— —— — e, Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v0 n Eduaurd Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: . für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 3 „ . . „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Komiſche Erzählungen W. M. Thackeray. Erſter Band. Nebecka und Rowena. — Doctor Birke und ſeine jungen Freunde. — Der Ball bei Mrs. Perkins. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1851. Rebecka und Rowena. Eine Erzählung, welche zugleich als Fortſetzung und Schluß von Walter Scotts beliebtem Roman „Jvanhoe“ dienen kann. Erſtes Rapitel. Die Ouvertüre. — Eröffnung des Geſchäfts. Wietgeliebte Romanleſer und Romanleſerinnen! Es iſt Euch Allen ſicherlich oft aufgefallen, daß die Buͤ⸗ cher, welche uns ſo ſehr erfreuen, hoͤchſt ungenuͤgende Schluſſe haben und viel zu fruͤhzeitig mit Seite 320 des dritten Bandes enden. Bekanntlich zaͤhlt der Held in dieſer Epoche der Geſchichte ſelten mehr als dreißig Jahre und die Heldin iſt daher ſieben bis acht Jahre juͤnger, und ich frage Euch, ob man mit Bil⸗ ligkeit annehmen duͤrfe, daß Leute nach dem obigen Alter nichts Erwaͤhnenswerthes mehr in ihrem Leben beſitzen und zu eiſtiren aufhoͤren, wenn ſie aus der Kirche, wo ſie getraut worden ſind, hinwegfahren. Sie, meine lieben jungen Damen, die Sie Ihre Kenntniß der Welt aus der Leihbibliothek erhalten, koͤnnten ſich daher leicht vorſtellen, daß, wenn das Trauungsgeſchaͤft abgemacht iſt und Emilie in dem neuen Reiſewagen neben dem entzuͤckten Grafen hin⸗ wegrollt, oder Belinda ſich aus den thraͤnenvollen Um⸗ armungen ihrer vortrefflichen Mutter losreißt und ihre 4 . eignen lieblichen Augen auf der hochklopfenden Weſte ihres Braͤutigams trocknet — Sie koͤnnten ſich, ſage ich, leicht vorſtellen, daß dann Alles voruͤber waͤre, daß Emilie und der Graf ihr ganzes uͤbriges Leben lang in dem romantiſchen Schloſſe Sr. Lord⸗ ſchaft im Norden glucklich ſeien und Belinda und ihr junger Geiſtlicher in dem roſenumrankten Pfarrhauſe im Weſten von England ununterbrochene Seligkeit genießen werden; aber es giebt unter der Romanleſen⸗ 1 den Flaſſe alte erfahrene Leute, die es beſſer wiſſen. Es giebt Leute, die verheirathet geweſen ſind und ge⸗ funden haben, daß ſie immer noch etwas zu ſehen und zu thun und vielleicht auch zu leiden haben, und daß Abenteuer und Schmerzen und Freuden und Steuern und Sonnen⸗Auf⸗ und Untergang und die Geſchaͤfte und Freuden und Kuͤmmerniſſe des Lebens nach der Trauungs⸗Ceremonie ſo gut wie vorher ihren Fort⸗ gang nehmen. Es iſt daher, ſage ich, ein unbilliger Vortheil, den der Romanſchreiber gegen den Helden und die Heldin ſo wie gegen ſeinen unerfahrenen Leſer in An⸗ ſpruch nimmt, den Erſtern Lebewohl zu ſagen, fobald ſie Mann und Frau ſind, und ich habe oft gewuͤnſcht, daß zu allen Dichtungswerken, die auf die beſchriebene Art zu einem kurz abgebrochenen Ende gebracht wer⸗ den, Zuſaͤtze erfolgen und wir hoͤren ſollten, was dem nuͤchternen verheiratheten Manne und der Matrone zuſtoͤßt, ſo gut wie das, was dem hitzigen