—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Gduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. OKensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens pinrhn Abends 8 Uhpe offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe . ₰ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— —— auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mein lieber Lord, Der Verfaſſer eines Buches, das Sitten und Sprache aus der Zeit der Königin Anna copirt, darf es nicht unterlaſſen, dasſelbe dem Gönner zu widmen; und ich bitte daher, beifolgende Arbeit Eurer Lordſchaft zueignen zu dürfen, um der vielen Güte und Freundſchaft willen „ welche ſowohl Sie, als die Ihrigen mir erwieſen. Meine Arbeit wird Ihnen znkommen, wenn der Verfaſſer ſchon auf ſeiner Reiſe nach einem IV Lande iſt, wo man Ihren Namen ebenſo gut kennt, wie hier zu Lande. Wo ich aber auch ſein mag, werde ich Ihnen die alten Gefühle der Dankbar⸗ keit und der Achtung bewahren; und ich werde in Amerika darum ein nicht minder willkommener Gaſt ſein, weil ich bin Ihr dankbarer Freund und Diener, Willium Makepeace Thackeray. London, Oktober 18, 1852. Vorrede. Die Ezmonds von Pirginien. Das Gut Caſtlewood in Virginien, das unſern Ahnen von König Karl I. geſchenkt wurde, als eine kleine Vergütung für die vielen Opfer, welche die Esmond'ſche Familie für die Sache Seiner Majeſtät gebracht, liegt in der Grafſchaft Weſtmoreland, zwiſchen den Flüſſen Potomac und Rappahannoc, und war einſt ſo groß, wie ein engliſches Fürſten⸗ thum, obgleich die demſelben entſpringenden Reve⸗ nüen in den früheſten Zeiten nur unbedeutend wa⸗ ren. Denn faſt achtzig Jahre, nachdem unſere Vor⸗ fahren von Grund und Boden Beſitz ergriffen, be⸗ fanden ſich unſere Pflanzungen in den Händen von Agenten, die ſich einer nach dem andern bereicher⸗ ten, obgleich einige Dutzend Fäſſer Tabak ſämmt⸗ liche Produkte darſtellten, die unſere Familie, noch lange nach der Reſtauration, aus ihren virginiſchen Ländereien bezogen. Mein theurer und verehrter Vater, Obriſt 6 Henrh Esmond, deſſen von ihm ſelbſt geſchriebene Geſchichte in den beiliegenden Bänden enthalten iſt, kam im Jahre 1718 nach Virginien, baute ſein Haus Caſtlewood und ließ ſich dort bleibend nieder. Nach einem langen ſtürmiſchen Leben in England verlebte er den Reſt ſeiner vielen Jahre in Ehren und Frieden in dieſem Lande; — wie geliebt und geachtet von allen ſeinen Mitbürgern, wie unaus⸗ ſprechlich theuer ſeiner Familie, brauche ich nicht erſt zu ſagen. Sein ganzes Leben war eine Wohl⸗ that für Alle, die mit ihm in Verbindung ſtanden. Seinen Freunden gab er das beſte Beiſpiel und den beſten Rath, wie er auch die grenzenloſeſte Gafifreundſchaft gegen ſie übte; für ſeine Unter⸗ gebenen ſorgte er aufs Zärtlichſte, und Denjenigen, die unmittelbar zu ſeiner Familie gehörten, ließ er eine ſolche Fülle väterlicher Liebe und ſegensvollen Schutzes angedeihen, daß wenigſtens wir nie ohne Verehrung und Dankharkeit daran zu denken ver⸗ mögen; und die Kinder meines Sohnes, mögen ſie nun hier in unſerer Republik ihren Wohnſitz auf⸗ geſchlagen haben, oder daheim, in dem ſtets vielge⸗ liebten Mutterlande, von dem unſere jüngſten Strei⸗ tigkeiten uns getrennt haben, dürfen in allewege ſtolz darauf ſein, daß ſie von einem Manne ab⸗ ſtammen, der in jeder Hinſicht ſo wahrhaft edel war. Meine theure Mutter ſtarb im Jahre 1736, kurze Zeit nach unſerer Rückkehr von England, 7 wohin mich um meiner Erziehung willen meine Fltern brachten, und wo ich Mr. Warrington kennen lernte, den meine Kinder nie ſahen. Als es dem Himmel gefiel, ihn, in der Blüthe der Jugend und nach nur wenigen Monden einer überaus glücklichen Ehe, von mir zu nehmen, verdankte ich es haupt⸗ ſächlich der Zärtlichkeit meines theuren Vaters, ſo⸗ wie ſpäter dem Segen und der Wonne, die mir durch die Geburt meiner zwei geliebten Söhne zu Theil wurde, daß ich dem Grame nicht unterlag, den dieſes Unglück mir verurſachte. Ich weiß, daß die unheilvollen Differenzen, die ſie in der Politik trennten, nie ihre Herzen veruneinigten; und wie ich heide lieben kann, obgleich der Eine die könig⸗ lichen Farben, der Andere die der Republik trägt, ſo bin ich verſichert, daß ſie mich, und einander, und vor Allem ihn, meinen und ihren Vater, den theuerſten Freund ihrer Kindheit, den edelgeſinnten Mann lieben, der ſie von ihrer zarteſten Jugend an Wahrheit, und Liebe, und Ehre kennen und üben lehrte. Meine Kinder werden die äußere Erſcheinung ihres verehrten Großvaters nie vergeſſen, und ich wollte, ich wäre in der Zeichenkunſt erfahren (die mein Vater ſo gründlich kannte), ſo daß ich unſern Nachkommen ein Porträt von dem hinterlaſſen könnte, der ſo gut und ſo geachtet war. Mein Vater hatte eine dunkle Geſichtsfarbe, eine ſehr große Stirne, und dunkle, nußbraune Augen, die 8 von Brauen überhangen waren, welche ſelbſt dann, als ſein Haupthaar bereits weiß war, noch lange ſchwarz blieben. Seine Naſe war eine Avlernaſe und ſein Lächeln ein ungemein holdes. Wie gut erinnere ich mich noch deſſelben und wie wenig vermag jede Beſchreibung von meiner Hand ſein Bild wieder ins Leben zu rufen! Von Natur war er etwas klein, indem er nicht über fünf Fuß ſteben Zoll groß war; er pflegte über meine Söhne zu lachen, die er ſeine Krücken nanmte, und zu ſagen, ſie ſeien zu groß geworden, als daß er ſich noch darauf ſtützen könnte. So klein er aber auch war, ſo vollkommen graziös und majeſtätiſch war doch ſeine Haltung, — eine Haltung, dergleichen ich hier zu Lande nie geſehen habe, wenn ich vielleicht un⸗ ſern Freund, Mr. Waſhington, ausnehme; und überall, wo er ſich zeigte, flößte er Achtung ein. In allen Körperübungen zeichnete er ſich aus, und zeigte er eine außerordentliche Leichtigkeit und Flinkheit. Für das Fechten hatte er eine ganz beſondere Vorliebe, und er machte meine beiden Söhne zu wahren Meiſtern in dieſer Kunſt; und es iſt dieß ſo wahr, daß, als die Franzoſen mit Mr. Rochambeau herüber kamen, auch nicht einer ſeiner Offiziere meinem Henrh überlegen war; und ſeinerſeits war dieſer meinem armen Georg nicht gewachſen, der in unſerem beklagenswerthen, aber glorioſen Unabhängigkeitskriege ſich auf die könig⸗ liche Seite geſchlagen hatte. — 6. Weder mein Vater, noch meine Mutter trug je gepudertes Haar, und Beider Köpfe waren ſo weiß, wie Silber, ſo weit ich mich ihrer noch erinnern kann. Meine theure Mutter beſaß bis an ihr Ende eine außerordentlich friſche und geſunde Ge⸗ ſichtsfarbe; auch wollte Niemand glauben, daß ſie ſich nicht ſchminke. In einem Alter von ſechzig Jahren ſah ſie noch jung aus, und war ſie noch ganz rüſtig und leichtfüßig. Erſt nach jener furcht⸗ baren Belagerung unſeres Hauſes durch die India⸗ ner, in deren Folge ich Wittwe ward, ehe ich Mutter wurde, fing die Geſundheit meiner theuren Mutter an, zu ſchwinden. Sie erholte ſich nie mehr von dem Schrecken und der Angſt, die ſie in jenen Tagen hatte ausſtehen müſſen, welche ſo unglücklich für mich endigten, die ich damals kaum erſt ſeit ſechs Monaten verheirathet war; und ſie ſtarb in den Armen meines Vaters, noch ehe mein Trauerjahr vorüber war. Von jenem Tage an, bis an das Ende ſeines theuern und ehrenbollen Lebens, war es meine Wonne und mein Troſt, als Tröſterin und Geſell⸗ ſchafterin um ihn zu ſein, und nach den kleinen Anmerkungen, die meine Mutter hie und da in dem Manuſeripte angebracht hat, worin mein Vater ſeine in Europa erlebten Abenteuer beſchreibt, kann ich ſehr wohl die außerordentliche Hingebung und die innige Liebe perſtehen, deren Gegenſtand er für ſie war; — eine Hingebung und Liebe, die ſo lei⸗ 10 denſchaftlich und ausſchließlich waren, daß ſie ſie, wie ich glaube, verhinderten, einen andern Menſchen zu lieben, es ſei denn in einer untergeordneten Weiſe, indem alle ihre Gedanken auf dieſen einen Gegenſtand der Liebe und Verehrung concentrirt waren. Ich weiß, daß, in ihrem Beiſein, mein theurer Vater nicht die Liebe zeigte, die er für ſeine Tochter hatte, und in ihren letzten und heiligſten Augenblicken geſtand dieſe theure und zärtliche Mut⸗ ter mir ihre Reue, daß ſie mich' nicht genug geliebt, ja ſogar ihre Eiferſucht, daß mein Vater ſeine Liebe einer andern Perſon, als ihr ſelbſt ſchenken könnte. In den zärtlichſten und ſchönſten Worten der Liebe und der Ermahnung empfahl ſie mir an, ihn nie zu verlaſſen und nun die Stelle einzunehmen, die ſie leer laſſe. Mit einem reinen Gewiſſen und einem unausſprechlich dankbaren Herzen kann ich, wie ich glaube, ſagen, daß ich dieſe ihre in der Todesſtunde ausgeſprochenen Wünſche und Befehle erfüllt habe, und daß bis zu ſeiner letzten Stunde mein theurer Vater ſich nie darüber zu beklagen hatte, daß die Liebe und Treue ſeiner Tochter ihm je entſtanden. Und ſeit ich ihn ſo ganz kennen lernte, — denn zu den Lebzeiten meiner Mutter ſchloß er mir ſein Herz nie ganz auf, — ſeitdem ich den Werth und das Herrliche der Liebe kennen lernte, die er mir ſchenkte, iſt es mir gelungen, das zu verſtehen und zu verzeihen, was, ich geſtehe es, mich zu den Lebzeiten meiner Mutter ſo oft ärgerte, ich meine 3 11 ihre Eiferſucht in Beziehung auf die Liebe ihres Gemahls. Es war dieſelbe ein ſo köſtliches Ge⸗ ſchenk, daß es kein Wunder war, wenn die, ſo ſie beſaß, ſie ganz behalten wollte und davon an Nie⸗ mand, ja nicht einmal an ihre Tochter, Etwas abtreten wollte. Obgleich ich nie hörte, daß mein Vater von einem rauhen Worte Gebrauch machte, ſo war es doch etwas ganz Außerordentliches, mit welcher Ehrfurcht ſeine Leute ihm entgegenkamen, und es gehorchten ihm die dienſtthuenden Perſonen auf unſerer Pflanzung, ſowohl diejenigen, die ihm von England her zugewieſen waren, als die gekauften Neger, mit einem Eifer und einer Freudigkeit, wie die ſtrengſten Zuchtmeiſter in unſerer Nähe ſie nie von ihren Leuten zu erlangen vermochten. Nie war er familiär, obgleich er ſo ganz einfach und natürlich war; er war für den Niedrigſten wie für den Höchſten der gleiche Menſch, und gegen ein ſchwarzes Sklavenmädchen eben ſo höflich, wie gegen die Frau des Gouverneurs. Nie fiel es Jemand ein, ſich ihm gegenüber Etwas herauszunehmen: Einen benebelten Herrn von York ausgenommen, der ſich einmal einige Freiheiten erlaubte, die ihm mein Papa nie verzieh, wie ich alsbald hinzuſetzen muß); er hatte ein eigenes Talent, es auch den niedrigſten Leuten in ſeiner Geſellſchaft alsbald be⸗ haglich zu machen, und was anmaßende Perſonen betrifft, ſo wußte er ſie durch eine eigenthümlich ernſte, ſathriſche Weiſe zu demüthigen, die dann Urſache war, daß ſie ihn außerordentlich fürchteten. Seine Höflichkeit wurde nicht gleich einem Sonn⸗ tagskleide angezogen und wieder bei Seite gelegt, wenn die Geſellſchaft ſich entfernte; ſie war und blieb ſtets dieſelbe, wie er auch immer gleich ge⸗ kleidet war, ſei es, daß er nur mit den Seinigen ſpeiste, oder daß ein großes Gaſtmahl gegeben wurde. Es heißt, er habe gern der Erſte in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft ſein wollen; ich aber frage, ob es eine Geſellſchaft geben konnte, in der er nicht nothwen⸗ dig der Erſte war. Als ich, um meiner Erziehung willen, nach Europa ging, und wir mit meinem Halbbruder, my Lord Caſtlewood, und ſeiner zwei⸗ ten Frau einen Winter in London zubrachten, ſah ich am Hofe Ihrer Majeſtät einige der berühm⸗ teſten Männer jener Zeit, und da dachte ich bei mir ſelbſt, es habe keiner von denſelben vor mei⸗ nem Vater Etwas voraus. Auch ſagte der be⸗ rühmte Lord Bolingbroke, der von Dawleh zu uns herkam, das Gleiche; und es ſeien die Männer jetzt nicht mehr, wie ſie in den Tagen ſeiner Ju⸗ gend geweſen. — „Würde Ihr Vater, Madam,“ ſagte er, „in den Urwald gehen, — die Indianer würden ihn zu ihrem Sachem wählen,“ — und Seine Lordſchaft geruhte, mich Poecahontas zu nennen. Unſere andere Verwandte, Biſchof Tuſher's 13 Frau, von der in den Memoiren meines Vaters ſo viel die Rede iſt, ſah ich nicht, obgleich meine Mut⸗ ter ſie auf dem Lande beſuchte. Ich habe zwar keinen Stolz (wie ich dadurch bewies, daß ich dem Wunſche meiner Mutter willfahrte und einen Herrn heirathete, der bloß der jüngere Sohn eines Ba⸗ ronets aus der Grafſchaft Suffolk war); doch muß ich geſtehen, daß ich eine anſtändige Achtung vor meinem Namen habe, und daß ich mich wun⸗ dere, wie eine Perſon, die ſolchen ein Mal geführt, denſelben gegen den Namen einer Mrs. Thomas Tuſher vertauſchen konnte. Ich übergehe als gehäſſig und unglaubwürdig gewiſſe Gerüchte (die ich in Europa hörte, und die ich damals in An⸗ betracht meiner Jugend noch nicht verſtehen konnte), wie dieſe Perſon, nachdem ſie ihre Familie verlaſſen und nach Paris geflohen, aus Gefüh⸗ len der Eiferſucht die Geheimniſſe des Prätenden⸗ ten an my Lord Stair, König Georg's Geſandten⸗ verrathen und faſt den Tod des Prinzen dadurch verurſacht, wie ſie dann nach England gekommen und dieſen Mr. Tuſher geheirathet, und eine große Günſtlingin Koͤnig Georg's II. geworden, der Mr. Tuſher zum Dechanten und dann zum Biſchof machte. Ich ſah die Dame nicht, die es vorzog, wäh⸗ rend der ganzen Zeit, die wir in London zubrach⸗ ten, in ihrem Palaſte zu bleiben; aber meine arme Mutter ſagte, nachdem ſie ſie beſucht, daß 14 dieſelbe ihre ganze Schönheit eingebüßt habe, und ermahnte mich, nicht allzuviel Werth auf derlei Gaben zu ſetzen, welche die Natur mir verliehen. Sie wurde außerordentlich beleibt, und ich erinnere mich noch, wie die Frau meines Bruders, Ladh Caſtlewvod, ſagte: „Kein Wunder, daß ſie eine Günſtlingin geworden, da der König die Alten und Häßlichen liebt, wie vor ihm ſein Vater.“ Worauf Papa ſagte: „Alle Frauenzimmer ſeien ſo „ und keine wolle ſich an Schönheit übertreffen kaſſen; übrigens ſei noch keine ſo ſchön geweſen, wie ſie; und wir könnten ihr Alles verzeihen, nur ihre Schönheit nicht.“ Bei dieſen Worten ſah meine Mutter ärgerlich aus, mh Lord Caſtlewvod aber fing an, zu lachen; was mich betrifft, die ich noch ein junges Ding war, ſo konnte ich natürlich den Gegenſtand ihrer Unterhaltung nicht ſo recht verſtehen. Nach den im dritten Buche dieſer Memoiren erzählten Umſtänden verließen meine Eltern Eng⸗ land, auf den Rath ihrer Freunde, in Folge der am Schluſſe des zweiten Bandes der Memoiren berichteten Transactionen. Als aber mein Bruder vernahm, wie die zukünftige Biſchofsfrau Caſtlewood verlaſſen und ſich mit dem Prätendenten zu Paris vereinigt, ſo verfolgte er ihn und würde ihn umgebracht haben trotz ſeines Ranges als Prinz, wäre es dem Prinzen nicht gelungen, zu entkommen. Als bald darauf der Prinz ſeine ſchottiſche Erpe⸗ —— ——— 15 dition unternahm, war Caſtlewood ſo wüthend ge⸗ gen ihn, daß er um Erlaubniß bat, als Freiwilli⸗ ger dienen und zu dem Heere des Herzogs von Argyle in Schottland ſtoßen zu dürfen, dem der Prätendent nie entgegenzutreten wagte: — und von da an war my Lord ganz mit der dermalen regierenden Familie ausgeſöhnt, der er ſogar ſeine Beförderung und weitere Ehren verdankt. Mrs. Tuſher war jetzt gegen den Prätendenten ſo aufgebracht, wie nur einer ihrer Verwandten es ſein konnte, und pflegte, wie ich gehört habe, ſich zu rühmen, daß ſie nicht allein my Lord in den Schooß der anglicaniſchen Kirche zurückgeführt, ſondern daß ſie ihm auch die engliſche Pairswürde verſchafft habe, die noch jetzt in dem jüngeren Zweige unſerer Familie ſich forterbt. Sie war eine große Freundin von Sir Robert Walpole, und wollte ſich, wie mein Papa lachend zu ſagen pflegte, nicht eher zufrieden geben, als bis ihr Gatte zu Lambeth ſchliefe. Unglücklicher Weiſe ſtarb der Biſchof plötzlich an einem Schlage. Seine Frau ließ ihm ein großes Monument errichten, und das Paar ruht nun unter dieſem Steine; über ihnen ſchweben marmorne Wolken und Engel, während die erſte Mrs. Tuſher ſechzig Meilen weit weg, zu Caſtlewvod, liegt. Aber das Genie und die Bildung meines Va⸗ ters find größer, als man bei einem Frauenzimmer erwarten kann, und ſeine Abenteuer in Europa 16 weit intereſſanter, als ſein Leben in dieſem Lande, das, ein weſentlich ſtilles, nur der Liebe und der Pflicht gewidmet war; und ich will nun meine 8 Einleitung zu ſeinen Memviren ſchließen, und meine Kinder alsbald zu einer Geſchichte übergehen laſſen, . die weit anziehender iſt, als die ihrer liebevollen alten Mutter, Rachel Esmond Warrington. Caſtlewood in Virginien, November 3, 1778. Erſtes Buch. Erſte Jugendzeit Harry Esmond's bis zu dem Augenblicke, wo er Trinity College, in Cambridge, verläßt. Einleitung. In den alten Tragödien pfiffen, wie wir geſchrie⸗ ben leſen, die Schauſpieler ihre Jamben nach einer Melodie, ſprachen unter einer Maske hervor, gingen auf Stelzen, und trugen einen großen Kopfputz. Man glaubte, die Würde der tragiſchen Muſe erheiſche ſol⸗ ches Zubehör, und es könne und dürfe dieſelbe ſich nicht anders bewegen, als nach dem Takte und nach der Cadenz. So erſchlug die Königin Medea ihre Kin⸗ der bei langſamer Muſik, und König Agamemnon ſtürzte todt zu Boden, während der Chor in feierlicher Hal⸗ tung dabei ſtand, und die Schickſale der großen ge⸗ krönten Häupter rhythmiſch und anſtändig beklagte. Die Muſe der Geſchichte hat ſich ſo gut, wie ihre Schweſter vom Theater, mit ceremoniöſem Zeug belaſtet. Auch ſie trägt die Maske und den Kothurn, und ſpricht nach dem Takte. Auch ſie beſchäftigt ſich in unſerem Zeitalter einzig und allein mit den Angelegenheiten der Könige, und hofirt dieſen unterthänigſt und feierlichſt, wie wenn ſie nur eine Hofceremonienmeiſterin wäre, und mit der Verzeichnung der Angelegenheiten der ge Henry Esmond. I. 2 — 18 meinen Leute Nichts zu ſchaffen hätte. Ich habe in ſei⸗ nem höchſten Alter und in ſeiner Gebrechlichkeit den alten König von Frankreich, Ludwig KIV., den Typus und das Muſter des Königthums, geſehen, — den Kö⸗ nig Ludwig, der ſich nie anders, als nach dem Takte bewegte, der nach den Vorſchriften ſeines Hofmarſchalls lebte und ſtarb, und während ſeines ganzen Lebens befliſ⸗ ſen war, die Rolle eines Helden zu ſpielen; der Poeſie entkleidet, war er Nichts, als ein kleines, runzeliges altes Männchen, pockennarbig, mit einer großen Perrücke und rothen Abſätzen verſehen, um ihm das Ausſehen eines großen Mannes zu verleihen, — ein Held für ein Buch, ſo man will, oder für eine bronzene Statue, oder eine gemalte Zimmerdecke, ein Gott in römiſcher Geſtalt: aber was mehr, als ein gewöhnlicher Sterblicher, für Madame de Maintenon, oder für den Barbier, der ihn raſirte, oder für Monſieur Fagon, ſeinen Chirurgen * Ich möchte wohl wiſſen, ob die Geſchichte je dazu kommt, ihre Perrücke abzunehmen, und ſich ihres aus⸗ ſchließlich höfiſchen Charakters zu entſchlagen? Wann werden wir ein Mal von Frankreich und England et⸗ was Weiteres zu ſehen bekommen, als Verſailles und Windſor? Ich ſah, wie die Königin Anna an dem letzteren Orte, die Park⸗Abhänge hinunter, den Hetz⸗ hunden in ihrer einſpännigen Chaiſe nachjagte, — ein hitziges Frauenzimmer mit rothem Geſichte, gauz und gar ungleich jener Bildſäule von ihr, die ihren ſteiner⸗ nen Rücken der St. Paulskirche zuwendet, und den Kutſchen, welche ſich Ludgate⸗Hill hinaufarbeiten, das Geſicht zukehrt. Sie war weder gebildeter, noch weiſer, als Du oder ich, obgleich wir immer niederknieten, wenn wir ihr einen Brieß oder ein Waſchbecken zu überrei⸗ chen hatten. Warum ſoll denn die Geſchichte bis an's Ende der Zeiten fortfahren, auf den Knien zu liegen? Ich bin dafür, daß ſie ſich endlich erhebe, und fine natürliche Stellung annehme; daß ſie nicht immer 19 und ewig Bücklinge mache, nach Art eines Kammer⸗ herrn, und daß ſie in Gegenwart des Souverains ſich nicht demüthigſt rückwärts zur Thüre hinausmache. Mit einem Worte, ich möchte lieber eine familiäre, als eine herviſche Geſchichte haben, und bin der Meinung, daß Mr. Hogarth und Mr. Fielding unſern Kindern einen weit beſſeren Begriff von den Sitten des damaligen Englands geben werden, als die Hofzeitung und die andern Zeitungen, die wir von dort bekommen. Webb hatte einen deutſchen Offizier, den wir zum Beſten zu haben pflegten, und von dem man ſich in der Armee eine Geſchichte erzählte (— eine Geſchichte, die von mir ſelbſt herrührte —), des Inhalts, daß er der älteſte Sohn des Reichs⸗Erb⸗Stiefelziehers und Erbe jener Ehre ſei, worauf ſeine Vorfahren ungemein ſtolz geweſen, indem ſie ſich durch zwanzig Generationen hin⸗ durch von einem kaiſerlichen Fuße hätten ſtoßen und treten laſſen, während ſie am andern den Stiefel aus⸗ zogen. Ich habe gehört, daß der alte Lord Caſtlewood, von deſſen Familie in den vorliegenden Memviren ſo oft die Rede ſein wird, auf ſeinen Poſten am Hofe, obgleich er von ebenſo gutem Blute abſtammte, als die Stuarts, denen er diente — und die, was die bloße Abkunft betrifft, um kein Haar beſſer ſind, denn ein Dutzend engliſcher und ſchottiſcher Häuſer, die ich nen⸗ nen könnte —), ſtolzer geweſen ſei, als auf ſeine ur⸗ alte Abkunft und auf die Großthaten ſeiner Ahnen, und daß derſelbe ſeine Würde (als Oberaufſeher der K. Speiſekammern und als K. Molkenjunker) ſo hoch geſchätzt habe, daß er ſich für das undankbare und ver⸗ ſchwenderiſche Geſchlecht, das ihm dieſe Würde ver⸗ liehen, mit Freuden zu Grunde gerichtet. Er ver⸗ ſetzte ſein Silbergeſchirr für König Karl I., verpfän⸗ dete ſein liegendes Eigenthum für dieſelbe Sache, und verlor den größten Theil deſſelben durch Strafen und Sequeſtrationen, hielt eine Belagerung ſeines Schloſſes 20 durch Ireton aus, wo ſein Bruder Thomas capitulirte (— dieſer fand ſich ſpäter mit der Republik ab, was ihm ſein älterer Bruder nie verzieh —), und wo ſein zweiter Bruder Edward, der Geiſtlicher geworden war, auf Caſtlewvod Tower erſchlagen ward, indem er dort als Prediger und Artilleriſt zugleich thätig war. Dieſem ent⸗ ſchloſſenen alten Loyaliſten, der um den König war, während ſein Schloß ſo zuſammen geſchoſſen wurde, gelang es, mit ſeinem einzigen, damals noch im Kna⸗ benalter ſtehenden Sohne in's Ausland zu entkommen, um ſpäter nach England zurückzukehren und ſich an der Schlacht von Worceſter zu betheiligen. Auf dieſem Schlachtfelde blieb Euſtace Esmond todt liegen, wäh⸗ rend Caſtlewvod es abermals gelang, in's Ausland zu entfliehen; von da an, ſowie nach der Reſtauration, war er ſtets am Hofe des Monarchen (— für deſſen Rück⸗ kehr wir Gott im Prayer⸗Bvok danken —), der ſein Land verkaufte und ſich vom Könige von Frankreich beſtechen ließ. Welches Schauſpiel iſt hehrer, als das eines großen Königs, der im Exil leben muß? Wer iſt achtungs⸗ würdiger, als ein tapferer Mann in ſeinem Unglücke? Mr. Addiſon hat in ſeinem edlen Theaterſtücke „Cato“ eine ſolche Figur gemalt. Man nehme aber ein Mal an, der flüchtige Cato beſaufe ſich in einem Wirthshauſe, mit einer liederlichen Dirne auf jedem Schenkel, und mit einem Dutzend treuer und betrunkener Unglücksge⸗ noſſen, während der Gaſtwirth bezahlt ſein will: — und die Würde des Unglücks iſt mit einem Male weg. Die Muſe der Geſchichte wendet ſich erröthend von der gemeinen Steue ab, und ſchlägt die Thüre — auf der die unbezahlten Getränke des Verbannten angekreidet ſtehen, — hinter ſich zu, um ihn, und ſeine Krüge, und ſeine Pfeifen, und das Sauflied hinter ſich zurück⸗ zulaſſen, das er und ſeine Freunde mit einander ange⸗ ſtimmt haben. Ein Mann, wie Karl, hätte einen Oſtade 27 oder einen Mieris zum Maler haben ſollen. Euere Knellers und Le Brüns gefallen ſich nur in ſchwerfälli⸗ gen und unmöglichen Allegorien: und es iſt mir ſtets als eine Blasphemie erſchienen, den Olymp für eine ſo weinbeſchmierte Gottheit, wie dieſe, in Anſpruch zu nehmen. * Von dem Anhänger des Königs, Viscount Caſtle⸗ wood, der auf dem Schlachtfelde ſeinen Sohn verloren, durch ſeine Treue zu Grunde gerichtet war, eine Menge Wunden und Spuren der Tapferkeit aufzuweiſen hatte, und nun, ein alter Mann, in der Verbannung lebte, ſollten ſeine Verwandten billiger Weiſe ſchweigen; auch ſollten ſie, wenn dieſer Patriarch betrunken auf dem Boden lag, nicht pfni über ihn rufen, und nicht Vor⸗ übergehende herbei holen, um über ſein rothes Geſicht und ſeine weißen Haare zu lachen. Wie! ſtürzt ein Strom frei und rein aus einem Berge hervor, um über ſchöne Waiden ſich hinzuwälzen, herrliche Nebenſtröme zu ſpeiſen und von ſich aus gehen zu laſſen, und in der Dohle eines Dorfes zu endigen? Gar oft hat ein Leben, das einen edlen Anfang gehabt, kein beſſeres Ende; und ein Bevbachter ſollte nicht ohne eine Art Ehrfurcht und Ehrerbietung über ſolche Lanfbahnen ſich in Speculationen einlaſſen, während er deren Lauf verfolgt. Ich habe das Glück zu ſehr in der Nähe ge⸗ ſehen, und habe es zu genau kennen gelernt, als daß ich den Hut abnehmen und demſelben zujubeln möchte, während es in ſeiner vergoldeten Kutſche an mir vor⸗ über fährt, und möchtemit meinen Nachbarn meine kleine Rolle lieber zu Fuß ſpielen, damit ſie mich nicht allzu verwundert angafften, noch mir allzu laut applaudirten. Iſt es der Lord Mayor, der in vollem Staate ſich zu den Hachis⸗Paſteten und in das Manſion Houſe begiebt? Iſt es die Proceſſion des armen Jack von Newgate, mit dem Sheriff und den Wurfſpießträgern, die ihn auf ſeiner letzten Reiſe nach Tyburn begleiten? Ich 22 blicke in mein Herz hinein, und denke, ich ſei ſo gut, wie der Lord Mayor, und weiß, daß ich um kein Haar beſſer bin, als der Tyburn Jack. Man gebe mir eine Kette und eine rothe Robe, und ſtelle einen Pudding vor mich hin, und ich könnte die Rolle eines Alderman recht gut ſpielen, und Jack nach dem Eſſen zum Tode verurtheilen. Man hungere mich aus, halte mich von Büchern und ehrlichen Leuten fern, lehre mich das Würfelſpiel, Genever, und Vergnügungen lieben, und ſtelle mich auf die Hounslower Haide, und lege eine gefüllte Börſe vor mich hin, — und ich werde dieſe nehmen. „Und ich werde verdienter Maßen gehängt werden,“ ſprichſt Du, da Du dieſes langweilige Ge⸗ ſwaß gerne zu Ende gebracht ſäheſt. Ich ſage nicht das Gegentheil. Ich muß eben auch die Welt nehmen, wie ich ſie finde, einſchließlich eines Strickes, ſo lange derſelbe nun einmal in der Mode iſt. Erſtes Rapitel. Bericht über die Familie Esmond von Caſtlewood. Als Francis, vierter Viscount Caſtlewwod, im Jahre 1691 ſeinen Titel bekam, und bald darauf von ſeinem in der Grafſchaft Hants gelegenem Hauſe Caſt⸗ lewood Beſitz ergriff, war, außer den Domeſtiken, der faſt einzige Bewohner des Ortes ein Junge von zwölf Jahren, von dem keine Seele Notiz zu nehmen ſchien, bis my Lady Viscounteß ihn zufällig ſah, als ſie, am Tage 23 ihrer Ankunft, ſich von der Haushälterin das Haus zeigen ließ. Der Knabe war in dem Zimmer, das unter dem Namen des Bücherzimmers oder der gelben Gallerie bekannt war, wo die Porträts der Familie zu hangen pflegten, unter andern auch das von Sir Antonio Van Dyck gemalte ſchöne Porträt George's, zweiten Viscounts; ſowie das von Mr. Dobſon gemalte Porträt von my Lord, dem dritten, ſo eben ver⸗ ſtorbenen Viscount, — ein Porträt, das ſeine Gemah⸗ lin und Wittwe nicht für paſſend erachtete, mitzuneh⸗ men, als ſie ihr eigenes, von Sir Peter Lely gemaltes Porträt, auf welchem Ihre Ladyſchaft als eine Jägerin von Dianens Hof dargeſtellt war, holen ließ und nach Chelſea, bei London, brachte, wo ſie dasſelbe in ihrem Hauſe aufhängte. Die neue und ſchöne Lady von Caſtlewvod fand den traurigen, einſamen kleinen Bewohner dieſer Gal⸗ lerie mit ſeinem großen Buche beſchäftigt, das er weg⸗ legte, als er ſah, daß eine fremde Perſon in ſeiner Nähe war. Und da der Junge wußte, wer dieſe Perſon ſein müſſe, ſo ſtand er auf, und machte einen ſchüchter⸗ nen Bückling vor der Herrin ſeines Hauſes. Sie ſtreckte die Hand aus, — und wann ſtreckte ſich in der That dieſe Hand nicht aus, um einen Act der Güte zu verrichten, oder um Kummer und Unglück zu ſchützen? „Und dieß iſt unſer Vetter,“ ſprach ſie; „und wie heißen Sie, Vetter?“ ſ W „Mein Name iſt Henry Esmond,“ ſprach der Junge, mit einer Art von Entzücken und Verwunder⸗ ung zu ihr aufblickend, denn ſie war als eine Pea certd plötzlich vor ihm erſchienen, und kam ihm als der be⸗ zauberndſte Gegenſtand vor, auf den ſich bis dahin ſeine Augen geheftet. Ihr goldenes Haar ſchien im Golde der Sonne; ihre Geſichtsfarbe hatte etwas blendend Blühendes; ihre Lippen lächelten, und ihre 24 Augen ſtrahlten von einer Freundlichkeit und Güte, die Esmond's Herz vor Ueberraſchung heftig ſchlagen machten. Ja freilich⸗ ſein Name iſt Henry Esmond, my Lady,“ ſpricht Mrs. Workſop, die Haushälterin (— eine alte Tyrannin, der Henry mehr zu ſchaffen machte, und die er mehr ärgerte, als daß er ſie haßte —), und die alte Kammerfrau blickte dabei bedeutungsvoll nach dem Porträt des jüngſt verſtorbenen Lords hin, wie es noch jetzt in der Familie zu ſehen iſt, voller Adel und ernſtblickend, mit der Hand auf dem Degen, und auf dem Mantel den Orden, den der ſelige Lord während des Krieges, der an der Donau gegen die Türken geführt wurde, von dem Kaiſer bekommen hatte. Als ſie die große und unbeſtreitbare Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Porträt und dem Knaben ſah, errö⸗ thete die neue Vicomteſſe, die, während ſie das Porträt anſah, die Hand des Knaben immer noch feſthielt; dann ließ ſie letztere plötzlich fahren, und ging, gefolgt von Mrs. Workſop, die Gallerie entlang. Als die Lady zurückkam, ſtand Henry Esmond ge⸗ nau noch an demſelben Flecke, und in der Lage ſeiner Hand hatte ſich ebenſo wenig Etwas verändert; denn ſie ruhte immer noch an der Stelle ſeines ſchwarzen Rockes, auf die ſie gefallen war. Es wurde ihr, wie ich vermuthe (— auch hat ſie mir das ſeitdem geſtanden —) weich ums Herz bei dem Gedanken, daß ſie ſich gegen irgend einen Menſchen, mochte derſelbe nun groß oder klein ſein, etwa einer Unfreundlichkeit ſchuldig machen könnte; denn als ſie zurückkam, hatte ſie die Haushälterin durch die Thüre am entfernteren Ende der Gallerie mit einem Auftrage weggeſchickt; und als ſie zu dem Knaben zurückkam, mit einem Blicke voll unendlichen Mittleids und voll unendlicher Zärtlichkeit, ergriff ſie ſeine Hand wieder, und legte ihre andere ſchöne Hand auf ſeinen Kopf, 25 und ſagte einige Worte zu ihm, die ſo freundlich und mit ſo holder Stimme geſprochen waren daß es dem Knaben, der noch nie ſo viel Schönnheit geſchaut, war, als ob der Finger eines höhern Weſens oder Engels ihn zu Boden würfe, und daß er die ſchöne, beſchü⸗ tzende Hand küßte, während er ſich auf ein Knie nie⸗ derließ. Bis zu der letzten Stunde ſeines Lebens erinnerte ſich noch Esmond der Dame, wie ſie ſprach und aus⸗ ſah: nie vergaß er die funkelnden Ringe an ihren ſchö⸗ nen Fingern, ja nicht einmal den Duft ihres Gewan⸗ des: ſtets ſchwebte ihm vor der Glanz ihrer Augen, die vor Ueberraſchung und von Güte ſtrahlten; nie kamen ihm ihre blühenden, bezaubernd lächelnden Lippen aus dem Sinn, noch der goldene Heiligenſchein, den die Sonne um ihr Haar bildete. Noch befand ſich der Knabe in dieſer demüthigen Stellung, als hinter ihm ein ſtattlicher Herr eintrat, der ein kleines, vier Jahre altes Mädchen an der Hand führte. Der Herr brach in ein gewaltiges Gelächter aus über die Dame und ihren Anbeter, mit ſeiner klei⸗ nen ſonderbaren Geſtalt, ſeinem fahlen Geſichte, und ſeinem langen ſchwarzen Haare. Die Dame erröthete, und ſchien, durch einen bittenden Blick auf ihren Ge⸗ mahl, alle Späſſe abwenden zu wollen; denn der Mann, der jetzt eingetreten war, war my Lord Visconnt, und es kannte ihn der Knabe, da er ihn, zu den Lebzeiten des ſeligen Lords, ſchon ein Mal geſehen hatte. „Dieß iſt alſo der kleine Prieſter!“ ſpricht my Lord, auf den Jungen niederblickend; „willkommen, Vetter!“ . „Es läßt ihn Mamma beten,“ ſagt das kleine Mädchen, das ihrem Papa bis an das Knie reichte;“ und my Lord brach bei dieſen Worten in ein anderes gewaltiges Gelächter aus, und Vetter Henry ſah recht tölpelhaft darein. Er erfand ein halbes Dutzend Reden als Antwort darauf aber erſt Monate darnach, als er 26 über dieſes Abenteuer nachdachte: für den Augenblick fand er auch nicht ein Wort. „Le pauvre enfant, il n'a que nous,“ ſagt die Dame, ihren Gemahl anſchauend; und der Knabe, der ſie verſtand, obgleich ſie ohne Zweifel das Gegentheil glaubte, dankte ihr von ganzem Herzen für ihre güti⸗ gen Worte. „Auch ſoll es ihm hier an Freunden nicht fehlen,“ ſpricht my Lord in gütigem Tone. „Soll es ihm daran fehlen, Trix?“ Das kleine Mädchen, deſſen Name Beatrix war, und der das von ihrem Papa gebrauchte Diminutivum galt, blickte Henry Esmond mit einem Paar großer Augen feierlich an, und dann ward ihr Geſicht von einem Lächeln erleuchtet, das ſo ſchön war, wie das eines Cherubs; darauf ging ſie auf ihn zu, und ſtreckte ihm ihr Händchen hin. Ein Schauer von Wonne, Dankbarkeit, und Liebe erfüllte das Herz des Waiſen⸗ kindes, indem es von den Beſchützern, die der Himmel ihm geſandt, dieſe rührenden Worte und Zeichen der Freundſchaft und Güte bekam. Erſt vor einer Stunde noch hatte er ſich ſo ganz allein in der Welt gefühlt: als er am Morgen das gewaltige Geläute gehört hatte, das von dem Caſtlewooder Kirchthurme herab erklungen war, um den neuen Lord und die neue Lady zu bewill⸗ kommen, hatte es für ihn nur Schrecken und Angſt im Gefolge, da er nicht wußte, wie der neue Beſitzer mit ihm verfahren würde, und da die, von denen er einſt Schutz erwartet, entweder vergeſſen oder todt waren. Auch hatten Stolz und Zweifel ihn im Hauſe zurück⸗ gehalten, als der Pfarrer und die Leute vom Dorfe, ſowie die Dienerſchaft des Hauſes my Lord Caſtlewood entgegengezogen waren, um ihn zu bewillkommnen, — denn Henry Esmond war, wenn auch ein Abhängling, doch kein Diener; kein echter Verwandter, obgleich er den Namen führte und das Blut des Hauſes erbte; 27 und inmitten des Geräuſches und der Lebehochrufe, welche mit der Ankunft des neuen Lords verbunden waren (— für den man ein Feſt bereitet hatte, und für den Kanonen abgefeuert wurden, und den Grund⸗ holden und Dienerſchaft hoch leben ließen, als ſein Wagen herankam und in den Schloßhof rollte —), nahm auch nicht ein Menſch von dem jungen Henry Esmond, der unbemerkt und allein in dem Bücher⸗ zimmer ſaß, Notiz, bis zum Nachmittage des Tages, an dem ſeine neuen Freunde ihn fanden. Als my Lord und my Lady im Begriffe waren, ſich wieder zu entfernen, hieß das kleine Mädchen, das ihren Verwandten immer noch bei der Hand hielt, die⸗ ſen mitkommen. „Du gibſt immer einen alten Freund auf, wenn Du einen neuen finden kannſt, Trix,“ ſpricht ihr Vater gutmüthig zu ihr. Dann gab er ſeiner Ge⸗ mahlin einen Arm, und ging hinweg. Von der Gallerie traten ſie in die ſchon ſeit langer Zeit halb zerſtörte Muſikgallerie, und, durch die Zimmer der Königin Eli⸗ ſabeth im Glockenthurme, auf die Terraſſe hinaus, wo man das Schauſpiel eines prächtigen Sonnenunter⸗ angs, ſowie das große, dunkel werdende Gehölze vor ſch hatte, nach welchem eben ein dichter Schwarm Saatkrähen zurückkehrte; weiterhin ſah man die Ebene und den Fluß, und darüber hinaus das Dorf Caſtle⸗ wood und purpurfarbene Hügel, die prächtig anzu⸗ ſchauen waren. Und der kleine Erbe von Caſtlewvod, ein zwei Jahre altes Kind, war bereits hier, auf der Terraſſe, in den Armen ſeiner Amme, von der er durch das Gras hindurch zu ſeiner Mutter hinlief, ſobald er dieſe erblickte. „Wenn Du hier nicht glücklich ſein kannſt,“ ſpricht my Lord, die Scene anſchauend, „ſo biſt Du in der That ſchwer zu befriedigen, Rachel.“ „Ich bin glücklich, wo Du biſt,“ ſagte ſie, „je⸗ doch waren wir am Allerglücklichſten zu Walcote Foreſt.“ 28 Sofort fing my Lord an, ſeiner Frau zu beſchrei⸗ ben, was vor ihnen lag, und was der kleine Henry in der That beſſer kannte als er, — das heißt, die Geſchichte des Hauſes: wie durch jenes Thor dort der Page mit der Erbin von Caſtlewood entlief, durch welche das Gut auf die jetzige Familie kam; wie die Stutzköpfe *) den Glockenthurm angriffen, bei deſſen Vertheidigung der Vater von my Lord fiel. „Ich war damals noch nicht mehr, als zwei Jahre alt,“ ſpricht my Lord, „Zzieh' aber ſechsundvierzig von neunzig ab, und wie alt bin ich dann, Vetter Henry?“ „Dreißig,“ ſagte ſeine Frau lachend. „Viel zu alt für Dich, Rachel,“ antwortete my Lord, zärtlich auf ſie niederblickend. Und in der That ſchien ſie ein Mädchen zu ſein, da ſie zu jener Zeit kaum erſt zwanzig Jahre alt war. „Du weißt, Frank, ich werde Alles thun, um Dir zu gefallen,“ ſpricht ſie, „und ich verſpreche Dir, daß ich jeden Tag älter werden will.“ „Sie müſſen Papa nicht Frank nennen; Sie müſſen jetzt Papa my Lord heißen,“ ſagt Miß Bea⸗ trir, ihr Köpfchen ſchüttelnd; worüber die Mutter lächelte und der gutmüthige Vater lachte, und der kleine herumtrabende Knabe lachte, ohne zu wiſſen warum: — ohne Zweifel aber deßhalb, weil er glücklich war, wie es da Jedermann zu ſein ſchien. Wie doch ſolche triviale Vorfälle und Worte, wie Landſchaft und Son⸗ nenſchein, und die Gruppe lächelnder und ſchwatzender Leute im Gedächtniſſe haften bleiben! Da die Sonne ſchon unterging, ſo wurde der kleine Erbe auf den Armen ſeiner Amme in's Bett geſchickt, wohin er auch heulend ging; der kleinen Trir aber wurde verſprochen, daß ſie an dieſem Abende beim *) Boundheads, wörtlich; Rundföpfe, — ein Spottname der Puritaner. 29 Nachteſſen bleiben dürfe: — „Und Du wirſt auch kommen, Vetter, nicht wahr?“ ſprach ſie. Henry Esmond erröthete, und ſagte: „Ich — ich ſpeiſe mit Mrs. Workſop zu Nacht.“ „Zum Henker!“ ſpricht my Lord. „Du ſollſt heute Abend mit uns zu Nacht eſſen. Du ſollſt einer Dame keinen Korb geben: oder ſoll er dir einen geben, Und ſie verwunderten ſich Alle über Henry's Leiſtungen am Speiſetiſche; und wirklich zeichnete ſich auch der arme Knabe durch einen höchſt bemerkens⸗ werthen Appetit aus, was aber minder auffallend wird, weun man bedenkt, daß er Richts zu Mittag gegeſſen hatte, indem keine Seele im ganzen Hauſe an ihn ge⸗ dacht hatte, während der Unruhe und den Vorberei⸗ tungen, welche mit der Ankunft des neuen Lords ver⸗ bunden waren. „Kein Mittageſſen! das arme liebe Kind!“ ſagt my Lord, ſeinen Teler mit Speiſe füllend. My Lord ſeinerſeits füllte einen Humpen für ihn, und forderte ihn auf, eine Geſundheit auszubringen, worauf Ma⸗ ſter Henry laut ausrief: „Es lebe der König!“ und den Wein hinuntergoß. My Lord war ganz bereit, dieſe Geſundheit zu trinken, und die meiſten andern Geſundheiten trank er in der That nur zu gern. Er wollte Nichts davon hören, daß Dr. Tuſher (— der Pfarrer von Caſtlewvod, der zum Abendeſſen gekommen war —) ſich entferne, als das Confect aufgetragen wurde; er habe, ſagte er, noch nicht ſo lange einen Kaplan gehabt, um ſeiner müde zu ſein. Seine Ehrwürden leiſtete alſo my Lord bei einer Pfeife Tabak und einer Bowle Punſch noch einige Stunden Geſellſchaft, und ging etwas unſicheren Gan⸗ ges heim, wobei er wohl ein Dutzend Mal erklärte, daß die Leutſeligkeit Seiner Lordſchaft alle Freundlich⸗ 30 keit übertreffe, die ihm je von der gnädigen Familie Seiner Lordſchaft zu Theil geworden. Was den jungen Esmond betrifft, ſo war, als er wieder in ſein Zimmerchen getreten war, ſein Herz voll Erſtaunen und voller Dankbarkeit gegen die neuen Freunde, welche dieſer glückliche Tag ihm gebracht. Schon lange, ehe ſich noch im Hauſe Etwas rührte, war er auf, und lag auf der Lauer, ob er Nichts von dieſer ſchönen Dame und ihren Kindern, von dieſem gütigen Beſchützer und Gönner zu ſehen bekäme; und immer beſchlich ihn wieder die Furcht, es möchte der ütige Willkomm, der ihm am vergangenen Abende zu Lyei geworden, ihm ferner nicht mehr zu Theil werden, und ſich ihr Benehmen gegen ihn ändern. Es ſtand nicht lange an, ſo kam die kleine Bea⸗ trix in den Garten heraus; ihr folgte ihre Mutter nach, die Henry ſo freundlich grüßte, wie an dem ver⸗ gangenen Tage. Er ſeinerſeits erzählte ihr mit mehr Ausführlichkeit die Geſchichten des Hauſes (— die ihm zu den Zeiten des alten Lords bekannt geworden waren —), und denen ſie mit vielem Intereſſe lauſchte. Sodann ſagte er ihr mit Beziehung auf den vergange⸗ nen Abend, daß er franzöſiſch verſtehe, und dankte ihr für ihre Protection. „Ei, ei, Sie verſtehen franzöſiſch?“ ſpricht ſie, erröthend. „Da das der Fall iſt, ſo ſollen Sie mich und Beatrix es lehren, Sir.“ Darauf richtete ſie noch viele andere Fragen an ihn, die auf ihn ſelbſt Bezug hatten, und welche beſſer ausführlicher beſprochen worden, als vermittelſt der kurzen Antworten, welche der Junge ſeiner Gebieterin auf ihre Fragen gab. * 31 Zweites Kapitel. Berichtet, wie Francis, der vierte Viscount, zu Caſtlewood ankommt. Es iſt männiglich bekannt, daß der Name Esmond und das Gut Caſtlewood, in der Grafſchaft Hants, in den Beſitz der gegenwärtigen Familie kam durch Do⸗ rothea, Tochter und Erbin von Edward, Grafen und Marquis von Esmond, und Lord von Caſtlewvod, welche Dame, im dreiundzwanzigſten Jahre der Regie⸗ rung der Königin Eliſabeth, Henry Poyns, Gentleman, heirathete. Beſagter Henry war damals Page im Hauſe ihres Vaters. Francis, Sohn und Erbe des ſo eben genannten Henry und der benannten Dorothea, der den mütterlichen Namen annahm, den die Familie in der Folge geführt hat, wurde von König Jakob I. zum Ritter und Baronet gemacht, und blieb, da er viele Neigung zum Soldatenſtande hatte, lange Zeit in Deutſchland, bei dem Churfürſten von der Pfalz, in deſſen Dienſten Sir Francis viel Geld ausgab und ſich vielen Gefahren ausſetzte, indem er dem genannten unglücklichen Fürſten große Summen lieh, und in den Schlachten gegen die Kaiſerlichen, bei welchen Sir Francis mitwirkte, eine Menge Wunden davontrug. Bei ſeiner Rückkehr nach England ward Sir Francis für ſeine Dienſte und ſeine vielerlei Opfer durch Seine ſelige Majeſtät Jakob I. belohnt, der die⸗ ſem erprobten Diener den Poſten eines Oberaufſehers der K. Speiſekammern und eines K. Molkenjunkers gnädigſt übertrug, welch hohes und Vertrauens⸗Amt er unter der Regierung dieſes Königs und unter der ſei⸗ nes unglücklichen Nachfolgers bekleidete. Sein Alter, ſowie ſeine vielen Wunden und Körper⸗ gebrechen zwangen Sir Francis, ſein Amt oft durch einen Stellvertreter verſehen zu laſſen; und ſein Sohn, Sir George Esmond, Ritter und Pannerherr, beklei⸗ dete es, zuerſt als Stellvertreter ſeines Vaters, und dann ſpäter als Erbe von ſeines Vaters Titel und Würde, faſt während der ganzen Regierungszeit König Karls I., und ſeiner zwei Söhne, die ihm auf dem Throne folgten. Sir George Esmond heirathete nicht ganz ſtandes⸗ gemäß, wenn man bedenkt, auf welche Verbindung ein Mann von ſeinem Namen und ſeiner Ehre Anſpruch machen konnte. Er heirathete nämlich eine Tochter von Thomas Tophan, von der City von London, der Alder⸗ mann und Goldſchmied war, und in den damals beginnen⸗ den Unruhen ſich auf die Seite des Parlaments ſchlug. So kam es, daß Sir George das Vermögen, das er beim Tode ſeines Schwiegervaters erwartet hatte, nicht bekam; denn der Goldſchmied vermachte all ſein Geld ſeiner zweiten Tochter, Barbara, die ledig blieb. Was Sir George Esmond betrifft, ſo zeichnete er ſich durch ſeine Loyalität und durch ſeine Anhänglich⸗ keit an die königliche Perſon und Sache aus; und als der König im Jahre 1642 zu Oxford war, ſchmelzte Sir George unter Zuſtimmung ſeines Vaters, der da⸗ mals ſehr alt und gebrechlich war und auf ſeinem Schloſſe Caſtlewvod wohnte, für den Dienſt Seiner Majeſtät ſämmtliches Silbergeſchirr ein, das die Fa⸗ milie beſaß. Für dieſe und andere Opfer und Verdienſte ge⸗ ruhte Seine Majeſtät durch ein mit dem Geheimſiegel verſehenes und von Opford im Jaunar 1643 datirtes Patent Sir Francis Esmond zu der Würde eines Vis⸗ gonnt Caſtlewvod, von Shandon, in Irland, zu erheben, 33 und da das Vermögen des Viscount ſehr zuſammen⸗ geſchmolzen war durch Anlehen an den König, die Seine Majeſtät in den damaligen unruhigen Zeiten nicht heimbezahlen konnte, ſo wurde dem Lord Viscvunt eine Strecke Landes in den Pflanzungen von Virginien als ſein Eigenthum angewieſen. Und noch bis auf den heutigen Tag befindet ſich ein Theil dieſer Ländereien in dem Beſiße von Sprößlingen ſeiner Familie. Der erſte Viscount Caſtlewood ſtarb hochbetagt, und ſchon einige Monate nach der neuen Anszeichnung, die ihm von Seiten Seiner Majeſtät geworden. Ihm folgte, als Erbe ſeines Titels und Vermögens, ſein älteſter Sohn, der vorbenannte Gevorge, doch hinterließ er noch andere Kinder, — Thomas, Obriſten in der K. Armee, der ſpäter zu der Regierung des Uſurpators hielt; und Francis, der den geiſtlichen Stand ergriffen hatte, und Anno 1647 erſchlagen ward, während er das Schloß Caſtlewood gegen das Parlament ver⸗ theidigte. — Lord Caſtlewwod (— der zweite Vis⸗ cvunt —), von König Karl's I. Zeiten, hatte keine männliche Nachkommenſchaft, mit Ausnahme ſeines einzigen Sohnes Euſtace Esmond, der in der Schlacht von Worceſter umkam, mit der Hälfte der Caſtlewvoder Mannen, die um ihn waren. Die Ländereien um Caſtlewvod wurden verkauft und an die Leute der Republik ausgetheilt, indem Caſtlewvod faſt bei allen Anſchlägen gegen den Protector betheiligt war, nach dem Tode des Königs und bis zur Reſtauration König Karl's II. My Lord folgte dem Hofe des genannten Königs in's Exil, nachdem er ſich in deſſen Dienſt zu Grunde gerichtet hatte. Er hatte nur eine einzige Tochter, die aber für ihren Vater kein gar großer Troſt war, denn das Unglück hatte dieſe Verbannten von der Rüchtern⸗ Henry Esmond. 1. 3 34 heit des Lebens Nichts gelehrt; und es heißt, daß der Herzog von York und ſein Bruder, der König, wegen Iſabel Esmond mit einander Streit bekommen. Letztere war Ehrendame der Königin Henriette Maria; ſchon frühe trat ſie in den Schvoß der römiſchen Kirche; und es ſtand nicht lange an, ſo folgte ihr ihr Vater, ein ſchwacher Mann, zu Breda nach. Beim Tode von Euſtace Esmond, zu Worceſter, wurde Thomas Esmond, ein Reffe von my Lord Caſtle⸗ wood, und dazumal noch ein ganz junger Menſch, Erbe des Titels. Sein Vater hatte, während der zwiſchen dem König und dem Parlamente ausgebrochenen Strei⸗ tigkeiten, die Partei des Letztern ergriffen, und war ſo dem Oberhaupt ſeines Hauſes entfremdet worden; und es machte anfänglich my Lord Caſtlewvod der Gedanke, daß ſein Titel (— obgleich er nun faſt nur noch etwas ganz Eitles war —) auf einen ſchurkiſchen Stutzkopf übergehen ſollte, ſo zornig und ſo wüthend, daß er ſich wieder verheirathet haben würde (— und in der That wollte er die Tochter eines Gaſtwirths zu Brügge hei⸗ rathen, dem Seine Lordſchaft eine ſchöne Summe ſchuldete, da er, während des Aufenthalts des Königs in der genannten Stadt, bei dem Manne logirt hatte —), hätte er nicht das Gelächter des Hofes und den Zorn ſeiner Tochter gefürchtet, vor welch Letzterer er gewalti⸗ gen Reſpect hatte; denn dieſe war von ebenſo herrſch⸗ ſüchtiger und heftiger Gemüthsart, wie my Lord, der durch ſeine Wunden und durch das viele Trinken nun ſehr geſchwächt war. Lord Caſtlewvod hätte gern eine Heirath zu Stande gebracht zwiſchen dieſer ſeiner Tochter Iſabel und ihrem Couſin, dem Sohne des weiter oben genannten Francis Esmond, der bei der Belagerung von Caſtlewovd um⸗ kam. Auch konnte die Dame, wie es hieß, den jungen Mann wohl leiden, der um etliche Jahre jünger war, als ſie (— welcher Umſtand ihr nicht als ein Fehler 35 an ihm erſchien —). Als derſelbe aber ihr eine Zeit lang den Hof gemacht und im Hauſe intim geworden war, gab er mit einem Male ſeine Bewerbung auf, in einem Augenblicke, wo er ziemlich gute Ausſichten zu haben ſchien, ohne daß er es für angemeſſen hielt, einen Vorwand für ſein Benehmen anzugeben. 2 Seine Freunde zogen ihn wegen deſſen auf, was ſie lachend ſeine Untreue zu nennen beliebten. Jack Churchill, Frank Esmond's Lieutanant in dem könig⸗ lichen Fußgarderegiment, bekam die Compagnie, deren Commando Esmond abgab, als er den Hof verließ, und in der Wuth nach Tanger ging, weil er entdeckt hatte, daß ſeine Beförderung von der Gefälligkeit ſeiner ihm an Jahren überlegenen Braut abhange. Er und Churchill, die in der St. Paul's Schule condiscipuli geweſen waren, bekamen wegen dieſer Ge⸗ ſchichte mit einander Streit; und Frank Esmond ſagte zu ihm mit einem Schwure: „Jack, Deine mag ſo und ſo ſein, aber meine Frau ſoll es, beim Teufel, nicht ſein!“ Darauf wurde vom Leder gezogen und Blut vergoſſen, bis Freunde ſie trennten. Es muß hier bemerkt werden, daß, in jenen Ta⸗ gen, wenige Männer in Betreff des Ehrenpunktes ſo eiferſüchtig waren; und Herren von guter Geburt und einer ſchönen Ahnenreihe glaubten, ein königlicher Fleck ſei eine Zierde für ihr Familienwappen. Frank Es⸗ mond zog ſich in der übelſten Laune von der Welt nach Tanger zurück, von wo er nach zweijährigem Dienſte zurückkam, um ſich auf einem kleinen Gute niederzulaſſen, das in der Nähe von Wincheſter lag, und welches er von ſeiner Mutter bekommen hatte. Hier lebte er als Landedelmann und hielt eine Koppel Stöberhunde, ohne zu König Karl's Zeiten auch nur ein Mal an den Hof zu kommen. Sein Onkel Caſtle⸗ wood aber konnte ihm ſein Benehmen nie verzeihen; und was ſeine Couſine hetrifft, die er ſo ſchmählich 36 hatte ſitzen laſſen, ſo ſtand es einige Zeit an, bis ſie ſich wieder mit ihm ausſöhnte. Durch Aemter, Penſionen, Geſchenke von Frank⸗ reich und durch Geldzuſchüſſe vom Könige, während ſeine Tochter in Gunſt ſtand, erlangte Lord Caſtlewvod, der im Dienſte des Königs Jugend und Vermögen ge⸗ opfert hatte, letzteres nicht ganz wieder; auch kümmerte er ſich ſeit dem Tode ſeines Sohnes nie viel um Caſtle⸗ wood, das er weder beſuchte, noch wiederherſtellen ließ, ſondern er ließ es ſich angelegen ſein, ein gutes Haus, ſowie am Hofe Figur zu machen, und ſich eine ſchöne Summe baaren Geldes zu erſparen. Und nun fing ſein Erbe und Neffe, Thomas Esmond, an, ſich um die Gunſt ſeines Onkels zu be⸗ werben. Thomas hatte unter dem Kaiſer und unter den Holländern gedient, als König Karl ſich genöthigt ſah, den Generalſtaaten Truppen zu leihen; und ebenſo hatte Thomas gegen die Holländer gedient, als Seine Majeſtät mit dem Könige eine Allianz ſchloß. In dieſen Feldzügen hatte ſich Thomas Esmond mehr durch ſeine Duelle, ſeine Zänkereien, ſein laſterhaftes Leben und durch ſein Spielen ausgezeichnet, als durch eine hervor⸗ ſtechende tapfere That im Felde; und ſo kam er nach England zurück, wie viele andere gereiſte Engländer, das heißt, mit einem Charakter, der ſich durch ſeine Erfahrungen im Auslande mit nichten verbeſſert hatte. Er hatte ein kleines väterliches Erbe verſchwendet, das ihm als jüngerem Bruder zugefallen war, und trieb ſich, wenn man die Wahrheit wiſſen will, am Liebſten in Wirthshäuſern herum, und machte ſich ein Geſchäft daraus, über das Elſaß und die Mönche zu declamiren, als er auf ein Mittel verfiel, ſeine Glücksumſtände zu verbeſſern. Seine Cvuſine hatte jetzt das mittlere Alter bereits überſchritten, und Niemand, denn ſie ſelbſt, hätte geſagt, daß ſie einſt ſo ſchön geweſen, wie ſie geweſen zu ſein 37 behauptete. Sie war mager, und gelb, und hohlwangig, und es war ihr Zähnefletſchen nicht eben die holdeſte Erſcheinung; alle rothe und weiße Schminke in ſämmt⸗ lichen Buden Londons vermochten keine Schönheit aus ihr zu machen. Mr. Killigrew nannte ſie nur die Si⸗ bylle, — den Todtenkopf, der bei des Königs Gaſtmahl als ein memento wori aufgeſtellt ſei u. ſ. w. u. ſ. w.: — kurz und gut, ſie war ein Frauenzimmer, die wohl leicht zu erobern ſein mochte, zu deren Eroberung aber ein guter Appetit und eine gute Doſis Muth gehörte. Und dieſe Doſis Muth beſaß Thomas Esmond. Es gelüſtete ihn nach den Erſparniſſen my Lord Caſtle⸗ wood's, deren Betrag das Gerücht gewaltig übertrieben hatte. Von Madame Iſabel hieß es, ſie beſitze könig⸗ liche Juwelen von großem Werthe, während der arme S Esmond nur noch einen unverpfändeten Rock eſaß. My Lord beſaß um dieſe Zeit ein ſchönes Haus in Lincoln's⸗Inn⸗Fields, in der Nähe von Duke's Theatre *) und von der Capelle des portugieſiſchen Geſandten. Tom Esmond, der das erſtere ſo lange beſucht hatte, als er an Schauſpielerinnen Geld zu verſchwenden gehabt, ging jetzt eben ſo fleißig in die Kirche. Er ſah ſo mager und abgeſchabt aus, daß er ohne alle Schwierigkeit für einen bußfertigen Sünder galt. Und da er ſich ſo bekehrte und zur römiſchen Kirche übertrat, darfman mit Sicherheit annehmen, daß er Prieſter ſeines Oheims zu ſeinem Gewiſſensrath erkor. Dieſer liebevoll geſinnte Pater ſöhnte ihn mit dem alten Lord, ſeinem Oheim, aus, der noch kurz zuvor es verſchmähte, mit ihm zu ſprechen, während Tom unter dem Fenſter von my Lords Kutſche vorüberging. Seine *) Herzogs⸗Theater. 38 Lordſchaft fuhr damals in großer Gala nach dem Hofe, um allda ſeinen Pflichten nachzukommen, während ſein Neffe mit elendem, ſchadhaftem Hute und ditto Feder, und ſeinem mit der Spitze durch das Ende der Scheide dringenden Rappiere, in ſein Speiſehaus in Bell Yard ſchlich, wo man um zwei Pence ſpeiste. Nach ſeiner Wiederausſöhnung mit ſeinem Oheim fing Thomas Esmond bald an, beſſer auszuſehen und Merkmale von den Wohlthaten einer guten Koſt und friſcher Leinwand zu zeigen. Zwar faſtete er zwei Mal in der Woche und immer ſtreng, allein er brachte es an den andern Tagen wieder ein; und um zu zeigen⸗ wie groß ſein Appetit war, ſagte Mr. Wycherley, Thomas habe damit geendet, daß er jenes ranzige, alte Stück voller Fliegenſchmiſſe, ſeine Cvufine, verſchluckt habe. Am Hofe wollten die Späſſe und Spöttereien über dieſe Heirath kein Ende nehmen; allein was ver⸗ ſchlug das Tom? Fuhr er jetzt nicht in der Kutſche ſeines Oheims nach Hofe, — nannte er ihn nicht Vater? Ja, er konnte wohl lachen, da er die Partie gewonnen hatte. Dieſe Heirath fand ganz kurze Zeit vor dem Tode König Karls ſtatt, dem der Viscvunt von Caſtlewvod bald in's Grab nachfolgte. Dieſe Ehe ward durch die Geburt eines Sohnes geſegnet, über den ſeine Eltern mit unendlicher Sorgfalt und Aengſtlichkeit wachten; der aber trotz aller Ammen und Aerzte nur ein kurzes Leben hatte. Sein ſchlechtes Blut rann nicht ſehr lang in ſeinem armen, ſchwachen Körperchen. Schon frühe zeigten ſich an ſeinem Körper Symptome, daß er mit „Skropheln“ behaftet ſei; und cheils aus Aberglauben, theils weil ſie ſich dadurch ge⸗ ſchmeichelt fühlten, gaben ſich my Lord und my Lady, insbeſondere Letztere, nicht eher zufrieden, als bis der arme kleine Krüppel von Seiner Majeſtät in ſeiner 39 Kirche berührt wurde. Anfänglich wollten ſie ſchon von einem an ihrem Kinde verrichteten Wunder ſprechen (— da Doctoren und Quackſalber beſtändig um das Kind waren und mit allen nur erdenklichen Geheim⸗ mitteln an ſeinem armen Körperchen herum erperimen⸗ tirten —); aber obgleich aus irgend einem Grunde eine merkliche Beſſerung in der Geſundheit des Kindes ein⸗ getreten ſchien, nachdem Seine Majeſtät es berührt hatte, ſo ſtarb doch das arme Ding wenige Wochen darauf; — was die Spötter des Hoßes veranlaßte zu ſagen, daß der König, indem er aus dem Kinde Tom Esmond's und ſeiner Frau Iſabella die Skropheln herausgetrieben, aus demſelben das Leben herausge⸗ trieben, das Nichts als Corruption geweſen. Der natürliche Gram der Mutter über den Verluſt dieſes armen kleinen Kindes mußte ſich noch vermehren, wenn ſie an ihre Nebenbuhlerin, Frank Esmonds Frau, dachte, die beim ganzen Hofe in höchſter Gunſt ſtand, während die arme Lady Caſtlewvod dort ganz vernach⸗ läſſigt wurde. Und dieſe ihre Nebenbuhlerin hatte ein Kind, eine blühende, wunderſchöne Tochter, und ſollte bald wieder Mutter werden. Wie ich gehört habe, ſo lachte der Hof nur um ſo mehr, weil die arme Dame, die nun ſo ziemlich das Alter überſchritten hatte, wo Frauen Kinder zu bekom⸗ men pflegen, nichts deſto weniger entſchloſſen war, die Hoffnung noch nicht aufzugeben und weil ſie ſogar, wenn ſie ſich zu Caſtlewood aufhielt, immer und ewig zu dem Doctor nach Hexton hinüberſchickte, und ihren Freunden und Freundinnen ankündigte, daß ein Erbe auf dem Wege ſei. Dieſe ihre Abgeſchmacktheit war eine von den vielen andern, welche die Spaßvögel aus⸗ zubeuten pflegten. Und in der That hatte, bis zu den letzten Tagen ihres Lebens, my Lady Viscounteß den Troſt, ſich einzubilden, ſie ſei ſchön; ſie blühete be⸗ 40 harrlich bis in die Mitte ihres Winters hinein, malte Roſen auf ihre Wangen noch lange nach der Zeit, wo Roſen zu kommen pflegen, und putzte und kleidete ſich, wie der Sommer, obgleich ihr Kopf mit Schnee bedeckt war. Herren, die am Hofe König Karl's und König Jakob's waren, haben Schreiber dieſes über dieſe ſelt⸗ ſame alte Dame eine Anzahl von Geſchichten erzählt, womit die Nachwelt nicht zu unterhalten werden braucht. Es heißt, ſie habe eine ſeltene Virtuoſität im Schmähen beſeſſen; und wenn ſie mit allen den Frauen ſich in einen Streit einließ, die ſich der Gunſt König Jakob's erfreuten, ſo iſt es gewiß, daß ſie zu jeder Zeit eine ungeheure Anzahl von Streitigkeiten im Vorrath gehabt haben muß. Sie war ein Frauenzimmer von uner⸗ ſchrockenem Geiſte, und wie es ſcheint, ſo verfolgte und ermüdete ſie Seine Majeſtät nicht wenig mit ihren Rechten und ihren Klagen. Einige ſagen, ſie habe deßwegen den Hof verlaſſen, weil ſie auf Frank Es⸗ mond's Frau unendlich eiferſüchtig geweſen ſei; Andere dagegen meinen, ſie habe ſich u den Rückzug begeben müſſen nach einer gewaltigen Schlacht, die zu White⸗ hall zwiſchen Ihrer Ladyſchaft und Lady Dorcheſter, Tom Killigrew's Tochter, welcher der König unendlich viele Ehre erwieſen, Statt gefunden und in welcher dieſe häßliche Eſther über unſere ältliche Vaſthi den Sieg davon getragen habe. Ihre Ladyſchaft aber be⸗ hauptete ihrerſeits ſtets, daß es der Streit ihres Gemahls und nicht der ihrige geweſen ſei, der die Verbannung Beider auf das Land und die grauſame Undankbarkeit des Souverains verurſacht habe, der das Amt eines Oberaufſehers der K. Speiſekammern und eines K. Molkenjunkers, das die zwei letzten Lords Caſtlewvod ſo ehrenvoll bekleidet, der Familie entzogen und nun einem Kerl von geſtern, einem Schmeichler 41 und elenden Abhänglinge jener odiöſen Dorcheſter⸗ Creatur, my Lord Bergamot, *) verliehen habe. My Lady pflegte zu ſagen: „Nie hätte ich es über das Herz bringen können, Seiner Majeſtät Molken von einer anderen Hand ge⸗ tragen zu ſehen, als von der eines Esmond. Meiner Treu! Ich hätte den Präſentirteller Lord Bergamot aus der Hand geſchlagen, wenn ich ihn mit demſelben ge⸗ ſehen hätte.“ Und die, welche Ihre Ladyſchaft kannten, wiſſen gar wohl, daß ſie ganz und gar die Perſon war, eine ſolche Heldenthat auszuführen, hätte man ſie nicht weislich entfernt gehalten. Da Lady Caſtlewood den Beutel führte und in der That faſt alle Perſonen, die ihr nahe kamen, zu beherrſchen ſuchte, ſo konnte ſie unbedingt über ihren Gatten verfügen: er mußte ihr in Allem gehorchen. Sie verließ alſo London und zog ſich von Lincoln's⸗ Inn⸗Fields nach Chelſea zurück, wo ſie ein hübſches neues Haus kaufte. Darauf ſiedelte ſie mit allen ihren Habſeligkeiten, ihren Kammerjungfern und Wözöen ihren Schvoßhunden, ihrem Prieſter, und Seiner Lord⸗ ſchaft, ihrem Gatten, nach Caſtlewvod Hall über, das ſie nicht mehr geſehen hatte ſeit dem Augenblicke, wo ſie es, während der Unruhen unter der Regierung König Karl's I., noch als ein Kind verließ. Die *) Lionel Tipton, Anno 1686 zum Baron Bergamot erhoben, zum Hinterthürjunker und ſpäter zum Oberaufſeher der K. Epeiſekammern und zum K. Molkenjunker (beim Ableben George's, zweiten Vis⸗ evunts Caſtlewood) ernannt, begleitete ſeine Majeſtät nach Saint⸗Germain, wo er ohneNachkommenſchaft ſtarb. Vom Prinzen von Oranien wurde kein Mol⸗ kenjunker mehr ernannt, und ſeitdem iſt das Amt ganz und gar eingegangen. 42 Mauern und Wände des alten Hauſes waren noch ge⸗ rade ſo offen, wie ſie von den Kugeln der Republikaner zurückgelaſſen worden waren. Ein Theil des Schloſſes wurde reſtaurirt und mit dem Silbergeſchirr, den Tapeten und den Möbeln herausgeputzt, die von dem Hauſe in London hergeſchafft worden waren. My Lady glaubte, ihr Einzug in das Dorf Caſtlewvod würde ein Triumphzug ſein, und erwartete von den Leuten, daß ſie ſie bejubelten, während ſie über den Anger führe in ihrer großen Kutſche, mit my Lord an ihrer Seite, mit ihren Kammerfrauen, Schooßhunden und Kakadus auf dem andern Sitze, ihren ſechs Kutſchpferden und ihren bewaffneten, vor⸗ und nachreitenden Dienern. Aber man war damals in einer Zeit, wo Alles ſchrie: „Nieder mit dem Papſt! Nieder mit den Papiſten!“ Die Leute im Dorfe und in der benachbarten Stadt wurden durch den Anblick von dem geſchminkten Geſichte und den geſchminkten Augenlidern ſchen gemacht, als ſie den Kopf zum Kutſchenfenſter hinausſtreckte, wahrſcheinlich um ſich recht gnädig zu erweiſen. Ein altes Weib ſchrie ſogar: „Ei, ei, Lady Iſabel! Gott ſei mir gnädig, es iſt Lady Jeſebel!“ — ein Name, womit in der Folge die Feinde der ſehr ehrenwerthen Vicpmteſſe ſie zu bezeich⸗ nen pflegten. Wie geſagt, das Land wollte damals von Papiſten Nichts wiſſen, und ſo kam e denn, daß Ihre Ladyſchaft anfänglich in der Grafſchaft und im Dorfe gar wenig Gunſt fand: wußte man doch, daß ſie zum Katholicis⸗ mus übergegangen mit ihrem Gatten; daß ſie einen römiſchen Prieſter in ihrem Gefolge hatte, und daß in der Kapelle von Caſtlewvod die Meſſe celebrirt wurde — obgleich es nur wahr iſt, daß die Kapelle für den römiſchen Gottesdienſt erbaut worden war, ehe man noch im Lande von einem andern gehört hatte, und daß der Gottesdienſt dort in der ruhigſten Weiſe von der 43 Welt gehalten wurde —). Bei Weitem der größte Theil des Guts von Caſtlewvod war confiscirt und an Anhänger der Republik vertheilt worden. Ein Paar von dieſen alten Cromwell'ſchen Soldaten lebten in dem Dorfe und ſchauten my Lady Viscounteß anfäng⸗ lich mit gar grimmigen Augen an, als ſie ihren Wohn⸗ ſitz im Schloſſe aufſchlug. 1 Sie erſchien bei der Hextoner Verſammlung, wohin ſie ihren Lord mitbrachte; und dort machte ſie die Landleute durch den Glanz ihrer Diamanten, die ſie ſtets vor den Leuten trug, ordentlich ſcheu. Ja, es hieß, ſie trage ſie auch zu Hauſe und ſchlafe ſogar mit denſelben, das heißt, bringe dieſelben nie vom Halſe; obgleich Schreiber dieſes mit ſeinem Ehrenwort ver⸗ ſichern kann, daß dieß eine pure Verläumdung war. „Wollte ſie die Diamanten ablegen,“ ſagte my Lady Sark, „ſo würde Tom Esmond, ihr Mann, damit davon laufen und ſie verſetzen.“ Dieß war eine andere Verläumdung. My Lady Sark war nämlich gleichfalls vom Hoſe verbannt, und es hatte früher zwiſchen den beiden Damen ein heftiger Krieg gewüthet. Es ſtand indeſſen nicht lange an, ſo verſöhnten ſich die Dorfleute mit ihrer Lady, die freigebig und gütig, obgleich phantaſtiſch und in ihrem Benehmen hochmüthig war, und deren Lob Dr. Tuſher, der Dorf⸗ pfarrer, laut genug ſang. Was my Lord betrifft, ſo verurſachte er keine große Unruhe, indem er kaum als etwas Weiteres, denn als ein Zubehör von my Lady angeſehen wurde, die, als die Tochter der alten Lords von Caſtlewwvod und als die Beſitzerin coloſſalen Reichthums, wie die Leute vom Lande ſagten (— obgleich neun Zehntel dieſes Reichthums bloß in der Phantaſie der Leute epiſtirten —), als die wahre Königin des Schloſſes und als die Herrin von Allem, was es enthielt, angeſehen wurde. 44 Drittes Kapitel. Wohin zu Thomas' des dritten Viscounts, Zeiten ich ihm als Jſabellens Page vorangegangen. Einige Zeit nach dieſem Rückzuge auf's Land kam Lord Caſtlewood wieder nach London. Er ſchickte einen ſeiner Leute in eine kleine Hütte im Dorfe Caling, in der Nähe von London, wo ſeit einiger Zeit ein alter franzöſiſcher Glanbensflüchtling, Ramens Monfieur Paſtoureau, gewohnt hatte. Er war aus Anlaß der Verfolgung der Hugenotten durch den König von Frankreich in dieſes Land gekommen. Bei dieſem alten Mann lebte ein kleiner Knabe, der den Namen Henry Thomas führte. Es erinnerte ſich derſelbe, kurze Zeit zuvor an einem andern Orte, ebenfalls in der Nähe von London, gelebt zu haben, unter Webeſtühlen und Spinnrädern, und unzähligem Pſalmenſingen und Kirchengehen, und einer ganzen Colonie von Franzoſen. Dort hatte er eine überaus theure Freundin, die ſtarb und die er Tante nannte. Sie pflegte ihn bis⸗ weilen in ſeinen Träumen zu beſuchen, und ihr Geſicht, obgleich es nichts weniger als ſchön war, war ihm tauſend Mal lieber, als das Geſicht von Mrs. Paſtou⸗ reau, Bon Papa Paſtoureau's neuer Frau, die mit ihm zuſammen wohnte, als die Tante heimgegangen war. Und zu Spittlefields, wie es genannt zu werden pflegte, wohnte Onkel George, der ebenfalls ein Weber war, aber Harry zu ſagen pflegte, er, Harry, ſei ein kleiner Gentleman, und ſei Vater ſein Capitän und ſeine Mutter ein Engel. 45 Wenn Onkel George ſo ſprach, pflegte Bon Papa von ſeinem Webſtuhl aufzublicken, wo er prächtige ſei⸗ dene Blumen ſtickte, und zu ſagen: „Engel! ſie gehört dem babyloniſchen, mit Scharlachen bekleideten Weib.