1. Offensein pfangnahme un d Uhr bis Rückg Abends abe 2. Lesepreis. Bei Rück jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. 3. Caution. Unbekannte eines Buches, eine dem W hinterlegen, welche bei defſ wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich 8 Uhr offen. der Bücher gabe eines g Die Perſonen mü erthe deſſelb en Zurückga Daſſelbe muß voraus bezah Zeit eines Tages i ſcher Literatur naun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. ceih und der Bibliothek. Die Nr. 256. Jeſehebingungen. Bibliothek ſteht zur Em⸗ leden Tag von Morgens eliehenen Buches wird von dzu 24 Stun⸗ ſſen, bei Entgegennahme en entſprechende Summe be von mir zurückerſtattet lt werden und „ auf 1 Monat: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „ 1 W „ 5. Ausw äptige Abon D der Bücher Ladenpreis erſett werden. — lorene oder deferte Buch ein der Leſer zum Erſatz des G 7. Ausleihezei beſonders darauf m der Bücher nicht ſtattfinden d ſelben von mir geliehen, t. Dieſelb aufmerkſa auf ihre eigenen 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher (namentlich b auch dafür zu — enten haben für Koſten und J s zer heil eines anzen verpflich e iſt auf 14 Lemacht, d arf, indem zerriſſene ei ſolchen mit Ku „ Hin⸗ und Surückſendung Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „verlorene und it pfern ꝛc.) muß der iſſene, beſchmutzte, ver⸗ größeren Werkes, ſo iſt tet. age feſtgeſetzt und wird aß das Weiterverleihen Di cjenigen, welche die⸗ ſtehen haben. ———— Geſchichte Benry Esmond's, Esn., Obriſten in Dienſten Ihrer Majeſtät der Königin Anna. Verfaßt von ihm ſelbſt, und herausgegeben von Williaum Makepeate Chackeray. Deutſch von Dr. Chr. Fr. Grieb. Servetur ad imum Qualis ab incepto Processerit, et sibi constet. Stutt gart. Franch'ſche Verlagshandlung. 1853. Prittes Kapitel. Ich komme zum Regiment Quin, und trete damit in den Sold der Königin. Es wartete der Mann in der pomeranzenbraunen Lipree, mit blauen Treſſen und Aufſchlägen, als Es⸗ mond endlich aus dem Gefängniß herauskam. Derſelbe Mann nahm das wenige Gepäck des jungen Gentleman, und ging ihm voran, zum verhaßten Newgate hinaus, und, durch Fleet Conduit hindurch, zur Themſe hinun⸗ ter, wo ein Boot herbeigerufen wurde. Dann ging es flußaufwärts nach Chelſea. Esmond glaubte, die Sonne habe noch nie ſo glän⸗ zend geſchienen und noch nie kam ihm die Luft ſo friſch und ſtärkend vor. Temple Garden, an dem ſie vorbei⸗ ruderten, erſchien ihm als ein wahres Eden, und der Anblick der Kais, Werfte, und Gebäude am Fluſſe, Somerſet Houſe, und Weſtminſter (— wo man eben die prachtvolle neue Brücke zu bauen anfing —), der Lambeth⸗Thurm und Paläſt und die geſchäftige, glän⸗ zende Scene der mit Bovten und Barken bedeckten Themſe, erfüllten ſein Herz mit Wonne und Frohſinn, wie es auch ganz natürlich war, bei einer ſo pracht⸗ vollen Scene einerſeits, und einer ſo langen Gefangen⸗ ſchaft audererſeits, — bei einer Gefangenſchaft, die durch ſo viele düſtere Gedanken noch mehr verdüſtert worden var. Henry Esmond. 1 1 2 Endlich ruderten ſie an das hübſche Dorf Chelſea hin, wo der Adel viele ſchöne Landhänſer beſitzt; und ſo kamen ſie bei dem Hauſe der alten, verwittweten Vicomteſſe an. Es war ein heiter ausſehendes, neues Haus, und ſtand in der auf den Fluß herausgehenden Reihe. Dahinter befand ſich ein hübſcher Garten; auch hatte man eine ſchöne Ausſicht ſowohl nach Surrey, als nach Kenſington hin, wo der edle, alterthümliche Palaſt von Lord Warwick, dem verſöhnten Gegner Harry's, ſteht. Hier, im Salon Ihrer Ladyſchaft, ſah der junge Mann wieder einige von den Gemälden, die zu Caſtle⸗ wood geweſen waren, und die ſie beim Tode ihres Ge⸗ mahls, welcher, wie wir wiſſen, Harry's Vater geweſen war, mitgenommen hatte. Insbeſondere, und zwar am Ehrenplatze, bemerkte er Sir Peter Lely's Gemälde, welches die ehrenwerthe Miſtreß Iſabelle Esmond als Diana, in gelbem Atlaskleide, mit einem Bogen in der Hand, und einem Halbmonde auf der Stirn, darſtellte; auch ſprangen darauf Hunde um ſie her. Es war wohl um die Zeit gemalt worden, wo königliche Endymions, wie es hieß, bei dieſer jungfräulichen Jägerin Gnade fanden; und da Göttinnen ſich einer ewigen Jugend erfreuen, ſo glaubte natürlich auch dieſe bis an ihren Todestag, daß ſie nie älter würde. Und ſo kam es denn, daß ſie beharrlich von der Anſicht ausging, ſie gleiche immer noch dem Gemälde. Nachdem der junge Mann von dem Kammerdiener, der außerdem in dem beſcheidenen Haushalte Ihrer Ladyſchaft noch gar viele Aemter hatte, in ihr Zimmer eingeführt worden war, und nachdem es erſt gehörig lange angeſtanden hatte, geruhte endlich dieſe ältliche Göttin Diana, zu erſcheinen. Ein Mohr in türkiſcher Kleidung, mit rothen Stiefeln und einem ſilbergeſtickten Palskragen, worauf das Wappen der Vicomteſſe zu ſchauen war, ging ihr voran, und trug ihr Kiſſen; dann kam ihre Kammerfran; dann eine kleine Meute bellender und herumſpringender Schvoßhündchen, — und dann endlich die geſtrenge Jägerin ſelbſt. Die Vicomteſſe verbreitete, wie gewöhnlich, ein reiches Maß von Wohlgerüchen um ſich her. Esmond erinnerte ſich noch aus ſeiner Jugendzeit an den reichen Moſchusgeruch, den ſeine Stiefmutter (— denn ſo kann ſie wohl genannt werden — von ſich gab. Und gleich wie, gegen Sonnenuntergang, der Himmel immer röther wird, alſo errötheten auch, bei zunehmendem Alter, die Wangen der verwittweten Lady immer mehr. Ihr Ge⸗ ſicht hatte eine hochrothe Farbe, die, neben der weißen Schminke, ſich natürlich noch ſtärker hervorhob. Sie trug noch die Ringeln, welche zu König Karl's Zeilen in der Mode geweſen waren, während die Damen zu König William's Zeiten einen Kopfputz trugen ähnlich den Thürmen der Cybele; ihre Augen glißerten aus dieſer wunderlichen Maſſe von Schminke, Farben und Pomaden hervor. So beſchaffen war my Lady Vis⸗ counteß, die Wittwe von Mr. Esmond's Vater. Er machte eine tiefe Verbeugung, wie ihre Würde und Verwandtſchaft es verdiente, und trat mit größter Gravität auf ſie zu, und küßte wieder ein Mal die Hand, auf deren zitternden Knöcheln ein Paar Dutzend Ringe glitzerten: — dabei erinnerte er ſich an die al Zeiten, wo dieſe zitternde Hand ihn hatte zittern machen. „Frau Marquiſin,“ ſagte Mr. Esmond, ſich ver⸗ beugend, und mit einem Knie auf dem Boden, „darf ich bloß die Ehre haben, die Hand zu küſſen?“ Denn es muß hier bemerkt werden, daß neben dem unterdrückten Lachen, das der Anblick einer ſo erſtaun⸗ lichen alten Figur bei dem jungen Manne wohl hervor⸗ rufen mußte, auch einige Zuneigung, ſowie die Bande des Blutes thätig wären. Sie war die Frau ſeines Vaters geweſen, und war die Tochter ſeines Großva⸗ ters. Sie hatte ihn in früheren Zeiten geduldet, und war nun, in ihrer Weiſe, gütig gegen ihn. Und nun da jener linke Schrägebalken nicht mehr Esmonds Ge⸗ danken beſchäftigte, und da jene geheime Schande ihren Schatten nicht mehr über ſein Gemüth warf, war es ihm angenehm, Familienbande zu fühlen und anzuer⸗ fennen. Vielleicht war er insgeheim ſtolz auf das Opfer, das er gebracht, und bei dem Gedanken, daß er, Esmond, wirklich der Chef ſeines Hauſes ſei, und einzig und allein durch ſeine Großmuth verhindert werde, ſeine Anſprüche geltend zu machen. Er hatte wenigſtens ſeit dem Augenblicke, wo ihm ſein armer, mit dem Tode ringender Beſchützer das bewußte Geheimniß mitgetheilt, ſich von einem Unab⸗ hängigkeitsſinn beſeelt gefühlt, den er bis daher nie gekannt, und der ihn auch nie mehr verließ. Er nannte alſo zwar ſeine alte Tante Marquiſin, aber mit einer Miene, wie wenn er, der ſie ſo anredete, der Marquis von Esmond wäre. Las ſie vielleicht in den Angen des jungen Gent⸗ leman, die jetzt die ihrigen oder deren verattete Auto⸗ rität nicht mehr fürchteten, daß er in Betreff ſeiner Geburt um die Wahrheit wiſſe, oder ſie doch vermuthe? Si r, als ſie ſein total verändertes Benehmen ſah, erraſchung zuſammen; auch hatte daſſelbe wirk⸗ gar Nichts gemein mit dem Benehmen und mit rHaltung des Cambridger Studenten, der ihr vor zwei Jahren einen Beſuch gemacht, und den ſie mit fünf Goldſtücken hatte gehen laſſen, welche ſie ihm durch ihren Kammerdiener überſchickte. Sie muſterte ihn, zit⸗ terte dann ein Bischen mehr, als es vielleicht ihre Ge⸗ wohnheit war, und ſagte in erſchrockenem Tone: „Will⸗ kommen, Couſin!“ Sein Entſchluß war, wie ſchon weiter oben geſagt worden, urſprünglich ein ganz anderer geweſen: er hatte ſich nämlich vorgenommen gehabt, ſich ſo zu benehmen, wie wenn das Geheimniß ſeiner Geburt ihm nicht be⸗ 5 kannt wäre. Mit einem Male aber, und mit ganz rich⸗ tigem Takte entſchloß er ſich zu etwas ganz Anderem⸗ Er bat daher Ihre Ladyſchaft, daß ſie ihre Begleitung entlaſſen möchte; und als ſie endlich allein waren, ſprach er alſo: Madame, Sie hätten wenigſtens ſagen ſollen: Willkommen, Neffe! Es iſt an mir, ſowie an Ihnen, und an meiner armen ſeligen Mutter ein großes Unrecht verübt worden.“ Ich erkläre im Angeſichte des Himmels, daß ich keine Schuld daran gehabt, rief ſie, ihre Sache von vorn herein verloren gebend. „Es war Ihr böſer Vater, der —“ „Der dieſe Schande über unſere Familie gebracht,“ ſagte Mr. Esmond. Ich weiß es recht wohl. Ich will aber Niemand Unruhe verurſachen. Diejenigen, ſo gegenwärtig im Beſiße ſind, ſind meine theuerſten Wohlthäter geweſen, und müſſen ganz und gar von einem abſichtlich an mir verübten Unrechte freigeſpro⸗ chen werden. Der ſelige Lord, mein theurer Be⸗ ſchützer, erfuhr die Wahrheit erſt wenige Monate vor ſeinem Tode, wo Pater Holt ihm die Nachricht brachte.“ 4 Der Schurke! Es war ihm die Sache gebeichtet worden! Es war ihm die Sache gebeichtet worden!“ rief die verwittwete Lady. „Nein, nein: es iſt dem nicht ganz ſo. Er er⸗ fuhr die Sache noch aus einer andern Quelle, — und nicht allein von einem Prieſter, dem ſie gebeichtet worden,“ antwortete Mr. Esmond. „Als mein Vater an der Boyn verwundet worden war, ſagte er ſowohl einem franzöſiſchen Prieſter. der ſich nach der Schlacht verſteckt hielt, als dem dort lebenden Prieſter, in deſ⸗ ſen Haus er ſtarb, die Wahrheit. Letzterer hielt es nicht für angemeſſen, das Geheimniß eher zu enthül⸗ len, als bis er zu St. Omer mit Mr. Holt zuſam⸗ 6 mentraf. Und Pater Holt hat, zu ſeinen eigenen Zwecken, das Geheimniß für ſich behalten, und wollte erſt in Erfahrung bringen, ob meine Mutter noch lebe oder nicht. Es iſt dieſelbe aber ſchon ſeit Jahren geſterben: mein armer Beſchützer hat es mir, ſchon mit dem Tode ringend, noch geſagt; — auch zweifle ich gar nicht an der Wahrheit deſſen, was er mir geſagt. Ja, ich weiß nicht einmal, ob ich eine regelmäßige Heirath nachweiſen könnte. Aber könnte ich es auch, ſo würde ich es dennoch nicht thun. Ich mag keine Schande über unſern Namen, und keinen Kummer über die bringen, die ich liebe, und ſtets lieben werde, wie hart und ungerecht ſie mich auch behandeln mögen. Meines Vaters Sohn, Madame, wird das Unrecht, das mein Vater an Ihnen gethan, nicht noch ärger machen. Fahren Sie fort, ſeine Wittwe zu ſein, und laſſen Sie mir anch ferner Ihr Wohlwollen zu Theil werden. Es iſt dieß Alles, was ich von Ihnen ver⸗ lange, — und nie werde ich wieder von dieſer Sache ſprechen.“ Mais vous etes un noble jeune homme!“ ruft my Lady aus, und ſpricht franzöſiſch, wie ſie gewöhnlich that wenn ſie ſich in aufgeregtem Zuſtande befand. oblige, ſagt Mr. Esmond, eine tiefe Verbengung machend. „Es leben diejenigen noch, zu denen ich, in Erwiederung der mir bezeigten Liebe oft ſo gerne ſagte, daß ich mein Leben für ſie opfern würde. Soll ich denn nun ihr Feind ſein, und um einen Titel mit ihnen ſtreiten? Was liegt daran, ob ich ihn habe oder ein Anderer? Bleibt er doch in der Familie.“ „Was kann aber in aller Welt an jener kleinen Prüde ſein, daß die Männer ſo in ſie vernarrt ſind?“ ruft die verwittwete Vicomteſſe. „Sie war einen Mo⸗ nat lang hier, um den König mit ihren Bitten zu be⸗ 7 ſtürmen. Sie iſt zwar hübſch und hat ſich gut er⸗ halten; was ſie aber nicht hat, iſt das bel air. „Am Hofe Seiner ſeligen Majeſtät ſtellten ſich alle Männer, als bewunderten ſie ſie, und doch war ſie um kein Haar beſſer, als eine kleine Wachspuppe. Jetzt iſt ſie zwar ein Bischen beſſer, und ſieht wie die Schweſter ihrer Tochter aus, aber ſagt mir doch ein Mal, was ihr Alle damit meint, daß ihr ſo viel We⸗ ſens aus ihr macht? Mr. Steele, der bei Prinz George eben Dienſt hatte, ſah ſie mit ihren zwei Kin⸗ dern nach Kenſington gehen, und was that er? Er. ſchrieb ein Gedicht über ſie; — auch ſagt er, er werde ſtets ihre Farbe nagen und in Zukunft ſich nur ſchwarz kleiden. Und ſeinerſeits ſagt Mr. Congreve, er wolle eine „Trauernde Wittwe' ſchreiben, die beſſer ſein ſolle, als ſeine Trauernde Braut *) Und obgleich ihre Gatten mit einander Streit bekamen und ſich duellirten, als der ſchurkiſche Ehur⸗ chill vom Könige abfiel (— man hätte ihn dafür hän⸗ gen ſollen —), hat ſich Lady Marlborough dennvoch wieder in die kleine Wittwe ganz vernarrt. Hat ſie mich nicht in meinem eigenen Salon gröblich beleidigt, indem ſie ſagte, ſie ſei nicht gekommen, um die alte Wittwe, ſondern um die junge Vicomteſſe zu beſuchen? Der kleine Caſtlewvod und der kleine Lord Churchill werden allem Anſcheine nach die beſten Freunde von der Welt, und haben ſich mit einander ſchon ein Paar Mal recht brüderlich geboxt. „Und auch der böſe und durchtriebene junge Mo⸗ hun war, als er im vergangenen Jahre aus der Pro⸗ vinz zurückkam, wo er ſie entdeckt hatte, den ganzen Winter über gar nicht zu haben: er ſprach von gar nichts Anderem mehr, als von ihr, und ſagte, ſie ſei wie eine vor die Säue geworfene Perle; — und da⸗ *) Mourning Bride: ein bekanntes Drama von Congreve. 8 rauf tödtete er den armen, dummen Frank. Der Streit war einzig und allein wegen ſeiner Frau angegangen. Ich weiß wohl, daß derſelbe gar keine andere Urſache gehabt hat. „Und nun, Neffe, ſagen Sie mir, ob zwiſchen ihr und Mohun ein Verhältniß Statt gefunden hat. Sagen Sie mir es unr ungenirt. Was Sie ſelbſt be⸗ trifft, ſo will ich Sie mit Fragen verſchonen.“ Hier wurde Mr. Esmond feuerroth. Doch rief er alsbald: „My Ladys Tugend iſt gleich der einer Heiligen im Himmel, Madame.“ „Bh! — mon neveu. Es kommen gar viele Hei⸗ lige in den Himmel, die auf dieſer Erde gar viele Sünden zu bereuen hatten. Ich glaube wahrhaftig, daß Sie um kein Haar beſſer ſind, als die übrigen Narren alle, und daß Sie in das Ding ſterblich ver⸗ liebt ſind.“ „Soll ich Ihnen die Wahrheit ſagen, Madame, ſo liebte und ehrte ich ſie vor aller Welt,“ antwortete Esmond; „auch ſchäme ich mich deſſen nicht.“ „Und ſie hat zum Danke dafür das Haus vor Ih⸗ nen zugeſchloſſen, — und hat die Pfründe dem ab⸗ ſcheulichen jungen Bären, dem Sohne des oabſcheuli⸗ nalten Bären, Tuſher genannt, gegeben, ſie wolle Sie nie mehr ſehen. Monsieur mon nevev, — ſo ſind wir Alle. Als ich noch jung war, gab es, — ich weiß es gewiß, — an die tauſend Duelle wegen mei⸗ ner. Und als der arme Monsieur de Sonchy ſich zu Brügge, im Kanal, erſäufte, weil ich mit Graf Springbock tanzte, — da konnte ich auch nicht eine einzige Thräne herauspreſſen, ſondern tanzte bis fünf Uhr Morgens. Es war der Graf, — doch nein, es war my Lord Ormond, der die Geiger bezahlte, und Seine Majeſtät that mir die Ehre an, die ganze Nacht hindurch mit mir zu tanzen. 9 Doch, — wie ſind Sie gewachſen! Sie haben das vel air. Sie haben ſchwarze Haare. Unſere Esmonds haben alle ſchwarze Haare. Der Sohn der leinen Prüde aber iſt blond; und auch ſein Vater war — blond und dumm. „Als Sie nach Caſtlewood kamen, da waren Sie ein garſtiger, kleiner Schelm, — lauter Augen, wie eine junge Krähe. Wir hatten im Sinne, aus Ihnen einen Prieſter zu machen. Und der abſchenliche Pater Holt, — wie der mich zu erſchrecken pflegte, wenn ich unwohl war! Nun aber habe ich einen recht ange⸗ nehmen Gewiſſensrath, — den Abbé Dovillette: — der iſt ein lieber Mann. Freitags werden bei uns ſtets Faſtenſpeiſen gegeſſen. Mein Koch iſt ein from⸗ mer, recht frommer Mann. Sie haben natürlich die rechte Denkweiſe. Es heißt, der Prins von Oranien ſei wirklich recht unwohl.“ In dieſer Weiſe ſchwatzte die alte Dame über die⸗ ſes und jenes, ohne ein Blatt vor den Mund zu neh⸗ men, und Mr. Esmond war ganz erſtaunt über ihre jetzige Volubilität, wenn er dieſelbe mit ihrem frühe⸗ ren hochmüthigen Betragen verglich. Aber ſie hattk ihm für den Angenblick ihre Gunſt zugewandt, und geruhete, ihn nicht allein gern zu haben, ſoweit es ihre Natur überhaupt zuließ, ſondern ſich auch vor ihm zu fürchten: und er war jetzt, als junger Mann, mit ihr ebenſo familiär, als er einſt ihr gegenüber ſchüchtern und ſchweigſam geweſen war. Auch hielt ſie Wort. Sie ſtellte ihn ihrer Ge⸗ ſellſchaft vor, und es war dieſelbe ziemlich zahlreich, — natürlich beſtand ſie aus lauter Anhängern König Ja⸗ kob's, und während man bei ihr Karten ſpielte, wurde viel und laut intriguirt. Sie machte Mr. Esmond unter dem Namen eines Vetters mit vielen ehrenhaf⸗ ten Leuten bekannt; und ferner verſah ſie ihn nicht all⸗ zu ſpärlich mit Geld, das er gar keinen Anſtand nahm, 10 von ihr anzunehmen, in Anbetracht der Verwandt⸗ ſchaft, die ſie Beide mit einander verband, und der Opfer, die er ſelbſt zu Gunſten der Familie brachte. Aber er hatte ſich entſchloſſen, ſich nicht länger „ von einem Weibe gängeln zu laſſen: eine ſolche Ab⸗ hängigkeit war ihm zuwider; und vielleicht hatte er ſo bei ſich ſelbſt darüber hin- und hergedacht, wie er ſich auszeichnen, und ſich einen Namen machen könnte, — was ſein ſonderbares Geſchick ihm bis daher verſagt hatte. Unzufrieden mit ſeinem früheren ſtillen Bücher⸗ wurmleben, — ein bitteres Gefühl der Empörung über die Sklaverei, in die er ſich ſelbſt begeben hatte, um deren willen, deren Hartherzigkeit gegen ihn ſein Herz bluten machte, — ein unruhiges Verlangen, die Welt und Leute zu ſehen, — Alles das veran⸗ laßte ihn, ernſtlich an den Stand eines Militärs zu denken. Auf jeden Fall aber war es ſein Wunſch, ein Paar Feldzüge mitzumachen, und darum drang er denn in ſeine neue Beſchützerin, daß ſie ihm eine Fähndrichsſtelle verſchaffen möchte. Und ſo geſchah es, daß er eines Tags die Ehre hatte, ſich bei dem Quin'⸗ ſchen, in Irland garniſonirenden Füſilierregimente als Fähndrich angeſtellt zu ſehen. Mr. Esmond's Patent war kaum erſt drei Wochen alt, als König William das Unglück zuſtieß, welches dem Leben des größſten, weiſeſten, tapferſten, und gnä⸗ digſten Sonverains, den England je gehabt, ein Ende machte. Es war bei der Gegenpartei Mode geweſen, den Ruf dieſes großen Fürſten während ſeines Lebens zu verkleinern; aber die Freude, welche ſowohl ſie, als alle ſeine Feinde in Europa bei der Nachricht von ſei⸗ nem Tode an den Tag legten, zeigt zur Genüge, wie ſehr ſie ihn gefürchtet hatten. So jung Esmond da⸗ mals auch war, ſo war er doch ſo klug (— und auch, wollen wir hinzuſetzen, ſo edelmüthig —), jene unan⸗ ſtändige Freude zu verachten, die unter den Anhängern 11 König Jakob's in London beim Tode dieſes hochbe⸗ rühmten Fürſten, dieſes unbeſiegbaren Kriegers, dieſes weiſen und gemäßi ten Staatsmannes ausbrach. Wie bereits gemeldet, war die Loyalität gegen die Familie des verbannten Königs in dem Hanſe, zu dem Mr. Esmond gehörte, traditionell. Die Wittwe ſeines Vaters ſtand auf König Jakob's Seite mit all ihren Hoffnungen, Sympathieen, Erinnerungen und Vorur⸗ theilen, und war am Spieltiſche, oder bei einer Taſſe Thee gewiß eine ſo lärmende Verſchwörerin, als je eine die Rechte des Königs vertheidigte, oder deſſen Gegner ſchmähete. Das Haus Ihrer Ladyſchaft war voll von verkleideten und unverkleideten Geiſtlichen, — von Leuten, die über St. Germain Etwas zu berichten wußten, — und von Neuigkeitskrämern und politiſchen⸗ Kannegießern, die immer das Neueſte aus Verſailles, ja ſogar auf's Genaueſte die Stärke der nächſten Expedition wußten, welche der König von Frankreich von Dünkirchen abgehen laſſen wollte, und die den Prinzen von Oranien mit ſeiner ganzen Armee und mit ſeinem ganzen Hofe verſchlingen ſollte. Sie hatte den Herzog von Berwick empfangen, als er im Jahre 1696 hier landete. Sie bewahrte ſorgfältig das Glas auf, aus dem er getrunken hatte, und gelobte, daß ſie ſich desſelben nicht eher bedienen würde, als bis ſie, bei der Rückkehr Seiner Majeſtät, König Ja⸗ kob's, des Dritten, Geſundheit daraus trinken könnte; — ſie beſaß Andenken von der Königin, ſowie Reli⸗ quien von der Heiligen, die, wenn die Geſchichte die Wahrheit ſagte, nicht immer eine Heilige geweſen war, ſoweit es ſie und viele Andere betraf. Sie glaubte an die Wunder, die an ſeinem Grabe, wie es hieß, ge⸗ ſchahen, undwußte hundert authentiſche Geſchichten von wunderbaren Kuren, welche durch die Roſenkränze des ſeligen Königs, durch die Medaillen, die er trug, durch 12 ſeine Haarlocken und ich weiß nicht durch was ſonſt noch, bewirkt wurden. Esmond erinnert ſich noch einiger Dutzend höchſt wunderbarer Geſchichten, die das leichtgläubige alte Weib ihm erzählte. Da war der Biſchof von Autun, der von einer Krankheit geheilt wurde, an der er ſeit vierzig Jahren gelitten, und die ihn, nachdem er für die Ruhe der Seele des alten Königs eine Meſſe ge⸗ leſen hatte, zur Stunde verließ. Da war Monſieur Marais, ein in der Auvergne lebender Chirurg, der an beiden Beinen gelähmt war, und durch die Interceſſion des Königs radical geheilt ward. Da war Philipp Pitet, ein Benedictinermönch: der hatte einen Huſten, der ihn faſt erſticken machte, und an dem er um ein Haar geſtorben wäre. Aber er erflehte vom Himmel Hilfe durch die Verdienſte und die Interceſfion des ſeligen Königs, und alsbald fühlte er, wie ein reichlicher Schweiß ihm aus allen Poren drang: und der Mann enas zur Stunde, und erlangte ſeine vollkommene Ge⸗ ſhit wieder. Und da war die Frau von Monſieur Lepervier, Tanzmeiſter des Herzogs von Sachſen⸗Gotha, dem ward durch die Fürbitte des ſeligen Königs ein Rhevmatismus abgenommen; — an welchem Wunder auch nicht im Entfernteſten zu zweifeln war, da ſowohl ihr Arzt, als deſſen Incipient ein beſchworenes Zeug⸗ niß ablegten, wonach weder der eine noch der andere in irgend einer Weiſe zu der Heilung beigetragen. Von allen dieſen Mährchen, ſowie von noch tau⸗ ſend ähnlichen glaubte Mr. Esmond natürlich nur ſo Viel, als ihm gut dünkte, bemerken aber muß er hier, daß der größere Glaube ſeiner Verwandtin ſie alle als baare Münze hinnahm. Was die engliſche hochkirchliche Partei betrifft, ſo verwarf ſie zwar dieſe Legenden; allein ſie dachte den⸗ noch, daß Wahrheit und Ehre ſie an die Sache des verbannten Königs bänden; auch hatte die exilirte Fa⸗ 13 milie keinen wärmeren Anhänger, als die gütige Lady von Caſtlewvod, in deren Haus Csmond erzogen wor⸗ den war. Sie beeinflußte ihren Gatten, und vielleicht weit mehr, als my Lord wußte, der ſeine Frau unge⸗ heuer bewunderte, wenn er ihr auch untreu war, und der, die mit allem ſelbſtſtändigen Denken verbundene Mühe ſchenend, die Meinungen und Anſichten, die ſie für ihn wählte, recht gerne annahm. Für eine Perſon von ſo einfältigem und treuem Gemüthe, wie ſie war, war es unmöglich, einem andern Souverain zu huldigen, als dem einen, dem, in ihren Augen, der engliſche Thron gehörte. König William des Intereſſes wegen zu dienen, wäre in ihren Angen eine monſtröſe Heuche⸗ lei und ein unerhörter Verrath geweſen⸗ Ihr reines Gewiſſen hätte ebenſo wenig darein zu willigen ver⸗ mocht, als in einen Diebſtahl, eine Fälſchung, oder eine andere ſchlechte That. Ohne Zweifel wäre Lord Caſtle⸗ wood für das neue Königthum zu gewinnen geweſen, nie aber ſeine Frauz und in dieſem Falle, wie in den meiſten andern, ſo lange die Verſuchung nicht zu ſtark war, unterordnete er ſein Gewiſſen dem ihrigen. Und höchſt wahrſcheinlich waren ſeine Liebe und Dankbarkeit, und jene eifrige Hingebung für ſeine Gr⸗ bieterin, welche die ganze Jugendzeit Esmond's charak⸗ teriſirten, ſchuld, daß der junge Mann dieſen, ſowie noch andere Glaubensartikel unterſchrieb, die ſeine lieb⸗ volle Wohlthäterin ihm als ſolche hinſtellte. Hätte ſie der Whigpartei angehört, ſo wäre er ein Whig gewe⸗ ſen; — wäre ſie eine Anhängerin von Mr. Fox ge⸗ weſen, und zur Sekte der Quäker übergegangen, ſo hätte er, aller Wahrſcheinlichkeit nach, den Manſchetten, dem Buſenſtreifen, und der Perrücke entſagt⸗ und hätte Degen, betreßte Röcke, und Strümpfe mit Zwickeln an⸗ dern Menſchenkindern überlaſſen. Bei den Streitig⸗ keiten der jungen Leute auf der Univerſität, wo der Parteigeiſt ſehr heftig war, zeichnete ſich Esmond durch 14 ſeine jakobitiſchen Grundſätze aus; und höchſt wahr⸗ ſcheinlich ſchlug er ſich ebenſowohl aus Eitelkeit, als aus Freundſchaft zu der Partei, der ſeine Familie an⸗ gehörte. Zu dieſer Partei gehörte faſt die geſammte Geiſt⸗ lichkeit des Landes, ſowie über die Hälſte der Nation. Unſer Volk iſt gewiß das loyalſte, das es auf dieſer Welt gibt: wir bewundern unſere Könige, und beten ſie an, und ſind ihnen treu, noch lange, lange Zeit, nachdem ſie aufgehört haben, gegen uns treu zu ſein, und es mit uns gut zu meinen. Ein Jeder, der auf die Geſchichte der Stuartſſchen Familie zurückblickt, kann ſich der Verwunderung gewiß nicht enthalten, wenn er bedenkt, wie muthwillig ſie ihre Krone von ſich ſtießen; wie ſie eine günſtige Chance nach der andern, ſo zu ſagen, von ſich wieſen; welche Schätze von Loyalität ſie verſchwendeten, und in welch' verhängnißvoller Weiſe ſie Alles thaten, was ſie nur konnten, um ihren Ruin zu vollenden. Wenn man je Menſchen tren war, ſo war man es ihnen; — wenn je Menſchen günſtige Gelegenheiten mit Füßen traten, ſo waren es ſie und unter allen Feinden, die ſie hatten, waren ſie ſelbſt gewiß die ärgſten. *) Als die Prinzeſſin Anna den Thron beſtieg, war die ermüdete Nation es froh, von allen dieſen Kriegen, Controverſen, und Verſchwörungen einen Augenblick aus⸗ zuruhen, und in der Perſon einer Prinzeſſin von kö⸗ niglichem Geblüte einen Compromiß zwiſchen den Par⸗ teien anzunehmen, in welche das Land geſpalten war. Die Tories konnten mit utem Gewiſſen unter ihr dienen; und obgleich ſie puuſ eine Tory war, ſo repräſentirte ſie doch den Triumph der whiggiſchen *) womoe, òto o w eovs ßooro⸗ cœirtowyrat es usco pao puot c Euusvcet, ol de ct avron opnoen draohlemon ineo uopo dnys⸗ Sxovcwh 15 Meinung. Das engliſche Volk, das es ſtets gerne ſieht, daß ſeine Prinzen ihren Familien anhangen, war erfreut bei dem Gedanken, daß die Prinzeſſin der ihrigen treu ſei; und bis auf den letzten Tag, und bis zur letzten Stunde ihrer Regierung hatte König Jakob, der Dritte, alle Hoffnung, den engliſchen Thron wieder zu beſteigen, wäre nicht zwiſchen dieſen und ihn das Verhängniß getreten, das er von ſeinen Vorfahren zu⸗ gleich mit ihren Anſprüchen auf die engliſche Krone ge⸗ erbt hatte Allein er verſtand es weder, eine günſtige Gelegenheit abzuwarten, noch wußte er dieſelbe zu nützen, wenn ſie ſich ihm darbot; er war abenteuerlich, wenn er hätte vorſichtig ſein ſollen, und vorſichtig, wenn er hätte Alles wagen ſollen. Man denkt an ſeine traurige Geſchichte mit einer Art Wuth über ſeine Un⸗ fähigkeit. Hat das Fatum es wohl mehr mit den Kö⸗ nigen, als mit den gewöhnlichen Menſchenkindern zu thun? Man möchte es glanben, wenn man die Ge⸗ ſchichte dieſes königlichen Geſchlechtes betrachtet, für welches ſo viel Treue, ſo viele Tapferkeit, ſo viel Blut mit verzweifelter Beharrlichkeit und doch ohne allen Nutzen verſchwendet wurde. Nachdem der König alſo todt war, wurde die Prinzeſſin Anna (— die Tochter der häßlichen Anna Hyde, wie die alte verwittwete Vicomteſſe zu Chelſea ſie zu nennen pflegte —) in der ganzen Stadt, von Weſtminſter bis Ludgate Hill, unter dem wilden Jubel⸗ geſchrei des Volkes durch trompetende Herolde ausge⸗ rufen. In der darauf folgenden Woche wurde my Lord Marlborough zum Ritter des Hoſenbandordens, ſowie zum Oberbefehlshaber ſämmtlicher Streitkräfte Ihrer Majeſtät, ſowohl im In⸗ als Auslande, befördert. Dieſe Ernennung vermehrte nur noch die Wuth der alten Vicomteſſe oder, wie ſie glaubte, ihre Treue gegen ihren rechtmäßigen Souverain. 16 „Die Prinzeſſin iſt eine bloße Puppe in den Hän⸗ den jener Furie von einem Weibe, die in meinen Sa⸗ lon eindringt und mir in's Geſicht die gröbſten Belei⸗ digungen ſagt. Wie kann es einem Lande gut gehen, das einem ſolchen Weibe überliefert iſt?“ ſpricht die alte Vicomteſſe. „Und was den ſpitzbübiſchen Ver⸗ räther, my Lord Marlborongh, betrifft, ſo hat er noch jeden Mann und jede Frau verrathen, mit denen er bis jetzt in Berührung gekommen, — ſein abſcheuliches Weib allein ausgenommen, das ihn zittern macht. Es iſt aus mit dem Lande, wenn es ſolchen Elenden ein Mal in die Hände gefallen iſt.“ . Auf dieſe Weiſe begrüßte Esmond's alte Verwandte die neuen Gewalten; allein es entſtand wenigſtens für eine Familie, die es wohl brauchen konnte, einiges Gute aus der Beförderung dieſer berühmten Perſonnagen, die niedrigeren Leuten, welche das Glück hatten, bei ihnen in Gunſt zu ſtehen, Wohlthaten erwieſen. Ehe noch Mr. Esmond im Monat Auguſt England verließ (— er befand ſich damals zu Portsmouth, wo er zu ſeinem Regimente geſtoßen war, und es ſich angelegen ſein ließ, ſich in die Myſterien der Muskete und der Pike einweihen zu laſſen —), vernahm er, daß für ſeine frühere geliebte Gebieterin eine Penſion aus den Re⸗ venüen des Stempelamtes ausgewirkt worden ſei, und daß auch die junge Miſtreß Beatrix an den Hof gezo⸗ gen werden ſolle. Dieß Gute hatte wenigſtens der Be⸗ ſuch der armen Wittwe in London gehabt: wenn es ihr auch nicht gelungen war, ſich an den Feinden ihres verſtorbenen Gatten zu rächen, ſo hatte ſie doch Ge⸗ legenheit gehabt, ſich mit alten Freunden wieder aus⸗ zuſöhnen, die ſie bemitleideten, und die geneigt ſchienen, ihr zu dienen. Und was die Leidensgefährten Mr. Esmond's be⸗ trifft, ſo war Obriſt Weſtbury mit dem Oberbefehls⸗ haber nach Holland gegangen; — Capitän Macartney 17 befand ſich jetzt zu Portsmouth bei ſeinem Füſilier⸗ regiment und bei den von Seiner Gnaden dem Herzoge von Ormond befehligten Streitkräften, die, wie es hieß, nach Spanien gehen ſollten; — my Lord Warwick war nach Hauſe zurückgekehrt; — und Lord Mohun war, weit entfernt, für den Todſchlag beſtraft worden zu ſein, der ſo vielen Kummer und ſo viele Veränderungen in die Esmond'ſche Familie gebracht hatte, mit my Lord Macclesfield's glänzender Geſandtſchaft zu dem Kur⸗ fürſten von Hannover gegangen, um Seiner Hoheit den Hoſenbandorden, ſowie ein Glückwunſchſchreiben von der Königin zu überbringen. wiertes Rapitel. Recapitulationen. Das ungewiſſe Licht, das durch die unterbrochene und abgeriſſene Erzählung ſeines armen, von Gewiſ⸗ ſensbiſſen durchbohrten, und in den letzten Qualen der Auflöſung ſich abkämpfenden Beſchützers über die dunkle Geſchichte Mr. Esmond's hatte verbreitet werden kön⸗ nen, hatte Letzterem ſo Viel erſchloſſen, daß ſeine Mut⸗ ter ſchon längſt todt wäre; und was daher ſie, oder ihre durch die bösliche Verlaſſung von Seiten ihres Gatten befleckte Ehre und das ihr zugefügte Unrecht betraf, ſo lag für ihren Sohn kein Grund mehr vor, Schritte zu thun, um ſeine gerechten Anſprüche entwe⸗ der zu verfolgen, oder dieſelben gufzugeben. Aus dem Henry Esmond. U⸗ 2 18 kurzen Geſtändniſſe meines armen Gebieters ging ſo Viel hervor, baß er erſt ſeit zwei Jahren den wahren Sachverhalt gewußt hatte; damals hatte ihn nämlich Mr. Holt beſucht, um ihn in eine jener vielen Ver ſchwörungen zu verwickeln zu ſuchen, wodurch die g heimen Häupter von König Jakob's Partei in dieſen Lande ſtets bemüht waren, däs Leben oder die Gewal des Prinzen von Dranien zu zerſtören: — Verſchwö⸗ rungen, die dem Morde ſo ähnlich ſahen, in den am gewandten Mitteln ſo feige, und in ihren Endzwecken o verrucht waren, daß unſere Nation gewiß wohl daran gethan hat, der unglücklichen Familie, die ihr Recht nur durch ſolchen ſchändlichen Verrath, durch ſolche dunkle Intriguen und niederträchtige Agenten geltend zu machen wußte, alle Treue abzuſagen. Es wurden gegen König William Anſchläge ge⸗ macht, die ebenſo unehrenhaft waren, wie die verſteck⸗ ten Mittel, deren ſich Mörder und Straßenräuber be⸗ dienen, und wie der Hinterhalt, den dieſe ihren Opfern legen. Eriſt wahrhaft demüthigend, der Gedanke, daß ein großer Fürſt, Beſitzer eines großen und heiligen Rechts und Vertheidiger einer großen Sache, ſich zu ſo niederträchtigen Mordverſuchen und Verräthereien hergeben konnte, wie ſie durch die Vollmachten und eigenhändige Unterſchrift des unglücklichen Königs Ja⸗ kob bewieſen ſind, wodurch derſelbe ſeine Anhänger in dieſem Lande zu jeder Schandthat aufforderte und be⸗ rechtigte. Was er und ſie „Krieg anfangen“ nannten, war in Wahrheit um kein Haar beſſer, als eine Auf⸗ forderung zum Morde. Der edle Prinz von Oranien zerriß in ſeiner Groß⸗ muth einfach dieſe ſchwachen Netze der Verſchwörung, in denen ſeine Feinde ihn zu fangen ſuchten: — ſchien es doch, als ob ihre feigen Dolche ſich an der Bruſt ſeiner muthvollen Entſchloſſenheit brächen. Nach König James Tode ſetzten die Königin und ihre Leute zu — — — — — — 19 Saint Germain — größtentheils Prieſter und Weiber — ihre Intriguen für den jungen Prinzen, James, den Dritten, wie er in Frankreich und von ſeiner Partei hier zu Lande genannt wurde, fort (— dieſer Prinz, oder Chevalier de St. George, war mit Esmond's jungem Zöglinge, Frank, dem Sohne my Lord Vis⸗ counts, in einem und demſelben Jahre geboren wor⸗ den —); und da die Angelegenheiten des Prinzen in den Händen von Prieſtern und Weibern waren, ſo wurden ſie ſo geführt, wie Prieſter und Weiber ſie ſtets führen werden, — das heißt, ſchlau, grauſam, ſchwach, und ſo, daß ein ſchlechter Ausgang gewiß war. Die Moral der Geſchichte der Jeſuiten iſt meines Frachtens ſo heilſam, als nur eine zu leſen iſt: die Jeſuiten ſind die ſchlauſten, die klügſten, die unermüd⸗ lichſten, und geſchickteſten Plänemacher und Complott⸗ ſchmieder, die es auf dieſer Welt gibt, — aber immer erſcheint wieder ein Tag, wo das empörte öffentliche Gewiſſen ihr ſchwaches Gebäude über den Haufen wirft, und die feigen Feinde der öffentlichen Freiheit ſchimpf⸗ lich davonjagt. Mr. Swift hat dieſe Liebe zur In⸗ trigue, dieſe Leidenſchaft für Geheimthuerei, für Lügen und Verläumdung, die ſchwachen Leuten, dem ſchma⸗ rotzenden Anhange ſchwacher Höfe, anklebt, gar ſchön beſchrieben und charakteriſirt. Solchen Leuten iſt es eigen, die Starken zu haſſen und zu beneiden, und ſich zu deren Ruin zu verſchwörenz auch geht bei ihren Verſchwörungen anfangs Alles gut. — und Alles deu⸗ tet anf den befriedigenden Sturz des großen Opfers hin, bis eines ſchönen Tages Gulliver ſich erhebt, das kleine Geſchmeiß von einem Feinde abſchüttelt, und un⸗ beläſtigt davon geht. Ah! Wohl mochten die iriſchen Soldaten nach der Schlacht an der Boyn ausrufen: „Laſſet uns die Könige wechſeln, und dann wollen wir die Schlacht noch ein Mal ſchlagen!“ Und in der That, der Kampf zwiſchen Beiden war gar zu ungleich. Es 20 war ein ſchwacher, von Pfaffen und Weibern beherrſch⸗ ter Mann, mit ſo winzigen Alliirten und Waffen, wie ſeine arme Natur ihn dieſelben wählen ließ, der gegen die Pläne des Feldherrntalents, die Weisheit, und den Muth eines Helden kämpfte. In einem ſolcher vielen feigen und niederträchtigen Aufträge (— da ich ſie jetzt ſo anſehe, ſo kann ich ſie auch nicht anders nennen —) war alſo Mr. Holt nach Caſtlewvod zu my Lord gekommen, und hatte wieder irgend einen ſichern, unfehlbaren Plan zum Sturze des Prinzen von Oranien vorgeſchlagen. My Lord Vis⸗ count aber hatte, trotz dem, daß er Loyaliſt war, ſeine tiefſte Empörung darüber ausgedrückt, und ſich geweigert, ſich dabei zu betheiligen. So viel Mr. Esmond aus den Worten des ſter⸗ benden Viscounts hatte entnehmen können, war Pater Holt mit einem vollſtändigen Inſurrectionsplane zu my Lord gekommen; auch ſollte er demſelben den Marguis⸗ Titel anbieten, den König James dem früheren Viscount verliehen hatte. Als aber der Viscount dieſes Auer⸗ bieten zurückwies, da drohte ihm Pater Holt, daß er ſowohl des Gutes, als des Titels von Caſtlewood ver⸗ luſtig gehen würde. um es aber nicht bei der bloßen Drohung bewenden zu laſſen, kam Pater Holt gewaffnet mit der Erklärung, die der verſtorbene Lord nach der Schlacht an der Boyn zu Trim in Irland, in ſeiner Todesſtunde, abgegeben, und welche ſowohl der iriſche Prieſter, als ein franzöſiſcher Geiſtlicher von Holts Orden, der bei der Armee König Jakob's war, empfan⸗ gen hatten. Holt zeigte fernet ein Certificat vor (— wenn auch nicht ein ächtes, ſo doch ein unächtes —), t wornach der ſelige Viscount Esmond in der Stad Brüſſel im Jahre 1677 getraut worden war: der Vis⸗ vunt, damals Thomas Esmond, diente um jene Zeit in Flandern bei der engliſchen Armee. Und ferner wollte der Pater, wie er ſagte, nachweiſen können, daß 2¹ dieſe von ihrem Gatten ſchon ſeit langer Zeit verlaſſene Gertrude noch lebe, und im Jahre 1685 zu Brüſſel als förmliche Nonne in einem Kloſter geweſen ſei, — in demſelben Jahre 1685, wo Thomas Esmond die Toch⸗ ter ſeines Oheims, Iſabelle, die ſich jetzt verwittwete Vicomteſſe von Caſtlewood nenne, geheirathet habe. Darauf ließ er ihm zwölf Stunden Bedenkzeit (— ſo ſagte der arme, ſterbende Lord —) und verſchwand mit ſeinen Papieren in derſelben myſteriöſen Weiſe, in der er gekommen war. Esmond wußte wohl, wie er gekommen, und wieder verſchwunden war: — der Pater hatte ſeinen Weg durch das bekannte Fenſter genommen: — allein es war jetzt unnütz, dieſes dem armen Lord zu erklären, und es konnte Esmond höchſtens daran gelegen ſein, von den Lippen, welche die kalte Hand des Todes bald erſtarren machen ſollte, noch einige Worte entgegen⸗ zunehmen. Aber ehe noch die zwölf Stunden vorüber wa⸗ ren, war Pater Holt ſelbſt ein Gefangener. Als in Sir John Fenwick's Verſchwörung verwickelt, ward er zuerſt zu Hexton eingeſperrt, und ſpäter nach dem To⸗ wer in London gebracht⸗ Der arme Lord Viscvunt, der von der Gefangen⸗ nehmung der Andern Nichts wußte, ſchwebte unterdeſ⸗ ſen in ewiger Angſt, und fürchtete, den Pater zurück⸗ kommen zu ſehen. Auch war es (— wie my Lord Caſtlewvod erklärte, wobei er Gott zum Zeugen an⸗ rief und ſeine ſterbenden Augen mit Thränen gefüllt wa⸗ ren — ſchon ſeine Abſicht geweſen, Gut und Titel alsbald an den rechtmäßigen Cigenthümer abzutreten, und ſich mit ſeiner Familie nach Walcote, wo er ein Haus hatte, zurückzuziehen. „Und wollte Gott, ich hätte es gethan,“ ſetzte der arme Lord hinzu, — dann wäre ich jetzt nicht hier, tödtlich verwundet, ein armer, unglücklicher, von Gewiſſensbiſſen geplagter Mann!“ 22 My Lord wartete einen Tag um den andern, aber es kam, wie ſich leicht denken läßt, kein Bote. End⸗ lich fand, nach Verfluß von einem Monate, Pater Holt ein Mittel, um ihm, vom Tower aus, eine Bot⸗ ſchaft zu übermachen, welche beſagte, daß er Alles, was geſagt worden, als nicht geſagt anſehen, und daß Alles vorderhand beim Alten bleiben ſolle. Ich ward gar arg in Verſuchung geführt,“ ſagte mein armer Gebieter. „Seit der Zeit, da ich zu die⸗ ſem vermaledeiten Titel von Caſtlewood gelangt bin, der mir nie Glück gebracht, habe ich weit mehr ge⸗ braucht, als das Gut einbringt. Ja, ich habe auch mein väterliches Vermögen dabei durchzubringen Gele⸗ genheit gehabt. Ich berechnete mein ganzes Vermö⸗ gen bis auf den letzten Schilling, und fand da, daß ich Dir, deſſen Vermögen ſeit zwölf Jahren in meinen Händen geweſen war, nie das Deinige würde zurück⸗ zahlen können, mein armer Harry. Meine Frau und meine Kinder hätten entehrt und als Bettler von dan⸗ nen ziehen müſſen. „Gott weiß, ich und die meinigen haben ein höchſt elendes Leben geführt. Gleich einem Feiglinge klam⸗ merte ich mich an die Gnadenfriſt an, die Holt mir gegeben. Ich verbarg Rachel, ſowie Dir die Wahrheit. Ich ſuchte Mohun Geld abzugewinnen, und ſtürzte mich immer nur noch tiefer in Schulden; — kaum daß ich es wagte, Dir in's Geſicht zu ſchauen, wenn ich Dich ſah. Seit den letzten zwei Jahren hat dieſes. Damokles⸗Schwert ſtets über meinem Haupte gehangen. Ich ſchwöre Dir, daß ich mich noch glücklich fühlte, als ich Mohun's Degen in meiner Seite fühlte.“ Nachdem Pater Holt zehn Monate lang im To⸗ wer gelegen war, ſo wurde er, da gegen ihn Nichts bewieſen werden konnte, als daß er ein anerkannter⸗ maßen in König James' Intereſſe wirkender Jeſuiten⸗ prieſter ſei, durch die unverbeſſerliche Milde König 23 William's an Bord eines Schiffes befördert. Indeſſen unterließ es Seine Majeſtät doch nicht, dem Jeſuiten⸗ pater das feierliche Verſprechen zu geben, daß er mit dem Stricke nähere Bekanntſchaft machen würde, wenn er es ſich noch ein Mal beigehen ließe, den engliſchen Boden zu betreten. Mehr, denn ein Mal, hatte Esmond, während ſeiner eigenen Gefangenſchaft, darüber nachgegrübelt, wo die bewußten Papiere wohl ſein möchten, — die Papiere, die der Jeſuit ſeinem Beſchützer gezeigt hatte, und die für ihn ſelbſt von ſo hohem Intereſſe waren. Es wurden dieſelben nicht bei Mr. Holt gefunden, als der Pater gefangen genommen wurde; denn wäre das der Fall geweſen, ſo würden die Herren vom Reichs⸗ rathe ſie zu ſehen bekommen haben, und dann würde dieſe Familiengeſchichte ſchon ſeit langer Zeit dem Pub⸗ likum bekannt geworden ſein. Indeſſen ließ es ſich Esmond gar nicht angelegen ſein, nach den Papieren zu ſuchen. Da ſein Entſchluß nun ein Mal feſt ſtand, — da ſeine arme Mutter todt war! — was konnte ihm nun daran liegen, ob wirk⸗ lich Dokumente exiſtirten, welche ſein Recht auf einen Titel bewieſen, den er entſchloſſen war, nicht in An⸗ ſpruch zu nehmen, und deſſen er (— er hatte es ge⸗ lobt —) die Familie nie berauben wollte, die er auf dieſer Welt am Meiſten liebte? Vielleicht war er ſtol⸗ zer auf dieſes von ihm gebrachte Opfer, als er es auf jene Ehren geweſen ſein würde, denen zu entſagen er entſchloſſen war. Und dann war auch, ſo lange dieſe Papiere nicht zum Vorſchein kamen, Esmond's Vetter⸗ der liebe junge Francis, der ehrliche und unbezweifelte Beſitzer des Gutes und Titels von Caſtlewood. Das bloße Wort eines Jeſuiten konnte Franks Rechte nicht umſtoßen, und ſo fühlte ſich denn Esmond wirklich be⸗ ruhigt bei dem Gedanken, daß die Papiere abhanden gekommen, und daß in Ermangelung derſelben ſeine 24 theure Gebieterin und deren Sohn die rechtmäßige Lady und der rechtmäßige Lord von Caſtlewood wären. Bald nach ſeiner Befreiung machte Mr. Esmond ſich ein Geſchäft daraus, nach dem Dorfe Ealing zu ret ien, wo er die erſten Jahre, die er in England zugebracht, verlebt hatte: er wollte ſehen, ob ſeine alten Pflegeltern noch lebten, und den genannten Ort noch bewohnten. Das einzige Ueberbleibſel aber, das er von dem alten Monſieur Paſtoureau fand, war ein Grabſtein auf dem Kirchhofe, welcher beſagte daß Athanaſius Paſtoureau, aus Flan⸗ dern gebürtig, ſieben und achtzig Jahre alt geworden wäre, und dort begraben läge. Das Häuschen des alten Mannes, das Ermond recht gut wieder erkannte, ſowie der Garten (— wo er, in den Tagen ſeiner Kindheit, viele Stunden mit Spielen und in Träume⸗ reien verbracht, und von ſeiner zankſüchtigen, böſen Pflegemutter manche Schläge bekommen hatte —) ge hörte jetzt einer ganz andern Familie: und nur mit vieler Mühe konnte er im Dorfe erfahren, was aus Paſtoureau's Wittwe und Kindern geworden. Der Lector des Kirchſpiels erinnerte ſich ihrer noch, — der alte Mann hatte ſich während der vierzehn Jahre, daß Esmond ihn nicht mehr geſehen, faſt gar nicht verän⸗ dert: — es kam heraus, daß ſie ſich nach dem Tode ihres alten Gatten, den ſie durchaus beverrſchte, gar bald wieder getröſtet hatte, indem ſie wieder einen Mann nahm, der jünger war, als ſie ſelbſt, ihr Geld durchbrachte, und ſowohl ſie, als ihre Kinder mißhan⸗ delte. Das Mädchen ſtarb; einer von den jungen Burſchen ließ ſich anwerben; der andere dagegen war irgendwo in die Lehre getreten. Der alte Mr. Rogers, der Lector, ſagte ferner, er habe gehört, daß Mrs. Paſtoureau ebenfalls geſtorben ſei. Sie hatte mit ih⸗ rem Manne nun ſchon ſeit ſieben Jahren Ealing ver⸗ laſſen; und ſo mußte denn bei Mr. Esmond alle Hoff⸗ 25 nung ſchwinden, von dieſer Familie nähern Aufſchluß über ſeine Verwandtſchaft zu erhalten. Mr. Esmond gab dem alten Lector eine Krone für die Nachrichten, die er ihm mitgetheilt, und konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, als er an die Zeit dachte, wo er und ſeine kleinen Spielkameraden, bei der Annäherung dieſer gefürchteten Autorität, ſich aus dem Kirchhofe hinauszuſchleichen, oder ſich hinter den Grabſteinen zu verbergen pflegten. Wer war ſeine Mutter? Wie hatte ſie geheißen? Wann ſtarb ſie? Es verlangte Esmond, Jemand zu finden, der ihm dieſe Fragen zu beantworten vermöchte; und er kam daher ſogar auf den Gedanken, dieſelben an ſeine Tante, die Vicomteſſe, zu ſtellen, die in aller Unſchuld ſich den Namen zugeeignet hatte, der von Rechtswegen Harry's Mutter gehörte. Allein ſie wußte Nichts, oder that wenigſtens, als wüßte ſie Nichts; auch konnte Mr. Esmond, begreiflicher Weiſe, nicht allzuſehr in ſie dringen. Die einzige Perſon, die ihm hierüber Aufklärung verſchaffen konnte, war Pater Holt, und Esmond fühlte wohl, daß er ſich gedulden müſſe, bis eine neue Chance oder eine neue Intrigue ihn mit ſeinem alten Freunde wieder zuſammenführte, oder dieſen unruhigen, unermüdlichen Geiſt nach Eng⸗ land zurückbrächte. Die Ernennung zu ſeiner Fähndrichsſtelle, ſowie die Vorbereitungen, welche der Feldzug nöthig machte, gaben dem jungen Herrn bald andern Stoff zum Den⸗ ken. Seine neue Beſchützerin behandelte ihn ungemein freundlich, und zeigte ſich überaus freigebigs auch ver⸗ ſprach ſie ihm, ſich für ihn weiter zu bemühen und Geld auszulegen, um ihm raſch zu einer Compagnie zu verhelfen Sie ſagte ihm, er ſolle ſich hübſch equi⸗ piren, ſowohl in Betreff der Kleidung, als in Betreff der Waffen, und geruhte ihn zu bewundern, als er ſich in ſeinem betreßten Scharlachrocke ihr zum erſten Male 26 zeigte; auch geſtattete ſie ihm mit gewohnter Huld, ſie aus Anlaß dieſer intereſſanten Einkleidung zu küſſen. „Roth,“ ſagte ſie, ihr altes Haupt in die Höhe werfend, „iſt ſtets die Leibfarbe der Esmonds geweſen.“ Und ſo trug Ihre Ladyſchaft dieſe Farbe auf ihren Wangen beharrlich bis an ihren Tod. Sie ſagte, daß ſie ihn gekleidet ſehen wolle, wie es dem Sohn ſeines Vaters zieme, und bezahlte frendig ſeinen Kaſtorhut, der fünf Pfund koſtete, ſeine ſchwarze Lockenperrücke, ſeine Hemden aus feiner holländiſcher Leinwand, ſeine Degen, ſowie ſeine mit Silber beſchlagenen Piſtolen. Seit dem Tage, da er geboren worden, war der arme Harry noch nie als ein ſo feiner Gentleman da⸗ eſtanden ſeine freigebige Stiefmutter füllte auch ſeine örſe mit Guineen; einige davon halfen ihm Capitän Steele, ſowie einige andere auserleſene Geiſter, bei einem Gaſtmahle ausgeben, das Dick im Gaſthauſe zum Hoſenbandorden“, dem Thore des Palaſtes, in Pall Mall, gerade gegenüber, beſtellte. Der gute Dick würde daſſelbe gerne ſelbſt bezahlt haben; unglücklicher Weiſe aber hatte er kein Geld, als man 'die Rechnung verlangte, und ſeinerſeits wollte der Gaſtwirth ihm nicht weiter creditiren. Hatte die alte Vicomteſſe Esmond früher ein Un⸗ recht zugefügt, ſo ſchien ſie jetzt wirklich geneigt, es durch die Freundlichkeit ihres Benehmens wieder gut zu ma⸗ chen. Sie umarmte ihn beim Abſchied ein Mal um das andere, vergoß reichliche Thränen, einpfahl ihm an, ihr mit jedem Packetboot einen Brief zu ſchicken, und gab ihm — eine Reliquie von unſchätzbarem Werthe, die er um den Hals tragen ſollte: — es war dieſelbe eine Medaille, die, ich weiß nicht mehr, von welchem Pabſte, geweiht, und von Seiner geheiligten Majeſtät, dem ſeligen König James, getragen worden war. Und ſo kam denn Esmond bei ſeinem Regimente beſſer equipirt an, als die meiſten andern jungen Of⸗ 27 fiziere; er war älter, als die meiſten der jüngeren Offiziere, und hatte einen weitern Vorzug, deſſen ſich zu ſeiner Zeit nur ſehr wenige der bei der Armee ſtehenden Gentlemen rühmen konnten (— von welchen viele kaum mehr, als ihren Namen zu ſchreiben ver⸗ mochten —), den Vorzug nämlich, daß er ſowohl zu Hauſe, als auf der Univerſität Viel geleſen, — daß erzwei bis drei Sprachen vollkommen kannte, und daß er jene weitere Erziehung genoſſen hatte, die weder Bücher noch Jahre zu geben vermögen, deren aber gewiſſe Menſchen durch die ſtillen Lehren des Unglücks theilhaftig wer⸗ den. Denn das Unglück iſt ein gewaltiger Schullehrer, wie mancher arme Tropf weiß, der vor deſſen Plätzer die Hand hingehalten, und vor deſſen gefürchtetem Stuhle ſeine Lection hergewinſelt hat. Jünftes Rapitel. Ich ſchließe mich der Vigo⸗Bay⸗Expedition an, verſuche das Salzwaſſer, und rieche Pulver. Die erſte Expedition, wobei Mr. Esmond die Ehre hatte, ſich zu betheiligen, glich mehr einer jener Inva⸗ ſionen, die von dem gefürchteten Capitän Avory, oder von dem Capitän Kind projectirt worden, als einem Kriege zwiſchen gekrönten Häuptern, — als einem von Generalen von Rang und Ehre geführten Kriege. Am erſten Tage des Juli, 1702, lief eine große, aus ein hundert und fünfzig Segeln beſtehende Flotte, unter dem Kommando von Admiral Shovell, von Spithead aus: dieſelbe hatte zwölftauſend Mann an Bord, und Oberbefehlshaber der gauzen Expeditivn war Seine Gnaden der Herzog von Ormond⸗ Da von dieſen zwölftauſend Helden einer zuvor nie zur See geweſen war, oder wenigſtens doch nur ein Mal, während ſeiner Kindheit, wo er aus dem unbekannten Lande, in dem er geboren worden, nach England herüber kam, — einer dieſer zwölftauſend Helden alſo, — der jüngſte Fähndrich vom Füſilier⸗ Regimente Quin, — befand ſich, einige Stunden nach der Abfahrt, in einem total unheldenmäßigen Zuſtande körperlicher Schwäche; und hätte in dieſem Augenblicke ein Feind das Schiff geentert, ſo würde er über den fraglichen Fähndrich gar leicht Herr geworden ſein. Nachdem wir ein Mal von Portsmouth ausgelau⸗ fen waren, ging es nach Plymouth, wo wir einliefen, um weitere Truppen aufzunehmen. Am 31. Juli be⸗ fanden wir uns auf der Höhe von Cap Finisterre, — ſo ſagt Esmond's Taſchenbuch; und am 8. Auguſt wa⸗ ren wir im Angeſicht der Felſen von Liſabon. Um dieſe Zeit war der Fähndrich nun ſchon ſo kühn, wie ein Admiral, geworden. Eine Woche ſpäter hatte er das Glück, zum erſten Male im Feuer, und — zugleich unter Waſſer zu ſein, indem ſein Boot in der Bay von Toros, wo die Truppen landeten, in der Brandung unterſank, indem es voll Waſſer lief. Der junge Soldat nahm bei dieſer Expedition keinen andern Schaden, als daß ſein neuer Rock ein Bischen genetzt wurde, denn die Spanier hielten vor unſern Truppen nicht Stand, und konnten es auch nicht, da ſie viel zu ſchwach waren. Wenn aber auch die Campagne nicht ſehr ruhmvoll war, ſo war ſie doch ſehr angenehm. Neue Naturſce⸗ nen, neue Anſichten zur See und auf dem feſten Lande, 29 —eein Leben voller Thätigkeit, das jetzt zum erſten Male begann, — Alles das beſchäftigte den jungen Mann, und regte ihn auf. Die vielen Unfälle und Zufälle, — das Leben am Bord eines Schiffes, — die militäriſche Pflicht, — die neuen Bekanntſchaften, zu denen ſowohl ſeine eigentlichen Waffengenoſſen, als die Flottenoffiziere gehörten, dienten dazu, ſeinen Geiſt zu erheitern und zu beſchäftigen, und denſelben aus der ſelbſtiſchen Niedergeſchlagenheit aufzuwecken worin ſeine neuerlichen, widrigen Schickſale ihn verſenkt hatten. Es war ihm, als ob der Ocean ihn von ſeinen ver⸗ gangenen Sorgen trennte, und er hieß den neuen Lebens⸗ abſchnitt, der ihm dämmerte, herzlich willkommen. Viel⸗ leicht war Esmond, als er an ſeine frühere tiefe Nie⸗ dergeſchlagenheit und Traurigkeit dachte, und als er ſich erinnerte, wie es ihm, noch vor einigen Monaten, als er im Gefängniſſe lag, geſchienen, daß dieſelben ewig dauern müßten, in ſeinem Herzen faſt ärgerlich darüber, daß er ſich ſo fröhlich fand. Mit eigenen Augen fremde Menſchen und fremde Länder zu ſehen, iſt beſſer, als alle Reiſeberichte von der Welt zu leſen; und mit unendlicher Wonne und mit wahrem Frohlocken fand ſich der junge Mann wirklich auf ſeiner großen Tour, und im Angeſicht von Menſchen und Städten, über welche er ſchon als Knabe ſo viel geleſen hatte. Er ſah zum erſten Male den Krieg, — den Stolz, den Pomp, und die Um⸗ ſtände deſſelben wenigſtens, wenn auch nicht Viel von deſſen Gefahren. Er ſah jetzt wirklich, und mit eige⸗ nen Augen, jene ſpaniſchen Cavaliere und Damen, die er mit den Augen ſeiner Phantaſie in jener unſterblichen Geſchichte von Cervantes geſehen hatte, welche die höchſte Wonne ſeiner jugendlichen Muſe geweſen war. Es ſind jetzt zwar bereits vierzig Jahre verfloſſen, daß Mr. Esmond Zeuge dieſer Scene war; Nichts deſtoweniger aber leben ſie in ſeinem Gedächtniſſe noch 30 eben ſo friſch, als an dem Tage, wo er ſie, als junger Mann, zum erſten Male ſah. Eine Wolke, faſt eine Wolke des Grams, die während der letzten Jahre ſei⸗ nes Lebens in unheimlicher Weiſe über ihm geſchwebt, und dieſelben in Düſterheit gehüllt hatte, ſchien ſich während dieſer glücklichen Fahrt und Campagne von Esmond wegzuziehen. Seine Energie ſchien bei einem frohen Gefühle der Freiheit zu erwachen, und ſich aus⸗ zudehnen. War er wohl insgeheim froh, daß er ſich jener liebevollen, aber unedlen Sklaverei, in der er zu Hauſe gelebt, endlich entriſſen hatte? War es, daß das Gefühl der untergeordneten Stellung, das der Gedanke an ſeine niedrige Geburt ihm aufgedrungen, von ihm wich, ſeitdem er jenes Geheimniß kannte, das, obgleich er es für ſich behalten mußte, denn doch hinreichte, um ihn heiter zu ſtimmen und ihn zu tröſten? So viel iſt auf jeden Fall gewiß, daß der junge Esmond bei der Armee ein ganz anderes Weſen war, total verſchieden von dem traurigen kleinen Abhäng⸗ linge des freundlichen Caſtlewvod'ſchen Hauſes, und von dem trübſinnigen Studenten von Trinit Walks, von dem Studenten, der unzufrieden mit ſeinem Schick⸗ ſale, ſowie mit dem Berufe, zu welchem er ſich ent⸗ ſchloſſen, er wußte ſelbſt nicht, wie, mit einer Art ge⸗ heimen Unwillens dachte, daß der Prieſterrock und die Biffchen, ſowie ſelbſt das heilige Amt, dem er ſich einſt zu widmen beſchloſſen, in Wirklichkeit nichts Anderes wären, als die Zeichen einer Knechtſchaft“ die ſein Leben laug dauern ſollte. Denn er mochte es ſich auch noch ſo ſehr verhehlen, immer war es ihm geweſen, daß, Caſtlewood's Kaplan zu ſein, nichts Anderes hieße, als Caſtlewood's Untergebener zu ſein, und daß ſonach ſein Leben nur eine lange, hoffnungsloſe Knechtſchaft ſein würde. Und ſo war er denn weit entfernt, ſeinem alten Freunde Tom Tuſher ſein Glück (— wofür Tom ſeine Anſtellung ohne Zweifel hielt —) zu mißgönnen. 31 Wäre es eine Biſchofsmütze und der Lambeth⸗Palaſt geweſen, ſo ſeine Freunde ihm angeboten hätten, und nicht eine kleine Pfründe und Landpfarrei, ſo würde er ſich, in einem, wie in dem andern Falle, als Skla⸗ ven gefühlt haben, und ſo war er denn ganz froh und dankbar, daß er ſich als freier Mann fühlen konnte Der tapferſte Mann, den ich je bei der Armee kannte, und der faſt bei allen Schlachten König Wil⸗ liam's geweſen war, und die Feldzüge des großen Her⸗ zogs von Marlborough mitgemacht hatte, konnte nie vermocht werden, uns eine andere ſeiner Heldenthaten zu erzählen, als die, daß Prinz Eugen ihm einſt be⸗ fohlen, einen Baum zu erklettern, um den Feind zu recognosciren, — welche Heldenthat er nicht ausführen konnte wegen der Reiterſtiefeln, die er anhatte; und dann ſetzte er hinzu, daß er am andern Tage um ein Haar gefangen worden wäre, wegen derſelben Kanonen⸗ ſtiefeln, die ihn verhindert hätten, davon zu laufen. Schreiber dieſes iſt geſonnen, dieſe lobenswerthe Zu⸗ rückhaltung nachzuahmen; er wird daher auch nicht bei ſeinen militäriſchen Heldenthaten verweilen, die in Wirklichkeit nicht ſehr verſchieden waren von denen tauſend anderer Gentlemen. Dieſe erſte Campagne Mr. Esmond's dauerte nur ein Paar Tage; und da ſchon ein Paar Dutzend Bücher darüber geſchrieben ſind, ſo kann hier kurz darüber hinweggegangen werden. Als unſere Flotte die Stadt Cadix zu Geſicht be⸗ kam, ſchickte unſer Befehlshaber ein Boot mit einer weißen Flagge und mit ein Paar Offizieren an den Gouverneur von Cadix, Don Scipio de Brancaccio, ab. In einem Brief an denſelben drückte Seine Gnaden die Erwartung aus, daß, da Don Scipio früher mit den Oeſterreichern gegen die Franzoſen in England gedient, Seine Excellenz ſich nun, in dem Kriege zwiſchen Kö⸗ nig Philipp und König Karl, gegen den König von Frankreich und für den Oeſterreicher erklären würde. 32 Aber Seine Excellenz, Don Scipio, bereitete eine Ant⸗ wort vor, worin er meldete, daß er, da er ſeinem früberen Könige ehrenvoll und treu gedient, nun ge⸗ denke, dieſelbe Lohalität und Hingebung gegen ſeinen dermaligen Sonverain, König Philipp, den Fünften, an den Tag zu legen; unterdeſſen, und bis der Brief parat war, hatte man den Offizieren die Stadt, und die Alameda*), und das Theater, wo Stiergefechte ge⸗ halten werden, und die Klöſter gezeigt, wo die bewun⸗ derungswürdigen Werke von Don Bartolome Murillo einen von ihnen mit gewaltigem Staunen und außer⸗ ordentlicher Wonne erfüllten, — wie ihm noch nie vor⸗ gekommen war. Und als die engliſchen Gentlemen Alles dieß geſehen, und ihnen Chocolade und einige andere Erfriſchungen gereicht worden waren, wurden ſie mit aller Artigkeit zu ihrer Schaluppe zurückbeglei⸗ tet; und es waren dieſelben die zwei einzigen Offiziere der engliſchen Armee, welche dazumal die berühmte Stadt Cadix ſahen. Der General verſuchte an den Spaniern die Macht einer weitern Proclamation, worin er ankündigte, daß wir bloß im Intereſſe Spaniens und König Karl's kämen, und daß wir für uns ſelbſt gar keine Eroberung in Spanien machen, noch uns dort feſtſetzen wollten. Aber es ſchien, als ob all' dieſe Beredſamkeit bei den Spaniern nicht recht anſchlagen wollte: der General⸗ capitän von Andaluſien wollte uns ebenſo wenig Gehör ſchenken, als der Gonverneur von Cadix; und in Er⸗ wiederung der Proclamation Seiner Gnaden ließ der Marquis von Villadarias eine andere vom Stappel laufen, welche diejenigen, die Spaniſch verſtanden, ſo ziemlich als die beſſere erklätten; und zu denen die * Ein Pappelbaumgang, oder überhaupt eine mit Bäu⸗ men bepflanzte Promenade, 33 ſpaniſch verſtanden, gehörte auch Harry Esmond, der ſchon vor langer Zeit von ſeinem freundlichen Jeſuiten darin unterrichtet worden war, und nun die Ehre hatte, Seiner Gnaden dieſe harmloſen Kriegsdocumente zu überſetzen. Der Don führte am Schluſſe ſeiner Pro⸗ clamation einen ſcharfen Hieb gegen Seine Gnaden, ſowie noch gegen andere Generale in Dienſten Ihrer Majeſtät. Es hieß da: „daß er und ſein Rath das edle Beiſpiel ihrer Vorfahren zu befolgen hätten, die ihre Erhebung nie im Blute oder in der Flucht ihrer Könige geſucht. Mori pro patria — dieß ſei ſein Wahlſpruch, den der Herzog ſo gefällig ſein möchte, der Prinzeſſin mitzutheilen, die England regiere.“ Ich vermag nun nicht zu ſagen, ob die Truppen über dieſe Art böſe waren oder nicht: ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß Etwas ſie in Muth ſetzte, denn da unſere Leute ſich der Stadt Cadix nicht bemächtigen konnten, ſo nahmen ſie Puerto Santa Maria in Beſitz, plün⸗ derten es, braunten die Waarenlager der Kaufleute nieder, beſoffen ſich mit den famoſen Weinen, die ſie dort fanden, raubten ruhige Häuſer und Klöſter aus, und mordeten, und thaten andere Dinge, die noch ſchlimmer waren. Und das einzige Blut, das Mr. Es⸗ mond in dieſer ſchimpflichen Campagne vergoß, war, daß er mit einer Halbpike eine engliſche Schildwache niederſchlug, welche eine arme zitternde Nonne miß⸗ brauchen wollte. Wird es ſich wohl herausſtellen, daß ſie eine Schönheit, — ja, daß ſie vielleicht eine Prin⸗ zeſſin, — oder daß ſie vielleicht Esmond's Mutter war⸗ die er verloren und nie geſehen hatte? Leider muß ich ſagen, daß keines der Fall war: es war bloß ein armes, waſſerſüchtiges, engbrüſtiges, altes Frauenzim⸗ mer, mit einer Warze auf der Naſe. Da aber Esmond ſchon frühzeitig in der römiſch⸗katholiſchen Religion unterrichtet worden war, ſo hatte er zu keiner Zeit vor Henry Esmond. M. 3 derſelben den Abſcheu, den einige Proteſtanten gezeigt haben, und den ſie für einen Theil unſerer Religion zu halten ſcheinen. Nach der Plünderung von Santa Maria, und nach der Beſtürmung von ein Paar Forts, ſchifften ſich ſämmtliche Truppen wieder ein, und beendigten ihre Expedition auf jeden Fall glänzender, als dieſelbe begonnen hatte. Als unſere Admirale, Rvoke und Hopſon, hörten, daß die franzöſiſche Flotte mit großen Schätzen in der Bucht von Vigo liege, ſo folgten ſie dem Feinde dorthin nach. Darauf landeten die Truppen und nahmen die Forts weg, welche die Vucht beſchützten; Hopſon paſ⸗ ſirte auf ſeinem Schiffe „der Torbay“ zuerſt den Hafen⸗ baum, und ihm folgten die übrigen Schiffe ſowohl die engliſchen, als die holländiſchen nach. Zwanzig Schiffe wurden im Hafen von Redondilla entweder verbrannt oder genommen; auch wurde viel mehr geplündert, als je geſagt wurde und verantwortet werden konnte; aber Leute, die vor dieſer Erpedition arm geweſen waren, waren ſpäter reich, und man fand und bemerkte dieß ſo oft, daß die Offiziere, die bei der Affaire von Vigo geweſen waren, mit reichgefüllten Taſchen nach Hauſe kamen; — daß der berüchtigte Jack Shafto, der in London in den Kaffeehäuſern und an den Spieltiſchen eine ſo große Figur machte, und ausſprengte, er ſei als Soldat bei Vigo geweſen, um die Zeit, als er gehängt werden ſollte, bekannte, daß die Bagfhoter Haide ſein Vigo geweſen, und daß er von La Redon⸗ dilla nur darum ſprach, um die Augen der Leute von dem Waarenplatze abzuwenden, wo die Beute lag. In der That, Hounslow oder Vigo, — was thut es zur Sache? Die letztere Affaire war eine ſchlechte Geſchichte, obgleich Mr. Addiſon ſie in lateiniſchen Verſen beſang. Die Muſe dieſes ehrlichen Herrn war ſo klug, auf das 35 Solide zu ſehen; und ich zweifle, ob ſie je auf der Seite, die es verlor, viel Inſpiration ſah. Obgleich aber Esmond, für ſeinen Theil, von die⸗ ſer fabeihaften Beute Nichts bekam, ſo waren doch ein großer Gewinn, den er aus der Campagne zog, die Thätigkeit, die Aufregung, und die wechſelvollen Sce⸗ nen; denn ſie verſcheuchten großentheils ſeine frühere Traurigkeit und den Trübſinn, an dem er bis dahin gelitten. Auf jeden Fall aber lernte er ſein Schickſal frendig ertragen. Er brachte von dieſer Expedition, die ſchon im Herbſte vorüber war (— denn um dieſe Zeit waren die Truppen ſchon wieder in England —) ein gebräun⸗ tes Geſicht, ziemlich viel Entſchloſſenheit und Stand⸗ haftigkeit, ſowie einen kleinen netten Vorrath von Be⸗ obachtungen und von Wiſſen heim. In England an⸗ gekommen, gab Esmond ſeine Stelle als Secretär bei General Lumley, deſſen Commando jetzt ein Ende hatte, aufz ſodann verabſchiedete er ſich von dem genannten Offizier, der ihm mit vielen freundlichen Worten ſeines Wohlwollens verſicherte, und bekam Urlaub, um nach London zu gehen, wo er ſein Glück weiter verſuchen wollte. Und ſo fand er ſich denn abermals in der beque⸗ men Wohnung ſeiner verwittweten Tante zu Chelſea; auch erfreute er ſich jetzt bei der alten Dame einer größeren Gunſt, denn je Dieß bewerkſtelligte er ins⸗ beſondere durch einen Kamm, einen Fächer, und eine ſchwarze Mantille, wie ſie die Damen von Cadix tra⸗ 6 und von denen my Lady Viscounteß meinte, daß ie ihrer eigenen Art von Schönheit vollkommen ent⸗ ſprächen. Hatte dieſes Geſchenk ſie erfreut, ſo war ſie auf der andern Seite nicht wenig erbaut, als ſie die Geſchichte von der Rettung der Nonne hörte; auch zwei⸗ felte ſie gar nicht, daß ihre König⸗James⸗Reliquie, die er ſtets pflichtgemäß in ſeinem Pulke getragen, ihn vor jeder Gefahr geſchützt und die Schüſſe des Feindes von ihm abgewendet hätte. My Lady gab Feſte zu ſeinen Ehren, machte ihn mit noch andern Perſonen bekannt, und intereſſirte ſich für ihn mit ſolchem Eifer und Erfolg, daß ſie das Verſprechen bekam, daß Lady Marlborough ihm zu einer Compagnie verhelfen werde; wobei zu bemerken iſt, daß die ſo eben genannte hochgeſtellte Dame gnä⸗ digſt geruhete, einen ein Paar hundert Guineen wer⸗ then Diamant anzunehmen, welchen Mr. Esmond durch die Güte ſeiner Tante, die ihm ferner verſprach, daß ſie noch weiter für ihn ſorgen wollte, in Stand geſetzt war, Ihrer Ladyſchaft zu verehren. Er hatte auch die Ehre, gelegentlich bei den Abend⸗Receptionen der Kö⸗ nigin zu erſcheinen, und my Lord Marlborongh's Le⸗ vers zu beſuchen. Der ſo eben genannte große Mann empfing den jungen mit ganz beſonderer Gunſt, — ſo ſagten we⸗ nigſtens Esmond's Kameraden, — und geruhete zu ſagen, daß er, ſowohl in Betreff der Tapferkeit, als in Betreff der Fähigkeit, die beſten Berichte über Mr. Esmond erhalten, worauf ſich der junge Gentleman natürlich tiefer neigte, und ſein brennendes Verlangen ausdrückte unter dem ausgezeichnetſten Generale der Welt zu dienen. Während ſeine Sachen ſo proſperirten, vergnügte ſich Esmond auch ein Bischen, denn er zeigte ſich mit andern jungen Herrn in den Kaffeehänſern, in den Theatern, und auf der Maille. Es verlangte ihn, von ſeiner theuren Gebieterin und ihrer Familie zu hören: gar oft war er, inmitten der Luſtbarkeiten und Ver⸗ gnügungen der Stadt, bei ihnen; und oft, wenn die jungen Burſche, die zu ſeiner Geſellſchaft gehörten, in der Taverne luſtig waren, und bei ihrer Flaſche Wein (— wie es damals Mode war —) eine Schöne hoch leben ließen, dachte Esmond an ein Paar Perſonen, — an zwei hübſche Frauenzimmer, die er gewohnt ge⸗ weſen war, beinahe anzubeten, und leerte dann ſein Glas mit einem Seufßzer. Unterdeſſen war die alte Vicomteſſe der jungen wie⸗ der müde geworden, und ſo oft ſie von my Lord's Wittwe ſprach, geſchah es in Ausdrücken, die für dieſe arme Dame keineswegs ſchmeichelhaft waren: da die jüngere Frau ihres Schutzes nicht länger bedurfte, ſo wurde ſie von der älteren geſchmäht. Die meiſten Fa⸗ milienſtreitigkeiten, die ich im Leben noch geſehen, ent⸗ ſpringen (— immer diejenigen ausgenommen, die we⸗ gen Geldangelegenheiten entſtehen, wo die Theilung von zwei Pence und einem halben Penny die liebſten Verwandten oft in Krieg verwickelt und einander ent⸗ fremdet —) aus Eiferſucht und Neid. Jack und Tom, die derſelben Familie angehören, und daſſelbe Vermö⸗ gen erben, leben in recht herzlichem Einverſtändniß mit einander, — nicht etwa ſo lange, bis Jack zu Grunde gerichtet iſt, wo Tom ihn verläßt, ſondern bis Tom plötzlich auf der Glücksleiter einige Sproſſen höher ſteigt, was Jack nicht verzeihen kann. Der unglückliche Menſch iſt es, der zehn gegen ein Mal böſe iſt, nicht am an⸗ dern liegt die Schuld. Mrs. Jack, die bloß eine Sänfte anſchaffen kann, iſt es, die über den neuen Wagen und die ſechs neuen Pferde der Mrs. Tom ärgerlich iſt, die ſich über das vornehme Weſen ihrer Schwä⸗ gerin aufläßt, und ihren Gatten gegen ſeinen Bruder aufhetzt. Jack, der ſeinen Bruder einem Lord die Hand ſchütteln ſieht — einem Lord, mit dem Jack ſelbſt gern ein Paar Priſen Schnupftabak austauſchen möchte —) iſt es, der heim geht und ſeiner Frau er⸗ zählt, wie arg es der arme Tom treibt; in ſeinen Au⸗ gen iſt derſelbe nichts Anderes, als ein Kriecher, ein Schmarotzer, und ein Bettler zu Pferde. Ich erinnere mich noch gar wohl, mit welcher Wuth die Kaffeehaushelden über Dick Steele herfielen, als er 38 ſich einen Wagen und ein ſchönes Haus in Blooms⸗ bury anſchaffte; ſie fingen erſt dann an, ihm dieß Ver⸗ gehen zu verzeihen, als die Gerichtsdiener hinter ihm her waren; und dann ſchmäheten ſie auch auf Mr. Ad⸗ diſon, daß er Dick's Landhaus verkaufen ließ. Und doch war der Dick vom Spunging⸗Houſe und der Dick im Park, mit ſeinen vier Pferden und ſeinem ſilbernen Pferdegeſchirr, genau derſelbe artige, freundliche, und haushälteriſche, joviale Dick Steele: und doch hatte Mr. Addiſon vollkommen recht, daß er wieder zu ſei⸗ nem Gelde zu kommen ſuchte, und daß er Dick nicht geſtattete, das, was er ihm ſchuldete, an Weinwirthe, die ihm Champagner lieferten, an Muſikanten, anSchnei⸗ der, Möbelhändler, und jüdiſche und chriſtliche Schma⸗ rotzer und Schmarptzerinnen, die ſich an ihn hingen, zu verſchwenden. Gleichwie, nach der berühmten Mapxime von Monſieur de la Rochefoucault „in dem Unglücke unſerer Freunde Etwas liegt, was uns ingeheim Freude macht, — ebenſo iſt uns auch andererſeits ihr Glück unangenehm. Wenn es für einen Menſchen ſchwer iſt, ſein ei⸗ genes Glück zu ertragen, ſo iſt es für ſeine Freunde noch ſchwerer, es für ihn zu ertragen; und nur wenige derſelben vermögen in der Regel dieſe Prüfung zu überſtehen, während es einer der eigenthümlichen Vor⸗ theile des Unglücks iſt, daß es ſich als großer Verſöh⸗ ner erweist; — daß es die frühere Güte und Freund⸗ lichkeit, die es vom Betreffenden abgewandt, zurückführt, Feindſchaften entwaffnet, und den Feind von geſtern veranlaßt, ſeinen Haß bei Seite zu werfen, und dem gefallenen Freunde aus alten Tagen eine tröſtende Hand zu bieten. Es herrſcht Mitleid und Liebe ebenſo ſehr, als Neid, in demſelben Herzen und gegenüber von derſelben Perſon. Die Nebenbuhlerſchaft hört auf, ſobald der Concurrent unterliegt; und wie ich die Sache anſehe, ſo ſollten wir dieſe angenehmen und wider⸗ 39 wärtigen Eigenſchaften unſerer Menſchennatur in gleich demüthiger Weiſe anſchauen. Es ſind dieſelben ganz conſequent und natürlich, und ſowohl unſere Freund⸗ lichkeit, als unſere Gemeinheit menſchlich. Man kann alſo die Sache entweder ſo anſehen, als habe die ältere der beiden Vicomteſſen der jüngeren ihre Schönheit verziehen, als letztere von ihrer Friſche vielleicht Etwas verloren, — und als habe ſie die meiſten ihrer Beſchwerden und Ausſtellungen vergeſſen, als der Gegenſtand derſelben aufgehört, glücklich und beneidenswerth zu ſein; — oder aber können wir in wohlwolleuderer Weiſe ſagen (— obgleich es, man mag uun rechnen, wie man will, auf daſſelbe hinauskommt, und das Facit das nämliche bleibt —), daß Iſabella ihre gegen Rachel bewieſene Unfreundlichkeit bereute, als Rachel unglücklich geweſen, und als ſie, ſich für die arme Wittwe und deren Kinder intereſſirend, denſelben ein Obdach gab, und ihnen ihre Freundſchaft ſchenkte. Die beiden Damen waren vollkommen gute Freun⸗ dinnen, ſo lange die ſchwächere eine Beſchützerin brauchte. Ehe Esmond ſeinen erſten Feldzug machte, ſtand ſeine Gebieterin immer noch auf freundſchaftlichem Fuße (— obgleich ſie natürlich nur ein armes Rotznäschen und eine Frau war, der offenbar aller Charakter und Muth abging, und ſo weiter, und ſo weiter —) mit der älteren Lady Caſtlewvod; und was Miſtreß Beatrix betrifft, ſo ließ man ſie für eine Schönheit paſſiren. Allein zwiſchen dem erſten und dem zweiten Jahre der Regierung der Königin Anna hatten, nach der Be⸗ ſchreibung der älteren Dame wenigſtens zu ſchließen, die beiden jüngeren Ladys ſich gar nicht zu ihrem Vor⸗ theil verändert. Rachel, Vicomteſſe Caſtlewood, hatte ein Geſicht, das um kein Haar beſſer war, als ein Kloß, und Miſtreß Beatrix war eine ganz ordinäre Perſon geworden, und verlor alle ihre Schönheit. Der kleine Lord Blandford — ſie wollte ihn nie Lord Blandford kurzweg nennen; ſein Vater war Lord Churchill; — der König, den er verrieth, hatte ihn zu einem Lord Churchill gemacht, und Lord Churchill war er immer noch —) liebäugelte zwar vielleicht ein Bischen mit ihr; aber ſeine Mutter, jene böſe Sieben, Sarah Jennings genannt, würde von einer ſolchen Thorheit gewiß nie hören wollen. Lady Marlborongh hätte zwar Miſtreß Beatrix bei der Prinzeſſin empfohlen, ſo daß ſie den Poſten einer Ehrendame bekommen; aber ſie würde es noch bereuen. Die Wittwe Francis (— ſie war bloß Mrs. Francis Esmond —) ſei, meinte ſie, ein ränkevolles, ſchlaues, herzloſes Weibſtück. Sie verderbe ihren Balg von einem Knaben, und werde damit endigen, daß ſie ihren Kaplan heirathe. „Was, Tuſher!“ rief Mr. Esmond, der bei dieſen Worten ſich in ſeltſamer Weiſe von Wuth und Stau⸗ nen gequält fühlte. „Ja, — Tuſher, der Sohn meiner Kammerfran; Tuſher, der alle Eigenſchaften ſeines Vaters, des ſchwarz gekleideten Lakaien, und ſeiner hochgebildeten Mama, der Kammerfrau, geerbt hat,“ ruft my Lady. „Was glauben Sie denn, daß eine ſentimentale Wittwe, die drunten in jenem trübſeligen Kerker, Caſtlewood ge⸗ nannt, lebt, wo ſie ihren Knaben verderbt, die Armen mit ihren Arzneien umbringt, jeden Tag zwei Mal ihre Leute beten läßt, und Niemand, als ihren Kaplan ſieht, — was glauben Sie denn, mon Cousin, daß ſie Anderes thun könne, als daß ſie dem obſcheulichen Pfaffen, mit ſeinen großen, breitſchnäbeligen Schuhen, und ſeinen häßlichen kleinen grünen Augen, erlaube, ihr den Hof zu machen? Cela s'est vu, mon Cousin. Als ich noch als Mädchen auf Schloß Caſtlewvod war, verliebten ſich alle Kaplane ſammt und ſonders in ſie. S wollen Sie? die Leute haben ja ſonſt Nichts zu thun.“ My Lady fuhr fort, in ſolcher Weiſe zu ſchwatzen, 41 obgleich Esmond, in Wahrheit, auch nicht den ent⸗ fernteſten Begriff von dem hatte, was ſie weiter ſagte: — ſo ganz und gar beſchäftigten ihre Worte ſeinen Geiſt. Waren dieſelben wahr? Ganz und gar nicht; nicht einmal die Hälfte, ja nicht einmal der zehnte Theil von dem, was das geſchwätzige alte Weib ſagte, war wahr. Konnte dies fo ſein? Esmond hatte kein Ohr mehr für das, was ſeine Beſchützerin weiter ſagen mochte, obgleich dieſelbe noch eine ganze Stunde ſo fortplauderte. Einige junge Gentlemen von der Stadt, mit denen Esmond Bekanntſchaft gemacht hatte, hatten ihm ver⸗ ſprochen, ihn der bezauberndſten aller Schauſpielerin⸗ nen, und der heiterſten und angenehmſten aller Frauen, Mrs. Bracegirdle, vorzuſtellen, um derentwillen Harry's alter Gegner, Mohun, einige Jahre früher, ehe mein armer Gebieter und er Feinde wurden, ſich duellirt hatte. Der berühmte Mr. Congreve hatte ſich entſchie⸗ den günſtig für dieſe bezaubernde Perſon ausgeſprochen, — und ſeine Stimme war eine ſo gewichtige, daß gegen dieſelbe nicht aufzukommen war; ſie ſpielte auch in Dick Steele's Komödien, und, um die Sache kurz zu machen, Mr. Esmond fühlte, oder glaubte wenigſtens während vierundzwanzig Stunden, nachdem er ſie geſehen, daß er in dieſe reizende Brünette ebenſo verliebt wäre, wie tauſend andere junge Burſche in der Stadt. Sie ein Mal geſehen zu haben, hieß ſich wieder nach ihrem Anblicke ſehnen; und ſchon die Aus⸗ ſicht auf das entzückende Vorrecht ihrer Bekanntſchaft war eine Wonne, an die der junge Lieutenaut nicht zu denken vermochte, ohne ſein Herz auf's Heftigſte ent⸗ brannt zu fühlen. Man kann nicht mit Kameraden unter einem Zelte leben, ohne ausfindig zu machen, daß man auch fünf⸗ undzwanzig iſt. Ein junger Burſche kann nie von einem, wenn auch noch ſo ſchweren, Unglück und Gram 42 darniedergebengt ſein: es kommt denn doch endlich eine Nacht, wo er anfängt, geſund zu ſchlafen, und ein Tag, wo er zur Mittagszeit ſich recht hungrig fühlt, und ſich nach einem Beefſteak ſehnt. Zeit, Jugend, und gute Geſundheit, neue Stenen, das thätige Leben, und die mit einem Feldzuge nothwendig verbundene Auf⸗ regung hatten bei Esmond die Wirkung gehabt, daß ſeine Trauer nun ſo ziemlich zu Ende war; und es pflegten ſeine Kameraden zu ſagen, daß Don Trübſelig, wie ſie ihn nannten, nicht mehr der alte Don Trüb⸗ ſelig ſei. Wenn daher ausgemacht wurde „daß man in der Roſe zu Mittag ſpeiſen und darauf in's Theater gehen wolle, ſonderte Esmond ſich nicht ab, ſondern erfreute ſich, ſo gut wie ein Anderer, des Schauſpiels und deſſen, was die Flaſche enthalten mochte. Wie kam es denn nun aber⸗ daß die Neuigkeiten, oder auch die Läſterreden der alten Tante in Betreff Tom Tuſher's bei Tom's altem Spielkameraden eine ſo ſeltſame und eine ſo plötzliche Aufregung hervor⸗ brachten? Hatte er nicht wohl tauſend Mal bei ſich ſelbſt geſchworen, daß die Lady von Caſtlewvod, die ihn einſt mit ſo vieler Güte behandelt, und ihn dann ſo grauſam verlaſſen, ihm gleichgültig wäre, und ihm von nun an und in alle Ewigkeit gleichgültig bleiben müßte? Hatte ſein Stolz und hatte ſein Gerechtigkeitsgefühl ibn nicht ſchon längſt gelehrt, den Schmerz dieſer Ver⸗ laſſung zu heilen: — ja, konnte überhaupt noch bei ihm von einem Schmerze die Rede ſein? Ei, hatte er nicht erſt am vergangenen Abende, als er, von Pall Mall aus, über die Felder und Wieſen nach Chelſea ging, zwei bis drei Stanzen von einem Gedichte ge⸗ macht, das Bracegirdle's braune Angen beſang, und dieſelben für tauſend Mal ſchöner erklärte, als die herrlichſten blauen Augen, die je unter den Wimpern einer inſipiden Blondine ſchmachteten? Aber Tom Tuſher! Tom Tuſher, der Sohn der 43 Kammerfrau, — der ſollte ſeine Aeuglein bis zu ſei⸗ ner Gebieterin erheben! Tom Tuſher ſollte ſich unter⸗ ſtehen, an Caſtlewood's Wittwe zu denken! Wuth und Vernichtung erfüllten Mr. Harry's Herz bei dem bloßen Gedanken an ein ſolches Unterfangen; die Ehre der Familie, deren Haupt er war, machte es ihm zur ge⸗ bieteriſchen Pflicht, eine ſo monſtröſe Verbindung zu verhindern, und den Emporkömmling zu züchtigen, der es wagen konnte, an eine ſolche Beleidigung ihres Hau⸗ ſes zu denken. Zwar hatte Mr. Esmond ſich oft republikaniſcher Grundſätze gerühmt, und es konnte derſelbe ſich gar wohl vieler ſchönen Reden erinnern, die er auf der Univerſität und anderswo geführt, und wobei die Würdigkeit und nicht die Geburt den Tert gebil⸗ det hatten: aber daß Tom Tuſher es ſich einfallen laſſen ſollte, die Stelle des edlen Caſtlewood einzuneh⸗ men, pfni! — es war dieß ebenſo monſtrös, als wenn König Hamlet's Wittwe um Clandins“ Willen die Trauer ablegte. Esmond lachte über alle Wittwen, alle Frauen, alle Weiber, und verhöhnte ſie in ſeinem Geiſte; — und ſollten auch, wie es ohne Zweifel der Fall war, ſchon am nächſten Sonntage in der Kirche von Walcote die beiden Verlobten proclamirt werden, ſo ſchwor doch Esmond, daß er dort ſein wolle, um vor der ganzen Gemeinde ein Nein! hervorzu⸗ ſchreien, und von dem allzu kühnen Bräutigam Rechen⸗ ſchaft zu fordern für ſein Thun. Anſtatt alſo an jenem Tage in der Roſe zu di⸗ niren, befahl Mr. Esmond ſeinem Bedienten, einen Mantelſack zu packen, und Pferde in Bereitſchaft zu halten; und ſchon war er in Farnham, halbwegs von alcote, dreißig Meilen weit von der Stadt, ehe noch ſeine Kameraden, nach der Komödie, ſich zu ihrem Souper niederließen. Er befahl ſeinem Bedienten, im Hauſe der verwittweten Vicomteſſe ja Nichts von dem 44 Zuge zu ſagen, den er jetzt unternahm; und da Chel⸗ ſea von London ziemlich weit entfernt, die Wege ſchlecht und von Räubern heimgeſucht waren; und da ferner Esmond, wenn er eine Luſtpartie machte, oft die Ge⸗ wohnheit hatte, in der Stadtwohnung eines Freundes über Nacht zu bleiben, ſo brauchte ſeine alte Tante wegen ſeines Ausbleibens gar nicht in Unruhe zu ſein; — und Nichts freute die alte Lady in der That mehr, als der Gedanke, daß mon cousin, der unverbeſſerliche junge Sünder, in der Stadt ſei, und dem edlen Ge⸗ ſchäfte obliege, die Nachtwächter zu prügeln, oder das Quartier von St. Giles zu durchſtreifen. Wenn ſie nicht über ihren Andachtsbüchern ſaß, ſo erſchienen ihr Etheridge und Sedley als eine recht gute Lectüre. Sie wußte hundert hübſche Geſchichten über Rocheſter, Harry Jermyn, und Hamilton; und hätte Esmond es über ſich gewinnen können, auch nur eine Bürgersfrau zu entführen, ſo glaube ich wahrhaftig, daß ſie ihre Dia⸗ manten (— die koſtbarſten derſelben fielen Unſerer Lieben Frau von Chaillot zu —) verſetzt haben würde, um den Schadenerſatz zu bezahlen, wozu er verurtheilt worden wäre. My Lords kleines Haus zu Walcote, das er be⸗ wohnt hatte, ehe er den Viscounts⸗Titel erbte und das Schloß von Caſtlewvod bewohnte, liegt etwa eine Meile von Wincheſter, und die Wittwe war nach my Lords Tode nach Walcote zurückgekehrt, da der Ort ihr immer theuer geweſen war, und da ſie dort ihre früheſten und glücklichſten Tage verlebt hatte, wäh⸗ rend Schloß Caſtlewood, bei ihren geringen Mitteln, ihr jetzt zu groß war. Auch kam ſie ſo wieder in die Nähe ihres Vaters, des Exdechanten, der daher auch ſie mehr beſchützen konnte. Was den jungen Liscount betrifft, ſo hatte er das berühmte Collegium von Win⸗ cheſter ein Jahr lang beſucht, wobei Mr. Tuſher als ſein Hofmeiſter functionirt hatte. 45 So viel hatte Mr. Esmond, während des ver gangenen Jahres, von der alten Vicomteſſe, der Wittwe ſeines Vaters, erfahren; was die junge Wittwe betrifft, ſo hatte ſie ihn während dieſer Zeit mit keiner Silbe erfreut. Zu den Lebzeiten ſeines Wohlthäters war Esmond ein Paar Mal in Walcote geweſen; und nun war er, nachdem er bloß ein Paar Stunden in der am Wege liegenden Herberge ausgeruht, ſchon lange wieder vor Tagesanbruch aufz auch ritt er ſo ſcharf, daß er ſchon um zwei Uhr Nachmittags zu Walcote anlangte. Er ritt auf das Gaſthaus im Dorfe zu, wo er abſtieg. Von da ſchickte er an Mr. Tuſher einen Bo⸗ ten ab, um ihm ſagen zu laſſen, daß ein Herr von London da wäre, der unverzüglich mit ihm ſprechen müßte. Der Bote kam zurück mit der Meldung, daß der Doktor in der Stadt ſei, und, um dieſe Stunde, höchſt wahrſcheinlich den Gebeten in der Kathedrale anwohne. Auch my Lady Viscounteß war dort: es war ihre Ge⸗ wohnheit, jeden Tag ſich in der Kathedrale bei den Gebeten einzufinden. Die Pferde gehörten dem Poſthalter von Wincheſter. Esmond ſtieg daher wieder auf, und ritt nach dem Gaſthofe „zum heiligen Georg“ fort, von wo er ge⸗ radenwegs nach der Kathedrale hinging, während ſein murrender Bedienter ſich endlich wohlgemuth zum Mit⸗ tageſſen niederſetzen durfte. Von der Kirche her drangen Orgeltöne in ſein Ohr; und der Wintertag fing ſchon an, grau zu wer⸗ den, als er von der Straße aus, unter dem Bogen⸗ gange hindurch, in den Hof der Kathedrale, und dann in das alte majeſtätiſche Gebäude trat. Sechstes Rapitel. Der neunundzwanzigſte Dezember Es waren in der Kathedrale kaum ein Paar Dutzend Perſonen außer dem Dechanten, einigen Geiſt⸗ lichen, und den jungen und alten Chorſängern, welche die prachtvollen Abendgebete ausführten. Aber Doctor Tuſher war einer der Offizianten, und es las derſelbe in großer ſchwarzer Perrücke und mit gebieteriſcher Stimme vom Pulte herab; und in einem Kirchenſtuhle ſaß Esmond's theure Gebieterin, immer noch in ihre ſchwarze Wittwenkapuze gehüllt; neben ihr befand ſich ihr Sohn, der unterdeſſen ſtark gewachſen und wirk⸗ lich ein junger Burſche von edlem Ausſehen war. Mit den Angen ſeiner Mutter verband er das krauſe branne Haar ſeines Vaters, das über ſeine genähten venetiani⸗ ſchen Spitzen herabfiel, — ein hübſches Gemälde, wie Vandyck es gern gemalt haben würde. Das Porträt von my Lord Viscount, das Monſieur Rigaud ſpäter zu Paris malte, gibt bloß eine franzöſiſche Verſion von ſeinem männlichen, offenen engliſchen Geſichte. Wenn er aufblickte, drangen zwei ſaphirene Strahlen aus ſeinen Augen, wie ſie, meines Erachtens, in keines Malers Palette liegen. Zwar gab es an dieſem Tage nur wenig Gelegenheit, die eigenthümliche Schönheit von my Lords Geſicht zu ſehen, denn die Wahrheit iſt, daß er die Augen größtentheils geſchloſſen hielt, und daß er, da der Chorgeſang ziemlich lange dauerte, eingeſchlafen warz aber nichts deſto weniger beſtehe ich darauf, daß das, was ich ſo eben geſagt, nur ein ſchwa⸗ cher Ausdruck der Wirklichkeit iſt. Als aber die Mufik aufhörte, wachte my Lord auf. Er ſah umher, und ſeine Augen fielen auf Mr. Esmond, der ihm gerade gegenüber ſaß, und mit nicht geringer Zärtlichkeit und Traurigkeit nach zwei Perſonen hinſchaute, denen ſo viele Jahre hindurch ein ſo großer Theil ſeines Herzens gehört hatte. Da fuhr Lord Caſtlewvod zuſammen, zupfte ſeine Mutter am Aermel (— ſie hatte das Geſicht faſt gar nie von ihrem Buche erhoben —), und ſagte: „Sehen Sie doch, Mutter!“ ſo laut, daß Esmond es auf der andern Seite der Kirche, und daß der alte Dechant es in ſeinem höheren Chorſtuhle hören konnte. Lady Caſtlewvod blickte, wie ihr Sohn ſie geheißen, einen Augenblick hin, und hielt gegen Frank einen warnenden Finger empor; — Esmond aber fühlte, wie ſein Ge⸗ ſicht entbrannte, und wie ſein Herz klopfte, als die theure Dame ihn wieder ein Mal ſah. Die noch übrigen Gebete waren jetzt bald vorüber; Mr. Esmond hörte ſie aber nicht; aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach hörte ſeine Gebieterin ſie ebenſo wenig, — ſeine Gebieterin, deren Geſicht ſich nur noch mehr hin⸗ ter der Kapuze verbarg, und die den Kopf auch nicht ein Mal wieder in die Höhe hob, als bis der Gottes⸗ dienſt vorüber, der Segen geſprochen, und der Herr Dechant mit ſeinen Geiſtlichen aus der inneren Kapelle verſchwunden war. Der junge Caſtlewood kam, noch ehe die Geiſtlich⸗ keit recht fort war, über die Kirchenſtühle herüberge⸗ klettert; dann lief er auf Esmond zu, und umarmte, und küßte ihn aufs Wärmſte. Er ſagte: „Mein theurer, theuerſter alter Harry, biſt Du wirklich wieder hier? Biſt Du im Kriege geweſen? Du wirſt mich doch mitnehmen, wenn Du wieder in den Krieg ziehſt? Warum haſt Du uns denn nicht geſchrie⸗ ben? Komm doch zur Mutter hinüber!“ Mr. Esmond war kaum im Stande, mehr zu ſagen, 48 als: „Gott ſegne Dich, mein Junge!“ denn ſein Herz war übervoll und über die Maßen dankbar, als er all dieſe Zärtlichkeit von Seiten des Jungen ſah; und er war ebenſo bewegt, als er Frank ſah, als er die andere Zuſammenkunft fürchtete, die jetzt Statt finden ſollte: wußte er doch nicht, ob die Wittwe ihn nicht von ſich weiſen würde, wie ſie vor einem Jahre in ſo grau⸗ ſamer Weiſe gethan. „Es war recht freundlich von Ihnen, daß Sie uns wieder beſucht haben, Henry,“ ſagte Lady Esmond. „Es war mir immer, als würden und müßten Sie kommen.“ „Wir laſen von der Ankunft der Flotte zu Ports⸗ mouth. Warum kamſt Du denn nicht ſogleich, von Portsmouth her, zu uns?“ fragte Frank, oder my Lord, wie er nun genannt werden muß. Esmond hatte auch daran gedacht. Er ſagte, daß er gerne ein Auge darum gegeben haben würde, wenn es ihm vergönnt geweſen wäre, ſeine lieben Freunde wieder zu ſehen; da er aber geglaubt, daß ſeine Ge⸗ bieterin ihm verboten, je wieder ein Mal ihr Haus zu betreten, ſo habe er ihr gehorcht, und ſei wegge⸗ blieben. . „Du brauchteſt ja aber nur darum zu bitten; auch wußteſt Du ja, daß ich hier ſein würde,“ ſprach er. Sie gab ihm ihre Hand, ihre kleine ſchöne Hand: es ſtak bloß ihr Hochzeitsring daran. Der Streit war nun ganz vorüber. Das Jahr des Schmerzens und der Entfremdung war verfloſſen. Nie waren ſie getrennt geweſen. Während dieſer ganzen Zeit war ſeine Ge⸗ bieterin ihm nie aus dem Sinn gekommen. Nein, auch nicht ein Mal. Nein, weder im Gefängniſſe, noch im Lager; noch am Ufer im Angeſichte des Feindes; noch zur See beim Glanze der Sterne zur feierlichen Mit⸗ ternachtsſtunde; noch in den Augenblicken, wo er das 45 glorreiche Herannahen der Morgendämmerung beobach⸗ tete; ja nicht einmal an der Tafel, wo er mit ſeinen Freunden zechte und ſchmauste; oder in dem Theater dort, wo er ſich einzubilden ſuchte, daß andere Augen ſchöner und heller wären, als die ihrigen. 3 Schönere und hellere Angen, und ſchönere Geſich⸗ ter mochte es allerdings geben; aber gewiß keine ſo theuren; — gewiß war keine Stimme ſo hold, wie die ſeiner vielgeliebten Gebieterin, die ihm während ſeiner Jugendzeit Schweſter, Mutter, Göttin geweſen, — Göttin zwar jetzt nicht mehr, da er ihre Schwächen kannte. Auch war er jetzt älter, als ſie, durch Gedan⸗ ken, durch Leiden, und durch die Erfahrung, welche dieſelbe in ihrem Gefolge haben; und dennoch ward ſie jetzt vielleicht als Frau zärtlicher geliebt, als ſie je in der Eigenſchaft einer Gottheit angebetet worden war. Was macht das? Was iſt Schuld daran? Worin liegt das Geheimniß, das ein kleines Händchen uns zur theuerſten aller Hände macht? Wer kann dieſes Myſterium enträthſeln? Da war ſie nun, — neben ihr ihr Sohn, ihr theurer Sohn. Da war ſie nun, weinend und glücklich. Sie erfaßte ſeine Hand mit ihren beiden Händen; — er fühlte ihre Thränen. Es war ein Entzücken der Wiederausſöhnung, — gleich groß auf beiden Seiten. „Ah, da kommt ja Saquaretves')! ſagte Frank. „Da iſt ja Tuſher“!“ Und wirklich erſchien auch Tuſher, der auf ſeinen hohen Abſätzen krachend herangeſtiegen kam. Mr. Tom hatte ſich ſeiner Alba oder ſeiner Stola entkleidet und kam in ſeinem Prieſterrocke und ſeiner großen ſchwarzen Perrücke heran. Wie hatte doch Harry Esmond auch *) Ein Mann mit breitſchnäbeligen Schuhen: Gaher) ein unmodiſcher Mann. Henry Esmond. M. 4 nur einen Augenblick auf dieſen Kerl eiferſüchtig ſein können? Gib uns Deine Hand, Tom Tuſher!“ ſprach Harry. Und der Kaplan machte eine ſehr tiefe und feier⸗ liche Verbeugung. „Es freut mich unendlich, Capitän Esmond zu ſehen, ſpricht Tuſher. „Ich habe mit my Lord das Reddas incolumem precor geleſen, und daſſelbe gewiß auf Dich angewendet. Du kommſt mit gaditaniſchen Lorbeeren zurück; — und als ich hörte, daß Du dort⸗ hin gingeſt, wünſchte ich, ich kann es Dir verſichern, ich wäre ein zweiter Septimius. My Lord Viscount, Ew. Lordſchaft erinnert ſich doch des „Septiwi, Hades aditure mecum?“ „Es gibt aber auf der Erde einen Winkel, der mir lieber iſt, als Gades, Tuſher,“ ſagt Mr. Es⸗ mond. „Und dieſer Winkel iſt kein anderer, als der, wo Ew. Ehrwürden eine Pfarrei bekommen hat, und wo wir aufgewachſen ſind.“ „Ein Haus, das für mich der heiligen Erinne⸗ rungen ſo viele hat,“ ſagt Mr. Tuſher (— und Harry konnte nicht umhin, daran zu denken, wie Tom dort von ſeinem Vater geprügelt worden war i Haus, ſo ganz in der Nähe des Schloſſes meines hochverehrten Patrons, meiner hochgeehrten Patronin, muß für mich ſtets ein theurer Aufenthaltsort ſein. Aber, Madame, der Küſter wartet, um hinter Ew. Lndyſchaft die Thüren zu ſchließen.“ Harr kommt mit uns zum Abendeſſen. Hurrah hurrah!“ ruft my Lord. Mutter, ſoll ich nach Hauſe laufen, und Beatrix ſagen, ſie ſolle ihre Bänder anlegen? Beatrix iſt Ehrendame, Harry. Ein ſo ſchön herausgeputzter Zieraffe e „Harry, Ihr Herz hing nie an der Kirche,“ ſagte die Wittwe in holdem, leiſem Tone, während ſie mit einander ihres Wegs gingen. (Es ſchien jetzt, als ob 51 ſie nie von einander getrennt geweſen, und dann ſchien es doch wieder, als ob ſie ein ganzes Menſchenalter von einander getrennt geweſen wären. —) „Ich dachte ſtets daß Ihr Beruf Sie nie dahin zöge, und daß es Jammerſchade wäre, Sie von der Welt auszuſchließen. Zu Caſtlewood würden Sie ſich nur zu Tode geärgert und zu Tode gegrämt haben: und es iſt beſſer, daß Sie ſich einen Namen machen. Ich ſt as oft zu meinem theuren, ſeligen Gatten. Ach der Sie! Mein Gott, er war es, der Se bei uns blieben.“ S Mein höchſter Wunſch war ſtets in zu bleiben,“ ſagte Mr. Esmond. 6 „Aber es war beſſer, daß Sie gingen, Harry⸗ Wenn die Welt keinen Frieden zu geben vermag, dann wiſſen Sie, wo Sie ihn finden können; — aber ein Mann von ſo ſtarker Phantaſie, und von ſo lebhaf⸗ ten Wünſchen muß es zuerſt mit der Welt verſuchen, ehe er derſelben müde wird. „Man konnte nie daran denken, oder wenn je daran gedacht wurde, ſo war es bloß in Folge meiner Selbſtſucht, daß Sie ewig Kaplan eines Landedel⸗ manns und Hofmeiſter eines kleinen Knaben bleiben würden. Sie haben das Blut der Esmonds geerbt, Vetter; — und dieſes Blut war während der Jngend⸗ zeit ſtets wild. Da ſehen Sie ein Mal Francis an! Noch iſt er nicht älter, denn fünfzehn, und kaum ver⸗ mag ich ihn in meinem Neſte zurückzuhalten. Fr ſpricht von Richts, als Krieg und Vergnügungen, und it vor Verlangen, in dem nächſten Feldzuge zu ienen. „Vielleicht macht er mit dem jungen Lord Chur⸗ chill den nächſten Feldzug mit. Lord Marlborongh iſt gegen uns ſehr gütig geweſen. Sie wiſſen, wie freund lich dieſe Lente in meinem Ungläcke gegen mich gewe⸗ ſen ſind. Auch die Wittwe Ihres — Ihres Vaters u Sie 52 hat ſich äußerſt freundlich gegen mich erwieſen. Man weiß gar nicht, wie gut die Welt iſt: will man es erfahren, ſo muß man warten, bis Kummer und Un⸗ glück über uns kommen. Durch my Lady Marlbo⸗ rough's Güte hat Beatrix ihre Stelle bei Hofe bekom⸗ men; — und Frank iſt dem Oberkammerherrn beige⸗ geben. Und die alte Lady, Ihres Vaters Wittwe, S verſprochen, daß ſie für Sie ſorgen wolle, — nicht wahr?“ — Esmond beantwortete dieſe Frage mit Ja, und meinte, daß Lady Caſtlewvod bis jetzt überaus gütig gegen ihn geweſen, — und daß ſie es für jetzt noch wäre. Dann ſetzte er in heiterem Tone hinzu: „Und ſollte ihr auch ein Mal ein anderer Kopf wachſen, wie es bei Damen häufig der Fall ſein ſoll, ſo bin ich doch ſtark genug, meine eigene Laſt zu tra⸗ gen, und mir auf dieſe oder jene Weiſe durch die Welt zu helfen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach aber nicht vermittelſt des Schwerts. Tauſende haben dazu mehr Geſchick, als ich: aber es gibt ja für einen jungen talentvollen und gebildeten Mann hunderterlei Wege, ſein Glück zu machen; und ich bin ſo ziemlich ge⸗ wiß, auf dieſe oder jene Weiſe in der Welt weiter zu kommen.“ Auch hatte er bei der Armee bereits Gönner ge⸗ funden, und darunter waren Perſonen, die ſehr im Stande waren, ihm zu dienen; er verfehlte daher nicht, ſeiner Gebieterin von ſeinen glücklichen Aſpecten zu ſprechen. Und ſo gingen ſie langſam mit einander weiter, wie wenn ſie nie von einander getrennt geweſen wären; und ſchon fing das graue Dämmerlicht an, ſie zu um⸗ hüllen. „Und nun ſind wir nicht mehr weit von Hauſe,“ fuhr ſie fort. „Ich wußte, daß Sie kommen würden, „ — 53 Harry, wenn — wenn es auch nur wäre, um mir zu verzeihen, daß ich nach jenem gräßlichen — gräßlichen Unglücke ungerecht gegen Sie geweſen. Damals, als ich Sie ſah, war ich halb wahnſinnig vor Schmerz. Und jetzt weiß ich es, man hat es mir geſagt. Selbſt jener Schurke, deſſen Namen nie über meine Lippen kommen ſoll, hat geſagt, wie Sie den Verſuch ge⸗ macht, den Streit abzuwenden, und wie Sie, mein armes Kind, denſelben gerne ſelbſt ausgefochten hät⸗ ten; — aber ich ſollte geſtraft werden, und mein then⸗ rer Gatte ſollte fallen: — ſo wollte es Gott.“ „Er gab mir noch auf dem Todtenbette ſeinen Segen,“ ſprach Esmond. „Gott ſei für dieſes Ver⸗ mächtniß gedankt!“ „Amen! Amen! Lieber Henry,“ ſpricht die Lady, ſeinen Arm drückend. Ich wußte es. Mr. Atterbury, Pfarrer von St. Bride, der zu ihm gerufen wurde, hat es mir geſagt. Auch dankte ich Gott dafür, und erinnerte mich ſeit jener Zeit in meinem Gebete ſtets daran.“ 5 „Sie hätten mir manche bittere Nacht erſpart, wenn Sie mir das bälder geſagt hätten,“ ſagte Mr. Esmond. „Ich weiß es, ich weiß es,“ antwortete ſie, in einem Tone ſo holder Demuth, daß Esmond es ſchon bereuete, daß er es je gewagt, ihr Vorwürfe zu ma⸗ chen. „Ich weiß, wie böſe mein Herz geweſen iſt:— auch habe ich dafür gelitten, mein Theurer. Ich habe Mr. Atterbury gebeichtet: — mehr darf ich nicht ſa⸗ en. Er — und ich ſagte, daß ich nicht an Sie ſeite „noch zu Ihnen gehen würde; — auch war es am Beſten, daß wir, da wir uns ein Mal getrennt hatten, getrennt blieben. Aber ich wußte Pa Sie doch wieder kommen würden: — ich geſtehe das. Es iſt dieß Niemands Schuld. „Und heute, Henry, als ſie im Chore ſangen: e 54 „Da der Herr die Gefangenſchaft von Zion wandte, waren wir gleich denen, die da träumen,“ dachte ich, ja dachte ich, wie die, die da träumen, — wie die, die da träumen. Und dann hieß es weiter: Die, ſo in Thränen ſäen, werden in Frenden erndten; und der da hinausgehet und weinet, wird gewiß mit Freu⸗ den wieder heimkehren, und ſeine Garben mitbringen“: und hier ſah ich vom Buche auf und erblickte Sie. Auch war ich gar nicht erſtaunt, Sie zu ſehen. Wußte ich doch daß Sie kommen würden, mein Theu⸗ rer, und ſah ich doch den goldenen Sonnenſchein um Ihr Haupt her.“ Ihr Lächeln hatte faſt etwas Wildes, während ſie zu ihm aufblickte. Unterdeſſen war der Mond aufge⸗ gangen und glänzte hell am klaren Himmel. Zum er⸗ ten Male konnte er nun ihr holdes Geſicht deutlich ſehen, auf dem die Sorge ihre Spuren zurückgelaſſen hatte. „Wiſſen Sie auch, welchen Tag wir heute ha⸗ ben?“ fuhr ſie fort. „Es iſt der neunundzwanzigſte December, — es iſt Ihr Geburtstag! Aber vergan⸗ genes Jahr feierten wir denſelben nicht mit einander, — nein, nein. Meinen Gatten hatte der kalte Tod erfaßt, und mein Harry mußte ſterben — aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach; — und in meinem Gehirne wüthete das Fieber; und ſo wurde kein Wein getrunken⸗ Aber nun, — aber nun ſind Sie wieder da, und bringen Ihre Garben mit, mein lieber Harry.“ Während ſie ſo ſprach, brach ſie in eine wilde Thränenfluth aus, — ſie lachte und ſtöhnte an dem Herzen des jungen Mannes, und rief ſchwärmeriſch: „Und bringen Ihre Garben mit — Ihre Garben i Wie es ihm bisweilen, wenn er, vom Verdecke aus, um Mitternacht zu den endloſen, mit Sternen beſäeten über ſeinem Haupte emporblickte, geweſen war 55 bei einem Entzücken frommen Staunens über ſolche grenzenloſe Pracht und Schönheit: — in ähnlicher Weiſe ergriff ihn nun die Tiefe dieſer reinen Hinge⸗ bung (— die ſich jetzt zum erſten Male ganz ent⸗ hüllte —), und es mußte dieſelbe ſein Herz mit Dank⸗ gebeten erfüllen. Guter Gott, wer war denn er, — er⸗ das ſchwache und freundloſe Geſchöpf, daß ſolche Liebe über ihn ausgeſchüttet werden ſollte 2 Nicht umſonſt, nicht umſonſt hat der gelebt (— hart und undankbar wäre er, wenn er ſo dächte —), dem ein ſolcher Schatz geſchenkt worden. Ach! Was iſt der Ehrgeiz im Vergleich damit? Nichts, als ſelbſtiſche Eitelkeit. Was iſt Reichthum, was iſt Ruhm daneben? Was nützen dieſe einem Menſchen, wenn ein Jahr um iſt, — wenn andere Namen lauter ertönen, als die Deinigen, — wenn Du unter dem Boden verborgen liegſt, ſammt den eitlen Titeln, die man auf Deinen Sarg gegra⸗ ben? Nur wahre Liebe allein überlebt Dich, — nur wahre Liebe allein folgt Deinem Andenken, und ſegnet Dich ingeheim, — oder geht Dir voran, und legt eine Fürbitte für Dich ein. Non omnis moriar: — ſterbe ich auch, ſo lebe ich doch in ein Paar liebevol⸗ len Herzen; auch bin ich nicht verlaſſen, und führe ich kein einſames, hoffnungsloſes Leben, wenn eine hei⸗ lige, heimgegangene Seele mich immer noch liebt, und immer noch für mich betet. „Wenn — wenn dem alſo iſt, theure Lady,“ ſprach Mr. Esmond, — „warum ſollte ich denn Sie je verlaſſen? Wenn Gott mich mit dieſem großen Geſchenke bedacht hat, — und ob es in meiner Nähe, oder ferne von mir iſt, das Herz meiner theuerſten Gebieterin folgt mir ſtets, wie ich jetzt weiß, — ſo will ich dieſe Gottesgabe bei mir behalten, und mich nicht eher davon trennen, als bis der Tod uns trennt. Wir wollen fort, — wir wollen dieſes Europa, die⸗ ſen Ort verlaſſen, der der traurigen Erinnerungen ſo 56 viel für Sie hat. Beginnen Sie in einer neuen Welt ein neues Leben! Mein guter Gebieter ſprach oft da⸗ von, daß er das Land in Viriginien beſuchen wollte, das König Karl uns ſchenkte, — ſeinen Ahnen ſchenkte. Frank wird uns das nicht verweigern. Dort wird Niemand fragen, ob meinem Namen ein Schimpf anklebt; — dort, in den Wäldern, wird Niemand nach meinem Titel fragen.“ „Und meine Kinder, — und meine Pflicht, — und mein guter Vater? — Henry! rief ſie. „Er hat jetzt Niemand mehr, als mich; denn bald wird meine Schweſter ihn verlaſſen, und dann wird der Greis al⸗ lein ſein. Seit der Regierung der neuen Königin hat er den Eid der Treue geſchworen; auch hat man hier, in Wincheſter, wo man ihn liebt, eine Kirche für ihn gefunden. „Wenn die Kinder mich verlaſſen werden, werde ich bei ihm bleiben. Ich kann ihnen nicht in die große Welt folgen, wohin ſie ihr Rang und ihr Alter ruft: die große Welt macht mich immer ſchen. Aber ſie werden kommen und mich beſuchen; und auch Sie, Henry, — ja, auch Sie werden bisweilen, wie jetzt, zur heiligen Adventszeit kommen, in der ich Sie wie⸗ der ein Mal geſehen, und in der ich Ihnen wieder ein Mal meinen Segen geben konnte.“ „Ich würde Alles verlaſſen, um Ihnen zu fol⸗ gen,“ ſagte Mr. Esmond; — „können Sie nun zen ſo großmüthig gegen mich ſein, theure Lady?“ „Stille, ſtille! mein Junge!“ ſagte ſie, und Ton und Blick hatten bei ihr in dieſem Momente etwas hold Klagendes, wie wenn ſie meine Mutter geweſen wäre. „Für Sie fängt die Welt jetzt erſt an; — die Welt erſchließt ſich Ihnen eben erſt. Was mich be⸗ trifft, ſo bin ich ſo ſchwach und eine ſolche Sünderin 57 zewj daß ich Sie verlaſſen und durch meine Ge⸗ ete den Himmel verſöhnen muß, lieber Henry. „Hätten wir fromme Häuſer, wie es deren einſi gegeben, und viele Geiſtliche unſerer Kirche ſie wieder haben möchten, ſo würde ich mich, — wie ich oft denke, — in ein ſolches zurückziehen, und mein übri⸗ ges Leben unter Bußübungen verbringen. Aber den⸗ noch würde ich Sie immer lieben, — ja, an meiner Vebe, wie die meinige iſt, iſt nichts Sündhaftes; und mein theurer Gatte im Himmel kann in mein Herz blicken; und er kennt die Thränen, die meine Sünden abgewaſchen haben; — und nun, — nun hält meine Pflicht mich hier, bei meinen Kindern, ſo lange ſie mich brauchen, ſowie bei meinem armen alten Vater zurück, und —“ „Und nicht bei mir?“ ſprach Harry. „St!“ ſagte ſie wiederum, und näherte ihre Hand ſeiner Lippe. „Ich bin Ihre Wärterin geweſen. Sie konnten mich damals nicht ſehen, Harry, als Sie die Blattern hatten, und ich zu Ihnen kam, und mich ne⸗ ben ihr Bett ſetzte. Ach! Ich flehete zum Himmel, daß er mich ſterben laſſen möchte; aber ich würde in Sünden geſtorben ſein, Harry. „Oh! Es iſt etwas Gräßliches, auf jene Zeit zu⸗ rückblicken zu müſſen! Aber ſie iſt nun vorüber, da⸗ hin, — und es iſt mir vergeben worden. Wenn Sie meiner wieder ein Mal bedürfen, ſo werde ich kom⸗ men, und wenn es auch noch ſo weit wäre Und wenn Ihr Herz verwundet iſt, — dann kommen Sie zu mir, mein Theurer. Sprechen Sie nicht! Laſſen Sie mich ausreden! „Sie liebten mich nie, thenerſter Harry, — nein, Sie lieben mich ſogar jetzt nicht, — und ich danke dem Himmel dafür. Ich habe Sie oft und lange beob⸗ achtet, und habe an tauſend Zeichen erſehen, daß Sie mich nicht liebten. Erinnern Sie ſich noch, mit 58 welcher Freude Sie fort gingen, — auf die Univerſi⸗ tät? Ich war es, der Sie hinſchickte. Ich habe das meinem Vater geſagt, ſowie auch Mr. Atterbury, als ich zu London mit ihm ſprach. Und Beide haben mir die Abſolution gegeben, — Beide, — und ſie ſind fromme Männer, die da Macht haben, zu binden und zu löſen. Und ſie haben mir vergeben, wie mein thenrer Gatte mir vergeben hat, ehe er zum Himmel emporſtieg.“ Es will mich aber bedünken, daß die Engel nicht alle im Himmel ſind,“ ſprach Mr. Esmond. Und gleich wie ein Bruder ſeine Schweſter an ſein Herz drückt; und gleich wie eine Mutter an der Bruſt ihres Sohnes hängt — alſo lag auch, während einiger Augenblicke, Esmond's vielgeliebte Gebieterin an ſeiner Brnſt und ſegnete ihn. Siebentes Rapitel. Ich werde zu Walcote herzlich be⸗ willkommt. ſie ſich dem Hauſe zu Walcote näherten, rie⸗ fen ihn, die erleuchteten Fenſter von Innen ein freund⸗ liches Willkomm zu; der Abendtiſch war in dem mit Eich nholz getäfelten Parlour*) gedeckt; es ſchien, als ob des heimkehrenden verlornen Sohnes Verzeihung *) Empfangzimmer. . 59 und Liebe warteten. An der Vorhalle lagen zwei oder drei wohlbekannte Geſichter von Domeſtiken auf der Lauer: — dort hatte ſich die alte Haushälterin ein⸗ gefunden, ſowie der junge Lockwood von Caſtle⸗ wood, in my Lords pomeranzenbranner, blaubetreßter Livree. Während Esmond mit ſeiner theuren Gebieterin in die Vorhalle trat, drückte ſie ſeinen Arm Ihre Augen ſtrahlten ihn mit unbeſchreiblicher Liebe an. „Seien Sie willkommen, willkommen!“ Das war Al⸗ ies, was ſie ſagte, während ſie, ihre ſchönen Locken, und ihre ſchwarze Kapuze zurückſchlagend, zu mir auf⸗ blickte. Ein holdes roſiges Lächeln röthete ſanft ihre Wange; und Harry glaubte, daß ſie nie ſo bezaubernd ausgeſehen. Ihr Geſicht war erleuchtet von einer Freude, die glänzender war, denn Schönheit; — ſie ergriff eine Hand ihres Sohnes, der in der Vorhalle auf ſeine Mutter wartete; — ſie aber machte ihren Arm nicht von dem Esmond's los. Willkommen, Harry!“ echvete der junge Lord ihr nach. „Wir Alle ſtehen hier, um Dir ein freudiges Willkomm zuzurufen. Das iſt die alte Pincot, — iſt ſie nicht hübſch geworden?“ Und die Pincot, die zwar älter, aber nicht ſchö⸗ ner war, denn gewöhnlich, machte vor dem Capitän, wie ſie Esmond nannte, einen Knicks, und ſagte z“ my Lord: „Ach, hören Sie doch jetzt auf!“ „Und da ſteht Jack Lockwood,“ fuhr der junge Lord fort. „Das gibt einen famoſen Grenadier; und auch ich werde einen ſolchen abgeben; und wir Beide wollen unter Dir dienen, Vetter. Sobald ich ſieb'ehn bin, trete ich in die Armee ein: — Niemand ſoll mich zurückhalten: — jeder Gentleman wird Soldat. Aber ſchau! Wer kommt denn da — hoho!“ — und dabei brach er in ein Gelächter aus. „Meiner Sechs! 60 es iſt Miſtreß Trix, mit einem neuen Bande; — ich wußte wohl, daß ſie ein ſolches anlegen würde, ſo⸗ bald ſie hörte, es komme ein Capitän zum Abend⸗ eſſen.“ Dieſes lachende Geſpräch fand in der Vorhalle von Walcote⸗Houſe Statt. In der Ritte dieſer Vorhalle befindet ſich eine Treppe, die von einer offenen Galle⸗ rie herabgeht, wo ſich die Thüren der Schlafzimmer befinden: und aus einem der letzteren trat, ein Wachs⸗ licht in der Hand, das ſie beleuchtete, Miſtreß Bea⸗ trir. Das Licht hob insbeſondere das ſcharlachrothe Band, das ſie trug, ſowie einen glänzend weißen Nacken, wie man ihn nicht ſchöner ſehen kann, ganz beſonders hervor. Esmond hatte ein Kind zurückgelaſſen, und fand jetzt eine über die gewöhnliche Höhe hinausgewachſene Frau, — eine Frau, die eine ſo blendende Vollkom⸗ menheit in der Schönheit erreicht hatte, daß ſeine Augen, bei ihrem Anblicke, wohl Ueberraſchung und Entzücken verrathen mochten. In ihren Augen lag ein ſolcher Glanz und etwas ſo Schmelzendes, daß ich ſelbſt geſehen habe, wie eine ganze Verſammlung, gleichſam in Folge einer unwiderſtehlichen Anziehungs⸗ kraft, ihr folgte. Und an jenem Abende, wo, nach der Schlacht bei Ramillies, der große Herzog im Theater war, drehte ſich Jedermann um, und blickte — zufällig trat ſie in demſelben Augenblicke auf der entgegengeſetzten Seite in den Saal —) nach ihr, und nicht nach ihm. Sie war eine Brünekte: das heißt, ihre Augen, ihr Haar, ihre Augenbrauen, und ihre Augenwimpern waren dunkel: ihr Haar kränſelte ſich reich undulirend, und über ihre Schultern wallend; aber ihre Geſichtsfarbe war ſo blendend weiß, wie der Schnee im Sonnenſchein; — mit Ausnahme ihrer Wangen, die glänzend roth, und ihrer Lippen, die von einem noch tieferen Karmeſinroth waren. Zwar . 61 hieß es, daß ihr Mund und ihr Kinn zu groß und zu voll wären, — und es mochte dieß auch ſein wenn ſie eine marmorne Göttin geweſen wäre; allein ſie waren nicht zu groß und zu voll für eine Dame, deren Augen Feuer, deren Blick Liebe, deren Stimme der holdeſte leiſe Geſang, deren Geſtalt vollkommene Sym⸗ metrie, Geſundheit, Entſchiedenheit, Thätigkeit, deren Fuß, wenn er ſich auf den Boden ſetzte, feſt, aber biegſam, und deren Bewegung, mochte dieſelbe nun raſch oder langſam ſein, ſtets vollkommene Anmuth war. Flüchtig, wie eine Nymphe, ſtolz, wie eine Kö⸗ nigin, — bald zerſchmelzend, bald gebieteriſch, und bald wieder ſarkaſtiſch, machte ſie keine einzige Bewe⸗ gung und keine Geberde, die nicht ſchön geweſen wäre. So oft der, ſo dieſes ſchreibt, an ſie denkt, fühlt er ſich wieder jung, und erinnert ſich an ein vollkommenes Muſter von Schönheit. Sie kam alſo, ihr Kleid mit einem ſchönen, ge⸗ rundeten Arme, ſowie ihre Wachskerze vor ſich pir⸗ haltend, die Treppe heruntergetrippelt, um Esmond zu begrüßen. „Schau' doch! Sie hat ihre ſcharlachrothen Strümpfe und ihre weißen Schuhe angezogen,“ ſpricht my Lord, immer noch lachend. „Oh! meine ſchöne Gebieterin! So greifen Sie es an, um den Capitän einzunehmen!