Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und geſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von 1 Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Cuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: . 5 4 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . —— auf Monat: — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mi. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Es iſt etwas ſehr Angeneh⸗ mes, Europa im Gewand eines Regenerators zu durchwandeln, den guten Saamen der Staatsökonomie an Orten auszu⸗ ſtreuen, welche bis jetzt unfruchtbar geweſen ſind und die Heiden uͤber das Weben des Kattuns und die Segnungen des einſeitigen Freihandels aufzuklären. Ich ſchmeichle mir in ge⸗ wiſſen, fruͤher in Finſterniß verſunkenen Gegenden Europa's bedeutende Senſation erregt und ſie durch die argand'ſche Lampe der Mancheſter⸗Philoſophie erleuchtet zu haben. Seit vergangenem September bin ich nicht muͤſſig geweſen, ſon⸗ dern habe das Banner der ſtaatsökonomiſchen Wiedergeburt von der Oſtſee bis an die Kuͤſten des Bosporus getragen. Als Apoſtel des Friedens und des Ueberfluſſes bin ich uͤberall mit Entzucken begruͤßt worden. Niemals, glaube ich, herrſchte ein aufrichtigerer, angelegentlicherer Wunſch unter allen Nationen nach Erhaltung der allgemeinen Ruhe als jetzt, niemals gab es eine beſſere Sicherheit fuͤr die Verti⸗ Die Engländer in den Tullerien⸗ 1 derung, die wir Alle ſo innig wuͤnſchen, nie eine friedli⸗ chere, der Revolution abgeneigtere Epoche. Dies waren meine Anſichten wenigſtens noch vor Kurzem, als ich, nachdem ich eine geheime ziemlich delicate Miſſion in einem ſehr ent⸗ fernten Theile des Continents erfullt, mein Antlitz heim⸗ waͤrts kehrte und meine Schritte nach dem engliſchen Mecca lenkte. Als ich durch Italien kam, fand ich dieſes Land ſehr mit Plänen in Bezug auf ſociale Organiſation beſchäftigt, wozu es durch die theilnehmende Gegenwart eines Mitglieds des engliſchen Kabinets aufgemuntert ward. Es war ein erfreulicher Anblick, das gute Einverſtändniß zu ſehen, welches zwiſchen dem unaccreditirten britiſchen Miniſter und der Hefe der auſoniſchen Bevoͤlkerung beſtand — die wechſelſeitige Hoͤf⸗ lichkeit und Sympathie, welche jeder der hohen contrahirenden Theile an den Tag legte — und die Vollkommenheit, mit welcher die Lazzaroni die Beweggruͤnde auffaßten, welche den nordiſchen Pair bewogen hatten, ſich einſtweilen dem Zuſtand der Gluͤckſeligkeit zn entziehen und den ganzen Umfang ſeiner ungeheuern Talente und ſeines Genius der Sache der In⸗ ſurrection im Auslande zu widmen. Ich hatte eben nur Zeit, dem Papſt Pius zu der reizenden Ausſicht Gluͤck zu wuͤnſchen, die ſich vor ihm aufthat und einige wenige eilige Worte in Bezug auf die Vorzuͤglichkeit der Baumwolle vor dem Ehriſtenthum als allgemeines Beruhigungsmittel zu ſa⸗ gen als gewiſſe unangenehme Geruͤchte von der Grenze bis zu der ewigen Stadt durchdrangen und mich von der Richtchki uͤberzeugten, meinen Ruͤckzug nach dem Lande B — meiner Geburt fortzuſetzen. Nicht als ob ich mich vor dem blanken Stahl furchtete oder einen abſoluten Widerwillen ge⸗ gen Kartaͤtſchen haͤtte, aber meine Miſſion war vorzugs⸗ weiſe eine des Friedens; ich hatte eine große Pflicht gegen mein Vaterland zu erfullen und dieſe haͤtte durch die Kugel eines tolpiſchen Oeſterreichers auf ſehr bedauerliche Weiſe abgekurzt werden koͤnnen. Siehe mich daher, lieber Leſer, jetzt in Paris — dieſer aspaſiſchen Hauptſtadt der Welt. Ich hatte ſie ſchon oft in der Eigenſchaft eines Touriſten und Literaten beſucht, aber jetzt beſuchte ich ſie zum erſten Male als Politiker. Aller⸗ dings war ich nicht accreditirt; ich hatte weder einen diplo⸗ matiſchen Rang, noch den noch ſchmeichelhafteren Gehalt von welchem ein ſolcher Rang gewoͤhnlich begleitet iſt. Aber in unſerer Zeit verſchwinden ſolche Auszeichnungen immer mehr. Ich hatte mit eigenen Augen eine ziemliche Maſſe freiwilliger Diplomatie geſehen, welche ganz gewiß nicht in dem regelmaͤßi⸗ gen Canal zu fließen ſchien und uͤberdies konnte ich perſoͤnlich das Gewicht bezeugen, welches man im Auslande auf privatim unternommene commerzielle Kreuzzuͤge legt. Ich bedurfte keines amtlichen Coſtuͤms; ich war der Repraͤſentant einer volksthuͤmlichen Bewegung; ich war der Vorkaͤmpfer einer Flaſſe und mein Name und meine Prinzipien waren eines wie das andere den Ohren der Eingeweihten in Europa be⸗ kannt. Fruͤher war ich ſtolz darauf geweſen mit Eugen Sue, Charles Nodier, Paul de Kock und andern literariſchen Beruͤhmtheiten umzugehen; ich hatte meine Zeit mit Schwel⸗ 1* — — gereien in dem Caké de Londres und ähnlichen Plätzen ver⸗ ſchwendet und war nur zu glucklich, zu jenen kleinen Ver⸗ gnuͤgungspartieen zugelaſſen zu werden, bei welchen die Mehr⸗ zahl der Cavaliere Feuilletoniſten und die Damen irdiſche Ge⸗ ſtirne vom Himmel des Theaters des Variétés ſind. Jetzt ſchauete ich auf dieſe fruͤhere Phaſe meiner Exiſtenz mit dem Bewußtſein zuruͤck, daß ich meine Zeit und meine Kraft ver⸗ ſchwendet — ich war berechtigt, mich Thiers, Odillon⸗Bar⸗ rot, Cremieux und andern Volkshelden an die Seite zu ſtel⸗ len und ich beſchloß, mich demgemaͤß zu betragen. Ich weiß nicht, ob ich mir erlauben darf, in die genauen Details der Staatsgeſchaͤfte einzugehen, welche mich einige Zeit lang in Paris aufhielten. Es reiche hin zu ſagen, daß ich warm und herzlich empfangen ward und ſogleich mit den Mitglie⸗ dern der äuferſten Linken in das beſte Einvernehmen trat. Eines Nachmittags, ungefaͤhr in der Mitte des Februar kehrte ich aus der Deputirtenkammer zuruͤck und dachte ſehr ernſthaft uͤber die Debatte nach, der ich ſoeben beigewohnt, welche den Widerſtand der Miniſter gegen die Abhaltung eines Reformbanketts in Paris betraf und woran mein Freund Barrot ganz beſonders eiftigen Antheil genommen hatte. An der Ecke der Place de la Concorde bemerkte ich einen lan⸗ gen, muskel⸗ſtarken Mann in NationalgardenUniform, der mit dem Verkauf eines Pudels um den Preis unterhandelte. Ich glaubte das Geſicht des Mannes zu kennen, blieb ſtehen, betrachtete ihn naͤher und lag im nächſten Augenblick in den Armen meines beruͤhmten Freundes, des Grafen von Monte⸗ Chriſto und Marquis Davy de la Pailleterie. „Der Tauſend,“ rief der Verfaſſer der „drei Muske⸗ tiere“, wer hätte gedacht, Sie hier zu ſehen? Willkommen, mein lieber Dunshunner“), tauſend Mal willkommen in Paris. Wo ſind Sie denn während der letzten hundert Jahre geweſen?“ „Auf Reiſen, wie Sie, auf Reiſen im Orient, mein lieber Marquis,“ entgegnete ich⸗ „Ah, bah, das iſt ein alter Witz, ich bin auf dem Zuge nach Egypten niemals weiter gekommen, als bis in das Holzchen von Boulogne, aber es gelang mir doch, das gut⸗ muͤthige Publikum wegen der Baͤder von Alerandrien hinters Licht zu fuͤhren. Aber wie kommen Sie denn jebt hierher? Pix mille tonnerres. Man ſagt, Sie wären zum Poir von England gemacht worden.“ B „Nun das gerade nicht, es wurde, glaube ich, davon geſprochen. Eiferſucht — Eiferſucht, verſtehen Sie.“ „Ach, ja wohl, ich verſtehe. Ce vilain Palmerſton. Nest-ce pas? Aber ſo geht es allemal; die Miniſter ſind uberall dieſelben. Sie werden es ſchwerlich glauben, mein lieber Freund, ich mit meinem alten Familientitel, ich, der *) Wortlich: Einer, der ſeine Gläubiger meider — An⸗ ſpielung auf die Thatſache, daß viele Engländer nur deshalb auf dem Continent reiſen, um ihren Gläubigern aus dem Wege zu gehen. beliebteſte Schriftſteller Frankreichs bin nicht einmal Mitglied der Deputirtenkammer.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen.“ „Ja, im Ganzen genommen geht es bei Ihnen in England immer noch gerechter zu. Da haben wir den klei⸗ nen Disraeli — ſehr geſcheidter Mann — Monceton Mil⸗ les, Bourring bien mauvais postes und Wakeley, die alle bei der Legislatur Sitz und Stimme haben, während hier das literariſche Intereſſe durchaus nicht vertreten iſt.“ „Aber, mein lieber Marquis, Sie vergeſſen Lamartine.“ „Lamartine! das iſt ein ſentimentaler Schwätzer, eine Null. Nein, mein Freund, Frankreich muß wiedergeboren werden. Die Tochter des Ruhms kann nie ohne Frrt⸗ ſchritt leben.“ „Wie, Marquis, ich dächte Sie und Montpenſier —“ „Wären Freunde? Das iſt allerdings wahr. Ich war es, der die ſpaniſche Heirath zu Stande brachte. Dort ſchmeichle ich mir, Euerm treuloſen Albion eins ausgewiſcht zu haben. Aber die Wahrheit zu geſtehen, ich bin dieſer Fa⸗ milienbuͤndniſſe muͤde, wir brauchen etwas mehr, um uns lebendig zu erhalten — etwas Auffaͤlliges — kurz etwas wie die Pyramiben und Moskau, um uns in dem ſchwarzen Schlunde einen Anſtoß nach Vorwärts zu geben. Die Gren⸗ zen von Algerien ſind zu eng fuͤr das wehende Banner unſe⸗ rer großen Nation. Wir brauchen Freiheit, weniger Beſteue⸗ rung und eine ausgedehntere Grenze.“ „Und kann nicht dies Alles,“ ſagte ich, um die Ge⸗ legenheit, einen ſo beruͤhmten Mann, wie den Grafen von Monte⸗Chriſto zu den großartigſten Grundſaͤtzen von Man⸗ cheſter zu bekehren, nicht unbenuͤtzt vorubergehen zu laſſen — „kann nicht dies Alles auf friedlicherem Wege erreicht wer⸗ den, als durch den Umſturz der allgemeinen Ruhe? Was iſt die Freiheit Anderes, mein lieber Marquis, als eine unbe⸗ ſchraͤnkte Ausfuhr baumwollener Waaren mit verdoppelter Stundenzahl der heilſamen Arbeit im Inlande? Wie wollen Sie Ihre Beſteuerung beſſer vermindern, als durch Aufhe⸗ bung aller Einfuhrzolle, bis das Deficit einzig und allein auf den Schultern einer Volksklaſſe liegt, die ſich nicht beklagen darf? Warum wollen Sie Ihre Grenzen zu erweitern ſuchen, während wir in England aus bloßer Liebe zur Welt im Allgemeinen unſere Kolonien eine nach der andern ver⸗ nichten? Haben Sie vielleicht einmal zufällig, fuhr ich fort, indem ich ein Buͤndel Freihandelstraktätchen aus der Taſche zog, „haben Sie einmal einen dieſer beruͤhmten Erguͤſſe des geſunden Menſchenverſtandes und der Staatsokonomie gele⸗ ſen? Iſt Ihnen nicht der weltbegluckende Plan bekannt, den Cobden —“ „Peste,“ rief der beruͤhmte Autor, „was zum Teufel kuͤmmern wir uns denn um die Anſichten dieſes vermaledei⸗ ten Fabrikanten. Wiſſen Sie nicht, mein lieber Freund, daß alle große Revolutionen von uns, den genialen Koͤpfen, ausgehen? Wir ſind es die das Volk wirklich aufwecken, wir, die Dichter und Romanſchreiber ſind die Quelle aller legitimen Macht. Zum Beweis diene Ihnen Voltaire, Rouſſtau und Beranger und — ich kann es wohl ſagen, ohne daß man mich der Eitelkeit beſchuldigen darf — der Marquis Davy de la Pailleterie.“ „Sie ſtellen da eine ganz neue Theorie auf,“ ſagte ich nachdenklich. »Nun, da bitte ich um Verzeihung — ſie iſt ſo alt, wie die Literitur ſelbſt. Keine Revolution kann wirkſam fein, wenn ſie nicht die ſchoͤnen Kuͤnſte zur Baſis hat. So einfach als ich hier ſtehe, verlange ich doch nicht mehr Zeit als einen Monat, um Europa in einen allgemeinen Krieg zu verwickeln.“ „Das iſt doch nicht Ihr Ernſt?“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.“ „Erlauben Sie mir, Ihre Worte zu bezweifeln.“ „Wuͤnſchen Sie den Beweis davon zu ſehen?“ „Nein, wenigſtens nicht in ſo großem Maßſtabe. Ich furchte, die Folgen mochten zu ernſthaft ſein, um den Erfolg zu rechtfertigen.“ Ah, bah, Sie find ein Philanthrop. Was ſind einige tauſend Menſchenleben in Vergleich mit dem Triumph des Geiſtes.“ „Fuͤr Sie vielleicht nicht viel, aber den Beſitzern wird es ſicherlich nicht ganz gleich ſein; aber reden Sie ernſthaft, lieber Freund, denn ich weiß wohl, daß Sie ſcherzen, wenn Sie vorgeben, eine ſolche Macht zu beſitzen.“ „Ich beſitze ſie aber.“ „Aber die Mittel? Geſetzt und zugegeben, Sie hät⸗ — ten die Macht — und ganz Europa kennt die Fähigkeiten des Verfaſſers von Monte⸗Chriſto an — ſo wuͤrde doch einige Zeit erforderlich ſein, um dieſe Macht zu entwickeln⸗ Sie koͤnnen nicht hoffen, in einem Augenblick den Gemü⸗ thern einer ganzen Nation eine Idee einzuimpfen.“ „Ich habe nicht geſagt, in einem Augenblick — ich ſagte in einem Monat.“ „Und darf ich Sie bitten, mir das Rezept mitzutheilen 2« „Es iſt ſehr einfach. Zwei Romane, jeder in zehn Baͤnden und ein paar Melodramen.“ „Was, von Ihnen ſolbſt?“ „Von mir ſelbſt,“ entgegnete der Marquis de la Pail⸗ leterie. „Ich wollte, ich wuͤßte wie Sie das anfingen. Ich habe gehoͤrt, daß ſich G. P. R. James verbindlich gemacht hat, alle Monate einen Band zu liefern, aber durch eine ſolche Leiſtung, wie Sie da auf ſich nehmen, wuͤrde er ganz in den Schatten geſtellt.« „Die Sache erklaͤrt ſich ganz leicht. Er ſchreibt — ich ſchreibe niemals.“ „Sie ſchreiben niemals2“ MNiemals.“ „Nun wie zum Teufel bringen Sie denn Ihre Sachen fertig?“ „Ich componite. Seit dem Augenblick wo ich Sie hier traf, habe ich ein ganzes Kapitel der Memoiren eines Arztes eomponirt und dietirt.“ „Dictirt?“ „Ganz gewiß. Es iſt ſchon geſchrieben und wird mor⸗ gen in ganz Paris geleſen werden.“ „Herr Marquis, habe ich vielleicht die Ehre, eine Un⸗ terredung mit dem Satan zu halten 26 „Mon cher, vous me Haltez beaucoup. Ich habe es nicht fur nothig gehalten, meine Erfahrungen der theilneh menden Bruſt des Herrn Frederic Soulit mitzutheilen.“ „Dann haben Sie alſo einen spirilus familiaris,“ ſagte ich, indem ich einen argwoͤhniſchen Blick auf den Pudel warf, der eben eifrigſt beſchaͤftigt war, mit der Schnauze in ſeinem dicken wolligen Felle herumzuwuͤhlen. Der Marquis laͤchelte. „Die Freimuͤthigkeit, mit der Sie dieſen Argwohn aus⸗ ſprechen, mein lieber Freund, verdient eine ganz beſonders aus⸗ fuhrliche Antwort. Ich habe allerdings einen vertrauten Geiſt — das heißt, ich beſitze eine vertraute Perſon, die, obſchon abweſend, doch zu allen Zeiten bereit iſt, meine Gedanken aufzuzeichnen und in entſprechenden Worten die freiwilligen Regungen meiner Seele auszudruͤcken. Sie brauchen nicht zu erſchrecken. Die Kunſt iſt eine unſchuldige und die Aus⸗ uͤbung derſelben wurde mich, wenn ſie auch bekannt wuͤrde, durchaus nicht dem Tadel der Kirche blosſtellen.“ „Sie ſpannen meine Neugier auf's Hoͤchſte.“ „Nun, ſo hoͤren Sie zu. Einige Jahre lang habe ich mich mit der großten Aufmerkſamkeit der Wiſſenſchaft des animaliſchen Magnetismus gewidmet, einer Kunſt, welche ohne Zweifel die Grundlage der alten chaldaͤiſchen Weisheit bildete und welche, obſchon ſie jetzt wieder aufgelebt, doch durch die Ränke und Charlatanerien unwiſſender Betruger ſehr herabgekommen iſt. Ich brauche nicht in Einzelheiten einzugehen. Nach langem Suchen iſt es mir gelungen, ein Weſen zu finden, welches in ſeinem ſchlafenden oder geiſtigen Zuſtande eine vollkommene Verwandtſchaft mit dem meinigen hat. Wenn Leontine Dechapelles wacht, ſo werden Sie in ihr eine ganz gewoͤhnliche junge Dame finden, die allerdings mit einer wunderbaren Empfanglichkeit fuͤr Muſik begabt iſt, aber in anderer Beziehung nichts Bemerkenswerthes zu haben ſcheint. Sobald ſie aber ſchlaͤft, wird ſie gleichſam das Ge⸗ genſtuͤck, oder der Widerſchein meines eigenen Ichs. Jeder Gedanke, der durch meine Bruſt geht, ſteigt gleichzeitig auch in der ihren auf. Ich brauche nicht einmal die Worte aus⸗ zuſprechen. In Folge eines wunderbaren Prozeſſes ſtellen ſich ihr dieſe Gedanken ſo lebhaft dar, als ob ich auf die Kompoſition derſelben den lebhafteſten Fleiß verwendet haͤtte. Ich brauche ſie blos in den magnetiſchen Schlaf zu verſetzen und mein literariſches Erzeugniß fuͤr den Tag iſt ſo gut wie fertig. Ich gehe fort, ſchlendre in Paris herum, miſche mich in die Geſellſchaft, erſcheine muͤſſig und ſorglos und doch gehen während dieſer ganzen Zeit die idealen Perſonen mei⸗ nes Romans uͤber den Spiegel meines Geiſtes und vollbrin⸗ gen die ihnen zugetheilte Aufgabe. Ich habe es in dieſer Kunſt ſo weit gebracht, daß ich zwei, ſogar drei Romane auf einmal componiren kann. Wenn es Abend wird, kehre ich — nach Hauſe zuruͤck und dann finde ich Leontinen allerdings bleich und erſchoͤpft, aber mit einem ungeheuern Stoß Ma⸗ nuſcript vor ſich, welches die treue Niederſchrift meiner Ge⸗ danken enthaͤlt. Nun werden Sie vielleicht aufhoͤren, ſich uber eine ſcheinbare Fruchtbarkeit zu verwundern welche, die, wie ich wohl weiß, ſchon ganz Europa in Erſtaunen geſetzt hat⸗ Alles dies ſprach Monte⸗Chriſto mit ſo viel Ernſt und Wuͤrde, daß ich ganz verwirrt daſtand. Wenn er die Wahr⸗ heit ſprach, ſo war dadurch allerdings das groͤßte literari⸗ ſche Problem unſeres Jahrhunderts geloͤſ't, aber ich konnte kaum den Gedanken unterdrucken, daß er mich am Ende doch wohl zum Beſten habe. „Und wo wohnt ſie, dieſe Demoiſelle Leontine?“ ſagte ich. „In meinem Hauſe,“ antwortete er, „ſie iſt mein Adop⸗ tivkind. Die arme Leontine, manchmal, wenn ich ihre bleiche abgezehrte Wange betrachte, geht es mir ſehr nahe wenn ich bedenke, daß ſie eine Beruͤhmtheit, die allerdings unſterblich ſein wird, ſo theuer bezahlen muß. Aber es iſt dies einmal das Schickſal des Genius, mein Freund, dem wir uns Alle unterwerfen muͤſſen.“ Als der Marquis mit einem pathetiſchen Seufzer dieſe Worte ſprach, konnte ich nicht umhin, einen Blick auf ſeine ſtattliche athletiſche Geſtalt zu werfen. An dieſer zeigte ſich allerdings kein Schimmer von allzugroßer Anſtrengung oder Erſchoͤpfung, er ſah aus, wie die perſonificirte gute Kuͤche und 4— — es war ihm gelungen, von ſeiner eigenen Perſon jede Spur des Leidens fern zu halten, die es ihm ſo gefuͤhlvoll zu be⸗ klagen beliebte. „Ich ſehe ſchon, Sie zweifeln,“ ſagte de la Pailleterie. „Nun, ich kann mich gerade nicht daruͤber wundern, denn ich weiß, daß dergleichen Dinge der Faſſungskraft ſolcher unglaͤubigen Inſulaner ſeltſam erſcheinen. Ich will Ihnen aber einen Beweis geben, den ich einem Andern ſo leicht nicht geben wuͤrde, denn ich kann niemals den Dienſt ver⸗ geſſen, den Sie mir vor laͤngerer Zeit auf der Inſel Bour⸗ bon erwieſen. Sie ſehen dieſes kleine Inſtrument — hal⸗ ten Sie es an das Ohr. Ich werde Leontinen auffordern zu ſprechen und der Klang ihrer Antwort wird Ihnen durch dieſes ſilberne Rohr zugehen, welches mit ihrer magnetiſchen Conſtitution in genauem Rapport ſteht.“ Mit dieſen Worten gab er mir eine kleine ſchoͤn gear⸗ beitete filberne Trompete in die Hand, die ich ſofort an das Ohr ſetzte. 3 Monte-Chriſto richtete ſich zu ſeiner vollen Länge auf, heſtete ſeine ſchoͤnen Augen unverwandt auf den leeren Raum vor uns, fuhr einge Mal mit den Haͤnden auf und ab und ſagte dann: Meine Freundin, hoͤrſt Du mich? Wenn Du mich hoͤrſt, ſo antworte.“ Unmittelbar darauf und zu meinein Erſtaunen zitterte durch das ſilberne Rohr wunderbares ſußes Gefluͤſter. „Großer Meiſter! Ich hoͤre — ich gehorche.“ — — Mögen St. Mungo, St. Mirren und St. Rollor und alle Heiligen von ganz Irland mich in ihren Schutz neh⸗ men,“ rief ich, „hat je ein ſterblicher Menſch ſo etwas gehoͤrt!“ „Still, ſtill,“ ſagte der Margquis, „Sie zerſtoͤren ſonſt den Zauber. Leontine, biſt Du mit dem letzten Kapitel fertig *“ „Ja,“ ſagte die Stimme. „Soll ich die letzten Sätze leſen2“ „Thue es,“ entgegnete der Adept, welcher die Antwort gleichzeitig mit mir zu hoͤren ſchien. Die Stimme fuhr fort: „In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤre des Gemachs und Chon ſturzte herein. Mun, meine kleine Schweſter, wie geht es,“ ſagte die Graͤfin. „Schlecht.“ Wirklich?“ „Es iſt nur zu wahr.“ „De Noailles?“ „Nein“ „Ha.“ „D'Aiguillon?“ „Ihr irrt Euch. „Nun wer denn?“ „Philipp de Faverney, der Rit⸗ ter vom rothen Hauſe“ „a,“ rief die Gräfin, „ann bin ich verloren,“ und ſie ſank bewußtlos auf die Kiſſen nieder.“ „Sehr gut gemacht, Leontine,“ rief de la Pailleterie, „das iſt das ſiebente Kapitel, das ich ſeit dieſem Morgen com⸗ ponirt habe. Biſt Du muͤde, mein Kind?“ Ja, ſehr, ſehr muͤde,“ entgegnete die Stimme in ſchwermuͤthigem Tone. . „Du ſollſt bald ausruhen können. Komm hierher, ſiehſt Du mich?“ „Ach, Du biſt ſehr grauſam.“ „Ich verſtehe. Höre auf, müde zu ſein — ich will es.“ „O Dank, Dank.“ „Siehſt Du mich nun?“ „Ja wohl. O, wie ſchoͤn!“ Der Marquis ſtrich ſich ſeinen Bart. Wo bin ich?“ „An der Ecke der Place de la Concorde, nahe bei dem Garten der Tuilerien. O Du ungezogner Mann, Du haſt geraucht.“ „Wer iſt denn bei mir?“ „Ein Pudelhund,“ entgegnete die Stimme. Welch' ein ſchoͤnes Thier! So eben ſchnappt er nach einer Fliege. Komm her, Du armer Kerl.“ Der Pudelhund ſtieß ein winſelndes Geheul aus und rannte Monte⸗Chriſto zwiſchen den Beinen hindurch, ſo daß er den großen Magiker beinahe uͤber den Haufen geworfen hatte. „Wer iſt noch bei mir?“ fragte der Marquis. „Ein langer Mann mit blondem Haar. Ach, wie — „Was giebts2“ „Ich lache.“ „Woruͤber 2“ „leber ſeinen Anzug.“ „Worin beſteht dieſer?“ „In einem blauen Rock mit vergoldeten Knoͤpfen, einem weißen Hut und ſeltſamen roth⸗ und gelbgeſtreiften Bein⸗ kleidern.“ Ich ſtand da wie verſteinert. Es war ganz wahr Ich hatte dieſen Morgen in meiner Zerſtreuung vergeſſen, uber die langen Bergſchottenſtruͤmpfe, die ich gewoͤhnlich als Unterbeinkleider trug, ein paar Pantalons zu ziehen, ſo daß ich daſtand, wie ein Flamingo! „Iſt er huͤbſch?“ Ich verſtand die Antwort nicht deutlich. „So iſt es gut, mein lieber Marquis „ ſagte ich, in⸗ dem ich ihm die Trompete zuruͤckgab. „Ich bin nun von der Wahrheit Ihrer Behauptungen vollkommen uͤberzeugt und kann mich nicht mehr uber die erſtaunliche Fruchtharkeit Ihrer Feder — ich bitte um Verzeihung — Ihrer Erfin⸗ dungsgabe wundern. Ich bitte Sie, beläſtigen Sie Ihre ſchone Freundin meinetwegen nicht weiter. Ich habe vollkom⸗ men genug gehoͤrt, um mich zu uͤberzeugen, daß ich mich in der Gegenwart eines der außerordentlichſten Menſchen von ganz Europa befinde.“ „Ah, das iſt Spielerei, Jeder, der nur einigermaßen ſich mit den verborgenen Wiſſenſchaften beſchaͤftigt hat, koͤnnte daſſelbe thun. Doch wir ſprachen, wenn ich mich recht ent⸗ ſinne, von dem moraliſchen Einfluß und deſſen Macht. Ich behaupte, daß die Romanſchriftſteller, Theaterdichter, die wah⸗ ren Herren unſerer Zeit ſind, Sie im Gegentheile glauben an den Freihandel und an das Kauderwelſch der Staatsökonomie. Iſt es nicht ſo?“ „Sehr wahr, von dieſem Punkte gingen wir aus.“ „Nun, dann moͤchten Sie alſo eine Redolution ſehen?“ „Nun meinetwegen nicht, lieber Marquis. Ich gebe — — zu, daß ein ſolches Schauſpiel ſehr intereſſant iſt, aber es verlangt zu große Opfer.“ „Nicht im Mindeſten. In der That habe ich mich zu einem Umſturz entſchloſſen der noch dieſes Fruͤhjahr erfolgen ſoll, denn ich glaube wirklich, daß ein ſolcher viel dazu bei⸗ tragen wuͤrde, Frankreich in der Achtung des Auslandes wieder emporzubringen. Fruͤher oder ſpaͤter muß ein ſolcher Umſturz doch eintreten. Ludwig Philipp iſt alt, und der Unterſchied kann fuͤr ihn nicht ſehr groß ſein. Ueberdies habe ich den Guizot herzlich ſatt. Er giebt ſich als Hiſtotiker ein Air, welches ganz unertraͤglich iſt, und Frankreich kann ſich dies durchaus nkcht laͤnger gefallen laſſen. Der einzige Zwei⸗ fel, den ich hege, iſt, ob wir ein neues Miniſterium oder einen vollſtaͤndigen Wechſel der Dynaſtie haben muͤſſen.“ „Nun, Sie muͤſſen das am Beſten verſtehen. Was mich betrifft und da ich an der Sache kein weiteres Intereſſe habe, als Neugier, ſo wuͤrde ich mich durch einen bloßen R⸗ niſterwechſel zufrieden ſtellen laſſen.“ „Ja, aber es giebt noch andere Ruͤckſichten zu es läͤßt ſich ſowohl fur als dagegen viel ſagen. Organiſche Veraͤnderungen ſind allerdings ſehr gefäͤhrlich, aber gleich⸗ zeitig moͤſſen wir doch auch unſere volle und legitime Frei⸗ heit durchſetzen. Was wuͤrden Sie in dieſem Falle thun?“ Mir fiel ſogleich Victor Hugo's einfache und roman⸗ tiſche Methode ein, zwiſchen widerſtreitenden Meinungen zu entſcheiden, wovon er in ſeinem ſchaͤtzbaren Drama Lucretin Borgia ein Beiſpiel gegeben. Die Engländer in den Tuillerien, 2 — — „Iſt es wirklich Ihr Ernſt,“ ſagte ich, „daß Sie irgend einen Wechſel herbeifuͤhren werden ?“ „Ich bin,“ ſagte der Marquis, „eben ſo feſt entſchloſſen, wie Prometheus auf dem Kaukaſus.“ „Nun ſo wollen wir eine Muͤnze in die Hoͤhe werfen und die Fragen eines neuen Kabinets oder einer neuen Dyna⸗ ſtie ganz der Entſcheidung des Zufalls anheim geben. „Ein guter und gottesfuͤrchtiger Gedanke,“ entgegnete der Marquis de la Paillerie. „Hier iſt ein Fuͤnffranken⸗ ſtuͤck. Ich werde es werfen und Sie ſollen ſagen, was Schrift oder Bild bedeuten ſoll.“ Empor flog das Geldſtuck, von welchem das Schickſal Frankreichs abhaͤngen ſollte und wirbelte luſtig in der ſtillen Abendluft. „Das Bild ſoll ein neues Miniſterium bedeuten,“ rief ich, und die Muͤnze fiel klirrend auf den Kies nieder. Wir ſtuͤrzten Beide darauf zu. „Es iſt die Schrift,“ ſagte der Marquis andächtig. „Schickſal, Du haſt es gewollt und ich bin nur Dein Werk⸗ zeug. Leben Sie wohl, mein Freund. In zehn Tagen ſol⸗ len Sie mehr davon hoͤren. Mittlerweile muß ich noch Vie⸗ les abmachen. Arme Leontine, Du haſt eine ſchwere Auf⸗ gabe vor Dir.“ Wenn Sie nach Hauſe gehen,“ ſagte ich, „ſo erlau⸗ ben Sie mir, Sie bis dahin zu begleiten. Wir haben Einen „Das geht nicht,“ entgegnete der Marquis nachdenk⸗ lich. „Ich ſpeiſe heute bei Vefour und muß Abends der Vorſtellung im Theater der Porte St. Martin beiwohnen. Ich bin niemals ſo viel allein, als im Gewuͤhl. O, Frank⸗ reich, Frankreich, was leide ich fuͤr Dich.“ Mit dieſen Worten ſtreckte Monte⸗Chriſto ſeine Hand aus, die ich innig druͤckte. Ich war ſtolz auf das Band, welches mich an ein ſo hohes und erhabenes Weſen feſſelte. „Ach mein Freund,“ ſagte ich, „ach mein Freund, jetzt iſt noch Zeit. Ware es nicht vielleicht weiſer und beſſer, die⸗ ſes Unternehmen aufzugeben?“ „Sie vergeſſen, entgegnete der Andere feierlich, „daß das Schickſal es gewollt hat. Gehen Sie, und laſſen Sie uns Jeden ſein Schickſal erfullen.“ Mit dieſen Worten nahm dieſer außerordentliche Mann ſeinen Pudel unter den Arm und war binnen wenig Augen⸗ blicken unter den Alleen der Tuileriengaͤrten verſchwunden. 2* Bweites Rapitel. Die Idus des März. Es vergingen mehrere Tage, waͤhrend welcher Paris ſeine gewohnte Ruhe zeigte. Das Auge eines Fremden wuͤrde nur wenig Veraͤnderung in der Haltung des Volkes bemerkt haben und ſelbſt in den Salons ſprach ſich keine ſtarke Ver⸗ muthung aus, daß irgend ein wichtiges Ereigniß bevorſtehe. In der franzoͤſiſchen Hauptſtadt ſieht man einer Revolution eben ſo ruhig entgegen, wie das Volk in England dem verkuͤndeten Untergang der Welt entgegen ſieht. Das Er⸗ eigniß wird ſtets prophezeiht — es wird viel davon geſpro⸗ chen, aber die Prophezeihung geht ſo oft nicht in Erfullung, daß man zuletzt nicht mehr daran glaubt. In der Kammer ward allerdings viel uͤber das Reformbankett geſprochen und man ließ die gewoͤhnlichen unbeſtimmten Drohungen hoͤren, wenn ein Verſuch gemacht werden ſollte, die Freiheit des Volks zu beſchraͤnken. Aber dieſe Demonſtrationen waren — — ſo oft wiederholt worden, daß Niemand an einen ernſthaf⸗ teu oder kritiſchen Ausgang glaubte. Der kleine Thiers machte allerdings ſehr heftin Geber⸗ den, und Odillon⸗Barrot nahm eine aufgeblaſene Miene an und verſuchte in unſern kleinen patriotiſchen Verſammlungen auszuſehen, wie ein roͤmiſcher Buͤrger, aber ich konnte es nicht glauben, daß es einem von Beiden wirklicher Ernſt ſei. Wir alle kennen das Spiel, welches in England geſpielt wird, wo die Thuͤren des Miniſterkabinets nach dem Prinzip mei⸗ ner Schwarzwälder Wanduhr conſtruirt ſind. Wenn das Wetter gut iſt, ſo ſieht man die ehrgeizige Geſtalt des Lord John Ruſſell auf Wache ziehen, und wenn es ſtuͤrmiſch zu werden droht, ſo zieht ſich die kleine Schildwache zuruͤck und macht Platz fuͤr den Grenadier von Tamworth.*) Gerade ſo war es in Paris. Man erwartete, daß Guizot, wenn er von ſeinem Standpunkte hinwegrollte, durch den gewandte⸗ ren und unternehmenderen Thiers, und der ſchlaͤfrige Duͤcha⸗ tel durch den breitſchultrigen Barrot erſetzt wuͤrden. Gleichzeitig konnte ich aber nicht umhin, den weit thaͤ⸗ tigeren Zuſtand der Preſſe wahrzunehmen. Ich will damit nicht ſagen, daß die blos politiſchen Artikel ein mehr als gewoͤhnliches Feuer an den Tag gelegt hätten, aber durch die ganze Literatur des Tages zog ſich eine tiefere Stroͤmung ) Robert Peel. — — von revolutionairen Gedanken, die eine wunderbare Einmuͤ⸗ thigkeit verriethen. Es ward weniger als gewoͤhnlich von Marengo, Auſterlitz oder auch den drei beruͤhmten Julitagen geſprochen. Die Gemuͤther der Menſchen wurden weiter zu⸗ ruͤck auf eine Periode hingewieſen, wo die Republik Alles in Allem war, wo Frankreich iſolirt unter den Nationen da⸗ ſtand, groß an Verbrechen und trunken von ſeiner neuge⸗ wonnenen Freiheit. Der Verlauf eines halben Jahrhunderts reicht hin, dem Andenken des groͤßten Schurken und Moͤr⸗ ders eine Art Heiligenſchein zu verleihen. Wir haben ge⸗ ſehen, wie man Dick Turpin und Jack Sheppard aus ihren Graͤbern wieder herausgewuͤhlt und zu Helden der modernen Romantik gemacht hat, und daſſelbe Verfahren ward jetzt auf die Aſche des beruͤhmten Anacharſis Clootz und anderer Pa⸗ trioten der Schreckensregierung angewandt. Alles dies geſchah ſehr ſchlau, und ich muß ſagen, mit vollendeter Geſchicklichkeit. Sechs oder ſieben gleichzeitig er⸗ ſcheinende Romane erinnerten das Publikum an ſeine fruͤ⸗ here Freiheit von jeder Herrſchaft, und ungefaͤhr eben ſo viel Theaterſtuͤcke verkundeten jeglicher Tyrannei den Untergang. Mir gefiel der Spaß. Der Menſch iſt von Natur ein revolutionaires Thier, ganz beſonders wenn er nichts zu ver⸗ lieren hat, und ich brauche wohl nicht erſt zu bemerken, daß nur ein ſehr kleiner Theil meiner Kapitalien in den fremden Fonds angelegt war. — Meinen Freund, den Marquis, ſah ich wenig anders, als wenn ich ihm auf der Promenade begegnete oder ihn im Theater grußte, wo er niemals verfehlte ſich einzuſtellen. Ein zufaͤlliger Beobachter wuͤrbe geglaubt haben, daß de la Pailleterie auf der Welt gar nichts weiter zu thun haͤtte, als in Paris umherzuſchlendern und ſeinem Vergnuͤgen nachzu⸗ gehen. Ein oder zweimal jedoch gegen Abend begegnete ich ihm in ſeiner Nationalgardenuniform, Feuer im Auge, Eile im Schritt und feſte Entſchloſſenheit auf der Stirn, und ich konnte, als ich ihn betrachtete, nicht umhin, mich in die Zeit zu verſetzen, wo Athos, Porthos und Aramis lebten. Endlich erhielt ich das erwartete Billet und ſtellte mich an dem beſtimmten Abend puͤnktlich in ſeinem Hauſe ein. Die Zimmer waren ſchon mehr als halb gefullt. „Sind die Idus des Maͤrz gekommen,“ ſagte ich, indem ich Monte⸗Chriſto's dargebotene Hand ergtiff. „Sie ſind gekommen, aber noch nicht voruͤber,“ ent⸗ gegnete er. „Sie haben das Stuͤck geſehen, welches ſo große Senſation hervorgerufen hat“ „Allerdings. Ein wunderbares Produkt. Von wem iſt es?“ Ein geheimnißvolles Lächeln ſpielte um die Lippen mei⸗ nes Freundes. „Kommen Sie,“ ſagte er, „laſſen Sie mich Sie einem Landsmanne, einem Gleichgeſinnten vorſtellen, einem Manne, dem wie Ihnen daran liegt, daß unſer armes Land der Seg⸗ nungen der brittiſchen Webſtuhle theilhaftig werde. Mr. Hutton Bagsby — Mr. Dunshunner.