“ Bon Papa ſprach immer und ewig von dem mit Schar⸗ lach bekleideten Weibe. Er hatte ein kleines Zimmer, wo er ſtets zu predigen und aus ſeiner großen alten Naſe geiſtliche Lieder zu ſingen pflegte. Der kleine Harry liebte das Predigen nicht gar ſehr; unendlich lieber waren ihm die ſchönen Geſchichten, welche Tante ihm zu erzählen pflegte. Bon Papa's Frau erzählte ihm nie hübſche Geſchichten; ſie bekam mit Onkel George Streit, und es ging dieſer darauf fort. E Hierauf ſchlugen Harry's Bon Papa⸗ und deſſen Frau, und die zwei Kinder, die Letztere mitgebracht hatte, ihren Wohnſitz zu Ealing auf. Die neue Frau gab ihren Kindern von Allem das Beſte, Harry aber Prügel die ſchwere Menge: warum, wußte er nicht. Außer den Schlägen bekam er aber auch von ihr Schimpf⸗ namen, die hier nicht verzeichnet zu werden brauchen, um des alten Monſieur Paſtvureau willen, der biswei⸗ len immer noch freundlich war. Das Unglück dieſer Tage iſt ſchon längſt vergeben, obgleich dieſelben einen düſteren Schatten über die Ju⸗ gend des Kindes warfen, der es wohl bis ans Ende ſeiner Tage begleiten wird; und es lernt wenigſtens derjenige, der als Kind gelitten hat, und in dieſer frühen Schule des Unglücks nicht ganz und gar ver⸗ dorben iſt, gegenüber von kleinen Kindern ſanft und langmüthig zu ſein. Es läßt ſich die Freude Harry's wohl denken, als ein ſchwarz gekleideter Herr, gefolgt von einem gleich⸗ falls berittenen Diener, nach Ealing geritten kam, um ihn abzuholen. Die noverca, oder ungerechte Stief⸗ mutter, die ihn vernachläſſigt und ihn beſtändig ihren zwei eigenen Kindern hintangeſetzt hatte, gab ihm am 46 Abende vor ſeiner Abreiſe genug zu eſſen, und ebenſo auch an dem darauf folgenden Morgen. Sie ſchlug ihn auch nicht ein einziges Mal, und verbot ihren Kindern ihn zu mißhandeln. Eines dieſer Kinder war ein Mädchen, und Harry konnte es nie über ſich gewinnen, ein Mädchen zu ſchla⸗ gen; das andere war ein Knabe, dem er hätte gar leicht die Haut voll ſchlagen können, wenn der Kerl nicht ſo mörderiſch geſchrien hätte, und dann Mrs. Pa⸗ ſtoureau herangeſegelt gekommen wäre, um mit flegel⸗ artigen Armen den kleinen Kerl zu befreien. An dem Tage, an dem Harry wegging, wuſch ſie ihm zum er⸗ ſten Male das Geſicht; auch bedachte ſie ihn nicht ein Mal mit einer Ohrfeige. Sie wimmerte ein Bischen, als der ſchwarz gekleidete Herr kam, um den Knaben abzuholen; und der alte Monſieur Paſtonreau warf, als er dem Kinde ſeinen Segen gab, dem ſeltſam und fremd ausſehenden Herrn einen bitterböſen Blick über die Schulter zu, und brummte Etwas von Babel und dem mit Scharlachen bekleideten Weibe. Er war ſtein⸗ alt geworden, faſt wie ein Kind. Mrs. Paſtoureau pflegte ihn zu ſchneuzen, wie die Kinder. Sie war ein großes, corpulentes junges Frauenzimmer; obgleich ſie aber that, als weine ſie, ſo dachte Harry doch, es ſei bloßer Schein, und ſprang voller Entzücken auf das Pferd, wobei ihm der Lakai behülflich war. Dieſer Lakai war ein Franzoſe und hieß Blaiſe. Das Kind konnte ganz gut in ſeiner eigenen Sprache mit ihm ſprechen: es kannte dieſe in der That beſſer, als das Engliſche, da es bis daher hauptſächlich unter Franzoſen gelebt hatte; es war „Französchen“ ge⸗ nannt worden. Bald lernte aber Harry ganz gut engliſch ſprechen, und ſein Franzöſiſch zum Theil ver⸗ geſſen: Kinder vergeſſen ja ſo leicht. Auch hatte das Kind einige frühere und ſchwächere Erinnerungen, die ſich auf ein anderes Land und eine Stadt mit 47 hohen weißen Häuſern und auf ein Schiff bezogen. Aber dieſe Erinnerungen waren in dem Geiſte des Knaben ganz verworren, wie ſich auch bald die Erleb⸗ niſſe von Ealing, oder doch viele der Leiden, die er dort ausgeſtanden, in ſeinem Gedächtniſſe verwiſchten. Der Lakai, vor dem er ritt, war ſehr lebhaft und hatte eine ſehr geläufige Zunge, und ſagte dem Kna⸗ ben, daß der vor ihnen reitende Herr my Lords Kaplan, Pater Holt, ſei; daß er, Harry, von nun an Maſter Harry Esmond genannt werden würde; daß my Lord Viscvunt Caſtlewvod ſein, das heißt, Harry's parrain ſei; daß er jetzt in dem großen Schloſſe von Caſtle⸗ wyod, in der Provinz —, wohnen würde, wo er die Frau Vicomteſſe zu ſehen bekäme, die eine große Dame wäre. Und ſo wurde, auf einem Tuche vor Blaiſe's Sattel ſitzend, Harry Esmond nach London, und nach einem feinen Square, Covent Garden genannt, gebracht, wo ſein Beſchützer logirte. WMr. Holt, der Prieſter, nahm das Kind bei der Hand und brachte es zu dieſem Edelmanne, einem großen, matt ausſehenden Edelmanne, der in einer roßen Mütze und in einem beblümten Morgengewande ſut⸗ und eben Pomeranzen ausſog. Dieſer Edelmann tätſchelte Harry auf den Kopf und gab ihm eine Pomeranze. „C'est bien ca““ ſagte er zum Prieſter, nachdem er das Kind gemuſtert; und der ſchwarz gekleidete Herr zuckte die Achſeln. Blaiſe ſoll ihn ſpazieren führen und ſoll ihm einige Freude machen!“ Und ſo ging der Knabe mit dem Bedienten aus, entſchloſſen, die ihm gewordene Erlaubniß zu nützen. Harry war ſo voller Freude, daß er ganze Sätze machte. Er wird ſich bis an das Ende ſeines Lebens an 48 die Freuden und Genüſſe dieſer Tage erinnern. Mon⸗ ſieur Blaiſe führte ihn in die Comödie, — in ein Haus, das tauſend Mal größer und ſchöner war, als die Bude auf der Meſſe von Ealing. An dem darauf folgenden wonnevollen Tage nahmen ſie ein Schiffchen auf dem Fluſſe, und ſo ſah Harry London Bridge, mit den Häuſern und Buchhändler-Buden darauf, — eine Brücke, die wie eine Straße ausſah, ſowie den Tower von London, mit den Waffenrüſtungen, und den großen Löwen und Bären in den Gräben: — Alles in Begleitung von Monſieür Blaiſe. Es ſtand indeſſen nicht lange an, ſo brach eines Morgens, in aller Frühe, die Geſellſchaft, das heißt, my Lord Viscvunt und der andere Herr, auf, um die Stadt zu verlaſſen. Ihnen folgten Monſieur Blaiſe mit Harry, der hinter ihm auf einem Reitkiſſen ſaß, und noch zwei oder drei andere Leute, welche die Pack⸗ pferde führten und Piſtolen in der Fauſt hatten. Und auf dem ganzen Wege erzählte der Franzoſe dem kleinen Harry Räubergeſchichten, die dem Kinde die Haare zu Berge ſtehen machten, und es mit Angſt erfüllten, ſo daß es in dem großen unheimlichen Wirthshauſe am Wege, wo man über Nacht blieb, um die Erlaubniß bat, mit einem der Bedienten in einem Zimmer ſchla⸗ fen zu dürfen; was Mr. Holt, dem Herrn, der mit my Lord reiste, Mitleiden einflößte und ihn veranlaßte, dem Kind ein kleines Bett in ſeinem eigenen Zimmer zu geben. Die ungekünſtelten Reden und Antworten des Kna⸗ ben gefielen höchſt wahrſcheinlich dem ſo eben genann⸗ ten Herrn, denn an dem darauf folgenden Tage ſagte Mr. Holt, Harry ſolle hinter ihm und nicht mehr mit dem franzöſiſchen Lakaien reiten. Und auf dem ganzen Wege richtete der ſchwarz gekleidete Herr tauſend Fragen an das Kind, — Fragen über ſeinen Milchbruder und ſeine Verwandten zu Ealing; was ſein alter Großvater 4⁵ ihn gelehrt, welche Sprachen er kenne; ob er leſen, und ſchreiben, und ſingen könne, und noch vieles Andere. Und Mr. Holt fand, daß Harry leſen und ſchrei⸗ ben könne, und daß derſelbe im Franzöſiſchen und Engliſchen recht gut bewandert ſei; und als er Harry fragte, was er ſingen könne, ſo ſtimmte der Knabe ein geiſtliches Lied nach der bekannten Melodie Dr. Martin Luther's an, was Mr. Holt veranlaßte, in ein lautes Gelächter auszubrechen. Ja, auch ſein grand parrain, in dem bebordeten Hute und in der großen Perrücke, fing an, zu lachen, als Holt ihm ſagte, was das Kind ſang. Denn es ſchien, daß Dr. Martin Luther's geiſt⸗ liche Lieder nicht in den Kirchen geſungen wurden, in denen Mr. Holt predigte. „Du mußt dieſes Lied ja nicht mehr ſingen, hörſt Du, kleiner Mann!“ ſpricht my Lord Viscvunt, einen Finger in die Höhe haltend. Wir aber werden es verſuchen, Dich ein beſſeres Lied ſingen zu lehren, Harry,“ ſagte Mr. Holt; und das Kind antwortete (— denn es war gelehrig, und von Natur freundſchaftlich und liebevoll geſinnt —), „daß es hübſche Lieder liebte, und es verſuchen würde, Alles zu lernen, was der Herr ihm ſagen würde.“ An dieſem Tage gefiel er den Herren durch ſeine Reden dermaßen, daß er im Wirthshauſe mit ihnen eſſen mußte, und daß ſie ihn ermuthigten, fortzuplau⸗ dern. Monſieur Blaiſe aber, mit dem er am vergan⸗ genen Tage geritten war und gegeſſen hatte, mußte ihm jetzt aufwarten. „Schon gut, ſchon gut!“ ſprach Blaiſe (in ſeiner Mutterſprache) an jenein Abende, als ſie wieder in einem Wirthshauſe übernachteten. „Wir ſind hier ein kleiner Lord, — wir ſind jetzt ein kleiner Lord; wohl wahr; aber wir werden ſchon ſehen, was wir find, wenn wir nach Caſtlewood kommen, wo my Lady iſt.“ Henry Esmond. 1. 4 3 50⁰ „Wann werden wir denn nach Caſtlewood kommen, Blaiſe?“ ſagt Harry. „Parbleu! my Lord hat keine Eile,“ ſagt Blaiſe grinſend; und in der That ſchien es, als ob Seine Lordſchaft ſich nicht ſehr beeilte, denn er brauchte drei volle Tage zu jener Reiſe, die Harry Esmond ſeitdem oft in zwölf Stunden zu Pferde gemacht hat. Während der letzten zwei Tage ritt Harry mit dem Prieſter, der ſo freundlich und liebevoll gegen ihn war, daß gegen das Ende der Reiſe das Kind ihn ſchon ganz lieb gewonnen hatte, und ſchon ganz vertraut mit ihm geworden war, und daß es in ſeinem Herzchen kaum einen Gedanken hatte, den es ſeinem neuen Freunde unterdeſſen nicht ſchon anvertraut gehabt hätte. Endlich kam man am dritten Tage Abends bei einem Dorfe an, das auf einer Aue ſtand, von Ulmen umgeben, und recht hübſch anzuſchauen war. Alle Leute, die ich da ſah, nahmen ihre Hüte ab, und machten ihre Bücklinge vor my Lord Viscount, der ſich ganz matt egen ſie alle verbeugte. Unter dieſen Leuten befand ſ6 auch eine ſtattliche Perſon, die einen Prieſterrock und einen breitrandigen Hut trug, und ſich tiefer ver⸗ bengte, denn alle Andern; — und mit der letzteren Per⸗ ſon ſprach ſowohl my Lord, als Mr. Holt einige Worte. Da ſagt Mr. Holt: S „Dieß iſt die Kirche von Caſtlewvod, Harry, und hier iſt der Eckpfeiler derſelben, der gelehrte Doctor Tuſher. Zieh den Hut ab, Schlingel, und grüße mir den Doctor Tuſher!“ „Kommet zum Abendeſſen herauf, Doctor,“ ſpricht my Lord, worauf der Doctor ſich abermals tief ver⸗ beugte, und die Geſellſchaft ſich nach einem großen Hauſe hinbewegte, das vor ihnen lag, eine Menge grauer Thürme hatte, worauf Windfahnen weheten, und Fenſter, die im Sonnenſcheine flammten. Und ein gewaltiges Heer von Saatkrähen, die ſich über den Köpfen der 51 Geſellſchaft hinwälzten, flogen dem hinter dem Hauſe gelegenen Gehölze zu, wie Harry ſah. Und Mr. Holt ſagte Letzterem, daß auch ſie zu Caſtlewvod lebten. Endlich langten ſie bei dem Hauſe an, und kamen unter einem Bogen durch, und dann in einen Hof, in deſſen Mittelpunkt ein Springbrunnen war. Hier er⸗ ſchienen eine Menge Leute, um my Lord beim Abſtei⸗ gen den Steigbügel zu halten; auch erwieſen ſie Mr. Holt gleichfalls große Achtung. lind der Knabe glaubte, die Bedienten ſähen ihn etwas ſeltſam an und lächelten einander zu; — und er erinnerte ſich deſſen, was Blaiſe zu ihm geſagt, als ſie in London waren und Harry ihm von ſeinem Tauf⸗ pathen geſprochenz bei welcher Gelegenheit der Franzoſe geſagt hatte: „Parbleu! man ſieht wohl, daß my Lord Ihr Taufpathe iſt; — Worte, deren Sinn und Be⸗ deutung der arme Junge damals nicht kannte, obgleich er die Wahrheit nach nicht allzu langer Zeit vermuthete, und mit einem nicht geringen Geſühle von Scham ſie erfuhr und darüber nachdachte. Sobald ſie Beide abgeſtiegen waren, nahm Mr. Holt Harry bei der Hand, führte ihn über den Hof hin, und, unter einer niedern Thüre hindurch, in Zim⸗ mer, die zu ebener Erde gelegen waren. Eines dieſer Zimmer wies Pater Holt dem Knaben an, das andere, auf der andern Seite des Ganges, gehörte dem Pater ſelbſt. Und ſobald das Geſicht des kleinen Mannes gewaſchen war und der Pater ſich umgekleidet hatte, führte der Pater den Knaben abermals nach der Thüre hin, durch welche my Lord in die Halle getreten war, und dann ging es eine Treppe hinauf und, durch ein Vorzimmer hindurch, in den Salon von my Lady, — ein Zimmer, das Harry als das Großartigſte erſchien, was er bis jetzt geſehen; — nicht einmal im Tower von London, den er eben erſt beſucht, glaubte er etwas Aehnliches geſehen zu haben. Auch war das Zimmer 52 wirklich ſehr reich verziert im Geſchmack der Zeit der Kö⸗ nigin Eliſabeth: an beiden Enden waren große gemalte Fenſter und prächtige gewirkte Tapeten, welchen die durch das farbige Glas ſcheinende Sonne tanſend ver⸗ ſchiedene Nuancen gab; — und hier ſaß neben dem Feuer, in vollem Staate, eine Dame, zu der der Prieſter Harry hinaufführte, — Harry, der durch ihre Erſchei⸗ nung in das größte Erſtaunen verſetzt ward. Das Geſicht von my Lady Viscounteß war mit weißer und rother Schminke bis an die Augen hinauf beſchmiert, denen beſagte Schminke einen ganz unirdi⸗ ſchen Glanz verlieh: auf ihrem Haupte hatte ſie einen wahren Thurm von Spitzen, unter denen ſich ein Buſch ſchwarzer Locken — wohlverſtanden, erborgter Locken — befand, — ſo daß es kein Wunder war, wenn Harry Esmond ſcheu zurückwich, als er ihr zum erſten Male vorgeſtellt wurde, bei welch feierlicher Einführnng der freundliche Prieſter als Ceremonienmeiſter thätig war. Der Knabe alſo ſtarrte ſie mit Augen an, die faſt ſo groß waren, wie ihre eigenen, wie er die Schauſpie⸗ lerin angeſtarrt hatte, welche die böſe Tragödienkönigin ſpielte, als die Schauſpieler auf die Meſſe von Ealing kamen. My Lady Viscounteß ſaß in einem großen Stuhle neben der Ecke des Kamins; in ihrem Schooße lag ein Hündchen, das ganz wüthend bellte; auf einem Tiſchchen neben ihr lag die Schnupftabaksdoſe Ihret Ladyſchaft, ſowie ein Schächtelchen, worin ſich Zucker⸗ erbſen und Zuckermandeln befanden. Sie trug ein Kleid von ſchwarzem Sammt und einen Unterrock von geflammtem Brokat. Sie hatte an ihren Fingern eben ſo viele Ringe, wie die alte Frau von Banbury Croß; und ziemlich kleine Füße, die ſie gerne ſehen ließ, mit roßen goldenen Zwickeln an den Strümpfen, und wei⸗ e Pantoffeln mit rothen Abſätzen. Und ein ſtarker Moſchusgeruch entwich ihren Kleidern, ſo oft ſie ſich 53 bewegte oder das Zimmer verließ, wobei ſie ſich auf ihr mit Schildpatt beſetztes Stöckchen ſtützte und die kleine Fury hinter ihr her bellte. Bei my Lady war Mrs. Tuſher, die Frau des Pfarrers von Dorf Caſtlewvod. Sie war zu den Zei⸗ ten des ſeligen Lords Kammerfrau bei Ihrer Ladyſchaft geweſen, und da ſie ein Mal zu dieſem Geſchäfte geboren war und mit ganzer Seele daran hing, ſo griff ſie ganz natürlich wieder dazu, als die Vicomteſſe von Caſtlewood zurückkehrte, um das Schloß ihres Vaters zu bewohnen. ch ſtelle Ihnen, my Lady, Ihren Vetter und Ehrenpagen, Mäſter Harry Esmond, vor,“ ſagte r. Holt, ſich mit einer Art komiſcher Demuth tief verbeugend. „Eine hübſche Verbengung vor my Lady gemacht, Monſieur, und dann eine andere kleine, nicht ſo tiefe Verbeugung vor Madame Tuſher, der ſchönen Pfarrerin von Caſtlewvod.“ „Wo ich bisher gelebt habe und zu ſterben hoffe, Sit,“ ſpricht Madame Tuſher, den kleinen Kerl und dann my Lady ſcharf anblickend. Auf Letztere war eine Zeitlang die ganze Auf⸗ merkſamkeit des Knaben geheftet. Er konnte es nicht über ſich gewinnen, ſeine großen Augen von ihr abzu⸗ wenden. Seit der Kaiſerin von Ealing hatte er nichts ſo Ehrfurchtgebietendes, nichts ſo Furchtbares geſehen. „Gefalle ich Dir, kleiner Page?“ fragte die Lady. „Er müßte wahrlich ſehr ſchwer zu befriedigen ſein, wenn Sie ihm nicht gefielen,“ rief Madame Tuſher. „Seien Sie ſtill, Sie alberne Maria,“ ſagte Lady Caſtlewood. „Wo ich liebe, da liebe ich, Madame, — und ich würde lieber ſterben, als daß ich es nicht ſagte.“ e meurs od je mattache,“ ſagte Mr. Holt mit höflichem Grinſen. „Der Epheu ſagt ſo in dem Bilde, 1 54 und ſchmiegt ſich an die Eiche an als ein zärtlicher Paraſite, der er iſt.“ „Parricide! *) Sir!“ ruft Mrs. Tuſher. „St, Tuſher, — Sie haben immer mit Pater Holt zu zanken,“ rief my Lady. Darauf ſetzte ſie hinzu: „Komm hieher, Kind, und küſſe mir die Hand!“ Und die Eiche ſtreckte dem kleinen Harry Esmond einen Zweig hin: und der Kleine nahm und küßte pflichtmäßig die magere alte Hand, an deren knorrigen * Knöcheln hundert Ringe glitzerten. „Manch hübſcher junger Burſche würde ſich überaus glücklich ſchätzen, dieſe Hand küſſen zu dürfen,“ rief Mrs. Tuſher; worauf my Lady ausrief: „O, Sie närriſche Tuſher!“ — und dieſelbe mit ihrem großen Fächer ſanft ſchlug. Kaum war dieß geſchehen, ſo ſtürzte die Tuſher zu my Lady hin, um ihre Hand zu ergreifen und ſelbe zu küſſen. Dieß gefiel aber, wie es ſcheint, Fury nicht ſo ganz; denn das Hündchen ſprang auf und bellte die Tuſher ganz wüthend an. Pater Holt aber ſchaute dieſer wunderlichen Scene in ſchlau ernſter Weiſe zu. Das ehrfurchtsvolle Weſen, das der kleine Knabe an den Tag legte, gefiel vielleicht der Lady, der dieſe unerkünſtelte Schmeichelei galt; denn als er ſich auf ein Knie niedergelaſſen (— wie Pater Holt ihn gehei⸗ ßen, und wie es damals Sitte war —) und ihr ſeine Ehrerbietung bewieſen, ſprach ſie: „Page Esmond! Mein Kammerdiener wird Dir ſagen, was Du zu thun haſt, wenn Du my Lord und mir aufwarteſt, und der gute Pater Holt wird Dich unterrichten, wie ein junger Menſch, der unſern Namen trägt, unterrichtet ſein muß. Du wirſt ihm in Allem 3 Unäberſetbates Wortſpiel: Paraſit = Schmarvtzer; Parrieide S Vatermörder⸗ 55 gehorchen, und ich flehe zu Gott, daß er Dich ſo gelehrt werden laſſe, wie Dein Hofmeiſter iſt.“ Die Lady ſchien für Mr. Holt die größte Ehrer⸗ bietung zu hegen und ihn mehr als alles Andere auf der Welt zu fürchten. Mochte ſie auch noch ſo zornig ſein, — ein Wort, ja nur ein Blick von Pater Holt hatte die Wirkung, daß ſie alsbald, ruhig wurde. Und in der That beſaß der Pater eine ungehenre Gewalt, wenn es galt, ſich Jemand unterwürfig zu machen: Alle, die ihm nahe kamen, erfuhren dieſe Macht; und unter den Uebrigen überlieferte ſich dem guten Pater ſein neuer Zögling mit dem unbegrenzteſten Zutrauen und der unbedingteſten Anhänglichkeit; ja, es wurde derſelbe faſt von dem erſten Augenblicke an, wo er den Pater ſah, deſſen williger Sclave. Er legte ſeine kleine Hand in die des Paters, als er, nachdem ſeine erſte Vorſtellung bei ſeiner Gebieterin vorüber war, wieder abtrat, und fragte denſelben in ſeiner ungekünſtelten kindiſchen Weiſe gar mancherlei. So fragte er z. B.: „Wer iſt denn die andere Frau? Sie iſt kugelrund und weit hübſcher, als my Lady Caſtlewood.“ „Es iſt Madame Tuſher, die Frau des Pfarrers von Caſtlewvod. Sie hat einen Sohn von Deinem Alterz es iſt aber derſelbe größer, als Du.“ „Warum küßt ſie denn aber my Lady's Hand ſo gern? Es iſt ja dieſelbe nicht ſo angenehm zu küſſen.“ „Die Geſchmäcke ſind verſchieden, kleiner Mann. Madame Tuſher hat eben my Lady gern, da ſie, ehe ſie ſich verheirathete, zu den Zeiten des alten Lords ihre Kammerfran geweſen iſt. Sie hat den Caplan, Doctor Tuſher, geheirathet. Engliſche Hausgeiſtliche heirathen gar oft, mußt Du wiſſen, die Kammerfrauen ihrer Herrſchaften.“ „Sie werden aber doch nicht die Franzöſin hei⸗ — Sf 2 56 rathen? Denn ich will Ihnen nur ſagen, daß ich ſie in der Speiſekammer mit Blaiſe habe lachen ſehen.“ „Ah, was das anbelangt, ſo haſt Du Nichts zu befürchten: ich gehöre einer Kirche an, die älter und beſſer iſt, als die engliſche Kirche,“ ſprach Mr. Holt (— dabei machte er ein Zeichen über Bruſt und Stirne, deſſen Bedeutung Esmond damals noch nicht verſtand —); „in unſerer Kirche heirathen die Geiſtlichen nicht. Bald wirſt Du dieſe Dinge beſſer verſtehen.“ „War denn aber nicht Sanct Peter das Oberhaupt Ihrer Kirche? — Doctor Rabbits von Ealing hat uns ſo berichtet.“ Der Pater ſprach: „Ja das war er.“ „Aber Sanct Peter war ja verheirathet, denn erſt vergangenen Sonntag noch haben wir gehört, daß ſeine Schwiegermutter an einem Fieber krank darnieder ge⸗ legen ſei.“ Worauf dann der Pater abermals lachte, und ſagte⸗ daß er, Harry, dieß bald beſſer verſtehen würde, und von anderen Dingen ſprach, und ihn wegführte und 63 das große alte Haus zeigte, das er nun bewohnen ſollte. Das Schloß ſtand auf einem grünen, ſanft anſtei⸗ genden Hügel; hinter demſelben befand ſich ein großes Gehölz, worin ſich Saatkrähenneſter befanden, wo die Vögel Morgens, und wenn ſie Abends heimkehrten, ein gewaltiges Gekrächze verführten. Am Fuße des Hügels befand ſich ein laufendes Waſſer, worüber eine ſteile alte Brücke führte; und jenſeits des Waſſers war eine große, ſchöne, grüne Ebene, auf der das Dorf Caſtle⸗ wood ſtand und noch ſteht, mit der Kirche in der Mitte, dicht dabei das Pfarrhaus, daneben das Wirths⸗ haus mit der Werkſtatt des Grobſchmieds und das Schild der Drei Schlöſſer auf der Ume. Die Londo⸗ ner Heerſtraße lief nach Sonnenaufgang hin, und nach 57 Weſten hin lagen ſchwellende Hügel und Berggipfel, hinter denen Harry Esmond gar oft dieſelbe Sonne verſchwinden ſah, die er nun über dem großen Ocean in einer Entfernung von mehreren tauſend Meilen in einem neuen Caſtlewvod neben einem andern Strome anſchaut, der gleich dem neuen Lande des wandernden ſenn die lieben Namen des Landes ſeiner Ingend ührt. Schloß Caſtlewvod hatte zwei Höfe, wovon jetzt bloß einer, der Springbrunnenhof, bewohnt war, indem der andere, während der Cromwell ſchen Kriege, zuſam⸗ mengeſchoſſen worden. Im Springbrunnenhofe, der noch gut erhalten war, befand ſich die große Halle neben der Küche und neben den Speiſekammern. Ein Dutzend Wohnzimmer gingen nach Norden und ſtanden mit der kleinen Kapelle in Verbindung, die nach Oſten ging, ſowie mit den Gebäuden, die von da nach dem Hauptthore liefen, und mit der nach Weſten gehenden Halle, und ſo mit dem nun in Ruinen liegenden Hofe. Dieſer Hof war einſt der prächtigere der zweien gewe⸗ ſen, bis die Kanonen des Protectors eine Seite davon niederſchmetterten, ehe der Platz genommen und erſtürmt ward. Die Belagerer drangen über die Terraſſe unter dem Glockenthurme ein und erſchlugen jeden Mann der Garniſon, und an deren Spitze my Lords Bruder, Francis Esmond. Die Reſtauration brachte dem Lord Caſtlewood nicht Geld genug, um dieſen in Ruinen liegenden Theil ſeines Schloſſes wieder aufzubauen, wo die Morgen⸗ gemächer waren, über denſelben die lange Muſikgallerie, und vor denen ſich die Gartenterraſſe ausdehnte, wo indeſſen die Blumen wieder wuchſen, welche die Stiefeln der Stutzköpfe bei der Erſtürmung darnieder etreten hatten, und die ohne viele Koſten und ohne viele ühe von den zwei Ladies wieder hergeſtellt ward, die dem zweiten Viscount in der Regierung dieſes Herren⸗ 58 ſitzes folgten. Um den Terraſſengarten her lief eine niedere Mauer mit einem Pförtchen, das zu der kleinen bewaldeten Anhöhe führte, die man weiterhin gewahrte, und die noch bis auf den hentigen Tag die Cromwells⸗ Batterie genannt wird. Der junge Harry Esmond lernte von dem Kam⸗ merdiener Ihrer Ladyſchaft den häuslichen Theil ſeiner Pflicht, der leicht genug war: das heißt, er bediente die Gräfin als Page, wie es dazumal allgemein ge⸗ bräuchlich war, ſtand hinter ihrem Stuhle, brachte ihr parfümirte Waſſer, ſowie das Silberbecken nach dem Mittagsmahle, ſetzte ſich bei feierlichen Gelegenheiten auf ihren Kutſchentritt, oder führte an Tagen, wo öf⸗ fentlicher Empfang war, Perſonen bei ihr ein. Die Geſellſchaft, die auf dem“ Schloſſe erſchien, be⸗ ſtand hauptſächlich aus dem katholiſchen Landadel, der in der Umgegend und in der benachbarten Stadt ziem⸗ lich viele Mitglieder zählte; und es war nicht ſelten, daß dieſe Landedelleute nach Caſtlewvod ritten, um ſich der Gaſtfreundſchaft zu erfreuen, die dort geübt wurde. Im zweiten Jahre ihres Hierſeins ſchien die Geſellſchaft ganz beſonders zuzunehmen. My Lord und my Lady waren ſelten ohne Beſuche; dabei war es außerordentlich intereſſant, das Benehmen Pater Holt's, des Familien⸗Gewiſſenraths, und das Dr. Tuſher's, des Pfarrers von Caſtlewood, mit einander zu verglei⸗ chen. Mr. Holt nämlich bewegte ſich unter den Höchſt⸗ geſtellten, wie wenn er ihnen ganz und gar ebenbürtig wäre, und ihnen Allen zu befehlen hätte, während der arme Dr. Tuſher, deſſen Stellung allerdings eine ſchwierige war, indem er einſt Schloßkaplan geweſen, und es für die proteſtantiſche Dienerſchaft des Schloſſes noch war, mehr ein Thürhüter, als eine am Rang gleiche Perſon zu ſein ſchien, und nach dem erſten Service immer aufſtand, um ſich zu entfernen. Zu dieſen Zeiten kamen anch zu Pater Holt gar 59 viele Leute auf Beſuch, die Harry Esmond gar bald und ohne viele Mühe als Geiſtliche von der Kirche des Paters erkannte, welcher Art auch ihre Kleidung ſein mochte (— und ſie erſchienen in allen nur möglichen Trachten —). Dieſe Perſonen ſchloßen ſich immer mit dem, Pater ein, und kamen vft, und ritten dann wieder weg ohne my Lord und my Lady, — oder vielmehr der Lady und dem Lord —, ihre Aufwartung zu ma⸗ chen; denn Seine Lordſchaft war im Hauſe kaum mehr, als eine Null, und ganz und gar unter der Herrſchaft ſeiner gebieteriſchen Ehehälfte. Ein Bischen Hühner⸗ jagd, ein Bischen Hetzjagd, viel Schlaf, und viel Kar⸗ tenſpiel, und Eſſen, und Trinken; — ſo pflegte Seine Lordſchaft mit ſeiner Zeit zu Rande zu kommen. Wenn in dieſem zweiten Jahre Verſammlungen Statt fanden, bei welcher Gelegenheit oft die Thüren geſchloſ⸗ ſen wurden, fand der Page my Lords Papierblatt mit Hunden und Pferden überkritzelt, und es hieß, es müſſe derſelbe Alles aufbieten, um ſich bei dieſen Verſamm⸗ lungen wach zu erhalten, da in Wirklichkeit die Gräfin den Vorſitz führte, und er kaum mehr war, als ihr Secretär. Pater Holt fing bald an, von dieſen Verſammlun⸗ gen dermaßen in Anſpruch genommen zu werden, daß er die Erziehung des kleinen Jungen, der ſich dem liebevollen Prieſter ſo gern zu Gebot ſtellte, ein Bis⸗ chen vernachläßigte. Anfänglich laſen ſie viel und re⸗ gelmäßig mit einander, ſowohl in lateiniſcher als fran⸗ zöſiſcher Sprache; dabei unterließ es der Pater nie, ſeinen Schüler zu ſeinem Glauben herüberzuziehen, aber nicht indem er ihm dabei Gewalt anthat; im Ge⸗ gentheil, er behandelte den Knaben mit einer Zartheit und Freundlichkeit, die ihn zugleich überraſchte und an den Pater feſſelte; denn das Kind war ſtets durch ſolche Methoden leichter zu gewinnen, als durch ſtrenge Handhabung der Antorität. Und auf unſern Spaziergängen war es für ihn der höchſte Genuß, Harry zu erzählen von den großen Männern ſeines Ordens, von deſſen Märtyrern und Herven, von deſſen Brüdern, welche die Heiden zu Tau⸗ ſenden bekehrten, die Wüſte durchſchritten, dem Marter⸗ pfahl mit ruhigem Ange entgegenſähen, Höfe und Räthe beherrſchten, oder den Martern der Könige trotzten; ſo daß Harry Esmond auf den Glauben kam, daß dem Orden der Jeſuiten anzugehören, der höchſte Preis des Lebens und der würdigſte Endzweck des Ehrgeizes, — die größte Laufbahn hiernieden und der ſicherſte und länzendſte Lohn im Himmel ſei; und daß er anfing, ich nach dem Tage zu ſehnen, wo er nicht allein in die allein ſeligmachende Kirche eintreten und in derſel⸗ ben zum erſten Male zur Communion gehen, ſondern auch in jene wunderbare Brüderſchaft aufgenommen werden würde, die, über die ganze Welt verbreitet und allge⸗ genwärtig, die weiſeſten, die muthigſten, die höchſtgebo⸗ renen, die beredteſten Menſchen zu ihren Gliedern zählte. Pater Holt befahl ihm, dieſe ſeine Abſichten ge⸗ heim zu halten und dieſelben als einen großen Schatz zu verbergen, der, wenn enthüllt, ihm entgehen würde. Und ſtolz auf dieſes Zutrauen und dieſes ihm anver⸗ traute Geheimniß, ſchloß ſich der Junge in zärtlicher Anhänglichkeit an den Lehrer an, der ihn in ſo wun⸗ derbare und Ehrfurcht gebietende Myſterien einführte. Und als der kleine Tom Tuſher, ſein Nachbar, in den Ferien nach Caſtlewvod kam, und ſagte, wie auch er ein engliſcher Prieſter werden wollte, und wie er Stipendiat und Collegiat werden würde, um am Ende eine gute Pfründe zu bekommen, da ward Harry Esmond's Verſchwiegenheit auf eine gar harte Probe geſetzt. Wie fühlte er ſich da nicht verſucht, zu ſeinem jungen Kameraden zu ſagen: „Kirche! Prieſterſtand! fette Pfründe! Aber, mein lieber Tommy, wie magſt Du nur von einer Kirche und einem Prieſterſtande in 61 Deinem Glauben ſprechen? Was iſt eine fette Pfründe im Vergleich mit der Bekehrung von hunderttauſend Heiden, — einer Bekehrung, die durch eine einzige Predigt bewirkt wird? Was heißt es, im Dreieinig⸗ keitscollegium Stipendiat zu ſein, wenn Du eine Mär⸗ tyrerkrone dagegen hältſt, und wenn Du bedenkſt, daß Engel auf Dich warten, und Dich in ihre Arme ſchlie⸗ ßen, in dem Augenblick, wo Dir der Kopf abgeſchlagen wird? Sag' mir ein Mal, ob Dein Profeſſor auf ſeiner Robe über die Themſe ſchwimmen könnte? Habt Ihr in Eurer Kirche Bildſäulen, die bluten, ſprechen, gehen, und weinen können? Mein guter Tommy, da lobe ich mir die Kirche des theuren Pater Holt: in dieſer ge⸗ ſchieht alles dieſes und zwar jeden Tag. Du weißt, Sanct Philipp von der Weiden erſchien Lord Caſtle⸗ wood und veranlaßte ihn, zur alleinſeligmachenden Kirche überzugehen. Nie aber füllt es einem Heiligen ein, zu Euch Anderen zu kommen.“ Und Harry Esmond verbarg ſo, weil er es Pater Holt verſprochen, dieſe Glaubensſchätze vor Tom Tuſher, entledigte ſich derſelben aber dennoch in ganz ſchlichter Weiſe gegen Pater Holt, der ihn auf den Kopf tätſchelte, ihn mit ſeinem unergründlichen Blicke anlächelte, und ihm ſagte, daß er wohl daran thue, über dieſe großen Dinge nachzudenken, und nur unter gehöriger Leitung davon zu ſprechen. Piertes Bapitel. Wie ich von einem papiſtiſchen Prieſter in den Lehrſätzen der römiſchen Kirche un⸗ terwieſen und erzogen wurde. — Viscounteß Caſtlewood. Hätte die Sache länger gedauert und wären die Neigungen des Kindes geziemend genährt worden, ſo würde aus Harry Esmond ein Jeſuitenprieſter geworden ſein, ehe er noch um ein Dutzend Jahre älter geweſen wäre, und dann würde er ſeine Tage entweder als Mär⸗ tyrer in China, oder als Opfer auf dem Tower Hügel beſchloſſen haben; denn während der wenigen Monate, die ſie auf Schloß Caſtlewood mit einander verlebten, bekam Pater Holt den Verſtand und die Liebe des Knaben ganz und gar in ſeine Gewalt. Unter der Leitung des Paters kam der Knabe zu der Anſicht, daß kein Leben ſo edel, kein Tod ſo wünſchenswerth ſei, als das Lvos, dem ſich ſo viele Brüder des berühmten Jeſuitenordens jeden Augenblick bereit wären, zu unterziehen; wobei die Bemerkung nicht überflüſſilg ſein wird, daß Pater Holt ſelbſt von ganzem Herzen dieſer Anſicht huldigte. Durch Liebe, durch einen glänzenden Witz und eine gute Laune, die Alles zu bezaubern wußten, durch eine Autorität, die er trefflich zu behaup⸗ ten verſtand, durch ein gewiſſes myſteriöſes und ver⸗ ſchloſſenes Weſen, das die Ehrerbietung, welche das Kind ihm zollte, noch erhöhete, wußte er ſich Harry unbedingt unterthänig zu machen; auch würde es ihm ohne Zweifel gelungen ſein, den Knaben bleibend an ſich zu feſſeln, hätten nicht größere und wichtigere Pläne, 65 ats die Aufnahme eines armen kleinen Knaben in den Jeſuitenorden war, den Pater hinweggerufen. Nachdem ſie einige Monate in Ruhe auf dem Schloſſe verlebt hatten (— wenn man einen Zuſtand, der in Wahrheit ein immerwährendes Gezänke war, Ruhe nennen konnte —), verließen my Lord und my Lady das Land, um nach London abzureiſen, wohin ſie ihren Beichtvater mitnahmen; und kaum hatte je der kleine Zögling des Paters in ſeinem Leben bitterere Thränen vergoſſen, als während einer Reihe von Nächten in der erſten Zeit der Trennung von ſeinem lieben Freunde, wenn er ſo in dem einſamen Zimmer neben dem, das Pater Holt zu bewohnen pflegte, lag. Harry blieb mit einigen Domeſtiken allein in dem Schloſſe zurück, und obgleich er aufs Fleißigſte Alles that, was der Pater ihn hatte thun heißen, und obgleich er alle ſeine Aufgaben aufs Sorgfältigſte machte, ſo blieben ihm doch noch viele freie Stunden; er las alſo in dem Bibliothekzimmer, und verwirrte ſeinen kleinen Kopf mit den großen Büchern, die er daſelbſt fand. Nach einiger Zeit gewöhnte ſich der kleine Junge an die Einſamkeit des Ortes; und noch in ſpäteren Jahren erinnerte er ſich an dieſen Theil ſeines Lebens, als an eine nicht ganz unglückliche Zeit. So oft die Familie nach London ging, ward ſie von der ganzen Dienerſchaft begleitet, mit alleiniger Ausnahme des Portiers, der außerdem noch Bierbrauer, Gärtner, und Waldſchütze war. Dieſer Portier hatte Frau und Kiuder. Er wohnte mit den Seinigen ganz in der Nähe, in dem am Thore ſtehenden Hauſe: eine ſeiner Thüren ging in den Hof, und ein auf die Aue hinaus gehendes Fenſter war das Zimmer des Kaplans, und zunächſt an dieſem befand ſich ein Zimmerchen, wo Pater Holt ſeine Bücher und Harry Esmond ſein Schlafkabinett hatte Die gegen Oſten gehende Seite des Hauſes hatte von den Kanonen der Cromwelltaner, deren Batterie * 64 ſich auf der Anhöhe befand, welche dem weſtlichen Hofe gegenüber lag, nicht gelitten, ſo daß das öſtliche Ende igite Spuren in der Zerſtörung zeigte, wenn man die Kapelle ausnahm, wo die gemalten Fenſterſcheiben, welche Eduard VI. überlebt hatten, von den Leuten der Republik zerbrochen worden waren. Wenn Pater Holt da war, wußte ſich Harry Es⸗ mond als deſſen Vertrauter und treuer kleiner Diener nützlich zu machen; er klopfte die Kleider des Prieſters aus, legte ſeine geiſtlichen Gewänder zurecht, und bewahrte ſie auf, holte ihm immer am Brunnen Waſ⸗ ſer, noch lange ehe es Tag war, und wax jeden Augen⸗ blick bereit, im Dienſte ſeines geliebten Prieſters über⸗ all hin zu laufen. Entfernte ſich der Pater auf einige Zeit, ſo ver⸗ ſchloß er ſtets ſein Privatzimmer, das Zimmer aber, wo ſich die Bücher befanden, wurde dem kleinen Harry überlaſſen, der ſo bald er die Geſellſchaft dieſes Herrn nicht mehr hatte, kaum minder vereinſamt war, wenn auch Lord Caſtlewvod das Schloß bewohnte. Ein franzöſiſches Witzwort behauptet, ein Held höre auf, für ſeinen valet de chambre ein ſolcher zu ſein, und es war ein geringerer Grad von Scharfblick nöthig, als der womit Mutter Natur den kleinen Pa⸗ gen my Lady's bedacht hatte, um zu ſehen, daß beſagte Dame gar manche Eigenſchaften hatte, die nichts we⸗ niger als herviſch waten, wie ſehr auch Mrs. Tuſher ihr ſchmeicheln mochte. So oft Pater Holt nicht an⸗ weſend war, der über das Ehepaar eine abſolute Ge⸗ walt ausübte, ſtritten ſich my Lord und my Lady mit einander, und üherhäuften einander mit Schimpfworten, ſo daß ſie die Dienerſchaft lachen machten, und dem kleinen dienſtthuenden Pagen Schrecken einjagten. Der arme Knabe zitterte vor ſeiner Gebieterin, die ihm tau⸗ ſend garſtige Namen gab; die ſich Nichts daraus, machte, ihn zu beohrfeigen, und ihm den Inhalt des ſilbernen 65 Beckens, das er ihr nach dem Mittagsmahle ſtets prä⸗ ſentiren mußte, ins Geſicht zu ſchütten. Sie hat durch ſpätere Güte dieſes ſtrenge Verfahren wieder gut ge⸗ macht, das, wie hier eingeſtanden werden muß, ſeine erſte Ingendzeit überaus unglücklich machte. Sie war, die arme Seele, um dieſe Zeit ſelbſt unglücklich, und wollte, wie ich vermuthe, es nicht allein ſein, weßhalb ſie die Leute, die von ihr abhingen, zwang, ihr trau⸗ riges Leben zu theilen. Wie ich glaube, fürchtete my Lord ſie nicht minder, als ihr Page; und die einzige Perſon im ganzen Hauſe, die es verſtand, ſie zu meiſtern, war Mr Holt. Harry war nur froh, den Pater an der Tafel ſpeiſen zu ſehen und ſpäter ſich wegzuſchleichen, um mit ihm zu ſchwa⸗ tzen, oder mit ihm zu leſen, oder mit ihm ſpazieren zu gehen. Glücklicher Weiſe ſtand my Lady Viscounteß nie vor Mittag auf. Der Himmel möge ſich über die arme Kammerfrau erbarmen, der es oblag, die Toilette der Gräfin zu ordnen und in's Reine zu bringen! Oft habe ich geſehen, wie das arme Mädchen mit roth ge⸗ weinten Augen aus dem Cabinette trat, wo die langen und nyſteriöſen Feierlichkeiten vor ſich gingen, welche die Toilette Ihrer Ladyſchaft ihre Gegenwart erheiſchte, und wo die Puffſpiel⸗Schachtel, mit einem Schlage auf Mrs. Tuſher's Finger, ſo oft ſie ſchlecht ſpielte, oder my Lady verlor, aufbewahrt wurde. Geſegnet ſei der König, der das Kartenſpiel ein⸗ führte, und geſegnet ſeien die gütigen Erfinder des Pi⸗ ketſpiels und des Cribbage, denn dieſe Spiele nahmen immer wenigſtens ſechs Stunden von dem Tage Ihrer Ladyſchaft in Anſpruch, und während dieſer Zeit hatte ihre Familie doch ein Bischen Ruhe. Auch erklärte my Lady gar oft, daß ſie vor Langweile gewiß ſterben würde, wenn ſie dieſe Beſchäftigung nicht hätte. Die Leute, die von ihr abhingen, mußten einander regel⸗ Henry Esmond. 1. 5 66 mäßig ablöſen, — es war ein ziemlich gefährlicher Poſten, mit Ihrer Ladyſchaft zu ſpielen, — und kamen zum Kartenſpiel, wie Soldaten, die Schildwache ſtehen müſſen, auf ihren Poſten kommen. Mr. Holt ſaß oft ganze Stunden lang bei ihr und ſpielte mit ihr Piket, während welcher Zeit ſie ſich immer anſtändig betrug; und was Dr. Tuſher anbelangt ſo glaube ich wahrlich, daß er das Sterbebett eines Pfarrkindes verlaſſen ha⸗ ben würde, um mit ſeiner Patronin auf Schloß Caſtle⸗ wood einen Rubber zu ſpielen. Bisweilen ſpielte auch my Lord mit ihr, wenn ſie in etwas beſſerem Einver⸗ nehmen mit einander ſtanden. Neben dieſen Perſonen hatte my Lady ihre treue. arme Tuſher und eine, zwei drei Kammerfrauen, deren ſich Harry Esmond noch erinnern kann. Allein es konnten dieſelben dieſen Dienſt nie allzu lange aus⸗ halten: eine nach der andern verſuchte es, und keiner gelang es, die Gebieterin zuftieden zu ſtellen. Dieſe Frauenzimmer, die Haushälterin, und der kleine Harry Esmond ſpeiſeten an einem beſonderen Tiſche. Die armen Frauenzimmer! Ihr Leben war weit härter als das des Pagen. Er wenigſtens lag tief verſteckt in ſeinem Bettchen und ſchlief geſund, während es ihnen oblag, bei Ihrer Ladyſchaft zu ſitzen und ſie durch Vorleſung des Neuigkeitsbriefes oder des „Großen Cy⸗ rus“ in den Schlaf zu lullen. My Lady bekam ganze Schachteln voll neuer Schau⸗ ſpiele aus London, und es war Harry, bei Peitſchen⸗ ſtrafe, verboten, in dieſelben hineinzublicken. Ich be⸗ fürchte, daß er dieſe Strafe ziemlich oft verdiente, und daß er ſie bisweilen wirklich bekam. Pater Holt ad⸗ miniſtrirte ſie zwei oder drei Mal, als er den kleinen Böſewicht, mit einer bezaubernden leichtfertigen Comö⸗ die von Mr. Shadwell oder von Mr. Wycherley unter dem Kopfkiſſen, ertappte. Dieſe Comödien waren my Lord's Lieblingslectüre, 67 wenn er überhaupt ein Mal an's Leſen kam. Aber das viele Studiren war nicht ſeine Sache, und überhaupt war er jeder allzugroßen Anſtrengung abhold, welcher Art dieſelbe immer ſein mochte: ſo dachte wenigſtens ſein kleiner Page. Es däuchte dem jungen Harry Esmond immer, my Lord behandle ihn freundlicher, ſo oft my Lady nicht anweſend war; und wirklich nahm auch Lord Caſtlewvod den Jungen bisweilen auf die Vogel⸗ oder Thier⸗Jagd mit; er liebte es, mit ihm Karten und Tricktrack zu ſpielen, welche Spiele der Knabe lernte, um ſeinem Herrn zu gefallen; und mit jedem Tage liebte my Lord den Kleinen mehr, legte beſondere Freude an den Tag, wenn Pater Holt ihm ein gutes Zeugniß gab, tätſchelte ihn auf den Kopf, und verſprach ihm, daß er für ihn ſorgen wolle. War dagegen my Lady anweſend, ſo unterließ es my Lord ihm ſolche Zeichen von Freundlichkeit zu geben; dann ſtellte er ſich, als behandle er den Jungen hart; dann tadelte er ihn hef⸗ tig wegen der kleinſten Verſehen, — wofür er dann den jungen Esmond gewiſſermaßen um Verzeihung bat. wenn ſie allein waren indem er ſagte, daß, wenn er ihn nicht anführe, ſie es thun würde und daß my Lady es nur ärger machen würde — ein Punkt, in Betreff deſſen der Knabe, ſo jung er auch ſein mochte, ganz mit my Lord übereinſtimmte. Während dieſer ganzen Zeit fanden große öffent⸗ liche Ereigniſſe ſtatt, wovon aber der einfache junge Page nur wenig Notiz nahm. Als er aber eines Tags auf dem Tritte von my Lady's Kutſche in die benach⸗ barte Stadt fuhr, während Seine Lordſchaft my Lady, und Pater Holt innen ſaßen, ſammelte ſich ein großer Pöbelhaufen um die Kutſche her, und es ſchrie derſelbe unter allerlei Hohn⸗ und Spott⸗Rufen: „Es leben die Biſchöfe!“ „Nieder mit dem Papſt!“ „Kein Papſt⸗ thum! kein Papſtthum! Jeſebel! Jeſebel!“ — ſo daß 68 my Lord anfing zu lachen, während my Lady's Augen voller Wuth rollten (— denn ſie war ſo muthig wie eine Löwin und fürchtete Niemand —), und Mr. Holt, wie Esmond, von ſeinem Platze auf dem Kutſchentritte aus, ſah, mit ziemlich unruhigem Geſichte zurückſank, und Ihrer Ladyſchaft zurief: „Um Gottes willen, Ma⸗ dame ſprechen Sie doch nicht, und ſehen Sie nicht zum Fenſter hinaus, ſondern bleiben Sie ruhig ſitzen!“ Aber ſie gehorchte dieſer klugen Warnung des Paters nicht, ſondern ſtreckte den Kopf zum Kutſchenfenſter hinaus, und ſchrie dem Kutſcher aus Leibeskräften zu: Peitſch Dich durch die Beſtien hindurch, James, und mach' von Deiner Peitſche Gebrauch!“ Der Pöbel beantwortete dieß mit einem brüllen⸗ den Hohngelächter und mit dem neuen Rufe: „Jeſe⸗ bel! Jeſebel!“ My Lord lachte nur um ſo mehr; er war ein matt ausſehender Herr: Nichts ſchien ihn gewöhnlich aufzuregen, obgleich ich geſehen habe, wie er die Hunde recht lebhaft anfeuerte, und wie ſein gewöhnlich ſehr gelbes und ruhiges Geſicht auf einer Haſenjagd feuer⸗ roth wurde und einen überaus freudigen Ausdruck an⸗ nahm und wie er bei Hahnenkämpfen, die er ungemein liebte, überlaut lachte, und fluchte, und Hurrah rief. Und als jetzt ſo der Pöbel anfing, ſeine Gemahlin aus⸗ zupfeifen und zu verhöhnen, lachte er mit etwas bos⸗ haften Blicken, wie wenn er ſich auf einen kleinen Spaß gefaßt machte und wie wenn er glaubte, daß my Lady und der Pöbel ſo ziemlich zuſammenpaßten und einan⸗ der gewachſen wären. James fürchtete ſeine Herrin wahrſcheinlich mehr, als den Pöbel, denn er hieb, wie man ihm befohlen, auf ſeine Pferde los, und der Poſtillon, der mit dem erſten Paare ritt (— my Laby fuhr immer nur ſechs⸗ ſpännig —) hieb einem Kerl der nach dem Zügel des 69 Riempferdes die Hand ausſtreckte, mit dem Riemen ſei⸗ ner Peitſche über die Schultern. Es war gerade Markttag, und es ſtanden eine Menge Landleute herum mit ihren Körben, die Ge⸗ flügei, Eier, und dergleichen Dinge enthielten. Der Poſtillon hatte dem Kerl, der ſein Pferd feſthalten wollte, nicht ſobald einen Hieb verſetzt, als ein gewaltiges Exemplar von einem Kohlkopf, gleich einer Bombe, in die Kutſche hinein flog. My Lord fand ſich dadurch veranlaßt, noch mehr zu lachen, denn der Kohlkopf riß my Lady den Fächer aus der Hand, und traf Pater Holt gerade auf den Bauch. Dann kam ein Hagel von gelben Rüben und Kartoffeln. „Verhalten Sie ſich ruhig, ums Himmels willen . ſpricht Mr. Holt. Wir ſind jetzt nur noch zehn Schritte von dem Bogengang des Gaſthauſes zur Glocke entfernt, wo man das Thor hinter uns ſchlie⸗ ßen und dieſe Canaille fern halten kann.“ Der kleine Page war draußen auf dem Kutſchen⸗ tritte, und ein Kerl in dem Pöbelhaufen zielte mit einer Kartoffel nach ihm, und traf ihn gerade ins Auge, worüber der kleine arme Schelm laut aufzu⸗ ſchreien begann; der Kerlaber lachte aus vollem Halſe: es war ein großer, dicker Sattlerlehrling von der Stadt. „Ah! Du verdammter kleiner, heulender, papiſtiſcher Baſtard!“ ſagte der Kerl und bückte ſich ſchon, um eine zweite Kartoffel in die Hand zu nehmen. Unter⸗ deſſen hatte ſich der Pöbelhaufen ganz zwiſchen die Pferde und nach der Thüre des Gaſthauſes hin ge⸗ ſe ſo daß die Kutſche keinen Schritt weiter fahren onnte. Da ſprang my Lord, ſo raſch wie ein Knabe, aus der Kutſche heraus, und drückte den kleinen Harry hinter den Kutſchenſchlag zurück; in einem Nu hatte 70 er den Kartoffelwerfer beim Kragen gefaßt, und in dem darauf folgenden Augenblicke befanden ſich die Füße der Beſtie in der Luft, und fiel dieſelbe mit einem gewaltigen Puff auf das Pflaſter. „Du verdammter Lump, Du elender Feigling!“ ſpricht my Lord. „Das erbärmliche ſchreiende Lumpen⸗ geſindel! Wie könnt ihr es wagen, Kinder anzugreifen, und Frauen zu inſultiren? Wag es, noch Etwas gegen dieſe Kutſche zu werfen, Du elender Hund, und ich renne Dir, bei Gott! mein Rappier durch den Leib!“ Einige Leute von dem Pöbelhaufen ſchrien: „Hur⸗ rah my Lord!“ denn ſie kannten ihn; auch war der Sattlerlehrling ein bekannter Schläger, und faſt noch ein Mal ſo ſtark, als my Lord Viscount. „Platz da, Platz!“ ſpricht er mit ſtarker ſchriller Stimme, die zugleich etwas ſehr Gebieteriſches hatte. „Platz gemacht, damit der Wagen Ihrer Ladyſchaft weiter fahren kann!“ Und wirklich machten die Leute, die ſich zwiſchen dem Wagen und dem Thore des Gaſthauſes „zur Glocke“ befanden, Platz, ſo daß die Kutſche in den Gaſthof einfuhr, während my Lord, den Hut auf dem Kopfe, langſam hinter den Pferden herging. Als er eben zum Thore hineinging, durch das die Kutſche gerollt war, fing abermals ein Geſchrei an: „Fort mit dem Papſtthum, — fort mit den Papiſten!“ My Lord dreht ſich um, und ſtellt ſich dem Pö⸗ bel nochmals entgegen, und ſchreit, ſo laut er nur kann: „Gott erhalte den König! Wer wagt es, die Religion des Königs zu verhöhnen?“ Dann wandte er ſich zu einem Kerl, der in ſei⸗ ner Nähe ſtand (— es war wieder der Sattlerlehr⸗ ling —), und ſagte zu ihm: „Was Dich betrifft, Du verdammter pſalmen⸗ 71 ſingender Lump, ſo laſſe ich Dich verhaften, ſo wahr ich ein Magiſtrat dieſer Grafſchaft bin?“ Der Kert wich zurück, und ſo zog my Lord mit allen Ehren ab. Als aber die kleine Auftegung, welche die Scene bei ihm hervorgerufen, vorüber, ſowie die Röthe ſeines Geſichtes vergangen war, verſank er wie⸗ der in ſein gewohntes maites Weſen, ſpielte mit ſei⸗ nem kleinen Hunde, und gähnte, ſo oft my Lady mit ihm ſprach. Dieſe Pöbelſcene war eine der vielen tauſend, die um jene Zeit im ganzen Lande ſpielten; das Volk ju⸗ belte über die Freiſprechung der ſieben Biſchöfe, die vor Kurzem vor Gericht geſtellt worden waren, und von denen der kleine Harry Esmond dazumal ſo viel wie Nichts wußte. Es wurden zu Hexton die Aſſiſen abgehalten, und der Land⸗Adel hatte ſich im Gaſthofe „zur Glocke“ zahlreich zu einer Verſammlung eingefun⸗ den; und my Lord's Dienerſchaft hatte ihre neue Li⸗ vree an, und Harry ein kleines, blaues, mit Silber geſticktes Kleid, das er bei feierlichen Gelegenheiten trug; und die vornehmen Leute kamen zu my Lord heran, und ſprachen mit ihm; und insbeſondere be⸗ komplimentirte ihn und my Lady, die überaus vornehm und prächtig ausſah, ein Richter in rother Robe, wel⸗ cher eine ſehr hohe Perſon zu ſein ſchien. Was my Lady betrifft, ſo erinnert ſich Harry noch, wie ihre Schleppe von einer Kammerfrau getragen werden mußte. Es war in dem großen Saale des Gaſthauſes „zur Glocke“ Aſſemblee und Ball, und an⸗ dere junge Herren von Familien, die der Grafſchaft angehörten, ſahen, gleich ihm, zu, Einer derſelben ver⸗ ſpottete ihn wegen ſeines ſchwarzen Auges, das in Folge des obgemeldeten Wurfes geſchwollen war; ein anderer nannte ihn einen Baſtard, weßhalb es zwiſchen ihm und Harry zu einer Balgerei kam. Glücklicher Weiſe war my Lord's Vetter, Obriſt Esmond von 72 Walcote, da, und trennte die zwei Burſche. Der Obriſt war ein großgewachſener Herr mit hübſchem, gutmüthi⸗ gem Geſichte. Der Knabe wußte dazumal nicht, wie nahe verwandt er in ſeinem ſpäteren Leben mit Obriſt Esmond werden, und wie viel er deſſen Güte und Freundlichkeit ſchulden würde. Zwiſchen den beiden Familien war die Liebe nicht ſehr groß. My Lady pflegte den Obriſten Esmond nicht zu ſchonen, wenn ſie von ihm ſprach, — aus Gründen, auf die bereits angeſpielt worden, von de⸗ nen aber Harry Esmond, bei ſeinem zarten Alter, noch nicht wohl Etwas wiſſen konnte. Ganz kurze Zeit darauf gingen my Lord und my Lady mit Mr. Holtnach London; der Page aber wurde nicht mitgenommen. Der kleine Mann hatte nun das große Schloß Caſtlewvod für ſich allein; oder richtiger ge⸗ ſprochen, er theilte ſich darein mit der Haushälterin, Mrs. Workſop, einer alten Frau, die eine entfernte Verwandte von der Familie, Proteſtantin, dabei aber, gleich allen Esmonds, eine ſtandhafte Anhängerin to⸗ ryſtiſcher Grundſätze und des Königs war. Er pflegte, wenn Pr. Tuſher zu Hauſe war, Unterricht bei ihm zu nehmen, obgleich auch der Doctor ſehr beſchäftigt war. Ueberall herrſchte große Bewegung und Unruhe, ſogar in dem kleinen, ruhigen Dorfe Caſtlewvod, wohin, von der Stadt her, ein Haufen Leute kam, welche die Fen⸗ ſter der Caſtlewooder Kapelle zerſchmettert haben wür⸗ den, wenn die Dorfbewohner ſich ihnen nicht entgegen⸗ geſetzt hätten. Unter Letzteren befand ſich ſogar der alte Sieveright, der republikaniſche Grobſchmied; denn my Lady war, obgleich Papiſtin, und obgleich ſie viel Exentriſches an ſich hatte, doch voller Guͤte gegen die Grundholden, und auf Schloß Caſtlewvod war für die Armen ſtets Ueberfluß an Fleiſch, wollenen Bettdecken, und Arzneimitteln. Während my Lord und my Lady abweſend waren, „ 73 ging ein Königreich in andere Hände über. König Jakob II. floh, und es naheten die Hollünder. Ueber dieſe und den Prinzen von Oranien pflegte die alte Mrs. Workſop dem müßigen kleinen Pagen furchtbare Geſchichten zu erzählen. Er liebte die Einſamkeit des großen Hauſes gar ſehr; er konnte nun all' die Schauſpiele leſen, ohne befürchten zu müſſen, daß er deßhalb von einem Pater Holt gepeitſcht werden würde. Und ferner hatte er in und außer dem Hauſe tanſenderlei Zeitvertreibe und Beſchäftigungen, die ihm dieſe Zeit zu einer recht an⸗ genehmen machten. Jünftes Kapitel. Meine Vorgeſetzten laſſen ſich in Complotte ein, welche die Reſtauration König Ja⸗ kob's H. zum Zwecke haben. Da der Junge nicht hatte ſchlafen können, weil er an einige Aalaugeln dachte, die er an dem vergan⸗ genen Abende gelegt hatte, ſo lag er in ſeinem Bett⸗ chen und erwartete voller Unruhe die Stunde, wo das Thor ſich öffnen würde, und wo er mit ſeinem Kame⸗ raden, Job Lockwood, dem Sohne des Portiers, nach dem Teiche gehen und ſehen könnte, was das Glück ihnen gebracht. Job ſollte ihn mit Tagesanbruch wecken; aber ſeine eigene Unruhe hatte ſchon lange ihm als Weckuhr gedient, und zwar ſchon ſo lange, daß es ihm ſchien, als wollte der Tag gar nicht mehr anbrechen. 74 Es mochte etwa 4 Uhr ſein, als er hörte, wie ſich die Thüre des gegenüberliegenden Zimmers, — des Zimmers, das, wie wir wiſſen, dem Kaplan ge⸗ hörte, — öffnete, und wie Jemand im Gange huſtete. Harry ſprang auf, da er glaubte, es müſſe ein Räuber ſein, oder da er vielleicht hoffte, er würde ei⸗ nen Geiſt zu ſehen bekommen. Er warf daher ſeine Zimmerthüre auf, und ſah, vor ſich, die Thüre des Kaplans offen, und drinnen ein Licht, und unter der Thüre eine Eeſtalt, die inmitten eines großen, aus dem Zimmer dringenden Rauches ſtand. „Wer iſt da?“ rief der Knabe muthig. „Silentium!“ flüſterte der Andere; „ich bin es, mein Junge!“ zugleich ſtreckte er die Hand aus, und Harry hatte keine Mühe, ſeinen Lehrer und Freund, Pater Holt, zu erkennen. Das Fenſter in dem Zimmer des Kaplans, das auf den Hof hinausging, war durch einen Vorhang verhängt, und Harry ſah, als er in das Zimmer des Kaplans trat, daß der Rauch von einem großen Papier⸗ feuer herrührte, das in einer Kohlenpfanne brannte. Nachdem der Pater den Knaben, der ganz entzückt war, ſeinen Lehrer wieder zu ſehen, mit wenigen Worten gegrüßt und geſegnet, fuhr er im Verbrennen ſeiner Papiere fort, die er aus einem Schranke in der Mauer über dem Kaminſimſe herauszog, — welcher Schrank bis daher der Aufmerkſamkeit Harry's immer entgan⸗ gen war. Pater Holt lachte, als er die Aufmerkſamkeit des Knaben mit einem Male auf dieſes Loch geheftet ſah. „So iſt's recht, Harry,“ ſprach er; „treue kleine Fa⸗ muli ſehen Alles und ſagen Nichts. Du biſt treu, ich weiß es.“ „Ich weiß, daß ich mich für Sie an den Marter⸗ pfahl binden ließe,“ ſprach Harry. „Ich verlange und brauche Deinen Kopf nicht,“ 75 ſagte der Pater, denſelben liebevoll tätſchelnd; „Alles, was Du zu thun haſt, iſt, daß Du ſchweigſt. Wir wollen dieſe Papiere verbrennen und keiner Seele ithas davon ſagen. Möchteſt Du vielleicht ſie gerne eſen?“ Harry Esmond erröthete und hielt den Kopf ge⸗ ſenkt; er hatte wirklich, und ohne daran zu denken, das Papier angeſchaut, das vor ihm lagz und obgleich er daſſelbe geſehen, ſo konnte er doch kein Wort davon verſtehen, indem die Buchſtaben zwar vollkommen deut⸗ lich, für ihn aber ohne alle Bedeutung waren. Und nun wurde im Verbrennen der Papiere fort⸗ gefahren, wobei die Aſche in einem Kohlenbecken zu⸗ ſammengedrückt wurde, ſo daß kaum eine Spur davon übrig blieb. Harry war gewohnt geweſen, Pater Holt in ver⸗ ſchiedenen Anzügen zu ſehen, indem es für papiſtiſche Geiſtliche gar nicht räthlich war, ihre Standeskleidung zu tragen: ſie beſchworen dadurch nur in ganz unnützer Weiſe Gefahren auf ihr Haupt herab. Der Knabe war daher keineswegs erſtaunt, den Prieſter jetzt in einem Reitkleide, mit großen büffelledernen Stiefeln und mit einer Feder am Hute, — einer Feder, die zwar ganz einfach, aber doch ſo war, wie Gentlemen ſie damals trugen, — vor ſich zu ſehen. Du kennſt nun das Geheimniß des Schrankes,“ fuhr der Pater lachend fort, „und mußt Dich gefaßt machen, noch andere Myſterien zu erfahren.“ Mit dieſen Worten öffnete er, — dieſes Mal kei⸗ nen geheimen Schrank, — ſondern bloß einen Kleider⸗ ſchrank, den er gewöhnlich verſchloſſen hielt, und aus dem er nun zwei oder drei Anzüge und Perrücken von verſchiedenen Farben, ein Paar hübſche Degen (— Pater Holt verſtand ſich ſehr gut auf die Handhabung dieſer Waffe, und ſo lange er auf dem Schloſſe war, übten er und ſein Zögling ſich tagtäglich im Fechten mit Stoß⸗ 6 76 degen, ſo daß der Junge darin eine ſehr große Fertig⸗ keit erlangte —), einen Soldatenrock und einen Sol⸗ datenmantel, ſowie einen Bauernrock hervorzog. Alle dieſe Gegenſtände bewahrte er in einem großen Loche über dem Kaminſimſe auf, aus dem die Papiere ge⸗ nommen worden waren. „Finden ſie den Schrank nicht,“ ſagte er, „ſo wer⸗ den ſie auch dieſe Gegenſtände nicht finden; finden ſie dieſelben aber, ſo werden ſie daraus nichts Anderes erſehen, als daß Pater Holt mehrerlei Anzüge gehabt hat. Es iſt dieß bei allen Jeſuiten ſo Brauch. Du weißt ja, Harry, wie wir die Leute hinter's Licht führen.“ Harry beunruhigte überaus der Gedanke, daß ſein Freund im Begriffe ſei, ihn zu verlaſſen. Allein der Prieſter ſagte: „Nein; es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß ich binnen weniger Tage mit my Lord zurückkomme. Man wird uns dulden, nicht verfolgen. Aber bei All' dem iſt es doch möglich, daß es ihnen einfällt, noch vor unſerer Rückkehr einen kleinen Beſuch auf Schloß Caſtlewvod zu machen; und da Leute von meinem Tuche etwas ver⸗ dächtig ſind, ſo könnte ihnen der Gedanke kommen, meine Papiere unterſuchen zu wollen, die Niemand angehen, wenigſtens ſie nicht.“ Und bis auf den heutigen Tag ſchwebt der Zög⸗ ling Pater Holts, Harry Esmond, in völliger Un⸗ wiſſenheit darüber, ob die mit Chiffern beſchriebenen Papiere ſich auf die Politik, oder auf die Angelegen⸗ heiten der myſteriöſen Geſellſchaft bezogen, wovon ſein Lehrer ein Mitglied war. Was den Reſt ſeiner Mobilien, ſeine kleine Gar⸗ derobe und ſo weiter betrifft, ſo ließ er Alles unberührt auf ſeinen Brettern und in ſeinem Schranke. Indeſſen nahm er lachend einige thevlogiſche Abhandlungen herab, die er im Begriffe geweſen war, gegen die eng⸗ 77 liſchen Gottesgelehrten zu ſchreiben, und warf dieſelbe in die Kohlenpfanne, wo er ſie bloß zur Hälfte ver⸗ brannte. „Und nun.“ ſprach er, „kannſt Du, mein Sohn, mit gutem Gewiſſen bezeugen, daß Du mich das letzte Mal, als ich hier war, ehe ich nach London ging, la⸗ teiniſche Predigten habeſt verbrennen ſehen. Und nun bricht bald der Tag an, und ich muß mich fortmachen, ehe Lockwood auf den Beinen iſt.“ „Wird Lockwood Sie denn nicht hinauslaſſen, Sir?“ fragte Esmond. Holt lachte; nie war er luſtiger und gutlauniger, als inmitten der Gefahr, oder wenn es galt, den Kopf beiſammen zu haben. „Lockwood weiß Nichts von meinem Hierſein, merk' Dir das,“ ſagte er; „auch würdeſt Du Nichts davon wiſſen, Du kleiner Schlingel, wenn Du einen beſſern Schlaf gehabt hätteſt. Du mußt vergeſſen, daß ich hier geweſen; und nun lebe wohl. Verſchließ' die Thüre und geh' wieder in Dein Zimmer, und verlaß' es nicht eher, als bis —; doch halt! Warum ſollte ich Dir nicht noch ein Geheimniß ſagen? Ich weiß, Du wirſt mich nicht verrathen.“ In dem Zimmer des Kaplans waren zwei Fenſter; das eine ging in den Hof hinaus, nach dem Spring⸗ brunnen zu; das andere, eine kleine, mit ſtarken Eiſen⸗ ſtäben verwahrte Fenſteröffnung, ging auf die Aue vor dem Schloſſe hinaus. Dieſes Fenſter war zu hoch, als daß man es vom Boden aus hätte erreichen können; Pater Holt aber ſtieg auf ein unter demſelben ſtehen⸗ des Büffet, und zeigte mir, wie durch einen Druck auf den Untertheil des Fenſters daſſelbe mit Glas, Blei, und Eiſenſtäben in eine unterhalb angebrachte Höhlung hinabging, aus der es von Außen wieder aufgezogen und wieder an ſeinen gewöhnlichen Platz gebracht wer⸗ den konnte. Eine zerbrochene Scheibe war abſichtlich offen gelaſſen, um die Hand durchzulaſſen, welche die Feder der Maſchine in Bewegung zu ſetzen hatte. „Wenn ich ein Mal fort bin,“ ſprach Pater Holt, „ſo kannſt Du das Büffet wegſchieben, ſo daß Niemand auf den Gedanken kommen kann, es habe Jemand durch dieſe Fenſteröffnung ſeinen Weg genommen; verſchließ' die Thüre; leg' den Schlüſſel, — wo legen wir doch nur den Schlüſſel hin? Unter den Chryſoſtomus unter dem Bücherbrette; und wenn Jemand darnach fragt, ſo ſag', ich lege ihn gewöhnlich dort hin, und habe Dir geſagt, wo er zu finden ſei, im Fall Du in mein Zim⸗ mer zu gehen braucheſt. Es iſt leicht, von der Mauer in den Graben hinabzukommen; und hiemit ſage ich Dir noch ein Mal Lebewohl. Bald werde ich Dich wieder ſehen, mein lieber Sohn.“ Und mit dieſen Worten ſtieg der unerſchrockene Pater mit ſeltener Flinkheit und Lebhaftigkeit auf das Büffet, ging durch die Fenſteröffnung, und hob von Außen das Fenſter mit ſeinen Stäben wieder in die Höhe, und ließ dabei nur ſo viel freien Raum, daß Harry Esmond, auf den Zehen ſtehend, dem Pater die Hand noch einmal küſſen konnte, ehe ſich das Ganze wieder ſchloß, und die Eiſenſtäbe ſich wieder ſo feſt ein⸗ fügten, wie wenn ſie ſeit Ewigkeiten in der Mauer verſiegelt geweſen wären. Als Pater Holt das nächſte Mal auf Schloß Caſtlewvod ankam, erſchien er an dem großen öffent⸗ lichen Thore zu Pferde; auch ſpielte er bei Harry nicht einmal auf das Vorhandenſein des geheimen Ausgangs an, es ſei denn, daß ein geheimer Bote von Innen an ihn abgeſchickt werden mußte, zu welchem Zwecke er ſeinen jungen Zögling ohne Zweifel in dieſem Mittel, das Schloß zn verlaſſen, unterrichtet hatte. So jung auch Esmond war ſo wäre er doch lieber geſtorben, als daß er ſeinen Freund und Lehrer verrathen hätte: Mr. Holt wußte das gar wohl; denn * 79 er hatte den Knaben mehr denn ein Mal in Verſuchung geführt, indem er ihn mit allerlei Lock⸗Mitteln umgab, um zu ſehen, ob er denſelben unterliegen und es nach⸗ her bekennen, oder ob er, wie er bisweilen that, den⸗ ſelben widerſtehen, oder ob er, was er nie that, zu einer Lüge ſeine Zuflucht nehmen würde. Holt unterrichtete indeſſen den Knaben in dieſem Stücke dahin, daß, wenn Schweigen keine Lüge ſei, was es gewiß nicht ſei, doch das Schweigen am Ende einer Verneinung gleichkomme; und daß daher ein veremptvriſches Rein, im Intereſſe der Juſtiz oder eines Freundes, und als Antwort auf eine Frage, die ent⸗ weder für die erſtere oder den Letzteren nachtheilig wer⸗ den könne, nicht verbrecheriſch, ſondern im Gegentheil lobenswerth, und ein ebenſo erlaubtes Mittel ſei, wie ein anderes, einer unbilligen Frage auszuweichen. „Zum Beiſpiel,“ ſagte er: „nehmen wir an, man habe einen guten Bürger, der geſehen, wie Seine Ma⸗ jeſtät fich auf einen Eichbaum geflüchtet, gefragt: Iſt König Karl da oben? Seine Pflicht wäre da nicht geweſen, ja zu ſagen, — ſonſt hätten ja die Crom⸗ wellianer den König in ihrer Gewalt, und könnten ihn ergreifen, und ermorden, wie ſeinen Vater; — ſondern er hätte mit Nein antworten müſſen, indem Seine Majeſtät ingeheim auf dem Baume, und deßhalb von loyalen Augen dort nicht zu ſehen geweſen.“ All dieſen Unterricht in Religion und Moral, ſo⸗ wie in den Anfangsgründen der Sprachen und Wiſſen⸗ ſchaften, ſog der Knabe gierig und dankbar ein. Als daher Pater Holt fort war, ſo war er für Harry gar nicht da geweſen, ganz in Uebereinſtimmung mit den Lehren des Paters, wie wir geſehen. Auch ſollte der Knabe ein Paar Tage darauf wirklich in's Verhör ge⸗ nommen werden, wo er dann ganz natürlich die vom Pater gewünſchte Antwort gab. Der Prinz von Oranien befand ſich damals zu 80 Salisbury, wie der junge Esmond erfuhr, als er Dr. Tuſher in ſeinem beſten Prieſtergewande (— obgleich die Wege ungemein kothig waren, und man ihn nie hatte zu Pferde ſein ſeidenes, ſondern bloß ſein wol⸗ lenes Gewand tragen ſehen —), eine große orange⸗ farbige Cocarde an ſeinem breitrandigen Hute, und Nahum, den Lector, mit einer ähnlichen Cocarde ge⸗ ſchmückt ſah. Der Doctor ging gerade vor dem Pfarr⸗ hauſe auf und ab, als der kleine Esmond ihn ſah, und ihn, während er ſeinen Klepper beſtieg, und, gefolgt von Nahum, wegritt, ſagen hörte, er gehe zu Seiner Hoheit, dem Prinzen, um ihm ſeine Unterwerfung an⸗ zuzeigen. Auch die Dorfbewohner hatten orangefarbige Co⸗ carden, und ſeine Freundin, die lachluſtige Tochter des Grobſchmieds, ſteckte Harry eine ſolche an ſeinen alten Hut, die er aber voller Unwillen wieder abriß, als man zu ihm ſagte, er müſſe rufen: „Es lebe der Prinz von Oranien und die proteſtantiſche Religion!“ Aber die Leute lachten bloß, denn der Knabe war im Dorfe beliebt, wo ſeine einſame Stellung allgemeines Mitleid erregte, und wo er in manchem Hauſe ein freundliches Willkomm und freundliche Geſichter fand. Auch Pater Holt hatte im Dorfe nicht wenige Freunde, denn nicht allein ließ er ſich mit dem Grobſchmiede in theologiſche Wortkämpfe ein, wobei er aber nie ſeine gute Laune verlor, ſondern beſtändig in ſeiner angenehmen, luſtigen Weiſe lachte, ſondern er kurirte ihn auch durch Fieberrinde von einem kalten Fieber, und hatte über⸗ haupt für Jedermann, der es haben wollte, ein gutes Wort, ſo daß die Leute im Dorfe ſagten, es ſei Jam⸗ merſchade, daß die Beiden Papiſten wären. Der Gewiſſensrath und der Pfarrer von Caſtle⸗ wood harmonirten ſehr gut mit einander; denn der Erſtere war ein hochgobildeter Mann, und was den Letzteren betrifft, ſo machte er ſich ordentlich ein Ge⸗ 81 ſchäft daraus, mit Jedermann zu harmoniren. Nun aber hatten Dr. Tuſher und die Kammerfrau, ſeine Gemahlin, einen Knaben, der etwa ſo alt war, wie der kleine Esmond; und es beſtand zwiſchen den beiden Jungen ein ſolcher Grad von Freundſchaft, wie Nach⸗ barſchaft, ein Bischen Freundlichkeit, und ein ziemliches Duantum guter Laune von Beider Seite ihn wohl herbeiführen mußten. Indeſſen wurde Tom Tuſher bald nach London in eine Schule geſchickt, wohin ſein Vater ihn, ſowie einen Band Predigten in dem erſten Jahre der Regierung König Jakobs brachte; und Tom kehrte nur ein Mal, — ein Jahr darauf, — nach Caſtlewvod zurück, während einer Reihe von Jahren, die er in ſeiner Schule und auf der Univerſität ver⸗ brachte. So lief Tom weniger Gefahr, von dem Ge⸗ wiſſensrathe, der ihn faſt nie zu Geſichte bekam, zur römiſchen Kirche hinübergezogen zu werden, als Harry, der beſtändig um den Dorfpfarrer war, Gefahr lief, für die anglikaniſche Kirche gewonnen zu werden. Indeſſen muß hier ausdrücklich bemerkt werden, daß, ſo lange Harry's Religion die Religion Seiner Majeſtät, und my Lords, und my Ladys war, der Doctor in feier⸗ licher Weiſe ſagte, es ſei nicht ſein Geſchäft, ihn in ſeinem Glauben wankend zu machen, oder ihn zu be⸗ unruhigen: es ſei ferne von ihm, ſagen zu wollen, die Kirche Seiner Majeſtät ſei nicht ein Zweig der katho⸗ liſchen Kirche, worauf Pater Holt, ſeiner Gewohnheit gemäß, zu lachen und zu ſagen pflegte, daß die heilige Kirche in der ganzen Welt, ſowie das edle Heer der Märtyrer dem Doctor unendlich verbunden wäre. Während Doctor Tuſher zu Salisbury war, kam ein Trupp Dragoner mit orangefarbenen Schärpen nach Dorf Caſtlewood, wo ſie ſich einquartirten; einige Mann kamen auch nach dem Schloſſe herauf, von dem ſie Be⸗ ſitz ergriffen, wo ſie indeſſen Nichts nahmen: nur de⸗ Henry Esmond. 1. 6 82 eimirten ſie den Hühnerſtall ein Bischen; auch ſprachen ſie fleißig im Bierkeller ein. Im Uebrigen waren die Leute ziemlich harmlos, und wollten bloß das Haus viſitiren und nach Briefſchaften ſchauen. Das erſte Zimmer, das ſie zu ſehen verlangten, war das Pater Holt's, zu welchem ihnen Harry Es⸗ mond den Schlüſſel brachte. Sie öffneten die Schub⸗ laden und die Schränke, und ſtöberten in den Papieren und Kleidern herum, — fanden aber lediglich Nichts, als ſeine Bücher und Kleider, und in einer eigenen Lade ſein Prieſtergewand, womit die Dragoner zu Harry Esmond's Entſetzen ihren Spaß trieben. Und auf die Fragen, welche man an Harry ſtellte, antwor⸗ tete dieſer, daß Pater Holt gegen ihn recht freundlich, ſowie daß derſelbe ein ſehr gelehrter Mann ſei. Auch drückte Harry eine Vermuthung aus, dahin gehend, daß der Pater, wenn er überhaupt Geheimniſſe hätte, ihm ſolche gewiß nicht anvertrauen würde. Harry war damals etwa elf Jahre alt, und ſah ſo unſchul⸗ dig aus, wie Knaben von ſeinem Alter. Die Familie war über ein halbes Jahr abweſend, und als ſie zurückkam, war Alles in einem Zuſtande tiefſter Niedergeſchlagenheit; der König Jakob war unterdeſſen verbannt worden, es ſaß der Prinz von Oranien auf ſeinem Throne, und es wurde die grau⸗ ſamſte Verfolgung der Römiſch-Katholiſchen von my Lady befürchtet, welche ſagte, daß ſie nicht glaube, es ſei auch nur ein wahres Wort an den Verſprechungen, die das holländiſche Ungeheuer in Beziehung auf Toleranz gegeben; auch dürfe man dem meineidigen Böſewichte nicht eine Sylbe glauben⸗ My Lord und my Lady waren in in ihrem eige⸗ nen Hauſe gewiſſermaßen gefangen, wie Ihre Ladyſchaft dem kleinen Pagen ſagte, der jetzt allmälig alt genug geworden war, um das, was um ihn her vorging, und 83 Etwas von dem Charakter der Leute zu verſtehen, mit denen er lebte, „Wir ſind Gefangene,“ ſagte ſies „ja, die Ketten und Feſſeln abgerechnet, ſind wir Gefangene. Sie mögen kommen, — ſie mögen mich in dunkle, ſchmutzige Kerker werfen, oder meinen Kopf von dieſem armen, kleinen Halſe trennen (— hier umſchlang ſie denſelben mit ihren langen Fingern —). Das Blut der Es⸗ monds wird ſtets bereit ſein, für ihre Könige zu fließen. Wir ſind nicht, wie dieſe Churchills, — dieſe Judaſſe, die ihren Herrn küſſen und ihn dann verrathen. Wir wiſſen in der königlichen Sache zu leiden, ja auch zu vergeben.