“ Sie näherte ſich, und lächelte Esmond auf's An⸗ muthigſte an, — Esmond, der Nichts, als ihre Au⸗ gen anſehen konnte. Sie ſtreckte dabei den Kopf vor⸗ wärts, wie wenn es ihr erwünſcht wäre, daß er ſie küſſen ſollte, wie er früher, als ſie noch ein Kind war, zu thun pflegte. „Halt!“ ſprach ſie; „ich bin jetzt zu groß! Will⸗ kommen, Vetter Harry!“ Und ſie machte ihm einen ſchalkhaften Knicks, wobei ſie ſich faſt bis auf den Boden hinabbengte, 62 aber mit vollendeter Grazie; zu gleicher Zeit ſah ſie ihn mit den glänzendſten Augen und dem holdeſten Lächeln an. Es ſchien die Liebe mit allen ihren Rei⸗ zen von ihr auszuſtrahlen. Harry muſterte ſie mit einem Entzücken, ähnlich dem des erſten Liebenden bei Milton. „Nest-ce pas!“ — ſpricht my Lady mit leiſer holder Stimme, immer noch an Esmond's Arme hangend. Esmond fuhr zuſammen und wandte ſich mit ge⸗ rötheter Wange um, als er den klaren Augen ſeiner Gebieterin begegnete. Er hatte, entzückt von der fllia pulcrior, dieſelbe vergeſſen. „Rechten Fuß vor, Zehe auswärts gekehrt, ſo: und nun mach' den Knicks, und zeig' die rothen Strümpfe, Trix. Es haben dieſelben ſilberne Zwickel, Harry. Die alte Vicomteſſe hat ſie hergeſchickt. Und vor einer Weile hat ſie ſie angezogen,“ ruft my Lord. „Schweig' doch, Du dummes Kind! ſagt Miß, ihren Bruder durch Küſſe halberſtickend. Und dann mußte ſie zu ihrer Mama hingehen und dieſelbe küſſen, konnte aber doch, während der Zeit, nicht umhin, über die Schulter ſeiner Gebieterin weg, Harry anzublicken. Und wenn ſie ihn auch nicht küßte, ſo gab ſie ihm doch beide Hände, und nahm dann eine der ſeinigen in ihre beiden Hände, und ſprach: „Oh, Harry, wir ſind ſo, ſo froh, daß Du ge⸗ kommen biſt!“ „Es ſind Schnepfen zum Souper da,“ ſagt my Lord. „Juchhei! Es war eine ſo hungrige Predigt. „Und es iſt heute der neunundzwanzigſte Dezem⸗ ber; und unſer Harry iſt nach Hauſe gekommen.“ „Juchhei, alte Pincot!“ ſagt my Lord weiter; — und die Lippen der theuren Lady ſahen aus, wie wenn ein Gebet darauf zitterte. Harry mußte Beatrix in den Speiſeſaal führen, während ſie ſelbſt den Arm des jungen Lord Viscount's 63 nahm. Es ſtand nicht lange an, ſo kam Tom Tuſher, den wenigſtens vier von den fünf Gliedern der Geſell⸗ ſchaft fortwünſchten. Er that dieß indeß aus freien Stücken, ſobald das Confect aufgetragen warz und dann erzählte Harry, neben dem großen kniſternden Feuer, während ſeine Gebieterin oder Beatrix mit ih⸗ rer erröthenden Grazie ihm einſchenkte, die Geſchichte ſeines Feldzugs. Es war dieß der wonnevollſte Abend, den ſein Leben je gekannt. Die Sonne ſtand ſchon lange am Himmel, ehe er aufwachte: ſo tief, ſo ſüß, und ſo erfriſchend war ſein Schlummer. Er erwachte, wie wenn die ganze Nacht hindurch Engel an ſeinem Bette gewacht hätten. Auch hatte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, eine Perſon, die ſo rein und liebevoli war, wie ein Engel, ſeinen Schlaf durch ihr Gebet geſegnet. An dem darauf folgenden Morgen las der Kaplan, der Gewohnheit gemäß, vor der kleinen Familie zu Walcote die üblichen Gebete. Esmond kam es vor, als ob Miſtreß Beatrir Tuſher's Ermahnungen kein allzu begieriges Ohr leihe; denn ihre Augen liefen während des Gottesdienſtes überall herum: ſo oft er wenigſtens aufſah, begegnete er ihren. Vielleicht aber ſchenkte auch er Seiner Ehr⸗ würden dem Kaplan nicht allzuviele Aufmerkſamkeit. „So hätte mein Leben ſein können,“ dachte er; — „dieß hätte, von jetzt an bis in mein hohes Alter, meine Pflicht werden können. Wohlan, wäre es kein angenehmes Loos, bei dieſen theuern Freunden zu ſein, und ſich nie mehr von ihnen zu trennen? Bis — bis der vom Schickſale beſtimmte Liebhaber kommt und die hübſche Beatrix mit fortnimmt —“ Und der größte Theil von Tom Tuſher's Anſprache, die recht gelehrt und beredt geweſen ſein mag, ging dem armen Harry ganz und gar verloren durch dieſe Viſion von dem durch das Schickſal beſtimmten Liebhaber. 64 Während der ganzen Dauer der Gebete kniete Bec trix in geringer Entfernung von Harry Esmond. Die rothen Strümpfe waren gegen ein Paar grauer, und die weißen Schuhe gegen ſchwarze vertauſcht worden; und es ſahen ihre Füße darin ganz ebenſo hübſch aus. Alle Roſen des Frühlings konnten mit der Friſche ihrer Geſichtsfarbe nicht wetteifern; und Esmond glaubte, nie Etwas geſehen zu haben, was dem ſonnigen Glanze ihrer Augen gliche. My Lady Viscounteß ſah, wie in Folge langen Wachens, ermüdet aus, und ihr Geſicht war bleich. Miß Beatrix bemerkte an ihrer Mutter dieſe Zei⸗ chen des Unwohlſeins, und drückte ihr Bedauern darü⸗ ber aus. My Lady aber antwortete mit einem freundlichen Lächeln: Ich bin eben ein altes Weib: ich darf mir nicht Lefi ſo jung auszuſehen, wie Du, meine ebe.“ „Sie wird aber doch nie ſo gut ausſehen, wie Sie, Mama, und wenn ſie hundert Jahre alt würde,“ ſagt my Lord, ſeine Mutter um den Leib faſſend, und ihre Hand küſſend. „Sehe ich recht böſe aus, Vetter?“ ſagt Beatrix, ſich ganz nach Esmond hinwendend, und ihr hübſches Geſicht ſo dicht unter ſein Kinn haltend, daß das weiche parfümirte Haar daſſelbe berührte. Sie legte, während ſie ſprach, ihre Fingerſpitzen auf ſeinen Aermel; er aber legte ſeine andere Hand auf den ihrigen.. „Ich bin, wie Dein Spiegel,“ ſpricht er: „und der kann Dir nicht ſchmeicheln.“ „Er will damit ſagen, meine Liebe, daß Du ihn beſtändig anſchaueſt,“ ſagt ihre Mutter ſchalkhaft. Bei dieſen Worten lief Beatrix von Esmond weg, und flog zu ihrer Mama hin, die ſie küßte, wobei ſie 65 zugleich mit ihrer hübſchen Hand my Lady's Mund bedeckte. „Und es iſt ſo überaus angenehm, Harry anzu⸗ ſehen,“ ſagt my Lady, den jungen Mann mit ihren zärtlichen Augen betrachtend. „Wenn es gut iſt, ein glückliches Geſicht zu ſehen,“ ſagt er, „ſo ſehen Sie ein ſolches.“ My Lady ſagte, mit einem Seufzer, „Amen;“ — und es kam Harry vor, als ob das Andenken an ihren ſeligen Gatten in ihr aufſtiege, und ſie durch Vorwürfe wieder in ihre frühere Traurigkeit verſenkte; denn ihr Geſicht verlor das Lächeln, das es bis daher gehabt, um ſein früheres trübes Ausſehen wieder anzunehmen. „Ei, Harry, wie hübſch wir doch ausſehen, in un⸗ ſerem Scharlach, und in unſerm Silber, und in unſerer ſchwarzen Perrücke!“ ruft my Lord. Mutter⸗ ich mag mein eigenes Haar nun nicht länger tragen. Wann werde ich ein Mal eine Perrücke bekommen? Wo haſt Du Dein Steenkirk“) her, Harry?“ 5 „Es befand ſich unter den Spitzen der alten Vi⸗ comteſſe,“ ſagt Harry; „ſie hat mir dieß, ſowie noch viele andere ſchöne Sachen gegeben.“ „Die alte Vicomteſſe iſt kein ſo übles Frauenzim⸗ mer,“ fuhr my Lord fort. „Nein, ſie iſt ſo übel nicht, — ſo roth ſie auch geſchminkt iſt,“ ſagt Miß Beatrix. Ihr Bruder brach in ein Gelächter aus und rief: Ich werde ihr melden, daß Du das geſagt; ſo wahr Gott lebt, ich ſage es ihr, Trir.“ „Sie wird ſo geſcheidt ſein, um einzuſehen, daß Sie nicht ſo viel Witz beſaßen, um ſo Etwas ſagen zu können, my Lord,“ ſagt Miß Beatrir. *) Ein mouſſelinenes, nachläßig umgebundenes Hals⸗ tuch, wie bei der Schlacht von Steenkirk die Fran⸗ zoſen getragen hatten. Henry Esmond. M. 5 66 „Wir wollen nicht ſchon am erſten Tage, da Harry hier iſt, mit einander Händel anfangen: nicht wahr, Mutter?“ ſagte der junge Lord. „Wir wollen ſehen, ob wir nicht bis zum Neujahr ohne Kampf leben können. Willſt Du Etwas von dieſer Weihnachtspaſtete? Ah! da kommt ja der Deckelkrug; — doch nein, es iſt die Pincot, die den Thee bringt.“ „Will der Capitän ſich eine Taſſe nehmen?“ fragt Miſtreß Beatrix. „Hör' ein Mal, Harry,“ fährt my Lord fort, „nach dem Frühſtücke will ich Dir meine Pferde zeigen; und heute Abend wollen wir Vögel in Netzen fangen, und nächſten Montag iſt zu Wincheſter ein Hahnenkampf — liebſt Du Hahnenkämpfe, Harry? — zwiſchen den Gentlemen von Suſſex und den Gentlemen von Hamp⸗ ſhire: bei jedem Kampfe gilt es zehn Pfund, und wenn die einundzwanzig Hähne gegen einander ſtehen, beträgt der Einſatz fünfzig Pfund.“ „Und was wirſt denn Du thun, Beatrix, um un⸗ ſern Vetter zu amüſiren?“ fragt my Lady. „Ich werde ihm zuhören,“ ſagt Beatrix; — „ge⸗ wiß hat er uns hundert ſchöne Dinge zu erzählen, und ich bin ſchon auf die ſpaniſchen Damen eiferſüchtig. War die Nonne, die Du zu Cadix den Händen der Soldaten entriſſen, ſchön? Dein Bedienter hat vergan⸗ gene Nacht in der Küche davon geſprochen, und Mrs. Betty hat es mir heute Morgen erzählt, als ſie mir das Haar kämmte Auch ſagt er, Du müßteſt verliebt ſein, denn Du ſeieſt oft die ganze Nacht auf dem Verdeck geſeſſen, und habeſt den lieben langen Tag Verſe in Dein Taſchenbuch geſchrieben.“ Harry dachte, daß er, wenn er geſtern noch einen Gegenſtand zu Verſen gebraucht, heute denſelben gefun⸗ den hätte. Und alle Lindamiras und Ardelias der Dichter waren nicht halb ſo ſchön, als dieſes junge 67 Mädchen; allein er ſagte das nicht, obgleich Jemand es für ihn ſagte. Die Perſon aber, die es für ihn ſagte, war ſeine theure Lady, die, als das Frühſtück vorüber, und die jungen Leute weggegangen waren, anfing, mit Mr. Esmond von ihren Kindern, und von dem Charakter derſelben, ſowie von den Hoffnungen und Befürchtungen zu ſprechen, die ſie in Betreff Beider hegte. „Nicht ſo lange ſie bei mir, zu Hauſe, ſind,“ ſagte ſie, — nicht ſo lange ſie in dem Reſte ihrer Mutter noch ſind, fürchte ich für ſie: — meine Furcht beginnt erſt mit dem Augenblicke, wo ſie in die Welt eintreten, in die ich ihnen nicht nachfolgen kann. Beatrix wird nächſtes Jahr ihren Dienſt beginnen. Vielleicht haben Sie ein Gerücht gehört über — über my Lord Bland⸗ ford. Sie waren Beide noch Kinder; und es iſt bloß eitles Geſchwätz. Ich weiß, daß meine Verwandtin ihm nie erlauben würde eine ſo arme Partie zu machen, wie unſere Beatrix es ſein würde. Es gibt in Europa wohl kaum eine Prinzeſſin, die ihr für ihn oder ihren Ehrgeiz gut genug däucht.“ „Es gibt aber in ganz Europa keine Prinzeſſin, die mit ihr zu vergleichen wäre,“ ſpricht Esmond. „Im Punkte der Schönheit? Nein, — vielleicht nicht,“ antwortete my Lady. „Sie iſt wunderſchön: nicht wahr? Es verblendet mich in dieſem Punkte kei⸗ neswegs mütterliche Parteilichkeit. Ich beobachtete ſie geſtern, als ſie die Treppe herunterkam, — und las es in Ihrem Geſichte. „Wir haben Angen, wenn ihr Männer glaubet, wir hätten keine, und ſehen beſſer, als ihr meinet, lieber Harry: und ſo eben noch, als die Beiden von Ihren Gedichten ſprachen (— Sie machten ſchon hübſche Verſe, als Sie noch ein Knabe waren —), dachten Sie, Beatrir ſei ein hübſcher Gegenſtand zu Verſen: nicht wahr, Harry? (— der Gentleman konnte anſtatt aller 68 Antwort nur erröthen.) Auch iſt ſie es wirklich; — und ebenſo wenig ſind Sie der erſte, den ihr hübſches Geſicht gefeſſelt hat. Es iſt das in einem Nu geſchehen. Ein ſo glänzendes Augenpaar, wie das ihrige, lernt gar bald ſeine Macht kennen, und gar frühe ſchon ansüben“ Und die ſchöne Wittwe ſchaute ihn dabei mit ihren Augen ſcharf an, und verließ ihn. Und ſo iſt es auch: — ein Paar glänzende Augen kann mit einigen Blicken einen Mann beſiegen; — kanu ihn entflammen und zum Sklaven machen; — kann ihn ſogar Alles vergeſſen machen; denn die Augen blenden ihn dermaßen, daß die Vergangenheit alsbald trübe vor ihm ſchwimmt: und er ſchätzt ſie ſo hoch, daß er ſelbſt ſein Leben hergeben möchte, nur um ſie zu be⸗ ſitzen. Was iſt die zärtliche Liebe theuerſter Freunde im Vergleich mit dieſem Schatze? Iſt die Erinnerung ſo ſtark, als die Hoffnung? der Genuß ſo ſtark, als der Hunger? die Dankbarkeit ſo ſtark, als das Verlangen? Ich habe in vielen Inwelen⸗ Kammern Europas königliche Diamanten angeſchaut, und konnte da nicht umhin, zu denken, wie um ihretwillen Kriege geführt, — wie Großmoguls um ihretwillen abgeſetzt und er⸗ droſſelt, oder damit aus der Gefangenſchaft befreit, — wie zu ihrem Ankaufe Millionen verſchwendet worden⸗ — und wie kühne Leben verloren gegangen beim Her⸗ ausgraben der kleinen ſchimmernden Spielſachen, worauf ich ebenſo wenig Werth ſetze, als auf den Knopf an' meinem Hute. Und ſo gibt es noch andern glänzenden Tand (— der dabei von ſeltenem Waſſer iſt —), um deſſentwillen Menſchen, ſeitdem es Menſchen gibt, zu Mord und Streitigkeiten gegen einander aufgehetzt worden ſind; — und der nur ein Paar Dutzend Jahre dauert, wo er aufgehört hat, zu funkeln Wo ſind nun die Juwelen, die unter Cleopatra's Stirne ſtrahlten, oder in den Augenhöhlen der Helena lenchteten? * * 5 69 Am zweiten Tage nach Esmond's Ankunft zu Walcote bekam Tom Luſher Erlaubniß, ſich auf einige Tage zu entfernen; und es legte Seine Ehrwürden ſein allerbeſtes Gewand und ſeine allerbeſten Bäffchen an, um der jungen Frau den Hof zu machen, die er heirathen wollte, und die, wie es ſich nun herausſtellte, nicht etwa die Wittwe eines Viscvunts war, ſondern die Hinterlaſſene eines Brauers von Sputhampton, die ein Vermögen von ein Paar tauſend Pfund hatte; denn es muß hier bemerkt werden, daß das Herz des ehrſamen Tom ſo vortrefflich geſchult war, daß Venus ſelbſt, wenn ſie keine Mitgift gehabt hätte, es vergebens verſucht haben würde, dasſelbe in Unruhe zu bringen. Und ſo ritt er denn auf ſeinem ſchwerfälligen Wallachen weg, um ſeine bedächtige Liebſchaft weiter zu verfolgen, und ließ Esmond in der Geſellſchaft ſeiner theuren Gebieterin und ihrer Tochter, während ſein junger Lord Letzterem ein Kamerad war, den es nicht allein höchlich freute, einen alten Freund zu ſehen, ſondern der auch den Hofmeiſter ſammt ſeinen lateiniſchen Büchern zu ſeinem größten Vergnügen ſich auf einige Zeit vom Halſe geſchafft ſah. Der junge Lord ſprach in ſeiner offenen, ungekün⸗ ſtelten Weiſe von Dingen und Leuten, und nicht wenig von ſich ſelbſt. Es war leicht zu ſehen, daß er und ſeine Schweſter eine zärtliche Mutter dominirten, ob⸗ gleich ſie ſich beſtändig um den erſten Platz in deren Herzen ſtritten; und obgleich die gütige Lady beharrlich ſagte, daß ſie Beide gleich ſehr liebe, ſo konnte man doch leicht merken, daß Frank der Liebling und Günſt⸗ ling ſeiner Mutter war. Er regierte jetzt das ganze Haus (— die rebelliſche Beatrix natürlich immer aus⸗ genommen —) ebenſo, wie zu der Zeit, als er, noch als Kind, die Dorfknaben, wenn man Soldaten ſpielte, in Reihe und Glied ſtellte, und commandirte, und, gleich dem rüſtigſten Korporal, auch wacker prügelte. 70 Was Tom Tuſher betrifft, ſo behandelte Seine Ehrwürden den jungen Lord mit jener Höflichkeit und Ehrerbietung, die er ſtets gegen einen Großen an den Tag legte, welches immer deſſen Alter oder deſſen Sta⸗ tur ſein mochte. Was nun aber dieſen jungen Lord betrifft, ſo war es rein unmöglich, ihn nicht zu lieben: ſo offen und einnehmend waren ſeine Manieren ſeine Schönheit, ſeine Fröhlichkeit, ſein ſchallendes Gelächter, und der herrliche Ton ſeiner Stimme. Ueberall, wohin er ging, bezauberte und dominirte er die Leute. Ich glaube, ſein alter Großvater, der Dechant, und die mürriſche alte Haushälterin, Mrs. Pincot, waren ebenſp ſehr ſeine Sklaven, als ſeine Mutter: und was Esmond betrifft, ſo fand er nach kurzer Zeit, daß er ſich einem gewiſſen Zauber, der den Knaben umgab, unterwarf, und daß er demſelben, wie die übrige Familie, ſklaviſch nachgab. Das Vergnügen, das er ſchon an Harry's Geſellſchaft und Unterhaltung fand, übertraf dasje⸗ nige, das er je in der Geſellſchaft eines andern Mannes gehabt, wie bezaubernd auch derſelbe durch ſeine Unterhaltung, oder wie glänzend auch deſſen Witz ſein mochte. Seine Gegenwart brachte hellen Sonnenſchein in ein Zimmer, ſein Lachen, ſein Geplauder, ſeine edle Schönheit, ſein fröhliches Ausſehen erheiterten, bezau⸗ berten unbeſchreiblich. So oft er die geringſte Leidens⸗ eſchichte hörte, waren ſeine Hände in ſeiner Börſe; en Sympathie und ſein Wohlthätigkeitsſinn entſtand Keinem. Die Art und Weiſe, in der die Frauen ihn liebten und hätſchelten, als er, ein Paar Jahre darauf, noch als ganz junger Menſch in die Welt eintrat, und die Thorheiten, die ſie um ſeinetwillen (— ſowie er um ihretwillen —) begingen, erinnerten an die Lauf⸗ bahn Rocheſter's, und übertrafen ſogar die Erfolge Grammont's. Selbſt ſeine Gläubiger liebten ihn; und es konnten ihm die geizigſten Juden und Wucherer, ſowie auch einige der ſtrengen Prüden vom andern Geſchlechte, Nichts verweigern. Er war nicht witziger und geiſtreicher, als ein Anderer; was er aber ſagte, ſagte er in einer Weiſe, die nur ihm eigen war, und es hatte auch ſein Blick etwas ganz Eigenthümliches. Ich bin Zeuge geweſen, wie zu Brüſſel in der Komödie, im Foyer, die Frauen ihn umringten; und während der Vorſtellung ſahen die Leute mehr auf ihn, als auf die Schauſpieler. Auch erinnere ich mich, wie in der Schlacht von Ramillies, als er getroffen wurde, und zu Boden fiel, ein großer, dicker, rothhaariger, ſchottiſcher Sergeant die Hellebarde wegwarf, und, wie ein Weib, zu flennen anfing, während er ihn, wie ein kleines Kind, aufhob, und aus dem Feuer trug. Dieſer Bruder und dieſe Schweſter waren das ſchönſte Paar, ſo man je geſehen, obgleich man ſie. ſelten beiſammen ſah, als er aus dem nütterlichen Neſte ein Mal ausgeflogen war. Als der junge Lord zwei Tage nach Esmond's Ankunft (— es war der letzte Tag des Jahres — beim Mittagsmahle ſaß, — bei einem Mahle, das für Harry Esmond ſo wonnevoll war, daß der damit ver⸗ bundene Hochgenuß alle frühern Leiden völlig aufwog, die er ausgeſtanden und vergeſſen hatte, — füllte er einen Humpen, und hieß Harry ein Gleiches thun. Sodann trank er auf das Wohl ſeiner Schweſter, der er den Titel „Marquiſin“ gab. „Marquiſin!“ ſagt Harry, ohne Verwunderung, — eine Verwunderung, die etwas Peinigendes für ihn hatte; denn er war neugierig und ſchon eiferſüchtig. Narretheien, my Lord, ſagt Beatrix, den Kopf in die Höhe werfend. Und my Lady Viscounteß ſah einen Augenblick zu n auf, ſchlug aber die Augen alsbald wieder nieder. „Die Marquiſin von Blandford,“ ſagt Frank, „weißt Du es denn nicht? Hat es Dir denn Rouge 72 Pragon nicht geſagt? (— My Lord pflegte dieſen, ſo⸗ wie noch andere Namen der verwittweten Vicomteſſe zu Chelſea zu geben. —) Blandford hat von ihr eine Haarlocke: die Herzogin ertappte ihn, wie er vor Miſtreß Trix auf den Knien lag, und ſteckte ihm ein Paar Ohrfeigen, und ſagte, daß Doctor Hare ihn durchpeitſchen würde.“ „Ich wollte, Mr. Tuſher würde auch Dich ein MWal recht durchpeitſchen,“ ſagt Beatrix. My Lady aber ſagte bioß: „Hoffentlich wirſt Du keine dieſer albernen Ge⸗ ſchichten anderswo, als zu Hauſe erzählen, Francis.“ „Es iſt, auf Ehre, wahr,“ fährt Frank fort. Se⸗ hen Sie doch nur Harry an wie verdrießlich er drein ſieht, Mutter, und ſehen Sie doch, wie Beatrix errö⸗ thet: ſie iſt, meiner Treu! ſo roth, wie die Strümpfe mit den ſilbernen Zwickeln.“ „Ich glaube, wir können nichts Beſſeres thun, als daß wir die Herren allein bei ihrem Weine laſſen; ſie mögen dann zu einander ſagen, was ihnen beliebt,“ ſagt Miſtreß Beatrix, mit der Miene einer jungen Königin ſich erhebend, ihre fließenden Draperien ſchüt⸗ telnd, ſo daß ſie rauſchten, und, gefolgt von ihrer Mutter, das Zimmer verlaſſend. Lady Caſtlewood ſah Esmond abermals an, als ſie ſich bückte und Frank küßte. „Sag' doch ja dieſe albernen Geſchichten nicht weiter, Kind!“ ſagte ſie; trink auch nicht zu viel Wein; Harry trank nie gern Wein.“ Und auch ſie entfernte ſich in ihrem ſchwarzen An⸗ zuge, und blickte mit ihrem hübſchen, liebevollen Ge⸗ ſichte nach dem jungen Manne zurück. „Traun! Es iſt wahr,“ ſagt Frank, ſeinen Wein mit der Miene eines Lords ſchlürfend. Was hältſt Du von dieſem Liſſaboner, — ächtem Collares? Er iſt beſſer, als der hirnbetäubende Portwein: wir bekamen — — 73 ihn aus einem der ſpaniſchen Schiffe, die vergangenes Jahr von Vigo kamen. Meine Mutter kaufte ihn zu Southampton, während das Schiff dort lag. Das Schiff hieß Roſe“, der Kapitän aber Hawkins.“ Ei, bin ich doch in dieſem Schiffe nach England zurückgekommen!“ ſagt Harry. 2 „Und es brachte dasſelbe einen guten Burſchen und guten Wein zurück,“ ſagt my Lord. „Ich ſage Dir, Harry, ich wollte, Du hätteſt jenen verdammten linken Schrägebalken nicht in Deinem Wappen.“ „Und warum denn nicht den linken Schrägebalken?“ fragt der Andere. „Nehmen wir ein Mal an, ich trete in die Armee und werde getödtet, — jeder Gentleman tritt in die Armee; — wer ſoll dann, ſo frage ich, für die Frauen⸗ zimmer ſorgen und ſie beſchützen? Trix wird nie daheim bleiben; und was Mutter betrifft, ſo iſt ſie in Dich verliebt, — ja, ich glaube wahrhaft, daß Mutter in Dich verliebt iſt. Sie lobte Dich immer und ewig. und ſprach an Einem fort von Dir; und als ſie nach Southampton ging, um das Schiff zu ſehen, kam ich ihr auf die Spur. „Aber Du ſiehſt, es iſt unmöglich: unſer Blut iſt das älteſte in England; wir kamen mit dem Eroberer herüber; wir waren bloß Baronets, — doch was willſt Du? Wir wurden dazu genöthigt. Jakob der Erſte nöthigte unſern Urgroßvater. Wir ſind über Titel er⸗ haben; wir, die wir zur alten engliſchen Gentry ge⸗ hören, brauchen ſie nicht; — die Königin aber kann alle Tage einen Herzog machen. „Schau' ein Mal Blandford's Vater, den Herzog Churchill, und ſchau' ein Mal die Herzogin Jennings an: was ſind ſie, Harry? Der Teufel hole es, Sir: was ſind ſie, daß ſie ſo ſtolz gegen uns thun? Wo waren ſie, als unſer Ahn bei Agincourt neben König Heinrich ritt, und nach der Schlacht von Poitiers den Becher des Königs von Frankreich füllte? Bei St. Georg, Sir, warum ſollte Blandford unſere Beatrix nicht heirathen? Bei Gott! Er ſoll Beatrix heirathen, oder mir den Grund ſagen, warum er ſie nicht heira⸗ then will. „Wir werden uns mit dem beſten Blute Englands verheirathen, und nur mit dem beſten Blute Englands. Du biſt ein Esmond, und kannſt Nichts für Deine Geburt, mein Junge. — Wir wollen noch eine Flaſche trinken. Wie? Nichts mehr? Ich ſelbſt habe drei Viertel von dieſer getrunken. Oft trank ich Abends mit meinem Vater; und Du ſtandeſt zu ihm, wie ein Mann, Harry. Du hielteſt zu Deinem Blute; und was Dein Unglück betrifft, ſo kannſt Du ja Richts da⸗ für: für ſo Etwas kann man Nichts.“ Der Aeltere ſagte, daß er jetzt den Theetiſch ſeiner Gebieterin aufſuchen würde. Der junge Burſche aber begann, mit erhöhter Geſichtsfarbe und Stimme ein Bruchſtück von einem Liede zu ſingen, und ging zum Zimmer hinaus. Es ſtand nicht lange an, ſo hörte Esmond ihn ſeine Hunde herbeirufen, dieſelben auf⸗ muntern, und mit ihnen ſprechen, und wurde durch Hunderte ſeiner Blicke und Geberden und Eigenthüm⸗ lichkeiten in der Stimme und im Gange an den ver⸗ ſtorbenen Lord, Frank's Vater, erinnert. Und ſo verſtrich der Sylveſterabend; ſchon lange vor Mitternacht trennte ſich die Familie, indem Lady Caſtlewood ſich ohne Zweifel früherer Sylveſterabende erinnerte, wo gelacht und Geſundheiten getrunken wur⸗ den in der Geſellſchaft deſſen, den ſie jetzt nicht mehr um ſich ſah; und ſo mochte ſie denn nicht bei ihren Kindern allein ſitzen, und hören, wie die Glocken der Kathedrale die Geburt des Jahres 1703 einläuteten. Esmond hörte das Geläute, während er auf ſeinem Zimmer ſaß, und neben dem dort lodernden Feuer nachgrübelte: ſo horchte er, bis die letzten Töne ver⸗ 75 klungen waren, wobei er von ſeinem Fenſter aus nach der Stadt und den großen, grauen Thürmen der Ka⸗ thedrale hinſah, die unter dem kalten Himmel lagen, während oben, am Firmamente, die Sterne hell glänzten. Der Anblick dieſer glänzenden Himmelskörper war ohne Zweifel Schuld, daß er an andere Lichter dachte. Und ſo haben denn ihre Augen bereits ihre mör⸗ deriſche Wirkung bewieſen,“ dachte Esmond, — „an wem? — Wer kann mir das ſagen?“ Glücklicher Weiſe war ſein Vetter um ihn, und Esmond wußte, daß es gar nichts Schweres ſein würde, aus den einfachen Reden des Jungen die Ge⸗ ſchichte der ſchönen Miſtreß Beatrix zu entnehmen. Achtes Kapitel. Famitiengeſpräche. Was Harry an dem hübſchen Burſchen, ſeinem Vetter, bewunderte und ſich von ihm gefallen ließ, war (— und warum hätte er ſich dem widerſetzen ſollen? —) die ruhige Gönnerſchaft, die ſich der junge Lord anmaßte, wie wenn es ſein unbezweifel⸗ tes Recht wäre, zu befehlen, und wie wenn Jeder, der ihm an Rang nicht gleich käme, ſich vor Viscount Caſtlewvod demüthigen müßte. Ich weiß und kenne meine Stellung, Harry,“ ſagte er. „Ich bin nicht ſtolz, — die Knaben im Collegium von Wincheſter ſagen zwar, ich ſei ſtolz, 76 aber ich bin es nicht. Ich bin ganz einfach Francis James Viscount Caſtlewvod in der iriſchen Pairie. Ich könnte (— weißt Du das auch? —) Francis Ja⸗ mes, Marquis und Graf von Esmond in der engliſchen Pairie ſein. Der ſelige Lord ſchlug den Titel aus, der ihm von meinem Taufpathen, Seiner ſeligen Ma⸗ jeſtät, angeboten wurde. Du ſollteſt das billig wiſſen, — Du gehörſt zu unſerer Familie, weißt Du, — Du kannſt Nichts für Deinen linken Schrägebalken, mein lieber Burſche; und trotz dem gehörſt Du einer der beſten Familien Englands an; und Du ſtandeſt zu meinem Vater, und, bei Gott! ich werde zu Dir ſtehen. „Es ſoll Dir nie an einem Freunde fehlen, Harry, ſo lange Francis James Viscount Caſtlewvod noch einen Schilling im Vermögen hat. Wir leben jetzt im Jahre 1703: — und im Jahre 1709 werde ich volljährig. Dann gehe ich nach Caſtlewvod zurück; zu Caſtlewvod werde ich wohnen; auch werde ich das Haus wieder aufbauen. Bis dahin werden meine Vermögensumſtände wieder ſo ziemlich gut ſein. Der ſelige Viscount wirthſchaftete gar übel mit meinem Eigenthum, und hinteriieß es in einem ſehr üblen Zu⸗ ſtande. Meine Mutter knanſert ſehr, wie Du ſiehſt, und beachtet nicht genug, daß meine jetzige Stellung kaum einem Manne angemeſſen ſein möchte, der, wie ich, einer der Pairs dieſer Königreiche iſt; denn ich habe nur ein Paar Pferde, einen Hofmeiſter, und ei⸗ nen Bedienten, der zugleich Kammerdiener und Reit⸗ knecht iſt. „Aber ſobald ich ein Mal volljährig bin, wird das Alles ſich ändern, Harry Unſer Haus wird dann wieder ſo ſein, wie es ſein ſollte. Und was Dich be⸗ trifft, ſo wirſt Du immer nach Caſtlewvod kommen: nicht wahr? Es ſollen für Dich immer Deine zwei Zimmer im Hofe parat ſtehen; und ſollte es Jemand einfallen, Dir nicht die gebührende Achtung zu er⸗ 77 weiſen, ſo mag er ſich nur vor mir in Acht nehmen. Ich werde mich frühzeitig verheirathen: — bis dahin wird Trir höchſt wahrſcheinlich eine Herzogin ſein; denn eine Kanonenkugel kann dem Leben Seiner Gna⸗ den jeden Tag ein Ende machen, weißt Du.“ „Wie meinſt Du das? fragt Harry. „St, mein Lieber! ſagt my Lord Viscvunt. Du gehörſt zur Familie, — Du biſt uns treu, bei St. Georg, und darum will ich Dir Alles ſagen⸗ Blandford wird ſie heirathen — oder aber — (— und hier legte er ſeine kleine Hand an ſeinen Degen —) „Du verſtehſt ſchun das Uebrige. Blandford weiß wohl, wer von uns Beiden den beſten Degen führt. Mit dem Stoßdegen oder mit dem Haudegen, oder mit dem Schwerte und Dolche, wenn er es vorzieht: ich kann ihn ſchlagen. Ich habe ihn ſchon auf die Probe ge⸗ ſtellt, Harry; und er weiß, meiner Treu! daß ſich mit mir nicht ſpaſſen läßt.“ „Du wirſt doch aber nicht ſagen wollen,“ ſagt Harry, ſein Lachen, aber nicht ſeine Verwunderung verbergend, „Du ſeieſt im Stande, my Lord Blandford, den Sohn des erſten Mannes in dieſem Königreiche, mit dem Degen in der Hand, zu einer Heirath mit Deiner Schweſter zu zwingen?“ Ich will ſo viel ſagen, daß wir von mütterlicher Seite Vettern und Baſen ſind, obgleich ſich nicht da⸗ mit prahlen läßt. Ich will damit ſo viel ſagen, daß ein Esmond ſo gut iſt, wie ein Churchill; und wenn der König ein Mal zurückkommt, ſo darf die Schweſter des Marquis von Esmond ſich der Tochter jedes Edel⸗ manns in dieſem Königreiche kühn gleichſtellen. Es ſind in ganz England nur zwei Marquis, William Herbert, Marquis von Powis, und Francis James, Marquis von Esmond; und hör' nun, Harry, Du mußt mir ſchwören, daß Du dieß nie enthüllen willſt. Gib mir, als ein Gentleman, Dein Ehrenwort, denn Du biſt ein Gentleman, obgleich Du ein —“ „Nun, nun,“ ſagt Harry, etwas ungeduldig. „Wohlan denn! Nach dem Unglücke, das dem ſe⸗ ligen Viscount zuſtieß, ging meine Mutter mit uns nach London, um den Arm der Gerechtigkeit gegen Euch Alle herauszufordern (— was Mohun betrifft, ſo muß ich ſein Blut haben, ſo wahr ich Francis Viscvunt Esmond heiße —). Wir hielten uns bei un⸗ ſerer Couſine, my Lady Marlborough, auf, mit der wir ſeit langer Zeit nicht eben im beſten Einvernehmen gelebt hatten. Als aber das Unglück da war, ſtand ſie zu ihrem Blute; auch die alte Vicomteſſe ſtund zu ihrem Blute, — ein Gleiches thateſt auch Du. „Wohlan, Sir, während meine Mutter den ſeligen Prinzen von Hranien (— denn nie werde ich ihn Kö⸗ nig nennen —) mit Bitten beſtürmte, und während Du im Gefängniſſe ſaßeſt, lebten wir in my Lord Marlborongh's Haus; und der Herzög war nur kurze Zeit da, indem er bei der Armee in Holland ſich be⸗ fand. Und dann — Aber, Harry, ver⸗ ſprichſt Du mir auch, von All' dem Nichts ſagen zu wollen?“ Harry gelobte abermals, daß er ſeinen Mund hal⸗ ten würde. „Gut alſo! Wir trieben, mußt Du wiſſen, im Hauſe allerlei Spaß: my Lady Marlborvugh hatte uns ſehr gern, und ſagte, ich müſſe ihr Page werden; und was Trix betrifft, ſo verſchaffte ſie ihr die Stelle einer Ehrendame, und während dieſelbe droben, auf ihrem Zimmer, war, und weinte, pflegten wir immer, weißt Du, allerlei Spaß zu treiben; und die Herzogin pflegte mich zu küſſen, und ihre Töchter thaten ein Gleiches; und Blandford verliebte ſich fürchterlich in Trix, und ſie liebte ihn; — und eines Tags küßte er — küßte er ſie hinter einer Thür, — ja, das that er 79 wirklich, — uud die Herzogin ertappte ihn auf der That, und ſie gab deßwegen ſowohl Trix als Bland⸗ ford ein ſolches Paar Ohrfeigen, — Du hätteſt es nur ſehen ſollen! „Und dann ſagte ſie, daß wir alsbald fortmüßten; auch ſchmähete ſie Mama, und ſagte, daß ſie um die Sache wüßte; aber ich kann Dich verſichern, daß dem nicht ſo war, — indem ſie immer nur an Vater dachte. Und ſo kamen wir nach Walcote. Blandford wurde eingeſperrt, und durfte Trix nicht mehr ſehen. Aber ich gelangte doch bis zu ihm. Ich kletterte die Dach⸗ rinne entlang, und gelangte ſo durch ein Fenſter in das Zimmer, wo er eingeſperrt war, und weinte. „Marquis,“ ſage ich, als er das Fenſter geöffnet, und mir hineingeholfen hatte, „Du weißt, daß ich einen Degen trage, denn ich hatte denſelben mitgebracht. „Oh, Viscvunt!“ ſpricht er, oh, mein theuerſter Frank! — und dabei warf er ſich mir in die Arme, und ſing an, heftig zu weinen. Ich liebe Miſtreß Beatrir dermaßen, daß ich gewiß ſterbe, wenn ich ſie nicht bekomme.“ „Mein lieber Blandford, ſage ich, Du biſt noch gar jung, und denkſt doch ſchon an das Heirathen;“ denn er war erſt fünfzehn, und ein junger Burſche von dieſem Alter kann doch wohl ſchwerlich ſo Etwas thun, weißt Du. „Aber ich warte zwanzig Jahre, wenn ſie mich nehmen will, ſagte er. Nie werde ich, — nein, nie, nie, nie werde ich Jemand anders, als ſie heirathen. Nein, nicht einmal eine Prinzeſſin, und wenn man auch noch ſo ſehr in mich dränge. Will Beatrix ſo lange warten, ſo ſchwört Blandford, ihr treu zu bleiben.“ Und er ſchrieb auf ein Papier (— die Ortho⸗ graphie war nicht ganz richtig, indem in dieſer Be⸗ ziehung ziemlich arge Verſtöße vorkamen —), und ge⸗ lobte, daß er Niemand anders heirathen wolle, als die ehrenwerthe Miſtreß Gertrude Beatrix Esmond, einzige Schweſter ſeines theuerſten Freundes Francis James, vierten Viscounts Esmond. Und ſo gab ich ihm denu ein Medaillon, in welchem ſich eine Locke von ihrem Haare befand.“ „Ein Medaillon, worin ſich eine Locke von ihrem Haare befand!“ ruft Esmond. „Ja, Trix gab es mir noch an dem nämlichen Tage, an dem der Kampf mit der Herzogin Statt ge⸗ funden. Sicherlich brauchte ich es nicht; ich gab es daher ihm; und wir küßten einander beim Abſchiede, und ſagten: — „Lebe wohl, Bruder! Ich aber ſchlu meinen Rückweg entlang der Dachrinne einz und duch an demſelben Abende reisten wir nach Walcote ab. „Er aber kam nach Cambridge in das King's⸗ College; und bald gehe auch ich nach Cambridge; und hält er ſein Verſprechen nicht (— denn er hat ſeitdem erſt ein Mal geſchrieben —), ſo weiß er, daß ich einen Degen führe, Harry. Doch komm' jetzt mit mir: wir wollen die Hahnenkämpfe zu Wincheſter mitanſehen.“ „ Aber hör' ein Mal, Harry,“ ſetzte er nach einer Pauſe lachend hinzu, „ich glaube kaum, daß Trix ſich um ihn ſehr grämen werde. Du gütiger Himmel! Sobald ſie einen Mann ſieht, liebäugelt ſie mit ihm; und noch vor einem Monate bekamen wegen ihr der junge Sir Wilmot Crawley, von Queens Crawley, und Anthony Henley, von Alresford, bei der Verſammlung in Wincheſter Mordhändel mit einander.“ An dieſem Abende war Mr. Harry's Schlaf keineswegs ſo angenehm oder ſüß, wie an den erſten zwei Abenden nach ſeiner Ankunft zu Walcote. „Die ſchönen Angen haben alſo bereits einem Andern geglänzt,“ dachte er, „und es haben die hübſchen Lip⸗ pen oder jedenfalls die Wangen das Werk begonnen⸗ wozu ſie gemacht worden. Da haben wir ein Mädchen 81 von noch nicht ſechzehn Jahren; und ſchon greint ein junger Gentleman über einer Locke von ihrem Haare; und ſchon ſind zwei Landedelleute bereit, einander den Hals abzuſchneiden, damit ſie die Ehre haben mögen, mit ihr zu tanzen. Was für ein Thor bin ich doch, daß ich mit dieſer Leidenſchaft tändele, und daß ich in dieſer albernen Flamme mir die Flügel verſenge! Flügel! — Warum ſage ich nicht Krücken? Zwar liegt bloß ein Unterſchied von acht Jahren zwiſchen uns; aber was das Leben betrifft, ſo bin ich dreißig Jahre älter. Wie konnte ich mir es auch nur ein Mal einfallen laſſen, daß ich mit meinem rauhen Weſen und nit meinem mürriſchen Geſichte einer ſo holden Kreatur gefallen würde? Und hätte ich auch noch ſo große Verdienſte, und hätte ich mir auch einen Namen gemacht, — könnte ſie je meinen Liebesanträgen ein williges Ohr leihen? Sie muß Marquiſin werden, ich aber ein namenloſer Baſtard bleiben. Oh, mein Ge⸗ bieter, mein Gebieter! — hier fing er an, mit leiden⸗ ſchaftlichem Schmerze an das feierliche Verſprechen zu denken, das er dem armen Lord auf ſeinem Sterbebette gegeben —); oh, meine Gebieterin, oh, theuerſte, gütigſte Gebieterin, — werdet ihr zufrieden ſein mit dem Opfer, das der arme Waiſe euch bringt, der Waiſe, den ihr liebet, und der euch ſo liebt?“ Und dann kam eine ſtärkere Pein, — die Pein der Verſuchung. „Ein Wort von mir,“ dachte Harry, nur ein Paar Silben, um mich zu erklären, und All' dieſes könnte ſich ändern; aber nein, ich habe es an dem Sterbebette meines Wohlthäters geſchworen. Um ſeinet⸗ und um der Seinigen willen, — um der heiligen Liebe und Freundſchaft willen, die frühere Tage ge⸗ ſehen, gab ich ihm das Verſprechen, und möge der gütige Himmel mich in Stand ſetzen, mein Gelübde zu halten!“ Henry Esmond. I. 6 82 An dem darauf folgenden Tage bemerkte, obgleich Esmond durch kein äußeres Zeichen das, was in ſei⸗ nem Geiſte vorging, zu erkennen gab, ſondern es ſich angelegen ſein ließ, außergewöhnlich fröhlich und luſtig zu ſein, als er beim Frühſtücke mit ſeinen Freunden zuſammentraf, — an dem darauf folgenden Tage, ſage ich, bemerkte ſeine theure Gebieterin, deren klarem Auge keine ſeiner Emotionen entgehen zu können ſchien, daß irgend Etwas ihm zu ſchaffen machte, denn wäh⸗ rend des Frühſtückes blickte ſie mehr, denn ein Mal, ängſtlich nach ihm hin, und als er ſpäter in ſein Zim⸗ mer hinaufging, folgte ſie ihm nach einer Weile nach, und klopfte an ſeiner Thüre an. In dem Augenblicke, wo ſie eintrat, war ihr die ganze Geſchichte ohne Zweifel mit einem Male klar; denn ſie fand unſern jungen Gentleman damit beſchäf⸗ tigt, ſeinen Mantelſack zu packen, in Uebereinſtim⸗ mung mit dem Entſchluſſe, zu dem er in der vorge⸗ gangenen Nacht gekommen war, — mit dem Ent⸗ ſchluſſe nämlich, daß es das Beſte ſei, wenu er Verſuchung ſobald, wie möglich, zu entgehen uche. Sie ſchloß die Thüre ſehr ſorgfältig hinter ſich, und lehnte ſich, überaus blaß gegen dieſelbe. Sie hielt die Hände vor ſich hin gefaltet, blickte den jun⸗ gen Mann an, der beim Packen auf dem Boden kniete, und ſagte: „Gehen Sie denn ſchon ſo bald?“ Er erhob ſich, vielleicht darüber errötheud, daß er gleichſam auf friſcher That ertappt worden, und er⸗ faßte eine ihrer ſchönen kleinen Hände, — es war die⸗ jenige, an welchem ſich der Trauring befand, — und küßte dieſelbe. „Es iſt wohl ſo am Beſten, theuerſte Lady,“ ſag te er. „Oh, ich ſah ſchon beim Frühſtücke, daß Sie gehen 83 würden. Ich — ich glaubte, daß Sie noch länger bleiben würden. Was iſt denn geſchehen? Warum können Sie denn nicht länger bei uns bleiben? Was hat denn Frank Ihnen geſagt? — Ihr habet geſtern Abend noch ganz ſpät mit einander geſprochen.“ „Ich hakte nur auf drei Tage Urlaub bekommen, als ich von Chelſea wegging,“ ſprach Esmond in mög⸗ lichſt fröhlicher Weiſe. „Meine Tante, ſie läßt ſich von mir Taute nennen, — iſt nun meine Gebie⸗ terin; ihr verdanke ich mein Lientenants⸗Patent, ſo⸗ wie meinen Treſſenrock. Sie erweist mir hohe Gunſt; und mein neuer General — General Lumley, der mich zu ſeinem Adjutanten ernannt, und dem ich die Ehre haben muß, meine Aufwartung zu machen, — wird morgen zu Chelſea ſpeiſen. Sehen Sie, da iſt ein Brief von der alten Vicomteſſe; die Poſt hat ihn mir vergangenen Abend gebracht; und ich mochte nicht davon ſprechen, um unſer letztes fröhliches Zuſammen⸗ ſein nicht zu ſtören.“ My Lady blickte den Brief an, und legte ihn dann wieder mit einem Lächeln hin, das etwas ver⸗ ächtlich war. „Ich brauche den Brief nicht zu leſen,“ ſagt die Lady (— auch war es ebenſo gut, daß ſie das nicht that; denn das von Chelſea gekommene Miſſiv, wel⸗ ches in dem gewohnten franzöſiſchen Kanderwelſch der armen alten Vicomteſſe geſchrieben war, erlaubte ihm, länger abweſend zu ſein, als er ſagte. Je vous donne,“ ſagte Ihre Ladyſchaft, oui Jour, pour vons fatiqay Parfaictement de vos parens fatigans *) —) „— ich brauche den Brief nicht zu leſen,“ ſagt ſie. „Was hat Ihnen vergangenen Abend Frank geſagt?“ Ich gebe Ihnen acht Tage, um an Ihren langweiligen Veiwandten ganz genug zu bekommen. das nachdachte, was vielleicht auch ſ „Ah! er ſagte mir Wenig, was ich nicht bereits gewußt hätte;“ antwortete Mr. Esmond. „Aber ich habe über das Wenige nachgedacht, und bin zu dem Reſultate gekommen, daß ich kein Recht auf den Na⸗ men habe, den ich führe, theure Lady; und es ge⸗ ſchieht nur in Folge Ihrer Duldung, daß ich denſel⸗ ben behalten darf. Wenn ich eine Stunde lang über ſchon Ihren Geiſt veſchäftigt —“ „Ja, Harry, ich habe darüber nachgedacht,“ ſagte ſie, „ja, ich habe es gethan, und denke noch da⸗ ran. Ich möchte Sie lieber meinen Sohn nennen, als den größten Fürſten in Europa, ja, als den größ⸗ ten ſe Denn wer iſt ſo gut, und ſo tapfer, wie Sie, und wer würde ſie ſo lieben, wie Sie ſie lieben würden ? Aber es gibt Gründe, die eine Mutter nicht ſagen kann.“ „Ich kenne ſie,“ ſagte Mr. Esmond, die Lady mit einem Lächeln unterbrechend. „Ich weiß, daß Sir Wilmot Crawley, von Queen's Crawley, und Mr. Anthony Henley von der Grange, und endlich my Lord, Marquis von Blandford da iſt, welch! Letzterer der begünſtigte Bewerber zu ſein ſcheint. Sie werden mich bitten, die Bandſchleifen der Frau Marquifin zu tragen, und bei der Hochzeit Ihrer Ladyſchaft zu tanzen.“ „Dh, Harry, Harry, es ſchreckt mich keine dieſer Albernheiten,“ rief Lady Caſtlewood. „Lord Chur⸗ chill iſt noch ein Kind, und ſeine Leidenſchaft für Beatrix war NRichts, als tnabenhafte Thorheit. Und was ſeine Eltern betrifft⸗ ſo möchten ſie ihn lieber begraben, als ihn mit einer ihm an Rang nicht gleich⸗ kommenden Perſon verheirathet ſehen. Und glauben Sie denn, daß ich mich ſo weit erniedrigen würde, um für Francis Esmond's Tochter um einen Gatten zu bitten; oder um mein Mädchen in jene ſtolze Fa⸗ 85 milie hineinzuſchmuggeln, die dann doch nur als eine Unebenbürtige behandelt werden würde, — davon gar nicht zu reden, daß zwiſchen Sohn und Eltern noth⸗ wendig Streitigkeiten entſtehen müßten? Eines ſolch gemeinen, verächtlichen Benehmens würde ich mich nie ſchuldig machen. Und auch Beatrix würde ſolche Mit⸗ tel verſchmähen. Ah, Harry, nicht an Ihnen liegt, die Schuld, ſondern an ihr. Ich kenne euch beide, und liebe euch; ſoll ich mich nun dieſer Liebe ſchämen? Nein, nie, nie, und nicht Sie ſind unwürdig, theurer Harry. Meine arme Beatrix iſt es, für die ich zittere; — ihr hartnäckiger Wille erſchreckt mich; ihr eiferſüch⸗ tiges Weſen (— es heißt, auch ich ſei eiferſüchtig ge⸗ weſen; allein von dieſer Sünde bin ich geheilt, Gott ſei Dank! —), und ihre Eitelkeit vermögen keine mei⸗ ner Worte und keine meiner Bitten zu heilen, ſondern bloß Leiden, ſondern bloß die Erfahrung und ſpäter Gewiſſensbiſſe. Oh, Harry, ſie wird keinen Mann, der ſie liebt glücklich machen. Gehen Sie, mein Sohn, verlaſſen Sie ſie: lieben Sie uns ſtets und bewahren Sie uns ein frenndliches Andenken: und was mich betrifft, mein Lieber, ſo wiſſen Sie, daß dieſe Mauern Alles in ſich ſchließen, was ich auf dieſer Welt liebe.“ Fand Esmond in ſeinem ſpäteren Leben dieſe Worte, die ſeiner liebevollen Gebieterin aus dem kum⸗ mererfüllten Herzen drangen, auch wahr? Gewarnt war er zwar; aber es will mich bedünken, daß es ſowohl vor ihm, als ſeitdem auch Männer gab, die gewarnt wurden: und er zog daraus den Nutzen, den die meiſten Männer daraus zu ziehen pflegen. * * 8 * Der junge Lord Visconnt war ungemein betrübt, als er hörte, daß Harry nicht mit ihm zu den Hahnen⸗ kämpfen gehen könne, ſondern nach London zurückkeh⸗ ren müſſe; aber ohne Zweifel tröſtete ſich my Lord, als die Hampſhirer Hähne als Sieger aus der Schlacht hervorgingen; auch ſah er jeden der Kämpfe und ju⸗ belte gehörig, als er die Suſſexer Gentlemen beſiegt ſah. Als Esmond der Stadt zuritt, kam ſein Bedienter zu ihm herangeritten und ſagte ihm grinſend, daß Miſtreß Beatrix ein neues Kleid, ſowie blaue Strümpfe dus ihrem Schranke hervorgezogen, um noch an dem⸗ ſelben Tage beim Mittageſſen darin zu erſcheinen; und daß ſie ganz wüthend geworden ſei und ihr Kammer⸗ mädchen ins Geſicht geſchlagen habe, als ſie von ſeiner Abreiſe gehört. Der Bediente ſagte weiter, das Kam⸗ mermädchen ſei weinend in die Bedientenſtube herab⸗ gekommen und es habe ihre Wange noch die Spur eines Streiches gezeigt; — aber Esmond befahl ihm ein für alle Mal, hinten nach zu reiten und zu ſchwei⸗ gen, und ritt fort, den Kopf voller Gedanken, von denen einige traurig, andere aber unausſprechlich an⸗ genehm und wonnepoll waren. Seine Gebieterin, von der er ein Jahr lang ge⸗ trennt geweſen, war jetzt abermals ſeine theuerſte Ge⸗ bieterin. Die Familie, von der er getrennt geweſen und die er mit zärtlichſter Hingebung liebte, war nun abermals ſeine Familie Wenn Beatrivens Schönheit ihn mit ihrem Glanze blendete, ſo war dieſer Glanz doch ein freundſchaftlicher, und er konnte dieſelbe etwa mit demſelben Entzücken betrachten, das ihm geblieben war, als er die ſchönen Gemälde der lächelnden Ma⸗ donna in dem Kloſter zu Cadir geſehen hatte, — da⸗ mals, als er mit einer Flagge an den Gouverneur abgeſchickt wurde: und was ſeine Gebieterin betrifft, ſo war es ſchwer zu ſagen, mit welchem Gefühle er ſie betrachtete. Es war ein wönniges Gefühl, ſie geſehen zu haben, — und doch war es auch keine große Qual, von ihr zu ſcheiden; eine kindliche Zärtlichkeit, — eine Liebe, die zugleich Achtung und Schutz war, erfüllte 87 ſein Herz, wenn er an ſie dachte; und ſei es, daß er ihr nahe, oder daß er ferne von ihr iſt, und von jenem Tage bis zu dieſer Stunde, und von dieſer Stunde, bis der Tod überſtanden, und noch jenſeits der Todes⸗ pforten fleht er, daß dieſe heilige Flamme nie verlö⸗ ſchen, ſondern ewig brennen möge. Ueuntes Kapitel. Ich mache den Feldzug von 1704 mit. Mr. Esmond ritt jetzt alſo nach London, wo die alte Vicomteſſe, wenn ſie über den Urlaub, den er ſo plötzlich genommen, böſe geweſen, über ſeine baldige Rückkehr höchlich erſtaunt war. Er begab ſich alsbald zu ſeinem neuen Generale, General Lumley, um ihm ſeine Aufwartung zu machen. Dieſer nahm ihn gnädig auf, indem er ſeinen Vater gekannt und indem er auch, wie er hinzuzuſetzen ge⸗ ruhete, von dem Offiziere, deſſen Adjutant Mr. Es⸗ mond geweſen war, über Letzteren die beſten Berichte bekommen hatte. Im Laufe des Winters war Mr. Esmonds Er⸗ nennung zum Lieutenant bei dem Füſilierregimente des Brigadegenerals Webb in der amtlichen Zeitung zu leſen Das Regiment befand ſich dazumal mit ſei⸗ nem Oberſten in Flandernz⸗ da nun aber Esmond zu der Suite von Mr. Lumley gehörte, ſo ſtieß er erſt nach Verfluß von mehr als einem Jahre zu ſeinem Regimente, das heißt, als er von der Schlacht von 88 Blenheim zurückkam, die in dem darauf folgenden Jahre geſchlagen ward. Der Feldzug begann ſehr frühe, indem unſere Truppen ihre Quartiere verließen, ehe noch der Winter recht vorüber war, und indem ſie, unter dem Com⸗ mando des Herzogs, die Stadt Bonn am Rhein be⸗ lagerten. Seine Gnaden ſelbſt kam, von tiefem Grame verzehrt, zur Armee, und trug am Aermel einen Flor, während ſeine ganze Dienerſchaft in Trauer gekleidet war; und daſſelbe Packetbvot, worauf der Obergeneral herüberkam, brachte auch für die, welche ihm bereits vorausgegangen waren, Briefe mit, unter Anderem auch Esmond einen Brief von ſeiner theuren Gebieterin, welcher ihn nicht wenig intereſſirte. Der junge Marquis von Blandford, der Sohn Seiner Gnaden, der in King's College zu Cambridge immatriculirt worden war (— my Lord Viscount war gleichfalls nach Cambridge gegangen und hatte ſich in das Dreifaltigkeits⸗Collegium aufnehmen laſſen, wäh⸗ rend Mr. Tuſher als Hofmeiſter um ihn blieb —), hatte die Blattern bekommen und war in einem Alter von ſechszehn Jahren geſtorben. Und ſo war es denn mit den Plänen des armen Frank in Beziehung auf die Verheirathung ſeiner Schweſter aus, und ſo ward die unſchuldige kindiſche Leidenſchaft im Keim erſtickt. Es wäre Esmond's Gebieterin angenehm geweſen, wenn derſelbe zurückgekommen wäre, — es deuteten wenigſtens ihre Briefe darauf hin; allein im Angeſichte, des Feindes war das unmöglich, und unſer junger Mann betheiligte ſich dann ſo in ſeiner beſcheidenen Weiſe an dem Belagerungsgeſchäfte, worüber hier kein weiterer Bericht gegeben zu werden braucht. Auch war er ſo glücklich, ohne irgend eine Wunde davon zu kommen und nach der Uebergabe der Stadt die Ge⸗ ſundheit ſeines Generals trinken zu können. Während dieſes Jahres war er immer im Dienſte, 89 und dachte keinen Augenblick daran, Urlaub zu ver⸗ langen, wie ein Paar ſeiner minder glücklichen Freunde thaten, die in dem furchtbaren Sturme Schiffbruch litten, welcher gegen Ende November Statt fand, — in jenem Sturme, „der jüngſt über die bleiche Britannia hinblies“ (— wie Mr. Addiſon ſang —) und in wel⸗ chem viele Dutzende unſerer größten Schiffe, ſowie fünfzehntauſend unſerer Seeleute untergingen. Man ſagte, unſer Herzog ſei ganz darniederge⸗ ſchlagen durch das Unglück, das ſeine Familie betrof⸗ fen; aber ſeine Feinde ſollten bald finden, daß er nicht allein ſie, ſondern auch ſeinen Kummer bezwingen konnte. So erfolgreich auch die Operationen dieſes großen Generals im vergangenen Jahre geweſen waren, ſo gewannen ſie doch in dem darauf folgenden Feld⸗ durch den Glanz ſeines Sieges noch unendlich mehr. Nach der Uebergabe von Bonn begab ſich der Oberbefehlshaber nach England und es zog ſich dann unſere Armee nach Holland zurück, wo, im April 1704, Seine Gnaden abermals die Truppen fand, die ſich in Harwich einſchifften und zu Marsland Sluys landeten. Von letzterem Orte begab ſich Seine Gna⸗ den alsbald nach dem Haag, wo er die fremden Ge⸗ ſandten, die Generale und andere Leute von Rang empfing. Ueberall wurden Seiner Gnaden die größten Ehren erwieſen, — im Haag, zu Utrecht, zu Rure⸗ monde und zu Maeſtricht; die bürgerlichen Behörden, zogen ihm allenthalben entgegen; Kanonenſalven be⸗ grüßten ihn, — Staatsbaldachine wurden da, wo er anhielt, für ihn errichtet, und für die vielen Herren, die in ſeinem Gefolge waren, waren allenthalben Feſte bereitet. Seine Gnaden muſterte zuerſt zwiſchen Lüttich und Maeſtricht die Truppen der Generalſtaaten und darauf die engliſchen Streitkräfte, die unter dem Com⸗ mando von General Churchill, in der Nähe von Bois⸗ le⸗Düc, ſtanden. Alles war auf einen langen Marſch vorbereitet, und die Armee vernahm mit nicht geringer Genugthu⸗ ung, wie es die Abſicht des Oberbefehlshabers wäre, den Krieg aus den Niederlanden hinaus zu ſpielen, und auf die Moſel loszumarſchiren. Ehe wir unſer Lager bei Maeſtricht verließen, hörten wir, daß die Franzoſen unter Marſchall Villeroy gleichfalls ſich nach der Moſel hin bewegten. Gegen Ende Mai kam die Armee zu Coblenz an, und an dem darauf folgenden Tage ſtattete Seine Gna⸗ den, mit den ihn begleitenden Generalen, dem Chur⸗ fürſten von Trier auf ſeinem Schloſſe Ehrenbreitſtein einen Beſuch ab; und während der Herzog dem großen Feſte anwohnte, das der Churfürſt ihm zu Ehren ver⸗ anſtaltet hatte, gingen die ſchwere Reiterei und die Dragoner über den Rhein. Bis jetzt war noch Alles voller Neuheit, voller Feſtlichkeiten und voller Glanz: — es war der brillante Durchmarſch einer großen und ſieg⸗ gekrönten Armee durch Freundesland; auch gehörten von den Naturſcenen, die wir zu ſehen bekamen, einige wirklich zu den ſchönſten und prächtigſten, die mir je vergönnt war, zu ſchauen. Die Infanterie und die Artillerie, die der Reiterei ſo raſch, wie möglich, nachfolgten, gingen unter Ehren⸗ breitſtein über den Rhein, und kamen ſo nach Caſtel, Mainz gegenüber, in welch letzterer Stadt Seine Gna⸗ den, ſowie ſeine Generale und ſeine ganze Suite am Landungsplatze von den Kutſchen des Churfürſten er⸗ wartet wurden. Unter Kanonendonner ging es dann nach dem Palaſte Seiner Hoheit, und dann abermals zu einem prächtigen Gaſtmahle. Gidlingen, in Bayern, war der allgemeine Sammelplatz für die Armee, und dahin marſchirten alſo, auf verſchiedenen Wegen, ſämmt⸗ 91 liche engliſche, holländiſche und däniſche Streitkräfte ſammt den deutſchen Bundesgenoſſen. Die Infanterie und Artillerie unter General Chur⸗ chill gingen bei Heidelberg über den Reckar; und es bekam Esmond ſo Gelegenheit, dieſe Stadt, ſowie den einſt ſo berühmten und ſchönen (— obgleich während des letzten Krieges durch die Franzoſen unter Türenne ſo beſchädigten und faſt in einen Trümmerhaufen ver⸗ wandelten —) Palaſt zu ſehen, wo ſein Großvater der ſchönen und unglücklichen Churfürſtin von der Pfalz gedient hatte, die eine Schweſter König Karls, des Erſten, geweſen war. Zn Mindelsheim kam der berühmte Prinz von Savoyen zu unſerem Befehlshaber auf Beſuch, und wir Alle drängten uns herbei, um dieſen brillanten und kühnen Krieger zu Geſicht zu bekommen; auch wur⸗ den unſere Truppen vor dem Prinzen in Schlachtord⸗ nung aufgeſtellt, der die Gnade hatte, dieſe treffliche engliſche Armee ſeiner Bewunderung würdig zu finden. Endlich bekamen wir zwiſchen Dillingen und Lauin⸗ gen den Feind zu Geſicht, indem bloß die Brenz zwi⸗ ſchen beiden Heeren lag. Der Churfürſt, in der Mei⸗ nung, daß Donauwörth den Angriffspunkt Seiner Gnaden bilden würde, ſchickte ein ſtarkes Detachement ſeiner beſten Truppen an Graf Darcos ab, der in der Nähe des genannten Ortes, bei Schellenberg, ſtand, wo gewaltige Verſchanzungen aufgeworfen, und immer noch Tauſende von Pionieren beſchäftigt waren, um die Po⸗ ſition noch ſtärker zu machen. Am zweiten Juli nahm Seine Gnaden den Poſten im Sturm, mit welch' glücklichem Erfolge von unſerer Seite, glaube ich wohl kaum ſagen zu müſſen. Seine Gna⸗ den rückte mit ſechstauſend Mann Infanterie, — Englän⸗ dern und Holländern, — mit dreißig Schwadronen, und drei Regimentern kaiſerlicher Kuiraſſiere vor. Der 92 Herzog ging ſelbſt an der Spitze der Cavallerie über den Fluß. Obgleich unſere Truppen mit beiſpielloſem Muthe und noch nie geſehener Wuth angriffen, — ſie ſtürzten blindlings auf die Kanonen des Feindes los, und fielen vor den Befeſtigungswerken des Letztern in Maſſe, — ſo wurden wir doch zu wiederholten Malen zurück⸗ getrieben, und würden die Werke nicht genommen ha⸗ ben, wären nicht die Kaiſerlichen unter dem Prinzen von Baden herbeigekommen, in einem Angenblicke, wo der Feind uns nicht die Spitze bieten konnte. Wir verfolgten Letzteren bis in die Tranſcheen, richteten dort ein fürchterliches Blutbad an, und jagten ihn bis in die Donau hinein, wo ein großer Theil ſeiner Trup⸗ pen, dem Beiſpiele der Generale folgend, ſowie Graf Darcos und der Churfürſt ſelbſt, ſich ſchwimmend zu retten ſuchten. Darauf beſetzten wir Donauwörth, welches die Bayern räumten, und wo der Churfürſt, wie es hieß, uns hatte einen warmen Empfang bereiten wollen, in⸗ dem es ſeine Abſicht geweſen war, uns in den Betten zu verbrennen. Auch fanden wir wirklich die Keller der Häuſer, als wir letztere beſetzten ganz mit Stroh angefüllt. Aber obgleich die Pechkränze noch da waren, ſo waren doch die Burſchen, welche ſich derſelben hatten bedienen ſollen, davon gelaufen. Die Bürger mochten ihre Häuſer natürlich nicht der Zerſtörung ausgeſetzt ſehen; und ſo bemächtigte ſich denn unſer General der ganzen Munition des Feindes, die in den Arſenalen lag, ſeiner Vorräthe, und ſeiner Magazine. Fünf Tage darauf wurde bei Prinz Ludwig's Armee ein feierliches Te Deum geſungen, während bei der unſrigen ein feierlicher Gottesdienſt abgehalten wurde, um dem Gott der Heerſchaaren für den errun⸗ genen Sieg zu danken. Die Glückwünſche des Prinzen von Savoyen kamen Seiner Gnaden, dem Oberbefehls⸗ —— ihr auch wohl 93 haber, im Laufe des Tages, während der Feierlichkeiten, zu, und beſchloſſen dieſelben, ſo zu ſagen, mit einem Amen. Und jetzt, nachdem er einen großen militäriſchen Marſch durch Freundesland, — den Pomp und die Feſtlichkeiten von mehr, denn einem deutſchen Hofe, — den harten Kampf einer heiß beſtrittenen Schlacht, ſowie den Triumph des Sieges geſehen hatte, bekam Mr. Esmond einen andern Theil militäriſcher Pflicht zu ſchauen, indem unſere Truppen in Feindesland ein⸗ drangen, und Alles um ſich her mit Feuer und Schwert verheerten, ganze Bauerhöfe niederbrannten, Felder verwüſteten, während Weiber ihr Zettergeſchrei hören ließen, Väter und Söhne hingeſchlachtet wurden, und eine betrunkene Soldateska inmitten einer Maſſe von Thränen, Schrecken und Mordthaten fluchte und zechte. Warum ſpricht die ſtolze Muſe der Geſchichte, die ſich ſo ſehr darin gefällt, die Tapferkeit von Helden und die Größe von Eroberungen zu beſchreiben, nicht von ſolchen Scenen, die ſo viehiſch, ſo gemein, und ſo erniedrigend ſind, und doch den bei Weitem größten Theil des Kriegsdramas bilden? Ihr Männer von Eng⸗ land, die ihr behaglich daheim bleibt, und euch ſelbſt in den Triumphgeſängen beglückwünſchet, womit unſere Heerführer geprieſen werden, — ihr hübſchen Mädchen, die ihr die Treppe herabgeſtürzt kommt, wenn Pfeifen und Trommeln euch rufen, und die ihr den britiſchen Grenadieren ein freudiges Hurrah bringt, — denket an dieſe Items, die bei dem von euch bewunderten Triumphe in Rechnung gebracht werden müſſen, und die einen Theil von den Pflichten der Helden bilden, die ihr liebkoſet? Unſer Anführer, den England und ganz Europa, — die Franzoſen allein ausgenommen, — faſt abgöt⸗ tiſch verehrte, hatte das Große, daß er im Angeſichte des Sieges, im Angeſichte der Gefahr, im Angtſichte der Niederlage ganz ruhig blieb. Im Angeſichte des größ⸗ ten Hinderniſſes, oder bei der trivialſten Ceremonie, vor hundert tauſend in Schlachtordnung aufgeſtellten Soldaten, oder einem an der Thüre ſeiner brennenden Hütte niedergemetzelten Bauer, — bei einem Zechgelage betrunkener Großen Deutſchlands, oder am Hofe eines Monarchen, oder an dem Tiſche einer ärmlichen Hütte, worauf ſeine Schlachtenpläne lagen, — oder im Ange⸗ ſichte einer feindlichen Batterie, die Feuer und Tod ausſpie, und Leichname zu Tauſenden um ihn herſäete, — überall und immer war er kalt, ruhig, entſchloſſen, wie das Fatum. Er führte einen Verrath ebenſo leicht aus, wie eine Verbengung am Hofe; — er ſagte eine Unwahrheit, die ſo ſchwarz war, wie der Styr, ebenſo leicht, als er ein Compliment machte, oder von dem Wetter ſprach. Er nahm eine Maitreſſe, und verließ ſie wieder, — verrieth ſeinen Wohlthäter, und unter⸗ ſtützte ihn, oder würde ihn ermordet haben, immer mit der gleichen Ruhe, und ohne ſich mehr ein Gewiſſen daraus zu machen, als Clotho, wenn ſie den Faden webt, oder als Lacheſis, wenn ſie denſelben abſchneidet. Ich habe die Offiziere des Prinzen vön Savoyen ſagen hören, es ſei, in der Stunde der Schlacht, der Prinz immer von einer Art kriegeriſcher Wuth befallen worden; es hätten ſeine Augen gefunkelt; — er ſei anz wüthend da und dorthin gerannt; — er habe Flüche hervorgedonnert, und habe brüllend ſeine blutigen Kriegshunde angefeuert, und ſei ſelbſt immer der erſte bei der blutigen Jagd geweſen. Unſer Herzog aber war vor der Mündung einer Kanone ebenſo ruhig, wie an der Thüve eines Salons. Vielleicht wäre er nicht der roße Mann geweſen, der er war, wenn er ein Herz ſir Liebe, oder Haß, oder für Mitleid, oder für Furcht, oder für Reue, oder für Gewiſſensbiſſe gehabt hätte. Die kühnſte, verwegenſte That, oder die tiefſte Berech⸗ nung führte er gerade ſo aus, wie er die gewöhnlichſte 95 Handlung verrichtete, deren ein Menſch fähig iſt; er ſagte eine Lüge, oder betrog ein liebendes Weib, oder nahm einem armen Teufel ſeinen Pfennig mit demſelben furchtbaren Gleichmuthe: mit einem Worte, er war der edelſten, der größten, und der niedrigſten Handlungen in gleichem Maaße fähig. Man kannte ſeine Eigenſchaften ſo ziemlich bei der Armee, wo alle politiſchen Parteien repräſentirt waren, und wo es an ſcharfſinnigen und geiſtreichen Männern Ueberfluß hatte; allein es war ein ſo vollkommenes Vertrauen zu ihm, als dem erſten Heerführer der Welt, vorhanden, und man baute auf ſein gewaltiges Genie, ſowie auf ſein fabelhaftes Glück mit ſo vieler Bewun⸗ derung, daß ſelbſt die Leute, die er anerkannter Maßen um ihren Sold betrog, — daß ſelbſt die vornehmen Perſonen, die er benützte und ausbeutete (— denn er benützte alle Menſchen, mochten ſie groß oder klein ſein, die ihm nahe kamen, in gleicher Weiſe als ſeine Werk⸗ zeuge, und nahm ihnen Etwas, ſei es nun irgend eine Eigenſchaft oder irgend ein Beſitzthum, — hier das Blut eines Soldaten, dort einen mit Juwelen beſetzten Hut, dort hundert tauſend Kronen, die er einem Könige abnahm, dort wieder einen Theil von den elenden drei Hellern eines verhungernden, ſchildwachſtehenden Sol⸗ daten; oder als er noch jung war, einen Kuß, den er einem Frauenzimmer mit der an ihrem Halſe hangenden goldenen Kette abnahm: kurz und gut, er nahm eben Frauen und Männern Alles ab, was er konnte, und hatte, wie ich bereits geſagt, das Götterartige an ſich, daß er mit derſelben Summe von Sympathie einen Helden umkommen oder einen Sperling zu Boden fallen ſehen konnte. Nicht als ob er keine Thränen gehabt hätte; im Gegentheil: er konnte im rechten Momente dieſe Reſerve ſtets in die Schlacht führen; Thränen und einige lächelnde Blicke ſtanden ihm in gleichem Maße zu Gebot, und überall, wo er dieſer wohlfeilen 96 Münze benöthigt ſein mochte. Er kroch vor einem Schuhputzer, wie er einem Miniſter oder einem Monarchen ſchmeichelte, — konnte hochmüthig und demüthig ſein, konnte drohen, Reue empfinden, weinen, Jemand die Hand drücken, oder ihm den Dolch in's Herz ſtoßen, überall, wo und ſo oft ſich ihm eine günſtige Gelegen⸗ heit dazu darbot —) — Und dennoch bewunderten ihn bei der Armee diejenigen, die ihn am Beſten kannten, und die von ihm am Meiſten zu leiden gehabt, am Allermeiſten; und wenn er die Schlachtlinien entlang ritt, oder im kritiſchen Augenblicke zu einem Bataillon hingaloppirte, das vor dem Angriffe oder den Kugeln des Feindes zurückzuweichen anfing, fühlten ſich die Soldaten und Offiziere, die ſchon anfingen, den Muth ſinken zu laſſen, neugeſtärkt, ſobald ſie die herrliche Ruhe ſeines Geſichtes gewahrten, und fühlten, daß ſein Wille ſie unwiderſtehlich mache. Nach dem großen Siege von Blenheim ſteigerte ſich die Begeiſterung der Armee für den Herzog, wobei ich ſelbſt ſeine bitterſten perſönlichen Feinde bei der⸗ ſelben nicht ausſchließe, bis zu einer Art von Raſerei: — ja, gerade die Offiziere, die ihn in ihrem Herzen verwünſchten, jubelten ihm am Wahnſinnigſten zu. Wer konnte aber auch den Tribut ſeiner Bewunderung einem ſolchen Siege und einem ſolchen Sieger verſa⸗ gen? Gewiß nicht der, der dieß ſchreibt; es mag ſich Jemand noch ſo ſehr in den Philoſophen⸗Mantel hüllen, — aber derjenige, der an jenem Tage focht, muß, ſo oft er ſich an denſelben erinnert, ſich von Stolz durch⸗ bebt fühlen. Der rechte franzöſiſche Flügel ſtand unweit des Dorfes Blenheim, an der Donau, wo das Hauptauar⸗ tier von Marſchall Tallard ſich befand; und ihre Linie dehnte ſich wohl über anderthalb Wegſtunden aus, vyr Lützingen hin und an einem bewaldeten Hügel hinauf⸗ um deſſen Baſis her vierzig ſeiner Schwadronen ſtan⸗ 97 den, und gegen den Prinzen von Savoyen agirten. Hier ſtand ein Dorf, das die Franzoſen aber niederge⸗ brannt hatten, indem das Gehölz in Wahrheit beſſern Schutz darbot, und leichter, als ein Dorf zu vertheidi⸗ gen war. Vor dieſen zwei Dörfern und den franzöſiſchen Linien lief ein kleines Waſſer, nicht mehr, als zwei Fuß breit, durch einen Sumpf hin (— welcher Sumpf in Folge des heißen Wetters faſt ganz ausgetrocknet war —), und dieſes Waſſer trennte allein die beiden Armeen. Die unſrige ſtellte ſich, um ſechs Uhr Mor⸗ gens, vor der franzöſiſchen in Schlachtordnung auf, ſo daß unſere Linie für die ihrige ganz ſichtbar war; und dieſe große, weite Ebene war Stunden lang ganz ſchwarz von Truppen, ehe die Kanonade begann. Auf beiden Seiten dauerte dieſe Kanonade viele Stunden. Da die franzöſiſchen Kanonen vor ihrer Linie aufgeſtellt waren, ſo richteten ſie insbeſondere unter unſerer Cavalerie, ſowie auf unſerem rechten Flü⸗ gel, der aus Kaiſerlichen unter dem Prinzen von Sa⸗ voyen beſtand, großen Schaden an. Der Prinz aber konnte weder ſeine Artillerie, noch ſeine Linien vor⸗ ſchieben, indem der Boden vor ihm durch Gräben und Moräſte durchſchnitten, und für das Geſchütz ſehr ſchwer zu paſſiren war. Es war ſchon Mittag vorüber, als der Angriff auf unſerem linken Flügel begann, wo Lord Cutts, der tapferſte und beliebteſte Ofſizier in der engliſchen Armee, commandirte. Und nun hatte unſer junger Adjutant, um gleichſam ſeine Kriegserfahrung vollſtän⸗ dig zu machen, nachdem er zwei große Armeen in Schlachtordnung hatte einander gegenüber ſtehen ſehen, die Ehre, von einem Ende der Linie nach dem andern mit Befehlen zu reiten, und wurde mit vielen hundert andern tapfern Burſchen faſt zu Anfang dieſer berühm⸗ Heury Esmond. U, 7 ten Schlacht von Blenheim durch das Feuer des Fein⸗ des wehrlos gemacht. Ein wenig nach Mittag wurden nämlich die An⸗ ordnungen in Betreff des Angriffs endlich nach vielem Zögern und mit großer Schwierigkeit vervollſtändigt; und nun marſchirte, unter einem heftigen Feuer von den feindlichen Kanonen, die beſſer poſtirt, und zahl⸗ reicher, als die unſrigen waren, ein Corps Engländer und Heſſen, unter Anführung des auf der äußerſten Linken unſerer Linie commandirenden Generalmajors Rowe, auf Blenheim los. Mit ſeltener Tapferkeit marſchirte der Generalmajor zu Fuß, ſammt ſeinen Offizieren, an der Spitze der Kolonne und mit ent⸗ blößtem Haupte dem Feinde gerade entgegen, der mit ſeinem groben Geſchütz ein furchtbares Feuer eröffnete, und eine Musketenſalve nach der andern gab, die aber unſere Leute nicht anders beantworten ſollten, als mit Picke und Bajonnet, in dem Augenblicke, wo ſie an den franzöſiſchen Palliſaden anlangten. Auf letztere marſchirte Rowe unerſchrockenen Muthes zu; auch ſchlu er mit ſeinem Degen auf das Holz hinein, ehe z36 unſere Leute angriffen. Er ward augenblicklich ſammt ſeinem Obriſten, ſeinem Major, und verſchiedenen Offizieren niedergeſchoſſen; und unſere Truppen, die, jubelnd und Hurrah rufend, mit ungewöhnlicher Ent⸗ ſchloſſenheit und Tapferkeit heranrückten, wurden deſſen ungeachtet durch das mörderiſche Feuer, das, aus den Verſchanzungen des Feindes hervor, ſie begrüßte, auf⸗ gehalten; und dann wurden ſie in der Flanke von der franzöſiſchen Cavalerie, die aus Blenheim hervorſtürzte, und unſere Soldaten in Maſſen niederſäbelte, wüthend angegriffen. Drei nicht minder wüthende und verzwei⸗ felte Angriffe unſerer Infanterie wurden von dem Feinde zurückgeſchlagen, ſo daß unſere Infanteriekolonnen ganz darniedergeſchmettert, und über das kleine Waſſer zu⸗ rückgedrängt wurden, das wir eine Stunde vorher mit 99 ſo vieler Entſchloſſenheit überſchritten hatten. Dabei wurden wir von der franzöſiſchen Cavalerie verfolgt, die uns jämmerlich niedermetzelte. Und nun wurden die bisherigen Sieger von der engliſchen Cavalerie unter Esmond's General, General Lumley, wüthend angegriffen. Hinter dieſen Schwa⸗ dronen fand die fliehende Infanterie Schutz, ſo daß ſie ſich wieder bilden konnte, während Lumley die franzö⸗ ſiſche Cavalerie zurücktrieb, und ſie bis an das Dorf Blenheim, und bis an die Palliſaden verfolgte, wo General Rowe und viele hundert andere tapfere Eng⸗ länder in ganzen Haufen todt herumlagen. Ueber dieſen Augenblick hinaus, ſowie von dieſem berühmten Siege weiß Mr. Esmond Nichts, denn eine Kugel ſtreckte ſein Pferd, und unſern jungen Gentleman mit demſelben zu Boden, der ganz zerquetſcht und betäubt unter das Thier fiel, und erſt ſpäter, er weiß nicht, wie lange darauf, wieder zur Beſinnung kam, um dieſelbe, abermals in Folge heftiger Schmerzen und großen Blutverluſtes, wieder zu verlieren. Was ihm noch aus dieſen Stunden erinnerlich, iſt ein un⸗ klares Gefühl, als ob er Menſchen um ſich her hätte ſtöhnen hören, — und ein Paar wilde, unzuſammen- hangende Gedanken in Beziehung auf die, die jetzt ſein Herz ſo ſehr beſchäftigten, und der Gedanke, daß ſeine Laufbahn, und ſeine Hoffnungen, und ſein Mißgeſchick hier nun ein Ende hätten. Als er wieder aufwachte, fühlte er einen heftigen Schmerz; ſein Bruſtharniſch war weg, ſein Bedienter hielt ihm den Kopf in die Höhe, der gute und treue Burſche aus Hampſhire *) weinte neben ſeinem Herrn, den er fand und todt geglaubt hatte, und ein Chirurg * Meine Gebieterin ſchickte mir, ehe dieſer Feldzug an⸗ ging, von Walcote den John Lockwood, der ſeitdem immer bei mir geblieben iſt. — H. E. 100 unterſuchte eine Wunde in der Schulter, die er in dem⸗ ſelben Augenblicke bekommen haben mußte, wo ſein Per von einer Kugel getroffen ward, und auf ihn ürzte. An dieſem Theile des Feldes war unterdeſſen die Schlacht vorüber: das Dorf war im Beſitze der Eng⸗ länder; die tapfern Vertheidiger deſſelben aber waren entweder gefangen, oder geflohen, oder auch, in nicht kleiner Anzahl, in den benachbarten Waſſern der Donau ertrunken. Hätte der ehrliche Lockwood nicht ſo treu nach ſeinem Herrn geſucht, ſo hätte Esmond, und mit ihm ſeine Geſchichte hier ohne Zweifel geendet. Die Marodeurs zogen die auf dem Felde liegenden Leich⸗ name aus, und Jack hatte einem dieſer Kerls mit dem Kolben ſeiner Muskete den Hirnſchädel eingeſchlagen. Der Kerl hatte nämlich Esmond ſchon ſeines Hutes und ſeiner Perrücke, ſeiner Börſe, und ſeiner ſchönen, mit Silber beſchlagenen Piſtolen beraubt, welche die alte Vicomteſſe ihm gegeben hatte, und ſuchte in ſeinen Taſchen nach weiteren Schätzen, als Jack Lockwood herbeikam, und dem Triumphe des Spitzbuben raſch ein Ende machte. Es wurden zu Blenheim Hoſpitäler für unſere Verwundeten errichtet, und hier lag nun Esmond meh⸗ rere Wochen lang in großer Lebensgefahr. Zwar war die Wunde, die er bekommen, nicht ſehr bedeutend; auch war die Kugel von dem Chirurgen ſchon an der Stelle ausgezogen worden, wo unſer junger Gentleman ſie bekommen hatte; — allein es ſtellte ſich am nächſten Tage, als er im Hoſpitale lag, ein Fieber ein, und dieße⸗ hätte ihn beinahe hinweggerafft. Jack Lockwvod ſagte ſpäter, Esmond habe während ſeines Deliriums überaus tolles Zeug geſprochen; er habe ſich unter Anderem Marquis von Esmond genannt, — habe einen der Unterärzte, der gekommen ſei, um ſeine Wunde zu verbinden, gepackt, und geſchworen, daß er Madame 101 Beatrix wäre, und daß er ſie zu einer Herzogin machen würde, ſo bald ſie ihr Jawort gäbe. So brachte er die Tage in verrückten Phantaſien und vana somnia zu, während die Armee wegen des Sieges ein Te Deum ſang, und jene berühmt gewordenen Feſtlichkeiten Statt fanden, bei denen unſer jetzt zum Reichsfürſten ernann⸗ ter Herzog von dem römiſchen Könige und von deſſen Adel bewirthet wurde. Seine Gnaden kehrte über Berlin und Hannover nach England zurück; und Esmond kam um die Feſt⸗ lichkeiten, die in dieſen Städten Statt fanden, und an denen ſein General ſich mit den übrigen Generalen betheiligte, die mit unſerem großen Heerführer reiſten. Als Esmond ſich wieder auf den Weg machen konnte, reiste er über Stuttgart, die Hauptſtadt des Herzogs von Württemberg, in die Heimath zurück. Von Stutt⸗ gart kam er nach Heidelberg und Mannheim, von wo er den Rheinſtrom abwärts eine langweilige, aber be⸗ queme Waſſerreiſe machte, die ihm gewiß als die ent⸗ zückendſte und ſchönſte erſchienen wäre, hätte er ſich nicht nach der LHeimath, und nach etwas noch Schöne⸗ rem und Entzückenderem geſehnt. Faſt ebenſo hell und freundlich, wie die Augen ſeiner Gebieterin, glänzten die Lichter von Harwich, als das Packetbvot von Holland einlief. Wenige Stunden darauf, — Du darfſt Dich darauf verlaſſen, lieber Leſer, — befand ſich Esmond bereits in London. Dort wurde er von der alten in Chelſea lebenden Vicomteſſe mit offenen Armen empfangen; und es ge⸗ lobte dieſelbe in ihrem halbfranzöſiſchen, halbengliſchen Kauderwelſch, daß er das air noble hätte, — daß ſeine Bläſſe ihn nur noch ſchöner machte, — daß er ein Amadis wäre, und eine Gloriana verdiente, und ſo weiter und ſo weiter. Und oh, gütiger Himmel! Wie groß war nicht ſeine Freude, als er hörte, daß ſeine Gebieterin ihren Dienſt bei Hofe angetreten, und der⸗ malen bei Ihrer Majeſtät in Kenſington wäre! Obgleich Mr. Esmond dem Jack Lockwood befoh⸗ len hatte, Pferde parat zu halten damit ſie noch in derſelben Nacht nach Wincheſter reiten könnten, ſo be⸗ ſtellte er doch die Pferde alsbald wieder ab, als er dieſe Nachricht hörte; er hatte nun Nichts mehr in Hampſhire zu ſchaffen; alle ſeine Hoffnungen und Wünſche lagen nur wenige Meilen von ihm, innerhalb der Parkmauer von Kenſington. Noch nie zuvor hatte der arme Harry ſo angelegentlich in den Spiegel ge⸗ ſchaut, um zu ſehen, ob er denn auch das bel air hätte, — und wirklich ſtand ihm auch ſeine Bläſſe ſehr gut; — nie kümmerte er ſich um die Locken ſeiner Perrücke, und um die Stickereien und genäheten Spitzen, die er trug, in ſolchem Grade, wie jetzt, ehe Mr. Amadis ſich Madame Gloriana vorſtellte. War das Feuer der franzöſiſchen Linien auch nur halb ſo mörderiſch, wie die todſprühenden Blicke, die aus den Augen Ihrer Ladyſchaft kamen? Tod und Teufel! Wie wunderſchön waren ſie! Und gleichwie vor der ſtrahlenden Morgenſonne der Mond faſt unſichtbar am Himmel verſchwimmt, — alſo dachte Esmond, vielleicht mit einigem Erröthen⸗ an ein anderes holdes, blaſſes Geſicht, — an ein Ge⸗ ſicht, traurig und matt, und mit ſeinem ſüßen zärtlichen Liebesblicke den Augen entſchwindend; — es ſchien dasſelbe nach einer gewiſſen Perſon hin einen letzten Blick zu werfen, wie derjenige der nach ihrem Liebhaber ſich ſehnenden Eurydice geweſen ſein mag, als das Fatum und Pluto dieſelbe von dieſer Erde abriefen, und ſie in das Schattenreich trat. 103 Zehutes Kapitel. Eine alte Geſchichte von einem Thoren und einem Frauenzimmer. Jedes Verlangen nach Vergnügungen, das bei Esmond aufſtieg (— und er liebte es, desipere in loco, weder mehr, noch weniger, als die meiſten jungen Leute ſeines Alters —), konnte er jetzt in vollſtem Maße und in der beſten Geſellſchaft, welche die Stadt aufzuweiſen hatte, befriedigen. So oft die Armee im Anslande ihre Winterquartiere bezog, gelang es den⸗ jenigen Offizieren, die einflußreiche Verwandte oder Geld hatten, gar leicht, Urlaub zu bekommen; und es fanden dieſelben es weit an enehmer, ihre Zeit in Pall Mall und in Hyde Park zuzubringen, als den Winter hinter den Mauern der trübſeligen alten flandriſchen Städte zu verleben, wo die engliſchen Truppen ſich wieder ſammelten. Jachten und Packetboote krenzten täglich zwiſchen den holländiſchen und flämiſchen Häfen und Harwich; die Wege, die von letzterer Stadt nach London führten, die großen Gaſthäuſer waren mit Herren angefüllt, die zur Armee gehörten; die Taver⸗ nen und die Speiſetafeln in der Stadt waren voller Nothröcke; und die Levers unſers großen Herzogs zu St. James waren ſo ſtark beſucht, wie ſie nur je zu Gent und Brüſſel geweſen waren, wo wir ihm und er uns mit der Würde und mit dem Ceremoniel eines Souverains begegneten. Obgleich Esmond zum Lieutenant bei dem Füſilier⸗ regimente ernannt worden war, das jenen berühmten Offizier, den Brigadegeneral John Richmond Webb 104 zum Obriſten hatte, ſo war er doch noch nicht zum Regimente geſtoßen; auch war er dem trefflichen Com⸗ mandanten deſſelben noch nicht vorgeſtellt worden, ob⸗ gleich ſie denſelben Feldzug miteinander gemacht, und an der nämlichen Schlacht Theil genommen hatten. Da aber Esmond bei General Lumley, der die Cava⸗ lerie⸗Diviſivn commandirte, Adjutant war, und da die Armee auf verſchiedenen Wegen dem Punkte ihrer Be⸗ ſtimmung, an der Donau, zu marſchirte, ſo war er bis jetzt noch nicht mit ſeinem Commandanten und ſeinen künftigen Kameraden zuſammengetroffen; und ſo kam es denn, das Capitän Esmond erſt in London, in Golden Square, wo Generalmajor Webb logirte, die Ehre hatte, ſeinem ſpätern Freunde, Gönner und Com⸗ mandanten ſeine Hochachtung zu bezeigen. Diejenigen, ſo ſich dieſes brillanten und hochge⸗ bildeten Gentleman erinnern, haben vielleicht noch nicht vergeſſen, daß er für den ſchönſten Mann in der ganzen engliſchen Armee galt, — ein Ruf, auf den er, wie ich glaube, nicht wenig ſtolz war. Ein Dichter, der über die Schlacht von Sihehute, drei Jahre ſpäter, eine ziemlich elende Reimerei drucken ließ, drückt ſich, von Webb ſprechend, alſo aus: „Zu edlen Fährlichkeiten zeiget Webb den Weg, „Sein großes Beiſpiel gilt den Seinen als Befehl; „Ernſt reitet vor der Fronte er als General, „Und ſchreitet in die wilde Schlacht, ein neuer Mars. „Fürwahr, der Himmel muß beſchützen einen Helden, „Der, ſchön, wie Paris, kann als zweiter Hektor gelten.“ Mr. Webb hielt dieſe Verſe für ebenſo ſchön, als die Mr. Addiſon's über die Blenheimer Campagnez; auch war es ein Theil von dieſes tapfern Gentlemans Ehrgeiz, Hektor à la mode de Paris zu ſein. Es wäre wohl ſchwer geweſen, bei der großen Armee, oder unter den prächtigen Cavalieren und Höflingen der Maison ———— au Roy, die, bei der der unſrigen feindlich gegenüber⸗ ſtehenden Armee, unter Vendosme und Villeroy fochten, einen Offizier zu finden, der ein gebildeterer Soldat und vollkommener Gentleman, und entweder tapferer, oder ſchöner geweſen wäre. Und wenn Mr. Webb von ſich ſelbſt glaubte, was die Welt von ihm ſagte, und wenn er von ſeinem unbeſtreitbaren Geiſte, und ſeiner ebenſo wenig beſtreitbaren Schönheit und Tapferkeit auf's Innigſte überzengt war, — wer hat dann wohl ein Recht, mit ihm viel zu hadern? Dieſe Selbſtzufrie⸗ denheit erhielt ihn bei guter Laune, — und wer daraus Nutzen zog, das waren ſeine Freunde und Untergebenen. Er ſtammte aus einer uralten Wiltſhirer Familie, die er über alle Familien, ſo es in der Welt geben mochte, hochſchätzte; er konnte nachweiſen, daß er in gerader Linie von König Eduard, dem Erſten, abſtamme; und was ſeinen erſten Ahnherrn, Roaldus de Richmond, anbelangt, ſo ritt derſelbe an William's, des Eroberers, Seite, auf dem Schlachtfelde von Haſtings. „Wir waren ſchon Gentlemen, Esmond,“ pflegte er zu ſagen, zu einer Zeit, wo die Churchills noch Stallknechte waren.“ Webb war ferner ein ſehr großer Mann, indem er, wenn er in ſeinen leichten Schuhen daſtand, nicht weniger, als ſechs Fuß, drei Zoll, maß (— in ſeinen großen Kanonenſtiefeln, mit ſeiner gewaltigen blonden Perrücke, ſowie mit Hut und Federn mußte er wenig⸗ ſtens acht Fuß meſſen —). „Ich bin größer, denn Churchill,“ pflegte er, ſich ſelkſt im Spiegel muſternd, zu ſagen, und bin beſſer gebaut; und wenn die Frauen⸗ zimmer einen Mann nicht gerne haben, der keine Warze auf der Naſe hat, — dann kann ich, meiner Tren! nicht dafür, und dann hat Churchill in dieſem Punkte den Vorzug vor mir.“ Und er that wirklich faſt nichts Anderes, als daß er ſich mit dem Herzoge maß, und daß er ſeine Freunde 106 bat, ſie Beide zu meſſen. Und da er bei einem Glas Wein in dieſer offenen Weiſe zu ſprechen pflegte, ſo hatten Schalke die Gewohnheit, zu lachen, und ihn noch mehr aufzumuntern; ſeinen Freunden that es leid um ihn; Ränkeſchmiede und Schmeichler aber trieben ihn noch mehr an, und Zuträger kramten die Geſchichten beim Herzoge aus, und vergrößerten ſo noch die Kluft, die bereits zwiſchen dem großen Heerführer und einem der geſchickteſten und tapferſten Offiziere beſtand, die derſelbe je hatte. Der Groll, den General Webb gegen den Herzog hegte, war ſo deutlich und ſo auffallend, daß man ihn merken konnte, wenn man auch nur eine halbe Stunde mit Webb geſprochen hatte. Und ſeine Gattin, die ihren General anbetete, und ihn noch für hundert Mal größer, hübſcher und tapferer hielt, als eine verſchwen⸗ deriſche Natur ihn gemacht, haßte den großen Herzog mit jener Heftigkeit, die treuen Frauen gegenüber dem Frieden ihrer Gatten ſo wohl anſteht. Richt daß der Herzog bereits ein erklärter Feind geweſen wäre: — Mr. Webb hatte tauſend Dinge gegen ihn geſagt, die ſein Vorgeſetzter verziehen hatte; auch hatte Seine Gnaden, deſſen Spione überall waren, tauſend Dinge mehr gehört, die Webb gar nie geſagt. Allein es koſtete dieſem großen Manne keine Mühe, zu verzeihen; und es vergaß derſelbe eine Beleidigung ebenſo leicht, als eine Wohlthat. Sollte je eines meiner Kinder ſich die Mühe neh⸗ men, dieſe Memoiren ihres Ahnherrn zu leſen, ſo möchte ich es bitten, den großen Herzog *) keineswegs nach *) Dieſe Stelle in den Memoiren Esmond's iſt auf ein Blatt geſchrieben, das dem Manuſeripte beigegeben iſt, und das Datum 1744 trägt; wahrſcheinlich wurde ſie geſchrieben, nachdem er den Tod der Herzogin ver⸗ nommen hatte. 107 dem zu beurtheilen, was ein Zeitgenoſſe über ihn ge⸗ ſchrieben hat. Kein Sterblicher iſt ſo unendlich geprie⸗ ſen und ſo unendlich verſchrieen worden, wie dieſer große Staatsmann und Krieger; wie in der That auch nur ein Sterblicher das höchſte Lob und den ſtrengſten Ta⸗ del beſſer verdiente. Wenn Schreiber dieſes ſich auf die Seite der Tadler des Herzogs ſchlägt, ſo mag wohl ein kleiner Privathaß die Urſache ſeiner üblen Geſin⸗ nung ſein. Als Esmond ſich beim Lever des Obergenerals einfand, konnte ſich Seine Gnaden nicht im Geringſten des Adjutanten von General Lumley erinnern; und obgleich er Esmond's Familie recht wohl kannte, indem er mit beiden Lords (— my Lord Francis und dem Viscount, Esmond's Vater —) in Flandern, und in der Garde des Herzogs von York gedient hatte, ſo nahm doch der Herzog von Marlborvugh, der gegen die (ſo⸗ eh rechtmäßigen Repräſentanten des Viscvunts aſtlewvod dienſtfertig und freundſchaftlich geſinnt war, keinerlei Notiz von dem armen Lieutenant, der ihren Namen führte. Ein freundliches oder anerkennendes Wort, oder auch nur ein Blick der Billigung würde wohl die Mei⸗ nung Esmond's in Betreff des großen Mannes geän⸗ dert haben, und wer weiß, ob nicht der beſcheidene Hiſtoriker, anſtatt eine Satyre zu ſchreiben, wogegen ſeine Feder ſich nicht verwahren kann, einen Panegy⸗ rikus geſchrieben haben würde? Wir brauchen bloß den Geſichtspunkt zu verrücken, ſo erſcheint die größte Handlung als gemein; gleichwie ein Rieſe als ein Zwerg erſcheint, ſobald wir das Perſpectiv umkehren. Man kann beſchreiben, ſo lang man will; aber wer kann ſagen, ob das Geſicht des Schreibenden klar oder unklar iſt, oder ob er uus einer guten Quelle ge⸗ ſchöpft hat? Hätte der große Mann zu dem kleinen auch nur 108 ein freundliches Wort geſagt (— wie derſelbe aus ſeinem vergoldeten Wagen geſtiegen ſein würde, um dem in Lumpen gehüllten und mit Schwären bedeckten Lazarus die Hand zu ſchütteln, wenn er geglanbt hätte, es könnte Lazarus ihm von einigem Nutzen ſein —), ſo würde Esmond ohne Zweifel mit Feder und Schwert bis auf's Aeußerſte für ihn geſtritten haben; aber der Herr Löwe bedurfte in dieſem Augen⸗ blicke des Mäuschens nicht, und ſo ging der Muscipu- lus davon, und nagte an ſeinem Ruhme. So kam es aber, daß ein junger Gentleman, der in den Augen ſeiner Familie, ſowie in ſeinen eigenen ohne Zweifel für einen vollendeten Helden galt, aus⸗ findig machte, wie der große Held des Tages von ihm nicht mehr und nicht weniger Notiz nähme, als von dem unbedeutendſten Trommler bei der Armee Seiner Gnaden. Die alte Vicomteſſe zu Chelſea war ganz wüthend über dieſe Hintanſetzung ihrer Familie, und hatte ei⸗ nen gewaltigen Streit mit Lady Marlborvugh (— wie Lady Caſtlewood die Herzogin beharrlich nannte —). Ihre Gnaden war jetzt oberſte Kammerfrau bei Ihrer Majeſtät, und eine der größten Perſonnagen in dieſem Königreich, wie ihr Gatte es in ganz Europa war; und es fand der Streit zwiſchen den beiden Damen in dem Salon der Königin Statt. In Beantwortung des heftigen Geſchreis meiner Tante ſagte die Herzogin hochmüthig, daß ſie für den legitimen Zweig der Esmonds ihr Möglichſtes gethan, und daß man nicht von ihr verlangen könne, ſie ſolle auch für die Baſtarde der Familie ſorgen. „Für die Baſtarde?“ ſagt die Vicomteſſe wüthend: „— es gibt unter den Churchills, wie Euer Gnaden weiß, Baſtarde genug, und ebenſo weiß Euer Gnaden auch, daß der Herzog von Berwick recht anſtändig ver⸗ ſorgt iſt.“ * 109 „Madame,“ ſagt die Herzogin, „Sie wiſſen, weſſen Schuld es iſt, daß es nicht auch in der Es⸗ mond'ſchen Familie ſolche Herzoge gibt, und wie das Plänchen einer gewiſſen Lady fehlſchlug.“ Esmond's Freund, der gute Dick Steele, der bei dem Prinzen gerade Dienſt hatte, hörte den Streit zwiſchen den beiden Damen. „Und meiner Treu,“ ſagt Dick. „ich glaube, Harry, Deine Verwandtin zog den Kürzern.“ Er konnte die Geſchichte nicht für ſich behalten; noch vor Einbruch der Nacht wußte man ſie in allen Kaffeehäuſern; ehe noch ein Monat vorüber, war ſie in einem Reuigkeitsbriefe zu leſen, und es ward „die Antwort, die Ihre Gnaden, die Herzogin von Mrl⸗ b—r— gh, einer papiſtiſchen Hofdame gegeben hat, welche einſt bei dem verſtorbenen K— J— m— s in hoher Gunſt ſtand,“ in einem halben Dutzend von Städten gedruckt, ſammt einer Note, die auseinander⸗ ſetzte, daß „dieſe Herzogin, als das Haupt der Fa⸗ milie dieſer Lady vor noch nicht langer Zeit in einem unglücklichen Duelle fiel, nicht eher geruht habe, als bis ſie für den verwaisten Erben, ſowie für die Wittwe von der Gnade Ihrer Majeſtät eine Penſion herausbekommen habe.“ Der Streit beſchleunigte die Beförderung des ar⸗ men Esmond nicht gar ſehr, und er ſchämte ſich in Folge deſſelben dergeſtalt, daß er es nicht wagte, ſich hehen Levers des Oberbefehlshabers wieder blicken zu aſſen. * * „ Während der achtzehn Monate, die verſtrichen waren, ſeitdem Esmond ſeine theure Gebieterin zum letzten Male geſehen hatte, ſegnete ihr guter Vater, der alte Dechant, das Zeitliche; es war derſelbe bis an's Ende ſeinen Grundſätzen treu geblieben, und hatte ſeiner Familie eingeſchärft, daß ſie ſich ſtets er⸗ innern ſollte, wie der Bruder der Königin, König Jakob, der Dritte, ihr legitimer Souverain wäre. Sein Ende war ein höchſt erbauliches, wie ſeine Toch⸗ ter Esmond ſagte, und zu ihrer nicht geringen Ueber⸗ raſchung fand iny Lady nach ſeinem Tode (— denn er hatte immer ſparſam und ärmlich gelebt —), daß ihr Vater nicht weniger als drei tauſend Pfund hinterlaſ⸗ ſen hatte, die er ihr vermachte. „Durch dieſes kleine Vermögen ward Lady Caſtle⸗ wood ſo oft die Reihe an ihrer Tochter war, ihre be⸗ kannten Dienſtleiſtungen am Hofe zu übernehmen, in Stand geſetzt, nach London zu kommen, wo ſie, in in der Rähe des Hofes, zu Kenſington für ſich und ihre Kinder ein kleines, nettes Haus miethete; und hier fand Esmond ſeine Freunde. . Was den jungen Lord betrifft, ſo hatte ſeine Univerſitätslaufbahn etwas raſch geendet. Der ehr⸗ ſame Tuſher, ſein Hofmeiſter, hatte den jungen Gent⸗ leman ganz unlenkſam gefunden. Mit allerlei Strei⸗ chen bereitete ihm my Lord ein ſaures Leben; auch verfiel der junge Lord, wie es bei jungen Leuten häufig der Fall iſt, die zu Hauſe erzogen worden ſind, auf hundert jugendliche Extravaganzen ſo daß Dr. Bent⸗ ley, der neue Vorſtand des Dreifaltigkeitscollegiums, es für paſſend erachtete, an my Lords Mutter, die Vicomteſſe Caſtlewvod, zu ſchreiben, und ſie zu bitten, daß ſie doch den jungen Edelmann aus einem Colle⸗ gium nehmen möchte, wo er Nichts lernen wollte, und wo derſelbe durch ſein aufrühreriſches Beiſpiel und durch ſeine Ungeberdigkeit bloß Schaden anrichtete. Ich glaube wahrhaftig, daß der junge Lord um ein Haar Nevil's Hof in Brand geſteckt hätte, jenes ſchöne neue Viereck unſers Collegiums, das vor no nicht langer Zeit durch Sir Chriſtopher Wren erbaut 111 worden war. Er hatte einen Diener des Univerſitäts⸗ richters, der ihn bei einem mitternächtlichen Streiche verhaften wollte zu Boden geſchlagen; er gab ein Diner an dem Geburtstage des Prinzen von Wa⸗ les, welcher Geburtstag von ſeinem eigenen nur durch einen Zeitraum von vierzehn Tagen getrennt war; und nachdem die zwanzig jungen Gentlemen, die dem Gaſtmahle anwohnten, bei offenen Fenſtern König Ja⸗ kob's Geſundheit getrunken, und Cavalier⸗Lieder preis⸗ gegeben hatten, ſo gingen ſie in den großen Hof hin⸗ aus, und ſchrien: „Lang lebe der König!“ — ſo daß der Vorſtand des Collegiums ſich genöthigt ſah, noch um Mitternacht aus ſeiner Wohnung herab zu kommen und den aufrühreriſchen Haufen zu zerſtreuen. Dieſer Streich krönte die andern, wobei my Lord ſich betheiligt hatte, und als Seine Ehrwürden Tho⸗ mas Tuſher, Hauskaplan bei dem ſehr ehrenwerthen Lord Viscount Caſtlewvod, ſah, daß alle ſeine Bitten und Predigten rein in den Wind geſprochen waren, ſo gab er ſeine Hofmeiſterſtelle auf, ging hin, und heira⸗ thete ſeine Brauerswittwe von Southampton, und brachte ſie mit ihrem Gelde in das Pfarrhaus zu Caſt⸗ lewvod. My Lady konnte auf ihren Sohn nicht böſe ſein, daß er König Jakob's Geſundheit getrunken, da ſie ſelbſt, ſammt der ganzen Caſtlewvod'ſchen Familie, eine loyale Tory war; auch willigte ſie mit einem Seufzer in das Verlangen des jungen Lords, ihn in die Ar⸗ mee treten zu laſſen, da ſie vielleicht wußte, daß eine abſchlägige Antwort von ihrer Seite denn doch Richts nützen würde. Es wäre ihr jedenfalls lieb geweſen, wenn er in Mr. Esmond's Regiment getreten wäre, indem ſie hoffte, daß Harry ſeinem ungeberdigen, ver⸗ kehrten jungen Vetter als Rathgeber und Vormund zur Seite ſtehen würde; allein der junge Lord wollte von Nichts gls von der Garde hören, und ſo wurde 112 er denn in dem Regimente des Herzogs von Ormond untergebracht, ſo daß Esmond, als er nach der Schlacht von Blenheim aus Deutſchland nach Eng⸗ land zurückkehrte, my Lord als Fähndrich und Lieute⸗ nant fand Der Effect, den die beiden Kinder von Lady Caſtlewvod hervorbrachten, ſo oft ſie ſich öffentlich zeigten, war ein außerordentlicher, und bald war die ganze Stadt von ihrem Ruhme erfüllt; — ein ſo ſchö⸗ nes Paar, — ſo hieß es, — ſei noch nie geſehen worden. Die junge Ehrendame wurde an jedem Tiſche und in jeder Taverne gefeiert, und was den jungen Lord betrifft, ſo wurde ſeine hübſche Geſtalt ſogar noch mehr bewundert, als die ſeiner Schweſter. Es wurden hundert Lieder über das Paar geſchrieben, und der junge Lord war, wie es damals die Mode mit ſich brachte, in dieſen anakreontiſchen Gedichten ſo feu⸗ rig geprieſen, wie Bathyllus. Man darf verſichert ſein, daß er ſich die günſtige Stimmung der Stadt in Betreff ſeiner recht gern gefallen ließ, und daß er derſelben mit jener Offenheit und mit jener bezaubern⸗ den guten Laune beipflichtete, die er ſtets zeigte, indem er von dem Gedanken ausging, daß er der hübſcheſte Burſche von ganz London wäre. Obgleich die alte, zu Chelſea lebende Vicomteſſe nie zu der Anerkennung vermocht werden konnte, daß Miſtreß Beatrix überhaupt eine Schönheit wäre (— in welcher Meinung gar viele Ladies mit ihr überein⸗ ſtimmten, wie ſich leicht vorſtellen läßt —), ſo geſtand ſie doch ſelbſt, daß ſie ſich in den jungen Caſtlewvod verliebt habe, ſobald ſie ihn zu Geſicht bekommen; und ſo kam es denn, daß Henry Esmond, als er nach Chelſea zurückkehrte, ſich durch ihren jüngern Verwand⸗ ten in ihrer Gunſt vollkommen erſetzt ſah. Schon die Thatſache, daß er zu Cambridge die Geſundheit des Königs getrunken, würde ihm, ſagte ſie, ihr Herz zu⸗ 11⁸ gewendet haben, wenn ſonſt Nichts dieß gethan hätte. „Wie der liebe, junge Burſche es doch angefangen, um zu ſolcher Schönheit zu gelangen?“ fragte ſie. „Ge⸗ wiß habe er dieſelbe nicht von ſeinem Vater geerbt, — noch viel weniger aber von ſeiner Mutter. Wie er zu ſo edlen Manieren und zu dem vollkommenen bel air wohl gekommen wäre? Die verbauerte Wittwe von Walcote hätte ihn doch das nie lehren können und ſo weiter und ſo weiter.“ * Esmond hatte ſo ſeine eigene Meinung über die verbauerte Wittwe von Walcote, die eine gewiſſe ruhige Grazie und eine heitere Freundlichkeit hatte, welche ihm ſtets als die Vollendung einer feinen Bildung er⸗ ſchienen, obgleich er es nicht probirte, ſich über dieſen. Punkt bei ſeiner Tante weiter auszulaſſen. Allein er konnte auf der andern Seite den meiſten Lobſprüchen beipflichten, womit die entzückte alte Vicomteſſe my ord Viscount bedachte, den ſie für den bezauberndſten und entzückendſten Gentleman erklärte, den ſie noch in ihrem Leben geſehen. Caſtlewood zeichnete ſich nicht ſowohl durch Witz und Geiſt, als durch ſeine Luſtigkeit aus. „Der Burſche ſieht ungemein gut aus, pflegte Mr. Steele zu ſagen; „und ſein Lachen heitert eine Geſellſchaft ebenſo ſehr auf, als zehn witzige Antworten, die Mr. ongreve preisgibt. Ich würde ebenſo lieb bei einer Flaſche Wein bei ihm ſitzen, als bei Mr. Addiſon; auch würde ich ſeinem Geſpräche lieber lauſchen, als dem Geſange Nicolini's. Gab es je einen Mann, der ſo graziös betrunken war, wie my Lord Caſtlewood? Ich gäbe, ich weiß nichtwas, dafür, wenn ich meinen Wein eben⸗ ſo gut führen könnte, wie dieſer unvergleichliche junge Mann (— obgleich es die Billigkeit erheiſcht, hier ſo⸗ gleich hinzuzuſetzen, daß Dick ſeinen Wein recht gut und auch in reichem Maaße zu führen wußte —). Iſt Henty Esmond. I. 8 114 er nüchtern, ſo iſt er entzückend; und iſt er benebelt, ſo iſt er ſchlechterdings unwiderſtehlich.“ Und ſich auf ſeinen Lieblingsſchriftſteller, Shake⸗ ſpeare beziehend (der ganz aus der Mode war, bis Steele ihn wieder in Aufnahme brachte —), verglich Dick den jungen Lord Caſtlewvod mit dem Prinzen Heinz, und gernhete zu gleicher Zeit, Esmond den Na⸗ men des alten Piſtol zu geben. Die oberſte Kammerfrau, die größte Dame in Eng⸗ land nach der Königin, oder ſogar vor der Königin, wie die Welt ſagte, wandte dem Bruder unſerer Bea⸗ trix alsbald ihre Gunſt zu, obgleich ſie nie bewogen werden konnte, auch nur ein höfliches Wort zu der⸗ ſelben Beatrix zu ſagen, der ſie zu ihrer Ehrendamen⸗ ſtelle verholfen hatte. Als der junge Caſtlewvod, in ſeiner neuen Uniform, und in ſeiner ganzen äußeren Erſcheinung einem Prinzen aus einem Feenmährchen leichend, Ihrer Gnaden ſeine Aufwartung machte, ſah e ihn eine Minute lang ſchweigend an, worüber der junge Mann erröthete und ganz verwirrt war; dann brach ſie plötzlich in einen Strom von Thränen aus, und küßte ihn vor ihren Töchtern und der ganzen Ge⸗ ſellſchaft. Ach! er war der Freund meines Sohnes,“ ſagte ſie ſchluchzend. „Mein Blandford hätte wie er werden können.“ Und nachdem die Herzogin auf ſolche Weiſe ihre Gunſt zu erkennen gegeben, ſah Jedermann ein, daß das Glück des jungen Lords gemacht ſei; und von nun an umdrängten die Leute den Günſtling der Günſt⸗ lingin, — und der Günſtling der Günſtlingin wurde eitler, und luſtiger, und gutlauniger, denn je. Unterdeſſen machte Madame Beatrix ihrerſeits auch Eroberungen, und unter letzteren befand ſich ein armer Gentleman, der vor zwei Jahren von ihren jungen Angen getroffen, und von dieſer Wunde nie ganz ge⸗ heilt worden war. Er wußte allerdings, wie hoffnungs⸗ 1¹⁵ los jede Leidenſchaft ſein würde, welche ſolche Richtung nehme, und hatte jenes trefflichſte, obgleich unwürdige remedium amoris ergriffen, welches darin beſteht, daß man alsbald der Zauberin entflieht, und ſich auf län⸗ gere Zeit von ihr trennt; und da Esmond gleich An⸗ fangs nicht gefährlich verwundet worden war, ſo trug er bald über ſeine Krankheit den Sieg davon; und wenn er auch immer noch damit beſchäftigt war, ſo Sit er es doch nicht, und er trug ſie ohne viele ühe. Als er aber nach der Schlacht von Blenheim nach England zurückkam, war die junge ſechzehnjährige Lady, die ihm vor zwei Jahren als das Schönſte erſchienen war, was ſeine Augen je geſehen, zu einer völligen Reife und Vollkommenheit in Beziehung auf ihre Schönheit gelangt; und auf der Stelle ward der arme Teufel, der ſchon ein Mal ihren Reizen entronnen war, in Feſſeln geſchlagen. Damals, als er vor ihr floh, hatte er ſie nur zwei Tage lang geſehenz jetzt aber ſah er ſie alle Tage. Wenn ſie bei Hofe war, lag er or⸗ dentlich auf der Lauer, um ſie zu Geſicht zu bekommen; war ſie zu Hauſe, ſo fand er ſich immer im Familien⸗ kreiſe ein; fuhr ſie aus, ſo ritt er dem Wagen ihrer Mutter nach; erſchien ſie an öffentlichen Orten, ſo ſaß er in der Loge neben ihr, oder im Parterre, von wo aus er die Augen auf ſie heftete; ging ſie in die Kirche, ſo fand er ſich dort gewiß ein, obgleich er von der Predigt nie Viel hörte; dann war er immer auch be⸗ reit, ihr in die Sänfte zu helfen, wenn ſie gernhete, ſeine Dienſte anzunehmen, und ihn aus ein Paar utzend junger Männer auszuerleſen, die ihr nie von der Seite wichen. Ging ſie mit Ihrer Majeſtät nach Hampton Court, ſo lag über Londhn dichte Finſterniß; ach, ihr Götter? was für Nächte hat Esmond zuge⸗ bracht, an ſie denkend, Reime auf ſie ſchmiedend, und von ihr ſprechend! 1¹6 Um dieſe Zeit machte Esmond's Freund, Dick Steele, Mrs. Scurlock, der jungen Dame, die er hei⸗ rathete, den Hof; es hatte dieſelbe eine Wohnung in Kenſington Square, dicht bei dem Hauſe, das my Lady Caſtlewood dort hatte. Dick und Harry, die in den gleichen Aufträgen reisten, trafen einander zu Ken⸗ ſington. Sie trieben ſich immer wie reißende Thiere in der Nähe dieſes Orts umher, oder gingen ſie traurig von dannen, oder aber eilten ſie auf den Flügeln des Windes dahin. Sie leerten in dem Gaſthauſe „zum königlichen Wappen“ viele Dutzende von Flaſchen, und Jeder ſchwatzte von ſeiner Liebe, und ließ den Andern wieder ſchwatzen, wohlverſtanden unter der Bedingung, daß derſelbe recht bald wieder in den Zuſtand eines Zuhörers verſetzt würde. Hieraus entſtand zwiſchen ihnen eine vertraute Freundſchaft, obgleich ſie für den Reſt ihrer Freunde ganz unausſtehliche Perſonen geweſen ſein müſſen. Esmond's Verſe an „Gloriana am Claviere,“ an „Gloriana's Blumenſtrauß,“ an „Gloriana bei Hofe,“ erſchienen in dieſem Jahre im „Beobachter.“ — Haſt Du ſie nie geleſen? Es wurden dieſelben als hübſche Gedichte er⸗ achtet, und von Einigen Mr. Prior zugeſchrieben. Dieſe Leidenſchaft entging dem klaren Blicke von Esmond's Gebieterin nicht: — und wie hätte dieſelbe ihren Augen entgehen können und ſollen? Er erzählte ihr Alles; denn was thut nicht ein Menſch, wenn er liebetoll iſt? Welche Gemeinheit wird er in ſolchem Falle für zu gemein halten? Welche Qualen wird er nicht Andere ausſtehen laſſen, wenn er damit ſein ſelbſt⸗ ſüchtiges Herz eines Theils ſeines Schmerzes entledigen kann? Tag für Tag ſuchte er ſeine theure Gebieterin auf, um ihr wahnſinnige Hoffnungen, Bitten, Rhapſo⸗ dien, Wonneſchauer und dergleichen ins Ohr zu flü⸗ ſtern. Mit unermüdlichem Mitleid und mit einer ſich keinen Augenblick verrathenden Freundlichkeit hörte — 117 ſie ihn an, lächelte ſie, tröſtete ſte ihn. Esmond war das älteſte ihrer Kinder, — ſo geruhete ſie zu ſagen; und was ihre Freundlichkeit betrifft, ſo frage ich, ob je ein Menſch etwas Anderes erwartete oder erwarten würde, von einer Perſon, die an Güte und Mitleid ein Engel war? Nach dem Geſagten iſt es faſt unnütz, hinzuzu⸗ ſetzen, daß die Liebeswerbung des armen Esmond keine glückliche war. Was ſollte ein Lientenant ohne Namen und ohne einen Heller anfangen, wenn einige der Größten des Landes im Felde ſtanden? Esmond dachte nicht einmal einen Augenblick daran, um Erlaubniß zu bitten, daß man ihn doch hoffen laſſe, einen Preis ge⸗ winnen zu können, von dem er wußte, daß er für ihn ſo unerreichbar ſei; — und verbrachte ſein albernes unnützes Leben in bloßen unwürdigen Seufzern, und in ohnmächtiger Sehnſucht. Welcher Rächte der Wuth, welcher Tage der QOual, des leidenſchaftlichen, unerfüll⸗ ten Verlangens, der verzehrenden Eiferſucht kann er ſich erinnern! Beatrix dachte an ihn ebenſo wenig, als an den Lakeien, der hinter ihrer Sänfte einherging. Seine Klagen rührten ſie nicht im Mindeſten; ſein Entzücken und ſeine Extaſen ermüdeten ſie eher, als nicht, und um ſeine Verſe bekümmerte ſie ſich ebenſo wenig, als um die Dan Chaucers, der ſchon ſeit vielen hundert Jahren zu ſeinen Vätern verſammelt worden; — ſie haßte ihn nicht, ſondern ſie verachtete ihn mehr, und duldete ihn nur ſo. Eines Tags nahm Esmond, nachdem er Stunden lang, — nachdem er den ganzen Tag mit Beatrixens Mutter, ſeiner theuren, zärtlichen, beſtändigen Gebie⸗ terin, gefprochen, — wobei er ſeine Flamme und ſeine Leidenſchaft, ſeine Verzweiflung und ſeine Wuth kund gab, immer und ewig wieder auf das Thema zurück⸗ kam, das Zimmer durchſchritt, die auf dem Tiſche lie⸗ genden Blumen zerriß, aus dem Schreibzeuge das 118 Siegellack herausnahm, daſſelbe drehte und in kleine Stücke zerbrach, und hundert verrückte Zeichen ſeiner thörichten Leidenſchaft gab, — ſeinen Hut, und verab⸗ ſchiedete ſich, als er endlich ſeine Gebieterin ganz blaß und von purem Mitleid ganz ermüdet ſah, was nicht zu verwundern war, da ſie ſein Fieber nun zum hun⸗ dertſten Male beobachtet hatte. In dem Augenblick, wo er in Kenſington Square anlangte, kam über ihn ein Gefühl der Reue wegen der tödtlichen Qual, die er der theuerſten und gütigſten Freundin bereitet, die je ein Mann beſaß. Er ging nach dem Hauſe zurück, wo der Diener noch an der offenen Thüre ſtand; er beſann ſich nicht lange, ſondern eilte die Treppe hinauf, und fand ſeine Gebieterin an der Stelle, wo er ſie gelaſſen hatte, — das heißt, in der Vertiefung des Fenſters, wo ſie über die Felder nach Chelſea hinſah. Sie lachte und wiſchte zu gleicher Zeit die Thrä⸗ nen ab, die in ihren freundlichen Augen ſtanden; er warf ſich auf die Knie vor ihr nieder und begrub ſei⸗ nen Kopf in ihrem Schooße. Sie hatte noch den Stengel einer der Blumen, — einer Nelke, — in der Hand, die er in Stücke zerriſſen hatte. „Oh, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir, meine Theuerſte, meine Gütigſte, ſprach er; „ich bin in der Hölle, und Sie ſind der Engel, der mir einen Tropfen Waſſer bringt.“ „Ich bin Ihre Mutter, Sie ſind mein Sohn, und ich liebe Sie ewig,“ ſagte ſie, die Hände über ihm faltend. Und er ging hinweg, getröſtet und in ſeinem Geiſt gedemüthigt, indem er über die erſtaunliche und be⸗ ſtändige Liebe und Zärtlichkeit nachdachte, womit dieſe holde Dame ihn immer und ewig beglückte und ver⸗ folgte. —— * 119 Eiſtes Rapitel. Der berühmte Mr. Joſeph Addiſon. Die Oberportiers hatten zu Kenſington freie Tafel, und im Palaſte von St. James wartete der Wache täglich ein überaus ſplendides Gaſtmahl; — und an dieſen beiden Tafeln konnte Esmond ſpeiſen, ſo oft er wollte. Dick Steele fand die Tafel der Wache mehr nach ſeinem Geſchmacke, als die der Oberportiers, an der er hätte ſpeiſen ſollen, wo aber weniger Wein und mehr Ceremonien waren; und manchen luſtigen Nach⸗ mittag verlebte Esmond in der Geſellſchaft ſeines Freundes, und wenigſtens hundert Mal mußte er Dick in ſeine Sänfte bringen. * enn, einem alten Sprichworte zu Folge, der Wein mehr ſpricht, — von welch' liebenswürdigem Charakter muß da nicht Dick geweſen ſein! Denn in dem Maaße, als er Wein zu ſich nahm, nahm auch ſein freundliches Weſen zu. Seine Unterhaltung war nicht ſovohl geiſtreich und witzig, als bezaubernd. Nie ſagte er ein Wort, das Jemand hätte böſe machen können; und je benebelter er wurde, um ſo wohl⸗ wollender wurde er auch. Manche Spaßvögel verlachten den armen Burſchen, wenn er ſo benebelt war, und machten ihn zur Ziel⸗ ſcheibe ihrer Satyren; allein er hatte ein eigenthüm⸗ lich gütiges und freundliches Weſen, und eine überaus angenehme heitere Phantaſie, die Esmond weit bezau⸗ bernder därchten, als die ſpitzigen Reden der berühm⸗ teſten Witzbolde und der berühmteſten Schöngeiſter mit ihren ſtudirten Antworten und ihrer affectirten Strenge. 120 Es will mich bedänken, daß Steele mehr glänzte, als funkelte. Die berühmten beaux Esprits der Kaffee⸗ häuſer (— Mr. William Congreve zum Beiſpiel, ſo oft ſein Podagra und ſein Stolz ihm erlaubten, zu uns zu kommen —) mochten zwar manche brillante Hiebe, — an einem Abend bisweilen ein halbes Dutzend, — ausführen; aber gleich Scharfſchützen waren ſie, wenn ſie ein Mal ihre Büchſe abgeſchoſſen hatten, in die Nothwendigkeit verſetzt, ſich zurückzu⸗ ziehen, und ſich zu decken, bis ihre Gewehre wieder gela⸗ den waren, und zu warten, bis ſie wieder an ihren Feind konnten; während der gute Dick nie glaubte, daß ſein Zechgenoſſe eine Zielſcheibe des Witzes ſei; im Gegen⸗ theil, es erſchien ihm derſelbe bloß als ein Freund, dem er die Hand zu ſchütteln habe. Der arme Mann hatte die halbe Stadt zu Ver⸗ trauten; Jedermann wußte Alles und Jedes von ſeinen Liebſchaften, und ſeinen Schulden, und ſeinen Gläubi⸗ gern, und der Hartherzigkeit ſeiner Geliebten. Als Esmond zum erſten Mal in die Stadt kam, war der ehrliche Dick ganz entzückt und entflammt von einer jungen Dame, einer weſtindiſchen Schönen, die er mit ihrem beträchtlichen Vermögen heirathete. Nach ein Paar Jahren war die Dame todt, das Vermögen faſt bis auf den letzten Heller verſchwendet, und der ehr⸗ liche Wittwer ſo hartnäckig in der Verfolgung eines neuen Muſters von Schönheit, wie wenn er dem letzten nie den Hof gemacht, und daſſelbe nie geheirathet und begraben hätte. An einem ſchönen, ſonnigen Nachmittage, wo der gute Dick zufällig ein Mal nüchtern war, rerließen er und ſein Freund die Tafel der Wache, und gingen Germain Street hinab. Mit einem Male ließ Dick den Arm ſeines Be⸗ gleiters fahren, und lief einem Herrn nach, der an dem Buchladen der St. Jakob's⸗Kirche über einem Folian⸗ 121 ten brütete. Es war dieß ein großer blonder Mann, in einem ſchnupftabakfarbigen Kleide, mit einem ein⸗ fachen Degen; auch ſah derſelbe gar nüchtern aus, und es hatte ſeine äußere Erſcheinung beinahe etwas Schä⸗ biges, wenigſtens dann, wenn man ihm mit Capitän Steele verglich, der es liebte, ſeine behäbige, runde Geſtalt mit den feinſten Kleidern zu ſchmücken, und in Scharlach und in goldenen Treſſen glänzte. Der Capitän ſtürzte alſo auf den an der Bücher⸗ bude ſtehenden Mann zu, ſchloß ihn in die Arme, drückte ihn an ſeine Bruſt, und würde ihn geküßt haben (— denn Dick's Gewohnheit war es ſtets, ſeine Freunde zu umarmen und zu küſſen —), wäre nicht der Andere zurückgetreten, wobei noch bemerkt werden muß, daß deſſen bleiches Geſicht ſich röthete, und daß es allen Anſchein hatte, als ob er dieſe öffentliche Kundgebung von Steele's Liebe ſich verbitten wollte. „Aber herzallerliebſter Jve, ſag' mir doch, wo Du ſeit ſo langer Zeit geſteckt haſt,“ ruft der Capitän, immer noch die beiden Hände ſeines Freundes feſt⸗ i „ſchon ſeit vierzehn Tagen ſehne ich mich nach ir. „Aber, Dick, vierzehn Tage ſind doch wahrlich keine ſo lange Zeit,“ ſagte der Andere in überaus guter Laune. (— Er hatte hellblaue Angen, die außeror⸗ dentlich glänzten, ſowie ein vollkommen regelmäßiges und ſchönes Geſicht ſo daß man hätte glauben können, es gehöre daſſelbe einer bemalten Statue an. —. zun wo glaubſt Du wohl, daß ich unterdeſſen geſteckt abe?“ „Wie! Nicht über dem Waſſer, mein lieber Jve?“ ſpricht Steele mit einem große Unruhe ausdrückenden Blicke: „Du weißt, ich habe ſtets —“ „Nein,“ ſpricht ſein Freund, ihn mit einem Lächeln unterbrechend: „Wir ſtecken nicht in ſolcher Klemme, wie Du zu glauben ſcheinſt. Ich habe an einem „ „ 122 Orte geſteckt, Sir, wo den Leuten es nie einfällt, Dich zu finden, — in meiner Wohnung, wohin ich jetzt gehe, um eine Pfeife zu rauchen und ein Glas Sect zu trinken. Will Ew. Wohlgeboren mitkommen?“ „Harry Esmond, komm' hierher,“ ruft Dick. „Du haſt mich aber und abermals von meinem theuerſten Joe, meinem Schutzengel, ſprechen hören.“ „Soll ich die Wahrheit ſagen,“ ſpricht Mr. Es⸗ mond, ſich verbengend, „ſo habe ich nicht allein von Dir Mr. Addiſon bewundern gelernt. Wir liebten zu Cambridge ebenſo ſehr gute Poeſie, als die zu Opford; und ich weiß noch einige Ihrer Verſe auswendig, ob⸗ gleich ich einen rothen Rock angezogen habe . . 0, qui canoro blandius Orpheo vocale ducis carmen;“ — ſoll ich fortfahren, Sir?“ ſagt Mr. Esmond, der in der That die herrlichen lateiniſchen Gedichte Mr. Addiſon's geleſen hatte und liebte, wie jeder Mann von gelehrter Bildung ſie zu jener Zeit kannte und be⸗ wunderte. „Dieß iſt Capitän Esmond, der bei der Schlacht von Blenheim war,“ ſagt Steele. „Lieutenant Esmond,“ ſpricht der Andere mit einer tiefen Verbeugung, — „um Mr. Addiſon zu dienen.“ „Ich habe von Ihnen gehört,“ ſagt Mr. Addiſon lächelnd, wie in der That Alles in der Stadt jene un⸗ glückſelige Geſchichte von Esmond's alter Tante und der Herzogin gehört hatte. „Wir gingen eben nach dem, Georges, um vor der Komödie eine Flaſche zu trinken,“ ſagt Steele; „willſt Du mithalten, Jve?“ Mr. Addiſon antwortete, daß ſeine Wohnung ganz in der Rähe, und daß er immer noch ſo reich ſei, um ſeine Freunde mit einer guten Flaſche Wein bewirthen zu können. Und nun lud er die beiden Herren ein, 123 mit ihm nach ſeiner Wohnung auf dem Heumarkte zu gehen, — was wir denn auch thaten. „Es wird mich bei meiner Hauswirthin nicht wenig empfehlen,“ ſagt er lächelnd, „wenn ſie zwei ſo feine Gentlemen, wie Sie ſind, meine Treppe heraufkommen ſieht.