Jungge⸗ ſellen und der erroͤthenden Jungfrau widerfaͤhrt, und in dieſer Beziehung bewundere ich (und moͤchte nach⸗ ahmen koͤnnen) den trefflichen, fruchtbaren franzoͤſi⸗ ſchen Schriftſteller Alexander Dumas, Marquis Davy de la Pailleterie, der ſeine Helden von der fruͤhſten Jugend bis zum ehrwuͤrdigſten Greiſenalter begleitet und ihnen nicht eher Ruhe laͤßt, als bis ſie ſo alt ſind, daß es fuͤr die armen Teufel hohe Zeit iſt, ein⸗ mal zu etwas Ruhe und Frieden zu kommen. Ein Held iſt ein viel zu werthvoller Mann, um in ſeiner kraͤf⸗ tigſten Jugend ſchon auf die Abgedankten-Liſte geſeßt zu werden, und ich moͤchte wiſſen, welcher Dame es unter uns gefallen wuͤrde, in's alte Regiſter geſchoben und fuͤr nicht mehr intereſſant gehalten zu werden, weil ſie eine heranwachſende Familie hat und vier oder fuͤnf und dreißig Jahr alt iſt. Ich habe ſechzigjaͤhrige Damen mit eben ſo zartem Herzen und romantiſchen Ideen, wie das juͤngſte ſechzehnjaͤhrige Maͤdchen ge⸗ kannt. Wir wollen alſo auch Romane aus dem mitt⸗ lern Lebensalter ſo gut wie jene aͤußerſt jugendlichen Erzaͤhlungen haben. Wir wollen die jungen Leute darauf aufmerkſam machen, daß auch die Alten das Recht intereſſant zu ſein beſitzen und daß eine Dame immer noch ein Herz haben kann, wenn ſie auch etwas dicker iſt, als damals, wo ſie ein Schulmaͤdchen war, und ein Mann ſeine Gefuͤhle, wenn er auch ſein Haar vom Peruͤckenmacher bekommt. So moͤchte ich, daß die Lebensgeſchichten vieler 6 unſerer beruͤhmteſten Romanperſonen durch geeignete Haͤnde fortgeſetzt wuͤrden und daß man wenigſtens bis zu einem anſtaͤndigen Alter etwas von ihnen hoͤrte. Seht die James'ſchen Helden an, ſie heirathen ſtets jung. Schaut auf die Dickens'ſchen, ſie verſchwin⸗ den von der Buͤhne, wenn ſie kaum aus den Windeln ſind. Ich hoffe, daß dieſe Schriftſteller, die noch leben, einſehen werden, wie geziemend es iſt, uns et⸗ was Weiteres von Leuten zu erzaͤhlen, die uns bedeu⸗ tendes Intereſſe eingefloͤßt haben und jetzt kraͤftig und munter und in voller Geſundheit und bei gutem Ver⸗ ſtande ſind. Auch in den Erzaͤhlungen des großen Sir Walter Scott — Ehre uͤber ſeinen Namen — werden eine Menge von Leuten, von denen wir eigent⸗ lich mehr erfahren ſollten, vor der Zeit von uns hin⸗ weggeriſſen. Meine liebe Rebecka, die Tochter Iſaaks von York, iſt meiner Anſicht nach ſtets eine ſolche geweſen, und ich kann nicht glauben, daß ein ſo bewunderns⸗ wuͤrdiges, liebevolles, heroiſches, ſchoͤnes Frauenzim⸗ mer gaͤnzlich vor ſo einem ſeichten flachskoͤpfigen Ge⸗ ſchoͤpfe wie Rowena, die meiner beſcheidenen Meinung nach Jvanhoes eben ſo unwuͤrdig wie ihrer Stellung als Heldin iſt, gaͤnzlich verſchwinden konnte. Es iſt mir immer ſo erſchienen, daß, wenn Beide erhalten haͤtten, was ſie verdienten, Rebecka den Mann bekom⸗ men haben und Rowena ſich in einem Kloſter einge⸗ ſchloſſen haben wuͤrde, wo ich wenigſtens mir nie die Muͤhe gegeben haͤtte, mich nach ihr zu erkundigen. Sie hat aber den Jvanhoe geheirathet. Was iſt da zu thun? — es laͤßt ſich nicht aͤndern. Es