“ (— Ohne Zweiſel ſpielte hier Ihre Ladyſchaft, wie ſie jeden Tag wohl ein halb Dutzend Mal zu thun pflegte, auf jenen fatalen Verluſt der Stelle eines königlichen Molkenjunkers an. —) „Möge der Tyrann von Oranien ſeine Folter und ſeine odis⸗ ſen holländiſchen Martern bringen, — die Beſtie! der Böſewicht! Ich trotze ihm, ich ſpucke auf ihn. Fröh⸗ lichen Muthes werde ich dieſen Kopf auf den Block legenz — fröhlichen Muthes werde ich my Lord auf das Schaffot begleiten: noch im Sterben werden wir rufen: Es lebe König Jakob! — Und wir werden dem Scharfrichter in das Geſicht lächeln.“ Und ſie erzählte ihrem Pagen wohl hundert Mal die näheren Umſtände der letzten Unterredung, die ſie mit Seiner Majeſtät gehabt. „Ich warf mich zu Salisbury meinem Souverain zu Füßen,“ ſprach ſie. „Ich ſtellte mich ſelbſt, — mei⸗ nen Gatten, mein Haus, mein ganzes Vermögen ihm zu Gebot. Vielleicht erinnerte er ſich noch alter Zeiten, wo Iſabella Esmond jung und ſchön war; vielleicht erinnerte er ſich noch des Tages, wo nicht ich auf den Knien lag; — er ſprach wenigſtens zu mir mit einer Stimme, die mich an vergangene Tage erinnerte. Ei, ei! ſprach Seine Majeſtät, „Sie müſſen zum Prinzen 84 von Oranien gehen, wenn Sie Etwas wollen. — Nein, Sir, antwortete ich, ich möchte mich vor einem Uſurpator nicht auf die Knie werfen; der Esmond, der Eurer Majeſtät gedient haben würde, wird ſich nie zum Molkenjunker eines Verräthers erniedrigen. — Der königliche Verbannte lächelte, ſogar inmitten ſeines Unglücks; — er geruhete mich mit Worten des Troſtes aufzuheben. Der Viscount ſelbſt, mein Gatte, konnte über den Kuß, womit Seine geheiligte Majeſtät mich beehrte, nicht böſe ſein!“ Das öffentliche Unglück hatte die Wirkung, daß my Lord und my Lady beſſer mit einander harmonir⸗ ten, als ſeit den Tagen ihrer Verlobung. My Lord Viscount hatte ſowohl Loyalität, als Muth an den Tag gelegt, in einem Augenblicke, wo dieß bei der entmuthigten Partei, die um den König war, als ſeltene Eigenſchaften gelten konnte; und das Lob, das er dafür einerntete, hob ihn nicht wenig in der guten Meinung ſeiner Frau, ſowie vielleicht auch in ſeiner eigenen. Er wachte von dem herzloſen und trägen Leben auf, das er bis dahin geführt, ritt be⸗ ſtändig hin und her, um ſich mit dieſem oder jenem Freunde des Exkönigs zu berathen. Der Page wußte von dieſem ſeinem Treiben natürlich nur wenig; nur bemerkte er ſeine größere Munterkeit und ſein verän⸗ dertes Benehmen. Pater Holt kam beſtändig nach dem Schloſſe, funktionirte aber nicht länger offen als Kaplan; er holte und trug beſtändig Etwas: Fremde, Militärs, und Geiſtliche (— Harry kannte Letztere, obgleich ſie in allen möglichen Verkleidungen erſchienen —) kamen und gingen beſtändig. Was my Lord betrifft, ſo entfernte er ſich oft auf längere Zeit und erſchien dann plötzlich wieder, wobei er ſich bisweilen des geheimen Ausgangs bediente, deſſen ſich Pater Holt bedient; obgleich Harty nicht zu ſagen 85 vermochte, wie oft das kleine Fenſter im Zimmer des Kaplans my Lord und ſeine Freunde ein- oder hin⸗ ausließ. Der Knabe hielt ſein dem Pater gegebenes Verſprechen, daß er nicht neugierig ſein wolle; und wenn er um Mitternacht, von ſeinem Zimmerchen aus, ein Geräuſch von Perſonen hörte, die das gegenüber⸗ liegende Zimmer aufgenommen hatte, ſo wandte er ſich mit dem Geſichte nach der Wand hin und verbarg ſeine Neugierde unter ſeinem Kopfkiſſen, bis dieſelbe ein⸗ ſchlief. Natürlich konnte er nicht umhin, zu bemerken, daß der Prieſter beſtändig kam und ging, und an hun⸗ dert verſchiedenen Zeichen zu erkennen, daß ein ſehr wichtiges, obgleich geheimes Geſchäft ſeine ganze Thä⸗ tigkeit in Anſpruch nahm. Welcher Art dieſes Geſchäft war, mag aus dem, was my Lord bald zuſtieß, mit ziemlicher Sicherheit geſchloſſen werden. Als my Lord nach Caſtlewood zurückkam, befand ſich keinerlei Garniſon oder Wache auf dem Schloſſe: nur in dem Dorfe befand ſich eine kleine Abtheilung Soldaten, und immer war der eine oder der andere dieſer Soldaten auf dem Anger, um auf unſer großes Thor, ſo wie auf Diejenigen, welche aus- und ein⸗ gingen, ein wachſames Ange zu haben. Lockwood ſagte, daß beſonders bei Nacht jede Perſon, die aus- und einginge, von den Schildwachen draußen bewacht würde. Glücklicher Weiſe hatten wir ein Thor, von dem die braven Leute Nichts wußten. My Lord und Pater Holt müſſen Nachts beſtändig kleine Reiſen gemacht ha⸗ ben: ein oder zwei Mal war der kleine Harry als ihr Bote und verſchwiegener kleiner Adjutant thätig. Er erinnert ſich noch recht wohl, wie man ihn mit ſeiner Angelruthe in das Dorf hinabgehen hieß: dort mußte er in gewiſſe Häuſer gehen, um einen Trunk Waſſer bitten, und dem guten Manne ſagen, „daß an dem darauf folgenden Donnerſtage zu Newbury Pferdemarkt ſein würde,“ und ſo die gleiche Botſchaft in das nächſte, auf ſeiner Liſte ſtehende Haus weiter bringen. Er wußte dazumal nicht, was die Botſchaft zu bedeuten hatte; eben ſo wenig wußte er, was damals vorging. Indeſſen mag dieß hier, der Deutlichkeit hal⸗ ber, gleich jetzt geſagt werden. Der Prinz von OHranien war nach Irland gegan⸗ gen, wo der König ſich ihm mit einer großen Armee gegenüberſtellen wollte. Es wurde daher beſchloſſen, daß die königliche Partei in England losſchlagen ſollte; und my Lord ſollte in unſerer Grafſchaft als Com⸗ mandant der ganzen bewaffneten Macht auftreten. In der letzten Zeit hatte er ſich noch mehr, als früher, um die königliche Sache angenommen, indem der un⸗ ermüdliche Mr. Holt ihn nie verließ, und my Lady Vis⸗ cvunteß Alles aufbot, um ihn anzutreiben; und da my Lord Sark in Tower gefangen ſaß, und Sir Wilmot Crawley von Queenscrawley zum Prinzen von Ora⸗ nien übergegangen war, ſo war, in unſerem Theile der Grafſchaft, my Lord die hervorragendſte Perſon unter den königlich Geſinnten geworden. Es wurde ausgemacht, daß das ſchottiſche graue Dragonerregiment, das damals zu Newbury lag, ſich an einem gewiſſen Tage für den König erklären ſolle; zu gleicher Zeit ſollte dann der der königlichen Sache tren gebliebene Theil des Landadels mit ſeinen Grund⸗ holden und ſonſtigen Anhängern nach Newbury kom⸗ men und gegen die holländiſchen, zu Reading liegen⸗ den, und von Ginckel commandirten Truppen mar⸗ ſchiren. Sobald dieſe geworfen worden, wollte man gerade auf London zu marſchiren, und es ward der königlichen Sache um ſo mehr ein leichter Triumph prophezeit, als der kleine, unbezähmbare Herr der hol⸗ ländiſchen Truppen ſich in Irland befand. Während dieſe großen Dinge vorbereitet wurden, verlor my Lord immer mehr ſein ſorgloſes, träges We⸗ 87 ſen; auch ſchien er mit jedem Tage geſünder zu werden. Was my Lady betrifft, ſo zankte ſie ihn nicht mehr, und Mr. Holt ging, immer geſchäftig, ab und zu. Der kleine Harry aber wünſchte, er wäre ein Paar Zoll größer, um in dieſer gerechten Sache das Schwert ziehen zu können. Eiines Tages, — es muß etwa im Monat Juli 1690 geweſen ſein, — rief my Lord, der einen großen Reiterrock anhatte, unter dem Harry einen blanken ſtählernen Harniſch ſehen konnte, den Knaben zu ſich her, ſtrich ihm das Haar aus der Stirne, küßte ihn, und wünſchte ihm Gottes Segen in einer ſo liebevol⸗ len Weiſe, wie er noch nie gethan. Pater Holt that ein Gleiches, und dann verabſchiedeten ſie ſich von my Lady Viscvunteß, die, mit einem Taſchentuche an den Angen, aus ihrem Zimmer herauskam und ſich dabei auf ihre Kammerfrau, ſo wie auf Mrs. Tuſher ſtützte. „Ihr ſeid im Begriffe, hin — wegzureiten,“ ſpricht ſie. „Oh, könnte ich doch auch mit Euch gehen! — aber leider muß ich, in meiner Lage, mir das Reiten verſagen.“ „Wir küſſen my Lady Marchioneß *) die Hand,“ ſagt Mr. Holt. „My Lord, Gott ſchütze Euch!“ ſagte ſie, in feier⸗ licher Weiſe auf my Lord zutretend und ihn umarmend. „Mr. Holt, ich bitte Sie um Ihren Segen.“ Und ſie kniete nieder, um denſelben zu empfangen, während Mrs. Tuſher den Kopf in die Höhe warf. Mr. Holt gab den gleichen Segen dem kleinen Pa⸗ gen, der hinunterging und my Lord beim Aufſteigen die Steigbügel hielt. Auch waren noch zwei Be⸗ diente da. Und dann ritten ſie zum Thore von Schloß Caſtlewood hinaus. *) Der Frau Marquiſin. Als ſie über die Brücke ritten, konnte Harry deut⸗ lich ſehen, wie ein Offizier in ſcharlachrother Uniform auf my Lord zuritt und, den Hut berührend, denſelben anredete. Man hielt an und parlamentirte einige Augen⸗ blicke. Bald aber ſchlug my Lord mit ſeinem Pferde einen kurzen Galopp an, nachdem er den Hut abge⸗ nommen und ſich gegen den Offizier verneigt hatte, der Schritt für Schritt neben ihm ritt. Bald blieb der my Lord begleitende Offizier etwas zurück, um mit den zwei Bedienten hinten nach zu reiten. Sie galop⸗ pirten über den Anger hin und verſchwanden endlich hinter den Ulmen. Harry glaubte, daß my Lord, während es ſo im Galopp weiter ging, mit der Hand winkte. An jenem Abende herrſchte auf dem Schloſſe ein gewaltiger Schrecken, indem der junge Kuhhirte zur Nelkzeit auf einem unſerer Pferde herbeigeritten kam, das er an der äußeren Parkmauer weidend gefunden hatte. Den ganzen Abend über war my Lady Viscoun⸗ teß überaus ſtill und gelaſſen. Sie fand faſt an Nie⸗ mand Etwas auszuſeßen; ſie ſpielte ſechs Stunden lang Karten; und der kleine Page Esmond legte ſich ſchlafen. Er betete für my Lord und die gute Sache, ehe er die Augen ſchloß. Der Morgen ſing eben an zu grauen, als es beim Portier läutete. Der alte Lockwood ſtand auf und ließ einen der Bedienten my Lords ein, der an dem ver⸗ gangenen Morgen mit ihm weggeritten war und nun mit einer traurigen Botſchaft zurückkam. Der Offizier, der auf my Lord zu geritten war, hatte, wie es ſich zeigte, zu ihm geſagt, daß es ſeine Pflicht wäre, Seine Lordſchaft zu benachrichtigen, daß er zwar nicht verhaftet, aber bewacht werden und daß 89 er, der Offizier, ihn erſuchen müſſe, an dieſem Tage ſich nicht von dem Schloſſe zu entfernen. My Lord erwiederte, daß ſeine Geſundheitsum⸗ ſtände ihm das Reiten räthlich machten, und daß er den Capitän hiemit freundlichſt eingeladen haben wolle, ihn zu begleiten. Dann machte my Lord eine Verbeu⸗ gung, worauf die ganze Geſellfchaft weiter galoppirte. Als my Lord bei Wanſey Down anlangte, hielt er plötzlich an; und eben ſo hielt die ganze Geſell⸗ ſchaft auf dem Kreuzwege. „Mein Herr,“ ſagte er zu dem Offiziere, „wir ſind vier gegen zwei; wollen Sie ſo gut ſein und dieſen Weg da reiten, während ich dorthin gehe?“ „Ihr Weg iſt auch der meinige, my Lord,“ ſagt der Offizier. „Wenn das der Fall iſt,“ ſagt my Lord, —. Aber er hatte nicht Zeit, weiter zu ſagen, denn der Offizier zog ein Piſtol hervor und ſching damit auf Seine Lordſchaft an. In demſelben Augenblicke zog Pater Holt ein Piſtol hervor und ſchoß den Offizier durch den Kopf. Es war geſchehen, und es lag der Offizier in einem Augenblicke todt da. Die Ordonnanz blickte den Offizier an, ſah einen Augenblick verdutzt und erſchrocken aus, und galoppirte davon, um nicht das Schickſal des Offiziers theilen zu müſſen. „Feuer! Feuer!“ ſchreit Pater Holt, dem Solda⸗ ten einen zweiten Schuß nachſchickend. Aber die bei⸗ den Bedienten waren zu ſehr überraſcht, als daß ſie ſich ihrer Feuerwaffen hätten bedienen können, und während my Lord ihnen zurief, ſie ſollten gut zielen, entkam der Reiter. „Mr. Holt, qui pensait à tout,“ ſagt Blaiſe, „ſteigt ab, viſitirt die Taſchen des todten Offiziers, um zu ſehen, ob keine Papiere darin ſind, vertheilt ſein Geld 90 unter uns Beide, und ſagt: Der Wein iſt abgezapft, Monsienr le Marquis. — Warum ſagte er denn wohl Marquis zu Monsieur le Vicomte? — Wir müſſen ihn trinken.“ Das Pferd des armen Offiziers war beſſer, als das, welches ich ritt,“ fährt Blaiſe fort; „Mr. Holt heißt mich daſſelbe beſteigen, — und ſo gab ich denn Weißfuß einen Hieb, worauf ſie nach Hauſe trabte. Wir ritten nach Newbury fort; gegen Mittag hörten wir fenern. Gegen zwei Uhr kommt ein Reiter zu uns her geſprengt, während wir unſere Thiere bei einem Gaſthauſe ſaufen ließen, und ſagt: Alles iſt vorüber. Die Schotten haben ſich eine Stunde zu früh für den König erklärt; — General Ginckel ſei gegen ſie mar⸗ ſchirt. Es ſei Alles aus.“ „Und wir haben einen Offizier im Dienſte er⸗ ſchoſſen und haben ſeine Ordonnanz entkommen laſſen,“ ſagt my Lord. „Blaiſe, ſagt Mr. Holt, ein Paar Zeilen auf ſeinem Taſchenbuche ſchreibend, die eine für my Lady, und die andere für Sie, Maſter Harry; Du mußt nach Caſtlewood zurückreiten, und dieß überbringen.“ Und hier bin ich nun.“ Und er gab Harry die beiden Papiere. Er las dasjenige, welches für ihn ſelbſt war, und worauf nur folgende Worte ſtanden: „Verbrenn' die Papiere in dem Schranke; verbrenn' auch dieſes. Du weißt von Nichts.“ Harry las dieß, lief die Treppe hinauf, in die Wohnung ſeiner Gebieterin, wo ihre Kammerfrau neben der Thüre ſchlief. Die Dienerin mußte alsbald ein Licht herheiſchaffen und my Lady wecken, in deren Hände er dann das Papier überlieferte. Sie war in ihrem Rachtgewaude gar wunderbar anzuſchauen; auch hatte Harry in ſeinem Leben nie etwas Aehnliches ge⸗ ſehen. 91 Sobald ſie das Papier in der Hand hatte, lief Harry wieder hinunter in das Zimmer des Kaplans, öffnete den geheimen Schrank über dem Kamine, ver⸗ brannte alle Papiere, ſo darin waren, und nahm, wie er den Prieſter früher hatte thun ſehen, eine von den geſchriebenen Predigten Seiner Ehrwürden herunter, und verbrannte dieſelbe zur Hälfte in der Kohlen⸗ pfanne. Bis die Papiere ganz zerſtört worden waren, war es Tag geworden. Harry lief nun abermals zu ſeiner Gebieterin hinauf. Ihre Kammerfrau führte ihn aber⸗ mals in das Schlafgemach Ihrer Ladyſchaft ein. Hier wurde ihm von my Lady (— hinter den Bettvorhän⸗ gen hervor, die ihr bei ihrer Heirath gedient hatten —) geſagt, daß er angenblicklich anſpannen laſſen ſolle, indem ſie unverweilt wegfahren wolle. Aber die Myſterien der Toilette Ihrer Ladyſchaft dauerten an dieſem Tage ſo furchtbar lang, wie an irgend einem andern; und lange, nachdem die Kutſche ſchon parat war, putzte ſich my Lady immer noch her⸗ aus. Und gerade in dem Augenblicke, wo die Vicom⸗ teſſe ihr Zimmer verließ, um wegzufahren, kommt der junge Job Lockwood vom Dorfe heraufgerannt, mit der Meldung, daß ein Juriſt, drei Offiziere, und zwan⸗ zig bis vierundzwanzig Soldaten von da auf das Schloß zu marſchiren. Job hatte nur einen Vorſprung von zwei Minu⸗ ten, und kaum hatte er ſo viel Zeit gehabt, um ſeine Geſchichte recht zu erzählen, als die kleine Truppe in unſern Hofraum hereinritt. Sechstes Kapitel. Ausgang der Complotte. — Thomas, des dritten Viscvunts von Caſtlewood, Tod; Einkerkerung ſeiner Vicomteſſe. Anfänglich wollte my Lady, wie Mary, Königin von Schottland (— mit der ſie, im Punkte der Schön⸗ heit, einige Aehnlichkeit zu haben glaubte —) ſterben. Ihren dürren, höckerigen Nacken ſtreichelnd, ſagte ſie: „Sie werden finden, daß Iſabel von Caſtlewvod auf der Höhe ihres Schickſals ſteht.“ Ihre Kammerfrau, Victoire, überredete ſie, daß das Klügſte, was ſie thun könnte, wäre, nicht zu flie⸗ hen, ſondern die Truppen zu empfangen, als ob ſie gar nichts Aehnliches erwartet hätte, und daß ihr Zim⸗ mer der beſte Ort wäre, wo ſie den weiteren Verlauf der Sache abwarten könnte. Ihr ſchwarzes, lackirtes Juwelenkäſtchen, das Harry in den Wagen hinabtragen ſollte, wurde alſo wieder auf das Zimmer Ihrer Lady⸗ ſchaft gebracht, wohin ſich dieſe mit ihrer Kammerfrau zurückzog. Es ſtand nicht lange an, ſo kam Victoire wieder heraus, mit der Botſchaft für den Pagen, er ſolle ſagen, daß Ihre Ladyſchaft krank ſei und, von Rhev⸗ matismus geplagt, das Bett hüten müſſe. Mittlerweile hatten die Soldaten das Schloß er⸗ reicht. Harry Esmond ſah ſie von dem Fenſter des mit gewirkten Tapeten behangenen Parlours aus; ein Paar Schildwachen wurden an dem Thore aufgeſtellt; ein halbes Dutzend anderer Soldaten begaben ſich nach dem Stalle hin, und einige andere wurden, unter An⸗ 93 führung ihres Commandanten und eines ſchwarz ge⸗ kleideten Mannes, der wahrſcheinlich ein Juriſt war, von einem der Bedienten nach der Treppe hingeführt, die in den von my Lord und my Lady bewohnten Theil des Hauſes hinaufführte. So kamen der Capitän, ein hübſcher, freundlicher Mann, und der Jnriſt, durch das Vorzimmer hindurch, in das mit den gewirkten Tapeten behangene Parlour, wo ſich im Angenblicke Niemand befand, als der junge Harry Esmond, der Page. „Sag Deiner Gebieterin, kleiner Mann,“ ſpricht der Capitän freundlich, „daß wir mit ihr ſprechen müſſen.“ „Meine Gebieterin iſt krank und liegt im Bette,“ ſagte der Page. „Was fehlt ihr denn?“ fragte der Capitän. Der Knabe ſagte: „Sie leidet an Rhevmatismus!“ „An Rhevmatismus! Ei, ei, das iſt eine fatale Krankheit, fährt der gutmüthige Capitän fort. „Und der Wagen ſteht im Hofe, um den Doctor zu holen: nicht wahr, Kleiner? „Ich weiß es nicht,“ ſpricht der Knabe. „Und wie lang iſt denn Ihre Ladyſchaft ſchon krank?“ „Ich weiß es nicht, ſagt der Knabe abermals. „Wann iſt my Lord von hier weggegangen? „Geſtern Abend.“ „Mit Pater Holt?“ „Mit Mr. Holt.“ „Und wohin ſind ſie denn gereist?“ fragt der Juriſt. „Sie ſind ohne mich verreist, ich kann es daher nicht ſagen,“ ſpricht der Page. „Wir müſſen Lady Caſtlewvod ſehen.“ 94 Ich habe Befehle, Niemand zu Ihrer Ladyſchaft hineinzulaſſen: — ſie iſt krank,“ ſpricht der Page. Gerade in dieſem Angenblicke aber kam Victvire heraus. „St!“ ſpricht die Kammerfrau; und gleich als ob ſie nicht wüßte, daß Jemand in der Nähe wäre, fuhr ſie alſo fort: „Wozu dieſes Geräuſch? Iſt dieſer Herr da viel⸗ leicht der Doctor?“ „Dummes Zeug! Wir müſſen Lady Caſtlewvod ſehen,“ ſpricht der Juriſt, an ihr vorbeiſtürmend. Die Vorhänge im Zimmer Ihrer Ladyſchaft waren zugezogen, ſo daß es darin ziemlich dunkel war. My Lady ſelbſt befand ſich, eine Nachtmütze auf dem Koypfe, im Bette, und war von einer Menge Kiſſen unterſtützt, und ſah darum nicht minder entſetzlich und geiſterhaft aus, weil die rothe Schminke noch auf ihren Wangen lag, — die Schminke, die ſie ſich nun einmal um keinen Preis verſagen konnte. „Iſt dieß der Doctor?“ ſprach my Lady. „Dieſe Täuſchung kann zu Richts nützen, Ma⸗ dame, ſagte Capitän Weſtbury — denn ſo hieß er —). „Es iſt meine Pflicht, Thomas, Viscount Caſtlewvod, den eidverweigernden Pair, — Robert Tuſher, Pfarrer von Caſtlewood, ſo wie Henry Holt zur Haft zu brin⸗ gen, der unter verſchiedenen andern Namen und Be⸗ zeichnungen bekannt iſt. Es iſt dieſer Holt ein Jeſui⸗ tenprieſter, der zu den Zeiten des früheren Königs hier als Caplan fungirte und ſich jetzt an der Spitze der Verſchwörung befindet, die in dieſem Lande gegen die Autvrität Ihrer Majeſtäten, König Williams und der Königin Mary, ausbrechen ſollte. Meine Befehle lau⸗ ten dahin, daß ich das Haus durchſuchen ſolle nach ſolchen Papieren, oder ſolchen Spuren der Verſchwö⸗ rung, wie ſie hier gefunden werden können. Eure Lady⸗ ſchaft werden daher ſo gefällig ſein, mir Dero Schlüſ⸗ 95 ſel zu geben, und Sie würden ſelbſt wohl daran thun, uns in jeder Weiſe bei unſerer Durchſuchung des Hau⸗ ſes behülflich zu ſein.“ „Sie ſehen, mein Herr, daß ich mit Rhevmatis⸗ mus behaftet bin, und daß ich mich nicht von der Stelle bewegen kann,“ ſprach die Lady, ungewöhnlich geiſter⸗ haft ausſehend, während ſie ſich in ihrem Bette etwas aufrichtete, wo ſie ſich indeſſen hatte die Wangen ſchmin⸗ ken und eine friſche Haube aufſetzen laſſen, als die Soldaten kamen, um wenigſtens ſo gut wie möglich auszuſehen. „Ich werde mir die Erlaubniß nehmen, eine Schild⸗ wache in das Zimmer zu ſtellen, ſo daß my Lady, im Falle ſie wünſchen ſollte, aufzuſtehen, einen Arm hat, worauf ſie ſich ſtützen kann,“ ſagte Capitän Weſtbury. Kammerfrau wird mir zeigen, wo ich zu ſuchen abe.“ Und Madame Victoire, die in ihrem halb fran⸗ zöſiſchen und halb engliſchen Kanderwelſch ſchwatzte, öffnete eine Schublade nach der andern, während der Capitän deren Inhalt unterſuchte, aber, wie Harry Esmond glaubte, ziemlich nachläſſig und mit lächeln⸗ dem Geſichte, wie wenn er die ganze Hausſuchung als eine bloße Formſache betrachtete. Vor einem der Schränke warf ſich Victoire auf den Boden, ſtreckte ihre beiden Arme aus, und ſchrie mit einer Mark und Bein durchdringenden Stimme: „Non, jamais, Monsieur l'officier! Jamais! Lieber laſſe ich das Leben, als daß ich Sie in dieſe Garde⸗ robe ſehen laſſe!“ Aber Capitän Weſtbury wollte, immer mit demſelben lächelnden Geſichte, ſie ſchlechterdings geöffnet wiſſen. Und als die Schachtel geöffnet ward, ging ſein Lächeln in ein lautes, herzliches Lachen über. Es enthielt die⸗ 6 nämlich — keine Papiere, welche ſich auf die Ver⸗ chwörung bezogen hätten, — ſondern my Lady's Per⸗ 96 rücken, Schönheitswaſſer, und Schminktöpfe; und Vic⸗ toire ſagte, die Männer ſeien eben Ungehener, und es ſei einer ſo ſchlecht, wie der andere, als der Capitän in ſeiner Durchſuchung fortfuhr. Er klopfte an das Hintertheil des Schrankes, um zu ſehen, ob derſelbe hohl wäre, oder nicht; und während er mit den Hän⸗ den in den Schrank fuhr, rief my Lady mit einer Stimme, die ganz und gar nicht klang, wie die einer ſo kranken Frau, aus ihrem Bette hervor: „Haben Sie, Capitän, den Auftrag, ebenſowohl Damen zu inſultiren, als Herren zu verhaften?“ „Dieſe Gegenſtände ſind bloß dann gefährlich, wenn ſie von Eurer Ladyſchaft getragen werden, ſprach der Kapitän mit einer tiefen Verbeugung und einem Anfluge ſarkaſtiſcher Höflichkeit. „Bis jetzt habe ich Nichts gefunden, was die Regierung angeht, ſondern bloß die Waffen, womit die Schönheit das andere Ge⸗ ſchlecht locken darf,“ ſagt er, mit der Spitze ſeines De⸗ gens auf eine Perrücke deutend. „Und nun müſſen wir den übrigen Theil des Hauſes durchſuchen.“ „Sie werden doch nicht den Menſchen dort in einem und demſelben Zimmer mit mir laſſen wollen?“ rief my Lady, auf den Soldaten deutend. Was kann ich thun, Madame? Sie müſſen doch offenbar Jemand haben, der Ihnen das Kopfkiſſen glatt ſtreichen und die Arzenei bringen kann: — erlanben Sie mir —“ „Sir!“ ſchrie my Lady — „Madame, wenn Sie zu krank ſind, um das Bett zu verlaſſen,“ ſprach jetzt der Kapitän in etwas ſtren⸗ gem Tone, „ſo muß ich eben vier von meinen Leuten heraufkommen laſſen, um Sie in dem Betttuche her⸗ auszuheben. Ich muß dieſes Bett durchſuchen, damit ich mich kurz faſſe; es können in einem Bette eben ſo gut Papiere verſteckt ſein, wie anderswo; wir wiſſen das recht wohl, und —“ 97 Hier hatte nun, wie früher die Kammerfrau, ſo nun auch Ihre Ladyſchaft Anlaß, zu kreiſchen; denn der Capitän fing an, mit einer Hand die Kiſſen und Pfühle zu ſchütteln. Plötzlich riß er eines der Kiſſen weg mit der Miene eines Mannes, der eine große Ent⸗ deckung gemacht, und ſagte: Schau, ſchau! Habe ich es Ihnen nicht geſagt? Da iſt ja ein mit Papier vollgeſtopftes Kiſſen!“ „Ein Böſewicht hat uns verrathen,“ rief my Lady, ſich in ihrem Bette vollends aufrichtend, wo es ſich dann zeigte, daß ſie, unter ihrem Pudermantel, voll⸗ ſtändig angezogen war. „Und nun kann Eure Ladyſchaft ſich gewiß von der Stelle bewegen; erlauben Sie mir, daß ich Ihnen zum Aufſtehen die Hand gebe. Sie werden heute noch eine kleine Reiſe machen müſſen, bis nach Herton Caſtle. Wollen Sie Ihren eigenen Wagen haben? Ihre Kam⸗ merfrau ſoll Sie begleiten, wenn Sie es haben wol⸗ len: — und das lackirte Käſtchen?“ „Mein Herr! Sie ſchlagen doch gewiß einen Mann nicht, wenn er einmal auf dem Boden liegt,“ ſprach my Lady mit einiger Würde: „können Sie eine Frau nicht ſchonen?“ „Eure Ladyſchaft muß geruhen, aufzuſtehen, damit ich das Bett weiter durchſuchen kann,“ ſagte der Ka⸗ pitän. „Ich kann keine weitere Zeit mit unnützem Ge⸗ plauder verlieren.“ und ſo ſtand denn die hagere alte Frau ohne Weiteres auf. Harry Esmond erinnerte ſich bis an das Ende ſeines Lebens, wie dieſe Geſtalt, mit dem Brokatkleide, und dem weißen Pudermantel, und den rothen Strüm⸗ pfen mit den goldenen Zwickeln, und den weißen Schu⸗ hen mit rothen Abſätzen, ſich im Bette aufrichtete und aus demſelben ſtieg. Die Koffer ſtanden ſchon im Henry Esmond. I. 7 98 Vorzimmer gepackt, und im Stalle waren die Pferde parat und angeſchirrt: Alles dieſes ſchien der Capitän aus einer oder der andern ſichern Quelle zu wiſſen; und woher er es wußte, konnte Esmond ſpäter ſo ziem⸗ lich muthmaßen, als Pr. Tuſher ſich beklagte, daß Kö⸗ nig William's Regierung ihn für Dienſte, die er in dieſer Sache geleiſtet, ſchändlich behandelt habe. Und hier mag es Harry Esmond, obgleich er da⸗ mals noch zu jung war, um Alles, was vorging, zu wiſſen, erlaubt ſein, zu berichten, was die Papiere ent⸗ hielten, deren Capitän Weſtbury ſich bemächtigt hatte, und welche Papiere aus dem lackirten Käſtchen in das Bett gebracht worden waren, als die Truppe im Schloſſe anlangte. Es befand ſich darunter, von Pater Holt's Hand geſchrieben, eine Liſte von der Grafſchaft angehörenden Gentlemen, — Mr. Freeman's (König James') Freun⸗ den. Ein gleiches Papier wurde unter den Brieſſchaf⸗ ten Sir John Fenwick's und Mr. Copleſtone's gefun⸗ den, die für dieſe Verſchwörung mit ihrem Kopfe büßten. Ferner befand ſich darunter ein Patent, das my Lord Caſtlewvod, ſowie ſeinen männlichen Leibeserben den Titel eines Marquis von Esmond verlieh, ſowie ſeine Beſtallung als Lord Lieutenant der Grafſchaft und als Generalmajor. *) *) Dieſen Marguis⸗Titel der Familie wiedergegeben zu ſehen, war ſtets einer der ſehnlichſten Wünſche der Vicomteſſe geweſen. Und da ihre alte jungfräuliche Tante, Barbara Topham, die Tochter des Goldſchmieds, etwa um dieſe Zeit ſtarb, und Lady Caſtlewood ihr ganzes Vermögen hinterließ, ſo ſandte, wie ich babe ſagen hören, Ihre Ladyſchaft faſt das ganze Geld dem König Jakob, — ein Verfahren, das my Lord Caſtlewood dermaßen ärgerte, daß er wirklich dem 99 Ferner fanden ſich darunter verſchiedene Briefe von Perſonen aus dem höheren und niederen Adel vor, — von Perſonen, deren einige im Dienſte des Königs eifrig, andere wieder zweifelhaft waren; und (— glücklicher Weiſe für dieſen —) zwei Briefe, welche den Obriſten Francis Esmond betrafen. Der eine war von Pater Holt geſchrieben, und enthielt folgende Worte: „Ich bin zu Walcote, in der Nähe von Wells, wo er ſeit der Abreiſe des Königs wohnt, geweſen, um dieſen Obriſten in ſeinem eigenen Hauſe zu ſprechen. Ich drang ſehr in ihn, um ihn für Mr. Freeman's Sache zu gewinnen: ich ſetzte ihm die großen Vortheile auseinander, die für ihn daraus entſpringen würden, daß er mit dieſem Kaufmanne Geſchäfte machte, und bot be⸗ deutende Prämien an, wie zwiſchen uns verab⸗ redet worden. Aber er ſagt, er wolle Nichts da⸗ von wiſſen. Zwar ſieht er Mr. Freeman als den Chef der Firma an, und ſagt, er werde nie gegen ihn Handel treiben, oder ſich mit einer andern Handelsgeſellſchaft einlaſſen; allein er glaubt, er ſei ſeiner Pflicht durch die Abreiſe Mr. Free⸗ man's aus England nun enthoben. Dieſer Obriſt ſcheint ſich mehr um ſeine Frau und um ſeine Stöberhunde zu bekümmern, als um die Ge⸗ ſchäfte. Er fragte mich viel über den jungen H. E., den Baſtard', wie er ihn nannte, indem Gottesdienſte in der Dorfkirche anwohnte, und daß er nur durch den Marquis⸗Titel ſich wieder beſänf⸗ tigen ließ, den Seine verbannte Majeſtät ihm zu⸗ ſandte um ihm ſein allerhöchſtes Wohlgefallen über das Anlehen von 15,000 Pfund Sterling auszudrücken, das er von my Lady Caſtlewood erhalten. 100 er in my Lords Abſichten, in Betreff ſeiner, Zwei⸗ fel ſeßte. Ich beruhigte ihn in dieſem Stücke wieder, indem ich von dem Jungen, und über die Abſichten in Betreff ſeiner, ſagte, was ich wußte. Hinſichtlich Freeman's aber war er un⸗ erſchütterlich.“ Ein anderer Brief war von Obriſt Esmond an ſeinen Vetter gerichtet, um zu ſagen, daß ein gewiſſer Capitän Holton bei ihm geweſen, ihm große Verſpre⸗ chungen gemacht, um ihn zu bewegen, zu Jemand zu halten, „Sie wiſſen ſchon, wen ich meine,“ und geſagt habe, daß das Haupt des Caſtlewvod⸗ ſchen Hauſes ganz und gar für die bewußte Sache ſei. Allein er habe einmal ſeinen Degen zerbrochen, als der König das Land verlaſſen, und wolle nie mehr in die⸗ ſem Streite Partei ergreifen und den Degen ziehen. Der P. von O. ſei wenigſtens ein Mann von hohem Muthe, und ſeine, ſowie jedes Engländers Pflicht ſei, wie er glaube, das Land ruhig zu erhalten, und die Franzoſen nicht hereinzulaſſen: und er wolle, um es kurz zu ſagen, mit dem Plane lediglich Richts zu thun aben. Von dem Vorhandenſein dieſer beiden Briefe, ſo wie von dem Inhalte des Kopfkiſſens erzählte Obriſt Frank Esmond, der Visconnt Caſtlewvod wurde, ſpäter dem Henry Esmond, als die Briefe dem Lord gezeigt wurden, der ſich, wie er alle Urſache hatte, Glück wünſchte, daß er ſich nicht bei dem Complotte betheiligt, das für ſo viele Andere verderblich geworden. Allein der Knabe wußte natürlich nur wenig von dieſen Um⸗ ſtänden, als ſie ſich vor ſeinen Augen zutrugen; er ſah nur, daß ſein Gebieter und ſeine Gebieterin in einiger Verlegenheit ſich befanden, welche die Flucht des Einen und die Verhaftung der Anderu durch die Leute König William's zur Folge hatte. 101 Nachdem die Herren ſo in den Beſitz der Brief⸗ ſchaften gekommen, ſetzten ſie ihre weitere Hausſuchung nicht mit allzugroßer Strenge fort. Sie unterſuchten auch Mr. Holt's Zimmer, und wurden von ſeinem Zög⸗ linge dahin geführt, der ihnen, wie der Pater ihn an⸗ gewieſen hatte, den Ort zeigte, wo ſein Zimmerſchlüſſel lag, den Herren die Thüre öffnete, und ſie in das Zim⸗ mer hineinführte. Als die Herren zu dem Kohlenbecken mit den halb verbrannten Papieren kamen, unterſuchten ſie dieſe ziemlich eifrig, und es beluſtigte ihren jungen Führer nicht wenig, Zeuge ihrer Verlegenheit zu ſein. „Was ſind das für Papiere?“ ſagt der Eine von ihnen. „Sie ſind in einer fremden Sprache geſchrieben,“ ſpricht der Juriſt. „Was lachſt Du, Du kleine Je⸗ ſuitenbrut?“ ſetzt er, als er den Knaben lächelnd ſich umwenden ſah, hinzu. „Mr. Holt hat mir geſagt, es ſeien Predigten,“ ſprach Harry, „und er hat mich ſie verbrennen heißen:“ was von dieſen Papieren wirklich wahr war. „Schöne Predigten, ja, — hochverrätheriſches Zeug iſt's, ich wollte darauf wetten“ ruft der Juriſt. „Meiner Sechs! Für mich ſind's böhmiſche Dör⸗ fer“ ſagt Capitän Weſtbury. „Kannſt Du es leſen, kleiner Junge?“ „Ja, Sir ein Bischen,“ ſprach Harry. „So lies es denn, und auf Engliſch, wenn Dir Dein Leben lieb iſt,“ ſprach der Inriſt. Und Harry fing an, alſo zu überſetzen: „Hat nicht einer eurer eigenen Schriftſteller ge⸗ ſagt: Die Kinder Adams arbeiten jetzt ſo viel, als er je ſelbſt gearbeitet, an dem Baume der Erkenntniß des Guten und des Böſen, indem ſie die Aeſte deſſelben ſchütteln und die Frucht ſuchen, und meiſtens des Bau⸗ mes des Lebens nicht achten. Oh, das blinde Ge⸗ 102 ſchlecht! Es iſt dieß der Baum der Erkenntniß, zu dem die Schlange euch geführt hat. —“ Und hier mußte der Knabe inne halten, indem der übrige Theil der Seite durch das Feuer ganz verkohlt war. Er fragte dann den Juriſten: „Soll ich fortfahren, Sir?“ Der Juriſt ſprach: „Dieſer Knabe iſt ſchlauer, als er auf den erſten Blick zu ſein ſcheint: wer weiß, ob er ſich nicht über uns luſtig macht?“ „Dick, der Gelehrte, muß hereinkommen,“ rief Ka⸗ pitän Weſtbury lachend. Dann rief er, zum Fenſter hinaus, einem Sol⸗ daten zu: „Halloh, Dick, komm' doch ein Bischen herein, und hilf uns ein wenig!“ Ein kleiner, unterſetzter Soldat, mit viereckigem, gutmüthigem Geſichte, trat auf dieſe Aufforderung her⸗ ein und elntirt⸗ ſeinen Offizier. „Sagen Sie uns doch, was das iſt, Dick!“ ſpricht der Juriſt. „Mein Name iſt Steele, Sir,“ ſpricht der Soldat. „Für meine Freunde mag ich wohl der Dick ſein; aber Leute von Ihrem Tuch zähle ich nicht darunter.“ „Wohlan denn, Steele!“ „Mr. Steele, Sir, wenn Sie erlauben. Erlauben Sie ſich doch keine ſolche Vertraulichkeiten, wenn Sie einen Herrn von Seiner Majeſtät Garde zu Pferd an⸗ reden.“ „Ich wußte es nicht, Sir,“ ſagte der Juriſt. „Und wie ſollten Sie es denn wiſſen, du gütiger Himmel? Es will mich bedünken, daß Sie nicht ge⸗ wohnt ſind, oft mit Gentlemen zuſammenznkommen,“ ſagt der Soldat. „Halt Dein Maul, und lies den Papierfetzen da,“ ſagt Weſtbury. 103 „Es iſt Latein,“ ſagt Dick, das Papier anſchau⸗ end, und ſeinen Offizier wieder ſalutirend, — „und zwar aus einer Predigt von Mr. Cudworth.“ Und nun überſetzte er die Worte ziemlich ſo, wie Henry Esmond es gethan. „Schau, ſchan! Was für ein junger Gelehrter Du biſt!“ ſagt der Capitän zu dem Knaben. „Verlaſſen Sie ſich darauf, Capitän, der Burſche weiß mehr, als er ſagt,“ ſpricht der Juriſt. „Ich glaube, es iſt das Geſcheidteſte, wenn wir ihn mit der alten Jeſebel in die Kutſche thun, und ihn mit ihr nach Hexton Caſtle ſchaffen.“ „Weil er ein Paar Zeilen Latein überſetzt hat?“ ſagte der Capitän in überaus gutmüthiger Weiſe. „Ich möchte eben ſo lieb dahin, als anderswohin gehen,“ ſprach Harry Esmond in ungekünſtelter Weiſe, „denn es iſt ja Niemand mehr hier, der ſich um mich kümmert.“ Es mußte in der Stimme des Kindes, oder in dieſer Beſchreibung ſeiner Vereinzelung etwas Rühren⸗ des gelegen haben, denn der Capitän blickte ihn über⸗ aus gutmüthig an, und der Soldat, der den Namen Steele führte, legte in liebevoller Weiſe ſeine Hand auf den Kopf des Knaben und ſagte einige Worte in lateiniſcher Sprache. „Was ſagt er da?“ ſprach der Juriſt. „Meiner Treu', fragen Sie lieber Dick ſelbſt!“ rief Capitän Weſtbury. „Ich habe geſagt, ich ſelbſt ſei nicht unbekannt mit dem Unglücke, und habe die Unglücklichen unterſtützen elernt, — und das iſt nicht Ihr Geſchäft, Mr. Sheep⸗ ſen, *) ſagte der Soldat. „Sie würden beſſer fahren, wenn Sie Dick, den *) Schaaffell. 104 Gelehrten, in Ruhe ließen, Mr. Corbet,“ ſprach der Capitän. Und Harry Esmond, dem ein freundliches Geſicht und ein freundliches Wort ſtets zu Herzen ging, fühlte ſich dieſem gutmüthigen Kämpen nicht wenig zu Dank verpflichtet. Unterdeſſen waren die Pferde vor die Kutſche ge⸗ ſpannt worden. Die Gräfin und Victoire mußten alſo ſich bequemen, herunterzukommen und einzuſteigen. Letztere, die ſonſt Harry Esmond den lieben langen Tag gezankt hatte, war ganz weich geſtimmt, als ſie ſich von ihm trennen mußte, und hieß ihn „einen lie⸗ ben Eugel“ und „ein armes Kind“, und gab ihm noch hundert andere ähnliche Namen. Die Vicomteſſe gab ihm ihre magere Hand zum Küſſen, und empfahl ihm an, ſtets dem Hauſe Esmond treu zu bleiben. „Sollte my Lord ein Unglück zuſtoßen,“ ſprach ſie, „ſo wird ſein Nachfolger hoffentlich ſich finden, und Dir ſeinen Schutz angedeihen laſſen. Was mich betrifft, ſo werden ſie in der Lage, in der ich mich be⸗ finde, ihre Rache jetzt nicht an mir auslaſſen.“ Und ſie küßte ein Medaillon, das ſie am Leibe trug, mit großer Inbrunſt, und Harry Esmond wußte nicht im Mindeſten, was ſie damit ſagen wollte; ſeit⸗ dem aber hat er in Erfahrung gebracht, daß ſie, ſo alt ſie auch war, immer noch der Hoffnung lebte, durch die guten Dienſte gewiſſer Heiligen und Reliquien einen Leibeserben zu bekommen, auf den der Titel des Es⸗ monds hätte übergehen können. Harry Esmond war damals noch zu jung, als daß er in die Geheimniſſe der Politik hätte eingeweiht ſein können, wobei ſeine Gönner und Beſchützer bethei⸗ ligt waren; denn man richtete bloß wenige Fragen an den Knaben (— der klein von Statur war, und weit jünger ausſah, als er wirklich war —), und dieſe Fra⸗ —— —— 105 gen beantwortete er ziemlich ſchlau und behutſam; ja, er ſtellte ſich noch unwiſſender, als er in Wirklichkeit war, und die Leute, die ihn verhörten, waren ziemlich geneigt, ihm zu glauben. Er ſagte auch nicht eine Silbe von dem Fenſter oder von dem Schranke über dem Kamine; und es entgingen dieſe Geheimniſſe den Augen der Männer, die das Zimmer durchſuchten, gänzlich. So wurde denn my Lady mit ihren ſieben Sachen in die Kutſche gepackt und nach Herton Caſtle geſchickt, auf welcher Fahrt ihre Kammerfrau und der Jlriſt ihr Geſellſchaft leiſteten, während auf jeder Seite des Wa⸗ gens ein Paar Soldaten einherritten, und Harry wurde im Schloſſe zurückgelaſſen, das, wie er ſelbſt, jetzt ganz verwaist war. Nur der Capitän und eine Wache von einigen Soldaten hielten es fortwährend beſetzt: und die Krieger, die gar gutmüthig und freundlich waren, aßen nun my Lords Hammelfleiſch, und tranken ſeinen Wein, und ließen es ſich wohl ſein, woran ſie recht wohl thaten, da ſie in einem ſo angenehmen Quartier lagen. Der Capitän ließ ſich ſein Diner in my Lords Parlvur, das mit gewirkten Tapeten behangen war, ſerviren, und der arme kleine Harry hielt es für ſeine Pflicht, hinter Capitän Weſtbury's Stuhl ſich zu ſtellen und ihm aufzuwarten, wie er einſt ſeinem Gebieter auf⸗ gewartet hatte. Nach der Abreiſe der Gräfin nahm Dick, der Ge⸗ lehrte, Harry Esmond unter ſeine ſpezielle Protertion, und pflegte mit ihm philologiſche Examina anzuſtellen, und über Latein und Franzöſiſch mit ihm zu ſprechen, in welchen beiden Sprachen der Junge ſogar Dick, dem Gelehrten, überlegen war, wie Harry ſelbſt bald fand, und ſein neuer Freund ziemlich gern zugab. Als Dick hörte, daß Harry dieſe Sprachen von einem Jeſuiten gelernt, deſſen Güte und Gelehrſamkeit 106 der Kleine nie genug preiſen konnte, ſo zeigte Erſterer, zum nicht geringen Erſtaunen des Knaben, der, gleich vielen allein erzogenen Kindern, ſchon frühzeitig vielen Scharfſinn an den Tag zu legen begann, viel theolv⸗ giſches Wiſſen, und insbeſondere verrieth er eine ge⸗ naue Kenntniß der ſtreitigen Punkte, welche die beiden Kirchen von einander trennten; ſo daß er und Harry oft Stunden lange ſich in Controverſen ergingen, in denen der Knabe durch die Argumente dieſes ſonder⸗ baren Kriegers ſicherlich aus dem Felde geſchlagen wurde. „Ich bin kein ſo gewöhnlicher Soldat,“ pflegte Dick zu ſagen, und wirklich verriethen auch ſeine Ge⸗ lehrſamkeit, ſeine Bildung, und mancherlei Talente, die er beſaß, auf den erſten Blick, daß er nicht zum gewöhnlichen Schlage von Soldaten gehörte, — „ich ehöre einer der älteſten Familien des Reiches an; ich in in einer berühmten Schule und auf einer berühm⸗ ten Univerſität gebildet worden. Mein erſtes Latein habe ich in der Nähe von Smithfield, in London, ge⸗ lernt, — wo die Märtyrer gebraten wurden.“ „Aber ihr habet ebenſo viele von den Unſrigen gehängt,“ ſiel Harry ein; „und was die Verfolgung betrifft, ſo hat mir Pater Holt geſagt, daß ein junger, achtzehn Jahre alter Gentleman von Edinburg, der im dortigen Collegium ſtudirte, erſt noch im verfloſſenen Jahre wegen Ketzerei gehängt worden iſt, obgleich er widerrief, und wegen ſeiner Irrthümer feierlich um Verzeihung bat. „Meiner Treue! Man hat auf beiden Seiten viel zu viel verfolgt; ihr aber habt es uns gelehrt.“ „Nein, nein, es haben die Heiden damit angefan⸗ gen,“ rief der Junge, und fing an, vom Protomartyr an eine Anzahl von Kirchen⸗Heiligen anzuführen.“ Un⸗ ter dieſem ging das Feuer aus: bei dem Andern wurde das Oel im Keſſel kalt; an einem dritten heiligen — — 107 Haupte hieb der Scharfrichter jämmerlich, drei Mal, herum, und doch wollte der Kopf ſich nicht vom Leibe trennen. Zeigen Sie mir ein Mal in Ihrer Kirche Märtyrer, für welche ſolche Wunder gethan worden.“ „Ei, ei,“ ſpricht der Soldat ernſt, „die Wunder der erſten Jahrhunderte nach Chriſti Geburt gehören meiner Kirche ebenſo gut, wie der Deinigen, Meiſter Papiſt.“ Und dann ſetzte er, während Etwas, das ei⸗ nem Lächeln gleich ſah, auf ſeinem Geſicht ſpielte, und indem er Harry einen ſonderbaren Blick zuwarf, hinzu: „Und doch habe ich, Du kleiner Katechet, von die⸗ ſen Wundern bisweilen geglaubt, daß eben nicht viel Gutes daran ſei, da der Kopf des Opfers beim dritten oder vierten Hieb denn doch fallen mußte; und was den Keſſel mit dem Oele betrifft, ſo ſott dieſes den doch immer am nächſten Tage, wenn es auch nicht am er⸗ ſten zum Sieden gebracht werden konnte. „Dem ſei nun aber, wie ihm wolle, — ſo viel kann ich Dir ſagen, daß in unſern Tagen die Kirche jenen ſehr zweifelhaften Vortheil der gezwungenen Verſchiebung der Hinrichtung verloren hat. Es kam kein Regen, um Ridley's Feuer auszulöſchen; und ebenſo wenig kam ein Engel, um die Schneide von Campion's Axt umzubiegen. Die Folter zerriß ebenſo gut die Glieder des Jeſuiten Southwell, als die des Proteſtanten Sympſon. Für den Glauben ſind allent⸗ halben eine Menge Menſchen zu ſterben bereit. „Ich habe, in Monſieur Rycaut's Geſchichte der Türken, von Tauſenden von Mahomet's Anhängern ge⸗ leſen, die in der Schlacht dem Tode, wie einem gewiſ⸗ ſen Paradieſe, entgegenſtürmteu; und in dem Lande des Großmoguls werfen ſich jährlich Leute zu Hunder⸗ ten und Tauſenden unter die Wagen der Götzenbilder; und ebenſo verbrennen ſich dort Tauſende von Witt⸗ bet auf den Leichnamen ihrer Gatten, wie Jedermann weiß. 108 „Für einen Glauben zu ſterben, iſt nicht ſo ſchwer, Maſter Harry, — bei jeder Nation hat es Tauſende gegeben, die das gethan, — was aber ſchwer iſt, das iſt nach dem Glauben zu leben, wie ich auf meine ei⸗ gene Koſten weiß,“ ſetzte er mit einem Seußzer hinzu. „Und ach!“ fuhr er fort, „mein armer Junge, ich bin nicht ſtark genug, um Dich auch durch mein Leben zu über⸗ zeugen, — obgleich ich mit der größten Freude für meine Religion ſterben würde, — aber ich hatte im Magdalenen⸗Collegium zu Opford einen theuren Freund; ich wollte, Jve Addiſon wäre hier, um Dich zu überzeugen, was ihm gewiß ein Leichtes wäre⸗ Denn ich glaube, daß er dem ganzen Jeſuiten⸗Colle⸗ gium gewachſen iſt; — und was noch mehr iſt, allen Jeſuiten der Welt auch in ſeinem Leben gewachſen iſt. „In der nämlichen Predigt Doctor Cudworth's, aus der Dein Pfaffe einige Stellen angeführt hat, und welche in der Kohlenpfanne des Märterthums theilhaftig geworden,“ ſetzte Dick mit einem Lächeln hinzu, „kam mir ſo der Gedanke, das ſchwarze Tuch zu tragen, (— aber ich ſchämte mich, ſiehſt Du, meines Lebens, nnd ließ mich in dieſes miſerable rothe Tuch kleiden —): oft habe ich an Jve Addiſon gedacht, — Dr. Cudworth ſagt: Ein gutes Gewiſſen iſt der beſte Spiegel des Himmels — und es liegt ein Seelenfrieden in dem Geſichte meines Freundes, der den Himmel ſtets zurück⸗ ſpiegelt. — Ich wollte nur, Du könnteſt ihn ſehen, Harry., „Hat er Ihnen denn ſo viel Gutes gethan?“ fragte der Junge in ungekünſtelter Weiſe. „Er hätte mir viel Gutes thun können, ſprach der Andere. „Er lehrte mich wenigſtens, Beſſeres zu ſehen und zu billigen. Es iſt meine eigene Schuld, deteriora sequi.“ „Sie ſcheinen mir aber ein recht guter Menſch zu ſein,“ ſagte der Knabe. 109 „Ich bin leider nicht das, was ich zu ſein ſcheine!“ antwortete der Krieger. Und in der That ſagte der arme Dick da die Wahrheit, wie es ſich bald genug herausſtellte; — denn an jenem ſelben Abend noch, beim Nachteſſen in der Vorhalle, wo die Herren von der Truppe ihre Mahlzeiten einnahmen, und den größten Theil ihrer Tage mit Würfeln, und Tabakrauchen, und Singen, und Fluchen über das Caſtlewooder Ale, zubrachten, — fand Harry Esmond ſeinen Freund Dick in einem jäm⸗ merlichen Zuſtande von Betrunkenheit. Es ſchluchzte derſelbe eine Predigt hervor, und ſeine lachenden Ka⸗ meraden hießen ihn ein geiſtliches Lied ſingen, worauf Dick ſchwor, daß er dem Kerl, der ſeine Religion ver⸗ höhnte, ſeinen Degen durch den Leib rennen würde, letzteren, der an der Wand hing⸗ haben wollte, und unter demſelben auf den Boden niederplumpte, wobei er zu Harry, der ihm zu Hülfe eilen wollte, ſagte: „Ah, kleiner Papiſt, was gäbe ich darum, wenn Joſeph Addiſon hier wäre!“ Obgleich die Soldaten von der königlichen Leib⸗ garde alle Gentlemen waren, ſo kamen doch die übrigen Gentlemen Harry Esmond als unwiſſende und gemeine Bauernlümmet vor, mit alleiniger Ausnahme dieſes gutmüthigen Corporals Steele, der Gelehrte genannt, und Capitän Weſtbury's und Lieutenant Trants, die gegen den Knaben ſtets freundlich waren. Sie blieben einige Wochen oder Monate auf Schloß Caſtlewvod, und Harry erfuhr, von Zeit zu Zeit, aus ihrem Munde, wie die Lady zu Herton Caſtle behandelt wurde, und ebenſo erfuhr er von ihnen die beſonderen Umſtände ihrer dortigen Haft. Es iſt bekannt, daß König William geneigt war, ſehr gelinde mit der Gentry zu verfahren, die der Sache des alten Königs treu blieb; und nie hat ein Fürſt, der eine Krone uſurpirte (— und ſeine Feinde 110 ſagten, er habe dieß gethan, während ich jetzt der Anſicht bin, daß er ſie rechtmäßiger Weiſe genommen —), je weniger Blut vergießen laſſen. Was Verſchwörerin⸗ nen betraf, ſo ließ er die minder gefährlichen durch Spione bewachen, die anderen aber ließ er ſorgfältig einſperren. Was Lady Caſtlewvod insbeſondere betrifft, ſo hatte ſie in Hexton Caſtle die beſten Zimmer, ſowie den Garten des Kerkermeiſters zu ihrer Verfügung; und obgleich ſie zu wiederholten Malen den Wunſch ausſprach, wie einſt Mary, die Königin von Schott⸗ land, auf den Richtplatz geführt zu werden, ſo fiel es doch keiner Seele ein, ihr ihren alten, geſchminkten Kopf abzuſchlagen, oder ihr überhaupt ein anderes Uebel zuzufügen, als das eines ſicheren Gewahrſams. Und wie es ſchien, fand ſie, daß, in ihrem Un⸗ glücke, einige Leute ihre Freunde waren, die ſie, in ihrem Glücke, als ihre ärgſten Feinde betrachtet hatte. Obriſt Francis Esmond, der Evuſin my Lords und Ihrer Ladyſchaft, der eine Tochter des Dechanten von Wincheſter geheirathet und, ſeit der Flucht König Ja⸗ mes' aus England, nicht ſehr weit von der Stadt Hex⸗ ton gewohnt hatte, beſuchte, als er die Noth ſeiner Verwandtin erfuhr, und da er mit Obriſt Brice, der für König William in Hexton commandirte, ſowie mit den dortigen Würdeträgern der Kirche befreundet war, Ihre Ladyſchaft im Gefängniſſe und bot der Toch⸗ ter ſeines Oheims alle Freundesdienſte an, die in ſei⸗ ner Macht waren. Auch veranlaßte er ſeine Gattin, ſowie ſeine kleine Tochter, die Gefangene zu beſuchen, und die alte Vicomteſſe gewann das Kind, das von ſeltener Schönheit war und überaus einnehmende Ma⸗ nieren hatte, nicht wenig lieb, obgleich zwiſchen Ihrer Ladyſchaft und der Mutter des Kindes jetzt faſt eben ſo wenig von Liebe die Rede ſein konnte, als früher. Es gibt nun einmal gewiſſe Beleidigungen, welche Frauenzimmer einander nie verzeihen; und Madame 11¹ Francis Esmond hatte, indem ſie ihren Couſin heira⸗ thete, ſich eines ſolchen nie wieder gut zu machenden Unrechts gegen Lady Caſtlewood ſchuldig gemacht. Da Letztere nun aber gedemüthigt und im Unglücke war, ſo konnte Madame Francis in ihrer Feindſchaft einen kleinen Waffenſtillſtand eintreten laſſen und, wenigſtens für eine Weile, gegen die frühere, aber bald wieder aufgegebene Geliebte ihres Gatten freundlich ſein. Und ſo durfte die kleine Beatrix, ihre Tochter, oft die gefangene Vicomteſſe beſuchen, die, was das Kind und deſſen Vater betraf, in ihrem Zorne gegen dieſen Zweig der Caſtlewvoder Familie einige Milde⸗ rung eintreten ließ. Und da die Briefe des Obriſten Esmond, wie bereits geſagt, an das Tageslicht kamen und ſein Benehmen den Räthen des Königs bekannt wurde, ſo war der Obriſt gegenüber der beſtehenden Regierung in einer beſſeren Stellung, als er je früher einmal geweſen. Jedes Mißtrauen in Beziehung auf ſeine Loyalität war jetzt gänzlich geſchwunden; und ſo war er denn in den Stand geſetzt, ſeiner Verwandten nützlicher zu ſein, als ihm ſonſt möglich geweſen wäre. Und nun trug ſich ein Ereigniß zu, wodurch dieſe Dame ihre Freiheit wieder erlangte, und Schloß Caſtle⸗ wood einen neuen Eigenthümer, ſowie der vaterloſe kleine Harry Esmond einen neuen und überaus güti⸗ gen Beſchützer und Freund bekam. Welcher Art auch das Geheimniß war, das Harry von my Lord hören ſollte, ſo viel iſt gewiß, daß der Knabe daſſelbe nie hörte; denn jene Nacht, in der Pater Holt ankam, um my Lord mitzunehmen, war die letzte, in der Harry ſeinen Gebieter und Be⸗ ſchützer ſah. Was my Lord begegnete, mag hier in der Kürze berichtet werden. Nachdem my Lord und Pater Holt an dem Orte, wo ſie übernachteten, die Pferde gefun⸗ den, ſo ritten ſie mit einander nach Chatteris, wo ſie 1¹2 bei einem Beichtkinde des Paters, das die genannte Stadt bewohnte, eine augenblickliche Zufluchtsſtätte fan⸗ den. Da man ſie aber hart verfolgte, und da die für die Beifahung des Einen oder des Andern ausgeſetzte Belohnung bedeutend war, ſo wurde eine Trennung für räthlich erachtet. Der Prieſter ſuchte alſo andere ihm bekannte Zufluchtsſtätten auf, während my Lord von Briſtol nach Irland überſetzte, in welchem König⸗ reiche König Jakob einen Hof und ein Heer hatte. My Lord verſtärkte zwar letzteres durch ſeine Perſon nicht viel, indem er bloß ſein Schwert und die weni⸗ gen Goldſtücke in ſeiner Taſche mitbrachte; nichts deſto weniger aber empfing ihn der König mit einiger Güte und Auszeichnung, beſtätigte ihn in ſeinem neuen Mar⸗ quis⸗Titel, gab ihm ein Regiment, und verſprach ihm weitere Beförderung. Aber Titel oder Beförderung ſollten ihm jetzt nicht mehr viel nützen. My Lord wurde in der unglücklichen Schlacht an der Boyne ver⸗ wundet. Von dort floh er (— erſt lange nachdem ſein Herr und Gebieter ihm mit dem Beiſpiel vorangegan⸗ gen war —), hielt ſich eine Zeit lang in der ſumpfi⸗ en Umgegend von der Stadt Trim verborgen, und ßunt dahin, und ſtarb, mehr in Folge eines Katarrhs und eines Fiebers, ſo er ſich in den Sümpfen zugezo⸗ gen, als in Folge der Wunde, die ihm der Stahl des Feindes auf dem Schlachtfelde geſchlagen. Möge Thomas, Viscvunt von Caſtlewood, die Erde leicht ſein! Derjenige, welcher dieſes ſchreibt, darf keine liebloſe Sprache führen, obgleich dieſer Lord ſich gegen ihn und die Seinigen zweier ſchwerer Unge⸗ rechtigkeiten ſchuldig machte: eine derſelben hätte er zwar vielleicht gut gemacht, wenn er am Leben geblie⸗ ben wäre; die andere aber wieder gut zu machen, lag außer ſeiner Macht, obgleich zu hoffen iſt, daß eine Macht, größer als ein Prieſter, ihm dafür die Abſo⸗ lution gegeben. Auch erfreute er ſich wenigſtens des 113 Troſtes dieſer Abſolution, wie dieſelbe nun auch be⸗ ſchaffen ſein mochte, indem ein Prieſter von Trim an my Lady einen Brief ſchrieb, um ſie von dieſem Unglücksfalle zu benachrichtigen. Aber in jenen Tagen brauchten Briefe eine ziem⸗ lich lange Zeit um an ihre Adreſſe zu gelangen, und der unſers Prieſters war zwei Monate oder darüber auf dem Wege, bis er von Irland nach England kam, wo er, bei ſeiner Ankunft, my Lady nicht auf ihrem Schloſſe fand. Sie befand ſich in dem Hauſe des Kö⸗ nigs, zu Hexton Caſtle, als der Brief nach Caſtlewvod kam. Nichts deſto weniger wurde derſelbe von dem dort commandirenden Offiziere geöffnet. Harry Esmond erinnert ſich gar wohl des Em⸗ pfangs dieſes Briefes, den Lockwood herbeibrachte, während Capitän Weſtbury und Lieutenant Trant auf der Aue ſich mit Boßeln vergnügten, und der junge Esmond dem Spiele zuſah, oder in der Laube in ſei⸗ nem Buche las. „Das ſind einmal Nachrichten für Frank Es⸗ mond!“ ſpricht Capitän Weſtbury. „Harry, haſt Du ſchon den Obriſten Esmond geſehen?“ Und Capitän Weſtbury hlite während er ſprach, den Knaben ſcharf an. Harry ſagte, daß er denſelben bloß ein einziges Mal, zu Hexton, auf dem Balle geſehen habe. „Und ſagte er da Etwas?“ „Er ſagte Etwas, was ich nicht wiederholen mag,“ antwortete Harry Denn er war jetzt zwölf Jahre alt: er kannte das Geheimniß ſeiner Geburt und die Schande derſelben; auch fühlte er keine Liebe zu dem Manne, von dem es ſo überaus wahrſcheinlich war, daß er die Ehre ſeiner Mutter, ſowie ſeine eigene befleckt. „Liebteſt Du my Lord Caſtlewvod?“ „Ich ſage hierüber Richts, ſo lange ich meine Henry Esmond. 1. 8 114 Mutter nicht kenne, Sir,“ antwortete der Knabe, wäh⸗ rend ſeine Augen ſich mit Thränen füllten. „Es iſt Lord Caſtlewvod Etwas zugeſtoßen,“ ſprach Capitän Weſtbury in ſehr ernſtem Tone, „Et⸗ was, was uns Allen ein Mal zuſtoßen muß. Er iſt an einer Wunde geſtorben, die er, für König James' Sache kämpfend, an der Boyne bekommen hat.“ „Es freut mich, zu hören, daß my Lord für die gute Sache gekämpft,“ ſprach der Knabe. „Es war beſſer, wie ein Mann dem Tode auf dem Schlachtfelde entgegenzugehen, als auf dem Tower⸗ hügel, wie Einige von ihnen werden thun müſſen,“ fuhr Mr. Weſtbury fort. „Hoffentlich hat er ein Te⸗ ſtament gemacht, oder in ſonſt einer Weiſe für Dich geſorgt. In dieſem Briefe ſteht, er empfehle ſeiner Gemahlin unicum flium suum dilectissimum. Hoffent⸗ lich iſt das nicht Alles, was er Dir hinterlaſſen.“ Harry ſagte, er wiſſe das nicht. Der Knabe war jetzt in den Händen des Himmels und des Schickſals, aber, wie es ihm ſchien, nun einſamer und verlaſſener, als er in ſeinem ganzen bisherigen Leben geweſen; und in jener Nacht, während er in ſeinem Zimmerchen lag, das er immer noch bewohnte, dachte er, von Scham und Kummer durchdrungen, an ſeine ſeltſame und ein⸗ ſame Stellung: — wie er einen Vater und doch wie⸗ der keinen Vater habe; eine namenloſe Mutter, die vielleicht durch denſelben Vater in Schande und Ver⸗ derben geſtürzt worden, den Harry bloß ingeheim und ſchamerfüllt anerkennen, und den er weder lieben noch verehren konnte. Und ſein Herz blutete, wenn er daran dachte, wie Pater Holt, ein Fremder, und ein Paar Soldaten, für ihn Bekannte von einigen Wochen her, die einzigen Freunde ſeien, die er in der ganzen, wei⸗ ut beſitze, in der er jetzt ſich ſo ganz allein ühlte. Die Seele des Knaben war voller Liebe, und er * 11⁵ ſehnte ſich, während er ſo in der Dunkelheit dalag, nach irgend einem Weſen, dem er dieſe Liebe ſchenken könnte. Er erinnert ſich noch, und wird ſich bis an ſeinen Todestag erinnern der Gedanken und Thränen jener langen Nacht, in der er kein Auge ſchließen konnte und, auf dem Glockenthurme, eine Stunde nach der andern ſchlagen hörte. Er fragte ſich, wer und was er ſei, — warum eher da, als anderswo. „Ich will,“ dachte er, „zu dem Prieſter nach Trim gehen und mir von ihm ſagen laſſen, was mein Vater auf dem Sterbe⸗ bette ihm gebeichtet. Gibt es in der ganzen Welt ein ſo ſchutzloſes und verlaſſenes Kind, wie ich bin? Soll ich mich aufmachen, und dieſen Ort alsbald verlaſſen, um nach Irland zu eilen?“ Unter dieſen Gedanken und Thränen brachte der Knabe jene Racht hin, bis er ſich endlich in den Schlaf weinte. An dem darauf folgenden Tage waren die Herren von der Garde, die vernommen, was ihm zugeſtoßen, gegen das Kind außergewöhnlich freundlich; insbeſon⸗ dere aber ſein Freund Dick, der Gelehrte, der ihm von dem Tode ſeines eigenen Vaters erzählte, — einem Tode, der zu Dublin Statt gefunden, als Dick noch ein Kind, und keine vollen fünf Jahre alt geweſen. „Es war dieß das erſte Gefühl des Kummers, das ich je gekannt,“ ſprach Dick. „Ich erinnere mich noch, wie ich in das Zimmer ging, wo ſein Leichnam lag: meine Mutter ſaß weinend daneben. Ich hatte mein Rackett in der Hand und fing an, auf den Sarg loszuſchlagen und Papa zu rufen, worauf meine Mut⸗ ter mich in ihre Arme ſchloß und mir unter einem Strome von Thränen auseinanderſetzte, daß Papa mich nicht mehr hören und nicht mehr mit mir ſpielen könne, indem man ihn bald in die Erde einſcharren werde, von wo er nie mehr zu uns kommen könne. Und dieß,“ ſprach Dick freundlich, „iſt Schuld, daß ich ſeit jener Zeit alle Kinder bemitleidet habe, und daß ich Dich, 116 Du mein armer, vaterloſer, mutterloſer Junge, lieb ge⸗ wonnen. Und wenn Du je einmal einen Freund hſ⸗ ſo ſollſt Du einen ſolchen an Richard Steele haben.“ Harry Esmond dankte ihm und fühlte ſich wirk⸗ lich in ſeinem Innerſten von Dank durchdrungen. Aber was konnte Corporal Steele für ihn thun — ihn etwa ein vacantes Pferd reiten, und ihn die Truppe bedie⸗ nen laſſen? Obgleich in Harry Esmond's Wappen ein linker Schrägebalken war, ſo wardaſſelbe doch ein edles. Der Rath der beiden Freunde ging dahin, daß der kleine Harry an dem Orte bleiben ſollte, an dem er ſich damals befand, und daß er dort abwarten ſollte, was das Glück ihm bringen würde. Harry Esmond blieb alſo auf Schloß Caſtlewood, und harrte mit nicht geringer Bangigkeit des Looſes, das ſeiner wartete, — welcher Art daſſelbe immer fein möchte. Siebentes Kapitel. Ich bleibe als Waiſe auf Schloß Caſtle⸗ wvod zurück, und finde allda über⸗ aus gütige Beſchützer. Während des Aufenthaltes der Soldaten auf Schloß Caſtlewood war der ehrliche Dick, der Gelehrte genannt, der beſtändige Begleiter des kleinen, einſamen Waiſen⸗ knaben, der den Namen Harry Esmond führte. Und ſie laſen mit einander, und boßelten mit einander, und * 117 wenn die andern Soldaten, oder ihre Offiziere, die bei einem Glaſe Wein oder einem Kruge Bier kein Blatt vor den Mund nahmen, ſondern Alles, was ihnen auf die Zunge kam, geradezu herausſagten (— wie es da⸗ mals, wo weder Männer, noch Damen, ſo überbildet waren, wie heutzutage, die Sitte mit ſich brachte —), vor dem Kinde in unſchicklicher Weiſe von ihren Lieb⸗ ſchaften und Galanterieſtückchen ſprachen, pflegte Dick, der ſonſt die ganze Geſellſchaft ſo gern zum Lachen brachte, mit einem maxima depetur pueris reverentia ihren Späſſen Einhalt zu thun: ja, er machte ſich ſogar ein Mal ſchon bereit, einem andern Soldaten, Namens Hulking Tom, der an Harry Esmond eine obſcöne Frage richten wollte, das Fell ein Bischen zu gerben. Und als Dick ſah, daß das Kind, wie er ſich aus⸗ drückte, ein für ſein Alter ungewöhnlich feines Gefühl beſaß, ſowie eine große und lobenswerthe Beſcheiden⸗ heit mit einer ſeltenen Verſchwiegenheit paarte, ver⸗ traute er Harry ſeine Liebe zu der Tochter eines in der Nähe von Tollyard, Weſtminſter, wohnenden Wein⸗ ſchenks an, — welches Mädchen Dick in vielen von ihm verfaßten Verſen als Sacchariſſa anredete, und ohne welche es ihm, wie er ſagte, unmöglich ſei, ferner zu leben. Er that dieſen Ausſpruch wohl tauſend Mal an einem einzigen Tage, obgleich Harry ſich eines Lä⸗ chelns nicht enthalten konnte, wenn er ſah, wie der von Liebe verzehrte Schäfer eine eben ſo gute Geſundheit und einen eben ſo vortrefflichen Appetit hatte, wie nur der geſündeſte Soldat im Regiment ſie haben konnte. Auch mußte Harry ihm geloben, ſein Geheimniß ſtreng zu bewahren: — ein Gelübde, das der Junge auf's Gewiſſenhafteſte hielt, bis er endlich fand, daß Offi⸗ ziere und Gemeine, alle ohne Ausnahme, von Dick mit dem mir gewordenen Vertrauen beehrt, und daß ſchon alle mit ſeinen Verſen regalirt worden. Auch muß ferner bekannt werden, daß Dick, wäh⸗ — 118 rend er ſich nach ſeiner Sacchariſſa in London ſehnte, auf dem Lande einigen Erſatz für dieſelbe fand; denn es kam aus Dorf Caſtlewvod eine Dirne herauf, die für ihn gewaſchen hatte, und die gar jämmerlich ſchrie, als ſie hörte, daß er nicht mehr da ſei. Auch hatte der gute Dick vergeſſen, ihr ſeine Rechnung zu bezah⸗ len, was ſodann Harry Esmond that, indem er dem Mädchen ein ſilbernes Geldſtück gab, das Dick, der Gelehrte, ihm gegeben, als derſelbe, unter vielen Küſ⸗ ſen, und ihm alles mögliche Glück wünſchend, mit den übrigen Soldaten abzog, indem die Garniſon von Schloß Caſtlewvod eine andere Beſtimmung erhielt. Dick, der Gelehrte, ſagte, er würde ſeinen jungen Freund nie vergeſſen; auch hat derſelbe Wort gehalten: und Harry war ganz betrübt, als die freundlichen Sol⸗ daten Caſtlewvod verließen, und harrte mit nicht ge⸗ ringer Bangigkeit (— Sorgen und Einſamkeit hatten ihn zu einem für ſein Alter ungewöhnlich ernſten und denkenden jungen Menſchen gemacht —) ſeines Lvoſes, als der neue Lord mit ſeiner Gemahlin auf dem Schloſſe erſchien, um allda ſeinen Wohnſitz iſzuſchlähen⸗ Er war nun über zwölf Jahre alt geworden und hatte nie einen Freund beſeſſen, wenn man vielleicht dieſen wil⸗ den Krieger und Pater Holt abrechnete. Und doch hatte er ein liebevolles, bis zur Schwäche zärtliches Herz, das ſich gern an Jemand angeſchloſſen und ſich Jemand hingegeben hätte, und nicht zur Ruhe kommen zu können ſchien, als bis es einen Freund gefunden, der daſſelbe annahm. Der Inſtinct, der Harry Esmond veranlaßte, die gräziöſe Perſon zu lieben, deren holde Erſcheinung, Schönheit und Freundlichkeit ihn ſo gerührt hatten, als er ſie zum erſten Male ſah, wurde gar bald eine hingebungsvolle Liebe und leidenſchaftliche Dankbarkeit, die ſein junges Herz ganz und gar erfüllten, welches, wenn man die liebevolle Behandlung, die ihm von Sei⸗ 119 ten Pater Holt's zu Theil geworden, bis daher auf kein allzugroßes Maaß von Freundlichkeit bei Andern geſtoßen war. O dea certe, dachte er, ſich der Verſe aus der Aeneis erinnernd, die Mr. Holt ihn gelehrt hatte. Es ſchien, wie der Knabe dachte, in jedem Blicke und in jeder Geberde dieſes ſchönen Geſchöpfes eine engelgleiche Sanftheit und ein überaus holdes Mit⸗ leiden zu liegen. Sie erſchien immer gleich graziös, mochte ſie nun ſich bewegen, oder ruhen. Der Ton ihrer Stimme, wenn ſie auch noch ſo alltägliche Worte ſprach, verurſachte ihm eine Wonne, die faſt an Qual grenzte. Es kann das nicht Liebe genannt werden, was ein zwölfjähriger Knabe, der kaum mehr als ein Be⸗ dienter war, für eine hohe Dame, ſeine Gebieterin, fühlte; es war aber Verehrung. Ihren Blick zu er⸗ haſchen, — ihren Auftrag zu errathen und denſelben auszuführen, ehe ſie noch denſelben ausgeſprochen, — ſie zu bewachen, ihr zu folgen, ſie anzubeten, — das wurde nun das Geſchäft ſeines Lebens. Unterdeſſen hatte, wie es ſich oft fügt, ſein Idol wieder eigene Idole, und dachte nie an die Bewunderung ihres klei⸗ nen Anbeters, — ja, vermuthete dieſelbe nicht einmal. My Lady hatte nämlich nicht weniger, denn drei Iole: das erſte und höchſte, ihr Jupiter und höchſter Beherrſcher, war ihr Gemahl, Harry's Beſchützer, der gute Viscvunt von Caſtlewvod. Alle ſeine Wünſche waren ihr Geſetze. Litt er an Kopfweh, ſo war ſie unwohl. Runzelte er die Stirn, ſo zitterte ſie. Spaßte er, ſo lächelte ſie und war bezaubert. Ging er auf die Jagd, ſo ſtand ſie ſtets am Fenſter, um ihn wegreiten zu ſehen, wobei ſie ihr kleines, krähendes Söhnchen auf dem Arme hielt, und eben ſo lag ſie dann ordent⸗ lich auf der Lauer, um ihn zurückkommen zu ſehen. Sie bereitete ſelbſt gewiſſe Lieblingsſpeiſen für ihn, würzte ihm ſeinen Wein, röſtete das Brod, das er beim 120 Frühſtücke zu ſeinem Getränke brauchte, machte, daß im Hauſe Alles ſtill war, wenn er in ſeinem Armſtuhle ſchlief, und ſuchte, bei ſeinem Erwachen, ſeinen erſten Blick zu erhaſchen. War my Lord auf ſeine Schönheit nicht wenig ſtolz, ſo betete my Lady dieſelbe an. Sie ſchmiegte ſich an ſeinen Arm an, wenn er die Terraſſe auf⸗ und abging, und dann ſchlangen ſich ihre zwei ſchönen Händchen um ſeine große Hand; nie wurden ihre Augen es müde, ihm in's Geſicht zu ſchauen und ſich über deſſen Vollkommenheit zu verwundern. Ihr kleiner Sohn war ſein Sohn, und ſeines Va⸗ ters Blick und krauſes, braunes Haar. Ihre Tochter Beatrix war ſeine Tochter und hatte ſeine Augen: — hatte es je ſo ſchöne Augen auf der Welt gegeben? Das ganze Haus war ſo geordnet, daß Behaglich⸗ keit und Vergnügen für ihn daraus entſpringen mußte. Sie ſah es ſehr gern, wenn die kleine Gentry*) aus der Umgegend auf das Schloß kam und ihm den Hof machte; und da ſie ſich nie viel darum kümmerte, ſelbſt bewundert zu werden, ſo mußten diejenigen, welche bei der Lady in Gunſt ſtehen wollten, ihn bewundern. Da ſie nicht prunkſüchtig war, ſo trug ſie oft ein Kleid, bis es in Fetzen zerfiel, weil es einſt ihrem Gemahl gefallen hatte; und wenn er ihr ein Mal eine Broche oder ein Band brachte, ſo zog ſie ſelbe ſtets den koſt⸗ barſten und theuerſten Artikeln ihrer Garderobe vor. Alle Jahre ging my Lord auf ſechs Wochen nach London, und da die Familie zu arm war, um bei Hofe mit Glanz zu figuriren, ſo ging er immer allein. Nicht *) Gentry = die Claſſe zwiſchen dem Adel und dem Volke, ſo wie, in weiterem Sinne, die Claſſe zwi⸗ ſchen den Baronen und Yeomen;alſo nicht nurdie eigent⸗ lichen Gentlemen, ſondern auch der ganze niedere Adel, Landadel, Knights, Csquires. höhere und nie⸗ dere Baronen und Staatsbeamten. 