“ Sofort bat er ſeine Gäſte in überaus höflicher Weiſe, daß ſie es ſich in ſeiner Wohnung bequem ma⸗ chen möchten, wobei es nicht überflüſſig ſein wird, zu bemerken, daß dieſelbe allerdings etwas armſelig war, wenn auch kein Großer des Landes ſeine Gäſte mit vollkommenerer Grazie und mit mehr Anſtand empfan⸗ gen konnte, als dieſer Gentleman. Ein frugales Mit⸗ tageſſen, beſtehend aus einem Stücke Fleiſch und einem Penny⸗Brödchen, wartete des Inhabers der Wohnung. „Mein Wein iſt beſſer, als mein Eſſen,“ ſagt Mr. Addiſon; „my Lord Halifax hat mir den Burgun⸗ der geſchickt.“ Darauf ſetzte er ſeinen Freunden eine Flaſche ſammt einigen Gläſern vor, und verzehrte in wenigen Minuten ſein einfaches Mittagsmahl. Nachdem daſſelbe beendigt war, fing das Trio an, ſich über den Wein herzumachen. „Sie ſehen, Capitän,“ fährt Mr. Addiſon fort, auf ſeinen Schreibtiſch deutend, auf dem ein Plan der Schlacht von Hochſtädt, ſowie verſchiedene Zeitungen und Broſchüren lagen, die ſich auf die Schlacht bezo⸗ gen, „auch mich beſchäftigen Ihre Angelegenheiten. Ich bin als poetiſcher Zeitungsſchreiber beſchäftigt, wenn ich Ihnen die Wahtheit geſtehen ſoll, und ſchreibe ein Gedicht über die Campagne.“ Und ſo geſchah es, daß Esmond, auf die Bitte ſeines Wirthes, dieſem erzählte, was er von der be⸗ rühmten Schlacht wußte; daß er aliquo mero den Fluß auf den Tiſch hinzeichnete, und daß er vermittelſt eini⸗ ger Tabakspfeifenſtücke das Vorrücken des linken Flü⸗ gels zeigte, auf dem er geſtanden hatte. Es lagen bereits einige Blätter voller Verſe auf dem Tiſche hinter unſern Flaſchen und Gläſern; und als Dick ſich veichlich erfriſcht hatte, nahm er das Ma⸗ nuſcript, auf dem faſt nicht ein Dintenfleckchen, oder auch nur eine Verbeſſerung zu bemerken war, und von der zarten, netten Handſchrift des Autors zengte, und fing an, mit vieler Emphaſe und Geläufigkeit die Verſe abzuleſen. Bei Ruhepunkten hielt der enthuſiaſtiſche Leſer gewöhnlich inne, um eine große Applausſalve zum Beſten zu geben. Esmond lächelte über die Begeiſterung von Ad⸗ diſon's Freund. „Du biſt wie die deutſchen Burger,“ ſagt er, „und wie die Fürſten an der Moſel; ſo vft unſere Armee Halt machte, ſchickten ſie eine Deputation, um den Oberbefehlshaber zu becomplimentiren, und lösten alle Kanonen, die ſie auf ihren Wällen hatten.“ „Und tranken darauf die Geſundheit des großen Chefs, — nicht wahr? ſagt Capitän Steele, in froher Laune ſein Glas bis an den Rand füllend: — ſo oft eb galt, das Verdienſt eines Freundes in ſolcher Weiſe anzuerkennen, zeigte er ſich nie faul. „Und der Herzog that dagegen ſeinen Freunden Beſcheid, und lies ſie ebenfalls hoch leben, da Du nun ein Mal haben willſt, ich ſolle die Rolle Seiner Gna⸗ den ſpielen,“ ſagt Mr. Addiſon lächelnd und etwas erröthend. „Durchlauchtigſter Kurfürſt von Covent⸗ garden, ich trinke Ew. Hoheit Wohl;“ und er füllte ſich ſelbſt ein Glas. In der That brauchte man Joſeph kaum mehr zu drängen, als Dick, ſo oft es dieſe Art der Beluſtigung galt; allein der Wein ſchien auch nicht einen Augenblick Mr. Addiſon's Kopf zu erhitzen, ſon⸗ dern es hatte derſelbe bloß die Wirkung, daß er ihm die Zunge löste, während bei Capitän Steele eine 125 einzige Flaſche hinreichte, um ihm ganz den Kopf zu verwirren, und ihm die Zunge ſchwer zu machen. Wie nun auch die Verſe beſchaffen ſein mochten, — und ſoll die Wahrheit geſagt werden, ſo fand Mr. Esmond einige derſelben nicht einmal mittelmäßig, — Dick's Begeiſterung für ſeinen Chef kam keinen Augen⸗ blick in's Stocken, und jede Linie von Addiſon s Feder war für Steele ein Meiſterwerk. Unterdeſſen war Dick bei jenem Theile des Gedichtes angelangt, wo der Barde ſo ſanft und ruhig, wie wenn er einen Operntanz, oder ein harmloſes Stück buccoliſcher Prügelei auf einem Dorfmarkte verzeichnete, jenen blutigen, furchtbaren Theil unſerer Campagne beſchreibt, bei deren bloßer Erinnerüng jeder Soldat, welcher Theil daran nahm, vor Scham beinahe vergehen muß (— es war jener Theil, wo wir den Befehl erhielten, das Land des Kurfürſten zu verheeren und zu verwüſten, und wo ein großer Theil deſſelben mit Feuer und Schwert verheert, mit Mord und Verbrechen aller Art erfüllt wurde —. Als der arme Dick bei nachſtehenden Verſen an⸗ „Zur Rache aufgeſtachelt, füllet der Soldat „Die Hand mit Schwert und Fener, und verheert das Land. „Es brennen kuiſternd tauſend gelbe Ernten, und „Der lauſchende Soldat ſteht gramverzehrt, ungern „Gehorchend dem Befehl des ſtrengen Generals. „Der Führer trauert, edles Mitleid füllt die Bruſt „Ihm, daß ſo ſtreng befolgt wird ſein Befehl „ hatten Wein und Freundſchaft ihn vollkommen benebelt 126 und er ſchluchzte die letzte Zeile mit einer Zärtlichkeit hervor, die einen ſeiner Zuhörer lachen machte. „Ich bewundere die Freiheiten, welche die Herren Dichter ſich erlauben,“ ſagt Esmond zu Mr. Addiſon — was Dick betrifft, ſo wollte er, nachdem er die Verſe geleſen, ſchlechterdings weggehen; auch beharrte er darauf, vor ſeinem Weggehen ſeine zwei theuren Freunde zu küſſen, worauf er, mit über die Augen ge⸗ drückter Perrücke, hinaustaumelte —). „Ich bewundere Ihre Kunſt: das Morden geſchieht nach dem Takte militäriſcher Muſik, wie wenn in der Oper eine Schlacht aufgeführt wird; und es ſchreien und zetern die Jung⸗ frauen harmoniſch, während unſere ſiegreichen Grena⸗ diere in ihre Dörfer einziehen. Wiſſen Sie wohl auch, welcher Art die Scene war (— unterdeſſen hatte vielleicht der Wein auch Mr. Esmond den Kopf erhitzt — und was für einen Triumph Sie da feiern? Wiſſen Sie wohl auch, welch' ſchmachvolle und entſetzliche Auftritte Statt fanden, wobei das Genie des Oberbefehlshabers die Hanptlei⸗ tung übernahm, und wobei er ſich ſo ruhig zeigte, wie wenn er unſerer Erde gar nicht angehörte? „Sie ſprechen von dem lauſchenden, gramverzehrt daſtehenden Soldaten, von der Trauer des Führers, dem edles Mitleid die Bruſt gefüllt'; — ſoll ich Ihnen meine Meinung aufrichtig ſagen, ſo kümmerte ſich der Oberbefehlshaber ebenſo wenig um blökende Heerden, als um das Geſchrei kleiner Kinder; ſo viel iſt gewiß, daß viele unſerer Böſewichter ſowohl jene, als dieſe mit gleicher Bereitwilligkeit hinſchlachteten. Ich ſchämte mich wahrhaftig meines Standes, als ich die Gräuel verüben ſah, die Jedermann ſehen konnte. Vermittelſt Ihrer glatten Verſe entwerfen Sie ein recht ſtattliches Bild von dem lächelnden Siegesgottez ich ſage Ihnen aber, es iſt derſelbe ein ungeſtaltes, häßliches, gräßliches Götzenbild, — ſcheußlich, blutig, und barbariſch. Es 127 hat etwas Empörendes, wenn man auch nur an die Ceremonien denken muß, die vor demſelben Statt fin⸗ den. Ihr große Dichter ſolltet dieſes Idol zeigen, wie es iſt, — häßlich und entſetzlich, nicht ſchön und heiter. Oh, Sir, hätten Sie den Feldzug mitgemacht, ſo würde es Ihnen, glauben Sie mir, nie eingefallen ſein, ihn ſo zu beſingen.“ Während dieſes kleinen Ausbruchs von Leidenſchaft, hörte Mr. Addiſon ganz ruhig zu, indem er ſeine lange Pfeife rauchte, und ſanft lächelte. Was wollen Sie?“ ſagt er. „In unſern Tagen, wo die Verfeinerung ſo weit vorgeſchritten, und nach den Regeln der Kunſt, iſt es rein unmöglich, die Muſe QDualen malen, oder ſich die Hände mit den Gräueln des Krieges beflecken zu laſſen. Letztere ſind mehr an⸗ gedeutet, als beſchrieben, wie in den griechiſchen Tra⸗ gödien, die Sie ohne Zweifel geleſen haben; (— und es kann fürwahr keine zierlicheren Muſter für einen Dichter geben; —) Agamemnon wird, fern von der Bühne, ermordet, und ebenſo fallen auch Medea's Kin⸗ der nicht auf der Bühne; — nur der Chor bleibt darauf, und beſingt die Handlung bei pathetiſcher Muſik. „Etwas der Art verſuche ich in meiner beſcheide⸗ nen Weiſe, mein lieber Herr? ich will einen Panegyri⸗ kus ſchreiben, nicht aber eine Satyre. Wollte ich ſin⸗ gen, wie Sie es gern haben möchten, ſo würde die Stadt den Dichter in Stücke zerreißen, und deſſen Buch durch die Hände des gewöhnlichen Henkers verbrennen. — Schnupfen oder rauchen Sie nicht? Von allen Kräutern, die auf Erden wachſen, iſt gewiß das Ta⸗ bakskraut das heilſamſte und beruhigendſte. „Wir dürfen,“ fuhr Mr. Addiſon fort, „unſern großen Herzog nicht als einen Mann malen, der gleich uns übrigen Menſchenkindern ſeine Schwächen hat und ohne Zweifel hat er ſolche —; nein: als —— 128 einen Helden müſſen wir ihn malen. Ihr ergebenſter Diener reitet ſeinen zahmen Pegaſus bei einem Triumph⸗ zuge, und nicht in einer Schlacht. Wir Univerſitäts⸗ dichter traben, wie Sie wiſſen, auf Kleppern dahin, die keine ſo gewaltigen Sprünge machen; es iſt ſchon ſeit undenklichen Zeiten ein Theil der Aufgabe des Dichters geweſen, die Handlungen von Helden in Verſen zu feiern, und die Thaten zu beſingen, die ihr Kriegs⸗ männer verrichtet. Ich muß die Regeln meiner Kunſt befolgen, und es darf eine ſolche Compoſition nichts Familiäres haben, und darf der vulgären Wahrheit nicht zu nahe kommen, ſondern muß zugleich harmoniſch und majeſtätiſch ſein. „Si parva licet — wenn es Virgil geſtattet war, den göttlichen Auguſtus anzurufen, ſo darf wohl auch ein beſcheidener Dichter von den Ufern der Iſis einen Sieg und einen Eroberer feiern, die unſerer Nation angehören, — einen Eroberer, an deſſen Triumphen jeder Brite Antheil hat, und deſſen Ruhm und Genie zur individuellen Ehre jedes Bürgers beitragen. Wann hat es je, ſeit den Tagen unſerer Heinriche und Eduarde, eine ſo glänzende Waffenthat gegeben, wie die iſt, bei der ſie ſelbſt Gelegenheit gefunden haben, ſich hervorzu⸗ thun, und ſich mit ehrenvollen Wunden zu bedecken. Wenn es in meiner Macht ſteht, dieſe Thaten würdig zu beſingen, ſo will ich es thun und meiner Muſe dank⸗ bar ſein. Unterliege ich als Dichter, ſo will ich doch als Brite meine Loyalität an den Tag legen, meine Mütze in die Höhe werfen, und dem Sieger zujubeln: — „Rbeni pacator et Istri „Omnis in hoc uno variis discordia cessit „Ordinibus; laetstur edues, plauditque senator, „Votaque patricio certant plebeja favori.“ „Es waren ebenſo tapfere Männer auf dem Schlacht⸗ felde,“ ſagt Mr. Esmond, (— der nie vermocht werden konnte, den Herzog von Marlborough zu lieben, oder jene Geſchichten zu vergeſſen, die er in ſeiner Jugend über die Selbſtſucht und die Verrätherei des großen Obergenerals ſo oft Gelegenheit hatte, zu hören —), zes waren bei Blenheim ebenſo gute Männer, als der Anführer, — Männer, denen weder Ritter, noch Se⸗ natoren Beifall klatſchten, — Männer, denen weder plebejiſche, noch patriciſche Stimmen zujubelten, und die nun da unter dem kühlen Boden liegen, ohne daß ſich Jemand ihrer erinnert. Werden die auch von einem Poeten beſungen?“ „Sie fragen mich, ob ein Poet da ſei, um die tapferen Seelen von Helden zu beſingen, die in den Hades geſchickt worden!“ ſagt Mr. Addiſon lächelnd: „Möchten Sie wohl ſie Alle beſingen? wenn es mir er⸗ laubt iſt, an einem ſo bewundernswürdigen Werke ir⸗ gend eine Ausſtellung zu machen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß die Aufführung der Schiffe bei Hower mir ſtets als etwas langweilig erſchienen iſt; was wäre aus dem Gedichte wohl geworden, wenn es dem Dichter eingefallen wäre, die Namen von Hauptleuten, Lieute⸗ nants, Unteroffizieren und gemeinen Soldaten zu ver⸗ zeichnen? „Eine der größten Eigenſchaften eines großen Mannes iſt — der Erfolg; es iſt dieſelbe das Reſultat aller übrigen; es iſt eine in ihm ruhende, verborgene Macht, welche den Göttern ihre Gunſt abnöthigt und das Glück unter ihr Joch beugt. Unter allen Natur⸗ gaben und Talenten bewundere ich am großen Marl⸗ borough dieſe Gabe am Meiſten. Tapferkeit? Jeder⸗ mann iſt tapfer. Darin aber, daß er ſo ſiegreich iſt, wie er bisher geweſen, liegt nach meiner Vorſtellung etwas Göttliches. Bei jedem großen Momente zeigt ſich die große Seele ihres Führers in ihrem ganzen Glanze und zeigt ſich — der Gott. Selbſt der Tod Heury Esmond. I. 9 130 achtet ihn, und geht an ihm vorüber, um Andere nie⸗ derzumähen. Krieg und Blutvergießen fliehen vor ihm, um andere Theile des Feldes heimzuſuchen und zu ver⸗ heeren, gleich wie Hektor vor dem göttlichen Achilles floh. „Sie ſagen, er beſitze kein Mitleid; — und ich antwortete Ihnen, auch die Götter haben keines, — die Götter, die über das Mitleid erhaben und über⸗ menſchlich ſind. Die ermattende Schlacht gewinnt bei ſeinem Anblicke neue Stärke; und überall, wohin er reitet, ſteht ihm der Siegesgott zur Seite.“ Ein Paar Tage darauf, als Mr. Esmond ſeinen poetiſchen Freund wieder beſuchte, fand er dieſen in dem Feuer der Converſation gefundenen Gedanken ver⸗ beſſert und in jene berühmten Verſe eingekleidet, die in Wahrheit die ſchönſten, edelſten in dem Gedichte über die Campagne ſind. Während die beiden Herren ſo mit einander ſprachen, und Mr. Addiſon ſich, wie gewöhnlich, die Pfeife ſchmecken ließ, kam das kleine Dienſtmädchen, das ſeine Haushaltung beſorgte, herauf. Sie ging einem Herren in ſchönen, betreßten Kleidern voran, der offenbar bei Hofe oder beim Lever eines Großen figurirt hatte. Der Hofmann huſtete ein Bischen wegen des Ta⸗ bakrauchs, und ſah etwas verwundert im Zimmer herum, welches allerdings etwas armſelig ausſah, gleich dem Bewohner deſſelben, der ſeine abgetragenen, ſchnupf⸗ tabakfarbigen Kleider anhatte, ſowie eine ſchlichte Kar⸗ tenperrücke trug. „Wie ſteht es mit dem magnum opus, Mr. Addi⸗ ſon?“ ſagt der Höfling, auf die Papiere niederſchauend, die auf dem Tiſche lagen. „Wir waren ſo eben noch daran,“ ſagt Addiſon — der größte Hofmann im ganzen Lande hätte keine vollendetere Höflichkeit oder eine größere Würde in ſeinem Benehmen an den Tag legen können —)3 „da liegt der Plan,“ ſagt er, „auf dem Tiſche: bsc ibet 131 Simois, hier lief das Nebel⸗Flüßchen, — hie est Sigeia tellus, hier ſteht Tallard, an dem Kopfe dieſer Pfeife, bei dem Angriffe, bei dem Capitän Esmond war. Ich habe die Ehre, Ihnen Mr. Boyle vorzuſtellen; und Mr. Esmond war eben noch damit beſchäftigt, aliquo praelia mixta mero hinzuzeichnen, als ſie herein kamen.“ Und in der That waren die beiden Herren in ſolcher Weiſe beſchäftigt geweſen, als der Beſuchende herein⸗ trat; und es hatte Addiſon in ſeiner lächelnden Weiſe, indem er von Mr. Webb, dem Obriſten von Esmond's Regiment (— der bei der Schlacht eine Brigade com⸗ mandirte, und ſich da ſehr auszeichnete —), ſprach, ſein Bedauern darüber ausgeſprochen, daß er auf das Wort Webb nie hätte einen paſſenden Reim finden können, ſonſt hätte der Brigade⸗General in den Verſen des Dichters gewiß einen Platz gefunden. Und was Sie betrifft, hatte Addiſon weiter geſagt, ſo ſind Sie ein bloßer Lieutenant, und es kann die Muſe ſich ſchlech⸗ terdings mit keinem Gentleman befaſſen, der nicht we⸗ nigſtens den Rang eines Stabs⸗Offiziers hat.“ Mr Boyle wollte um jeden Preis einige Verſe hören, und ſagte, daß my Lord von der Schatzkammer und my Lord Halifax gleich begierig wären, das Gedicht endlich zu Geſicht zu bekommenz und nun fing Addiſon erröthend an, einen Theil ſeiner Verſe zu leſen; auch habe ich allen Grund, zu vermuthen, daß er ihre Schwächen ebenſo gut kannte, wie der ſchärfſte Kritiker. Als er zu den Zeilen kam, die den Engel beſchrieben, welcher „Geſchlag'ne Haufen treibt in's wilde Schlachtgewühl, „Und lehrt die zweifelhafte Schlacht, zu wüthen da, „Wo es der Angenblick erfordert . . . . . las er mit vieler Lebhaftigkeit und ſah dabei Esmond an, gleich als wollte er ſagen; „Sie wiſſen, woher dieſes Gleichniß ſtammt, — Sie wiſſen, daß es unſerem Geſpräche, ſowie der Flaſche Burgunder, die wir vor einigen Tagen getrunken, ſeinen Urſprung verdankt.“ Die beiden Zuhörer des Pveten waren bei dieſer Stelle von Begeiſterung ergriffen, und beklatſchten die Verſe aus Leibeskräften. „Und nun keine Silbe weiter, mein theurer Herr,“ ſagte er. „Vertrauen Sie mir die Papiere an: — ich werde ſie bis auf den Tod vertheidigen. Erlauben Sie mir, daß ich ſie my Lord von der Schatzkammer vor⸗ leſe, den ich in einer halben Stunde ſehen werde. Ich wage es, Ihnen das Verſprechen zu geben, daß die Verſe, von mir vorgeleſen, Nichts an Schönheit ver⸗ lieren werden; und dann wollen wir ſehen, Sir, ob Lord Halifax ein Recht hat, ſich zu beklagen, daß die Penſion ſeines Freundes nicht mehr ausbezahlt werde.“ Und ohne weitere Umſtände bemächtigte ſich der betreßte Höfling des Manuſcriptes, ſteckte es in ſeinen Buſen, legte ſeine mit einer feinen Manſchette gezierte Hand auf's Herz, führte mit der freien Hand eine über⸗ aus graziöſe Hutſchwenkung aus, und lächelte, und ver⸗ ließ unter Bücklingen das Zimmer, und ließ dort die feinſten Biſamgerüche zurück. „Sieht das Zimmer jetzt nicht ganz düſter aus nach dem glorioſen Erſcheinen und Verſchwinden dieſes huldreichen Botſchafters?“ ſagt Addiſon, das Zimmer muſternd. „Er hat das ganze Zimmer wahrhaftig erleuchtet. Ihr Scharlach, Mr. Esmond, kann zwar jedes Licht ertragen; aber dieſer mein fadenſcheiniger Rock, wie abgeſchabt erſchien er nicht bei ſo blendendem Glanze! „Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie nun Etwas für mich thun werden,“ fuhr er fort. „Als ich Opford verließ, um in die Welt zu treten, verſprachen meine Gönner mir große Dinge; und Sie ſehen, wohin ihre Verſprechungen mich gebracht haben, — in eine Woh⸗ nung über zwei Treppen, während ein Garkoch mir ein Eſſen für ſechs Pence liefert. Wohlan, es wird mit dieſem Verſprechen gehen, wie mit den andern, und 133 es wird die Fortuna mich buhleriſch äffen, wie die Mähre nun ſchon ſeit ſieben Jahren gethan. Ich blaſe die feile Dirne hinweg',“ ſagt er kächelnd, und aus ſeiner Pfeife eine Rauchwolke hervortreibend. „Die Armuth hat keine Mühſeligkeit, Esmond, die nicht zu ertragen wäre; es gibt ſelbſt bei ehrlicher Abhängigkeit keine Mühſeligkeit, über die ein ehrlicher Mann ſich nicht hinwegzuſetzen vermöchte. „Ich kam aus dem Schooße der alma mater, ganz aufgeblaſen von den Lobſprüchen, die ſie mir gezollt, und feſt überzeugt, daß ich mit den Talenten und der Gelehrſamkeit, die mir in unſerem Collegium zu keinem geringen Rufe verholfen hatten, in der Welt eine leid⸗ lich gute Figur ſpielen würde. Die Welt iſt der Ocean, und Iſis und Charwell ſind bloß kleine Tropfen, um welche die See ſich nicht bekümmert. „Mein Ruf endete ſchon eine Meile jenſeit Maudlin Tower's; Niemand nahm Notiz von mir; und ich lernte wenigſtens ſo Viel, daß ich im Kampfe mit dem Miß⸗ geſchicke ein frohes Herz bewahrte. „Freund Dick hat in der Welt ſchon längſt eine Figur gemacht, und iſt mir in dem Wettlaufe ſchon längſt vorangekommen. Aber was liegt an einem Bischen Namen, oder an ein Bischen Glück? Ein Philoſoph vermag jedes Geſchick zu ertragen. Ich bin als Gelehrter nicht unbekannt geweſen, und habe mich dennoch gezwungen geſehen, meinen Lebensunterhalt dadurch zu ſuchen, daß ich Bärenführer⸗ *) wurde, und einen kleinen Buben buchſtabiren lehrte. „Was that es? das Leben war zwar nicht ange⸗ nehm, aber doch möglich: — bei dem Bären war es auszuhalten. Sollte auch dieſes Mal das Glück mir den Rücken kehren, ſo gehe ich nach Oyford zurück; und eines Tags, wenn Sie ſchon General ſind, werden Sie *) Hofmeiſter. 134 mich als Landprediger, in einem Prieſterrocke und mit Bäffchen, wiederfinden, und dann werde ich Ew. Wohl⸗ geboren in meinem beſcheidenen, ländlichen Hauſe empfangen und mit einem Kruge Groſchen⸗Ale bewirthen. „Nicht die Armuth iſt es, die am Schwerſten zu ertragen oder das unglücklichſte Lebenslvos iſt,“ ſagt Mr. Addiſon weiter, die Aſche aus ſeiner Pfeife klopfend. „Sehen Sie, meine Pfeife iſt ausgeraucht. Wollen wir noch eine Flaſche trinken? Ich habe noch ein Paar Flaſchen vom Guten in dem Schranke dort. Sie haben keine Luſt mehr zu trinken? So wollen wir denn aus⸗ gehen und uns auf der Maille ergehen, oder ein Bischen in das Theater hineinſchauen und Dick's Comödie ſehen. Es iſt dieſelbe zwar kein Meiſterſtück, was den Geiſt betrifft; aber Dick iſt ein guter Burſche, obgleich er nicht der Mann iſt, die Themſe in Flammen zu ſetzen.“ X * „ Einen Monat darauf hatte Mr. Addiſon in der Lotterie des Lebens einen ungeheuren Preis gezogen. Die ganze Stadt war von ſeinem Gedichte, die „Cam⸗ pagne“ betitelt, entzückt; Niemand konnte ſeine Be⸗ wunderung laut genug an den Tag legen, während Dick Steele in jedem Kaffeehauſe in White Hall und Covent Garden declamirte. Die Schöngeiſter auf der andern Seite von Temple Bar begrüßten ihn alsbald als den größten Dichter, den die Welt ſeit langer Zeit geſehen; das Volk ließ Marlborvngh und Addiſon hoch leben; — noch mehr, die Partei, die damals am Ruder war, ſorgte für den talentvollen Dichter und Mr. Addiſon bekam ſo die Stelle eines Acciſe⸗Commiſſärs, die durch den Tod des berühmten Mr. Locke erledigt worden war, und ſtieg zu andern Würden und Ehren empor, indem von nun an, bis an's Ende ſeines Lebens, ſeine Glückslaufbahn kaum einen Augenblick unterbrochen worden war. Aber ich zweifle ſehr, ob er nicht in 135 ſeiner Dachſtube auf dem Heumarkte glücklicher war, als je in ſeinem prächtigen Palaſte zu Kenſington; und ich glaube, daß die Fortuna, die in der Geſtalt der Gräfin, ſeiner Frau, zu ihm kam, um kein Haar beſſer war, als die erſte beſte Keiferin und Wiederbellerin. So luſtig es auch in der Stadt zuging, ſo war dieſelbe doch für Mr. Esmond nur ein trübſeliger Ort, mochte nun ſeine Zauberin, dort ſein, oder nicht, und er war daher hoch erfreut, als ſein General ihn benach⸗ richtigte daß er zu ſeiner Heeresabtheilung zurückkehre, die zu Bois⸗Le⸗Düc ihre Winterquartiere bezogen hatte. Seine theure Gebieterin ſagte ihm mit frohem Geſichte Lebewohl; daß er ihren Segen hatte, wohin ihn auch das Schickſal führte, war ihm wohl bewußt. Miſtreß Beatrix hatte zu Hampton Court bei Ihrer Majeſtät Dienſt, und küßte zum Zeichen des Lebewohls ihre ſchönen Fingerſpitzen, als er hinritt, um ſich von ihr zu verabſchieden. Sie empfing ihren Vetter in einem Vorzimmer zu den königlichen Gemächern, wo noch ein halbes Dutzend weiterer Hofdamen ſich befanden, ſo daß ſeine ſchwülſtigen Reden, wenn er die Abſicht hatte, ſolche preiszugeben (— und höchſt wahrſcheinlich war Letzteres der Fall —), unmöglich warenz und was ſie betrifft, ſo kündigte ſie ihren Freundinnen an, daß ihr Couſin zur Armee ginge, — und zwar in ebenſo nach⸗ läſſiger und ruhiger Weiſe, wie wenn ſie hätte ſagen wollen, er gehe in ein Chokolade⸗Haus. Er fragte mit etwas jämmerlichem Geſichte, ob ſie vielleicht bei der Armee Nichts zu beſtellen hätte, und ſie geruhte, zu antworten, daß es ihr erwünſcht wäre, wenn ſie einen langen Schleier von Mechelner Spitzen bekommen könnte. Als Antwort auf ſeine trübſelige Verbeugung machte ſie ihm einen trotzigen Knicks. Auch geruhte ſie, ihre Fingerſpitzen an dem Fenſter zu küſſen, wo ſie mit den andern Damen lachend ſtand, und ihn 136 zufällig erblickte, während er nach dem Gaſthofe „zum Spielzeng“ hinging. Was die verwittwete Vicomteſſe zu Chelſea betrifft, ſo ſah ſie ihn dieſes Mal gar nicht ungern ſcheiden. „Mon cher, vous étes triste comme un sermon,“ ge⸗ ruhte ſie, zu ihm zu ſagen. Auch ſind Herren, die ſich in ſeiner Lage befinden, keineswegs unterhaltende Ge⸗ ſellſchaften, und zudem hatte das unbeſtändige alte Weib nun einen weit liebenswürdigeren Günſtling ge⸗ funden in der Perſon ihres allerkiebſten Gardelleute⸗ nants, in den ſie ganz und gar vernarrt war. Frank blieb noch kurze Zeit in England zurück, und ging erſt ſpäter zur Armee ab, in der Suite Sei⸗ ner Gnaden des Oberbefehlshabers. Esmond mußte den Tag vor ſeiner Abreiſe, an dem die drei mit ein⸗ ander ſpeisten, ſeiner theuren Gebieterin verſprechen, daß er ihrem Sohne ſtets ein Freund ſein wolle; auch ermahnte die Wittwe ihren Frank, ſeinem Vetter als einem loyalen Gentleman und tapferen Soldaten nach⸗ zuſtreben, — dieß waren ihre eigenen gnädigen Worte. Und als es ans Scheiden ging, verrieth ſie nicht das geringſte Zeichen von Schwäche oder Unentſchiedenheit, obgleich dieſes zärtliche Herz, Gott weiß es, furchtſam genug war, wenn es Andere betraf während es ſeinen eigenen Kummer ſo ſtandhaft zu ertragen verſtand. Esmond's General ſchiffte ſich zu Harwich ein. Es war ein großartiges Schauſpiel, Mr. Webb, in Schar⸗ lach gekleidet, auf dem Verdecke ſtehen zu ſehen, wie er den Hut ſchwenkte in dem Angenblicke, wo unſere Jacht vomlifer ſtieß, und die Geſchütze vom Ufer her don⸗ nerten. Harry ſah ſeinen Visconnt erſt drei Monate darauf, zu Bois⸗Le⸗Düc, wieder, als Seine Gnaden der Herzog ankam, um den Oberbefehl zu übernehmen. Mit ihm langte auch Frank an, der eine ganze Maſſe Neuig⸗ keiten von Hauſe brachte, und der mir erzählte, wie er . 137 mit dieſer Schauſpielerin ſoupirt, und wie er jene ſatt bekommen; — wie er Mr. St. John aus dem Felde geſchlagen, ſowohl bei der Flaſche, als bei Mrs. Mount⸗ ford, vom Heumarkttheater — es war dieß eine er⸗ fahrene Zauberin von fünfzig Jahren, in welche verliebt zu ſein der junge Bruder Liederlich ſich einzubilden geruhte —); wie ſeine Schweſter immer noch ihre alten Streiche ſpiele, und einen jungen Baron einem alten Grafen zu liebe aufgegeben. „Ich kann aus Beatrix nicht klug werden,“ ſagte er; „ſie kümmert ſich um Keines von uns: — ſie denkt nur an ſich ſelbſt; ſie iſt nie glücklich, wenn ſie nicht irgend einen Streit hat: was aber meine Mutter, — meine Mutter betrifft, Harry, ſo iſt ſie ein Engel.“ Harry ſuchte dem jungen Burſchen begreiflich zu machen, wie nothwendig es ſei, daß er Alles, was in ſeiner Macht ſtehe, thue, um dieſem Engel zu gefallen; — wie er ſich hüten ſolle, zu Viel zu trinken, in Schulden zu gerathen, den hübſchen flämiſchen Mädchen nachzulaufen, und ſo weiter, — kurz ſo, wie ein alterer Mann mit einem jungen Burſchen ſprechen mußte. „Aber um's Himmelswillen!“ ſprach der Jüngling; was ich auch thun mag, ich weiß, daß ſie mich den⸗ noch lieben wird;“ — und ſo that er denn wirklich, was ihm beliebte. Jedermann verderbte ihn, und ſein gravitätiſcher Vetter ebenſo ſehr, wie die Uebrigen. Zwilſtes Rapitel. Ich bekomme im Feldzuge von 1706 eine Compagnie. Am Pfingſtſonntage, das heißt, an dem berühmten dreiundzwanzigſten Mai 1706, kam mein junger Lord zum erſten Mal in's Feuer. Wir fanden den Feind in Schlachtordnung aufgeſtellt, und es dehnten ſich ſeine Linien, drei Meilen oder darüber, über die Anhöhen hinter dem kleinen Gheet⸗Fluſſe aus; zur Linken hatte er das kleine Dorf Anderkirk oder Autre⸗Egliſe, und zur Rechten Ramillies, welch' letzterer Ort einem der glänzendſten und unglücklichſten Schlachttage, ſo die Geſchichte je verzeichnet, ſeinen Namen geliehen hat. Unſer Herzog traf hier abermals mit einem alten Feinde zuſammen, den er ſchon von Blenheim her kannte, — das heißt, mit dem Kurfürſten von Bayern und mit dem Marſchall Villeroy, dem der Prinz von Savoyen die berühmte Niederlage von Chiari beige⸗ bracht hatte. Welcher Engländer oder welcher Franzoſe kennt nicht den Ausgang dieſes Tages? Villeroy hatte das Schlachtfeld ſelbſt gewählt, hatte eine den engliſchen Streitkräften überlegene Macht, und außerdem noch die trefflichen ſpaniſchen und bayeriſchen Truppen, ſowie die ganze Maison du Boy bei ſich, das herrlichſte Cavaleriecorps, das es gegeben, — und in einer Stunde (— und trotz der fabelhaften Tapferkeit der franzöſchen Maison du Roy, die unſer Centrum angriff und es durchbrach —) war dieſe herrliche Armee Villeroys total geſchlagen und zerſprengt durch Truppen, die ſo 139 eben noch einen zwölfſtündigen Marſch gemacht hatten, ſowie durch die kühne Geſchicklichkeit eines Befehls⸗ habers, der vor dem Feinde wirklich der leibhaftige Genius des Sieges zu ſein ſchien. Ich glaube, daß der große Herzog mehr aus Ueber⸗ zeugung, als aus Politik (— obgleich dieſe Politik gewiß die klügſte von der Welt war —) von ſeinen Siegen immer nur mit außerordentlicher Beſcheidenheit ſprach, und wie wenn es nicht ſowohl ſein bewun⸗ derungswürdiges Genie und ſein nicht minder bewun⸗ derungswürdiger Muth wären, welche dieſe'erſtaunlichen Erfolge erzielt, ſondern wie wenn er ein beſonderes, verhängnißvolles Werkzeug in den Händen der Vor⸗ ſehung wäre, welche die Niederlage und den Sturz des Feindes wollte. Bevor er eine Schlacht lieferte, ordnete er immer erſt einen feierlichen Gottesdienſt an, und ſprach den feſten Glauben aus, daß die Waffen unſerer Königin geſegnet und daß unſer Sieg gewiß wäre. Alle Briefe, die der Herzog nach ſeinen Schlachten ſchrieb, verrathen mehr Ehrfurcht, als Jubel; und er ſchreibt den Ruhm dieſer großen Thaten, worüber ich unbedeutende Offiziere und ſonſtige Leute mit verzeih⸗ licher Prahlerei habe ſprechen hören, keineswegs ſeiner eigenen Tapferkeit oder Geſchicklichkeit zu, ſondern dem höheren Schutze des Himmels, von dem er immer zu glauben ſchien, daß er unſer beſonderer Verbündeter wäre. Auch glaubte dieß unſere Armee allmälig, und ebenſo lernte es auch der Feind glauben; denn wir ließen uns auf keine Schlacht ein, ohne daß wir von der vollkommenen Zuverſicht beſeelt geweſen wären, dieſelbe müſſe mit einem Siege enden; auch trafen die Franzoſen nach dem Tage von Blenheim, ſowie nach dem erſtaunlichen Triumphe von Ranillies nie mehr mit uns zuſammen, ohne zu fühlen, daß das Spiel verloren ſei, ehe es noch angefangen, und daß dem 140 Glücke unſeres Generals Nichts zu widerſtehen ver⸗ möge. Hier, in der Schlacht von Blenheim, wurde dem Herzoge das Pferd unter dem Leibe erſchoſſen; und einen Angenblick glaubte man ſogar, daß er todt ſei. Während er ein anderes Pferd beſtieg, ward Binfield, ſeinem Stallmeiſter, der in einer knienden Stellung ſich befand, um Seiner Gnaden den Steigbügel zu halten, von einer Kanonenkugel der Kopf zerriſſen. Ein Franzoſe von der Maison du Roy, der unſer Gefangener war, erzählte Schreiber dieſes, wie in dem Angenblicke, wo die Maison du Boy ihren Angriff ge⸗ macht, und wo ihre Cavalerie mit der unſrigen ver⸗ miſcht geweſen, ein iriſcher Offizier, den Fürſt⸗Herzog erkannt und ausgerufen habe: „Marlborvugh, Marl⸗ borvugh!“ Sofort habe der Offizier ſein Piſtol à bout⸗ portant auf den Herzog abgefeuert: nicht genug, noch ein Paar Dutzend andere Karabiner und Piſtolen ſeien in dieſem Augenblicke auf den engliſchen Oberbefehls⸗ haber abgefeuert worden. Aber auch nicht eine Kugel traf ihn: mit dem Säbel in der Hand ritt er mitten durch die franzöſiſchen Küraſſiere, ohne daß er auch nur die geringſte Wunde davon trug; und ruhig und lächelnd brachte er die deutſche Cavalerie wieder zum Stehen, die vor dem Feinde zu weichen anfing, führte dieſe, ſowie zwanzig Schwadronen von Orkney wieder egen die Franzoſen und trieb letztere wieder über den 85 zurück, — wobei er ſelbſt, an der Spitze der Truppen, den Angriff commandirte, und die einzige gefährliche Bewegung, welche die Franzoſen an dieſem Tage ausführten, unſchädlich machte. Generalmajor Webb commandirte auf unſerem linken Flügel, ſo daß ſein Regiment auch unter ſeinem Befehle ſtand. Weder er, ſeine Soldaten machten bei dieſer Gelegenheit ihrem wohlbewährten Rufe Un⸗ ehre; aber es ſchwebte Esmond wegen ſeines theuren 141 jungen Lords in Angſt, da er denſelben im Laufe des Tages nur ein Mal geſehen hatte, — das heißt, in dem Augenblicke, wo derſelbe an Mr. Webb einen Be⸗ fehl vom Obergeneral überbrachte. Als unſere Cavalerie, nachdem ſie den rechten Flügel des Feindes bei Overkirk umgangen, letzteren Lanz geworfen hatte, fand ein allgemeines Vorrücken Statt, und es marſchirte unſere ganze Infanterie, nach⸗ dem ſie durch den kleinen Fluß und den Moraſt gegan⸗ gen, die Anhöhen hinan, wo die Franzoſen Poſto gefaßt hatten. Unſere Leute jubelten, während der Feind ich vor ihnen zurückzog. Es war dieß mehr ein ruhm⸗ voller, als ein gefährlicher Dienſt, indem die franzö⸗ ſiſchen Bataillone nie ſo lange Stand hielten, um mit den unſrigen Piken⸗ oder Bajonnettſtöße auszutauſchen; die franzöſiſchen Kanoniere verließen ihre Stücke, die unſere Linie, während ihres Vorrückens und während des Zurückweichens der Franzoſen hinter ſich ließ. Anfänglich war es ein in ziemlicher Ordnung aus⸗ geführter Rückzug; es ſtand aber nicht lange an, ſo wurde daraus eine wilde Flucht. Und nun folgte eine furchtbare Metzelei: die Franzoſen, die eine ſo plötz⸗ liche Furcht ergriffen hatte, wurden zu Tauſenden hin⸗ geſchlachtet, ſo daß eine ſechzigtauſend Mann ſtarke Armee binnen weniger Stunden total geſchlagen und vernichtet war. Es war, als ob ein gewaltiger Sturm eine compacte und zahlreiche Flotte erfaßt, ſie nach allen Winden hin zerſtreut, zerſchmettert, verſenkt, und vernichtet hätte: afklavit deus et dissipati sunt *). Die *) Gott, der Allmächt'ge, blies: Und die Armada ſlog nach allen Winden. — Eine Anſpielung auf die Medaille, die Eliſabeth zum An⸗ denken ihres Sieges über die bekannte „unüberwind⸗ liche Flotte⸗ ſchlagen ließ. —— 142 franzöſiſche Armee, die in Flandern geſtanden hatte, war nicht mehr. Ihre Artillerie, ihre Fahnen, ihr Schatz, ihre Vorräthe aller Art waren von ihnen im Stiche gelaſſen: die armen Teufel waren ſogar ohne ihre Suppenkeſſel geflohen, welche ebenſo gut die Palla⸗ dia der franzöſiſchen Infanterie, als die der Janitſcha⸗ ren des Großherrn ſind, und um die ſie ſich ſogar noch mehr verſammeln, als um ihre Lilien. Die Verfolgung und ein furchtbares Blutbad, wel⸗ ches damit verbunden war (— denn die Hefen einer Schlacht, ſo glänzend letztere auch geweſen ſein mag, ſind ſtets ein ſchlechter Ueberreſt von Raub, Grauſam⸗ keit, und wüſter Plünderung —), ſpielten ſich noch weit über das Schlachtfeld von Ramillies hinaus. Der ehrliche Lockwood, Esmond's Diener, wollte ohne Zweifel auch einer von den Marodeurs ſein, und von der Beute ſeinen Antheil bekommen; denn als der Capitän, nachdem die Schlacht vorüber war, und die Truppen den Platz einnahmen, wo ſie die Nacht über lagern ſollten, Lockwood befahl, er ſolle ihm ein Pferd verſchaffen, ſo fragte er mit überaus kläglicher Miene, ob Seine Hochwohlgeboren denn wünſchten, daß er auch mitkommen ſolle, aber Seine Hochwohlgeboren hieß ihn nur ſeinem eigenen Geſchäfte nachgehen, und Jack ſprang ganz entzückt hinweg, ſobald er ſeinen Herrn zu Pferde ſah. Esmond drang, und zwar nicht ohne Gefahr und ohne Schwierigkeit, bis zum Hauptquartier Seiner Gna⸗ den durch, und fand alsbald ganz allein das Quartier der Adjutanten in dem Nebengebäude eines Pachthofes, wo etliche dieſer Herren trinkend und ſingend beim Nachteſſen ſaßen. Wenn er wegen ſeines Jünglings beſorgt geweſen war, ſo hatte ſeine Angſt alsbald ein Ende. Einer der Herren ſang ein Lied zu einer Me⸗ lodie, wovon ſowohl Mr. Farquhar, als Mr. Gay in ihren bewundernswürdigen Komödien Gebrauch gemacht 14¹⁸ hatten, — eine Melodie, die damals bei der Armee ſehr beliebt war. Auf das Lied folgte ein Chor „Ueber den Bergen und weit, weit fort;“ und Esmond hörte Frank's friſche Stimme aus denen der andern jungen Männer hervortönen: — es war eine Stimme, die ſtets ein gewiſſes ungekünſteltes, unbeſchreibliches Pathos an ſich hatte, und die jetzt Schuld war, daß Mr. Esmond's Augen ſich mit Thränen füllten, aus Dankbarkeit gegen Gort, daß der Jüngling noch lebte, und lachen und ſingen konnte. Als das Singen vorüber war, trat Esmond in die Stube, wo er verſchiedene der anweſenden Herrn kannte; und da ſaß nun der junge Lord, ohne ſeinen Küraß, mit offener Weſte, mit geröthetem Geſichte, während ſeine langen gelben Haare ihm über die Schul⸗ tern herabhingen. Der jüngſte, fröhlichſte, hübſcheſte, trank er mit den übrigen jungen Leuten. Sobald er Esmond erblickte, ſtieß er ſein Glas auf den Tiſch, rannte auf ſeinen Freund zu, ſchlang ſeine beiden Arme um denſeſben und küßte ihn. Die Stimme des Andern zitterte vor Freude, als er den Jüngling grüßte; er hatte ja ſo eben noch, als Tauſende haben heute dem Tode in's Angeſicht geſchaut: und da ſingen nun dieſe Burſchen bei ihrer Flaſche; und es blickt derſelbe Mond, der jenes gräßliche Feld dort beſcheint, höchſt wahrſ einlich auch auf Wakcote herab, während my Lady daheim ſitzt, und an ihren Sohn denkt, der in den Krieg gezogen iſt.“ Und als Esmond jetzt ſeinen jungen Zögling küßte, eſchah es mit einem Gefühle inniger religiöſer Dank⸗ arkeit; und ſeine Freude, als er ihn wieder erblickte, war faſt die eines Vaters. Um ſeinen Hals hing ein Stern an einem geſtreif⸗ 144 ten Bande. Es beſtand dieſer Stern aus kleinen Bril⸗ lanten, und mochte etwa hundert Kronen werth ſein. „Schau' her!“ ſagt der Jüngling, — „wird das nicht ein hübſches Geſchenk für Mutter geben?“ „Wer gab Dir denn den Orden?“ ſagt Harry, den Gentleman küſſend. „Haſt Du ihn in der Schlacht ge⸗ wonnen?“ „Ich habe ihn,“ rief der Andere, „mit meinem Schwerte und meinem Speere gewonnen. Da war ein Musketier, der ihn um den Hals trug, — ein Muske⸗ tier ſo groß, wie General Webb. Ich ſchrie ihm zu, er ſolle ſich ergeben, dann würde ich ihm Pardon geben; er aber nannte mich einen petit polisson, feuerte ſein Piſtol auf mich ab, und warf es mir dann mit einem Fluche an den Kopf. „Was that ich nun, Sir? Ich ritt ſchnurſtracks auf ihn zu, jagte ihm meinen Säbel, gerade unter der Armhöhle, in den Leib, und brach ihn dort ab. Ich fand eine Börſe in der Piſtolenholfter des Schurken, — eine Börſe, worin ſich fünfundſechzig Lonisd'or befan⸗ den. Auch fand ich dort noch etwas Anderes: was meinſt Du wohl, daß es geweſen ſei, — ein Packet Liebesbriefe, und ein Flacon mit ungariſchem Waſſer *). Vive la guerre! Da haſt Du die zehn Goldſtücke wieder, die Du mir geliehen. Es wäre mir lieb, wenn wir alle Tage ſo einen Kampf hätten.“ Und mit dieſen Worten zupfte er an ſeinem Schnurr⸗ bärtchen und befahl einem Diener, Capitän Esmond Etwas zu eſſen zu bringen. Harry entwickelte einen überaus guten Appetit, da er ſeit zwanzig Stunden, das heißt, ſeit dem erſten Morgengrauen, Nichts unter den Zähnen gehabt hatte. Und Du, mein Enkel, der Du dieſes lieſeſt, ſuchſt Du hier vielleicht die Geſchichte von Schlachten und *) Aus Rosmarin⸗Blüthen. „ 145 Belagerungen? Wenn dieß der Fall iſt, ſo ſuche die⸗ ſelben in den Büchern, die zu dieſem Zwecke geſchrieben worden ſind; — dieß ſoll nichts Anderes ſein, als die Geſchichte des Großvaters und ſeiner Familie. Weit angenehmer, als der Sieg, obgleich er auch in dieſer Hinſicht vielleicht ſagt, meminisse juvat, war es für ihn, zu finden, daß der Tag vorüber war, und ſein lieber junger Caſtlewood keinen Schaden genommen hatte. Und ſollte es Dir, Du kleiner Schlingel, einfallen, zu fragen, wie es denn gekommen, daß ein geſetzter Mann, ein Infanterie⸗Hauptmann“, ein in Büchern grübelnder und etwas einſam lebender Jun geſelle von acht oder neunundzwanzig Jahren, der ſich nicht gar viel um die Luſtbarkeiten kümmerte, denen ſeine Ka⸗ meraden ſich überließen, und von dem man nie hörte, daß er in einer Garniſonsſtadt je ſein Herz verloren, — ſollteſt Du alſo fragen, warum denn ein ſolcher Mann eine ſo außerordentüche Zärtlichkeit an den Tag gelegt, und einen achtzehnjährigen Burſchen mit ſo vieler Liebe umgeben, ſo warte, mein guter Freund, bis Du in die Schweſter Deines Schulkameraden verliebt biſt: dann wirſt Du ſehen, wie ungeheuer zärtlich Du gegen ihn ſein wirſt. Esmond's General und Seine Gnaden der Fürſt⸗ Herzog waren, wie allgemein bekannt war, mit einan⸗ der zerfallen; — und es war daher keineswegs wahr⸗ ſcheinlich, daß die Freundſchaft des Erſteren der Be⸗ förderung eines Mannes Vorſchub leiſten würde, von deſſen Leiſtungen Webb in anerkennender Weiſe ſprach; weit wahrſcheinlicher war es, — ſo hieß es in der Armee, — daß die Freundſchaft des Generalmajors demſelben in der Gunſt des größeren Mannes nur ſcha⸗ dete. Wie dem nun auch ſein mochte, Mr. Esmond war ſo glücklich, nach der Schlacht in dem Berichte von Generalmajor Webb in ſehr vortheilhafter Weiſe ſeiner Henry Esmond. I. 10 146 Erwähnung gethan zu ſehen; und da der Major ſeines Regimentes, ſowie zwei von den Hauptleuten bei Ra⸗ millies gefallen waren, ſo bekam Esmond, welcher der zweitälteſte Lieutenant war, eine Compagnie, und hatte alſo die Ehre, in dem darauf folgenden Feldzuge als Capitän Esmond zu dienen. My Lord kehrte während des Winters nach Eng⸗ land zurück, Esmond aber fürchtete ſich, ihm zu folgen. Seine theure Gebieterin ſchrieb ihm mehr, denn ein Mal, und dankte ihm in ihren Briefen, wie Mütter zu danken wiſſen, für die liebevolle Aufſicht und für den Schutz, den er ihrem Sohne angedeihen ließe; da⸗ bei hob ſie Esmond's Verdienſte weit rühmender hervor, als ſie es verdienten; denn er that nicht mehr und nicht weniger, als jeder andere Offizier; bisweilen ſprach ſie auch, obwohl nur behutſam und in zarter Weiſe, von Beatrix. Es langten Nachrichten von wenigſtens einem halben Dutzend vortrefflicher Partien an, welche die ſchöne Ehrendame zu machen im Begriffe wäre. Sie ſei mit einem Grafen verſprochen, ſagten unſere Gentlemen von St. James, und habe dieſen einem Herzoge zu liebe aufgegeben, welcher Herzog ſich ſeiner⸗ ſeits zurückgezogen habe. Wohl mochte ein Graf oder ein Herzog dieſe neue Helena heimführen: ſo viel wußte Esmond, daß ſie ſich nie an einen armen Hauptmann weggeben würde. Ihre Aufführung verſchaffte (— ſo viel war klar —), ihrer Mutter nur wenig Befriedigung, denn die gütige Lady that ihrer immer nur ganz kurz Erwähnung; oder aber dachte dieſelbe, es ſei am Beſten, wenn ſie Nichts ſage, und es der Zeit überlaſſe, hier verbeſſernd einzu⸗ ſchreiten. Auf jeden Fall war es für Harry am Beſten, wenn er ſich von dem verhängnißvollen Gegenſtande ferne hielt, der immer ſo viel Unheil bei ihm anrichtete; und ſo kam er denn nicht um Urlaub an, ſondern blieb hei ſeinem Regimente, das zu Brüſſel in Garniſon lag, 147 wobei zu bemerken iſt, daß die ſo eben genannte Stadt in unſere Hände fiel, als der Sieg von Ramillies die Franzoſen aus Flandern hinaustrieb. Preizehntes Rapitel. Ich treffe in Flandern einen alten Bekaun⸗ ten, und finde daſelbſt ſowohl meine Wiege, als das Grab meiner Mutter. Es war Esmond eines Tages in der Kirche zur heiligen Gudula in Brüſſel, und bewunderte die alter⸗ thümliche Pracht der Architektur (— auch wird es nicht überflüſſig ſein, hier beizufügen, daß er ſtets viele Liebe und Ehrfurcht gegen die Mutter⸗Kirche hegte, die in England ebenſo arg verfolgt worden iſt, als ſie ſelbſt in den Tagen ihres Glückes andere Kirchen verfolgte —). Da ſah er an einem Nebenaltare einen Offizier in grü⸗ nem Uniformrocke knien, und es war derſelbe ganz Andacht. Es ſiel Capitän Esmond, noch ehe er das Geſicht des Offiziers ſah, in der Geſtalt und Stellung des Knieenden Etwas auf, das ihm bekannt ſchien. Als der Fremde ſich erhob, und ein kleines ſchwarzes Bre⸗ vier, wie man es gewöhnlich bei Prieſtern ſieht, in die Taſche ſchob, gewahrte Esmond ein Geſicht, das dem ſeines einſtigen Freundes und Hofmeiſters, Pater Holt's, ſo ähnlich war, daß er unwillkührlich in einen Ausruf des Erſtaunens ausbrach, und auf den Herrn zutrat, der im Begriffe war, die Kirche zu verlaſſen. 148 Auch der deutſche Offizier ſah überraſcht aus, als er Esmond erblickte; und ſein Geſicht, das bis dahin blaß geweſen war, röthete ſich jetzt plötzlich. Dieſes Zeichen der Wiedererkennung ſagte dem Eng⸗ länder, daß er ſich nicht getäuſcht haben könne; und obgleich der Andere nicht ſtehen blieb, ſondern im Ge⸗ gentheil mit etwas eiligen Schritten nach der Thüre hinging, ſo verfolgte ihn Esmond dennoch, und ſtand ihm noch ein Mal gegenüber in dem Augenblicke, wo der Offizier, Waſſer aus dem Weihkeſſel nehmend, ſich mechaniſch nach dem Altare hinwandte, um ſich vor demſelben zu verbeugen, ehe er das heilige Gebände verließ. „Herr Pater!“ ſagt Esmond in engliſcher Sprache. „Stille! Ich verſtehe es nicht. Ich ſpreche nicht engliſch, ſpricht der Andere in lateiniſcher Sprache. Esmond lächelte über dieſes Zeichen der Verwir⸗ rung, und antwortete in derſelben Sprache: „Ich würde meinen Pater unter jedem Kleide, möchte dasſelbe ſchwarz oder weiß, und möchte er glatt raſirt, oder mit einem Barte geziert ſein, erkennen.“ Denn der deutſche Offizier war ganz militäriſch gekleidet, und hatte einen Schnurrbart, der nicht minder kriegeriſch war, als der des erſten beſten Panduren. Er lachte. Unterdeſſen waren wir auf den Treppen der Kirche angelangt und drängten uns durch die Maſſe von Bett⸗ lern hindurch, die allda kleine Schmuckſachen zum Ver⸗ kaufe auszubieten pflegen, und winſelnd um Almoſen ehen. „Sie ſprechen lateiniſch mit engliſcher Ausſprache, Harry Esmond,“ hebt der deutſche Offizier an: „Sie ſind der alten, wahren römiſchen Zunge untreu gewor⸗ den, die Sie einſt kannten.“ Der Ton, in dem er zu mir ſprach, war überaus offen und ganz freundlich; es war die Freundesſtimme⸗ 149 die ich vor fünfzehn Jahren gehört. Auch gab er, während er ſprach, Esmond die Hand. „Auch Andere tragen jetzt anderes Tuch, Herr Pater,“ ſagt Esmond, die militäriſche Decoration ſeines Freundes anſchauend. „Pſt Ich bin Herr oder Capitän von Holtz, in den Dienſten des Churfürſten von Bayern, und bin auf einer Miſſion bei Seiner Hoheit dem Prinzen von Savoyen hier. Sie können ein Geheimniß bewahren, wie ich aus alten Zeiten weiß.“ „Capitän von Holtz,“ ſagt Esmond, „ich bin Ihr unterthänigſter Diener.“ „Aber auch Sie tragen jetzt anderes Tuch,“ fährt der Andere in ſeiner lachenden Weiſe fort; „ich habe von Ihnen gehört, wie Sie zu Cambridge waren, ſo⸗ wie ſpäter noch: wir haben überall Freunde; auch habe ich in Erfahrung gebracht, daß Mr. Esmond zu Cambridge ein ebenſo guter Fechter, als ein ſchlechter Theolog war.“ „Mein alter maitre d'armes war alſo doch ein Jeſuit, denkt Esmond. „Vielleicht haben Sie Recht,“ ſagt der Andere, die Gedanken Esmond's ebenſo leicht, wie in früheren Tagen leſend: Sie wären zu Hochſtädt an einer Wunde auf der linken Seite um ein Haar umgekommen. Vor⸗ her waren Sie zu Vigo, als Adjutant des Herzogs von Ormond. Sie haben neulich, nach der Schlacht von Ramillies eine Compagnie bekommen; Ihr Gene⸗ ral und der Fürſt⸗Herzog ſind keine gar großen Freunde; Ihr General gehört zu den Webbs von Lydiard Tre⸗ goze, in der Grafſchaft York, und iſt ein Verwandter von my Lord St. John. Ihr Vetter, Monſieur de Caſtlewvod, macht heuer in der Garde ſeinen erſten Feldzug: ja, ja, ich weiß etwas Weniges, wie Sie ſehen.⸗ 150 Es lachte nun Capitän Esmond ſeinerſeits, und er ſprach: „Sie beſitzen in der That ein ſeltſames Wiſſen.“ Eine Schwäche Mr. Holt's, der Bücher und Men⸗ ſchen beſſer kannte, als vielleicht irgend eine Perſon, mit der Esmond bis dahin bekannt geworden, war ſeine vergebliche Allwiſſenheit; und ſo hatte es denn mit jedem Punkte, den er hier zu wiſſen vorgab, beinahe ſeine Richtigkeit, aber doch nicht ganz. Esmond's Wunde war auf der rechten und nicht auf der linken Seite; ſein erſter General war General Lumley; Mr. Webb ſtammte aus Wiltſhire, und nicht aus Yorkſhire, und ſo fort. Esmond erachtete es aber nicht für paſ⸗ ſend ſeinen alten Lehrer in Beziehung auf dieſe kleinen Verſtöße aufzuklären; aber es dienten dieſelben dazu, ihm den Charakter des Andern zu erſchließenz und nun lächelte er bei dem Gedanken, daß dieſer Mann einſt ſein Orakel geweſen, — ein Orakel, das ihm nun aber weder infallibel, noch göttlich war. „Ja,“ fährt Pater Holt (oder Capitän von Holtz) fort, „als ein Mann, der nun ſeit acht Jahren nicht mehr in England geweſen, weiß ich ziemlich gut, was in London vorgeht. Der alte Dechant iſt todt, ich meine my Lady Caſtlewvod's Vater. Wiſſen Sie auch, daß Eure renitenten Biſchöfe ihn zum Biſchof von Southampton weihen wollten, und daß Collier vermöge derſelben Händeauflegung Biſchof von Thetford iſt? die Prinzeſſin Anna hat das Podagra, und ißt zu Viel; ſobald der König zurückkommt, wird Collier Erzbiſchof.“ „Amen!“ ſpricht Esmond lachend; „auch hoffe ich, Cw. Eminenz nicht länger in Kanonenſtiefeln, ſondern in rothen Strümpfen in Whitehall zu ſehen.“ „Sie ſind immer noch auf unſerer Seite, — ich weiß das, — ich habe davon gehört, als Sie noch zu Cambridge waren; und ebenſo hing auch der ſelige Lord uns an; und in gleicher Weiſe hält der junge Viscount zu uns.“ 15¹ „Und ebenſo hielt vor mir mein Vater zum recht⸗ mäßigen Könige,“ ſagte Mr. Esmond, indem er ruhig den Andern anſah, deſſen undurchdringliche graue Au⸗ gen indeſſen auch nicht im Geringſten verriethen, daß er von der Sache Etwas wiſſe, worauf Esmond an⸗ ſpielte. Wie gut erinnert ſich noch Harry der Augen des Jeſuiten, und ihres Ausdrucks! Nur Katzenpfötchen *) waren dort zu bemerken, — die Spuren der ſchwarzen, alten Zeit. . Esmond's Geſicht beliebte ebenſo ausdruckslos zu bleiben, wie das des Paters. Es mag ein Theil den andern nur ganz flüchtig durchſchaut haben, etwa in der Weiſe, wie man ein Bajonett aus einem Verſtecke, wo Feinde liegen, hervorblitzen ſieht; aber ſobald Alles wieder dunkel war, wich auch jeder Theil wieder zurück. „Und Sie, mon capitaine, wo ſind denn Sie ge⸗ weſen?“ ſagt Esmond, das Geſpräch von dieſem gefähr⸗ lichen Boden ablenkend, auf dem ſich keiner der beiden Theile in einen Kampf einlaſſen mochte. „Ich kann unterdeſſen in Peking oder auch in Pa⸗ raguay, und wer weiß, wo noch geweſen ſein,“ ſagt er. „Ich bin nun Capitän von Holtz, in Dienſten Seiner Kurfürſtlichen Hoheit, und hierher gekommen, um bei Seiner Hoheit von Savoyen die Auswechſelung der Gefangenen zu bewirken,“ Es war eine wohlbekannte Thatſache, daß bei un⸗ ſerer Armee gar viele Offiziere gegen den jungen König zu St. Germain wohlgeſinnt waren; auch waren deſſen Anſprüche auf den Thron unbeſtreitbar, und es würde, nach dem Tode ſeiner Schweſter, der bei Weitem größte Theil des engliſchen Polkes ſeine Thronbeſteigung gar nicht ungerne geſehen haben; weit lieber wäre er der Maſſe des engliſchen Polkes als Regent geweſen, denn ein kleiner deutſcher Fürſt, über deſſen Grauſamkeit, *) Runzeln unter den Augen. 152 Habſucht, bäuriſche Manieren, und odiöſe ausländiſche Gewohnheiten man ſich tauſend Dinge erzählte. Es verwundete unſern engliſchen Nationalſtolz der Gedanke, daß ein armſeliger deutſcher Herzog, deſſen Einkommen nicht den zehnten Theil der Revenüen vieler Fürſten aus unſerm alten engliſchen Adel betrug, — der auch nicht ein Wort von unſerer Sprache ſprechen konnte, den wir als eine Art deutſchen, von Wallfiſchthran und Sauerkraut lebenden Bauers, der einen Haufen von Maitreſſen in einer Scheuer hielte, hinzuſtellen beliebten, über das ſtolzeſte und civiliſirteſte Volk der Welt regieren ſollte. Und wir, die Beſieger des großen Monarchen, wir ſollten uns unter eine ſo unwürdige Herrſchaft beugen? Was ging uns der Proteſtantismus des Hannoveraners an? War es nicht notoriſch (— ſo ſagte man uns, und ſo hieß man uns glauben —), daß eine der Töchter dieſes proteſtantiſchen Helden bis daher ohne alle Religion erzogen, und lutheriſch oder römiſch⸗katholiſch werden ſollte, wie es gerade der Gatte wäre, den ihre Eltern für ſie finden würden? Solche Reden, die gar müßig waren, und ein gut Theil Läſterung enthielten, konnte man bei der Armee an hundert Regimentstiſchen hören; es gab kaum einen Fähndrich, der ſolche nicht hörte, oder ſein Scherflein nicht noch dazu beitrug; und Jedermann wußte, oder ſtellte ſich, als wüßte er, daß der Ober⸗ S ſelbſt mit ſeinem Neffen, dem Herzoge von erwick, in Verbindung ſtehe (— Gott ſei Dank, daß wir bei Almanza durch einen Engländer geſchlagen wurden —), und daß Seine Gnaden vor Verlangen brenne, das königliche Geſchlecht ſeiner Wohlthäter auf den Thron zurückzuführen und ſeinen früheren Verrath wieder gut zu machen. So viel iſt auf jeden Fall gewiß, daß während langer Zeit bei der Armee des Herzogs kein Offizier die Gunſt des Obergenerals deßwegen verlor, daß er — — — 15⁵3 loyale Geſinnungen gegen die verbannte Familie hegte, oder auch dieſelben laut ausſprach. Als der Chevalier de St. George, wie der König von England ſich nannte. mit den Herzogen vom franzöſiſchen königlichen Geblüte ankam, um ſich mit der franzöſiſchen Armee unter Vendosme zu vereinigen, ſahen ihn Hunderte von den Unſtigen, und jubelten ihm zu; und wir Alle ſagten, daß er darin ſeinem Vater gliche, der, als er der Schlacht, die bei La Hogne zwiſchen der franzöſiſchen und unſerer Flotte Statt fand, anwohnte, während der Schlacht zu ſeinen Landsleuten hielt. Aber ſo viel wenigſtens wußte der Chevalier, und ſo viel wußte Jedermann, daß, wie ſehr auch unſere Truppen und ihr General dem Prinzen perſönlich wohl wollten, an⸗ geſichts des Feindes alle Freundſchaft aufhörte. Wo immer der Herzog von Marlborongh eine franzöſiſche Armee finden mochte, griff er ſie an und ſchlug er ſie, wie zwei Jahre nach der Schlacht von Ramillies bei Dudenarde geſchah, wo Seine Gnaden abermals einen ſeiner großartigen Siege davon trug; und der edle junge Prinz, der unter der prächtigen Maison du Roy mit der größten Tapferkeit focht, ließ nach der Schlacht ſeinen Beſiegern Glück wünſchen. In dieſer Schlacht, in welcher der junge Kurprinz von Hannover ſich auf unſerer Seite ſehr tapfer zeigte, zeichnete ſich Esmond's theurer General Webb in ganz ungewöhnlicher Weiſe aus, indem er nicht allein als eneral eine vollendete Geſchicklichkeit und die größte Kaltblütigkeit an den Tag legte, ſondern auch mit der perſönlichen Tapferkeit eines Gemeinen focht. Was Esmond betrifft, ſo ſtand ſein gewohntes Glück ihm abermals zur Seite; er kam ohne die ge⸗ ringſte Wunde davon, obgleich über ein Drittel von ſeinem Regimente auf dem Platze blieb; auch hatte er abermals die Ehre, in dem Rapport ſeines Generals günſtig erwähnt zu werden, wodurch es geſchah, daß 154 er zum Major vorrückte. Allein es iſt wohl unnütz, dieſe Schlacht des Näheren zu beſprechen, da ſie in jeder Zeitung erzählt und in jedem Dörfchen dieſes Landes bekannt worden iſt. Es ſoll daher ohne wei⸗ teren Aufenthalt wieder zu den Privatangelegenheiten des Verfaſſers übergegangen werden, die derſelbe hier, in ſeinen alten Tagen und nach ſo vielen Jahren, für ſeine Kinder ſchreibt, die nach ihm kommen. Von der Schlacht von Oudenarde und nach jenem zufülligen Zuſammentreffen mit Capitän von Hottz zu Brüſſel verfloß ein Zeitraum von mehr, denn einem Jahre, während deſſen der Jeſuiten⸗Capitän und der Capitän von Webb's Füſilieren gar oft einander in den Weg kamen. Esmond fand ohne Mühe (— auch machte der Andere gegen ihn kein Geheimniß daraus, indem er, ſchon von alten Zeiten her, der Verſchwie⸗ genheit ſeines Zöglings gewiß war —), daß der Mann, der ſich für einen Unterhändler ausgegeben, welcher die Auswechſelung von Gefangenen zu bewirken hätte, nichts Anderes, als ein Agent von St. Germain wäre, und daß derſelbe den Zwiſchenträger bei bedeutenden Männern in unſerem und in dem franzöſiſchen Lager machte. „Mein Geſchäft,“ ſagte der Jeſuiten⸗Capitän, — und ich ſage es Ihnen, erſtens weil ich Ihnen trauen kann, und zweitens, weil Ihr ſcharfes Auge die Sache bereits entdeckt hat, — beſteht darin, daß ich zwiſchen dem Könige von England und ſeinen Unterthanen ver⸗ mittle, die hier beſchäftigt ſind, den König von Frank⸗ reich zu bekämpfen. Was Euch und ſie betrifft, ſo werden alle Jeſniten in der Welt es nicht verhindern können, daß Ihr Euch mit einander ſchlaget: fechtet es aus, Ihr Herren! St. George für England, ſage ich⸗ — und Sie wiſſen, wer ſo ſpricht, wo er immer ſich befinden mag.“ Ich glaube, daß Holt es liebte, mit Myſterien, ſo 155 zu ſagen, Parade zu machen; auch erſchien und ver⸗ ſchwand er bei uns ebenſo plötzlich, wie er einſt nach Caſtle wwod zurückzukehren und dort wieder zu verſchwin⸗ den pflegte. Er beſaß Päſſe, die ihm bei beiden Ar⸗ meen dienen konnten, und ſchien (— jene Ungenauig⸗ keit abgerechnet, die nun ein Mal zu der Allwiſſenheit des guten Paters gehörte —) gleich gut zu wiſſen, was im franzöſiſchen und in unſerem Lager vorging. Heute benachrichtigte er zum Beiſpiel Esmond von einem großen Feſte, das im franzöſiſchen Hauptquar⸗ tiere Statt fand, — von einem Souper des Monſieur de Rohan, bei welchem geſpielt, und muſicirt, und dann maskirt getanzt werden ſollte: der König fuhr in Mar⸗ ſchall Villars; Guinguette *) hin. Morgen wußte er Etwas über das kaite Fieber Seiner Majeſtät zu er⸗ zählen; ſchon ſeit zehen Tagen hatte es der König nicht mehr bekommen, und es konnte daher derſelbe wieder als geſund angeſehen werden. Capitän Holtz machte während dieſer Zeit in Eng⸗ land einen kleinen Beſuch, — ſo eifrig war er in ſei⸗ nem Gefangenen⸗Auswechſelungsgeſchäfte; und als er von dieſer Reiſe zurückkam, fing er an, ſich deutlicher gegen Esmond auszulaſſen, und ihm, bei ihren ver⸗ ſchiedenen Zuſammenkünften, gelegentlich verſchiedene von den Geheimniſſen anzuvertrauen, die man hier zuſammengeſtellt findet. Die Urſache dieſes ſeines ſteigenden Vertrauens war folgende. Als der alte Gewiſſensrath von Es⸗ mond's verwittweter Tante nach London ging, beſuchte er Ihre Ladyſchaft zu Chelſea, und vernahm dort von derſelben, daß Capitän Esmond das Geheimniß ſeiner Familie kenne, und feſt entſchloſſen ſei, dasſelbe nie zu enthüllen. Die Kenntniß dieſer Thatſache erhob Esmond *) Ein zweiräderiger unbedeckter Wagen; heut zu Tage Phaeton genannt. 156 noch mehr in den Augen ſeines alten Hofmeiſters, — ſo geruhete wenigſtens Holt zu ſagen; — und der Jeſuit bewunderte Harry gar ſehr wegen der von ihm an den Tag gelegten Selbſtverläugnung. „Die Familie zu Caſtlewood hat für mich weit mehr gethan, als die meinige je that,“ ſagte Esmond. „Meine Dankbarkeit geht ſo weit, daß ich mein Leben für ſie ließe. Und warum ſollte ich auch ihr die ein⸗ zige Wohlthat mißgönnen, die ich ihr erweiſen kann?“ Die Augen des guten Paters füllten ſich bei dieſen Worten mit Thränen, was dem Andern ſehr einfach und natürlich ſchien: er umarmte und küßte Esmond und brach in tauſend Worte der Bewunderung aus; — er ſagte er, Esmond, ſei un noble coeur; er, der Pater, ſei ſtolz auf ihn, und liebe ihn als ſeinen Zög⸗ ling und Freund; — dann bedauerte er mehr denn je, daß er ihn verloren, und daß er ſich genöthigt geſehen, ihn zu einer Zeit zu verlaſſen, wo er noch einigen Einfluß auf ihn hätte ausüben, wo er ihn für die alleinſeligmachende Kirche hätte gewinnen, und wo er ihn für die edelſte Armee hätte anwerben können, in die ein Mann treten könnte, — wonmit er ſeine Geſellſchaft Jeſu meinte, die, wie er ſich ausdrückte, unter ihren Truppen die größten Helden zählte. welche die Welt je gekannt; — Krieger, tapfer genng, um Alles zu wagen oder zu erdulden, um jeder Fährlichkeit Trotz zu bieten, um jeden Tod zu ſterben, — Solda⸗ ten, die Triumphe errungen, tauſend Mal glänzender, als die des größten Generals; die ganze Nationen auf den Knien zu ihrem heiligen Banner, dem Kreuze, gebracht; die einen Ruhm und Palmen errungen, un⸗ endlich ſchöner und herrlicher, als die, ſo man den be⸗ rühmteſten weltlichen Siegern zuerkennete, — Kronen unſterblichen Lichts, und Plätze ganz oben im Himmel. Esmond war dankbar für dieſe gute Meinung ſeines alten Freundes, wie wenig er auch die Begei⸗ 157 ſterung des Jeſuitenpaters theilen mochte. „Ich habe auch über dieſe Frage nachgedacht,“ ſagte er, „mein lieber Pater,“ — und er ergriff die Hand des Andern, — ich habe, wie Jedermann thun muß, es verſuccht, in Betreff derſelben mit mir ſelbſt in's Reine zu kom⸗ men, und ſuche recht zu handeln, und glaube in meiner Weiſe ſo feſt und ſo fromm an eine Vorſehung, als Sie in der Ihrigen. Wäre ich als ein Kind noch ſechs Monate Ihrer Leitung anvertraut geweſen ſo hätten Sie mich ohne Zweifel ganz gewonnen gehabt. Gar oft vergoß ich Thränen zu Caſtlewvod, wenn ich ſo im Bette lag und an Sie dachte; da hätte es nicht allzu vielen Zuredens bedurft, um mich zu einem Bru⸗ der Ihres Ordens zu machen; und wer weiß,“ ſetzte Esmond lächelnd hinzu, „ob ich nicht ein gehörig or⸗ dinirter Prieſter, mit Schnurrbart und in bayriſcher Uniform geworden wäre.“ „Mein Sohn,“ ſpricht Pater Holt erröthend, „wenn es die Religion und die Loyalität gilt, ſind alle Ver⸗ mummungen erlaubt.“ „Ja,“ fiel Esmond ein, „alle Vermummungen ſind erlaubt, ſagen Sie; und ich ſage, alle Uniformen, ſchwarz oder roth, — eine ſchwarze oder eine weiße Cocarde, ein betreßter Hut oder ein Sombrero, wäh⸗ rend eine Tonſur darunter ſteckt. Ich kann ein für alle Mal nicht glauben, daß der heilige Franz Kaver in einem Mantel über die See gefahren, oder daß er die Todten auferweckt habe: — es war ein Mal eine Zeit, wo ich das zu glauben ſuchte; auch fehlte ſehr Wenig, ſo hätte ich es wirklich geglaubt; jetzt aber vermag ich Solches nicht mehr zu glauben. Laſſen Sie mich recht thun, und laſſen Sie mich in meiner eigenen Weiſe das Beſte hoffen.“ Esmond wollte den theologiſchen Excurſen des guten Paters ein Ende machen, und es gelang ihm dieß wirklich. Auch entzog ihm der Andere, der über die unbeſiegbare Unwiſſenheit ſeines Zöglings ſeufzte, ſeine Liebe nicht, ſondern ſchenkte ihm unbedingtes Zu⸗ trauen, — das heißt, inſoweit es einem Prieſter gege⸗ ben iſt, einem Andern Vertrauen zu ſchenken. So viel iſt indeſſen gewiß, daß der Pater ihm unendlich mehr anvertraute, als viele Andere gethan hätten, denn es war derſelbe von Natur geſchwätzig, und ließ ſich im Geſpräche ein Bischen zu weit fortreißen. Holt's Freundſchaft ermuthigte Capitän Esmond, um nähere Aufſchlüſſe über das zu bitten, was er ſeit langer Zeit zu wiſſen wünſchte, und was Niemand ihm ſagen konnte; das heißt, er wollte Etwas von der armen Mutter erfahren, die ihm in ſeinen Träumen oft er⸗ ſchienen war, die er aber nie gekannt hatte. Er ſetzte Holt die Umſtände auseinander, von denen im erſten Theil dieſer Geſchichte bereits die Rede geweſen, ſprach ihm von dem Verſprechen, das er ſeinem theuren Lord gegeben, ſowie von den Geſtändniſſen jenes ſterbenden Freundes, und bat Mr. Holt, ihm zu ſagen, was er von der armen Frau wüßte, von der er, Esmond, ge⸗ nommen worden. „Sie war von hier,“ ſagte Holt, und zeigte Es⸗ mond die Straße, wo ihr Vater wohnte, und wo ſie, nach ſeinem Dafürhalten, auch geboren worden. „Im Jahre 1667, als Ihr Vater mit dem Anhange des ſeli⸗ gen Königs, der damals Herzog von York und in Un⸗ gnaden hierher verbannt worden war, in dieſe Stadt kam, wurde Capitän Thomas Esmond mit Ihrer Mut⸗ ter bekannt. Er verfolgte ſie und machte ſie zu ſeinem Opfer. In vielen ſpäteren Geſprächen hat er mir ge⸗ ſagt, was ich damals mich verpflichtet fühlte, für mich zu behalten, daß ſie eine Frau von hoher Tugend und vieler Zärtlichkeit, und in jeder Hinſicht ein überaus liebevolles, treues Geſchöpf geweſen ſei. „Er nannte ſich nur Capitän Thomas, indem er gute Gründe hutte, ſich des Betragens zu ſchämen, das 159 er gegen ſie eingehalten; auch hat er mir gar oft ſein aufrichtiges Bedauern darüber ausgedrückt, und es ſchien, als habe er immer noch ihrer vielen liebenswürdigen Eigenſchaften in Liebe gedacht. Er ſelbſt gab zu, daß er ſie ſehr mißhaudelt habe, und daß um jene Zeit ſein Leben ein wüſtes, und zwiſchen Spiel und Armuth ge⸗ theilt geweſen ſei. Sie wurde ſchwanger, — und wurde, als ſich dieſes herausſtellte, von ihren Eltern verflucht, obgleich ſie dem Urheber ihres Elends und ihres Ver⸗ derbens nie Vorwürfe machte, es ſei denn durch unwill⸗ kürliche Thränen, und durch den Jammer, der ſich auf ihrem Geſichte malte. „Thomas Esmond, — oder Capitän Thomas, wie er ſich nannte, — war ein Mal bei einem Streite be⸗ theiligt, der in einem Spielhauſe ausbrach. Die Folge dieſes Streites war ein Duell, und eine Wunde, die von dem Arzte für ſo gefährlich erachtet wurde, daß derſelbe ſagte, der Capitän werde ſicherlich daran ſter⸗ ben. Da alſo Ihr Vater ſeinen Tod für gewiß hielt, und da er ſich von Gewiſſensbiſſen geplagt fühlte, ſo ließ er einen Prieſter herbeiholen, welcher derſelben Kirche zur heiligen Gudula angehörte, wo ich Ihnen begegnet bin; und ſo wurde er noch an demſelben Tage, nachdem er ſich unſerer Kirche unterworfen, mit Ihrer Mutter copulirt, — ein Paar Wochen vor Ihrer Geburt. „My Lord Viscount Caſtlewvod, Marquis von Esmond kraft König Jakob's Patent, das ich ſelbſt Ihrem Vater überbrachte, das heißt, Ew. Lordſchaft wurde in der Kirche zur heiligen Gudula von demſel⸗ ben Pfarrer getauft, der Ihre Eltern copulirt hatte; in der Taufe erhielten Sie den Namen Henry Thomas, und wurden eingeſchrieben als Sohn von E. Thomas, engliſchem Offiziere, und von Gertrude Maes. Sie ehen, mein Freund, daß Sie, ſchon von Ihrer Geburt an, uns angehören, und warum ich Sie nicht taufte, 160 als Sie zu Caſtlewood mein lieber kleiner Schüler wurden. „Die Krankheit Ihres Vaters in Folge der erhal⸗ tenen Wunde nahm einen guten Verlauf, — vielleicht deßhalb, weil er durch die beſprochene gute Handlung ſein Gewiſſen erleichtert fühlte, — und zum Erſtaunen der Aerzte genas er wieder. Mit der Geſundheit kam aber auch ſein böſer Charakter zurück. Er war des armen Mädchens müde, das er ins Verderben geſtürzt; und als er eines Tages von ſeinem Onkel, dem alten Vis⸗ count, der damals in England lebte, einiges Geld be⸗ kam, ſchützte er Geſchäfte vor, verſprach wieder zu kommen, ließ ſich aber bei Ihrer armen Mutter nie mehr blicken. „Er geſtand mir, zuerſt in der Beichte, ſpäter aber vor Ihrer Tante, ſeiner Frau, denn ſonſt hätte ich ja nie enthüllen können, was ich Ihnen jetzt ſage, daß er bei ſeiner Ankunft in London an die arme Gertrude Maes, — Gertrude Esmond, — einen Brief geſchrieben habe, worin er geſagt, daß er ſchon früher in England verheirathet geweſen, ehe er ſich mit ihr ehelich verbun⸗ den; daß er nicht Thomas hieße; und daß er im Be⸗ griffe wäre, Europa zu verlaſſen, um nach den virgini⸗ ſchen Pflanzungen abzugehen, wo Ihre Familie wirklich auch von König Kark, dem Erſten, Land verwilligt er⸗ halten hatte. Zugleich ſchickte er ihr etwas Geld, — die Hälfte der letzten hundert Guineen, die er zu be⸗ ſitzen vorgab, bat ſie um Verzeihung, und ſagte ihr Lebewohl. „Die arme Gertrude ließ ſich nie einfallen, daß die in dieſem Briefe enthaltenen Nachrichten ebenſo un⸗ wahr wären, wie es wirklich das ganze übrige Beneh⸗ men Ihres Vaters gegen ſie war. Obgleich aber ein junger Mann ihres Standes, der ihre Geſchichte kannte⸗ und den ſie gern ſah, ehe ſie mit dem engliſchen Gent⸗ ſeman Bekanntſchaft machte, welcher gn all' ihrem Un⸗ 161 glück Schuld war, ſich erbot, ſie zu heirathen, und zugleich Sie als ſein eigenes Kind zu adoptiren, und Ihnen ſeinen Namen zu geben, ſo gab ſie ihm doch einen Korb. „Dieſe Weigerung von ihrer Seite hatte bloß die Wirkung, daß ihr Vater, der ſie wieder zu ſich genom⸗ men, in Zorn entbrannte; in ihrem elterlichen Hauſe konnte ſie aber nach ihrem Falle nie mehr ihres Lebens froh werden, indem ſie der Gegenſtand fortwährender Unfreundlichkeit und Härte war. Endlich erboten ſich einige fromme Damen, die ſie kannten, eine kleine Pen⸗ ſion für ſie zu bezahlen; und ſo ging ſie denn in ein Kloſter, während Sie ſelbſt einer Amme übergeben wurden. „Eine Schweſter des jungen Mannes, der Sie an Kindes Statt augenommen haben würde, war die Perſon, die ſich Ihrer annahm. Ihre Mutter und dieſe Perſon waren Cvuſinen zu einander. Sie hatte ſo eben ſelbſt ein Kind verloren, deſſen Stelle nun Sie vertraten, da Ihre Mutter zu krank und zu ſchwach war, um Ihnen die Bruſt zu reichen; und es ſtand nicht lange an, ſo liebte Ihre Amme Sie dermaßen, daß ſie Sie nicht ein⸗ mal in das Kloſter gehen laſſen wollte, wo Ihre Mut⸗ ter war, und wo die Nonnen das kleine Ding liebkoſeten, wie ſie die unglückliche Mutter bemitleideten und liebten. Die Vocation Ihrer Mutter wurde mit jedem Tage ſtärker, und nach Verfluß von zwei Jahren nahm ſe förmlich den Schleier, und wurde als Schweſter in demſelben Kloſter aufgenommen. „Die Familie Ihrer Amme ſtammte aus Frank⸗ reich, und trieb Seideweberei. Kurze Zeit vor dem ſo eben erwähnten Ereigniſſe, das heißt, einige Zeit be⸗ vor Ihre Mutter ihr Gelübde ablegte, kehrte die ange⸗ führte Familie nach Arras in franzöſiſch Flandern zu⸗ rück; Sie, der Sie damals ein Kind von drei Jahren waren, machten die Reiſe gleichfalls. Henry Esmond. M. 11 162 „Dieſes Arras war vor den kräftigen Maßregeln, die der König von Frankreich vor noch nicht langer Zeit ergriffen, eine mit Proteſtanten angefüllte Stadt; und hier nahm der Vater Ihrer Amme, der alte Pa⸗ ſtourean, der nämliche, bei dem Sie ſpäter zu Ealing lebten, die reformirte Lehre an, und zog ſein ganzes Haus mit ſich. Von da durch das Edikt Seiner chriſt⸗ lichen Majeſtät vertrieben, kamen ſie nach London, und richteten ihre Webſtühle in Spittlefields. Der alte Mann brachte ein Bischen Geld mit, und trieb, wenn auch nur ärmlich, ſein Gewerbe. Er war Wittwer, und es führte ſeine Tochter, die gleichfalls Wittwe war⸗ ſeine Haushaltung; er aber trieb mit ſeinem Sohne die Seideweberei. „Unterdeſſen hatte Ihr Vater gerade vor dem Tode König Karl's (— an welchem uuſer Kirche einen an⸗ dern, ihm ſehr ähnlichen Convertiten hatte —) ſeine Bekehrung öffentlich eingeſtanden, ſich mit my Lord PViscvunt Caſtlewood wieder ausgeſöhnt, und, wie Sie wiſſen, deſſen Tochter geheirathet. „Es geſchah eines Tages, daß der junge Paſtou⸗ reau, als er mit einem Stücke Brokat nach Ludgate Hill zu dem Seidehändler ging, der ihn beſchäftigte, mit ſeinem alten Nebenbuhler zuſammentraf, der dort eben aus einem Speiſehanſe trat. Paſtoureau erkannte Ihren Vater alsbald, faßte ihn beim Kragen, und hieß ihn einen Schurken, der ſeine Geliebte verführt, und ſpäter ſowohl ſie, als ihren Sohn verlaſſen. Mr. Tho⸗ mas Esmond erkannte Poſtoureau gleichfalls auf der Stelle, bat ihn, ſeiner Empörung nicht ſo freien Lau u laſſen, und keinen Auflauf zu veranlaſſen, und er⸗ juche ihn zugleich, in die Taverne zu treten, aus der er ſo eben ſgt war, indem er ihm do jede Erklärung geben würde, die er nur wünſchen könnte. „Paſtoureau that, wie er gebeten worden, und 163 hörte, wie der Gaſtwirth dem Kellner befahl, Capitän Thomas ein beſonderes Zimmer zu geben. Man gab nämlich Ihrem Vater in den Tavernen, die er beſuchte, und die, wenn die Wahrheit geſagt werden ſoll, keines⸗ wegs zu den reputirlichſten gehörten, vertraulicher Weiſe nur ſeinen Taufnamen. „Ich muß Ihnen nun ſagen, daß Capitän Tho⸗ mas, oder ſpäter my Lord Viscount, nie um eine Ge⸗ ſchichte verlegen war, und daß derſelbe ein Frauenzim⸗ mer oder einen ungeſtümen Mahner mit einer Zungen⸗ fertigkeit und zugleich mit einem Anſchein von Einfalt beſchwatzen konnte, deren Opfer gar mancher ſeiner Gläubiger geworden iſt. Seine Geſchichten gewannen immer mehr an Wahrſcheinlichkeit, je länger er erzählte. Er verſtand es, mit wunderbarer Raſchheit und Wahr⸗ ſcheinlichkeit Thatſache an Thatſache zu reihen. Man mußte, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, es vor Ihnen zu ſagen, Ihren Vater ſchon lange kennen, um zu wiſſen, wann Seine Lordſchaft [—, — die Wahr⸗ heit ſagte, oder wenn er ſie nicht ſagte. „Er erzählte mir unter jämmerlichen Gewiſſens⸗ biſſen, und wenn er ein Mal krank war, — denn die Furcht vor dem Tode trieb ihn immer alsbald zur Reue, — und unter ſchallendem Gelächter, wenn er wohl war ( Seine Lordſchaft liebte nämlich alles Humoriſtiſche nicht wenig —), wie es nach Verfluß von einer halben Stunde, und ehe noch die erſte Flaſche geleert geweſen ſei, ihm wollſtändig gelungen, den armen Paſtoureau hinters Licht zu führen. Bas die Verführung betrifft, ſo gab er dieſelbe zu, ſagend, daß er nicht dafür könne. Und da ihm jeden Angenblick Thränen zu Gebot ſtan⸗ den, ſo vergoß er einen wahren Strom ſolcher, um ſei⸗ nen leichtgläubigen Zuhörer weichherzig zu machen Er weinte um Ihre Mütter ſogar noch mehr, als Paſtou⸗ reau ſelbſt, der doch — der arme Kerl! — von ganzem Herzeu weinte, wie my Lord nir berichtet hat; auch 164 ſchwor er bei ſeiner Ehre, daß er ſchon zwei Mal Geld nach Brüſſel geſchickt, und nannte zugleich den Kauf⸗ mann, bei dem das Geld für die arme Gertrude liege. Er wußte nicht einmal, ob ſie ein Kind oder keines hatte, — ob ſie lebte oder todt war; indeſſen gelang es ihm leicht, Alles dieſes aus dem ehrlichen Paſtoureau heraus zu bekommen. „Und als er vernahm, daß Gertrude in einem Kloſter ſei, ſo ſagte er, wie er hoffte, ſeine Tage gleich⸗ falls in einem Kloſter zu beſchließen, wenn es ihm ver⸗ gönnt ſein ſollte, ſeine Frau zu überleben, die er haßte, und die er nur darum geheirathet hätte, weil er von einem grauſamen Vater dazu gezwungen worden wäre. Und als er ferner hörte, daß Gertrudens Sohn am Leben und dermalen in London wäre, fuhr er unwill⸗ kührlich zuſammen. Denn, ſagte er zu mir, es war eine verdammte Geſchichte, meine Frau glaubte alle Augenblicke niederzukommen; ich aber meinte, daß die⸗ ſer Umſtand eine gute Gelegenheit abgeben würde, meinen alten Tropf von einem Schwiegervater in's Bockshorn zu jagen, ſobald es ihm ein Mal einfiele, den Difficilen zu ſpielen.“ „Ihr Vater drückte gegen die Paſtoureau'ſche Fa⸗ milie ſeinen tiefſten Dank für das aus, was ſie an dem Kinde gethan: Sie waren damals faſt ſechs Jahre alt; und als Paſtoureau auf ſeinen Vorſchlag, daß er noch in demſelben Augenblicke das liebe Kind aufſuchen wollte, in ſeiner barſchen, offenen Weiſe bemerkte, daß ſie ſein fatales Geſicht in ihrem Hauſe zu ſehen nie mehr Luſt hätten; daß er den Knaben haben könnte⸗ obgleich es ihnen Allen ſehr leid thun würde, ihn zu verlieren; und daß ſie ſein Geld annehmen würden, wenn er es geben wollte, indem ſie arm wären; oder aber würden ſie das Kind mit Gottes Hilfe auch ohne das Geld ferner aufziehen, wie ſie bisher gethan.“ „Ihr Vater willigte alsbald in letzteren Vorſchlag⸗ 165 und ſagte mit einem Seufzer: Wohlan, es iſt beſſer, wenn das liebe Kind bei Freunden bleibt, die ſich ſei⸗ ner bis daher in ſo ausnehmend liebevoller Weiſe an⸗ genommen haben. Und als Ihr Vater mir ſpäter Al⸗ les dieſes erzählte, lobte und bewunderte er aufrichtig das Benehmen und den Charakter des Webers, und geſtand, daß der Franzoſe ein tüchtiger Burſche, er ſelbſt aber — dabei rief er Gottes Gnade an — ein elender Schurke wäre. „Ihr Vater,“ fuhr Mr. Holt ſort, „knauſerte mit dem Gelde nicht, wenn er welches hatte; und da er gerade an demſelben Tage von ſeinem Onkel damit verſehen worden war, ſo ſtand er keinen Augenblick an, dem Weber zehn Goldſtücke zu geben, und verſprach ihm zugleich, daß noch anderes bald nachfolgen würde. Dann ſchrieb er mit großem Eifer Paſtonreau's Name und Adreſſe in ſein Taſchenbuch; und als der Andere auch von ihm ſeine Adreſſe verlangte, ſo willfahrete er dieſem Verlangen mit der größten Bereitwilligkeit, wo⸗ bei er ſich als Capitän Thomas, wohnhaft zu New Lodge, Penzance, Cornwall, bezeichnete. Er ſagte fer⸗ ner er ſei bloß auf einige Tage in London, um gewiſſe Geſchäfte abzumachen, welche das Vermögen ſeiner Frau beträfen; beſchrieb Letztere als eine Wiederbellerin, ob⸗ gleich ſie im Grunde ein ziemlich gutmüthiges Frauen⸗ zimmer wäre; und beſchrieb ſeinen Vater als einen corniſchen *) Squire, der gar übel auf wäre, und bei deſſen Tode er noch ein ſchönes Stück Geld zu erben hoffte; dann würde er auch die bewundernswürdigen Beſchützer ſeines Kindes reichlich belohnen, und für den Knaben ſorgen. Und bei Gott, Sir, ſagte er zu mir üu ſeiner ſeltſamen lachenden Weiſe, ich beſtellte ein Stück Brokat genau von demſelben Muſter, das der Burſche zu ſeinem Krämer trug, und ſchenkte es —— *) Aus Cornwallis. 166 daun meiner Frau als ein paſſendes Umſchlagetuch, das ſie Morgens anziehen könnte, wenn ſie nach ihrer Niederkunft Geſellſchaft empfinge.“ „Ihre kleine Penſion wurde ziemlich regelmäßig bezahlt; und als Ihr Vater beim Ableben ſeines Oheims Viscvunt Caſtlewvod wurde, mußte ich Sie bewachen; und auf mein Betreiben hin wurden Sie nach dem Schloſſe gebracht. Ihre Pflegmutter war todt; ihr Vater aber machte mit einem Frauenzimmer Bekannt⸗ ſchaft, das er heirathete, und das mit ſeinem Sohne immer und ewig Händel anfing. Der treuliebende Burſche kam nach Brüſſel zurück, um in der Nähe der Frau zu ſein, die er liebte, und ſtarb ebenfalls, nur wenige Monate vor ihr. „Wollen Sie ihr Kreuz in dem Kirchhofe des Kloſters ſehen? die Superivrin iſt eines meiner alten Beichtkinder, und erinnert ſich noch liebevoll der Soeur Marie Madeleine.“ * 4 * An einem ſonnigen Frühlingsabende kam Esmond an den letztgenannten Ort, und ſah unter tauſend ſchwarzen Kreuzen, die ihre Schatten über die graſigen Hügel warfen, jenes beſondere Kreuz, welches die Ruhe⸗ ſtätte ſeiner Mutter bezeichnete. Noch viele andere von den armen Geſchöpfen, die dort lagen, hatten denſelben Namen angenommen, womit der Gram ſie neu getauft hatte, und der in zarter Weiſe auf die Liebes⸗ und Kummergeſchichte einer jeden hinzudeuten ſchien. Er ſtellte ſich vor, ſie knie in Thränen gebadet und in der Dunkelheit am Fuße ihres Kreuzes, unter dem ihre Sorgen begraben lagen. Auf jeden Fall kniete er nieder, und ſchickte ſein Gebet zum Himmel empor⸗ nicht ſowohl in Kummer, als in Ehrfurcht (— dent ſelbſt ſein Gedächtniß hatte auch nicht eine Spur von 167 ihr bewahrt —) und von Mitleid erfüllt für die Qua⸗ len und Schmerzen, welche die ſanfte Seele während ihres Erdenlebens hatte ausſtehen müſſen. Zu dieſem Kreuze brachte ſie ihre Schmerzen; gegen dieſen himm⸗ liſchen Bräutigam tauſchte ſie den Gatten aus, der ſie gefreit, — tauſchte ſie den Verräther aus, der ſie verlaſſen. Tauſend ſolche Hügelchen lagen rund umher, und es ſproßten die zarten Maßlieben aus dem darauf wachſenden Graſe hervor, — und jedes dieſer Hügelchen hatte ſein Kreuz und ſein Requieſcat. Eine ſchwarz⸗ verſchleierte Nonne kniete nicht weit davon, am Bette einer ſchlafenden Schweſter, — und es war dasſelbe ſo friſch gemacht, daß der Frühling kaum ſo viel Zeit gehabt hatte, eine Decke für dasſelbe zu ſpinnen —; jenſeit der Kirchhofmauern ſah man kleine Bruchſtücke vom Leben und von der Welt, und die Kirchthürme und Giebel der Stadt. Ein Vogel kam von einem gegenüberſtehenden Dach herabgeflogen, und ließ ſich zuerſt auf ein Kreuz, und dann auf das weiter unten wachſende Gras nieder, von wo er, mit einem Blatte im Schnabel, bald wihder wegflog. Dann drangen feierliche Töne zu meinen Ohren, die von einem Kirchengeſange herzurühren ſchienen; offenbar kamen dieſelben aus der neben anlie⸗ genden Kapelle der Schweſtern: andere hatten ſchon längſt den Platz wieder ausgefüllt, den die arme Maria Magdalena dort einſt eingenommen hatte; andere knie⸗ ten in demſelben Betſtuhle, und hörten dieſelben Hymnen und Gebete, in denen ihr zerknirſchtes Herz einſt Troſt gefunden hatte. Möge ſie im Frieden ruhen, — möge ſie im Frie⸗ den ſchlafen, wie auch wir, wenn unſere Kämpfe und Leiden ein Mal zu Ende ſind! Aber die Erde iſt des Herrn, wie auch der Himmel; wir ſind, hier und dort, in gleicher Weiſe ſeine Geſchöpfe. Ich nahm eine kleine Blume von dem Hügelchen, 168 und küßte dieſelbe, und kehrte gleich dem Vögelchen, das ſich ſo eben darauf niedergelaſſen, wieder in die Welt zurück. Stille Wohnung des Todes! Ruhe, die von keinen Sorgen, keinen Mühſalen, keinen Stürmen geſtört wird! Es war mir, als wäre ich eine Zeit lang auf dem Meeresgrund fort gegangen, und als wäre ich zwiſchen den Gebeinen von Weſen umhergewandelt, die in Schiffbrüchen ihr Leben eingebüßt. Pierzehntes Rapitel. Der Feldzug von 1707, 1708. Während des ganzen Jahres, welches auf dasjenige folgte, in dem die glorreiche Schlacht von Ramillies geſchlagen worden war, machte unſere Armee gar keine Bewegung von einiger Bedeutung, — und zwar zum nicht geringen Verdruſſe ſehr vieler unſerer Offiziere, die in Flandern unthätig bleiben mußten, und ſagten, Seine Gnaden der Oberbefehlshaber habe jetzt das Fechten ſatt, und denke jetzt nur noch an das Geld, und wie er ſein jährliches Einkommen von fünf tauſend Pfund verzehren, und ſich ſeines herrlichen Palaſtes zu Woodſtock, an dem eben gebaut wurde, erfreuen könne. Auch hatte Seine Gnaden während dieſes Jah⸗ res daheim genug zu thun, wenn er ſich ſeine Feinde vom Leibe halten wollte; denn man fing ſchon an, ſich zuzuflüſtern, ſein Glücksſtern ſei im Sinken, und ſeine Herzogin fange an, ihren allmächtigen Einfluß bei der Königin zu verlieren, die ihre königliche Freundſchaft 169 der berühmten Mrs Maſham, ſo wie Mrs. Maſham's unterthänigſtem Diener, Mr. Harley zuwende. Gegen dieſe ihre Intriguen mußte nun unſer Her⸗ zog natürlich nun wieder intrigniren, was einen großen Theil ſeiner Zeit in Anſpruch nahm. Mr. Harley mußte abtreten, und inſofern trug Seine Gnaden einen Sieg davon. Aber Ihre Majeſtät, die wider ihren Willen überzeugt worden war, war immer noch der Meinung, der, wie der Dichter ſagt, Leute zu ſein pflegen, wenn ſie alſo überzengt werden; und es ſtand nicht lange an, ſo nahte für Mr. Harley der Tag der Rache. Unterdeſſen ging das Geſchäft des Fechtens gar nicht zur Zufriedenheit von Marlborongh's tapferen Stellvertretern vor ſich. Während des ganzen Jahres 1707 hatten wir die Franzoſen ſtets vor Angen, ohne auch nur eine Schlacht liefern zu können; unſere in Spanien ſtehende Armee war bei Almanza von dem tapfern Herzog von Berwick auf's Haupt geſchlagen und ganz aus einander geſprengt worden; und wir, die wir zu Webb's Regiment gehörten (— welches Regi⸗ ment der junge Herzog vor der Abdankung ſeines Va⸗ ters commandirt hatte —), waren ein Bischen ſtolz bei dem Gedanken, daß unſer Obriſt es geweſen, der dieſen Sieg gewonnen. „Es will mich bedünken,“ ſagte unſer General, „daß wir, wenn ich an Galway's Stelle geweſen, und wenn ich meine Füſiliere gehabt hätte, die Waffen nicht niedergelegt hätten, — nicht einmal vor unſerm ehe⸗ maligen Obriſten, wie Galway gethan hat;“ und Webb's Offiziere ſchworen, daß wir, wenn wir Webb gehabt hätten, wenigſtens nicht zu Gefangenen gemacht worden ſein würden. Unſer lieber alter General ſprach ſowohl von ſich, als von Andern recht unvorſichtig; und gewiß gab es nie einen tapfereren oder brillanteren Soldaten; aber er ſtieß in ſeine ehrliche Trompete etwas lauter, 170⁰ als es ſich für einen Commandanten ſeines Rangs ſchicken mochte; und ſo tapfer er auch war, ſo ſchüttelte er ſeinen großen Speer vor der Armee doch gar zu grim⸗ mig, und nahm er den Mund gar zu voll. Zu Anfang des Jahres 1708 ging der myſteriöſe Mr. Holtz in einem geheimen Auftrage ab: er ſprach in überaus zuverſichtlichem Tone, und konnte ſich Es⸗ mond gegenüber der Prophezeiung nicht enthalten, daß etwas Wunderbares gar bald Statt finden würde. Welcher Art das Geheimniß war, zeigte ſich bei der Rückkehr meines Freundes, welcher jämmerlich darnieder⸗ geſchlagen zur Armee zurückkam und geſtand, daß das große Etwas, womit er beſchäftigt geweſen, gänzlich fehlgeſchlagen ſei. Der Pater war wirklich bei jener unglückſeligen Expedition des Chevalier de St. George geweſen, der, von dem Könige von Frankreich mit Schiffen und einer Armee verſehen, von Dünkirchen auslief, in Schottland eindringen und daſſelbe erobern ſollte. Aber jener un⸗ günſtige Wind, der ſich ſtets allen Projecten widerſetzte, die der Prinz ausheckte, verhinderte, wie männiglich be⸗ kannt, die Invaſion Schottlands von Seiten des Che⸗ valiers, und blies den armen Monſieur von Holtz wie⸗ der in unſer Lager, um dort neue Pläne zu ſchmieden, nene Prophezeiungen zu wagen, und dort, wie immer, den Späher zu machen. Der Chevalier (— der König von England für Viele von uns —) ging von Dünkirchen zur franzöſi⸗ ſchen Armee, um den Feldzug gegen uns mitzumachen⸗ Dieſes Jahr commandirte der Herzog von Burgund, dem der Herzog von Berry, der berühmte Marſchall Vendosme, und der Herzog von Matignon zur Seite ſtanden. Holtz, der Alles wußte, was in Flandern und Frankreich (— und vielleicht auch in Indien —) vor⸗ ging, behauptete beharrlich, daß man im Jahre 1708 171 ſich ebenſo wenig ſchlagen würde, als in dem verfloſſenen Jahre, und daß unſer General ſeine guten Gründe hätte, ſich ruhig zu verhalten. Und in der That nah⸗ men Esmond's General, der als ein Brummbär bekannt war, und von dem man wußte, daß er auch nicht das mindeſte Vertrauen auf den großen Herzog ſetzte, und noch hundert andere Offiziere gar keinen Anſtand, zu ſagen, daß dieſe Privatgründe in der Geſtalt von Kro⸗ nenthalern vom Könige von Frankreich zu dem Herzoge wanderten, indem der engliſche Generaliſſimus dafür Geld bekäme, daß er eine Schlacht vermiede. Es wa⸗ ren unter uns gar viele Leute, Neuigkeitskrämer und Kannegießer, die Mr. Webb nur zu gern anhörte, und welche die Summen genan anzugeben vermochten, welche der Herzog bekam, —, die auf ein Haar wußten, wie viel Cadogan davon zufiel, und wie viel Pr. Hare für ſeine Mühe bekam. Auch dienten die Erfolge, womit die Franzoſen den Feldzug von 1708 eröffneten, dazu, dieſen Gerüch⸗ ten von einem Verrathe, die in Aller Munde waren, noch weiteren Glauben zu verleihen. Unſer General ließ den Feind zwiſchen uns und Gent vordringen, und weigerte ſich, ihn anzugreifen, obgleich die beiden Ar⸗ meen achtundvierzig Stunden lang einander gegenüber ſtanden. Gent ward genommen, und noch an demſelben Tage forderte Monſieur de la Mothe Brügge zur Ueber⸗ gabe auf; und ſo fielen dieſe zwei großen Städte ohne einen Schuß den Franzoſen in die Hände. Ein Paar Tage darauf bemächtigte ſich de la Mothe des Forts Plaſchendal; und man fing daher ſchon an, zu muthmaßen, daß das ganze ſpauiſche Flandern, ſo⸗ wie auch Brabant den franzöſiſchen Truppen in die Hände fallen würden, — als Prinz Eugen plötzlich von der Moſel herkam, und das Zögern damit ein Ende hatte. Der Prinz von Savoyen bezeichnete ſeine Ankunft 172 bei der Armee ſtets durch ein großes Feſt (— die Feſte, die der Herzog gab, waren ſowohl ſelten, als ärmlich—): und ich erinnere mich noch ſehr wohl, wie unſer Gene⸗ ral von dieſem Gaſtmahle bei den beiden Oberbefehls⸗ habern zurückkam. Sein ehrlicher Kopf war ein Bischen aufgeregt durch den Wein, den der Oeſterreicher weit reichlicher zu ſpenden pflegte, als der engliſche Befehls⸗ haber. „Jetzt,“ ſagte mein General, mit einem Fluche auf den Tiſch hineinſchlagend, „jetzt muß er ſich ſchla⸗ gen; und wenn er dazu gezwungen wird, ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn in Europa Jemand gegen Jack Churchill aufkommen kann.“ Und binnen einer Woche ward die Schlacht von Dudenarde geſchlagen, bei welcher Gelegenheit Esmond's General und der Oberbefehls haber, — wenn ſie einan⸗ der auch noch ſo ſehr haßten, — nicht umhin konnten, einander zu bewundern: ſo glänzend war die Tapferkeit, die Jeder an dieſem Tage bewies. Die von Generalmajor Webb commandirte Brigade gab und bekam in dieſer Schlacht ſo harte Schläge, als nur je dabei ausgetheilt wurden. Was Esmond betrifft, ſo hatte er das Glück, an der Spitze ſeiner Compagnie in ſeinem Regimente, unter dem Commando des Generalmajors als Obriſten, zu dienen; auch war es ihm beſchieden, das Regiment als Commandant aus der Schlacht zu führen, indem die vier älteſten Offiziere über ihm in dem fürchterlichen Gemetzel, das dieſen Tag bezeichnete, geblieben waren. Ich denke noch mit Vergnügen daran, wie Jack Haythorn, der über mich als einen Baſtard und einen Paraſiten Webb's, wie er mich zu nennen beliebte, die Raſe zu rümpfen pflegte, und mit dem ich einen Wortwechſel gehabt hatte, vor Anfang der Schlacht mir die Hand ſchüttelte. Drei Tage vorher hatte der arme Brace, unſer Obriſtlieute⸗ nant, den Tod ſeines älteren Bruders erfahren, und damit den Baronetstitel, ſowie ein Jahreseinkommen 173 von vier tauſend Pfund geerbt (— die Braces waren aus Norfolk —); aber das Fatum, das ihn durch ein Dutzend Feldzüge geführt, ohne daß er an ſeinem Leibe Schaden genommen, erfaßte ihn gerade in dem Augen⸗ blicke, wo es der Mühe werth war, für die Welt zu leben, und er ging in die Schlacht, wie er ſagte, mit dem vollen Bewußtſein, daß das Glück ihm nun untren werden würde. Der Major, — eine Creatur Lord Marlborvugh's, — war erſt vor Kurzem zum Regimente gekommen, zum großen Mißvergnügen der übrigen Offiziere, da er den Spion an uns machen ſollte, wie es hieß. Ich weiß zwar nicht, ob dem wirklich alſo war; und eben⸗ ſo wenig weiß ich, wer die Plaudereien unſeres Regi⸗ mentstiſches ins Hauptquartier trug; aber ſo viel war bekanut, daß Webb's Regiment, ſowie deſſen Obriſt beim Oberbefehlshaber nichts weniger, als gut ange⸗ ſchrieben war; „und wenn er es nicht gewagt habe, es daheim aufzulöſen „ pflegte unſer tapferer alter An⸗ führer zu ſagen, „ſo ſei er entſchloſſen, es durch den Feind vernichten zu laſſen.“ Und ſo wurde denn der arme Major Prondfoot an einen beſonders gefährlichen Poſten geſtellt. Esmond's lieber junger Viscount, der bei dem Herzoge als Adjutant diente, bekam eine Wunde, und errang ſich in der amtlichen Zeitung einen ehrenvollen Namen; und was Capitän Esmond's Namen betrifft, ſo wurde derſelbe von ſeinem General, deſſen Liebling er war, zur Beförderung eingeſchickt. Sein Herz ſchlug heftiger bei dem Gedanken, daß zu Hauſe gewiſſe Au⸗ gen, die ſchönſten der Welt, das Blatt leſen mochten, worauf ſeine beſcheidenen Leiſtungen verzeichnet wa⸗ ren; deſſen ungeachtet aber beharrte er auf ſeinem Entſchluſſe, nicht in den gefährlichen Bereich dieſer Augen zu kommen, und der Zeit und der Abweſenheit die Beſiegung der Leidenſchaft zu überlaſſen, die immer 6 174 noch in ihm ſtak. War er nicht in der Nähe von Bea⸗ trix, ſo plagte dieſe Leidenſchaft ihn nicht; allein eben ſo gewiß wußte er auch, daß ſein Fieber wieder aus⸗ brechen würde, ſobald er nach Hauſe zurückkehrte; und er vermied daher Walcote ebenſo ſorgfältig, als ein Lincolnſhirer es vermeidet, zu ſeinen Sümpfen zurück⸗ zukehren, wo, wie ihm wohl bekannt, das kalte Fieber ihm auflauert. Wir, die wir bei der Armee die engliſche Partei repräſentirten, und die wir geneigt waren, Alles, was von Hannover kam, zu verhöhnen, und den Hof, ſo⸗ wie die Familie des Kurfürſten als eine Axt roher, wilder Menſchen zu behandeln, mußten denn doch ge⸗ ſtehen, daß in der Schlacht von Oudenarde der junge Kurprinz, der damals ſeinen erſten Feldzug machte, ſich mit dem Muthe und der Tapferkeit eines alten Solda⸗ ten geſchlagen habe. Bei dieſer Gelegenheit war Seine Kurfürſtliche Hoheit glücklicher, als der König von England, der mit ſeinen Couſins ſich im feindlichen Lager befand, und am ſchmählichen Ende des Tages mit ihnen das Haſenpanier ergreifen mußte. Während ſie die geſchickteſten Generale der Welt vor ſich, und auf ihrer Seite einen bewundernswürdigen Feldherrn hatten, fiel es ihnen ein, allen guten Rath zu vernach⸗ läſſigen, und ſich mit den feindlichen Generalen blind⸗ lings in einen Kampf einzulaſſen, der mit der gänz⸗ lichen Vernichtung ihrer Armee geendigt haben würde, wäre nicht der Herzog von Vendosme mit ſeiner ſelte⸗ nen Geſchicklichkeit und Tapferkeit eingeſchritten, denn er war es, der, ſoweit Muth und Genie es zu thun vermochten, das Unheil verminderte, das durch die Zänkereien und die Thorheiten ſeiner Verwandten, der legitimen Prinzen vom königlichen Geblüte, angerichtet worden war. „Wäre doch nur der Herzog von Berwick bei der Armee geweſen: — dann wäre das Ende des Tages 175 ein ganz anderes geweſen,“ — das war Alles, was der arme Herr von Holtz fagen konnte. „Auch würdet Ihr geſehen haben, t der Held von Almanza der Mann iſt, ſich mit dem Sieger von Blenheim zu meſſen.“ Das Gefangenen⸗Auswechſelungsgeſchäft ging fort⸗ während vor ſich, und es war daſſelbe wenigſtens das⸗ jenige, das Mr. Holtz offen betreiben konnte, und das ihm Gelegenheit gab, immer und ewig von der franzöſiſchen Armee zu den Alliirten zu wandern und umgekehrt. Ich kann dafür einſtehen, daß er ein Mal als Spion von Generalmajor Wayne um ein Haar zum Stricke verurtheilt worden wäre; glücklicher Weiſe ward er auf beſonderen Befehl des Obergenerals freigelaſſen, und ins Hauptquartier geſchickt. Er kam und ging, ſtets durch eine hohe, obgleich verborgene Protection begün⸗ ſtigt, wo er immer ſein mochte. Er pflegte Botſchaften von dem Herzog von Berwick an ſeinen Onkel, unſern Herzog, und umgekehrt, zu überbringen. Er ſchien ebenſo gut zu wiſſen, was bei den Prinzen, als was bei uns vorging. Er überbrachte vom Könige von England Com⸗ plimente an einige unſerer Offiziere, und ſo auch an die Gentlemen von Webb's Regiment, und es bezogen ſich dieſe Complimente auf das tapfere Benehmen der Unſri⸗ gen an dem weiter oben beſprochenen großen Tage; und nach der Schlacht von Wynendael, wo unſer Ge⸗ neral ganz wüthend war über die Nachläſſigkeit unſeres Obergenerals, ſagte er, er wiſſe, wie dieſe Handlung von den Chefs der franzöſiſchen Armee angeſehen werde, ſowie daß der vor dem Wynendaeler Gehölze geleiſtete Widerſtand die Brücke ſei, über welche die Allürten in ille einzögen. „Ah,“ ſagt Holtz (— und es gab etwelche Leute, die ihm dabei ein williges Ohr liehen —), „wenn der König ein Mal wieder in das Erbe eingeſetzt würde, das ihm von Rechtswegen gehört, wie ganz 176 anders würde da regiert werden! Selbſt die Verban⸗ nung Seiner Majeſtät hat den Vortheil, daß er in Stand geſetzt iſt, England mit unparteiiſchen Augen anzuſchauen, und alle hervorragenden Männet ehrlich zu beurtheilen. Seine Schweſter iſt ſtets in den Hän⸗ den dieſes oder jenes habgierigen Günſtlings, durch deſſen Brille ſie ſieht, und deſſen Schmeicheleien oder Abhänglingen ſie Alles gewährt. „Glaubt man denn, Seine Majeſtät würde einen Mann, wie General Webb, alſo vernachläßigen? Seine Majeſtät kennt England zu gut, um ſich einen ſolchen Fehler zu Schulden kommen zu laſſen. General Webb ſollte billiger Weiſe als Lord Lydiard im Oberhauſe ſitzen. Der Feind und ganz Europa kennt ſeine ſeltenen Verdienſte; und eben dieſer Ruf iſt es, den gewiſſe hochſtehende Leute, welche alle Gleichheit und Unabhän⸗ gigkeit haſſen, nie verzeihen können.“ Solchen Reden unterlag die geheime Abſicht, daß ſie Mr. Webb hinterbracht werden würden. Auch wa⸗ ren ſie ihm äußerſt willkommen, denn ſo groß auch die von ihm geleiſteten Dienſte waren, ſo konnte doch ge⸗ wiß Niemand ſie höher anſchlagen, als John Richmond Webb ſelbſt; und da die Differenzen zwiſchen ihm und Marlborough allbekannt waren, ſo fingen die Feinde, die Seine Gnaden ſowohl bei der Armee, als zu Hauſe hatte, an, Webb den Hof zu machen, und ihn gegen den herrſchſüchtigen, allzu habgierigen Oberbefehlshaber⸗ der Andern Nichts zukommen laſſen wollte, hervorzu⸗ heben. Und bald nach dem Siege von Oudenarde, bot ſich General Webb eine Gelegenheit dar, ſich Ruhm zu erwerben, — eine Gelegenheit, die der tapfere Krie⸗ ger nicht ungenützt vorübergehen ließ, und die ihm das Mittel an die Hand gab, ſeinen Ruf daheim unend⸗ lich zu erhöhen. Nach der Schlacht von Oudenarde belagerte, und zwar, wie es hieß, gegen den Rath Marlborongh's, der 177 Prinz von Savoyen die berühmte Feſtung Lille, welche zugleich die Hauptſtadt von franzöſiſch Flandern war. Dieſe Beiagerung iſt die berühmteſte, die man in unſern Tagen geſehen, und ward wegen der vielen Proben von Tapferkeit, welche ſowohl die Belagerer, als die Bela⸗ gerten ablegten, faſt ſo berühmt, als die Belagerung von Troja ſelbſt. Die Feindſchaft des Prinzen von Savoyen gegen den König von Frankreich war ein wüthender perſön⸗ licher Haß, ganz und gar unähnlich der ruhigen Feind⸗ ſeligkeit unſeres großen engliſchen Generals, den das Spiel des Krieges ebenſo wenig aufregte, als das Bil⸗ lardſpiel; der ſeine Schwadronen ebenſo ruhig vorſchob, und ſeine rothen Bataillone ebenſo gelaſſen da und dorthin trieb, als er auf dem Billard einen Stoß com⸗ binirte; und dem Kanonenkugeln gleich Billardkugeln waren. War ein Mal das Spiel vorüber (— und er ſpielte es ſo, daß er immer ſo ziemlich gewiß war, es zu gewinnen —), ſo blieb in der Bruſt dieſes vollen⸗ deten Taktikers auch nicht die geringſte Animoſität gegen den andern Theil zurück. Zwiſchen dem Prinzen von Savoyen und den Franzoſen dagegen war es ein Krieg auf Leben und Tod. Auf einem Flecke zum Lande hinausgeſchlagen, wie es ihm zum Beiſpiel im vergangenen Jahre bei Tonlon ergangen war, erſchien er alsbald wieder an einer andern Grenze Frankreichs, und zeigte auf's Neue eine Wuth, die nicht nachlaſſen zu können ſchien. Als der Prinz bei der Armee eintraf, belebte ſich das ſchmehlende Feuer des Krieges wieder, um bald zur hellen Lohe zu werden. Unſere phlegmatiſchen hollän⸗ diſchen Verbündeten mußten im Geſchwindſchritte vor⸗ rücken, unſer ruhiger Herzog aber ward zur Thätigkeit gezwungen. Der Prinz war ſchon allein eine ganze Armee, und die Energie ſeines Franzoſen⸗Haſſes unge⸗ Henry Esmond. M. 12 —— 178 heuer, unermüdlich, und anſteckend für Hundekte und Tauſende von Menſchen. Der General des Kaiſers zahlte in fürchterlicher Weiſe die Verachtung heim, die der König von Frankreich dem kleinen feurigen Abbé von Savoyen bewieſen hatte. Als Heerführer berühmt und glänzend, und über alle Maßen verwegen und muthig, und im Stande, ſich faſt mit den tüchtigſten jener berühmten Krieger zu meſſen, welche die Armee des Königs von Frankreich commandirten, beſaß Eugen eine Waffe, wie in Frankreich keine zu finden war, ſeitdem die Kanonenkugel von Sasbach den edlen Tü⸗ renne zu Boden ſtreckte; er konnte Marlborough den Franzoſen an den Kopf ſchlendern, und ſie damit wie mit einem Felsſtücke zermalmen, dem die geſammte Macht ihrer größten Heerführer unterliegen mußte. Der engliſche Herzog betheiligte ſich nur wenig bei jener großartigen Belagerung der Stadt Lille, welche der kaiſerliche Generaliſſimus mit aller Macht und Energie verfolgte. Das, was Marlborongh that, beſchränkte ſich faſt einzig und allein darauf, die Linien der Belagerer gegen die Arme, des Herzogs von Bur⸗ gund zu decken, zwiſchen welchen und den Kaiſerlichen der Herzog lag. Ein Mal jedoch nahm unſer Herzog, als der Prinz Eugen verwundet ward, den Platz Seiner Hoheit in den Tranſcheen ein; aber die Belagerung war Sache der Kaiſerlichen, nicht unſere. Es wurde unter Webb und Rantzau eine Diviſion nach dem Artvis und der Picardie abgeſchickt, und es war dieß der peinlichſte und verhaßteſte Dienſt, den Mr. Esmond im Laufe ſeines ganzen militäriſchen Lebens ſah. Die unglücklichen Städte der wehrloſen Provinzen, deren junge Lente in die franzöſiſchen Ar⸗ meen geſteckt worden waren, welche der unerſättliche Krieg ein Jahr um das andere fraß, waren uns ganz preisgegeben; auch lauteten unſere Befehle dahin, daß! wir keine unzeitige Gnade üben ſollten. Wir fanden — 179 Orte mit Garniſonen von Gebrechlichen und Kindern und Frauen: und ſo arm dieſe auch waren, und trotz⸗ dem, daß dieſer unglückliche Krieg ihnen faſt Nichts mehr gelaſſen hatte, ſo gingen doch unſere Befehle dahin, dieſe faſt ſchon verhungernden unglücklichen Menſchen noch ihres Wenigen zu berauben, — ihnen ihre letzten Lebensmittel zu entreißen, und ihnen ihre Lumpen vom Leibe wegzunehmen. Wir wären auf einen Raub⸗ und Mordzug ausgeſandt worden, und es thaten unſere Soldaten Dinge, bei deren bloßer Er⸗ innerung einem ehrlichen Manne die Schamröthe in's Geſicht ſteigen muß. Wir brachten Geld und Lebensmittel in Maſſe in das Lager des Herzogs zurück. Es hatte uns Niemand Widerſtand geleiſtet, und doch, wer hat den Muth zu ſagen, unter wie vielen Mord⸗ und Gewaltthaten, mit welch brutaler Grauſamkeit, unter wie vielen Schänd⸗ lichkeiten und groben Beleidigungen dieſe unedle Beute den unſchuldigen und unglücklichen Opfern des Krieges entriſſen worden war? Unterdeſſen hatten die Alliirten, ſo tapfer auch die Dperationen vor Lille geleitet worden waren, doch nur geringe Fortſchritte gemacht; und als wir in das Lager des Herzogs von Marlborongh zurückkamen, hieß es, daß die Belagerung nie zu einem befriedigenden Ende gelangen, ſo wie daß der Prinz von Savoyen ſich genöthigt ſehen würde, dieſelbe aufzuheben. My Lord Marlborongh ſprach dieß offen als ſeine eigene Anſicht aus, und es gaben diejenigen, die ihm nicht trauten — und Mr. Esmond geſteht ſelbſt, daß er zu den Letzteren gehörte —), zu verſtehen, daß der Herzog ſeine Lie Gründe hätte, Lille nicht einnehmen zu laſſen, owie daß er von dem Könige von Frankreich Geld bekommen, um die Eroberung der Stadt zu verhüten. Wenn dem alſo war (— und ich glaube, daß dem ſo war —), ſo hatte nun General Veßb eine herrliche Gelegenheit, den Haß zu befriedigen, der ſchon längſt zwiſchen ihm und dem Obergeneral beſtand, jene ſchmäh⸗ liche Habſucht zu täuſchen, die eine der gemeinſten und allbekannteſten Eigenſchaften des berühmten Herzogs war, und ſeine eigene vollendete Geſchicklichkeit als Heerführer zu zeigen. Und wenn ich all' die Umſtände erwäge, die dem Ereigniſſe vorangingen, ſo jetzt erzählt werden wird, — daß nämlich dem Herzoge wirklich gewiſſe Millionen von Kronenthalern angeboten wor⸗ den waren, wenn er die Aufhebung der Belagerung von Lille bewerkſtelligen würde; — daß die kaiſerliche Armee vor der Feſtung ohne Lebensmittel und Muni⸗ tion war, und hätte davon laufen müſſen, hätte ſie nicht Zufuhren erhalten; — daß der Marſch der Be⸗ deckungsmannſchaft, welche die Belagerer ablöſen ſollte, den Franzoſen genau bekannt war; — und daß die fragliche Bedeckungsmannſchaft viel zu klein, und ſechs Mal ſchwächer war, als Graf de la Mothe's Armee, welche ausgeſchickt wurde, um die Zufuhren abzuſchnei⸗ den; — wenn es ferner gewiß iſt, daß der Her⸗ zog von Berwick, de la Mothe's Chef, mit ſeinem Oheime, dem engliſchen Generaliſſimus, beſtändig in Correſpondenz ſtand: ſo glaube ich wahrhaftig, daß es my Lord Marlborough's Abſicht war, dieſe Zufuhren, deren der Prinz von Savoyen ſchlechterdings bedurfte, nie bis zu Seiner Hoheit gelangen zu laſſen; daß der⸗ ſelbe damit umging, die kleine Armee zu opfern, welche als Bedeckungsmannſchaft diente, und dieſelbe zu ver⸗ rathen, wie er Tollemache zu Breſt verrathen hatte, — wie er jeden Freund, den er hatte, verrieth, um ſeine eigenen von Habſucht oder Ehrgeiz eingegebenen Pläne zu fördern. 3 Ohne den an's Wunderbaxe gränzenden Sieg, den Esmond's General über eine Armee erfocht, welche ſechs oder ſieben Mal ſtärker war, als ſeine eigene, hätte die Belagerung von Lille aufgehoben werden müſſen; auch 181 darf man nicht vergeſſen, daß unſere tapfere kleine Streitmacht ſich unter dem Commando eines Generals befand, den Marlborongh nicht ausſtehen konnte; daß Letzterer über den Sieger ganz wüthend war, und ſpä⸗ ter vor der offenſten und ſchamloſeſten Ungerechtigkeit nicht zurückſcheute, um denſelben wo möglich des Ruh⸗ mes zu berauben, womit ihn ſein Sieg bedeckt hatte. ünßehntes Kapitel. General Webb gewinnt die Schlacht . von Wynendael. Es wurden ſowohl von den Belagerern, als von den Belagerten von Lille einige der glänzendſten Tapfer⸗ keitsproben abgelegt, die man je in einem Kriege ge⸗ ſehen. Auf Seiten der Franzoſen (— deren Tapferkeit an's Fabelhafte grenzte, während die Geſchicklichkeit und der Muth von Rarſchall Boufflers die ſeines Beſiegers, des Prinzen von Savoyen, wirklich verdunkelten —) mag erwähnt werden jene kühne That der Herren von Lürembvurg und Tournefort, die mit einem aus Rei⸗ terei und Bragonern beſtehenden Corps Pulver in die Stadt ſchafften, an dem die Belagerten gänzlichen Man⸗ gel hatten, wobei jeder Soldat einen kleinen Sack mit vierzig Pfund Putver hinter ſich hatte. Mit dieſem geführlichen Gegenſtande verſehen, griffen die Franzoſen unſere Reiterei an, und ſtellten ſich dem Feuer der In⸗ fanterie entgegen, die gegen ſie hatte vorrücken müſſen; und obgleich die Hälfte der Leute bei dem furchtbaren ß 6 182 Auftrage, der ihnen geworden, in die Luft flog und in Stücke zerriſſen wurde, ſo gelang es doch einem Theile derſelben, mit der Zufuhr, deren die Garniſon ſo ſehr bedurfte, in die Stadt zu gelangen. Ein franzöſiſcher Offizier, Monſieur Dübois, führte eine eben ſo kühne That aus, und es glückte ihm ſein Unternehmen voll⸗ kommen. Während die große Armee des Herzogs zu Helchin lag, und die Belagerung deckte, und da Mon⸗ ſieur de Vendosme von dem Zuſtande der Feſtung abſolut unterrichtet ſein mußte, führte Capitän Dübvis ſeine berühmte Heldenthat in folgender Weiſe aus: nicht allein drang er durch die Linien der Belagerer, ſondern er ſchwamm nachher noch über nicht weniger denn ſieben Gräben. Auf eben demſelben Wege kam er auch zurück, ſchwimmend, und mit den Briefen im Munde. In dieſen Briefen ſagte Monſieur de Buufflers, daß er es auf ſich nehmen könnte, den Platz noch bis zum Monat Oktober zu halten; und daß, wenn eine der Zufuhren der Verbündeten ſammt der Bedeckungs⸗ mannſchaft abgeſchnitten und genommen werden könnte, letztere ſich gezwungen ſehen würden, die Belagerung ganz aufzuheben. Eine ſolche Zufuhr ſollte, wie bereits geſagt, nun von Oſtende abgehen; und am ſiebenundzwanzigſten December erfuhren wir, ſowie auch die Franzoſen, daß dieſelbe bereits unterwegs ſei. Es beſtand dieſelbe aus nicht weniger, als ſiebenhundert Wagen, die Kriegsvor⸗ räthe aller Art enthielten, und durch zweitauſend Mann Fußvolk, ſowie durch dreihundert Mann Reiterei gedeckt, von Oſtende abgingen. Zu derſelben Zeit verließ auch Monſieur de la Mothe die Stadt Brügge mit fünfund⸗ dreißig Bataillonen Infanterie, mit mehr als ſechzig Schwadronen Cavallerie, ſowie mit vierzig Geſchützen, um die Wagen ſammt der Bedeckung zu nehmen. Unterdeſſen hatte Generalmajor Webhb eine Streit⸗ 183 macht von zwanzig Bataillonen Infanterie und drei Schwadronen Dragoner zu Türout zuſammen gezogen, von wo er ſich in Bewegung ſetzte, um die Zufuhr zu decken und la Mothe zu verfolgen. Auf der großen Ebene von Türout, und vor dem Gehölze und Schloſſe von Wynendael, hinter denen die Wagen fortzogen, traf unſer Vortrab mit dem der Franzoſen zuſammen. Sobald unſer Vortrab des Feindes anſichtig wurde, mußte er Halt machen; im Rücken hatten unſere Trup⸗ pen das Gehölz, und es wurden unſere übrigen Leute ſo geſchwind wie möglich herbeigezogen; unſer kleines Cavalleriecorps aber mußte auf die offene Ebene hinaus, um, wie unſer General ſagte, den Feind zu amüſiren. Als nun Monſieur de ka Mothe heranmarſchirt kam, fand er uns in zwei Schlachtlinien vor dem Gehölze aufgeſtellt; und als er dieſes ſah, ſtellte er ſeine eigene Armee der unſtigen gerade gegenüber, in acht Linien vorn vier Linien Infanterie und hinten Dragoner und Cavalerie. Die Franzoſen begannen den Kampf, wie gewöhn⸗ lich, mit einer Kanonade, die nicht weniger als drei Stunden dauerte, worauf ſie angriffen, und in zwölf Linien, von denen vier aus Infanterie und vier aus Cavallerie beſtanden, gegen die verbündeten Truppen an dem Gehölze vorrückten, wo wir aufgeſtellt waren. Die feindliche Infanterie hielt ſich ſchlecht: ſie hatte Befehl, mit dem Bajonnett anzugreifen, fing aber, anſtatt deſſen, zu feuern an, und ſtob ſchon faſt bei der erſten Salve, die unſere Leute gaben, auseinander. Die Rei⸗ terei hielt ſich beſſer, und ſchon mit ihr alſein, die drei bis vier Mal ſtärker war, als unſere ganze Streit⸗ macht, hätte Monſieur de la Mothe den Sieg gewinnen können. Aber nur zwei unſerer Bataillone wichen ein Bischen, aber auch ſie ſammelten ſich raſch wieder; und ſo vermochten denn die wiederholten Angriffe der franzöſiſchen Cavallerie unſere Truppen auch nicht um 7 184 einen Zoll aus der Stellung im Gehölze zu verdrängen, wo unſer General ſie aufgeſtellt hatte. Nachdem die Franzoſen uns zwei Stunden lang angegriffen hatten, zogen ſie ſich mit Eiubruch der Nacht zurück, ohne daß ſie im Stande geweſen wären, gegen uns etwas auszurichten. Bei all' dem Verluſte aber, den wir dem Feinde beigebracht hatten, war derſelbe immer noch drei Mal ſtärker, als wir; und man durfte nicht annehmen, daß unſer General Monſieur de la Mothe verfolgen könnte; höchſtens konnte man glauben, daß wir unſere Stellung an dem Gehölze zu behaupten ſuchen würden, woraus der Franzoſe, obwohl vergebens, uns zu vertreiben beſtrebt geweſen war. La Mothe zog ſich hinter ſeine vierzig Geſchütze zurück, und ſeine Ca⸗ valerie zeigte ſich wirkſamer bei Beſchützung derſelben, als bei dem gegen uns verſuchten Angriffe; und wäh⸗ rend dieſer Zeit zog die Zufuhr, die von größerer Wich⸗ tigkeit war, als unſere ganze kleine Streitmacht, und für deren Rettung unſer General den letzten Mann ge⸗ opfert haben würde, in voller Sicherheit vorüber und kam fröhlich und wohlbehalten in dem Lager der Kai⸗ ſerlichen vor Lille an. Generalmajor Cadogan, der Generalquartiermeiſter des Herzogs (— der mit Mr. Webb nicht eben auf's Beſte ſtand —), begleitete die Zufuhr, und ſtieß zu Mr. Webb mit einigen hundert Pferden, gerade in dem Augenblicke, als die Schlacht vorüber und der Feind in vollem Rückzuge begriffen war. Er erbot ſich zwar ohne Weiteres, mit ſeiner Cavalerie auf die Frauzoſen einzuhauen, die eben im Rückzuge begriffen waren; allein ſeine Streitmacht war zu klein, als daß ſie dem Feinde einen erheblichen Verluſt hätte beibringen können; und Mr. Webb, der ſich von Cadogan Nichts befehlen zu laſſen brauchte, indem er der ältere Offizier war, war der Meinung, daß wir genug gethan, indem wir un⸗ ſere Stellung vor einem Feinde behanptet, der uns 185 immer noch hätte vernichten können, wenn wir ihn auf offenem Felde angegriffen hätten, und indem wir den ſicheren Vorüberzug der Zufuhr möglich gemacht. In Folge deſſen zog die von Cadogan uns zuge⸗ führte Cavalerie nicht ein Mal den Säbel; Alles, was ſie that, war, daß ſie durch die gute Haltung, die ſie zeigte, den Franzoſen alle Luſt benahm, den Angriff zu erneuern. Und da ein ſolcher ausblieb, zog mit Einbruch der Nacht Cadogan mit ſeiner Schwadron nach dem Hanptquartiere ab, wobei noch anzumerken iſt, daß die beiden Generale, als ſie ſich trennten, ein⸗ ander mürriſch grüßten. „Er wird noch früh genug zu Roncq ſein, um beim Abendeſſen des Herzogs Teller zu lecken,“ ſagte Mr. Webb. Unſere Leute aber blieben während jener Nacht im Gehölze von Wynendael liegen, während unſer General in dem daneben liegenden Schlößchen ſein Abendeſſen einnahm. „Wäre ich Cadogan, ſo wäre mir die Pairswürde für die heutige Affaire ſicher genug,“ ſprach General Webb; „und, Harry, Sie ſollten ein Regiment bekom⸗ men: Sie ſind bei den zwei letzten Affairen ſpeciell genannt worden; bei der letzten wären Sie ſogar um ein Haar getödtet worden. Ich werde Ihrer in meiner De⸗ peſche an Seine Gnaden den Obergeneral Erwähnung thun, und werde Sie zu der Majorsſtelle vorſchlagen, die durch den Tod des armen Dick Harwood erledigt iſt. Haben Sie etwa hundert Guineen an Cardonnel zu geben? Driücken Sie ſie ihm morgen in die Hand, wenn Sie mit meinem Berichte ins Hauptquartier gehen.