“ Bagsby war ein ziemlich dicker Mann mit unen Kopf und einer Naſe, welche ſeine Vorliebe fur die feurige Traube von Portugal verrieth. „Ihr Diener, mein Herr,“ ſagte er, ich hoͤre, daß Sie Freiheitsmann ſind, ein Anhaͤnger von Cobdens und ge⸗ neigt, die Sache mit durchzumachen. Ich frue mich, hier einen Menſchen von geſundem Verſtand zu ſehen. Wenn ich mit dieſen franzoſiſchen Burſchen von Calico ſpreche, ſo fangen ſie an von Fraternität zu ſchwatzen, was, wie ich mir denke, Froſcheſſen bedeutet, denn ich verſtehe von ihrem Kauderwelſch kein Wort.“ „Jede Nation hat ihr Steckenpferd,“ entgegnete ich, wiſſen Sie, Mr. Bagsby, wir halten uns für practiſcher „als die Franzoſen, und bleiben bei der Hauptſache; die Franzoſen dagegen beſchaͤftigen ſich mit ſocialen Uebelſtaͤnden und mit Dem, was ſie die Rechte der Arbeiter nennen.“ „Die Rechte der Arbeiter!“ rief Bagsby; vich will mich haͤngen laſſen, wenn ich glaube, daß die Arbeiter uͤberhaupt ein Recht haben; weg mit allem Schutz! ſage ich. Man bewache die Intereſſen der Mittelklaſſen und laſſe dem Ka⸗ pitale ſeine Herrſchaft. Was dieſe vermaledeiten Arbeiter be⸗ trifft, ſo mag ſich um dieſe kuͤmmern, wer Luſt hat. Wir — — haben keine Luſt dazu und die Sache geht uns weiter nichts an. Als ich in der League war, ging unſere Abſicht dahin, das Getreide herunterzubringen, damit die Arbeit wohlfeiler nuͤrde und nun, da wir es ſoweit gebracht haben, ſollen wir uns wohl mit ſolchen albernen Fragen, wie die Rechte der Arbeiter ſind, einlaſſen? Dieſe Franzoſen ſind doch er⸗ baͤrmliche Kerle, und von dem richtig Commerziellen verſtehen ſie weder Gicks noch Gacks.“ „Ha, Lamoricikre, ſagte unſer Wirth, indem er einen Stabsoffizier anredete, der ſoeben in das Zimmer getreten warz „wie geht es, hat ſich in der Kammer ein Reſultat der heutigen Demonſtration gezeigt?“ Ma koi, das ſollte ich meinen! Die Banquet's ſind verboten, man ſpricht davon, die Miniſter in Anklageſtand zu verſetzen und mittlerweile rollen die Munitionswagen zu Hunderten durch die Stadt.“ „Alſo ſteht zu vermuthen, daß unſer alter Freund Ma⸗ caire Stand halten werde.“ „Es iſt ſehr moͤglich, daß der reſpectable Herr etwas verſucht, ſagte der Kommandant, indem er eine Priſe nahm. „Beilaͤufig geſagt, die Nationalgarde muß morgen fruͤh bei Zeiten ausruͤcken. Mit Tagesanbruch wird Appell geſchlagen. Auf dem Boulevard regte es ſich ſchon, und als ich hierher⸗ kam, ſah ich das Volk zu Tauſenden bei Fackellicht die Abend⸗ jorunale leſen.“ — — „Dos iſt die Freiheit!“ rief ein kleiner Herr, der dem General ſehr aufmerkſam zugehoͤrt hatte. „Das iſt die Frei⸗ heit! Sie haͤlt ihren Bivouac, wenn die Nacht einbricht, bei der Fackel der Vernunft, und das nächſte Morgenroth ergluhet von dem Glanz der Sonne von Auſterliz.“ Ein lautes Beifallsgemurmel folgte dieſen Worten. „unſer Freund iſt groß heute Abend,“ fluͤſterte Monte⸗ * Chriſto, „und morgen wird er vielleicht noch groͤßer. Wenn Ludwig Philipp nachgiebt, ſo wird er vielleicht Premiermini⸗ ſter — wenn aber das Feuern losgeht, ſo glaube ich, er wird ſich irgend wohin verkriechen. Ah, Monſieur Albert, will⸗ kommen von Cannes. Wir haben Sie ſchon ſeit einiger Zeit erwartet und Sie ſind um keinen Augenblick zu fruͤh ge⸗ kommen.“ 90 Der mit dieſen Worten Angeredete war ein Mann von mittlerer Große, ſchon ziemlich bejahrt und ſehr ſchlecht ge⸗ kleidet. Er trug einen abgeſchabten grauen veberrock, carrirte Beinkleider und der untere Theil ſeines Geſichts war in den Falten einer ſchwarzen Cravatte begraben. Seine Zuge wa⸗ ren markirt und es war mir, als hätte ich ſie ſchon fruͤher einmal geſehen. Die kleinen grauen Augen rollten unruhig unter den zottigen Brauen herum, die Backenknochen ragten weit hervor, zu beiden Seiten des Mundes zei ſich eine tiefe Furche, und die ganz eigenthumlich geſtaltete Naſe ſchien mit einem abgeſonderten Leben begabt zu ſein und fuͤhrte eine — W — Reihe der außerordentlichſten mechaniſchen Evolutionen aus. Im Ganzen genommen ließ mich das Ausſehen dieſes Man⸗ nes auf eine ſtarke aber ſchlecht geleitete Willenskraft ſchließen, ſowie auf jenen raſtloſen Trieb der Thaͤtigkeit, welcher vor⸗ zugsweiſe der Vater des Unheils iſt. Monſieur Albert ſchien ſich eben nicht angelegen ſein zu laſſen, viel Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Er dankte unſerm Wirth mehr mit den Augen als mit Worten, warf einen argwoͤhniſchen Blick auf Bagsby, der ihm gerade ins Geſicht gaffte, wurdigte mich ebenfalls eines Blickes und ver⸗ lor ſich dann unter der Menge. Ich war zugleich neugierig, etwas mehr uͤber dieſen Mann zu erfahren. „Sie entſchuldigen, mein lieber Marquis,“ ſagte ich, „wer iſt denn dieſer Monſieur Albert?“ „Albert! Es iſt moͤglich, daß Sie noch nicht, — doch ich vergeſſe, was ich ſagen wollte. Ich kann Ihnen blos ſagen, mon cher, daß dieſer Monſieur Albert ein ſehr merk⸗ wuͤrdiger Mann iſt, von dem man ſpäter in den Reihen des Volks mehr hoͤren wird. Sie ſcheinen ein Geheimniß zu argwoͤhnen. Ja, ja! es giebt Geheimniſſe in allen großen Dramen wie das, welches jetzt um uns her vorgeht, vor der Hand aber muͤſſen Sie ſich begnuͤgen, meinen Freund als ſimplen Arbeiter Albert zu kennen.“ 2 „Ich will mich aufhangen laſſen, wenn ich dieſen Men⸗ ſchen in dem ſchwarzen Kittel nicht ſchon fruher geſehen habe,“ ſagte Mr. Bagsby, „oder auf alle Falle habe ich ſei⸗ nen Doppelgaͤnger geſehen. Hoͤren Sie, Mr. — k ner, wer iſt der Kerl, der ſo eben hereinkam?“ „Ich kann es Ihnen wirklich nicht ſagen, Mr. Bagetn. Monte⸗Chriſto nenn ihn einfach Monſieur Albert, Arbeiter“ „Und das iſt wohl der Grund Ihrer Sewuſheſte Dummes Zeug! Wiſſen Sie, mir ſcheint er viel keit mit einem vornehmen Herrn zu haben, der — Hier ſtuͤrzte ein Adjutant geſtiefelt und n in's Zimmer herein. „General! Man bedarf Ihrer augenblicklich, die Emeute hat begonnen, halb Paris greift zu den Waffen und man ſingt die Marſeillaiſe auf den Straßen.“ „Weiter nichts?“ ſagte der General, der mit unnach⸗ ahmlicher Kaltbluͤtigkeit ein Glas Orgade ſchlurfte. „Guizot hat reſignirt.“ „Bravo!“ rief der kleine oben erwaͤhnte Herr und that einen Bockſprung, der einem Veſtris Ehre gemacht haben wuͤrde. „Ich erfuhr,“ ſagte der Adjutant weiter, „als ich hier herkam, daß der Graf Molé gerufen worden.“ „Molé? Bah, ein Dummkopf!“ murmelte der kleine Staatsmann. „Ein ſolch' erbaͤrmliches Reſultat verlohnte ſich nicht einer Revolution.“ „Und was ſagt das Volk?“ fragte unſer Wirth. „Cela ne suffira pas.“ „Ah les bons citoyens! Ah, les braves gargons! Je les connais!“ und hier fuͤhrte der in spe eine an⸗ muthige Pirouette aus. „MNichts deſto weniger,“ ſagte Lamoriciere, „muͤſſen wir unſete Pflicht thun.“ „Und dieſe iſt2“ fragte de la Pailleterie. Auf alle Faͤlle das Spiel zu Ende ſpielen zu laſſen,“ entgegnete der militairiſche Patriot, „und deshalb, meine Herren, habe ich die Ehre, Ihnen Allen gute Nacht zu wuͤn⸗ ſchen.“ „Aber ſo warten Sie doch, General,“ riefen zwei oder drei Stimmen, „was rathen Sie uns denn zu thun?“ „Erſtens, meine Herren,“ entgegnete der Krieger, und ſeine Worte wurden mit der tiefſten Aufmerkſamkeit angehoͤrt, „erſtens moͤchte ich Ihnen empfehlen, da es auf den Straßen unruhig zugeht, die Damen nach Hauſe zu begleiten. So⸗ bald Sie dieſe Pflicht erfuͤllt haben, wird Ihr eigenet Scharf⸗ ſinn wahrſcheinlich Ihr Füͤhrer ſein. Die Nationalgarde wird ſich natuͤrlich an ihren Sammelplätzen aufſtellen. Die⸗ jenigen Herren, welche Geſchmack an der Architektur finden, werden wahrſcheinlich die Gelegenheit benutzen, einige Barrika⸗ den in verſchiedenen Theilen der Stadt zu beaugenſcheinigen, und ich habe immer bemerkt, daß hinter einer Mauer dieſer Art, von den voruberfliegenden Kugeln wenig zu beſorgen „ iſt. Andere, welche das Feuerwerk lieben, werden ohne Zwei⸗ fel ebenfalls Gelegenheit finden, ſich in dieſer Kunſt zu ver⸗ vollkommnen. Aber ch fuͤrchte, meine Herren, ich halte Sie auf unverantwortliche Weiſe auf, und da ich bemrke, daß das Feuern begonnen hat, ſo habe ich die Ehre, meine gute Nacht zu wiederholen.“ Und in der That ließ ſich bei den letzten Wort Generals draußen ein ziemlich lebhaftes Gewehrfeueuer v 3 nehmen. Die ganze Geſellſchaft gerieth in Verwirrung, meh⸗ rere Damen verriethen Luſt in Ohnmacht zu fallen und ſan⸗ ken ſofort in die Arme ihrer reſpectiven Kavaliere. Der aufſtrebende Staatsmann war verſchwunden; ob er unter das Sopha, oder den Schornſtein hinaufgekrochen war, das weiß ich nicht, aber er war nirgends mehr zu ſehen. Monte⸗Chriſto befand ſich im Zuſtande der großten Aufregung. „Ich habe mein Wort gehalten,“ ſagte erz „in der Geſchichte erhaͤlt die ganze Sache vielleicht ſpäter eine ganz andere Auslegung, aber ich rufe Sie zum Zeugen auf, daß die Revolution ein Triumph des Genius war. O Frankreich,“ fuhr er fort, indem er ſich die Taſchen mit Mactaroni fuͤllte, „die Stunde deiner Emancipation iſt gekommen.“ Da ich eine Dame von mittlern Jahren bemerkte, welche ſich nach der Thuͤr zu bewegte, ohne einen Begleiter zu haben, ſo hielt ich es fuͤr meine Pflicht, ihr meine Dienſte anzu⸗ 6 — — bieten. Ich ward jedoch daran ſehr durch Mr. Hutton Bagsby verhindert, der ſich voller Angſt an die Schoͤße meines Rockes anklammerte. Darf ich es wagen, Mnbeme, meine Begleitung anzu⸗ bieten?“ ſagte ich mit einer ehrerbietigen Verbeugung. Die Dame ſchaute mich mit unverſtelltem Erſtaunen an. „Ich glaube, Monſieur irrt ſich,“ ſagte ſie ruhig. „Vielleicht glaubt er, ich trage einen Fächer. Schauen Sie her —“ und ſie ließ unter ihrem Umſchlagetuche den Kolben einer ungeheuern Reiterpiſtole hervorblicken. „Die Verfaſſe⸗ rin der „Lelia“ weiß recht wohl ſich ſelbſt Achtung zu ver⸗ ſchaffen.“ „George Sand!“ rief ich uͤberraſcht und erſtaunt. „Derſelbe, der ſich freuen wuͤrde, Sie heute Abend ſo zeitig als moͤglich hinter der Barricade der Rue Montmartre zu treffen.“ „Ach du lieber Gott,“ rief Mr. Hutton Bagsby, „das iſt eine ſchoͤne Geſchichte. Da draußen ſchießen ſie wie toll, es wird nicht lange dauern, ſo brechen ſie in das Haus und wir werden ermordet bis auf den letzten Mann.“ „O fuͤrchten Sie nichts, Mr. Bagsby, dies iſt eine bloße politiſche Revolution. Gegen Fremde hat das Volk nicht die geringſte Animoſität.“ „Wirklich nicht? Ich wollte, Sie haͤtten geſehen, auf — — welche Weiſe der Kellner heute morgen nach meiner Toilette ſchielte. Ich glaube, ſie hingen mich gleich an den naͤchſten Laternenpfahl, um nur meine Uhr mit der großen goldenen Kette zu bekommen. Ich wollte, die Anfuͤhrer der League waͤren gehangen worden, bevor ſie mich hierher ſchickten.“ „O! Alſo ſind Sie in einer Miſſion hier?“ „Ja, ich bin ein Delegirter, wie ſie es nennen. O lieber Gott, ich wollte, es fuͤhrte mich Jemand nach Hauſe.“ „Wo wohnen Sie Mr. Bagsby?“ „Ich weiß den Namen der Straße nicht, und der Mann der mich hierhergebracht hat, iſt ſo eben mit einer Flinte fort⸗ gegangen. O du lieber Gott, was ſoll ich machen?“ Ich war wirklich ſelbſt in Verlegenheit. Monte⸗Chriſto und die meiſten ſeiner Gaͤſte waren fort und ich kannte Nie⸗ mand, dem ich den unglucklichen, erſchrockenen Freihandels⸗ mann haͤtte uͤberantworten koͤnnen. Ich bemitleidete den armen Bagsby aufrichtig, der ſich zu dieſer Art von Geſchich⸗ ten durchaus nicht eignete und ſtand eben im Begriff, ihm ein Aſyl in meiner eigenen Wohnung anzubieten, als ich mich an der Schulter beruhrt fuͤhlte und, als ich mich um⸗ ſah, die intelligenten, obſchon Zuͤge Alberts, des Arbeiters, erkannte. „Sie ſind Beide Engindere⸗ ſagte er in volkummmn reinem Dialekt. Bh bien, ich liebe die Englaͤnder und ich wuͤnſchte nur, ſie verſtunden uns beſſer. Sie ſind in Ver⸗ 4 legenheit und ich will Ihnen beiſtehen. Kommen Sie mit mir, Sie koͤnnen ſich auf die Ehre eines Mitglieds des In⸗ ſtituts verlaſſen. Wenn ich auch bloß ein Arbeiter bin, ſo habe ich hier doch einigen Einfluß. Kommen Sie. Nur eine Vorſichtsmaßregel empfehle ich Ihnen, meine Herren; bedenken Sie, wo Sie ſind und daß die Parole fur dieſen Abend: Fra- ternité, Egalité lautet. Sie verſtehen? Laſſen Sie uns keine Zeit verlieren, ſondern folgen Sie mir.“ Mit dieſen Worten ſchritt er durch die Thuͤr, Bagsby ſagte kein Wort, ſondern klammerte ſich an meinen Arm. Abet als wir die Treppe hinuntergingem, fluͤſterte er, ſo gut als es ihm das — ſeiner Zaͤhne geſtattete, mir in di Ohren: „Er iſt es — nun bin ich vollkommen uͤberzeugt! Wer in aller Welt haͤtte das geglaubt.“ Die Engländer in den Tuilerien. 3 — . Drittes Rapitel. Die Barrikaden. Auf den Straßen ging es wild und ſtuͤrmiſch zu. Ueber⸗ all begneten wir Schaaren von wild ausſchenden, in Blou⸗ ſen gekleideten, mit Musketen bewaffneten Arbeitern, welche ſich nach den Boulevards zudraͤngten. Zuweilen zogen ſie in eiligen Trupps voruͤber, zuweilen ward der Weg durch eine regelmäßige Prozeſſion geſperrt, welche Fackeln trug und die Marſeillaiſe ſang. Diejenigen, welche die phyſiſchen Krafte der franzoͤſiſchen Nation nach den Exemplaren beurtheilen, die ihnen gewöhnlich auf den Straßen von Paris begegnen, koͤnnen ſicher ſein, daß ſie ſich eine ganz falſche Vorſtellung machen. Ein kräͤftigerer und athletiſcherer Menſchenſchlag, als die Arbeiter von Paris, iſt wohl kaum in Europa zu finden und ich geſtehe, daß ich nicht ohne einen gewiſſen Anflug von Schrecken mich in der Mitte dieſer wilden unbezähmbaren Menge ſah, deren wuͤthende Geberden Zeugniß von ihrer Aufregung gaben und die ſchon die ſehnigen Arme entblößt und zum Blutbad fertig gemacht hatten. In Betracht der ungeheuern Militairgewalt, die, wie ich wußte, in und um Paris ſtationirt war, ſchien es mir faſt ein Wunder zu ſein, daß keine wirkſame Demonſtration ge⸗ macht worden war. Moͤglicherweiſe konnten die Truppen auf einigen der breitern Straßen oder Plätze aufgeſtellt ſein, aber jetzt waren wir noch keinen begegnet. Zuweilen marſchirten allerdings einzelne Abtheilungen der Nationalgarde voruͤber, aber dieſe ſchienen nicht als ein Theil der Militairgewalt be⸗ trachtet zu werden und eben ſo wenig unternahmen ſie thaͤ⸗ tige Schritte zur Unterdruckung der Ruheſtoͤrung. Dann und wann verkuͤndete jedoch uns entferntes Feuern, S der Kampf begonnen hatte. Der arme Bagsby klammerte ſich halbtodt vor Angſt an meinen Arm an. Ich hatte ihm, als wir auf die Straße heraustraten, geſagt, daß er unter keiner Bedingung den Mund aufthun, oder irgend eine Bewegung machen ſolle, welche ſeine Abſtammung verrathen könne. Er war auch ganz gelehrig und folgte hinter Monſieur Albert her, fromm wie ein Lamm. Dieſe geheimnißvolle Perſon ſchritt kuͤhn vorwaͤrts, lachte heimlich vor ſich hin und legte eine außer⸗ ordentliche Kenntniß der Topographie von Paris an den Tag. Ein oder zwei Mal wurden wir hier angehalten und ausgefragt, aber einige wenige cabbaliſtiſche Worte von un⸗ 3* — 36 — ſerm Anfuhrer loſ'ten alle Schwierigkeiten und man geſtat⸗ tete uns unter lautem und ſtuͤrmiſchem Beifallsgeſchrei, wei⸗ ter zu gehen. Endlich als wir uns dem Nusgange einer langen ſchma⸗ len Straße naͤherten, hörten wir ein furchthares Geſchrei und das unverkennbare Getoͤſe des Kampfes⸗ „Da kommen die Municipalgarden,“ rief Monſieur Albert ſchnell, „dieſe Kerle fechten wie Teufel und ſcheuen keinen Menſchen. Fliehen Sie, meine Herren. Kommen Sie mit hierher und ſchnell, wenn Sie nicht wollen von ein⸗ ander gehauen werden, wie ein Eidotter.“ Mit dieſen Worten bog der Atbeiter in eins der klei⸗ nen Gäßchen ein und wir verloren keine Zeit ſeinem Bei⸗ ſpiel zu folgen. Ich hatte nicht die geringſte Idee von der Localitaͤt, in der wir uns befanden. Aber es ſchien klar, daß wir in einen der ſchlimmſten Viertel von Paris wa⸗ ren. Alle Laternen in dem Gäßchen waren zerſchlagen, ſo daß wir uns von dem wirklichen Ausſehen deſſelben kei⸗ nen genauen Begriff machen konnten. Daß der Koth uns jedoch bis an die Knöchel ging, davon waren wir über⸗ zeugt — ein Umſtand, der keineswegs geeignet zu ſein ſchien, die Exiſtenz meiner lackirten Stiefeln zu verlaͤn⸗ gern. Im Ganzen genommen gefiel mir unſere Situtation durchaus nicht und ohne die Buͤrgſchaft in Bezug auf Mon⸗ ſieur Alberts Soliditaͤt, die in ſeiner Bekanntſchaft mit — Monte⸗Chriſto lag, glaube ich wuͤrde ich, es vorgezogen haben, mich der Municipalgarde in die Arme zu werfen Was den armen Bagsby betraf, ſo klapperten ſeine Zaͤhne wie Caſtagnetten. „Sie ſcheinen zu frieren, mein Herr,“ ſagte Albert keiſe, als wir einen Theil des Gäßchens erreichten, der zu beiden Seiten von altem Gemaͤuer eingeſchloſſen zu ſein ſchien. „Es iſt allerdings eine abenteuerliche Nacht fuͤr einen Kattunweber aus Mancheſter, wenn er ſo in den Straßen von Paris herumwandern ſoll.“ „O mein Gott, Sie kennen mich alſo?“ fluͤſterte Bagsby in klaͤglichem Tone. „Ob ich Sie kenne? Ha, ha!“ entgegnete der Andere mit dem Gelaͤchter des dritten Böſewichts in einem Melo⸗ drama. „Wer kennt nicht den Buͤrger Bagsby, den großen Vorkaͤmpfer der League — Bagsby, den Millionair!“ „Es iſt nicht wahr, bei meiner armen Seele,“ rief Bagsby, „ich bin nichts der Art. Ich habe auf der gan⸗ zen Welt nicht hundert Pfund, die ich mit Recht mein Eigenthum nennen koͤnnte.“ „Dann hat Ihnen die Welt alſo unrecht gethan,“ fagte Albert, und die Wahrheit zu geſtehen, Sie naͤhren die Täuſchung dadurch, daß Sie ſo viel maſſives Gold an ſich tragen. Ich ſollte z. B. meinen, daß die Kette da um Ihren Hals ihre fuͤnfzig Louisd'or werth ſein muß.“ Bagsby gab keine Antwort, ſondern krallte ſich wie ein Papagei nur um ſo feſter an meinen Arm. „Es iſt hier eine ſehr unheimliche Gegend,“ fuhr Albert in einem Tone fort, der aus einem Grabe zu kom⸗ men ſchien. „Im vorigen Winter wurden hier auf derſel⸗ ben Stelle drei Menſchen beraubt und ermordet. Es be⸗ findet ſich da eine große Schleuße, die in die Seine fuͤhrt und ich ſah die Leichen den andern Tag in der Morgue. Die Kehlen waren ihnen von einem Ohr zum andern durch⸗ geſchnitten.“ Aus einem leiſen hervorgeſtoßenen Seufzer ſchloß ich, daß Bagsby ein ſtilles Gebet zum Himmel ſchickte. „Dieſes hier,“ ſagte der Arbeiter, „ſind die Mauern eines Schlachthauſes; auf der andern Seite befindet ſich der Schuppen, in welchem gewohnlich die Guillotine ver⸗ wahrt wird. Haben Sie dieſes Inſtrument ſchon einmal geſehen, Mr. Bagsby?“ „Gott behuͤte uns, nein,“ ſeufzte der Delegirte. „O, Monſieur Albert, Sie moͤgen ſein, wer Sie wollen, fuh⸗ ren Sie uns aus dieſer Gegend hinweg, oder ich verliere den Verſtand. Wenn Sie meine Uhr haben wollen, ſo ſagen Sie mir es gerade heraus und auf mein Wort, ich gebe ſie Ihnen herzlich gern.“ „Hoͤren Sie, lieber Freund,“ ſagte Monſieur Albert, „ich haͤtte beinahe Luſt Sie wegen Ihrer nichtswuͤrdigen unverſchaͤmtheit die ganze Nacht hier zu laſſen. Ich wußte gleich von Anfang an, daß Sie ein Feigling durch und durch ſind, aber ich werde noch geeignetere Mittel finden, Sie zu zuͤchtigen. Kommen Sie weiter, Herr, wir find nun aus dem Gaͤßchen heraus und an einem Orte, wo Ihre Haͤnde beſſer fuͤr die Freiheit des Volks beſchaͤftigt werden, als Ihr Kopf es jemals war, als Sie zu Hauſe daruͤber nachdachten, wie man dem Arbeiter noch ſchlimmere Buͤr⸗ den auflegen koͤnnte.“ Wir traten jetzt in einem offenen, anſcheinend ganz lee⸗ ren, von einer einzigen Laterne erleuchteten Hof hinaus, aber auf ein leiſes Pfeifen von Monſieur Albert ſtuͤrzten zwanzig oder dreißig Individuen in Blouſen herbei und um⸗ ringten uns. Ich geſtehe, daß mir in dieſem Augenblick nicht ganz wohl zu Muthe war, denn obſchon ich uͤberzeugt war, daß unſer Fuͤhrer ſich blos auf Bagsby's Koſten etwas luſtig gemacht hatte, ſo war doch das Erſcheinen ſeiner Mitverſchworenen etwas ploͤtzlich und auffällig. Was Bagsby betraf, ſo erwartete dieſer offenbar nichts Anderes, als ſofort guillotinirt zu werden. „Sie kommen ſpät, mon capitaine,“ ſagte ein Blou⸗ ſen⸗Veteran, der mit einer Hacke bewaffnet war, „in der Rue des Petits Champs hat man uns ſchon den Vorſprung abgewonnen!“ „Das thut nichts, Grognard, wir kommen noch zeitig genug zum Tanz,“ ſagte Monſieur Albert. „Habt Ihr Alles bereit, wie ich wuͤnſchte?“ „Es iſt Alles bereit — Aepte, Hacken, Hebel u. ſ. w.“ „Waffen 2“ „Wenigſtens ſo viel als wir wir werden bald mehr bekommen. Aber wer iſt denn da bei Ihnen.“ „Zwei brave Englaͤnder, die ſich uns als Bruͤder an⸗ ſchließen wollen und bereit ſind, fuͤr die Freiheit zu ſterben.“ „Vivent les Anglais et à bas les tyrans!“ ſchrieen die Blouſenmaͤnner. „Dieſer Buͤrger,“ fuhr Albert fort, indem er auf den ungluͤcklichen Bagsby zeigte, „iſt ein Cobdeniſt und Dele⸗ girter des Freihandelvereins. Er hat geſchworen, auf den Barricaden zu bleiben, bis der letzte Schuß abgefeuert iſt und das rothe Banner der Emanzipation dort aufzupflan⸗ zen und ſeine Seele duͤrſtet nach Verbruͤderung. Bruͤder, oͤffnet ihm Eure Arme.“ Es entſtand ſogleich ein foͤrmliches Handgemenge in dem Eifer, mit welchem Jeder zuerſt Mr. Hutton Bagsby in ſeine Arme ſchließen wollte. Gewiß ward niemals ſo viel Liebe an ein menſchliches Weſen verſchwendet, ein Patriot nach dem andern gewährte ihm den vollſaftigen Kuß der Verbruͤderung und als er die Umarmungen alle gluͤcklich uͤberſtanden hatte, ſah er einer zerzauſten Vogelſcheuche gar nicht unaͤhnlich. ⸗ „Gebt dem Buͤrger Delegirten eine Blouſe und eine Hacke,“ ſagte Albert, und dann wollen wir nach den Bar⸗ ricaden aufbrechen. Ihr habt Eure Befehle — fuͤhrt ſie Heraus mit dem Pflaſter „ nieder mit den Baͤumen; ſturzt jeden Omnibus und Fiaker um, der Euch in den Weg kommt, und kampft bis zum letzten Blutstropfen fuͤr Frankreich und die Freiheit, marſchl“ Mit fuͤrchterlichem Geſchrei ſturzten die Patrioten da⸗ von und riſſen Bagsby mit ſich fort. Der Ungluͤckliche leiſtete keinen Widerſtand, aber die Todesangſt, die ſich auf ſeinem Geſichte malte, hätte das Herz eines Muͤhlſteins erweichen koͤnnen. Albert blieb ſchweigend ſtehen, bis der Trupp ihm aus den Augen war und dann brach er in ein lautes Gelaͤchter aus. i „Dieſer kleine Mann,“ ſagte er, zwird heute Nacht einige nütliche Erfahrungen ſammeln, die er ſein Lebenlang nicht vergeſſen wird. Was Sie betrifft, Mr. Dunshun⸗ ner, deſſen Name und Perſon mir wohl bekannt ſind, ſo glaube ich, daß Sie eben keinen Ehrgeiz darin ſahen⸗ ſich mit derartigen Bauwerken zu befaſſen.“ Ich geſtand offen meine Abneigung gegen jede tiſche Mauer⸗ oder Zimmerarbeit. „Nun gut,“ ſagte der Ouvrier, „ich glaube, Sie ſind vollkommen im Stande, fuͤr ſich ſelbſt Sorge zu tragen. Es wird viel Spaß auf den Straßen geben, wenn Sie es riskiren wollen, ſich die Sache mit anzuſehen und gleich⸗ zeitig iſt man hinter ſteinernen Mauern ſo ziemlich ſicher. Uebrigens iſt es nicht meine Abſicht, unſern Freund, den Delegirten, abſolut um's Leben kommen zu laſſen. Wollen Sie mir den Gefallen thun, morgen fruͤh an der Barricade dort unten nach ihm nachzufragen? Ich ſtehe dafur, daß es ihm fruͤher nicht moͤglich iſt, von dort wegzukommen und nun muß ich zu Ledruͤ Rollin!“ Mit dieſen Worten und einem freundlichen Kopfnicken entfernte ſich der excentriſche Arbeiter mit einem Schritt welcher zeigte, wie wenig ſeine Behendigkeit durch die Jahre geſchwaͤcht worden. Von peinlichen und widerſtrebenden Gedanken erfuͤllt, ſchlug ich eine andere Straße ein, welche mich nach der Rue Rivoli brachte. Hier hatte ich herrliche Gelegenheit, den Fortgang der Revolition mit anzuſehen. Die Straßen waren mit ſchreien⸗ den, heulenden und hurrahſchreienden Menſchen angefuͤllt und eine unmittelhar vor mir aufgeſtellte Abtheilung der Nationalgarde ſchien in großer Gunſt zu ſtehen. In der That wunderte ich mich auch daruͤber, als ich entdeckte, daß der commandirende Offizier kein anderer war, als mein be⸗ ruͤhmter Freund de la Pailleterie. Er ſah ſo kriegeriſch aus, wie der lybiſche Loͤwe, obſchon es unmoͤglich war zu begrei⸗ fen, welcher beſondere Theil des Staatsgebaͤudes der Gegen⸗ ſtand ſeines erhabenen Zornes war. Ueberhaupt war es etwas ſchwierig zu wiſſen, was die Herren in Blouſen eigent⸗ lich wollten. Einige ſchrieen nach Reform, als ob dieſe ein greifbarer Artikel waͤre, der ihnen zu einem Fenſter herausge⸗ langt werden koͤnnte, Andere verlangten die Abdankung der Miniſter ganz ohne Grund, wie mir ſchien, da in dieſem Augenblick von einem Miniſterium in ganz Frankreich keine Spur mehr war, waͤhrend der praktiſchſte Theil des Poͤbels Guizots Kopf verlangte. Gleich darauf ſah man die Tzſchakos und blitzenden Bajonnette eines großen Infanterie⸗ Detachements herannahen unter dem heftigen Geſchrei: „Vive la Ligne!“ Sie marſchirten bis an die Nationalgarde heran, welche feſt auf ihrem Poſten ſtehen blieb. Der Officier machte eine verlegene Miene. „Wer ſind dieſe?“ ſagte er mit dem Degen auf die Garde zeigend. „Ich habe, ſagte Monte⸗Chriſto vortretend, „die Ehre, Ihnen zu melden, da dies die zweite Legion der Nationalgarde iſt.“ Vive la Garde Rationale!“ rief der Offiziet. „Vive la Lignel“ entgegnete der Marquis. Beide Herren ſalutirten nun und nahmen unter dem betaͤubenden Beifallsgeſchrei des Volkes einer von dem andern eine Prieſe. — „Und wer ſind dieſe?“ fuhr der Offizier fort, indem er auf die Blouſenmaͤnner zeigte. Dieſe ſind das Volk,“ entgegnete Monte Chriſto.“ „Sie muͤſſen aus einander gehen. Ich habe den ſtreng⸗ ſten Befehl, ſagte der Officier. „Die Nationalgarde wird ſie heſchuͤtzen. Monſieur, reſpektiren Sie das Volk.“ „Es muß auseinander gehen, wiederholte der Offizier. „Es wird nicht auseinander gehen,“ entgegnete Monte⸗ Chriſto. Der Augenblick war kritiſch. „In dieſem Falle,“ entgegnete der Offizier nach einer Pauſe, werde ich meine Pflicht am Beſten dadurch erfuͤllen, wenn ich Monſieur einen guten Abend wuͤnſche.“ „Sie ſind ein braver Mann,“ rief der Marquis, ſei⸗ nen Saͤbel in die Scheide ſteckend und im nachſten Augen⸗ blick hielten ſich die Krieger in bruͤderlicher Umarmung um⸗ ſchlungen. Die Wirkung war eine elektriſche und augenblickliche. „Laßt uns alle fraterniſiren!“ hieß es von allen Seiten, und Linientruppen und Nationalgardiſten und Blouſenmaͤnner ſturzten einander in die Arme. Die Vereinigung war voll⸗ ſtaͤndig. Jakob und Eſau verſoͤhnten ſich ohne die Förmlich⸗ keit einer Erklaͤrung. Die Truppen theilten ihren neuen Bruͤdern freigebig von ihrer Munition mit und dagegen — ½ — wurde manche Flaſche vin ordinaire zur Erfriſchung des Militairs herbeigeſchafft. Niemand, der Zeuge dieſer Scene war, konnte in Bezug auf die S — einen Zweifel hegen⸗ Gleich darauf ließ ſich auf der rechten Seite ein lebhaf⸗ tes Gewehrfeuer vernehmen. Es erſchallte der Ruf: Man ermordet das Volk! An die Barricaden! An die Barrica⸗ den!“ und die ganze Menge ſtroͤmte unaufhaltſam vorwaͤrts nach dem Kampfplatze. Ungluͤcklicherweiſe hatte ich mich in meiner Neugier, das Rencontre mit anzuſehen, bei welchem mein Freund eine ſo ausgezeichneet Rolle ſpielte, etwas wei⸗ ter vorwaͤrts gedräͤngt, als klug war, und fand mich nun in einer wuthenden Bande Arbeiter, die mich, ich mochte nun wollen oder nicht, nach der naͤchſten Barricade mit fortriß. „Du haſt keine Waffen, Kamerad,“ rief ein rieſiger Fleiſcher, der mit einer ungeheuern Art bewaffnet, neben mir einherſchritt. „Hier, nimm Dieſen,“ und er gab mir einen Säͤbel in die Hand, „nimm dieſen und fuͤhre einen guten Streich fuͤr das Vaterland.“ Ich murmelte halb unverſtandlich meinen Dank fur das Geſchenk und verſuchte mir ſo viel als moͤglich die Miene eines Patrioten zu geben. „Tete de Robhespierre!“ rief ein Anderer. „Das iſt beſſer, als Steuern bezahlen. A bas la garde municipalet à bos tous les tyrons!“ „Tete de Brissot!« rief ich dagegen und hielt es nicht fuͤr unklug, auch meinerſeits die Manen eines Helden der fruhern Zeit anzurufen. Dies war ein kleiner Irrthum⸗ „Quoi, Cirondin?“ rief der Fleiſcher, indem er mich grimmig anſchielte. 6 Non, corps de Marat!“ ſchrie ich. „Bon, embrassez-moi donc, camerade I« ſagte der Fleiſcher und ſo erreichten wir die Barricade. Hier ging es aber ziemlich ernſthaft zu, die Barri⸗ cade war ſehr eilig und nicht eben beſonders gut errichtet wor⸗ den und eine bedeutende Abtheilung der Municipalgarde, welche uͤberhaupt bei der ganzen Revolution die großte Ta⸗ pferkeit an den Tag legte — verſuchte die Aufruͤhrer aus dieſer Poſition zu verdraͤngen. In der That war ihnen dies auch faſt ſchon gelungen. Gegen zehn von den Inſurgenten, welche oben auf der Barricade ſaßen, waren heruntergeſchoſ⸗ ſen worden und es ſchien Niemand Luſt zu haben, dieſen gefaͤhrlichen Standpunkt an ihrer Stelle einzunehmen. Ver⸗ gebens ſchwenkte mein Freund, der Fleiſcher, ſein Beil und ſchrie: „En avant!“ Eine betraͤchtliche Anzahl Stimmen pflanzte allerdings dieſen Ruf fort, aber es zeigte ſich ein entſchiedener Widerwille, durch die That mit gutem Bei⸗ ſpiel voranzugehen. Noch einige Minuten und die Barri⸗ cade waͤre genommen geweſen, als ganz ploͤtzlich aus dem Innern eines Cabriolets, welches eine Art Bruſtwehr bil⸗ dete, eine ſcheußliche von Blut uͤberſtroͤmte Geſtalt heraus⸗ kroch und die rothe Fahne ergriff. Niemals in meinem Leben hatte mich ein groͤßeres Erſtaunen und Entſetzen er⸗ 8 griffen — ich kannte dieſen Mann — es war kein anderer als Hutton Bagsby. Einen Augenblick ſtand er da und ſchauete hinunter auf die hin⸗ und herwogende Menge eine kurze Pauſe ein, und ſelbſt die Soldaten ſ „in ihrem Erſtaunen uͤber dieſe Kuͤhnheit Feuer ben. Endlich jedoch legten ſie die Musketen an, als mit heiſerem Ge⸗ ſchrei Bagsby von der Barricade herabſprang und unverletzt unten auf der Straße anlangte. Und wenn Mars in eige⸗ ner Perſon erſchienen waͤre, um die Inſurgenten azufetern⸗ ſo haͤtte er es nicht beſſer machen koͤnnen. „Ah, le prave Anglais! Ah, le deputé intrépide! A la recousse!“ brullte die Menge und ein Strom menſch⸗ licher Weſen ſturzte wuth⸗ und racheſchnaubend uͤber die Barricade. Keine Macht auf Erden haͤtte dieſem wuͤthenden An⸗ griffe zu widerſtehen vermocht. Die Municipalgardiſten zer⸗ ſtoben wie Spreu vor dem Winde; einige wurden nieder⸗ gehauen und Andere entkamen unter Escorte der National⸗ garde. Ich war eben ſo wie die Uebrigen uͤber die Bruſt⸗ wehr geſprungen, da ich aber kein Geluͤſte verſpurte, mich im Einzelnkampfe auszuzeichnen, ſo blieb ich an der Stelle ſtehen, wo Bagsby gefallen war. Ich fand den beruͤhmten Delegirten auf dem Boden ausgeſtreckt liegen, mit der glor⸗ reichen Fahne noch in der Hand. Ich buͤckte mich und ihn, keine — entdecken. Dr aus dem Kampfe zuruͤck. „Er wird nie wieder fechten!“ ſagte der Verfaſſer der Geheimniſſe von Paris, den ich unter den Kaͤmpfenden kannte. „Er hat uns zum letzten Male zum Siege ge⸗ fuͤhrt. Weint ihm eine Thraͤne nach, dem Adoptivkind Frankreichs! Un wai héros! Il est mort sur le champ de bataillel Meine Herren, ich trage darauf an, daß unſerem Kameraden die Ehre eines feierlichen Brihiſſs zu Theil werde.