ſteht Schwarz auf Weiß am Ende des dritten Bandes von Sir Walter Scotts Chronik, daß die Beiden ehelich verbunden worden ſind, und muß ſich der enterbte Ritter, deſſen Blut von der Sonne Palaͤſtina's ge⸗ kocht und deſſen Herz in der Geſellſchaft der liebevollen ſchoͤnen Rebecka erwaͤrmt worden iſt, lebenslaͤnglich ne⸗ ben ein ſo kaltes Stuͤck Anſtändigkeit, wie jene eiſige, fehlerloſe, geſtäͤrkte Wiſchiwaſchi⸗Rowena, hinſetzen⸗ Das verhuͤte das Schickſal, das verhute die poetiſche Gerechtigkeit! Es giebt eine einfache Weiſe, um die Sache in Ordnung zu bringen und allen Theilen Ge⸗ rechtigkeit angedeihen zu laſſen, die hier dem Roman⸗ leſer vorgelegt wird. Jvanhoe's Geſchichte muß eine Fortſetzung haben und zwar die, welche hier folgt. Ich kann in einigen Umſtaͤnden der Geſchichte Un⸗ recht haben — welcher Schriftſteller haͤtte das auch nicht? — aber an den Hauptvorfaͤllen der Geſchichte habe ich innerlich nicht den geringſten Zweifel und lege ſie zutrauensvoll dem edeln Publikum vor, welches gern der Tugend ihr Recht geſchehen, die treue Liebe be⸗ lohnen und am Ende der Pantomime die glaͤnzende Fee aus dem Strahlenwagen ſteigen und Harlekin und Colombine glucklich machen ſieht. Was kuͤmmert 8 es uns, wenn es im wirklichen Leben nicht ſo iſt, meine Herren und Damen, und wenn, nachdem wir eine Menge von Taͤnzen gehabt, und auf dem Lebens⸗ theater durch eine Unzahl von Fallthuͤren und Fenſtern geſprungen ſind, am Ende des Stuͤcks keine Fee her⸗ abkommt um uns gluͤcklich zu machen ? Ach, wir wollen wenigſtens unſern ehrlichen Romanleuten den Vor⸗ theil ihrer Stellung goͤnnen und ſie nicht um ihr Gluͤck beneiden. Kein Menſch, der die fruͤhern Baͤnde dieſer Ge⸗ ſchichte, wie ſie der beruͤhmte Chroniſt von Abbots⸗ ford geſchrieben, geleſen hat, kann auch nur auf einen Augenblick an dem Reſultate der Ehe Sir Wilfords von Jvanhoe mit Lady Rowena zweifeln. Diejenigen, welche waͤhrend ihres jungfraͤulichen Lebens ihr Be⸗ nehmen, ihre vornehme Hoͤflichkeit, ihre fleckenloſe Keuſchheit, ihre unveraͤnderliche Kaltbluͤtigkeit unter allen Umſtaͤnden und ihr hohes adeliges Betragen bemerkt haben, muͤſſen uͤberzeugt ſein, daß ihr eheli⸗ ches Leben ihrem jungfraͤulichen gleich kommen wuͤrde, und daß Rowena, die Gattin, ein Muſter der Sitten⸗ ſtrenge fuͤr engliſche Matronen war. So kam es auch. Der Ruf ihrer Froͤmmigkeit erſtreckte ſich auf Meilenweit um Rotherwood. Ihr Schloß war der Sammelplatz fuͤr alle Geiſtlichen und Moͤnche des Diſtrikts, die ſie mit den koſtlichſten Gerich⸗ ten bewirthete, waͤhrend ſie ſich mit Huͤlſenfruͤchten und Waſſer kaſteiete. In den drei Diſtrikten gab es keinen ſaͤchſiſchen oder normaͤnniſchen Invaliden, an deſſen Thuͤr man nicht von Zeit zu Zeit den Zelter der Lady Rowena in Geſellſchaft ihres Almoſeniers Pater Glauber und ihres Arztes, Bruder Thomas von Epſom ſehen konnte. Sie erleuchtete alle Kirchen in Yorkſhire mit von ihrer Froͤmmigkeit geopferten Wachskerzen. Die Glocken ihrer Kapelle begannen um zwei Uhr Morgens ſchon zu laͤuten und alle Dome⸗ ſtiken von Rotherwood mußten fuͤnfmal des Tages in die Kirche gehen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ſie die Faſtenzeit mit aller Strenge der Kirche beobachtete, und diejenigen Diener der Lady Rowena mit der groͤß⸗ ten Gunſt betrachtet wurden, deren haͤrene Hemden die rauheſten waren, und die ſich mit der geziemend⸗ ſten Ausdauer geißelten. Mochte es nun daher kommen, daß dieſe Dis⸗ ciplin das Gehirn des armen Wamba aufklaͤrte oder ſeinen Humor abkuͤhlte, ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß er der traurigſte Narr in ganz England wurde, und wenn er ſich je einen Scherz gegen die froͤſtelnden armen Dienſtleute erlaubte, die unterhalb des Halſes ihre trockenen Brotrinden kauten, es ein ſo ſchwacher alter Witz war, daß Keiner uͤber die Andeutungen des un⸗ gluͤckſeligen Spaßmachers zu lachen wagte und ein kraͤnkliches Laͤcheln der beſte Beifall war, den er er⸗ langen konnte. Einſt als Guffo, der Gaͤnſejunge — ein armer halbgebackener Teufel — uͤber einen elend abgenutzten Witz geradezu lachte, den Wamba ihm — 1 — beim Abendeſſen auftiſchte — es war finſter und die Fackeln wurden hereingebracht: worauf Wamba ſagte: „Guffo, ſie können in ihrem Streite nicht klar wer⸗ den und wollen ein wenig Licht auf den Gegen⸗ ſtand werfen —“ rief die Lady Rowena, die in einer theologiſchen Controverſe mit Pater Willibald — der ſpaͤter als Sir Willibald von Bareacres Eremit und Bekenner heilig geſprochen wurde — geſtoͤrt worden war, laut nach der Urſache der unziemlichen Unter⸗ brechung und befahl, als man ihr Guffo und Wamba als die Boͤſewichter anzeigte, daß ſie ſofort in den Hof gebracht werden und per Mann drei Dutzend ausgezahlt bekommen ſollten. „Ich habe Dich aus Front de Boeuves Schloſſe befreit, ſagte der arme Wamba klaͤglich zu Sir Wil⸗ fried von Jvanhoe, „und kannſt Du mich nicht ein⸗ mal von der Peitſche befreien.“ „Ja, aus Front de Boeuves Schloſſe, wo Du mit der Juͤdin im Thurme eingeſchloſſen warſt,“ antwortete Rowena hochmuͤthig auf die ſchuͤchterne Fuͤrbitte ihres Gatten, „Gurth, gieb ihm vier Dutzend.“ Und dies war Alles, was der arme Wamba durch die Bitte um Vermittelung durch ſeinen Herrn er⸗ langen konnte. Wirklich kannte Rowena ihre Wuͤrde als Prin⸗ zeſſin von Gebluͤte ſo gut, daß ihr Gemahl, Wilfried von Jvanhoe, kaum ſein Leben ſein Eigenthum nennen konnte, und in Allem ſeinen niedrigen Stand fuͤhlen mußte. Wer von uns, der mit dem ſchoͤnen Geſchlechte bekannt iſt, hat nicht dieſe Neigung bei den Frauen bemerkt, und geſehen, wie an ihrem Tiſche die Wei⸗ ſeſten im Rathe ſo oft fuͤr Narren gehalten werden, und die Tapferſten auf dem Schlachtfelde ihrer Spin⸗ del gegenuͤber Feiglinge ſind. „Wo Du mit der Juͤdin im Thurme einge ſchloſſen warſt,“ war ebenfalls eine Bemer⸗ kung, deren Bedeutſamkeit Wilfried tief fuͤhlte und die der Leſer wahrſcheinlich auch verſtehen wird. Als die Tochter Iſaaks von York — das arme ſanfte Opfer! — ihr Diamanten und Rubinen brachte, ſie demuͤthig der ſiegenden Rowena zu Fuͤßen legte und in fremde Lande