͤnſte Bouquet aus, das für Geld zu haben war. Als der ſchöne Strauß in ein Pavier gewickelt war, beſtieg der Ofſizier wieder ſein Pferd, übergab das Bouquet ſeinem militäriſchen Groom, der es grinſend in der Hand hielt, und ſeinem mit vieler Selbſtzufriedenheit und vielem Pompe davonreitenden Vorgeſetzten folgte. „Sie ſollten einmal die Blumen zu Glenmalony ſehen,“ bemerkte Mrs. O'Dowd. „Mein Vater hat drei ſchottiſche Gärtner, denen neun Gehülfen zur Seite ſtehen. Wir haben einen Morgen voller Gewächshäuſer, und die Ananas ſind in der Saiſon bei uns ſo häuſig wie Erbſen. Jede unſerer Trauben wiegt wenigſtens ſechs Pfund, und ich glaube, bei meiner Ehre und meinem Gewiſſen, vaß unſere Magnolias ſo groß, wie Theekeſſel, ſind.“ 199 Dobbin, der nie Mrs. O⸗Dowd zum Schwatzen zu bringen ſuchte, wie der boshafte Osborne ſo gern that Gum nicht geringen Schrecken Amaliens, die ihn flehentlich vat, daß er ſie doch in Ruhe laſſen möchte), ſuchte unter fortwährendem Kichern und Sprudeln ſich unter der Menge zu verlieren, und als er ſich in ſicherer Entfernung befand, brach er unter den erſtaunten Marktleuten in ein ohrener⸗ ſchütterndes Gelächter aus. „Was kichert der Gauch dort?“ ſagte Mrs. O'Dowd. „Blutet er etwa aus der Naſe? Er ſagte immer, er blute aus der Naſe, und er muß jetzt ſo viel Blut aus ſich herausgepumpt haben, daß ihm keines mehr geblieben iſt. Sind die Magnolias zu Glenmalony nicht ſo groß, wie Theekeſſel, O'Dowd?“ „Ei, freilich ſind ſie ſo groß und noch groͤßer, Peggy,“ ſagte der Major. Und hier wurde das Geſpräch in der angegebenen Weiſe durch die Ankunft des Ofſiziers unterbrochen, der das Bouquet kaufte. „Verteufelt ſchönes Pferd, — wem gehört es?“ fragte George. „Sie ſollten meines Bruders, Molloy Moloney's Pferd, den Molaſſes, ſehen, der bei dem Wettrennen in Curragh den erſten Preis gewann,“ rief die Frau Majo⸗ rin, und wollte mit der Familienhiſtorie fortfahren, als ihr Mann ſie mit den Worten unterbrach; — „Es iſt General Tufto, der die — ſte Cavallerie⸗ Diviſion kommandirt.“ Und ganz ruhig ſetzte er hinzu: „Er und ich erhielten zu Talavera einen Schuß in das nämliche Bein.“ „Wo Sie Ihren Grad holten,“ ſagte George lachend. „General Tufto! In dieſem Falle, meine Liebe, find die Crawleys hier.“ Amalie fühlte ſich mit einem Male, ſie wußte nicht, warum, beklommen. Die Sonne ſchien ihr nicht mehr 200 ſo hell zu ſcheinen. Mit einem Male ſahen ihr die hohen alten Dächer und Giebel weniger pittoresk aus, obtleich es ein prächtiger Sonnenuntergang und einer der hellſten und ſchönſten Tage zu Ende des Maimonats war. Neunundzwanzigſtes Rapitel. Brüſſel. Herr Jos hatte für ſeinen offenen Wagen ein Paar Pferde gemiethet, und mit dieſen Thieren, ſowie mit ſei⸗ nem eleganten Londoner Wagen machte er bei den Spa⸗ zierfahrten in der Umgegend der Stadt Brüſſel gar keine üble Figur. George kaufte ein eigenes Pferd zu ſeinen Spazierritten und begleitete oft mit Capitän Dobbin den Wagen, in dem Jos und ſeine Schweſter täglich Ausflütze machten. Wie gewöhnlich, fuhren ſie auch an jenem Tage im Parke ſpazieren und fanden dort die Bemerkung George's in Betreff der Ankunft Rawdon Crawley's und ſeiner Frau vollkommen beſtätigt. Inmitten eines kleinen Reiter⸗ trupps, der aus einigen der bedeutendſten Perſonen in Brüſſel beſtand, war Rebekka zu ſehen: dieſelbe trug einen der hübſcheſten und anliegendſten Reiterhabits, und ſaß auf einem prachtollen kleinen Araber, den ſie vortrefflich ritt (da ſie die Reitkunſt zu Queens⸗Crawley erlernt, wo der Baronet, Herr Pitt und Rawvon ſelbſt, ihr oft Un⸗ terricht darin gegeben hatten), und trabte neben dem tapferen und galanten General Tufto einher. Fürwahr, da iſt ja der Herzog ſelbſt,“ rief die Majorin O'Dowd Jos zu, der heftig zu errothen anfing; 201 „und dort, auf dem Braunen, ſitzt Lord Urbridge. Wie elegant ſieht er doch aus! Mein Bruder, Molloy Mo⸗ loney, gleicht ihm, wie eine Erbſe der anderen.“ Rebekka ritt nicht auf den Wagen zu; ſobald ſie aber ihre alte Bekannte, Amalie, darin ſitzen ſah, gab ſie ihre Anweſenheit durch ein gnädiges Wort und Lächeln, ſowie dadurch zu erkennen, daß ſie ihre Finger nach dem Wagen hin ſcherzhaft ſchüttelte und küßte. Sodann ſprach ſie wiever mit General Tufto, der die Frage an ſie rich⸗ tete, wer denn der dicke Offizier in der golvbebordeten Mütze wäre? Worauf Becky erwiederte es ſei ein Oſſi⸗ zier in Dienſten der oſtinviſchen Compagnie. Aber Raw⸗ don Crawley kam herbeigeritten, drückte Amalien herzlich die Hand, und ſagte zu Jos: „Nun, alter Knabe, wie ſteht es? und glotzte Mrs. O'Dowv's Geſicht und ſchwarze Hahnenſedern an, bis die Majorin zu glauben anfing, daß ſie an ihm eine Eroberung gemacht. George, der ein wenig zurückgeblieben war, kam faſt in demſelben Augenblicke mit Dobbin herbeigeritten, und ſie grüßten durch Berührung ihrer Mütze die hohen Per⸗ ſonen, unter denen Osborne ſogleich Mrs. Crawley be⸗ merkte. Es machte ihm unendlich viele Freude zu ſehen, wie Rawdon ſich in vertraulicher Weiſe über ſeinen Wa⸗ gen lehnte und mit Amalien ſprach, und begegnete dem herzlichen Gruße des Adjutanten mit mehr als entſpre⸗ chender Wärme. Das Kopfnicken zwiſchen Rawvon und Dobbin gehörte zu den ſchwächſten Proben von Höflichkeit. Crawley ſagte George, daß ſie mit General Tufto im Hotel dü Park zuſammenwohnten, und George ließ ſich von ſeinem Freunde verſprechen, daß er ihn recht bald beſuchen wolle. „Thut mir unendlich leid, daß ich Sie nicht ſchon vor drei Tagen ſah,“ ſagte George. „Hatten ein Diner beim Reſtaurateur — recht hübſch. Lord Bareacres, und die Gräfin, und Lady Blanche waren ſo gut, mit uns zu 202 zu ſpeiſen — wollte, Sie wären auch dabei ge⸗ weſen.“ Nachdem ſo Osborne ſeinen Freund mit ſeinen An⸗ ſprüchen auf die Eigenſchaft eines faſhionablen Mannes vertraut gemacht hatte, entfernte er ſich wieder von Raw⸗ don, welcher der vornehmen Geſellſchaft die Allee hinab, in die ſie in kurzem Galopp einlenkte, folgte, während George und Dobbin wieder ihre Stellen neben dem Wa⸗ gen Amaliens einnahmen. „Wie gut doch der Herzog ausſah,“ bemerkte Mrs. O'Dowd. „Die Wellesleys und Maloneys ſind mit ein⸗ ander verwandt;z natürlich ließe ich Arme aber mir es nicht im Schlafe einfallen, mich denſelben vorzuſtellen, es ſei denn, daß Seine Gnaden es für paſſend erachteten, unſerer Familienbande zu gedenken.“ „Er iſt ein großer General,“ ſagte Jos, der ſich jetzt weit behaglicher fühlte, nachdem der große Mann ſich ent⸗ fernt hatte. „Hat man je eine Schlacht ſo ſchön gewon⸗ nen, wie die bei Salamanka? He, Dobbin? Aber wo hat er ſeine Kunſt gelernt? In Indien, mein Junge! Das Jungle iſt die rechte Schule für einen General, mer⸗ ken Sie ſich das. Ich kannte ihn dort auch, Mrs. O'Dowd: wir Beide tanzten zu Dumdum an dem nämlichen Abende mit Miß Cutler, einer Tochter Cutler's von der Artille⸗ rie, die zugleich ein verteufelt hübſches Mävchen war.“ Die Erſcheinung der hohen Perſonen gab ihnen wäh⸗ rend der Spazierfahrt und während des Piners, und bis zur Stunde, wo ſie Alle mit einander in die Oper gehen wollten, genug zu ſprechen. Es war beinahe, als ſähe man ſich nach Altengland verſetzt. Das Haus war mit bekannten engliſchen Geſich⸗ tern und jenen Toiletten angefüllt, wegen deren die Bri⸗ tinnen ſchon ſeit langer Zeit berühmt ſind. Die Toilette der Mrs. O'Dowd gehörte nicht zu denjenigen, die ſich durch ihre Pracht am Mindeſten auszeichneten: ſie hatte auf der Stirn eine Locke, und einen Schmuck von irlän⸗ 203 diſchen Diamanten und Cairngorms, die nach ihrer Mei⸗ nung alle Dekorativn im Hauſe überſtrahlten. Ihre Ge⸗ genwart ſpannte Osborne gewöhnlich auf die Folter; allein ſie hatte nun einmal beſchloſſen, um jeden Preis alle Partien und Vergnügungen mitzumachen, von denen ſie horte, daß ihre Freunde ſich daran betheiligten. Sie ließ es ſich nie einfallen, daß dieſelben von ihrer Geſell⸗ ſchaft beläſtigt werden könnten; im Gegentheil glaubte ſie, daß ſie von derſelben bezaubert wären. „Sie iſt Dir nützlich geweſen, meine Theure,“ ſagte George zu ſeiner Frau, die er unbedenklicher allein laſſen konnte, wenn ſie dieſe Geſellſchaft hatte. „Wie glücklich iſt es aber, daß Rebekka gekommen iſt: ſie wird Dir als Freundin dienen, und wir konnen nun dieſe vermaledeite Irländerin abſchütteln.“ Amalie antwortete hierauf weder mit Ja, noch mit Nein; und wie können wir wiſſen, welcher Art ihre Ge⸗ danken waren? Das coup d'oeil, welches das Brüſſeler Opernhaus darbot, kam Mrs. O'Dowv nicht ſo ſchön vor, als das des Theaters von Fiſhamble Street in Dublinz auch kam die franzöſiſche Muſik, nach ihrer Meinung, den Melodien ihres Heimathlandes bei weitem nicht gleich. Mit dieſen und anderen ſehr laut ausgeſprochenen Bemerkungen er⸗ freute ſie ihre Freunde, wobei ſie mit der vornehmſten Selbſtgefälligkeit ſich mit einem großen klappernden Fä⸗ cher zu ſchaffen machte, und denſelben hin und herſchwenkte. „Wer iſt das wunderſame Frauenzimmer dort bei Amalien, mein lieber Rawdon?“ fagte in einer gegenüber⸗ liegenden Loge eine Dame (die, unter vier Augen faſt ſtets höftch gegen ihren Mann, ihre Liebe zu demſelben in Geſellſchaft noch mehr an den Tag zu legen pflegte). „Siehſt Du nicht das Geſchöpf dort, mit einem gelben Dinge am Turban, und einem rothen Atlaßkleide, und einer großen Uhr?“ „Neben dem hübſchen weißgekleideten Weibchen?“ 204 fragte ein Mann von mittlerem Alter, der neben der Fragenden ſaß: derſelbe hatte Orden an ſeinem Knopf⸗ loche, und verſchiedene Unterweſten, und eine große, weiße, ſteife Halsbinde, die ihn faſt erwürgte. „Die hübſche, weißgekleidete Frau iſt Amalie, Gene⸗ ral: Sie ſind voch gleich auf ale hübſchen Frauenzimmer aufmerkſam, Sie nichtsnutziger Mann!“ „Meiner Treu, nur auf Eine in der Welt!“ ſagte der General ganz entzückt, und es gab ihm die Dame einen ſanften Schlag mit dem großen Bougquet, das ſie in ihrer Hand hatte. „Meiner Treu, er iſt es,“ ſagte Mrs. O'Dowd; „und es iſt das nämliche Bokay, das er auf dem Marſhy aur Flures gekauft hat!“ Und als Rebekka, die dem Auge ihrer Freundin begegnet war, noch einmal die kleine Hand⸗ kuß⸗Operation vornahm, ſo erwieverte die Frau Majorin O'Dowd, das Compliment auf ſich ſelbſt beziehend, den Gruß mit einem graziöſen Lächeln, was dann Schuld war, daß der unglückliche Dobbin eiligſt die Loge ver⸗ ließ, um draußen ſeinem ungeheuren Lachreize Genüge thun zu können. Als der erſte Akt vorbei war, hatte George in einem Augenblicke ſeine Loge verlaſſen; er wollte Rebekka in ihrer Loge aufſuchen, um ihr ſeine Huldigungen darzu⸗ bringen. Er traf aber Crawley in der Vorhalle, wo ſie einige Worte über vie Vorfälle der letzten vierzehn Tage mit einander wechſelten. „Hoffentlich haben Sie die Anweiſung auf meinen Agenten als richtig erfunden,“ ſagte George mit ſchlauer Miene. „Alles in der Ordnung, mein Junge,“ antwortete Rawdon. „Soll mich freuen, Ihnen Revanche geben zu können. Der Alte herumgebracht?“ „Noch nicht,“ ſagte George; „aber es kann nicht feh⸗ len, daß er herumkommt; unv Sie wiſſen ja, daß ich 205 etwas mütterliches Vermögen beſitze. Hat die Tante end⸗ lich „weich gegeben?““ „Hat mir zwanzig Pfund geſchickt, die verdammte alte geizige Hexe. Wann kommen wir wieder einmal zu⸗ ſammen? Dienſtag ſpeist der General nicht zu Hauſe. Können Sie nicht am Dienſtag kommen? Sorgen Sie doch dafür, daß Sedley ſich ſeines Schnurrbarts entledigt. Was zum Henker braucht ein Civiliſt einen Schnurrbart, und die verdammten Schnüre und Quaſten am Rocke2 Beiläufig geſagt, machen Sie doch, daß Sie ſich am Dien⸗ ſtag einfinden.“ Und Rawvon entfernte ſich mit zwei bril⸗ lanten jungen Modeherren, die, wie er, dem Generalſtabe zugetheilt waren. Es freute George nur halb, gerade auf den Tag eine Einladung zu erhalten, an dem der General nicht zu Hauſe ſpeiste. „Ich will hineingehen, und Ihrer Frau meine Huldigungen darbringen,“ ſagte er; worauf Raw⸗ don antwortete; „Hm, wie es Ihnen gefällig iſt.“ Letz⸗ terer machte dabei ein ziemlich finſteres Geſicht, ſo daß die zwei jungen Ofſiziere nicht umhin konnten, ſchlaue Blicke mit einander zu wechſeln. George trennte ſich von ihm, und ging ſtolz die Vorhalle hinab, nach der Loge des Generals, deren Nummer er ſich wohl gemerkt hatte. „Entrez,“ ſagte ein helles Stimmchen, und unſer Freund fand ſich Rebekka gegenüber, die aufſprang, die Hände zuſammenſchlug, und beide George entgegenhielt: ſo erfreut war ſie, ihn zu ſehen. Der General, mit den Orden im Knopfloche, ſtierte den Neuangekommenen mit einem mürriſchen Blicke an, gleich als wollte er ſagen, wer zum Teufel ſind Sie?“ „Mein lieber Capitän George!“ rief die kleine Re⸗ bekka ganz entzückt.“ Wie ſchön iſt es von Ihnen, daß Sie mich beſuchen. Der General und ich ſitzen da ſo verdrießlich beiſammen. General, das iſt mein Capi⸗ tän George, von dem Sie mich ſchon haben ſprechen hoͤren.“ 206 „Ja, ja,“ ſagte der General, ſich ganz leicht verneigend; „zu welchem Regimente gehört Capitän George?“ George ſagte, zum — ſten: wie gerne hätte er ein glänzendes Cavallerieregiment genannt! „Wie ich glaube, erſt kürzlich aus Weſtindien zurück⸗ gekommen. Im letzten Kriege nicht viel im Felde ge⸗ weſen. Hier einquartirt, Capitän George?