“ Der Generalmajor war ſo gütig, den Namen Ca⸗ pitän Esmond's in dieſem Berichte mit ganz beſonderer Auszeichnung zu nennen; und der letzterwähnte Gent⸗ leman brachte an dem darauffolgenden Tage die Depeſche „ 166 in das Hauptquartier, und war nicht wenig erfreut, einen von dem Secretaire Seiner Gnaden geſchriebenen Brief zurückzubringen, der an Generallientenant Webb adreſſirt war. Der holländiſche Offizier, der von dem Grafen Naſſau Woudenburg, Vält⸗Mareſchal Auver⸗ querquels Sohn, abgeſchickt wurde, brachte ebenfalls ein Glückwunſchſchreiben an ſeinen Commandanten zurück, der mit ſeltener Tapferkeit und Gewandtheit Mr. Webb bei der Affaire unterſtützt hatte. Esmond überreichte mit einer tiefen Verbeugung und mit lächelndem Geſichte ſeine Depeſche, und begrüßte Mr. Webb als Generallieutenant, während er dieſelbe überreichte. Die Herren, die Mr. Webb umgaben, — er ritt eben mit ſeiner Suite nach Menain hin, als Esmond ihn einholte, — ließen ein Jubelgeſchrei hören, und er dankte ihnen, und öffnete die Depeſche mit etwas geröthetem Geſichte, während aus ſeinen Augen ein un⸗ gewöhnliches Verlangen ſprach. Nachdem er die Depeſche geleſen, ſchlug er das Papier ganz wüthend auf ſeinen Stiefel nieder, und ſagte: „Die Depeſche iſt nicht einmal von ihm ſelbſt ge⸗ ſchrieben. Leſen Sie vor, Esmond!“ Und Esmond las, wie folgt: — „Sir, — Mr. Cadogan iſt ſo eben angelangt, „und hat mir die glückliche Affaire erzählt, die „Sie geſtern Nachmittag gegen das von Monſieur „de la Mothe commandirte Armeecorps bei Wynen⸗ „dael hatten, — und es muß der glückliche Aus⸗ „gang der Affaire hauptſächlich Ihrem trefflichen ſowie Ihrer Entſchloſſenheit zugeſchrie⸗ „ben werden. Sie dürfen ſich verſichert halten, „daß ich Ihnen in meinem Berichte werde Gerech⸗ „tigkeit widerfahren laſſen, und daß es mich bei 187 „jeder Gelegenheit freuen wird, des Dienſtes er⸗ „wähnen zu können, den Sie geleiſtet, indem Sie „dieſe Zufuhr dem Feinde nicht in die Hände fal⸗ „len ließen. „Der Ihrige und ſo weiter, M „Ein Paar Linien von dem verdammten Cardon⸗ nel, und nicht mehr dafür, daß Lille genommen, — dafür, daß ein fünf Mal ſtärkerer Feind geſchlagen, — dafür, daß eine Schlacht gewonnen worden, ſo glän⸗ zend, wie die beſte, die er ſchlug,“ ſagte der arme Mr. Webb. „Generallieutenant! Dafür kann er Nichts! War ich doch der älteſte Generalmajor. Bei Gott, ich glaube, es hätte ihm beſſer gefallen, wenn ich geſchla⸗ gen worden wäre.“ Der Brief an den holländiſchen Offizier war in franzöſiſcher Sprache abgefaßt, und länger, und mehr anerkennend, als der an Mr. Webb. „Und das iſt der Mann,“ hob er an, „der Gold, und Titel, und Ehrenſtellen die Hülle und Fülle hat, — Gold, Titel und Ehrenſtellen, die wir ihm erwor⸗ ben, — und der einem Waffengenoſſen ſelbſt eine Zeile des Lobes mißgönnt! Hat er denn nicht genug? Schla⸗ gen wir uns nicht, damit er ſich in Reichthümern wäl⸗ zen kann? Gut, gut, meine Herren, warten wir das Erſcheinen der Staatszeitung ab! Die Königin und das Land werden uns Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, wenn Seine Gnaden ſolche uns verweigert.“ Es ſtanden in den Augen des tapferen Kriegers Thränen der Wuth, während er ſo ſprach; und er wiſchte ſich dieſelben mit ſeinem Handſchuhe heftig aus dem Geſichte. Dann ſchüttelte er ſeine erhobene Fauſt, und ſetzte hinzu: „Oh, beim Himmel! Ich weiß, was mir lieber wäre, als die Pairswürde!“ . 188 „Und was iſt das, Sir?“ fragte einer aus ſeiner Begleitung. „Noch lieber, als die Pairswürde wäre mir eine Viertelſtunde, die ich bei John Churchill allein wäre, auf einem ſchönen grünen Felde, während nur zwei Rappiere zwiſchen meinem Hemde und ſeinem —“ „Sir!“ unterbricht ihn Einer. „Sagen Sie ihm das! Gehen Sie hin, ich weiß, was Sie ſagen wollen. Es iſt mir bekannt, daß ihm jedes Wort hinterbracht wird, das aus dem Munde irgend eines Generals kommt. Ich ſage nicht, daß er nicht tapfer ſei. Zum Teufel! Er iſt tapfer genug; aber wir wollen abwarten, was die Staatszeitung bringt, meine Herren. Gott erhalte Ihre Majeſtät! Sie wird uns Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ — * * Die Staatszeitung kam uns erſt einen Monat darauf zu, als mein General und ſeine Ofſiziere die Ehre hatten, mit dem Prinzen Eugen in Lille zu ſpei⸗ ſen. Seine Hoheit war nämlich ſo gütig geweſen, zu ſagen, daß uns die Rettung der Zufuhr zu verdanken wäre, und daß wir daher auch an dem Bankett Theil nehmen ſollten. Es war dieſes ein großartiges Bankett. Zur Rechten Seiner Hoheit ſaß Seine Gnaden der Herzog von Marlborough; zu ſeiner Linken der Marſchall von Buufflers, der die Feſtung ſo tapfer vertheidigt hatte. Es waren die vornehmſten Ofſiziere beider Armeen an⸗ weſend, und man darf verſichert ſein, daß Esmond's General bei dieſem Anlaſſe ſich in ſeinem vollen Glanze zeigte: ſeine hohe edle Geſtalt, ſowie die männliche Schönheit ſeines Geſichtes machte ihn überall zu einer bemerkenswerthen Perſon; anch trug er zum erſten Male den Stern vom Orden des Edelmuths, den Seine * 189 Majeſtät der König von Preußen ihm für ſeinen Sieg geſchickt hatte. Seine Hoheit der Prinz von Savoyen brachte die Geſundheit des Siegers von Wynendael aus, — eine Geſundheit, die der Herzog mit einem Lächeln trank, dem man wohl anſehen konnte, daß es ihm nicht von Her⸗ zen kam. Die Adjutanten waren zugegen; und Harry Esmond und ſein theurer junger Lord waren beiſammen, einer Gewohnheit gemäß, die ſie ſtets zuſammenführte, ſo vft der Dienſt es erlauben mochte, — und ſaßen der Tafel gegenüber, an der ſich die Generale befanden, ſo daß ſie Alles, was vorging, recht gut ſehen konnten. Frank lachte über das mürriſche Geſicht des Her⸗ zogs: die Affaire von Wynendael, und das Benehmen des Obergenerals gegen Webb waren bei der ganzen Armee lebhaft beſprochen worden. Und als Seine Hoheit ſprach: „Le vainqueur de Wynendael; son ar- mée et sa victoire,“ und hinzuſetzte: „qui nous font diner à Lille aujourd'huy“ — da wollte des Jubels im Saale kein Ende ſein: denn Mr. Webb's Tapfer⸗ keit und Edelmuth, ja ſogar ſeine Charakterſchwächen hatten ihn bei der ganzen Armee beliebt gemacht. „Gleich Hektor ſchön, und gleich Paris tapfer!“ flüſtert Frank Caſtlewvod. „Eine Venus, eine ältliche Venus könnte ihm einen Pippinapfel nicht abſchlagen. Steh auf, Harry! Schau', wir trinken auf das Wohl der Wynendaeler Armee. Ramillies iſt Nichts dagegen. Hurrah, hurrah!“ Gerade in dieſem Augenblicke (— es hatte unſer General kaum ſo viel Zeit gehabt, ſeinen Dank auszu⸗ ſprechen —) brachte Jemand eine engliſche Staatszei⸗ tung herein, — und ließ ſie, den ganzen Tiſch herun⸗ ter, von Hand zu Hand gehen. Pie Offiziere zeigten ſich begierig genug, ſie zu leſen, während zu Hauſe Mutter und Schweſtern davon mit Gram erfüllt werden mußten. Sechs Jahre lang erſchien kaum eine Num⸗ 190 mer der Staatszeitung, die nicht von einem herviſchen Tode oder von einer glänzenden Waffenthat berichtete. „Da ſteht es, — Affaire von Wynendael, — hier ſtehen Sie, General,“ ſagte Frank, das kleine unan⸗ ſehliche Papier ergreifend, das Soldaten ſo gerne leſen. Sofort ſtieg er über unſere Bank weg, und ging zum General hin, der ihn kannte, und an ſeiner Tafel gar oft ſein Lachen und ſein hübſches Geſicht bemerkt hatte, das Jedermann gefiel, ſo es ſah. Die Generale in ihren großen Perrücken machten ihm Platz, und dann reichte er, über General Dohna's büffelledernen Rock weg, das Papier unſeren auf der entgegengeſetzten Seite ſitzenden General hin. Er kam zurückgehinkt, und war ganz roth über die verrichtete Heldenthat. „Ich dachte, daß ihm dadurch ein Gefallen geſche⸗ hen würde, Harry,“ flüſterte der junge Burſche. „Las ich nicht auch gerne meinen Namen in der Londoner Staatszeitung nach der Schlacht bei Ramillies? — Viscount Caſtlewvod, der als Freiwilliger dient, — aber ſieh doch, was gibt's dort?“ Mr. Webb, der eben die Staatszeitung geleſen, ſah höchſt ſeltſam aus: — er ſchlug die Zeitung auf den Tiſch nieder, — und dann ſprang er auf von ſei⸗ nem Sitze, und fing an, alſo zu ſprechen: „Wollen Ew. Hoheit geruhen, zu —“ Hier ſprang auch Seine Gnaden der Herzog von Marlborough von ſeinem Sitze auf und ſagte: „Es hat ein Verſehen Statt gefunden, mein lieber General Webb.“ „Es wäre wohl am Beſten, wenn Ew. Gnaden dasſelbe alsbald berichtigten, ſagt Mr. Webb, die Zeitung hinhaltend; aber er war durch fünf Perſonen von Seiner Gnaden dem Fürſten und Herzoge getrennt, der außerdem noch den General überragte (— da er bei dem Prinzen von Savoyen, dem Kurprinzen von 191 Hannover, und den Geſandten von Preußen und Däne⸗ mark unter einem Baldachin ſaß —), und ſo konnte denn Webb, ſo groß er auch war, ihn nicht erreichen. „Warten Sie“ ſagt Mr. Webb lächelnd, wie wenn ihm plötzlich Etwas einfiele; und dann zog er mit vol⸗ lendeter Cvurtviſie ſeinen Degen, durchſtach mit deſſen Spitze die Staatszeitung, und ſetzte hinzu: „Erlauben Sie mir, daß ich die Zeitung Euer Gnaden hinbiete.“ Der Herzog ſah ungemein finſter aus. „Nehmen ſ es!“ ſagt er zu ſeinem Stallmeiſter, der hinter ihm and. Der Generallieutenant machte eine ſehr tiefe Ver⸗ beugung, zog ſich zurück, und trank ſein Glas vollends aus. Die Staatszeitung, in welcher Mr. Cardonnel, der Seeretär des Herzogs, über den Sieg von Wynen⸗ dael berichtete, erwähnte zwar den Namen Mr. Webb's, ſchrieb aber den ganzen Ruhm und die ganze Leitung der Affaire dem Günſtlinge des Herzogs, Mr. Cado⸗ gan, zu. Es ward kein gewöhnliches Gerede und keine ge⸗ ringe Aufregung verurſacht durch dieſes ſeltſame Be⸗ nehmen General Webb's, der gegen den Obergeneral faſt den Degen gezückt hatte. Nachdem aber der erſte Zorn vorüber war, bewältigte der General denſelben ganz und gar, — wenn auch nur äußerlich; auch ward ihm in Folge ſeines ſpäteren Benehmens die Genug⸗ thuung, daß er den Obergeneral ſogar noch mehr är⸗ gerte, als durch jede öffentliche Kundgebung ſeines Grolls hätte geſchehen können. Als dann Mr. Webb in ſein Quartier zurückkehrte, und ſich mit ſeinem Hauptrathgeber, Mr. Esmond, be⸗ rieth, der nun das Vertrauen des Generals ganz und ar beſaß, und von demſelben wie ein Freund, ja, aſt wie ein Sohn behandelt wurde, ſchrieb er an Seine Gnaden den Obergeneral einen Brief, worin er ſagte: „Ew. Gnaden müſſen wiſſen, daß die plötzliche „Durchleſung der Londoner Staatszeitung, worin „Euer Gnaden Setretär, Mr. Cardonnel, von Ge⸗ „neralmajor Cadogan als dem Offiziere geſprochen, „der bei der neulichen Affaire von Wynendael com⸗ „mandirt, bei dem Generale, der bei der genannten „Affaire wirklich als Anführer thätig war, keine „angenehmen Gefühle hervorrufen konnte. „Ew. Gnaden müſſen wiſſen, daß Mr. Cadogan „der Schlacht nicht einmal anwohnte, obgleich er „zu Ende derſelben mit einiger Reiterei herbeikam, „und ſich unter das Commandv des ihm vorgehen⸗ „den Offiziers ſtellte. Und da das Reſultat der „Schlacht von Wynendael, wo Generallientenant „Webb das Glück hatte, zu commandiren, die „Einnahme von Lille, die Entſetzung der Stadt „Brüſſel, die damals von dem Feinde unter dem „Kurfürſten von Bayern berennt wurde, die Wie⸗ „dererwerbung der großen Städte Gent und Brügge „war, deren ſich der Feind (— durch Verrath, der „innerhalb der Mauern ſpielte —) im vergangenen „Jahre bemächtigt hatte: ſo kann und darf Mr. „Webb ſich die Ehre eines ſolchen Erfolges und „Dienſtes weder von Mr. Cadogan, noch von ir⸗ „gend einer andern Perſon nehmen laſſen. „Sobald die militäriſchen Operationen in die⸗ „ſem Jahre vorüber ſind, wird Generallieutenant „Webb um Erlaubniß bitten, die Armee ver⸗ „laſſen zu dürfen; er wird dann ſeinen Sitz im „Parlamente einnehmen, wo er, wie er Seiner „Gnaden dem Obergeneral im Voraus ſagen zu „müſſen glaubt, ſeinen Fall dem Hauſe der Ge⸗ „meinen, dem Lande, und Ihrer Majeſtät der Kö⸗ nigin aus einander ſetzen wird. „Da Mr. Webb vor Begierde brannte, die „falſche Angabe der Staatszeitung, die von dem 193 „Secretär Seiner Gnaden, Mr. Cardonnel, her⸗ „rührt, alsbald berichtigt zu ſehen, und da er we⸗ „gen der mitten inne ſitzenden Gentlemen Seine „Gnaden den Obergeneral nicht erreichen konnte, „ſo ſteckte er die die falſche Angabe enthaltende „Zeitung an ſeinen Degen, damit dieſelbe Seiner „Gnaden dem Herzoge von Marlborough, der ge⸗ „wiß jedem Offiziere bei ſeiner Armee Gerechtig⸗ „keit widerfahren laſſen möchte, um ſo raſcher und unverweilt zukäme. „Mr. Webb kennt ſeine Pflicht zu gut, als daß „es ihm einfallen ſollte, ſich gegen die Subordi⸗ „nation zu verfehlen, oder in einem Feldzuge gegen „Jemand anders, als gegen die Feinde Ihrer „Majeſtät den Degen zu ziehen. Er bittet um „die Erlanbniß, ſobald es die militäriſchen Pflich⸗ „ten erlauben, nach England zurückkehren, und „Capitän Esmond mitnehmen zu dürfen, da „derſelbe bei ſeinem Regimente ſteht, als ſein „Adjutant funktionirte, während der ganzen „Affaire anweſend war, und ſich vermittelſt „ſeiner Uhr die Zeit merkte, wo Mr. Cadogan „ankam, das heißt, als die ganze Affaire ſchon zu „Ende war.“ Der Obergeneral konnte nicht umhin, ihm dieſe Erlanbniß zu geben; auch konnte er Webb's Brief nicht rügen, obgleich derſelbe in den beleidigendſten Aus⸗ drücken abgefaßt war. Die halbe Armee glaubte, daß die Städte Gent und Brügge in Folge eines Verraths aufgegeben worden ſeien, den einige bei unſerer Armee recht gut verſtanden; — daß der Obergeneral den Fall der Feſtung Lille verhindert haben würde, wenn es auf ihn allein angekommen wäre; — und daß er im Laufe des ganzen Jahres ſich gar nicht geſchlagen haben würde, wenn der Prinz von Savoyen ihn nicht dazu Henry Esmond. M. 13 194 gezwungen hätte. Hatte die Schlacht ein Mal angefan⸗ gen, ſo ſchlug ſich my Lord Marlborough, um ſeinen Ruf zu erhalten, ſo tapfer, wie nur irgend ein Mann; und dann konnte ihn auch keine Beſtechung auf Erden verhindern, den Feind zu ſchlagen. *) *) Der Haß unſeres Großvaters gegen den Herzog von Marlborongh lenchtet in dem ganzen Berichte durch, den er hier von den Feldzügen gibt. Er beharrt ſtets auf der Behanptung, der Herzog ſei der größte Ver⸗ räther und Soidat, den die Geſchichte kenne, auch er⸗ klärte er des Beſtimmteſten, daß der Herzog während des Krieges ſich von allen Seiten habe beſtechen laſſen. My Lord Marquis (— denn ſo können wir ihn hier füglich nennen, obgleich er nie einen andern Namen führte, als den eines Obriſten Esmond —) hatte die Gewohnheit, gar viele Geſchichten zu erzäh⸗ len, die er ſeinen Memoiren nicht einverleibte, und die er von ſeinem Freunde, dem Jeſuiten, hatte⸗ der nicht immer genan berichtet war, und der ſteif und feſt be⸗ hauptete, Marlborongh habe vor der Schlacht von Ramillies ein Geſchenk von zwei Millionen Kronen erwartet. Auch pflegte unſere Großmutter uns Kindern zu ſagen, daß, als mein Großvater dem Herzoge zum erſten Male vorgeſtellt worden ſei, Letzterer ihm den Rücken gefehrt, und daß er zu der Herzogin, die es der ver⸗ wittweten Vicomteſſe zu Chelſea ſagte, die es ſpäter dem Obriſten Esmond wieder berichtete, geſagt habe: — „Tom Esmond's Baſtard iſt bei meinem Lover er⸗ ſchienen; und es hat derſelbe ganz das Schelmenge⸗ ſicht ſeines ſpitzbübiſchen Vaters;“ — ein Ausdruck⸗ den mein Großvater ihm nie verzieh. Letzterer war in ſeiner Abneigung ſo beſtändig, wie in ſeiner Freund⸗ ſchaft, und ganz außerordentlich für Webb eingenom⸗ men, deſſen Partei er gegen den berühmteren General ergriff. General Webb's Porträt haben wir noch jetzt zu Caſtlewvod. Wa. — ,— 195 Allein die Sache wurde von den Subordinirten aufgegriffen, und es würde wohl die halbe Armee hand⸗ gemein geworden ſein, wäre dem Streit nicht Einhalt gethan worden. General Cadogan ließ General Webb wiſſen, daß er, wenn es Webb beliebte, parat wäre, und daß er ſich ihm gegenüber ſtellen würde. Es war dieß eine Art Einladung, die unſer wackerer alter General immer nur zu bereit war, anzu⸗ nehmen; und nur mit unendlicher Mühe gelang es uns, den General zu der Antwort zu veranlaſſen, daß er mit Mr. Cadogan gar keinen Streit auszufechten hätte, indem derfelbe ſich vollkommen edel und tapfer benommen, ſondern einzig und allein mit den Leuten im Hauptquartiere, die Lügenhaftes über ihn berichtet, und ihn Lügen geſtraft hätten. Und als nun Mr. Cardonnel General Webb Sa⸗ tisfaction geben wollte, antwortete Mr. Webb, er habe einen Stock, der Mr. Cardonnel jeden Angenblick zu Dienſten ſtehe; und er, Webb, verlange von Mr. Car⸗ donnel nur eine Satisfaction, die er wahrſcheinlich aber nie bekommen werde, — das heißt, die Wahrheit. Die Offiziere, die bei Webb's Stabe waren, waren im Begriffe, ſich mit denen zu ſchlagen, die ſich in der unmittelbaren Suite des Obergenerals befanden; und ſo wurde Mr. Esmond in ein Duell verwickelt, das einzige, in dem er je als Hauptperſon figurirte, — in ein Buell, dem ein alter Rachegedanke zu Grunde lag, — der Gedanke, einen Böſewicht wegen eines ſchon längſt verübten Unrechts zu beſtrafen. My Lord Mohun, der bei Lord Macclesfield's be⸗ rittenem Garderegimente eine Schwadron commandirte, war während dieſes Feldzuges um den Herzog. Er hatte unterdeſſen in Betreff des Rufes die niederſte Stufe erreicht; — er hatte in Spanien ſeitdem noch ein anderes Duell gehabt, das für die Gegenpartei unglücklich endete; — er hatte ſich verheirathet, und 196 hatte ſeine Frau verlaſſen; — er war ein Spieler, ein Wüſtling, ein Menſch von bodenloſem Charakter. Er ſtieß gerade bei der Schlacht von Ondenarde zu uns; und ſobald Frank Caſtlewvod von ſeiner Ankunft hörte, wollte Letzterer ihn aufſuchen und um's Leben bringen. Esmond hatte dieß ſchon lange befürchtet. Die Wunde, die my Lord in der Schlacht von Dudenarde davontrug, verhinderte ihr Zuſammentreffen; allein dieſe Wunde war jetzt beinahe geheilt, und Mr. Esmond ſchwebte täglich in der Angſt, es möchte ir⸗ gend ein Zufall den jungen Lord und den genannten, wohlbekannten Mörder zuſammenführen. Was er befürchtete, traf auch ein: ſie fanden ſich an der Tafel von Handyſide's Regiment, in Lille, in⸗ dem der commandirende Offizier von dem Streite zwi⸗ ſchen den beiden Edelleuten Nichs wußte. Esmond hatte das verhaßte hübſche Geſicht Mo⸗ hun's nun ſeit neun Jahren nicht mehr geſehen; ſeit jener unglücklichen Nacht, wo ſie nach Leiceſterfield mit einander hingegangen, waren ſie einander nicht mehr zu Geſichte gekommen. Mohun's Geſicht trug jetzt die erniedrigenden Spuren des Verbrechens und der Leiden⸗ ſchaft; es hatte daſſelbe das ängſtliche Ausſehen eines Mannes, der drei Mordthaten, — und wer weiß, wie manche verborgene Schande und Wolluſt, und wie manches geheime Verbrechen auf dem Gewiſſen hat. Mohun machte eine tiefe, obwohl matte Verbeu⸗ gung, und ſchlich ſich hinweg, als unſer Wirth uns alle nach der Reihe einander vorſtellte. Frank Caſtlewvod hatte ihn bis auf dieſen Augenblick nicht erkannt, ſo verändert war der Lord. Dieſer aber kannte den Jun⸗ gen gar gut. Es war intereſſant, die Beiden, insbeſondere aber den jungen Mann anzuſchauen, deſſen Geſicht eine feurige Röthe überzog, als er den verhaßten Namen des Andern hörte, und der in ſeinem ſchlechten Fran⸗ — — 7 — 197 zöſiſch und mit ſeiner knabenhaften Stimme, in welcher ſo viel Unerſchrockenheit lag, ſagte: — „Er habe ſchon längſt den eifrigen Wunſch gehegt, mit my Lord Mo⸗ hun einmal zuſammenzutreffen. 6 Der Andere verbeugte ſich bloß und ging von ihm hinweg. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er allen Streit mit dem Jungen vermeiden wollte. Bei Tiſche ſetzte ſich Esmond zwiſchen ſie. „Der Trufel hole es!“ ſagt Frank. „Warum ſetzeſt Du Dich an den Platz eines Mannes, deſſen Rang dem Deinigen vorgeht? My Lord Mohun ſollte i nachtreten. Ich muß neben my Lord Mohun itzen. Esmond flüſterte Lord Mohun zu, Frank ſei in der Schlacht von Oudenarde am Beine verwundet wor⸗ den, und bat den Andern, doch ja ruhig zu ſein. Auch war er es eine Zeit lang, indem er die vielen Hohn⸗ reden unbeachtet ließ, die der junge Caſtlewvod ihm in's Geſicht warf, — bis endlich my Lord Mohun in Folge mehrerer Geſundheiten, die ausgebracht und ge⸗ trunken worden waren, anfing, etwas benebelt zu werden. „Wollen Sie ſich entfernen, my Lord?“ ſagte Mr. Esmond zu ihm, indem er ihn inſtändigſt bat, daß er den Tiſch verlaſſen möchte. „Nein, bei Gott!“ ſpricht my Lord Mohun. „Ich gehe wegen keines Menſchen auf der Welt.“ Der Lord war jetzt ſchon ziemlich betrunken. Das Geſpräch fiel endlich auf die Verfallenheiten vom vergangenen Tage. Webb hatte den Obergeneral fordern wollen: Webb war auf's Ungerechteſte behan⸗ delt worden. Webb war der tapferſte, ſchönſte, eitelſte Mann bei der ganzen Armee. Lord Mohun aber wußte nicht, daß Esmond Webb's Adjutant war. Der Lord ſing alſo an, einige Geſchichten gegen den General 198 auszukramen, die der neben Esmond ſitzende junge Caſtlewood widerſprach. „Ich mag das nun nicht länger dulden,“ ſagt my Lord Mohun. „Und ebenſo wenig ich, my Lord, ſagt Mr. Es⸗ mond auffahrend. „Die Geſchichte, die my Lord Mo⸗ hun über General Webb zum Beſten gegeben hat, iſt falſch, meine Herren, — ja, falſch, ich wiederhole es.“ Darauf verbeugte ſich Esmond tief vor Lord Mo⸗ hun und verließ, ohne auch nur eine Silbe weiter zu ſagen, den Speiſeſaal. Solche Affairen waren in jenen Tagen beim Mi⸗ litär gar nichts Seltenes. Es befand ſich ein Garten hinter dem Hauſe, und hinaus ging es daher; auch hatte Esmond die ſo eben angeführten Worte noch keine zwei Minuten geſprochen, als ſchon die beiden Gentlemen ihre Röcke ausgezogen hatten, und einander mit ent⸗ blößten Degen gegenüber ſtanden. Hätte nun Capitän Esmond my Lord Mohun ohne Weiteres aus der Welt geſchickt, was ihm vielleicht ein Leichtes geweſen wäre, ſo würde ein Böſewicht ſeinen Lohn bekommen haben, und weiterer Schurkereien über⸗ hoben geweſen ſein; — aber wo iſt der Menſch, der es wagen darf, einen Andern zu beſtrafen? Ich erkläre hier bei meiner Ehre, daß mein einziger Gedanke der war, Lord Mohnn zu verhindern, mit Frank anzubin⸗ den. Das Ende des Duells aber war, daß nach etlichen Gängen my Lord mit einer Wunde heimging, die ihn während dreier Monate verhinderte, den rechten Arm in die Höhe zu heben. „Oh, Harry! Warum haſt Du denn den Schurken nicht umgebracht?“ fragte der junge Caſtlewwod. „Ich kann zwar ohne Krücke nicht gehen; aber ich würde mich mit ihm zu Pferde geſchlagen haben, — mit Degen und Piſtolen.“ Aber Harry Esmond ſagte, „es ſei am Beſten, — — — — 199 wenn man keines Menſchen Leben, nicht einmal das des heimgeſchickten Böſewichts auf dem Gewiſſen habe.“ Und da dieſe Affaire, die nicht über drei Minuten gedauert hatte, nun vorüber war, ſo gingen die Herren zu ihrem Wein, my Lord Mohun aber in ſein Quartier zurück, wo er durch ein Fieber an das Bett gefeſſelt wurde, — ein Fieber, das, wenn es ihn mit fortge⸗ nommen hätte, fernerem Unheil vorgebeugt hätte. Sehr bald nach dieſer Affaire verließ Harry Es⸗ mond mit ſeinen Generale das Lager, um nach London zu gehen, wohin dem Capitän ein gewiſſer Ruf vor⸗ angeeilt war, indem my Lady Caſtlewvod zu Chelſea ihn nicht anders empfing, als wie wenn er ein gewal⸗ tiger Kriegsheld geweſen wäre. Sie gab Mr. Webb zu Ehren ein großes Gaſtmahl, bei welchem der Stuhl des Generals mit Lorbeerzweigen gekrönt war; auch brachte Ihre Ladyſchaft Esmond's Geſundheit aus, welchen Toaſt mein gütiger General ſo gnädig war, durch die wärmſten Lobſprüche zu unterſtützen; auch ließ ſie an dem Tage, wo unſer General den Dank des Parlaments für ſeine tapfere That empfing, wenigſtens vierzig Wagen mit Leuten abgehen, die ihm zujubeln ſollten, in dem Augenblicke, wo er aus dem Hauſe der Gemeinen träte. Auch ließen es die Leute wirklich nicht an Hurrahs und Beifallsrufen fehlen, in welche auch die gebildete Welt einſtimmte; und es war wirk⸗ lich ein prächtiges Schauſpiel, den General den Hut ſchwerken, und ſich verbeugen, und die Hand auf ſeinen Ordensſtern vom Edelmuthe legen zu ſehen. General Webb machte Mr. Esmond mit Mr. St. John, ſowie mit dem ſehr ehrenwerthen Robert Harley, Eſquire, bekannt, indem er in ihrer Mitte aus dem Hauſe heraustrat; auch geruhte er, manche ſchmeichelhafte Bemerkungen über Mr. Esmond's Benehmen während der letzten drei Feldzüge zu machen. Mr. St. John (— der, meinen jungen, unver⸗ gleichlichen Frank Caſtlewood ſtets ausgenommen, das einnehmendſte Aeußere hatte, das ich je geſehen —) ſagte, es habe ihm ſchon früher Capitän Steele von Mr. Esmond erzählt: auch wiſſe er, wie Mr. Esmond dem trefflichen Mr. Addiſon an die Hand gegangen ſei, als dieſer ſein berühmtes Gedicht „die Campagne“ geſchrieben habe. „Dieſes Gedicht iſt eine ebenſo große That, als der Sieg von Blenheim ſelbſt, ſagte Mr. Harley, der als Richter in literariſchen Dingen und als Beſchützer der Literatur berühmt war. Auch mag er Recht haben, obgleich ich für meinen Theil glaube, daß ſich in dem ganzen Gedichte etwa zwanzig ſchöne Verſe befinden, während alles Uebrige ſehr alltäglich, und Mr. Addi⸗ ſons Hymne wohl tauſend ſolche Gedichte werth iſt. Die ganze Stadt war empört über die ungerechte Behandlung General Webb's durch den Herzog, und beklatſchte das Dankvotum, das dem General für ſeinen Wynendaeler Sieg von Seiten des Hauſes der Ge⸗ meinen ward. So Viel iſt gewiß, daß die Einnahme von Lille eine Folge jener glücklichen That, und zugleich eine Demüthigung des alten Königs von Frankreich war, von dem man ſagte, daß ihn der Verluſt dieſer großen Stadt mehr geſchmerzt habe, als irgend einer der Siege, der unſere Truppen über die ſeinigen davon getragen. Auch glaube ich, daß die Frende, welche dieſer Sieg Mr. Webb machte, zu einem nicht gerin⸗ gen Theile aus dem Gedanken entſprang, daß Marl⸗ borough nun um eine große Beſtechungsſumme betro⸗ gen worden, die der Franzoſen⸗König ihm für den Fall verſprochen, daß die Belagerung aufgehoben wer⸗ den würde. Die Feinde des Herzogs gingen ſogar ſo weit, daß ſie die Summe nannten, die demſelben an⸗ geboten worden; und der ehrliche Mr. Webb konnte nicht umhin, bei ſich zu lachen, wenn er bedachte, daß er nicht allein die Franzoſen, ſondern auch Marlborough 201 eſchlagen, und daß er eine Zufuhr von drei Millionen kiittht Thaler abgeſchnitten, die ſchon im Begriffe eweſen, ſich in die unfüllbaren Taſchen des Generaliſ⸗ ſ zu entladen. Als die Gemahlin des Generals beim Abend⸗ empfange der Königin erſchien, drängten ſich alle tory⸗ ſtiſchen Damen glückwünſchend um ſie her⸗ und bildeten ſo einen Schweif, der größer war, als der der Herzo⸗ gin von Marlborough ſelbſt. Auch wurden von allen Häuptern der Tory⸗Partei, die Mr. Webb als einen Heerführer rühmten, der es dem Herzoge in Beziehung auf militäriſches Talent vollkommen gleich thue, zu Ehren des Generals Feſte veranſtaltet; vielleicht benützten ſie bloß den würdigen Soldaten als ihr Werkzeng, während er ſelbſt glaubte, daß ſie bloß die Verdienſte des Heerführers auerkenne⸗ ten. Als der Adjutant und Lieblingsoffizier des Ge⸗ nerals hatte Mr. Esmond auch einigen Antheil an der Popnlarität ſeines Chefs: er wurde Ihrer Majeſtät vorgeſtellt, und, auf die Bitte ſeines dankbaren Gene⸗ rals hin, zum Obriſtlieutenant befördert. Wir dürfen uns verſichert halten, daß eine Familie lebte, bei welchen jedes Glück, das Esmond widerfuhr, einen ſo aufrichtigen Stolz und eine ſo aufrichtige Freude hervorrief, daß er ſeines Theils Gott dankte, ſie ſo glücklich machen zu können. Für dieſe liebevollen Freunde ſchienen Blenheim und Oudenarde bloß unbe⸗ deutende Zwiſchenfälle zu ſein, die der Prinz gehabt; für ſie war Wynendael der Sieg, der den ganzen Krieg krönte. Esmond's Gebieterin wurde es nie müde, Be⸗ richte über die letztgenannte Schlacht anzuhören; und ich glaube wahrhaftig, daß General Webb's Gemahlin eiferſüchtig auf ſie wurde, da der General immer und ewig zu Kenſington war, und über das Thema ſprach, das meiner Gebieterin ſo viel Freude machte. Was den Adjutanten des Generals betrifft, ſo fand 202 ſich ſeine eigene natürliche Eitelkeit ohne Zweifel ge⸗ ſchmeichelt durch das Bischen Ruf, womit ſein gutes Blück ihn bedacht; indeſſen war dasſelbe doch ihm hanptſächlich darum von Werth (— er kann es jetzt wohl ſagen, da er es ſchon lange überlebt hat —), weil ſeine Gebieterin daran Gefallen fand, und weil — vor Allem — Beatrir einen Werth darauf ſetzte. Was die alte vewittwete Vicomteſſe zu Chelſea betrifft, ſo gab es im ganzen engliſchen Reiche gewiß kein altes Weib, das mehr entzückt oder gnädiger ge⸗ weſen wäre, als ſie. Esmond wohnte im Hauſe Ihrer Ladyſchaft, wo die Domeſtiken die Weiſung erhielten, ihn als ihren Herrn anzuſehen. Sie hieß ihn Feſtlich⸗ keiten veranſtalten, deren Koſten ſie allein beſtritt; und Nichts machte ihr mehr Freude, als wenn ſeine Gäſte betrunken in ihren Kutſchen weggeführt werden mußten. Auch wollte ſie ſchlechterdings ſein Porträt haben; und demgemäß wurde er von Mr. Jervas, in rothem Rocke, gemalt (— auf dieſem Porträt lächelte Mr. Esmond eine Bombe an, die an einer Ecke des Gemäldes gerade zerplatzte —). Sie rief Gott und alle Heiligen zu Zeu⸗ gen an, daß ſie nicht ruhig ſterben könnte, wenn er nicht eine große Partie machte, und brachte immer und ewig junge Damen mit hübſchen Geſichtern und mit hübſchem Vermögen, unter denen der Obriſt nur hätte wählen dürfen, nach Chelſea. Letzterer konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, wenn er bedachte, wie ſehr ſich nun das Blatt gewendet, und wenn er ſich noch an jene Zeit erinnerte, da er als zitternder Page vor Ihrer Ladyſchaft geſtanden mit Becken und Gießkanne, oder da er auf ihrem Kutſchen⸗ tritte zuſammengekauert geſeſſen. Die alte Dame fand an ihm Nichts auszuſetzen, als daß er nüchterner war, als ein Esmond — ſo ſagte ſie — ſein ſollte; und daß er ſich weder von ſeinem Bedienten in's Bett führen zu laſſen brauchte, noch auch ſein Herz an eine Schön⸗ 203 heit verlor. Ob letztere aber St. James oder Covent⸗ garden angehört hätte, wäre ihr vielleicht gleichgültig geweſen. Was iſt die Bedeutung der Treue in der Liebe, und woraus entſteht ſolche? Es iſt dieſelbe ein Znſtand des Gemüthes, worein Menſchen verfallen, und der mehr von dem Manne, als von dem Frauenzimmer abhängt. Wir lieben es, verliebt zu ſein: — das iſt die Wahrheit von der ganzen Sache. Hätten wir nicht Johanna gefunden, ſo würden wir Katharine gefunden und ſie angebetet haben. Wir wiſſen, daß die Frauen⸗ zimmer, die wir lieben, weder beſſer, noch hübſcher, noch klüger, noch witziger ſind, als viele andere. Nicht um dieſer Gründe, oder um irgend einer beſonderen Eigen⸗ ſchaft, oder eines beſonderen Reizes willen, ſo mir be⸗ kannt wäre, lieben wir ein Frauenzimmer; wir könnten ebenſo gut verlangen, es ſolle eine Dame das größte Frauenzimmer auf der Welt ſein, gleich der Shropſhirer Rieſin *), als ſie ſolle ein Muſter in jeder andern Be⸗ ziehung ſein, bevor wir ſie zu lieben angefangen. Esmond's Geliebte hatte neben ihren Reizen tau⸗ ſend Fehler: er kannte ſowohl die einen, als die an⸗ dern gar wohl; ſie war herrſchſüchtig, — ſie war leicht⸗ ſinnig, — ſie war phantaſtiſch, — ſie war falſch, — es lag in ihrem Charakter kein Verehrungsſinn; — ſie war in Allem, ſelbſt in Beziehung auf Schönheit, der Contraſt ihrer Mutter, welche das frömmſte und unſelbſt⸗ ſüchtigſte aller Frauenzimmer war. Wohlan! Mit dem erſten Angenblicke, da er ſie zu Walcote auf der Treppe ſah, wußte Esmond, daß er Beatrir liebte. Es konnte beſſere Frauenzimmer geben, — aber er wollte nun ein Mal ſie haben. Jede Andere war ihm gleichgültig. So liebt kein Frauenzimmer: Obriſt Esmond hat ſich zu dieſer Thorheit, und noch dazu in Beziehung auf ein PaarDutzendFranenzimmer, bekannt. — R. 204 Lag der Grund etwa darin, daß ſie ſo überaus ſchön war? So ſchön ſie auch war, ſo hat er doch gar oft Leute in ihrer Geſellſchaft ſagen hören, Beatrixens Mutter ſehe ebenſo jung aus und ſei die ſchönſte von den zweien. Warum bebte ihre Stimme ſo in ſeinem Ohre? Sie konnte bei Weitem nicht ſo gut ſin⸗ gen, wie Ricolini, oder wie Mrs. Tofts; ja, ſie ſang ſogar falſch, und doch machte es ihm mehr Vergnügen, ſie zu hören, als wenn er die heilige Cäcilia ſelbſt ge⸗ hört hätte. Ibre Geſichtsfarbe war nicht ſchöner, als die der Mrs. Steele (— der Frau, die Dick jetzt ge⸗ heirathet hatte, und die ihren armen Mann mit einem eiſernen Stachel regierte —), und doch ward Esmond immer ordentlich verblendet, ſo oft er ſie ſah; er pflegte die Augen zu ſchließen, und ſchon der Gedanke an ſie blendete ihn nicht minder. Sie war im Geſpräche bril⸗ lant und lebhaft, aber nicht ſo unvergleichlich geiſtreich und witzig, wie ihre Mutter, die, wenn ſie aufgeräumt war, die ſchönſten Dinge von der Welt ſagte; — und doch kannte Esmond kein größeres Vergnügen, als ſie zu hören und um ſie zu ſein. Es vergingen ihm, ohne daß er ſelbſt wußte, wie dieß geſchah, bei dieſen Damen ganze Tage. Er ſchüt⸗ tete ſein Herz vor ihnen aus, wie er es in keiner an⸗ dern Geſellſchaſt je zu thun vermochte, wo man ihn all⸗ gemein als einen launiſchen, oder hochmüthigen und ſchweigſamen Menſchen anſah. Dieſe Geſellſchaft *) hatte der Wonne mehr für ihn, als die Geſellſchaft der berühmteſten Schöngeiſter. Möge der Himmel ihm die vielen Lügen verzeihen, die er erſann, um bei der alten Vicomteſſe einen Vorwand zu haben, nach Ken⸗ *) Und ein Gleiches galt von ſeiner Geſellſchaft gegen⸗ über von ihnen: dieſelbe war noch hundert tauſend Mal bezanbernder; denn wo konnte man einen Menſchen ſeines Gleichen finden? — R. 205 ſington zu gehen: da mußte er bald auf dem Feldzeug⸗ meiſteramt erſcheinen; bald mußte er ſich bei ſeinem General einfinden, bei den Levers des Hofes oder dieſes oder jenes Staatsmanns erſcheinen, — Levers, die er nicht beſuchte, aber dennoch getreulich beſchrieb: da mußte er erzählen, wer am Sonntage im Palaſte von St. James, oder am Geburtstage der Königin ein neues Kleid anhatte, wie viele Kutſchen bei Mr. Har⸗ ley's Lever die Straße anfüllten; wie viele Flaſchen er die Ehre gehabt, in der vergangenen Nacht mit Mr. St. John im „Kokosbaume, oder mit Mr. Walpole und Mr. Steele im „Hoſenband“ zu trinken. Miſtreß Beatrix Esmond war wohl ein Dutzend Mal auf dem Punkte geſtanden, große Partien zu ma⸗ chen, — ſo ſagte wenigſtens die Hof⸗Meédiſance; aber Gömond wollte nie die Geſchichten glauben, die man ſich über ſie erzählte, und kam, nach einer Abweſenheit von drei Jahren, zurück, vielleicht zwar nicht ſo wahn⸗ ſinnig verliebt, wie früher, aber immer noch von Sehn⸗ ſucht nach ihr und nach keiner Anderen erfüllt, immer noch voller Hoffnung, immer noch auf den Knien, das Herz in der Hand, damit es die junge Dame anneh⸗ men möchte. Wir befanden uns jetzt im Jahre 1709. Sie war faſt zweiundzwanzig Jahre alt, war drei Jahre am Hofe geweſen, und hatte immer noch keinen Gatten. Wenn ſie noch nicht verheirathet iſt, ſo kommt dieß nicht etwa daher daß man ihr die Ehe noch nicht angetragen hat,“ ſagte Lady Caſtlewvod, mit jenem Scharfblicke, den die Liebe verleiht, auf den Grund von Esmond's Herz ſchauend. „Aber ſie will nun ein Mal keine geringe Partie machen, Harry: ſie will ſich nun ein Mal nicht verheirathen, wie ich es wünſchte; der Perſon, die ich gerne meinen Sohn nennen möchte, — und Henry Esmond weiß, wer dieſelbe iſt, — wird am Beſten dadurch gedient, daß ich ihre Anſprüche nich 206 allzuſehr geltend mache. Beatrix iſt ſo eigenſinnig, daß ſie gewiß Allem widerſtehen würde, was ich durchaus von ihr haben wollte. Der Mann, der ſie zu ſeiner Frau macht, wird mit ihr nie glücklich ſein, es ſei denn, daß er eine hohe Perſon iſt, und daß er ihr zu einer hohen Stel⸗ lung verhelfen kann. Unſerer Beatrix geht Bewunde⸗ rung über Liebe; wornach ſie vor Allem trachtet, iſt die Herrſchaft. Warum ſollte denn eine Mutter von ihrem Kinde alſo ſprechen? Aber Sie ſind auch mein Sohn, Harry. Aber Sie müſſen auch Ihre Schweſter kennen lernen, wie ſie iſt. „Ich dachte, daß die Zeit Sie von Ihrer Leiden⸗ ſchaft heilen möchte, ſetzte my Lady in zärtlichem Tone hinzu. „Es gibt Leute, wie Sie wiſſen, die ſich von dieſer Krankheit heilen können. Aber ich ſehe, Sie ſind noch ebenſo verblendet, wie Sie es nur je waren. Als wir Ihren Namen in der Staatszeitung laſen, ſprach ich für Sie, mein armer Junge. Armer Junge, — ja, ja! Sie werden allmälig zu einem ernſten alten Herrn, und was mich betrifft, ſo bin ich eine alte Frau. „Sie iſt gern Zeugin Ihres Rufes; auch hat ſie Ihre Perſon gern. Sie ſagt, Sie haben Geiſt, und Leben, und feine Bildung, und ſeien natürlicher, als die feinen Herren bei Hofe. Aber es iſt dieß ihr nicht genng. Sie will einen Obergeneral haben, und keinen Obriſten. Würde ein Herzog ſie zu ſeiner Gattin ma⸗ chen wollen, ſo würde ſie auf der Stelle einen Grafen aufgeben, dem ſie die Ehe verſprochen. Ich habe Ih⸗ nen das ſchon früher geſagt. Ich weiß nicht, warum mein armes Mädchen ſo weltlich geſinnt iſt.“ „Wohlan,“ ſpricht Esmond, „ein Mann kann nur ſein Beſtes und ſein Alles geben. Und das bekommt ſie von mir. Das Bischen Ruf, das ich mir erworben, war mir, ich ſchwöre es, nur deßhalb von Werth, weil ich glaubte, daß es für Beatrix einigen Werth hätte. 207 Was liegt mir daran, ob ich Obriſt oder General bin? Glauben Sie wohl, die Nachwelt werde ſich in ein Paar Dutzend Jahren um das Bischen Ehre kümmern, das wir errungen? „Ich wollte mir einigen Ruf erwerben, damit ſie wenigſtens Etwas hätte, womit ſie ſich brüſten könnte. Hätte ich etwas Beſſeres, ſo würde ich es ihr bereit⸗ willigſt geben. Heirathet ſie einen Andern, ſo ſage ich, Gott ſegne ihn. Es fällt mir nicht ein, mich zu rüh⸗ men; und ebenſo wenig denke ich daran, mich zu bekla⸗ gen. Vielleicht glaube ich, daß meine Treue eitel Thor⸗ heit ſei Aber ſo iſt es nun ein Mal. Ich kann nicht dafür. Ich liebe ſie nun ein Mal. Sie ſind tauſend Mal beſſer, — Sie ſind die liebevollſte, ſchönſte, theuerſte aller Frauen. „Fürwahr, theure Lady, ich ſehe alle Fehler Ihrer Beatrix ebenſo gut, als Sie dieſelben ſehen. Aber ſie iſt mein Fatum. Es iſt zu ertragen. Ich werde nicht ſterben, wenn ich ſie nicht bekomme. Ich glaube, daß ich auch nicht im Entfernteſten glücklicher wäre, wenn ich ſie heimführte. Que voulezvous? wie my Lady von Chelſea ſagen würde. Je laime.“ „Ich wollte, Beatrix bekäme Sie,“ ſagte Harry's liebevolle Gebieterin, ihm eine Hand reichend. Und er küßte die ſchöne Hand (— es war das hübſcheſte mit einem Grübchen verſehene Händchen, das man nur ſehen konnte, und obgleich my Lady Caſtle⸗ wood nun beinahe vierzig Jahre alt war, ſo ſchien ſie doch wenigſtens um zehn Jahre jünger zu ſein —). Er küßte und behielt ihre ſchöne Hand, während ſie mit einander ſprachen. „Warum ſollte ſie mich auch anhören?“ ſagte er. „Sie weiß ja, was ich ſagen möchte. Sie weiß, daß, ob nahe oder ferne, ich ihr Sklave bin. Es mag ſein, daß ich mich für ein Nichts verkauft habe. Aber dieß 208 iſt nun ein Mal der Preis, der mir gefällt. Ich bin Nichts werth, oder aber bin ich Alles werth.“ Sie ſind ein ſolcher Schatz,“ geruhte Esmond's Gebieterin zu ſagen, daß die Frau, die Ihre Liebe beſitzt, dieſelbe meines Erachtens nicht einmal gegen ein Königreich austanſchen ſollte. Ich bin zwar nur ein auf dem Lande erzogenes Frauenzimmer, und weiß es nicht, aber es ſcheint mir, die ehrgeizigen Leute, die ſich in der Stadt herumtreiben, ſind höchſt gemein. Nie flößten mir der Rang und der Putz der Herzogin von Marlborough Ehrfurcht ein; auch fürchtete ich nie Etwas, als ihr Temperament,“ ſetzte ſie mit ſchlauem Lachen hinzu. „Ich höre von Hofdamen, die vor Gram vergehen, weil Ihre Majeſtät ſie kalt anſieht; und von hochgeſtellten und reichen Edelleuten, die gerne ein Bein hingäben, wenn ſie am andern den Hoſenbandorden tragen könnten. Dieſer weltliche Sinn, den ich nicht zu begreifen vermag, iſt Beatrixen angeboren, die ſchon den erſten Tag, an dem ſie als Ehrendame eintrat, eine vollkom⸗ mene Hofdame war. Wir ſind wie Schweſtern, und faſt kommt es heraus, als ſei ſie die ältere. Sie ſagt mir, ich habe einen niedrigen Geiſt. Ich lache und antworte ihr, ſie bete eine ſechsſpännige Kutſche an. Ich kann ſie durch keine Vernunftgründe bewegen, ihren Ehrgeiz zu mäßigen. Es iſt dieß nun einmal ihre Natur, gleichwie es mir angeboren iſt, die Ruhe zu lieben und gegen Rang und Reichthum völlig gleich⸗ gültig zu ſein. Was ſind dieſe, Harry? Und wie lange dauern dieſelben? Unſere Heimath iſt nicht hie⸗ nieden“ * Sie lächelte, während ſie ſprach, und ſah wie ein Engel aus, der nur zu einem kurzen Beſuche auf die Erde niedergeſtiegen. Dann fuhr ſie alſo fort: „Unſere Heimath iſt da, wo die Gerechten wohnen, 209 und wohin unſere Sünden und unſer Kummer nicht dringen. Mein Vater pflegte mich zu tadeln und zu ſagen, daß ich allzuviel auf den Himmel hoffete. Aber ſo bin ich nun einmal, und je älter ich werde, um ſo hartnäckiger werde ich in dieſem Stücke; und da ich meine Kinder ſo liebe, ſo liebt uns gewiß unſer Vater im Himmel tauſend und aber tauſend Mal mehr. Es kann nicht anders ſein, als daß wir uns dort ein Mal wieder ſehen, und daß wir dort auf immer glücklich ſind. Ja, Sir — und meine Kinder, und mein theu⸗ rer Gatte. „Wiſſen Sie auch, Harry, daß es mir ſeit ſeinem Tode immer geſchienen hat, als kehre ſeine Liebe wie⸗ der, — jene Liebe, die er mir einſt geweiht, und als ſeien wir nicht mehr getrennt. Vielleicht iſt er jetzt in dieſem Angenblicke um uns, Harry, ja, ich glaube es. Gewiß iſt ihm vergeben, — ich weiß es: ſelbſt Mr. Atterbury gab ihm die Abſolution, und er vergab ſterbend. Oh, welch' edles Herz hatte er! Wie groß⸗ müthig war er! Ich war erſt fünfzehn, und noch ein Kind, als er mich heirathete. Wie gütig war er, daß er ſich bis zu mir erniedrigte! Aber er wor immer gütig gegen die Armen und Niedrigen!“ Dann hielt ſie mit einem ganz eigenthümlichen Ausdrucke plötzlich inne, wie wenn ihre Augen in den Himmel hineinſchaueten, und dort my Lord ſähen. Sie lächelte, ließ ein kleines Lachen hören, und ſagte zum Schluſſe: „Ich lache, daß ich Sie ſehe, Sir; wenn Sie kommen, ſo ſcheint es, als ob Sie nie fortgeweſen wären.“ Man kann Ihre Worte zwar niederſchreiben, und ſich derſelben erinnern; aber wie ſoll man es angreifen, um ihre holden Töne, die ſüßer als Muſik waren, zu beſchreiben? denry Esmond. U. 14 210 Der junge Lord kam, als der Feldzug zu Ende war, nicht nach Hauſe, und ſchrieb, daß der Dienſt ihn zu Brüſſel zurückhalte. Was mich betrifft, ſo glaube ich, daß er damit beſchäftigt war, eine gewiſſe Dame zu belagern, welche zum Gefolge von Madame de Sviſ⸗ ſons, Prinz Eugen's Mutter, gehörte, die ſo eben ge⸗ ſtorben war; und welche, gleich den flämiſchen Feſtun⸗ gen, im Laufe des Krieges unzählige Male erobert und wieder erobert, und von Franzoſen, Engländern und Kaiſerlichen belegt geweſen war. Mr. Esmond erachtete es natürlich nicht für paſſend, Lady Caſtlewvod über das Thun und Laſſen des jungen Böſewichts aufzuklären; auch hatte derſelbe die Affaire mit Lord Mohun mit keinem Worte be⸗ rührt, indem er wohl wußte, wie verhaßt der Name dieſes Mannes ſeiner Gebieterin war. Was aber Frank betrifft, ſo verwandte er weder viel Zeit noch viel Geld auf Dinte und Papier; ſondern ſchrieb, als Harry mit ſeinem General nach England zurückging, bloß ein Paar Zeilen an ſeine Mutter, um ihr zu ſa⸗ gen, daß die Wunde, die er am Beine hatte, faſt ge⸗ heilt ſei; daß er in dem darauf folgenden Jahre den Tag ſeiner Volljährigkeit feiern würde; daß die ſchon erwähnte Pflicht ihn zu Brüſſel zurückhielte, und daß Vetter Harry die Gefälligkeit haben würde, alle in⸗ tereſſanteren Neuigkeiten mündlich zu berichten. Von Brüſſel aus aber ſchrieb ihr my Lord, da er wußte, wie angeuehm es Lady Caſtlewood ſtets war, auf den berühmten neunundzwanzigſten December ei⸗ nen Brief zu bekommen, einen langen und ausführ⸗ lichen, und er mußte darin die Affaire mit Mohun beſchrieben haben; denn als Mr. Esmond in den erſten Tagen des neuen Jahres ſeine Gebieterin beſuchte, ſo kam ſie mit ihrer Tochter zu ſeiner großen Verwunde⸗ rung auf ihn zu, und es grüßten und küßten ihn Beide, ſowie, nach ihnen, anch die verwittwete Vicomteſſe von * 211 Chelſea, die ſich ſo eben von ihrem Dorfe und über die Felder hatte in ihrer Sänfte nach Kenſington bringen laſſen. Nachdem dieſe Ehre ihm, ſage ich, von den beiden Ladies von Caſtlewvod widerfahren war, ſo trat die alte Vicomteſſe mit großer Feierlichkeit auf ihn zu (S ſie trug ihren großartigen hohen Kopfputz ans König Jakob's Zeiten, dem ſie nicht den Abſchied zu geben vermochte —), und ſagte: „Vetter Harry, unſere ganze Familie hat ſich ver⸗ einigt; und wir danken Ihnen, Couſin, für Ihr edles Benehmen gegen das Haupt unſeres Hauſes.“ Sofort deutete ſie auf ihre erröthende Wange, und machte Mr. Esmond bemerklich, daß ihm allda die Wonne eines Kuſſes zu Theil werden würde. Nach⸗ dem er eine Wange geküßt, bot ſie ihm auch die andere hin. Die andern Bamen aber ſagten, einen kleinen Chor bildend: „Vetter Harry, wir danken Ihnen für Ihr edles Benehmen.“ Und da ward es Harry klar, daß die Liller Affaire ſeinen Verwandten zu Ohren gekommen. Es gefiel ihm ungemein, ſich von Allen als ein Glied ihrer Familie begrüßt zu ſehen. Im Speiſeſaale ließ der Zuſtand der Tiſche auf ein großes Gaſtmahl ſchließen; und es waren die Da⸗ men in großer Galla. My Lady von Chelſea war in ihrer größten Tour Merſchienen; — my Lady Vis⸗ cvunteß hatte nicht länger ein ſchwarzes Kleid an, und ſah hübſch und glücklich aus, à ravir; die Ehrendame ihrerſeits war mit all' jener Pracht gekleidet, die ſie ſo ſehr liebte, und trug auf ihrer ſchönen Bruſt den franzöſiſchen Ordensſtern, den Frank nach der Schlacht von Ramillies nach Hauſe geſchickt hatte. *) Aufſatz von falſchen Haaren. 2¹2 „Du ſiehſt, Harry, daß heute Gallatag bei uns iſt, ſagt ſie, ſelbſtgefällig auf den Stern hinunter⸗ blickend: „wir haben unſere Orden angelegt. Sieht nicht Mama charmant aus? Ich bin es, die ſie ange⸗ kleidet!“ Und in der That ſchien Esmond's theure Gebie⸗ terin, die, während er ſie anblickte, erröthete, mit ihrem wunderſchönen blonden Haare, und ihrem eleganten, modiſchen Anzuge die Geſtalt und Farbe eines Mäd⸗ chens von zwanzig Jahren zu haben. Auf dem Tiſche lag ein ſchöner Degen ſammt einer Scheide von rothem Sammet; der Griff war wunder⸗ ſchön und aus getriebenem Silber; die Degenquaſte aber vertrat ein blaues Band. „Was iſt das?“ ſagt der Capitän, darauf zu⸗ gehend, um dieſes hübſche Stück anzuſehen. Miſtreß Beatrix ging darauf zu. „Knie nieder,“ ſpricht ſie: „hiemit ſchlagen wir Dich zu unſerem Ritter —“ und bei dieſen Worten ſchwenkte ſie den Degen über ſeinen Kopf hin — „my Lady von Chelſea hat den Degen hergegeben, und ich gebe das Band her, und Mama hat die Franſe an⸗ genäht.“ „Berühre ihn mit dem Degen, Beatrix,“ ſpricht ihre Mutter. „Sie ſind unſer Ritter, Harry, — unſer ächter, treuer Ritter. Nehmen Sie den Dank und die frommen Wünſche einer Mutter hin, dafür, daß Sie ihren Sohn vertheidigt, mein theurer, theurer Freund!“ Weiter konnte ſie nicht ſagen, und ſelbſt die alte Vicomteſſe war gerührt, denn es ließen ein Paar re⸗ belliſche Thränen deutliche Spuren der Verwüſtung auf den runzeligen, alten Roſen zurück, die Esmond ſo eben hatte küſſen dürfen. „Wir haben erſt vor drei Tagen vom lieben Frank einen Brief bekommen,“ ſagte ſeine Mutter: „Sie waren bei Ihrem Freunde, dem Capitän Steele, zu 213 Hampton, auf Beſuch. Er hat uns darin Alles be⸗ richtet, was Sie gethan, und in welch' edler Weiſe Sie ſich zwiſchen ihn, und jenen — jenen Schurken geſtellt haben.“ „Und von dieſem Tage an adoptire ich Dich,“ ſpricht die alte Vicomteſſe; „und ich wollte nur um Deinetwillen, daß ich reicher wäre, Sohn Esmond,“ ſetzte ſie mit einer feierlichen Handbewegung zu. Und während Mr. Esmond ſich pflichtſchuldigſt vor Ihrer Ladyſchaft auf ein Knie niederließ, hob ſie die Augen zur Zimmerdecke empor (— zu dem vergoldeten Kron⸗ leuchter, ſowie zu den zwölf darin ſteckenden Wachs⸗ lichtern, denn die Geſellſchaft wahr zahlreich —), und rief auf den ſo eben adoptirten Sohn von dort den Segen herab. „Der liebe Frank,“ ſagte die andere Vicomteſſe, „wie liebt er nicht den Soldatenſtand! Er ſtudirt Tag und Nacht die Befeſtigungskunſt. Ich wollte, er wäre hier. Wir werden nächſtes Jahr zu Caſtlewvod ein Feſt veranſtalten, um ſeine Volljährigkeit zu feiern.“ „Wenn der Feldzug es uns erlaubt,“ ſpricht Mr. Esmond. „Ich bin außer Furcht, ſo lange er bei Ihnen iſt, ruft die Mutter des Jungen. „Ich weiß gewiß, daß mein Harry ihn ſtets vertheidigen wird.“ „Aber es wird noch vor dem nächſten Jahre Friede geſchloſſen werden; wir wiſſen es gewiß,“ ruft die Ehrendame. „Lord Marlborvugh wird entlaſſen, und die abſcheuliche LHerzogin von allen ihren Aemtern ent⸗ fernt werden. Ihre Majeſtät mag ſchon jetzt nicht mehr mit ihr ſprechen. Haſt Du ſie ſchon zu Buſhy geſehen, Harry? Sie iſt ganz wüthend, und rast im Parke wie eine Löwin herum, und reißt den Leuten die Augen aus.“ „Und die Prinzeſſin Anna wird nach Jemand 214 ſchicken,“ ſagt my Lady von Chelſea, ihr Medaillon herausziehend und daſſelbe küſſend. „Haben Sie auch zu Oudenarde den König ge⸗ ſehen, Harry?“ fragte ſeine Gebieterin. Sie war eine ſtrenge Jakobitin, und würde ihren König ebenſo wenig, als ihren Gott verlängnet haben. „Ich habe bloß den jungen Hannoveraner geſehen,“ ſprach Harry. „Den Chevalier de St. George, wollen Sie wohl ſagen?“ „Den König, Sir, den König!“ ſagten die Ladies und Miß Beatrix. Und Letztere ſchlug noch ihre hüb⸗ ſchen Hände zuſammen, und rief: „Vive le Roy!“ In dieſem Augenblicke ließ ſich ein donnerartiger Schlag hören, der die Thüren des Hauſes faſt einſtürzen machte. Es war drei Uhr, und es kam die Geſellſchaft; und es ſtand nicht lange an, ſo meldete der Diener Capitän Steele und deſſen Gemahlin an. Capitän und Mrs. Steele, welche zuerſt ankamen, waren von ihrem Landhauſe, der „Hütte zu Hampton Wick, nicht von unſerem Hauſe in Bloomsbury Square,“ wie Mrs. Steele ſich die Mühe nahm, den Damen zu ſagen, nach Kenſington gefahren. Harry ſelbſt war an demſelben Morgen von Hampton weggeritten, es dem Ehepaare überlaſſend, ſich weiter zu balgen; denn durch die Geſellſchaft, die er in ſeinem Bette hatte, ſowie durch den Streit, der in dem anſtoßenden Zimmer wüthete, verhindert, einzuſchlafen, konnte er ſowohl während der Nacht, als während des Morgens die Gardinenpredigt hören, womit Mrs. Steele den armen Dick zu regaliren pflegte. Bei Nacht hatte die Sache nicht ſo Viel zu be⸗ deuten; denn der Schuldige, Dick, war dann beſoffen, und ſo lange er ſich in dieſem glückſeligen Zuſtande be⸗ fand, vermochte kein Schmähen ſeinem wohlwollenden Weſen ein Ende zu machen. Mr. Esmond konnte hören, wie Dick in jener Weiſe, die Solchen eigen iſt, welche 215 zu viel Punſch und Bordeaux getrunken, ſeine geliebte Prue liebkoſend anredete, und wie er ſie inſtändigſt bat, ſie möchte doch nicht vergeſſen, daß ein ho —er Offi— zier von der k— königlichen Ar — mee da wäre, der Alles hörte. Nichts deſto weniger aber fuhr ſie fort, zu ſchmähen, und ihn einen beſoffenen, liederlichen Geſellen zu nennen; auch unterbrach ſie dieſe ihre Reden nur dann, als ſie gewahr wurde, daß der Capitän ſchnarchte. Als der Morgen graute, erwachte das unglückliche Opfer mit einem heftigen Kopfweh; das Bewußtſein war indeſſen zurückgekehrt, und nun ſpann ſich der in der Nacht gepflogene Dialog fort. Dick's Ehehälfte ſagte unter Anderem: „Warum bringſt Du denn Capitäne zum Eſſen mit, wenn Du doch weißt, daß auch nicht eine Gnince im Hauſe iſt? Wie ſoll ich Diners geben, wenn Du — ich auch nicht einen Shilling habe? Wie ſoll ich in meinem gelben Atlaßüberwurfe vor all' der feinen Ge⸗ ſellſchaft zu Kenſington erſcheinen? Ich habe Nichts, was ich anziehen könnte; nie, nie habe ich Etwas an⸗ zuziehen.“ Und ſo ſpann ſich der Streit fort. Mr. Esmond unterbrach das holde Zwiegeſpräch, wenn es gar zu“ intim werden zu wollen ſchien, dadurch, daß er ſo laut, wie nur möglich, ſich ſchneuzte, und richtig folgte immer eine kleine Pauſe, ſo oft der Schall dieſer Trompete ſich hören ließ. Allein Dick war charmant, obgleich ſeine Frau odihs warz und um Mr. Steele Vergnügen zu machen, luden die Ladies von Caſtlewvod, die bei der fafhionablen Welt in nicht geringem Anſehen ſtan⸗ den, Mrs. Steele ein. Außer dem Capitän und ſeiner Frau hatten ſich noch viele und vornehme Perſonen eingefunden, weß⸗ halb my Lady von Chelſea ihre Lakaien und Lipreen geſchickt hatte, um bei der beſcheidenen Haushaltung in 216 Kenſington auszuhelfen. Da hatte ſich Generallieute⸗ nant Webb, Harry's freundlicher Gönner, eingefunden, den die alte Vicomteſſe in Beſchlag nahm, und der in Sammet und goldenen Treſſen glänzte; da war Harry's neuer Bekannter, der ſehr ehrenwerthe Henry St. John, Eſquire, ein Verwandter des Generals, der von Lady Caſtlewood ſogar noch mehr bezaubert ward, als von ihrer Tochter; da war ferner einer der erſten Edelleute des Königreichs, der ſchottiſche Herzog von Hamilton, der ſo eben erſt zum Herzoge von Brandon, in Eng⸗ land, ernannt worden war, ſowie noch zwei andere edle Lords von der Tory⸗Partei, my Lord Aſhburn⸗ ham, und noch ein anderer, deſſen Namen ich vergeſſen habe Und was die Damen betrifft, ſo hatten ſich ein⸗ gefunden; Ihre Gnaden die Herzogin von Ormonde mit ihren Töchtern, die Lady Mary, und die Lady Betty, — Erſtere eine Collegin von Miſtreß Beatrix, und Ehrendame der Königin. Welche Geſellſchaft! Lauter Tories!“ flüſterte Capitän Steele ſeinem Freunde Esmond zu, als wir, vor dem Diner, in dem Parlour verſammelt waren. Und in der That gehörte die ganze Geſellſchaft, Steele ausgenommen, der genannten Faction an. Mr. St John fand ſich bemüßigt, Mrs. Steele ganz beſondere Complimente zu machen; auch bezau⸗ berte er ſie dermaßen, daß ſie erklärte, ihr Steele müſſe nun auch ein Tory werden, — ſie werde es ſchon da⸗ hin zu bringen wiſſen. „Oder ſoll ich, Ihnen zu Gefallen, ein Whig werden?“ ſagt Mr. St. John. „Ich glaube, Madame, daß Sie aus einem Manne Alles machen könnten.“ „Wenn Mr. St. John ein Mal nach Bloomsbury Square kommt, werde ich ihm zeigen, was ich kann,“ ſagt Mrs. Steele, ihre ſchönen Angen niederſchlagend. „Wiſſen Sie, wo Bloomsbury Square liegt? „Ei, ei! Es iſt gerade, als wenn Sie mich frag⸗ „ 217 ten, ob ich wiſſe, wo die Maille, wo die Oper ſei, — welches die berühmteſte Schönheit ſei. Ei, Bloomsbury repräſentirt die höchſte Stufe der Mode,“ ſagt Mr. St. John. „Es iſt rus in urbe. Sie haben bis nach Hampſtead Nichts als Gärten, — überall umgeben Sie Paläſte, — Southampton Houſe und Montague Houſe.“ „Wohin Ihr Elende gehet, um Eure Duelle aus⸗ zufechten,“ ruft Wrs. Steele. „Woran die Damen einzig und allein ſchuld ſind!“ ſagt der Andere. „Madame, ſchlägt ſich Dick gut? Wie charmant der Tatler doch iſt! Wir alle erkannten Ihr Porträt in der neun und vierzigſten Nummer, und ſeitdem ich dieſelbe geleſen, konnte ich kaum den Au⸗ genblick erwarten, wo ich Sie kennen lernen würde. Man muß geſtehen, Aſpaſia iſt die erſte von dem ſchö⸗ nen Orden der Liebe. Heißt es nicht ſo? „Bei dieſer Dame von vollendeter Bildung iſt Liebe die ſtete Wir⸗ kung, obgleich dieſelbe nie die Abſicht iſt; und obgleich ihre Miene weit mehr Einnehmendes, als Gebieteriſches hat, ſo bewirkt doch ſchon ihr bloßer Anblick, daß ein Menſch von lockerem Lebenswandel alsbald in ſich geht; und ſie lieben, heißt: ſich freiſinnig erziehen laſſen.“ „Ei, ei! Steht das wirklich darin?“ ſagt Mrs. Steele, die auch nicht ein Wort von dem zu verſtehen ſchien, was der Gentleman geſagt hatte. „Wie wäre es auch wohl möglich, unter der Lei⸗ tung einer ſolchen Lehrerin kein vollendeter Gentleman zu werden?“ ſagt Mr. St. John, immer noch galant und ſich verbengend. „Was Lehrerin! Was Sie da nicht ſagen, Sir?“ ruft die Dame. „Meinen Sie mich damit, Sir, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich die Frau des Capitäns und keine Lehrerin bin.“ „Ei, freilich, wir Alle wiſſen das wohl,“ antwor⸗ 218 tete Mr. St. John, ſeine Lachluſt ſehr gravitätiſch be⸗ kämpfend. Hier aber fiel Steele ein mit den Worten: „Ich hatte, als ich jenen Artikel ſchrieb, nicht Mrs. Steele im Auge, — obgleich ſie gewiß jedes Compli⸗ ment verdient, das ich ihr nur machen kann, — ſon⸗ dern Lady Elizabeth Haſtings.“ „Ich war immer der Meinung, jener Artikel rühre von Mr Congreve her,“ ruft Mr. St. John, zeigend, daß er von der Sache mehr wiſſe, als er Mr. Steele gegenüber zu wiſſen vorgab; auch war er das Original, das Mr. Bickerſtaffe porträtirte. „Tom Borer hat in ſeinem Obſervator das geſagt. Tom's Orakel macht oft gewaltige Böcke,“ ruft Steele. „Mr. Boxer und mein Mann waren einſt Freunde, und als der Capitän am Fieber darniederlag, konnte Niemand freundlicher ſein, als eben dieſer Mr. Boxer, der ihn täglich beſuchte, und auch Pr. Arbuthnot mit⸗ brachte, welcher ihn curirte,“ flüſterte Mrs. Steele. „Ei, ei Madame! Wie außerordentlich intereſſant!“ ſagt Mr. St. John. „Als aber die neueſte Komödie des Capitäns ge⸗ ſpielt wurde, nahm Mr. Boxer gar keine Notiz dapon, — Sie wiſſen, er iſt Mr. Congreve's Mann, und läßt ſich nie herbei, über das andere Haus auch nur ein Wort zu ſagen; — und das machte meinen Mann böſe.“ „Oh! Mr. Boxer iſt alſo Mr. Congreve's Mann!“ ſagt Mr. St. John. „Mr. Congreve hat ſelbſt Geiſt genug,“ ruft Mr. Steele aus. „Es hat gewiß noch Niemand gehört, daß ich je auf ihn oder auf irgend einen Andern neidiſch geweſen.“ „Wie ich höre, ſo iſt Mr. Addiſon als Schöngeiſt und als Poet gleich berühmt,“ ſpricht Mr. St. John. 219 „Iſt es wahr, daß ſeine Hand auch in Ihren Tatler zu finden iſt, Mr. Steele?“ 2 „Sowohl im Erhabenen, als im Humoriſtiſchen kommt ihm Niemand gleich,“ ruft Steele. 4 „Ich frage den Teufel nach Deinem Mr. Addiſon, Dick!“ ruft ſeine Frau; „was ſchere ich mich um ei⸗ nen Mann, der immer ſo vornehm thut, und den Kopf ſo hoch trägt. Hoffentlich denkt Ew. Ladyſchaft wie ich: ich kann ſo überaus blonde Männer mit weißen Augenwimpern nicht leiden, — mir gefällt ein Mann mit ſchwarzen Haaren (— ſämmtliche ſchwarzhaarige Männer, die um den Tiſch verſammelt waren, klatſchten Beifall, und verbengten ſich gegen Mrs. Steele für die⸗ ſes Compliment —). Was dieſen Mr. Addiſon be⸗ trifft,“ fuhr ſie fort, „ſo kommt er bisweilen zum Ca⸗ pitän, um mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen; aber nie ſpricht er auch nur eine Silbe mit mir; und dann ge⸗ hen ſie Beide benebelt die Treppe hinauf, um eine Taſſe Thee zu trinken. Ich kann mich noch Deines Mr. Addiſon erinnern, wie er nur einen Rock und einen Gott hatte, — und der Rock war dazu noch geflickt, und hatte einen Flecken am Elbogen.“ „Ei, ei, — einen Flecken am Ellbogen! Sie in⸗ tereſſiren mich,“ ſagt Mr. St. John. „Es gibt doch wahrlich nichts Charmanteres, als durch die charmante Frau eines Schriftſtellers von einem andern Schrift⸗ ſteller zu hören.“ „Ach Gott! Ich könnte Ihnen von dieſen Leuten gar Viel erzählen,“ fährt die Dame, mit der geläufigen Zunge, fort. „Wiſſen Sie auch, was der Capitän jetzt hat? — Einen kleinen, buckeligen Kerl, — ein Weſen, das wahrlich nicht größer iſt, als ein ordentlicher Dau⸗ men, und das er einen Poeten nennt, — einen kleinen, papiſtiſchen Balg!“ „Pſt, es ſind zwei Perſonen im Zimmer, die auch Papiſten ſind,“ flüſtert ihr Geſellſchafter. 220 „Ei, ich nenne ihn eben papiſtiſch, weil ſein Name Pope') iſt“ ſagt die Dame. „Es iſt dieß ſo meine Art, zu ſpaſſen. Und dieſer Zwerg von einem Kerl hat ein Paſtoral⸗Gedicht geſchrieben, — in dem von Nichts als von Schäfern und Schäferinnen die Rede iſt, wiſſen Sie.“ „Ein Schäfer ſollte auch einen kleinen Schäferſtab haben,“ ſagt meine Gebieterin von dem Ende des Tiſches herauf lachend, an dem ſie ſaß; worauf Mrs. Steele erwiderte: „ſie könne darüber keine Auskunft geben; ſo Viel aber wiſſe ſie, daß der Capitän dieſes ſeltſam kleine Geſchöpf mit nach Hauſe gebracht habe, als ſie mit ihrem erſten Knaben im Wochenbette gele⸗ gen; auch danke ſie ihrem Schöpfer dafür, daß er nicht bälder gekommen; und Dick ſchwatze immer von ſeinem Genus, wie er überhaupt immer für dieſen oder jenen Unſinn eingenommen ſei.“ „Welche Nummer des Tatler gefällt Ihnen am Meiſten, Mr. Steele?“ fragt Mr. St. John. „Oh, was das anbelangt, ſo habe ich nur eine geleſen; und ich glaube, daß Alles nur ein Haufen ſchlechten Zeugs iſt, Sir,“ ſagt die Dame. „So viel dummes Geſchwätz über Bickerſtaffe, und Diſtaff**), und Quarterſtaff““*), und dergleichen! Da ſehen Sie, wie der Capitän dem Burgunder zuſpricht! Ich weiß, er iſt benebelt, ehe er noch zu trinken aufhört. — Ca⸗ pitän Steele!“ „Es gilt Deine ſchönen Augen, meine Liebe!“ ſagt der Capitän, auf's Neue trinkend. Es ſchien der⸗ ſelbe ſeine Frau charmant zu finden, und alle ſatyriſchen *) Papſt. **) Spinnrocken, Kunkel, das weibliche Geſchlecht. ***) Eine Art kurzen, dicken Stabes. 221 Complimente, die Mr. St. John ihr machte, als baate Münze anzunehmen. Während dieſer ganzen Zeit hatte die Ehrendame Mr. Esmond zum Sprechen bringen wollen, und den⸗ ſelben ohne Zweifel bei ſich für einen langweiligen Geſellen erklärt. Denn er kam gerade in dem Augen⸗ blicke, als er den leeren Platz einnehmen wollte, in Folge eines Verſehens weit von Beatrix weg zuſißen, die zwiſchen Seiner Gnaden und my Lord Aſhburnham ſaß, ihre hübſchen weißen Achſeln zuckte, und ihrem Vetter einen Blick zuwarf, gleich als wollte ſie ſagen: „Habe Mitleiden mit mir!“ Indeſſen ſtand es nicht lange an, ſo hatte zwiſchen dem Herzoge und ſeiner jungen Nachbarin ſich ein ſehr lebhaftes und inniges Geſpräch entwickelt. Miſtreß Beatrix konnte ebenſo wenig umhin, ihre Augen ſpielen zu laſſen, als die Sonne umhin kann, zu ſcheinen, und denjenigen, die ſie beſcheint, warm zu machen. Das Diner kam Esmond ſchon lang vor, ehe man noch mit dem erſten Gange recht fertig war; als die Suppe kam, glaubte er, ſie müßten bereits ſeit mehreren Stun⸗ den bei Tiſche ſein: und was die Süßigkeiten und die Gelées betrifft, ſo kam es ihm vor, als ob man damit gar nicht mehr fertig werden würde. Endlich erhoben ſich die Damen, und es warf Beatrir, als ſie wegging, ihrem Herzoge einen Par⸗ therblick zu. Es wurde eine friſche Flaſche ſammt Gläſer herbeigebracht; und nun galt es, eine Geſund⸗ heit nach der andern zu trinken. Mr. St. John for⸗ derte Seine Gnaden den Herzog von Hamilton, ſowie die übrige Geſellſchaft auf, auf das Wohl Seiner Gna⸗ den des Herzogs von Brandon zu trinken. Ein ande⸗ rer Lord brachte General Webb's Geſundheit aus, mit dem Zuſatze: „Möge er das Commando erhalten, das der tapferſte Offizier auf der Welt verdient!“ Mr. Webb dankte der Geſelſſchaft, machte ſeinem Adjutanten Com⸗ plimente, und ſchlug ſeine ganze berühmte Schlacht noch ein Mal „Il est fatigant, flüſtert Mr. St. John, „avee 8a trompette de Wynendael“ Capitän Steele, der nicht zu unſerer Partei ge⸗ hörte, brachte in loyaler Weiſe die Geſundheit des Her⸗ zogs von Marlborvugh, des größten Generals, den ihre Zeit aufzuweiſen hätte, aus. „Ich trinke von ganzem Herzen auf das Wohl des größten Generals,“ ſagt Mr. Webb; „als General hat er ſeines Gleichen nicht: darüber läßt ſich wohl nicht ſtreiten. Ich trinke auf das Wohl des Generals und nicht auf das des Herzogs, Mr Steele.“ Und der kräftige alte Herr leerte ſein bis an den Rand gefülltes Glas; was Dick damit erwiederte, daß er zwei Gläſer hinter einander füllte und leerte, das eine zu Ehren des Generals, das andere zu Ehren des Herzogs. Uind nun ſtand Seine Gnaden der Herzog von Hamilton auf und brachte mit feuerſprühenden Augen — wir Alle hatten ziemlich viel getrunken —) die Ge⸗ ſundheit der liebenswürdigen, unvergleichlichen Miſtreß Beatrix Esmond aus. Wir Alle tranken dieſelbe ju⸗ belnd, und my Lord Aſhburnham zeichnete ſich durch einen ganz beſonders enthuſiaſtiſchen Jubelſchrei aus. „Wie Schade iſt es doch, daß es ſchon eine Her⸗ zogin von Hamilton gibt!“ flüſtert St. John, der mehr Wein trank, und doch noch feſter auf den Beinen war⸗ als die meiſten Andern. Sofort traten wir in den Salon, wo die Damen bereits beim Thee ſaßen. Was den armen Dick betrifft, ſo mußten wir ihn eben im Speiſeſaale zurücklaſſen⸗ wo er Verſe aus der „Campagne“ hervorſchluchzte, worin der größte Dichter den größten General der Welt geprieſen. Eine halbe Stunde darauf fand Harry Es⸗ 2235 mond ihn noch mehr betrunken, denn ſchon weinte er über die Verrätherei des Tom Boxer. Für den armen Harry war trotz der großartigen Beleuchtung der Salon ganz dunkel. Beatrix ſprach kaum einige Worte mit ihm. Als ſich der Herzog ent⸗ fernte, machte ſie ſich an den ihm an Rang zunächſt Stehenden, und ſetzte dem jungen Lord Aſhburnham mit dem ganzen Feuer ihrer Augen, und mit all' dem Zauber ihres Geiſtes zu. Der größte Theil der Geſellſchaft war jetzt mit dem edlen Kartenſpiele beſchäftigt, und es ſtand nicht lange an, ſo verabſchiedete ſich Mr. St. John, nachdem er Mrs. Steele ins Geſicht gegähnt, die er nun nicht län⸗ ger verfolgen mochte, und nachdem er in ſeiner brillan⸗ teſten, lebhafteſten Weiſe mit Lady Caſtlewood geſpro⸗ chen, die er für wunderſchön erklärte, und an der er eine weit höhere Art von Schönheit fand, als an ihrer Tochter. Die übrige Geſellſchaft folgte bald nach; der letzte war my Lord Aſhburnham, der feurige Blicke auf die lächelnde junge Verſucherin warf, die ſchon mehr Herzen bezaubert hatte, als das ſeinige. Ohne Zweifel hi lt Mr. Esmond, als ein Ver⸗ wandter vom Hauſe, es für paſſend, der allerletzte zu ſein: er war noch da, als die Wagen bereits wegge⸗ rollt waren, — als die Sänfte und die Fackeln ſeiner verwittweten Tante ſchon in der Dunkelheit nach Chel⸗ ſea hin gezogen, und die gewöhnlichen Menſchenkinder zu Bette gegangen waren, die nach dem Square gelockt worden, um die ungewöhnliche Menge von Sänften und Wagen, Lakaien und Fackelträgern anzugaffen. Der arme Menſch blieb noch einige Minuten da, um zu ſehen, ob das Mädchen denn nicht ein kleines Lächeln, oder ein tröſtendes Wort zum Abſchiede für ihn hätte. Aber der Enthuſiasmus, den ſie am Mor⸗ gen gezeigt, war bereits ganz erſtorben; oder aber be⸗ liebte ſie, in einer andern Lanne zu ſein. Sie fing 224 an, über die quatſchelige Perſönlichkeit der Lady Betty Scherze zu machen, und ſuchte die gemeinen Manieren von Mrs. Steele nachzuäffen; und dann bewegte ſie ihre kleine Hand nach dem Munde hin und gähnte, und zündete eine Kerze an, und zuckte die Achſeln, und machte Mr. Esmond einen trotzigen Knicks, und ſegelte ab, um in's Bett zu gehen. „Der Tag fing ſo gut an, daß ich ſchon gehofft hatte, es würde derſelbe beſſer enden,“ — das war der ganze Troſt, den der arme Esmond von ſeiner liebe⸗ vollen Gebieterin bekommen konnte. Und während er in der Finſterniß allein nach Hauſe tappte, dachte er, bittere Wuth im Herzen, und faſt mit einem Gefühle der Empörung über das Opfer, das er gebracht: — „ſie würde mich nehmen, wenn ich ihr nur auch einen Namen geben könnte. Hätte ich ihrem Vater jenes Verſprechen nicht gegeben, ſo hätte ich nun meinen Rang und damit auch die Erkorene meines Herzens.“ Es will mich bedünken, daß die Eitelkeit bei Men⸗ ſchen ſtärker iſt, als jede andere Leidenſchaft; denn ich erröthe ſoggr jetzt noch, wenn ich an die Erniedrigung denke, die ich mir damals gefallen ließ, und die mich ſogar noch in der Erinnerung ſchmerzt, obgleich das Fieber getäuſchten Verlangens ſchon ſeit mehr, als zwei Mal zwölf Jahren vergangen iſt. Ich möchte wohl wiſſen, ob, wenn die Nachkommen deſſen, der dieſes ſchreibt, ein Mal dieſe Memviren leſen, dieſelben auch ſchon eine ähnliche Niederlage und Schmach er⸗ fahren haben? Werden auch ſie vor einem Weibe ge⸗ kniet haben, das ſie angehört, und mit ihnen geſpieit, und ſie verlacht, — das mit ihren Reizen und Lieb⸗ koſungen, und mit einem aus ihren Angen lächelnden Ja ſie betrogen, daß ſie ſich vor ihr auf die Knie ge⸗ worfen, und das ihnen dann den Rücken zugewendet, und ſie ſich ſelbſt überlaſſen hat? All' dieſer Schmach 225 mußte Mr. Esmond ſich unterwerfen; — und er unter⸗ warf ſich, und empörte ſich, um einen Augenblick dar⸗ auf wieder zu kriechen, und ſich wieder zu erniedrigen. Nach dieſem Feſte hörte man den Wagen des jun⸗ gen Lord Aſhburnham immer in Kenſington Square; ſeine Mutter beſuchte Esmond's Gebieterin, und ſo oft es in der Stadt eine Aſſemblée gab, bei der die Ehren⸗ dame erſchien, konnte man ſo ziemlich verſichert ſein, dort den jungen Gentleman in einem nagelneuen Kleide und in all' dem Putz zu ſehen, den ſein Schneider oder Sticker ihm verſchaffen konnte. My Lord überhäufte Mr. Esmond immer mit Complimenten: er lud ihn zum Eſſen ein, bot ihm Pferde zum Reiten an, und gab ihm tauſend ſeltſame Zeichen der Achtung und des Wohlwollens. Endlich ſtürzt my Lord eines Abends im Kaffee⸗ hauſe, wohin er mit ungewöhnlich geröthetem Geſichte und vom Wein ziemlich aufgeregt kam, auf Mr. Esmond zu, und ruft aus: „Wünſchen Sie mir Glück, mein theuerſter Obriſt: ich bin der glücklichſte unter den Sterblichen!“ „Der glücklichſte unter den Sterblichen bedarf kei⸗ nes theuerſten Obriſten, um ihm noch Glück zu wün⸗ ſchen,“ ſagt Mr. Esmond. „Was iſt denn aber, wenn ich fragen darf, der Grund dieſes höchſten Glücks?“ „Sie haben alſo nicht davon gehört?“ antwortete er. „Wie, Sie wiſſen Nichts davon? Ich dachte, die Familie hätte Ihnen Alles geſagt: die anbetungswür⸗ dige Beatrix hat — hören Sie — verſprochen, die Meinige zu werden.“ „Was hat ſie verſprochen?“ ruft Mr. Esmond aus, der noch an demſelben Morgen glückliche Stunden bei Beatrixen zugebracht, — der fü⸗ e Verſe gedichtet hatte, die ſie am Klaviere geſungen. „Ja, es iſt ſo, wie ich ſage,“ enthegnete der junge Henry Esmond. I. 15 226 Lord; „ich habe ihr heute meine Aufwartung gemacht. Ich ſah Sie nach Knightsbridge hingehen, als ich in meinem Wagen vorüberfuhr; und ſie ſah ſo liebens⸗ würdig aus, und ſprach in ſo freundlicher Weiſe, daß ich nicht umhin konnte, vor ihr auf die Knie niederzu⸗ fallen und — und — gewiß bin ich der glücklichſte Menſch, den es auf der ganzen Welt gibt; und ich bin noch gar jung; aber ſie ſagt, ich werde älter werden; und Sie wiſſen, ich werde in vier Monaten volljährig; und der Altersunterſchied zwiſchen uns Beiden iſt ſehr klein; und ich bin ſo unendlich, — ſo unendlich glück⸗ lich. Ich möchte der Geſellſchaft Etwas aufwichſen.“ Wir wollen eine Flaſche — ein Dutzend Flaſchen kom⸗ men laſſen, und die Geſundheit des ſchönſten Frauen⸗ zimmers, das England beſitzt, trinken.“ Esmond ließ den jungen Lord ein Glas nach dem andern hinunterſtürzen, und ſchlenderte nach Kenſington hinüber, um zu fragen, ob die Sache ſich wirklich alſo verhielte. Und der junge Lord hatte nur zu wahr geſprochen; das traurige, von Mitleid erfüllte Geſicht von Esmond's Gebieterin ſagte ihm Alles; und dann erzählte ſie ihm Alles, was ſie von der Sache wußte, und ſagte ihm, wie der junge Lord ihrer Tochter Bea⸗ trix erſt noch am vergangenen Morgen die Ehe ange⸗ tragen, eine halbe Stunde, nachdem Esmond hinweg⸗ gegangen, und zwar in dem nämlichen Zimmer, wo das von Esmond verfaßte Gedicht, das Beide mit einander geſungen, noch auf dem Klaviere gelegen habe. Drittes Buch. Bee das Ende von Mr. Esmond's Abenteuern in England enthält. Erſtes Rapitel. Ende meiner Schlachten und Wunden. Jenes fieberhafte Verlangen, ein Bischen Ruhm zu erwerben, wich jetzt vielleicht von Esmond, da er einen Theil ſeines Wunſches erreicht, und da der große Beweggrund ſeines Ehrgeizes nicht mehr exiſtirte. Wenn er nach militäriſchen Ehren getrachtet hatte, ſo war es deßhalb geſchehen, weil er glaubte, daß er da⸗ durch in Beatrixens Augen ein größerer Mann werden würde. Es war dieß nach Adel und Reichthum die einzige Art von Rang, die ſie ſchätzte. Es war der Einſatz, der ſich am Geſchwindeſten gewinnen oder auch verlieren ließ; denn das Jus iſt ein Spiel, das gar lange dauert, und zu deſſen gehöriger Erlernung ein ganzes Leben erforderlich iſt: und wäre es dem armen Menſchen eingefallen, ſich als Gelehrter oder als Geiſt⸗ licher hervorzuthun, ſo würde dieß ſeine Plane nicht im Geringſten gefördert haben. So blieb denn nur eine Farbe, die rothe, und dieſe ſpielte er; und dieß war in Wirklichkeit der Grund ſeiner raſchen Beförde⸗ rung; denn er ſetzte ſich mehr aus, als die meiſten Andern, und ſetzte mehr auf's Spiel, um mehr zu ge⸗ winnen. Iſt er wohl der einzige Menſch, der ſein Leben für einen Einſatz auf's Spiek geſetzt, welcher vielleicht gar nicht ſo viel werth iſt, daß man ihn zu gewinnen ſucht? 230 Ein Anderer ſetzt ſein Leben (— und bisweilen ſogar auch ſeine Ehre —) an einen Pack Banknoten oder an eine Elle blauen Bandes, oder an einen Parlamentsſitz; Einige thun es auch bloß um des Vergnügens und der mit der Sache verbundenen Aufregung willen, gleich⸗ wie an die hundert Jäger einander zu überſchreien und zu überjagen ſuchen bei der Verfolgung eines ſchmutzi⸗ gen Fuchſes, welcher als Preis dem vorderſten, glück⸗ lichen Sieger zufällt. Als Obriſt Esmond wahrnahm, daß Beatrir ſich verſprochen, ergab er ſich in ſein Schickſal, und war entſchloſſen, ſeinen Degen in die Scheide zu ſtecken, der ihm nun Richts mehr verſchaffen konnte, was ihm werth geweſen wäre. In dieſer trübſeligen Stimmung ent⸗ ſchloß er ſich, das Regiment zu verlaſſen, zur großen Freude des ihm an Rang unmittelbar nachſtehenden Capi⸗ täns, der ein junger Herr von ſchönem Vermögen war, und Mr. Esmond bereitwilligſt tauſend Guineen für ſeine Majorsſtelle in Webb's Regiment zahlte, und im nüchſten Feldzuge blieb. Vielleicht hätte Esmond das Schickſal deſſelben nicht allzu ungern getheilt. Er war mehr denn je der Ritter von der traurigen Geſtalt. Seine trübſelige Stimmung hätte ihn ſeinen unter den Zelten wohnen⸗ den Freunden vollkommen verhaßt machen müſſen; denn es iſt ja jedermänniglich bekannt, daß man im Felde nur einen luſtigen Kameraden gern ſieht, und daß man einen traurigen Krieger auslacht, der immer und ewig nach der zu Hauſe weilenden Dulcinea ſeufzt. Die beiden Ladies von Caſtlewvod billigten Mr. Esmonds Entſchluß, die Armee zu verlaſſen; auch ſein gütiger General hatte Nichts dagegen einzuwenden, und war bei der käuflichen Uebertragung ſeiner Stelle be⸗ hülflich, wodurch ein hübſches Stück Geld in ſeine Taſche kam. Als aber der Obergeneral nach England zurückkam, und ſich wider ſeinen Willen genöthigt ſah, Generallieutenant Webb das Commando einer Diviſion der in Flandern ſtehenden Armee zu übertragen, drang der Generallieutenant lange in Obriſt Esmond, daß er ſein Adjutant und militäriſcher Secretär werden möchte. Esmond konnte den Bitten ſeines gütigen Be⸗ ſchützers nicht widerſtehen, und zog abermals in's Feld, ohne dieſes Mal bei einem Regimente eingetheilt zu ſen er ſtand aber unter Webb's unmittelbarem Be⸗ ehle. In welch' unaufhörlicher Qual und Furcht müſſen nicht die ſanften Frauen und Matronen in jenen furcht⸗ baren Tagen geſchwebt haben, wo jede Nummer der Staatszeitung über Todesfälle und Schlachten berich⸗ tete, und wo, ſo bald die erſte Angſt vorüber war, und man die geliebte Perſon außer Gefahr wußte, man immer noch im Zweifel war, ob nicht eine Schlacht geliefert werden würde, worüber die nächſte flandriſche Poſt berichten würde! Und ſo mußten denn die armen, zärtlichen Geſchöpfe während des ganzen Feldzuges in Furcht und Angſt ſchweben. Wie groß aber auch dieſe Angſt von Seiten der Gebieterin Esmond's ſein mochte (— und dieſe zärt⸗ lichſte aller Frauen muß dieſelbe ſtärker empfunden haben, als jede andere, da ſie, wie ſie ſich ausdrückte, zwei Söhne bei der Armee ſtehen hatte —), ſo zeigte ſie dieſelbe doch nie äußerlich, ſondern verheimlichte ſie, wie ſie auch ihre Frömmigkeit und ihre Mildthätigkeit verbarg. Rur zufällig fand Esmond, als er ein Mal in Kenſington umherwandelte, ſeine Gebieterin aus einer gering ausſehenden Hütte herauskommen; und ſo hörte er, daß ſie ein Paar Dutzend armer Leute hatte, die ſie in ihrer Armuth und Krankheit beſuchte und tröſtete, und die täglich ſie ſegneten. Tagtäglich fand ſie ſich früh Morgens beim Gottesdienſt ein (— ob⸗ gleich ſie, insbeſondere an Sonntagen, in ihrem beſchei⸗ denen Hauſe alle Art von Luſtbarkeit und unſchuldiger 232 Fröhlichkeit ermuthigte und beförderte —); und zeigte durch RNotizen, welche ſie um dieſe Zeit in ihr Taſchen⸗ buch eintrug, ſowie durch fromme Aufſätze, die mit gar holder ungekünſtelter Inbrunſt geſchrieben waren, ſo daß die berühmteſten Gottesgelehrten dieſelben nicht zu übertreffen vermocht hätten, wie ſehr ihr Herz von Liebe überſtrömte, welch' demüthigen und frommen Geiſtes ſie war, welche Qualen der Angſt ſie über ſich er⸗ gehen ließ, ohne daß ſie ein Wort ſagte, und mit welch unerſchütterlichem Vertrauen ſie diejenigen, die ſie liebte, dem erhabenen Herrn über Leben und Tod empfahl. Was Ihre Ladyſchaft zu Chelſea, Esmond's neue Mutter, betrifft, ſo ſtand ſie nun endlich in einem Alter, wo die Gefahr einer zweiten Heirath die Ruhe nicht mehr viel ſtört. Trümpfe lagen ihr mehr am Herzen, als die meiſten andern Dinge, welche das Leben zu bieten vermag. Sie war ziemlich ſtandhaft in ihrem Glauben, ohne aber gegen den unſrigen länger ſo bitter zu ſein, wie früher. Sie hatte nun einen recht gutmüthigen, wenig difficilen franzöſiſchen Gewiſſens⸗ rath, Monſieur Gauthier, der ein Weltmann war, und es nicht verſchmähete, mit dem Dechanten Atterbury, my Lady's Nachbar zu Chelſea, an einem Kartenſpiele Theil zu nehmen, und faſt mit der ganzen hochkirch⸗ lichen Partei gut ſtand. Ohne Zweifel kannte Monſieur Gauthier die eigentliche Stellung Esmond's gar wohl, denn er correſpondirte mit Pater Holt und behandelte Obriſt Esmond ſtets mit ganz beſonderer Achtung und Freundlichkeit; aus guten Gründen aber ſprachen der Obriſt und der Abbs nie mit einander über dieſe Sache, und ſo blieben ſie denn vollkommen gute Freunde. Diejenigen welche bei my Lady von Chelſea aus⸗ und eingingen, gehörten Alle zu der Tory⸗ und hoch⸗ kirchlichen Partei. Miſtreß Beatrir bezeigte für den 233 König einen ebenſo wahnſinnigen Enthuſiasmus, als ihre ältliche Verwandte: ſie trug ſein Bildniß auf dem Herzen; ſie hatte eine Locke von ſeinem Haarez ſie be⸗ hauptete, er ſei der tapferſte und vollendetſte, und un⸗ glücklichſte, und ſchönſte aller Prinzen, — und gegen keinen habe die Welt ſich eines ſo ſchweren Unrechts ſchuldig gemacht, als gegen ihn. Steele, der mit gar vielen ſeiner toryſtiſchen Freunde ſich überwarf, nie aber mit Esmond, pflegte zu dem Obriſten zu ſagen, daß das Haus ſeiner Ver⸗ wandtin ein Rendezvous für toryſtiſche Intriganten, — daß Gauthier ein Spion, — daß Atterbury gleich⸗ falls ein Spion ſei, und ſo weiter; — daß aus dieſem Hauſe immer und ewig Briefe an die Königin zu St. Germain abgingen und ſo weiter, und ſo weiter; wor⸗ auf Esmond lachend zu erwiedern pflegte, daß man bei der Armee immer geſagt habe, der Herzog von Marlborongh ſei gleichfalls ein Spion, und ſtehe mit der verbannten königlichen Familie nicht weniger in Correſpondenz, als nur irgend ein Jeſuit. Und ohne auf den Streit allzu eifrig einzugehen, hatte ſich Esmond ganz offen auf die Seite ſeiner Familie geſchlagen. Es däuchte ihm, daß König James der Dritte unzweifelhaft rechtmäßiger König von Eng⸗ land ſei, und daß es beim Tode ſeiner Schweſter beſſer ſein würde, ihn zum Herrſcher zu bekommen, als einen Ausländer. Niemand bewunderte König William ge⸗ wiß mehr, als Esmond: er war ihm ein Held und ein Eroberer, — er war ihm der tapferſte, weiſeſte, ge⸗ rechteſte aller Sterblichen; — aber es hatte derſelbe das Land den Degen in der Hand, erobert, und hatte es kraft deſſelben Rechts regiert, das auch der große Cromwell für ſich hatte anführen können, — jener Cromwell, der ein ſo wahrhafter und großer Souverain war. Daß aber ein fremder, deſpotiſcher Fürſt aus den Gauen Germaniens, der zufällig von König Jakob 234 dem Erſten abſtammte, von dieſem Reiche Beſitz er⸗ greifen ſollte, das erſchien Mr Esmond als eine mon⸗ ſrhſe Ungerechtigkeit. Auf jeden Fall aber hatte jeder Engländer ein Recht, zu proteſtiren, und zu allererſt der engliſche Prinz, der rechtmäßige Erbe. Welcher Mann von Herz hätte eine ſolche Sache nicht unterſtützen mögen? Welcher Ehrenmann, der eine ſolche Krone zu gewinnen hatte, hätte nicht um dieſelbe gekämpft? Aber dieſes Geſchlecht war vom Schickſale dem Untergange geweiht. Dieſer Prinz hatte einen Feind, den er nicht überwinden konnte. Nie wagte er es, den Degen zu ziehen, obgleich er einen ſolchen hatte. Er ließ die günſtigen Gelegenheiten vorübergehen, während er im Schooße von Theater⸗ prinzeſſinnen lag, oder zu den Füßen von Pfaffen ſchnüffelte und um Verzeihung bat; und vergebens war die Hingebung ehrlicher Herzen, — vergebens waren die Ausdauer, der Muth, die Treue ſeiner Anhänger, — vergebens war das Heldenblut, das in ſeiner Sache floß. Wir wollen nun aber zu my Lady von Chelſea zurückkehren. Als Esmond Ihrer Ladyſchaft ankündigte, daß er im Sinne hätte, den nächſten Feldzug mitzumachen, nahm ſie ganz heiter von ihrem Sohne Abſchied, und hatte ſich mit ihrer Kammerfrau ſchon wieder zu einer Partie Piquet niedergeſetzt, ehe er noch, bei ſeinem letzten Beſuche, das Zimmer recht verlaſſen hatte. „Die Terz vom König!“ Das waren die letzten Worte, die er ſie ſagen hörte: das Spiel des Lebens war für die gute Lady jetzt ſo ziemlich vorüber, und ein Viertel⸗ jahr daranß legte ſie ſich, und bald darauf erloſch auch allmälig, und ohne Schmerzen von ihrer Seite, ihr Lebenslicht. So ſchrieb Abbé Gauthier an Mr. Esmond, der damals an der franzöſiſchen Grenze bei ſeinem General 235 war. Lady Caſtlewood war in ihrer Todesſtunde bei ihr, und hatte ebenfalls geſchrieben; allein es müſſen dieſe Briefe von einem Freibeuter in dem Packetboote genommen worden ſein, das ſie brachte; denn Esmond wußte bis zn ſeiner Rückkehr nach England lediglich Nichts von ihrem Inhalte. My Lady Caſtlewood hatte Esmond Alles ver⸗ macht, „als Erſatz für das an ihm verübte Unrecht;“ — ſo ſtand es in ihrem Teſtamente. Allein ihr Ver⸗ mögen war nicht bedeutend, da es nie ſehr groß ge⸗ weſen, und da die ehrliche Vicomteſſe den größten Theil ihres Geldes wohlweislich gegen eine Leibrente herge⸗ geben hatte, die mit ihrem Leben aufhörte. Indeſſen waren doch das Haus, die Möbeln, das Silbergeſchirr und die Gemälde zu Chelſea da; auch lag noch eine Summe Geld bei ihrem Bankier, Sir Joſiah Child, — welches Alles zuſammen ihm etwa ein jährliches Einkommen von dreihundert Pfund Ster⸗ ling ſicherte, ſo daß nun Mr. Esmond ſich, wenn auch nicht reich, doch für ſein ganzes Leben in behaglichen umſtänden befand. Auch waren noch die berühmten Diamanten da, von denen es geheißen hatte, daß ſie fabelhafte Summen werth wären, obgleich der Gold⸗ ſchmied erklärte, daß man nicht über viertauſend Pfund daraus erlöſen würde. Dieſe Diamanten legte indeſſen Obriſt Esmond beiſeite, indem er ſie zu einem beſonderen Zwecke be⸗ ſtimmte; das Haus in Chelſea aber, ſammt Silberge⸗ ſchirr, Möbeln, verſchiedenen utenſilien und ſo fort wurde mit Ausnahme einiger wenigen Gegenſtände, die er für ſich behielt, auf ſeinen Befehl verkauft; auch wurden die erlösten Summen in den öffentlichen Fonds angelegt, ſo daß das obgenannte jährliche Einkommen von dreihundert Pfund Sterling erzielt wurde. Da Esmond nun Etwas zu hinterlaſſen hatte, machte er ein Teſtament, und ſchickte daſſelbe nach Hauſe. 236 Die Armee ſtand jetzt gerade vor dem Feinde und täg⸗ lich erwartete man eine große Schlacht. Es war be⸗ kannt, daß der Obergeneral in Ungnade und bei den Parteien im Vaterlande nicht beliebt ſei; und dieſer große und entſchloſſene Spieler ſchrak vor Nichts zu⸗ rück, wenn es galt, ſich aus einer verzweifelten Lage zu retten. Frank Caſtlewvod war bei Obriſt Esmond, da der General des Letzteren den jungen Edelmann gern in ſeinen Stab aufgenommen hatte. Seine Fortifications⸗ ſtudien, — ich meine diejenigen, denen er zu Brüſſel obgelegen, — waren nun beendigt. Das Fort, das er belagert, hatte ſich, wie ich glaube, ergeben; und my Lord war nicht allein mit fliegenden Fahnen hinein, ſondern auch wieder heraus marſchirt. Er pflegte ſeine knabenhafte Bosheit mit bewunderswürdigem Humor zu erzählen, und war gewiß der charmanteſte junge Bruder Liederlich, den die Armee aufzuweiſen hatte. Es braucht wohl hier kaum erſt geſagt zu werden, daß Obriſt Esmond ſein kleines Vermögen bis auf den letzten Heller dieſem Jünglinge vermacht hatte. Es war bei dem Obriſten feſte Ueberzeugung, daß er die nächſte Schlacht nicht überleben würde; denn das Leben war ihm entleidet, und er hatte ſich daher ſchon ganz darauf gefaßt gemacht, der Erde mit Allem, was ſie zu bieten vermag, Lebewohl zu ſagen. Frank mochte aber auf die düſteren Ahnungen ſei⸗ nes Kameraden nicht hören, ſondern ſchwor, daß ſie noch im Herbſte deſſelben Jahres, nach beendigtem Feld⸗ zuge, zu Caſtlewvod ſeinen Geburtstag feiern würden. Er hatte von dem Verſpruche gehört. „Wenn Prinz Eugen nach London kommt,“ ſagte Frank, „und Trir ihn in ihre Netze ziehen kann, ſo läßt ſie, meiner Treu! Aſhburnham ſtehen, um Seiner Hoheit den Vorzug zu geben. Ich ſage Dir, ſie pflegte, als ſie kaum vierzehn Jahre alt war, und mit dem armen kleinen Blandford 237 liebäugelte, den Herzog von Marlborough zu beäugeln. Was mich betrifft, Harry, ſo möchte ich ſie nicht hei⸗ rathen, und wären ihre Augen auch noch ein Mal o groß. . 63 will mir ein Bischen Vergnügen machen, — will während der nächſten drei Jahre das Leben koſten mit allen ſeinen Freuden. Ich will mir alſo erſt die Hörner ein Bischen ablaufen, und dann eine ruhige, charakterfeſte, beſcheidene, verſtändige Vicomteſſe heira⸗ then, — mir eine ſchöne Anzahl von Jagdhunden hal⸗ ten, und Schloß Caſtlewvod bewohnen. Vielleicht ge⸗ lingt es mir, die Grafſchaft zu repräſentiren: — doch nein, Du — Du ſollſt die Grafſchaft repräſentiren, beim Teufel! Du biſt der verſtändigſte von der ganzen Familie. Bei Gott! Du haſt, mein lieber alter Harry, den beſten Kopf und das beſte Herz in der ganzen Armee; — und Jedermann ſagt dieß, — und wenn die Königin ſtirbt, und der König zurückkommt, warum ſollteſt Du dann nicht in das Unterhaus treten, und Miniſter werden, und Pair werden und ſo fort? „Du — Du in der nächſten Schlacht erſchoſſen werden! Ich wette ein Dutzend Flaſchen Burgunder, daß Du von einer Kugel, oder von einem Säbel, oder von einem Bajonnette nicht einmal berührt wirſt. Mo⸗ hun iſt von ſeiner Wunde nun wieder geneſen. Er iſt jetzt immer bei Korporal John. Sobald ich ſein gar⸗ ſtiges Geſicht zu ſehen bekomme, werde ich ihm darein ſpucken. Ich nahm zu Brüſſel Unterricht bei Pater, — ich will ſagen, bei Capitän Holtz. Was das für ein Mann iſt! Der weiß ja Alles.“ Esmond ermahnte Frank, doch ja auf der Hut zu ſein, hinzuſetzend, daß Pater Holt's Wiſſen etwas ge⸗ fährlicher Art wäre. Esmond wußte nämlich noch nicht, wie weit der Pater bei ſeinem jungen Zöglinge den Unterricht getrieben hatte. Sowohl die franzöſiſchen, als engliſchen Zeitungs⸗ 238 ſchreiber und Schriftſteller haben jene blutige Schlacht von Blarignies oder Malplaquet, welche der letzte und am Schwerſten errungene von den Siegen des großen Herzogs von Marlborvugh war, hinlänglich beſchrieben. In jenem furchtbaren Kampfe ſtanden at die zwei Mal hundertfünfzigtauſend Mann im Feuer, von denen mehr als dreißigtauſend todt oder verwundet auf dem Felde liegen blieben. Die Verbündeten verloren noch ein Mal ſo viel Leute, als ſie den Franzoſen tödteten, über die ſie den Sieg davon trugen; und dieſes ent⸗ ſetzliche Gemetzel fand aller Wahrſcheinlichkeit nach aus keinem andern Grunde Statt, als weil das Anſehen eines großen Generals zu Hauſe erſchüttert war, und weil er daſſelbe durch einen großen Sieg wieder her⸗ zuſtellen gedachte. Wenn dieß wirklich die Beweggründe waren, welche den Herzog von Marlborough veranlaßten, dieſes furcht⸗ bare Spiel zu ſpielen, und in der Verzweiflung dreißig⸗ tauſend Menſchenleben zu opfern, damit er noch ein WMal in einer Nummer der Staatszeitung figuriren, und ſeine Stellen und Penſionen ein Bischen länger behalten möchte, ſo vereitelte das Schickſal dieſen ent⸗ ſetzlichen und ſelbſtſüchtigen Plan; denn der Sieg ward um einen Preis erkauft, den keine Nation, ſo ruhm⸗ ſüchtig dieſelbe auch ſein mag, gerne für einen Triumph bezahlt, ſo glänzend derſelbe immer ſein mag. Die Tapferkeit der Franzoſen war ebenſo bewun⸗ dernswürdig, als die Wuth und die Kühnheit der An⸗ greifenden. Wir nahmen zwar den Franzoſen ein Paar Dutzend Fahnen, ſowie einige Geſchütze ab; aber da⸗ für ließen wir auch zwanzigtauſend der tapferſten Sol⸗ daten der Welt um die verſchanzten Linien her liegen, woraus der Feind vertrieben wurde. Letzterer zog ſich in vollkommen guter Ordnung zurück; der paniſche Schrecken, — jener Zauber, den die Franzoſen ſeit dem Unglückstage von Hochſtädt ſtets gegen ſich gehabt 239 hatten, ſchien jetzt nicht mehr zu exiſtiren; — jetzt, wo ſie an den Grenzen ihres Vaterlandes fochten, zeigten ſie in ihrem Widerſtande einen Hervismus und eine Hartnäckigkeit, wie ſie uns im Laufe ihres Angriffs⸗ krieges nie zu Geſicht gekommen waren. Wäre die Schlacht glücklicher ausgefallen, ſo hätte der Sieger vielleicht den Preis gewonnen, um welchen er ſie ſchlug. Unter den bewandten Umſtänden aber (— und, wie ich glaube, ganz mit Recht —) war die Partei, die in England dem Herzoge nicht wohl wollte, ganz empört über die muthwillige Aufopferung von ſo vielen tauſend Menſchenleben, und drang nun heftiger denn je auf die Abberufung eines Generals, der ſich von ſeiner Habſucht und von der Verzweiflung noch weiter treiben laſſen konnte. Nach dieſer blutigen Schlacht von Malplaquet ſchrie, ich kann für dieſe Behauptung einſtehen, ſowohl bei den Holländern, als bei uns, und ſogar bei den Regimentern und Offizieren, deren Tapferkeit ſich an dieſem furchtbaren Schlachttage am Meiſten bemerklich gemacht hatte, Jedermann, daß man nun lang genug Krieg geführt habe. Die Franzoſen wurden über ihre Grenze zurückgetrieben, und mußten alle Eroberungen und alle Beute, die ſie in Flandern gemacht, wieder herausgeben. Was den Prinzen von Savoyen betrifft, an den ſich unſer Obergeneral, aus Gründen, die er wohl ſelbſt am Beſten kannte, nun inniger denn je anſchloß, ſo war es weltbekannt daß er nicht allein von einem po⸗ litiſchen Haſſe beſeelt, ſondern von rein perſönlicher Wuth gegen den alten Franzoſen⸗König erfüllt war: nie vergaß der kaiſerliche Generaliſſimus die Verachtung, die Ludwig dem Abbs de Savoie bewieſen; und bei der Erniedrigung oder bei dem Ruin Seiner Allerchriſtlich⸗ ſten Majeſtät fand der Kaiſer des heiligen römiſchen Reiches ſeine Rechnung. 240 Was gingen aber dieſe Streitigkeiten uns, die freien Bürger von England und Holland, an? Deſpot, wie er war, ſtand der franzöſiſche Monarch dennoch an der Spitze der europäiſchen Civiliſation, — ehr⸗ würdiger in ſeinem hohen Alter und in ſeinem Unglücke, als ſelbſt zur Zeit ſeiner glänzendſten Erfolge; während ſein Widerſacher ein halbbarbariſcher Tyrann war, mit einer raub⸗ und mordſüchtigen Horde von Crvaten und Panduren, welche die Hälfte ſeiner Armee bildeten, unſer Lager mit ihren ſeltſamen Geſtalten und mit ihren Bärten anfüllten, die mit denen der ungläubigen Türken, ihrer Nachbarn, rivaliſiren konnten, und welche ihre angebornen heidniſchen Gewohnheiten — ihre Raubſucht, ihre Mordluſt, ihre Wolluſt — in die chriſt⸗ liche Kriegführung verpflanzten. Warum ſollte das beſte Blut Englands und Frankreichs vergoſſen werden, um dem heiligen, römiſchen, und apoſtoliſchen Herrn dieſer Banden von Böſewichtern Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen, ſich an dem allerchriſtlichſten Könige zu rächen? Und dafür und für nichts Anderes kämpften wir; deßhalb beklagte jedes Dorf und jede Familie in Eng⸗ land den Tod geliebter Söhne und Väter. Wir wag⸗ ten, nicht einmal bei Tiſche mit einander von Mal⸗ plaquet zu ſprechen, ſo furchtbar waren die Lücken, welche in dieſer mörderiſchen Schlacht die Kanonen in unſern Reihen gemacht hatten. Es war herzzerreißend für einen Offizier, der ein Herz hatte, an einem ſpä⸗ teren Paradetagen ſeine Linie hinabzuſchauen, und hundert Geſichter von Kameraden niederen oder hohen Ranges zu vermiſſen, die ſich erſt geſtern noch voller Muth und voller Fröhlichkeit um die zerriſſenen und geſchwärzten Fahnen geſchaart hatten. Wo waren unſere Freunde? Als der große Herzog uns Revüe paſſiren ließ, und mit ſeinem feinen Gefolge von Adjutanten und Generalen auf ihren ſich bänmenden Pferden unſere — ——— —— 241 Linie entlang ritt, und da und dort anhielt, um einem Offizier mit jenem angelegentlichen Lächeln und jener eifrigen Verbeugung zu danken, woran es Seine Gna⸗ den nie fehlen ließ, da wollte ſich kaum ein Hurrah hören laſſen, obgleich Cadogan fluchend herangeritten kam, und ſchrie: „Zum Teufel! Warum ſchreit Ihr nicht Hurrah!“ Aber die Leute hatten dazu keine Luſt: es war keiner unter ihnen, der nicht gedacht hätte: „Wo iſt mein Kamerad? — Wo iſt mein Bruder, der neben mir kämpfte, oder mein lieber Capitän, der mich erſt geſtern noch commandirte?“ Ja, ich ſage es wie⸗ derholt, es war die düſterſte Schauſtellung, die ich je geſehen; und das Te Deum, das unſere Kapläne ſan⸗ gen, die jämmerlichſte und traurigſte Satyre. Esmond's General fügte den vielen Ehrenzeichen, die er in ein Paar Dutzend Schlachten an der Fronte erhalten, ein weiteres bei, und bekam eine Wunde in den Weichen, die ihn das Bett hüten machte; und man“ darf verſichert ſein, daß er ſich damit tröſtete, daß er, während er ſtöhnend auf ſeinem Bette lag, über den Obergeneral loszog. „Korporal John hat mich ſo gern,“ pflegte er zu ſagen, „wie König David den General Urias; und darum ſtellte er mich auf den gefährlichſten Poſten.“ Auch behauptete er bis an ſeinen Todestag ſteif und feſt, daß der Herzog ſeine Niederlage bei Wynendael gewünſcht, und daß er ihn abſichtlich mit einer ſo geringen Streitmacht abgeſandt hätte, in der Erwartung, daß er, Webb, dort ſein Leben ließe. Was Esmond und Frank Caſtlewvod betrifft, ſo kamen ſie ohne Wunde davon, obgleich die Diviſion, die unſer General commandirte, mehr denn jede andere litt, indem dieſelbe nicht allein das wüthende Kanonen⸗ feuer des Feindes, das ſehr hitzig und gut dirigirt war, ſondern auch die wiederholten, verzweifelten An⸗ griffe der berühmten Maison du Roy auszuhalten hatte, Henry Esmond. I. 16 die wir immer wieder mit Kartätſchenſalven, und einem Walde von Bajonetten, und unſern vier Linien von Musketieren und Pikenieren abwehren mußten. Es hieß, der König von England habe uns an jenem Tage mit der franzöſiſchen Maison du Roy nicht weniger als zwölf Mal angegriffen. Esmond's frühe⸗ res Regiment, — General Webb's Füſilierregi⸗ ment nämlich — diente bei der Diviſion, die ihr Obriſt commandirte. Der General war drei Mal im Centrum des von den Füſilieren gebildeten Carrés und cvmman⸗ dirte das Feuer, womit die franzöſiſchen Angriffe ab⸗ gewieſen werden ſollten; und nach der Schlacht ließ Seine Gnaden der Herzog von Berwick ſein altes Re⸗ giment, ſowie deſſen Obriſten wegen ihres auf dem Schlachtfelde bewieſenen tapferen Benehmens becompli⸗ mentiren. Wir tranken am fünf und zwanzigſten September Lord Caſtlewvod's Geſundheit, und feierten ſeine Voll⸗ jährigkeit. Die Armee lag dazumal vor Mons. Und hier war Obriſt Esmond nicht ſo glücklich, als er bei weit gefährlicheren Gelegenheiten geweſen war, indem er durch eine ſchon matte Kugel gerade über dem Orte verwundet wurde, wo ſich ſeine frühere Wunde befand; was zur Folge hatte, daß die alte Wunde wieder auf⸗ ging, und das Fieber, Blutſpeien, und andere häßliche Symptome ſich einſtellten. Esmond war, mit einem Worte, faſt ſchon an den Pforten des Todes. Der freundliche Junge, ſein Vetter, pflegte ſeinen älteren Kameraden mit höchſt lobenswerther Liebe und Sorgfalt, bis die Aerzte Letzteren außer Gefahr erklär⸗ ten, wo dann Frank ſich auf und davon machte, den Winter zu Brüſſel zubrachte, und daſelbſt ohne Zwei⸗ fel irgend eine andere Feſtung belagerte. Wohl ſehr wenige junge Burſche würden auf ihre Vergnügungen ſo lange und ſo gerne, wie Frank, verzichtet haben; 243 ſein luſtiges Geplauder verſüßte Esmond viele lange Tage des Schmerzens und der Schwäche. Man glaubte noch einen Monat, nachdem Frank das Bett ſeines Vetters verlaſſen, daß er immer noch an demſelben ſei; denn es kamen Briefe von Lady Caſtlewwod an, worin dem jüngern Gentleman reicher Dank für die Verpflegung ſeines älteren Bruders aus⸗ gedrückt wurde (— ſo geruhte Esmond's Gebieterin nun, ihn liebevoll zu nennen —); auch beeilte ſich Mr. Esmond nicht, ſie zu enttäuſchen, als der gute junge Burſche ſich entfernt hatte, um ſeine Weihnachten et⸗ was luſtiger zu verleben. Es war für Esmond auf ſeinem Schmerzenslager eben ſo angenehm, die Freude des jungen Mannes bei dem Gedanken, daß er nun bald frei ſein würde, zu beobachten, als deſſen unge⸗ künſtelte Bemühungen, beim Weggehen ſeine Freude zu verbergen. Es gibt Tage, wo eine Flaſche Champagner in einer Schenke, und eine rothwangige Theilnehmerin, für einen jungen, lebhaften Burſchen der Verſuchung zu Viel ſind. Ich mag hier nicht den Moralprediger ſpielen und „Pfui“ rufen. Ich weiß, was ſeit undenk⸗ lichen Zeiten alte Leute predigen und was junge Leute thun; und daß auch Patriarchen ihre ſchwachen Augen⸗ blicke gehabt haben, lange Zeit bevor Vater Noah auf den Boden hin ſtürzte, nachdem er den Weinſtock ent⸗ deckt. Frank ging daher, den Vergnügungen nach, in die Hauptſtadt von Flandern, das heißt, nach Brüſſel, welches viele junge Leute unſerer Armee unendlich un⸗ terhaltender und luſtiger fanden, als ſelbſt London; Mr. Henry Esmond aber blieb in ſeinem Krankenzim⸗ mer, wo er eine gar ſchöne Komödie ſchrieb, welche ſeine Gebieterin für ſublim erklärte, und die, in dem darauffolgenden Jahre, zu London nicht weniger, als drei Mal hinter einander gegeben werden mußte. Während Esmond ſich ſo pflegte, erſchien auch der 244 allgegenwärtige Mr. Holtz wieder. Letzterer hielt ſich einen vollen Monat zu Mons auf, wo er nicht allein Obriſt Esmond zu der Partei des Königs, in Sachen der Politik, herüberzug (— die Esmond'ſche Familie hatte ja immer zum rechtmäßigen Könige gehalten —), ſondern wo er es auch verſuchte, die Streitfrage zwi⸗ ſchen den beiden Kirchen abermals aufzuwärmen, und Esmond wieder für die Religion zu gewinnen, in der er, in den Tagen ſeiner Kindheit, getauft worden war. Poltz war ein gewandter und gelehrter Caſuiſt, und ſtellte den Fall zwiſchen der engliſchen und der römiſch⸗ apoſtoliſchen Kirche ſo dar, daß diejenigen, welche ſeine Prämiſſen zugaben, gewiß auch gegen ſeine Schluß⸗ folgerung Nichts einzuwenden hatten. Er ſpielte auf Esmond's Geſundheitsumſtände, auf die Möglichkeit eines plötzlichen Todes und ſo weiter an, und erging ſich des Weiten und Breiten über die unendlichen Wohl⸗ thaten, deren ſich der Kranke wahrſcheinlich ſelbſt be⸗ rauben würde, — Wohlthaten, welche die engliſche Kirche denen, die der römiſchen Communion angehör⸗ ten, nicht verweigerte; — und wie ſollte ſie, meinte er, dieß auch thun da ſie von dieſer Kirche herkomme, und bloß eine Abzweigung derſelben ſei? Aber Mr. Esmond ſagte dem Pater, daß ſeine, Esmond's Kirche, die Kirche ſeines Landes ſei, und dieſer Kirche wolle er nun ein Mal treu bleiben: an⸗ dere Leute könnten ſeinetwegen eine Art des Gottes⸗ dienſtes wählen, welche ſie wollten, und ſich eine belie⸗ bige andere Anzahl von Glaubensartikeln gefallen laſ⸗ ſen, ob dieſelben nun von Rom oder von Augsburg kämen. Wenn aber der gute Pater meine, Esmond ſolle, um allen möglichen üblen Folgen zu entgehen, ſein Heil in der römiſchen Kirche ſuchen, und ganz England laufe Gefahr, wegen Ketzerei in die Hölle zu kommen, ſo ſei nun er, Esmond, ein Mal geſonnen, die Höllenſtrafen über ſich ergehen zu laſſen, indem er 245⁵ es nicht beſſer haben wolle, als zahlloſe Millionen ſei⸗ ner Landsleute, die in demſelben Glauben erzogen worden, und als viele der edelſten, der aufrichtigſten, der reinſten, der weiſeſten, der frömmſten, und gelehrteſten Männer und Frauen, welche die Welt gekannt. Was die politiſche Frage betrifft, ſo konnte Mr. Esmond mit dem Pater darin weit eher harmoniren; auch war er, wenn auch vielleicht auf einem verſchiede⸗ nen Wege, zu demſelben Schluſſe gelangt. Mit dem göttlichen Rechte, wovon Dr. Sacheverel und die hoch⸗ kirchliche Partei in England eben jetzt ſo viel Lärm machten, konnten dieſelben es halten, wie ſie wollten. Wären Henry Cromwell und, vor ihm, deſſen Vater, gekrönt und geſalbt worden (— und es würden ſich Biſchöfe die Menge gefunden haben, um dieſe Verrich⸗ tung zu übernehmen —), ſo ſchien es Mr. Esmond, daß ſie das göttliche Recht ganz ebenſo auf ihrer Seite gehabt haben würden, wie nur irgend ein Plantagenet, Tudor, oder Stuart. Da aber das Land unzweifelhaft eine erbliche Monarchie wünſchte, ſo dachte Esmond, ein engliſcher König von St. Germain ſei beſſer und paſſender, als ein deutſcher Fürſt von Herrenhauſen, und es werde, wenn der Stuart der Nakion nicht be⸗ hage, ſich irgend ein anderer Engländer finden laſſen, um deſſen Platz einzunehmen. Und ſo war er denn, obgleich ohne alle wahnſinnige Begeiſterung oder Ver⸗ ehrung für jenen monſtröſen Stammbaum, den die Tories als göttlich zu betrachten beliebten, ſobald die Königin Anna den Weg alles Fleiſches ging, bereit zu ſagen: „Gott erhalte König Jakob!“ „Ich fürchte, Obriſt, Sie ſind in Ihrem innern um kein Haar beſſer, als ein Republicaner,“ ſagt der Prieſter mit einem Seufzer. Ich bin Engländer,“ ſpricht Henry, „und nehme mein Land ſp, wie ich es finde. Da die Nation ſich für Kirche und König ausſpricht, ſo bin auch ich für 246 Kirche und König, — aber wohl gemerkt, für eine eng⸗ liſche Kirche und für einen engliſchen König; — und darum iſt Ihre Kirche nicht die meinige, obgleich Ihr König es iſt.“ Obgleich die Franzoſen bei Malplaquet geſchlagen worden waren, ſo waren ſie doch nicht wenig ſtolz auf den von ihnen beſtandenen Kampf, während die Sie⸗ er durch denſelben entmuthigt waren; auch zog der Feind eine größere Armee denn je zuſammen, und machte überhaupt coloſſale Anſtrengungen für den näch⸗ ſten Feldzug. Marſchall Berwick war in dieſem Jahre bei den Franzoſen; auch hörten wir, daß Marſchall Villars immer noch an ſeiner Wunde leide, nach Nichts ſich mehr ſehne, als nach einer neuen Schlacht, und gelobe, er werde unſern Herzog ſchon noch zum Kampfe zwingen, und uns, wenn es ſein müſſe, von ſeiner Kutſche aus bekämpfen. Der junge Caſtlewood kam von Brüſſel herbeige⸗ eilt, ſobald er hörte, daß der Kampf von Neuem be⸗ ginnen ſollte; und was die Ankunft des Chevalier de St. George betrifft, ſo verkündigte man ſie etwa auf den Monat Mai. „Es iſt die dritte Campagne des Königs, und ebenſo iſt es auch bei mir die dritte,“ liebte Frank zu ſagen. Er kam als größerer Jakobit denn je zurück, und Esmond muthmaßte, daß einige ſchöne Verſchwörerinnen zu Brüſſel den Eifer des jun⸗ gen Mann zur hellen Lohe angeblaſen. Auch geſtand er wirklich, daß er eine Botſchaft von der Königin, Beatrixens Taufpathin, hätte, die Frank's Schweſter ihren Namen gegeben in dem Jahre, das ſeiner und ſeines Sonverains Geburt vorangegangen war. Wie ſehr es auch Marſchall Villars an einer Schlacht gelegen war, ſo wenig ſchien der Herzog von Marlborough geneigt, ihm in dieſem Feldzuge zu Willen zu ſein. In dem vergangenen Jahre war Seine Gna⸗ den ganz und gar für die Whigs und die Hannover⸗ 247 aner geweſen; als aber der Herzog, bei ſeinem Beſuche in England, ſein Land ihm gegenüber kalt, und das Volk in einer Aufwallung von hochkirchlicher Loyalität fand, kam er zur Armee zurück, ganz abgekühlt in Be⸗ ziehung auf die Hannoveraner, außerordentlich behut⸗ ſam gegenüber von den Kaiſerlichen, und ganz beſon⸗ ders höflich gegen den Chevalier de St. George. So Viel iſt gewiß, daß zwiſchen Seiner Gnaden und zwiſchen ſeinem tapferen Neffen, dem Herzoge von Berwick in dem feindlichen Lager, an Einem fort Briefe gewechſelt wurden und Boten hin und her gin⸗ gen. Niemands Freundlichkeit kam gelegener, als die Seiner Gnaden, und Niemand gebrauchte in freigebi⸗ gerer Weiſe Ausdrücke der Achtung und Freundſchaft. Gegenüber von Monſieur de Torcy, — ſo erzählte Mr. St. John Schreiber dieſes, — legte er die größte Bereitwilligkeit an den Tag, ſich für die verbannte Königin und deren Familie in Stücke zerhauen zu laſſen. Ja, er that noch mehr, — denn ich glaube, daß er ſich in dieſem Jahre eines Theils deſſen, was das Beſte an ihm war, oder was ihm ſelbſt wenigſtens als das Beſte erſchien, das heißt, eines Theils ſeines Gelds entledigte, — den er den königlichen Verbannten überſandte. Mr. Tunſtal, der in den Dienſten des Prinzen war, war ein Paar Mal in und an unſerm Lager, während die Franzoſen zu Arlien und in der Umgegend von Arras in dem ihrigen ſtanden. Ein kleines Flüß⸗ chen, der Canihe, wie ich glaube (— aber ich ſchreibe dieß fern von Büchern und von Europa; und ferner zeigt die einzige Landkarte, welche Schreiber dieſes von dieſen Scenen ſeiner Jugend beſitzt, keine Spur von dieſem kleinen Waſſer —), trennte unſere Pikets von denen des Feindes. Unſere Schildwachen ſprachen, über das Waſſer hinüber, mit einander, wenn ſie ſich einander verſtändlich machen konnten; konnten ſie dieß 248 aber nicht, ſo grinſeten ſie und reichten einander ihre Branntweinflaſchen oder ihre Tabaksbeutel hinüber. Und an einem ſchönen Junitage ritt Obriſt Esmond — der noch zu ſchwach war, um Dienſt zu thun, und bloß etwas friſche Luft ſchöpfen wollte —) mit dem die Vorpoſten viſitirenden Offizier bis an dieſes Flüß⸗ chen wo ſie eine Anzahl engliſcher und ſchottiſcher Soldaten verſammelt fanden, die mit dem gutmüthigen Feinde auf der andern Seite des Waſſers ſprachen. Obriſt Esmond amüſirte ganz beſonders das Ge⸗ ſpräch eines gewiſſen langen Kerls, mit gewaltigem, ſich kräuſelndem, rothem Schnurrbarte und mit blauen Angen, der wohl ſechs Zoll größer ſein mochte, als ſeine ſchwärzlichen, kleinen Kameraden auf der fran⸗ zöſiſchen Seite des Waſſers. Und als er von dem Oberſt angeſprochen wurde, grüßte er ihn, und ſagte, daß er zu den königlichen Cravaten*)“ gehöre. Die Art, wie der Kerl die Worte königliche Cravaten“ ausſprach, ſagte Esmond alsbald, daß die Zunge deſſelben ſichzuerſt an den Ufern des Liffy und nicht an denen der Lvire gerührt habe; und der arme Sol⸗ dat, — wahrſcheinlich ein Ueberläufer, — erachtete es nicht für zweckmäßig, ſich allzutief in eine franzöſiſche Converſation einzulaſſen, damit ſein unglücklicher iri⸗ ſcher Dialekt ſich nicht verrathen möchte. Er fand es für paſſend, ſich auf ſolche Ausdrücke der franzöſiſchen Sprache zu beſchränken, von denen er glaubte, daß er ſie vollkommen bewältigt hätte; und ſeine Verſuche, ſich zu verſtellen, waren ungemein amüſant. Mr. Es⸗ mond pfiff Lillibullero, worauf Teague's **) Augen als⸗ *) Croatiſcher Reiter, Croate: ehemals gewiſſe Regi⸗ menter leichter Cavalerie. *) Joc. für: Irländer. 