“ Piertes Rapitel. Die Tuillerien. „Wie geht es Ihnen denn heute, Mr. Bagsby, fragte ich, als ich am andern Morgen in das Zimmer dieſes heroi⸗ ſchen Individuums trat; „Sie ſind nur mit genauer Noth weggekommen, das kann ich Ihnen ſagen. Eugene Sue wollte Sie auf eine Tragbahre ausſtrecken und in Prozeſſion als Schlachtopfer der Tyrannei durch alle Sraßen von Paris tragen laſſen.“ „Ja wohl, Schlachtopfer, entgegnete Bagsby, indem er ſich den Ruͤcken rieb, „ich bin ſchon gehoͤrig geſchlachtopfert worden. Ich will mich haͤngen laſſen, wenn ich dieſen Ha⸗ lunken, den Albert, nicht beim Gericht anklage, ſobald ich nach England komme, weiter ſage ich nichts Ich habe mit meiner Hacke gearbeitet, bis ich faſt keinen Arm mehr ruͤh⸗ ren konnte, und zum Dank dafuͤr ſollte ich nun erſchoſſen wer⸗ den, wie ein Spatz auf dem Dache. „Nein, Mr. Bagsby, im Gegentheil, Sie haben Sich Die Cngländer in den Tuillerien. 4 — mit Ruhm bedeckt. Alle Welt ſagt, daß ohne Sie die Bar⸗ ricade ganz gewiß genommen worden waͤre.“ Meinetwegen hätten ſie ſie nehmen koͤnnen,“ entgegnete Bagsby, „mich ſoll der Teufel nicht wieder mit ſolchem Volke Bruͤderſchaft machen ſehen — Geſindel, von denen Viele kaum ein Hemde auf dem Leibe hatten.“ „Sie vergeſſen, mein werther Herr,“ ſagte ich, „Mr. Cobden iſt der Meinung, daß die Franzoſen das liebreichſte und zahmſte Volk auf der ganzen Erde ſind.“ „Hat Cobden das geſagt?“ rief Bagsby; „dann iſt er ein groͤßerer Aufſchneider, als wofuͤr ich ihn ſeither ſchon hielt, und das iſt nicht wenig geſagt. Ich gebe gewiß keinen Penny dazu, wenn man ihm vielleicht nochmals ein Nationalgeſchenk machen wollte, das kann ich Ihnen ſagen. Aber ſagen Sie mir, wie kommen Sie denn hierher?“ „Nun, Sie ſollten eben zu einem feierlichen Begräbniß hergerichtet werden, als Sie gluͤcklicherweiſe einige Anzeichen des wiedererwachenden Lebens verriethen und ein paar bär⸗ tige Patrioten trugen Sie in meine Wohnung. Ihre An⸗ ſtrengungen hatten Ihnen eine Ohnmacht zugezogen. Ich muß geſtehen, Mr. Bagsby, daß mir nie im Entfernteſten eingefallen iſt, Sie fur eine ſo blutdurſtige Perſonage zu halten.“ „Ich blutdurſtig, mein Herr?“ rief Bagsby, „der Him⸗ mel ſtehe Ihnen bei! Ich bin einer Ohnmacht nahe, wenn ich mich nur ein wenig beim Raſiren ſchneide. Flinten und Säbel ſind mir ein ordentlicher Abſcheu und ich glaube, ich koͤnnte mich nicht uͤberwinden, nur nach einer Kraͤhe zu ſchießen.“ „Na, na, Sie ſind ungerecht gegen ſich ſelbſt. Ich werde niemals vergeſſen, mit welcher heldenmuͤthigen Geberde Sie die Barricade hinabſprangen.“ „Ich kann Ihnen weiter nichts ſagen, als daß ich ver⸗ teufelt froh war, mich in eine der leeren Kutſchen verſtecken zu koͤnnen. Aber als auf einmal nur zwei Zoll von meinem Ohr eine Kugel durch die Wand der Kutſche ſchlug, ſah ich ein, daß ich hier nicht mehr ſicher war und kroch wieder her⸗ aus. Ich hatte mich in einen der rothen Lappen gewickelt, um mich unkenntlich zu machen und ich glaube, ich ſchleppte dieſen Lappen mit hinaus. Was das Hinunterſpringen be⸗ trifft, ſo werden Sie mir zugeben, daß es die hoͤchſte Zeit war, da funfzig Municipalgardiſten auf einmal ihre Mus⸗ keten auf mich anlegten.“ „Sie ſind zu beſcheiden, Mr. Bagsby, und nichte aller Ihrer Einreden haben Sie ſich doch im Tempel der Geſchichte eine Niſche als Heros erworben. Doch kom men Sie, es wird heute wieder ſehr lebendig zugehen und es iſt ſchon ſpaͤt. Glauben Sie, daß Sie werden ein Fruͤhſtuͤck zu ſich nehmen koͤnnen?“ „Ich will es verſuchen,“ ſagte Vagsby. Ich muß ihm 4* die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, zu ſagen, daß er den ge⸗ faßten Vorſatz ganz zu meiner und ſeiner Zufriedenheit aus⸗ fuhrte in Als unſer Mahl zu Ende war, ſchlug ich ihm einen Spaziergang durch die Stadt vor, um mich uͤber den Fort⸗ gang der Ereigniſſe zu unterrichten, woruͤber wir Beide ge⸗ genwaͤrtig ſehr im Unklaren waren. Bagsby verrieth jedoch eine entſchiedene Abneigung das Haus zu verlaſſen. Er fuͤrch⸗ tete wieder unter Seelenverkaͤufer zu gerathen und in den activen Dienſt gepreßt zu werden, in welchem Falle er, wie er ſteif und feſt behauptete, ſofort den Geiſt aufgeben wuͤrde⸗ „Konnen Sie denn nicht ganz bequem hier bleiben,“ ſagte er, „und mit mir ein Flaͤſchchen Porter trinken? Dieſe Kerls werden ihre Schlacht ſchon ohne mich und ohne Sie ausfechten und das bringt mich darauf, die Frage an Sie zu thun, ob Sie wiſſen, was an der ganzen Ruheſto⸗ rung Schuld iſt? Ich will mich haͤngen üſſen, wenn nur due Mindeſte davon verſtehe.“ glaube, die Haupturſache iſt die, daß der Konig einigen Deputirten verboten hatte, oͤffentlich mit einander zu ſpeiſen. „Was, das i doch wahr!“ rief Bogeby Pe fur ein alter Eſel muß das ſein! Der Teufel ſoll mich ho⸗ len wenn ich nicht in eigener Perſon den Vorſitz gefuͤhrt und — — ihm ein Dutzend Flaſchen Champagner geſchickt haͤtte, um meine Geſundheit zu trinken.“ „Die Konige, mein lieber Bagsby, ſind nur ſelten mit einer großen Portion ſolchen Scharfſinns ausgeſtattet, wie der Ihrige. Aber wirklich, wit muͤſſen hinausgehen und uns ein wenig umſehen. Es iſt ſchon Mittag vorbei und ich höre nicht ſchießen. Sie können ſich darauf verlaſſen, daß der Streit auf eine oder die andere Weiſe entſchieden iſt — entwedet iſt das Volk zum Schweigen gebracht worden oder, was wahtſcheinlicher iſt, die Trußppen ſind zu ihm uͤber⸗ gegangen. Wir muſſen uns bemuͤhen, etwas Genaues dar⸗ uber zu erfahren.“ „Sie konnen thun, wie Ihnen beliebt;“ ſagte Bagsby, zaber mein Entſchluß iſt gefaßt, ich reiſe noch heute Nach⸗ mittag nach Havte ab.“ „Mein werther Hert, das iſt nicht möglich⸗ Es ſind jetzt keine Paſſe zu bekommen und der Poͤbel hat die Schienen der Eiſenbahn ausgehoben.“ „Was fuͤr ein Dummkopf bin ich geweſen, daß ich jemals hierher gegangen bin,“ ſeufzte Bagsby. „Gott ſtehe mir bei, alſo ich muß in dieſer Räuberhöhle bleiben, ich mas wollen oder nicht.“ „Ich furchte, es ſteht Ihnen keine andere Wahl offen. Aber Sit urtheilen zu ſchnell uͤber die Pariſer, Mt. Bagsby. Wie ich bemerke, haben ſie Ihre Uhr doch reſpektirt“ — „Ja, aber Sie hoͤrten doch, was jener Kerl wegen des Schlachthausgaͤßchens ſagte. Ich geſtehe, daß ich dort vor Schrecken faſt ohnmaͤchtig hingeſunken wäre. Aber wo wol⸗ len Sie denn hin 2“ „Hinaus, wo ſoll ich anders hin? Wenn Sie lieber dableiben wollen —“ „Nein, das thue ich nicht. Wer weiß, ob es den Ker⸗ len nicht einfaͤllt, mich hier aufzuſuchen und wieder wegzu⸗ ſchleppen. Ich trenne mich nicht von dem einzigen Eng⸗ laͤnder, den ich in Paris kenne, obſchon ich glaube, daß es weit geſcheidter waͤre, zu bleiben, wo wir ſind.“ Wir ſtuͤrzten uns in den Strom des Volks, der mit reißender Schnelligkeit nach den Tuilerien hinwogte. Große Ereigniſſe ſchienen ſtattgefunden zu haben oder auf alle Fälle ihrer Vollendung nahe zu ſein. Die Truppen waren nir⸗ gends zu ſehen, ſie waren wie durch Zauberei aus der Stadt verſchwunden. „Bon jour, Buͤrger Bagsby,“ ſagte eine rauhe Stimme unmittelbar hinter uns „Ich habe viel Lobenswerthes von Ihrer Tapferkeit geſtern an den Barricaden gehoͤrt. Er⸗ lauben Sie mir, Ihnen zu Ihrem erſten Revolutionsexpe⸗ riment Gluͤck zu wuͤnſchen.“ Ich drehte mich herum und begegnete dem ſarkaſtiſchen Lächeln Monſieur Alberts, des Arbeiters. Er war etwas beſſer gekleidet, als am Abend vorher und trug eine dreifar⸗ — — bige Schaͤrpe um den Leib. Er war von einer Menge Leute umringt, die offenbar zu ihm gehoͤrten. „Haͤtten Sie vielleicht Luſt, Mr. Bagsby, in den Dienſt der Republik zu treten? Denn eine ſolche iſt Frank⸗ reich jetzt, wie ich die Ehre habe, Ihnen hiermit zu melden,“ fuhr der Arbeiter fort. „Wir werden einige praktiſche Koͤpfe brauchen —“ „Ach du lieber Himmel! Ich dachte mir ſchon, daß es ſo kommen wuͤrde!“ ſeufzte Bagsby. WVerſtehen Sie mich nicht falſch — ich meine Köpfe, die uns bei unſeren neuen commerziellen Arrangements bei⸗ ſtehen koͤnnen. Da der Freihandel in Großbritannien einen ſo merkwuͤrdigen Sieg errungen hat, ſo wuͤrden Sie ſich vielleicht dazu verſtehen, einige Ihrer Erfahrungen Mr. Cre⸗ mieux mitzutheilen, der jetzt mein College iſt.“ „Ihr College, Monſieur Albert?“ ſagte ich. „Ja wohl, ich habe die Ehre, eines der Mitglieder der proviſoriſchen Regierung zu ſein.“ „Bin ich bei Verſtande oder nicht?“ murmelte Bagsby. „O, mein geehrter Herr, wer Sie auch ſein moͤgen, ſeien Sie wenigſtens diesmal ein Menſch und laſſen Sie mich nach Hauſe gehen. Ich verſpreche Ihnen, von dieſer ganzen Geſchichte, wenn ich auf die andere Seite des Canals komme, kein Wort zu ſagen.“ „Fern ſei es von mir, der Freiheit Ihrer Worte irgend . — einen Zwang anzuthun, Mr. Bagsby. Ich muß alſo an⸗ nehmen, daß Sie mein Anerbieten ablehnen? Nun gut, ſei es denn ſo, im Grunde genommen glaube ich, Cremieur wird S ohne Sie ganz gut zu Fache — 5 „Aber ich bitte Sie, Monſieur Albert — nur noch ein Wort — ſagte ich, „Sie ſprachen von einer Republik — „Allerdings. Seit einer Stunde iſt ſie eingeſetzt wor⸗ den. Ludwig Philipp hat abgedankt und iſt aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach nun ſchon eine halbe Meile weit uͤber die Bar⸗ riere hinaus. Die Herzogin von Orleans kam mit ihrem Sohn in die Deputirtenkammer und ich glaube wirklich, es wäre eine Regentſchaft eingeſetzt worden, denn die Galanterie Frankreichs ward in Anſpruch genommen. Barrot war ſchon feſt entſchloſſen. Der kleine Ledruͤ Rollin jedoch ret⸗ teten uns vor halben Maßregeln. Rollin iſt ein geſcheidter Kerl mit der Seele eines Robespierre, und als er ſah, daß die Sache ſich ſo geſtaltete, ſchlupfte er ganz ſtill zur Thuͤr hinaus und ließ eine ausgewaͤhlte Schaar unſerer Freunde von den Barricaden herein. Dadurch ward dem Geſchwätz ein Ende gemacht. Sie koͤnnen ſich keinen Begriff davon machen, wie tuhig die beſten und gewandteſten Redner wer⸗ den, wenn ein Volkshaufe mit geladenen Musketen daneben ſteht. Der Muth entſank ihnen, die Deputirten entfernten ſich allmählig und durch den ſouverainen Willen des Volks — ward die Republik verkuͤndet. Ich bin eben auf dem Wege nach dem Stadthauſe, um der Regierung beiſtehen zu helfen“ „Bon voyage, Monſieur Albert.“ H, wir werden die Sache ſchon beſorgen. Doch da ſind wir in der Näͤhe der Tuilerien. Vielleicht, meine Herrn, haben Sie Luſt, ſich die Vergnuͤgungen mit anzuſehen, die da druͤben im Gange ſind, und auf das Wohl der neuen Republik ein Glas von Ludwig Philipps altem Clos Vougeot zu trinken. Wenn dies der Fall iſt, ſo will ich Sie weiter nicht aufhalten. Adieu!“ und mit einem krampfhaften Zucken der Naſe entfernte ſich der excentriſche Ouvrier. „Na, was man Alles im Auslande ſieht, das ſollte man gar nicht glauben!“ ſagte Bagsby. Ich befinne mich noch ganz gut auf ihn, es war zur Zeit der Reformbill. — „Ruhig, mein lieber Bagsby,“ ſagte ich, „hier iſt weder Ort noch Zeit zu Reminiscenzen dieſer Art.“ Allerdings reichte der Anblick Deſſen, was vor den Tui⸗ lerien vor ſich ging, vollkommen hin, alle geringfuͤgigen Erin⸗ nerungen vollſtaͤndig aus dem Kopfe eines jeden Menſchen zu verbannen. Ein großes Freudenfeuer loderte mitten auf dem Platz, der Place de Caroussel gegenuͤber und mehre tauſend Menſchen tanzten um daſſelbe herum wie Daämonen. Die⸗ ſes Feuer ward von den koniglichen Equipagen, dem Moͤble⸗ ment der Staatsgemächer und jedem brennbaren Artikel ge⸗ nährt, det nur auf irgend eine Weiſe mit der gefallenen Dynaſtie identificirt werden konnte. Die Fenſter des Pala⸗ ſtes wurden aufgeriſſen und Vorhänge, Gardinen und Ta⸗ peten von Gold⸗ und Silbergewebe mit einem Freudenge⸗ ſchrei, welches einem Tapezierer das Herz gebrochen haͤtte, her⸗ untergeworfen. Hier tobte die wilde Zerſtoͤrungsluſt in vol⸗ ler Wuth. Und doch ward bei allem dieſen ein gewiſſer An⸗ ſchein von Ehrlichkeit bewahrt. Das Volk konnte zerſtoͤren, was und wie viel es wollte, aber mitnehmen durfte Niemand etwas. Der, welcher einen Spiegel oder eine koſtbare Vaſe zertruͤmmerte war ein Patriot, — der aber, der ein Dinten⸗ faß einſteckte, ward fur einen ehrloſen Dieb erklart. Ich ſah einen armen Teufel, deſſen verhungertes Ausſehen Zeugniß von ſeiner bittern Armuth gab, feſtnehmen und durchſuchen. Man fand ein Paar alte meſſingene Schnallen in ſeiner Taſche und ſo fort ward er in den Garten gefuͤhrt und von ein paar feinen Herren niedergeſchoſſen, welche fuͤnf Minuten vorher einige werthvolle Gemälde in Streiſchen zerſchnitten hatten. Mit jedem Augenblick erhielt der Haufe Zuwachs von Außen und das Feuer Nahrung von Innen. Endlich ward unter furchtbarem Kreiſchen der Thron ſelbſt heruntergetragen und dieſes letzte Symbol des Koͤnigthums in Aſche verwandelt. Der ganze Auftritt war ſo wenig einladend, daß ich be⸗ dauerte ſo weit gegangen zu ſein und Bagsby aufmerkſam machte, daß es räthlich ſein wuͤrde, uns ſofort wieder zu⸗ ruͤckzuziehen. Dies jedoch war nicht ſo leicht. Mehrere der — Buͤrger, welche jetzt die demokratiſche Polka um die rauchen⸗ den Truͤmmer auffuͤhrten, waren am Abend zuvor ſehr thaͤ⸗ tig an der Barricade geweſen und erkannten jett zum Un⸗ gluͤck ihren wieder vom Tode auferſtandenen Vorkaͤmpfer. „Trois mille rognons “ rief mein revolutionairer Freund, der Fleiſcher. „Hier iſt der tapfere kleine Engländer, der uns ſo heldenmuͤthig gegen die Municipalgarde fuͤhrte. Wie geht es Dir mein Feuerfreſſer? Biſt Du traurig, daß es fur Dich nichts mehr zu thun giebt? Sei froͤhlich und guter Dinge, Buͤrger, es wird nicht lange dauern, ſo ſtehen wir an der Grenze und wer weiß, ob Dich dann nicht die Re⸗ publik mit dem Marſchallſtab belohnt.“ „Plus de maréchaux!“ rief ein gigantiſcher Lumpen⸗ ſammler, der gierig einen Markknochen ausbohrte. „Solche Kerls taugen zu nichts, als daß ſie das Volk verrathen. Ich habe geſtern den ganzen Tag auf der Lauer geſtanden, um dem alten Soult eins auf den Pelz zu brennen, aber der Ha⸗ lunke kam nicht zum Vorſchein.“ „Laß das gut ſein, Buͤrger,“ ſagte der Fleiſcher, „wir alle kennen Pere Pomme-de-terre. Aber Du ſiehſt ſo bleich aus und duͤſter? Komm mit mir und ich will Dir zeigen, wo der alte Macaire ſeinen Keller hat. Frankreich wird einem ſo braven Patrioten, wie Du, eine Flaſche nicht mißgönnen.“ „a wohl, ja wohl, nach dem Keller, nach dem Kel⸗ ler,“ riefen einige fuͤnfzig Stimmen. ilence, mes enfants,“ kief der Fleiſcher, der offenbar das Innere der unterirdiſchen Gewoͤlbe ſchon recognoſcirt hatte. „Laßt uns Alles in einer gewiſſen Ordnung vollbrin⸗ gen, wie der Bürger Lamartine bemerkt laßt die Tugend Hand in Hand mit der Freiheit gehen, laßt uns ernſthaft die Voll⸗ endung des großen Werks zu Stande bringen. Wir haben jetzt Gelegenheit mit der ganzen Welt zu fraterniſiren. Wir ſehen hier unter uns einen Engländer, der ſeine ungeheure Thatkraft Ftankreich widmete. Wir glaubten er ſei gefallen und ſtanden ſchon im Begriff, ihm die oͤffentliche Ehre zu er⸗ weiſen. Laßt uns nun aber der Lebenden nicht minder ein⸗ gedenk ſein, als der Todten. Hier ſteht er und ich trage jetzt darauf an, daß er auf den Schultern des Volks nach dem königlichen — peste! — ich wollte ſagen, nach dem repu⸗ blikaniſchen Keller getragen werde und daß wir daſelbſt auf die Verſchmelzung jeglichen Rangunterſchieds, und auf die Ver⸗ einigung aller Nationen in einem Bunde allgemeine Brůdet⸗ ſchaft trinken.“ Angenommen, angenommen!“ ſchrie der Pöbel und zum zweiten Male mußte Bagsby die Ceremonie der Vet⸗ bruͤderung durchmachen. So ward er auf die Schultern von etwa einern halben Dutzend Patrioten gehißt, ungeachtet ſei⸗ nes ſchwermuͤthigen Geheuls, wodurch er ſeine ausdruͤckliche Mißbilligung des ganzen Verfahrens an den Tag zu legen be⸗ abſichtigte. Ich ward als Dolmetſcher mit in den Dienſt * gpreßt und trug Sorge, ſeine abwehrenden Geberden blos einem Uebermaß von Beſcheidenheit zuzuſchreiben. „Du warſt auch geſtern Abend an der Barricade, ſagte der Fleiſcher, zauch Du haſt einen Streich fuͤr Frankreich gefuhrt. Komm mit, laß uns mit Wein die Bruͤderſchaft befeſtigen, die aus dem Blut hervorgegangen.“ Mit dieſen Worten pakte er mich am Arm und wir ſturzten Alle nach den Tuilerien. Ich hätte jetzt ſonſt etwas darum gegeben, in der ſchmuzigſten Wohnung zu ſitzen, die der ſchmutzigſte Stadttheil von London aufzuweiſen hat, aber von Widerſtand konnte hier naturlich nicht im Entfernteſten die Rede ſein. Hinein draͤngten wir uns, ein verworrener Knäuel von Maͤnnern und Frauen, durch das Portal der Koͤnige von Frankreich, durch die Hallen und Galerien, die alle ſchon auffaͤllige Spuren der groͤßten Gewaltthaͤtigkeit und Entheiligung trugen. Hier war ein Bild Ludwig Philipps, ein Meiſterſtuͤck von Horace Vernet, von Kugeln durchlöchert, wie ein Sieb, dort die Statuͤe irgend eines Prinzen durch einen Hammerſchlag enthauptet und an einer andern Stelle lagen die prachtvollen Vaſen, die das Geſchenk eines Kaiſers waren. Eine Menge Menſchen ſaßen oder lagen in den Staatsgemaͤchern umher und aßen, tranken, rguchten und ſangen unanſtandige Lieder oder ſetzten muthwillig das Werk der Zerſtorung fort. Und nur noch wenige Stunden zuvor war dies der Palaſt des Barricadenkönigs geweſen. — 63 — Hinunter gingen wir in die Keller, welche jetzt ziemlich leer waren, da die meiſten der fruͤhern Beſucher es vorgezo⸗ gen hatten, ſich mit dem koſtbaren Naß hinauf in die obern und freundlichern Regionen zu begeben. Dies war aber nicht die Meinung Monſieur Deſtripes, des Fleiſchers, oder ſeines Freundes Pomme-de-terre. Dieſe erfahrenen Zechbruͤ⸗ der zogen es vor, in dem Hauptquartier zu bleiben, nach dem Grundſatze, daß die Sitzung ſich fuͤr permanent erklären muͤſſe. Bagsby als das Individuum, welches am wenigſten im Stande war, auf Ordnung zu halten, ward zum Prä⸗ ſidenten ausgerufen und auf ein Faß Bordeaurwein geſetzt, mit einem Hahn als Emblem ſeiner Wuͤrde. Nun begann eine Scene der roheſten und widerlichſten Schwelgerei. Faͤſſer wurden angezapft, blos um eine Probe daraus zu entneh⸗ men und dann ließ man den uͤbrigen Inhalt in Stroͤmen auf den Boden fließen. Die Flaſchen wurden, da es an Kork⸗ zichern fehlte, ohne Weiteres zerſchlagen und das ſchönſte Ge⸗ wächs der Cöte d'Or und der Champagner wie Waſſer in die Kehlen hinabgegoſſen, die bis jetzt von einem ſolchen Ge⸗ traͤnk noch nichts geſchmeckt hatten. Ich brauche nicht bei Dem zu verweilen, was nun folgte — auch vermochte ich die Beredtſamkeit des Vater pomme-de-terre gar nicht zu faſſen, eben ſo wenig wie die Kunſtfertigkeit mehrer Poiſſarden, welche uns auf dieſer Ex⸗ pedition begleitet hatten und uns jetzt einige erotiſche Liedlein — — zum Beſten gaben, ſo wie ſie in der Faurbourg St. Antoine gäng und gäbe ſind. Bei dieſen Damen ſchien Bagsby ſehr in Gunſt zu ſtehen und ſie hatten ſich zu einer Art Leibwache um ſeine Perſon verſammelt. Dieſer ganzen Scene uͤberdruͤſſig, benutzte ich die erſte Gelegenheit, aus dieſer unreinen Atmoſphäre zu entkommen und kam, nachdem ich die meiſten Staatsgemächer und einige Corridors durchſchritten, in einen Theil des Palaſtes, wel⸗ cher offenbar von Damen bewohnt geweſen, welche jetzt als Verbannte einem fernen Lande zuflohen. Die Hand des Ver⸗ nichters war auch hier geweſen, aber er war fort. Es war ein trauriger Anblick, den die Verwuͤſtung dieſer Zimmer dar⸗ bot. Das Bett, auf welchem noch die Nacht zuvor eine Prinzeſſin geruht, war jetzt von ſchmuzigen Menſchen um⸗ geworfen und zerzauſt, die Vorhänge abgeriſſen, die Kleider⸗ ſchränke aufgebrochen und hundert Gegenſtände des weiblichen Putzes auf den Fußboden umhergeſtreut. Die untergehende Februarſonne ſchimmerte durch die zerſchlagenen Fenſter und ließ das Werk der Zerſtörung nur um ſo deutlicher her⸗ vortreten. Ich hob ein, vielleicht von Thränen noch feuch⸗ tes Taſchentuch auf, in deſſen Zipfel eine königliche Namens⸗ chiffre geſtickt war. Ich, der ich kein Inſurgent war, glaubte, indem ich in dieſes Zimmer eindrang, der Heiligkeit des Ungluͤcks Ge⸗ walt anzuthun. Wo ruhte vielleicht in der kunftigen Nacht 8 das Haupt Derjenigen, welche noch wenige Stunden zuvor auf dieſen weichen Daunen geruht hatte? War ſie vielleicht gezwungen, die ſtolze Woͤlbung des Palaſtes mit dem Dach einer elenden, niedrigen Huͤtte zu vertauſchen? So viel hatte ich erfahren, daß es nicht der ſaͤmmtlichen koͤniglichen Fami⸗ lie gelungen war, ſich durch die Flucht zu retten. Einige der Damen hatte man ohne irgend einen Schutz zur Seite in der Mitte des Volkshaufens weinend geſehen, aber Weinen und Jammern war in dieſen Tagen etwas zu Gewohnliches, um Aufmerkſamkeit zu erregen und es ſchien, als ob die alte Ritterlichkeit Frankreichs verſchwunden waͤre. Ich wendete mich in einen Nebengang, und oͤffnete eine zweite Thuͤr. Es war ein kleines Zimmer, welches offenbar der Aufmerkſamkeit der Eindringlinge entgangen war. Alles trug hier das Gepraͤge der Reinheit des weibli⸗ chen Geſchmacks. Das kleine Bett war unberuͤhrt; auf dem Fenſter ſtanden Blumen, auf dem Tiſche lag ein Gebetbuch und an der Wand hing ein Crucifix. Die arme junge Be⸗ wohnerin dieſes Zimmers war auch aus ihrem Heiligthum vertrieben worden, um es nie wieder zu betreten. Als ich hereintrat, erhob ein kleiner Vogel in einem Käfig ein lautes Gezwitſcher und begann mit dem Fluͤgel gegen die Draͤthchen zu ſchlagen. Das Futterkaͤſtchen war leer und in dem Trink⸗ näpfchen kein Tropfen Waſſer mehr vorhanden Bei einer Revolution wie dieſe iſt es das gemeinſame Schickſal der Favoriten, vernachlaͤſſigt zu werden. Das arme Thier war ſchon halbtodt vor Hunger; ich hatte natuͤrlich nichts, was ich ihm zur Nahrung haͤtte geben koͤnnen und daher oͤffnete ich den Kaͤfig und das Fenſter und ſchenkte ihm die Freiheit. Mit freudigem gellendem Zirpen flog der Vogel fort nach den Baumen, glucklicher als ſeine Herrin, die jetzt der rauhen egoiſtiſchen Welt preisgegeben war. Ich ſchauete aus dem Fenſter hinab, der Fluß ſtromte ruhig dem Meere entgegen; der erſte Hauch des Fruͤhlings bewegte ſich durch die Baͤume, die ſchon kleine Knoͤspchen an⸗ zuſetzen begannen, die Sonne ſank ruhig hinter goldenen Wolken hinab — kein Zeichen am Himmel und auf Erden verrieth, daß an dieſem Tage eine maͤchtige Monarchie ge⸗ ſtuͤrzt war. Das Bruͤllen und Toben der Stadt Paris war zu Ende, das Werk der Vernichtung war voruͤber und mor⸗ gen ging zum erſten Mal die Sonne uͤber der neuen Re⸗ publik auf. „Moͤge der Himmel die Ungluͤcklichen ſchuͤtzen,“ rief ich, „und moͤge mein Vateralnd noch lange vor einem Unheil wie dieſes bewahrt werden!“ Die Engländer in den Tuilerien. 5 Fünftes Rapitel. Zwei proviſoriſche Regierungen. Am nächſten Morgen erwachte ich mit jenem ſeltſamen Gefuͤhl, welches man gewoͤhnlich empfindet, nachdem man die erſte Nacht an einem ungewohnten und fremden Ort ge⸗ ſchlafen. Ich konnte mich eine lange Zeit gar nicht beſinnen, wo ich war. Die Ereigniſſe der zwei letzten Tage verfolgten mich wie die Erinnerung an einen unbehaglichen Traum, der durch ein Schlafmittel herbeigefuͤhrt worden, und nur mit Muͤhe konnte ich mich uͤberreden, daß ich unter dem Dach der beruͤhmten Tuilerien zugebracht. „Im Grunde genommen,“ dachte ich, „ann das Er⸗ eigniß ein intereſſantes ſein, aber es iſt in dieſer unſerer ver⸗ aͤnderlichen Welt durchaus kein ungewoͤhnliches. Ludwig XVI., Napoleon, Karl X., Ludwig Philipp und Dunshunner haben Einer nach dem Andern dieſen Platz eingenommen und Kei⸗ ner von ihnen hat das Gluͤck gehabt, ihn auf die Dauer ſeinen Nachkommen zu hinterlaſſen. Da die Abdankung einmal an der Tagesordnung iſt, ſo werde ich meinem koͤnig⸗ lichen Vorgaͤnger ſobald als moöglich nachfolgen und mich mit thunlichſter Schnelligkeit von hier zu drucken ſuchen, denn die Wahrheit zu geſtehen, ich habe dieſen Tumult ſatt und glaube mit Sir Kenneth von Schottland, daß die Wellen des Clyde ſanft und angenehm an mein Ohr ſchlagen wuͤrden.“ Eine ſehr einfache Toilette genugte fur dieſe Gelegenheit und ich ging in der beſtimmten Abſicht fort, mich unverweilt auf die Flucht zu begeben. Dies war aber nicht ſo leicht. Auf den Corridors begegnete ich Niemand, aber als ich die Thuͤr der Salle des Trophées öffnete, ſchlug das Getoͤſe vieler Stimmen an mein Ohr. Eine Anzahl Perſonen ſaß im Saale und ſie waren, wie es ſchien, eifrigſt mit einem vor⸗ trefflichen Fruhſtuck beſchäftigt. Zu meinem außerordentli⸗ chen Verdruß erkannte — in ihnen meine Freunde aus dem Keller. „Aha, Du alſo noch da, Buͤrger,“ rief Monſ. Deſtripes, der ſoeben mit kunſtgeuͤbter Hand einen Schin⸗ ken zerlegte. „Meiner Treu, ich dachte ſchon, Du wäreſt uns entwiſcht. Doch das macht nichts aus, — wir werden uns nicht ſobald trennen; alſo ſetz' Dich nieder und nimm an unſerer republikaniſchen Mahlzeit Theil.“ „Ich fuͤrchte, daß Geſchaͤfte meine Snan anderswo noͤthig machen.“ „Dann laß die Sache erſt kalt werden,“ 5 X —= — Andere. „Es genuge zu ſagen, daß Niemand dieſen Saal verläßt, als bis wit alle en musse heraus marſchiren. Habe ich nicht recht, Bruder Pomme⸗de⸗terre? Ja wohl,“ ſagte der Lumpenſammler, indem er ſein Glas ausſchlürfte. „Wir haben eine zweite Barricade gebaut und geſchworen, uns nimmermehr zu ergeben.“ „Wie ſoll ich das verſtehen, meine Herren,“ ſagte ich. „Sie muſſen wiſſen, mein Hert,“ entgegnete ein Mann von ziemlich magerm Ausſehen, der, wie ich ſpäter erfuhr, ein Barbier war, „daß die Freiheit des Volks noch nicht ſicher iſt. Geſtern Abend, als wir im Keller waren, kam auf Be⸗ fehl der proviſoriſchen Regierung eine ſtarke Abtheilung der Nationalgarde und vertrieb die ſämmtlichen Patrioten aus den obern Stockwerken der Tuilerien. Dies halten wir fuͤr eine offenbare Verletzung der Charte, denn alle oͤffentlichen Gebaude ſind zum Eigenthum der Nation erklaͤrt worden. Gluͤcklicherweiſe wurden wir nicht von ihnen bemerkt, da wir aber entſchloſſen ſind, die Rechte Frankreichs zu behaupten und zu vertheidigen, ſo haben wir die Treppe verbarricadirt, welche zu dieſem Saal fuͤhrt und ſind entſchloſſen, unſern Poſten zu behaupten.“ „Brav geſprochen, alter Saigne⸗du⸗nez!“ rief der Flei⸗ ſcher, „und eine luſtigere Geſellſchaft als hier findet Ihr nir⸗ gends. Hier ſind Damen zur Unterhaltung, Wein zum Trinken, Mundvorrath auf wenigſtens eine Woche und was wuͤnſcht Ihr mehr? Cent mille haches! Ich zweifle, daß Ludwig Philipp ſelbſt nur halb ſo viel hat.“ „Aber wirklich, meine Herren —“ „Sacre, keine Meuterei!“ rief der Fleiſcher, wiſſen wir etwa nicht, daß der ſouveraine Wille des Volks reſpek⸗ tirt werden muß? Dort liegt Dein Freund, luſtig und guter Dinge, gehe hin und folge ſeinem Beiſpiele.“ Und wirklich ſah ich auch den armen Bagsby in einer Ecke des Saales ausgeſtreckt liegen. Die Orgien des vergan⸗ genen Abends verriethen genugſam ſein aufgedunſenes Ge⸗ ſicht und ſeine mit Blut unterlaufenen Augen, aber ſchwerlich die vielfachen Fluche und Verwuͤnſchungen, die er von Zeit zu Zeit hoͤren ließ. Neben ihm ſaß eine dicke Poiſſarde, die ſich offenbar in ihn verliebt hatte und ihn mit der ganzen Hingebung pflegte, welche eine charakteriſtiſche Eigenſchaft des ſanften Geſchlechts iſt. Da es ihnen unmoͤglich war, eine wirklich verſtaͤndliche Unterredung zu fuͤhren, ſo ſuchte die Dame die Stelle derſelben durch eine Reihe von Pantomi⸗ men zu erſetzen. Zuweilen klopfte ſie Bagsby auf die Wange, dann zirpte ſie wie ein kleines Maͤdchen, wenn es einen Vogel veranlaſſen will, den Schnabel zu oͤffnen und dann bemuͤhete ſie ſich, ihm einzelne Biſſen Fleiſch und h zwiſchen die Lippen zu ſchieben. „O Mr. Dunshunner, ſchaffen Sie mir dieſe alte Hepe vom Hals« murmelte Bagsby, „ich habe einen Kopf⸗ — — 5 1 ſchmerz, daß ich wahnſinnig werden moͤchte und ſie beſteht noch darauf, mich mit dieſem verdammten Zeuge zu vergif⸗ ten. O pfui, wie ſie nach Aalen riecht. O mein Gott, iſt denn keine Moͤglichkeit von hier fortzukommen? Die Barricade und der Kampf waren nichts im Vergleich mit die⸗ ſem Aufenthalt hier.“ „Ich fuͤrchte, mein lieber Mr. Bagsby,“ ſagte ich, daß uns hier kein andres Mittel zu Gebote ſteht, als Geduld. Unſere Freunde hier ſcheinen feſt entſchloſſen zu ſein, auszu⸗ halten und ich furchte, ſie wuͤrden wenig Umſtände mit uns machen, wenn wir Luſt zum Widerſtande zeigen ſollten.“ „Das weiß ich wohl,“ ſagte Bagsby, „ſie wollten mich ſchon vorige Nacht haͤngen, als ich einige Mal ſchnell nach der Thuͤre lief; nur die Frauen verhinderten es noch. Was wollt Ihr denn, Ihr alte Vettel? So geht mir doch mit Euern Fingern vom Hals weg!“ „Ce cher bourgeois,“ murmelte das Fiſchweib, „o'est nu méchant dröle, mais assez joli!“ „Auf mein Wort, Mr. Bagsby, ich glaube, Sie haben urſache, ſich zu Ihrer Eroberung Gluͤck zu wuͤnſchen. Auf alle Faͤlle machen Sie ſich die Frauen nicht zu Feinden, denn der Himmel weiß, wir befinden uns in einer kitzlichen Lage und das Ausſehen mehrer dieſer Kerle gefällt mir durchaus nicht.“ „Wenn ich jemals wieder in mein Vaterland komme,“ ſagte Bagsby, „ſo will ich all' meinen Irrthuͤmern entſagen, ein Tory werden, regelmäßig in die Kirche gehen und fuͤr die Koͤnigin beten. Ich habe nun genug von der Freiheit ge⸗ noſſen, um fuͤr mein ganzes uͤbriges Leben ſatt zu ſein. Aber lieber Freund, koͤnnten Sie mich denn nicht wenigſtens auf eine halbe Stunde von dieſem Weibe befreien? Sie wer⸗ den in ihr eine ſehr artige und geſprächige Perſon finden, nur daß ich nicht verſtehen kann, was ſie ſagt.“ „Das iſt nicht moͤglich, Mr. Bagsby; man nimmt jetzt etwas vor. Schauen Sie. Unſer Freund, der Barbier, erhebt ſich um zu ſprechen.“ „Buͤrger,“ ſagte Saigne⸗du⸗nez, indem er uͤber die Lehne eines Armſtuhles, wie von einer Tribuͤne ſprach — „Buͤrger! Wir ſind durch den Despotismus unſter Herrſcher in eine ſchlimme Lage verſetzt worden. Wir, das Volk, die wir den Palaſt erobert und den Despoten und ſeine Brut hinausgetrieben haben, erhalten jetzt Befehl, das Feld unſtes Ruhmes zu raͤumen und zwar durch Menſchen, welche ſich anmaßen, die Charte anders auszulegen wie wir. Ich ver⸗ kuͤnde hiermit die erhabne Wahrheit, daß mit der Revolution alle Geſetze, menſchliche ſowohl als goͤttliche, untergegangen ſind!“ (Ungeheurer Beifall.) „Buͤrger, ſo ſehr wir auch durch dieſen nichtswuͤr⸗ digen Befehl von der großen Maſſe des Volks abgeſondert worden ſind, ſo geziemt es uns doch, eine beſondere Regie⸗ —— — rung fuͤr uns ſelbſt einzuſetzen. Die Ordnung muß erhalten werden, aber eine Ordnung, welche die Bruſt unſter Feinde mit Schrecken und Entſetzen erfuͤllt. In uns iſt Frankreich beleidigt worden und wir muͤſſen ſeine Freiheit vertheidigen. Es giebt unter uns Patrioten, die fähig und Willens ſind, die Muͤhe und Arbeit der Regierung auf ſich zu nehmen und ich ſchlage jetzt vor, daß wir zur Wahl eines proviſoriſchen Mininiſteriums ſchreiten.