“ — fuhr der General in ſeiner eiskalten, hochmüthigen Weiſe fort. „Nicht Capitän George, Sie dummer Mannz Capi⸗ tän Osborne,“ ſagte Rebekka. Während dieſer ganzen Zeit blickte der General teu⸗ felswild bald Rebekka, bald den Capitän an. „Capitän Osborne, ei, ei, mit den L — Oaobornes verwandt?“ „Wir führen das gleiche Wappen.“ ſagte George wahrheitsgemäß, da Herr Osborne einen Wappenkünſtler in Long Acre zu Rathe gezogen hatte, und das Wappen der L — aus dem Adelsbuche ſich zugeeignet hatte, als er vor fünfzehn Jahren ſich einen Wagen anſchaffte. Auf dieſe Antwort erwiederte der General Nichts; ſondern es nahm derſelbe ſeinen Operngucker — das doppelläufige Lorgnon war in jenen Tagen noch nicht erfunden — und ſtelite ſich, als ſähe er über das Haus hin; allein Re⸗ bekka ſah wohl, daß ſein freies Auge nach ihr herum⸗ und blutdürſtige Blicke nach ihr und George ſchoß. Dieß vermehrte aber nur noch ihre Herzlichkeit. „Wie geht es der lieben, lieben Amalie? Allein warum frage ich doch? Sieht ſie nicht allerliebſt aus 2 Und wer iſt das nette, ſo gutmüthig ausſehende Geſchöpf neben ihr: — wohl eine Flamme von Ihnen? O, ihr böſen, böſen Männer! Und dort ißt Herr Sedley Gefrorenes, ja, ja, wie er es ſich doch ſchmecken zu laſſen ſcheint! Gene⸗ ral, warum haben Sie kein Gefrorenes kommen laſſen?“ 207 „Soll ich Ihnen welches holen?“ ſagte der Gene⸗ ral, vor Wuth beinahe berſtend. „Laſſen Sie doch mich gehen, ich bitte Sie darum,“ ſagte George. „Nein, ich will Amalie in ihrer Loge aufſuchen. Das theure ſüße Kind! Geben Sie mir den Arm, Ca⸗ pitän George.“ Mit dieſen Worten und einem leichten Kopfnicken nach dem General hin trippelte ſie in die Vorhalle hin⸗ aus. Kaum waren ſie draußen, ſo warf ſie George den ſeltſamſten ſchlaueſten Blick von der Welt zu, einen Blick, der ſich hätte alſo verdolmetſchen laſſen: „Sehen Sie nicht, wie die Dinge ſtehen, und wie ich ihn zum Beſten habe?“ Allein er bemerkte den Blick nicht. Er dachte an ſeine eigene Pläne, und war in eine pompöſe Bewunde⸗ rung ſeiner eigenen unwiderſtehlichen Gewalt als Eroberer verſunken. Die Flüche, die der General vor ſich hin murmelte, ſobald Rebekka und ihr Eroberer ihn verlaſſen hatten, waren ſo fürchterlich, daß ich mich überzeugt habe, daß kein Setzer im Etabliſſement der Herren Bradbury und Evan es wagen würde, dieſelben zu ſetzen, wenn ſie hier ſtünden. Sie kamen beim General aus der Tiefe des Herzens; und es iſt in der That etwas Wunderſames, daß das menſchliche Herz ſolche Produkte zu erzeugen, und je nachdem es die Gelegenheit erfordert, eine ſolche Maſſe von Wolluſt und Wuth, von Zorn und Haß zu Tage zu foͤrdern im Stande iſt. Auch Amaliens ſanfte Augen hatten ſich ängſtlich auf das Paar geheftet, deſſen Benehmen den eiferſüchtigen General in eine ſolche Hitze verſetzt hatte: als aber Re⸗ bekka in ihre Loge trat, flog ſie ihrer Freundin mit einem liebevollen Entzücken entgegen, das ſich, der Oeffentlichkeit des Ortes zum Trotze, offenbarte; denn ſie umarmte ihre theuerſte Freundin vor dem ganzen Hauſe, oder doch un⸗ ter dem Feuer des Opernguckers, den der General jetzt 208 auf die Osborne'ſche Partie ſpielen ließ. Mrs. Rawdon grüßte auch Jos auf die freundlichſte Weiſe: ſie bewun⸗ derte Mrs. O'Dowvd's große Cairegorm⸗Broſche — ſo⸗ wie deren ſuperbe iriſche Diamanten, und wollte gar nicht glauben, daß ſie an einem andern Orte gefunden worden wäre, als zu Golkonda. Sie plauderte, drehte ſich, wen⸗ dete ſich, und ſchmunzelte, und lächelte bald dieſem, bald jenem zu, — Alles dem eiferſüchtigen Operngucker gegen⸗ über. Und als endlich das Ballet anfangen ſollte (in dem keine Tänzerin beſſer ſpielte, und ihre Grimaſſen beſſer anzubringen wußte, als Becky), hüpfte ſie wiever nach ihrer Loge zurück, wobei ſie ſich auf den Arm Ca⸗ pitän Dobbin's lehnte. Nein, ſagte ſie, ſie wolle George's Arm nicht annehmen: er müſſe dableiben und mit ſeiner allerliebſten, beſten, kleinen Amalie ſprechen. „Was doch dieſes Frauenzimmer Comödie zu ſpielen weiß, murmelte der alte ehrliche Dobbin an George hin, als er aus der Loge Rebekka's, wohin er ſie in tiefſtem Schweigen, und mit einem Geſichte, ſo feierlich und be⸗ trübt, wie das eines Leichenbeſorgers, begleitet hatte, zu⸗ rückkam. „Sie krümmt und windet ſich wie eine Schlange. Haſt Du nicht geſehen, George, wie die ganze Zeit über ihr Benehmen keinen andern Zweck hatte, als die Eifer⸗ ſucht des uns gegenüberſitzenden Generals rege zu machen?“ „Wie magſt Du nur ſo Etwas ſagen, Dobbin? Zum Henker, ſie iſt das netteſte Weibchen in ganz England,“ erwiederte George, ſeine weißen Zähne zeigend, und an ſeinem ambroſiaduftenden Backenbarte einige Male drehend. „Du biſt kein Weltmann, Dobbin, hol' mich der Teufel, in einem Augenblicke hat ſie Tufto umgeſtimmt: ſieh nur hin! Sieh nur, wie er lacht! Meiner Seel'l ſieh doch nur, welche Schultern ſie hat! Emmy, warum haſt Du kein Bouquet? Jedermann hat doch eines? „Ei, ei, warum haben Sie keines gekauft?“ ſagte Mrs. O'Dowd; und ſowohl Amalie, als William Dob⸗ bin dankte ihr innerlich für dieſe zeitgemäße Bemerkung. 209 All ein weder die eine, noch die andere der beiden Damen fand ihre gute Laune wieder. Amalie war ganz überwäl⸗ tigt von dem Glanze, und der Pracht, und den faſhionablen Geſchwätze ihrer weltlich geſinnten Rivalin. Selbſt die O'Dowd war nach Becky's prillanter Erſcheinung ganz ſchweigſam und „degenmäßig“, und ſagte den ganzen Abend über kaum noch ein Wort von Glenmalony. * — 5 „Wann wirſt Du endlich das Spielen aufgeben, George, wie Du mir doch ſeit hundert Jahren ſchon ſo oft verſprochen?“ ſagte Dobbin zu ſeinem Freunde, einige Tage nach dem im Opernhauſe zugebrachten Abende. „Und wann wirſt Du einmal Dein Predigen auf⸗ geben?“ lautete die Antwort des Andern. „Was zum Henker, Mann, macht Dich ſo ängſtlich? Wir ſpielen niedrig; ich habe geſtern Abend gewonnen. Du wirſt doch nicht glauben, Crawley gehe mit Betrug um? Wenn man ehrlich ſpielt, ſo hat man am Ende des Jahres weder Etwas gewonnen, noch Etwas verloren.“ „Aber ich glaube nicht, daß er bezahlen könnte, wenn er verlöre,“ ſagte Dobbin: und der Rath des guten Wil⸗ liam hatte den Erfolg, den ein guter Rath gewöhnlich hat. Osborne und Crawley waren von nun an häufig beiſammen. General Tufto ſpeiste faſt nie zu Hauſe. George war ſtets willkommen in den Zimmern, die der Adjutant und ſeine Frau, hart an denen des Generals, im Hotel bewohnten. Als George mit Amalien Crawley und deſſen Frau in dieſer Wohnung beſuchte, war das Benehmen der Er⸗ ſteren von der Art, daß ſie um ein Haar deßhalb mit einander Streit bekommen hätten; das heißt George zankte ſeine Frau heftig wegen der Abneigung, die ſie offenbar gegen dieſen Beſuch an den Tag legte, ſowie wegen ihres Der Jahrmarkt des Lebens. I. 14 2¹⁰ kalten ſteifen Weſens gegenüber ihrer alten Freundin, der Mrs. Crawley. Auch ſagte Amalie kein Wort darauf, war aber, wohl fühlend, daß das Auge ihres Gatten auf ihr ruhe, und Rebekka ſie muſtere, beim zweiten Beſuche, den ſie Mrs. Rawdon abſtattete, wo möglich noch ſcheuer und unbeholfener, als beim erſten. Rebekka war natürlich noch einmal ſo liebevoll, und wollte von der Kälte ihrer Freundin nicht die mindeſte Notiz nehmen. „Ich glaube, Emmy iſt ſtolzer geworden, ſeitdem der Name ihres Vaters in der —, mit einem Worte, ſeitdem das Unglück Herrn Sedley heimgeſucht hat,“ ſagte Rebekka, aus chriſtlicher Liebe den Ausdruck für George's Ohr mildernd. „Bei meiner Ehre, als wir zu Brighton waren, glaubte ich, daß ſie mir die Ehre erweiſe, eiferſüchtig auf mich zu ſein; und jetzt ſtößt ſie ſich vielleicht daran, daß Rawdon, ich, und der General zuſammenwohnen. Wie könnten wir aber, mein liebes Geſchöpf, bei unſeren ge⸗ ringen Mitteln leben, wenn wir nicht einen Freund hãt⸗ ten, der einen Theil der Koſten trüge? Und glauben Sie wohl, Rawdon ſei nicht groß und alt genug, um über meine Ehre zu wachen? Allein ich bin Emmy recht ſehr verbunden, recht ſehr,“ ſagte Mrs. Rawdon. „Bah, Eiferſüchteleien!“ antwortete George; „alle Frauenzimmer ſind eiferſüchtig.“ „Und ebenſo alle Männer. Waren Sie nicht an jenem Abende, den wir in der Oper zubrachten, eiferſüch⸗ tig auf General Tufto, und der General auf Sie? Ei, er hätte mich faſt gefreſſen, weil ich mit Ihnen Ihr när⸗ riſches Weibchen beſuchte; als ob ich mich auch nur im Mindeſten um euch Beide kümmerte,“ ſagte Crawley's Frau, den Kopf keck aufwerfend. „Wollen Sie hier ſpei⸗ ſen? Der Dragoner ſpeist bei dem Obergeneral. Es ſind höchſt wichtige Nachrichten angekommen. Man ſagt, die Franzoſen hätten die Grenze überſchritten. Wir können daher ganz ruhig zu Mittag eſſen.“ 21¹ George nahm die Einladung an, obwohl ſeine Frau nicht ganz wohl war. Sie waren jetzt noch nicht volle ſechs Wochen verheirathet. Eine andere Frau lachte auf ihre Koſten, oder verhöhnte ſie, und es brachte ihn nicht auf. Er war nicht einmal gegen ſich ſelbſt aufgebracht, der gutmüthige Burſche. Es iſt eine Schande, geſtand er ſich innerlich; allein was in aller Welt kann ein junger Kerl thun, wenn ein hübſches Frauenzimmer ſich ihm in den Weg wirft? „Ich habe in Betreff der Frauenzimmer ziemlich freifinnige Grundſätze,“ hatte er oft, lächelnd und ſchlau nickend, zu Stubble, und Sporney, und anderen Ka⸗ meraden am Offizierstiſche geſagt; und dieſe Herren ach⸗ teten ihn wegen ſolcher Tapferkeit nur um ſo mehr. Seit undenklichen Zeiten ſind Liebeseroberungen bei den Män⸗ nern auf dem Jahrmarkte des Lebens ſtets ein Gegenſtand des Stolzes geweſen, dem nur die Eroberungen im Kriege mit Erfolg die Palme ſtreitig machen konnten; denn wie könnten ſonſt Schulbuben mit ihren Liebſchaften ſich breit machen, oder Don Juan ſo beliebt ſein? So ſuchte denn Herr Osborne, feſt überzeugt, daß es einmal ſeine Beſtimmung ſei, Frauenzimmer zu er⸗ obern, nicht gegen ſein Schickſal anzukämpfen, ſondern ergab ſich mit vieler Selbſtgefälligkeit darein. Und da Emmy nicht viel ſagte, und ihn auch mit ihrer Eiferſucht nicht plagte, ſondern bloß unglücklich wurde, und ingeheim ihrem Kummer nachhing, ſo ließ er ſich beigehen, ſich einzubilden, daß ſie gar keine Ahnung von dem hätte, was doch keinem ſeiner Bekannten verborgen war, — von der verzweifelten Liebelei nämlich, die zwiſchen ihm und Mrs. Crawley ſich angeſponnen hatte. So oft ſie frei war, ritt er mit ihr aus. Bei Amalien ſchützte er Regiments⸗ geſchäfte vor (eine Lüge, wodurch ſie ſich nicht im Min⸗ deſten täuſchen ließ), und brachte, ſeine Frau zur Ein⸗ ſamkeit oder zur Geſellſchaft ihres Bruders verdammend, ſeine Abende beim Crawley'ſchen Ehepaare zu, wobei er ſein Geld an den Mann verlor, und ſich ſchmeichelte, daß 2¹12 die Frau ſterblich in ihn verliebt ſei. Es iſt recht wohl möglich, daß dieſes würdige Ehepaar ſich nie abſolut ge⸗ gen ihn verſchwor, und nie die förmliche Abrede mit ein⸗ ander traf, daß der eine Theil den jungen Herrn zu cajo⸗ liren, der andere aber ihn beim Kartenſpiele ſein Geld abzunehmen habe; allein immerhin verſtanden ſie einander vortrefflich, und es ließ Rawdon ſeinen Freund Osborne mit vollkommen gutem Humor kommen und gehen. George war mit ſeinen neuen Bekannten dermaßen beſchäftigt, daß er mit William Dobbin weit weniger zu⸗ ſammenkam, als früher. George vermied ihn ſowohl vor dem Publikum, als beim Regimente, und liebte, wie wir ſehen, die Predigten nicht, womit ſein älterer Freund ihn ſo gern heimſuchte. Was nützte es, wenn das Benehmen George's Capitän Dobbin theilweiſe außerordentlich ernſt und kalt ſtimmte, — was nützte es da, Erſterem zu ſagen, daß, obgleich er auf ſeinen großen Backenbart, und ſeine Schlauheit ſich nicht wenig zu gute thue, er doch noch ſo unerfahren ſei, wie ein Schulbube? daß Rawdon ihn plündere, wie ſchon Viele zuvor, und daß er ihn mit Verachtung abſchütteln werde, wenn er ihn ausgenützt? Es wäre vergebens geweſen, ihm alles Dieſes zu ſagen: und ſo wurden denn, da Dobbin an den Tagen, an denen er das Haus Osborne's beſuchte, ſelten ſo glücklich war, ſeinen alten Freund zu treffen, gar viele peinliche und nutzloſe Reden zwiſchen ihnen erſpart. Unſer Freund George hatte ſich ganz in die Lüſte und Freuden, die der Jahrmarkt ves Lebens darbietet, verſenkt. Seit den Tagen des Konigs Darius hatte ſich noch keinem Herre ein ſo glänzender Schweif angeſchloſſen, wie im Jahre 1815 dem des Herzogs von Wellington in den Niederlanden; und man kann beinahe ſagen, daß dieſer Schweif die Armee des Herzogs tanzend und ſchmau⸗ ſend der Schlacht entgegenführte. Ein gewiſſer Ball, den eine edle Herzogin am 15. Juni des vorgenannten Jahres zu Brüſſel gab, iſt hiſtoriſch geworden. Ganz 213 Brüſſel war darüber in einen Zuſtand der Aufregung verſetzt worden, und ich habe von Damen, die zu jener Zeit in der genannten Stadt ſich aufhielten, gehört, daß das Intereſſe, welches Perſonen ihres Geſchlechts in Be⸗ treff des Balls an den Tag gelegt, weit größer geweſen ſei, als das, ſo man an dem in der Fronte ſtchenden Feinde genommen habe; und es ſei vom Balle unendlich mehr geſprochen worden, als von den heranrückenden Franzoſen. Die Kämpfe, die Intriguen, und die Bitten um Karten waren engliſcher Damen in jedem Punkte würdig, denn nur Letztere können ſo unerhorte Anſtren⸗ gungen machen, um in