121 eher, als bis er ihren Blicken entſchwunden war, zeigte ihr Geſicht Spuren des Kummers, und wie groß war nicht die Freude, wenn er zurückkam! Welche Vorbe⸗ reitungen und Zurüſtungen vor ſeiner Rückkehr. Das zärtliche Geſchöpf ſtellte immer ſeinen Armſtuhl an die Kaminecke, — ſetzte ihre Kinder darein, und fand ihre höchſte Wonne darin, ſie ſo anzublicken. An der Tafel durfte Niemand ſeinen Platz einnehmen; aber ſein ſil⸗ berner Deckelkrug ſtand immer dort, wie wenn my Lord da geweſen wäre. Auch war es ein hübſcher Anblick während my Lords Abweſenheit oder an jenen zahlreichen Morgen, wo Schlaf oder Kopfweh ihn im Bette zurückhielt, dieſe ſchöne junge Lady von Caſtlewood das Morgengebet der engliſchen Hochkirche leſen zu ſehen: ihre kleine Toch⸗ ter ſaß dabei auf ihrem Schvoße, und ihre Domeſtiken waren um ſie her verſammelt. Esmond konnte lange nicht vergeſſen, wie ſie ausſah und ſprach, während ſie ſo andächtig vor dem heiligen Buche kniete, und die Sonne auf ihr goldenes Haar ſchien, bis dieſelbe einen Heiligenſchein um ſie her bildete. Ein Dutzend Dome⸗ ſtiken, ſo zum Hauſe gehörten, knieten in einer Reihe herum, ihrer Gebieterin gegenüber; denn eine Zeit lang hielt ſich Harry Esmond von dieſen Myſterien fern, als aber Dr. Tuſher ihm bewies, daß die vor⸗ geleſenen Gebete die Gebete der Kirche zu allen Zeiten geweſen, und da der Knabe in ſich ſelbſt einen Trieb verſpürte, ſtets ſo nahe wie möglich um ſeine Gebieterin zu ſein, und Alles, was dieſelbe that, für recht zu halten, ſo gab er es bald auf, den Gebeten in dem Vorzimmer zuzuhören, und kniete mit den übrigen An⸗ gehörigen des Hauſes im Parlour nieder; und ehe noch ein Paar Jahre verſtrichen waren, hatte my Lady ihn gründlich bekehrt. In der That liebte der Knabe ſeine ſchöne Kate⸗ chetin ſo ſehr, daß er zu Allem, was ſie ihn geheißen 5 122 hätte, ſeine Zuſtimmung gegeben und es ausgeführt haben würde. Nie wurde er es müde, ihren liebevol⸗ len Geſprächen und einfachen Commentaren über das Buch zu lanſchen, das ſie ihm mit einer Stimme vor⸗ las, deren ſüßen Ueberredungsgabe und deren zart zum Herzen ſprechenden Freundlichkeit es ſchwer war, zu widerſtehen. Dieſe freundſchaftlichen Controverſen und die Vertraulichkeit, welche ſie in ihrem Gefolge führten, feſſelten den Jungen mehr denn je an ſeine Gebieterin. Es war dieß ohne Zweifel die glücklichſte Periode ſeines ganzen Lebens; und die junge Mutter las, und arbeitete, und ſpielte mit ihrer Tochter, und ihrem Sohne, und dem Waiſenknaben, dem ſie ihre Protection angedeihen ließ, und Alle waren ſo Kinder mit einan⸗ der. Wenn die Lady ihre Blicke in die Zukunft warf, — und welche liebende Frau thut es nicht? — ſo hatte ſie keinen Plan, wobei Harry Esmond ausgeſchloſſen geblieben wäre; und tauſend und aber tauſend Mal ge⸗ lobte der Knabe in ſeiner leidenſchaftlichen und unge⸗ ſtümen Weiſe, daß keine Macht der Erde ihn je von ſeiner Gebieterin trennen ſollte; und Alles, um was er den Himmel bat, war, daß er ihm eine Gelegenheit geben möchte, ihr ſeine Treue zu zeigen. Jetzt, wo er am Abend ſeines Lebens ſo daſitzt, und ſich ruhig der glücklichen und wechſelvollen Scenen deſſelben erinnert, kann er nicht ohne ein gewiſſes in⸗ nerliches Wohlbehagen denken, daß er jenem frühen Gelübde tren geblieben iſt. Ein ſolches Leben iſt ſo einfach, daß Jahre in wenige Zeilen zuſammengedrängt werden können. Aber wenige Reiſen durchs Leben ſind beſtimmt, durchaus glücklich zu ſein, und die Windſtille, von der wir gerade ſprechen, ſollte bald zu Ende gehen. Während Esmond groß wurde, und für ſich ſelbſt beobachtete, mußte er nothwendig finden, daß es für 123 ihn außerhalb des liebevollen Verwandtenzirkels, der ihn in ſeinen Schvoß aufgenommen, Vieles zu leſen und zu denken gab. Er las mehr Bücher, als man mit ihm zu ſtudiren geneigt war; war inmitten des Familienzirkels gar oft allein, und brachte ganze Nächte über Arbeiten zu, die vielleicht nichtsſagend und eitel waren, wobei ſeine Verwandten aber ihm nicht Geſell⸗ ſchaft leiſten konnten. Seine theure Gebieterin aber errieth ſeine Gedan⸗ ken mit ihrer gewöhnlichen eiferſüchtigen liebevollen Wachſamkeit: ſie fing an, eine Zeit zu ahnen, wo er dem heimathlichen Reſte entfliehen würde, und pflegte, wenn er ſie durch ſeine eifrigſten Proteſtationen vom Gegentheile zu überzeugen ſuchte, bloß zu ſeufzen und den Kopf zu ſchütteln. Ehe dieſe ſchickſalsſchwangeren Beſchlüſſe im Leben ausgeführt werden, ſind immer geheime Ahnungen und gewiſſe Anzeichen und Vorbe⸗ deutungen vorhanden, welche auf dieſelben vorbereiten. Wenn noch Alles ſtill und ruhig ſcheint, fühlen wir, daß ein Sturm im Anzuge iſt. Und ehe ſo noch die glücklichen Tage vorüber waren, fühlten wenigſtens zwei Glieder jenes häuslichen Kreiſes, daß dieſe Tage nun bald enden ſollten; und waren unruhig, und ſchauten nach der Wolke umher, die ihre Ruhe trüber, und der Windſtille ein Ende mckhen ſollte. Harry konnte, ſo ſehr auch my Lady in ihrem Gehorſam und in ihrer Bewunderung für ihren Gatten beharrte, doch leicht ſehen, daß my Lord ſeines ruhigen Lebens allmälig überdrüſſig wurde, und daß er der zarten Bande, womit ſeine Frau ihn gern feſt gehalten hätte, müde ward, bis endlich dieſer Zuſtand bei ihm in Murrſinn überging. Gleichwie man ſagt, der große Lama von Thibet werde in die Länge ſeines göttlichen Charakters herzlich müde, und gähne auf ſeinem Altare, während ſeine Bonzen um ihn herknien und ihn an⸗ 124 beten, alſo wird auch gar mancher Hausgott der Ehr⸗ erbietung, womit ſeine Familienangehörigen ihn ver⸗ folgen, herzlich müde: er ſeufzt nach Freiheit, und ſehnt ſich nach ſeinem alten Leben, und möchte gern von dem Piedeſtal herabſteigen können, worauf ſeine Angehörigen ihn immer und ewig ſitzen laſſen möchten, während ſie ihn anbeten, und ihm mit Blumen, und Hymnen, und Weihrauch, und Schmeicheleien zuſetzen. So fing, nach einigen Jahren ehelichen Lebens, der gute, ehrliche Lord Caſtlewood an, ſeiner Exiſtenz überdrüſſig zu werden; all das grenzenloſe Entzücken und all die andächtig enthuſiaſtiſchen Ceremonien, wo⸗ mit ſeine Fran, ſeine Oberprieſterin, ihn bedachte hat⸗ ten zuerſt die Wirkung, daß er dabei einſchlief und ſpäter trieben ſie ihn aus dem Hauſe; denn es muß die Wahrheit geſagt werden, daß my Lord ein luſtiger Gentleman war, in deſſen Natur gar wenig Höheres oder Göttliches lag, obgleich ſeine liebevolle Frau die⸗ ſelbe beharrlich ver ehrte. Und zudem hatte er für dieſe Liebe auch eine Strafe zu bezahlen, die Leute von ſeiner Gemüthsart ſelten zu entrichten belieben; mit einem Worte, hatte er eine liebeerfüllte Frau, ſo war dieſelbe auf der andern Seite ſehr eiferſüchtig und vielfordernd. Dann wurde er dieſer Eiferſucht müde: dann entzog er ſich dein Joche derſelben; dann kamen ohne Zweifel Klagen und Gegenbeſchuldigungen; dann vielleicht Verſprechungen, daß man ſich beſſern wolle — Verſprechungen, die wohl aber unerfüllt blieben; dann Vorwürfe, die darum nicht angenehmer waren, weil ſie ſtumm waren, und weil bloß traurige Blicke und thrä⸗ nenvolle Angen ſie ausſprachen. Dann kam das Paar vielleicht in jenem andern Stadium an, das im ehe⸗ lichen Leben gar nicht ungewöhnlich iſt, — das Sta⸗ dium, wo die Frau bemerkt, daß der Gott der Flitter⸗ wochen kein Gott mehr iſt, ſondern ein bloßer Sterb⸗ licher, wie wir Alle. Sie wirft alſo einen Blick in ihr * ———— —,——————— 125 Herz, und ach, was findet ſich dann dort vor! varmas sedes et inania arcana. Und nun wollen wir annehmen, unſere Dame habe ſelbſt viel Geiſt und glänzenden Witz, und es ſei der magiſche Zauber und die Verblendung von ihr gewichen, die ſie veranlaßt, einen ganz gewöhnlichen Sterblichen als einen Gott zu verehren: — was folgt dann? Sie leben zuſammen und ſpeiſen zuſammen, und heißen einander, wie früher, „mein Theuerſter“ und „meine Liebe;“ aber der Mann iſt nun für ſich ſelbſt, und die Frau gleichfalls: jener ſüße Liebestraum iſt nun vor⸗ über, wie alles Andere im Leben nun vorüber iſt; wie Blumen und Wuth, und Kummer und Freude vor⸗ über ſind. Höchſt wahrſcheinlich hatte Lady Caſtlewvod ſelbſt ſchon lange, ehe ſie ſich von ihrer knienden Stellung erhob, oder ehe ſie ihren Hausangehörigen erlauben wollte, in der ihm gezollten Verehrung nachzulaſſen, aufgehört, ihren Gatten anzubeten. Indeſſen müſſen wir my Lord die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er dieſe unterthänigſten Huldigungen nie verlangte: er lachte, und ſpaßte, und trank ſeine Flaſche, und fluchte, wenn er zornig war, in einer viel zu ordinären und ver⸗ traulichen Weiſe, als daß er auf den Rang eines Halbgottes hätte Anſpruch machen können; auch that er, was in ſeinen Kräften ſtand, um ein Loch in das Ceremoniell zu machen, womit ſeine Frau ihn zu umgeben beliebte. Auch brauchte der junge Esmond nicht allzu einbildiſch zu ſein, um zu ſehen, daß ſein Kopf beſſer ſei, als der ſeines Schutzherrn, der auch dem Jungen, oder irgend einem ſeiner Untergebenen gegenüber nie eine geiſtige Ueberlegenheit geltend machte, es ſei denn, daß er mißvergnügt war, in welchem Falle er ſeine Meinung, in der Form von Flüchen, ſehr frei und ohne mit Worten zu kargen, ausdrückte; — und der, im Gegen⸗ theil, „Pfarrer Harry,“ wie er den jungen Esmond 126 nannte, vielleicht dadurch verderbte, daß er ihn wegen ſeines guten Kopfes beſtändig lobte, und daß er die gelehrten Schätze des Knaben allzuſehr bewunderte. Es mag bei einer Perſon, die von ihrem Schutz⸗ herrn tauſend Gunſtbezeugungen erhalten, unfein er⸗ ſcheinen, wenn ſie von älteren Perſonen in nicht ganz ehrerbietigem Tone ſpricht; aber Schreiber dieſes hat ſelbſt Nachkommen gehabt, die er mit einem möglichſt geringen Maße von jener Servilität erzogen hat, welche dermalen Eltern von ihren Kindern fordern (— unter welcher Maske von Pflicht garoft Gleichgültigkeit, oder Verachtung, oder Empörung lauert —): und gleichwie er wünſcht, daß ſeine Enkel ihn um keinen Zoll größer glauben oder darſtellen, als Mutter Natur ihn gemacht, ſo möchte er auch über ſeine früheren Bekanntſchaften und Freunde ohne Zorn, aber mit Wahrheit, ſofern er die⸗ ſelbe nämlich kennt, ſprechen, und weder Etwas beſchö⸗ nigen, noch in böslicher Geſinnung niederſchreiben. So lange daher Lord Caſtlewvod Alles nach Wunſch ging, war er immer ſo ziemlich bei guter Laune: von Natur luſtig und umgänglich, liebte er es, insbeſondere mit Leuten zu ſpaſſen, die in Beziehung auf Rang unter ihm ſtanden, und Richts freute ihn mehr, als den Tribut ihres Gelächters zu empfangen. In allen Leibungsübungen war er ein ſeltener Meiſter: er ſchoß mit ſeltener Virtuofität ſowohl nach der Scheibe, als nach vierfüßigen Thieren und Vögeln; verſtand es meiſterlich, Pferde zu bändigen; er war ein trefflicher Ringelrenner, ein trefflicher Scheibenwerfer, und ent⸗ wickelte überhaupt bei allen Arten von Spielen eine ungewöhnliche Virtuoſität. Und nicht allein war er in allen dieſen Dingen Virtuos, ſondern glaubte auch, daß er es ſei; deßhalb wurde er oft mit Pferden be⸗ trogen, die er beſſer, als irgend ein Jockey, zu kennen vermeinte; — deßhalb wurde er oft im Ball⸗ und Billardſpiele von Gaunern betrogen, die ihm ſein Geld 127 abjagten; — und deßhalb kam er, ſo oft er nach Lon⸗ don ging, bedeutend ärmer zurück, wie der Stand ſei⸗ nes Vermögens zeigte, als ſich der plötzliche Unglücks⸗ fall ereignete, wodurch ſeine Laufbahn zu Ende gebracht wurde. Er hielt ungemein viel auf den Putz, und brachte jeden Tag, gleich einer ältlichen Kokette, viele Stunden an ſeinem Toilettentiſch zu. Der zehnte Theil ſeines Tages verſtrich damit, daß er an ſeinen Zähnen herum⸗ bürſtete und ſein Haar einölte, das kraus und braun war, und das er nicht unter einer Perrücke verbergen mochte (— damals war das Tragen von Perrücken faſt allgemein Sitte: heut zu Tage haben wir die Freiheit wieder erlangt, unſer Haar ſo zu tragen, wie wir wollen, das heißt, wenn man Puder und Pomade da⸗ bei abrechnet. Ich möchte wohl wiſſen, wann ein Mal dieſe monſtröſen Kopfſteuern aufhören werden, und wann ein Mal die Leute wieder ihre Farben, ſchwarz, roth oder grau, wie die Ratur ſie gemacht, wieder tragen dürfen —). Und da er ſeine Freude daran hatte, ſeine Gemahlin ſchön friſirt zu ſehen, ſo ließ ſich dieſe keine Mühe verdrießen, um ihm auch in dieſem Stücke zu Gefallen zu leben; in der That hätte ſie ihr Haar, wenn er es verlangt hätte, in jeder beliebigen Weiſe geordnet, oder es auch abgeſchnitten. Der junge Esmond, der my Lord und my Lady als Page bediente, konnte ſich nicht genug wundern, Tag für Tag jeder Geſellſchaft, die da kam, von my Lord die nämlichen Lachen erregenden Geſchichten er⸗ zählen zu hören, worüber ſeine Gemahlin nie verfehlte, ju lächeln, oder verſchämt niederzuſehen, und Dr. Tuſher, ei der rechten Stelle, in ein wieherndes Gelächter aus⸗ zubrechen, oder „Pfui, my Lord, denken Sie doch an mein Tuch!“ auszurufen, jedoch mit einem ſo ſchwachen Anſchein von Widerſtand, daß my Lord ſich dadurch nur aufgefordert fühlen konnte, fortzufahren. Lord 128 Caſtlewvod's Geſchichten wurden, wenn beim Diner das Ale und ſpäter die Flaſche getrunken war, immer ſtärker und ſaftiger, ſo daß my Lady, ſobald das erſte Glas auf das Wohl der Kirche und des Königs ge⸗ trunken war, ſtets ſich auf die Flucht begab, und die Herren die übrigen Tyaſte allein trinken ließ. Und da Harry Esmond ihr Page war, ſo ward er auch um dieſe Zeit immer von ſeinem Dienſte im Speiſeſaale abgerufen. My Lady pflegte zu dem Jungen zu ſagen: „My Lord hat in der Armee und unter Soldaten gelebt, bei denen eine ziemlich zügelloſe Sprache herrſcht. Sie ſind in anderer Weiſe erzogen worden, und ich hege das Vertrauen, daß ſich dieß ändern wird, wenn Du noch mehr an Jahren zunimmſt; nicht als ob my Lord deßhalb zu tadeln wäre, der einer der beſten, würdig⸗ ſten und religiöſeſten Männer in dieſem König⸗ reiche iſt.“ Und höchſt wahrſcheinlich glaubte ſie auch, daß er das ſei. Es iſt doch ſonderbar, was nicht Alles ein Mann thun kann, ohne daß ſeine Frau aufhört, ihn für einen Engel zu halten. Und da Esmond die Wahrheit zu ſeinem Motto genommen, ſo muß, ſelbſt in Beziehung auf jenen an⸗ dern Engel, ſeine Gebieterin, zugeſtanden werden, daß ſie einen Charakterfehler hatte, der ihren vielen Tugen⸗ den und Vollkommenheiten einigen Abbruch that. Gegenüber von dem andern Geſchlechte vollkommen tolerant, ſanft und freundlich, war ſie auf ihr eigenes ungeheuer eiferſüchtig, und ein Beweis, daß ſie dieſen Fehler hatte, iſt, daß, obgleich ſie gerne tauſend Fehler zuzugeben bereit war, die ſie nicht beſaß, ſie doch nie bewogen werden konnte, den Fehler zuzugeben, den ſie gerade hatte. Es konnte daher kein Frauenzimmer, das auch nur 129 einen Anſchein von Schönheit hatte, nach Schloß Caſtle⸗ wood kommen, ohne daß my Lady an demſelben Etwas zu tadeln gewußt hatte; und es war dieß ſo gewiß, daß my Lord, in ſeiner luſtigen Weiſe lachend, ſie oft mit dieſer ihrer Schwäche aufzog. Kamen hübſche Dienſtmädchen nach dem Schloſſe, um ſich dort zu ver⸗ dingen, ſo wurde gewiß nie eine angenommen. Die Haushälterin war alt; my Lady's Kammerfrau war neben dem, daß ſie ſchielte, mit Pockennarben geſegnet; die Hausmädchen und die Spülmagd waren gewöhn⸗ liche Dirnen vom Lande, gegen die Lady Caſtlewood, ihrer Natur gemäß, giütig und freundlich war; kaum aber hatte ſie es mit einem hübſchen Frauenzimmer zu thun, ſo war ſie kalt, hochmüthig, und wortkarg. Die Damen vom Lande fanden dieſen Fehler an ihr; und obgleich alle Männer ſie bewunderten, ſo be⸗ klagten ſich doch ihre Frauen und Töchter über ihre Kälte und ihr vornehmes Weſen, und ſagten, Caſtle⸗ wood ſei zu Lady Jeſebel's Zeiten — wie die ver⸗ wittwete Vicomteſſe kurzweg genannt wurde —) ange⸗ nehmer geweſen, und es ſei dort luſtiger zugegangen, als dermalen. Einige wenige von den Damen, welche uns be⸗ ſuchten, ſtanden auf der Seite meiner Gebieterin. So nahm die alte Lady Blenkinſop Jointure, die zu König Jakobs, des Erſten, Zeiten bei Hofe geweſen war, ſtets ihre Partei; ein Gleiches that die Miſtreß Crvokſhank, Biſchof Crookſhank's Tochter von Herton, die, mit noch einigen Frauenzimmern ihres Schlags, my Lady für einen wahren Engel erklärte. Wer aber nicht dieſer Anſicht war, das waren die hübſchen; und es war allenthalben die Meinung verbreitet, my Lord laſſe ſich von ſeiner Frau gängeln und ſtehe unter dem Pan⸗ toffel. . Der zweite Kampf, den Harry Esmond zu beſtehen Henry Esmond. l. 5 130 hatte, fand Statt, als er vierzehn Jahre alt war. Bryan Hawkſhaw, Sir John Hawkſhaw's Sohn, von Bramblebrook, der ſich erkühnte, die Meinung aufzu⸗ ſtellen, my Lady ſei eiferſüchtig und halte my Lord nnter dem Pantoffel, verſetzte nämlich Harry in eine ſolche Wuth, daß dieſer über ihn herfiel, und zwar mit ſolcher Heftigkeit, daß der andere Knabe, der zwei Jahre älter, und weit größer und ſtärker war, als er ſelbſt, dabei gar übel gefahren war und bei Weitem die meiſten Schläge davon getragen hatte, bis das Pugilat durch den aus dem Speiſeßrule herauskommenden Dr. Tuſher unterbrochen wurde. Bryan Hawkſhaw ſtand auf und blutete aus der Naſe, da er, wie es vielen noch Stärkeren hätte er⸗ gehen können, durch die Wuth des Angriffes überraſcht worden war. „Du kleiner Bettler! Du elender Baſtard!“ ſagte er. „Dafür mußt Du das Leben laſſen: ich bringe Dich um!“ Auch war er wirklich groß genug dazu. „Baſtard oder nicht,“ ſprach der Andere, mit den Zähnen knirſchend, „aber ich habe ein Paar Degen, und wenn Du ſo viel Courage haſt, um Dich heute Nacht auf der Terraſſe mit mir zu meſſen —“ Und da hier der Doctor herbeikam, ſo endigte das Zwiegeſpräch der zwei jungen Kämpfer. Höchſt wahrſcheinlich kag es Hawkſhaw, ſo groß er auch war, nicht ſonderlich daran, mit einem ſo wüthenden und blutdürſtigen Feinde den Kampf fort⸗ zuſetzen. „ „ Achtes Kapitel. Auf Glück folgt Unglück. Seitdem my Lady Mary Wortly Montagu aus der Türkei die Sitte der Inoculation nach England verpflanzte (— Manche halten ſie für etwas Gefähr⸗ liches und bloß für eine unnütze Herausforderung der Gefahr —), hat, glaube ich, die Heftigkeit der Blattern, jener furchtbaren Plage des Menſchengeſchlechts, ſich wenigſtens in unſerem Theile der Welt ein wenig ver⸗ mindert. Ich kann mich noch recht wohl erinnern, wie zu meiner Zeit Hunderte junger und ſchöner Perſonen in Folge derſelben ein Opfer des Grabes geworden, oder von ihrem Bette furchtbar benarbt und entſtellt wieder aufgeſtanden ſind. Mauch holdes Geſicht hat ſeine Roſen auf dem Bette gelaſſen, auf welches dieſe furchtbare, allverheerende Krankeit ſie geworfen. In meiner Jugendzeit mähete dieſe Peſt, wenn ſie in ein Dorf kam, die Hälfte von deſſen Bewohnern dahin: bei ihrer Annähernng beunruhigten ſich, wie man ſich wohl denken kann, nicht bloß die Schönen, ſondern auch die Stärkſten, und wer fliehen konnte, der floh. Es war im Jahr 1694 (— ich habe gute Gründe, mich des Datums zu erinnern —), als eines Tags Pr. Tuſher nach Schloß Caſtlewvod heraufgelaufen kam. Sein Geſicht drückte Beſtürzung aus; er ſagte, die Krankheit ſei im Dorfe im Hauſe des Grobſchmieds ausgebrochen, und eine der Mädchen des Schmieds liege an den Blattern krank darnieder. Der Grobſchmied hatte, neben ſeiner Schmiede und ſeinem Hufeiſen, eine Bierwirthſchaft für Männer; 137 letztere führte ſeine Frau, und die Gäſte ſaßen auf Bänken vor der Thüre des Wirthshauſes und ſahen dem Schmieden zu, während ſie ihr Bier tranken. Nun aber befand ſich in dieſem Wirthshauſe ein hübſches Mädchen, eine Tochter des Gaſtwirths, Nancy Sieve⸗ wright genannt. Sie war eine dicke, quatſchelige Dirne von überaus friſchem Ausſehen, und ihr Geſicht war ſo roth, wie die Roſenpappeln über den Zaunſtecken des Gartens hinter dem Wirthshanſe. Um jene Zeit war Harry Esmond ein Vurſche von ſechzebn Jahren, und es fügte ſich, aus einem oder dem andern Grunde, auf ſeinen Spaziergängen gar oft, daß er Nancy Sievewright's hübſches Geſicht zu ſehen bekam. Hatte er nicht gerade Etwas beim Grobſchmiede machen zu laſſen, ſo ging er in das Wirthshaus zu den drei Schlöſſern, um dort Ale zu trinken, oder aber fand er dann irgend einen Vorwand, um dieſe arme Nancy zu ſehen. Der arme Harry dachte dabei auch nicht entfernt etwas Arges, und ſie, ohne Zweifel, ebenſo wenig; aber die Wahrheit iſt, daß ſie ſtets zuſammen trafen, — daß ſie ſtets einander ſahen. — ſei es in den Heckenwegen, oder an dem Bache, oder an dem Gartenzaune, oder in der Nähe von Caſtlewvod. Gar oft hieß es in der Woche: „Ach, Du Gott! Mr. Henry, —“ und „wie geht es, Nancy?“ Es iſt etwas Erſtaunliches um die magnetiſche Anziehung, welche Leute einander nähert, wenn ſie einander auch noch ſo ferne ſtehen. Ich er⸗ röthe, wenn ich jetzt an die arme Nancy denke, die eine rothe Schnürbruſt, einen Unterrock von Canevas, und ſo ſchöne purpurrothe Wangen hatte; — und daß ich Pläne erſann, und Fallen legte, und in meinem Herzen Reden ausdachte, die ich ſelten den Muth hatte, an ihre Adreſſe zu befördern, wenn ich mich vor dieſer beſcheidenen und niedrig geborenen Zauberin befand, die ſonſt Nichts verſtand, als eine Kuh zu melken, und 133 die ihre großen ſchwarzen Angen voller Verwunderung aufriß, wenn ich eine meiner ſchönen, fein geſetzten Reden hielt, wozu Waller oder Ovid mir das Material geliefert hatten. Arme Nancy! Aus dem Rebel fern liegender Jahre ſtrahlt Dein ehrliches bäuriſches Geſicht hervor; und ich erinnere mich noch Deiner freundlichen Stimme, wie wenn ich dieſelbe erſt geſtern gehört hätte. Als Dr. Tuſher nach Caſtlewvod die Kunde brachte, daß die Blattern in den „drei Schlöſſern“ ausgebro⸗ chen ſeien, wohin ein Landſtreicher die Krankheit ge⸗ bracht haben ſollte, war der erſte Gedanke Harry Es⸗ mond's ein Gedanke der Angſt und der Unruhe für die arme Nancy, und dann ein Gedanke der Scham und der Unruhe für die Caſtlewvod'ſche Familie, in⸗ dem er befürchtete, daß er die Seuche bereits nach dem Schloſſe gebracht; denn die Wahrheit iſt, daß Mr. Harry an eben dieſem Tage eine Stunde lang in einem Hinterzimmer geſeſſen war, wo Nancy Sievewright bei einem kleinen Bruder war, der ſich über Kopfweh be⸗ klagte, und entweder, neben der Kaminecke, in einem Stuhle, oder in Nancy's Schvoß, oder auf dem meini⸗ gen, betäubt gelegen und geſchrien hatte. Die kleine Lady Beatrix that einen großen Schrei, als ſie dieſe Nachricht aus dem Munde Pr. Tuſher's vernahm; und my Lord rief: „Gott ſei mir gnädig!“ Er war ein muthiger Mann, der den Tod in keiner Geſtalt, als nur in dieſer, fürchtete. Er war ſehr ſtolz auf ſein friſches Ausſehen, ſeine roſige Geſichtsfarbe und auf ſein ſchönes Haar; — aber der Gedanke, an der Blatterkrankheit ſterben zu müſſen, jagte ihm eine übermäßige Furcht ein. „Morgen fahren wir mit den Kindern nach Walcote,“ ſetzte er dann hinzu. Es war dieß ein kleines Landhaus, das my Lord in der Nähe von Wincheſter beſaß, und das er von ſeiner Mutter geerbt hatte. — = —— —— 134 „Es iſt dieß die beſte Zufluchtsſtätte, falls die Krankheit ſich weiter verbreitete,“ ſprach Dr. Tuſher. „Es iſt etwas Furchtbares, denken zu müſſen, daß ſie zuerſt in dem Bierhauſe ausgebrochen. Das halbe Dorf iſt heute ſchon entweder in dem Wirthshauſe oder in der Schmiede geweſen, was eines und daſſelbe iſt. Mein Küſter *) Simons wohnt bei den Leuten: — wie mache ich es denn nur, um den Mann nicht ſo in meiner Nähe zu haben, wenn ich am Chorpulte ſtehe? Der Mann darf mir nicht nahe kommen: es geht ein für alle Mal nicht.“ „Wenn aber eines Ihrer Beichtkinder an den Blattern todkrank darnieder läge, und nach Ihnen ſchickte, — was würden Sie da thun? Würden Sie da nicht gehen?“ fragte my Lady, von ihrem Stickrahmen mit ihren ruhigen blauen Augen aufblickend. „So wahr Gott lebt, ich würde nicht hingehen,“ ſprach my Lord. „Wir leben in keinem papiſtiſchen Lande: und ein Kranker braucht nicht ſchlechterdings die Abſolution und die Beichte,“ ſprach der Doctor. „Zwar ſind für den Be⸗ treffenden Beide ein Troſt und eine Hilfe, wenn ſie er⸗ reichbar ſind, und wenn ſie mit einer Hoffnung auf gnten Erfolg adminiſtrirt werden. In einem Falle aber, wo das Leben eines Geiſtlichen inmitten ſeiner Herde dieſer von hohem Werthe iſt, braucht er es (— und damit auch das Leben, die Ausſichten, das zeitliche, ja ſogar das geiſtliche Wohlergehen ſeiner Familie —) nicht auf das Spiel zu ſetzen, um einer einzigen Perſon willen, von der nicht einmal anzuneh⸗ men iſt, daß ſie ſich in einer Lage befinde, um die religiöſe Botſchaft zu verſtehen, deren Bringer der Prieſter iſt. Ein folcher Fall würde eintreten, wenn „ Clerk = der Laie, der beim anglifaniſchen Gottes⸗ dienſte die Reſponſen liest, Sacriſtan, Lector. — — 135 die betreffende Perſon keine Erziehung hätte, oder in Folge der Krankheit ganz betäubt, oder nicht bei Sin⸗ nen wäre. Sollten Ew. Ladyſchaft oder Seine Lord⸗ ſchaft, mein trefflicher guter Freund und Patron, die Krankheit bekommen —“ „Da ſei Gott für!“ rief my Lord. „Amen!“ fuhr Dr. Tuſher fort. „Ich ſage Amen zu dieſem frommen Wunſche, gütigſter Lord! Denn um Ihretwillen würde ich mein Leben opfern!“ Und nach der Angſt zu urtheilen, die ſich in dem purpurrothen Geſichte des Doctors ausdrückte, hätte man glauben können, es ſolle dieſes Opfer alsbald ver⸗ langt werden. Die Kinder zu lieben und mit ihnen artig zu ſein, war bei Harry Esmond mehr ein Inſtinct, als ein Verdienſt; und es war dieß ſo wahr, daß er faſt mit einer Art Scham an ſeine Kinderliebe und an die Sanftheit dachte, wozu dieſelbe ihn verleitete; und ge⸗ rade an dieſem Tage hatte der arme Burſche nicht bloß ſeinen jungen Freund, das Brüderchen des Milchmäd⸗ chens, auf ſeinen Knien gehabt, ſondern er hatte auch für den kleinen Frank Caſtlewood, der nach dem Mit⸗ tagsmahl eine Stunde lang denſelben Platz eingenom⸗ men hatte, und der Erzählungen Harry's, ſowie der Sol⸗ daten und der Pferde, die dieſer ihm malte, nie müde ward, Bilder gemalt und ihm Geſchichten erzählt. Das Glück hatte gewollt, daß Beatrix an jenem Abende ihren gewohnten Platz nicht eingenommen hatte, den ſie ſonſt auf dem Schvoße ihres jungen Lehrers ſo gern und ſo eifrig einnahm. Denn Beatrix war, von ihrer früheſten Jngend an, auf jede Liebkoſung eifer⸗ ſüchtig, deren Gegenſtand ihr kleiner Bruder Frank war. Es ging dieß ſo weit, daß ſie ſogar den mütter⸗ lichen Armen entrannte, wenn ſie ſah, daß Frankvor ihr dort geweſen; ſo daß Lady Esmond ſich genöthigt ſah, vor dem kleinen Mädchen ihre Liebe zu ihrem Sohne nicht 136 zu zeigen, und das eine oder das andere ihrer Kinder allein zu umarmen. Sie pflegte vor Wuth ganz blaß und roth zu werden, wenn ſie Zeichen des Einverſtänd⸗ niſſes oder der Liebe zwiſchen Frank und ſeiner Mutter gewahrte; pflegte ganz allein zu ſitzen und während eines ganzen Abends nicht zu ſprechen, wenn ſie glaubte, der Knabe habe eine beſſere Frucht oder ein größeres Stück Kuchen, als ſie, bekommen; pflegte ein Band wegzuwerfen, wenn er eines hatte; und pflegte ſchon als ganz kleines Kind, wenn ſie in ihrem Stühlchen, neben dem großen Kamine, der Ecke gegenüber ſaß, wo Lady Caſtlewood gewöhnlich an ihrer Stickerei ar⸗ beitete, Sarkasmen über die ihrem Bruder erzeigte Gunſt hören zu laſſen. Wenn dieſe Sarkasmen in Gegenwart Lord Caſtle⸗ wood's ausgeſprochen wurden, ſo amüſirte es ihn; dann ſtellte er ſich, als liebe er Frank am Meiſten, wiegte ihn auf den Armen, und küßte ihn, und brach über die Eiferſucht der kleinen Beatrix in ein ſchallendes Gelächter aus. Die Wahrheit aber iſt, daß my Lord nicht allzu oft Zenge dieſer Stene war, und daß er die Stille der Kaminecke, an der ſeine Gemahlin manchen langen Abend zubrachte, nicht ſehr oft ſtörte. So oft die Jahreszeit es erlaubte, jagte my Lord den ganzen Tag; er beſuchte alle Hahnenkämpfe und Märkte in der Um⸗ gegend; ritt oft zwanzig Meilen, um einen Fanſtkampf, oder eine Prügelei zu ſehen, bei der ſich zwei Kerls um eine Wette die Köpfe zerbrachen; auch ſaß er lieber in ſeinem Parlour, um allda mit Jack und Tom Ale und Punſch zu trinken, als in dem Salon ſeiner Frau, wohin er, wenn er ſich dort je ein Mal ſehen ließ, nur zu oft blutunterlaufene Angen, eine unſichere Stimme, den Schluchzer, und einen unſicheren Gang brachte. Die Führung des Hanſes und die Verwaltung des Vermögens, die Sorge für die Dorfarmen und die Aufſicht über die wenigen Grundholden, ſowie die 137 Rechnungsbücher waren in den Händen ſeiner Gemah⸗ lin und ihres jungen Secretärs, Harry Esmond's. Was my Lord betrifft, ſo beſorgte er den Pferdeſtall, das kntti⸗ und den Keller, — den er füllte und auch eerte. Es hatte ſich alſo zugetragen, daß an dieſem ſelben Tage, an dem der arme Harry Esmond ſowohl den Sohn des Grobſchmieds, als den des Pairs auf dem Schvoße gehabt, die kleine Beatrix, die mit ihrem Buche und ihrem Schreibhefte gar gern zu ihrem Lehrer kam, ihn verſchmähet hatte, als ſie den Platz von ihrem Bruder beſetzt fah, und ſie hatte, zum Glücke für ſie, an dem andern Ende des Zimmers ſern von ihm geſeſſen, hatte mit einem Hühnerhunde (— für den ſie von Zeit zu Zeit große Liebe an den Tag zu legen pflegte —) geſpielt, und, über die Schultern weg, zu Harry Es⸗ mond geſprochen, während ſie ſich ſtellte, als liebkoſete ſie den Hund, und geſagt, daß Fido ſie liebe und daß ſie Fido liebe, und daß ſie ihr Leben lang Richts als Fido lieben würde. Als daher die Nachricht anlangte, daß der kleine Knabe in den „drei Schlöſſern“ an den Blattern krank darnieder liege, fühlte ſich Harry Esmond auf's Hef⸗ tigſte beängſtigt, und zwar nicht ſowohl für ſeine eigene Perſon, als für den Sohn ſeiner Gebieterin, den er möglicher Weiſe in Gefahr geſtürzt. Beatrix, die jetzt genug geſchmollt hatte (— und die, ſo oft ein Frem⸗ der kam, faſt von ihrer erſten Kindheit an anfing, die kleine graziöſe, liebenswürdige Dame zu ſpielen, um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen —), ſtellte ſich, da ihr Bruder zu Bette gegangen war, an, ihren Platz auf Esmond's Schooß einzunehmen; denn obgleich der Doctor ihr in Allem zu Willen lebte, ſo liebte ſie ihn doch nicht, weil er (— wie die kecke Miß ſich auszu⸗ drücken beliebte —) dickſohlige Stiefeln und ſchmutzige 138 Hände hatte, und weil es ihr zuwider war, den Kate⸗ chismus zu lernen. In dem Augenblicke aber, wo ſie die Ecke, in der ſie bis dahec ſchmollend geſeſſen, verließ und auf Es⸗ mond zuging, fuhr dieſer zurück und ſtellte den großen Stuhl, auf dem er geſeſſen, zwiſchen ſich und ſie. Zugleich ſagte er in franzöſiſcher Sprache zu Lady Caſtlewood, mit welcher der Junge viel gekeſen, und die bei ihm, was die genannte Sprache betrifft, viel profitirt hatte: „Madame, das Kind darf nicht zu mir herkommen, denn ich will Ihnen nur ſagen, daß ich heute in dem Hauſe des Grobſchmieds geweſen, und daß ich den kleinen Knaben deſſelben auf dem Schooße gehabt habe.“ „Auf dem Sie nachher meinen Sohn gehabt,“ ſprach Lady Caſtlewvod, überaus zornig und roth wer⸗ dend. „Ich danke Ihnen dafür, daß ſie ihn mit ſolcher Geſellſchaft erfreut.“ „Beatrir,“ ſagte ſie dann auf Engliſch, „ich ver⸗ biete Dir, Mr. Esmond anzurühren. Komm' mit mir, mein Kind! Komm' auf Dein Zimmer! Komm' doch auf Dein Zimmer! — Ich wünſche Ew. Ehrwürden eine gute Nacht, — und Sie, Sir, wäre es nicht beſſer, wenn Sie zu Ihren Freunden im Bierhauſe zurück⸗ kehrten?“ . Ihre ſonſt ſo freundlichen Angen ſchoßen Blitze des Zorns, während ſie ſprach; und ſie warf, mit der Miene einer Fürſtin, ihren Kopf in die Höhe, den ſie ſonſt geſenkt hielt. „Heda! Heda!“ ſpricht my Lord, der neben dem Kamine ſtand, — er war jetzt in jenem Zuſtande, in dem er ſich um dieſe Stunde des Abends gewöhnlich befand, — „heda, heda, Rachel! Warum denn ſo zor⸗ nig? Damen ſollten nie zornig werden. Nicht wahr Doctor Tuſher? Obgleich ich geſtehen muß, daß es das 139 Auge erfreut, Rachel ein Mal zornig zu ſehen. Ich will verdammt ſein Lady Caſtlewvod, wenn Sie nicht im Zorne verteufelt hübſch ausſehen.“ „Ich bin zornig, my Lord, weil Mr. Harry Es⸗ mond, da er nicht wußte, was er hier mit ſeiner Zeit anfangen ſollte, und da er für unſere Geſellſchaft kei⸗ nen Geſchmack hat, im Bierhauſe geweſen iſt, wo er einige Freunde hat.“ My Lord brach in ein gewaltiges Gelächter und in einen Fluch aus. „Du junger, ſchlauer Kerl,“ ſprach er, „Du biſt bei Nancy Sievewright geweſen, he? Verdammt ſei der junge Heuchler! — wer hätte das hinter ihm geſucht? Hören Sie doch, Tuſher, er iſt der —“ „Genug, my Lord!“ ſagte my Lady „Inſultiren Sie mich nicht mit ſolchen Reden!“ „Ich gebe mein Wort,“ ſagte der arme Harry, der vor Scham und Aerger beinahe weinte, „die Ehre jener jungen Perſon iſt für mich vollkommeu un⸗ befleckt.“ „Oh, natürlich, natürlich!“ ſagt my Lord, mehr und mehr lachend und betrunken. „Hören Sie ein Mal, Doctor, er gibt ſein Ehrenwort, — daß Nancy Sv „Bring' Miſtreß Beatrix zu Bette,“ rief my Lady in dieſem Augenblicke ihrer Kammerfrau, Mrs. Tucker zu, die mit dem Thee Ihrer Ladyſchaft hereinkam. „Bring' ſie auf mein Zimmer, doch nein, bring ſie auf das Deinige,“ ſetzte ſie raſch hinzu. „Geh' mein Kind: geh', ſage ich; kein Wort!“ Und Beatrir ging, ganz erſtaunt über einen ſo plötzlichen Ton der Autorität von Seiten einer Perſon, die nur ſelten gewohnt war, die Stimme zu erheben, aus dem Zimmer hinaus, ganz verſcheucht und mit ver⸗ ſtörtem Geſichte: ja, ſie fing ſogar erſt dann zu weinen 140 an, als ſie mit Mrs. Tucker an der Thüre ange⸗ langt war. Dieſes Mal aber kümmerte ſich ihre Mutter nicht viel um ihr Schluchzen, ſondern fuhr fort, in heftigem Tone alſo zu ſprechen: „My Lord, dieſer junge Mann da, — Ihr Unter⸗ gebener und Schützling, — hat mir ſo eben in fran⸗ zöſiſcher Sprache geſagt (— er ſchämte ſich, ſich ſeiner Mutterſprache zu bedienen —), daß er den ganzen Tag im Bierhauſe geweſen ſei, wo er das kleine elende Geſchöpf, das jetzt an den Blattern krank darnieder liegt, auf dem Schooße gehabt. Und er kommt nach dem Schloſſe zurück, und riecht noch nach jenem Orte, ja, riecht noch darnach, — und nimmt, ſchamlos genug, meinen Sohn auf den Schvoß, und ſetzt ſich neben mich, ja, neben mich hin. Möglich, daß er Frank getödtet, — daß er unſer Kind getödtet. Warum iſt er hieher gebracht worden, um unſer Haus zu entehren? Warum iſt er hier? Er mag gehen, — ſagen Sie ihm, er ſolle noch heute Abend von hinnen gehen, und das Schloß nicht länger durch ſeine Gegenwart beflecken!“ Noch nie zuvor hatte ſie Harry Esmond auch nur ein unfreundliches Wort gegeben; und ihre grauſamen Worte verwundeten den armen Jungen dermaßen, daß er einige Angenblicke vor Kummer und Wuth über die Ungerechtigkeit eines ſolchen Dolchſtoßes von ſolcher Hand ganz betäubt daſtand. Er wurde plötzlich leichenblaß, während ſein Geſicht bis daher geröthet geweſen war. „Ich kann Nichts für meine Geburt, Madame,“ ſprach er, „und ebenſo wenig kann ich für mein anderes Unglück Und was Ihren Sohn betrifft, ſo bemerke ich Ihnen, daß, wenn — wenn ich ihn jetzt durch meine Berührung beflecke, dieß nicht immer ſo geweſen iſt. Gute Nacht, my Lord! Der Himmel ſegne Sie und die Ihrigen für die Güte, ſo Sie mir erwieſen! Ich 141 weiß, ich habe my Lady's Güte nun endlich ermüdet, und will daher gehen.“ Mit dieſen Worten ſank Harry Esmond auf ein Knie nieder, ergriff die rauhe Hand ſeines Wohlthäters und küßte dieſelbe. „Er will in das Bierhaus gehen; — wohlan! laſſen Sie ihn gehen!“ rief mny Lady. „Ich will verdammt ſein, wenn ich ihn ſo gehen laſſe!“ ſagte my Lord. „Ich glaubte wahrhaftig nicht, daß Du ſo verdammt undankbar ſein könnteſt. Rachel.“ Ihre Antwort auf dieſe Worte war, daß ſie in einen Thränenſtrom ausbrach, und daß ſie, mit einem raſchen Blicke auf Harry Esmond, das Zimmer verließ. My Lord aber beachtete nicht, was ſeine Ge⸗ mahlin geſagt, ſondern hob, immer noch ſeine gute Laune behaltend, ſeinen jungen Schützling von ſeiner knienden Stellung auf (— denn tauſend freundliche Worte und Gunſtbezeigungen hatten auf den Jungen die Wirkung gehabt, daß er my Lord wie einen Vater verehrte —), und legte ſeine breite Hand auf Harry Esmond's Schulter. „Sie war immer ſo,“ ſagte dann my Lord; „ſchon der Gedanke an ein Frauenzimmer macht ſie verrückt. Gerade aus dieſem Grunde habe ich mich dem Trinken ergeben, bei Jupiter, — und ſonſt aus keinem andern Grunde; denn ſie kann auf ein Bierfaß, oder eine Runflaſche nicht eiferſüchtig ſein, — nicht wahr, Doctor? Zum Teufel! Sehen Sie doch nur die weib⸗ liche Dienerſchaft an, — ſehen Sie doch ein Mal die weibliche Dienerſchaft des Schloſſes an“ (— my Lord ließ hier alle Worte in einander verfließen —). „Es würde Ihnen jetzt gewiß nicht einfallen, Doctor, um eines der Dienſtmädchen des Schloſſes zu freien.“ Und my Lord brach dabei in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus. 142 Der Doctor, der my Lord Caſtlewood unter den Augenlidern hervor angeſchaut hatte, antwortete: „Aber Spaß bei Seite, my Lord, ich kann, als Geiſtlicher, die Sache nicht jocos behandeln; auch kann ich, als Seelſorger dieſer Gemeinde, nur mit Kummer und Schmerz daran denken, daß ein noch ſo überaus junges Schaaf auf Abwege geräth.“ „Sir,“ ſprach der junge Esmond, der ſeinen tie⸗ fen Unwillen nicht zu bemeiſtern vermochte, „ſie hat mir geſagt, Sie — ja Sie wären ein abſcheulicher alter Mann, und hätten ſie in der Milcherei küſſen wollen.“ „Pfui, ſchämen Sie ſich, Harry,“ rief Dr. Tuſh⸗ er, puterroth werdend, während my Lord immer noch vor Lachen beinahe barſt. „Wenn Sie die Lügen einer elenden Dirne anhören —“ „Sie iſt ſo ehrlich, wie nur je ein Frauenzimmer in England, und iſt für mich ſo rein, und ſo freund⸗ lich, und ſo rechtſchaffen, und ſo gut, wie nur eine,“ rief Harry. „Pfui, ſchämen Sie ſich, Dortor, ſie ſo anfeinden und ihren guten Ruf beflecken zu wollen!“ „Fern ſei es von mir, das zu thun!“ rief der Doctor. „Der Himmel gebe es, daß ich mich in Be⸗ ziehung auf das Mädchen und in Beziehung auf Sie, Sir, der Sie ein wahrhaft frühreifes Genie entwickeln, täuſche; allein darum handelt es ſich in dieſem Augen⸗ blicke nicht. „Es ſcheint, daß der kleine Knabe in dem Wirths⸗ hanſe zu den „drei Schlöſſern“ die Blattern bekommen; — daß er ſie gehabt, als Sie das Bierhaus beſucht, aus gewiſſen Gründen, die nur Sie kennen; — und daß Sie einige Zeit bei dem Kinde, und gleich darauf bei dem jungen Lord geſeſſen.“ Der Doctor erhob die Stimme, während er ſprach, und blickte nach my Lady hin, die unterdeſſen zurück⸗ 143 gekommen war, überaus bleich ausſah, und ein Taſchen⸗ tuch in der Hand hielt. „Es iſt dieß Alles die reine Wahrheit, Sir,“ ſprach Lady Esmond, den jungen Mann anſchauend. „Es ſteht zu befürchten, daß er die Seuche mit auf's Schloß gebracht.“ „Vom Bierhauſe, — ja,“ ſprach my Lady. „Verteufelt, ich vergaß das, als ich Dich am Kra⸗ gen nahm, mein Junge,“ rief my Lord zurücktretend. „Halt Dich fern, Harry, mein Junge; Du weißt, es bringt Einem kein Glück, wenn man dem Wolfe in den Rachen rennt.“ My Lady blickte ihn mit einigem Erſtaunen an, trat alsbald auf Harry Esmond zu, ergriff deſſen Hand, und ſagte: „Ich bitte Sie um Verzeihung, Harry: ich habe mich ſehr unſanfter Worte gegen Sie bedient. Ich habe kein Recht, mich in Ihre Angelegenheiten zu miſchen, und —“ Dier brach my Lord in einen Fluch aus, und ſagte: „Können Sie denn den Knaben nicht gehen laſſen, my Lady?“ Sie erröthete ein Bischen, und drückte dem Jun⸗ gen ſanft die Hand, während ſie dieſelbe fahren ließ. „Es nützt Nichts mehr, my Lord,“ ſagte ſie; er hat Frank auf den Schooß genommen, während er ihm Bilder machte, und Frank lief beſtändig von Harry zu mir her. Das Unglück iſt nun geſchehen, wenn überhaupt ein ſolches geſchehen.“ „Ich wenigſtens bin nicht angeſteckt, ich will ver⸗ dammt ſein,“ rief my Lord. „Ich habe während der ganzen Zeit geraucht,“ — und bei dieſen Worten zün⸗ dete er ſeine Pfeife mit einer Kohle wieder an, — „und der Rauch hält die Seuche fern; — und da nun ein Mal die Seuche im Dorfe iſt, — der Teufel 144 hole ſie! — ſo wäre es mir lieb, wenn Sie ihr ent⸗ rännen. Wir wollen morgen nach Walcvte gehen, my Lady.“ „Was mich betrifft, ſo habe ich keine Furcht,“ ſprach my Lady, — „es iſt möglich, daß ich die Krank⸗ heit ſchon als Kind gehabt: ſie brach damals in un⸗ ſerem Hauſe aus; — und als, zwei Jahre vor unſerer Heirath, vier von meinen Schweſtern zu Hauſe ſie „— hatten, ging ich frei aus, während zwei von meinen lieben Schweſtern ſtarben.“ „Was aber mich betrifft, ſo mag ich mich nicht der Gefahr ausſetzen,“ ſagte my Lord. „Ich habe zwar ſo viel Muth, wie nur Einer, aber dieſer Seuche mag ich mich nicht ausſetzen.“ „Nimm Beatrir mit und geh!!“ ſagte my Lady. „Was uns betrifft, ſo iſt das Unheil nun ein Mal bei uns angerichtet; und die Tucker kann uns pflegen, da ſie ja ſchon die Krankheit gehabt.“ „Du vergiſſeſt nie, möglichſt häßliche Frauenzim⸗ mer zu Dienſtmädchen zu nehmen,“ ſprach my Lord, worauf my Lady den Kopf ſenkte, und recht albern ausſah. My Lord aber rief Tuſher hinweg, und hieß ihn in das mit Eichenholz getäfelte Parlour kommen, um dort noch ein Pfeifchen zu rauchen. Und der Doctor verbengte ſich tief vor Ihrer Ladyſchaft (— mit ſolchen Salams pflegte er nicht zu kargen —), und ſchritt auf ſeinen krachenden, breit⸗ ſchnäbeligen Schuhen hinter ſeinem Patron her. Als die Lady und der junge Mann wieder allein waren, trat eine Pauſe von einigen Augenblicken ein, während welcher er neben dem Feuer ſtand und ziem⸗ lich öde Blicke auf die erſterbende Aſche warf, wogegen Ihre Ladyſchaft ſich mit ihren Stickrahmen und ihren Nadeln zu ſchaffen machte. 145 „Es thut mir leid,“ ſprach ſie, nach einer Panſe mit harter, trockener Stimme, „— ich wiederhole es, es thut mir leid, daß ich mich, um der Sicherheit meines Sohnes willen, ſo undankbar gezeigt habe. Ich wollte durchaus nicht haben, daß Sie uns verlaſſen ſollten, wenn Sie nicht anderswo Ihr Vergnügen fän⸗ den: ich kann es Ihnen verſichern. „Aber Sie müſſen ſelbſt bemerken, Mr. Esmond, daß Sie, in Ihrem Alter und bei Ihren Neigungen, nicht länger auf dem vertrauten Fuße mit uns leben können, wie bisher. Sie haben den Wunſch gezeigt, auf die Univerſität zu gehen, und ich glaube, daß man Sie jetzt füglich hinſchicken könnte. Ich habe bis daher mit der Sache nicht preſſirt, weil ich Sie noch für ein Kind hielt, was Sie in der That, den Jahren nach, noch ſind, — ja, weil ich Sie noch ganz für ein Kind hielt; und nie würde es mir eingefallen ſein, Sie anders zu behandeln, aber — aber es ſind Dinge heraus gekommen, die dieß nicht länger möglich machen. „Und ich werde my Lord bitten, Sie ſo bald, wie möglich, auf die Hochſchule zu ſchicken; und ich will ſehen, daß ich ſelbſt Frank unterrichte, ſo gut ich eben kann (— ich danke meinem Vater dafür, daß ich bei ihm einen guten Grund gelegt, und Ihnen muß ich gewiß für Vieles danken, daß Sie mich gelehrt —), — und — und ich wünſche Ihnen eine gute Nacht, Mr. Esmond.“ Und mit dieſen Worten machte ſie einen ſtolzen Knir, worauf ſie ihr Licht nahm, und ſich durch die Thüre entfernte, welche in das mit gewirkten Tapeten Zimmer, und von da in ihre Gemächer ührte. Esmond blieb neben dem Feuer ſtehen, und ſtarrte ihr verblüfft nach. In der That ſchien er kaum den Gebrauch ſeiner Augen zu haben, bis ſie fort war; — Henry Esmond. I. 10 146 und dann blieb ſeinem Geiſte ihr Bild eingeprägt, ja, für immer eingeprägt. Er ſah, wie ſie ſich zurück⸗ zog, wobei die Kerze ihr marmornes Geſicht erleuch⸗ tete, ihre ſcharlachene Lippe bebte, und ihr goldenes Haar glänzte. Dann ſuchte er ſein Zimmer und ſein Bett auf, wo er nach ſeiner Gewohnheit zu leſen verſuchte; aber nie wußte er, was er da las, bis er ſich ſpäter des Ausſehens der Buchſtaben des Buches (— es waren Montaigne's Eſſais —) erinnerte, und die Ereigniſſe des Tages, — das heißt, der letzten Stunde des Tages an dem Auge ſeines Geiſtes vorübergingen; denn was den Morgen und das arme Milchmädchen im Dorfe betrifft, ſo dachte er auch nicht ein Mal daran. Und er konnte erſt einſchlafen, als es bereits Tag war, und dann erwachte er mit einem heftigen Kopfweh, und ganz müde. Er hatte aus dem Wirthshauſe zu den „drei Schlöſſern“ die Seuche mitgebracht, — das war ge⸗ wiß, — und es ſtand nicht lange an, ſo lag er an der Blatternkrankheit darnieder, welche das Schloß ebenſo wenig verſchonte, wie die ärmliche Hütte. Meuntes Kapitel. Ich habe die Blattern, und mache mich be⸗ reit, Caſtlewvod zu verlaſſen. Als Harry Esmond die Kriſis dieſer Krankheit überſtanden hatte, und er wieder anfing, geſund zu 147 werden, fand er, daß der kleine Frank Esmond eben⸗ falls krank geweſen, und nun wieder auf dem Wege der Geneſung war, während die Vicomteſſe, ſeine Mut⸗ ter, mit noch einigen Mitgliedern des Hauſes an der Krankheit darniederlag. „Es war eine Fügung der Vorſehung, für die wir Alle dankbar ſein ſollten, meinte Dr. Tuſher, „daß my Lady mit ihrem Sohne am Leben geblieben iſt, während der Tod die armen Domeſtiken des Hauſes dahingerafft hat.“ Der Doctor tadelte Harry, weil dieſer in ſeiner ſchlichten Weiſe fragte: „Wofür ſollen wir dankbar ſein, — dafür, daß die Domeſtiken geſtorben, oder dafür, daß die Vornehmen mit dem Leben davon ge⸗ kommen?“ Auch konnte der junge Esmond durchaus nicht in die heftigen Betheurungen einſtimmen, unter welchen Letzterer, als er die Lady während ihrer Wiederge⸗ neſung beſuchte, verſicherte, daß die Krankheit den Reizen der Vicomteſſe von Caſtlewvod nicht den min⸗ deſten Eintrag gethan, und daß dieſelbe nicht ſo grob geweſen, den Geſichtszügen einer ſo ſchönen Dame zu ſchaden, während doch Harry, dieſen ſchönen Reden zum Trotze, glaubte, daß die Schönheit Ihrer Lady⸗ ſh in Folge der Blatternkrankheit nicht wenig ge⸗ itten. Zwar blieben, als die Zeichen der Krankheit zu weichen anfingen, weder Furchen, noch Narben auf ih⸗ rem Geſichte zurück (— eine auf ihrer Stirne, über ihrer linken Augenbraue, vielleicht abgerechnet —); allein die Zartheit ihrer roſigen Geſichtsfarbe war da⸗ hin: ihre Augen hatten ihren Glanz verloren, — ihre Haare gingen aus, und ihr Geſicht ſah älter aus. Es war, als ob eine rohe Hand die zarten Tinten dieſes holden Gemäldes weggewiſcht, und darüber, gleich un⸗ geſchickten Bilderreinigern, eine trübe, todte Farbe ver⸗ 148 breitet hätte. Auch muß hier noch eingeſtanden werden, daß, noch ein Paar Jahre nach der Krankheit, die Naſe ihrer Ladyſchaft geſchwollen, und röther, denn ſonſt, war. Es wäre wohl unnütz, dieſer Trivialitäten hier Erwähnung zu thun, wenn dieſelben nicht wirklichen Einfluß auf manches Leben geübt hätten. Wer weiß nicht, daß Kleinigkeiten in der Welt oft gar großen Ginfluß hatten? Wer weiß nicht, daß eine Schnake oft eine größere Rolle ſpielt, als ein Elephant, und daß ein Maulwurfshügel, wie wir aus König William's Fall wiſſen, ein ganzes Reich über den Haufen wer⸗ fen kann. Als Tuſher in ſeiner höfiſchen Weiſe (— worüber Harry Esmond ſtets erbost war, und voller Verachtung ſprach —) gelobte und betheuerte, daß my Ladys Ge⸗ ſicht nicht den mindeſten Schaden genommen, brach der Junge unwillkürlich in folgende Worte aus: „Nein, es hat dasſelbe witklich gelitten: und meine Gebieterin iſt bei Weitem nicht mehr ſo hübſch, wie früher!“ — worauf die arme Lady Esmond traurig lächelte, und in einen kleinen venetianiſchen Spiegel ſchaute, den ſie hatte. Und letzterer bewies ihr dann vermuthlich⸗ daß das, was der dumme Junge geſagt, nur zu wahr ſei; denn ſie wandte ſich von dem Spiegel ab, und es füllten ſich ihre Augen mit Thränen. Der Anblick dieſer Thränen erweckte in Esmond's Herzen ſtets eine Art raſenden Mitleids, und als er dieſelben auf dem Geſichte der Dame ſah, die er am Meiſten liebte, ſank der kleine Einfaltspinſel auf ſeine Knie nieder, und bat ſie inſtändigſt, ihm doch zu ver⸗ zeihen, und ſagte, daß er ein Narr und ein Tölpel, — daß er eine unvernünftige Beſtie ſei, denn ſonſt hätte er, der doch Schuld an ihrer Krankheit geweſen, nicht alſo geſprochen. Und Pr. Tuſher verfehlte dann nicht, ihm zu ſagen, daß er wirklich ein Bär wäre, 149 und daß er ewiglich ein Bär bleiben würde, — Worte, die dem armen jungen Esmond dermaßen den Mund ſtopften, und ihn dergeſtalt betäubten, daß er es nicht einmal verſuchte, zu brummen. „Er iſt aber mein Bär, und ich will nicht haben, daß man ihn hetze, Doctor, ſprach my Lady, den Jungen freundlich auf den Kopf tätſchelnd, während derſelbe noch zu ihren Füßen kniete. „Ei, ei, wie ſind nicht Ihre Haare ausgefallen! Und auch die mei⸗ nigen,“ ſetzte ſie mit einem andern Seufzer hinzu. Ich war nicht wegen meiner ſelbſt in Sorge,“ ſagte my Lady zu Harry, als der Geiſtliche ſich endlich verabſchiedet hatte: — „aber ſagen Sie mir doch, bin ich denn wirklich ſo verändert, — ſo entſtellt? Ach, ich fürchte, es iſt nur zu wahr.“ „Madame, Sie haben das liebſte, und freundlichſte, und holdeſte Geſicht von der Welt, wenn ich Ihnen meine Meinung ſagen ſoll,“ ſprach der Junge. Und in der That dachte er, ja, denkt er noch ſo. „Wird my Lord auch ſo denken, wenn er zurück⸗ kommt? fragte die Lady mit einem Seufzer, und einem andern Blicke auf ihren venetianiſchen Spiegel. „Neh⸗ men wir ein Mal an, er theile Ihre Anſicht, Sir, — er glaube, ich ſehe gräßlich aus, — ja, Sie ſagten gräßlich: — was wird er dann thun? Er wird auf⸗ hören, ſich um mich zu bekümmern. Unſere wenige Schönheit iſt Alles, was die Männer an Damen ſchätzen. Warum gab er mir vor meinen Schweſtern den Vorzug? — Einzig und allein um des Bischens Schönheit willen. Wir führen das Scepter nur ein Paar Tage: und ſeien Sie verſichert, Vaſthi wußte, daß Eſther im Begriffe ſei, ſie zu entthronen.“ Ah. Madame,“ ſprach Mr. Esmond, „Ahasverus war Großtürke, und ſein Geſetz, ſowie die Sitte ſeines Landes brachte es mit ſich, daß er wechſelte.“ „Oh, in dieſem Stücke ſeid ihr Alle Großtürken,“ 150 ſprach my Lady, „oder würdet es wenigſtens ſein, wenn Ihr könntet. Komm', mein Kind! Du biſt doch wohl, — der Himmel ſei gelobt! Dieſe furchtbare Blattern⸗ krankheit hat wenigſtens Deine Locken nicht dünner gemacht, noch dein armes Geſicht benarbt, — nicht wahr, mein Engel?“ Bei den bloßen Gedanken an ein ſolches Unglück fing Frank an, zu ſchreien und zu wimmern. Schon ſeit ſeiner erſten Jngendzeit war der junge Lord von ſeiner Mutter gelehrt worden, ſeine Schönheit zu be⸗ wundern: und der Kleine ſchätzte dieſelbe ſo hoch, wie nur eine das Scepter führende Schönheit die ihrige ſchätzen kann. Eines Tags, — es war während ſeiner Wieder⸗ geneſung — regte ſich in der Bruſt des jungen Esmond Etwas, wie Scham, als er ſich erinnerte, daß er, während ſeiner Krankheit auch nicht ein einziges Mal an das arme Mädchen in der Schmiede gedacht, deren rothe Wange erſt noch vor einem Monate ein ſo gro⸗ ßer Anziehungspunkt für ihn geweſen waren. Die arme Nancy! Ihre Wangen hatten das Loos der Roſen ge⸗ theilt, und waren nun verwelkt. Sie war an einem und demſelben Tage mit Esmond krank geworden: — ſie und ihr kleiner Bruder waren Beide an den Blattern geſtorben, und unter den Caſtlewvoder Eibenbäumen begraben worden. Es blickte jetzt kein ſchönes, freund⸗ liches Geſicht mehr vom Garten heraus, noch erheiterte dasſelbe ferner den alten Schmied an ſeinem verein⸗ ſamten Kamine. Esmond hätte ſie gerne in ihrem Leichentuche geküßt (— wie das Mädchen in Mr. Prior's hübſchem Gedichte —); aber ſie ruhte viele Fuß tief unter dem Boden, als Esmond, nach ſeiner Krankheit, denſelben zum erſten Mal wieder betrat. Pr. Tuſher brachte die Nachricht von dieſem Un⸗ glücke, worüber Harry Esmond gerne mehr erfahren 151 hätte, wenn er es hätte über ſich bringen können, zn fragen. Der Doctor ſagte, faſt das ganze Dorf ſei von der Peſt befallen worden; ſiebzehn Perſonen ſeien daran geſtorben, — und unter dieſen Todten nannte er auch die arme Nancy mit ihrem kleinen Bruder. Er ermangelte nicht, hinzu zu ſetzen, wie dankbar die Ueberlebenden ſein ſollten. Und da es nun ein Mal das Geſchäft dieſes Mannes war, zu ſchmeicheln und zu predigen ſo muß eingeſtanden werden, daß er den größten Fleiß dabei entwickelte, und daß er den lieben langen Tag entweder das Eine oder das Andere that. Nancy war alſo von hinnen geſchieden; und Harry Esmond erröthete bei dem Gedanken, daß er auch nicht eine Thräne für ſie gehabt, und fing an, eine lateini⸗ ſche Elegie in Verſen über die kleine ländliche Schön⸗ heit zu machen. Er befahl den Dryaden, ſie zu be⸗ trauern und den Flußnymphen, ſie zu beweinen. Da ihr Vater das Gewerbe Vulkans trieb, ſo ſagte er weiter, daß ſie gewiß wie eine Tochter der Venus ſei, obgleich Sievewright's Frau eine garſtige Widerbelle⸗ rin war, wie er ſich erinnerte, ſpäter gehört zu haben. Er machte zwar ein langes Geſicht, war aber in Wahr⸗ heit kaum trauriger, als ein gedungener Leichenbe⸗ gleiter. Solche erſte Leidenſchaften ſind bei Männern und Frauenzimmern in der Regel als verunglückte anzu⸗ ſehen: es ſterben dieſelben, faſt ehe ſie noch recht ge⸗ boren ſind. Esmond wußte, noch in ſeinem ſpäteſten Alter, einige der Knittelverſe, in welchen ſeine Muſe dieſe hübſche Dirne beweinte; und zwar konnte er ſich einiger Scham nicht enthalten, wenn er ſich erinnerte, wie ſchlecht die Verſe waren, und für wie gut er ſie gehalten; wie falſch der Schmerz, und wie er doch wieder ziemlich ſtolz darauf war. Es iſt gewiß ein Irrthum, von der Einfalt der 152 Jugend zu ſprechen. Meines Erachtens gibt es keine durchtriebeneren Heuchler, als gerade die jungen Leute; und gewiß iſt das Benehmen derſelben gegen einander affectirter, als bei älteren Perſonen. Sie täuſchen ſich und einander mit Kunſtgriffen, womit Weltleute nicht hintergangen werden können; und ſo lernen wir denn die Wahrheit beſſer verſtehen, und werden ungekünſtel⸗ ter und einfältiger, je älter wir werden. Als my Lady das Schickſal der armen Nancy er⸗ fuhr, ſagte ſie Nichts, ſo lange Dr. Tuſher noch da war. Kaum aber war dieſer fort, ſo ergriff ſie Harry Esmond's Hand und ſprach: „Harry, ich bitte Sie um Verzeihung wegen jener grauſamen Worte, deren ich mich an dem Abende be⸗ dient, an dem Sie krank geworden. Das Schickſal des armen Geſchöpfes geht mir ſehr zu Herzen, und ich halte mich verſichert, daß Nichts von dem geſchehen iſt, was ich, in meinem Zorne, Ihnen damals zur Laſt legte. Und ſobald wir ausgehen, müſſen Sie mich zu dem Grobſchmiede führen, damit wir ſehen, ob ich Nichts thun kann, um den armen alten Mann zu tröſten. Der arme Mann! Seine beiden Kinder zu verlieren! Was würde ich ohne die meinigen anfangen?“ Und es war dieß in der That der erſte Beſuch, den my Lady, auf Esmond's Arm geſtützt, nach ihrer Krankheit machte. Aber ihr Beſuch brachte dem armen Vater keinen Troſt; und es ſprach aus ihm keine Wehmuth, noch bezeigte er einen Wunſch, zu ſprechen „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen: der Name des Herrn ſei gelobet!“ ſprach er. Er wiſſe, fuhr er fort, was die Pflicht eines Dieners des Herrn ſei. Er brauche Nichts, — jetzt weniger, denn je zuvor, da er jetzt weniger Mäuler zu nähren hätte. Er wünſche Ihrer Ladyſchaft, ſowie Maſter Esmond einen guten 153 Morgen; — es ſei Maſter Esmond während ſeiner Krankheit größer geworden und habe nur ſehr wenige Pockennarben. . Mit dieſen Worten und einem Bücklinge, der viel Mürriſches an ſich hatte, ging er aus der Schmiede nach ſeinem Hauſe und ließ my Lady etwas ſtumm und verlegen an der Thüre ſtehen. Er ließ ſeinen bei⸗ den Kindern einen hübſchen Grabſtein ſetzen, der noch bis auf den heutigen Tag in dem Caſtlewooder Fried⸗ hofe zu ſehen iſt; — und ehe noch ein Jahr um war, wurde ſein eigener Name in den Stein gegraben. Angeſichts des Todes, dieſes höchſten Herrſchers, muß die weibliche Coketterie zurückweichen und ſchwei⸗ gen; ihre Eiferſucht wird ſchwerlich die Grenzen die⸗ ſes unheimlichen Königthums überſchreiten. Dieſe Lei⸗ denſchaft gehört ganz und gar, — gehört ausſchließ⸗ lich dieſer Erde an und erliſcht in der kalten, blauen Luft, die jenſeits unſerer Erdkugel ſich befindet. Als endlich die Gefahr ganz vorüber war, wurde mir angekündigt, daß my Lord mit ſeiner Tochter zu⸗ rückkommen würde, Esmond erinnert ſich wohl noch des Tages. Die Lady, ſeine Gebieterin, war in ge⸗ waltiger Angſt: vor der Ankunft my Lords ging ſie auf ihr Zimmer, und kehrte mit gerötheten Wangen zurück. Ihr Schickſal ſollte nun bald entſchieden wer⸗ den. Ihre Schönheit war dahin: — war ihre Herr⸗ ſchaft damit auch dahin? Eine Minute mußte es ſagen. My Lord kam nämlich ſchon über die Brücke ge⸗ ritten, — er konnte von dem großen Fenſter aus ge⸗ ſehen werden: in Scharlach gekleidet, ritt er ſeinen grauen Zelter, während ſeine kleine Tochter, in einem ſchönen blauen Reitkleide, auf einem prächtigen kaſta⸗ nienbraunen Pferde langſam neben ihm hertrabte. My Lady lehnte ſich gegen den großen Kaminſims und ſah, eine Hand auf dem Herzen, zu: — die rothen Flecken 154 auf beiden Wangen ſchienen ſie nur noch blaſſer zu machen. Sie fuhr mit dem Taſchentuche nach ihren Augen hin und zog daſſelbe, hyſteriſch lachend, zurück: das Taſchentuch war, als ſie es von ihrem Geſichte wegzog, von der Schminke ganz geröthet. Sie rannte wieder in ihr Zimmer hinauf und kam mit bleichen Wangen und rothen Augen, und ihren Sohn an der Hand führend, gerade in dem Augenblicke zurück, als my Lord an das Schloß heranritt, begleitet von dem jungen Esmond, der ſeinem Beſchützer entgegengegangen war und ihm beim Abſteigen den Steigbügel halten wollte. „Wie, Harry, mein Junge!“ ſprach my Lord gut⸗ müthig: „Du ſiehſt ja ſo mager und ſo dürr aus, wie ein Windhund. Die Blattern haben Deine Schönheit nicht vermehrt, und in Deinem Theile des Hauſes war derſelben nie zu viel — ho, ho!“ Und er lachte, und ſprang mit nicht geringer Leich⸗ tigkeit auf den Boden herab, und ſah hübſch und roth aus, und hatte ein volles, blühendes Geſicht, wie ein Beefeater, *) wozu noch kam, daß ſein ſchönes braunes Haar ſich unverſehrt erhalten hatte. Esmond kniete, ſobald ſein Schutzherr abgeſtiegen war, wieder nieder, brachte demſelben ſeine Huldigun⸗ gen dar, und ging dann zu der kleinen Beatrix hin, um ſie zu begrüßen und ihr abſteigen zu helfen. „Pfui! Wie gelb ſiehſt Du nicht aus!“ ſprach ſie, „und es ſind ja in Deinem Geſichte ein, zwei, drei rothe Löcher;“ — was auch ganz wahr war. Auch trug Harry Esmond's rauhes Geſicht, ſo lange es ein menſchliches blieb, ſtets die Spuren der Krankheit. My Lord lachte abermals in der beſten Laune von der Welt. *) Rindfleiſcheſſer; Soldat der alten königlichen Leib⸗ garde. 155⁵ Zum Henker!“ ſprach er mit einem ſeiner ge⸗ wöhnlichen Flüche, „die kleine nichtsnutzige Dirne ſieht Alles. Es iſt noch nicht lange her, daß ſie die ver⸗ wittwete Vicomteſſe geſchminkt ſah, und da fragte ſie dieſelbe, warum ſie denn das rothe Ding da trüge, — nicht wahr, Trix? Und daß ſie den Tower ſah; und St. James's; und die Komödie; und den Prinzen George; und die Prinzeſſin Anna, — nicht wahr, Trix?“ „Sie ſind Beide ſehr dick, und rochen nach Brannt⸗ wein, ſprach das Kind. Papa brach bei dieſen Worten in ein ſchallendes Gelächter aus. „Branntwein!“ ſagte er. Und wie wiſſen Sie denn das, Miß Naſeweis?“ „Weil Ew. Lordſchaft nach dem Souper darnach riecht, wenn ich Ihnen einen Kuß gebe, ehe Sie zu Bette gehen,“ ſagte die junge Lady, die wirklich ſo keck und naſeweis war, wie ihr Vater ſagte, und als eine ſo ſchöne kleine Zigennerin erſchien, als den Augen je vergönnt war, eine zu ſchauen. „Und nun wollen wir my Lady aufſuchen!“ ſagte my Lord, die Treppe hinanſteigend und unter dem aus einer gewirkten Tapete beſtehenden Vorhange durchge⸗ hend, der vor der Thüre des Salons hing. Esmond erinnert ſich noch gar wohl jener edlen, hübſchen, in Scharlach gekleideten Geſtalt. Er ſelbſt war in den letzten wenigen Monaten aus einem Kna⸗ ben ein Mann geworden, und mit ſeiner Geſtalt wa⸗ ren auch ſeine Gedanken groß und männlich geworden. My Lady's Geſicht, deſſen Wechſel Harry Esmond zu beobachten pflegte, und auf dem er mit ängſtlicher Liebe alle Zeichen der Heiterkeit oder des Kummers verfolgte und deutete, hatte noch viele Wochen nach der Rückkehr ihres Gemahls etwas Trauriges und Nieder⸗ geſchlagenes. Während dieſer Zeit ſchien es ihm, als ob ſie ſich bemühete, durch Liebkoſungen und Bitten 156 ihn von einer üblen Lanne zu heilen, die er mitgebracht, und die er ſchlechterdings nicht ablegen wollte. In ihrem eifrigen Beſtreben, ihm zu gefallen, wandte ſie eine Menge jener Künſte an, die ihn ſonſt bezaubert hatten, die nun aber all' ihre Macht verloren zu haben ſchienen. Ihre Lieder amüſirten ihn nicht mehr; und ſie ſchwieg damit, und hieß auch die Kinder ſchweigen, wenn er anweſend war. My Lord ſaß, ohne ein Wort zu ſprechen, bei ſeinem Mittagsmahle, und trank ge⸗ waltig, während ſeine Gemahlin, die ihm gegenüber ſaß, verſtohlene Blicke auf ſein Geſicht warf; aber auch ſie war ſtumm. Ihr Schweigen langweilte ihn eben ſo ſehr, wie ihr Sprechen; und er pflegte ſie verdrieß⸗ lich und mit einem Fluche zu fragen, warum ſie denn ſchweige und ſo mürriſch ausſehe; oder aber pflegte er ihr in rauher Weiſe in die Rede zu fallen, wenn ſie ſprach, und ihr zu ſagen, ſie ſolle doch nicht ſo viel unſinniges Zeug ſchwatzen. Es ſchien, als ob ſie ſeit ſeiner Rückkehr Nichts thun oder ſagen könnte, was ihm gefiele. Wenn in einem Hauſe Mann und Frau mit ein⸗ ander hadern, ſo ſchlagen ſich die untergeordneten Glie⸗ der der Familie auf die eine oder die andere Seite. Harry Esmond fürchtete my Lord dermaßen, daß er gerne eine Stunde weit barfuß gelaufen wäre, um einen Auftrag für ihn auszurichten; aber ſeine Anhänglich⸗ keit an Lady Esmond war eine ſolche Leidenſchaft dank⸗ barer Liebe, daß er jeden Tag ſein Leben gelaſſen ha⸗ ben würde, um ihr einen Schmerz zu erſparen, oder um ihr einen Dienſt zu erzeigen; und gerade weil dieſe ſeine Liebe ſo tief ſaß, fing er an, zu errathen, wie unglücklich das Leben ſeiner angebeteten Gebieterin ſein müſſe, und daß ein geheimer Kummer — denn ſie ſelbſt ſprach nie von ihren Nöthen —) an ihrem Her⸗ zen nage. Kann ein Menſch, der die Welt geſehen und in 157 derſelben die Natur der Männer und Frauen kennen gelernt hat, einen Augenblick über das, was ihr zuge⸗ ſtoßen war, in Zweifel ſein? Zwar habe ich geſehen, wie einige Leute die wirkliche Blüthe ihrer jugendlichen Liebe bis in das hohe Alter bewahrt haben; auch weiß ich, daß Mr. Thomas Parr hundertundſechzig Jahre alt wurde. Allein deſſenungeachtet ſind ſiebzig Jahre das Alter der Menſchen, und wenige überſchreiten das⸗ ſelbe; und es iſt gewiß, daß ein Mann, der bloß der beaux yeux wegen heirathet, wie my Lord that, ſeinen Theil des Contracts als nicht mehr exiſtirend anſieht, ſobald die Frau aufhört, den ihrigen zu erfüllen, ſo daß ſeine Liebe ihre Schönheit nicht überlebt. Zwar weiß ich, daß dem oft anders iſt; auch kann ich mir (— wie wohl die meiſten Menſchen, wenn ſie ihre Erfahrung zu Rathe ziehen —) gar manches Haus denken, wo die heilige Lampe der Liebe, die in frühen Jahren angezündet worden, nie erloſchen iſt; aber eben ſo gut iſt dann auch Mr. Parr da, und der große, acht Fuß hohe Rieſe auf der Meſſe, — als Ausnah⸗ men von dem gewöhnlichen Menſchenſchlage: — und jene arme Lampe, von der ich ſpreche, die anfänglich die hochzeitliche Kammer erhellt, wird durch hundert Winde und Zugwinde, die das Kamin herabkommen, ausgeweht, wenn ſie nicht, aus Mangel an Nahrung, ſpritzend erliſcht. Und dann, — und dann iſt es Chloe, die, im Finſtern, völlig erwacht und munter geworden iſt, während Strephon, ohne Etwas zu ahnen, ruhig fortſchnarcht; oder iſt es vice versa, der arme Stre⸗ phon, der eine herzloſe Kokette geheirathet und aus jener abſurden Viſion ehelichen Glückes erwacht iſt, die in alle Ewigkeit dauern ſollte, und nun, wie jeder an⸗ dere Traum, vorüber iſt. Beide haben ſich nun ein⸗ mal ſo gebettet, und müſſen daher auch ſo liegen, bis zu jenem Tage, wo das Leben aus iſt und ſie getrennt ſchlafen. 