₰ . — J Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Keſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wi. — Pf. Suswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ,, 4 „ —— — ———— — Der Jahrmarkt des Lebens. WVanity Fair.) Roman von Wiliam Makepeart Chackeray. — Aus dem Engliſchen von 6 Dr. Chr. Fr. Grieb. Erſtes bis viertes Bändchen. ——— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. * Vorwort. Vor dem Vorhange. Indem der Direktor des Puppentheaters vor dem Vorhange auf der Bühne ſitzt und über den Markt hinſchaut, befällt ihn beim Anblicke des bunten Treibens eine tiefe Melancholie. Da wird viel gegeſſen und getrunken, viel geliebelt und kokettirt, viel gelacht und geweint, viel geraucht, betrogen, duellirt, geprügelt, getanzt und gegeigt; da drängen ſich Renommiſten im Getümmel hin und her; da beäugeln Stutzer die Frauenzimmer; da leeren Spitzbuben Taſchen; da paſſen Polizei⸗ diener auf; da ſchreien Quackſalber (andere Quackſalber, der Henker hole ſie!) vor ihren Buden, und da ſchauen Jokel zu den beflitterten Tänzern und armen, alten, geſchminkten Luftſpringern auf, während das ſchnellfingerige Volk hinten an ihren Rocktaſchen arbeitet. Ja, das iſt der Jahrmarkt des Lebens; gewiß kein moraliſcher und auch kein luſtiger Ort, wenn es dort auch lärmend genug hergeht. Sehet auf die Geſichter der Schau⸗ ſpieler und der Poſſenreißer, wenn ſie von ihrem Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 1 Geſchäfte kommen, und der Hanswurſt die Schminke von ſeinem Geſichte waſcht, ehe er ſich mit ſeinem Weibe und den kleinen Hanswurſten hinter der Leinwand zu Tiſche ſetzt. Bald geht der Vorhang auf, und er wird dann ſeine Purzelbäume ſchlagen und ſchreien: „Wie ſteht's mit Euch?“ Ein Mann, der gerne nachdenkt, wird, wenn er an einer Schauſtellung dieſer Art hinwandelt, meines Vermuthens weder durch ſeine, noch anderer Leute Heiterkeit allzu ſehr beläſtigt werden. Hier und da rührt und beluſtigt ihn wohl eine humo⸗ riſtiſche und ſentimentale Epiſode; — ein hübſches Kind, das eine Bude mit Pfefferkuchen anſchaut; ein hübſches Mädchen, das erröthet, während ihr Liebhaber mit ihr ſpricht, und ihr ein Geſchenk ausſucht; der arme Hanswurſt dort hinter dem Wagen, der ſein Bein mit der ehrlichen, von ſeinen Luftſprüngen lebenden Familie abnagt; — aber der allgemeine Eindruck iſt eher ein melan⸗ choliſcher, als ein heiterer. Wenn Du nach Hauſe kommſt, ſo ſetzeſt Du dich nieder in nüchterner, beſchaulicher, nicht liebloſer Stimmung, und be⸗ ſchäftigſt Dich mit Deinen Büchern oder Deinen Geſchäften. Ich habe keine andere Moral, als eben dieſe an vorliegende Geſchichte vom „Jahrmarkt des Lebens“ zu knüpfen. Einige Leute halten Jahr⸗ märkte mit ihren Sehenswürdigkeiten überhaupt für unſittlich, und vermeiden ſolche mit ihrer Familie m und ihrer Dienerſchaft: vielleicht haben ſie Recht. Allein Leute, die anderer Anſicht, und träger oder wohlwollender oder ſarkaſtiſcher Art ſind, mögen vielleicht auf eine halbe Stunde hereintreten, und die Künſte, die gezeigt werden, mit anſehen. Hier ſind Scenen aller Art, bald fürchterliche Kämpfe, bald ſchönes und kunſtreiches Reiten auf Pferden; bald Scenen aus dem Leben der hohen Welt, bald andere aus dem einer ſehr untergeordneten; hier haben wir Liebes⸗Scenen für die Sentimentalen, dort wieder für Andere Leichtes und Komiſches: das Ganze begleitet von angemeſſenen Dekorationen, und brillant beleuchtet durch die eigenen Lichter des Verfaſſers. Was braucht der Direktor des Puppenſpiels noch weiter zu ſagen? — Er muß für die Güte danken, womit es in allen bedeutenden Städten Englands, in die er mit ſeinem Theater gekommen, . von den achtbaren Leitern der öffentlichen Preſſe, dem hohen und niedern Adel, ſowie von dem verehrungs⸗ würdigen Publikum überhaupt aufgenommen worden iſt. Der Gedanke macht ihn ſtolz, daß ſeine Puppen der beſten Geſellſchaft im Lande gefallen haben. Die famoſe kleine Puppe Becky hat den Leuten als ungemein gelenkig und munter auf dem Draht⸗ ſeile gefallen: die Amalie genannte Marionette iſt, obwohl ſie einen kleineren Kreis von Bewun⸗ derern gehabt hat, dennoch von dem Künſtler mit der größten Sorgfalt geſchnitzt und gekleidet worden: die Figur Dob bin tanzt, obwohl ſcheinbar unbe⸗ hülflich, dennoch in höchſt beluſtigender und na⸗ türlicher Weiſe: der Tanz des kleinen Jungen hat Einigen gefallen; und endlich möge man die reich gekleidete Figur des gottloſen Edelmanns be⸗ achten, bei der man keine Koſten geſpart hat, und die der Teufel am Ende dieſes ſonderbaren Stückes holen wird. Hiemit, und mit einem tiefen Bücklinge vor ſeinen Gönnern, zieht ſich der Direktor zurück, und geht der Vorhang auf, London, 28. Juni 1848. * ——— — — Erſtes Rapitel. Chiswick Mall. In den Zehnerjahren dieſes Jahrunderts fuhr an einem ſonnenhellen Junimorgen vor das große eiſerne Thor von Miß Pinkerton's Mädchen⸗Erziehungsanſtalt auf Chiswick Mall eine große Familienkutſche mit zwei feiſten Pferden in glänzendem Geſchirre. Eile hatte der Kutſcher offen⸗ bar keine, denn er mochte in der Stunde etwa vier eng⸗ liſche Meilen machen; und was deſſen Aeußeres betrifft, ſo zeichnete es ſich durch Wohlbeleibtheit, einen dreieckigen Hut und eine Perrücke aus. Ein ſchwarzer Diener, der neben dem wohlbeleibten Kutſcher auf dem Bocke ſaß, ent⸗ faltete ſeine krummen Beine, ſobald der Wagen Miß Pin⸗ kerton's glänzender meſſingenen Tafel gegenüber anhielt, und als er die Klingel zog, konnte man wenigſtens zwan⸗ zig junge Köpfe aus den engen Fenſtern des ſtattlichen alten, aus Backſteinen erbauten Hauſes hervorlugen ſehen. Ja, ein genauer Beobachter hätte die kleine rothe Naſe der gutmüthigen Miß Jemima Pinkerton ſelbſt über eini⸗ gen Geraniumſtöcken am Fenſter des Geſellſchaftszimmers dieſer Dame erblicken können. „Es iſt die Kutſche der Mrs. *) Sedley, Schweſter,“ ſagte Miß Jemima. „Sambo, der ſchwarze Diener, hat ſo eben geläutet; und der Kutſcher hat eine neue, rothe Weſte.“ „Haſt Du alle Vorbereitungen beendigt, welche Miß Miſtreß, Fräu. Sedley's Abgang nöthig macht, Miß Jemima?“ fragte Miß Pinkerton ſelbſt — jene majeſtätiſche Dame, die Semiramis von Hammerſmith, die Freundin von Doktor Johnſon, die Correſpondentin der Mrs. Chapone ſelbſt. „Die Mädchen ſind heute Morgen um vier Uhr auf⸗ geſtanden, um ihre Koffer zu packen, Schweſter,“ erwie⸗ derte Miß Jemima; „wir haben ihr einen Strauß ge⸗ bunden.“ „Sage doch ein Bouquet, Schweſter Jemima; es klingt feiner.“ „Nun ja, ein Bouquet, faſt ſo groß wie ein Heu⸗ ſchober; ich habe für Mrs. Sedley zwei Flaſchen von dem Levkojenwaſſer in Amaliens Koffer gepackt, ſowie auch das Recept zur Verfertigung deſſelben.“ „Und ich hoffe, Miß Jemima, Du haſt Miß Sed⸗ leh's Rechnung ausgeſchrieben; dieß iſt ſie, nicht wahr? Recht gut — neunzig drei Pfund und vier Shillinge⸗ Adreſſire ſie an John Sedley, Eſquire, und fiegle dieſes Billet, das ich an ſeine Gemahlin geſchrieben.“ In Miß Jemima's Augen war ein eigenhändiger Brief ihrer Schweſter, Miß Pinkerton, ein Gegenſtand ebenſo hoher Verehrung, als ein Brief von einem Souve⸗ rän geweſen ſein würde. Nur wenn ihre Schülerinnen die Anſtalt verließen, oder wenn dieſelben im Begriffe waren, ſich zu verheirathen, und ein Mal, als die arme Miß Birch am Scharlachſieber geſtorben war, ſchrieb Miß Pinkerton perſönlich an die Eltern ihrer Schülerin, und es war Jemima's Anſicht, daß, wenn Etwas Mrs. Birch über den Verluſt ihrer Tochter zu tröſten im Stande ſei, es das fromme und beredte Schreiben ſein müſſe, worin Miß Pinkerton ſie von dem Ereigniſſe in Kenntniß geſetzt. Im vorliegenden Falle lantete Miß Pinkertons„Billet“ folgender Maßen; — 7 7 7 „Mall, Chiswick, 15. Juni 18 —. „Madam, — Nach ihrem ſechsjährigen Aufenthalte in der Mall habe ich die Ehre und das Vergnügen, Miß Amalie Sedley ihren Eltern als eine junge Dame zurück⸗ zugeben, die nicht unwürdig iſt, in ihrem feinen und ge⸗ bildeten Zirkel eine paſſende Stellung einzunehmen. Sie werden finden, daß jene Tugenden, welche eine junge eng⸗ liſche Dame von guter Erziehung charakteriſiren, daß jene Talente und Fertigkeiten, die ſich für ihre Geburt und ihren Stand ſchicken, der liebenswürdigen Miß Sedley nicht mangeln, deren Fleiß und Gehorſam ſie ihren Lehrerinnen lieb und werth gemacht, und deren zum Ent⸗ zucken ſanftes Temperament ihre älteren und jugend⸗ lichen Gefährtinnen bezaubert hat. „Sie werden finden, daß ſie in der Mufik, im Tan⸗ zen, in der Orthographie, in allen Arten von Stickereien und Nadelarbeiten die ſehnſüchtigſten Wünſche ihrer Freunde und Freundinnen verwirklicht hat. In der Geo⸗ graphie bleibt noch Manches zu wünſchen übrig, und eine ſorgfältige und unabläßige Anwendung des Rückenbrettes, während täglicher vier Stunden in den nächſten drei Jah⸗ ren, wird als zur Erlangung jener würdevollen Haltung nöthig anempfohlen, die jeder jungen, faſhionablen Dame ſo unentbehrlich iſt. „In den Grundſätzen der Religion und Sittlichfeit wird Miß Sevley als einer Anſtalt würdig erfunden wer⸗ den, die durch die Gegenwart des großen Lerikogra⸗ phen und die Gönnerſchaft der bewunderungswürdigen Mrs. Chapone beehrt worden iſt. Bei ihrem Scheiden aus der Mall nimmt Miß Amalie die Herzen ihrer Ge⸗ fährtinnen und die liebevolle Achtung ihrer Lehrerin mit ſich, welche die Ehre hat, zu zeichnen, „Madam, „Ihre gehorſamſt ergebene Dienerin, „Barbara Pinkerton.“ — 8 „P. S. — Miß Sharp begleitet Miß Sedley. Es wird ausdrücklich gebeten, den Aufenthalt der Miß Sharp in Ruſſel Square nicht zehn Tage überſchreiten zu laſſen. Die hochgeſtellte Familie, bei der ſie eineStelle gefunden hat, wünſcht aus ihren Dienſten bald möglichſt Nutzen zu ziehen.“ Als dieſes Schreiben beendigt war, ſchrieb Miß Pin⸗ kerton ihren eigenen, ſo wie Miß Sedley's Namen auf das weiße Blatt eines Exemplars von Johnſon's Wörter⸗ buch — welches intereſſante Werk jede Schülerin bei ihrem Abgange von der Mall zu erhalten pflegte. Auf der in⸗ neren Seite des Einbandes befand ſich ein Abdruck der „Zeilen an eine junge Dame, bei ihrem Abgange von Miß Pinkerton's Schule auf der Mall; von dem ſeligen, hochverehrten Doktor Samuel Johnſon.“ In der That war der Name des Lexikographen immerfort auf den Lippen dieſer majeſtätiſchen Dame, und ein Beſuch, den er bei ihr gemacht, war die Urſache ihres Rufes und ihres Ver⸗ mögens geworden. Als Miß Jemima von ihrer älteren Schweſter den Befehl erhielt, „das Wörterbuch“ aus dem Schranke zu holen, hatte ſie aus dem ſo eben angeführten Verwahrungs⸗ orte zwei Exemplare genommen. Nachdem Miß Pinkerton vas Nöthige in das erſte geſchrieben hatte, reichte ihr Jemima mit etwas zweifelnder und ſchüchterner Miene das andere hin. „Für wen iſt dieſes Exemplar, Miß Jemima?“ ſagte Miß Pinkerton mit Ehrfurcht gebietender Kälte. „Für Becky Sharp,“ erwiederte Jemima, am ganzen Leibe zitternd, und von ihrem verſchrumpften Geſichte bis zum Halſe hinab erröthend, indem fie ihrer Schweſter den Rücken zuwendete. „Für Becky Sharp; auch ſie geht ja fort.“ „Miß Jemima!“ rief Miß Pinkerton, die größten Kapital⸗Buchſtaben zu Hülfe nehmend. „Biſt Du bei Sinnen? Stell' das Wörterbuch wieder in den Schrank, und nimm Dir in Zukunft ja keine ſolche Freiheit mehr!“ . 9 „Nun, Schweſter, es koſtet ja nur zwei Shillinge und neun Pence, und die arme Becky wird es grämen, wenn ſie keines bekommt.“ „Schick' augenblicklich Miß Sedley zu mir,“ ſagte Miß Pinkerton. Und ſo trippelte die arme Jemima, auſ⸗ ſerordentlich aufgeregt und ängſtlich, und ohne ein weiteres Wort zu ſagen, fort. Miß Sedley's Vater war ein ziemlich reicher Kauf⸗ mann in London; während Miß Sharp, durch einen Con⸗ trakt gebunden, ſich bei ihr zur Erzieherin ausgebildet, und, als Aequivalent für Koſt, Wohnung, Unterricht u. ſ. w., ſich in der Anſtalt als Lehrerin nützlich gemacht hatte. Und ſo dachte denn Miß Pinkerton, ſie hätte bereits ge⸗ nug für ſie gethan, ohne ihr noch beim Scheiden die hohe Ehre des bekannten Geſchenkes zu Theil werden zu laſſen. Obwohl man den Briefen von Inſtituts⸗Inhaberinnen nicht mehr und nicht weniger trauen darf, als den Grab⸗ ſchriften auf Kirchhöfen, ſo kommt es doch auch in Schulen für die männliche und weibliche Jugend dann und wann vor, daß der Schüler oder die Schülerin der von dem unintereſſirten Lehrer ertheilten Lobſprüche in vollem Maaße würdig iſt, gerade ſo, wie es bisweilen geſchieht, daß eine Perſon das Zeitliche ſegnet, die alles Lob verdient, deſſen der Steinhauer ſie für würdig erklärt; die ein guter Chriſt, ein guter Vater, eine gute Mütter, ein guter Gatte, eine gute Gattin oder ein gutes Kind geweſen iſt; und die in der That eine untröſtliche, trauernde Familie zurück⸗ läßt. Nun aber war Miß Amalie Sedley eine junge Dame von dieſer eigenthümlichen Art, und verdiente nicht allein Alles, was Miß Pinkerton zu ihrem Lobe ſagte, ſondern beſaß auch manche bezaubernde Eigenſchaften, welche die alte pompöſe Minerva von einem Weibe, in Folge der Rangs⸗ und Alters⸗Unterſchiede zwiſchen ihr und ihrer Schülerin, nicht ſehen konnte. Denn ſie konnte nicht allein ſingen, wie eine Lerche, oder wie eine Mrs. Billington, und tanzen wie Hillisberg 10 oder Pariſot, und prächtig ſticken, und ebenſo richtig ſchrei⸗ ben, wie das Worterbuch ſelbſt, ſondern ſie beſaß auch ein ſo gutes, freundliches, zartes, ſanftes, großmüthiges Herz, daß ſie ſich die Liebe eines Jeden erwarb, der ihr nahe kam, von der Minerba bis zu dem armen Spül⸗ mädchen und der Tochter der einäugigen Kuchenfrau her⸗ ab, die ein Mal in der Woche an die jungen Damen auf der Mall ihre Waare verkaufen durfte. Sie hatte unter den vierundzwanzig jungen Damen nicht weniger als zwölf Buſenfreundinnen. Sogar die neidiſche Miß Briggs ſagte nie Uebles von ihr; die hoch⸗ und edelgeborne Miß Sal⸗ tire (Lord Dexter's Enkelin) gab zu, daß ſie einen feinen Wuchs habez und was Miß Swartz, die reiche wollhaa⸗ rige Mulattin aus Sct. Chriſtoph, betrifft, ſo zerfloß ſie an dem Tage, wo Amalie die Schule verließ, dergeſtalt in Thränen, daß man nach Doktor Floß ſchicken und ſie mit Sal volatile halb betrunken machen mußte. Miß Pinkerton's Anhänglichkeit war ruhig und würdevoll, wie ſich nach der hohen Stellung und den hohen Tugenden dieſer Dame nicht anders erwarten läßt; allein Miß Je⸗ mima hatte ſich bei dem bloßen Gedanken an Amaliens Abreiſe ſchon mehrere Male dicke Backen geweint, und würde, wäre nur nicht die Furcht vor ihrer Schweſter geweſen, geradezu hyſteriſche Anfälle bekommen haben, wie die — doppelt zahlende — Erbin aus Sct. Chriſtoph. Ein ſolcher Lurus von Kummer iſt indeſſen nur ſolchen Schülerinnen geſtattet, die eigene Zimmer haben und für dieſe, ſowie noch andere Bequemlichkeiten zahlen können. Die ehrliche Jemima hatte alle Rechnungen zu führen, das Waſchen und Ausbeſſern, die Puddings, das Silber⸗ und irdene Geſchirr, ſowie die Dienerſchaft zu beaufſich⸗ tigen. Aber warum ſollten wir von ihr ſprechen; wahr⸗ ſcheinlich werden wir von nun an bis in alle Ewigkeit Nichts mehr von ihr hören, und wahrſcheinlich wird weder ſie, noch ihre Ehrfurcht gebietende Schweſter, wenn ein⸗ mal die großen, durchbrochenen Eiſenthüren ſich über ihnen 5 11¹ geſchloſſen haben, wieder in der kleinen Welt unſerer Er⸗ zählung erſchienen. Da wir indeſſen von Amalie Viel ſehen werden, ſo wird es Nichts ſchaden, wenn wir gleich zu Anfang unſe⸗ rer Bekanntſchaft ſagen, daß ſie eines der beſten und lieb⸗ ſten Geſchöpfe war, die je lebten, und es iſt ein großes Glück, nicht allein im Leben, ſondern auch in Romanen, welche (und insbeſondere letztere) Böſewichter von der vüſterſten Art in Menge aufzuweiſen haben, daß wir eine ſo gutmüthige Perſon, daß wir eine Perſon ſo ganz ohne Falſch zur ſteten Begleiterin bekommen. Da ſie keine Hel⸗ din iſt, ſo brauchen wir ihre Perſon nicht zu beſchreiben; ich befürchte in der That, ihre Naſe war eher zu klein, und ihre Wangen viel zu rund und roth für eine Heldin; aber in ihrem Geſichte malte ſich roſige Geſundheit und auf ihren Lippen das friſcheſte Lächeln; auch hatte ſie ein Paar Augen, die von der munterſten und ſittſamſten guten Laune funkelten; es ſei denn, daß ſie ſich mit Thränen füllten, was in der That viel zu oft der Fall war; denn das einfältige Ding konnte wegen eines todten Kanarien⸗ vogels vder wegen einer Maus, welche die Katze zufällig erhaſcht hatte, oder wegen des Schluſſes einer Novelle, wenn derſelbe auch noch ſo einfältig war, weinen; und ſagte ihr Jemand ein unfreundliches Wort, vorausgeſetzt, daß ſich eine ſo hartherzige Perſon vorfand, — ei nun, um ſo ſchlimmer war es für Letztere. Sogar Miß Pin⸗ kerton, dieſes ſtrenge und göttergleiche Frauenzimmer, ſchalt ſie nur ein Mal, und gab, obgleich ein zartes, fei⸗ nes Gefühl ihr eben ſo unbekannt war, wie die Algebra, allen Lehrern und Lehrerinnen den ausvrücklichen Befehl, mit Miß Sedley ſo ſanft wie möglich umzugehen, da ſie eine rauhe Behandlung nicht ertragen könne. Als daher der Tag der Abreiſe herbeikam, ſo war Miß Sedley in großer Verlegenheit, was ſie thun, ob ſie lachen oder weinen ſolle. Sie war froh, nach Hauſe zu kommen, und dabei doch wieder ſo unendlich traurig, die Schule verlaſſen zu müſſen. Drei Tage lang vor ihrem Abgange folgte ihr die kleine Laura Martin, eine Waiſe, überall hin nach, wie ein kleines Hündchen. Sie mußte wenigſtens vierzehn Geſchenke machen und entgegennehmen, vierzehn Mal das feierliche Verſprechen geben, daß ſie jede Woche ſchreiben wolle: „Schicke meine Briefe unter Cou⸗ vert an meinen Großvater, den Grafen von Dexter,“ ſagte Miß Saltire, die, beiläufig geſagt, etwas ſchäbig war: „Du brauchſt nicht auf das Porto zu ſehen; ſchreibe mir nur jeden Tag, Du lieber Engel,“ ſagte die ungeſtüme und wollköpfige, aber großherzige und liebevolle Miß Swartz, und die kleine Laura Martin — die eben bis zur runden Schrift gekommen war — ergriff die Hand ihrer Freun⸗ din und ſagte, ihr ernſt ins Geſicht ſchauend: „Amalie, wenn ich an Dich ſchreibe, ſo werde ich Dich Mama nen⸗ nen.“ Ohne Zweifel wird Jones, der dieſes Buch in ſeinem Club liest, alle dieſe Einzelheiten für äußerſt thö⸗ richt, trivial, unintereſſant, ultraſentimental u. ſ. w. er⸗ klären. Ja, ich kann ſehen, wie Jones in dieſem Augen⸗ blicke — von ſeiner Hammelskeule und ſeiner halben Pinte Wein etwas aufgeregt — ſeinen Bleiſtift herausnimmt, und die Worte „thoricht, unintereſſant u. ſ. w.“ unter⸗ ſtreicht, und ſeine eigene Bemerkung „ganz wahr“ daneben ſchreibt. Nun, er iſt ein Mann von großem Genie, und bewundert das Erhabene und Heroiſche im Leben und in Romanen; und deßhalb ſollte er dieß lieber als Warnung hinnehmen und anderswo hingehen. Alſo gut. Nachdem die Blumen, und Geſchenke, und Koffer, und Hutſchachteln der Miß Sedley ſammt einem ſehr kleinen und alten Lederkoffer, der von der Zeit ſchon viel gelitten, und den — es war Miß Sharp's Adreſſe nett varauf genagelt — Sambo dem Kutſcher mit grin⸗ ſendem Geſicht übergab, der denſelben ſeinerſeits mit einem entſprechenden höhniſchen Lächeln aufpackte, — nachdem, ſagen wir, Alles dieß von Herrn Sambo in und auf dem Wagen in Ordnung gebracht worden war, kam die Stunde 13 des Scheidens herbei, und der Schmerz dieſes Augenblicks wurde durch die bewunderungswürdige Rede, die Miß Pinkerton an ihre Schuͤlerin richtete, nicht wenig gelin⸗ dert. Nicht als ob die Abſchiedsrede Amalie zu philo⸗ ſophiſchen Betrachtungen vermocht, oder ſie in irgend einer Weiſe mit einer aus Vernunftgründen entſpringenden Ruhe gewaffnet hätte: nein, ſie war, — die Abſchiedsrede — unerträglich pompös, langweilig und geiſtlos; und da Miß Sedley ihre Lehrerin nicht wenig fürchtete, ſo wagte ſie es nicht, in deren Gegenwart ihrem Schmerze unge⸗ hinderten Lauf zu laſſen. Ein Streukuchen wurde ſammt einer Flaſche Wein in dem Geſellſchaftszimmer aufgeſtellt, wie bei feierlichen Gelegenheiten, wenn Eltern ihre Kin⸗ der beſuchten u. ſ. w., und endlich, nachdem man von dieſen Erfriſchungen genoſſen hatte, durfte Miß Sedley gehen. „Sie gehen doch wohl hinein und ſagen Miß Pin⸗ kerton Lebewohl, Becky?“ ſagte Miß Jemima zu einer jungen Dame, von der Niemand Notiz nahm, und die eben mit ihrer Hutſchachtel die Treppe herabkam. „Ich kann wohl nicht umhin,“ ſagte Miß Sharp ruhig, und nicht wenig zu Miß Jemima's Verwunderung; und nachdem Letztere an die Thüre geklopft und Erlaub⸗ niß zum Hereintreten erhalten hatte, trat Miß Sharp ganz frei und unbekümmert vor, und ſagte in franzöſiſcher Sprache und mit einem untadelhaften Accent: „Made- moiselle, je viens vous faire mes adieux.“ Miß Pinkerton verſtand kein Franzöſiſch; ſie gab bloß denen Befehle, die es verſtanden: indeſſen ſagte ſie, ſich in die Lippen beißend, und ihren ehrwürdigen, mit einer römiſchen Naſe verſehenen Kopf (auf dem ein großer Turban von feierlichem Ausſehen ruhte) — in die Höhe werfend: „Miß Sharp, ich wünſche Ihnen einen guten Morgen!“ Während die Semiramis von Hammerſmith ſprach, reckte ſie eine Hand in die Höhe, theils zum Zeichen des 14 Abſchiedes, theils um Miß Sharp Gelegenheit zu geben, einen zu dieſem Zwecke ausgeſtreckten Finger zu ſchütteln. WMiß Sharp faltete aber nur ihre Hände mit einem ſehr kalten Lächeln, und verſchmähte es, ſich verbeugend, ganz und gar, die angebotene Ehre anzunehmen, worauf die Semiramis ihren Turban unwilliger, als je, in die Höhe warf. In der That war es eine kleine Schlacht zwiſchen der jungen und der alten Dame, und Letztere zog den Kürzeren. Der Himmel beſchütze und ſegne Dich, mein Kind,“ ſagte ſie, Amalie umarmend, und während der Zeit über des Mädchens Schulter weg Miß Sharp ſcheel an⸗ blickend. „Kommen Sie mit, Becky,“ ſagte Miß Jemima, das junge Frauenzimmer in großer Unruhe fortziehend, und ſo ſchloß ſich die Thüre des Geſellſchaftszimmers für immer hinter ihnen. Dann kam der Kampf und das Abſchiednehmen drun⸗ ten. Worte vermögen es nicht zu ſagen. Alle Dienſt⸗ boten ſtanden in der Vorhalle — alle theuren Freundin⸗ nen — alle jungen Damen — der eben angekommene Tanzlehrer; und da ging es nun an ein DPrängen, und Umarmen, und Küſſen, und Weinen, begleitet von dem aus dem Zimmer der Miß Swartz kommenden hyſteri⸗ ſchen jup, ſo vaß es keine Feder zu beſchreiben im Stande iſt, und ein gefühlvolles Herz es gerne übergeht. Endlich war das Umarmen vorüber; ſie trennten ſich — das heißt, Miß Sedley trennte ſich von ihren Freun⸗ dinnen. Miß Sharp war einige Minuten zuvor ganz ruhig in i Wagen geſtiegen. Niemand weinte beim Abſchied um ſie. Der krummbeinige Sambo ſchlug die Kutſchenthüre hinter ſeiner jungen, weinenden Herrin zu. Er ſprang hinten auf. „Halt!“ rief Miß Jemima, mit einem Päck⸗ chen auf das Thor zuſtürzend. „Es ſind nur einige Sandwiches, meine Liebe,“ ſagte — „— 1⁵ ſie zu Amalien. „Du weißt, Du kannſt hungrig werden, und Becky, Becky Sharp, hier iſt ein Buch für Sie, das meine Schweſter — das heißt ich, — Johnſon's Wor⸗) terbuch, wiſſen Sie; Sie dürfen uns nicht ohne dieſes verlaſſen. Adieu. Fahrt zu, Kutſcher! Gott ſei mit Euch!“ Und das gutmüthige Geſchöpf kam in den Garten zurück, ganz überwältigt von ihren Gemüthsbewegungen. Aber ſiehe da! Gerade als der Wagen ſich entfernte, ſtreckte Miß Sharp ihr blaſſes Geſicht aus dem Fenſter, und ſchleuderte in Wirklichkeit das Buch in den Garten urück. Die arme Jemima fiel aus lauter Schrecken darüber faſt in Ohnmacht. „Nein, nie habe ich,“ ſagte ſie, — „welch' ein freches“ — Ihre heftigen Gemüthsbewegungen aber erlaubten ihr nicht, den einen oder den andern der angefangenen Sätze zu vollenden. Die Kutſche rollte fort; das große Thor wurde geſchloſſen; die Glocke gab das Zeichen zur Tanzſtunde. Die Welt liegt nun vor den beiden jungen Damen, und ſo lebe denn wohl, Chiswick Mall! Zweites Rapitel. Worin Miß Sharp und Miß Sedley hie nöthigen Anſtal⸗ ten zur Eröffnung des Feldzugs treffen. Als Miß Sharp die im vorigen Kapitel von uns erwähnte herviſche That verrichtet, und das Wörterbuch über das Pflaſter des kleinen Gartens hatte wegfliegen und endlich zu den Füßen der erſtaunten Miß Jemima niederfallen ſehen, nahm das Geſicht der jungen Dame, auf dem man bis daher einen faſt bleifarbigen Ausdruck des Haſſes bemerkt hatte, ein Lächeln an, das vielleicht Saum lieblicher war, und ſie ſank mit leichterem Herzen in die Kutſche zurück, mit den Worten: „So viel, was das Woͤrterbuch betrifft; und nun bin ich, gottlob! endlich aus Chiswick heraus.“ Miß Sedley war über den Akt der Herausforderung faſt ebenſo beſtürzt, wie Miß Jemima; denn es iſt zu be⸗ denken, daß ſie erſt vor einer Minute die Schule verlaſſen hatte, und daß die Eindrücke von ſechs Jahren in einem ſo kurzen Zeitraume nicht vertilgt werden. Ja, bei einigen Perſonen dauern dieſe Schrecken und dieſe Ehrfurcht der Jugend immer und immer. Ich kenne z. B. einen alten achtundſechszigjährigen Herrn, der eines Morgens beim Frühſtücke in ſehr unruhiger Miene zu mir ſagte: „Ich habe in vergangener Nacht geträumt, daß Doktor Raine mich geprügelt.“ Die Phantaſie hatte ihn im Laufe jenes Abends um fünfundfünfzig Jahre rückwärts geführt. Dok⸗ tor Raine und ſein Stock waren daher für ihn in einem Alter von achtundſechszig Jahren innerlich ebenſo ſehr Ge⸗ genſtände der Furcht, als früher in einem Alter von drei⸗ zehn. Wäre nun der Doktor mit einer großen Ruthe aus Birkenreis ihm ſogar in ſeinen alten Tagen, in ſeinem achtundſechzigſten Lebensjahre erſchienen, und hätte er ihm mit furchtbarer Stimme zugerufen: „Kerl, zieh' die Hoſen herunter!“ .. — Nun, nun, Miß Sedley war wegen dieſer ſubordinationswidrigen Handlung ungemein unruhig. „Wie konnteſt Du doch ſo Etwas thun, Rebekka?“ ſagte ſie endlich nach einer Pauſe. „Wie, denkſt Du denn, Miß Pinkerton werde her⸗ auskommen, um mich wieder in das ſchwarze Loch zu ſchicken?“ ſagte Rebekka lochend. „Nein; aber —“ „Das ganze Haus iſt mir verhaßt,“ fuhr Miß Sharp in ihrer Wuth fort. „Hoffentlich bekomme ich es nie —— — A* — — 17 wieder zu ſehen. Ich wollte wahrlich, es läge auf dem Grunde der Themſe, und wäre Miß Pinkerton dort, — ich würde ſie gewiß nicht herausziehen. O, wie gern würde ich ſie in dem Waſſer dort ſchwimmen ſehen, mit ihrem Turban, ihrer Schleppe und ſo fort, und ihrer wie z ie eines Fährkahns in die Höhe ſtehenden Naſe!“ „Stille!“ rief Miß Sedley. „Wie, wird der ſchwarze Lakai es ausſchwatzen?“ rief Miß Rebekka lachend. „Er mag zurückgehen und Miß Pinkerton ſagen, daß ich ſie herzlich verabſcheue, und ich wollte, er thäte es, und ich wollte, ich hätte auch ein Mittel, es zu beweiſen. Zwei Jahre hindurch habe ich bloß Beleidigungen und grobe Beſchimpfungen von ihr erdulden müſſen. Man hat mich ſchlechter behandelt, als irgend eine Küchenmagd. Nie hatte ich eine Freundin, und nie wurde mir ein freundliches Wort zu Theil, es ſei denn von Dir. Ich mußte die kleinen Mädchen in dem untern Schulzimmer warten, und mit den Miſſes fran⸗ zöſiſch ſprechen, bis meine Mutterſprache mich wirklich anekelte. War es aber nicht ein köſtlicher Spaß, daß ich da mit Miß Pinkerton franzöſich ſprach? Sie verſteht kein Wort, und war doch zu ſtolz, es einzugeſtehen. Ich glaube, darum allein ließ ſie mich gehen, und ſo ſei denn dem Himmel für das Franzoſiſche gedankt! Vive la France! Vive lempereur! Vive Bonaparte! „O pfui, Rebekka! Rebekka!“ rief Miß Sedley; denn dieß war die größte Läſterung, die Rebekka bis jetzt ausgeſtoßen, und wenn man in jenen Tagen in England ſagte: „Es lebe Bonaparte!“ ſo war dieß gleichbedeutend mit „Es lebe Lucifer!“ — Wie kannſt Du, wie unter⸗ ſ 6 Dich, ſo verruchte, rachgierige Gedanken zu egen?“ % Die Rache mag gottlos ſein, allein ſie iſt natürlich erwiederte Miß Rebekka. „Ich bin kein Engel.“ Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 2 18 Und wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, ſo war ſie allerdings kein ſolcher. Denn es mag im Laufe dieſer kleinen Unterhaltung, welche Statt hatte, während die Kutſche am Ufer des Fluſſes träge dahin rollte, bemerkt werden, daß, obgleich Miß Rebekka Sharp zwei Mal Urſache gehabt hat, dem Himmel zu danken, es erſtens deßhalb war, weil er ſie von einer Perſon befreite, die ſie haßte, und zweitens, weil er ſie in den Stand ſetzte, ihre Feinde einigermaßen in Verlegenheit oder Verwirrung zu bringen; keine ſonder⸗ lichen Beweggründe zu religiöſer Dankbarkeit, — oder keine Beweggründe von der Art, wie Perſonen von gutmüthigem und verſöhnlichem Charakter ſie vorbringen möchten. Miß Rebekka war alſo nicht im Mindeſten verſöhnlich oder gut⸗ müthig. Die ganze Welt mißhandelte ſie, wenn man dieſer jungen Miſanthropin (oder Miſogynin, denn mit der Männerwelt kann ſie doch noch nicht ſehr vertraut ſein) Glauben ſchenken wollte, und wir können ſo ziemlich gewiß ſein, daß die Perſonen beiderlei Geſchlechts, die Jedermann ſchlecht behandelt, die Behandlung, die ihnen zu Theil wird, in allen Stücken verdienen. Die Welt iſt ein Spiegel, aus dem Jedem ſein eigenes Geſicht entgegen⸗ blickt. Wirf einen mürriſchen Blick hinein, und es wird Dir ein finſteres Geſicht erſcheinen: lache ſie an, und lache mit ihr, und ſie iſt Dir ein luſtiger, gutmüthiger Gefährte; und ſo moͤgen denn alle jungen Leute ſich darnach richten. So viel iſt gewiß, daß, wenn die Welt Miß Sharp ver⸗ nachläßigte, von dieſer auch nicht bekannt war, daß ſie irgend Jemand Gutes gethan; auch ſtand nicht zu er⸗ warten, daß 24 junge Damen alle ebenſo liebenswürdig ſein würden, wie die Heldin dieſes Buches, Miß Sedley, (die wir aus dem Grunde ausgewählt haben, weil ſie die gutmüthigſte von allen war; denn was hätte uns ſonſt auch verhindern können, Miß Swartz, oder Miß Crump, oder Miß Hopkins anftatt ihrer zur Heldin zu machen 2) — es ſtand nicht zu erwarten, ſagen wir, daß eine Jede ſo be⸗ 19 ſcheiden und artig, wie Miß Amalie Sedley, ſein, — jede Gelegenheit, Rebekka's Hartherzigkeit und üble Laune zu beſiegen, ergreifen, und durch tauſend gute Worte und Dienſte wenigſtens ein Mal ihre Feindſeligkeit gegen ihr Geſchlecht überwinden würde. Miß Sharp's Vater war ein Künſtler, und hatte in dieſer Eigenſchaft in Miß Pinkerton's Schule Unterricht im Zeichnen gegeben. Er war ein geſchickter Mann, ein angenehmer Geſellſchafter, in ſeiner Kunſt ſorglos, und mit einer großen Neigung zum Schuldenmachen und zum Wirthshausleben begabt. Wenn er betrunken war, pflegte er ſeine Frau und ſeine Tochter zu ſchlagen, und am nächſten Morgen in ſeinem Katzenjammer auf die Welt zu ſchimpfen, weil ſie ſein Genie vernachläßige, — und mit vielem Glücke, bisweilen auch mit ganz gutem Grunde die Narren, ſeine Collegen, die Maler, zu ſchmähen. Da er die größte Noth hatte, ſich durchzubringen, und da er eine Meile um Soho herum, wo er wohnte, Schulden hatte, ſo glaubte er, ſeine Umſtände zu verbeſſern, wenn er eine junge Franzöſin, ihres Gewerbes eine untergeord⸗ nete Operntänzerin, heirathete. Miß Sharp ſpielte nie auf den beſcheidenen Beruf ihrer Mutter an, ſondern pflegte in ſpäteren Jahren zu ſagen, die Entrechats ſeien eine adelige Familie aus der Gascogne, und war nicht wenig ſtolz auf ihre Abkunft von ihnen. Und ſeltſam genug iſt es, daß mit dem Glücke dieſer jungen Dame in der Welt ſtets auch ihre Eltern und Voreltern an Rang und Glanz zunahmen. Rebekka's Mutter hatte auf irgend eine Weiſe einige Erziehung erhalten, und ihre Tochter ſprach das Fran⸗ zöſiſche rein und wie eine Pariſerin. Dieß war in jenen Tagen etwas ziemlich Seltenes, und brachte ſie in das Haus der rechtgläubigen Miß Pinkerton. Denn als, nach dem Tode ihrer Mutter, ihr Vater es für unwahrſchein⸗ lich hielt, daß er von dem dritten Anfalle des Delirium tremens, wovon er heimgeſucht worden, wieder aufkom⸗ 1 men würde, ſo ſchrleb er einen mannhaften und patheti⸗ ſchen Brief an Miß Pinkerton, die Waiſe ihrem Schutze anempfehlend, und ſtieg ſo in ſein Grab hinab, nachdem zwei Gerichtsdiener ſich über ſeinen Cadaver gezankt hatten. Rebekka war ſiebzehn Jahre alt, als ſie nach Chiswick kam, und trat dort, wie wir ſchon geſagt, in der Lerein⸗ ten Eigenſchaft als Schülerin und Lehrerin ein, wobei ihre Pflichten darin beſtanden, daß ſie mit den Schülerin⸗ nen franzöſiſch ſprach, und ihre Vorrechte darin, daß ſie freie Koſt, Wohnung, einige Guineen des Jahrs, ſo wie endlich die Erlaubniß hatte, von den in der Schule Un⸗ terricht gebenden Lehrern ſo viel zu proſitiren, als ſie konnte. Sie war von Perſon klein und ſchmächtig; bei einem blaſſen Geſichte hatte ſie röthlichblonde Haare, und Augen, vie gewöhnlich niedergeſchlagen waren; wenn dieſelben aufſchauten, waren ſie ſehr groß, eigenthümlich und an⸗ ziehend, — ſo anziehend, daß Seine Ehrwürden, Herr Criſp, der ſo eben von Orford gekommen, und Vikar Seiner Ehrwürden, des Pfarrers von Chiswick, Herrn Flowerdew, geworden war, ſich in Miß Sharp verliebte, indem er von einem Blicke ihrer Augen, der in der Chiswicker Kirche den ganzeu Weg von den für die Schule beſtimm⸗ ten Stühlen bis zum Chorpulte hin drang, tödtlich ge⸗ troffen wurde. Dieſer verblendete junge Menſch trank bisweilen bei Miß Pinkerton, der er durch ſeine Mutter vorgeſtellt worden war, Thee, und machte wirklich gewiſ⸗ ſermaßen Eheanträge in einem aufgefangenen Briefchen, welches das einäugige Apfelweib hatte überbringen ſollen. Mrs. Criſp wurde von Burton herbei gerufen, und führte plötzlich ihren vielgeliebten Sohn wieder hinweg; allein ſchon der bloße Gevanke, daß ein ſolcher Adler in den Chiswicker Taubenſchlag eingedrungen, brachte in dem Buſen der Miß Pinkerton eine große Aufregung herbor, und ſie würde Miß Sharp weggeſchickt haben, wäre ſie nicht in ſolchem Falle kontraktmäßig zur Bezahlung einer 21 gewiſſen Geldſumme verbunden geweſen. Aber nie konnte ſie ganz den Betheuerungen der jungen Dame Glauben ſchenken, daß ſie, außer vor ihren eigenen Augen, d. h. bei den zwei Gelegenheiten, wo ſie ihn beim Thee getroffen, mit Herrn Criſp auch nie ein Wort gewechſelt habe. Neben den vielen großen und vollkommen ausgebil⸗ deten jungen Damen in der Anſtalt ſah Rebekka Sharp wie ein Kind aus. Aber ſie hatte die traurige Frühreife der Armuth. Mit manchem ungeſtüm mahnenden Gläu⸗ biger hatte ſie geſprochen, und ihn von der Thüre ihres Vaters weggeſchwatzt; manchen Gewerbsmann hatte ſie durch ihre Schmeicheleien wieder in gute Laune verſetzt, und denſelben vermocht, neuen Credit, und war es auch nur für ein Mittagseſſen, zu geben. Gewöhnlich ſaß ſie bei ihrem Vater, der auf ihren Witz ſehr ſtolz war, im Wirthshauſe, und da hörte ſie die Reden mancher ſeiner wilden Genoſſen — die ſich oft für das Ohr eines Mäd⸗ chens nur ſchlecht eigneten. Allein ſie war, wie ſie ſelbſt ſagte, nie ein Kind geweſen; ſeit ihrem achten Jahre war ſie ein Weib. Ach, warum ließ Miß Pinkerton einen ſo gefährlichen Vogel in ihren Käfig hinein! Eine Thatſache iſt, daß die alte Dame Rebekka für das ſanftmüthigſte Geſchoͤpf von der Welt hielt, ſo be⸗ wundernswürdig pflegte Letztere, wenn ihr Vater ſie mit ſich nach Chiswick nahm, die Rolle der Ingénue *) zu ſpielen. Sie hielt ſie für ein beſcheidenes und unſchuldi⸗ ges Mädchen, und noch ein Jahr vor dem Arrangement, wodurch Rebekka in ihr Haus aufgenommen wurde, und als Letztere bereits ſechzehn Jahre alt war, beſchenkte ſie Miß Pinkerton majeſtätiſch und unter Beifügung einer kleinen Rede mit einer Puppe, die, im Vorbeigehen geſagt, das confiscirte Eigenthum der Miß Swindle war, welche man ertappt hatte, wie ſie während der Schulſtunden da⸗ mit ſpielte. Wie lachten der Vater und die Tochter, als ) Junge, unſchuldige, oder naive Perſon. 22 ſie nach der Abendgeſellſchaft zu Fuß mit einander nach Hauſe gingen (es war bei Gelegenheit der mit dem Eramen verbundenen Reden, wo alle Profeſſoren eingela⸗ den wurden), und wie würde Miß Pinkerton in Wuth gerathen ſein, wenn ſie ihre eigene Carrikatur geſehen hätte, welche die kleine Schauſpielerin Rebckka aus ihrer Puppe zu machen gewußt hatte! Sie pflegte mit ihr zu ſprechen, und dieſe Dialoge entzückten Newman⸗Street, Gerard⸗Street und das ganze Künſtlerviertel. Wenn die jungen Maler kamen, um mit ihrem trägen, liederlichen, geſchickten, jovialen Senior ihren Grog zu trinken, ſo pflegten ſie ſtets Rebekka zu fragen, ob Miß Pinkerton zu Hauſe ſei: ſie war ihnen ſo gut bekannt, die arme Seele! wie Herr Lawrence oder Präſident Weſt. Einſt hatte ſie die Ehre, einige Tage in Chiswick zuzubringen; da brachte ſie Jemima mit zurück, und gab einer andern Puppe den Namen Miß Jemmyz denn obgleich dieſes ehrliche Geſchöpf ihr ſo viel Gelee und Kuchen, daß drei Kinder daran genug gehabt hätten, und ſogar beim Weg⸗ gehen noch ein Siebenſhillingſtück gegeben hatte, ſo war doch der Sinn für das Lächerliche bei dem Mädchen weit ſtärker, als der der Dankbarkeit, und ſie opferte Miß Jemmh ebenſo unbarmherzig, wie ihre Schweſter. Die Kataſtrophe kam, und ſie wurde nach der Mall als ihrer Heimath gebracht. Das ſtrenge und formale Weſen der Anſtalt erdrückte ſie: die Gebete und die Mahl⸗ zeiten, die Unterrichtsſtunden und die Spaziergänge, die mit einer wahrhaft klöſterlichen Regelmäßigkeit angeordnet waren, laſteten auf ihr mit einem faſt unausſtehlichen Drucke, und ſie blickte auf die Freiheit des alten Ateliers in Soho mit ſo viel Bedauern zurück, daß Jeder, ſie ſelbſt mit inbegriffen, dachte, der Schmerz und die Trauer um ihren Vater verzehre ſie. Sie hatte ein kleines Zim⸗ merchen unter dem Dache, wo die Dienſtmädchen ſie bei Nacht ſchluchzen und auf und abgehen hörten; allein das geſchah aus Wuth, und nicht aus Kummer. Sie hatte 23 bis daher nicht viel die Heuchlerin geſpielt; nun aber lehrte es ſie ihre Einſamkeit. Nie war ſie in weiblicher Geſellſchaft geweſen: ihr Vater war, bei allen ſeinen Aus⸗ ſchweifungen, ein Mann von Talent; ſeine Unterhaltung war ihr tauſend Mal angenehmer, als das Geplauder von ſolchen Perſonen ihres eigenen Geſchlechts, mit denen ſie jetzt zuſammen kam. Die pompoͤſe Eitelkeit der alten Schullehrerin, vie närriſche Gutmüthigkeit ihrer Schweſter, das einfältige Geſchwätz und die Skandalſucht der älteren Mädvchen, und der kalte Anſtand der Lehrerinnen langweil⸗ ten ſie in gleichem Maße; und ſie hattey das unglückliche Geſchöpf, kein ſanftes, mütterliches Herz, ſonſt hätte wohl das Geplauder der jüngeren Kinder, mit denen ſie es hauptſächlich zu thun hatte, ſie beſänftigt und intereſſirt; aber ſie lebte zwei Jahre unter ihnen, und auch nicht einem derſelben that es leid, daß ſie fortkam. Die ſanfte, gute Amalie Sedley war die einzige Perſon, an die ſie ſich einiger Maßen anzuſchließen vermochte; und wer konnte und mußte das nicht? Die Zufriedenheit — die beſſere Stellung der jungen Mädchen um ſie her erfüllten Rebekka mit unausſprechlichen Qualen, die ihren Grund im Neide hatten. „Wie vor⸗ nehm doch das Mädchen thut, weil ſie die Enkelin eines Grafen iſt,“ ſagte ſie von der Einen. „Wie ſie doch vor der Kreolin dort kriechen, wegen ihrer hundert tauſend Pfund! Ich bin tanſend Mal geſchickter und bezaubern⸗ der, als dieſes Geſchöpf, trotz all' ihres Reichthums. Ich bin nicht minder gut erzogen, als die Enkelin des Grafen, trotz all' ihres ſchönen Stammbaumes: und doch beachtet mich hier Niemand. Und doch, gaben nicht, als ich noch bei meinem Vater war, die Männer ihre luſtig⸗ ſten Bälle und Partien auf, um den Abend in meiner Geſellſchaft zuzubringen?“ Auf jeden Fall wollte ſie aus dem Gefängniſſe ſich befreien, worin ſie ſich befand, und nun begann ſie ſelbſtſtändig zu handeln, und zum 24 erſten Male in ihrem Leben zuſammenhangende Plane für die Zukunft zu machen. Sie benutzte daher die Unterrichtsmittel, welche der Ort ihr bot; und da ſie bereits in der Mufik, ſo wie in den Sprachen ſchöne Fortſchritte gemacht hatte, ſo machte ſie in kurzer Zeit den kleinen Studienkurſus durch, den man in jenen Tagen als nothwendig für junge Damen erachtete. Sie übte ſich beſtändig in der Muſik, und eines Tages, als die Mädchen ausgegangen, und ſie zu Hauſe zurückgeblieben war, hörte man ſie ein Stück ſo gut ſpielen, daß die Minerva weiſe genug dachte, ſie könne ſich die Koſten eines Mufiklehrers für die jüngeren Mädchen erſparen; und dem gemäß bedeutete ſie Miß Sharp, daß ſie dieſelben in Zukunft in der Muſik zu un⸗ terrichten hätte. Das Mädchen weigerte ſich, und zwar zum erſten Male, und zum großen Erſtaunen der majeſtätiſchen Schullehrerin. „Ich bin hier, um mit den Kindern fran⸗ zoͤfiſch zu ſprechen,“ ſagte Rebekka kurz. „nicht um ſie in der Muſik zu unterrichten, und Ihnen Geld zu erſparen. Geben Sie mir Geld, ſo will ich ſie unterrichten.“ Die Minerva mußte nachgeben, und konnte ſie na⸗ türlich von dem Tage an nicht mehr ausſtehen. „Fünf und dreißig Jahre lang,“ ſagte ſie, und zwar mit großer Gerechtigkeit, „habe ich nie ein Individuum geſechen, das in meinem Hauſe gewagt hätte, meine Autorität in Frage zu ſtellen. Ich habe eine Schlange in meinem Buſen genährt.“ „Eine Schlange — Narrheit,“ ſagte Miß Sharp zu der alten Dame, die vor Erſtaunen faſt in Ohnmacht fiel. „Sie nahmen mich auf, weil ich nützlich war. Zwiſchen uns kann es ſich nicht um Dankbarkeit handeln. Ich verabſcheue dieſen Ort, und will ihn verlaſſen. Ich 3i hier Nichts thun, als was ich zu thun verbunden n. Vergebens fragte ſie die alte Dame, ob ſie denn nuch 3 25 wiſſe, daß ſie mit Miß Pinkerton ſpreche. Rebekka lachte ihr aber ins Geſicht mit einem abſcheulichen, ſarka⸗ ſtiſchen, dämoniſchen Lachen, welches der Inſtituts⸗In⸗ haberin beinahe Krämpfe verurſachte. „Geben Sie mir etwas Geld,“ ſagte das Mädchen, „und ſchaffen Sie ſich ſo mich vom Halſe — oder ſuchen Sie mir, wenn es Ihnen lieber iſt, eine Stelle als Erzieherin in einer ade⸗ ligen Familie — Sie können es, wenn Sie wollen.“ Und immer kam ſie bei ihren ſpäteren Streitigkeiten wie⸗ der auf dieſen Punkt zurück. „Verſchaffen Sie mir eine Stelle — wir können einmal einander nicht ausſtehen, und ich bin bereit, zu gehen.“ Die würdige Miß Pinkerton beſaß, obwohl ſie eine römiſche Naſe und einen Turban hatte, und obwohl ſie ſo groß wie ein Grenadier, und bis daher eine unwider⸗ ſtehliche Prinzeſſin geweſen war, nicht den Willen oder die Stärke ihrer kleinen Zöglingin, und vergebens kämpfte ſie gegen ſie, und ſuchte dieſelbe einzuſchüchtern. Einſt machte ſie den Verſuch, ſie oͤffentlich zu ſchelten; da ver⸗ fiel aber Rebekka auf den vorerwähnten Plan, ihr in fran⸗ zöſiſcher Sprache zu antworten, was das alte Frauen⸗ zimmer ganz und gar aus der Faſſung brachte und zum Rückzuge nöthigte. Um in der Schule ihre Autorität zu behaupten, wurde es nothwendig, die Rebellin, das Mon⸗ ſtrum, die Schlange, den Feuerbrand zu entfernen; und da ſie um dieſe Zeit hörte, daß Sir Pitt Crawley's Fa⸗ milie eine Gouvernante bedürfe, ſo empfahl ſie wirklich Miß Sharp für die Stelle, obwohl dieſelbe ein Feuer⸗ brand, eine Schlange und ein Monſtrum war. „Ich kann, in der That,“ ſagte ſie, „Miß Sharp's Betragen ſonſt nicht tadeln, wenn ich ihr Benehmen gegen mich ſelbſt ausnehme; auch muß ich zugeben, daß ihre Talente und Kenntniſſe ungewöhnlicher Art ſind. Was wenigſtens den Kopf betrifft, ſo macht ſie dem Erziehungsſyſteme, das in meiner Anſtalt befolgt wird, alle Ehre.“ Und ſo brachte die Inſtituts⸗Inhaberin die Empfeh⸗ 26 lung mit ihrem Gewiſſen in Einklang; der Contrakt wurde als erloſchen erklärt, und die Zöglingin war frei. Der Kampf, den wir hier in wenigen Zeilen beſchrieben haben, dauerte natürlich einige Monate. Und da Miß Sedley, welche nun, ſiebzehn Jahre alt, auf dem Punkte ſtand, die Schule zu verlaſſen, Miß Sharp zugethan war, („dieß iſt ver einzige Punkt in Amaliens Aufführung,“ ſagte die Minerva, „der ihrer Lehrerin nicht ganz gefallen hat,“) ſo wurde Miß Sharp von ihrer Freundin eingeladen, eine Woche bei ihr, in ihrem Hauſe, zuzubringen, ehe ſie ihre Stelle als Erzieherin in einem Privathauſe antrat. Auf ſolche Weiſe traten die zwei jungen Damen in die Welt ein. Für Amalie war es eine ganz neue, friſche, glänzende Welt, mit all' ihrem Zauber und ihrem Blü⸗ thenſchmucke. Sie war aber nicht ganz neu für Rebekka — (in der That ſpielte, wenn die Wahrheit in Betreff der Criſp'ſchen Angelegenheit geſagt werden ſoll, das Ku⸗ chenweib bei Jemand, der die Sache wieder einem Andern als unzweifelhaft hinſtellte, darauf an, daß zwiſchen Herrn Criſp und Miß Sharp weit mehr vorgegangen ſei, als im Publikum bekannt geworden, und daß ſein Brief als Antwort auf einen andern gedient habe). Wer vermag aber zu ſagen, wie die Sachen ſich wirklich verhalten ha⸗ ben? Jedenfalls trat Rebekka aufs Neue in die Welt ein, wenn es auch nicht das erſte Mal war. Bis die jungen Damen den Schlagbaum auf der Kenſingtoner Chauſſee erreichten, hatte Amalie ihre Ge⸗ fährtinnen zwar nicht vergeſſen, aber doch ihre Thränen getrocknet, und war in ihrem Entzücken nicht wenig er⸗ röthet, als ein junger Offizier von der Leibgarde ſie im WVorbeireiten erſpähete und ſagte: „Ein verdammt ſchönes Mädchen, bei meiner Ehre!“ Und ehe noch der Wagen im Ruſſell Square ankam, war gar viel geſprochen wor⸗ den über die Vorſtellungen bei Hofe, und ob junge Damen bei ſolchen Anläſſen Puder und Reifröcke trügen, und ob ſie dieſe Ehre haben würde; auf jeden Fall kam ſie auf 27 den Lord Mayor's Ball, das wußte ſie. Und als man endlich zu Hauſe angekommen war, hüpfte Miß Amalie Sedley, auf Sambo's Arm geſtützt, heraus, und erſchien da als ein ſo glückliches und hübſches Mädchen, wie nur die ganze große Stadt London eines aufzuweiſen vermochte. In Betreff dieſes Punktes theilte Sambo ganz die An⸗ ſicht des Kutſchers, ihr Vater die ihrer Mutter, und ſo Jeder von den Bedienten im Hauſe, während dieſelben ſich verneigend, und knirend, und lächelnd in der Vorhalle ſtanden, um ihre junge Herrin zu bewillkommnen. Es läßt ſich wohl vorausſetzen, daß ſie Rebekka im ganzen Hauſe herumführte, und vaß ſie ihr jede ihrer Schubladen, ihre Bücher, ihr Pianoforte, ihre Anzüge, ihre Halsbänder, Broſchen, Spitzen und ſonſtigen Schmuck⸗ ſachen zeigte. Rebekka mußte von ihr ſchlechterdings den Schmuck von weißem Carneol, ſo wie die Türkisringe, und ein wunderhübſches Mouſſelinkleid annehmen, das ihr jetzt zu klein war, obgleich es ihrer Freundin aufs Haar paſſen mußte; und ſie beſchloß in ihrem Herzen, ihre Mutter um Erlaubniß zu bitten, daß ſie ihren weißen Kaſchemir⸗Shawl ihrer Freundin ſchenken dürfe. Konnte ſie ihn denn nicht entbehren? Und hatte ihr Bruder Jo⸗ ſeph ihr nicht ſoeben zwei aus Indien mitgebracht? Als Rebekka die zwei prächtigen Kaſchemir⸗Shawls ſah, die Joſeph Sedley ſeiner Schweſter mitgebracht hatte, ſagte ſie ganz richtig, „daß es um einen Bruder etwas Herrliches ſein müſſe,“ und erwarb ſich, als eine aller Freunde und Verwandten entbehrende, ganz allein in der Welt daſtehende Waiſe, leicht das Mitleid der guten Amalie. „Du ſtehſt nicht allein,“ ſagte Amalie, „Du weißt, Rebekka, ich werde ſtets deine Freundin ſein, und Dich wie eine Schweſter lieben — ja, das werde ich.“ „Ach, hätte ich nur Eltern, wie Du haſt — gute, reiche, liebevolle Eltern, die Einem Alles geben, was man verlangt; und ihre Liebe, die koſtbarer iſt, denn Alles! 28 Mein armer Papa konnte mir Nichts geben, und ich be⸗ ſaß in der ganzen Welt Nichts, als zwei Rocke! Und welches Glück iſt es dann noch, einen Bruder, einen theu⸗ ren Bruder zu haben! O, wie mußt Du ihn lieben!“ Amalie lachte. „Wie? Du liebſt ihn nicht? Du, die Du ſagſt, Du liebeſt Jedermann?“ „Ja natürlich, ich liebe ihn, nur —“ „Nur was?“ „Nur ſcheint Joſeph ſich nicht viel darum zu küm⸗ mern, ob ich ihn liebe vder nicht. Er gab mirzwei Finger zum Drücken, als er nach einer Abweſenheit von zehn Jah⸗ ren wieder ankam! Er iſt freundlich und gut, aber er ſpricht ſelten mit mir; ich glaube, er liebt ſeine Pfeife weit mehr, als ſeine“ ****. Aber hier hielt Amalie plötzlich inne, denn warum ſollte ſie von ihrem Bruder Uebles reden? „Er war gegen mich recht freundlich, als ich noch ein Kind war,“ ſetzte ſie hinzu; „ich war nur fünf Jahre alt, als er wegging.“ „Iß er nicht ſehr reich?“ ſagte Rebekka. „Man ſagt, alle indiſchen Nabobs ſeien ungeheuer reich.“ „Ich glaube, er hat ein ſehr ſchönes Einkommen.“ „Und iſt Deine Schwägerin eine nette, artige Frau?“ „Ei, ei, Joſeph iſt nicht verheirathet,“ ſagte Amalie, abermals lachend. Vielleicht hatte ſie es Rebekka bereits einmal geſagt, aber dieſe junge Dame ſchien es wieder vergeſſen zu haben; in der That betheuerte ſie wiederholt, daß ſie erwartet habe, eine Anzahl Neffen und Nichten von Amalien anzu⸗ treffen. Es thue ihr wirklich leid, daß Herr Sedley nicht verheirathet ſei; ſie ſei überzeugt, daß Amalie ihr geſagt, daß er eine Frau habe, und ſie ſei in kleine Kinder ſo närriſch verliebt. „Ich denke aber doch, Du ſollteſt in Chiswick genug daran bekommen haben,“ ſagte Amalie, etwas verwundert 29 über die plötzliche Zärtlichkeit ihrer Freundin; und in der That würde in ſpäteren Tagen Miß Sharp ſich nie ſo weit vergeſſen haben, daß ſie Anſichten geäußert hätte, deren Unwahrheit ſo leicht zu entdecken geweſen wäre. Allein wir müſſen nicht vergeſſen, daß ſie erſt neunzehn Jahre alt, und in der Kunſt, ſich zu verſtellen, noch wenig bewandert iſt, das arme, unſchuldige Geſchoͤpf; und vaß ſie erſt Erfahrungen ſammelt. Die Bedeutung der obi⸗ gen Fragenreihe war, im Herzen dieſes geſcheidten jungen Mädchens überſetzt, einfach folgende: — „Wenn Herr Jo⸗ feph Sedley reich und unverheirathet iſt, warum ſollte ich ihn dann nicht heirathen? Ich habe zwar nur vierzehn Tage vor mir, aber ich kann es ja verſuchen.“ Und ſie beſchloß in der That bei ſich, dieſen lobens⸗ werthen Verſuch zu machen. Sie verdoppelte ihre Lieb⸗ koſungen und Schmeicheleien gegenüber von Amalien; ſie küßte das Halsband von weißem Carneol, als ſie es an⸗ legte, und betheuerte, daß ſie daſſelbe nie, nie weggeben würde. Als die zur Mittagsmahlzeit rufende Glocke er⸗ tönte, ging ſie, wie junge Damen zu thun pflegen, ihren Arm um die Taille ihrer Freundin geſchlungen, d% Treppe hinab. Sie war ſo aufgeregt, als ſie vor der Thüre des Geſellſchaftszimmers anlangten, daß ſie kaum ſo viel Muth finden konnte, um hineinzutreten.. „Leg' doch Deine Hand auf mein Herz und fühle, wie es ſchlägt, Liebe,“ ſagte ſie zu ihrer Freundin. „Mein, es ſchlägt nicht,“ ſagte Amalie, „komm' her⸗ ein und fürchte Dich nicht. Papa wird Dir Nichts thun.“ Yrittes Kapitel. Rebekka vor dem Feinde. Ein ſehr ſtarker, aufgedunſener Mann in Lederhoſen und Suwarowſtiefeln, mit verſchiedenen, ungeheuren Hals⸗ tüchern, die ihm faſt bis an die Naſe hinaufgingen, einer roth geſtreiften Weſte und einem apfelgrünen Rocke, wor⸗ an Stahlknöpfe, faſt ſo groß wie Thaler, hingen (es war das Morgencoſtüm eines Dandy aus jener Zeit), las die Zeitung am Kaminfeuer, als die zwei Mädchen herein⸗ traten, und ſprang von ſeinem Lehnſeſſel auf, und erröthete ungeheuer, und verbarg bei dieſer Erſcheinung faſt ſein ganzes Geſicht in ſeinen Halstüchern. „Es iſt nur Deine Schweſter, Joſeph,“ ſagte Amalie lachend, und die zwei Finger, die er ausſtreckte, ſchüttelnd. „Du weißt, ich bin jetzt für immer nach Hauſe gekommen; und dieß iſt meine Freundin, Miß Sharp, von der ich bereits mit Dir geſprochen.“ „Nein, niemals, ich gebe Dir mein Wort darauf,“ ſagte der Kopf unter dem Halstuche mit gewaltigem Schütteln, — „das heißt, ja; — welch' abſcheulich kaltes Wetter, Miß;“ und nun fing er an, aus Leibeskräften das Feuer zu ſchüren, obwohl man in der Mitte des Mo⸗ nats Juni war. „Es iſt ein recht ſchöner Mann,“ flüſterte Rebekka etwas laut Amalien zu. Du,“ ſagte die Letztere, „ich werde es ihm agen?“ „Nicht um alle Welt, Theuerſte,“ ſagte Miß Sharp, ſo ſcheu wie ein Rehkalb zurückfahrend. Sie hatte vor⸗ her vor dem Herrn einen ehrerbietigen, jungfräulichen Knir 31 gemacht, und ihre ſittſamen Augen ſchauten ſo beharrlich auf den Teppich hin, daß es ein Wunder war, wie ſie Gelegenheit gefunden, ihn zu ſehen. „Ich danke Dir für Deine prächtigen Shawls, Bru⸗ der,“ ſagte Amalie zu dem Feuerſchürer. „Sind ſie nicht prächtig, Rebekka?“ „O himmliſch!“ ſagte Miß Sharp, und ihre Augen richteten ſich, von dem Teppich weg, geradezu auf den Kronleuchter. Joſeph fuhr immer noch fort, mit dem Schüreiſen und der Feuerzange ein abſcheuliches Getöſe zu machen; vabei keuchte und blies er, und wurde ſo roth, als mit ſeinem gelben Geſichte nur immer verträglich war. „Ich kann Dir keine ſo ſchönen Geſchenken machen, Joſeph,“ fuhr ſeine Schweſter fort; „aber ich habe Dir doch während meines Aufenthalts in der Schule ein ſehr ſchönes Paar Hoſenträger geſtickt.“ „Guter Gott! Amalie,“ rief der Bruder, ernſtlich beunruhigt, „was willſt Du damit ſagen?“ Zu gleicher Zeit zog er mit aller Macht an der Klingelſchnur, bis dieſelbe ihm in der Hand blieb und ſo die Verwirrung des braven Burſchen noch vermehrte. „Um's Himmels⸗ willen, ſieh doch, ob mein Buggy vor der Thüre iſt. Ich kann nicht warten, ich muß fort. Der T. hole meinen Grvom *). Ich muß fort.“ In dieſem Augenblicke trat der Familienvater herein, als ein ächt britiſcher Kaufmann mit den an ſeiner Uhr⸗ kette hangenden Petſchaften klappernd. „Was gibt es, Emmy?“ ſagte er. „Joſeph will, ich ſolle nachſehen, ob ſein — ſein Buggy vor der Thüre ſei. Was iſt ein Buggy, Papa?“ „Es iſt ein einſpänniger Palankin,“ ſagte der alte Herr, der in ſeiner Art ein Schalk war. Bei dieſen Worten brach Joſeph in ein wildes Ge⸗ Reitknecht, Burſche. 32 lächter aus, worin er jedoch, ſobald er dem Auge der Miß Sharp begegnete, plötzlich inne hielt, als vb er von einer Kugel getroffen worden wäre. „Dieſe junge Dame iſt Deine Freundin? Miß Sharp, es macht mir vlel Vergnügen, Sie zu ſehen. Haben Sie und Emmy mit Joſeph bereits einen Streit angefangen, daß er durchaus fort will?“ „Ich verſprach Bonamy, der bei uns dient, mein Herr,“ ſagte Joſeph, „daß ich mit ihm zu Mittag ſpeiſen würde.“ „Ei, ei! ſagteſt Du nicht Deiner Mutter, Du wollteſt hier ſpeiſen?“ „Aber in dieſem Anzuge iſt es unmöglich.“ „Sehen Sie ihn doch an, Miß Sharp; iſt er nicht ſchön genug, um überall zu Mittag zu ſpeiſen?“ Worauf natürlich Miß Sharp ihre Freundin an⸗ ſchaute und Beide in ein Gelächter ausbrachen, das dem alten Herrn gewaltig gefiel. „Haben Sie je bei Miß Pinkerton ein ſolches Paar Lederhoſen geſehen?“ fuhr er fort, ſeinen Vortheil ver⸗ folgend. „Um's Himmelswillen, Vater,“ rief Joſeph. „Da haben wir's nun, ich bin ſeinen Gefühlen zu nahe getreten. Mrs. Sedley, meine Liebe, ich habe die Gefühle Deines Sohnes verletzt. Ich habe auf ſeine Leder⸗ hoſen angeſpielt. Frag' doch Miß Sharp, ob ich's nicht gethan? Komm', Joſeph, ſei freundlich mit Miß Sharp, und gehen wir nun Alle zum Eſſen.“ „Es iſt ein Pillau da, Joſeph, ganz ſo wie Du ihn liebſt, und Papa hat die beſte Steinbutte in Billingsgate mitgebracht.“ „Komm', komm', mein Junge, führ' Miß Sharp hin⸗ ab, und ich komme mit dieſen zwei jungen Frauenzimmern nach,“ ſagte der Vater und ging, ſeiner Frau und ſeiner Tochter je einen Arm gebend, munter hinab. 33 Wenn Miß Rebbekka Sharp in ihrem Herzen be⸗ ſchloſſen hatte, die Eroberung dieſes dicken Zierbengels zu machen, ſo glaube ich nicht, meine Damen, daß wir ein Recht haben, ſie zu tadelnz denn obgleich die Arbeit, auf die Männerjagd auszugehen, im Allgemeinen und mit ge⸗ ziemender Sittſamkeit von jungen Perſonen ihren Mamas überlaſſen wird, ſo müſſen wir doch uns erinnern, daß Miß Sharp keine gute Mutter hatte, um dieſe delikaten Dinge für ſie in Ordnung zu bringen, und daß, wenn es ihr nicht gelang, ſich ſelbſt einen Mann zu verſchaffen, Niemand in der ganzen, weiten Welt war, der dieſe Mühe über ſich nahm. Was Anderes iſt die Urſache, daß junge Mädchen ſich in Geſellſchaften zeigen, als der edle Ehr⸗ geiz, einen Mann zu finden? Was führt ſie zu Hunderten in die Bäder? Was iſt Schuld, daß ſie eine ganze, ſter⸗ benslange Saiſon bis Morgens um fünf Uhr forttanzen? Was Anderes macht, daß ſie ſich an Sonaten für das Pianoforte abarbeiten, und daß ſie von einem faſhionablen Lehrer vier Lieder, die Lektion zu einer Guinee, lernen, daß ſie auf der Harfe ſpielen, wenn ſie ſchoͤne Arme und hübſche Elbogen haben, und daß ſie grüne Lincolner Toropholit⸗Hüte und Federn tragen, als weil ſie mit die⸗ ſen ihren tödtlichen Geſchoßen irgend einen „wünſchens⸗ werthen“ jungen Mann zu erlegen trachten? Was iſt die Urſache, daß reſpektable Eltern ihre Teppiche entfernen und ihre Zimmer zum Tanze einrichten; in ihren Häuſern das Unterſte zu Oberſt kehren, und ein Fünftel ihres Jahres⸗ einkommens für Ball⸗Soupers und im Eiſe abgekühlten Champagner ausgeben 2 Iſt es bloß Liebe zu ihres Glei⸗ chen und ein reines Verlangen, junge Leute glücklich und tanzen zu ſehen? Bah! Sie wollen ihre Töchter ver⸗ heirathen; und wie die ehrliche Mrs. Sedley in der Tiefe ihres wohlwollenden Herzens bereits über ein Dutzend klei⸗ ner Pläne zur Verſorgung ihrer Amalie gemacht hatte, ebenſo hatte auch unſere geliebte, aber nicht protegirte Der Jahrmarkt des Lebens. 