die Geſellſchaft der Großen ihrer Nation zugelaſſen zu werden. Jos und Mrs. O'Dowd, die Himmel und Erde be⸗ wegten, um zu dem beſagten Balle eingeladen zu werden, konnten keine Karten erhalten; aber andere unſerer Freunde waren glücklicher. So erhielt zum Beiſpiel, durch Ver⸗ mittelung von my Lord Bareacres, und als Ausgleichung für das Diner bei dem Reſtaurateur, George eine Karte für Capitän und Mrs. Osborne, — worauf er ſich nicht wenig zu gute that. Dobbin, der ein Freund des Gene⸗ rals war, welcher die Diviſion, zu der ihr Regiment ge⸗ hörte, commandirte, trat eines Tags lachend zu Mrs. Osborne herein, und hielt eine ähnliche Einladungskarte in der Hand, was die Eiferſucht des guten Jos erregte; George ſeinerſeits konnte ſich nicht genug wundern, wie zum Kuckuck denn er dazu komme, ſich in ſo guter Ge⸗ ſellſchaft Zutritt zu verſchaffen. Endlich waren natürlich auch Herr und Mrs. Nawdon eingeladen, wie es den Freunden eines eine Cavalleriebrigade commandirenden Generals gebührte. An dem beſtimmten Abende fuhr George — er hatte Amallen neue Kleider und Schmuck aller Art angeſchafft — auf den famoſen Ball, wo ſeine Frau auch nicht eine Seele kannte. Nachdem er ſich nach Lady Bareacres, — vie ihn aber ignorirte, weil ſie vielleicht dachte, es ſei an 2¹4 der Einladungskarte genug, — umgeſchaut, und Amalie auf eine Bank geſetzt hatte, überließ er dort ſeine Frau ihren eigenen Gedanken, und war wohl der Anſicht, daß er ſchon genug gethan, indem er ihr neue Kleider gekauft, und ſie auf den Ball begleitet hätte, und es ihr freiſtünde, ſich zu amüſiren, wie ſie könnte. Ihre Gedanken waren jedoch nicht von der angenehmſten Art, und, den ehrlichen Dobbin ausgenommen, kam auch Niemand, um ſie in denſelben zu ſtören. Während ſie durch ihr Erſcheinen gar kein Aufſehen erregte (wie ihr Gatte mit einer Art Wuth fühlte), war das Débüt der Mrs. Rawdon Crawley im Gegentheile ungemein brillant zu nennen. Sie kam erſt ſehr ſpät. Ihr Geſicht war freudeſtrahlend, ihr Anzug die Vollkom⸗ menheit ſelbſt; inmitten der großen Perſonen, die ſich eingefunden, und der Augengläſer, die ſich auf ſie richte⸗ ten, ſchien Rebekka ſo kaltblütig und gefaßt zu ſein, wie damals, wo ſie die kleinen Mädchen der Miß Pinkerton in die Kirche zu führen hatte. Was die Herren betrifft, ſo kannte ſie deren bereits ziemlich viele, und die Dandies drängten ſich um ſie. In Betreff der Damen iſt ſoviel zu ſagen, daß man ſich unter ihnen zuflüſterte, Rawdon habe ſie aus einem Kloſter entführt, und es ſei dieſelbe eine Verwandte der Montmoreney'ſchen Familie. Sie ſprach das Franzöſiſche ſo rein, daß an dem Gerüchte wohl etwas Wahres ſein konnte, und man konnte nicht in Abrede ziehen, daß ihre Manieren fein, und ihr Aeuße⸗ res distingué ſei. Fünfzig Tänzer drängten ſich in einem Augenblicke um ſie, und buhlten um die Ehre, ſie zum Tanze führen zu dürfen. Allein ſie ſagte, ſie ſei bereits engagirt, und wolle nur ſehr wenig tanzen; worauf ſie mit einem Male auf den Platz zuging, wo Emmy ganz unbeachtet und unaus ſprechlich unglücklich ſaß. Und ſo ging denn, um dem armen Kinde mit einem Male das Garaus zu machen, Mrs. Rawdon in aller Eile auf ihre theuerſte Amalie zu, und grüßte ſie herzlichſt, und fing 2¹⁵5 an, ſie zu patroniſiren. Sie hatte am Anzuge ihrer Freundin, ſowie am Coiffeur derſelben gar viel auszu⸗ ſetzen, und wunderte ſich, wie ſie voch ſo chaussée ſein konne, und betheuerte, vaß ſie ihr gleich am nächſten Morgen ihre corsetière ſchicken müſſe. Sie betheuerte ferner, daß der Ball deliciös ſei; daß Jedermann einan⸗ der kenne, und daß nur ganz wenige „Niemande“ an⸗ weſend ſeien. Es iſt eine Thatſache, daß dieſes junge Frauenzimmer ſchon nach vierzehn Tagen, und drei Diners in ſogenannter guter Geſellſchaft den vornehmen Jargon ſich dergeſtalt zu eigen gemacht hatte, daß ein Menſch, der ſich ſtets in ſolcher guter Geſellſchaft bewegt, denſel⸗ ben gewiß nicht beſſer ſprechen konnte; und nur aus dem Einen, daß ſie das Franzöſiſche ſo rein und gut ſprach, ließ ſich abnehmen, daß ſie von Geburt keine Dame von Faſhion ſei. George, der, als er in den Ballſaal trat, nichts Beſſeres zu thun gewußt hatte, als Amalie auf ihrer Bank zurückzulaſſen, fand gar bald ſeinen Weg zu ihr zurück, als er Rebekka an ihrer Seite ſah. Becky ſchul⸗ meiſterte eben Mrs. Osborne wegen der Thorheiten, die ſie ihren Mann machen laſſe. „Um's Himmels willen, meine Liebe, laß' ihn doch nicht mehr ſpielen, ſonſt rui⸗ nirt er ſich,“ ſagte ſie; „er und Rawdon ſpielen jeden Abend, und Du weißt, daß er arm iſt, und Rawdon ge⸗ winnt ihm jeden Shilling ab, wenn er ſich nicht in Acht nimmt. Warum thuſt Du ihm nicht Einhalt, Du ſorg⸗ loſes kleines Geſchöpf? Warum kommſt Du nicht Abends zu uns, anſtatt mit dem Capitän Dobbin vaheim Deinen Träumereien nachzuhangen? Er iſt gewiß très-aimable; allein wie kann man einen Mann mit ſo ungeheuren Füßen lieben? Die Füße Deines Manns dagegen find allerliebſt: — ah, da kommt er ja. Wo ſind Sie gewe⸗ ſen, Sie boſer Menſch? Hier iſt Emmy, die ſich wegen Ihrer die Augen ausweint. Wollen Sie mich zur Qua⸗ drille abholen?“ 2¹6 Mit dieſen Worten trippelte ſie mit George vavon, um an Tanze Antheil zu nehmen, nachdem ſie ihr Bou⸗ quet und ihren Shawl auf die Bank neben Amalie gelegt hatte. Nur Frauenzimmer können ſo verwunden. Es iſt an den Spitzen ihrer kleinen Pfeile ein Gift, das tauſend Mal mehr verſehrt, als die ſtumpfere Waffe eines Manns. Unſere arme Emmy, die in ihrem ganzen Leben noch nie gehaßt, noch nie Jemand Hohn geſprochen hatte, war in den Händen ihrer unbarmherzigen kleinen Feindin ganz machtlos. George tanzte mit Rebekka zwei oder drei Male: — wie oft, wußte Amalie kaum. Sie ſaß ganz unbeachtet und allein in ihrer Ecke, ausgenommen wenn Rawdon zu ihr herkam, und in ſeiner unintereſſanten Weiſe einige Worte an ſie richtete, und ſpäter an demſelben Abende, als Capitän Dobbin ſich erkühnte, ihr Erfriſchungen zu bringen, und ſich neben ſie zu ſetzen. Er mochte ſie nicht fragen, warum ſie ſo traurig ſei; da ihr indeſſen die Thränen in den Augenſtanden, und ſie diefelben voch er⸗ klären mußte, ſo ſagte ſie, Mrs. Crawley hätte ihr ge⸗ ſagt, daß George immer noch ſpiele, was ihr den Kum⸗ mer verurſacht habe. „Es iſt doch ſonderbar, von welchen plumpen Schuf⸗ ten ſich ein Menſch betrügen läßt, der einmal auf das Spiel erpicht iſt,“ ſagte Dobbin; und Emmy antwortete: „In der That.“ Sie dachte aber an etwas Anderes. Was ſie betrübte, war nicht der Geldverluſt. Endlich kam George zurück, um Rebekka's Shawl und Blumen zu holen. Sie war im Begriffe weagzuge⸗ hen, und hatte nicht einmal ſoviel Rückſicht, daß ſie zu⸗ rückgekommen wäre, um Amalien Adieu zu ſagen. Die arme Frau ließ ihren Mann kommen und gehen, ohne auch nur eine Sylbe zu ſagen, und ſenkte ihren Kopf traurig. Dobbin war wegaerufen worden, flüſterte ange⸗ legentlichſt mit dem Diviſionsgeneral, ſeinem Freunde, 217 und hatte dieſen letzten Abſchied nicht geſehen. George entfernte ſich alſo mit dem Bouguet; als er aber daſſelbe der Eigenthümerin übergab, lag ein Brieſchen, wie eine Schlange, unter den Blumen verſteckt. Rebekka's Auge fiel alſogleich darauf. Sie hatte ſchon in ihrer früheſten Jugend mit Briefchen umzugehen gelernt. Sie ſtreckte ihre Hand aus, und nahm den Strauß. Er ſah an ihren Augen, als ſie den ſeinigen begegneten, daß ſie wohl wiſſe, was ſie darin zu finden erwarte. Ihr Mann ging mit ihr eiligſt davon, anſcheinend viel zu ſehr mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken beſchäftigt, um etwaige zwiſchen ſeinem Freunde und ſeiner Frau gewechſelte Erkennungszeichen zu bemerken. Letztere waren indeſſen nicht ſehr in die Augen fallend. Rebekka gab George eine Hand mit einem ihrer gewöhnlichen raſchen ſchlauen Blicke, machte einen Knicks, und entfernte ſich. George verbeugte ſich über die Hand hin, ſagte Nichts auf eine Bemerkung Craw⸗ ley's, ja hörte dieſelbe nicht einmal (ſo gewaltig war bei ihm das Triumphgefühl und die Aufregung), und ließ ſie gehen, ohne ein Wort zu finden. Seine Frau ſah wenigſtens einen Theil deſſen, was vor ſich ging, nämlich die Bouquetſcene. Daß George auf Rebekka's Bitte ihren Shawl und Blumen holte, war ganz in der Ordnung: es war nicht mehr und nicht we⸗ niger, als was er im Laufe der letzten Tage wohl zwan⸗ zig Mal gethan hatte; aber jetzt war es ihr voch zu ark „William,“ ſagte ſie, ſich plotzlich an den in ihrer Nähe befindlichen Dobbin anklammernd, „Sie ſind ſtets ſehr freundlich gegen mich geweſen — es iſt mir — es iſt mir nicht ganz wohl. Bringen Sie mich nach Hauſe.“ Sie wußte nicht, daß ſie ihn mit ſeinem Taufnamen anredete, wie George gewöhnlich that. Raſch führte er ſie hinweg. Ihre Wohnung war hart daneben, und ſie wanden ſich durch die außen ſtehende Menge hindurch, 218 wo Alles noch mehr Leben zu haben ſchien, als ſelbſt im Ballſaale. George war ſchon ein Paar Male böſe geweſen, daß er, von Partien nach Hauſe kommend, ſeine Frau noch nicht im Bette gefunden hatte. Sie machte ſich daher alsbald in's Bett; allein obgleich ſie nicht ſchlief, und obgleich das Getöſe und Geraſſel, und das Vorbeigalop⸗ piren von Reitern keinen Augenblick aufhörte, ſo hörte ſie doch Nichts von All' dem, da die Störung, ſo ſie wach erhielt, ganz anderer Natur war. Unterdeſſen ging Osborne, vor Aufgeblaſenheit ſich nicht mehr kennend, an einen Spieltiſch, und fing an, ganz wahnſinnig zu ſetzen. Er gewann wiederholt. „Hente Abend habe ich doch in Allem Glück,“ ſagte er. Allein ſelbſt ſein Glück im Spiele heilte ihn nicht von ſeiner Raßtloſigkeit; und er ſprang daher nach einer Weile auf, ſteckte ſeinen Gewinn ein, und ging auf ein Buffet zu, wo er viele Gläſer Wein mit fieberhafter Haſt hinunter⸗ ſchüttete. Hier fand ihn Dobbin, wie er mit den Umſtehenden darauf losſchwatzte, laut lachte, und vor Aufregung faſt außer ſich war. Er war an den Spieltiſchen geweſen, um dort nach ſeinem Freunde zu ſehen. Dobbin ſah ſo blaß und ernſt aus, als ſein Kamerad jovial und erhitzt war. „Hullo, Dob! Komm' und trink', alter Dob! Der Wein des Herzogs iſt famos. Geben Sie mir noch mehr, Sie, Sir;“ und er hielt ein zitterndes Glas hin. „Komm' heraus, George,“ ſagte Dobbin, fortwäh⸗ rend ernſt; „trink' nicht.“ „Trink' nicht! Es gibt nichts Beſſeres auf dieſer Welt, als das Trinken. Trink' ſelbſt auch, und beleuchte Deine Laternen⸗Backen, alter Knabe. Auf Dein Wohl!“ Dobbin ging näher zu ihm hin, und flüſterte ihm Etwas zu, worauf George, zuſammenfahrend und einen wilden Hurrahruf von ſich gebend, den Inhalt ſeines Gla⸗ 2¹9 ſes hinabſtürzte, letzteres auf den Tiſch ſtellte, und am Arme ſeines Freundes eiligſt ſich entfernte. „Der Feind iſt über die Sambre gegangen,“ ſagte Williamz „und unſer linker Flügel iſt mit dem Feinde bereits handgemein geworden. Komm' mit mir. In drei Stunden müſſen wir marſchiren.“ George ging mit Dobbin davon, und ſeine Nerven zitterten vor Auftegung bei der Nachricht, die er ſo lange erwartet, und die ihm jetzt doch ſo unerwartet kam. Was war jetzt die Liebe und die Intrigue? Er dachte, wäh⸗ rend er mit eiligen Schritten nach Hauſe ging, an tau⸗ ſend andere Dinge, als an dieſe — an ſein vergangenes Leben und ſeine künftigen Chancen — an das Schickſal, das ihn erwarten möchte — an die Frau, vielleicht an das Kind, von dem er, ohne es noch geſehen zu haben, im Begriffe war, zu ſcheiden. Ach, was hätte er darum gegeben, wenn er das an dieſem Abende Vorgefallene hätte ungeſchehen machen, und wenigſtens mit einem ruhigen Gewiſſen dem zarten und reinen Weſen hätte Lebewohl ſagen können, deſſen Liebe er ſo gering ange⸗ ſchlagen! Er dachte über ſein kurzes eheliches Leben nach. In dieſen wenigen Wochen hatte er ſein kleines Kapital auf furchtbare Weiſe verſchwendet. Wie wild, wie unbeſorgt, wie rückſichtslos war er doch geweſen! Was hinterließ er ihr, wenn ihm ein Unglück zuſtieß 2 Wie unwürdig war er ihrer. Warum hatte er ſie geheirathet? Die Ehe war nicht der Stand, für den er paßte. Warum hatte er ſeinem Vater nicht gehorcht, der doch ſtets ſo großmü⸗ thig gegen ihn geweſen? Hoffnung, Reue, Ehrgeiz, Zärt⸗ lichkeit, und egoiſtiſches Bedauern erfüllten ſein Herz. Er ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch, und ſchrieb an ſeinen Vater, wobei er ſich deſſen erinnerte, was er ſchon einmal früher, als es galt, einen Streit auszufechten, geſagt hatte. Die Morgendämmerung warf ſchon ihre zarten Streifen über den Himmel hin, als er mit dieſem Ab⸗ 220 ſchiedsbriefe zu Ende kam. Er verſiegelte ihn, und küßte die Aufſchrift. Er dachte an die Art, wie er dieſen ſeinen großmüthigen Vater verlaſſen; er dachte an das viele Gute, das ihm der ſtrenge alte Mann erwieſen. Er hatte einen Blick in Amaliens Schlafzimmer ge⸗ worfen, als er nach Hauſe kam: ſie lag ruhig da, und ihre Augen ſchienen geſchloſſen, und er war froh, ſie ſchlafend zu finden. Vom Balle zurückgekehrt, hatte er gefunden, daß ſein Diener ſchon alle Anſtalten zum Ab⸗ marſche traf: der Diener hatte ſein Signal, daß er kein Geräuſch machen ſolle, verſtanden, und es gingen daher alle dieſe Vorbereitungen in aller Geſchwindigkeit und Stille vor ſich. Sollte er nun hineingehen und Amalien aufwecken, oder