158 Um dieſe Zeit brachte der junge Esmond, der einige Geſchicklichkeit im Aneinanderreihen von Verſen beſaß, einige Ovidſſche Epiſteln in Reime und übergab ſie ſeiner Gebieterin, damit ſie ſich daran ergötzte. Diejenigen, welche von verlaſſenen Frauen handelten, rührten ſie ungemein, wie Harry bemerkte; und wenn Aenone dem Paris nachrief, und Medea den Jaſon zurückkommen hieß, ſo ſeufzte die Lady von Caſtle⸗ wood, und ſagte, ſie glaube, daß dieſer Theil der Verſe der angenehmſte ſei. Ich glaube wahrhaftig, daß auch ſie den alten Dechanten, ihren Vater, in Stücke zer⸗ ſchnitten haben würde, um ihres Gatten Liebe wieder zu gewinnen und ihn zurückzubringen. Aber ihr ſchö⸗ ner Jaſon war fort, wie die ſchönen Jaſone überhaupt fortzugehen und untreu zu werden pflegen, und die arme Zauberin gebot über keinen Zauber mehr, der ihn zu feſſeln vermocht hätte. My Lord war bloß mürriſch, ſo lange das ängſt⸗ liche Geſicht oder Benehmen ſeiner Frau ihm Vorwürfe zu machen ſchien. Als ſie einmal gelernt hatte, dieſe zu bemeiſtern und ein anſcheinend heiteres Geſicht und Betragen zu zeigen, kehrte die gute Laune ihres Gatten zum Theil wieder: er fluchte und ſtürmte nun nicht länger beim Mittagsmahl, ſondern lachte bisweilen, und gähnte noch öfter, ohne ſich den geringſten Zwang anzuthunz oft entfernte er ſich von Hauſe, lud mehr Geſellſchaft ein, oder brachte den größten Theil ſeiner Tage auf der Jagd oder, wie früher, bei der Flaſche zu; allein es war jetzt der Unterſchied eingetreten, daß die arme Frau nicht mehr, wie früher, das Licht der Liebe in ſeinen Augen glänzen ſehen konnte. Er war zwar bei ihr, aber jene Flamme war erloſchen; und jener einſt ſo willkommene Leuchtthurm war jetzt dort verſchwunden. Was waren die Gefühle dieſer Dame, als ſie nun nicht mehr umhin konnte, die Wahrheit zuzugeben, die 159 ihr prophezeihender Spiegel ſie nur zu richtig hatte ahnen und fürchten laſſen, — die Wahrheit nämlich, daß mit ihrer Schönheit nun auch ihre Herrſchaft zu Ende gegangen, und daß die Tage ihrer Liebe nun vorüber ſeien? Was thut ein Seemann in einem Sturme, wenn Maſt und Steuerruder weggeriſſen wer⸗ den? Er errichtet einen Nothmaſt und ſteuert ſo gut, wie möglich, mit einem Riem. *) Was geſchieht, wenn, während eines heftigen Sturmes, Dein Dach einſtürzt? Wenn die erſte Betäubung, die dieſes Unglück in ſei⸗ nem Gefolge gehabt, vorüber iſt, fährt der Unglückliche auf, taſtet in der Finſterniß herum, um zu ſehen, ob den Kindern Nichts geſchehen iſt, und bringt ſie dann aus dem Regen unter einen Schoppen. Brennt der Palaſt nieder, ſo ſuchſt Du in der Scheune Schutz. Welches Menſchen Leben wird nicht von einem oder mehreren ſolcher umfliegenden Sturmwinde heimgeſucht, die uns abtreiben und aus unſerer Bahn herausſchleu⸗ dern, und uns auf Klippen werfen, wo es uns über⸗ laſſen bleibt, uns ſo gut zu ſchützen, als es eben angeht? Als Lady Caſtlewvod fand, daß ihr großes Schiff untergegangen war, fing ſie, ſo gut es eben angehen mochte, an, ihren Verluſt zu verſchmerzen und auf kleine künftige Glückschancen zu rechnen, und auf kleine Ge⸗ winnſte zu hoffen, gleichwie ein ruinirter Kaufmann, der ſeine Tauſende verloren, indocilis pauperiem pati, ſich bei der Ladung des nächſten Schiffes mit einigen Guineen betheiligt. Und ſo verwandte ſie denn ihr ganzes Liebescapital auf ihre Kinder und behandelte ſ mit einer alle Grenzen überſteigenden Zärtlichkeit, wie es bei einer Perſon von ſo liebevoller Gemüths⸗ art unvermeidlich war; — alle ihre Gedanken waren ihrem Wohlergehen gewidmet; — ſie lernte, um ſie *) Gewöhnliches Ruder für Kähne u. ſ. w. 160 unterrichten zu können, und bildete ihre reichen Natur⸗ gaben und ihre weiblichen Talente aus, um ſie ihren Kleinen mittheilen zu können. Irgend Jemand Gutes zu thun, iſt das Leben der meiſten guten Frauen. Sie ſind gleichſam unerſchöpf⸗ lich an Güte und müſſen eben irgend Jemand der⸗ ſelben theilhaftig werden laſſen. Lady Caſtlewvod lernte daher das Franzöſiſche, Italieniſche und Lateiniſche gründlich, nachdem ſie früher bei ihrem Vater die An⸗ fngogelbe dieſer Sprachen erlernt hatte. Indeſſen verbarg ſie dieſe Kenntniſſe und Talente vor ihrem Gatten, vielleicht aus Furcht, es möchten dieſelben ihm anſtößig ſein, denn my Lord war nichts weniger, als ein Gelehrter, — konnte ſchon den Namen gelehrte Damen nicht ausſtehen, und würde darüber in Zorn gerathen ſein, daß ſeine Frau im Stande ſein ſollte, ein lateiniſches Buch zu überſetzen, von dem er ſelbſt kaum zwei Worte verſtand. Der junge Esmond war nun ein Hauslehrer, unter oder über ihr, wie es eben kam. Während der öfte⸗ ren Abweſenheit my Lords ging dieſer Schulunterricht ununterbrochen vor ſich: Mutter und Tochter lernten mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit: die Letztere indeſſen nur unregelmäßig, und wie es ihrer Laune eben zu⸗ ſagte. Was den kleinen Lord betrifft, ſo muß bekannt werden, daß er im Lernen ſeinem Vater nachſchlug, — daß er Schnellkäulchen, und das Spiel, und das große Pferd, ſowie das kleine Pferd, das ſein Vater ihm mitgebracht, und auf dem er ihn auf die Jagd mit⸗ nahm, weit mehr liebte, als Corderius und Lily. Sein Hauptvergnügen war aber, die Dorfknaben in Reihe und Glied zu ſtellen, ſich aus ihnen einen kleinen Hof zu bilden, ſie zu prügeln, und ſie zu commandiren und zu tyranniſiren, in einer Weiſe, die ſeinen Vater, wenn er es ſah, lachen machte, ſeine Mutter aber zu liebe⸗ 161 vollen Warnungen veranlaßte. Die Köchin hatte einen Sohn, der Waldſchütze hatte zwei, der große Burſche in dem Portierhäuschen nahm ſeine Püffe, ſowie ſeine neihl an. Dr. Tuſher ſagte, der Kleine ſei ein jun⸗ ger Edelmann voll heldenmüthigen Geiſtes; und Harry Esmond, der deſſen Lehrer und nun acht Jahre älter war, als Seine kleine Lordſchaft, ward bisweilen auf eine harte Probe geſtellt, wenn er ſelbſt bei guter Laune bleiben und ſeine Autvrität über ſeinen rebelliſchen kleinen Chef und Vetter behaupten wollte. In ein Paar Jahren, nachdem das Unglück ge⸗ ſchehen, das Lady Caſtlewood eines kleinen Theils, eines ſehr kleinen Theils ihrer Schönheit beraubt und ihr das Herz ihres ſorgloſen Gatten entzogen hatte (— my Lady hatte, wenn die Wahrheit geſagt werden ſoll, nicht allein entdeckt, daß ihre Herrſchaft vorüber, ſondern daß auch ihre Nachfolgerin ernannt wäre: — es war dieß eine Prinzeſſin aus einem edlen Hauſe von Drury Lane, die von my Lord in der nahe liegen⸗ den Landſtadt, acht Meilen vom Schloſſe, unterhalten und beſucht wurde, — pudet haec opprobria dicere nobis —), — hatte eine große Veränderung in ihrem Gemüthe Platz gegriffen, das, in Folge von Kämpfen, die nur ihr bekannt waren, gegen Niemand wenigſtens erwähnt, und von der Perſon, die den Kummer ver⸗ urſachte, welcher an ihrem Herzen nagte, nicht vermu⸗ thet wurden, allmälig dermaßen disciplinirt und in einen ſolchen Zuſtand verſetzt worden war, daß ſie, ein Paar Jahre vor ihrem Unglücke, wohl nicht einmal an die Möglichkeit deſſelben hätte glauben können. Sie war während dieſer Zeit alt geworden, wie es gewöhnlich bei Leuten der Fall iſt, die ganz in der Stille großen geiſtigen Schmerz ausſtehen: auch lernte ſie während diefes Zeitraums gar Viel, wovon ſie ſich früher nie hatte Etwas träumen laſſen. Sie war bei Henry Esmond. I. 11 162 jenem beſſeren Lehrer, Unglück genannt, unterdeſſen in die Schule gegangen. Noch vor zwei Jahren war ihr, die ſie noch ein Kind und Mutter von andern Kin⸗ dern war, ihr Gatte ein Gott geweſen; ſeine Worte waren ihr Geſetz, ſein Lächeln ihr Sonnenſchein gewe⸗ ſen; ſeinen trägen Gemeinplätzen hatte ſie begierig ge⸗ lauſcht, wie wenn dieſelben Worte der Weisheit wären: — allen ſeinen Wünſchen und allen ſeinen Launen war mit knechtiſcher Hingebung von ihr Folge geleiſtet wor⸗ den. Sie war my Lords erſte Sklavin und blinde Anbeterin geweſen. Einige Frauen gehen ſogar noch weiter, und un⸗ terwerfen ſich nicht bloß der Vernachläſſigung, ſondern auch der Untreue ihrer Gatten; — aber ſo weit er⸗ ſtreckte ſich nicht die Treue und der Gehorſam dieſer Lady. Ihr Geiſt empörte ſich und wollte von keinem weiteren Gehorſam wiſſen. Zuerſt hatte ſie im Stillen den Schmerz über den Verluſt des angebeteten Gegen⸗ ſtandes zu überwinden; — dann mußte ſie ſich in ein weiteres Myſterium einweihen laſſen und entdecken, daß dieſes angebetete Weſen nur ein plumpes und gemeines Idol ſei; dann mußte ſie die ſtillſchweigende Thatſache zugeben, daß ſie ihrem Manne überlegen ſei, und nicht der bisherige Monarch ihr; daß ſie Gedanken habe, zu denen er ſich nie zu erheben vermöge, und daß ſie die beſſere ſei; gauz getrennt von my Lord, obgleich an ihn gebunden; und wie faſt alle Leute (— einige ſehr glückliche ausgenommen —) gezwungen, faſt ihr ganzes Leben allein zu arbeiten und allein durch's Le⸗ ben zu gehen. My Lord ſaß in ſeinem Armſtuhle, lachte in der gewohnten Weiſe, machte ſeine Späße und hatte ein von Wein geröthetes Geſicht, — während my Lady, ihm gegenüber, auf ihrem Platze ſaß; — und dabei ließ er ſich nie einfallen, daß in der ruhigen, ſich in ihr Schickſal ergebenden Lady, mit ihren kalten Ma⸗ * nieren und ihren niedergeſchlagenen Augen, er eine ihm unendlich überlegene Perſon vor ſich habe. War er bei ſeiner Flaſche kuſtig und angetrünken, ſo pflegte er über ihr kaltes Weſen Witze zu machen und zu ſa⸗ gen: „Zum Teufel! Nun wollen wir noch eine Flaſche trinken, da my Lady fort iſt!“ Man muß geſtehen, daß er wenigſtens kein Heuchler war und ſeine Gedan⸗ ken ausſprach, ſowie ſie cben beſchaffen waren. An my Lords Worten und Handlungen war wenig Myſte⸗ riöſes. Seine ſchöne Roſamunde lebte nicht in einem Labyrinthe, wie die Dame in Mr. Addiſon's Oper, ſondern paradirte mit geſchminkten Wangen und einer betrunkenen Dienerſchaft in der Landſtadt. Hätte Lady Caſtlewood Luſt gehabt, ſich zu rächen, ſo hätte ſie gar leicht den Weg zum Hauſe ihrer Nebenbuhlerin finden können; und wäre ſie mit Schale und Dolch gekommen, ſo würde ſie von der Feindin mit einer Salve von Billingsgater Elegantien, welche die ſchöne Perſon ſtets im Vorrathe hatte, vertrieben und in die Flucht ge⸗ ſchlagen werden. Unterdeſſen iſt geſagt worden, daß für Harry Es⸗ mond das holde Antlitz ſeiner Wohlthäterin keinen ſei⸗ ner Zanber verloren hatte. Für ihn hatte es ſtets die freundlichſten Blicke und das ſüßeſte Lächeln, — ein Lächeln, das vielleicht nicht ſo fröhlich und ungekünſtelt war, wie das, welches Lady Caſtlewvod früher gehabt, als ſie, ſelbſt noch ein Kind, mit ihren Kindern ſpielte und die Freude und Autorität ihres Gatten ihr ein⸗ ziger Gedanke war; aber aus ihrem Kummer und ihren Sorgen wuchs, wie meines Erachtens geſchehen muß, wenn ſolche Prüfungen auf den Boden eines ſanften Herzens fallen und nicht gar zu unerträglich ſind, eine Menge Gedanken und trefflicher Eigenſchaften empor, welche nimmermehr in's Leben gerufen worden wären, hätte nicht ihr Schmerz und ihr Unglück ſie erzeugt. Fürwahr! der Zufall iſt der Vater des meiſten Guten, 164 das an uns iſt. Gleich wie Du ſchon geſehen haſt, verehrter Leſer, daß die ungeſchickten Finger und plum⸗ pen Wertzeuge eines Gefangenen die zierlichſten und feinſten Stückchen geſchnitzter Arbeit ſchneiden und mo⸗ deln, oder die erſtaunungswürdigſten unterirdiſchen Ar⸗ beiten ausführen, und dicke Mauern durchbrechen, und eiſerne Stäbe und Feſſeln durchſägen; ebenſo weckt auch das Unglück den Scharfſinn, oder die Standhaf⸗ tigkeit, oder die Ausdauer in Herzen, wo dieſe Eigen⸗ ſchaften nie in's Leben gerufen worden wären, ohne die Umſtände, denen ſie ihren Urſprung verdankten. „Ohne Zweifel wurde aus Medea erſt dann eine gelehrte Frau und eine große Zauberin, als ihr Jaſon ſie verlaſſen hatte,“ bemerkte einſt Lady Caſtlewood mit ihrem gewohnten Lächeln gegen den jungen Es⸗ mond, der ihr eine Ueberſetzung gewiſſer Stellen aus dem Euripides vorlas. „Und ſie konnte aus dem Himmel die Sterne her⸗ auszaubern; nur ihren Jaſon vermochte ſie nicht zurück⸗ zubringen,“ bemerkte der junge Hauslehrer. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte my Lady ſehr zornig. „Ich will damit wahrlich nichts Anderes ſagen,“ ſagte der Andere, „als was ich in Büchern geleſen. Was ſollte ich auch von ſolchen Dingen verſtehen? Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Frauenzimmer näher kennen gelernt, als Sie und die kleine Beatrix, und die Frau des Pfarrers, und meine entſchlafene Liebſte, und die weibliche Dienerſchaft des Schloſſes.“ „Die Männer, die Eure Bücher ſchrieben,“ ſagt my Lady, „Eure Horaze, Eure Ovide, und Eure Virgile haben, ſo viel mir bekannt, alle übel von uns gedacht, da alle Helden, von denen ſie geſchrieben, uns nieder⸗ trächtig behandelt haben. Wir wurden ſtets zu Skla⸗ vinnen erzogen, und ſelbſt in unſern Tagen noch ſchei⸗ nen, da ihr immer noch allein die Geſetze macht, unſere Predigten, wie mich dünkt, zu beſagen, daß die beſte Frau diejenige ſei, welche die Ketten ihres Herrn mit dem meiſten Anſtande trage. Es iſt doch jammerſchade, daß unſere Kirche keine Nonnenklöſter duldet, ſonſt würde ich mit Beatrix in ein ſolches fliehen, um dort unſer Leben, fern von Euch, in Ruhe zu beſchließen.“ „Und kennt ein Nonnenkloſter keine Sklaverei?“ ſpricht Esmond. „Wenn Frauen dort auch Sklavinnen ſind, ſo ſieht ſie doch Niemand,“ antwortete die Lady. „Sie ſind dort wenigſtens dem Hohne des Publikums nicht aus⸗ geſetzt, und wenn ſie leiden, ſo leiden ſie im Geheimen. Doch da kommt my Lord von der Jagd zurück. Neh⸗ men Sie dieſe Bücher weg! My Lord ſieht dieſelben nicht gern. Für heute iſt der Unterricht aus, Herr Hof⸗ meiſter!“ Und mit einem Knickſe und einem Lächeln pflegte ſie ſolchen Geſprächen ein Ende zu machen. Der „Herr Hofmeiſter,“ wie my Lady Esmond nannte, hatte jetzt in Caſtlewvod Hauſe in der That genug zu thun. Er hatte drei Zöglinge, die Vicomteſſe und ihre beiden Kinder, bei deren Lectionen ſie ſtets anweſend zu ſein pflegte, und daneben mußte er noch my Lords Briefe ſchreiben und ſeine Rechnungen in Ordnung bringen, — wenn man dieſe von Edmonds trägem, gleichgülti⸗ gem Beſchützer herausbekommen konnte. Was die Zöglinge betrifft, ſo waren die beiden Kleinen nur träge Schüler, und da my Lady von der damals gebräuchlichen Disciplin Nichts wiſſen wollte, ſo lernte my Lords Sohn bloß ſo Viel, als er wollte, was gewiß ſehr wenig war; — auch konnte derſelbe, bis an das Ende ſeines Lebens, nie vermocht werden, mehr, denn ſechs Zeilen aus dem Virgil zu conſtruiren und zu überſetzen. Miſtreß Beatrix plauderte zwar ſchon ſehr frühe recht hübſch in franzöſiſcher Sprache, auch ſang ſie recht angenehm, allein ſie verdankte Letzteres dem 166 Unterricht ihrer Mutter, — nicht dem Harry Esmonds, der zwiſchen „Greeu Sleeves“ und „Lillabullero“ kaum einen Unterſchied machen konnte, obgleich er kein größe⸗ res Vergnügen im Leben kannte, als die Damen ſingen zu hören. Er kann noch jetzt ſehen (— wird er ſie je, vergeſſen? —), wie ſie an Sonnabenden neben einander zu ſitzen pflegten, — die beiden goldenen Köpfe über das Notenheſt gebeugt, — während das Händchen des Kindes und die Hand der Mutter den Takt ſchlugen, und ihre Stimmen im Einklange ſich mit einander er⸗ hoben und mit einander fielen. Wenn aber die Kinder ſich um das Lernen wenig kümmerten, ſo war es zum Verwundern, mit welchem Eifer die Mutter von ihrem jungen Hofmeiſter lernte, — und ihn wieder lehrte. Dieſe Dame beſaß die glück⸗ lichſte, inſtinktmäßige Fähigkeit, — eine Fähigkeit, ver⸗ borgene Schönheiten in Büchern, insbeſondere in ſolchen, welche Dichtungen enthielten, herauszufinden, wie ſie auch auf Spaziergängen Feldblumen erſpähete, und Sträuße daraus zu winden verſtand, wie keine andere Hand es konnte. Sie war eine Beurtheilerin nicht aus Verſtand, ſondern aus Gefühl, — war die holdeſte Erklärerin der Bücher, die ſie mit einander laſen; und die glücklichſten Stunden in dem Leben des jungen Esmond waren viel⸗ leicht diejenigen, die er in der Geſellſchaft dieſer güti⸗ gen Gebieterin und ihrer Kinder verbrachte. Dieſe glücklichen Tage ſollten indeſſen bald zu Ende gehen; und Lady Caſtlewood ſelbſt war es, die durch d ihre Entſcheidung das Ende derſelben herbeiführte. Es ereignete ſich um Weihnachten. — Harry Es⸗ mond hatte jetzt das ſechzehnte Jahr überſchritten, — daß ſein alter Kamerad, Gegner, und Freund, Tom Tuſher, von ſeiner Londoner Schule zurückkehrte, ein ſchöner, gut gewachſener und ſtämmiger Burſche, der im Begriffe war, die Univerſität zu beziehen, mit einem Stipendium von ſeiner Schule, und der Ausſicht auf 167 eine ſpätere Verſorgung in der Kirche. Tom Tuſher ſprach jetzt von Nichts, als von Cambridge, und die Jungen, die gute Freunde waren, examinirten einander ſcharf im Punkte der Gelehrſamkeit. Tom hatte etwas Griechiſch und Hebräiſch gelernt, neben dem Latein, in dem er gut bewandert war; auch hatte er ſich auf die Mathematik gelegt, unter der An⸗ leitung ſeines Vaters, der in dieſer Wiſſenſchaft wohl beſchlagen war, von der aber Esmond gar Richts ver⸗ ſtand. Auch konnte Letzterer nicht ſo gut Latein ſchrei⸗ ben, als Tom, obgleich er es beſſer ſprach, da er es bei ſeinem theuren Freunde, dem Jeſuitenpater, gelernt hatte, deſſen Andenken der Junge mit der wärmſten Liebe pflegte, indem er die Bücher des Paters las, und deſſen Degen in dem kleinen Loche rein erhielt, ww Mr. Holt ſie Esmond am Abende ſeines Beſuches gezeigt hatte. Oft ſaß Harry Abends in dem Zimmer des Ka⸗ plans, das er bewohnte, beſchäftigte ſich mit ſeinen Bü⸗ chern, ſeinen Verſen und dergleichen, und ſah zum Fenſter auf, glaubend und wünſchend, es möchte ſich daſſelbe öffnen und den guten Pater hereinlaſſen. Letzterer war wie ein Traum gekommen und wieder verſchwunden! Wären die Degen und Bücher nicht da geweſen, ſo wäre Harry faſt verſucht geweſen, zu glanben, der Pater ſei ein eitles Gebilde ſeiner Phantaſie. Daß er aber dieſes nicht war, bewieſen unter An⸗ derem auch zwei Briefe, die an ihn, Harry, gekommen waren; der eine, aus dem Ausland gekommen, war voller Liebesbezeigungen und voll guter Rathſchläge; den andern hatte er bald darauf bekommen, als er von dem Biſchof von Herton confirmirt worden war. In letzterem Briefe drückte Pater Holt ſein tiefes Bedauern über den Abfall des Jungen von der alleinſeligmachen⸗ den Kirche aus. Harry Esmond aber war jetzt ſo feſt überzeugt, daß er auf dem rechten Wege ſei, und hatte ein ſo großes Vertrauen zu ſeinen caſuiſtiſchen Künſten, 168 daß er glaubte, er ſei vollkommen im Stande, dem Pa⸗ ter ſelbſt die Spitze zu bieten, ja, vielleicht ihn zu be⸗ kehren. Um auf den Glauben ihres jungen Zöglings einzu⸗ wirken, hatte Esmonds gütige Gebieterin die Bibliothek ihres Vaters, des Dechanten, in Contribution geſetzt, der in den theologiſchen Streitigkeiten von König Karls des Zweiten Regierung ſich ausgezeichnet hatte, und der, nun ein alter Soldat, ſeine Streitwaffen ruhen ließ. Diſe nahm er jetzt gerne von ſeinen Bücherbrettern zum Beſten des jungen Esmond herab, dem er ſeinen per⸗ ſönlichen Rath und Uuterricht angedeihen ließ. Es erforderte keine ſehr große Ueberzeugungskunſt, um den Knaben zu veranlaſſen, der Religion ſeiner ge⸗ liebten Gebieterin anzuhangen, und der gute, alte, eid⸗ verweigernde Dechant ſchmeichelte ſich mit einer Bekeh⸗ rung, die in Wahrheit einer weit ſanfteren und ſchöneren Ueberzeugerin zu verdanken war. Unter den Augen ſeiner gütigen Gebieterin (was my Lord betrifft, ſo waren ſeine Augen ſo ziemlich im⸗ mer durch den Schlaf geſchloſſen) las Esmond viele Bände von den Werken der berühmten britiſchen Gottes⸗ gelehrten, die dem letzten Zeitalter angehört hatten, und ward ſo mit Wake, und Sherlock, und Stillingfleete, und Patrick vertraut. My Lady wurde es nie müde, zuzuhören oder zu leſen, den Text mit liebevollen Com⸗ mentaren zu begleiten, und ſolche Punkte hervorzuheben, bei denen ihre Imagination am liebſten verweilte, oder die ihre Vernunft für die wichtigſten erachtete. Seit dem Tode ihres Vaters, des Dechanten, hat dieſe Lady ihrer theologiſchen Lectüre eine gewiſſe Aus⸗ dehnung gegeben, zu der ihr orthodoxer Vater ſeine Zuſtimmung nie gegeben haben würde, indem ſeine Lieb⸗ lingsſchriftſteller mehr an die Vernunft und das Atter⸗ thum appellirten, als an die Leidenſchaften oder an die Einbildung ihrer Leſer, ſo daß die Werke Biſchof Tay⸗ — ——— „ — 169 lor's, ja ſelbſt die Mr. Baxters und Mr. Law's bei Lady Caſtiewvod in Wirklichkeit größere Gunſt gefunden haben, als die ernſteren, ſtrengeren Schriften unſerer großen engliſchen Gelehrten. In ſeinem ſpäteren Leben, auf der Univerſität, be⸗ ſchäftigte Esmond ſich wieder mit theologiſchen Contro⸗ verſen, wenn auch in ganz verſchiedener Weiſe, da ſeine Gönner beſchloſſen hatten, daß er die geiſtliche Laufbahn betreten ſollte. Obgleich aber das Herz ſeiner Gebie⸗ terin ganz und gar für dieſen Beruf war, ſo war das ſeinige doch nie allzuſehr dafür. Nachdem die erſte Inbrunſt einfacher Devotion vor⸗ über war, die ſein geliebter Jeſuitenprieſter ihm einzu⸗ flößen gewußt, gelang es der ſpeculativen Thevlogie nur wenig, den Geiſt des jungen Mannes zu feſſeln. Als ſeine frühe Leichtgläubigkeit ein Mal einen Stoß bekommen, und Heilige und Jungfrauen in ſeinem Geiſte kaum eine höhere Stelle einnahmen, als die Gottheiten des Olymps, wurde ſein Glaube mehr Ein⸗ſich⸗ergeben, als wirklicher Eifer, und er entſchloß ſich gerade ſo, das Prieſtergewand und die Bäffchen zu tragen, wie ein anderer Menſch ſich dazu entſchließt, einen Bruſthar⸗ niſch oder Steifſtiefeln zu tragen, oder, um ſein täg⸗ liches Brod zu verdienen, ſich an das Pult eines Kauf⸗ manns zu ſchmieden: bei Harry Esmond war es alſo mehr Sache des Gehor ſams und der Nothwendigkeit, als eigener Wahl. Zu Mr. Esmond's Zeiten gab es auf den Univerſi täten viele Dutzende ſolcher Männer, die ſich die Kirche zu ihrer Braut erkoren, ohne dazu mehr Beruf zu haben, als er. Als Thomas Tuſher fort war, fühlte ſich der junge Esmond von keiner geringen Riedergeſchlagenheit und Unruhe befallen, deren Urſache ſeine gütige Gebieterin errathen haben muß, da er ſelbſt ſich nicht beklagte; denn bald darauf bewies ſie nicht nur, daß ſie die Ur⸗ ſache von Harry's Melancholie verſtehe, ſondern daß 170 ſie auch derſelben abzuhelfen wiſſe. Es war ſo ihre Gewohnheit, ganz unbemerkt Diejenigen zu beobachten, an die Pflicht oder Liebe ſie knüpften, und deren Vor⸗ haben zu verhindern oder Vorſchub zu leiſten, wenn ſie die Macht dazu beſaß. Es war bei dieſer Dame eben ſowohl Naturan⸗ lage, als Bedürfniß, derer, ſo um ſie waren, ſich gütig anzunehmen, ihnen im Stillen Gutes zu thun, und Projecte für ihr Wohlergehen zu machen. Solche Güte nehmen wir meiſtentheils als eine Schuld entgegen; die Marien, die Salbe bringen, um unſere Füße damit zu ſalben, ernten nur wenig Dank. Einige von uns fühlen dieſe Hingebung gar nie, oder fühlen ſich da⸗ durch nie zu Dank oder Anerkennung bewogen; Andere erinnern ſich derſelben erſt nach Jahren, wenn die Tage vorüber ſind, in denen uns dieſe holde Güte zu Theil wurde, — und dann bieten wir in der Form armſeli⸗ ger ſpäter Thränen einen kargen Erſatz für die Schuld. Dann ſchlagen vergeſſene Töne der Liebe wieder an unſer Ohr, und dann dringen gewiſſe Lichtblicke aus der Vergangenheit an unſer Auge, — Lichtblicke, ſo klar und glänzend! — Lichtblicke, nach denen wir uns ſo ſehr geſehnt! — weil ſie außer unſerem Bereich ſind, — wie feſtliche Muſik dem doppelt feierlich klingt, der ſich hinter einer Kerkermauer befindet, — oder wie durch Eiſenſtäbe hindurch geſehener Sonnenſchein; — mehr geſchätzt, weil unerreichbar, — glänzender wegen des Contraſtes jetziger Dunkelheit und Einſamkeit, aus der kein Entrinnen iſt. Lady Caſtlewood ſchien alſo von Harry Esmond's Melancholie, bei Tom Tuſher's Abreiſe, nur inſofern Notiz zu nehmen, als ſie durch eine bei ihr ganz un⸗ gewohnte Fröhlichkeit ſeine düſtere Stimmung zu zer⸗ ſtreuen beſtrebt war. Sie machte ſeine drei Zöglinge — indem ſie ſelbſt ſeine erſte Schülerin war —) fröh⸗ licher, unverdroſſener, und gelehriger, denn je, indem 171 ſie alle jetzt weit mehr lernten und laſen, als je zuvor. „Denn wer weiß,“ pflegte die Lady zu ſagen, „was geſchehen kann, und ob wir einen ſo gelehrten Hof⸗ meiſter noch lange behalten?“ Frank Esmond ſagte dann, er für ſeinen Theil wolle und brauche nicht mehr zu lernen und Vetter Harry könne ſein Buch zumachen, ſo bald er wolle, und mit ihm fiſchen gehen; und die kleine Beatrix er⸗ klärte, ſie würde nach Tom Tuſher ſchicken, und dem würde es eine angenehme Pflicht ſein, nach Caſtlewood zu kommen, wenn Harry nicht mehr da bleiben wollte. Endlich langte eines Tags ein Bote von Wincheſter an. Derſelbe überbrachte von dem Dechanten einen mit einem großen ſchwarzen Siegel verſehenen Brief, der beſagte, daß ſeine, des Dechanten, Schweſter ge⸗ ſtorben ſei, und daß dieſelbe ihr in zweitauſend Pfund Sterling beſtehendes Vermögen ihren ſechs Richten, den Töchtern des Dechanten, vermacht habe; und noch gar oft hat ſich ſeitdem Harry Esmond des gerötheten Ge⸗ ſichtes und des vielſagenden Blickes erinnert, womit ſeine gütige Gebieterin ihn betrachtete, als dieſe Nach⸗ richt angelangt war. Sie heuchelte wegen des Todes ihrer Verwandtin keinen Schmerz, da ſie und ihre Fa⸗ milie ſo viele Jahre von derſelben getrennt geweſen waren. Als my Lord die Nachricht vernahm, machte auch er kein allzu lauges Geſicht. Er, der mit ſeinem Gelde und eben ſo auch mit fremdem ſo freigebig war, ſagte: „Das Geld kommt gerade recht, um das Muſik⸗ zimmer zu möbliren, und den Keller zu füllen, der keer zu werden anfängt, und Ew. Ladyſchaft eine Kutſche und ein Paar Pferde zu kaufen, die ſich werden eben ſo gut reiten, als anſpannen laſſen. Und Du, Beatrir, Du ſollſt ein Spinett bekommen; — und Du, Frank, Du bekommſt ein kleines Pferd, wenn der Hextoner Jahrmarkt iſt; — und endlich ſollſt Du, Harry, fünf 172 Pfund haben, damit Du Dir einige Bücher kaufen kannſt. Ich wollte nur, Rachel, daß Deine Tante alle Jahre ein Mal ſtürbe; wir könnten Dein Geld ſammt dem Deiner Schweſtern gar gut brauchen“ Ich habe nur eine Tante, — und — und das Geld iſt zu etwas Anderem beſtimmt, my Lord, ſagt my Lady, ganz roth werdend. „Zu etwas Anderem, meine Liebe? Und was ver⸗ ſtehſt denn Du vom Gelde?“ ruft my Lord. „Und was, zum Teufel, gibt es auf der Welk, daß ich Dir nicht gebe, wenn Du es haben willſt?“ „Ich habe im Sinne, dieſes Geld wegzugeben, — können Sie ſich nicht einbilden, wie und wem, my Lord?“ My Lord that einen ſeiner großen Schwüre, daß er auch nicht den entfernteſten Begriff von dem hätte, was ſie meinte. „Es iſt für Harry Esmond beſtimmt: er ſoll da⸗ mit ſtudiren. — Vetter Harry,“ ſpricht my Lady, Sie dürfen jetzt nicht länger an dieſem langweiligen Orte bleiben, ſondern müſſen ſich einen Namen machen, — was Sie auch der Familie ſchuldig ſind, Harry.“ „Zum Teufel! Harry kann wohl hier bleiben, wo er es gut genug hat,“ ſpricht my Lord, einen Augen⸗ blick etwas verdrießlich ausſehend. „Geht denn Harry fort? Du wirſt doch nicht ſagen, Du wolleſt gehen?“ rufen Frank und Beatrir zumal aus. „Aber er kommt ja wieder; und es wird dieſes Schloß ſtets ſeine Heimath ſein,“ ruft my Lady, wäh⸗ rend ihre blanen Augen voll himmliſcher Güte ſind. „Auch werden ſeine Zöglinge ihn ſtets lieben, nicht wahr?“ „Bei Gott, Rachel, Du biſt ein gutes Weib!“ ſpricht my Lord, my Lady's Hand ergreifend, worüber ſie gar ſehr erröthete, und worauf ſie, ihre Kinder vor 173 ſich hinſtellend, etwas zurückwich. „Ich wünſche Dir Glück dazu, Vetter!“ fuhr er fort, Harry Esmond einen derben Schlag auf die Schulter gebend. „Ich will Deinem Glücke nicht im Wege ſehen Geh' nach Cam⸗ bridge, mein Junge, und wenn Tuſher ſtirbt, ſo ſollſt Du die hieſige Pfründe bekommen, vorausgeſetzt, daß Du bis dahin nicht beſſer verſorgt biſt. Wir wollen mit der Möblirung des Speiſeſaals und dem Ankaufe der Pferde noch ein Jahr warten. Ich gebe Dir einen Klepper aus dem Stalle; Du kannſt Dir dort irgend ein Pferd auswählen, mit alleiniger Ausnahme meines Zelters, und des kaſtanienbraunen Wallachen, und der Kutſchenpferde; — und Gott ſei bei Dir, mein Junge!“ „Nimm den Rothfuchs, Harry: der iſt gut. Vater ſagt, er ſei das beſte Pferd im Stalle,“ ſpricht der kleine Frank, mit den Händen klatſchend und in die Lihe ſpringend. „Komm, wir wollen ſogleich in den Stall gehen und das Thier anſehen.“ Und der Andere wollte in ſeinem Entzücken und in ſeinem Eifer das Zimmer alsbald verlaſſen, um alle Vorbereitungen zu ſeiner Abreiſe zu treffen. Lady Caſtlewvod ſchaute ihm mit traurigen, durch⸗ dringenden Blicken nach. „Er möchte ſchon fort ſein, my Lord,“ ſagte ſie zu ihrem Gatten. Der junge Mann zögerte und blieb beſchämt ſtehen. „Wenn Eurer Ladyſchaft es erwünſcht iſt, ſo bleibe ich für immer hier,“ ſagte er. „Und Du wäreſt ein rechter Narr, wenn Du das thäteſt,“ ſagte my Lord. „Stille, ſtille, Mann! geh und ſieh' Dir die Welt ein Bischen an. Lauf' Dir die Hörner ein Bischen ab, und ſuch' das Glück bei dem Schopfe zu faſſen. Ich wollte nur, ich könnte wieder ein junger Kerl werden, damit ich auf die Uni⸗ gehen und das Trumpingtoner Ale verſuchen önnte.“ „Auf unſerem Schloſſe iſt es gar langweilig,“ ruft my Lady mit einem Anfluge von Traurigkeit und vielleicht von Satyre in ihrer Stimme: „unſer Haus iſt zur Hälfte eine Ruine, und die andere nur halb mö⸗ blirt: es iſt dieß ein gar trauriger Aufenthalt, und eine Frau mit ihren zwei Kindern iſt bloß eine arm⸗ ſelige Geſellſchaft für Männer, die an eine beſſere ge⸗ wohnt ſind. Wir paſſen eben zu nichts Anderem, als zu Mägden im Dienſte der Herren, und es liegen deren Freuden und Vergnügungen nothwendig anderswo, als zu Hauſe.“ „Der Teufel ſoll mich holen, Rachel, wenn ich weiß, ob es Dir Ernſt iſt, oder nicht,“ ſagte my Lord. „Es iſt mir Ernſt, my Lord ja!“ ſagt ſie, ſich immer noch an eines ihrer Kinder anklammernd. „Gibt es denn hier viel zu ſpaſſen?“ Und ſie machte ihm einen vornehmen Knicks, und warf Harry Esmond einen feierlichen Blick zu, der zu ſagen ſchien, „denk' daran; Du verſtehſt mich, wenn auch er mich nicht verſteht,“ und verließ das Zimmer mit ihren Kindern. „Seitdem ſie die verdammte Hextoner Geſchichte ausfindig gemacht hat,“ ſagte my Lord — „und ver⸗ dammt ſeien Die, ſo es ihr geſagt! — iſt ſie nicht mehr die nämliche Frau. Sie, die ſonſt ſo demüthig war, wie ein Milchmädchen, iſt nun ſo ſtolz, wie eine Prinzeſſin,“ ſagt my Lord. „Folg meinem Rathe, Harry Esmond, und halt' Dir die Weiber vom Leibe. Seit dem Augenblicke, daß ich mit den Mähren zu ſchaffen gehabt, haben ſie mir Nichts als Widerwär⸗ tigkeiten aller Art bereitet. Es iſt wahrhaftig zum Verzweifeln! „Ich hatte zu Tanger eine Frau, die keine Silbe von meiner Sprache verſtand. Wohlan! Man hätte glauben ſollen, ich müßte da ein ruhiges Leben führen. Aber bah! Sie verſuchte es, mir Gift zu geben: und warum? Weil ſie auf ein jüdiſches Mädchen eifer⸗ ſüchtig war. „Da war Deine Tante, — denn eine Tante iſt ſie Dir wirklich, — Tante Jeſebel: mit der hat Dein Vater ein ſchönes Leben geführt, und da iſt meine Frau. Als ich ſie auf einem Reitkiſſen hinter dem Dechanten, ihrem Vater, reiten ſah, war ſie, und ſah ſie aus, wie ein kleines Kind, dem eine Puppe für ſechs Pence die größte Freude verurſacht hätte. Und nun ſiehſt Du, wie ſie jetzt iſt, — ſo kurz angebunden, ſo oben hin⸗ aus, ſo vornehm, ſo ſtolz, daß eine Kaiſerin wahrhaf⸗ tig es ihr nicht zuvorthun könnte. „Schieb' den Deckelkrug her, Harry, mein Junge! Eine Kanne Bier und ein gutes Stück Roſtbrod Mor⸗ gens, ſagt mein Wirth. Ein gutes Stück Roſtbrod und eine Kanne Bier, ſagt meine Liebſte. Zum Teu⸗ fel! Polly liebt auch eine Kanne Ale, und zwar mit einer Zugabe von Branntwein, bei Jupiter!“ Und was mich betrifft, ſo glaube ich wirklich, daß ſie das mit einander tranken; denn my Lord konnte oft ſchon beim Mittageſſen nur noch ſtammeln, wäh⸗ rend er beim Abendeſſen gar kein Wort mehr heraus⸗ zubringen vermochte. Nachdem Harry Esmond's Abreiſe einmal beſchloſ⸗ ſen worden war, ſchien es, als ob auch Lady Caſtle⸗ wood ihn gern verliere; denn mehr, denn ein Mal, wenn der Junge, der ſich vielleicht des geheimen Dran⸗ ges ſchämte, der ihn forttrieb (— auf jeden Fall aber übermannte ihn immer ein Gefühl der Traurigkeit bei dem Gedanken, daß er nun Diejenigen verlaſſen müßte, von denen er ſo viele Beweiſe unſchätzbarer Liebe und Freundſchaft erhalten —), es verſuchte, ſeiner Gebie⸗ terin die ihn beſeelenden Gefühle der Dankbarkeit, ſo wie ſeinen Schmerz über das Scheiden von Denen aus⸗ zudrücken, die einen namen⸗ und obdachloſen Waiſen⸗ knaben ſo zärtlich gepflegt und beſchützt, machte Lady Caſtlewvod ſeinen Liebesbethenrungen und ſeinen Weh⸗ klagen plötzlich ein Ende und wollte von keinem Kum⸗ mer hören, ſondern einzig und allein Harry's Ruf und Weltglück im Ange behalten. „Unſer kleines Erbe,“ ſagte ſie, „wird hinreichen, um Sie während eines Zeitraumes von vier Jahren auf der Univerſität den Rang eines Gentleman behaup⸗ ten zu laſſen. Die himmliſche Vorſehung, Ihr eigener Fleiß, Ihre eigene Ehre, Ihr eigener Geiſt müſſen das Uebrige thun. Caſtlewvod wird Ihnen ſtets eine Hei⸗ math ſein, und dieſe Kinder, die Sie unterrichtet und geliebt haben, werden nicht vergeſſen, Sie zu lieben. „Und, Harry, fuhr ſie fort (— und es war dieß das erſte Mal, daß ſie mit einer Thräne im Auge oder mit bebender Stimme ſprach —), „es kann im Laufe der Natur geſchehen, daß ich von dieſen Kindern ge⸗ nommen werde; und ihr Vater, — und — und ſie werden wahrer Freunde und Beſchützer bedürfen. Ver⸗ ſprechen Sie mir, daß Sie wahr und aufrichtig gegen ſie ſein, daß Sie ſie nie verlaſſen wollen, — wie — wie ich glaube, Ihnen gegenüber gehandelt zu haben, — und es wird der Segen einer Mutter auf Ihnen ruhen, die ihr inbrünſtiges Gebet für Ihr Wohlergehen zum Himmel emporſendet.“ „Ja, das will ich, Madame, ſo wahr mir Gott helfe!“ ſprach Hamy Esmond, auf die Knie nieder⸗ fallend, und die Hand ſeiner theuren Gebieterin mit Küſſen bedeckend. „Wenn es Ihnen erwünſcht ſein kann, daß ich jetzt hier bleibe, ſo ſprechen Sie: Ihr Wille ſoll mir Gebot ſein. Was verſchlägt es, ob ich mein „Glück mache oder nicht, oder ob ein armer Baſtard ſo unbekannt ſtirbt, wie er jetzt lebt? Mir iſt es genug, daß mir Ihre Liebe und Ihre Freundſchaft gewiß ſind; und Sie glücklich zu machen, iſt mir der Pflicht genug.“ „Glücklich!“ ſagt ſie; „aber ich ſollte es in der That ſein, mit meinen Kindern, und —“ 177 „Nicht glücklich!“ rief Esmond (— denn er wußte, welcher Art ihr Leben war, obgleich er mit ſeiner Ge⸗ bieterin nie ein Wort darüber ſprach —). „Und iſt es nicht Glück, ſo mag es Ruhe und Behaglichkeit ſein. Laſſen Sie mich hier bleiben und für Sie arbeiten; — laſſen Sie mich hier bleiben und Ihr Diener ſein.“ „Nein, nein, es iſt am Beſten, wenn Sie fort⸗ gehen,“ ſprach my Lady lachend, während ſie ihre Hand einen Augenblick auf dem Kopfe des Jungen ruhen ließ. „Sie dürfen an keinem ſo langweiligen Orte bleiben. Sie müſſen auf die Univerſität gehen, und ſich auszeichnen, wie Ihr Name es verlangt. So wer⸗ den Sie mir am Beſten gefallen; und — und wenn meine Kinder Ihrer bedürfen, oder wenn ich einmal Ihrer bedarf, ſo ſollen Sie zu uns kommen; — und ich weiß, wir können auf Sie zählen.“ „Möge des Himmels Segen ſich von mir abwen⸗ den, wenn ich Ihren ſo eben ausgeſprochenen Erwar⸗ tungen nicht entſpreche,“ ſagte Harry, ſich erhebend. „Und meinen Ritter verlangt es ſchon in dieſem Angenblicke nach einem Drachen, um ihn zu bekämpfen,“ ſprach my Lady lachend. Dieſe Worte hatten auf Harry Esmond die Wir⸗ kung, daß er zuſammenfuhr und erröthete; denn genau derſelbe Gedanke hatte ſich in dieſem Augenblicke in ſeinem Geiſte feſtgeſetzt: er hätte Alles auf der Welt darum gegeben, wenn ſich ihm alsbald eine Gelegenheit dargeboten hätte, wodurch er ſeine unbegrenzte Hingebung hätte an den Tag legen können. Und es verurſachte ihm ein wonniges Gefühl, zu denken, daß ſeine Ge⸗ bieterin ihn „ihren Ritter“ genannt; und oft und oft rief er ſich dieſe Worte ins Gedächtniß zurück, mit dem inbrünſtigen Wunſche, daß er ſich auch als ihr ſtand⸗ hafter Ritter erweiſen möchte. Das Fenſter von mh Lady's Schlafzimmer be⸗ denry Esmond. I. 12 178 herrſchte einen großen Theil der umliegenden Landſchaft und man konnte von dort die purpurnen Hügel jenſeit des Dorfes Caſtlewvod, die grüne Allmende zwiſchen letzterem und dem Schloſſe, ſowie die alte Brücke ſehen, die den Fluß überſpannte. Als nun Harry Esmond nach Cambridge abreiste, lief der kleine Frank bis an die Brücke neben ſeinem Pferde einher; und dort hielt Harry einen Augenblick an, und ſah auf das Haus zurück, wo der größte Theil ſeines Lebens zugebracht worden war. Es lag vor ihm mit ſeinen grauen, wohlbekannten Thürmen: ein Paar Zinnen glänzten im Sonnenſchein, während die Strebepfeiler und die Terraſſenmauern gewaltige blaue Schatten auf das Gras warfen. Und Harry erinnerte ſich noch in ſeinem ganzen ſpäteren Leben, wie er ſeine Gebieterin in weißem Ge⸗ wande am Fenſter ſtehen und ihm nachblicken ſah, wäh⸗ rend die kaſtanienbraunen Locken der kleinen Beatrir an der Seite ihrer Mutter ruhten. Beide winkten ihm ein Lebewohl zu; und dem kleinen Frank koſtete der Abſchied ſchwere Thränen. Ja, Harry wollte der treue Ritter ſeiner Dame ſein: er gelobte es in ſeinem innerſten Herzen; und er winkte ihr mit ſeinem Hute ein Lebewohl zu. Was die Leute im Dorfe betrifft, ſo wünſchten auch ſie Maſter Harry vielmals Glück auf die Reiſe. Alle wußten, daß er auf die Univerſität ging, und die meiſten von den Dorfbewohnern hatten ein freundliches Wort und einen freundlichen Blick für ihn, als er ſo von ihnen ſchied. Ich will hier nicht erzählen, welche Abenteuer er ſich einzubilden, oder welche Laufbahn er für ſich zu entwerfen anfing, ehe er noch drei Meilen weit geritten war. Er hatte zwar Monſieur Galland's ſinnreiche arabiſche Mährchen noch nicht geleſen; allein man darf verſichert ſein, daß es neben der ehrlichen Alnaſchar — 17½ noch andere Leute gibt, die Luftſchlöſſer bauen, und ſchöne Hoffnungen hegen, und dieſelben auch wieder unbarmherzig zerſtören. Zehutes Rapitel. Ich gehe nach Cambridge, und fahre dort nicht eben am Beſten. My Lord, welcher ſagte, daß er gerne die Orte wieder beſuchen würde, wo er einen Theil ſeiner Jugend zugebracht, war ſo gütig und begleitete Harry Esmond auf ſeiner erſten Reiſe nach Cambridge. Ihr Weg führte ſie über London, wo my Lord Viscount Harry auch einige Tage verweilen laſſen wollte, um ihn mit dem Vergnügen der Stadt vertraut zu machen, ehe er ſeine academiſche Studien begänne. Und während ſie in London waren, wurde auch Harry von ſeinem Gön⸗ ner in das Haus der verwittweten Vicomteſſe, in Chel⸗ ſea, bei London, geführt, da die gütige Lady zu Caſtle⸗ wood ausdrücklich befohlen hatte, daß der junge und der alte Herr der alten Dame einen reſpectvollen Beſuch machen ſollten. Ihre Ladyſchaft, die verwittwete Vicomteſſe, be⸗ wohnte ein hübſches, neues Haus zu Chelſea, das hin⸗ ten einen Garten hatte und vorn dem Fluſſe gegen⸗ überſtand, der mit ſeinen Schwärmen von Matroſen, Barken und Fähren ſtets einen glänzenden und belebten Anblick darbot. Harry lachte, als er in dem Parlour das noch ſo gut in ſeinem Gedächtniſſe haftende alte 180 Stück von Sir Peter Lely erkannte, wo die Wittwe ſeines Vaters als eine jungfräuliche, mit einem vergol⸗ deten Bogen und Pfeile bewaffnete, und bloß mit jener kleinen Menge von Draperie, die, wie es ſcheinen möchte, zu König Karls Zeiten die Jungfrauen zu tragen ge⸗ wohnt waren, belaſtete Jägerin dargeſtellt war. Die verwittwete Vicomteſſe hatte zwar dieſen eigen⸗ thümlichen Habit abgelegt, als ſie ſich verheirathete. Obgleich ſie aber nun das ſechzigſte Lebensjahr bedeu⸗ tend überſchritten hatte, ſo glaube ich doch, daß ſie ſich einbildete, jene luftige Nymphe, die auf dem Gemälde dargeſtellt war, könne immer noch leicht in der ehrwür⸗ digen Perſon erkannt werden, die Harry und ſeinem Gönner Audienz gab. Sie empfing den jungen Mann ſogar mit noch größerer Gunſt, als ſie gegen den älteren an den Tag legte; denn ſie fand ſich bewogen, die Converſation in franzöſiſcher Sprache zu führen, in welch letzterer my Lord Caſtlewvod nicht ſehr bewandert war; und konnte nicht umhin, ihre Befriedigung auszudrücken, als ſie fand, daß Mr. Esmond die genannte Sprache geläufig ſprach. „Die franzöſiſche Sprache,“ geruhte die alte Dame zu ſagen, „ſei die einzige, in der man einen an⸗ ſtändigen Discours führen könne, und paſſe allein für hochgebildete Perſonen.“ My Lord lachte ſpäter, als die Gentlemen ſich ent⸗ fernten, über das Benehmen ſeiner Verwandtin. Er ſagte, er erinnere ſich noch gar wohl der Zeit, wo ſie das Engliſche ſchnell genug habe ſprechen können, und ſpaßte in ſeiner luſtigen Weiſe über den Verluſt, der ihm daraus erwachſen, daß er ein ſo liebenswürdiges Weib, wie dieſe ſei, nicht bekommen habe. My Lady Viscounteß geruhte auch, Seine Lord⸗ ſchaft nach ſeiner Frau und ſeinen Kindern zu fragen. Sie habe, ſagte ſie, gehört, daß Lady Caſtlewood die 181 Blattern gehabt, — und hoffe, daß die Dame nicht ſo arg entſtellt ſei, wie man ſage. Bei dieſer Bemerkung über die Krankheit ſeiner Frau erröthete my Lord Viscount, der ſich dadurch keineswegs angenehm berührt fühlte; aber die verwitt⸗ wete Vicomteſſe wandte ſich, als ſie von der Entſtellung der jungen Lady ſprach, nach ihrem Spiegel hin, und prüfte darin ihr altes, runzeliges Geſicht mit einem ſolchen Grinſen der Zufriedenheit, daß ihre Gäſte alle ihre Ernſthaftigkeit aufbieten mußten, um ihr nicht ge⸗ radezu in das alte Geſicht zu lachen. Sie fragte Harry, welches Fach er zu ſeinem Be⸗ rufe erwählt habe; und als my Lord darauf ſagte, daß der Junge in den geiſtlichen Stand treten, und nach Ableben des alten Doctor Tuſher die Pfründe von Caſtlewood bekommen ſollte, ſo ſchien ſie bei dem Gedanken, daß Harry ein Geiſtlicher der anglikaniſchen Kirche werben ſolle, nicht beſonders zornig zu werden, im Gegentheil! ſie war eher noch froh, daß der Jüng⸗ ling in ſolcher Weiſe verſorgt werden ſollte. Sie empfahl Mr. Esmond an, es ja nicht zu unterlaſſen, ſie ſo oft er durch London komme zu beſuchenz ja ſie ging in ihrer Gnade ſo weit, daß ſie eine Börſe mit zwanzig Guineen für ihn in das Gaſthaus ſchickte, wo my Lord logirte (— das Gaſthaus war „zum Windſpiel“ genannt, und lag in Charing Croß —); und zugleich ſchickte ſie neben dieſer willkommenen Gabe für ihren Verwandten, eine kleine Puppe als ein Geſchenk für my Lords kleine Tochter Beatrix, die um dieſe Zeit über das Alter hinauswuchs, wo Mädchen Puppen zu haben pflegen, und faſt ſo groß war, wie ihre ehrwür⸗ dige Verwandtin. Nachdem ſie die Stadt geſehen, und die Schanſpiel⸗ häuſer beſucht, ritten my Lord Caſtlewwod und Esmond nach Cambridge, und brachten zwei überaus angenehme Tage auf der Reiſe zu. Es gab damals noch nicht 182 jene neuen Geſchwindkutſchen, welche den ganzen Weg zwiſchen London und der Univerſität in einem einzigen Tage zurücklegten; indeſſen kam Harry Esmond der Weg angenehm und kurz vor, und ſtets erinnerte er ſich dankbar und mit einem Gefühle der Wonne an die glücklichen Stunden, die er ſo in der Nähe ſeines gütigen Beſchützers verlebte. Mr. Esmond wurde als Penſionär in das Ver⸗ zeichniß der Glieder des Dreifaltigkeitscollegiums in Cam⸗ bridge eingetragen, und dieſem berühmten Collegium hatte auch my Lord in ſeiner Jugend angehört. Vorſtand deſſelben war damals Pr. Montague, und dieſer empfing my Lord Viscount mit vieler Höflichkeit; ein gleiches that Mr. Bridge, der Harry's Tutor *) werden ſollte. Tom Tuſher, der dem Emanuels⸗Collegium ange⸗ hört und jetzt ein angehender Soph**) war, machte my Lord ſeine Aufwartung, und verſprach, Harry in ſeinen Schutz zu nehmen; und als man ihm bequeme Zimmer in dem großen Hofe, ganz in der Nähe des Thores und der berühmten Wohnung Mr. Newton's, angewieſen hatte, verabſchiedete ſich Harry's Beſchützer unter vielen gütigen Worten und Glückwünſchen, und mit der Ermahnung, ſich auf der Univerſität beſſer auf⸗ zuführen, als my Lord ſelbſt einſt gethan. Es iſt unnütz, in dieſen Memviren auf die Ein⸗ zelheiten von Harry Esmond's Univerſitäts⸗Laufbahn weitläufiger einzugehen. Es war dieſelbe die von hun⸗ dert andern jungen Herrn, die um jene Zeit ſtudirten. Harry aber hatte das Unglück, um ein Paar Jahre älter zu ſein, als die meiſten ſeiner Studiengenoſſen; auch *) Collegiallehrer, Profeſſor, Lertor. **) Soph, oder Sophomore, Student im zweiten Jahre, Candidat der Philoſophie, etwa gleich unſerem „Jung⸗Burſche.“ 183 war er, vermöge ſeiner früheren Erziehung, wo er immer ganz allein geweſen war, ſowie durch ſeine Lebensum⸗ ſtände und das eigenthümliche nachdenkende und melan⸗ choliſche Weſen, das ganz natürlich daraus hervorge⸗ gangen war, großentheils von der Geſellſchaft von Ka⸗ meraden ausgeſchloſſen, die weit jünger und lebens⸗ luſtiger waren, als er. Sein Profeſſor, der ſich bis auf den Boden hinab verbengt hatte, als er my Lord über die Grasflecke des Colleginums hinführte, veränderte ſein Benehmen, ſobald der Edelmann den Rücken gekehrt hatte, und war, — wenigſtens glaubte es Harry — und war barſch und hochfahrend. Wenn die jungen Leute ſich im Collegiums⸗ gebäude, in ihren greges verſammelten, fand ſich Harry mutterſeelenallein inmitten dieſes Haufens von Jüng⸗ lingen. Dieſe fingen immer laut zu lachen an, wenn er lateiniſch leſen mußte, indem er dabei ſich der frem⸗ den Ausſprache bediente, die ihn ſein alter Lehrer, der Jeſuitenpater, gelehrt hatte, und außer welcher er keine andere kannte. Mr. Bridge, der Profeſſor, machte ihn zum Gegenſtande plumper Späſſe, worin er ſich nicht wenig gefiel. Der junge Mann war überaus ärgerlich darüber, und ſeine Eitelkeit fand ſich verletzt; und einige Zeit lang fand er ſich an dieſem Orte ebenſo allein und ver⸗ laſſen, als er es je auf Schloß Caſtlewvod geweſen, wohin es ihn verlangte zurückzukehren. Seine Geburt war eine reiche Quelle der Schande für ihn, und er bildete ſich hundert Mal ein, er werde von Jungen und Alten hintangeſetzt, verhöhnt, die ihn ohne Zweifel beſſer behandelt haben würden, wenn er ſelbſt ihnen offener entgegengekommen wäre. Und wenn er in ruhigeren Tagen auf dieſe Periode zurückblickt, die ihm ſo unglücklich vorkam, kann er ſehen, daß ſein eigener Stolz und ſeine eigene Eitelkeit nicht wenige von den Kränkungen veranlaßten, die er der 184 Bosheit und dem Uebelwollen Anderer zuſchrieb. Die Welt verfährt gutmüthig mit gutmüthigen Leuten, und nie habe ich einen mürriſchen, trübſinnigen Miſan⸗ tropen gekannt, der ſich mit der Welt überworfen, ohne daß er, der Miſanthrop, Unrecht gehabt hätte, und nicht die Welt. Tom Tuſher gab zwar Harry in dieſem Punkte eine Menge guter Rathſchläge, denn Tom hatte ſowohl geſunden Verſtand, als gute Laune; aber Mr. Harry beliebte ſeinen älteren Kameraden mit viel unnöthiger Verachtung und mit viel abgeſchmackter Geringſchätzung zu behandeln, und wollte um keinen Preis unbeleidigt eblieben ſein, und an welche Beleidigungen höchſt wahr⸗ ſheinlich Niemand glaubte, als er ſelbſt. Was den ehrſamen Dr. Bridge betrifft, ſo fand der Profeſſor nach einigen Witzproben, die er verſucht, daß ſein Zögling ein ſchlechter Gegenſtand zu ſolchen ſei, und daß derſelbe oft die Lacher auf ſeiner Seite habe. Es machte zwar dieſer Umſtand den Profeſſor und den Zögling zu keinen beſſeren Freunden, aber es hatte der⸗ ſelbe doch für Esmond den Vortheil, daß Mr. Bridge davon Anlaß nahm, den Burſchen fortan ungeſchoren zu laſſen; und ſo lange Harry die Kapelle beſuchte, und die Anfgaben machte, die man von ihm verlangte, beklagte ſich Bridge nicht über das mürriſche Geſicht, das ſein Zögling während der Lectivn machte: der Profeſſor ſah daſſelbe fortan nicht mehr, auch ließ man den Jungen ungeſtört auf ſeinem Zimmer leſen und ſchmollen. Ein Paar lateiniſche und engliſche Gedichte, von denen man ſagte, daß ſie einiges Verdienſt hätten, und eine lateiniſche Rede (— denn Mr. Esmond konnte das Lateiniſche beſſer ſchreiben, als ausſprechen —) verſchafften ihm einiges Anſehen, ſowohl bei den Uni⸗ verſitätsbehörden, als bei den jungen Leuten, bei denen er anfing, mehr zu gelten, als eigentlich recht war. — „ 185 Einige Siege über ihren gemeinſchaftlichen Feind, Mr. Bridge, veranlaßten die jungen Leute, ſich ihm zu nähern, und ihn als den Vorkämpfer ihres Standes gegen die Anmaßungen der Profeſſoren anzuſehen. Die⸗ jenigen jungen Lenute, die er in ſein Vertrauen zog, fanden ihn nicht ganz ſo trübſinnig und ſo hochmüthig, als ſeine äußere Erſcheinung ſie hatte glauben machen; und Don Dismallo *), wie er genannt wurde, wurde bald in ſeinem Collegium eine Perſon von einiger Wichtigkeit, und war, wie er Urſache hat, zu glauben, bei den dortigen Proſeſſoren als ein ziemlich gefähr⸗ licher Charakter notirt. Don Dismallo war ein eifriger junger Jakobit, wie der Reſt ſeiner Familie; legte in gar abſurder Weiſe ſeine Loyalität an den Tag; pflegte an König Jakob's Geburtstag junge Freunde zu einem Glas Burgunder einzuladen, und dann die Geſundheit des Königs auszubringens trug ſich ſchwarz an dem Tage ſeiner Thronentſagung; faſtete an dem Jahrestage von König Williams Krönung; und machte tauſend abſurde Hanswurſtsſtreiche, über die er jetzt lächelt, wenn er zu⸗ fällig daran denkt. Dieſe Thorheiten verurſachten manche Zurechtwei⸗ ſungen von Seiten Tom Tuſhers, der ſtets ein Freund der beſtehenden Gewalten war, während Esmond die⸗ ſelben immer bekämpfte. Tom war ein Whig, während Esmond ſtolz darauf war, ein Tory zu ſein. Tom verſäumte nie eine Vorleſung, und „filzte“ vor dem Univerſitätsrichter mit dem allertiefſten Bücklinge. Kein Wunder daher, daß er über Harry's ſubordinations⸗ widriges Benehmen ſeufzte, und daß er zornig war, wenn die Andern ihn auslachten. Wäre von Harry nicht bekannt geweſen, daß er my Lord Visconnts Pro⸗ *) Etwa = Herr Trübſelig. 186 tection genieße, ſo hätte Tom ohne Zweifel mit ihm ganz und gar gebrochen. Aber der ehrliche Tom gab nie einen Kameraden auf, ſo lang derſelbe der Freund eines großen Mannes war. Es war dieß bei Tom nie ein angelegter Plan, ſondern bloß eine natürliche Hinneigung zu den Großen. Schmeichelte er, ſo ſtak keine Heuchelei dahinter, ſondern es war bloß Bedürf⸗ niß für ihn; denn ſein Charakter war ſtets ſervil, wäh⸗ rend er damit eine vollkommen gute Lanne und eine ſeltene Gefälligkeit verband. Harry hatte ein ſehr ſchönes Jahrgeld, denn nicht allein verſah ihn ſeine theure Gebieterin auf Schloß Caſtlewood regelmäßig mit „Moneten, ſondern die verwittwete Vicomteſſe zu Chelſea machte auch ihr Ge⸗ ſchenk zu einem jährlichen, und nahm alle Jahre, um Weihnachten, Esmond in ihrem Hauſe bei London auf; aber trotz aller dieſer Geldſpenden war Esmond immer und ewig arm, während es auf der andern Seite zum Verwundern war, mit welch' geringem Taſchengelde es Tom Tuſher gelang, eine anſtändige Figur zu machen. Die ganz natürliche Erklärung hievon iſt, daß Harry ſein Geld nie ſparte, ſondern überaus freigebig weg⸗ ſchenkte und herlieh, — was Alles Thomas wohlweis⸗ lich bleiben ließ. Dieſer bekam ſein Taſchengeld von ſeinem Vater, dem Pfarrer, und ich glaube, daß der junge Tuſher in Beziehung auf das Geld es wie der berühmte Herzog von Marlborvugh machte, der, als er, noch ein Jüngling, von einem närriſchen Frauen⸗ zimmer, welches ſich in ſein ſchönes Geſicht verliebte, ein Geſchenk von fünfzig Goldſtücken bekam, noch viele, viele Jahre nachher Cadogan das Geld in einer Schub⸗ lade zeigte, wo es ruhig gelegen hatte, ſeit dem Tage, an dem er ſeine bartloſe Ehre verkauft, um es ſich zu verſchaffen. Ich will damit nicht ſagen, daß Tom je ein Mal ſein ſchönes Geſicht ſo vortheilhaft ausgeliehen habe, —— — ——— 187 denn Mutter Natur hatte ihn, was ſein Aeußeres be⸗ traf, mit keinen beſonderen Reizen beſchenkt; auch war er ſtets ein Muſter ſittlichen Betragens, und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ſeinem jüngeren Kameraden den allerbeſten Rath zu geben, — welchen Artikel er ſehr freigebig wegſchenkte? in dieſem Stücke muß man ihm alle Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Richt daß er nicht auch in ſeiner Weiſe ein luſtiger Kamerad ge⸗ weſen wäre; er liebte einen Spaß, wenn er ſolchen zu⸗ fällig verſtand, und zeigte ſich gar nicht faul bei einer Flaſche Wein, — vorausgeſetzt, daß ein Anderer ſie be⸗ zahlte; am Liebſten aber war es ihm, wenn ein junger Lord mittrank. Wenn dieſes der Fall war, gab es auf der ganzen Univerſität keinen wackerern Trinker, als Mr. Tuſher; und es war wirklich erbaulich, ihn beim Frühgottesdienſt in der Kapelle friſch raſirt und mit ſauberem Geſichte, laut „Amen!“ ſingen zu ſehen. Bei ſeiner Lectüre erlaubte ſich der arme Harry, ſämmtlichen neun Muſen nachzugehen, und ſo konnte es denn höchſt wahrſcheinlich nicht ausbleiben, daß er bei keiner derſelben in beſonderer Gunſt ſtand; wäh⸗ rend Tom Tuſher, der eben ſo wenig von einem Poe⸗ ten Etwas an ſich hatte, als ein Ackerknecht, deſſen un⸗ geachtet durch eine eigenſinnige Ausdauer und durch beharrliche Courtiſirung der göttlichen Kallivpe es dahin zu bringen wußte, daß er einen Preis bekam und daß er auf der Univerſität einiges Anſehen und in ſeinem Collegium als Belohnung für ſeine Gelehrſamkeit die Stelle eines Collegiaten erlangte. Während dieſer Zeit ſeines Lebens erwarb ſich Mr. Esmond den geringen Grad von Beleſenheit, deſſen er ſich je rühmen durfte, indem er einen großen Theil ſeiner Tage damit zubrachte, daß er alle Bücher ver⸗ ſchlang, die er in die Hände bekommen konnte. In dieſer deſultoriſchen Weiſe kamen ihm die Werke der berühmteſten engliſchen, franzöſiſchen, und italieniſchen * . 188 Dichter zu Geſichte; auch beſaß er einige Kenntniſſe in der ſpaniſchen Sprache, neben den alten Sprachen, in denen er — in der lateiniſchen wenigſtens — ziemlich gut bewandert war. Dann fing er, etwa in der Mitte ſeiner Univerſi⸗ tätslaufbahn, an, Bücher zu leſen, die ſich auf den Beruf bezogen, dem er ſich mehr aus Weltklugheit, als aus innerer Neigung widmete, und es ſtand nicht lange an, ſo ſtak er bis über die Ohren in theologiſchen Controverſen. Im Laufe ſeiner Lectüre (— die weder mit jenem Ernſte, noch mit jener Frömmigkeit verfolgt wurde, ſo ein ſolches Studinm erheiſcht —) fand ſich der Jüngling zu Ende eines Monats als Papiſt und bereit, von der Wahrheit des Glaubens der allein ſelig machenden Kirche zu zeugen; einen Monat darauf war er mit Chillingworth Proteſtant; und wieder einen Monat ſpäter war er mit Hobbes und Bayle Skepti⸗ ker. Tom Tuſher dagegen fiel es nie ein, den vorge⸗ ſchriebenen Univerſitätspfad zu verlaſſen, ſondern er nahm die neununddreißig Artikel von ganzem Herzen an und würde noch weitere neununddreißig Artikel mit vollkommenſtem Gehorſam unterſchrieben und beſchwo⸗ ren haben. Die Verkehrtheit und der Eigenſinn, ſo Harry in dieſem Stücke an den Tag legte, die ausſchweifenden Gedanken, und die unordentliche Converſation deſſelben betrübten und ärgerten Tom dermaßen, daß zwiſchen den beiden Jünglingen eine gewiſſe Kälte und Ent⸗ fremdung Platz griff, ſo daß ſie allmälig einander kaum mehr etwas Anderes waren, als bloße Bekannte, nachdem ſie im Anfange vertraute Freunde geweſen. Auch wurde auf der Univerſität ſtark politiſirt; und auch in dieſem Punkte harmonirten die beiden jungen Leute nicht mit einander. Tom, obgleich ein Hochkirchenmann, war ein ſtandhafter Anhänger König William's, — wenigſtens ſagte er ſo; während Harry 189 ſeine Familien⸗Tory⸗Politik auf die Univerſität mit⸗ nahm, wozu noch eine gefährliche Bewunderung für Oliver Cromwell kam, deſſen Partei er oft — wenn er ſich nicht für König Jakob erklärte — bei den Dis⸗ putationen zu ergreifen beliebte, welche die jungen Herren auf ihren Zimmern zu halten pflegten, wo fie über den Zuſtand der Nation debattirten, Könige krön⸗ ten und abſetzten, und verſtorbene und noch lebende Helden oder Schönheiten bei ihren mit Univerſitäts⸗ Ale gefüllten Humpen hoch leben ließen. So kam es denn, daß Esmond, ſei es in Folge der Umſtände, die ſeine Geburt begleitet, oder in Folge ſeiner zur Melancholie ſich hinneigenden Gemüthsart, während ſeines Aufenthalts auf der Univerſität ſehr viel allein war. Er hatte weder ſo viel Ehrgeiz, um ſich in der Univerſitätslaufbahn auszuzeichnen, noch mochte er ſich bei den bloßen Vergnügungen und kna⸗ benhaften Luſtbarkeiten der Studenten betheiligen, die größtentheils um zwei bis drei Jahre jünger waren, als er. Er bildete ſich ein, daß die Gentlemen, die im gemeinſchaftlichen Verſammlungszimmer ſeines Col⸗ legiums ſich einfanden, ihn wegen ſeiner Geburt ge⸗ ring ſchätzten, und deßhalb hielt er ſich von ihrer Ge⸗ ſellſchaft fern. Es mag ſein, daß er das Uebelwollen, von dem er ſich einbildete, daß es von ihm komme, durch ſein eigenes Benehmen verurſachte, das ihm jetzt, wenn er in ſeinem ſpäteren Leben darauf zurückblickt, als mürriſch und hochmüthig erſcheint. Jedenfalls aber war er für eine freundſchaftliche Geſinnung ſo zärtlich dankbar, als er ſonſt Geringſchätzung und Be⸗ leidigung argwohnte; und ſo einſam und allein er auch in der Regel war, ſo hatte er doch ein Paar überaus warme Freundſchaften für ſeine Geſellſchafter aus jenen Tagen. Einer dieſer Geſellſchafter und Freunde war ein etwas ſonderbgrer Herr, der ſich in der Univerſitäts⸗ 190 ſtadt aufhielt, obgleich er kein Mitglied der Hochſchule und Lehrer einer Wiſſenſchaft war, die kaum als ein Theil einer gewöhnlichen Univerſitätserziehung iſt. Es war ein franzöſiſcher Offizier, der zur Zeit der Prote⸗ ſtanten⸗Verfolgungen aus ſeinem Vaterlande vertrieben worden war und der, als Flüchtling, nach Cambridge kam, wo er die edle Fechtkunſt lehrte und eine Fecht⸗ ſchule eröffnete. Seine Hauptſtärke war der Haudegen. Obgleich er ſich für einen Proteſtanten ausgab, ſo munkelte man doch, ja ſagte man laut, daß Monſieur Morean ein verkleideter Jeſuit ſei. Auch brachte er wirklich ſehr ſtarke Empfehlungen an die Tory⸗Partei mit, die auf dieſer Univerſität ziemlich ſtark war, und gehörte höchſt wahrſcheinlich zu jenen vielen Agenten, die König Jakob in dieſem Lande unterhielt. Esmond fand die Unterhaltung dieſes Herrn un⸗ endlich angenehmer, und unendlich mehr nach ſeinem Geſchmacke, als das Geſchwätz der Thevlogen in dem gemeinſchaftlichen Verſammlungszimmer des Collegiums. Er konnte ſich nicht ſatt hören an Moreau's Geſchich⸗ ten aus den Kriegen Türenne's und Condé's, woran er Theil genommen; und da er, von ſeiner früheſten Jugend an, mit der franzöſiſchen Sprache vertraut war und ſich an einem Orte befand, wo nur Wenige franzöſiſch ſprechen konnten, ſo wurde ſeine Geſellſchaft dem wackern alten Fechtmeiſter bald ſehr angenehm. Esmond war ſein liebſter Schüler und brachte es unter ſeiner Leitung in der edlen Fechtkunſt zu einer er⸗ träglichen Fertigkeit. In dem darauffolgenden Semeſter ſollte Esmond ſich den Grad eines Baccalaureus der freien Künſte erwerben, um ſpäter, wenn die rechte Zeit gekommen wäre, das Prieſtergewand und die Bäffchen anzulegen, die ſeine zärtliche Gebieterin ihn nun einmal tragen ſehen wollte. Was Tom Tuſher betrifft, ſo war er jetzt bereits Geiſtlicher und Collegiat; und es war Harry, als ob 191 er ſein Recht auf die Pfründe von Caſtlewvod herzlich gern an Tom abtreten würde, und als ob die Kanzel keineswegs ſein Beruf wäre. Da er aber vor Allem ſeiner theuren Gebieterin auf Schloß Caſtlewvod zu Willen ſein wollte und da er wußte, daß eine Weige⸗ rung von ſeiner Seite ſie betrüben würde, ſo beſchloß er, ihr von ſeinem Widerwillen gegen die clerikale Laufbahn nicht einmal eine Andeutung zu geben. Und in dieſer nichts weniger als befriedigenden Stimmung ging er nach Schloß Caſtlewvod, um allda die letzten Ferien zuzubringen, die er vor ſeiner Aus⸗ weihung haben ſollte. Elftes Rapitel. Ich komme nach Caſtlewvod, um allda meine Ferien zuzubringen, und finde im Hauſe ein Skelett. Während ſeiner dritten langen Ferien kam Esmond wie gewöhnlich nach Caſtlewvod, und fühlte wie immer ſich von einem Wonnegefühl durchzuckt, als er ſich aber⸗ mals in dem Hauſe befand, wo er ſo manche Jahre zugebracht, und als er die gütigen vertraulichen Augen ſeiner Gebieterin auf ſich geheftet ſah. Sie kam mit ihren Kindern (— ſie ſah ihn faſt immer nur in der Geſellſchaft der Letzteren —), um ihn zu begrüßen. Miß Beatrix war unterdeſſen ſo groß geworden, daß Harry nicht recht wußte, ob er ſie küſſen dürfe oder nicht, und ſie erröthete und hielt ſich zurück, als 192 er ihr einen Kuß anbot, obgleich ſie einen ſolchen recht gerne annahm, ja ſogar ſuchte, ſobald ſie allein waren. Was den jungen Lord betrifft, ſo ſchoß er empor und hatte die Miene ſeines tapfern Vaters, verband aber damit die freundlichen Augen ſeiner Mutter. Die Lady von Caſtlewood ſelbſt ſchien, ſeit Harry ſie nicht mehr geſehen, gleichfalls gewachſen; ſie ſchien in ihrem Aus⸗ ſehen ſtattlicher, in ihrer Perſon voller zu ſein, wäh⸗ rend ihr Geſicht, obgleich immer noch ſo zärtlich und freundlich, wie nur je, etwas Entſchiedeneres und Be⸗ fehlshaberiſcheres hatte, als in früheren Zeiten, aus denen Harry ſich noch mit ſolchem Wonnegefühl jener argloſen, holden Miene erinnerte, wovon ſchon zu wie⸗ derholten Malen die Rede geweſen iſt. Der Ton ihrer Stimme, als ſie ſprach und ihn willkommen hieß, war ſo bedeutend tiefer und trauriger, daß er Esmond ganz ſtutzig machte, der, als ſie ſprach, überraſcht zu ihr aufblickte. Sie zog aber ihre Augen von ihm ab und blickte ihn auch ſpäter nicht mehr an, wenn ſeine Au⸗ gen auf ſie geheftet waren. Etwas, das auf Schmerz und Geheimniß deutete und ſeinen Geiſt mit unerklär⸗ licher Unruhe erfüllte, ſchien aus dieſer ihrer tiefen, bebenden Stimme zu ſprechen, und aus dieſen ihren klaren, traurigen Augen zu blicken. Der Gruß den ſie für Esmond hatte, war ſo kalt, daß er dem Jüngling faſt wehe that (— der gerne auf die Knie niedergefallen wäre und den Saum ihres Kleides geküßt hätte: ſo zärtlich und feurig war die Achtung und die Liebe, die er für ſie hegte —), und es ſtotterte derſelbe, als er die Fragen beantwortete, die ſie, ihrerſeits zögernd, an ihn zu richten begann. Sie fragte ihn, ob er zu Cambridge glücklich ſei, — und ob er nicht zu fleißig ſtudire. Hoffentlich, ſetzte ſie hinzu, werde Letzteres nicht der Fall ſein. Er ſei ſehr groß geworden und ſehe ſehr gut aus. 193 „Ah, ſehen Sie doch nur, Mama, er hat einen Schnurrbarti“ ruft Maſter Esmond aus. „Warum trägt er denn keine Perrücke, wie my Lord Mohun? fragte Miß Beatrix. „My Lord ſagt, es trage Niemand ſein eigenes Haar.“ „Ich glaube, daß Sie Ihr altes Zimmer werden wieder einnehmen müſſen,“ ſagt my Lady. „Hoffentlich hat die Haushälterin daſſelbe für Sie hergerichtet.“ „Ei, Mama, Sie ſind ja ſelbſt mehr denn zehn Mal während der letzten drei Tage dort geweſen,“ ruft Frank aus. „Auch hat ſie einige Blumen abgeſchnitten, die Du in meinem Garten gepflanzt, — erinnerſt Du Dich noch, es iſt ſchon gar lange her? Ich war damals noch ein ganz kleines Mädchen,“ ruft Miß Beatrix, die ihre Zunge nicht mehr zügeln kann, aus. „Und Mama hat ſie an Dein Fenſter geſtellt.“ „Ich erinnere mich noch, daß Sie die Roſen lieb⸗ ten, als Sie von Ihrer Krankheit wieder genaſen,“ ſagte die Lady, gleich einer Roſe erröthend. Sofort begleiteten Alle Harry Esmond nach ſei⸗ nem Zimmer; die Kinder liefen dabei voraus, und Harry ging neben ſeiner Gebieterin einher, deren Hand er feſthielt. Das alte Zimmer, das ihn aufnehmen ſollte, war nicht wenig verziert und verſchönert worden. Die Blu⸗ men ſtanden in einer Porzellanvaſe am Fenſter; auch befand ſich auf dem Bette eine ſchöne neue Steppdecke, von der die Alles plaudernde Beatrir behauptete, daß Mama ſie ebenfalls gemacht. Ein Feuer praſſelte in dem Kamine, obgleich man ſich in dem Monat Juni befand. My Lady glaubte, das Zimmer müſſe gewärmt werden; kurz, es war Alles geſchehen, um es ihm be⸗ haglich zu machen. „Und Du darfſt jetzt nicht länger Page ſein, ſon⸗ Henry Esmond. 1. 13 194 dern biſt jetzt ein Gentleman und Vetter, und darſſt mit Papa und Mama ſpazieren gehen,“ ſagten die Kinder. Und ſobald ſeine theure Gebieterin ihn allein ge⸗ laſſen, warf er ſich mit einem von Liebe und Dank⸗ barkeit überſtrömenden Herzen neben dem Bettchen auf die Knie nieder, um den Segen des Himmels auf die⸗ jenigen herabzuflehen, die ſo viele Güte und Freund⸗ lichkeit für ihn hatten. Die Kinder, die ſtets Alles ausſchwatzen, was in einem Hauſe vorgeht, machten ihn gar bald mit der kleinen Geſchichte des Hauſes und der Familie bekannt. Papa war unterdeſſen zwei Mal in London geweſen. Papa entferute ſich jetzt oft vom Schloſſe. Papa hatte Beatrix nach Weſtlands mitgenommen, wo ſie größer war, als Sir George Harp's zweite Tochter, obgleich dieſe volle zwei Jahre älter war. Papa hatte Beatrir und Frank nach Bellminſter mitgenommen, wo Frank Lord Bellminſters Sohn in einer Bor⸗Partie beſiegt, — ſagte my Lord Henry ſpäter lachend. Viele Gent⸗ lemen kamen jetzt auf's Schloß, um bei Papa zu blei⸗ ben, und Papa hatte aus London ein neues Spiel be⸗ kommen, — ein franzöſiſches Spiel, Billard genannt, das der franzöſiſche König ſehr gut ſpielte, und die verwittwete Lady Caſtlewood hatte Miß Beatrix ein Geſchenk geſchickt, und Papa hatte eine neue Chaiſe mit zwei kleinen Pferden angeſchafft, mit denen er ſelbſt kutſchirte, — neben dem Wagen, in dem Mama fuhr, und Pr. Tuſher war ein mürriſcher, langweiliger alter Mann, bei dem ſie Beide gar nicht gerne lernten, und Papa kümmerte ſich gar nicht viel darum, daß ſie lern⸗ ten, und lachte, wenn ſie über ihren Büchern ſaßen, aber Mama wollte durchaus haben, daß ſie lernen ſollten, und unterrichtete ſie auch. „Und ich glaube nicht, daß Papa die Mama ſehr gern hat,“ ſprach Miß Beatrix mit ihren großen Angen. 195 Unterdeſſen war Miß Beatrix ganz nahe zu Harry Esmond herangekommen, und hatte ſich auf ſein Knie geſetzt, und hatte ſeine ganze Kleidung gemuſtert, ſo⸗ wie alle guten oder ſchlechten Züge ſeines groben Geſichtes. „Du mußt nicht ſagen, daß Papa die Mama nicht gern hat,“ ſprach der Knabe bei dieſem Bekenntniſſe. „Mama hat das nie geſagt, und Mama hat Dir ver⸗ boten, es zu ſagen, Miß Beatrix.