3 Rebekka beſchloſſen, ihr Möglichſtes zu thun, um einen Mann zu bekommen, der ihr ſogar nothwendiger war, als ihrer Freundin. Sie beſaß eine lebhafte Phantaſie; außer⸗ dem hatte ſie auch „Tauſend und eine Nacht,“ ſowie „Guthrie's Geographie“ geleſen, und es iſt eine That⸗ ſache, daß ſie, während ſie ſich zum Eſſen ankleidete und nachdem ſie Amalie gefragt hatte, ob ihr Bruder ſehr reich wäre, ſich ein prachtvolles Luftſchloß gebaut hatte, wovon ſie die Gebieterin war, mit einem Manne irgendwo im Hintergrunde (ſie hatte ihn noch nie geſehen, und ſeine Geſtalt konnte ſich ihr daher nicht ganz deutlich zeigen); ſie hatte ſich in eine unenvliche Menge von Shawls, Tur⸗ banen und mit Diamanten beſetzten Halsbändern geſteckt, und war unter den Tönen des Marſches aus dem Blau⸗ bart auf einen Elephanten geſtiegen, um dem Groß⸗Mogul einen Beſuch in aller Form abzuſtatten. Bezaubernde Alnaſchar⸗Viſion! Es iſt das glückliche Privilegium der Jugend, euch in's Daſein zu rufen, und manches phanta⸗ ſiereiche, junge Geſchöpf, außer Rebekka Sharp, — hat ſchon ſolchen entzückenden Träumereien bei hellem Tage nachgehangen. Joſeph Sedleh war um zwölf Jahre älter, als ſeine Schweſter Amalie. Er war im Civildienſte der oflindiſchen Compagnie, und ſein Name erſchien zu der Zeit, von der wir ſchreiben, unter der Abtheilung „Bengal“ im oſtindi⸗ ſchen Regiſter, als Steuereinnehmer von Boggley Wollah — ein ehrenvoller und einträglicher Poſten, wie männig⸗ lich bekannt. Will der verehrte Leſer wiſſen, zu welchen höheren Poſten Joſeph im Dienſte aufſtieg, ſo verweiſen wir ihn auf die bereits erwähnte Zeitſchrift. Boggley Wollah liegt in einem ſchönen abgeſchiede⸗ nen, ſumpfigen Diſtrikte voll dicker Gebüſche, in Oſtindien Jungles genannt; — ein Diſtrikt, berühmt wegen ſeiner vielen Schnepfen und ſeiner Tiger. Ramgunge, wo ſich ein Friedensbeamter befindet, iſt nur vierzig Meilen ent⸗ fernt, und etwa dreißig Meilen weiter davon iſt eine Ca⸗ 35 valerie⸗Station; ſo ſchrieb Joſeph nach Hauſe, als er von ſeiner Steuereinnehmerſtelle Beſitz ergriff. Er hatte ungefähr acht Jahre ſeines Lebens ganz allein an dieſem bezaubernden Orte zugebracht, und faſt nie ein chriſtliches Geſicht geſehen, es ſei denn zwei Mal im Jahre, wo das Detaſchement kam, um die von ihm eingezogenen Staats⸗ gelder nach Calcutta zu bringen. Glücklicher Weiſe hatte er um dieſe Zeit einen An⸗ fall von Leberkrankheit, was ihn wieder nach Europa führte, und für ihn in ſeinem Vaterlande eine Qurlle großer Be⸗ haglichkeit und vielen Vergnügens wurde. Er lebte nicht bei ſeiner Familie, ſo lange er in London war, ſondern hatte, wie ein luſtiger Junggeſelle, eine eigene Wohnung gemiethet. Ehe er nach Indien ging, war er zu jung, um an den herrlichen Vergnügungen eines Mannes von gutem Tone Thell zu nehmen, und er ſtürzte ſich nun bei ſeiner Rückkehr um ſo eifriger in dieſelben. Er fuhr in dem Park ſpazieren, ſpeiste in den faſhionablen Reſtaurationen (denn der orientaliſche Club beſtand noch nicht), beſuchte die Theater, wie es damals Mode war, oder zeigte ſich in der Oper in dicht anliegenden Beinkleidern und mit auf⸗ gekrämptem Hute. Bei ſeiner Rückkehr nach Indien, ſowie immer her⸗ nach, pflegte er von der Vergnüglichkeit dieſer Periode ſei⸗ nes Lebens mit großem Enthuſiasmus zu ſprechen, und zu verſtehen zu geben, daß er neben Brummel der Hauptton⸗ angeber zu jener Zeit geweſen ſei. Aber er war hier nicht minder einſam, als in ſeinem Jungle zu Boggley Wollah. Er kannte kaum eine Seele in der Metropole; und wäre nicht ſein Doktor geweſen, ſowie die Geſellſchaft ſeiner blauen Pille und ſeine Leberkrankheit, ſo hätte er vor Langweile ſterben müſſen. Er war träge, mürriſch und ein Bonvivant; der Anblick einer Dame erſchreckte ihn über die Maßen, und ſo kam es denn, daß er ſich nur ſelten im väterlichen Zirkel in Ruſſell Square blicken ließ, wo es luſtig zuging, und wo die Späſſe ſeines gutmüthi⸗ 36 gen alten Vaters ſeine Eigenliebe verletzten. Sein großer Umfang verurſachte Joſeph viele ängſtliche Gevanken und viele Unruhe. Dann und wann machte er auch einen ver⸗ zweifelten Verſuch, ſich ſeines überflüſſigen Fettes zu ent⸗ ledigen; aber ſeine Trägheit, ſowie ſein Hang zum guten Leben drängten bald wieder dieſe Reformbeſtrebungen in den Hintergrund, und ſo nahm er denn abermals ſeine drei Mahlzeiten jeden Tag ein. Er war nie gut gekleidet, und doch ließ er es ſich ungemein viele Mühe koſten, ſeine vicke Perſon zu ſchmücken, und brachte daher auch manche Stunden des Tages bei dieſer Beſchäftigung zu⸗ Sein Bedienter ſammelte ſich ein kleines Vermögen aus dem Verkaufe ſeiner alten Garderobe; ſein Toilettentiſch war mit ſo vielen Pomaden und Eſſenzen bedeckt, als nur je eine alte Schönheit anwandtez um ſich eine Taille zu ge⸗ ben, hatte er jeden Leibgurt, jedes Corſett, jede Leibbinde, ſo damals erfunden waren, probirt. Wie die meiſten fetten Menſchen wollte er immer allzu enge Kleider haben, und wählte ſtets die glänzendſten Farben und den jugend⸗ lichſten Schnitt. War er endlich Nachmittags angekleidet, ſo fuhr er mit Niemand in den Park aus, und kam dann zurück, um ſich abermals anzukleiden und mit Niemand im Piazza⸗Kaffeehauſe zu ſpeiſen. Er war ſo eitel wie ein Mädchen, und vielleicht war ſeine außerordentliche Schüchternheit eines der Reſultate ſeiner außerordentlichen Eitelkeit. Gelingt es Miß Rebekka, ihn zu beſiegen, und zwar bei ihrem erſten Eintritte in die Welt, ſo iſt ſie eine junge Perſon von ungewöhnlichem Verſtande. Der erſte Zug bewies bedeutende Gewandtheit. Als ſie Sedley einen ſehr ſchönen Mann nannte) wußte ſie, daß Amalie es ihrer Mutter ſagen würde, die es wahr⸗ ſcheinlich wieder Joſeph ſagen, oder auf jeden Fall durch das ihrem Sohne gemachte Compliment ſich geſchmeichelt fühlen würde. Allen Müttern thun ſolche Complimente wohl. Hätte man der Sykorax geſagt, daß ihr Sohn Caliban ſo ſchoͤn ſei, wie Apollv, ſo würde es ſie gefreut 37 haben, trotz dem, daß ſie eine Hexe war. Vielleicht hörte das Compliment auch Sedley ſelbſt, — Rebekka ſprach laut genug, — und er hoͤrte ſie wirklich, und weil er in ſeinem Herzen ſich für einen ſehr ſchönen Mann hielt, ſo durchzuckte das Lob jede Fiber ſeines dicken Körpers, und machte ſie vor Vergnügen beben. Dann kam aber ein Rückſchlag. „Macht das Mädchen ſich über mich luſtig?“ dachte er, und ſo ſtürzte er geraden Wegs auf die Klingel⸗ ſchnur zu und wollte gehen, wie wir geſehen haben, als die Scherze ſeines Vaters und die Bitten ſeiner Mutter ihn bleiben machten, wo er war. Er führte die junge Dame in zweifelnder und unruhiger Gemüthsſtimmung zum Eſſen hinab. „Hält ſie mich wirklich für ſchön 2“ dachte er, „oder macht ſie ſich nur auf meine Koſten luſtig?“ Wir haben von Joſeph Sedley geſogt, er ſei ſo eitel wie ein Mädchen geweſen. Der Himmel beſchütze uns! Die Mädchen brauchen nur das Blatt umzukehren und von Einer ihres eigenen Geſchlechtes zu ſagen: „Sie iſt ſo eitel wie ein Mann,“ und ſie haben dann vollkom⸗ men Recht. Die bärtigen Geſchöpfe geizen ſo ſehr nach Lob, ſind bei ihrer Toilette eben ſo krittlich, auf ihre per⸗ ſoͤnlichen Vorzüge eben ſo ſtolz, ihrer bezaubernden Kraſt ſich eben ſo bewußt, wie nur eine Coquette auf der Welt. So ging es alſo die Teppe hinab, Joſeph über und über roth im Geſichte, Rebekka ſehr ſittſam und ihre grü⸗ nen Augen auf den Boden niederſchlagend. Sie war weiß gekleidet, mit entblößten Schultern, ſo weiß wie der Schnee — ein Bild der Jugend, unbeſchützter Unſchuld, und anſpruchsloſer, jungfräulicher Einfalt. „Ich muß recht ruhig bleiben,“ dachte Rebekka, „und recht viel Intereſſe für Indien an den Tag legen.“ Nun haben wir gehört, wie Mrs. Sedley einen ſchönen Curry für ihren Sohn zubereitet hatte, gerade, wie dieſer ihn liebte, und im Laufe des Eſſens wurde Re⸗ bekka eine Portion von dieſem Gerichte angeboten. „Was 38 iſt das?“ ſagte ſie, einen appellirenden Blick auf Herrn Joſeph richtend. „Capital das, vortrefflich,“ ſagte er. Sein Mund war voll davon: ſein Geſicht ganz roth von der angeneh⸗ men Funktion des Schluckens. „Mutter, er iſt gerade ſo gut, wie meine eigenen Curries in Indien.“ „Ach, ich muß davon verſuchen, wenn es ein indiſches Gericht iſt,“ ſagte Miß Rebekka. „Es muß Alles gut ſein, was von dort kommt.“ „Gib doch Miß Sharp von dem Curry, liebe Mut⸗ ter,“ ſagte Herr Sedley lachend. Rebekka hatte das Gericht noch nie zuvor verſucht. „Finden Sie es ſo gut, wie alles Andere, was aus Indien kommt?“ ſagte Herr Sedley. „O, vortrefflich!“ ſagte Rebekka, welcher der Cayenne⸗ Pfeffer Höllenqualen verurſachte. „Nehmen Sie ein Chili dazu, Miß Sharp,“ ſagte Joſeph, wirklichen Antheil nehmend. „Ein Chili,“ ſagte Rebekka ſchnappend. „Ach ja!“ Sie glaubte, ein Chili ſei etwas Kühlendes, wie der Name andeutete, und ließ ſich daher davon geben. „Wie friſch und grün ſehen doch dieſe Schoten aus,“ ſagte ſie, indem ſie eine nach dem Munde führte. Es war aber noch brennender, als der Curry ſelbſt; es war zu viel: Fleiſch und Blut konnte es nicht länger ertragen. Sie legte ihre Gabel weg. „Waſſer, um's Himmelswil⸗ len, Waſſer!“ rief ſie. Herr Sedley brach in ein lautes Gelächter aus (er war kein fein gebildeter Mann, und gehörte zu der Stock⸗Erchange), wo man alle Arten praktiſcher Späſſe liebt.) „Sie ſind ächt indiſchen Ur⸗ ſprungs, ich verſichere Sie,“ ſagte er. „Sambo, gib Miß Sharp Waſſer.“ Das väterliche Lachen fand an Joſeph, welcher den Spaß für vortrefflich hielt, ein bereitwilliges Echv. Die *) Stock⸗Börſe, Fonds⸗Börſe. * 39 Damen lächelten nur ein wenig. Sie dachten, die arme Rebekka leide zu viel. Gern hätte ſie zwar den alten Sed⸗ ley erſticken ſehen, aber ſie verſchluckte ihren Aerger ſo gut, wie zuvor den abſcheulichen Curry, und ſagte, ſobald ſie ſprechen konnte, mit einer komiſchen, gutlaunigen Miene: — „Ich hätte an den Pfeffer denken ſollen, den die perſiſche Prinzeſſin in „Tauſend und eine Nacht“ in die Rahmtorten thut. Thut man in Indien Cayenne⸗Pfeffer in die Rahmtorten, mein Herr?“ Der alte Sedley fing an zu lachen, und dachte, Re⸗ — bekka ſei ein gutlauniges Mädchen. Joſeph aber ſagte“ einfach — „Rahmtorten, Miß? Unſer Rahm in Bengal iſt herzlich ſchlecht. Gewöhnlich haben wir Ziegenmilchz und, meiner Treu, ich habe ihr den Vorzug geben gelernt, wiſſen Sie.“ „Sie werden wohl nicht mehr Alles, was aus Indien kommt, lieben, Miß Sharp,“ ſagte der alte Herr; als aber die Damen nach dem Eſſen ſich zurückgezogen hatten, ſagte der ſchlaue alte Kamerad zu ſeinem Sohnez „Nimm' dich in Acht, Joe; das Mädchen hat es auf Dich abgeſehen.“ „Bah! Unſinn!“ ſagte Joe, höchlich geſchmeichelt. „Ich erinnere mich, Sir, wie ein Mädchen zu Dumdum war, eine Tochter Cutler's von der Artillerie, und ſpäter verheirathet an Lance, den Chirurgen. Dieſe machte im Jahre 4 verzweifelte Anſtrengungen, um mich und Mul⸗ ligatawney, von dem ich Ihnen vor Tiſche ſagte, in ihr Netz zu ziehen: — ein verteufelt guter Kerl, dieſer Mul⸗ ligatawney — er iſt nun Richter in Budgebudge, und wird in fünf Jahren ſicherlich im Rathe ſitzen. Wohlan, Sir, die Artillerie gab einen Ball und Quintin vom königlichen vierzehnten Regimente ſagte zu mir: „„Sed⸗ ley,““ ſagte er, „ich wette Dreizehn gegen Zehn, daß Sophie Cutler entweder Sie, oder Mulligatawney noch vor der Regenzeit an ihre Angel bekommt.““ „Es gilt,““ * . ſagte ich; und meiner Treu, Sir — dieſer Claret iſt ſehr gut. Von Adamſon oder Carbonell?“ * . Ein leichtes Schnarchen war die einzige Antwort: der ehrliche Börſenmäkler war eingeſchlafen, und ſo konnte Joſeph den Reſt ſeiner Geſchichte fär heute nicht mehr von Männern ſtets ſehr mittheilſam, und hat dieſe köſt⸗ liche Geſchichte viele Dutzend Male ſeinem Apotheker, Doktor Gollop, erzählt, wenn er kam, um ſich wegen der Leber und der blauen Pillen zu erkundigen. Da Joſeph Sedley ein Invalide war, ſo begnügte er ſich bei ſeinem Mittageſſen mit einer Flaſche Claret neben ſeinem Madeira; auch führte er ſich einige Teller voll Erdbeeren und Rahm, ſowie vier und zwanzig Biscuits, die unbeachtet neben ihm auf einem Teller lagen, zu Ge⸗ müthe, und dachte ſicherlich — denn Romanſchreiber haben das Privilegium der Allwiſſenheit — nicht wenig an das Mädchen droben. „Ein nettes, luſtiges, heiteres, junges Geſchöpf,“ dachte er bei ſich ſelbſt. „Wie ſie mich an⸗ blickte, als ich bei Tiſche ihr Taſchentuch aufhob! Sie ließ es zwei Mal fallen. Wer fingt wohl im Geſellſchafts⸗ zimmer? Meiner Treu, ſoll ich hinauf gehen und nachſehen?“ Aber ſein verſchämtes Weſen kam über ihn mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt. Sein Vater ſchlief: ſein Hut lag im Vorzimmer, und ganz in der Nähe, in Southampton Row, war eine Miethkutſchen⸗Station. „Ich will die „Vierzig Räuber“ ſehen,“ ſagte er, „und Miß De⸗ camp, die heute Abend tanzt;“ und mit dieſen Worten ſchlich er ſich auf den Zehenſpitzen davon und verſchwand, ohne ſeinen würdigen Vater aufzuwecken. „Da geht ja Joſeph,“ ſagte Amalie, die aus dem offenen Fenſter des Geſellſchaftszimmers ſah, während Re⸗ bekka am Pianoforte ſang. „Miß Sharp hat ihn weggeſcheucht,“ ſagte Mrs. Sedleh. „Der arme Joe, warum zeigt er ſich doch ſo ſchen?“ 2 an den Mann bringen. Aber er iſt in der Geſellſchaft 41¹ Viertes Rapitel. Die grünſeidene Börſe. Der paniſche Schrecken des armen Joe dauerte zwei oder drei Tage, während deren er ſich nicht im Hauſe blicken ließ; aber auch Miß Rebekka erwähnte während dieſer Zeit ſeinen Namen nicht. Sie war voll ehrerbieti⸗ ger Dankbarkeit Mrs. Sedley gegenüber, über die Maßen entzückt über die Bazars, und kaum im Stande, der Be⸗ wunderung Einhalt zu thun, womit ſie das Theater, wo⸗ hin die gutmüthige Dame ſie führte, erfüllte. Eines Ta⸗ ges hatte Amalie Kopfſchmerzen und konnte nicht an einer Luſtpartie Theil nehmen, zu der die beiden jungen Mäd⸗ chen eingeladen waren. Nichts konnte ihre Freundin be⸗ wegen, allein zu gehen. „Wie ? Ich ſollte Dich, der Du der armen Waiſe zum erſten Male in ihrem Leben gezeigt haſt, was Glück und Liebe iſt, verlaſſen ? Nimmermehr!“ Und die grünen Augen blickten zum Himmel auf und füll⸗ ten ſich mit Thränen; und Mrs. Sedley konnte nicht um⸗ hin, ſich zu geſtehen, daß die Freundin ihrer Tochter ein zum Verwundern gutes Herz habe. Was Herr Sedley's Späſſe betrifft, ſo lachte Rebekka darüber mit einer Herzlichkeit und einer Ausdauer, die dem gutmüthigen Manne nicht wenig gefiel. Auch gewann Miß Sharp nicht allein die Häupter der Familie für ſich. Sie erregte auch das Intereſſe der Mrs. Blenkinſop dadurch, daß ſie die tiefſte Sympathie bei der Zubereitung der Himbeer⸗Conſerve an den Tag legte, welche Operation da⸗ mals im Zimmer der Haushälterin vor ſich ging; ſie beſtand darauf, Sambo „Sir“ und „Herr Sambo“ zu 42 nennen, zum großen Entzücken dieſes Bedienten; auch ent⸗ ſchuldigte ſie ſich bei dem Kammermädchen wegen der Mühe, die ſie ihr verurſache, wenn ſie ihr ſchellen müſſe, mit ſo vieler Sanſtmuth und Beſcheidenheit, daß die Be⸗ dientenſtube von ihr faſt ebenſo bezaubert war, wie das Geſellſchaftszimmer. Eines Tages, als ſie einige Zeichnungen durchſah, die Amalie von der Schule nach Hauſe geſchickt hatte, ſtieß Rebekka plötzlich auf eine, die ihr einen Thränenſtrom entlockte und ſie das Zimmer verlaſſen machte. Es war an dem Tage, wo Joe Sedley ſich zum zweiten Male zeigte. Amalie eilte ihrer Freundin nach, um die Urſache dieſes plötzlichen Gefühls⸗Ausbruches kennen zu lernen, und vas gutmüthige Mädchen kam, ebenfalls ziemlich ange⸗ griffen, ohne ihre Gefährtin zurück. „Sie wiſſen, Mama, ihr Vater war unſer Zeichnungslehrer in Chiswick, und pflegte die beſten Theile unſerer Zeichnungen auszuführen.“ „Meine Liebe! Ich hörte aber doch Miß Pinkerton ſtets ſagen, daß er ſie nicht anrührte, ſondern bloß putzte!“ . „Man nannte es putzen, Mama. Rebekka erinnert ſich wohl noch der Zeichnung und wie ihr Vater daran arbeitete; und von dieſem Gedanken wurde ſie etwas plotz⸗ lich ergriffen — und ſo, wiſſen Sie, konnte ſie —“ „Das arme Kind iſt ganz Herz,“ ſagte Mrs. Sedley. „Ich wollte, ſie könnte noch eine Woche bei uns blei⸗ ben,“ ſagte Amalie. „Sie iſt Miß Cutler, die ich oft zu Dumdum traf, verteufelt ähnlich; nur iſt ſie weißer. Sie iſt nun an Lance, den Chirurgen bei der Artillerie, verheirathet. Wiſ⸗ ſen Sie, Ma'am, daß einſt Quintin vom vierzehnten Re⸗ giment mit mir wettete —“ „O, Joſeph, wir wiſſen dieſe Geſchichte bereits,“ ſagte Amalie lachend. „Bemühe Dich nicht damit, ſie uns wie⸗ 43 der aufzutiſchen; aber überrede Mama, daß ſie an Sir Something *) Crawley ſchreibt.“ „Hatte er nicht einen Sohn bei den königlichen leich⸗ ten Dragonern in Indien?“ „Nun, wollen Sie an ihn um Urlaub für die arme liebe Rebekka ſchreiben? — Aber hier kommt ſie ja mit roth geweinten Augen.“ „Es iſt mir nun beſſer,“ ſagte das Mädchen mit dem ſüßeſten Lächeln, das ihr zu Gebote ſtand, wobei ſie noch die ausgeſtreckte Hand der gutmüthigen Mrs. Sedley er⸗ griff und reſpekwoll küßte. „Wie gütig ſind ſie doch Alle gegen mich! Alle,“ ſetzte ſie lachend hinzu, „Sie ausge⸗ nommen, Herr Joſeph.“ „Ich!“ ſagte Joſeph, auf alsbaldiges Weggehen be⸗ dacht. „Guter Himmel! guter Gott! Miß Sharp!“ „Ja; wie konnten Sie ſo grauſam ſein, mich am erſten Tage, wo ich Sie in meinem Leben ſah, von jenem abſcheulichen Pfeffergerichte eſſen zu laſſen ? Sie ſind nicht ſo gut gegen mich geſinnt, wie die liebe Amalie.“ „Er kennt Dich nicht ſo gut“ rief Amalie. „Wie kann Jemand anders, als gütig gegen Sie ſein, meine Theure,“ ſagte ihre Mutter. „Der Curry war vortrefflichz ja, das war er,“ rief Joe ganz ernſt. „Vielleicht war nicht genug Citronen⸗ ſaft darin; — nein, es war nicht genug darin.“ „Und die Chilis?“ „Beim Jupiter, wie ſchrien Sie deßhalb!“ ſagte Ioe, von der Lächerlichkeit des Umſtandes ergriffen, und in ein krampfartiges Lachen ausbrechend, das, wie gewoͤhnlich, mit einem Male wieder aufhörte. „Ein anderes Mal werde ich mich wohl hüten, Sie für mich wählen zu laſſen,“ ſagte Rebekka, als ſie wieder zum Mittageſſen hinabgingen. „Ich glaubte nicht, daß es *) = Etwas; wie heißt nur gleich der Name? Männer gäbe, die ihre Freude daran fanden, armen harm⸗ loſen Mädchen Schierz zu bereiten.“ „Bei Gott, Miß Rebekka, um Nichts in der Welt möchte ich ſo Etwas thnn.“ „Nein,“ ſagte ſie, „ich weiß, daß Sie das nicht möchten;“ und dann gab ſie ihm einen überaus ſanften Druck mit ihrer kleinen Hand, und zog dieſelbe ganz er⸗ ſchrocken zurück, und ſah ihm zuerſt einen Augenblick ins Geſicht, und dann auf die Teppichſtängelchen nieder; und ich vermag nicht zu ſagen, ob Joſeph's Herz nicht höher ſchlug bei dieſem kleinen, unwillkührlichen, ſchüchternen, ſanften Zeichen der Aufmerkſamkeit von Seiten des ein⸗ fachen Mädchens. Es war ein Entgegenkommen, und als ein ſolches werden vielleicht einige Damen von unbeſtreitbarer Sitten⸗ reinheit und feinem Betragen die Handlung, als von Un⸗ beſcheidenheit zeugend, verdammen; aber wie man ſieht, ſo hatte die arme liebe Rebekka alle dieſe Arbeit ſelbſt zu übernehmen. Wenn Jemand zu arm iſt, um einen Dienſtboten zu halten, ſo muß er, ſei er auch noch ſo ele⸗ gant, ſeine Zimmer ſelbſt kehren; hat ein liebes Mädchen keine liebe Mama, um die Sache mit dem jungen Manne in's Reine zu bringen, ſo bleibt ihr Nichts übrig, als es ſelbſt zu thun. Und ach, wie gut iſt es, daß ſolche Frauen⸗ zimmer ihre Kräfte nicht öfter in Anwendung bringen; wir vermoͤgen ihnen nicht zu widerſtehen, wenn ſie es thun. Kaum zeigen ſie den Willen dazu, ſo fallen die Männer augenblicklich auf die Knie nieder: und ob ſie alt oder häßlich, — macht keinen Unterſchied. Und das ſtelle ich als eine poſitive Wahrheit auf: ein Frauenzim⸗ mer kann, wenn ſie eine günſtige Gelegenheit und nicht gerade einen Buckel hat, heirathen, wen ſie mag. Seien wir doch nur dankbar, daß die lieben Geſchöpfe wie die Thiere des Feldes und ſich ihrer eigenen Kraft nicht be⸗ wußt. Würden ſie ihre Kraft kennen, ſo wäre es aus mit uns. 45 „Meiner Treu!“ dachte Joſeph, als er in den Speiſe⸗ ſaal trat, „es wird mir nachgerade um's Herz, wie zu Dumdum bei Miß Cutler.“ Während des Eſſens wandte ſich Miß Sharp in halb zärtlicher, halb ſcherzhafter Weiſe wohl hundert Mal an ihn wegen der Gerichte, und ſtets brachte ſie dabei mit vielem Glück ihr ſüßes Lächeln an; denn ſchon hatte ſie ſich auf einen ziemlich vertraulichen Fuß mit der Familie geſetzt, und was die beiden Mädchen betrifft, ſo liebten ſie einander wie Schweſtern. Junge, unverheirathete Mäd⸗ chen thun das immer, wenn ſie zehn Tage bei einander in einem Hauſe ſind. Gleich als ob Amalie darauf erpicht geweſen wäre, Rebelka's Pläne in jeder Weiſe zu fördern, mußte ſie noch ihren Bruder an ein Verſprechen von den letzten Oſterfeiertagen her erinnern. — „Als ich noch in der Schule war,“ ſagte ſie lachend — „hat da nicht Joſeph verſprochen, daß er ſeine Schweſter nach Vauxhall führen würde?“ Nun iſt Rebekka bei uns, und es wäre gerade die beſte Zeit.“ „O, herrlich!“ ſagte Rebekka, im Begriffe, vor Freude die Hände zuſammenzuſchlagen; indeſſen beſann ſie ſich eines Beſſern und hielt inne, wie es einem beſcheidenen Geſchöpfe, wie ſie war, geziemte. „Heute Abend iſt es Nichts damit,“ ſagte Joe. „Nun, ſo iſt es morgen.“ „Morgen bin ich mit dem Vater zum Eſſen einge⸗ laden,“ ſagte Mrs. Sebley. „Du wirſt doch nicht glauben, daß ich gehe, Mrs. Sed?“ ſagte ihr Mann, „und daß eine Frau von Dei⸗ nen Jahren und Deiner Beleibtheit an einem ſo abſcheu⸗ lichen feuchten Orte ſich nicht erkälten werde?“ „Die Kinder müſſen doch aber Jemand bei ſich haben 2“ rief Mrs. Sedley. „Joe mag hingehen,“ ſagte ſein Vater lachend. „Er iſt groß genug dazu, und guch dick genug“ — bei welchen Worten ſelbſt Herr Sambo am Seitentiſche ſich nicht ent⸗ halten konnte, in ein Gelächter auszubrechen. Was den armen, fetten Joe betrifft, ſo verſpürte er faſt in ſich die Neigung, an ſeinem Vater zum Moͤrder zu werden. „Geſchwind, ſchnürt ihn auf!“ fuhr der unerbittliche alte Herr fort. „Spritzen Sie ihm doch etwas Waſſer in's Geſicht, Miß Sharp, oder bringen Sie ihn hinauf: der liebe Mann bekommt eine Ohnmacht. Armer Burſche! Bringt ihn hinauf; er iſt ſo leicht wie eine Feder!“ „Wenn ich mir das gefallen laſſe, Sir, ſo will ich verdammt ſein!“ brüllte Joſeph. „Laß doch Herrn Jos' Elephanten holen, Sambo!“ rief der Vater. „Schick' nach Ereter⸗Change, Sambo;“ als aber der alte Spaßmacher ſah, daß Jos vor lauter Aerger faſt in Thränen ausbrach, ſo that er ſeinem Ge⸗ lächter Einhalt, und ſagte, ſeinem Sohne die Hand hin⸗ ſtreckend: „Es geht Alles mit ehrlichen Dingen zu auf der Stock⸗Exchange, und man darf ſich dort ſchon ſo was erlauben, Jos, — und Du, Sambo, laß Deinen Ele⸗ phanten und gib mir und Herrn Jos ein Glas Cham⸗ pagner. Boney *) ſelbſt hat keinen ſolchen in ſeinem Keller, mein Junge!“ Ein tüchtiges Glas Champagner verhalf Joſeph wie⸗ der zu ſeinem Gleichmuth, und ehe die Flaſche geleert war, wobon er, als Invalide, zwei Drittheil zu ſich nahm, hatte er ſeine Einwilligung gegeben, daß er die jungen Damen nach Vauxhall führen würde. „Die Mädchen müſſen Jede einen Herrn haben,“ ſagte der alte Herr. „Jos verliert gewiß Emmy im Gedränge; Miß Sharp hier wird ſeine Aufmerkſamkeit ſo gewaltig in Anſpruch nehmen. Man ſchicke in Nro. 96, und frage bei George Osborne an, ob er kommen wolle.“ Bei dieſen Worten ſah Mrs. Sedley ihren Mann an und lachte; ich weiß aber ganz und gar nicht, aus wel⸗ *) Bonaparte. 47 chem Grunde. Herrn Sedley's Augen zwitzerten in einer Weiſe, die unbeſchreiblich ſchalkhaft war, und er ſah Amalie an; und Amalie, die den Kopf hangen ließ, er⸗ roͤthete, wie nur ſiebzehnjährige Damen erröthen konnen, und wie Miß Rebekka Sharp in ihrem ganzen Leben nie erroͤthete — ſeit ihrem achten Jahre wenigſtens nicht, wo ſie von ihrer Tauſpathin ertappt wurde, wie ſie ihr eben von ihrer Conſerve im Speiſeſchranke ſtahl. „Amalie würde wohl daran thun, wenn ſie ein Billet ſchriebe,“ ſagte ihr Vater; George Osborne mag daraus erſehen, welch' ſchöne Hand wir aus Miß Pinkerton's Schule mitgebracht haben. Erinnerſt Du Dich noch, Emmy, wie Du, ihn auf den Dreikönigs⸗Abend zu uns einludeſt und „Abend“ mit einem „t“ ſchriebeſt?“ „Ach, das war ſchon vor vielen Jahren,“ ſagte Amalie. „Iſt es Dir nicht, als ob es erſt geſtern geweſen wäre, John?“ ſagte Mrs. Sedley zu ihrem Manne, und in jener Nacht las, in einem Geſpräche, das in einem Vorderzimmer im zweiten Stocke Statt fand, — in einer Art Zelt, das mit Zitz von einem reichen und phantaſti⸗ ſchen indiſchen Muſter, und gefüttert mit Calico von blaßrother Farbe, rundum behangen war; in deſſen In⸗ nerem ein Federbett ſtand, worauf zwei Kiſſen lagen, wor⸗ auf zwei runde, rothe Geſichter ruhten, das eine in einer mit Spitzen beſetzten Nachthaube, das andere in einer ein⸗ fachen, in eine Troddel auslaufenden baumwollenen Mütze; — ich ſage, in einer Gardinen-Predigt las Mrs. Sedley ihrem Manne den Tert wegen der Grauſamkeit, die er bei Tiſche gegen den armen Jve an den Tag gelegt. „Es war recht böſe von Dir, Sedley,“ ſagte ſie, „den armen Jungen ſo zu plagen.“ „Meine Theure,“ ſagte die baumwollene Zipfelmütze zur Vertheidigung ihres Benehmens, „Jos iſt um ein großes Stück eitler, als Du je in Deinem ganzen Leben warſt, — und das will Viel ſagen. Obgleich Du vor etli⸗ chen dreißig Jahren, im Jahre ſiebenhundert und etliche achtzig — ich weiß nicht mehr recht, wann — vielleicht ein Recht hatteſt, eitel zu ſein. — Ich will's nicht be⸗ ſtreiten. Aber Jos und ſeine ſtutzerhafte Schüchternheit machen mich ungeduldig. Es heißt in der That den Joſeph der Bibel noch überbieten, meine Liebe, und während der ganzen Zeit denkt der Junge doch nur an ſich ſelbſt, und was für ein ſchöner Burſche er iſt. Es will mich bevün⸗ ken, Ma'am, daß wir mit ihm noch unſere liebe Noth haben werden. Hier iſt Emmy's kleine Freundin, die ihn im Sturme zu erobern trachtet; das iſt ganz klar; und wenn ſie ihn nicht fängt, ſo fängt ihn eine Andere. Der Mann iſt nun einmal dazu beſtimmt, den Weibern zur Beute zu fallen, wie es meine Beſtimmung iſt, jeden Tag auf die Börſe zu gehen. Es iſt noch ein Glück, meine Liebe, daß er uns nicht eine ſchwarze Schwiegertochter mitgebracht hat. Aber denk' an meine Worte, das erſte Frauenzimmer, das ihn angeln will, fängt ihn auch. „Morgen noch ſoll ſie fort, das kleine, ſchlaue Ge⸗ ſchöpf,“ ſagte Mrs. Sedley mit großer Energie. „Warum, iſt ſie nicht ſo gut, wie eine Andere, Mrs. Sedley? Auf jeden Fall hat das Mädchen ein weißes Geſicht. Mir iſt es gleichgültig, wer ihn heirathet. Joe mag nehmen, wen er will.“ Es ſtand nicht lange an, ſo verſtummten die Stim⸗ men der beiden Sprechenden, oder es wurden vielmehr dieſelben durch die ſanfte, aber unromantiſche Muſik der Naſe erſetzt; und wenn die Kirchenglocken nicht die Stun⸗ den ſchlugen, vder der Nachtwächter dieſelben nicht abrief, war Alles ſtill im Hauſe von John Sedley, Esquire, von Ruſſell Square und der Stock⸗Exchange. Als der Morgen herbeikam, dachte die gutmüthige Mrs. Sedley nicht länger an die Vollziehung ihrer Dro⸗ hungen gegenüber von Miß Sharp; denn obgleich Nichts heftiger und ſcharfſichtiger, noch auch gewöhnlicher und mehr zu rechtfertigen iſt, als die mütterliche Eiferſucht, 49 ſo konnte ſie ſich doch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß die kleine, nievrig geborne, dankbare, artige Gouver⸗ nante es wagen würde, zu einer ſo hohen und majeſtäti⸗ ſchen Perſon aufzublicken, wie der Steuereinnehmer von Boggley Wollah war. Auch war das Geſuch um Ver⸗ längerung des Urlaubs der jungen Dame bereits abgegan⸗ gen, und man konnte nicht leicht einen Vorwand finden, um ſie plotzlich zu entfernen. Und als ob Alles ſich zu Gunſten der lieblichen Re⸗ bekka verſchworen hätte, kamen ihr ſogar die Elemente zu Hülfe, obgleich ſie anfänglich eine Wirkung verſelben zu ihrem Vortheil nicht anerkennen mochte. Denn als an dem für die Vaurhall⸗Partie bezeichneten Abende George Osborne zum Eſſen gekommen, und die beiden älteſten Perſonen des Hauſes, der erhaltenen Einladung zu Folge, ausgefahren waren, um bei Alderman Balls zu Highbury Barn zu Mittag zu ſpeiſen, kam ein ſolches Donnerwetter, wie ſie nur an Vaurhall⸗Abenden vor⸗ kommen; und ſo ſahen ſich die jungen Leute gezwungen, zu Hauſe zu bleiben. Herrn Oöborne ſchien dieſer Vor⸗ fall nicht im Mindeſten unangenehm zu ſein. Er und Joſeph Sedley tranken ein gehöriges Quantum Portwein, téte-àtéte im Speiſezimmer — und während des Trin⸗ kens erzählte Sedley eine Anzahl ſeiner beſten indiſchen Geſchichten; denn er war ſehr geſprächig in der Geſell⸗ ſchaft von Männern; — und ſpäter machte Miß Amalie Sedley die Honneurs im Geſellſchaftszimmer; und dieſe vier jungen Perſonen verbrachten den Abend mit einander ſo angenehm, daß ſie erklärten, das Donnerwetter, das Schuld geweſen, daß ſie ihren Beſuch in Vaurhall hätten aufſchieben mäffen, ſei ihnen eher erwünſcht gekommen, als nicht. Oosborne, bei dem Sedley Pathenſtelle vertreten hatte, hatte ſeit vollen drei und zwanzig Jahren ſo gut, wie zur Familie gehort. Als er ſechs Wochen alt war, hatte er Der Jahrmarkt des Lebens. I. 4 5 50 von John Sedley einen ſilbernen Becher zum Geſchenke bekommen; in einem Alter von ſechs Monaten eine Koralle mit goldenem Pfeifchen und ditto Glöckchen; von ſeiner Kindheit an war er regelmäßig um Weihnachten von dem alten Herrn beſchenkt worden; auch erinnerte er ſich noch vollkommen, wie er einmal, wo er nach der Schule zu⸗ rückging, von Joſeph Sedleh, der ein großer, ſtämmiger, prahlhafter Burſche, während er — George — ein un⸗ verſchämter zehnjähriger Bube war, tüchtig durchgeprügelt wurde. Mit einem Worte, George war mit der Familie ſo vertraut, wie ihn nur ſolche tägliche Akte der Freund⸗ ſchaft und des Umgangs machen konnten, „Weißt Du noch, Sedley, in welcher Wuth Du warſt, als ich die Troddeln von Deinen Suwarowſtiefeln abſchnitt, und wie Miß — hm! — wie Amalie mir eine Prügelſuppe erſparte, indem ſie auf die Knie niederfiel, und ihren Bruder Jos flehentlich bat, den kleinen George doch nicht zu ſchlagen?“ Jos erinnerte ſich dieſes denkwürdigen Umſtandes zwar vollkommen, betheuerte aber, daß er ihn vollkommen vergeſſen habe. „Nun, weißt Du noch, wie Du in einem Gig zu Doktor Swiſhtail herabkamſt, um mich vor Deiner Ab⸗ reiſe nach Indien zu beſuchen, und wie Du mir eine halbe Guinee gabſt, ſo wie einen ſanften Schlag auf den Kopf? Es war mir immer, als ſeieſt Du wenigſtens ſieben Fuß hoch, und ich war daher bei Deiner Rückkehr von Indien ganz erſtaunt, als ich Dich nicht groͤßer fand, als ich ſelbſt bin.“ „Wie lieb war es von Herrn Sedley, daß er in Ihre Schule kam, und Ihnen das Geld gab!“ rief Rebekka, mit dem Ausdrucke des äußerſten Entzückens. „Ja, und zwar nachdem ich die Troddeln an ſeinen Stiefeln abgeſchnitten hatte. Knaben vergeſſen ſolche Ge⸗ ſchenke, die ſie, ſo lange ſie in der Schule ſind, erhalten, nie, und ebenſo wenig die Geber.“ 51 „Ich bin ganz vernarrt in Suwarowſtiefeln,“ ſagte Rebekka. Jos Sedley, der ſeine Beine ungeheuer bewun⸗ derte, und ſtets dieſe zierende Fußbekleidung trug, war über dieſe Bemerkung hoch erfreut, obgleich er ſeine Beine dabei unter den Stuhl zurückzog. „Miß Sharp!“ ſagte George Osborne, „Sie, die Sie eine geſchickte Künſtlerin ſind, müſſen uns ein großes hiſtoriſches Gemälde aus der famoſen Stiefelſcene machen. Sedley muß in Lederhoſen figuriren, und einen der mal⸗ traitirten Stiefeln in einer Hand halten; mit der andern ſoll er mich an der Halskrauſe packen. Amalie muß ne⸗ ben ihm knien, und ihre kleinen Händchen in die Höhe heben; auch ſoll das Gemälde einen großen allegoriſchen Titel haben, wie die Titelblätter in der Medulla und im A b e⸗Buche.“ „Ich werde hier keine Zeit dazu haben,“ ſagte Re⸗ bekka. „Ich werde es ausführen, wenn — ich fort bin.“ Und ſie ließ die Stimme ſinken, und ſah ſo traurig und elend aus, daß Jedermann fühlte, wie grauſam ihr Loos ſei, und wie ungern man ſie ſcheiden ſehen würde. „Ach! konnteſt Du doch länger bleiben, liebe Rebekka,“ ſagte Amalie. „Warum?“ antwortete die Andere, noch trauriger. „Damit ich mich nur noch unglück —, vamit ich mich weniger im Stande fühle, Dich zu verlaſſen.“ Und ſie wandte ihren Kopf weg. Amalie begann jener natürlichen Schwäche, die, wie wir geſagt haben, einen der Mängel dieſes einfältigen, kleinen Dinges bildete, zu unterliegen: ſie konnte ſich der Thränen nicht mehr enthalten. George Osborne blickte die beiden jungen Frauenzimmer mit einer von Rührung begleiteten Neugierde an; und Joſeph Sed⸗ ley zog aus ſeiner dicken Bruſt Etwas hervor, was einem Seufzer ſehr ähnlich war, indem er ſeine Augen auf ſeine theuren Suwarowſtiefeln fallen ließ. „Machen Sie uns etwas Muſik, Miß Sedley — Amalie,“ ſagte George, der in dieſem Augenblicke eine 52 außerordentliche, faſt unwiderſtehliche Luſt verſpürte, das eben genannte junge Frauenzimmer in ſeine Arme zu ſchließen, und vor der ganzen Geſellſchaft zu küſſen; und ſie ſah ihn einen Augenblick an, und wenn ich ſagen wollte, daß ſie in jenem Angenblicke erſt ſich in einander verliebten, ſo würde ich vielleicht eine Unwahrheit ſagen, denn das Faktum iſt, daß dieſe zwei jungen Leute von ihren Eltern eben zu dieſem Zwecke auferzogen, und ihr Verlöbniß, ſo zu ſagen, ſchon ſeit zehen Jahren in ihren reſpektiven Familien bekannt gemacht worden war. Sie gingen an das Pianoforte hin, das, wie es gewohnlich der Fall, in dem hintern Salon ſtand, und da es ſchon etwas dunkel war, ſo legte Miß Amalie auf die natür⸗ lichſte Weiſe von der Welt ihre Hand in die des Herrn Osborne, der natürlich den Weg zwiſchen den Stühlen und Ottomanen viel beſſer finden konnte, als ſie. Dieſes Arrangement aber ließ Herrn Joſeph Sedley téte-àtéte mit Rebekka, am Salontiſche, wo Letztere damit beſchäf⸗ tigt war, daß ſie eine grünſeidene Boͤrſe häkelte. „Man braucht da nach Familiengeheimniſſen nicht erſt zu fragen,“ ſagte Miß Sharp. „Dieſe Beiden haben das ihrige verrathen.“ „Sobald er ſeine Kompagnie bekommt,“ ſagte Joſeph, „glaube ich, iſt die Sache abgemacht. George Osborne iſt ein ſo guter Burſche, wie nur je einer athmete.“ „Und Ihre Schweſter iſt das liebſte Geſchöpf von der Welt,“ ſagte Rebekka. „Glücklich der Mann, der ſie heimführt!“ Bei dieſen Worten ſeufzte Miß Sharp tief auf. Wenn zwei unverheirathete Perſonen beiſammen find, und von ſo delikaten Gegenſtänden, wie der vorliegende iſt, ſprechen, ſo greift alsbald ein bedeutender Grad von Zutrauen und Vertraulichkeit zwiſchen ihnen Platz. Wir brauchen keinen beſonderen Bericht über die Unterhaltung zu geben, die jetzt zwiſchen Herrn Sedley und der jungen Dame ſtattfandz denn das Geſpräch war, wie man ſchon 53 aus der vorangegangenen Probe ſchließen kann, nicht be⸗ ſonders witzig oder beredt; auch iſt es ſelten ſo in Privat⸗ zirkeln, oder überhaupt irgendwo, ausgenommen in über⸗ ſpannten und von Geiſt und Witz überftießenden Romanen. Da im anſtoßenden Zimmer Muſik gemacht wurde, ſo wurde natürlich in leiſem und anſtändigem Tone geſpro⸗ chen, obgleich, was das betrifft, das Paar im anſtoßenden Zimmer nicht geſtört worden wäre, wenn ſie auch noch ſo laut mit einander geſprochen hätten; ſo ſehr waren ſie mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchäftigt. Faſt zum erſten Male in ſeinem Leben kam es Herrn Sedley vor, daß er ohne die mindeſte Schüchternheit, und ohne im Mindeſten zu ſtocken, mit einer Perſon vom an⸗ dern Geſchlechte ſprach. Miß Rebekka fragte ihn unend⸗ lich viel über Indien, was ihm Gelegenheit gab, manches intereſſante Anekdotchen über jenes Land und ſich ſelbſt zu erzählen. Er beſchrieb die Bälle im Regierungs⸗Pa⸗ laſte, ſo wie die Art, ſich bei heißem Wetter mit Pun⸗ kahs, Tatties und andern dergleichen Vorkehrungen kühl zu erhalten; auch war er hoͤchſt witzig in Betreff der vielen Schotten, die Lord Minto, der General⸗Gouverneur, begünſtigte; und dann beſchrieb er eine Tigerjagd, und die Art, wie der Mahout ſeines Elephanten durch eines dieſer wüthenden Thiere von ſeinem Sitze herunter ge⸗ riſſen worden. Wie entzückt war Miß Rebekka von den Gouvernements⸗Bällen; und wie lachte ſie über die Geſchichten von den ſchottiſchen Adjutanten, und nannte Herrn Sedley ein gottloſes, ſatyriſches Geſchöpf; und wie erſchrocken zeigte ſie ſich über die Anekdote von dem Ele⸗ phanten! „Um Ihrer Mutter willen, theurer Herr Sed⸗ ley,“ ſagte ſie, „um aller Ihrer Freunde willen, verſpre⸗ chen Sie mir, daß Sie nie mehr auf eine dieſer ab⸗ ſcheulichen Erpeditionen ausziehen wollen.“ „Bah, bah, Miß Sharp,“ ſagte er, ſeinen Hemdtra⸗ gen in die Hoͤhe ziehend, „die Gefahr macht die Jagd nur um ſo angenehmer und luſtiger.“ Nur ein Mal 54 war er auf einer Tigerjagd geweſen, und das war, als der fragliche Vorfall ſich ereignete; auch iſt es eine That⸗ ſache, daß er dabei ſchier ſtarb — nicht durch die Schuld des Tigers, ſondern vor Furcht. Und während er ſo ſprach, wurde er ganz verwegen, und erkühnte ſich wirk⸗ lich, Miß Rebekka zu fragen, für wen ſie wohl die grün⸗ ſeidene Börſe häkelte? Er war ganz erſtaunt und ent⸗ zückt über ſein anmuthiges, vertrauliches Weſen. „Für irgend Jemand, der eine Börſe braucht,“ er⸗ wiederte Miß Rebekka, ihn in ihrer ſanfteſten, bezaubernd⸗ ſten Weiſe anblickend. Sedley war im Begriffe, eine der beredtſten Reden, die ihm zu Gebote ſtanden, Preis zu geben, und hatte bereits begonnen, „O, Miß Sharp, wie —,“ als ein Lied, das im andern Zimmer geſungen wurde, verſtummte, und ihn ſeine eigene Stimme ſo deut⸗ lich hören ließ, daß er inne hielt, erröthete, und ſich in großer Aufregung ſchneuzte. „Haben Sie je Etwas gehört, was Ihres Vruders Beredſamkeit gleichkommt?“ flüſterte Herr Osborne Ama⸗ lien zu. „Ei, Ihre Freundin hat in der That Wunder gethan.“ „Je mehr, je beſſer,“ ſagte Miß Amalie, die, wie faſt alle Frauenzimmer, die eine Stecknadel werth ſind, in ihrem Herzen eine Kupplerin war, und die es herzlich gefreut haben würde, wenn Joſeph eine Frau nach Indien mitgenommen hätte. Auch war ſie im Laufe dieſer weni⸗ gen Tage, wo ſie mit Rebekka beſtändig umging, für dieſe von der zärtlichſten Freundſchaft entbrannt, und hatte an ihr eine Million Tugenden und liebenswürdiger Eigen⸗ ſchaften entdeckt, wovon ſie Nichts bemerkt hatte, ſo lange ſie in Chiswick bei einander waren. Denn die Freund⸗ ſchaft junger Damen wächſt ſo ſchnell, wie Jack's Boh⸗ nenranke, und ſteigt in einer einzigen Nacht bis zum Him⸗ mel auf. Es iſt kein Tadel fuüͤr ſie, wenn nach der Heirath dieſe Sehnſucht nach der Liebe ſich mindert. Es iſt, was die Sentimentaliſten, die gerne den Mund voll 55 nehmen, die Sehnſucht nach dem Ideal nennen, und be⸗ deutet einfach, daß Frauenzimmer gewöhnlich nicht eher zufrieden ſind, als bis ſie Männer und Kinder haben, auf die ſie ihre Liebe, die ſonſt, ſo zu ſagen, in kleiner Münze ausgegeben wird, concentriren konnen. Nachdem Miß Amalie ihren kleinen Liederſchatz er⸗ ſchöpft, oder in dem hintern Salon lange genug ſich auf⸗ gehalten hatte, erſchien es ihr angemeſſen, ihre Freundin zum Singen zu bewegen. „Sie würden mir nicht zuge⸗ hört haben,“ ſagte ſie zu Herrn Osborne (obwohl ſie wiſſen mußte, daß ſie hier eine kleine Lüge ſagte), wenn Sie Rebekka zuerſt gehört hätten.“ „Gleichwohl muß ich Miß Sharp im Voraus be⸗ merken,“ ſagte Osborne, „vaß ich, mag ich nun Recht oder Unrecht haben, Miß Amalie Sedley als die erſte Sängerin in der Welt anſehe.“ „Sie ſollen es hören,“ ſagte Amalie, und Joſeph Sedley war wirklich ſo höflich, daß er die Lichter zu dem Pianoforte hintrug. Osborne meinte zwar, es laſſe ſich ebenſo gut im Finſtern ſitzen; allein Miß Sedley lehnte es lachend ab, ihm ferner Geſellſchaft zu leiſten, und die beiden folgten daher. Herrn Joſeph. Rebekka ſang weit beſſer als ihre Freundin (obgleich natürlich Osborne bei ſeiner Anſicht bleiben konnte), und ſtrengte ſich aufs Aeußerſte an, und zwar ſelbſt zur Verwunderung Ama⸗ liens, die ſie noch nie zuvor ſo gut hatte ſingen hoͤren. Sie ſang ein franzöſiſches Lied, das Joſeph ganz und gar nicht verſtand, und wovon George geſtehen mußte, daß er Nichts verſtehe; und dann folgte eine Anzahl jener einfachen Balladen, die vor vierzig Jahren Mode waren, und worin britiſche Seeleute, unſer König, die arme Su⸗ ſanna, die blauäugige Marh und vergleichen hauptſächlich figurirten. Man ſagt, dieſelben ſeien in muſikaliſcher Hinſicht nicht ſehr brillant; allein ſie enthalten dennoch eine Menge gemüthlicher und einfacher Berufungen an die in der Menſchenbruſt wohnenden tieferen Gefühle, welche die Leute beſſer verſtanden, als die Donizettiſche Milch⸗ und Waſſer⸗Muſik mit ihren ewigen lagrime, sospiri, felicità, die man uns heut zu Tage auftiſcht. Geſpräche ſentimentaler Art, wie ſie zu dem Gegen⸗ ſtande paßten, füllten die Zwiſchenräume aus, und was die Geſänge ſelbſt betrifft, ſo geruhten Sambo, nachdem er den Thee hereingebracht hatte, und die entzückte Köchin, ja ſelbſt Mrs. Blenkinſop, die Haushälterin, denſelben auf dem Treppenabſatze zuzuhören. Unter dieſen Liedern lautete eines, und zwar das letzte des Conzerts, alſo: Ach! öde war's an jenem Haide⸗Orte, Wie pfiff der Wind ſo kalt und ſchneidend drein; Der Hütte Dach ward hier zum ſichern Horte, Und hell glänzt' auf dem Herd des Feuers Schein — Da ging vorüber an der kleinen Pforte Ein Waiſenknabe, traurig und allein: Und wie er ſah des Feuers luſtig Glühen, Fühlt' doppelt er im Schnee des Weges Mühen. Und als er wieder griff zum Wanderſtabe, Mit ſchwachem Herzen und mit müdem Fuß: Da rief man ihm, reicht' freundlich ihm die Gabe, Und bolde Stimmen boten ihm den Gruß. Der Tag bricht an — ſchon weiter iſt der Knabe, Voch winkt der Herd zum gaſtlichen Genuß. Die Pilger ſchirme all' der Himmel droben! Horcht, wie die Winde auf der Haide toben! Es war eine Variation über die oben erwähnten Worte; „Wenn ich fort bin.“ Als Miß Sharp bei den letzten Worten ankam, zitterte ihre Stimme, wie Jeder⸗ mann leicht bemerken konnte. Und ebenſo fühlte Jedermann die Anſpielung auf ihre Abreiſe und ihren unglücklichen Zuſtand als Waiſe. Joſeph Sedley, der gerne Muſik hörte und weichherzig war, befand ſich während des Singens in einem Zuſtande der Verzückung, und war tief gerührt über den Schluß des letzten Liedes. 57 Hätte er den Muth dazu gehabt; wäre George und Miß Sedley, nach dem Vorſchlage des Erſteren, in dem andern Zimmer geblieben, ſo würde Joſeph Sedley's Jung⸗ geſellen⸗Stand hier ſeine Endſchaft erreicht haben, mithin auch dieſes Werk nie geſchrieben worden ſein. Aber Re⸗ bekka verließ beim Schluſſe dieſes Liedes das Pianoforte, und ging, Amalien die Hand gebend, in den vordern Sa⸗ lon, wo tiefe Dämmerung herrſchte; und in dieſem Au⸗ genblicke erſchien Herr Sambo mit einem Theebrette, wor⸗ auf Sandwiches, Gelees und einige glänzende Gläſer und Kryſtall⸗Flaſchen ſich befanden, die alsbald die ganze Auf⸗ merkſamkeit Joſeph Sedley's in Anſpruch nahmen. Als die Eltern des Sevley'ſchen Hauſes von dem Diner zu⸗ rückkehrten, wozu ſie eingeladen worden waren, fanden ſie die jungen Leute ſo ſehr mit Plaudern beſchäftigt, daß ſie den Wagen nicht hatten vorfahren hören, und Herr Jo⸗ ſeph ſagte eben: „Meine liebe Miß Sharp, ein kleines Theelöffelchen voll Gelee, um Sie nach Ihren ungeheuren — Ihren — Ihren entzückenden Anſtrengungen zu er⸗ friſchen.“ „Bravo, Jos!“ ſagte Herr Sedley; und kaum hatte Jos die wohlbekannten, ſpöttiſchen Laute vernommen, ſo verfiel er wieder in ſein ängſtliches Schweigen, und machte ſich davon. Er wachte nicht die ganze Nacht in ſeinem Bette, um darüber nachzudenken, ob er in Miß Sharp verliebt ſei oder nicht; denn die Leidenſchaft der Liebe ſtörte niemals den Appetit oder den Schlaf des Herrn Jo⸗ ſeph Sedley; aber doch dachte er bei ſich ſelbſt, welch' herrliches Ding es ſein würde, Lieder, wie dieſe, nach Cutcherry zu hören — wie distinguée das Mädchen ſei — wie ſie beſſer franzöſiſch ſpreche, als die Gemahlin des General⸗Gouverneurs ſelbſt — und welches Aufſehen ſie auf den Calcutta⸗Bällen machen würde. „Offenbar iſt der arme Teufel in mich verliebt,“ dachte er. „Sie iſt gerade ſo reich, wie die meiſten Mädchen, die nach Indien kom⸗ 58 men. Meiner Treu, ich könnte größere Anforderungen machen und übler fahren!“ Und unter dieſen Gedanken ſchlief er ein. Wie Miß Sharp wachend in ihrem Bette lag und Betrachtungen darüber anſtellte, ob er am folgenden Tage kommen würde oder nicht, braucht hier nicht erzählt zu werden. Der Morgen kam, und mit ihm erſchien, ſo ge⸗ wiß wie das Schickſal, Herr Joſeph Sedley, — noch vor dem Luncheon *). Etwas Unerhörtes, denn noch nie hatte er Ruſſell Square eine ſolche Ehre erwieſen. George Os⸗ borne war bereits dort, Gott weiß, wie es kam, und brachte Amalie, die an ihre zwölf liebſten Freundinnen in Chiswick Mall ſchrieb, aus dem Concept; und was Rebekka betrifft, ſo war ſie mit ihrer geſtrigen Arbeit be⸗ ſchäftigt. Als Joe's Buggy vorfuhr, und während, nach ſeinem gewohnten donnernden Klopfen und ſeiner pompöſen Geſchäftigkeit an der Hausthüre, der Steuereinnehmer von Boggley Wollah ſich die Treppe hinauf arbeitete, und dem Salon zuſteuerte, wurden zwiſchen Osborne und Miß Sedley ſchlaue Blicke telegraphirt, und das ſchalkhaft lä⸗ chelnde Pärchen ſchaute Rebekka an, die wirklich erröthete, als ſie ihre plonden Ringeln über ihre Häkel⸗Arbeit neigte. Wie ihr Herz ſchlug, als Joſeph erſchien, — der in glän⸗ zenden, krachenden Stiefeln von der Treppe her keuchende Joſeph, Joſeph, in einer neuen Weſte, roth vor Hitze und Aufregung, und hinter ſeinem wattirten Halstuche erröthend. Es war für Alle ein etwas ängſtlicher Augenblick, und was Amalie betrifft, ſo war ſie, wie ich glaube, ſogar noch ängſtlicher, als die am Meiſten bei der Sache in⸗ tereſſirten Perſonen. Sambo, der die Thüre aufgeriſſen, und Herrn Joſeph angemeldet hatte, kam, die Zähne fletſchend, hinter dem Steuereinnehmer und hatte zwei ſchoͤne Blumenſträuße in der Hand, die das Ungehener wirklich die Galanterie ge⸗ *) Zweites Frühſtück. 59 habt hatte, an jenem Morgen auf dem Covent⸗Garten⸗ Markte zu kaufen. Sie waren zwar nicht ganz ſo groß, wie die Heuſchober, die unſere Damen heut zu Tage in Düten von durchbrochenem Papier herumtragen; aber die jungen Damen waren dennoch über das Geſchenk entzückt, als Joſeph mit einer äußerſt feierlichen und ſchwerfälligen Verbeugung Jeder einen überreichte. „Bravo, Jos!“ rief Osborne. „Danke Dir, lieber Joſeph,“ ſagte Amalie, ganz be⸗ reit, ihrem Bruder einen Kuß zu geben, wenn er es haben wollte. (Und ich glaube, ich würde für einen Kuß von einem ſo lieben Geſchöpfe, wie Amalie, alle Gewächshäuſer des Herrn Lee auskaufen.) „O, himmliſche, himmliſche Blumen 1“ rief Miß Sharp, und roch daran auf zarte Weiſe, und hielt ſie an ihren Buſen, und blickte in einer Exſtaſe von Bewunderung zur Zimmerdecke auf. Vielleicht warf ſie auch einen erſten, prüfenden Blick auf das Bouquet, um zu ſehen, ob nicht etwa ein Billet⸗dour zwiſchen den Blumen verborgen wäre; aber von einem Brieſe war Nichts zu ſehen. „Spricht man zu Boggley Wollah auch die Sprache der Blumen, Sedley?“ fragte Osborne lachend. „Narrenpoſſen!“ erwiederte der ſentimentale Jüng⸗ ling. „Kaufte ſie bei Nathan; herzlich froh, daß ſie Euch gefallen; und, Amalie, meine Liebe, ich habe auch eine Ananas gekauft, die ich Sambo gegeben. Wir wollen ſie zum Tiffin *) verzehren; recht kühlend und angenehm bei ſo heißem Wetter.“ Rebekka ſagte, ſie habe noch nie eine Ananas gekoſte', und ſehnte ſich über die Maßen nach ſol⸗ chem Genuſſe. So ging die Unterhaltung fort. Ich weiß nicht, unter welchem Vorwande Osborne das Zimmer verließ, oder warum bald darauf Amalie ſich entfernte, — vielleicht ge⸗ ſchah es, um beim Schneiden der Ananas zugegen zu *) Kleines Zwiſchenmahl (in den Nachmittagsſtunden). ſein; aber Jos blieb mit Rebekka allein zu rück, die wieder zu ihrer Arbeit gegriffen hatte, und die grüne Seide, ſo⸗ wie die glänzenden Nadeln waren unter ihren welßen, dün⸗ nen Fingern in raſcher Bewegung begriffen. „Was für ein prächtiges, köſtliches Lied, das Sie uns geſtern Abend ſangen, theure Miß Sharp,“ ſagte der Steuereinnehmer. „Ich mußte faſt weinen; hei meiner Ehre, 's iſt ſo.“ „Weil Sie ein gutes Herz haben, Herr Joſeph; alle Sedleh's ſind gutmüthig, glaube ich.“ „Ich konnte darüber die ganze Nacht nicht ſchlafen, und ſuchte es dieſen Morgen in meinem Bette zu ſum⸗ men; auf Ehre, 's iſt ſo. Gollop, mein Doktor „kam um eilf Uhr zu mir (denn ich bin, wie Sie wiſſen, äußerſt leidend, und ſehe Gollop jeden Tag) und, meiner Treu, da ſang und ſang ich wie — ein Rothkehlchen.“ „O, Sie drolliges Geſchöpf! Laſſen Sie einmal hören, ob Sie es ſingen können.“ „Ich? Nein, nein, Sie, Miß Sharp; ſingen Sie es, meine theure Miß Sharp.“ „Nicht jetzt, Herr Sedley,“ ſagte Rebekka mit einem Seufzer. „Ich bin nicht in der Stimmung dazu; auch muß ich die Börſe fertig machen. Wollen Sie mir hel⸗ fen, Herr Sedley?“ Und ehe er noch Zeit hatte, zu fragen, wie, ſaß wirklich Herr Joſeph Sedley, bei der oſtindiſchen Com⸗ pagnie angeſtellt, téte-Atöte bei einer jungen Dame, hoͤchſt mörderiſche Blicke auf ſie werfend, während ſeine Arme in flehender Stellung vor ſie hingeſtreckt waren, und ſeine Hände in einem Strange grüner Seide, den ſie abwickelte, ſtaken. In dieſer romantiſchen Stellung fanden Osborne und Amalie das intereſſante Paar, als ſie hereinkamen, um zu melden, daß der Tiffin fertig ſei. Der Strang Seide 61 war eben abgewickelt worden, aber Herr Jos hatte keine Silbe geſprochen. „Gewiß wird er es heute Abend thun, meine Theure,“ ſagte Amalie, indem ſie Rebekka's Hand drückte; und auch Sedley war in die Tiefe ſeines Herzens hinabgeſtiegen und hatte zu ſich ſelbſt geſagt: „Meiner Treu, die Sache muß in Vaurhall heraus.“ Fünftes Rapitel. Freund Dobbin. Cuff's Kampf mit Dobbin und der unerwartete Aus⸗ gang jener Schlägetei werden noch lange Zeit Jedem er⸗ innerlich ſein, der in Dr. Swiſhtail's berühmter Schule erzogen wurde. Dobbin (der auch Heigh⸗ho Dobbin, Gee⸗ ho Dobbin genannt wurde, und noch viele andere Namen hatte, die bei Knaben Verachtung anzeigen) war der ruhigſte, ſchwerfälligſte und, wie es ſchien, dümmſte von allen jungen Herrn in Dr. Swiſhtail's Anſtalt. Sein Vater war Spezereikrämer in der City von London, und man ſagte ſich, er ſei in Dr. Swiſhtail's Anſtalt unter der Bedingung gegenſeitiger Ausgleichung, — wie man es nennt, — aufgenommen worden; das heißt, ſein Vater bezahle für Koſt und Unterricht nicht in baarem Gelde, ſondern in Waaren; und er ſtand — faſt zu unterſt in der Schule — in ſeinen kurzen, engen und ſchadhaften Corduroy⸗Hoſen und ditto Jacke, durch deren Nähte ſeine großen dicken Knochen ſich hindurchzwängten — als der Repräſentant von ſo und ſo vielen Pfunden Thee, Lichter, Zucker, Waſchſeife, Roſinen und Zibeben, (von welchen beiden letzteren nur ein hoͤchſt mäßiges Quantum für die Puddings der Anſtalt geliefert wurde), ſowie noch anderer Waaren da. Es war ein fürchterlicher Tag für den jun⸗ gen Dobbin, als einer von den Knaben der Anſtalt, ver zufällig einen kleinen Ausflug nach der Stadt gemacht hatte, um Kuchen, Biscuits, Achatkugeln und dergleichen zu entdecken, den Karren von Dobbin und Rudge, Spe⸗ zerei⸗ und Oelhändler, Thames⸗Street, London, vor des Doktors Thüre erſpähete, wie von demſelben ein Quan⸗ tum von den Waaren, womit die Firma handelte, abge⸗ laden wurde. Der junge Dobbin hatte von der Zeit an keinen ruhi⸗ gen Augenblick mehr. Er wurde fürchterlich und unbarm⸗ herzig aufgezogenz die Späſſe hatten kein Ende. „Halloh, Dobbin,“ ſagte ein Schalk, „da ſtehen gute Nachrichten in der Zeitung. Der Zucker iſt im Preiſe geſtiegen, mein Sohn.“ Ein anderer gab ihm ein Rechenerempel auf, wie etwa folgendes: — „Wenn ein Pfund Lichter von Hammels⸗Unſchlitt 7 ½ Pence koſtet, wie viel koſtet dann Dobbin?“ — Und es folgte dann ein ſchallendes Gelächter von dem ganzen Kreiſe der jungen „Stricke,“ den Unter⸗ lehrer nicht ausgeſchloſſen; denn hatten ſie nicht Recht, wenn ſie glaubten, daß der Detail⸗Verkauf von Waaren ein ſchändliches und niederträchtiges Geſchäft ſei, das die Siiz und den Hohn aller wahren Gentlemen ver⸗ diene „Dein Vater iſt doch auch nichts Anderes als ein Kaufmann, Osborne,“ ſagte Dobbin privatim zu dem kleinen Knaben, der den Sturm gegen ihn herauf beſchwo⸗ ren hatte. Worauf Letzterer hochmüthig antwortete: „Mein Vater iſt ein Gentleman, und hat Wagen und Pferde;“ Herr William Dobbin aber zog ſich in einen Schuppen auf dem Spielplatze zurück, wo er einen halben Vakanz⸗ tag in größter Traurigkeit und Wehmuth blieb. Wer unter uns erinnert ſich nicht ähnlicher Stunden bittern, 63 bittern Kummers aus den Tagen ſeiner Kindheit? Wer fühlt eine Ungerechtigkeit ſo tief, wer findet ſich durch eine Kränkung ſo zurückgeſtoßen, wem thut ein Unrecht ſo weh, und wer iſt für eine gute Behandlung ſo unend⸗ lich dankbar, wie ein hochherziger Knabe? Und ach, wie viele ſolcher edlen Gemüther erniedrigt, entfremdet, peinigt Ihr um einiger arithmetiſchen Formeln und lateiniſchen Brocken willen! Nun mußte William Dobbin in Folge ſeiner Unfä⸗ higkeit, die Anfangsgründe der oben erwähnten lateiniſchen Sprache, wie ſie in jenem wundervollen Buche, die Eton'ſche lateiniſche Grammatik genannt, auseinander ge⸗ ſetzt find, zu erlernen, unter den allerletzten Schülern des Dr. Swiſhtail bleiben, und wurde beſtändig von kleinen Bürſchchen mit roſigen Geſichtern und mit Schürzen „hin⸗ untergeſtochen,“ wenn er mit der letzten Klaſſe, ein Rieſe unter den Kleinen, mit ſeinem niedergeſchlagenen, ver⸗ dummten Blicke, ſeinem lateiniſchen Elementarbuch mit ſeinen unzähligen Eſelsohren, und ſeinen engen Corduroh⸗ Hoſen aufmarſchirte. Alles, ſowohl die oben, als unten ſitzenden Schüler, machte ſich luſtig über ihn. Man nähte ihm ſeine Corduroy⸗Hoſen zuſammen, ſo enge dieſelben auch ſchon waren. Man ſchnitt die Gurte an ſeinem Bette entzwei. Man warf Eimer und Bänke um, damit er ſich an denſelben die Schienbeine breche, und nie ermangelte er, über dieſelben zu fallen. Man ſchickte ihm Packete, die, wenn ſie geöffnet wurden, die väterlichen Handelsar⸗ tikel, Seife und Lichter, zu ihrem Inhalte hatten. Es war kein Bürſchchen in der Schule, das nicht mit Dobbin ſei⸗ nen Spaß getrieben und denſelben verhoͤhnt hätte; und dieſer ertrug Alles in Geduld, und war ganz ſtumm und unausſprechlich unglücklich. Cuff dagegen war der große Führer und Dandy der Swiſhtail'ſchen Anſtalt. Er ſchmuggelte Wein herein. Er ſchlug ſich mit den Stadtjungen herum. Alle Samſtage kam regelmäßig ein Pony, worauf er nach Hauſe ritt⸗ In ſeinem Zimmer hatte er Stulpenſtiefel, worin er zur Ferienzeit zu jagen pflegte. Er hatte eine goldene Repe⸗ tiruhr, und ſchnupfte wie der Doktovr. Er war in der Oper geweſen, und wußte von den reſpektiven Vorzügen der erſten Schauſpieler zu erzählen, wobei er Herrn Kean dem Herrn Kemble vorzog. Er konnte in einer Stunde vierzig lateiniſche Verſe „aus dem Aermel herausſchüt⸗ teln.“ Auch konnte er franzoͤſiſche Verſe machen. Mit einem Worte, was wußte er nicht, was konnte er nicht thun? Es hieß ſogar, der Doktor ſelbſt fürchte ſich vor ihm. Guff, unbeſtreitbar und unbeſtritten der König der Schule, herrſchte über ſeine Unterthanen, und hielt ſie prächtig in der Zucht. Der Eine mußte ſeine Schuhe wichſen, der Andere ſein Brod roſten: wieder Andere muß⸗ ten ihm während ganzer Sommernachmittage die Bälle beim Cricketſpiel holen. „Figs“ *) war der Burſche, den er am Meiſten verachtete, und mit dem er ſich kaum je herabließ, perſönlich zu verkehren, obwohl er ihn ſtets ver⸗ lachte und ſchimpfte. Eines Tages hatten die beiden jungen Herren, wäh⸗ rend ſie allein waren, einen Streit gehabt. Figs, der allein im Schulzimmer war, ſuchte mit vieler Mühe einen Brief an die Seinigen zu Stande zu bringen, als der ein⸗ tretende Cuff ihn mit einer Sendung beehrte, deren Ge⸗ genſtand wahrſcheinlich Kuchen war. „Ich kann nicht,“ ſpricht Dobbin, „ich muß meinen Brief vollends ſchreiben.“ „Du kannſt nicht?“ ſagt Herr Cuff, das Doku⸗ ment ergreifend (worin manche Wörter ausgeſtrichen, manche unrichtig geſchrieben waren, und deſſen Abfaſſung dem Schreiber, ich weiß nicht wie viel Nachdenken und Mühe und Thränen gekoſtet hatte; denn der arme Burſche ſchrieb an ſeine Mutter, die ihn liebte, obgleich ſie nur die Frau eines Spezereikrämers war, und in einer auf den Hof hin⸗ *) Fig = Feige (die). —— — — ——— — — — * ausgehenden Stube in Thames Street wohnte), „Du kannſt nicht?“ ſagte Herr Cuff: „ich möchte wohl wiſſen, warum? Kannſt Du nicht morgen an Mutter Figs ſchreiben?“ „Gib keinen Schimpfnamen,“ ſagte Dobbin, ganz aufgeregt von ſeiner Bank ſich erhebend. „Nun, Sir, willſt Du jetzt gehen?“ krähte der Hahn der Schule. „Leg den Brief wieder hin,“ erwiederte Dobbin; „kein Gentleman liest fremder Leute Briefe.“ „Gut, willſt Du jetzt gehen?“ ſpricht der Andere. „Nein, ich mag nicht. Schlag' nicht, ſonſt ſchmeiße ich's Dir an den Kopf,“ brüllt Dobbin, und ſpringt auf ein bleiernes Dintenfaß zu, und ſieht ſo bösartig aus, vaß Herr Cuff plötzlich ſich eines Anderen beſann, ſeine Rock⸗ ärmel wieder herabſtreifte, die Hände in die Hoſentaſchen ſteckte und hohnlachend davon ging; nie aber wollte er von der Zeit an mit dem Spezereikrämer⸗Jungen noch Etwas zu thun haben, obgleich wir gegen ihn ſo gerecht ſein müſſen, zu ſagen, daß er von Herrn Dobbin ſtets mit Verachtung ſprach, das heißt hinter ſeinem Rücken. Einige Zeit nach dieſem Vorfalle ereignete es ſich, daß Herr Cuff an einem ſonnenhellen Nachmittage in der Nähe des armen William Dobbin ſich befand, der unter einem Baume auf dem Spielplatze lag, ſein Lieblingsbuch „Tauſend und eine Nacht“ durchbuchſtabirend — ganz ab⸗ geſondert von den übrigen Schülern, die ihren ver⸗ ſchiedenen Spielen oblagen — ganz einſam und beinahe glücklich. Wollte man nur die Kinder ſich ſelbſt über⸗ laſſen; wollten nur die Lehrer aufhören, dieſelben zu pla⸗ gen und einzuſchüchtern; wollten nur die Eltern nicht dar⸗ auf beharren, deren Gedanken zu lenken und deren Gefühle zu beherrſchen, — jene Gefühle und Gedanken, die ein Geheimniß für Alle ſind; (denn was weißt Du von mir, und ich von Dir, was wiſſen wir von unſern Kindern, 5 Der Jahrmarkt des Lebens. I. 5 von unſern Vätern, von unſeren Nachbarn, und wie un⸗ envlich ſchöner und heiliger ſind wohl die Gedanken des armen Knaben oder Mädchens, die ihr beherrſchet, als die der langweiligen und von der Welt verderbten Perſon, die dieſelben beherrſcht), — wollten nur, ſage ich, Eltern und Lehrer ihre Kinder ein klein wenig mehr allein laſ⸗ ſen, — ſo würde der Schaden nicht ſehr groß ſein, wenn auch Letztere eine kleinere Summe von den jetzt als erfor⸗ derlich erachteten Dingen ſich aneignen würden. William Dobbin hatte alſo einmal die Weli vergeſ⸗ ſen, war bei Sindbad, dem Matroſen, im Diamanten⸗Thale, oder bei dem Prinzen Wieheißterdoch und der Fee Peribanu in jener prächtigen Höhle, wo der Prinz ſie fand und wo⸗ hin wir wohl Alle gern eine kleine Reiſe machen würden, — als ein gellendes Geſchrei, wie das eines kleinen Jungen, der weint, ihn aus ſeinen angenehmen Träumereien auf⸗ weckte, und er beim Aufblicken ſah, wie Cuff vor ihm einen kleinen Knaben „in die Kur nahm.“ B Es war der Burſche, der ihm wegen des Spezerei⸗ krämer⸗Karrens den bekannten Poſſen geſpielt hatte; aber er trug nicht leicht Etwas nach, wenigſtens bei jungen und kleinen Knaben nicht. „Wie kommſt Du dazu, die Flaſche zu zerbrechen?“ ſagte Cuff zu dem Kerlchen, wäh⸗ rend er ein Stück von einer gelben Cricket⸗Ruthe *) über dem Haupte deſſelben ſchwang. Der Kleine hatte den Auftrag erhalten, über die Mauer, die den Spielplatz umgab, zu ſteigen (an einer gewiſſen Stelle, wo die Glasſcherben an der Spitze ent⸗ fernt, und in den Backſteinen Löcher in angemeſſenen Entferungen angebracht worden waren); eine Viertelmeile weit zu laufen; eine Flaſche Rumſhrub *½) auf Credit zu kaufen; alle Spione des Doktors zu täuſchen, und wieder auf den Spielplatz herüber zu klettern; aber un⸗ *) Cricket = Thorball. *) Punſchextrakt, Punſcheſſenz. glücklicher Weiſe war während der Ausführung Dieſer Heldenthat der Kleine ausgeglitten, und es war die Flaſche zerbrochen, der Shrub verſchüttet, und ſeine Hoſe beſchä⸗ digt worden, und nun erſchien er, vor ſeinem Auftrag⸗ geber als ein vollkommen ſchuldiger und zitternder, ob⸗ gleich harmloſer Tropf. „Wie haſt Du Dich unterſtehen können, die Flaſche zu zerbrechen?