“ Der Antrag ward von allen Seiten unterſtutzt und der Redner fuhr fort: „Buͤrger! Unter unſerer Zahl befindet ſich ein Mann, der ſchon die hochſten Poſten bekleidet hat. Ich meine den Buͤrger Jupiter Potard. Bei hundert Revolutionen thatig, hat er ſtets ldie ſublime Haltung eines Patrioten aus der Zeit der Schreckensregierung behauptet. Drei Generationen haben ihn als ihr Muſterbild betrachtet und ich fordere ihn jetzt auf, den Platz und die Würde unſeres Praͤſidenten an⸗ zunehmen.“ Jupiter Potard, ein Mann von wirklich ſchönem Aus⸗ ſehen, mit einem Bart, der uͤber eine Elle lang war — er konnte mit Recht ein Muſterbild genannt werden, denn er hatte in dieſer Eigenſchaft ſeit dreißig⸗Jahren den Malern als Modell geſeſſen — ward nun unter allgemeinem Bei⸗ fallsgeſchrei zu einem Stuhl an der Spitze der Tafel gefuͤhrt. Jupiter ſchien, wie ich zu erwaͤhnen gezwungen bin, etwas —= — betrunken zu ſein da er aber keinen Verſuch machte, eine Rede zu halten, ſo that dieſer Umſtand der Hauptſache wei⸗ ter keinen Eintrag. Der noch ubrige Theil der Adminiſtration war ſehr bald gebildet, Deſtripes ward Miniſter des Innern, Pomme⸗de⸗ terre erhielt das Portefeuille der Juſtiz. Ein Herr, der ſich des Spitznamens Gratte⸗les⸗rues erfreute, ward Kriegs⸗mi⸗ niſter. Saigne⸗du⸗nez ernannte ſich ſelbſt fuͤr das Finanz⸗ departement und ich ward einſtimmig zum Miniſter der aus⸗ wärtigen Angelegenheit erwählt. Dies waren die Hauptaͤmter der Republik und uns wurden die Funktionen der Regierung anvertraut. Bagsby erhielt auf Verlangen der Fiſchweiber den Ehrentitel als Marineminiſter. Es ward ein beſonderer Tiſch fuͤr uns zurecht geſetzt und unſer erſtes vom Miniſter des Innern contraſignirtes Decret war eine Ordre, durch welche friſche Zufuhr ans dem Weinkeller anbefohlen ward. Hier meldete eine Schildwache, die an einem Fenſter ſtationirt worden, die Annäherung einer Abtheilung der Na⸗ tionalgarde. „Buͤrger Kriegsminiſter,“ ſagte Saigne⸗du⸗nez, der ohne weitere Umſtaͤnde ſich ie Funktionen des armen alten Jupiter Potard angemaßt hatte, das iſt Eure Sache. Nach meiner Meinung kann die proviſoriſche Regierung eine De⸗ — putation dieſer Art nicht empfangen. Sie moͤgen ihre Abſicht draußen an der Barricads erklären.“ Gratte⸗le⸗rues, ein rieſiger Kerl mit ſchielenden Au⸗ gen, ſchulterte ſogleich ſeine Muskete und verließ das Zimmer. Nach wenig Augenblicken kehrte er mit einem Papier zuruͤck, welches er auf den Tiſch warf. „Ein Decret vom Stadthauſe,“ ſagte er. „Wollt Ihr, Buͤrger Collegen, daß dieſes Document vorgeleſen werde?“ fragte Saigne⸗du⸗nez. Alle willigten ein. Das nachſtehende S ward mir als dem Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten in die Hand gegeben. Man hoͤrte es mit der groͤßten Auf⸗ merkſamkeit an: „Einigkeit iſt die Seele der franʒſiſchen Nation; ſie iſt ihre Größe, ihre Macht und ihr Ruhm; durch Einigkeit haben wir geſiegt und die Rechte des Volks wiederge⸗ wonnen. „Durchdrungen von dieſen hohen und erhabenen Anſich⸗ ten und uͤberfließend von der bruderlichen Geſinnung, welche das Lebenselement unſerer ſocialen Syſteme iſt, verordnet die proviſoriſche Regierung: „1) daß die Tuilerien, jetzt unter dem Namen des Hos- pil des In valides Civiles, ſofort von den Buͤrgern geräumt werden, die ſie auf ſo tapfere Weiſe den Tyrannen entriſſen haben., 2) daß jeder Patriot, ſobald er das Gebäude verlaͤßt, aus dem offentlichen Schatz die Summe von fuͤnf Franks oder ein Aequivalent in Coupons bekommt. „3) der Miniſter des Innern iſt mit der Ausfuͤhrung dieſes Decrets beauftragt. „Freiheit — Bruͤderlichkeit — Gleichheit.“ Unterzeichnet: Ledru Rollin Dupont (de ['Eure) Cremieur Lamartine Louis Blanc Garnier Pageès Marraſt Arago Flocon Marie Albert (Arbeiter). „Sang de Mirabeau!“ rief Deſtripes, als ich mit dem Leſen dieſes Documents zu Ende war, „ſie halten uns fuͤr Narren. Fuͤnf Franks, das muß ich ſagen! Das iſt alſo der Preis, den dieſe Ariſtokraten auf das Blut des Volks ſetzen. Buͤrger, Collegen, ich ſchlage vor, daß der Ueberbrin⸗ ger in das Zimmer gelaſſen und dann ſofort zum Fenſter hin⸗ ausgeworfen werde.“ „Ich unterſtuͤtze den Antrag,“ ſagte Pomme⸗de⸗terre. „Nein, Buͤrger,“ rief Saigne⸗du⸗nez — „eine Gewalt⸗ that. Ich ſtimme auch damit uͤberein, daß wir auf das An⸗ erbieten nicht eingehen konnen, aber das iſt Sache der Unter⸗ handlung. Laßt den Miniſter des Auswärtigen ein Pro⸗ tokoll zur Antwort aufſetzen. — — In Folge dieſer Aufforderung machte ich mich an die Arbeit und war nach wenigen Minuten mit dem folgenden Manifeſt fertig, welches vielleicht ſpäter einmal in einer Sammlung von Traktaten ſeinen Plab finden wird. Frankreich iſt frei. Die Rechte jedes Franzoſen ſind heilig und unverletzlich. Die Rechte des Eigenthums ſind ab⸗ geſchafft. „Untheilbarkeit iſt das Fundamentalprinzip der Nation. Ganz beſonders findet dieſer Grundſatz Anwendung auf oͤffent⸗ liche Gebaͤude. Das, was die Nation gegeben, kann ſie auch wiedernehmen. „Wir proteſtiren gegen fremde uebergriffe. Mit un⸗ ſerem eigenen Sieg zufrieden, werden wir ruhig bleiben. Wir verlangen nicht in den Beſitz des Stadthauſes zu kom⸗ men, aber wir ſind auch entſchloſſen, unſern rechtmaͤßigen Beſitz der Tuilerien zu behaupten. „Durchdrungen von dieſen hohen und erhabenen Gedan⸗ ken verordnet die proviſoriſche Regierung der Tuilerien: „1) daß es nicht räthlich iſt, den Ruhm Frankreichs dadurch zu vermindern, daß man die Obhut uͤber die Tuile⸗ rien andern Haͤnden anvertraut, als denen der braven Buͤr⸗ ger, welche ſie ſo heldenmuͤthig erobert haben. „2) daß die proviſoriſche Regierung die Coupons nicht als ein Nationalzahlungsmittel anerkennt. „3) der Miniſter des Auswaͤrtigen iſt mit der Ausfuh⸗ rung dieſes Decrets beauftragt. „Tod den Tyrannen.“ Unterzeichnet: Potard Pomme⸗de⸗terre Dunshunner Gratte⸗les⸗rues Saigne⸗du⸗nez Deſtripes Bagsby (Baumwollenweber). Dieſes Dokument ward einmuͤthig als die richtige Dar⸗ legung unſerer Geſinnungen angenommen und meine Colle⸗ gen ſagten mir die groͤßten Schmeicheleien uͤber meine diplo⸗ matiſche Faͤhigkeit. Ich fand jedoch Gelegenheit, verſtohlen noch folgendes Billet in die Depeſche hineinzuprakticiren: „Wenn der Buͤrger Albert ſeine engliſchen Freunde noch nicht ganz vergeſſen hat, ſo wird er den Buͤrger Monte⸗ Chriſto ſofort von ihrer Lage in Kenntniß ſetzen. Hier ſtehen die Sachen ſehr ſchlimm. Die oͤffentliche Ruhe haͤngt einzig und allein davon ab, daß der Wein nicht ausgeht.“ Nachdem dieſes Geſchaͤft abgemacht war, befaßten wir uns mit den induſtriellen Pflichten. Mit den Finanzen wa⸗ ren wir bald fertig. Es waren blos 4 Franks 6 Sous in der ganzen Staatsgemeinde aufzubringen, aber Gratte⸗le⸗vues hatte mit angebornem Scharfſinn die Uhr und Kette des un⸗ glůcklichen Marine⸗Miniſters bemerkt und dieſe ward — erfußt und fuͤr Nationaleigenthunt erklaͤrt. Bei naͤherer unterſuchung fanden wir, daß die Speiſe⸗ kammer nicht eben uͤberfluͤſſig verſehen war. Mit gebuͤhren⸗ der Ruͤckſicht auf den ungeheuren Appetit der Fiſchweiber, von welchen wir ungefähr zwoͤlf in unſerer Geſellſchaft hat⸗ ten, berechneten wir, daß unſer Vorrath nicht länger als hoͤch⸗ ſtens ein paar Tage dauern koͤnne. An Wein war jedoch Ueberfluß genug da. Wir begannen nun einen Plan zur kuͤnftigen Organiſa⸗ tion der Arbeit in ganz Frankreich zu entwerfen, aber ich glaube nicht, daß ich meine Leſer mit dieſen Einzelheiten zu beläſtigen brauche. Unſer Plan wich nicht ſehr weſentlich von dem Louis Blanc's ab, und der Hauptpunkt um den es ſich drehete, war, mit kurzen Worten — drei Tage Lohn fuͤr einen halben Tag Arbeit. Auch ward documentirt, daß alle Diener außer ihrem Lohn einen Theil vom Gewinn ihres Herrn erhalten ſollten. Nachdem wir einige Stunden eben nicht auf die ruhigſte Weiſe mit der Arbeit der Geſetzgebung zugebracht — denn Deſtripes, deſſen Abſicht, den Palaſt in Brand zu ſtecken, uͤberſtimmt ward, drohte den alten Jupiter Potard an den Kronleuchter aufzuknuͤpfen und ward daran nur durch die geladene Büͤchſe des Buͤrger Saigne⸗du⸗nez verhindert — wur⸗ den wir der Arbeit uͤberdruͤſſig und die Orgien begannen von Neuem. Ich habe weder Geduld noch Luſt, mich in eine Beſchreibung der Scenen einzulaſſen, die nun vor ſich — gingen. Aus Liebe zum menſchlichen Geſchlecht, hoffe ich, daß ein ſolches Schauſpiel niemals wieder in dem Herzen einer chriſtlichen Stadt geſehen werden mag. Der arme Bagsby litt furchtbar. Die Zuneigung ſei⸗ ner ſchoͤnen Poiſſarde war allmählig bis zu einer Art Wahn⸗ ſinn geſtiegen und ſie verließ ihn keinen Augenblick. Der Un⸗ gluckliche ward von ihr zu jedem Tanz aufgezogen; ſie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie eine Menſchenfreſſerin einen fetten wohlgenährten Pilger betrachtet, und am Schluß eines jeden Tanzes verlangte ſie den Bruderkuß. Er verſuchte ihr zu entfliehen, indem er um die Moͤbels herumlief, aber es half ihm Alles nichts. Sie folgte ihm, wie ein Dachs einem Kaninchen durch alle Kruͤmmungen ſeiner Hoͤhle folgt, und es gelang ihr allemal, ihrer Beute in einer Ecke habhaft zu werden. Endlich kam die Nacht und mit ihr das Schweigen. Einer der Zecher nach dem andern war in Schlaf geſunken; Manche hielten die Flaſche noch feſt, der ſie zugeſprochen, ſo lange ſie nur noch einen Schimmer von Beſinnung beſaßen, und der große ruhige Mond ſchien vorwurfsvoll durch die Fenſter in dieſe entweihte Halle hinein. Im Himmel wohnte der Frieden, aber auf Erden — o welcher Wahnſinn und welche Befleckung! Ich lag ebenfalls in ein Stlick alte Tapete gehuͤllt da und dachte ernſthaft uͤber meine gegenwärtige ziemlich un⸗ ſichere Lage nach, als ich eine Geſtalt bemerkte, die ſich unter der Maſſe der Schlafenden herumbewegte. Die Ge⸗ ſellſchaft in der wir uns befanden, war von der Art, daß allerlei Befuͤrchtungen gerechtfertigt erſchienen und ich fuhr fort, die Geſtalt im Auge zu behalten, bis ſie endlich in den Schein des Mondes trat und ich Bagsby erkannte. Dieſer arme Kerl war ein ſehr beſchwerliches Hemmniß fuͤr alle meine Bewegungen, denn obſchon mich kein irdiſches Band an ihn feſſelte, ſo konnte ich doch nicht umhin, zu fuhlen, daß ich gewiſſermaßen das Werkzeug geweſen, wodurch er in ſeine gegenwaͤrtige ſchwierige Lage gekommen, und ich war entſchloſſen, nicht von dannen zu gehen, ohne ihn zum Theil⸗ nehmer an meiner Flucht zu machen. Ich war ſehr neugierig, den Zweck ſeiner jetzigen Bewegungen zu kennen, denn die verſtohlene Weiſe, auf welche er durch die Halle glitt, verr rieth irgend ein ungewohnliches Vorhaben. Ich blieb nicht lange in Zweifel. Hinter einem großen Ofenſchirm hervor zog er einen Knaͤuel Schnur, an welcher fruͤher der Vorhang befeſtigt geweſen, mittelſt deren aber Potard's Apotheoſe durch Deſtripes hatte vollzogen werden ſollen. Mit dieſer Schnur naͤherte er ſich einem Fenſter und begann das eine Ende an den Rahmen anzuknuͤpfen. Er ſchauete ſich dann vorſichtig um, wie um ſich zu uͤberzeugen, daß ihm Niemand zu⸗ ſähe und öffnete ſodann den Fenſterflugel. Ein neuer Hoff⸗ nungsſchimmer daͤmmerte vor mir auf. Ich war eben im — — Begriff aufzuſtehen und ihm zu Hilfe zu kommen, als eine zweite Geſtalt raſch durch den Mondſchein durchglitt. Im nächſten Augenblick war Bagsby bei der Kehle und eine leiſe Stimme ziſchte: „Ah traſtre! monstrel polisson! vous voulez done fuir? Vous osen mépriser mon amour!“ Es war die Poiſſarde. Nichts auf Erden iſt ſo wach⸗ ſam als ein eiferſuͤchtiges Weib. Sie hatte die Abſicht des ungluͤcklichen Marineminiſters ſchon lange gemerkt und⸗ ſtellt⸗ ſich blos ſchlafond, um ihn auf dem Fluchtverſuche zu ertappen. Es war kein Augenblick zu verlieren. Ich wußte, daß, wenn dieſes Weib Laͤrm machte, Bagsby ohne Weiteres an ſeiner eignen Schnur gehangen werden wuͤrde und ich ſtahl mich leiſe zu dem Paare hin, um wo möglich eine Verſoͤh⸗ nung zu Stande zu bringen. „Ah, Buͤrger, biſt Du es?“ ſagte die Poiſſarde lauter, als überhaupt raͤthlich war. „Hier iſt Dein Kamerad, der mir einen niedlichen Streich ſpielen will. Treuloſes Unge⸗ heuer, haͤltſt Du ſo Deine Liebesbetheuerungen ?“ „Um's Himmelswillen, reißen Sie das Weib von mir los, ſonſt erwuͤrgt ſie mich noch,“ murmelte Bagsby. „Ich bitte Sie, Madame, ſein Sie ruhig,“ ſagte ich, „Sie koͤnnten leicht einige unſerer Freunde aufwecken.“ Was mache ich mir daraus,“ ſagte das Fiſchweib, meinetwegen mögen ſie aufwachen und ich werde den Schur⸗ Die Engländer in den Tulllerien. 6 ken anzeigen, der es gewagt hat, mit meiner Liebe ſu ſpielen.“ „Ja, aber bedenken St doch die Folgen,“ ſagte 5 „ich bitte Sie, ſchweigen Sie doch einen Augenblick. Bagsby, das iſt eine ſchlimme Geſchichte. Das brauchen Sie mir nicht erſt zu ſagen,“ ſtöhnte vogety „Unſer Leben hängt von dieſem Weibe ab und Sie muͤſſen ſie auf irgend eine Weiſe beſchwichtigen.“ „Ich verſtehe mich zu Allem, ſagte der geaͤngſtete Ma⸗ rineminiſter. Ja, ich will mich rachen,“ rief die Peiſſarde, „ich will ſein Herzblut haben, daß er gewagt hat, mich zu hintergehen. Wie! Iſt das die Art und Weiſe, auf welche man eine Tochter des Volks behandelt?“ „Buͤrgerin,“ ſagte ich, Sie haben unrecht — ganz Un⸗ recht, glauben Sie mir, er liebt Sie e Wel⸗ chen Beweis wuͤnſchen Sie ?6 „Nun ſo mag er mich morgen heirathen,“ ſagte das Fiſchweib; „in dieſem ſelben oder ich mache augen⸗ blicklich Lärm.“ Ich verſuchte den harten urtheilsſpruch zu mildern, aber die Poiſſarde war gegen alle Vorſtellung taub. „Bah,“ ſagte ich, „es hilft nichts. Wir ſind einmal mitten in einer Revolution und muͤſſen mm Sie be⸗ ſteht darauf, daß Sie ſie morgen heirathen ſollen und die Alternative iſt augenblicklicher Tod.“ „Ich will es thun, ſagte Bagsby ruhig, „es iſt Alles beſſer, als mit kaltem Blute ermordet zu werden.“ Das Geſicht der Poiſſarde hellte ſich auf. „Aha,“ ſagte ſie, den unterwuͤrfigen Bagsby beim Ohr nehmend, „alſo willſt Du doch mein republikaniſcher Gatte ſein, éoquin? Komm mit. Ich werde Sorge tragen, daß Du heute Nacht nicht abermals entwiſcheſt und morgen habe ich Dich dann fuͤr immer.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte ſie ihren Gefangenen nach dem andern Ende des Saales. 6* Sechſtes Rapitel. Eine republikaniſche Vermählung. „Das iſt eine große Neuigkeit,“ ſagte Deſtripes, als wie uns am andern Morgen um den revolutionairen Fruhſtuͤcks⸗ tiſch verſammelten. „Haſt Du es gehoͤrt, unſer College, der Marineminiſter, ſteht im Begriff mit einer Tochter des Volks ein Herzensbuͤndniß zu ſchließen. Corbleu! Es giebt nichts Luſtigeres, als eine ordentliche republikaniſche Hochzeit.“ „In meiner Jugendzeit,“ ſagte Jupiter Potard, „hatten wir dergleichen ſehr haͤufig. Die Art und Weiſe dabei war, daß man zwei Ariſtokraten zuſammenband und in die Seine warf. Wie pflegte der arme gute Carrier dabei zu lachen! O meine Freunde, ſo luſtige Zeiten bekommen wir nicht wie⸗ der zu ſehen.“ „Na, verliert nut den Muth nicht, alter Burſche!“ rief Deſtripes, „wir koͤnnen niemals ſagen, was uns bevorſteht. Ich zweifle nicht daran, daß wir noch etwas zu ſehen bekom⸗ men, wobei ſich der Geiſt des herrlichen Callot d'Herbois vor Freuden die Hände reibt. Laßt uns die Geſchaͤfte des Tages abmachen und dann die Hochzeit mit gebuͤhrender Luſt feiern.“ „Aber wo ſollen wir denn einen Prieſter finden 2“ fragte Saigne⸗du⸗nez. „Ich ftage, ob einer aus unſerer Bruͤder ſchaft jemals ordinirt worden iſt.“ „Prieſter?“ rief Deſtripes wild. „eben wir vielleicht in dem Zeitalter des Aberglaubens? Ich ſage Dir, Saigne⸗ du⸗nez, wenn ein ſolcher Kerl hier wäre, ſo ſollte er in der nächſten Viertelſtunde von dieſer Decke herabbaumeln. Wel⸗ chen beſſern Prieſter koͤnnen wir uns wuͤnſchen, als unſern ehrwuͤrdigen Freund Potard?“ „Ja wohl, ja wohl,“ ſagte Pomme⸗be⸗terre, „Potard wird die Sache ganz ſchoͤn beſorgen. Ich wollte darauf wet⸗ ten, daß er mit ſeinem langen Bart ſchon lange einmal als Modell zu einem Hohenprieſter geſeſſen hat. Aber ſeht nur die Bürgerin Corbeille an, wie zufrieden ſie mit ihrem Fang zu ſein ſcheint! Ventre bleu! Unſer wird ganz ge⸗ wiß ein gluͤcklicher Mann.“ Welches Gluͤck aber auch Bagsby ſpaͤter beſchieden ſein mochte, ſo zeigte ſich doch jetzt noch keine Spur davon. Er ſaß neben ſeiner Braut wie ein Verbrecher am Morgen ſeiner Hinrichtung und die Anſtrengungen, die er machte, um ihre Aufmerkſamkeiten zu erwidern, waren im höchſten Grade wei⸗ nerlich und lächerlich. Als das Fruͤhſtuͤck voruͤber war, ſetzten wir uns nieder, um Rath zu halten; da wir aber weder Deputationen zu empfangen, noch neue Anordnungen zu treffen hatten, ſo war unſere Sitzung ziemlich kurz. Bagsby bat mich, um, wie ich mit Recht vermuthete, Zeit zu gewinnen, das Thema des Freihandels und des unbeſchraͤnkten Austauſches zur Sprache zu bringen, aber die neuen Ereigniſſe hatten die Lehrſätze von Mancheſter mir aus dem Kopf vertrieben und meinen Glauben an die Untruͤglichkeit der Propheten der League etwas erſchuttert. Ueberdies zweifelte ich ſehr, ob un⸗ ſer proviſoriſches Miniſterium ſich einen Pfifferling um Zoll auf Callico und Leinen kuͤmmerte, da dieſe Artikel nicht zu denen gehörten, von welchen dieſe Geſellſchaft am Meiſten conſumirte, und ich begriff vollkommen die Gefahr, in einer aus ſo ſonderbaren Elementen zuſammengeſetzten Geſellſchaft allzulangweilig uber einen Gegenſtand zu werden. Ich lieh daher den Bitten Bagsby's ein taubes Ohr und weigerte mich, den Kabinetsrath auf Gefahr der Integritat meines Halſes aufzuklären. Auf unſere Mittheilung vom vorigen Tage war von den „ draußen noch keine Antwort eingegangen. Eein Uhr war die von der proviſoriſchen Regirung zu der Vermählungsfeierlichkeit beſtimmte Stunde, wobei aller möglicher Pomp entfaltet werden ſollte. ungefähr um zwoͤlf uhr entfernte ſich die Braut, von drei andern Fiſchweibern be⸗ gleitet, um aus den Vorräthen des Palaſtes ein dieſer feier⸗ lichen Gelegenheit geziemendes Gewand auszuſuchen. Mitt⸗ lerweile hatte ich viel Muͤhe, Bagsby's Muth aufrecht zu erhalten — in der That vermochte ich auch nur durch einige reichliche Doſen Branntwein auf ihn einzuwirken. Zuweilen brach er in einen wilden Paroxismus aus und verwuͤnſchte die ganze League von Mancheſter einzeln und zuſammenge⸗ nommen, die ihn mit dieſer ungluͤcklichen Miſſion nach Paris beauftragt hatte. Nachdem dieſe Profanität vorüber war, brach er in Thraͤnen aus, beklagte ſein trauriges Schick⸗ ſal und redete in Gedanken mit einer kleinen huͤbſchen Witwe, die in der Umgegend vom Macclesfield zu wohnen ſchien. Was die Franzoſen betraf, ſo war die Art und Weiſe, mit der er die Schale ſeines Zorns uͤber dieſe gute Nation ausgoß, eine hochſt entſetzliche und unchriſtliche. Die Plagen Egyp⸗ tens waren ein Spaß gegen die Qualen, die er auf das Haupt der unglucklichen Franzoſen herabrief und ich dankte meinem Gott im Stillen, daß keiner unſerer Genoſſen eine Sylbe Engliſch verſtand, ſonſt wäre Bagsby's Brautbett un⸗ vermeidlich das Grab geweſen. Es war nun meine Pflicht, fuͤr angemeſſene Ausſtaffi⸗ rung des Bräutigams zu ſorgen, zu welchem Ende ich denn mit Erlaubniß unſrer Collegen Bagsby in ein Nebenzimmer fuͤhrte wo eine vollſtändige Uniform, vielleicht das S Ludwig Philipps, bereit lag. „Na, kommen Sie, Mr. Bagsby,“ ſagte ich, als ich — bemerkte, daß er im Begriff ſtand, ſeine Klagen zu erneuern, „wir haben nun Lamentationen genug gehört. Sie ſind ſelbſt Schuld. Haͤtten Sie mich von Ihrer Abſicht geſtern Abend in Kenntniß geſetzt, ſo waͤren wir wahrſcheinlich Beide gluͤcklich entkommen, aber Sie wollten einmal das Abenteuer allein auf ſich nehmen und muͤſſen es nun auch auf die Fol⸗ gen ankommen laſſen. Und im Grunde genommen, was iſt's auch weiter? Es iſt ja bloß eine Vermaͤhlung, eine Sache, welche beinahe jeder Menſch ſich wenigſtens einmal in ſeinem Leben muß gefallen laſſen.“ „O, aber ein ſolches Weib — oder vielmehr einen ſol⸗ chen Teufel zu heirathen!“ ſtöhnte Bagsby. „Ich wuͤrde mich nicht im Mindeſten wundern, wenn ſie auch biſſe, wie ein Krokodill. Wie kann ich jemals ein ſolches Ungeheuer mit nach Hauſe nehmen und ſie meinen Freunden vorſtellen?“ „Ich wuͤßte nicht, weshalb dies noͤthig wäre, lieber Freund. Warum wollen Sie nicht hier bleiben und ein na⸗ turaliſirter Franzoſe werden?“ „Hier? Eben ſo gern wuͤrde ich daran denken, in einer Irrenanſtalt zu bleiben. Und in der That werde ich auch wohl bald in eine kommen, denn Fleiſch und Blut koͤnnen dieſe Tortur nicht lange mehr aushalten. Aber hören Sie,“ fuhr er fort, indem ein Strahl der Hoffnung ſein Geſicht erleuchtete, im Grunde genommen iſt doch die ganze Hei⸗ rath ungiltig. Ich will mich häͤngen laſſen, wenn einer von — — dieſen Schuften ein wirklicher Geiſtlicher iſt und ſelbſt wenn einer darunter wäre, ſo muͤßte ich doch erſt eine vorſchrift⸗ mäßige Dispenſation beibringen.“ „Täuſchen Sie ſich nicht, Mr. Bagsby,“ ſagte ich, „die Ehe iſt in Frankreich ein bloßer geſelliger Contract und wird durch Zeugen giltig, von welchen bei deien Gelegenheit nur zu viel gegenwaͤrtig ſein werden.“ „Dann ſage ich, daß dieſe Menſchen eine hoͤlliſche Secte eingefleiſchter Heiden ſind. Was, ein Mann ſoll heirathen, er mag wollen oder nicht und noch dazu außerhalb der Kirche! Das iſt genug, um Gottes Gericht auf dieſes Land herab⸗ zurufen.“ „Sie vergeſſen ganz, wie die Sache ſteht, Mr. Bagsby, Sie brauchen ja nicht zu heirathen, wenn Sie nicht wollen. Es handelt ſich um die bloße Wahl zwiſchen Heirath und Hinrichtung — zwiſchen der Dame und einer gewiſſen Schnur, welche wie ich Ihnen verſichern kann, Monſieur Deſtripes oder Gratte⸗les⸗rues gewiß ohne Weiteres zu handhaben ver⸗ ſtehen wird. In der That glaube ich nach gewiſſen bedeu⸗ tungsvollen Symptomen, daß ihnen ſchon die Finger nach ſo etwas jucken.“ „Es ſind allerdings zwei ſchreckliche Auswege. Ich wollte, ich hätte Muth genug, mich hängen zu laſſen, im Grunde genommen wäre es auch nicht viel ſchrecklicher, als heirathen. Und doch weiß ich nicht. Es giebt vielleicht ein Mittel, wieder eine Scheidung herbeizufuͤhren oder ſie ſauft ſich zu Tode, denn unter uns geſagt, ſie ſcheint dem Brannt⸗ wein ungeheuer zugethan zu ſein.“ „Pfui, Mr. Bagsby, wie können Sie nur von Ihrer Braut an Ihrem Hochzeitstag ſo reden. Machen Sie ſchnell, fahren Sie hier in dieſe Hoſen hinein, wenn ſie auch nicht ſo genau paſſen ſollten. Es iſt vielleicht gefährlich, die Ge⸗ ſellſchaft ſo lange warten zu laſſen und unter gegenwärtigen umſtänden möchte es wohl klug ſein, die Laune der Dame nicht allzuſehr auf die Probe zu ſtellen.“ Das hätte ich nicht gedacht, daß ich auf dieſe Weiſe eine Frau bekommen wuͤrde,“ ſeufzte Bagsby, indem er die uniform anzog, welche von Stickerei ſtarrend und zweimal zu weit fur ihn, oben und unten vorragte, wie ein ungeheu⸗ rer Kuͤraß. „Wenn meine arme alte Mutter mich jetzt ſihe in den abgeſezten Kleidern eines nichtswuͤrdigen Franzoſen —“ „Sie wuͤrde Ihnen ihre Bewunderung nicht verſagen können, davon bin ich feſt uberzeugt. Wiſſen Sie, daß Sie ganz kriegeriſch ausſehen in dieſen Epauletten? Kommen Sie nun — um mit der Schaͤrpe, trinken Sie noch einen Fingerhut voll Branntwein und dann zum Altar, wie ein Mann.“ „Ich glaube, Sie meinen es gut mit mir, Mr. Duns⸗ hunner, aber ich muß geſtehen, daß ich ſchon angenehmeren — Unterhaltungen beig wohnt habe. Hoͤren Sie — was haͤlt mich eigentlich ab, im Schornſtein hinaufzuſteigen 2“ „Wahnſinn! In dem Augenblick, wo man dies merkte, wuͤrde man Ihnen ein Dutzend Kugeln nachſchicken. Glau⸗ ben Sie mir, Sie haben nicht die entfernteſte Ausſicht, zu entkommen. Je cher Sie ſich daher in Ihr unvermeidliches Schickſal fuͤgen, um ſo beſſer.“ Hier ließ ſich ein lautes Pochen an der Thuͤre ver⸗ nehmen. „Buͤrger Marineminiſter, biſt Du fertig?“ rief die Stimme Pomme⸗de⸗terre's. „Deine Braut wartet auf Dich. Der Altar iſt hergerichtet und Vater Potard ſteht bereit.“ „Nun ſo kommen Sie,“ ſagte ich, indem ich Bagsby beim Arme ergriff. Faſſen Sie Muth, wie ein Mann, in zehn Minuten iſt Alles voruͤber.“ Unſere Collegen waren mittlerweile nicht muͤſſig gwe⸗ ſen, denn an einem Ende des Saales hatten ſie einen Altar erbaut, mit einem Teppich bedeckt, hinter welchem Jupiter Potard ſtand, angethan mit einem Koͤnigsmantel von kar⸗ moiſinrothem Sammet, der hoͤchſt wahrſcheinlich in fruherer Zeit die Schultern Napoleons geſchmuͤckt hatte. In der That ſah man darauf den kaiſerlichen Adler in Gold geſtickt. Jupiter ſah mit ſeinem langen Bart und ſeiner zuruͤcktreten⸗ den Stirn, wie das leibhaftige Ebenbild eines Hohenprieſters — und hätte die Hauptfigur auf einem Gemaͤlde der Hochzeit des Kaiſers Heliogabalus vorſtellen können. Gratte⸗les⸗rues und Pomme⸗de⸗terre, deren Temperament ein kriegeriſches war, hatten ſich mit Harniſchen angethan und ſtanden, wie zwei Ritter der Vorzeit zu beiden Seiten des ehrwurdigen Prälaten. Deſtripes, der das Amt eines zeitweiligen Vaters der Demoiſelle Corbeille uͤbernommen hatte, erſchien als Patriot aus der Zeit der Schreckensherrſchaft. Seine breite Bruſt war entblößt, ſeine Aermel bis an die Schultern aufgeſtreift und in ſeinem Guͤrtel ſtak die e — ein wohlgewaͤhltes Sinnbild ſowohl ſeiner Grundſätze, als ſeines Handwerks. Zu ſeiner rechten Hand ſtand die Braut, vor Putz und Goldſtoff kaum ſichtbar. Aus welcher alten Garderobekiſte man ihr Gewand hervorgeſucht hatte — das zu erörtern mochte wohl vergeblich ſein. Eins war klar, daß die fruͤhere Beſitzerin dieſer Kleider offenbar von weit ſchlankerer Taille geweſen war, als die bluͤhende Poiſſarde, denn man hatte ſich genöthigt geſehen, die Kleider uber der Bruſt vermittelſt eines ſonderbaren Netzwerks von Bindfaden zuzumachen. Ich furchte, ich bin zeither gegen dieſe Dame etwas ungerecht ge⸗ weſen, denn ich muß geſtehen, daß ſie bei dieſer Gelegenheit wirklich nicht allzuhäßlich ausſah. Sie war eine Frau von etwa fuͤnfundvierzig Jahren, ſtark gebaut, mit ungemein ent⸗ wickelten Fuͤßen und Knöcheln und Armen von männlichen — — Verhältniſſen. Und doch hatte ſie ein Paar ganz entſchie⸗ den ſchoͤne Augen, welche vielleicht wenig von jungfraͤulicher Beſcheidenheit verriethen aber von Liebe und Triumph blitzten, eine kleine Stumpfnaſe, die ohne ihre immerwährende Roͤthe dem Geſicht vielleicht einen pikanten Ausdruck gegeben hätte, einen großen Mund und ein Paar Reihen ungeheure Zähne, welche, die Wahrheit zu geſtehen, vollkommen ſo ausſahen, als wenn dadurch die Befuͤrchtungen des Bräutigams gerecht⸗ fertigt werden könnten. „Ruhe,“ rief Jupiter Potard, als wir eintraten. „Laßt die gegenwärtige erhabene Feierlichkeit ſo von ſtatten gehen, wie es der Souverainetät des Volks geziemt. Buͤrger Saigne⸗ du⸗nez, tritt vor.“ Saigne⸗du⸗nez war mit einem ſchwarzen Frack beklei⸗ det, ich glaube, um einen Notar vorzuſtellen. Er trat vor. „Im Namen der franzoͤſiſchen einen und untheilbaren Nation verlange ich die Feier der Vermählung des Buͤrgers Hutton Bagsby, Adoptivkindes von Frankreich und proviſori⸗ ſchen Miniſters der Marine in dem Departement der Tuile⸗ rien, und der Buͤrgerin Cephyſe Corbeille, Fiſchhändlerin und Tochter des Volks.“ „Iſt Niemand hier, der Einſpruch zu thun hat?“ fragte Jupiter. Es erfolgte keine Antwort. „Nun, ſo erkläre ich im Namen der franzöſiſchen Na⸗ — tion, daß die Cei ihren Fortgang haben ſoll. Buͤrger, Miniſter der Marine, ſind Sie Willens, dieſes Weib zu ihrem chelichen Gemahl zu nehmen?“ Bagsby ſtand der kalte Schweiß auf der Stirn, die Kniee ſchlugen ihm zuſammen und er ſtuͤtzte ſich mit der gan⸗ zen Laſt ſeines Körpers auf meinen Arm, als ich ihm die Frage Jupiters verdollmetſchte. „Sagen Sie, was Sie wollen, «murmelte er, es doch auf Eins hinaus.“ „Der Buͤrget willigt ein, ehrwuͤrdiger Präſident.“ „Dann bleibt alſo nichts ubrig, als der Buͤrgerin die⸗ ſelbe Frage vorzulegen,“ ſagte Potard. „Wer vertritt die Stelle des Vaters der Braut?“ „Chüte de la Bastille? Das thue ich,“ rief Deſtripes. „Buͤrger Deſtripes, wollt Ihr aus Eurem eigenen freien Willen und —“ Hier ließ ein donnerndes Pochen an der Thuͤr ver⸗ nehmen. „Wos iſt das?“ ruf Deſtripes zuruͤckfahrend, „es iſt Jemand üͤber die Barricade geſtiegen!“ „Im Namen der proviſoriſchen Regierung!“ rief eine laute Stimme. Die Thuͤr ward aufgeworfen und zu mei⸗ ner unausſprechlichen Freude erblickte ich den Grafen von Monte⸗Chriſto und hinter ihm eine bedeutende Abtheilung der Nationalgarde. — 4 — „Verrath! Verrath!“ ſchrie Deſtripes. „Ach Schurke, Du haſt Deinen Poſten vernachläſſigt!“ Und er fuͤhrte mit ſeiner Art einen fuͤrchterlichen Hieb nach dem Kopfe Gratte⸗ les⸗rues'. Ein Gluͤck fuͤr dieſen war es, daß der Helm, den er trug, von ausgezeichneter Stärke war, ſonſt hätte ihm dieſer Hieb ſicherlich den Kopf geſpalten. So aber taumelte der wuͤrdige Mann bloß einige Schritte zuruck und ſturzte zu Boden. Die Nationalgarde fällte ſogleich das Bajonnett. „Ich habe die Ehre, den Buͤrgern zu melden,“ ſagte Monte⸗Chriſto, „daß ich den beſtimmteſten Befehl habe, ſo⸗ fort Feuer geben zu laſſen, wenn der geringſte Widerſtand geleiſtet wird. Monſieur wird daher die Guͤte haben, dieſes Beil ſogleich wegzulegen.“ Deſtripes ſtierte ihn einen Augenblick lang an, als ob er auf ihn losſtuͤrzen wollte, aber die feſte Haltung der Natio⸗ nalgarde ſchuͤchterte ihn doch ein. „Das iſt Freiheit!“ rief er, indem er ſeine Waffe fort⸗ ſchleuderte. „Das iſt es alſo, wofuͤr wir an den Barrica⸗ den gefochten haben! Stets getaͤuſcht — ſtets von Ariſto⸗ kraten verkauft. Aber der Tag wird kommen, wo ich mit Dir Rechnung halte, mein lieber Freund, ſo wahr ich der Neffe des Buͤrgers Samſon bin.“ „Darf ich vielleicht fragen, was dieſer außerordentliche Auftritt zu bedeuten hat?“ ſagte Monte⸗Chriſto, indem er erſtaunt ſeinen Blick auf die buntſcheckige Verſammlung hef⸗ tete. „Haben die Herren die Abſicht, einen Kreuzzug zu unternehmen oder ſind wir zufällig unter eine Geſellſchaft von Malteſerrittern gerathen ?* „Keins von Beiden,“ entgegnete ich. „Das Wahre an der Sache iſt, daß wir gerade, als Sie kamen, im Begriff ſtanden, eine republikaniſche Hochzeit zu feiern.“ „Fern ſei es von mir, mich in haͤusliche oder eheliche Angelegenheiten zu miſchen,“ ſagte der höfliche Monte⸗Chriſto. „Die Trauung mag auf alle Fälle ihren Fortgang haben, ich werde mich fteuen, Zeuge derſelben ſein zu koͤnnen und wir koͤnnen nachher unſer Geſchäft abmachen.“ „Sie werden hier keine Trauung zu ſehen bekommen, das kann ich Ihnen ſagen,“ rief Bagsby, der auf das erſte Anzeichen von Hilfe ſich unter die Fittige des Marquis ge⸗ fluͤchtet hatte. „Ich ſtelle mich unter Ihren Schutz, und beim Jupiter, wenn Sie mir nicht beiſtehen, ſo werde ich ſo⸗ fort bei Lord Normanby Klage führen.“ „Was iſt denn das?“ rief Monte⸗Chriſto. „Sehe ich wirklich Monſieur Bagsby in Generalsuniform? Nun, mein Herr, Sie ſind in der That ein naturaliſirter Franzoſe gewor⸗ den! Die Nation hat Anſpruch auf Sie.“ „Die Nation wird es dann ſehr ſchwierig finden, dieſe Anſpruͤche geltend zu machen,“ ſagte Bagsby, „aber ich will fort. Ich frage, kann ich fortgehen, oder nicht?“ „Ganz gewiß koͤnnen Sie das, Niemand kann Sie dar⸗ an verhindern, aber ich bin neugierig zu hoͤren, was es eigent⸗ lich mit dieſer Trauung fuͤr eine Bewandtniß hat.