“ Dieß erklärte ohne Zweifel die Traurigkeit in Lady Caſtlewvod's Augen, ſowie das klägliche Zittern ihrer Stimme. Wer weiß wohl nicht von Augen zu erzählen, die einſt von der Liebe erleuchtet waren, und wo die Flamme jetzt nicht mehr glänzt? — Wer weiß nicht von erloſchenen Lampen zu berichten, die einſt ſorgfältig unterhalten und geputzt waren? Jeder Menſch hat ſolche in ſeinem eigenen Hauſe. Solche Erinnerun⸗ gen machen, daß unſere prächtigſten Zimmer todt und traurig ausſehen; ſolche Geſichter werfen, wenn man ſie deutlich ſieht, etwas Düſteres auf unſern Sonnen⸗ ſchein. Und ſo nützen gegenſeitig geſchworene Eide, und Anrufungen des Himmels, und prieſterliche Cere⸗ monien, und ein zärtlicher Glaube, und eine Liebe, auch wenn ſie noch ſo zärtlich und treu iſt, daß ſie nie ſterben zu können glaubte, lediglich Nichts, wenn man von ihnen verlangt, daß ſie die Liebe zu einer ewigen machen ſollen. Nein, die Liebe ſtirbt, trotz der Proclamation und trotz des Prieſters; und ich habe oft gedacht, daß es für dieſelbe eine Kranken⸗Viſitation geben ſollte, und einen Trauer⸗Gottesdienſt, und eine letzte Oelung, und ein abi in pace. Die Liebe hat nun einmal, gleich Allem, was ſterblich iſt, ihren Verlauf, — einen An⸗ fang, einen Fortſchritt, und einen Tod. Sie treibt noſpen uud entfaltet im Sonnenſchein ihre Blüthen, bis ſie endlich wieder verwelkt und ſtirbt. Strephon 196 und Chloe verſchmachten, getrennt, beinahe vor Liebe voller Entzücken und wonnedurchbebt vereinigen ſie ſich mit einander; und kaum iſt dieſes geſchehen, ſo hört man, daß Chloe weint, und daß Strephon ſeinen Schäferſtab auf ihrem Rücken entzweigeſchlagen hat. Kann man ihn wieder ſo herſtellen, daß ſich nirgends Zeichen von einem Bruche ſehen laſſen? Nein: alle Prieſter Hymens, alle Zauberſprüche und Anrufungen der Götter vermögen das nicht. Von Träumen, Büchern, und Viſionen von Uni⸗ verſitäts⸗Ehren erwachend, in denen Harry Esmond zwei Jahre lang befangen geweſen war, fand er ſich, gleich bei ſeiner Rücktehr nach dem Schloſſe, inmitten dieſer wirklichen Lebenstragödie, die ihn mehr intereſ⸗ ſirte und ſeine Gedanken mehr in Anſpruch nahm, denn Alles, was ſein Profeſſor ihn lehren konnte. Die Per⸗ ſonen, die er am Meiſten auf dieſer Welt liebte und denen er am Meiſten verdankte, lebten unglücklich mit einander. Die ſanfteſte und freundlichſte aller Frauen war Mißhandlungen ausgeſetzt, und vergoß ingeheim Thränen; und der Mann, der ſie durch Vernachläßi⸗ gung, wo nicht durch Gewaltthätigkeit, unglücklich machte, war Harry's Wohlthäter und Beſchützer. In Häuſern, wo anſtatt jener heiligen, tiefinnerſten Flamme der Liebe, innerliche Zwietracht iſt, wird die ganze Haushaltung heuchleriſch, und Jedes iſt da ein Lügner gegenüber von ſeinem Nächſten. Der Mann (oder es kann auch die Frau ſein —) lügt, wenn der Beſuchende hereintritt, und hat ein Grinſen der Höflichkeit oder der Wiederausſöhnung an ſich. Die Frau lügt (— j a, es iſt ihre Aufgabe, ſolches zu thun und zu lächeln, wie ſehr ſie auch geſchlagen wird —) verſchluckt ihre Thränen, und lügt gegenüber von ihrem Herrn und Gatten; — ſie lügt, indem ſie dem kleinen Jacky be⸗ fiehlt, den lieben Papa ja recht zu ehren und zu achten; — ſie lügt, indem ſie Großpapa verſichert, daß 197 ſie vollkommen glücklich ſei. Die Domeſtiken lügen, indem ſie hinter dem Stuhle ihrer Herrſchaften ernſte Geſichter machen, und ſich ſtellen, als ob ſie von der Uneinigkeit gar Nichts wüßten; — und ſo vergeht denn, vom lieben Morgen bis zum ſpäten Abend, das Leben unter lauter Falſchheit. Und Weisheitsprediger nennen dieß eine gehörige Beachtung der Moral, nnd ſtellen Baucis und Philemon als Muſter eines guten Lebens hin. Wenn my Lady mit Harry nicht von ihrem Grame ſprach, ſo war my Lord dagegen keineswegs zurück⸗ haltend, wenn er einmal angetrunken war, und ſprach ſeine Meinung ungeſcheut aus, indem er in ſeiner rohen Weiſe und in ſeiner unverblümten Sprache Harry vor allen Frauenzimmern warnte, die er Betrügerinnen, Mähren, Koketten, Phrynen nannte, und ſie mit noch anderen ſolchen Wörtern bedachte, deren Sinn nicht zu wißverſtehen war. Es war dieß, wie ich geſtehen muß, damals ſo Modez und es gibt wohl aus meiner Zeit keinen bemerkenswerthen Schriftſteller (— mit alleiniger Ausnahme des armen Dick Steele —), der nicht von einer Frau als von einer Sklavin ſpräche, und ſie als ſolche behandelte und verachtete. Mr. Pope, Mr. Congreve, Mr. Addiſon, Mr. Gay, — alle dieſe Herren ſtimmen dieſen Ton an, jeder nach ſeiner Natur und nach dem ihm eigenen Grade von Höflichkeit; am Tollſten aber macht es Dr. Swift, der von ihnen ſprach, wie er ſie behandelte, das heißt, am Schlimmſten von Allen: denn es iſt keine Schmähung, die er nicht auf die armen Frauett gehäuft hätte. Viele der Streitigkeiten und vieler Haß, ſo man zwiſchen verheiratheten Leuten entſtehen ſieht, rühren, meines Erachtens, von der Wuth und der Empörung des Gatten her, wenn er entdeckt, daß ſeine Sklavin und Bettgenoſſin, die allen ſeinen Wünſchen dienſtbar ſein ſoll, und in der Kirche gelobt hat, ihn zu ehren 198 und ihm zu gehorchen, — ihm überlegen iſt; und daß und nicht ſie, im Hauſe die zweite Rolle ſpielen ollte. Und in dieſem Streite lag, wie ich glaube, die Urſache von my Lords Zorn gegen ſeine Gemahlin. Als er ſich von ihr abzog, fing ſie an, ſelbſtſtändig zu denken, und da waren denn ihre Gedanken nicht zu ſeinen Gunſten. Wenn nach der Illumination die Liebeslampe ausgelöſcht iſt, von der wir weiter oben geſprochen, und wenn man beim gewöhnlichen Tages⸗ lichte das Gemälde anſchaut, als welche Schmiererei erſcheint es dann nicht! Wie plump iſt nicht das Por⸗ trait. Wie viele Männer und Frauen glaubſt Du wohl, daß zu dieſer Kenntniß gelangen? Und wenn es für eine Frau etwas Peinliches ſein muß, ſich für ihr ganzes Leben an einen rohen Menſchen gekettet zu fin⸗ den, und einen dummen, langweiligen Menſchen laut des an ſie ergangenen Befehls zu lieben und zu ehren, ſo fährt der Mann ſelbſt vielleicht noch ſchlimmer, wenn in ſeinem unklaren Geiſte die Idee aufzudämmern an⸗ fängt, daß die Sklavin, die dort neben ihm liegt, ihm in Wahrheit überlegen iſt; — daß die Frau, die ſei⸗ nen Befehlen ſich fügt und ſich in ſeine Launen ſchickt, ſeine Gebieterin ſein ſollte; — daß ſie tauſend Dinge denken kann, die ſein trüber Geiſt nicht zu begreifen vermag; — und daß in jenem Kopfe dort, auf dem Kopfkiſſen neben ihm, tauſend Gefühle, Gedanken⸗ myſterien, verborgene Empörungen, und Anwandlungen von Verachtung liegen, deren Exiſtenz er erſt dann dunkel bemerkt, wenn ſie verſtohlen aus dem Auge der Frau herausſchauen: Schätze von Liebe, die beſtimmt ſind, zu Grunde zu gehen, ohne daß eine Hand ſich die Mühe gäbe, ſie zu ſammeln; — holde Phantaſien und Schönheitsbilder, die wachſen und ſich zur Blüthe entfalten würden; — glänzender Witz, der diamanten⸗ artig funkeln würde, wenn er an die Sonne gebracht „ 199 werden könnte; — und der Tyrann, der alle dieſe Schätze beſitzt, zerknickt ſie bei ihrem erſten Erſcheinen und treibt ſie gleich Sklaven in den Kerker und in die Finſterniß zurück, und tobt und wüthet draußen, daß ſeine Gefangene rebelliſch, und daß die Untergebene, die ſich durch einen Eid verpflichtet, pflichtvergeſſen und widerſpänſtig iſt. Und ſo war denn auf Schloß Eaſtlewood die Lampe erloſchen, und ſo ſahen denn Mann und Frau einander ſo, wie ſie waren. Mit ihrer Krankheit und ihrer dahingeſchwundenen Schönheit war auch my Lords Feuer für ſeine Frau verſchwunden; mit ſeiner Selbſt⸗ ſucht und ſeiner Untreue war auch ihr thörichter Liebes⸗ roman und ihre Ehrerbietung zu Ende, und Liebe? — Wer kann da lieben, was gemein und unliebenswürdig iſt? Achtung, Ehrerbietung? — Wer kann da achten, was roh und ſinnlich iſt? All' die Eide, die von allen Pfarrern, Cardinälen, Paſtoren, Muftis und Rabbinern der Welt geſchworen werden, vermögen die Beachtung einer ſo monſtröſen Pflicht nicht zu erzwingen. Dieſes Ehepaar lebte alſo getrennt: die Fran, froh, daß man ihr geſtattete, ihre Kinder zu lieben, zu pflegen und zu erziehen (— und wenn ihre Kinder nicht um ſie waren, ſo war es gewiß nicht ihre Schuld —), und dankbar, wenigſtens dieſe Schätze aus dem Schiffbruche gerettet zu haben, in welchem der beſſere Theil ihres Herzens unterging. Dieſe Kleinen hatten außer ihrer Mutter und Dr. Tuſher, der ſie gelegentlich in der Religion unterrich⸗ tete, keine Führer gehabt, und hatten unter einer ſo nachſichtlichen und liebevollen Lehrerin, wie Lady Caſtlewvod war, größere Fortſchritte gemacht, als man bätte erwarten ſollen. Beatrir konnte gleich einer Nymphe ſingen und tanzen. Ihre Stimme entzückte ihren Vater nach dem Mittageſſen. Sie beherrſchte das Haus in ihrer kleinen gebieteriſchen Weiſe, der ihre Eltern keinen Einhalt thaten, und worüber ſie lachten. Sie hatte ſchon lange den Werth ihrer ſchönen Augen kennen gelernt, und die Künſte der Koketterie — in corpore vili, das heißt, an Bauern und Landjunkern verſucht, bis es die Erobernung der Welt und der Faſhion gelten ſollte. Sie legte ein neues Band an, um Harry Fsmond zu bewillkommnen, beäugelte ihn, und richtete ihr junges Lächeln auf ihn, zur nicht geringen Beluſti⸗ gung des jungen Mannes, und zur nicht geringen Freude ihres Vaters, der in ſein gewohntes, ſchallendes Gelächter ausbrach, und ſie in ihren tauſend Fratzen eruuthigte. Lady Caſtlewood beobachtete das Kind ernſt und traurig: die Kleine gab ihrer Mutter ſehr kecke Antworten, und brannte dann doch wieder vor Begierde, ihrer Mutter ihre Liebe zu betheuern, und ihr zu verſprechen, daß ſie ſich beſſern würde; und weinte ebenſo leicht (— nach einem kleinen Streite, der durch ihren eigenen Leichtſinn herbeigeführt worden war —), bis ſie die Gunſt ihrer Mama wieder gewonnen, als ſie ſich dem Mißfallen der gütigen Lady durch neue Aus⸗ brüche raſtloſer Eitelkeit ausſetzte. Von den Blicken ihrer traurigen Mutter floh ſie zu dem Stuhle und zu dem trunkenen Gelächter ihres Vaters. Schon hetzte ſie den Gatten gegen die Frau auf; und die kleine Spitz⸗ bübin fand ihre höchſte Freude an dem Unheil, das ſie ſchon ſo frühzeitig anzuſtellen wußte. Der junge Erbe von Caſtlewood wurde ſowohl von ſeinem Vater, als von ſeiner Mutter verderbt. Er nahm ihre Liebkoſungen nach der Art der Männer hin, und wie wenn er ein Recht darauf hätte. Er hatte ſeine Falken und ſeinen Hühnerhund, ſein kleines Pferd und ſeine Stöberhunde. Er hatte reiten, und trinken, und Vögel im Fluge ſchießen gelernt; auch hatte er ei⸗ uen kleinen Hof, die Söhne des Jägers und Waldſchü⸗ tzen nämlich, wie es dem präſumtiven Erben ziemte, der my Lord, ſeinem Vater, nachahmte. Hatte er ein 201 Mal ein kleines Kopfweh, ſo war ſeine Mutter ſo vol⸗ ler Furcht, als ob die Peſt im Hauſe wäre. My Lord lachte und ſpottete in ſeiner barſchen Weiſe (— es war an dem Tage nach dem Reujahrs⸗ feſte, und er hatte der Hachis⸗Paſtete zu ſtark zugeſpro⸗ chen —), und ſagte mit einem ſeiner gewöhnlichen Flüche: „Ich will verdammt ſein, Harry Esmond! Du ſiehſt, wie my Lady ſich jetzt um Frank's Migräne kümmert: einſt war ſie ſehr um mich bekümmert, mein Junge (— ſchieb den Deckelkrug her! —), und war ganz erſchrocken, wenn ich ein Mal ein Kopfweh hatte. Nun aber kümmert ſie ſich um meinen Kopf nicht mehr ſo viel. Sie ſind eben alle ſo, — die Frauenzimmer, — ſie ſind alle gleich, Harry, — ſind alle verdammte Koketten und Buhlſchweſtern in ihrem Herzen. Halt' Dich an die Univerſität, Harry, — halt' Dich an Punſch und Buttery⸗Ale, mein Junge: und ſieh nie ein Frauen⸗ zimmer an, das hübſcher iſt, als eine alte Bettmacherin mit aſchgrauem Geſichte! Das iſt mein guter Rath.“ Es war my Lords Gewohnheit, beim Eſſen, vor ſeiner Frau und ſeinen zwei Kindern, Späſſe ſolcherArt preiszugeben, — plumpe Sarkasmen, denen imny Lady bisweilen auswich, oder die ſie ein anderes Mal ſich ſtellte, nicht gehört zu haben, oder die dann und wann ihr Ziel nicht verfehlten, und Schuld waren, daß das arme Opfer ſich vor Schmerz krümmte (— wie man an ihrem rothen Geſichte und an ihren ſich mit Thränen füllenden Angen ſehen konnte —), oder die ſie wiederum zum Zorn und zu einer derben Entgegnung aufſtachel⸗ ten, in welch' letzterem Falle man immer gewiß ſein konnte, daß ſeine ſchweren Bolzen immer wieder auf ihn ſelbſt zurückgeſchlendert wurden. Das Paar war nicht glücklich, und ebenſo wenig konnte man es als ein Glück anſehen, um ſie zu ſein. Ach! warum müſſen doch jugendliche Liebe mit 202 Bitterkeit und Bankerott enden! Es iſt gar nicht zum Verwundern, wenn man ein junges liebendes Paar ſieht; aber den allerbeſten Anblick gewährt es eben doch, ein altes Paar ſich lieben zu ſehen. Harry Esmond wurde der Vertrante Beider: — das heißt: my Lord erzählte dem Jüngling all ſeinen Kummer, ſowie all' das Unrecht, worüber er ſich bekla⸗ gen zu können glaubte (— an dem aber nur Lord Caſtlewood allein Schuld war —); und was den Kum⸗ mer my Ladys belangt, ſo errieth er ihn mit ſeinen Urſachen, indem ſeine Liebe ihn leicht das Gewand der Heuchelei, worein Lady Caſtlewood ſich gewöhnlich zu hüllen beliebte, durchdringen, und ihr Herz ſehen ließ, welches von Schmerz zerriſſen war, während ihr Geſicht ein Lächeln zeigte. Es iſt im Leben für Frauen eine ſchwere Aufgabe, ſich eine Maske aufzuerlegen, welche die Welt ſie tragen heißt. Aber eine unglückliche und mißhandelte Frau kann kein größeres Verbrechen begehen, als zu zeigen, daß ſie unglücklich iſt und mißhandelt wird. Die Welt will nun einmal durchaus haben, ſie ſolle ein fröhliches Geſicht behalten; und unſere Frauen müſſen, gleich den Weibern der Malabaren, lächelnd und geſchminkt ein⸗ hergehen, um ſich mit ihren Männern zu opfern, indem ihre Verwandten den größten Eifer zeigen, ſie zu ihrer Pflicht anzutreiben, und durch Beifall⸗ und Jubelrufe die Schreie, die ihnen der Schmerz entreißt, zu erſticken und zu übertönen. So wurde Harry Esmond, ohne recht zu wiſſen, wie, in das traurige Familiengeheimniß eingeweiht. Es hatte zwei Jahre lang vor ſeinen Augen geſpielt, ohne daß er es damals verſtand; aber Lectüre, und Nachdenken, und die Erfahrung, die er ſich unterdeſſen geſammelt, hatten ihn älter gemacht; und es kam jetzt ein tiefer Kummer (— ſein Leben, das in Wahrheit nie ſehr glücklich geweſen war, kannte keinen größeren —) 203 über ihn, als er einen Schmerz, den zu lindern oder dem abzuhelfen, ganz und gar anßer ſeiner Macht ſtand, verſtehen lernen und bemitleiden mußte. * * * Es iſt bereits geſagt worden, daß my Lord nie den Huldigungseid ſchwören, noch ſeinen Sitz als Pair von Irland, wo er in der That nur ein nominelles Gut deſaß, einnehmen wollte; und daß er die engliſche Pairswürde ausſchlug, die König William's Regierung ihm anbot, um ſich ſeiner Loyalität zu verſichern. Er hätte auf dieſen Vorſchlag eingehen können, und würde ohne Zweifel es auch gethan haben, wäre er nicht durch die ernſtlichen Vorſtellungen ſeiner Frau zurückgehalten worden. Letztere wußte die Anſichten ih⸗ res Mannes beſſer zu beherrſchen, als ſeine Aufführung, und da ſie eine Fran von einfältigem Herzen war, die eine feſte Norm für Recht und Treue und Glauben hatte, ſo ließ ſie ſich nie einfallen, der verbannten Fa⸗ milie untreu zu werden, oder eine andere Souveränetät anzuerkennen; und obgleich ſie eine Anhängerin der Lehre vom Gehorſam gegen die regierende Gewalt war, ſo konnte ſie doch, meinte ſie, keine Verſuchung veran⸗ laſſen, den Prinzen von Oranien als rechtmäßigen Mo⸗ narchen anzuerkennen; und darum durfte denn auch ihr Gatte Letzteren nicht anerkennen. So verweigerte denn my Lord Caſtlewvod faſt ſein ganzes Leben den Eid der Treue, obgleich ſeine Selbſtverläugnung ihm man⸗ chen bittern Schmerz verurſachte, und ihn nie recht zu guter Laune kommen ließ. Es iſt bekannt, daß in dem Jahre nach der Revo⸗ lution, ſowie während des ganzen Lebens König Wil⸗ liams beſtändige Intrignen Statt fanden, welche die Reſtauration der verbannten Familien bezweckten; wenn aber auch my Lord Caſtlewvod, wie es wahrſcheinlich 5 204 iſt, ſich daran betheiligte, ſo dauerte dieſe Betheiligung doch nur kurze Zeit, und Harry Esmond war damals noch zu jung, um in ſolch wichtige Geheimniſſe eingeweiht zu werden. Als aber im Jahre 1695 die bekannte Verſchwö⸗ rung Sir John Fenwick's, Obriſt Lowick's, und Anderer eingefädelt wurde, die den Zweck hatte, König William auf ſeinem Wege von Hampton Court nach London aufzulauern, und ein geheimes Complott ſich bildete, wobei ein ſehr großer Theil des Adels und ſonſt noch viele angeſehene Leute betheiligt waren: da erſchien Pater Holt auf Schloß Caſtlewvod, und brachte einen jungen Freund mit — einen Gentleman, den ſowohl my Lord als der Pater mit ganz ungewöhnlicher Ehr⸗ erbietung behandelten, wie leicht zu ſehen war. Harry Esmond ſah dieſen Gentleman, und kaunte und anerkannte ihn in ſeinem ſpätern Leben, wie ſeines Orts gezeigt werden wird; auch zweifelt er jetzt gar nicht, daß my Lord Viscount ein wenig bei den Unter⸗ handlungen betheiligt war, die Pater Holt beſtändig beſchäftigten, und ihn unter einem Dutzend verſchiedener Namen und Verkleidungen bald dahin, bald dorthin trieben. 3 Der Begleiter des Paters führte den Namen Ca⸗ pitän James; und unter einem ganz verſchiedenen Namen und Aeußern ſah ihn ſpäter Harry Esmond. In dem darauf folgenden Jahre wurde die Fen⸗ wick'ſche Verſchwörung entdeckt, die nun der Geſchichte angehört, und mit der Hinrichtung Sir John's und noch vieler Anderer endigte, die für ihren Hochverrath mit vieler Mannhaftigkeit büßten, und von my Lady's Vater, Dechant Armſtrong, Mr. Collier und anderen ſtandhaften eidverweigernden Geiſtlichen nach Tyburn begleitet wurden, wo ſie am Fuße des Galgens die Abſolution erhielten. Es iſt bekannt, daß bei der Verhaftung Sir John's * 205 gar viele Namen von Gentlemen entdeckt wurden, die ſich bei der Verſchwörung betheiligt hatten. Mit edler Weisheit und Gnade verbrannte aber der Fürſt die Liſte der Verſchwörer, die ihm zu Handen gekom⸗ men, und ſagte, daß er nicht weiter wiſſen wolle. Nun aber that, als ihm dieß bekannt wurde, Lord Caſtlewvod einen feierlichen Eid, daß er, ſo wahr ein Gott im Himmel wäre, ſich nie mehr an einer Ver⸗ ſchwörung gegen dieſen tapfern und gnädigen Fürſten betheiligen würde. Und dieß ſagte er Holt, als der unermüdliche Prieſter bald darauf wieder bei ihm erſchien, um ihn in eine neue Verſchwörung zu ver⸗ wickeln. Von nun an ſprach my Lord von König William ſo, wie derſelbe war: das heißt, es war ihm derſelbe einer der weiſeſten, tapferſten, und größten Männer. Was my Lady Esmond betrifft, ſo ſagte ſie, daß ſie dem König nie verzeihen könne, erſtens, daß er ſeinen Schwiegervater vom Throne geſtoßen, und zweitens, daß er ſeiner Gemahlin, der Königin Mary, nicht treu ſei. Auch glaube ich wirklich, daß wenn Nerv wieder aus ſeinem Grabe emporſteigen, und König von England werden könnte, dabei aber ein guter Familienvater wäre, die Frauen ihm bereitwilligſt verzeihen würden. Ueber dieſe Einwendungen ſeiner Frau lachte my Lord: — dieſer Maßſtab, den ſie an Männer⸗Tugend legte, paßte nicht recht in ſeinen Kram. Die letzte Conferenz, die Mr. Holt mit ſeiner Lordſchaft hatte, fand Statt, als Harry von der Uni⸗ verſität gekommen war, um ſeine erſte Vakanz auf dem Schloſſe zuzubringen (— Harry ſah damals ſeinen alten Hofmeiſter nur eine halbe Stunde lang, und ſprach mit ihm nicht privatim; —): und ihre ünterre⸗ dung, welcher Art dieſelbe immer war, hatte die Wir⸗ kung, daß iny Lord Visconnt ſehr unruhig wurde; — 206 und zwar war dieſe Unruhe ſo auffallend, daß ſeine Frau, ſowie ſein junger Vetter Esmond nicht umhin konnte, dieſelbe zu bemerken. Als Holt fort war, behandelte my Lord ſeinen Vetter Esmond bald rauh, bald wieder mit der größten Achtung und Herablaſſung; er wich den Fragen und der Geſellſchaft ſeiner Frau aus, und blickte ſeine Kinder mit überaus düſterer und angſterfüllter Miene an, wobei er die Worte: „Arme Kinder, — o ihr armen Kinder!“ in einer Weiſe murmelte, daß diejeni⸗ gen, denen es die erſte Lebensaufgabe war, über ihm zu wachen und ihm zu gehorchen, mit großer Unruhe erfüllt werden mußten. Und jede Perſon, die ſich für Lord Caſtlewood intereſſirte, ſuchte ſich deſſen Düſterkeit auf dieſe oder jene Weiſe zu erklären. Mit einem Lachen voll grauſamer Bitterkeit ſprach my Lady: Wahrſcheinlich iſt die Perſon zu Hexton unwohl geweſen, wenn ſie ihn nicht ausgeſchmält hat,“ — denn die thörichte Liebe my Lords zu Mrs. Mar⸗ wood war nur zu wohl bekannt, und es konnte dieſelbe eine wirkliche Verblendung genannt werden —). Der junge Esmond dagegen hatte ſo ſeine Befürchtungen in Betreff der Geldangelegenheiten des Lords, in deren Stand er eingeweiht worden war; er glaubte, daß die Ausgaben, die immer ſein Einkommen überſtiegen, Lord Caſtlewvod ſo unruhig gemacht hätten. Einer der Gründe, weßhalb my Lord Viscount dem jungen Esmond ſeine ganz beſondere Gunſt hatte angedeihen laſſen, war ein ziemlich trivialer, und es iſt derſelben bis jetzt noch nicht Erwähnung gethan worden, obgleich dieſer Umſtand in Harry Esmond's Leben ein ungemein glücklicher Zufall war. Wenige Monate nämlich nach my Lords Ankunft auf Schloß Caſtlewood, — es war zur Winterzeit, und der Knabe war damals uoch ein kleines, in einem Unterrocke herumlaufendes Kind, — ereignete es ſich, 207 daß der kleine Frank nach dem Mittageſſen bei ſeinem Vater war, der, über ſeinen Wein eingeſchlafen, das Kind unbewacht ließ. Dieſes kroch zum Feuer hin. Glücklicher Weiſe wurde Esmond von ſeiner Gebieterin gerade in dem Angenblicke heruntergeſchickt, um den Knaben zu holen, als durch ein brennendes Stück Holz der Rock des armen, kleinen, ſchreienden Geſellen in Feuer gerieth. Esmond beſann ſich keinen Augen⸗ blick, ſondern ſprang zu dem Kinde hin, riß ihm das Kleid vom Leibe, ſo daß ſeine eigenen Hände mehr verbrannt wurden, als die des Kindes, das durch dieſen unglücklichen Zufall mehr erſchreckt, als verletzt wurde. Gewiß aber war es eine Fügung der Vorſehung, daß gerade in dieſem Augenblicke eine ſchnell entſchloſſene Perſon hereintrat, ſonſt wäre das Kind wahrſcheinlich verbrannt, indem my Lord, wenn er getrunken, einen ſehr feſten Schlaf hatte, und dann nicht ſo kaltblütig erwachte, als nöthig iſt, um einer ſo drohenden Gefahr zu begegnen. Seit dieſer Zeit bezeigte der Vater, der nicht laut und demüthig genug ſich anklagen konnte, daß er eben nur ein betrunkener, nichtsnutziger Menſch ſei, und der voller Bewunderung Harry Esmond für einen Helden erklärte, weil er dieſen ſo unbedeutenden Dienſt ge⸗ leiſtet, die zärtlichſte Liebe gegen den Erhalter ſeines Sohnes, und Harry wurde von da an ganz ſo be⸗ handelt, wie jedes andere Glied der Familie. Seine Brandwunden wurden mit der größten Sorgfalt von ſeiner gütigen Gebieterin gepflegt, welche ſagte, daß der Himmel ihn geſendet hätte, um der Hüter ihrer Kinder zu ſein, und daß ſie ihn ihr Leben lang lieben würde. Und von dieſer Zeit an, und mehr noch wegen der überaus großen Liebe und Zärtlichkeit, womit man ihm begegnete, als wegen der Ermahnungen des Dechanten Armſtrong (— obgleich auch dieſe bei ihm von keinem geringen Gewichte waren —) nahm Harry ganz die Religion ſeines Hauſes und ſeiner thenren Gebieterin an; — und dieſe Religion hat er ſeitdem ſtets bekannt. Was Pr. Tuſher's Prahlereien betrifft, daß er die urſache dieſer Bekehrung geweſen, — ſo hegte ſelbſt in dieſen ſeinen jungen Tagen Mr. Esmond eine ſolche Verachtung gegen den Doctor, daß Harry, wenn Tuſher ihm geſagt hätte, er ſolle Etwas glauben (— was der Doctor aber nie that, indem er ſich gar nicht in die Sache miſchte —), ſchon in demſelben Angenblicke die Wahrheit deſſen, wovon man ihn überzeugen wollte, in Frage geſtellt haben würde. My Lady trank ſelten Wein; an gewiſſen Tagen des Jahres jedoch, zum Beiſpiel an Geburtstagen (— der arme Harry hatte nie einen ſolchen —) und an Jahrestagen, trank ſie ein Bischen; — und ein ſolcher Tag war der neunundzwanzigſte December. Zu Ende dieſes Jahres, 1696, — es mochte etwa vierzehn Tage nach Mr. Holt's letztem Beſuche ſein, und Lord Caſtlewvod war immer noch ſehr trübſinnig und ſaß am Tiſche, — befahl alſo my Lady einem Domeſtiken, ihr ein Glas Wein zu bringen. Als dieſes geſchehen war, blickte ſie ihren Gatten mit ihrem ge⸗ wohnten holden Lächeln an und ſprach: „My Lord, wollen Sie nicht auch ein Glas füllen, und wollen Sie mir nicht erlauben, eine Geſundheit auszubringen?“ „Was iſt es, Rachel?“ ſpricht er, ſein leeres Glas hinhaltend, um ſich daſſelbe füllen zu laſſen. „Es iſt heute der neunundzwanzigſte December,“ ſagt uy Lady, mit ihrem zärtlich dankbaren Blicke; „und die Geſundheit, die ich ausbringe, iſt; „Es lebe Harry, und es ſegne Gott ihn, der mein Kind vom gewiſſen Tode errettet!“ My Lord blickte Harry ſcharf an und trank das Glas aus, ſtieß es aber einen Angenblick darauf mit 209 vielem Geräuſche auf den Tiſch, ſtand mit einer Art Seufzer auf, und ging zum Zimmer hinaus. Was fehlte ihm? Was ging mit ihm um? Wir Alle wußten, daß ein großer Kummer ihn beherrſchte. Ob my Lord durch ſeine Sparſamkeit reicher ge⸗ worden, oder ob er Legate bekommen, die ihn in Stand ſetzten, ein größeres Haus zu führen, als das beſcheidene, das für ſeine kleinen Mittel ſchon zu groß geweſen war, — das wußte Harry Esmond nicht; immerhin aber war das Haus von Caſtlewvod auf einem weit koſtſpieligeren Fuße eingerichtet, als wäh⸗ rend der erſten Jahre, nachdem Seine Lordſchaft den Titel geerbt hatte. Es waren mehr Pferde im Stalle und mehr Domeſtiken im Schloſſe, und es kamen und gingen jetzt weit mehr Gäſte, als früher, wo es bei der genaueſten Sparſamkeit ſchon ſchwer genug geweſen war, das Haus in einer dem Range Seiner Lordſchaft angemeſſenen Weiſe zu führen, ohne das Gut dadurch mit Schulden zu belaſten. Auch bedurfte es keines ſehr großen Scharfſinns, um herauszufinden, daß viele der neuen Bekanntſchaften, die ſich auf Schloß Caſtlewood einfanden, der Dame vom Hauſe nichts weniger als angenehm waren. Nicht als ob dieſelbe dieſe neuen Bekannten oder überhaupt einen Sterblichen anders als artig behandelt hätte; aber ſie waren eben dennoch Perſonen, die ihr nicht angenehm ſein konnten, — Perſonen, deren Geſellſchaft eine ſo fein gebildete und zurückhaltende Dame für ihre Kinder ſchwerlich erwünſcht finden konnte. Da kamen aus der ganzen Umgegend Landjunker, die ſich gerne beſoffen, die vor den Fenſtern der Lady ihre Lieder brüllten, und ſich mit my Lords Punſch und Ale be⸗ nebelten; — da kamen von Hexton Offiziere, in deren Geſellſchaft unſer kleiner Lord Dinge hören, und trin⸗ ken, und fluchen lernen mußte in einer Weiſe, welche die zartfühlende Dame für ihren Sohn zittern machte. Henry Esmond. I. 14 210 Esmond verſuchte es, die Lady dadurch zu tröſten, daß er ihr ſeine Univerſitätserfahrungen mittheilte, und daß er ihr ſagte, mit ſolchen Geſellſchaften und ſolchen Geſprächen müſſe ein Mann, früher oder ſpäter, eben doch bekannt werden, man möge es machen, wie man wolle, und es ſei daher ſehr wenig daran gelegen, ob man ſolche Dinge in einem Alter von zwölf oder von zwanzig Jahren zu hören bekomme, — indem die Burſche, welche ſich am Späteſten von dem Gängelbande ihrer Mutter losmachten, nicht ſelten die wildeſten Taugenichtſe würden. Für wen aber Lady Caſtlewood am Reiſten fürchtete, das war ihre Tochter; ſie glaubte, die kleine Beatrix durch die Nachſicht, womit ſie ihr Vater behandelte (— es muß hier bekannt werden,⸗ daß my Lord, beſonders ſeit dieſen unglücklichen häuslichen Differenzen im Zorne gegen ſeine Kinder eine heftige Sprache führte, und daß er, wenn er ſich bei guter Laune befand, zu vertraulich, um nicht zu ſagen roh, war —), ſowie durch die Geſellſchaft, in welche der ſorgloſe Lord das Kind gebracht, auf's Ernſtlichſte ge⸗ fährdet. Nicht weit von Caſtlewvod liegt Sark Caſtle *), wo die Marquiſin von Sark lebte, von der bekannt war, daß ſie eine Maitreſſe des ſeligen König Karl ge⸗ weſen; — und in dieſes Haus, wo ſich in der That ein großer Theil der Gentry der Grafſchaft Rendez⸗ vous gab, wollte my Lord ſchlechterdings gehen. Und zwar wollte er nicht allein hingehen, ſondern er wollte auch ſeine kleine Tochter und ſeinen Sohn mitnehmen, damit ſie mit den Kindern des Schloſſes ſpielen möchten. Die Kinder ließen ſich das nicht zwei Mal ſagen, denn auf dem Schloſſe ging es hoch her; auch wurden fremde Gäſte dort immer ſehr freundlich auf⸗ *) Schloß Sark. 211 genommen. Aber my Lady dachte, und wohl mit Recht, daß die Kinder einer ſo berüchtigten Mutter, wie Lady Sark, für ihre zwei Kinder keine paſſende Geſellſchaft wären; und ſie unterließ es daher nicht, ihrem Gatten in unverblümter Weiſe zu ſagen, was ſie von der Sache hielt. Sobald man my Lord opponirte, war ſeine Sprache wirklich nicht die zarteſte: kurz und gut, es entſtand daraus, wie ſchon früher aus vielen anderen Gründen, eine Familien⸗Streitigkeit; — und die Lady mußte nicht allein nachgeben, denn der Wille des Andern war Geſetz, ſondern ſie konnte ihren Kindern auch, in An⸗ betracht ihres zarten Alters, nicht einmal ſagen, was ſie denn eigentlich gegen die beabſichtigte Partie einzu⸗ wenden hätte, ja, ſie konnte ihnen gar keinen Grund anführen, warum ſie gegen den Beſuch war, ſondern es wurde ihr die weitere geheime Kränkung, daß ſie ihre Kinder, über ihre neuen Freunde ganz entzückt, von ihnen mit Geſchenken überladen und mit dem feu⸗ rigen Wunſche, einen ſo bezaubernden Ort, wie Sark Caſtle, möglichſt bald wieder beſuchen zu dürfen, zurück⸗ kehren ſah. Sie glaubte, daß die dortige Geſellſchaft mit jedem Jahre für ihre Tochter gefährlicher werden würde, da Beatrix nun anfing, eine Frau zu werden, und da ihre täglich zunehmende Schönheit, ſowie auch viele Charakterfehler ſich entfalteten. Es war Harry Esmond vergönnt, von einem der Beſuche, welche die alte Lady von Sark der Lady von Caſtlewvod Hall abſtattete, Zenge zu ſein. Bei dieſem Beſuche kam die alte Lady in vollem Staate, in einer prachtvollen, mit ſechs kaſtanienbraunen Pferden be⸗ ſpannten Kutſche angefahren; die Pferde waren mit blauen Bändern geſchmückt; auf jedem Kutſchentritte ſaß ein Page; ein Stallmeiſter und bewaffnete Diener ritten voraus und hintennach. Und hätte es nicht einen Unangenehmen Eindruck gemacht, Lady Caſtlewvod's 212 Geſicht zu ſehen, ſo wäre es höchſt amüſant geweſen, das Benehmen der beiden Feindinnen zu beobachten: — die kalte Geduld der jüngeren Dame, und die uner⸗ ſchütterlich gute Laune der älteren, — die beharrlich keine Beleidigung ſehen wollte, was auch ihre Neben⸗ buhlerin ſagen und andeuten mochte, und keinen Augen⸗ blick aufhörte, zu lächeln und zu lachen, und den Kin⸗ dern zu ſchmeicheln und ſie zu liebkoſen, und jedem älteren männlichen und weiblichen Individuum, jedem Kinde, ja jedem Hunde, Stühle und Tiſche auf Schloß Caſtlewvod Complimente zu machen: ſo groß war bei ihr der Drang, dort Alles zu bewundern. Sie lobte die Kinder, und drückte den Wunſch aus, — was ſie wohl konnte — daß ihre eigene Familie ſo gut, wie dieſe allerliebſten Engel erzogen worden wäre Sie hatte noch nie eine ſo ſchöne Geſtalt, wie die der lieben Beatrix geſehen, — obgleich dieſelbe, meinte die alte Dame, von Vater und Mutter aus ein Recht darauf hatte: — Lady Caſtlewvod ſelhſt war wirklich ein Wunder von Friſche, und Lady Sark konnte ſich eines Seufzers nicht enthalten bei dem Gedanken, daß ſie von Mutter Natur nicht in eben ſolcher Weiſe be⸗ günſtigt worden. Und Harry Esmond mit einem be⸗ zaubernden, etwas veralteten Lächeln bemerkend, be⸗ complimentirte ſie ihn wegen ſeines Verſtandes, den ſie ihm, wie ſie ſagte, aus Augen und Stirne leuchten ſah. Und ſie endigte damit, daß ſie feierlich erklärte, ſie würde ihn nicht eher auf Schloß Sark ſehen kön⸗ nen, als bis ihre Tochter aus dem Wege wäre 213 Zwölſtes Rupitel. My Lord Mohun kommt zu uns, und richtet nicht viel Gutes an. Es waren mit dieſer alten Prinzeſſin zwei Gent⸗ lemen herangeritten gekommen: ihr Sohn, my Lord Firebrace, und deſſen Freund, my Lord Mohun, die von dem gaſtfreundlichen Lord von Caſtlewood mit vieler Herzlichkeit begrüßt wurden. My Lord Firebrace war bloß ein ſchwachköpfiger junger Edelmann, der gleich ſchwach an Körper und an Geiſt war, — wenn man nach dem Geſpräche ur⸗ theilen durfte, das der junge Esmond mit ihm hatte. Der Andere aber war ein hübſcher Mann, ein Mann, der neben dem bel air etwas Glänzendes, Kühnes, Kriegeriſches hatte, was, wenn man der Tageschronik glauben wollte, ihm bereits zu der Er⸗ oberung verſchiedener Schönheiten verholfen hatte. Er hatte in Frankreich, ſowie in Flandern ſiegreich ge⸗ kämpft; hatte unter dem Prinzen von Baden an der Donau ein Paar Feldzüge mitgemacht, und war Zeuge geweſen, wie die Türken hatten die Belagerung Wiens aufgeben müſſen. Auch ſprach er in recht angenehmer Weiſe von ſeinen kriegeriſchen Heldenthaten, und drückte ſich mit der männlichen Freiheit eines Soldaten aus, ſo daß er auf Schloß Caſtlewvod alle ſeine Zuhörer entzückte, die wenig gewohnt waren, einen ſo angeneh⸗ men Geſellſchafter um ſich zu haben. An dem erſten Tage, wo dieſe edle Geſellſchaft kam, wollte my Lord ſchlechterdings Nichts davon hören, daß ſie vor dem Mittageſſen wieder nach Schloß 214 Sark zurückkehrten: er führte alſo die Herren fort, um ſie zu amüſiren, während ſeine Gemahlin bei der alten Marquiſin und deren Tochter die Honneurs des Hauſes machen und dieſelben unterhalten mußte. Die Herren ſahen die Ställe an, wo my Lord Mohun die Pferde lobte, obgleich keine gar glänzende Auswahl von ſolchen dort zu ſehen war; dann beſich⸗ tigte man das alte Haus und die Gärten, und focht die Belagerung von Oliver's Zeiten noch ein Mal durch; dann ſpielten ſie in dem alten Hofe eine Partie Rackett, die my Lord Caſtlewwod my Lord Mohun abgewann, welcher ſagte, daß er das Ballſpiel vor Allem liebte, und daß er bald wieder nach Caſtlewood zurückkommen würde, um Revanche zu nehmen. Nach dem Mittageſſen wurde geboßelt und in der grünen Allee Punſch getrunken; und als man ſich trennte, hatte man ſchon ein enges Freundſchaftsbündniß ge⸗ ſchloſſen: denn my Lord Caſtlewvod küßte den andern Lord, ehe derſelbe zu Pferde ſtieg, und erklärte ihn für den beſten Geſellſchafter, den er ſeit langer Zeit wieder getroffen. Während des ganzen Abends hörte Caſtle⸗ wood, bei ſeiner Tabakspfeife, nicht auf, bei Harry Esmond ſeinen neuen Freund zu loben; auch hörte my Lord wirklich nicht eher auf, von ihm zu ſprechen, als bis er ſo betrunken war, daß er kein deutliches Wort mehr herauszubringen vermochte. An dem darauf folgenden Tage ging, ſchon beim Frühſtücke, daſſelbe Geſpräch wieder anz und als my Lady ſagte, es liege in Lord Mohun's Miene und Rede etwas Freies, was ihr Mißtrauen einflöße, ſo brach ihr Ge⸗ mahl in eines ſeiner gewöhnlichen Gelächter und in einen ſeiner gewohnten Flüche aus, ſagte, daß er nie einen Mann, ein Frauenzimmer oder ein Thier lieben könnte, ohne daß ſie deßhalb eiferſüchtig würde; daß Mohun der flotteſte Burſch ein ganz England wäre; daß er, ſo lange ſich derſelbe auf dem Lande aufhielte, noch 215 mehr von ihm zu ſehen hoffte; und daß er Mohnn wiſſen laſſen würde, was my Lady Prude*) über ihn geſagt. „Soll ich die Wahrheit geſtehen,“ ſprach Lady Caſtlewvod, „ſo gefiel mir ſeine Unterhaltung nicht übel. Es iſt dieſeibe amüſanter, als die der meiſten Leute, die ich kenne. Nur muß ich geſtehen, daß mir dieſelbe zu frei ſchien, — nicht ſowohl wegen deſſen⸗ was er ſagte, als wegen deſſen, was er zu verſtehen gab.“ „Poſſen, Poſſen! Ew. Ladyſchaft kennt die Welt eben nicht, lachte ihr Gatte; „und Sie ſind immer ſo difficil geweſen, wie zur Zeit, als Sie noch eine fünf⸗ zehnjährige Miß waren.“ Sie fanden doch aber Nichts an mir auszuſetzen, als ich noch eine Miß von fünfzehn Jahren war.“ „Bei Gott, Madame, Sie ſind jetzt zu alt gewor⸗ den, um noch ein Vorſteckplätzchen zu tragen; und es will mich bedünken, daß es an mir iſt, die Geſellſchaft zu beſtimmen, die meine Fran ſehen ſoll, ſprach my Lord, auf den Tiſch hineinſchlagend. „Aber, Francis, ich dachte in meinem Leben nie anders,“ antwortete my Lady, ſich erhebend und ihm einen Knix machend, worin eben ſowohl Trotz, als Gehorſam lag; und woraus ein Anweſender, der bei dem Glücke dieſes Ehepaares ebenſo ſehr betheiligt ge⸗ weſen wäre, wie Harry Esmond, hätte erſehen können, wie hoffnungslos die Trennung zwiſchen den beiden Gatten, und welch ungeheurer Abgrund von Zwietracht und Uneinigkeit zwiſchen ſie getreten war! Bei Gott! Ich ſage es abermals. Mohun iſt der beſte Burſche, den England aufzuweiſen hat, und ich werde ihn noch öfters hieher einladen, und wäre es *) Prüde, Scheinſpröde. 216 auch nur, um dieſes Weib zu ärgern. Haſt Du je ſolch kalte Frechheit und Unverſchämtheit geſehen, Harry? Und ſo behandelt ſie mich, ſiehſt Du,“ ſtürmte er fort; und ſein Geſicht wurde roth, während er die Fäuſte ballte und alſo fortfuhr: „Ich gelte jetzt Nichts mehr in meinem eigenen Hauſe. Ich ſoll der unter⸗ thänigſte Diener dieſer Pfarrerstochter ſein; ja, das verlangt ſie von mir. Bei Jupiter! Es wäre mir lieber, daß ſie mir die Schüſſel an den Kopf würfe, als daß ſie mich in ſolcher Weiſe höhnt. Sie macht mich mit ihrem verdammten Weſen vor den Kindern ſchamroth; und ſagt — es ſoll mich der Teufel holen, — Frank und Beaty, daß Papa ein verworfener Menſch ſei, und daß ſie mich verachten ſollen.“ „Ich kann Sie bei Allem, was heilig iſt, ver⸗ ſichern, Sir, daß ich, wenn ſie von Ihnen ſprach, nie etwas Anderes habe aus ihrem Munde kommen hören, als Worte der Achtung,“ fiel Harry Esmond ein. „Nein, verflucht ſei es! Ich wollte, ſie ſpräche. Aber das thut ſie nie. Sie verachtet mich und hält das Maul. Sie hält ſich von mir entfernt, wie wenn ich die Peſt wäre. Bei St. Georg! Sie war einſt in ihre Peſt verliebt genng. Und wenn ich kam, um ihr den Hof zu machen, da konnte man ſehen, wie Miß erröthete, ja, fenerroth wurde, vor lauter Freude, bei St. Georg! „Was glaubſt Du wohl, daß ſie zu mir ſagte, Harry? Sie ſelbſt ſagte, wenn ich mit ihr über ihre verdammten lächelnden rothen Wangen ſcherzte: „So machen ſie es in St. James' Palaſt; — ich ſtecke meine rothe Fahne aus, wenn mein König kommt.“ Ich war der König, den ſie meinte, ſiehſt Du. „Und nun, ſchau' ſie einmal an! Ich glanbe wahrhaftig, daß ſie herzlich froh wäre, wenn ich ſtürbe; und todt bin ich für ſie ſeit den letzten fünf Jahren geweſen — ſeit dem Augenblick, wo ihr Alle die Blattern 217 hattet: und nie hat ſie mir es verziehen, daß ich da⸗ mals wegging.“ „Soll ich Ihnen meine Meinung ſagen, my Lord, ſo glaube ich, daß meine Gebieterin es verzieh, obgleich es ſchwer war, ſo Etwas zu verzeihen,“ ſprach Harry Esmond; „und erinnern Sie ſich nur, wie ungeduldig ſie die Rückkehr Ew. Lordſchaft erwartete, und wie traurig ſie ſich abwandte, als ſie Ihre kalte Miene ſah.“ „Zum Henker!“ ruft my Lord; „hätte ich wohl dableiben ſollen, um die Blattern zu bekommen? Was zum Teufel hätte das auch nützen können? Ich nehme es mit Jedem auf, wenn es gilt, einer Gefahr ent⸗ gegenzutreten; — aber ſich einer nutzloſen Gefahr aus⸗ zuſetzen, — dafür bin ich nicht: — nein, nein. Da⸗ von mag ich Nichts wiſſen. Und — Du nickſt mit dem Kopfe, und ich weiß recht wohl, Pfarrer Harry, was Du meinſt. Es war die — die andere Geſchichte, die ſie böſe machte. Kann denn aber eine Frau einem Manne nie verzeihen, der einen kleinen Fehltritt thut? Hältſt Du mich für einen Heiligen?“ „Nein, das thue ich nicht, Sir, ich geſtehe es Ihnen offen,“ ſagt Harry lächelnd. „Seit jener Zeit iſt meine Frau ſo kalt, wie die Statue in Charing Croß. Ich ſage Dir, ſie kann nicht verzeihen, Harry. Ihre Kälte macht mein ganzes Leben unglücklich, und iſt Schuld, daß ich mich entweder en Punſchnapf halte, oder in der Umgegend herum⸗ reibe. „Meine Kinder gehören nicht mir, ſondern ihr, wenn wir beiſammen ſind. Nur dann, wenn ſie fort iſt mit ihren abſcheulichen kalten Blicken, die mir das Blut im Leibe erſtarren machen, kommen ſie zu mir her, und wage ich, ihnen einen Kuß zu geben; und darum führe ich ſie in fremde Hänſer und liebe ſie dort, Harry. Gerade die Tugend dieſes ſtolzen Weibes bringt mich um. Tugend! Gib mir die Tugend, die verzeihen kann; — gib mir die Tugend, die ſich nicht einfallen läßt, ſich abzuſchließen, ſondern die andere Leute glücklich machen will. Zum Teufel! was liegt auch an ein Paar Narben, wenn man ſie dadurch be⸗ kommen hat, daß man einem Freunde in ſeinem Un⸗ glücke beiſtand?“ Und abermals ſchlug my Lord auf den Tiſch hinein, und nahm einen gewaltigen Schluck aus dem Deckelkruge. Harry Esmond war, während er ihm zuhörte, von Bewunderung und Verwunderung erfüllt, und dachte daran, wie der arme Prediger, — wie der Mann, der hier eine Theorie der Selbſtaufopferung aufgeſtellt, vor der Blatternkrankheit geflohen war, welche die Lady ſo freudig ertragen, und welche in dem Leben aller Be⸗ wohner des Schloſſes zu ſo viel Uneinigkeit geführt hatte. „Wie gut doch die Leute predigen,“ dachte der junge Mann, „und Jeder ſtellt ſich in ſeiner Predigt dem Andern als Muſter hin. Wie doch Jeder bei einer Streitigkeit eine Geſchichte, und dazu noch eine wahre hat: — und Beide haben Recht oder Unrecht, wie man will.“ Harry's Herz war ganz beklommen, als er die Kämpfe und Qualen beobachtete, welche die Bruſt die⸗ ſes gütigen, männlichen Freundes und Beſchützers zer⸗ riſſen. „Wollte Gott,“ ſagte er, „meine Gebieterin könnte Sie ſo ſprechen hören, Sir; denn könnte ſie es hören, ſo würde ſie Viel erfahren, was ihr Leben um ſo glücklicher machen würde.“ Aber my Lord fuhr fort, zu ſtürmen, zu fluchen⸗ † und Hohnreden auszuſtoßen; er ſagte, daß Pfarrer Harry zwar ein guter Burſche wäre, daß aber alle Frauenzimmer einander gleich, daß alle Mähren und herzloſe Geſchöpfe wären. So wirft ein Mann eine ſchöne Vaſe auf den Boden hinab, und verachtet die⸗ 219 ſelbe, weil ſie nun zerbrochen iſt. Es mag dieſelbe zwar nun werthlos ſein: aber ich frage, wer hatte dieſelbe unter ſeiner Aufſicht, und wer ſchmiß ſie in Stücke? Harry, der gerne ſein Leben hingegeben haben würde, um ſeine Wohlthäterin und ihren Gatten glück⸗ lich zu machen, dachte jetzt, als er ſah, welcher Art my Lords Geſinnung, und daß wirklich viel Liebe in ſeinem Herzen zurückgeblieben war, die ſeine Frau nur annehmen durfte, ſo bald es ihr gefiel, — Harry dachte jetzt, ſage ich, ob er nicht ein Rittel der Wiederaus⸗ ſöhnung zwiſchen dieſen beiden Perſonen werden könnte, die er am Meiſten auf dieſer Erde verehrte. Und er beſann ſich hin und her, wie er es angreifen ſollte, um ſeiner Gebieterin ſein Herz ein wenig aufzuſchließen, und ihr zu ſagen, daß nach ſeiner, Harry's, Anſicht wenigſtens ihr Gatte immer noch ihr Bewunderer, ja ſogar ihr Liebhaber wäre. Allein er fand, daß der Gegenſtand ſehr ſchwierig zu behandeln war, als er es wagte, einige Vorſtellun⸗ gen zu machen, was er in dem ernſteſten Tone that (— denn langes Zutrauen und wiederholte Beweiſe von Hingebung und Pflichttreue hatten ihm im Hauſe eine Art Autorität verſchafft, die er, ſo oft er dahin zurückkehrte, wieder erlangte —); und in Worten, die von einigem Effect ſein ſollten, da dieſelben dem Sprechenden aus dem Herzen kamen, unternahm er es, ſeiner angebeten Gebieterin in ſanfter Weiſe anzuden⸗ ten, daß ſie ihrem Gatten durch die üble Meinung, die ſie von ihm habe, Unrecht thue, und das Glück der ganzen Familie davon abhange, daß ſie, die Vicomteſſe, recht berichtet werde. Sie, die ſonſt ruhig und überaus ſanft, und voller Lächeln, und voll zarter Aufmerkſamkeiten war, wurde ganz roth, als der junge Esmond ſo zu ihr ſprach, 220 und ſtand von ihrem Stuhle auf, und blickte ihn mit einer ſo hochmüthigen und empörten Miene an, wie er noch nie an ihr bemerkt hatte. Sie war in dieſem Augenblicke ein ganz anderes Weſen geworden, und ſah wie eine zornige, von einem Vaſallen inſultirte Fürſtin aus. „Haben Sie mich je ein Wort ſagen hören, womit ich my Lord heruntergeſetzt hätte?“ fragte ſie haſtig, ihre Worte hervorziſchend, und mit dem Fuße auf den Boden ſtoßend. „Nein, ſo Etwas habe ich nie gehört,“ ſagte Es⸗ mond niederblickend. „Und ſind Sie als ſein Abgeſandter zu mir ge⸗ kommen, Sie?“ fuhr ſie fort. „Ich würde Alles auf der Welt darum geben, wenn ich zwiſchen Ihnen Beiden Friede und Eintracht wieder befeſtigt ſehen könnte, antwortete Harry „und würde jede Geſandtſchaft übernehmen, wodurch dieſer ſchöne Endzweck erreicht werden könnte.“ „Ah! Sie ſind alſo my Lords Unterhändler, — Sie?“ fuhr ſie fort, ohne auf meine Worte zu achten. „Sie ſind alſo hierher geſchickt, um mich wieder in die Sklaverei zurückzuführen, und um wieder zu mel⸗ den, daß my Lords Gunſt ſeiner Magd gnädigſt wieder geſchenkt iſt? Iſt er Covent Garden's nun müde, he, — daß er zurückkehrt, und das gemäſtete Kalb gerne geſchlachtet wiſſen möchte?“ „Und gewiß iſt dafür ein guter Vorgang vor⸗ handen“ ſprach Esmond. „Ja, wenn der Reuige ein Sohn iſt; aber my Lord iſt nicht mein Sohn. Er war es, der mich von ſich ſtieß. Er war es, der unſer Glück vernichtet, und er heißt mich nun dasſelbe wieder aufrichten. Er war es, der ſich mir endlich zeigte wie er war, und nicht wie ich ihn geglaubt. Er iſt es, der ſich meinen Kin⸗ 221 dern von Wein betäubt und gefühllos zeigt; — der unſere Geſellſchaft verläßt, um Leute aufzuſuchen, die ſich in Wirthshäuſern und ſchlechten Häuſern herum⸗ treiben; — der ſeine Heimath verläßt, um in die Stadt zu gehen, und dort mit ſeinen Freunden zu leben, und der, wenn er derſelben müde, hierher zurückkehrt, und erwartet, ich ſolle mich vor ihm auf die Knie werfen und ihn willkommen heißen. Und er ſchickt Sie als ſeinen Kammerherrn hierher? Welch ſtolze Geſandt⸗ ſchaft! Monſieur, ich mache Ihnen mein Compliment zu dem neuen Platze.“ „Es wäre wohl eine ſtolze und zugleich eine glück⸗ liche Geſandtſchaft, weun es mir gelänge, Sie und my Lord einander wieder zu nähern,“ erwiederte Es⸗ mond. „Ich vermuthe, Sir, daß Sie Ihren Auftrag nun erfüllt haben. Sie haben da etwas Schönes unter⸗ nommen. Ich weiß nicht, ob es ihre Cambridger Philoſophie, oder die Zeit iſt, die in Ihrer Denkungs⸗ art dieſe Veränderung herbei geführt,“ fuhr Lady Caſtle⸗ wood immer noch in ſarkaſtiſchem Tone fort. „Aber vielleicht haben nun auch Sie gelernt, das Trinken zu lieben, und bei Ihrem Wein oder Punſch zu ſchluchzen: — was iſt Ew. Wohlgeboren Lieblingsgetränk? Viel⸗ leicht kehren auch Sie, wenn Sie durch London kom⸗ men, in der Roſe' ein, — und vielleicht haben auch Sie in Covent Garden Ihre Bekanntſchaften. Ich empfehle mich Ihnen, Sir, — ich empfehle mich unter⸗ thänigſt dem Herrn und dem Geſandten, dem Gebieter und — und dem Lakaien.“ „Gütiger Himmel, Madame!“ rief Harry. „Was habe ich denn gethan, daß Sie mich ſo zum zweiten Male inſultiren? Soll ich für das erröthen, woranf ich ſtolz zu ſein pflegte, — dafür, daß ich von Ihrer Freigebigkeit gelebt? Sie wiſſen, daß es für mich kein höheres Vergnügen gibt, als Ihnen einen Dienſt zu erweiſen (— wenn es ſein muß, ſo ſchlage ich mein Leben für Sie in die Schanze —), und, als mir einen ſolchen von Ihnen erweiſen zu laſſen. Welches Leid habe ich Ihnen angethan, daß Sie mich ſo kränken, grauſame Frau?“ „Welches Leid?“ ſagte ſie, Esmond mit wilden Augen anblickend. „Wohlan, keines, — keines, mit Wiſſen, Harry, oder keines, wofür Sie konnten. Warum brachten Sie aus dem Dorfe die Blattern mit nach Hauſe?“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu. „Sie konnten nicht dafür, — nicht wahr? Wer von uns weiß denn, wohin das Schickſal uns führt? Aber bis wir Alle glücklich, Harry: vergeſſen Sie es nicht!“ Und Harry entfernte ſich, und brach hier das Ge⸗ ſpräch ab, immer noch in dem Glanben, daß die Ent⸗ fremdung zwiſchen ſeinem Beſchützer und ſeiner geliebten Gebieterin nicht unheilbar ſei, und daß im Grunde des Herzens Jedes noch ſich ſtark zu dem Andern hin⸗ gezogen fühle. * — Die Vertraulichkeit zwiſchen den Lords Mohun und Caſtlewood ſchien immermehr zuzunehmen, ſo lange der Erſtere in der Umgegend ſich aufhielt; und my Lord Caſtlewvod insbeſondere ſchien nie glücklich zu ſein, wenn er nicht ſeinen neuen Kameraden um ſich hatte. Sie gingen mit einander auf die Jagd, tranken mit einander, boßelten mit einander, und ſpielten mit einander Federball: oft ging my Lord Caſtlewvod auf drei Tage nach Sark, und brachte dann my Lord Mohun nach Caſtlewood zurück, — wo Seine Lordſchaft ſich bei Jedermann wirklich recht beliebt zu machen wußte, 223 indem er für die Kinder immer einen Spaß oder ein neues Spiel, wobei es ausgelaſſen zuging, für my Lord das ganze Stadtgeſpräch, und Muſik, Galanterie, und eine Fülle von beau langage für my Lady, ſowie für Harry Esmond hatte, der es nie müde wurde, die Ge⸗ ſchichte von ſeinen Feldzügen und ſeine Abenteuer in Wien, Venedig, Paris, und andern berühmten Städten Eurvopas anzuhören, die er ſowohl im Frieden, als im Kriege beſucht hatte. Auch ſang er an my Lady's Clavier, und ſpielte mit my Lord (— der beharrlich den Kürzeren zog —) Karten, oder Tricktrack, oder ſein neues Billardſpiel; ſtets aber zeigte er eine außer⸗ ordentlich gute Laune, und benahm ſich mit einer ge⸗ wiſſen männlichen Grazie, die vielleicht zwar ein Bischen nach dem Lager und nach dem Elſaß ſchmeckte, aber dennoch ihren Zauber hatte und ihn zum Gentleman ſtempelte. Und ferner war ſein Benehmen gegen Lady Caſtlewvod ſo voller Hingebung und ſo reſpectvoll, daß ſie gar bald von den erſten Gefühlen der Ab⸗ neigung zurückkam, die ſie gegen ihn gefaßt; — ja, es ſtand nicht lange an, ſo nahm ſie an ſeinem See⸗ lenheil Antheil, und lieh ihm, auf ſeine Bekehrung boffend, Erbauungsbücher, die er fleißig zu leſen ver⸗ ſprach. Mit ihr ſprach my Lord von ſeiner Abſicht, von nun an ein beſſeres, ruhiges Leben zu führen, Hof und Stadt Lebewohl zu ſagen, und ſich in der Nachbarſchaft anzukaufen, obgleich hier geſtanden werden muß, daß wenn die beiden Lords nach dem Mittageſſen bei ihrem Burgunder ſaßen, ſie von ganz andern Dingen ſprachen, und daß dann von einer Bekehrung von my Lord Mohun's Seite gar wenig die Rede war. Wenn ſie an ihre zweite Flaſche kamen, pflegte Harry Esmond in der Regel dieſe zwei edlen Trinker zu verlaſſen, die, obgleich ſie, der Himmel weiß es, in ſeiner Gegenwart frei genug ſprachen, — guter Gott, welche Geſchichten vom Elſaß, und 224 von Spring Garden, aus den Wirths⸗ und Spiel⸗ häuſern, über die Damen vom Hofe und von den Theatern kann er ſich nicht noch aus ihrer gottſeligen Unterhaltung erinnern! —) — obgleich ſie, ſage ich, vor Esmond frei ſprachen und in ſeiner Gegenwart kein Blatt vor den Mund nahmen, ſo ſchienen ſie doch erfreut, wenn er wegging: — und dann ließen ſie eine zweite Flaſche kommen, und dann wurde Karten geſpielt, und dann fand ſich my Lord Mohun im Salon Ihrer Ladyſchaft ein, indem er ſeinen luſtigen Kumpan im Speiſeſaale zurückließ, um ſeinen Rauſch auszu⸗ ſchlafen. Es war, in jenen Tagen, bei den feinen Herren ein Ehrenpunkt, bei ihrem Pferderennen oder bei ihren Karten- und Würfelſpielen Viel zu verlieren oder zu gewinnen, ohne ſich es anmerken zu laſſen, — und nie konnte man aus dem Benehmen dieſer beiden Lords, wenn das Spiel vorüber war, ſchließen, wer gewon⸗ nen, und wer verloren. Und als my Lady ſich bei my Lord einige Andeutungen erlaubte, daß er mehr ſpielte, als ihr lieb wäre, fertigte er ſie mit einem „bah, bah“ ab, und ſchwor, daß Nichts gleicher ſein könne, als ehrliches Spiel zwiſchen Gentlemen, — vorausgeſetzt, daß ſie dasſelbe lange genug fortſetzten. Auch forgten dieſe Beiden ſchon dafür, daß das Spiel nie zu kurze Zeit dauerte: man darf deſſen ver⸗ ſichert ſein. In jenen Tagen brachte ein der Faſhion angehörender Mann oft den vierten Theil ſeines Tages beim Kartenſpiele und ein anderes Viertel des Tages bei der Flaſche zu: ich habe gar mauchen hübſchen Burſchen, der dazu noch ein Mann von Geiſt war, immer eine treffende Antwort in Bereitſchaft hatte, und tauſenderlei angenehme Eigenſchaften beſaß, ge⸗ kannt, der in Verlegenheit war, wenn er mehr, als ſeinen Namen zu ſchreiben hatte. Es gibt wohl keine Perſon, die etwas nachdenkt, 225 und bei einem Rückblicke auf ihr vergangenes Leben, ſich nicht irgend einer Sache (welche vielleicht unbe⸗ deutend ſchien, zur Zeit, als ſie ſich ereignete) erinnern könnte, die deſſen ungeachtet ihrem ganzen Leben eine andere Richtung gegeben. Es verhält ſich faſt mit uns Allen, wie in Monſieur Maſſillon's herrlichem Bilde in Betreff König William's: un grain de sable macht uns verkehrt, oder ſtürzt uns vielleicht um; und ſo war es bloß ein kleines, flüchtiges Wort, eine bloße Laune eines böſen Kindes, die eine ganze Maſſe darnieder ſchmetternder Leiden über die Familie brachte, wovon Harry Esmond einen Theil bildete. Als Esmond im dritten Jahre ſeiner arcademiſchen Laufbahn (— in der er ſich jetzt einige Auszeichnung erworben, indem ſein lateiniſches Gedicht über den Tod des Herzogs von Gloceſter, eines Sohnes der Prinzeſſin Anna von Dänemark, ihm eine Medaille eingetragen und ihn in die Geſellſchaft der Schöngeiſter der Uni⸗ verſität eingeführt hatte —) nach ſeinem theuren Caſtle⸗ wovd zurückkam, fand er, daß ſeine kleine Freundin und Schülerin Beatrix bereits größer, als ihre Mutter geworden war. Es war dieſelbe ein ſchmächtiges, lie⸗ benswürdiges junges Mädchen, mit roſigen, von Ge⸗ ſundheit ſtrotzenden Wangen; mit Angen, die ſternen⸗ ähnlich aus dem Azur hervorſchauten; mit wallenden, broncefarbigen Haaren, die ſich um die ſchönſte junge Stirne her, ſo man je geſehen, ihre Fülle entfalteten; und mit einer hochmüthigen, ſchönen Miene und Geſtalt, gleich der der berühmten Antike, welche Diana als Jägerin vorſtellt, — als ein zu gleicher Zeit ſtolzes, raſches, gebieteriſches Weſen, mit Augen und Pfeilen, die dahin ſchießen und tödten. Harry beobachtete dieſes junge Geſchöpf. und ver⸗ wunderte ſich darüber, und verglich es mit der Artemis, die eben ihre tödtliche Pfeile nach den Kindern der Niobe hin ſchwirren läßt; — zu andern Zeiten war Henry Esmond⸗ 1. 4 15⁵ 226 ſie dann wieder ſcheu und weichherzig, wie die zärtlich auf Endymion herabblickende Lung. Dieſes junge Weſen, dieſe glänzende Phöbe war bis jetzt noch ſehr jung, und hatte ihren vollen Glanz bei Weitem noch nicht erlangt; aber es war dieſelbe dennoch im Wachſen und voller Glanz, und unſer junger Herr, der mit einem Kopfe voll ppetiſcher Phantaſien, und mit einem viel⸗ leicht von unbeſtimmten Wünſchen bewegten Herzen von der Univerſität gekommen war, bewunderte dieſe auf⸗ tauchende junge Gottheit; und blickte auf ſie (— ob⸗ gleich nur wie auf einen „beſonderen, glänzenden, weit über ſeiner Erde ſchwebenden Stern“ —) mit unend⸗ lichem Entzücken und mit unendlicher Verwunderung. Sie war faſt ſchon ſeit ihrer früheſten Jugend eine Kokette geweſen, und hatte ihre Grillen und Eifer⸗ ſüchteleien, ihre launiſchen Späſſe und einnehmenden Liebkoſungen an Allen denen verſucht, die in ihren Bereich kamen; ſie machte ihre Dienerinnen in der Kinderſtube mit einander uneins, und probirte ihre Augen an dem Reitknechte, während ſie auf dem Reit⸗ kiſſen hinter ihm ritt. Sie war der Liebling und zugleich die Plage von Vater und Mutter. Mit Beiden intriguirte ſie inge⸗ heim; ſie ſchenkte ihre Zärtlichkeit und zog dieſelbe wieder zurück; ging ihnen mit Thränen, mit Küſſen, mit Liebkoſungen, mit ihrem Lächeln zu Leibe; — flüchtete ſich, wenn die Mutter böſe war, wie oft der Fall war, zu dem Vater, und verfolgte, ſich hinter ihm bergend, ihr Opfer; trug, wenn Beide mit ihr unzu⸗ frieden waren, ihre Liebkvſungen auf einen Domeſtiken über, oder erſpähete einen günſtigen Augenblick, wo ſie die Gunſtzihrer Eltern wieder gewinnen konnte, ſei es, daß ſie ſie unvermuthet lachen machte und in eine ute Laune verſetzte, oder daß ſie ſie durch Unterwür⸗ Koteit und verkünſtelte Demuth beſänftigte. Sie war zacvo laeta negotio, gleich jener wankelmüthigen Göttin, 227 die Horaz beſchreibt, und über deren „malitiöſe Freude“ einer unſerer großen Dichter ſo ſchön geſchrieben hat, — ein Dichter, der ſo berühmt und heldenmüthig er auch war, doch nicht ſo viel Stärke beſaß, um der Tortur der Frauen zu widerſtehen. Erſt noch vor drei Jahren hatte das damals kaum zehn Jahre alte Kind beinahe einen Streit herbeige⸗ führt zwiſchen Harry Esmond und deſſen Kameraden, dem gutmüthigen, phlegmatiſchen Thomas Tuſher, der gewiß nie ſelbſt mit einem menſchlichen Weſen Streit ſuchte. Sie hatte nämlich dem Letzteren einen albernen Spaß hinterbracht, den Harry über ihn gemacht hatte (— es war der reinſte harmloſeſte Scherz, obgleich der⸗ ſelbe um ein Haar zwei alte Freunde zu einer Prügelei veranlaßt hätte; und ich glaube wahrhaftig, daß eine ſolche ganz nach ihrem Geſchmacke geweſen wäre —, und von jenem Tage an hielt ſich Tom fern von ihr; und ſie behandelte ihn mit Achtung und ſchmeichelte ihm fleißig, ſo oft ſie einander zu Geſicht bekamen. Aber Harry ließ ſich viel leichter beſänftigen, weil er das Kind mehr liebte; und wenn ſie Unheil anſtiftete, ſpitzige Neden führte, oder ihren Freunden und Freun⸗ dinnen Kummer verurſachte, entſchuldigte ſie ſich nicht etwa damit, daß ſie ihren Fehler zugegeben und be⸗ klagt hätte, ſondern damit, daß ſie ſich für nicht ſchul⸗ dig erklärte, und ihre Unſchuld mit ſolcher Beharrlich⸗ keit und mit ſolch anſcheinender Einfalt behauptete, daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, die Wahrheit ihrer Behauptung in Frage zu ſtellen. In ihrer Kindheit ſtiftete ſie natürlich nur gerin⸗ geres Unheil an; allein je älter ſie wurde, um ſo un⸗ heilbringender wurde ihre Macht, — gleichwie eine junge Katze zuerſt mit einem Balle ſpikit, und dann mit ihren Krallen über einen Vogel herfällt und den⸗ ſelben tödtet. Man darf ſich nicht einbilden, Harry Esmond 228 habe all' dieſe Erfahrung ſchon in jenem frühen Sta⸗ dium ſeines Lebens beſeſſen, deſſen Geſchichte er hier niederſchreibt: gar Manches, was hier verzeichnet ſteht, wurde ihm erſt ſpäter bekannt. Ihm kam damals und noch Jahre lang faſt Alles, was Beatrix that oder ver⸗ derbte, als gut oder wenigſtens als verzeihlich vor. Es geſchah alſo, daß Harry Esmond nach Schloß Caſtlewood kam, um dort ſeine letzte Vacanz zuzubrin⸗ gen; er hatte alle Ausſicht auf die Stelle eines Colle⸗ giaten in ſeinem Collegium, und war ganz zufrieden und entſchloſſen, ſein Glück in dieſer Richtung zu ver⸗ folgen. Es war im erſten Jahre des jetzigen Jahr⸗ hunderts, und Mr. Esmond war damals (— ſo weit er die Zeit ſeiner Geburt kannte —) zwei und zwanzig Jahre alt. Er fand ſeine frühere Schülerin zu der Schönheit emporgeſchoſſen, von der wir geſprochen, und es verſprach dieſelbe noch mehr: ihr Bruder, my Lords Sohn, war ein hübſcher, lebhafter, muthiger Burſche, edelmüthig und offen, und gegen Jedermann freundlich, nur vielleicht gegen ſeine Schweſter nicht, mit der Frank in ewiger Fehde lag (— und zwar trug nicht er, ſondern ſie die Schuld davon —): — er betete ſeine Mutter an, deren Freude er war, und ſtellte ſich auf ihre Seite bei den unglücklichen ehelichen Dif⸗ ferenzen, die jetzt nie aufhörten, während Miſtreß Bea⸗ trix natürlich die Partei ihres Vaters ergriff. Wenn Familienhäupter mit einander uneins wer⸗ den, ſo müſſen natürlich die Untergebenen die Farbe der einen oder andern Partei tragen; und ſelbſt in den Parlamenten, die in der Bedientenſtube oder im Stalle ihren Sitz hatten, konnte Harry, der ſchon früh⸗ zeitig vielen Beobachtungsgeiſt zeigte, ſehen, wer es mit iny Lord vder mit my Lady hielt, und ziemlich genau muthmaßen, wie über deren unglückliche Zwiſtig⸗ keiten debattirt wurde. Unſere Lakaien halten Gericht 3 c über uns. My Lords Intrignen mögen noch ſo geheim 229 gehalten werden, — ſein Kammerdiener kennt ſie; und my Lady's Kammerfrau trägt die geheime Geſchichte ihrer Gebieterin auf den Scandalmarkt der Domeſtiken, und tauſcht ſie dort gegen die Geheimniſſe anderer Zofen aus. Preizehntes Kapitel. My Lord verläßt uns, und läßt ſein Uebel zurück. My Lord Mohun (— von deſſen Heldenthaten und Ruhm einige Gentlemen von der Univerſität nur häßliche Berichte gebracht hatten —) war auf Schloß Caſtlewvod nun abermals als Gaſt, und ſchien mit my Lord ſogar noch vertrauter, als früher, zu ſein. Im Laufe des Frühlings waren die genannten zwei Edelleute von New⸗Market, wohin ſie der Pferde⸗ rennen wegen gekommen waren, ein Mal nach Cam⸗ bridge geritten, und hatten dort Harry Esmond mit einem Beſuche beehrt, wobei ſie ihm „auf's Zimmer ſtiegen;“ Pr. Montague, der Vorſtand des Collegiums, der Harry etwas hochmüthig behandelt hatte, zog nun, als er ſeine Vertraulichkeit mit dieſen vornehmen Her⸗ ren bemerkte, und als er ſah, daß my Lord Caſtlewvod lachte, und, mit einer Hand auf Harry's Schulter, umherſpazierte, andere Saiten auf, und geruhete, recht öflich gegen Mr. Esmond zu ſein; und einige Tage nach ſeiner Ankunft erzählte Harry lachend dieſe Ge⸗ ſchichte ſeiner Gebieterin, und bemerkte zugleich, wie 6 230 ſeltſam es doch ſei, daß Männer, die wegen ihrer Ge⸗ lehrſamkeit berühmt ſeien, und deren Namen in ganz Eurvpa einen guten Klang hätten, ſich dennoch ſo vor einem Titel demüthigten, und vor einem Edelmanne, wenn derſelbe auch noch ſo arm, kröchen. Als Miſtreß Beatrix dieſes hörte, warf ſie den Kopf in die Höhe, und ſagte, es zieme Leuten von nie⸗ derer Geburt, Solche zu reſpectiren, die über ihnen ſtehen; ſie ſei der Anſicht, daß die Geiſtlichen ſich viel zu viel herausnähmen, und daß dieſelben beſſer daran thäten, nicht ſo ſtolz zu ſein; und es gefalle ihr die in Lady Sark's Hauſe herrſchende Mode am Beſten, welche wolle, daß der Kaplan, obgleich derſelbe, wie alle Geiſtlichen, gerne Pudding eſſe, ſtets ſich entferne, ehe der Eierkäſe aufgetragen würde. „Und wenn nun ich ein Mal Geiſtlicher bin,“ ſpricht Mr. Esmond, „wirſt Du mir dann keinen Eier⸗ käſe geben, Beatrin?“ „Bei Dir — ach, bei Dir iſt es anders,“ antwor⸗ tete Beatrix. „Du biſt von unſerem Blute.“ „Aber mein Vater war doch auch ein Pfarrer,“ ſprach my Lady. „Aber der meinige iſt ein iriſcher Pair,“ ſagt Miſtreß Beatrix, den Kopf in die Höhe werfend. „Die Leute mögen ſich nicht vergeſſen! Vermuthlich werden Sie noch einmat von mir verlangen, daß ich von Vr. Thomas Tuſher, der ſo eben Vicar geworden, und deſ⸗ ſen Mutter eine Kammerfrau war, auf die Knie ni derfalle, und mir von ihm den Segen erbitte.“ Und ſie ſtürmte zum Zimmer hinaus, da ſie eben in einer ihrer wilden Launen war. Als ſie fort war, ſah my Lady ſo traurig und ernſt aus, daß Harry nicht umhin konnte, ſie nach der Ut⸗ ſache ihrer Unruhe zu fragen. Sie ſagte, es ſei dieſelbe nicht bloß das, was et von New⸗Market geſagt, ſondern auch das, was ſie mit 231 großer Angſt und mit vielem Schrecken bemerkt, daß nämlich my Lord, insbeſondere ſeit ſeiner Bekanntſchaft mit Lord Mohun, ſeine Spielwuth wieder bekommen habe, die ihn ſeit ſeiner Heirath verlaſſen. „Aber die Männer verſprechen mehr, als ſie im ehelichen Leben zu halten im Stande ſind,“ ſprach my Lady mit einem Seufzer. „Ich fürchte, er hat große Summen verloren; und unſer Vermögen, das von je⸗ her klein war, ſchwindet immer mehr dahin, da er es auf ſo unverantwortliche Weiſe vergeudet. „Es iſt mir zu Ohren gekommen, daß er in Lon⸗ don ſehr wilde Geſellſchaft geſehen. Seit ſeiner Rück⸗ kehr kommen und gehen alle Tage Briefe und Advocaten, Er ſcheint mir in beſtändiger Angſt zu ſchweben, obgleich er dieſelbe unter Lachen und einem lärmenden Weſen verbirgt. „In vergangener Nacht, ſowie — ſowie ſchon frü⸗ her, habe ich durch — durch eine Spalte in der Thüre zu ihnen hineingeſchaut,“ fuhr my Lady fort, „und da habe ich ſie nach Mitternacht Karten ſpielen ſehen: kein Vermögen kann bei ſolchem extravaganten Leben unan⸗ gegriffen bleiben, am Allerwenigſten aber das unſerige, das ſo vermindert werden wird, daß mein Sohn gar Nichts bekommt, und daß meine arme Beatrix ohne Mitgift bleibt.“ „Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen, Madame,“ ſprach Harry Esmond, ſeufzend, und das nutzlos und zum tauſendſten Male in ſeinem Leben wünſchend. „Wer kann das? Nur Gott.“ ſprach Lady Esmond, — „nur Gott kann es, in deſſen Hand wir ſind.“ Und ſo iſt es auch, und in Betreff ſeiner Herr⸗ ſchaft über ſeine Familie und ſeines Benehmens gegen Frau und Kinder, — Unterthanen, über die er eine monarchiſche Gewalt ausübt, muß Jeder, der die Welt beobachtet, bisweilen mit Zittern an die Rechenſchaft denken, die Mancher zu geben haben wird. Denn in 232 unſerem geſellſchaftlichen Zuſtande gibt es kein Geſetz⸗ um den König des Hauſes, um den Haustyrannen zu controliren. Er iſt Herr über Vermögen, Glück, — ja faſt über Leben. Er darf nach Belieben ſtrafen, glücklich oder unglücklich machen, zu Grunde richten oder auf die Folter ſpannen. Er darf eine Frau allmälig ums Leben bringen, und darf ebenſo wenig zur Rechen⸗ ſchaft gezogen werden, wie der Großtürke, der um Mit⸗ ternacht eine Sklavin erſäufen läßt. Er darf aus ſeinen Kindern Sklaven und Heuchler, oder Freunde und freie Menſchen machen; oder aber darf er ſie zur Empö⸗ rung und zur Feindſchaft gegen das natürliche Geſetz der Liebe treiben. Ich habe ſchon Politiker und Caffehausphiloſophen bei ihrer Zeitung ſprechen und über die Tyrannei des Franzoſenkönigs und des Kaiſers ſpotten hören, und da fragte ich mich dann, wie dieſe Menſchen (— die in ihrer Weiſe auch Monarchen ſind —) zu Hauſe, wo jeder abſoluter Herrſcher iſt, ihre eigenen Länder regier⸗ ten? Wann einmal die Annalen jeder kleinen Herrſchaft vor dem Allerhöchſten aufgeſchlagen liegen werden, der unſer Aller Gebieter iſt, dann werden Geſchichten auf⸗ gedeckt werden, von Haustyrannen, ſo grauſam, wie Amurath, und ſo wild, wie Nero, und ſo gewiſſenlos und ſo liederlich, wie Charles. Wenn Harry Esmond's Beſchützer irrte, ſo war es in letzterer Weiſe: das heißt, er ließ fich mehr ge⸗ hen, als daß er grauſam geweſen wäre: auch hätte er zu weit beſſeren Anſichten zurückgeführt werden können, wäre ihm ſo viel Zeit gelaſſen worden, um ſeine Reue zu einer bleibenden Beſſerung zu machen. Da my Lord und ſein Freund Lord Mohun ſo vertraute Freunde und ſtets bei einander waren, ſo ge⸗ fiel es Miſtreß Beatrix, auf Letzteren eiferſüchtig zu werden, und die beiden Gentlemen nnterhielten ſich oft lachend, und in ihrer rohen, lärmenden Weiſe, über die 233 plötzlichen Anwandlungen von Zorn und über die Zei⸗ chen der Abneigung, die ſich an dem Kinde bemerken ließen. „Wenn Du einmal alt genug biſt, ſo ſollſt Du Lord Mohun heirathen,“ pflegte Beatrixens Vater zu ſagen; worauf das Mädchen ſchmollend zu erwiedern gewohnt war: „Ich möchte lieber Tom Tuſher heira⸗ then.“ Und weil Lord Mohun gegen my Lady Caſtle⸗ wood, an der er mit innigſter Bewunderung zu hangen vorgab, ſtets eine außerordentliche Galanterie zeigte, ſo ſagte Beatrir eines Tages, als Antwort auf dieſen al⸗ ten Spaß ihres Vaters: „Ich glaube, my Lord wäre es weit lieber, wenn er Mama heirathen könnte; auch wartet er nur auf Ih⸗ ren Tod, um ſie um ihre Hand zu bitten.“ Dieſe Worte wurden eines Abends, vor dem Son⸗ per, als die ganze Familie um das große Feuer ver⸗ ſammelt war, von dem Mädchen leichtſinniger und kecker Weiſe hingeworfen. Die beiden Lords, die eben Karten ſpielten, fuh⸗ ren zuſammen; my Lady dagegen wurde ſcharlachroth und hieß Miſtreß Beatrir in ihr Zimmer hinaufgehen; worauf das Mädchen, nach ihrer Gewohnheit die un⸗ ſchuldigſte Miene von der Welt annehmend, ſprach: „Ich habe aber gewiß nichts Böſes im Sinne ge⸗ habt; gewiß ſpricht Mama weit mehr mit Harry Es⸗ mond, als mit Papa; — und ſie weinte, als Harry fortging, und das thut ſie doch nie, wenn Papa fort⸗ geht; und vergangene Nacht ſprach ſie mit Lord Mahun ungewöhnlich lange, und ſchickte uns weg, und weinte, als wir zurückkamen, und . . . .“ „Zum Teufel!“ ſchrie my Lord Caſtlewvod, der alle Geduld verloren hatte. „Geh' angenblicklich aus dem Zimmer, Du kleine Viper!“ Und er fuhr auf und ſchmiß die Karten hin. „Frag' nur Lord Mohun, was ich zu ihm geſagt, 234 Francis,“ ſagte Ihre Ladyſchaft, mit verſtörtem Ge⸗ ſichte aufſtehend, aber in Blick und Stimme immer noch große und rührende Würde und Offenheit bewah⸗ rend. „Komm' mit mir, Beatrir!“ Beatrix ſprang zu ihr hin: ſie vergoß jetzt reich⸗ liche Thränen. „Liebſte Mama, was habe ich denn gethan?“ fragte ſie. „Ich habe gewiß nichts Böſes im Sinne gehabt.“ Und ſie klammerte ſich an ihre Mutter an, und ſo ging denn das Paar ſchluchzend zur Thüre hinaus. „Ich will Dir aufrichtig ſagen, was Deine Frau zu mir geſagt, Frank““ rief my Lord Mohun: — „Pfar⸗ rer Harry darf es wohl hören; ich rufe den Himmel zum Zeugen an, und will nicht ſelig werden, wenn nicht jedes Wort, das ich ſage, die reine Wahrheit iſt. Vergangene Nacht bat mich Deine Frau, mit Thränen in den Augen, ich möchte doch mit Dir nicht mehr würfeln, noch Karten ſpielen, — und Du weißt am Beſten, ob das, warum ſie mich bat, nicht zu Deinem Beſten iſt.“ „Ei, freilich iſt es zu meinem Beſten, Mohun,“ ſagt my Lord mit trockener, harter Stimme. „Du biſt natürlich ein Muſter von einem Mann: und die Welt weiß wohl, was für ein Heiliger Dn biſt.