zog, um die Kranken ihres Volks zu pflegen, und uͤber der nutzloſen Leidenſchaft zu bruͤten, welche ihr reines Herz verzehrte, haͤtte man denken ſollen, daß das Herz der koͤniglichen Dame vor ſolcher Schoͤnheit und Demuth ſchmelzen und ſie im Augen⸗ blicke ihres Sieges großmuͤthig ſein wuͤrde. Habt ihr aber je geſehen, daß ein rechtſchaffenes Frauenzimmer einer Andern verzieh, daß es ſchoͤner und liebenswuͤrdiger war als ſie ſelbſt? Allerdings ſagte Lady Rowena, wie der fruhere Theil dieſer Geſchichte erzaͤhlt, mit ungeheurer Groß⸗ muth zu dem juͤdiſchen Maͤdchen: „Komm und lebe als Schweſter bei mir!“ aber Rebecka wußte in ihrem — — Herzen, daß der Vorſchlag Ihrer Herrlichkeit das war, was die ſchone orientaliſche Sprache, welche Wilfried der Kreuzfahrer kannte, mit „Boſch“ bezeichnet, oder was wir auf gut deutſch „Faxen“ nennen, und ent⸗ fernte ſich mit gebrochenem ſanftem Geiſte, da ſie we⸗ der den Anblick des Gluͤcks ihrer Nebenbuhlerin ertra⸗ gen konnte, noch daſſelbe durch den Contraſt mit ihrem eignen Elend ſtören wollte. Rowena verzieh, wie die meiſten hochgeborenen und tugendhaften Damen, der Tochter Iſaaks weder ihre Schoͤnheit noch ihre Liebelei mit Wilfried — wie es die ſaͤchſiſche Dame zu nen⸗ nen beliebte, noch vor Allem ihre herrlichen Diaman⸗ ten und Juwelen, obgleich Rowena jetzt im Beſitz der⸗ ſelben war. Mit Einem Worte, ſie warf Rebecka dem armen Jvanhoe fortwaͤhrend in die Zaͤhne; es gab keinen Tag im Leben jenes ungluͤcklichen Kriegers, wo er ſich nicht erinnern mußte, daß ein hebraͤiſches Maͤdchen ſich in ihn verliebt hatte und daß eine vornehme chriſt⸗ liche Dame die Beleidigung nie verzeihen konnte. Wenn z. B. Gurth, der Schweinehirt, der jetzt zum Wildhuter und Forſter befordert worden war, anzeigte, daß ein famoſer wilder Eber im Walde ſei und eine Jagd vorſchlug, ſo pflegte Rowena zu ſagen: „Bitte, Sir Wilfried, verfolge die armen Schweine — Du weißt, daß ſie Deine Freunde, die Juden, nicht aus⸗ ſtehen koͤnnen.“ Oder wenn der loͤwenherzige Mo⸗ narch Richard, wie es oft vorkam, um von den Ju⸗ den ein Darlehen oder eine Beiſteuer zu erlangen, ein paar hebraͤiſche Capitaliſten briet oder einigen von den vornehmſten Rabbinern die Zaͤhne auszog, ſo ju⸗ belte Rowena und ſagte: „Das geſchieht ihnen ſchon recht, den irrglaͤubigen Boͤſewichtern! England wird nicht eher gluͤcklich ſein, als bis alle dieſe Ungeheuer bis auf den letzten Mann ausgerottet ſind!“ oder ſie rief noch grimmiger ſarkaſtiſch: „Lieber Jvanhoe, wieder eine Judenverfolgung! Willſt Du nicht den Vermittler machen, mein Schatz? Se. Majteſtaͤt wird Dir jeden moͤglichen Gefallen thun, und Du weißt ja, daß die Juden immer ſolche Lieblinge von Dir geweſen ſind,“ und dergleichen mehr. Deſſenungeachtet verſaͤumte aber die Dame nie eine Gelegenheit, Rebecka's Juwelen bei Hofe zu tra⸗ gen, wenn die Koͤnigin ein Lever hielt, oder bei dem Yorker Aſſiſenballe, wenn ſie dort erſchien, natuͤrlich nicht, weil ſie an ſolchen Dingen Intereſſe nahm, ſondern weil ſie es fuͤr ihre Pflicht hielt, ſich als