“ „Nun,“ ſagte ich, „die Wahrheit iſt, mein lieber Mar⸗ quis, daß die Sache fuͤr unſern Freund da eine ziemlich deli⸗ kate iſt. Er hat ſoeben noch in der Eigenſchaft eines Braͤu⸗ tigams fungirt.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen,“ ſagte Monte⸗Chriſto, „und wer, wenn ich fragen darf, iſt denn die ſchoͤne Dame?“ Hier trat Demoiſelle Cephyſe vor. „Buͤrger Offizier, ſagte ſie, „ich will meinen Mann haben.“ „Hoͤren Sie, Monſieur Bagsby, ſagte Monte⸗Chriſto, dem der Auftritt koͤſtlichen Spaß zu machen ſchien, „die Dame ſagt, Sie haͤtte Anſpruͤche auf Sie.“ „Es ſind lauter Lugen!“ ſchrie Bagsby; „das Frauen⸗ zimmer geht mich durchaus nichts an. Ich haſſe und ver⸗ abſcheue ſie.“ „Monstre!“ kreiſchte die Poiſſarde, indem ſie Bagsby's ungalante Weigerung mehr aus ſeinen Geberden als aus ſeinen Worten errieth. Und ſie ſprang mit den ausgeſpreizten Krallen eines Tigers auf ihn zu. Bagsby war jedoch dies⸗ Die Engländer in den Tuilerien. 7 mal zu ſchnell fur ſie und fluchtete ſich hinter die Reihen der Nationalgardiſten, die vor Lachen kaum ſtehen konnten. „Ich will Dich aber haben, polisson,“ rief die wuthende Braut, „ich will Dich aber haben, und wenn ich Dir bis ans Ende der Welt folgen ſollte! Du haſt eingewilligt, mein Mann zu werden, Du kleiner Cattunweber, und ich gebe Dich niemals auf.“ „Laßt ſie nicht heran, meine liebe Soldaten,“ rief Bagsby „ich bitte, laßt ſie nicht heran. Sie ermordet mich und reißt mich in Stuͤcken, wenn ſie mich packt. O, Mr. Dunshunner, ſagen Sie ihnen doch, daß ſie mich mit ihren Bajonnetten ſchutzen ſollen.“ „Fuͤrchten Sie nichts, Mr. Bagsby, ſagte Monte⸗ Chriſto, „Sie ſtehen jetzt unter dem Schutz der Nationalgarde. Doch nun zur Sache. Wer von den hier verſammelten Buͤrgern iſt der Sprecher.“ „Ich bin der Präſident,“ ſagte Jupiter Potard unter heftigem Schlucken, denn er hatte waͤhrend des ganzen Mor⸗ gens der Flaſche unausgeſetzt zugeſprochen. „Nun dann werden Sie verſtehen, daß Sie auf Be⸗ fehl der proviſoriſchen Regierung den Palaſt ſammt und ſon⸗ ders binnnen einer Viertelſtunde zu raͤumen haben.“ „Ludwig Philipp hat ſiebzehn Jahre hier gewohnt,“ entgegnete Jupiter Potard zund ich danke nicht eine Minute eher ab.“ N „Und ich, ſagte Pommerde⸗terre, Herwarte eine an⸗ ſtändige Penſion fuͤr meine Muͤhe.“ „Oder,“ ſagte Saigne⸗du⸗nez, „wir muͤſſen wenigſtens Erlaubniß haben, noch ein Bischen in den Zimmern herum zu wirthſchaften.“ „Sie haben ſchon Schaden genug angerichtet,“ ſagte Monte⸗Chriſto, alſo ſchicken Sie ſich an, ſich zu entfernen. Meine Befehle find ganz ſtreng und ich werde ſie buchſtäb⸗ lich ausfuͤhren.“ „Nun ſo kommt denn, Buͤrger,“ rief Deſtripes, „ich dachte mir gleich, was daraus werden wuͤrde, wenn dieſe ſchuftige Bourgeoviſie uͤber die Arbeiter die Oberhand gewinnt. Sie ſind in ihrem Herzen alle die ſchwärzeſten Ariſtokra⸗ ten. Aber bei dem Haupte Robespierre's, du ſollſt finden, daß dein Reich noch nicht zu Ende iſt und es ſoll noch mehr Blut fließen, ehe wir ſie die Rechte des Volks mit Fuͤßen treten laſſen.“ Mit dieſen Worten ſchritt der demokratiſche Fleiſcher aus dem Zimmer, gefolgt von dem Reſt der proviſoriſchen Re⸗ gierung und ihren Anhaͤngern, Jedes in dem Gewande, wel⸗ ches zu Ehren der Vermaͤhlung Bagsby's gewaͤhlt worden. Die Poiſſarde verweilte noch einen Angenblick und ſchielte ihren treuloſen Bräutigam, der in der Mitte der Garde ſtand, an wie eine Lowin, der man die Jungen geraubt — 100 — hat und ſtürzte dann mit wuͤthendemlGeſchrei undldrohender Feberde hinter ihren Gefaͤhrten drein. „Dem Himmel ſei Dank,“ rief Bagsby, auf die Kniee niederſinkend, „die bitterſte Stunde meines ganzen Lebens iſt voruͤher.“ Siebentes Rapitel. Leb' wohl, du ſüßes Frankreich! „Alſo Sie erhielten die Nachricht durch Monſieur Al⸗ bert?“ ſagte ich zu Monte⸗Chriſto, als wir mit einander nach dem Stadthauſe gingen. „Ja wohl, und die Wahrheit zu geſtehen, ich war Ihretwegen nicht ganz ohne Sorge. Revolutionen ſind ganz gut, aber es iſt etwas Schreckliches, wenn die Hefe des Volks die Oberhand gewinnt.“ „Ich freue mich, daß Sie das zugeben. Ich fuͤr mei⸗ nen Theil, Marquis, wuͤnſche, da ich nun eine Revolution geſehen habe, niemals wieder Zeuge einer zweiten zu ſein.“ „Wir konnten nicht anders,“ ſagte Monte⸗Chriſto, es war eine bloße Frage der Zeit. Niemand zweifelt daran, daß der revolutionaire Geiſt auch zu weit getrieben werden kann.“ „Koͤnnen Sie dieſen Grundſatz nicht durch Ihre Schrif⸗ ten mehr zur allgemeinen Kenntniß bringen, als ich?“ fragte ich. —= 1 — „Ungluͤcklicherweiſe hat die Mehrzahl der Leute, die Ihre letzte Geſellſchaft bildeten, eben keine große Vorliebe fuͤr Lectuͤre. Es fragt ſich ſehr, ob Monſieur Deſtripes jemals den Thurm von Nesle geleſen hat.“ „Wenn er ihn geleſen haͤtte,“ ſagte ich, „ſo wuͤrde er viel zu ſeiner moraliſchen Ausbildung beigetragen haben. Aber wie ſteht es mit der proviſoriſchen Regierung?“ „Meiner Treu, ich muß geſtehen, daß ſie ſich in einer ziemlich kritiſchen Lage befindet. Ohne Lamartine — der, ich muß es geſtehen, ein edler Menſch und ein Mann von uner⸗ ſchrockenem Muth iſt — wären ſämmtliche Mitglieder ſchon laͤngſt in Stuͤcken geriſſen. Bis jetzt haben ſie ſich mit Hilfe der Nationalgarde immer noch ſo leidlich gehalten, aber die Atmosphäre iſt gewitterſchwanger. Hier ſtehen wir jedoch an dem Stadthauſe.“ Eine der intereſſanteſten der Revolutionsſcenen in Paris gewährte der Anblick des Sitzes der Regierung. In dem Augenblicke, wo ich daſelbſt anlangte, waren viele Tauſende aus den untern Volksklaſſen davor verſammelt und ein Mit⸗ glied der proviſoriſchen Regierung, ich glaube Louis Blanc, redete die Menge aus einem Fenſter an. Ebenſo waren auch ungeheure Menſchenmaſſen um den Eingang verſammelt. Dieſe beſtanden aus den Deputationen, welche ihr Allermög⸗ lichſtes thaten, um die leiblichen und geiſtigen Kraͤfte der — 103 — Menſchen zu erſchöpfen, welche die ſchwierige und gefährliche Aufgabe der Regierung uͤbernommen hatten. Unter dem Geleite meines Freundes bahnte ich mir den Weg zu dem Zimmer, wo der geheimnißvolle Ouvrier ſeinen Antheil an dieſer ſchweren Pflicht erfullte. Er gruͤßte mich mit kurzem Kopfnicken und einem grimmigen Lächeln, ohne ſich in ſeiner vaͤterlichen Funktion ſtören zu laſſen. Die Corporation, welche ſeine Aufmerkſamkeit während dieſer großen Staatskriſis in Anſpruch nahm, war eine muſi⸗ kaliſche Deputation, welche vermuthlich in Bezug auf Tempo und Taktſtrich ſich Raths erholen wollte. Nero fiel es ein, auf der Geige zu ſpielen, als Rom rings um ihn in Flam⸗ men ſtand. Ich konnte nicht umhin, den Ernſt zu bewundern, mit welchem Albert die etwas weitſchweifige Adreſſe anhoͤrte, ſo⸗ wie die Gewandtheit, mit welcher er die verſchiedenartigſten Gegenſtaände zu behandeln wußte. „Buͤrger,“ ſagte er, „die proviſoriſche Regierung iſt von der Wichtigkeit der Anſichten, die Sie hier aufſtellen, tief durchdrungenz republikaniſche Inſtitutionen koͤnnen nicht hof⸗ fen, ohne Muſik beſtehen zu koͤnnen, denn nach dem Klange der Muſik bewegen ſich ſelbſt die Sphären in dem unbegrenz⸗ ten Reiche des Aethers. „In die ſer Kriſis ſind Ihre Vorſchlaͤge bent ſchaͤtzbar. Ich habe ſie mit Gefuͤhlen angehoͤrt, denen ich vergebens — 104 — Worte zu leihen verſuchen wuͤrde. O, daß wir bald den Tag ſehen moͤchten, wo von einer glorreichen Nation als Orche⸗ ſter der Pſalm der allgemeinen Freiheit triumphirend und jauchzend zum Himmel emporſteigt! „Und er wird kommen, verlaſſen Sie ſich auf uns. Ge⸗ hen Sie jetzt wieder nach Hauſe. Pflegen Sie die Bruͤder⸗ lichkeit und die Muſik. Mittlerweile werden wir unabläſſig fuͤr Sie arbeiten, Harmonie iſt unſer einziger Zweck. Glau⸗ ben Sie mir, daß in dem neuconſtituirten Frankreich es nichts geben wird, als vollkommene Harmonie.“ Die Deputation entfernte ſich mit Thraͤnen in den Augen und eine andere trat ein, um ſich uͤber gewiſſe Uebel⸗ ſtände bei der Fabrikation der Stahlperlen zu beklagen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß auch bei dieſer, wie bei allen an⸗ dern Gelegenheiten der Ouvrier ſich zeigte, wie eins der her⸗ vorragendſten Mitglieder der encyelopädiſchen Geſellſchaft. — „Das waren die Letzten, Gott ſei Dank!“ ſagte er, als die Deputation der Schuhputzer ſich entfernt hatte. „Mei⸗ ner Treu, es iſt eine wahre Pferdearbeit. Alſo Mr. Duns⸗ hunner, Sie haben in den Tuilerien eine Gegenrevolution zu Stande gebracht. Was machen denn Monſieur Potard und Ihre andern Collegen?“ „Ich fuͤrchte, Sie ſind fuͤr immer aus dem Paradies vertrieben, ſagte ich. — 105 — Das iſt ihnen recht, dieſem demokratiſchen Geſindel. Und was iſt aus dem Buͤrger Bagsby geworden 2“ „Ich habe ihn nach meinem Hotel geſchickt. Er war wirklich nahe daran ein ordentliches Kind Frankreichs zu wer⸗ den,“ und nun erzählte ich die Geſchichte von der Heirath⸗ woruͤber der Ouvrier ſich todtlachen wollte. „Und nun, Mr. Dunshunner, darf ich fragen, was Sie ſich vorgenommen haben?“ ſagte er endlich. „Das wird zum großen Theil von Ihrem Rathe abhaͤn⸗ gen,“ ſagte ich. „Ich gebe niemals guten Rath,“ entgegnete der Ouvrier, „zuweilen iſt es ſehr gefaͤhrlich. Aber ſagen Sie mir — was wuͤrden Sie von dem Zuſtande der brittiſchen Regierung den⸗ ken, wenn Earl Grey in einem Kabinetsrathe wagen wollte, den Pöbel zu Hilfe zu rufen und wenn Lord John Ruſſell ihn daran dadurch verhinderte, daß er ihm ein geſpanntes Piſtol entgegen hielt?“ „Das wuͤrde mir ſehr unangemeſſen erſcheinen,“ ſagte ich. „Oder wenn die Unfaͤhigkeit Woods im Fall, daß der Poͤbel wirklich zum Vorſchein kam, drohte, aus des Earls Taſche eine erſchlichene Anweiſung auf den Schatz uͤber unge⸗ fähr 12,000 Pfund zu produciren 2* „Das ware noch ſchlimmer.“ — 106 — „Nun gut, ich glaube doch nicht, daß ſo etwas in Lon⸗ don paſſiren koͤnnte.“ „Haben Sie etwas in England zu beſtellen?“ „O, alſo ſind Sie entſchloſſen, abzureiſen? Na, im Ganzen genommen iſt es auch vielleicht das Klugſte und — hören Sie — ſagen Sie nur druͤben, wenn es hier viel⸗ leicht noch ſchlimmer wird, ſo käme ich an einem ſchoͤnen Morgen auch nach. Adieu.“ Wir druͤckten einander herzlich die Hand und ſchieden. „Monte⸗Chriſto,“ ſagte ich, als ich noch an demſelben Abend Bagsby in einen Wagen hineinſchob, um mich mit ihm nach dem Bahnhof zu begeben,— „Monte⸗Chriſto, mein lieber Freund, laſſen Sie mich Ihnen einen guten Rath ge⸗ ben, den ſich uberhaupt Alle merken moͤgen, die zu unſerm Handwerk gehören — überlegen Sie ſich's erſt genau, ehe Sie durch Ihre Schriften wieder eine Revo⸗ lution hervorrufen!“ — — „ — 8 — — — — * — — „ S * — S = — — 8 &d 8 — — — D Erſtes Rapitel. Wie Herr Balthaſar Kaudel ſich nach kurzem Witwerſtande mit Fräulein Sarah Betſenberger verheirathet und ſie bald zu Tode plagt. Madame Kaudel, Madame Margareth Kaudel, jene treffliche Frau, deren beruͤhmte, von ihrem eignen Manne herausgegebene „Gardinenpredigten“ faſt in alle lebenden Sprachen uͤberſetzt worden ſind und durch das ganze gebil⸗ dete Europa die Runde gemacht haben, Madame Kaudel, die während ihrer 30 jährigen Ehe die Nachtruhe ihres Mannes durch ihre gewichtvollen Bettreden uͤber Lei⸗ den, Freuden, Sorgen und Pflichten des ehelichen Lebens, wie uͤber die unerläßlichen Eigenſchaften eines rechten Ehemannes ſo beharrlich verſcheucht hatte, war endlich ſelbſt zur ewigen Ruhe eingegangen und hatte ihren armen, troſtloſen Mann, Herrn Balthaſar Kau⸗ del, allein in dieſem Jammerthale zuruͤckgelaſſen, der nun ſeit 30 Jahren wieder zum erſten Mal vereinzelt in — 110 — ſeinem Ehebette lag und obſchon nicht mehr von der nãcht⸗ lichen Weisheit ſeiner trefflichen Gattin aus dem Schlafe geredet, doch um die dreißigjaͤhrige Kriegsgenoſſin trauerte, wie um ein verlornes und unerſetzliches Kleinod. Es verſteht ſich, daß er ihr ein Begraͤbniß veranſtal⸗ tete, wie ſeit Langem keins vorgekommen, ſo ſchoͤn war der Sarg, ſo reich geſtickt das Leichentuch, ſo groß die Zahl der mit Citronen verſehenen begleitenden Traͤger, ſo lang die Reihe der hinter dem Conduct herfahrenden Kutſchen. Kaudels Freund, der joviale Betſenberger, den die Selige nie leiden mochte, ſchon um der huͤbſchen Schweſter Miß Sarah Betſenberger willen, der Kaudel mehr Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken pflegte, als deſſen etwas argwoͤh⸗ niſcher Lebensgefahrtin wuͤnſchenswerth ſchien, beſagter Herr Betſenberger fuhr trotz der Idioſynkraſie der Verſtor⸗ benen gegen ſeine werthe Perſon, doch in einer ganz apar⸗ ten Leichenkutſche mit, Alles aus Freundſchaft fur den un⸗ gluͤcklichen Witwer und aus Theilnahme an dem fruͤhen Hinſcheiden der Madame Margaretha Kaudel, obſchon er bei dieſer Gelegenheit ganz beſonders ſpaßig war und manch⸗ mal auffällige Bemerkungen uͤber den untröſtlichen Wit⸗ wer machte, der es ſo abſonderlich gut verſtehe, zum böſen Spiele gute Miene zu machen. Dieſe Bemerkung war, — wie die theure Dahinge⸗ ſchiedene geſagt haben wuͤrde: „unmaͤnnlich, brutal, und ſah dem Betſenberger ganz aͤhnlich.“ — Als Kaudel betheuerte, „daß er nie aufhoͤren werde ſie zu beweinen,“ antwortete der Spoͤtter, „das thue ihm ſehr leid, denn die Zwiebeln muͤßten dadurch theuer werden.“ Nicht genug, daß er das Herz eines ſo liebenden Weibes gebrochen, der Boͤſewicht mußte ſogar noch uͤber die koſtbaren Stucke ſeine Witze reißen. Das Leichenbegängniß war, wie geſagt, aͤußerſt an⸗ ſtaͤndig, und ließ, wie Betſenberger ſagte, nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Kaudel ſagte: er wolle ihr ein Denkmal ſetzen, worauf Betſenberger vorſchlug, als Symbol den Tod, wie er eine Neſſel abbricht, darauf aushauen zu laſſen. Kaudel wies den Vorſchlag jedoch — zur Ehre ſRe Kopfes und Herzens ſei es geſagt — zuruͤck. Kaudel kehrte, von vielen ſeiner Freunde begleitet, in leidlicher Verfaſſung nach ſeinem verwitweten Hauſe zuruͤck. Betſenberger ſtieß ihm ſpaßhaft zwei ſeiner Fin⸗ ger in die Rippen und meinte, er wuͤrde in einer Woche bluͤhen wie eine Roſe. Kaudel antwortete aber darauf — er koͤnne es kaum hoffen. Betſenbergers Luſtigkeit theilte ſich jedoch der Geſell⸗ ſchaft mit, und in außerſt kurzer Zeit gemann dieſelbe das Ausſehen eines munteren Feſtes. Ohne daß man wußte — 112 — wie es kam, fuͤhrte Fraͤulein Sarah Betſenberger, die der Verſtorbenen im Leben immer ein Dorn im Auge geweſen, den Vorſitz am Theetiſche. Ihr Weſen zeigte eine reizende Miſchung von Grazie, Wuͤrde und Selbſt⸗ vertrauen — ſie war ein ſchoͤner ſchwarzer Schwan. Betſenberger fluſterte, — beilaͤufig erwähnt, — einem Freunde zu, daß zwiſchen ſeiner Schweſter und der ver⸗ ſtorbenen Frau Kaudel der Unterſchied geweſen, „daß dieſe eine große Gans, Sarah aber ein kleines Entchen war.“ Wir wollen keinen Eid darauf ablegen, daß Kaudel die Worte nicht gehoͤrt, denn während er reſignirt den Thee umruͤhrte, blickte er die Dame am obern Ende des Tiſches an, laͤchelte und ſeufzte. Es war ſeltſam! aber die Frauen finden ſich immer ſo leicht in Alles! Fräulein Betſenberger ſchien mit Kau⸗ dels ſilberner Theekanne ſo vertraut zu ſein, wie mit ihrem ſilbernen Fingerhute. Sie reichte Kaudeln mit einem Lächeln auf ihrem Geſicht — ſo mild wie die Butter auf den Semmeln — ſeine Theetaſſe hin. Kaudel ließ von Zeit zu Zeit zerſtreut ſeine Blicke uber das Kaminſims ſchweifen, wo das Portrait ſeiner Frau hing, dann pflegte Fraͤulein Betſenberger immer zu ſagen: „Sie muͤſſen ſich tröſten, wirklich, Herr Kaudel.“ Endlich erwiderte Kaudel: „Das will ich, Mamſell Betſenberger.“ — 113 — N Was Kaudeln damals durch den Kopf ging, wiſſen wir nicht; ſo viel aber wiſſen wir, daß gerade ein Jahr und acht Tage nach dieſem Abende Sarah Betſenberger Kaudels zweite Frau war. Madame Kaudel Num⸗ mer zwei. Das arme Ding! Hrn. Balth⸗ Kaudels Frühſtuͤcksreden. 8 Bweites Rapitrl. Herrn Kaudels ſerſte Frühſtücksrede. Wie Kaudel anfängt die Klauen des Satans der iu ihm ſteckt zu zeigen. „Es iſt doch ſonderbar, Madame Kaudel, daß wir ſchon vier Wochen verheirathet ſind — ich ſehe nicht ein, woruͤber Du da zu ſeufzen haſt — und Du mir doch noch keine ordentliche Taſſe Thee machen kannſt. Ich weiß jedoch auch nicht, weshalb ich es erwarten ſollte. Es hat nur eine Frau auf der Welt gegeben, die mir den Thee nach meinem Geſchmacke machen konnte, und die iſt jett im Himmel. Nun Madame Kaudel, fange mir nur nicht zu weinen an, ich bin Keiner von den Maͤnnern, die ſich durch Weiberthraͤnen erweichen laſſen; denn Ihr könnt alle weinen — alle — ſobald es Euch darauf an⸗ zörint. Das Waſſer iſt immer da, und Ihr zieht die Schleuße auf, ſobald ein Mann nur den Finger in die Hoͤhe hält. 5 „Du haſt nicht gedacht, daß ich ſo brutal ſein koͤnnte? da haben wir's ſchon. Wenn ein Mann nur den Mund aufthut, ſo iſt er brutal. Es iſt die erſte Pflicht einer Frau, eine gute Taſſe Thee zu machen. Weshalb denkſt Du, daß ich Dich geheirathet habe? Euer Sticken und dergleichen dummes Zeug lockt keinen Hund vom Ofen. Du kannſt Schmetterlinge auf Pantoffeln machen, biſt Du aber im Stande einen Pudding zu kochen, Madame? Gewiß nicht. „Natuͤrlich haſt Du mir das Eckchen gegeben, wie gewoͤhnlich, weil Du weißt, daß ich die Eckchen nicht eſſen kann. Ich daͤchte, das muͤßteſt Du ſchon lange geſehen haben. Ich hatte wirklich gehofft, daß ich uͤber eine ſolche Kleinigkeit kein Wort verlieren muͤſſen wuͤrde — aber mau darf nicht hoffen mit Dir freundlich ſein zu koͤnnen. Die Hoffnung habe ich ſchon zu Grabe getragen. „Und was das fuͤr Butter iſt! das wirſt Du wohl Maibutter nennen? Ja, es hat einmal eine Frau gegeben, die wußte was Butter war, aber die gute Seele wandelt nicht mehr auf Erden. Du wuͤnſcheſt, ſie lebte noch? Ja, das verſtehe ich ſchon. Wenn ſie Jemand zuruͤckwuͤnſcht, ſo bin ich es — aber ſie war zu gut fuͤr mich. „Wenn ich einmal todt ſein werde, Kaudel,“ — ſagte ſie immer, — „dann wirſt Du erkennen, wie gut ich geweſen bin.“ Und jetzt erkenne ich es. 8 6 — 116 — „Da ſind die Eier wieder ſteinhart gekocht! Glaubſt Du, daß ich ein Kanarienvogel bin, Madame Kaudel, daß Du mich mit harten Eiern futterſt? Komm mir nicht mit der Koͤchin. Die Frau muß ihrem Manne fuͤr die Dienſtboten verantwortlich ſein. Es iſt ihre Sache, brauch⸗ bare Leute zu miethen; wenn ſie es nicht thut, ſo verdient ſie nicht daß man ſie eine Frau nennt. Ich bezahle den Lohn, Madame Kaudel, und erwarte von Dir, daß Du eine Koͤchin findeſt wie ſich's gehoͤrt. „Da biſt Du wieder mit dem Taſchentuche; die alte Waffenſtillſtandsfahne, aber ich laſſe mich damit nicht fangen. Schöne Flitterwochen? Flitterwochen, unſinn! Der Menſch kann in ſeinem Leben nicht zwei⸗ mal Flitterwochen haben. Es giebt Gefuͤhle — das ſehe ich jetzt ein — die ſich nicht in unſerm Daſein wie⸗ derholen. Man kann nicht zweimal flittern! „Nein, ich denke, ich habe mir Deine Nachlaſſigkeit lange genug gefallen laſſen, und wir muͤſſen ſo bald als möglich anfangen, wie wir's weiter treiben wollen. Alſo, Madame Kaudel, wenn morgen der Thee nicht etwas mehr nach meinem Geſchmacke gemacht iſt, und wenn Du mich mit Butter wie dieſe traktirſt — und meine Eier kochſt, daß man ſie aus der Flinte ſchießen kann — dann wirſt Du vielleicht einmal einen Mann im Zorne — 117 — ſehen. Es dauert lange, ehe ich boͤſe werde, — aber wenn ich es einmal bin — wenn ich einmal boͤſe bin — dann iſt Alles aus. „Wo habe ich meine Handſchuhe hingethan? Du weißt es nicht? Natuͤrlich, Du weißt gar nichts.“ Drittes Rapitel. Wie Kandel ausgehen und ſich vergnügen konnte. 1 „Daß ich's nicht vergeſſe, Sarah, packe mir doch ein halbes Dutzend Hemden, und was ſonſt noch dazu gehoͤrt, in meinen Koffer. Ich gehe — da machſt Du mir ſchon wieder ein finſteres Geſicht! Ich kann nir⸗ gends hingehen und mir ein Vergnuͤgen machen, ohne daß Du ausſiehſt wie eine Gewitterwolke. Was? Ich koͤnnte Dich auch manchmal mitnehmen? Unſinn, die Weiber — das heißt verheirathete Weiber — befin⸗ den ſich zu Hauſe am beſten. Weshalb ſollen ſie denn ausgehen? Sie gehen genug aus, wenn ſie auf der Jagd nach einem Manne ſind; ſobald ſie den gefangen haben, moͤgen ſie zu Hauſe ſitzen bleiben und ſich mit dem Borſtwiſche und der Katze vergnuͤgen; ihr beſter Platz iſt der Heerd. — 1 — „Ein halbes Dutzend Hemden, ſage ich, und mein Raſirzeug. Hoͤrſt Du, Madame Kaudel? Wenn Du die Beine der Fliege dort an der Decke gezählt haſt, wirſt Du vielleicht auf mich hoͤren, he? Ich denke, Du willſt niemals ausgehen? Gerade das Gegentheil; ich glaube, Du möchteſt niemals zu Hauſe ſein. Wenn Du immer umher flattern willſt wie eine Fliege im Juni, warum haſt Du da geheirathet? „Ich wuͤrde Dir geſagt haben, wohin ich gehe; da Du aber Deine uͤble Laune gezeigt haſt, werde ich Dir keine Sylbe davon ſagen; auch nicht, mit wem ich gehe und wann ich zuruͤckkomme. Sobald Du mich wiederſiehſt, kannſt du mich erwarten, und eher nicht. Und ſieh zu, daß Knoͤpfe an meinen Hemden ſind — verſtehſt Du mich? „Es iſt ſo traurig wenn Du immer allein ſein mußt? Allein, wahrhaftig, giebt es keine Buͤcher im Hauſe? Du haſt da auf den Regalen die beſte Ge⸗ ſellſchaft, wenn Du Dich nur damit befreunden willſt. Ich bin uͤberzeugt, daß Du dabei nicht zu Schaden kom⸗ men wirſt. Uebrigens haſt Du ja das Kochbuch; lies das. Eine Frau kann nichts Beſſeres ſtudiren. „Die Sache iſt die, Madame Kaudel, daß ich Dich zu ſehr verwoͤhnt habe. Ich habe eine Naͤrrin aus Dir gemacht. Nein das habe ich nicht? Wer hat es — 120 — denn gethan? Wenn ich's nicht geweſen bin, ſo muß es ein Anderer geweſen ſein, das iſt klar. Ausgehen, wahr⸗ haftig! Ich kann ein Frauenzimmer nicht achten, das immer ausgehen will. Die Weiber ſind nicht zum Aus⸗ gehen geſchaffen, aber wir haben Euch immer zu viel Willen gelaſſen. Ha! im Morgenlande wiſſen ſie die Sache beſſer einzurichten. „Ich bin ſonſt immer ein ziemlich ſtiller Mann, Madame Kaudel, das weißt Du! Aber ich habe doch etwas vom Loͤwen an mir, wenn auch nicht viel. Wecke es nicht aus ſeinem Schlummer, das rathe ich Dir. „Da biſt du wieder mit dem Taſchentuche. Immer⸗ waͤhrend ziehſt Du die Nothfahne auf. Nein, nein, ich bin nicht von Zucker, wie ein Pfefferkuchenmann, — ich laſſe mich nicht von Thraͤnen erweichen, und wenn ſie auch noch ſo heiß und reichlich fließen. Uebrigens habe ich es ſchon geſagt — Ihr koͤnnt es Alle, wenn Ihr Luſt habt, — Alle. Ich laſſe mich aber durch keinen Strom der Art aus dem Gleichgewichte bringen. „Ich ſage Dir weiter nichts als — bleib' zu Hauſe. Du haſt doch Nadel und Zwirn, nicht wahr? und ich wollte darauf ſchwoͤren, eine Menge von Sachen zu machen und auszubeſſern. Und wenn Du die nicht haſt, ſo ſchneide Löcher hinein und nahe ſie wieder zu. — 121 — „Nun, ſorge dafuͤr, daß mein Koffer gepackt iſt, wenn ich wieder nach Hauſe komme. Wie viel Uhr iſt es? Es fehlen noch fuͤnf Minuten an —2 Richtig, die alte Geſchichte — Dir fehlt immer etwas.“ Piertes Hapitel. Wie Kaudel das Wirthſchaftsgeld zu vermindern beſchlieſtt, da er im Kartenſpiele Geld verloren hat. „Ich weiß nicht, wie es zugeht, mein Schatz; wenn ich aber bedenke, daß wir unſer nur zwei ſind und ich faſt gar nichts eſſe und trinke — und wenn ich ſehe, was andere Leute mit dem halben Gelde wie wir, aus⸗ richten, ſo denke ich wirklich, daß Du ein wenig ſparſamer ſein koͤnnteſt. Ich wende wirklich nichts auf mich ſelbſt — ganz und gar nichts. Kein Menſch kann jeden Groſchen beſſer zu Rathe halten, aber natuͤrlich kann ein Mann nur wenig ſparen, wenn er weiß — oder wenn er fuͤrchtet, daß er weiß, daß zu Hauſe Alles verſchwendet wird. Es geziemt uͤbrigens den Weibern — den Wei⸗ bern ganz beſonders — ſparſam zu ſein. Die Frauen ſind dazu beſtimmt. Die Sparſamkeit iſt eine der herr⸗ lichſten mit der Ehe verknuͤpften Tugenden. Wo dieſe — 123 — verſͤumt wird, Madame Kaudel, da kann nur ſehr we⸗ nig wahre Liebe vorhanden ſein, Eine Frau kann das Herz ihres Mannes nicht wahrhaft ſchaͤtzen, wenn ſie nicht eben ſo große Ruͤckſicht auf ſeinen Geldbeutel nimmt; das Eine iſt mit dem Andern unzertrennlich ver⸗ bunden, und von jeher ſo geweſen. „Nein, Madame Kaudel, ich habe geſtern Abend veim Whiſt nichts verloren — das heißt faſt nichts! mit andern Worten, nichts der Rede Werthes. Das ſieht Deinem Geſchlechte ganz aͤhnlich. Ihr ſeht Euch immer nach einem thoͤrigten, kleinlichen Beweggrunde zu dem, woruͤber ſich Eure Maͤnner beklagen, um. Es iſt nicht, weil ich im Kartenſpiel verliere, daß ich das Geld aus Deiner Hausborſe wieder haben will. Nein, ich will ſpa⸗ ren, damit Du, wenn ich Dir einmal entriſſen werde — und das Leben iſt ſtets ungewiß, Madame Kaudel — damit Du dann in guten Umſtaͤnden biſt — das iſt meine Abſicht. Aber ich habe noch nie eine Frau geſehen — außer einer einzigen, Gott habe ſie ſelig! — die Ver⸗ ſtand oder Edelmuth genug beſaß, um bei dem was ihr Mann that, einen wahrhaft edlen Grund vorauszuſetzen; das heißt, wenn es gegen ihren Sinn ging. Ihr koͤnnt nicht anders — Ihr armen Dinger — deſſen ungeachtet aber iſt es ſchlimm, wenn ſich ein Mann jedes kleinen Genuſſes beraubt, um etwas fuͤr ſchlechte Zeiten bei d — Seite zu legen — wirklich ſchlimm, denke ich, eine Frau zu haben, die ſo viel wie Du in der Wirthſchaft ver⸗ braucht. „Nun, Madame Kaudel, ſei vernuͤnftig, und laß Dich zum tauſendſten Male bitten, nicht zu weinen; Du verſchwendeſt nur Deine Muͤhe und Thraͤnen. Es iſt Beides bei mir weggeworfen; ich bin keiner von den Maͤn⸗ nern, die ſich durch etwas warmes Waſſer erweichen laſſen. Meine Ausgaben — das heißt Deine Ausgaben — ſind entſetzlich. Deine Colonialwaarenrechnung iſt wahrhaft laͤcherlich — und ich nahm doch nie Zucker zum Thee — genug um einen Millionair zu ruiniren. Was? Ich nahm Zucker zu meinem Grog, und meine Freunde auch? Faſt gar keinen — es iſt nicht der Rede werth! „Und dann ſieh einmal die Fleiſcherrechnung auf die letzten vierzehn Tage an. Nun? Ich weiß, daß ich kein kal⸗ tes Fleiſch eſſe. Davon habe ich genug bei meiner er⸗ ſten — das heißt, ich kann es nicht ausſtehen. Uebri⸗ gens iſt bei der Haͤlfte des Geldes was Du bekommſt, jedes Stuͤck kaltes Fleiſch, das Du auf den Tiſch bringſt, eine Beleidigung fuͤr Deinen Mann. „Und endlich, Madame Kaudel — denn Du weißt, daß ich dergleichen Reden beim Fruͤhſtuck haſſe — es iſt ein Mahl, das ich vor allen andern in Ruhe genießen — 125 — möchte, wenn ich kann — endlich habe ich eine Berech⸗ nung angeſtellt, und näͤchſten Monat mußt Du Dich mit zehn Thalern weniger begnuͤgen, es mag gehen wie es will. Es iſt zu Deinem Beſten, ſage ich Dir, wenn ich einmal geſtorben bin, und es muß ohne die zehn Thaler gehen.“ Fünftes Rapitel. Wie Kaudel ſehr ſpät und ſehr „weinerlich“ nach Hauſe kam. — Er beklagt ſich über Mangel an Theilnahme. „Die alte Geſchichte, Madame Kaudel! Schon wie⸗ der muͤrriſch! Aber ſo geht es mit den Weibern ohne Verſtand — ſie koͤnnen nie rechte Theilnahme fuͤr ihren Mann fuͤhlen. Du machſt den Thee, gerade als ob er Gift waͤre, und einzig und allein nur darum, weil Du dieſe Nacht ein wenig laͤnger aufbleiben mußteſt. Hal ich wuͤnſchte, Du häͤtteſt nur halb ſo viel auf dem Herzen als ich. Was? Du moͤchteſt nicht halb ſo viel im Kopfe haben wie ich? Wahrhaftig? Ich' weiß was Du meinſt; gber ich wollte nur, Du hätteſt das. Du wurdeſt dann etwas mehr Gefühl für das, was ich durchzumachen habe, beſitzen; aber wie geſagt, Du weißt nicht, was ich Alles auf dem Herzen habe. Die — 127 — Frauen, die den ganzen Tag uͤber nichts zu thun haben als ſich ruhig am Ofen zu waͤrmen — nicht das Geringſte — außer vielleicht ein wenig zu naͤhen — die Frauen in ihrer bequemen Stube wiſſen nicht, was ihre Maͤnner in der Welt durchzumachen haben, und daß ſie ſich die Seele aus dem Leibe muͤhen und plagen muͤſſen. Ha! ich wollte nur, ich wäre ein Frauenzimmer geworden. O, Du brauchſt nicht zu ſeufzen, Madame Kaudel, Ihr ſeid von Anfang an am beſten angekommen. „Denn wie koͤnnt Ihr das wiſſen, wenn Eure Maän⸗ ner Alles thun was ſie koͤnnen, um zu Hauſe gluͤcklich und froh zu erſcheinen. — Wie? Du ſiehſt ihn niemals ſo? Du koͤnnteſt es, wenn Du Augen haͤtteſt wie andere Weiber. Ich ſage, wie koͤnnt Ihr wiſſen, wenn er voll — uͤberſtroͤmend moͤchte ich faſt ſagen, von Lächeln und Freundlichkeit, und guter Laune iſt — wie koͤnnt Ihr da wiſſen, ob nicht ſein Kopf in Stuͤcke zerſpringen moͤchte, — und alles Das nur, um ſeine Frau gluͤcklich und es Euch behaglich im Hauſe zu machen? Ich muß geſtehen, ich wollte nur, Du hätteſt mitunter meine Sor⸗ gen auf einen einzigen halben Tag, das iſt Alles. Du wuͤrdeſt dann mehr Mitgefuͤhl haben, Madame Kaudel — etwas mehr Mitgefuͤhl. Da biſt Du wieder mit Deinen Weibergruͤnden. — „Wenn ich ſo vielzu uͤberdenken habe, brauche ich nicht ſo ſpaͤt auszubleiben! „Wie in aller Welt kannſt Du wiſſen, was mich feſthalt? Wenn ich es machte wie viele Männer, und meiner Frau Alles ſagte, und Dich mit allen moͤglichen Sorgen plagte und ungluͤcklich machte — dann wuͤrde ich vielleicht etwas mehr Liebe bei Dir finden. Aber gerade, 2 weil ich Dich im Klee laſſen mochte — gerade weil ich nicht will, daß Du mit Geſchaͤftsſachen geplagt werden ſollſt — denkſt Du, daß ich keine Kämpfe zu beſtehen habe. Ha! Madame Kaudel — ich kann mich nicht enthalten es zu ſagen — wenn Du nur wuͤßteſt was ich im Kopfe haben muß! „Was verſtehſt Du von dem was der Wein thuen oder nicht thuen kann! Und uͤbrigens hatte ich geſtern Abend nur eine armſelige halbe Flaſche ſchwachen Moſel⸗ wein getrunken! Nur eine halbe Flaſche. Aber Du ſoll⸗ teſt wiſſen, wie wenig ich vertragen kann, wenn ich ſo gepei⸗ nigt bin. Ich war dieſe Nacht nicht betrunken, Madame Kaudel; ich war blos ungemein ſorgenſchwer. Und wenn Du Theil an mir naͤhmeſt, wurdeſt Du das wiſſen. Ja, eine Frau mit Theilnahme wuͤrde fur mich gefuhlt haben, wuͤrde mir ein von Liebe und Freundlichkeit ſtrahlendes Geſicht zugewendet, aber nicht die ganze Nacht hindurch — 129 — Donnerwetter gebraut haben, um damit auf dem Geſichte zum Fruͤhſtuͤck zu kommen. „Ich gehe jetzt aus, und nehme den Hausſchluͤſſel mit, bleibe alſo um meinetwegen nicht wieder auf. Ich habe das Verſprechen gegeben, heute bei Doppeltags zum Abendeſſen zu kommen, und Du weißt nicht, welche Sor⸗ gen ich auf dem Herzen habe.“ Hrn. Balth⸗ Kaudels Frühſtücksreden. 