“ ſagte Cuff; „Du kleiner ungeſchickter Dieb. Du haſt den Shrub getrunken, und nun willſt Du die Flaſche zerbrochen haben. Halt' die Hand hin, Burſche!“ Schwer fiel das Ruthenſtück auf die Hand des Kindes nieder. Ein Geſtöhne folgte. Dobbin ſah auf. Die Fee Peribanu war in die innerſte Höhle mit dem Prinzen Achmed entflohen: der Vogel Roe hatte Sindbad, den Seemann, weit aus dem Diamantenthale in die Wolken entführt: und da läg wieder das Alltagsleben vor dem ehrlichen William, und da ſah er, wie ein großer Knabe einen kleinen ohne Grund ſchlug. „Halt' die andere Hand hin, Burſche,“ brüllte Cuff ſeinem kleinen Schulkameraden zu, deſſen Geſicht vor Schmerz ganz verzerrt war. Dobbin zitterte, und richtete ſich in ſeinen abgeſchabten, engen Kleidern auf. „Nimm das hin, du Teufelchen!“ rief Herr Cuff, und abermals fiel die Ruthe auf die Hand des Kindes nieder. — Entſetzen Sie ſich nicht, meine Damen, jeder Knabe, der in einer öſſentlichen Anſtalt war, hat es ſchon gethan. Auch Ihre Kinder werden es hoͤchſt wahrſcheinlich thun, und man wird auch ihnen alſo thun. Von Neuem fiel die Ruthe herab, und Dobbin ſprang auf. ch vermag nicht zu ſagen, welcher Art ſein Be⸗ weggrund war. In einer öffentlichen Schule gilt die Tor⸗ tur, wie die Knute in Rußland. Es wäre einiger Maßen eines Gentleman unwürdig, ihr zu widerſtehen. Vielleicht empörte ſich Dobbin's thörichtes Herz wider dieſe Thran⸗ nei; vielleicht kochte auch noch in ihm ein geheimes Ge⸗ fühl der Rache, und ſehnte er ſich, ſich mit dem glänzenden — 68 6 8 und eiſenfreſſeriſchen Tyrannen zu meſſen, der allen Ruhm, Stolz und Pomp an dem Orte für ſich in Anſpruch nahm, für den allein die Fahnen im Winde flattern, die Trom⸗ meln gerührt werden, die Wachen das Gewehr präſentiren mußten. Welcher Art aber auch ſein Beweggrund geweſen ſein mag, ſo viel iſt gewiß, daß er aufſprang, und ſchrie: „Halt' ein, Cuff; plag' das Kind nicht mehr, oder ich —“ „Oder Du willſt, was ? fragte Cuff, ganz erſtaunt über die Unterbrechung. „Halt' die Hand hin, du kleine Beſtie.“ „Ich prügle Dich, wie Du noch nie in Deinem Leben geprügelt worden,“ ſagte Dobbin, als Erwiederung auf den erſten Theil von Cuff's Rede; und der kleine Osborne blickte, ſchnappend und die Augen voller Thränen, ver⸗ wundert und ungläubig auf, als er dieſen erſtaunlichen Kämpen mit einem Male ſeine Verkheidigung übernehmen ſah, während Cuff's Erſtaunen kaum geringer war. Man ſtelle ſich unſern ſeligen Monarchen Georg III. vor, als er die Nachricht von dem Aufſtande der nordamerikani⸗ ſchen Colonien hörte: man ſtelle ſich den ehernen Goliath vor, als der kleine David vor ihn hintrat, und ihn heraus⸗ forderte, — ſo hat man die Gefühle des Herrn Reginald Cuff, als er ſich ſo herausgefordert ſah. 2 „Natürlich nach der Schule,“ ſagte er, nach einer Pauſe und mit einem Blicke, der ſagen ſollte: Mach' Dein Teſtament, und theile einſtweilen Deinen Freunden Deine letzten Wünſche und Aufträge mit. „Wie Du willſt,“ ſagte Dobbin. „Du mußt mein Sekundant ſein, Osborne.“ „Nun, es ſei ſo, wenn Du es haben willſt,“ erwie⸗ derte der kleine Osborne; denn ſehen Sie, ſein Vater hatte Wagen und Pferde, und ſo ſchämte ſich der Kleine ein wenig ſeines Kämpen. Ja, als die Stunde des Kampfes nahete, ſchämte er ſich beinahe, zu ſagen: „Drauf, Figs;“ und nicht ein ein⸗ ziger Knabe ließ dieſen Ruf während der erſten zwei od 69 . drei Gänge dieſes famoſen Kampfes hören', da beim Be⸗ ginn deſſelben der wiſſenſchaftlich gebildete Cuff, mit einem verächtlichen Lächeln im Geſichte, und ſo leicht und ſo luſtig, als ob er auf einem Balle wäre, Schläge auf ſeinen Gegner regnen ließ, und den unglücklichen Kämpen drei Mal hinter einander zu Boden ſchlug. Bei jedem Falle erhob ſich ein lautes Freudengeſchrei, und Jeder ſtritt ſich um die Ehre, dem Sieger ein Knie zu bieten. *) „Wie wird es mir gehen, wenn das vorüber iſt,„ dachte der junge Osborne, ſeinen Mann aufrichtend.“ „Du thäteſt beſſer daran, Dich für beſiegt zu erklären,“ ſagte er zu Dobbin; „es ſind ja Nichts weiter als Prü⸗ gel, Figs, und Du weißt, ich bin ſchyn daran gewöhnt.“ Aber Figs, der am ganzen Leibe zitterte und aus deſſen Naſenlöchern Wuth athmete, ſchob ſeinen kleinen Sekundanten bei Seite, und kam zum vierten Male heraus. Da er es durchaus nicht verſtand, die Stöße zu pa⸗ riren, die gegen ihn gerichtet waren, und da Cuff die drei erſten Male den Angriff begonnen hatte, ohne ſeinem Geg⸗ ner auch nur Zeit zum Schlagen zu laſſen, ſo beſchloß nun Figs, den Kampf durch einen Ausfall von ſeiner Selte zu eröffnen; und da er links war, ſo brachte er nun jenen Arm in's Spiel und ſtieß einige Male mit aller Macht zu — ein Mal auf Herrn Cuff's linkes Auge, und ein anderes Mal auf ſeine ſchöne römiſche Naſe. Dieſes Mal fiel Cuff zum großen Erſtaunen der Umſtehenden zu Boden. „Gut geſtoßen, beim Juplter,“ ſagte der kleine Osborne mit der Miene eines Kenners, und ſeinem Manne auf den Rücken klopfend. „Nur brav mit der Linken zugeſtoßen, Figs, mein Junge.“ Figs' Linke entwickelte während des ganzen übrigen Kampfes eine Grauſen erregende Thätigkeit. Jedes Mal fiel Cuff zu Boden. Beim ſechsten Gange ſchrien faſt *) Zum Ausruhen. 70 ebenſo viele Kehlen: „Drauf, Figs,“ als „drauf Cuff.“ Beim zwölften Gange war der letztere Kämpfer ganz erſchöpft, und hatte alle Geiſtesgegenwart und Kraft zum Angriffe oder zur Vertheidigung verloren. Figs im Ge⸗ gentheil war ſo ruhig, wie ein Quäker. Sein Geſicht, das ganz blaß war, ſeine glänzenden, weit offen ſtehenden Augen, und eine ſtark blutende Schramme an ſeiner Un⸗ terlippe verliehen dem jungen Burſchen ein wildes und gräßliches Ausſehen, das vielen Zuſchauern Furcht ein⸗ floßte. Nichts deſto weniger bereitete ſich ſein unerſchro⸗ ckener Gegner zum dreizehnten Gange vor. Hätte ich die Feder eines Napier, oder eines Ver⸗ faſſers von Bell's Leben, ſo würde ich dieſen Kampf in geziemender Weiſe beſchreiben. Es war der letzte Angriff der Garde — (vas heißt, er würde es Zeweſen ſein, hätte nur die Schlacht von Waterloo zuvor Statt ge⸗ funden) — es war Ney's Colonne, wie ſie dem Hügel von La Haye Sainte gegenüber ſtand, ſtarrend von zehntauſend Bajonetten, und gekrönt mit zwanzig Adlern — es war das Schlachtgeſchrei der rindfleiſcheſſenden Briten, als ſie, den Hügel hinabrennend, ſich dem Feinde entgegenſtürzten, um ihn mit den wilden Armen der Schlacht zu umfan⸗ gen — mit andern Worten, als Cuff, zwar muthvoll, aber halb taumelnd und betäubt, herankam, arbeitete der Feigenmann, wie bisher, mit ſeiner Linken tüchtig auf ſeines Gegners Naſe los, und ſchlug ihn zum letzten Male zu Boden. „Ich denke, er hat nun genug,“ ſagte Figs, als ſein Gegner ſo nett auf das Gras hinfiel, wie ich zuweilen Jack Spot's Ball in das Loch der Billardtafel habe fal⸗ len ſehen; und ein Faktum iſt, daß, als der Kampf wie⸗ der erneuert werden ſollte, Herr Reginald Cuff nicht im Stande war, over keine Luſt hatte, wieder aufzuſtehen. Und nun erhoben alle Knaben für Figs ein ſolches Freu⸗ dengeſchrei, daß man hätte glauben koͤnnen, er ſei wäh⸗ rend des ganzen Kampfes ihr Liebling geweſen; und ſo „ groß war das Freudengeſchrei, daß ſelbſt Dr. Swiſhtail aus ſeinem Studirzimmmer trat, um ſich nach der Ur⸗ ſache des Lärmes zu erkundigen. Natürlicher Weiſe drohte er Figs mit einem gehörigen Quantum Prügel; ober Cuff, der jetzt wieder zu ſich gekommen war, und ſeine Wunden wuſch, ſtand auf, und ſagte: „Es iſt meine Schuld, Sir, nicht Figs' — nicht Dobbin's. Ich miß⸗ handelte einen kleinen Knaben, und es iſt mir Recht ge⸗ ſchehen. Durch dieſe großmüthige Rede erſparte er nicht allein ſeinem Sieger eine Tracht Prügel, ſondern erlangte auch all' ſein Anſehen bei den Knaben wieder, das er durch ſeine Niederlage beinahe eingebüßt hatte. Der junge Osborne ſchrieb folgenden Vericht über den Vorfall an ſeine Eltern: „Sugarcane Houſe, Richmond, März 18—. „Liebe Mama! „Ich hoffe, daß Sie ſich recht wohl beſinden. Ich wäre Ihnen nicht wenig verbunden, wenn Sie mir einen Kuchen und fünf Shillinge ſchicken wollten. Hier hat es einen Kampf zwiſchen Cuff und Dobbin gegeben. Cuff, wie Sie wiſſen, war der Hahn der Schule. Dreizehn Gänge wurden gemacht und Dobbin blieb Sieger. Cuff iſt alſo jetzt nur noch zweiter Hahn. Der Kampf fand wegen meiner Statt. Cuff prügelte mich, weil ich eine Flaſche mit Milch zerbrochen hatte, und Figs wollte es nicht leiden. Wir heißen ihn Figs, weil ſein Vater Spe⸗ zereikrämer — Figs und Rudge, Thames⸗Street, City — iſt. Da er für mich kämpfte, ſo denke ich, Ihr ſolltet Euren Thee und Zucker bei ſeinem Vater holen. Cuff geht jeden Sonnabend nach Hauſe, kann aber dieſes Mal nicht, da er zwei blaue Augen hat. Er hat einen weißen Poneh, auf dem er nach Hauſe reitet, und einen Groom in Lipree auf einem Braunen. Papa ſollte mir auch einen Poney geben, und ich verbleibe „Ihr gehorſamer Sohn „George Sedley Osborne.“ 72 „P. S. Bitte, grüßen Sie die kleine Emmy in mei⸗ nem Namen; ich ſchneide ihr gegenwärtig eine Kutſche in Pappe aus.“ In Folge des Sieges unſeres Freundes Dobbin ſtieg ſein Charakter ungeheuer in der Achtung aller ſeiner Schulkameraden, und der Name Figs, der bis vaher ein Schimpfwort geweſen war, wurde zu einem nicht minder achtbaren und populären Beinamen, als jeder andere, ver in der Schule im Gebrauche war. „Am Ende iſt es denn doch nicht ſeine Schuld, daß ſein Vater ein Spe⸗ zereikrämer iſt,“ ſagte George Osborne, der, obgleich ein junges Bürſchchen, doch unter der Swiſhtail'ſchen Jugend ſich eines bedeutenden Grades von Beliebtheit und Popu⸗ larität erfreute; und ſeine Anſicht wurde mit großem Beifalle aufgenommen. Man erklärte das Spotten über Dobbin wegen dieſes Geburtszufalles für gemein. „Al⸗ ter Figs“ wurde ein Namen der Freunvſchaft und Zärt⸗ lichkeit, und die kriechende Seele von einem Unterlehrer trieb nun mit ihm nicht länger ihr Geſpött. Was Dob⸗ bin ſelbſt betrifft, ſo ſtieg ſein Muth mit ſeinen veränder⸗ ten Verhältniſſen. Bald machte er erſtaunenswerthe Fort⸗ ſchritte in den Schulkenntniſſen. Der ſtolze Cuff ſelbſt, über deſſen Herablaſſung Dobbin nur erröthen und ſich wundern konnte, half ihm bei ſeinen lateiniſchen Verſenz; „ſpannte ihm vor“ in den Freiſtunden; führte ihn im Triumph aus der Kleinknabenklaſſe in die mittlere, und verhalf ihm auch da zu einem ordentlichen Platze. Es wurde die Entdeckung gemacht, daß er, obgleich in den alten Sprachen nur höchſt mittelmäßige Fortſchritte ma⸗ chend, doch in der Mathematik ungewöhnlich ſchnell auf⸗ faſſe. Zu Aller Zufriedenheit wurde er bei der nächſten Hauptlokation der drittbeſte in der Algebra, und erhielt bei dem öffentlichen Eramen, um Sommer⸗Johanni, ein Prämium, beſtehend in einem franzöſiſchen Buche. Da hätte man das Geſicht ſeiner Mutter ſehen ſollen, als ihm Telemach (jener entzückende Roman) von dem Doktor vor 73 weſenden, mit einer Zuſchrift an Gulielmo Dobbin über⸗ reicht wurde. Alle Knaben klatſchten, um ihren Beifall und ihre Sympathie an den Tag zu legen, in die Hände. 7 Wer kann ſein Erröthen, ſein Stolpern, ſein tölpiſches Weſen und die Anzahl von Füßen, die er, als er auf ſeinen Platz zurückging, zertrat, beſchreiben oder berechnen? Der alte Dobbin, ſein Vater, der ihn jetzt zum erſten Male achtete, gab ihm vor Jedermann zwei Guineen, wovon er das Meiſte darauf gehen ließ, um die ganze Schule zu bewirthen; nach den Ferien kam er in einem Fracke mit langen Flügeln zurück. . Dobbin war ein viel zu beſcheidener junger Burſche, um anzunehmen, daß er dieſen glücklichen Wechſel in allen ſeinen Umſtänden ſeinem eigenen, großherzigen und mannhaften Weſen verdanke: in Folge einer Verkehrtheit mochte er lieber ſein Glück einzig und allein dem Betrei⸗ ben und Wohlwollen des kleinen George Osborne zuſchrei⸗ ben, dem er daher auch von nun an eine Liebe und Zu⸗ neigung gelobte, wie nur Kinder ſie fühlen — eine Zu⸗ neigung, ähnlich der, ſo der ungeſchlachte Orſon für den herrlichen jungen Valentin, ſeinen Sieger, empfand, wie in dem bezaubernden Feenmährchenbuch zu leſen iſt. Er warf ſich dem kleinen Osborne zu Füßen, und liebte ihn. Sogar ehe ſie noch mit einander bekannt waren, hatte er Osborne insgeheim bewundert. Jetzt war er ſein Diener, ſein Hund, ſein „Freitag.“ Er hielt Os⸗ borne für einen Ausbund von Vollkommenheit, hielt ihn für den ſchoͤnſten, tapferſten, thätigſten, geſcheidteſten, groß⸗ herzigſten aller Knaben. Er theilte ſein Geld mit ihm, kaufte ihm unzählige Geſchenke, beſtehend in Meſſern, Bleiſtiſthaltern, goldenen Siegeln, Backwerk, poetiſch⸗mu⸗ ſikaliſchen Schatzkäſtchen, und romantiſchen Büchern mit großen illuminirten Bildern von Rittern und Räubern, worin man als Inſchrift die Worte: „Für George Sed⸗ ley Osborne, Esquire, von ſeinem liebenden Freunde Wil⸗ „ der ganzen Schule, und den Eltern, und den übrigen An⸗ 2 5 liam Dobbin,“ leſen konnte — welche Zeichen der Huldi⸗ gung George gnädigſt annahm, wie es ſeinem hohen Verdienſte zuſtand. Und ſo kam es denn, daß Lieutenant Osborne, als er am Tage der Vaurxhall⸗Partie in Rufſekl⸗Square an⸗ kam, zu den Damen ſagte: „Mrs. Sedley, Ma'am, hof⸗ fentlich haben Sie noch Platz; ich habe Freund Dobbin hieher zum Eſſen eingeladen, und ihn zugleich gebeten, mit uns nach Vaurhall zu gehen. Er iſt faſt eben ſo ſitt⸗ ſam, wie Jos.“ „Sittſam! Bah!“ ſagte der dicke Herr, einen Sie⸗ gerblick auf Miß Sharp werfend. „Das iſt er, — Du aber biſt unvergleichlich gra⸗ ziöſer, Sedley,“ ſetzte Osboxne lachend hinzu. „Ich traf ihn im Bedford⸗Club, als ich dort nach Dir ſah, und ich ſagte ihm, daß Miß Amalie nun heimgekommen wäre, und wir alle im Sinne hätten, dieſen Abend eine Luſt⸗ partie zu machen, ſo wie auch, daß Mrs. Sedley es ihm nicht länger nachtrage, vaß er bei dem Kinderfeſte den Punſchnapf zerbrochen. Erinnern Sie ſich nicht mehr der Kataſtrophe, Ma'am? Es ſind nun ſieben Jahre her.“ „Ja, ja, ich erinners mich noch wohl, wie er den Inhalt des Napfes über das ſeidene, carmeſinrothe Kleid der Mrs. Flamingo ſchüttete,“ ſagte die gutmüthige Mrs. Sedley. „Wie tölpelhaft er ſich da benahm! Und ſeine Schweſtern ſind nicht viel graziöſer. Lady Dobbin war vergangene Nacht zu Highbury mit Drei von ihnen. Was für Figuren, meine Lieben!“ „Der alte Mann iſt ſehr reich, nicht wahr?“ ſagte Osborne ſchlau. „Meinen Sie nicht, eine von den Töch⸗ tern wäre für mich eine gute Spekulation, Ma'am?“ „Sie närriſcher Menſch! Wer würde Sie nehmen, mit Ihrem gelben Geſichte? — Möchte es wohl wiſſen.“ „Mein Geſicht gelb? Warten Sie, bis Sie Dobbin ſehen. Der hat das gelbe Fieber drei Mal gehabt; zwei Mal zu Naſſau, und ein Mal auf St. Chriſtoph.“ — 75 „Nun, nun, das Ihrige iſt gelb genug für uns, nicht wahr, Emmy?“ ſagte Mrs. Sedley; auf welche Worte Miß Amalie nur mit einem Lächeln und einem ſanften Erröthen antwortete. Auf Herr George Osborne's laſſes, intereſſantes Geſicht und den ſchönen, ſchwarzen, krauſenden, glänzenden Backenbart blickend, den der junge Herr ſelbſt mit ungewöhnlicher Selbſtgefälligkeit betrach⸗ tete, dachte ſie in ihrem Herzchen, daß in Seiner Majeſtät Armee, oder gar in der ganzen Welt, nie ein ſolches Ge⸗ ſicht, oder ein ſolcher Held geweſen. „Ich kümmere mich wenig um Capitän Dobbin's Teint,“ ſagte ſie, „oder um ſeine Ungeſchicklichkeit. Ich werde ihn ſtets gerne haben, ſo viel weiß ich;“ und ihr Grund war ſeine Freund⸗ ſchaft für ihren George, und daß er ſich ſtets als deſſen treuen Kämpen erwieſen. „In der ganzen Armee gibt es keinen achtungswer⸗ theren Mann, und keinen beſſeren Offizier, obgleich er aller⸗ dings kein Adonis iſt,“ ſagte Osborne. Und er ſelbſt blickte mit vieler Naivetät nach dem Spiegel hin; und während er alſo that, begegnete er dem ſcharf auf ihn gerichteten Auge der Miß Sharp, worüber er ein wenig erröthete, und wobei Rebekka in ihrem Herzen dachte: „Ah, mon pbeau Monsieur! Ich glaube nun Ihr Caliber zu kennnen.“ Das kleine ſchlaur Ding! Als an jenem Abende Amalie in einem weißen Mouſ⸗ ſelinkleide in den Salon hereingetrippelt kam, völlig ge⸗ rüſtet auf die in Vaurhall zu machenden Eroberungen, ſingend, wie eine Lerche, und ſo friſch, wie eine Roſe, trat ein ſehr großer, linkiſcher Herr mit großen Händen und Füßen und eben ſolchen Ohren, die durch ein kurz geſchnittenes, ſchwarzes Haar noch mehr hervorgehoben wurden, in dem häßlichen Uniformrocke und Stülphute jener Zeit auf ſie zu, und machte ihr einen der ungeſchick⸗ teſten Bücklinge, deren je ein Sterblicher ſich ſchuldig gemacht. . Es war kein Anderer, als Capitän William Dobbin 76 von Seiner Majeſtät — ſtem Infanterie⸗Regimente, und aus Weſtindien, wo das gelbe Fieber gewüthet, zurück⸗ gekehrt, in welche Gegend das Glück des Dienſtes ſein Regiment geführt hatte, während ſo viele ſeiner tapfern Kameraden auf der pyrenäiſchen Halbinſel Lorbeeren ſam⸗ melten. Seine Ankunft war von einem ſo ſchüchternen und ſchwachen Klopfen an die Thüre begleitet geweſen, daß es die Damen oben nicht hören konnten; ſonſt hätte Miß Amalie — man kann ſich darauf verlaſſen — ſich nicht erkühnt, ſingend in das Zimmer herein zu kommen. Un⸗ ter den bewußten Umſtänden aber drang das ſüße, friſche Stimmchen geradezu in das Herz des Capitäns, und ni⸗ ſtete ſich vort ein: Als ſie ihm die Hand hinhielt, damit er ſie vrücke, zögerte er, bevor er ſie in die ſeinige nahm, einen Augenblick, und dachte bei ſich ſelbſt: — „Ei, iſt es möglich — biſt Du das kleine Mädchen im Roſa⸗ Röckchen, das ich noch vor ſo kurzer Zeit geſehen — an dem Abende, wo ich den Punſchnapf umwarf, ganz kurze Zeit, nachdem meine Ernennung in der Staatszeitung ge⸗ ſtanden hatte? Biſt Du das kleine Mädchen, von dem George Osborne geſagt hat, daß es ihn heirathen ſoll? Welch' blühendes, junges Geſchöpf ſcheinſt Du zu ſein, und welche Prämie hat nicht der Schelm in der Lotterie erhalten!“ Alles dieſes dachte er, ehe er Amaliens Hand in die ſeinige nahm, und indem er ſeinen Stülphut fal⸗ len ließ. . Seine Geſchichte, ſeit ſeinem Austritte aus der Schule, bis zu dem Augenblicke, wo wir das Vergnügen haben, ihn wieder zu treffen, iſt, obwohl nicht vollſtändig er⸗ zählt, doch, meines Frachtens, für einen ſcharfſinnigen Leſer durch das Geſpräch auf der letzten Seite hinreichend angedeutet worden. Dobbin, der verachtete Spezereikrä⸗ mer, war nun Alderman Dobbin, — Alderman Dobbin war Oberſt bei der leichten ſtädtiſchen Reiterei, die da⸗ mals voll militäriſchen Feuers war, um dem Einfalle der — — 1* 15 77 Franzoſen unter Bonaparte ſich entgegen zu ſtellen. Das Stadtreitercorps unter Oberſt Dobbin, bei dem der alte Ooborne ſelbſt weiter Nichts, als ein unbedeutender Cor⸗ poral war, hatte vor dem Souverän und dem Herzoge von York die Revue paſſirt; und der Oberſt und Al⸗ derman war zum Ritter ernannt worden. Sein Sohn war in die Armee getreten, und der junge Oeborne bald varauf in daſſelbe Regiment. Sie hatten in Weſtindien und Canada gedient. Ihr Regiment war eben nach Eng⸗ land zurückgekommen, und die Freundſchäft Dobbin's für George Osborne jetzt ſo warm und hochherzig, wie frü⸗ her, während ver Beiden Schulzeit. So ſetzten ſich nun dieſe würdigen Leute bald zum Eſſen nieder. Sie ſprachen von Krieg und Ruhm, und Boney und Lord Wellington, und die letzte Nummer der Staatszeitung mit den darin enthaltenen Siegen, Beför⸗ derungen und Ernennungen. In jenen Tagen ſtand in jeder Nummer ein Sieg⸗ und die zwei tapferen, jungen Männer ſehnten ſich, ihre eigenen Namen in der ruhm⸗ vollen Liſte zu erblicken, und verfluchten ihr unglückliches Loos, das ſie an ein Regiment gebunden, wo ſich ſo we⸗ nig Gelegenheit gezeigt, ſich auszuzeichnen. Miß Sharp wurde voller Feuer bei dieſen aufregenden Geſprächen, Miß Sedley aber zitterte und wurde faſt ohnmächtig, wäh⸗ rend ſie ſo zuhörte. Herr Jos erzählte mehrere ſeiner Tigerjagd⸗Geſchichten, brachte die von Miß Cuttlen und Lance, dem Chirurgen, zu Ende, reichte Rebekka von Allem hin, was auf dem Tiſche ſtand, und ließ ſich ſelbſt im Eſſen und Trinken nicht ſaumſelig finden. Er ſprang auf, um den Damen die Thüre zu öffnen, als Letztere ſich zurückzogen; dabei entwickelte er einen Anſtand, dem Nichts zu widerſtehen vermochte — und als er an den Tiſch zurückkam, ſchenkte er ſich ein Glas Claret nach dem andern ein, und verſchluckte den Inhalt mit nervoͤſer Geſchwindigkeit. 78 „Er ſchüttet Zündpulber auf,“ flüſterte Osborne ſei⸗ nem Freunde Dobbin zu, und endlich kam die Stunde, wo ſie in einem Wagen nach Vauxhall hinrollten. 85 Sechstes Kapitel. Vauxhall. Ich weiß, daß die Melodie, die ich jetzt blaſe, äußerſt ſanft iſt (obgleich mit Nächſtem einige ſchauerliche Kapi⸗ tel kommen), und muß daher den gutmüthigen Leſer bit⸗ ten, gefälligſt zu bedenken, daß wir vor der Hand bloß von der Familie eines Börſenmäklers in Ruſſell⸗Square ſprechen, deren Glieder ſpazieren gehen, oder ihr Luncheon einnehmen, oder zu Mittag eſſen, oder ſprechen und lieben, wie gewöhnliche Sterbliche, und ohne ein einziges leiden⸗ ſchaftliches und wunderbares Ereigniß, wodurch die Fort⸗ ſchritte ihrer Liebe bezeichnet werden. Die Sache ſteht jetzt ſo: — Oeborne, der in Amalie verliebt iſt, hat einen alten Freund zum Mittageſſen und nach Vaurhall einge⸗ laden — Jos Sedley iſt in Rebekka verliebt. Wird er ſie aber heirathen? Das iſt die große Frage, die uns nun beſchäftigt. 3 Wir hätten dieſen Gegenſtand in vornehmer, oder romantiſcher, oder ſcherzhafter Manier behandeln können. Man denke ſich, wir hätten die Scene nach Grosvenor⸗ Square verlegt, ohne an den Abenteuern ſelbſt Etwas zu ändern. — Würden uns da nicht manche Leute begierig zugehört haben? Man denke ſich, wir hätten gezeigt⸗ wie Lord Joſeph Sevley ſich verliebte, und der Marquis 3 S 79 von Osbotne ſich an Lady Amalie attachirte, mit der vollen Zuſtimmung des Herzogs, ihres edlen Vaters — oder man denke ſich, wir hätten, anſtatt zu dem ganz Vornehmen und Feinen, zu dem ganz Niedrigen und Ge⸗ meinen gegriffen, und beſchrieben, was in Herr Sedley's Küche vorgegungen; — wie der ſchwarze Sambo in die Köchin verliebt geweſen (wie Solches in der That der Fall war), und wie er mit dem Kutſcher ſich wegen ihrer geprügelt; wie der Burſche, dem die Reinigung der Meſ⸗ ſer obliegt, beim Stehlen einer kalten Hammelskeule er⸗ tappt worden, und wie Miß Sedley's neue femme de chambre ſich geweigert, ohne ein Wachslicht zu Bette zu gehen; ſolche Vorfälle würden ſich wohl eignen zur Erregung vieles herzlichen Lachens, auch würde man darin leicht eine Darſtellung von Scenen aus dem Leben er⸗ plicken. Oder wenn wir im Gegentheil zu dem Schreck⸗ lichen gegriffen, und den Liebhaber der neuen femme de chambre zu einem habituellen Nachtviebe gemacht hätten, der mit ſeiner Bande in das Haus einbricht, den ſchwarzen Sambo zu den Füßen ſeines Herrn ermordet, und Amalie in ihrem Nachtkleide entführt, und dieſelbe erſt im dritten Bande wieder frei läßt, ſo hätten wir gar leicht eine Erzählung von ſo überaus großem Intereſſe zu Stande bringen können, daß der Leſer durch die feurigen Kapitel derſelben keuchend dahin geeilt wäre. Man denke ſich zum Beiſpiel, dieſes Kapitel wäre überſchrieben ge⸗ weſen Der nächtliche Ueberfall. Die Nacht war finſter und der Sturm brauſte — die Wolken ſchwarz — ſchwarz — dintenſchwarz. Der tobende Wind warf die Schornſteinkäſten von den Dächern der alten Häuſer herab, und trieb die Ziegel wirbelnd und ſchmetternd durch die einſamen Straßen hin. Keine Seele wagte ſich in dieſem Sturme hinaus — die Nachtwächter - zogen ſich behutſam in ihre Schilderhäuschen zurück, wo⸗ hin ihnen der durchdringende Regen folgte — wo unter fürchterlichem Krachen der Blitz ein⸗, und ſie ſammt und ſonders erſchlug — auch war Einer, gegenüber vom Fin⸗ delhauſe, vom Blitze erſchlagen worden. Ein vom Blitze verſehrter Mantel, eine zertrümmerte Laterne, ein entzwei geriſſener Stab war Alles, was von dem ſtarken Will Steadfaſt *) übrig blieb. Ein Miethkutſcher war in Southampton Row von ſeinem Bocke herabgeweht wor⸗ den — und wohin? Aber der Wirbelwind berichtet Nichts weiter über ſein Opfer, als daß daſſelbe einen letzten Schrei ausgeſtoßen, während es alſo entführt worden! Eine furchtbare Nacht! Es war finſter, eine Finſterniß, ſo ſchwarz, wie Pech; kein Mond, nein, nein, kein Mond. Kein Stern. Auch nicht ein kleines, ſchwachleuchtendes, funkelndes, einſames Sternchen. Zwar war eines mit einbrechender Nacht erſchienen, aber es zeigte ſein Antlitz, ſchaudernd, nur einen Augenblick an dem ſchwarzen Him⸗ mel, und verbarg ſich dann wieder. Eins, zwei, drei! Es iſt das Signal, das der ſchwarze Vizard ¹*) mit ſeinen Leuten verabredet hatte. „Mofyl! Iſt das Deine Stimme?“ ſagte eine Stimme, von dem untern Hausraume her. „Ich will den Hund zum Schweigen bringen und die Thüre augen⸗ blicklich aufmachen.“ „Halt Dein Maul, und tummle Dich!“ ſagte Vi⸗ zurd mit einem entſetzlichen Fluche. „Hierher, Männer; wenn ſie ſchreien, dann heraus mit Eueren Meſſern, und brav damit gearbeitet! Schau' Du nach dem Silberzim⸗ mer, Blowſer, und Du, Mark, nach der Kiſte, worin der alte Spitzbube ſeinen Mammon aufbewahrt; und ich,“ ſetzte er mit leiſerer, aber unheimlicherer Stimme hinzu, „ich will auf Amalie ſchauen!“ *) Wilhelm Standhaft. **) Larve, Maske. „war es der H nehmen, 6 Wort mit Ihnen! t⸗Halsband weg⸗ uſend Pfund an uſend,“ rief 83 Jede Seele in der Kutſche hielt ſich überzeugt, daß Jos an dem Abende mit dem Antrage, Rebekka Sharp zu Mrs. Sedley zu machen, herausrücken würde. Die El⸗ tern daheim hießen das Arrangement ſtillſchweigend gut, obgleich der alte Herr Sedley, unter uns geſagt, ſeinen Sohn mit einem ſehr nahe an Verachtung grenzenden Ge⸗ fühle betrachtete. Er ſagte, er ſei eitel, ſelbſtſüchtig, träge und verweichlicht. Auch konnte er an ihm die Manie⸗ ren des Modemannes nicht leiden und lachte herzlich über ſeine pompoͤſen, eines emeritirten Prahlhanſes würdigen Geſchichten. „Ich werde dem Burſchen mein halbes Ver⸗ mögen hinterlaſſen,“ ſagte er, „auch wird er neben dem ein ſchönes eigenes Vermögen haben; aber ich weiß be⸗ ſtimmt, daß wenn wir, Du und ich, und ſeine Schweſter, morgen ſterben ſollten, er ſich die Sache nicht weiter zu Herzen nehmen würde. Höchſtens wird er ſagen: „„Gu⸗ ter Gott!““ und dann würde er ſein Eſſen ganz, wie ſonſt, verzehren. Deßhalb mag ich mir wegen ſeiner keine Sorge machen. Meinethalben kann er heirathen, wen er will. Ich will Nichts davon.“ Amalie dagegen war, wie es einem jungen Frauen⸗ zimmer von ihrem Verſtande und Temperamente ziemte, ganz entzückt über die in Ausſicht ſtehende Heirath. Ein oder zwei Mal war Jos auf dem Punkte geſtanden, ihr etwas ſehr Wichtiges zu ſagen, was ſie herzlich gerne an⸗ gehört hätte; aber der fette Burſche mochte ſein großes Geheimniß nicht Preis geben, ſondern Lilit ſich bloß, zum Verdruſſe ſeiner Schweſter, eines gewa gen Seuf⸗ zers, und wandte ſich ab. Dieſes Geheimniß ließ Amalien's fanftes Herz nicht zur Ruhe kommen, ſondern erhielt es in ſteter Aufregung. Wenn ſie mit Rebekka über den zarten Gegenſtand nicht ſprach, ſo entſchädigte ſie ſich durch lange und vertrau⸗ liche Geſpräche mit Mrs. Blenkinſop, der Haushälterin⸗ die bei der Kammerjungfer einige Winke fallen ließ, die es im Vorübergehen der Köchin geſagt haben mag, welche, 4 ich zweiſle keinen Augenblick varan, die Neuigkeit bei allen Gewerbsleuten herum trug, mit denen die Sevley'ſchen zu thun hatten, ſo daß Herr Jos' Heirath jetzt von einer bedeutenden Zahl von Perſonen in der Welt von Ruſſell⸗ Squgre beſprochen ward. Es war natürlich Mrs. Sedley's Meinung, daß ihr Sohn durch eine Heirath mit der Tochter eines Künſtlers ſich herabgebe, und ſeinen Stand vergeſſe. „Aber, mein lieber Gott, Ma'am,“ rief Mrs. Blenkinſop, „wir waren nichts Anderes, als Spezereikrämer zur Zeit, als wir Herrn Sedley heiratheten, welcher Commis bei einem Vörſenmäkler war, und wir hatten keine fünfhundert Pfund miteinander, und voch ſind wir jetzt reich genug.“ Und Amalie theilte ganz und gar dieſe Anſicht, zu der ſich nach und nach auch die gutmüthige Mrs. Sedley bekeh⸗ ren ließ. Herr Sedley blieb neutral. „Jos mag heirathen, wen er will,“ ſagte er; ich ſcheere mich nicht darum. Das Mädchen hat keinen Pfennig; aber auch Mrs. Sed⸗ ley hatte kein Vermogen. Sie ſcheint gutlaunig und ge⸗ ſcheidt zu ſein, und vielleicht gelingt es ihr, ihn in Ord⸗ nung zu halten. Lieber ſie, meine Liebe, als eine ſchwarze Mrs. Sevley, und ein Dutzend mahagonifarbener Enkel und Enkelinnen.“, Und ſo ſchien denn Alles unſerer theuren Rebekka zu lächeln. Sie ergriff Jos Arm, wie Etwas, was ſich von ſelbſt verſtehe, ſo oft es zum Eſſen ging; ſie hatte auf dem Bocke ſeines offenen Wagens neben ihm geſeſſen (und fürwahr, er erſchien als ein koloſſaler Stutzer, wenn er ſo darauf ſaß, heiter, prächtig gekleidet, und ſeine Grau⸗ ſchimmel antrelbend), und obgleich Niemand ein Wort von der Heirath ſprach, ſo ſchien es doch Jedermann zu verſtehen. Alles, was ſie noch brauchte, war ein förm⸗ licher Antrag, und, ach! wie ſehr fühlte jetzt Rebekka, daß ihr eine Mutter fehlte, eine liebe, zärtliche Mutter, welche die Sache in zehn Minuten abgemacht, und im Laufe 3 85⁵ — eines kleinen, zarten, vertraulichen Geſpräches den ver⸗ ſchämten Lippen des jungen Mannes das intereſſante Ge⸗ ſtändniß entlockt haben würde! So ſtanden die Dinge, als der Wagen über die Weſtmünſter⸗Brücke fuhr. 8 Die Geſellſchaft ſtieg zu rechter Zeit an dem könig⸗ lichen Garten aus. Als der majeſtätiſche Jos aus dem knarrenden Fuhrwerke ſtieg, begrüßte die Menge den dicken Herrn mit einem lauten Freudengeſchrei, was die Wirkung hatte, daß er erröthete, und eine gewaltig ſtolze Miene annahm, während er mit Rebekka am Arme da⸗ vonſchritt. Natürlich blieb George bei Amalien, welche ſo glücklich und wonneerfüllt ausſah, wie ein Roſenbaum im Sonnenſcheine. „Dobbin,“ ſagte George, „fieh doch nach den Shawls, und den übrigen Sachen.“ Und ſo begnügte ſich der ehrliche Dobbin, während George mit Miß Sedley ſich „ entfernte, und Jos ſich mit Rebekka an der Seite in den Garten hineinzwängte, damit, ſeinen Arin den Shawls zu geben, und an der Thüre für die ganze Geſellſchaft zu bezahlen. . Er folgte ihnen ganz beſcheiden. Er mochte einen Spaß nicht verderben. Um Rebekka und Jos kümmerte er ſich keinen Pfifferling. Allein er hielt Amalie ſogar des brillanten George Osborne würdig, und während er das ſchmucke Paar in den Alleen ſich auf und ab bewe⸗ gen ſah, zum großen Entzücken und zur Verwunderung des Mädchens, beobachtete er ihre ungekünſtelte Glückſelig⸗ keit mit einer Art väterlicher Wonne. Vielleicht fühlte „ er auch, daß er gerne etwas Anderes, als ſeinen Shawl im Arme gehabt hätte (die Leute lachten, als ſie den linkiſchen, jungen Offizier dieſe weibliche Bürde tragen ſahen), aber William Dobbin war überhuupt kein Freund von ſelbſtſüchtigen Berechnungen; und wie konnte er un⸗ zufrieden ſein, ſo lange es ſeinem Freunde gefiel? Und die Wahrheit iſt, von allen Vergnügungen und Herr⸗ 86 lichkeiten des Gartens; von den hunderttauſend Ertre⸗ lampen, die ſtets angezündet waren; von den Geigern in Stülphüten, die unter der vergoldeten Muſchel in der Mitte des Gartens entzückende Melodien ſpielten; von den Sängern, die komiſche und ſentimentale Balladen ſangen, und die Ohren bezauberten; von den Contretän⸗ zen, die von munteren Städtern und Städterinnen gebil⸗ det, und unter Sprüngen, Püffen und Lachen ausgeführt wurden; von dem Signale, das verkündigte, daß Madame Saqut im Begriffe ſei, auf einem bis an die Sterne reichenden Seile himmelan zu ſteigen; von dem Eremiten, der ſtets in der beleuchteten Einſiedelei ſaß; von den fin⸗ ſtern Gängen, die Unterredungen junger Liebenden ſo ſehr begünſtigen; von den Bierkrügen, die von Leuten in alten, abgeſchabten Livreen herumgereicht wurden, und von den funkelnden Pavillons in den Lauben, wo die glücklichen Schmauſenden glauben machen wollten, ſie verzehrten nur Schinkenſchnitten von faſt unbemerklicher Größe; von all' Dieſem, ſowie von dem ſanften Simpſon, jenem freund⸗ lichen, lächelnden Idioten, der wohl ſchon zu jener Zeit über den Ort geſetzt war — nahm Capitän William Dobbin nicht die mindeſte Notiz. Er trug Amaliens weißen Kaſchemir⸗Shawl mit ſich herum, und nachdem er unter der vergoldeten Muſchel geblieben war, während Mrs. Salmon die Schlacht von Borodino (eine von wüthenden Ausfällen ſtrotzende Can⸗ tate wider den korſiſchen Emvporkömnling, der kürzlich in Rußlgnd Unglück gehabt hatte) ſang — verſuchte Herr Dobbin die Melodle zu ſummen, indem er wegging, fand aber, daß er — die Arie ſumme, welche Amalie Sedley auf der Treppe geſungen hatte, als ſie zum Eſſen heruntet kam. Er brach in ein Gelächter über ſich ſelbſt aus; denn die Wahrheit iſt, daß er nicht beſſer, als eine Eule, ſingen konnte. Ees verſteht ſich von ſelbſt, daß unſere jungen Leute, 87 die, wie wir wiſſen, außer Dobbin, zwei Paare bildeten, ſich auf's Feierlichſte verſprachen, daß ſie während des Abends beiſammen bleiben wollten, und zehen Minuten darauf ſich trennten. Geſellſchaften trennten ſich noch im⸗ mer in Vaurhall, aber nur in der Abſicht, einander beim Abendeſſen wieder zu treffen, wo man ſich die unterdeſſen erlebten Abenteuer gegenſeitig erzählen konnte. Welcher Art waren die Abenteuer, die Herr Osborne und Miß Amalie erlebten? Das iſt ein Geheimniß. Davon aber darf man überzeugt ſein, daß ſie vollkommen glücklich waren, und ihr Betragen zu keinerlei Ausſtellun⸗ gen Anlaß gab, und da ſie ſeit fünfzehn Jahren gewohnt geweſen waren, zu jeder Zeit beiſammen zu ſein, ſo bot ihr téte-a-téte nichts beſonders Neues. Als aber Miß Rebekka Sharp und ihr dicker Ge⸗ fährte ſich in einer einſamen Allee verloren, in der nicht über fünf Mal zwanzig andere, in ähnlicher Weiſe um⸗ herirrende Paare ſich befanden, fühlten ſie Beide, daß die Situation eine äußerſt zarte und kritiſche ſei. Was Miß Sharp insbeſondere betrifft, ſo dachte ſie, daß jetzt oder nie der Augenblick ſei, die Erklärung hervorzurufen, die auf den ſchüchternen Lippen des Herrn Sedley ſchwebte. Sie waren vorher miteinander im Panorama von Moskau geweſen, wo ein roher Burſche, der Miß Sharp auf den Fuß getreten war, ſie mit einem kleinen Schrei in die Arme des Herrn Sedley hatte zurückfallen machenz und dieſer kleine Vorfall ſteigerte die Zärtlichkeit und das Selbſtvertrauen des Herrn bis zu einem ſolchen Grade, daß er ihr verſchiedene von ſeinen beſten Ge⸗ ſchichten wieder erzählte, und zwar jetzt wenigſtens zum ſechsten Male. „Ach, wie gern möchte ich nach Indien!“ ſagte Rebekta. „Wirklich?“ ſagte Joſeph mit einer in der That mörderiſchen Zärtlichkeit, und wollte ohne Zweifel auf dieſe ſchlaue Frage eine noch zärtlichere folgen laſſen —————————— —— — — —— (venn er ſchnaubte und keuchte bedeutend, und Rebekka's Hand, die nicht weit von ſeinem Herzen ſich befand, konnte die fieberhaften Schläge vieſes Organs zählen), als, ach, wie ärgerlich! die zum Feuerwerke rufende Glocke ſich hören ließ, und nun mit einem Male es an ein Drängen und Laufen ging, und auch unſer intereſſantes Liebespaar gezwungen wurde, dem Menſchenſtrome zu folgen. Capitän Dobbin hatte halb und halb die Abſicht, der Geſellſchaft beim Abendeſſen ſich anzuſchließen, da er in Wahrheit die Beluſtigungen in Vaurhall nicht beſon⸗ ders anziehend fand — auch paradirte er zweimal vor der Laube, wo die jetzt vereinigten Paare beiſammen wa⸗ ren, allein Niemand nahm Notiz von ihm. Es war nur für vier Perſonen gedeckt. Die beiden Paare plauderten ganz munter, und Dobbin wußte, daß ſie ihn ſo vollſtän⸗ dig vergeſſen, als ob er nie auf dieſer Welt geweſen. „Ich würbe nur de trop ſein,“ ſagte der Capitän, ziemlich ſehnſüchtig nach ihnen blickend. „Ich thue beſſer daran, wenn ich zum Einſiedler gehe, und mit ihm ſpreche“ — und ſo entzog er ſich dem Getümmel, und dem Lär⸗“ men, und dem Geklapper und Geklirre des Bankettes, um die dunkle Allee aufzuſuchen, an deren Ende der be⸗ kannte Einſiedler aus Pappendeckel wohnte. Es war für Dobbin kein beſonders angenehmer Spaß — und in der That weiß ich aus eigener Erfahrung, daß das Alleinſein in Vaurhall eines der traurigſten Amüſements für einen Junggeſellen iſt. Die beiden Paare waren in ihrer Laube, wo das entzückendſte und vertraulichſte Geſpräch Statt fand, voll⸗ kommen glücklich. Joe war in ſeiner ganzen Glorie, und, gab den Kellnern mit vieler Majeſtät unaufhörlich Befehle⸗ Er machte den Salat an, und entkorkte den Champagner, und tranchirte das Geflügel, und aß und trank den groß⸗ ten Theil der beſtellten Erfriſchungen. Endlich wollte er ſchlechterdings noch eine Powle Arak⸗Punſch haben; Je⸗ —,—— — 89 dermann hat in Vaurhall Arak⸗Punſch. „Kellner, Arak⸗ Punſch!“ Dieſe Bowle Arak⸗Punſch war die Urſache dieſer ganzen Geſchichte; und warum nicht eine Bowle Arak⸗ Punſch ſo gut, wie irgend etwas Anderes? War nicht eine Bowle Blauſäure der Grund, weßhalb die blonde Roſamunde aus der Welt verſchwand? War nicht eine Schale Wein die Urſache vom Hinſcheiden Alexanders des Großen, oder ſagt nicht wenigſtens Pr. Lempriere ſo? — So influirte dieſe Bowle Arak⸗Punſch auf die Schickſale ſämmtlicher Hauptperſonen in dieſem „Romane ohne Hel⸗ den,“ den wir jeßt erzählen. Sie wirkte auf ihr ganzes Leben ein, obgleich die Meiſten von ihnen keinen Tropfen davon tranken. Die jungen Damen wenigſtens tranken keinen; Os⸗ borne liebte ihn nicht, und ſo war denn die Folge davon, daß Jos, der dicke Gourmand, den ganzen Inhalt der Bowle in ſeinen Schlund hinabgoß; und die Folge von Letzterem war eine Munterkeit, die anfangs Staunen er⸗ regend war, und bald faſt peinlich wurde; denn er ſprach und lachte ſo laut, daß ſich ganze Haufen Neugieriger um die Laube her ſammelten, was der unſchuldigen Geſell⸗ ſchaft in derſelben nicht wenig Verlegenheit bereitete; und als Jos endlich zu ſingen anfing (was er in jenen hohen Tönen that, welche betrunkenen Männern eigen ſind), lockte er faſt die ganze Zuhörermenge, welche um die Muſikanten unter der vergoldeten Muſchel ſich geſammelt hatte, in ſeine Nähe, und erntete von ſeinem Publikum ungeheuren Beifall. „Bravo, bravo, Dicker!“ ſagte der Eine; „Da capo, Daniel Lambert!“ ſagte der Andere; „Welch! köſtliche Figurt auf's Seil hinauf!“ rief ein anderer Spaßvogel zur unausſprechlichen Verlegenheit der Damen, und zum großen Mißvergnügen des Herrn Osborne. „um's Himmelswillen, Jos, laß uns gehen,“ rief Letzterer, und die jungen Frauenzimmer ſtanden auf. „Halt, mein liebes, liebes, liebes Herzchen,“ ſchrie Jos, der jetzt ſo kühn wie ein Löwe war, und Miß Re⸗ bekka um den Leib faßte. Rebekka fuhr zurück, ohne aber ihre Hand losmachen zu können. Das Gelächter draußen verdoppelte ſich. Jos fuhr fort zu trinken, Liebes⸗Demon⸗ ſtrativnen zu machen, und zu ſingen, und forderte, win⸗ kend und ſein Glas mit vieler Grazie nach ſeiner Zuhö⸗ rerſchaft hin ſchwenkend, alle ſammt und ſonders auf, hereinzukommen, und mit ihm von ſeinem Punſche zu trinken. Herr Osborne ſtand eben auf dem Punkte, einen Herrn in Stülpſtiefeln zu Boden zu ſchlagen, welcher von dieſer Einladung Gebrauch machen wollte, und ein Streit ſchien unausbleiblich zu ſein, als zum größten Glücke ein Herr, Namens Dobbin, der im Garten um⸗ hergegangen war, auf die Laube zutrat. „Packt Euch, ihr Narren!“ ſagte dieſer Herr — einen großen Theil des Haufens bei Seite ſchiebend, der auch vor ſeinem Stülphute und ſeinem grimmigen Ausſehen ſich alsbald zurückzog — und trat in höchſt aufgeregtem Zuſtande in die Laube. „Guter Gott! Wo biſt Du geweſen, Dobbin?“ ſagte Osborne, den weißen Kaſchemir⸗Shawl von ſeines Freundes Arm nehmend, und denſelben Amalien eiligſt überwerfend. — „Mach' Dich nützlich, und nimm Jos unter Deine Obhut, während ich die Damen in den Wa⸗ gen bringe.“ Jos wollte aufſtehen, um die Sache zu hintertreiben — aber ein einziger Stoß von Osborne's Finger brachte ihn wieder keuchend auf ſeinen Sitz zurück, und ſo konnte denn der Lieutenant die Damen in aller Sicherheit weg⸗ bringen. Jos warf ihnen, wie ſie ſich entfernten, Kuß⸗ hände nach, und brachte ſchluchzend die Worte hervor: „Gott ſegne Euch, Gott ſegne Euch!“ Sodann ergriff er Capitän Dobbin's Hand, und vertraute, unter jämmer⸗ lichem Weinen, dieſem Herrn das Geheimniß ſeiner Liebe — 91 an. Er bete, ſo ſagte er, das Mädchen an, das eben hinausgegangen; er wiſſe wohl, daß er durch ſein Be⸗ nehmen ihr Herz gebrochen; er wolle ſie am nächſten Morgen in der Sanct Georg's⸗Kirche in Hanover⸗Square heirathen; er wolle den Erzbiſchof von Canterbury in Lam⸗ beth aus dem Schlafe aufſtören; ja, das wolle er, beim Zeus! um ihn gleich zu haben. Dieſen Wink machte ſich nun Capitän Dobbin zu Nütze, und ſo überredete er ihn ſchlauer Weiſe, den Garten zu verlaſſen, und un⸗ verweilt nach dem Lambeth⸗Palaſte zu eilen. Sobald ſie aber einmal das Thor des Gartens hinter ſich hatten, brachte er Herrn Jos Sedley ohne viele Mühe in eine Miethkutſche, die denſelben vor ſeiner Wohnung abſetzte, ohne daß ihm weiteres Unheil zuſtieß. Was George Osborne betrifft, ſo brachte auch er die Mävchen ohne weitern Unfall nach Hauſe. Als aber die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, und er über Ruſſell⸗Square hinging, lachte er ſo laut, daß der Nacht⸗ wächter ſtaunen mußte. Amalie warf auf ihre Freundin höchſt klägliche Blicke, als ſie die Treppe miteinander hin⸗ aufgingen, und küßte ſie, und ging zu Bette, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. „Morgen muß er mit dem Heirathsantrage heraus⸗ rücken,“ dachte Rebekka. „Nicht weniger, als vier Mal hat er mich ſeine Herzallerliebſte genannt, auch hat er mir vor Amalien die Hand gedrückt. Morgen muß er heraus⸗ rücken.“ — Und ſo dachte auch Amalie. Dabei dachte ſie wohl auch an das Kleid, das ſie als Brautjungfer tragen, ſo wie an die Geſchenke, die ſie ihrer kleinen, netten Schwägerin machen, und an eine ſpätere Ceremo⸗ nie, wobei ſie ſelbſt eine Hauptrolle ſpielen würde, u. ſ. w. u. ſ. w. O, ihr unwiſſenden, jungen Geſchöpfe! Wie wenig wißt ihr von den Wirkungen des Arak⸗Punſches. Was iſt der Arak im Punſche bei Nacht, im Vergleich mit dem Katzenjammer an dem darauf folgenden Morgen? So viel kann ich, als ein Mann von Wort, verbürgen, daß in der ganzen Welt kein Kopfweh demjenigen gleichkommt, das von Vauxhall⸗Punſch verurſacht wird. Noch nach zwanzig Jahren kann ich mich, auf Ehre, der Folgen von zwei Gläſern, ſage zwei Weingläſern erinnern; und Jo⸗ ſeph Sedley, der an der Leber litt, hatte wenigſtens ein Quart von dem abſcheulichen Gebräu verſchluckt. Der nächſte Morgen, der, wie Rebekka dachte, Zeuge ihres Glückes ſein ſollte, fand Sedley unter Qualen, welche die Feder ſich ſträubt zu beſchreiben. Das Soda⸗ waſſer war noch nicht erfunden. Cofent — wird man es glauben! — war das einzige Getränk, womit unglück⸗ liche Herrn das Fieber linderten, das ſie ſich durch all⸗ zu reichliche Libationen in der Nacht zugezogen hatten. Dieſes milde Getränk hatte der Erſteuereinnehmer von Boggley Wollah vor ſich, als George Osborne ihn in ſeinem Hauſe aufſuchte, und ihn auf ſeinem Sopha ſtöh⸗ nend fand. Dobbin war bereits im Zimmer, ſeinen Pa⸗ tienten von vergangener Nacht gutmüthig pflegend. Die beiden Offiziere blickten auf den daliegenden Bacchus⸗ Prieſter, und ſahen dann einander von der Seite an, wobei Jeder in ſympathetiſcher Weiſe die Zähne gräßlicher fletſchte, als der Andere. Sogar Sedley's Diener, der der feierlichſte und untadelhafteſte aller Herrn, der ſo ſtumm und gravitätiſch war, wie ein Leichenbitter, konnte ſein Geſicht nur mit Mühe in geziemender Ordnung er⸗ halten, als er ſeinen unglücklichen Herrn anſah. „Herr Sedley war ungewöhnlich wild, vergangenen Abend, Sir,“ flüſterte er Osborne vertraulich zu, als Letzterer die Treppe hinaufging. „Er wollte mit dem Miethkutſcher anbinden, Sir. Der Capitän mußte ihn in ſeinen Armen, wie einen Säugling, die Treppe hinauf⸗ tragen.“ Ein augenblickliches Lächeln flackerte in Herr Bruſh's Geſichtszügen auf, während er alſo ſprach; in⸗ deſſen verſanken dieſelben alsbald wieder in ihre gewöhn⸗ — — 93 liche, unergründliche Ruhe, als er die Salonihür aufriß, und „Herrn Hosbin“ anmeldete. „Wie geht es Dir, Sevley?“ ſagte der junge Spaß⸗ vogel, nachdem er ſein Opfer eine Zeit lang betrachtet hatte. „Keine Knochen zerſchlagen? Drunten iſt ein Miethkutſcher mit einem blauen Auge und mit verbunde⸗ nem Kopfe; der Mann ſagt, er werde Dich verklagen.“ „Was willſt Du ſagen, — verklagen?“ fragte Sed⸗ ley mit matter Stimme. „Weil Du ihn in vergangener Nacht geprügelt haſt, — nicht wahr, Dobbin? Du haſt ja zugeſchlagen, Sir, wie Molynenr. Der Nachtwächter ſagt, er habe noch nie in ſeinem Leben einen Mann ſo mit einem Male zu Boden ſinken ſehen. Frage Dobbin.“ „Ja, Sie haben in der That mit dem Kutſcher ſich geſchlagen,“ ſagte Capitän Dobbin, „und dabei Muth genug an den Tag gelegt.“ „Und der Kerl mit dem weißen Rocke zu Vauxhall! Wie Jos auf ihn eindrang, einhieb! Wie die Frauen⸗ zimmer kreiſchten! Beim Zeus, Sir, es freute mich, Dich ſo zu ſehen: Ich dachte, Ihr Herren vom Civil hättet keine Courage; allein ich werde mich wohl hüten⸗ Dir in den Weg zu kommen, wenn Du der Flaſche etwas zugeſprochen, Jos.“ „Ich glaube, ich bin ein fürchterlicher Menſch, wenn es ſo an mich kommt,“ heulte Jos vom Sopha her, und machte dabei eine ſo traurige und lächerliche Grimaſſe, daß die Höflichkeit des Capitäns nicht länger Stand hielt, und er mit Osborne in ein wieherndes Gelächter ausbrach. Osborne verfolgte ſeinen Vortheil unbarmherzig. Er hielt Jos für eine Memme. Er hatte die zwiſchen Jos und Rebekka obwaltende Heirathsfrage bei ſich überlegt, und empfand keine übermäßige Freude darüber, daß ein Glied einer Familie, in die er, George Osborne vom —ſten Regimente, zu heirathen im Begriffe war, eine Mesalliance mit einer kleinen, unbedeutenden Perſon — einer kleinen Gouvernante ohne Vermögen und Geburt — ſchließen wollte. „Du ſchlagen, Du armer, alter Kerl?“ ß ſagte Osborne. „Du fürchterlich? Ei, Mann, Du konnteſt nicht einmal ſtehen, konnteſt Dich nicht einmal aufrecht halten — Du machteſt im Garten Jedermann lachen, obgleich Du ſelbſt weinteſt. Du warſt in Deiner 8 Weinlaune, Jos. Erinnerſt Du Dich nicht, wie Du ein Lied ſangeſt?“ 5 „Ein was?“ fragte Jos. „Ein ſentimentales Lied, und erinnerſt Du Dich 3 nicht, wie Du Roſa, Rebekka, wie heißt ſie nur gleich? — kurz Amalien's kleine Freundin Deine Herzallerliebſte nannteſt?“ Bei dieſen Worten ergriff der unbarmherzige, junge Geſelle Dobbin's Hand, und führte die ganze Scene noch einmal auf, zum großen Entſetzen des ur⸗ ſprünglichen Akteurs, und trotz Dobbin's gutmüthigem Bitten, daß er doch Mitleid mit ihm haben möchte. „Warum ſollte ich ihn auch ſchonen,“ ſagte Osborne * auf die Vorſtellungen ſeines Freundes, als ſie den In⸗ validen verließen, und ihn den Händen des Dr. Gollop überantworteten. „Zum Henker, was für ein Recht hat er, ſich wie ein Gönner zu geriren, und uns in Vaurhall zu Narren zu haben? Wer iſt das kleine Schulmädchen, das ſtets mit ihm liebäugelt, und ihn in ihre Netze zle⸗ hen will? Zum Henker! die Familie iſt ſchon niedrig genug ohne ſie. Es mag eine Gouvernante in ihrer Art eihe gute Perſon, und ſonſt nicht viel gegen ſie einzuwen⸗ den ſein, aber doch möchte ich lieber eine Lady zur Schwä⸗ gerin haben. Ich bin ein freifinniger Mann, habe aber doch meinen Stolz, und kenne den mir in der Geſellſchaft — gebührenden Platz: ſie möge nun auch ſich an ihren Platz ſtellen. Auch werde ich den großen, aufſchneideri⸗ ſchen Nabob ſchon noch herabſtimmen, und ihn verhindern, daß er ſich zu einem größeren Narren macht, als er be⸗ reits iſt. Deßhalb ſagte ich ihm, er ſolle auf ſeiner Hut — 8 95 3 ſein, damit nicht noch eine Klage wegen gebrochenen Eheverſprechens gegen ihn anhängig gemacht werde.“ „Ich denke, Du weißt das am Beſten,“ ſagte Dob⸗ bin, obwohl in etwas zweifelndem Tone. „Du biſt ſtets ein Tory geweſen, und Deine Familie iſt eine der älteſten in England; aber —“ „Komm' und gehe zu den Mädchen, und mache Miß Sharp ſelbſt den Hof,“ unterbrach hier der Lieutenant ſeinen Freund; aber Kapitän Dobbin exeufirte ſich, und wollte ſich Osborne nicht bei ſeinem täglichen Beſuche bei den jungen Damen in Ruſſell⸗Square anſchließen. Wie er, von Holborn herab, durch Southampton⸗ Row kam, lachte er, da er im Sevley'ſchen Hauſe, in zwei verſchiedenen Stockwerken, zwei auf der Lauer liegende Köpfe herausſchauen ſah. WMiß Amalie war nämlich auf dem Balkone des Sa⸗ lons eifrigſt damit beſchäftigt, nach der entgegengeſetzten Seite des Squares, wo Herr Osborne wohnte, zu blicken, um wo möglich den Lieutenant kommen zu ſehen; Miß Sharp dagegen ſandte von ihrem kleinen Schlafzimmer im zweiten Stockwerfe herab ſpähende Blicke nach Herr Joſeph's mächtiger Geſtalt aus. „Schweſter Anna iſt auf dem Wartthurme,“ ſagte er zu Amalien; „allein es kommt Niemand;“ und nun be⸗ ſchrleb er, lachend und über den Spaß ſich ungeheuer freuend, Miß Sedley auf die drolligſte Weiſe den trüb⸗ ſeligen Zuſtand ihres Bruders. „Es iſt doch aber recht grauſam von Ihnen, zu la⸗ chen, George,“ ſagte ſie ganz düſter; allein George lachte nur um ſo mehr über die jämmerliche Miene, die ſie an⸗ genommen, und beharrte darauf, in dem Spaſſe etwas hoͤchſt Luſtiges zu erblicken, und als Miß Sharp die Treppe herabkam, fing er an, ſie mit vieler Lebhaftigkeit über die Wirkung zu necken, die ihre Reize auf den dicken Civili⸗ ſten ausgeübt. „O, Miß Sharp! Koͤnnten Sie ihn nur dieſen Mor⸗ 96 gen ſehen,“ ſagte er — „wie er in ſeinem geblümten Schlafrocke ſtöhnt, wie er ſich auf ſeinem Sopha krümmtz hätten Sie nur ſehen können, wie er Gollop, dem Apo⸗ theker, ſeine weit herausgeſtreckte Zunge zeigte.“ „Wenn ich wen ſehen könnte?“ ſagte Miß Sharp. „Wen? O wen? Kapitän Dobbin natürlich, für den wir, beiläufig geſagt, geſtern Abend Alle ſo viele Aufmerkſamkeit an den Tag gelegt haben.“ „Wir waren gar unfreundlich gegen ihn,“ ſagte Emmy, tief erröthend. „Ich — ich vergaß ihn ganz.“ „Natürlich,“ rief Osborne, immer noch lachend. „Man kann nicht immer an Dobbin denken, Sie wiſſen es wohl, Amalie. Kann man, Miß Sharp?“ „Ausgenommen, als er bei Tiſche das Weinglas um⸗ warf,“ ſagte Miß Sharp, mit hochmüthiger Miene und den Kopf ſchüttelnd, „habe ich mir nie mit Kapitän Dob⸗ bin's Exiſtenz auch nur einen Augenblick zu ſchaffen ge⸗ macht.“ „Sehr gut, Miß Sharp, ich will es ihm ſagen,“ ſagte Osborne; und während er ſo ſprach, fing bei Miß Sharp ein Gefühl des Mißtrauens und des Haſſes gegen dieſen jungen Offizier, das er ſich ganz und gar nicht be⸗ wußt war, eingefloͤßt zu haben, ſich zu regen an. „Er will ſich über mich luſtig machen, wirklich?“ dachte Re⸗ bekka. „Hat er bei Joſeph über mich gelacht? Hat er ihn abgeſchreckt? Vielleicht kommt er nicht.“ Hier umnebelten ſich ihre Augen, und ſchlug ihr Herz, als wollte es zerſpringen. „Sie find immer mit Ihren Späſſen da,“ ſagte ſie, ſo unſchuldig lächelnd, als ſie nur konnte. „Machen Sie mit Ihren Späſſen fort, Herr George, es iſt ja Niemand da, um mich zu vertheidigen.“ Und George Osborne empfand, als ſie ſich entfernte, und Amalie ihn tadelnd anſah, wirklich einige mannhafte Reue darüber, daß er gegen das ſchutzloſe Geſchöpf un⸗ nothiger Weiſe ſich unfreundlich gezeigt. „Meine theuerſte 97 Amalie,“ ſagte er, „Sie ſind zu gut — zu freundlich ge⸗ gen Andere. Sie kennen die Welt nicht, — wohl aber ich. Und was Ihre kleine Freundin Miß Sharp betrifft, ſo muß ſie die ihr zukommende Stellung kennen lernen.“ „Glauben Sie nicht, Jos werde —“ „Auf Ehre, meine Theure, ich weiß es nicht. Viel⸗ leicht thut er es, vielleicht nicht; ich hindere ihn nicht, da ich nicht ſein Herr bin. Ich weiß bloß, daß er ein äußerſt thörichter, eitler Menſch iſt, und daß er ein klei⸗ nes, liebes Mädchen geſtern Abend in eine ſehr peinliche und ſchiefe Lage gebracht hat. Meine Herzallerliebſte!“ Und abermals lachte er laut auf, und zwar in ſo drolliger Weiſe, daß auch Emmy lachte. An jenem ganzen Tage zeigte ſich Jos keinen Augen⸗ blick. Amalie aber war deßhalb nicht in Furcht, denn die kleine Ränkeſchmiedin hatte wirklich ihren Pagen, Herrn Sambo's Adjutanten, nach Herr Joſeph's Wohnung ge⸗ ſchickt, um nach einem Buche, das er verſprochen, ſo wie nach ſeinem Befinden fragen zu laſſen; und die Antwort durch Jos Bedienten, Herrn Bruſh, war, daß ſein Herr krank im Bette liege und daß ſo eben der Doktor bei ihm geweſen ſei. Morgen muß er kommen, dachte ſie, hatte aber nicht den Muth, mit Amalie ein Wort über den Gegenſtand zu ſprechenz auch ſpielte dieſes junge Frauenzimmer ſelbſt, während des ganzen Abends nach der Vaurhall⸗Partie, in keiner Weiſe darauf an. Am nächſten Tage aber, während die zwei jungen Damen auf dem Sopha ſaßen und ſich ſtellten, als arbei⸗ teten ſie, oder als ſchrieben ſie Briefe, oder als läſen ſie Romane, kam Sambo mit ſeinem gewöhnlichen, anziehen⸗ den Zähnefletſchen in das Zimmer herein, mit einem Pa⸗ ckete unter dem Arme, und einem Billet auf einem Präſen⸗ tirteller. „Ein Billet von Herrn Jos, Miß,“ ſagte Sambv. Wie zitterte Amalie, als ſie es aufmachte! Es lautete, wie folgt: — Der Jahrmarkt des Lebens. 1 C. 98 „Liebe Amalie, — Ich ſchicke Dir die „Waiſe vom Walde.“ Ich war geſtern zu unwohl, um zu Euch zu kommen. Heute verreiſe ich nach Cheltenham. Ent⸗ ſchuldige mich doch, wenn Du kannſt, bei der liebenswür⸗ digen Miß Sharp, wegen meiner Aufführung in Vaux⸗ hall, und bitte ſie, daß ſie jedes Wort, ſo ich etwa, erhitzt durch jenes unglückſelige Souper, geſprochen, verzeihen und vergeſſen möge. Sobald ich mich wieder erholt habe, denn meine Geſundheit iſt gar ſehr erſchüttert, werde ich auf einige Monate nach Schottland gehen. Unterdeſſen verbleibe ich . „Dein aufrichtig liebender „Joſ. Sedley.“ Es war das Todesurtheil. Alles war vorüber. Amalie wagte es nicht, auf Rebekka's blaſſes Geſicht und ihre bren⸗ nenden Augen zu blicken, ſondern ließ den Brief in den Schooß ihrer Freundin finken, ſtand auf, ging in ihr Zim⸗ mer hinauf, und weinte ſich ſatt. Dort ſuchte ſie Blenkinſop, die Haushälterin, bald auf, um ihr Troſt zuzuſprechen; und in der That weinte Amalie zutrauensvoll auf ihrer Schulter, und erleichterte ſich ſo nicht wenig. „Nehmen Sie ſich die Sache doch nicht ſo zu Herzen, Miß. Ich wollte es Ihnen nur nicht ſagen; aber keines von uns im ganzen Hauſe hat ſie gern gehabt, außer im Anfange. Ich habe mit meinen eigenen Augen geſehen, wie ſie Ihrer Mama Brief las. Pinner ſagt, ſie ſei immer mit Ihrem Schmuckkäſtchen und Ihrer Commode, ſo wie mit Jedermann's Commode beſchäftigt, und ſie iſt überzeugt, daß ſie Ihr weißes Band in ihren Koffer geſteckt hat. „Ich habe es ihr aber ja gegeben,“ ſagte Amalie. Allein dieß konnte Mrs. Blenkinſop's Meinung über Miß Sharp nun einmal nicht ändern. „Ich, meines Theils, traue den Gouvernanten nicht, Pinner,“ bemerkte ſie ge⸗ gen die Kammerjungfer. „Sie geriren ſich wie Ladies, 99 und doch iſt ihr Lohn nicht größer, als meiner oder Ihrer.“ Es wurde nun Jederman im Hauſe, nur nicht der armen Amalie, klar, daß Rebekka nicht länger dableiben könne, und Hoch und Niedrig (immer nur mit der einzi⸗ gen Ausnahme) theilte die Anſicht, daß dieſes Ereigniß ſobald als möglich Statt finden müſſe. Unſer armes Kind durchſtöberte und plünderte alle ihre Commoden, Schränke, Ridiküle und ſonſtigen zur Aufbewahrung ihres Plunder⸗ krames dienenden Behälter — muſterte alle ihre Kleider, Fichüs, Schnürnadeln, Spitzen, Litzen, Krägen, ſeidene Strümpfe und vergleichen Dinge — das Eine oder das Andere ausleſend, um Rebekka ein klein wenig auszuſtatten. Sodann ging ſie zu ihrem Vater, dem großmüthigen bri⸗ tiſchen Kaufmann, der verſprochen hatte, daß er ihr ſo viele Guineen geben wollte, als ſie Jahre alt wäre — und bat den alten Herrn, das Geld der lieben Rebekka zu geben, die es brauchen müſſe, während es ihr ſelbſt an Nichts gebräche. George Osborne ſelbſt mußte beiſteuern, und es ging derſelbe in der That, ohne zu zögern (denn er war ein ſo freigebiger junger Burſche, als nur je einer in der Armee zu finden war), nach Bondſtreet, und kaufte den beſten Hut und Spencer, der für Geld zu haben war. „Dieſes Geſchenk kommt von George, und gehört Ihnen, theure Rebekka,“ ſagte Amalie, ganz ſtolz auf den Carton, worin die genannten Gegenſtände ſich befanden. „Welch' guten Geſchmack er hat! Es thut's ihm darin Niemand gleich.“ „Niemand,“ antwortete Rebekka. „Wie dankbar bin ich ihm!“ — In ihrem Herzen aber dachte ſie, „es war George Osborne, der meine Heirath verhinderte.“ Und in entſprechendem Maaße liebte ſie auch George Osborne. . * Sie traf alle ihre Anſtalten zur Abreiſe mit vieler Seelenruhe, und nahm alle freundlichen, kleinen Geſchenke Amaliens an, nachdem ſie ſich gerade ſo lange geweigert und unſchlüſſig gezeigt, als es die Schicklichkeit erforderte. Natürlich gelobte ſie Mrs. Sedley ewige Dankbarkeit, drängte ſich aber dabei der guten Dame, welche in Ver⸗ legenheit kam und ihr offenbar ausweichen wollte, nicht allzu ſehr auf. Sie küßte Herr Sedley's Hand, als er ihr die Boͤrſe ſchenkte, und bat ihn um Erlaubniß, ihn hinfort als ihren gütigen, gütigen Freund und Beſchützer anſehen zu dürfen. Ihr Benehmen hatte ſo viel Rühren⸗ des, daß er im Begriffe war, ihr eine auf weitere zwanzig Pfund lautende Anweiſung zu ſchreiben; allein er zügelte noch ſeine Gefühle. Der Wagen ſtand bereit, um ihn zum Eſſen abzuholen; er trippelte daher fort, mit den Worten: „Gott geleite Sie, meine Liebe. Kommen Sie immer zu uns, wenn Sie in die Stadt kommen. — Nach dem Man⸗ ſion Houſe, James!“ Endlich kam der Augenblick, wo Rebekka von Miß Amalien Abſchied nahm, — ein Gemälde, worüber ich einen Schleier zu werfen gedenke. Aber nach einer Scene, bei der es einer Perſon ernſt war, und die andere ſich als vollkommene Schauſpielerin zeigte — nachdem die zärt⸗ lichſten Liebkoſungen, die pathetiſchſten Thränen, das Riechfläſchchen, und einige der edelſten Gefuhle des Her⸗ zens aufgeboten worden waren, trennten ſich Rebekka und Amalie, wobei Erſtere hundert Mal ſchwur, daß ſie ihre Freundin ewig, ja ewig lieben würde. 