ſollte er ein Billet an ihren Bruder zu⸗ rücklaſſen, damit derſelbe ihr die Nachricht von dem Ab⸗ marſche mittheile? So dachte er. — Allein er ging hin⸗ ein, um ſie noch einmal zu ſehen. Sie war wach geweſen, als er zum erſten Male in ihr Zimmer trat, hatte aber ihre Augen geſchloſſen ge⸗ halten, damit nicht einmal in ihrem Wachen für ihn ein Vorwurf liegen möchte. Als er aber ſo bald nach ihr ſelbſt zurückkam, ſo fühlte dieſes furchtſame Herzchen ſich etwas ruhiger; und ſich ihm zuwendend, während er leiſe aus dem Zimmer ging, war ſie leicht eingeſchlafen. George kam noch ein Mal herein, und zwar noch leiſer, und ſah ſie von Neuem an. Bei dem blaſſen Lichte der Nacht⸗ lampe konnte er ihr liebliches, blaſſes Geſicht ſehen — die purpurnen Augenlieder waren befranst, und geſchloſ⸗ ſen, und ein runder Arm lag, glatt und weiß, auf der Decke. Guter Gott! Wie rein war ſie; wie hold, wie zart, und wie freundlos! Und er, wie egoiſtiſch, wie bru⸗ tal, und wie ſchuldbeladen! Vom Gefühle ſeiner Schuld durchdrungen, und auf's Tieſſte beſchämt, ſtand er an dem Fußende des Bettes, und ſah die ſchlafende junge Frau an. Wie konnte er es wagen — wer war er, daß er für eine ſo reine Perſon Gebete zum Himmel auſſteigen 221 ließ! Gott ſegne ſie! Gott ſegne ſie! Er kam an die Seite des Bettes heran, und blickte die Hand, die kleine weiche Hand, die ſo ruhig da lag, an, und neigte ſich geräuſchlos über das Kiſſen, nach dem ſanften blaſſen Geſichte hin. Zwei weiße Arme ſchlangen ſich zärtlich um ſeinen Hals, als er ſich hinabbeugte. „Ich ſchlafe nicht, George,“ ſagte das arme Kind mit einem ſo tiefen Seufzer, daß man hätte glauben können, es müſſe das Herzchen brechen, das ſich ſo hart an das ſeinige anſchmiegte. Sie wachte, die arme Seele, und zu welchem Zwecke? In dieſem Augenblicke fing ein Horn an, von dem Place d'Armes her ſeine hellen Töne hoͤren zu laſſen; bald verbreiteten ſie ſich über die ganze Stadt, und unter den Trommel⸗ ſchlägen der Infanterie, und den ſchrillen Toͤnen der ſchot⸗ tiſchen Pfeifen erwachte Alles. Dreißigſtes Rapitel. „Die Maid, ſo ich zurüͤcke ließ.“ Wir machen keinen Anſpruch auf einen Platz unter den militäriſchen Romanſchreibern. Unſer Platz iſt bei den Nichtcombattanten. Wenn das Verdeck zum Kampfe geräumt wird, gehen wir hinab, und warten in aller Be⸗ ſcheidenheit und Geduld. Wir würden die Manveuvres nur hindern, welche die tapferen Burſche über unſerem Kopfe ausführen. Wir wollen daher auch mit dem — ſten Regimente nicht weiter, als bis zum Stadtthore gehen, und, den Major O'Dowd bei der Ausübung ſeiner Amts⸗ 222 pflichten ſich ſelbſt überlaſſend, zu der Majorin, den Da⸗ men, und der Bagage zurückkehren. Nun aber hatten der Major und ſeine Gattin, die nicht zu dem Balle eingeladen geweſen waren, auf dem in unſerem letzten Kapitel andere unſerer Freunde figurirt haben, weit mehr Zeit gehabt, der natürlichen, geſunden Ruhe im Bette zu pflegen, als Leute, die zu derſelben Zeit ihren Vergnügungen nachgehen und ihre Pflicht er⸗ füllen wollten. „Ich glaube, Peggy, mein Schatz,“ ſagte der Major, indem er die Nachtmütze ruhig über die Ohren herabzog, es wird in einigen Tagen einen Ball nach einer Muſik geben, wie ſie noch nicht Alle gehört habenz“ und er fühlte ſich weit glücklicher, nach einem in aller Stille genoſſenen Glaſe Grog ſich zur Ruhe begeben zu können, als bei irgend einer andern Art von Beluſtigung zu figuriren. Was Peggy betrifft, ſo hätte ſie zwar gerne mit ihrem Turban und mit ihrem Paradiesvogel auf dem Balle geglänzt; allein ihr Mann hatte ihr die Nachricht vom Ausmarſche mitgetheilt, und ſo fand ſie ſich in eine ſehr ernſte Stimmung verſetzt. „Es wäre mir lieb, wenn Du mich etwa eine halbe Stunde, ehe herausgeſchlagen wird, wecken wollteſt,“ ſagte der Major zu ſeiner Frau. „Ruf' mich um halb zwei Uhr, meine liebe Peggy, und ſorg' dafür, daß Alles in Bereitſchaft iſt, was ich brauche. Vielleicht komme ich nicht zum Frühſtücke zurück, Mrs. O'Dowd.“ Mit dieſen Worten, womit er ſeine Anſicht ausdrücken wollte, daß das Regiment am nächſten Morgen marſchi⸗ ren würde, hörte der Major auf, zu ſprechen, und ſchlief ein. Mrs. O'Dowd, die gute Hausfrau, die ſchon in ihren Haarwickeln und ihrem Kamiſole vaſtand, fühlte, vaß es ihre Pflicht ſei, unter ſolchen Umſtänden nicht zu ſchlafen, ſondern thätig zu ſein. „Es iſt noch Zeit genug dazu,“ ſagte ſie, „wenn Mick fort iſt;“ und ſo packte ſie 223 ein Felleiſen, bürſtete ſeinen Mantel, ſeine Mütze, und andere Kleidungsſtücke, richtete Alles für ihn her, und ſteckte in die Manteltaſchen ein kleines Packet mit allerlei Erfriſchungen, ſammt einer Korbflaſche oder Taſchenpi⸗ ſtole, die faſt eine Pinte ausgezeichneten Cognac⸗Brannt⸗ weins enthielt, der ſehr nach ihrem und des Majors Ge⸗ ſchmacke war; und ſobald die Zeiger der Repetiruhr auf halb zwei Uhr wieſen, und das Schlagwerk (es gab, in Betreff des Tons dem einer Kathevrale Nichts nach, wie die hübſche Eigenthümerin derſelben glaubte) vie verhäng⸗ nißvolle Stunde verkündigte, weckte Mrs. O'Dowv ihren Maſor auf, und hatte für ihn eine ſo gute Taſſe Kaffee parat, wie nur eine an jenem Morgen in Brüſſel gemacht wurde. Und wer wird läugnen wollen, daß die Vorbe⸗ reitungen der würdigen Dame gerade ſo viele Liebe be⸗ wieſen, als die Thränenſtröme und die hyſteriſchen An⸗ fälle, wodurch gefühlvollere Frauen ihre Liebe an den Tag legten, und daß der Genuß dieſes Kaffees, den ſie mit einander tranken, während in den verſchiedenen Theilen der Stadt die Hörner und Trommeln das Zeichen zum Aufbruche gaben, nützlicher, und zweckmäßiger war, als bloße ſentimentale Kundgebungen, ſo überſchwenglich dieſelben immer ſein mochten? Die Folge davon war, daß der Maſor bei der Parade ganz geputzt, friſch, und mun⸗ ter erſchien, und vaß er, während er mit ſeinem roſigen, ſauberraſſirten Geſichte zu Pferde ſaß, das ganze Corps mit Vertrauen und Frohſinn erfüllte. Alle Offiziere ſa⸗ lututen die wackere Frau, als das Regiment an dem Balkon, auf dem ſie ſtand, vorbeimarſchirte, und Alles rief ihr und ihrem Manne ein Hurrah zu; und was mich betrifft, ſo wage ich zu behaupten, daß es nicht Mangel an Muth, ſondern das Gefühl weiblicher Delicateſſe und Schicklichkeit war, was die Majorin abhielt, das tapfere ſ Regiment in eigener Perſon in die Schlacht zu ühren. An Sonntagen und bei feierlichen Anläſſen las Mrs. 224 O'Dowd mit vieler Ernſthaftigkeit in einem dicken Bande, welcher die Predigten ihres Oheims, des Dekans, enthielt. Sie hatte ſich daran ſehr erbaut, als ſie am Bord des Transportſchiffes nach England zurückkehrte, und auf ihrer Rückreiſe von Weſtindien um ein Haar Schiffbruch gelit⸗ ten hätte. Als das Regiment abmarſchirt war, griff ſie wieder nach dieſem Bande, um darin Troſt zu ſuchen; vielleicht verſtand ſie nicht Viel von dem, was ſie las, und vielleicht waren ihre Gedanken auch an einem andern Orte; allein das Project, jetzt zu ſchlafen, während die Rachtmütze des armen Mick dort auf dem Kopfkiſſen lag, war ein völlig eitles. So geht es in der Welt. Jack oder Donald fliegt, mit dem Torniſter auf dem Rücken, dem Ruhme entgegen, und trällert dabei munter das Lied „die Maid, ſo ich zurücke ließ.“ Sie iſt es, die zurück⸗ bleibt, und leidet, — und Zeit zum Sinnen, und zum Brüten, und zur Erinnerung hat. Wohl wiſſend, wie unnütz es iſt, ſich dem Grame hinzugeben, und wie man ſich nur noch unglücklicher macht, wenn man ſeinen Gefühlen nachhängt, beſchloß Mrs. Rebekka weislich, kein Opfer ihres Kummers zu werden, und ertrug die Trennung von ihrem Gatten mit einem Gleichmuthe, der ein wahrhaft ſpartaniſcher zu nennen war. In der That war Capitän Rawdon ſelbſt vom Abſchiede weit mehr ergriffen, als das entſchloſſene Weibchen, dem er Lebewohl ſagte. Sie hatte dieſe rohe, uncultivirte Natur bemeiſtert; und er liebte und verehrte ſie, ſo viel nur in ſeinen Kräften ſtand. Während ſeines ganzen Lebens war er noch nie ſo glücklich geweſen, als während der letzten wenigen Monate ſeiner Heirath. Alle Freuden und Vergnügungen, die ihm früher der Turf, der Offizierstiſch, die Jagd, und das Spiel geboten, — alle ſeine früheren Liebſchaften mit Modiſtinnen und Opern⸗ tänzerinnen, — und alle ähnlichen leichten Triumphe des geiſtesarmen mllitäriſchen Adonis waren ganz und gar fade im Vergleich mit den erlaubten Freuden, die er ſeit 225⁵ ſeiner Heirath genoſſen. Seine Frau hatte ihn unauf⸗ hörlich zu unterhalten gewußt, und er hatte ſein Haus und ihre Geſellſchaft unendlich angenehmer gefunden, als irgend einen Ort, over irgend eine Geſellſchaft, ſo er von den Tagen ſeiner Kindheit an bis daher beſucht hatte. Auch verwünſchte er ſeine früheren Thorheiten und Ertra⸗ vaganzen, und bedauerte mehr, als Alles, ſeine keineswegs unbedeutenden Schulden, die ſich ſeiner Frau bei ihren Glücksprojecten ſtets als Hinderniſſe in den Weg ſiellen mußten. Oft hatte er bei ſeinen mitternächtlichen Unter⸗ redungen mit Rebekka darüber geſeufzt, obgleich ſie ihm während ſeines Junggeſellenſtandes keinen Augenblick Un⸗ ruhe verurſacht hatten. Ihm ſelbſt fiel dieſes Phänomen auf. „Zum Henker,“ pflegte er zu ſagen (vielleicht be⸗ diente er ſich auch eines noch ſtärkeren Ausdrucks, den er ſeinem einfachen Woͤrterbuche entlehnte), „vor meiner Heirath unterſchrieb ich ſo viele Wechſel, als man nur wollte, und ſo lange Moſes warten, oder Levi auf wei⸗ tere drei Monate prolongiren wollte, kümmerte ich mich nie viel darum. Seitdem ich aber verheirathet bin, habe ich, ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf, keinen Fetzen Stempelpapier angerührt, es ſei denn, wie ſich von ſelbſt verſteht, wenn ein Wechſel prolongirt wurde.“ Rebekka wußte dieſe Anfälle von Melancholie ſtets zu verſcheuchen. „Ei, ei, Du dummer Menſch,“ pflegte ſie zu ſagen, „mit Deiner Tante iſt es noch nicht aus. Haben wir Nichts mehr von ihr zu hoffen, ſo kann man immer noch zur Gazette ſeine Zuflucht nehmen; oder halt! ich habe noch einen andern Plan für den Fall, daß Dein Oheim Bute ſtirbt. Die Pfründe hat ſtets dem jüngern Bruder gehört, und warum ſollteſt Du nicht Deine Stelle verkaufen, und Dein Glück bei der Kirche ſuchen?“ Der Gedanke an dieſe Bekehrung machte Rawdon laut auflachen: man hätte die ha! ha! des gewaltigen Der Jahrmarkt des Lebens. I. 15 2²6 Dragoners zur Mitternachtsſtunde im ganzen Hotel hören können. General Tufto hörte ihn wenigſtens in ſeinem, über dem ihrigen liegenden, Quartiere, im erſten Stocke; und Rebekka führte mit vielem Geiſte die ganze Scene beim Frühſtücke noch einmal auf, und gab dabei Raw⸗ don's Antrittsprevigt preis, zum lebhafteſten Entzücken des Generals. Allein dieſe Tage und dieſe Reden gehörten der Ver⸗ gangenheit an. Als endlich die Nachricht ankam, daß der Felvzug eröffnet ſei, und die Truppen marſchiren müßten, verſiel Rawdon in eine ſo ernſte Stimmung, daß Becky ihn in einer Weiſe neckte, welche die Gefühle des Leib⸗ gardiſten einigermaßen verletzte. „Hoffentlich glaubſt Du nicht, daß ich Furcht habe,“ ſagte er mit etwas zitternder Stimme. „Allein ich bin ein ziemlich gutes Ziel für eine Kugel, und wenn eine ſolche mich trifft, ſo ſiehſt Du doch wohl, daß ich eine oder vielleicht zwei Perſonen zu⸗ rücklaſſe, die ich nicht unverſorgt wiſſen möchte, da ich varan Schuld bin, wenn ſie in der Patſche ſitzen. Zum Spaſſen gibt es da Nichts, Mrs. Crawley.“ Rebekka ſuchte durch hundert Liebkoſungen, und hun⸗ vert freundliche Worte die verletzten Gefühle des liebenden Gatten wieder zu beſänftigen. Nur dann, wenn die Leb⸗ haftigkeit und das humoriſtiſche Weſen dieſes munteren Geſchöpfes die Oberhand gewannen (wie dieß in der That in den meiſten Lebensverhältniſſen auch der Fall war), ließ es ſeiner Satyre den Zügel ſchießen, konnte aber in einem Augenblicke wieder ganz ernſthaft darein ſehen⸗ „Liebſter Schatz,“ ſagte Beck)y, „glaubſt Du, ich fühle Nichts?“ Und haſtig Etwas aus ihren Augen wiſchend, ſah ſie ihrem Gatten lächelnd in's Geſicht. „Sieh her,“ ſagte er. „Wir wollen ſehen, was für Dich übrig bleibt, wenn ich fallen ſollte. Ich habe hier ziemlich glücklich geſpielt, und da ſind zweihunvertdreißig Pfund. In meiner Taſche habe ich zehn Napoleonsd'or. Weiter brauche ich nicht; denn der General zahlt Alles, —.— — —.