249 bald zu blinken anfingen; und als er ihm vollends einen Dollar zuwarf, da brach der arme Kerl in ein „Gott ſegne, das heißt, Dieu bénisse votre honor,“ aus, das ihn unfehlbar vor den Generalprofoſen ge⸗ führt haben würde, wäre er dieſſeits des Fluſſes geweſen. Während in ſolcher Weiſe parlamentirt wurde, zeigten ſich auf der franzöſiſchen Seite, in einiger Ent⸗ fernung, drei Offiziere zu Pferde Plötzlich hielten dieſelben an, wie wenn ſie uns muſterten; da verließ einer von ihnen die beiden Andern, und ritt ganz nahe zu uns her, die wir an dem Waſſer waren. Sehen Sie hin, ſehen Sie hin!“ ſagte der kö⸗ nigliche Cravate in gewaltiger Aufregung, pas lui, das iſt er, nicht der, autre!“ deutete auf den entfern⸗ ten Offizier, der ein kaſtanienbraunes Pferd ritt, einen in der Sonne glänzenden Küraß, und über demſelben ein breites, blaues Band trng. „Ueberbringen Sie gefälligſt Mr. Hamilton's ge⸗ horſamſte Empfehlung, an my Lord Marlborough, — an den Herrn Herzog,“ ſagte der Gentleman in engli⸗ ſcher Sprache; und dann ſetzte er, etwas überraſcht, daß wir gar keine feindlichen Geſinnungen an den Tag legten, lächelnd hinzu: „Dort — dort iſt ein Freund von Ihnen, meine Herren; er heißt mich Ihnen ſagen, daß er am elften September vergangenen Jahres einige von Ihren Ge⸗ ſichtern geſehen.“ Während der Gentleman ſprach, ritten die beiden andern Offiziere ganz nahe zu uns her. Wir wußten alsbald, wer es war. Es war Niemand anders, als der König, damals zwei und zwanzig Jahre alt, ſchlank und ſchmächtig, mit dunkelbraunen Augen, die etwas Melancholiſches hatten, obgleich auf ſeinen Lippen ein Lächeln lag. Wir zogen die Hüte ab und grüßten ihn. Gewiß konnte Niemand ohne innige Theilnahme zum erſten 250 Male den jugendlichen Erben ſo vielen Ruhms und ſo vielen Unglücks ſehen. Es kam Mr. Esmond vor, als ſei der Prinz dem jungen Caſtlewvod nicht nnähn⸗ lich, mit dem er Alter und Geſtalt theilte. Der Chevalier de St. George erwiederte den Gruß und ſchaute uns ſcharf an, ſelbſt die Müßiggänger dieſſeits des Fluſſes ließen ein Hurrah hören. Was den königlichen Eravaten betrifft, ſo lief er auf den Steigbügel des Prinzen zu, kniete nieder, und küßte dem Chevalier den Stiefel, und brüllte hundert Aus⸗ rufe und Glückwünſche hervor, und drückte dieſelben auch durch ſeine Mienen aus. Der Prinz befahl dem Adjutanten, dem Manne ein Geldſtück zu geben; und als die Geſellſchaft uns wieder begrüßt hatte und weg⸗ geritten war, ſpuckte der Cravate auf das Geldſtück, gleich als wollte er es ſegnen, und prahlte darauf los, und ſteckte ſeine Münze ein, und drehte an ſeinem ehrlichen möhrenfarbigen Schnurrbarte. Der Offizier, in deſſen Geſellſchaft Esmond war, derſelbe kleine Capitän von Handyſide's Regiment, Mr. Sterne, der zu Lille den Garten vorgeſchlagen hatte, als my Lord Mohun und Esmond mit einander Streit bekommen, war gleichfalls ein Irländer, und eine ſo tapfere kleine Seele, wie nur je eine ein Schwert ge⸗ tragen. „Fürwahr,“ ſagt Roger Sterne, „der lange Kerl dort ſprach das Franzöſiſche ſo wunderſchön, daß ich ihn gar nicht als einen Fremden erkannt haben würde, wäre er nicht in ſein Gebrüll ausgebrochen; denn nur ein iriſches Kalb kann alſo brüllen.“ Und Roger machte in ſeiner wilden Weiſe noch eine andere Vemerkung, in der ſowohl Verſtand, als Abſurdität war. „Wollte jener junge Gentleman,“ ſagt er, „nur in unſer Lager herüberreiten, anſtatt in dem von Villars zu bleiben, — und wollte er nur den Hut in die Höhe werfen und ſprechen: „Hier bin ich, 251 der König, wer folgt mir nach? — ſo würde, bei Gott, — ich ſage es Ihnen, Esmond, — die ganze Armee ſich erheben, und ihn nach England zurückbringen, und Villars ſchlagen, und auf dem Wege noch Paris er⸗ obern.“ Die Nachricht von dem Beſuche des Prinzen ver⸗ breitete ſich in einem Nu im ganzen Lager, und es gingen ganze Schaaren von den Unſrigen an das Flüß⸗ chen hinab, in der Hoffnung, daß ſie ihn ſehen würden. Major Hamilton, mit dem wir geſprochen hatten, ſchickte durch einen Trompeter etliche Silberſtücke für Offiziere, die bei uns dienten. Mr. Esmond bekam auch ein ſolches: und dieſe Medaille, ſowie eine unter Fürſten nicht ungewöhnliche Belohnung war der einzige Lohn, den er in ſeinem ganzen Leben von einer königlichen Perſon bekam, der er, nicht ſehr lange darauf, zu die⸗ nen bemüht war. Esmond verließ die Armee faſt unmittelbar darauf, und ging mit ſeinem General nach England zurück; auch hatte man ihm wirklich gerathen, das ſchöne Wetter noch zu ſeiner Reiſe zu benützen, und ſich bei dem Feld⸗ zuge nicht länger zu betheiligen. Allein die Nachrichten, die er von der Armee bekam, ſagten ihm, daß unter den Vielen, die ſich herbeigedrängt, um den Chevalier de St. George zu ſehen, Frank Caſtlewvod ſich am Bemerklichſten gemacht habe indem my Lord Viscvunt baarhäuptig über das Flüßchen und zu dem Prinzen hingeritten, und da abgeſtiegen, und vor ihm hinge⸗ kniet ſei, um ihm zu huldigen. Es wollten Einige wiſſen, der Prinz habe ihn wirklich zum Ritter geſchlagen; allein my Lord wider⸗ ſprach dem, obgleich er die Wahrheit der übrigen Geſchichte anerkannte, und ſprach davon, wie er Korporal John — ſo nannte er den Herzog —) nicht habe recht lei⸗ den können, da Seine Gnaden ihn vorher gewarnt und ihm geſagt, er ſolle doch keine ſolche Thorheiten bege⸗ 252 hen; und doch habe derſelbe ihn ſeit der Zeit immer herzlich angelächelt. „Auch war er ſo freundlich gegen mich,“ ſchrieb Arthur, daß ich glaubte ich könnte für Maſter Harry ein gutes Wort einlegen; ich hatte aber nicht ſobald Deines Namens Erwähnung gethan, als er ſo finſter wie eine Donnerwolke ausſah, und ſagte, daß er noch nie von Dir gehört.“ Zweites Rapitel. Ich gehe nach Hauſe und bleibe bei der alten Leier. Nachdem Esmond Mons und die Armee verlaſſen, bekam er gerade in der Zeit, wo er zu Oſtende auf ein Packetboot wartete, von ſeinem jungen Vetter Caſtle⸗ wood zu Brüſſel einen Brief, worin Neuigkeiten ent⸗ halten waren, die Frank ihn bat, den Seinigen zu überbringen, und die dem Obriſten Esmond keine ge⸗ ringe Unruhe verurſachten. Der junge Bruder Liederlich, der nun ein und zwanzig Jahre altwar und, wie er ſchrieb, vertoben wollte, hatte Madmvoiſelle de Wertheim geheirathet. Beſagte Dame war eine Tochter des Grafen von Wertheim, kaiſerlichen Kammerherrn, der in dem Hauſe des Gou⸗ verneurs der Niederlande ein Amt bekleidete. „P. S.“ — So ſchrieb der junge Gentleman: „Clotilde iſt älter, als ich, — das Einzige, das vielleicht an ih⸗ rer Perſon auszuſetzen iſt; aber ich bin ein ſo alter 253 Bruder Liederlich, daß das Alter Nichts zur Sache thut; auch bin ich feſt entſchloſſen, eine andere Lebensweiſe anzufangen. Wir ſind in der Kirche zur heiligen Gudula von dem theuren Pater Holt copulirt worden. Sie iſt ganz Herz für die gute Sache. Und hier lautet das Feldgeſchrei vive le Roy, worein meine Mutter einſtimmen wird, ſowie auch Trix. Bring' ihnen dieſe Neuigkeiten in zarter Weiſe bei: und ſag' Mr. Finch, meinem Agenten, er ſolle den rückſtändigen Pacht ſo raſch wie möglich eintreiben, und mir auf jeden Fall die Moneten ſchicken. Clo⸗ tilde ſingt und ſpielt auf dem Spinett wunderſchön. Sie iſt eine Blondine. Und wenn es ein Sohn iſt, ſo ſollſt Du Taufpathe werden. Ich bin im Be⸗ griffe, die Armee zu quittiren, da ich das Soldaten⸗ leben nun ſatt habe; auch empfiehlt es mir der Herr Herzog. Ich werde den Winter hier zubringen, und wenigſtens ſo lange hier bleiben, bis Clotilde im Wochenbette liegt. Ich nenne ſie bloß meine alte Clotilde; ſonſt aber ſoll ſie Niemand ſo nennen. Sie iſt das geſcheidteſte Frauenzimmer in ganz Brüſſel, und verſteht die Malerei, die Muſik, die Poeſie, und iſt im Kochen und in der Verfertigung von Puddens') eine wahre Meiſterin. Ich ging bei dem Grafen in die Koſt ſo habe ich ſie kennen lernen. Es ſind noch vier Grafen da, die alle ihre Brüder ſind. Einer ein Abbey **), — drei bei der Armee des Prinzen. Die Familie hat einen Proceß wegen eines unermeßlichen Vermögens, das ihr zufallen ſoll. In dieſem Au⸗ genblicke aber ſieht es bei ihnen etwas arm aus. Theile dieß der Mutter mit, die von Dir ja Alles annimmt. Und ſchreib' anch, und ſag' Finch, er ſolle *) Puddings. *) Abbé. 254 auf der Stelle ſchreiben. Hostel de 1Aigle Noire, Bruxelles, Flandern.“ Frank hatte alſo eine römiſch⸗katholiſche Dame ge⸗ heirathet; auch wurde ein Erbe erwartet: — und alle dieſe Nachrichten ſollte nun Mr. Esmond ſeiner Ge⸗ bieterin in London mittheilen. Es war dieß eine kei⸗ neswegs leichte Geſandtſchaft; und der Obriſt zitterte nicht wenig, als er ſich der Hauptſtadt näherte. Er kam erſt ſpät Abends in ſeinem Gaſthauſe an, ſchickte aber alsbald einen Voten nach Kenſington, mit der Meldung, daß er angekommen und am nächſten Morgen ſeinen erſten Beſuch machen würde Der Bote kam mit der Nachricht zurück, daß der Hof dermalen ſich zu Windſor aufhalte, und daß die ſchöne Beatrir abweſend ſei, um dort ihre Pflichten zu erfüllen. Nur Esmond's Gebieterin allein war zu Kenſington geblie⸗ ben. Sie erſchien jährlich nur ein Mal bei Hofe; Beatrix aber war unumſchränkte Herrin im Hauſe, in⸗ dem ſie es war, welche Geſellſchaften einlud, und alle nur möglichen Luſtbarkeiten mitmachte, welche die Stadt damals bieten konnte. Ihre Mutter dagegen, welche bei der jungen Dame die Rolle einer Beſchützerin und älteren Schweſter ſpielte, ging immer noch ihren eige⸗ nen Weg, der, wie wir wiſſen, durchaus beſcheiden war, und von dem der großen Welt ablag. Sobald Esmond angekleidet war (— und er war lange vor der Stadt aufgewacht —), nahm er eine Kutſche, um nach Kenſington zu fahren; auch langte er dort ſo frühe an, daß er ſeiner theuren Gebieterin begegnete, die gerade vom Frühgottesdienſte nach Hauſe ging. Sie trug ihr Gebetbuch, indem ſie es nie dul⸗ den wollte, daß ein Bedienter daſſelbe trüge, was doch ſonſt allgemein Sitte war; auch erkannte Esmond an dieſem einfachen Zeichen, welcher Art ihre Beſchäftigung geweſen. 6 Er befahl dem Kutſcher, anzuhalten, und ſprang 255 gerade in dem Augenblicke aus dem Wagen, wo ſie nach ihm hinblickte. Sie trug wie gewöhnlich ihre Kaputze; auch wurde ſie ganz blaß, als ſie ihn erblickte. Dieſes gütige Händchen an ſeinem Herzen zu fühlen, ſchien ihm neue Stärke zu verleihen. Und bald waren ſie an und in dem Hauſe Ihrer Ladyſchaft. Mit einem holden, und doch zugleich traurigen Lächeln, ergriff ſie ſeine Hand und küßte dieſelbe. „Wie krank Sie doch geweſen ſind! Wie ſchwach Sie noch ausſehen, mein lieber Henry!“ ſprach ſie. Gewiß iſt ſo viel, daß der Obriſt wie ein Geiſt ausſah, — nur mit dem Unterſchiede, daß Geiſter nicht“ ſehr glücklich und fröhlich ausſehen ſollen. Esmond aber fühlte ſich immer glücklich, wenn er nach einer längeren oder kürzeren Abweſenheit zu ihr zurückkehrte, ja, ſo oft er in ihr holdes, freundliches Geſicht blickte. „Ich bin heimgekommen, um mich von meiner Fa⸗ milie pflegen zu laſſen,“ ſpricht er. „Hätte Frank nach meiner Verwundung mich nicht gepflegt und ſich nicht meiner angenommen, ſo läge ich aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach ſchon im Grabe.“ „Der arme Frank, der gute Frank!“ ſagt ſeine Mutter. „Sie werden ſtets ihm ein Freund ſein, my Lord,“ fuhr ſie fort. „Das arme Kind wußte nie, daß es ein Unrecht an Ihnen begehe.“ „My Lord!“ ruft Obriſt Esmond aus. „Was wollen Sie damit ſagen, theure Lady?“ „Ich bin keine Lady,“ ſagt ſie, „ich bin Rachel Esmond, Francis Esmond's Wittwe, my Lord. Ich kann und darf dieſen Titel nicht führen. Wollte Gott, wir hätten ihn nie dem geraubt, dem er jetzt recht⸗ mäßiger Weiſe gebührt. Aber wir thaten Alles, was in unſerer Macht ſtand, Henry: wir thaten Alles, was ſe Macht ſtand; und my Lord und ich — das ei — 256 „Wer hat denn Ihnen dieſe Fabel erzählt, theuerſte Lady?“ fragte der Obriſt. „Wie? Sie haben alſo den Brief nicht bekommen, den ich Ihnen geſchrieben? Ich habe Ihnen ſogleich nach Mons geſchrieben, als ich die Sache hörte,“ ſagt Lady Esmond. Und von wem haben Sie denn es gehört?“ fragte Obriſt Esmond abermals. Und ſeine Gebieterin erzählte ihm dann, wie die alte Vicomteſſe auf ihrem Todbette nach ihr geſchickt und ihr dieſes traurige Geheimniß als Legat hinter⸗ laſſen habe. „Es war recht bösartig von der alten Vicomteſſe,“ ſo ſagte Lady Esmond, „daß ſie das Geheimniß ſo lange für ſich behalten, und daß ſie mir die Wahrheit verſchwiegen. Couſine Rachel, ſprach ſie,“ — und Es⸗ mond's Gebieterin konnte ſich eines Lächelns nicht ent⸗ halten, während ſie die Geſchichte erzählte — „Cuufine Rachel, ruft alſo die alte Vicomteſſe, ich habe nach Ihnen geſchickt, da die Doctoren ſagen, dieſe Dyſenterie könne mich alle Augenblicke, oder wenigſtens jeden Tag hinwegraffen, um mein Gewiſſen einer großen Bürde zu entladen, die ſchon ſeit vielen Jahren auf demſelben liegt. Sie ſind ſtets ein armes Geſchöpf geweſen, und große Ehren paßten nie für Sie: was ich Ihnen da⸗ hr zu ſagen habe, wird Sie nicht allzuſehr angreifen. Sie müſſen wiſſen, Couſine Rachel, daß ich mein Haus, mein Silbergeſchirr, und meine Möbeln, dreitauſend Pfund in baarem Geld, ſowie meine Diamanten, die ich von meinem ſeligen, hochverehrten Heiligen und Souverain, König James, einſt zum Geſchenke bekom⸗ men, my Lord Viscvunt Caſtlewvod vermacht habe. „Was? Meinem Frank? ſagt Lady Caſtlewvod: Ich hoffte — „Ich habe, meine Liebe, mein Vermögen my Lord Viscount Caſtlewood vermacht, — Viscount Caſtlewvod, 257 und Baron Esmond von Shandon im Königreich Ir⸗ land, Grafen und Marquis von Esmond kraft des meinem Gatten, dem ſeligen Marquis, durch Seine Majeſtät König James. den Zweiten, verliehenen Pa⸗ tents; — denn Sie müſſen wiſſen, daß ich vor Gott und Menſchen nichts Geringeres als Marquiſin von Esmond bin.“ Und Sie haben alſo dem armen Harry gar Nichts meine liebe Marquiſin?“ fragt Lady Caſtlewood (— ſie hat mir ſeitdem in ihrer ruhigen, ſchlauen Weiſe die Geſchichte vollſtändig erzählt; und dieſe ihre Weiſe war gewiß die bezauberndſte, die eine Frau hatte: auch ſetze ich die Erzählung ſo ausführlich hierher, um nicht wieder darauf zurückkommen zu müſ⸗ ſen —). Und Sie haben alſo dem armen Harry gar Nichts vermacht?“ fragt meine theure Lady: denn Sie wiſſen, Henry,“ ſagt ſie mit ihrem holden Lächeln, „ich pflegte Eſau ſtets zu bemitleiden. — auch glaube ich, daß ich noch jetzt Partei für ihn nehme, — obgleich Papa Alles that, was er konnte, um mir eine entgegen⸗ geſetzte Ueberzeugung beizubringen.“ „Der arme Henry!“ ſpricht die alte Lady. So wäre es Ihnen denn erwünſcht. daß dem armen Henry Etwas bliebe: he he! (— geben Sie mir doch die Tropfen, Couſine! —) Wohlan denn, meine Theure, da Sie alſo durchaus haben wollen, daß der arme Harry nicht leer ausgehe, ſo muß ich Ihnen ſagen, ſeit dem Jahre 1691, eine Woche nach der Schlacht an der Boyne, wo der Prinz von Oranien ſeinen königlichen Souverain und Schwiegervater ſchlug, — ein Verbre⸗ chen, wofür 2 nun in den Höllenflammen büßt (— hu hu hu hu! —), iſt Henry Esmond nichts ee ge⸗ weſen, als Marquis von Esmond, und Graf von Caſt⸗ lewwod im vereinigten Königreich und Baron und Viscount Caſtlewwod von Shandon in Irland, und Henry Esmond. I. 17 258 endlich noch Baronet; — auch wird ſein älteſter Sohn aus Courtoiſie den Titel Graf von Caſtlewvod bekom⸗ men — he he! Was halten Sie davon, meine Liebe?“ „Allmächtiger Gott! Wie lange iſt es her, daß Sie das wiſſen 2“ ruft die andere Dame (— vielleicht glaubend, die alte Margquiſin ſei nicht recht bei Troſte —). „Mein Gatte war, müſſen Sie wiſſen, ein gar elender Tropf, bevor er ſich bekehrte,⸗ fuhr die kranke Sünderin fort. Als er noch in den Niederlanden war, verführte er die Tochter eines Webers; und nicht zu⸗ frieden damit, fügte er ſeiner Bosheit eine andere bei, indem er die Weberstochter — heirathete. Und dann kam er in ſein Vaterland zurück, und heirathete mich, — ein armes Mädchen, — ein armes, unſchuldiges, junges Ding, — ſage ich, obgleich ſie, wie Sie wiſ⸗ ſen, Harry, bereits über vierzig war, als ſie ſich ver⸗ heirathete: und was die Unſchuld betrifft, — wohlan,“ fuhr ſie fort, ich wußte von der Laſterhaftigkeit my Lords während dreier Jahre nach unſerer Hochzeit le⸗ diglich Nichts; und nachdem unſer armes Söhnchen zur Erde beſtattet war, ließ ich mich, meine Liebe, durch Paler Holt in der Caſtlewvoder Kapelle abermals co⸗ puliren, da ich von ihm vernahm, daß das Geſchöpf nun nicht länger am Leben ſei; — und da ich damals in eine ſchwere Krankheit verfiel, die leider aus der Vereitelung einer andern Hoffnung entſtanden war, ſo kam der Prieſter und ſagte mir, daß my Lord noch vor unſerer Heirath einen Sohn gezeugt hätte, und daß das Kind in England in der Pflege wäre. Ich gab daher meine Zuſtimmung zu dem Vorſchlage, den kleinen Balg nach dem Schloſſe zu bringen; auch war der Kleine, als er ankam, ein gar ſeltſames, trauriges Geſchöpfchen. „Es war unſere Abſicht, einen Prieſter aus ihm zu machen; auch wurde er für dieſen Beruf erzogen, 259 bis Sie ihn davon abwendig machten, Sie böſes Weib. Und dann hatte ich abermals Hoffnung, my Lord ei⸗ nen Erben zu ſchenken; da wurde er aber vom könig⸗ lichen Dienſte abgerufen, und ſtarb, ruhmvoll kämpfend, an der Boyne. „Für den Fall, daß meine Hoffnung getäuſcht wurde, — die nämlich, einen Erben zu ge⸗ bären, wollte ich den kleinen Sohn der Weberstochter für den rechtmäßigen Erben erklären laſſen; — denn, meine Theure, ich war Ihrem Gatten keine Liebe ſchul⸗ dig, da er mich auf die ſcandalöſeſte Weiſe hatte ſitzen laſſen. Da wurde ich in's Gefängniß geſchleppt, wo Ihr Gatte ſo freundlich gegen mich war, — indem er alle ſeine Freunde beſtürmte, um meine Freilaſſung auszuwirken, und da er ſeinen ganzen Credit zu meinen Gnnſten aufbot, — daß ich gegen ihn nicht mehr ſo grauſam ſein konnte, zumal mein Gewiſſensrath mir rieth, zu ſchweigen, und mir ſagte, es gereiche zum Beſten des königlichen Dienſtes, daß der Titel unſerer Familie Ihrem Gatten, dem ſeligen Viscount, bleibe, indem man ſo ſeiner Treue gegen den König ſtets ver⸗ ſichert wäre. lind der beſte Beweis hiefür iſt, daß ein Jahr vor dem Tode Ihres Gatten, als derſelbe ſchon daran dachte, von dem Prinzen von Oranien eine Stelle anzunehmen, Mr. Holt zu ihm ging, ihm den Stand der Dinge auseinander ſetzte, und ihn zwang, eine bedeutende Summe für Seine Majeſtät aufzunehmen; auch gelang es bei dieſer Gelegenheit Mr. Holt, ihn ſo ganz für die gute Sache zu gewinnen, daß wir ſei⸗ ner wärmſten Unterſtützung gewiß waren, ſobald es als räthlich erſcheinen konnte, den Uſurpator anzugreifen. „Da kam aber ſein plötzlicher Tod; und ſchon dachten wir einen Angenblick daran, mit der Wahrheit herauszurücken. Allein man erachtete es, im Intereſſe des königlichen Dienſtes, als das Zweckmäßigſte, dem jüngeren Zweige der Familie immer noch den Titel zu 260 laſſen; und Sie wiſſen ja, meine Theure, daß es kein Opfer gibt, das ein Caſtlewvod ſeinem rechtmäßigen Herrſcher zu Liebe nicht gerne brächte. „Was den Obriſten Esmond betrifft, ſo kannte er bereits den wahren Stand der Dinge, (— und dann, Harry,“ ſprach meine Gebieterin, „ſagte ſie mir, was am Todbette meines theuren Gatten ſich zugetra⸗ gen hatte“ —). Er hat nicht die Abſicht, den Titel anzunehmen, obgleich er ihm von Gottes⸗ und Rechts⸗ wegen gehört. Aber es erleichtert mein Gewiſſen, wenn ich Ihnen die Wahrheit mittheile, meine Theure. Auch iſt Ihr Sohn rechtmäßiger Viscvunt Caſtlewood, ſo lange ſein Conſin den Rang nicht für ſich ſelbſt in Anſpruch nimmt.“ Dieß waren im Weſentlichen die Enthüllungen der alten Vicomteſſe. Dechant Atterbury habe Kennt⸗ niß davon, ſagte Lady Caſtlewvod, und Esmond weiß gar wohl, wie der würdige Dechant dazu gekommen war, indem der ſo eben genannte Geiſtliche derſelbe war, den der ſelige Lord hatte an ſein Todtenbett rufen laſſen. Und als Lady Caſtlewood hatte alsbald an ihren Sohn ſchreiben wollen, um ihm die ganze Wahrheit mitzutheilen, da hatte der Dechant den Rath gegeben, vorerſt lieber an den Obriſten Esmond zu ſchreiben, indem man die Sache ſeiner Entſcheidung anheimſtellen ſollte, der allein dann die übrige Familie ſich zu fügen verbunden wäre. „Und kann meine theuerſte Lady auch nur einen Augenblick in Zweifel darüber ſein, wie dieſe meine Entſcheidung ausfällt?“ ſagt der Obriſt. „Ihnen, als dem Haupte unſeres Hauſes, bleibt es vorbehalten, hier eine endgültige Entſcheidung zu treffen. „Die Sache iſt ſchon vor zwölf Jahren, an dem Todbette meines theuren Gebieters, erledigt worden,“ ſagt Obriſt Esmond. „Die Kinder dürfen davon Richts 261 erfahren. Frank und, nach ihm, ſeine Erben müſſen unſern Namen führen. Er gehört ihm von Rechts⸗ wegen; ich habe nicht einmal einen Beweis von der Heirath meines Vaters und meiner Mutter, obgleich mein armer Gebieter auf ſeinem Todbette mir geſagt, es habe Pater Holt einen ſolchen Beweis nach Caſtle⸗ wood gebracht. „Als ich in den Niederlanden war, mochte ich nicht nach einem ſolchen ſuchen, ſondern blickte bloß das Grab meiner armen Mutter in dem Friedhofe ihres Kloſters an. Was verſchlägt es ihr jeßt? Kein Ge⸗ richtshof auf Erden würde, auf mein bloßes Wort hin, my Lord Viscount ſeines Titels berauben, und mich in ſeine Rechte einſetzen. Ich bin zwar das Haupt des Hauſes, theure Lady, aber Frank bleibt nichts deſto weniger Viscvunt von Caſtlewood. Und lieber möchte ich Mönch werden, oder in Amerika verſchwin⸗ den, als daß es mir einfiele, ihn im Beſitze ſeines Rechtes zu ſtören.“ Während er alſo zu ſeiner theuerſten Gebieterin ſprach, für die er jeden Augenblick bereit geweſen wäre, irgend ein Opfer zu bringen, ja, ſein Leben in die Schanze zu ſchlagen, warf ſich das liebevolle Geſchöpf vor ihm auf die Knie nieder, und küßte ihm beide Hände in einem Ausbruche leidenſchaftlicher Liebe und Dankbarkeit, der ihn nothwendig weichherzig ſtimmen, und in ihm ein Gefühl des Stolzes und der Dankbar⸗ keit hervorrufen mußte, daß Gott ihm die Macht ver⸗ liehen, ſeine Liebe zu ihr an den Tag zu legen, und dieſelbe durch ein kleines Opfer thatſächlich zu beweiſen. Perſonen, die man liebt, Wohlthaten erweiſen, oder ſie glücklich machen zu können, iſt gewiß die größte Wonne, die einem Menſchen zu Theil werden kannz — und welcher Reichthum, oder welcher Namen, oder welche Befriedigung des Ehrgeizes und der Eitelkeit ließ ſich mit dem Vergnügen Esmond's vergleichen, — mit dem 262 Vergnügen, ſeinen bewährteſten und theuerſten Freun⸗ den jetzt eine kleine Gefälligkeit zu erweiſen? „Theuerſte Heilige,“ ſpricht er, „reinſte Seele, die ſo Viel zu erdulden gehabt, die den armen verlaſſenen Waiſen mit einem ſolchen Schatze der Liebe geſegnet hat. An mir, nicht an Ihnen iſt es, auf den Knieen zu liegen; an mir iſt es, dafür dankbar zu ſein, daß ich Sie glücklich machen kann. Hat denn mein Leben einen andern Endzweck? Gott ſei gedankt, daß ich Ihnen ein Mal dienen kann! Welche Freude glauben Sie wohl, daß die ganze Welt mir gegen dieſe zu bieten vermöchte?“ „Heben Sie mich nicht auf,“ ſagte ſie in ſchwär⸗ meriſcher Weiſe zu Esmond, der ſie gern aufgehoben hätte. „Laſſen Sie mich knien, — laſſen Sie mich knien, und — und — Sie verehren!“ * * Vor einem ſo parteiiſchen Richter, wofür Esmond's theure Gebieterin ſich ſelbſt bekannte, mußte jede Sache, die er verfocht, zu ſeinen Gunſten entſchieden werden; er fand es daher auch nicht ſchwer, ſie mit der Nach⸗ richt zu verſöhnen, deren Ueberbringer er war, — das heißt, mit der Rachricht, daß ihr Sohn ſich mit einer Ausländerin, und noch dazu mit einer Papiſtin ſich verheirathet. Lady Caſtlewood ſelbſt konnte nie ver⸗ mocht werden, eine ſo üble Meinung, wie andere Leute in England, von der römiſch⸗katholiſchen Kirche zu hegen: ſie war der Anſicht, daß unſere Kirche unzwei⸗ felhaft ein Zweig der katholiſchen Kirche, daß die rö⸗ miſche aber einer der Hauptſtämme ſei, worauf aller⸗ dings gar viele Irrthümer gepfropft worden (— für ein Frauenzimmer war ſie in dieſer Controverſe wohl bewandert, indem ſie, noch als Mädchen, bei ihrem Vater, dem ſeligen Dechanten, als Seeretär thätig ge⸗ 263 weſen war, und viele ſeiner Predigten, die er ihr dictirt, geſchrieben hatte —); und wenn Frank es für gut gefunden, eine der ſüdeurvpäiſchen Kirche (— ſo pflegte ſie die römiſche Kirche zu nennen —) angehö⸗ rende Dame zu heirathen, ſo war dieß nach ihrer Mei⸗ nung kein Grund, dieſelbe nicht als ihre Schwieger⸗ tochter willkommen zu heißen. Sie ſchrieb demgemäß an ihre neue Tochter einen gar hübſchen, rührenden Brief (— ſo glaubte wenigſtens Esmond, der denſelben zu leſen bekam, ehe er abging —), worin der einzige angedeutete Tadel in einem ſanften Verweiſe beſtand, daß ihr Sohn nicht an ſie ſelbſt geſchrieben, um den Se⸗ gen einer zärtlich liebenden Mutter zu dem Schritte zu erflehen, den er im Begriffe geweſen, zu thun. „Caſtle⸗ wood wiſſe ja ſehr wohl,“ ſo ſchrieb ſie an ihren Sohn, „daß ſie ihm nie Etwas abſchlage, was ſie ihm gewähren könne; noch viel weniger hätte ſie es ſich einfallen laſſen, ſich einer Heirath zu widerſetzen, die, wie ſie hoffe, ſein Glück begründe und ihn von einem wilden Leben abhalten ſolle, das ihr ſchon ſo viele Unruhe verurſacht; auch bitte ſie ihn, ſo bald wie möglich nach England zurückzukehren, ſich in ſeinem Familienhauſe von Caſtlewood niederzulaſſen (— es iſt ſein Familienhaus, ſagte ſie zu Obriſt Esmond, wenn es auch nur durch Ihre Güte ſein eigenes Haus iſt. —), und ſich über die Art und Weiſe, wie ſie während ſeiner zehnjährigen Minderjährigkeit das Ver⸗ mögen verwaltet, Bericht erſtatten zu laſſen.“ Durch viele Sorgfalt und Sparſamkeit war es ihr gelungen, das Gut in einen Zuſtand zu verſetzen, welcher beſſer war, als der, worin es ſich ſeit den Parlamentskriegen befunden hatte; und ſo war denn my Lord jetzt Herr eines hübſchen kleinen Einkommens worauf keine Schulden laſteten, wie in den ruinöſen Zeiten ſeines Vaters. „Aber indem ich das Vermögen meines Sohnes 264 zu Rath gehalten,“ ſagte ſie, „habe ich, wie ich be⸗ fürchte, einen großen Theil des Einfluſſes eingebüßt, den ich auf ihn ausgeübt. Und dieß war auch wirk⸗ lich der Fall. Die Tochter Ihrer Ladyſchaft beklagte ſich daß ihre Mutter Alles für Frank, und gar Nichts für ſie thue; und Frank ſelbſt war unzufrieden mit der beſcheidenen Lebensweiſe, die ſeine Mutter zu Walcote eingehalten, wo er eher wie der Sohn eines armen Pfarrers, als wie ein junger Edelmann erzogen wor⸗ ſi war, der in der Weit einſt eine Figur machen ollte. Dieſer Mißgriff, der bei ſeiner früheſten Erziehung gemacht wurde, war es auch höchſt wahrſcheinlich, der ihn dem Vergnügen ſo eifrig nachjagen ließ, ſobald er die Macht und die Mittel dazu beſaß; auch iſt er nicht der erſte junge Menſch, der durch die allzu vorſichtige Zärtlichkeit von Frauen verderbt worden. Es gibt nun ein Mal für Kinder, — für große ſowohl, als für kleine, — keine nützlichere Erziehungsweiſe, als die Geſellſchaft ſolcher Kinder, die ihnen in Beziehung auf Rang oder Naturgaben vorgehen; denn in der Geſell⸗ ſchaft ſolcher Kinder verlieren ſie das übermäßige Selbſtgefühl, womit ſie ihre eigene Wichtigkeit erfülft, und wovon in der Regel ſolche angeſteckt werden, die immer allein und auf ihren häuslichen Kreis be⸗ ſchränkt ſind. Gleichwie aber ein Verſchwender, der ſeinen Freun⸗ den ein Verzeichniß ſeiner Schulden mittheilt, nie Alles niederſchreibt, und gleichwie (— man kann ſich darauf verlaſſen —) der Spitzbube einen koloſſalen Poſten zu⸗ rückhält, als deſſen Schuldner er ſich nicht zu bekennen wagt, ebenſo hatte der arme Frank noch ſeiner Mutter eine gar inhaltſchwere Neuigkeit mitzutheilen, — eine Neuigkeit, die er nicht den Muth gehabt hatte, ſeinem erſten Ehegeſtändniſſe einzuverleiben. Zwar mochte Esmond, als er Frank's Brief bekam und erfuhr, in ——— 265 welche Hände der Jüngling gefallen war, ſo einige Ahnungen haben; welcher Art aber auch dieſe Ahnun⸗ gen ſein mochten, er behielt ſie für ſich, indem er ſeine Gebieterin mit keinen Befürchtungen quälen mochte, die ſich ſpäter als ungegründet hätten herausſtellen können. Indeſſen brachte die nächſte Poſt, die von Brüſſel anlangte, nachdem Frank dort das Schreiben ſeiner Mutter erhalten, ein Actenſtück, das von ihm ſelbſt und von ſeiner Frau verfaßt war, — von ſeiner Frau, die ſich in der Orthographie nicht viel bewanderter zeigte, als ihr junger, nichtsnutziger Gatte. Das Schreiben floß von Ausdrücken des Dankes, der Liebe und des Gehor⸗ ſams gegen die verwittwete Vicomteſſe über; und zugleich mit dieſem Briefe (— der vor einem kleinen Familien⸗ rathe, das heißt, vor der Vicomteſſe, Miſtreß Beatrix, und dem Schreiber dieſer Memoiren verleſen, und von der Ehrendame für gemein erklärt ward, während die beiden Andern fühlten, daß er wirklich es ſei —) langte für Obriſt Esmond noch ein beſonderer Brief von dem armen Frank an, worin der Obriſt gebeten war, ſich eines andern traurigen Auftrages zu entledigen, ſobald ſich eine günſtige Gelegenheit dazu zeigte. Und dieſer Auftrag beſtand in nichts Anderem, als in der Nachricht daß Frank es in Folge der Er⸗ mahnungen Mr. Holt's, des Einfluſſes ſeiner Clotilde, und des vom Himmel und den Heiligen dazu gegebenen Segens es für paſſend erachtet,“ — ſo ſagte my Lord demüthigſt, „ſeine Religion abzuſchwören, und ſich in den Schooß der Kirche aufnehmen zu laſſen, zu welcher ſein Souverän, viele Glieder ſeiner Familie, und der größte Theil der civiliſirten Welt gehörten.“ Auch fügte Seine Lordſchaft noch eine Rachſchrift bei, deren inſpirirenden Genius Esmond wohl kannte, denn es roch dieſelbe ſo ganz nach dem Seminar, und ſah der gewöhnlichen Schreib- und Denkweiſe des armen Frank ſo ganz und gar unähnlich. In bemeldeter 266 Nachſchrift erinnerte der arme Junge den Obriſten Es⸗ mond, daß auch er, der Obriſt, durch ſeine Geburt der römiſchen Kirche angehörte, ſowie daß Seine Lordſchaft die Heiligen fleißig anflehen würde (fürwahr, eine un⸗ ſchätzbare Wohlthat! —), daß ſeine Mutter und ſeine Schweſter auf den allein rechten Glaubensweg geleitet werden möchten. Hätte Esmond auch dieſes Geheimniß bewahren wollen, ſo konnte er es doch nicht; denn ein Paar Tage nach Empfang dieſes Briefes erſchien ein kleiner aus Brüſſel datirter Artikel in dem „Reichspoſtreiter,“ ſowie in anderen Druckſchriften, welcher bemeldete, daß „ein junger iriſcher Lord, mit Namen Viscvunt C—ſtle⸗ w—d, der ſo eben volljährig geworden und als Adju⸗ tant Seiner Gnaden des Herzogs von Marlborough mit vieler Tapferkeit in den letzten Feldzügen gedient, zu Brüſſel die papiſtiſche Religion angenommen, und, eine Wachskerze in der Hand, barfüßig bei einer Pro⸗ ceſſion geſehen worden ſei.“ Der berüchtigte Mr. Holt, der bei der letzten Regierung als jacobitiſcher Agent thätig geweſen, und dem König William gar oft verziehen, hatte, ſo ſtand es im „Reichspoſtreiter,“ dieſe Bekehrung bewirkt. Lady Caſtlewvod war bei dieſer Rachricht ebenſo niedergeſchlagen, als Miß Beatrix darüber empört war. Letztere ſagte unter Anderem: „Caſtlewood iſt alſo keine Heimath mehr für uns. Frank's ausländiſche Frau wird ihren Beichtvater mit⸗ bringen, und da werden denn Fröſche zum Mittageſſen aufgetragen werden; und alle Predigten Tuſher's und meines Großvaters ſind an meinem Bruder verloren. Ich ſagte Ihnen ja oft genug, daß Sie ihn mit dem Kate⸗ chismus umbrächten, und daß er ein laſterhafter Menſch werden würde, ſobald er ſich von dem Gängelbande ſeiner Mammy befreit hätte. O Mutter! Sie wollten mir nicht glauben, daß der junge Bruder Liederlich Sie 267 hintergehe, und daß der Kriecher von einem Tuſher kein paſſender Führer für ihn ſei. „Oh, über die Pfaffen! Ich verabſcheue alle,“ fährt Miſtreß Beatrix, die Hände zuſammenſchlagend, fort; „ja, ſie mögen nun Prieſtergewänder und Schnal⸗ len, oder Bärte tragen und barfuß gehen. Da iſt ein abſcheulicher iriſcher Tropf, der Sonntags nie bei Hofe fehlt, und der mir dort Complimente macht, der ab⸗ ſcheuliche Menſch; — und wenn man wirklich wiſſen will, wie es ſich mit den Pfaffen verhält, ſo braucht man nur ſein Benehmen anzuſehen, und ihn von den Leuten ſprechen zu hören, die ſein Tuch tragen. „Ich ſage Ihnen, ſie gleichen Alle einander, mögen ſie nun Biſchöfe, oder Bonzen, oder indiſche Fakirs ſein. Sie ſuchen uns zu beherrſchen, und ſchrecken uns mit der zukünftigen Welt; und ſie nehmen vor den Leuten eine heilige Miene an, und erwarten von uns, daß wir uns vor ihnen auf die Knie niederlaſſen und ſie um ihren Seegen anflehen ſollen; — und doch intriguiren und verläumden ſie, und maßen ſie ſich mehr an, als der ſchlimmſte Hofmann, oder das verruchteſte alte Weib. So hörte ich vor ein Paar Tagen dieſen Mr. Swift den Muth des Herzogs von Marlborvugh ver⸗ höhnen. He! Der Teague von Dublin! Weil Seine Gnaden in dieſem Augenblicke nicht in Gunſt ſtehen, wagt er dieß von ihm zu ſagen; auch ſagt er dieß aus keinem andern Grunde, als daß es Ihrer Majeſtät zu Ohren komme, und weil er Mrs. Maſham um jeden Preis ſchmeicheln will. „Man ſagt, der Kurfürſt von Hannover habe an ſeinem Hofe zu Herrenhauſen ein Dutzend Maitreſſen; gelingt es ihm nun, König über uns zu werden, ſo wette ich, daß die Biſchöfe und der Swift, der um je⸗ den Preis einer werden möchte, denſelben auf die krie⸗ chendſte Weiſe ſchmeicheln werden. Oh, über die Prie⸗ ſter und ihre ernſte Miene! Was mich betrifft, ſo habe 268 ich ihre breitſchnäbligen Schuhe und ihre raſchelnden Gewänder ſatt. Ich möchte in ein Land gehen, wo es gar keinen gäbe, oder möchte eine Quäkerin werden, um mich ihrer zu entledigen; auch würde ich Letzteres ganz gewiß thun, wenn mir nur das Quäkerkleid auch beſſer ſtände, denn ich habe hoffentlich ein viel zu hüb⸗ ſches Geſicht, als daß ich es zu verbergen brauchte. Nicht wahr, Vetter?“ Und hier blickte ſie ihre Perſon an und ſchaute in den Spiegel, der ihr ganz richtig ſagte, daß eine ſchönere Geſtalt und ein ſchöneres Geſicht noch nie ge⸗ ſehen worden. „Ich machte dieſen Ausfall gegen die Pfaffen,“ ſagte Miß Beatrix ſpäter, um die Beſorgniß und die Angſt meiner armen lieben Mutter ein Bischen von Frank abzulenken. Frank iſt ſo eitel, wie ein Mäd⸗ chen, Vetter. Wenn Ihr uns Mädchen eitel nennt, was ſeid dann Ihr? Was ſind wir im Vergleich mit Euch? Es war leicht zu ſehen, daß das erſte beſte Frauenzimmer, oder die erſte beſte Robe einen Narren aus ihm machen würde: — ein Pfaffe und ein Frauen⸗ zimmer gleichen einander wie zwei Eier. Wir cabaliren immer und ewig; wir ſind nicht verantwortlich für die Lügen, die wir ſagen; immer und ewig liebkoſen, und ſchmeicheln, oder drohen wir; und immer und ewig ſtiften wir Unheil, Obriſt Esmond, — merk' Dir das: ich kenne die Welt und muß dieſelbe kennen, da ich mein Glück in derſelben zu machen habe. „Ich ſehe gar gut, wie Frank's Heirath herbei geführt worden iſt. Der Graf, unſer Herr Schwieger⸗ vater, liegt immer und ewig im Kaffeehauſe. Die Gräfin, unſere Frau Schwiegermutter, iſt immer und ewig in der Küche, um nach dem Eſſen zu ſchauen. Die Gräfin, unſere Frau Schwägerin, ſitzt am Spinette. Kommt nun my Lord, um zu ſagen, er ziehe jetzt in das Feld, ſo bricht die liebenswürdige Clotilde in 269 einen Thränenſtrom aus, und ſinkt in Ohnmacht; er fängt ſie mit den Armen auf, — nein, Sir, bleiben Sie weg, Vetter, wenn es Ihnen beliebt, — ſie weint an ſeiner Schulter, und er ſagt:,Oh, meine göttliche, meine angebetete, meine heißgeliebte Clotilde, Sie ſind alſo betrübt wegen meiner Abreiſe? — „Oh, mein Franciscv, ſagt dann ſie, oh, guter Gott!“ — Und gerade in dieſem Angenblicke tritt Mama mit ein Paar jungen, beſchnurrbarteten, und lange Rappiere tragen⸗ den Brüdern aus der Küche herein, wo ſie Brod und Zwiebel mit einander gegeſſen haben. „Merk' auf! Drei Monate, nachdem dieſes Frauen⸗ zimmer auf Schloß Caſtlewvod angelangt iſt, wird Mamma ſämmtliche Verwandte dieſes Frauenzimmers dort haben: — den alten Grafen und die alte Gräfin, ſowie die jungen Grafen und all' die kleinen Gräfinnen, ihre Schweſtern. Grafen! Jeder dieſer Tröpfe nennt ſich einen Grafen. Guiscard, der Mr. Harvy erdolchte, ſagte auch, er ſei ein Graf, und doch glaube ich, daß er Nichts, als ein Barbier geweſen. Pepperlepep! Die Franzoſen ſind ſammt und ſonders Barbiere, — wider⸗ ſprich mir nicht, oder Tanzmeiſter, oder Pfaffen. Und ſo ging es fort. „Wer hat denn aber Dich das Tanzen gelehrt, Couſine Beatrix?“ ſagte der Obriſt. Sie lachte die Melodie eines Menuets heraus, und machte einen tiefen Knicks und ſpißzte dabei das hübſcheſte Füßchen von der Welt. Ihre Mutter kam gerade in dem Augenblicke her⸗ ein, wo ſie dieſe Attitüde angenommen hatte. My Lady war in ihrem Cabinett geweſen da die Bekehrung des armen Frank ihr nicht wenig zu ſchaffen machte; — das tollköpfige Mädchen lief nun auf ihre Mutter zu, ſchlang die Arme um den Leib derſelben, küßte ſie, ſuchte ſie tanzen zu machen und ſagte: „Seien Sie doch nicht ſo albern, liebes Mammachen, 270 und weinen Sie doch nicht darüber, daß Frank ein Papiſt geworden. Welche Figur muß er gemacht haben, während er mit einem weißen Tuche und einer Kerze baarfuß einer Proceſſion ſich anſchloß!“ Und mit dieſen Worten ſchlenkerte ſie ihre kleinen Pantoffeln fort (— die wunderſamſten Schühchen mit wunderſamen hohen rothen Abſätzen: Esmond fiel über einen der Pantoffeln her, als derſelbe dicht neben ihm zu Boden fiel —), und nahm die drolligſte kleine Moue *) an, und ging im Zimmer auf und ab, während ſie . Esmond's Stock wie eine Kerze in der Hand hielt. So ernſt auch die Stimmung der lieben Lady Caſtlewood war, ſo konnte ſie ſich doch eines Lachens darüber nicht enthalten; und was den armen Esmond betrifft, ſo erfüllte ihn dieſe Scene mit jenem Entzücken, das der Anblick dieſes ſchönen Geſchöpfes ihm ſtets einflößte: noch nie hatte er ein Frauenzimmer ſo loſe, ſo brillant, und ſo ſchön geſehen. Nachdem ſie aufgehört, auf und ab zu gehen, ſtreckte ſie ihren Fuß aus, um ihren Pantoffel wieder anzu⸗ ziehen. Da kniete der Obriſt nieder und ſprach: Wenn Du Papſt ſein willſt, ſo werde ich Papiſt;“ und Ihre Heiligkeit gab ihm die gnädigſte Erlaubniß, das kleine beſtrumpfte Füßchen küſſen zu dürfen, bevor er ihr den Pantoffel anzog. Während dieſer Operation fingen Mammas Füße an, in raſchem Tempo auf den Boden niederzufallen, und Beatrix, deren ſcharfen Augen Nichts entging, be⸗ merkte dieſe kleine Zeichen der Ungeduld gar wohl⸗ Sie lief auf ihre Mutter zu und küßte ſie, und ſagte: „D, Sie albernes Mammachen: Ihre Füße ſind gerade ſo hübſch, wie die meinigen; und das ſind ſie auch, *) Geſichtsverzerrung, das Mäulchen. 271 Vetter, obgleich ſie dieſelben verbirgt; aber der Schuh⸗ macher kann Dir ſagen, daß derſelbe Leiſt für uns Beide dient.“ „Du biſt größer, als ich, meine Liebe,“ ſagt ihre Mutter, während ihr ganzes holdes Geſicht purpurroth wurde, „— und — und Du ſollſt ihm Deine Hand geben, meine Theure, und nicht Deinen Fuß.“ Und ſie ſagte dieſe Worte mit einem hyſteriſchen Lachen, das mehr von Thränen als von Gelächter an ſich hatte; auch legte ſie den Kopf auf die hübſche Schulter ihrer Tochter und verbarg ihn dort. Sie bildeten ein gar hübſches Gemälde zuſammen, und ſahen wie ein Paar Schweſtern aus; — die holde ſchlichte Matrone erſchien dabei viel jünger, als ſie wirklich war, und was ihre Tochter betrifft, ſo ſchien ſie, wenn auch nicht älter, ſo doch, ich weiß nicht in Folge welches gebieteriſchen Weſens, und welcher imponirenden Gra⸗ zie, die ſie vor den meiſten Franenzimmern auszeichne⸗ eu⸗ die Vorgeſetzte und Beſchützerin ihrer Mutter zu ein. „Aber ach!“ ruft meine Gebieterin, ſich nach dieſer Scene wieder faſſend und in ihren gewöhnlichen trau⸗ rigen Ton wieder verfallend, — „es iſt eine Sünde, daß wir an einem Tage, wo wir auf den Knien liegen und um Vergebung bitten ſollten, lachen und Poſſen machen.“ „Um Vergebung bitten — weßhalb?“ ſagt die trotzige Miſtreß Beatrix, — etwa deßhalb, weil Frank es ſich in den Kopf ſetzt, Freitags zu faſten, und Hei⸗ ligenbilder zu verehren? Sie wiſſen, Mutter, wären Sie als Papiſtin geboren, ſo würden Sie bis an's Ende Ihrer Tage eine Papiſtin geblieben ſein. Es iſt ja die Religion des Königs und noch einiger andern Perſonen, die zu dem allerhöchſten Adel gehören. Was mich betrifft, ſo mag ich dieſelbe wohl leiden: auch glaube ich, daß die Königin Beß um kein Haar beſſer war, als die Königin Mary.“ 272 „St. Beatrix! Treib nicht mit heiligen Dingen Deinen Spaß, und vergiß nicht, von wem Du ab⸗ ſtammſt!“ ruft my Lady. . Beatrir ordnete ihre Bänder, ſowie ihren Bruſt⸗ ſtreifen, und verrichtete vor dem Spiegel ein Dutzend hübſche Ceremonien, die für einen Mann des Lockenden nicht wenig hatten. Das Mädchen war wenigſtens keine Heuchkerin. Man konnte ſie damals ſchlechterdings nicht dazu bringen, daß ſie an etwas Anderes dachte, als an ihre Schönheit und an die Welt; auch ſchien ihr der Frömmigkeitsſinn nicht weniger abzugehen, als Muſikſinn gewiſſen Leuten, die nicht im Stande ſind, eine Melodie von der andern zu unterſcheiden. Esmond ſah an ihr gar wohl dieſen Fehler nebſt noch vielen andern: — er dachte, daß Beatrix Esmond für Jeden, der weniger als ein Prinz wäre, eine gar ſchlechte Frau abgeben würde. Sie war nun ein Mal dazu geboren, in großen Aſſembléen zu glänzen, Paläſte zu ſchmücken, und überall zu gebieten, — eine politiſche Intrigue zu leiten, oder im Gefolge einer Königin zu glänzen Aber an einem ſchlichten Tiſche zu ſitzen, — und für die Kinder eines armen Mannes die Strümpfe zu flicken, das war keine paſſende Pflicht für ſie, oder wenigſtens eine Pflicht, bei deren Erfüllung ihr das Herz gebrochen ſein würde — ja, ſie würde es nur bis zu einem Verſuche gebracht haben. Sie war eine Prinzeſſin, obgleich ſie kaum einen Shilling ihr eigen nennen konnte; und einer ihrer Unterthanen, — gewiß der demüthigſte und verächtlichſte Tropf, der je zu den Knien eines Weibes gefaſelt, — war dieſer unglück⸗ liche Gentleman, der ſeine Vernunft, und ſeinen Ver⸗ ſtand, und ſeine Unabhängigkeit in Feſſeln ſchlug, um dieſelben ihr gebunden zu überliefern. Und wer weiß denn nicht, wie unbarmherzig Frauen tyranniſiren, wenn man ſie herrſchen läßt? Und wer weiß nicht, wie unnütz aller gute Rath iſt? Ich könnte 273 meinen Nachkommen gar viele gute Rathſchläge geben, aber ich weiß, daß ſie ja doch, trotz aller Predigten ihres Großvaters, ihren eigenen Weg gehen werden. Ein Mann erwirbt ſich ſeine Erfahrung in Beziehung auf Frauenzimmer ſelbſt, und achtet dabei auf Niemands Anſicht; auch will mich bedünken, daß der junge Burſche, der Letzteres thäte, keine taube Nuß werth iſt. Ich bin in meine Geliebte vernarrt, und nicht meine alte Groß⸗ mutter, die mir guten Rath gibt; — ich bin es, der den Werth des Dings feſtgeſetzt, das ich gerne haben, und der den Preis kennt, den ich darnm geben möchte. Für Dich mag das Ding werthlos ſein, mir aber iſt es über Alles werth und theuer. Hätte Esmond die Krone und ſämmtliche Diaman⸗ ten des Großmoguls, oder all' das Geld des Herzogs von Marlborough, oder all' die Gold⸗ und Silber⸗ barren beſeſſen, die das Meer bei Vigo verſchlang, — er würde Alles das für dieſes Frauenzimmer hingegeben haben. Er war zwar, wenn Du willſt, ein Thor; aber ebenſo iſt auch ein Souverain ein Thor, der ein halbes Fürſtenthum hingibt für einen kleinen Kryſtall, welcher ſo groß wie ein Taubenei iſt, und Diamant genannt wird. Ein eben ſolcher Thor iſt ein reicher Edelmann, der allen Gefahren und dem Tode trotzt, und ſein halbes Leben und ſeine ganze Ruhe opfert, nur — um ein Stück blauen Bandes zu erhaſchen; und ebenſo iſt ein holländiſcher Kaufmann ein Thor, der bekannter Maßen zehntauſend Kronen für eine Tulpe bezahlt hat. Es gibt nun ein Mal irgend einen beſondern Preis, den wir Alle ſchätzen, und um welchen Jeder, der einigen Muth und Geiſt beſitzt, ſein Leben in die Schanze zu ſchlagen bereit iſt. Dieſer wird Alles daran ſetzen, ſich in der gelehrten Welt großen Ruhm zu er⸗ werben; Jener wird Alles aufbieten, um für einen Henty Esmond. I. . 18 274 Mann von Faſhion zu gelten, und von der ganzen Stadt bewundert zu werden; wieder ein Anderer wird ſeine Ehre darein ſetzen, ein großes Kunſtwerk auszu⸗ führen, oder ſich als Dichter auszuzeichnen, und ſich ſo Unſterblichkeit zu erringen; und noch ein Anderer kennt, während einer gewiſſen Zeit ſeines Lebens, keinen an⸗ dern Endzweck, als den, wie er die Gunſt eines Wei⸗ bes erlangen möge Während Esmond von dieſer Leidenſchaft beherrſcht war, erinnert er ſich noch gar wohl, mit ſeinen ver⸗ trauten Freunden über die Sache geſprochen zu haben. Letztere pflegten unſern Ritter von der traurigen Ge⸗ ſtalt ob ſeiner Hingebung für Beatrix, woraus er gar keinen Hehl machte, zu verſpotten; und dann diente er ſeinen Freunden auf ihre Satyren mit Antworten, die etwa ſo lauteten, wie die obigen Reflexionen. Ich will gerne zugeben,“ pflegte er zu ſagen, „daß ich ein Thor und um kein Haar beſſer bin, als Ihr; aber Ihr ſeid auch nicht beſſer als ich. Ihr habt, jeder von Euch, eine Narrheit, an der er laborirt; gönnet mir daher auch die meinige. Welche Schmei⸗ cheleien flüſtern Sie einem Günſtlinge der Königin ins Ohr, Mr. St. John? Glauben Sie ſich da tief genug erniedrigen zu können? Wie viele Nächte hin⸗ durch arbeitet nicht der trägſte Mann von der Welt, wobei er ſeiner Flaſche, und ſeinen luſtigen Kamera⸗ den, und ſeiner Lais entſagt, in deren Schvoße er ſonſt ſo gerne gähnte, damit er eine von Lügen ſtrotzende Rede zu Stande bringe, — eine Rede, womit er drei⸗ hundert dummen, ungebildeten Unterhausmitgliedern zu ſchmeicheln, oder den geſchluchzten Jubel der Octo⸗ berclubbs zu erhaſchen gedenkt? Wie viele Tage brin⸗ gen Sie nicht in Ihrem Wagen zu, der einem die Seele aus dem Leibe rüttelt — Mr. Esmond fuhr, und insbeſondere in neueſter Zeit, gar oft mit dem Secretär nach Windſor —)? Wie viele Stunden brin⸗ 275 en Sie nicht auf Ihren mit der Gicht behafteten zu, und wie demüthig ſinken Sie nicht auf ein Knie nieder, um eine Depeſche zu überreichen, — Sie, der ſtolzeſte Mann von der Welt, der Sie, ſeitdem Sie die Knabenſchuhe abgelegt, nicht mehr vor Gott gekniet haben? Und flüſtern Sie nicht, wenn Sie als Herr Secretär ſich zu einer Audienz begeben, und ſchmeicheln Sie nicht, und beten Sie nicht faſt in ſolcher Stellung ein ſtupides Frauenzimmer an, das oft, wenn es Sie anzuhören beliebt von dem vielen Eſſen und Trinken benebelt und unzurechnungsfähig iſt? Iſt mein Endziel eitel, ſo iſt es gewiß das Ihrige auch. Und dann pflegte der Secretär in einen Schwall beredter Worte auszubrechen, den dieſe beſcheidene Fe⸗ der nicht auf's Papier hinzuzaubern vermag; er redete dabei, wie gewöhnlich, ſeinen ehrgeizigen Plänen das Wort; — zeigte, wie viel Gutes er wirken könne, wenn er an der Spitze der Geſchäfte ſtehe; — unter⸗ ſtützte ſeine Anſicht mit ein Paar Dutzend bequemer Sentenzen aus griechiſchen und römiſchen Autoritäten — welche Art von Gekehrſamkeit er in etwas allzu freigebiger Weiſe auszukramen pflegte —), und rühmte in höhniſcher Weiſe dieſelben Kungſtüce und Gemein⸗ heiten, wodurch Thoren veranlaßt werden ſollten, ihm anzuhangen, wodurch Opponenten beſtochen, oder zum Schweigen gebracht, Zweifler bekehrt, und Feinde ein⸗ geſchüchtert werden ſollten. „Ich bin,“ ſagt Esmond lachend, „Diogenes, der in Alexander's Wagen ſpazieren fahren darf. Ich habe aber kein Verlangen, den Darius zu beſiegen, oder den Bucephalus zu bändigen. Ich brauche durch⸗ —aus nicht das, was Sie brauchen, — das heißt, einen großen Namen oder eine hohe Stellung: es würde mir gar keine Freude machen, ſolche zu beſitzen. Aber meine Mäßigung iſt Geſchmacksſache, keine Tugend: — und es iſt mir wohlbewußt, daß das, wornach ich ſtrebe, 276 eben ſo eitel iſt, als das, wornach Sie ſich ſehnen. Mißgönnen Sie mir doch meine Eitelkeit nicht, wenn ich Ihnen die Ihrige hingehen laſſe, oder wir wollen lieber beide gleich, und uns ſelbſt, und einander ver⸗ lachen.“ „Wenn Ihre Zauberin ſo fortmacht,“ ſagt St. John, „ſo können Sie ſie noch zwanzig Jahre lang belagern müſſen; und ſie ergibt ſich vielleicht, wenn Sie ſiebzig ſind, und ſie alt genug iſt, um Großmutter zu ſein. Ich ſage nicht, die Bewerbung um dieſes oder jenes Frauenzimmer ſei nicht ein ebenſo angenehmer Zeitvertreib, als irgend eine andere Art von Jagd,“ ſetzte er hinzu; „nur finde ich meines Theils, daß das Spiel gar zu kurze Zeit dauert, und daß das Wild nicht lange genug läuft. Sie — die Frauenzimmer eben ſich gar zu bald gewonnen; — und das iſt der Fehler. den ich an ihnen finde.“ „Das Spiel, das Sie verfolgen, beſteht am Ende in nichts Anderem, als darin, daß man ſich fangen und herunterreißen läßt,“ ſpricht Mr. Esmond. „Aber Dulcinea del Toboſo hat wohl nicht ihres Gleichen, he?“ ſagt der Andere. „Wohlan, ehrlicher Harry, fahren Sie fort, Windmühlen anzugreifen: — vielleicht ſind Sie nicht närriſcher, als andere Leute,“ ſetzte St. John mit einem Seufzer hinzu. 277 Prittes Rapitel. Ein Artikel aus dem Spectator. Leidet vielleicht ein junger Herr von meiner Nach⸗ kommenſchaft, der zufällig die Papiere ſeines alten Großvaters liest, dermalen unter der Leidenſchaft der Liebe? Es gibt eine demüthigende Cur, die aber leicht iſt und in Betreff der Krankheit faſt als ein Specificum angeſehen werden kannz — und dieſe Cur beſteht da⸗ rin, daß man es mit einer kleinen Luftveränderung verſucht. Esmond entfernte ſich wohl ein halb Dutzend Mal von ſeiner Geliebten, und ward immer geheilt; dann kam er wieder zu ihr zurück, und bekam richtig und zwar alsbald wieder das Fieber. Er geſtand, er könne ſie verlaſſen, und nicht mehr an ſie denken; und ſo konnte er denn wenigſtens jene Raſerei und jene Sehnſucht ziemlich gut unterdrücken, wovon er befallen wurde, ſo oft er ſich in ihrer Nähe befand; ſobald er aber zu ihr zurückkehrte, wurde er wieder ſo krank, wie er es nur je war. Ein lächerlicher und bemitleidens⸗ werther Gegenſtand, fürwahr! der wenigſtens Jeder⸗ manns Mitleiden erſchöpfte nur das ſeiner theuerſten Gebieterin, Lady Caſtlewood's, nicht, in deren zärtliche Bruſt er alle ſeine trübſeligen Bekenntniſſe niederlegte, und die es nie müde ward, ihn anzuhören, und ſeine Fürſprecherin zu machen. Zuweilen dachte Esmond, es ſei Hoffnung vor⸗ handen. Dann war er wieder von Verzweiflung ge⸗ plagt, wenn ſeine Geliebte ein Mal mit einem Andern kokettirte oder ihn abſchnödete. Tage lang konnten ſie wie Bruder und Schweſter oder wie die innigſten 278 Freunde ſein, — ſie, einfach, liebevoll, und bezaubernd, — er, über ihr gutes Benehmen über die Maßen glück⸗ lich. Aber mit einem Male war denn Alles dieſes wieder weg. Entweder betrieb er ſeine Sache mit allzu vielem Eifer, und ſpielte auf ſeine Liebe an: — dann wies ſie ihn augenblicklich zurück, und gab ſeiner Eitelkeit eine tüchtige Ohrfeige; oder aber war er, und zwar aus ganz triftigen Gründen, auf irgend einen neuen Anbeter, der ſich gezeigt, oder auf irgend einen reichen jungen Gentleman eiferſüchtig, der ſeit Kurzem in der Stadt angekommen, und den dieſe unverbeſſer⸗ liche Kokette ködern und in ihre Netze ziehen wollte. Machte Esmond ihr dann Vorſtellungen, ſo ſagte die kleine Rebellin: — „Wer biſt denn Du? Ich werde meinen eigenen Weg gehen, und dieſer Weg führt zu meinem Gatten, — und Dich brauche ich nicht auf meinem Wege. Ich bin für Leute, Obriſt, mit denen Du nicht wetteifern kannſt, ſowohl was Rang, als Reichthum betrifft, — alſo nicht für Deines Gleichen: verſtehſt Du mich? Vielleicht würde ich mich mit Dir begnügen, wenn Du ein hübſches Vermögen hätteſt und jünger wäreſt. Zwar ſagſt Du, Du ſeieſt nur acht Jahre älter denn ich; aber ſachte, ſachte! Ich ſage Dir Du biſt um hundert Jahre älter. Du biſt ein alter, alter Graveairs *), und ich würde Dich zu einem un⸗ glücklichen Manne machen, das wäre der einzige Troſt, den ich hätte, wenn ich Dich heirathete. Aber Du haſt nicht ſo viel Geld, um eine Katze anſtändig zu unter⸗ halten, wenn Du Deinem Bedienten ſeine Gage und Deiner Hauswirthin ihre Rechnung bezahlt haſt. Glaubſt denn Du, ich werde bei Andern im Hauszinſe wohnen, und Dir Deinen Hammelbraten an der Schnur umdre⸗ hen, während mein ehrenwerther Gatte das kleine Kind *) Mann mit ernſter, feierlicher Miene 279 ſchaukelt? Narretheien! Und warum ließeſt Du Dir nicht dieſen Unſinn aus dem Kopfe treiben, während Du im Kriege wareſt? Du biſt trübſeliger und lang⸗ weiliger zurückgekommen, als Du je wareſt. Du und Mamma, — Ihr paſſet ſo ganz für einander. Ihr Beide könntet gar wohl Darby und Joan ſein, und bis an's Ende Eures Lebens Cribage *) ſpielen.“ „So geſtehſt Du denn ſelbſt Deinen Weltſinn ein, arme Trix!“ ſpricht ihre Mutter. „Weltſinn? — Oh, meine hübſche Dame! Glauben Sie denn, ich ſei noch in der Ammenſtube, und laſſe mich mit dem Teufel ſchrecken? Weltſinn? — Ei, frei⸗ lich; und ſagen Sie mir doch, Madame, wem dadurch Unrecht geſchieht, wenn ich mich ſo bequem wie wöglich zu betten ſuche? Wo ſoll ich hingehen, wenn Sie ein Mal heimgehen, theuerſte alte Frau, oder wenn ich Sie ſatt habe, und Ihnen entflohen bin? Soll ich etwa zu meiner papiſtiſchen Schwägerin gehen, bei ihr oberſte Kindsmagd werden, den Kindern ihre Arzeneien geben, und dieſelben putzen, und ſie zu Bette bringen, wenn ſie unartig ſind? Soll ich Caſtlewood's erſte Magd ſein, und vielleicht Tom Tuſher heirathen? „Merci! Ich bin lange genug Frank's demüthige Dienerin geweſen. Warum bin ich nicht ein Mann? Ich habe zehn Mal ſo viel Kopf als er, und hätte ich — es erſchrecke Ew. Ladyſchaft nicht! — und hätte ich ein Schwert und eine Perrücke getragen anſtatt dieſes langen Schleiers und dieſer Commode **), wozu die Natur mich verdammt hat (— obgleich dieß ein hübſcher Stoff iſt; Vetter Esmond! Du wirſt morgen nach der Börſe gehen, und das genaue Gegenſtück von dieſem Bande kaufen: Hörſt Du? —), ſo hätte ich *) Ein engliſches Kartenſpiel. **) Eine Art hohen Kopfputzes. 280 unſern Namen berühmt gemacht. Und ebenſo würde Graveairs unſerem Namen zu einiger Celebrität ver⸗ holfen haben, wenn er denſelben repräſentirt hätte. My Lord Graveairs würde ſeine Sache recht gut ge⸗ macht haben. Ja, Deine Manier iſt gar hübſch, und Du würdeſt einen recht braven, ernſten Redner abgege⸗ ben haben.“ Und hier fing ſie an, Esmond's Haltung und Sprechweiſe nachzuahmen, und zwar auf eine ſo ſpaß⸗ hafte Weiſe, daß ſeine Gebieterin nicht umhin kounte, in ein herzliches Lachen auszubrechen, und daß ſelbſt er zu ſehen vermochte, es liege der phantaſtiſchen, bos⸗ haften Carricatur einige Wahrheit zu Grunde. „Ja,“ fährt ſie fort, „ich gelobe, geſtehe, und be⸗ kenne feierlich, daß ich einen guten Gatten zu haben wünſche, und was ſchadet das auch? Mein Geſicht iſt nun ein Mal mein Vermögen. Wer will kommen und kaufen, kaufen, kaufen! Ich kann keine harten Arbeiten verrichten; auch kann ich nicht ſpinnen; dagegen aber kenne ich nicht weniger als drei und zwanzig Karten⸗ ſpiele. Ich kann den neueſten Tanz tanzen, — ich kann auf der Jagd einen Hirſch verfolgen, und glaube, daß ich auch Vögel im Fluge ſchießen könnte. Ich habe eine ſo böſe Zunge, wie nur irgend ein Frauen⸗ zimmer von meinem Aiter ſie haben kann; auch weiß ich ſo viele Geſchichten, daß ich einen mürriſchen, trüb⸗ ſinnigen Gatten wenigſtens tauſend und eine Nacht amüſtren könnte. Ich habe einen hübſchen Geſchmack für Kleider, für Diamanten, für das Spiel, und für altes Porcellan. Ich liebe Zuckermandeln, Mechelner Spitzen (— die, ſo Du mir mitgebracht, Vetter, ſind recht nett —), die Oper, und Alles, was nutzlos und koſtſpielig iſt. Ich habe einen Affen und einen kleinen ſchwarzen Burſchen, — Pompey, geh' doch und gib Obriſt Graveairs eine Taſſe Chocolade! — und einen Papagei, und ein Bologneſer-Hündchen und einen * 281 Gatten — muß ich erſt noch bekommen. Cupido, hörſt Du?“ „Ei, ja, Miſſis,“ ſagt Pompey, ein kleiner grin⸗ ſender Neger, den Lord Peterborow ihr geſchenkt, und der einen Paradiesvogel an ſeinem Turbane, ſowie einen Kragen hatte, warauf der Name ſeiner Gebieterin geſtickt war. „Ei, ja, Miſſis!“ ſagt Beatrix, den kleinen Reger nachahmend. „Und wenn Gatte nicht kommt, ſo muß eben Pompey einen holen.“ Und Pompey entfernte ſich grinſend mit dem Prä⸗ ſentirteller, worauf er die Chocolade hergebracht, wäh⸗ rend Miß Beatrix zu ihrer Mutter hinlief, und ihren loſen Worten in der gewöhnlichen Weiſe, das heißt, mit einem Kuſſe ein Ende machte. Kein Wunder da⸗ her, daß indem ſie eine ſolche Strafe bezahlte, ihre liebevolle Richterin ihr verzieh. * * — Als Mr. Esmond nach Hauſe kam, war ſeine Geſundheit immer noch erſchüttert; er miethete daher zu Kenſington, in der Nähe ſeiner Gebieterin, eine Wohnung, und war ziemlich froh, Dienſte von ihnen annehmen und ſie täglich ſehen zu können. Auch war es ihm vergönnt, mit einigen Perſonen zu verkehren, die ſo ganz nach ſeinem Geſchmacke waren. Mr. Steele und Mr. Addiſon erwieſen ihm Beide die Ehre, ihn in ſeiner Wohnung zu beſuchen; auch tranken dieſelben gar manche Flaſche guten Bordeauxweins bei ihm, während ihr Wirth durch ſeine Wunde verhindert war, etwas Anderes, als Kräutertrank und Haferſchleim zu ſich zu nehmen. Es waren dieſe Herren zwar Whigs und große Bewunderer des Herzogs von Marlborvugh, während Esmond, wie bereits bekannt, durchaus der andern 282 Partei angehörte. Aber die Verſchiedenheit ihrer poli⸗ tiſchen Anſichten verhinderte die Herren nicht, ſonſt mit einander zu harmoniren; auch hielt dieſe Verſchieden⸗ heit der politiſchen Anſichten ſeine ſo eben erwähnten Freunde nicht ab, eines Abends, als Esmond's gütiger, alter Gönner, Generallieutenant Webb, vermittelſt eines Stockes und einer Krücke zu dem Obriſten heraufgehinkt kam (— die Wohnung des Letzteren lag gar hübſch zu Kinghtsbridge, zwiſchen London und Kenſington, und beherrſchte die Gartenanlagen —), zuzugeben, daß der Generallieutenant ein wackerer, tapferer Soldat ſei, — ja ſogar, daß man ihm wegen der Wynendaeler Affaire durchaus nicht die verdiente Gerechti keit habe wider⸗ fahren laſſen. Indeſſen revanchirte ſich der General, — wie hier geſtanden werden muß, — mit Worten; und wäre Mr. Addiſon geneigt geweſen, über Wynen⸗ dael ein Gedicht zu ſchreiben, ſo hätte er aus dem Munde des Commandanten ſelbſt die Geſchichte wohl hundert Mal hören können. Mr. Esmond, der durch ſeine Geſundheitsumſtände zur Ruhe verurtheilt war, ſuchte ſeine Erholung in literariſchen Beſchäftigungen, und ſchrieb eine Komödie, wovon noch die für den Souffleur beſtimmt geweſene Abſchrift in des Obriſten Schreibtiſch liegt, — in dem aus Wallnußbaumholz verfertigten Schreibtiſche; es iſt dieſelbe verſiegelt und alſo überſchrieben: „Der treue Narr, eine Komödie, wie ſolche von Ihrer Majeſtät Dienern aufgeführt worden.“ Es war dieſe Komödie ein überaus ſentimentales Stück; und Mr. Steele, der an ſolcher Art von Sen⸗ timent reicher war, als Mr. Addiſon, bewunderte das⸗ ſelbe, während der Andere keine ſehr großen Sticke darauf hielt, obgleich er geſtand, daß es da und dort einige hübſche Stellen habe. Der Leſer muß wiſſen, daß Mr. Addiſon damals gerade im Begriffe war, eil eigenes Drama, den „Cato““ nämlich, auf die Bühne 283 zu bringen, — ein Drama, deſſen Glanz Esmond's Lichtchen total verdunkelte und auslöſchte. Esmond's Name wurde dem Stücke nicht beigedruckt, ſondern es hieß bloß auf dem Titel, es ſei eine Perſon von Rang Verfaſſer deſſelben. Auch wurden nur neun Exemplare abgeſetzt, obgleich Mr. Dennis, der große Kritiker es lobte, und es für ein Werk von vielem Verdienſt er⸗ klärte. Dieſer geringe Abſatz aber mochte wohl Schuld ſein, daß Obriſt Esmond eines Tags in einem Anfalle von Zorn die ganze Auflage durch Jack Lockwood, ſei⸗ nen Bedienten, verbrennen ließ. Die ganze Komödie war geſpickt mit bittern, ſaty⸗ riſchen Ausfällen auf eine gewiſſe junge Dame. Die Intrigue war eine ganz neue. Es ſfigurirte im Stücke eine junge Dame mit einer großen Anzahl von Freiern, und Erſtere gab einem vorlauten, unverſchämten Gecken von einem Pair, anſtatt dem Helden, den Vorzug. Nichts deſto weniger harrte Letzterer als leidenſchaftlicher Anbeter aus (— nur Schade, daß er, wie ich glaube, von Mr. Wilks, dem „treuen Narren“, ſchlecht geſpielt wurde —). Im fünften Akte entdeckte endlich Jera⸗ minta die Verdienſte Eugenio's (—des trenen Narren —), und fing dann an, Liebe zu ihm zu verſpüren, — aber leider zu ſpät; denn er kündigte ihr an, daß er ſeine Hand und ſein Vermögen Roſaria, einem Landmädchen geſchenkt, das mit allen Tugenden ausgeſtattet ſei. Allein es muß eingeſtanden werden, daß das Publikum während der ganzen Vorſtellung ziemlich viel gähnte⸗ und daß das Stück ſchon am dritten Abende, wo bloß ein halb Dutzend Perſonen verſammelt waren, um ſei⸗ nen Todeskampf zu ſehen, aufhörte, zu exiſtiren. Es⸗ mond fand ſich mit ſeinen beiden Gebieterinnen am erſten Abende im Theater ein, und Miß Beatrir ſchlief da ein, während ihre Mutter, die ſchon ſeit König Jakob's des Zweiten, Zeiten, nicht mehr im Theater geweſen, der Anſicht war, es liege dem Stücke, wenn 284 dasſelbe auch nicht glänzend zu nennen ſei, doch eine ſehr hübſche Moral zu Grunde. Mr. Esmond beſchäftigte ſich, während er ſo ganz frei war, mit Literatur, und ſchrieb Viel ſowohl in Proſa, als in Verſen. War er mit dem Benehmen von Miß Beatrix unzufrieden, flugs ſchrieb er eine Satyre, um ſeinem Unmuth Luft zu machen. Hatte er ſich über die Treuloſigkeit der Weiber zu beklagen, ſo ſchüttelte er einen Hauſen Verſe aus dem Aermel, — Verſe, worin er das ganze weibliche Geſchlecht der Ver⸗ nichtung preisgab. Als er eines Tags ſich in einer ſolchen Laune be⸗ fand, ſo erdachte er einen kleinen Spaß, wobei ſein Freund Dick Steele ihn unterſtützen mußte (— der wackere Dick mußte natürlich ſtrengſte Verſchwiegenheit geloben —): er ſchrieb nämlich einen Artikel, ließ den⸗ ſelben gerade ſo drucken, wie Steele's Zeitung und zwar durch den Drucker des Letzteren. Und dann ließ er ſeiner Geliebten auf den Tiſch, an dem ſie zu frühſtücken pflegte, ein Zeitungsblatt legen, worauf Folgendes zu leſen war: — „Spectator. . „Nro. 341. „Dienſttag April 1. 1712. „Mutato nomine de te fabula narratur. — Horaz. „Erkenn Dich ſelbſt als die Moral der Fabel. — Creech. „Jokaſta iſt bekannt als ein gelehrtes und faſhiv⸗ nables Frauenzimmer, und als eine der liebenswürdig⸗ ſten Perſonen dieſes Hofes und Landes. Sie iſt jede Woche zwei Mal Morgens zu Hauſe anzutreffen; und alle Schöngeiſter, ſowie einige von den Schönheiten Londons finden ſich bei ihren Aſſembleen ein. Geht ſie nach Tunbridge oder nach Bath, ſo iſt ſie von einen Gefolge von Anbetern umgeben; auch hat ſie, außer 285 den Londoner Beaux, im Bade einen weiteren Haufen von Anbetern, indem die Gebildeten von Suſſex und Somerſet ſich um ihren Theetiſch drängen und ſich überglücklich ſchätzen wenn ihnen vom Stuhle unſerer Schönen aus ein gnädiges Kopfnicken zu Theil wird. Jokaſta hat ſo außerordentlich viel Bekanntſchaften. Hat doch ein guter Schreiber genug zu thun, um nur ihr Viſitenbuch zu führen: — ein ſtarker Lakai iſt aufgeſtellt, um daſſelbe zu tragen; und es würde einen noch weit ſtärkeren Kopf erfordern, als der Jokaſta's ſelbſt iſt, um ſich der Namen aller ihrer lieben Freunde zu erinnern. „Im Bade von Epſom, oder zu Tunbridge (— denn Jokaſta kann in Beziehung auf dieſen wichtigen Gegen⸗ ſtand keine Gewißheit haben —) wollte es das Schick⸗ ſal, daß Ihre Ladyſchaft mit einem jungen Gentleman bekannt wurde, deſſen Unterhaltung ſo heiter und ſo lebhaft und deſſen Manieren ſo liebenswürdig waren, daß ſie den angenehmen jungen Stutzer zu einem Be⸗ ſuche einlud ſobald er nach London kommen würde, mit dem Bedeuten, daß ihr Haus im Spring⸗Garden jeder Zeit für ihn offen ſtünde. „So charmant er war, und ſo wenig es einem Zwei⸗ fel unterliegen konnte, daß er zu den hübſchen Burſchen gehörte, ſo hat doch Jokaſta ein ſo großes Regiment ähnlicher Perſonen, die immer und ewig neben ihrer Fahne marſchiren, daß es Einen gar nicht Wunder nehmen darf, wenn unter ihnen Jokaſta's Aufmerkſam⸗ keit immer wieder abgelenkt wird. Und ſo muß denn bekannt werden, daß ſie den Namen dieſes Gentleman vergeſſen hat, obgleich derſelbe keinen geringen Eindruck auf ſie machte, und wenigſtens während drei und zwan⸗ zig Minuten ihr Herz rührte. Er hat ſchwarze Haare, und mag etwa acht und zwanzig Jahre alt ſein. Sein Anzug hat etwas Nüchternes, obgleich derſelbe aus reichen Stoffen beſteht. Auch hat er auf der Stirne, 286 über dem linken Auge, ein kleines Muttermahl; und ferner trägt er an Stock und Degen ein blaues Band, wie er es auch verſchmäht, falſche Haare zu tragen. „Jokaſta fand ſich nicht wenig geſchmeichelt, als ſie vergangenen Sonntag ni der St. Jakob's⸗Kirche, in dem dem ihrigen zunächſt ſtehenden Stuhle, ihren Anbeter erblickte (— denn daß Jedermann ſie bewun⸗ dert, der ſie ein Mal ſieht, — das iſt ein Punkt, über den ſie auch nicht einen Augenblick in Zweifel ſein kann —); und die Art und Weiſe, in der er unter der Predigt einzuſchlafen ſchien, — obgleich man wohl ſe⸗ hen konnte, daß er, unter ſeinen befranſeten Augenli⸗ dern hervor, Blicke reſpektvollen Entzückens nach Jokaſta hinwarf, — intereſſirte ſie und regte ſie nicht wenig auf. Als er aus der Kirche heraustrat, drängte er ſich zu ihrer Sänfte hin, und machte ihr, während ſie in dieſelbe hineinſtieg, eine elegante Verbeugung. Dar⸗ auf ſah ſie ihn bei Hof, wo er ſich durch ſein überaus ſeines und vornehmes Weſen auszeichnete, obgleich keine ihrer Bekannten ihr ſeinen Namen ſagen konnte; und an dem darauffolgenden Tage war er im Theater, wo Ihre Ladyſchaft ihn von der Seitenloge aus zu kennen geruhete. Während der ganzen Vorſtellung zerbrach ſie ſich dermaßen den Kopf, um ſich ſeines Namens zu entſin⸗ nen zu ſuchen, daß ſie von der ganzen Komödie auch nicht ein Wort hörte; und als ſie das Glück hatte, ihn noch ein Mal im Foyer des Theaters zu treffen, da ging ſie ganz aufgeregt auf ihn zu, und erinnerte ihn daran, daß ſie jede Woche zwei Abendgeſellſchaften gäbe, und daß es ſie außerordentlich frenen würde, ihn in Spring⸗Garden zu ſehen. Er erſchien an dem darauf folgenden Dienſtage in einem reichen Anzuge, der ſowohl von Seiten des Schneiders, als deſſen der die Kleider trug, einen ſehr feinen Geſchmack verrieth; und obgleich um die char⸗ 287 mante Jokaſta her ein ganzer Haufen von Gentlemen verſammelt war, — Burſche, die jedes Geſicht in der Stadt zu kennen vorgaben, ſo vermochte doch keiner den Namen des Herrn zu ſagen als Antwort auf Jo⸗ kaſta's heftige Fragen, die ſie links und rechts fliegen ließ, während er das Zimmer hinanſchritt mit einer Verbeugung, die einem Herzoge nicht übel anſtehen würde. „Jokaſta erwiederte dieſen Gruß mit einer jener lächelnden Mienen und mit einem jener Knickſe, deren Geheimniß die genannte Dame nur allein beſitzt. Ihre Knickſe ſind von einem gewiſſen ſchmachtenden Aus⸗ ſehen begleitet, wie wenn ſie ſagen wollte: Ach! Endlich ſind Sie gekommen. Ich habe mich ſchon lange nach Ihnen geſehnt: — und dann gibt ſie ihrem Opfer mit einem tödtlichen Blicke den Gna⸗ denſtoß, mit einem Blicke, der ſagt: „Oh, Philander! Nur für Dich allein habe ich Augen.“ Kamilla hat vielleicht einen ebenſo guten Knicks, und Thaleſtris einen etwas ähnlichen Blick; aber der Blick und der Knicks zuſammen gehören unter allen engliſchen Schön⸗ heiten nur Jokaſta allein. „Willkommen in London, Sir!“ ſpricht ſie. Ihr Ausſehen verräth Sie als einen Gentleman vom Lande.“ Sie würde Epſom“ oder „Tunbridge“ geſagt haben, hätte ſie ſich genau erinnert, an welchem Orte ſie den Fremden geſehen; leider aber hatte ſie es vergeſſen. „Der Gentleman erwiederte, er ſei erſt ſeit drei Tagen in der Stadt; auch ſei einer der Gründe, die ihn hierher geführt, der Wunſch geweſen, Jokaſta ſeine Aufwartung zu machen.“ „Sie ſagte, die Brunnenkur habe bei ihr nicht ſonderlich gut angeſchlagen.“ „Der Geſundbrunnen war bloß für die Kranken da, ſagt der Gentleman: die junge und ſchöne Welt kam bloß, um das Waſſer perlen zu machen, und den —— 288 Ort mit ihrem Glanze zu erfüllen. Und als der Geiſtliche am vergangenen Sonntage das Kirchengebet ablas, ſetzte er hinzu, erinnerte mich Ew. Ladyſchaft an den Engel, der in den Teich hinunterſtieg.⸗ „Ein Murmeln der Billigung begrüßte die letzten Worte. Und Manilio, der ein Witzling und Schön⸗ geiſt iſt, wenn er nicht Karten ſpielt, gerieth darüber in eine ſolche Wuth, daß er, als er die Worte hörte, es vergaß, Farbe zu bekennen. „Jokaſta war alſo ein Engel, der in das Waſſer niederſtieg; aber an welchem der Bethesdas? Sie zer⸗ brach ſich je mehr und mehr den Kopf, und ſah, wie es ſo ihre Weiſe iſt, um ſo unſchuldiger und einfälti⸗ ger aus, je ſchlauer ihre Abſichten waren. „Wir ſprachen eben, als Sie kamen,“ ſagt ſie, über die Orthographie von Namen und Wörtern. Warum ſollten wir goold ſagen und doch gold*) ſchrei⸗ ben; warum ſollten wir china**) chayny, und Caven⸗ dish Candish, und Cholmondely Chumley heißen? Wenn wir Pulteney Poltney nennen, warum ſollten wir dann nicht Pouitry **) Pultry heißen, — und — „Einer Zauberin, wie Ew. Ladyſchaft eine iſt, ſpricht er, ſtehen alle nur möglichen Arten von Zauber⸗ formeln zu Gebot: ſie kann Alles. Aber dieſes Witzwort rührt von Doctor Swift her, und wir Alle wußten es.“ „Und — und wie ſchreiben Sie denn Ihren Na⸗ men? ſagt ſie, endlich zur Sache kommend; denn dieſe heitere Unterhaltung hatte viel länger gedauert, als es nach den wenigen hier ſtehenden Worten ſcheinen möchte, und man hatte unterdeſſen wenigſtens ſchon drei Taſſen Thee getrunken. *) Gold. **) Porzellan. ***) Geflügel. 289 „Oh, Madame, erwiedert er, ich ſchreibe meinen Namen mit dem Y. „Und mit dieſen Worten ſtellte mein Gentleman ſeine Taſſe auf den Tiſch hin, machte abermals eine elegante Verbeugung, und war in einem Angenblicke verſchwunden. „Seit dieſer kleinen Kränkung und ſeit dem Ver⸗ ſchwinden des Fremden iſt von Jokaſta der Schlaf ge⸗ flohen. Sobald ihr Wille, ſei es nun, in was er wolle, nicht erfüllt wird, verliert ſie gewiß immer auch Geſundheit und gute Laune; wir 3e ihre Diener, leiden, wie gewöhnlich, während der Zornanwandlun⸗ gen unſerer Königin. Können wohl Sie, Herr Spec⸗ tator, der Sie doch Alles wiſſen, ihr dieſes Räthſel leſen, und uns Alle beruhigen? In ihrer Liſte finden wir Mr. Berty, Mr. Smith, Mr. Pike, Mr. Tyler, — die vielleicht auch Mr. Bertie, Mr. Smith, Mr. Pyke, Mr. Tiler ſein können. Sie hat den Schreiber, der ihr Viſitenbuch führt, einen armen Kerl, welcher mit einem großen Kinderhaufen geſegnet iſt, weggejagt. Leſen Sie mir doch dieſes Räthſel, guter Mr. Short⸗ face *), und verpflichten Sie ſich ihren Bewunderer, Hedipus.“ „Kaffeehaus zur Trompete, Whitehall. „Herr Spectator, — „Ich bin ein in der Stadt nur wenig bekannter Gentleman, obgleich ich eine Univerſitätsbildung ge⸗ * Kurzgeſicht. Henry Esmond. M. 19 290 noſſen, und in der Fremde meinem Vaterlande einige Jahre lang gedient habe, — in der Fremde, wo man meinen Namen beſſer kennt, als in den Kaffeehäuſern und im St. Jamespalaſte. „Vor zwei Jahren iſt mir mein Oheim geſtorben, der mir ein hübſches, in der Grafſchaft Kent gelegenes Gut hinterlaſſen hat; und als ich vergangenen Som⸗ mer, nachdem die Trauerzeit vorüber war, im Bade von Tunbridge war, und mich dort, wenn die Wahr⸗ heit geſagt werden ſoll, nach einer jungen Dame um⸗ ſchaute, der es gefiele, die Einſamkeit meines großen Kentiſchen Hanſes mit mir zu theilen, und ſich gegen meine Pächter und Lehensleute gütig und freundlich zu erweiſen (— denn eine Frau kann denſelben unendlich mehr Gutes erweiſen, als irgend ein Mann, wenn der⸗ ſelbe auch von den beſten Abſichten geleitet wäre —), ward ich über die Maßen bezaubert von einer jungen Londoner Dame, welche für ſämmtliche Badgäſte die erſte Schönheit war. Jedermann kennt ja Sacchariſſa's Schönheit, und, wie ich glaube, Herr Spectator, Nie⸗ mand beſſer, als ſie ſelbſt. „Mein Taſchenbuch ſagt mir, daß ich bei der Aſſemblee nicht weniger als ſiebenundzwanzig Male mit ihr tanzte. Ich ließ zwei Mal die Geiger aufſpielen. An verſchiedenen Tagen wurde ich in ihrer Wohnung zugelaſſen; auch wurde ich mit vieler Auszeichnung von ihr empfangen, und eine Zeit lang war ich ganz ihr Sklave. Erſt da, als ich die Badgäſte ſo ſprechen hörte, und als ich eine Perſon genau beobachtete, an die ich einſt hatte die heiligſte Frage richten wollen, die ein Mann an ein Frauenzimmer ſtellen kann, — erſt da wurde ich gewahr, wie wenig ſie ſich als Frau für einen Gentleman vom Lande eignete; — erſt da wurde ich gewahr, daß dieſes ſchöne Geſchöpf Nichts, als eine herzloſe, weltlich geſinnte Kokette iſt, die ihr leichtfer⸗ tiges Spiel mit Gefühlen treibt, die ſie nie zu erwie⸗ 291 dern dachte, und die ſie in der That gar nicht im Stande iſt, zu erwiedern. Was ſolche Frauenzimmer wollen, — das iſt Bewunderung: Liebe vermag ſie nicht zu rühren; und ich meinerſeits kann mir, wenn ſie einmal alt iſt, kein unglücklicheres Geſchöpf denken, als dieſe Dame, wenn ihre Schönheit einmal von ihr gewichen, wenn ihre Anbeter ſie verlaſſen, — und wenn ihr weder Freundſchaft noch Religion als Tröſterin⸗ nen zur Seite ſtehen. „Da meine Geſchäfte mich nach London riefen, ſo ging ich am vergangenen Sonntag in die St. Jakob's⸗ Kirche, und da faß denn, mir gegenüber, meine Schön⸗ heit, deren Bekanntſchaft ich im Bade gemacht. Ihr enehmen während des ganzen Gottes dienſtes war ſo keck, ſchmachtend und abſurd; ſie raſchelte mit ihrem Fächer, und beäugelte und beguckte mich in ſo unan⸗ ſtändiger Weiſe, daß ich nicht umhin konnte, die Au⸗ gen zu ſchließen, ſo daß ich ſie gar nicht mehr ſah; ſo oft ich aber dieſelben öffnete, ſah ich die ihrigen (— und es waren dieſelben über die Maßen ſchön —), — ſah ich ihre Augen immer noch auf mich geheftet. Später ſah ich ſie wieder bei Hofe, ſowie im Theater; und hier gab ſie ſich nicht eher zufrieden, als bis ſie ſich durch die Menge einen Weg gebahnt, um mit mir zu ſprechen, und mich zu der Aſſemblee einzuladen, die fie in ihrem Hauſe gibt, unweit Ch—r— ng Er—ß. „Da ich ihr verſprochen, daß ich mich dort einfin⸗ den würde, ſo hielt ich natürlich dieſes mein Verſpre⸗ chenz und da fand ich denn die junge Wittwe inmitten eines halben Dutzends von Spieltiſchen und umgeben von einer Menge von Schöngeiſtern und Bewunderern. Ich verbeugte mich, ſo gut ich konnte, und ging auf ſie zu, und ſah an ihrem eigenthümlichen, verwirrten Ausſehen, — obgleich ſie dieſe ihre Verwirrung zu ver⸗ bergen ſuchte, daß ſie ſogar meinen Namen vergeſſen. „So ſchlau und gekünſtelt auch ihr Geſpräch war, 292 ſo errieth ich doch alsbald daraus, daß ich mich in meiner Muthmaßung nicht getäuſcht. Sie lenkte in überaus lächerlicher Weiſe das Geſpräch auf die Or⸗ thographie von Namen und Wörtern; und ich antwor⸗ tete mit möglichſt lächerlichen und eckelhaften Compli⸗ menten; auch ging wirklich eines, worin ich ſie mit einem Engel verglich, der die mit Kranken angefüllten Bäder beſuchte, ein Bischen zu weit. Auch würde ich mich deſſelben nicht bedient haben, wäre die Anſpielung mir nicht von der zweiten Sonntags⸗Lection an die Hand gegeben worden, die wir Beide gehört hatten, und hätte ich ihr nicht alsbald antworten müſſen. „Dann kam ſie zu der Frage, von der ich wußte, daß ſie auf mich wartete: ſie fragte mich, wie ich meinen Namen ſchreibe? Madame, ſagte ich, mich auf meinem Abſatze herumdrehend ich ſchreibe denſelben mit einem y. Und ſo verließ ich ſie, verwundert über die Vergeß⸗ lichkeit und den Leichtſinn der Städter, die ſo leicht Freundſchaften ſchließen und ihre neuen Freunde ebenſo leicht wieder vergeſſen, und entſchloſſen, mich anderwärts nach einer Lebensgenoſſin umzuſchauen für Ihren be⸗ ſtändigen Leſer „ „P. S. Sie wiſſen meinen wahren Namen, Herr Spectator, und deßhalb wiſſen Sie auch, daß darin kein Ypſilon vorkommt. Sollte aber die Dame, die ich Sacchariſſa genannt, ſich wundern, daß ich mich nicht mehr an ihrem Theetiſche ſehen laſſe, ſo weiß ſie jetzt, warum. *)“ Cymon Wyldoats.“ * * *) Im Original y, das ebenſo ausgeſprochen wird, wie das Adverbium vhy (zu deutſch; warum). Zugleich ſtatt J 6zu deutſch; ich). 293 Obiges iſt eine Parabel, die Schreiber dieſes nun erklären will. Jokaſta war Niemand anders, als Miß Esmond, Ehrendame bei Ihrer Majeſtät. Sie hatte Mr. Esmond dieſe kleine Geſchichte erzählt, daß ſie irgendwo einen Gentleman getroffen, und deſſen Namen vergeſſen, worauf dann der Gentleman ganz einfach wie oben geantwortet, wenn auch durchaus nicht mit ſo böſen Abſichten, wie der Cymon in der voranſtehen⸗ den Fabel; und wir Alle lachten bei dem Gedanken, wie wenig der kleinen Miſtreß Jokaſta Beatrix ihre Liſt und ihre Vorſicht genützt. Was Cymon betrifft, ſo ſollte derſelbe Euren und ihren unterthänigſten Diener vorſtellen, — den Schreiber des Apologs und dieſer Geſchichte, die wir in Mr. Steele's Druckerei gansz in der Form des „Spectator“ hatten drucken laſſen. Miſtreß Jokaſta, die viel Geiſt hatte, mußte beim Thee ſchlechterdings ihren „Spectator“ haben, und dieſer unächte Spectator ſollte nun der jungen Dame zu wiſſen thun, daß ſie Nichts, als eine leichtfertige Kokette, Cymon aber ein ehrenhafter, entſchloſſener Mann ſei, der alle ihre Fehler ſehe, und entſchloſſen ſei, ſeine Ketten ein für alle Mal zu brechen. Denn obſchon über dieſe Liebesgeſchichte bereits genng geſagt worden, — genug wenigſtens, um den Erben des Schreibers zu beweiſen, welch' verliebter Thor ihr alter Großvater geweſen, der ſich von ihnen gern als einen recht weiſen alten Gentleman angeſehen wiſſen möchte; — ſo iſt doch bei Weitem nicht Alles über dieſe Sache geſagt, die, wenn ſie in Esmond's Journal den Raum einnehmen dürfte, den ſie zu ſeiner Zeit einnahm, ſeine Verwandten und Verwandtinnen über hundert Jahren über die Maßen langweilen, und ein ſo dickes Tagebuch, angefüllt mit Berichten über ſeine Narrheit, ſeine Faſeleien, ſeine Anwandlungen 294 von Entzücken und von Wuth, bilden würde, daß ge⸗ wiß kein Menſch von gewöhnlicher Eitelkeit ein ſolches hinterlaſſen möchte. Die Wahrheit iſt, daß, ſie mochte ihn auslachen oder ermuthigen, — ſie mochte lächeln oder kalt ſein und einem Andern ihr Lächeln zuwenden; obwohl er wußte, wie weltlich geſinnt und wie ehrgeizig ſie war; obwohl das Hofleben ſie zu verhärten und gleichgültig zu machen ſchien, und obwohl hundert Bewunderer zu ihr kamen und ſie dann wieder verließen; — die Wahr⸗ heit iſt, ſage ich, daß Esmond, was er auch anfangen mochte, ſich Beatrix nicht mehr aus dem Sinne ſchla⸗ en konnte, — daß er, er mochte in ihrer Nähe oder ferne von ihr ſein, beſtändig an ſie dachte; — daß, wenn er ſeinen Namen in einer Nummer der Staats⸗ zeitung las, oder wenn er im Felde einer Kanonen⸗ kugel oder einer noch größeren Gefahr entging, wie dieß ihm mehr denn ein Mal vorkam, nach verrichteter ehrenvoller That, oder nach glücklich vermiedener Ge⸗ fahr ſein erſter Gedanke immer war: „Was wird ſie dazu ſagen? Wird dieſe kühne That, oder wird der Gedanke an dieſe Gefahr ſie rühren vder ſie ſtolz ma⸗ chen, ſo daß ſie mir geneigter wird?“ Er konnte ſich dieſer leidenſchaftlichen Treue ebenſo wenig erwehren, als ſeines Geſichtsſinnes: beide ſchie⸗ nen einen Theil ſeines Weſens zu bilden; und obgleich er, ſo gut wie nur der bitterſte ihrer Tadler, jeden ihrer Fehler und die Thorheit der Liebe zu einem ſolchen Frauenzimmer kannte, deren Beſitz ihn nie län⸗ ger glücklich machen konnte, als höchſtens eine Woche, ſo umgab doch die Circe ein Zauber, wovon ſich der arme, immer auf's Neue getäuſchte Gentleman nicht losmachen konnte; auch fühlte ſich Esmond während weit längerer Zeit, als ulyſſes (— ein anderer Offi⸗ zier von mittlerem Alter, der viel gereist war und die Kriege im Ausland mitgemacht hatte —), durch die 295 Liſten dieſer Zauberin in Banden geſchlagen und be⸗ thört. Sie verlaſſen! Er konnte ſie ebenſo wenig in der Weiſe verlaſſen, wie der Cymon in ſeiner Geſchichte ſeine falſche Freundin verlaſſen mußte, als er ſich der Frinnerung an das, was am vergangenen Tage ge⸗ ſchehen war, entſchlagen konnte. Sie brauchte bloß den Finger aufzuheben, und er kam immer wieder zu ihr zurück, wenn er auch noch ſo weit von ihr entfernt war; — ſie brauchte bloß zu ſagen, ich habe den und den Anbeter entfernt, und der arme, bethörte Tropf kam gewiß und ſtrich in der Nähe ihres mütterlichen Hauſes umher, um ſich in die Zahl der Freier auf⸗ nehmen zu laſſen, obſchon es ihm wohl bewußt war, daß er vielleicht ſchon in der darauffolgenden Woche wieder abgeſchüttelt werden würde. Glich er in ſeiner Narrheit wenigſtens dem Ulyſſes, ſo glich ſie Penelopen inſoweit, als ſie eine Menge Freier hatte, und als ſie Tag für Tag und Nacht für Nacht das Werk der Be⸗ zauberung und das Gewebe der Koketterie wieder zer⸗ ſtörte, womit ſie gewohnt war, dieſelben anzulocken und hinzuhalten. Ihre Koketterie mag ihren Urſprung zum Theil in ihrer Stellung bei Hofe gehabt haben, wo die ſchöne Ehrendame das Licht war, um das tauſend Beaux her⸗ umſchwärmten; wo ſie verſichert war, einen Kreis von Bewunderern um ſich zu verſammeln, die ihre ſchla⸗ genden Antworten ebenſo gerne anhörten, als ſie ihre Schönheit bewunderten; und wo ſie viele freie Worte ſprach und mit anhörte, — Worte, von denen wohl Niemand gedacht haben würde, daß die Lippen oder die Ohren von Rachel Caſtlewood's Tochter ſie ein Mal ausſprächen oder mit anhörten. Wenn die Hof⸗ damen und die Hofcavaliere zu Windſor oder zu Hamp⸗ ton Dienſt hatten, ſo pflegten ſie mit einander auszu⸗ reiten, und Miſtreß Beatrix war, im Rocke und mit dem Hute eines Reiters, die allererſte hinter den Jagd⸗ 296 hunden, und die allererſte, die über die Parkum⸗ zäunung ſetzte, — hinter ihr her ein Haufen junger Burſche. Wenn um jene Zeit die engliſchen Landdamen die reinſten und züchtigſten Damen der Welt waren, ſo er⸗ laubten ſich die engliſchen Stadt⸗und Hofdamen Worte und ein Betragen, die weder züchtig noch rein waren; und es nahmen einige von letzteren Damen für ſich eine Freiheit in Anſpruch, welche gewiß ſelbſt Dieje⸗ nigen ihnen nicht gewährt wiſſen möchten, welche das ſchöne Geſchlecht am Meiſten lieben. Die Herren von meiner Familie, die nach mir kommen (— denn ich er⸗ muthige die Damen keineswegs, ſolche Studien weiter zu verfolgen —), können aus den Werken Mr. Con⸗ greve's und Dr. Swift's, und Anderer erſehen, welcher Art die Converſation und die Gewohnheiten in unſeren Zeiten waren. Die ſchönſte engliſche Dame im Jahre 1712, wo Esmond in ſein Vaterland zurückkam, eine Dame von hoher Geburt, und obgleich ohne Vermögen, doch reich an jeder Art von Zauber, und was Geiſt und Ma⸗ nieren betrifft, — Beatrir Esmond, — war nun ſechs und zwanzig Jahre alt, und immer noch Beatrir Es⸗ mond. Unter ihren hundert Anbetern hatte ſie ſich auch nicht einen zum Gatten erkorenz und Diejenigen, die um ihre Hand gebeten, hatte ſie wieder aufgegeben; und noch weit mehrere hatten ſie ſitzen laſſen. Faſt zehn Jahresernten von Schönheiten waren ſeit der Zeit gereift, wo ſie zum erſten Mal in die Welt getreten war, und waren von paſſenden Männern eingethan und ſchon längſt ver⸗ ſorgt. Ihre Altersgenoſſinnen waren um dieſe Zeit ſchon geſetzte Mütter, indem Mädchen, die nicht den zehnten Theil ihrer Reize oder ihres Geiſtes beſaßen, gute Partien gemacht hatten, und nun den Vorrang vor dem ledigen Mädchen beanſprucht, das ſie noch vor kurzer Zeit verlacht und überſtrahlt hatte. Die jungen Schön⸗ 297 heiten fingen an, auf Beatrix als auf eine alte Jung⸗ fer herabzuſehen, und Worte des Hohnes hören zu laſſen, und ſie eine von Karl's, des Zweiten, Damen zu nennen und zu fragen, ob denn ihr Porträt nicht in der Gallerie von Hampton Court hinge. Aber den⸗ noch führte ſie immer noch das Scepter, in der Mei⸗ nung eines Mannes wenigſtens; dieſem galt ſie mehr, als alle die kleinen Fräulein, welche die Geprieſenen der jungen Burſche waren: in Esmond's Augen war Beatrir immer noch voller Anmuth und voller Jngend. Wer weiß, wie Viele durch ihren Beſitz beinahe beglückt wurden, oder vielmehr, wie Viele ſo glücklich waren, dieſer Sirene zu entgehen? Man muß ſich nur wundern, wie ein ſolches Mädchen eine Frau zur Mut⸗ ter haben konnte, welche das reinſte und ſchlichteſte Weib auf der ganzen Welt war. Ich bin geneigt zu glauben, daß meine Gebieterin, die nie ein hartes Wort zu ihren Kindern (— und nur ein Paar Mal zu einer andern Perſon —) ſagte, gar zu zärtlich und mit ihrer mütterlichen Autorität gar zu freigebig gewe⸗ ſen ſein muß, denn ſowohl ihr Sohn, als ihre Tochter empörten ſich frühzeitig; auch konnten ſie, nachdem ſie dem Neſte ein Mal entflogen, nie wieder ganz an den Buſen der liebevollen Mutter zurückgebracht werden. Lady Caſtlewvod (— und vielleicht war dieß gut — wußte nur wenig von dem Leben und von den wahren Gedanken ihrer Tochter. Wie ſollte ſie auch ahnen, was in den Vorzimmern der Königin, ſowie an den Hoftiſchen vorging? Miſtreß Beatrir behanptete ihre Unabhängigkeit ſo entſchloſſen, daß ihre Mutter alsbald ſich überwunden gab. Die Ehrendame hatte ihre eigene Equipage, ging aus, und kam heim, wenn es ihr beliebte: ihre Mutter konnte ihr ebenſo wenig widerſtehen, als ſie leiten, — konnte ihr ebenſo wenig befehlen, als ſie überwinden. Wie Esmond meinte, ſo war Beatrix ein Mal, 298 zwei Mal, drei Mal verſprochen geweſen. Es iſt ſchon weiter oben geſagt worden, daß ſie ſich, als er England verließ, mit iny Lord Aſhburnham verlobte, und ſiehe da! als er, Esmond, zurückkam, hatte Seine Lordſchaft ſich ſo eben mit Lady Mary Butler, der Tochter des Herzogs von Ormonde, verheirathet, und ſo waren dann Miß Beatrir ſeine ſchönen Häuſer, ſowie ein jährliches Einkommen von zwölf tanuſend Pfund Ster⸗ ling entgangen, — wornach es, wenn die Wahrheit eſtanden werden ſoll, die liebenswürdige Dame haupt⸗ ſichuch gelüſtet hatte. Zu ihr ſelbſt konnte nun Esmond über die Vereitlung dieſer Partie Nichts ſagen; und als er ſeine Gebieterin um nähere Aufſchlüſſe darüber bat, antwortete Lady Caſtlewvod bloß: „Ach, ſprechen Sie mir doch nicht davon, Harry! Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie oder warum ſie ſich wieder trennten; auch ſcheue ich mich, zu fragen. Wie ich Ihnen ſchon früher geſagt, kann ich bei all ihrer Freundlichkeit, bei all' ihrem Geiſte, bei all' ihrem Edelmuthe, und bei ſolchen glänzenden Gaben, womit die Natur ſie ausgeſtattet, von der armen Beatrix nur wenig Gutes ſagen; auch ſehe ich mit einem wahren Schrecken der Heirath entgegen, die ſie eingehen wird. Ihr Sinn iſt auf Nichts gerichtet, als auf ehrgeizige Pläne: ſie will nun ein Mal um jeden Preis eine große Figur machen; und hat ſie dieß ein Mal erreicht, ſo wird ſie ihres neuen Zuſtandes ebenſo geſchwind wieder müde werden. Der Himmel möge ihrem Gatten beiſtehen, wer derſelbe auch immer ſein mag! My Lord Aſhburnham war ein trefflicher junger Mann, ſanft und doch männlich, und ſehr talentvoll, wie man mir geſagt, und ſo viel ich zu beurtheilen verſtand; auch hatte er ein ſehr gutes Raturell, — und gewiß muß er über die Maßen gutmüthig und nachſichtig ſein, wenn ich bedenke, wie viel er auszuſtehen hatte. Aber am Ende iſt es ihm doch gar zu arg geworden; er 299 hat ſie ſitzen laſſen wegen einer gar zu tollen Caprice oder Tyrannei von ihrer Seite: und nun hat er ſich mit einer jungen Dame verheirathet, die ihn tauſend Mal glücklicher machen wird, als mein armes Mädchen ihn je hätte machen können.“ Dieſer Bruch, was ihn nun auch veranlaßt haben mochte (ich hörte, was die Meédiſance darüber wußte, werde mich aber wohl hüten, in dieſem Tagebuche die lumpigen Kaffeehaus⸗Gerüchte ausführlich zu berichten —) gab zu viel gemeinem Geſchwätze Anlaß; und Mr. Esmond war anweſend, als my Lord am königlichen Geburtstage bei Hofe mit ſeiner jungen Frau erſchien, an der ſich Beatrix durch einen ſo königlichen und zu⸗ gleich ſo liebenswürdigen Blick rächte, daß die beſchei⸗ dene, niedergedonnerte junge Lady neben ihr ſich nicht zeigen konnte: Lord Aſhburnham aber, der ſeine guten Gründe hatte, um nicht mit ihr zuſammenzutreffen, ſchlich ſich ganz beſchämt und ſchon ſehr frühe fort. Dagegen wich Seine Gnaden der Herzog von Hamil⸗ ton, den Esmond ſchon früher in ihrer Nähe geſehen, jetzt faſt gar nicht mehr von Miß Beatrixens Seite. Der Herzog war einer der glänzendſten Gentlemen in Europa, — gebildet durch Lecture, durch Reiſen, durch langen Verkehr mit der allerbeſten Geſellſchaft, — aus⸗ gezeichnet als Staatsmann, da er zu König Williams Zeiten Geſandter geweſen war, und trefflicher Redner im ſchottiſchen Parlamente, wo er Führer der Partei geweſen war, welche die Union bekämpft hatte, und, obſchon jetzt fünf oder ſechsundvierzig Jahre alt, ein Gentleman von ſo hoher Statur, von ſo gebildetem Geiſte, von ſo ſchöner Perſon, daß er ſich um die Hand jeder Prinzeſſin in Europa kühn bewerben durfte. „Wäre Ihnen wohl der Herzog als Couſin er⸗ wünſcht?“ ſagte der Herr Secretär St. John, dem 300 Obriſten Esmond die Worte in franzöſiſcher Sprache zuflüſternd; „wie es ſcheint, ſo tröſtet ſich der Wittwer.“ Aber um auf unſere kleine Zeitung, den Specta⸗ tor, und das Geſpräch zurückzukommen, das daraus entſtand. Miß Beatrir ließ ſich anfänglich vollkommen „fangen,“ und „roch“ die Autorſchaft nicht. Auch muß hier geſagt werden, daß Esmond es verſucht hatte, Mr. Steele's Manier beſtmöglich nachzuahmen (— denn was den andern Autor anbelangt, der für den Spec⸗ tator ſchrieb, ſo iſt ſeine Proſa meines Frachtens voll⸗ kommen unnachahmlich; und Dick, welcher der trägſte und gutmüthigſte aller Menſchen war, hätte den Ar⸗ tikel wirklich in ſeine Zeitung aufgenommen, und den⸗ ſelben als eine ſeiner eigenen Arbeiten der Nachwelt überliefert, wenn Esmond es nicht verſchmäht hätte, den Namen einer Dame, die er liebte, vor der ganzen Welt in ſo ungünſtigem Lichte erſcheinen zu laſſen —). Beatrix konnte ſich, während ſie die Zeitung las, nicht enthalten, ihren Unwillen und ihren Aerger durch verſchiedene, ganz unzweideutige Zeichen an den Tag u legen, während Obriſt Esmond mit nicht geringem Intereſſe ihr Geſicht während des Leſens beobachtete. „Wie dumm doch Dein Freund, Mr. Steele, wird!“ ruft Miß Beatrir aus. „Epſon und Tunbridge! Wird er je ein Mal fertig werden mit Epſon und Tunbridge, und mit kirchenbeſuchenden Beaux und mit Jokaſtas und Lindamiras? Warum nennt er Frauenzimmer nicht einfach Relly und Betty, wie ihre Taufpathen und Taufpathinnen ſie taufen ließen?“ „Beatrir, Beatrix!“ ſagt ihre Mutter, „ſprich doch von ernſten Dingen!“ „Mamma denkt, glaube ich, der Kirchen⸗Katechis⸗ mus ſei vom Himmel gekommen,“ ſpricht Beatrir la⸗ chend, „und ſei durch einen Biſchof von einem Berge herunter gebracht worden. Oh, wie viel Herzbrechen machte mir der Katechismus! Auch hatte ich eine pa⸗ 301 piſtiſche Taufpathin, Mamma; warum gaben Sie mir eine ſolche?“ „Ich gab Dir den Namen der Königin,“ ſagt ihre Mutter erröthend. „Auch iſt es wirklich ein recht hübſcher Name,“ ſagte Jemand anders. Beatrix fuhr fort, zu leſen — „ſchreibe meinen Namen mit einem y — ei, Du Tropf,“ ſagt ſie, ſich zu Obriſt Esmond wendend, „Du haſt Mr. Steele meine Geſchichte erzählt, — oder halt! — Du den Artikel ſelbſt geſchrieben, um mich lächerlich zu machen. Pfui, Sir!“ Der arme Mr. Esmond erſchrak ein Bischen, und ſagte eine Wahrheit, die nichts deſto weniger eine gänz⸗ liche Unwahrheit war. „Ich habe,“ ſagte er, „auf Ehre den heutigen Spectator noch nicht einmal geleſen.“ Auch hatte er denſelben wirklich nicht geleſen, denn das fragliche Blatt war ja nicht der Spectator, ſondern nur ein unterſchobenes Zeitungsblatt. Sie fuhr fort zu leſen, und ihr Geſicht röthete ſich unterdeſſen ziemlich. „Nein,“ ſagt ſie weiter, „ich glaube nicht, daß Du ſo Etwas hätteſt ſchreiben können. Es muß ein für alle Mal Mr. Steele geweſen ſein: als er den Artikel ſchrieb, war er gewiß betrunken — und dachte mit Furcht an ſein abſcheuliches, gemeines Weib. So oft ich ein ungeheures Compliment ſehe, das er einem Frauenzimmer macht, und ſo oft er weibliche Tugend bis an den Himmel erhebt, bin ich gewiß, daß der Capitän und ſeine beſſere Hälfte während der Nacht mit einander Streit gehabt, und daß er betrunken nach Hauſe gebracht worden, oder daß er in —“ „Beatrix,“ ruft Lady Caſtlewvod. „Seien Sie doch ruhig, Mamma! und ſchreien Sie doch nicht, ehe Sie ſich geſchlagen fühlen. Ich bin 302 nicht im Begriffe, etwas Unrechtes zu ſagen. Ich will Sie nicht gar zu ſehr ärgern, Sie hübſche, liebfreund⸗ liche Mamma. Ja, und Ihre kleine Trir iſt eine nichts⸗ nutzige kleine Trix; und es läßt dieſelbe ſolche Dinge ungethan, die ſie hätte thun ſollen, und thut ſolche, die ſie nicht hätte thun ſollen, und da — doch nein! — ich will nicht fortmachen. Doch ja, ich will, wenn Sie mich nicht ſogleich küſſen.“ und mit dieſen Worten legte die junge Lady ihre Zeitung beiſeit, und läuft auf ihre Mutter zu, und gibt Ihrer Ladyſchaft verſchiedene Küſſe, und ſagt, ſo deutlich nur Augen zu ſprechen vermochten, zu Mr. Esmond: „Da, Sir: möchten etwa nicht auch Sie daſſelbe angenehme Spiel ſpielen?“ „Ei freilich, möchte ich es, Madame,“ ſagt er. „Du möchteſt was?“ fragte Miß Beatrix. „Was Du ſagen wollteſt, als Du mich in dieſer herausfordernden Weiſe anſchauteſt,“ antwortete Es⸗ mond. „Ei, ei, wie er beichtet,“ ruft Beatrir lachend. „Was möchte Harry, meine Liebe?“ fragt ihre Mutter, — die gute Seele, die immer darauf dachte, was uns wohl angenehm ſein, und wie ſie uns einen Gefallen erweiſen könnte. Das Mädchen läuft wieder auf ſie zu und ſagt, indem ſie ſie abermals küßt: „Oh, Sie alberne, liebe Mamma: das iſt es, was Harrh gern thun möchte.“ Und ſie brach in ein lautes, fröhliches Gelächter aus; und Lady Caſtlewvod erröthete ſo verſchämt, wie nur ein ſechszehnjähriges Mädchen erröthen kann. „Ei ſchau ſie doch an, Harry!“ flüſtert Beatrir⸗ auf ihn zulaufend und in ihren ſüßen leiſen Tönen ſprechend, „ſteht dieſes Roth ihr nicht? Iſt ſie nicht 303 hübſch? Sie ſieht jünger aus, als ich ſelbſt, und ge⸗ wiß iſt ſie hunderttauſend Millionen Mal beſſer.“ Esmond's gütige Gebieterin verließ das Zimmer, und nahm ihre holde Schamröthe mit. „Könnten wir junge Hofdamen ſolche Roſen ziehen,“ fährt Beatrix lachend fort, — „was würden wir denn nicht thun, um dieſelben zu erhalten! Wir würden ſie an den Stengeln abſchneiden und ſie in Salzwaſſer ſtellen. Aber, Henry, ſolche Blumen blühen nicht in Hampton Court, noch zu Windſor.“ Sie hielt einige Minuten inne, und das von ihrem April⸗Geſichte allmälig weichende Lächeln machte einer drohenden Thränenfluth Platz. „Oh, wie gut iſt ſie, Harry!“ fuhr Beatrix fort. „Ich paſſe nicht zu ihr. Ich glaube, ich wäre beſſer, wenn ſie nicht ſo gar vollkommen wäre. Sie hat in ihrem Leben einen großen Kummer und ein großes Geheimniß gehabt, — und hat es bereut. Es konnte nicht an dem Tode meines Vaters ſchuld ſein. Sie ſpricht ganz frei darüber; auch konnte ſie ihn nicht ſehr geliebt haben, — doch wer weiß, was wir Weiber lieben, und warum wir lieben?“ „Was und warum, — ja freilich!“ ſagt Mr. Es⸗ mond. „Niemand weiß,“ fuhr Beatrix fort, ohne von die⸗ ſer Unterbrechung anders, als durch einen Blick, Notiz zu nehmen, „wie das Leben meiner Mutter beſchaffen iſt. Heute Morgen iſt ſie ſchon in aller Frühe in der Kirche geweſen: ſie bringt ganze Stunden in ihrem Cabinet zu; wollteſt Du ihr dahin nachfolgen, ſo würdeſt Du ſie jetzt betend antreffen. Sie pflegt die Ortsarmen, — die abſcheulichen, ſchmutzigen Armen. Sie bleibt während der ganzen Predigt des Pfarrers ruhig ſitzen, — ach, über dieſe trübſeligen Predigten! „Und ſiehſt Du, on a beau dire: aber Leute, wie ſie, ſo trefflich ſie immer ſein mögen, paſſen nicht zu 304 uns Weltleuten. Es iſt, ſo zu ſagen, immer eine dritte Perſon anweſend, auch dann, wenn ich und meine Mut⸗ ter allein ſind. Sie kann gegen mich nicht ganz offen ſein; immer und ewig denkt ſie an die zukünftige Velt und an ihren Schutzengel: vielleicht geht das zu⸗ ſammen. „Oh, Harry, ich bin eiferſüchtig auf dieſen Schutz⸗ engel!“ rief hier Niſtreß Beatrix. „Es iſt abſcheulich, entſetzlich, ich weiß es; aber meine Mutter lebt nur allein für den Himmel, und ich — ich lebe nur allein für die Erde. Wir können nie ſo ganz Freundinnen ſein; und dann kümmert ſie ſich mehr um Frank's kleinen Finger, als um mich, — ja, das thut ſie, ich weiß es; auch liebt ſie Sie, Sir, viel zu viel; und Sie ſind mir deßhalb zuwider. Ich hätte ſie ganz für mich behalten mögen; aber ſie wollte nicht. In meiner Kindheit liebte ſie meinen Vater — bh, wie konnte ſie doch das? Zwar erinnere ich mich noch, daß er freund⸗ lich und hübſch war; zugleich aber war er ſo gräßlich dumm; auch konnte er nie mehr ſprechen, wenn er Wein getrunken. — „Und dann ſtand mir Frauk im Wege; und jetzt iſt ſie ganz für den Himmel und ihren Geiſtlichen ein⸗ genommen. Wie würde ich ſie geliebt haben! Schon als ein kleines Kind pflegte ich ganz wüthend darüber zu ſein, daß ſie außer mir noch Jemand liebte; aber ſie liebt Euch Alle mehr, — Alle, ich weiß es wohl. Und nun ſpricht ſie von dem hehren Troſt der Re⸗ ligion. „Die liebe Seele! Sie hält ſich für glücklicher, weil ſie, wie ſie auch nicht anders kann, glaubt, wir Alle ſeien böſe, elende Sünder; und es ſei dieſe Welt für die Guten nur ein pied à terre, wo ſie während einer Nacht bleiben könnten, wie wir, wenn wir von Walcote kommen, in jenem großen, trübſeligen, unbe⸗ guemen Hounslower Gaſthauſe übernachten⸗ wobei wir 3 305 in jenen abſcheulichen Betten ſchlafen müſſen. Oh, er⸗ innerſt Du Dich noch der abſcheulichen Betten, Harry? — Und dann komme am andern Morgen der Wagen, um ſie nach dem Himmel zu führen.“ „Stille, Beatrix!“ ſagt Mr. Esmond. „Stille? Ja, ja. Auch Du biſt ein Heuchler, Harry, mit Deinem ernſten Weſen und Deinem ſauren Geſichte. Wir Alle ſind Heuchler. Ach, Du guter Gott! Wir ſind ja ganz allein, — mutterſeelen allein!“ ſagt die arme Beatrix, während ein Seufzer ihren ſchönen Buſen ſchwellt. „Ich war es, meine Theure, der jede Zeile dieſes Zeitungsblattes ſchrieb,“ ſagt dann Mr. Esmond. „Du biſt nicht ſo weltlich geſinnt, wie Du ſelbſt glaubſt, Beatrix, uud biſt beſſer, als wir denken. Wir zweifeln an dem Guten, das wir an uns haben; und das Glück, nach dem wir bloß zu greifen brauchen, um es zu beſitzen, werfen wir weg. Du ſetzeſt Dein Alles an eine große Partie: das iſt der Endzweck Deines Ehrgeizes; — und warum? Sobald Du errungen, wornach Du trachteſt, wirſt Du deſſelben auch müde ſein; auch wirſt Du mit einer Grafenkrone an Deiner Kutſche um kein Haar glücklicher ſein —“ „Als wenn ich hinter Lubin auf einem Reitkiſſen nach dem Markte reite, — nicht wahr?“ ſagt Beatrix. „Schönen Dank, Lubin!“ „Ich bin ohne Zweifel ein trübſeliger Schäfer,“ antwortet Esmond erröthend; „und brauche eine Nymphe, die mich in meinem Bette wohl verwahrt, und mir Haferſchleim und Gerſtenwaſſer bereiten kann. Wohlan! Tom Lockwood kann das thun. Er trug mich auf den Schultern aus dem Feuer, und pflegte mich während meiner ganzen Krankheit in einer Weiſe, wie die Liebe es kaum thun wird. Und das bewirkte einzig und allein eine gute Gage, und die Hoffnung, meine Henry Esmond. U. 20 806 Kleider und den Inhalt meines Koffers dereinſt zu be⸗ kommen. Wie lange diente doch gleich Jakob für Rachel?“ „Für Mamma?“ ſagt Beatrix. „Will Ew. Ehren Mamma haben, und ſollte ich noch ſo glücklich ſein, Sie als Herr Papa begrüßen zu dürfen?“ Esmond erröthete abermals und ſagte: „Ei, ich ſprach von einer Rachel, der ſchon vor fünſtauſend Jahren ein Schäfer den Hof machte, — zu einer Zeit, wo die Schäfer länger lebten, als heut zu Tage. Und ich wollte ſagen, daß ſeit dem Tage, wo ich Dich zum erſten Mal wieder nach unſerer Tren⸗ nung ſah, — Du warſt damals noch ein Kind .. „Und ich legte damals meine beſten Strümpfe an, Herz zu erorben, Sir, — ich weiß es noch wohl „Seit jenem Augenblicke haſt Du mein Herz be⸗ ſeſſen, ſo wie es nun ein Mal war; und ſo wie Du nun ein Mal wareſt, kümmerte ich mich um kein an⸗ deres Frauenzimmer. Habe ich mir ein Bischen Ruhm erworben, ſo iſt es geſchehen, damit Du Deinen Ge⸗ fallen daran haben möchteſt; auch iſt dieſes Ruhmes nicht gar zu viel; und ich glanbe, daß hundert andere Narren bei der Armee ebenſo viel errungen und ver⸗ dient haben. Lag in der Luft und im Ausſehen jenes trübſeligen alten Caſtlewvod Etwas, das uns Alle trübſinnig und unzufrieden machte, und das unter deſſen verfallenem altem Dache in uns das Gefühl der Einſamkeit erweckte? Ja, ſo war es; ſo verfolgten wir Alle, ſelbſt dann, wenn wir beiſammen und ver⸗ einigt waren, ſo zu ſagen, verſchiedene Pläne, und während wir am Tiſche ſaßen, hatte jedes von uns andere Ideale.“ „Oh, der liebe, trübſelige alte Ort!“ ruft Bea⸗ trix. „Mamma hat, ſeitdem wir das Schloß verlaſſen, 307 — und ich weiß nicht mehr, ſeit wie vielen Jahren, — nie das Herz gehabt, dahin zurückzukehren.“ Und ſie ſchlug ihre Locken zurück, und blickte, über ihre ſchöne Schulter weg, ſtolz nach dem Spie⸗ gel hin, gleich als wollte ſie ſagen: „Zeit, ich trotze 5i „Ja,“ ſagt Esmond, der, wie ſie ſelbſt geſtand, die Kunſt beſaß, viele ihrer Gedanken zu errathen. „Du kannſt immer noch kühn in den Spiegel ſchauen; auch kannſt Du Dich durch die Wahrheit, die er Dir ſagt, nur geſchmeichelt fühlen. Was mich betrifft, 6 abe ich einen Plan: weißt Du auch, worin er be⸗ teht? „Ich habe im Sinne, von Frank die virginiſchen Ländereien zu verlangen, die König Karl unſerem Großvater geſchenkt (— hier machte ſie einen ſuperben Knicks, der ſagen ſollte: „Unſer Großvater, e ei Ich danke Ihnen, Herr Baſtard!“ —). Ja, ich weiß, Du denkſt an meinen linken Schrägebalken, und auch ich denke daran. Hier zu Lande kann ein Menſch keine Verzeihung dafür erhalten, es ſei denn, daß er den⸗ ſelben quer über einen königlichen Wappenrock her führt, was dann das Wappen zu einem höchſt ehren⸗ vollen macht. Ich gedenke daher, mich in die Pflan⸗ zungen zurückzuziehen, und mir im Walde ein Wig⸗ wam zu bauen, und mich vielleicht, wenn ich Geſell⸗ ſchaft brauche, mit einer Squaw zu verbinden. Wir wollen dann Ew. Ladyſchaft Pelze für den Winter chicken; und iſt Cw. Ladyſchaft ein Mal alt, ſo ſoll es auch an Tabak nicht fehlen. „Ich bin für die alte Welt nun ein Mal nicht geſcheidt, und gewandt, und auch nicht ſpitzbübiſch ge⸗ nug, — ich weiß wahrhaftig nicht, welches dieſer Worte hier das richtigere ſein mag. Ich kann mir in der neuen Welt, die nicht ſo überfüllt iſt, eine Heimath und dann eine Familie gründen. Wenn Du ⸗ 308 ſelbſt ein Mal Mutter und eine große Dame biſt, — dann werde ich Dir eines Tags aus der Pflanzung einen kleinen Barbaren herüberſenden, der ein halber Esmond und ein halber Mohawk iſt; und dann wirſt Du freundlich gegen ihn ſein, um ſeines Vaters wil⸗ len, der am Ende denn doch Dein Vetter war, und den Du ein Bischen liebteſt.“ „Was für Narrheiten ſchwatzeſt Du da, Harry!“ ſagte Miß Beatrir, ihn mit ihren großen Angen fixirend. „Es iſt purer Ernſt,“ ſagte Esmond. und in der That hatte er ſich ſeit einiger Zeit mit dieſem Projecte getragen, und zwar ganz beſon⸗ ders ſeit ſeiner Rückkehr nach England, als er fand, wie hoffnungslos, und wie erniedrigend ſogar für ihn ſeine Leidenſchaft war. Dann fuhr er alſo fort: „Nein, ich habe es nun ein halb Dutzend Mal probirt. Ich kann gar wohl fern von Dir leben; aber um Dich ſein zu müſſen, iſt für mich unerträg⸗ lich (— hier ein anderer tieferer Knicks von Miſtreß Beatrixens Seite —), und ich will daher gehen. Ich beſitze ſo Viel, um für meine Leute Aexte und Ge⸗ wehre, und für die Wilden Glaskügelchen und wol⸗ lene Decken zu kaufen; und ich will daher gehen und unter ihnen leben.“ Mon ami,“ antwortet ſie in ganz freundlicher Weiſe, und mit einer Miene innigen Mitleids Es⸗ mond's Hand erfaſſend. „Du kannſt wohl nicht glau⸗ ben, daß in unſerer gegenſeitigen Lage irgend etwas Anderes möglich ſei, als unſere dermalige Freund⸗ ſchaft. Du biſt nnſer älteſter Bruder; — als ſol⸗ chen ſehen wir Dich an: wir bemitleiden Dich wegen Deines Unglückes, tadeln Dich aber deßhalb nicht. Ei! Du biſt ja alt und gravitätiſch genug, um unſer Vater zu ſein, Ich dachte immer, Harry, Dn ſeieſt 309 hundert Jahre älter, wenn ich ſo Dein feierliches Geſicht und Dein ernſtes Weſen ſah. Ich hege Dir gegenüber die Gefühle einer Schweſter: mehr kann ich nicht. Iſt das genug, Sir?