101 Siebentes Rapitel, Crawley von Queen's Crawley. Unter den geachtetſten, mit C anfangenden Namen, welche im Hof⸗ und Staats⸗Kalender für das Jahr 18 — ſtanden, befand ſich der von Crawley, Sir Pitt, Baronet, Great Gaunt Street und Queen's Crawley, Hants *). Dieſer ehrenwerthe Name hatte gleichfalls ſeit langen Jah⸗ ren in Verbindung mit dem einer Anzahl anderer würdi⸗ ger Gentlemen, die nach einander den Burgflecken reprä⸗ ſentirten, in dem Verzeichniſſe der Parlamentsmitglieder figurirt. Hinſichtlich des Burgfleckens Queen's Crawley wird erzählt, daß die Koͤnigin Eliſabeth einſt auf einer ihrer Reiſen zu Erawley angehalten habe, um zu frühſtücken, und daß ſie von einem außerordentlich guten Hampſhire Bier, das ihr von dem damaligen Grawley — einem ſcho⸗ nen Gentleman mit ſchmuckem Barte und einem hübſchen Beine — kredenzt worden, ſo entzückt geweſen ſei, daß ſie ſofort Crawley zu einem Burgflecken, der das Parlament mit zwei Mitgliedern beſchicken durfte, erhob; und von dem Tage dieſes denkwürdigen Beſuches führte der Ort den Namen Queen's Crawley, und hat denſelben auch bis auf den heutigen Tag behalten. Und obgleich im Ver⸗ laufe der Zeit, und in Folge der Veränderungen, welche Jahrhunderte in Reichen, Städten und Flecken hervor⸗ bringen, Queen's Crawley kein ſo bevölkerter Ort mehr war, wie zu den Zeiten der Königin Beß — ja, obgleich es zu jenem Burgflecken⸗Zuſtande herabgeſunken war, den *) Hampſhire. 102 man mit dem charakteriſtiſchen Namen „faul“ zu bezeich⸗ nen pflegte, ſo konnte doch Sir Pitt Crawley mit vollem Rechte in ſeiner eleganten Weiſe ſagen: „Faul! Zuu Henker! — der Flecken trägt mir jährlich gute fünfzehn⸗ hundert Pfund.“ Sir Pitt Crawley (nach dem großen Unterhausmit⸗ gliede ſo benamst) war der Sohn Walpole Crawley's, erſten Baronete, und unter der Negierung Georgs II., wo er wegen Kaſſen⸗Diebſtahls in Anklageſtand verſetzt wurde, wie noch viele andere ehrliche Männer jener Zeit, im Schnur⸗ und Siegellack⸗Amte (Tape and Sealing-Wax Ofüce) angeſtellt; und Walpole Crawley war, wie wir kaum zu bemerken brauchen, ein Sohn von John Chur⸗ chill Crawley, der nach dem berühmten Felvherrn aus der Zeit der Königin Anna ſo genannt war. Ferner thut der Familienſtammbaum, der zu Queen's Crawley hängt, eines Charles Stuart, ſpäter Barebones Crawley genannf, und Sohnes des Crawley aus den Zeiten James' I., Erwäh⸗ nung; und endlich des Crawley aus den Zeiten der Köni⸗ gin Eliſabeth, der im Vordergrunde des Gemäldes ſteht, und in ſeinem gabelförmigen Barte und ſeiner Rüſtung abgebildet iſt. Aus ſeiner Weſte wächst, wie gewöhnlich, ein Baum hervor, auf deſſen Hauptzweigen die vorer⸗ wähnten berühmten Namen ſtehen. Dicht neben dem Na⸗ men von Sir Pitt Crawley, Baronet (welcher uns hier beſchäftigt), ſteht der ſeines Bruders, des Ehrwürdigen Bute Crawley (das große Unterhausmitglied war in Un⸗ gnade gefallen, als der Ehrwürdige Herr geboren wurde), Rektors (Pfarrherrn) von Crawley⸗cum⸗Snailby, ſammt denen der verſchiedenen andern männlichen und weiblichen Glieder der Crawley'ſchen Familie. Sir Pitt war zuerſt verheirathet an Grizzel, ſechste Tochter von Mungo Binkie, Lord Binkie, und folglich Vetter von Herrn Dundas. Sie gebar ihm zwei Söhne: Pitt, der nicht ſowohl ſeinem Vater, als dem dem Himmel entſproſſenen Miniſter nachgenannt wurde; und Rawdon — 103 Crawley, dem Freunde des Prinzen von Wales, den Seine Majeſtät Georg IV. ſo vollſtändig vergaß, nachgenannt. Viele Jahre nach dem Ableben ihrer Labyſhip führte Sir Pitt zum Altare Roſa, Tochter von Herrn G. Grafton von Mudbury, mit der er zwei Töchter zeugte, für welche nun Miß Rebekka Sharp als Erzieherin engagirt war. Man ſieht, daß vie junge Dame in eine Familie mit ſehr achtbaren Connexionen kam, und alle Ausſicht hatte, ſich in einem weit vornehmeren Kreiſe zu bewegen, als der in Ruſſell⸗Suare war, den ſie ſo eben verlaſſen hatte. Sie hatte die Weiſung, ihre Stelle anzutreten, in der Form eines Billets erhalten, das auf ein altes Brieftou⸗ vert geſchrieben war, und folgende Worte enthielt: „Sir Pitt Crawley bittet, daß Miß Sharp ſammt Baggaſche am Dienſttag hier ſein möge, da ich morgen frü nach Queen's Crawley abreiße. „Great Gaunt Street.“ Rebekka hatte noch nie, ſo viel ſie wußte, einen Ba⸗ ronet geſehen, und ſobald ſie von Amalien Abſchied ge⸗ nommen, die Guineen gezählt, welche der gutmüthige Herr Sedley ihr in einer Börſe übergeben, und mit ihrem Taſchentuche ihre Thränen getrocknet hatte (welche Ope⸗ ration in demſelben Augenblicke beendigt war, wo die Kutſche um die Straßenecke bog), fing ſie an, im Geiſte ſich einen Baronet auszumalen. „Möchte wohl wiſſen, ob er mit Ordensſternen geziert iſt?“ dachte ſie; „oder haben nut Lords ſolche Sterne? Aber es kann nicht fehlen, daß er neben feinen Manſchetten einen glänzenden Galla⸗Rockträgt, und ein leicht gepudertes Haar hat, wie Herr Wroughton im Covent⸗Garden⸗Theater. Vermuthlich iſt er furchtbar ſtolz, und eben ſo wahrſcheinlich iſt, daß ich hochſt ver⸗ ächtlich werde behandelt werden. Dennoch muß ich mein hartes Loos ertragen, ſo gut ich eben kann; — auf jeden Fall bin ich ja bei Leuten von Stand, bei Adeligen, und nicht bei gemeinem Volke aus der City.“ Und nun dachte ſie an ihre Freunde in Ruſſell⸗Square mit der nämlichen 104 philoſophiſchen Bitterkeit, mit der eine gewiſſe Fabel den Fuchs von den Trauben ſprechen läßt. Der Wagen war durch Gaunt⸗Square in Great Gaunt Street eingefahren, und hielt endlich vor einem großen, düſtern Hauſe zwiſchen zwei andern großen und düſtern Häuſern, von denen jedes das Wappen eines Ver⸗ ſtorbenen an dem mittleren Salonfenſter zeigte, wie es in Häuſern in Great Gaunt Street, in welch' vüſterer Lokalität der Tod ewig zu herrſchen ſcheint, der Brauch iſt. Die Fenſterläden im erſten Stockwerke von Sir Pitt's Hauſe waren zu — die des Speiſeſaals theilweiſe offen, und die Jaloufien ſauber mit alten Zeitungen überdeckt. John, der Groom, welcher, als Kutſcher, allein beim Wagen war, mochte nicht abſteigen, um zu klingeln; er erſuchte daher einen eben vorübergehenden Milchjungen, es für ihn zu thun. Sobald die Schelle gezogen wurde, zeigte ſich ein Kopf an einem Fenſterladen im Speiſe⸗ zimmer, und es wurde die Thüre geöffnet von einem Manne mit ſchmutzfarbenen Hoſen und dittv Kamaſchen, einem ſchmierigen, alten Rocke, einem ſchmutzigen, alten, um den borſtigen Hals gewundenen Halstuche, einem glän⸗ zenden Kahlkopfe, einem rothen, ſchläu lächelnden Ge⸗ ſichte, einem Paar grauer, funkelnder Augen und einem ſtets ſarkaſtiſch verzogenen Munde. „Wohnt hier Sir Pitt Crawley?“ ſagte John vom Bocke herab. „Ja,“ ſagte der Mann an der Thüre nickend. „Langt dieſe Koffer da herab,“ ſagte John. „Langt ſie ſelbſt herab,“ ſagte der Pförtner. „Seht Ihr nicht, daß ich meine Pferde nicht allein laſſen kann? Kommt, legt Hand an, mein Guter, Miß wird Euch ein Trinkgeld geben,“ ſagte John mit wiehern⸗ dem Gelächter, denn er reſpektirte jetzt Miß Sharp nicht mehr, da ihre Verbindung mit der Familie abgebrochen war, und ſie bei ihrer Abreiſe der Dienerſchaft Nichts ge⸗ geben hatte. — 105 Der kahlköpfige Mann nahm nun die Hände aus den beiden Hoſentaſchen, ging an den Wagen hin, warf Miß Sharp's Koffer auf die Schulter, und trug ihn in das Haus hinein. „Nehmet gefälligſt dieſen Korb und dieſen Shawl, und macht die Wagenthüre auf,“ ſagte Miß Sharp, und ſtieg ganz indignirt aus. „Ich werde an Herrn Sedley ſchreiben, und ihm Euer Betragen melden,“ ſagte ſie zu dem Groom. „Thun Sie's ja nicht,“ erwiederte der Kutſcher. „Hoffentlich haben Sie Nichts vergeſſen? Miß' Melia's Kleider — haben Sie ſie — die Kleider, welche die Kam⸗ merjungfer bekommen ſollte? Hoffentlich paſſen ſie Ihnen. Macht die Thüre zu, hier, aus der zieht Ihr nichts Gu⸗ tes,“ fuhr John fort, mit dem Daumen auf Miß Sharv deutend: „nichts Rares, ſage Euch, nichts Rares,“ und ſo ſprechend fuhr Herrn Sedley's Grvom davon. Sollen wir aber die Wahrheit ſagen, ſo müſſen wir nothwendig bemerken, daß er mit der fraglichen Kammerjungfer eine Liebſchaft hatte, und ganz empört war, als er derſelben die Gegenſtände entgehen ſah, vie ihr ſonſt zugefallen wären. Beim Eintteten in das Speiſezimmer — was in Folge der Weiſung des Individuums mit ven Kamaſchen geſchah, — fand Rebekka dieſes Appartement um Nichts frenndlicher, als ſolche Zimmer gewöhnlich ſind, wenn die ſie bewohnenden vornehmen Familien ſich auf dem Lande aufhalten. Die getreuen Räume ſcheinen gleichſam die Abweſenheit ihrer Herren zu betrauern. Der türkiſche Teppich hat ſich aufgerollt, und verdrießlich unter den Servicetiſch zurückgezogen; die Gemälde haben ihre Ge⸗ ſichter hinter alte Bogen grauen Papiers verborgen: der Kronleuchter iſt in einen trübſelig genug ausſehenden Sack von grauer Leinwand gehüllt; die Fenſtervorhänge ſind unter allerlei ſchlechten Hüllen verſchwunden; die Marmorbüſte von Sir Walpole Crawley ſchaut aus ihrem 166 . finſtern Winkel auf die nackten Dielen und das eingeölte Kamingeräth, ſowie auf die leeren Viſitenkartenhalter auf dem Kamingeſimſe: der Flaſchenkeller hat ſich hinter den Teppich verſteckt: die Stühle ſind mit in die Höhe ſtehen⸗ den Füßen an den Wänden aufgeſtellt; und in dem vun⸗ keln Winkel gegenüber der Büſte befindet ſich ein wunder⸗ lich ausſehender, altmodiſcher Meſſerbehälter: derſelbe iſt verſchloſſen, und ruht auf einem Kammerdiener.“) Zwei Küchenſtühle, ein runder Tiſch, ein altersſchwa⸗ ches Schüreiſen und eine Feuerzange waren indeſſen um das Kamin her verſammelt, und über einem ſchwachen, ſpritzenden Feuer war eine Caſſerole. Auf dem Tiſche lag etwas Käſe und Brod; auch bemerkte man darauf einen Pintkrug mit ſchwarzem Porter, ſo wie einen zin⸗ nernen Leuchter. „Vermuthlich ſchon geſpeiſt? Iſt doch nicht zu warm für Sie? Wollen vielleicht einen Schluck Bier?“ „Wo iſt Sir Pitt Crawley?“ ſagte Miß Sharp majeſtätiſch. „Hi, hi! Ich bin Sir Pitt Crawley. Dürfen nicht vergeſſen, daß Sie mir eine Pinte für das Hereintragen Ihres Gepäckes ſchuldig ſind. Hi! hi! Fragen Sie nur die Tinker, ob ichs nicht bin. Mrs. Tinker, Miß Sharpz; Fräulein Gouvernante, Frau Aufwärterin. Ho, ho!“ In dieſem Augenblick erſchien die Dame, welche als Mrs. Tinker angeredet worden war, mit einer Pfeife und einer Düte voll Tabak, welche beiden Artikel ſie eine Mi⸗ nute vor Miß Sharp's Ankunft hatte holen müſſen; und nun überreichte ſie dieſelben Sir Pitt, der ſich inzwiſchen an das Feuer geſetzt hatte. „Wo iſt der Farthing?“ ſagte er. „Ich habe Euch doch drei halbe Pence gegeben. Wo iſt das Geld, das Ihr herausbekommen habt, alte Tinker?“ *) Eine Art runden (Dreh⸗) Fiſches. 107 „Da!“ erwiederte Mrs. Tinker, die Münze hinwer⸗ fendz „nur Baronets kümmern ſich um Farthings.“ „Ein Farthing per Tag macht ſieben Shillinge im Jahre,“ erwiederte das Parlamentsmitglied; ſieben Shil⸗ linge per Jahr ſind das Intereſſe von ſieben Guineen. Nehmt Eure Heller in Acht, alte Tinker, ſo werden die Guineen bei Euch von ſelbſt kommen.“ „Sie dürfen ſich vrauf verlaſſen, es iſt Sir Pitt Crawley, junges Frauenzimmer,“ ſagte Mrs. Tinker mür⸗ riſch; „weil er auf ſeine Farthings ſieht. Bald genug werden Sie ihn beſſer kennen lernen.“ „Und mich darum nicht weniger lieb haben, Miß Sharp,“ ſagte der alte Herr in faſt verbindlicher Weiſe. „Ehe ich freigebig bin, muß ich gerecht ſein.“ „In ſeinem ganzen Leben hat er noch nie einen Far⸗ thing verſchenkt,“ brummte Mrs. Tinker. „Nie, auch wird er es nie thun? es iſt gegen meine Grundſätze. Geht, und holet noch einen Stuhl aus der Küche, Tinker, wenn Ihr ſitzen wollt; und dann wollen wir Etwas zu Nacht eſſen.“ Nach einer kleinen Weile ſtach der Baronet mit einer Gabel in die am Feuer ſtehende Caſſerole, und zog dar⸗ aus ein Stück Gekröſe, ſowie eine Zwiebel hervor, welche beide er in ziemlich gleiche Theile ſchnitt, und wovon er nun mit Mrs. Tinker aß. „Sie ſehen, Miß Sharp, wenn ich nicht hier bin, ſo bezahle ich der Tinker die Koſt, und ſie kann es dann damit halten, wie ſie mag; wenn ich aber in der Stadt bin, ſo ſpeiſt ſie mit der Familie. Ha, ha! Ich bin froh, daß Miß Sharp keinen Hunger hat; iſt es Euch nicht auch lieb, Tink 2 Und nun fielen ſie über ihr frugales Nachteſſen her. Als das Eſſen vorüber war, zündete Sir Pitt Craw⸗ ley ſeine Pfeife an, und als es ganz dunkel wurde, das in dem zinnernen Leuchter ſieckende Binſenlicht. Sodann zog er aus einer unergründlichen Taſche eine ungeheure Maſſe von Papieren hervor, und fing an, ſie zu leſen und zu ordnen. „Ich bin wegen einiger Prozeſſe hier, meine Liebe, und ſo fügt ſich's, daß ich morgen das Vergnügen habe, mit einer ſo hübſchen Gefährtin zu reiſen.“ „Er hat immer und ewig Prozeſſe,“ ſagte Mrs. Tin⸗ ker, nach dem Porterkruge greifend. „Trinkt, und laßt es weiter gehen,“ ſagte der Ba⸗ ronet. „Ja, meine Liebe, die Tinker hat ganz Recht: ich habe mehr Prozeſſe verloren und gewonnen, denn irgend Einer in England. Sehen Sie her: Crawley, Bart. v. “) Snaffle. Der Mann verliert's, oder ich heiße nicht Pitt Crawley. Podder und ein Anderer versus Crawley, Bart. *) Die Inſpektoren des Kirchſpiels Snailby wider Crawley, Bart. Sie können nicht beweiſen, daß es eine Almende iſt: ſie mögen nur kommen: das Land gehört mir: es gehört dem Kirchſpiel eben ſo wenig, als Ihnen, oder der Tinker da. Ich muß den Prozeß gewinnen, und ſollte es mir auch tauſend Guineen koſten. Sehen Sie die Papiere an; Sie dürfen wohl, meine Liebe. Haben Sie eine ſchoͤne Handſchrift? Führen Sie eine gewandte Feder? Ich werde mir Ihre Talente zu Nutze machen, wenn wir zu Queen's Crawley ſind: Sie dürfen ſich dar⸗ auf verlaſſen, Miß Sharp. Die Wittwe mit dem Leib⸗ gedinge iſt todt, und ſo brauche ich denn Jemand an⸗ ders.“ „Sie war um kein Haar beſſer, als er,“ ſagte die Tinker. „Mit jedem ihrer Handwerksleute hatte ſie einen Proceß; auch hat ſie in vier Jahren nicht weniger, als acht und vierzig Lakaien weggeſchickt.“ „Sie war ſparſam — ſehr ſparſam,“ ſagte der Ba⸗ ronet einfach; „allein ſie war ein werthvolles Frauenzim⸗ mer für mich, und erſetzte mir einen Verwalter.“ Ni. e. versus, wider, gegen. **) j. o. Baronet. . ————— — 109 Und in dieſer vertraulichen Weiſe dauerte das Ge⸗ ſpräch zur großen Beluſtigung der Neuangekommenen ziemliche Zeit. Wie es ſich auch mit Sir Pitt Crawley's Eigenſchaften verhalten mochte — mochten ſie gut oder ſchlecht ſein, ſo viel iſt gewiß, daß er daraus kein Hehl machte. Er ſprach beſtändig von ſich, bisweilen im rohe⸗ ſten und gemeinſten Hampſhire⸗Dialekte: dann und wann nahm er aber auch den Ton eines Weltmannes an. Und ſo wünſchte er Miß Sharp eine gute Nacht, nachdem er ihr anempfohlen hatte, ſich bis fünf Uhr am nächſten Morgen bereit zu halten. „Heute Nacht werden Sie bei der Tinker ſchlafen,“ fagte er; „es iſt ein großes Bett, und es haben wohl zwei Perſonen Platz darin. Lady Craw⸗ ley ſtarb darin. Gute Nacht!“ Nachdem Sir Pitt ſo Miß Sharp eine gute Nacht gewünſcht, entfernte er ſich, und nun ging auch die feier⸗ liche Tinker, während die Neuangekommene ihr folgte, mit dem Nachtlichte in der Hand, die große, öde, ſteinerne Treppe hinauf, an ver großen, düſteren Salonthüre vor⸗ über, deren Griff in Papier gehüllt war, bis ſie endlich in das große, vordere Schlafzimmer gelangte, wo Lady Crawley in eine andere Welt hinüber geſchlummert war. Das Bett ſah, ſammt dem Zimmer, ſo grabesmäßig und düſter aus, daß man nicht allein ſich hätte einbilden kön⸗ nen, Lady Crawley ſei da geſtorben, ſondern auch, daß ſie noch darin umgehe. Rebekka ſprang indeſſen mit der größten Lebhaftigkeit im Zimmer herum, und hatte in die ungeheuren Kleider⸗ und Wandſchränke geſchaut, und die verſchloſſenen Commoden aufzumachen geſucht, ſowie auch die düſteren Gemälde und Toilettengegenſtände gemuſiert, während die alte Aufwärterin ihr Gebet verrichtete. „Ich möchte in dieſem Bett da nicht ohne ein gutes Gewiſſen ſchlafen, Miß,“ ſagte das alte Weib. „Es iſt Platz ge⸗ nug für uns und ein halbes Dutzend Geiſter darin,“ ſagte Rebekka. „Sagt mir Alles, was Ihr über Lady Craw⸗ ley, und Sir Pitt Crawley, und alle Uebrigen wißt, meine liebe Mrs. Tinker.“ Aber die alte Tinker ließ ſich von der kleinen Frage⸗ rin nicht alſo ausholen; im Gegentheil, ſie bedeutete ihr, daß das Bett ein Ort zum Schlafen und nicht zum Schwatzen ſei, legte ſich an das andere Ende des Bettes, und ließ bald ein Geſchnarche hoͤren, wie nur die Naſe der Unſchuld es hervorbringen kann. Rebekka lag lange, lange wachend da, und dachte an den nächſten Tag, und an die neue Welt, in die ſie im Begriffe war, einzutreten, ſowie an die glücklichen Chancen, die ihrer dort warte⸗ ten. Das Nachtlicht flackerte in dem Napfe. Das Kamin⸗ geſimſe warf einen großen, ſchwarzen Schatten über die Hälfte eines alten, vermoderten Stickmuſters, das ſeine Entſtehung ohne Zweifel den Händen der ſeligen Lady verdankte, ſo wie über zwei kleine Familiengemälde, wo⸗ von das eine einen jungen Menſchen in langer Univerſi⸗ tätsrobe, und das andere einen nach Soldatenart in eine rothe Jacke gekleideten Jüngling darſtellte. Als Rebekka einſchlief, wählte ſie ſich Letzteren für ihre Träume. Endlich erſchien der Morgen mit einem ſo roſigen Sommerlichte, daß ſelbſt Great Gaunt Street freundlich ausſah. Die treue Mrs. Tinker weckte daher — es war vier Uhr — ihre Bettgenoſſin, ſagte ihr, daß ſie ſich zur Abreiſe fertig machen ſollte, riegelte und ſchloß die große Hausthüre auf (deren Knarren und Zuſchlagen die ſchla⸗ fenden Echos in der Straße aufweckte), ging nach Orford Street hin, und holte dort, von einer Station weg, eine Kutſche. Es iſt wohl nicht nöthig, die Nummer des Fuhrwerkes anzugeben, oder weiter auszuführen, daß der Kutſcher darum ſo frühe ſich in der Nachbarſchaft von Swallow Street mit ſeinem Wagen aufgeſtellt hatte, weil er hoffte, daß irgend ein junger Stutzer, der aus dem Wirthshauſe nach Hauſe ſchwankte, ſeine Hülfe in An⸗ ſpruch nehmen, und ihn mit der Freigebigkeit eines Be⸗ trunkenen bezahlen würde. 6 ———————— 11¹1 Eben ſo unnöthig iſt es, zu ſagen, daß der Kutſcher, wenn derſelbe je Hoffnungen von der Art der eben er⸗ wähnten hegte, ſich gewaltig getäuſcht fand; ſo wie daß der würdige Baronet, den er nach der Cith fuhr, ihm auch nicht einen Penny mehr gab, als die Tarxe betrug. Vergebens reklamirte und ſtürmte Jehu; vergebens warf er Miß Sharp's Putzſchachteln in die Goſſe bei den Necks, und vergebens ſchwor er, daß er eine Klage anſtellen würde. „Ihr thut beſſer daran, wenn Ihr das ſein laſſet,“ ſagte einer der Hausknechte; „es iſt Sir Pitt Crawley.“ „So iſt es, Joe,“ rief der Baronet beifällig; „und ich möchte den Mann ſehen, der mich über's Ohr hauen kann.“ „Auch ich,“ ſagte Joe mürriſch grinſend, und das Gepäck des Baronets auf den Kutſchenhimmel ladend. „Reſerviret den Sitz auf dem Bocke für mich, Lea⸗ der,“ rief das Parlamentsmitglied dem Kutſcher zu, der, ſeinen Hut berührend, und dabei wutherfüllt (denn er hatte den Bock einem jungen Herrn von Cambridge verſprochen, der ihm gewiß eine Krone gegeben haben würde) antwor⸗ ttete: „Ja, Sir Pitt.“ Was Miß Sharp betrifft, ſo wurde ihr ein Rückſitz im Wagen angewieſen, der ſie nun in die weite Welt hinausführen ſollte. Wie der junge Mann von Cambridge verdrießlich ſeine fünf Ueberroͤcke vom Bocke wegnahm, aber mit ſeinem Schickſale ſich wieder ausſöhnte, als die kleine Miß Sharp ausſteigen, und ſich zu ihm auf die Außenſeite der Kutſche ſetzen mußte, wo er ſie in einen ſeiner Benjamins ein⸗ hüllte, und durchaus guter Laune wurde; — wie der engbrüſtige Herr, die geputzte Dame, die bei ihrem heili⸗ gen Ehrenworte verſicherte, daß ſie noch nie in einem öffentlichen Wagen gereiſt (denn ſtets befindet ſich eine ſolche Dame in einer Poſtkutſche, oder vielmehr befand ſich; denn wo ſind nun die Poſtkutſchen 2), und die dicke Wittwe mit der Branntweinflaſche ſich in das Innere des 112 Wagens ſetzte; — wie der Packer von ihnen Allen Geld verlangte, und von dem Herrn ſechs Pence, und von der dicken Wittwe fünf ſchmierige halbe Pence erhielt; — und wie der Wagen endlich abfuhr — jetzt durch die dun⸗ keln Gäßchen von Aldersgate ſich durchwindend, dann an der blauen Kuppel der St. Paulskirche vorbeiraſſelnd, dann raſch am Fremden⸗Eingange von Fleet Market vor⸗ überdonnernd, der, mit Exeter⸗Change, jetzt der Schatten⸗ welt angehört; — wie ſie am Weißen Bären in Picca⸗ villy vorüberfuhren, und den Thau von den Markt⸗ gärten von Knightsbridge emporſteigen ſahen; — wie Turnham ⸗Green, Brentford, Bagſhot ihrem Auge ent⸗ ſchwanden, braucht hier nicht erzählt zu werden. Aber der Schreiber dieſer Zeilen, der in früheren Tagen, und bei demſelben ſchönen Wetter, dieſelbe denkwürdige Reiſe ge⸗ macht hat, kann nicht umhin, mit ſüßem und zartem Be⸗ dauern daran zu denken. Wo iſt jetzt die Straße und ihre luſtigen Lebensbilder? Gibt es kein Chelſea oder Greenwich für den alten, ehrlichen, kupfernaſigen Kutſcher? Ich möchte wohl wiſſen, was aus dieſen luſtigen Cumpa⸗ nen geworden? Lebt der alte Weller noch, oder iſt er ge⸗ ſtorben? Und die Kellner, ja, und die Wirthshäuſer, wo ſie aufwarteten, und die großen, kalten Rindsbraten drin⸗ nen, und der verkrüppelte Hausknecht mit ſeiner blauen Naſe und ſeinem klirrenden Eimer, — wo iſt er, und ww iſt ſeine Generation? Für die jetzt noch in Kinderrocken umher wandelnden großen Genies, welche für die Kinder des geliebten Leſers Novellen und Romane ſchreiben wer⸗ den, werden dieſe Menſchen und dieſe Dinge ganz ebenſo der Legende und der Geſchichte angehören, wie Ninive, oder Coeur de Lion, oder Jack Sheppard. Für ſie werden Poſtkutſchen nur noch dem Gebiete der Romantik angehören — für ſie wird ein Geſpann von vier Braunen ebenſo fabelhaft geworden ſein, wie der Bucephalus Ale⸗ randers, oder wie Black Beß. Ah, wie glänzte deren Haar, wenn die Stallknechte die Decken wegnahmen, und 113 ſie dahin flogen — ah, wie ſchüttelten ſie ihre Schweife, als ſie am Ende der Station ſo ruhig den Hof des Gaſt⸗ hauſes betraten, und ihre Weichen ſo heftig dompften. Ach, wir werden die Muſik des Poſthorns nicht mehr um Mitternacht hören, noch werden wir auf Chauſſeen Schlag⸗ bäume auffliegen ſehen. Wohin führt uns aber die leichte Drafalgar⸗Kutſche mit ihren vier Sitzen im Innern? Steigen wir ohne weitere Abſchweifungen in Queen's Crawley ab, und ſehen wir, wie es dort Miß Rebekka Sharp geht. Achtes Rapitel. Privatim und eonfidentiell. Miß Rebekka Sharp an Miß Amalia Sedley, Ruſſell Square, London. (Frei. — Pitt Crawley.) „Meine theuerſte, ſüßeſte Amalie, „Mit welcher Miſchung von Freude und Kummer er⸗ greife ich die Feder, um an meine theuerſte Freundin zu ſchreiben! O, welche Veränderung zwiſchen heute und geſtern! Jetzt bin ich ohne Freunde und allein, geſtern war ich noch daheim, in der füßen Geſellſchaft einer Schweſter, die ich immer, immer lieben werde! „Ich mag Dir nicht ſagen, in welchen Thränen, und in welcher Traurigkeit ich die verhängnißvolle Nacht zu⸗ brachte, wo ich mich von Dir trennte. Du gingſt am Dienſtag der Freude nach, und warſt glückſelig, mit Dei⸗ ner Mutter, und Deinem ergebenen, jungen Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 8 11⁴ Krieger an der Seite, und ich dachte die ganze Nacht an Dich, wie Du bei ven Perkinſes tanzteſt, gewiß die hübſcheſte unter all' den jungen Damen auf dem Balle. Ich wurde von dem Groom in dem alten Wagen nach Sir Pitt Crawley's Stadtwohnung gebracht, wo ich, nachdem John, der Groom, ſich gegen mich auſ's Roheſte und Unverſchämteſte betragen hatte (ach, er konnte ohne Gefahr die Armuth und das Unglück inſultiren¹), Sir Pitt's Obhut übergeben wurde, und die Nacht in einem alten, düſteren Bette, und noch dazu an der Seite einer abſcheulichen, unheimlichen alten Beſchließerin, zubringen mußte. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zuthun. „Sir Pitt iſt nicht, was wir thörichten Mädchen, als wir zu Chiswick die Cäcilie laſen, uns unter einem Baronet vorſtellten. In der That kann man ſich wohl nicht leicht Etwas denken, was mit Lord Orville weniger Aehnlichkeit hätte. Stelle Dir einen alten, dicken, kurzen, gemeinen, und recht ſchmierigen Mann in alten Kleidern und abgeſchabten, alten Kamaſchen vor, der einen abſcheu⸗ lichen Knaſter raucht, und ſein abſcheuliches Nachteſſen ſelbſt in einer Kaſſerole kocht. Er hat den Dialekt der Landleute, und fluchte gewaltig auf die alte Aufwärterin, ſowie auf den Lohnkutſcher hinein, der uns nach dem Gaſt⸗ hauſe brachte, von wo die Kutſche abfuhr, auf deren Außenſeiteich den größten Theil der Reiſe machte. „Mit anbrechendem Tage wurde ich von der Auf⸗ wärterin geweckt, und, als ich vor dem Gaſthauſe an⸗ kam, zuerſt im Innern des Wageps placirt. Als wir aber an einen Ort, Namens Leakington, kamen, wo der Re⸗ gen herabzuſtrömen begann, wurde ich, — wirſt Du mir es glauben? — gezwungen, mich herauszuſetzen, — denn Sir Pitt iſt einer der Aktionäre der Poſtwagen⸗ Linie, — und als zu Mudburh noch ein Paſſagier kam, der einen Platz im Innern der Kutſche haben wollte, mußte ich ganz in den Regen hinaus, wo indeſſen ein 11⁵ junger Herr von der Univerſität Cambridge mir recht freundlich einen ſeiner Ueberroͤcke — er hatte deren meh⸗ rere, — lieh, und mich ſo vor dem Wetter ſchützte. „Dieſer Herr und der Condukteur ſchienen Sir Pitt gar gut zu kennen, und lachten nicht wenig über denſel⸗ ben. Beide ſtimmten darin überein, daß ſie ihn eine alte Schraube nannten, — womit ein ſehr geiziger, knauſeriger Menſch, ein Menſch, der, wie man ſagt, eine Laus um den Balg ſchinden möchte, bezeichnet wird. Wie ſie mir ſagten, ſo gibt er nie einem Menſchen einen Heller (und einen ſolchen Geiz haſſe ich); auch fuhren wir — der junge Herr machte mich darauf aufmerkſam — auf den zwei letzten Stationen ſehr langſam, weil Sir Pitt auf dem Bocke ſaß, und er auf dieſem Theile des Weges die Pferde ſtellt. „Wie will ich ſie aber bis Squaſhmore jagen, ſobald ich die Zügel in Händen habe,“ ſagte der junge Cantab. *) „Und 's gehört ihnen, Ma⸗ ſter Jack,“ ſagte der Condukteur. Als ich den Sinn dieſer Phraſe erfaßte, und ich ſah, daß Maſter Jack die Abſicht habe, den noch übrigen Theil des Weges die Zü⸗ gel in die Hand zu nehmen, und ſich an Sir Pitt's Pferden zu rächen, lachte ich natürlich auch. . „Indeſſen erwartete uns ein Wagen mit vler präch⸗ tigen Pferden — ſowohl an jenem, als an dieſen war faſt Nichts zu ſehen, als Familien⸗Wappenſchilde — zu Mudbury, vier Meilen von Queen's Crawley, und ſo fuhren wir ganz ſtattlich in den Park des Baronets ein. Eine ſchöne, eine Meile lange Allee führt zu dem Hauſe, und die Frau am Parkthore (auf deſſen Pfeilern eine Schlange und eine Taube, als Schildhalter im Crawley'⸗ ſchen Wappen, angebracht find) machte uns unendlich viele Bücklinge, als ſie die alten eiſernen Thore mit ihren *) Student von der univerſität Cambridge. Zierathen, Thore, die denen im verhaßten Chiswick ähneln, aufſtieß. „„Das iſt einmal eine Allee,““ ſagte Sir Pitt, „„eine Meile lang. In dieſen Bäumen da ſteckt allein für ſechs tauſend Pfund Holz. Nennen Sie das Nichts?““ Das Wort Allee ſpricht er Aelleh aus, und das Wort Nichts — Niſcht; es klingt ſo drollig; auch hatte er einen Herrn Hodſon, ſeinen Bauerknecht von Mubbury, bei ſich im Wagen, und ſie ſprachen von Auspfänden, und Verkaufen, und Trockenlegungen, und Rntergrund⸗ pflügen, und noch gar Vieles von Pächtern und landwirth⸗ ſchaftlichen Dingen — weit mehr, als ich verſtehen konnte. Sam Miles, der Wilddieb, war auf der That ertappt worden, und Peter Bailey war endlich in's Armenhaus gewandert. „„Iſt ihm ganz recht geſchehen,““ ſagte Sir Pitt; „„r und ſeine Familie haben mich in den letzten hundert und fünfzig Jahren auf dem Gute genug betro⸗ gen.““ Vermuthlich ein alter Pächter, der ſein Pacht⸗ geld nicht bezahlen konnte. Gewiß hätte Sir Pitt ſagen können „„er und ſeine Familie;““ aber reiche Baronets brauchen ſich nicht ſo ſehr um die Grammatik zu kümmern, wie arme Gouvernanten thun müſſen. „Im Vorüberfahren bemerkte ich einen prächtigen Kirchthurm, der einige alte Ulmen im Parke überragte: und vor ihnen, in der Mitte eines Raſenplatzes und eini⸗ ger Nebengebäude, ein altes rothes Haus mit hohen Schornſteinen; daſſelbe war mit Epheu überwachſen, und ſeine Fenſter glänzten in der Sonne. . „Iſt das Ihre Kirche, Sir?““ ſagte ich. „„Ja, der Henker hole ſie,““ (ſagte Sir Pitt, nur bediente er ſich, meine Theuerſte, eines weit gott⸗ loſeren Wortes); „„wie geht es mit Buty, Hod⸗ ſon? Buty iſt mein Bruder Bute, meine Liebe, — mein Bruder, der Pfarrer. Ich heiße ihn Buty, ſo wie auch Beſtie, ha, ha!““ „Hodſon lachte ebenfalls; dann aber nahm er eine 117 ernſtere Miene an, und ſagte, mit dem Kopfe nickend: „„Ich befürchte, es geht beſſer mit ihm, Sir Pitt. Ge⸗ ſtern habe ich ihn auf ſeinem Pony geſehen, wie er unſere Kornfelder beſichtigt.““ „„Da hat er nach ſeinem Zehnten geſehen, der Hen⸗ ker hole ihn (nur bediente er ſich wieder des nämlichen gottloſen Wortes). Werden ihm denn der Branntwein und das Waſſer nie das Garaus machen? Er iſt ſo zäh wie der alte — wie heißt er nur gleich? — ach! wie der alte Methuſalem.““ e „Und Herr Hodſon lachte abermals. „„Die jungen Leute ſind von der Hochſchule heimgekommen. Sie haben John Seroggins ſo geledert, daß er ſchier den Geiſt aufgab.““ „„Was? Haben meinen zweiten Wildhüter geledert!““ brüllte Sir Pitt. „„Er befand ſich auf dem Grund und Boden des Pfarrers, Sir,““ erwiederte Herr Hodſon; und Sir Pitt ſchwor in ſeiner Wuth, daß, wenn ſie ſich einmal auf ſeinem Grund und Boden als Wilddiebe betreffen ließen, er ſie ohne Gnade und Barmherzigkeit deportiren laſſen wärde. Indeſſen ſagte er: „„Ich habe mein Präſenta⸗ tionsrecht um Geld verkauft, Hodſon; Keiner von der Brut ſoll die Pfarrei bekommen;““ und Herr Hodſon ſagte, er habe vollkommen Recht. Aus Allem dieſem iſt mir klar, daß die zwei Brüder miteinander im Streite liegen — wie es bei Brüdern und auch bei Schweſtern oft der Fall iſt. Erinnerſt Du Dich nicht der zwei Miß Seratchleys zu Chiswick, wie ſie ſtets einander ſchlugen, und ſich zankten, — und der Marh Box, wie ſie ſtets Louiſen Püffe gab? „Einige Augenblicke darauf ſprang Herr Hodſon, als er zwei kleine Knaben im Gehölze dürres Holz auf⸗ leſen ſah, auf Sir Pitt's Befehl aus dem Wagen, und rannte mit ſeiner Peitſche auf ſie zu. „„Hau' zu, Hod⸗ ſon,““ brüllte der Baronet; „„peitſch' ihnen die Seele — 118 aus dem Leibe, und bring' ſie in's Haus hinauf, die Va⸗ gabunden; ich laß' ſie ſetzen, ſo wahr ich Sir Pitt heiße.““ Und gleich darauf horten wir, wie Herrn Hodſon's Peitſche auf die Schultern der armen kleinen heulenden Wichte fiel; Sir Pitt aber fuhr auf das Schloß zu, als er ſah, daß die kleinen Uebelthäter eingefangen waren. „Die ganze Dienerſchaft ſtand zu unſerem bereit, und „ 2 5 „Hler, meine Liebe, wurde ich geſtern Nacht durch ein entſetzliches Puffen gegen meine Thüre unterbrochen: und wer glaubſt Du, daß es geweſen ſei? Es war Sir Pitt Crawley im Schlafrocke und in der Nachtmütze: welche Figur! Als ich vor einem ſolchen Beſuche entſetzt zurückfuhr, kam er auf mich zu, und nahm mein Licht: „„Kein Licht nach elf Uhr mehr, Miß Becky,““ ſagte er, „gehen Sie im Finſtern zu Bette, Sie kleines hübſches Weibſtück (ſo nannte er mich), und wenn Sie nicht haben wollen, vaß ich jeden Abend nach dem Lichte ſehe, ſo ſor⸗ gen Sie dafür, daß Sie um elf Uhr im Bette ſind.““ Und mit dieſen Worten ging er und Herr Horrocks, der Kellermeiſter, lachend davon. Du kannſt Dir wohl den⸗ ken, daß ich keinen Anlaß mehr zu ſolchen Beſuchen geben werde. Sie ließen in der Nacht zwei ungeheure Blut⸗ hunde los, welche die ganze vergangene Nacht bellten und den Mond anheulten. „„Ich heiße den Hund Packan,““ ſagte Sir Pitt, „„der Hund hat ſchon einen Menſchen zerriſſen, und bewältigt einen Stier; die Mutter deſſelben nannte ich ſonſt Flora, jetzt aber heißt ſie Bellerin, denn ſie iſt nun zum Beißen zu alt, ha, ha!““ „Vor dem Schloſſe Queen's Crawley, das ein ab⸗ ſcheuliches, altmodiſches Haus aus rothen Backſteinen, mit hohen Schornſteinen und Giebeln im Style der Königin Beß, iſt, befindet ſich eine Terraſſe, auf deren beiden Sei⸗ ten man die Taube und die Schlange des Familienwap⸗ pens bemerkt, und auf welche die große Thüre hinausgeht. Empfange * 3 1¹9 Und ach, meine Theure, die große Halle iſt gewiß ſo groß und düſter, wie die in dem lieben Schloſſe Udolpho's. Sie hat ein ungeheures Kamin, worein man die halbe Schuie der Miß Pinkerton ſtecken könnte; der Roſt darin iſt groß genug, um allerwenigſtens einen Ochſen darauf zu braten. In dem Saale herum hangen, ich weiß nicht wie viele, Generationen von Crawley, Einige mit Bärten und Holskrauſen, und Andere mit rieſigen Perrücken und auswärts gekehrten Füßen; Einige ſtecken in langen gera⸗ den Schnürleibern und in Röcken, ſo ſteif, wie Thürme, Andere wieder haben lange Ringeln, und ach, meine Theure! faſt gar keine Schnürleiber. An dem einen Ende der Halle befinvet ſich die große Treppe, ganz aus ſchwar⸗ zem Eichenholz, und möglichſt unheimlich anzuſehen; auf beiden Seiten befinden ſich hohe Thüren, von Hirſchge⸗ weihen überragt, und es führen dieſelben in das Billard⸗ zimmer, ſowie in das Bibliothekzimmer, in den großen gelben Salon, und in die Zimmer, in denen man ſich Morgens aufhält. Ich glaube, es ſind wenigſtens zwan⸗ zig Schlafzimmer im erſten Stocke; in einem derſelben iſt noch das Bett zu ſehen, worin die Koͤnigin Eliſabeth geſchlafen hat. Meine neuen Schülerinnen haben mich heute Morgen in alle dieſe ſchönen Appartements geführt. Ich verſichere Dich, ſie ſehen darum nicht weniger düſter aus, weil die Fenſterläden ſtets zu ſind; und es iſt kaum eines unter den Zimmern, worin ich nicht beim „Einlaſſen des Tageslichtes erwartet hätte, einen Geiſt zu erblicken. Wir haben ein Schulzimmer im zweiten Stocke: auf der einen Seite führt mein Schlafzimmer in daſſelbe, und auf ver andern das der jungen Damen. Dann folgen die Zimmer des Herrn Pitt — man nennt ihn Herrn Crawley — er iſt der älteſte Sohn; ſowie die des Herrn Rawdon Crawley — er iſt ein Offizier, der Etwas gleich ſieht, und befindet ſich bei ſeinem Regimente. An Raum fehlt es bei uns nicht, das kann ich Dir verſichern. 120 Man konnte alle Leute von Ruſſell Square in dem Hauſe unterbringen, glaube ich, und es wäre noch Platz übrig. „Eine halbe Stunde nach unſerer Ankunft ließ ſich die große Tiſchglocke hören, und ich kam mit meinen zwei Schülerinnen herab (es ſind ſehr magere, unbedeutende Dingerchen von zehen und acht Jahren): ich ging in Deinem lieben Mouſſelinkleide hinab (wegen deſſen die abſcheuliche Mrs. Pinner ſich ſo roh benahm, weil Du mir es gabſt), denn ich ſoll wie ein Glied der Familie behandelt werden, ausgenommen an Tagen, wo große Geſellſchaft iſt. Da müſſen die jungen Damen mit mir oben ſpeiſen. „Die große Tiſchglocke ließ ſich alſo hören, und wir Alle verſammelten uns in dem kleinen Salon, wo my Lady Crawley thront. Sie iſt die zweite Lady Crawley, und Mutter der jungen Damen. Sie war eines Eiſenhändlers Tochter, und ihre Heirath wurde als eine glänzende Partie angeſehen. Sie ſieht aus, als ob ſie einſt ſchön geweſen wäre, und ihre thränenden Augen trauern immerfort um die verlorene Schönheit. Sie iſt blaß, und mager, und hochſchulterig; auch weiß ſie offenbar Nichts, was ſie ſagen könnte. Ihr Stiefſohn, Herr Crawley, befand ſich ebenfalls im Zimmer. Er war in vollem Staate, und ſah ſo feierlich aus, wie ein Leichenbeſorger. Er iſt blaß, mager, häßlich, ſchweigſam, hat dünne Beine, keine Bruſt, einen heufarbenen Backenbart, und ſtrohfarbene Haare. Er iſt ſeine leibhaftige, ſelige Mutter über dem Kamin⸗ ſimſe — Griſelda, von dem edlen Hauſe der Binkies. „„Dieß iſt die neue Gouvernante, Herr Crawley,““ ſagte Lady Crawley, vortretend und meine Hand ergrei⸗ fend; „„Miß Sharp.““ „„O!““ ſagte Herr Crawley, und ſtreckte den Kopf einmal vor, und fing wieder an, in einer dicken Broſchüre zu leſen, womit er beſchäftigt war. „„Ich hoffe, Sie werden mit meinen Mädchen fanft 121 verfahren,“ ſagte Lady Crawley; „„ihre rothen Augen ſind immer voller Thränen.““ „„Ach ja, Ma, das wird ſie natürlich thun,““ ſagte das älteſte Mädchen: und ich ſah gleich beim erſten Blicke, daß ich mich vor dieſem Frauenzimmer nicht zu fürchten brauche. „„My Lady, es iſt ſervirt,““ ſagte der Kellermeiſter in ſchwarzer Kleidung und ungeheurem weißen Bu⸗ ſenſtreifen, der ausſah, wie eine der in der Halle abge⸗ malten Halskrauſen aus der Zeit der Königin Eliſabeth; ſie nahm daher Herrn Crawley's Arm, und ging in den Speiſeſaal voran, wohin ich ihr, an jeder Hand eine mei⸗ ner kleinen Schülerinnen führend, nachfolgte. „Sir Pitt war bereits mit einer ſilbernen Kanne im Zimmer. Er war eben im Keller geweſen, und gleich⸗ falls in vollem Staate, das heißt, er hatte ſeine Kama⸗ ſchen abgelegt, und zeigte ſeine kurzen, dicken Beine in ſchwarzen wollenen Strümpfen. Der Service⸗Tiſch war mit glänzendem alten Silbergeſchirre — alten goldenen und filbernen Bechern, alten Präſentirtellern und Plat⸗ menagen bedeckt, wie Rundell und Bridge's Laden. Alles auf dem Tiſche war gleichfalls von Silber, und zwei Be⸗ diente mit rothem Haare und kanariengelben Livreen hiel⸗ ten ſich auf den beiden Seiten des Service⸗Tiſches. „Herr Crawley ſprach ein langes Tiſchgebet, und Sir Pitt ſagte Amen, worauf die großen, ſilbernen Deckel abgenommen wurden. „„Was haben wir zu eſſen, Betſy?““ ſagte der Baronet. „Hammelbrühe, wie ich glaube, Sir Pitt,““ ant⸗ wortete Lady Crawley. „„Moutons aux navets,“ ſetzte der Kellermeiſter ernſt hinzu (man ſpreche gefälligſt aus: Moutongonavvy); „„und die Suppe iſt potage de mouton à [Ecossaise. Die Beigerichte enthalten pommes de terre au natu- rel, und choufleur à l'eau.““ 122 „„Hammelfleiſch iſt Hammelfleiſch,““ ſagte der Ba⸗ ronet, „„und etwas verteufelt Gutes. Was für ein Se war es, Horrocks, und wann wurde es geſchlach⸗ tet A. „„Eines von den ſchwarzkoͤpfigen ſchottiſchen, Sir Pitt; wir haben es am Donnerſtag geſchlachtet.““ „„Wer hat davon genommen?““ „„Steel von Mudbury hat zwei Schlägel, ſowie das Rückenſtück genommen, Sir Pitt; allein er ſagt, das letzte ſei zu jung und verdammt wollig geweſen, Sir Pitt.““ „„Wollen Sie etwas potage? Miß — Miß Blunt,““ ſagte Herr Crawley. „„Treffliche ſchottiſche Hammelbrühe, meine Liebe,““ ſagte Sir Pitt, „„obwohl Sie ihr einen franzöfiſchen Namen geben.““ „„Ich glaube, es iſt in anſtändiger Geſellſchaft ſo der Brauch, Sir,““ ſagte Herr Crawley hochmüthig: „„dort nennt man das Gericht ſo, wie ich gethan;““ und nun wurde uns die Suppe ſammt dem mouton aux navets von den Bedienten in der kanariengelben Livree, auf ſilbernen Tellern ſervirt. Hernach kam „Ale und Waſſer;“ uns jungen Damen wurde beides in Weinglä⸗ ſern ſervirt. Was das Ale betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich keine Kennerin bin; indeſſen kann ich mit gutem Ge⸗ wiſſen ſagen, daß ich dem Waſſer den Vorzug gebe. „Während wir unſer Eſſen verzehrten, fragte Sir Pitt gelegentlich, was aus den Vorderkeulen des Hammels geworden. „„Ich glaube, ſie wurden in der Bedientenſtube ver⸗ zehrt,“ ſagte my Lady demüthig. „„Es iſt ſo, my Lady,““ ſagte Horrocks, „„auch be⸗ kommen wir dort gar wenig Anderes.““ „Sir Pitt brach in ein heiſeres Lachen aus, und ſetzte ſein Geſpräch mit Herrn Horrocks fort. „„Das ſchwarze — 123 * Schweinchen von der Kentiſchen Sau muß jetzt ungewöhn⸗ lich fett ſein.“ „Es iſt noch nicht ganz am Zerplatzen, Sir Pitt,““ ſagte der Kellermeiſter mit der ernſteſten Miene, worüber Sir Pitt, und dieſes Mal auch die jungen Damen, ge⸗ waltig zu lachen anfingen. „„Miß Crawley, Miß Roſa Crawley,““ ſagte Herr Crawley, „„Euer Gelächter ſcheint mir ganz und gar nicht am Platze zu ſein.““ „„Hört nicht auf my Lord,““ ſagte der Baronet, „„wir werden das Schweinchen am Samſtag verſuchen. Schlachtet es Samſtag Morgen, John. Horrocks. Miß Sharp ißt Schweinfleiſch über die Maßen gern; nicht wahr, Miß Sharp?““ „Dleß war, wie ich glaube, das ganze Tiſchgeſpräch. Als das Eſſen vorüber war, wurde eine Kanne mit hei⸗ ßem Waſſer vor Sir Pitt hingeſtellt, in Begleitung einer umflochtenen Flaſche, die, wie ich glaube, Rum enthielt. Herr Horrocks ſchenkte mir und meinen Schülerinnen drei Gläschen Wein ein, my Lady erhielt ein größeres Glas, das bis an den Rand gefüllt wurde. Als wir uns zurück⸗ zogen, nahm ſie aus der ihr Arbeitszeug enthaltenden Schublade ein ungeheures, nicht enden wollendes Strick⸗ zeug; die jungen Damen fingen an, mit einem ſchmu⸗ tzigen Kartenſpiel Cribbage zu ſpielen. Wir hatten nur ein einziges Licht, aber es war in einem prächtigen, alten ſilbernen Leuchter, und nach einigen Fragen, die my Lady an mich richtete, hatte ich die Wahl, mich entweder an einem Bande Predigten, oder an einer Broſchüre über die Kornzölle, worin Herr Crawley vor dem Eſſen geleſen hatte, zu beluſtigen. So ſaßen wir wohl eine Stunde da, bis endlich Schritte ſich hören ließen. „„Legt die Karten nun weg⸗ Mädchen,““ rief my⸗ Lady in großer Angſt; „legen Sie Herrn Crawley's 124 Bücher weg, Miß Sharp;““ und kaum hatten wir dieſen Befehlen gehorcht, als Herr Crawley eintrat. „„Wir wollen, meine jungen Damen, unſere geſtrige Unterhaltung wieder aufnehmen,““ ſagte er; „„und jede von Euch ſoll abwechſelnd eine Seite leſen, ſo daß Miß — Miß Short Gelegenheit erhält, Euch zu hören.““ „Und nun begannen die armen Mädchen eine lange, lange Predigt, die in der Bethesda⸗Kapelle zu Liverpool, im Intereſſe der Miſſion zu Bekehrung der Chikaſaw⸗ Indianer, gehalten worden war, zu buchſtabiren. War es nicht ein herrlicher Abend? „Um zehn Uhr mußten die Bedienten ſowohl Sir Pitt, als das Hausgeſinde zum Abendgebete rufen. Sir Pitt trat zuerſt ein, mit ganz rothem Kopfe und etwas unſicherem Gange; nach ihm kamen der Kellermeiſter, die Kanarienvögel, Herr Crawley's Bedienter, drei andere Männer, die nicht wenig nach dem Stalle rochen, und vier Frauenzimmer, von denen eine, wie ich bemerkte, übermäßig herausgeputzt war, und die mir einen gar ver⸗ ächtlichen Blick zuwarf, als ſie auf die Knie nieber plumpte. „Nachdem Herr Crawley mit ſeiner Anſprache und ſeinen Erklärungen fertig war, erhielten wir unſere Lich⸗ ter, und dann gingen wir zu Bette, und dann wurde ich beim Schreiben geſtört, wie ich meiner theuerſten, ſüßeſten Amalie bereits beſchrieben habe. „„Gute Nacht. Tauſend, tauſend, tauſend Küſſe!““ 5 * — „Samſtag. — Dieſen Morgen um fünf uhr hörte ich das Schreien des ſchwarzen Schweinchens. Roſa und Violet führten mich geſtern zu demſelben, und ebenſo in die Ställe, und in den Hundeſtall, und zu dem Gärtner, der Obſt abnahm, um es auf den Markt zu ſchicken, und bei dem ſie um eine, im Gewächshaus gezogene Wein⸗ traube nicht wenig bettelten; er aber ſagte, Sir Pitt 125 habe jede Beere gezählt, und er würde um ſeine Stelle kommen, wenn er ſich beigehen ließe, eine wegzuſchen⸗ ken. Die lieben Mädchen fingen ein Füllen in einem ein⸗ gehägten Stücke Grasland ein, und fragten mich, ob ich reiten wolle, und fingen ſelbſt an zu reiten, als der Stall⸗ knecht unter abſcheulichen Flüchen herbeikam, und ſie fort⸗ jagte. „Lady Crawley iſt immer mit ihrer Wollſtickerei be⸗ ſchäftigt. Sir Pitt iſt unfehlbar jeden Abend betrunken, und zecht, wir ich glaube, mit Horrocks, dem Kellermei⸗ ſter. Herr Crawley liest Abends immer Predigten, und Morgens ſchließt er ſich in ſein Studierzimmer ein, oder reitet nach Mudburh in Grafſchaftsangelegenheiten, over nach Squaſhmore, wo er Mittwochs und Freitags vor den Pachtern predigt. „Hunderttauſend dankerfüllte Grüße an Deinen lie⸗ ben Papa und Deine liebe Mama. Hat Dein armer Bruder ſich von ſeinem Arack⸗Punſche wieder erholt? Ach Gott, ach Gott! Wie ſollten doch die Männer ſich vor dem verderblichen Punſche in Acht nehmen! „Immer und ewig die Deinige, „Rebekka. 7 Alles wohl erwogen, iſt es, glaube ich, ebenſo gut für unſere theure Amalie Sedleh in Ruſſell⸗Square, daß Miß Sharp und ſie nicht mehr bei einander ſind. Re⸗ bekfa iſt ſicherlich ein drolliges, komiſches Geſchöpf: und die von ihr gegebene Beſchreibung der armen Lady, die den Verluſt ihrer Schoͤnheit beweint, ſowie die des Herrn „mit heufarbenem Backenbarte und ſtrohfarbenen Haaren,“ iſt gewiß ſehr kauſtiſch und zeugt von einer bedeutenden Weltkenntniß. Daß ſie, als ſie auf den Knien lag, an 126 etwas Beſſeres hätte denken können, als an Miß Horrocks Bänder, — mag ſich uns Beiden aufgedrängt haben. Aber der gütige Leſer wird ſich erinnern, daß dieſe Ge⸗ ſchichten in ihren prächtigen gelben Umſchlägen den Titel „Jahrmarkt des Lebens“ führen, und daß der beſagte Jahrmarkt ein ſehr eitler, gottloſer, närriſcher Ort, voll von jeder Art Lug und Trug und Prätenſionen iſt; und während der Morsliſt, der auf dem Umſchlage (ein genaues Portrait Deines gehorſamen Dieners) den Leuten predigt, weder den Rock eines Geiſtlichen, noch deſſen Bäffchen trägt, ſondern ganz einfach dieſelbe langohrige Livree, in der ſeine Zuhörer ſtecken *), ſo iſt man, ſchau', dennoch verpflichtet und verbunden, die Wahrheit zu ſagen, ſo weit man dieſelbe kennt, mag man nun eine Schellenkappe oder einen Schaufelhut tragen; auch kann es nicht an⸗ ders ſein, als daß im Laufe eines ſolchen Unterneh⸗ mens eine Maſſe unangenehmer Dinge zum Vorſchein kommt. Ich habe in Neapel einen Collegen, — einen Mann, deſſen Gewerbe gleichfalls das Erzählen von Geſchichten iſt, — gehört, wie er einem Rudel nichtsnutziger, braver, fauler Burſche am Meeresufer predigte: der Mann ar⸗ beitete ſich in eine ſolche Wuth und Leidenſchaft über einige der Böſewichter hinein, deren gottloſe Thaten er beſchrieb und erfand, vaß ſeine Zuhörerſchaft ſich überwunden ge⸗ ben mußte; denn ſie brach mit dem Dichter in ein Ge⸗ brüll von Flüchen und Verwünſchungen gegen das ein⸗ gebildete Monſtrum der Geſchichte aus, ſo daß inmitten eines vollkommenen Sympathieſturmes der Hut herum⸗ ging, und die Bajovechi darein fielen. In den kleinen Pariſer Theatern wird man anderer⸗ ſeits nicht allein die Leute „Ah gredin! Ah monstre!“ brüllen, und den Tyrannen des Schauſpieles von den Logen herab verwünſchen hoͤren; ſondern es weigern ſich auch *) Anſpielung auf die Londoner Orginal⸗Ausgabe. 127 vie Schauſpieler ſelbſt entſchieden, die Rollen der Boſe⸗ wichter, wie zum Beiſpiel vie der infämes Anglais, der brutalen Koſaken, und wie dieſelben ſonſt noch heißen mö⸗ gen, zu übernehmen, und ziehen es vor, bei einem klei⸗ neren Gehalte in ihrem wirklichen Charakter, als loyale Franzoſen aufzutreten. Ich ſtelle die beiden Geſchichten einander gegenüber, damit man ſehen möge, daß es nicht aus rein eigennützigen Gründen geſchieht, wenn der ge⸗ genwärtige Puppenſpieler ſeine Böſewichter vorzuzeigen und durchzuprügeln wünſcht, ſondern weil er einen aufrichti⸗ gen Haß gegen ſie hegt, einen Haß, den er nicht zu un⸗ terdrücken vermag, und der ſich durch angemeſſenes Schim⸗ pfen und Schelten Luft machen muß. Ich ſage daher meinen gütigen Freunden im Voraus, daß ich im Begriffe bin, eine Geſchichte zu erzählen, in der uns der abſcheulichſten Bosheiten, ſowie der verwickelt⸗ ſten — aber, wie ich hoffe, intereſſanteſten — Verbrechen viele vorkommen werden. Meine Halunken ſind keine hal⸗ ben Halunken, ich verſichere es Euch. Wenn wir an die rechte Stelle kommen werden, wollen wir es an einer ſchönen Sprache nicht fehlen laſſen: — Nein, nein! Wenn wir aber über das ſtille Land hingehen, müſſen wir noth⸗ wendig auch ruhig ſein. Ein Sturm in einem Glaſe Waſſer iſt etwas Abſurdes. Dergleichen ſoll für den gewaltigen Ocean, ſow' für die einſame Mitternacht aufbewahrt werden. Unſer nächſtes Kapitel wird äußerſt mild ausfallen. Andere — doch wir wollen denen nicht vorgreifen. 3 Auch will ich, indem wir unſere Puppen nach und nach auftreten laſſen, als Menſch und Bruder mir die Erlaubniß erbitten, ſie nicht allein einführen, ſondern auch gelegentlich von der Bühne herabkommen uud über ſie ſprechen, — ſind ſie gut und freundlich, ſie lieben und ihnen die Hand ſchütteln, — ſind ſie thöricht, ſie mit dem Leſer ganz im Vertrauen auslachen, — find ſie 128 lnerhaft und herzlos, ſie ſo derb ſchelten zu dürfen, wie nur irgend mit der Höflichteit vereinbar iſt. Würde ich anders verfahren, ſo könnte man denken, ich ſei es, der die Andachtsübungen verhoͤhnt, welche Miß Sharp ſo lächerlich findet; ich ſei es, der mit ſo vie⸗ lem Humor den taumelnden alten Silenus von einem Varonet verlacht — während doch das Gelächter von einer Perſon herrührt, die Nichts hochachtet, als das Weltglück, und für Nichts ein Auge hat, als für den Erfolg. Es gibt ſolche Leute in der Welt, ſie leben und kommen vorwärts — ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Liebe: auf dieſe, meine lieben Freunde, wollen wir aus Leibeskräften losſchlagen. Auch finden ſich Leute darunter, die bloße und zwar äußerſt glückliche Charlatans und Narren ſind; und ohne Zweifel erhielt der Menſch das Lachvermögen, um ſolche lachend zu bekämpfen und an den Pranger zu ſtellen. Meuntes Kapitel. Familienportraits. Sir Pitt Crawley war ein Philoſoph, der für das, was man das gemeine Leben nernt, eine entſchiedene Nei⸗ gung hatte. Seine erſte Ehe mit der Tochter des edlen Binkie war unter den Auſpicien ſeiner Eltern zu Stande gekommenz und da er Lady Crawley bei ihren Lebzeiten oft geſagt hatte, ſie ſei eine ſo verdammt zänkiſche, hoch⸗ geborene Kracke, daß er ſich hängen laſſe, wenn er nach ihrem Tode wieder eine von ihrem Schlage nehme, ſo 129 hielt er auch nach dem Hinſcheiden der Lady ſein Wort, und wählte zu ſeiner zweiten Frau Miß Roſa Dawſon, Tochter des Herrn John Thomas Dawſon, Eiſenhändlers in Mudbury. Welch' ein Glück für Roſa, my Lady Craw⸗ ley zu ſein! Wir wollen nun die Items ihres Glücks aufzählen. Erſtens gab ſie Peter Butt auf, einen jungen Mann, der ein Verhältniß mit ihr hatte, und nun in Folge des Fehl⸗ ſchlagens ſeiner Liebespläne ſich auf das Schmuggeln, Wilddieben und tauſend andere ſchlechte Streiche verlegte. Dann brach ſie, wie ſie verbunden war, mit allen ihren Jugendfreundinnen und Bekannten, die natürlich von my Lady zu Queen's⸗Crawley nicht empfangen werden konn⸗ ten — auch fand ſie in ihrem neuen Rang und ihrer neuen Wohnung Niemand, um ſie zu bewillkommen. Wer that es auch? Sir Huddleſton Fuddleſton hatte drei Töchter, die alle Lady Crawley zu werden hofften. Sir Giles Wapſhot's Familie fand ſich dadurch inſultirt, daß keine von den Wapſhot'ſchen bei der Heirath den Vorzug erhalten, und die übrigen Baronets in der Grafſchaft waren empört über die Mißheirath ihres Standesgenoſſen. Die Bürgerlichen brauchen wir gar nicht in Betracht zu ziehen, und können ſie anonym brummen laſſen. Was Sir Pitt betrifft, ſo kümmerte er ſich, wie er ſagte, keinen Pfffferling um irgend einen derſelben. Er hatte ſeine hübſche Roſa, und was braucht ein Menſch mehr, als ſich zu vergnügen und zu thun, was ihm ge⸗ fällt? Er betrank ſich daher jeden Abend, prügelte bis⸗ weilen ſeine hübſche Roſa, und ließ ſie in Hampſhire, ohne einen einzigen Freund in der ganzen weiten Welt, wenn er nach London zu den Parlamentsſitzungen ging. Selbſt Mrs. Bute Crawley, die Frau des Pfarrherrn, weigerte ſich, ſie zu beſuchen, da ſie ſagte, ſie würde nimmermehr einer Krämerstochter den Vortritt geben. Da die einzigen Gaben, womit die Natur Lady Crawley ausgeſtattet hatte, roſige Wangen und gine weiße Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 9 130 Haut waren, und da ſie weder einen feſten Charakter, noch Talente, noch Beſchäftigungen, noch Beluſtigungen, noch jene Seelenſtärke und jene Wildheit des Temperaments hatte, die oft ein Erbtheil ganz thorichter Frauenzimmer ſind, ſo war es ihr nicht möglich, Sir Pitt's Zuneigung ſonderlich zu feſſeln. Die Roſen verſchwanden von ihren Wangen, und die hübſche Friſche verließ ihre Geſtalt, nachdem ſie einige Kinder geboren; ſo wurde ſie zu einer bloßen Maſchine im Hauſe ihres Mannes, zu einer Ma⸗ ſchine, ebenſo unnütz, wie das große Piano⸗Forte der verſtorbenen Lady Crawley. Da ſie eine helle Geſichts⸗ farbe hatte, ſo trug ſie auch helle Kleider, wie die mei⸗ ſten Blondinen, und erſchien am Gernſten in einem ſchmu⸗ tzigen ſeegrünen, oder ſchlampigen himmelblauen Kleide. Tag und Nacht war ſie an ihrer Wollſtrickerei. Im Laufe weniger Jahre hatte ſie Decken für alle Betten in Craw⸗ ley geſtrickt. Sie hatte ein Blumengärtchen, das ſie ei⸗ niger Maßen liebte; ſonſt aber hatte ſie für Nichts eine Vorliebe, oder Abneigung. War ihr Mann roh gegen ſie, ſo war ſie apathiſch; ſchlug er ſie, ſo ſchrie ſie. Sie hatte nicht ſo viel Charakter, um ſich dem Trunke zu ergeben, und ſtöhnte in ihren Schlarren und ihren Haarwickeln den ganzen Tag umher. O, Jahrmarkt des Lebens — Jahrmarkt des Lebens! Wäreſt du mit dei⸗ ner Eitelkeit nicht ins Spiel gekommen, ſo hätte ſie ein frohes Mädchen ſein können: — Peter Butt und Roſa ein glücklicher Mann und ein glückliches Weib, auf einem hübſchen kleinen Gute, mit einer ſorgloſen, geſunden Fa⸗ milie, und einem billigen Theile von Freuden, Sorgen, Hoffnungen und Kämpfen. Aber ein Titel und eine vier⸗ ſpännige Kutſche ſind auf dem Jahrmarkte des Lebens, obwohl nur eitler Tand, werthvoller, denn Glückſeligkeit; und wenn Heinrich VIII. oder Blaubart jetzt am Leben wäre, und ein zehntes Weib brauchte, glaubt man da, er könnte nicht das hübſcheſte Mädchen bekommen, welches in dieſer Saiſon in die Welt eingeführt wird? 131 Das matte, langweilige Weſen ihrer Mutter erweckte, wie man ſich denken kann, bei ihren Töchterchen keine gar große Zuneigung, jedoch fanden ſich letztere in der Be⸗ dientenſtube und in den Ställen glücklich genng; und da der ſchottiſche Gärtner glücklicher Weiſe ein gutes Weib und einige gute Kinder hatte, ſo erhielten ſie etwas ge⸗ ſunde Geſellſchaft und Unterweiſung in deſſen Häuschen, — und dieß war die einzige Erziehung, die ihnen zu Theil wurde, bis Miß Sharp ankam. Der Grund ihres Engagements war einzig und allein in den Vorſtellungen des Herrn Pitt Crawley, des einzi⸗ gen Freundes oder Beſchützers, den Lady Crawley je be⸗ ſaß, und der einzigen Perſon außer ihren Kindern, zu der ſie einige Zuneigung hatte, zu ſuchen. Herr Pitt ſchlug den edlen Binkies nach, von denen er abſtammte, und war ein ſehr höflicher und anſtändiger Gentleman. Als er in das Mannesalter trat, und von Chriſtchurch zurückkam, begann er damit, daß er die erſchlaffte Disciplin im Schloſſe wieder herſtellte, und zwar trotz ſeines Vaters, der ihn fürchtete. Er war ein Mann von ſo ſtrenger, feiner Weltſitte, daß er lieber verhungert wäre, als daß er ohne ein weißes Halstuch zu Mittag geſpeist haben würde; einmal — er war gerade von der Univerſität ge⸗ kommen — überbrachte ihm Horrocks, der Kellermeiſter, einen Brief, ohne denſelben zuvor auf einen Teller zu legen; da warf er aber dieſem Bedienten einen ſo ſchnei⸗ denden Blick zu, und gab demſelben einen ſo derben Ver⸗ weis, daß Horrocks nachher immer vor ihm zitterte; das ganze Haus demüthigte ſich vor ihm: Lady Crawley's Haarwickeln verſchwanden früher, wenn er zu Hauſe warz von Sir Pitt's ſchmutzigen Kamaſchen war alsdann Nichts mehr zu ſehen; und wenn dieſer unverbeſſerliche alte Mann dennoch an andern alten Gewohnheiten hing, ſo betrank et ſich doch nie vor ſeinem Sohne mit Rum und Waſſer, und ſprach dann auch mit ſeiner Dienerſchaft nur in ſehr urückhaltender und höflicher Weiſe; auch bemerkten die 132 Dienſtboten, daß Sir Pitt nie auf Lady Crawley hinein⸗ fluchte, während ſein Sohn im Zimmer war. Er war es, der den Kellermeiſter ſagen lehrte: „My Lady, es iſt ſervirt,“ und der darauf beſtand, ihre Laby⸗ ſhip zu Tiſche zu führen. Er ſprach zwar ſelten mit ihr, aber wenn er es that, geſchah es mit dem tiefſten Re⸗ ſpekt; auch ließ er ſie nie aus dem Zimmer gehen, ohne vaß er in der ſtattlichſten Weiſe ſich erhob, um die Thüre aufzumachen, und ohne daß er dabei eine zierliche Ver⸗ beugung machte. Zu Eton nannte man ihn nur Miß Crawley; und dort pflegte — es thut mir leid, dieß ſagen zu müſſen — ſein jüngerer Bruder Rawdon ihn gewaltig durchzuprü⸗ geln. Aber obgleich ſeine Naturgaben keineswegs glänzend waren, ſo erſetzte er doch ſeinen Mangel an Talent durch lobenswerthen Fleiß, und während der acht in der Schule verbrachten Jahre vermied er glücklich jene Strafe, von der man ſo ziemlich allgemein glaubt, daß nur ein Cherub ihr entgehen könne. Auf der Univerſität war ſeine Laufbahn natürlich in hohem Grade ehrenvoll für ihn. Und hier bereitete er ſich auf das öffentliche Leben vor, in das er durch ſeinen, Großvater, Lord Binkie, eingeführt werden ſollte, und ſtu⸗ dirte mit großem Fleiße die alten und modernen Redner; dabei ſprach er unaufhoͤrlich in den debattirenden Geſell⸗ ſchaften. Obgleich er aber nie um Worte verlegen war und geläufig ſprach; obgleich er ſeine ſchwache Stimme mit großem Pomp und zu ſeinem eigenen großen Vergnü⸗ gen hören ließ, und nie eine Geſinnung oder Meinung ausdrückte, die nicht durchaus abgedroſchen und durch eine „ dateiniſche Schriftſtelle unterſtützt geweſen wäre, ſo glückte ihm dennoch ſein Vorhaben nicht, trotz einer Mittelmäßig⸗ Feit, die jedem Menſchen einen günſtigen Erfolg hätte ſichern ſollen. Er bekam nicht einmal den Preis in der Poeſie, der ihm doch, wie alle ſeine Freunde ſagten, nicht entgehen konnte. —,— — — 133 Als er die Univerſität verließ, wurde er Privatſecre⸗ tär bei Lord Binkie, und wurde dann zum Attache bei der Legation in Pumpernickel befoͤrdert, welchen Poſten er in durchaus ehrenvoller Weiſe bekleidete; auch mußte er dem damaligen Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten De⸗ peſchen überbringen, beſtehend in Straßburger Gänſeleber⸗ paſteten. Nachdem er zehn Jahre Attaché geblieben war (noch mehrere Jahre nach dem Hinſcheiden des vielbetrauer⸗ ten Lord Binkie), und da er fand, daß das Avancement nur langſam ſei, ſo gab er endlich die diplomatiſche Car⸗ riere etwas ekelerfüllt auf, und fing an, ein Landedel⸗ mann zu werden. Nach England zurückgekehrt, ſchrieb er eine Broſchüre über das Malzweſen (denn er war ein ehrgeiziger Mann, und wollte dem Publikum nie aus den Augen kommen), und betheiligte ſich ſtark bei der Negeremancipationsfrage. Dann wurde er ein Freund des Herrn Wilberforce, deſſen Politik er bewunderte, und wechſelte mit dem ehrwürdigen Silas Hornblower jene berühmt gewordenen Briefe über die Miſſion bei den Aſhantees. Er war in London, wenn auch nicht zur Zeit des Zuſammentritts des Parlaments, ſo doch im Mai, um ſich bei den religiöſen Meetings zu betheiligen. Auf dem Lande war er Friedensbeamter, ſo wie auch ein eifriger Sprecher und Beſucher bei denen, ſo der religiöſen Unterweiſung bedurften. Man ſagte, er mache Lady Jane Sheepſhanks, Lord Southdown's dritter Tochter, deren Schweſter, Lady Emilie, die ſchoͤnen Schrif⸗ ten „des Seemann's wahrer Compaß,“ ſo wie „das Apfel⸗ weib von Finchley Common“ ſchrieb, den Hof. . Was Miß Sharp von ſeinen Beſchäftigungen zu Quecen's⸗Erawley ſogte, war durchaus keine Carrikatur. Die dortige Dienerſchaft mußte ſich den vorerwähnten, von ihm angeordneten Andachtsübungen unterwerfen; ja, er brachte ſogar ſeinen Vater (und es war dieß nur um ſo beſſer) dazu, daß er ſich dabei gleichfalls betheiligte. Er ließ einer Independenten⸗Kapelle in dem Kirchſpiele