— 227 wie ein Fürſt; und wenn ich bleibe, ſo weißt Du ja, daß ich Nichts koſte. Weine nicht, Weibchen; ich lebe vielleicht noch lange genug, um Dich zu ärgern. Auch nehme ich keines von meinen Pferden mit, ſondern werde den Schimmel des Generals reiten: es iſt wohlfeiler, und ich habe ihm geſagt, daß mein Pferd lahm wäre. Komme ich um, ſo ſollteſt Du aus dieſen beiden Pferden etwas Erkleckliches löſen können. Grigg hat mir geſtern, ehe dieſe vermaledeite Nachricht kam, neunzig Pfund für die Stute geboten. Als einen ächten Araber, wollte ich ſie nicht unter hundert weageben. Für Bulfinch erhältſt Du immer einen ſchoͤnen Preis, nur wirſt Du beſſer dar⸗ an thun, wenn Du ihn hier zu Lande verkaufſt, da die Pferdehändler ſo viele Wechſel von mir in Händen haben, und deßhalb moͤchte ich nicht, daß er nach England zu⸗ rückgebracht würde. Die kleine Stute, die Du vom Ge⸗ neral zum Geſchenke erhalten haſt, iſt auch Etwas werth, und es ſind hier keine ſo verdammten Rechnungen für Stallung und Futter zu bezahlen, wie in London,“ ſetzte Rawdon laut lachend hinzu. „Dort iſt auch das Neceſſär: es hat mir zwei hundert Pfund gekoſtet — das heißt, ich bin zwei hundert dafür ſchuldig; und die goldenen Fläſchchen und Zierathen müſſen dreißig bis vierzig Pfund werth ſein. Dieß mußt Du an den Mann zu bringen ſuchen, ſammt meinen Vorſtecknadeln und Ringen, meiner Uhr, Kette u. ſ. f. Alles dieſes hat eine hübſche Summe gekoſtet. Wie ich weiß, ſo hat Miß Crawley für die Uhr ſammt Kette hundert baare Pfund bezahlt. Ja, ja, goldene Fläſchchen und Zierathen! Was für ein Narr bin ich doch geweſen, daß ich mir nicht mehr geben ließ. Edwards wollte mir durchaus einen ſilbernen und noch obendrein vergoldeten Stiefelzieher aufdringen, und ich hätte ein Neceſſär haben können, worin eine filberne Wärm⸗ flaſche und ein vollfländiges Silberſervice ſich befanden. Aber Du weißt, Becky, wir müſſen aus dem, was wir 228 nun einmal haben, den größtmöglichen Nutzen zu ziehen ſuchen.“ Und ſo traf Capitän Crawley, der vor den letzten Monaten ſeines Lebens, wo die Liebe den Dragoner be⸗ meiſterte, ſelten an etwas Anderes gedacht hatte, als an ſich ſelbſt, ſeine letzten Verfügungen, und ging die ver⸗ ſchiedenen Items des kleinen Verzeichniſſes ſeiner Effecten durch, um zu ſehen, wie viel Geld für ſeine Frau daraus zu ziehen wäre, falls ihm ein Unglück zuſtoͤße. Er fand eine Freude daran, mit einem Bleiſtifte — daß ſeine Handſchrift der eines Schulknaben glich, wiſſen wir ſchon — die verſchiedenen Items ſeines Mobiliarvermogens, woraus ſeine Frau Geld machen konnte, zu notiren: — wie z. B., „meine Doppelflinte, von Manton gearbeitet, 40 Guineen; mein mit ſchwarzem Pelzwerke gefütterter Mantel zum sfchren 50 Pfund; meine Duell⸗Piſtolen in dem Käſtchen von Roſenholz, (die nämlichen, womit ich Capitän Marker erſchoß) 20 Pfund;z meine Sattelholftern und Schabracken; meine ditto von Laurie,“ u. ſ. f., mit welchen Gegenſtänden allen Rebekka ſchalten konnte, wie ſie wollte. Seinem Sparſamkeitsplane getreu, kleidete ſich der Capitän in ſeine älteſte und ſchäbigſte Uniform; ebenſo nahm er auch ſeine ſchlechteſten Epauletten, und ließ alles Neue unter der Obhut ſeiner Frau (oder nach Umſtänden auch ſeiner Wittwe) zurück. Und ſo zog dieſer famoſe Dandy von Windſor und Hyde Park aus, ſo mager und beſcheiden ausgeſtattet, wie ein Unteroffizier, und mit einer Art von Gebet für die Frau, von ver er ſchied, auf den Lippen. Er hob ſie in die Höhe, und hielt ſie, feſt an ſein ſtarkklopfendes Herz gedrückt, eine Minute in ſei⸗ nen Armen. Sein Geſicht war purpurroth, und ſein Auge trübe, als er ſie wieder auf den Boden niederließ, und ſich entfernte. Er ritt ſchweigend neben ſeinem Ge⸗ 229 neral einher, und rauchte ſeine Cigarre, als ſie den zur Brigade des Generals gehörenden Truppen nacheilten; und erſt nachdem ſie mehrere Meilen zurückgelegt hatten, hörte er auf, ſeinen Schnurrbart zu bearbeiten, und ent⸗ ſagte ſeinem Stillſchweigen. Was Rebekka anlangt, ſo beſchloß ſie, wie wir be⸗ reits gemeldet haben, weislich, beim Abſchiede ihres Gat⸗ ten keiner unfruchtbaren Sentimentalität ſich hinzugeben. Sie ſchwenkte ihm vom Fenſter aus ein Adieu zu, und verweilte dort einen Augenblick, um hinauszuſehen, nach⸗ dem er verſchwunden war. Die Thürme der Kathedrale und die hohen Giebel der alterthümlichen Häuſer fingen gerade an, in der aufgehenden Sonne ſich zu roͤthen. Sie hatte in dieſer Nacht noch nicht ausgeruht. Sie trug noch ihr hübſches Ballkleid, wobei das hübſche, in leichte Unordnung gerathene Haar ihr auf den Nacken herabfiel, und ihre Augenränder vom Wachen etwas dunkel waren. „Wie abſcheulich ſehe ich aus,“ ſagte ſie, ſich im Spiegel muſternd, „und wie blaß macht Einen dieſe Roſafarbe!“ Und nun legte ſie dieſes roſafarbene Kleid ab, wobei ſie ein Billet aus ihrem Corſette fallen ſah; ſie hob es lächelnd auf, und ſchloß es in ihr Toilette⸗Käſichen ein. Darauf ſtellte ſie ihr Ballbouquet in ein mit Waſſer ge⸗ fülltes Glas, ging zu Bette, und ſchlief bald ganz be⸗ haglich. Die Stadt war ganz ruhig, als ſie um zehn Uhr aufwachte, und ihren Kaffee trank, der nach der Er⸗ ſchoͤpfung und dem Kummer über die Vorfälle des Mor⸗ gens ſehr nothwendig war, und ſehr gut ſchmeckte. Als ſie dieſes Mahl zu ſich genommen, ging ſie des ehrlichen Rawdon's Rechnung von vergangener Nacht durch, und überdachte ihre Lage. Traf auch das Schlimmſte ein, ſo befand ſie ſich doch, wenn ſie Alles erwog, in einer ziem⸗ lich angenehmen Lage. Neben dem, was ihr Gatte ihr zu⸗ rückgelaſſen, hatte ſie noch Juwelen und ein Trouſſeau, die ihr gehörten. Wir haben bereits Gelegenheit gehabt, die 230 Großmuth, die Rawdon nach der Heirath an den Tag gelegt, zu beſchreiben und zu beloben. Außer dieſen Gegenſtänden und der kleinen Stute hatte der General, ihr Sklave und Anbeter, ihr manches hübſche Geſchenk in der Geſtalt von Kaſchemir⸗Shawls, die er bei der Auction einer zahlungs⸗ unfähigen franzöſiſchen Generalin kaufte, gemacht; und ebenſo hatten die Bijouterie⸗Läden manche ihrer Schätze an ſie abtreten müſſen, die alle den Geſchmack und den Reichthum ihres Bewunderers bekundeten. Was Uhren be⸗ traf, ſo hörte man in ihrer ganzen Wohnung nichts An⸗ deres, als deren Ticken. Denn als ſie eines Abends zu⸗ fällig erwähnte, daß die ihrige, ein Geſchenk Rawpon's, aus einer engliſchen Werkſtätte hervorgegangen ſei und ſchlecht gehe, ſo kam an ſie ſchon am nächſten Morgen ein kleines Bijou, mit dem Namen Leroh, ſammt einer Kette und einem mit Türkiſen allerliebſt geſchmückten Deckel, ſowie ein anderes, mit dem Namen Breguet, das mit Perlen beſetzt, und kaum größer war, als eine halbe Krone. General Tufto hatte die eine gekauft, und Capi⸗ tän Osborne hatte galanter Weiſe die andere geſchickt. Mrs. Osborne hatte keine Uhr, obgleich es ihr, wenn wir George Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſollen, nur ein Wort gekoſtet hätte, um ſich im Beſitze einer ſolchen zu ſehen; und die ehrenwerthe Mrs. Tufto in England hatte ein altes Inſtrument, das ſie von ihrer Mutter bekommen und anſtatt der Wärmflaſche hätte dienen können, wovon Rawdon geſprochen hatte. Sollte es einmal den Herren Howell und James einfallen, eine Liſte der Käufer aller Schmuckgegenſtände, ſo ſie verkaufen, zu veroffentlichen, wie groß würde da nicht das Erſtaunen vieler Familien ſein; und würden alle dieſe Schmuckgegenſtände für die rechtmäßigen Frauen und Töchter der Herren, ſo ſie kau⸗ fen, verwenvet, welche Unmaſſe von Juwelen und Pretio⸗ ſen jeder Art würde da an den vornehmſten Orten des Jahrmarktes des Lebers zu ſehen ſein! 231 Nachdem Mrs. Rebekka den Werth aller dieſer Ge⸗ genſtände ſo ziemlich genau berechnet, fand ſie, nicht ohne ein lebhaftes Gefühl des Triumphes und der Selbſtzu⸗ friedenheit, daß ſie, nach Umſtänden, wenigſtens auf ſechs bis ſieben hundert Pfund rechnen dürſe, womit ſie ihr Glück verſuchen könne, und ſo brachte ſie den Morgen auf die angenehmſte Weiſe von der Welt damit zu, daß ſie ihr Eigenthum ordnete, anſah und verſchloß. Unter den in Rawvon's Brieftaſche befindlichen Papieren kam auch eine Anweiſung von zwanzig Pfund auf Osborne's Bankier zum Vorſchein. So kam es, daß ihr Mrs. Os⸗ borne einfiel. „Ich will mir für die Anweiſung das Geld geben laſſen,“ ſagte ſie, „und nachher der armen kleinen Emmy einen Beſuch machen.“ Wenn dieß ein Roman ohne Helden iſt, ſo wollen wir wenigſtens auf eine Heldin Anſpruch machen. Kein Mann bei der ausmarſchirten britiſchen Armee, ja nicht einmal der Großherzog ſelbſt konnte Zweifeln und Schwie⸗ rigkeiten gegenüber kaltbiütiger oder gefaßter ſein, als das unbezähmbare Weibchen des Adjutanten. Unter den Zurückgebliebenen haben wir noch einen andern Bekannten, der gleichfalls ein Nichtcombattant war, und deſſen Gemüthsbewegungen und Benehmen wir deß⸗ halb ein Recht haben, kennen zu lernen. Es war dieß unſer Freund, der Erſteuereinnehmer von Boggley Wollah, deſſen Nachtruhe, wie die anderer Leute, in aller Frühe durch die Toͤne der Horner geſtöͤrt worden war. Da er viel und geſund ſchlief, und da ihm überhaupt ſein Bett über Alles ging, ſo hätte er vielleicht, allen Trommeln, Hörnern und Dudelſäcken der britiſchen Armee zum Trotze, ruhig fortgeſchnarcht, und wäre erſt zu ſeiner gewöhnlichen Vormittagsſtunde aufgeſtanden, hätte nicht eine Störung Statt gefunden, die nicht von Seiten George Osborne's kam, mit dem Jos zuſammenwohnte (der Capitän war zu ſehr mit ſeinen eigenen Angelegenheiten oder mit dem Schmerze beſchäftigt, den der Abſchied von ſeiner Frau ihm verur⸗ 232 ſachte, als daß ihm hätte der Gedanke kommen können, von ſeinem ſchlummernden Schwager ſich zu verabſchieden), — es war nicht George, ſagen wir, der zwiſchen Jos Sed⸗ ley und deſſen Schlaf trat, ſondern Capitän Dobbin, der ihn aufweckte, und vor ſeinem Weggehen ſchlechterdings ihm noch die Hand ſchütteln wollte. „Recht freundlich von Ihnen,“ ſagte Jos gähnend, und den Capitän zum Teufel wünſchend. „Ich — ich wollte nicht gehen, ohne Ihnen Lebe⸗ wohl zu ſagen, wiſſen Sie,“ ſagte Dobbin in ſehr unzu⸗ ſammenhängender Weiſe, „weil, wie Sie wiſſen, Einige von uns vielleicht nicht wiederkommen, und mir Euer Al⸗ ler Wohlergehen am Herzen liegt, und — und ſo fort, wie Sie wiſſen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Jos, ſich die Augen reibend. Der Capitän aber hoͤrte keine Sylbe von dem, was der dicke Herr in der Nachtmütze, für den er ein ſo zärt⸗ liches Intereſſe an den Tag legte, ſagte; ja, er ſah ihn nicht einmal an. Der Heuchler ſchaute und horchte, mit Aufbietung aller ſeiner Seelenkräfte in der Richtung von George's Zimmer hin, ſchritt im Zimmer auf und ab, warf die Stühle um, ſchlug den Zapfenſtreich, biß ſeine Nägel ab, und legte ſeine große innerliche Bewegung durch andere Zeichen an den Tag. Jos hatte immer eine etwas geringe Meinung vom Capitän gehabt, und fing jetzt an zu denken, daß der Muth deſſelben etwas zweideutig ſei. „Was kam ich für Sie thun, Dobbin?“ ſagte er in einem ſarkaſtiſchen one. „Ich will Ihnen ſagen, was Sie thun können,“ er⸗ wiederte der Capitän, an das Bett herankommend; „in einer Viertelſtunde marſchiren wir, Sedley, und es iſt möglich, daß weder George, noch ich wiederkomme. Ver⸗ geſſen Sie nicht, daß Sie dieſe Stadt nicht verlaſſen dür⸗ fen, bis Sie beſtimmt wiſſen, wie es geht. Sie müſſen 233 hier bleiben und Ihre Schweſter bewachen, und ſie troͤ⸗ ſten, und Sorge tragen, daß ihr Nichts zuſtößt. Erinnern Sie ſich, daß ſie, wenn George Etwas paſſirt, Niemand auf der Welt hat, der für ſie ſorgt, als Sie, Ihren Bruder. Geht es mit der Armee ſchief, ſo ſorgen Sie dafür, daß ſie ſicher nach England zurückkommt, und Sie müſſen mir auf Ihr Ehrenwort verſprechen, daß Sie ſfie niemals verlaſſen wollen. Ich weiß, daß Sie ſo Etwas nie thun werden: in Geldſachen wenigſtens haben Sie ſich nie knauſerig finden laſſen. Brauchen Sie vielleicht Geld? Ich meine, haben Sie genug, um im Falle eines Unglücks nach England zurückkehren zu können?“ „Sir,“ ſagte Jos majeſtätiſch, „wenn ich Geld brauche, ſo weiß ich, wo ich darum anzuklopfen habe. Und was meine Schweſter betrifft, ſo brauchen Sie mir nicht zu ſagen, wie ich mich gegen ſie betragen ſolle.“ „Sie ſprechen, wie ein braver muthiger Mann, Jos,“ antwortete der Andere gutmüthig, „und es freut mich, zu ſehen, daß George ſeine Frau ſo guten Händen anver⸗ trauen kann. So kann ich ihm alſo Ihr Ehrenwort ge⸗ ben, nicht wahr, daß Sie ihr im Nothfalle Beiſtand lei⸗ ſten werden?“ „Natürlich, natürlich,“ erwiederte Herr Jos, deſſen Großmuth in Geldſachen Dobbin ganz richtig beur⸗ theilte. „Und Sie werden, im Falle einer Niederlage, dafür ſorgen, daß ſie unverſehrt aus Brüſſel wegkommt?“ „Eine Niederlage! Zum Henker, Sir, das iſt un⸗ moͤglich. Suchen Sie doch mir nicht Furcht zu machen,“ rief der Held aus ſeinem Bette heraus, und ſo war denn Dobbin jetzt vollkommen beruhigt, nachdem Jos ſich ſo entſchieden in Betreff des Betragens ausgeſprochen hatte, das er gegen ſeine Schweſter einhalten wollte. „So hat ſie denn wenigſtens,“ dachte der Capitän, „eine ſichere Zufluchtsſtätte, im Falle es zum Schlimmſten käme.“ Wenn Capitän Dobbin erwartete, vor dem Abmarſche 234 . des Regiments Amalien noch einmal zu Geſicht zu bekom⸗ men, und ſich durch ihren Anblick noch einmal zu ſtärken und zu laben, ſo wurde ſein Egoismus gerade ſo beſtraft, wie er es verdiente. Die Thüre von Jos' Schlafzimmer communicirte mit dem Familienwohnzimmer, und dieſer Thüre gegenüber war die, welche in Amaliens Zimmer führte. Die Hörner hatten Jedermann aufgeweckt: von einer Verheimlichung der wahren Sachlage konnte nun keine Rede mehr ſein. George's Diener war in dieſem Zimmer mit Einpacken beſchäftigt, wobei Osborne öfters aus dem anſtoßenden Schlafzimmer kam, und dem Be⸗ dienten ſolche Gegenſtände hinwarf, die er in's Feld mit⸗ nehmen wollte. Bald bot ſich auch Dobbin die ſo heiß er⸗ ſehnte Gelegenheit dar, Amaliens Angeſicht noch einmal zu ſchauen. Aber wie war nun dieſes Geſicht beſchaffen! Es war ſo weiß, ſo wild und verzweiflungsvoll, daß ihn die Erinnerung daran ſpäter wie ein Verbrechen verfolgte: es war für ihn ein Anblick, der ihn mit unausſprechlichen Qualen der Sehnſucht und des Mitleids erfüllte. Sie war in ein weißes Morgenkleid gehullt: ihre Haare fielen auf ihre Schultern herab, und ihre großen Augen waren ſtarr und glanzlos. Um bei den Vorberei⸗ tungen zum Abmarſche nicht müßig zu ſein, und um zu zeigen, daß auch ſie in einem ſo kritiſchen Augenblicke zu Etwas nütz ſein könne, hatte die arme Seele eine George gehörende Schärpe von der Kommode genommen, auf der ſie lag, und folgte ihm, mit dieſer Schärpe in ver Hand, bald dahin, bald dorthin, wobei ſie dem Verpackungspro⸗ ceſſe ſtumm zuſah. Sie kam heraus, und lehnte ſich an die Wand, wobei ſie die Schärpe an ihren Buſen hielt, von dem das ſchwere carmeſinrothe Netz wie ein ungeheurer Blut⸗ flecken herabhing. In unſerem ſanftmüthigen Capitän regte ſich ein Gefühl der Schuld, als er ſie ſo anſah. „Guter Gott,“ vachte er, „und einen ſolchen Schmerz habe i zu erlauſchen gewagt?