9 Sechſtes Rapitel. Wie Kaudel des Abends ein paar gute Freunde mit nach Hauſe brachte, und ſeine Frau mit einigen Freundinnen beim Thee fand. „Ich wollte Dir geſtern Abend nichts ſagen, Madame Kaudel — nein, Du brauchſt mir das nicht zu ſagenz ich weiß, daß ich den Mund nicht aufgethan habe; ſage ich das nicht, Weib? — Ich ſagte nichts, weil ich zu muͤde war. Aber ich halte es wirklich fuͤr ſchlimm, daß ich das Haus nicht auf ein paar Tage verlaſſen kann, ohne bei meiner Ruͤckkehr eine Heerde Gaͤnſe darin zu finden. Deine Freundinnen nennſt Du ſie! als ob Frauenzimmer jemals Freundinnen ſein koͤnnten. Es iſt ſchlimm, wenn ich bei dem Gelde, das ich fuͤr die Wirthſchaft bezahlen muß, noch finde, daß man aus meinem Hauſe eine Jahr⸗ marktsbude macht. Du haſt mich vor morgen nicht zuruͤckerwartet? O nein! Sonſt wuͤrde ich Dich auch allein und maͤuschenſtill gefunden haben, und — 131 — Du haͤtteſt mir gewiß kein Wort von allen den Klatſch⸗ gevatterinnen geſagt, die ſich bei Dir verſammelt hatten! „Nun, Madame Kaudel, merke Dir fuͤr die Zukunft nur dies: denke nie, daß Du mich erwarten kannſt, denn Du wirſt nie die genaue Zeit meiner Heimkehr erfahren. Nein, ich werde Dich ſtets uberraſchen, wie es jeder Mann thun ſollte, der wiſſen moͤchte, was ſeine Frau in ſeiner Abweſenheit angiebt. „Jetzt kann ich wohl errathen, wohin mein ſchaftsgeld kommt! Jetzt kann ich mir die Colonialwaaren⸗ rechnungen — und Gott weiß welche andern noch — erklaͤren, wenn ich ſehe, wie Du mich von fremden Leuten arm eſſen läſſeſt. Und dann wenn ich ein paar Freunde, die ich auf dem Dampfboote getroffen habe, mit nach Hauſe bringe — lauter gute Kerle, das weiß ich, obgleich ich noch nie einen von ihnen geſehen hatte — wenn ich heim⸗ komme, ſo finde ich mein Haus voller Seide und Atlas — einen Berg von Huͤten auf meinem Bette — und nichts, was ein Chriſtenmenſch eſſen koͤnnte, in der Speiſe⸗ kammer. Und nach einem ſolchen Benehmen denkſt Du, daß ich meine gute Laune bewahren ſoll? Ja, Du machſt die Augen weit auf, und ſiehſt mich mit affektirter Ver⸗ wunderung an, wenn ich nur den geringſten Fluch aus⸗ ſtoße — wenn Du manche Maͤnner bekommen hätteſt, Madame Kaudel, ſo wuͤrde Dich nichts im Hauſe gehalten 9* — 1 — haben! Ich möchte nur wiſſen, was geſtern Abend meine Freunde von mir — was ſie von Dir gedacht haben? Ei, natuͤrlich hielten ſie mich fur einen Narren, daß ich mir Dein Benehmen ſo ruhig gefallen ließ — und was Dich betrifft — aber ich will Deine Gefuͤhle ſchonen — ich will nicht ſagen, was ſie von Dir gedacht haben muͤſſen! „Anderthalbe. Stunde wenigſtens haben wir auf das Abendbrot gewartet — wenn Du es wirklich Abendbrot nennen konnteſt; denn ich mußte uͤber Alles, was auf den Tiſch kam, erroͤthen. „Anderthalbe Stunde. Es war nichts im Hauſe? Alles mußte erſt geholt werden? „Ei, darüber beklage ich mich ja eben, Weib. Das iſt grade der Fehler. Ich bringe ein paar Freunde zum Abendbrote mit, und es iſt nichts im Hauſe. Aber ich komme heim, und finde Dich mit Gott weiß wie vielen Nadelbüchſenbekanntinnen, und das Haus riecht nach Thee und Kuchen, ſtark genug, um einen zu ruiniren. „Nun, Madame Kaudel, wenn wir gluͤcklich zuſam⸗ men leben ſollen, ſo verſtehe, daß ich das nicht haben will. Wenn ich in meinem eigenen Hauſe nicht einmal meinen Freunden ein kleines Abendbrot geben kann, ſo thue ich am Beſten, die Wirthſchaft ganz aufzugeben. „Wo iſt mein Hut? Wo ſind meine Handſchuhe? Ich eſſe heute auswärts. ——————————— —— Siebentes Rapitel. Wie Kaudel einen Neufoundländerhund mit nach Hauſe brachte und darauf beſtand, daſt „das arme Thier die Wirthſchaftskoſten nicht vermehren könne.“ „O nein! Ich kenne den eigentlichen Einwand ſchon, Madame Kaudel. Es iſt nicht etwa, daß das arme treue Thier die Fleiſcherrechnung ſtäͤrker macht — nein, ganz und gar nicht. Nein, Du biſt nur deshalb dagegen, weil mich das arme Geſchoͤpf liebt. Es iſt nur, weil es ſeinen Herrn lieb hat — und es iſt ein Gluͤck, daß ich noch ein Weſen, das mich wirklich liebt, im Hauſe fin⸗ den kann, — daß Du die Koſten zum Vorwande nimmſt. Du kannſt Deinen Kanarienvogel halten — der den ganzen Tag in ſeinem Kaͤfig zwitſchert wie eine Pfennig⸗ pfeife in einem hyſteriſchen Anfalle — und ich beklage mich nie uͤber das, was ſein Futter koſtet. Du kannſt Dein halbes Dutzend Goldfiſche futtern, — und murre ich je uͤber das was ſie koſten? Ich denke nicht! Wenn — — — 134 — ich aber einen Hund nach Hauſe bringe — einen ſchoͤnen Burſchen, ſo hoch wie der Tiſch — ſo faͤngſt Du, ſtatt das prächtige Thier zu bewundern, wie es jede andere Frau gethan haben wuͤrde, an, zu berechnen, was es ver⸗ zehren wird! Das ſieht Dir aber ganz aͤhnlich, Madame Kaudel; das iſt der ſtete Stein des Anſtoßes bei uns. Du haſt nie Theil an meinen Leiden und Freuden ge⸗ nommen, nicht den geringſten! Eine aͤchte Ehe muß zwei Herzen zu einem Stuͤcke verſchmelzen; die unſern aber ſind — es thut mir leid, daß ich es ſagen muß — nur zuſammengebunden worden. Es hat allerdings ein⸗ mal eine Frau gegeben — warum ſoll ich aber den Na⸗ men der Seligen nennen? „Ich ſage es noch einmal, wenn Du von mir daͤch⸗ teſt, wie es ſich gebuͤhrt, ſo wuͤrdeſt Du von dem Thiere entzuckt fein. Eine aͤchte Frau wuͤrde ſelbſt ein Krokodil oder eine Boa conſtrictor lieben, wenn dergleichen Thiere von ihrem Manne mit nach Hauſe gebracht wuͤrden. Aber meine Frau iſt nicht wie eine andere — ſie iſt es nie geweſen. Du haſt nichts gegen den Hund einzuwenden, wenn ich ihn an die Kette lege? Madame Kaudel, ich daͤchte, Du ſollteſt meine Grundſaͤtze endlich doch beſſer kennen gelernt haben. Nein, Madame, die Freiheit — aber es iſt fuͤr einen Weiberverſtand zu hoch, ihr wahres Weſen zu verſtehen — die Freiheit will — 135 — ich ſelbſt einem Hunde nicht rauben. Das arme Thier ſoll den ganzen Tag frei im Hauſe umherlaufen duͤrfen, und die Nacht uͤber vor der Thuͤr meines Schlafzimmers liegen. Ich will Jemanden um mich haben, der mich liebt — dazu bin ich feſt entſchloſſen! . „Weshalb greinſt Du da wieder? das Vieh wuͤrde Deine Katze todtbeißen? Vielleicht thut er es, und wenn auch. Es giebt andere Katzen genug. Ich bin uͤberzeugt, daß es mehr im Hauſe giebt als die zum Maͤuſefangen da ſind; — ja, das weiß ich gewiß. Ich ſehe aber nicht ein, weshalb ſie der praͤchtige Kerl todtbeißen muß, wenn Du es nicht willſt. Was ich damit meine? Ei ich meine, daß Du ſie in den Kel⸗ ler, oder den Schrank, oder den Kohlenverſchlag ſperren kannſt. Er wird ſie nicht umbringen, wenn er nicht an ſie kommen kann, dafuͤr ſtehe ich. Eh? Und doch ſpreche ich von Freiheit? Allerdings thue ich das. Da kommt aber Dein Mangel an Mitgefuͤhl wieder zum Vorſchein, Madame Kaudel; — Du haſt kein Mitgefuͤhl, nicht das geringſte — ſonſt wuͤrdeſt Du ſogleich wiſſen, was ich ſagen will. Freiheit fuͤr Hunde iſt etwas ganz Anderes als Freiheit fuͤr Katzen. Aber Du verſtehſt keine moraliſchen Diſtinktionen. Ganz und gar nicht.“ Achtes Rapitel. Wie Kaudel dachte, daß „die Nechnung“ ſchon längſt bezahlt wäre. „Wenn ich Dich jetzt ſitzen ließe, Madame Kaudel — wenn ich thaͤte, was ich als Gatte eigentlich thun ſollte — wenn ich die Wirthſchaft aufgaͤbe, mir ein Gargonlogis naͤhme, und Dir nur gerade genug ausſetzte, um davon leben zu koͤnnen — ſo wuͤrde natuͤrlich die Welt — die Welt, die zwiſchen Mann und Frau nie⸗ mals ein Urtheil faͤllen kann, die aber ſtets ihre Naſe hinein ſteckt, wenn ſie auseinandergehen — ſo wuͤrde die Welt ohne Zweifel auf mich zu ſchimpfen anfangen. Was es giebt? Genug, denke ich! Ich werde hinaus⸗ gerufen, von meinem Fruͤhſtuͤck fort noch dazu, und man ſteckt mir dieſen Wiſch in die Hand. Wie kannſt Du die eiſerne Stirn haben, Frau, noch zu fragen? Was weiter dabei iſt? Weiß ich nicht, daß ich das Geld ſchuldig bin? Natuͤrlich nicht! Ich hätte mei⸗ nen Kopf darauf verwettet, daß dieſe Rechnung hier laͤngſt ſchon abgemacht ſei! Ich hätte darauf ſchwoͤren können! — — . „Womit ſollte ſie bezahlt werden? Du kannſt das noch fragen? Mit Gelde, natuͤrlich. Aber ich habe Dir kein Geld dazu gegeben? Unſinn. Du konnteſt Einen noch wahnſinnig machen, Madame Kaudel. Ich muß Dir das Geld ſchon lange gegeben haben, wo ſollte ſonſt alles Geld hinkommen? — Wann ich Dir es gegeben habe? Nun, wenn Du nicht das unver⸗ nuͤnftigſte Frauenzimmer biſt! Wann ich Dir es gegeben habe, wahrhaftig! Als ob ich bei der Menge von Din⸗ gen, die ich im Kopfe haben muß, noch genau den Tag oder die Stunde und die Stelle wiſſen koͤnnte, wo ich Dir das Geld fuͤr die Rechnung gegeben habe! Ich, der ich Dir immer Geld fur Rechnungen gebe! Denkſt Du, ich bin eine Rechnenmaſchine, Madame Kaudel — ich ſoll noch Alles wiſſen, und bei dem, was ich im Kopfe habe, noch dazu! Alles, was ich weiß — und das iſt genug fuͤr jeden ver⸗ nunftigen Menſchen — Alles, was ich weiß, iſt, daß ich Dir das Geld gegeben haben muß. Der Mann hat mir geſagt, daß die Rechnung ſchon ſeit einem Monate da iſt, und das weiß ich, daß Du nicht die Frau biſt, die mich ſo lange mit einer Rechnung in Ruhe läßt. Nein, wahrhaftig nicht! denn wenn Dir etwas auf der Welt Freude macht, ſo iſt es das immerwaͤhrende Appelliren an meinen Geld⸗ beutel. Und Du mußt denken, daß ich ein Goldbergwerk darin habe, um immer nur ſo hineingreifen zu koͤnnen. — 138 — „Da faͤngſt Du wieder an zu weinen! Ja, das iſt die gemeine Art, wie Ihr immer uͤber Eure Maͤnner die Oberhand zu gewinnen ſucht. Was! Du wollteſt, ich haͤtte ein wenig Gefuͤhl, und Du laͤgeſt im Grabe? Natuͤrlich. Der Mann darf den Mund nicht aufthun, ſich nicht die geringſte Vorſtellung erlauben, wenn die Frau ſein Geld verſchwendet, ſonſt hat er kein Gefuͤhl. Ha, es iſt beſſer, kein Gefuͤhl zu haben, als kein Geld. Und ich bin uͤberzeugt, Madame Kaudel, daß Du daſſelbe ſagen wuͤrdeſt, wenn Du die Wahrheit ſprechen wollteſt. Und dann mußt Du mir immer Dein Grab vor die Augen ſtellen! Und nur deshalb, weil ich ein Wort uͤber eine Rechnung ſage. Du haſt natuͤrlich das Geld fuͤr etwas Anderes ausgegeben — vielleicht fuͤr neue Kleider — und es dann vergeſſen. „Es iſt jedoch der Muͤhe nicht werth, Madame Kaudel, daruͤber Streit anzufangen, — gewiß nicht. ueberdieß haſſe ich das Streiten. Soviel will ich aber ſagen, da ich uͤberzeugt bin, Dir das Geld ſchon einmal gegeben zu haben, ſo werde ich die Rechnung nicht zum zweiten Male bezahlen, Du mußt es von etwas Anderem abſparen. Wovon Du es ſparen ſollſt? Wovon Du willſt, — Katzenfleiſch und Kanarienvogelfutter meinetwegen! — aber ich zahle nicht zweimal.“ Ueuntes Rapitel. Wie Kaudel ſich ärgert, daß eine Freundin ſeiner Frau auf einen Monat zu Beſuche kam. „Wenn ein Mann heimkommt und ſeine Bequem⸗ lichkeiten in ſeinem eignen Hauſe zu finden hofft, ſo iſt es doch ein wenig — ich ſage ein wenig aͤrgerlich fuͤr ihn, wenn er uͤber einen Haufen von Koffern im Haus⸗ gange ſtolpert und ſich die Schienbeine beſtoͤßt, und noch dazu findet, daß er Beſuch auf dem Halſe hat. — Was? — Du haſt mir geſagt, daß Du Deine liebe Freundin, Fraͤulein Zaͤrtlich, eingeladen hät⸗ teſt? Dann haſt Du es mit Hinterliſt gethan, und es mir geſagt, als ich ſchlief. Ich weiß nichts davon. Und jetzt wird ſie mich gewiß auf drei Monate in Ver⸗ zweiflung bringen — denn natuͤrlich ſpielt ſie Klavier, und es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie eine Guitarre mitgebracht hätte. Drei lange, koſtbare Monate! Was? Sie iſt nur auf einen Monat eingeladen? — 140 — Hum! dann wird ſie natuͤrlich drei dableiben. Das thut ſie immer. „Jetzt werde ich immer ſaubere Fruͤhſtuͤcke haben — denn ſie wird nicht immer auf ihrem Zimmer bleiben, ſie wird nicht immer von der Reiſe muͤde ſein. Ich werde mein Fruhſtuͤck ſtets mit Gift und Galle verzehren muͤſſen Was? Was mir die gute Seele zu leide thun wird? O, ſie wird es ſchon anzufangen wiſſen, das weiß ich. Sie wird immer die Theateranzeigen in der Zeitung leſen, und immer in die Oper, oder zum Concert, oder zum Feuerwerke, oder zu ſonſt einem andern Schau⸗ ſpiele gehen wollen. Ich weiß recht gut, wie verſchlagen ſolche Maͤdchen reden koͤnnen. Verſtehe mich aber, Ma⸗ dame Kaudel; ich habe mir ſie nie auf den Hals geladen. Da Du ſagſt, daß ſie eine Deiner Schulfreundinnen ge⸗ weſen ſei — wahrſcheinlich werde ich das ganze Penſionat der Reihe nach in's Haus bekommen — ſo mußt auch Du die Laſt auf Dich nehmen. Ich werde ſo hoͤflich ſein als ich kann — erwarte aber nicht, daß ich ſie ausfuͤhren, oder Geld auf ſie wenden werde — das iſt Deine Sache, nicht die meine. „Nein, ich vergeſſe es nicht, daß ich meine drei Freunde zuſammen hier gehabt habe, ganz und gar nicht, ich war damals zu gluͤcklich, um es je zu vergeſſen. — Steiner, der praͤchtige Kerl, wie gut er ſang, und was er fur vortrefflichen Punſch machte — Rauter — der beſte Kerl beim Whiſt — und Schlapp, der dem Kärrner eine ſolche Tracht Schläge gab. Ja, das waren Leute, wie man ſie gern im Hauſe hat. Was? Du haſt Dich nieuͤberſſiebeklagt, und warum kannſt Du nicht auch eine Freundin haben? Das iſt ganz was Anderes. uebrigens habe ich Dir's ſchon geſagt, die Weiber koͤnnen nie unter einander Freundſchaft ſchließen — ſie wiſſen nicht, was das Wort bedeutet. Nein, ich denke nicht, daß die Freundſchaft aus Cigarren und Grog beſteht, wenn auch alle drei eine ſehr angenehme Verbindung eingehen. Das waren einmal Abende. Du konnteſt nie vor vier Uhr einſchlafen, ſo lange meine Freunde da waren. Was hat das damit zu thun? Iſt das ein Grund, um mir eine Heerde Freundinnen, die keine Gans aus den Schoten ja⸗ gen können, in's Haus zu bringen? Und wenn Du noch dazu weißt, wie gern ich die Behaglichkeit meines Kamins allein genieße! Wie ſehr ich alle dieſe äußern Stoͤrungen haſſe! Und wenn Du mich wirklich liebteſt, ſo wuͤrdeſt Du ſie ebenfalls haſſen — aber es iſt ein ſchlimmes Ding, wenn die ganze Liebe nur auf Einer Seite zu finden iſt; das fuͤhle ich.“ Behntes Rapitel. Wie Kaudel wieder von häuslichen Finanzangelegenheiten beun⸗ ruhigt wurde. F „Iſt es nicht recht ſonderbar, daß ich mich nicht niederſetzen kann, um einen Biſſen zum Fruͤhſtuͤck zu ge⸗ nießen, ohne daß mir ein Steuerzettel vor der Naſe liegt? Eriſt eben gebracht worden, und esiſt Su⸗ ſannens Schuld? Nein! — es iſt Deine Schuld, Madame Kaudel; Du weißft, daß dergleichen Dinge zu einer ſolchen Zeit mir immer den Appetit verderben, und ich glaube, daß Du ſie immer hinlegſt, nur um Dein Wirthſchaftsgeld zu ſchonen. Steuern — Steuern! Was? Du machſt ſie nicht? Nein; aber es iſt eben ſo ſchlimm, daß Du mich fortwaͤhrend darum plagſt. Das muß ich ſagen, Madame Kaudel, daß Du eine viel angenehmere Frau ſein wuͤrdeſt, wenn es kein Geld gäbe. „Aber ich weiß es ſchon: wenn eine Frau verſchwen⸗ deriſch ſein will, ſo kann der Mann thun was er will, ſie — 143 — laͤßt ſich nicht davon abbringen. Das ſehe ich alle Tage⸗ Erſt geſtern noch ſah ich einen von meinen alten Roͤcken — noch einen recht guten — auf dem Leibe des alten Graͤb⸗ ner. Ja meine ſelige erſte Frau pflegte meine abgelegten Kleider gegen ſchoͤnes Steingutgeſchirr zu vertauſchen. Freilich aber hatte ſie Achtung fuͤr die Frucht meiner An⸗ ſtrengungen. Sie berechnete, wie und woher das Geld kam. Aber das muß ich ſagen, ich habe kein rechtes Vertrauen auf Deine Sparſamkeit. „Nein, Madame Kaudel, ich bin kein grauſamer, ungerechter Mann — ich bin nicht tyranniſch — ganz und gar nicht. Wenn die Weiber aber zufälliger Weiſe etwas juͤnger ſind, als ihre Maͤnner — und das war, wie ich freilich wußte, Dein Fehler, als ich Dich heira⸗ thete — ſo werden ſie gern verſchwenderiſch und — das muß ich ſagen — die letzte Strumpfwaarenrechnung iſt mir ganz und gar unerklaͤrlich. Wenn Jemand die Menge Socken ſähe, die fuͤr mich darauf ſtehen, ſo muͤßte er denken, ich wäre ein Tauſendfuß. Nun, ich muß wirklich mitunter argwoͤhnen — ich wuͤrde froh ſein, wenn mir Jemand dieſen Verdacht benehmen koͤnnte — aber ich muß mitunter wirklich denken, daß Du das in Atlas und Seide grage haſt, was ich fuͤr Socken habe zahlen muͤſſen. „Wenn ich nur meiner Sache gewiß waͤre, ſo — 144 — wuͤßte ich, was ich thäte. Dann würde ich nicht mehr anſtehen. — Was? Warum ich Dich anklage, wenn ich meiner Sache nicht gewiß bin? O, damit iſt ganz und gar nichts zu verlieren. Denn wenn einmal eine Frau getadelt wird, wo ſie es nicht ver⸗ dient, ſo ſchlupft ſie ſicher ein oder das andere Mal durch, wo ſie es verdient hatz es iſt alſo nichts weggeworfen, man mag ſie tadeln, wenn man will.“ Mit dieſem trefflichen Ariom nahm Kaudel ſeinen Hut, indem er zu ſeiner weinenden Frau ſagte, daß er noch nicht wiſſe, ob er zu Tiſche nach Hauſe kommen werde. Elftes Rapitel. Wie Kaudel etwas für „ganz ſonderbar“ hielt. „Steht etwas Beſonderes in der Zeitung, mein Schatz — das heißt: etwas Militairiſches? Was ich meine? O, nichts. Ha, ha! Doch ſcherze nur — Was denkſt Du von dem Cavalletieregimente? Worauf ich ziele? Auf gar nichts. Ich dachte, Du haͤtteſt vielleicht die Offiziere geſehen. Du weißt ja, ſie gehen des Tages zweimal am Fenſter voruͤber. Was das thut? O nichts! gewiß nicht. Es iſt nur ſonderbar — ich muß ſagen, daß es mir ſehr ſonderbar vorkommt, daß Einer davon, ein junger Burſche mit rothem Schnurrbarte — ſtets den Kopf nach unſerm Hauſe wendet. Ich ſage, es iſt ſonderbar — etwas ſonderbar. Du kannſt nicht ſagen, daß er nach Mamſell Zaͤrtlich ſchielt. Die iſt. fort — Gott ſei Dank! endlich! Ich wartete, bis ſie fort war, Hrn. Balth. Kaudels Frühſtücksreden⸗ 10 — — ehe ich ſprach; denn ich weiß, wie die Weiber einander bei⸗ ſtehen. — „Nun, Mamſell Zaͤrtlich iſt fort — Hoͤrſt Du, Ma⸗ dame Kaudel? und doch ſchielt der Menſch mit dem rothen Schnurrbarte immer noch nach unſerm Hauſe. Nun, ich halte das wirklich fuͤr ſonderbar. Ich moͤchte wiſſen, nach was er ſieht? Was? Ich kann ihn j“ fragen? daruͤber werde ich nach meinem eignen Ermeſſen handeln, Madame Kaudel, erlaube mir aber, daß ich ſage — daß — ha! es gab einmal eine Frau, die mir niemals, niemals den geringſten Kummer bereitet hat. Hätte ich ſie doch nie verloren! Hes Du wuͤnſcheſt es auch? Ha! Sie bildete ſich nichts auf ihre Schoͤnheit ein. Was? Sie konnte es auch nicht? Madame Kaudel, ich moͤchte Dir nichts Schlimmes nachſagen — ganz im Gegentheil. Aber erlaube mir, Dir in aller Guͤte zu ſagen, daß Du nicht verdienſt, dem ſeligen Engel den Thee umzuruͤhren. Sie ſah ſich nie um — ſie ſtarrte, wenn wir ausgingen, keinen Menſchen an, als ihren Gatten. Sie dachte nie, daß es auf der Welt noch ein ſo vortreffliches Weſen gäbe, wie ihn. Aber ich habe ſie zu verlieren verdient — ich habe ſie damals nicht hoch genug geſchätzt. Wenn es ein Soldat gewagt hätte zweimal nach einem Hauſe zu ſehen, in dem ſie ſich befand, ſo wuͤrde — 147 — ſie ihre Gefuͤhle als verheirathete Frau kundgegeben und alle Laͤden zugemacht haben. Aber ſie kannte ihre Pflichten — ich wollte, andere Leute konnten von ſich ein Gleiches ſagen!“ Hierauf bemerkte die zweite Madame Kaudel — die eme gemißhandelte Seele! nun, ſie wiſſe daß er ein Vyrann ſei,“ und ließ ihn mit ſeinen ſchlimmen Gedanken m ſeinem Thee allein⸗ 10* oöife⸗ Rapitel. en Vie Kaudel ſeine Frau zur Witwe machte. — Womit er Tyrannei vertheidigte. Ehe Kaudel die Welt verließ, hielt er ſeiner bedau⸗ ernswerthen Frau noch viele „Fruͤhſtuͤcksreden,“ wir glau⸗ ben aber den Hauptinhalt ſeiner Predigten mitgetheilt zu haben, denn dieſelben läuteten wie die Kirchenglocken immer die gleichen Töne ab. Den Leſer, welcher der Be⸗ hauptung der erſten Madame Kaudel, daß ihr Gatte wirk⸗ lich ein ärgerlicher Mann ſei, und ihrer Prophezeihung, daß ihn die Welt ſchon noch ſo gut kennen lernen werde als ſie, Glauben ſchenkt, wird das Benehmen des erwähn⸗ ten Individuums gegen die bedauernswuͤrdige, in ſeine Netze gelockte Mamſell Betſenberger ſchwerlich in Erſtau⸗ nen ſetzen. Kaudel ſelbſt gab dafuͤr jedoch eine ſcharf⸗ ſinnige, wo nicht glaubwuͤrdige Entſchuldigung. Sein Schwager Betſenberger hatte ihm von Zeit zu Zeit Vor⸗ ſtellungen daruͤber gemacht, worauf er denn zu antworten — 149 — yflegte: 23 habe es nicht ſo gemeint, — verlaß Dich darauf, ich meine es nicht ſo böſe. Ich habe Deine Schweſter ſehr lieb, ungemein lieb; die Art wie ich ſie behandle iſt nur Gewohnheit — nichts wie Gewohnheit.“ „Gewohnheit!“ rief Betſenberger; „ei, das iſt es ja eben, woruͤber wir klagen. Wie wünſchen ja eben, daß Du ſie ablegen ſollſt.“ „Unmoͤglich, mein guter Junge — ganz unmoͤglich. Wie kannſt Du erwarten, daß ich, nachdem ich ſo viele Jahre mit meiner Seligen gelebt habe — obgleich ich ſie deſſenungeachtet fuͤr einen Engel im Himmel halte — wie kannſt Du da erwarten, daß ich nicht einen naturlichen Gebrauch von meiner Freiheit mache. Du denkſt doch nicht, daß ich der zweiten Madame Kaudel geſtatten wuͤrde, eine Madame Kaudel Nummer Eins zu werden — ſiehſt Du, ich habe alſo den Bogen auf die andere Seite geſpannt.“ „Und dies iſt Deine Vertheidigung?“ rief Betſen⸗ berger. „Mein vortrefflicher Freund,“ ſagte Kaudel, „die ſchlechte Laune iſt anſteckend. Die Menſchen mogen ſich alſo vorſehen, ehe ſie ſich zuſammen finden. Wenn ich in meiner zweiten Ehe ein wenig den Tyrannen geſpielt habe, ſo geſchah dies nur, weil ich in der Erſten ein Sklave geweſen bin; und alle Tyrannen, mein lieber Junge, ſind nur Sklaven, die die innere Seite nac außen gekehrt haben.“ „Ich verſtehe den Vergleich nicht ſagte Br⸗ ſenberger; „er wird wohl bedeuten ſollen, daß in den meiſten Ehen beide Theile ihre Fehler haben“ „So iſt es,“ antwortete F. „und ich kenne Beide aus Erfahrung. — — — — — in Unſere Erſtes Rapitel. Straße bietet von dem kleinen Winkelchen, wel⸗ ches ich darin einnehme und von wo aus ich und ein Miethgenoſſe und Freund von mir ſie eyniſch beobachten, ein ſonderbares buntes Ausſehen dar. Wir ſind in einem uebergangszuſtande, wir ſind noch nicht in der Stadt und wir haben das Land verlaſſen, wo wir uns befanden, als ich bei Mrs. Cammiſole, meiner trefflichen Hauswirthin, meine Wohnung aufſchlug. Ich nahm damals eine Wohnung im zweiten Stock in Waddilove⸗Street Nr. 17, und ſeitdem bin ich, obgleich ich nie ausgezogen bin — da ich verſchiedene kleine Bequemlichkeiten um mich habe — nach Nr. 46 A in Pocklington Gardens gelangt. Woher kommt dast Warum ſoll ich woͤchentlich achtzehn Shillinge bezahlen, ſtatt funfzehn? Ich war in Waddilove⸗Street ganz eben ſo gluͤcklich, aber das Wahre an der Sache iſt, daß ein großer Theil dieſes ehrwuͤrdigen alten Diſtrikts verſchwunden iſt und wir von dem praͤchtigen, neuen, weißen, mit doriſchen Vor⸗ hallen verſehenen, vornehmen Pocklington Quartier abſor⸗ birt worden ſind. Sir Thomas Gibbs Pocklington, Par⸗ lamentsmitglied für den Burgflecken Lathan⸗Plaſter, iſt der Begruͤnder des Diſtrikts und ſeines eignen Verms⸗ gens. Das YPocklingtoner Bauplaͤtze⸗Verkaufs⸗Bureau iſt in dem Square, auf der Seite von Waddil — von Pocklingtons⸗Gardens wollte ich ſagen. Dos alte Wirths⸗ haus zum Staar und der Elſter, wo die Marktgärtner zu futtern pflegten, hat dies Jahr ein neues weißes Geſicht und einen andern Titel, das Schild ꝛc. des Pocklington'⸗ ſchen Wappens erhalten. Welch' ein Schild das iſt! welche Quartiere! He⸗ ward, Cavendiſh, de Ros, de la Zouche, alle ſind ſie darauf zuſammengemengt. Selbſt unſer Haus Nr. 46 A, welches Mrs. Cam⸗ mifole zu Ehre der Gardens, zu denen es jetzt gehoͤrt, hat neu weißen laſſen, iſt eine Art von Betruͤger und hat gar nicht die Befugniß, ſich Gardens nennen zu laſſen. Mr. Gibbs, der Agent und Neffe des Sir Thomas, iſt wuͤthend daruͤber, daß wir es wagen, den Titel anzuneh⸗ men, welcher beſſern Leuten gebuͤhrt. Schon das naͤchſte — — 155 — Haus — Nr. 46, die ehrenwerthe Mrs. Mountnoddy — iſt fuͤnf Stock hoch und ſchießt ſtolz dreißig Fuß uͤber unſer altes, hochgiebeliges, niedrigzimmeriges Gebaͤude empor. Unſer Haus gehört dem Capitain Bragg, der nicht nur der Grundherr, ſondern auch der Schwieger⸗ ſohn der Mrs. Cammiſole iſt und ein paar hundert Schritt weiter hinab in der Straße im „Bungalow“ wohnt. Er war ftuͤher Capitain des Oſtindienfahrers Ramchunder und liegt, ſeit er in dem Kirchſpiele Haͤuſer hat, mit den Pocklingtons im Streite. Er iſt es, der ſeine Haͤuſer weder verkaufen noch dem Zeitgeiſte gemaͤß veraͤndern will; er iſt es, der zwar die Witwe Cammiſole den Namen ihrer Straße veraͤndern ließ, aber doch weder das naͤchſte Haus noch das daran ſtoßende des Baͤckers, noch das Eiſenbettſtatt⸗ und Feder⸗ lager, welches darauf folgt, noch das des kleinen Barbiers mit der Stange, noch, wie ich zu ſeiner Schande geſtehen muß, den jetzt noch ſtehenden Kaldaunenladen niederreißen laſſen will. Der Barbier pudert die Köpfe der vorneh⸗ men Bedienten von Pocklington⸗Gardens, die ſo groß ſind, daß ſie in ſeinem kleinen Lokale kaum ſitzen können, und die alte Taverne zum Oſtindienfahrer wird von Braggs Schiffsſtewart gehalten und proteſtirt gegen das Pockling⸗ ton'ſche Wappen. Weiter hinab ſteht die Waddilovekapelle des ehrwür⸗ — digen Oldham Slocum in Ziegelſteinen mit Spitzbogen⸗ fenſtern und einem hoͤlzernen Kirchthurm, anſpruchslos, rußig und haͤßlich. In der Mitte von Pocklington⸗Gar⸗ dens erhebt ſich die St. Waltheofskirche mit dem ehrwuͤr⸗ digen Cyrill Thurifer und ſeinen Gehilfen — ein praͤchti⸗ ges anglonormanniſches Gebaͤude, groß, reich geſchmuͤckt, nagelneu und ungeheuer alt. In Ave Maria Lane hoͤrt man das Laͤuten der kleinen katholiſchen Kapelle und dicht daneben iſt ein großes, breitſchulteriges Conventikelhaus — mit dem ehrwuͤrdigen Jonas Gronow, aus welchem man den ganzen Sonntag uͤber die Hymnen droͤhnen hoͤrt. Wenn wir in dieſer Richtung weſtlich gehen, ſo ge⸗ langen wir bald zu Commandine Houſe — auf einem Theil der Gardens, wo Seine Lordſchaft in der Kuͤrze einen Garten errichten will — weiterhin die Ananaſſerie mit Mr. und Lady Mary Mango und ſo kommen wir auf das Land hinaus und gewiſſermaßen gaͤnzlich aus unſrer Straße. ſunn In der Viertelſtunde, welche ihre Laͤnge betraͤgt, fin⸗ den wir aber alle Arten und Staͤnde von Leuten — von dem ſehr ehrenwerthen Lord Commandine an bis zu dem gegenwaͤrtigen Topographen, der, ſo zu ſagen, keinen Rang und daher das Gluͤck hat, von Allen — von Sr. Lord⸗ ſchaft an bis zu dem Handwerker herab — auf faſt freund⸗ ſchaftlichem Fuße behandelt zu werden. Zweites Kapitrl. Unſer Haus in unſrer Straße. Wir muͤſſen unſere kleinen Beſchreibungen da an⸗ fangen, wo, wie es heißt, die Wohlthätigkeit beginnen muß — zu Hauſe. Mrs. Cammiſole, meine Wirthin, wird ſich etwas wundern, wenn ſie dies lieſ't und findet, daß ein gutmuͤthiger Abmiether von ihr, der ſich ſeit funf⸗ zehn Jahren nie uͤber ihre uͤbermaͤßigen Anſpruͤche beklagt hat, alle ihre Kunſtgriffe kennt und ſie nicht mit Zorn, ſondern mit Verachtung — mit ſtummer Verachtung behandelt. Am 18. Dezember 1837, wo ich leiſe und vor mei⸗ ner gewoͤhnlichen Zeit die Treppe herabkam, ſah ichz. B. Sie, Madame, in meinem Lehnſtuhle ſitzen und in einen Brief ſchauend, der von meiner Tante in der Provinz kam, gerade als ob er an Sie und nicht an Mr A. Tit⸗ marſh Esqu. adreſſirt geweſen waͤre. Machte ich etwa — 158 — Larm daruͤber? — keineswegs, ich ſchlich nach meinem Schlafzimmer zuruͤck, (denn ich konnte in dem ſchoͤnen Paare von Hausſchuhen, welche mir Miß Penelope J—s. geſtickt hatte, geraͤuſchlos auftreten — ſie ſind jetzt abge⸗ tragen, theure Penelope) — ſchlug dann die Thuͤrleinwand zu und kam wieder die Treppe hinab, indem ich ſo laut als ich konnte, ſang: „Son vergin vezzosa.“ — Sie waren nicht in meinem Wohnzimmer, Mrs. Cammiſole, als ich in daſſelbe trat. Sie haben alle meine Briefe, Papiere, Manuſcripte, Versconcepte, ungeborenen Artikel fuͤr die Morning⸗Poſt und das Morning⸗Chronicle, Einladungen zum Mittagseſſen und zum Thee, alle meine Familienbriefe, alle Briefe von Eliſa Downbey geleſen, von dem erſten an, worin ſie erklaͤrte, daß es der theuerſte Wunſch ihres jungfraͤulichen Herzens ſei, die Gattin ihres geliebten Michel Angelo zu werden, bis zu dem letzten, worin ſie mir anzeigte, daß ihr Tho⸗ mas der beſte Gatte ſei, und mit Eliſa Slogger unter⸗ zeichnet. . Alle Briefe von Mary Farmer, alle von Emilie Delamere, alle von der armen thoͤrigten alten Miß Mac Witther, die ich eben ſo bald heirathen wuͤrde, wie — mit Einem Worte, ich weiß, daß Sie habichtsnaſige, ſcharf⸗ äugige, ſchlafloſe, unermuͤdliche alte Mrs. Cammiſole ſeit zehn Jahren alle meine Papiere geleſen haben. — m — Ich weiß, daß Sie Ihre neugierigen alten Augen auf alle Manuſcripte werfen, die Sie in meinen Rock⸗ und Hoſentaſchen finden, wenn dieſelben in einer Drape⸗ rie an der Thuͤrklinke meines Schlafzimmers haͤngen. Ich weiß, daß Sie das Geld in meinem gruͤn und goldenen Beutel, den ich von Luch Netterville erhalten, zaͤhlen und ſpeculiren, wie ich wohl den Unterſchied zwi, ſchen der heutigen und geſtrigen Summe verwendet haben mag. — Ich weiß, daß Sie ein Einverſtändniß mit der Waäſcherin haben — der Sie ſagen, daß Sie bei mir allmaͤchtig ſeien — und ihr drohen, derſelben meine Kund⸗ ſchaft zu entziehen, wenn ſie nicht einen Theil Ihrer fei⸗ nen Waͤſche gratis beſorgt. Ich weiß, daß wir Beide zuſammen zu unſerm Fruͤhſtuͤck fuͤr einen Penny Rahm haben, der in einem kleinen Toͤpfchen gebracht wird, und es iſt mir bekannt, auf weſſen Antheil der meiſte fällt. Ich weiß, wie viele Stuͤckchen Zucker Sie von jedem Pfunde, wenn es kommt, hinwegnehmen, ich habe die Stuͤckchen gezaͤhlt, Sie alte Diebin, und ſeit Jahren außer gegen Miß Gapperclaw, die Bewohnerin des erſten Stocks, nie ein Wort daruͤber geſagt. Einmal ſitzte ich eine Flaſche mit Hoͤllencognac in den Wondſchrank, zu welchem nur Sie und ich Schluͤſſel N — 160 — haben und die Fluͤſſigkeit nahm ab und nahm ab — bis ſie gaͤnzlich verſchwunden war. Sie haben ihn ganz allein getrunken, Sie ſchlechtes, altes Weib. Sie waͤren mir eine Dame? Ich weiß, wie wuͤthend Sie waren, als man mir die Ehre erwies, mich zum Mitgliede des Polyphloisboio⸗ thalaſſes⸗ Clubbs zu erwaͤhlen und ich daher aufhoͤrte, zu Hauſe zu ſpeiſen. Wenn ich zu Hauſe ſpeiſ'te, — wir wollen einmal ſagen ein Beefſteak, ſo moͤchte ich wiſſen, was Sie zum Abendbrote gehabt haben? Sie amputirten zuerſt einen Theil des Fleiſches, als es noch roh war und ſtahlen dann noch mehr, als es bereitet wurde. Den⸗ ken Sie, daß ich Ihre erbaͤrmlichen Vorwaͤnde nicht durchſchaut habe? Es wundert mich nur, wie Sie — eine ſchoͤne Predigerstochter und Witwe! — dergleichen Dinge vor Ihren Dienſtmaͤdchen, denen Sie ſtets Untreue ſchuld gaben, wagen konnten. Ja, die Inſolenz des alten Weibes iſt unettrigich und ich muß endlich einmal ſprechen. Wenn ſie beim Leſen dieſer Zeilen Kraͤmpfe bekommt, ſo mache ich mir auch nichts daraus. Sie hat zwei ungluͤckliche Maͤgde, gegen die ihre Zunge vom Morgen bis zur Nacht ohne Unterlaß im Gange iſt; ſie ſtuͤrmt zu allen Stunden auf dieſelben ein. Erſt dieſen Morgen um Acht war es, wo Molly die Thuͤrſtufen kehrte und der Backer ihr keines⸗ — — wegs unverdiente Complimente machte, daß meine Wit⸗ thin aus der Thuͤr des Parterrezimmers geſchoſſen kam und das arme Maͤdchen ſo in die Kuͤche verwies, daß es weinte. Schon wegen Ihres Benehmens gegen Ihre Dienſt⸗ boten war ich entſchloſſen, Sie oͤffentlich anzuklagen. Sie laͤßt die armen Dirnen ein Hoöllenleben fuͤhren und ſchlaͤft, nicht zufrieden, ſie den ganzen Tag uͤber zu tyran⸗ niſiren, des Nachts mit ihnen in Einem Zimmer, ſo daß ſie ſie vor Tagesanbruch aus dem Bette holen und waͤh⸗ rend ſie ſich anzieht, ausſchelten kann. So viel iſt gewiß, daß durch Sie und Miß Clap⸗ perclav im erſten Stocke die armen Maͤdchen ein trauri⸗ ges Leben haben. Meine liebe Miß Clapperclav, ich hoffe, daß Sie mir verzeihen werden, Sie auf den Titel meines kleinen Buͤchleins geſetzt zu haben, wie Sie aus Ihrem gewohn⸗ ten Fenſter ſchauen und Ihre Lorgnette in der Hand haben, um die ganze Straße auszuſpioniren, welche Sie beſſer als irgend ein anderer Bewohner derſelben kennen. Ihnen verdanke ich den groͤßten Theil meines Wiſ⸗ ſens uͤber unſere Nachbarn, von Ihnen ruͤhren die mei⸗ ſten Thatſachen und Bemerkungen, welche auf dieſen we⸗ nigen Seiten enthalten ſind, her. Wie manchen Abend haben wir bei unſerm Thee uns freundlich uͤber unſere Unſe re Straße. 