von 134 Crawley ſeinen Schutz angedeihen, zur tiefen Entrüſtung ſeines Oheims, des Pfarrherrn, und mithin zum großen Vergnügen Sir Pitt's, der ſich bewegen ließ, ſelbſt ein oder zwei Mal hinzugehen, was einige heftige Predigten in der Pfarrkirche von Crawley veranlaßte, welche direkt gegen den alten gothiſchen Kirchſtuhl, den der Baronet dort hatte, geſchleudert wurden. Indeſſen fühlte der ehr⸗ liche Sir Pitt die Macht dieſer Predigten nicht ſehr, da er ſtets ſein Schläfchen machte, ſo lange die Predigt dauerte. Herr Crawley wollte zum Beſten der Nation und der ganzen chriſtlichen Welt mit aller Gewalt haben, daß der alte Gentleman auf ſeinen Platz im Parlamente zu ſeinen Gunſten verzichte; der Vater aber weigerte ſich ſtets, das zu thun. Beide waren natürlich zu klug, um die fünf⸗ zehnhundert Pfund per Jahr aufzugeben, die der zweite Sitz eintrug (um jene Zeit hatte ihn Herr Quadroon inne, mit abſoluter Freiheit in Betreff der Sclavenfrage); in der That war vas Familiengut ſehr mit Schulden be⸗ laſtet, und das aus dem Burgflecken gezogene Einkommen für das Haus von Queen's⸗Crawley von großem Nutzen. Es hatte ſich nie mehr erholt von der großen Geld⸗ ſtrafe, die Walpole Crawley, dem erſten Baronet, wegen Kaſſenbetrugs im Schnur⸗ und Siegellack⸗Amte auferlegt worden war. Sir Walpole war ein luſtiger Kumpan, der gern Geld nahm und ausgab („alieni appetens, sui profusus,“ wie Herr Crawley mit einem Seufzer zu be⸗ merken gewohnt war), und war ſeiner Zeit in der gan⸗ zen Grafſchaft beliebt wegen der Trunkenheit und Gaſt⸗ freundſchaft, deren beſtändiger Schauplatz Queen's Crawley war. Damals waren die Keller mit Burgunder gefüllt, die Hundeſtälle mit Jagdhunden, und die Pferdeſtälle mit trefflichen Jagdroſſen; jetzt aber mußten die Pferde, die Queen's Crawley beſaß, ſich an den Pflug ſpannen laſſen oder die Trafalgar⸗Kutſche ziehen; und mit einem Geſpann dieſer Pferde war Miß Sharp an einem Tage, wo die⸗ 135 ſelben frei waren, nach dem Schloſſe gefahren; denn ob⸗ gleich Sir Pitt durch und durch ein ungeſchlachter Bauer war, ſo hielt er doch große Stücke auf ſeine Würde, ſo lange er ſich in ſeinem Schloſſe aufhielt: ſelten fuhr er mit weniger als vier Pferden aus, und obgleich er nur geſottenes Hammelfleiſch zu ſeinem Mittageſſen hatte, ſo mußten es doch ſtets drei Lakaien ſerviren. Hätte bloße Sparſamkeit einen Mann reich gemacht, ſo hätte Herr Pitt Crawley ſehr reich werden koͤnnen: — wäre er in einem Landſtädtchen Sachwalter geweſen ohne anderes Kapital, als ſeinen Kopf, ſo iſt es ſehr möglich, daß er davon einen guten Gebrauch gemacht, und ſich nicht nur einen bedeutenden Einfluß verſchafft, ſondern auch ein bedeutendes Vermögen erworben haben würde. Unglück⸗ licher Weiſe aber hatte er einen guten Namen, ſowie ein großes, obgleich verſchuldetes Gut, welche beiden Dinge ihm eher Schaden als Nutzen brachten. Er war ein gro⸗ ßer Freund vom Proceſſiren, was ihm jedes Jahr viele Tauſende koſtete; und da er viel zu geſcheidt war, wie er ſagte, um von einem einzigen Agenten ſich beſtehlen zu laſſen, ſo ließ er ſeine Geſchäfte von einem ganzen Dutzend ſchlecht verwalten, und mißtraute dabei allen in gleicher Weiſe. Er war ein ſo ſtrenger Gutsbeſitzer, daß er faſt keine andern Pächter finden konnte, als Leute, die in Gant gefallen waren, und ein ſo geiziger Landwirth, daß er faſt dem Boven den Samen mißgoͤnnte, weßhalb ihm auch die rächende Natur nur ſpärliche Ernten gewährte da, wo ſie an freigebigere Landwirthe ihre Schätze verſchwendete. Er ſpekulirte auf jede mögliche Weiſe, hatte Bergwerke, die er bearbeiten ließ, kaufte Kanalaktien, lieferte Pferde für Poſtkutſchen, übernahm Regierungskontracte, und war der geſchäftigſte Mann und Friedensbeamte in ſeiner Graf⸗ ſchaft. Da er in ſeinem Granitbruche keinen ehrlichen Agenten bezahlen wollte, ſo hatte er die Satisfaction, daß ihm vier Auffſeher durchgingen, und ein ſchönes Geld mit nach Amerika nahmen. Aus Mangel an den angemeſſenen 136 Vorſichtsmaßregeln füllten ſeine Bergwerke ſich mit Waſſer an: von der Regierung mußte er die übernommene Rind⸗ fleiſchlieferung zurücknehmen, weil das Fleiſch verdorben war; und was ſeine Poſtkutſchenpferde betrifft, ſo wußte jeder bei Poſtwagenunternehmungen betheiligte Mann im Königreich, daß er mehr Pferde verlor, als irgend Je⸗ mand, weil er dieſelben nicht gehörig fütterte, und immer nur wohlfeil einkaufte. Von Hauſe aus war er geſellig, und weit entfernt von Stolz; ja, er zog die Geſellſchaft eines Pächters oder eines Pferdehändlers der eines Gent⸗ leman, wie my Lord, ſein Sohn war, vor; er trank gern, fluchte gern und ſcherzte gern mit den Töchtern ſeiner Pächter; er hatte nie, ſo viel man wußte, einen Shilling weggeſchenkt, oder etwas Gutes gethan, war aber ein Mann von angenehmer Laune, ſchlau und lachluſtig, — ein Mann, der gern mit ſeinem Pächter ein Gläschen trank, und mit ihm ſpaßte, und Tags darauf ihm aus⸗ pfänden ließ; ein Mann, der mit dem Wilddiebe lachte, den er mit gleich gutem Humor deportiren ließ. Seine Höflichkeit gegen das ſchöne Geſchlecht iſt bereits ange⸗ deutet worden durch Miß Rebekka Sharp — mit Einem Worte, England beſaß unter allen ſeinen Baronets, Pairs und Bürgerlichen keinen liſtigeren, knauſerigeren, ſelbſtfüch⸗ tigeren, thörichteren, unehrenhafteren alten Mann. Sir Pitt Crawley's blutrothe Hand war in Jedermann's Taſche, nur nicht in der ſeinigen; und zu unſerem großen Kummer und Schmerz ſehen wir, als Bewunderer der britiſchen Ariſtokratie, uns gezwungen, das Vorhandenſein ſo vieler ſchlimmen Eigenſchaften bei einer Perſon, deren Name bei Debrett ſteht, zuzugeben. Eine Haupturſache, warum Herr Crawley ſeinen Vater ſo ſehr im Bann hatte, lag in Geldangelegenheiten. Der Baronet war ſeinem Sohne aus der Mitgift ſeiner Mutter eine Summe Geldes ſchuldig, die zu bezahlen ihm nicht convenirte; in der That hatte er einen faſt unbeſiegbaren Wiverwillen gegen das Zahlen überhaupt, 137 und nur durch Gewalt konnte er gezwungen werden, ſeinen pekuniären Verpflichtungen nachzukommen. Miß Sharp berechnete (venn ſie wurde, wie wir bald hören werden, mit den meiſten Geheimniſſen der Familie bekannt gemacht), daß der ehrenwerthe Baronet jährlich mehrere hundert Pfund nur für Gerichtskoſten in Debitſachen zahlen mußte; allein es war dieß ein Vergnügen, das er ſich nicht ver⸗ ſagen konnte; er hatte eine rohe Freude daran, die armen Teufel warten zu laſſen, und die Periode der Befriedigung ſeiner Gläubiger von einem Termin zum andern zu ver⸗ ſchieben, und von einem Gericht an das andere zu appel⸗ liren. Wozu nützt es, ſagte er, im Parlamente zu ſitzen, wenn man ſeine Schulden bezahlen muß? Und ſo ward denn ſeine Stellung als Senator ihm in der That nicht wenig nützlich. Jahrmarkt des Lebens — Jahrmarkt des Lebens! Hier war ein Mann, der nicht orthographiſch ſchreiben fonnte, und der Nichts las — der die Gewohnheiten und die Schlauheit eines Bauers beſaß: deſſen einziger Lebens⸗ zweck das Proceſſiren war; der nie einen andern Geſchmack, eine andere Rückſicht, einen andern Genuß kannte, als das Gemeine und Schmutzige; und doch beſaß er Rang und Macht, und bekleidete Ehrenſtellen, und war ein Würde⸗ träger des Staats, und ein Pfeiler deſſelben. Er war Oberſheriff, und fuhr in einer vergoldeten Kutſche. Große Miniſter und Staatsmänner ſuchten ſeine Gunſt, und auf dem Jahrmarkte des Lebens nahm er einen höhern Platz ein, als das glänzendſte Genie und die unbefleckteſte Tu⸗ nd. Sir Pitt hatte eine unverheirathete Halbſchweſter, die das große Vermögen ihrer Mutter geerbt hatte, und obgleich der Baronet dieſes Geld gegen Verpfändung ſeiner Ländereien von ihr hatte borgen wollen, ſo ging Miß Crawley dennoch nicht auf das Anerbieten ein, und zog die ſichereren öffentlichen Fonds vor. Indeſſen hatte ſie ihre Abſicht kund gethan, ihr Vermoͤgen Sir Pitt's 138 zweitem Sohne und der Familie im Pfarrhaus zu ver⸗ machen, und ein oder zwei Male die Schulden Rawdon Crawley's während ſeines Aufenthalts auf der Univerſi⸗ tät, und ſeitdem er bei der Armee war, bezahlt. Miß Crawley ward daher, ſo oft ſie nach Queens⸗Crawleh kam, außerordentlich reſpectirt, denn ſie hatte bei ihrem Bankier ein Guthaben, das ihr überall Liebe erworben haben würde. Welche Würde verleiht nicht einer alten Dame ein ſolches Guthaben bei ihrem Bankier! Wie zärtlich blicken wir auf ihre Fehler, wenn ſie eine Verwandte iſt (und möge jeder Leſer ein Schock ſolcher beſitzen); welch freundliches, gutmüthiges, altes Geſchöpf erkennen wir in ihr! Mit welchem Lächeln führt ſie der jüngere Theilhaber von Hobbs und Dobbs an die Kutſche mit dem Wappen und dem dicken keuchenden Kutſcher! Wie oft finden wir, wenn ſie uns einen Beſuch abſtattet, Gelegenheit, unſere Freunde ihre Stellung in der Welt wiſſen zu laſſen! Wir ſagen (und zwar vollkommen wahr), ich wollte, ich hätte Miß Mac Whirter's Unterſchrift zu einer auf fünf⸗ tauſend Pfund lautenden Anweiſung. Sie würde dieſe Summe nicht vermiſſen, ſagt Deine Frau. Sie iſt meine Tante, ſagſt Du nachläßig, wenn Dein Freund dich fragt, ob Miß Mac Whirter mit Dir verwandt ſei. Deine Frau ſchickt ihr beſtändig kleine Liebeszeichen; Deine kleinen Mädchen ſticken endloſe Körbe, Kiſſen und Schemel für ſie. Welch gutes Feuer iſt in ihrem Zimmer, wenn ſie Dir einen Beſuch macht, obgleich Deine Frau ihr Corſett ohne ein ſolches anzieht! So lange ſie dableibt, nimmt Dein Haus ein feſtliches, nettes, luſtiges, behag⸗ lich Ausſehen an, das man zu anderen Zeiten nicht gewahrt. Du ſelbſt, mein Lieber, vergiſſeſt das gewohnte Nachmittagsſchläfchen, und findeſt Dich mit einem Male (obgleich Du ſtets verlierſt) in einen ganz leidenſchaftlichen Liebhaber des Whiſtſpiels umgewandelt. Welch' gute Diners haſt Du — ieden Tag Wildpret, Malvaſier, Madeira, . — —,— 139 und alle Arten guter Fiſche von London. Selbſt die Dienſtboten in der Küche haben Theil an dem allgemeinen Wohlſtand; und, ohne daß man weiß, wie die Sache zu⸗ gegangen, iſt das Bier während des Aufenthalts des dicken Kutſchers der Miß Mar Whirter viel ſtärker geworden, während die Thee⸗ und Zucker⸗Conſumtion in der Kinder⸗ ſtube (wo ihre Kammerjungfer ſpeist) nicht im Mindeſten beachtet wird. Iſt es ſo, oder iſt es nicht ſo? Ich ap⸗ pellire an die Mittelklaſſen. Ach, gütiger Himmel! Ich wollte, du ſchickteſt mir eine alte Tante — eine unver⸗ heirathete Tante — eine Tante mit einem Wappen an der Kutſche, und einem Toupet von hellem, kaffeebraunem aare — wie ſollten meine Kinder es ſich angelegen ſein laſſen, Arbeitsbeutel für ſie zu fertigen, und wie ſehr ſollte es mein und meiner Julie Beſtreben ſein, es ihr bequem zu machen! Süße, ſüße Viſion! Thörichter, thörichter Traum! Zehntes Rapitel. Miß Sharp fängt an, ſich Freunde zu machen. Nachdem ſo Rebekka in die liebenswürdige Familie eingeführt war, deren Portrait wir in den voranſtehenden Seiten ſtizzirt haben, wurde es natürlich ihre Pflicht, ſich, wie ſie ſagte, ihren Wohlthätern angenehm zu machen, und ſoviel nur in ihren Kräften ſtand, ihr Zutrauen zu erwerben. Wer kann es über ſich gewinnen, dieſe Gefühle der Dankbarkeit bei einer ſchutzloſen Waiſe nicht zu be⸗ wundern; und wer muß nicht, wenn ihren Berechnungen 140 einige Selbſtſucht zu Grunde lag, ſagen, daß ihre Klug⸗ heit durchaus zu rechtfertigen war? „Ich ſtehe allein in der Welt,“ ſagte das aller Freunde baare Mädchen. „Vermögen habe ich keines zu erwarten, und ich ſehe mich daher lediglich auf meine eigene Arbeit verwieſen; und während vas kleine roſenwangige Rotznäschen Amalie nicht halb ſo geſcheidt iſt, wie ich, und dennoch zehntauſend Pfund und daher auch einen Mann bekommt, hat die arme Rebekka (und ich ſehe weit beſſer aus, als ſie) nur ſich ſelbſt und ihren Verſtand, worauf ſie ſich verlaſſen kann. Nun, wir wollen ſehen, ob mein Verſtand mir nicht zu einer ehrenvollen, ſorgenfreien Stellung verhelfen, und ob ich nicht eines Tags Miß Amalie zeigen kann, vaß ich ihr wirklich überlegen bin. Nicht als ob ich eine Abnei⸗ gung gegen die arme Amalie fühlte: wer kann einem ſo harmloſen, gutmüthigen Geſchöpfe abgeneigt ſein? — Nur wird es ein ſchoner Tag ſein, wenn ich in der Welt meinen Platz über ihr einnehmen kann, — und warum ſollte ich dieß nicht auch? So wiegte ſich unſere kleine romantiſche Freundin in Träumen in Betreff der Zukunft, — auch dürfen wir keinen Anſtoß nehmen, wenn in allen ihren Luftſchlöſſern ein Mann der Hauptbewohner war. An was Anderes haben junge Damen zu venlen, als an Männer? An was Anders denken ihre lieben Mütter? „Ich muß ſelbſt meine Mutter ſein,“ ſagte Rebekka, nicht ohne ein krän⸗ kendes Bewußtſein ihrer Niederlage, indem ſie an ihr kleines unglückliches Abentener mit Jos Sedley dachte. Sie beſchloß daher weislich, ihre Stellung bei der Familie in Queen's⸗Crawley zugleich angenehm und ſicher zu machen, und nahm ſich zu dieſem Zwecke vor, alle Perſonen ihrer Umgebung, die irgendwie auf ihr Wohlſein Einfluß üben konnten, zu Freunden zu gewinnen. Da my Lady Crawley zu dieſen Perſonen nicht ge⸗ hoͤrte, und da dieſelbe außerdem ein ſo indolentes und charakterloſes Weib war, daß ſie in ihrem eigenen Hauſe 141 nicht das Mindeſte zu ſagen hatte, ſo machte Rebekka balb ausfindig, daß es durchaus nicht nothwendig ſei, ſich um ihre Zuneigung zu bewerben — ja daß es un⸗ möglich ſei, dieſelbe zu gewinnen. Mit ihren Schülerinnen pflegte ſie von ihrer „armen Mama“ zu ſprechen; und obgleich ſie es an Beweiſen kalten Reſpekts gegenüber von dieſer Dame nicht fehlen ließ, ſo machte ſie doch weislich die übrigen Glieder der Familie zum Hauptgegen⸗ ſtande ihrer Aufmerkſamkeit. Bei den Kindern, die ſie ganz für ſich gewann, war ihr Verfahren ganz einfach. Sie plagte ſie nicht mit allzu vielem Lernen, ſondern ließ ſie im Gegentheil ihren eigenen Weg gehen, und ſich ſo viel wie moͤglich ſelbſt erziehen; denn welcher Unterricht iſt wirkſamer, als der Selbſtunter⸗ richt? Die älteſte hatte die Bücher ziemlich gern, und da es in der alten Bibliothek zu Queen's⸗Crawley an leichter Litteratur aus dem vergangenen Jahrhundert, ſo⸗ wohl in franzöſiſcher, als engliſcher Sprache, nicht fehlte (die Werke waren von dem Secretär des Schnur- und Siegellack⸗Amts zur Zeit ſeiner Ungnade angeſchafft wor⸗ den), und da ferner außer Rebekka ſich Niemand um die Bücherregale kümmerte, ſo war Letztere im Stande, Miß Roſa Crawley auf angenehme Weiſe, und, ſo zu ſagen, ſpielend eine Menge Kenntniſſe beizubringen. Sie und Miß Roſa laſen ſo viele ſchöne franzöſiſche und engliſche Werke miteinander; wir erwähnen hier vorzugsweiſe die des gelehrten Dr. Smollett, die des ſinn⸗ reichen Henry Fielding, die des grazisſen und phantaſti⸗ ſchen Monfieur Cröbillon junior, den unſer unſterblicher Dichter Gray ſo ſehr bewunderte, ſowie die des univer⸗ ſellen Monſieur de Voltaire. Einſt fragte Herr Crawley, was die Mädchen läſen, und die Gouvernante antwortete: „Smollett.“ „O, Smollett,“ ſagte Herr Crawley ganz befriedigt. „Seine Geſchichte iſt langweiliger, aber keines⸗ wegs ſo gefährlich, wie die von Hume. Sie leſen alſo Ge⸗ ſchichte?“ „Ja,“ ſagte Miß Roſa, ohne indeſſen hinzuzu⸗ 142 ſetzen, daß es die Geſchichte Humphrey Clinkers ſei. Bei einer andern Gelegenheit nahm er Anſtoß, als er in der Hand ſeiner Schweſter ein franzöſiſche Schauſpiele enthalten⸗ des Buch fand; da aber die Gouvernante bemerkte, daß ſie ihre Schülerin vieſelben leſen laſſe, um ihr den franzöſiſchen Converſationston beizubringen, ſo konnte er wohl nicht um⸗ hin, ſich zufrieden zu geben. Als Diplomat war Herr Crawley nicht wenig ſtolz auf die Fertigkeit, womit er ſelbſt das Franzöſiſche ſprach (denn er gehörte noch zu den Kindern dieſer Welt), und ſo fand er ſich denn durch die Complimente, die ihm die Gouvernante in dieſer Hinſicht beſtändig machte, gar ſehr geſchmeichelt. Miß Violets Neigungen dagegen waren roherer und lärmenderer Natur, als die ihrer Schweſter. Sie kannte die abgelegenen Orte, an welche die Hennen ihre Eier legten. Sie konnte auf einen Baum klettern, um die Ne⸗ ſter der gefiederten Sänger ihres gefleckten Inhalts zu berauben. Ihr hochſtes Vergnügen war es, auf den jun⸗ gen Füllen zu reiten, und wie Camilla die Ebenen zu durchſtreifen. Sie war der Liebling ihres Vaters und der Stallknechte. Auch war ſie der Liebling und zu gleicher Zeit der Schrecken der Köchin; denn ſie entdeckte alle Conſerve⸗Töpfe, wie ſehr man ſich auch Mühe gegeben, dieſelben zu verſtecken, und griff ſie an, ſobald ſie in ihren Bereich kamen. Sie lag mit ihrer Schweſter beſtändig im Kampfe. Entdeckte Miß Sharp einmal eines dieſer kleinen Vergehen, ſo ſprach ſie nicht mit Lady Crawley darüber, die ſie dem Vater, oder, was noch ſchlimmer, Herrn Crawley berichtet haben würde, ſondern verſprach, Nichts ſagen zu wollen, wenn Miß Vivlet ein gutes Mäd⸗ chen ſein, und ihre Gouvernante lieben würde. Herrn Crawley gegenüber zeigte ſich Miß Sharp reſpektvoll und unterwuͤrfig. Sie pflegte ihn über Stellen in franzöſiſchen Autoren, die ſie nicht verſtehen konnte, ob⸗ gleich ihre Mutter eine Franzöſin war, zu Rathe zu zie⸗ hen; gegen ſeine Auslegung hatte ſie nie Etwas einzuwen⸗ * —— 143 den; und nicht nur ging er ihr ſö in der profanen Liter⸗ tur an die Hand, ſondern war auch ſo gütig, Bücher von ernſterer Tendenz für ſie auszuwählen, und ſich viel mit ihr zu unterhalten. Sie bewunderte über die Maßen die Rede, die er in dem Quaſhimabov⸗Hülfsverein gehalten, intereſſirte ſich für ſeine Broſchüre über das Malzweſen, war oft, ſelbſt bis zu Thränen, gerührt durch die Anre⸗ den, die er Abends preis gab, und ſagte: „Ach, ich danke Ihnen, Sir,“ mit einem Seufzer und einem Blicke zum Himmel, der ihn bisweilen bewog, ihr die Hand zu drücken. „Am Ende iſt das Blut doch Alles,“ ſagte da der ariſto⸗ kratiſche Frömmling. „Wie iſt doch Miß Sharp von meinen Worten erweckt, während Niemand von den Leu⸗ ten hier gerührt wird. Ich bin zu fein für ſie — zu zart. Ich muß meinen Vortrag populärer machen — ſie aber verſteht mich. Ihre Mutter war eine Montmorench.“ In der That war, wie es ſcheint, dieſe Miß Sharp von mütterlicher Seite aus dieſer berühmten Familie ent⸗ ſproſſen. Natürlich ſagte ſie nicht, daß ihre Mutter auf. der Bühne geweſen; es würde nur Herrn Crawley's re⸗ ligiöſe Skrupel geweckt haben. Wie viele adelige Emi⸗ granten hatte die abſcheuliche Revolution ins Elend ge⸗ ſtürzt! Sie wußte verſchiedene Geſchichten über ihre Ahnen zu erzählen, noch ehe ſie viele Monate im Hauſe war; einige derſelben fand Herr Crawley zufällig in D'Hoziers Wörterbuch, das ſich in der Bibliothek befand, und ſo fand er ſich denn in ſeinem Glauben an deren Wahrheit und an die hohe Geburt Rebekka's beſtärkt. Dürfen wir aus dieſer Reugierde und dieſem Durchſtobern von Wör⸗ terbüchern ſchließen, oder konnte unſere Heldin annehmen, daß Herr Crawley ſich für ſie in zärtlicher Weiſe intereſ⸗ ſirte? — Nein, ſeine Theilnahme war eine rein freund⸗ ſchaftliche. Haben wir nicht bereits geſagt, daß Lady Jane Sheepſhanks ſeine Auserkorene war? Ein oder zwei Mal machte er Rebekka Vorſtellungen varüber, wie wenig ſchicklich es ſei, daß ſie mit Sir Pitt Tricktrack ſpiele; er nannte dieſes Spiel einen gottloſen Zeitvertreib, und ſetzte hinzu, daß es weit beſſer für ſie wäre, wenn ſie „Thrumps Vermächtniß“ oder „die blinde Wäſcherin von Moorfields“, oder irgend ein Werk von ernſterer Tendenz läſe; allein Miß Sharp ſagte, ihre un⸗ vergeßliche Mutter habe daſſelbe Spiel oft mit dem alten Grafen von Trictrac und dem ehrwürdigen Abbé du Cor⸗ net geſpielt, und fand ſo eine Ausrede für dieſe und an⸗ dere weltliche Beluſtigungen. Aber die kleine Gouvernante machte ſich bei dem Ba⸗ ronet nicht bloß vadurch beliebt, daß ſie mit ihm Trick⸗ track ſpielte. Sie fand mancherlei Mittel, ſich ihm nütz⸗ lich zu machen. Sie las mit unermüdlicher Geduld alle Proceßakten durch, womit er vor ihrer Ankunft in Queen's⸗Crawley verſprochen hatte, ſie zu unterhalten. Sie erbot ſich, viele ſeiner Briefe zu copiren, und änderte geſchickt die Orthographie derſelben, um ſie mit dem der⸗ maligen Gebrauche in Einklang zu bringen. Sie intereſ⸗ ſirte ſich für Alles, was das Gut betraf, für das Acker⸗ ſeld, für den Park, für den Garten und die Stallungen; — und zu einer ſo angenehmen Geſellſchafterin wußte ſie ſich zu machen, daß der Baronet ſelten ſeinen gewöhnlichen Spaziergang nach dem Frühſtücke ohne ſie (und natürlich auch die Kinder) machte, wo ſie dann ihren guten Rath ertheilte in Betreff der Bäume, die gekappt, der Garten⸗ beete, die umgegraben, des Getreides, das geſchnitten, der Pferde, die für den Wagen oder den Pflug beſtimmt wer⸗ den mußten. Sie war noch kein Jahr in Queen's⸗Craw⸗ ley, und doch hatte ſie ſchon das Vertrauen des Baronets in vollſtem Maße gewonnen: und das Geſpräch, das bei Tiſche früher zwiſchen ihm und Herrn Horrocks, dem Kellermeiſter, geführt wurde, fand jetzt faſt ausſchließlich zwiſchen Sir Pitt und Miß Sharp Statt. Sie war faſt die Herrin im Hauſe, wenn Herr Crawley abweſend war; dabei benahm ſie ſich aber in ihrer neuen und hohen Stel⸗ ung mit ſo vieler Umſicht und Beſcheidenheit, daß ſie bei, 145 den Küchen⸗ und Stall⸗Autoritäten, gegenüber von wel⸗ chen ihr Benehmen ſtets äußerſt beſcheiden und freundlich war, nicht anſtieß. Sie war eine Perſon geworden, die von dem hochmüthigen, ſcheuen, unzufriedenen Mädchen, als welches wir ſie früher kennen gelernt haben, ganz und gar verſchieden war; und dieſer Charakterwechſel bewies große Klugheit von ihrer Seite, ſo wie ein aufrichtiges Verlangen, ſich zu beſſern, oder auf jeden Fall viel mo⸗ raliſchen Muth. Ob es das Herz war, das dieſes neue Syſtem der Gefälligkeit und Demuth, das unſere Rebekka angenommen hatte, eingab, wird ihre ſpätere Geſchichte beweiſen. Ein Syſtem der Heuchelei, das ganze Jahre hindurch dauert, wird ſelten von einer Perſon von nur ein und zwanzig Jahren geſchickt durchgeführt; indeſſen werden unſere Leſer ſich erinnern, daß unſere Heldin, ob⸗ wohl jung an Jahren, doch alt an Leben und Erfahrung warz und wir haben unſern Zweck verfehlt, wenn dieſelben nicht bereits herausgefunden haben, daß ſie ein ſehr ge⸗ ſcheidtes Frauenzimmer war. Der ältere und der jüngere Sohn des Crawley'ſchen Hauſes waren, wie der Herr und die Dame im Wetter⸗ häuschen, nie mit einander zu Hauſe: — ſie haßten ein⸗ ander von ganzem Herzen. Was Rawdon Crawley, den Dragoner, insbeſondere betrifft, ſo hegte er eine gewaltige Verachtung gegen das ganze Haus, und kam ſelten da⸗ hin, ausgenommen, wenn ſeine Tante dort ihren jährlichen Beſuch machte. Der großen guten Eigenſchaft dieſer alten Dame iſt bereits Erwähnung gethan worden. Sie beſaß ein Ver⸗ mögen von fiebzig tauſend Pfund, und hatte Rawdon ſo gut wie adoptirt. Ihr älterer Neffe war ihr äußerſt zu⸗ wider, und ſie verachtete denſelben als einen Schwachkopf. Dafür ſtand Letzterer nicht an, ihre Seele für unwieder⸗ bringlich verloren zu erklären; auch ſtanden nach ſeiner Meinung die Aktien ſeines Bruders in Dingen der andern Der Jahrmarkt des Lebens. I. 10 Welt um kein Haar beſſer. „Sie iſt ein gottloſes Welt⸗ kind,“ pflegte Herr Crawley zu ſagen; „ſie geht mit Atheiſten und Franzoſen um. Es überläuft mich kalt, wenn ich an ihr furchtbares, furchtbares Lvos in der an⸗ dern Welt denke, und wenn ich erwäge, daß ſie noch am Rande des Grabes der Eitelkeit, dem weltlichen Vergnü⸗ gen, der Gottloſigkeit und der Thorheit in ſolchem Maße fröhnt.“ In der That wollte die alte Dame ſchlechter⸗ dings Nichts von ſeinen Abendverſammlungen hören, und ſo oft ſie nach Queen's⸗Crawley allein kam, mußte er ſeine gewohnten Andachtsübungen einſtellen. „Schaff Deine Predigtbücher weg, Pitt, wenn Miß Crawley zu uns kommt,“ ſagte ſein Vater; „ſie hat ge⸗ ſchrieben, daß ſie das viele Predigen ſchlechterdings nicht vertragen könne.“ „O, Sir! Denken Sie doch an die Dienſtboten!“ „Zum Henker mit den Dienſtboten!“ ſagte Sir Pitt; und ſein Sohn meinte, daß ihnen noch Schlimmeres, als vdas Hängen, widerfahren müßte, wenn ſie der Wohlthat ſeiner Unterweiſungen beraubt würden. „Zum Henker vamit, Pitt!“ ſagte der Vater auf ſeine Vorſtellungen. „Hoffentlich biſt Du nicht ſo blöd⸗ ſinnig, daß Du der Familie drei tauſend Pfund per Jahr entgehen laſſen willſt?“ „Was iſt alles Geld unſerem Seelenheil gegenüber, Sir?“ fuhr Crawley fort. „Du meinſt vielleicht, die alte Dame werde das Geld nicht Dir hinterlaſſen?“ — Und wer weiß, ob dieß nicht wirklich ſeine Meinung war? Die alte Miß Crawley war gewiß von den Gott⸗ loſen eine. Sie hatte ein kleines, bequem eingerichtetes Haus in Park Lane, und da ſie während der Saiſon in London viel zu viel aß und trank, ſo ging ſie während der Sommerzeit nach Harrowgate oder Cheltenham. Sie war gewiß die gaſtfreundlichſte und jovialſte aller alten 147 Veſtalinnen, und war, wie ſie ſagte, in ihren Tagen eine Schönheit geweſen. (Alle alten Frauenzimmer waren einmal Schonheiten, wie wir wohl wiſſen.) Sie war ein pel esprit, und für jene Zeit eine ſchreckliche Radikale. Sie war in Frankreich geweſen (wo St. Juſt, wie es heißt, ihr eine unglückliche Leidenſchaft einflößte), und liebte von der Zeit an franzöſiſche Romane, franzöfi⸗ ſche Küche, und franzöſiſche Weine. Sie las Voltaire, und wußte Nouſſeau auswendig, machte ſich nicht viel aus Eheſcheidungen, und vertheivigte die Rechte der Frauen aufs Kräftigſte. In jedem Zimmer ihres Hauſes hatte ſie Portraits von Herrn For: als dieſer Staatsmann in der Oppoſition war, nahm ſie aufs Entſchiedenſte ſeine Partei, und hätte, wie ich faſt glaube, Alles für ihn in die Schanze geſchlagen; und als er ins Miniſterium trat, that ſie ſich nicht wenig darauf zu gut, daß ſie Sir Pitt und deſſen Collegen für Queen's⸗Crawley auf ſeine Seite brachte, obwohl Sir Pitt ſelbſt zu ihm übergegangen ſein würde, ohne irgend eine Bemühung von Seiten der ehrlichen Dame. Ich brauche hier wohl kaum zu bemer⸗ ken, daß Sir Pitt ſich veranlaßt ſah, nach dem Tode des großen Whig⸗Miniſters ſeine Anſichten wieder zu ändern. Dieſe würdige alte Dame faßte eine Vorliebe für Rawdon Crawley, als derſelbe noch ein Knabe war, ſchickte ihn nach Cambridge (weil ſein Bruder in Orford war), und kaufte ihm, als der junge Mann von den Au⸗ torikäten der erſtgenannten Univerſität nach einem Aufent⸗ halte von zwei Jahren gebeten worden war, die alma mater zu verlaſſen, ein Offizierspatent, wodurch er be⸗ fähigt wurde, in das grüne Leibgarde⸗ Regiment einzu⸗ treten. Der junge Offizier war ein vollkommener und be⸗ rühmter Dandy zu jener Zeit. Als Beluſtigungen waren damals bei unſerer britiſchen Ariſtokratie in der Mode 148 das Boren, das Rattenjagen, das Fives' Court *), und das Vierſpännigfahren, und in allen dieſen edlen Wiſſen⸗ ſchaften war er ein Adept. Und obgleich er zu den kö⸗ niglichen Haustruppen gehörte, die, weil ſie ſich um den Prinzregenten ſchaaren mußten, ihre Tapferkeit noch nicht im Kriegsdienfte außerhalb des Landes an den Tag ge⸗ legt hatten, ſo hatte doch Rawdon Crawley (des Spiels wegen, für das er übermäßig paſſionirt war), drei blutige Durlle gehabt, in denen er genugſame Beweiſe ſeiner Todesverachtung gab. „Und Beweiſe, wie er das, was nach dem Tode kommt, verachtet,“ pflegte Herr Crawley zu bemerken, indem er ſeine ſtachelbeerfarbigen Augen auf die Zimmer⸗ decke heftete. Er dachte immer und ewig an die Seele ſeines armen Bruders, oder an die Seelen Solcher, deren Anſichten von den ſeinigen abwichen: es iſt dieß eine Art Troſt für viele Leute, die ernſtlich an ihr Seelenheil denken. . Die närriſche, romantiſche Miß Crawley war weit entfernt, über den Muth ihres Lieblings ſich zu entſetzen; ſie pflegte vielmehr nach ſeinen Duellen ſeine Schulden zu bezahlen, und wollte auch nicht Ein Wort hören, wo⸗ durch man ſeine Moralität bei ihr zu verdächtigen ſuchte. „Er wird ſich ſchon die Hörner ablaufen,“ ſagte ſie als⸗ dann, „und iſt tauſend Mal mehr werth, als jener win⸗ ſelnde Heuchler, ſein Bruder.“ *) Die Fünfe, ein Ballſpiel. 149 Eitftes Rapitel. Arkadiſche Einfachheit. Neben dieſen ehrlichen Leuten im Schloſſe (deren Einfachheit und holde ländliche Sittenreinheit gewiß dar⸗ thun, wie ſehr das Landleben den Vorzug vor dem Stadt⸗ leben verdient), müſſen wir den Leſer mit ihren Verwand⸗ ten und Nachbarn im Pfarrhauſe, Herrn Bute Crawley und deſſen Frau, bekannt machen. Seine Ehrwürden, Herr Bute Crawley war ein gro⸗ ßer, ſtattlicher, luſtiger Mann, der einen Schaufelhut trug, und in ſeiner Grafſchaft weit beliebter war, als ſein Bru⸗ der, der Baronet. Während ſeiner Univerſitätsjahre hatte er im Chriſichurch⸗Boote das erſte Ruder geführt, und die beſtborenden Philiſter ſtets tüchtig geledert. Er nahm ſeinen Geſchmack am Borxen und an athletiſchen Körper⸗ übungen mit in das Privatleben hinüber: da gab es keine Borerei auf zwanzig Meilen in der Runde, wobei er ſich nicht einfand, noch ein Wettrennen, noch einen Wettlauf, noch eine Regatta, *) noch einen Ball, noch eine Wahl, noch ein Viſitationseſſen, noch überhaupt ein gutes Diner in der ganzen Grafſchaft, dem er nicht beiwohnte; ſtets wußte er ſein Erſcheinen moͤglich zu machen. So oft es ein großes Eſſen zu Fuddleſton, oder zu Rorby, oder in Wapſfhot Hall, oder bei den großen Lords der Grafſchaft, mit denen allen er auf vertrautem Fuße ſtand, gab, konnte man ſeinen Braunen und ſeine Gig⸗Laternen wohl zwanzig Meilen weit von ſeinem Pfarrhauſe weg ſehen. Er hatte eine ſchone Stimme, ſang „ein Südwind und ein *) Schiffrennen. 15⁰ . wolkiger Himmel,“ und gab das „Halloh“ im Chor zu Jedermanns Beifall. Bei Hetzjagden erſchien er in grau⸗ melirtem Rocke; dabei war er einer der gewandteſten Fi⸗ ſcher in der ganzen Grafſchaft. Mrs. Crawley, die Frau des Rektors, war eine leb⸗ hafte kleine Perſon, welche die Predigten des würdigen Geiſtlichen ſchrieb. Da ſie einen häuslichen Sinn hatte, und mit ihren Töchtern viel zu Hauſe blieb, ſo herrſchte ſie unumſchränkt im Pfarrhauſe, und ließ ihrem Manne weislich volle Freiheit außerhalb deſſelben. Er konnte gehen, und kommen, und auswärts ſpeiſen, wann es ihm beliebte, denn Mrs. Crawley war eine ſparſame Frau, und kannte den Preis des Portweins gar gut. Von dem Tage an, wo Mrs. Bute den jungen Rektor von Queen's⸗ Crawley einthat, (ſie war von guter Familie, eine Tochter des verſtorbenen Oberſtlieutenants Hector Mqe Taviſh, und ſie und ihre Mutter hatten zu Harrowgate um Bute geſpielt und ihn gewonnen), war ſie ihm ſtets eine um⸗ ſichtige und haushälteriſche Frau geweſen. Trotz aller ihrer Vor⸗ und Unſicht aber ſtak er ſiets in Schulden. Er brauchte zum Wenigſten zehn Jahre, um die zu den„ Lebzeiten ſeines Vaters gemachten Univerſitätsſchulden zu bezahlen. Im Jahre 179—, als er eben mit der Abzah⸗ lung dieſer Schulden fertig geworden war, ging er eine Wette von zweitauſend Pfund gegen zwanzig ein, daß Kangaroo unterliegen würde. Unglücklicher Weiſe gewann dieſer gerade den großen Preis bei den Derby⸗Wettrennen. Der Rektor ſah ſich gezwungen, das Geld zu einem ruinöſen Intereſſe aufzunehmen, und hatte ſeit jener Zeit ſtets mit Schulden zu kämpfen gehabt. Dann und wann half ihm ſeine Schweſter mit hundert Pfund aus; ſeine Haupthoffnung aber beruhte natürlich auf ihrem Tode — „und dann,“ (ſo pflegte er zu ſagen) „muß mir Mathilde beim Henker ihr halbes Vermögen hinterlaſſen. Der Baronet und ſein Bruder hatten ſonach alle Gründe, die zwei Brüder nur haben können, um einander — — — 151 ſtets in den Haaren zu liegen. In unzähligen Familien⸗ ſachen hatte Sir Pitt gegenüber von Bute den Vortheil erhalten. Nicht nur ging der junge Pitt nicht auf die Jagd, ſondern es gründete derſelbe auch noch eine Diſſi⸗ denten⸗Kapelle vor ſeines Oheims Naſe. Rawdon ſollte, wie bekannt war, der Haupterbe der Miß Crawley wer⸗ den. Solche Geldſachen — ſolche auf den Tod gewiſſer Perſonen gebaute Spekulationen — ſolche ſtille Schlach⸗ ten um die Beute einer Erbſchaft — ſtimmen auf dem Jahrmarkte des Lebens Brüder gar ſehr zur Liebe gegen einander. Ich meines Theils bin Zeuge geweſen, wie eine Fünfpfundnote zwiſchen zwei Brüder trat, und einer ein halbes Jahrhundert alten Liebe ein Ende machte; und wenn ich bedenke, welch ein feines und dauerhaftes Ding es um die Liebe bei weltlich geſinnten Menſchen iſt, ſo kann ich nicht umhin, darüber meine Verwunderung aus⸗ zudrücken. Es läßt ſich nicht annehmen, daß die Ankunft einer Perſon, wie Rebekka, zu Queen's⸗Crawley, und ihr all⸗ mähliges Sicheinſchleichen in die Gunſt ſämmtlicher Be⸗ wohner des Schloſſes, von Mrs. Bute Crawley unbeach⸗ tet blieb. Mrs. Bute, welche wußte, wie viele Tage der Lendenbraten im Schloſſe dauerte; wie viel Weißzeug bei der großen Wäſche gewaſchen wurde; wie viele Pfirſiche an der ſüdlichen Gartenmauer hingen; wie viele Doſen Arzenei ihre Ladyſhip nahm, wenn ſie krank war — denn ſolche Punkte ſind für gewiſſe Perſonen auf dem Lande Gegenſtände des tieſſten Intereſſes — Mrs. Bute, ſage ich, konnte die Gouvernante im Schloſſe nicht bemerken, ohne alle möglichen Nachforſchungen über ihre Geſchichte und ihren Charakter anzuſtellen. Zwiſchen der Diener⸗ ſchaft im Pfarrhauſe und im Schloſſe herrſchte ſtets das beſte Einverſtändniß. In der Küche des erſteren Orts ſtand ſtets ein gutes Glas Ale für die Leute vom Schloſſe bereit, deren gewöhnliches Getränk ſehr verdünnt war — und in der That wußte die Frau Pfarrerin bis auf ein 15² Haar, wie viel Malz auf jedes Faß Bier im Schloſſe kam; — auch beſtanden zwiſchen den Dienſtboten des Schloſſes und des Pfarrhauſes Bande des Bluts, wie zwiſchen ihren Herrſchaften; und durch dieſe Kanäle war jede Familie genau von Allem unterrichtet, was bei der anderen vorging. Als eine allgemeine Regel mag, bei⸗ läufig geſagt, das gelten: — Stehſt du mit deinem Bru⸗ der auf einem freundſchaftlichen Fuße, ſo kümmerſt du dich nicht um das, was er thut; lebſt du dagegen mit ihm im Streit, ſo biſt du von allen ſeinen Schritten ſo genau unterrichtet, als ob du ſein Spion wäreſt. Sehr bald nach ihrer Ankunft fing ſonach Rebekka an, in Mrs. Crawley's Schloß⸗Bulletin ein ſtehender Artikel zu werden. Ein Bulletin lautete etwa alſo: — „Das ſchwarze Schwein iſt geſchlachtet — wog X Stein *) — die Seitenſtücke eingeſalzen — Metzelſuppe, Blutwürſte und Schweinskeule zum Mittageſſen. Herr Cramp von Mudbury bei Sir Pitt, um John Blackmore einzuſtecken — Herr Pitt in der Diſſidenten⸗Kapelle (nebſt nament⸗ licher Angabe aller Leute, die anweſend waren) — my Lady wie gewöhnlich — die jungen Damen bei der Gou⸗ vernante.“ Dann kam wieder ein Bericht, etwa. folgenden In⸗ halts: — „Die neue Gouvernante eine Perſon, die ihre Leute ungemein klug zu behandeln weiß — Sir Pitt thut ſehr freundlich mit ihr — auch Herr Crawley — Letzte⸗ rer liest ihr Traktätchen vor.“ — Hier konnte die kleine, eifrige, thätige Brünette Mrs. Bute Crawley ſich nicht enthalten, auszurufen: „Welche Spitzbübin!“ Endlich lauteten die Berichte, daß die Gouvernante Jedermann „eingethan“ habe, Sir Pitt's Briefe ſchreibe, ſeine Arbeiten beſorge, ſeine Rechnungen führe — das ganze Haus, my Lady, Herrn Crawley, die Mädchen, mit Einem Worte Alles beherrſche:“ — worauf Mrs. Craw⸗ * *) Ein Gewicht von 8, 12, 14 oder 16 Pfund. b 153 ley erklärte, die Gouvernante ſei ein ſchlaues, nichtswür⸗ diges Weibsbild, und gehe mit fürchterlichen Plänen um. — So bildeten die Vorgänge im Schloſſe den Haupt⸗ gegenſtand der Geſpräche im Pfarrhauſe, und Mrs. Bute's helle Augen ſpionirten Alles aus, was im feind⸗ Lager geſchah — Alles, und noch gar manches ndere. Mrs. Bute Crawley an Miß Pinkerton, Mall Chiswick. „Pfarrhaus, Queen's⸗Crawley, Dezember —. „Meine theure Madam, — Obgleich ſchon ſo viele Jahre verfloſſen, ſeit ich Ihren angenehmen und unſchätzbaren Unterricht genoß, habe ich doch nie aufgehört, für Miß Pinkerton und das theure Chiswick die innigſte Liebe und Hochachtung zu empfin⸗ den. Hoffentlich befinden Sie ſich in erwünſchter Geſundheit. Die Welt und die Sache der Erzie⸗ hung können Miß Pinkerton noch auf lange lange Jahrehhinaus nicht entbehren. Als meine Freundin, Lady Fuddleſton, gegen mich erwähnte, daß ihre lieben Töchter eine Erzieherin brauchten (ich bin zu arm, um für die meinigen eine Gouvernante zu halten; wurde ich aber nicht zu Chiswick erzogen ²) — rief ich aus: „„Wer kann uns beſſer Rath ſchaffen, als die vortreffliche, unver⸗ gleichliche Miß Pinkerton?““ Mit Einem Worte, wiſſen Sie, theure Madam, einige Damen, deren Dienſtleiſtun⸗ gen meiner lieben Freundin und Nachbarin von Nutzen ſein könnten? Ich kann Sie verſichern, daß ſie keine 154 andere Gouvernante nehmen wird, als die, ſo Sie wählen. „Mein lieber Mann ſagt immer, daß er Alles, was aus Miß Pinkerton's Schule komme, gern habe. Ach, wie gern möchte ich ihn und meine lie⸗ ben Mäbchen der Freundin meiner Jugend, und der be⸗ wunderten Freundin des großen Lericographen unſeres Landes vorſtellen! Wenn Sie einmal nach Hampſhire kommen ſollten, ſo hofft Herr Crawley — wie er mich erſucht, Ihnen zu ſagen, daß Sie unſer ländliches Pfarrhaus mit Ihrer Gegenwart zieren werden. Dieß iſt der beſcheidene, aber glückliche Wohnſitz 2 „Ihrer liebevoll ergebenen Martha Crawley.“ „P. S. Herr Crawley's Bruder, der Baronet, mit dem wir leider nicht ganz auf dem freundſchaftli⸗ chen Fuße leben, auf dem Brüder mit einander leben ſollen, hat für ſeine kleinen Mädchen eine Goupernante, vie, wie ich höre, ſo glücklich geweſen iſt, in Chiswick erzogen zu werden. Ich höre Verſchiedenes über ſie, und da ich das zärtlichſte Intereſſe für meine theuerſten kleinen Nichten fühle, die ich, aller Familien⸗ ſtreitigkeit en ungeachtet, noch zu meinen eigenen Kindern zählen zu können wünſche — und da ich das ſehnlichſte Verlangen habe, mich gegen jede Ihrer Schülerin⸗ nen aufmerkſam zu erweiſen — ſo bitte ich Sie, meine theure Miß Pinkerton, mir die Geſchichte dieſer jungen Dame mitzutheilen, der ich um Ihretwillen von ganzem Herzen Freundſchaft erzeigen möchte. — „M. C.“ 155 Miß Pinkerton an Mrs. Bute Crawley. „Johnſon Houſe, Chiswick, Dec. 18—. „Theure Madam, — Ich habe die Ehre, Ihnen den Empfang Ihres hoflichen Schreibens mitzutheilen, und beeile mich, daſſelbe zu beantworten. Es iſt hochſt erfreulich für eine Perſon in meiner mühevollen Stellung zu finden, daß meine mütterliche Sorgfalt eine entſpre⸗ chende Liebe hervorgerufen hat; und in der liebens würdi⸗ gen Mrs. Bute Crawley meine vortreffliche Schülerin aus früherer Zeit, die lebhafte und talentvolle Miß Martha Mac Taviſh, zu erkennen. Ich bin ſo glücklich, jetzt die Töchter vieler Ihrer ehemaligen Mitſchülerinnen in meiner Anſtalt zu haben: — welches Vergnügen würde es mir gewähren, wenn auch Ihre geliebten jungen Damen meiner Aufſicht und Belehrung bedürften. „Indem ich Lady Fuddleſton mich ehrerbietigſt em⸗ pfehle, habe ich die Ehre, ihrer Ladyſhip meine zwei Freun⸗ Miß Tuffin und Miß Hawky, (brieflich) vorzu⸗ ellen. „Jede dieſer zwei jungen Damen iſt vollkommen befähigt, im Griechiſchen, Lateiniſchen, und in den Anfangsgründen des Hebräiſchen, in der Mathematik und Geſchichte, im Spaniſchen, Franzoſiſchen, Italieniſchen und in der Geographie, in der Vocal⸗ und Inſtrumentalmuſik, im Tanzen, ohne Beihülfe eines beſonderen Lehrers, ſowie in den Elementen der Naturwiſſenſchaften zu unterrichten. In dem Gebrauche des Erd⸗ und Himmels⸗Globus ſind beide wohlbewandert. Außerdem kann Miß Tuffin, welche eine Tochter des verſtorbenen Thomas Tuffin, Ehrwürden, (Mitglieds von Corpus College, Cambridge,) iſt, in der ſyriſchen Sprache, ſowie in den Elementen des conſtitu⸗ tionellen Rechts Unterricht ertheilen. Da ſie aber erſt achtzehn Jahre alt iſt, und ein außerordentlich angenehmes 156 Aeußere beſitzt, ſo dürfte vielleicht dieſe junge Dame als nicht ganz zur Aufnahme in Sir Huddleſton Fuddleſton's Familie geeignet erachtet werden. „Miß Lätitia Hawky vagegen glänzt nicht vurch ihre perſönlichen Reize. Sie iſt 29 Jahre alt, und ihr Ge⸗ ſicht trägt ziemlich ſtarke Spuren einer frühern Blattern⸗ krankheit. Sie hinkt etwas, hat rothe Haare, und ſieht etwas ſcheel. Beide Damen ſind mit allen morali⸗ ſchen und religiöſen Tugenden ausgeſtattet. Was ihre Anſprüche betrifft, ſo ſtehen ſie natürlich mit ihren vielen Talenten im. Verhältniß. Mich dankbarſt Sr. Ehrwürden, Herrn Bute Crawley, empfehlend, habe ich die Ehre zu zeichnen „Theure Madam, „Ihre ergebenſte und gehorſamſte Dienerin, „Barbara Pinkerton.“ „P. S. Die Miß Sharp, deren Sie, als der Gou⸗ vernante bei Sir Pitt Crawley, Bart., M. P., Erwäh⸗ nung thun, war eine meiner Schülerinnen, und ich habe nichts Nachtheiliges über ſie zu fagen. Obgleich ihre äuſ⸗ ſere Erſcheinung unangenehm iſt, ſo können wir doch dem Walten der Natur nicht Einhalt thun; und obgleich ihre Eltern einen ſchlechten Ruf hatten (ihr Vater war ein Maler, der mehrere Male vergantet wurde; und ihre Mutter, wie ich ſeitdem zu meinem Entſetzen in Erfahrung gebracht habe, eine Operntänzerin), ſo ſind doch ihre Ta⸗ lente bedeutend, und ich kann nicht bedauren, ſie aus Barmherzigkeit in mein Haus aufgenommen zu haben. Ich fürchte nur, die Grundfätze der Mutter — vie mir als eine franzoſiſche Gräfin dargeſtellt worden, welche die bekannten Gräuel der Revolution zur Auswanderung gezwungen, die aber, wie ich ſeitdem ausfindig gemacht, eine ganz gemeine und ſittenloſe Perſon war — möchten einmal bei dem unglücklichen jungen Frauen⸗ zimmer, das ich als eine Verſtoßene aufnahm, ſich als 157 erblich erweiſen. Bis jetzt aber ſind ihre Grundſätze (wie ich glaube) untadelhaft geweſen, und ich halte mich überzeugt, daß in dem eleganten und feinen Zirkel des ſo hoch geſtellten Sir Pitt Crawley Nichts vorkommen wird, wodurch dieſelben verſchlechtert werden könnten!“ Miß Rebekka Sharp an Miß Amalie Sedley. „Es ſind ſchon viele Wochen verſtrichen, ſeit ich mei⸗ ner geliebten Amalie nicht geſchrieben; denn was konnte ich Dir Intereſſantes aus Humdrum Hall *) melden, wie ich den Ort getauft habe? Und was kümmerſt Du Dich darum, ob die Rüben gut oder ſchlecht gerathen ſind; ob das fette Schwein dreizehn oder vierzehn Stein wog, und ob das Rindvieh gedeiht, wenn es Mangelwurzel zu freſſen bekommt? Seitdem ich Dir geſchrieben, iſt ein Tag wie der andere geweſen. Vor dem Frühſtücke, ein Spazier⸗ gang mit Sir Pitt und ſeinem Gätemeſſer; nach dem Frühſtücke, Studien (wie ſie nun eben ſind) im Schul⸗ zimmer; nach dem Schulzimmer, Leſen und Schreiben mit Sir Pitt (deſſen Sekretär ich geworden bin), wegen Advo⸗ katen, Pachtkontracten, Kohlenminen, Kanälen; nach dem Mittagsmahle, Herr Crawley's Anſprachen, oder des Ba⸗ ronets Tricktrack; — während welcher Beluſtigungen my Lady gleich ruhig darein ſieht. Sie iſt in der letzten Zeit etwas intereſſanter geworden dadurch, daß ſie unwohl war, was in der Perſon eines jungen Doktors den Schloßbe⸗ wohnern einen neuen Beſucher zugeführt hat. Nun, meine *) Humdrum = dumm, einfältig, ſchläfrig. 158 Liebe, junge Frauenzimmer dürfen nie verzweifeln. Der junge Doktor gab einer gewiſſen Perſon, die eine Freun⸗ din von Dir iſt, zu verſtehen, daß, wenn ſie den Namen Mrs. Glauber annehmen wolle, ſie eine Zierde der Apo⸗ theke werden könne! Ich ſagte dem unverſchämten Men⸗ ſchen, daß letztere neben dem vergoldeten Stößer und Mörſer keiner weitern Zierde bedürfe: — als ob ich zur Frau eines Landarztes geboren wäre! Herr Glauber ging, als er dieſen Korb bekam, ernſtlich unwohl nach Hauſe, trank etwas Kühlendes, und iſt jetzt wieder vollkommen herge⸗ ſtellt. Sir Pitt billigte meinen Entſchluß entſchieden; ich glaube, er würde ſeinen kleinen Sekretär nur ungern ver⸗ lieren, und bin der Anſicht, daß der alte Schelm mich ſo gern hat, als es nur in ſeiner Natur liegt, Jemanden zu lieben. Heirathen, ja, ja! Und noch dazu einen Land⸗ apotheker, nachdem — Nein, nein, man kann nicht ſo bald alte Bekanntſchaften vergeſſen, von denen ich aber nicht mehr ſprechen will. Kehren wir nach Humdrum Hall zurück! „Seit einiger Zeit iſt es nicht mehr Humdrum Hall. Mein Liebe, Miß Crawley iſt angekommen mit ihren fei⸗ ſten Pferden, ihren feiſten Bedienten, ihrem feiſten Schooß⸗ hunde — die große reiche Miß Crawley, mit 70000 Pfund in den 5 Procents, die — nicht ſowohl Erſtere, als letz⸗ tere — ihre zwei Brüder anbeten. Sie ſieht ſehr apo⸗ plektiſch aus, die gute Seele; kein Wunder alſo, daß ihre Brüder ſo ſehr um ſie beſorgt ſind. Du ſollteſt nur ſehen, wie ſehr ſie mit einander wetteifern, wenn es gilt, ihre Kiſſen zurecht zu legen, oder ihr den Kaffee hinzureichen! „„Wenn ich auf's Land gehe,““ ſagt ſie (denn es fehlt; ihr nicht an Humor), „„ſo laſſe ich meine Speichelleckerin, Miß Briggs, zu Hauſe. Hier ſind meine Brüder, meine Speichellecker, meine Liebe: wahrlich ein hübſches Paar!““ „Wenn ſie zu uns auf's Land kommt, ſo ſteht unſer Schloß den Fremden offen, und wenigſtens einen Monat lang koͤnnte man glauben, der alte Sir Walpole ſei wie⸗ 1 159 der lebendig geworden. Wir haben große Eſſen und fah⸗ ren vierſpännig aus — die Lakaien legen ihre neueſten kanariengelben Livreen an, wir trinken Claret und Cham⸗ pagner, als ob wir nie etwas Anderes tränken. Wir haben Wachskerzen im Schulzimmer, und Feuer, um uns daran zu wärmen. Lady Crawley muß das glänzendſte erbſen⸗ grüne Kleid anziehen, das ihre Garderobe aufzuweiſen hat, und was meine Schülerinnen betrifft, ſo legen auch ſie ihre dicken Schuhe, und engen alten Tartan⸗Peliſſen weg, und tragen ſeidene Strümpfe und mouſſelinene Röcke, wie es ſich für faſhionable Baronets⸗Töchter ſchickt. Roſa kam geſtern übel zugerichtet heim — die Wiltſhire Sau (ein ungeheurer Liebling von ihr) rannte ſie um, und verderbte vollſtändig ein äußerſt hübſches, geblümtes, ſeidenes Kleid, da ſie darauf herumtanzte. Wäre dieß vor einer Woche geſchehen, ſo würde Sir Pitt gräulich geflucht, das arme Ding tüchtig geohrfeigt, und ſie einen Monat lang zu einer Brod⸗ und Waſſerkoſt verurtheilt haben. Alles, was er ſagte, war: „„Du ſollſt es mir büßen, Miß, wenn Deine Tante fort iſt,““ und lachte über den Vorfall, als über etwas ganz Unbedeutendes. Wir wollen hoffen, daß ſein Zorn ſchon lange verflogen iſt, bevor Miß Crawley ab⸗ reist. Ich hoffe es, und zwar um der Miß Roſa willen, Du darfſt es mir glauben. Welch bezaubernder Verſöhner und Friedensſtifter iſt doch nicht das Geld! „Eine andere bewunderungswürdige Wirkung von Miß Crawley's Ankunft und ihren 70000 Pfund iſt in dem Be⸗ tragen der beiden Brüder Crawley zu ſehen. Ich meine den Baronet und den Rektor, nicht unſere Brüder — ſondern die Erſteren, die einander das ganze Jahr haſſen, um Weihnachten aber wieder mit einem Male ganz liebe⸗ voll gegen einander geſtimmt ſind. Ich habe Dir im ver⸗ gangenen Jahre geſchrieben, wie der abſcheuliche, bei allen Wettrennen betheiligte Rektor die Gewohnheit habe, uns in der Kirche mit plumpen Reden auf den Leib zu rücken, und wie Sir Pitt als Antwort darauf ſchnarche. Sobald 160 aber Miß Crawley angekommen, hört man Nichts mehr von Streitigkeiten — das Schloß beſucht das Pfarrhaus und vice versa — ver Pfarrer und der Baronet ſpre⸗ chen über die Schweine, und die Wilddiebe, und die Graf⸗ ſchaftsgeſchäfte auf's Freundlichſte mit einander, und ohne ſich ſogar, wie ich glaube, bei ihrem Glaſe Wein zu zan⸗ ken. Die Urſache hievon iſt, daß Miß Crawley von ihren Streitigkeiten Nichts hören will, und daß ſie gelobt, ſie werde ihr Geld den Shropſhire Crawley's hinterlaſſen, wenn ſie ſie erzürnen. Wären dieſe Shropſhire Crawley's geſcheidte Leute, ſo könnten ſie, wie ich glaube, Alles be⸗ kommen; allein der Shropſhire Crawley iſt ein Geiſtli⸗ cher, wie ſein Vetter in Hampſhire, und hat Miß Craw⸗ ley, die einmal in einer Anwandlung von Zorn wider ihre unfügſamen Brüder zu ihm geflohen war, durch einige engherzige Anſichten in Dingen der Sittlichkeit tödtlich be⸗ leidigt. Wie ich glaube, ſo wollte er haben, daß man im Hauſe bete. „Unſere Predigtbücher ſind zu und eingeſchloſſen, wenn Miß Crawley da iſt, und Herr Pitt, den ſie verab⸗ ſcheut, findet es alsdann paſſend, ſich nach London zu be⸗ geben. Anſtatt ſeiner erſcheint nun der junge Dandy, Ka⸗ pitän Crawley, und ich glaube, es verlangt Dich zu wiſſen, was für ein Mann er iſt. „Nun, er iſt ein ſehr großer junger Dandy. Er iſt ſechs Fuß hoch und ſpricht ſehr laut; auch flucht er viel, und kommandirt die Dienſtboten, die ihn bei all' dem an⸗ beten, denn er iſt kein Knauſer — ſo daß die Domeſtiken Alles thun, was er nur haben will. Vergangene Woche tödteten die Wildſchützen beinahe einen Gerichtsdiener und deſſen Gehülfen, die von London gekommen waren, um den Kapitän zu verhaften, und ſich ertappen ließen, wäh⸗ rend ſie an der Parkmauer herumſchlichen: — ſie ſchlu⸗ gen ſie, tauchten ſie in einem der Teiche unter, und hätten ſie als Wilddiebe erſchoſſen, wenn ſich der Baronet nicht darein gelegt hätte. ₰ 161 „Der Kapitän verachtet ſeinen Vater von ganzem Herzen, wie ich ſehen kann, und nennt ihn einen alten Tropf, einen alten ungeſchlachten Kerl, einen alten Speckkauer, und gibt ihm zahlloſe andere hübſche Namen. Er hat eine fürchterliche Reputation bei den Damen. Er bringt ſeine Jäger mit nach Hauſe, lebt mit den Squires der Grafſchaft, ladet, wen er will, zum Eſſen ein, und Sir Pitt darf nicht muckſen, weil er ſonſt Miß Crawley beleidigen, und ihm ſein Legat entgehen könnte, wenn ſie einmal an ihrem Schlage ſtirbt. Soll ich Dir ein Kompliment ſagen, das mir der Kapitän ge⸗ macht hat? Ich muß es Dir mittheilen, es iſt ſo ſchön. Eines Abends war wirklich Tanz bei uns, und es waren Sir Huddleſton Fuddleſton ſammt Familie, Sir Giles Wapſhot ſammt ſeinen jungen Damen, und ich weiß nicht, wie viele Andere noch anweſend. Nun, ich hörte ihn ſagen: „„Beim Zeus, ſie iſt ein nettes, kleines Füllen!““ — womit er Deine unterthänigſte Dienerin meinte; auch that er mir die Ehre an, zwei Contretänze mit mir zu tanzen. Er lebt ziemlich luſtig mit den jungen Squires, mit denen er trinkt, wettet, reitet, und vom Jagen und Schießen ſpricht; die Landmädchen aber findet er lang⸗ weilig; und ich glaube in ver That, daß ſeine Anſicht in dieſem Punkte nicht zu verwerfen iſt. Du ſollteſt nur die Verachtung ſehen, mit der ſie auf mich Arme herabblicken. Wenn ſie tanzen, ſetze ich mich ganz beſcheiden hin, und ſpiele Clavier; als er aber neulich eines Abends, ziemlich vom Wein erhitzt, aus dem Speiſeſaale hereintrat, und mich auf ſolche Art beſchäftigt fand, ſchwor er ganz laut, daß ich die beſte Tänzerin im Zimmer ſei, und verſchwor ſich feierlich, daß er die Muſikanten von Mudbury kommen laſſen würde. „„Ich will einen Contretanz ſpielen,““ ſagte Mrs. Bute Crawley bereitwilligſt (ſie iſt eine kleine alte Brü⸗ nette mit einem Turban, iſt etwas krumm, und hat ſehr funkelnde Augen); und als der Kapitän und Deine kleine Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 11 162 arme Rebekka einen Tanz mit einander gemacht hatten, ſo that ſie mir wirklich die Ehre an — ſollteſt Du es glau⸗ ben? mir über mein Tanzen Complimente zu machen! So Etwas war noch nie zuvor gehoͤrt worden; die ſtolze Mrs. Bute Crawley, erſte Couſine des Grafen von Tiptoff, die Lady Crawley nicht beſuchen mag, außer wenn ihre Schwägerin auf dem Lande iſt. Die arme Lady Craw⸗ ley! Während dieſer Luſtbarkeiten ſitzt ſie meiſtens in ihrem Zimmer, und nimmt Pillen ein. „Mrs. Bute hat mich mit einem Male in Affection genommen. „„Meine liebe Miß Sharp,““ ſagte ſie, „„war⸗ um bringen Sie Ihre Mädchen nicht in's Pfarrhaus hin⸗ über ? — Ihre Couſinen werden ſich ſo glucklich ſchätzen, ſie zu ſehen.““ Ich weiß aber wohl, was ſie damit will. Signor Clementi hat uns nicht umſonſt Clavier ſpielen ge⸗ lehrt; um letzteren Preis aber möchte Mrs. Bute eine Lehrerin für ihre Kinder bekommen. Ich durchſchaue ihre Pläne, gerade wie wenn ſie mir dieſelben mitgetheilt hätte; indeſſen werde ich hingehen, da ich mich angenehm machen will: — iſt es nicht die Pflicht einer armen Gouvernante, die in der ganzen weiten Welt auch nicht Einen Freund oder Beſchützer hat? Die Frau Pfarrerin machte mir unzählige Complimente über die Fortſchritte meiner Schü⸗ lerinnen, und dachte ohne Zweifel, es würde mich rühren — die arme, einfältige Landpomeranze! — Als ob ich mich um meine Schülerlnnen im Geringſten kümmerte! „Dein oſtindiſches Mouſſelinkleid, ſowie Dein nelken⸗ farbenes ſeidenes Kleid, theuerſte Amalie, ſollen mir ſehr gut ſtehen. Es ſind dieſelben jetzt gar ſehr abgetragen; aber Du weißt, wir armen Mädchen find nicht im Stande, de fraiches toilettes zu beſtreiten. Ach, wie glücklich, wie unendlich glücklich biſt Du, die nur nach St. James's Street zu fahren braucht, und eine Mutter hat, die Dir Alles gibt, was Du willſt. Lebe wohl, theuerſtes Mädchen. „Deine liebende „Rebekka.“ — „P. S. Ich wollte, Du hätteſt die Geſichter der Miß Blackbrooks (Admiral Blackbrook's Töchter, meine Liebe), — ſchoner junger Damen, mit Kleidern aus London, ſehen können, als Kapitän Rawdon mich Arme für würdig hielt, mit ihm zu tanzen! „Adieu, Adieu!“ Als Mrs. Bute Crawley (deren Hintergedanken unſere ſcharfſichtige Rebekka ſo bald herausfand) von Miß Sharp das Verſprechen eines Beſuchs erhalten hatte, bewog ſie die allmächtige Miß Crawley, Sir Pitt um die nöthige Erlaubniß anzugehen, und die gutmüthige alte Dame, die ſelbſt gerne luſtig war, und immer Jedermann um ſich her froh und glücklich ſehen wollte, war ganz entzückt, und bereit, zwiſchen den beiden Brüdern eine Ausſoͤhnung herbeizuführen, und ihren Verkehr wieder zu einem freund⸗ ſchaftlichen zu machen. Es wurde daher ausgemacht, daß die jungen Leute beider Familien in Zukunft einander häufig beſuchen ſollten, und die Freundſchaft dauerte na⸗ türlich ſo lange, als die joviale alte Vermittlerin da war, um den Frieden aufrecht zu erhalten. „Warum haſt Du doch den Halunken, Rawdon Craw⸗ ley, zum Eſſen eingeladen?“ ſagte der Rektor zu ſeiner Gemahlin, als ſie durch den Park nach Hauſe gingen. „Ich brauche den Kerl nicht. Er ſieht auf uns Landleute herab, als wären wir Mohren. Er iſt nie zufrieden, bis er meinen, mit dem gelben Siegel verſehenen Wein be⸗ kommt, der mich zehn Shilling die Flaſche koſtet: zum Henker mit ihm! Auch iſt er ein ſolcher Teufelsbraten — er iſt ein Spieler — er iſt ein Trunkenbold — er iſt durch und durch liederlich, und es iſt ſeiner Ruchloſigkeit 164 kein Ende. Er hat einen Menſchen im Drell getödtet — ſteckt bis über die Ohren in Schulden, und hat mich und die Meinigen räuberiſcher Weiſe um den groͤßten Theil von Miß Crawley's Vermögen beſtohlen. Wary ſagt, er ſtehe“ — hier machte der Rektor eine Fauſt nach dem Mond hin, und ließ einen Ausruf hören, der einem Fluche ſo ziemlich ähnlich war; ſodann ſetzte er in melancholi⸗ ſchem Tone hinzu —, „mit fünfzigtauſend Pfund in ihrem Teſtamente, ſonach werden nicht über dreißigtauſend zu vertheilen ſein.“ „Ich glaube, ſie fährt mit Nächſtem ab,“ ſagte die Frau des Rektors. „Sie war ungemein roth im Geſichte, als wir von der Tafel aufſtanden. Ich mußte ihr die Schnürbruſt aufſchnüren.“ „Sie hat ſieben Gläſer Champagner getrunken,“ ſagte Seine Ehrwürden leiſe; „und dabei iſt der Cham⸗ pagner, womit uns mein Bruder vergiftet, herzlich ſchlecht — aber ihr Weiber wißt nie, was gut iſt.“ * „Wir wiſſen Nichts,“ ſagte Mrs. Bute Crawley. „Nach Tiſche hat ſie Kirſchwaſſer getrunken,“ fuhr Seine Ehrwürden fort, „und zu ihrem Kaffee Curagao genommen. Wenn man mir eine Fünſpfundnote gäbe, ſo moͤchte ich kein Gläschen trinken: das Sodbrennen bringt mich darauf faſt um. Sie kann's nicht mehr lange ſo forttreiben, Mrs. Crawley — ſie muß fort — Fleiſch und Blut können es nicht länger aushalten! Und ich wette Fünf gegen Zwei, daß Mathilde in einem Jahre im Grabe liegt.“ 8 Dieſe feierlichen Speculationen weiter verfolgend, und an ſeine Schulden, an ſeinen Sohn Jim auf der Univerſität, an Frank zu Woolwich, und an die vier Mädchen denkend, die keine Schönheiten waren, die armen Dinger, und außer dem, was ihre Tante ihnen etwa hin⸗ terließ, keinen Pfennig zu erwarten hatten, ging der Rektor mit ſeiner Frau eine Weile fürbaß. „Pitt kann doch kein ſo teufliſcher Böſewicht ſein, — 165 daß er die Anwartſchaft auf die Pfründe verkauft. Und der methodiſtiſche Schwachkopf von einem älteſten Sohne möchte gern im Parlamente ſitzen,“ fuhr Herr Crawley nach einer Pauſe fort. S „Sir Pitt Crawley darf man Alles zutrauen,“ ſagte die Frau des Rektors. „Wir müſſen in Miß Crawley dringen, daß ſie ihn bewegt, die Pfarrei unſerem James zu verſprechen.“ „Pitt wird Alles verſprechen, was man von ihm haben will,“ erwiederte der Bruder. „Er verſprach mir, meine Univerſitätsſchulden zu zahlen, als mein Vater ſtarb: er verſprach mir, den neuen Flügel an das Pfarrhaus zu bauen: er verſprach mir, daß er mir Jibb's Feld, ſo⸗ wie vie ſechs Morgen haltende Wieſe überlaſſen wollte — aber wie hat er ſeine Verſprechungen gehalten! Und dem Sohne dieſes Mannes — dieſem Spitzbuben, Spieler, Gauner, Moͤrder von einem Rawdon Crawleh hinterläßt Mathilde den ſchönſten Theil ihres Vermögens. Ich ſage, es iſt unchriſtlich. Beim Zeus, das iſt es. Der infame Hund hat jedes Laſter, mit Ausnahme der Heuchelei, und die beſitzt ſein Bruder.“ „Stille, mein liebes Herz! Wir find auf Sir Pitt's Grund und Boden,“ fiel ſeine Frau ein. „Ich ſage, er hat jedes Laſter, Mrs. Crawley. Bitte, Ma'am, überſchreien und inſultiren Sie mich nicht. Hat er nicht Kapitän Firebrace erſchoſſen? Hat er nicht den jungen Lord Dovedale in dem „Cocosbaum“ rein ausgezogen? Hintertrieb er nicht den Kampf zwiſchen Bill Soames und dem Cheſhire Trump, wodurch ich 40 Pfund verlor? Du weißt, daß er das gethan hat; und was die Frauenzimmer betrifft, ei nun, ſo haſt Du ja das vor mir, in meiner eigenen Gerichtsſtube gehört —.“ „Um's Himmelswillen, Herr Crawley,“ ſagte die Dame, „erſparen Sie mir die Einzelheiten.“ „Und Du ladeſt dieſen Schuft, dieſen Boͤſewicht zu Dir ein!“ fuhr der erbitterte Rektor fort. „Du, die 166 Mutter einer jungen Familie — die Frau eines Geiſt⸗ lichen von der Kirche von England. Beim Zeus!“ . „Bute Crawley, Du biſt ein Narr,“ ſagte die Frau des Rektors verächtlich. „Nun, Ma'am, Narr hin oder her — auch ſage ich nicht, Martha, daß ich ſo geſcheidt bin, wie Du, und habe es nie geſagt. Aber mit Rawdon Crawley mag ich nicht zuſammentreffen, das iſt einmal aus und vorbei. Ich gehe zu Huddleſton hinüber, das werde ich, um ſei⸗ nen ſchwarzen Windhund zu ſehen, Mrs. Crawley; auch will ich eine Wette von 50 Pfund eingehen, daß Lancelot beſſer läuft. Beim Zeus, das will ich; ja ich wette gegen irgend einen Hund in England. Aber mit der Beſtie Rawdon Crawley mag ich nicht zuſammentreffen.