“ Und ſie näherte ihr Geſicht dem ſeinigen, ſo daß Veide ſich beinahe berührten: — wer weiß, in welcher Abſicht? „Es iſt zu Viel,“ ſagt Esmond, ſich wegwendend. „Dieſes Leben vermag ich nicht länger zu ertragen, und werde daher dasſelbe aufgeben. Ich gedenke, viel⸗ leicht noch bis zu Deiner Heirath hier zu bleiben; dann aber nehme ich ein Schiff, und nenne es die Beatrix, und wünſche Euch Allen Hier warf der Diener die Thüre weit auf, und meldete Seine Gnaden den Herzog von Hamilton an; — Esmond aber fuhr, während er Etwas, wie eine Verwünſchung auf den Lippen hatte, zurück, als der Edelmann eintrat, der mit ſeinem Sterne und mit ſei⸗ nem grünen Bande gar prächtig ausſah. Der ſtolze Edelmann hatte für Mr. Esmond ge⸗ rade jene gnädige Verbengung, die er für einen La⸗ kaien gehabt haben würde, weicher ihmeinen Stuhl her⸗ beigeholt, oder den Hut abgenommen hätte; und dann ſetzte er ſich neben Miß Beatrir hin, während der arme Obriſt mit einer wahren Deliquentenmiene aus dem Zimmer hinausging. * * * Esmond's Gebieterin befand ſich gerade in dem untern Zimmer, als er die Treppe hinabſtieg. Sie traf oft mit ihm zuſammen, wenn er von Bea⸗ trir wegging; jetzt aber winkte ſie ihm herein in's Zimmer. „Hat ſie es Ihnen ſchon geſagt, Harry?“ ſagte Lady Caſtlewvod. 310 „Sie iſt ungemein offen geweſen, — ja, unge⸗ mein offen,“ ſagt Esmond. „Aber, — aber ich meine, in Betreff deſſen, was im Werke iſt?“ „Und was iſt denn im Werke?“ fragt er mit klo⸗ pfendem Herzen. Seine Gnaden der Herzog von Hamilton hat ihr die Ehe angetragen,“ antwortete my Lady. „Geſtern iſt er mit ſeinem Antrage herausgerückt. Die Heirath wird Statt finden, ſobald die Trauerzeit bei ihm vor⸗ über iſt. Auch haben Sie wohl gehört, daß Seine Gnaden zum engliſchen Geſandten in Paris eruannt iſt; und die Gefandtin begleitet ihn. „ Piertes Rapitel. Beatrirens neuer Freier. Der Gentleman, den Beatrir ſich erkoren, war zwar zwanzig Jahre älter, als der Obriſt, an dem ſie wegen ſeines Alters ſo Viel auszuſetzen gewußt hatte; aber Letzterer war bloß ein namenloſer? Aben⸗ teurer, während der Erſtere der größte Herzog in Schottland war, und ſogar auf einen noch höheren Titel Anſpruch machte. Der Herzog von Hamilton hatte, wenn die Wahrheit bekannt werden ſoll, alle Vorzüge, worauf ein Gentleman ſtolz ſein mag; auch hatte er ſo viel Zeit gehabt, um ſeine Talente und Vorzüge zur vollen Reife gelangen zu laſſen, indem 311 er über fünfzig Jahre alt war, als Madame Beatrir ihn zu ihrem Bräutigam erkor. Der Herzog von Hamilton, dazumal Graf von Arran, hatte die berühmte ſchottiſche Univerſität von Glasgow beſucht, und wurde, als er nach London kam, ein großer Günſtling Karl's, des Zweiten, der ihn zu ſeinem Kammerherrn machte, — in welcher Eigen⸗ ſchaft er während des Jahres einen Monat in des Königs Zimmer zu ſchlafen hatte, — und ihn ſpäter zu ſeinem Geſandten am franzöſiſchen Hoflager ernannte. Mit dem König von Frankreich hatte der Graf auch, als Adjutant Seiner Majeſtät, zwei Feldzüge mitge⸗ macht; und es war derſelbe in dieſem Dienſte abwe⸗ ſend, als König Karl ſtarb. König James ließ my Lord noch höher ſteigen, indem er ihn zu ſeinem Garderobenmeiſter, ſowie zum Obriſten des königlichen Garderegiments zu Pferde er⸗ nannte: auch blieb Seine Lordſchaft König James treu, indem er zu dem kleinen Häuflein gehörte, das den unglücklichen Monarchen bis zum Angenblicke, wo er aus England entfloh, nie verließ; und damals, das heißt, im Jahre 1688, wares, daß er mit Obriſt Fran⸗ eis Esmond die Freundſchaft aufrichtete, die zwiſchen den beiden Familien, mehr oder minder, immer unter⸗ halten worden war. Der Graf hegte für König William ſtets große Bewunderung, wollte ihm aber deſſen ungeachtet nie den Eid der Treue leiſten; auch hatte er ſich unter der Regierung des großen Königs, der nun zu ſeinen Vätern verſammelt war, bei mehr denn einem von den Complotten betheiligt, die ſtets mit der Nieder⸗ lage der Complottirenden, und in der Regel auch mit einem großmüthigen Pardon von Seiten des Königs endigten. Lord Arran ſaß unter dieſer Regierung wei Mal im Tower gefangen und ſagte, als ihm ſeine Freiheit angeboten wurde, unter der Bedingung, daß 312 er ſich durch ſein Ehrenwort verpflichten wollte, nie wieder Etwas gegen König William zu unternehmen, unerſchrocken, er könne ſein Wort nicht geben, weil „er gewiß ſei, daß er es nicht halten könne.“ Nichts deſto weniger aber wurde er beide Male wieder in Frei⸗ heit geſetzt, ohne vor ein Gericht geſtellt geworden zu ſein; auch trug der König dieſem edlen Feinde ſeine Anhänglichkeit an die alte Dynaſtie ſo wenig nach, daß der Graf, als ſeine Mutter, die vermöge des Rechts der Geburt Herzogin von Hamilton war, beim Tode ihres Gatten auf dieſes ihr Recht verzichtete, durch Patent, unterzeichnet zu Loo 1690, zum Her⸗ zoge von Hamilton, Marquis von Clydesdale, und Earl von Arran, mit dem Vortritte vor allen üb⸗ rigen, auch der älteſten Gliedert des ſchottiſchen Adels, ernannt wurde. Seine Gnaden ſchwur den Eid der Treue, und nahm im ſchottiſchen Parlament ſeinen Sitz im Jahre 1700 ein, und zeichnete ſich dort durch ſeinen Patrivtis⸗ mus und ſeine Beredſamkeit aus, insbeſondere in den Debatten wegen der Union Bill *), der ſich der Herzog von Hamilton mit aller Macht widerſetzte, wenn er auch nicht ganz ſo weit ging, wie die ſchottiſche Gen⸗ try, welche geſonnen war, derſelben mit Waffenge⸗ walt ſich zu widerſetzen. Es hieß, er habe ſeine Op⸗ poſitivn mit einem Male aufgegeben, und zwar in Folge von Briefen, ſo er vom Könige zu St. Ger⸗ main erhalten, der ihn bei ſeiner Unterthanentreue be⸗ ſchworen haben ſollte, daß er doch ja nicht dieſe Maß⸗ regel der Königin, ſeiner Schweſter, hintertreiben möchte. Und der Herzog, dem immer daran gelegen gewe⸗ *) Geſetzesvorſchlag, der die Vereinigung Schottlands mit England zum Zwecke hatte. 313 ſen war, die Rückkehr des Königs in ſein Reich durch eine Ausſöhnung zwiſchen Seiner Majeſtät und der Königin Anna herbeizuführen, und dem Nichts mehr zuwider war, als den König mit den Waffen in der Hand und mit franzöſiſchen Truppen in England lan⸗ den zu ſehen, hielt ſich fern, und verließ Schottland während der Zeit, als der Chevalier de St. George, von Dünkirchen aus, einen Einfall beabſichtigte, und t⸗ in England auf ſeinem großen Gute in Stafford⸗ ire. Als die Whigs im Jahre 1710 abtraten, fing die Königin an, Seiner Gnaden die höchſten Zeichen von Gunſt zu geben. Er wurde zum Herzog von Bran⸗ don und Baron von Dutton in England ernannt; und da Seiner Gnaden von König James dem Zweiten urſprünglich ſchon der Diſtelorden verliehen worden war, ſo wurde ihm nun die Ehre zu Theil, zum Ritter des Hoſen⸗ bandordens geſchlagen zu werden, — eine ſo hohe und ſeltene Auszeichnung, daß ſeitdem kein Unterthan beide Orden zugleich getragen hat. Als man bei Ihrer Ma⸗ jeſtät dieſen Einwurf vorbrachte, geruhete ſie zu ſagen: „Ein Unterthan, wie der Herzog von Hamilton einer iſt, hat ein Recht anf jede Art von Auszeichnung, die ein gekröntes Haupt verleihen kann. Von nun an werde ich ſelbſt beide Orden tragen.“ In dem zu Windſor im October 1712 abgehal⸗ tenen Capitel wurde der Herzog mit noch andern Rit⸗ tern, worunter ſich auch der Lord Schatzmeiſter und der neu creirte Graf von Oxford und Mortimer be⸗ fanden, inſtallirt. Ein Paar Tage darauf ward Seine Gnaden zum außerordentlichen Geſandten am franzö⸗ ſiſchen Hofe ernannt, und zugleich wurden ſeine Equi⸗ pagen, ſein Gold⸗ und Silbergeſchirr, und ſeine Livreen — Alles aufs Prächtigſte — beſtellt, und zwar nicht bloß für Seine Excellenz den Geſandten, ſondern auch für Ihre Ercellenz die Geſandtin, die ihn begleiten 314 ſollte. Ihr Wappen war bereits auf die Kutſchen⸗ panelen gemalt, und es ſollte ihr Bruder in aller Eile nach England herüberkommen, um ſie am Altare wegzugeben. Der Herzog war Wittwer, indem Seine Lordſchaft im Jahre 1698 Elizabeth, Tochter von Digby Lord Gerard, geheirathet hatte, durch welche Verbindung der Hamiltonſchen Familie große Güter zufielen: und aus eben dieſen Gütern entſtand zum Theile jener tra⸗ giſche Streit, welcher der Laufbahn des Herzogs ein Ende machte. Vom Verluſte eines Zahnes an bis zu dem Ver⸗ luſte einer Geliebten gibt es keine Pein, die ſich nicht ertragen ließe. Die Angſt iſt weit ärger, als die Ge⸗ wißheit ſelbſt; und wir ſchicken uns eben in das Un⸗ glück, wenn wir RNichts dagegen thun können, trennen uns von dem quälenden Gegenſtande, und kauen, ſo gut es eben angehen mag, unſere Kruſte Brod auf dem andern Kinnbacken. Und ſo glaube ich denn, daß Obriſt Esmond ſich wirklich erleichtert fühlte, als eine herzogliche, mit ſechs Pferden beſpannte Kutſche vorfuhr, und ihm ſeine Zauberin vor der Naſe weg⸗ führte, und dieſelbe in eine höhere Sphäre verſetzte. Gleichwie Du, Leſer, am Ende des Stückes die Nymphe in der Opernmaſchine zu den Wolken, wo Mars, Bac⸗ chus, Apollo und die ganze göttliche Geſellſchaft der Olymp⸗Bewohner ſitzen, haſt aufſteigen, und dieſelbe ihren letzten Geſang als Göttin trillern ſehen; eben⸗ ſo erwies, wenn ich meiner Sache gewiß bin, — als dieſe unglücksſchwangere Erhebung in der Esmond⸗ ſchen Familie vor ſich ging, jedes von uns der gött⸗ lichen Beatrix ganz beſondere Ehre. Die trotzige kleine Schönheit trug wenigſtens den Kopf ſo ſtolz, wie ihn keine Königin ſtolzer tragen konnte, und nahm ein ganz eigenthümlich vornehmes Weſen an, das den Zweck hatte, alle übrigen Menſchenkinder recht fern zu halten, — 315⁵ ein Weſen, das ſich alle ihre Freunde recht gutmüthig gefallen ließen. Ein alter Bekannter Obriſt Esmond's vom Felde her, der ehrliche Tom Trett, der ſeine Compagnie ver⸗ kauft, eine Frau genommen, und ſich in der City als Kaufmann niedergelaſſen hatte, war lange Zeit entſetz⸗ lich trübſinnig, obgleich er in einem ſchönen Hauſe am Fluſſe wohnte, und, allem Anſchein nach, einen gewal⸗ tigen Handel trieb. Endlich erblickte Esmond den Na⸗ men ſeines Freundes in der Gantliſte des Staats⸗ anzeigers, und eine Woche darauftritt mein Bankerottirer, mit einem von guter Laune vollkommen ſtrahlenden Geſichte, und ſo luſtig und ſorglos, wie vor zehn Jah⸗ ren, als ſie von Southampton nach Vigo mit einander abgeſegelt waren, in Mr. Esmond's Zimmer. „Dieſer Bankerott,“ ſpricht Tom, „hat mich nun ſchon ſeit drei vollen Jahren bedroht; dieſer Gedanke ließ mich keinen Augenblick ſchlafen; oft blickte ich nach dem Haupte der armen Polly auf dem andern Kiſſen und daun nach meinem auf dem Tiſche liegenden Raſir⸗ meſſer, und gedachte meinem Leben, und damit auch meinen Qualen ein Ende zu machen. Aber jetzt ſind wir glücklicher Weiſe Gantleute: Tom Trett zahlt vom Pfund ſo viel Shilling, als er kann: und was ſeine Frau betrifft, ſo beſitzt ſie ein kleines Landhaus zu Fulham, da ihr Vermögen von den Glänbigern nicht angetaſtet werden kann. Ich fürchte weder Gerichts⸗ diener, noch Creditoren; und die vergangenen ſechs Nächte habe ich ganz ruhig geſchlafen.“ Und ſo hüllte ſich denn der ehrliche Tom, als Fortuna für gut fand, ſich in die Luft zu ſchwingen und ihn zu verlaſſen, in ſeine zerlumpte Tugend, und ſchlief ein. Esmond fand es nicht für gut, ſeinem Freunde zu ſagen, wie ſehr ſeine Geſchichte auch auf Esmond üßte aber er lachte darüber, und zog ſich eine Lehre araus. 316 Nachdem er alſo ſeine Activa und Paſſiva in die⸗ ſer Liebesgeſchichte gehörig geprüft, fand er gleichfalls in ſeiner Rechnung ein bedeutendes Deſicit, und be⸗ ſchloß dann, gleich Tom Trett, zu ſeinem Bankerotte gute Miene zu machen. Vielleicht beleidigte ſeine Luſtigkeit Beatrix ein Bischen, denn ſie konnte ſich nicht enthalten, zu ihm zu ſagen: „Nehmen Sie in ſolcher Weiſe die Nachricht von Ihrem Unglücke auf, Sir, und treten Sie mit lächeln⸗ dem Geſichte vor mich hin, gleich als wären Sie froh, meiner los zu ſein?“ Esmond mochte ſich ſeine gute Laune nicht rauben laſſen, ſondern erzählte ihr die Geſchichte Tom Trett's und ſeines Bankerottes. Er ſagte: „Ich habe mich lange nach den an der Mauer hangenden Trauben geſehnt, und habe endlich die Ge⸗ duld verloren, weil ich dieſelben nicht erreichen konnke; durfte das Wunder nehmen? Nun ſind ſie fort, und es hat ſie ein Anderer, — es hat ſie ein Mann be⸗ kommen, der größer iſt, als Dein unterthäniger Diener.“ Und der Obriſt machte ſeiner Couſine eine tiefe Verbeugung. „Ein größerer Mann, Vetter Esmond!“ ſpricht ſie. „Ein Mann von Muth und Entſchloſſenheit hätte die Mauer erſtiegen, Sir, und hätte ſich der Trauben be⸗ mächtigt! Ein Mann von Muth hätte ſich darum geſchlagen, und nicht bloß darnach mit aufgeſperrtem Munde geſchnappt.“ „Ein Herzog braucht bloß den Mund aufzuſperren, und die Trauben fallen ihm in den Mund,“ antwortet Esmond mit einem zweiten tiefen Bücklinge. „Ja, Sir,“ ſagt ſie, „ein Herzog iſt ein größerer Mann, als Sie. Und warum ſollte ich nicht dankbar ſein gegen einen Mann wie Seine Gnaden, der mir ſein Herz und ſeinen großen Namen ſchenkt? Es iſt 317 das ein großes Geſchenk, womit er mich beehrt; ich weiß, es iſt dieß ein bloßer Handel zwiſchen uns; und ich laſſe mir denſelben gefallen, und will Alles auf⸗ bieten, um den Theil deſſelben zu erfüllen, der mich betrifft. „Es kann keine Rede ſein von Liebelei und einem Austauſch von Seufzern zwiſchen einem Edelmanne vom Alter Seiner Gnaden und einem Mädchen, in deſſen Weſen ſolche Weisheit nur wenig begründet iſt. Warum ſollte ich nicht offen geſtehen, daß ich ehrgeizig bin, Harry Esmond? Und wenn es bei einem Manne keine Sünde iſt, nach Ehren zu trachten, — warum ſollte dann nicht auch ein Weib ſolche wünſchen dürfen? „Soll ich offen gegen Dich ſein, Harry, und ſoll ich Dir ſagen, daß Du es vielleicht bei mir weiter ge⸗ bracht haben würdeſt, wenn Du nicht ſo demüthig und wenn Du nicht auf den Knien gelegen wäreſt? Ein Frauenzimmer von meinem Charakter, Vetter, will durch Tapferkeit gewonnen werden: durch Seufzer und Jam⸗ mermienen läßt es ſich nicht erobern. Während Du mich anbeteſt und Hymnen zu meinem Lobe ſingſt, weiß ich ja recht wohl, daß ich keine Göttin bin; und am Ende wird man ſelbſt des Weihrauchs müde. Und ebenſo würdeſt auch Du die Göttin bald ſatt gehabt haben, — wenn dieſelbe ſich ein Mal Mrs. Esmond genannt, und wenn ſie ein Mal ihre gute Laune verlo⸗ ren hätte, weil ſie nicht genug Nadelgeld gehabt, und weil ſie genöthigt geweſen wäre, in einem alten Kleide zu erſcheinen. „He, Vetter, eine Göttin in einer Nachthaube, die für ihren Gatten Haferſchleim zu bereiten hat, hört auf, göttlich zu ſein, — ich weiß es gewiß. Ich würde mürriſch geweſen und geſcholten worden ſein; und unter allen ſtolzen Tröpfen, welche die Welt aufweist, iſt Mr. Esmond gewiß der ſtolzeſte: er möge mir erlauben, ihm dieſes unverblümt zu ſagen. Du wirſt mir zwar 318 böſe, aber dagegen verzeihſt Du mir auch, wie ich glaube. Wäreſt Du ein großer Mann geweſen, ſo wäreſt Du vielleicht ein ziemlich gutmüthiger Geſell geworden; da Du aber Nichts biſt, ſo biſt Du für mich ein zu großer Mann; und ſoll ich es Dir ge⸗ ſtehen, Vetter, — ich fürchte Dich; auch werde ich Dich nie anbeten, und Du wirſt doch bloß mit einem Frauen⸗ zimmer glücklich ſein, das geneigt iſt, es zu thun. „Schau! Würde ich ein Mal Dir augehören, ſo könnte es Dir in Folge einer meiner üblen Launen, ein Mal einfallen, mich Nachts unter meinem Kopf⸗ kiſſen zu erſticken, wie es der ſchwarze Kerl der Dame in dem Schauſpiele macht, das Du ſo gerne haſt. Wie heißt doch nur gleich das Geſchöpf? Ah — ich hab' es: Desdemona. Ja, das würdeſt Du, Du klei⸗ ner, ſchwarzäugiger Othello!“ „Ja, ja, ich glaube ſelbſt, daß ich ſo Etwas thun würde, Beatrix,“ antwortet der Obriſt. „Ich aber mag nicht in ſolcher Weiſe mein Leben beſchließen. Ich habe im Sinne, hundert Jahre alt zu werden, und bei zehntauſend Aſſembleen und Bäl⸗ len zu erſcheinen, und jeden Abend meines Lebens bis zum Jahre 1800 Karten zu ſpielen. Und dann muß ich die Erſte unter meines Gleichen ſein, Sir; und dann liebe ich Schmeicheleien und Complimente, was Sie Alles nicht thun; und dann will ich, daß man mich lachen mache, Sir, und ich möchte wohl wiſſen, wem es einfallen könnte, zu lachen, wenn er Ihr trübſeliges Geſicht anſieht; und dann liebe ich einen mit ſechs oder acht Pferden beſpannten Wagen: und dann liebe ich Diamanten, und jede Woche ein neues Kleid; und dann gefällt es mir, die Leute ſa⸗ gen zu hören: — Schaut, ſchaut, das iſt die Her⸗ zogin, — Wie gut doch Ihre Gnaden ausſieht, — Macht. Platz für Madame L Ambassadrice d Angleterre, — 319 Man rufe Ihrer Excellenz Leute! — Das iſt es, was ich liebe. „Und was Dich betrifft, ſo brauchſt Du eine Frau, die Dir Deine Pantoffeln und Deine Nachtmütze bringt, und die ſich zu Deinen Füßen ſetzt, und ein Mal über das andere ruft: „O Caro! O Bravo!“ während Du Deine Shakſpeares und Deine Miltons, und dergleichen Zeug lieſeſt. Mamma wäre ſo ganz für Dich geſchaffen geweſen, wenn Du ein Bischen älter geweſen wäreſt, obgleich Du um volle zehn Jahre äl⸗ ter ausſiehſt, als ſie, — ja, ſo iſt es, Du ſauertö⸗ pfiſches, blaubärtiges, altes Männchen! Ihr hättet, wie Darby und Jvan bei einander ſitzen, und einan⸗ der ſchmeicheln, und mit einander girren und ſchnäbeln können, wie ein Paar alte Tauben auf einer Stange. Ich aber will den freien Gebrauch meiner Flügel be⸗ halten, Sir!“ Und ſie breitete ihre ſchönen Arme aus, wie wenn ſie wirklich gleich der hübſchen Gawrie wegfliegen könnte, in die der Mann in der bekannten Geſchichte verliebt war. „Und was wird Dein Peter Wilkins zu Deinem Davonfliegen ſagen?“ ſpricht Esmond, der dieſes ſchöne Geſchöpf nie mehr bewunderte, als wenn es ſich empörte, und ihn verlachte. „Eine Herzogin kennt ihre Stellung,“ ſagt ſie lachend. „Ei, ich habe bereits einen Sohn, — es iſt derſelbe nicht weniger als dreißig Jahre alt (— my Lord Arran —) —, und vier Töchter. Wie werden die ſchelten, und in welcher Wuth werden ſie nicht ſein, wenn ich mich oben an die Tafel ſetze! Aber länger als einen Manat dürfen ſie mir nicht böſe ſein; nach Verfluß dieſer Zeit ſoll mich eine jede von ihnen lieben; ein Gleiches ſoll Lord Arran thun, ſowie ſimmtliche ſchottiſche Vaſallen Seiner Gnaden, und ſämmtliche Anhänger in den Hochlanden. 320 „Ich bin nun ein Mal darauf erpicht; und wenn ich mir Etwas in den Kopf ſetze, ſo iſt es ſo gut, wie geſchehen. Seine Gnaden iſt der größte Gentle⸗ man in Europa, und ich werde es verſuchen, ihn glück⸗ lich zu machen, und ich werde ihn auch glücklich machen; und kommt ein Mal der König zurück, ſo kannſt Du auf meine Protektion zählen, Vetter Es⸗ mond, — denn zurückkommen wird, und ſoll der König; und ich will ihn von Verſailles zurückbringen, wenn er ſich auch unter meinem Reifrocke verbergen müßte.“ „Ich hoffe, die Welt wird Dich glücklich machen, Beatrir,“ ſpricht Esmond mit einem Seufzer. „Du wirſt wohl noch ſo lange Beatrix ſein, bis Du Frau Herzogin biſt, — nicht wahr? Dann werde ich Ew. Gnaden meine allertiefſte Verbengung machen.“ „Fort mit dieſen Seufzern und dieſer Satyre, Vetter! Ich mag Nichts davon hören,“ ſagt ſie. „Ich nehme die große Wohlthat Seiner Gnaden dank⸗ bar, ja, recht dankbar an, und will mich der Ehren würdig zeigen, die er anf mich häuft. Ich ſage nicht daß er mein Herz gerührt habe; aber er hat meine Dankbarkeit, meinen Gehorſam, meine Bewunderung, — und weiter nicht, — ich habe es ihm geſagt; und damit iſt ſein edles Herz zufrieden. „Ich habe ihm Alles geſagt, ſelbſt die Geſchichte von dem armen Geſchöpfe, mit dem ich verſprochen geweſen, — und das ich nicht lieben konnte; und ich gab demſelben herzlich gern ſein Wort zurück, und hüpfte vor Freude auf, als ich mich meines Wortes wieder quitt ſah. Ich bin fünf und zwanzig.“ „Ei, ei! ſechsundzwanzig, meine Liebe!“ ſpricht Esmond. „Fünfundzwanzig, Sir, ſage ich! Ich will nun ein Mal fünfundzwanzig ſein; und während einer Zeit von acht Jahren iſt es keinem Manne gelungen, mein 321 Herz zu rühren. Doch ja! Du rührteſt es“ ein Mal ein Bischen, Harry, als Du nach der Eroberung von Lille zurückkameſt, und Dich mit jenem Mörder, Mo⸗ hun genannt, in einen Kampf einließeſt, und Frank das Leben retteteſt. Da glaubte ich, Dich lieben zu können; auch drang Mamma auf den Knien in mich, und ich hatte Dich — einen Tag lang gern. Aber die alte Eiſeskälte kam wieder über mich, Harry, und die alte Furcht vor Dir, und vor Deinem melancholiſchen Weſen; und ich war herzlich froh, als Du wieder fort⸗ gingeſt, und verſprach mich mit my Lord Aſhburn⸗ am nur, um von Dir nichts mehr hören zu müſſen; das iſt die ungeſchminkte Wahrheit. Du biſt nun ein Mal zu gut für mich. Ich könnte Dich nicht glücklich machen, und es würde mir das Leben koſten, wenn ich es verſuchen müßte, Dich zu lieben, und es mir nicht gelänge. Hätteſt Du aber damals, als wir Dir den Degen gaben, um meine Hand angehalten, ſo hätteſt Du mich bekommen kön⸗ nen, Verehrteſter, und wir Beide wären nun ſchon armſelige Geſchöpfe. Ich ſprach mit dem albernen Lord den ganzen Abend, bloß um Dich und Mamma zu ärgern; und es gelang mir, nicht wahr? „Wie offen wir doch von ſolchen Dingen ſprechen können! Mir ſcheint es, als ſeien ſchon tauſend Jahre darüber ver angen; und obgleich wir hier in demſelben Zimmer ſtes ſo trennt uns doch eine ge⸗ waltige Scheidewand. Mein lieber, guter, treuer, trübſinniger alter Vetter! Ich kann Dich jetzt gern haben, und Dich auch bewundern und ſagen, daß Du ein tapferer, und äußerſt gütiger, und äußerſt wahrheitsliebender, und feiner Gentleman biſt — wäre nur bei Deiner Geburt das kleine Unglück nicht paſſirt!“ ſagt ſie, den Kopf ſchlau ſchüttelnd. „Und nun, Sir,“ endigt ſie mit einem Knickſe, Heury Esmond. M. 21 — 322 „dürfen wir nur noch im Beiſein von Mamma mit ein⸗ ander ſprechen, da Seine Gnaden um uns iſt; denn er hat Dich nicht gar zu gern, Vetter, und iſt ſo eiferſüchtig, wie der ſchwarze Kerl in Deinem Lieb⸗ lingsſchauſpiele.“ Obgleich gerade die Freundlichkeit dieſer Worte Mr. Esmond die ärgſte Qual verurſachte, ſo verrieth er doch durch keine Miene (— wie Beatrix ihm ſpäter wirklich geſtand —), daß er ſich verwundet fühle, ſon⸗ dern ſagte bloß mit vollkommener Selbſtbeherrſchung und mit dem ungezwungenſten Lächeln: „Die Unterredung kann hier nicht ſo plötzlich en⸗ den, meine Theure: ich muß ein letztes Wort ſpre⸗ chen dürfen. Bleib' noch ein Wenig: da kommt Deine Mutter!“ (— Und in der That trat hier dieſelbe mit ihrem holden, ängſtlichen Geſichte, in's Zimmer; Es⸗ mond aber ging alsbald auf ſie zu, und küßte ihr ehr⸗ erbietigſt die Hand. —) „Die liebe Lady mag auch die letzten Worte hö⸗ ren, die keine Geheimniſſe und bloß ein Abſchiedsſe⸗ gen ſind, der ein kleines Geſchenk begleitet, womit ein alter Herr, Dein Vormund, Dich bei Deiner Heirath erfreuen will; denn es iſt mir, als ob ich der Vor⸗ mund der ganzen Familie und ein alter Kerl wäre, der Euer Aller Großvater ſein könnte; und in dieſer Eigenſchaft möge es mir erlaubt ſein, der Frau Her⸗ zogin ein kleines Hochzeitsgeſchenk zu überreichen. Es beſteht daſſelbe in den Diamanten, welche die Wittwe meines Vaters mir hinterlaſſen hat. Ich hatte ſchon vor einem Jahre im Sinne gehabt, ſie Beatrixen zu geben; aber es ſind dieſelben gut genug für eine Her⸗ zogin, wenn auch nicht ſchön genug, für die ſchönſte Frau der Welt.“ Und mit dieſen Worten zog er das Etuis, in dem ſich die Juwelen befanden, aus ſeiner Taſche, und überreichte es ſeiner Cvuſine. 323 Sie ſtieß einen Schrei des Entzückens aus, denn die Steine waren wirklich recht ſchön und von großem Werthe; und einen Augenblick darauf befand ſich das Halsband bereits an dem Orte, an dem ſich, in Mr. Pope's wunderſchönem Gedichte, Belinda's Kreuz be⸗ findet, und glänzte an dem weißeſten und wohlgebil⸗ detſten Nacken, den ganz England aufzuweiſen hatte. Das Entzücken des Mädchens beim Empfang die⸗ ſer Juwelen war ſo groß, daß Beatrir, nachdem ſie zu dem Spiegel hingelaufen und die Wirkung unter⸗ ſucht hatte, die ſie an dem ſchönen Nacken hervorbrach⸗ ten, welchen ſie umgaben, mit ausgeſtreckten Armen zurückkam, und vielleicht ihren Couſin mit einem Preiſe belohnt hätte, den er ohne Zweifel von ihren wun⸗ derſchönen Roſenlippen gar gerne empfangen haben würde; aber unglücklicher Weiſe ging gerade in die⸗ ſem Augenblicke die Thüre auf, und wer ward ange⸗ meldet? Niemand anders, denn Seine Gnaden, der neuerkorne Bräutigam. Er blickte Mr. Esmond, dem er zwar eine ſehr tiefe Verbengung machte, gar ſauer an, und küßte in ſeiner ceremoniöſeſten Weife beiden Ladies die Hand. Er war in ſeiner Sänfte von dem ganz in der Nähe gelegenen Palaſte hergekommen, und trug ſeine beiden Ordensſterne, — den Stern des Hoſenbandes, ſowie den des Diſtelordens. „Ei, ſehen Sie doch, Ew. Gnaden!“ ſagte Mi⸗ ſtreß Beatrix, auf ihn zugehend, und ihm die Dia⸗ manten an ihrem Nacken zeigend. „Diamanten!“ ſagt Seine Gnaden. „Hm! ſie ſcheinen hübſch.“ „Es ſind dieſelben ein Hochzeitsgeſchenk, womit ich erfreut worden bin,“ ſagt Beatriy. „Von Ihrer Majeſtät?“ fragt der Herzog. „Die Königin iſt recht gütig.“ „Um Verzeihung, Ew. Gnaden; es kommt daſſelbe 324 von meinem Couſin Henry, von unſerm Couſin Henry,“ — rufen beide Damen zu gleicher Zeit. „Ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu kennen. Ich dachte, my Lord Caſtlewood hätte keinen Bruder gehabt, und es wären von Ew. Ladyſchaft Seiten keine Neffen vorhanden.“ „Von unſerem Cvuſin, Obriſt Henry Esmond, my Lord,“ ſpricht Beatrix, die Hand des Obriſten mit vieler Entſchloſſenheit ergreifend, — „der nach dem Willen unſeres Vaters unſer Vormund geworden und unſerer Familie ſchon hundert Mal ſeine Liebe und ſeine Freundſchaft thatſächlich bewieſen hat.“ „Die Herzogin von Hamilton empfängt nur von ihrem Gatten Diamanten, Madame,“ antwortete der Herzog: — „darf ich Sie bitten, dieſe da Mr. Es⸗ mond zurückzugeben?“ „Beatrix Esmond kann von ihrem Vetter und Wohlthäter gar wohl ein Geſchenk annehmen, Herr Herzog,“ ſagt Lady Caſtlewvod mit überaus würde⸗ voller Miene. „Noch iſt ſie meine Tochter, und wenn ihre Mutter gegen das Geſchenk Richts einzuwenden hat, ſo hat wohl ſonſt Niemand ein Recht, Einſprache da⸗ gegen zu thun.“ „Vetter und Wohlthäter!“ ſpricht der Herzog. „Ich kenne keinen Vetter; auch iſt es mir gar nicht ange⸗ nehm zu wiſſen, daß meine Frau einen Wohlthäter verehrt in der Perſon eines —“ „My Lord,“ ſagt Obriſt Esmond. „Ich bin nicht hier, um viele Worte zu wechſeln, oder um mich gar in einen Streit einzulaſſen,“ ſagt Seine Gnaden: „Ich ſage Ihnen hiemit offen, daß Ihre Beſuche in dieſem Hauſe etwas gar zu häufig ſind, und daß die Herzogin von Hamilton keine Ge⸗ ſchenke annehmen darf von Herren, die einen Namen führen, wozu ſie lediglich kein Recht haben.“ „My Lord!“ ruft hier Lady Caſtlewood. „Mr. Esmond hat das allerklarſte Recht, — ein Recht, ſo gut es auf dieſer Welt nur eines geben kann, — den Namen zu führen, den er führt; und es iſt derſelbe ſo alt und ſo ehrenvoll, wie der Ew. Gnaden.“ Seine Gnaden lächelte, und blickte drein, wie wenn Caſtlewood wahnſinnig wäre, daß ſie ſo mit ihm präche. „Wenn ich ihn Wohlthäter genannt habe,“ fuhr meine Gebieterin fort, „ſo habe ich es darum geſagt, weil er uns wirklich ein ſolcher geweſen iſt, — ja, der edelſte, der wahrſte, der tapferſte, der theuerſte aller Wohlthä⸗ ter. Wenn es auf ihn allein angekommen wäre, ſo würde er Mohnn verhindert haben, meinen Gatten zu morden. Er hat das Leben meines Sohnes gerettet, und hat ihn gegen den genannten Schurken vertheidigt. Sind das keine Wohlthaten?“ „Ich bitte Obriſt Esmond um Verzeihung,“ ſagt Seine Gnaden in einer Weiſe, die wo möglich noch hochmüthiger war, als die frühere; „ich möchte auch nicht ein Wort ſagen, das ihn beleidigen könnte, und möchte ihm danken, für die Güte, die er der Familie Ew. Ladyſchaft erwieſen. Sie wiſſen, wir Beide, my Lord Mohnn und ich, ſind verſchwägert, obgleich we⸗ der Bande des Bluts noch Bande der Freundſchaft uns gegenſeitig feſſeln; aber ich muß hier wiederholen, was ich bereits geſagt, — daß nämlich meine Frau von Obriſt Esmond ſchtechterdings keine Geſchenke annehmen darf.“ „Meine Tochter kann von dem Haupte unſeres Hauſes gar wohl Geſchenke empfangen: meine Toch⸗ ter kann mit Dank Gefälligkeiten von dem theuer⸗ ſten Freunde ihres Vaters, ihrer Mutter, ihres Bru⸗ ders annehmen, und neben den tauſend Wohlthaten, die wir ihm bereits ſchulden, ihm noch für eine wei⸗ tere danken,“ ruft Lady Esmond. „Was iſt auch ein Collier von Diamanten im Vergleich mit der Liebe und mit der Freundſchaft, die er uns erwieſen, — er, unſer 326 theuerſter Beſchützer und Wohlthäter? Wir verdanken ihm nicht allein Frank's Leben, ſonderu unſer Alles, ja, unſer Alles,“ ſagt meine Gebieterin weiter mit erhöhter Farbe und zitternder Stimme. „Der Titel, den wir führen, gehört ihm, ſobald es ihm einfällt, denſelben zu beanſpruchen. Wir ſind es, die kein Recht auf unſern Namen haben, — nicht er, der für denſel⸗ ben zu groß iſt. Er hat ſeinen Namen geopfert am Todbette meines Gemahls, er hat ihn meinen ver⸗ waisten Kindern zum Opfer gebracht; — er hat auf Rang und Ehre verzichtet, weil er uns in ſo edler Weiſe liebte. „Sein Vater war vor ihm Viscvunt von Caſtle⸗ wood und Marquis von Esmond; und er iſt der recht⸗ mäßige Sohn und Erbe dieſes ſeines Vaters; wir ſind bloß ſeine Verpflichteten, und er das Haupt eines Hauſes, das ſo alt iſt, wie das Ihrige. Und wenn er auf ſeinen Namen verzichtet, damit mein Kind denſelben führen kann, ſo lieben und ehren und ſegnen wir ihn, welchen Namen er auch führen mag.“ Und hier würde das zärtliche und liebevolle Ge⸗ ſchöpf abermals vor Esmond hingekniet ſein, hätte dieſer ſie nicht daran verhindert. Beatrix aber lief, mit bleichem Geſichte und einem Schrei der Angſt, auf ſie zu, küßte ſie und ſprach: „Mutter, was iſt das?“ „Es iſt dieß ein Familiengeheimniß, Ew. Gna⸗ den,“ ſagt Obriſt Esmond: „die arme Beatrir wußte nicht darum; und auch my Lady wußte noch vor einem halben Jahre lediglich Nichts davon. Und ich habe ein ebenſo gutes Recht, auf meinen Titel Ver⸗ zicht zu leiſten, als Eurer Gnaden Mutter das Recht hat, ihren Titel an Sie abzutreten.“ „Ich würde dem Herzoge von Hamilton Alles geſagt haben,“ ſagte meine Gebieterin, „wenn Seine Gnaden ſich, wegen der Hand meiner Tochter, an mich 327 und nicht an Beatrix gewendet hätte. Noch heute würde ich mir eine Unterredung mit Ihnen erbeten haben, my Lord, hätten nicht Ihre Worte die plötzliche Er⸗ klärung herbei geführt. Und da dem nun alſo iſt, ſo mag Beatrir Alles hören, und mag ſie erfahren, — was ich alle Welt wiſſen laſſen möchte, — was wir unſerem Vetter und Beſchützer zu verdanken haben.“ Und nun erzählte Lady Caſtlewvod in ihrer rührenden Weiſe, und nachdem ſie die Hand ihrer Tochter ergriffen (— ſie wandte ſich dabei mehr an ſie, als an den Herzog —), die Geſchichte, die der Leſer bereits kennt, — wobei ſie das Betragen ihres Ver⸗ wandten bis an den Himmel erhob. Seinerſeits ſetzte Mr. Esmond die Gründe auseinander, die ihm triftig genug ſchienen, um in der Familie die Erbfolge, ſo wie dieſe jetzt geordnet war, nicht zu ſtöreu. Zugleich erklärte er auf das Beſtimmteſte, daß er, wie bis jetzt, Obriſt Esmond bleiben würde. S „Und Marquis von Esmond, my Lord,“ ſpricht Seine Gnaden mit einem tiefen Bücklinge. „Erlauben Sie mir, daß ich Eure Lordſchaft um Verzeihung bitte wegen gewiſſer Worte, die ich in völliger Unkenntniß der wahren Sachlage ausgeſprochen; und daß ich um die Gunſt Ihrer Freundſchaft nachſuche. Mit ihnen verwandt zu ſein, Sir, muß eine Ehre ſein, welchen Namen Sie auch vor der Welt führen mögen (— ſo ge⸗ ruhete Seine Gnaden zu ſagen —), und ich hoffe, es werde Ihnen gefallen, für das prächtige Geſchenk, das Sie meiner Frau, Ihrer Verwandtin, machen, irgend einen Dienſt zu verlangen, den James Duglas zu lei⸗ ſten vermag. Es wird mir nicht eher wohl ſein, als bis ich wenigſtens einen Theil meiner Schuld an Sie abgetragen; und vielleicht ſteht dieß gar bald in meiner Macht, zumal Ihre Majeſtät mich mit dieſer Miſſion betraut hat,“ ſagt der Herzog. „Ich werde es als eine 328 Gunſt anſehen, my Lord, wenn Obriſt Esmond die Braut weggeben will.“ „Und wenn er den gewöhnlichen Lohn im Voraus dafür empfangen will, ſo mag er ihn ſchon jetzt in Empfang nehmen,“ ſagt Beatrix, zu ihm hintretend. Und als Esmond ſie küßte, flüſterte ſie: „Ach! warum kannte ich Dich nicht früher?“ Seiner Gnaden dem Herzog jagte dieſer Kuß Flammen ins Geſicht; indeſſen ſagte er keine Sylbe. Beatrix machte ihm einen ſtolzen Knix, worauf die beiden Ladies mit einander das Zimmer verließen. „Wann geht Ew. Excellenz nach Paris?“ fragt Obriſt Esmond. „So bald wie nur möglich nach der Copulation,“ antwortete Seine Gnaden. „Letztere iſt auf den erſten Dezember anberaumt: bälder kann ſie nicht Statt fin⸗ den. Die Equipage kann erſt bis dahin fertig werden. Die Königin hat ihre Abſicht zu erkennen gegeben, die Geſandtſchaft zu einer überaus großartigen zu machen; — auch habe ich noch einige Rechtsſachen zu regeln. Der unglückverkündende Mohun iſt wieder in London, oder iſt im Begriffe dahin zu kommen: wir haben einen Prozeß wegen des Vermögens, das Lord Gerard hin⸗ terlaſſen; und er hat zu mir geſchickt, und mich um eine Unterredung gebeten.“ 329 Fünftes Kapitel. Mohun erſcheint zum letzten Male in dieſer Geſchichte. Außer Seiner Gnaden dem Herzoge von Hamil⸗ ton und Brandon, der, aus Familiengründen, ſeine Protection in freundlichſter Weiſe dem Obriſten Esmond verſprochen hatte, hatte Letzterer jetzt noch andere Viel vermögende Freunde die, am Ruder ſitzend, ſowohl den guten Willen hatten, als im Stande waren, ihn zu unterſtützen; und mit ſolchen Verbündeten an der Hand, durfte er alſo ohne Zweifel hoffen, daß er im bürgerlichen Leben daheim nicht minder raſch empor⸗ ſteigen würde, als er draußen in ſeiner militäriſchen Carriere vorgerückt war. Seine Gnaden war ſo groß⸗ müthig, Mr. Esmond ein Offert zu machen, wornach Letzterer in der Eigenſchaft eines Secretärs bei der Geſandtſchaft in Paris functioniren ſollte; ohne Zwei⸗ fel aber erwartete er, daß der Obriſt dieſen Antrag nicht annehmen würde. Mag dem nun ſein, wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, daß Esmond ſchlechterdings den Gedanken nicht ertragen konnte, ſeine Gebieterin nach ihrer Copulation weiter, als bis an die Kirch⸗ thüre zu begleiten; und ſo ſchlug er denn das Aner⸗ bieten aus, das ſein edelmüthiger Rebenbuhler ihm machte. Andere Herren, die am Ruder ſaßen, ließen es bei Obriſt Esmond wenigſtens nicht an Complimenten und Verſprechungen fehlen. Mr. Harley, der nun my Lord Oyford und Mortimer geworden und an dem⸗ ſelben Tage zum Ritter des Hoſenbandordens geſchla⸗ ———— 330 gen worden war, an dem Seiner Gnaden dem Herzog von Hamilton die gleiche Ehre widerfahren war, ſchickte zu dem Obriſten und ließ ihm ſagen, daß ein Parla⸗ mentsſitz nächſtens für ihn aufgehen würde; und auch Mr. St. John ließ den Obriſten für den Fall, daß er in das Unterhaus einträte, Ehren und Stellen die ſchwere Menge hoffen. Esmond's Freunden ging es allen außerordentlich gut; der glücklichſte und triumphirendſte von allen aber war ſein theurer alter Commandant, General Webb, der jetzt zum Generallieutenant der Landmacht ernannt, und ſowohl von dem Miniſterium und der Königin, als von dem Volke beſonders ehrenvoll aufgenommen wurde. Letzteres ſchrie dem tapferen Heerführer immer ein Hurrah zu, wenn es ihn in ſeinem Wagen ſah, ſei es, daß er nach dem Unterhauſe oder nach dem königlichen Palaſte fuhr, oder daß er von St. Ste⸗ phen's aus auf ſeiner glorioſen alten Krücke und auf ſeinem Stocke zu Fuß nach ſeiner Kutſche hin hinkte. Bei ſolchen Gelegenheiten war der Volksjubel immer ebenſo groß, als der, der nur je dem Herzoge von Marlborough zu Theil geworden. Der große Herzog war jetzt ganz in Ungnade, und der ehrliche alte Webb datirte alles Unglück Sei⸗ ner Gnaden von Wynendael her, und ſchwor hoch und theuer, daß das Schickſal den Verräther endlich ſo be⸗ handelt habe, wie derſelbe es verdiene. Die Herzogin Sarah hatte gleichfalls das Ende ihres Glücks geſe⸗ hen: ſie hatte auf ihre Schlüſſel, und ihre Stellen, und ihre Gehalte Verzicht leiſten müſſen. „Ah, ah!“ ſprach Webb, ſie würde mit ihren Schlüſſeln drei Millionen franzöſiſche Kronen eingeſchloſſen haben, wäre mir nur das Lebenslicht ausgeblaſen worden; aber ich ſchob einen Riegel vor, und ſchnitt durch die Wynendaeler Affaire dieſe Zufuhr ab.“ Unſer Feind Cardonnel wurde zugleich mit Mr. . 331 Walpole aus dem Unterhauſe geſtoßen, weil Beide öf⸗ fentliche Gelder veruntreut. Cadogan verlor ſeine Stelle als Lieutenant vom Tower. Marlborough's Töchter gaben ihre Stellen als Kammerdamen auf, und ſo vollſtändig war die Ungnade des Herzogs, daß ſein Schwiegerſohn, Lord Bridgewater, ſchlechterdings ſeine Wohnung im St. James⸗Palaſte aufgeben mußte, und daß ihm ſein Halbſold als Oberſtallmeiſter entzogen wurde. Am Tiefſten aber war, glaube ich, Marlbo⸗ rough gefallen, als er zu General Webb ſchickte und denſelben unterthänigſt fragen ließ, wann er ihm wohl ſeine Aufwartung machen könnte, — er, der den rüſti⸗ gen alten General commandirt, — er, der ihn beleidigt und verhöhnt, — er, der ihn in ſeinem Vorzimmer hatte warten laſſen, — er, der nicht einmal nach dem großen Siege, den der General erfochten, ſich ſo weit herablaſſen konnte, um demſelben einen eigenhändigen Brief zu ſchreiben. Die Nation ſehnte ſich jetzt ebenſo ſehr nach dem Frieden, als ihr früher der Krieg willkommen geweſen war. Der Prinz von Savoyen kam zu uns herüber, wurde von der Königin zu einer Audienz zugelaſſen, bekam ſeinen berühmten Ehrendegen, und wandte alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel an, um eine Whigpartei zuſammenzubringen, den jungen Prinzen von Hannover für ſich zu gewinnen, — mit einem Worte, Alles zu thun, was zur Verlängerung des Krieges beitragen und den Ruin des alten Monarchen vollenden könnte, den er mit einem ſo unverſöhnlichen Haſſe verfolgt. Aber die. Nation war, wie geſagt, des Kampfes müde, — und zwar ſo vollkommen müde, daß nicht einmal unſere Niederlage bei Denain uns in Zorn bringen konnte, obgleich noch zwei Jahre früher eine ſolche ganz England in Wuth verſetzt haben würde; man konnte leicht ſehen, daß der große Marlborough nicht mehr bei der Armee war. Engen mußte voller Wuth ——— —— 332 das Feld räumen und ſich die glänzende Rache ſeines Lebens verſagen. Vergebens fragte die Partei des Herzogs, „ob wir unſere Waffen ſo inſultiren laſſen würden; und ob wir nicht den einzigen Mann, der unſere Ehre wieder herſtellen könnte, wieder zur Armee ſchickten.“ Aber die Nation wollte von weitern Käm⸗ pfen auch nicht einmal ſprechen hören, und kein Hohn, kein Schrei der Empörung vermochte unſere Britten wieder aufzuſtacheln. Für einen Staatsmann, der ſtets von Freiheit ſchwatzte und die ſchönſten philoſophiſchen Maximen im Munde zu führen pflegte, handelte Mr. St. John, wie hier geſtanden werden muß, bisweilen etwas mehr wie ein türkiſcher, als wie ein griechiſcher Philoſoph; insbeſondere aber fiel er über eine unglückliche Klaſſe von Menſchen, die Gelehrten, mit einer Tyrannei her, die etwas ſonderbar war bei einem Manne, der ihrei Beruf ſo ſehr zu ehren vorgab. Der literariſche Wort⸗ ſtreit war um dieſe Zeit ſehr bitter: die Regierungs⸗ partei war die populäre und die, welche das Spiel ge⸗ wann, und ich glaube, daß ſie ſich auch als die gnädige; hätte erweiſen ſollen. Es war ganz natürlich, daß die Oppoſition in ihrer Verſtimmung ein gewaltiges Ge⸗ ſchrei hören ließ; Einige waren dabei ehrlich, und es ging ihnen wirklich von Herzen, indem ſie das hohe Talent des Herzogs von Marlborough bewunderten und die Ungnade des größten Generals, den die Welt je geſehen, beklagten; bei andern Patrioten war es der Bauch, der ſie murren machte, und Solche erhoben deß⸗ halb ein Geſchrei, weil ſie arm und für ihr Geſchrei bezahlt waren. Gegen Letztere zeigte my Lord Boling⸗ broke nie auch nur eine Spur von Gnade, und er ließ ohne das geringſte Mitleid ein Dutzend von ihnen ins Gefängniß oder auf die Schandbühne peitſchen. — Aus einem Krieger, der er bis daher geweſen, war Mr. Esmond nun Gelehrter geworden; allein es ſtand — 333 derſelbe auf einer Seite, wo man ſeine Meinung ſagen konnte, ohne dadurch ſeine Freiheit und ſeine Ohren aufs Spiel zu ſetzen. Auf unſerer Seite, welche die ſieg⸗ reiche Partei repräſentirte, war keine Gefahr; auch gefiel ſich Mr. Esmond in dem Gedanken, daß er wie ein Gentleman ſchreibe, wenn er auch als Mann von Geiſt nicht immer reüſſirte. Von den berühmten Schöngeiſtern jener Zeit, welche die Regierung der Königin Anna ſo berühmt gemacht, und deren Werke noch in Jahrhunderten in jedes Eng⸗ länders Händen ſein werden, ſah Mr. Esmond viele, aber hauptſächlich an öffentlichen Orten, indem er mit keinem von ihnen ſich auf einen vertrauten Fuß ſtellte, es ſei denn mit dem ehrlichen Dick Steele und mit Mr. Addiſon, die ſich indeſſen von Esmond trennten, als der ſo eben genannte Gentleman ein entſchiedener Tory wurde und mit den vornehmſten Perſonen dieſer Partei auf dem freundſchaftlichſten Fuße verkehrte. Was Addiſon betrifft, ſo beſchränkte er ſich auf ein Paar Freunde, und ſchüttete gar ſelten ſein Herz aus, es ſei denn in ihrer Geſellſchaft. Man konnte im öffentlichen Leben unmöglich einen geraderen und gewiſſenhafteren Mann finden, als er war, und ebenſo wenig ließ ſich ein zweiter Mann finden, deſſen Ge⸗ ſpräch ſo mannigfaltig, ſo gefällig und ſo bezaubernd geweſen wäre. Jetzt, wo ich im reiferen Alter ſtehe, geſtehe ich, daß die Politik Addiſons mir als die da⸗ mals allein richtige erſcheint; und könnte ich noch ein Mal jung werden, und müßte ich daſſelbe noch ein Mal erleben, ſo würde ich in England ein Whig und ein Tory ſein; aber bei Leuten, die in der Politik Partei ergreifen, ſind gewöhnlich eher Menſchen, als Grundſätze, das gemeinſchaftliche Band. Eine Gefäl⸗ ligkeit oder eine Hintanſetzung treibt den Menſchen unter dieſe oder unter jene Fahne, und mit dieſer Fahne marſchirt er dann, bis die Campagne vorüber iſt. — 334 Esmond's Vorgeſetzter im Kriege war von Marlborough hintangeſetzt worden, und haßte denſelben; und der Lieutenant focht daher die Streitigkeiten ſeines Anfüh⸗ rers aus. Als Webb nach London kam, wurde er von Marlborough's Feinden als eine Waffe benützt — und von ächtem Stahl war er, jener ehrliche Chef —); auch war deſſen Adjutant, Mr. Esmond, kein untreuer oder unwürdiger Anhänger. Es hat hier, und auf fremdem Boden, und in einem Lande, das in Allem unabhängig iſt, denn nur noch nicht dem Namen nach (— denn daß die nord⸗ amerikaniſchen Colonien noch weitere zwanzig Jahre von der kleinen Inſel drüben werden abhängig ſein wollen, fällt mir auch nicht im Schlafe ein —), etwas Selt⸗ ſames, ſich zu erinnern, wie die Nation ſich der Herr⸗ ſchaft der einen oder der andern ariſtokratiſchen Partei zu überliefern ſchien, und einen hannöverſchen König oder einen franzöſiſchen annahm, je nach dem die eine oder die andere den Sieg davon trug. Und während die Tories, die October⸗Club⸗Gentlemen, die hochkirch⸗ lichen Geiſtlichen, die an der Staatskirche feſthielten, einen papiſtiſchen König haben wollten, für den viele ihrer ſchottiſchen und engliſchen Führer, lauter feuerfeſte Kirchenmänner, mit bewunderungswürdiger Loyalität und Hingebung ihr Leben opferten, waren ſie von Leuten geleitet, die bekanntlich gar keine Religion hat⸗ ten, ſondern ſich letzterer bloß als eines Werkzeuges bedienten, — wie ſie jede Meinung zu benutzen wuß⸗ ten, um ihre ehrgeizigen Plane zu fördern. Auf der andern Seite mußten die Whigs, die eben⸗ falls ihre Religions⸗ und Freiheitsliebe zur Schau trugen, ſich in Holland oder Hannover nach einem Mo⸗ — — narchen umſehen, um den ſie ſich ſchaaren konnten. Jener Theil der engliſchen Geſchichte iſt doch eine ſelt⸗ ſame Kette von Compromiſſen, da findet man Prinzip⸗ Compromiſſe, Partei⸗Compromiſſe, Religions⸗Compro⸗ 335 miſſe! Die Anhänger engliſcher Freiheit und Unab⸗ hängigkeit ſtellten ihr religiöſes Gewiſſen unter eine Parlamentsacte, — vermochten ihre Freiheit nicht zu conſolidiren, ohne nach Celle oder nach dem Haag zu ſchicken, um ſich von dort einen König zu holen, — und konnten unter den ſtolzeſten Leuten von der Welt nicht einmal einen Mann finden, um ſie zu regieren, — einen Mann, der ihre Sprache geſprochen, und ihre Geſetze verſtanden hätte. Die Pakrioten von der Tory⸗ Partei und von der Staatskirche waren bereit, als Vertheidiger einer papiſtiſchen Familie zu ſterben, die uns an Frankreich verkauft hatte; die großen Edelleute von der Whigpartei, die ſtarren Republikaner, die Karl Stuart wegen Hoch⸗ und Landesverraths den Kopf abgehauen hatten, wollten ſich einen König gefallen laſſen, deſſen Anſprüche ſich von einer königlichen Groß⸗ mutter herleiteten, deren königliche Großmutter ſelbſt wieder unter dem Beile der Königin Beß den Kopf gelaſſen hatte. Und unſer ſtolzer engliſcher Adel ſchickte Abgeord⸗ nete in ein deutſches Städtchen, um einen kleinen deut⸗ ſchen Monarchen zu bitten, daß er doch in London regieren möchte; und unſere Prälaten küßten die häß⸗ lichen Hände ſeiner deutſchen Maitreſſen, und hielten dieß für keine Unehre. In England kann man nurzu einer dieſer beiden Parteien gehören, und man über⸗ nimmt das Haus, in dem man wohnt, mit allen ſeinen Laſten, mit allen Leuten, die dazu gehören, mit allen ſeinen alten Unbequemlichkeiten, und ſogar mit ſeinen Ruinen; man kann wohl daran flicken, nie aber einen Neubau vornehmen. Werden wohl wir Leute von der neuen Welt uns noch viel länger und wenn auch nur nominell dieſem althergebrachten britiſchen Aberglau⸗ ben fügen? Es ſind da Zeichen der Zeit, die mich gauben laſſen, daß wir, hier zu Lande, uns bald um König George, ſowie um ſeine geiſtlichen und weltli⸗ 336 chen Lords ebenſo wenig bekümmern werden, als um König Kanute, oder um die Druiden. Dieſes Kapitel hat mit Schöngeiſtern angefangen, wird vielleicht mein Enkel ſagen, und iſt von deren Geſellſchaft gar weit abgeirrt. Ich will daher jetzt auf dieſes Thema zurückkommen. Die angenehmſten und luſtigſten unter den Schön⸗ geiſtern, die ich kannte, waren die Doctoren Garth und Arbuthnot und Mr. Gay, der Verfaſſer von „Tri⸗ via,“ die charmanteſte liebe Seele, die je über einen Spaß lachte, oder eine Flaſche ausſtach. Ich ſah auch Mr. Prior, und er war der irdene Topf, der mit den ehernen den Strom hinabſchwamm, und immer und ewig, und zwar mit Recht, in der Furcht ſchwebte, er möchte während der gefährlichen Reiſe zerbrechen. Ich traf Letzteren ſowohl zu London, als zu Paris, wo er vor dem Herzoge von Shrewsbury jämmerliche Bück⸗ linge ausführte, indem er nicht den Muth beſaß, die Würde zu behaupten, die ſein unbeſtreitbares Genie und ſein Talent ihm errungen hatten, und wo er Briefe voller Schmeicheleien an den Secretär St. John ſchrieb, und an ſein Silbergeſchirr und ſeine Stelle dachte, und ſich darüber den Kopf zerbrach, was wohl auf Erden aus ihm werden werde, wenn ſeine Partei ab⸗ treten müßte. Was den berühmten Mr. Congreve be⸗ trifft, ſo ſah ich ihn ein Dutzend Mal bei Button: er war eine herrliche Ruine von einem Manne, präch⸗ tig angezogen, und obgleich mit dem Podagra behaf⸗ tet und faſt blind, den Schlägen des Schickſales kühn die Stirne bietend. Der große Mr. Pope (— über deſſen ungeheures Genie ich meine Bewunderung gar nicht gehörig aus⸗ zuſprechen vermag, indem mir die Worte dazu fehlen —) war damals ein noch ganz winziges Bürſchchen, das ſich nur ſelten an öffentlichen Orten ſehen ließ. Es gab Hunderte von Männern, Schöngeiſtern und hüb⸗ ſchen Burſchen, welche dazumal die Theater und die Kaffeehäuſer beſuchten, — Leute, die „nune praescri- bere longum est.“ Und in der That glaube ich, daß ich den brillan⸗ teſten Mann dieſer Menſchenklaſſe, den ich je geſehen, erſt fünfzehn Jahre ſpäter zu Geſicht bekam, wo ich zum letzten Male in England war und mit dem jun⸗ en Harry Fielding bekannt wurde, einem Sohne des Fieding, der mit uns in Spanien und ſpäter in Flan⸗ dern gedient hatte. Und der genannte Harry Fielding ſchien, was Humor und ſpäſſige Einfälle betrifft, es ihnen allen zuvorzuthun. Von dem berühmten Dr. Swift aber kann ich nur ſo viel ſagen, daß ich ihn geſehen: „vidi tantum.“ Er lebte während dieſer ganzen Zeit und bis zum Tode der Königin in London: auch zeigte er ſich an tauſend öffentlichen Orten, wo ich ihn aber bloß ſah: Sonntags fehlte er gewiß nie bei Hofe, wo er Eurem Großvater ein Paar Mal gezeigt wurde. Er würde mich eifrig genug aufgeſucht haben, wäre ich ein großer Mann geweſen, der an ſeinen Nameu einen Titel, oder an ſeinen Rock einen Stern zu hängen gehabt hätte. Bei Hofe hatte der Doctor nur für die Aller⸗ rößten ein Auge. Der Lord Schatzmeiſter und St. ohn nannten ihn nur Jonathan, und mit dieſer wohl⸗ feilen Münze bezahlten ſie ihn für die Dienſte, die er ihnen erwies. Er war es, der ihre Schmähſchriften ſchrieb, — er war es, der ihre Feinde bekämpfte, — er war es, der in ihrem Dienſte Schläge austheilte und renommirte und den Leuten Schrecken einjagte, und zwar mit vollendeter Geſchicklichkeit und Grauſam⸗ keit, die ich nicht verhehlen will. Es heißt, es habe derſelbe jetzt den Verſtand ver⸗ loren, und ſowohl ſeine Wuth, als das viele Unrecht, das er an den Menſchen verübt, vergeſſen. Dr. Swift denry Esmond. M. 22 338 und der Herzog von Marlborough ſind mir ſtets als die zwei größten Männer jener Zeit erſchienen. Ich habe Swift's Bücher (— wer kennt dieſelben nicht? —) geleſen, hier in unſerem ſtillen Walde, und ſtelle mir einen Rieſen vor, während ich an ihn, den verlaſſenen und gefallenen Prometheus denke, der ſtöhnt und ächzt, während der Geier ihn zerfleicht. Den Prometheus ſah ich; als ich aber zum erſten Male mit ihm ſprach, ſtieg der Rieſe eben aus einer Sänfte in den Poultry, wohin er mit einem betrun⸗ kenen iriſchen Diener gekommen war, der ihm voraus⸗ ging und ihn anmeldete, oder richtiger geſagt, den Namen Seiner Ehrwürden hervorbrüllte, während ſein Herr noch drunten war und mit dem Sänftenträger marktete. Ich konnte dieſen Mr. Swift nicht leiden, und hörte gar manche Geſchichte über ihn, — über ſein Betragen gegen Männer, und über die Worte, womit er die Frauenzimmer regalirte. Er konnte den Großen ebenſo ſehr ſchmeicheln, als er die Schwachen verfolgen konnte, und Mr. Esmond, der damals ein Bischen jünger und heißblütiger war, als jetzt, war faſt entſchloſſen, die Zähne und das Feuer diefes Dra⸗ chen nicht zu fürchten, wenn derſelbe ihm ein Mal auf⸗ ſtoßen ſollte. Die Menſchen haben alle Arten von Gründen, die ſie im Leben treiben; und ſie laſſen ſich aus hun⸗ dert verſchiedenen Urſachen zu Handlungen der Ver⸗ zweiflung, oder auch zu Großthaten hinreißen. So hatte Esmond einen Kameraden, einen ehrlichen, klei⸗ nen iriſchen Lieutenant bei Handyſide's Regiment, der einem Marketender ſo viel Geld ſchuldete, daß er an⸗ fing, der Tochter des Mannes die Cour zu machen, in der Abſicht, ſeine Schuld auf dieſe Weiſe zu bezahlen? und in der Schlacht von Malplaquet ſtürzte er, ſeiner Schuld und ſeiner Dame zugleich entrinnend, in ſolch verzweifelter Weiſe auf die franzöſiſchen Linien vor, 339 daß er eine Compagnie bekam. So trat er als Capi⸗ tän aus der Schlacht, und mußte nun vor Allem die Tochter des Marketenders heirathen, die, ſtatt aller Mitgift, dem armen Rogers den Schuldſchein, den er ihrem Vater ausgeſtellt, durchſtrichen zubrachte. um außer den Bereich der Schuld und des Mädchens zu kommen, ſtürtzte er auf die Piken des Feindes los; und da dieſe ihn nicht tödteten, ſo ſah er ſich auf das andere Horn ſeines Dilemmas zurückgeſchleudert. In der nämlichen Schlacht bekämpfte unſer großer Herzog nicht die Franzoſen, ſondern die Tories in England. Er riskirte ſein Leben und das der Armen nicht für ſein Vaterland, ſondern für ſeinen Gehalt und für ſeine Stellen, und aus Furcht vor ſeiner Frau zu Hauſe, dem einzigen Weſen auf dieſer Welt, das er fürchtete. I†ch habe oft bei meiner eigenen Compagnie Um⸗ frage gehalten, (— arme Bauerburſche kamen während der Kriege unaufhörlich als Rekruten zu uns herü⸗ ber, um die Pflugſchaar mit dem Schwerte zu ver⸗ tauſchen —), und gefunden, daß die Hälfte der unter der Fahne ſtehenden Leute wegen eines Frauen⸗ zimmers zu dieſem Schritte veranlaßt wurde; Per Eine wurde von ſeiner Geliebten hinter das Licht geführt, und nahm in der Verzweiflung den Werbeſchilling an; ein Anderer ließ das Mädchen ſitzen und floh, ihr und dem Kirchſpiel Lebewohl ſagend, unter die Zelte, wo das Geſetz ihm keine Unannehmlichkeiten machen konnte. Hoch warum ſoll ich hier in Details eingehen? Was können die Söhne Adams und Evens Anderes thun, als auf jenem Pfade der Liebe und der Mühſal fort⸗ wandeln, den ihre Väter und Mütter ſchon vor ihnen betreten? Oh, mein Enkel! Ich nähere mich dem Ende je⸗ ner Periode meiner Geſchichte, wo ich mit der großen Welt von England und Europa bekannt war; meine 340 Tage haben bereits die Grenze des hebräiſchen Dich⸗ ters überſchritten, und ich ſage Dir, alle meine Müh⸗ ſale und Frenden haben gleichfalls von einem Frauen⸗ zimmer hergerührt, wie es bei Dir nicht minder der Fall ſein wird, wenn der Dir vom Schickſal beſtimmte Lebenslauf beginnt. Es war ein Weib, das einen Soldaten aus mir machte; — es war ein Weib, das mich ſpäter in Intriguen verwickelte, und mich ſelbſt zu einem Intriganten machte; und ich glaube wahr⸗ haftig, daß ich Hemden für ſie geſponnen haben würde, wenn ſie es von mir verlangt hätte; alle Stärke, alle Kraft, die mein Kopf beſaß, würde ich ihr geliehen haben; und hat nicht Jedermann in ſeinem Leben ſeine Omphale und ſeine Delila, — wenn auch im Grade verſchieden? Die meinige machte an den Ufern der Themſe und in dem lieben alten England einen Tho⸗ ren aus mir: Die Deinige findeſt Du vielleicht am Rappahannve. um alſo dieſem Weibe zu gefallen, verſuchte ich es, mich als Soldat, und ſpäter als Schöngeiſt und als Politiker auszuzeichnen; und einer andern zu ge⸗ fallen, würde ich einen ſchwarzen Prieſterrock und ein Paar Bäffchen getragen, und dieſes Vorhaben auch aus⸗ geführt haben, wäre nicht das allgewaltige Fatum da⸗ . zwiſchen getreten, und hätte es nicht dieſes Project zu Waſſer gemacht. Und ich ſage, meiner Anſicht nach iſt die Welt wie die Compagnie Capitän Esmonds, von der ich weiter oben geſprochen; und könnteſt Du Jedermanns Lebensbahn genau ſehen, ſo würdeſt Du ein Weib finden, das wie ein Bleigewicht an ihm hängt, ihm im Wege ſteht, und ihn aufhält, — oder ihn auf⸗ muntert und antreibt, — oder ihm aus ihrem Wagen heraus zuwinkt, ſo daß er auf ſie zuſchreitet, und die Ehre des Wettlaufs Andern überläßt, — oder ihm den Apfel bringt und ſpricht: „Iß,“ — oder ihm die Dol⸗ che bringt und ihm zuflüſtert: „Stoß' zu! Dort liegt 341 Duncan, und ſeine Krone; und die Gelegenheit iſt günſtig!“ Dein Großvater focht als Politiker erfolgreicher, denn als Schöngeiſt; und da nicht nur ſelbſt er, ſon⸗ dern auch ſein General gegen den großen Herzog, der die Armee commandirte, von Haß erfüllt war, und Beſchwerden genug vorzubringen hatte, und da er fer⸗ ner den militäriſchen Dienſten mehr vorſtand, als die meiſten Schriftſteller, die niemals mehr, als bei Wills das Feuer einer Tabakspfeife geſehen hatten, ſo konnte er der Sache, der er nun ein Mal diente, ſowie Mr. St. John und deſſen Partei viele gute Dienſte erwei⸗ ſen. Allein er verſchmähte es, in der Weiſe zu läſtern, wie es namentlich einige der toryſtiſchen Schriftſteller thaten, wie zum Beiſpiel Dr. Swift, dem es wirklich einfiel, den Muth des Herzogs von Marlborough in Zweifel zu ziehen, und der zu unterſtellen geruhte, daß die militäriſche Befähigung Seiner Gnaden noch gar nicht ſo gewiß wärez auch waren Esmonds Leiſtungen nicht ſchlechter in Beziehung auf die Wirkung, die ſie hervorbringen wollten (— obgleich ſie ohne Zweifel dem Herzog von Marlborongh in den Augen des Pub⸗ likums bei Weitem nicht ſo Viel ſchadeten, als die bös⸗ willigen Angriffe Dr. Swif's, die mit aller Sorgfalt ſo gerichtet waren, daß ſie den General ſchwarz ma⸗ chen und erniedrigen mußten —), weil ſie offen und ehrlich geſchrieben waren von Mr. Esmond, der aus ihnen gar keinen Hehl machte, der jetzt nicht mehr bei der Armee ſtand, und der nie den ſeitenen Muth und das ebenſo ſeltene Talent, ſondern bloß die Selbſtſucht und die Habgier des Obergenerals angriff. Der Obriſt hatte alſo für eine der toryſtiſchen Zeitungen, der „Reichspoſtreiter“ genannt, einen Ar⸗ tikel geſchrieben (— es war ein Brief über Bouchain, von dem die Stadt zwei ganze Tage lang ſprach, bis das Auftreten eines italieniſchen Sengers einen neuen 342 Unterhaltungsgegenſtand abgab —); und da er auf der Börſe Geſchäfte hatte, von wo Beatrix höchſt wahr⸗ ſcheinlich ein Paar Handſchuhe oder einen Fächer ha⸗ ben wollte, ſo ging er in die Druckerei, um ſeinen Artikel zu corrigiren, und ſaß eben in der Wohnung des Druckers, als der berühmte Dr. Swift hereintrat, — mit ihm ſein iriſcher Burſche, der vor ſeiner Sänfte herzugehen pflegte und den Namen ſeines Herrn mit vieler Würde hervorbrüllte. Mr. Esmond wartete gleichfalls auf den Buch⸗ drucker, deſſen Frau nach dem Wirthshauſe gegangen war, um ihn von dort herbeizuholen, und war einſt⸗ weilen damitbeſchäftigt, daß er aus einem ſchmutzigen, aber hübſchen kleinen Jungen der Buchdruckersfrau, der hatte dableiben müſſen, einen Soldaten zu Pferde machte. „Sie ſind vermuthlich der Redacteur des poſtreiters, Sir?“ ſagte der Doctor in ſchnarrenden Tone und mit iriſchem Accent; und zugleich blickte er den Obriſten unter ſeinen zwei buſchigen Brauen her⸗ vor mit einem Paare ſehr hellen blauen Augen an. Seine Geſichtsfarbe war trübe ſeine Geſtalt ſich zur Beleibtheit hinneigend, und ſein Kinn ein Doppelkinn. Er trug einen abgeſchabten Prieſterrock, ſowie über ſeiner ſchwarzen Perrücke einen nicht minder abgenützten Hut, und zog eine große goldene Uhr heraus, auf die er mit ungemein grimmigem Geſichte blickte. „Ich bin bloß ein Mitarbeiter, Doctor Swift,“ ſagte Esmond, den Kleinen immer noch auf dem Knie behaltend. Er ſaß, den Rücken dem Fenſter zugekehrt, in einer Weiſe da, daß der Doctor ihn nicht ſehen konnte. „Und wer hat denn Ihnen geſagt, daß ich Doctor Swift ſei?“ ſagt der Doctor, den Andern ſehr hoch⸗ müthig anſchauend. „Ei, Ew. Ehrwürden Bedienter hat ja Ihren Namen laut genng hervorgebrüllt,“ ſpricht der Obriſt. — 343 „Man ſollte faſt meinen, Sie hätten ihn aus Irland herübergebracht.“ Darauf der Doctor: „Aber ſagen Sie mir doch, mein Herr, welches Recht haben Sie, zu urtheilen, ob mein Bedienter von Irland herübergekommen iſt, oder nicht? Ich muß mit Ihrem Arbeitgeber, mit Mr. Leach, ſprechen. Sie würden mich verpflichten, wenn Sie ihn holen wollten.“ „Wo iſt Dein Papa, Tommy?“ fragt der Obriſt das Kind, ein ſchmutziges, in einem Röckchen ſtecken⸗ des Teufelchen. . Anſtatt aber zu antworten, hebt das Kind an, zu ſchreien; ohne Zweifel hatte die Erſcheinung des Doc⸗ tors dem armen Kerlchen Furcht eingejagt. „Laſſen Sie doch den quarrenden kleinen Balg ſtehen, und thun Sie, wie ich Sie geheißen, mein Herr!“ ſpricht der Doctor. Darauf der Obriſt lachend: „Ah! ich muß Tommy erſt ſein Bild fertig machen. Da, Tommy: willſt Du Deinen Panduren mit oder ohne Schnurrbart haben?“ „Mit Snurrbart,“ ſpricht Tommy, kein Auge von dem Bilde verwendend. „Wer zum Teufel ſind Sie denn, mein Herr?“ ruft der Doctor; „gehören Sie in die Druckerei oder nicht?“ Dabei ſprach er das letzte Wort in ächt iriſcher Weiſe aus. „Ei, ei, Ew. Ehrwürden brauchen nicht gerade den Teufel zu citiren, um zu fragen, wer ich bin,“ ſagt Obriſt Esmond. „Haſt Du auch ſchon von Doe⸗ tor Fauſtus gehört, kleiner Tommy? oder von Bacon, dem Mönche, der das Schießpulver erfunden, und die Themſe in Brand geſteckt hat?“ Mr. Swift wurde ganz roth, faſt purpurroth. „Ich wollte Sie nicht beleidigen, mein Herr.“ 344 „Ich glaube wohl, mein Herr, daß Sie mich nicht beleidigen wollten,“ ſpricht der Andere trocken. Worauf der Doctor in gewaltigem Zorne ausruft: „Und wer ſind Sie denn, mein Herr? Und wiſſen Sie auch, wer ich bin, mein Herr? Sie ſind wohl einer von jenen elenden Grub Street⸗Literaten, die mein Freund, der Herr Staatsſecretär, hinter Glas und Rahmen gebracht hat. Wie können Sie es wagen, mein Herr, in ſolchem Tone mit mir zu ſprechen?“ Darauf Esmond in überaus demüthigem Tone: „Ich bitte Ew. Ehren unterthänigſt um Ver⸗ zeihung, ſo ich Ew. Ehren beleidigt. Lieber möchte ich Alles thun, was es auch wäre, als daß ich mich nach dem Compter *) ſchicken oder auf die Schandbühne ſtellen laſſen möchte. Aber Mrs. Leach, die Frau des Druckers, hat mir geſagt, ich ſolle auf Tommy Acht geben, während ſie ihren Mann aus dem Wirthshauſe hole; und ich wage das Kind nicht allein zu laſſen, da es ſonſt in das Feuer fallen könnte: will aber Ew. Ehrwürden das Kind halten —“ —,—— „Was, ich die kleine Beſtie nehmen!“ ſagt der Doctor zurückfahrend. „Ich habe mit vornehmeren Leuten zu ſchaffen, Burſche. Sagen Sie Mr. Leach, er thue beſſer, wenn er genau die Stunde beachte, die Dr. Swift ihm als die Zeit des Stelldicheins angege⸗ ben, — hören Sie? Auch möchte ich Ihnen rathen, mein Herr, eine reſpectvolle Sprache zu führen, wenn Sie eine Perſon, wie ich bin, anreden.“ „Ich bin bloß ein armer, verabſchiedeter Soldat,“ ſpricht der Obriſt, „und habe einſt beſſere Tage ge⸗ ſehen, obgleich ich nun genöthigt bin, meine Zuflucht *) Compter oder Counter: unter dieſem Namen gab es zwei Gefängniſſe zu London, in Wood⸗Street und the Poultry. 345 zum Schriftſtellern zu nehmen. Wir können eben Nichts für unſer Schickſal, mein Herr.“ „Vermuthlich ſind Sie die Perſon, von der Mr. Leach mir geſprochen. Seien Sie ſo gut und ſprechen Sie in höflichem Tone, wenn man Sie Etwas fragt; und ſagen Sie Leach, er ſolle in Bury⸗Street bei mir vorſprechen, und heute Abend um zehn Uhr die Papiere mitbringen. Und wenn Sie mich das nächſte Mal ſehen, ſo werden Sie mich hoffentlich kennen, und ein Bischen höflicher ſein, Mr. Kemp.“ Der arme Kemp, der zu Anfang des Krieges Lieutenant geweſen war, und dem das Glück eben nicht gewollt hatte, war der Redacteur des „Reichspoſtreiters“ und ſtand im Solde des ehrlichen Mr. Leach, anſtatt in dem Ihrer Majeſtät. Esmond hatte dieſen Herrn ſchon geſehen, und es war derſelbe ein recht ſcharf⸗ ſinniger, viel arbeitender guter Kerl, der es ſich blut⸗ ſauer werden ließ, um einer zahlreichen Familie Brod zu ſchaffen, und manche lange Winternacht durcharbei⸗ tete, um den Wolf von der Thüre abzuhalten. Und Mr. St. John, der das Wort Freiheit ſtets auf der Zunge hatte, hatte ſo eben ein Dutzend Oppo⸗ ſitivnsſchriftſteller gefangen geſetzt, und einen davon ſogar auf die Schandbühne geſtellt, wegen ſogenannter Schmähſchriften, welche aber, um die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, nicht halb ſo heftig waren, als die, welche von unſerer Partei ausgingen. In Beziehung auf dieſes Stück Tyrannei hatte Esmond dem Staatsſecretär ſtarke Vorſtellungen gemacht; allein Letzterer lachte bloß und ſagte, es ſei den Schurken gerade recht geſchehen; auch erzählte er Esmond von Swift einen auf den Gegen⸗ ſtand bezüglichen Spaß. Noch mehr: dieſer Irländer verhinderte, als St. John im Begriffe war, einem armen Teufel das Leben zu ſchenken, der wegen Noth⸗ zucht zum Tode verurtheilt war, den Staatsſecretär abſolut, dieſen Act der Gnade zu vollführen, und rühmte 346 ſich noch damit, daß er es geweſen, der den Mann an den Galgen gebracht, und ſo groß war auch das Genie des Doctors, und ſo glänzend deſſen Fähigkeiten ſein mochten, ſo wollte Esmond doch ein für alle Mal keine Liebe zu ihm heucheln, und ſuchte auch nie deſſen Be⸗ kanntſchaft zu machen. Der Doctor fand ſich recht fleißig jeden Sonntag bei Hofe ein, — einem Orte, wo der Obriſt nur ſelten ſich ſehen ließ, obgleich ihm die Perſon einer ſchönen Ehrendame Ihrer Majeſtät Veranlaſſung genug ſein mußte, hinzugehen; auch wurden — man darf ſich darauf verlaſſen, — das begönnernde Weſen, das Mr. Swift affectirte, wobei er Landsleute vergaß, die er gar gut kannte, — ſein lautes, zugleich unverſchäm⸗ tes und ſerviles Geſpräch, — ja vielleicht gerade ſeine Vertraulichkeit mit dem Lord Schatzmeiſter und mit dem Staatsſeeretär, der allen ſeinen Launen fröhnte und ihn nur Jonathan nannte, von gar vielen Perſo⸗ nen bemerkt, von denen der ſtolze Prieſter während dieſer Zeit ſeiner Eitelkeit und ſeines Triumphes keine Notiz nahm. Es waren nur drei Tage nach dem fünfzehnten November 1712 (— Esmond erinnert ſich des Datums noch gar wohl —), als der Obriſt bei ſeinem Generale ſpeiſen ſollte. Bei ſolchen feſtlichen Anläſſen pflegte Esmond ſich immer unten an die Tafel zu ſetzen, wie er, während des Feldzugs, ja ſchon an ſo manchem harten und wohlbeſetzten Tiſche gethan. Dieſes Mal war es ein großes Gaſtmahl, — ein Tiſch von der letzteren Art; der ehrliche alte Gentleman liebte es, ſeine Freunde prächtig zu bewirthen. Eingeladen waren Seine Gnaden der Herzog von Ormonde, bevor derſelbe als Generaliſſimus zur Armee abging, my Lord Viscount Bolingbroke, einer der Staatsſecretäre Ihrer Majeſtät, my Lord Orkney, der mit uns gedient hatte, ſowie noch einige Andere. Seine Gnaden der 347 Herzog von Hamilton, der Generalfeldzeugmeiſter war, um ſeine Ernennung zum Geſandten und ſeine dem⸗ nächſtige Abreiſe nach Paris zu feiern, hatte um zwei Uhr, alſo nur eine Stunde vor dem Diner, ſich bei General Webb entſchuldigen laſſen. Seine Gnaden ſagte Nichts, als ein überaus dringendes Geſchäft habe ihn verhindern können, zum Abſchiede ein Glas auf das Wohl von General Webb zu leeren. Die Abweſenheit des Herzogs berührte Esmond's alten Chef, dem außerdem ſeine Wunden gar viel zu ſchaffen machten, unangenehm; und obgleich die Geſell⸗ ſchaft die allerbeſte war, ſo war die Stimmung der Gäſte doch eine ziemlich düſtere. Der letzte der Kom⸗ menden war St. John, und es brachte derſelbe einen Freund mit. „Gewiß,“ ſagt mein General, ſich ſehr höflich verbengend, „iſt an meinem Tiſche immer noch ein leerer Platz für Doctor Swift.“ Mr. Esmond ging mit einer Verbeugung und einem Lächeln auf den Doctor zu, und ſagte zu demſelben: Ich habe dem Drucker Doctor Swift's Auftrag ausgerichtet: hoffentlich hat er noch zu rechter Zeit Ihr Pamphlet nach Ihrer Wohnung gebracht.“ Auch war der arme Leach, gleich nachdem der Doctor deſſen Haus verlaſſen, heimgekommen, oder viel⸗ mehr von ſeiner haushälteriſchen Frau ziemlich benebelt von der Taverne heimgebracht worden; auch ſprach der Drucker in der Weiſe eines Halbbetrunkenen von Couſin Swift, obgleich Mr. Esmond es natürlich vermied, auf dieſe Verwandtſchaft auch nur eine Verwandtſchaft zu machen. Der Doctor machte ein ſaures Geſicht, erröthete, und war ungemein verwirrt, und ſprach während des ganzen Diners kaum ein Wort. So bedarf es biswei⸗ len nur eines kleinen Steiuchens, um dieſe Goliathe des Witzes zu Boden zu werfen; und der Goliath, von 348 dem hier die Rede iſt, fand ſich gar oft geſchlagen, wenn ihm ein beherzter Mann gegenüberſtand. Und ſo nahm derſelbe denn ſeinen Plat ganz verdrießlich ein, goß Waſſer in ſeinen Wein, den die Andern reichlich tranken, und ließ kaum ein Wort über ſeine Lippen gehen. Man ſprach von den Tagesangelegenheiten, aber viel mehr von Perſonen, als von Sachen, ſo zum Bei⸗ ſpiel von my Lady Marlborough's Muth, — von ih⸗ ren Töchtern, welche in alten Kleidern und Schlafhauben von ihren Fenſtern aus die Geſellſchaft, die ſich zur abendlichen Reception in den Palaſt begeben, hätten vorübergehen ſehen; — von dem Entſetzen des könig⸗ lichen Thürjunkers, als der Prinz von Savoyen in einer Knotenperrücke Ihrer Majeſtät vorgeſtellt worden, da doch nie zuvor ein Sterblicher die königliche Hand anders geküßt, als in einer Allongenperrücke; — von den Mohawks und dem Schaden, den dieſelben anrich⸗ teten, indem dieſelben durch die Stadt geſtürzt wären, und getödtet und gemordet hätten. Einer von den Gäſten erwähnte auch, daß das unglückweiſſagende Ge⸗ ſicht Mohun's am vergangenen Abende im Theater ge⸗ ſehen worden, und daß Mohun Makartney und Mere⸗ dith bei ſich gehabt. Die Reunion, die hatte ein Feſt ſein ſollen, war trotz alles Trinkens und Sprechens ſo trübſelig und ſo unheimlich wie ein Begräbniß. Welchen Gegenſtand man auch immer zur Sprache bringen mochte, — immer endete das Geſpräch in Düſterkeit. Seine Gnaden der Herzog von Ormonde entfernte ſich, weil man von Denain ſprach, wo er während des letzten Feldzuges geſchlagen worden war. Esmond's General ward eben⸗ falls durch die Anſpielung auf dieſe Affaire affizirt, denn ſein Waffengenoſſe bei der Wynendaeler Affaire, der Graf von Naſſau Wondenborg, war dort gefallen. Und was Mr. Swift betrifft, ſo ſagte er, als Esmond 54⁴9 ihm zutrank, er trinke keinen Wein. Und dann nahnt der Doctor ſeinen Hut vom Nagel herunter, und ent⸗ fernte ſich, wobei er my Lord Bolingbroke mit der Hand ein Zeichen gab, daß er ihm folgen ſollte; Letzterer aber ſagte ihm, er ſolle ſich nur ſeines, Bolingbroke's, Wagen bedienen, indem er dadurch den Fuhrlohn er⸗ ſpare; er, Bolingbroke, habe mit Obriſt Esmond zu ſprechen. Und als dann die übrigen Gäſte ſich zurück⸗ zogen, um Karten zu ſpielen, blieben die Beiden im finſtern Zimmer zurück. Bolingbroke ſprach immer, wie es ihm um's Herz war, ſobald er etwas „angezopft“ war. Befand er ſich ein Mal in dieſem Zuſtande, ſo war es für ſeine Feinde ein Leichtes, jedes Geheimniß von ihm heraus⸗ zubringen; ja, es mußten ihm ſogar Frauenzimmer zu Leibe ſteigen, und ſeine Worte niederſchreiben; ſo habe ich gehört, daß my Lord Stair drei Jahre darauf, als der Secretär nach Frankreich floh und Miniſter des Prätendenten wurde, Alles, was er gewollt, er⸗ fahren habe dadurch, daß er den benebelten St. John mit Spioninnen umgeben habe. Jetzt aber ſprach er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, alſo: „Jonathan weiß gewiß Nichts davon, obgleich er es vermuthet; und bei St. George! Webb wird ſich noch glücklich ſchätzen, ich wette, ſo Viel Sie wollen, von James ein Erzbisthum anzunehmen, — und Jo⸗ nathan wird ein — nein, ich will verdammt ſein, — und Jonathan wird auch noch froh ſein, von James zum Erzbiſchof gemacht zu werden. „Ihr Herzog hat nun die ganze Sache in der Hand,“ fuhr der Secretär fort. „Wir haben Etwas, was Marlborvugh nöthigen wird, ſich fern zu halten; und in vierzehn Tagen verläßt der Mann London. Prior hat ſein Geſchäft; er iſt dieſen Morgen von mir weggegangen, und merken Sie auf, Harry, ſollte — —— 350 das Schickſal unſere erhabene, geliebte, höchſt voll⸗ ſäftige und höchſt podagriſche Königin und Vertheidi⸗ gerin des Glaubens von hinnen nehmen, alors la bonne cause triomphera. A la santé de la bponne cause; Alles Gute kommt von Frankreich. Der Wein kommt aus Frankreich, und leeren wir nun noch ein volles Glas auf das Wohl der bonns cause.“ Und wir leerten unſere Gläſer. „Und wird dann auch la bonne cause' zum Pro⸗ teſtantismus übergehen?“ fragte Mr. Esmond. „Nein, beim Teufel!“ ſagt der Andere. „Er wird zwar unſern Glauben pflichtſchuldigſt vertheidigen, an dem ſeinigen aber feſthalten. Die Hirſchkuh und der Panther follen, bei Jupiter! an demſelben Karren laufen. Gerechtigkeit und Friede ſollen einander küſſen; und Pater Maſſillan ſoll noch mit Doctor Sacheverel in der St. Paulskirche auf⸗ und abgehen. Schenken Sie noch mehr ein; wir wollen knieend noch ein Glas auf das Wohl der bonne causes leeren, — ja, ich will verdammt ſein, knieend müſſen wir dieſes Wohl aus⸗ bringen.“ Der Wein hatte, wie man ſieht, ſeine Wirkung bei ihm gethan. „Und nehmen wir ein Mal an“ ſpricht Esmond, der ſich dieſes unheimlichen Verdachts nie entſchlagen konnte, „ es falle ein Mal der ,bonns cause' ein, uns den Franzoſen zu überliefern, wie vor dem Vater und Oheim gethan —.“ „Was? Uns den Franzoſen überliefern!“ fährt Bolingbroke auf. „Gibt es auch nur einen engliſchen Gentleman, der ſo Etwas fürchtet. Sie, der Sie bei Blenheim und Ramillies geweſen, — Sie, die Fran⸗ zoſen fürchten. Unſere und meine Vorfahren, und der tapfere alte Webb dort ſind ihnen auf hundert Schlacht⸗ feldern kühn entgegengetreten, und unſere Kinder wer⸗ den jederzeit bereit ſein, ein Gleiches zu thun. Wer 351 iſt der, der da glaubt, England beſitze keine Männer mehr? Etwa mein Couſin Weſtmoreland? Uns den Franzoſen überliefern — bah, bah!“ „Aber ſein Oheim hat es doch gethan!“ ſagt Mr. Esmond. „Und was geſchah ſeinem Großvater?“ rief St. John, ein anderes Glas füllend. „Ich trinke dieſes Glas zu Ehren des größten Monarchen, den England je geſehen, — ich trinke zu Ehren des Engländers, der ein Königreich daraus gemacht. Unſer großer Kö⸗ nig kam von Huntingdon und nicht aus Hannover; unſere Väter ſahen ſich nach keinem Niederdeutſchen um, um ſich von ihm regieren zu laſſen. — „Laſſen Sie ihn kommen: wir wollen ihn behalten und ihm Whitehall zeigen. Iſt er ein Verräther, ſo iſt es gut, daß wir ihn hier haben, um mit ihm verfahren zu können, wie er es verdient; und dann muß ich Ihnen ſagen, daß wir Leute haben, die denen, welche in's Grab geſunken, vollkommen ebenbürtig ſind. Es ſind Leute hier, die der Gefahr in's Geſicht ſchauen können ohne auch nur einen Augenblick zu zittern. „Verräther, Verrath! Sind dieß etwa Namen, die Sie und mich zu ſchrecken vermöchten? Sind denn alle Leute Oliver's todt, oder iſt ſein glorreicher Name ſeit fünfzig Jahren gänzlich vergeſſen? Glauben Sie denn, es gebe keine Männer, die ihm gleichen, — die ihm ebenbürtig, die ebenſo gut, ja, ebenſo gut ſeien, wie er? Gott erhalte den König; und ſollte die Mo⸗ narchie bei uns nicht anſchlagen, ſo ſage ich, Gott erhalte die britiſche Republik!“ Er füllte ſich ein anderes großes Glas, und fuhr damit in die Höhe, und ſtürzte den Inhalt in wilder Haſt hinab. . Da ließ ſich ein Geräuſch von raſch ſich nähern⸗ den Wagenrädern hören, — und es erſtarb daſſelbe an unſerer Thüre. 3⁵2 Einen Augenblick darauf ließ ſich ein eiliges Klopfen hören, und wieder nach einem Augenblicke trat Mr. Swift in die Vorhalle. Er rannte die Treppe hinauf und ſtürzte auf das Zimmer zu, in dem wir ſaßen, und trat mit verſtörtem Geſichte zu uns. St. John eitirte, vom vielen Weine aufgeregt, in wilder Weiſe eine Stelle aus Macbeth; aber Swift that ihm plötzlich Einhalt. „Um's Himmels willen, laſſen Sie doch das Trin⸗ ken bleiben, my Lord!“ ſagt der Doctor. „Ich bringe die allerſchrecklichſte Neuigkeit.“ „Iſt die Königin todt?“ ruft Bolingbroke, nach einer Waſſerflaſche langend. „Nein, der Herzog von Hamilton iſt geſtorben; er iſt vor einer Stunde von Mohun und Makartney ermordet worden. Sie hatten heute Morgen einen Streit mit einander, und man ließ ihm nicht einmal ſo viel Zeit, daß er hätte einen Brief ſchreiben können. Er ſuchte bloß noch ein Paar Freunde auf, — und nun iſt er todt, und ebenſo auch Mohnn, der blut⸗ befleckte Schurke, den man gegen ihn gehetzt. „Das Duell hat gerade vor Sonnenuntergang in Hydepark ſtattgefunden: der Herzog tödtete Mohun, und dann ging Makartney auf den Herzog zu und ſtach ihn nie⸗ der; und der Hund iſt entflohen. Ich habe Ihren Wagen drunten: laſſen Sie Eilboten nach allen Theilen des Landes abgehen, damit der Schurke verhaftet werden kann. Und gehen Sie in das Haus des Herzogs und ſehen Sie, ob noch Leben in ihm iſt.“ . „Oh, Beatrix, Beatrix,“ dachte Esmond, — „und hier hat der Ehrgeiz eines armen Mädchens ein Ende!“ 353 Sechstes Rapitel. Arme Beatrix. Es war nicht nothwendig geweſen, Esmond die Nothwendigkeit einer Trennung zwiſchen ihm und Bea⸗ trix begreißltch zu machen: das Schickſal hatte das vollſtändig gethan. Auch glaube ich, daß von dem Augenblicke an, wo die arme Beatrix den Antrag des Herzogs angenommen hatte, ſie anfing, das majeſtätiſche Veſen einer Herzogin, ja ſogar das einer Königsbraut anzunehmen, und ſich wie eine geheiligte und uns ge⸗ meinen Leuten unendlich fernſtehende Perſon zu gebah⸗ ren. Ihre Mutter und ihr Vetter hielten ſich darüber auf, und zwar der Letztere in etwas verächtlicher Weiſe, indem er ſie ſammt ihrer Eitelkeit, ſowie ſich ſelbſt mit Hohn übergoß. Nichts deſto weniger aber umgab dieſes Mädchen ein gewiſſer Reiz, deſſen Zauberkraft ſich we⸗ der Obriſt Esmond, noch deſſen liebevolle Gebieterin zu entziehen vermochte; trotz ihrer vielen Fehler, trotz ihres Stolzes, und trotz ihres Eigenſinnes konnten ſie doch nicht umhin, ſie zu lieben; und faktiſch konnten ſie als die zwei Hauptſchmeichler vom Hofe dieſes glänzenden Geſchöpfes angeſehen werden. Wer iſt wohl nicht ſchon im Laufe ſeines Lebens bezaubert geweſen, und wer hat nicht wohl ſchon dieſes oder jenes Idol verehrt? Noch nach vielen Jahren, nachdem dieſe Leidenſchaft erſtorben und begraben iſt in Gemeinſchaft mit tauſend andern weltlichen Sorgen und ehrgeizigen Plänen, kann derjenige, der dieſelbe empfand, ſie aus dem Grabe hervorrufen, und jenes an⸗ muthige königinartige Geſchöpf faſt noch ebenſo zärtlich Henry Esmond. I. 23 354 bewundern, wie in ſeiner Jugend. Ich rufe jenen ſchönen Geiſt von den Schatten auf, und liebe ihn immer noch; oder ich möchte eher ſagen, eine ſolche Vergangenheit iſt einem Manne ſtets gegenwärtig; eine ſolche ein Mal empfundene Flamme bildet einen Theil ſeines ganzen Weſens, und kann nicht mehr davon ge⸗ . trennt werden; es bildet dieſelbe einen Theil des Mannes von heute, gleichwie irgend ein großer Glaube oder eine große Ueberzeugung, die Entdeckung der Poeſie, das Erwachen der Religion, ihn ſpäter für immer beeinflußten; gleichwie die Wunde, die ich bei Blenheim bekam, und wovon ich noch die Narbe an meinem Körper trage, ein Theil dieſes meines Körpers geworden iſt, und denſelben in allen Theilen, ja ſpäter auch meinen Geiſt beeinflußt hat, obgleich dieſelbe ſchon vor vierzig Jahren geheilt worden. Sich trennen und vergeſſen! Welches treue Hetz kann das thun. Unſere großen Gedanken, unſere großen Leidenſchaften, unſere großen Empfindungen, die Wahrheiten unſeres Lebens, — die verlaſſen uns nie. Sie können ſich ſicherlich nicht von unſerem Be⸗ wußtſein trennen; — ſie folgen demſelben überall hin nach, wohin es geht, und ſind, ihrem Weſen nach, göttlich und unſterblich. Mit der entſetzlichen Nachricht von dieſer Kata⸗ ſtrophe, die durch die weinenden Domeſtiken an der Thüre des Herzogs beſtätigt wurde, fuhr Esmond ſo ſchnell nach Hauſe, als ſeine träge Kutſche ihn nur zu tragen vermochte. Unterwegs ſann er darüber nach, wie er der Perſon, welche am Meiſten dabei betheiligt — war, die Nachricht mittheilen würde; und wenn eine Satyre auf die menſchliche Eitelkeit vonnöthen wat, ſo lieferte dieſelbe die arme Seele in der veränderten ſ und Beſchäftigung, worin Esmond ſie and. 355 Schon ſeit mehreren Tagen war ihr Wagen vom Seidenwaarenhändler nach dem Spielzeugladen, vom Goldſchmiede zum Spitzenhändler hingerollt: ihr Ge⸗ ſchmack war ein vollendeter zu nennen, oder es hatte wenigſtens der zärtliche Bräutigam es geglaubt, denn derſelbe hatte ihr die Erlaubniß gegeben, alles Silber⸗ geſchirr, alle Möbel, Equipagen und ſo weiter zu kan⸗ fen, womit Seine Gnaden der Geſandte ſeine prunk⸗ volle Miſſion zu ſchmücken wünſchte. Auch mußte ſie Kneller malen, indem eine Herzogin ohne ein Porträt ja nicht vollſtändig war; und wirklich fiel auch das Gemälde metſterhaft aus, und der Künſtler ſkizzirte ſo⸗ gar noch auf ein Kiſſen eine Herzogskrone hin, die ſie bald tragen ſollte. Was die Braut betrifft, ſo gelobte ſie, daß ſie bei der Krönung König Jakob's, des Drit⸗ ten, die Krone wirklich tragen würde; und gewiß würde eine Prinzeſſin des Landes nie beſſer für den Hermelinpelz gepaßt haben. Esmond fand das Vorzimmer angefüllt mit Putz⸗ macherinnen und Spielwaarenhändlerinnen, mit über die Maßen höflichen Goldſchmieden, die mit Ladungen von Jnwelen, Präſentirtellern, und Trinkkannen gekom⸗ men waren, und mit Commis von Ausſchnitthändlern, die mit allerlei Vorhängen, Tapeten, Sammten und Brokaten beladen waren. Die herzogliche Braut gab eben einem berühmten Silberarbeiter von Exeter⸗Change Andienz, der einen großen Präſentirteller mit getrie⸗ bener Arbeit mitgebracht hatte. Der Silberarbeiter wies eben auf die Schönheiten des von ihm zum Kaufe angebotenen Stückes hin, als Obriſt Esmond eintrat. Komm', Vetter,“ ſagt Beatrix, „und bewundere den Geſchmack dieſes hübſchen Dinges!“ Wie ich glaube, ſo lagen Mars und Venus in der goldenen Laube; ein vergoldeter Cupido ſtahl den Helm des Kriegsgottes, — ein anderer deſſen Degen, 356 ein anderer deſſen großen Schild, worauf das Wappen Herzog Hamilton's zugleich mit dem unſrigen eingegraben werden ſollte, — und ein vierter kniete vor die ruhende Göttin hin, und hielt die Herzogskrone, ſo wahr uns Gott helfe, in beiden Händen. Als Mr. Esmond das nächſte Mal dieſes ſchöne Stück wieder ſah, war das Wappen verändert: die Herzogskrone war durch die eines Viscvunt erſetzt wor⸗ den, und bildete nun einen Theil von der Mitgift der Tochter des reichen Goldſchmieds ſelbſt, als dieſelbe zwei Jahre darauf ſich mit my Lord Viscount Squan⸗ derfield verheirathete. „Iſt das nicht ein wunderſchönes Stück?“ ſpricht Beatrix, daſſelbe muſternd; und zugleich machte ſie ihn auf die ſchlaue Grazie der Cupidos aufmerkſam, ſowie auf den ſchön gearbeiteten, matt daliegenden Mars. Esmond fühlte ſich bewegt, als er an den Krieger dachte, der todt zu Hauſe lag, während ſeine Diener⸗ ſchaft und ſeine Kinder ihn weinend umſtanden, und an dieſes lächelnde Geſchöpf, das ſich gleichſam zu die⸗ ſem Tod⸗ und Brautbette ſchmückte. Es iſt dieß ein hübſches Stück Eitelkeit,“ ſagt er, das ſchöne Geſchöpf düſter anblickend. Es waren Leuchter im Zimmer, welche die glän⸗ zende Beſitzerin deſſelben beleuchteten. Sie hob den großen goldenen Präſentirteller mit ihren ſchönen Armen in die Höhe. Eitelkeit!“ ſpricht ſie hochmüthig. „Was bei Dir; Eitelkeit iſt, iſt bei mir Nichts weiter als Anſtand. Sie verlangen aber einen jüdiſchen Preis dafür, Mr. Graves; indeſſen muß ich das Stück haben, und wäre es auch nur, um Mr. Esmond zu ärgern.“ „Oh, Beatrix, leg' es doch wieder hin!“ ſagt Mr. Esmond. „Herodias! Du weißt nicht, was Du in der Schüſſel trägſt.“ Sie ließ es wieder fallen, ſo daß ein gellender 357 Ton entſtand; der Goldſchmied aber lief eilig herbei, um ſeine Waare wieder aufzuheben. Das Geſicht der Lady drückte unendliche Furcht aus, — eine Furcht, die Esmond's Bläſſe bei ihr her⸗ vorgerufen hatte, und es flammten ihre Augen wie Lärmfeuer. Was gibt es, Harry? Was gibt es denn in des Himmels Namen!“ ſagt ſie, eilig auf ihn zugehend, und ſeine beiden Hände erfaſſend. „Was hat Dein blaſſes Geſicht, und was haben Deine düſteren Töne zu bedeuten?“ „Komm' hinweg, komm' hinweg!“ ſagt Esmond, ſie führend. Und ſie ſchmiegte ſich erſchrocken an ihn an und wir hielten ſie, während ſie an ſeinem Herzen lag, und hießen den erſchrockenen Goldſchmied weg⸗ gehen. Der Mann trat in das anſtoßende Zimmer, mit dem koſtbaren Präſentirteller im Arme; ſeine Au⸗ gen drückten die höchſte Verwunderung aus. Ach, meine Beatrix, — oh, meine Schweſter!“ ſagt Esmond, das todtblaſſe und erſchrockene Geſchöpf immer noch in den Armen haltend, „Du haſt unter allen Weibern den meiſten Muth; zeige ihn nun, denn Du haſt eine furchtbare Prüfung zu überſtehen.“ Sie ſprang von dem Freunde weg, der ſie gerne beſchützt hätte. „Hat er mich verlaſſen? Hat er mich wirklich ver⸗ laſſen?“ ſpricht ſie. „Wir hatten heute Morgen einen kleinen Wortwechſel mit einander: er war ſehr trüb⸗ ſinnig, und ich ärgerte ihn; aber er hat es gewiß nicht gewagt, — hat es gewiß nicht gewagt!“ Uind während ſie ſprach, überflog eine feurige Röthe ihr ganzes Geſicht und ihren Buſen. Esmond ſah dieſelbe in dem Spiegel reflectirt, neben welchem ſie ſtand, mit geballten Händen, und ihr ſchwellendes Herz drückend. „Er hat Dich verlaſſen, — er iſt von Dir gegan⸗ 358 gen,“ ſpricht Esmond, verwundert darüber, daß ihre Blicke mehr Wuth, als Sorge, verriethen. „Und er lebt noch!“ ruft Beatrix, — „und Du überbringſt mir dieſe Nachricht! Er hat mich verlaſſen, und Du haſt nicht den Muth gehabt, mich zu rächen? Dn, der Du Dich ſo gerne für den Kämpen unſeres Hauſes ausgibſt, — Du haſt mir dieſe Beleidigung anthun laſſen? Wo iſt Caſtlewood? Ich will zu meinem Bruder gehen.“ „Der Herzog iſt nicht am Leben, Beatrix,“ ſprach Esmond. Sie blickte ihren Vetter wild an und ſiel an die Wand hin, wie wenn ſie einen Schuß durch die Bruſt bekommen hätte. „Und,“ keucht ſie hervor, „und Du kommſt hier⸗ her, und — und — Du haſt ihn getödtet?“ „Nein, dem Himmel ſei gedankt? ſprach ihr Vetter. „Das Blut dieſes edlen Herzens befleckt mei⸗ nen Degen nicht. Noch in ſeiner letzten Stunde war dieſes Herz Dir treu, Beatrir Esmond. Eitles und grauſames Weib. Knie nieder und danke dem Him⸗ mel, der in ſeiner höheren Weiſe Leben und Tod austheilt, und den Stolz züchtigt, daß der edle Ha⸗ milton Dir bis an's Ende treu geblieben; daß es we⸗ nigſtens nicht Dein Zank, oder Dein Stolz, oder Deine gottloſe Eitelkeit geweſen, die ihn dahin ge⸗ bracht. Er iſt durch das blutige Schwert umgekommen, das bereits auch das Blut Deines Vaters getrunken hat. Oh, Weib, — oh, Schweſter! Kannſt Du keine anderen Leidtragenden, als Deine Rache und Deine Eitelkeit auf das traurige Feld bringen, wo zwei Leichname liegen? — denn auch der Mörder iſt durch die Hand deſſen geſtorben, den er erſchlagen. Gott helfe Dir und ſei Dir gnädig Beatrir, indem er über Dein verhärtetes und rebelliſches Herz dieſe furchtbare Strafe verhängt!“ — ———— 359 Kaum hatte Esmond ausgeredet, als ſeine Gebie⸗ terin hereintrat. Das Zwiegeſpräch zwiſchen ihm und Beatrir hatte erſt wenige Minuten gedauert, während welcher Zeit Esmond's Diener die verhängnißvolle Nachricht im ganzen Hauſe verbreitet hatte. Als der draußen war⸗ tende Troß vom Jahrmarkte des Lebens ſie vernahm, packte er ſeinen ganzen Trödelkram zuſammen, und floh voller Entſetzen. Dee zartfühlende Lady Caſtlewvod hatte droben mit dem Dechanten Atterbury geſprochen, welcher der Almoſenier und Gewiſſensrath des frommen Geſchöpfes war; und der Dechant hatte ſich mit ihr in ein Ge⸗ ſpräch eingelaſſen, wie ein Arzt, deſſen Platz am Krankenbette. Beatrixens Mutter blickte Esmond an, und lief mit blaſſem Geſichte, und offenem Herzen, und offe⸗ nen Armen, und voller Güte und Mitleid, auf ihre Tochter zu, aber Beatrir ſtürzte an ihr vorbei, und wollte auch keine von den Arzneien vom Seelenarzte au⸗ nehmen. Es iſt am Beſten, wenn ich mich auf mein Zim⸗ mer zurückziehe und dort allein bleibe,“ ſagt ſie. Ihre Angen waren ganz trocken; auch ſah Esmond dieſelben aus Anlaß dieſes Schmerzes nur ein Mal anders. Und während ſie hinausging, gab ſie ihm eine kalte Hand, und ſprach mit dumpfer Stimme, und mit einer Einfalt, die rührender war, als Thränen: Ich danke Dir, Bruder; Alles, was Du geſagt⸗ iſt wahr und liebevoll; und ich will hinweggehen und Gott um Verzeihung bitten. Die drei Andern blieben zurück, und beſprachen die furchtbare Geſchichte weiter. Es griff dieſelbe, wie es ſchien, Dr. Atterbury ſogar noch mehr an, als uns ſelbſt. Was meine Gebieterin betrifft, ſo war der Tod Mohun's, des Mörders ihres Gatten, ihr 360 noch entſetzlicher, als das unglückliche Ende des Her⸗ zogs ſelbſt. Endlich erzählte Esmond die Einzelheiten des Streites, die er eben kannte, ſowie die Veranlaſſung dazu. Die beiden Edelleute hatten einander ſchon lange befehdet wegen des Vermögen des ſeligen Lord Gerard, deſſen zwei Töchter an den Herzog und an Mohun ſich verheirathet hatten. Es hatten Veide ein⸗ ander ſich an dieſem Tage zu einem Rechtsgelehrten in Lincoln's Inn Fields beſtellt, — und hatten einen Wortwechſel mit einander gehabt, der, obgleich er de⸗ nen, ſo ihn hörten, ſehr unbedeutend erſcheinen mochte, doch nicht ſo war für Männer, die durch eine lange, vorherige Feindſchaft gegen einander erbittert wa⸗ ren. Mohun fragte den Herzog, wo er die Freunde Seiner Gnaden ſprechen könnte, und hatte ſchon nach einer Stunde zwei von den ſeinigen geſchickt, welche den Auftrag hatten, dieſes Duell auf Leben und Tod zu arrangiren. Und letzteres wurde mit ſolcher Wuth verfolgt, und war aus einer ſo geringfügigen Urſache entſprungen, daß dazumal Jedermann der Meinung war, es exiſtire eine Partei, von welcher dieſe drei berüchtigten, händelſüchtigen Menſchen bloß die Agen⸗ ten geweſen wären, und daß dieſelben den Auftrag ge⸗ habt hätten, dem Herzoge von Hamilton das Leben zu nehmen. Es kämpften auf ieder Seite Drei, wie vor zwölf Jahren bei jener tragiſchen Zuſammenkunft, von der bereits das Nähere berichtet worden, und bei welcher Mohun ſeine zweite Mordthat ausführte. Sie ſtürzten auf einander los, und banden mit einander zugleich an, ohne vorher Finten zu machen, oder auch nur die Degen zu kreuzen, und ſtachen in ganz ver⸗ zweifelter Weiſe auf einander los, ſo daß jeder eine ganze Menge Wunden bekam; und als Mohun ſeine Todeswunde bereits erhalten, und der Herzog neben ihm lag, kam Markartney heran, und durchſtach 361 Seine Gnaden, während derſelbe anf dem Boden lag, und gab ihm den Stich an dem er ſtarb. Zwar ſtellte Obriſt Makartney dieß in Abrede; Nichts deſto weniger aber hielt ihn das ganze, von Entſetzen er⸗ griffene und auf's Tiefſte empörte Land, für ſchuldig; und ſo entfloh er denn aus dem Königreiche, wohin er nie mehr zurückkehrte. Was war die wirkliche Urſache von Herzog Ha⸗ milton's Tod? — Ein armſeliger Streit, der gar nicht hätte beigelegt werden können, — und noch da⸗ zu ein Streit mit einem ſo gemeinen, niederträchtigen, liederlichen Böſewichte, — mit einem durch frühere Verbrechen und wiederholte Mordthaten dermaßen er⸗ niedrigten Schurken, daß ein Mann von ſo hohem Rufe und von ſo fürſtlichem Range, wie der Herzog, es hätte verſchmähen können, ſeinen Degen mit dem Blute eines ſo elenden Menſchen zu beflecken. Aber ſein Geiſt war von ſo hoher Art, daß diejenigen, die ſeinen Tod wünſchten, wohl wußten, ſein Muth ſei gleich ſeiner Mildthätigkeit, die Niemand mit leeren Händen weggehen ließ; und ſo fand er denn den Tod durch die Hand Mohun's und durch die der zwei an⸗ dern Mörder, die gegen ihn ausgeſchickt worden wa⸗ ren. Es ſtarb der Geſandte, den die Königin nach Paris hatte ſchicken wollen; — es ſtarb der loyale und ergebene Diener des Hauſes Stuart, — er, der ſelbſt ein königlicher Prinz von Schottland war, und der die geheimen Gedanken, die Reue der Königin Anna zugleich mit ſeiner eigenen, offenen Hingebung, und mit den Glückwünſchen von noch vielen Millionen Unterthanen dem rechtmäßigen Souveraine und ver⸗ bannten Bruder der Königin hatte überbringen ſollen. Der Partei, der Lord Mohnn angehörte, war durch dieſen Mord gedient, und es war nun dieſelbe eines ſolchen Böſewichts ledig. Er, und Meredith, und Makartney waren die Leute des Herzogs von Marlborongh, und es waren die beiden Obriſten erſt im verfloſſenen Jahre eaſſirt worden, weil ſie auf den Untergang der Tories getrunken hatten. Seine Gna⸗ den war jetzt ein Whig und Hannoveraner, und für den Krieg nicht minder eingenommen, als Prinz Eu⸗ gen ſelbſt. Wohlverſtanden, ich ſage nicht, daß er um den Mord, der an dem Herzog von Hamilton verübt werden ſollte, gewußt habe, ſondern ſage bloß, ſeine Partei habe Nutzen daraus gezogen, und es haben ſich drei verzweifelte und blutbefleckte Inſtrumente zur Vollführung dieſer Mordthat gefunden. Während Esmond und der Dechant zu Fuß ſich von Kenſington entfernten, und über dieſe Tragödie ſprachen, und ihre Anſichten austanſchten über den Nachtheil, welcher der Sache daraus erwachſen müßte, die ihnen Beiden am Herzen lag, kamen die Ausrufer bereits mit ihren Breitſeiten“), und ſchrien in der ganzen Stadt den vollen, wahrheitsgemäßen, und ent⸗ ſetzlichen Bericht über den in einem Duell erfolgten Tod Lord Mohun's und Herzog Hamilton's aus. Ein ſolcher Kerl war ſchon nach Kenſington ge⸗ kommen, und ſchrie ſeine Neuigkeit dort, im Saquare, am frühen Morgen aus, als Mr. Esmond vorüber ging. Letzterer trieb den Mann weg, der ſich gerade unter Beatrixens Fenſter befand, wovon ein Flügel offen ſtand. Es ſchien die Sonne, obgleich es November war: er hatte geſehen, wie die Marktkarren nach London hinein rollten, — wie am Palaſte die Wache abgelöst wurde, — wie das arbeitende Volk ſich langſam zum Geſchüfte begab, in den Gärten zwiſchen Kenſington *) Eine volle Lage, das heißt, gleichzeitige Abfenerung aller auf einer Seite des Schiffes befindlichen Kano⸗ nen: ein Seeausdruck. —— 363 und der Stadt, während die herumziehenden Kaufleute und die fliegenden Buchhändler mit ihrem Geſchrei die Luft erfüllten. Die Welt ging wieder an die Arbeit, obgleich Herzoge todt auf ihrem Bette lagen und Frauen um dieſelben trauerten, und höchſt wahrſchein⸗ lich Könige ihre Chancen verloren. So verſtrichen Tag und Nacht, und ſo rückt der morgende Tag heran, und wir ſind nicht mehr und ſind — vergeſſen. Esmond dachte an den Kourier, der jetzt nach Norden eilte, um den, der geſtern noch Graf von Arran war, zu benachrichtigen, daß er heute Herzog von Hamilton ſei, — ſowie an tauſend große Pläne, Hoffnungen, und ehrgeizige Entwürfe, die in dem tapferen Herzen lebten, das erſt noch vor weni⸗ gen Stunden geſchlagen, und nun in einem Bischen Staub ruhte. Siebentes Rapitel. Ich beſuche Caſtlewood wieder. Und ſo waren denn Beatrixens ehrgeizige Hoffnun⸗ gen zum dritten Male zu Waſſer geworden, und wohl mochte ſie glauben, daß ein eigenes übelwollendes Fa⸗ tum ſie belauere und verfolge, — ein Fatum, das ihr den Preis immer wieder in dem Augenblicke entreiße, wo ſie denſelben ſchon in den Händen zu haben glaubte, und das ihr anſtatt deſſelben nur die Wuth und den Schmerz hinterlaſſe. Welcher Art aber auch ihre Ge⸗ fühle geweſen ſein mochten (— und ich befürchte, daß 364 ihr Herz mehr vom Zorn, als vom Kummer zerriſſen war —), ſoviel iſt gewiß, daß fie dieſelben Niemand mittheilen wollte, wie Leute von ſanfterem Weſen in ſolchem Unglücke unzweifelhaft gethan haben würden; ihre Mutter und ihr Vetter wußten gar wohl, daß ſie ihr Mitleid verſchmähen und zurückweiſen, und die grau⸗ ſame Wunde, welche das Schickſal ihr geſchlagen, die Unglückliche nur noch heftiger brennen würde, wenn ſie ihr mit Beileidsbezeigungen naheten. Wir wußten, daß ihr Stolz durch dieſen plötzlichen und furchtbaren Schlag entſetzlich gedemüthigt und be⸗ ſtraft war; ſie bedurfte unſer nicht, um ſich aus ihrer Geſchichte eine traurige Lehre zu ziehen. Ihre liebevolle Mutter konnte ihr Nichts geben, als ihre Gebete, und ihr Vetter Richts, als ſeine treue Freundſchaft und ſeine Geduld; und nur durch gewiſſe Andeutungen, ſowie durch ein Paar Worte, die ſie Monate darauf ſprach, verrieth die vom Schickſale ſo ſchwer heimgeſuchte Be⸗ atrix, daß ſie das ſtille Mitleid der Beiden verſtand; auch war ſie ihrerſeits für dieſe Schonung inge⸗ heim dankbar. Bei Hofe ſagte man, es liege in Beatrixens Weſen Etwas, was den Hohn und das Beileid verſcheuche; auch war ſie wirklich ſowohl über den Triumph, als über das Mitleid der Leute erhaben, und ſpielte in dieſer furchtbaren Tragödie ihre Rolle großartig und muth⸗ voll, ſo daß die, welche ſie am wenigſten leiden konnten, ſie dennoch bewundern mußten. Wir, die wir ſie nach ihrem Unglücke beobachteten, konnten nicht anders, als den unbezähmbaren Muth und die majeſtätiſche Ruhe ehren, womit ſie daſſelbe trug. „Lieber möchte ich ihre Thränen, als ihren Stolz ſehen,“ ſagte ihre Mutter, die gewohnt war, ihren Kum⸗ mer in ganz anderer Weiſe zu tragen, und denſelben, wie eine Züchtigung Gottes, mit hehrer Demuth und Sanftmuth auf ſich zu nehmen. Aber Beatrixens Na⸗ tur war ganz und gar verſchieden von der der zärtlichen 365 Mutter: ſie ſchien ihren Kummer anzunehmen und dem⸗ ſelben Trotz zu bieten; auch ließ ſie ſich vor demſelben (— wie ich glaube, nicht einmal, wenn ſie allein und auf ihrem Zimmer war —) nicht einmal das Geſtändniß einer Thräne der Demüthigung oder einen Schrei des Schmerzens entreißen. Freunde und Kinder unſeres Geſchlechts, die ihr nach mir kommet, wie werden Euch die Prüfungen fin⸗ den, ſo Eurer warten? Ich kenne Jemand, ſo zu Gott fleht, daß er Euch Liebe eher, denn Stolz, ſchenken, und daß das allſehende Auge Euch demüthig finden möge. Nicht als ob wir ſtolze Geiſter anders, denn chriſtlich beurtheilen ſollten. Die Natur hat nun ein Mal in Einige den Ehrgeiz und die Herrſchſucht gelegt, wie in Andere den Gehorſam und ſanfte Unterwürfigkeit. Der Levpard folgt ſeiner Natur ebenſo gut, wie das Lamm, und handelt nach Leoparden Weiſe; er kann nun ein Mal Nichts für ſeine Schönheit, für ſeinen Muth, für ſeine Grauſamkeit; — er kann Nichts für die Flecken, die ſein glänzendes Fell bedecken; — er kann für den Eroberungsgeiſt, der ihn beſeelt, ebenſo wenig, als für die Kugel, die ihn zu Boden ſtreckt. — — * Während des wohlbegründeten paniſchen Schreckens, von dem die Whigs ergriffen waren, — eines Schre⸗ ckens, dem die Furcht zu Grunde lag, es möchte der Königin, trotz aller Eide, und Traktate durch die ſie an ihn gebunden war, dennoch einfallen, den hannö⸗ verſchen Prinzen aufzugeben und ihren eigenen Bruder zurückzurufen, der durch noch ſtärkere Bande der Natur nund der Pflicht an ſie gebunden war, wollten der Prinz von Savoyen und mit ihm die kühneren Männer der Whigpartei den jungen Herzog von Cambridge nach England herüber bringen, trotz der Königin und trotz 366 des Geſchreis, das die toryſtiſch geſinnten Diener der⸗ ſelben erhoben. Was die Whigs betrifft, ſo machten ſie für ihren Plan geltend, daß der Kurprinz, der zu⸗ gleich auch Pair von England und Prinz vom könig⸗ lichen Geblüte ſei, und gleichfalls Anwartſchaft auf die Krone habe, berechtigt ſei, im Parlamente zu ſitzen, von dem er ein Mitglied, und daß er das Recht habe, in dem Lande zu wohnen, das er dereinſt zu regieren beſtimmt ſei. Und Nichts, als der ſtärkſte Widerwille der Königin und ihrer nächſten Ungebung, und die unverholene Drohung, daß die Königin die Ausfüh⸗ rung des Projects zu ahnden wiſſen würde, verhinderte das Vorhaben der Whigpartei. In gleicher Weiſe wollten die Kühnſten von unſerer Partei unſern Prinzen in's Land bringen. Er war der unzweifelhafte Erbe von Gottes Gnaden; er hatte die Sympathien der halben Nation, faſt der ganzen Geiſtlichkeit, und der Gentry von England und Schott⸗ land für ſich; — er war ganz und gar unſchuldig an dem Verbrechen, für das ſein Vater gelitten; er war tap⸗ fer, jung, hübſch, unglücklich: — wer ſollte ſo wohl, ſo ſagten wir, es wagen, den Prinzen zu beläſtigen, im Falle er zu uns kam, und dem britiſchen Edelmuthe, der bri⸗ tiſchen Gaſtfreundſchaft und Ehre vertraute? Einem Eroberer, der eine Armee von Franzoſen hinter ſich hätte, ſo ſagten wir weiter, würde jeder Eng⸗ länder von einigem Muth auf Leben und Tod wider⸗ ſtehen, und es würde derſelbe nach dem Ufer zurückge⸗ jagt werden, woher er käme; ein Prinz aber, der allein, und nur mit ſeinem guten Rechte bewaffnet käme, und der ſich ganz auf die Loyalität ſeines Volkes verließe, wäre einer guten Aufnahme unter uns gewiß, oder hätte wenigſtens Nichts für ſein Leben zu fürchten. Die Hand ſeiner Schweſter, der Königin des Volkes, deſſen legitimer Herrſcher er wäre, könnte ſich nie er⸗ heben, um ein Unrecht an ihm zu verüben. 367 So räſonnirten Viele von den Freunden des Prin⸗ zen. Aber die Königin war von Natur furchtſam, und die Miniſter, die ſie nach der Reihe hatte, hatten geheime Gründe, um ſie zu keiner Entſchließung gelangen zu laſſen. Die kühneren und ehrlicheren Männer, denen die Sache des erhabenen, jungen Verbannten am Her⸗ zen lag, hatten kein beſonderes Intereſſe, das ſie hätte veranlaſſen können, das gute Recht zu bekämpfen: auch waren dieſelben, vorausgeſetzt, daß er als Engländer kam, bereit, ihr Alles zu wagen, um ihn willkommen zu heißen und ihn zu vertheidigen. St. John ſowohl, als Harley gaben den Anhän⸗ gern des Prinzen immer die beſten Worte, und wurden es nie müde, ihre künftige Unterſtützung zu verſprechen; aber Andeutungen und Verſprechungen waren Alles, was man von ihnen herausbringen konnte; und es ſtimmten daher einige von den Freunden des Prinzen für weit kühnere wirkſamere und offenere Maßnahmen. Mit einem Theile von dieſen, wovon noch jetzt Einige leben, und deren Namen Mr. Esmond kein Recht hat, hier zu nennen, fand ſich der Obriſt verbun⸗ den, in dem Jahre, das auf den unglücklichen Tod des Herzogs von Hamilton folgte, — jenen Tod, der den Prinzen ſeines muthigſten Verbündeten in dieſem Lande beraubt hatte. Der Dechant Atterbury war einer von den Freunden, mit denen Esmond im Bunde war, und ſein Name mag hier genannt werden, da der wa⸗ ckere Biſchof jetzt keine Verbannung und keine Verfol⸗ gung mehr zu befürchten hat. Ihm und noch ein Paar Andern theilte der Obriſt einen von ihm erfundenen Plan mit, der, wenn er durch ein wenig Entſchloſſen⸗ heit von Seite des Prinzen unterſtützt wurde, nicht verfehlen konnte, die Erfüllung ihrer theuerſten Wünſche herbei zu führen. Der junge Lord Viscvunt Caſtlewwod war nicht nach England gekommen, um ſeine Volljährigkeit zu 368 feiern, und war nun ſchon ſeit mehreren Jahren nicht mehr im Lande geweſen. In dem Jahre, wo ſeine Schweſter ſich verheirathen ſollte, und der Herzog von Hamilton ſtarb, ward my Lord durch das Wochenbett ſeiner Frau zu Brüſſel zurück gehalten. Die ſanfte Clotilde wollte ihren Gatten ſtets um ſich haben: viel⸗ leicht traute ſie dem jungen Bruder Liederlich nicht für den Fall, daß es ihm gelänge, ſich ihrem Gäugelbande zu entziehen; und ſo mußte er denn um ſie bleiben, um das kleine Kind zu pflegen, und den Frau Baſen Mol⸗ ken zu reichen. Die arme Beatrix hatte ſich über die übertriebene Weiberliebe Frank's gar manchen Scherz erlaubt; auch würde ſeine Mutter ſich zu Clotilde begeben haben, als für dieſe die Zeit des Wochenbettes herannahte, hätte nicht ſchon die Schwiegermutter die junge Frau in Beſchlag genommen gehabt, und wären die Unterhandlungen wegen der Heirath der armen Beatrix nicht bereits im Gange geweſen. Ein Paar Monate nach der entſetzlichen Kataſtro⸗ phe in Hyde Park zog ſich meine Gebieterin und ihre Tochter nach Caſtlewood zurück, wo my Lord, wie man glaubte, ſich bald mit ihnen vereinigen ſollte. Aber ihre ruhige Haushaltung war, um die Wahrheit zu ſa⸗ gen, nur wenig nach ſeinem Geſchmack: nach ſeinem erſten Feldzuge konnte man ihn nur ein einziges Mal bewegen, nach Walcote zu kommen; und auch da brachte der junge Schelm über die Hälfte ſeiner Zeit in Lon⸗ don zu. Nicht als ob er etwa bei Hofe, oder an öffent⸗ lichen Orten unter ſeinem Namen und Titel erſchienen wäre, — nein: er beſuchte Theater, ſchlechte Häuſer, und die aller fatalſte Geſellſchaft unter dem Namen Capitän Esmond's (— wodurch ſein unſchuldiger Vet⸗ ni mehr denn ein Mal in nicht geringe Verlegenheit am —). Und ſo war denn Frank Caſtlewood unter mancherlei Vorwänden, und allen Arten von Vergnügungen nach⸗ —— —— — 369 jagend, bis er ſich in das geſetzliche Vergnügen der Heirath ſtürzte, im Auslande geblieben, und war daheim ganz und gar unbekannt, es ſei denn unter den Gentlemen von der Armee, mit denen er während des Krieges gedient hatte. Dieſe lange Abweſenheit that dem zärtlichen Herzen ſeiner Mutter gar weh. Alles, was Henry Esmond thun konnte, war, daß er ihren ſo natürlichen Verdruß zu beſchwichtigen und für den Leichtſinn ſeines Vetters Entſchuldigungen ausfindig zu machen ſuchte. Im Herbſte des Jahres 1713 gedachte Lord Caſtle⸗ wood endlich, nach England zurückzukommen. Sein erſtes Kind war ein Mädchen geweſen; Clotilde war auf dem Punkte, Seine Lordſchaft mit einem zweiten Sprößlinge zu beſchenken, und der fromme Jüngling dachte, daß, wenn er ſeine Frau nach dem Schloſſe ſeiner Ahnen brächte, und wenn er den heiligen Philipp von Caſtlewood recht mit Bitten beſtürmte und ſo weiter, der Himmel Anlaß nehmen möchte, ihn dieſes Mal mit einem Sohne zu ſegnen, der der harrenden Mamma nicht ſchnell genug kommen konnte. Der Friede, wegen deſſen ſo lange unterhandelt worden, war zu Ende März dieſes Jahres verkündet worden. Und es war nun Frankreich für uns offen. Gerade als Frank's arme Mutter zu Lord Caſtlewoodes Empfang Alles ſchon vorbereitet hatte, und als ſie ihren Sohn ſchon jeden Tag erwartete, wurde die gütige Lady durch Obriſt Esmond's Veranlaſſung in ihrer ſehnſuchtsvollen Erwartung getäuſcht, und mußte nun die liebſte Hoffnung ihres Herzens noch ein Mal vereitelt ſehen. Esmond nahm Pferde, um ſich in aller Eile nach Caſtlewvod zu begeben. Er hatte deſſen alte graue Thürme und den ihm noch wohlbekannten Wald nun ſchon ſeit faſt vierzehn Jahren nicht mehr geſehen. Als Henry Esmond. M. 24 36 . er von dem Schloſſe Abſchied genommen, ritt er mit my Lord weg, dem ſeine Gemahlin mit ihren jungen Kindern ein freundliches Lebewohl zugewinkt hatte. Wie viele Jahrhunderte ſchienen ſeit jener Zeit an ihm vorüber gegangen zu ſein, — welche Jahre der Thatkraft und Leidenſchaft, der Sorge, der Liebe, der Hoffnung, des Unglücks! Die Kinder waren nun groß geworden, und hatten jedes bereits eine eigene Ge⸗ ſchichte. Was Esmond betrifft, ſo kam es ihm vor, als ſei er wohl hundert Jahre alt; nur ſeine theure Gebieterin ſchien unverändert zu ſein, ſie ſah ſo ganz aus, wie einſt, und bewillkommte ihn auch ſo ganz in der alten Weiſe. Da war noch der Springbrunnen im Hofe, der ſeine vertrauliche Muſik murmelte, — da war die alte Vorhalle mit ihren Möbeln, — da war der ge⸗ ſchnitzte Lehnſtuhl, deſſen der ſelige Lord ſich bedient, — da war ſogar die Flaſche noch, woraus er einſt getrunken. Esmond's Gebieterin wußte, daß es ihm angenehm ſein würde, in dem Zimmerchen zu ſchlafen, das einſt das ſeine geweſen war. Es wurde alſo daſſelbe für ihn zugerichtet, und Mauerblumen und wohlriechende Kräuter in das anſtoßende Zimmer, das Zimmer des Kaplans, geſtellt. Unter Thränen, die in keiner un⸗ männlichen Gemüthsbewegung ihren Grund hatten, — unter demüthigen Gebeten, die er zu dem hehren Herrn über Leben und Tod, über Glück und Unglück empor⸗ ſchickte, brachte Mr. Esmond einen Theil der erſten Nacht zu Caſtlewood zu. Lange Stunden lag er wachend da, während die Glocke in ihm noch ſo wohlbekannten Tönen eine Stunde nach der andern verkündete, und blickte, wie wohl Jeder, der die Heimath ſeiner Kindheit wieder beſucht, auf den großen Abgrund der Zeit zurück, der hinter ihm lag, und muſterte ſich, wie er noch auf dem andern 371 Ufer ſtand, — ein trautiger, trübſinniger kleiner Knabe, während ſein Gebieter noch lebte, und ſeine theure Gebieterin noch ein Mädchen war, und ihre Kinder um ſie her hüpften. Vor Jahren hatte er, noch ein Knabe, auf dieſem nämlichen Bette, als ſie ihn ge⸗ ſegnet und ihn ihren Ritter genannt, ein Gelübde gethan, daß er ihr tren bleiben, und ihre theuren Dienſte nie verlaſſen wollte. Hatte er dieſes zarte, knabenhafte Verſprechen nun auch gehalten? Ja, vor dem Himmelz ja, er hatte es, gottlob! gehalten. Sein Leben war ihr gewidmet geweſen; ſein Blut, ſein Vermögen, ſein Name, ſein ganzes Herz hatten ſeitdem ihr und ihren Kindern gehört. Und ſo verlebte er denn träumend in dieſer Nacht ſeine ganze Knabenzeit wieder; dann und wann wachte er voller Aufregung auf; er bildete ſich halb und halb ein, er habe Pater Holt gehört, der ihm von dem nächſten Zimmer aus gerufen, und es gehe derſelbe durch das geheimnißvolle Zimmer ein und aus. Noch vor Tagesanbruch ſtand Esmond auf. Er trat in das nächſte Zimmer, wo die Luft von dem Geruche der Mauerblumen geſchwängert worden warz blickte in die Kohlenpfanne, in der die Papiere ver⸗ brannt worden, in die alten Schränke, wo Holt's Bücher und Papiere aufbewahrt geweſen waren, und probirte die Feder, um zu ſehen, ob das Fenſter immer noch derſelben gehorche. Die Feder war ſchon ſeit Jahren nicht mehr berührt worden, gab aber endlich doch nach, und ſo ſenkte ſich denn das ganze Fenſter in ſeine Vertiefung. Er hob es wieder in die Höhe und es fügte ſich wieder in ſeinen Rahmen; keine Seele hatte es ſeit den ſechszehn Jahren paſſirt, während welcher Holt nicht mehr auf dem Schloſſe geweſen war. Esmond erinnerte ſich noch, wie ſein armer Ge⸗ bieter an ſeinem letzten Lebenstage geſagt hatte, Holt 372 ſei immer wie ein Geiſt gekommen und wieder ver⸗ ſchwunden: er, Esmond, wußte, daß der Pater ſolche Myſterien geliebt, in ſo geheimer Weiſe gegangen und gekommen war, und ſich bald dieſer, bald jener Ver⸗ kleidung bedient hatte: ſo kam und ging der Geiſt, wie ſein Zögling ſtets vermuthete. Esmond ſchloß das Fenſter wieder, während die Morgendämmerung über das Dorf Caſtlewvod heraufſtieg; er konnte das Hämmern in der Schmiede unter den Bäumen über den Anger hin und über dem Fluſſe drüben, auf dem noch ein Nebel ſchlafend lag, hören. Esmond öffnete zunächſt den langen Schrank über dem Holzwerk des Kaminſimſes, — jenen Schrank, der groß genug war, um einen Mann aufzunehmen, und worin Mr. Holt gewöhnlich verſchiedene geheime Ar⸗ tikel, die ihm gehörten, aufbewahrt hatte. Die zwei Degen, deren er ſich noch aus ſeiner Knabenzeit ſo gut erinnerte, lagen wirklich noch darin, und Esmond zog ſie heraus und wiſchte ſie ab mit einer Neugierde und einer Gemüthsbewegung, die etwas Seltſames hatten. Da lag auch noch ein Bündel Papiere, — Papiere, die ohne Zweifel bei Holt's letztem Beſuche, zu den Lebzeiten my Lord Visconnt, — an jenem Tage zurückgelaſſen worden waren, an dem der Prieſter verhaftet, und nach Hexham Caſtle abgeführt worden war. Esmond muſterte dieſe Papiere ohne Weiteres, und fand darin hochverrätheriſche Pläne, die noch in die Regierungszeit König William's zurückgingen, ſowie die Namen von Charnock und Perkins, Sir John Fenwick und Sir John Friend, Rookwvod und Lodwick, ſo wie die der Lords Montgomery und Ailesbury, Clarendon und Yarmouth, die alle ſich in Cymplotte gegen den Uſurpator eingelaſſen hatten. Ebenſo fand er einen Brief von dem Herzoge von Berwick, ſo wie einen andern von dem König in St. Germain, worin 373 es hieß, daß Seine Majeſtät ſeinem getreuen und viel⸗ geliebten Francis Viscount Caſtlewood die Titel eines Grafen und Marquis von Esmond verleihen wolle, die durch königliches Patent und im vierten Jahre ſeiner Regierung Thomas Viscvunt Caſtlewvod, ſowie deſſen männlichen Leibeserben verliehen worden, in Ermang⸗ lung welcher der Rang und ſämmtliche Würden auf den vorbenannten Francis übergehen ſollten. Es war dieß das Papier, von dem my Lord ge⸗ ſprochen, — das Papier, das ihm Holt noch an dem Tage gezeigt, an dem Letzterer verhaftet worden, und auf welches derſelbe binnen einer Woche eine Antwort holen wollte. Ich legte dieſe Papiere eiligſt wieder in den Ge⸗ heimort, aus dem ich ſie gezogen, indem ich durch das Klopfen eines leichten Fingers gegen den Ring der Zimmerthüre unterbrochen wurde⸗ Es war meine gütige Gebieterin, mit ihrem Ge⸗ ſichte voller Liebe und voll freundlichen Willkomms. Auch ſie hatte ohne Zweifel eine ſchlafloſe Nacht gehabt; aber keines fragte das andere, wie ihm die Stunden verſtrichen. Es gibt Dinge, die wir errathen, ohne daß auch nur ein Wort geſprochen wird, und die wir wiſſen, obgleich ſie ſich nicht vor unſeen Augen zutragen. Dieſe liebevolle Lady hat mir ſeitdem geſagt, daß ſie beide Tage gewußt habe, an denen ich, ferne von ihr, im Felde verwundet worden. Wer vermag zu ſagen, wie weit Sympathien reichen, und wie wahr die Liebe prophezeien kann. „Ich ſah bloß in Ihr Zimmer hinein,“ — das war Alles, was ſie ſagte; „das Bett war leer, — das kleine alte Bett! Ich wußte, daß ich Sie hier finden würde.