11 — 162 — Nächſten und deren kleine Fehler unterhalten und da ich weiß, daß Sie mit ziemlichem Freimuth uber die meinen ſprechen, ſo laſſen Sie ſich ſagen, meine liebe Beſſy, daß wir, wenn wir unſere Straße auch nicht aufgebaut, ſie doch wenigſtens heruntergeriſſen haben. Yrittes Rapitel. Der Bungalv. — Capitain und Mrs. Bragg. Vor langer, langer Zeit, wo unſere Straße auf dem Lande war und taͤglich viermal zwiſchen uns und London eine Landkutſche ging, war es, wie ich jetzt geſte⸗ hen will, der Anblick von Flora Cammiſoles Geſicht unter der Karte: Wohnungen zu vermiethen,“ ihrer Mama, die mich veranlaßte, ein Bewohner ihrer Straße zu wer⸗ den. Sie war damals ein huͤbſches, munteres Maͤdchen und ich gab ihr — zum Theil gegen Abzug am Mieth⸗ gelde — Lectionen im Franzoͤſiſchen und Blumenmalen. Sie hat ſeitdem eine gute reiche Partie gemacht, wiewohl ihre Augen oftmals zu mir zu ſagen ſchienen: Ach Mr. T — warum haben Sie nicht, als es noch Zeit und wir Beide frei waren, einen Antrag gemacht — wozu? niſn Sie ſchon. 11* Pah, wo ſollte das Geld herkommen, meine liebe Madame. Capitain Bragg, der damals damit beſchaͤftigt war, Bungalo Lodge zu bauen, Bragg, ſage ich, der im erſten Stock wohnte und Seecapitaine, Kaufleute und oſtindiſche Freunde auf ſeinem großartigen Schiffsſilbergeſchirr be⸗ wirthete, war in ſeinem Projecte, eine Directorstochter, die dazu noch eine Couſine zweiten Grades von einem Pair war, zu heirathen durchgefallen, ließ wuͤthend Mrs. Cammiſole, ſeine Hauswirthin, kommen und ſchlug ihr vor, Flora vom Flecke weg zu heirathen und ihr jaͤhrlich vierhun⸗ dert Pfund auszuſetzen. Flora wurde aus dem Hinterzim⸗ mer herbeſchieden und auf der Stelle mit dem glaͤnzenden Anerbieten bekannt gemacht, welches von dem Miether des erſten Stockes erfolgt war. Sie iſt ſeit zwolf Jah⸗ ren Mrs. Capitain Bragg. Bragg traͤgt noch heutzutage Ankerknöpfe und hat einen Frack mit einer goldenen Treſſe zu Epauletten, falls es ihm in den Kopf kommen ſollte, deren zu tragen. Auf ſeinem Buͤffet ſtehen ſilberne Erinnerungsſtuͤcke, welche die Paſſagiere des Ramchunder dem Capitain Bragg vrtthrt haben. „Der Oſtindienfahrer Ramchunder in einem Sturme vor der Tafelbai, — „ie abſegelnde Flotte unter Con⸗ voi Ihrer Majeſtat Fregatte Loblollyboy, Capitain Gutch, — 165 — wie ſie die franzöſiſche Escadre unter Commodore Be⸗ loup in die Flucht ſchlaͤgt“ — (der Ramchunder iſt in Suͤdoſt bei Oſt im Kampfe mit der Corvette Mirlſton dargeſtellt) — „der Ramchunder, wie er in den Haͤghly einſegelt, mit Capitain Bragg, ſeinem Telescop und Sprach⸗ vohr auf dem Hinterdeck“ — „Capitain Bragg, wie er die Offiziere des Ramchunder dem General Bonaparte auf St. Helena vorſtellt, von Titmarſh“ (dieſes ſchoͤne Bild malte ich, als ich bei Bragg noch in Gunſt ſtand) mit Einem Worte, Bragg und der Ramchunder nehmen das ganze Haus ein Obgleich ich wohl ein Schock Diners auf Capitain Braggs Koſten verzehrt habe, ſo iſt ſeine Gaſtfreund⸗ ſchaft doch ſo inſolent, daß Keiner, der ſeinen Tiſch fre⸗ quentirt, die mindeſte Verbindlichkeit gegen ſeinen prahle⸗ riſchen Wirth fuͤhlt. S Wenn er eines w ſeinen großen, langweiligen Di⸗ ners gegeben hat, ſo ergreift er ſtets die erſte Gelegenheit, um Einem vor aller Welt zu ſagen, wie viele Flaſchen Wein dabei getrunken worden ſind. Es iſt ſeine Freude, ſeine Gaͤſte betrunken zu machen und aller Welt zu erzaͤh⸗ len, wie und wann die Periode der Trunkenheit erſchienen iſt. Und Miß Clapperclav ſagt mir, daß er oft lachend und kichernd zu ihr kommt und behauptet, daß er mich in dieſen Zuſtand verſetzt habe — eine n die ich ihm verachtungsvoll in's Geſicht werfe. Er giebt faſt nur Männergeſelſchaften und ladet den ganzen Clubb zum Eſſen ein. Ich möchte doch wiſ⸗ ſen, was fuͤr ein Compliment eine ſolche Einladung iſt, wenn der ganze Clubb mit dazu gebeten wird. Männer⸗ geſellſchaften ſind nur fuͤr Jungen gut. Ich haſſe die Diners, bei denen ſich keine Frauen befinden. Bragg fuͤhrt den Vorſitz an ſeinem Tiſche und tyranniſirt die einſame Mrs. Bragg. Er regalirt uns mit Geſchichten von Stuͤrmen, die er, Bragg, abgewettert, — mit Diners, die er, Bragg, von dem Generalgouverneur von Indien erhalten, — mit Witzen, die er, Bragg, gehort hat, und wie abgenutzt oder ſchlecht ſie auch ſein moͤgen, ſo erwartet er doch ſtet, daß die arme Mrs. B. lachen ſoll. Wehe ihr, wenn ſie es nicht thut, oder wenn ſie uͤber die Witze irgend eines Andern lacht! Ich habe ge⸗ ſehen, wie Bragg zu ihr hinging und mit wuͤthendem Zaͤhneknirſchen ihren Arm druckte und mit einem Fluche ſagte: „Zum Henker, Madame, wie konnen Sie es wa⸗ gen zu lachen, wenn ein Anderer als Ihr Gemahl ſpricht! Ich verbiete Ihnen auf dieſe Weiſe zu grinſen. Ich ver⸗ biete Ihnen muͤrriſch auszuſehen. Ich verbiete Ihnen heiter auszuſehen, oder aufzublicken, oder Ihre Augen auf — 167 — die Erde niederzuſchlagen. Ich wuͤnſche, daß Sie nicht durch die Zimmer fegen. Ich befehle Ihnen, nicht ſo ſteinſtill zu ſitzen.“ Er verwuͤnſcht ſie, wenn der Wein nach dem Kork ſchmeckt, oder wenn das Eſſen verdorben iſt, oder wenn ſie ihn um eine Minute zu zeitig aus dem Clubb holt, oder um eine Minute zu ſpaͤt kommt. Er verbietet ihr auszu⸗ gehen, außer an ſeinem Arme. Und die Folge ſeiner ſchlechten Behandlung iſt die, daß Mrs. Cammiſole und Mrs. Bragg ihn uͤber alle Maßen reſpectiren und fuͤr das erſte aller menſchliche Weſen halten. „Ich habe nie eine Frau geſehen, die beſtaͤndig von ihrem Manne tyrannifitt wurde, ohne ihn dafuͤr um ſo lieber zu haben,“ ſagt Miß Clapperclav — und obgleich dieſe Worte etwas von Miß Clapperclav's gewohntem ſar⸗ doniſchem Humor an ſich haben, ſo muß ich denken, daß etwas Wahres daran iſt. viertes Rapitel. eeu Houſe. — Mr. Rumbold von der königlichen Academie 5 und Mißt Rumbold⸗ — Als Lord Levant das Land und dieſe Gegend verließ, wo die Geſchaͤftsleute, welche ihn bedienten, immer noch um ihn trauern, wurde Nr. 56, als Levantine Houſe be⸗ kannt, an den Pococurant Clubb vermiethet, der aber bald bankerott wurde — denn wir ſind von dem Mittelpunkte der Stadt zu weit entfernt, um einen eigenen Clubb unterhalten zu koͤnnen; — dann miethete es die Weſt⸗ diddleſex⸗Eiſenbahn⸗Compagnie, und jetzt iſt es in unmoͤ⸗ blirte Wohnungen abgetheilt, die eine ſpitmaͤulige Haus⸗ hälterin und ein Portier in Livrée beaufſichtigt, welchen Letztern man, wenn er nicht an der Thur zu finden iſt, gewoͤhnlich in dem Wirthshauſe zur Traube in dem Gaͤß⸗ chen um die Ecke ſuchen kann — er lackirt die Stiefel — — 169 — der Stutzer, welche im Hauſe wohnen, lieſ't Mr. Pink⸗ 3 ney's Morning⸗Poſt, ehe er ihm die Zeitung bringt und 1 pernachlaͤſſigt die Briefe aller Bewohner des Hauſes. 4 Die großen Zimmer, welche von dem Lord Levant als Salons von den Pococurante — einem Clubb, wo, wie man mir ſagt, das Spiel furchtbar war — als Kaffee⸗ zimmer, und von der Weſididdleſex⸗Geſellſchaft als Direc⸗ torialzimmer benutzt wurden, ſind jetzt von zwei Kuͤnſtlern bewohnt, dem jungen Miniaturiſten Pinkney und dem Hiſtorienmaler Rumbold. WMiß Rumbold, ſeine Schweſter, wohnt, veilauſig erwaͤhnt, bei ihm, aber mit dieſer jungen Dame haben wir natuͤrlich nichts zu thun. Ich habe dieſe beiden Herren in Rom gekannt, wo Georg ein Sammetwams und einen bis auf ſeine Bruſt gehenden Bart trug und im Café greco uͤber ſeine Kunſt zu ſprechen pflegte. Wie ſein Sammetwams nach Tabak roch, mit welchem ſein bindfadenartiger rother Bart eben⸗ falls parfuͤmirt war! In ſeinem Atelier war es, wo ich di Ehre hatte, ſeiner Schweſter, der ſchönen Miß Clara vorgeſtellt zu werden. Sie hatte einen großen Helm mit einem rothen Pferdehaarbuſche — ich dachte anfaͤnglich, daß es ein Puͤſchel von ihres Bruders Bart ſei, auf dem Kopfe und 3 hielt einen Speer mit blecherner Spitze in der Hand, und ſtellte einen römiſchen Krieger in dem großen Bilde Eu⸗ ractacus vor, welches Georg malte — einem Gemaͤlde von 64 Fuß Laͤnge und 18 Fuß Hoͤhe. Der roͤmiſche Krieger etroͤthete, als er in dieſer Attituͤde entdeckt wurde, der blechbeſpitzte Speer zitterte in der weißeſten Hand von der Welt. Sie legte ihn alſo nieder, nahm auch den Helm ab und ſitzte ſich in eine entfernte Ecke des Ateliers, wo ſie Georges Strüͤmpfe ſtopfte, waͤhrend wir ein paar Pfei⸗ fen rauchten und davon ſprachen, daß Su bedeutend uberſchaͤtzt wuͤrde. Ich glaube, daß man ihn zu hoch ſtellt und n meine Anſicht uͤber die Transfiguration nie verhehlt, und waͤhrend unſers ganzen Geſpraͤches ſchauten Clara's Au⸗ gen leuchtend aus der dunkeln Ecke, in welcher ſie ſaß und an den Struͤmpfen arbeitete. Der gluͤckliche Geſell! Sie waren in entſetzlich ſchlechtem Zuſtande, als ſie nach dem Tode ihres Vaters, des Ehrwurdigen Miles Rumbold zu ihm nach Rom kam. In Rom malte George ein Bild von Caractacus natürlich „non angli sed angeli,“ ein Gemaͤlde, Albrecht in der Huͤtte des Kuhhitten, 72 Fuß lang und 48 hoch — man kann ſich eine Idee von der gigantiſchen Große und den Michel⸗Angelesken Proportionen dieſes Bildes machen, wenn ich angebe, daß ſchon der Haferkuchen, welchen der ungluͤckliche Konig verbrennen läßt, zwei Fuß — — drei Zoll im Durchmeſſer hat — und die Sterbeſcenen des Socrates, des Remus und der Chriſten unter Nero. Ich werde nie vergeſſen, wie lieblich Clara in dem letztern Bilde mit ihrem weißen Muſſelinkleide und herab⸗ gelaſſenen Haar ausſah, wo ſie ſich einem grimmigen Carnifer uͤbergab — zu welchem Bob Gaunter, der Archi⸗ tect ſaß — und ſich weigerte, auf die milden Vorſchlaͤge eines einſchmeichelnden Flamen zu hoͤren, welche Figur eine grobe Karrikatur von mir war. Von Georges Gemaͤlden wurde kein einziges ver⸗ kauft. Er hat ihrer genug, um ganz W damit zu tapeziren. Seit ſeiner Ruͤckkehr nach England hat er das Schinden des Marſyas, das Erſticken der kleinen Knaben im Tower, eine Scene aus der großen Peſt, Ugolino am ſiebenten Tage, nachdem er der Lebensmittel beraubt wor⸗ den war, ꝛc. gemalt. Obgleich dieſe Bilder große Vor⸗ zuge beſitzen und die Zuckungen des Marſyas, die Convul⸗ ſionen der kleinen Prinzen, der Schmerzensblick des St. Laurentius auf dem Bratroſte u. ſ. w. ganz naturgetreu ſind, ſo ſprechen doch dieſe Gegenſtaͤnde nicht an und mein Freund George wuͤrde verhungern, wenn er nicht ein kleines eigenes Vermoͤgen beſaße. Die Liebe zur Kunſt hat mich haͤufig in ſein Atelier gefuͤhrt. George iſt ein Gentleman und hat ſehr anſtaͤn⸗ — — dige Freunde und ſehr vielen Muth dazu. Als wir uns in Rom befanden, gab es einen großen Spektakel zwi⸗ ſchen ihm und dem jungen Heeltap, Lord Bormoor's Sohne, der ſich gegen Miß Rumbold unhoflich benom⸗ men hatte, der junge Hallunke! — wenn ich von krie⸗ geriſcher Gemuͤthsart wäre, ſo wuͤrde ich ihn mit gen ſelbſt niedergeſchoſſen haben. Lady Betty Bulbul hatte Clarence ſchr lieb und Tom Bulbul, der Georges Herausforderung an Heeltap uberbracht hatte, treibt ſich beſtändig im Atelier umher. Ich weiß wenigſtens, daß ich den jungen Laffen faſt täg⸗ lich dort finde, wo er einen neuen Roman, oder einen Band mit moralvergiftenden franzoͤſiſchen Gedichten, oder einen Korb mit Blumen, oder Trauben mit Lady Betty's Complimenten an ihre theure Clara mitbringt, — ein junger Affe mit weißen Glackehandſchuhen, und jeden Morgen gebranntem Haar. Wer hat ihm geſagt, daß er ſich in George Rumbold's Wohnung herumtreiben und ſein häßliches Mopsgeſicht als Modell fuͤr alle Bilder Georges hinſtrecken ſoll? Miß Glapperclav ſagt, daß Bulbul offenbar verliebt ſei und Clara ebenfalls. Wiel will ſie ſich mit einem ſo kleinen Balge wie dieſer begnugen, wenn es einen Mann von Stand und Geſchmack gibt, der — aber ich will nicht glauben — es iſt nichts als weibliche Eiferſucht. Fünftes Rapitel. Einige von den Dienern in unſrer Straßſe. Dieſe Herren haben in unſerm Stadttheile zwei Clubhs, den fuͤr die Oberbedienten im Indienfahrer, und den fuͤr die Herren in Livrée im Pocklington'ſchen Wap⸗ pen — und ich moͤchte ein Mitglied einer oder der andern dieſer Geſellſchaften ſein. Ich bin uͤberzeugt, daß ſie nicht ſo langweilig ſein koͤnnen, wie unſer Clubb im Poly⸗ phloisboio, wo man taͤglich dieſelben netten, Sibchh⸗ reſpektabeln alten Schneeſieber trifft. Wie ſehr Schreiber dieſes es aber auch wünſcht, ſo iſt es ihm doch unmoͤglich, in den Silbergeſchirr⸗Elubb oder denUniform⸗Clubb, wie dieſe Reunions heißen, zu treten — denn es geht doch nicht an, daß man einem Freunde, der hinter unſerm Stuhle ſteht, die Haͤnde ſchuͤttelt, oder dem Kellermeiſter, der uns ein Glas Wein einſchenkt, ein „Wie geht's?« zunickt, ſo daß ich von den Herren in unſrer Nachbarſchaft weiter nichts weiß, als was ich aus blos zufaͤlligen Beobachtungen entnommen habe. So z. B. habe ich eine weitlaufige Bekanntſchaft mit Tom Spavin, der gewöhnlich die obige Miene ver⸗ kannter Unſchuld trägt und Reitknecht bei Mr. Joſeph Green in unſrer Straße iſt. „Ich ſage, warum das Brougham⸗Pferd mager und Desparation ganz mit Schaum bedeckt iſt? — das pfle⸗ gen die Pferde bei dieſem naſſen Wetter zu thun und Desparation iſt immer das ſchwitzigſte Pferd geweſen, das ich je geſehen habe — ich ihn mit Mr. Anderſons Hunden auf die Jagd reiten laſſen — das wäre mir zu gemein. Ich bin ſtets zu furchtſam geweſen, um mit Hunden zu reiten, und Oberſt Sprigs Reitknecht, der ſagt, daß er mich geſehen haͤtte, iſt ein Luͤgners — ꝛc. . So lauten Mr. Spavins Bemerkungen gegen ſei⸗ nen Herrn, waͤhrend alle Welt in unſter Straße weiß, daß Mr. Spavin wenigſtens hundert Pfund des Jahres fur Bier ausgiebt, daß er ein Wettbuch haͤlt, daß er Mr. Green's ſchwarzes Brougham⸗Pferd dem Omnibuskutſcher geliehen hat und es zu einer Zeit, wo Mr. Green glaubte, daß es beim Thierarzt ſei, einem Miethſtallbeſitzer lieh, der es wieder dem Eigenthumer ausgeliehen hat, welcher hinter ſeinem eignen Pferde zu Tiſche gefahren iſt. Ich kann dieſes Benehmen begreifen, aber nicht ent⸗ ſchuldigen. Mr. Spavin mag es thun und ich uͤberlaſſe die Sache ihm und ſeinem Herrn, die es mit einander mögen. Der Zweite iſt Wonſienn Sinbad, Mr. Clarence Bulbuls Kammerdiener, wegen deſſen Beſitz wir Alle Elarence haſſen. Mr. Sinbad iſt ein Ausländer, der keine bekannte Sprache, ſondern ein Gemiſch von allen europaiſchen Dialecten ſpricht, ſo daß er eben ſo gut ein italieniſcher Raͤuber wie ein tyroler Jodler oder ſpaniſcher Schmugg⸗ ler ſein kann. Ich habe gehoͤrt, daß er nichts von allem Dieſem, ſondern ein iriſcher Jude ſei. Er trägt Hemd⸗ knoͤpfe, Haarol, Juwelen und leinene Vorhemden, die ſehr fein geſtickt ſind, aber ſich nicht durch beſondere Weiße auszeichnen. Des Morgens erſcheint er gewoͤhnlich in verblichener Sammetweſte und iſt ſtets mit Tabaksrauch parfuͤmirt. Er traͤgt große Ringe an ſeinen Haͤnden, welche ausſehen, als ob er ſie beſtändig im Schornſtein hielte. Er ſcheint in aller Welt nichts fuͤr Clarence Bul⸗ bul zu thun, außer, daß er deſſen Cigarren raucht und auf ſeiner Guitarre ſpieltz er kommt nicht, wenn geklin⸗ gelt wird, bringt weder ein Glas Waſſer, noch geht er aus, um einen Auftrag zu beſorgen, wozu ihn uͤbrigens Clarence nicht auszuſenden wagt, da er ſich vor ſeinem Diener fürchtet und ihn weder zu gebrauchen, noch auszu⸗ ſchelten, noch fortzuſchicken wagt. i Drittens Adams, Mr. Champignons Diener — ein guter alter Mann in einem alten Livréerocke mit alten gewirkten Treſſen, — ſo ungemein alt, taub, muͤrriſch und treu, daß man ſich wundert, wie er uͤberhaupt in die Familie gekommen iſt, die erſt ſeit dem vergangenen Jahre, wo ſie in unſere Straße zog, einen Diener halk. Miß Clapperclav ſagt, ſie Hlaube, daß Adams Mts. Champignons Vater ſei, und er beſitzt allerdings einige Aehnlichkeit mit dieſer Dame, wie mir Miß C. eines Abends bei einem Diner zeigte, während der alte Adams unter den von Gunter gemietheten Leuten umherſtolperte und über die ſilbernen Teller fiel. Viertens Fibbs, der knopfreichſte Page in der gan⸗ zen Straße, geht hinter Mrs. Grimsby mit ihrem Ge⸗ betbuche her und beſchuͤtzt ſie. nn „Wenn das Weib einen Beſchützer braucht“ — be⸗ merkt eine Bekanntin, — „ſo ſei uns der Himmel gnaͤ⸗ dig! Sie iſt ſo groß wie eine Menſchenfreſſerin, und hat eine Oberlippe, um die ſie mancher Gardecornet beneiden wuͤrde; ihr armer guter Mann war groß und ſie konnte ihn leicht ſchlagen und hat ihn auch gepruͤgelt. Mrs. Grimsby! wahrhaftig! ei, mein lieber Mr. Titmarſh, es iſt Glumdalca, die mit Hans Daͤumling geht!“ — 177 — Dieſe Bemerkung Miß Cos iſt ſehr wichtig und Mrs. Grimsby koͤnnte auch ſelbſt mit ihrem Gebetbuche in die Kirche gehen, aber Miß Clapperclav, die ebenfalls recht gut im Stande iſt, ſich ſelbſt zu beſchuͤtzen, war froh genug, den Schutz des Pagen benutzen zu koͤnnen, wenn ſie in der einſpaͤnnigen Chaiſe ausfuhr, um Viſite zu mochen, ehe ſich Mrs. Grimsby und ſie bei Lady Pock⸗ lington uͤber dem Whiſt gezankt hatten. Nach dieſer blos parenthetiſchen Bemerkung kom⸗ men wir zu Nummer funf, einem von den großen Die⸗ nern der gnaͤdigen Frau, Mr. James, einem Gentleman von ungeheurer Statur und Proportionen, deſſen Naſe faſt auf gleicher Höhe mit der unſern iſt, wenn wir auf dem Dache des Omnibus an der Thuͤr der gnaͤdigen Frau voruͤber kommen. Ich denke, James verachtet den Menſchen, den er in dieſer Poſition bemerkt. Es war mir, als ob ſich etwas dieſem Gefuͤhle Aehnliches — ſo weit es einem an gute Geſellſchaft gewoͤhnten, feingebilde⸗ ten Gentleman moͤglich iſt — in ſeinem Benehmen zeigte, als er beim Diner hinter meinem Stuhle ſtand. Aber ich halte James gleich den meiſten Rieſen fur gutmuͤthig, faul, dumm, weichherzig und aͤußerſt trinklu⸗ ſtig. Eines Abends, wo ſeine Herrin in Nightingale⸗Houſe zum Diner eingeladen war, ſah ich Mr. James auf einer Bank vor dem Pocklington'ſchen Wappen ſitzen, wo, da Unſere Straße. 12 er nichts zu trinken vor ſich hatte, maricheſi Credit erſchoͤpft war. Der kleine Spitfire, . Bulbuls Tiger, gottloſeſte kleine Schlingel, der je hinter einem Cabriolet geſeſſen hat, neckte den Mr. James, indem er einen Krug mit Porter, der faſt ſo groß war, wie der kleine Krugtraͤ⸗ ger ſelbſt, vor ihn hinhielt. „Willſt Du, Langer, oder willſt Du nchtl⸗ gtt Spitfire. „Wenn Du Durſt baſt warum ſagſt Du es nicht und ſcht ihn, alter Junge.“ „Mache Dich nicht uͤber mich luſtig — ich kann das Hänſeln nicht vertragen,“ lautete die Antwort des Mr. James und die Thraͤnen ſtanden ihm in den ſchoͤnen Augen, als er auf den kreiſchenden kleinen Kobold deith⸗ blickte. Spitfire — ſein wahrer Name iſt unbekannt — gab ihm etwas zu trinken. Es freut mich, ſagen zu koͤnnen, daß James Geſicht einen ganz andern Ausdruck angenommen hatte, als es ſich tief aufathmend aus dem Porterkruge erhob und ich beurtheile ſeinen Shactir nach dem obigen unbedeutenden Vorfalle. Nr. Sechs braucht kaum weiter beſchrieben zu wer⸗ den. Er iſt des Doctors Junge und ein Armen ſchuljunge gweſen di die Livräeſttrifen, welche er traͤgt, ſind offenbar . — an vorjährige Kleider des Doetors geſetzt worden W mich Miß Clapperclav kichernd hinwiüs. 7 Dem Frauenzimmer entgeht doch nichts. Als wir im Kenſington⸗Garten ſpazieren gingeh, zeigte ſie mir Mrs. Bragg's Kindermaͤdchen, das in der Kirche ſo laut war, im Geſpraͤch mit einem Leibgardiſten, den ſie wahrſcheinlich zu bekehren ſuchte. Meine tugend⸗ hafte Freundin ſtand bei dieſem Anblicke mit hoher Entruͤſtung auf. „Das iſt der Grund, weshalb dieſe Trullen gern in den Kenſington⸗Garten gehen!“ ſchrie ſie. „Sehen Sie das Weibsbild an, es hat das kleinſte in das Gras ge⸗ legt, damit der Rieſe darauf trampeln kann und der kleine Balg von einem Haſtingsbragg reitet auf dem Ruͤcken des Ungeheuers.“ WMiß C. eilte heran, ergriff das Kind, wodurch es daſſelbe aus dem Schlafe weckte, daß der ganze Garten von ſeinem Kreiſchen wiedechallte. „Ich will Dich lehren, gegen mich unverſchaͤmt zu ſein,“ ſagte ſie zu dem Kindermädchen, mit welchem meine lebhafte alte Freundin, wie ich mir denke, einmal einen Wortwechſel gehabt hat, und ließ das Kind nicht eher wieder los, als bis ſie in Bungalo⸗Lodge die Klingel ge⸗ zogen und es dem Bedienten uͤbergeben hatte. 2 Der Rieſe im Scharlachtuch war unterdeſſen nach Knightsbridge zu geſchlichen. Die großen Bengel ſind fortwaͤhrend im Park und Kenſington⸗Garten zu finden und treiben ſich in der Naͤhe unſrer Straße umher. — Sechſtes Rapitel. Was mitunter in unſrer Straſſe vorkommt. Vor dem Hauſe des alten Hunkington ſtanden die Leichenbegleiter, als ich voruͤberkam und dieſe Gruppe vor der Thuͤr ſah. Der Armenſchuljunge mit den Reifen iſt der Sohn des luſtig ausſehenden Leichenbitters, er bewun⸗ dert ſeinen Vater, der ſich ebenfalls in ſeinen nagelneuen ſchwarzen Kleidern bewundert. Die andern Kinder ſind junge Brut aus dem Gaͤßchen in der Naͤhe unſrer Straße. Nur der Pfarrer und der Typhus beſuchen dieſe geheim⸗ nißvollen Regionen, welche um unſte glaͤnzenden Haͤuſer her liegen wie Lazarus auf der Schwelle des reichen Mannes. Dieſe Kleinen kriechen im Sonnenſcheine umher zum Aerger der Bettelvoͤgte und zum Schrecken einer Menge guter Leute in der Straße. Sie werden nachher den Nachtrab des Leichenzuges bilden, wenn der große ⸗ — 182 — Leichenwagen mit den Trauerfedern und die ſchoͤnen Kut⸗ ſchen mit den langſchweifigen Rappen und die Privatka⸗ roſſen der feinen Leute mit niedergezogenen Vorhaͤngen nach St. Waltheofs⸗Kirche vorbeiziehen. Man kann bereits die langgehaltenen Töne der Trauerglocken im Sonnenſcheine hoͤren, ſie vermiſchen ſich mit der Trommel und der Trompete Punchs, der mit ſeinem Theaterkaſten auf der Straße ſteht und die beiden Muſiker bilden ein merkwuͤrdiges Gemiſch. Ich bemerke, daß jetzt lange nicht ſo viele Leute mehr wie in der guten alten Zeit ſich von Punch etwas worſpielen laſſen. Unſer Stadttheil wird wohl zu vornehm fuͤr ihn geworden ſein. WMiß Bridget Jones, eine arme Hilfspfarrerstochter in Wales, erbt das ganze Vermoͤgen Hunkingtons und wird, wie ich gehoͤrt habe, ſeinen Namen annehmen. Bisher hat kein Menſch etwas gehoͤrt. Ich bin uͤberzeugt, daß Capitain Hunkington und ſein Bruder Barnwell Hunkington wuͤnſchen, daß man heutigen Tags noch nichts von der jungen Dame gehoͤrt haͤtte. Sie werden aber den Troſt haben, denken zu kön⸗ nen, daß ſie gegen ihren Oheim ihre Pflicht erfuͤllt und ſeine letzten Jahre erheitert haben. Erſt vorigen Monat ſendete Millwood Hunkington — der Capitain — dem wn Herrn ein ſilbernes Tiſchſervice und Mrs. Barnwell ließ mit großen Koſten einen Wagen zum Liegen von Hobbs und Dobbs anfertigen, worin der alte Herr nur ein einziges Mal ausgefahren iſt. „Es iſt eine Strafe fuͤr dieſe Hunkingtons,“ bemerkt Miß Clapperclav, „fur dieſe Leute, die ſtets ihre kleinen Einkuͤnfte uͤberſchritten und fortwaͤhrend auf das, was ihnen der alte Mann hinterlaſſen wuͤrde, ſpeculirt, und ihn ewig mit Geſchenken uͤberhaͤuft haben, die ſie nicht beſtreiten konnten, und die er nicht brauchte. Es iſt eine Strafe fuͤr dieſe Hunkingtons, daß ihre wartungen ſo getäͤuſcht worden ſi ſind. Wenn man bedenkt, daß ſie ihm, der ganze Kiſten voll hatte, Silbergeſchirr gegeben und ihm, der ganz Loogacte kaufen konnte, einen Wagen geſchickt haben und Alles fäut der Miß Jones Hunkington zu — ich moͤchte wiſſen, ob ſie die Sachen zuruckgeben wird?“ fragt Miß Glapperclav. „Ich wurde es nicht thun.“ Und ich glaube wirklich nicht, daß ſie es thun wuͤrde. Siebentes Rapitel. Jemand, den Niemand kennt. Das huͤbſche kleine Haus, das letzte in Pocklington Sauare, wurde vor Kurzem von einer jungen verwitweten Dame bewohnt, die einen Roſahut, ein von Crinolinen aufgebauſchtes ſchwarzſeidenes Kleid und einen hellblauen Mantel oder eine Ueberjacke — Miß Clapperclav iſt nicht hier, um mir den Namen des Kleidungsſtuckes zu ſagen, — oder eine ſchwarzſammetne Peliſſe, einen gelben Shawl und einen weißen Hut trug, oder — aber wir wollen uns nicht weiter um ihre Kleidung kuͤmmern, die von der huͤb⸗ ſcheſten Art, welche fuͤr Geld zu haben war, zu ſein ſchien — und die ſehr lange, glaͤnzend ſchwarze Locken und einen eigenthuͤmlich ſchimmernden Teint hatte, — Nr. 96 in Pocklington Square wurde, ſage ich, vor Kurzem von einer Witwe Namens Mrs. Stafford Molyneur bewohnt. Am erſten Tage, wo eine vertraute und werthge⸗ ſchatzte Freundin von mir Mrs. Stafford Molyneur in — — einen Brougham mit einem praͤchtigen Braunen und ohne Bedienten — bemerken Sie gefaͤlligſt dieſes zarte Zeichen von Reſpektabilitäͤt, — ſteigen ſah und nach einer mo⸗ mentanen Betrachtung von Mrs. S. M.'s Toilette, ihrer Manieren, ihres kleinen Hundes, ihres pfirſichbluͤthfarbenen Sonnenſchirms u. ſ. w., ſchob Miß Eliſabeth Clapperclav den Operngucker, womit ſie die neue Bewohnerin unſerer Straße betrachtet hatte, zuſammen, kam haſtig vom Fen⸗ ſter zuruͤck und begann in einem Anfalle tugendhafter Ent⸗ ruͤſtung ihr Feuer zu ſchuͤren. „Sie iſt ſehr huͤbſch,“ ſagte ich, denn ich hatte uͤber Miß C.'s Schultern hinweg nach der Witwe mit den blitzenden Augen und langen Locken geſchaut. „Halten Sie den Mund, Sir,“ ſagte Miß Clapper⸗ clav, indem ſie ihr jungfraͤuliches Haupt mit einem ent⸗ ruͤſteten Erroͤthen ihrer Naſe aufwarf. „Es iſt eine Suͤnde und Schande, daß eine ſolche Creatur in ihrem Wagen faͤhrt, wenn ehrliche Leute zu Fuße gehen muͤſſen!“ Spaͤtere Beobachtungen haben den Zorn und die Anſicht meiner geehrten Hausgenoſſin beſtaͤtigt. Wir haben Hanſons Cabriolet ſtundenlang vor dem Hauſe dieſer Dame ſtehen ſehen; wir haben Broughams mit großen grellen Lampenaugen dort in der Finſterniß Wache halten ſehen; wir haben die Fourgeons von den Eßwaarenlaben heränfahren und Labungen von Wenen, Spezereiwaaren, framßʒſiſchen Pflaumen und anderen Ar⸗ tikeln abſcheulicher Ueppigkeit hereingeben ſechen. Wit haben bemerkt, wie Graf Wowski's Drag, Lord Martin⸗ gles Kutſche und Mr. Deuceaces Cabriolet dort vorfuhren und — da wir ſchon ftuͤher die Leute von dem Paſteten⸗ baͤcker mit den Entrie's ankommen ſahen — gewußt, daß dieſe Witwe in dem kleinen Hauſe in Pocklington Square Diners gab, wie ſie anſtändige Leute nicht zu genießen hoffen konnten. Meine treffliche Freundin iſt häufig in wahrer Wuth geweſen, wenn Mrs. Stafford Molineux in einem ſchwarz⸗ ſammetnen Reitkleide mit Hut und Federn herauskam und auf ein odiöſes graues Pferd ſtieg und mit ihrem Reitknechte auf einem Braunen hinter ihr die Straße hinabſprengte. „Es wird nicht lange dauern — es muß mit Schimpf und Schande endigen,“ bemerkte meine liebe Miß C. in Verwunderung, daß die Ziegel und Schorn⸗ ſteine nicht auf Mrs. Stafford Molyneures Kopf hernie⸗ derfielen und das galoppirende freche Frauenzimmer ſchmetterten. Aber es war dafur ein Troſt, ſie zu ſehen, wenn ſi e mit einer franzöſiſchen Bonne, ein paar Kindern und einem kleinen Hunde, 38 an einem blauen Bande hinter ihr herlief, ausging. Dann hielt ſie immer ihren Kopf geſenkt — ihren Kopf mit den langen ſchwarzen Locken. Tugendhafte und rechtliche Perſonen vermieden ſie. . Ich habe ſelbſt den Square⸗Waͤrter ein verbluͤfftes Geſicht machen geſehen, wenn ſie voruberging, und Lady Kicklebury, die mit ihrer Tochter Miß Kicklebury einen Spaziergang machte, wendete ſich von Mrs. Stafford Molyneux ab und warf ihr einen erbarmungsloſen par⸗ thiſchen Blick zu, der jedes Frauenzimmer von Gefuͤhl haͤtte umbringen muͤſſen. Unterdeſſen ging das ungluͤckliche Frauenzimmer mit ihren geſchminkten Wangen — denn es iſt Schminke, wie Miß Clapperclav ſchwoͤrt, und wer koͤnnte ein beſſeres Uurtheil daruͤber abgeben? — ſich dieſer Dinge bewußt und doch gewiſſermaßen der Straße Trotz bietend dahin. Man konnte ſtolz auf ihre Schoͤnheit, ſtolz auf ihre feinen Kleider, Scham uͤber ihre Lage, in ihren — ſchlagenen ſchwarzen Augen leſen. Was Mademoiſelle Trampoline, ihre frnʒſiche Bonne, betraf, ſo wurde ſie die Sonne ſelbſt in Verlegen⸗ heit ſtieren. Eines Tages warf ſie, als ſie unter unſern Fenſtern voruͤberging, den Kopf mit einem ſo veraͤchtlichen Blicke auf, daß Miß wieder an das Kamin zuruͤckfuhr. Was ich jedoch am meiſten bemitleidete, das waren die Kinder der Mrs. Stafford Molyneur. Einmal ging ihr Sohn in einem bunten Tartan zu Maſter Roderich Lacy heran, deſſen Kindermaͤdchen damit beſchäftigt war, mit einem Polizeidiener zu liebaͤugeln und die Kinder waren im Begriff, Freundſchaft mit einander zu ſchließen und ſich durch einen Reifen, den Maſter Molyneux hatte, zu verbinden, als Maſter Roderichs Maͤdchen heranſtuͤrzte, ihren kleinen Knaben auf ihre Arme riß und hinwegeilte, waͤhrend der kleine Molyneux traurig und verwundert zu⸗ ruckblieb. „Warum will er nicht mit mir ſpielen, Mama?“ fragte Maſter Molyneur und das Geſicht ſeiner Mutter uͤberzog ſich mit purpurnem Erroͤthen, als ſie weiter ging. „Ach, der Himmel helfe und verzeihe uns!“ ſagte ich, aber Miß C. kann der Mutter wie dem Kinde nie verzeihen, und ſie klatſchte eines Tages vor Freuden in die Häͤnde, als wir die Laͤden zu⸗, Anſchlagezettel in den Fen⸗ ſtern, einen Teppich uͤber den Balkon heraushaͤngen und eine Menge von ſchaͤbigen Juden auf den Thuͤrſtufen ſahen — ein Beweis, daß Mrs. Molyneurs Reich zu Ende war. Die Paſtetenbaͤcker und ihre Speiſebreter, der Braune und der Graue, der Brougham und der Reit⸗ knecht, die adeligen Herren und ihre Cabriolets waren alle — — verſchwunden und die Geſchaͤftsleute der Nachbarſchaft ſchrieen, daß ſie betrogen ſeien. „Es iſt der odioͤſen Dirne ſchon recht,“ ſagte Miß C. und ſie ſpielte an jenem Abende ihre Partie Piquet mit groͤßerem Eifer, als ich ſie habe ſeit Jahren entwickeln ſehen. . Waos iſt es, das gewiſſe alte Damen uber gewiſſe Gegenſtaͤnde ſo wild macht? Miß C. iſt ein gutes Frauenzimmer, bezahlt ihre Miethe und ihre Geſchaͤftsleute, gibt den Armen nach Kraͤften, iſt ſchnell mit ihrer Zunge bei der Hand — und im Ganzen herzensgut; wenn aber Mrs. Stafford Moli⸗ neur und ihre Kinder in einen Keſſel mit kochendem Eſſig geworfen wuͤrden, ſo glaube ich nicht, daß meine verehrte Freundin ſie herausnaͤhme. Achtes Rapitel. 