“ Und da war nicht zu helfen: es gab kein Mittel, dieſen hülfloſen, ſtummen Kummer 235 durch Troſtgründe zu lindern. Er ſtand einen Augenblick da, und ſah ſie, unmächtig und von Mitleid überwältigt, an, wie ein Vater ein leidendes Kind anſieht. Endlich ergriff George Emmy's Hand, und führte ſie in das Schlafzimmer zuruck, aus dem er allein heraus⸗ trat. In dieſem Augenblicke war der Abſchied erfolgt, und er hatte ſich entfernt. „Dem Himmel ſei gedankt, daß es nun vorüber iſt,“ vachte George,“ mit dem Degen unter dem Arme die Treppe hinabſpringend; und während er auf den Alarm⸗ platz eilte, wo das Regiment gemuſtert wurde, und wohin Soldaten und Offiziere aus ihren Quartieren liefen, ſchlug ſein Puls heftig, und überflog ſeine Wange eine glühende Roͤthe: das große Kriegsſpiel ſollte nun angehen, und er einer der Mitſpielenden ſein. Welch' wilde Aufregung von Zweifeln, Hoffnungen und Freuden! Um welch' ungeheuren Verluſt, oder um welch' ungeheuren Gewinnſt handelte es ſich! Was waren all' die Haſardſpiele, die er in ſeinem Leben geſpielt, in Vergleich mit dieſem ? An allen Käm⸗ pfen, die athletiſche Gewandtheit und Muth erforderten, hatte ſich der junge Mann ſeit ſeinen Knabenjahren eifrigſt, ja tollkühn betheiligt. Die Bravos der Kameraden waren dem Vorfämpfer ſeiner Schule und ſeines Regiments überall gefolgt; von dem Cricketſpiele des Knaben bis zu den Garniſons⸗Wettrennen hatte er hundert Triumphe ge⸗ feiert; und überall hatten Frauen und Männer ihn be⸗ wundert und beneidet. Für welche Eigenſchaften wird ein Menſch ſo raſch mit Beifall belohnt, wie für die der kör⸗ perlichen Ueberlegenheit, der körperlichen Thätigkeit und des Muthes? Seit unvordenklichen Zeiten ſind Körper⸗ ſtärke und Muth von Barden und in Romanzen gefeiert worden; und von der Belagerung Trojas bis auf dieſen Tag hat die Poeſie ſtets einen Krieger zu ihrem Helden erkoren. Ich möchte wohl wiſſen, ob die Menſchen etwa deßhalb, weil ſie innerlich Feiglinge ſind, die Tapferkeit ſo fehr bewundern, und kriegeriſche Großthaten ſo unend⸗ 236 lich höher ſtellen und ſo unendlich beſſer belohnen, als jede andere Eigenſchaft. George entriß ſich alſo bei den Tönen des aufregen⸗ den Schlachtrufs den zarten Armen, die ihn gefangen ge⸗ halten hatten, nicht ohne ein Gefühl der Scham (obgleich die Bande nur ſchwach waren, in denen ihn ſeine Frau gefeſſelt hielt), vaß er ſich ſo lange hatte zuruckhalten laſ⸗ ſen. Derſelbe Eifer und dieſelbe Aufregung war bei allen ſeinen Freunden zu bemerken, mit denen wir gelegentlich bekannt geworden ſind, von dem dicken Major an, der vas Regiment in den Kampf führte, bis zu dem kleinen Stubble, der als Fähndrich an dieſem Tage die Fahne zu tragen hatte. Die Sonne ging eben auf, als der Marſch begann — es war ein prachtvoller Anblick: — die Muſikbande ging voraus, den Regimentsmarſch ſpielend; — dann kam der commandirende Major, der ſein kräftiges Schlacht⸗ pferd, den Pyramus, ritt; ſodann folgten die Grenadiere, mit ihrem Capitän an der Spitze; im Centrum befand ſich die Fahne, getragen von dem älteſten und jüngſten Fähndriche; — darauf kam George an der Spitze ſeiner Compagnie. Er blickte lächelnd zu Amalien auf, und ſchritt vorüber, und ſelbſt die Töne der Muſik erſtarben nach und nach. 237 Einunddreißigſtes Kapitel. Worin Jos Sedley ſeine Schweſter unter ſeine Obhut nimmt Da ſolchergeſtalt alle höheren Offiezire von ihrerDienſt⸗ pflicht auf einen andern Poſten gerufen worden waren, ſo blieb Jos Sedley als Oberhaupt der kleinen Colonie zu Brüſſel zurück; die ſeinem Commando anvertraute Garniſon beſtand, erſtens, aus der leidenden Amalie, zweitens, aus Iſidor, ſeinem belgiſchen Diener, und drittens, aus der Bonne, welche die verſchiedenen Hausgeſchäfte zu beſorgen hatte. Obgleich Jos unruhig, und ſeine Nachtruhe durch den plötzlichen Einfall Dobbin's und die Vorfälle des Mor⸗ gens geſtört worden war, ſo blieb er doch noch lange im Bette, wobei er, ohne zu ſchlafen, ſich hin und her wälzte, bis endlich die Stunde kam, in der er aufzuſtehen pflegte. Die Sonne ſtand bereits hoch am Himmel, und unſere tapfern Freunde vom — ſten Regimente hatten auf ihrem Marſche bereits Meilen zurückgelegt, ehe der Civiliſt in ſeinem geblümten Schlafrocke beim Frühſtücke erſchien. Die Abweſenheit George's machte dem Schwager nur wenig Unruhe. Vielleicht freute ſich ſogar Jos innerlich dar⸗ über, daß George fort war, denn ſo lange Letzterer da war, hatte Erſterer im Hauſe nur eine höchſt untergeordnete Rolle geſpielt, und Osborne hatte ſich nie genirt, wenn es galt, ſeine Verachtung gegen den dicken Clviliſten an den Tag zu legen. Dagegen war Emmy ſtets gut und aufmerkſam gegen ihn geweſen. Sie war es, die dafür ſorgte, daß es ihm an keiner der gewohnten Bequemlichkeiten fehlte; ſie war es, die dafür ſorgte, daß er ſeine Lieblingsgerichte erhielt; die mit ihm ſpazieren ging oder fuhr (wozu ſich ihr nur 238 allzu oft Gelegenheit bot, denn wo war George²), und mit ihrem lieblichen, freundlichen Geſichte zwiſchen ſeinen Zorn und die Geringſchätzung ihres Mannes trat. Sie hatte zu Gunſten ihres Bruders manche ſchüchterne Vorſtellungen bei George gewagt. Letzterer aber fertigte in ſeiner ſchneiden⸗ den Weiſe dieſe Bitten immer kurz ab. „Ich bin ein ehrlicher Mann,“ ſagte er, „und nehme nie ein Blatt vor den Mund, wie es die Art jeden ehrlichen Mannes iſt. Wie, zum Henker, kannſt Du von mir verlangen, meine Liebe, daß ich gegen einen Narren, wie Dein Bruder einer iſt, Achtung an den Tag legen ſolle?“ Und ſo war es denn kein Wunder, wenn Jos über George's Abweſenheit wirklich erfreut war. Der Anblick von veſſen Civilhut, der, wie auch ein Paar Handſchuhe, auf einem Seiten⸗ tiſche lag, ſowie der Gedanke, daß der Eigenthümer dieſer Gegenſtände nun fort ſei, verurſachte Jos ein gewiſſes geheimes Vergnügen. „Er wird mich,“ dachte Jos, „mit ſeinem ſtutzerhaften Weſen und ſeiner Unverſchämtheit auf jeden Fall dieſen Morgen nicht ärgern.“ „Leg' den Hut des Capitäns in's Vorzimmer,“ ſagte er zu ſeinem Diener Iſidor. „Vielleicht braucht er ihn nicht mehr,“ erwiederte der Lakai, einen ſchlauen Blick auf ſeinen Herrn werfend. Auch er konnte George nicht leiden, da derſelbe ihm ſtets mit ächt britiſcher Inſolenz begegnet war. „Und frag' doch, ob Madame zum Frühſtücke kommt,“ ſagte Herr Sedley hochſt majeſtätiſch, indem er ſich ſchämte, ſich mit einem Bedienten über die Urſache ſeiner Abnei⸗ gung gegen George in ein Geſpräch einzulaſſen. In Wahrheit aber hatte er ſchon einige Dutzend Male vorher bei ſeinem Bedienten auf ſeinen Schwager geſchmäht. Ach! Madame konnte nicht zum Frühſtücke kommen, und die Tartinen ſchneiden, die Jos ſo ſehr liebte. Ma⸗ dame war viel zu unwohl, und hatte ſich ſeit dem Ab⸗ ſchiede von ihrem Manne in einem entſetzlichen Zuſtande befunden; ſo ſagte wenigſlens ihre Bonne. Jos legte 239 ſeine Sympathie dadurch an den Tag, daß er eine große Taſſe Thee für ſie einſchenkte. Dieß war ſo ſeine Art, Andern ſeine Zuneigung zu erkennen zu geben; ja er be⸗ gnügte ſich nicht damit; denn nicht allein ſchickte er ihr ihr Frühſtück, ſondern er zerbrach ſich auch den Kopf dar⸗ über, welche Delikateſſen ihr wohl zum Mittageſſen am Liebſten wären. Iſidor, der Kammerdiener unſers Freundes Jos, hatte ein äußerſt verdrießliches Geſicht gemacht, während Os⸗ borne's Diener das Gepäck ſeines Herrn vor dem Abmarſche in Ordnung brachte; denn erſtens konnte er Herrn Os⸗ borne nicht leiden, deſſen Betragen gegen ihn und alle Untergebenen in der Regel äußerſt übermüthig war (auch laſſen ſich auf dem Continente Dienſiboten nicht ſo inſo⸗ lent behandeln, wie unſere geduldigeren Domeſtiken); und zum Zweiten ärgerte es ihn, daß ſo viele werthvolle Ge⸗ genſtände ſeinen Händen entrückt wurden, um in die an⸗ derer Leute zu fallen, wenn die Engländer eine Niederlage erlitten. Und an dieſer Niederlage zweifelte er, ſowie noch gar viele Leute in Brüſſel und Belgien nicht im Mindeſten. Man glaubte ſo ziemlich allgemein, daß der Kaiſer die preußiſche und engliſche Armee auseinander halten, eine nach der andern vernichten, und ehe noch drei Tage vorüber wären, in Brüſſel ſeinen Einzug halten werde, wo dann natürlich alles bewegliche Eigenthum ſeiner dermaligen Herren, die entweder getödtet, oder flüch⸗ tig, oder gefangen wurden, in beſter Form Rechtens Mon⸗ ſieur Iſidor zufiel. Während vieſer treue Diener, wie alle Tage, Jos bei ſeiner mühſamen und complicirten Toilettenarbeit bei⸗ ſtand, calculirte er, was er mit denſelben Gegenſtänden anfangen würde, womit er im Augenblicke vie Perſon ſeines Herrn zierte. Die ſilbernen Eſſenzfläſchchen, ſowie die kleineren Toilettengegenſtände ſollte eine junge Dame zum Geſchenke erhalten, die er gerne ſah; die engliſchen Meſſer dagegen, ſowie die große Rubinnadel wollte er 240 für ſich behalten. Letztere mußte ſich auf einem der fei⸗ nen mit Buſenſtreifen und Manſchetten verſehenen Hemden wunderhübſch ausnehmen; den polniſchen Rock wollte er ſich zurecht machen laſſen; und ſo calculirte er denn, daß er, wenn er noch die goldbebortete Mütze, den mit einem goldenen Knopfe verſehenen Stock des Capitäns, und den großen doppelten Rubinring, aus dem ſich zwei prachtvolle Ohrringe machen ließen, hätte, aus ſich einen vollkomme⸗ nen Avonis, und Mademviſelle Reine leicht zu ſeiner Beute machen würde. „Wie gut werden mir dieſe Hemd⸗ knöpfe ſiehen,“ dachte er, als er ein Paar an den dicken quabbeligen Handgelenken des Herrn Sedley befeſtigte. „Hemvknöpfe gehen doch über Alles; und corbleu, wel⸗ chen Effect werden die im nächſten Zimmer ſtehenden Stiefeln des Capitäns mit ihren meſſingenen Sporen in der Allé-Verte machen!“ So flog, während Monſieur Iſidor mit ſeinen leib⸗ lichen Fingern ſeines Herrn Naſe hielt, und den unteren Theil von Jos' Geſicht ſeines haarigen Auswuchſes be⸗ raubte, die Phantaſie des Kammerdieners der grünen Avenüe zu: ſchon erblickte er ſich im polniſchen Rocke, in Manſchetten und im feinen Buſenſtreifen, und ſchon luſt⸗ wandelte er im Geiſte mit Mademviſelle Reine die Ufer des Kanals entlang, und muſterte er die Barken, die in dem kühlen Schatten der denſelben bekränzenden Bäume langſam dahinfuhren, und erfriſchte er ſich mit einem Kruge Faro auf der Bank eines Bierhauſes auf dem Wege nach Laeken. 4 Aber glücklicher Weiſe wußte Herr Joſeph Sedley im Intereſſe ſeines eigenen Friedens ebenſo wenig, was in dem Kopfe ſeines Kammerdieners vorging, als der ver⸗ ehrte Leſer und ich errathen können, was John oder Mary, die unſer Brod eſſen, von uns denlen. Was unſere Dienſt⸗ boten von une denken! — Wüßten wir, was unſere in⸗ timſten Freunde und unſere theuerſten Verwandten von uns denken, ſo würden wir in einer Welt leben, die wir 241 gar gerne verlaſſen würden, und in einem Gemüthszuſtande, und einem beſtändigen Schrecken, der keinen Augenblick auszuhalten wäre. Jos' Bedienter zeichnete alſo ſchon das Opfer, das er ſich auserkoren, wie man in Leadenhall⸗ Street einen der Gehülfen des Herrn Paynter eine Schild⸗ kröte, die ſich davon Nichts träumen läßt, mit einem La zieren ſieht, worauf geſchrieben ſteht: „Morgen uppe.