“ Und das ſanfte Geſchöpf küßte ihn in zärtlicher Weiſe, während ihre Wangen ſich ſchwach färbten, und aus ihren Augen ſegnende Blicke drangen, 374 Sie gingen, einander die Hand reichend, durch den alten Hof nach dem Terraſſenwege hin, wo das Gras noch vom Thaue glänzte, während die Vögel in den grünen Zweigen oben ihre herrlichen Chöre unter dem erröthenden Morgenhimmel ſangen. Wie gut man ſich jedes Gegenſtandes erinnerte! Die nach Oſten hin dunkelnden alten Thürme und Giebel des Schloſſes, — die purpurnen Schatten auf den grünen Abhängen, — die wunderlichen Deviſen und Verzierungen der Son⸗ nenuhr, — die waldbekrönten Höhen, — die ſchöne gelbe Ebene, der das Getreide und ſo viele andere reifende Gewächſe ein heiteres Ausſehen verliehen, — der ſchimmernde Fluß, der ſich nach den jenſeitigen perlenfarbenen Hügeln durch ſie hinwälzte: Alles dieß lag vor uns mit tauſend ſchönen Erinnerungen aus unſerer Jugend, — mit Erinnerungen ſchön und traurig, aber in unſerem Geiſte ebenſo wirklich und lebendig, wie die ſchöne, unvergeßliche Scene, die unſere Augen abermals gewahrten. Wir vergeſſen Nichts. Das Gedächtniß ſchläft, aber erwacht wieder; und oft denke ich, wie es wohl ſein wird, wenn, nach dem letzten Todesſchlafe, die Poſaune uns für immer wecken wird, — wann die ganze Vergangenheit mit einem Male wieder neu belebt vor unſerer Seele ſtehen wird. Im Hauſe war Alles noch ſtill, — und wohl noch während einiger Stunden (— man war im Monat Juli und die Morgendämmerung war ſo eben erſt erwacht —), und hier theilte alſo Esmond ſeiner Ge⸗ bieterin das Geſchäft mit, das er vorhatte, und ſagte ihr zugleich, welche Rolle Frank bei der Sache ſpielen ſollte. Wußte er doch, daß er ihr Alles anvertrauen könne, und daß die liebevolle Seele eher ſterben, als das Geheimniß enthüllen würde. Er empfahl ihr daher an, das Geheimniß keinem Menſchen mitzutheilen, wer derſelbe immer ſein möge, 375 und ſetzte ihr den ganzen Plan aus einander (— ſeine Gebieterin war zu jeder Zeit, wie bereits ſchon zum Oeftern geſagt worden, eine ſo ſtandhafte kleine Loya⸗ liſtin, wie es nur eine im Königreiche gab —), im Voraus verſichert, daß jedes von ihm ausgehende Project ihre Billigung erhalten und Sympathie ge⸗ winnen würde. Nie hatte ihr parteiiſches Gemüth einen ſo glorreichen Plan begrüßt; und nie hatte ſich ein ſo hingebungsvoller Ritter zur Ausführung deſſelben ge⸗ funden. Es mögen ſo ein Paar Stunden verſtrichen ſein, während ſie den Plan mit einander beſprachen. Beatrix kam gerade in dem Augenblicke zu ihnen heraus, wo ihr Geſpräch zu Ende war, indem ihre hohe, ſchöne, in Schwarz gekleidete Form (— ſie trug ſeit der Kataſtrophe vom vorigen Jahre ſich immer ſchwarz und zwar ohne alle Oſtentation —) über die grüne Terraſſe hinſchwebte und ihren Schatten vor ſich her, über das Gras hin warf. Sie machte uns lächelnd einen ihrer vornehmen Knickſe, und nannte uns die jungen Leute.“ Sie war älter, bläſſer und majeſtätiſcher, als in dem vergange⸗ nen Jahre; und ihre Mutter ſchien von den Zweien die jüngere zu ſein. Sie ſprach nie von ihren Schmerzen, wie Lady Caſtlewvod dem Obriſten erzählte, noch ſpielte ſie je anders, als durch ein Paar ruhige Worte auf den Tod ihrer Hoffnungen an. Als Beatrix nach ECaſtlewvod zurückkam, machte ſie es ſich zur Aufgabe, alle Hütten und alle Kranken zu beſuchen. Sie errichtete eine Schule für Kinder, und unterrichtete einige von denſelben im Singen. Wir hatten in der Caſtlewvoder Kirche eine ſchöne alte Orgel, auf der ſie wunderſchön ſpielte, ſo daß dieſe Muſik weit und breit bekannt wurde, und daß in der Umgegend Jedermann davon ſprach; und ohne Zweifel 376 kamen die Leute herbei, um die ſchöne Organiſtin ſowohl zu ſehen, als auch zu hören. Pfarrer Tuſher war mit ſeiner Frau im Pfarr⸗ hauſe inſtallirt; allein letztere hatte ihm keine Kinder geboren, womit Tom hätte ſeinen Feinden im Nothfalle entgegentreten können. Uebrigens ließ es ſich der ehr⸗ liche Tom angelegen ſein, ſich nicht viele ſolcher Feinde zu machen, und ſein großer Schaufelhut flog vor Je⸗ dermann herab. Er trieb mit den Bücklingen und Complimenten einen wahren Mißbrauch. Gegen Es⸗ mond benahm er ſich in einer Weiſe, wie wenn der Obriſt Obergeneral geweſen wäre; er ſpeiste an jenem Tage, da es gerade Sonntag war, auf dem Schloſſe, und wollte keinen Pudding eſſen, bis er endlich dem äußerſten Drange nachgab. Er bedauerte zwar, my Lords Verführung und Uebertritt zur römiſchkatholiſchen Kirche, trank aber nichts deſto weniger mit wahrer An⸗ dacht die Geſundheit Seiner Lordſchaft. Eine Stunde vorher hatte er in der Kirche den Obriſten mit einer langen, gelehrten und höchſt erquickenden Predigt glück⸗ lich zum Schlafen gebracht. Esmond's Beſuch auf Schloß Caſtlewood dauerte bloß zwei Tage, indem das Geſchäft, das er vorhatte, ihn weg und aus dem Lande rief. Ehe er ſich wieder entfernte, ſprach er Beatrix nur ein Mal allein, und da ließ ſie ihn aus dem langen, mit gewirkten Tapeten behangenen Zimmer, wo er mit ſeiner Gebieterin, ſo ganz wie in den alten Zeiten, ſaß, in das anſtoßende Zimmer rufen, welches das Schlafzimmer der Vicomteſſe Iſabelle geweſen war, und wo Esmond ſich noch gar wohl erinnerte, die alte Dame im Bette, in ihrem Pndermantel, an jenem Morgen geſehen zu haben, an dem die kleine Truppe nach dem Schloſſe heraufkam, um dieſes zu beſetzen und ſie abzuholen. Das ſchönſte Weib Englands lag nun in eben demſelben Bette, deſſen große damaſtene 377 Vorhänge kaum verſchoſſen waren, ſeit der Zeit, wo Esmond ſie zum letzten Male geſehen hatte. Hier ſtand Beatrix in ihrem ſchwarzen Anzuge, und hielt ein Etui in der Hand. Es war daſſelbe, das Esmond ihr vor ihrer Hei⸗ rath geſchenkt und es war eine Krone darauf gedrückt, die das unglückliche Mädchen nie tragen ſollte. Der Inhalt des Etui aber beſtand in nichts Anderem, als in den Diamanten, die Esmond einſt von ſeiner Tante geerbt. „Es wäre wohl am Beſten, wenn Du dieß wieder zu Dir nähmſt, Harry,“ ſpricht ſie; „ich brauche nun keine Diamanten mehr.“ Es war nicht das geringſte Zeichen von Be⸗ wegung in ihrer ruhigen, leiſen Stimme. Sie hielt das Etui von ſchwarzem Chagrin mit ihrem ſchönen Arme hin, der nicht im Geringſten zitterte. Esmond ſah, daß ſie ein ſchwarzes, ſammtenes Bracelet an demſelben trug: es war darauf das email⸗ lirte Porträt des ſeligen Herzogs zu ſehen. Er hatte es ihr erſt noch drei Tage vor ſeinem Tode geſchenkt. Esmond ſagte, die Steine gehörten ihm nun nicht länger, und ſuchte die beabſichtigte Zurückgabe derſel⸗ ben lachend zu verhindern. „Was ſollen ſie mir nützen?“ ſpricht er. „Die Diamantenſchnur, die Prinz Eugen an ſeinem Hute trug, machte ihn gewiß nicht ſchöner, und wird wohl nn gelbes Geſicht ebenſo wenig ſchöner erſcheinen aſſen.“ „Du wirſt dieſelben Deiner Frau geben, Vetter,“ erwiedert ſie. Vetter, Deine Frau hat einen gar hübſchen Teint und eine gar anmuthige Geſtalt.“ „Beatrir,“ fuhr nun Esmond heraus, indem die alte Flamme wieder ein Mal bei ihm aufloderte, „wirſt Du dieſe Juwelen an Deiner Hochzeit tragen? Du flüſterteſt mir ein Mal zu, daß Du mich jetzt kenneſt: 378 Du kennſt mich nun beſſer; Du weißt, wie ich ge⸗ kämpft, — wofür ich zehn Jahre lang geſeufzt, — worauf ich verzichtet habe.“ „Ah! — Sie wollen eine Belohnung für Ihre Standhaftigkeit, my Lord!“ ſagt ſie; „ein ſo tapferer Ritter will bezahlt ſein. Oh, pfui, Vetter!“ „So höre doch noch ein Mal!“ ſprach Esmond. „Wenn ich nun Etwas thue, was Dir am Herzen liegt; wenn ich Etwas thue, was meiner und Deiner würdig iſt, — Etwas, was mir einen Namen machen ſoll, den ich Dir geben kann: — wirſt Du ihn dann annehmen? Du ſagteſt, ich hätte ein Mal eine Chance gehabt: kann dieſelbe gar nicht wiederkehren? „Schüttle nicht den Kopf, ſondern höre mich an: ſag' nur, Du wolleſt mich heute über ein Jahr an⸗ hören. Wenn ich zu Dir zurückkomme und Dir Ruhm bringe, wird das Dir dann gefallen? Wenn ich thne, was Du am Meiſten wünſcheſt, — was der, ſo nun todt iſt, am Meiſten wünſchte, — wird das Dich dann beſänftigen?“ „Was iſt das, Harry?“ ſant ſie, während ihr Ge⸗ ſicht ſich aufklärt. „Was meinſt Du?“ „Dring' nicht weiter in mich!“ ſprach er! „Warte und laß mir ein wenig Zeit. Und wenn ich das zu⸗ rückbringe, wornach Du Dich ſehneſt, — wofür ich Dich wohl tauſend Mal habe beten hören, wirſt Du dann keine Belohnung haben für den, der Dir dieſen Dienſt erwieſen hat? „Leg' dieſe Juwelen weg und behalte ſie: nicht bei meiner, ſondern bei Deiner Hochzeit ſollen ſie wieder hervorkommen; wenn aber ein Menſch es zu thun vermag, ſo ſchwöre ich, daß ein Tag kommen ſoll, wo in Deinem Hauſe ein Feſt Statt finden ſoll, und wo Du ſtolz ſein ſollſt, ſie zu tragen. Ich ſage jetzt nicht weiter; gedenke dieſer Worte, ſchließ' dieſes Etui ein bis an den Tag wo ich Dich an beide erinnern werde. 379 Alles, um was ich Dich jetzt bitte, iſt, daß Du warten und meine Worte nicht vergeſſen mögeſt.“ „Gehſt Du denn außer Landes?“ ſagt Beatrir etwas aufgeregt. „Ja, morgen,“ antwortet Esmond. Darauf Beatrix, die Hand auf ſeinen Arm legend (— es war diejenige, an der ſie das Bracelet des Her⸗ zogs trug —): „Nach Lothringen, Vetter? Bleib' doch, Harry!“ fuhr ſie in einem Tone fort, in welchem mehr Verzagt⸗ heit lag, als ſie gewohnt war, zu zeigen. „Hör' noch ein letztes Wort! Ich liebe Dich. Ich bewundere Dich: — und wer würde das nicht thun, der Zeuge geweſen iſt von all' der Liebe, die Du für uns gehabt? Aber ich glaube, ich habe kein Herz: ich habe wenig⸗ ſtens nie den Mann geſehen, der es zu rühren ver⸗ mochte; und hätte ich einen ſolchen gefunden, ſo wäre ich ihm in Lumpen gefolgt, wenn er ein gemeiner Sol⸗ dat geweſen wäre; oder aber wäre ich mit ihm auf die See gegangen, wie einer jener Boucauiere, von denen Du uns Geſchichten vorzuleſen pflegteſt, als wir noch kleine Kinder waren. Für einen ſolchen Mann würde ich Alles thun, — würde ich Alles tragen, aber nie habe ich einen ſolchen gefunden. „Du hatteſt ſtets zu viel von einem Sklaven, als daß Du mein Herz hätteſt gewinnen können, ſelbſt der Herzog konnte demſelben nicht befehlen. Ich wäre nicht glücklich geworden, wenn ich ihn geheirathet hätte. Ich wußte gar wohl, daß drei Monate nach unſerer Ver⸗ lobung, — und war zu eitel, um dieſelbe wieder rück⸗ gängig zu machen. „Oh, Harry! Ich weinte ein Paar Mal, nicht um ihn, ſondern vor Wuth, daß ſein Verluſt mich nicht ſchmerzen konnte. Ich erſchrak wirklich, als ich fand, daß ich über ſeinen Tod ſogar froh war; und wäre ich ein Mal mit Dir verbunden, ſo würde daſſelbe 380 Gefühl der Sklaverei mich beſchleichen, ſo würde ich dieſelbe Sehnſucht hegen, meiner Knechtſchaft wieder zu entgehen. Wir Beide würden unglücklich ſein, und Du am Meiſten, Du, der Du ſo eiferſüchtig biſt, wie nur der Herzog ſelbſt es ſein konnte. Ich verſuchte es, ihn zu lieben; ja, ich verſuchte es: ich ſtellte mich froh, ſo oft er kam: ließ mich herab, ihn anzuhören, wenn er bei mir war, und probirte die Rolle einer Frau, von der ich glaubte, daß ich ſie während des Reſtes meiner Tage ſpielen müßte. „Aber ſchon eine halbe Stunde ſolcher Gefälligkeit ermüdete mich, — und was würde dann ein ganzes Leben ſein? Meine Gedanken waren anderswo, wenn er ſprach; und ich dachte: ,Oh, daß es dieſem Manne gefiele, meine Hand fahren zu laſſen, und mich mit ſeinen Huldigungen zu verſchonen. Zwar kannte ich ſeine großen und edlen Eigenſchaften, — Eigenſchaften, tauſend Mal größer und edler, als die meinigen, und auch als die Deinigen, Vetter, ich ſage Dir, Eigen⸗ ſchaften, Millionen Mal beſſer, als die unſrigen. „Aber nicht wegen dieſen nahm ich ihn. Ich nahm ihn, um in der Welt eine hervorragende Stellung ein⸗ zunehmen, und dieſe habe ich nun verloren, — ja, dieſe habe ich nun verloren; ihn ſelbſt beweine ich nicht; — und oft dachte ich, während ich ſeinen zärt⸗ lichen Gelübden und ſeinen zärtlichen Worten lauſchte: „Oh, wenn ich mich dieſem Manne ergebe, und dem andern begegne, dann werde ich ihn haſſen und ihn verlaſſen.“ „Ich bin nicht brav, Harry: meine Mutter iſt ſanft und gut, wie ein Engel. Es wundert mich nur, wie ſie hat ein ſolches Kind bekommen können. Sie iſt zwar ſchwach, aber lieber würde ſie ſterben, als daß ſie Etwas thäte, was Unrecht iſt; ich bin ſtärker, als ſie, würde es aber aus purem Trotze thun. 381 „Mich kümmert nicht, was die Pfaffen ſagen in ihren langweiligen Predigten; habe ich ſie doch bei 6 Hofe ſo gemein und verächtlich geſehen, wie nur das gemeinſte Weib es dort ſein konnte. Oh, ich bin der Welt müde, — ich habe ſie ſatt! Ich warte nur noch 6 auf Eines: und wenn das in Erfüllung gegangen, dann nehme ich die Religion Frank's und Beiner armen Mutter an, und gehe in ein Nonnenkloſter, um dort wie ſie zu endigen. „Soll ich alſo die Diamanten tragen? — Man ſagt, es tragen die Nonnen ihre koſtbarſten Juwelen an dem Tage, an dem ſie eingekleidet werden. Ich 6 will Deine Juwelen alſo beiſeit kegen und einſchließen, wie Du mir geſagt; und nun leb'wohl, Vetter, Mamma ſchreitet in dem anſtoßenden Zimmer auf und ab, zer⸗ bricht ſich ihr Köpſchen über das, was wir wohl ge⸗ ſagt haben mögen. Sie iſt eiferſüchtig: alle Frauen⸗ zimmer ſind es. Bisweilen kommt es mir vor, als ob dieß die einzige weibliche Eigenſchaft ſei, die ich be⸗ ſitze. Leb' wohl, leb' wohl, Bruder!“ Sie hielt ihm ihre Wange hin als ein brüder⸗ liches Privilegium. Die Wange war ſo kalt, wie Marmor. Esmond's Gebieterin zeigte keine Spur von Eifer⸗ ſucht, als er in das Zimmer zurückkam, in dem ſie ſich befand. Sie hatte ſich dermaßen geſchult, daß ſie ganz unergründlich ausſehen konnte, wenn ſie es wünſchte. Unter ihren übrigen weiblichen Eigenſchaften beſaß ſie auch die, daß ſie eine vollkommene Heuchlerin war. Er ritt von Schloß Caſtlewvod fort, um die Aus⸗ führung des Projectes zu verſuchen, das er gemacht, — entſchloſſen, daſſelbe durchzuführen, oder dabei zu Grunde zu gehen. i in Wahrheit war ſein Gemüthszuſtand von der Art, daß er einiger äußeren Aufregung bedurfte, 382 um der Krankheit entgegenzuwirken, die an ſeinem Her⸗ zen nagte. Achtes Bapitel. Ich reiſe nach Frankreich, und bringe ein Porträt von Rigand nach England zurück. Mr. Esmond hielt es nicht für nöthig, ſich bei Hofe zu verabſchieden, oder der ganzen Welt von Pall Mall und den Kaffeehäuſern zu ſagen, daß er im Be⸗ griffe ſei, England zu verlaſſen, ſondern entſchloß ſich, ſo geheim wie nur möglich abzureiſen. Zu dem Ende wußte er ſich durch die Vermitte⸗ lung Dr. Atterbury's einen Paß zu verſchaffen, der auf den Namen eines Franzoſen ausgeſtellt war; es wurde ſogar in Lord Bolingbroke's Bureau der amtliche Stem⸗ pel darauf gedrückt, ohne daß Esmond ſelbſt ſich deß⸗ halb an den Secretär gewendet hätte. Lockwood, ſeinen treuen Bedienten, nahm er nach Caſtlewvod mit, wo er ihn ließ. Er ſelbſt aber, Mr. Esmond, ſprengte, be⸗ vor er London verließ, aus, er ſei krank, und gehe nach Hampſhire, um dort die Landluft zu genießen; und ſo reiste er denn in aller Stille ab, um an der Ausfüh⸗ rung des bewußten Vorhabens zu arbeiten. Da Frank Caſtlewvod's Beihülfe bei der Ausfüh⸗ rung von Mr. Esmond's Plan unerläßlich war, ſo ging der Obriſt zuerſt nach Brüſſel — über Antwer⸗ pen, wo der Herzog von Marlborongh in der Verban⸗ nung lebte —. 383 In der zuerſt erwähnten Stadt fand Harry ſeinen lieben jungen Benedick, den Ehemann, dem die Kette der Ehe ſchon etwas läſtig geworden, und der hart⸗ näckigen Umarmungen und Küſſe müde zu ſein ſchien, womit Clotilde ihn in jedem Angenblicke heimſuchte. Obriſt Esmond wurde ihm zwar nicht vorgeſtellt, wohl aber Monſieur Simon, ein Herr von den Königlichen „Cravaten“ (— Esmond erinnerte ſich noch des Regi⸗ mentes ſeines ehrlichen Irländers, den er an dem Tage nach der Schlacht von Malplaquet geſehen, an dem ſeine Augen zum erſten Male den jungen König ſchau⸗ ten —); und Monſieur Simon ward der⸗ Vicomteſſe Caſtlewwod, n6e Comptesse Wertheim, — den zahl⸗ reichen Grafen, Lady Elotilda's ſchlanken Brüdern, — ihrem Vater, dem Kammerherrn, — ſowie deſſen Frau Gemahlin, Frank's Schwiegermutter, einer ſchlanken und majeſtätiſchen Perſon von gewaltigen Proportionen, wie ſelbe für die Mutter einer ſolchen Compagnie von Grenadieren paßten, dergleichen ihre kriegeriſchen Söhne eine bildeten, vorgeſtellt. Die ganze Sippſchaft hatte frei Quartier in dem kleinen Schloſſe, das Frank in der Nähe von Brüſſel gemiethet hatte; die guten Leute ritten ſeine Pferde, tranken ſeinen Wein, und ließen es ſich auf Koſten des armen Burſchen recht behaglich ſein. Mr. Esmond hatte ſein Franzöſiſch, das ja ſeine Mutterſprache war, nicht vergeſſen, ſondern ſprach es immer noch ganz geläufig; und wenn dieſe Familie — die das Franzöſiſche mit dem eigenthümlichen Accent der Flamänder ſprach —) in der Ausſprache Monſieur Simon's eine Ungenauigkeit entdeckte, ſo war ſelbe dem längeren Aufenthalte des Letzteren in England zuzu⸗ ſchreiben, wo er ſich verheirathet hatte, und ſeit ſeiner Gefangennehmung bei Blenheim geblieben war. Seine Geſchichte lautete ſehr plauſibel, und es zwei⸗ felte auch kein Menſch daran, wenn man den ehrlichen Frank abrechnete, und dieſer war von dem Plane ſeines Vetters, als er denſelben erfuhr, ganz bezaubert. Auch bewunderte er, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, den Obriſten Esmond ſtets mit einer gewiſſen liebevollen Treue, und ſein Couſin war ihm der weiſeſte und beſte aller Cvuſins und Menſchen. Frank ging voller Begeiſterung auf den Plan ein, und es gefiel ihm derſelbe um ſo mehr, da er ſo Ge⸗ legenheit bekam, nach Paris zu kommen, außerhalb des Bereiches ſeiner Herren Schwäger, ſeines Herrn Schwie⸗ gervaters und ſeiner Frau Schwiegermutter, deren Auf⸗ merkſamkeiten ihm allmälig etwas läſtig geworden waren. Caſtlewvod war, wie bereits erwähnt worden, in einem und demſelben Jahre mit dem Prinzen von Wales geboren; hatte nicht wenig von dem Ausſehen, der Größe, und der Geſtalt des Prinzen; und brüſtete ſich, insbeſondere ſeit der Zeit, wo er bei dem vorerwähnten Anlaſſe den Chevalier de St. George geſehen, nicht wenig auf dieſe Aehnlichkeit, welche er durch alle ihm zu Gebot ſtehenden Nittel noch tänſchender zu machen ſuchte, indem er hellbraune Perrücken, wie der Prinz trug, und Bänder und ſo fort von der Farbe des Che⸗ valier wählte. Dieſe Aehnlichkeit war in der That auch der Um⸗ ſtand, worauf Mr. Esmonds Plan gebaut war; und nachdem er ſich von Frank's Verſchwiegenheit und Be⸗ geiſterung verſichert hatte, verließ er ihn, um ſeine Reiſe fortzuſetzen, und die übrigen Perſonen zu ſehen, von denen der glückliche Erfolg abhing. Der Ort, wohin Mr. Simon nun zunächſt reiste, war Bar in Lothringen, wo der ſpeben genannte Kauf⸗ mann mit einer Sendung feiner Tücher, werthvoller mechelner Spitzen und mit Briefen an ſeinen dortigen Geſchäftsfreund ankam. Wilt man wiſſen, wie ein Prinz, heroiſch durch langes Unglück, und von einer langen Reihe von Kö⸗ 385 nigen abſtammend, auf deren Geſchlecht, wie einſt auf den Atriden, ein Fluch zu lagern ſchien; — will man wiſſen, wie derſelbe beſchäftigt war, als der Abgeſandte, der durch Gefahren und Schwierigkeiten aller Art hin⸗ durch zu ihm kam, ihn zum erſten Male erblickte? Der junge König ſpielte in flanellener Jacke mit den Herren von ſeiner Suite Federball, ſchrie den Bällen nach, und fluchte wie der geringſte ſeiner Unterthanen. Das nächſte Mal, daß Mr. Esmond ihn ſah, war bei der Gelegenheit, wo Monſieur Simon einen Pack Spitzen zu Miß Oglethorpe brachte: es war dieß da⸗ mals das Vorzimmer des Prinzen, an welch' gemeiner Thüre man anklopfen mußte, wenn man bis zu Seiner Majeſtät kommen wollte. Monſieur Simon durfte wirk⸗ lich auch eintreten, und es fand der Abgeſandte den König und die Maitreſſe beiſammen; es ſpielten die Beiden Karten. und Seine Majeſtät war noch zudem betrunken. Allerhöchſtderſelbe kümmerte ſich mehr um drei Bilder, als um drei Königreiche; und ein halb Dutzend Gläſer Ratafia ließen ihn alle Leiden und Ver⸗ luſte, die Krone ſeines Vaters, und das Haupt ſeines Großvaters vergeſſen. Esmond fand es nicht für paſſend, ſich dem Prin⸗ zen ſchon jetzt zu eröffnen. Seine Majeſtät war ſchwer⸗ lich in der Lage, ihn anzuhören: auch zweifelte er ſehr, ob ein ſo ſtart trinkender König in ſeinem benebelten Kopfe ein Geheimniß bewahren könne, oder ob eine ſo zitternde Hand auch ſtark genug ſei, nach einer Krone zu langen. Endlich, und nachdem Esmond ſich mit den Rath⸗ gebern des Prinzen berathen, unter denen ſich viele ehrliche und treue Gentlemen befanden, ward der Plan dem Könige und Ihrer damaligen Majeſtät der Köni⸗ gin Oglethorpe in ihrem Rathe vorgelegt. Dem Prin⸗ zen geſiel der Plan recht wohl; es war derſelbe keck Heury Esmond. I. 25 386 und leicht auszuführen, und paßte gar gut zu ſeiner rückſichtsloſen Fröhlichkeit und zu ſeinem lebendigen, jugendlichen Geiſte. * Morgens, wenn er ſeinen Rauſch ausgeſchlafen, war er recht luſtig, lebhaft und angenehm. In ſeinem Weſen lag eine unendlich bezaubernde Schlauheit, und eine liebevolle Einfalt; auch war Ihre Oglethorpe'ſche Majeſtät, damit ich ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſe, gütig, ſcharfſinnig, entſchloſſen, und mit gutem Rath bei der Hand. Sie gab dem Prinzen manchen guten Rath, den er aber zu ſchwach war, zu befolgen; und ſie liebte ihn mit einer Treue, die er mit einer durchaus königlichen Undankbarkeit vergalt. Esmond hatte ſo ſeine eigenen Ahnungen in Be⸗ treff ſeines Projectes, falls daſſelbe je zur Ausführung käme, und ſeine gewöhnlichen ſkeptiſchen Zweifel in Betreff der Wohlthat, die dem Vaterlande daraus er⸗ wachſen könnte, daß er einen trunkſüchtigen, jungen Mo⸗ narchen dahin zurückbrächte, und in ſolcher Stimmung verabſchiedete er ſich denn. Monſieur reiste ab. Auf jeden Fall war der zu Bar weilende Jüngling ebenſo gut, als der ältere Prä⸗ tendent zu Hannover; und wenn es auf's Schlimmſte kam, ſo konnte man mit dem Engländer ebenſo leicht fertig werden, als mit dem Deutſchen. Monſieur Simon machte den ganzen langen Weg von Nancy nach Paris, und ſah dieſe berühmte Stadt ganz verſtohlen, und gleichſam als Spion, was er ja auch war, — dieſe Stadt, wo gewiß mehr Pracht und Elend, mehr Lumpen und Spitzen, mehr Schmutz und Geld zuſammengehäuft ſind, als in irgend einer Stadt auf der Welt. Hier wurde er mit des Königs beſtem Freunde, deſſen Halbbruder, dem berühmten Herzoge von Berwick, in Verbindung gebracht, und Esmond er⸗ kannte in ihm den Fremden wieder, der vor nun faſt zwanzig Jahren auf Schloß Caſtlewvod geweſen. 387 Seine Gnaden eröffnete ſich ihm, als er fand daß Mr. Esmond bei Webb's tapferem Regimente geſtan⸗ den, das einſt Seiner Gnaden gehört. Er war in der That das Schwert und der Schild der Stuart'ſchen Sache; und auf ſeinem eigenen Schilde fand ſich kein Flecken, den Schrägebalken abgerechnet, den Marlbo⸗ rough's Schweſter ihm hinterlaſſen. Wäre Berwick ſeines Vaters Erbe geweſen, ſo würde Jakob der Dritte den engliſchen Thron unzwei⸗ felhaft beſtiegen haben. Er verſtand es, kühn zu ſein, auszudguern, loszuſchlagen, zu ſprechen zu ſchweigen. Vielleicht beſaß er kein Feuer und kein Genie (— dieſe waren gemeineren Menſchen verliehen —), dieſe aber abgerechnet, beſaß er einige der beſten Eigenſchaften eines Führers. Seine Gnaden kannte den Vater und die Geſchichte Esmond's; auch ſpielte er auf letzte in einer Weiſe an, die den Obriſten glauben ließ, es ſeien dem Herzoge die Einzelheiten der Geſchichte bekannt; aber Esmond fand es nicht gerathen, auf dieſelben näher einzugehen, und was den Herzog betrifft, ſo drängteer ihn nicht. Mr. Esmond ſagte bloß, „daß er ohne Zweifel ſeinen Na⸗ men bekommen würde, wenn größere Leute den ihrigen bekämen.“ 8 „ Was Esmond in dem Gedanken beſtärkte, daß der Herzog von Berwick mit ſeinem Falle vertraut ſei, war der Umſtand, daß, als der Obriſt nach St. Germain ging, um dort ſeine Aufwartung zu machen, Ihre Ma⸗ jeſtät ihn ein Mal mit „Marquis“ anredete. Er über⸗ brachte der Königin die ergebenſten Empfehlungen von Seiten ihrer Pathen Beatrix und von Seiten der Lady, der ihre Majeſtät in den Tagen des Glückes wohl⸗ gewollt hatte. Die Königin erinnerte ſich noch gar wohl der Ra⸗ chel Esmond, hatte von my Lord Caſtlewood's Bekeh⸗ rung gehört, und war von dieſem Gnadenacte des Him⸗ 388 mels nicht wenig erbaut. Sie wußte auch, daß noch andere Glieder der Familie gleichfalls zu der allein ſeligmachenden Kirche gehört hatten: „Ihr Vater und Ihre Mutter, Monsieur je Marquis,“ ſagte Ihre Majeſtät (— es war dieß das einzige Mal, daß ſie ſich dieſer Phraſe bediente —). Monſieur Simon verbeugte ſich ungemein tief, und antwortete, daß er ſeitdem andere Eltern gefunden, die ihn anders unterrichtet; daß aber dieſe nur einen König hätten. Worauf Ihre Majeſtät geruhete, ihm eine von dem Papſte geweihte Medaille zu geben, die in Fällen, die den ſeinigen glichen, als ſehr wirkſam erfunden worden, und zu verſprechen, daß ſie um ſeine Bekehrung, ſowie die der Familie beten würde. Und es hat dieſe fromme Dame dieß wohl auch gethan, obgleich noch bis zu dieſem Augenblicke, das heißt, nach vollen ſiebenundzwanzig Jahren, Obriſt Es⸗ mond ſich verpflichtet fühlt, zu ſagen, daß weder die Medaille, noch auch die Gebete, ſo viel wenigſtens ihm bekannt, auf ſeine religiöſen Ueberzengungen nicht den mindeſten Einfluß geübt haben. Was den Glanz von Verſailles betrifft, ſo ſah Monſieur Simon, der Kaufmann, ihn bloß als niedri⸗ ger und ferner Zuſchauer, indem er den alten König bloß ein Mal zu Geſicht bekam, in dem Augenblicke, wo Allerhöchſtderſelbe ſich anſchickte, ſeine Karpfen zu füttern, und indem er ſich am Hofe Seiner Majeſtät nicht vorſtellen ließ. . Unterdeſſen war my Lord Viscount nach Paris gekommen, wo, wie die Londoner Zeitungen bald mel⸗ deten, Ihre Ladyſchaft eines Sohnes und Erben genas. Sie war noch lange darnach ziemlich ſchwach und durfte auf Befehl der Aerzte keine Reiſe unternehmen, ſonſt wäre Viscount Caſtlewvod, wie wohl bekannt war, nach England zurückgekehrt, um von nun an ſein eigenes Schloß zu bewohnen. 389 Während my Lord Caſtlewood ſich zu Paris auf⸗ hielt, ließ er ſich von dem berühmten franzöſiſchen Maler Monſieur Rigaud malen, — ein Porträt, das er für ſeine Mutter in London beſtimmte. Und dieſes Stück nahm Monſieur Simon mit, als er nach der letzterwähnten Stadt zurückkehrte, wo er im Jahre 1714, im Mai, anlangte. Sehr bald darauf kehrten auch Lady Caſtlewood, ihre Tochter, und ihr Vetter, Obriſt Esmond, der während dieſer ganzen Zeit zu Caſtlewood geblieben war, nach London zurück. Ihre Ladyſchaft bezog wieder ihre Wohnung zu Ken⸗ ſington, und Mr. Esmond die ſeinige zu Knightsbridge, mehr in der Nähe der Stadt. Und von nun an zeigte ſich der Obriſt wieder an allen öffentlichen Orten, da ſeine Geſundheit ſich durch den langen Aufenthalt auf dem Lande gar ſehr gebeſ⸗ ſert hatte. Das Porträt von my Lord wurde, in einer hüb⸗ ſchen Goldrahme, an dem Ehrenplatze des Salons Ihrer Ladyſchaft aufgehängt. Seine Lordſchaft war in ſeiner ſcharlachrothen Uniform als Gardecapitän, mit hell⸗ brauner Perrücke, einem Küraſſe unter dem Rocke, einem blauen Bande und einem Ueberfallkragen von Brüſſeler Spitzen dargeſtellt. Viele Freunde Ihrer Ladyſchaft bewunderten das Porträt über die Maßen, und ſtrömten herbei, um es zu ſehen: Biſchof Atterbury, Mr. Lesly, der gute alte Mr. Collier, und noch andere geiſtliche Herren waren ganz entzückt von der Leiſtung des Malers, und viele von den vornehmſten Perſonen unterſuchten und lobten das Porträt. Nur muß ich geſtehen, daß Pr. Tuſher, der zufällig einmal nach London kam und das Gemälde ſah (— es war daſſelbe gewöhnlich durch einen kleinen Vorhang verdeckt; aber an dieſem Tage hatte Miß Beatrix es zufällig angeſchaut, als der Pfarrer herein⸗ geſtiegen kam —), hoch und thener ſchwor, er könne in 390 dem Stücke gar keine Aehnlichkeit mit ſeinem ehemali⸗ gen Zöglinge ſehen, wenn man vielleicht vom Kinn und der Perrücke abſehe, wo allerdings ſich einige Aehnlich⸗ keit zeige; aber wir Alle überzeugten ihn, daß er eben Frank ſeit fünf Jahren, oder ſeit noch längerer Zeit, nicht mehr geſehen; daß er ſich auf die ſchönen Künſte verſtünde, wie ein Eſel auf's Lautenſchlagen, und daß er ſich offenbar irren müßte. Und ſo ging denn der gute Mann heim, feſt über⸗ ſh daß das Porträt überaus wohlgelungen und ähn⸗ lich ſei. Was my Lord Bolingbroke betrifft, der Ihre Lady⸗ ſchaft gelegentlich mit einem Beſuche beehrte, ſo brach er, als Obriſt Esmond ihm das Gemälde zeigte, in ein Lachen aus, und fragte, mit welchen Teufeleien er ſich denn befaſſe? Esmond geſtand ganz einfach, daß das Porträt nicht das des Viscvunt Caſtlewood ſei, bat den Secre⸗ tär bei ſeiner Ehre, das Geheimniß doch ja zu bewah⸗ ren, ſagte, daß die Damen vom Hauſe enthuſiaſtiſche Jakobitinnen wären (— wie übrigens wohl bekannt war —), und rückte endlich mit dem Bekenntniſſe her⸗ aus, daß das Porträt kein anderes, als das des Che⸗ valier de St. George ſei. Die Wahrheit aber iſt, daß Mr. Simon, als er eines Tags bei Monſieur Rigand Lord Caſtlewvod be⸗ ſuchte, wo Seine Lordſchaft ſich malen ließ, ſich ſtellte, als gefalle ihm ausnehmend wohl ein Stück, das den Chevalier vorſtellte, von dem aber nur der Kopf fertig war, — und daß derſelbe Simon das Bild um hun⸗ dert Kronen dem Maler abkaufte. Wie der Künſtler ſagte, ſo war das Porträt für Miß Oglethorpe, die Maitreſſe des Prinzen, beſtimmt geweſen. Da aber die eben genannte junge Dame Paris verließ, ſo war die Arbeit nicht ganz fertig geworden, 391 und das Bild in dieſem Zuſtande dem Künſtler ge⸗ blieben. Obriſt Esmond, alias Monſieur Simon, nahm alſo das Bild nach Hauſe, und hatte, ſobald my Lords Por⸗ trät ankam, die Uniform und das übrige Zubehör von my Lords Bild copirt, um Rigand's Leinwand vollends auszufüllen. Der Obriſt hatte nämlich ſein Leben lang fleißig gemalt, und hauptſächlich während ſeines langen Aufenthalts in den Städten Flanderns, wo er ſterwerke Vandycks und Ruben's vor Augen gehabt hatte, ſich in der ſchönen Malerkunſt geübt. Mein Enkel hat nun das Stück, ſo wie es iſt, in Virginien. Zu Anfang des Heumonats kamen Miß Beatrir Esmond und my Lady Viscounteß, ihre Mutter, von Caſtlewwod an: Erſtere, um wieder ihren Dienſt bei Hofe anzutreten, — ein Dienſt, der durch die unglück⸗ liche Kataſtrophe von Herzog Hamilton's Tod unter⸗ brochen worden war. Sie nahm alſo abermals im Ge⸗ folge Ihrer Majeſtät, ſowie am Tiſche der Ehrendamen ihre Stelle ein, und war immer noch ungemein beliebt bei Mrs. Maſham, erſter und allgewaltiger Kammer⸗ frau der Königin, — zum Theil vielleicht wegen der Bitterkeit, womit ſie über die Herzogin von Marlbo⸗ rough ſprach, die bei Miß Beatrir eben ſo wenig, als bei ihrer Nebenbuhlerin in Gnade ſtand. Die Herren vom Hofe, unter andern auch my Lord Bolingbroke, geſtanden offen, daß die junge Lady hübſcher zurückge⸗ kommen, als ſie je geweſen, und daß das ernſte und tragiſche Weſen, das ſich jetzt unwillkührlich in ihrem Geſichte ausdrückte, ihr unendlich beſſer ſtehe, als ihr früheres Lächeln und ihr einſtiges ſchalkhaftes Weſen. Sämmtliche alte Domeſtiken in dem kleinen Hauſe in Kenſington Square wurden nun gewechſelt; der alte Haushofmeiſter, welcher der Familie ſeit nun fünfund⸗ zwanzig Jahren, das heißt, ſeit der Geburt der Kinder des Hauſes, gedient hatte, wurde nach Irland geſchickt, 392 um dort my Lords Gut zu beſichtigen; die Haushälte⸗ rin, die ſchon ſeit undenklichen Zeiten bei my Lady in Dienſten geweſen und die jungen Kinder gehütet hatte, wanderte murrend nach Walcote, das die verwittwete Vicomteſſe in Zukunft zu bewohnen beabſichtigte, indem ſie Schloß Caſtlewvod an ihre Schwiegertochter abtre⸗ ten wollte, die jeden Tag aus Frankreich ankommen konnte. Ein weiterer Diener der Vicomteſſe wurde gleichfalls entlaſſen, dieſer mit einem Gnadengeſchenke: ihm wurde geſagt, Ihre Ladyſchaft müſſe die Zahl ihrer Domeſtiken vermindern. Und ſo war denn am Ende im ganzen Hauſe auch nicht eine dienende Perſon geblieben, die ſchon zu der Zeit, wo der junge Lord Caſtlewood noch zu Hauſe geweſen, zu der Dienerſchaft gehört hatte. Zur Ausführung des Planes, den Obriſt Esmond im Kopfe hatte, und des Streiches, den er beabſichtigte, war es nothwendig daß ſo wenig Perſonen, wie irgend möglich, in ſein Geheimniß eingeweiht wurden. Und ſo kannten es denn kaum drei bis vier Perſonen, die nicht zu ſeiner Familie gehörten; und ſo wurde es denn ſo ſorgfältig bewahrt, wie bis jetzt nur wenige Ge⸗ heimniſſe bewahrt worden ſind. Am zehnten Juni 1714 langte durch Mr. Prior's Bo⸗ ten aus Paris ein Brief von my Lord Viscount Caſtlewood an ſeine Mutter an, worin Letzterer ſagte, daß er in Geldſachen ſich Thorheiten hätte zu Schulden kommen laſſen, — daß er ſich ſchämte, zu geſtehen, wie er im Spiele und durch andere Ausſchweifungen ſchwer Geld verloren, ſowie daß er, anſtatt in dieſem Jahre noch, wie er gehofft, zu Caſtlewvod große Feſtlichkeiten zu veranſtalten, ſich ſo ruhig wie möglich verhalten, und auf alle nur möglichen Erſparniſſe denken müßte. Bis dahin war jedes Wort in des armen Frank's Brief wahr; auch konnte kein Zweifel darüber herrſchen, daß er und ſein großer Schwager weit mehr Geld ver⸗ 1 393 braucht, als ſie hätten verbrauchen ſollen, und daß er die Revenüen des Caſtlewooder Gutes verpfändet, welche die zärtlich liebende Mutter während der Zeit ihrer Vormundſchaft ſo ſorgfältig verwaltet und verbeſſert hatte. „Seine Clotilde,“ fuhr Caſtlewood in ſeinem Briefe fort, „ſei immer noch ſehr ſchwach, und es ſeien die Aerzte der Anſicht, daß es wohl das Beſte wäre, wenn ſie ihr Wochenbett in Paris hielte. Er werde ohne Ihre Ladyſchaft kommen, und etwa am 17, oder 18. Juni im Hauſe ſeiner Mutter ſich einfinden, indem er beabſichtige, ſofort von Paris abzureiſen und bloß einen einzigen Biener mitzunehmen. lind ferner bitte er, daß die Advocaten von Gray's Inn bei ſeiner Ankunft ihre Rechnung parat halten, und der Gutsaufſeher mit der ſeinigen von Caſtlewood heraufkommen möchte, ſo daß es ihm möglich ſei, das Geſchäft mit dieſen Leuten raſch abzumachen, eine Summe Geldes aufzunehmen, deren er ſehr bedürfe, und zu ſeiner Vicomteſſe zurück⸗ zukehren, ehe dieſelbe noch in die Wochen komme.“ Sodann theilte Seine Lordſchaft einige Stadt⸗ neuigkeiten mit, und empfahl ſich ſeinen Verwandten. Und damit hatte der Brief ein Ende. Letzterer wurde der gewöhnlichen Poſt anvertraut, und ohne Zweifel wußte ſich die franzöſiſche Polizei, ſowie auch die engliſche, die damals zu Paris beſtand, eine Abſchrift davon zu verſchaffen, welche den armen Leuten wohl gegönnt werden konnte. Zwei Tage darauf ward ein zweiter Brief, in der⸗ ſelben offenen Weiſe, durch die öffentliche franzöſiſche Poſt befördert; und dieſer endigte, nachdem Nachrich⸗ ten über den franzöſiſchen Hof und die franzöſiſche Faſhion vorausgeſchickt waren, mit folgenden Sätzen, wohinter wohl ſchwerlich irgend Jemand ein Geheimniß geſucht hätte, wenn derſelbe nicht ſchon vorher den Schlüſſel dazu gehabt haben würde: 394 „(Der König nimmt) nächſten Sonntag Arzenei. Seine Majeſtät befindet ſich jetzt beſſer, als ſeit eini⸗ ger Zeit, obgleich Höchſtderſelbe in Folge ſeines all⸗ zu ſtarken Appetits an Unverdaulichkeit leidet. Madame Maintenon befindet ſich fortwährend wohl. Man hat zu St. Cyr ein Stück von Monſieur Racine auf⸗ geführt. Der Herzog von Shrewsbury, Mr. Prior, unſer Geſchäftsträger, und der ganze hier verſammelte engliſche Adel wohnten der Vorſtellung bei. „(Viscount Caſtlewvod's Päſſe) ſeien ihm verwei⸗ gert worden, — ſo hieß es wenigſtens. — indem Seine Lordſchaft von einem Goldſchmiede wegen Vais- selle plate,, ſowie wegen eines Perlenhalsbandes ein⸗ geklagt worden iſt, die derſelbe für Mademoiſelle Merüel von der franzöſiſchen Komödie geliefert. Es iſt doch etwas Jämmerliches, daß ſolche Dinge über unſern jungen, hier wohnenden Adel bekannt werden, (um nach England zu kommen). Mademvoiſelle Merüel iſt nach Fort 1Pvesque ge⸗ ſchickt worden; es heißt, ſie habe nicht bloß Silber⸗ geſchirr, ſondern auch Möbeln, und einen Wagen ſammt Pferden beſtellt (unter des genannten Lord Na⸗ men), von welcher Extravaganz ſeine unglückliche Vi⸗ comteſſe Nichts weiß. „(Seine Majeſtät wird) an ſeinem nächſten Ge⸗ burtstage zwei und achtzig Jahre. Der Hof ſchickt ſich an, dieſen Geburtstag durch ein großes Feſt zu feiern. Mr. Prior iſt in keiner geringen Verlegenheit, weil man ihm nicht ſein Silbergeſchirr von Hauſe ſchicken will. „Hier hat Jedermann my Lord Viscounts Por⸗ trät bewundert, und geſagt, es ſei daſſelbe ein Mei⸗ ſterſtück Rigaud's. Haben Sie es ſchon geſehen? Es wird jetzt wohl (in Lady Caſtlewood's Hauſe in Ken⸗ ſington Square ſein), und es will mich bedünken, daß 395 kein engliſcher Maler ein ſolches Stück zu produciren vermöchte. „Unſer armer Freund, der Abbé, iſt in der Baſtille geſeſſen, iſt nun aber nach der Conciergerie gebracht worden, (wo ſeine Freunde ihn beſuchen können. Sie brauchen bloß zu fragen nach) Abbé N.; auch glaubt man, daß ſie bald ein Gnadengeſuch um Erlaſſung ſeiner Strafe einreichen werden. Wir wollen hoffen, der arme Schelm iſt im Gefängniſſe in ſich gegangen. „(Lord Caſtlewood) hat die Affaire mit dem Sil⸗ bergeſchirr arrangiren laſſen, und geht nach Eng⸗ land ab. „Iſt das nicht ein höchſt langweiliger Brief? Aber ich habe verdammt Kopfweh, da ich mit Mat und einigen Andern die Nacht durchgetrunken habe; und betrunken oder nüchtern bin ich für immer Ihr — —.“ Dieſer ganze Brief war, ein Paar Dutzend Worte abgerechnet, die ich oben zwiſchen Klammern gebracht, Nichts, als albernes Geſchwätz, obgleich die Sub⸗ ſtanz des Briefes ſo wichtig war, als nur je ein Brief es ſein konnte. Es war darin denen, die den Schlüſſel dazu be⸗ ſaßen, Folgendes berichtet: „Der König nimmt Viscvunt Caſtle⸗ wood's Päſſe, um nach England zu kommen. Seine Majeſtät wird in Lady Caſtlewood's Hauſe in Kenſington Square ſein, wo ſeine Freunde ihn beſuchen können. Sie brau⸗ chen bloß zu fragen nach Lord Caſtlewvod.“ Wohl möglich, daß dieſes kurze Schreiben Mr. Prior, ſowie unſern neuen Verbündeten, den Franzo⸗ ſen, zu Geſicht kam; allein ſie konnten daraus ledig⸗ lich Nichts erſehen, obgleich es Perſonen in London — 396 deutlich genug erklärte, welches Ereigniß bald Statt finden ſollte, wie es auf der andern Seite denen, ſo in hundert Jahren meine Memoiren leſen werden, zei⸗ gen wird, welcher Art die Botſchaft war, wegen wel⸗ cher Obriſt Esmond vor Kurzem eine Reiſe in's Aus⸗ land gemacht. In der Stille und raſch zu thun das, was Andere durch Verſchwörungen, und tauſend von Jakobiten im ganzen Lande durch plumpe Cabalen her⸗ beiführen wollten; — allein auszuführen das, worü⸗ ber die Führer der Partei bloß ſprachen; — den Prinzen von Wales in's Land zu bringen, offen, vor Aller Augen, und vor Bolingbroke's Naſe, während an die Mauern noch die vom Secretär unterzeichnete Proclamation angeſchlagen war, wodurch eine Beloh⸗ nung von fünfhundert Pfund dem oder denen verſpro⸗ chen ward, ſo den Prinzen beifahen würden: — das war ein Streich, deſſen Ausführung und Gelingen einem abenteuerlichen Geiſte wohl Freude machen konnte. Zwar konnte ein Mißlingen deſſelben eine ſchwere Strafe nach ſich ziehen; aber unſere ganze Fa⸗ milie wollte es auf dieſelbe ankommen laſſen, ſo lange eine ſo glorioſe Ausſicht da war, das Spiel zu ge⸗ winnen. Auch ſollte und konnte man es eigentlich kein Spiel nennen, denn nur für den Hauptſpieler war der Plan ein ſolches, — für den Hauptſpieler, der kein größerer und kein geringerer Skeptiker war, als die meiſten öffentlichen Männer, mit denen er damals bekannt war. (— Gibt es überhanpt einen öffentlichen Mann in England, der ganz an ſeine Partei glaubt? und gibt es einen, der, wie ſehr er auch in Zweifeln befangen ſein mag, nicht bereit iſt, für dieſelbe zu kämpfen? —) Der junge Frank war bereit, ſich zu ſchlagen, ohne ſich viel zu beſinnen; er war ein Jakobite, wie ſein Vater vor ihm geweſen warz alle Esmonds waren 397 Royaliſten. Man brauchte ihm bloß das Parteiwort zu geben, und er ſchrie vor der Palaſtwache, oder an der Maie im Strand: „Gott erhalte König Jakob!“ — und was die Frauenzimmer betrifft, ſo war die Sache für ſie, — wie es bei ihnen gewöhnlich geht, — keine Partei⸗, ſondern eine Glaubensfrage; ihr Glaube war eine Leidenſchaft; ſowohl Esmond's Gebieterin, als deren Tochter würde bereitwilligſt für die Sache ge⸗ ſtorben ſein. Ich habe, von König William s Regierung ſprechend, gar oft gelacht und geſagt, ich glaube, Lady Caſtle⸗ wood habe ſich getäuſcht geſehen, daß der König die Familie nicht mehr verfolgt; auch mögen diejenigen, welche die Weiber kennen, ſich ſelbſt vorſtellen, was hier nicht verzeichnet zu werden braucht, das heißt, das Entzücken, womit die Nevphytinnen das Geheimniß, als es ihnen mitgetheilt wurde, hinnahmen, — die Gier, womit ſie der Ausführung des Planes entgegen ſahen, — und die Ehrerbietung, womit ſie dem Manne begegneten, der ſie in dieſe geheime Wahrheit ein⸗ weihete, die für jetzt erſt noch Wenigen bekannt war, nin in Kurzem eine weltkundige Thatſache werden ollte. Fürwahr, es gibt lediglich keine Grenze für das hingebende Vertrauen von Weibern. Sieh doch Arria an, die einen beſoffenen tölpelhaften Mann anbetet, der ſie prügelt; — ſieh doch Cornelia an, die in ihrem mütterlichen Herzen ihren Dummkopf und Wechſel⸗ balg von einem Sohne als ein Kleinod aufbewahrt. Und ich habe ein Frauenzimmer gekannt, das Fieber⸗ rinde und ſpäter Dr. Berkeley's Theerwaſſer nicht genug anpreiſen konnte, wie wenn es ein göttliches Gebot wäre, dieſelben zu verſchlucken, und wie wenn ſich derjenige faſt einer Gottesläſterung ſchuldig machte, der ſich deſſen weigerte. Nach ſeiner Rückkehr aus Frankreich ſtellte ſich 398 Obriſt Esmond an die Spitze dieſes kleinen Bundes liebevoller Verſchwörerinnen. Kein Tod, keine Marter konnte ſie in ihrer Beſtändigkeit wankend machen: das wußte er gar wohl. Als er ſeinen Plan auseinander ſetzte, welcher zum Zwecke hatte, den König nach England zurückzu⸗ bringen, meinte ſeine ältere Gebieterin, es müßte dieſe Reſtauration vor aller Welt der Caſtlewvod'ſchen Fa⸗ milie und deren Haupt beigemeſſen werden; auch ver⸗ ehrte und liebte ſie Esmond noch mehr, als ſie bisher gethan, — wenn das überhaupt möglich war. Sie zweifelte keinen Augenblick an dem Gelingen ſeines Planes, und es würde ihr wirklich als gottlos erſchie⸗ nen ſein, wenn man ein Mißlingen deſſelben auch nur einen Augenblick hätte annehmen wollen. Und was Beatrix betrifft, ſo war ſie, als ſie mit dem Plane bekannt wurde, mit ganzer Seele dafür; anch erfreute ſie Esmond bei dieſer Gelegenheit mit einem ihrer forſchenden, ſchönen Blicke, und ſagte unter Anderem: „Ah, Harry, warum biſt Du nicht das Haupt unſeres Hauſes? Du biſt allein im Stande, es wieder aufzurichten; warum läſſeſt Du denn dieſem albernen Jungen den Titel und die Ehre? Aber ſo iſt es in der Welt, — diejenigen bekommen den Preis, die ihn nicht verdienen, oder die ſich nicht darum bekümmern. Ich wollte, ich könnte Dir Deinen albernen Preis geben, Vetter, aber ich kann es nicht: ich habe es verſucht — nnd kann es nicht.“ Und ſie entfernte ſich, traurig den Kopf ſchüttelnd; aber immerhin däuchte es Esmond, es habe ihre Liebe und ihre Achtung, ihm gegenüber, bedeutend zugenom⸗ men, ſeitdem ſie geſehen, wie geſchickt er ſei, zu handeln und zu ertragen, zu thun und zu unterlaſſen. 399 Ueuntes Rapitel. Das Original von Rigaud's Porträt kommt nach England. Es wurde im Kreiſe unſerer Familie angekün⸗ digt, daß my Lord Caſtlewood ankommen und einen vertrauten franzöſiſchen Gentleman mitbringen würde, der bei Seiner Lordſchaft die Stelle eines Sekretärs verträte, und als Papiſt und Ausländer von guter Familie, obgleich derſelbe jetzt für den Angenblick eine etwas untergeordnete Stellung einnähme, auf ſeinem Zimmer und nicht mit den Domeſtiken des Hauſes ſpeiſen würde. Die Vicomteſſe gab ihr Schlafzimmer her, welches an das ihrer Tochter ſtieß; neben demſelben befand ſich ein großes bequemes Cabinett, wo nun ein Bett aufgeſchlagen wurde, angeblich für Monſieur Baptiſte, den Franzoſen, obgleich es wohl unnütz iſt, hier zu ſagen, daß, ſobald ſich die Thüren des Appartements ſchloſſen und die beiden Gäſte ſich dahin zurückgezogen hatten, der junge Viscount der Diener des hohen Prin⸗ zen wurde, den er bewirthete, und daß er mit Freu⸗ den das bequemere und luftigere Zimmer und Bett an ſeinen Herrn abtrat. Madame Beatrix zog ſich ebenfalls in die höheren Regionen zurück, indem ihr Zimmer in ein Wohnzim⸗ mer für my Lord verwandelt wurde Um den Betrug beſſer durchzuführen, ſtellte ſich Beatrir vor der Diener⸗ ſchaft, als murrte ſie darüber, und als wäre ſie eifer⸗ ſüchtig, daß ſie, my Lord zu Liebe, ihr Zimmer hätte abtreten müſſen. 400 Man kann ſich darauf verlaſſen, daß keine gerin⸗ gen Vorbereitungen getroffen wurden; und die Herzen der zarten Damen von Caſtlewood klopften nicht wenig vor banger Erwartung, bevor die hohen Perſonen an⸗ kamen, die im Begriffe waren, ihr Haus mit einem Beſuche zu beehren. Das Zimmer ward mit Blumen geſchmückt, und das Bett mit der allerfeinſten Leinwand überzogen; auch wollten die beiden Ladies dieß ſchlech⸗ terdings ſelbſt thun, und, noch nicht zufrieden damit, knieten ſie vor dem Bette nieder, und küßten die Bett⸗ tücher aus Achtung für das Gewebe, das die heilige Perſon eines Königs aufnehmen ſollte. Die Toilette war von Silber und Kryſtall; auf den Schreibtiſch wurde eine Copie von Eikon⸗Baſilike gelegt, ein Por⸗ trät des Märtyrerkönigs hing ſtets über dem Kamin⸗ ſimſe; darunter hing ein Degen, der dem armen Lord Caſtlewvod gehört hatte, ſowie ein kleines Bild oder Emblem, das die Wittwe beim Erwachen ſtets vor, Augen haben wollte, und worin das Haar ihres ſeli⸗ gen Gatten mit dem ihrer beiden Kinder verarbeitet war. Ihre Andachtsbücher nahm ſie, da dieſelbe alle für anglikaniſche Chriſten beſtimmt waren, in das obere Appartement hinauf, das ſie für ſich beſtimmte. Als alle dieſe liebevollen Vorbereitungen beendet waren, zeigten die Ladies Mr. Esmond dieſelben. Und da kniete Beatrix nieder, und küßte die leinenen Betttücher. Was ihre Mutter betrifft, ſo machte Lady Caſtlewood an der Thüre einen Knicks, wie ſie wohl, beim Eintritt in eine Kirche, nach dem Altar hin einen gemacht haben würde, und geſtand, daß ſie das Zim⸗ mer gewiſſermaßen als etwas Heiliges anſehe. In der Geſindeſtube dachte man natürlich auch nicht einen Augenblick, daß dieſe Vorbereitungen Je⸗ mand anders gälten, als dem jungen Viscount, dem Herrn des Hauſes, den ſeine zärtlich liebende Mutter ſeit ſo vielen Jahren nicht mehr geſehen. * 401 Beide Ladies wären vollkommene Hausfrauen, in⸗ dem ſie in der Zubereitung von allerlei Eingemachtem, von wohlriechenden Waſſern und ſo weiter äußerſt ge⸗ ſchickt waren, und auch die Küche gehörig beaufſichtig⸗ ten. Es wurden ſo viele Kälber geſchlachtet, daß man ein ganzes Heer von verlorenen Söhnen hätte damit füttern können: ſo dachte wenigſtens Esmond, und es konnte ſich derſelbe eines Lachens nicht enthalten, als er an dem Tage, an dem die Gäſte ankommen ſollten, ſeine Aufwartung machte, und die vier ſchönſten und ründeſten Arme, die man in England ſehen konnte (— my Lady Caſtlewvod war wegen dieſer Schönheit ihrer Perſon wirklich bemerkenswerth —), bis an die Elbogen hinauf mit Mehl bedeckt fand, und als er ſah, wie die beiden Damen in dem Cabinett der Haus⸗ hälterin Teig machten und das Nudelholz handhabten. Der Gaſt wollte erſt zum Abendeſſen ankommen, und my Lord wollte ſich dieſes Mal lieber auf ſeinem Zimmer ſerviren laſſen. Man kann ſich darauf ver⸗ laſſen, daß dort das ſchönſte Silbergeſchirr des Hauſes aufgelegt wurde, und wird nun verſtehen, warum die beiden Ladies das junge Haupt der Familie ſchlechter⸗ dings allein bedienen wollten. Obriſt Esmond ſtieg ſodann zu Pferde, und ritt ſchnell nach Rocheſter und wartete auf den König in derſelben Stadt, wo ſein Vater zum letzten Male den Fuß auf den engliſchen Boden geſetzt hatte. Dort war in einem Gaſthauſe für my Lord Caſtle⸗ wood und deſſen Diener ein Zimmer parat gehalten worden; und Obriſt Esmond ealeulirte bei ſeinem Ritte ſo gut, daß er kaum eine halbe Stunde an Ort und Stelle geweſen war, und gerade vom Balkon in den Hof des Gaſthauſes hinabſah, als zwei Reiſende zum Thore des Hauſes hereinritten. In einem Nu war der Obriſt unten, und lag einen Angenblick darauf am Halſe ſeines lieben jungen Lords. Henry Esmond. U. 26 ——— 402 My Lord's Begleiter, der die Rolle eines Dome⸗ ſtiken ſpielte, ſtieg ab, und wollte dem Viscount den Steigbügel halten. Obriſt Esmond aber rief ſeinen eigenen Bedienten herbei, der gerade im Hofe war, und befahl demſelben, die Pferde in den Stall zu führen, und ſich mit dem Burſchen abzufinden, der als Poſtknecht mit den beiden Reiſenden geritten warz zu⸗ gleich rief er in herriſchem Tone und in franzöſiſcher Sprache my Lords Begleiter einige Worte zu, und ſtellte ſich, als ſei er unzufrieden darüber, daß my Lords Burſche ein Franzoſe ſei, und weder das Geld. noch die Gewohnheiten des Landes kenne. Die von Obriſt Esmond geſprochenen Worte aber waren etwa folgende: „Mein Diener wird ſchon nach den Pferden ſehen, Baptiſte: verſtehen Sie Engliſch?“ „Sehr wenig.“ „Folgen Sie alſo my Lord und ſerviren Sie ihn beim Diner, das er auf ſeinem Zimmer einnehmen wird.“ Es ſtand nicht lange an, ſo brachten der Wirth und ſeine Leute die Schüſſeln herauf, und es war gut, daß ſie in der Gallerie einiges Geräuſch machten, ſonſt hätten ſie ſehen können, wie Obriſt Esmond vor Lord Caſtlewvod's Diener auf den Knien lag, — wie der⸗ ſelbe Seine Majeſtät in ſeinem Reiche willkommen hieß, — und wie er die Hand des Königes küßte. Darauf ſagten wir dem Wirthe, daß der Franzoſe ſeinen Herrn bedienen würde; Esmond's Diener aber erhielt den Befehl, draußen, vor der Thüre, in der Gallerie Schildwache zu ſtehen. Der Prinz zeigte einen guten Appetit, und lachte, und ſprach in ungemein luſtiger Weiſe, und lud voller Herablaſſung ſeine beiden Begleiter ein, ihm beim Eſſen Geſellſchaft zu leiſten und ſich gleichfalls zu ſetzen. Er war beſſer aufgelegt, als der arme Frank Caſtlewvod, von dem Esmond glaubte, daß der Abſchied von ſeiner 403 himmliſchen Clotilde ihn ſo in Gram und Kummer verſenkt haben könne; als aber der Prinz den Wunſch bezeigte, nach dem Diner ein wenig auszuruhen, und als derſelbe ſich in ein inneres Zimmer zurückzog, wo ein Bett ſtand, da kam die Urſache der Verwirrung des armen Frank heraus; und der trene Burſche gab, in⸗ dem er unter vielen Ausdrücken der Zärtlichkeit, und der Freundſchaft, und der Demüthigung in Thränen ausbrach, ſeinem Vetter zu verſtehen, daß er nun die ganze Wahrheit und die Opfer kenne, die Obriſt Es⸗ mond für ihn gebracht. Da Mr. Esmond es nicht für gut befunden, dem armen Frank dieſes Geheimniß mitzutheilen, ſo hatte er auch ſeine Gebieterin gebeten, daß ſie es ihrem Sohne nicht enthüllen möchte. Aber der Prinz hatte dem armen Burſchen Alles geſagt, während ſie von Dover hergeritten waren. Frank ſagte: „Ich hätte mich ebenſo gern von ihm erſchießen laſſen: ich wußte zwar, daß Du der beſte, der tapferſte und der gütigſte aller Menſchen (— ſo fuhr der enthu⸗ ſiaſtiſche junge Burſche fort —) biſt; aber ich ließ mir nie einfallen, daß ich Dir ſo viel zu verdanken hätte und vermag kaum unter der Wucht der Verbindlichkeit mich aufrecht zu erhalten.“ „Ich vertrete bei Dir Vaterſtelle“ ſagt Mr. Es⸗ mond freundlich, „Dein Vater wird doch noch zu Gunſten ſeines Sohnes ſich ſelbſt berauben dürfen. Ich entſage der zwei Pfennig⸗Krone, und verleihe Dir das Königreich Brentford: ſei kein Narr, und weine nicht; Du gibſt einen weit ſchlankeren und hübſcheren Viscount ab, als ich je hätte abgeben können.“ Aber der liebevolle Burſche konnte vor lauter Schwüren und Betheuerungen, vor lauter Lachen und unzuſammenhangenden Ausbrüchen leidenſchaftlicher Ge⸗ müthsbewegung einige Zeit lang durchaus nicht ver⸗ 404 mocht werden, ſich mit Esmond's Spott zufrieden zu geben; er wollte vor Letzteren hinknien, und küßte ihm die Hand, und bat ihn inſtändigſt, er möchte doch Et⸗ was von ihm verlangen, — er möchte von Caſtlewvod ſein Leben oder das eines Andern, kurz irgend Etwas verlan⸗ gen, ſo daß er ſeine Dankbarkeit für den Edelmuth an den Tag legen könnte, den Esmond gegen ihn bewieſen. „Der K—, der lachte,“ ſagte Frank, nach der Thüre hin weiſend, wo ſich der Schlafende befand, und in leiſem Tone ſprechend, — „ich glaube, er hätte nicht lachen ſollen, als er mir die Geſchichte erzählte. Während wir, franzöſiſch ſprechend, von Dover hierher ritten, ſprach er von Dir und Deinem Beſuche in Bar; er nanute Dich nur „le graud Sérieux,“ Don Bellianis von Griechenland, und ich weiß nicht mehr, wie viele Namen er Dir ſonſt noch gegeben; auch äffte er Deine Manier nach (— hier lachte Caſtlewood ſelbſt —), und zwar überaus gut. „Er ſcheint mit Allem ſeinen Spott zu treiben. Er iſt gar nicht wie ein König, und ich weiß nicht, Harry, wie es kommt, daß Du mir wie ein ſolcher er⸗ ſcheinſt. Er ſcheint gar nicht zu bedenken, wie Viel wir Alle auf's Spiel ſetzen. Er würde ſich zu Can⸗ terbury aufgehalten haben, um dort einer Kellnerin nachzulaufen, hätte ich ihn nicht inſtändigſt gebeten, die Reiſe fortzuſetzen. „Der Prinz hat zu Chaillot ein Haus, wo er ſich Wochen lang, fern von der Königin, und mit jeder Art ſchlechter Geſellſchaft zu begraben pflegte,“ ſetzte Frank mit ernſtem, ſittſamem Blicke hinzu. „Du magſt lächeln, aber ich bin nicht mehr der wilde Kerl, der ich war: nein, nein, ich bin zu beſſerer Einſicht gelangt.“ Letztere Worte waren in recht andächtiger Weiſe geſprochen, und der arme Burſche bekreuzte ſich auf der Bruſt. „Du biſt mein theurer, wackerer Junge,“ ſagt ₰ —— 405 Obriſt Esmond, von der Einfalt des jungen Burſchen gerührt; „und es wird ein edler Gentleman zu Caſtle⸗ wood wohnen, ſo lange mein Frank dort iſt.“ Der ungeſtüme junge Burſche wollte, mit einem abermaligen Anfalle von Dankbarkeit, auf's Neue auf die Knie niederſinken; und nur eine Stimme, die aus dem nächſten Zimmer zu unſern Ohren drang, verhin⸗ derte ihn wohl daran. Dieſe Stimme war keine andere als die des hohen Schlafenden, der ſo eben erwacht war, und ausrief: „PBh, La Fleur, un verre d'eau!“ Und Seine Majeſtät trat gähnend heraus. „Vermaledeit, ſagte dann Allerhöchſtderſelbe wei⸗ ter, „ſei Euer engliſches Ale! Es iſt ſo ſtark⸗ daß es mich, ma foi, beduſelt hat.“ Die Wirkung des Ale äußerte ſich gegenüber von unſern Pferden als ein Sporn, und ſo ritten wir dann ſehr raſch nach London, und erreichten mit Einbruch der Nacht Kenſington. Mr. Esmond's Bedienter blieb in Rocheſter zu⸗ rück, um die ermüdeten Pferde zu beſorgen, während auf dem Wege für uns friſche Pferde parat waren. Und da ſetzte denn der neben dem Prinzen hergalop⸗ pirende Obriſt dem Prinzen von Wales auseinander, was er bis daher in der Sache gethan; wer die Freunde waren, die um das Unternehmen wußten; wem der Prinz, nach der Anſicht Esmond's, trauen ſollte. Vor Allem aber bat er ihn, doch ja das allertiefſte Schwei⸗ gen zu beobachten, und ſich doch ja nicht ſehen zu kaſſen, bis die Zeit gekommen wäre, wo Seine König⸗ liche Hoheit offen auftreten könnte. Die Stadt zählte eine Menge Leute, welche der Sache des Prinzen wohlwollten; es gab Hunderte von Perſonen, die mit St. Germain correſpondirten, — offene und verkappte Jakobiten, — hohe und niedere, — bei Hofe und bei der Königin, — im Parlamente, 406 in der Kirche, und unter den Kaufleuten der City⸗ Der Prinz hatte zahlloſe Freunde bei der Armee, im Geheimen Rathe, und unter den Staatsbeamten. Die Hauptſache ſchien dem kleinen Häuflein von Perſonen, welche dieſen kühnen Streich verabredet, — welche den Bruder der Königin in ſein Vaterland zurückgebracht, zu ſein, daß ſein Beſuch unbekaunt bliebe, bis die rechte Zeit gekommen wäre, wo ſeine Anweſenheit Freunde und Feinde gleich ſehr überraſchen würde, und wo Letztere ſo unvorbereitet und uneins wären, daß ſie keine Zeit fänden, ihn anzugreifen. Wir fürchteten von ſeinen Freunden mehr, als von ſeinen Feinden. Die Lügen und die Klatſchereien, welche von den jakobitiſchen Agenten in London nach St. Germain berichtet worden waren, hatten der Sache des Prinzen unberechenbaren Schaden gethan, und hat⸗ ten ihn jämmerlich irre geleitet; und vor dieſen ins⸗ beſondere wollten die bei dem Wagniſſe betheiligten Perſonen den Mann ſchlechterdings ſchützen, welcher dabei die erſte Rolle zu ſpielen hatte. *) Die Reiſenden kamen mit Einbruch der Nacht in London an, ließen im Poſthauſe, Weſtminſter gegenüber, ihre Pferde ſtehen, und ſetzten in einer Fähre über das Waſſer. Dort wartete Lady Esmonds's Kutſche bereits. Eine Stunde darauf waren wir Alle in Kenſing⸗ *) Die Führer waren: 1., der Biſchof, der nun nicht mehr darunter leiden kaun, wenn ich hier ſeinen Na⸗ men nenne, 2., ein ſehr thätiger und lohaler, nicht conformiſtiſcher Geiſtlicher, 3., eine Dame, die bei Hofe in höchſter Gunſt ſtand, und mit welcher Beatrir Es⸗ mond evmmunieirte, 4., zwei Edelleute von höchſtem Range, und 5., ein Mitglied des Unterhauſes, das bei mehr denn einem Complotte betheiligt war, wodurch die Reſtauration der Stuart'ſche Familie hätte bewerk⸗ ſtelligt werden ſollen. — 407 ton, und es hatte dann die Herrin vom Hauſe die Befriedigung, wornach ſie ſich ſchon ſeit ſo vielen Jah⸗ ren geſehnt, — die Befriedigung nämlich, ihren Sohn umarmen zu können, der ſeinerſeits, trotz all' ſeines verkehrten Weſens, ſtets eine überaus zärtliche Liebe zu ſeiner Mutter bewahrte. Sie ließ ihren Gefühlen freien Lauf, obgleich Do⸗ meſtiken in der Nähe waren, und my Lord Caſtlewood's Begleiter in der Vorhalle ſtand. Esmond mußte Letzterem in franzöſiſcher Sprache zuflüſtern, er ſolle doch den Hut abnehmen. Monſieur Baptiſte vernachläſſigte beſtändig ſeine Rolle, und zwar mit einem unbegreiflichen Leichtſinne. Während des Rittes nach London hatten mehr denn ein Mal kleine Bemerkungen des Fremden, und Worte, welche die größte Unkenntniß des Landes ver⸗ riethen, das der Prinz bald regieren wollte, die Em⸗ pfindlichkeit der beiden Herren, die ſeine Eskorte bilde⸗ ten, erregt; auch konnten ſich Beide nicht enthalten, ſich in ihrem Innerſten zu geſtehen, daß es ihnen lieb wäre, wenn ſein Betragen ein anderes ſein könnte, und daß das Lachen, und die Leichtfertigkeit um nicht zu ſagen, die Zügelloſigkeit und Frechheit, die ſein Geſpräch cha⸗ rakteriſirten, kaum für einen ſo großen Prinzen und eine ſo feierliche Gelegenheit paßten. Richt als ob der Prinz zu paſſender Zeit nicht hätte Muth und Würde zeigen können. Er hatte ſich, wie wir Alle wußten, im Felde überaus muthig gezeigt. Auch hatte Esmond eine Abſchrift von dem eigenhändigen Briefe geſehen, den der Prinz geſchrieben, als ſeine Freunde in England in ihn gedrungen waren, daß er doch ſeine Religion abſchwören möchte, und Esmond hatte die männliche und großherzige Antwort bewun⸗ dert, welche ſeine Weigerung, der Verſuchuug nachzu⸗ geben enthielt. Monſieur Baptiſte nahm alſo den Hut ab, und ſagte 408 über die Andentung erröthend, die Obriſt Esmond ihm zu geben gewagt: „Tenez, elle est jolie, la petite möre; Foi de Chevalier! elle est charmante; mais l'autre, qui est Lette nymphe, cet astre qui brille, cette Diane qui descend sur nous?“ Und er fuhr zurück, und drängte ſich vor, wäh⸗ rend Beatrix die Treppe herabkam. Letztere war, jetzt zum erſten Male in ihrem eigenen Hauſe, in vollem Staate; ſie trug die Diamanten, die Esmond ihr ge⸗ geben. Es war zwiſchen ihnen ausgemacht worden, daß ſie dieſe Brillanten an dem Tage tragen ſollte, an dem der König das Haus betreten würde, und ſie ſah wahrhaftig wie eine Königin aus, ſtrahlend in ihren Reizen, und herrlich und wahrhaft königlich in ihrer Schönheit. Caſtlewvod ſelbſt war von ſo viel Schönheit und Glanz betroffen; er trat zurück, und ſchaute ſeine Schwe⸗ ſter an, wie wenn er zuvor nicht geſehen (— auch hatte er es höchſt wahrſcheinlich nicht geſehen —), wie voll⸗ kommen reizend ſie wäre; auch erröthete er, wie ich glaubte, während er ſie küßte. Was den Prinzen betrifft, ſo konnte er ſich an ihr gar nicht ſatt ſehen: er vergaß ganz und gar ſeine untergeordnete Rolle, obgleich man ſie ihn hatte ein⸗ ſtudiren laſſen, und ein kleiner, leichter Mantelſack eigens für ihn in Bereitſchaft gehalten worden war. Dieſen Mantelſack ſollte er wie ausgemacht worden, tragen. Allein er drängte ſich nun vor my Lord Viscount hin. Glücklicher Weiſe waren die Augen der Dienerſchaft in andern Richtungen beſchäftigt, ſonſt hätten ſie wohl ſehen müſſen, daß dieß kein Diener, oder doch ein gar frecher und grober war. Und abermals ſah Obriſt Esmond ſich genöthigt, mit lauter, herriſcher Stimme auszurufen: 409 i ſo geben Sie doch auf den Mantelſack 1. Dieſe Worte hatten zur Folge, daß der eigen⸗ ſinnige junge Mann mit den Zähnen knirſchte, und Etwas, das einem Fluche ähnlich war, vor ſich hin brummte; und dann warf er ſeinem Mentor einen kur⸗ zen Blick zu, der eher alles Andere ausdrückte, als Freude. Indeſſen nahm er denn doch, da er es ein Mal geheißen worden, den kleinen Mantelſack auf die Achſel, und trug denſelben die Treppe hinauf, wobei Esmond, ſo wie ein Diener mit brennenden Kerzen ihm voranging. Oben, im Schlafzimmer, angekommen, warfBaptiſte ſeine Laſt in überaus mürriſcher Weiſe auf den Boden hin. „Ein Prinz, der eine Krone tragen will, muß auch eine Maske zu tragen wiſſen,“ ſagt Mr. Esmond in franzöſiſcher Sprache. „Ah, peste! Ich ſehe ſchon, wie es iſt!“ ſagt Monſieur Baptiſte, das Geſpräch in franzöſiſcher Sprache fortſetzend. „Le grand Sérieux iſt ernſtlich —“ „In Unruhe wegen Monſieur Baptiſte,“ fiel ihm der Obriſt in's Wort. Esmond gefiel weder der Ton, in dem der Prinz vor den Ladies ſprach, noch die Augen, womit er die⸗ ſelben anſchaute. Das Schlafzimmer, ſowie die zwei anſtoßenden Zimmer, das Cabinett, und das Appartement, welches my Lords Wohnzimmer genaunt werden ſollte, waren bereits erlenchtet und harrten deſſen, der ſie bewohnen ſollte; und ebenſo ſtand für my Lord ein Rachteſſen parat. Lord Caſtlewood kam einen Augenblick ſpäter mit ſeiner Mutter und Schweſter die Treppe herauf, und ſobald die Domeſtiken ſich entfernt hatten, entblößten ſich Caſtlewvod und Esmond, und fielen die beiden Damen vor dem Prinzen auf die Knie nieder. 41⁰ Der Prinz gab Jeder höchſt gnädig eine Hand. Die Rolle eines Prinzen ſtand ihm offenbar mehr an, als die eines Dieners, in der er ſich ſo eben verſucht hatte; und nun hob er Beide, mit vieler Würde und Güte in ſeinem Benehmen, auf. „Madame,“ ſagt er, „meine Mutter wird Ew. Ladyſchaft danken für die Gaſtfreundſchaft, die Sie ih⸗ rem Sohne erweiſen; und was Sie betrifft, Madame,“ ſetzt er, zu Beatrix gewandt, hinzu, „ſo iſt es mir un⸗ erträglich, ſo viel Schönheit in ſolcher Stellung zu ſe⸗ hen. Sie werden Monſieur Baptiſte verrathen, wenn Sie vor ihm auf den Knien liegen; und gewiß iſt es eher an ihm, vor Ihnen zu knien.“ Ihre Augen ſprüheten Feuer, — ein Feuer, hell genug, um in jeder Bruſt eine Leidenſchaft zu entzün⸗ den. Es gab Angenblicke, wo dieſes Geſchöpf ſo wunderſchön war, daß ſie ſich gleichſam, wie Venus, durch ihren plötzlichen Glanz als Göttin enthüllte. Und ſo erſchien ſie jetzt, — ſtrahlend, und mit Augen, die einen wunderbaren Glanz von ſich gaben. Es zuckte durch Esmond's Herz eine unnennbare Pein, — Etwas wie Wuth und Eiferſucht, — als er den Blick erſpähete, den ſie dem Prinzen zuwarf; ſodann ballte er ganz unwillkührlich die Hand, und blickte zu Caſtlewood hinüber, deſſen Augen ſein Lärmſignal beantworteten, und gleichfalls auf der Hut waren. Der Prinz gab ſeinen Unterthanen während einiger Minuten Audienz, und dann verließen die beiden Ladies mit Obriſt Esmond das Zimmer. Lady Caſtlewood drückte dem Obriſten die Hand, während ſie mit ein⸗ ander die Treppe hinunter gingen; und es zogen ſich nun die Drei in die unteren Zimmer zurück, wo ſie eine Weile warteten, bis die Reiſenden droben ſich etwas erholt haben würden, und bereit wären, ihr Abendeſſen einzunehmen. 411 Esmond ſchaute Beatrix an, die, mit den Juwelen an ihrem ſchönen Halſe, funkelte und ſtrahlte. Ich habe mein Wort gehalten,“ ſpricht der Obriſt. Und ich das meinige,“ antwortet Beatrir, auf die Diamanten niederblickend. „Wäre ich der Großmogul,“ fährt der Obriſt fort, „ſo müßteſt Du alle haben, die aus den Gruben von Golkonda kämen.“ Dieſe da ſind ſchon viel zu gut für mich,“ ſagt Beatrix, den Kopf auf ihre ſchöne Bruſt niederſinken laſſend, — „ſo ſeid ihr Alle, — Alle.“ Und als ſie nach einem Augenblicke und nach einem Seufzer wieder aufblickte, zeigten ihre Augen, während ſie ihren Couſin anſchaute, jenen melancho⸗ liſchen und unergründbaren Blick, von dem man nie wiſſen konnte, was dahinter ſtak. Als die Zeit des Abendeſſens herbeikam, wovon wir durch ein Klopfen über unſern Häuptern benach⸗ richtigt wurden, begab ſich Obriſt Esmond mit den beiden Damen nach dem oberen Appartement, wo der Prinz und neben ihm der junge Viscvunt ſchon parat ſtanden. Letzterer hatte genau daſſelbe Alter, dieſelbe Figur, wie der Prinz: auch waren ſeine Geſichtszüge von denen des Letzteren nicht ſehr verſchieden, obgleich die Frank's offenbar ſchöner waren. Der Prinz ließ ſich auf einen Stuhl nieder, und lud die Damen gleichfalls zum Sitzen ein. Die Herren blieben ſtehen, da auch nur für zwei Perſonen gedecktwar. Wer will den Platz neben mir einnehmen?“ ſpricht der Prinz. „Das Haupt unſeres Hauſes wird ihn einnehmen,“ ſagt Lady Caſtlewvod, die Hand ihres Sohnes er⸗ faſſend, und mit einer Verbengung und einem großen Zittern in ihrer Stimme nach Obriſt Esmond hin⸗ ſchauend; „der Marquis von Esmond wird die Ehre haben, den König zu bedienen.“ 412 „Ich werde die Ehre haben, Seine Königliche Hoheit zu ſerviren,“ ſpricht Obriſt Esmond, einen Becher mit Wein füllend, und, nach der damaligen Sitte, denſelben auf einem Knie dem Könige darreichend. „Ich trinke auf das Wohl der Hauswirthin und ihrer Familie,“ ſpricht der Prinz mit einer Miene, in der ſich eben nicht die größte Frende ausdrückte. Aber die Wolke in ſeinem Geſichte zerſtreute ſich alsbald wieder, und er ſprach nun mit den Damen in überaus lebhafter Weiſe, wobei er ſich ſo ganz gehen ließ, und ſich nicht im Mindeſten um das gelbe Ausſehen des armen Mr. Esmond kümmerte, der wohl recht ſauer darein geſehen haben mag. Als die Zeit des Abſchiednehmens herbeikam, ging Esmond zu Fuße nach Hauſe, und begegnete an jenem Abende auf dem Wege Mr. Addiſon, der nach einem Landhauſe ging, das er zu Fulham beſaß; dabei be⸗ leuchtete der Mond ſein ſchönes, ruhiges Geſicht. „Wie geht's, Bruder?“ ſagt Addiſon lachend. „Ich glaubte wahrlich, es komme im Dunkeln ein Räuber auf mich zu, und ſiehe da, es iſt ein alter Freund. Wir können uns im Dunkeln die Hand ſchütteln, Obriſt: es iſt beſſer, als wenn wir bei hellem Tage uns ſchlagen. Warum ſollten wir auch mit ein⸗ ander Streit darüber bekommen, daß ich ein Whig bin, und daß Du ein Tory biſt? „Geh' mit mir bis nach Fulham, wo noch eine Nachtigall im Garten ſchlägt, und wo in einem mir wohlbekannten Keller eine kühle Flaſche ſteht: meinetwegen kannſt Du, wenn Du Luſt haſt, auf das Wohl Deines Prätendenten trinken, während ich in meiner eigenen Weiſe trinke: Du meinſt wohl, ich habe des guten Weins ſchon genug getrunken? — Nein, nie! Es gibt für die Liebhaber guten Weines kein ſolches Wort, — kein genug'. „Ah, Du willſt alſo nicht kommen? So komm' 41³ ein anderes Mal, — aber recht bald. Du weißt, ich erinnere mich des Simois, und der Sigeia tellus, und der proelia mixta mero, —mixta meror“ wiederholte er, während ſeine Stimme einen, wenn auch noch ſo kleinen Anflug von merum zeigte. Und er begleitete Esmond eine kleine Strecke weit, und ermahnte ihn, ſich jeder Zeit zu erinnern, daß er ſein Freund, und daß er ihm für ſeine Hülfe bei dem Gedichte, die „Campagne“ betitelt, zu Dank ver⸗ pflichtet wäre. Und aller Wahrſcheinlichkeit nach wäre der Herr Unterſecretär gerne in die Wohnung des Obriſten ge⸗ treten, um die andere Flaſche mit ihm auszuſtechen, wenn Esmond ihn eingeladen hätte; aber Letzterer war nicht eben bei der roſenfarbigſten Laune, und wünſchte ſeinem Freunde an der Thüre eine ungaſt⸗ freundliche gute Nacht. Die That iſt geſchehen,“ dachte er, ſchlaflos und in die Nacht hinausblickend; „ex iſt nun hier; und ich habe ihn hierher gebracht; er ſchläft jetzt mit Beatrir unter einem und demſelben Dache. Wem wollte ich dienen, indem ich ihn hierher brachte? Wollte ich dem Prinzen, oder aber wollte ich Harry Esmond dienen? Wäre es nicht beſſer geweſen, wenn ich das männliche politiſche Glanbensbekenntniß Addiſon's angenommen hätte, — jenes Glaubensbekenntniß, das ſich über die alte Lehre vom göttlichen Rechte luſtig macht, — das kühn und unverholen ausſpricht, das Parlament und das Volk weihe den Souverain, nicht aber Biſchöfe, noch Genealogien, noch Oele, noch Krönungen?“ Die gierigen Blicke, womit der junge Prinz jede Bewegung Beatrirens beobachtete, verfolgten Esmond, und ließen ihm keinen ruhigen Augenblick. Gar oft erſchien ihm während jener Nacht die Geſtalt des Prinzen in ſeinen ſieberiſchen Träumen. Er wünſchte, es wäre die That ungeſchehen, um derentwillen er 4¹4 freiwillig ſo viele Mühe übernommen. Er war nicht der Erſte, der ſeine eigene That bereut oder ſeinen eigenen Ruin herbeigeführt hat. Ruin? Steht es ihm wohl an, ein ſolches Wort noch in ſeinem Alter niederzuſchreiben? Nein, er ſollte eher dem Himmel auf den Knien danken für das, was er damals als ein Unglück erachtete, und was das ganze ſpätere Glück ſeines Lebens gemacht hat. Esmond's Diener, der ehrliche John Lockwood, hatte ſein Lebenlang ſeinem Herrn und der Familie gedient, und es wußte der Obriſt, daß er für John's Treue ebenſo gut garantiren könne, als für ſeine eigene. John kam am nächſten Morgen ſchon frühe von Rocheſter mit den Pferden zurück, und der Obriſt inſtruirte ihn dahin, daß er, wenn er nach Kenſington gehe, wo er jeder Zeit in das Bedientenzimmer treten durfte und Miſtreß Beatrixens Kammerjungfer den Hof machte, gar Nichts fragen, und kein Erſtannen verrathen, ſon⸗ dern ſtandhaft behanpten ſolle, es ſei der junge Gentleman, den er vielleicht dort in einem rothen Rocke ſehe, my Lord Viscount Caſtlewwod, und es ſei ſein grau ge⸗ kleideter Begleiter Monſieur Baptiſte, der Franzoſe. Auch ſollte er ſeinen Freunden in der Küche Geſchichten aus my Lord Viscounts Jugend erzählen; er ſollte ihnen ſagen, was für ein wilder Junge der Viscvunt zu Caſtlewvod geweſen, — wie er Jack zu drillen und zu prügeln gepflegt habe, ehe er noch Soldat geweſenz mit einem Worte, er ſollte Alles erzählen, was er aus my Lord Viscounts Jugendzeit noch wußte. Jack's Begriffe von der Malerei waren während ſeines Aufenthalts in Flandern nicht gar ſehr ausge⸗ bildet worden; auch hatte man, ehe der junge Lord nach England zurückkehrte, gar keine Mühe gehabt, ihm weis zu machen, daß das von Paris herüberge⸗ brachte und nun in Lady Caſtlewvod's Salon hangende 41⁵ Bild ihrem Sohne, dem jungen Lord, ſprechend ähnlich wäre. Und da die Domeſtiken alle das Porträt oft geſehen, und die beiden Fremden an dem Abende ihrer Ankunft nur einen Augenblick und unvollkommen zu Geſicht bekommen, ſo hatten ſie gar keinen Grund, an der Treue des Porträts zu zweifeln; und als ſie daher an dem darauf folgenden Tage das Original des Stückes genau ſo gekleidet ſahen, wie auf dem Porträt, das heißt, als ſie es dieſelbe Perrücke, dieſelben Bänder, und dieſelbe Gardeuniform tragen ſahen, ſo redeten ſie den Gentleman ganz natürlich als my Lord Caſtlewvod, my Lady Viscounteß's Sohn, an. Der Sekretär vom vergangenen Abende war nun der Viscvunt; der Viscount aber trug den grauen Rock des Setretärs; und John Lockwood wurde weiter dahin inſtruirt, daß er der Dienerſchaft zu verſtehen geben ſolle, es ſei ſehr möglich, daß, da my Lord ein Papiſt und dieſer Religion ſehr ergeben, ſein Begleiter Riemand anders ſei, als ſein Kaplan aus Brüſſel; und es dürfe daher nicht überraſchen, wenn dieſer Kaplan mit my Lord ſpeiſe. Auch wurde Frank anempfohlen, das Engliſche mit fremdem Accent zu ſprechen, welcher Aufgabe er nur ſehr unvollkommen genügte; und dieſe Vorſichts⸗ maßregel war um ſo nothwendiger, da der Prinz ſelbſt unſere Sprache kaum wie ein geborner Engländer ſprach; und John Lockwood lachte mit dem Bedienten⸗ volke über die Art, wie my Lord, nach einer Abweſen⸗ heit von fünf Jahren, bisweilen ſeine Mutterſprache vergeſſe und dieſelbe wie ein Franzoſe ſpreche. „Ich ſtehe dafür,“ ſagte der ſchlaue Diener, „my Lord wird, wenn er brav engliſches Rindfleiſch ißt und engliſches Bier trinkt, bald wieder den rechten Gebrauch ſeines Mundes erlangen.“ Und ſoll ich Seiner neuen Lordſchaft Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſo muß ich ſagen, daß Bier und 416 Rindfleiſch von dem gnädigen Herrn gar nicht ver⸗ ſchmäht wurden. Der Prinz trank ſo Viel, und war, wenn er ein Mal getrunken, in ſeinem Geſpräche ſo laut und un⸗ vorſichtig, daß Esmond oft fürihn zitterte. Es wurde ihm ſein Eſſen ſo oft wie möglich auf ſeinem eigenen Zimmer ſervirt, obgleich er ſich oft in Lady Caſtlewvod's Par⸗ lour und Salon zeigte, wo er vor der Dienerſchaft Beatrix „Schweſter“ und Ihre Ladyſchaft „Mutter“ oder „Madame“ nannte. Auch wollte der Prinz ſeine Rolle als Bruder und Sohn nicht bloß halb ſpielen, ſondern küßte bisweilen Miſtreß Beatrix, ſowie Lady Caſtlewvod mit einer Ungenirtheit, die ſeinem Secretär ganz und gar nicht geſiel, und worüber Obriſt Esmond ſeinerſeits vor Wuth mit den Zähnen knirſchte. * * * Es waren die Gäſte noch keine drei Tage im Hauſe, als der arme Jack Lockwvod mit jämmerlich ausſehendem Geſichte vor ſeinen Herrn trat, und ſprach: „My Lord, das heißt —, der Gentleman, hat mit Mrs. Lucy (— dieſe Schöne war Jack's Geliebte —) einen Liebeshandel angefangen, und hat ihr Guineen, ſowie einen Kuß gegeben.“ Ich fürchte, Obriſt Esmond fühlte ſich ſo ziemlich erleichtert, als er fand, daß die Magd die Schöne war, die der Prinz ſich auserkoren. Wußte man doch, daß ſein königlicher Geſchmack in dieſer Richtung lag, und auch ſpäter noch dieſer Richtung treu blieb. Der Erbe eines der größten Namen, eines der größten Reiche, und eines der größten Mißgeſchicke, ſo Europa aufzuweiſen hatte, legte oft die Würde ſeiner Geburt und ſeines Kummers vor die Holzſchuhe einer franzöſiſchen Kam⸗ merfrau, und that dann (— denn er war ſehr fromm —) 417 Buße in Aſche, die aus dem Kehrichtfaſſe genommen war. und für ſolche Sterbliche leiden Nationen, käm⸗ pfen Parteien, bluten und ſchlagen ſich Krieger. Ein Jahr darauf fielen muthige Häupter, und flüchtete ſich Nithsdale, und ſtarb Derwentwater auf dem Schaffot, während der ſorgloſe und unbeſonnene Undankbare, für den ſie Alles wagten, und Alles verloren, mit ſeinem Maitreſſen⸗Serail in ſeiner petite maison zu Chaillot pokulirte. Schamroth darüber, daß er eine ſolche Botſchaft zu überbringen hatte, mußte Esmond nun zum Prinzen gehen, und demſelben kund thun, daß das Frauenzim⸗ mer, dem Seine Hoheit Geld gegeben, Niemand anders ſei, als John Lockwood's Geliebte, ſowie daß dieſer John Lockwood ein ehrlicher, entſchloſſener Mann ſei, der bereits in ſechs Feldzügen gedient, und ſich vor Nichts fürchte, und wiſſe, daß die Perſon, die ſich Lord Caſtlewvod nenne, nicht ſein junger Gebieter ſei. Und der Obriſt bat den Prinzen, doch ja zu erwägen, welche Folgen die Eiferſucht eines Mannes haben könne, und an andere Plane zu denken, die wichtiger ſeien, als die Verführung einer Kammerfrau und die Erniedri⸗ gung eines braven Mannes. Wohl zehn Mal mußte im Laufe ebenſo vieler Tage Mr. Esmond dem jungen königlichen Abenteurer irgend eine Unvorſichtigkeit vorhalten, oder ihn wegen irgend einer Freiheit, die er ſich genommen, tadeln. Der Prinz nahm dieſe Vorſtellungen gar mürriſch auf, diejenige vielleicht abgerechnet, welche die Klage des armen Lockwvod zum Gegenſtand hatte. Bei die⸗ ſer Gelegenheit geruhte er in ein lautes Gelächter auszubrechen, und zu ſagen: „Was! die Soubrette hat dem amoureux gebeich⸗ tet, und Criſpin iſt böſe, — und Criſpin hat gedient, Henry Esmond. I. 27 418 — und Criſpin iſt Korporal geweſen, — wirklich? Ei, ſo ſagen Sie ihm, wir wollen ſeine Tapferkeit durch eine Fähndrichsſtelle anerkennen, und ſeiner Treue den Lohn zu Theil werden laſſen, den ſie verdient.“ Obriſt Esmond wagte es, einige weitere bittende Worte vorzubringen; aber der Prinz ſtampfte in gebie⸗ teriſcher Weiſe auf den Boden, und rief: „Allez, Milord: je m'ennuye à la préche; ich bin nicht nach London gekommen, um in die Predigt zu ehen.“ Und ſpäter beklagte er ſich gegen Caſtlewvod dar⸗ über, daß „le petit Jaune, le noir colonel, 1e Marquis Misanthrope (— mit welchen luſtigen Namen Seine Königliche Hoheit Obriſt Esmond zu bezeichnen ge⸗ ruhete —) ihn langweile mit ſeinem hofmeiſterlichen Weſen, ſowie mit ſeinen tugendhaften Homilien. Der Biſchof von Rocheſter, ſowie noch andere Gentlemen, die bei dem Complotte betheiligt waren, in Folge deſſen der Prinz nach England gekommen, machten Seiner Königlichen Hoheit ihre Aufwartung. Wenn ſie zu Kenſington ankamen, fragten ſie immer nur nach my Lord Caſtlewvod, und wurden ſo von Jedermann zu Seiner Königlichen Hoheit geführt, wo⸗ bei zu bemerken iſt, daß der Prinz ſie entweder unten, in my Lady's Salon, oder oben, auf ſeinem Zimmer, empfing; und Alle baten ihn flehentlich, das Haus doch ſo wenig wie möglich zu verlaſſen, und dort ruhig zu warten, bis man ihm ein Zeichen gäbe, daß er ſich zeigen ſollte. Die Damen ſpielten mit ihm fleißig Karten, bei welcher Beluſtigung er jeden Tag und jede Racht gar manche Stunde verbrachte. Noch manche weitere Stunde verbrachte er mit Trinken; und während dieſer Zeit ſprach er recht angenehm und ohne allen Rückhalt, ins⸗ beſondere dann, wenn der Obriſt nicht zugegen war, 419 deſſen Anweſenheit ihm immer einen gewaltigen Schrecken einzujagen ſchien. Auch nahm der arme Colonel noir“ dieſen Fin⸗ gerzeig natürlich als einen Befehl hin, und nur ſelten verditterte er mit ſeinem ſauren Geſichte die fröhlichen Stunden dieſes hohen jungen Gefangenen. Dieſe wenigen Perſonen abgerechnet, deren Liſte der Portier hatte, wurde Lord Caſtlewvod für alle Freunde des Hauſes verläugnet, die Seiner Lordſchaft ihre Aufwartung machen wollten. Die Wunde, die er im Felde erhalten, ſei durch die lange Reiſe zu Pferde wieder aufgebrochen: — ſo ſagte man der Welt und den Domeſtiken. Auch befahl Dr. A—, *) ſein Arzt — ich will ſeinen Namen hier nicht nennen, allein es wird genügen, wenn ich ſage, daß er Leibarzt der Kö⸗ nigin, von Geburt ein Schotte, und ein Mann war, der ſich ſowohl durch ſein ſeltenes Wohlwollen, als durch ſeinen Geiſt auszeichnete —), daß er ſich voll⸗ kommen ruhig verhalten müſſe, bis die Wunde wieder zugeheilt ſei. Dieſer Gentleman, der eines der thätigſten und einflußreichſten Glieder unſerer Partei war, ſowie die andern vorerwähnten wußten um das Geheimniß, und ſonſt Niemand; auch wurde daſſelbe ſo treu bewahrt, und zugleich war die Geſchichte, die wir in Bereitſchaft hielten, ſo einfach und natürlich, daß eine Entdeckung außer aller Wahrſcheinlichkeit lag, es ſei denn, daß der Prinz ſelbſt eine Unvorſichtigkeit beging, oder ſich durch einen abenteuerlichen Leichtſinn hinreißen ließ, den wir die größte Mühe hatten, im Zaume zu halten. *) Es kann hier faſt keinem Zweifel unterliegen, daß der von meinem theuren Vater erwähnte Doector Niemand anders geweſen, als der berühmte pr. Ar⸗ buthnot. — R. E. W. Was Lady Caſtlewvod betrifft, ſo konnte man, obgleich ſie kaum ein Wort ſprach, aus ihrem Betra⸗ gen, ſowie aus ein Paar Andeutungen, die ſie fallen ließ, leicht abnehmen, wie gewaltig ihre Enttäuſchung, und wie groß ihr Verdruß ſein mußte, als ſie in dem Helden, den ſie ihr ganzes Leben verehrt (— und deſſen Reſtauration faſt den heiligſten Theil ihrer Gebete ge⸗ bildet hatte —) nicht mehr, denn einen ganz gewöhn⸗ lichen Menſchen, und zwar nicht einmal einen guten, fand. Sie dachte, es habe ihn vielleicht das Unglück auf beſſere Wege geführt; aber dieſer ernſte Lehrer hatte ihn eher verhärtet, als zur Demuth getrieben. Seine Frömmigkeit, die durchaus ungeheuchelt war, hielt ihn gleichwohl von keiner Sünde zurück, die er ein Mal begehen wollte. Sein Geſpräch verrieth ziemlich viel Gutmüthigkeit, Fröhlichkeit, ja ſogar Geiſt; allein es lag in ſeinen Handlungen und Worten eine Leichtfertig⸗ keit, welche er von den lockeren Frömmlingen ange⸗ nommen hatte, unter denen er erzogen worden war, und welche gegen die Einfalt und Reinheit der engliſchen Lady, deren Gaſt er war, gewaltig anſtieß. Esmond ſprach ſich bei Beatrix ziemlich frei über den Prinzen aus, und veranlaßte auch deren Bruder, den Prinzen mit einigen Worten zu warnen. Beatrir theilte ganz und gar die Meinung ihres Vetters und ihres Bruders: ſie meinte, es ſei derſelbe ſehr leicht⸗ ſinnig, — ja, ſehr leichtſinnig und ſorglos; ja, ſie konnte ſogar von dem hübſchen Aeußern, von dem Obriſt Esmond geſprochen, Nichts ſehen. Habe doch der Prinz ſchlechte Zähne, und ſchiele er doch entſchie⸗ den. Wie wir doch nur ſagen könnten, es ſchiele der⸗ ſelbe nicht? Seine Augen ſeien zwar ſchön, allein es neigten ſich nun einmal dieſelben zum Schielen hin. Bei Tiſche zog ſie ihn auf eine wunderbar geiſt⸗ reiche und witzige Weiſe auf; — ſie ſprach von ihm beſtändig als von einem bloßen jungen Burſchen; — 421 ſie legte mehr denn je ihre Zärtlichkeit gegen Esmond an den Tag, pries ihn bei ihrem Bruder, pries ihn bei dem Prinzen, wenn es Seiner Königlichen Hoheit gefiel, den Obriſten zu verhöhnen, und nahm ſich überhaupt des Letztern auf's Wärmſte an. „Uind wenn Ew. Majeſtät,“ ſagte ſie ein Mal, „ihm nicht den Hoſenbandorden gibt, den ſein Vater hatte, an dem Tage, wo der Marquis von Esmond an Eurer Majeſtät Hof kommt, ſo hänge ich mich mit meinen eigenen Strumpfbändern, oder aber weine ich mir dann die Augen aus.“ Lieber würde ich ihn,“ antwortete der Prinz darauf, „zum Erzbiſchof und zum Oberſten der Garde zugleich machen, als daß ich möchte dieſe Ihre Augen verloren gehen ſehen.“ (Frank Caſtlewvod erzählte mir dieſe Unterhaltung, die bei ihrem Abendeſſen Statt gefunden hatte.) Ja,“ ruft ſie mit einem jener Gelächter, die ich noch jetzt zu hören glaube. Noch nach dreißig Jahren höre ich dieſe entzückende Muſik; „ja, er ſoll Erzbiſchof von Esmond und Marquis von Canterbury werden.“ „Und was will denn Eure Ladyſchaft werden?“ ſpricht der Prinz; „Sie dürfen Ihren Platz nur wählen.“ „Ich,“ antwortet Beatrix, „will oberſte Ehrendame der Königin Seiner Majeſtät König Jakob's des Drit⸗ ten werden. Vive le roi!“ Und ſie machte ihm einen großen Knicks, und trank einen Theil von einem Glas Wein ihm zu Ehren. „Der Prinz aber ergriff das Glas, und leerte es bis auf den letzten Tropfen, ſprach Caſtlewvod, „und meine Mutter, die ſehr ängſtlich ausſah, erhob ſich, und bat um Erlaubniß, ſich zurückziehen zu dürfen. Wäre nicht Trix meiner Mutter Tochter, Harry,“ fuhr Frank fort, ſo weiß ich wahrlich nicht, welche entſetzliche Furcht ich vor ihr haben würde. Ich wollte, — ich wollte, 422 dieſe Sache wäre vorüber. Du biſt älter, als ich, und klüger, und beſſer, Dir verdanke ich Alles; für Dich würde ich auch, bei St. George, gerne ſterben; aber ich wollte wahrlich, dieſe Sache wäre nun zu Ende.“ Höchſt wahrſcheinlich verbrachte Keiner von uns eine ruhige Nacht: entſetzliche Zweifel und Qualen zerriſſen Eömond's Herzz es war ein Plan perſönlichen Ehrgeizes, ein kühner Streich, um eines ſelbſtſüchtigen Endzweckes willen, — er wußte es wohl. Was lag ihm in ſeinem Innerſten daran, ob dieſer oder jener König wurde? Lagen nicht ſelbſt ſeine Sympathien und ſeine geheimen lieberzengungen auf der andern Seite, — auf der Seite des Volkes, des Parlaments, der Freiheit? Und da hatte er ſich nun zum Verfechter der Sache eines Prinzen hergegeben, der kaum noch das Wort Freiheit gehört hatte; aus dem Prieſter und Weiber, die ja, wie bekannt, von Natur ſämmtlich Tyrannen ſind, ihr Werkzeug machten. Der Miſanthrop war, als er die oben erzählte Geſchichte gehört, mit nichten bei beſſerer Laune, und ſein mürriſches Geſicht ſaurer und gelber, denn je. Zehntes Kapitel. Wir bewirthen zu Kenſington einen höchſt ausgezeichneten Gaſt. Sollte je ein Mal zu den dunklen Intrignen gegen das Ende der Regierung der Königin Anna ein Schlüſſel 423 gefunden werden, oder ſollte ein Geſchichtſchreiber ein Nal geneigt ſein, denſelben genau nachzuſpüren, ſo wird ohne Zweifel ſo Viel herauskommen, daß von den hohen Perſonen, welche die Königin umgaben, auch nicht eine einen beſtimmten politiſchen Plan hatte, der von dem ſelbſtiſchen Privat⸗Intereſſe, welches jede auf's Eifrigſte verfolgte, unabhängig geweſen wäre: St. John war immer für St. John, und Harley für Orford, und Marlborough für John Churchill; und je nachdem ſie von St. Germain oder Hannover aus unterſtützt werden konnten, ließen ſie Anerbietungen der Treue den dortigen Prinzen zugehen, oder aber verriethen ſie einen an den andern. Für ſie war eine Sache oder ein Souverain ſo gut, wie der andere, vorausgeſetzt, daß ſie unter ihm das erſte Amt ein⸗ nahmen; und Jeder hatte, wie Lockit und Peachem, die Chefs von Newgate in der Schelmen⸗Oper, die Mr. Gay ſpäter ſchrieb, Documente und Beweiſe von Verrath in Händen, die den Andern an den Galgen bringen konnten: nur wagte er es nicht, ſich der Waffe zu bedienen, ganz einfach deßhalb, weil er das Doru⸗ ment fürchtete, das ſein Nachbar gleichfalls in der Taſche hatte. Man denke ſich ein Mal den großen Marlborough, den größten Unterthan auf der ganzen Welt, den Mann, der Fürſten beſiegt, — der Deutſchland, Flan⸗ dern und Frankreich mit ſeiner ſiegreichen Armee durch⸗ zogen, — der fremden Fürſten Geſetze vorgeſchrieben hatte, und daheim wie ein Halbgott verehrt worden war, — man denke ſich ihn ein Mal, ſage ich, als einen Mann, der ſich heimlich aus England fortmachen mußte, — der ſein Anſehen, ſeine Ehrenſtellen, ſeine Aemter, der Alles verloren hatte; — deſſen Freunde bei der Armee caſſirt und ruinirt waren; — und der vor Harley ſo machtlos und in ſo gemeiner Weiſe floh, wie ein armer Schuldner vor einem mit einem 424 Verhaftsbefehle verſehenen Gerichtsdiener flieht. Und was hatte denn Alles dieſes bewirkt? Ein kleines Stück Papier, in deſſen Beſitz Harley kam, und das bis zur völligen Gewißheit zeigte, daß der Herzog gegenüber von der Stuart'ſchen Familie Verbindlichkeiten eingegangen hatte. Dieſer Papierfetzen war die Waffe, womit der Schatzkanzler Marlborvugh aus dem Reiche verjagte. Der Herzog floh, wie männiglich bekannt, nach Antwerpen, und fing dort alsbald an, mit der andern Partei zu intriguiren, ſo daß er als Whig und Hannoveraner nach England zurückkam. Obgleich der Schatzkanzler jede Militär⸗ oder Civil⸗Perſon, die als dem Herzoge zugethan bekannt war, aus der Armee und aus dem Amte vertrieb, und obgleich er die dadurch erledigten Stellen Leuten von der toryſtiſchen Partei gab, ſo ſpielte doch auch er zwiſchen Hannover und St. Germain doppeltes Spiel. Er wollte die leidige Kataſtrophe von dem Tode der Königin abwarten, um Herr des Staates zu ſein, und die Krone derjenigen Familie anzubieten, die ihm die größte Summe böte, oder für die ſich die Nation er⸗ klären würde. Wer nun immer König werden mochte, Harley wollte denſelben beherrſchen; und deßhalb verdrängte er den früheren berühmten Günſtling, und ſetzte die Kriegsthaten herab, welche Marlborough's Namen ſo berühmt gemacht hatten, und verſchmähete eben ſo, wie ſein großer, nun geſtürzter Nebenbuhler, ſelbſt die gemeinſten Kunſtgriffe, Schmeicheleien und Einſchüchte⸗ rungen nicht, von denen er glaubte, daß ſie ihn in ſeiner Macht befeſtigen könnten. Hätte der größte Satyriker, den die Welt je geſehen, gegen und nicht für Harley geſchrieben, wie würde da die Geſchichte ausſehen, die er über die letzten Jahre der Regierung der Königin Anna hinterlaſſen hätte! Aber Swift, der * 425 . Jedermann und ſich ſelbſt nicht am Wenigſten verachtete, hatte das Verdienſt eines treuen Anhängers, daß er 1 diejenigen Führer liebte, die ihn gut behandelten; und ſo kam es denn, daß er dem gefallenen Harley ebenſo wacker zur Seite ſtand, als er einſt den allgewaltigen Miniſter unterſtützt hatte. Ohne Vergleich brillanter, talentvoller, beredter, 1 gebildeter, als ſein Nebenbuhler, konnte der große St. John ebenſo ſelbſtiſch ſein, als Ouford es war; auch konnte derſelbe ebenſo geſchickt auf beiden Achſeln Waſſer tragen, als der daran ſchon längſt gewöhnte Churchill. Er, der ſtets das Wort Freiheit im Munde führte, nahm ebenſo wenig Anſtand, ſeinem Gegner gegenüber zur Verfolgung und zur Schandbühne ſeine Zuflucht zu nehmen, als wenn er Großinquiſitor und zu Liſſabon geweſen wäre. Dieſer ſtolze Patriot lag ſowohl zu Hannover, als zu St. Germain auf den Knien; notoriſch jeder Religion baar, trank er auf das Wohl der Kirche und der Königin ebenſo dreiſt⸗ wie 1 1 der dumme Sacheverel, den er benützte und verlachte; und ſobald es galt, einem einen Tuck anzuthun, und einen Feind zu ſtürzen, konnte er intriguiren, renom⸗ miren, drohen, fuchsſchwänzen, dem Hofgünſtlinge ſchmeicheln, und die Hintertreppe gans leiſe hinanf⸗ kriechen, ganz ſo wie Orford, der Marlborough und den hinwiederum er ſelbſt ſpäter verdrängte. My Lord Opford's Sturz ereignete ſich gerade zu der Zeit, bei der nun meine Geſchichte angekommen iſt. Die Tage ſeiner Gewalt waren nun gezählt, und der Agent, deſſen er ſich bedient, um den Sieger von Blenheim zu ſtürzen, war nun geſchäftig, um den Be⸗ ſieger des Siegers zu Falle zu bringen, und das Staatsruder Bolingbroke zu überantworten, der es ſchon längſt ſo gerne geführt hätte. In Erwartung des Streiches, der ſich jetzt vor⸗ vereilete, wurden ſämmtliche iriſche Regimenter in 426 franzöſiſchen Dienſten in der Nähe von Boulogne, in der Picardie, zuſammengezogen, um nöthigenfalls mit dem Herzoge von Berwick nach England überzuſetzen, — nicht länger, als die Soldaten Frankreichs, ſondern als die Unterthanen von Jakob, dem dritten, dem Könige von England und Irland. Die Treue der großen Maſſen der Schotten gegen ihren König war notoriſch unerſchüttert, obgleich man wußte, daß es auch in Schottland eine überaus thätige, entſchloſſene, und tapfere Whigpartei gab, die bewundernswürdig und energiſch geordnet und disciplinirt war. Ein ſehr großer Theil der toryſtiſchen Geiſtlichkeit, der toryſtiſchen Gentry, und des toryſtiſchen Adels hielt öffentlich und ungeſcheut zu dem verbannten Prinzen; und was die Gleichgültigen betrifft, ſo konnte man ſich darauf ver⸗ laſſen, daß ſie „es lebe König Georg!“ oder „es lebe König Jakob!“ ſchreien würden, je nachdem die eine oder die andere Partei die Oberhand gewann. Die Königin neigte ſich, insbeſondere in ihren letzten Tagen, zu ihrer Familie hin. Der Prinz befand ſich in dieſem Augenblicke in London, kaum einen Steinwurf weit von dem Palaſte ſeiner Schweſter entfernt; der Premier⸗Miniſter wankte, und zwar der⸗ maßen, daß der kleinſte Stoß von einem Weiberfinger genügte, um ihn zu ſtürzen; und was Bolingbroke, deſſen Nachfolger, betrifft, ſo wiſſen wir, auf welche Seite ſeine Macht und ſeine herrliche Beredſamkeit ſich an dem Tage ſchlagen wollten, wo die Königin offen vor ihren Rath trat und ſprach: — „Dieß, my Lords, iſt mein Bruder; hier iſt der Erbe meines Vaters, und mein Erbe, wenn ich ein Mal todt bin.“ * * * Während des ganzen verfloſſenen Jahres hate die Königin mancherlei und wiederholte Anfälle von Krank⸗ 427 heit, Fieber und Lethargie gehabt; und ihre ganze umgebung hatte ſich beſtändig auf ihren Tod gefaßt gemacht. Der Kurfürſt von Hannover hatte ſeinen Sohn, den Herzog von Cambridge, herüberſchicken wollen, damit derſelbe ſeiner Couſine, der Königin, ſeine Aufwartung machte, — ſo ſagte der Kurfürſt; — in Wahrheit aber, damit derſelbe an Ort und Stelle ſein möchte, wenn der Tod ihrer Laufbahn ein Ende machte. Ihre Majeſtät hatte aber, vielleicht weil es ſie mit Schrecken erfüllte, ein ſolches Mewento mori be⸗ ſtändig vor Augen zu haben, in zorniger Weiſe ver⸗ boten, den jungen Prinzen nach England zu ſchicken. Entweder wollte ſie ihrem Bruder noch nicht alle Chancen abſchneiden; oder aber wollte ihre Umgebung ſich für den Whig⸗Candidaten nicht eher erklären, als bis ſie ſich mit demſelben abfinden konnte. Die Zänke⸗ reien ihrer Miniſter am Rathstiſche, während ſie zu⸗ gegen war, höchſt wahrſcheinlich auch Gewiſſensbiſſe, ſowie das ungeſtüme Drängen ihrer Miniſter, und die unaufhörliche Unruhe und Aufregung, von der Alles in ihrer Nähe erfüllt war, — hatten die Königin außerordentlich geſchwächt und gequält; und ſo nahm denn ihre Stärke immer mehr ab, ſo daß man Tag für Tag glaubte, ſie könne es nicht mehr lange treiben. Gerade vor Viscount Caſtlewvod's und ſeines Be⸗ gleiters Ankunft in England hatte Ihre Majeſtät einen neuen ernſten Anfall. Es brach das Antonins⸗Feuer an den königlichen Beinen aus. Es hatte daher keine Eile mit der Vorſtellung des jungen Lords bei Hofe, oder mit der Vorſtellung der Perſon, die unter ſeinem Namen dort erſcheinen ſollte; und da my Lord Vis⸗ counts Wunde ſo ganz zur rechten Zeit wieder aufbrach, ſo hütete er recht paſſend das Zimmer, bis ſein Arzt ihm erlaubte, vor der Königin ein Knie zu beugen. Zu Anfang des Monats Juli beſuchte jene ein⸗ flußreiche Dame, von der bereits geſagt worden, daß unſere Geſellſchaft mit ihr in Verbindung geſtanden, gar häufig ihre junge Freundin, die Ehrendame zu Kenſington, ſowie my Lord Viscvunt (— den wirkli⸗ chen oder den unterſchobenen —), der in Lady Caſtle⸗ wood's Hauſe durch ſeine Wunde zurückgehalten war. Am ſieben und zwanzigſten Tage des Monats Juli kam die fragliche Dame, die bei der Königin den ver⸗ trauteſten Poſten inne hatte, von dem ganz nahe ge⸗ legenen Palaſte in ihrer Sänfte, und brachte der kleinen Geſellſchaft in Kenſington Square Nachrich⸗ ten von der allergrößten Wichtigkeit. Der große Schlag war endlich erfolgt, und my Lord Oxford und Mortimer war nun nicht mehr Schatzkanzler. Das Staatsruder war noch keinem Andern übergeben wor⸗ den, obgleich my Lord Bolingbroke aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach derjenige war, der es nun in die Hände bekam. „Und nun,“ ſagte die Zofe der Königin, 3 „ſei die Zeit des Handelns gekommen; und nun müſſe 3½ My Lord Caſtlewvod der Herrſcherin vorgeſtellt wer⸗ den.“ Nach jener Scene, von der Lord Caſtlewvod Zeuge geweſen, und die er ſeinem Vetter beſchrieben hatte, — ſeinem Vetter, der eine ſo jämmerliche Nacht des 1 Verdruſſes und der Eiferſucht verlebte, während er über 3 die Sache nachdachte, kamen die drei Perſonen, welche 1 Beatrixen von der Ratur als Beſchützer beigegeben wa⸗ ren, ohne Zweifel zu demſelben Schluſſe, — zu dem Schluſſe nämlich, daß ſie aus den Augen eines Man⸗ nes entfernt werden müſſe, deſſen Verlangen in Be⸗ ziehung auf ſie, Beatrix, ſich nur allzu deutlich ver⸗ rieth; der, ſobald es galt, eine Luſt zu befriedigen, ſich ebenſo wenig ſerupulös zeigte, als einſt ſein Vater. Vermuthlich hatten Esmond's Gebieterin, ihr Sohn, 429 und der Obriſt ſelbſt, dieſen Gegenſtand alle ingeheim bei ſich unterſucht; denn als Frank in ſeiner barſchen Weiſe in die Worte ausbrach: — „Meines Erachtens wäre es für Beatrix beſſer, wenn ſie an jedem andern Orte wäre, nur hier nicht, — ſagte Lady Caſtle⸗ wood: — „Ich danke Dir, Frank, auch ich habe das gedacht.“ Und ſeinerſeits verrieth Mr. Esmond, ob⸗ gleich er bloß bemerkte, daß er hier keine Stimme habe, durch das auf ſeinem Geſichte liegende Entzü⸗ cken gar deutlich, wie höchſt erwünſcht ihm dieſer Vor⸗ ſchlag kam. „Man ſieht wohl, daß Sie gerade ſo denken, wie wir, Harry,“ fagte die Vicomteſſe mit einem leichten Anfluge von Sarkasmus in der Stimme. „Es iſt am Beſten, wenn Beatrir nicht in dieſem Hauſe iſt, ſo lange wir dieſen unſern Gaſt haben; und ſobald das Geſchäft dieſes Morgens vorüber iſt, ſollte ſie Lon⸗ don verlaſſen.“ „Was für ein Morgengeſchäft?“ fragte Obriſt Es⸗ mond, der nicht wußte, was verabredet worden war, obgleich jetzt, in demſelben Augenblicke, wo wir drei mit einander ſprachen, in der That ein Schlag ausge⸗ führt werden ſollte, der in Beziehung auf ſeine wichti⸗ gen Folgen gleich nach dem kam, in Folge deſſen der Prinz nach England gebracht worden war, und der⸗ ſite von der Königin als ihr Erbe anerkannt werden ollte. Die Hofdame, mit der unſer Plan verabredet wor⸗ den, und die dabei eine Haupttriebfeder war, der Hof⸗ arzt, und der Biſchof von Rocheſter, welche die andern zwei thätigſten Mitgenoſſen waren, hatten in unſerem Hauſe zu Kenſington, ſowie noch anderwärts ſich über das geeignetſte Mittel berathſchlagt, unſern jungen Aben⸗ teurer ſeiner Schweſter, der Königin vorzuſtellen. Der ein⸗ fache und leicht auszuführende Plan, der von Obriſt Es⸗ 430 mond vorgeſchlagen worden, hatte allſeitigen Beifall gefunden, und dieſer Plan beſtand in Folgendem: An einem Tage, wo nicht allzu viele Perſonen bei Hofe wären, ſollte der Prinz dort als my Lord Caſtlewood erſcheinen; im Palaſte angekommen, ſollte er von ſeiner dienſthabenden Schweſter begrüßt, und dann von der andern Dame in das Cabinet der Königin geführt werden. Und je nach den Geſund⸗ heitsumſtänden oder der Laune Ihrer Majeſtät, und dem Laufe der Unterredung, ſollte es dem Ermeſſen der Anweſenden, und dem Prinzen ſelbſt überlaſſen werden, ob er erklären ſollte, daß derjenige, der die königliche Hand küßte, der Königin Bruder, oder der von Beatrix Esmond wäre. Und nachdem man ſich über dieſen Plan geeinigt, harrten wir Alle mit nicht geringer Ungeduld und in einiger Angſt des Tages und des Zeichens der Aus⸗ ſührung. Zwei Morgen nach jenem Souper, — es war der ſiebenundzwanzigſte Tag des Monats Juli, — früh⸗ ſtückte der Biſchof von Rocheſter mit Lady Caſtlewvod und ihrer Familie. Kaum war das Mahl vorüber, als Doctor A — Wagen an unſerem Hauſe zu Kenſington vorfuhr. Ei⸗ nen Augenblick darauf trat der Doctor unter die dort verſammelten Perſonen, und belebte eine ziemlich dü⸗ ſtere Geſellſchaft, da am Morgen Mutter und Tochter einen kleinen Wortwechſel mit einander gehabt hatten wegen der bei dem bekannten Souper vorgekommenen Dinge, ſowie vielleicht wegen noch anderen Aben⸗ teuer, die an dem darauffolgenden Tage ſich ereig⸗ neten. Beatrir ließ ſich in ihrem Hochmuthe von Nie⸗ mand Etwas ſagen am Wenigſten aber von ihrer Mut⸗ ter, welche das ſanfteſte aller Geſchöpfe war, und wel⸗ cher das Mädchen mehr befahl, als daß es ihr gehorchte 431 Und da ſie fühlte, daß ſie im Unrecht war, und daß ſie durch tauſenderlei Koketterien (— die ſie eben ge⸗ genüber von jedem Manne geltend machen mußte, der ihr nahe kam, ein Geſchäft, deſſen ſie ſich ebenſo wenig erwehreu konnte, als die Sonne es vermeiden kann, Hoch und Nieder anzuſcheinen —) die gefährli⸗ che Bewunderung des Prinzen erregt, und denſelben veranlaßt hatte, derſelben einen paſſenden Ausdruck zu leihen, ſo war ſie nur noch eigenſinniger und herriſcher, je mehr ſie ihren Fehler einſah. Zu dieſen Perſonen kam alſo der Doctor (— es war dem Prinzen an dieſem Tage Chokolade in ſeinem Schlafzimmer ſervirt worden, wo er noch ſpät im Bette lag, um ſeinen Rauſch auszuſchlafen —), und zerſtreute durch die dringliche und überraſchende Natur der Nach⸗ richten, die er brachte, in einem Nu die etwas gedrückte Stimmung, welche im Kreiſe der Caſtlewvod'ſchen Fa⸗ milie herrſchte, indeſſen nicht gar viel zu bedeuten hatte, und von privater Art war. Der Doctor fragte nach dem Gaſte, und es wurde ihm geantwortet, es ſei derſelbe auf ſeinem Zimmer. Sofort befahl er Monſieur Baptiſte, auf der Stelle zu ſeinem Herrn hinauf zu gehen, mit der Bitte an my Lord Viscount Caſtlewvod, alsbald ſeine Uni⸗ form anzuziehen, und mit dem Doctor in dem vor der Thüre ſtehenden Wagen wegzufahren. Sodann theilte er Madame Beatrix mit, welche Rolle ſie in der Komödie zu ſpielen habe. „In einer halben Stunde,“ ſprach der Doctor, „werden Ihre Majeſtät mit ihrer Lieblingsdame in der Cedernallee hinter dem neuen Banketthauſe erſcheinen, um ſich in der friſchen Luft ein wenig zu erholen. Ihre Majeſtät wird in einer Gartenſänfte gezogen werden. Madame Beatrix Esmond und ihr Bruder, my Lord Viscount Caſtlewvod werden ſich in dem Privatgarten ergehen (— hier iſt Lady Maſham's 432 Schlüſſel —), und dann unverſehens zu der Königin hinkommen. Der Mann, der die Sänfte zieht, wird ſich zurückziehen, um die Königin, die Günſtlingin, die Ehrendame, und deren Bruder beiſammen zu laſſen; Miſtreß Beatrix wird ihren Bruder vorſtellen, und dann! — und dann wird der Herr Biſchof für einen günſtigen Ausgang der Unterredung beten, und es wird ſein ſchottiſcher Lector Amen ſagen! „Geſchwind, geſchwind! Setzen ſie Ihre Kaputze auf, Madame Beatrix, und warum kommt denn Seine Mafeſtüt nicht herunter? Eine ſolche Chance zeigt ſich vielleicht in Monaten nicht wieder.“ Der Prinz war ſpät aufgeſtanden, und träge, und hätte durch ſeine Indolenz dieſe Chance um ein Haar verloren. Die Königin war gerade in dem Augenblicke, wo die Geſellſchaft im Garten anlangte, im Begriffe, denſelben zu verlaſſen. Der Doctor, der Biſchof, die Ehrendame, und de⸗ ren Bruder waren in der Kutſche des Hofarztes weg⸗ gefahren, und mochten etwa eine halbe Stunde fortge⸗ weſen ſein, als Obriſt Esmond nach Kenſington Square kam. Die Nachricht von dieſem Auftrage, der Beatrix geworden, ließ natürlich alle Privat⸗Eiferſucht des Obriſten Esmond einen Angenblick ſchweigen. Nach einer weitern halben Stunde kam der Wa⸗ gen zurück. Zuerſt entſtieg demſelben der Biſchof, nach ihm Beatrix, die ſich beim Ausſteigen auf ſeinen Arm ſtützte. Dann ſtieg ſeine Lordſchaft wieder in den Wagen, die Ehrendame aber trat allein in das aus. § Wir Alle ſchauten ſie von dem obern Fenſter aus an, und verſuchten es, in ihrem Geſichte das Ergeb⸗ niß der Zuſammenkunft zu leſen, von der ſie ſo eben zurückgekommen. Sie trat zitternd und ungemein bleich in den Sa⸗ 4³8 lon, verlangte, als ihre Mutter ihr entgegen ging, ein Glas Waſſer, und fing, nachdem ſie getrunken, und ihre Kaputze zurückgeſchoben hatte, an, alſo zu ſprechen: „Wir Alle dürfen das Beſte hoffen: es hat der Königin einen Anfall gekoſtet. Ihre Majeſtät befand ſich in ihrer Sänfte, in der Cedernallee, und war bloß von Lady — begleitet, als wir durch das Privat⸗Pfört⸗ chen an der Abendſeite des Gartens eintraten, und auf ſie zugingen, wobei der Doctor uns folgte. „Sie wartete in einem durch Geſträuche verborge⸗ nen Seitenwege, während wir auf die Sänfte zuſchrit⸗ ten. Das Herz klopfte mir ſo heftig, daß ich kaum im Stande war, zu ſprechen; aber mein Prinz flüſterte: „Muth gefaßt, Beatrix! — und ſchritt feſten Fußes voran. Sein Geſicht war zwar ein Bischen geröthet; jedoch fürchtete er die Gefahr nicht. Er, der bei Mal⸗ plaquet ſo tapfer focht, fürchtet Nichts.