“ „Herr Crawley, Sie ſind wieder einmal betrunken,“ erwiederte ſeine Frau. Und als am nächſten Morgen der Rektor aufwachte, und Dünnbier verlangte, erinnerte ſie ihn an ſein Ver⸗ ſprechen, daß er am Samſtag bei Sir Huddleſton Fuddle⸗ ſton einen Beſuch machen wolle; und da er wußte, daß er eine naſſe Nacht bekommen würde, ſo wurde be⸗ ſchloſſen, daß er am Sonntag Morgen im Galopp zu⸗ rückkehren ſolle, ſo daß er noch zu rechter Zeit käme, um den Gottesdienſt abzuhalten. Hieraus iſt erſichtlich, daß die Pfarrkinder von Crawley ſich eben ſo ſehr zu ihrem Squire, wie zu ihrem Rektor Glück zu wünſchen hatten. Miß Crawley hatte ſich noch nicht lange im Schloſſe aufgehalten, und ſchon hatte Rebekka's einnehmendes Weſen das Herz der gutmüthigen Londoner Weltdame erobert, wie früher die Herzen der unſchuldigen Landleute, von denen wir geſprochen. Als ſie eines Tags ihre ge⸗ wohnte Spazierfahrt machen wollte, erachtete ſie es für angemeſſen, zu befehlen, daß „die kleine Gouvernante“ fie nach Mudbury begleiten ſolle. Sie war noch nicht zurück, und ſchon hatte Rebekka ihr Herz erobert, da ſie ſie vier 167 Val zum Lachen gebracht, und während der ganzen klei⸗ nen Reiſe amüſirt hatte. „Miß Sharp nicht mit am Tiſche eſſen laſſen!“ ſagte ſie zu Sir Pitt, der ein großes Traktament ange⸗ ordnet, und alle benachbarten Baronets dazu eingeladen hatte. „Glaubſt Du denn, Du guter Menſch, ich könne mit Lady Fudvleſton von der Kinderſtube ſprechen, oder mit der alten Gans, Sir Giles Wapſhot, friedensrichter⸗ liche Dinge verhandeln? Miß Sharp muß vabei erſchei⸗ nen, ich beſtehe einmal darauf. Lady Crawley mag oben in ihrem Zimmer bleiben, wenn kein Platz mehr da iſt. Aber die kleine Miß Sharp! Ei, ſie iſt die einzige Per⸗ ſon in der ganzen Grafſchaft, mit der man ein vernünf⸗ tiges Wort reden kann!“ Nach einem ſo peremptoriſchen Befehle mußte natür⸗ lich Miß Sharp, die Gouvernante, mit der vornehmen Geſellſchaft drunten ſpeiſen. Und als Sir Huddleſton mit vielem Pompe und vielen Ceremonien Miß Crawley in das Speiſezimmer geführt hatte; und ſich eben anſtellte, ſich neben ſie zu ſetzen, rief die alte Dame mit ſchriller Stimme: „Becky Sharp! Miß Sharp! Kommen Sie, ſetzen Sie ſich neben mich, und amüſiren Sie mich; Sir Huddleſton kann ſich zu Lady Wapſhot hinſetzen.“ Als die Geſellſchaft fort war und die Wagen ſich entfernt hatten, ſagte die unerſättliche Miß Crawley: „Kommen Sie mit mir in mein Putzzimmer, Becky: wir wollen dort die Geſellſchaft durchhecheln,“ — was dieſes Freundespaar auch gar gut that. Der alte Sir Huddle⸗ ſton keuchte viel beim Eſſen; Sir Giles Wapſhot hatte eine beſonders geräuſchvolle Art, ſeine Suppe hinabzu⸗ ſchlürfen, und ihre Ladyſhlp blinzelte ein wenig mit dem linken Auge, was Alles Becky bewundernswürdig karri⸗ kirte. Und dann kamen die Einzelheiten der ganzen Abend⸗ unterhaltung, der Krieg, die Politik, die Quartalſitzungen, das famoſe Rennen mit den H. H., und jene langweiligen und unintereſſanten Themata, worüber Landedelleute ſpre⸗ V 168 chen. Was die Toiletten der Miß Wapſhots, und den famoſen gelben Hut der Lady Fuddleſton betraf, ſo leß Miß Sharp keinen guten Fetzen daran, zur unendlichen Beluſtigung ihrer Zuhörerin. „Meine Liebe, Sie ſind ja eine wahre trou⸗ vaille,“ ſagte Miß Crawley. „Ich wollte, Sie könnten zu mir nach London kommen; aber ich könnte Sie nicht, wie die arme Briggs, zur Zielſcheibe meines Scherzes machen, könnte meine Launen nicht an Ihnen auslaſſen, — nein, nein, Sie kleines ſchlaues Geſchöpf; Sie ſind zu geſcheidt dazu. — Nicht wahr, Firkin?“ Mrs. Firkin (— die eben damit beſchäftigt war, die ganz unbedeutenden Haarüberreſte auf Miß Crawley's Kopf zu ordnen —) warf den Kopf in die Höhe, und ſagte: „Ich glaube, Miß iſt ſehr geſcheidt,“ mit der mör⸗ deriſchſten ſarkaſtiſchen Miene. In der That hatte Mrs. Firkin jene natürliche Eiferſucht, welche eine der Haupt⸗ triebfedern jedes ehrlichen Frauenzimmers iſt. Nachdem Miß Crawley ſich Sir Huddleſton Fuddle⸗ ſtons entledigt hatte, befahl ſie, daß Rawdon Crawley ſie jeden Tag in den Speiſeſaal führen, und Becky ihr mit ihrem Kiſſen folgen ſolle — oder aber ſie Becky's Arm nahm, und ließ Rawdon mit dem Kiſſen folgen. „Wir müſſen zuſammenſitzen,“ ſagte ſie. „Wir ſind die einzigen drei Chriſten in der Grafſchaft, meine Liebe“ — in welchem Falle es mit der Religion, wie wir zugeben müſſen, in der Grafſchaft Hants nicht eben am Beſten ſtand. Neben dem, daß Miß Crawley ſich ſo für die Re⸗ ligion paſſionirte, war ſie auch, wie bereits von uns be⸗ richtet worden, in politiſchen Dingen eine Ultraliberale, und ergriff jede Gelegenheit, ihre Anſichten auf's Freieſte auszuſprechen. „Was iſt Geöurt, meine Theure?“ pflegte ſie zu Rebekka zu ſagen. — „Sehen Sie meinen Bruder Pitt anz ſehen Sie die Hudvleſtons an, die ſeit den Tagen Heinrichs II. hier wohnen; ſehen Sie den armen Bute 169 im Pfarrhauſe an: — kann es irgend Einer von ihnen mit Ihnen aufnehmen, was Verſtand und gute Lebensart betrifft? Es mit Ihnen aufnehmen: — ei, ſie thun es nicht einmal der armen theuren Briggs, meiner Geſell⸗ ſchaftsdame, oder Bowls, meinem Haushofmeiſter, gleich. Sie, meine Liebe, ſind ein kleiner Ausbund von einem Weibe — find wirklich ein herziges Kleinod. — Sie haben mehr Kopf, als die halbe Grafſchaft. Würde das Ver⸗ dienſt belohnt, ſo müßten Sie eine Herzogin ſein: — nein, es ſollte gar keine Herzoginnen geben —, aber Sie müßten Niemand über ſich haben, und ich ſehe Sie, meine Liebe, in jeder Beziehung als mir gleichſtehend an; und — wollen Sie, meine Liebe, einige Kohlen nachlegen, und wollen Sie mir dieſes Kleid auftrennen und verändern, Sie, die Sie damit ſo gut umzugehen wiſſen?“ So pflegte dieſe alte Philanthropin die Freundin, die ſie ſich ſelbſt gleichſtellte, zu Beſorgung ihrer Aufträge zu verwenden, betraute ſie mit ihren Putzarbeiten, und ließ ſich von ihr jeden Abend franzoſiſche Romane vorleſen, bis ſie einſchlummerte. Damals war, wie ältere Leſer ſich vielleicht noch er⸗ erinnern werden, die vornehme Welt in bedeutende Aufre⸗ gung verſetzt worden durch zwei Vorfälle, die, wie die Zeitungen ſich ausdrücken, geeignet waren, den Herren mit der langen Robe Beſchäftigung zu geben. Fähndrich Shaf⸗ ton war mit Lady Barbara Fitzurſe, Tochter und Erbin des Grafen von Bruin, entlaufen; und der arme Vere Vane, ein Herr, der bis in ſein vierzigſtes Jahr einen durchaus achtungswerthen Ruf bewahrt, und eine zahlreiche Familie großgezogen hatte, verließ mit einem Male und auf höchſt ſchmähliche Weiſe ſein Haus, um Mrs. Rou⸗ gemont, der Schauſpielerin, die fünf und ſechzig Jahre alt war, zu folgen. „Das war die ſchönſte Seite im Charakter des theuern Lord Nelſon,“ ſagte Miß Crawley. „Für ein Frauen⸗ zimmer ging er zum Teufel. In einem Manne, der ſo 170 Etwas thun kann, muß Gutes ſtecken. Ich bewundere alle unklugen Heirathen. — Was mir am Meiſten ge⸗ fällt, iſt, wenn ein Edelmann eine Müllerstochter heira⸗ thet, wie z. B. Lord Flowerdale. — Es macht alle Frauenzimmer ſo wüthend: — Ich wollte, irgend ein großer Mann liefe mit Ihnen davon, meine Theure; ge⸗ wiß ſind Sie hübſch genug dazu.“ „Zwei Poſtillone! — Ach, es wäre zum Entzücken!“ geſtand Rebekka. „Und was mir hernach am Beſten gefällt, iſt, wenn ein armer Kerl mit einem reichen Mädchen durchgeht. Rawdon muß mir irgend Eine entführen.“ „Eine Reiche, oder eine Arme?“ „Ei, ei, Sie Gänschen! Rawvon hat keinen Shil⸗ ling, als was ich ihm gebe. Er iſt criblé de dettes — er muß ſich wieder aufhelfen, und ſein Glück in der Welt machen.“ „Iſt er ſehr geſcheidt?“ fragte Rebekka. „Geſcheidt, meine Liebe? — Fi, er hat auch nicht Einen Gedanken, der über ſeine Pferde, und ſein Regi⸗ ment, und ſeine Jagvpartien, und ſein Spiel hinaus ginge; aber er muß ſein Glück machen — er iſt ein ſo entzückend loſer Vogel. Wiſſen Sie nicht, daß er einen Mann ge⸗ tödtet, und einen Vater, dem er in der Perſon ſeiner Tochter einen Schimpf angethan, nur durch den Hut ge⸗ ſchoſſen hat? Man betet ihn bei ſeinem Regimente an, und alle jungen Leute bei Wattier und im Cocosbaum ſchwören nicht höher, als bei ihm. *) Als Miß Rebekka Sharp ihrer geliebten Freundin *) Sollte Jemand verſucht ſein, zu glauben, daß wir in dieſem Gemälde von einer vornehmen und einflußreichen Menſchenklaſſe die Farben zu ſtark aufgetragen, ſo verweiſen wir denſelben auf Geſchichten aus unſern Tagen, z. B. auf die Memoiren von Byron, — in welcher volksthümlichen Beleuchtung vom Jahr⸗ markt des Lebens man zu gleicher Zeit die Moral von Richelien und die Eleganz von Dutch Sam findet. 171 eine Beſchreibung von dem kleinen Balle zu Queen's⸗ Crawley, und von der Art, wie Capitän Crawley ſie zum erſten Male ausgezeichnet, gab, war ihr Bericht ſeltſamer Weiſe nicht in allen Stücken genau. Der Capitän hatte ſie ſchon gar oft zuvor ausgezeichnet. Der Capitän ihr ein Dutzend Mal auf Spaziergängen begegnet. Der Capitän hatte ſie fünfzig Mal in Corridoren und Gängen getroffen. Der Capitän hatte ſich Abends wohl zwanzig Mal über ihr Pianoforte gelehnt, wenn ſie (da my Lady jetzt droben in ihrem Zimmer krank im Bette lag, und Niemand ſich um dieſelbe kümmerte) ſang. Der Capitän hatte ihr Briefchen geſchrieben (die beſten, die der große, ungeſchickte Dragoner erfinnen und ſchreiben konnte, aber mit der Dummheit kommt man bei den Frauenzimmern eben ſo weit, als mit irgend einer andern Eigenſchaft). Als er aber ſein erſtes Briefchen zwiſchen die Blätter des Liedes ſteckte, das ſie eben ſang, nahm die kleine Gouver⸗ nante, ſich erhebend, und ihm feſt in's Geſicht ſehend, mit vieler Zierlichkeit das dreieckige Miſſiv, ſchwenkte es hin und her, als ob es ein Stutzhut wäre, und warf es, auf den Feind zuſchreitend, in das Feuer, und machte ihm einen ſehr tiefen Knix, und ging an ihren Platz zurück, und fing wieder an, luſtiger ats je darauf loszufingen. „Was iſt das?“ ſagte Miß Crawley, in ihrem Nach⸗ mittagsſchläfchen durch das plötzliche Aufhören der Mufik geſtört. „'s iſt nur eine falſche Note,“ ſagte Miß Sharp lachend; Rawdon Crawley dagegen war vor Wuth und Aerger faſt außer ſich. Wie gut war es doch von Mrs. Bute Crawley, daß ſie, als ſie die offenbare Vorliebe der Miß Crawley für die neue Gouvernante ſah, nicht eiferſüchtig wurde, und die junge Dame in's Pfarrhaus einlud, und zwar nicht bloß ſie, ſondern auch Rawdon Crawley, ihres Gatten Rivalen in den fünf Procents der alten Jungfer. Bald fanden fie viel Geſchmack an einander, Mrs. Crawley und 172 ihr Neffe. Er gab das Jagen auf, folgte nicht mehr den Einladungen nach Fuddleſton, ſpeiſte nicht mehr am Offi⸗ zierstiſche im Depot von Mudbury; ſein groͤßtes Vergnü⸗ gen war, nach dem Pfarrhauſe von Crawley hinüberzu⸗ ſchlendern — wohin auch Miß Crawley kam; und, da ihre Mutter krank war, warum nicht auch die Kleinen mit Miß Sharp? So kamen denn auch die Kinder (die herzigen Kleinen!) mit Miß Sharp hinuͤber, und Abends gingen gewöhnlich Einige von der Partie zu Fuß mit ein⸗ ander zurück. Zwar nicht Miß Crawley — ſie zog ihre Kutſche vor — aber der Spaziergang über die zur Pfar⸗ rei gehoͤrenden Felder, und durch das Parkpförtchen herein, und durch die dunkle Baumpflanzung hin, und die bunte Allee nach Queen's⸗Crawley hinauf, war im Mondlichte bezaubernd ſchön für zwei ſolche Liebhaber des Pittoresken, wie der Capitän und Miß Rebekka. „O die Sterne, die Sterne!“ ſagte da Miß Re⸗ bekka, ihre funkelnden grünen Augen zu ihnen erhebend. „Es iſt mir faſt, als wäre ich meines Körpers entkleidet, wenn ich ſie anſchaue.“ * „Oh — Ah — Gott — Ja, es iſt ganz das Nämliche bei nir, Miß Sharp,“ antwortete der andere Enthuſiaſt. „Sie haben doch Nichts gegen meine Cigarre einzuwen⸗ den, Miß Sharp?“ Miß Sharp aber liebte den Ge⸗ ruch einer Cigarre im Freien mehr, als Alles in der Welt — und ſie verſuchte eben auch eine auf die zierlichſte Art von der Welt, und puffte ein wenig, und ſtieß einen kleinen Schrei aus, und kicherte ein wenig, und gab die Delikateſſe dem Capitän zurück, der an ſeinem Schnurr⸗ barte arbeitete, und ſo ſtark darauf losrauchte, daß eine Gluth entſtand, die in der dunkeln Baumpflanzung einen feurigen Schein verbreitete — und ſchwor: „Beim Zeus — ah — Gott — ah — „s iſt fürwahr die beſte Ci⸗ garre, die ich in meinem Leben geraucht, ah,“ — denn ſein Verſtand und ſeine Unterhaltung waren gleich glän⸗ 173 zend, und einem geiſtesarmen jungen Dragoner ange⸗ meſſen. Der alte Sir Pitt, der eben ſeine Pfeife rauchte und ſein Bier trank, und mit John Horrocks über ein Schaf ſprach, das geſchlachtet werden ſollte, erſpähete, am Fen⸗ ſter ſeines Arbeitszimmers ſitzend, das alſo beſchäftigte Paar, und ſchwor unter entſetzlichen Flüchen, daß er, wäre Miß Crawley nicht, Rawdon nehmen und zum Hauſe hinausſchmeißen würde, wie es einem Spitzbuben von ſeinem Schlage gebühre. „Er iſt gewiß ein ſchlimmer Kamerad,“ bemerkte Herr Horrocks; „jedoch iſt ſein Bedienter Flethers noch ſchlimmer, als er, und hat im Zimmer der Haushälterin einen ſolchen Randal verführt wegen des Eſſens und des Biers, wie kein Lord thun würde: — aber ich glaube, Miß Sharp iſt ihm gewachſen, Sir Pitt,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. Und das war ſie auch — gewachſen dem Vater ſammt ſeinem Sohne.. Zwölftes Kapitel. Ein ganz ſentimentales Kapitel. Wir müſſen nun Arkadien und die liebenswürdi⸗ gen Leute, die dort die ländlichen Tugenden üben, verlaſ⸗ ſen, und nach London zurückkehren, um nachzuſehen, was aus Miß Amalie geworden. „Wir kümmern uns keinen Strohhalm um ſie,“ ſchreibt eine unbekannte Correſpondentin mit einer kleinen, 174 hübſchen Handſchrift und einem nelkenfarbenen Siegel auf ihrem Billet. „Sie iſt fad und abgeſchmackt,“ und fügt dann noch einige andere freundſchaftliche Bemerkungen ſolcher Art hinzu, die ich gar nie wiederholt haben würde, wären ſie nicht in Wahrheit ungemein ſchmeichelhaft für die junge Dame, die ſie angehen. Hat der geneigte Leſer, wenn er einigermaßen mit der Welt bekannt, nie ähnliche Bemerkungen von gutmü⸗ thigen Freundinnen gehört, die ſich ſtets wundern, was man doch an der Miß Smith ſo Bezauberndes ſehen könne, oder was Major Jones habe veranlaſſen können, um die einfältige, unbedeutende, dummlächelnde Miß Thompſon zu werben, die ſich lediglich durch Nichts em⸗ pfehle, als durch ihr Wachspuppen⸗Geſicht? Was iſt es auch um ein Paar roſige Wangen und um ein Paar blaue Augen? — So fragen dieſe lieben Sittenlehrerinnen, und geben weislich zu verſtehen, daß die Gaben des Genies, daß Bildung, daß die Bemeiſterung von Magnall's Fra⸗ gen, daß das Bewandertſein in Botanik und Geologie — ſo weit man es von Damen verlangen könne —, daß das Talent, Verſe zu machen, Sonaten in der Manier von Herz abzupauken u. ſ. w. für ein Frauenzimmer von weit höherem Werthe ſei, als jene vergänglichen Reize, die wenige Jahre unvermeidlich und für immer vernichteten. Es iſt ganz erbaulich, Frauenzimmer über die Werthloſig⸗ keit und die Dauer der Schönheit ihre Anſichten mitthei⸗ len zu hoͤren. Aber obgleich die Tugend ein weit beſſeres Ding iſt, und jene unglücklichen Geſchöpfe, die das Unglück haben, ein gutes Aeußere zu beſitzen, beſtändig an das Schickſal erinnert werden ſollten, das ihrer wartet, und obgleich höchſt wahrſcheinlich der herviſche weibliche Charakter, ſo Damen bewundern, ein weit herrlicherer und ſchoͤnerer Gegenſtand iſt, als die gütige, friſche, lächelnde, ungekün⸗ ſtelte, zärtliche, kleine Hausgöttin, welche die Männer zu verehren geneigt ſind, — ſo muß doch letztere, unterge⸗ ——— 175 ordnete Art von Frauen den Troſt haben, daß die Män⸗ ner ſie am Ende doch bewundern, und daß wir aller Warnungen und Proteſte unſerer gütigen Freundinnen un⸗ geachtet, auf unſerem verzweifelten Irrthume und unſerer Thorheit beharren, und bis an's Ende des Kapitels be⸗ harren werden. Was mich wenigſtens betrifft, ſo kann ich, obgleich mir Perſonen, für die ich die größte Achtung hege, geſagt haben, daß Miß Brown ein unbedeutendes Zieräffchen ſei, und Mrs. White Nichts für ſich habe, als ihr petit minois chiffonne, und daß Mrs. Black gar Nichts zu ſagen wiſſe — was mich betrifft, ſage ich, ſo kann ich verſichern, daß ich mit Mrs. Black die köſtlich⸗ ſten Geſpräche gehabt habe (natürlich aber ſind dieſelben, theure Madame, ein unverketzliches Geheimniß); ferner ſehe ich alle Männer ſich um den Stuhl der Mrs. White ſammeln: alle jungen Burſche reißen ſich um einen Tanz mit Miß Brown: und ſo fühle ich mich denn verſucht, zu glauben, daß es kein geringes Compliment für ein Frauenzimmer iſt, wenn ſie von den Perſonen ihres Ge⸗ ſchlechtes verachtet wird. Die jungen Damen in Amaliens Geſellſchaft entle⸗ digten ſich dieſer Aufgabe auf ſehr befriedigende Weiſe. Es gab z. B. kaum einen Punkt, worin die Miß Osbor⸗ nes — die Schweſtern George's, — und die Mesdemoi⸗ ſelles Dobbin ſo ſehr mit einander übereinſtimmten, als in ihrer Anſicht von den äußerſt geringen Verdienſten Amaliens, ſo wie in ihrer Verwunderung, daß ihre Brü⸗ der an ihr irgend welche Reize entdecken könnten. „Wir ſind freundlich gegen ſie,“ ſagten die Miſſes Osborne, ein Paar hübſche, junge Brünetten, welche die beſte Gou⸗ vernanten, Lehrer⸗ und Putzmacherinnen gehabt hatten; und dieſe behandelten ſie ſo außerordentlich freundlich und herablaſſend, und patroniſirten ſie in ſo unerträglicher Weiſe, daß das arme kleine Ding in ihrer Geſellſchaft wirklich durchaus ſtumm, und allem Anſcheine nach 176 ſo dumm war, als ſie dachten, daß ſie ſei. Sie be⸗ mühete ſich, ſie pflichtſchuldigſt als Schweſtern ihres künf⸗ tigen Gatten zu lieben. Sie brachte lange Morgen bei ihnen zu — die langweiligſten und ernſteſten aller ihrer Vormittage. Sie fuhr mit ihnen und mit Miß Wirt, ihrer Gouvernante, einer Veſtalin, an der Nichts als Haut und Knochen war, feierlich in ihrer Familienkutſche aus. Sie führten ſie, um ihr ihre Gefälligkeit recht zu zeigen, und um ihr einen Hochgenuß zu verſchaffen, in die Con⸗ zerte, wo alte Kirchenſtücke aufgeführt wurden, und in's Oratorium, und in die St. Paulskirche, um die Waiſen⸗ kinder zu ſehen, wo ſie vor ihren Freunden ſich ſo fürchtete, daß ſie durch die Hymne der Kinder ſich kaum rühren zu laſſen wagte. Ihr Haus war bequem eingerichtet, ihres Vaters Tiſch reich und glänzend, ihre Geſellſchaft eine feierliche und gebildete, ihre Selbſtachtung ungeheuer; ſie hatten den beſten Stuhl in der Findelhauskirche; alle ihre Gewohnheiten waren pompos und regelmäßig, und alle ihre Vergnügungen unausſtehlich und anſtändig. Nach jedem Beſuche Amaliens (und ach, wie froh war ſie im⸗ mer, wenn derſelbe vorüber war!) fragten Miß Osborne, und Miß Maria Osborne, und Miß Wirt, die veſtaliſche Gouvernante, einander, je mehr und mehr verwundert: „Was konnte doch George an dem Geſchoͤpfe finden?“ Wie kommt dieß? ruft hier ein tadelſüchtiger Leſer aus. Wie kommt es, daß Amalie, die doch ſo viele Freundinnen in der Schule hatte, und da ſo geliebt wurde, bei ihrem Eintritte in die Welt von ihrem ſcharfurthei⸗ lenden Geſchlechte verachtet wird? Mein lieber Herr, es gab außer dem alten Tanzmeiſter in Miß Pinkerton's Anftalt keine Männer; und hoffentlich hätten doch die Mädchen ſeinetwegen einander nicht in die Haare gerathen ſollen? Wenn George, ihr hübſcher Bruder, nach dem Frühſtücke alsbald fortlief, und in der Woche ein halb Dutzend Mal nicht daheim ſpeiste — ſo iſt es kein Wunder, wenn die vernachläßigten Schweſtern ſich ein Bischen ärgerten. 1 177 Wenn der junge Bullock (von der Firma Hulker, Bullock und Cv., Bankiers, Lombard Street), der während der letzten zwei Saiſons Miß Maria den Hof gemacht hatte, Amalie wirklich zu einem Cotillon engagirte, — kann man da wohl erwarten, daß Erſtere ſich hätte zufrieden zeigen ſollen ? Und doch war ſie es, — wenig⸗ ſtens ſagte ſie ſo, — wie es einem ſo natürlichen und ſo gerne verzeihenden Geſchöpfe, wie ſie, geziemte. „Es freut mich ſo unendlich, daß die liebe Amalie Ihnen ge⸗ fällt,“ ſagte ſie ganz eifrig nach dem Tanze zu Herrn Bullock. „Sie iſt mit meinem Bruder George ver⸗ ſprochen; es iſt zwar nicht viel an ihr, aber doch iſt ſie das gutmüthigſte und unaffektirteſte junge Geſchöpf: zu Hauſe haben wir Alle ſie ſo gern.“ Liebes Mädchenl Wer vermag die Innigkeit der Liebe zu berechnen, die in dieſem enthuſiaſtiſchen ſo liegt? Miß Wirt und dieſe beiden liebevollen jungen Damen führten George Osborne ſo oft und ſo ernſt zu Gemüthe, welch' ungeheures Opfer er bringe, und welch' romantiſchen Anſtrich ſeine Großmuth habe, wenn er ſich ſo an Ama⸗ lie wegwerfe, daß ich nicht ganz gewiß bin, ob er ſich nicht wirklich als einen der verdienſtvollſten Männer in der britiſchen Armee betrachtete, und ob er ſich nicht mit ziemlich vieler Reſignation lieben ließ. Ich weiß nicht, wie es geſchah, daß George Os⸗ borne, obgleich er jeden Morgen in der angegebenen Weiſe von Hauſe wegging, und ſechs Tage in der Woche auswärts ſpeiste, wo dann ſeine Schweſtern glaubten, daß der bethörte Jüngling an den Schürzenbändern der Miß Sed⸗ ley hange: ich weiß nicht, ſage ich, wie es geſchah, daß er nicht immer bei Amalien war, während die Welt ihn zu ihren Füßen glaubte. So viel iſt gewiß, daß bei mehr als einer Gelegenheit, wenn Capitän Dobbin kam, um nach ſeinem Freunde zu ſehen, Miß Osborne (— die dem Capitän viele Aufmerkſamkeit ſchenkte, an ſeinen mili⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. I. 178 täriſchen Geſchichten ſich nicht ſatt hören, und nicht oft genug ſich nach der Geſundheit ſeiner lieben Mama er⸗ kundigen konnte —) lachend nach der gegenüberliegenden Seite des Squares deutete und ſagte: „Oh, Sie müſſen bei den Sedleys ſich nach George erkundigen: wir be⸗ kommen ihn vom Morgen bis an den Abend nicht zu ſehen.“ Bei ſolchen Reden pflegte dann der Capitän in etwas abgeſchmackter und gezwungener Weiſe zu lachen, und, wie ein vollendeter Weltmann, das Geſpräch auf irgend einen Gegenſtand von allgemeinerem Intereſſe, wie zum Beiſpiel die Oper, des Prinz Regenten letzten Ball in Carlton Houſe, oder das Wetter — dieſen Segen für die Geſellſchaft — zu lenken. „Welch' ein unſchuldiger Menſch iſt doch dieſer Dein Liebling,“ pflegte dann Miß Maria zu Miß Jane zu ſagen, wenn der Capitän ſich entfernt hatte. „Haſt Du geſehen, wie er erröthete, als ich ſagte, daß der arme George Dienſt habe?“ „Es iſt Jammerſchade, daß Frederie Bullock nicht Etwas von ſeiner Verſchämtheit beſaß, Maria,“ erwiederte dann die ältere Schweſter, den Kopf in die Höhe werfend. „Verſchämtheit! Du willſt ſagen, Unbehülflichkeit, Jane. Frederic ſoll mir kein Loch in mein Mouſſelinkleid treten, wie Capitän Dobbin Dir bei Mrs. Perkins.“ „In Dein Kleid, ha, ha! Wie konnte er das? Tanzte er nicht mit Amalien?“ Die Sache verhielt ſich aber folgendermaßen. Als Capitän Dobbin ſo erröthete, und er vor Verlegenheit ſich nicht zu helfen wußte, erinnerte ex ſich eines Umſtan⸗ des, von dem er die jungen Damen nicht in Kenntniß ſetzen zu müſſen glaubte, das heißt, daß er bereits in Herr Sedley's Haus geweſen, natürlich unter dem Vor⸗ wande, George zu ſehen, George aber nicht dort war, ſondern bloß die arme kleine Amalie, die ziemlich traurig und gedankenvoll an dem Fenſter des Salons ſaß, und, —,———— 179 nach einigen recht unbedeutenden albernen Reden, zu fragen wagte, ob etwas Wahres an dem Gerüchte ſei, welches das Regiment bald in's Ausland gehen laſſe; und ob Ca⸗ ſ n Herrn Osborne an dem Tage noch nicht ge⸗ ehen Das Regiment hatte bis jetzt noch nicht den Befehl erhalten, England zu verlaſſen; auch hatte Capitän Dob⸗ bin George nicht geſehen. „Höchſt wahrſcheinlich iſt er bei ſeiner Schweſter,“ ſagte der Capitän. „Soll ich hin⸗ gehen, und den ungehorſam Ausbleibenden holen?“ Und dann gab ſie ihm freundlich und dankbar die Handz und er ging über den Square hinüber; und ſie wartete und wartete, aber es kam kein George. Armes, zartes Herzchen! Und ſo fährt es fort, zu hoffen und zu ſchlagen, und ſich zu ſehnen und zu vertrauen. Man ſieht, es iſt hier kein äußerlich ſehr bewegtes Leben zu beſchreiben, kein Leben, reich an Ereigniſſen. Den ganzen Tag nur ein Gefühl — wann wird er kommen? Nur ein Gedanke im Wachen und im Schlafen. Ich glaube, George ſpielte mit Capitän Canon in Swallow Street Billard, als Amalie Capitän Dobbin nach ihm fragte; denn er war ein luſtiger Burſche, der die Geſell⸗ ſchaft liebte, und in allen Spielen, die Geſchicklichkeit er⸗ forderten, ſich auszeichnete. Einmal blieb er ganze drei Tage aus; da ſetzte Miß Amalie ihren Hut auf, und machte wirklich einen Einfall in das Osborne'ſche Haus. „Wie! Sie laſſen unſern Bruder allein, um zu uns zu kommen?“ ſagten die jungen Damen. „Haben K 5 mit ihm gezankt, Amalie? Sagen ſie es uns och . Nein, ſie hatten ſich nicht miteinander gezankt. „Wer konnte auch mit ihm einen Streit anfangen,“ ſagte ſie, die Angen voller Thränen. Sie ſei bloß herüberge⸗ kommen, um ihre theuren Freundinnen zu beſuchen; ſie hät⸗ ten einander ſchon ſo lange nicht mehr geſehen. Und an 180 dieſem Tage war ſie ſo vollkommen albern und unbeholfen, daß Miß Osborne, und ihre Gouvernante, die ihr nachſtier⸗ ten, als fie ſich traurig entfernte, ſich mehr denn je wunderten, was doch George an der armen kleinen Amalie finden könne. Natürlich wunderten ſie ſich. Denn wie konnte ſie ihr kleines, ſchüchternes Herz aufdecken, um dieſe jungen Damen mit ihren dreiſten ſchwarzen Augen darein blicken zu laſſen. Das Beſte war wohl, wenn es ſich verſchloß und verbarg. Ich weiß zwar wohl, daß die Miß Osbor⸗ nes vortreffliche Beurtheilerinnen eines Kaſchemir⸗Shawls, oder eines roſafarbenen Atlaß⸗Slips waren; und wenn Miß Turner den ihrigen hatte purpurroth färben, und in einen Spencer umwandeln, und Miß Pickford ihren Hermelin⸗Kra⸗ gen in einen Muff und Beſatz hatte verändern laſſen, ſo garan⸗ tire ich, daß ſolche Veränderungen den beiden vorerwähn⸗ ten intelligenten jungen Frauenzimmern nicht entgingen. Aber ſehen Sie, es gibt Dinge von feinerer Tertur, als Pelzwerk und Atlaß, und als alle Herrlichkeit Salomo's, und als die ganze Garderobe der Königin von Saba — Dinge, deren Schönheit manchem Kennerauge entgeht. Und es gibt ſüße, beſcheidene Seelchen, die man an ruhi⸗ gen, ſchattigen Orten antrifft, wo ſie ihren Wohlgeruch verbreiten, und lieblich blühen; und es gibt hinwiederum in Gärten Zierblumen, ſo groß, wie meſſingene Wärm⸗ flaſchen, welche ſelbſt die Sonne aus der Faſſung ſtarren könnten. Miß Sedley gehörte nicht zu der Gattung der Sonnenblumen; und ich ſage, es heißt alle Regeln der Proportion hintanſetzen, wenn man ein Veilchen ſo groß, wie eine gefüllte Dahlie malt. Nein, fürwahr, das Leben eines guten jungen Mäd⸗ chens, das ſich noch in dem väterlichen Neſte beſindet, kann unmöglich viele jener ſpannenden Vorfälle darbieten, worauf eine Romanheldin gewöhnlich Anſpruch macht. Schlingen oder Kugeln können der alten Vögel, die um⸗ her fliegen und ihre Beute ſuchen, warten — es können 181 Falken herum fliegen, denen ſie entgehen, oder von denen ſie zerriſſen werden: aber die Jungen im Neſte haben eine hübſche, bequeme, unromantiſche Art von Exiſtenz in den Dunen und im Stroh, bis das Flüggewerden auch an ſie kommt. Während die flügge Beck) Sharp auf dem Lande herumflog, und auf allen Arten von Zweigen, und unter einer Menge von Fallen herumhüpfte, und ihr Fut⸗ ter ganz glücklich, und ohne daß ſie Schaden nahm, auf⸗ pickte, lag Amalie ganz behaglich in ihrem warmen Neſte in Ruſſell Square; miſchte ſie ſich unter die Menſchen, ſo geſchah es ſtets unter der Leitung und Aufſicht ihrer El⸗ tern; auch ſchien kein Unglück ſie oder das reiche, freund⸗ liche und bequeme Haus, in dem ſie ſo liebevollen Schutz fand, treffen zu können. Die Mama hatte ihre Morgen⸗ Pflichten, fuhr täglich aus, und machte dann jene ent⸗ zückende Runde von Viſiten und Laden⸗Beſuchen, welche das Amüſement, oder wenn man lieber will, die Beſchäfti⸗ gung einer reichen Londoner Dame bildet. Der Papa leitete ſeine myſteriöſen Operationen in der City — ein Platz voller Leben in jenen Tagen, wo der Krieg in ganz Europa wüthete, und Reiche auf dem Spiele ſtan⸗ den; wo eine Zeitung, wie der „Courier,“ die Abonnenten nach Zehntauſenden zählte; wo ein Tag eine Schlacht von Vittoria, ein anderer einen Brand von Moskau brachte, oder wo das Horn eines Zeitungsverkäufers zur Eſſens⸗ zeit über Ruſſell Square hin ertonte, und eine Nachricht folgenden Inhalts verkündigte: — „Schlacht bei Leipzig — ſechs Mal hunderttauſend Mann einander gegenüber — totale Niederlage der Franzoſen — zwei Mal hundert⸗ tauſend Todte.“ Ein Paar Male kam der alte Sedley mit ſehr ernſtem Geſichte nach Hauſe; und es war kein Wunder, wenn ſolche Neuigkeiten alle Herzen und alle Boͤrſen in Europa in Bewegung ſetzten. Underdeſſen blieb in Ruſſell Square, Bloomsburh, Alles ſo, wie wenn in Europa nicht die geringſte Störung herrſchte. Der Rückzug von Leipzig brachte keine Ver⸗ 182 änderung in der Anzahl von Mahlzeiten hervor, die Herr Sambo in der Bedientenſtube einnahm; die Alliirten über⸗ flutheten Frankreich, und die große Tiſchglocke ließ ſich um fünf Uhr ganz wie ſonſt hören. Ich glaube kaum, daß die arme Amalie ſich viel um Brienne und Montmirail kümmerte, vder bis zur Abdankung des Kaiſers ein lebhaf⸗ tes Intereſſe an dem Kriege nahm; nur da, wo letzteres Freigniß bekannt wurde, klatſchte ſie in die Hände, und betete, — ach, mit welcher Dankbarkeit! — und warf ſich von ganzer Seele in George Osborne's Arme, zum Erſtaunen Aller, die Zeugen dieſer Gefühlsaufwallung waren. Es war nämlich Friede geſchloſſen. Europa durfte nun auf Ruhe hoffen; der Korſe war geſtürzt, und Lieu⸗ tenant Osborne's Regiment brauchte nun nicht zum Kriegs⸗ dienſte im Auslande verwendet zu werden. So dachte Miß Amalie. Für ſie war das Schickſal von Guropa — Lieutenant George Osborne. Da ſeine Gefahren jetzt vorüber waren, ſo ſang ſie ein Tedeum. Er war ihr Europa: ihr Kai⸗ ſer: ihre allirten Monarchen, und ihr hoher Prinzregent. Er war ihre Sonne und ihr Mond; und ich glaube wahr⸗ haftig, ſie meinte, die große Illumination, und der den Souveränen zu Ehren im Manſion Houſe gegebene Ball ſei ganz beſonders zu Ehren George Osborne's veranſtaltet worden. Wir haben von Nothbehelfen, Egoismus und Armuth geſprochen, als den traurigen Lehrmeiſtern, unter denen die arme Miß Becky Sharp aufwuchs. Nun aber war die Liebe die letzte Lehrmeiſterin der Miß Amalie Sedley geweſen, und es war erſtaunlich, welche Fortſchritte unſere junge Dame unter dieſer beliebten Lehrerin machte. Wie viele Geheimniſſe, wovon Miß Wirt und die ſchwarz⸗ äugigen jungen Damen drüben, ja, die alte Miß Pin⸗ kerton in Chiswick ſelbſt Nichts wußten, lernte Amalie im Laufe eines fünfzehn⸗ bis achtzehn⸗monatlichen, unausge⸗ ſetzten Unterrichtes bei dieſer ausgezeichneten, die letzte Ausbildung gebenden Erzieherin! Und wie hätte auch eine — — — — ,— 183 dieſer ſte ifen und anſtändigen Jungfrauen in dieſelben ein⸗ geweiht werden ſollen? Bei den Miſſes P. und W. kann von der ſüßen Leidenſchaft keine Rede ſein: ich wenigſtens möchte es nicht wagen, eine ſolche Idee in Betreff ihrer auszu⸗ ſprechen. Miß Maria Osborne hatte zwar „ein Verhält⸗ niß“ mit Herrn Frederic Auguſtus Bullock, von der Firma Hulker, Bullock, und Bullock; aber dieſes „Verhältniß“ war ein durchaus anſtändiges, und ſie würde Bullock Se⸗ nior eben ſo leicht genommen haben, da ſie nun einmal, wie jedes wohlerzogene junge Frauenzimmer thun ſollte, ihren Kopf auf ein Haus in Park Lane, ein Landhaus zu Wimbledon, einen ſchoͤnen Wagen, und zwei ungeheure Pferde und Lakaien, ſowie endlich auf den vierten Theil des jährlichen Gewinnſtes der ausgezeichneten Firma Hul⸗ ker und Bullock geſetzt hatte, — lauter Vortheile, die in der Perſon des Frederic Auguſtus repräſentirt waren. Wä⸗ ren damals die Pomeranzenblüthen erfunden geweſen (jene rührenden Symbole weiblicher Reinheit, die von Frank⸗ reich, wo die Leute ihre Töchter allgemein in die Ehe verkaufen, zu uns herübergebracht worden ſind), ſo würde Miß Maria, ich kann es wohl ſagen, den fleckenloſen Kranz auf ihr Haupt geſetzt haben, und in den Reiſewa⸗ gen geſtiegen ſein, dem mit dem Podagra behafteten, al⸗ ten, kahlköpfigen, rothnaſigen Bullock Senior zur Seite; und würde ihre ſchöne Eriſtenz mit vollkommener Be⸗ ſcheidenheit ſeinem Glücke geweiht haben: — nur Schade, daß der alte Herr bereits verheirathet war, und ſo ſchenkte ſie ihre junge Liebe dem jüngeren Theilhaber. Süße, herr⸗ liche Pomeranzenblüthe! ganz neulich ſah ich Miß Trotter (das heißt die geweſene) mit denſelben geſchmückt, an der Sanct Georg's Kirche, Hanover Square, in den Reiſe⸗ wagen trippeln, und Lord Methuſalah hinkte hinter ihr her. Mit welch' bezanbernder Schamhaftigkeit ließ ſie die Rouleaur an dem Wagen herab, — das liebe, unſchul⸗ dige Geſchöpf! Bei der Trauung hatte ſich wohl die 184 Hälfte aller Kutſchen, die man aus dem Jahrmarkte des Lebens zu ſehen bekommt, eingefunden. Solcher Art war die Liebe nicht, welche Amaliens Erziehung vollendete, und im Laufe eines Jahres ein gu⸗ tes, junges Mädchen zu einer guten Jungfrau machte, — die bald, wenn die glückliche Zeit einmal herbeigekommen, eine gute Frau werden ſollte. Dieſe junge Perſon (viel⸗ leicht war es von ihren Eltern ſehr unklug, daß ſie ſie in ſolcher Abgoͤtterei und in ſo närriſchen, romantiſchen Ideen noch beſtärkten) liebte von ganzem Herzen den jungen, in Seiner Majeſtät Dienſte ſtehenden Offizier, mit dem wir bereits flächtig bekannt geworden ſind. Sie dachte an ihn, ſo bald ſie aufwachte, und ſein Name war der allerletzte, deſſen ſie in ihren Gebeten Erwähnung that. Sie hatte noch nie einen ſo ſchönen, oder ſo geſcheidten Mann, noch nie eine ſolche Geſtalt zu Pferd, noch nie einen ſol⸗ chen Tänzer, mit einem Worte noch nie einen ſolchen Helden geſehen. Man ſpreche von des Prinzregenten Ver⸗ beugung! Was war ſie gegen die ihres George? Sie hatte Herrn Brummell geſehen, den Jedermann ſo laut pries. Wie konnte man eine Perſon, wie dieſe, mit ihrem George vergleichen? Unter allen Beaur in der Oper (und es gab damals Beaur mit wirklichen Opernhüten) war keiner, der den Vergleich mit ihm aushalten konnte. Nur zu einem Zauberprinzen war er gut genug, und ach! wie großmüthig war es von ihm, daß er ſich zu einer ſo niedrig gebornen Cinderella herahließ! Miß Pinkerton würde es wohl verſucht haben, dieſer blinden Devotion Schranken u ſetzen, wäre ſie Amaliens Vertraute geweſen; aber zewiß nicht mit vielem Erfolge, man darf ſich darauf verlaſſen. Es liegt einmal in der Natur und im Inſtinkte mancher Frauenzimmer. Einige ſind dazu geboren, daß ſie Pläne machen, Andere, vaß ſie lieben; und ich wünſche, jeder verehrliche Junggeſelle, ſo dieß lieſt, möge die Sorte wählen, die ihn am Meiſten liebt. So lange Amalie dieſem überwältigenden Eindrucke * „ 185 ſich hingab, vernachläßigte ſie ihre zwölf liebe Freundin⸗ nen zu Chiswick auf's Unverantwortlichſte, wie ſo ſelbſt⸗ ſüchtige Leute zu thun pflegen. Natürlich hatte ſie nur an dieſen einen Gegenſtand zu denken; und Miß Saltire war für eine Vertraute viel zu kalt, und ſie konnte es nicht über ſich gewinnen, Miß Swartz, der wollköpfigen jungen Erbin aus Skt. Chriſtoph, ihre Gefühle mitzutheilen. Während der Ferien hatte ſie die kleine Laura Martin bei ſich, und ich glaube, ſie machte ſie zu ihrer Vertrau⸗ ten, und betheuerte, daß Laura bei ihr wohnen müßte, wenn ſie einmal verheirathet wäre, und ſagte Laura eine Menge Dinge über die Leidenſchaft der Liebe, was für dieſe kleine Perſon beſonders nützlich und neu geweſen ſein muß. Ach, ach! Ich fürchte faſt, es ſtand mit ihrem Kopfe nicht eben am Beſten. Was thaten aber ihre Eltern, daß ſie dieſes kleine Herz nicht verhinderten, ſo ſchnell zu ſchlagen? Der alte Sedley ſchien ſich nicht viel um ſolche Dinge zu kuͤmmern. Er war in der letzten Zeit ernſter, und es nahmen ihn ſeine City⸗Angelegenheiten ganz und gar in Anſpruch. Mrs. Sedley hatte ein ſo ruhiges, von Neugierde ſo ent⸗ ferntes Weſen, daß ſie nicht einmal eiferſüchtig war. Herr Jos war fort, und zu Cheltenham von einer iriſchen Wittwe belagert. Amalie hatte das Haus ganz allein für ſich — ach! bisweilen nur zu ſehr für ſich allein: nicht als ob ſie je von Zweifeln geplagt worden wäre, venn ſicherlich iſt George im Kriegsminiſterium; auch kann er nicht immer von Chatham weg; er muß ſeine Freunde und Schweſtern beſuchen, und wenn er in der Stadt iſt, in Geſellſchaften gehen (er iſt eine ſolche Zierde für jede Geſellſchaft!); und wenn er bei ſeinem Regimente iſt, ſo iſt er zu müde, um lange Briefe zu ſchreiben. Ich weiß, wo ſie das Packet aufbewahrte, das ſie hatte — und kann mich in ihr Zimmer ſtehlen und daſſelbe wieder unbemerkt verlaſſen, wie Jachimo — wie Jachimo? Nein, — das iſt eine ſchlechte Rolle. Ich will 186 nur den Mondſchein ſpielen, und harmlos auf das Bett hereinlugen, wo Treue, und Schönheit, und Unſchuld träumend liegen. Wenn aber Osborne's Briefe kurz und ſoldatenartig waren, ſo muß auf der andern Seite zugegeben werden, daß, wären Miß Sedley's Briefe an Herrn Osborne zur Veröffentlichung beſtimmt, wir dieſen Roman zu einer ſolchen Menge von Bänden ausſpinnen müßten, daß auch der ſentimentalſte Leſer es nicht aushalten könnte; daß ſie nicht nur ganze große Bogen voll ſchrieb, ſondern die⸗ ſelben auch in Folge der erſtaunlichften Verkehrtheit quer⸗ über beſchrieb, daß ſie ohne Gnade und Barmherzigkeit ganze Seiten aus Gedichtſammlungen kopirte, daß ſie Wörter und Sätze mit wahrhaft wahnſinniger Emphaſe unterſtrich; daß, mit einem Worte, die gewohnlichen Zeichen ihres Zuſtandes bei ihr zu bemerken waren. Sie war keine Heldin: ihre Briefe waren voll von Wiederholungen. Bisweilen reſpektirte ſie auch nicht ſehr die Grammatik, und was ihre Verſe betrifft, ſo erlaubte ſie ſich alle Arten von Freiheiten mit dem Metrum. Aber, v meine Damen, wenn es Ihnen nicht erlaubt ſein ſoll, das Herz bisweilen der Syntar zum Trotze zu rühren, und wenn man Sie nicht mehr ſoll lieben können, bis Sie den Unterſchied zwiſchen Trimeter und Tetrameter wiſſen, ſo mag alle Poeſie zum Teufel fahren, und jeber Schulmeiſter eines elenden Todes ſterben! 187 Preizehntes Kapitel. Sentimentales und Anderes. Ich fürchte, der Herr, an den Miß Amaliens Briefe gerichtet waren, war ein ziemlich verſtockter Kritiker. Eine ſolche Menge von Brieſchen folgte dem Lieutenant Osborne überall hin nach, daß er ſich beinahe über die Späße ſeiner Kameraden in Betreff derſelben ſchämte, und ſeinem Bedienten befahl, ſolche nur in ſeiner Privat⸗ wohnung abzugeben. Er zündete ſogar einmal ſeine Cigarre mit einem ſolchen Briefe an; zum großen Entſetzen Capi⸗ tän Dobbin's, der, wie ich glaube, das Dokument mit einer Banknote eingewechſelt haben würde. Eine Zeit lang ſuchte George die Liaiſon geheim zu halten. Er gab zu, daß ein Frauenzimmer im Spiele ſei. „Und gewiß nicht das erſte,“ ſagte Fähndrich Spoo⸗ ney zu Fähndrich Stubble. „Der Osborne iſt ein ver⸗ teufelter Burſche. In Demerara wurde eine Richters⸗ tochter ſeinetwegen faſt verrückt; dann kam das prachtvolle Quartervon⸗Mädchen, in St. Vincent, Miß Pye, wiſſen Sie; und ſeitdem er nach England zurückgekommen, ſoll er ein wahrer Don Giovanni ſein, beim Zeus!“ Stubbles und Spooney dachten, daß, wenn man von einem Manne ſagen könne, er ſei ein wahrer „Don Gio⸗ vanni,“ derſelbe ſtolz darauf ſein dürfe; eine ſolche Eigen⸗ ſchaft erſchien ihnen als eine der beſten, die ein Mann beſitzen könne; und Osborne erfreute ſich bei den jungen Männern des Regimentes eines ungeheuren Rufes. Er war famos bei allen Arten von Vergnügungen in freiem Felde, er war ein famoſer Sänger, er war famos auf der Parade, und freigebig mit dem Gelde, womit ihn ſein 189 Capitän Dobbin den Indiskreten geſpielt. Eines Tages verzehrte der Capitän ſein Frühſtück am Offizierstiſche, während der Unterarzt Cackle und die beiden vorerwähnten Ehrenmänner über Osborne's Intrigue Vermuthungen anſtellten: Stubbles behauptete, die Dame ſei eine Her⸗ zogin am Hofe der König Charlotte, und Cackle ſchwor, es ſei eine Opernſängerin vom ſchlechteſten Rufe. Bei dieſen Worten wurde Dobbin ſo erregt, daß, obgleich ſein Mund im Augenblicke voll Butterbrod und Ei war, und obgleich er gar nicht hätte ſprechen ſollen, er dennoch nicht um⸗ hin konnte, mit folgenden Worten herauszuplatzen: — „Cackle, Sie ſind ein einſältiger Menſch. Sie ſprechen immer Unſinn, und grfallen ſich in ſtandaloſen Geſchich⸗ ten. Osborne hat nicht im Sinne, eine Herzogin zu ent⸗ führen, oder eine Putzmacherin unglücklich zu machen. Miß Sedley iſt eines der bezauberndſten jungen Frauen⸗ zimmer, die es je gegeben. Er iſt mit ihr ſchon ewig lange verſprochen, und wenn Jemand ihr einen Schimpf⸗ namen geben will, ſo rathe ich ihm, es nicht in meiner Gegenwart zu thun.“ Hier ſchwieg Dobbin, der inzwiſchen purpurroth ge⸗ worden, und beinahe hätte er ſich mit einer Taſſe Thee erſtickt. In einer halben Stunde wußte das ganze Regi⸗ ment die Geſchichte; und noch an demſelben Abende ſchrieb die Frau Majorin O'Dowd an ihre Schweſter Glor⸗ vina zu O'Dowdstown, daß ſie ſich nicht zu beeilen brauche, von Dublin zu kommen, da der junge Osborne bereits, und leider zu früh, verſprochen ſei. An jenem Abende beglückwünſchte ſie den Lieutenant in einer angemeſſenen Rede bei einem Glaſe Whisky — Toddy?), und George ging ganz wüthend nach Hauſe, um mit Dobbin Händel anzufangen. (Letzterer hatte die Einladung der Frau Majorin O'Dowd abgelehnt, und *) Eine Art ſüßen, ſtarken Grogs aus Waizen⸗, Reis⸗, Gerſten⸗ Mais⸗ u. ſ. w. Branntwein. ſaß in ſeinem Zimmer, wo er Flöte blies, und, wie ich glaube, ein höchſt melancholiſches Gedicht machte) — um, ſage ich, mit Dobbin Händel anzufangen, weil der⸗ ſelbe ſein Geheimniß verrathen. „Wer, zum Henker, hieß Dich von meinen Angele⸗ genheiten ſprechen?“ ſchrie Osborne zornig. „Warum denn, zum Teufel, muß das ganze Regiment wiſſen, daß ich im Begriffe bin, mich zu verheirathen? Warum ſoll die geſchwätzige alte Vettel, Pegay O'Dowd, an ihrem verdammten Abendtiſche meinen Namen im Munde füh⸗ ren, und meine Verlobung in den drei Königreichen aus⸗ trompeten? Und was für ein Recht haſt Du am Ende, zu ſagen, daß ich verlobt ſei, oder überhaupt Dich mit meinen Angelegenheiten zu befaſſen, Dobbin?“ „Es ſcheint mir,“ — fing Kapitän Dobbin an. „Zum Henker mit Deinem „ſcheint“, Dobbin,“ un⸗ terbrach ihn ſein jüngerer Genoſſe. „Ich habe Verbind⸗ lichkeiten gegen Dich, ich weiß es, und zwar, zum Teufel, nur zu gut; allein immer miag ich mir denn doch auch nicht von Dir predigen laſſen, weil Du um fünf Jahre älter biſt, als ich. Ich laſſe mich hängen, wenn ich mir Dein infernaliſches Mitleid, und Deine Protektors⸗Miene und Deine Superioritäts⸗Anſprüche länger gefallen laſſe. Mitleiden und Protektion! Ich möchte wohl wiſſen, in welchem Stücke ich unter Dir ſtehe?“ „Biſt Du verlobt?“ fiel Kapitän Dobbin ein. „Was, zum Teufel, geht es Dich oder irgend einen Menſchen hier an, wenn ich es bin?“ „Schämſt Du Dich deßhalb?“ fuhr Dobbin fort. „Welches Recht haſt Du, dieſe Frage an mich zu ſtellen, Sir? Ich mochte es wohl wiſſen,“ ſagte George. „Guter Gott, Du willſt doch damit nicht ſagen, daß Du Deine Braut aufzugeben gedenkeſt?“ fragte Dobbin auffahrend. „Mit andern Worten, Du fragſt mich, ob ich ein Ehrenmann ſei,“ ſagte Osborne grimmig; „willſt Du —— 191 das damit ſagen? Du haſt ſeit einiger Zeit einen ſolchen Ton mir gegenüber angenommen, daß ich verdammt ſein will, wenn ich es mir länger gefallen laſſe.“ „Was habe ich gethan? Ich habe Dir geſagt, Du vernachläßigeſt ein holdes Mädchen, George. Ich habe Dir geſagt, daß Du zu ihr gehen ſollteſt, wenn Du in die Stadt kommſt, und nicht in die Spielhäuſer in der Nähe des St. James⸗Palaſtes.“ „Vermuthlich willſt Du Dein Geld zurück haben,“ ſagte George höhniſch. „Natürlich will ich es zurück haben — wie immer, nicht wahr?“ ſagte Dobbin. „Du ſprichſt ja, wie ein großmüthiger Burſche.“ „Nein, zum Henker, William, ich bitte Dich um Verzeihung,“ — fiel hier George in einem Anfluge von Reue ein; „Du biſt ſtets auf hunderterlei Art mein Freund geweſen, der Himmel weiß es. Du haſt mich ſchon ein Paar Dutzend Male aus Schwullitäten gezogen. Als Crawley von der Leibgarde mir jene Geldſumme ab⸗ gewann, wäre es um mich geſchehen geweſen, wenn ich Dich nicht gehabt hätte, ich weiß es wohl. Aber Du ſollteſt nicht ſo ſtrenge mit mir verfahren; Du ſollteſt mich nicht immer, wie einen Buben, katechiſiren. Ich liebe Amalie ſehr: ich bete ſie an, und ſo fort. Blicke mich nicht ſo unwillig an. Sie iſt ohne Tadel, ich weiß es wohl. Aber ſiehſt Du, es iſt kein Spaß dabei, wenn man Etwas gewinnt, ohne daß man darum ſpielt. Zum Henker! Das Regiment kommt ja eben erſt aus Weſt⸗ indien zurück; ich muß ein Bischen „ausſchlagen“, und wenn ich einmal verheirathet bin, ſo gedenke ich, mich zu beſſern; und vas werde ich, auf Ehre. Und — ſage ich — Dob — ſei nicht böſe mit mir; nächſten Monat be⸗ kommſt Du von mir hundert Pfund, ich weiß, daß mein Vater mir etwas Schoͤnes geben wird; und ich werde Heavytop um Urlaub bitten, und morgen in die Stadt 192 gehen, und Amalie beſuchen: — nun, biſt Du damit noch nicht zufrieden?“ „Man kann mit Dir nicht lange böſe ſein, George,“ ſagte der gutmüthige Kapitän; „und was das Geld an⸗ langt, alter Knabe, ſo weiß ich, daß Du mit mir den letzten Shilling theilen würdeſt, wenn ich welches brauchte.“ „Das würde ich auch, beim Zeus, thun, Dobbin,“ ſagte George höchſt großmüthig, obgleich er, nebenbei ge⸗ ſagt, nie Geld zum Herleihen hatte⸗ „Ich wünſchte nur, Du hätteſt Dir die Hörner ab⸗ gelaufen, George. Hätteſt Du das Geſicht der armen, kleinen Emmy ſehen können, als ſie mich neulich nach Dir fragte, ſo würdeſt Du die Billardbälle zum Teufel geſchmiſſen haben. Geh' und tröſte ſie, Du Schlingel. Geh' und ſchreib' ihr einen langen Brief. Thu' Etwas, um ſie glücklich zu machen; Du brauchſt Dich deßhalb nicht ſehr anzuſtrengen.“ „Ich glaube, ſie hat mich teufelmäßig gern,“ ſagte der Lieutenant mit ſelbſtzufriedener Miene, und entfernte ſich, um den Abend bei einigen luſtigen Kameraden in dem Speiſeſaale zuzubringen. Unterdeſſen blickte Amalie in Ruſſell Square nach dem Monde, der auf jenen friedlichen Ort ſo gut ſchien, wie auf vas Quadrat der Chatham⸗Kaſerne, wo Lieute⸗ nant Osborne einquartiert war, — und dachte bei ſich, was wohl ihr Held jetzt thue. Vielleicht viſitirt er jetzt die Schildwachen, dachte ſie; vielleicht iſt er im Bivouak; vielleicht wacht er am Lager eines verwundeten Kamera⸗ den, oder ſtudirt er die Kriegskunſt droben in ſeinem einſamen Zimmer. Und ihre freundlichen Gedanken eilten dahin, als ob ſie Engel wären, und Flügel hätten, und indem ſie, den Fluß hinab, nach Chatham und Rocheſter flogen, ſuchtem ſie in die Kaſerne zu dringen, in der George ſich befand. Alles wohl erwogen, war es, glaube ich, gut, daß die Thore verſchloſſen waren, und die Schildwache Nie⸗ — 193 mand einließ; ſo daß der arme, kleine Engel in weißem Gewande die Lieder nicht hören konnte, welche dieſe jungen Burſche bei ihrem Whisky⸗Punſch brüllten. Den Tag nach der kleinen Untrredung in der Chatham⸗ Kaſerne traf der junge Osborne, um zu zeigen, daß er wirklich Wort zu halten pflege, die nöthigen Anſtalten, um in die Stadt zu gehen, was ihm Kapitän Dobbin's Beifall erwarb. „Gerne hätte ich ihr ein kleines Geſchenk gemacht,“ ſagte Osborne zu ſeinem Freunde im Vertrauen, bin ich ohne alles Geld, ſo lange mein Vater nicht „ſpei't.“ * Dobbin aber wollte nicht haben, daß Osborne dieſe ſeine Gutmüthigkeit, und dieſen ſeinen Großmuth nicht ſolle an den Tag legen können, und gab ihm daher einige Pfundnoten, die er, nachdem er ſich erſt ein wenig ge⸗ weigert, auch annahm. 3 Auch glaube ich wohl, daß er für Amalie etwas recht Hübſches gekauft haben würde, hätte er nicht, als er in Fleet Street ausſtieg, am Fenſter eines Juweliers eine ſchöne Hemdnadel erblickt, deren Anziehungskraft er nicht zu widerſtehen vermochte; und als er ſie bezahlt hatte, hatte er nur noch wenig Geld übrig, um ſeiner Großmuth weiteren Lauf zu laſſen. Doch es thut Nichts; wir kön⸗ nen uns darauf verlaſſen, daß Amalie von ihm keine Ge⸗ ſchenke haben wollte. Als er nach Ruſſell Square kam, hellte ſich ihr Geſicht auf, als ob er der Sonnenſchein geweſen wäre. Die kleinen Sorgen, Befürchtungen, Thrä⸗ nen, ſchüchternen Ahnungen, ſchlafloſen Minuten von, ich weiß nicht, wie vielen Tagen und Nächten waren im Nu vergeſſen unter dem Einfluſſe jenes bekannten, unwiver⸗ ſtehlichen Lächelns. Er ſtrahlte ſie von der Salonthüre her — in ſeiner Pracht und mit ſeinem Ambroſia⸗Düfte verbreitenden Backenbarte, wie ein Gott, an. Sambo, in deſſen Geſicht, als er Kapitän Osbin (er hatte dieſen jungen Offizier um einen Grad vorrücken laſſen) anmel⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. I. 1³ — 194 dete, ein ſympathetiſches Grinſen ſtrahlte, ſah das kleine Mädchen zuſammenfahren, und errothen, und von ihrem Sitze am Fenſter, wo ſie auf der Lauer war, aufſpringen; und Sambo zog ſich zurück: und ſobald die Thüre zu war, flog ſie auf Lieutenant George Osborne's Herz zu, als ob dieſes die einzige natürliche Heimath ſei, in der es ihr zieme, ſich einzuniſten. Ach, Du arme, verlan⸗ gende kleine Seele! Der ſchönſte Baum im ganzen Walde, mit dem geradeſten Stamme, und den ſtärkſten Aeſten, und dem dichteſten Laube, wo Du Dein Neſt bauen und girren willſt, kann zum Fällen angezeichnet ſein, und bald krachend zu Boden fallen. Welch' ein altes, altes Gleich⸗ niß iſt vas: wie lange iſt es ſchon her, daß man den Menſchen mit einem Baume vergleicht! Unterdeſſen küßte George ſie recht freundlich auf die Stirne, und auf ihre glänzenden Augen, und war recht gnädig und gut; und ſie hielt ſeine Diamant⸗Hemdnedel (die ſie noch nie zuvor an ihm geſehen hatte) für den ſchönſten Schmuck, den es je auf dieſer Welt gegeben. Der aufmerkſame Leſer, der unſers jungen Lieute⸗ nants früheres Benehmen ſich gemerkt hat, und ſich noch unſers Berichtes über die kurze Unterhaltung erinnert, die er eben mit Kapitän Dobbin gehabt hat, iſt wohl zu gewiſſen Schlüſſen in Betreff des Charakters des Herrn Osborne gekommen. Ein eyniſcher Franzoſe hat einmal geſagt, daß zu einem Liebeshandel zwei Perſonen gehör⸗ ten: eine liebende und eine andere, ſo ſich herablaſſe, alſo behandelt zu werden. Vielleicht iſt die Liebe gelegentlich auf der Seite des Mannes: vielleicht auch auf der der Dame. Vielleicht hat auch ſchon vor dieſem ein verliebter Burſche Fühlloſigkeit für Schamhaftigkeit, Stumpfheit für jungfräuliche Zurückhaltung, bloße Geiſtesöde für Verſchämtheit, und mit einem Worte, eine Gans für einen Schwan gehalten. Vielleicht hat auch ſchon die eine oder die andere meiner verehrten Leſerinnen einen Eſel mit dem Glanze und der Glorie ihrer Phantaſie umgeben, 195 ſeine Stumpfheit als männliche Einfachheit bewundert, ſeinen Eigennutz als männliche Superiorität verehrt, ſeine Dummheit als majeſtätiſche Gravität, und ihn überhaupt ſo behandelt, wie die brillante Fee Titania einen gewiſſen Weber aus Athen. Ich glaube von ſolchen Irrungs⸗Ko⸗ mödien in der Welt ſchon Zeuge geweſen zu ſein. So viel aber iſt gewiß, daß Amalie ihren Liebhaber für einen der tapferſten und brillanteſten Männer im ganzen engli⸗ ſchen Reiche hielt: und es iſt wohl moglich, daß Lieute⸗ nant Osborne gleichfalls ſo dachte. Er war etwas wild: aber wie viele andere junge Männer ſind es auch; und iſt einem Mädchen ein lieder⸗ licher Menſch nicht lieber, als eine „Milchſuppe?“ Er hatte die Hörner ſich noch nicht abgelaufen, aber es mußte doch bald geſchehen: auch mußte er ſeinen Abſchied neh⸗ men, da jetzt der Friede verkündigt, das korſiſche Mon⸗ ſtrum auf Elba eingeſchloſſen, und es mit dem Vorrücken natürlich nun auch aus war, und ſich nun ihm keine Ge⸗ legenheit mehr bot, ſeine unbezweifelten militäriſchen Ta⸗ lente und ſeine Tapferkeit an den Tag zu legen. Mit dem Gelde, das ſie Beide zuſammenbrachten, konnten ſie irgendwo auf dem Lande, in der Nähe einer guten Jagd, ſich bequem niederlaſſen; da konnte George ein wenig ja⸗ gen, und ein wenig Ackerbau treiben, ſo daß zu ihrem beiderſeitigen Glücke Nichts fehlte. Unmoͤglich konnte er doch als verheiratheter Mann in der Armee bleiben. Man denke ſich einmal Mrs. George Osborne in einem Land⸗ ſtädtchen einlogirt; oder, was noch ſchlimmer, in Oſt⸗ oder Weſtindien, mit einer Geſellſchaft von Offizieren, und unter der Protektion der Frau Majorin O'Dowd Amalie lachte ſich halb todt über die Geſchichten, die Osborne von der Frau Majorin O'Dowd erzählte. Er liebte ſie viel zu ſehr, um ſie der Berührung jenes abſcheulichen Weibes, und ihren Gemeinheiten, und der rohen Behand⸗ lung einer Soldatenfrau auszuſetzen. An ſich ſelbſt dachte er nicht — nein; aber ſein liebes Weibchen ſollte in der dce e Geſellſchaft die ihr gebührende Stellung einnehmen: und man konnte ſich darauf verlaſſen, daß ſie dieſe Vorſchläge annahm, wie überhaupt jeden andern von derſelben Seite kommenden. Unter ſolchen Reden brachte das junge, zahlloſe Luft⸗ ſchlöſſer bauende Paar (Amalie ſchmückte dieſelben mit allen Arten von Blumengärten, ländlichen Spaziergängen, Landkirchen, Sonntagsſchulen und dergleichen aus; wäh⸗ rend George das Auge ſeines Geiſtes auf die Stallungen, den Hundeſtall und den Keller gerichtet hatte) einige Stunden ſehr angenehm zu; und da der Lieutenant nur einen Tag hatte, den er in der Stadt zubringen konnte, und auf der andern Seite ungeheuer viele und wichtige Geſchäfte, die abgemacht werden mußten, ſo wurde vor⸗ geſchlagen, daß Miß Emmy mit ihren künftigen Schwä⸗ gerinnen ſpeiſen ſolle. Dieſe Einladung ward voller Freude angenommen. Er führte ſie zu ſeinen Schweſtern hinüber, wo er ſie ſo geſprächig zurückließ, daß dieſe Damen ganz erſtaunt waren, und dachten, es würde George denn doch noch Etwas aus ihr machen; und dann ging er fort, um ſeine Geſchäfte zu beſorgen. Mit einem Worte, er ging aus, und aß Gefrorenes in einem Paſteten⸗Bäckerladen in Charing Croß, probirte einen neuen Rock in Pall Mall, ſprach in dem Kaffee⸗ hauſe, die Old Slaughters genannt, ein, und erkundigte ſich nach Kapitän Cannon, ſpielte eilf Partien Billard mit dem Kapitän, dem er acht abgewann, und kehrte eine halbe Stunde zu ſpät zum Nachteſſen, aber in vortreff⸗ licher Laune, nach Ruſſell Square zurück. Nicht ſo verhielt es ſich mit dem alten Osborne. Als dieſer Herr aus der City nach Hauſe kam, und im Salone von ſeinen Töchtern und der eleganten Miß Wirt bewillkommt wurde, ſahen Letztere alsbald an ſeinem Ge⸗ ſichte — das, mochte auch Alles noch ſo ſehr nach ſeinem Wunſche gehen, aufgedunſen, feierlich und gelb war — ſowie an ſeinem düſteren Blicke und dem Zucken ſeiner 197 ſchwarzen Augenbrauen, daß das Herz unter ſeiner großen weißen Weſte unruhig und beklemmt war. Als Amalie vortrat, um ihn zu begrüßen, was ſie ſtets mit vielem Zittern und großer Schüchternheit that, ließ er ein gräm⸗ liches Grunzen hören, das ſagen ſollte, daß er ſie geſe⸗ hen, und ließ die kleine Hand ſeiner großen, rauhen Pfote entſinken, ohne einen Verſuch zu machen, ſie feſt zu halten. Er ſah düſter nach ſeiner älteſten Tochter herum, welche, die Bedeutung ſeines Blickes (der unverkennbar fragte: „Was, zum Teufel, macht denn Die da hier 2*) erfaſſend, alsbald ſagte: — „George iſt in der Stadt, Papa, und iſt in das Kriegsminiſterium gegangen, und wird zum Mittageſſen hier ſein.“ „Ei, ei wird er? Man darf nicht auf ihn warten, Jane:“ bei dieſen Worten ſank der würdige Mann auf ſeinen Stuhl, und dann wurde das abſolute Schweigen in ſeinem hübſchen, gutmeublirten Salon bloß noch durch vas furchtſame Ticken der großen, franzöſiſchen Uhr un⸗ terbrochen. Als dieſer Chronometer, worauf ſich eine freundliche Bronze⸗Gruppe, das Opfer Iphigeniens darſtellend, be⸗ fand, in tiefem Kirchenglocken⸗Tone fünf geſchlagen hatte, riß Herr Osborne aus Leibeskräften an dem zu ſeiner Rechten befindlichen Glockenzug, und es ſtürzte der Keller⸗ meiſter herein. „Das Eſſen!“ brällte Herr Osborne. „Herr George iſt noch nicht da, Sir,“ entgegnete der Kellermeiſter. „Zum Teufel mit Herrn George, Herr; Bin ich Herr in meinem Hauſe? das Eſſen, ſage ich!“ donnerte Herr Osborne, und ſein Blick war dabei ungemein düſter. Amalie zitterte. Eine telegraphiſche Augenmittheilung fand zwiſchen den drei andern Damen Statt. Die gehorſame Glocke in den untern Regionen ließ ſich hoͤren, zum Zei⸗ chen, daß das Eſſen aufgetragen ſei. Als das Läuten * 198 vorbei war, ſchob das Haupt der Familie raſch die Hände in die großen hinteren Taſchen ſeines großen blauen Rockes mit meſſingenen Knöpfen, und ſchritt, ohne auf eine wei⸗ tere Meldung zu warten, allein die Treppe hinab, die vier Frauenzimmer über die Schulter weg ſcheel anſehend. „Was mag es wohl ſein, meine Theure?“ fragte Eine die Andere, als ſie aufſtanden, und hinter dem Haus⸗ herrn behutſam hertrippelten, „Vermuthlich fallen die Fonds,“ flüſterte Miß Wirt; und ſo folgte zitternd und ſchweigend die weibliche Geſell⸗ ſchaft dem finſtern Führer, und ohne eine Sylbe zu ſagen, nahmen ſie ihre Plätze ein. Er knurrte ein kurzes Tiſch⸗ gebet heraus, das ſo barſch und verdrießlich klang, wie ein Fluch. Endlich wurden die großen ſilbernen Deckel abgenommen. Amalie zitterte auf ihrem Sitze, denn ſie befand ſich am Nächſten bei dem furchtbaren Osborne, und ganz allein auf ihrer Seite am Tiſche: — die Lücke aber war durch die Abweſenheit George's entſtan⸗ den. „Suppe?“ ſagte Herr Osborne, den Schoͤpflöffel er⸗ greifend und die Augen auf ſie heftend, in wahrem Gra⸗ bestone; und ſprach, nachdem er ſie und die Uebrigen bedient hatte, eine Weile keine Sylbe. „Nehmt Miß Sedley's Teller weg,“ ſagte er endlich. „Sie kann die Suppe nicht eſſen — und eben ſo wenig kann's ich. Sie iſt abſcheulich ſchlecht. Fort mit der Suppe, Hicks, und Du, Jane, jage morgen die Koͤchin weg.“ ² Nachdem Herr Osborne ſeine Bemerkungen über die Suppe beendigt hatte, ließ er ſich in einigen kurzen Wor⸗ ten über den Fiſch aus, die gleichfalls wilder und ſatyri⸗ ſcher Art waren, und verwünſchte Billingsgate mit einer Emphaſe, die des Ortes vollkommen würdig war. Darauf verfiel er in Schweigen, und verſchluckte verſchiedene Gläſer Wein, wobei er immer furchtbarere Blicke um ſich her warf, bis ein lebhaftes Klopfen an der Hausthüre 199 George's Ankunft meldete, und nun finpen Alle an, ſich wieder zu faſſen. „Er habe nicht früher kommen können. General Daguſlet habe ihn auf dem Kriegsminiſterium warten laſſen. Suppe oder Fiſch wolle er nicht. Man ſolle ihm irgend Ftwas geben — es ſei gleichgültig, was. Kapital das Hammelfleiſch — Alles kapital.