“ Die Dienerin Amaliens war bei Weitem nicht ſo egviſtiſch geſinnt. Es konnten dieſem freundlichen und ſanften Geſchöpfe wenige Untergebene nahe kommen, ohne ihrem einnehmenden und liebevollen Weſen den gewöhnli⸗ chen Tribut der Ergebenheit und Anhänglichkeit zu bezah⸗ len. Und es iſt eine Thatſache, daß Pauline, die Köchin, ihre Gebieterin mehr tröſtete, als ſonſt Jemand, den ſie an dieſem unglückſeligen Morgen ſah; denn als ſie be⸗ merkte, wie Amalie ſtundenlang ſtumm, bewegungslos und mit graſſem Geſichte am Fenſter ſitzen blieb, wo ſie⸗ die letzten Bajonette der avmarſchirenden Colonne hatte verſchwinden ſehen, ergriff das ehrliche Mädchen die Hand der Dame, und ſagte: „Tenez, Madame, est-ce qu'il n'est pas aussi à l'armée, mon homme à moi2“ — wobei ſie in Thränen ausbrach, Amalie ihr in die Arme fiel, und ein Gleiches that, ſo daß Jede die Andere bemitleidete und tröſtete. Während des Vormittags ging Herr Jos' Iſidor mehrere Male aus ſeiner Wohnung in die Stadt, und ſuchte die Thüren der Hotels und möblirten Häuſer in der Nähe des Parks auf, wo die Engländer ſich geſam⸗ melt hatten; dort miſchte er ſich unter die andern Kam⸗ merdiener, Couriere und Lakaien, ſammelte alle möglichen Meuigkeiten, und hinterbrachte ſie ſeinem Herrn. Faſt alle dieſe Herren waren innerlich dem Kaiſer zugethan, und waren ſo ziemlich der Anſicht, daß der Feldzug bald zu Ende ſein würde. Die Proklamation des von 1 Der Jahrmarkt des Lebens. I. 8 242 QAvesnes aus war in Brüſſel überall in großen Maſſen verhreitet worden. „Soldaten,“ hieß es darin, „es iſt der Jahrestag von Marengo und Friedland, an dem die Geſchick eEuropa's zwei Mal entſchieden wurden. Damals, wie nach Auſterlitz, wie nach Wagram, waren wir groß⸗ müthig. Wir glaubten an die Eide und Verſprechungen von Fürſten, die wir auf ihren Thronen ließen. Wir wollen es noch einmal mit ihnen aufnehmen. Wir und ſie, — ſind wir nicht immer noch die Nämlichen? Sol⸗ daten! Dieſelben Preußen, die jetzt ſo anmaßend find, ſtanden zu Jena uns gegenüber, Drei gegen Einen, und zu Montmirail, Sechs gegen Einen. Diejenigen unter Euch, ſo in England geweſen ſind, können ihren Kame⸗ raden ſagen, welch' fürchterliche Qualen ſie auf den eng⸗ liſchen Pontons litten. Die Wahnſinnigen! Ein Augenblick des Glückes hat ſie verblendet, und wenn ſie in Frankreich eindringen, ſo werden ſie dort nichts Anderes finden, als ihr Grab!“ Die Anhänger der Franzoſen prophezeiten jedoch den Feinden des Kaiſers ein noch ſchnelleres Ende, und überall konnte man die Anſicht ausſprechen hören, daß die Preußen und Briten nicht mehr zurückkommen wür⸗ den, es wäre denn, als Gefangene im Gefolge der ſieg⸗ reichen Armee. Dieſe Anſichten wurden im Laufe des Tages Herrn Sevley mitgetheilt, damit ſie bei ihm ihre Wirkung thun möchten. Man ſagte ihm, der Herzog von Wellington ſuche ſeine Armee wieder zu ſammeln, da die Avantgarde in der vergangenen Nacht total vernichtet wor⸗ den ſei. „Vernichtet, bah!“ ſagte Jos, der zur Zeit des Früh⸗ ſtücks noch ziemlich viel Muth entwickelte. „Der Herzog iſt mit ſeiner Armee ausgerückt, um den Kaiſer zu ſchla⸗ gen, wie er vor dieſem alle Generale deſſelben in die Flucht getrieben hat.“ „Seine Papiere ſind verbrannt, ſeine Effekten fort⸗ 243 geſchafft, und ſeine Wohnung wird für den Herzog von Dalmatien hergerichtet,“ erwiederte Jos' Berichterſtatter. „Ich habe es von ſeinem eigenen maitre d'hötel. Die Leute von⸗ Milord Herzog von Richemont packen darauf los. Seine Gnaden ſind bereits geflohen, und die Her⸗ zogin wartet nur noch, bis das Silbergeſchirr eingepackt iſt, um nach Oſtende, zu dem Koͤnig von Frankreich, zu gehen.“ „Der König von Frankreich iſt in Gent, Kerl,“ entgegnete Jos, ſich ungläubig ſiellend. „Er iſt in der letzten Nacht nach Brügge geflohen, und ſchifft ſich heute in Oſtende ein. Der Herzog von Berry iſt gefangen. Diejenigen, denen ihre Haut lieb iſt, werden wohl daran thun, wenn ſie bald gehen, da morgen die Dämme durchſtochen werden, — und wer kann fliehen, wenn das das ganze Land unter Waſſer ſteht?“ „Narrheit, Sir, wir ſind Drei gegen Einen, Sir, gegen jede Macht, die Boney in's Feld ſtellen kann,“ wandte Herr Sedley ein; „die Oeſterreicher und Ruſſen ſind bereits auf dem Marſche. Er muß, er wird ver⸗ nichtet werden,“ ſagte Jos, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend. „Die Preußen waren auch Drei gegen Einen bei Jena, und doch vernichtete er ihre Armee, und eroberte er das Königreich in einer Woche. Sie waren Sechs gegen Einen bei Montmirail, und doch jagte er ſie wie Schafe auseinander. Die öſterreichiſche Armee iſt zwar im Anzuge, aber mit der Kaiſerin und dem Könige von Rom an der Spitze; und die Ruſſen, bah! die Ruſſen, die werden ſich fein zurückziehen. Den Engländern wird kein Pardon gegeben wegen der Grauſamkeit, die ſie gegen unſere Tapfern auf ihren infamen Pontons an den Tag gelegt haben. Schauen Sie her, hier ſteht es ſchwarz auf weiß. Hier iſt die Proklamation Seiner Majeſtät, des Kaiſers und Königs, ſagte der jetzt die Maske abwerfende Anhänger Napoleons, und, das Dokument aus ſeiner 244 Taſche ziehend, hielt es Iſidor mit ſtrenger Miene ſeinem Herrn vor das Geſicht, und ſah bereits den polniſchen Rock ſammt den anvern Gegenſtänden von Werth als ſeine Beute an. Wenn Jos auch noch keine ernſte Unruhe verſpürte, ſo war es ihm doch nicht mehr ganz wohl zu Muthe. „Geben Sie mir meinen Rock und meine Mütze, Mon⸗ ſieur,“ ſagte er, „und folgen Sie mir. Ich will ſelbſt an Ort und Stelle von der Wahrheit dieſer Gerüchte mich überzeugen.“ Iſidor war ganz wüthend, als Jos den polniſchen Rock anzog. „Milord wird beſſer daran thun, wenn er den Militärrock nicht anzieht,“ ſagte er; die Franzoſen haben geſchworen, daß ſie keinem einzigen britiſchen Soldaten Pardon geben wollten.⸗ „Halten Sie 's Maul, Kerl!“ ſagte Jos, in deſſen Geſicht ſich immer noch Entſchloſſenheit ausſprach, und ſteckte dann ſeinen Arm mit einem Muthe, dem Nichts Wider⸗ ſtand zu leiſten vermochte, in den Aermel, bei welcher hervi⸗ ſchen That er von Mrs. Rawdon Crawley überraſcht wurde, die in der Abſicht, Amalien einen Beſuch zu ma⸗ chen, hereingekommen war, ohne an der Thüre des Vor⸗ zimmers zu klingeln. Rebekka war, wie gewöhnlich, ungemein nett und zier⸗ lich gekleidet; ihr ruhiger Schlaf nach Rawdon's Weg⸗ gange hatte ſie erfriſcht, und der Anblick ihrer lächelnden roſigen Wangen that wohl in einer Stadt und an einem Tage, wo ſich auf allen Geſichtern die größte Bangigkeit und Unruhe malte. Sie lachte über die Attitüde, in der ſie Jos entveckte, ſowie über die Anſtrengungen und Con⸗ vulſionen, die es dem dicken Herrn koſtete, bis er in den polniſchen Rock hineinkam. „Treffen Sie Anſtalten, um zur Armee zu ſtoßen, Herr Joſeph?“ ſagte ſie. „Bleibt denn Niemand in Brüſſel zurück, um uns arme Frauen zu ſchätzen ?“ unterdeſſen gelang, es Jos denn doch, in den Rock hinein⸗ ——— 245 zukommen; und nun ſchritt er auf ſeine hübſche Beſucherin zu, um, tief errothend, einige Entſchuldigungen hervorzu⸗ ſtottern. Er fragte ſie, wie ſie ſich nach den Ereigniſſen des Morgens — nach den Anſtrengungen des Balls, der in vergangener Nacht Statt gefunden, befände. Was aber Monſieur Iſidor betrifft, ſo nahm er den geblümten Schlafrock und verſchwand damit in dem anſtoßenden Schlaſzimmer ſeines Herrn. „Wie ſchön iſt es doch von Ihnen, daß Sie dar⸗ nach fragen,“ ſagte ſie, eine ſeiner Hände zwiſchen ihre beiden nehmend und dieſelbe drückend. „Wie kaltblütig und gefaßt ſehen Sie doch aus, während Alles vor Schrecken ſich kaum mehr zu helfen weiß! Wie befindet ſich unſere liebe kleine Emmy? Es muß ein furchtbarer, furchtbarer Abſchied geweſen ſein.“ „Ja, furchtbar,“ ſagte Jos. „Ihr Männer könnt doch Alles ertragen,“ erwiederte die Dame. „Ihr kümmert euch doch auch gar nichts um Trennungen und Gefahren. Geſtehen Sie mir nur gerade⸗ zu, daß Sie im Sinne hatten, zur Armee zu ſtoßen, und uns unſerem Schickſale zu überlaſſen. Ja, ja, das hatten Sie im Sinne — es ſagt mir Etwas, daß Sie damit umgingen. Es überkam mich ein ſolcher Schreck, als ſich der Gedanke in meinem Kopfe feſtſetzte (denn ich denke bisweilen an Sie, wenn ich allein bin, Herr Joſeph!), daß ich alsbald fortrannte, um an Sie die flehentliche Bitte zu richten, daß Sie uns doch hier nicht ſitzen laſ⸗ ſen möchten.“ Dieſe Worte ließen ſich etwa ſo überſetzen: „Mein lieber Herr, ſollte der Armee das Glück zuwider ſein, und ein Rückzug nöthig werden, ſo haben Sie einen recht be⸗ quemen Wagen, in den ich mich auch zu ſetzen gedenke.“ Ich weiß zwar nicht, ob Jos die Worte ſo verſtand. All⸗ ein es hatte ihn nicht wenig geärgert, daß die Dame wäh⸗ rend ihres Aufenthalts zu Brüſſel ihm ſo wenig Aufmerk⸗ ſamkeit bewieſen. Er war keinem der vornehmen und * 246 hochgeſtellten Bekannten der Rawdon Grawlehs vorgeſtellt worden: er war kaum zu Rebekka's Geſellſchaften beige⸗ zogen worden, denn er war zu furchtſam, um viel zu ſpielen, und ſeine Anweſenheit langweilte George und Rawdon in gleicher Weiſe, die vielleicht Beide ohne Zeu⸗ gen bei dem Zeitvertreibe ſein wollten, woran ſie ihre Freude fanden. „Ah!“ dachte Jos, „nun kommt ſie zu mir, weil ſie mich braucht. Wenn ſie ſonſt Niemand hat, ſo kann ſie ſich ves alten Joſeph Sevley erinnern 1“ All⸗ ein, dieſe Zweifel abgerechnet, fühlte er ſich geſchmeichelt durch die von Rebekka in Betreff ſeines Muthes ausge⸗ drückte Anſicht. Er erröthete gewaltig und nahm eine ungemein wich⸗ tige Miene an. „Ich möchte wohl den Kampf ſehen,“ ſagte er. „Jeder Mann von Muth würde ſo Etwas gern ſehen, wiſſen Sie. Ich habe während meines Aufenthalts in Oſtinden Gelegenheit gehabt, den Krieg etwas praktiſch kennen zu lernen, aber keineswegs in ſo großem Maßſtabe, wie es hier der Fall iſt.“ . „Ihr Männer würdet für ein Vergnügen Alles auf⸗ vpfern,“ erwiederte Rebekka. „Capitän Crawley hat mich dieſen Morgen verlaſſen, ſo luſtig, als ob er ſich an einer Jagdpartie betheiligte. Was kümmert er ſich um Andere! Was kümmert ſich irgend einer von euch Männern um die Qualen und den Kummer eines armen, verlaſſenen Weibes? (pIch möchte wohl wiſſen, ob er denn wirklich im Sinne hatte, zur Armee zu gehen, der große träge Gourmand.) Oh, lieber Herr Sedley, ich komme zu Ih⸗ nen, um Troſt zu ſuchen. Den ganzen Morgen habe ich auf den Knien gelegen. Ich zittere, wenn ich an die furchtbare Gefahr denke, in die unſere Gatten, unſere Freunde, unſere tapfern Truppen und Allürten ſich ſtür⸗ zen. Und ich komme zu Ihnen, um Schutz zu ſuchen, und finde einen andern meiner Freunde — den letzten, der mir geblieben iſt — entſchloſſen, an dem furchtbaren Kriegs⸗ ſpiele ſich zu betheiligen!“ 247 „Meine liebe Madame,“ erwiederte Jos, der jetzt an⸗ fing, ganz beſänftigt zu werden. „Haben Sie keine Angft. Ich ſagte nur, daß ich gern gehen würde — welcher Brite hätte wohl auch einen andern Gedanken? Allein meine Pflicht hält mich hier zurück: ich kann das arme Geſchöpf in dem Zimmer dort nicht allein laſſen.“ Und er deutete mit dem Finger auf die Thüre des Zimmers, worin Amalie ſich befand. „Guter edler Bruder!“ ſagte Rebekka, ihr Taſchen⸗ tuch nach ihrem Auge hin bewegend, und an dem kölniſchen Waſſer, womit es parfümirt war, riechend. „Ich habe Ihnen Uarecht gethan: Sie haben ein Herz. Ich glaubte, Sie hätten keines.“ „Oh, bei meiner Ehre!“ ſagte Jos, eine Bewegung machend, als wollte er die Hand auf den in Frage ſtehen⸗ ſten Fleck legen. „Sie thun mir Unrecht, ja gewiß, Sie thun mir Unrecht — meine liebe Mrs. Crawley.“ „Ich ſehe es wohl, daß Ihr Herz Ihrer Schweſter ſo treu iſt. Aber ich kann mich wohl noch erinnern, wo es falſch, wo es mir untreu war — und das war vor zwei Jahren!“ ſagte Rebekka, einen Augenblick ihre Au⸗ gen auf ihn heftend und dann ſich nach dem Fenſter hin wendend. Jos erröthete heftig. Das Organ, das ihm, laut der Anklage Rebekka's abging, fing an, gewaltig zu klo⸗ pfen. Er erinnerte ſich wieder der Tage, wo er ihr ent⸗ flohen war, ſowie der Leidenſchaft, die ſie ihm einſt einge⸗ flößt — der Tage, wo er in ſeinem Wagen mit ihr ausgefahren, wo ſie für ihn die grüne Boͤrſe geſtrickt — wo er, in den Anblick ihrer weißen Arme und ihrer glän⸗ zenden Augen verſunken, dageſeſſen und ſo unendlich gluck⸗ lich geweſen war. „Ich weiß, Sie halten mich für undankbar,“ fuhr Rebekka fort, aus dem Fenſter wieder hervortretend und ihn abermals anſehend. Sie ſprach leiſe und mit zittern⸗ der Stimme. „Ihre Kälte, Ihre ſich von mir abwenden⸗ 248 den Blicke, die Art, wie Sie ſich in der neueſten Zeit gegen mich benommen haben — und eben jetzt, als ich hereintrat, das Alles bewies es mir. Allein, waren für mich keine Gründe vorhanden, Sie zu meiden? Möge Ihr eigenes Herz dieſe Frage beantworten. Glauben Sie, mein Mann ſei allzu geneigt geweſen, Sie bei uns zu ſehen ? Die einzigen unfreundlichen Worte, die er mir noch gege⸗ ben (ich muß Capitän Crawley dieſe Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen), ſind wegen Ihrer erfolgt — und es waren ja grauſame, recht grauſame Worte.“ „Gütiger Himmel! was habe ich denn gethan?“ fragte Jos, bei dem die Freude eben ſo groß war wie die Verlegenheit; „was habe ich gethan — um — um —?“ „Iſt denn die Eiferſucht Nichts?“ ſagte Rebekka. „Ich bin wegen Ihrer unglücklich. Und mein Herz gehört ganz allein meinem Manne, — was auch früher vorge⸗ gangen ſein mag. Ich bin jetzt unſchuldig. Nicht wahr, Herr Sedley?“ Das ganze Blut Jos' gerieth in freudige Wallung, indem er dieſes Opfer ſeiner Reize anſah. Einige wenige geſchickte Worte, ein Paar ſchlaue, zärtliche Blicke, — und ſein Herz ſtand wieder in Flammen, und ſeine Zweifel und ſein Verdacht waren vergeſſen. Sind nicht ſeit Sa⸗ lomos Tagen ſchon weiſere Männer, als er, von Frauen betrogen und bethort worden? „Geht Alles ganz ſchief,“ dachte Becky, „ſo iſt doch mein Rückzug geſichert, und der beſte Platz in der Barouche iſt mir dann ſicher genug.