“ Esmond und Caſtlewood blickten bei dieſem Com⸗ plimente einander an, und es gefiel keinem von Beiden der Ton, in dem es geſprochen ward. „Der Prinz entblößte das Haupt,“ fuhr Beatrir fort, „und ich ſah, wie die Königin ſich nach Lady Maſham hin umwandte, wie wenn ſie fragen wollte, wer die Beiden wohl wären. Ihre Majeſtät ſah un⸗ gemein bleich und krank aus; dann röthete ſich plötzlich ihr Geſicht. „Die Günſtlingin gab uns ein Zeichen, daß wir näher herankommen ſollten, und ich näherte mich da⸗ her der Sänfte, bis ich ganz nahe dabei ſtand; dabei führte ich meinen Prinzen bei der Hand. „Ew. Majeſtät werden gernhen, my Lord Vis⸗ count Höchſtihre Hand zum Küſſen zu geben, ſagt die Kammerfrau der Königin, und Letztere ſtreckte eine Hand heraus, die nun der Prinz küßte. Dabei lag der⸗ Henry Esmond. I. * 28 434 ſelbe auf einem Kuie, — er, der doch vor keinem oder vor keiner Sterblichen knien ſollte. „Sie ſind gar lange im Auslande geblieben, my Lord, ſagte die Königin: warum waren Sie nicht hier, um Ihrer Mutter und Ihrer Schweſter eine Hei⸗ rath zu geben?“ „Ich bin nun gekommen, Madame, um in dieſem Laude zu verweilen ſo die Königin es wünſcht, ſagt der Prinz mit einer zweiten tiefen Verbeugung. „Sie haben eine Ausländerin geheirathet, my Lord, und haben eine fremde Religion angenommen; war en die Ihres Vaterlandes Ihnen nicht gut enug? SPreu ich zu der Kirche meines Vaters zurück⸗ gekehrt bin, antwortete der Prinz, hliebe ich meine Mutter darum nicht weniger; auch bin ich darum ein nicht minder treuer Diener Ew. Majeſtät geblieben. „Hier,“ fährt Beatrix fort, „gab mir die Günſt⸗ lingin ein kleines Zeichen mit der Hand, wodurch ſie mir bedeutete, daß ich mich zurückziehen ſollte, — was ich auch that, obgleich ich, ich weiß nicht was, — ob⸗ gleich ich mein Leben darum gegeben hätte, wenn ich hätte hören können, was nun vor ſich gehen ſollte. Sofort flüſterte die bewußte Dame der Königin Etwas zu, was die Wirkung hatte, daß Ihre Majeſtät zuſam⸗ menfuhr, und in raſcher Weiſe ein Paar Worte ſprach, wobei ſie nach dem Prinzen hinſchaute, und mit ihrer Hand die Lehne erfaßte. Er aber näherte ſich immer mehr der letzteren; er begann nun ſehr raſch zu ſprechen. „Ich hörte nur die Worte: Vater, Segen, Ver⸗ gebung, — und dann fiel der Prinz nach einer kleinen Weile auf die Knie; ſofort zog er aus ſeinem Buſen ein Stück Papier hervor, und reichte es der Königin hin, die, ſobald ſie es ſah, mit einem Schreie beide Arme in die Höhe warf, und die Hand zurückzog, welche 435⁵ dem Prinzen am Nächſten war, und die Letzterer zu küſſen ſuchte. „Der Prinz fuhr fort, zu ſprechen, und es waren dabei ſeine Geberden ungemein belebt; bald hielt er die Hände gefaltet, und drückte ſie auf ſein Herz, bald öffnete er ſie wieder, wie wenn er ſagen wollte: Ich, Dein Bruder, bin hier, in Deiner Gewalt. Lady Maſham lief eilig nach der andern Seite der Sänfte hin, kniete gleichfalls nieder, und ſprach mit vieler Energie. Sie hielt diejenige Hand der Königin feſt, die ihr am Nächſten war, und hob das Papier auf, das Ihre Majeſtät hatte fallen laſſen. „Der Prinz erhob ſich, und ſprach weitere Worte, wie wenn er gehen wollte; und andererſeits drang die Günſtlingin in ihre Gebieterin, und lief wieder zu dem Prinzen hin, und führte ihn noch ein Mal ganz hart an die Sänfte hin. Und abermals kniete der Prinz nieder, und ergriff die Hand der Königin, die ſie nicht zurückzog; er küßte dieſelbe wohl hundert Mal, und während dieſer ganzen Zeit ſprach my Lady, unter vielen Schluchzern und flehentlichen Bitten, über die Sänfte hin. „Dieß Mal ſaß die Königin wie betäubt da; mit einer Hand zerknitterte ſie das Papier, während mein Prinz die andere küßte. Dann ließ ſie mit einem Male einige durchdringende Schreie hören, und dann folgte ein heftiger Anfall hyſteriſchen Lachens, womit Thränen verbunden waren. „Genng, genug, Sir, für dieß Mal!“ hörte ich Lady Maſham ſagen: und der Sänftenführer, der ſich hinter das Bankettzimmer zurückgezogen hatte, kam zu⸗ rück, ganz erſchrocken über das Geſchrei. „Geſchwind! ſpricht Lady Maſham, ſchaffen Sie Hülfe herbei! und ich lief auf den Doctor zu, der in einem Augenblicke mit dem Biſchofe von Rocheſter herankam. Lady Maſham flüſterte dem Prinzen zu, er 436 ſolle das Beſte hoffen, und ſich morgen parat halten; und unn hat er ſich nach dem Hauſe des Biſchofs von Rocheſter begeben, um dort mit mehreren ſeiner Freunde zuſammenzutreffen. „Und ſo iſt denn der große Schlag endlich ge⸗ führt,“ endigt Beatrix, auf die Knie niederfallend und die Hände faltend. „Gott erhalte den König! Gott erhalte den König!“ Als Beatrir mit ihrer Erzählung zu Ende war, und die junge Dame ſich wieder etwas beruhigt hatte, erkundigten wir uns weiter nach dem Prinzen, der bei Biſchof Atterbury war, und erfuhren dann, es ſei wahr⸗ ſcheinlich, daß er den ganzen Tag ausbleiben werde. Bei dieſer Nachricht ſahen wir Drei — Lady Caſtlewood, Viscount Caſtlewvod und ich — einander an: es war offenbar, daß in dieſem Augenblicke der⸗ ſelbe Gedanke Alle beſchäftigte. Allein wer ſollte mit der Sache zuerſt herausrücken? Monſieur Baptiſte, das heißt, Frank Caſtlewood, wurde feuerroth, und ſah nach Esmond hin; der Obriſt biß ſich in die Lippen, und ergriff die Gelegenheit, um ſich in die Fenſtervertiefung zurückzuziehen: Lady Caſtle⸗ wood theilte alſo ihrer Tochter Beatrix zuerſt die Nach⸗ richt mit, wovon wir wohl wußten, daß ſie keineswegs nach ihrem Gefallen ſein würde. „Wir ſind recht froh,“ hebt Lady Caſtlewvod an, während ſie die Hand ihrer Tochter ergreift und mit ſanfter Stimme ſpricht, „wir ſind recht froh, daß der Gaſt fort iſt.“ Beatrix zog ſich augenblicklich zurück, wobei ſie nach der Reihe uns Drei anſchaute, und wie wenn ſie eine Gefahr ahnete. „Warum denn froh?“ ſagt ſie, und es beginnt ihre Bruſt ſich zu heben; — „iſt man denn ſeiner ſchon ſo bald müde?“ 437 „Wir meinen eben, eines von uns habe ihn ein Bischen gar zu gern,“ ruft Frank Caſtlewvod aus. „Und wer iſt es, — ſind Sie es, my Lord, oder iſt es Mamma, die ſo eiferſüchtig iſt, weil er meine Ge⸗ ſundheit trinkt? Oder iſt es das Haupt der Familie (— hier wandte ſie ſich mit einem herriſchen Blicke nach Obriſt Esmond hin —), das ſich neuerdings es heraus⸗ genommen hat, dem Könige zu predigen?“ „Wir ſagen nicht, daß Du Seine Majeſtät zu frei behandelſt.“ „Ich danke Ihnen, Madame,“ antwortet Beatrix nit einem Knickſe, und den Kopf in die Höhe werfend. Aber ihre Mutter fuhr mit ungemein vieler Ruhe und Würde alſo fort: „Wir haben es wenigſtens nicht geſagt, obgleich wir es ſagen könnten, wenn es einer Mutter möglich wäre, ſolche Worte zu ihrer eigenen Tochter, zur Toch⸗ ter Deines Vaters zu ſagen.“ „PEht mon pöre, ruft Beatrix, „war um kein Haar beſſer, als anderer Leute Vater.“ Und abermals blickte ſie nach dem Obriſten hin. Wir Alle empfanden gleichſam einen elektriſchen Schlag, während ſie dieſe zwei oder drei franzöſiſchen Worte ſprach; ihre Manier war genau der unſeres fremden Gaſtes nachgeäfft. „Beatrix, noch vor einem Monate konnteſt Du nicht franzöſiſch reden, und ebenſo wenig hatteſt Du damals noch es gelernt, von Deinem Vater übel zu reden,“ ſpricht ihre Mutter traurig. Beatrix ſah ohne Zweifel ein, welchen Fehler ſie in ihrer Haſt ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, denn ſie wurde ſcharlachroth. Dann richtete ſie ſich kerzengerade auf und ſprach: „Ich habe es gelernt, den König zu ehren; und es wüdden Andere wohl am Beſten thun, wenn ſie weder Seine Majeſtät, noch mich beargwohnten.“ 438 „Wenn Du Deine Mutter ein Bischen mehr reſpectirteſt“ ſagte Frank, „ſo würde es gewiß Nichts ſchaden, Trix.“ „Ich bin kein Kind,“ ſagt ſie, ſich nach ihm hin⸗ wendend; „wir haben nun dieſe fünf Jahre recht gut mit einander gelebt, ohne daß wir Deines Rathes oder Deines Beiſpieles bedurften; und ich habe auch jetzt noch nicht im Sinne, mich nach dem einen oder nach dem andern zu richten. Warum ſprach denn aber das Haupt des Hauſes nicht?“ fuhr ſie fort. „Iſt er es doch, der hier Alles regiert; und wenn ſein Kaplan mit dem Pſalmenſingen fertig iſt, wird dann my Lord geruhen, uns die Predigt aufzutiſchen? Ich habe die Pſalmen nun ſatt.“ Der Prinz hatte in Beziehung auf Obriſt Esmond faſt dieſelben Worte gebraucht, die das unbeſonnene Mädchen in ihrem Zorne wiederholte. „Sie zeigen ſich wahrlich als eine recht fähige Schülerin, Madame,“ ſpricht der Obriſt darauf, zu ſeiner Gebieterin gewandt. „Hat ſich Ihr Gaſt dieſer Worte im Beiſein Eurer Ladyſchaft bedient, oder aber hat derſelbe geruht, Beatrixen unter vier Augen ſeine Meinung über meine langweiligen Predigten mitzutheilen? „Haſt Du ihn allein geſprochen?“ ruft my Lord, mit einem Fluche auffahrend: „Bei Gott, haſt Du ihn allein geſprochen?“ „Wäre er hier, ſo würden Sie es nicht wagen, my Lord, mich ſo zu inſultiren; — nein, Sie würden es dann nicht wagen!“ ruft Frank's Schweſter. „Be⸗ halten Sie Ihre Flüche für Ihre Frau, my Lord; hier ſind wir an eine ſolche Sprache nicht gewöhnt. Bis auf den Augenblick, wo Sie zurückkamen, ſtand ich mit Mamma auf dem freundſchaſtlichſten Fuße, und ich kümmerte mich um ſie, als Sie auch nicht einen Augenblick daran dachten, — als Sie Jahre lang fort 439 waren bei Ihren Pferden, und bei Ihrer Maitreſſe, und bei Ihrer papiſtiſchen Frau.“ „Bei —!“ ſagt my Lord, einen andern Fluch ausſtoßend: „Clotilde iſt ein Engel, wie kannſt Du es wagen, auch nur ein Wort wider Clotilde zu ſagen?“ Obriſt Esmond konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, als er ſah, wie leicht Frank's Angriff durch dieſe Finte abgelenkt ward. Dann ſagte Mr. Esmond in etwas höhniſchem Tone: „Es will mich bedünken, daß Clotilde hier nicht in Frage ſteht: Ihre Ladyſchaft iſt zu Paris, mehr denn hundert Stunden von hier, und richtet ihr Kinds⸗ zeug her. Es handelt ſich um my Lord Caſtlewvod's Schweſter, nicht aber um deſſen Frau.“ „Er iſt nicht my Lord Caſtlewood, ſpricht Beatrir; „auch weiß er, daß er es nicht iſt; er iſt Obriſt Francis Esmond's Sohn, und nicht weiter, und er führt einen falſchen Titel; auch zehrt er von dem Gute eines Andern, und weiß es.“ Es war dieß ein zweiter verzweifelter Ausfall der armen, belagerten Garniſon, und ein Feindeslärm nach einer andern Seite hin. „Ich muß Sie abermals um Verzeihung bitten,“ Madame,“ hebt Esmond wieder an: „ſo lange ich meine Anſprüche durch keine Beweiſe erhärten kann, ſind dieſelben auch nichtig. Wenn mein Vater keinen Erben anerkannte, ſo war der Ihrige ſein rechtmäßiger Nachfolger; und my Lord Caſtlewvod hat alſo auf ſeinen Rang und ein kleines Gut ein ebenſo gutes Recht als irgend Jemand in England. Aber das iſt abermals nicht die Sache, um die es ſich handelt, wie Sie ſelbſt recht wohl wiſſen.: wir wollen alſo auf die⸗ ſelbe zurückkommen, da Sie nun ein Mal wollen, daß ich mich damit befaſſe. „Und erlauben Sie mir, Ihnen offen und unge⸗ ſchminkt zu ſagen, ein Haus, wo ſich den ganzen Tag 440 ein Prinz aufhält, der kein Frauenzimmer reſpectirt, iſt kein paſſendes Haus für eine junge, unverheirathete Dame; Sie wären alſo auf dem Lande beſſer aufge⸗ hoben, als hier; er iſt hier, um einen großen Endzweck zu erreichen, wovon ihn keine Thorheit abbringen ſollte; und da Sie nun heute Morgen das Ihnen zugefallene Geſchäft in edler Weiſe gethan, ſo ſollten Sie ſich für eine Weile von der Bühne zurückziehen, und dieſelbe den andern Perſonen, welche in dem Drama eine Rolle zu ſpielen haben überlaſſen.“ Während der Obriſt mit vollkommener Ruhe und Höflichkeit ſprach, — mit einer Ruhe und Höflichkeit, die er hoffentlich Frauenzimmern ſtets bewieſen *), MMein theurer Vater ſagt ganz der Wahrheit gemäß, daß ſein Betragen gegenüber von unſerem Geſchlechte, ſtets artig geweſen. Von meiner früheſten Kindheit an, behandelte er mich mit ungemeiner Zartheit, wie wenn ich eine kleine Lady geweſen wäre. Ich fann mich kaum erinnern (— obgleich ich ſeine Gebuld gar oft ermüdete —, je ein rauhes Wort von ihm gehört zu haben; auch war er nicht minder ernſt und gütig in ſeinem Benehmen gegen die niedrigſten Negerinnen auf ſeinem Landgut. Er war mit Niemand familiär, außer mit meiner Mntter; und es war wirklich zum Entzücken, bis auf die allerletzten Tage das zwiſchen ihnen herrſchende Vertrauen zu gewahren. Alle, ſo ihm untergeben waren, gehorchten ihm auf's Eifrigſte; und meine Mutter, ſowie die ganze Dienerſchaft be⸗ eiferte ſich unaufhörlich, ihm zu gefallen, und es war Jedes ſtets in einer Art Angſt, daß es ihm in irgend einer Weiſe mißfallen möchte. Bei All' dem war er der beſcheidenſte Mann; er forderte immer ſo Wenig, wie nur möglich, und war am Leichteſten zu befriedi⸗ gen; und Mr. Benſon, unſer Geiſtlicher zu Caſtle⸗ wood, der noch in der Todesſtunde um ihn war, ſagte immer: — „Ich weiß zwar nicht, was Obriſt Esmond glaubte, oder nicht glaubte: aber das weiß ich, daß ſein Leben und ſein Tod die eines frommen Chriſten waren. — R. E. W. 441 ſtand ſeine Gebieterin neben ihm an einer Seite des Tiſches. Frank Caſtlewood aber ſtand auf der andern, ſo daß wir die arme Beatrir, die hinten ſtand, einſchloßen, und daß wir ſie, ſo zu ſagen, mit unſeren Laufgräben umgaben. Nachdem ſie ſo zwei Mal ausgefallen, und zwei Mal zurückgeſchlagen worden war, verſuchte ſie nun, wie ich nicht anders erwartete, die ultima ratio der Weiber, und nahm ihre Zuflucht zu — Thränen. Ihre wunderſchönen Augen füllten ſich damit; ich aber konnte weder an ihr, noch an irgend einem Frauen⸗ zimmer dieſen Ausdruck des Schmerzes ertragen. „Ich bin allein,“ ſchluchzte ſie; „Ihr ſeid Drei gegen mich. Was habe ich denn gethan, daß Ihr ſo ungütig zu mir ſprechet, und mich ſo unfreundlich an⸗ ſchauet? Iſt es denn meine Schuld, wenn der Prinz, wie Ihr ſaget, mich anbetet? Habe ich ihn denn hierher gebracht? Habe ich denn etwas Anderes gethan, als was Ihr mich geheißen, indem ich ihm freundlich be⸗ gegnete? Habet Ihr mir denn nicht geſagt, es ſei unſere Pflicht, für ihn das Leben zu laſſen? Haben Sie mich nicht Tag und Racht gelehrt, Mutter, daß man vor Allem für den König beten müſſe? Was willſt Du von mir, Vetter, denn ich ſehe, Du biſt das Haupt der Verſchwörung, deren Opfer ich werden ſoll; ich weiß, daß Du es biſt, und daß meine Mutter und mein Bruder nur das thun, was Du ſie thun heißeſt; wohin ſoll ich denn nach Deinem Plane gehen?“ „Ich möchte dem Prinzen,“ erwiedert Esmond ernſt, „bloß eine gefährliche Verſuchung erſparen. Es ſei fern von mir, zu ſagen, daß Du derſelben unter⸗ liegen könnteſt, nur möchte ich ihn, wie geſagt, davon befreit wiſſen. Deine Ehre bedarf keines Hüters, ich weiß es wohl; aber ſeine Unbeſonnenheit bedarf eines ſolchen; er ſteht vermöge ſeines Ranges allen Frauen⸗ zimmern ſo fern, daß, wenn er ſolche verfolgt, ſein Endzweck nur ein unehrlicher ſein kann. Wir aber 442 möchten das theuerſte und ſchönſte Glied unſerer Fa⸗ milie auch der entfernteſten Möglichkeit einer ſolchen Inſulte entrückt wiſſen; und darum möchten wir Dich von hier entfernen, meine liebe Beatrix.“ „Harry ſpricht wie ein Weiſer,“ ſagt Frank mit einem ſeiner Lieblingsflüche, „und bei —, jedes Wort, das er ſpricht, iſt die reine Wahrheit. Du kannſt nun ein Mal Nichts dafür, Trix, daß Du hübſch biſt; und ebenſo wenig kann der Prinz umhin, Dich zu verfolgen. Mein guter Rath geht dahin, Du ſollſt die Gefahr meiden; denn ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, Harry Esmond und ich würden von dem Prinzen Rechenſchaft fordern, wenn er einen ſeiner Streiche an Dir verüben ſollte; und es würde ihn dann wahrlich Nichts nützen, daß er König iſt, oder es erſt werden ſoll.“ „Und ſind denn zwei ſolcher Kämpen nicht Mannes genug, mich zu ſchützen?“ ſpricht Beatrix, etwas be⸗ kümmert; „gewiß könnte mir doch nichts Uebles zu⸗ ſtoßen, wenn Ihr Beide mich bewachtet.“ „Das glaube ich auch, Beatrix,“ ſpricht Obriſt Esmond; „auch würde der Prinz es wohl nicht ver⸗ ſuchen, wenn er uns kennete.“ „Kennt er Euch aber auch?“ fiel Lady Esmond ganz ruhig ein. „Er kommt aus einem Lande, wo ſich ein Frauenzimmer dadurch nicht entehrt glaubt, daß ein König ihr nachſtellt: komm, theuerſte Beatrix, wir wollen gehen! Wollen wir nach Walcote oder nach Caſtlewvod gehen? Es wird wohl das Beſte ſein, wenn wir die Stadt verlaſſen; und wenn der Prinz aner⸗ kannt iſt, und unſere Kämpen ihn wieder in ſeine Rechte eingeſetzt, und er wieder im Palaſte von St. James, oder zu Windſor reſidirt, — dann können wir hierher zurückkehren. Iſt das nicht auch Eure Mei⸗ nung, Harry und Frank?“ Wie ſich leicht denken läßt, waren Frank und 3 443 Harry mit Lady Caſtlewood's Anſicht vollkommen einverſtanden. „So wollen wir denn gehen,“ ſagt Beatrix, etwas blaß werdend. „Lady Maſham wird mich noch heute Abend wiſſen laſſen, wie Ihre Majeſtät ſich befindet, und morgen —“ „Ich glaube, es wäre wohl das Beſte, wenn wir heute noch gingen, meine Liebe,“ antwortete my Lady Caſtlewvod. „Wir können den Wagen nehmen, zu Hounslow übernachten, und morgen zu Hauſe ſein. Es iſt nun zwölf Uhr; geben Sie doch Befehl, Vet⸗ ter, daß der Wagen um ein Uhr parat iſ⸗ „Oh, pfui!“ rief Beatrix, ihrem heftigen Ver⸗ druſſe und ihren Thränen freien Lauf laſſend: „Ihr entehret mich durch Eure grauſamen Verfolgungen; und meine eigene Mutter iſt die erſte, die mich bearg⸗ wohnt und möchte mich als meine Kerkermeiſterin hin⸗ wegführen. Ich mag nicht mit Ihnen gehen, Mutter; ich mag nicht als Gefangene die Stadt verlaſſen. Wenn ich Sie hintergehen wollte, glauben Sie nicht, ich könnte dann Wege und Mittel finden, Sie hin⸗ ter das Licht zu führen? „Meine Familie beargwohnt mich. Und da nun diejenigen, die mich am Meiſten lieben ſollten, mir mißtrauen, ſo will ich ſie verlaſſen: ich will gehen, aber wohl verſtanden, allein: nach Caſtlewvod, wenn es nun ein Mal ſo ſein muß. Ich bin dort unglück⸗ lich und verlaſſen genug geweſen: ich will nun dahin zurückkehren, aber man erſpare mir wenigſtens die De⸗ müthigung, mein Elend noch bewacht ſehen zu müſſen, denn das wäre eine Prüfung, die ich nicht auszuhalten vermöchte. „Ich will alſo gehen, wenn Ihr es durchaus ſo haben wollt, aber allein, — oder gar nicht. Ihr drei könnet hier bleiben, und über mein Unglück triumphi⸗ ren; ich aber will es tragen, wie ich es ſchon früher 444 getragen. Mein Hauptkerkermeiſter möge den Wagen beſtellen, der mich von hier fortführen ſoll. „Ich danke Dir, Harry Esmond, für den Antheil, den Du an der Verſchwörung genommen. Mein Leben lang werde ich Dir dafür danken, und es Dir geden⸗ ken, — deſſen darfſt Du gewiß ſein; und was Dich, Bruder, und Sie, Mutter, betrifft, wie ſoll ich Euch doch nur gleich meine Dankbarkeit dafür zeigen, daß Ihr meine Ehre ſo ſorgfältig wahret?“ Und ſie verließ, in Haltung und Miene einer Kaiſerin ähnlich, das Zimmer; dabei warf ſie uns Allen herausfordernde Blicke zu, und ließ uns zwar auf dem Schlachtfelde als Sieger zurück, aber als Sieger, die über ihren Sieg erſchrocken waren, ja, ſich deſſelben beinahe ſchämten. Auch ſchien es wirklich hart und grauſam, daß wir Drei uns zur Verbannung und zu der Demüthigung dieſes ſchönen Weſens ver⸗ ſchworen haben ſollten. Wir ſahen einander ſchweigend an; es war in jener unglücklichen Zeit nicht die einzige That, die, nachdem ſie geſchehen, wir gerne wieder ungeſchehen gemacht hätten. Wir ſtimmten darin überein, daß es das Beſte wäre, wenn ſie allein ginge; dabei ſprachen wir ganz leiſe, und ſo zu ſagen, verſtohlen mit ein⸗ ander, gleich Perſonen, die ſich bei einer That be⸗ theiligten, die ſie nicht offen geſtehen dürfen. Es mochte ſeit unſerem Geſpräche etwa eine halbe Stunde verfloſſen ſein, als ſie zurückkam. Ihr Geſicht hatte immer noch denſelben trotzigen Ausdruck, den es gezeigt, als fie uns verließ. Sie hielt ein Etui von Chagrin in der Hand. Esmond wußte, daß daſſelbe ſeine Diamanten enthielt, die er ihr zu ihrer Heirath mit dem Herzoge von Hamilton geſchenkt, und die ſie an dem fatalen Abende, an dem der Prinz ankam, in ſo prächtiger Weiſe getragen hatte. 445 „Ich habe hier,“ ſagte ſie, „dem Marquis von Esmond das Geſchenk zurückgebracht, das er mir zu einer Zeit zu machen geruht hat, wo er mir mehr traute, als jetzt. Ich werde nie mehr eine Wohlthat, noch eine Gefälligkeit von Harry Esmond annehmen, und ich gebe hiermit dieſe Familien⸗Diamanten, die einſt der Maitreſſe eines Königes gehört, dem Gentle⸗ man zurück, der da argwohnte, es könnte aus mir gleichfalls eine ſolche werden. oten Sie, my Lord Marquis, gethan, wie man Sie geheißen: haben Sie den Wagen beſtellt? Und wollen Sie ſo gütig ſein, und Ihren Bedienten mitſchicken, damit ich nicht davon⸗ laufe?“ Wir hatten zwar Recht, aber auf der andern Seite hatte ſie durch ihr Benehmen das Unrecht auf unſere Seite gebracht; wir waren zwar Sieger, aber die Ehre des Tages ſchien dem armen, unterdrückten Mädchen zu gehören. Dieſes unglückſelige Etuis, worin ſich die Steine befanden, war zuerſt mit der Krone eines Barons ver⸗ ziert geweſen, als Beatrir mit dem jungen Gentleman verſprochen war, den ſie wieder aufgab; ſpäter hatte die vergoldete Krone einer Herzogin darauf figurirt, — eine Krone, welche die arme Beatrix ebenfalls nie tragen ſollte. Lady Caſtlewvod öffnete das Etui ganz mechaniſch, und faſt ohne an das zu denken, was ſie that; und ſiehe da! Neben den Diamanten, dem Geſchenke Es⸗ mond's, lag in dem Etui noch das emaillirte Minia⸗ turbild des ſeligen Herzogs, das Beatrix mit ihrer Trauer bei Seite gelegt hatte, als der König in das Haus kam, und das von dem armen, gedankenloſen Ding höchſt wahrſcheinlich ganz vergeſſen worden war. „Und dieß läſſeſt Du auch zurück, Beatrir?“ ſagt ihre Mutter, das Miniaturbild herausnehmend, und zwar mit einer Granſamkeit, die ſie nur höchſt ſelten —— 446 zeigte; aber es gibt nun ein Mal Augenblicke, wo auch die zärtlichſten Frauenzimmer grauſam ſein können, und gewiſſe Triumphe, die ſelbſt Engel ſich nicht zu verſagen vermögen *). Nachdem Lady Esmond dieſen Dolchſtich geführt, erſchrak ſie ſelbſt über die Wirkung deſſelben. Es hatte derſelbe die arme Beatrix in's Herz getroffen; ſie wurde plötzlich roth, und fuhr mit einem Taſchentuche über ihre Augen hin, und küßte das Miniaturbild, und ſteckte es in ihren Buſen. „Ich hatte es vergeſſen,“ ſagt ſie; „das Unrecht, das man an mir verübt, ließ mich meinen Schmerz vergeſſen: meiner Mutter iſt es gelungen, mir beide in's Gedächtniß zurückzurufen. Leben Sie wohl, Mutter! Ich glaube, daß ich Ihnen nie mehr vergeben kann; es iſt zwiſchen uns Etwas zerriſſen worden, was weder Thränen, noch Jahre wieder zuſammenfügen können: ſtets habe ich geſagt, ich ſei allein und verlaſſen; Sie haben mich nie geliebt, — nie, und ſind ſchon von der Zeit an, wo ich noch auf meines Vaters Knie ſaß, eiferſüchtig auf mich geweſen. Laſſen Sie mich je bälder, je lieber weggehen: ich kann nicht mehr mit Ihnen leben.“ „Geh', mein Kind,“ ſagte ihre Mutter, immer noch ſehr ſtrenge, „geh', und beuge Dein ſtolzes Knie, und bitte Gott um Vergebung; gehe hin und bete in der Einſamkeit zu ihm, daß er Dir Demuth und Reue ſchenken möge! Nicht Deine Vorwürfe ſind es, die mich unglücklich machen, nein, Dein verhärtetes Herz *) Dieſe Bemerkung zeigt abermals, wie ungerecht und wie verächtlich ſelbſt die trefflichſten Männer bisweilen von unſerem Geſchlechte urtheilen. Lady Esmond hatte gar nicht die Abſicht, über ihre Tochter zu triumphi⸗ ren, ſondern wies ſie nur aus Pflichtgefühl auf ihr beklagenswerthes Unrecht hin. — R. E. 447 iſt es, meine arme Beatrix; möge Gott daſſelbe erwei⸗ chen und Dich dereinſt lehren, wie Du gegen Deine Mutter geſinnt ſein ſolleſt!“ Wenn meine Gebieterin grauſam war, ſo konnte man ſie doch nicht zum Geſtändniß ihrer Grauſamkeit bringen. Ihr Stolz überragte den Beatrixens unend⸗ lich; und wenn das Mädchen ſtolzen Geiſtes war, ſo befürchte ich ſehr, daß ſie es geerbt. Elftes Rapitel. Unſer Gaſt verläßt uns, da wir ihm nicht gaſtfreundlich genug ſind. Die Abreiſe Beatrixens fand binnen einer Stunde Statt; ihre Kammerfrau ſaß bei ihr in der Poſtkutſche, während draußen, auf dem Kutſchbocke, ein bewaffneter Mann ſaß, um jede Gefahr abzuwenden, die der Weg bieten konnte. Esmond und Frank gedachten einen Augenblick, den Wagen zu eskortiren; allein die Schöne verbat ſich voller Unwillen ihre Begleitung; und ſo wurde denn ein anderer Mann abgeſchickt, welcher der Kutſche fol⸗ gen und dieſelbe nicht eher verlaſſen ſollte, als bis ſie an dem darauffolgenden Tage die Hounslower Haide hinter ſich liegen hätte. Und da dieſe Beiden die ge⸗ ſammte männliche Dienerſchaft von Lady Caſtlewood bildeten, ſo mußte Mr. Esmond's treuer John Lock⸗ wood die Lady während der Abweſenheit der Andern bedienen, obgleich John es ohne Zweiſel vorgezogen 448 hätte, Mrs. Lucy, ſeine Geliebte, bei ihrer Reiſe auf's Land zu begleiten. Die Mittagsmahlzeit war für uns ungemein düſter und ſtill; es ſchien, als ob eine Finſterniß über das Haus gekommen wäre, ſeitdem das ſtrahlende Geſicht Beatrixens demſelben entzogen worden. Im Laufe des Nachmittags langte von der Günſt⸗ lingin der Königin eine Botſchaft an, die uns in die⸗ ſer trüben Stimmung ein wenig aufrichtete. „Die Königin iſt gar ſehr erſchüttert worden,“ ſo hieß es in dem Billette; „indeſſen befindet ſie ſich jetzt beſſer, und es ſteht zu hoffen, daß Alles noch recht gut gehen wird. My Lord Caſtlewood möge ſich parat halten, damit er ſogleich kommen kann, wenn wir nach ihm ſchicken.“ Im Laufe des Abends langte ein zweites Billet an, worin Folgendes zu leſen war: „Es hat im Miniſterrathe eine große Schlacht Statt gefunden; der Schatzkanzler hat ſeinen Stab zer⸗ brochen, und iſt gefallen, um ſich nie mehr zu erheben; bis jetzt iſt noch kein Nachfolger ernannt. Lord B— empfängt heute Abend in Golden Square eine große Whiggeſellſchaft. Wenn er es bald mit dieſer, bald mit jener Partei hält, ſo bleiben Andere ihrer Farbe treu. Die Königin hat nun keine Anfälle mehr, liegt aber jetzt im Bette, und iſt etwas ruhiger. Halten Sie ſich auf morgen früh parat; noch hoffe ich, es werde Alles recht werden.“ Bald nachdem der Bote, der dieſes Billet über⸗ bracht, das Haus verlaſſen hatte, kam der Prinz nach Hauſe. Seine Königliche Hoheit hatte den Spirituoſen des Biſchofs ſo wacker zugeſprochen, daß es wohl un⸗ nütz war, jetzt von ernſten Angelegenheiten mit ihm zu ſprechen. Er wurde zu Bette gebracht, nannte Caſtle⸗ wood in familiärer Weiſe bei ſeinem (Caſtlewood's) Ramen, und vergaß ganz und gar die Rolle, von deren 449 gehöriger Durchführung ſeine Krone und ſeine Sicher⸗ heit abhingen. Glücklicher Weiſe war my Lady Caſtle⸗ wood's Dienerſchaft nicht um den Weg, ſo daß ihn bloß Solche hörten, denen es nicht einfallen konnte, ihn zu verrathen. Er erkundigte ſich nach der anbetungs⸗ würdigen Beatrir, mit einem königlichen Schluchzen in der Stimme; es hielt nicht ſchwer, ihn zu Bette zu bringen, und in ein Paar Minuten umfing ihn jener tiefe Schlummer und jene Vergeſſenheit, womit Bacchus ſeine Jünger zu belohnen pflegt. Wir wollten, Bea⸗ trir wäre da geweſen, um ihn in ſeinem Rauſche zu ſehen. Vielleicht bedauerten wir es, daß ſie bereits abgereist war. Einer, der zu der Geſellſchaft in Kenſington Square gehörte, war ſo thöricht und ritt noch in derſelben Racht, coram latronibus, nach Hounslow und nach dem Gaſthauſe; wo die Familie auf ihren Reiſen von und nach London abzuſteigen pflegte. Esmond erſuchte den Gaſtwirth, Madame Beatrix von ſeiner Ankunft Nichts zu ſagen, und hatte die ſchreckliche Befriedigung, an der Thüre des Zimmers vorüberzugehen, in dem ſie mit ihrer Kammerfrau lag, und am frühen Morgen ihren Wagen wegfahren zu ſehen. Er ſah ſie lächeln und dem Manne Geld in die Hand drücken, der den Befehl hatte, bis nach Bayſhot hinter dem Wagen herzureiten. Da der Weg ein offener, und der arme Bediente bewaffnet war, ſo däuchte ihr, wie es ſchien, die Eskorte eines zweiten Bedienten überflüſſig; und nachdem dieſer Burſche unter vielen Bücklingen ſeiner jungen Gebieterin Lebewohl geſagt, ging er in die Küche und trank dort einen Krug Ale, und kehrte mit ſeinem Collegen John Coachman und ſeinen Pferden nach London zurück, Sie waren noch keine Meile über Hounslow hin⸗ aus, als die beiden Burſche anhielten, um abermals Heniy Esmond. I. 29 zu trinken; und hier erſchraken ſie, als ſie Obriſt Es⸗ mond vorbeigaloppiren ſahen. Der Bediente ſagte in Beantwortung einer ernſten Frage, die Obriſt Esmond an ihn richtete, ſeine junge Gebieterin habe ihm keinen andern Auftrag gegeben, als den, daß er viele Grüße melden ſolle: ſie hätte eine ſehr gute Nacht gehabt, und würde mit Einbruch der Nacht auf Schloß Caſtlewood ankommen. Der Obriſt hatte keine Zeit zu weiteren Fragen und galoppirte London zu, ſo geſchwind es nur gehen mochte, indem er dort, wie der Leſer bereits weiß, Ge⸗ ſchäfte von höchſter Wichtigkeit hatte. Der Gedanke, Beatrix entferne ſich von der Gefahr, ſtimmte ihn be⸗ deutend ruhiger. Und ſo war denn ſein Pferd bereits in Kenſington Square (— das wackere Pferd, Dapple genannt, wußte den Weg gar gut —), ehe noch der betrunkene Gaſt vom vergangenen Abende wieder er⸗ wacht und nüchtern war. * X — Die Nachricht von den Ereigniſſen des verfloſſenen Abends hatte ſich am andern Tage ſchon in aller Frühe in der ganzen Stadt verbreitet. Ein heftiger Wort⸗ wechſel hatte vor der Königin im Miniſterrathszimmer Statt gefunden; und in jedem Kaffeehauſe lief eine andere Verſion um. Dieſe Nachricht führte auch den Herrn Biſchof in aller Frühe nach Kenſington Square, wo er das Erwachen ſeines königlichen Herrn abwartete, und voller Vertrauen davon ſprach, daß derſelbe noch im Laufe des Tages als Prinz von Wales und Thron⸗ erbe ausgerufen werden würde. Der Biſchof hatte an dem vergangenen Nachmit⸗ tage gewiſſe überaus einflußreiche Herren von der ächt britiſchen Partei bewirthet. Seine Königliche Hoheit hatte dabei Alles bezaubert, o länder, — ſowohl Papiſten, „Selbſt Quäker,“ fuhr der Biſe und wenn der Fremde dem bri etwas zu viel zuſprach, ſo wird er ſich an dieſe Spiri⸗ tuoſen bald mehr gewöhnen; und my Lord Caſtlewood“ ſagte er lachend weiter, „muß ſich eben den fürchter⸗ lichen Vorwurf gefallen laſſen, daß er in ſeinem Leben ein Bischen benebelt geweſen. Er trank wohl ein Dutzend Mal die Geſundheit ihrer liebenswürdigen Schweſter, worüber wir Alle lachten, indem wir ſo viel brüderliche Liebe nicht anders als bewundern konnten. Doch wo iſt dieſe bezaubernde Nymphe, und warum ſchmückt dieſelbe nicht den Theetiſch Ew. Ladyſchaft mit ihren ſchönen Augen? Ihre Ladyſchaft antwortete trocken, Beatrix ſei dieſen Morgen nicht zu Hauſe; und dem Herrn Bi⸗ ſchofe gingen zu wichtige Dinge im Kopfe herum, als daß er ſich mit der Anweſenheit oder Abweſenheit einer, wenn auch noch ſo ſchönen, Dame hätte viel plagen mögen. Wir ſaßen noch bei Tiſche, als Dr. A— aus dem Palaſte kam mit einer Miene, in der ſich große Un⸗ ruhe ausdrückte; die Schläge, welche auf die Königin an dem vergangenen Tage eingeſtürmt, hatten dieſelbe heftig angegriffen; man hatte nach ihm geſchickt, und er hatte der hohen Perſon eine Aderläſſe verordnet. Auch war der Chirurg von Long Acre in den Palaſt gekommen, um die Königin zu ſchröpfen; und nun war ihrer Majeſtät beſſer, und nun athmete ſie auch reier. Was machte uns bei dem Namen Mr. Ayme's zu⸗ ſammenfahren? „Il faut étre aimable, Pour étre aimé,“ ſagte der luſtige Doctor. Esmond zupfte ihn am Aer⸗ mel und hieß ihn ſchweigen. War ja doch in das Haus Ayme's der theure Lord Caſtlewvod, Frank's Schotten, als Eng⸗ ochkirchenmänner. dabet, chen Punſch und Ale Vater, nach ſeinem unheilvollen Duell gebracht worden, um dort zu ſterben. Auf jeden Fall konnte an dieſem Tage keine Rede von einem zweiten Beſuche bei der Königin ſein; und als unſer Gaſt droben ſein Signal gab, daß er erwacht ſei, warteten der Doctor, der Biſchof und Obriſt Es⸗ mond dem Prinzen auf, und brachten ihm ihre Nach⸗ richt, froh oder von Zweifeln befangen. Der Doctor konnte nicht lange bleiben, verſprach aber, den Prinzen immer ſogleich wiſſen zu laſſen, was in dem nahe liegenden Palaſte vorginge. Sein Rath, ſowie der des Biſchofs, ging dahin, daß der Prinz, ſobald die Krankheit der Königin eine günſtige Wen⸗ dung nähme, an ihr Bett gebracht werden, und der Miniſterrath zuſammenberufen werden ſollte; die Wache zu Kenſington und St. James gehörte zwei Regimen⸗ tern an, auf die man ſich verlaſſen könnte, und von einem wußte man, daß es nicht feindſelig wäre; und es würden ſich die Trxppen für den Prinzen erklären, ſobald die Königin vor den Lords ihres Rathes den Prinzen als den rechtmäßigen Thronerben bezeichnete. Bei verſchloſſenen Thüren brachten der Prinz und Seine Lordſchaft von Rocheſter — Obriſt Esmond war als Secretär thätig — viele Stunden dieſes Tages damit zu, daß ſie Proclamationen und Adreſſen an das Land, an die Schotten, an die Geiſtlichkeit, an, das Volk von London und England verfaßten. Es war darin die Ankunft des verbannten Abkömm⸗ lings dreier Souveräne, ſowie ſeine Anerkennung als Erbe des Thrones ſeiner Schweſter gemeldet. Es war darin der Kirche und dem Volke jede nur erdenkliche Garantie verſprochen, die ſie für ihre Freiheiten nur verlangen konnten. Der Biſchof konnte für den Bei⸗ tritt ſehr vieler Prälaten einſtehen, die an ihre Heerde und geiſtliche Collegen die Aufforderung ergehen laſſen würden, das geheiligte Recht des zukünftigen Sou⸗ 4⁵3 veräns anzuerkennen, und das Land von der Sünde der Empörung zu reinigen. Wähtend an dieſen Actenſtücken gearbeitet wurde, langte aus dem Palaſte mehr denn eine Borſchaft an, welche den Zuſtand der erhabenen Patientin betraf Gegen Mittag ging es bei ihr etwas beſſer; gegen Abend verfiel ſie wieder in ihre Starrſucht, und redete irre. Nach eingebrochener Nacht fand ſich Dr. A— wieder mit einem Berichte bei uns ein, der etwas günſtiger lautete: auf jeden Fall wurde keine augen⸗ blickliche Gefahr befürchtet. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatte ja Ihre Majeſtät viele ſolche Anfälle gehabt, nur daß dieſelben heftiger geweſen waren. Unterdeſſen hatten wir ein halb Dutzend Procla⸗ mationen fertig gebracht (— es hatte die Abfaſſung derſelben große Sorgfalt erheiſcht, wenn man keiner Partei zu nahe treten, und weder das Mißtrauen der Whigs, noch das der Diſſenters erregen wollte —), und der junge Prinz, der während der Arbeit eines langen Tages wirklich viel Bereitwilligkeit, ſich die Aufſchlüſſe zu Nutzen zu machen, die ihm gegeben wurden, und Scharfſinn und Gewandtheit im Drechſeln der Phraſen an den Tag gelegt hatte, die mit ſeinem Namen in alle Welt gehen ſollten, bewies hier eine gute Laune, eine Geduld und einen Ernſt, die ihm nicht wenig zur Ehre gereichen mußten. „Sollten dieſe Papiere zufällig verlegt, oder unſer Plan vereitelt werden,“ ſagt der Prinz, „ſo würde my Lord Esmond's Handſchrift ihn an einen Ort bringen, wo ich von ganzem Herzen hoffe, ihn nie zu ſehen; und ſo will ich denn, mit Ihrer Erlaubniß, die Acten⸗ ſtücke ſelbſt copiren, obgleich ich in der Orthographie nicht allzuſtark bin; und ſollten die gefunden werden, ſo kommt dadurch Niemand in Gefahr, als die Perſon, die ſie am Nächſten angehen.“ Sofort copirte der Prinz die Proclamationen mit — 2 5 454 vieler Sorgfalt; und als dieſes geſchehen war, ver⸗ brannte er die von Obriſt Esmond geſchriebenen. Hierauf ſprach er: „Und nun, und nun, meine Herren, wollen wir ſonpiren, und mit den Ladies ein Glas trinken. My Lord Esmond, Sie werden heute Abend mit uns ſou⸗ piren; Sie haben uns in neueſter Zeit Ihre Geſellſchaft gar zu ſelten geſchenkt.“ Gewöhnlich wurden dem Prinzen ſeine Mahlzeiten in dem Zimmer ſervirt, das Beatrixens Schlafzimmer geweſen war, und an dasjenige ſtieß, in dem er nun ſchlief. Und die pflichtſchuldige Gewohnheit ſeiner Be⸗ wirther war, zu warten, bis ihr königlicher Gaſt ſie einlud, ſich an den Tiſch zu ſetzen: früher nahmen ſie an dem Mahle keinen Theil. An dieſem Abende nun waren, wie ſich leicht denken läßt, bloß Frank Caſtlewood und deſſen Mutter da, um den Prinzen zu empfangen, als gemeldet wurde, daß das Souper ſervirt ſei Der junge Prinz hatte aber den ganzen Tag auf ſeinem Zimmer zugebracht, und hatte zum Staatsminiſter den Biſchof, und zu ſeinem Rathsſecretäre den Obriſten Esmond gehabt. Das Geſicht des Prinzen hatte einen keineswegs angenehmen Ausdruck; als er nach der kleinen Geſell⸗ ſchaft hinſah, die da ſtand, und auf ihn wartete, er⸗ blickte er dort nicht Beatrixens ſtrahlendes Geſicht, — jenes Geſicht, das ihn bis daher immer begrüßt hatte. Er fragte Lady Esmond nach ſeiner ſchönen Ein⸗ führerin von geſtern, und Ihre Ladyſchaft ſchlug bloß die Augen nieder, und ſagte ganz ruhig. Beatrix könne an dieſem Abende nicht an dem Souper theilnehmen. Auch konnte man an ihr nicht das geringſte Zeichen von Verwirrung erblicken, während Caſtlewvod roth wurde, und Esmond kaum minder verlegen war. Ich glaube, es beſitzen die Weiber einen Inſtinkt der Verſtellung; ſie wiſſen von Ratur ihre Gemüths⸗ 455 bewegungen viel beſſer zu verbergen, als die vollen⸗ detſten Höflinge es zu thun vermögen. Vergeht nicht der größte Theil des Lebens vielen Weibern damit, daß ſie ihre Gefühle verheimlichen, — daß ſie ihren Tyrannen ſchmeicheln, — daß ſie mit einem liebevollen Lächeln oder mit ſchlauer Luſtigkeit ihre Zweifel, oder ihren Schmerz, oder ihren Schrecken maskiren? Unſer Gaſt nahm ſein Abendeſſen in überaus mürriſcher Laune zu ſich; und erſt bei der zweiten Flaſche fing Seine Hoheit an, ſich heiterer zu zeigen. Als Lady Caſtlewvod um Erlaubniß bat, ſich zurückziehen zu dürfen, ſchickte er eine Botſchaft an Beatrix, welche die Erwartung ausdrückte, daß ſie am folgenden Tage dem Diner beiwohnen würde; und dann fing er an, zu trinken und zu plaudern, wozu es ja an Stoff nicht mangelte. An dem darauf folgenden Tage vernahmen wir von unſerer Benachrichtigerin zu Kenſington, daß die Kö⸗ nigin ſich etwas beſſer befände, und daß ſie eine Stunde lang aufgeweſen, obgleich dieſelbe noch nicht wohl genug wäre, um einen Beſuch zu empfangen. Zur Zeit des Diners war nur für eine einzige Perſon das heißt, für Seine Königliche Hoheit gedeckt; es warteten ihm bloß die beiden Gentlemen auf. Wir hatten im Laufe des Morgens uns mit Lady Caſtlewood berathen, und es war beſchloſſen worden, daß, im Falle Seine Hoheit noch weiter nach Beatrixen fragte, die Gentlemen vom Hauſe ihm antworten ſollten. Er war offenbar verſtört und fühlte ſich unbehag⸗ lich, indem er beſtändig nach der Thüre hinſchaute. wie wenn er Jemand erwartete. Aber es kam eben Riemand, den ehrlichen John Lockwood abgerechnet, wenn derſelbe mit einer Schüſſel anklopfte, welche ihm dann die drinnen befindlichen Perſonen abnahmen. So wurde es bei jedem Mahle gehalten, und ich 456 glaube, der Rath in der Küche war der Anſicht, der junge Lord habe einen Prieſter mit herüber gebracht, der uns Alle zu Papiſten gemacht, und es hielten es die Papiſten wie die Inden, die nicht mit einander äßen, und vor Chriſten ihre Mahlzeiten nicht zu ſich zu neh⸗ men gewohnt wären. Der Prinz ſuchte ſein Mißvergnügen zu verbergen. Er war dazumal aber nur ein höchſt plumper Heuchler, und konnte, wenn er böſe war, nur mit der größten Mühe ein heiteres Geſicht machen. Und nachdem er einige alberne Verſuche gemacht, über allerlei triviale Gegenſtände zu ſprechen, ging er alsbald zu ſeinem Hauptgegenſtande über, und ſagte, ſo leicht wie mög⸗ lich, zu Lord Caſtlewvod, er hoffte, er bäte, daß Seiner Lordſchaft Mutter und Schweſter an dem Sou⸗ per Theil nähmen. Die Zeit käme ihm gar lang vor, und da er nicht ausgehen dürfte, ſo würde wohl Miß Beatrix ſo gefällig ſein, ein Paar Spiele mit ihm zu machen, indem er gerne Karten ſpielen möchte. Bei dieſen Worten blickte Lord Caſtlewvod Esmond an, um ſich von ihm das Signal geben zu laſſen, und ſagte Seiner Königlichen Hoheit“), daß ſeine Schweſter Beatrix nicht zu Kenſington wäre, ſowie daß ihre Fa⸗ milie es für paſſend erachtet hätte, ſie aus der Stadt zu entfernen. „Was? Richt zu Kenſington!“ ſpricht er. „Iſt ſie unwohl? Sie war doch geſtern noch ganz wohl. Und warum ſollte ſie denn die Stadt verlaſſen? Iſt es auf Ihren Befehl geſchehen, my Lord, oder aber auf den von Obriſt Esmond, welcher der Herr dieſes Hauſes zu ſein ſcheint?“ *) In London redeten wir den Prinzen ſtets als köuig⸗ liche Hoheit an, obgleich die Frauenzimmer ihm be⸗ harrlich den Titel „König“ geben. 457 „Nicht dieſes Hauſes, Sir,“ ſpricht Frank in ſehr edler Weiſe, „ſondern nur unſeres Hauſes auf dem Lande, das er uns geſchenkt. Dieſes Haus gehört meiner Mutter, und Walcote iſt das meines Vaters, und es weiß der Marquis von Esmond, daß er bloß ein Wort zu ſprechen braucht, wenn ich ihm das ſeinige zurückgeben ſoll.“ „Der Marquis von Esmond! — der Marquis von Esmond,“ ſpricht der Prinz, ein Glas hinunter⸗ ſtürzend, „miſcht ſich allzu viel in meine Angelegen⸗ heiten, und thut ſich gar zu viel auf den Dienſt zu gut, den er mir erwieſen. Wenn Sie bei Beatrix Ihrer Werbung damit Vorſchub zu leiſten gedenken, my Lord, daß Sie dieſelbe in einen Kerker einſperren, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ſolches durchaus nicht der rechte Weg iſt, ein Frauenzimmer zu gewinnen.“ „Ich wußte nicht, Sir, daß ich mich vor Eurer König⸗ lichen Hoheit als Freier von Madame Beatrix hin⸗ geſtellt.“ „Bah, bah, Monſieur! Man braucht kein Hexen⸗ meiſter zu ſein, um das zu ſehen. Es drängt ſich auch dem blindeſten Ange in jedem Augenblicke auf. Sie ſind nun ein Mal eiferſüchtig, my Lord, und es darf die Ehrendame kein anderes Geſicht anſehen, ohne daß das Ihrige ſich zu verdüſtern anfängt. Was Sie da thun, Monſieur, iſt unwürdig, — iſt ungaſtfreund⸗ ſchaftlich, — iſt — iſt lche, ja, ich ſage es, iſt läche.“ Er ſprach raſch in franzöſiſcher Sprache, und wurde mit jeder Phraſe heftiger. Und ohne ſich zu unterbrechen, fuhr er alſo fort: „Ich komme in Ihr Haus; wage mein Leben; ich langweile mich; ich verlaſſe mich auf Ihre Treue; ich habe gar keine Geſellſchaft, wenn ich die Predigten Eurer Lordſchaft, oder die Unterhaltung jener anbetungswür⸗ 458 digen jungen Lady abrechne, und Sie entfernen ſie von mir; Sie aber, Sie, Sie bleiben? Merey, Monsieur! „Ich werde Ihnen danken, ſobald ich die Mittel in Händen habe; ich werde eine etwas läſtige, etwas läſtige Hingebung zu belohnen wiſſen, my Lord. Seit einem Monate hat mich Ihr Gebahren als Beſchützer, — als Protector über die Maßen gelangweilt. Sie geruhen, mir die Krone anzubieten, und wollen, ich ſolle dieſelbe, wie König John, auf den Knien em⸗ pfangen. He! Ich kenne meine Geſchichte, Monſieur, und frage keinen Ffifferling nach ſauer ſehenden Baronen. „Ich bewundere Ihre Geliebte, und Sie ſchicken dieſelbe in eine Baſtille in der Provinz; ich komme in Ihr Haus, und ſie ſetzen Mißtrauen in mich. Ich will es verlaſſen, Monſieur; noch heute Abend will ich es verlaſſen. Ich habe noch andere Freunde, deren Lo⸗ valität die meinige nicht ſo leicht in Frage ſtellt. Und wenn ich Hoſenbandorden zu verſchenken habe, ſo werde ich ſolche an Edelleute verſchenken, die nicht ſo gleich Böſes denken. „Verſchaffen Sie mir eine Kutſche und laſſen Sie mich dieſen Ort fliehen, oder aber laſſen Sie die ſchöne Beatrix hierher zurückkehren. Ich mag Ihre Gaſt⸗ freundſchaft nicht auf Koſten der Freiheit dieſes ſchö⸗ nen Geſchöpfes!“ Dieſe Anrede war von raſchen Geſtikulationen be⸗ gleitet, wie ſie bei den Franzoſen üblich ſind; auch war ſie in der Sprache der ſo eben genannten Nation erfolgt. Der Prinz ging dabei mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, ſein Geſicht war geröthet, und es zitterten ſeine Hände vor Zorn. Wiederholte Krankheiten und ein der Wolluſt er⸗ gebenes Leben hatten ihn gar mager und ſchwach gemacht. Es wäre ſowohl Caſtlewvod, als Esmond ein Leichtes geweſen, ihn über ein Knie zu legen, und 459 ihn da zu zerbrechen, und ſeinem Leben nach einem Kampfe von etwa einer halben Minute ein Ende zu machen; und da inſultirte er nun uns Beide, und hatte kaum ſo viel Schonung, um vor den zwei Män⸗ nern, deren Ehre am Meiſten dabei betheiligt war, die Leidenſchaft zu verhehlen, die er für die junge Lady unſerer Familie empfand. My Lord Caſtlewvod beantwortete die Tirade des Prinzen in ſehr edler und einfacher Weiſe. „Sir,“ ſpricht er, „Ew. Königliche Hoheit geruht, zu vergeſſen, daß Andere ihr Leben wagen, — und zwar für Ihre Sache. Sehr wenige Engländer wür⸗ den wohl, ſo Gott will, es wagen, ſich an Ihrer ge⸗ heiligten Perſon zu vergreifen, obgleich es gewiß keinem einfallen würde, unſere Perſon zu reſpectiren. Unſere Familie ſteht Ihnen mit dem Leben ihrer Glieder zu Gebot, ſowie mit Allem, was wir haben, — unſere Ehre allein ausgenommen.“ „Ehre, Ehre? Bah, Sirz wer hat denn auch nur daran gedacht, Ihrer Ehre zu nahe zu treten?“ ſagt der Prinz mit verdrießlicher Miene. Wir erſuchen Ew. Königliche Hoheit inſtändigſt, daß Höchſtdieſelbe ſich es nie einfallen laſſen möge, derſelben zu nahe zu treten,“ erwiedert Lord Caſtle⸗ wood mit einem tiefen Bücklinge. Da die Nacht warm war, ſo waren die Fenſter ſowohl nach den Anlagen, als nach dem Sauare hin offen. Obriſt Esmond hörte durch die geſchloſſene Thüre hindurch die Stimme eines Nachtwächters, der auf der entgegengeſetzten Seite des Saquare die Stunde an⸗ rief. Er machte die Thüre auf, welche mit dem Zim⸗ mer des Prinzen communicirte. Martin, der Diener, der nit Beatrixen nach Hounslow geritten war, ging eben aus dem Zimmer hinaus, als Esmond in daſſelbe trat; und als der Kerl fort war, und der Nachtwächter abermals rief: 460 „Wohl um die zehn Uhr: ne ſternenhelle Nacht!“ ſprach Esmond mit leiſer Stimme zu dem Prinzen: „Ew. Königliche Hoheit hört wohl den Mann?“ „Après? Monsieur!“ ſagt der Prinz. „Ich brauche ihm bloß von dieſem Fenſter aus zu winken, und ihn fünfzig Schritte weit fortzuſchicken, ſo kommt er mit einer gehörigen Bedeckung zurück, und ſo kaun ich ihm die Perſon überantworten, die ſich Jakob, der Dritte, nennt, und für deren Beifahung das Parlament eine Belohnung von fünftanſend Pfund Sterling ausgeſetzt hat, wie Ew. Königliche Hoheit auf unſerem Ritt von Rocheſter her geſehen. Ich brauche bloß das Wort zu ſagen, und bei dem Himmel, dem ich mein Leben verdanke, ich würde keinen Augenblick anſtehen, es auszuſprechen, wenn ich dächte, der Prinz würde, um ſeiner Ehre willen, nicht ablaſſen, die unſrige zu verletzen. Aber der erſte Gentle⸗ man von England kennt ſeine Pflicht zu gut, um ſich dem Geringſten gegenüber zu vergeſſen, oder um ſeine Krone um einer That willen zu gefährden, die ſchänd⸗ lich wäre, wenn ſie verübt würde.“ „Hat Ew. Lordſchaft Etwas zu ſagen,“ ſagt der Prinz, zu Frank Caſtlewvod gewandt und vor Zorn leichenblaß; „irgend eine Drohung oder eine Beleidi⸗ gung, womit Sie dieſe angenehme Abendunterhaltung gerne beendigten?“ „Ich richte mich ganz nach dem Hanpte unſeres Hauſes,“ ſpricht Caſtlewvod, ſich feierlich verbeugend. „Um welche Zeit ſollen wir morgen dem Prinzen un⸗ ſere Aufwartung machen?“ „Sie werden morgen in aller Frühe dem Biſchofe von Rocheſter Ihre Aufwartung machen, und werden ihn bitten, er möge in ſeinem Wagen hierher kommen, und entweder in ſeinem eigenen Hauſe, oder ſonſt an einem ſicheren Orte eine Wohnung für mich in Bereit⸗ ſchaft halten. Der König wird Sie — Sie dürfen 461 deßhalb nicht in Sorge ſein — hübſch belohnen für Alles, was Sie für ihn gethan. „Und nun wünſche ich Ihnen eine gute Nacht, und will ich zu Bette, es ſei denn, daß es dem Marquis von Esmond gefällt, ſeinen Collegen, den Nachtwäch⸗ ter, herbeizurufen, damit derſelbe mich nach dem Ken⸗ ſingtoner Wachtpoſten bringe und mir dort ein Nacht⸗ quartier bereite. Leben Sie wohl, und ſeien Sie ver⸗ ſichert, daß ich mich Ihrer erinnern werde! My Lord Caſtlewood, ich kann heut' Abend zu Bette gehen, ohne daß ich einen Kammerherrn brauche.“ Und der Prinz entließ uus mit einer mürriſchen Verbeugung, und ſchloß, während er ſprach, eine Thüre, die, welche in das Speiſezimmer führte, und ſodann hinter uns die andere, durch die wir gingen. Es führte dieſelbe in das Zimmerchen, das Frank Caſtle⸗ wood oder Monſieur Baptiſt bewohnte, und durch wel⸗ ches Martin eintrat, als Obriſt Esmond ihn einen Augenblick zuvor im Zimmer ſah. An dem nächſten Morgen kam der Biſchof in aller Frühe an. Er blieb einige Zeit in dem Zimmer ſei⸗ nes Gebieters, des Prinzen, wo dieſer ſeinem Rathe all' das Unrecht auseinanderſetzte, das, ſeiner Verſion zufolge, durch die Gentlemen von der Esmond'ſchen Familie an ihm verübt worden. Der würdige Prälat trat aus dem Conferenz⸗ zimmer mit einer Miene, die lebhafte Zufriedenheit aus⸗ drückte: er war ein Mann, der ſich ſtets zu helfen wußte, — ein Mann von der bewährteſten Treue, und voll von Geiſt und hundert guten Eigenſchaften; zu⸗ gleich war er tadelſüchtig und zum Widerſpruch geneigt, und war überaus eiferſüchtiger Gemüthsart, die nicht umhin konnte, über den Sturz eines Günſtlings zu frohlocken. Und ſo freute es ihn denn faſt wider ſei⸗ nen Willen, als er vernahm, daß das Esmondſche Mi⸗ niſterium ein Ende habe. „Ich habe Ihren Gaſt beſänftigt,“ ſagt er, zu den beiden Gentlemen und der Wittwe tretend, welcher Letz⸗ teren man von dem Wortwechſel, der in vergangener Nacht ſtattgefunden, Einiges mitgetheilt hatte. — Nach der Verſion, die wir ihr gaben, hatte der Prinzs ſich bloß zornig gezeigt, weil wir in ſeine Abſichten in Be⸗ treff Beatrixens Zweifel ſetzten, und die Abſicht zu er⸗ kennen gegeben, daß er uns verlaſſen wollte, weil wir ſeine Ehre in Frage ſtellten. —) „Aber es will mich, nach Erwägung aller Umſtände, bedünken, daß es wohl am Beſten wäre, wenn er dieſes Haus verließe; und dann, my Lady Caſtlewvod,“ endigte der Biſchof, „kann meine hübſche Beatrix nach demſelben zurückkehren.“ „Sie iſt auf Schloß Caſtlewood eben ſo gut auf⸗ gehoben, bis Alles vorüber iſt,“ antwortete Esmond's Gebieterin. „Sie ſollen Ihren Titel bekommen, Esmond: ich verſpreche Ihnen das,“ ſagt der gute Biſchof, ſich ſchon wie ein Premier⸗Miniſter gebahrend. „Der Prinz hat ſich über den kleinen Wortwechſel von vergangener Nacht in überaus edler Weiſe ausgeſprochen, und ich verſichere Sie, daß er auf meine Predigt eben ſo gut, wie auf die anderer Leute gehört hat,“ fährt der Doctor ſchlan fort; „er hat jede große und edle Eigenſchaft: vielleicht verbindet er damit eine kleine Schwachheit für das ſchöne Geſchlecht, — eine Schwachheit, die nun einmal in ſeiner Familie erblich iſt, und die man an vielen hundert volksthümlichen Souveränen von König David's Zeiten an bemerkt hat.“ „My Lord, my Lord!“ ruft Lady Esmond aus, „die Leichtfertigkeit, womit Sie von ſolchem Betragen gegenüber von unſerem Geſchlechte ſprechen, thut mir im Herzen weh, und was Sie Schwachheit heißen, nenne ich eine beklagenswerthe Sünde.“ „Eine Sünde iſt es allerdings, meine theuerſte Dame,“ ſagt der Biſchof achſelzuckend, und eine Priſe 463 nehmend; „aber erwägen Sie, was für ein Sünder König Salomo war, und zwar trotzdem, daß er nicht weniger als tanſend Frauen hatte.“ „Genng, genug, my Lord!“ ſpricht Lady Caſtle⸗ wood, und es färbte ſich dabei ihre Wange mit dem feinſten Roth. Und dann ſchritt ſie in überaus ſtolzer Weiſe zur Thüre hinaus. Es ſtand nicht lange an, ſo trat der Prinz her⸗ ein. Auf ſeinem Geſichte lag ein Lächeln, und wenn er am vergangenen Abende böſe auf uns geweſen war, ſo zeigte ſich jetzt bei ihm keine Spur mehr da⸗ von. Er bot jedem der beiden Gentlemen mit vieler Artigkeit eine Hand hin, und ſagte: „Wenn alle Eure Biſchöfe ſo gut predigen, wie Doctor Atterbury, Gentlemen, ſo weiß ich wahrlich nicht, was noch aus mir werden wird. Ich habe in vergangener Nacht ſehr übereilt geſprochen, my Lords, und bitte Sie Beide um Verzeihung.“ „Aber,“ fuhr er fort, „ich darf nicht länger hier bleiben, da ich guten Freunden Verdacht einflöße, und Schuld bin, daß hübſche Mädchen ihr elterliches Haus fliehen. Der Herr Biſchof hat einen ſichern Ort für mich gefunden, — nicht weit von hier in dem Hauſe eines Unterpfarrers, dem der Biſchof trauen darf, und deſſen Frau ſo häßlich iſt, daß ſie über alle Gefahr hinaus iſt; wir wollen daher dieſes neue Quartier be⸗ ziehen, und ich verlaſſe Sie, indem ich Ihnen für die hundert Gefälligkeiten danke, die mir hier erwieſen worden. Doch wo iſt meine Wirthin, damit ich mich bei ihr beabſchiede? Bald hoffe ich ſie in meinem eigenen Hauſe empfangen zu können, in einem Hauſe, wo meine Freunde keinerlei Urſache haben ſollen, mit mir zu hadern.“ Lady Caſtlewvod trat nach einer Weile ein: ſie erröthete mit vieler Grazie, und es füllten Thränen ihre Angen, als der Prinz ſie gnädigſt küßte. Sie ſah dabei ſo bezaubernd und jung aus, daß der Doctor in ſeiner ſpottenden Weiſe nicht umhin konnte, dem Prin⸗ zen von ihrer Schönheit zu ſprechen, — dem Prinzen, deſſen Compliment ſie erröthen und noch weit bezau⸗ bernder ausſehen machte. Zwölftes Rapitel. Ein großes Projert, und wer die Aus⸗ führung deſſelben vereitelt. Gleichwie Schriftzüge, die mit ſympathetiſcher Tinte geſchrieben worden, hervortreten, ſobald man Feuer an⸗ wendet, und dann wieder verſchwinden, und das Papier weiß laſſen, ſobald es wieder kalt iſt; ebenſo würden Namen von hochberühmten und der Sache des Prinzen zugethanen Männern, die in unſern geheimen Liſten verzeichnet waren, auf der großen Verſchwörungsliſte ſichtbar genug geweſen ſein, wenn dieſelbe aller Welt mitgetheilt worden wäre. Welche Haufen von Men⸗ ſchen würden ſich nicht herbeigedrängt, ſich unterzeichnet, und ihre Loyalität betheuert haben, ſobald einmal die Gefahr vorüber war! Wie viele Whigs, die jetzt hohe Aemter einnehmen und Creaturen des allgewaltigen Miniſters ſind, verachteten damals Mr. Walpole! Und wurde je in einem Augenblicke der Gefahr eine Partie gewonnen durch die Mannhaftigkeit und Entſchloſſenheit einiger Wenigen; und wurde je eine verloren durch den Verrath und den Schwachſinn Derjenigen, die das Spiel in Händen hatten, und nur Trumpf auszuſpielen 465 brauchten; ſo war es bei jenem bedeutungsvollen Spiele, das in den nun folgenden drei Tagen geſpielt ward, und wobei die erſte Krone der Welt den Einſatz bildete. Aus dem Benehmen von my Lord Bolingbroke war für Diejenigen, welche bei dem Projecte betheiligt waren, ſo ziemlich erſichtlich, daß man ſich auf ihn nicht verlaſſen dürfe. Gewann der Prinz die Ober⸗ hand, ſo war es Seiner Lordſchaft gnädige Abſicht, ſich für denſelben zu erklären: gelang es der hannöver ſchen Partei, ihren Souverain auf den Thron zu ſetzen, wer war dann bereitwilliger, als er, auf ein Knie nieder⸗ zufinken und zu rufen: „Gott erhalte König Georg“2 Auch verrieth er ſowohl den einen, als den andern Prinzen, aber gerade zur unrechten Zeit: in dem Augen⸗ blicke, wo er für König Jakob ſich hätte entſcheiden ſollen, ſchwankte und kokettirte er mit den Whigs. Und da er ſich durch die monſtröſeſten Loyalitätsbe⸗ thenerungen, die der Kurfürſt mit Recht verachtete, cvm⸗ promittirt hatte, ſo bewies er, mit welchem Rechte man in St. Germain den Renegaten verachtete, der gerade in einem Augenblicke überging, wo er ſich hätte fern halten ſollen: und ſo verachtete ihn denn dieſer Hof eben ſo, wie zuvor die beherzten und entſchloſſenen Männer ihn verachtet hatten, welche den Kurfürſten auf den engliſchen Thron ſetzten. Sein Name ſtand unter jeder Anklage von Falſchheit, die ſeine Feinde gegen ihn vorbrachten; und der König konnte eben ſo gut, wie der Prätendent Beweiſe von St. John's Ver⸗ rath vorzeigen, die durch ſeine Unterſchrift und ſein Siegel beglaubigt waren. Unſere Freunde beobachteten ziemlich ſcharf ſein ganzes Thun und Laſſen, ſowie auch das der tapfern und beherzten Whigpartei, die aus ihrem Treiben nur wenig Hehl machten. Letztere wollten um jeden Preis Henry Esmond. M. 30 . den Kurfürſten auf den Thron bringen, und wandten jedes Mittel, das ihnen zu Gebot ſtand, an, um ihren Endzweck zu erreichen. Auf der Seite der Whigs ſtand nun auch my Lord Marlborough. Seine Vertreibung aus einer ſo ein⸗ flußreichen Stellung, — eine Vertreibung, welche durch die Tories herbeigeführt worden war, hatte dieſen großen Heerführer mit einem Male zu den Whigs hinübergetrieben. Wir hörten, es ſei derſelbe im Be⸗ griffe, von Antwerpen herüberzukommen; und in der That betrat er auch das engliſche Ufer an dem Tage wieder, an dem der Tod der Königin erfolgte. Ein großer Theil der Armee hielt zu dem berühmten Feld⸗ herrn; ſogar die Tories der Armee waren empört über die ungerechten Verfolgungen, denen die whiggiſchen Offiziere ausgeſetzt waren. Die Hänpter von der Letzteren waren in London, und an der Spitze derſelben befand ſich einer der muth⸗ vollſten Männer der Welt, der ſchottiſche Herzog von Argyle, deſſen Benehmen am zweiten Tage nach dem⸗ jenigen, bei welchem jetzt meine Geſchichte angelangt iſt, die Folge hatte, — wie ſolche Ehrenhaftigkeit und Tapferkeit es auch nicht anders verdiente, — daß das der⸗ malige Königsgeſchlecht auf den engliſchen Thron ge⸗ ſetzt ward. Unterdeſſen herrſchte unter den Räthen, welche den Prinzen umgaben, keine kleine Meinungsverſchiedenheit in Betreff des Planes, den Seine Hoheit befolgen ſollte. Seine Miniſterin bei Hofe meinte, da ſie glaubte, ſie bemerke bei der Königin eine kleine Beſſerung, man müſſe noch einige Tage oder auch einige Stunden warten, bis der Prinz an das Bett der Königin ge⸗ bracht und als deren Erbe anerkannt werden könnte. Mr. Esmond dagegen wollte haben, der Prinz ſolle, von einer kleinen Abtheilung berittener Garde eskortirt, 467 geradezu nach dem Schloſſe marſchiren, und ganz offen vor den Rath treten. Während der ganzen Nacht vom neunundzwanzigſten auf den dreißigſten Juli hatte der Obriſt Beſprechun⸗ gen mit Militärperſonen, die hier wohl nicht genannt zu werden brauchen; es genüge die Verſicherung, daß mehrere unter ihnen eine überaus hohe Stellung in der Armee einnahmen, und daß insbeſondere einer von denſelben ein General war, der, als er hörte, der Herzog von Marlborough ſtelle ſich auf die andere Seite, bei dem Gedanken, daß er bald ausmarſchiren und mit dem Herzoge anbinden könnte, mit einem lau⸗ ten Hurrah ſeine Krücke über dem Kopfe ſchwenkte. Von den drei Staatsſecretären war einer uns ergeben: das wußten wir. Der Gouvernenr des Towers gehörte zu uns: die zwei Compagnien, welche in der Ken⸗ ſingtoner Kaſerne lagen, waren gleichfalls gewonnen, und wir waren immer raſch und genau von Allem unterrichtet, was im Innern des Palaſtes ſelbſt vor⸗ ging. Am dreißigſten Juli, um Mittag, langte die für die Freunde des Prinzen hochwichtige Nachricht an, daß das Rathscomité im Kenſingtoner Palaſte Sitzung halte, und daß Ihre Gnaden die Herzoge von Or⸗ monde und Shrewsbury, der Erzbiſchof von Canter⸗ ſowie die drei Staatsſecretäre dort verſammelt eien. Eine Stunde darauf kam ein Eilbote mit der weiteren Nachricht, daß die zwei großen whiggiſchen Herzoge, Argyle und Somerſet, unaufgefordert in das Rathszimmer eingedrungen wären, und dort ihren Sitz am Tiſche eingenommen hätten. Nachdem einige Zeit lang debattirt worden, hieß es weiter, verfügte ſich die ganze Geſellſchaft nach dem Zimmer der Königin, die überaus ſchwach, aber immer noch bei Beſinnung warz; und dort empfahlen die Lords Seine Gnaden den 468 Herzog von Shrewsbury als die paſſendſte Perſon, welcher die erledigte Stelle eines Schatzkanzlers anver⸗ traut werden könnte; und wie männiglich bekannt, ſo gab Ihre Majeſtät ihm den Stab. „Und jetzt,“ hieß es in dem Billet, „jetzt oder nie iſt es die rechte eät. Und in der That war es jetzt oder nie die rechte Zeit. Trotz der whiggiſchen Herzoge hatte unſere Partei im Rathe immer noch die Majorität, und Es⸗ mond, dem der Brief überbracht worden (— indem die fragliche Hofperſon nicht wußte, daß der Prinz ſeine Wohnung in Kenſington Square verlaſſen hatte —), nahm mit ſeinem tapfern jungen Adjutanten, Frank Caſtlewood, auf kurze Zeit Abſchied von der theuren Lady, die Beiden, nachdem ſie ſich in ihre Uniformen geworfen und ſich mit ihrem Degen umgürtet, einen Kuß gab und alles Glück wünſchte. Und dann ging ſie in ihr Zimmerchen, um vom Himmel den glücklichen Ausgang des großen Ereigniſſes zu erflehen, welches nun bald Statt finden ſollte. Caſtlewvod eilte nach der Kaſerne, um den dorti⸗ gen Gardehauptmann von dem, was vorging, zu be⸗ nachrichtigen; und dann ging er nach der Taverne zum „königlichen Wappen zu Kenſington, wo unſere Freunde beiſammen waren. Es waren dieſelben zu Zweien und Dreien entweder zu Pferde oder zu Wagen ge⸗ kommen, und hatten ſich, ihrer dreiundfünfzig, in dem oberen Zimmer verſammelt; ihre Bedienten dagegen, die gleichfalls Waffen hatten mitnehmen müſſen, waren unten, im Garten der Taverne, wo ihnen mit Ge⸗ tränken aufgewartet wurde. Aus dieſem Garten führt eine kleine Thüre auf den Weg nach dem Palaſte hinaus, und durch dieſe Thüre ſollten Herren und Diener hinausmarſchiren, ſobald das Signal gegeben ward, und die Perſon er⸗ ſchien, worauf Alle warteten. 469 Unter uns befand ſich der berühmte Offizier, der im Commando gleich nach dem Generalcapitän der ge⸗ ſammten Streitmacht, Seiner Gnaden dem Herzoge von Ormonde, welcher drinnen im Rathszimmer war, kam. Bei ihm befanden ſich auch zwei Generallieute⸗ nants, neun Generalmajore und Brigadegenerale, ſieben Obriſten, eilf Mitglieder des Oberhauſes, und einund⸗ zwanzig Mitglieder des Hauſes der Gemeinen. Die Wache ſowohl in dem Palaſte, als außerhalb deſſelben hielt zu uns: die Königin war auf unſerer Seite, ſo⸗ wie auch der Reichsrath (— mit Ausnahme der beiden whiggiſchen Herzoge, die hätten unterliegen müſſen —). Der Sieg war uns alſo gewiß, und mit klopfendem Herzen eilte Esmond nach der Maille in Kenſington, wo er an dem vergangenen Abende von dem Prinzen Abſchied genommen. Seit drei Nächten war der Obriſt nicht mehr in's Bett gekommen: die letzte Nacht war damit verſtrichen, daß er die Freunde des Prinzen zuſammenberufen, von denen die große Mehrzahl ſich auch nicht das Ge⸗ ringſte träumen ließ von dem, was vorging, bis man ihnen ſagte, daß der Prinz ſchon da wäre, und ſie aufforderte, endlich den entſcheidenden Schlag zu führen. Die vorletzte Nacht — die Racht, in welcher der Streit mit dem Prinzen Statt gefunden, — hatte mein Diener, der Seiner Königlichen Hoheit nicht recht traute, und befürchtete, es könnte derſelbe Luſt bekom⸗ men, uns heimlich zu entwiſchen und ſeiner flüchtigen Schönen nachzulaufen, wenn die Wahrheit geſagt wer⸗ den ſoll, in der Taverne zum „Windſpiel“ zugebracht, welche my Lady Esmond's Hauſe in Kenſington Square gerade gegenüber lag, und kein Ange von der Thüre abgewendet, damit der Prinz nicht ungeſehen entrinnen möchte. Die vorletzte Nacht aber hatte er in ſeinen Stiefeln in der „Krone“ zu Hounslow zugebracht, wo 470 er die ganze Nacht wachen und aufpaſſen mußte, um am Morgen Beatrir einen Augenblick zu Geſicht zu bekommen. Und das Fatum hatte beſchloſſen, daß er noch eine vierte Nacht durchreiten und durchwachen ſollte, ehe ſein Geſchäft beendigt war. Er eilte nach dem Hauſe des Unterpfarrers in Kenſington Mall, und fragte dort nach M. Bates, welchen Namen der Prinz jetzt angenommen hatte. Die Frau des Unterpfarrers erwiederte, Mr. Bates ſei am Morgen ſchon in aller Frühe geſtiefelt ausgegangen, und habe geſagt, er gehe nach Chelſea zu dem Biſchofe von Rocheſter. Aber der Biſchof war ſelbſt erſt vor zwei Stunden zu Kenſington geweſen, um dort Mr. Bates zu ſuchen, und war in ſeinem Wagen nach Hauſe zurückgekehrt, als er vernahm, daß der genannte Gentleman dahin⸗ gegangen, um ihn aufzuſuchen. Dieſe Abweſenheit war nun etwas höchſt Fatales, da eine Verzögerung von nur einer Stunde ein König⸗ reich koſten konnte. Esmond aber konnte jetzt natürlich nichts Anderes thun, als nach der Taverne zu dem „königlichen Wappen“ zurückeilen, und den dort ver⸗ ſammelten Gentlemen ſagen, daß Mr. George — wie wir dort den Prinzen nannten —) nicht zu Hauſe ſei, daß aber er, Mr. Esmond, ihn ſuchen wolle. Sofort nahm der Obriſt den Wagen eines Generals, der zufällig da war, und fuhr, über das Feld hin, nach Chelfea, wo ſich das Haus des Biſchofs befand. Der Portier ſagte ihm, es ſeien zwei Gentlemen bei Seiner Lordſchaft, und es eilte bei dieſer Nachricht Esmond ohne Weiteres an dieſer Schildwache vorbei und nach der verſchloſſenen Thüre von des Biſchofs Studirzimmer. Auf ſein heftiges Pochen ward ihm nach einer kleinen Weile geöffnet. Von den Gäſten des Biſchofs aber war einer gleichfalls ein anglikani⸗ ſcher Prälat; der andere war Abbs G—. 47¹ „Wo iſt Mr. George?“ ſagt Mr. Esmond, jetzt iſt die rechte Zeit.“ Der Biſchof ſah verſcheucht aus, und antwortete: Ich bin in ſeiner Wohnung geweſen, und dort hat man mir geſagt, er ſei hierher gegangen. Ich ſelbſt kam ſo geſchwind zurück, als der Wagen mich nur zu tragen vermochte; allein ich habe ihn nicht hier gefunden: er iſt nicht hier geweſen.“ Der Obriſt brach in einen Fluch aus: es war dieß Alles, was er den ehrwürdigen Herren zu ſagen ver⸗ mochte. Dann rannte er wieder die Treppe hinunter, und befahl dem Kutſcher, einem alten Freunde und Waffengenoſſen, zuzufahren, wie wenn er zu Wynendael mit ſeinem Herrn auf die Franzoſen einhiebe; und ſo kam es denn, daß ſie ſchon nach einer halben Stunde wieder in Kenſington waren. Und abermals verfügte ſich Esmond nach dem Hauſe des Unterpfarrers. Wer nicht zurückgekommen war, war eben Mr. George. Und mit dieſer unerquicklichen Botſchaft mußte dann der Obriſt zu den Herren im „königlichen Wap⸗ pen“ zurückkehren, denen unterdeſſen die Zeit recht lang geworden war. Durch das Fenſter der Taverne, und wenn man über die Gartenmauer wegſchaut, kann man die Aue vor dem Kenſingtoner Palaſt, das Palaſtthor (— an wel⸗ chem die Kutſchen der Miniſter ſtanden —), ſowie die Kaſerne ſehen. Und wie wir ſo in düſterem Geſpräche zu dieſem Fenſter hinausſchauten, hörten wir nach einer Weile Trompetenklang. Einige von uns liefen alsbald nach dem Fenſten des Vorderzimmers hin, das auf die High Street vor Kenſington hinaus ging, und ſahen ein Reiterregiment herankommen. „Es ſind Ormonde's Garden,“ ſpricht einer — „Nein, bei Gott, es iſt Argyle's altes Regiment,“ ſagt mein General, mit ſeiner Krücke auf den Boden ſtoßend. Und wirklich war es auch Argyle's Regiment, das von Weſtminſter herkam, und das zu Kenſington lie⸗ gende Regiment ablöste, worauf wir zählen konnten. „Oh, Harry!“ ſagt einer der anweſenden Gene⸗ rale, „Sie ſind unter keinem glücklichen Stern gebo⸗ ren; ich fange an, zu glauben, daß weder ein Mr. George, noch ein Mr. Drache da iſt. Die Pairswürde liegt mir nicht ſo ſehr am Herzen, denn unſer Name iſt ſo alt und berühmt, daß mir kein ſonderlicher Ge⸗ fallen geſchähe, wenn ich bloß Lord Lydiard genannt würde; aber — aber ich komme um die von ihnen verſprochene Chance, mit Marlborough ein Hühn⸗ chen zu pflücken.“ Und während wir ſo ſprachen, trat Caſtlewvod mit verſtörter Miene in das Zimmer. „Was Neues, Frank?“ ſagt der Obriſt.Kommt nun endlich Mr. George?“ „Zum Teufel mit ihm: da ſchau' her!“ antwortet Caſtlewood, ein Papier hinhaltend. „Ich habe es in dem Buche gefunden, — wie heißt doch nur gleich daſ⸗ ſelbe? Ah! Eikum Basilicum. — Der ſchurkiſche Mar⸗ tin hat es hingelegt, — und er hat geſagt, ſeine junge Gebieterin habe es ihn geheißen. Es war an nich adreſſirt, ſollte aber, wie ich weiß, ihm zukommen; ich habe deßhalb auch das Siegel erbrochen, und das Papier geleſen.“ Und während Esmond dasfragliche Papier las, ſchien Alles mit ihm im Kreiſe herumzugehen. Auf dem Papier aber waren nur folgende Worte zu leſen: Beatrix Esmond iſt in ein Gefängniß, nach Caſtlewvod, geſchickt worden, wo ſie um glückliche Tage beten wird.“ 473 „Kannſt Du Dir denken, wo er wohl ſein mag?“ fragt Caſtlewvod. „Oh ja,“ antwortet Obriſt Esmond. Er wußte es gar wohl, und ebenſo gut wußte es auch Frank: unſer Inſtinkt ſagte es uns, wohin der Verräther ge⸗ flohen. Der Obriſt hatte noch ſo viel Muth, daß er ſich zu der Geſellſchaft hinwandte und ſagte: „Gentlemen, ich befürchte gar ſehr, es werde Mr. George nicht möglich ſein, ſich hier einzufinden; es iſt Etwas vorgefallen, — und — und — ich befürchte gar ſehr, es werde ihm ein Unglück zuſtoßen, das ihn verhindern muß, hier zu erſcheinen. Da Sie Ihren Mittagstrunk nun zu ſich genommen, ſo wäre es wohl am Beſten, wenn Sie Ihre Rechnung bezahlten, und nach Hauſe gingen; es kann von einem Spiele nicht die Rede ſein da, wo Niemand ſpielen will.“ Einige von den Herren entfernten ſich, ohne ein Wort zu ſagen: andere wollten Ihrer Majeſtät ihre Unterthänigkeit beweiſen, und erkundigten ſich deßhalb nach Höchſtderſelben Befinden. Und ſo zerſtob das kleine Heer wieder ebenſo geſchwind, als es zuſammen⸗ getrommelt worden; es war Richts geſchrieben worden, — es hatten keine Papiere vorgelegen, wodurch irgend Jemand hätte compromittirt werden können. Es wa⸗ ren bloß einige Offizire und Parlamentsmitglieder wäh⸗ rend der Nacht zu einem gemeinſamen Frühſtück im „königlichen Wappen“ zu Kenſington eingeladen worden; und es hatten dieſelben ihre Rechnung verlangt, und waren wieder heim gegangen: das war Alles. 474 Preizehntes Rapitel. Erſter Auguſt 1714. „Weiß meine Gebieterin auch darum?“ fragte Es⸗ mond den jungen Frank, während ſie mit einander fortſpazierten. „Meine Mutter hat den Brief in dem Buche, auf dem Toilettentiſche gefunden. Beatrix hatte ihn geſchrieben, ehe ſie das Haus verließ,“ ſagte Frank. „Mutter begegnete ihr auf der Treppe, als dieſelbe ſchon die Hand an der Thüre hatte, und hinein zu gehen ſuchte; und ſeit dem Augenblicke iſt Mutter nicht von ihr gewichen, bis ſie wegfuhr. Er dachte nicht da⸗ ran, es dort anzuſehen; auch hatte Martin keine Ge⸗ legenheit, es ihm zu ſagen. Ich glaube, der arme Teu⸗ ſel hatte dabei keine böſe Abſicht, obgleich ich ihn faſt halb umgebracht habe; er glaubte, er bringe den Brief Beatrixens Bruder.“ Frank machte mir auch nicht mit einer Silbe einen Vorwurf darüber, daß ich den Schurken in unſer Haus gebracht. Und als wir an der Thüre anklopften, ſagte ich: „Wann werden die Pferde parat ſein?“ Frank aber deutete mit ſeinem Stocke vor ſich hin, und da ſah in demſelben Augenblicke die Pferde um die Straße iegen. Wir gingen zu Lady Caſtlewvod hinauf, um uns bei ihr zu verabſchieden. Sie befand ſich in dieſem Augenblicke in einem Zuſtand furchtbarer Aufregung, und es befand ſich bei ihr der Biſchof, deſſen Geſell⸗ ſchaft ſie ſo ſehr liebte. 475⁵ „Haben Sie ihm wohl geſagt, my Lord,“ hebt Esmond an, „daß Beatrix nach Schloß Caſtlewvod gegangen?“ Der Biſchof erröthete und ſtotterte: „Nun wohl, ich „Es iſt dem Schurken recht geſchehen,“ rief Mr. Esmond; „und dadurch, daß Sie es ihm geſagt, hat er eine Krone verloren.“ Meine Gebieterin wurde leichenblaß, und ſprach: „Henry, Henry, — bringen Sie ihn doch ja nicht n „Vielleicht iſt es noch nicht zu ſpät,“ ſagt Es⸗ mond; „vielleicht iſt er nicht nach Caſtlewvod gegan⸗ gen: Gott gebe es, daß es noch nicht zu ſpät ſein möge!“ ½ Biſchof brachte einige banale Phraſen von Loyalität und dem heiligen Charakter der Perſon des Souverains hervor; aber Esmond hieß in ernſter Weiſe ihn ſchweigen, ſämmtliche Papiere verbrennen, und ſich der Lady Caſtlewvod annehmen. und nach weiteren fünf Minuten ſaßen er und Frank im Sattel, und ritten ſie, gefolgt von John Lockwood, und was nun ihre Pferde laufen konnten, Caſtlewvod zu. Wir waren gerade nach Alton gekommen, da be⸗ gegneten wir — wem, glaubt man wohl? — dem al⸗ ten Lockwood, John's Vater, der neben dem Hexhamer Eilwagen einherging, und die Nacht zu Alton blieb. Lockwood ſagte, ſeine junge Gebieterin ſei Mittwoch Nachts zu Hauſe angekommen, und habe ihn dieſen Freitag Morgen mit einem Packete nach Kenſington an my Lady abgeſchickt, und ihm dabei bemerkt, es ſei der Brief von großer Wichtigkeit. Wir nahmen uns die Freiheit, das Packet zu er⸗ brechen, während Lockwood höchſt verwundert ausſah, und beim Anblicke ſeines jungen Gebieters, den er nun 476 ſeit ſieben Jahren nicht mehr geſehen, ein Mal um das i ausrief: Gott ſteh' mir bei! Wer hätte das ge⸗ dacht!“ Das von Beatrixen abgeſandte Packet enthielt gar keine Neuigkeit, die von beſonderer Bedeutung geweſen wäre. Der Brief war in ſcherzhaftem Tone geſchrieben, und die Schreiberin ſtellte ſich, als mache ſie ſich nicht gar viel aus ihrer Gefangenſchaft. Sie fragte an, ob ſie wohl Mrs. Tuſher beſuchen, oder über den Hofraum und über die Gartenmauer hinaus gehen dürfe. Sie ſprach von den Pfauen und einem Hirſchkalbe, die ſie auf dem Schloſſe hatte. Dann bat ſie ihre Mutter, ſie möchte ihr durch den alten Lockwood gewiſſe Kleider und Hemder ſchicken; ließ ſich einer gewiſſen Perſon empfehlen für den Fall, daß andere Perſonen ihr eine ſolche Freiheit hingehen ließen; wie ſie, da ſie nun nicht im Stande ſei, mit ihm Karten zu ſpielen, der Hoffnung lebe, er werde gute Bücher leſen, wie zum Beiſpiel Dr. Atterburys Predigten und eibon basilike. Sie ſelbſt ſei im Begriffe, gute Bücher zu leſen, und glaube, ihre hübſche Mamma werde es gerne hören, daß ſie ſich die Augen nicht ganz ausweine. „Weriſt außer Euch, Lockwovd, auf dem Schloſſet“ ſagt der Obriſt. „Es iſt das Waſchmädchen da, und die Küchen⸗ magd, und Madame Beatrixens Kammerfrau, und der Bediente von London, und das iſt Alles: und der Bediente ſchläft in einer Loge, fern von den Mädchen,“ ſagt der alte Lockwood. Esmond ſchrieb mit einem Bleiſtifte eine Linie auf die Note, übergab letztere dann dem alten Manne, und hieß ihn ſeinen Weg fortſetzen. Wir wußten gar wohl, warum Beatrix ſo urplötz⸗ lich ihr Benehmen gegen Lady Caſtlewvod verändert hatte und warum dieſelbe von eikon basilike ſprach. Sie hatte dieſen Brief geſchrieben, um den Prinzen 477 auf die Fährte und den Portier aus dem Wege zu bringen. Wir haben eine ſchöne mondhelle Nacht zu un⸗ ſerem Ritte, ſagt Esmondz „Frank, noch iſt es mög⸗ lich, daß wir Caſtlewvod zu rechter Zeit erreichen.“ Auf ihrem ganzen Wege erkundigten ſie ſich in den Poſthäuſern, wann man wohl einen ſchlanken jungen Gentleman in grauem Anzuge mit lichtbrauner Per⸗ nue ähnlich der my Lords, hätte vorbeikommen ehen. Der Prinz war an dieſem Morgen um ſechs Uhr von Kenſington weggeritten, während wir es um drei Uhr Nachmittags verließen. Er ritt faſt eben ſo raſch, wie wir, und war uns noch um volle ſieben Stunden voraus, als wir die letzte Station erreichten. Wir ritten noch vor Tagesanbruch über Caſtle⸗ wood Downs hin. Wir kamen an demſelben Orte vor⸗ bei, wo vor vierzehn Jahren der Wagen umgeworfen worden war und Mohun gelegen hatte. Im Dorfe ſchlief noch Alles, ſelbſt in der Schmiede brannte noch kein Feuer, als wir durch das Dorf ritten. Wir kamen an den Ulmen, wo die Saatkrähen immer noch niſteten, ſowie an der Kirche vorbei, und paſſir⸗ ten die Brücke. An der Brücke aber ſtiegen wir ab, und gingen zu Fuß bis zum Thore hinauf. „Wenn ihr noch Nichts geſchehen iſt,“ ſpricht Frank zitternd, und ſeine ehrlichen Augen füllten ſich bei dieſen Worten mit Thränen, „ſo ſoll Unſere Liebe Frau eine ſilberne Statue von mir bekommen!“ Schon war er im Begriffe, den großen eiſernen Klopfer an dem eiſernen Thore in Bewegung zu ſetzen. aber Esmond that der Hand ſeines Vetters Einhalt, Auch er hatte ſeine Befürchtungen ſeine eigenthümliche Verzweiflung, und ſeine eigenen Schmerzen; allein er ſprach zu ſeinem Begleiter mit keiner Silbe davon, und eben ſo wenig zeigte er guch nur eine Spur von 478 einer Gemüthsbewegung. Er ging nach dem kleinen Fenſter an dem Häuschen des Portiers hin, und klopfte dort ſanft, aber wiederholt an, bis der Bediente an dem Gitter erſchien. „Wer iſt da?“ ſagt er herausſchauend. Es war der Bediente von Kenſington. „My Lord Caſtlewood und Obriſt Esmond,“ ſagten wir von unten. „Oeffne Er das Thor, und laſſ' Er uns ohne alles Geräuſch hinein!“ „My Lord Caſtlewood?“ ſagt der Andere. „Aber my Lord iſt ja hier, und liegt zu Bette?“ „So mach' Er doch in's Teufels Namen auf!“ ſpricht Caſtlewvod mit einem Fluche. „Ich werde Niemand aufmachen,“ antwortet der Bediente, das Glasfenſter wieder zumachend, während Frank ein Piſtol herauszog. Der junge Lord würde auf den Portier geſchoſſen haben, hätte Esmond ihm nicht abermals die Hand gehalten. „Bah! es gibt mehr, als einen Weg,“ ſagt der Obriſt, „um in ein ſo großes Haus zu gelangen.“ Frank brummelte, daß das weſtliche Thor eine ganze halbe Meile entfernt ſei. „Aber ich kenne einen Weg, der keine hundert Ellen entfernt iſt,“ erwiedert Mr. Esmond. Sofort führte er ſeinen Vetter dicht an der Mauer fort, ſowie an den Geſträuchen vorüber, die jetzt ziem⸗ lich dicht geworden waren, und auf einem ehemaligen Graben neben dem Schloſſe ſtanden, und ſo kamen ſie bei dem Strebepfeiler an, neben dem ſich das kleine Fenſter befand, welches Pater Holt's Geheimthüre ge⸗ weſen war. Esmond kletterte vhne Mühe hinauf, zerbrach eine Scheibe, die unterdeſſen eingeſetzt worden war, und berührte die Springfeder drinnen; und ſo kamen die zwei Gentlemen hinein, und traten ſo leicht auf, wie nur möglich. Durch den Gang gelangten ſie in den 479 Hof, über dem ſich jetzt ſchon eine kleine Morgenröthe zu zeigen anfing, und wo der Springbrunnen in ge⸗ wohnter Stille plätſcherte. Sie eilten alsbald in die Loge des Portiers, wo der Bediente vergeſſen hatte, die Thüre zu riegeln, welche in den Hof führte. Die Piſtolen in der Hand, überfielen ſie den armen erſchrockenen Tropf; ſie befah⸗ len ihm vor Allem, ſtille zu ſein. Dann fragten ſie ihn (— mit Esmond ging Alles im Kreiſe herum, und es fehlte nicht viel, ſo wäre er auf den Boden hinge⸗ ſtürzt, während er ſprach —), wann Lord Caſtlewvod angekommen wäre. Der Burſche ſagte, es ſei derſelbe an dem vergan⸗ genen Abende angekommen: es ſei etwa acht Uhr ge⸗ weſen. „Und was dann?“ „Seine Lordſchaft ſpeiste mit ſeiner Schweſter zu Nacht.“ „Ob er, der Bediente, dabei aufgewartet habe?“ „Ja, er und my Lady's Kammerfrau hätten auf⸗ gewartet: die übrige Dienerſchaft habe das Nachteſſen zubereitet; — und es ſei kein Wein da geweſen, und man habe Seiner Lordſchaft bloß Milch geben können, worüber er gemurrt; und — und Madame Beatrix habe Miß Luchy ſtets bei ſich, im Zimmer, behalten. Und da über dem Hofe drüben, in des Kaplans Zim⸗ mer, ein Bett geſtanren, ſo habe ſie es ſo geordnet, daß my Lord dort ſchlafen ſolle. Madame Beatrir ſei lachend mit dem Mädchen die Treppe herabgekommen und habe ſich eingeſchloſſen; und my Lord ſei eine Zeit lang ſtehen geblieben, und habe durch die Thüre hindurch mit ihr geſprochen, und ſie hätten ihn ausge⸗ lacht, und dann ſei er eine Weile im Hofe auf und ab geſchritten, ſie aber wieder am obern Fenſter erſchie⸗ nen; und my Lord habe ſie gebeten, herabzukommen und im Zimmer mit ihr ſpazieren zu gehen, ſie aber habe nicht gewollt, ſondern habe ihn abermals ausge⸗ lacht und das Fenſter zugemacht; und ſo ſei denn my Lord, allem Anſchein nach Flüche ausſtoßend, — es ſeien dieſelben aber in einer fremden Sprache geſpro⸗ chen worden, — nach dem Zimmer des Kaplans ge⸗ gangen, um ſich dort zu Bette zu begeben.“ „Und war dieß Alles?“ „Alles,“ ſchwor der Mann bei ſeiner Ehre, „Alles, ſo wahr er ſelig zu werden hoffe.“ Dann ſetzte der Bediente plötzlich hinzu „Doch halt! Es war noch Etwas. My Lord hat bei ſeiner Ankunft, ſowie auch während des Abend⸗ eſſens ſeine Schweſter ein Paar Mal geküßt, wie es ja auch ganz natürlich war; und ſie hat ihn wieder eküßt.“ Bei dieſen Worten knirſchte Esmond vor Wuth mit den Zähnen, und hätte den erſtaunten Schelm, der dieß geſprochen, beinahe erwürgt, während Caſtlewvod, der dieß Mal ſeinem Vetter die Hand hielt, in ein ge⸗ waltiges krampfhaftes Gelächter ausbrach. „Ah, es amüſirt Dich,“ ſagt Esmond in franzö⸗ ſiſcher Sprache, „daß Beine Schweſter mit einem Fremdlinge Küſſe austauſcht: ich befürchte gar ſehr, die arme Beatrix wird Dir noch manche ſolche Freude bereiten.“ Esmond ſann düſter darüber nach, wie Hamilton und Aſhburnham ſchon vorher Herren der Roſen ge⸗ weſen, an denen ſich jetzt die Lippen der jungen Prin⸗ zen erluſtigten. Und bei dieſem Gedanken wurde es ihm wehe um's Herz. Ihre Wange war entweiht, ihre Schönheit befleckt. Schande und Ehre ſtanden zwiſchen derſelben und ihm. Die Liebe war in ihm erſtorben; und hätte ſie ihm auch mit ihrer Liebe eine Krone bringen können, ſo hätte er doch gefühlt, daß beide ihn erniedrigten. Aber dieſe Wuth gegen Beatrix verminderte in 481 keiner Weiſe die zornigen Gefühle des Obriſten gegen den Menſchen, welcher die Veranlaſſung, wenn auch nicht die Urſache des Uebels geweſen war. Frank ſetzte ſich im Hofraume auf eine ſteinerne Bank, und ſchlief wirklich ein, während Esmond im Hofe auf⸗ und abſchritt, und bei ſich berathſchlagte, was nun geſchehen ſollte. Was lag daran, wie viel oder wie wenig zwiſchen dem Prinzen und dem armen, treuloſen Mädchen vorgegangen war? Sie waren viel⸗ leicht noch zu rechter Zeit angekommen, um deren Per⸗ ſon, nicht aber, um deren Seele zu retten: denn hatte ſie nicht den jungen Prinzen aufgefordert, zu ihr zu kommen? Hatte ſie nicht Bediente für ihre Zwecke ge⸗ wonnen, hatte ſie nicht andere fortgeſchickt, um mit ihm, dem Prinzen, communiciren zu können? Das ver⸗ rätheriſche Herz in ihrem Innern hatte ſich ergeben, wenn auch der Platz noch nicht gerade in Feindes Hän⸗ den war; und um einen ſolchen Platz zu gewinnen, hatte er ſich ſein Leben lang abgekämpft und aufge⸗ opfert; und dieſen Platz wollte ſie übergeben gegen eine Adelskrone oder gegen einen Wink von dem Auge eines Prinzen. Nachdem er ſo dieſes Alles bei ſich überlegt, rüt⸗ telte er den armen Frank aus dem Schlafe auf. Die⸗ ſer erhob ſich gähnend, und ſagte, er habe von Clotil⸗ den geträumt. „Du mußt mich unterſtützen,“ ſpricht Esmond, „in dem, was ich nun thun werde. Ich habe ſo eben gedacht, der Schurke dort könne angeſtellt ſein, um dieſe Fabel zu erzählen, und es könne Alles erlogen ſein. Iſt das nun der Fall, ſo werden wir es von dem Gent⸗ leman herausbringen, der dort ſchläft. Sieh doch ein⸗ mal nach, ob die zu my Lady's Zimmern führende Thüre (— wir nannten ſo die Zimmer auf der nord⸗ weſtlichen Ecke des Hauſes —), — ſieh' doch nach, ob die Thüre verriegelt iſt, wie er ſagt.“ Henry Esmond. U. 31 482 Wir unterſuchten die Thüre, und es war dieſelbe von innen geſchloſſen, wie der Lakai geſagt atte. „Vielleicht iſt ſie aber offen geweſen und ſpäter geſchloſſen worden,“ ſagt der arme Esmond. „Ließ ja doch die Gründerin unſerer Familie unſern Ahn⸗ herrn auf ſolche Weiſe hinein.“ „Was wirſt Du thun, Harry, wenn — wenn das, nu der Kerl ſagt, ſich als unwahr herausſtellen ollte?“ Der junge Mann ſchaute ganz verſcheucht und er⸗ ſchrocken ſeinem Vetter in's Geſicht; und dieſes hatte wohl keinen ſehr angenehmen Ausdruck. „Vor allen Dingen wollen wir ſehen, wie die bei⸗ den Geſchichten zu einander ſtimmen,“ ſpricht Esmond. Und dann trat er in den Gang und öffnete die Thüre, die in das Zimmer führte, das nun faſt ſeit fünfundzwanzig Jahren das ſeinige geweſen war. Es brannte noch ein Licht darin, und es lag der Prinz ſchlafend auf dem Bette: — Esmond wollte kein Geräuſch machen. Da fuhr der Prinz, als er zwei Männer in ſeinem Zimmer erblickte, plötzlich in ſeinem Bette auf und ſprach, ein Piſtol unter ſeinem Kopfkiſſen hervor⸗ ziehend: „Oui est là?“ „Es iſt der Marquis von Esmond,“ antwortet der Obriſt, „und es iſt derſelbe hierher gekommen, um Seine Majeſtät auf Schloß Caſtlewvod willkom⸗ men zu heißen, und über das, was unterdeſſen zu Lon⸗ don vorgefallen, Bericht zu erſtatten. „Dem Befehle des Königs zufolge habe ich, nach⸗ dem ich Seine Majeſtät verlaſſen, die vorletzte Nacht dazu angewandt, daß ich die Freunde des Königs auf⸗ geſucht. Es iſt jammerſchade, daß der Wunſch Seiner Najeſtät, das Land zu ſehen, und unſer armes Haus 483 zu beſuchen, den König veranlaſſen konnte, London ge⸗ ſtern zu verlaſſen, ohne uns davon zu benachrichtigen, denn geſtern war eine günſtige Gelegenheit da, wie ſolche nach aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit ſich nie wieder finden dürfte; und hätte es dem Könige nicht ge⸗ fallen, nach Caſtlewvod zu reiten, ſo ſchliefe vielleicht jetzt der Prinz von Wales im Palaſte von St. James.“ „Tod und Teufel! meine Herren,“ ſagt der Prinz⸗ von ſeinem Bette herunterſpringend, auf dem er an⸗ gekleidet lag, „der Doctor war noch geſtern morgen bei mir, und fagte mir, nachdem er die ganze Nacht bei meiner Schweſter zugebracht, ich dürfe mir jetzt keine Hoffnung machen, die Königin zu ſehen.“ „Es wäre anders gegangen,“ ſagt Obriſt Esmond mit einer abermaligen Verbeugung, „da um dieſe Stunde die Königin vielleicht geſtorben iſt trotz des Doctors. — Der Reichsrath war verſammelt, — es war ein neuer Schatzkanzler ernannt, und es waren die Truppen der Sache des Königs zugethan; auch hatten ſich fünf⸗ zig loyale Gentlemen von den größten Namen dieſes Reiches verſammelt, um den Prinzen von Wales zu begleiten, der um dieſe Stunde der anerkannte Thronerbe ſein, oder auf dem Throne ſitzen könnte, hätte Ew. Majeſtät nicht beliebt, einen Spazierritt zu machen. Wir waren parat; und nur eine Perſon fehlte, Eurer Majeſtät gnädigſte —“ „Morbleu, Monsieur, Sie werfen mir gar zu viele Majeſtäten an den Kopf,“ ſagt der Prinz der, auf dem Boden ſtehend, zu erwarten ſchien, es ſolle einer von uns ihm ſeinen Rock anziehen helfen. Aber Keiner von uns rührte ſich. „Wir werden ſchon dafür ſorgen,“ ſpricht Esmond, „daß wir uns in dieſem Stücke künftig nicht mehr allzu oft vergehen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, my Lord?“ fragt der Prinz, Etwas wie guet-àpens murmelnd. Darauf Esmond, der dieß Wort gehört: Die Schlinge, Sir, war Ihnen nicht von uns gelegt worden; nicht wir hatten Sie eingeladen: wir ſind hierher gekommen, damit Sie es wiſſen, um die Unehre unſerer Familie zu rächen, nicht aber um die⸗ ſelbe zu begünſtigen.“ „Unehre! Morbleu, es kann hier von keiner Unehre die Rede ſein,“ erwiedert der Prinz, ſcharlachroth wer⸗ dend. „Es hat weiter Nichts, als ein wenig harmloſe Spielerei Statt gefunden.“ „Die ein ſehr ernſtes Ende nehmen ſollte.“ „Ich ſchwöre,“ rief der Prinz ungeſtüm, „bei der Ehre eines Gentleman, my Lords —“ „Daß wir noch zur rechten Zeit gekommen ſind. Es iſt noch kein Unrecht verübt, Frank,“ ſpricht Obriſt Esmond, ſich zu dem jungen Caſtlewvod hinwendend, der ſich in der Nähe der Thüre gehalten hatte, wäh⸗ rend Obiges geſprochen worden war. „Schau her! da liegt ein Fetzen Papier, worauf Seine Majeſtät geruht hat, einige Verſe zu Beatrixens Ehre oder Unehre anzufangen. Hier ſteht in königlicher Hand⸗ ſchrift und Orthographie Madame“ et Femme,“ Cru- allee et Rebelle', et Amour“ et Jour.“ Wäre der hohe Schäfer glücklich geweſen, ſo würde er ſeine Zeit nicht mit Seufzen verbracht haben.“ Und in der That warf Esmond, während er ſprach, die Augen nach dem Tiſche hin, und ſah dort ein Pa⸗ pier, auf das der junge Prinz ein Madrigal gekritzelt hatte, das am Morgen ſeiner Schönen vollends den Reſt geben ſollte. „Sir,“ ſagt der Prinz, vor Wuth glühend (— er hatte unterdeſſen ohne unſere Beihülfe ſeinen könig⸗ lichen Rock angezogen —), „bin ich denn hierher ge⸗ kommen, um Beleidigungen zu empfangen?“ „Um Beleidigungen zuzufügen, wenn es Ew. Ma⸗ jeſtät erlauben,“ ſagt der Obriſt mit einer ſehr tiefen 485 Verbeugung, „und es ſind die Gentlemen von unſerer Familie hierher gekommen, um Ihnen zu danken.“ „Malédiction!“ ſpricht der junge Mann, und es traten ihm Thränen in die Augen, da er ſich in ſeiner Wuth und in ſeinem Aerger ſo ſchwach fühlte. „Was wollen Sie von mir, meine Herren?“ „Wenn Ew. Majeſtät geruhen wollten, in das anſtoßende Zimmer zu treten,“ ſpricht Esmond, ſeinen feierlichen Ton beibehaltend, „ſo würden Höchſtdieſel⸗ ben mich ungemein verbinden: ich habe dort etliche Pa⸗ piere, die ich Sie gerne ſehen laſſen möchte; und mit Ihrer Erlaubniß will ich vorangehen.“ Und Mr. Esmond nahm das brennende Licht, und trat, in ungemein ceremoniöſer Weiſe vor dem Prinzen rückwärts gehend, in das Zimmerchen des Kaplans, durch welches wir vor einer Weile in das Haus gedrungen waren. „Stell' doch Seiner Majeſtät einen Stuhl hin, Frank!“ ſagt dann der Obriſt zu ſeinem Begleiter, der üͤber dieſe Scene faſt ebenſo verwundert, und dadurch ebenſo verwirrt war, wie die andere Perſon, die dabei eine Rolle zu ſpielen hatte. Sodann ging der Obriſt zu dem geheimen Schranke über dem Kaminſimfe hin, öffnete denſelben, und zog daraus die Papiere hervor, die dort ſchon ſo lange gelegen hatten. „Hier iſt, wenn Ew. Majeſtät erlauben,“ ſagt Esmond, „das Marquis⸗Patent, das Ihr königlicher Vater zu St. Germain meinem Vater, dem Viscount Caſtlewvod, zugeſandt hat; und hier iſt das beglaubigte Certificat von der Heirath meines Vaters mit meiner Mutter, ſowie von meiner Geburt und Taufe: ich wurde auf die Religion getauft, wovon Ihr heilig geſpro⸗ chener Sire während ſeines ganzen Lebens ein ſo glänzendes Beiſpiel gegeben. „Dieß ſind meine Titel, mein lieber Frank; — 486 und nun kannſt Du ſehen, was ich damit thue. Hie⸗ mit mögen Taufe und Heirath, und hiemit möge das Marquiſat und das königliche Handzeichen hinfahren, womit Ihr Vorfahr unſer Geſchlecht zu beehren geruht hatte.“ Und während Esmond dieß ſprach, ließ er die Papiere in der Kohlenpfanne auflodern. Dann fuhr er alſo fort: „Sie werden geruhen, ſich zu erinnern, Sir, daß unſere Familie ſich durch die gegen die Ihrige bewie⸗ ſene Treue zu Grunde gerichtet; — daß mein Groß⸗ vater ſein Vermögen für Ihre Familie hingegeben, und ſein Blut und ſeinen Sohn in Eurem Dienſte geopfert hat; — daß der Großvater meines theuren Lords (— denn Lord biſt Du nun, Frank: es kann Dir Nie⸗ mand mehr Dein Recht und Deinen Titel ſtreitig ma⸗ chen —) für dieſelbe Sache geſtorben iſt; — daß meine arme Verwandtin, die zweite Frau meines Vaters, nachdem ſie ihre Ehre an Ihr laſterhaftes, meineidiges Geſchlecht hingegeben, allen ihren Reichthum dem König zugeſandt, und dafür jenen werthvollen, nun in Aſche liegenden Titel, ſowie dieſe unſchätzbare Elle blauen Bandes bekommen hat. Dieſes werfe ich Ihnen vor die Füße, und trete darauf: ich ziehe dieſen Degen, und zerbreche ihn, und ſage mich von Ihnen los; und hätten Sie das Unrecht, das Sie uns zufügen wollten, vollends verübt, ſo hätte ich Ihnen denſelben, beim Himmel, durch das Herz gejagt, und ich würde Ihnen dann ebenſo wenig verziehen haben, als Ihr Vater einſt Monmouth verzieh. Frank, Du wirſt ein Glei⸗ ches thun: nicht wahr, Vetter?“ Frank, der wie betäubt die Papiere angeſchaut hatte, während dieſelben in der alten Kohlenpfanne aufflammten, riß ſeinen Degen heraus, und zerbrach ihn geſenkten Hauptes. „Ich halte es mit meinem Vetter,“ ſagt er, Es⸗ 487 mond's Hand drückend. „Marquis oder nicht, aber ich ſtehe, bei Gott, jeden Augenblick zu ihm. Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, daß ich ſchwöre, das heißt, — das heißt, — der Kurfürſt von Hannover iſt nun mein Mann. Es iſt ganz allein die Schuld Eurer Majeſtät. Aller Wahrſcheinlichkeit nach iſt die Königin um dieſe Zeit todt. Sie aber, Sie hätten König ſein können, wenn Sie es nicht vorgezogen hät⸗ ten, mit Trix zu liebeln, und ihr nachzulaufen.“ „Auf ſolche Weiſe eine Krone zu verlieren,“ ſpricht der junge Prinz auffahrend, und in ſeiner haſtigen Weiſe franzöſiſch ſprechend; das anmuthigſte Frauen⸗ zimmer auf der Welt zu verlieren; die Loyalität ſolcher Herzen, wie die Ihrigen ſind, zu verlieren, — iſt dieß nicht der Demüthigung genug, my Lords? „Marquis, werden Sie mir verzeihen, wenn ich auf die Knie niederfalle? „Doch nein, das kann nicht ſein; aber ich kann Ihnen Satisfactivn geben, — die Satisfaction, die unter Gentlemen üblich iſt. Erweiſen Sie mir die Gunſt, und kreuzen Sie Ihren Degen mit dem meini⸗ gen; doch ich ſehe, der Ihrige iſt zerbrochen; — aber in jenem Schranke erblicke ich zwei andere.“ Und der Prinz zog dieſelben mit der Haſt eines Jünglings heraus, und hielt ſie Esmond hin. „Ah! Sie wollen? Merey, Monsieur, merey!“ ſetzte der Prinz hinzu. Ueber die Maßen gerührt von dieſem unendlichen Beweiſe von Herablaſſung und Reue wegen zugefügten Unrechts, bückte ſich Obriſt Esmond ſo tief, daß er faſt die gnädige, junge Hand küßte, die ihm ſolche Ehre und ſetzte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, in's ager. Und nicht ſo bald hatten ſich die beiden Degen berührt, als Caſtlewvod den Esmond's mit der Klinge des ſeinigen, den er dicht am Gefäße abgebrochen, in 488 die Höhe ſchlug. Sofort fiel der Obriſt ein Bischen zurück, ſenkte ſeine Degenſpitze mit einer abermaligen, ungemein tiefen Verbeugung, und erklärte ſich für voll⸗ kommen ſatisfacirt. „Eh pien, Vicomte!“ ſagt der junge Prinz, der noch ein Jüngling, und zwar ein franzöſiſcher war, „il ne nous reste qu'une chose à faire.“ Dabei legte er ſeinen Degen auf den Tiſch, und die Finger ſeiner beiden Hände auf die Bruſt. „Wir müſſen aber noch Etwas thun,“ ſagt er. „Sie errathen es nicht? — Er ſtreckte die Arme aus: — „Embrassons-nous!“ Kaum war das Geſpräch vorüber, als Beatrix in das Zimmer trat: — was ſuchte ſie wohl hier? Sie fuhr zuſammen und erblaßte beim Anblicke ihres Bru⸗ ders und ihres Vetters, gezogener Degen, zerbrochener Degenklingen, und in der Kohlenpfanne noch ſchmelen⸗ der Papiere. „Bezaubernde Beatrix,“ ſpricht der Prinz mit einem Erröthen, das ihm ſehr gut ſtand, „dieſe Lords ſind von London hergeritten gekommen, wo meine Schweſter in einem verzweifelten Zuſtande liegt, und wo man ihren Nachfolger ſehen will. Verzeihen Sie mir meine Escapade *) von geſtern Abend. Ich war ſo lange Gefangener geweſen, daß ich die Gelegenheit ergriff, einen Spazierritt zu machen, und ganz natürlich trugen mich meine Pferde zu Ihnen. Ich fand an Ihrem klei⸗ nen Hofe, wo Sie mich zu unterhalten geruhten, in Ihnen eine Königin. „Bringen Sie Ihren Ehrendamen in meinem Na⸗ men meine Huldigungen dar. Ich ſeufzete, während Sie ſchliefen, unter dem Fenſter Ihres Zimmers, und zog mich dann zurück, um in dem meinigen Ruhe zu ſuchen. Dort wurde ich von dieſen Gentlemen in höchſt *) Unbeſonnenheit; unbeſonnener, leichtſinniger Streich. 489 angenehmer Weiſe geweckt. Ja, my Lords, denn das iſt fürwahr ein glücklicher Tag, der einen Prinzen, wie viel es auch ſeiner Eitelkeit koſten mag, ein ſo edles Herz kennen lehrt, wie das des Marquis von Es⸗ mond iſt. „Mademviſelle, dürfen wir in Ihrem Wagen nach der Stadt fahren? Ich ſah denſelben in dem Schuppen, und der arme Marquis muß vor Schlaf faſt um⸗ ſinken.“ „Gefüllt es vielleicht dem Könige, vor ſeiner Ab⸗ reiſe noch zu frühſtücken?“ das war Alles, was Beatrix zu ſagen vermochte. Die Roſen waren von ihren Wangen weggeſchleu⸗ dert; ihre Augen glitzerten; ſie ſah ganz alt aus. Sie ſodann auf Esmond zu, und hißte ein Paar Worte ervor. „Wenn ich ſchon vorher Dich nicht geliebt habe, Vetter,“ ſagte ſie, „ſo kannſt Du Dir wohl denken, wie ich Dich jetzt liebe.“ Könnten Worte erdolchen, ſo würde ſie ohne Zweifel Esmond umgebracht haben; ſie ſah ihn wenig⸗ ſtens ſo an, wie wenn ſie es könnte. Aber ihre ſcharfen Worte verwundeten Mr. Es⸗ mond nicht; ſein Herz war allzu hart. Und während er ſie anſchaute, verwunderte er ſich, wie er ſie je habe lieben können. Seine zehnjährige Liebe war vorbei: es fiel dieſelbe todt nieder an dem Platze in der Ken⸗ ſingtoner Taverne, wo Frank ihm die Note überbrachte, die in Eikon basilike gelegen hatte. Der Prinz erröthete und verbeugte ſich tief, wäh⸗ rend ſie ihn anſchaute, und verließ das Zimmer. Von dem Tage an habe ich ſie nie mehr geſehen. Es wurden Pferde herbeigeholt und alsbald an den Wagen geſpannt. My Lord ſetzte ſich außen auf den Wagen, und was Esmond betrifft, ſo war er ſo ermüdet, daß er kaum in der Kutſche ſaß, als er ſchon 490 einſchlief, und nicht eher erwachte, als gegen Abend, wo der Wagen in Alton anlangte. In dem Augenblicke, wo wir nach dem Gaſthauſe zur „Glocke“ hinfuhren; kam eine mit einer Biſchofs⸗ mütze verzierte Kutſche heran. Auf derſelben erblickten wir neben dem Kutſcher unſern alten Freund Lockwood. My Lady Caſtlewvod und der Biſchof ſaßen drinnen; und die Dame ſtieß einen kleinen Schrei aus, als ſie uns erblickte. Die beiden Kutſchen fuhren faſt zu gleicher Zeit zum Thore des Gaſthauſes hinein. Der Wirth und ſeine Leute kamen mit Lichtern heraus, um die Gäſte zu bewillkommen. Wir ſprangen aus der Kutſche, ſobald wir die theure Lady und, vor Allem, den Doctor in ſeinem Prieſterrocke erblickten. „Was Neues? Iſt es noch Zeit? Lebt die Königin noch?“ Dieſe Fragen wurden in aller Eile geſtellt, während Boniface vor ſeinen vornehmen Gäſten ſtand, des Augenblicks harrend, wo er ſie unter unzähligen Bücklingen würde die Treppe hinaufbringen können. Iſt ihr Nichts geſchehen?“ flüſterte Lady Caſtle⸗ wood tiefbewegt Esmond zu. „Alles gut, Gott ſei gedankt!“ ſagt er, während die zärtliche Dame ſeine Hand ergriff und dieſelbe küßte, und ihn ihren Schutzengel und ihren lieben Freund nannte. Sie dachte jetzt nicht an Königinnen und Kronen. Die Rachrichten, die uns der Biſchof gegeben hatte, beruhigten uns wieder ein wenig: es war wenigſtens noch nicht Alles verloren; es athmete oder lebte noch die Königin, als ſie, vor ſechs Stunden, London ver⸗ laſſen hatten. (— „Es war Lady Caſtlewvod, die durchaus fortwollte,“ ſagte der Doctor; —) Argyle habe Regimenter von Portsmouth heraufmarſchiren laſſen, und noch an weitere den Befehl abgeſchickt, auf die 491 Hauptſtadt zuzumarſchiren; die Whigs ſeien auf ihrer Hut, — der Teufel ſolle ſie holen — (— ich weiß nicht gewiß, ob der Biſchof nicht fluchte, als er ſprach —), aber auch unſere Leute ſeien nicht unvorbereitet. Und Alles könne noch gut gehen, wenn es nur dem Prinzen gelinge, noch zu rechter Zeit nach London zu kommen. Solcher Art waren die Nachrichten, die uns der Biſchof gab. Wir verlangten auf der Stelle Pferde, um nach London zu eilen. Wir gingen nicht einmal die Treppe des armen niedergeſchlagenen Boniface hin⸗ auf, ſondern warfen uns alsbald wieder in unſere Kutſchen, der Prinz und ſein Premiermeiſter in die eine, Esmond mit ſeiner theuren Gebieterin als Ge⸗ ſellſchafterin in die andere. Was Caſtlewvod betrifft, ſo galoppirte er voraus, um die Freunde des Prinzen zu ſammeln und dieſelben von ſeiner Ankunft zu benachrichtigen. Wir reiſeten die ganze Nacht durch. Esmond erzählte ſeiner Ge⸗ bieterin die Ereigniſſe der letzten vierundzwanzig Stun⸗ den, ſeinen und Eaſtlewvod's Ritt, ſowie das edel⸗ müthige Benehmen des Prinzen und ihre Wiederaus⸗ ſöhnung mit Letzterem. Die Nacht ſchien kurz genug; und die ſternenhellen Stunden verſtrichen heiter in ſolch' wonniger Geſellſchaft. So legten wir den Weg zurück. Die Kutſche des Biſchofs fuhr der unſrigen voraus; und nach einigem Aufenthalte, den die Herbeiſchaffung von friſchen Pfer⸗ den verurſacht, kamen wir etwa um vier Uhr, Sonntag Morgens, am erſten Anguſt, zu Hammerſmith an; und eine halbe Stunde darauf (— es war unterdeſſen heller Tag geworden —) fuhren wir an my Lady Warwick's Haus vorüber, und ſo die Straße von Kenſington hinab. So früh es auch noch war, ſo bemerkte man doch ſchon Leben auf der Straße, und es gingen viele Leute hin und her. An dem zum Palaſte führenden Thore, da wo der Wachpoſten iſt, befand ſich insbeſondere ein großer Volkshaufen. Die uns voranfahrende Kutſche hielt an, und es ſtieg der Bediente des Biſchofs ab, um ſich nach der Urſache dieſer Zuſammenkunft zu erkundigen. Und es ſtand nicht lange an, ſo ritten berittene Gardiſten mit ihren Trompeten, und eine Compagnie Herolde mit ihren Waffenröcken zum Thore heraus. Es blieſen die Trompeten, und es ritt der Wappen⸗ herold vor, und verkündigte George von Gottes Gnaden, Königvon Großbritannien, Frank⸗ reich und Irland, Vertheidiger des Glau⸗ bens. Und das Volk jubelte und ſchrie: „Gott er⸗ halte den König!“ Unter der jubelnden und hutſchwenkenden Menge gewahrte ich ein trauriges Geſicht, das ich mein Leben lang gekannt und unter gar vielerlei Verkleidungen geſehen hatte. Es war natürlich Niemand anders, als der arme Mr. Holt, der ſich nach England herüberge⸗ ſchmuggelt hatte, um Zeuge vom Siege der guten Sache zu ſein, und nun deren Feinde ſiegreich ſah inmitten der Jubelrufe des engliſchen Volkes. Der arme Mann hatte vergeſſen, hurrah zu rufen oder den Hut abzunehmen, bis ſeine Nachbarn ſeinen Mangel an Loyalität bemerkten, und ihn als einen verkappten Jeſuiten verwünſchten. Da entblößte er denn ſein Haupt, und fing an, gleichfalls Jubelrufe hören zu laſſen, wobei ich indeſſen bemerken muß, daß er ein gar jämmerliches Geſicht dazu machte. Er war wahr⸗ lich der unglücklichſte aller Menſchen: nie ſpielte er ein Spiel, ohne daſſelbe zu verlieren; und nie ließ er ſich in eine Verſchwörung ein, die nicht mit einer Niederlage geendet hätte. Später ſah ich den Mann in Flandern, von wo er nach Rom in's Hauptquartier ſeines Ordens ſich be⸗ gab; und ſpäter ließ er ſich wirklich bei uns in Amerika 493 blicken, wo er ſehr alt, und ſehr geſchäftig, und von Hoffnung ſehr erfüllt war. Ich weiß nicht gewiß, ob er dort nicht zur Streitaxt griff und Mocaſſins trug, und ob er nicht, mit einer wollenen Decke bekleidet, und nach Kriegerart bemalt, als Miſſionär unter den Indianern herumſchlich. Jetzt liegt er in unſerer Nach⸗ Larprovinz Maryland begraben: ein Erdhügel, mit einem Kreuze geſchmückt, deckt ihn; und dort ruht nun für immer dieſer unruhige Geiſt. Mit dem Schalle von König Georg's Trompeten waren alle eitlen Hoffnungen des ſchwachen und alber⸗ nen jungen Prätendenten hinweggeblaſen; und mit dieſer Muſik endigte auch, ich kann es wohl ſagen, das Drama meines eigenen Lebens. Das Glück, das ſpäter daſſelbe gekrönt hat, kann nicht in Worten aus⸗ gedrückt werden. Es iſt ſeiner Natur nach heilig und geheim, und es läßt ſich nicht davon ſprechen, wenn auch das Herz noch ſo ſehr von Dankbarkeit überfließt, außer mit dem Himmel, und mit einem einzigen liebe⸗ vollen Weſen, dem treueſten, und zärtlichſten, und reinſten Weibe, womit je ein Sterblicher geſegnet worden. Und wenn ich an das unendliche Glück denke, das mir vorbehalten war, und an die Tiefe und Stärke jener Liebe, die mich ſeit ſo vielen Jahren beglückt hat, ſo geſtehe ich, daß ich vor Verwunderung und vor lauter Dankbarkeit für ein ſolches Geſchenk entzückt bin; noch mehr, ich bin dankbar dafuͤr, daß ich mit einem Herzen begabt bin, das die unendliche Schönheit und den unendlichen Werth des Geſchenkes, womit Gott mich bedacht, zu fühlen und auch zu ſchätzen im Stande iſt. Oh, glaube mir, die Liebe vineit omnia; — die Liebe iſt unendlich erhaben über allen Ehrgeiz, — iſt unendlich koſtharer, denn aller Reichthum. — iſt unendlich edler, denn jeder Name. Fürwahr, nicht kennt das Leben der, ſo ſie nicht kenut; und der hat die höchſte Fähigkeit der Seele nicht gefühlt, der ſich der Liebe nicht erfreuet hat. Im Namen meines Wei⸗ bes ſchreibe ich es alle unſere Hoffnungen ſind erfüllt, und unſeres Glückes iſt kein Ende. Eine ſolche Liebe zu beſitzen, iſt ein Segen und eine Wonne, im Ver⸗ gleich mit welchem alle andern irdiſchen Freuden völlig werthlos ſind; und an ſie denken, heißt Gott preiſen. Es war zu Brüſſel, wohin wir uns nach dem Mißlingen unſeres Planes zurückzogen indem un⸗ ſere whiggiſchen Freunde uns riethen, uns eine Zeit lang ferne zu halten —), daß mir die große Wonne meines Lebens zu Theil, und daß meine theure Gebie⸗ terin meine Frau wurde. Wir waren an ein unbe⸗ grenztes Zutrauen und an eine äußerſte Intimität ſo gewöhnt geweſen, und hatten ſo lange und ſo zärtlich mit einander gelebt, daß wir bis an das Ende unſeres Lebens hätten ſo fortfahren können, ohne an ein engeres Band zu denken; aber gewiſſe Umſtände führten jenes Ereigniß herbei, das mein und ihr Glück ſo ungehener vermehrte (— ich danke dafür demüthigſt dem Him⸗ mel —), obgleich noch ein Unglück über uns kam, das, — ich erröthe, wenn ich daran denke, — in unſerem Hauſe mehr denn einmal vorgekommen war. Ich weiß nicht, welche Bethörung des Ehrgeizes das ſchöne und eigen⸗ ſinnige Frauenzimmer dazu trieb, deſſen Namen ſo viele dieſer Seiten eingenommen hat, und dem ich zehn Jahre lang mit ſolcher Treue und Liebe diente; aber ſeit dem Tage, wo wir ſie auf Schloß Caſtlewvod retteten, ſah ſie ihre ganze Familie beharrlich als ihre Feinde an; und dann verließ ſie uns, und flüchtete ſich nach Frank⸗ reich, um einem Schickſale anheimzufallen, das ich hier nicht erzählen mag. 495 Auch war das Haus ihres Sohnes keine Heimath für meine theure Gebieterin; mein armer Frank war ſchwach, wie vielleicht unſer ganzes Geſchlecht geweſen, und von Weibern geführt worden iſt. Seine nächſte Umgebung war herrſchſüchtig, und fürchtete den Einfluß ſeiner Mutter, glaubend, es werde dieſelbe ihn zu einer Wiederabſchwörung des Glaubens vermögen, den er auf das Zureden ſeiner Schwiegereltern angenommen hatte. Die Religionsverſchiedenheit trennte Sohn und Mutter: meine theuerſte Gebieterin fühlte, daß ſie von ihren Kindern getrennt ſei, und allein in der Welt daſtehe, — allein, wenn ſie nicht einen ſtandhaften Diener gehabt hätte, auf deſſen Treue ſie (— dem Him⸗ mel ſei dafür gedankt! —) zählen konnte. Es war nach einem unwürdigen Auftritte, der zwi⸗ ſchen Frank's Frau und Mutter Statt gefunden (— denn der arme Burſche hatte die ganze deutſche Familie heirathen müſſen, mit der er ſich verbunden —), daß ich eines Tags meine Gebieterin in Thränen fand; und da erſuchte ich ſie denn, ſich der Fürſorge und der Hingebung eines Mannes anzuvertrauen, der, mit Gottes Beiſtand, ſie nie verlaſſen würde. Und da gab endlich die zärtliche Matrone, die in ihrem Herbſte noch ſo ſchön und ſo rein war, wie Jungfrauen in ihrem Frühlinge, mit liebevollem Erröthen und mit „Blicken voll holder Ergebung,“ meinem reſpectvollen Drängen nach, und willigte ein, mein Haus mit mir zu theilen. Mögen die letzten Worte, die ich ſchreibe, ihr noch danken, und die ſegnen, ſo es geſegnet! Durch die Gefälligkeit Mr. Addiſon's waren für uns alle Gefahren der Verfolgung, ſowie das Hinder⸗ niß beſeitigt, das ſich unſerer Rückkehr nach England hätte entgegenſtellen können; und was meinen Sohn Frank hetrifft, ſo ſöhnte die von ihm in Schottland 1 3 496 bewieſene Tapferkeit ihn wieder mit der Regierung des Königs aus. Wir Beide aber wollten nicht länger in England leben; und Frank trat freudig und in beſter Form das Gut an uns ab, das wir jetzt, fern von Europa und deſſen Mühſalen an den ſchönen Ufern des Potownac beſitzen, wo wir ein neues Caſtlewood er⸗ bant haben, und mit dankbarem Herzen an unſere alte Heimath denken. Wir haben in unſerem neuen transatlantiſchen Vaterlande eine Jahreszeit, die ruhigſte und wonne⸗ vollſte im ganzen Jahre: wir nennen dieſelbe den in⸗ dianiſchen Sommer. Und ich ſage gar oft, der Herbſt unſeres Lebens gleiche dieſem wohlthuenden und heite⸗ ren Wetter, und bin dankbar für deſſen Ruhe und deſſen holden Sonnenſchein. Der Himmel hat uns mit einem Kinde geſegnet, das jedes von uns liebt, weil es dem Andern gleicht. Unſere Diamanten haben ſich in Pflüge und Aexte für unſere Pflanzungen umgewandelt, ſowie in Neger, — die glücklichſten und luſtigſten, ſo man, glaube ich, hier zu Lande ſehen kann. Und das einzige Kleinod, auf das meine Frau einigen Werth legt, und von dem ſie ſich nie hat trennen können, iſt jener goldene Knopf, den ſie an dem Tage, wo ſie mich im Gefängniſſe be⸗ ſuchte, mir vom Arme wegnahm, und den ſie, wie ſie mir geſagt, von jener Zeil an ſtets auf dem zärtlichſten Herzen trug, das die Welt je gekannt. Ende. —— H 8 — — . —— — —— S1* oenq.e