“ My Lord Mohun war von ſeiner Frau getrennt, und hatte viele Ehrenſachen auszufechten gehabt, woran Frauen, wie gewöhnlich, Schuld geweſen waren. „Ich bin zwar kein Heiliger, obgleich Deine Frau eine Heilige iſt; — aber doch kann ich meine Hand⸗ lungen verantworten, wie andere Leute ihre Worte verantworten müſſen,“ ſagte my Lord Mohun. „Bei Gott! My Lord, das ſollen Sie,“ rief der Andere, auffahrend. „Vorher haben wir noch eine andere kleine Rech⸗ 235 nung mit einander zu regeln, my Lord,“ ſpricht Lord Mohun. Harry Esmond, der voller Unruhe war in Betreff der Folgen, zu denen dieſer unglückſelige Zwiſt führen möchte, brach gegenüber von ſeinem Beſchützer und dem Gegner deſſelben in die heftigſten Vorſtellungen aus und ſagte unter Anderem: „Gütiger Himmel! Wollen Sie denn in Ihrem eigenen Hauſe den Degen gegen Ihren Freund ziehen, my Lord? Können Sie denn einen Zweifel ſetzen in die Ehre einer Dame, die ſo rein iſt, wie der Himmel, und die tauſend Mal lieber ſtürbe, als daß ſie ein Un⸗ recht an Ihnen beginge. Sollen denn die müßigen Worte eines eiferſüchtigen Kindes Freunde entzweien? Hat denn nicht meine Gebieterin, ſo weit ſie es thun zu können glaubte, Ew. Lordſchaft — wenn die Wahr⸗ heit geſagt werden muß, inſtändigſt gebeten, Ihre In⸗ timität mit Lord Mohun nicht länger fortzuſetzen, und jener Gewohnheit zu entſagen, die Ihre Familie in's Verderben ſtürzen kann. Aber wäre nicht my Lord Mohun ſelbſt fortgegangen, wenn er nicht krank wäre?“ „Meiner Treu, Frank, ein Mann, der einen mit dem Podagra behafteten Zehen hat, kann Anderer Frauen nicht nachlaufen,“ brach my Lord Mohun aus, der ſich in der That in ſolchem Falle befand. Und dann ſah er mit einem ſo aufrichtigen und zugleich komi⸗ ſchen Lachen und Blicke auf ſeinen umwickelten Fuß, daß der Andere, mit der Fauſt über die Stirne weg fahrend, von dieſer anſteckenden guten Laune ebenfalls befallen wurde, und mit ſeinem Lieblingsfluche ſprach; „Der Teufel hole mich, Harry, und ich will verdammt ſein, wenn ich Dir nicht glaube.“ Und ſo war denn der Streit vorüber, — und die beiden Herren, die ſo eben noch im Begriffe geweſen waren, den Degen zu ziehen, ſchüttelten einander freund⸗ ſchaftlich die Hand. Beati paciſci. „Geh'! hol' my Lady wieder!“ ſprach Harry's Beſchützer. Esmond eilte fort, nur zu froh, eine ſo gute Nach⸗ richt überbringen zu können. Er fand ſie an der Thüre ſtehen; ſie hatte dort gehorcht, kehrte aber um, als er kam. Sie ergriff ſeine beiden Hände; was die ihrigen betraf, ſo waren ſie ſo kalt, wie Marmor. Es war ihr, als ob ſie ihm um den Hals fallen wollte. „Ich danke Ihnen, und Gott ſegne Sie, mein lieber Bruder Harry,“ ſprach ſie. Darauf küßte ſie ihm die Hand und Esmond fühlte darauf ihre Thränen; dann führte er ſie in das Zim⸗ mer hinein und zu my Lord hin. My Lord Caſtlewvod aber zog, plötzlich von Ge⸗ fühlen und einer Liebe überwältigt, wie man ſie ſchon ſeit vielen Jahren nicht mehr an ihm bemerkt, ſeine Franu an ſein Herz und neigte ſich über ſie hin, und küßte ſie, und bat ſie um Verzeihung. „Es iſt nun Zeit, daß ich mich auf meine Stange ſetze. Ich will mir meinen Haferſchleim in's Bett brin⸗ gen laſſen,“ ſprach my Lord Mohun, und hinkte, auf Harry Esmond's Arm geſtützt, in recht komiſcher Weiſe davon. Auf ſeinem Zimmer aber ſagte e „Bei St. George! Dieſe Frau iſt eine wahre Perle, und nur ein Schwein würde dieſelbe nicht ſchätzen. Haben Sie auch die gemeine Gaſſenläuferin, das Po⸗ meranzenmädchen geſehen, das Esmond —?“ Aber hier unterbrach iht Mr. Esmond, indem er ihm ſagte, daß er ſolche Dinge weder wiſſen wolle, noch wiſſen dürfe. Es kam nun my Lords Kammerdiener herein, um bei ſeinem Herrn ſeine gewöhnlichen Dienſte zu ver⸗ richten, der nicht ſobald in ſeiner Nachtmütze und in ſeinem Schlafrocke ſtak, als er einen andern Beſuch 237 bekam, den ſein Wirth nun einmal ſchlechterdings an ihn hatte abſenden wollen. Und es war dieß Riemand anders, als Lady Caſt⸗ lewood ſelbſt, die das Roſtbrod und den Haferſchleim in der Hand trug, die ſie, anf den ausdrücklichen Wil⸗ len ihres Gatten hin, ſelbſt bereitet, und mit eigenen Händen zu ihrem Gaſte hinaufgetragen hatte. Lord Caſtlewvod blickte ſeiner Frau nach, während ſie dieſem ihr gewordenen Auftrage nachkam, und wäh⸗ rend er ihr ſo nachblickte, konnte Harry Esmond nicht umhin, ihn anzuſchauen. Und da gewahrte er denn in dem Geſichte ſeines Beſchützers einen Ausdruck der Liebe, und des Schmerzes, und der Sorge, der den jungen Mann gar ſehr bewegte und rührte. Lord Caſtlewood ließ die Hände an beiden Seiten hinabfallen, und ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken, und ſagte gleich darauf: „Du haſt doch gehört, Pfarrer, was Mohun ge⸗ ſagt?“ „Daß my Lady eine Heilige ſei?“ „Daß zwei Rechnungen abzumachen ſeien. Ich habe ſeit fünf Jahren mich auf Abwege verirrt, Harry Esmond. Seit dem Augenblicke, da Du jene verdammte Blatternkrankheit in's Haus hereingebracht, hat mich mein böſes Schickſal verfolgt; und es wäre wohl das Beſte geweſen, wenn ich daran geſtorben, und nicht, wie ein Feigling, davongelaufen wäre, um ihr zu ent⸗ rinnen. „Ich ließ Beatrix bei ihren Verwan dten, und ging nach London, und gerieth unter Diebe, Harry, und machte mich wieder an die vermaledeiten Karten und Würfel, die ich ſeit dem Tag meiner Hochzeit nicht mehr angerührt hatte, — nein, ſeitdem ich in der Garde des Herzogs ſtand, hatte ich mit den wilden Mohocks nicht mehr geſpielt. Und ich habe es immer ärger ge⸗ trieben, und bin immer tiefer hineingekommen; und nun 238 ſchulde ich Mohun zweitauſend Pfund; und wenn dieſe bezahlt ſind, bin ich kaum beſſer, als ein Bettler. „Und ich mag meinem Knaben gar nicht mehr ins Geſicht ſchauen: er haßt mich, ich weiß es. Und ich habe Beaty's kleine Mitgift verſchwendet; und Gott weiß, was noch daraus entſtehen mag, wenn ich am Leben bleibe; — das Beſte, was ich jetzt thun kann, iſt, daß ich ſterbe und daß ich für den Knaben ſo viel von dem Gute wieder frei mache, als mir möglich iſt.“ Mohun war auf Caſtlewvod eben ſo ſehr Herr, als der Eigenthümer des Schloſſes ſelbſt; und es füll⸗ ten ſeine Equipagen die Ställe an, wo ſich in der That noch Raum für weit mehr Pferde befand, als Harry Esmond's verarmter Beſchützer zu halten im Stande war. My Lord Mohun war mit ſeinen Leuten zu Pferde angekommen; als aber ſein Podagra zum Vor⸗ ſchein kam, ſchickte er nach London, um von dort eine leichte Chaiſe holen zu laſſen, die er hatte, und welche von einem Paar kleiner Pferde gezogen wurde, und überall, wo die Wege gut waren, ſo geſchwind, wie der Schlitten eines Lappländers, lief. Als dieſer Wagen ankam, ließ es ſich Seine Lord⸗ ſchaft angelegen ſein, Lady Caſtlewwod darin auszu⸗ fahren, und dieß that er zum Oefteren, und zwar ließ er dann die Pferde immer ſo raſch laufen, als ſie nur konnten, zum großen Vergnügen ſeiner Begleiterin, welche die raſche Bewegung und die geſunden Winde über den Dünen liebte, welche dicht bei Caſtlewvod liegen und ſich von da nach der See hin ausdehnen. Da dieſe Fahrten ihr ſehr angenehm waren, und da ihr Gemahl, weit entfernt, aus ihrer Intimität mit Lord Mohun Verdacht zu ſchöpfen, ſie noch aufmunterte, ihn zu begleiten gleich als wollte er durch ſein jetziges, außerordentliches Zutrauen das Andenken an alles frühere Mißtrauen verwiſchen, das ſeine Eiferſucht ge⸗ zeigt, ſo genoß Lady Caſtlewood dieſes harmloſe Ver⸗ 239 gnügen recht oft, das — wie hier geſtanden werden muß — ihr Gaſt ängſtlich bemüht war, ihr ſo viel, wie möglich, zu verſchaffen; und es ſchien, als fühlte ſie ſich in Lord Mohun's Geſellſchaft ungenirter, und als liebte ſie ſeine Geſellſchaft noch mehr wegen eines kleinen Opfers, das ſeine Galanterie ihr zu liebe brachte. * * — Da Harry Esmond die beiden Herren Abends immer noch Karten ſpielen ſah, ſo drückte er einſt bei ſeiner Gebieterin ſein Bedauern darüber aus, daß dieſe unglückſelige Verblendung ihres Gemahls immer noch fortdauerte, und bat daher jetzt, wo ſie mit einander wieder ausgeſöhnt ſchienen, ſeine Gebieterin, ihrem Gemahle doch zu verſtehen zu geben, daß er das Spiel laſſen möchten. Aber Lady Caſtlewood ſagte, indem ſie ſchlau und fröhlich lächelte, daß ſie bald mit ihm ſprechen würde, und daß es ja auf ein Paar Abende mehr oder weni⸗ ger nicht ankäme; und ſie wollte ihm ſeine Freude ſo lange noch laſſen. „Aber, Madame,“ ſagte Harry, „Sie wiſſen nicht, was das Spiel Ihnen koſtet, und jeder Beobachter, der das Spiel kennt, kann gar leicht ſehen, daß Lord Mo⸗ hun my Lord Caſtlewvod bei Weitem überlegen iſt.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ ſagte my Lady, im⸗ mer noch in außerordentlich guter Laune: „er iſt nicht allein der beſte, ſondern auch der gütigſte Spieler, den es vielleicht auf der Welt gibt.“ „Madame, Madame!“ rief Esmond, den dieſe Worte ärgerten, und ganz außer ſich brachten. „Eh⸗ renſchulden müſſen nun ein Mal bezahlt werden, — ſei es früher oder ſpäter; und mein Gebieter iſt ein minirter Mann, wenn er ſo fortmacht.“ 240 „Harry, ſoll ich Ihnen ein Geheimniß ſagen?“ erwiederte my Lady, aus deren Augen immer noch Freundlichkeit und Wonne leuchteten. Francis wird nicht zu Grunde gerichtet werden, wenn er fortmacht; — nein, er wird gerettet werden, wenn er fortmacht. Ich bedauexe es unendlich, von Lord Mohun unfreund⸗ lich geſprochen, und unfreundlich über ihn gedacht zu haben, als er vergangenes Jahr hier war. Er iſt vol⸗ ler Freundlichkeit und Biederkeit; und ich glaube ſteif und feſt, daß wir ihn zu einem beſſeren Lebenswandel bewegen werden. „Ich habe ihm Tillotſon geliehen, ſowie Ihren Lieblingsſchriftſteller, Biſchof Taylor, — und ſchon wirkt es bei ihm, wie er ſagt; und — was glauben Sie wohl, daß er mit Frantis thue, um mir einen Beweis ſeiner Reue zu geben (— und darin liegt eben mein Geheimniß —)? Er läßt den armen Frank ſein Geld wieder gewinnen. Schon hat er an den letzten vier Abenden gewonnen, und my Lord Mohun ſagt, er wolle nicht die Hand dazu bieten, wenn es ſich da⸗ rum handle, das Glück des armen Frank und meiner theuren Kinder zu untergraben.“ „Aber ſagen Sie mir doch in Gottes Namen, was bieten Sie ihm als Erſatz für dieſes Opfer?“ fragte Esmond erſchrocken; denn es kannte derſelbe die Men⸗ ſchen, und dieſen insbeſondere, gut genng, um zu wiſ⸗ ſen, daß ein ſo vollendeter Wüſtling Richts für Nichts gebe. „Wie wollen Sie ihn denn⸗ in des Himmels Na⸗ men, bezahlen?“ „Ihn bezahlen! Mit dem Segen einer Mutter und mit dem Gebete einer Frau!“ tuſt my Lady, ihre Hände zuſammenſchlagend. Harry Esmond wußte in dieſem Angenblicke nicht, ob er lachen, oder böſe werden, oder ſeine theure Ge⸗ bieterin mehr, denn je, lieben ſollte wegen der hart⸗ näckigen Unſchuld, womit ſie das Betragen eines Welt⸗ — 241 lings zu betrachten beliebte, deſſen Abſichten er beſſer zu deuten verſtand. Er ſagte der Dame in gemeſſenen Ausdrücken, aber doch ſo, daß ihr die Sache vollkom⸗ men klar werden mußte, was er über das frühere Le⸗ ben und über die frühere Aufführung dieſes Edelmanns wußte; — er erzählte ihr von andern Frauen, die er mit ſeinen Intriguen umſponnen, und die er bethört, und die er zu Falle gebracht; — er erzählte ihr von der Unterhaltung, die er ſelbſt mit Lord Mohun ge⸗ habt, — von der Unterhaltung, in der der Lord ſich ſei⸗ ner lockeren Lebensart gerühmt und zu wiederholten Malen geſtanden habe, daß er, my Lord Mohun, alle Frauenzimmer für gute Priſe und für Wild halte, auf das Jeder Jagd machen dürfe (— ſo hatte ſich Seine Lordſchaft wörtlich in Beziehung auf dieſen hübſchen Zeitvertreib ausgedrückt —), und daß alle, ohne Aus⸗ nahme, zu haben und zu erobern ſeien. Und der Lohn, der Harry für dieſe ſeine Bitten und Vorſtellungen ward, beſtand in einem Anfalle von Zorn, den Lady Caſtlewvod zeigte; denn dieſe wollte, wie ſie ſich ausdrückte, gar nicht auf ſeine Anklagen hören, und ſetzte hinzu, daß er ſelbſt ein ſehr ſchlechter und verdorbener Menſch ſein müſſe, um da ſchlechte Abſichten zu argwöhnen, wo ſie ſelbſt gewiß ſei, daß keine ſolche beſtänden. „Und das profitirt man, wenn man ſich in anderer Leute Angelegenheiten miſcht,“ dachte Harry mit vieler Bitterkeit bei ſich: und ſeine Verlegenheit und ſein Aerger waren nur noch um ſo größer, weil er mit my Lord Caſtlewood ſelbſt über einen ſolchen Gegenſtanb nicht wohl ſprechen konnte, oder weil er es nicht wagen durfte, ihn in Betreff eines ſo heiligen Punktes, wie ſeine Ehre war, zu warnen, oder zu berathen; denn was ſeine eigene Ehre betraf, ſo war my Lord natür⸗ lich der beſte Hüter derſelben. Heury Esmond. I. 16 242 Und obgleich Lady Caſtlewvod von ihrem jungen Untergebenen keinen guten Rath annehmen wollte, und denſelben, wenn angeboten, empört zurückzuweiſen ſchien, ſo hatte Harry doch die Befriedigung, zu finden, daß ſie den Rath annahm, den ſie nicht einmal hatte an⸗ hören wollen. Denn ſchon am nächſten Tage ſchützte ſie ein Kopfweh vor, als my Lord Mohun mit ihr ausfahren wollte; und an dem darauf folgenden Tage hatte das Kopfweh ſich immer noch nicht vermindert; und wieder an dem darauf folgenden Tage machte ſie in lachender, heiterer Weiſe den Vorſchlag, daß die Kinder ihren Platz in dem Wagen Seiner Lordſchaft einnehmen ſollten, denn eine Spazierfahrt würde ihnen angenehmer, als alles Andere ſeinz und, ſetzte ſie hinzu, ſie dürfe nicht alles Vergnügen für ſich allein in An⸗ ſpruch nehmen. My Lord machte gute Miene zu böſem Spiele, und machte mit den Kindern eine Spazierfahrt, und ich kann wohl ſagen, daß ſein Herz vor Wuth ent⸗ brannt war über dieſe Vereitelung ſeiner Pläne. Nicht als ob ſein Herz ernſtlich betheiligt geweſen wäre bei den Anſchlägen, die er auf dieſe einfache Dame machtez aber das Leben ſolcher Männer iſt oft ein Leben der Intrigue, und es können dieſelben eben ſo wenig einen Tag verleben, ohne einer Frau nachzuſtellen, als ein Fuchsjäger, wenn das Frühſtück vorüber iſt, auf ſein Lieblingsvergnügen verzichten kann. Hinter einem affectirt ſorgloſen Benehmen, und obgleich, ſeit dem Streite zwiſchen den beiden Lords, ſein Beſchützer durch Nichts zu erkennen gab, daß er in die Abſichten my Lord Mohun's einen Zweifel ſetze, ſah Harry doch, daß Lord Caſtlewood ſeinen Gaſt ſehr ſcharf beobachtete; auch glaubte Harry hie und da Zei⸗ chen des Mißtrauens und unterdrückter Wuth zu ge⸗ wahren, die nichts Gutes ahnen ließen. 243 Was den Ehrenpunkt betrifft, ſo wußte Esmond gar wohl, wie kitzelig ſein Beſchützer war: er beobach⸗ tete ihn faſt in derſelben Weiſe, in der ein Arzt einen Kranken beobachtet, und es ſchien ihm, als werde die⸗ ſer ſein Patient nur langſam angeſteckt, wenn derſelbe auch des Giftes ſich nicht mehr entledigen konnte, wenn es ſich einmal mit ſeinem Blute vermiſcht. Bei Sha⸗ keſpeare leſen wir (— Schreiber dieſes hält denſelben für weit größer, als Mr. Congreve, Mr. Dryden, oder irgend einen andern Schöngeiſt der jetzigen Periode —), daß, ſobald die Eiferſucht ſich einmal entſchieden zeige, weder Mohn, noch die Mandragore, noch alle die ein⸗ ſchläfernden Syrupe des Oſtens dieſelbe wieder zu be⸗ ſänftigen oder hinwegzuarzeneien im Stande ſeien. Kurz und gut, die Symptome ſchienen dieſem jun⸗ gen Arzte (— der, ſo jung er auch war, ſchon lange allen dieſen theuren Verwandten auf den lieben Puls gefühlt hatte —) ſo beängſtigend zu ſein, daß Harry glaubte, es ſei ſeine Pflicht, my Lord Mohun zu war⸗ nen, und ihn wiſſen zu laſſen, daß ſeine Pläne und Anſchläge beargwohnt und ſcharf beobachtet würden. Harry ſagte daher eines Tages, als Seine Lord⸗ ſchaft in etwas verdrießlicher Stimmung zu Lady Caſtle⸗ wood hinaufgeſchickt hatte, die ihm das Verſprechen ge⸗ geben, mit ihm auszufahren, und ſich nun zu kommen weigerte: „My Lord, wenn Sie ſo gütig ſein wollen, mir einen Platz an Ihrer Seite zu geben, ſo werde ich Ihnen dafür dankbar ſein; — ich habe Ihnen gar Vieles zu ſagen, und mbchte mit Ihnen unter vier Angen ſprechen.“ „Sie ehren mich, indem Sie mir Ihr Vertrauen ſchenken, Mr. Henry Esmond,“ ſagt der Andere mit einem ungeheuer tiefen Bücklinge. My Lord war ſtets ein feiner Gentleman, und ſo jung auch Esmond war, ſo lag doch in ſeinem Beneh⸗ B 244 men Etwas, das in ihm gleichfalls den Gentleman ver⸗ rieth, und das deutlich zeigte, daß es Riemand einfal⸗ len dürfe, ſich Freiheiten gegen ihn heranszunehmen. Die Beiden gingen daher zur Thüre hinaus und beſtiegen den kleinen Wagen, der im Hofe auf ſie war⸗ tete. Beſpannt war derſelbe, wie gewöhnlich, mit den zwei kleinen, milchweißen, hannöverſſchen Pferden, die prächtig geſchirrt waren und an ihrem Gebiſſe käueten. „My Lord,“ ſagt Harry Esmond, als ſie eine ziemliche Strecke weit gefahren (— dabei dentete er anf my Lord Mohun's Fuß, der mit Flanell umwunden war und in etwas auffallender Weiſe auf einem Kiſſen ruhete —), my Lord, ich habe in Cambridge Mediein ſtudirt.“ „Ei, ei, Pfarrer Henry,“ ſagt er; „— und wollen Sie nun doktoriren und Ihre Studiengenoſſen kuriren, welche etwa das — „Das Zipperlein haben,“ ſagt Harry, ihn unter⸗ brechend und ihm ſcharf in's Geſicht blickend. „Ueber das Podagra kann ich Ihnen gar Vieles ſagen.“ Hoffentlich werden Sie daſſelbe nie bekommen. Es iſt eine infernaliſche Krankheit,“ ſagt my Lord, — „und die Stiche, die der Patient fühlt, ſind wahrhaft diaboliſch. Ah, ah!“ Und dabei verzerrte er ſchrecklich das Geſicht, wie wenn er gerade in dieſem Augenblicke einen Stich fühlte. „Ew. Lordſchaft würden ſich weit beſſer befinden, wenn Sie all' dieſes flanellene Zeug da entfernten: — es hat daſſelbe keine andere Wirkung, als den Zehen zu entzünden,“ fuhr Harry fort, indem er ſeinem Manne gerade in's Geſicht ſah. „Oh! Es hat alſo keine andere Wirkung, als den Zehen zu entzünden? Ei, ei, was Sie mir da nicht ſagen!“ ſpricht der Andere mit unſchuldiger Miene. „Wenn Sie dieſen Flanell wegnähmen, und den 245 albernen Pantoffel wegwürfen, und einen Stiefel trü⸗ gen, — wie wäre es dann?“ fährt Harry fort. „Sie rathen mir alſo zu Stiefeln, Mr. Esmond?“ fragt my Lord. „Ja, ich rathe Ihnen zu Stiefeln und Sporen. Es ſind noch keine drei Tage, daß ich Ew. Lordſchaft ſchnell genug die Gallerie hinablaufen ſah,“ fährt Harry fort. „Ich bin verſichert, daß ein einfacher Haferſchleim Ew. Lordſchaft Abends nicht ſo ange⸗ nehm iſt, als Bordeaux; — auch erhitzt ſich Ew. Lord⸗ ſchaft ſo nicht beim Spiele, während meinem Beſchützer der Kopf von dem vielen Trinken ganz heiß und roth wird.“ „Mordelement, Sir, Sie werden doch ſich nicht erfrechen wollen, zu ſagen daß ich unehrlich ſpiele?“ ruft my Lord, auf ſeine Pferde lospeitſchend, die da⸗ von galoppirten. „Ja, aber Sie ſind bei kaltem Blute, während my Lord betrunken iſt,“ fuhr Harry fort; „Ew. Lord⸗ ſchaft gewinnt dann meinem Beſchützer das Spiel ab. Ich habe Sie beobachtet, da ich von meinen Büchern aufſchaute.“ „Ah, Sie junger Argus!“ ſpricht Lord Mohun, der Harry Esmond liebte, — und deſſen Geſellſchaft und Geiſt, verbunden mit einem gewiſſen kühnen We⸗ ſen, Harry gleichfalls nicht wenig gefielen,— „ah, Sie junger Argus! Sie dürfen mit all' ihren hundert Au⸗ gen ſehen, und doch werden Sie ſtets bemerken, daß wir ehrlich ſpielen. „Ich habe ſchon an einem Abende ein ganzes Gut verſpielt, und habe ſchon das Hemd auf dem Leibe ver⸗ ſpielt; und ich habe ſchon meine Perrücke verſpielt und bin in einer Nachtmütze nach Hauſe gegangen. Aber es kann kein Menſch ſagen, daß ich ihn je übervor⸗ theilt; und wenn mir das Glück ein Mal günſtig ge⸗ weſen, ſo waren dabei keine unehrliche Mittel von mir 246 angewandt worden. Ich habe ein Mal im Elſaß mit einem Spitzbuben geſpielt, der ſich falſcher Würfel be⸗ diente zuletzt mußten ſeine Ohren als Einſatz dienen, und ich gewann dieſelben; und noch bewahre ich eines davon, in meiner Wohnung in Vow Street, in einer Flaſche Spiritus auf. Harry Mohun wird ſtets be⸗ reit ſein, mit Jedem um einen beliebigen Einſatz zu ſpielen; — auch hielt er es ſtets ſv.“ „Sie ſpielen aber im Hauſe meines Beſchützers um einen ſchrecklichen Einſatz, my Lord, — und Sie ſpielen außer dem Kartenſpiel noch ein anderes,“ ſprach Harry. ² „ „Was wollen Sie damit ſagen, Sir?“ ruft my Lord, mit geröthetem Geſichte ſich umwendend. Ich will damit ſo viel ſagen,“ antwortet Harry in ſarkaſtiſchem Tone, — „daß Ihr Podagra nun kurirt iſt, wenn Sie je damit behaftet waren.“ „Sir!“ ruft my Lord, warm werdend. „Und ſoll ich Ihnen die Wahrheit ſagen, ſo glaube ich, daß Ew. Lordſchaft ebenſo wenig das Podagra hat, als ich. Auf jeden Fall aber wird eine kleine Luftveränderung bei Ihnen eine gute Wirkung hervor⸗ bringen, my Lord Mohun. Und es will mich, wenn ich es Ihnen ehrlich geſtehen ſoll, bedünken, daß Sie beſſer daran thäten, wenn Sie von Caſtlewvod fort⸗ gingen.“ „Und ſind Sie dazu angeſtellt worden, um dieſen Auftrag auszurichten?“ ruft Lord Mohun. „Hat Frank Esmond Sie dazu beſtellt?“ „Niemand hat mich dazu beſtellt. Nur die Ehre meiner Familie iſt es, die mich mit dieſem Auftrage betraut.“ „Und ſind Sie bereit, mir hiefür Red' und Ant⸗ wort zu ſtehen?“ ruft der Andere, wüthend auf die Pferde hinein peitſchend. „Jeden Augenblick, my Lord. Aber ich mache 247 Ew. Loidſchaft darauf aufmerkſam, daß Sie den Wa⸗ gen umwerfen werden, wenn Sie fortfahren, in dieſer Weiſe Ihre Pferde zu peitſchen.“ „Bei St. George! Sie zeigen ſich nicht feige!“ rief my Lord aus, indem er in ein gewaltiges Geläch⸗ ter ausbrach. „Vermuthlich iſt es die infernaliſche Botte de Jésuite, ²) die Sie ſo kühn macht,“ ſetzte er hinzu. „Es iſt der Friede der Familie, der mir theurer iſt, als Alles auf dieſer Welt,“ ſagte Harry Esmond warm, — „es iſt die Ehre meines edlen Wohlthäters, — iſt das Glück meiner theuren Gebieterin und ihrer Kin⸗ der. Ich verdanke ihnen Alles auf dieſer Welt, my Lord: und würde mein Leben für Jedes von ihnen jeden Augenblick in die Schanze ſchlagen. „Was führt Sie hieher? Warum wollen Sie in dieſes ruhige Haus den Unfrieden bringen? Was hält Sie hier, Monde um Monde, zurück? Warum ſtellen Sie ſich krank, und warum erfinden Sie Vorwände, um Ihren Aufenthalt verlängern zu könuen? „Wollen Sie meinem armen Beſchützer ſein Geld abgewinnen? Wenn das iſt, ſo ſage ich Ihnen, my Lord: ſeien Sie edelmüthig und ſchonen Sie ſeiner Schwäche um ſeiner Frau und ſeiner Kinder willen. „Wollen Sie das einfache Herz einet tugendhaften Frau umſtricken? Wenn das der Fall iſt, ſo ſage ich Ihnen, daß es Ihnen ebenſo leicht einfallen könnte, den Tower allein ſtürmen zu wollen. „Aber nichts deſtv weniger können Sie den Na⸗ men meiner Gebieterin durch leichtfertige Bemerkungen oder durch ſchändliche Nachſtellungen compromittiren, — und ich will nicht leugnen, daß es in Ihrer Macht ſteht, ſie unendlich unglücklich zn machen. Ich ſage *) Botte, ein Kunſtausdruck im Fechten = Stoß alſo: Jeſuitenſtoß. 248 Ihnen alſo: ſchonen Sie dieſer ſchlichten unſchuldigen Leute und verlaſſen Sie dieſelben!“ „Ich glaube wahrhaftig, Maſter Harry, daß Du ſelbſt ein Auge auf die hübſche Puritanerin haſt,⸗ ſpricht my Lord mit ſeinem unbekümmerten gutlaunigen Lachen, und wie wenn er der leidenſchaftlichen Be⸗ rufung des jungen Mannes an ſeine Ehre mit Intereſſe gelauſcht hätte. „Sag' es mir ein Mal in's Ohr, Harry! Biſt Du ſelbſt in ſie verliebt? Iſt es dem trunkenen Harry Esmond auch ſo ergangen, wie an⸗ deren Menſchenkindern?“ „My Lord, my Lord,“ rief Harry, während ſein Geſicht ſich röthete, und ſeine Augen ſich mit Thränen füllten, — „ich habe zwar nie eine Mutter gehabt, aber dieſe Dame liebe ich als ſolche. Ich verehre ſie, wie ein Frömmler einen Heiligen verehrt. Mir kommt es wie eine Blasphemie vor, wenn Jemand ihren Na⸗ men in leichtfertiger Weiſe ausſpricht. „Sagen Sie mir ein Mal, my Lord, würde es Ihnen wohl einfallen, ſo von Ihrer eigenen Mutter zu denken, oder Jemand ſo von ihr ſprechen zu laſſen? Mich erfüllt es mit Abſchen, auch nur denken zu müſſen, daß Jemand unreinen Gedanken in Beziehung auf ſie Raum gibt. Ich bitte Sie alſo inſtändigſt, ich bitte Sie flehentlich, verlaſſen Sie ſie, — ſonſt könnte Ge⸗ fahr daraus entſtehen.“ „Gefahr? bah, bah!“ ſpricht my Lord, den Pfer⸗ den abermals einen Hieb gebend, die in dieſem Augen⸗ blicke — denn wir waren jetzt bei den Dünen ange⸗ langt — einen Galopp anſchlugen, dem kein Zerren an dem Zügel jetzt mehr Einhalt zu thun vermochte. Das Leitſeil zerriß in Lord Mohun's Händen, und die wüthenden Thiere raſeten weiter, wobei der Wagen fürchterlich hin und herſchwankte, und die darin ſitzen⸗ den Perſonen ſich ſo gut wie möglich an den Seiten zu halten ſuchten. 249 Endlich ſahen die beiden Gentlemen eine große Schlucht vor ſich, wo ein Umwerfen unvermeidlich war: ein Jeder ſprang daher auf ſeiner Seite aus der Chaiſe, um wenigſtens das Leben zu retten. Harry Esmond kam mit einem bloßen Sturze auf das Gras davon; indeſſen war derſelbe doch ſo heftig, daß er ihm während eines Angenblicks die Beſinnung raubte. Allein er raffte ſich baid wieder auf, ohne daß er, außer einer großen Uebelkeit und einem heftigen Naſenbluten ſonſt Schaden genommen hätte. Lord Mohun aber war nicht ſo hlücklich, denn er fiel mit dem Kopfe auf einen Stein und lag, allem Anſchein nach, todt auf dem Boden. Dieſer Unfall ereignete ſich, während die Gentle⸗ men auf dem Rückwege begriffen waren; und my Lord Caſtlewvod, der mit ſeinem Sohne und mit ſeiner Tochter eben einen Spazierritt machen wollte, begeg⸗ nete den Ponies, während dieſe mit dem Wagen daher galoppirt kamen. Die Pferde hatten ſich in die zerriſſenen Stränge verwickelt, und my Lords Leuten gelang es, ſie zu um⸗ gehen und zum Stehen zu bringen. Es war der junge Frank, der my Lord Mohun's ſcharlachrothen Rock er⸗ ſpähete. Sie ritten daher alsbald zu dem unglücklichen, auf dem Boden liegenden Herrn, ſowie zu Esmond hin, der jetzt neben dem Lord ſtand. Es waren Letzterem ſeine roße Perrücke und ſein Federhut entfallen, und er lutete heftig aus einer Stirnwunde, und ſah aus, wie ein Leichnam, und war es auch für den Augenblick. „Großer Gott! er iſt todt!“ ſpricht my Lord. „Geſchwinde reite Jemand nach Hauſe, um einen Doctor herbei zu holen! Doch halt! Ich will ſelbſt gehen und Tuſher mitbringen; er verſteht ein Bischen Chirurgie.“ Und my Lord galoppirte, von ſeinem Sohne ge⸗ folgt, fort. 250 Kaum waren ſie fort, als Harry Esmond, der in der That jetzt erſt wieder zur Beſinnung gekommen war, ein ähnliches Unglück einfiel, wovon er auf einem Ritte von New⸗Market nach Cambridge Zeuge geweſen war. Harry entblößte alſo einen Arm my Lords und ſchlug mit einem Federmeſſer eine Ader, und war nach einem Augenblicke nicht wenig froh, als er Blutfließen ſah. Indeſſen ſtand es faſt eine halbe Stunde an, bis der Lord wieder zu ſich kam; und endlich kamen auch Dr. Tuſher und der kleine Frank herbei, die my Lord zwar nicht als Leichnam, aber ganz ſo blaß fanden. Nach einiger Zeit, und als my Lord im Stande war, die Bewegung zu ertragen, ſetzte man ihn auf das Pferd eines Reitknechts, und gab man Esmond das andere; die Domeſtiken gingen dabei auf beiden Seiten neben my Lord her, um ihn zu halten, wenn es nöthig ſein ſollte. Bei ihnen befand ſich auch der würdige Dr. Tuſher. Was den kleinen Frank und Harry betrifft, ſo ritten ſie in langſamem Schritte neben einander. Als wir ſo mit einander nach Hauſe ritten, ſagte der Knabe: „Wir begegneten Mama, die mit dem Doctor auf der Terraſſe eben ſpazieren ging, und Papa erſchreckte ſie und ſagte ihr, daß Du todt ſeieſt . . . „Daß ich todt ſei?“ fragt Harry. „Ja. Papa ſagt: Der arme Harry iſt todt, meine Liebe; — worauf Mama einen großen Schrei aus⸗ ſtößt, und, ach Harry! auf den Boden ſinkt; — ſo daß ich wahrlich glaubte, ſie ſei auch todt. „Und nie haſt Du in Deinem Leben einen Menſchen in einem Zuſtande geſehen, wie der war, in dem ſich Papa fand: er that einen ſeiner großen Flüche; und wurde todblaß; — und dann fing er an, in ganz eigener Weiſe zu lachen, und dann ſagte er dem Doctor, daß er ſein Pferd nehmen, und zu mir, daß ich den 251 Doctor begleiten ſolle; — und dann ritten wir weg. Und ich blickte zurück, und ſah, wie er Waſſer aus dem Springbrunnen über Mama hinſpritzte. Oh! ſie war ſo erſchrocken!“ Esmond ritt nach Hauſe, indem er über dieſe ſelt⸗ ſame Geſchichte nachdachte, — denn my Lord Mohun hieß gleichfalls Harry, und ſie nannten ſich einander oft Frank und Harry, — und war nicht wenig ver⸗ wirrt und von Angſt erfüllt. Seine theure Lady war immer noch auf der Ter⸗ raſſe; um ſie war eine ihrer Dienerin; my Lord aber war nicht mehr da. Es führen von der Terraſſe Stufen und eine kleine Thüre auf den Weg hinab. My Lord kam vorüber, und ſah, den Kopf mit einem Taſchentuche umbunden, und ohne Hut und Perrücke, die ein Reitknecht trug, geiſterhaft aus; aber ſeine Artigkeit verließ ihn nicht, und er verbengte ſich vor der Lady. „Dem Himmel ſei gedankt, daß Sie mit dem Le⸗ ben davongekommen ſind,“ ſagte ſie. „Aber auch Harry lebt noch, Mama!“ ſpricht der kleine Frank. „Hurrah! Hurrah!“ Harry Esmond ſtieg ab, um zu ſeiner Gebieterin zu eilen; ein Gleiches that der kleine Frank. Und einer von den Reitknechten übernahm die zwei Thiere, wäh⸗ rend der andere, den Hut und die Perrücke in der Hand, neben my Lords Zügel nach dein Vorderthore hinging, das noch eine halbe Meile entfernt war. „Oh, mein Junge! Welchen Schrecken haben Sie mir verurſacht!“ ſprach Lady Caſtlewvod, als Harry Esmond zu ihr herankam. Sie grüßte ihn mit einem ihrer wonnigen Blicke und mit einer Stimme voll des zärtlichſten Willkomms. Und ſie war ſo gütig, daß ſie dem jungen Mann einen Kuß gab (es war dieß das zweite Mal, daß ſie ihm dieſe Ehre erwieſen); und ging, 1 252 zwiſchen ihm und ihrem Sohne, in das Haus hinein, wobei ſie jeden bei einer Hand hielt. Pierzehntes Kapitel. Wir reiten ihm nach London nach. Nach Verfluß von ein Paar Tagen war Lord Mo⸗ hun von ſeinem Unfall ſo weit wieder hergeſtellt, daß er im Stande war, ſeine Abreiſe für den kommenden Morgen anzukündigen. Er verabſchiedete ſich demgemäß, und ſagte, er habe im Sinne, langſam nach London zu reiten, und zwei Mal zu übernachten. Sein Wirth behandelte ihn mit ſtu⸗ dirter und ceremoniöſer Artigkeit, die von dem gewöhn⸗ lichen offenen Benehmen und dem Sich⸗gehen-laſſen my Lords gewiß himmelweit verſchieden warz; es lag jedoch kein Grund vor zu der Vermuthung, daß die beiden Lords anders, denn als gute Freunde von einan⸗ der ſchieden, obgleich Harry Esmond bemerkte, daß my Lord Viscount ſeinen Gaſt bloß in Geſellſchaft anderer Perſonen ſah, und daß er es zu vermeiden ſchien, mit ihm allein zu ſein. Auch begleitete er Lord Mohun nicht, wie er doch ſonſt bei den Meiſten ſeiner Freunde that, die er ſtets eifrigſt bewillkommte, und ungern wieder verlor; ſondern begnügte ſich, als die Pferde Seiner Lordſchaft parat waren, und der Eigenthümer derſelben reiſefertig und geſtiefelt erſchien, um von der Dame auf Schloß Caſtlewvod ſich zu verabſchieden, da⸗ mit, daß er Lord Mohun die Treppe hinab und bis zu 253 den Pferden begleitete, und daß er ihm im Hofe, unter mehreren Verbeugungen, einen glücklichen Tag wünſchte. „Ich werde dich bald wieder in London ſehen, Mohun,“ ſprach my Lord lächelnd; „und dann wollen wir mit einander abrechnen.“ „Oh, mach' Dir darüber keine Sorge, Frank,“ ſagte der Andere gutmüthig, und ſah als er die Hand hinſtreckte, etwas überraſcht aus über die verdrießliche und feierliche Weiſe, mit der ſein Wirth ſeinen Ab⸗ ſchiedsgruß hinnahm. Und ſo ritt denn Lord Mohnn in Begleitung ſei⸗ ner Leute weg. Harry Esmond war Zeuge von dieſer Abreiſe. Es war dieſelbe gar verſchieden von my Lords Ankunft, für welche große Zurüſtungen gemacht worden waren (in⸗ dem das alte Haus ſich beſtmöglich herausputzen mußte, um ſeinen Gaſt zu empfangen); und es lag an jenem Tage über allen Perſonen eine Traurigkeit und ein ge⸗ zwungenes Weſen, die Mr. Esmond mit düſteren Ah⸗ nungen und unbeſtimmten Befürchtungen erfüllten. Lord Caſtlewood ſtand an der Thüre und beobachtete ſeinen Gaſt und deſſen Leute, als ſie unter dem Bogen des äußeren Thores durchritten. Als Lord Mohun dort angekommen war, wandte er ſich noch ein Mal um; und da lüftete my Lord Viscount langſam ſeinen Caſtorhut und verbeugte ſich. Sein Geſicht hatte etwas eigen⸗ thümlich Livides; ſo kam es wenigſtens Harry vor. My Lord fluchte und ſtieß mit den Füßen ſeine Hunde weg, die um ihn herumſprangen; — dann ging er auf den Springbrunnen im Mittelpunkte des Hofes zu, lehnte ſich gegen eine Säule, und blickte in das Baſſin. Als Esmond nach ſeinem eigenen Zimmer hinüberſchritt, das früher dem Kaplan gehört, und auf der anderen Seite des Hofes lag, und als er ſich umwandte, um durch die niedrige Thüre zu gehen, — da ſah er Lady Caſtle⸗ wood durch die Vorhänge des großen Fenſters des Sa⸗ 254 lons im obern Stockwerke nach my Lord hinblicken, der in dieſem Angenblicke den Springbrunnen anſah. Auf jeden Fall herrſchte im Hofe eine eigenthümliche Stille, und die Stene blieb lang in Esmonds Gedächt⸗ niß gegraben: — der Himmel ſah heiter aus; während die Strebepfeiler des Gebäudes und die Sonnenuhr über das vergoldete memento mori, das unter derſelben geſchrieben ſtand, Schatten warfen; von den beiden Hun⸗ den, einem ſchwarzen Windhunde und einem faſt ganz weißen Hühnerhunde, ſtreckte der eine den Kopf nach der Sonne empor, während der andere unter dem Graſe und den Steinen umherſchnüffelte; my Lord aber lehnte ſich über den Springbrunnen, der ein ziemlich lautes Plätſchern hören ließ. Es iſt doch ſeltſam, wie dieſe Scene, und das Plätſchern des Springbrunnens in dem Gedächtniſſe eines Mannes haften bleiben, der tau⸗ ſend glänzende und auch gefahrvolle Schauſpiele geſehen hat, wovon ihm Nichts geblieben iſt. Es war Lady Cuſtlewood (ſie hatte den ganzen Morgen gelacht, und war vor ihrem Gatten und deſſen Gaſte ganz beſonders heiter und lebhaft geweſen), die, ſo bald die beiden Gentlemen ihr Zimmer verließen zu Harry hinlief, mit einer Miene, deren Ausdruck ſich jetzt total verändert hatte. Mit einem Geſichte und mit Angen voller Bekümmerniß ſagte ſie zu ihm; „Fol⸗ gen 6 ihnen doch nach, Harry: gewiß ſteht Etwas chief.“ 4 Und ſo geſchah es, daß Esmond auf den Befehl ſeiner Lady den Lauſcher machen mußte: und er zog ſich auf ſein Zimmer zurück, um Zeit zu haben, eine Ge⸗ ſchichte zu erfinden, die ſeine Gebieterin wieder zu be⸗ ruhigen im Stande wärez denn er ſelbſt konnte nicht umhin, der Befürchtung Raum zu geben, daß ein ern⸗ ſter Streit zwiſchen den beiden Herren bevorſtände. WMehrere Tage hindurch vereinigte ſich nun auf Schloß Caſtlewvod die kleine Geſellſchaft, wiez. B. Abends, 255 um den Tiſch; indeſſen lag dieſe Kümmerniß, wenn auch unausgeſprochen und unſichtbar, ſtets anf dem Geiſte der Anweſenden, oder wenigſtens auf den drei Perſonen, die ſich dort verſammelten. Was my Lord betrifft, ſo war er außerordentlich zart und gütig. So oft er das Zimmer verließ, folgten ihm die Angen ſeiner Frau. Er benahm ſich gegen ſie mit einer Art trauriger Artigkeit und Freundlichkeit, die an einem Manne von ſeinem barſchen und gewöhnlich etwas ro⸗ hen Weſen etwas Auffallendes hatte. Er nannte ſie oft und in zärtlicher Weiſe bei ihrem Taufnamen, und war ſehr ſanft und artig mit den Kindern, beſonders aber mit dem Knaben, den er nicht liebte. Und obgleich er im Allgemeinen kein fleißiger Kirchgänger war, ſo ging er jetzt doch in die Kirche, und machte dort mit aller Andacht alle frommen Uebungen mit, ja er hörte ſogar Dr. Tuſher's Predigt an. „Die ganze Nacht ſchreitet er in ſeinem Zimmer auf und ab: was iſt das? Harry, Sie müſſen ausfindig machen, was ihm im Kopfe herumgeht,“ ſagte Lady Caſtlewood zu dem jungen Esmond immer und ewig. Ein anderes Mgl ſagte ſie: „Er hat drei Briefe nach London geſchickt.“ „Das iſt wahr, Madame; es waren dieſelben an einen Advokaten gerichtet,“ antwortete Harry, der um dieſe Briefe wußte, und einen Theil der Correſpondenz geſehen hatte, welche ſich auf ein neues Anlehen bezog, das my Lord aufnahm. Und als der junge Mann ſeinem Beſchützer Vor⸗ ſtellungen darüber machte, ſagte my Lord, „er nehme bloß Geld auf, um eine alte, auf dem Gute laſtende Schuld zu tilgen, die nun heimbezahlt werden müſſe.“ In Betreff des Geldes war Lady Caſtlewvod über⸗ aus ruhig. Es gibt wenige Frauenzimmer, die lieben, und ſich vom Geldmangel gedrückt fühlen; — auch kann man einem Frauenzimmer wohl kaum ein größeres Ver⸗ 256 gnügen machen, als wenn man ſie bittet, für den Mann ihrer Liebe ihrer Diamanten zu verſetzen. Auch erinnere ich mich, Mr. Congreve von my Lord Marlborough ſagen gehört zu haben, daß my Lord, als junger Mann, bei Frauenzimmern nur darum ſo viel Glück gemacht habe, weil er Geld von ihnen angenommen. „Es gibt wenige Männer, die bereit ſind, ein ſolches Opfer für Frauen zu bringen,“ ſagt Mr. Congreve, der doch gewiß einen Theil des ſchönen Geſchlechts ziemlich gut kannte. * Harry Esmonds Ferien waren nun gerade abge⸗ laufen, und er rüſtete ſich, wie bereits geſagt worden, nach der Univerſität zurückzukehren, und dort ſein letz⸗ tes Semeſter zuzubringen, bevor er graduirte und ſich ordiniren ließe. Er hatte ſich zum geiſtlichen Stande entſchloſſen, zwar nicht mit all' jener Ehrfurcht, welche ein Mann haben muß, der im Begriffe iſt, ſo heilige Pflichten zu übernehmen, ſondern er ſchickte ſich eben aus Klugheits⸗ rückſichten und als Weltkind in ſeinen Beruf. Aber er dachte ſo: er verdanke Alles der Familie Caſtlewood, und es ſei beſſer für ihn, wenn er in ihrer Nähe bleibe, als wenn er ſich in der Welt herumtreibe; er könne ſei⸗ nen Wohlthätern nützlich ſein, die ihm ſolch außer⸗ ordentliches Vertrauen und ſo ſeltene Liebe bezeigtz er könne ſie damit unterſtützen, daß er den jungen Erben des Hauſes erziehe, und als deſſen Hofmeiſter thätig ſei; er könne fortfahren, der Freund und Rathgeber ſeiner thenren Beſchützerin und ſeiner theuren Gebieterin zu ſein, die Beide ſo gütig geweſen, zu ſagen, daß ſie ihn immer als ſolchen betrachten würden. Und ſo nahm er ſich denn vor, denen, die er am Meiſten auf dieſer Welt liebte, ſich nützlich zu machen, und ſich dadurch dafür zu tröſten, daß er alle ehrgeizi⸗ gen Pläne aufgab, die in ſeiner Bruſt ruhen mochten. Denn ſeine Gebieterin hatte ihm geſagt, daß er ſie 257 nie verlaſſen dürfe; — und was ſie wünſchte und gebot, war ihm ſtets heilige Pflicht. Lady Caſtlewvod fühlte ſich in den letzten Paar Tagen dieſer Ferien, deren Esmond ſich noch ſo gut erinnert, ungemein beruhigt, als my Lord eines Mor⸗ gens, nachdem die Poſt ihm Briefe aus London gebracht, in nachläßigem Tone meldete, daß Lord Mohun nach Paris gegangen, und im Begriffe ſei, eine große Reiſe durch Europa zu machen; und obgleich Lord Caſtle⸗ wood's düſteres Weſen nicht ſchwand, noch ſein Betragen ſich veränderte, ſo fing ſie doch, da dieſe Urſache der Bekümmerniß für ſie nun nicht mehr vorhanden war, an, der Hoffnung mehr Raum zu geben und ſich be⸗ haglicher zu fühlen. Auch wandte ſie alle Mittel an, die ihr zu Gebvt ſtanden, my Lords Heiterkeit zurück⸗ zurufen, und ſeinen Trübſinn zu verſcheuchen. Er ſelbſt erklärte denſelben dadurch, daß er ſagte, er ſei nicht ganz wohl; er müſſe ſeinen Arzt ſprechen; er wolle nach London gehen und Pr. Cheyne con⸗ ſultiren. In Folge deſſen wurde ausgemacht, daß Seine Lordſchaft und Harry Esmond bis London die Reiſe mit einander machen ſollten; — und an einem Montag Morgen, den zehnten Oktober, im Jahre 1700, beſtie⸗ gen ſie ihre Pferde, um nach London zu reiten. Da der vorhergehende Tag ein Sonntag war, und da der Regen in Strömen herabfiel, ſo beſuchte die Familie die Kirche nicht; und Abends las my Lord ſeiner Familie die Kirchengebete vor, und zwar ſehr ſchön, und mit einer eigenthümlichen Anmuth und Ernſt⸗ haftigkeit; — und was den Segen, am Schluſſe, be⸗ trifft, ſo ſprach er denſelben ſo feierlich, wie ihn Harry je gehört: ſo dachte er wenigſtens. Und er küßte ſeine Frau und ſeine Kinder, ehe ſie ſich auf ihre Zimmer zurückzogen, mit außergewöhnlicher Zärtlichkeit, und mit Henry Esmond. l. 17 258 einer Feierlichkeit, und mit einer Wärme des Gefühls, an die ſie, in ſpäteren Tagen, mit nicht geringem Wohl⸗ behagen ſich erinnerten. Nach einem Lebewohl, das ſo zärtlich war, als das am vergangenen Abende, ſtiegen ſie am nächſten Morgen zu Pferde, übernachteten ein Mal unterwegs, und ritten an dem darauf folgenden Tage mit Einbruch der Nacht in London ein. My Lord ſtieg in der „Trompete“ im Cockpit, *) Whitehall, ab, — einem Hauſe, das in ſeiner Jugend⸗ zeit viel von Militärperſonen beſucht war, und wo Seine Lordſchaft ſeitdem immer abzuſteigen pflegte. Eine Stunde nach my Lords Ankunft (— ein Umſtand, der dentlich bewies, daß digſer ſein Beſuch ſchon früher verabredet worden —) kan my Lords Ge⸗ ſchäftsmann von Gray's Inn Und da Esmond dachte, daß ſein Beſchützer bei dem Advocaten gerne allein ſein möchte, ſo wollte er ſie verlaſſen. Aber my Lord ſagte, ſeine Geſchäfte ſeien bald abgemacht, und machte Mr. Esmond mit dem Advocaten bekannt, der ſchon zu des alten Lords Zeiten der Familie ſeine Dienſte ge⸗ widmet hatte; der ſagte, daß er, wie ihm befohlen wor⸗ den an dieſem Tage das Geld ansbezahlt, und zwar an my Lord Mohun ſelbſt, in ſeiner Wohnung in Bow Street; daß Seine Lordſchaft einiges Erſtaunen ausgedrückt, indem er geſagt, es wäre nicht üblich, bei ſolchen Transactionen zwiſchen Ehrenmännern ſich der Advocaten zu bedienen; daß aber der Lord deſſen un⸗ geachtet my Lord Viscvunts Schuldſchein zurückgegeben, den er nun ſeinem Clienten zur Verfügung ſtelle. „Ich dachte aber doch, Lord Mohnn ſei in Paris!“. rief Mr. Esmond voller Unruhe und voller Erſtannen, „Er iſt auf meine Einladung hin zurückgekommen,“ *) Hahnenplan. 259 ſagte my Lord Viscvunt. „Wir haben einige Rech⸗ nungen mit einander zu regeln.“ Ich flehe zum Himmel empor, daß dieſelben nun geregelt ſein mögen, Sir,“ ſagt Esmond. „Oh, vollkommen geregelt, erwiederte der Andere, den jungen Mann ſcharf anblickend. „Er plagte mich ein Bischen wegen des Geldes, von dem ich Dir ge⸗ ſagt, daß ich es an ihn verſpielt. Und nun iſt es bezahlt, und ſind wir in dieſer Hinſicht mit einander quitt, ſo daß wir wieder als gute Freunde einander ſprechen werden.“ „My Lord,“ rief Esmond, ich bin überzengt, daß Sie mich hintergehen, und daß zwiſchen Lord Mohun und Ihnen ein Streit obwaltet.“ Ein Streit, — bah, bah! Noch heute Abend werden wir mit einander ſonpiren und eine Flaſche trinken. Jeder, der eine ſo große Summe verliert, wie ich verloren, iſt wohl nicht bei der beſten Laune. Nnn aber iſt ſie bezahlt, und damit hat auch mein Zorn ein Ende.“ „Wo werden wir ſonpiren, Sir?“ ſpricht Harry. „Wir! Es mögen doch gewiſſe Herren warten, bis man ſie einladet,“ ſagte my Lord Viscount lachend. „Du gehſt nach Duke Street, und ſiehſt dort Mr. Betterton: Du liebſt das Schauſpiel, ich weiß es. Laß mich meine eigenen Pläne verfolgen; und morgen werden wir mit einander frühſtücken mit einem Appetit, wie er eben vorhanden ſein mag, — wie es in der Komödie heißt.“ „Bei Gott! my Lord, ich werde heute Abend nicht von Ihrer Seite weichen,“ ſpricht Harry Esmond. „Ich glaube, die Urſache Ihres Streites zu kennen. Ich ſchwöre Ihnen, daß gar kein Grund dazu vorhanden iſt. Gerade an dem Tage, an dem Lord Mohun das Unglück zuſtieß, ſprach ich mit ihm darüber. Ich weiß, daß es ſeinerſeits bei der bloßen Galanterie geblieben iſt.“ 260 „Du weißt, daß zwiſchen Lord Mohun und meiner Frau Nichts Statt gefunden, als ein Austauſch bloßer Galanterie,“ donnert my Lord heraus, — „Du wuß⸗ teſt darum, und ſagteſt mir es nicht?“ „Ich wußte mehr davon, als meine thenre Gebie⸗ terin ſelbſt, Sir, — tanſend Mal mehr. Wie hätte ſie, die ſo unſchuldig war, wie ein Kind, auch wiſſen ſollen, was die verdeckten Liebeswerbungen eines Schur⸗ ken zu bedeuten hätten?“ „Ein Schurke iſt er, Du gibſt es zu, — und er würde meine Frau entführt haben.“ „Oh, Sir, ſie iſt ſo rein, wie ein Engel,“ rief der junge Esmond. „Habe ich denn auch nur ein o gegen ſie ge⸗ ſprochen?“ ſchreit my Lord. „Zweifelte ich denn je an ihrer Reinheit? Hätte ich je ein Mal gezweifelt, ſo wäre es gewiß der letzte Tag ihres Lebens geweſen. Glaubſt Du denn, ich meine, ſie könne ihrer Pflicht untreu werden? „Nein, dazu hat ſie nicht Leidenſchaft genug. Sie ſündigt weder, noch vergibt ſie. Ich kenne ihr Tempe⸗ rament wohl: — und nun habe ich ſie verloren. Beim Himmel, ich liebe ſie jetzt zehn tauſend Mal mehr, als ich ſie je geliebt, — ja unendlich mehr, als zu der Zeit, wo ſie jung und ſo ſchön, wie ein Engel warz — wo ſie mich in dem Hauſe ihres alten Vaters an⸗ lächelte, und dort auf der Lauer lag, um mich bei meiner Rückkehr von der Jagd zu erſpähen; — wo ich mein Haupt auf ihre kleinen Knie niederzuwerfen, und in ihrem Schooße, wie ein Kind, zu weinen, und — zu ſchwören pflegte, daß ich mich nun beſſern, und nicht mehr trinken, und nicht mehr ſpielen, und Nichts mehr mit leichtfertigen Frauen zu thun haben wolltes — wo alle Männer am Hofe ihr auf jedem Tritte folgten; — wo ſie, beim heiligen George, mit ihrem 261 Kinde ſchöner ausſah, als die Madonna in der Kapelle der Königin. „Ich bin nicht ſo gut, wie ſie: ich weiß das, und, beim Himmel, wer iſt es, — wer iſt es? Ich plagte und ermüdete ſie, — ich weiß das recht wohl. Ich konnte nicht mit ihr ſprechen. Ihr Männer von Geiſt, Ihr Männer, die Ihr viel in Büchern geleſen, konntet das thun; ich aber konnte es nicht: — ich fühlte es wohl. „Als Du noch ein Knabe von fünfzehn Jahren wareſt, da konnte ich Euch Beide über Poeſie und Bücher ſprechen hören, bis ich in eine ſolche Wuth kam, daß ich Euch Beide hätte erdroſſeln mögen. Aber Du warſt ſtets ein guter Junge, und ich liebte Dich, Du weißt es. Und ich fühlte, daß ſie mir nicht gehörte; und auch die Kinder gehörten mir nicht. Und von der Zeit an beſoff ich mich, und ſpielte, und fing alle Ar⸗ ten von Teufeleien an, — aus purer Verzweiflung und Wuth: Du kannſt es mir glauben. Und nun kommt dieſer Mohun, und ſie ſieht ihn gerne: ich weiß, daß ſie ihn gerne ſieht.“ „Sie tänſchen ſich, Sir: ich will nicht ſelig wer⸗ den, wenn Etwas an dem iſt, was Sie da ſagen,“ rief Esmond. „Aber ſie nimmt Briefe von ihm an,“ ruft my Lord, — „ſchau her, Harry!“ Und mit dieſen Worten riß er aus der Taſche ein Papier heraus, auf dem ſich ein branner Blutfleck befand. Dann fuhr my Lord alſo fort: „Es entfiel ihm das Papier an dem Tage, an dem er nicht ums Leben kam. Einer der Reitknechte hob es vom Boden auf und gab es mir. Hier iſt es mit ſei⸗ nem verdammten Komödien-Jargon: Göttliche Glo⸗ riana! Warum blicken Sie Ihren Sklaven, der Sie anbetet, ſo kalt an? Haben Sie denn kein Mitleid mit 262 den Qualen, die Sie mich haben ausſtehen ſehen? Haben Sie keine Antwort für Billets, die mit meinem Herzblute geſchrieben ſind?“ — Und ſie bekam von ihm noch mehrere ſolche Briefe!“ „Aber ſie beantwortete keinen,“ ruft Esmond. Das iſt nicht Mohun's Schuld,“ ſagt my Lord, — „und ich will mich an ihm rächen, — ja, das will ich, ſo wahr ein Gott im Himmel iſt.“ „Sie werden doch nicht um einiger unbeſonnenen Worte willen die Ehre Ihrer Gemahlin und das Glück Ihrer Familie riskiren wollen, my Lord?“ fiel Esmond in flehendem Tone ein. „Bah, bah! — von der Ehre meiner Frau ſoll auch nicht mit einem Worte die Rede ſein,“ ſagte my Lord; — wir können uns noch wegen einer Menge anderer Gründe ſchlagen. Bleib' ich am Leben, ſo wird der Schurke beſtraft werden: falle ich aber, ſo wird meine Familie nur um ſo beſſer daran ſein: es wird dann auf der Welt nur ein Verſchwender weniger zu erhalten ſein: und Frank wird beſſer erzogen, als ſein Vater erzogen worden. Mein Entſchluß iſt gefaßt, Harry Esmond: und was immer der Ausgang ſein mag, — ich bin ruhig. Ich laſſe meine Frau und Dich als Vormünder und Wächter der Kinder zurück.“ Als Harry Esmond ſah, daß my Lord dieſen Streit um jeden Preis weiter verfolgen wollte, und daß keine Bitten im Stande waren, ihn von ſeinem Vorhaben abzubringen, ſo dachte er (— der damals heißblütiger und ungeſtümer war, als jetzt, wo Sorge und Nachdenken und graue Haare ihn kälter gemacht haben —) daß es ſeine Pflicht wäre, zu ſeinem güti⸗ gen, edelmüthigen Beſchützer zu ſtehen. Er ſagte alſo: „My Lord, wenn Sie ein für alle Mal zun Krieg entſchloſſen ſind, ſo dürfen ſie denſelben nicht allein führen. Es iſt die Pflicht unſeres Hauſes, zu 263 ſeinem Haupte zu ſtehen: und ich würde weder mir ſelbſt, noch Ihnen verzeihen, wenn Sie mich nicht zu ſich riefen, oder wenn ich im Augenblicke der Gefahr nicht um Sie wäre.“ „Aber Harry, Du ſollſt ja ein Geiſtlicher werden, mein armer Junge?“ ſagt my Lord, Esmond in überaus gütiger Weiſe bei der Hand faſſend. Und es wäre Jammerſchade, wenn Du Dich bei der Sache in irgend einer Weiſe betheiligteſt.“ „Ew Lordſchaft wollte ſelbſt einmal ſich dem geiſt⸗ lichen Stande widmen,“ antwortete Harry; und Ihr Vater kämpfte, trotz dem, daß er ordinirt war, auch auf Caſtlewvod gegen die Stutzköpfe. Ihre Feinde ſind meine Feinde, Sir: ich weiß, wie Sie geſehen haben, mich der Rappiere nicht ganz übel zu bedienen, und glaube nicht, daß ich Furcht bekommen werde, wenn die Knöpfe von denſelben abgenommen werden.“ Und dann erklärte Harry mit einigem Erröthen und Zögern (— denn der Gegenſtand war ein kitzeli⸗ ger, und er befürchtete, er möchte ſeinen Beſchützer dadurch beleidigt haben, daß er ſich bei dem Streite in irgend einer Weiſe betheiligt —), wie er ſelbſt Lord Mohun ernſtliche Vorſtellungen gemacht, und wie er ſich vorgenomgen, ſich nöthigenfalls, wenn die Sache nicht friedlich Keigelegt werden könnte, mit ihm zu ſchlagen. „Und ich würde ihn, meiner Sechs, gezeichnet haben, Sir, ſagt Harry lachend. „Er wäre nie und nimmermehr im Stande, die potte zu pariren, die ich von Cambridge mit nach Hauſe gebracht. Wir wollen doch eine halbe Stunde uns üben: — ich kann Ew. Lordſchaft dieſe botte lehren: es iſt dieſelbe der deli⸗ cateſte Punkt von der Welt, und ſobald Sie fehlen, — ſteckt der Degen des Gegners in Ihrem Leibe.“ „Bei St. George, Harry, Du ſollteſt das Haupt des Hauſes ſein,“ ſpricht my Lord düſter. Du hätteſt 264 einen beſſeren Lord Caſtlewood gegeben, als ein fauler Trunkenbold, wie ich bin,“ ſetzte er hinzu, mit der Hand über die Augen hinfahrend, und ſeinen Vetter mit überaus freundlichen, liebevollen Blicken muſternd. „Ziehen wir den Rock aus, und üben wir uns noch eine halbe Stunde, ehe es vollends Nacht wird!“ ſagt Harry, nachdem er dankbar die männliche Hand ſeines Beſchützers erfaßt. „Du biſt zwar bloß ein kleines Bürſchchen,“ ſagt my Lord gutlannig; „aber ich glaube, meiner Treu! daß Du dem Kerl gewachſen wäreſt. — Rein, mein Junge,“ fuhr er dann fort, „ich mag Nichts von Deinen Finten und Feinheiten im Morden wiſſen: ich weiß meinen Degen auch ziemlich gut zu handhaben, und bin gewillt, meinen Streit auf meine Weiſe auszufechten.“ „Aber ich werde dabei ſein, damit Alles mit ehr⸗ lichen Dingen zugeht,“ ruft Harry. „Ja Gott ſchenke Dir ſeinen Segen, — Du ſollſt dabei ſein.“ „Und wann ſoll es denn ſein. Sir?“ ſpricht Harry, denn er ſah, daß die Sache von my Lord im Geheimen und ſchon früher arrangirt worden war. „Das Arrangement iſt folgendes: ich habe an Jack Weſtbury einen Kurier abgeſchickt, um ihm zu ſagen, daß ich ihn alsbald und aus dringenden Grün⸗ den ſprechen müſſe. Er weiß, warnm, und wird in einem Angenblicke hier ſein und einen Theil dieſer Flaſche Sect trinken. „Dann gehen wir nach dem Theater in Duke Street, wo wir Mohun treffen werden; — und dann gehen wir Alle in die „Roſe“ oder in den „Wind⸗ hund“, um da zu ſoupiren. „Dann verlangen wir Karten, — und dann wird wahrſcheinlich ein Streit über dem Spiele ausbrechen, — und dann ſoll, — Gott ſteh uns bei! — entweder 265 ein elender Schurke und Verräther aus der Welt gehen, oder ein armer unnützer Teufel, dem gar Nichts daran gelegen iſt, ob er noch länger lebt, oder nicht. „Es iſt beſſer, Heinz, wenn ich aus dieſer Welt gehe: — wenn ich einmal fort bin, ſo wird meine Frau nur um ſo beſſer daran ſein,“ fährt my Lord fort, mit einem Aechzen, welches Harry Esmond das Herz dermaßen zerriß, daß er über der gütigen Hand ſeines Beſchützers in ein heftiges Schluchzen ausbrach. „Es iſt die Sache mit Mohun abgeſprochen wor⸗ den, bevor er von Hauſe, — ich meine Caſtlewvod, — wegging,“ — ſagte my Lord wieder nach einer kleinen Weile. „Ich nahm den Brief, den ich geleſen hatte, und zeigte ihm denſelben auf ſeinem Zimmer. Dann warf ich ihm ſeine Schurkerei vor, und er konnte die⸗ ſelbe auch nicht abläugnen: nur ſagte er, meine Frau ſei unſchuldig.“ * „Und das iſt ſie auch: ja, ſie iſt es, my Lord, vor Gott und den Menſchen!“ ruft Harry. „Es iſt nicht daran zu zweifeln, — es iſt nicht daran zu zweifeln. Frauen ſind immer unſchuldig,“ ſagt my Lord. „Ohne Zweifel wurde ſie bloß aus Zufall ohn⸗ mächtig, als ſie hörte, ; ſei getödtet.“ „Aber my Lord, heiße ja Harry!“ rief Es⸗ mond, deſſen Geſicht hier brennend heiß und feuerroth war. „Sie ſagten ja, my Lady, Harry ſei todt!“ „Hölle und Teufel! Soll ich mich auch mit Dir ſchlagen?“ ſchreit my Lord wüthend. „Willſt denn Du, Du kleine Schlange, die ich an meinem Buſen erwärmt ſtechen, — Du? — Nein mein Junge, Du biſt ein ehrlicher Burſche; — Du biſt ein guter Burſche.“ Und hier verwandelte fich ſeine Wuth in Thränen, deren Anblick noch jammervoller war. „Ja“ fuhr er dann fort, „Du biſt ein ehrlicher 266 Burſche, und ich liebe Dich; — und ich bin, beim Himmel, ſo unendlich unglücklich, daß es mir völlig gleichgültig iſt, welches Schwert mir den Todesſtoß gibt. Doch halt! Da kommt Jack Weſtbury. Wohlan, Jack! Willkommen, alter Burſche! Dieß iſt mein Vetter, Harry Esmond.“ „Der Ihnen auf Schloß Caſtlewvod beim Kegeln die Kugeln holte Sir,“ ſpricht Harry, ſich verbengend. Und die drei Herren ſetzten ſich nieder und tran⸗ ken von der Flaſche Sect, die für ſie bereitet worden. „Harry iſt Nummer drei,“ ſpricht my Lord. , Du brauchſt wegen ſeiner nicht in Furcht zu ſein, Jack.“ Und der Obriſt warf uns einen Blick zu, wie wenn er ſagen wollte: Fürwahr, er ſieht nicht aus, als ob ich in Furcht zu ſein brauchte. Und dann erklärte my Lord, was er bis dahin nur erſt angedeutet. Als er mit Lord Mohun Streit bekam, ſchuldete er Seiner Lordſchaft eine Summe von ſechszehnhundert Pfund, die Lord Mohun ihm einſt⸗ weilen, wie er ſagte, borgen wollte, bis my Lord Visconnt im Stande wäre, ihn zu bezahlen. My Lord hatte nun die ſechszehnhundert Pfund aufgenommen, und ſie an dieſem Morgen an Lord Mohun auszahlen laſſen. Auch hatte er, ehe er von Hauſe wegging⸗ ſeine Angelegenheiten in Ordkung gebracht, und war nun ganz parat, die Entſcheidung des Streites dem Schwerte anheim zu geben. Als man ein Paar Flaſchen Sect getrunken, wurde eine Kutſche beſtellt und dann gingen die drei Herren, wie verabredet worden, nach dem Herzogs⸗ Theater. Das Schauſpiel, das eben gegeben wurde, hatte Mr. Wycherley zum Verfaſſer, und war betitelt: „Die Liebe im Walde.“ Seit jener Zeit hat Harry Esmond ſtets mit einer Art Schrecken an die genannte Komödie, ſowie an Mrs⸗ Bracegirdle, die Schauſpielerin, gedacht, welche in der — 267 Komödie die Rolle des Mädchens ſpielte. Sie war als Page verkleidet und ſtellte ſich vor die Gentlemen hin, während ſie auf der Bühne ſaßen, und blickte mit' einem Paar ſchlauer ſchwarzer Augen über die Schul⸗ ter weg, und lachte my Lord zu und fragte, was den Herren vom Lande wohl fehlte, und ob er von Bullock Fair ſchlechte Nachrichten bekommen. Zwiſchen den Acten der Komödie kamen die Her⸗ ren zu einander her, und ſprachen ganz ungenirt mit einander. Auf Lord Mohun's Seite befanden ſich zwei Herren, Capitän Macartney, in militäriſchet Uniform, und ein Herr in einem ſilbergeſtickten Anzuge von blauem Sammt, und einer blonden Perrücke, neben welchen ſich ein großer Reichthum abgenähter venetia⸗ niſcher Spitzen überaus vortheilhaft ausnahm, — und letzterer Gentleman war Niemand anders, als der Graf vou Warwick und Holland. My Lord ſelbſt hatte ein Papier mit Pomeranzen, die er aß und den Schauſpie⸗ lerinnen anbot, indem er mit dieſen ſpaßte. Und Mrs. Bracegirdle kehrte ſich als my Lord Mohun etwas Grobes ſagte, gegen ihn hin, und fragte ihn, was er da thue, und ob er mit ſeinen Freunden hierher ge⸗ kommen, um wieder Jemand zu ermorden, wie ſie den armen Will Mouuntford ermordet hätten. Bei dieſer höhniſchen Bemerkung verdüſterte ſich my Lords düſteres Geſicht noch mehr, und es nahm daſſelbe etwas Boshaftes und Ungläckſeliges an. Die, S es ſahen, erinnerten ſich daran, und ſagten es päter. Als die Komödie vorüber kam, vereinigten ſich die beiden Partien; und my Lord Caſtlewvod machte alsdann den Vorſchlag, zuſammen nach einem Gaſthauſe zu gehen und dort zu ſoupiren. Man entſchied ſich für das Haus Lockit's, das in Charing Croß lag und „zum Windhunde“ benannt war. Sofort machten ſich alle Sechs auf den Weg; die 268 drei Lords gingen dabei voraus, während Lord M hun's Capitän, und Oberſt Weſtbury, und Harry E mond hintennach gingen. Während ſie ſo nach Charing Croß hingingen, erzählte Weſtbury dem jungen Harry Esmond von ſei⸗ nem alten Freunde Dick, dem Gelehrten, der nun be⸗ fördert worden und zum Gardefähndrich avancirt war. Und ferner erzählte mir Weſtbury von ihm, daß der⸗ ſelbe ein Buch geſchrieben, das den Titel „Chriſten⸗ held“ führe; und daß alle Gardiſten ihn wegen der Mühe, die er ſich genommen, auslachten, da der chriſt⸗ liche Held die Gebote beſtändig übertrete und bereits ein Paar Duelle gehabt. Endlich bat noch Weſtbury in leiſerem Tone den jungen Mr. Esmond, ſich bei dem Streite doch ja nicht zu betheiligen. „Es ſei bloß ein Setundant nöthig,“ meinte der Oberſt, „und der Capitän oder Lord Warwick könne ſich füglich zurück⸗ ziehen.“ Aber Harry ſagte nein, da er die Sache durch⸗ aus mitmachen wollte. Auch hatte er wirklich einen Plan im Kopfe, von dem er glaubte, daß er my Lord Viscount von dem Duelle abhalten könnte. Im Gaſthauſe angekommen, traten Alle in das Schenkſtübchen, um ein beſonderes Zimmer, ſowie Wein und Karten zu verlangen. Und als der Kellner das Verlangte gebracht, fingen ſie an, zu trinken und Geſundheiten zu proponiren; und ſo lange die Diener im Zimmer waren, ſchienen Alle auf dem allerfreundſchaftlichſten Fuße mit einander zu ſtehen. Harry Esmond's Plan beſtand in nichts Anderem, als darin, daß er mit Lord Mohun ſich in ein Geſpräch einlaſſen, ihn inſultiren, und ſo zuerſt Streit anfangen wollte, um ſodann zuerſt gefordert zu werden. Als daher vorgeſchlagen wurde, Karten zu ſpielen, bot er ſich als Partner an. „Bah, bah!“ ſagt my Lord Mohnn (— ob er D⸗ 8⸗ 269 Harry nicht umbringen, oder aber ob er mit der potte de Jesuite keine nähere Bekanntſchaft machen wollte, iſt nicht bekannt worden —), — „junge Herren, die noch auf der Univerſität ſind, ſollten um ſolchen Einſatz nicht ſpielen. Sie ſind noch zu jung.“ „Wer wagt es, zu ſagen, ich ſei noch zu jung?“ rief Harry. „Hat Eure Lordſchaft etwa Furcht?“ „Furcht!“ ſchreit Mohun. Aber mein guter Lord Viscount ſah wohl, worauf dieſes abzweckte, und ſprach: „Ich halte zehen Moidores, Mohun. Und Du, alberner Junge, mußt wiſſen, daß wir hier nicht, wie Ihr zu Cambridge, um Grote*) ſpielen.“ Und Harry, der keine ſolche Summe in der Taſche hatte (— denn das Geld, das er jedes Halbjahr zu bekommen hatte, war ſtets ſo ziemlich ſchon ausgegeben, ehe es noch verfallen war —), mußte ſich, von Wuth und Aerger erfüllt, zurückziehen, weil er nicht Geld genug zu ſetzen hatte. „Wenn es dem jungen Herrn recht iſt, ſo halte ich eine Krone,“ ſagt Lord Mohun's Capitän. „Ich dachte aber, daß bei den Herren der Armee Kronen etwas rar wären,“ ſpricht Harry. „Haut man auf der Univerſität die jungen Leute immer noch mit Ruthen?“ ſagt der Capitän. „Ja, aber nur Narren,“ ſpricht Harryz „und was die Eiſenfreſſer betrifft, ſo prügelt man ſie dort mit Stöcken ab; Puppies *) aber wirft man da in's Waſſer.“ „Meiner Tren', wenn das iſt, ſo iſt doch noch —— ———— *) Grot: eine engliſche Rechenmünze, im Werth von vier Pence, **) Puppies: Hündchen; ſowie ferner; freche, ſüffiſante Menſchen. 270 einige Ansſicht da, dem Erſäufen zu entgehen,“ ſagte der Capitän, der ein Irländer war. Und alle Gentlemen fingen an, zu lachen, was den armen Henry nur noch zorniger machte. Es ſtand nicht lange an, ſo putzte Lord Mohun ein Licht. Es war gerade in dem Angenblicke, wo die Kellner friſche Flaſchen und Gläſer hereinbrachten und ſich noch im Zimmer befanden. My Lord Viscvunt ſagte darauf: „Der Teufel hole Dich, Mohun, wie verdammt ungeſchickt Du doch biſt. Zünden Sie doch das Licht wieder an, Kellner!“ „Verdammt ungeſchickt' iſt ein verdammt unge⸗ ſchickter Ausdruck, my Lord,“ ſpricht der Andere. „Gentlemen, die in der Stadt leben bedienen ſich ſol⸗ cher Worte nicht; — oder aber bitten ſie um Verzei⸗ hung, wenn es ihnen einmal paſſirt.“ „Ich bin ein Gentleman vom Lande,“ ſagt my Lord Visconnt. „Ah, ich ſehe es wohl an Ihrem Benehmen,“ ſpricht my Lord Mohnn. „Kein Menſch ſoll ſich er⸗ frechen, die Worte verdammt ungeſchickt“ gegen mich zu gebrauchen.“ „Und was mich betrifft, ſo ſchleudere ich Ihnen die Worte in's Geſicht, my Lord,“ ſpricht der Andere. „Soll ich denſelben noch die Karten nachſenden?“ „Gentlemen, Gentlemen! Vor den Dienern!“ — rufen Obriſt Weſtbury und Lord Warwick zugleich mit einander aus. Und die Kellner verlaſſen eiligſt das Zimmer. Sie erzählen den Leuten, die unten ſind, den Streit, der oben ausgebrochen. Es iſt genug geſagt worden,“ ſpricht Obriſt Weſtbury. „Wollen Eure Lordſchaften auf morgen früh ſich Rendezvous geben?“ 271 „Will my Lord Caſtlewood ſeine Worte zurück⸗ ziehen?“ fragt der Graf von Warwick. „My Lord Caſtlewvod kommt — zuerſt,“ ſagt Oberſt Weſtbury. „Wenn das iſt, ſo können wir Richts dafür. Mer⸗ ken Sie ſich, Gentlemen, es ſind hier beſchimpfende Worte ausgeſprochen worden: — man hat Genugthuung verlangt, und es iſt dieſelbe verweigert worden.“ „Und verweigert worden,“ ſagt my Lord Caſtle⸗ wood, den Hut aufſetzend. „Wo treffen wir uns? Und wann?“ „Da my Lord mir jede Genngthuung verweigert, was ich unendlich bedauere, ſo iſt keine Zeit ſo gut, wie die jetzige,“ ſpricht my Lord Mohun. „Wir wollen Sänften nehmen und nach Leiceſter Field gehen.“ „Werden Eure Lordſchaft und ich die Ehre haben ein Paar Gänge zu machen?“ ſpricht Oberſt Weſtbury, mit einer tiefen Verbengung vor my Lord von Warwick und Holland. „Es iſt eine Ehre für mich,“ ſpricht my Lord mit einer tiefen Verneigung, „einem Gentleman gegenüber zu ſtehen, der bei Mons und Namür geweſen iſt.“ „Werden Eure Ehrwürden mir erlauben, daß ich Ihnen eine kleine Lection gebe?“ ſpricht der Capitän. „Nein, nein, Gentlemen, zwei auf jeder Seite ſind genug,“ ſpricht Harry's Beſchützer. „Laſſen Sie den Jungen gehen, Capitän Matartney!“ . Und er ſchüttelte Harry die Hand: — es war dieß das vorletzte Mal in ſeinem Leben. Am Schenkſtübchen des Gaſthauſes blieben ſämmt⸗ liche Herren ſtehen, und es ſagte dann my Lord Vis⸗ connt zu der Frau im Schenkſtübchen lachend, daß die verdammten Karten die Menſchen eben immer uneins machten; daß der Streit nun aber vorüber ſei, und daß ſie Alle nach my Lord Mohun's Haus in Bow Street gingen, um vor Schlafengehen noch eine Flaſche zu trinken. Sodann wurde ein halbes Dutzend Sänften be⸗ ſtellt, worauf die ſechs Herren in dieſelben hinein⸗ ſtiegen. Es war den Sänftenträgern ingeheim geſagt wor⸗ den, daß ſie nach Leiceſter Field gehen ſollten, wo die Herren, der Standard⸗Tafernwirthſchaft gegenüber, wieder ausſtiegen. Es war Mitternacht, und es ſchlief“um dieſe Zeit ſchon Alles in der Stadt: nur an den Fenſtern der Häuſer waren noch einige Lichter zu bemerken. Aber die Nacht war hell genng für den unheimlichen Zweck, der die Streitenden hierher führte. Und ſo traten alſo alle Sechs in den unheilvollen Sauare, während die Säuftenträger außerhalb der Stacketen ſtehen bleiben und das Thor hüten mußten, damit das Rendezvous nicht geſtört würde. Alles, was nun da geſchah, iſt ein Gegenſtand öffentlicher Notorietät geworden, und ſteht in den An⸗ nalen unſeres Landes als Warnung für Solche ver⸗ zeichnet, die ſich beigehen laſſen, dem Geſetze Hohn zu ſprechen. Der Kampf hatte noch nicht länger, als ein Paar Minuten gedauert (— ſo dachte wenigſtens Harry Es⸗ mond, obgleich es ſehr wohl möglich iſt, daß er ſich die Zeit nicht ganz richtig gemerkt, da ihn unterdeſſen die Degenſpitze ſeines eigenen Gegners, die gar nicht un⸗ thätig blieb, beſchäftigte —), ſo ging von den draußen ſtehenden Sänftenträgern, die ihre Pfeifen rauchten und ſich über die Stacketen lehnten, während ſie dem Kampfe im Square folgten, ſo gut es eben angehen mochte, — ein Schrei aus, der bekundete, daß eine Kataſtrophe nun eingetreten. Es veranlaßte dieſes Esmond, ſeinen Degen fallen zu laſſen und umherzuſchauen; aber gerade in dieſem * 273 Augenblicke verwundete ihn ſein Gegner an der rechten Hand. Indeſſen machte ſich der junge Mann aus die⸗ ſer Wunde nicht viel, ſondern lief nach dem Orte hin, wo er ſeinen theuren Herrn auf dem Boden lie⸗ gen ſah. My Lord Mohnn ſtand daneben und bückte ſich über den Gefallenen hin. „Biſt Du ſtark verwundet, Frank? fragte er mit hohler Stimme. „Ich glaube, daß ich verloren bin,“ ſagte der auf dem Boden liegende Viscount. „Nein, nein, ſag' das nicht!“ ſpricht der Andere. „Und ich nehme, Frank Esmond, Gott zum Zeugen, daß ich Dich um Verzeihnng gebeten haben würde, wenn Du mir nur hätteſt eine Gelegenheit bieten wol⸗ len. Was — was die erſte Urſache unſeres Streites betrifft, ſo ſchwöre ich Dir, daß Niemand zu tadeln war, als ich, und — und daß my Lady —“ „Stille, ſtille!“ ſagt der arme Lord Viscvunt, ſich auf den Elbogen ſtützend und ganz matt ſprechend. „Der Streit ging ja bei dem Kartenſpiel an, — bei dem verdammten Kartenſpiel. Harry, mein Junge, biſt auch Du verwundet? Gott ſteh Dir bei! Ich liebte Dich, Harry, und Du mußt über meinen kleinen Frank wachen, und — und dieſes kleine Herz meiner Frau bringen.