“ Man kann ſchlechterdings nicht wiſſen, zu welchen Liebeserklärungen Herr Joſeph durch ſeine gewaltigen Lei⸗ denſchaften hingeriſſen worden wäre, hätte nicht Iſidor, der Kammerdiener, in dieſem Augenblicke ſich wieder ge⸗ zeigt und angefangen, ſich im Zimmer mit allerlei Dingen zu thun zu machen. Jos, der gerade im Begriffe war, ein Liebesbekenntniß hervorzukeuchen, erſtickte faſt an der Ge⸗ müthsbewegung, die er nun zurückdrängen mußte. Auch Rebekka dachte, daß es nun Zeit ſei, zu ihrer theuerſten 249 Amalie hinzugehen und dieſelbe zu tröſten. „Au revoir,“ ſagte ſie, dem Herrn Joſeph eine Kußhand zuwerfend, und klopfte dann ſanft an die Thüre ſeiner Schweſter. Als ſie hereinttat, und die Thüre ſich hinter ihr ſchloß, ſank er auf einen Stuhl, und ſtarrte, und ſeufzte, und keuchte aus Leibeskräften. „Dieſer Rock iſt gar enge für Milord,“ ſagte Iſidor, deſſen Auge ſich immer noch nicht von den Schnüren und Quaſten abwenden konnte; allein ſein Herr hörte ihn nicht: ſeine Gedanken waren an einem andern Orte: bald verloren ſie ſich in wahn⸗ ſinniger Gluth, in der Betrachtung der bezaubernden Re⸗ bekka: bald bebten ſie ſchuldbewußt vor der Erſcheinung des eiferſüchtigen Rawdon Crawley, mit ſeinem gekräu⸗ ſelten grimmigen Schnurrbarte, und ſeinen furchtbaren, ge⸗ ladenen und geſpannten Duell⸗Piſtolen, zurück. Die Erſcheinung Rebekka's erfüllte Amalie mit Schre⸗ cken, und machte ſie zurückbeben. Sie rief ſie in die Welt zurück, und erinnerte ſie wieder an Alles, was in der ver⸗ floſſenen Nacht vorgefallen war. In der überwältigenden Furcht wegen der Dinge, die da kommen ſollten, hatte ſie Rebekka — hatte ſie die Eiferſucht — hatte ſie Alles ver⸗ geſſen, und dachte nur noch daran, daß ihr Gatte fort ſei und in Gefahr ſchwebe. Auch wir haben nicht in dieſes kummererfüllte Zimmer eindringen wollen, bis das uner⸗ ſchrockene, weltlich geſinnte Geſchöpf hereinkam und den Zauber brach und die Klinke in die Höhe hob. Wie lange hatte die arme junge Frau auf den Knien gelegen! Welche Stunden ſtummen Gebetes und bitterer Niedergeſchlagen⸗ heit hatte ſie da zugebracht! Die Perſonen, die uns über die Kriegsbegebenheiten berichten und uns glänzende Kämpfe und Triumphe ſchildern, ſagen uns von dergleichen Dingen gar ſelten Etwas. Es ſind dieß zu unbedeutende Epiſo⸗ den des großen Dramas, und man hört inmitten des Ju⸗ belgeſchreies beim großen Siegeschore das Klaggeſchrei der Wittwen und die Seufzer der Mütter nicht. Und doch, wann ſind ſolche ausgeblieben! Wann haben ſolche demü⸗ 250 thige, gebrochenen Herzen ausgepreßte Proteſtationen ſich nicht Luft gemacht — Proteſtationen, die im großen Sie⸗ geslärme verhallten! Auf die erſte Regung des Schreckens im Geiſte Ama⸗ liens — als Rebekta's grüne Augen auf ſie fielen, und Letztere, in ihrem neuen rauſchenden, ſeidenen Gewande und ihrem glänzenden Schmucke, mit ausgeſtreckten Armen auf ſie zutrippelte, um ſie zu umarmen — folgte ein Ge⸗ fühl des Zorns; und wenn ihr Geſicht vorher todblaß geweſen war, ſo wurde es nun mit einem Male purpur⸗ roth, und nach einem Augenblicke erwiederte ſie Rebekka's Blick mit einer Feſtigkeit, die ihre Nebenbuhlerin über⸗ raſchte und etwas verlegen machte. „Theuerſte Amalie, Du biſt ſehr unwohl,“ ſagte Re⸗ bekka, die Hand ausſtreckend, um die Amaliens zu er⸗ greifen. „Was iſt es2 Ich konnte nicht ruhen, bis ich wußte, wie Du Dich befändeſt.“ Amalie zog ihre Hand zurück — noch nie in ihrem Leben hatte die ſanfte Seele es über ſich vermocht, eine Freunvſchafts⸗ oder Liebesdemonſtration nicht zu erwiedern oder nicht daran zu glauben. Allein dieſes Mal zog ſie ihre Hand zurück und zitterte und bebte am ganzen Koͤr⸗ per. „Warum biſt Du hier, Rebekka?“ ſagte ſie, ſie immer noch mit ihren großen Augen feierlich anblickend. Rebekka wurde dadurch etwas aus der Faſſung gebracht. „Sie muß geſehen haben, wie er mir auf dem Balle das Brieſchen gab,“ dachte Rebekka. „Sei doch nicht un⸗ ruhig, liebe Amalie,“ ſagte ſie, auf den Boden blickend. „Ich bin nur gekommen, um zu ſehen, ob ich Dir — ob Du wohl biſt.“ „Biſt Du wohl?“ ſagte Amalie. „Ich denke wohl, vaß Du es biſt. Du liebſt Deinen Mann nicht. Du wäreſt nicht hier, wenn Du ihn liebteſt. Sag mir doch, Rebekka, haſt Du Dich je einmal über mich zu beklagen gehabt, und habe ich mich je einmal anders, als freund⸗ lich gegen Dich erwieſen?“ 251 „Gewiß, nie, Amalie,“ ſagte die Andere, immer noch mit geſenktem Kopfe. „Wer nahm ſich Deiner als Freundin an, als Du noch ganz arm warſt? War ich Dir nicht eine Schwe⸗ ſter? Du haſt uns Alle in glücklicheren Tagen geſehen, ehe er mich heirathete. Damals war ich ihm Alles in Allem; oder würde er ſonſt ſein Vermögen, ſeine Fa⸗ milie, in ſo edelmüthiger Weiſe aufgegeben haben, um mich glücklich zu machen? Warum biſt Du zwiſchen meine Liebe und mich getreten? Wer hat Dir den Auf⸗ trag gegeben, diejenigen zu trennen, die Gott zuſammen gefügt hat, und mir das Herz meines Lieblings — mir meinen Gatten zu ſtehlen? Glaubſt Du, Du könneſt ihn lieben, wie ich ihn liebte? Seine Liebe war für mich Alles in Allem. Du wußteſt es, und wollteſt mir die⸗ ſelbe ſtehlen. Pfui, Rebekka; ſchlechtes, gottloſes Weib — falſche Freundin und falſche Frau.“ „Amalie, ich betheure vor Gott, daß ich meine Pflicht gegen meinen Mann keinen Augenblick aus den Augen geſetzt habe,“ ſagte Rebekka, ſich von ihr wegwendend. „Biſt Du Dir keines Unrechts bewußt, das Du mir zugefügt, Rebekka? Du haſt es verſucht, allein es gelang ſu nicht. Frage Dein Herz, ob es ſich nicht ſo ver⸗ ält.“ „Sie weiß Nichts,“ dachte Rebekka. „Er iſt zu mir zurückgekommen. Ich wußte wohl, daß es ſo kommen würde. Ich wußte, daß keine Lüge, keine Schmeichelei ihn mir lange entziehen konnte. Ich wußte, daß er zu mir zurückkommen würde. Gott hat mein Gebet erhört.“ Die arme Frau ſprach dieſe Worte mit einem Feuer und einer Geläufigkeit, die Rebekka noch nie bei ihr be⸗ merkt hatte, und wobei Letztere ganz verſtummte. „Was habe ich Dir denn aber gethan,“ fuhr Amalie in wehmüthigerem Tone fort, „daß Du den Verſuch machteſt, mir ihn zu entreißen? Ich habe ihn erſt ſechs 25⁵2 Wochen. So lange hätteſt Du mir ihn doch laſſen kön⸗ nen, Rebekka. Und doch biſt Du, vom erſten Tage unſe⸗ rer Heirath an, zwiſchen uns getreten, und haſt unſer Glück muthwillig zerſtört. Und jetzt, wo er fort iſt, kommſt Du, um zu ſehen, wie unglücklich ich bin?“ Noch ſetzte ſie hinzu: „Du haſt mich in den letzten vierzehn Tagen unglücklich genug gemacht: Du hätteſt mich we⸗ nigſtens heute verſchonen können.“ „Ich — ich bin nie hieher gekommen,“ fiel Re⸗ ein, wobei ſie eine unglückliche Wahrheit aus⸗ ſprach. „Nein; Du biſt nicht hieher gekommen. Du haſt ihn von mir weggezogen. Biſt Du gekommen, um ihn von mir wegzuholen?“ fuhr ſie in wilderem Tone fort. „Er iſt hier geweſen, iſt nun aber fort! Auf jenem Sopha dort hat er geſeſſen. Berühre es nicht. Dort haben wir mit einander geſeſſen und geſprochen. Ich ſaß auf ſeinem Knie, und meine Arme umſchlangen ſeinen Hals, und wir beteten ein Vater unſer. Ja, ja, er iſt hier geweſen: und man iſt gekommen, und hat ihn weggeholt, allein er hat mir verſprochen, daß er zurückkommen wollte.“ „Er wird zurückfommen, meine Theure,“ ſagte Re⸗ bekka, wider ihren Willen gerührt. „Sieh her,“ ſagte Amalie, „hier iſt ſeine Schärpe — iſt es nicht eine hübſche Farbe?“ Und ſie führte die Franſen an ihre Lippe, und küßte ſie. Sie hatte im Laufe des Tages die Schärpe um ihre Taille gebunden. Sie hatte anſcheinend ihren Zorn, ihre Eiferſucht, ja ſogar die Gegenwart ihrer Nebenbuhlerin vergeſſen; denn ſie ging ſchweigend, und faſt mit einem Lächeln im Geſichte, auf das Bett zu, und fing an, George's Kiſſen mit der Hand glatt zu ſtreichen. Auch Rebekka ging ſchweigend davon. „Wie befindet ſich Amalie?“ fragte Jos, der immer noch auf ſeinem Stuhle ſaß. 253 „Sie ſollte Jemand bei ſich haben,“ ſagte Rebekka. „Ich glaube, ſie iſt ſehr unwohl.“ Und Mrs. Crawley entfernte ſich mit einem ſehr ernſten Geſichte, und ohne auf Herr Sedley's angelegent⸗ lichſte Bitten, daß ſie doch dableiben, und an dem frühen Diner, das er beſtellt, Theil nehmen möchte, zu achten. Rebekka war von Hauſe aus gutmüthig und gefällig, und Amalien eher geneigt, als nicht. Sogar ihre harten Worte enthielten noch Complimente, ſo vorwurfsvoll ſie auch waren — es war das Aechzen einer Perſon, die ſich beſiegt fühlte. Als Rebekka Mrs. O'Dowd traf, welche die Predigten des Dekans keineswegs zu tröſten vermocht hatten, und die ganz troſtlos im Park umher⸗ ging, redete ſie Letztere an, was die Majorin ziemlich überraſchte, die an ſolche Kundgebungen der Hoflichkeit von Seiten der Mrs. Rawdon Crawley wenig gewöhnt war, und ſchickte, nachdem ſie der gutmüthigen Irländerin geſagt, daß die arme kleine Mrs. Osborne in einem ver⸗ zweiſelten Zuſtande ſich befände, und vor Kummer faſt außer ſich wäre, dieſelbe geradezu hin, um einen Verſuch zu machen, ob ſie ihrer jungen Freundin nicht Troſt ein⸗ ſprechen könne. „Ich habe ſelbſt Sorgen genug,“ ſagte Mrs. O'Dowd ernſt, „und ich dachte, daß die arme Amalie heute kein großes Verlangen nach Geſellſchaft haben würde. Wenn es aber ſo ſchlimm mit ihr ſteht, wie Sie ſagen, und wenn Sie, die Sie ſie doch ſo lieb hatten, nicht bei ihr bleiben können, ſo will ich, meiner Treu, ſehen, ob ich nicht von einigem Nutzen ſein kann. Und ſo wünſche ich Ihnen denn einen guten Morgen, Madame.“ So ſprechend, und den Kopf in die Höhe werfend, verabſchiedete ſich die Dame mit der Repetiruhr von Crawley, deren Geſellſchaft ſie keineswegs eifrig uchte. Becky ſah ſie, mit einem Lächeln auf der Lippe, ab⸗ trollen. Sie hatte für alles Humoriſtiſche einen Sinn, 2⁵⁴ wie Wenige, und der Parther⸗Blick, den die abziehende Mrs. O'Domd ihr über die Schulter weg zuwarf, ſetzte Mrs. Crawley's Ernſthaftigkeit auf eine harte Probe. „Ihre Dienerin, meine feine Madame, und es freut mich, Sie ſo luſtig zu ſehen,“ dachte Peggy. „Auf jeden Fall weinen Sie ſich nicht vor Kummer die Augen aus.“ Und ſo ging die gutherzige Irländerin fürbaß, und fand bald ihren Weg nach Mrs. Osborne's Wohnung. Die arme Seele ſtand, faſt wahnfinnig vor Schmerz, immer noch an dem Bette, wo Rebekka ſie verlaſſen hatte. Die Majorin, als eine reſolutere und mit ſtärkeren Ner⸗ ven begabte Frau, ſuchte, ſo viel in ihren Kräften ſtand, ihre junge Freundin zu tröſten. * „Sie müſſen ſtandhaft ſein, liebe Amalie,“ ſagte ſie freundlich; „denn er darf Sie nicht krank finden, wenn er nach dem Siege Sie kommen läßt. Sie ſind nicht die einzige Frau, deren Schickſal jetzt in den Händen Gottes ſteht.“ „Ich weiß das. Ich bin ſehr gottlos, ſehr ſchwach,⸗ ſagte Amalie. Sie kannte ihre eigene Schwäche recht gut. Die Anweſenheit der reſoluteren Freundin that der⸗ ſelben jedoch Einhalt: und ſie befand ſich bei dieſem Zwange und dieſer Geſellſchaft beſſer⸗ So wurde es zwei Uhr; ihre Herzen waren bei der Colonne, während dieſe ſich immer weiter entfernte. Fürchterliche Zweifel, in Begleitung von Angſt und Ban⸗ gigkeit, und Kummer, und Gebeten, die ſich nicht aus⸗ ſprechen laſſen, folgten vem Regimente. Es war der Tribut, den die Frauen an den Krieg entrichteten. Dieſer heiſcht ſeine Steuer von Beiden, und nimmt das Blut der Männer und die Thränen der Frauen. Um halb drei Uhr fand ein Ereigniß von täglicher Wichtigkeit für Herrn Joſeph Statt: die Stunde des Diners kam herbei. Krieger mochten ſich ſchlagen, und fallen, er aber mußte zu Mittag ſpeiſen. Er trat in Amaliens Zimmer, um zu ſehen, ob er ſie nicht bereden konnte, an dieſem Mahle Theil zu nehmen. „Verſuche es doch einmal,“ ſagte er; „die Suppe iſt recht gut. Verſuche es doch einmal, Emmy,“ und er küßte ihre Hand. Nimmt man den Tag der Trauung Amaliens aus, ſo hatte er ſich ſeit Jahren noch nie ſo gewaltig angeſtrengt, um ſeiner Schweſter ſeine Aufmerkſamkeit zu beweiſen. „Du biſt recht gut und freundlich, Joſeph,“ ſagte ſie. „Und Jedermann iſt gut und freundlich, aber laß' mich doch heute in meinem Zimmer, ich bitte Dich darum.“ Der Duft der Suppe war indeſſen für Mrs. O'Dowd's Naſe allzu einladend, und ſie dachte daher, ſie wolle Herrn Jos Geſellſchaft leiſten. Und ſo ſetzten ſich die Beiden zum Eſſen nieder. „Der Herr geſegne es,“ ſagte die Majorin feierlich: ſie dachte an ihren ehrlichen Mick, der an der Spitze ſeines Regiments ritt. „Die armen Burſche werden heute wohl nur ein ſchlechtes Mittageſſen kriegen,“ ſagte ſie mit einem Seufzer, und fing dann, wie eine Philoſophin an, es ſich ſchmecken zu laſſen. Mit jedem neuen Gerichte nahm auch Jos' gute Laune zu. Er wollte die Geſundheit des Regiments aus⸗ bringen, oder vielmehr unter irgend einem Vorwande ſich bei einem Glaſe Champagner gütlich thun. „Wir wollen auf das Wohl O'Dowd's und des tapfern — ſten Regi⸗ ments trinken,“ ſagte er, ſich galant gegen ſeinen Gaſt, die Majorin, verbeugend. „He, Mrs. O'Dowd! Füllen Sie doch Mrs. O'Dowd's Glas, Iſidor.“ Aber mit einem Male fuhr Iſidor zuſammen, und legte die Majorin Meſſer und Gabel weg. Die Fenſter des Zimmers ſtanden offen, und gingen nach Süden, und ein dumpfer, ferner Schall kam in dieſer Richtung über die von der Sonne beleuchteten Dächer her. „Was iſt das?“ ſagte Jos. „Warum ſchenken Sie nicht ein, Sie Schlingel?“ „Cest le feu, ſagte Iſidor, auf den Balkon rennend. 256 „Gott ſchütze uns; es iſt das Gedröhne der Ka⸗ nonen!“ rief Mrs. O'Dowd aufſpringend, und ging dann ebenfalls auf das Fenſter zu. In demſelben Augenblick hätte man ſehen können, wie tauſend blaſſe und ängſtliche Geſichter aus andern Fenſtern blickten. Und alsbald ſchien es, als ob die ganze Bevölkerung der Stadt auf den Straßen ſich eingefuncen hätte. . — — —— — „ — — —