8 Der Ffändungsduitpar. Für ein anderrs unglück, welches ſich in unſtres Straße ereignete, hatten wir bei weitem mehr Mitleide Wir hatten Danby Dixon lieb und ſeine Frau Fanny Diron noch lieber. Miß C. hatte ſtets eine Duͤte mit Biscuits und eine Schachtel mit candirten Aprikoſen fuͤr Dirons Kinder in ihrem Schranke — beilaͤufig erwaͤhnt, Proviſionen, die ſie vor Mrs. Cammiſoles Naſe einſchloß, ſo daß unſere Wirthin unmoglich ihre Haͤnde daran legen konnte. Diron und ſeine Frau hatten das netteſte kleine Haus, was man ſich denken kann, — Nr. 16, vis-àvis von 96, — und wurden von der ganzen Straße geliebt und geachtet. Als er bei den Dragonern ſtand, fuͤhrte er den Namen Danby Dixon und war ein ſchlanker Burſche und als Gentlemanreiter famos. Als er heirathete, ver⸗ kaufte er ſein Offizierspatent und wurde dick und war ein ſehr blühender, zufriedener und jovialer Mann. Sein Weihchen war reizend — ſie in Roſa, von einigen Miniatur⸗Hixrons, chenfalls in Roſa, umgeben, oder in dem wunderſchoͤnen grauen Kleide mit den breiten ſchwarzen Spitzenfalbeln, die ſie am Abende der Vorſtel⸗ lung auf dem Liebhabertheater bei Lord Commandine trug, zu ſehen, wuͤrde einem Jeden wohlgethan haben. Sie eine von meinen kleinen Balladen, 3. Be: „Kennſt Du wohl den Weidenbaum?“ — oder; „Die Roſe an meinem Fenſterlein“ — oder: „Das Bienchen ſummt im Blu⸗ menkelch“, — die meiner Anſicht nach und auch dem Urtheile einiger ausgezeichneten Kenner zu Folge weit beſſer ſind, als die Balladen des Laffen Clarenee Bulbul — ſie dieſe ſingen zu hoͤren, hieß in einem kleinen Elyſium ſein. Die liebe kleine Fanny Diron, ſie glich einem zwit⸗ ſchernden kleinen Paradiesvogel! Es war eine Schmach, daß ſo ein zartes Gefieder je von Stuͤrmen zerzauſ't wurde. Mun, wir wollen Snigi S Danhy Dixon, der Beſiter dieſes kleinen Schatzes, ein Exdragonercapitain, der nichts zu thun und ein kleines Einkommen hatte, dachte wrislich daran, ſeine freie Zeit zu henutzen und ſeine Einkunfte zu vermohren. Er wurde — 192 — ein Direktor Cornaro⸗ Lebensberſcherungsgeſelſchaft, der Tregulpho ginnbergwerke und bei vier bis funf Eiſen⸗ bahngeſellſchaften. Es war beluſtigend, ihn in ſeinen klap⸗ pernden Stiefeln und mit ſeinen hochmaͤchtigen Dragoner⸗ manieren in der City umherſtolziren zu ſchen. Eine Zeit lang waren ſeine Reden nach Tiſche von Aktien und der⸗ gleichen ordentlich unleidlich und ich meines Theils ließ ihn ſtets gern in der Geſellſchaft von einigen ſehr zweifelhaften Capitaliſten, die ſein Haus frequentirten und ging hinauf, um Mrs. Fanny mit ihren um ihre Kniee ſpielenden Fleinen am zwitſchern zu hören. Erſt in der letzten Saiſon fing ſie an, ſich einen Wagen zu halten — das beſcheidenſte kleine Fuhrwerk, welches man ſich nur denken konnte, welches von Kirby ge⸗ fahren wurde, der beim Regimente in Dixons Schwadron geweſen und ihm als Kutſcher, Bedienter und Page in das Privatleben gefolgt war. Vor Kurzem begab ich mich einmal in Dirons Haus, da ich gehoͤrt, daß ihm Unfaͤlle zugeſtoßen ſeien, uͤber die Miß Clapperclav etwas Ausfuͤhrliches zu hoͤren wuͤnſchte — die Glaͤubiger der Tregulpho Bergwerke hatten ein urtheil gegen ihn als einen der Direktoren der Geſellſchaft erlangt, der Ingenieur der Diddleſer⸗Anſchlußbahn hatte ihn wegen — 2300 Pfd. — dem Honorar des beruͤhmten — 193 — Mannes fur ſechswochentliche Arbeit beim Aufnehmen der Linien verklagt. Seine Mitdirektoren waren nirgends zu entdecken. Windham, Dodgin, Mizzlington und die uͤbrigen waren Alle ſchon laͤngſt verſchwunden. Als ich eintrat, ſtand die Thuͤr offen — es roch nach Tabak in dem Speiſczimmer, wo am hellen Mittag ein Mann mit einer Pfeife bei einem Kruge Bier ſaß — ein Pfaͤndungskommiſſar befand ſich in dem behaglichen, huͤbſchen Zimmer an dem netten, runden Tiſche, wo ich ſo oft Fanny Dixons laͤchelndes Geſicht geſehen hatte. Kirby, der Exdragoner, ſtarrte den Menſchen, der die Zeitung leſend auf einem kleinen Sopha lag, offenbar mit dem Wunſche, ihn umzubringen, an Mrs. Kirby, ſeine Frau, hielt den kleinen Danby, den Sohn und Erben des armen Diron. Dirons Portrait läͤchelte immer noch auf das Buͤffet herab, und ſeine Frau war mit den armen klei⸗ nen Toͤchtern dieſer bankerotten, ruinirten Familie in der qualvollen Furcht oben. Die arme Seele war herabgekommen und hatte dem Pfaͤndungskommiſſar einen Beſuch gemacht, ſie hatte dem „Gentleman unten“, wie ſie ihn in ihrem Schrecken nannte, Wein und ein Mittagseſſen geſchickt, ſie hatte ſein Herz zu ruͤhren verſucht, indem ſie ihrn vorſtellte, wie un⸗ ſchuldig Capitain Dixon ſei und wie er ſtets bezahlt habe unſere Straße. 3 13 — 4 — und ſtets daheim geblieben ſei, als alle Anderen geflohen waren. Als ob ihre Thraͤnen und einfachen Erzaͤhlungen und Bitten den Pfaͤndungskommiſſar haͤtten aus dem Hauſe bringen, oder bewegen koͤnnen, die Koſten des Pro⸗ zeſſes, welchen ihr Mann verloren hatte, zu hhlen Danby war unterdeſſen in Brelogen und ſehnte ſich nach ſeiner Frau und ſeinen Kindern. Man verkaufte Alles, was in ſeinem Hauſe war, — alle ſeine hubſchen Moͤbel — ſeinen netten kleinen Silbergeſchirrvorrath — ſeine Kleider und Waͤſche, „das Eigenthum eines in's Ausland gegangenen Gentleman,“ — ſeinen Wagen aus der beſten Fabrik und ſeine ohne Ruͤckſicht auf Koſten aus⸗ gewählten Weine. Sein Haus wurde eben ſo verſchloſſen, wie das ſeiner Nachbarin gegenuͤber, und ein neuer Mie⸗ ther laͤßt es eben jetzt von innen und außen neu malen, als ob der arme Diron eine anſteckende hinter ſich zuruͤckgelaſſen haͤtte. Kirby und ſeine Frau gingen mit den Kindern un Mrs. Fanny uͤber das Waſſer, ſie hat ein kleines Einge⸗ brachtes und ich muß geſtehen, daß unſere beiderſeitige Freundin Miß Eliſabeth C. mit Mrs. Dixon in dem Einſpaͤnner zum Abfahrtsplatze der Dampfboote gegangen iſt und unterwegs bei ihrem Banquier in Sun angehalten hat. . So geht es in der Welt, daß ehrliche Leute ſo gut wie die Schelme bald Gluͤck, bald Ungluͤck haben, und daß wir in unſerer Straße beſtaͤndig die Nachbarn wechſeln. — Uenntes Rapitel. Der Lion der Straße. Ich bin nie im Stande geweſen, auszumitteln, was die Leute an Clarence Bulbul finden koͤnnen, der ſich ſeit Kurzem den Rang und die Wuͤrde des Lions unſerer Straße angemaßt hat. „Er hat ein recht gutes Buch uͤber den Orient ge⸗ ſchrieben,“ ſagt Miß Clapperclav, „aber zum Henker, hat nicht ein Jeder ein Buch uͤber den Orient geſchrieben. Ich moͤchte in der Welt Den ſehen, der jetzt nicht wenigſtens bis zum zweiten Nilfalle hinaufgeweſen iſt — ein Buch uͤber den Orient — wahrhaftig!“ Lord Caſtleroyal hat eins geſchrieben — ein ehrliches; Lord Youngent ein anderes — ein unterhaltendes; Lord Woolſay ein anderes — ein frommes; dann haben wir das „Cotelett und der Kabet“ — ein beredtes; Timbur⸗ toothen — ein humoriſtiſches, die alle meiner Anſicht S — nach laͤcherlich uͤberſchaͤtzt worden ſind, zu denen ich aber mein eigenes kleines Buch, von welchem — beilaͤufig er⸗ waͤhnt — noch ein paar Exemplare zu haben ſind, nicht rechne. Weil alſo Clarence Bulbul einen Theil der kleinen Tour gemacht hat, welche wir Alle kennen, gibt er ſich jetzt nach ſeiner Ruͤckkehr Airs und bruͤllt gerade, als ob er eben erſt aus der großen lybiſchen Wuͤſte kaͤme. Wenn wir ihn beſuchen, ſo blickt der irlaͤndiſche Jude von einem Courier, den ich fruͤher zu beſchreiben die Ehre gehabt habe, von dem Romane, welchen er im Vorzimmer lieſ't, in die Hoͤhe und ſagt: „Mon maftre est au divanl oder: Monsieur trouvers Monsieur dans son serail!« und verſinkt wieder in den Comte de Monte-Christo. Ja, das unverſchaͤmte Subjekt hat in der That in ſeinen Gemaͤchern des Erdgeſchoſſes im Hauſe ſeiner Mut⸗ ter ein Zimmer, welches er ſeinen Harem nennt. Wenn Lady Betty Bulbul — ſie ſtammt aus der Familie Nachtigal — oder Miß Blanche herabkommt, um ihn zu beſuchen, ſo ziehen ſie ihre Schuhe vor der Thuͤr aus und er empfaͤngt ſie auf einer Ottomane und die verblendeten Frauenzimmer zuͤnden ihm ſogar die Pfeife an. Der kleine Spitfire haͤlt ſich im Geſellſchaftszimmer vor dem Harem auf, damit er bereit iſt, wenn Clarence Bulbul in die Lins klatſcht, ihm pfeifen und Kaffee zu bringen. Er hat pfeifen u und Kuffer fuͤr einen Jeden. Shr haͤttet nur das Geſicht ſeines alten Univerſitaͤtshofmeiſters Mr. Bowly ſehen ſollen, als er ſich kreuzbeinig auf einen Divan ſetzen mußte, ihm eine kleine Taſſe mit bitterm, ſchwarzem Mokka in die Hand und von Spitfire eine lange Pfeife mit Bernſteinſpitze in den Mund geſteckt wurde, ehe er ſagen konnte, daß es ein ſchoͤner Tag ſei⸗ Bowly glaubte beinahe, daß er durch das Sitzen auf dieſe tuͤrkiſche Manier ſeine Religionsgrundſaͤtze compromittirt habe. ch geſtehe, daß Bulbuls Diners ſehr gut und ſeine Pilaffs und Curries vortrefflich ſind. Er verſuchte uns allerdings zu bewegen, den Reis mit den Fingern zu eſſen, aber er verbrannte ſich dabei die Haͤnde und beſchmutzte ſtets ſein Hemd, ſo daß er wenigſtens beim Mittagseſſen die tuͤrkiſche Manier aufgegeben hat und eine Gabel ge⸗ braucht, wie ein Chriſtenmenſch⸗ In der Geſellſchaft aber iſt er am Auffallendſten, und hier wuͤrde er, wie ich geſtehen muß, odioͤs ſein, wenn er nicht dadurch köſtlich wurde, daß ihn alle Maͤnner ſo von Herzensgrunde haſſen. Um ihn her het ſich ein wahrer Chor von Schmaͤhungen. — „Der verdammte Lugner!“ ſagt der Eine Der unverſchaͤmte Eſel!“ ruft ein Anderer. „Der erbaͤrmliche Hund!“ ſchreit ein Dritter. Ich möchte ihm den Hals umdrehen!“ ſpricht Bruff, indem er ihn uber ſeine Schulter hinweg anſtiert. Mittlerweile nickt, blinzelt, lächelt und begonnett Clarence ſie alle mit der beſten, behaglichſten Laune. Er iſt der Mann dazu, einen Erzbiſchof in die Rippen zu ſtoßen oder einen Herzog auf die Schulter zu klopfen, ohne ſich mehr zu geniren, als wenn er Sie oder mich an⸗ recdete. Meulichſt Abends ſah ich ihn bei Mrs. Bumpſhers großer Geſellſchaft. Er warf ſich kreuzbeinig auf ein roſa⸗ atlaſſenes Sopha, daß man Miß Bumpſhers in der Ferne vor Wuth zittern ſehen konnte, waͤhrend Bruff im andern Zimmer grimmig knurrte, und Miß Pym, auf deren Kleide Bulbuls Fuͤße ruhten, aufſchaute wie ein ſchuͤchternes Reh. „Faͤcheln Sie mich, Miß Pym!“ ſagte der kleine Tuͤrke. „Sie ſehen heute Abend wie eine wahre Peri aus. Sie erinnern mich an ein Maͤdchen, das ich einſt in Circaſſien gekannt habe. Emina, die Schweſter Scha⸗ mil Bei's. Wiſſen Sie, Pym, daß Sie auf dem Markte in Conſtantinopel mit zwanzigtauſend Piaſtern bezahlt werden wuͤrden 2“ „Gott, Wr. Bulbul!“ iſt Ales, was Miß Pym herausbringen kann und ſobald Clarence Miß Pym zum Entzuͤcken gebracht hat, geht er zu einer andern Houri, die er auf gleiche Weiſe bezaubert. Er hat Mrs. Waddy da⸗ durch erfreut, daß er ihr ſagte, ſie habe genau dieſelbe Figur, wie die zweite Frau des Paſcha's von Egypten. Er hat der Miß Tokely ein Stuͤck von dem Sacke ge⸗ geben, in welchem Zuleika ertraͤnkt wurde, und die arme kleine einfaͤltige Miß Vain uͤberredet, Mohamedanerin zu werden und ſie zu dem tuͤrkiſchen Geſandten geſchickt, un ſich nach einem Mufti umzuſehen. Behntes Rapitel. Die Taube unſerer Straßie. Wenn Bulbul unſer Loͤwe iſt, ſo laͤßt ſich der junge Oriel als die Taube unſerer Colonie bezeichnen. Er iſt bei den Damen ein faſt eben ſo großer Paſcha, wie Bul⸗ bul. Sie ſtroͤmen ſchaarenweiſe, um ihn zu ſehen, nach St. Waltheof, wo die ungeheure Hoͤhe ſeiner Stirn, die ſtrenge Ascetik ſeines Chorhemdes, der Ausdruck, mit wel⸗ chem er den Geſang intonirt und der Milch⸗ und Waſſer⸗ Myſticismus ſeiner Predigten ſeit einiger Zeit ſchon allen den lieben Maͤdchen die Koͤpfe verdreht hat. Waͤhrend wir bei Mrs. Chantry, deren Toͤchter der neuen Mode folgten, einen Robber ſpielten, hoͤrte ich fol⸗ gendes Geſpraͤch — uͤber welchem ich, beilaͤufig erwaͤhnt, vergaß, Farbe zu bekennen, — in dem Zimmer, welches fruͤher das „Junge Damen Zimmer“ hieß, jetzt aber das Oratorium genannt worden iſt. — Das Oratorium. Miß Ghantry. Iſabell Chantry. Miß de L'aisle. Miß Pyr. Der ehrwuͤrdige L. Oriel. Der ehrwuͤrdige O. Slocum (im anſtoßenden Zimmer. Miß Chantry (ſeufzend). — Iſt es unrecht, in der Garde zu ſein, lieber Mr. Oriel? Miß Pyr. — Sie wird Franc de Boots ſein Patent verkaufen laſſen, wenn er heirathet. WMr. Oriel. — In der Garde zu ſein, liebe Schwe⸗ ſter! Die Kirche hat ſtets das Heer unterſtuͤtzt. St. Mattin von Tours war im Heere, St. Louis war im Heers, St. Waltheof, unſer Schutzpatron, St. Wittekind von Aldermanbury, St. Wamba und St. Walloff waren Soldaten. St. Wapſhot war Gardehauptmann bei der Koͤnigin Baodica und St. Were war Major in der däniſchen Cavallerie. Der heilige Ignatius von H. Loyola hat, wie wir wiſſen, eine Pike getragen und — Miß de Laisle. — Wollen Sie eine Taſſe 8he trinken, lieber Mr. Oriel? Oriel. — Dies iſt keiner von meinen Fiſtagn, Schweſter Emma. Es iſt das Feſt v St. Wagſtaff von Waldhamſtowe. Die jungen Damen. — und wir vich auch nicht einmal Thee trinken 2“ DOriel. — Liebe Schweſtern, das ſagte ich nicht. Ihr moͤgt zhun was Ihr wollt, aber ich bin ſtark — (mit einem herzbrechenden Seufzer) bemitleidet mich nicht! (er ſchwankt.) Ich habe nach der Mette ein wenig Waſſer und eine getrocknete Erbſe genoſſen. Morgen iſt ein Fleiſchtag — und — und mir wird dann wohler ſein. Der ehrwuͤrdige O. Slocum (im andern Zimmor). — Madame, ich nehme Ihr Herz mit meinem kleinen Trumpf. Oriel. — Ja, beſſer, theure Schweſter! es iſt nur eine voruͤbergehende, eine — Schwaͤche! Miß J. Chantry. — Er iſt halbtodt vor Fieber⸗ hitze. WMiß Chantry. — Ich bin fo froh, daß de Boots nicht aus der Garde zu gehen braucht. WMiß Pyr. — Seine Weſte iſt mit Sacktuch und Aſche gefuttert. Miß de Laisle. — Er hat mir dieſen Abend ge⸗ ſagt, er ginge nach — nach — Ro—0— om. (Miß de Laisle bricht in Thränen aus.) —= 06 — Der ehrwuͤrdige O. Slocum. — Mylord, ich habe das hoͤchſte Pik und dadurch das Trick und des honneurs. Ihr ſeht alſo, daß wir Geiſtliche verſchiedener Art in unſerer Straße haben. Mr. Oriel gehoͤrt zur gothiſchen Spitzbogenſchule, waͤhrend der alte Slocum zu der guten alten herben Portweinſchule zu rechnen iſt, und man muß geſtehen, daß Mr. Gronow im Bethauſe einen Abſcheu gegen Beide hegt. Was Gronow betrifft, ſo bemitleide ich ihn, wenn ſein kuͤnftiges Loos ihn dorthin fuͤhrt, wohin Mr. Oriel vermuthet, und was Oriel betrifft, ſo hat er nicht einmal den Troſt des Fegefeuers, welches er ſeinem Nachbar zuge⸗ ſtehen wuͤrde, waͤhrend der alte Slocum Beide fuͤr ein paar Charlatans erklaͤrt und Mr. Mole, der unterwuͤrfige, kleine Kaplan des Kirchleins von Ave Maria Lane, ſeine ſchlauen Augen mit den uͤberhaͤngenden Brauen zu Boden ſchlaͤgt, wenn er an einem ſeiner ſchwarzroͤckigen Bruder vorbeikommt. Es gibt nur Einen Puntt in welchem ſie einig ſchei⸗ nen, meine Freunde. Slocum trinkt gern Port; wer hat aber je gehoͤrt, daß er ſeine Armen vernachlaͤſſigt hatte? Gronow iſt, wenn er auch die Gemeinde ſeines Nachbars verkleinert, der liebevolle Vater ſeiner eigenen. Oriel liebt zwar das Gothiſche und zum Fruͤhſtuͤck getrocknete Erbſen, — 205 — hat aber eine große Suppenkuͤche fuͤr ſeine Armen, und was den kleinen Pater Mole betrifft, der nie die Augen vom Boden erhebt, ſo fragt unſern Doktor, in welchen Betten er ihn findet und wie er die Noth lindert und dem Elende und der Anſteckung Trotz bietet. Eilftes Rapitel. Die Bumpſhers. In Nr. 6, Pocklington Gardens (dem Hauſe mit der Menge von Blumen in den Fenſtern und dem Lein⸗ wandvordache uͤber dem Eingange) wohnt George Bumpſhers Esg., Parlamentsmitglied fuͤr Humborough und von den Beanſtalks in Kent. — Nachdem dieſe glaͤnzende Familie in unſer Quartier gezogen war, hielt ich lange eine kahlkoͤpfige dicke Perſon, die ich durch die Blumen an den obern Fenſtern ſchauen ſah, fuͤr Bumpſher ſelbſt oder fuͤr den Kellermeiſter der Familie, waͤhrend es kein anderer Menſch war, als Mrs. Bumpſher ohne ihre kaſtanienbraune Peruͤcke, die wenig⸗ ſtens drei Mal ſo dick iſt, wie ihr Gemahl. Die Bumpſhers und das Haus Mango in der Ana⸗ naſſerie wetteifern mit einander in ihrem Wunſche, uͤber — 207 — die Nachbarſchaft zu dominiren und eine jede nennt die andere eine gemeine und geldſtolze Familie. Beide ſind Leute aus der City. Bumpſher iſt in ſeiner merkantiliſchen Stellung ein Papierhaͤndler en gros in Thamesſtreet und ſeine Frau war die Tochter einer großen Wechſelmaklerfirma, keine tauſend Meilen von Lombardſtreet. Auf ſeinem S und Wagen in London hat er kein Wappen, aber ſein Landhaus iſt uͤber und über mit heraldiſchen Emblemen verziert. Wenn er in's Ausland geht, ſo haͤngt er einen Orden an und iſt Graf Bumpſher, — welchen Titel er von dem vorigen Papſte — durch den Bankier-Fuͤrſt Polonia — fuͤr ein paar tauſend Seudi gekauft hat. Es iſt ſo gut wie eine Kronung, ihn und Mes. Bumpſher zu Hofe gehen zu ſehen. Es wundert mich nur, daß ſie Beide im Wagen Platz haben. An dieſen Tagen haͤlt Mrs. Bumpſher ihr Lever vor dem Ihrer Majeſtat und wir werden eingeladen, ſie in Gala auf dem breiteſten Sopha in ihrem Hauſe ſitzen zu ſehen. Sie bedarf eines ſoliden „das kann ich euch ſagen! Schon ihre Federn muͤſſen eine bedeutende Schwere haben. Mit den Diamanten an ihrer Guͤrtelſchnalle koͤnnte man einen aus⸗ gewachſenen Reiſeſack beſetzen. Sie iſt mit Rubinen, Baͤndern, Cameen, Smaragden, goldenen Schlangen, — 206 — Opalen und Valencienner Spitzen bedeckt, als ob ſie ein ungeheures Muſter aus Howell und James Laden waͤre. Sie lernte den in Pinkney in Rom kennen, wo er ein reizendes Portrait von ihr machte und ſie als etwa achtzehn Jahr alt, mit einem Cherub auf ihrem Schooße darſtellte, der einige Aehnlichkeit mit Bryanſtone Bumpſher, ihrem ungeheuer gemein ausſehenden Sohne beſitzt. Bryanſtone ſteht jetzt bei der Garde und iſt alles Andere eher als ein Cherub, wie Diejenigen, welche ihn in ſeiner Uniformjacke ſehen, ſagen wuͤrden. Itch erinnere mich, wie Pinkney dieſes Bild malte. Bryanſtone war damals ein Bengel in, wie man es zu nennen pflegt, einem Skelettanzuge — als ob ein ſolches Schwein von einem Kinde je durch irgend einen Anzug einem Skelett haͤtte aͤhnlich werden koͤnnen, — ich erinnere mich, ſuge ich, wie Mrs. B. vor Pinkney in einer Art von Egeriakoſtum ſaß und ihren Knaben an der Seite hatte, deſſen Kopf der Kuͤnſtler umwendete und nach einem Stuck Pfefferkuchen richtete, welches er am Schluß der Sitzung erhalten ſollte. Pinkney gibt ſich fuͤr einen Maler aus! er wate mir der Rechte! — ein verächtlicher kleiner Charlatan und Schmarotzer der Großen. Er hat Mrs. Bumpſher ſeit zehn Jahren jedes Jahr juͤnger gemalt — und man — ſieht in den Ankuͤndigungen von allen ihren Geſellſchaften ſeinen odioͤſen kleinen Namen am Ende ſtehen. Ich meines Theils wuͤrde es wahrhaftig verachten, ihre Thuͤr zu betreten oder den Speichellecker irgend eines Weibes zu machen. unſere Strahe. 14 Bwölftes Rapitel. Jolly Newboy Esq. P. M. Wie ganz anders iſt es bei den Newboy's, wo ich Zutritt habe — ich hatte in fruͤhern Tagen die Ehre, den beiden Damen Lectionen zu geben —, und wo man einen ſolchen Charlatan wie Pinkney nie uber die Schwelle laſ⸗ ſen wuͤrde. 6 Das ganze Quartier beſitzt kein luſtigeres Haus. Dort trifft man Leute jeden Standes und Ranges, nicht blos aus unſerm Stadttheile, ſondern auch aus der uͤbrigen Stadt. Dort war es, wo unſer vornehmer Mann Lord Commandine zu mir herankam und mich ſo aufmunternd anredete, daß ich hoffe, zu einem von den vortrefflichen Diners ſeiner Lordſchaft — von welchen ich nicht erman⸗ geln werde, eine ſehr ſchmeichelhafte Beſchreibung zu lie⸗ fern — eingeladen zu werden, ehe noch die Seaſon zu Ende geht. Dort ſpricht man mit Staatsmaͤnnern⸗ ——— — — 211 — Dichtern und Kuͤnſtlern — nicht nachgemachten Dichtern, wie Bulbul, oder Charlatans, wie der Pinkney, — ſon⸗ dern mit den beſten Beſtandtheilen der ganzen buͤrgerlichen Geſellſchaft. Dort hoͤrte ich Miß Cheſterforth eine hochtragiſche Ballade ſingen, waͤhrend ihre Mutter hinter ihr die Stirn runzelte. Welches Summen und Plappern und Schnat⸗ tern in dem Zimmer zu hoͤren war! Wenn Miß Cheſter⸗ forth ſingt, ſo faͤngt Jedermann zu ſprechen an. Hioks und der alte Fogy faſelten uͤber Irland, Baß bruͤllte dem alten Pump etwas uͤber die Schifffahrtsgeſetze in die Ohren — oder vielmehr in ſein Hoͤrhorn —, ich war damit be⸗ ſchaͤftigt, mit der reizenden Miß Short zu ſprechen, waͤh⸗ rend Charley Boreham — ein einfaͤltiger Stutzer, und ich moͤchte nur wiſſen, was die Frauen an ihm ſehen koͤn⸗ nen? — ſeine wortreichen Rhapſodieen in die Ohren Diane Whites ergoß. Schoͤne, ſchoͤne Diana White! wenn nicht drei bis vier andere Verhaͤltniſſe im Schwange waͤren, ſo wuͤßte ich ein Herz, das auf's Trefflichſte fuͤr Sie paſſen wuͤrde! Newboy's Haus erklaͤre ich fuͤr das luſtigſte in der Straße. Er iſt erſt ſeit Kurzem zu Vermoͤgen gekommen und in das Parlament getreten, als ſein entfernter Vetter von dem alten Hauſe Newboy in — ſhire ſtarb und Fred, 14* der damals that, als ob er bei Gericht praktizirte und mit der groͤßten Beſcheidenheit in Grays Jen Road wohnte, zum Herrn eines großen Vermoͤgens und großartigen Landſitzes wurde, wo er ſich langweilte, wie es in der Natur der Sache lag, und nach London kam und das ſchoͤne Haus in unſerer Straße miethete. Er vertritt im Parlamente Mumborough) — ein Sitz, welcher ſeit undenklichen Zeiten von einem Newboy eingenommen wird. Obgleich er nicht ſpricht, da er dafuͤr zu reich, ver⸗ nuͤnftig und faul iſt, ſo beſchaͤftigt er ſich doch mit Leſen von Commiſſionsberichten und ſpricht ſeit einiger Zeit etwas zu verſtaͤndig an ſeinem Tiſche, wo ſtets ein Couvert fuͤr den Schreiber Dieſes liegt. Nach dem Eſſen ſchlaͤft er ferner ziemlich regelmaͤßig ein — eine Gewohnheit, die ich ihm gern verzeihe, denn unter uns geſagt, ſeine Frau Maria Newboy und ſeine Schweſter Clariſſa ſind die ſchoͤnſten und beſten ihres Geſchlechts und ich moͤchte lieber ihr unſchuldiges Geplauder und ihre munteren Einfaͤlle uͤber ihre Naͤchſten hoͤren, als die beſte Weisheit von dem weiſeſten Mann⸗ der je einen Bart getragen hat. Als weiſer und guter Mann überläßt er die Fragen ſeiner Haushaltung ausſchließlich den Frauen. Sie gehen gern in's Theater, ſie gehen gern nach Greenwich, ſie kom⸗ — 8 —— 2 — men gern zu einer Geſellſchaft von jungen Leuten — mit Einem Worte: ſie verſtehen jede Art von Spaß, in wel⸗ chen Geſchmack ſich der gutmuͤthige Newboy fuͤgt, voraus⸗ geſetzt, daß es ihm ftei ſteht, ſeinem eigenen zu folgen. Erſt am 17. dieſes Monats noch hatte ich die Ehre, im Hauſe zu ſpeiſen, und nach dem Diener, welches um acht Uhr ſtattfand, ließen wir Newboy bei ſeinen Commiſ⸗ ſionsberichten und gingen die Treppe hinauf und ſangen dann ein wenig zur Guitarre — erſt am 17. Dezember, dem Abend, wo Lady Sowerby's Geſellſchaft ſtattfand, hoͤrte ich den folgenden Dialog in dem Boudoir, wohin ſich Newboy, die Commiſſionsberichte in der Hand, bege⸗ ben hatte. Er hatte ſich mit ſeinen Unterhausſtiefeln auf den Lehnſtuhl ſeiner Frau gekauert und las in ſeinen ewigen Commiſſionsberichten, als Mrs. N. zum Balle angekleidet aus ihrem Zimmer trat. Mrs. N. — Frederic! kommſt Du nicht mit? Mr. N. — Wohin? Mrs. N. — Zu Lady Sowerby. Mr. N. — Ich mochte liebet in die ſchwarze Höhle von Calcutta gehen. — Uebrigens iſt dieſer Bericht der Geſundheitscommiſſion wirklich das Intereſſanteſte — beginnt zu 5 — — Mrs. R. (vikirt). — Nun, Mr. Titmarſh wird mit uns gehen. Mr. N. — Wird er? — viel Vergnuͤgen! In dieſem Augenblicke tritt Miß Clariſſa Newboy in einem Roſa⸗Paletot mit Schwanendaunen beſetzt und wie ein Engel ausſehend, ein und wir wechſeln Blicke von — was ſoll ich ſagen? — von Sympathie von beiden Seiten und dem hoͤchſten Entzucken von meiner. Aber dies geſchieht bei Seite. Mrs. N. — Gute Nacht, Frederic; ich denke, wir werden ſpaͤt kommen. Mr. N. — Du wirſt mich ſchwerlich aufwecken, und Du erwarteſt doch nicht, daß ein Parlamentsmann aufbleibt? . Mrs. N. — Es iſt nicht wegen Dir, es iſt wegen der Dienerſchaft. Cocker ſchlaͤft ſehr feſt, die Maͤdchen ſind am Beſten im Bette aufgehoben und haben alle die Krippe. Hoͤre, lieber Frederick meinſt Du nicht, daß es am Beſten ſein wuͤrde, wenn Du mir Deinen Haus⸗ ſchluͤſſel gaͤbeſt? Dieſer uͤberraſchende Vorſchlag, welcher jedes bekannte Geſetz der Geſellſchaft umwirft — dieſe Forderung, welche den ganzen jetzigen Zuſtand der Dinge veraͤndert — dieſe Thatſache, daß ein Frauenzimmer einen Thorſchluͤſſel ver⸗ langte, floͤßten mir einen Schrecken ein, den ich nicht zu beſchreiben vermag und gab mir eine Idee von den unge⸗ heuern Fortſchritten unſerer Straße. Der Hausſchluſſel! Was wuͤrden unſere Großmutter, die an dieſem Orte wohnten, als er noch eine ländliche Vorſtadt war, jetzt von ſeinem Zuſtande denken, wenn ſie erfuhren, daß die Maͤnner zu Hauſe bleiben und die Frauen mit dem Hausſchluͤſſel ausgehen. Der Abend bei Lady Sowerby war einer von den köſtlichſten, die wir ſeit langen, langen Tagen genoſſen haben. . So ſieht man, daß jede Perſon von einigem Anſehen in unſerer Straße eine beſtimmte Richtung einſchlägt. Mrs. Minimy — in Nr. 34 — folgt der homoͤopathi⸗ ſchen Richtung und hat Soirien von Doktoren dieſes Glaubens. Lady Pocklington ſchlaͤgt die CtpitaliſtenRichtung ein und ihre langweiligen und glaͤnzenden Diners werden von Anleihemaͤklern und Eiſenbahnfuͤrſten verzehrt. Mrs. Trimmer — in Nr. 38 — hat die wiſſenſchaftliche Rich⸗ tung und regalirt uns mit vernuͤnftigen Abenden, wo die Geſchichte der leichteſte Geſpraͤchsgegenſtand iſt, welchen man geſtattet und Geologie und der Geſundheitszuſtand von London das gewoͤhnliche Converſationsthema bilden. Mrs. Brumby ſpielt das Violoncell vortrefflich und gibt Abendgeſellſchaften die Sebaſtian Bach gewidmet und durch Händel belebt ſind. Bei Mrs. Masclyn iſt man charaden- und theatertoll. Vorige Weihnachten wurde dort ein ftanzöſiſches Stuͤck, von Alepander Dumas glaube ich, la duchesse de Monte Fiasco gegeben. Ich habe die Intrigue davon ver⸗ geſſen, aber Jeder liebte die Frau jedes Andern, mit Aus⸗ nahme des Helden Don Alonzo, der eine gluhende An⸗ haͤnglichkeit fuͤr die Herzogin beſaß, die ſich endlich als ſeine Großmutter zu erkennen gab. Das Stuͤck war von Lord Fiddlefaddle uberſetzt, Tom Bulbul ſpielte den Don Alonzo, und Mrs. Roland Calidore (die nie eine Gelegen⸗ heit verſäumt, in einem Stuͤcke zu ſpielen, wo ſie ihr Haar herablaſſen kann) war die Herzogin. „ Alonzo. 8 Ihr wißt, wie er Euch liebt und ſeid verwundert, Daß Euer Alonzo leidet, Kunigunde? — Fragt, ob die Gemſe leidet, wenn das Blut Aus ihrer wunden Seite ſpritzen thut? Wenn aus den Wolken ſtolze Adler fallen, Wenn ſie gehoͤret meiner Flinte Knallen. Fragt, ob die Vögel nichts von Schmerzen wiſſen, Wenn ſo in's Gras ſie plotzlich beißen müſſen. Dann fragt ihn, ob er leidet, den die gift'ge Lanze Getoͤdtet hat von Eurer Augen Glanze!!! (Er ſchwankt von der Wirkung des Giftes.) — — Die Herzogin. Alonzo liebt — Alonzo liebt! und wer Iſt die Geliebte? Seine Großmutter !11 (Ihre Hoheit fällt in Ohnmacht.) So wie Tom Bulbul habe ich noch nie Theater ſpielen ſehen; Tom ſtoͤßt abſcheulich mit der Zunge an, und ſprach die Stelle: Ihr wißt, wie er Euch liebt und ſeid verwundert! auf das Lächerlichſte. Miß Clapperclav ſagt, daß er ſehr huͤbſch geſpielt habe und daß ich mich nur deßhalb uber ihn luſtig machte, weil ich neidiſch ſei und ſelbſt gern eine Rolle geſpielt †ch und neidiſch! Aber von allen Geſellſchaften, Feſten, Pickeniks, Dejeuners, Soirten, Converſationen und Dinerpartieen in unſerer Straße kenne ich nichts Angenehmeres, als die Bankette bei Tom Fairfax, von denen dieſer ungeheure Lebensmittel⸗Conſument wochentlich ſieben gibt. Er wohnt in einem von den kleinen Haͤuſern des alten Waddilowe⸗ ttreet⸗Quartiers, das lange ſchon erbaut war, ehe noch * P lington⸗Square und Pocklington-Gardens und die Pocklington'ſche Fomilie ſebſt auf dirſer Welt erſchienen war. Tom hat zwar ein kleines Einkommen und wohnt in einem kleinen Hauſe, aber er ſetzt ſich doch jeden Tag — 218 — ſeines Lebens zu einer Geſellſchaft von zwoͤlf Perſonen zu Tiſche nieder, und dieſe Zwölf beſtehen aus Mrs. Fairfar, den neun Miſſes Fairfar und Maſter Thomas Fairfar, dem Sohne und Erben eines Jahreseinkommens von zwei und einem halben Pfennig. Es iſt Einem kaum möglich, zu einer ſolchen Fa⸗ milie zu gehen und mit ihr vorlieb zu nehmen, weil wir, wenn auch ein Gaſt ſtets willkommen iſt, ſelbſt Dreizehn am Tiſche ſitzen und dies, wie man ſagt, eine ungluckliche Zahl iſt. Dieſes Uebel wird jedoch voruͤbergehen und ihm bald abgeholfen werden, wo dann die Familie allen Aus⸗ ſichten nach ohne den Gaſt aus dreizehn beſtehen wirh Mrs. Fairfar ſteht am fruͤhen Morgen auf ſchneidet von Sechs bis Acht Butterbrote, während welcher Zeit die Kinderſtubenoperationen an den neun kleinen Grazien verrichtet werden. Wir ſehen in dieſem Augen⸗ blicke nur ein halbes Dutzend von ihnen, da die Uebrigen auf kleinen Stuͤhlchen neben ihrer Mama ſitzen. Die Zwei zu beiden Seiten von Fairfar ſind Zwil⸗ linge, die ihm ein ſeltenes Gluck beſchert hat, und er ur torſcheidet Nanny von Fanny nur durch einen um den Arm der Erſtern gebundenen Faden. Die Vorderſte dem Schuͤrzchen iſt Eliſabeth, die Pathe der Miß Clapper⸗ clav, welche ſehr freundlich gegen die ganze Familie ge⸗ weſen iſt; die junge Dame mit den Locken iſt durch die 1 — — feierlichſten Bande an den Schreiber Dieſes geknuͤpft und es iſt feſtgeſetzt, daß wir einander heirathen, ſabald ſie ſo groß ſein wird wie mein Stock. 6 Wenn ſeine Frau zeitig aufſtehen muß, um Brot 3 und Butter zu ſchneiden, ſo kann ich euch ſagen, daß Fair⸗ far auch bei Zeiten aus dem Bette kommt, um es zu ver⸗ dienen. Er iſt Commis in einer Regierungserpedition, zu welcher Pflicht er ſich taͤglich in der Fruͤhe auf Schuſters Rappen begibt und ſich ſelbſt Zweipennyomnibuſſe ver⸗ ſagt. Jedes Mal, wenn er zum Schuhmacher geht, muß er elf Paar Schuhe beſtellen und kann es daher nicht be⸗ ſtreiten, die ſeinen zu ſchonen. Er lehrt den Kindern jeden Morgen Latein, und denkt bereits an die Zeit, wo Tom dieſe Sprache verſtehen wird. Er arbeitet eine Stunde lang vor dem Fruͤhſtuͤck im Garten. Wenn um drei Uhr ſeine Arbeit vorüber iſt, ſo geht er nach Hauſe, wo er um Vier ankommt und ſeinen netten Rock mit einem alten 1 Schlafrocke vertauſcht — einem zerlumpten, aber ehren⸗ * Kleidungsſtuͤcke. 1* as iſt beſſer, ſein alter Rock oder Johns nagel⸗ 1 * * Was iſt behaglicher und anſtändiger, das ſchwarze Sammetkleid der Mrs. Fairfar — welches ſie ſchon ſeit zwoͤlf Jahren bei den Geſellſchaften in Pocklington⸗Square traͤgt und in dem ſie, behaupte ich, wie eine Koͤniginaus — 220 — ſieht — oder die neue Robe, welche die Putzmacherin ſo eben de Mrs. B gebracht hat und in die ſie ſich am Weihnachtstage zwaͤngen wird? Miß Clapperclav ſagt, daß wir Alle ſo trefflich mit uns ſelbſt zufrieden ſeien, daß kein Einziger von uns mit ſeinem Naͤchſten tauſchen wuͤrde, und ſo iſt Jeder, mag er nun reich oder arm, hoch oder niedrig ſein, in unſerer ig etwa eben ſo güctich, wie der Andere. — Ende des zweiten Bandes. ——— . — 4