“ Seine gute Laune kontraſtirte ſeltſam mit ſeines Vaters ſtrengem Ausſehen; und er ſchwatzte während des Eſſens unaufhörlich, zum Entzücken Aller und insbeſondere einer Perſon, die nicht erſt genannt zu werden braucht. Sobald die jungen Damen mit ihrer Orange und dem Glaſe Wein fertig waren, welche den gewöhnlichen Schluß der traurigen Bankette in Herrn Osborne's Hauſe hildeten, ſo ließ das Signal ſich vernehmen, daß es nun Zeit ſei, nach dem Salon abzuſegeln; und ſie erhoben ſich Alle, und entfernten ſich. Amalie hoffte, daß George dort bald zu ihnen ſtoßen würde. Sie begann auf dem großen, mit geſchnitzten Füßen verſehenen, in ein ledernes Gewand gehüllten Flügel droben im Salon einige ihrer Lieblings-Walzer (die damals eben eingeführt worden waren) zu ſpielen. Aber dieſer kleine Kunſtgriff brachte ihn nicht hinauf. Er war taub für die Walzer; ſie wur⸗ den ſchwächer und ſchwächerz endlich verließ die Spielerin ganz verſtimmt das coloſſale Inſtrument; und obgleich ihre drei Freundinnen einige der lauteſten und brillanteſten der neuen Stücke ihres Repertoriums ſpielten, ſo hörte ſie doch keine einzige Note, ſondern ſaß nachdenkend und Böſes ahnend da. Nie hatte der alte Osborne ſo tödt⸗ liche Blicke auf ſie geworfen, wenn auch ſonſt ſein Blick noch ſo mürriſch und furchtbar geweſen war. Seine Augen verfolgten ſie bis an die Zimmerthüre, als ob ſie Etwas verbrochen hätte. Als man ihr den Kaffee brachte, fuhr ſie zuſammen, als ob das ein Giftbecher geweſen wäre, was Herr Hicks, der Haushofmeiſter, ihr anbieten wollte. Welches Geheimniß ſtak wohl dahinter? O, die Frauen! Sie hegen auf's Zärtlichſte ihre Ahnungen und machen aus ihren häßlichſten Gedanken Lieblinge, wie aus ihren durch einen Naturfehler entſtellten Kindern. Die ungewöhnliche Düſterkeit im väterlichen Geſichte hatte auch George ängſtlich geſtimmt. Wie ſollte George bei ſolchen Augenbrauen und einem ſo entſchieden galligen Blicke aus dem Familienhaupte das Geld herauslocken, das er ſo nothig brauchte? Er fing damit an, ſeines Va⸗ ters Wein zu loben. Das war ein Mittel, dem alten Herrn zu ſchmeicheln, das gewöhnlich nie fehl ſchlug. „In Weſtindien bekamen wir nie ſo guten Madeira, Sir, wie der Ihrige iſt. Oberſt Heavytop nahm neulich drei Bouteillen von dem, ſo Sie mir hinabgeſchickt haben, unter ſeiner Koppel mit.“ „That er vas wirklich?“ ſagte der alte Herr. „Die Flaſche koſtet mir acht Shillinge.“ „Wollen Sie ſechs Guineen für ein Dutzend Flaſchen haben, Sir?“ ſagte George lachend. „Einer der groͤßten Männer des Königreiches möchte daven haben.“ „Wirklich?“ brummte der Alte. „Soll ſehen, wo er ihn ſonſt her kriegt.“ „Als General Dagnilet in Chatham war, Sir, gab ihm Heavytop ein Frühſtück, und bat mich um einige Flaſchen von dem Weine. Der General trank ihn eben ſo gerne — und wollte ſogar eine Pipe für den Ober⸗ kommandanten haben. Er iſt die rechte Hand Sr. Kö⸗ niglichen Hoheit.“ „Es iſt verteufelt guter Wein,“ ſagten die Augen⸗ brauen, und ſahen gutlauniger aus; und George ſtand eben im Begriffe, aus dieſem Wohlgefallen ſeines Vaters Nutzen zu ziehen, und die Subſidienfrage auf's Tapet zu bringen, als der Alte, wieder in ſein feierliches Weſen verfallend, obgleich etwas cordialer im Tone, ihn die Klingelſchnur ziehen hieß, um Claret zu beſtellen. „Wir wollen ſehen, George,“ ſagte der Alte, „ob der ſo gut iſt, wie der Madeira, von dem ich gewiß gerne 201 Sr. Königlichen Hoheit gebe, und während wir ihn trin⸗ ken, will ich Dir eine Sache von Wichtigkeit mittheilen.“ Amalie horte, da ſie in nervoſer Aufregung droben ſaß, wie unten um Claret geklingelt wurde. Ich weiß nicht, wie es geſchah, aber dieſes Läuten kam ihr als myſteriös und ahnungsvoll vor. Von den Ahnungen, die manche Leute ſtets haben, müſſen ſicherlich einige einmal eintreffen. . „Was ich wiſſen möchte, George,“ ſagte der alte Herr, nachdem er ſein erſtes Glas langſam getrunken: „was ich wiſſen möchte, iſt, wie Du mit dem — dem kleinen Ding droben ſtehſt?“ „Ich denke, Sir, das iſt nicht ſchwer zu ſehen,“ ſagte George mit ſelbſtzufriedenem Grinſen. „So ziemlich klar, Sir. — Welch' kapitaler Wein!“ „Was meinſt Du mit Deinem „ſo ziemlich klar 2“ „Ei, zum Kukuk, Sir, dringen Sie nicht zu ſehr in mich. Ich bin ein beſcheidener Menſch. Ich — ah — ich will mich nicht gerade für einen Mann ausgeben, der jedes Frauenzimmer erobert; aber doch muß ich ſagen, daß ſie ſo verteufelt in mich verliebt iſt, als es nur ſein kann. Jedermann kann das mit halbem Auge ſehen.“ „Und Du ſelbſt?“ „Ei, Sir, befahlen Sie mir nicht, ſie zu heirathen, und bin ich nicht ein gehorſamer Sohn? Haben nicht unſere Papas die Sache ſchon ewig lange abgemacht?“ „Ja, ja, ein ſchöner Sohn. Habe ich nicht von Deinen Streichen mit Lord Tarquin, Kapitän Crawley von der Leibgarde, dem ehrenwerthen Herrn Deuceace, und Leuten ſolchen Schlages gehört? Nimm Dich in Acht. Junge, nimm Dich in Acht!“ Der alte Herr ſprach dieſe ariſtokratiſchen Namen offenbar mit dem größten Wohlgefallen aus. So oft er mit einem großen Manne zuſammentraf, kroch er vor demſelben, und mylordete ihn auf eine Weiſe, wie ſie nur einem freigeborenen Briten eigen iſt. Er ging nach Hauſe —— und ſchlug in dem Adelsbuche nach, um das Nähere über ihn und ſeine Familie zu erfahren: täglich nannte er ſeinen Namen, und machte ſich bei ſeinen Töchtern mit ſeiner Lordſchaft groß. Er warf ſich vor ihm nieder, und ſonnte ſich in ſeinem Anblicke, wie ein neapolitaniſcher Lazzarone an der Sonne. George war unruhig, als er die Namen hoͤrte. Er fürchtete, ſein Vater möchte von gewiſſen Spiel⸗ geſchichten unterrichtet worden ſein. Allein der alte Mo⸗ raliſt benahm ihm alsbald ſeine Unruhe, indem er heiter ſagte: — „Nun, nun, junge Leute ſind eben jung. Ein Troſt für mich iſt, George, daß Du in der beſten Geſellſchaft lebſt, die es in England gibt, — wie ich hoffe; wie ich glaube, wie meine Mittel Dir geſtatten, es zu thun. —“ „Danke Ihnen, Sir,“ ſagte George, den günſtigen Augenblick wahrnehmend, und geſchickt benützend — „man kann mit ſo hohen Perſonen nicht umſonſt leben; und meine Boͤrſe, Sir, ſehen Sie ſie einmal an.“ Bei dieſen Worten hielt er ein kleines, von Amalien ihm geſtricktes Andenken in die Höhe, das die letzten Dob⸗ bin'ſchen Pfundnoten enthielt. „Es ſoll Dir an Nichts fehlen, mein Junge, dem Sohne des britiſchen Kaufmannes ſfoll es an Nichts feh⸗ len. Meine Guineen ſind ſo gut, wie die ihrigen, George, mein Junge; und ich karge bei Dir nicht damit. Sprich morgen, wenn Du durch die City gehſt, bei Herrn Chopper vor; er wird 'was für Dich haben. Ich karge nicht mit dem Gelde, wenn ich weiß, daß Du in guter Geſellſchaft biſt, weil ich weiß, daß es in guter Geſellſchaft nie un⸗ recht zugeht. Ich habe keinen Stolz. Meine Geburt war nur eine niedrige, — Du aber haſt in dieſem Stücke be⸗ deutende Vortheile. Mache einen guten Gebrauch davon. Komm' mit dem jungen Adel zuſammen. Es ſind dar⸗ unter Viele, die Deinen Guineen keinen Dollar entgegen ſetzen koͤnnen, mein Junge. Und was die roſafarbenen Frauenzimmer⸗Hüte betrifft (hier drang ein ſchlauer und . 203 nicht ſehr angenehmer Seitenblick unter den ſtarken Augen⸗ brauen hervor) — ſo werden nun einmal immer junge Leute austoben müſſen. Nur Eines mußt Du vermeiden, das ſage ich Dir, und wenn Du in dieſem Stücke meinem Wunſche nicht nachkommſt, ſo erhältſt Du von mir ein⸗ mal auch nicht einen Shilling, beim Zeus; und dieſes eine Ding iſt das Spiel, Sir.“ „O natürlich, Sir,“ ſagte George. „Um aber auf das Andere wegen Amaliens zurück⸗ zukommen: warum ſollteſt Du nicht höher heirathen, warum nur eine Stockmäklerstochter, George? — das moͤchte ich wiſſen.“ „Das iſt eine Familienangelegenheit, Sir,“ ſagte George, eine Lambertsnuß aufknackend. „Sie und Herr Sedley haben ja die Sache ſchon vor hundert Jahren abgemacht.“ „Ich will es nicht läugnen; aber die Stellung der Leute wird eine andere, Sir. Ich will es nicht läugnen, daß ich durch Sedley mein Glück gemacht, oder richtiger geſprochen, daß er mich in den Stand geſetzt hat, durch meine eigenen Talente und mein eigenes Genie jene ſtolze Stellung zu gewinnen, die ich, ich kann es wohl ſagen, im Talghandel und in der Cith von London einnehme. Ich habe Sedley meine Dankbarkeit bewieſen; und er hat ſie in der neueſten Zeit auf die Probe geſtellt, Sir, wie aus meinen Büchern erſichtlich iſt. George! Ich ſage Dir im Vertrauen, daß mir das Ausſehen der Sedley⸗ ſchen Geſchäfte nicht gefällt. Auch meinem erſten Buch⸗ halter, Herrn Chopper, will es nicht recht gefallen, und er iſt ein feiner Kamerad, und kennt die Börſe ſo gut, wie irgend Einer in London. Hulker und Bullock ſehen ihn mit ſcheuen Augen an. Ich befürchte, er hat auf eigene Rechnung geſtümpert. „Man ſagt, die „Jeune Amélie,“ die von dem Mankee Kaperſchiff „Molaſſes“ genommen worden, habe ihm gehoͤrt. So viel will ich ein für alle Male geſagt haben, — ſo lange ich nicht „ 204 Amaliens zehn tauſend Pfund vor mir liegen ſehe, wird aus der Heirath Nichts. Ich mag in meiner Familie keines Lumpen Tochter haben. Schieb' mir die Weinflaſche her, — oder ſchelle um den Kaffee.“ Bei dieſen Worten entfaltete Herr Osborne die Abend⸗ zeitung, und George erkannte an dieſem Signale, daß das Geſpräch nun zu Ende ſei, und daß ſein Papa ein kleines Schläfchen machen wolle. In der heiterſten Stimmung von der Welt rannte er die Treppe hinauf, zu Amalien. Was machte ihn an jenem Abende aufmerkſamer gegen ſie, als er ſeit langer Zeit geweſen — was machte ihn begieriger, ſie zu unter⸗ halten, was zärtlicher, was mehr von Witz überſprudeln, als ſonſt der Fall war? War es ver Umſtand, daß ſein großmüthiges Herz im Hinblicke auf das hereinbrechende Unglück wärmer für ſie ſchlug? Oder war es der Ge⸗ danke, daß er ſein kleines, theures Mädchen verlieren würde, der ihn dieſelbe höher ſchätzen machte? Sie lebte noch viele Tage darnach von den Erinne⸗ rungen jenes glücklichen Abends; ſie erinnerte ſich ſeiner Worte, ſeiner Blicke, des von ihm geſungenen Liedes, ſeiner Haltung, indem er ſich über ſie beugte, oder ſie aus der Ferne anſah. Wie ihr ſchien, war noch nie in Herr Osborne's Hauſe ein Abend ſo raſch verſtrichen; und zum erſten Male war das junge Mädchen faſt ver⸗ ſucht, über die allzu frühe Ankunft des Herrn Sambo mit ihrem Shawl böſe zu werden. Am nächſten Morgen kam George, und nahm zärt⸗ lich von ihr Abſchied: dann eilte er nach der City, wo er Herrn Chopper, den erſten Buchhalter ſeines Vaters, beſuchte, und von dieſem Herrn ein Dokument erhielt, für das er bei Hulker und Bullock ſich eine ganze Taſche voll Geld geben ließ. Als George in das Haus trat, kam der alte John Sedley gerade aus dem Beſuchzimmer des Bankiers heraus, wobei ſeine Miene eine ſehr trübe war. Sein Pathe aber war in einer viel zu frohen Stimmung, um 205 die Niedergeſchlagenheit des würdigen Stockmäklers oder die düſtern Blicke, die der gute alte Herr ihm zuwarf, zu bemerken. Der junge Bullock kam ihm dieſes Mal nicht, wie er in früheren Jahren ſtets gethan, grinſend aus ſei⸗ nem Zimmer nach. Und als die ungeheure Thüre von Hulker, Bullock und Co. ſich herumſchwang und hinter Herrn Sedley ſchloß, winkte Herr Quill, der Kaſſier, (deſſen angenehmes Geſchäft es iſt, zerknitterte Banknoten aus einer Schub⸗ lade herauszuziehen, und aus einer kupfernen Schaufel Sovereigns auszutheilen) Herrn Driver, dem Commis an dem Pulte zu ſeiner Rechten, zu. Herr Driver winkte ſeinerſeits. „Geht nicht,“ flüſterte Herr Driver. „Nein, zu keinem Preiſe,“ ſagte Herr Quill. „Herr George Osborne, Sir, wollen Sie Gold oder Papier?“ Und George zwängte eifrig eine Anzahl Banknoten in ſeine Taſchen hinein, und bezahlte Dobbin noch an demſelben Abende fünfzig Pfund am Offizierstiſche. An dem nemlichen Abende ſchrieb ihm auch Amalie einen überaus zärtlichen und langen Brief. Ihr Herz ſtrömte von Zärtlichkeit über, aber dennoch ahnte es noch Boſes. „Warum ſah Herr Osborne ſo finſter aus?“ fragte ſie ſich, „ob wohl zwiſchen ihm und ihrem Vater ein Streit entſtanden? Was ihren armen Vater betrifft, ſo kam er ſo melancholiſch aus der City zurück, daß da⸗ heim Alles wegen ſeiner in Angſt gerieth: — kurz, es waren vier Seiten voll Liebe, und Befürchtungen, und Hoffnungen, und Ahnungen. „Die arme kleine Emmy — die liebe kleine Emmy! Wie liebt ſie mich,“ ſagte George, als er den Brief durchlas: — „Und, mein Gott, welches Kopfweh hat mir der ſchlechte Punſch verurſacht!“ Ja wohl, arme kleine Emmy! Pierzehntes Kapitel. Miß Crawley daheim. Etwa um dieſelbe Zeit fuhr ein Reiſewagen mit einem Wappen am Schlage vor ein ungemein wohnlich ausſehen⸗ des und gut eingerichtetes Haus in Park Lane; auf dem Bedientenſitze war ein unzufrieden ausſehendes Frauen⸗ zimmer in grünem Schleier und mit gebrannten Locken, auf dem Bocke aber ein großer, ſehr zuverſichtlich aus⸗ ſehender Mann zu erblicken. Es war der Wagen unſerer Freundin Miß Crawley, die aus Hants zurückkam. Die Fenſter des Wagens waren zu; der fette kleine Hund, der ſeinen Kopf und ſeine Zunge ſonſt aus einem derſelben hervorſtreckte, ruhte auf dem Schooße des unzufriedenen Frauenzimmers. Als der Wagen hielt, wurde ein großer runder Pack von Shawls unter Beihülfe verſchiedener Dienſtboten und einer jungen Dame herausgenommen, welche den Haufen von Mänteln begleitete. Dieſer Pack enthielt Miß Crawley, die ſofort die Treppe hinaufgeführt und in ein Bett und Zimmer gebracht wurde, die, wie zur Aufnahme einer kranken Perſon, gehörig gewärmt worden waren. Boten gingen ab, um ihre zwei Aerzte her⸗ beizuholen. Dieſelben kamen, hielten eine Conſultation, verſchrieben und verſchwanden wieder. Die junge Beglei⸗ terin der Miß Crawley kam am Ende ihrer Berathung herein, um Verhaltungs⸗Befehle von ihnen zu empfangen, und adminiſtrirte dann die antiphlogiſtiſchen Arzneien, welche die ausgezeichneten Männer verordnet hatten. Kapitän Crawley von der Leibgarde kam am näch⸗ ſten Tage von der Kaſerne in Knightsbridge heraufge⸗ ritten; ſein ſtattlicher Rappe ſtampfte in dem Stroh vor —— —— — 207 ver Thüre ſeiner kranken Taute. Die Erkundigungen, die er über das Befinden der liebenswürdigen Verwandtin ein⸗ zog, zeugten von ungemein vieler und zarter Theilnahme. Es ſchien viele Veranlaſſung zu Befürchtungen da zu ſein. Er fand Miß Crawley's Kammermädchen (das unzufrie⸗ dene Frauenzimmer) außerordentlich mürriſch und nieder⸗ geſchlagen: er fand Miß Briggs, ihre Geſellſchaftsdame, in Thränen und allein im Salon. Sie war nach Hauſe geeilt bei der erſten Nachricht von der Krankheit ihrer ge⸗ liebten Freundin. Sie wollte an ihr Krankenlager fliegen — an das Lager, das ſie, Briggs, in Stunden der Krank⸗ heit ſo oft weicher gemacht hatte. Allein der Zutritt in Miß Crawley's Zimmer war ihr verſagt. Eine Fremde gab derſelben ihre Arznei ein — eine Fremde vom Lande — eine verhaßte Miß . . . . Hier ließen Thränen die Geſellſchaftsdame nicht weiter ſprechen, und ſo begrub ſie denn ihre ſo grauſam zurückgewieſene Liebe und ihre arme, alte rothe Naſe in ihrem Taſchentuche. Rawdon Crawleh ſchickte ſeine Viſitenkarte durch die mürriſche Kammerjungfer hinauf, und Miß Crawley's neue Geſellſchaftsdame kam aus dem Krankenzimmer herabge⸗ trippelt, legte ihre kleine Hand in die ſeinige, als er eif⸗ rig auf ſie zuſchritt, und warf der ganz betäubten Briggs einen überaus höhniſchen Blick zu, winkte dem jungen Leib⸗ gardiſten und führte ihn aus dem hintern Salon, die Treppe hinab, in das nun verlaſſene, einſame Speiſezimmer, wo ſo manches gute Diner eingenommen worden war. Hier ſprachen die beiden Perſonen etwa zehn Minuten mit einander, und eroͤrterten ohne Zweifel die Symptome der alten Kranken droben, bis endlich die mit dem Speiſe⸗ zimmer kommunzirende Klingel lebhaft angezogen und au⸗ genblicklich von Herrn Bowls, dem dicken Haushofmeiſter, der das beſondere Vertrauen der Miß Crawley beſaß (und zufällig faſt während der ganzen Unterredung am Schlüſſel⸗ loche geweſen war), beantwortet wurdez dann kam der Kapitän, ſeinen Schnurrbart kräuſelnd, heraus, und be⸗ 208 ſtieg den im Stroh mit den Füßen arbeitenden Rappen, zur großen Bewunderung der kleinen jungen Gaſſenſchlin⸗ gel, die ſich unterdeſſen geſammelt hatten. Er ſah zum Speiſezimmer⸗Fenſter hinein, während er ſein prächtig courbettirendes und ſteigendes Pferd herumtummelte: — einen Augenblick konnte man die junge Perſon am Fenſter ſehen, dann verſchwand ihre Geſtalt, und ohne Zweifel ging ſie wieder die Treppe hinauf, um wieder den zarten Pflichten der Wohlthätigkeit obzuliegen. Wer mochte wohl dieſes junge Frauenzimmer ſein? An jenem Abende war ein kleines Mittageſſen für zwei Perſonen im Speiſezimmer aufgetragen — als Mrs. Fir⸗ kin, die Kammerjungfer, in das Zimmer ihrer Herrin un⸗ geſtüm eintrat, und ſich dort, während der Abweſenheit der neuen Krankenwärterin, zu ſchaffen machte: — Letz⸗ tere aber, ſowie Miß Briggs, ließen ſich zu dem netten, kleinen Mahle nieder. Die arme Briggs war ſo angegriffen, daß ſie kaum ein Stückchen Fleiſch eſſen konnte. Die junge Perſon zer⸗ legte ein Huhn mit der größten Gewandtheit, und ver⸗ langte ſo beſtimmt Eierſauce, daß die arme Briggs, vor der dieſe deliciöſe Zuthat ſtand, auffuhr, mit dem Löffel gewaltig klapperte, und abermals in ihren von Thränen⸗ ſtrömen begleiteten hyſteriſchen Zuſtand verfiel. „Wäre es nicht beſſer, wenn Sie Miß Briggs ein Glas Wein gäben?“ ſagte die Perſon zu Herrn Bowls, dem dicken, vertrauten Manne. Er that es. Die Briggs griff mechaniſch darnach, verſchlang es convulſiviſch, ſtöhnte ein wenig, und fing an, mit dem Huhn auf ihrem Teller zu ſpielen. „Ich glaube, wir können einander ſelbſt bedienen,“ ſagte die Perſon mit vieler Anmuth: zwir können daher auch der gütigen Dienſtleiſtungen des Herrn Bowls füg⸗ lich entbehren. Herr Bowls, wir werden ſchellen, wenn wir Ihrer bedürfen.“ Hier ging der Haushofmeiſter die Treppe hinab in 209 das Bedientenzimmer, wo er, beiläufig geſagt, den un⸗ ſchuldigen Lakaien, ſeinen Untergebenen, mit den fürchter⸗ lichſten Flüchen überhäufte. „Wie können Sie doch die Sache ſo ernſt nehmens Miß Briggs,“ ſagte die junge Dame mit kalter und etwa ſarkaſtiſcher Miene. „Meine theuerſte Freundin iſt ſo krank und wi — i— 1— i— i— ill mich nicht vor ſich laſſen,“ drückte die Briggs, vom Kummer abermals überwältigt, heraus. „Sie iſt nicht mehr ſehr krank. Tröſten Sie ſich, theure Miß Briggs. Sie hat nur den Fehler begangen, ſich zu übereſſen — das iſt Alles. Sie befindet ſich be⸗ deutend beſſer. Sie iſt noch ſchwach vom Schröpfen und von der ärztlichen Behandlung, der ſie ſich hat unterwerfen müſſen, wird aber gar bald wieder hergeſtellt ſein. Tröſten Sie ſich doch, ich bitte Sie darum, und nehmen Sie doch etwas Wein zu ſich.“ „Aber warum, warum will ſie mich nicht mehr vor⸗ laſſen?“ bloͤckte Miß Briggs heraus. „O, Mathilde, Ma⸗ thilde, iſt das der Dank, womit Du Deiner armen, armen Arabella für eine dreiundzwanzigjährige zärtliche Liebe lohnſt?“ „Weinen Sie nicht zuviel, arme Arabella,“ ſagte die Andere (wobei ein faum bemerkbares Lächeln ihr Geſicht verzog); „ſie will Sie nur deßhalb nicht vorlaſſen, weil ſie ſagt, ſie werde von Ihnen nicht ſo gut gepflegt, wie von mir. Es iſt für mich kein Vergnügen, ſo die ganze Nacht aufzubleiben. Ich wollte, Sie thäten es an meiner Stelle.“ 3 „Habe ich nicht viele Jahre lang das theure Lager bewacht?“ ſagte Arabella, „und nun —“ „Nun iſt ihr eine andere Perſon lieber. Kranke haben nun einmal ihre Grillen, und man muß ihnen ihren Willen thun. Wenn ſie wieder wohl iſt, ſo werde ich gehen.“ „Nie, nie,“ rief Arabella, wie wahnſinnig an ihrem Riechfläſchchen riechend. Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 14 „Nie wohl ſein, oder nie gehen, Miß Briggs?“ ſagte die Andere mit derſelben ärgerlichen Gutmüthigkeit. „Bah — in vierzehn Tagen iſt ſie wieder geſund, und dann gehe ich zu meinen kleinen Schülerinnen in Qneen's Crawley, ſowie zu ihrer Mutter zurück, die weit leidender iſt, als unſere Freundin. Sie brauchen nicht eiferſüchtig zu ſein, meine theure Miß Briggs. Ich bin ein armes, kleines Mädchen, die keine Freunde hat und in der kein Böſes ſteckt. Ich will Sie bei Miß Crawley nicht verdrängen und Ihnen ihre Gunſt rauben. Sie wird mich vergeſſen, ſobald ich eine Woche ſort bin: und ihre Freundſchaft ge⸗ gen Sie iſt das Werk von vielen Jahren geweſen. Schen⸗ ken Sie mir gefälligſt etwas Wein ein, meine liebe Miß Briggs: wir wollen Freundinnen ſein. Gewiß bedarf ich ver Freunde und Freundinnen ſehr.“ Die verſoͤhnliche und weichherzige Miß Briggs ſtreckte bei dieſer Appellation ſprachlos ihre Hand hin; deſſenunge⸗ achtet aber chat ihr der Abfall ihrer Machilde unendlich weh: ſie beklagte die Unbeſtändigkeit derſelben auf's Bit⸗ terſte. Nach einer halben Stunde, als das Eſſen vorüber war, verfügte ſich Miß Rebekka Sharp (denn ſo heißt merkwürdiger Weiſe die, ſo bis daher finnreich als „die Perſon“ beſchrieben worden iſt) wieder in die Zimmer ihrer Patientin, woraus ſie mit vollendeter Höflichkeit die arme Firkin zu entfernen wußte. „Danke Ihnen, Mrs. Firkin, das genügt vollkommen; wie nett Sie es machen! Ich werde klingeln, wenn man Etwas braucht. Danke Ihnen.“ Und die Firkin kam herab in einem Sturme von Eiferſucht, der nur um ſo gefährlicher war, weil ſie ihn in ihrem Buſen behalten mußte. Konnte es der Sturm ſein, der, als ſie am Treppen⸗ abſatze des erſten Stockes vorüberging, die Salonthüre aufblies ? Nein, ſie wurde von der Hand der Briggs un⸗ vermerkt geoffnet. Die Briggs war auf der Lauer geweſen. Die Briggs hatte die Firkin mit ihren krachenden Schuhen C C 211 nur allzu gut die Treppe herabkommen, und den Löffel in der Haferſchleim⸗Schüſſel, welche das vernachläßigte weib⸗ liche Weſen trug, raſſeln hören. „Nun, Firkin?“ ſagte ſie, als die Andere in das Zimmer trat. „Nun, Jane?“ „Immer ſchlimmer, Miß Briggs,“ ſagte die Firkin, den Kopf ſchüttelnd. „Sie beſindet ſich alſo nicht beſſer?“ „Sie hat nur ein einziges Mal geſprochen, und ich habe ſie gefragt, ob ſie ſich etwas erleichtert fühle. Was hat ſie mir aber geſagt? Ich ſolle mein dummes Maul halten. O, Miß Briggs, ich hätte nie gedacht, daß ich ſo Etwas erleben würde!“ Und die Waſſerwerke fingen abermals an, zu ſpielen. „Was für eine Perſon iſt wohl dieſe Miß Sharp, Firkin? Ich ließ es mir, während ich meine Weihnachts⸗ feiertage in dem eleganten Hauſe meiner bewährten Freunde, des ehrwürdigen Lionel Delamere und ſeiner liebenswür⸗ digen Gattin, zubrachte, nicht träumen, daß ich eine Fremde vorfinden würde, die meine Stelle im Herzen mei⸗ ner theuerſten, immer noch theuerſten Mathilde einge⸗ nommen!“ Wie man aus der Sprache der Miß Briggs wohl erſehen haben wird, gehörte dieſe Dame zu den literariſch gebildeten und ſentimentalen: auch hatte dieſelbe ſchon ein⸗ mal einen Band Gedichte, betitelt „Nachtigallen⸗Triller“ auf Subſt iption herausgegeben. „Miß Briggs, ſie ſind Alle in dieſes junge Frauen⸗ zimmer wie vernarrt,“ erwiederte die Firkin. „Sir Pitt hätte ſie nicht gehen laſſen, aber er wagte es nicht, Miß Crawley Etwas abzuſchlagen. Mrs. Bute im Pfarrhauſe gerade ſo ſchlimm — nie glücklich, wenn ſie ſie nicht ſieht. Der Kapitän ganz vernarrt in ſie. Herr Crawley kanni⸗ baliſch eiferſüchtig. Seit Miß Crawley krank darnieder liegt, will ſie Niemand um ſich dulden, als Miß Sharp: 212 kann aber nicht ſagen, wie oder warum; ich glaube, es hat Etwas Alle behert.“ Was Rebekka betrifft, ſo brachte ſie jene Nacht wa⸗ chend bei Miß Crawley zu. In der darauffolgenden Nacht ſchlief die alte Dame ſo ruhig, daß Rebekka mehrere Stunden behaglich auf dem Sopha, neben dem Bette ihrer Goͤnnerin, zubringen konnte; und ſehr hald war Miß Crawley wieder ſo wohl, daß ſie aufblieb, und über die vollkommene Nachäffung der Miß Briggs und ihres Kummers, der ihr von Rebekka beſchrieben wurde, herzlich lachte. Miß Briggs thränenreiches Geſchnüffel, ſowie ihre Art, ſich des Taſchentuches zu bedienen, war ſo täuſchend nachgeahmt, daß Miß Crawley ganz luſtig wurde, zur großen Verwunderung der Aerzte, als ſie ſie ſahenz denn gewöhnlich fanden ſie dieſes würdige Weltkind, ſobald ſie von der geringſten Krankheit befallen wurde, total nieder⸗ geſchlagen und von den Schrecken des Todes erfüllt. Kapitän Crawley kam alle Tage und ließ ſich von Rebekka über das Befinden ſeiner Tante Bericht erſtatten. Bald war Letztere ſo wohl, daß die arme Briggs ihre Gönnerin ſehen durftez und weichmüthige Perſonen mögen ſich die unterdrückten Gemüthsbewegungen dieſes ſentimen⸗ talen Frauenzimmers und die rührende Art der Zuſammen⸗ kunft denken. Bald wollte Miß Crawley die Briggs wieder viel um ſich haben. Rebekka pflegte ſie vor ihrer Naſe mit der bewunderungswürdigſten Gravität nachzuäffen, und machte dadurch die Sache für ihre würdige Gönnerin um ſo pikanter. Die Urſachen, die zur beklagenswerthen Krankheit der Miß Crawley und zu ihrer Abreiſe von dem Hauſe ihres Bruders auf dem Lande geführt hatten, waren ſo wenig romantiſcher Natur, daß ſie in dieſem feinen und ſenti⸗ mentalen Nomane wohl kaum aus einander geſetzt werden können. Denn wie iſt es möglich, anzudeuten, daß ein zartes, in guter Geſellſchaft lebendes Frauenzimmer zu W —— 213 viel gegeſſen und getrunken habe, und daß ein allzu reichlicher Genuß von Hummern bei einem Souper im Pfarrhauſe die Ur⸗ ſache eines Unwohlſeins geweſen ſei, das Miß Crawley ſelbſt einzig und allein und um jeden Preis dem feuchten Wetter zuſchrieb? Der Anfall war ſo heftig, daß Mathilde — wie Seine Ehrwürden ſich auszudrücken beliebte — ganz nahe daran war, „abzufahren;“ die ganze Familie war in fieber⸗ hafter Erwartung in Betreff des Teſtamentes, und Raw⸗ don Crawley hielt ſich verſichert, daß er vor dem Beginne der Londoner Saiſon ſich im Beſitze von wenigſtens vier⸗ zigtauſend Pfunden ſehen würde. Herr Crawley ſchickte ein Packet voll ausgewählter Traktätchen, um ſie auf den Angenblick vorzubereiten, wo ſie den Jahrmarkt des Lebens und Park Lane mit einer andern Welt vertauſchen würde; glücklicher Weiſe aber wurde ein guter Arzt noch zur rech⸗ ten Zeit von Southampton herbeigerufen, und dieſer be⸗ zwang den Hummer, der ſie um ein Haar um's Leben gebracht hätte, und ſtellte ſie wieder ſo weit her, daß ſie nach London zurückkehren konnte. Der Baronet konnte ſeinen außerordentlichen Aerger über die Wendung, welche die Sache genommen hatte, nicht verhehlen. Während Jedermann Miß Crawley mit Aufmerkſam⸗ keiten überhäufte, und Boten vom Pfarrhauſe jede Stunde an die liebevollen Leute, die dort wohnten, Nachrichten über ihr Befinden brachten, lag in einem anderen Theile des Hauſes eine Dame, die ſchwer krank war, um die ſich aber keine Seele bekümmerte; und dieß war die Lady von Crawley ſelbſt. Der gute Doktor ſchüttelte den Kopf, als er ſie ſah: — er hatte ſie nämlich beſuchen dürfen, da Sir Pitt dieſes Mal ihm Nichts für ſeine Mühe zu be⸗ zahlen brauchte: — und nun lleß man ſie in ihrem ein⸗ ſamen Zimmer langſam dahinſterben, und kümmerte ſich um ſie ſo wenig, wie um ein Unkraut im Parke. Auch die jungen Damen verloren viel von dem un⸗ ſchätzbaren Unterrichte ihrer Gouvernante. Miß Sharp er⸗ wies ſich als eine ſo liebevolle Krankenwärterin, daß Miß — ——— 214 Crawley von Niemand, als ihr, ihre Arzneien nehmen wollte. Die Firkin war ſchon lange vor der Abreiſe ihrer Herrin nach der Stadt ihres Dienſtes entſetzt worden. Dieſe treue Dienerin fand bei ihrer Rückkehr nach London einen traurigen Troſt darin, vaß ſie ſah, wie Miß Briggs vieſelben Qualen der Eiferſucht litt, und derſelben treu⸗ ſ Behandlung ausgeſetzt war, die ſie ſelbſt erfahren atte. Kapitän Rawdon ließ ſich auf den Grund der Krank⸗ heit ſeiner Tante weiteren Urlaub geben, und blieb pflicht⸗ mäßig zu Hauſe. Er war ſtets in ihrem Vorzimmer. (Sie lag in ihrem ſchönen Schlafzimmer, in das man durch den kleinen blauen Salon trat.) Sein Vater ſuchte ihn dort beſtändig auf; und kam er auch noch ſo leiſe den Corridor herab, ſo ſah man doch ſtets die Thüre ſeines Vaters ſich öffnen, und das Hyänengeſicht des alten Herrn herausglotzen Warum überwachte Einer den Andern alſo? Ohne Zweifel war es nur eine edle Rivalität, und woll⸗ ten Beide die größte Aufmerkſamkeit für die theure Lei⸗ dende im ſchönen Schlafzimmer an den Tag legen. Re⸗ bekka kam gewöhnlich heraus und tröſtete Beide, oder vielmehr den Einen oder den Andern. Beiden würdigen Herrn lag ſo außerordentlich viel daran, durch ihre kleine vertraute Botin Nachrichten von der Patientin zu er⸗ halten. Beim Mittageſſen — zu welchem Mahle ſie auf eine halbe Stunde herunter kam — erhielt ſie den Frieden zwiſchen ihnen; dann war ſie die Nacht über nicht mehr zu ſehen. Rawdon ſeinerſeits ritt alsdann nach dem De⸗ pot des 150 ſten Regiments zu Mudbury hinüber, und ließ ſeinen Papa bei Herrn Horrocks und ſeinem Rum und Waſſer. Sie brachte in Miß Crawley's Krankenzimmer zwei ſo langweilige Wochen zu, als nur je ein Sterblicher verlebte; ollein ihre kleinen Nerven ſchienen von Eiſen zu ſein, und wirklich fand ſie ſich durch ihre beſchwerlichen — — — 21⁵ Pflichten und die Langweile des Krankenzimmers nicht im Mindeſten angegriffen. Erſt lange Zeit nachher ſagte ſie, wie mühſelig die ihr auferlegten Pflichten geweſen; welch' launiſche Patien⸗ tin die joviale alte Dame, wie zornig und wie ſchlaflos ſie war; wie ſehr dieſelbe ſich vor dem Tode fürchtete, welch' lange Nächte ſie ächzend da lag, und wie ſich ihre Angſt in Betreff der zukünftigen Welt, die ſie, im Zu⸗ ſtande der Geſundheit, völlig ignorirte, bis zum Wahnſinne ſteigerte. — O, ſchöne junge Leſerin, ſtelle Dir ein welt⸗ liches, ſelbſtſüchtiges, reizloſes, undankbares, aller Religion baares altes Weib vor, das ſich vor Schmerz und Angſt krümmt, und dabei ihr Toupet abgelegt hat. Stelle Dir dieſelbe vor, und lerne lieben und beten, ehe Du alt wirſt! Rebekka wachte an dieſem aller Reize baaren Bette mit unermüvlicher Geduld. Nichts entging ihr; und wie eine kluge Haushälterin wußte ſie Alles anzuwenden. In ſpäteren Jahren erzählte ſie manche nette Geſchichte aus der Zeit von Miß Crawley's Krankheit: — Geſchichten, welche die Dame durch ihre Schminke hindurch erroͤthen machten. Während der Krankheit war ſie nie übler Laune; ſtets war ſie auf den Füßen; ſie hatte einen leichten Schlaf, da ſie ein durchaus gutes Gewiſſen hatte; und ſtets — es mochte ſein, wann es wollte — konnte fie ein erquicken⸗ des Schläſchen machen. So kam es denn auch, daß in ihrem Aeußern nur wenige Spuren der Ermüdung zu bemerken waren. Ihr Geſicht mochte ein klein wenig bläſſer, die Ringe um ihre Augen etwas dunkler, denn gewoͤhnlich ſein; ſo oft ſie aber aus dem Krankenzimmer herauskam, lächelte ſie, ſah friſch, und in ihrem Schlafroͤckchen und ihrer Haube ſo nett und ſchmuck aus, wie in ihrem zier⸗ lichſten Abendkleide. Dieſer Anſicht war wenigſtens der Kapitän, der in der That ganz wahnſinnig in ſie verliebt war. Der mit Widerhaken verſehene Pfeil der Liebe war in ſeine vicke, ungeſchlachte Haut eingedrungen. Ein ſechswöchiger Ver⸗ kehr hatte ihn vollſtändig unterjocht. Er machte vor allen Andern ſeine Tante im Pfarrhauſe zu ſeiner Vertrauten. Sie zog ihn deßhalb auf; fie hatte ſeine Thorheit bemerkt; ſie warnte ihn; ſie endigte damit, vaß ſie zugab, die kleine Sharp ſei das geſcheidteſte, drolligſte, ſonderbarſte, gut⸗ müthigſte, einfachſte, freundlichſte Geſchöpf in ganz Eng⸗ land. Rawdon dürfe aber mit ihren Gefühlen nicht ſpielen: die theure Miß Crawley würde ihm das nie vergeben; denn auch ſie ſei von der kleinen Gouvernante ganz be⸗ zaubert, und liebe Becky wie eine Tochter. Rawdon müſſe fort — müſſe wieder zu ſeinem Regimente, müſſe nach dem gottloſen London zurück, und dürfe mit den Gefühlen eines armen, ungekünſtelten Mädchens kein leichtfertiges Spiel treiben. Gar oft gab dieſe gutmüthige Dame, aus purem Mitleid mit dem Zuſtande des armen Leibgardiſten, dem⸗ ſelben Gelegenheit, Miß Sharp im Pfarrhauſe zu ſehen, und mit ihr nach Hauſe zu gehen, wie wir weiter oben geſehen haben. Wenn Männer von einer gewiſſen Art ver⸗ liebt ſind, meine Damen, ſo müſſen ſie, obwohl ſie den Haken und die Schnur, ſowie den ganzen Apparat ſehen, womit ſie gefangen werden ſollen, daran, ſie mögen wol⸗ len oder nicht — ſie verſchlucken den Köder, und werden einen Augenblick darauf ſchnappend an's Land gezogen. Rawdon ſah, daß Mrs. Bute es offenbar darauf anlegte, ihn für Rebekka einzunehmen. Er gehörte nicht zu den Geſcheidteſten; aber doch war er ein Weltmann, und hatte verſchiedene Saiſons mitgemacht. Er glaubte, ein Licht dämmere in ſeiner finſtern Seele auf, als er einſt Mrs. Bute's Reden zuhörte. „Denken Sie an meine Worte, Rawdon,“ ſagte ſie. „Sie werden Miß Sharp eines Tages noch zu Ihrer Verwandtin bekommen.“ „Zu welcher Verwandten, — zu meiner Couſine, he, Mrs. Bute? Sieht ſie Frank etwa gern?“ fragte der loſe Offizier. . 217 „Mehr als das,“ ſagte Mrs. Bute, mit einem Blitze aus ihrem ſchwarzen Auge. „Doch nicht etwa Pitt? — Der ſoll ſie nicht krie⸗ gen. Der Kriecher verdient ſie nicht. Ihm wird Lady Jane Sheepſhanks.“ „Ihr Männer habt doch für Nichts Augen. Sie thörichtes, blindes Geſchöpf — wenn Lady Crawley Etwas zuſtoßt, ſo wird Miß Sharp Ihre Stiefmutter; und das wird geſchehen.“ Rawdon Crawley, Eſquire, entfuhr ein ungeheurer Pfiff, der das Erſtaunen, welches dieſe Nachricht bei ihm erregte, hinlänglich andeutete. Er konnte es nicht läug⸗ nen. Die offenbare Zuneigung, die ſein Vater für Miß Sharp an den Tag legte, war ihm nicht entgangen. Er kannte den Charakter des alten Herrn gar wohl; und ein gewiſſenloſerer alter Spitzbube —: er beendete den Satz nicht, ſondern ging nach Hauſe, ſeinen Schnurrbart kräu⸗ ſelnd, und überzeugt, daß er den Schlüſſel zu Mrs. Bute's Geheimniß gefunden. „Beim Zeus! das iſt doch gar zu ſchlimm,“ dachte Rawdon, „gar zu ſchlimm, beim Zeus! Ich glaube, das Weib wollte, daß das arme Mädchen unglücklich gemacht würde, nur damit ſie nicht in die Familie als Lady Craw⸗ ley kommt.“ Als er Rebekka allein ſah, zog er ſie in ſeiner gra⸗ ziöſen Weiſe mit der Zuneigung ſeines Vaters auf. Sie aber warf ihren Kopf voller Verachtung in die Höhe, ſah ihm gerade ins Geſicht und ſagte: — „Nun, wir wollen einmal annehmen, er liebe mich. Ich weiß, daß er mich liebt, und ebenſo noch Andere. Sie glauben doch nicht, ich fürchte mich vor ihm, Kapitän Crawley? Sie glauben doch nicht, daß ich nicht im Stande ſei, meine eigene Ehre zu vertheidigen?“ ſagte das kleine Frauenzimmer, und ſah dabei ſo ſtattlich aus, wie eine Königin. „O — ah — ei — will Sie nur warnen — müſſen 218 ſich in Acht nehmen, ſehen Sie — das iſt Alles,“ ſagte der ſchnurrbartkräuſelnde Mann. „Sie ſpielen ſonach auf etwas Unehrenhaftes an?“ fuhr Rebekka heraus. „O — Gott — wirklich — Miß Rebekka,“ fiel der geiſtesarme Dragoner ein. „Glauben Sie etwa, das Gefühl der Selbſtachtung ſei mir fremd, weil ich arm und ohne alle Freunde bin, und weil reichen Leuten daſſelbe unbekannt iſt? Glauben Sie, ich habe, weil ich Gouvernante bin, nicht ſo viel Verſtand, und Gefühl und Bildung, wie Ihr Edelleute in Hampſhire? Ich bin eine Montmorency. Glauben Sie etwa, eine Montmoreney ſei nicht ſo gut, wie eine Crawley?“ Wenn Miß Sharp aufgeregt war und auf ihre Ver⸗ wandten von mütterlicher Seite anſpielte, ſo ſprach ſie mit einem kaum merklichen fremdländiſchen Accent, was ihrer klaren, volltönenden Stimme einen beſonderen Reiz ver⸗ lieh. „Nein,“ fuhr ſie fort, und wurde, während ſie mit dem Kapitän ſprach, immer wärmer; „ich kann die Ar⸗ muth ertragen, nicht aber die Schande — Hintanſetzung, — nicht aber Beleidigungen; und insbeſondere keine Beleid⸗ gungen von — von Ihnen.“ Hier ward ſie von ihren Gefühlen übermannt, und brach in Thränen aus. „Zum Henker, Miß Sharp — Rebekka — beim Zeus — bei meiner Seele, ich möchte nicht um tauſend Pfund Sterling. Bleiben Sie doch, Rebekka!“ Aber ſchon war ſie fort. An jenem Tage fuhr ſie mit Miß Crawley aus. Es war vor der Krankheit der Letzteren. Beim Mittageſſen war ſie ungemein luſtig und witzig; indeſſen wollte ſie weder von den Anſpielungen, noch von dem Nicken, noch von den plumpen Vorſtellungen des gedemüthigten, bethörten Leibgardiſten Notiz nehmen. Solche Scharmützel fanden während der kleinen Campagne 219 beſtändig Statt: — wir würden aber unſern Leſer zu er⸗ müden glauben, wenn wir ſie hier erzählten, und es ge⸗ nüge daher, wenn wir ſagen, daß ſie alle zu dem gleichen Reſultate führten. Die Crawley'ſche ſchwere Cavallerie verlor durch ihre Niederlagen total den Kopf, und wurde jeden Tag in die Flucht geſchlagen. Hätte der Barvnet von Qucen's Crawley nicht be⸗ fürchtet, das Vermächtniß ſeiner Schweſter vor ſeinen Au⸗ gen zu verlieren, ſo hätte er gewiß nie ſeinen lieben Mäd⸗ chen ihre unſchätzbare Gouvernante, wenn auch nur auf einen Augenblick, entziehen laſſen; war nicht ſie es, die ſie heranbildete und ihnen aller Vortheile einer guten Erzie⸗ hung theilhaftig machte? Auch ſchien das alte Schloß eine Einöde ohne ſie, ſo nützlich und angenehm hatte ſich Rebekka allda gemacht. Sir Pitt's Briefe wurden nicht abgeſchrieben und corrigirt, ſeine Rechnungen nicht regel⸗ mäßig geführt; und ſeine Hausgeſchäfte, ſowie ſeine viel⸗ fachen Pläne waren vernachläßigt, ſeitdem ſein kleiner Se⸗ kretär fort war. Auch war leicht zu ſehen, wie nothwendig ein ſolcher Sekretär für ihn war, wenn man die vielen Briefe, die er an ſie ſchickte, und worin er ſie bat, ja ihr befahl, zurückzukommen, nach ihrem Inhalte und ihrer Orthographie prüfte. Faſt jeder Tag brachte einen fran⸗ kirten Brief vom Baronet, und jeder enthielt die dringend⸗ ſten Bitten an Becky, daß ſie doch zurückkommen moͤchte, voder es waren darin Miß Crawley die pathetiſchſten Vor⸗ ſtellungen über den vernachläßigten Zuſtand der Erziehung ſeiner Töchter gemacht. Miß Crawley fand ſich indeſſen nicht bemüßigt, dieſe Dokumente beſonders zu beachten. Miß Briggs war zwar nicht förmlich entlaſſen, aber ihre Stelle als Geſellſchafterin war eine Sinecur und zu einem Spotte geworden: ihre Geſellſchaft war der fette Schooßhund im Salon, oder gelegentlich die mißvergnügte ½ alten Halsſchmuck und einen alten Shawl, und legte ihre 220 Firkin im Zimmerchen der Haushälterin. Doch war, ob⸗ gleich die alte Dame von Rebekka's Abreiſe unter keiner Bedingung hören mochte, auch Letztere nicht in Park Lane regelmäßig in ihr neues Amt eingeſetzt worden. Wie viele reiche Leute, ſo hatte auch Miß Crawley die Gewohnheit, von Leuten, die unter ihr ſtanden, ſo viele Dienſtleiſtungen anzunehmen, wie nur irgend möglich, und dieſelben ſo⸗ dann gutmüthig wieder gehen zu laſſen, wenn ſie ſie nicht länger nützlich fand. Die Dankbarkeit iſt bei gewiſſen rei⸗ chen Leuten kaum natürlich, oder kaum bei ihnen zu ſuchen. Die Dienſtleiſtungen armer Leute ſehen ſie als eine Pflicht anz auch haſt Du, Du armer Schmarotzer und demüthi⸗ er Schmeichler, kaum Grund, Dich zu beklagen! Deine Freundſchaft zu dem reichen Manne iſt etwa eben ſo auf⸗ richtig, wie der Lohn, ſo ihr gewöhnlich wird. Du liebſt das Geld, und nicht den Menſchen; und müßten Cröſus und ſein Bedienter ihre Stellungen gegenſeitig vertauſchen, ſo weißt Du wohl, Du armer Schelm, wem Du anhan⸗ gen würdeſt. Auch bin ich nicht gewiß, ob, trotz Rebekka's Ein⸗ fachheit, und Thätigkeit, und Artigkeit, und ungetrübter guten Laune, die ſchlaue alte Londoner Dame, an welche dieſe Schätze von Freundſchaft verſchwendet wurden, nicht die ganze Zeit über von einem geheimen Mißtrauen gegen ihre liebevolle Wärterin und Freundin erfüllt war. Es mußte wohl Miß Crawley oft der Gedanke gekommen ſein, daß Niemand Etwas umſonſt thue. Wenn ſie ſich ſelbſt fragte, wie ſie gegen die Welt geſinnt ſei, ſo mußte ſie wohl auch im Stande ſein, die Gefühle der Welt ihr gegenüber gehörig zu würdigen, und vielleicht dachte ſie, daß es das gewöhnliche Loos der Menſchen ſei, keine Freunde zu haben, wenn ſie ſich ſelbſt um Niemand kümmern. Unterdeſſen aber war ihr Becky ungemein nützlich; daher gab ſie ihr auch ein Paar neue Kleider, ſowie einen 22¹ Freundſchaft dadurch an den Tag, daß ſie bei ihrer neuen Vertrauten auf alle ihre frühere Freundinnen ſchimpfte (und einen rührenderen Beweis von Freundſchaft kann es wohl nicht geben), und dachte ſo hin und her, wie ſie ihr künftig noch irgend eine große Wohlthat erweiſen — wie ſie ſie zum Beiſpiel an Clump, den Apotheker, verheira⸗ then, oder ſie auf irgend eine andere vortheilhafte Weiſe verſorgen, oder wie ſie ſie auf jeden Fall nach Queen's Crawley zurückſchicken wollte, wenn ſie ihrer Dienſtlei⸗ ſtungen nicht mehr bedürfte und die volle Londoner Sai⸗ ſon begonnen hätte. Als Miß Crawley wied iemlich ſtellt war ß Crawley wieder ſo ziemlich hergeſte — und in den Salon hinabging, ſang ihr Rebekka Lieder oder unterhielt ſie in anderer Weiſe; als ſie wieder aus⸗ fahren konnte, mußte ſie Becky begleiten. Und wohin glaubt man wohl, daß Miß Crawley's bewundernswürdige Gut⸗ müthigkeit und Freundſchaft Rebekka bei einer ihrer erſten Ausfahrten brachte? Nach Ruſſel Square, Bloomsbury, in das Haus von John Sedley, Eſquire. Es läßt ſich leicht denken, daß vor dieſem Ereigniſſe zwiſchen den zwei lieben Freundinnen manche Briefe ge⸗ wechſelt worden waren. Während des Aufenthaltes unſerer Rebekka in Hampſhire hatte die ewige Freundſchaft (müſ⸗ ſen wir es ſagen ²) bedeutend abgenommen, und war ſo hinfällig und altersſchwach geworden, daß ſie ganz mit Tod abzugehen drohte. Beide Mädchen hatten aber auch an ihre eigenen wirklichen Angelegenheiten zu denken: Re⸗ bekka mußte ſich in der Gunſt der Leute feſtzuſetzen ſuchen, deren Brod ſie aß, und Amalie hatte auch an Etwas zu denken, was ihren Geiſt völlig in Anſpruch nahm. Als die beiden Mädchen einander wieder ſahen und einander mit vem Ungeſtüm in die Arme flogen, der jungen Da⸗ men eigenthümlich iſt, vollführte Rebekka ihren Theil der umarmung mit der vollkommenſten Lebhaftigkeit und Ener⸗ gie. Die arme kleine Amalie erröthete, als ſie ihre Freun⸗ din küßte, und dachte, ſie habe ſich Etwas, das ſehr wie Kälte ausſehe, gegen ſie zu Schulden kommen laſſen. Ihre erſte Zuſammenkunft dauerte nur einige Augen⸗ blicke. Amalie war gerade im Begriffe, auszugehen. Miß Crawley wartete unten in ihrem Wagen, während ihre Leute ſich über den Ort wunderten, an dem ſie ſich be⸗ fanden, und den ehrlichen Sambo, den ſchwarzen Lakaien von Bloomsbury, als einen der ſeltſamen Eingebornen des Platzes anſtierten. Als aber Amalie mit ihrer freundli⸗ chen, lächelnden Miene herabkam (Rebekka mußte ſie ihrer Freundin vorſtellen; Miß Crawley ſehnte ſich, ſie zu ſehen, und war zu unwohl, ihren Wagen zu verlaſſen) — als, ſage ich, Amalie herabkam, wunderte ſich die Park⸗Lane⸗ Lakaien⸗Ariſtokratie je mehr und mehr, daß Bloomsbury ein ſolches Geſchöpf erzeugen könne; und Miß Crawley war eingenommen von dem ſüßen, lieblichen, errö⸗ thenden Geſichte der jungen Dame, die ſo ſchüchtern und ſo graziös vortrat, um die Beſchützerin ihrer Freundin zu begrüßen. „Was für ein Teint, meine Theure! Welch' liebliche Stimme!“ ſagte Miß Crawley, als ſie nach dem kurzen Beſuche weſtlich fuhren. „Meine theure Sharp, Ihre junge Freundin iſt ja bezaubernd. Bitten Sie ſie doch, nach Park Lane zu kommen, hören Sie?“ Miß Crawley hatte einen guten Geſchmack. Sie liebte natürliche Manieren — etwas Schüchternheit hob vieſelben nur noch hervor. Sie hatte gern hübſche Ge⸗ ſichter um ſich, gerade ſo wie ſie hübſche Gemälde und hübſches Porzellan liebte. An jenem Tage ſprach ſie ein halb Dutzend Mal mit Entzücken von Amalien. Sie that ihrer bei Rawdon Crawley, der pflichtſchuldigſt kam, um das Huhn ihrer Tante verzehren zu helfen, Erwähnung. Natürlich führte nun Rebekka augenblicklich an, daß Amalie mit einem gewiſſen Lieutenant Osborne verlobt, und daß die Flamme ſchon eine ſehr alte ſei. „Dient er in einem Linien⸗Regimente?“ fragte Ca⸗ — 223 pitän Crawley, der ſich nur mit einiger Mühe, wie es einem Leibgardiſten ziemte, der Nummer des Regiments erinnerte. Rebekka meinte, es ſei dieß vielleicht das Regiment. „Der Capitän,“ ſagte ſie, „heiße Dobbin.“ „Ein langer, ſchmächtiger, unbehülflicher Kerl,“ ſagte Crawley, „der über Jedermann fällt. Ich kenne ihn; und was Osborne betrifft, ſo iſt er ein ziemlich gut aus⸗ ſehender Kerl, mit ſtarkem, ſchwarzem Backenbarte.“ „Ganz richtig; er hat einen ungeheuren Backenbart, und iſt ungeheuer ſtolz darauf, ich kann es Ihnen ver⸗ ſichern,“ ſagte Miß Rebekka Sharp. Die Antwort des Capitäns Rawdon Crawley war ein heiſeres Gelächter; und als er von den Damen drin⸗ gend aufgefordert wurde, ſich zu erklären, und der Aus⸗ bruch der Heiterkeit vorüber war, ſagte er: „Er bildet ſich ein, er ſei ein geſchickter Billardſpie⸗ ler. Ich gewann ihm im Kokosbaum zweihundert Pfund ab. Er ſpielen, der junge Dummkopf! Er würde an jenem Tage um irgend eine Summe geſpielt haben, hätte ihn nicht ſein Freund, Capitän Dobbin, fortgeführt: zum Henker mit ihm!“ „Rawdon, Rawdon, ſei nicht ſo loſe,“ bemerkte Miß Crawley, hoch erfreut. „Ei, Ma'am, unter allen jungen Gelbſchnäbeln der Linie, die ich noch geſehen, ſteht dieſer da gewiß oben an. Tarquin und Deuceace nehmen ihm ſo viel Geld ab, als ſie nur wollen. Er würde zum Teufel gehen, einzig und allein um des Vergnügens willen, in der Geſellſchaft ei⸗ nes Lords geſehen zu werden. Er bezahlt ihre Diners in Greenwich, und ſie laden die Geſellſchaft ein.“ „Wohl eine recht hübſche Geſellſchuft?“ „Ganz richtig, Miß Sharp. Richtig, wie gewohn⸗ lich, Miß Sharp. Ungemein hübſche Geſellſchaft, ha ha!“ Und der Capitän, glaubend, er habe ſich ungemein witzig bewieſen, lachte immer ftärker. „Rawdon, ſei nicht unartig!“ rief ſeine Tante. „Nun, ſein Vater iſt, wie es heißt, ein ungemein reicher Kaufmann in der City. Zum Henker mit dieſen City⸗Leuten; ſie müſſen „geſchröpft werden;“ und ich bin mit ihnn noch nicht fertig, ich kann es Ihnen wohl ſagen. Ha, ha!“ „Pfui, Capitän Crawley, ich werde Amalie warnen. Ein Ehemann, der ſpielt!“ „Abſcheulich, nicht wahr, he?“ ſagte der Capitän mit großer Feierlichkeit, und ſetzte dann, wie wenn ihm plotzlich Etwas eingefallen wäre, hinzu: — „Gott, Ma'am, er ſoll hieher kommen; wir müſſen ihn einladen.“ „Iſt er ein präſentabler Mann?“ fragte die Tante. „Präſentabel? — O freilich. Sie würden keinen Unterſchied ſehen,“ antwortete Capitän Crawley. „Laden Sie ihn doch ein, wenn Sie wieder anfangen, Geſellſchaft in ihrem Hauſe zu haben, und ſeine — wie heißt ſie doch? — ſeine Inamoratv — he, Miß Sharp, ſo heißen Sie doch das Ding? — kommt. Bei Gott, ich will ihn durch ein Billet einladen, und dann verſuchen, ob er eben ſo gut Piquet ſpielen kann, wie Billard. Wo wohnt er, Miß Sharp?“ Miß Sharp gab Crawley die Stadt⸗Adreſſe des Lieutenants, und einige Tage nach dieſem Geſpräche er⸗ hielt Lieutenant Osborne einen Brief, deſſen ſchülerhafte Handſchrift anzeigte, daß er von Capitän Rawdon Craw⸗ ley komme, und dem eine Einladung von Miß Crawley beigelegt war. . Auch Rebekka ſchickte eine Einladung an ihre theuerſie Amalie, — eine Einladung, welche dieſelbe, man kann lich darauf verlaſſen, gar nicht ungern annahm, ſo bald ſie hörte, daß George einer der Geladenen ſei. Es wurde ausgemacht, daß Amalie den Morgen bei den Damen von Park Lane zubringen ſolle, wo auch Jedermann ſehr freundlich gegen ſie war. Rebekka patronifirte ſie mit ruhiger Superivrität: ſie war ihrer Freundin an Verſtand 225⁵ ſo ſehr überlegen, und Letztere ſo ſanft und beſcheiden, daß ſie ſtets nachgab, wenn es Jemand einfiel, zu befehlen: veßhalb ließ ſie ſich auch Rebekka's Befehle mit vollkom⸗ mener Sanftmuth und mit vollkommen guter Laune ge⸗ fallen. Miß Crawley's gnädiges Weſen war ebenfalls be⸗ merkenswerth. Die kleine Amalie entzückte ſie ſtets; ſie ſprach von ihr in ihrer Gegenwart, als ob ſie eine Puppe, oder ein Dienſtbote, oder ein Gemälde wäre, und legte die wohlwollendſte Bewunderung für ſie an den Tag. Ich be⸗ wundere die Bewunderung, welche die vornehme Welt bis⸗ weilen auf die gewöhnlichen Menſchenkinder ausdehnt. Es gibt kein angenehmeres Schauſpiel im Leben, als die vor⸗ nehme Welt ihre Herablaſſung an den Tag legen zu ſehen. Miß Cräwley's ungeheures Wohlwollen ermüdete einiger Maßen die arme kleine Amalie, und ich möchte nicht ver⸗ ſichern, daß ihr unter den drei Damen in Park Lane die ehrliche Miß Briggs nicht als die angenehmſte erſchien. Sie ſympathifirte mit Miß Briggs, wie mit allen hint⸗ angeſetzten oder ſanften Perſonen: ſie gehörte nicht zu der Klaſſe der ſogenannten brillanten Frauenzimmer. George kam zum Mittageſſen — einem Diner en garcon bei Capitän Crawley. Die große Familienkutſche der Osbornes hatte ihn nach Park Lane von Ruſſell Square gebracht, wo die jungen Damen, die nicht ſelbſt geladen waren, un für vieſe Hintanſetzung ſcheinbar die großte Gleichgültigkeit an den Tag legten, nichts deſto weniger Sir Pitt Craw⸗ ley's Namen in dem Verzeichniſſe der engliſchen Baronets aufſuchten, und darin Alles fanden, was dieſes Werk über die Crawley'ſche Familie und deren Stammbaum, und die Binkies, ihre Verwandten, und ſo fort, und ſo fort, zu ſagen hatte. Rawdon Crawley empfing George Osborne mit vieler Offenheit und äußerſt gnädig, lobte ihn wegen ſeiner Gewandtheit im Billardſpiele, fragte ihn, wann er Revanche haben wollte, legte vieles Intereſſe für Os⸗ Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 1⁵ 226 borne's Regiment an den Tag, und hätte ihm wohl noch an demſelben Abende eine Partie Piquet vorgeſchlagen, wenn Miß Crawley ſich nicht entſchieden dahln ausge⸗ ſprochen hätte, daß in ihrem Hauſe nicht geſpielt werden dürfe; ſo daß die Börſe des jungen Lieutenants, an die⸗ ſem Tage wenigſtens, durch ſeinen tapfern Gönner nicht leichter gemacht wurde. Indeſſen machten ſie mit einan⸗ der aus, daß ſie am folgenden Tage ſich irgendwo treffen wollten: Crawleh hatte ein Pferd zu verkaufen, und die⸗ ſes wollte man beſehen, und im Park probiren; ſodann wollte man mit einander zu Mittag eſſen, und den Abend in der Geſellſchaft einiger luſtigen Kameraden zubringen. „Das heißt, wenn Sie bei der hübſchen Miß Sedley nicht Dienſt haben,“ ſagte Crawley, ſchlau blinzelnd. „Ein ungeheuer nettes Mädchen, bei meiner Ehre, Os⸗ borne,“ war er ſo gefällig, hinzuzuſetzen. „Vermuthe, eine Maſſe Silber, he?“ Osborne war frei, hatte keinen Dienſt: mit Vergnü⸗ gen wollte er mit Crawley zuſammenkommen. Und als ſie nun den Tag darauf einander trafen, lobte Crawley die Reitkunſt ſeines neuen Freundes — wie er auch ganz wahrheitsgetreu konnte — und machte ihn mit drei oder vier der erſten Modemänner bekannt, über welches Glück der einfache junge Offizier vom freudigſten Stolze er⸗ füllt war. „Ei, wie befindet ſich die kleine Miß Sharp?“ fragte Höborne ſeinen Freund mit der Miene eines Stutzers, als ſie bei ihrem Weine ſaßen. „Ein gutmüthiges Mädchen das. Gefällt ſie Euch zu Queen's Crawleh? Miß Sed⸗ ley hatte ſie vergangenes Jahr recht gern.“ Kapitän Crawley ſah den Lieutenant mit ſeinen klei⸗ ney blauen Augen wild an, und beobachtete ihn, als er hinaufging, um ſeine Bekanntſchaft mit der blonden Gou⸗ vernante zu erneuern. Ihr Benehmen mußte aber Raw⸗ don wieder beruhigen, wenn überhaupt in der Bruſt bieſes Leibgardiſten die Eiferſucht ſich geregt hatte. eee 227 Als die jungen Männer hinaufkamen, und Osborne der Miß Crawley vorgeſtellt war, ging derſelbe mit einer Protektorsmiene, und mit der Leichtigkeit und Gefälligkeit eines Windbeutels auf Rebekka zu. Er wollte recht freund⸗ lich gegen ſie ſein, und ſie protegiren. Ja, er wollte ihr, als einer Freundin ſeiner Amalie, die Hand drücken; und ſo hielt er ihr denn mit den Worten: „Ah, Miß Sharp! Wie geht es Ihnen?“ die linke Hand hin, in der Erwartung, daß ſie über die ungeheure Ehre ganz verblüfft ſein würde. Miß Sharp ihrerſeits ſtreckte ihren rechten Zeigefinger hin, und nickte ein wenig mit dem Kopfe; aber es lag in dieſem Nicken ſo viel Kälte und Gleichgültigkeit, daß Raw⸗ don Crawley, der von dem andern Zimmer aus ſah, was vorging, ſich kaum des Lachens enthalten konnte, als er die völlige Niederlage des Lieutenants, ſein plötzliches Zu⸗ rückweichen, die Pauſe, und die vollkommene Ungeſchicklich⸗ keit bemerkte, womit er zuletzt ſich herabließ, den Finger, ſo ihm angeboten worden war, zu nehmen. „Sie würde ſelbſt den Teufel überwinden, beim Zeus!“ ſagte der Kapitän ganz entzückt; und was den Lieutenant betrifft, ſo fragte er, um doch Etwas zu ſagen zu haben, Rebekka in gefälligem Tone, wie ihr ihre neue Stelle efiele. „Meine Stelle?“ ſagte Miß Sharp ganz kalt; „wie gut iſt es doch von Ihnen, mich daran zu erinnern! Es iſt eine erträglich gute Stelle: der Gehalt iſt ziemlich gut — doch wohl nicht ſo gut, wie der der Miß Wirt, die bei ihren Schweſtern in Ruſſell Square iſt. Wie be⸗ finden ſich dieſe jungen Damen? — nicht als ob ich dar⸗ nach fragen ſollte.“ „Warum denn nicht?“ ſagte Herr Osborne erſtaunt. „Ei, ſie wollten ſich nie ſo weit herablaſſen, mit mir zu ſprechen, oder mich in ihr Haus einzuladen, ſo lange ich bei Amalien war; indeſſen find wir armen Gouver⸗ nanten, wie Sie wiſſen, an dergleichen Hintanſetzungen ſchon gewöhnt.“ „Meine liebe Miß Sharp!“ rief Osborne. „Wenigſtens bei gewiſſen Familien,“ fuhr Rebekka fort. „Sie konnen ſich indeſſen kaum vorſtellen, wie groß dabei der Unterſchied iſt. Wir ſind in Hampſhire nicht ſo reich, wie ihr glücklichen City⸗Leute. Dafür bin ich aber auch bei der Familie eines Gentleman, — von gutem, altem, engliſchem Blute. Vermuthlich wiſſen Sie, daß Sir Pitt's Vater die Pairie ausgeſchlagen hat. Und Sie ſehen, wie man mich behandelt. Ich fühle mich recht be⸗ haglich. In der That, es iſt eine ziemlich gute Stelle. Aber wie ungemein gut iſt es doch von Ihnen, ſo ſich nach meinen Verhältniſſen zu erkundigen.“ Osborne war ganz wüthend. Die kleine Gouver⸗ nante patronifirte und perfiflirte ihn, bis dieſer junge bri⸗ tiſche Lowe ſich ganz unbehaglich fühlte; auch konnte er nicht ſo viel Geiſtesgegenwart finden, um unter irgend einem Vorwande dieſem ergoͤtzlichen und höchſt angeneh⸗ men Geſpräche eine andere Wendung zu geben. „Ich dachte doch, Sie könnten die City⸗Familien ziemlich gut leiden,“ ſagte er hochmüthig. „Sie wollen ſagen, vergangenes Jahr, als ich gerade aus jener abſcheulichen und gemeinen Schule trat? Na⸗ türlich konnte ich ſie damals leiden. Geht nicht jedes Mädchen während der Ferien gern nach Hauſe? Und wo⸗ her hätte ich es anders wiſſen ſollen? Aber ach, Herr Osborne, was macht nicht eine achtzehnmonatliche Erfah⸗ rung! — Was machen nicht achtzehn Monate, die man, verzeihen Sie mir, daß ich mich ſo ausdrücke, bei Gent⸗ lemen zugebracht hat. Was die liebe Amalie betrifft, ſo iſt ſie, ich gebe es Ihnen zu, eine Perle, und würde über⸗ all bezaubernd ſein. „Nun kommen Sie, wie ich ſehe, allmählig in gute Laune; aber oh! ſind ſie wunderlich, dieſe City⸗Leute! Und Herr Jos — was macht der wun⸗ derbare Herr Joſeph?“ „Es ſcheint mir, daß Sie den wunderbaren Herrn e —,— 229 Joſeph vergangenes Jahr nicht ſo ganz verſchmäheten,“ ſagte Osborne freundlich. „Wie ſtrenge ſind Sie doch! Nun, entre nous, ich habe mich ſeinetwegen nicht zu Tode gegrämt; hätte er mich indeſſen gebeten, das zu thun, was Sie mit Ihrem Blicke ſagen wollen (und es iſt derſelbe ſehr ausdrucksvoll und gütig), ſo würde ich nicht Nein geſagt haben.“ Herr Osborne warf ihr einen Blick zu, der etwa ſagen wollte: „Ei, ei, wie außerordentlich verbindlich!“ „Sie denken wohl, es wäre der Ehre zu viel für mich geweſen, wenn ich Sie zum Schwager erhalten hätte, — nicht wahr? Schwägerin zu ſein von George Osborne, Eſquire, Sohn von John Osborne, Eſquire, einem Sohne von — was war doch gleich Ihr Großva⸗ ter, Herr Osborne? Nun, werden Sie nicht böſe. Sie können ja Nichts dafür, daß Ihr Stammbaum kein anderer iſt, und ich ſtimme mit Ihnen ganz darin über⸗ ein, daß ich Herrn Joe Sedley geheirathet haben würde; denn konnte ein armes Mädchen, das keinen Pfennig auf der Welt hatte, etwas Geſcheidteres thun? Nun wiſſen Sie das ganze Geheimniß. Ich bin frei und offenherzig, und wenn ich Alles bedenke, ſo war es recht gut von Ihnen, auf den Umſtand anzuſpielen — recht gut und höflich. Liebe Amalie, Herr Osborne und ich haben ge⸗ rade von Ihrem armen Bruder Joſeph geſprochen. Was macht er?“ So wurde George völlig aus dem Felde geſchlagen. Nicht als ob Rebekka Recht gehabt hätte, nein; aber ſie hatte es ſo geſchickt angegriffen, daß das Unrecht auf ſeine Seite kam. Und nun floh er ſchmachvoll, weil er fühlte, daß er vor Amalien wie ein Narr hingeſtellt werden würde, wenn er noch eine Minute bliebe. Obgleich Rebekka den Sieg über ihn davon getragen hatte, war George doch nicht ſo gemein, ſich zum Zwi⸗ ſchenträger zu machen, oder ſich an einer Dame zu rächen: nur konnte er nicht umhin, den Tag darauf Kapitän 230 Crawley geſchickt einige ſeiner Anſichten über Miß Re⸗ bekta anzuvertrauen — daß ſie eine pfiffige, gefährliche Perſon, eine ſchreckliche Kokette ſei u. ſ. w. u. ſ. w.: — welchen Anſichten allen Kapitän Crawley lachend bei⸗ ſtimmte, und die natürlich Miß Rebekka wieder getreu mitgetheilt wurden, ehe vierundzwanzig Stunden vorüber waren. Ihre Achtung für Herrn Osborne wurde dadurch noch erhöht. Ihr weiblicher Inſtinkt hatte ihr geſagt, daß es George geweſen, der ihrer erſten, vielverſprechenden Liebe in den Weg getreten, und fie achtete ihn darnach. „Ich will Sie bloß warnen,“ ſagte er zu Rawdon Crawley mit einem ſchlauen Blicke — er hatte das Pferd gekauft, und nach dem Eſſen eine Anzahl Guineen verlo⸗ ren; „ich will Sie bloß warnen — ich kenne die Weiber, und rathe Ihnen, auf Ihrer Hut zu ſein.“ „Danke Ihnen, mein Junge,“ ſagte Crawley mit einem beſonders dankbaren Blicke. „Wie ich ſehe, find Ihre Augen geoffnet.“ Und George ging fort, und dachte, daß Crawley voll⸗ kommen Recht habe. George Osborne ſagte Amalien, was er gethan, und wie er Rawdon Crawley — einem verteufelt guten, ge⸗ raden Kerl — gerathen habe, fich vor der kleinen, ſchlauen, Ränke ſchmiedenden Rebekka in Acht zu nehmen.“ „Vor wem?“ rief Amalie. „Vor Ihrer Freundin, der Gouvernante. — Sehen Sie doch nicht ſo erſtaunt aus!“ „O, George, was haben Sie gethan?“ ſagte Amalie. Denn ihre Weibesaugen, welchen die Liebe neue Schärfe verliehen hatte, hatten in einem Augenblicke ein Geheim⸗ niß entdeckt, das weder Miß Crawley, noch die arme jungfräuliche Briggs, noch vor Allem die einfältigen Au⸗ gen des Lieutenants Osborne, des jungen Stutzers mit dem Backenbarte, bemerkt hatten. Denn als Rebekka in einem obern Zimmer, wo die zwei Freundinnen Gelegenheit gefunden hatten zu jenem —,—— 231 geheimen Plaudern und Conſpiriren, welches das hochſte Vergnügen des weiblichen Lebens bildet, ihren Shawl zu⸗ recht legte, ging Amalie auf ſie zu, nahm ihre zwei in die ihrigen, und ſagte: „Rebekka, ich ſehe es!