“ Und hier ſuchte mein theurer Gebieter in ſeinem Buſen nach einem Medaillon, das er dort trug. Al⸗ lein die Anſtrengung war zu groß für ihn, und er ſank ohnmächtig auf den Boden hin. Wir Alle waren darüber über die Maßen er⸗ ſchrocken, da wir ihn ſchon für todt hielten. Aber Esmond und Oberſt Weſtbury hießen die Sänftenträ⸗ ger in den Square herein kommen; und ſo wurde daun my Lord zu einem gewiſſen Mr. Aimes, einem Heniy Esmond. I. 18 274 Chirurgen, in Long Acre, gebracht, der ein Badehaus hatte. Dort wurden die Leute geweckt; und dann wurde das Opfer dieſes Streites in das Haus hinein getragen. My Lord Viscount wurde zu Bette gebracht, und ſeine Wunde von dem Chirurgen, der ſowohl freund⸗ lich, als geſchickt zu ſein ſchien, unterſucht und ver⸗ bunden. Nachdem dieß geſchehen war, verband der Chirurg auch Harry Esmond's Hand (— der im Hauſe, wegen ſtarken Blutverluſtes, ebenfalls ohnmächtig geworden, und einige Zeit bewußtlos dagelegen haben mag —) und als der junge Mann wieder zu ſich kam, ſo er⸗ kundigte er ſich, wie ſich leicht denken läßt, nach dem Zuſtande ſeines theuren Beſchützers; — worauf der Chirurg ihn in das Zimmer brachte, wo Lord Caſtle⸗ wood lag, der bereits nach einem Prieſter geſchickt hatte, und, wie es hieß, mit ſeinem Vetter um jeden Preis ſprechen wollte. Der Lord lag todblaß und geiſterhaft ausſehend auf einem Bette: ſeine Angen hatten jenen fixen un⸗ glückſeligen Blick, der einen gewiſſen Tod verkündet. Dann bedeutete er mit einem Winke, den er mit der Hand gab, allen übrigen Perſonen, daß ſie ſich zu⸗ rückziehen möchten, und rief:- „Nur Harry Esmond!“ Die Hand ſank ſchon wieder unmächtig auf die Bettdecke nieder, als Harry hinzutrat, niederkniete, und die Hand küßte. „Du biſt faſt ſchon ein Prieſter, Harry,“ keuchte my Lord Viscount, mit einem ſchwachen Lächeln und einem Drucke ſeiner kalten Hand, heraus. „Sind Alle fort? Ich muß Dir auf meinem Sterbebette Etwas beichten.“ Und während der graſſe Tod, ſo zu ſagen, zu den Füßen des Bettes ſtand, als ein furchtbarer Zeuge der geſprochenen Worte, keuchte die arme ſterbende Seele ihre letzten Wünſche in Betreff ihrer Familie, — das demüthige Geſtändniß ihrer Fehler und Sün⸗ den, und damit ihre Zerknirſchung, und endlich Worte der Verſöhnung gegenüber der Welt, die ſie im Be⸗ griffe war, zu verlaſſen, hervor. Einige Dinge, die er ſagte, gingen Harry Esmond eben ſo nahe an, als ſie ihn in Erſtaunen ſetzten. Und my Lord Viscount, deſſen Kräfte ſichtlich abnahmen, war eben im beſten Zuge, um mit dieſen ſeltſamen Geſtändniſſen fortzufahren, als der Geiſtliche, nach dem my Lord geſchickt hatte, ankam. Es war Mr. Atterbury. Der ſo eben genannte Herr war bis jetzt noch zu keiner hohen Kirchenwürde befördert worden, ſondern war einfacher Prediger zu St. Bride's, wo er durch ſeine beredten Predigten die ganze Stadt anzog. Er war von my Lord, der von ſeinem Vater erzogen worden, über die Taufe gehalten worden; hatte, von Oxford aus, mehr denn einen Beſuch auf Schloß Caſtlewvod gemacht; — und auf ſeinen Rath hin war, wie ich glanbe, Harry Esmond nach Cambridge, und nicht nach Opford geſchickt worden, von welch' letzterem Orte Mr. Atterbury, obgleich ein ausgezeichnetes Glied der Univerſität, nicht eben am Beſten ſprach. Unſer Bote fand den guten Prieſter ſchon über ſeinen Büchern ſitzen, obgleich es erſt fünf Uhr Mor⸗ gens war; — und er folgte dem Manne eiligſt in das Haus nach, wo der arme Lord Viscount lag, — neben welchem Esmond ſtand, um ſeine letzten Worte zu empfangen. Als my Lord Mr. Atterbury's Ankunft vernahm, ſo drückte er Esmond die Hand, und bat ihn, daß er ihn mit dem Prieſter allein laſſen möchte. Esmond ging alſo hinaus, um dieſe letzte feier⸗ liche Unterredung nicht zu ſtören. Man darf verſichert ſein, daß ſeine Gebete und ſein Kummer den ſterben⸗ 276 den Wohlthäter begleiteten. My Lord hatte dem jun⸗ gen Manne Dinge geſagt, die ihn wirklich beſtürzt machten; — er hatte ihm ein Geheimniß enthüllt, das ihn ſehr nahe anging. Auch hatte er, nachdem er es gehört, hinlängliche Urſache zu Zweifeln und zur Bangigkeit, — zur Seelenpein und zur Entſchloſ⸗ ſenheit. Während drinnen die Unterredung zwiſchen Mr. Atterbury und ſeinem ſterbenden Beichtkinde Statt fanden, fand im Herzen des jungen Begleiters von Lord Caſtlewood ein gewaltiger Kampf Statt: der junge Mann war in der größten Verlegenheit in Be⸗ treff deſſen, was nun zu thun ſei. Nach Verfluß von einer Stunde, — vielleicht hatte die Unterredung auch länger gedauert, — trat Mr. Atterbury aus dem Zimmer heraus. Er blickte Esmond ſehr ſcharf an und hielt ein Papier in der Hand. „Er iſt bereit, vor Gottes furchtbarem Richter⸗ ſtuhle zu erſcheinen,“ flüſterte der Prieſter. „Er hat mir ſein Herz ganz aufgeſchloſſen. Er verzeiht, und glaubt, und reſtituirt. Soll es öffentlich geſchehen? Sollen wir einen Zeugen herbeirufen, um das Papier zu unterzeichnen?“ „Gott weiß es,“ ſtöhnte der junge Mann hervor, „mein thenerſter Gebieter hat mir ſein ganzes Leben hindurch nur Gutes und Liebes erwieſen.“ Der Prieſter legte das Papier in Esmond's Hand. — Er blickte es an. Es wurde trübe vor ſeinen Augen. „Es iſt eine Beichte,“ ſagte er. „Wie Sie wollen,“ ſprach Mr. Atterbury. Es war in dem Zimmer, wo man die Tücher für die Badenden trocknete, ein Feuer, — und es lag in einer Ecke ein Haufen, der mit dem Blute meines theu⸗ ren Gebieters geſättigt war. Esmond ging zu dem Feuer hin, und warf das Papier hinein. Es war ein großes Kamin mit glaſir⸗ 277 ten Holländer Backſteinen. Wie wir uns doch ſolcher Kleinigkeiten in ſo furchtbaren Angenblicken erinnern — wie wir uns doch des Blattes in einem Buche er⸗ innern, das wir, während ein heftiger Kummer an unſerem Herzen nagte, geleſen habeu! — wie wir uns doch des Geſchmacks des letzten Gerichtes erinnern, das wir vor einem Duell, oder bei einem ähnlichen wichtigen Zuſammentreffen oder Abſchiede gegeſſen haben! Ueber den Holländer Backſteinen im Badehauſe hing ein rohes Gemälde, das Jakob in haarigen Hand⸗ ſchuhen darſtellte, in dem Angenblicke, wo er, bei Iſak, ſeinen Bruder Eſau um ſein Erſtgeburtsrecht be⸗ trog. Das brennende Papier erhellte das Gemälde. „Es iſt bloß eine Beichte, Mr. Atterbury,“ ſprach der junge Mann. Er lehnte ſich mit dem Kopfe gegen den Kaminſims; eine Thräneufluth ſtürzte ihm in die Angen. Es waren dieß die erſten Thränen, die er, ſeit ſein Gebieter die tödtliche Wunde erhalten hatte, ver⸗ goſſen hatte; — erſchreckt durch dieſes Unglück und noch mehr durch das, was der arme ſterbende Edel⸗ mann ihm geſagt hatte, und aufs Peinlichſte berührt bei dem bloßen Gedanken, daß er das Werkzeug ſein ſollte, um dieſes doppelte Unglück über die zu bringen, die er auf dieſer Welt am Meiſten liebte. „Wir wollen zu ihm hinein gehen,“ ſprach Mr. Esmond. Sie gingen alſo in das nächſte Zimmer hinein, wo unterdeſſen der Tag zu grauen anfing, — ein Um⸗ ſtand, der my Lords armes, blaſſes Geſicht und ſeine wilden, flehenden, nach Etwas ſuchenden Augen ſehen ließ, die jenes furchtbare, unglückſelige Ausſehen her⸗ annahender Auflöſung hatten. Es war der Chirurg bei ihm. Derſelbe war in das Zimmer hineingegangen, in dem Augenblicke, wo Atterbury herausgekommen war. My Lord Viscvunt wandte ſeine kranken Augen nach Esmond hin, dem 278 es beinahe den Hals zuſchnürte, als er das Röcheln des Sterbenden hörte. „My Lord Visconnt,“ ſagt Mr. Atterbury, „Mr. Esmond will keinen Zeungen herbeigerufen wiſ⸗ ſen: er hat das Papier verbrannt.“ „Mein theuerſter Herr!“ ſprach Esmond, nieder⸗ kniend, und die Hand des Sterbenden ergreifend, und dieſelbe küſſend. Da raffte ſich My Lord Viscount in ſeinem Bette auf, und warf ſeine Arme um Esmond's Hals. „Gott ſ ſene das war Alles, was er ſagte. Das Blut ſtrömte aus ſeinem Munde heraus über den jungen Mann hin. Mein thenuerſter Gebieter war nicht mehr. Er war dahingeſchieden mit einem Segensſpruche auf den Lippen, mit Liebe, und Reue, und Güte in ſei⸗ ner männlichen Bruſt. „Benedicti benedicentes,« ſagt Mr. Atterbury, und der neben dem Bette kniende junge Mann ſtöhnte ein Amen hervor. 4 „ „Wer ſoll es übernehmen, ihr die Todesnachricht zu überbringen?“ dieß war Mr. Esmond's nächſter Gedanke. Und dann erſuchte er Mr. Atterbury, nach Caſtlewvod ſich zu begeben, um die traurige Botſchaft zu überbringen. Er ſelbſt konnte mit einer ſo ſchreckli⸗ chen Nachricht ſeiner Gebieterin nicht vor die Augen treten. Da Mr. Atterbury voller Güte in Esmond's Ver⸗ langen willigte, ſo ſchrieb Letzterer, in aller Eile, auf ein Blatt Papier ſeines Taſchenbuches einige Zeilen an my Lords Diener, worin er ihm befahl, die Pferde für Mr. Atterbury parat zu halten, und dieſen zu be⸗ gleiten, und Esmond's Mantelſack nach dem Gate⸗ houſe⸗Gefängniſſe zu ſchicken, wohin er zu gehen be⸗ ſchloß, um ſich den Händen der Gerechtigkeitzu überliefern. Zweites Buch. Enthält Mr. Esmond's Soldatenleben, ſowie noch andere Dinge, ſo ſich auf die Es⸗ mond'ſche Familie beziehen. Erſtes Kapitel. Ich i im Gefängniſſe, und werde dort beſucht, aber nicht getröſtet. Es mögen diejenigen, welche da Zengen geweſen, wie der Tod verehrte und geliebte Perſonen vor der Zeit dahingerafft, und welche da wiſſen, wie unmächtig der Troſt iſt, ſich vorſtellen, wie groß die Seelenpein Harry Esmond's ſein mußte, nachdem er bei jener gräß⸗ lichen und blutigen Mittezſhhtaſtene eine Rolle geſpielt hatte. Er hätte, — das fühlte er wohl, — es nicht über ſich gewinnen können, ſeiner theuren Gebieterin vor die Augen zu treten, und ihr die unglückſelige Ge⸗ ſchichte zu erzählen. Er war daher dankbar dafür daß der freundliche Atterbury es auf ſich nahm, ihr die traurige Botſchaft zu überbringen; neben ſeinem Kum⸗ mer aber, den er mit ſich in das Gefängniß nahm, hatte er in ſeinem Herzen das, was ihn ingeheim auf⸗ heiterte und tröſtete. Ein großes Geheimniß war Esmond mitgetheilt worden von ſeinem unglücklichen, auf dem Todbette liegenden Verwandten. Wollte er es enthüllen, wie er billiger und ehrenhafter Weiſe thun konnte, ſo mußte dieſe Enthüllung nur noch größeren Kummer über die bringen, die er auf dieſer Welt am Meiſten liebte, und die ſchon traurig genug waren. Sollte er Schande und Verlegenheit über alle jene Weſen bringen, an die 282 er durch ſo viele zarte Bande der Liebe und der Dank⸗ barkeit geknüpft war? Sollte er die Wittwe ſeines Vaters entehren? Sollte er die Ehre ſeines Vaters und zugleich die ſeines Vetters antaſten und beflecken? Und wofür? Für einen eitlen Titel, den er auf Koſten eines unſchuldigen Knaben, des Sohnes ſeiner theuerſten Wohlthäterin, hätte führen ſollen. Alles dieſes hatte er bei ſich überlegt, während ſein armer Gebieter die letzte Beichte auf dieſer Welt ablegte. Auf der einen Seite ſtanden der Ehrgeiz, die Verſuchung, ja ſelbſt die Gerechtigkeit, während auf der andern die Liebe, die Dankbarkeit, und die Treue ſprachen. Und als in Harry's Bruſt der Kampf vorüber war, erfüllte dieſelbe ein eigenthümliches Wonnegefühl, — ein Gefühl, das ihm ſagte, daß er recht gehandelt. Und mit Thränen in den Angen dankte er Gott für den Entſchluß, zu dem er ihn hatte kommen laſſen. Zur Zeit, als ich von meinem eigenen Blute ver⸗ läugnet ward,“ dachte er, „nahmen dieſe theuerſten Freunde mich auf und liebten mich. Als ich noch ein namenloſer Waiſe war, und einen Beſchützer brauchte, fand ich einen ſolchen an jener liebevollen Seele, die nun vor den Richterſtuhl Gottes tritt, das ſchuldloſe Unrecht bereuend, das ſie gethan.“ Und mit dieſen tröſtenden Gedanken ging er, nach⸗ dem er die kalten Lippen ſeines Wohlthäters geküßt, fort, um ſich dem Gefangenwärter zu überliefern. „ * „ Es war am dritten Tage, nachdem er in das Gate⸗ honſe⸗Gefängniß gekommen (— wo er an ſeiner Wunde, die ſich entzündete und ihn heftig ſchmerzte, krank dar⸗ nieder lag —); und dort drückten ihn die Gedanken und Entſchlüſſe, von denen ſo eben geſprochen worden⸗ 283 darnieder, und tröſteten ihn doch auch wieder: da kam mit einem Male Henry Esmond's Gefangenwärter, um ihm zu ſagen, daß Jemand draußen ſei, der ihn ſpre⸗ chen wolle; und obgleich er das Geſicht der Perſon nicht ſehen konnte, das in einer ſchwarzen Kapuze ſtak, und obgleich ihre ganze Geſtalt ebenfalls ver⸗ ſchleiert und in tiefe Trauer gehüllt war, ſo errieth doch Esmond alsbald, daß die Perſon, die gekommen war, um ihn zu beſuchen, Niemand anders ſei, als ſeine theure Gebieterin. Er ſtand von ſeinem Bette auf, auf dem er lag, da er ſich ſehr ſchwach fühlte; und indem er auf ſie zutrat, während der weggehende Gefangenwärter die Thüre hinter ſich ſchloß, ſtreckte er ſeine linke Hand aus (— denn die rechte war verwundet und verbun⸗ den —), und würde die freundliche Hand ſeiner Ge⸗ bieterin ergriffen haben, die ihm während einer ſo langen Reihe von Jahren ſo viele Freundſchaft erwie⸗ ſen hatte. Aber Lady Caſtlewood wich zurück, ſchlug ihre Kopfbedeckung zurück, und lehnte ſich gegen die große, durch Querbalken befeſtigte Thüre, die der Gefangen⸗ wärter ſo eben hinter ſich geſchloſſen hatte. Ihre Ge⸗ ſichtsfarbe war ein gräßliches Weiß, als Esmond es unter der Kopfbedeckung hervorlugen ſah; und ihre ſonſt ſo ſanften und zärtlichen Augen waren mit einem ſo tragiſchen Blicke des Jammers und des Zorns auf ihn geheftet, daß der junge Mann, der an eine Un⸗ freundlichkeit von Seiten jener Perſon ganz und gar nicht gewöhnt war, nicht umhin konnte, ſeine Blicke von ihrem Geſichte abzuwenden. „Hier alſo, Mr. Esmond,“ ſagte ſie, muß ich Sie wieder ſehen; — und dahin haben Sie mich gebracht!“ Sie ſind gekommen, um mich in meinem Unglücke zu tröſten, Madame,“ ſagte er (— obgleich er, in Wahrheit, kaum wußte, wie er ſie anreden ſollte: ſo — 284 ſehr übermaunten ihn ſeine Gemüthsbewegungen, als er ſie ſah —). Sie trat ein wenig vor, blieb aber bald wieder ſchweigend und zitternd ſtehen, und ſah ihn an, wäh⸗ rend ihre weißen Händchen in einander geſchlungen waren, und ihre Lippen zitterten. Ihre Augen waren hohl, und was den ganzen tragiſchen Aufzug vollendete, war ihr Anzug von tiefſtem Schwarz. „Nicht aber um mir Vorwürfe zu machen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort. „Mein Kummer iſt ſchon ſo, wie er iſt, groß genng.“ „Ziehen Sie Ihre Hand zurück: — rühren Sie mich nicht damit an!“ rief ſie. „Sehen Sie her! Es iſt Blut daran!“ „Ich wollte, ſie hätten es alles genommen,“ ſprach Esmond, wenn Sie gegen mich unfreundlich ſind.“ „Wo iſt mein Gatte?“ hob ſie nun an. „Geben Sie mir meinen Gatten zurück, Henry! Warum waren Sie um Mitternacht dabei, und ließen ihn ermorden? Warum entkam der Verräther, der es that? Sie, der Vorkämpfer Ihres Hauſes, der ſich erbot, für uns zu ſterben? Sie, den er liebte, und dem er vertraute, und dem ich ihn anvertraut hatte; — Sie, der Hingebung und Dankbarkeit gelobte, und dem ich glaube, — ja, dem ich glaubte, — warum ſind Sie hier, und warum iſt mein edler Francis im Grabe? Warum kamen Sie auch zu uns? Sie haben uns bloß Schmerz und Kum⸗ mer gebracht: und Reue, bittere, bittere Reue, als Er⸗ ſatz für unſere Liebe und Freundſchaft. „Habe ich je ein Unrecht an Ihnen begangen, Henry? Sie waren bloß ein armes Waiſenkind, als ich Sie zum erſten Male ſah, — als er, der ſo gut, und edel, und vertrauensvoll war, Sie zum erſten Male ſah. Er würde Sie weggeſchickt haben, hätte ich, als ein albernes Weib, das ich bin, ihn nicht gebeten, Sie da bleiben zu laſſen. 285 „Und Sie gaben vor, daß Sie uns liebten, und wir glaubten Ihnen: — und Sie machten unſer Haus zu einem unglücklichen, ſo daß das Herz meines Gatten ſich mir entfremdete: und ich verlor ihn durch Sie, — ich verlor ihn, ſage ich, — ihn, den Gatten meiner Jugend. Ich verehrte ihn, — ich betete ihn an: Sie wiſſen das, — und er wurde ein ganz anderer Menſch, mir gegenüber. Es war nicht mehr mein alter Francis, — mein lieber, lieber Soldat. „Er liebte mich, ehe er Sie ſah: und ich liebte ihn: — oh! Gott iſt mein Zeuge, wie ich ihn liebte! Warum ſchickte er Sie nicht fort? Es war bloß ſeine Freundlichkeit, die mir damals Nichts zu verſagen ver⸗ mochte, und die Sie im Hauſe zurückhielt. Und ſo jung Sie damals auch noch waren, — ja, und ſo ſchwach, und ſo allein Sie waren, ſo war es doch ein Unglück, — ich wußte es, daß er Sie behielt. Ich las es in Ihrem Geſichte und in Ihren Augen. Ich ſah, daß Sie uns Unheil verkündeten, — und das Un⸗ heil kam; ich wußte, daß es kommen würde. „Warum ſtarben Sie nicht, als Sie die Blattern bekamen, — und als ich ſelbſt zu Ihnen kam, und über Sie wachte, und Sie mich in Ihrem Delirium nicht kannten, — und Sie nach mir riefen, obgleich ich neben Ihnen war? Alles, was ſeitdem geſchehen, war eine gerechte Strafe, — war ein gerechtes Gericht für mein böſes Herz, — ja, für mein böſes, eiferſüchtiges Herz. Oh, ich bin geſtraft, furchtbar geſtraft! Mein Gatte liegt da in ſeinem Blute, — ermordet, weil er mich vertheidigte, mein gütiger, gütiger, edelmüthiger Herr, — und Sie ſtanden dabei, und ließen ihn ſter⸗ ben, Henry!“ Dieſe in wildem Schmerze von einer Perſon ge⸗ ſprochenen Worte, die ſonſt ſo ruhig war und ſo ſelten onders, als mit einem ſauften Lächeln und in beſänf⸗ tigendem Tone ſprach, gellten furchtbar in Esmond's 286 Ohr; und es ſoll derſelbe viele dieſer Worte in dem Fieber wiederholt haben, in das er nun verfiel, in Folge ſeiner ſchweren Wunde, und vielleicht auch in Folge der Gemüthsbewegung, die ſo leidenſchaftliche und unverdiente Vorwürfe bei ihm hervorriefen. Es ſchien, als ob ſelbſt ſeine Opfer und ſeine Liebe zu die⸗ ſer Dame und zu ihrer Familie in Unglück und Schmach umſchlügen; als ob ſeine Anweſenheit bei ihnen bloß eine Urſache des Kummers, und die Fortdauer ſeines Le⸗ bens für die Ihrigen blos Jammer und Bitterkeit wäre. Während Lady Caſtlewvod bitter, raſch, und ohne eine Thräne ſprach, wagte er auch nicht ein Wort, um ihr Vorſtellungen über ihre Ungerechtigkeit zu machen, ſondern blieb zu den Füßen ſeines Gefangenen⸗Bettes ſitzen, nur noch tiefer darniedergedrückt bei dem Ge⸗ danken, daß es jene ſanfte und geliebte Hand ſei, die ihn jetzt ſo grauſam verwunden müſſe, — und war gegen ihren verhängnißvollen Kummer ganz und gar un⸗ mächtig. Während ſie ſo ſprach, ſchlugen ihre Worte alle Saiten ſeines Gedächtniſſes anz und ſeine ganze Kna⸗ ben⸗ und ſpätere Ingendzeit ging an ſeinem geiſtigen Ange vorüber, während dieſe Dame, die erſt geſtern noch ſo zärtlich und artig geweſen, — während dieſer gute Engel, den er geliebt und ſo innig verehrt hatte, ſo vor ihm ſtand, und ihn mit ſchneidenden Worten und böſen Blicken verfolgte. Ich wollte, ich wäre da, wo jetzt my Lord iſt,“ ſtöhnte er hervor. „Meine Schuld iſt es nicht, daß ich jetzt nicht dort bin, Madame: — das kann ich Ihnen verſichern. Aber das Schickſal iſt ſtärker, denn wir Alle, und hat gewollt, was geſchehen iſt. Es wäre beſſer geweſen, wenn ich geſtorben wäre, als ich an der bewußten Krankheit darniederlag.“ Ja Harry,“ ſprach ſie. Und während ſie dieſe Paar Worte ſprach, warf ſie ihm einen Blick zu, der zugleich ſo zärtlich und ſo traurig war, daß der junge Mann, die Arme wild em⸗ — — — 237 por weſend zurückſank, und den Kopf in der Bettdecke begrub. Als er ſich umdrehte, ſchlug er mit ſeiner verwun⸗ deten Hand gegen die Wand und es wurde dadurch der Verband verſchoben. Da fühlte er das Blut von Neuem aus der Wunde ſtrömen. Noch erinnert er ſich, daß ihn dieſes Unglück ingeheim freute, und daß er dachte: „Wenn ich nun endigen müßte, wer würde da um mich trauern?“ Dieſe Verblutung oder auch der Kummer und die Verzweiftung, worin ſich der unglückliche junge Mann in dem Augenblicke befand, wo ſich das Unglück ereig⸗ nete, müſſen nach kurzer Zeit bei ihm eine vollſtändige Betänbung hervorgebracht haben; denn er erinnerte ſich ſpäter faſt an gar Nichts mehr: nur ſo viel wußte er noch, daß Jemand, vielleicht ſeine Gebieterin, ſeine, Hand erfaßte, — und daß dann, bei ſeinem Erwachen ein Summen in ſeine Ohren drang, während zwei oder drei Perſonen, die zum Gefängniſſe gehörten, ſein Bett umſtanden, worauf er, in einer Blutlache, lag. Sein Arm wurde nun durch den Gefängnißchirur⸗ gen, der zufällig an Ort und Stelle war, wieder ver⸗ bunden: und um den Patienten waren die Frau des Gefängnißdirectors und deren Magd, — beide überaus liebe Perſonen. Als Esmond aus ſeiner Ohnmacht wieder erwachte, ſah er ſeine Gebieterin immer noch im Zimmer; gllein ſie entfernte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, obgleich die Frau des Gefängnißdirectors ihm ſpäter ſagte, daß ſie noch eine Zeitlang in ihrem Zimmer ſich aufgehalten, und das Gefängniß nicht eher verlaſſen habe, als bis ſie gehört, daß Esmond höchſt wahrſcheinlich wieder aufkommen würde. Etliche Tage daranf, als Esmond wieder von einem Fieber genas, das er gehabt hatte, und das ihm in jener Nacht ziemlich ſtark zuſetzte, brachte die Frau des 288 ehrlichen Gefangenwärters ihrem Patienten ein friſch gewaſchenes und geplättetes Taſchentuch, an deſſen Ecken er die wohlbekannte Chiffre ſeiner Gebieterin und die Viscvunts-Krone erkannte. Die Lady habe es ihm, als er ohnmächtig ge⸗ worden, und ehe ſie um Hülfe gerufen, um den Arm gebunden,“ ſprach die Frau des Gefangenwärters. „Die arme Dame; der Tod ihres Gatten ging ihr ſehr zu Herzen. Man hat ihn heute begraben, und viele Kut⸗ ſchen vom Adel haben ihn zu ſeiner letzten Ruheſtätte begleitet, — unter anderen die von iny Lord Marl⸗ borough und die von my Lord Sunderlaud; auch ſind viele Gardeoffiziere mitgegangen, da er zu den Zeiten des alten Königs mit ihnen gedient; und my Lady iſt mit ihren beiden Kindern zum Könige nach Kenſington gegangen und hat dort um Juſtiz gebeten gegen my Lord Mohun, der ſich verſteckt hält, ſowie gegen iy Lord, den Grafen von Warwick und Holland, der be⸗ reit iſt, ſich zu ſtellen, und ſich richten zu laſſen.“ Solcher Art waren die Rachrichten, gepaart mit Verſicherungen in Betreff ihrer und ihrer Magd Molly Ehrlichkeit: die gute Frau meinte, es würde ihnen nie eingefallen ſein, einen gewiſſen lumpigen, Mr. Esmond gehörenden, goldenen Hemdärmelknbpf zu ſtehlen, der fehlte, als ſeine Ohnmacht vorüber war, — die Ohn⸗ macht, welche das Weib des Gefangenwärters zu ihrem Gefangenen führte. Seine Gedanken folgten nach dem allzuftühen Grabe dem tapferen Herzen, dem gütigen Freunde, dem tapferen Manne, dem Manne von Wort und von edlem Sinne (— wenn auch ſchwach in ſeinen Entſchlüſſen; aber ſind Andere, die über ihm ſtanden, wohl viel ſtärker, als er? —), der ihm Brod und Ob⸗ dach gegeben, als es ihm daran mangelte, — eine Hei⸗ math und Liebe, als er ſie am Nothwendigſten brauchte; und der, wenn er ihm ein überaus wichtiges Geheim⸗ niß vorenthalten, Etwas gethan hatte, das er in ſeiner 289 Todesſtunde bereuete, — ein Unrecht zwar, aber doch ein von Reue gefolgtes und durch eine faſt unwider⸗ ſtehliche Verſuchung veranlaßtes Unrecht. Als ſeine Krankenwärterin ihn verließ, nahm Es⸗ mond das Taſchentuch, und küßte dasſelbe höchſt wahr⸗ ſcheinlich, und ſchaute die geſtickte Krone in der Ecke desſelben an. „Ah! dieſes Ding da hat Dir Kummer genng ge⸗ koſtet,“ dachte er, Du theure Dame, die Du ſo liebe⸗ voll und ſo zärtlich biſt. Soll ich es von Dir und Deinen Kindern nehmen? Nein, nie! Behalte es, und führe es, mein kleiner Frank, — mein hübſcher Junge. Wenn ich nicht im Stande bin, mir ſelbſt ei⸗ nen Namen zu machen, ſo kann ich wohl ohne einen ſolchen ſterben. Einſt, wenn meine theure Gebieterin mein Herz ſieht, wird ſie mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen; oder wenn man mir nicht hier oder jetzt Ge⸗ rechtigkeit widerfahren läßt, ſo wird ſie mir an einem andern Orte werden, — an einem Orte, wohin die Chre uns nicht nachfolgt, ſondern wo die Liebe ewig herrſcht.“ Es iſt unnütz, hier die näheren Umſtände oder den Ausgang der gerichtlichen Unterfuchung zu erzählen, die durch den traurigen Tod my Lord Caſtlewoods hervor⸗ gerufen wurde: die Berichte der Juriſten haben das bereits zur Genüge gethan. Von den beiden Lords, die bei dieſer traurigen Geſchichte betheiligt waren, wurde der zweite, der Graf von Warwick und Holland, der mit dem Obriſten Weſtburh ſich geſchlagen hatte, und von ihm verwundet worden war, von ſeinen Pairs, vor die er, unter dem Vorſitze des Lord Stewards *), Lord Somers, geſtellt wurde, nicht ſchuldig erfunden, * Lord Oberrichter bei außerordentlichen Angelegenhei⸗ ten, Großhofmeiſter. Henry Esmond. 1. 19 290 und der Hauptangeklagte, Lord Mohun, der des Todt⸗ ſchlags für ſchuldig befunden wurde (— er wurde deſſen überführt, und er berenete ſeine That aufrichtigſt —) machte die Rechtswohlthat der Cleriſei *) geltend, und ging ſo ohne alle Strafe aus. Die Wittwe des getödteten Edelmanns zeigte, wie uns im Gefängniſſe geſagt wurde, einen außerordent⸗ lichen Muth; und obgleich ſie noch zehn Jahre zu war⸗ ten hatte, ehe ihr Sohn ſo alt war, um das, was ſie wollte, auszuführen, ſo erklärte ſie doch, daß ſie an dem Mörder ihres Gatten Rache nehmen wolle. So ſehr und ſo urplötzlich ſchienen Kummer, Zorn, und Un⸗ glück ſie umgewandelt zu haben. Allein das Glück oder das Unglück verändert Männer und Frauen, mei⸗ ner Anſicht nach, nicht. Es entwickelt bloß ihren Cha⸗ rakter. Gleich wie in einem Manne tauſend Gedanken liegen, die er nicht kennt, bis er die Feder ergreift, um zu ſchreiben, ebenſo iſt das Herz ein Geheimniß ſelbſt für den (oder die), ſo es in ſeiner eigenen Bruſt trägt. Wer hat nicht ſchon ſich plötzlich und blindlings hin⸗ geriſſen gefunden zur Rache, oder zu einer guten oder auch böſen That und Leidenſchaft, wozu der Same bereits in ihm lag, verborgen und ungeahnt, bis end⸗ lich eine Gelegenheit ſie ins Leben gerufen? Mit dem Tode ihres Gemahls ſchien eine plötzliche Verände⸗ rung über das gauze Benehmen und Weſen von Lady Caſtlewvod zu kommen; aber davon werden wir ſpäter und zu rechter Zeit ſprechen. Die Lords wurden alſo, wie ſchon geſagt, ihrem Vorrechte gemäß, vor ihre Pairs zu Weſtminſter ge⸗ ſtellt, und wurden in feierlicher Proceſſion und in Barken vom Tower heraufgebracht, begleitet von Lieu⸗ tenants und Axtträgern; die bürgerlichen dagegen, welche *) Benefit of Clergy, das Privilegium der Geiſtlichen in Criminalfällen dem Biſchof ausgeliefert zu werden. 291 ſich bei der unglückſeligen Geſchichte betheiligt hatten, wurden, wie es das Geſetz vorſchrieb, zu Newgate vor ein Geſchwornengericht geſtellt. Nachdem ſie Alle als ſchuldig erfunden worden waren, machten ſie in gleicher Weiſe die Rechtswohlthat der Cleriſei geltend. Wie männiglich bekannt, ſo lautet in ſolchen Fällen der Spruch dahin, daß der als ſchuldig Erkannte wäh⸗ rene eines Jahres, oder nach dem Belieben des Königs im Gefängniſſe zu liegen habe, und daß er in die Hand gebrannt, oder daß ihm bloß ein kaltes Eiſen aufge⸗ drückt werde; oder aber wird dieſer Theil der Strafe durch die Gnade des Souveräns ganz nachgelaſſen. Und ſo fand ſich Harry Esmond in einem Alter von zwei und zwanzig Jahren als Verbrecher und Gefange⸗ ner; was die beiden Militärperſonen, ſeine Kameraden, betrifft, ſo nahmen ſie die Sache gar leicht. War doch das Duelliren ein Theil ihrer Beſchäftigung; ſie konnten daher auch Einladungen ſolcher Art mit Ehren nicht von ſich weiſen. Aber bei Mr. Esmond verhielt ſich die Sache ganz anders. Sein ganzes Leben hatte durch den Schwertſtreich, der dem Leben ſeines gütigen Beſchützers ein Ende machte, eine andere Richtung erhalten. Wäh⸗ rend er im Gefängniſſe lag, erkrankte der alte Pr. Tu⸗ ſher und ſtarb; und Lady Caſtlewvod verlieh Thomas Tuſher die erledigte Pfründe, die ſie in ihrer Zärtlich⸗ keit wohl tauſend Mal Harry Esmond zugedacht und verſprochen hatte. Wohl tauſend Mal hatte ſie ihm auseinandergeſetzt, wie ſie ſich nie trennen würden; — wie er ihren Sohn erziehen ſollte; — wie es das höchſte Lebensglück und das größte Lvos in der Lotterie des Lebens wäre, ein Landgeiſtlicher zu ſein, wie der durch ſeinen heiligen Lebenswandel bekannte George Herbert, oder wie der fromme Pr. Ken; — wie ſie (— wenn er durchaus darauf verſeſſen wäre, obgleich ſie ihres Theils geſtände, daß ſie es lieber mit der Mei⸗ 292 nung der Königin Beß hielte, wonach ein Biſchof keine Frau haben ſollte; und wenn ein Biſchof keine haben ſollte, warum ſollte dann ein einfacher Geiſtlicher eine haben? —) Harry Esmond für eine gute Frau ſorgen würde: und ſo fort. Dabei hatte ſie ihm noch am Ka⸗ mine, Abends, wenn ſie ſo freundſchaftlich mit einander plauderten, während die Kinder in der Vorhalle ſpiel⸗ ten, hunderterlei hübſche Ausſichten eröffnet. Alle dieſe Pläne waren jetzt über den Haufen ge⸗ worfen. Thomas Tuſher meldete dem im Gefängniſſe liegenden Esmond, daß ſeine Patronin ihm die Pfründe verliehen, die Seine Ehrwürden, ſein Vater, viele Jahre lang inne gehabt; — daß ſie nach den bekannten tra⸗ giſchen Ereigniſſen (— worüber Tom mit recht erbau⸗ lichem Abſchen ſprach —) es nie über ſich gewinnen könnte, auf der Kanzel des verehrten Tuſher oder an dem Tiſche ihres Sohnes den Mann zu ſehen, der den Tod des Vaters zu verantworten hätte; — daß Ihre Ladyſchaft ihm aufgetragen hätte, zu ſagen, daß ſie zu Gott betete um die Reue ihres Verwandten, und um ſein weltliches Wohlergehen; — daß er zwar bei jedem Lebensplane, den er ſich bilden möchte, auf ihre Unter⸗ ſtützung zählen könnte, daß ſie aber auf dieſer Welt ihn nicht mehr ſehen würde. Und dieſem fügte Tuſher, für ſeinen Theil, hinzu, daß Harry, als ein Jugend⸗ freund von ihm, verſichert ſein könne, daß er ihn in ſein Gebet einſchließe, und daß er ihm, ſo lange er noch im Gefängniſſe ſei, anempfehle, gewiſſe theologiſche Werke zu leſen, die Seine Ehrwürden als ſehr heilſam für Sünder, die ſich in ſeiner traurigen Lage befänden, erklärte. Und dieß war alſo der Lohn für ein Leben voller Hingebung, — dieß das Ende Jahre langen, freund⸗ ſchaftlichen, liebevollen Verkehrs und leidenſchaftlicher Treue! Harry würde für ſeinen Beſchützer geſtorben ſein, und wurde nun faſt wie ſein Mörder behandelt; 293 er hatte — ſie wußte nicht wie viel — für ſeine Ge⸗ bieterin gevpfert, und ſie warf ihn beiſeit; — er hatte ihre Familie mit Allem beſchenkt, was ſie beſaß, und ſie ſprach davon, daß ſie ihm, gleich einem gemeinen Be⸗ dienten, ein Almoſen reichen wolle! Der Kummer, den ihm der Tod ſeines Beſchützers verurſachte, — das Peinliche ſeiner gegenwärtigen Lage, — ſeine Zweifel in Betreff der Zukunft: Alles das ward vergeſſen, als er ſich ſo entſetzlich beſchimpft ſah: dieſe Tortur über⸗ wog alle andern, die er bis dahin ausgeſtanden. Er ſchrieb, aus ſeinem Gefängniſſe, einen Brief an Mr. Tuſher, als Antwort auf das beſprochene Miſſiv. Er wünſchte darin Seiner Ehrwürden Glück zu ſeiner Ernennung als Pfarrer von Caſtlewvod; zugleich er⸗ mahnte er ihn in ſarkaſtiſcher Weiſe, in die Fußſta⸗ pfen ſeines bewunderungswürdigen Vaters zu treten, deſſen Mantel ihm zugefallen; — was Ihre Ladyſchaft betraf, ſo dankte er ihr für das Almoſen, das ſie ihm gnädigſt zugedacht, indem er ſagte, daß er es hoffent⸗ lich nicht brauchen würde; zugleich aber bat er ſie in⸗ ſtändigſt, ſich gefälligſt zu erinnern, daß er, ſobald ihr Entſchluß in Betreff ſeiner ſich änderte, bereit wäre, ihr Beweiſe von einer Treue zu geben, die nie gewankt, und die von dieſem Hauſe nie hätte in Frage geſtellt werden ſollen. Und wenn wir auch einander auf dieſer Welt nie mehr ſehen, oder nur noch als Fremde,“ ſo ſchloß Mr. Esmond, — ein Urtheilsſpruch, gegen deſſen Grauſamkeit und Unge⸗ rechtigkeit ich es verſchmähe, Berufung einzulegen; ſo wird ſie doch ſpäter erfahren, wer ihr treu war, und ob ſie irgend einen Grund hatte, die Liebe und die Hingebung ihres Verwandten und Dieners in Zweifel zu ziehen. Nach Abſendung dieſes Briefes fühlte ſich der arme junge Burſche ruhiger, als vorher. Der Streich war gegen ihn geführt worden, und er war nicht unter 294 der Wucht deſſelben zuſammengeſunken. Seine grau⸗ ſame Göttin hatte ihre Flügel geſchwungen, und war davon geflogen, und hatie ihn allein zurückgelaſſen und ohne Freunde, aber virtute sua. Und was ihn aufrecht erhielt, war das Gefühl ſeines Rechts und das Gefühl von dem Unrecht, das man ihm gethan, und ſeine Ehre und ſein Unglück zugleich. Und gleich wie ich, bei einem plötzlichen Trom⸗ petenſtoße, Männer habe erwachen und eiligſt zu den Waffen greifen ſehen, ebenſo raſch ermannt ſich der⸗ jenige, dem das Herz auf dem rechten Flecke ſitzt. wenn es die Umſtände verlangen; er tritt der drohenden Gefahr mit unerſchrockener Miene entgegen, und ſchaut ihr ſtets in's Geſicht, — ob beſiegt oder ſiegend. Ach Niemand kennt ſo recht ſeine Stärke oder Schwäche, als bis der Augenblick ſie erprobt. Wenn es gewiſſe Gedanken und Handlungen ſeines Lebens gibt, an die ein Menſch nur mit Scham und Schaudern denkt, ſo gibt es gewiß auch wieder ſolche, die er mit Stolz an⸗ erkennen, und deren er ſtolz gedenken kann: es ſind dieß verziehene Beleidigungen, hie und da überwun⸗ dene Verſuchungeu, und durch Ausdauer beſiegte Schwierigkeiten. — * — Dieſe Gedanken in Betreff der Pfründe, mehr noch als ein über die Maßen großer Kummer in Betreff des Todten, waren es, die Harry Esmond peinigten, während er nach gefälltem Urtheile im Ge⸗ fängniſſe war: allein es läßt ſich leicht denken, da er keinen Unglücksgenoſſen in das Geheimniß ſeiner Gefühle einweihen konnte, und ſo glaubten ſie denn, es ſeien Gewiſſensbiſſe und Kummer über den Verlu ſeines Beſchützers, die den jungen Mann quälten, welch' irrige Meinung er ihnen nicht zu benehmen 295 müſſen glaubte. Als Kamerad war er ſo mürriſch und ſchweigſam, daß die beiden Offiziere, ſeine Mitgefan⸗ genen, ihn großentheils ſich ſelbſt überließen, höchſt wahrſcheinlich nicht gar ſehr das liebten, was ſie von ihm wußten, ſich mit Würfel und Kartenſpiel, ſowie mit der Flaſche tröſteten, und ſich die Langweile ihrer Gefangenſchaft auf ihre eigene Weiſe vertrieben. Was Esmond betrifft, ſo kam es ihm vor, als ob er viele Jahre in dem Gefängniſſe verbringen müßte: auch war er gealtert und verändert, als er herauskam. Zu gewiſſen Zeiten unſeres Lebens leben wir in wenigen Wochen ganze Jahre, was die Gemüthsbe⸗ wegungen betrifft; — und wir blicken dann auf dieſe Zeiten zurück, als auf große Klüfte zwiſchen dem al⸗ ten und dem neuen Leben. Man weiß nicht eher, wie viel man während ſolcher kritiſchen Herzenskrankheiten leidet, als bis die Krankheit vorüber iſt, und man ſpäter darauf zurückblickt. Während der Zeit der Krankheit iſt das Leiden wenigſtens erträglich. Der Tag vergeht unter größeren oder kleineren Schmerzen, und die Nacht kommt auch immer zu Ende, in dieſer oder jener Weiſe. Erſt in ſpäteren Tagen ſehen wir, wie groß die Gefahr geweſen: — gleich wie ein Mann nach einer Jagd oder nach einem verzweifelten Ritte über einen Sprung nachſinnt, und ſich wundert, wie er denſelben hat überleben können. Oh! düſtere Monde des Schmerzens und der Wuth! des Unrechts und grauſamer Ausdauer! Der iſt nun alt, der ſich enrer noch erinnert. Schon längſt hat er der ſanften Hand, die ihn verwundete, verziehen, und ſie geſegnetz aber noch iſt die Spur zu ſehen, und es iſt die Wunde nur ver⸗ narbt: — keine Zeit, Thränen, Liebkoſungen, oder Reue vermögen die Narbe zu verwiſchen. Indeſſen mögen wir den Schmerz nicht ſo ganz geduldig hin⸗ nehmen und uns dabei beruhigen. Beficimus rates quassas: wir wagen uns aber und abermals wieder 296 auf den Ocean, und gehen auf neue Abenteuer aus. Esmond dachte an ſeine frühe Lebenszeit als an ein Noviziat, und an dieſe vergangene Prüfung als an eine Initiation, ehe er in das Leben einträte, — gleich wie unſere jungen Indianer ſich ruhig Martern unterziehen, ehe ſie bei ihrem Stamme in den Stand der Krieger treten. Unterdeſſen betrauerten natürlich die Offiziere, welche das Geheimniß des Schmerzens nicht kannten, der an dem Herzen ihres ſchweigſamen jungen Freun⸗ des nagte, das Schickſal ihres früheren Waffengenoſ⸗ ſen nicht allzu ſehr; auch verlangt es die Gerechtigkeit, hier zu bemerken, daß ſie an ſolche Transactionen ganz gewöhnt waren, bei welchen der eine oder der andere Kamerad täglich ein Opfer des Schwertes wurde. Der Eine erzählte Geſchichten von früheren Liebes⸗ oder Kriegsabenteuern, oder von Vergnügungspartien, wobei der arme Frank Esmond betheiligt geweſen war; der andere erinnerte ſich noch, wie ein Conſta⸗ bler hinter's Licht geführt, oder ein in den Wirthshäu⸗ ſern ſich herumtreibender Eiſenfreſſer durchgeprügelt worden war; während my Lords arme Wittwe auf ſeinem Grabe ſaß, und ihn wie einen wahren Heiligen und einen makelloſen Helden verehrte: — ſo ſagten wenigſtens diejenigen Beſuchenden, die von Lady Caſtlewvod Etwas wußten; und Weſtbury und Ma⸗ cartney wurden faſt von der ganzen Stadt beſucht. Das Duell, ſein unglückliches Ende, die gericht⸗ liche Verfolgung, welche die beiden Pairs und die drei Bürgerlichen hatten über ſich ergehen laſſen müſſen, hatten in der Stadt die gewaltigſte Aufregung verur⸗ ſacht. Die Zeitungen und die Reuigkeitsbrieſe waren ganz voll von Einzelheiten, die ſich auf die Sache be⸗ zogen. Die drei Herren in Newgate bekamen faſt eben⸗ ſo viele Beſuche, als einſt die Biſchöfe im Tower, oder als ein Räuber vor ſeiner Hinrichtung. 297 Wie bereits geſagt worden, ſo durften wir, ſo⸗ wohl vor der Schwurgerichtsverhandlung, als nach unſerer Verurtheilung, im Hauſe des Gefängnißdirec⸗ tors wohnen, um dort der Gnade des Königs zu har⸗ ren; — auch kannte man die wahre Urſache des ver⸗ hängnißvollen Streites nicht, — ſo ſehr hatten my Lord und die beiden andern Perſonen, die ſie kannten, das Geheimniß bewahrt, — ſondern es bildete ſich Jedermann ein, die Urſache des Duells ſei ein Streit beim Spiele geweſen. Die friſche Luft abgerechnet, hatten die Gefangenen, gegen Bezahlung, faſt Alles, was ſie nur wünſchen mochten. Man brachte es glück⸗ licher Weiſe ſoweit, daß ſie von der Geſellſchaft der gemeinen Verbrecher Nichts zu leiden hatten, deren wüſte Chöre, deren lautes Gelächter, und deren Flüche von dem Theile des Gefängniſſes aus gehört werden konnien, wo ſie, — die gemeinen Verbrecher — und die unglücklichen Schuldner mit einander eingeſperrt waren. Zweites Bapitel. Ich komme am Ende meiner Gefangenſchaft, aber nicht meiner Noth an. Unter den Perſonen, welche die beiden Offiziere beſuchten, befand ſich auch ein alter Bekannter Es⸗ mond's, — jener Herr von der Garde nämlich, der gegen Harry ſo freundlich geweſen war, als Capitän Weſtbury's Truppe, vor nun mehr als ſieben Jahren, 298 auf Schloß Caſtlewwod einquartirt geweſen war. Dick, der Gelehrte, war jetzt nicht nicht mehr Dick, der Soldat, ſondern Capitän Steele, bei Lucas'Füſilie⸗ ren, und Secretär von my Lord Cutts, jenem berühm⸗ ten Offiziere König William's, dem tapferſten und beliebteſten Manne in der ganzen engliſchen Armee. Die beiden luſtigen Gefangenen hatten mit einer Geſellſchaft von Freunden wacker gezecht (— denn un⸗ ſer Keller, ſowie auch der der Gefängnißwärter von Newgate wurde mit unzähligen Körben von Burgunder und Champagner verſehen, welche die Freunde der beiden Offiziere herſchickten —); und Harry, den es weder nach ihren Getränken, noch nach ihrer Unterhal⸗ tung gelüſtete, da er in Betreff der einen eine viel zu ſchwache Geſundheit hatte, und in Betreff der andern viel zu niedergeſchlagen war, ſaß ganz allein in ſeinem Zimmer, und las eines Abends, wie gewöhnlich, in einem Buche, als der ehrliche Obriſt Weſtbury, bereits etwas angetrunken, und in der beſten Laune (— es muß hier bemerkt werden daß er, ſowohl betrunken, als nüchtern, immer bei guter Laune war —) in Harry's Zimmerchen hereintrat, und lachend ſagte: „Ho, junger Freudentödter! Da iſt ein Freund, der Dich beſuchen will; er betet mit Dir, oder trinkt mit Dir, wie Du es eben haben willſt; oder aber trinkt und betet er abwechslungsweiſe: Du haſt ganz die Wahl. Dick, mein Chriſtenheld, da iſt der kleine Gelehrte von Caſtlewood.“ Dick kam heran und küßte Esmond auf beide Wangen, und theilte mit dieſer ſeiner Liebkv⸗ ſung dem jungen Manne einen ſtarken Geruch von ge⸗ branntem Sekt mit. „Wie!“ ſprach Mr. Steele, „iſt das der kleine Mann, der lateiniſch zu ſprechen, und unſere Kugeln zu holen pflegte? Schau', ſchau!“ Wie groß Du geworden! Aber ich kann Dir wohl ſagen, daß ich 299 Dich überall wieder erkannt haben würde. Und Du biſt alſo ein Böſewicht und Duellant geworden; und wollteſt Dich mit Mohun ſchlagen, — nicht wahr? Ich kann Dir ſagen, daß Mohun geſtern bei dem Garden⸗Diner, wo eine hübſche Geſellſchaft von un⸗ ſern Leuten verſammelt war, geſagt hat, der junge Burſche habe ſich mit ihm ſchlagen wollen und ſei in der Handhabung des Degens geſchickter, als der An⸗ dere es geweſen.“ Ich wollte, wir hätten es probiren und beweiſen können, Mr. Steele,“ ſagte Esmond, an ſeinen todten Wohlthäter denkend. Und zu gleicher Zeit füllten ſich ſeine Augen mit Thränen. Jenen grauſamen Brief abgerechnet, den er von ſeiner Gebieterin erhalten, hörte Mr. Esmond Nichts von ihr; auch ſchien ſie entſchloſſen, ihrem Vorhaben treu zu bleiben, wornach ſie ihn ganz verlaſſen und ignoriren wollte. Allein er erfuhr denn doch einiger⸗ maßen was ſie that, und wo ſie ſich aufhielt; und dieſe Nachrichten brachte ihm Mr. Steele fleißig vom Hofe des Prinzen und der Prinzeſſinnen, wo unſer ehrlicher Capitän zum Oberbedienten avancirt war. Wenn Capitän Dick dort keinen Dienſt hatte, kam er oft, um ſeine Freunde in der Gefangenſchaft zu tröſten, indem ſein gutmüthiges Weſen und ſeine freundſchaft⸗ liche Geſinnung gegen Alle, die ſich im Unglücke be⸗ fanden, ihn ohne Zweifel bewogen, ſeine Beſuche zu machen, die Neigung zum Wohlleben und der gute Wein aber die Wirkung hatte, daß er dieſelben ver⸗ längerte. „Meiner Treu!“ ſagte Weſtbury, „der kleine Ge⸗ lehrte fing bei Lockit den Streit zuerſt an; ich erin⸗ nere mich deſſen nun. Ich habe den Kerl Mohun nie ausſtehen können. Was war denn aber die wahre Ur⸗ ſache des Streites zwiſchen ihm und dem armen Frank? 300 Ich wollte darauf wetten, daß es ein Frauenzimmer geweſen.“ Der Streit war wegen des Spiels entſtanden, — ich gebe mein Ehrenwort, wegen des Spiels,“ ſpricht Harry. Mein armer Herr verlor auf Schloß Caſtlewvod große Summen an ſeinen Gaſt. Es wur⸗ den zornige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt; und ob⸗ wohl Lord Caſtlewood der gutherzigſte und nachgiebigſte Menſch auf Erden war, ſo hatte er doch einen ſehr hohen Geiſt; und daher das Duell, das uns Alle hie⸗ hergeführt hat, ſetzt Mr. Esmond hinzu, entſchloſſen, nie zu geſtehen, daß etwas Anderes, als das Karten⸗ ſpiel, das Duell veraulaßt. „Ich bediene mich nicht gern ſchlechter Worte, wenn die Sache einen Edelmann betrifft.“ ſagt Weſt⸗ bury. Wäre aber my Lord Mohun ein Bürgerlicher, ſo würde ich ſagen, es ſei Jammerſchade, daß er nicht gehängt worden. Er war ſchon mit Würfeln und Frauen vertraut zu einer Zeit, wo andere Knaben noch in die Schule gehen und Ruthenſtreiche bekommen, — er war ſo verdorben, wie der älteſte Wüſtling, ſchon lange, ehe er ausgewachſen war; — auch wußte er einen Degen und ein Rappier, und zwar in blutiger Weiſe, zu führen, ehe er ſich nocheines Raſiermeſſers be⸗ diente. Er war es, der den armen Will Myuntford in jener Nacht, wo der blutdürſtige Dick Hill ihm ſei⸗ nen Degen durch den Leib rannte, mit Schwatzen hin⸗ hielt. Es wird ihm ſchon noch ſchlecht genug gehen, — ja, er wird ein ſchlechtes Ende nehmen, dieſer junge Lord; und kein Ende iſt zu ſchlecht für ihn,“ ſagt der ehrliche Mr. Weſtbury, deſſen Prophezeiung zwölf Jahre ſpäter in Erfüllung ging, an jenem ver⸗ hängnißvollen Tage wo Mohun ſiel, und einen der tapferſten und größten Gentlemen Englands in ſeinen Fall verwickelte. Durch Mr. Steele alſo, der ſowohl das berichtete, 301 was das öffentliche Gerücht ſagte als das, was er privatim erfuhr, erhielt Csmond Kunde von dem Thun und Laſſen ſeiner unglücklichen Gebieterin. Steele's Herz war ſehr entzündbarer Natur; und der Oberthürſteher ſprach in Ausdrücken unbegrenzter Be⸗ wunderung ſowohl von der Wittwe (— jener wunder⸗ ſchönen Frau, wie er ſagte —), als von ihrer Toch⸗ ter, die in des Capitäns Augen ein noch viel größe⸗ res Wunder von Schönheit war. Wenn die blaſſe Wittwe, welche Capitän Richard in ſeinem Dichterfluge mir einer Niobe in Thränen, — mit einer Sigis⸗ munda, — mit einer weinenden Belvidera verglich, der liebenswürdigſte und pathetiſchſte Gegenſtand war, den ſeine Angen je geſchaut, oder um deſſentwillen die Eiskruſte ſeines Herzens geſchmolzen, ſo waren ſelbſt ihre reifen Vollkommenheiten, und ihre Schön⸗ heit ſo gut, wie Richts, im Vergleich mit jener äußer⸗ ſten Liebenswürdigkeit und Anmuth, welche dem guten Capitän ihre Tochter zu verſprechen ſchien. Es war matre pulcra filia pulerior. Steele verfaßte, während er in der Antichambre ſeines Prinzen Dienſt hatte, Sonnette auf die Reize der Mutter und der Tochter. Ganze Stunden konnte er mit Harry Esmond über dieſelben ſprechen; und er hätte wirklich wenige Ge⸗ genſtände wählen können, die den unglücklichen jungen Mann wohl mehr zu intereſſiren vermocht hätten, den jungen Mann, deſſen Herz, jetzt wie immer, dieſen Damen gehörte, und der Allen dankbar war, die ſie liebten, oder lobten, oder ihnen geneigt waren. Nicht daß ſeine Treue durch eine entſprechende Freundlichkeit, oder auch nur durch ein Zeichen der Beſänftigung von Seiten einer Gebieterin belohnt wor⸗ den wäre, die nach zehn Jahren der Liebe und unaus⸗ i Wohlthaten nun ſich ganz verhärtet zeigte. a der grme junge Mann, wenn man das Schreiben Tuſher's ausnahm, keine Antwort auf den Brief er⸗ 302 hielt, den er geſchrieben, und da er zu ſtolz war, noch mehr zu ſchreiben, ſo ſchloß er Steele, der gewiß der gütigſte Zuhörer oder der freundlichſte Emiſſär war, welchen ein Mann im Unglücke finden konnte, ſein Herz theilweiſe auf, beſchrieb — in Worten, die ohne Zweifel pathetiſch waren, daß ſie imo peetore kamen, und dem ehrlichen Dick reichliche Thränen aus⸗ preßten — ſeine Jugend, ſeine Beſtändigkeit, ſeine lie⸗ bevolle Hingebung an die Familie, die ihn erzogen; ſeine Liebe, und wie er ſie gewonnen, und wie zärtlich ſie erſt noch vor Kurzem belohnt worden, und (— ſo weit er konnte —) die Umſtände und Urſachen, um derentwillen der traurige Streit aus Esmond einen verurtheilten Gefangenen, und aus denen, ſo ihm auf dieſer Welt am Liebſten, eine Wittwe und Waiſen ge⸗ macht. In Ausdrücken, die wohl einen hartherzigeren Mann, als Mr. Steele, hätten erweichen können (— denn ſoll die Wahrheit geſagt werden, ſo zerriß es dem Sprecher ſelbſt beinahe das Herz, während er dieſe Mittheilungen machte —), beſchrieb er einen Theil deſſen, was bei jener einzigen traurigen Unterredung Statt gefunden hatte, welche ſeine Gebieterin ihm ver⸗ gönut, — wie ſie ihn, deſſen Worte und Gedanken bis dahin eitel Segen und Freundſchaft geweſen, zor⸗ nig und faſt unter Verwünſchungen verlaſſen; — wie ſie ihn dieſer Blutſchuld angeklagt, ihn, der doch für das Blut ſeines Beſchützers herzlich gerne das ſeinige haben würde (— und in dieſem Stücke ließen Lord Mohun, Lord Warwick, und ſämmtliche bei der Affaire betheiligten Herren, ſowie auch das Gerücht dem unglücklichen jungen Manne volle Gerechtigkeit widerfahren: ſo ſagte wenigſtens Steele —); und dann bat er unter Thränen Mr. Steele inſtändigſt, daß er doch ſeine Gebieterin von dem unglücklichen Zuſtande ihres Verwandten in Kenntniß ſetzen, und 303 ſie von dem grauſamen Zorne abbringen möchte, den ſie gegen ihn zeigte. Halb wahnſinnig vor Schmerz über das ihm an⸗ gethane Unrecht, und dasſelbe mit tauſend ſanften Er⸗ innerungen vergangener Liebe und früheren Vetrauens vergleichend, die ſein jetziges Elend unendlich verbitter⸗ ten, verlebte der arme Jüngling manch' einſamen Tag und manche ſchlafloſe Nacht in einer Art unmächtiger Verzweiflung und Wuth über die Ungerechtigkeit des Schickſals. Es war die ſanfteſte Hand, die ihn ſchlug, das zarteſte und mitleidigſte Weſen, das ihn verfolgte. „Ich hätte,“ ſprach er, „ebenſo gerne mich des Mords für ſchuldig erkannt, und hätte dafür ebenſo gerne, gleich jedem andern Verbrecher, gebüßt, als mich den Qualen unterzogen, die meine Gebieterin mir aufer⸗ legt. Obgleich die Erzählung von Esmond's Geſchichte, ſowie ſeine leidenſchaftlichen Bitten und Vorſtellungen Dick, der ſie anhörte, ſo unendlich viele Thränen ent⸗ lockten, ſo hatte ſie dennoch gar keine Wirkung auf die Perſon, die ſie erweichen ſollten. Esmond's Geſandter kam von der Miſſion, womit ihn der arme junge Gent⸗ leman betraut hatte, zurück mit trauriger, niedergeſchla⸗ gener Miene und einem eigenthümlichen Kopfſchütteln, welches ſagte, daß der Gefangene Nichts boffen dürfez — und kaum gab es in dem Gefängniſſe von Newgate einen unglücklichen, zum Strange verurtheilten, und für eine kurze Gnadenfriſt zitternden Verbrecher, der ſich niedergeſchlagener fühlen konnte, als Mr. Esmond, der unſchuldig und verurtheilt war. Wie zwiſchen dem Gefangenen und ſeinem Rath⸗ geber verabredet worden, hatte ſich Mr. Steele nach dem Hauſe der alten Vicomteſſe zu Chelſea verfügt, wo, wie bereits geſagt worden, die junge Wittwe ſich mit ihren Waiſen aufhielt. Dort hatte er my Lady 304 Viscounteß geſehen, und bei ihr für ihren unglücklichen Verwandten ein gutes Wort einzulegen geſucht. Auch glaube ich, daß ich nicht ganz ſchlecht ſprach, mein armer Junge,“ ſetzte Mr. Steele hinzu: „denn wer würde wohl nicht in einem ſolchen Falle und vor einer ſo ſchönen Richterin gut ſprechen? Zwar ſah ich die liebenswürdige Beatrix nicht (— gewiß war ihre berühmte Namensverwandte von Florenz nie auch nur halb ſo ſchön —), ſondern es war bloß der junge Viscvunt mit Lord Churchill, dem älteſten Sohne my Lord von Marlborough's, im Zimmer. Aber dieſe bei⸗ den jungen Herren gingen in den Garten hinunter: ich konnte vom Fenſter aus ſehen, wie ſie mit Stangen nach einander ſtießen, um ſo ein Turnier vorzuſtellen — der Kummer berührt junge Leute nur leicht, und ich erinnere mich noch, daß ich auf dem Sarge meines Vaters einen Marſch trommelte —). „My Lady Viscounteß ſah nach den beiden ſpie⸗ lenden Knaben hin, und ſprach: „Sie ſehen, mein Herr, man lehrt Kinder Todeswaffen wie Spielzeuge zu handhaben, und aus dem Morde ein Spiel zu ma⸗ chen; — und während ſie ſo ſprach, ſah ſie ſo liebens⸗ würdig und anmuthig aus, und ſtand da als eine ſo traurige und ſchöne Verkörperung der Lehre, deren be⸗ ſcheidener Prediger ich bin, daß, hätte ich meine kleine Schrift, betitelt der Chriſtenheld, nicht ſchon Lord Cutts gewidmet (— ich ſehe, Harry, daß Du das Buch noch nicht einmal aufgeſchnitten haſt; — die Predigt iſt gut, glaub' es mir, wenn auch das Leben des Predigers derſelben vielleicht nicht ganz entſpricht —), — daß, ſage ich, hätte ich nicht ſchon die Schrift Lord Cutts gewidmet, ich um die Erlaubniß angehalten ha⸗ ben würde, Ihrer Ladyſchaft Namen auf die erſte Seite ſetzen zu dürfen. Meiner Treu! Ich glaube, daß ich in meinem ganzen Leben noch nie ein ſo ſchönes Violet geſehen habe, wie das ihrer Augen, Harry. Ihre Ge⸗ —— ſichtsfarbe zeigt ein eigenthümlich bezauberndes Blaß⸗ roth; — ferner hat ſie ein exquiſit gedrechſeltes Hand⸗ gelenk, Hände mit Grübchen, und ich zweifle nicht —“ „Sind Sie denn hierher gekommen, um mir von dem Grübchen von my Lady's Hand zu erzählen?“ unterbrach ihn Esmond traurig. „Ein liebenswürdiges Geſchöpf, das trauert und ſich unglücklich findet, ſcheint mir doppelt ſchön,“ ſagt der arme Capitän, der in der That nur zu oft ſich in einem Zuſtande befand, in dem er doppelt ſah; und als er ſeiner Redſeligkeit alſo Einhalt gethan ſah, nahm er den Faden ſeiner Erzählung wieder auf. „Während ich mich alſo meines Auftrags entle⸗ digte,“ fuhr Mr. Steele fort, „und Deiner Gebieterin erzählte, was alle Welt weiß, und was ſogar die Ge⸗ genpartei gerne anerkannt hat, — daß Du den Verſuch gemacht, Dich zwiſchen die beiden Lords zu ſtellen, und den Streit Deines Beſchützers zu Deinem eigenen zu machen, ermangelte ich nicht, Deine Tapferkeit hervor⸗ zuheben, und ny Lord Mohun ſelbſt als vollgültigen Zeugen dafür anzuführen: da ſchien es mir, daß die Wittwe mit einigem Intereſſe zuhörte; und wirklich blickten auch ihre Augen ein Paar Mal zu den meini⸗ gen auf: — oh, Harry, noch nie habe ich ein ſolches Violet geſehen. „Nachdem ich aber eine Zeitlang über dieſes Thema geſprochen, wandte ſie ſich plötzlich mit einem Schrei des Schmerzens von mir ab. Wollte Gott, Sir, ſprach ſie, ich hätte in meinem Leben nie das Wort Galan⸗ terie *) gehört, deſſen Sie ſich ſo eben bedient, oder die Bedeutung deſſelben gekannt. Wäre ſie nicht gewe⸗ ſen, ſo wäre es wahrſcheinlich, daß my Lord noch kebte; *) Gallantry: Tapferkeit; (auch) Galanterie; ein unüher⸗ ſetzbares Wortſpiel. Henry Esmond. 1. 20 306 ohne ſie wäre ich vielleicht noch glücklich; — ohne ſie hätte mein armer Knabe noch einen Vater. Was Ihr Herren Galanterie zu nennen pfleget, — das drang in mein Haus ein, und trieb meinen Gatten dem grauſa⸗ men Schwerte entgegen, das ihn tödtete. Sie ſollten ſich bei einer chriſtlich geſinnten Frau dieſes Wortes nicht bedienen, Sir, — bei einer armen Wittwe, der Mutter nun verwaister Kinder, die in ihrem häuslichen Kreiſe glücklich war, bis die Welt in denſelben drang, die böſe, gottloſe Welt, die das Blut der Unſchuldigen nimmt, und die Schuldigen frei ausgehen läßt.“ „Während die betrübte Lady alſo ſprach, Sir,“ fuhr Mr. Steele fort, „ſchien es mir, als ſei ſie noch mehr von Unwillen, als von Kummer beherrſcht. Er⸗ ſatz! fuhr ſie leidenſchaftlich fort, während ihre Wangen und Augen ſich immer mehr belebten, welchen Erſatz bietet Eure Welt der Wittwe für ihren Gatten, und den Kindern für den Mörder ihres Vaters? Der Schurke, der die That verübt, hat nicht einmal eine Strafe bekommen: der Elende! Gewiſſen! Was für ein Gewiſſen hat der, welcher das Haus eines Freundes betreten kann, um einer Frau, die ihm nie etwas zu Leid gethan, Unwahrheit und Inſulten zuzuflüſtern. und das liebevolle Herz meuchleriſch zu durchbohren, das ihm getraut? Die Pairs von my Lord, — von my Lord Schurke, von my Lord Böſewicht, von my Lord Mörder verſammeln ſich, um die Sache zu unterſuchen, und entlaſſen ihn mit ein Paar tadelnden Worten, und ſchicken ihn wieder in die Welt hinaus, damit er Frauen mit ſeiner Wolluſt und ſeiner Falſchheit ver⸗ ſehe und damit er argloſe Menſchen morde, die ihn gaſtfreundlich aufnehmen. An dem Tage, an dem my Lord, — my Lord Mörder, — (— nie werde ich ſei⸗ nen Namen ausſprechen —) freigelaſſen ward, wurde zu Tyburn ein armes Weib hingerichtet, weil ſie in ei⸗ nem Kaufladen geſtohlen. Ein Mann aber darf einem 307 andern das Leben, oder einer Dame die Ehre rauben, ohne eine Strafe befürchten zu müſſen? Ich nehme mein Kind, trete vor den Thron, und flehe, auf den Knien liegend, um Gerechtigkeit, — und der König will Nichts davon wiſſen. Der König! Er iſt nicht mein König, — und nie ſoll und wird er es ſein. Auch er hat den König, ſeinen Schwiegervater, — den wahren König, — des Thrones beraubt, und auch er iſt un⸗ beſtraft geblieben, wie es bei den Großen überhaupt der Fall iſt.“ „Ich wollte nun zu Deinen Gunſten Etwas ſagen,“ fuhr Mr. Steele fort, und fiel mit folgenden Worten ein: Es gab wenigſtens einen Menſchen, Madame, der ſeine eigene Bruſt gerne zwiſchen das Schwert Ihres Gat⸗ ten und my Lord Mohun's geſtellt haben würde. Ihr armer, junger Verwandter, Harry Esmond, hat mir geſagt, daß er es verſucht habe, dem Streite eine andere Richtung zu geben, ſo daß er ſich ſelbſt mit my Lord Mohun hätte ſchlagen müſſen.“ „Ah, er hat Sie alſo hergeſchickt?“ fragte die Dame (— fuhr Mr. Steele fort —), mit äußerſt ſtren⸗ ger Miene und mit vieler Würde aufſtehend. Ich hatte geglaubt, die Prinzeſſin hätte Sie hergeſchickt. Ich habe Mr. Esmond in ſeinem Gefängniſſe geſehen, und habe ihm Lebewohl geſagt. Er iſt es, der das Unglück ein Haus gebracht hat. Er hätte es nie betreten ſollen.“ Madame, Madame, er iſt nicht zu tadeln, wandte ich ein, fuhr Mr. Steele fort. „Und tadle ich ihn denn bei Ihnen, Sir? fragte die Wittwe. „Wenn er es iſt, der Sie hierher geſchickt hat, ſo ſagen Sie ihm nur, daß ich mich da Raths erholt, wo“ — ſie ſprach jetzt mit todesblaſſer Wange und mit gebrochener Stimme — „wo Alle ſich Raths erholen können, die da wollen; — und daß dieſer Rath will, daß ich mich von ihm trenne und ihn nie mehr ſehe. Wir haben im Gefäng⸗ 308 niſſe einander zum letzten Male geſehen, — auf Jahre wenigſtens. Vielleicht nach Jahren, wann ein Mal — wann ein Mal unſer Knien, und unſere Thränen, und unſere Zerknirſchung unſere ſündigen Herzen anders gemacht, und uns Vergebung ausgewirkt haben, Sir, ſehen wir uns wieder, — jett aber nicht. Nach dem, was vorgegangen, könnte ich ſeinen Anblick nicht er⸗ tragen. Ich wünſche ihm alles Glück, Sir; aber ich ſage ihm auch Lebewohl; — und wenn er wirklich die Liebe zu uns hegt, wovon er ſpricht, ſo erſuche ich ihn inſtändigſt, es mir dadurch zu beweiſen, daß er mir in dieſem Stücke gehorcht.“ „Es wird aber dem jungen Mannk das Herz brechen, Madame, wenn ich ihm dieſen harten Aus⸗ ſpruch mittheile,“ ſagte ich.“ „Die Dame ſchüttelte den Kopf,“ fuhr mein güti⸗ ger Gelehrter fort. „Die Herzen junger Männer ſind nicht ſo zart, Mr. Steele,“ ſprach ſie. „Mr. Esmond wird andere — andere Freunde finden. Die Herrin dieſes Hauſes hat angefangen, gegen den Sohn des frühern Lords eine überaus verſöhnliche Stimmung an den Tag zu legen,“ fügte ſie erröthend hinzu, „und hat mir verſprochen, — das heißt, ſie hat verſprochen, daß ſie ſich ſeiner annehmen wolle. So lange ich auf Schloß Caſtlewvod lebe, ſoll es ihm nie wieder eine Heimath ſein, — nein, nie wieder. Die That, die geſchehen, iſt zu gräßlich. Auch darf er nicht an mich ſchreiben, — es ſei denn, — doch nein, — er darf mir nie mehr ſchreiben, noch werde ich ihn je wieder ſehen. Geben Sie ihm, wenn Sie wollen, meinen Abſchieds — ſt! kein Wort von all' dem vor meiner Tochter!““ „Hier trat die ſchöne Beatrix, vom Fluſſe her kommend, ein: ihre Wangen ſtrotzten von Geſundheit, und ſah in den Trauerkleidern, die ſie trug, nur noch um ſo liebenswürdiger und um ſo friſcher aus. Und my Lady Viscounteß ſagte: 309 „„Beatrix, dieß iſt Mr. Steele, Oberportier bei Seiner Königlichen Hoheit, dem Prinzen. Wann kommt Ihre neue Komödie heraus, Mr. Steele?“ Hoffentlich biſt Du nicht mehr im Gefängniſſe, Harry, wenn ſie zum erſten Male geſpielt wird.“ Der ſentimentale Capitän ſchloß dieſ ige Erzählung mit den Worten: Meiner Treu, d ön⸗ heit der flia pulerior ließ mich puleram matrem ganz vergeſſen; und doch trug, während ich den Fluß herun⸗ terkam, und an das Paar dachte, die blaſſe Würde und die exquiſite Grazie der Mutter bei mir den Sieg davon; ich hielt ſie ſogar für edler, als die Jungfrau!“ — — — Die bewußten Gefangenen lebten in Newgate ſehr gut, und erfreuten ſich ganz anderer Bequemlichkeiten, als die Elenden, welche das Gefängniß in der Regel beherbergt (— ſeine Fühlloſigkeit gegenüber von ihrem Elende, ihre noch entſetzlichere Fröhlichkeit, ihre Flüche und Gottesläſternngen, haben ihn ſeitdem mit einer Art Scham erfüllt, — da ſie bewieſen, wie ſelbſtſüchtig während ſeiner Gefangenſchaft ſein eigener Schmerz war, und wie der Gedanke an denſelben ſeinen Geiſt ſo ganz und gar beſchäftigte —). Wenn aber die drei Gentlemen unter der Aufſicht des Vorſtandes von New⸗ gate gut lebten, ſo kam es daher, weil ſie gut bezahl⸗ ten: und in der That hätte das theuerſte Speiſehaus und die flotteſte Wirthstafel in London unſern Beutel wohl kaum mehr in Anſpruch genommen, als derſelbe von unſerem Wirthe „zur Handſchelle“, — wie Obriſt Weſtbury ihn zu nennen beliebte, — in Anſpruch ge⸗ nommen wurde. Unſere Zimmer waren die drei Zim⸗ mer am Thore über Newgate, — im zweiten Stock⸗ werke, — und ſahen Newgate Street hinauf, nach Cheapſide und der St. Paulskirche hin. Auch durften 310 wir uns auf dem Dache ergehen, und konnten von da Smithfield und die Gärten der Blnecvat Boys' School') und die Chartreur **) ſehen, wo, wie Harry Esmond ſich erinnerte, Dick, der Gelehrte, ſowie ſein Freund Tom Tuſher in die Schule gegangen waren. wäre nie und nimmermehr im Stande ge⸗ nen Antheil an der entſetzlichen, ellenlangen tüng zu zahlen, die der Hanswirth jede Woche ſeinen Gäſten brachte, denn er hatte nur drei Goldſtücke in der Taſche an dem verhängnißvollen Abende vor dem Duell, als die Gentlemen mit einander ſpielten, und zwar immer um fünf Goldſtücke. Während er aber noch im Gatehouſe ſaß, kam eines Tags, nachdem Lady Caſtlewvod ihn dort beſucht (— es war noch vor der Verurtheilung —), ein Mann in pomeranzbraunem, mit blauen Treſſen verziertem Rocke (— es war dieß von jeher die Livree der Esmonds —), und brachte für Mr. Esmond ein verſiegeltes Packet, das zwanzig Guineen enthielt, ſammt einigen Zeilen, die beſagten, daß man ihm bereits für einen Advokaten geſorgt hätte, und daß man ihm, ſobald er es brauchte, noch mehr Geld ſchicken würde. Es war ein wunderſamer Brief von der alten, verwittweten Vicomteſſe Caſtlewvod, die ſich ſelbſt eine Gelehrte zu nennen pflegte. Der Brief war aber auch darnach. Es war derſelbe in dem ſeltſamen barbari⸗ ſchen Franzöſiſch geſchrieben, deſſen ſie ſich mit vielen andern feinen Damen jener Zeit — ich führe hier nur Ihro Gnaden, die Herzogin von Portsmouth, als Bei⸗ ſpiel an — bediente. In der damaligen Welt war in der That die Orthographie kein Artikel von allgemei⸗ nem Gebrauche; und my Lord Marlborough's Briefe *) Blaurock⸗Schule: eine Freiſchule, deren Zöglinge, ne⸗ ben gelben Beinkleidern, einen hellblauen Talar tragen. **) Karthänſer⸗Kloſter 311 können, unter anderen, zeigen, daß er dieſen Theil der Grammatik nur wenig los hatte. „Mong coussin, — ſo ſchrieb die alte verwittwete Vicomteſſe — „je scay que vous vous etes bravement bateu et gricvement blessay — du costé de feu M. le Vicomte. M. le Compte de Varigue ne parlay de vous: M. de Moan augy. T avay vouleu vous bastre avecque luy — que Plus fort que luy sur l'ayscrimme — duil' y a surtout certaine Botte que vous scavay quil U'a jammay sceu Pariay: et que c'en eut été fay de luy si vouseluy ous vous fussiay battews ensamb. Aincy ce pauv Vi- compte est mort. Mort et peut ayt — Mon coussin, mon coussin! jay dans la tayste que vous n'estes quung Pety Monst — angey que les Emonds ong tousjours este! La veuve est chay moy. Pay recuilly cet' pauve famme. Elle est furieuse cont vous, allans tous les jours chercher le Roy (d'icy) démandant à gran cri revanche pour son Mary. Ell ene veux voyre ni en- tende parlay de vous: pourtaut elle ne fay qu'en par- lay milfoy par jour. Ouand vous seray hor prison venay me voyre. Nauray soing de vous. Si cette pe- tite Prude veut se défaire de song pety Monste (Hélas je craing quil ne soy trotarl) je m'en chargeray. Tai encor quelqu interay et quelques escus de costay. „La Veuve se raccomode avec Miladi Marlboro, qui est tout puigante avecque la Reine Anne. Ce dam sentéraysent pour la petite prude; qui pourctant a un fi du mesme asge que vous savay, „En sortant de prisong venez icy. Je ne puy vous recevoir chay moy a cause des mechansetés du 8 monde, may pre du moy vous aurez logement. „Isabelle Vicomtesse d'Esmond.“ *) *) Mein Vetter, ich weiß, daß Sie ſich brav geſchlagen haben und daß Sie ſchwer verwundet worden ſind — 312 Dieſe Dame nannte ſich bisweilen Marquiſin von Esmond kraft jenes Patents, das Harry Esmond' 3Va⸗ ter von dem ſeligen König James gegeben worden war; als Sie auf der Seite des ſeligen Herrn Viscompe Der Herr Graf von Varique ſpricht immer Ihnen: Herr von Moon auch. Er ſagt, daß ich hätten mit ihm ſchlagen wollen, — daß Sie das Fechten beſſer verſtänden, als er, — daß es ins⸗ beſondere einen gewiſſen Stoß gebe, den Sie kenneten, den er aber nie hätte pariren lernen: — und daß es um ihn geſchehen geweſen wäre, wenn Ihr Beide Euch mit einander geſchlagen hättet. So iſt alſo der arme Viscompte nicht mehr. Er iſt todt und vielleicht — Vetter, Vetter! Es will mich bedünken, daß Sie nichts Anderes, als ein kleines Ungeheuer ſind, — wie die Esmonds es ſtets geweſen. Die Wittwe iſt bei mir. Ich habe die arme Frau zu mir genommen. Sie iſt ganz wüthend über Sie, geht alle Tage zum Chieſi⸗ gen) Könige, und ſchreit um Rache für ihren Gemahl. Sie mag Sie weder ſehen, noch von Ihnen ſprechen hören; und doch ſpricht ſie wohl tanſend Mal des Tags von Ihnen; ſie thut faſt nichts Anderes. Wenn Sie aus dem Gofängniſſe herauskommen, ſo kommen Sie nur zu mir. Ich werde für Sie ſorgen. Will dieſe kleine Prüde ſich ihres kleinen Ungeheuers entledigen (— es wird, wie ich befürchte, leider zu ſpät ſein! —) ſo werde ich mich deſſelben annehmen. Ich habe noch einigen Einfluß, ſowie einige Thaler, die ich bei Seite elegt. 5 8 „Die Wittwe ſöhnt ſich immer mehr mit Miladi Malboro aus, die bei der Königin Anna Alles gilt. Beſagte Dame intereſſirt ſich für die kleine Prüde, die dabei einen Sohn von demſelben bewußten Alter hat. „Wenn Sie aus dem Gefängniſſe herauskommen, ſo kommen Sie hierher. Ich kaun Sie bei mir nicht empfangen, — die Welt iſt gar zu böſe, allein Sie werden bei mir doch ein Zimmer finden. „Iſabelle Vicompteſſe d'Esmond.“ 3¹³ und als ſolche ließ ſie ſich die Schleppe von der Frau eines Ritters tragen, und hatte Pokal und Deckel von ächtem edlem Metall, und Tuch mit Franſen. Der, welcher mit dem kleinen Francis, den wir hier von nun an Viscount Caſtlewvod nennen werden, von gleichem Alter war, war Seine Königliche Hoheit der Prinz von Wales, der mit Frank in einem und demſelben Jahre und Monate geboren, und zu St. Germain ſo eben als König von Großbritannien, Frank⸗ reich und Irland ausgerufen worden war. . F 2 — 2 6 12 * S £ — * 3 *