“ Rebekka küßte ſie. Und über dieſes entzückende Geheimniß wurde von keinem der beiden Frauenzimmer auch nur eine Silbe weiter geſagt. Aber es ſollte bald herauskommen. * 6 * Kurze Zeit nach den oben erzählten Ereigniſſen, und während Miß Rebekka Sharp noch im Hauſe ihrer Gön⸗ nerin in Park Lane war, konnte man in Great Gaunt Street ein weiteres Leichenwappen unter den vielen an⸗ dern ſehen, die gewöhnlich jenes traurige Stadtviertel zieren. Es befand ſich an Sir Pitt Crawley's Hauſe, deutete aber nicht auf das Hinſcheiden des würdigen Ba⸗ ronets hin. Es war ein weibliches Wappen, und hatte in der That wenige Jahre vorher beim Hintritte von Sir Pitt's alter Mutter, der verwittweten Lady Crawley, ge⸗ dient. Als ſeine Dienſtzeit vorüber war, war das Wap⸗ pen von der Vorderſeite des Hauſes wieder verſchwunden, und hatte ſich in irgend einem der Hintergebäude von Sir Pitt's Wohnung verſteckt. Jetzt zeigte es ſich wie⸗ der für die arme Roſa Dawſon. Sir Pitt war aber⸗ mals Wittwer. Das Wappen, das auf dem Schilde mit dem ſeinigen verbunden war, war zwar nicht das der armen Roſa. Sie hatte kein Wappen. Aber die auf das Wappenſchild gemalten Engel paßten für ſie ſo gut, wie für Sir Pitt's Mutter, und Resurgam ſtand unter dem Wappenfelde, zu deſſen beiden Seiten man noch die Taube und die Schlange der Crawleys bemerkte. Wap⸗ penſchild, Leichenwappen, Resurgam; hier iſt eine ſchöne Gelegenheit zum Moraliſiren! 232 Herr Crawley war der Einzige geweſen, der an je⸗ nem ſo einſamen Krankenbette als Freund erſchienen war. Lady Crawley ging aus der Welt, geſtärkt durch Worte und Tröſtungen, wie er ſie ihr geben konnte. Viele Jahre hindurch war dieß die einzige Liebe, ſo ihr widerfahrenz die einzige Freundſchaft, ſo dieſe ſchwache, verlaſſene Seele einig maßen troͤſtete. Ihr Herz war ſchon lange vor ihrem Körper todt. Sie hatte es verkauft, um Sir Pitt Erawley's Frau zu werden. Auf dem Jahrmarkte des Lebens ſchließen Mütter und Töchter tagtäglich den nämlichen Handel ab. Bei ihrem Hinſcheiden war ihr Mann in London, beſchäftigt mit einigen ſeiner zahlloſen Pläne, und in Con⸗ ferenzen mit ſeinen zahlloſen Advokaten. Deſſen unge⸗ achtet hatte er ſo viel Zeit gefunden, Park Lane oft zu befuchen, und an Rebekka manche Schreiben zu richten, worin er ſie bat, ſie erſuchte, ihr befahl, zu ihren jungen Schülerinnen auf dem Lande zurückzukehren, die jetzt wäh⸗ rend der Krankheit ihrer Mutter ohne alle Aufſicht und Geſellſchaft ſeien. Allein Miß Crawley wollte ſchlech⸗ terdings Nichts von ihrer Abreiſe hören; denn obgleich in London keine Modedame zu finden war, die ihre Freunde leichter aufgab, ſobald ſie ihrer Geſellſchaft überdrüſſig war, und obgleich wenige unter dieſen Modedamen der⸗ ſelben bälder müde waren, ſo war doch, ſo lange ihr engoüment dauerte, ihre Anhänglichkeit ungeheuer groß, und ſie hing immer noch außerordentlich an Rebekka. Die Nachricht vom Tode der Lady Crawley rief in Miß Crawley's Familienzirkel nicht mehr Kummer her⸗ vor, und es wurde darüber nicht mehr geſprochen, als zu erwarten war. „Ich werde wohl die Geſellſchaft, die ich den 3. geben wollte, verſchieben müſſen,“ ſagte Miß Crawley, und ſetzte nach einer Pauſe hinzu: „Hoffentlich wird mein Bruder den Anſtand nicht ſo ſehr aus den Augen ſetzen, daß er ſich wieder verheirathet.“ „Wie groß wird nicht die Wuth Pitt's ſein, wenn 233 er es doch thut,“ bemerkte Rawdon mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Freundſchaft für ſeinen älteren Bruder. Rebekka ſagte Nichts. Die Nachricht ſchien ſie in eine unendlich ernſtere Stimmung verſetzt, und ſie weit mehr angegriffen zu haben, als alle Uebrigen. Sie ver⸗ ließ an dieſem Tage das Zimmer, ehe Rawdon wegging; allein zufälliger Weiſe trafen ſie ſich unten, als er ſich oben verabſchiedet hatte, und ſprachen lange mit ein⸗ ander. Am Morgen darauf, als Rebekka zum Fenſter hin⸗ aus ſah, erſchreckte ſie Miß Crawley, die eben ganz ruhig einen franzöſiſchen Roman las, dadurch, daß ſie in ängſtlichem Tone ausrief: „ Hier kommt Sir Pitt, Ma'am!“ Und kaum hatte ſie dieſes geſagt, ſo hörte man den Baronet unten anklopfen. „Meine Liebe, ich kann ihn jetzt nicht ſehen. Ich mag ihn nicht ſehen. Sagen Sie Bowls, ich ſei nicht zu Hauſe, oder gehen Sie die Treppe hinunter, und ſagen Sie ihm, ich ſel zu unwohl, um Jemand zu empfangen. Meine Rerven ſind in der That nicht in dem Zuſtande, daß ich meinen Bruder in dieſem Augenblicke empfangen könnte,“ rief Miß Crawley aus, und nahm ihren Roman wieder in die Hand. „Sie iſt zu unwohl, um Sie zu empfangen, Sir,“ ſagte Rebekka zu Sir Pitt hinabtrippelnd, der eben die Treppe hinanſteigen wollte. „Um ſo beſſer,“ antwortete Sir Pitt. „Sie muß ich ſprechen, Miß Becky. Kommen Sie mit mir in das Empfangzimmer.“ und ſie gingen mit einander in dieſes Zimmer hinein. „Sie müſſen nach Queen's Crawley zurück, Miß,“ ſagte der Baronet, ſeine Augen auf ſie heftend, und ſeine ſchwarzen Handſchuhe, ſowie ſeinen mit einem großen Flor umwundenen Hut ablegend. Seine Augen hatten 234 einen ſo ſeltſamen Ausdruck, und hefteten ſich ſo feſt auf ſie, daß Rebekka Sharp faſt zu zittern anfing. „Ich hoffe, bald kommen zu können,“ ſagte ſie leiſe, „ſobald es mit Miß Crawley beſſer geht. — Und dann werde ich zu — zu den lieben Kleinen zurückkehren.“ „Sie ſagen ſo ſeit drei Monaten, Becky,“ erwiederte Sir Pitt, „und dennoch können Sie ſich nicht von meiner Schweſter losmachen, die Sie wie einen alten Schuh wegwerfen wird, ſobald ſie Sie abgenützt hat. Ich fage Ihnen, ich brauche Sie. Ich gehe zu dem Leichenbe⸗ gängniſſe nach Hauſe. Wollen Sie zurückkommen? Ja oder nein.“ „Ich wage es nicht — ich glaube nicht, — daß es paſſend wäre — wenn ich — bei Ihnen — ſo ganz allein wäre, Sir,“ ſagte Becky, ſcheinbar in großer Be⸗ wegung. „Ich ſage Ihnen wiederholt, daß ich Sie brauche,“ ſagte Sir Pitt auf den Tiſch ſchlagend. „Ich kann Sie nicht entbehren. Erſt als Sie fort waren, habe ich ge⸗ ſehen, wie es war. Im Hauſe geht Alles darunter und darüber. Es iſt nicht mehr der nämliche Ort. Alle meine Rechnungen ſind wieder in ſchönſter Unordnung. Sie müſſen zurückkommen. Ach, kommen Sie doch zurück! Theure Becky, kommen Sie doch!“ „Kommen — als was, Sir?“ keuchte Rebekka her⸗ aus. „Kommen Sie als Lady Crawley, wenn Sie wollen,“ ſagte der Baronet, nach ſeinem florumwundenen Hute greifend. „Da! Sind Sie damit zufrieden? Kommen Sie zurück, und werden Sie meine Frau. Sie paſſen dazu. Zum Henker mit der Geburt! Sie ſind eine ſo gute Lady, als ich je in meinem Leben eine ſah. Sie haben in Ihrem kleinen Finger mehr Verſtand, als irgend eine Baronetsfrau in der Grafſchaft. Wollen Sie kommen? Ja oder nein.“ 4. „O, Sir Pitt!“ ſagte Rebekka tief bewegt. 235 „Sagen Sie ja, Becky,“ fuhr Sir Pitt fort. „Ich bin zwar ein alter, aber immer noch kräftiger Mann. Ich habe ſchon noch zwanzig Jahre zu leben. Ich werde Sie glücklich machen; Sie ſollen ſehen, ob ich es nicht thue. Sie dürfen thun, was Sie wollen; dürfen ausgehen, ſo viel Sie wollen; vürfen es in Allem halten, wie Sie wollen. Ich ſetze Ihnen einen ſchönen Wittwengehalt aus. Ich werde Alles in beſter Form machen. Sehen Sie her!“ Und hier fiel der alte Mann auf ſeine Knie nieder, und blickte ſie mit einem Satyr⸗Lächeln an. Ganz beſtürzt fuhr Rebekka zurück. Im Laufe dieſer Geſchichte haben wir ſie noch nie ihre Geiſtesgegenwart verlieren ſehen; aber jetzt war es der Fall, und ſie weinte ſuu der aufrichtigſten Thränen, die je ihren Augen ent⸗ elen. „Ach, Sir Pitt!“ ſagte ſie. „Ach, Sir — ich — ich — ich bin bereits verheirathet.“ Fünfzehntes Kapitel. Worin Rebekka's Gatte auf kurze Zeit erſcheint. Jeder halbweg ſentimentale Leſer (und wir wünſchen keinen andern) muß über das Tahleau erfreut geweſen ſein, womit der letzte Akt unſeres kleinen Dramas ſchloß; denn was kann hübſcher ſein, als ein Bild Amors, der vor der Schönheit auf den Knien liegt? Als aber Amor das furchtbare Geſtändniß der Schoͤn⸗ heit hörte, daß ſie bereits verheirathet ſei, ſprang er, der auf dem Teppiche demüthig Kniende, auf, und ließ Rufe hören, welche die arme kleine Schönheit mehr von Schrecken überwältigt erſcheinen ließen, als in dem Augenblicke, wo ſie ihr Geſtändniß ablegte. „Verheirathet! Sie treiben Ihren Spaß mit mir,“ ſchrie der Baronet nach dem erſten Ausbruche der Wuth und der Verwunderung. „Sie haben mich zum Narren, Becky. Wem würde es auch einfallen, Sie ohne einen Shilling Vermögen zu heirathen?“ „Verheirathet! Verheirathet!“ ſagte Rebekka, in Thränen zerfließend, ſprachlos in ihrer Aufregung, das Taſchentuch vor ihre ſtrömenden Augen haltend, und an dem Kaminfimſe beinahe in Ohnmacht finkend: — ein Bild des Schmerzens, welches auch das verhärtetſte Herz zu rühren vermocht hätte. „Ach, Sir Pitt, theurer Sir Pitt, glauben Sie voch ja nicht, baß ich undankbar ſei für all' die Güte, ſo Sie mir erwieſen. Nur Ihre Groß⸗ muth konnte mir mein Geheimniß entlocken.“ „Zum Henker mit der Großmuth!“ brüllte Sir Pitt. „Mit wem find Sie denn verheirathet? Wo iſt es ge⸗ ſchehen 2“ „Oh, laſſen Sie mich mit Ihnen wieder auf das Land gehen, Sir! Laſſen Sie mich über Sie wachen, ſo treu, wie je! Ach, laſſen Sie mich in dem lieben Queen's Crawley bleiben!“ „Es hat Sie alſo der Kerl ſitzen laſſen, — hat er das?“ ſagte der Baronet, der glaubte, daß ihm mit einem Male ein Licht aufgehe. „Nun, Becky, kommen Sie zurück, wenn Sie wollen. Man kann einen Kuchen nicht mehr als einmal eſſen. Auf jeden Fall habe ich Ihnen ein ehrliches Anerbieten gemacht. Kommen Sie zurück als Gouvernante — Sie ſollen es in Allem halten können, wie Sie wollen.“ Sie ſtreckte eine Hand aus. Sie weinte, daß ihr das Herz hätte zerſpringen ſollen; ihre Ringeln ſielen 237 über ihr Geſicht, und über das marmorne Kamingeſims, auf das ſie daſſelbe legte. „Der Halunke iſt alſo durchgegangen, he?“ ſagte Sir Pitt, einen abſcheulichen Verſuch machend, ſie zu tröſten. „Es thut Nichts, Becky, ich werde für Sie ſorgen.“ . „O Sir! Es wäre der Stolz meines Lebens, nach Queen's Crawley zurückzukehren, und für die Kinder, ſo⸗ wie für Sie, ganz wie früher, zu ſorgen, da Sie mir ſo eben geſagt haben, daß Sie mit den Dienſten Ihrer klei⸗ nen Rebekka zufrieden geweſen ſeien. Wenn ich an das mir von Ihnen gemachte Anerbieten denke, ſo ſchwillt mein Herz von Dankbarkeit — ja das thut es. Ich kann nicht Ihre Frau ſein, Sir; ſo laſſen Sie mich, — ſo laſſen Sie mich denn Ihre — Tochter ſein!“ Bei dieſen Worten ſank Rebekka in der tragiſchſten Weiſe auf ihre Knie nieder, und ſah, Sir Pitt's hor⸗ nige, ſchwarze Hand zwiſchen ihre eigenen (die recht hübſch, und weiß, und ſo weich, wie Atlaß waren) nehmend, zu ihm auf, mit einem Ausdrucke unbegrenzten Vertrauens, und mit unendlichem Pathos, als — als die Thüre auf⸗ ging, und Miß Crawley hereinſegelte. Mrs. Firkin und Miß Briggs, die ganz zufällig ſich an der Thüre des Sprechzimmers befanden, als der Ba⸗ ronet und Rebekka in daſſelbe getreten waren, hatten, abermals zufällig, durch das Schlüſſelloch hindurch den alten Herrn vor der Gouvernante knien ſehen, und den großmüthigen Antrag, den er ihr machte, gehört. Kaum hatte er ihn ausgeſprochen, ſo eilten Mrs. Firkin und Miß Briggs die Treppe hinauf, ſtürzten in den Salon, wo Miß Crawley den franzöſiſchen Roman las, und brachten der alten Dame die erſtaunliche Nachricht, daß Sir Pitt auf den Knien liege, und Miß Sharp Heiraths⸗ anträge mache. Und berechnet man die Zeit, welche zum obigen Zwiegeſpräche nöthig war — die Zeit, welche die Briggs und die Firkin brauchten, um in den Salon hin⸗ 238 aufzueilen, — ferner die Zeit, die Miß Crawley brauchte, um zu erſtaunen, und ihren Pigault le Brün fallen zu laſſen — ſowie endlich die Zeit, die ſie brauchte, um die Treppe herabzukommen, ſo wird man ſehen, wie erſtaun⸗ lich genau dieſe Geſchichte iſt, und wie Miß Crawley ge⸗ rade in dem Augenblicke erſcheinen mußte, wo Rebekka die bekannte, demüthige Stellung angenommen hatte. „Die Dame liegt auf den Knien, und nicht der Herr,“ ſagte Miß Crawley mit einem Blicke und einer Stimme, worin tiefe Verachtung lag. „Man hat mir geſagt, Du lägeſt auf den Knien, Sir Pitt: ſo kniee doch noch einmal nieder, damit ich das hübſche Paar ſehe!“ „Ich habe Sir Pitt Crawley gedankt, Ma'am,“ ſagte Rebekka, ſich erhebend, „und habe ihm geſagt, daß — daß ich nie Lady Crawley werden kann.“ „Ihm einen Korb gegeben!“ ſagte Miß Crawley, mehr denn je verwirtt. Die Briggs und die Firkin an der Thüre öffneten die Augen weit vor Erſtaunen, und auf ihren Lippen war ihre Verwunderung nicht minder veutlich zu leſen. „Ja, — einen Korb gegeben!“ fuhr Rebekka mit trauererfüllter, thränenvoller Stimme fort. „Und darf ich meinen Ohren trauen, daß Du ihr wirklich Heirathsanträge gemacht, Sir Pitt?“ fragte die alte Damr. „Ei freilich,“ ſagte der Baronet; „das habe ich wirk⸗ lich gethan.“ „Und ſie hat Sie ausgeſchlagen, wie ſie ſagt?“ „Ja, ja,“ ſagte Sir Pitt, und ſeine Geſichtszüge waren durch ein ungeheures Grinſen verzerrt. „Auf jeden Fall ſcheint es Dir nicht das Herz zu brechen,“ bemerkte Miß Crawley. „Nicht im Mindeſten,“ antwortete Sir Pitt mit einer Kälte und einer guten Laune, die Miß Crawley vor Erſtaunen beinahe wahnſinnig machten. Daß ein alter Herr von Stande vor einer keinen Heller beſitzenden Gou⸗ 239 vernante auf die Knie niederfinken, und, weil dieſelbe ihn nicht heirathen wollte, in ein Gelächter ausbrechen, — daß ferner eine blutarme Gouvernante einem Baronet mit einem jährlichen Einkommen von vier tauſend Pfund einen Korb geben konnte, — das waren Myſierien, die Miß Crawley nicht zu begreifen vermochte. Es ging über alle Intriguen in ihrem Lieblingsſchriftſteller Pigault le Brün, ſo verwickelt dieſelben auch ſein mochten. „Es freut mich, daß Du es als einen guten Spaß anſiehſt, Bruder,“ fuhr ſie fort, ſich allmählig zurecht zu finden ſuchend. „Es iſt ein famoſer Spaß,“ ſagte Sir Pitt. „Wer hätte ſo 'was gedacht! Welch liſtiges Teufelchen! Wel⸗ ches Füchschen war ſie doch!“ murmelte er, vor Freude vor ſich hinlachend. „Wer hätte das gedacht?“ rief Miß Crawley, mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend. „Sagen Sie mir doch, Miß Sharp, warten Sie vielleicht auf die Schei⸗ dung des Prinz⸗Regenten, daß Ihnen unſere Familie nicht gut genug däucht?“ „Meine Stellung,“ ſagte Rebekka, „als Sie herein⸗ kamen, Ma'am, war nicht von der Art, daß es hätte ſcheinen konnen, als verachtete ich den ehrenvollen Antrag, den dieſer gute — dieſer edle Mann ſo gnädig war, mir zu machen. Glauben Sie, ich habe kein Herz? Haben Sie mich Alle geliebt, und ſind Sie Alle gegen die arme Waiſe, — gegen das — allein ſtehende — Mädchen ſo freundlich geweſen, — und ſoll ich Nichts fühlen? O, meine Freunde! O, meine Wohlthäter! Soll meine Liebe, mein Leben, meine Pflicht nicht das Vertrauen zu vergel⸗ ten ſuchen, das Sie mir erwieſen haben? Soll ich nicht einmal dankbar ſein dürfen, Miß Crawley? Es iſt zu viel — mein Herz iſt zu voll!“ Und ſie ſank ſo pathetiſch auf einen Stuhl nieder, daß die meiſten Anweſenden durch ihren Kummer ganz und gar erweicht waren. 240 „Mögen Sie mich nun heirathen, oder nicht, ſo find Sie doch immerhin ein gutes kleines Mädchen, Becky, und ich bin Ihr Freund, merken Sie ſich das,“ ſagte Sir Pitt, und ging, ſeinen florumwundenen Hut aufſetzend, davon — und zwar zur großen Erleichterung Rebekka's; denn noch hatte Miß Crawleh von ihrem Geheimniſſe Nichts erfah⸗ ren, und ſo hatte denn ſie — Rebekka — den Vortheil einer kurzen Friſt. Ihr Taſchentuch vor die Augen haltend, und die ehr⸗ liche Briggs, die ihr ſonſt die Treppe hinauf nachgefolgt wäre, wegnickend, ging ſie auf ihr Zimmer, während die Briggs und Miß Crawley in einem Zuſtande großer Auf⸗ regung zurückblieben, um das ſeltſame Ereigniß zu be⸗ ſprechen, und die Firkin, die nicht weniger bewegt war, in die Küchenregionen ſich verſenkte, und dort mit der ſämmtlichen männlichen und weiblichen Geſellſchaft dar⸗ über ſprach. Und ſo gewaltig war der Eindruck, den die Nachricht auf Mrs. Firkin hervorgebracht hatte, daß ſie es für zweckmäßig erachtete, noch an demſelben Abende einen Brief abgehen zu laſſen, worin Folgendes zu leſen war; „Meine unterthänigſten Empfehlungen an Mrs. Bute Crawley und die Familie im Pfarrhauſe, und Sir Pitt iſt da geweſen, und hat der Miß Sharp Heiraths⸗ anträge gemacht, welche dieſe zur Verwunderung Aller zurückgewieſen hat.“ Die beiden Damen im Speiſezimmer (wo die wür⸗ dige Miß Briggs zu ihrem Entzücken ſich wieder einmal zu einem vertraulichen Geſpräche mit ihrer Gönnerin zu⸗ gelaſſen ſah) verwunderten ſich nach Herzensluſt über den Antrag Sir Pitt's, und die abſchlägige Antwort Rebekka's. Die Briggs meinte ſehr ſcharfſinnig, daß irgend ein Hin⸗ derniß in der Geſtalt einer früheren Liebe in den Weg getreten ſein müſſe; denn es würde ſonſt keinem verſtän⸗ digen jungen Frauenzimmer je eingefallen ſein, einen ſo vortheilhaften Antrag von der Hand zu weiſen. Sie würden den Antrag wohl ſelbſt angenommen 77 241 ſ nicht wahr, Briggs?“ ſagte Miß Crawley freund⸗ „Wäre es nicht ein ſchönes Vorrecht, Miß Craw⸗ ley's Schweſter zu ſein?“ erwiederte die Briggs, ſanft ausweichend. „Nun, am Ende hätte doch Becky eine gute Lady Crawley gegeben,“ bemerkte Miß Crawley (die durch die abſchlägige Antwort des Mädchens nicht wenig beſänftigt, und jetzt, wo ſie keine Opfer zu bringen brauchte, unge⸗ mein liberal und großmüthig war). „Sie hat Verſtand genug (viel mehr in ihrem kleinen Finger, als Sie, meine arme Briggs, in Ihrem ganzen Kopfe). Ihre Manieren ſind ausgezeichnet, ſeitdem ſie durch mich gebildet worden. Sie iſt eine Montmorench, Briggs, und das Blut iſt Etwas, obgleich ich für meinen Theil keinen Werth dar⸗ auf lege; und gewiß würde ſie ihren Platz unter den pom⸗ pöfen, dummen Leuten in Hampfhire weit beſſer ausge⸗ füllt haben, als die unglückliche Eiſenhändlerstochter.“ Wie gewöhnlich gab die Briggs ihre Zuſtimmung, und dann ſtellte man Vermuthungen über Vermuthungen an, wer denn wohl der Gegenſtand „der früheren Liebe“ ſein möchte. „Ihr armen Creaturen, die Ihr ſo ohne alle Freunde ſeid, habt ſtets irgend ein thörichtes tendre,“ ſagte Miß Crawley. „Sie ſelbſt waren ja einmal, wie Sie wiſſen, in einen Schreiblehrer verliebt, (weinen Sie nicht Briggs — Sie weinen ja immer, und Ihre Thränen werden ihn nicht wieder lebendig machen), und ich vermuthe, die un⸗ glückliche Becky iſt ebenfalls thöricht und ſentimental ge⸗ weſen — es mag irgend ein Apotheker, oder Haus⸗ hofmeiſter, oder Maler, oder angehender Pfarrer, oder ſo Etwas im Spiele ſein.“ „Armes Ding, armes Ding!“ ſagte die Briggs (die vierundzwanzig Jahre in ihrem Leben zurückging, und an den ſchwindfüchtigen jungen Schreiblehrer dachte, deſſen Der Jahrmarkt des Lebens. I. 16 242 gelbe Haarlocke ſie, ſammt ſeinen, in ihrer Unleſerlichkeit ſchönen Briefen, in ihrem alten Pult droben verſchloſ⸗ ſen hielt, und wie Reliquien aufbewahrte.) „Armes Ding, armes Ding!“ ſagte die Briggs. Und noch einmal war ſie ein friſchwangiges Mädchen von achtzehn Jahren; ſie war in der Abendkirche, und ſang mit dem hektiſchen Schreiblehrer aus einem und demſelben Pſalmbuche. „Nach einem ſolchen Betragen von Seiten der kleinen Rebekka,“ ſagte Miß Crawley enthuſiaſtiſch, „ſollte unſere Familie Etwas für ſie thun. Suchen Sie doch ausfin⸗ dig zu machen, wer das Objet iſt, Briggs. Ich laſſe ihm einen Laden einrichten; oder beſtelle mein Porträt bei ihm, wiſſen Sie; oder ſpreche mit meinem Vetter, dem Biſchofe — und was Becky betrifft, ſo gebe ich ihr eine ſchöne Ausſteuer, und dann werden wir eine Heirath haben, Briggs, und Sie ſollen das Frühſtück machen, und Brautjungfer ſein.“ Die Briggs erklärte, daß es zum Entzücken ſein würde, und verſicherte hoch und theuer, daß ihre theure Miß Crawley ſtets gütig und großmüthig ſei. Sodann ging ſie in Rebekka's Schlafzimmer hinauf, um ſie zu troͤſten, wegen des Heirathsantrages, ihrer abſchlägigen Antwort, und der Urſache derſelben zu ſchwatzen; auf die großmüthigen Abſichten der Miß Crawley anzuſpielen, und ausfindig zu machen, wer denn der Herr wäre, der Miß Sharp's Herz erobert. Rebekka that ſehr freundlich, ſehr liebevoll und ge⸗ rührt — erwiederte die Zärtlichkeits⸗Anerbietungen der Briggs mit dankbarer Wärme — geſtand ein, daß eine geheime Liebe im Spiele ſei — ein deliziöſes Geheimniß — wie Schade nur, daß Miß Briggs nicht eine halbe Minute länger am Schlüſſelloche geblieben! Vielleicht hätte Rebekka mehr geſagt; aber Miß Briggs war kaum fünf Minuten in Rebetfa's Zimmer geweſen, als Miß Crawley — eine unerhörte Ehre — dort ſelbſt erſchienz — ihre Ungeduld hatte ſie überwältigt; ſie konnte nicht 243 ſo lange warten, bis ihre Geſandtin in ihrer gewohnten langſamen Weiſe ihre Operationen beendigte: ſie kam da⸗ her in eigener Perſon, und hieß die Briggs hinausgehen. Nachdem ſie der kleinen Rebekka ihre Zufriedenheit über ihr Benehmen ausgedrückt hatte, fragte ſie nach den Ein⸗ zelheiten der Unterredung, und den vorangegangenen Ver⸗ handlungen, welche das erſtaunliche Anerbieten Sir Pitt's herbeigeführt hätten. Rebekka ſagte, ſie habe ſchon längſt ſo eine Idee von der Vorliebe gehabt, womit Sir Pitt ſie beehre, (denn er habe die Gewohnheit, ſeine Gefühle in durchaus offener Weiſe und ohne allen Rückhalt an den Tag zu legen) aber — ohne Privatgründe anzuführen, womit ſie für den Augenblick Miß Crawley verſchonen wolle — müſſe ſie ſagen, daß Sir Pitt's Alter, Stand und Gewohnheiten ſo beſchaffen ſeien, daß dieſelben eine Heirath zu einer Un⸗ moͤglichkeit machten; und könne auch außerdem ein Frauen⸗ zimmer, das ſich nur einiger Maßen achte, das nur eini⸗ ger Maßen anſtändig ſei, auf Heirathsanträge in einem Augenblicke hören, wo die verſtorbene Frau des Liebhabers noch nicht einmal eingeſcharrt ſei? „Unfinn, meine Liebe: Sie würden ihm nimmermehr einen Korb gegeben haben, wenn nicht noch ſonſt Jemand im Spiele wäre,“ ſagte Miß Crawley, ohne Weiteres zur Sache kommend. „Sagen Sie mir Ihre Privat⸗ gründe; welcher Art ſind ſie? Einer iſt mit im Spiele; wer iſt es, der Ihr Herz erobert hat?“ Rebekka ſchlug die Augen nieder, und gab zu, daß dem wirklich ſo ſei. „Sie haben es errathen, thenre Lady,“ ſagte ſie mit lieblicher, ungekünſtelter, beinahe verſagender Stimme. „Sie wundern ſich darüber, daß ein ſo armes, ſo aller Freunde baares Mädchen Jemand zu lieben wagt, nicht wahr? Ich habe nie gehört, daß die Armuth ein gegen die Liebe ſei. Ich wollte, es wäre p „Mein armes theures Kind,“ rief Miß Crawley, die 244 ſtets ganz bereit war, ſentimental zu ſein; „Ihre Liebe wird alſo nicht erwiedert? Härmen wir uns ingeheim ab? Sagen Sie mir doch Alles, damit ich Sie tröſten kann.“ „Ich wollte, Sie koͤnnten es, theure Madam,“ ſagte Rebekka in demſelben thränenvollen Tone. „In der That, ich brauche den Troſt ſehr.“ Hier legte ſie ihren Kopf auf Miß Crawley's Schul⸗ ter, und weinte da ſo natürlich, daß die alte Dame nicht umhin konnte, ihre Sympathie zu bezeigen: ſie drückte Becky mit faſt mütterlicher Liebe an ihr Herz, betheuerte ihr unendliche Male — was ſie nicht wenig tröſtete — daß ſie ſie achte, und liebe, ja, wie eine Tochter liebe, und Alles, was in ihren Kräften ſtehe, thun wolle, um ihr nützlich zu ſein. „Und wer iſt es nun, meine Theure? Iſt es der Bruder der hübſchen Miß Sedley? Sie ſagten Etwas über eine kleine Liebesgeſchichte, die Sie mit ihm gehabt. Ich will ihn zu uns einladen, meine Theure. Und Sie ſollen ihn bekommen: gewiß das ſollen Sie.“ „Fragen Sie mich jetzt nicht,“ ſagte Rebekka. „Sie werden bald Alles erfahren. Ja, das werden Sie, theure, gütige Miß Crawley — theure Freundin, darf ich ſo ſa⸗ gen?“ „Ja, das dürfen Sie, mein Kind,“ erwiederte die alte Dame, ſie küſſend. „Ich kann es Ihnen jetzt nicht ſagen,“ ſchluchzte Rebekka heraus; „ich bin unendlich unglücklich. Aber, ol lieben Sie mich ſtets — verſprechen Sie mir, daß Sie mich ſtets lieben wollen.“ Und inmitten gegenſeitiger Thränen — denn die Ge⸗ müthsbewegungen des jüngern Frauenzimmers hatten die Sympathien des älteren erregt — wurde dieſes Verſpre⸗ chen feierlichſt von Miß Crawley gegeben, die ihren klei⸗ nen Schützling verließ, und das theure, ungekünſtelte, weichherzige, liebevolle, unbegreifliche Geſchöpf nicht genug bewundern und ſegnen konnte. 4 Und nun war ſie allein, um über die plotzlichen und wunderbaren Ereigniſſe des Tages, über das, was geſche⸗ hen war, und das, was hätte geſchehen können, nachzu⸗ denken. Welcher Art glaubſt Du, Leſer, daß die inner⸗ ſten Gefühle der Miß, nein, (ich bitte ſie um Verzeihung) der Mrs. Rebekka geweſen ſeien? Wenn weiter oben der Verfaſſer für ſich das Privilegium in Anſpruch genommen hat, einen Augenblick in Miß Amalie Sedley's Schlaf⸗ zimmer hinein zu ſehen, und mit der dem Romanſchreiber zukommenden Allwiſſenheit all' die ſanften Leivenſchaften und Schmerzen zu verſtehen, die auf jenem unſchuldigen Kopfkiſſen ſich unruhig hin und her bewegten, — warum ſollte er ſich dann nicht ebenfalls für den Vertrauten Re⸗ bekka's, für den Mann erklären, der in ihre Geheimniſſe eingeweiht ſei, der den Schlüſſel zum Gewiſſen dieſes jungen Frauenzimmers beſitze2 Alſo gut: vor Allem bedauerte Rebekka aufs Auf⸗ richtigſte und Rührendſte, daß ein wunderbares Glück ihr ſo nahe geweſen, und ſie wirklich ſich in die Nothwendig⸗ keit verſetzt geſehen, es von ſich zu weiſen. An dieſer natürlichen Gemüthsbewegung nimmt gewiß Jeder Theil, der nicht ganz auf den Kopf gefallen iſt. Welche gute Mutter würde nicht ein Mädchen bemitleiden, das, ob⸗ wohl keinen Heller beſitzend, hätte my Lady ſein, und 4000 Pfund per Jahr heirathen können? Gibt es auf dem ganzen Jahrmarkte des Lebens eine einzige junge Perſon, die kein Mitgefühl hegte für ein induſtriöſes, geiſtreiches, verdienſtvolles Mädchen, dem ein ſo ehren⸗ volles, vortheilhaftes, ärgerliches Anerbleten gerade in dem Augenblicke gemacht wird, wo es nicht mehr in ihrer Macht ſteht, daſſelbe anzunehmen? Gewiß verdient das Unglück unſerer Freundin Becky Aller Sympathie, und wir halten uns auch überzeugt, daß es ſolche erhalten werde. Ich erinnere mich, daß ich ſelbſt einmal mich auf dem Jahrmarkte, bei einer Abend⸗Geſellſchaft, eingefunden 246 hatte. Ich beobachtete, wie die alte Miß Toady, die ebenfalls anweſend war, die kleine Mrs. Briefleß, die Frau des Anwalts, die gewiß von guter Familie, aber, wie männiglich bekannt, blutarm iſt, zum Gegenſtande ihrer beſondern Aufmerkſamkeiten und Schmeicheleien ſich aus erkor. Was, ſo fragte ich mich ſelbſt, mag wohl der Grund dieſer knechtiſchen Unterwürfigkeit dieſer Miß Toady ſein? Iſt Briefleß über ein Provinzialgericht geſetzt worden, oder hat ſeine Frau ein großes Vermögen geerbt? Miß Toady erklärte es bald ſelbſt mit jener Einfachheit, die ihr ganzes Benehmen auszeichnet. „„Sie wiſſen,““ ſagte ſie, „daß Mrs. Briefleß eine Enkelin von Sir John Redhand iſt, der zu Cheltenham ſo krank darnieder liegt, daß er es kein halbes Jahr mehr treiben kann. Der Va⸗ ter der Mrs. Briefleß iſt ſein Erbe; ſie wird mithin, wie Sie ſehen, eine Baronetstochter ſein.““ Und nun lud die Toady Briefleß und deſſen Frau ſchon in der nächſten Woche zum Eſſen ein. Kann die bloße Möglichkeit, eine Baronetstochter zu werden, eine Dame in der Welt ſolcher Huldigungen theil⸗ haftig machen, ſo dürfen wir ganz gewiß auch den hef⸗ tigen Schmerz eines jungen Frauenzimmers achten, dem die Gelegenheit entſchlüpft iſt, eine Baronetsfrau zu wer⸗ den. Wer hätte es ſich auch träumen laſſen, daß Lady Crawley ſobald ſterben würde? Sie war eine jener kränk⸗ lichen Frauen, die es noch zehn Jahre hätte treiben kön⸗ nen — ſo dachte Rebekka bei ſich ſelbſt, bei allen Qnalen der Reue — und ich hätte my Lady werden können! Ich hätte den alten Mann führen können, wie ich nur gewollt hätte. Ich hätte Mrs. Bute für ihre Goͤnnerſchaft, und Herrn Pitt für ſeine unausſtehliche Herablaſſung danken koͤnnen. Ich hätte die hübſcheſte Kutſche in London, und eine Loge in der Oper gehabt; und ich würde in der nächſten Saiſon bei Hofe erſchienen ſein. Alles dieß hätte — M ———— ————— 247 ſo ſein konnen; aber jetzt — jetzt war Alles Zweifel und Geheimniß. Allein Rebekka war eine junge Dame von zu vieler Entſchloſſenheit, und zu vieler Charakterſtärke, um ſich viel unnützen und unziemlichen Kummer wegen der un⸗ wiederbringlichen Vergangenheit zu machen; daher richtete ſie, als ſie gerade das rechte Maaß von Bedauern ihrem Mißgeſchicke gegoͤnnt, weislich ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Zukunft, die jetzt weit wichtiger für ſie war. Sie überſchaute ihre Lage mit ihren Hoffnungen, Zweifeln und Möglichkeiten. Für's Erſte war ſie verheirathet: — das war eine unbeſtreitbare Thatſache. Sir Pitt wußte es. Sie hatte dieſes Geſtändniß nicht ſowohl in Folge einer Ueberra⸗ ſchung abgelegt, als in Folge einer plötzlichen Berechnung. Es mußte einmal gemacht werden; und warum erſt ſpä⸗ ter, und nicht gleich jetzt? Derjenige, ſo ſie jetzt ſelbſt ge⸗ heirathet hätte, mußte wenigſtens in Betreff ihrer Heirath ſchweigen. Aber wie Miß Crawley die Kunde aufnehmen würde — das war die große Frage. Rebekka war zwar einiger Maßen beſorgt; allein ſie erinnerte ſich auf der andern Seite aller Worte der Miß Crawley; erinnerte ſich der unverhehlten Verachtung, welche die alte Dame für die Geburt an den Tag gelegt; erinnerte ſich ihrer kühnen, liberalen Anſichten, ihrer allgemeinen, romanti⸗ ſchen Neigungen, ihrer faſt kindiſchen Vorliebe für ihren Neffen, und ihrer zu wiederholten Malen ausgeſprochenen Zuneigung zu Rebekka ſelbſt. Sie liebt ihn ſo ungemein, dachte Rebekka, daß ſie ihm Alles verzeihen wird: ſie iſt ſo ſehr an mich gewöhnt, vaß ich kaum glaube, daß ſie ohne mich wird leben fönnen: wenn es zum éclaircisse- ment kommt, ſo wird es eine Scene geben, und hyſte⸗ riſche Anfälle, und einen großen Zank, und dann — eine große allſeitige Ausſohnung. Jedenfalls aber konnte ein Aufſchub nicht viel nützen. Die Würfel waren gefallen, und jetzt oder morgen mußte der Ausgang durchaus der 248 nämliche ſein. Nachdem ſo die junge Perſon bei ſich be⸗ ſchloſſen hatte, daß Miß Crawley die Sache erfahren ſollte, überlegte ſie bei ſich, wie ſie ihr wohl die Nach⸗ richt am Beſten mittheilen könnte, und ob ſie dem un⸗ ausbleiblichen Sturme kühn entgegen treten, oder fliehen, und demſelben ausweichen ſollte, bis er etwas ausgetobt hätte. Unter dieſen Gedanken ſchrieb ſie folgenden Brief: — „Theuerſter Freund! Die große Kriſe, von der wir oft geſprochen, iſt nun da. Mein Geheimniß iſt zur Hälfte bekannt, und ich habe lange hin und her gedacht, bis ich endlich die feſte Ueberzeugung gewonnen habe, daß es jetzt an der Zeit ſei, das ganze Geheimniß zu enthüllen. Sir Pitt kam zu mir dieſen Morgen, und trat — kannſt Du es glauben ? — mit einer Erklärung in beſter Form hervor. Denk' nur daran! Ich arme Kleine hätte Lady Crawley werden können. Wie hoch erfreut würde Mrs. Bute geweſen ſein, — und ma tante, wenn ich den Vor⸗ rang vor ihr gehabt hätte! Ich hätte die Mama einer gewiſſen Perſon ſein können, anſtatt — ach, ich zittere, ich zittere, wenn ich bedenke, wie bald wir Alles ſagen müſſen! — „Sir Pitt weiß, daß ich verheirathet bin, und iſt bis jetzt noch nicht ſehr mißvergnügt darüber, da er nicht weiß, an wen. Ma tante iſt wirklich böſe darüber, daß ich ihm einen Korb gegeben. Aber ſie iſt voller Güte und Gnade. Sie ſagt in ihrer Herablaſſung, daß ich ihm eine gute Fran geweſen ſein würde, und gelobt, Deiner kleinen Rebekka eine Mutter ſein zu wollen. Es wird ſie angreifen, wenn ſie die Sache zum erſten Male hört. Brauchen wir aber mehr zu fürchten, als einen augen⸗ blicklichen Aerger? Ich glaube kaum: ja, ich halte mich überzeugt, daß wir Nichts zu befürchten haben. Sie hat Dich ſo gern (Dich böſen, nichtsnutzigen Men⸗ ſchen), daß ſie Dir Alles verzeihen würde; und ich 249 glaube wahrhaftig, daß ich in ihrem Herzen gleich nach Dir komme, und daß ſie ohne mich ſich ganz unglücklich fühlen würde. Theuerſter! Es ſagt mir Etwas, daß wir Sieger bleiben werden. Du mußt das odiöſe Regi⸗ ment quittiren, ebenſo das Spielen, und die Wettrennen, — und ein guter Junge werden; dann werden wir Alle in Park Lane zuſammen wohnen, und dann ſoll uns ma tante all' ihr Geld hinterlaſſen. „Ich werde morgen um drei Uhr an dem gewöhnli⸗ chen Platze einen Spaziergang zu machen ſuchen. Beglei⸗ tet mich Miß B., ſo mußt Du zu Tiſche kommen, und mir eine Antwort bringen, und dieſelbe in den dritten Band von Porteus Predigten legen. Auf jeden Fall aber komm zu Deiner „An Miß Eliza Styles, im Hauſe des Herrn Barnet, Sattlermeiſters, Knights⸗ bridge.“ Hoffentlich hat keiner meiner Leſer ſo wenig Scharf⸗ ſicht, um nicht einzuſehen, daß die Miß Eliza Styles (eine alte Schulgenoſſin, ſagte Rebekka, mit der ſie in neue⸗ ſter Zeit wieder einen lebhaften Briefwechſel zu unterhal⸗ ten angefangen hatte), die dieſe Briefe in der Wohnung des Sättlermeiſters abzuholen pflegte, meſſingene Sporen, ſowie einen großen gekräuſelten Schnurrbart trug, und in der That keine andere Perſon war, als Kapitän Raw⸗ don Crawley. Sechszehntes Rapitel. Der Brief auf dem Nadelkiſſen. Wie ſie es angriffen, um einander zu heirathen, kann Jedermann vollkommen gleichgültig ſein. Was kann einen Kapitän, der majorenn, und eine junge Dame, die nicht mehr minderjährig iſt, verhindern, einen Erlaubnißſchein zu löſen, und ſich in einer beliebigen Kirche in London trauen zu laſſen? Wem brauche ich erſt zu ſagen, daß, wenn ein Frauenzimmer einmal Etwas haben will, das⸗ ſelbe gewiß auch ein Mittel ausfindig macht, die Sache zur Ausführung zu bringen? — Meine eigene unmaßgeb⸗ liche Anſicht iſt aber, daß eines Tages, als Miß Sharp ausgegangen war, um den Vormittag bei ihrer theuren Freundin Amalie Sedley in Ruſſell Square zuzubringen, ein Beobachter hätte ſehen können, wie eine Dame, die ihr viel ähnlich ſah, in eine Kirche der City trat, in Geſellſchaft eines Herrn mit gefärbtem Schnurrbarte, der — der Herr nämlich — nach einer Viertelſtunde ſie wie⸗ der an die außen wartende Miethkutſche brachte, und daß dieß ein Brautpaar war, das ſich in aller Stille hatte trauen laſſen. Und wer auf dieſer Welt kann, nach ſeinen täglichen Erfahrungen, die Wahrſcheinlichkeit, daß ein Herr Je⸗ mand heirathe, in Frage ſtellen? Wie viele weiſe und gelehrte Männer haben ihre Köchinnen geheirathet? Ließ nicht Lord Elvon ſelbſt, der vorſichtigſte aller Sterblichen, ſich beigehen, ein Frauenzimmer zu heirathen, mit dem er durchgegangen war? Waren nicht Achilles und Ajar beide in ihre Mägde verliebt? Und dürfen wir von einem geiſtesarmen Dragoner mit heftigen Wünſchen und wenig Kopf, der noch nie in ſeinem Leben eine Leidenſchaſt zu — — 251 bezwingen verſtanden hatte, erwarten, daß er mit einem Male verſtändig werde, und ſich weigere, jeden Preis für die Befriedigung einer Luſt zu bezahlen, worauf er einmal ſeinen Kopf geſetzt? Würden die Leute nur vernünftige Heirathen machen, wie ſehr würde dadurch dem Anwach⸗ ſen der Bevölkerung Einhalt gethan werden! Was mich betrifft, ſo ſcheint es mir, daß Herr Raw⸗ don's Heirath eine der ehrlichſten Handlungen war, die wir in irgend einem, in vorliegende Geſchichte gehorenden, Theile der Biographie vieſes Herrn zu berichten haben werden. Es wird Niemand ſagen wollen, es ſei unmänn⸗ lich, ſich von einem Frauenzimmer einnehmen zu laſſen, oder, wenn man einmal gefeſſelt iſt, daſſelbe zu heirathen; und die Bewunderung, das Entzücken, die Leidenſchaft, das Erſtaunen, das unbegrenzte Vertrauen, und die wahn⸗ ſinnige Anbetung, womit der große Kriegsmann die kleine Rebekka nach und nach anſehen lernte, waren Gefühle, welche wenigſtens in der Meinung der Damen ihm nicht allzu ſehr zu Unehre gereichen werden. Wenn ſie ſang, ſo durchbebte jede Note ſeine ſtumpfe Seele, und ſeinen koloſſalen Körper. Wenn ſie ſprach, ſo bot er alle Kraft ſeines Gehirns auf, um zuzuhören, und ſich zu verwun⸗ dern. War ſie in einer luſtigen Stimmung, ſo pflegte er über ihre Scherze hin und her zu denken, und darüber, eine halbe Stunde darauf, auf offener Straße in ein Ge⸗ lächter auszubrechen, zum großen Erſtaunen des Grooms, der im Tilbury neben ihm ſaß, oder des Kameraden, der mit ihm in Rotten Row ritt. Ihre Worte galten ihm als Orakel⸗Sprüche; ihre geringſten Handlungen waren für ihn durch eine unfehlbare Grazie und Weisheit be⸗ zeichnet. „Wie ſie fingt, wie ſie malt!“ dachte er. „Wie ſie zu Queen's Crawley die ſtets ausſchlagende Stute ritt! Auch ſagte er ihr wohl in vertraulichen Augen⸗ blicken: „Beim Zeus, Beck, Sie paſſen zum Oberkom⸗ mandanten, oder zum Erzbiſchof von Canterbury, beim Zeus!“ Kommt das ſo ſelten vor? Und ſehen wir nicht alle Tage in der Welt einen ehrlichen Herkules, der von einer Omphale gegängelt wird, und ſehen wir nicht tag⸗ täglich gewaltige, bärtige Simſone, die im Schvoße einer Delila liegen? Als daher Beckh ihm ſagte, daß die große Kriſe nahe, und die Zeit zum Handeln gekommen ſei, erklärte „ Rawdon ſich ſo bereit, ſich unter ihren Befehl zu ſtellen, als er auf das Kommandowort ſeines Oberſten mit ſeiner Truppe eingehauen haben würde. Er brauchte nicht ein⸗ mal ſeinen Brief in den dritten Band von Porteus' Pre⸗ digten zu legen. Rebekka fand leicht ein Mittel, ſich der Briggs, die ſie begleitete, zu entledigen, und traf am fol⸗ genden Tage an „dem gewöhnlichen Orte“ mit ihrem treuen Freunde zuſammen. Sie hatte die Sache während der Nacht noch einmal überlegt, und theilte Rawdon das Reſultat ihrer Entſchlüſſe mit. Natürlich gab er zu Allem ſeine Zuſtimmung; er war vollkommen überzeugt, daß Alles recht, daß das, was ſie vorgeſchlagen, wirklich das Beſte ſei; daß Miß Crawley ſich unfehlbar erweichen, oder, wie er ſagte, nach einiger Zeit „herumbringen“ laſſen würde. Wären Rebekka's Entſchlüſſe ganz anderer Art geweſen, ſo würde er ſich doch von denſelben ganz eben ſo unbedingt haben beſtimmen laſſen. „Du haſt Kopf genug für uns Beide, Beck,“ ſagte er. „Es wird Dir gewiß gelingen, uns aus der Patſche herauszuführen. Ich habe noch nie Deines gleichen geſehen, und ich habe doch auch ſchon in meinem Leben etliche durchtriebene Spitzbü⸗ binnen gekannt.“ Und mit dieſem einfachen Glaubensbekenntniſſe ließ ſie der in den Banden der Liebe liegende Dragoner auch ſeinen Antheil an dem von ihr für ſie Beide ausgeheckten Plane ausführen. Dieſer Plan beſtand einfach darin, daß in Bromp⸗ ton, oder in der Nähe der Kaſerne für Kapitän und Mrs. Crawley eine flille Wohnung gemiethet werden ſollte. Denn Rebekka hatte, und wie wir glauben kluger Weiſe, 253 den Entſchluß gefaßt, zu fliehen. Rawdon war über ihren Eutſchluß nur zu froh; er hatte ſie ſchon ſeit mehreren Wochen unaufhörlich gebeten, dieß zu thun. Mit all' dem Ungeſtüm der Liebe ritt er davon, um die Wohnung zu miethen. Er nahm ſo wenig Anſtand, zwei Guineen per Woche zu zahlen, daß die Hausbeſitzerin bevauerte, nicht mehr gefordert zu haben. Er beſtellte ein Pianoforte, und ein halbes Gewächshaus voll Blumen, und äine Menge anderer ſchöner Dinge. Was die Shawls, die bockledernen Handſchuhe, die ſeidenen Strümpfe, die goldenen, franzö⸗ ſiſchen Uhren, die Bracelets und die Parfümerien betrifft, ſo war er damit ſo verſchwenderiſch, wie nur eine blinde Liebe und ein unbegrenzter Credit es ſein kann. Und als er vurch dieſes Ausſchütten von Gaben ſein Gemüth erleich⸗ tert hatte, ging er in ſeinen Club, ſpeiſte bänglich zu Mittag, und wartete, bis der große Moment ſeines Le⸗ bens herbeikommen würde. . Die Vorfälle des verfloſſenen Tages; das bewun⸗ dernswürdige Benehmen Rebekka's, inſofern ſie ein für ſie ſo vortheilhaftes Anerbieten ausgeſchlagen hatte; die ge⸗ heime Sorge, ſo an ihrem Herzen nagte; die Sanftmuth und die Stille, womit ſie ihren Kummer ertrug, — machten Miß Crawley noch weit zärtlicher, als gewohn⸗ lich. Ein Ereigniß vieſer Art, eine Heirath, oder ein Korb, oder ein Heirathsantrag bringt ein ganzes Haus⸗ voll Weiber in Aufregung, und ſetzt alle ihre hyſteriſchen Sympathien in Thätigkeit. Als ein Beobachter der menſch⸗ lichen Natur beſuche ich regelmäßig die St. Georg's⸗ Kirche in Hanover Square während der Saiſon, wo in der höhern Welt Trauungen vorkommen; und obgleich ich nie geſehen habe, daß die Freunde des Bräutigams in Thränen ausgebrochen, oder Cuſtos und dienſtthuende Geiſtlichkeit in irgend einer Weiſe angegriffen geweſen wären, ſo iſt es doch gar nicht ungewöhnlich, daß man Frauenzimmer ſieht, welche das, was vor ſich geht, nicht im Mindeſten berührt — alte Damen, die ſchon längſt 254 über die Zeit hinaus ſind, wo man ſich verheirathet; — vicke Frauenzimmer von mittlerem Alter, mit einer Menge von Söhnen und Töchtern, — ohne die hübſchen, jungen Geſchöpfe in Roſahüten in Anſchlag zu bringen, die auf Beförderung warten, und natürlicher Weiſe an der Cere⸗ monie Intereſſe finden können, — ſo iſt es doch, ſage ich, ganz gewöhnlich, daß man die anweſenden Frauenzimmer, Thränen vergießen, ſchluchzen, ſchnüffeln, ihre Geſichtchen in ihre kleinen, unnützen Taſchentücher verſtecken, und bei Alt und Jung den Buſen vor lauter Gemüthsbewegung ſich heben ſieht. Als mein Freund, der faſhionable John Pimlico, die liebenswürdige Lady Belgravia Green Parker heirathete, war die Rührung ſo allgemein, daß ſelbſt vie kleine, mit Schnupftabak beſudelte, alte Kirchenſtuhl⸗Oeff⸗ nerin, die mir aufmachte, in Thränen war. Und warum? fragte ich mich: und die Antwort war, weil ſie nicht vor den Altar treten durfte. Mit einem Worte, Miß Crawley und Miß Briggs ließen nach dem Vorfalle mit Sir Pitt ihren Gefühlen vollen, ungehinderten Lauf, und Rebekka wurde für ſie ein Gegenſtand des zärtlichſten Intereſſes. In ihrer Ab⸗ weſenheit tröſtete ſich Miß Crawley mit dem ſentimental⸗ ſten Romane, ven ſie in ihrer Bibliothek hatte. Die kleine mit ihrem geheimen Kummer war die Heldin des ages. 3 Jenen Abend ſang Rebekka in Park Lane lieblicher, und ſprach angenehmer, als je zuvor. Sie ſchlang ſich um das Herz der Miß Crawley. Sie ſprach in leichtem und lachendem Tone von Sir Pitt's Heirathsantrag, und ſpottete darüber, als über den närriſchſten Einfall eines alten Mannes; und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, und der Briggs' Herz mit unausſprechlichen Qualen, als ſie ſagte, daß ſie gar kein anderes Loos wünſche, als im⸗ mer bei jhren theuern Wohlthäterin bleiben zu dürfen. „Meine liebe, kleine Kreatur,“ ſagte die alte Dame, „Sie dürfen noch Jahre lang nicht von meiner Seite; 255 . darauf dürfen Sie ſich verlaſſen. Was die Rückkehr zu meinem odiöſen Bruder betrifft, ſo kann davon nach den bekannten Vorfällen nicht mehr die Rede ſein. Sie koͤn⸗ nen bei mir und der Briggs hier bleiben. Die Briggs muß ſehr oft ihre Verwandte beſuchen. Briggs, Sie kön⸗ nen gehen, wann es Ihnen beliebt. Was aber Sie betrifft, meine Theure, ſo müſſen Sie dableiben, und für das alte Frauenzimmer ſorgen.“ Wäre nun Rawdon Crawley gerade da geweſen, an⸗ ſtatt in ſeinem Club in bänglicher Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, Claret zu trinken, ſo hätte das Paar vor der alten Jungfer nur auf die Knie zu fallen und Alles zu geſtehen gebraucht, um im Augenblicke volle Verzeihung zu erhalten. Aber dieſes Glück war dem jungen Paare verſagt, ohne Zweifel, um dem Verfaſſer Gelegen⸗ heit zu geben, dieſe Geſchichte zu ſchreiben, worin gar viele ihrer wunderbaren Abenteuer erzählt werden, — Abenteuer, die bei ihnen gar nicht hätten vorkommen kön⸗ nen, wenn ſie von Miß Crawley in ihr Haus aufgenom⸗ men worden wären, und unter dem Schutze ihrer beque⸗ men, aber unintereſſanten Verzeihung gelebt hätten. Unter den Befehlen der Mrs. Firkin, im Hauſe von Park Lane, befand ſich ein junges Frauenzimmer aus Hampſhire, deren Geſchäft es unter Anderem auch war, an Miß Sharp's Thüre mit dem Kruge heißen Waſſers zu klopfen, den Mrs. Firkin ſelbſt um keinen Preis dem kleinen Eindringling gereicht hätte. Dieſes Mädchen, die auf dem Familiengute aufgewachſen war, hatte unter der Truppe des Kapitän Crawley einen Bruder, und wüßte man die volle Wahrheit, ſo würde es ſich vielleicht her⸗ ausſtellen, daß ſie von gewiſſen Anordnungen Kunde hatte, die in dieſe Geſchichte bedeutend eingreifen. Auf jeden Fall kaufte ſie einen gelben Shawl, ein Paar gelbe Stiefeln, und einen hellblauen Hut mit rother Feder, mit drei Guineenz welche Rebekfa ihr gab, und da die kleine Sharp ihr Geld keineswegs wegwarf, ſo war Betty Mar⸗ 256 tin ohne Zweifel für Dienſte, die ſie geleiſtet hatte, ſo beſchenkt worden. Am zweiten Tage nach Sir Pitt Crawley's Heiraths⸗ antrag ging die Sonne wie gewöhnlich auf, und zur gewohnlichen Stunde klopfte Betty Martin, das Stuben⸗ mädchen, an die Thüre des Schlafzimmers der Gouver⸗ nante. Sie erhielt keine Antwort, und klopfte daher aber⸗ mals. Immer noch rührte ſich Nichts, weßhalb Betty, mit dem heißen Waſſer in der Hand, die Thüre öffnete und in das Zimmer trat. Das kleine, weiße Bett von geköpertem Barchent lag ſo glatt und zierlich da, wie den Tag zuvor, als Betty's eigene Hände daſſelbe hatten machen helfen. Zwei kleine Koffer ſtanden, mit Stricken umgeben, in einer Ecke des Zimmers; und auf dem Tiſche am Fenſter — auf dem Nadelkiſſen — dem großen, dickleibigen Navelkiſſen, das inwendig mit roſafarbener Seide gefüttert war, und, wie die Nachthaube einer Dame, ſich durch zierliche Falten bemerklich machte, — lag ein Brief. Wahrſcheinlich hatte er dort die ganze Nacht gelegen. Betty ging auf den Zehenſpitzen darauf zu, als fürch⸗ tete ſie ſich, denſelben aufzuwecken, — ſah, mit einer Miene großer Verwunderung und Zufriedenheit, ihn an, und im Zimmer herum, nahm den Brief, und grinſte gewaltig, als ſie ihn um und umwandte, und brachte ihn endlich in Miß Briggs' Zimmer hinab. Wie konnte Betty wiſſen, daß der Brief für Miß Briggs ſei? das mochte ich wohl wiſſen. Betty war in ihrem ganzen Leben nie in eine andere Schule gegangen, als in Mrs. Bute Crawley's Sonntagsſchule, und konnte Geſchriebenes eben ſo wenig leſen, wie hebräiſch. „Ach, Miß Briggs,“ rief das Mädchen, „O Miß, es muß Etwas geſchehen ſein — es iſt Niemand in Miß Sharp's Zimmer; es hat Niemand im Bette geſchlafen, und ſie iſt gewiß entlaufen, und hat dieſen Brief für Sie zurückgelaſſen, Miß!“ „Was!“ rief die Briggs, die ihren Kamm fallen ließ, ſo daß der dünne Büſchel ihres graulichen Haares, womit ſie eben beſchäftigt war, auf ihre Schultern her⸗ abſiel; „ſie iſt entlaufen! Miß Sharp iſt flüchtig gewor⸗ den! Was, was iſt das?“ Und ſie erbrach eifrig das nette Sigel, und verſchlang, wie man ſagt, den Inhalt des an ſie gerichteten Briefes. „Meine theure Miß Briggs,“ ſo ſchrieb die Entflo⸗ hene, „Ihr gütiges Herz, wie ich kein anderes in dieſer Welt kenne, wird mich bemitleiden, mit mir ſympathiſi⸗ ren, und mich entſchuldigen. Weinend, betend, und ſeg⸗ nend, verlaſſe ich das Haus, wo die arme Waiſe ſtets freundlich und liebevoll aufgenommen war. Verpflichtun⸗ gen, die ſogar bindender ſind, als die, ſo ich gegen meine Wohlthäterin habe, rufen mich von hinnen. Die Pflicht ruft mich zu meinem Gatten. Ja, ich bin verhei⸗ rathet, mein Gatte befiehlt mir, die beſcheidene Heimath aufzuſuchen, die wir die unſrige nennen. Theuerſte Miß Briggs, theilen Sie dieſe Nachricht mei⸗ ner theuren, innig geliebten Freundin und Wohlthäterin mit: Ihre zarte Sympathie wird wohl wiſſen, wie es am Beſten zu thun iſt. Sagen Sie ihr, ich habe, ehe ich mich entfernt, ihr theures Kiſſen mit Thränen benetzt — jenes Kiſſen, das ich in Tagen der Krankheit ſo oft ſanf⸗ ter gemacht — an dem ich mich ſehne, abermals wachen zu dürfen. — Oh, mit welcher Freude werde ich nach dem theuren Park Lane zurückkommen! Wie ängſtlich harre ich der Antwort, die mein 6 hickſal beſiegeln wird! Als Sir Pitt ſo gut war, mir ſeine Hand anzu⸗ bieten, — eine Ehre, deren ich, wie meine viel geliebte Miß Crawley ſelbſt ſagte, würdig war (meine heißeſten Segenswünſche für ſie, daß ſie die arme Waiſe für wür⸗ dig erachtete, ihre Schweſter zu werden 1), — da Der Jahrmarkt des Lebens. 1. 17 258 ſagte ich Sir Pitt, daß ich bereits Gattin wäre. Sogar er verzieh mir. Aber es gebrach mir an Muth, ihm Alles zu ſagen — denn ich hätte ihm ſagen müſſen, ich könne nicht ſeine Frau werden, da ich ſeine Toch⸗ ter ſei. Ich bin verheirathet an den beſten und edel⸗ ſten aller Männer — Miß Crawley's Rawdon iſt mein Rawdon. Auf ſeinen Befehl thue ich meine Lippen auf, und folge ihm in unſer beſcheidenes Haus, wie ich ihm durch die ganze Welt folgen würde. Oh, meine vortreffliche und gütige Freundin, legen Sie bei meines Rawvdon's vielgeliebter Tante Fürſprache ein für ihn und das arme Mädchen, dem ſeine ganze, edle Fa⸗ milie ſolch beiſpielloſe Liebe und Freundſchaft erwieſen hat. Bitten Sie Miß Crawley, daß ſie ihre Kinder aufnehmen möge. Ich vermag nicht mehr zu ſagen, aber um Gottes Segen, um Gottes tauſendfachen Segen für Alle in dem theuren Hauſe, das ich verlaſſe, fleht „Um Mitternacht.“ „Ihre treuliebende und dankbare „Rebekka Crawley.“ Gerade als die Briggs mit dem Leſen dieſes rüh⸗ renden und intereſſanten Dokumentes, das ſie wieder in ihre frühere Stellung, als erſte Vertraute der Miß Eraw ley, einſetzte, zu Ende war, trat Mrs. Firkin in das Zim⸗ mer. „So eben iſt Mrs. Bute Crawley mit der Poſt⸗ kutſche aus Hampſhire angekommen, und möchte etwas Thee haben: wollen Sie herabkommen, und das Frühſtück bereiten, Miß?“ Und zur großen Ueberraſchung der Firkin ſegelte die Briggs, ihren Schlafrock zuſammenziehend, — während ihr aufgelöstes Haarbüſchel hinten hinabfiel, und die kleine Haarwickeln noch an ihrem Vorderkopfe herumhingen, zu Mrs. Bute, mit dem die wunderbare Nachricht enthal⸗ tenden Brieſe in der Hand, hinab. „Oh, Mrs. Firkin,“ keuchte Betth heraus, „ſo eine —— — Geſchichte. Miß Sharp iſt mit dem Kapitän entflohen, und ſie find nach Gretny Green!“ Wir würden der Beſchreibung der Gemüthsbewegun⸗ gen der Mrs. Firkin ein eigenes Kapitel widmen, würden nicht die Leidenſchaften ihrer Gebieterinnen unſere edlere Muſe beſchäftigen. Als Mrs. Bute Crawley, die, von ihrer Nachtreiſe halb erſtarrt, ſich an dem friſch praſſelnden Kaminfeuer wärmte, aus dem Munde der Miß Briggs die Nachricht von der heimlichen Heirath hoͤrte, erklärte ſie es für eine Schickung der Vorſehung, daß ſie gerade zu einer ſolchen Zeit gekommen, um der armen theuren Miß Crawley den Schlag ertragen zu helfen; — und ſetzte hinzu, daß Rebekka eine ſchlaue, leichtfertige kleine Dirne ſei, die ihr ſtets verdächtig geſchienen habe; und daß, was Rawdon Crawley anlange, ſie nie die thörichte Vorliebe ſeiner Tante für ihn habe begreifen können; und daß ſie ihn ſchon ſeit langer Zeit als ein verworfenes, gottvergeſſenes, ruchloſes Subject betrachtet habe. „Dieſes abſcheuliche Benehmen,“ ſagte Mrs. Bute ferner, „wird wenigſtens die gute Wirkung haben, daß es der armen theuren Miß Crawley die Augen öffnet über den wirklichen Charakter dieſes nichtswürdigen Menſchen.“ Sodann bekam Mrs. Bute ihren Thee und köſtliches, warmes, geröſtetes Butterbrod; und da jetzt im Hauſe ein Zimmer frei war, ſo brauchte ſie nicht im Gloſter⸗ Kaffeehauſe, wo die Portsmouther Poſtkutſche ſie abge⸗ ſetzt hatte, zu bleiben; und deßhalb gab ſie Herrn Bowls' Adjutanten, dem Lakaien, den Auftrag, ihre Koffer von dort zu holen. Nun muß man wiſſen, daß Miß Crawley ihr Zim⸗ mer nie früher verließ, als um die Mittagsſtunde, — da ſie Morgens ihre Chocolade im Bette einnahm, während Becky Sharp ihr die Morning⸗Poſt vorlas, wenn ſie nicht auf andere Weiſe ſich unterhielt, oder die Zeit vertän⸗ delte. Die Verſchwörer unten im Hauſe kamen dahin miteinander überein, daß ſie die Gefühle der theuren Lady ſchonen wollten, bis ſie im Salon ſich zeigen würde: in⸗ zwiſchen wurde derſelben gemeldet, daß Mrs. Bute Craw⸗ ley mit der Poſtkutſche aus Hampſhire angekommen ſei, im Gloſter⸗Kaffeehauſe ſich aufhalte, ſich bei Miß Crawley empfehlen laſſe, und mit Miß Briggs habe frühſtücken wollen. Die Ankunft der Mrs. Bute, die zu irgend einer andern Zeit keine außerordentliche Freude verurſacht haben würde, ward jetzt gar gern geſehen, da Miß Crawleh mit ihrer Schwägerin ſo Vieles über die verſtorbene Lady Crawley, die Vorbereitungen zum Leichenbegängniſſe und Sir Pitt's unerwarteten Heirathsantrag zu ſprechen hatte. „Erſt nachdem die alte Dame ſich gehörig in ihren gewohnten Lehnſeſſel im Salon verſenkt hatte, und die Umarmungen und vorläuſigen Erkundigungen zwiſchen den Damen zu Ende waren, hielten die Verſchwörerinnen es für räthlich, ſie dem Verfahren zu unterwerfen. Wer hat nicht ſchon die Kunſtgriffe und feinen Annäherungen zu bewundern Gelegenheit gehabt, womit Weiber ihre Freunde und Freundinnen auf ſchlimme Nachrichten „vorbereiten“? Die beiden Freundinnen der Miß Crawley thaten ſo ge⸗ heimnißvoll, ehe ſie mit der Nachricht herausrückten, daß ſie den gehörigen Grad von Zweifel und Unruhe bei ihr erregten. „Und ſie ſchlug Sir Pitt aus, meine theure, theure Wiß Crawley, machen Sie ſich darauf gefaßt,“ ſagte Mrs. Bute, „weil — weil ſie nicht anders konnte.“ „Natürlich war ein Grund vorhanden,“ antwortete Miß Crawley. „Sie liebte ſonſt Jemand. Ich ſagte das geſtern der Miß Briggs.“ „Liebt ſonſt Jemand!“ keuchte die Briggs heraus. „Oh, meine theure Freundin; ſie iſt bereits verheirathet.“ „Bereits verheirathet,“ ſtimmte Mrs. Bute ein. Und Beide ſaßen mit gefalteten Händen da, und ſahen balv ſich, bald ihr Opfer an. „Man ſchicke ſie zu mir herein, ſe bald ſie nach 261 Hauſe kommt. Die kleine ſchlaue Spitzbübin: wie konnte ſie es wagen, mir es nicht zu ſagen?“ rief Miß Crawley. „Sie wird nicht ſobald wieder kommen. Machen Sie ſich gefaßt, theure Freundin — ſie iſt auf lange ſ fortgegangen: — ſie iſt — ſie iſt — ganz und gar ort.“ „Gütiger Himmel! Und wer ſoll mir meine Choco⸗ lade bereiten? Schicken Sie ſogleich nach ihr, und ma⸗ chen Sie, daß ſie zurückkommt; ſie ſoll zurückkommen, ich will es haben,“ ſagte die alte Dame. „Sie iſt in verwichener Nacht flüchtig geworden, Ma'am,“ rief Mrs. Bute. „Sie hat einen Brief für mich zurückgelaſſen,“ rief die Briggs aus. „Sie iſt vermählt mit —“ „Bereiten Sie ſie doch vor, um's Himmels willen. Spannen Sie ſie nicht auf die Folter, meine liebe Briggs.“ „Sie iſt vermählt, ſagen Sie mir; aber mit wem denn?“ rief die alte Jungfer in nervöſer Wuth. „An — an einen Verwandten von —“ „Sie hat Sir Pitt einen Korb gegeben,“ rief das Opfer. „So ſagt es doch gerade heraus. Macht mich nicht wahnſinnig.“ „Ach, Ma'am, — bereiten Sie ſie vor, Miß Briggs — ſie iſt vermählt mit — Rawdon Crawley.“ „Nawdon verheirathet — Rebekka — Gouvernante — eine Garnichts —. Packen Sie ſich fort aus meinem Hauſe, Sie Närrin, Sie ſchwachköpfige Perſon, Sie dumme, alte Briggs — wie können Sie mir ſo 'was ſagen ? Sie ſtecken mit unter der Decke — Sie ſind es, die ihn veranlaßt haben, dieſe Heirath zu machen, weil Si daß ich mein Geld ihm entziehen würde — Sie thaten es Mariha,“ ſchrie die arme, alte Dame, wie unter dem Einfluſſe eines hyſteriſchen Anfalls. „Ich, Ma'am, ich hätte ein Glied dieſer Familie auf⸗ gefordert, die Tochter eines Zeichenlehrers zu heirathen 2 „Ihre Mutter war eine Montmorenchy,“ rief die alte Dame, aus Leibeskräften die Klingelſchnur ziehend. „Ihre Mutter war eine Operntänzerin, und ſie ſelbſt iſt auf der Bühne, oder bei etwas noch Schlimmerem geweſen,“ ſagte Mrs. Bute. Miß Crawley that noch einen Schrei, und ſank ohn⸗ mächtig zurück. Man mußte ſie in das Zimmer zurück⸗ bringen, das ſie kaum erſt verlaſſen hatte. Ein hyſteri⸗ ſcher Anfall folgte auf den andern. Man ſchickte nach dem Doktor — der Apotheker kam. Mrs. Bute pflanzte ſich an ihrem Bette in der Eigenſchaft einer Wärterin auf. „Ihre Verwandten müſſen in ihrer unmittelbarſten Umgebung ſein,“ ſagte das liebenswürdige Weib. Kaum war ſie in ihr Zimmer gebracht worden, als eine neue Perſon ankam, der natürlich die Nachricht gleichfalls mitgetheilt werden mußte. Dieſe Perſon war Sir Pitt. „Wo iſt Becky?“ ſagte der Baronet beim Herein⸗ treten. „Wo ſind ihre Koffer? Sie geht mit mir nach Queen's Crawley.“ „Haben Sie noch nicht die ſtaunenswerthe Nachricht von ihrer heimlichen Verehelichung gehoͤrt?“ fragte die Briggs. „Was geht das mich an,“ erwiederte Sir Pitt. „Ich weiß, daß ſie verheirathet iſt. Das thut Nichts. Sagen Sie ihr, ſie ſolle alsbald herabkommen, und mich nicht lange warten laſſen.“ „Wiſſen Sie denn aber nicht, Sir,“ fragte Miß Briggs, „daß ſie unſer Dach verlaſſen hat, zum Entſetzen der Miß Crawley, die durch die Nachricht von Kapitän Rawvon's Verehelichung mit ihr an den Rand des Grabes gebracht worden iſt?“ 4 Als Sir Pitt hörte, daß Rebekka mit ſeinem Sohne verheirathet ſei, brach er in ſeiner Zornwuth in ſo heftige Reden aus, daß dieſelben hier wohl nicht am rechten Platze ſtünden; nur ſo viel wollen wir ſagen, daß der ———— 263 armen Briggs darüber die Haut ſchauderte, und daß die⸗ ſelbe endlich das Zimmer verließ. Mit ihr wollen nun auch wir die Thüre hinter uns zumachen, und den alten zorn⸗ und haßwüthigen, durch die Vereitelung ſeines bis zum Wahnfinne getriebenen Mann allein aſſen. Den Tag nach ſeiner Ankunft in Queen's Crawley brach er wie wahnſinnig in das Zimmer, welches Rebekka während ihres dortigen Aufenthalts bewohnt hatte — ſprengte mit dem Fuße ihre Koffer und Schachteln auf, und ſchleuderte ihre Papiere, Kleider, und andere Dinge, ſo ſie dort zurückgelaſſen, umher. Miß Horrocks, die Tochter des Kellermeiſters, nahm einige derſelben. Die Kin⸗ der putzten ſich mit den andern heraus, und ſpielten darin Komödie. Nur einige Tage vorher war die arme Mutter in ihr einſames Grab hinabgeſtiegen, und, unbeweint und unbeachtet, in einem Gewölbe voller Fremden beigeſetzt worden. . — „Wenn nun aber die Alte ſich doch nicht herum⸗ bringen läßt,“ ſagte Rawdon zu ſeinem Weibchen, als ſie in ihrer beguemen kleinen Wohnung in Brompton bei⸗ ſammen ſaßen. Rebekka hatte den ganzen Morgen das neue Pianoforte probirt. Die neuen Handſchuhe paßten ihr genau; die neuen Shawls ſtanden ihr zum Verwun⸗ dern gut; die neuen Ringe glänzten an ihren Händchen⸗ und die neue Uhr tickte an ihrem Gürtel. „Wenn ſie ſich nun aber doch nicht herumbringen läßt, he, Becky?“ „In dieſem Falle mache ich Dein Glück,“ ſagte ſie; und Delila ſchlug dem Simſon ſanft auf die Wange⸗ „Dir iſt Nichts unmöglich,“ ſagte er, die kleine Hand küſſend. „Ja, beim Zeus, Du kannſt Alles; und nun wollen wir nach dem Gaſthauſe „zum Stern und Hoſen⸗ band“ fahren, und dort zu Mittag ſpeiſen, beim Zeus.“ —