eine der vornehmſten Damen der Geſellſchaft dort ein⸗ zuſtellen. So wurde Sir Wilfried von Jvanhoe, als er das Ziel ſeiner Wuͤnſche erreicht hatte, wie Mancher, wenn er auf jene gefaͤhrliche Hoͤhe gelangt iſt, ge⸗ taͤuſcht. Ach liebe Freunde, im Leben iſt dies nur zu oft der Fall! Mancher Garten ſieht aus der Ferne friſch und gruͤn aus, iſt aber, in dichter Naͤhe betrach⸗ tet, truͤbſelig und von Unkraut uͤberwuchert. Die ſchattigen Spaziergaͤnge ſind traurig und mit Gras uͤberwachſen und die Lauben, in denen man gern der Ruhe pflegen moͤchte, mit ſtechenden Neſſeln ausge⸗ polſtert. Ich bin auf einem Kaik auf den Gewaͤſſern des Bosporus gefahren und habe die Hauptſtadt des tuͤrkiſchen Sultans betrachtet. Von jenen klaren Wellen aus geſehen, erſcheint ſie mit ihren Palaͤſten und Zinnen und vergoldeten Kuppeln und hochragenden Cypreſſen wie ein wahres Paradies Mahomeds. Wenn man aber hineinkommt, ſo iſt es nur ein bettelhaftes Labyrinth von baufaͤlligen Huͤtten und ſchmutzigen Gaͤßchen, wo die Wege ſteil und die Geruͤche Geſtank find, von raͤudigen Hunden und zerlumpten Bettlern bewohnt, — eine traurige Illuſion! So iſt auch das Leben! Nur die Hoffnung iſt wirklich und die Wirklichkeit iſt bitter und truͤgeriſch. Vielleicht konnte es ein Mann von Jvanhoe's hohen Grundſaͤtzen nie uͤber ſich gewinnen, dieſe That⸗ ſachen anzuerkennen, aber Andere thaten dies an ſei⸗ ner Statt. Er wurde mager und fiel zuſammen, als ob er ein Fieber unter der gluͤhenden Sonne von As⸗ calon gehabt haͤtte. Er verlor ſeinen Appetit und ſchlief ſchlecht, obgleich er den ganzen Tag uͤber gaͤhnte. Das Geſchwaͤtz der Doktoren und Moͤnche, die Ro⸗ wena zuſammenbrachte, munterte ihn nicht im Min⸗ deſten auf, und er gab mitunter waͤhrend ihrer Dis⸗ putationen, zur großen Beſtuͤrzung ſeiner Gemahlin Beweiſe von Schlaͤftigkeit. Er jagte ſehr viel und —— wie ich fuͤrchte, und Rebecka ſehr richtig bemerkte, wahrſcheinlich um eine Entſchuldigung fuͤr das Nicht⸗ zuhauſeſein zu haben. Er, der nuͤchtern wie ein Ein⸗ ſiedler geweſen war, begann auch den Wein zu lieben, und wenn er von Athelſtane, — wohin er ſich nicht ſelten begab — zuruͤckkam, ſo wurde das Schwanken ſeines Ganges und der unnatuͤrliche Glanz ſeines Auges von ſeiner Gemahlin bemerkt, die ihn bis ſpaͤt in die Nacht erwartet hatte, darauf koͤnnt Ihr Euch verlaſſen. Was Athelſtane betraf, ſo ſchwor er bei St. Wullſtan, daß er ſich freue, der Heirath mit einem ſolchen Muſterbilde des Anſtandes entgangen zu ſein, und der ehrliche Sachſe Cedric — der ſehr ſchnell aus dem Schloſſe ſeiner Schwiegertochter vertrieben worden war, be⸗ theuerte bei St. Waltheof, daß ſein Sohn einen ſchlechten Kauf gethan habe. Sir Wilfried von Jvanhoe wurde Englands faſt eben ſo muͤde, wie ſein koͤniglicher Herr, Richard, der ſtets das Land verließ, wenn er ſeinen getreuen Adeligen, Gemeinen, Geiſtlichen und Juden alles Geld, was er erlangen konnte, abgepreßt hatte, und als der loͤwen⸗ herzige Fuͤrſt in der Normandie und Guyenne gegen den franzoͤſiſchen Koͤnig Krieg zu fuͤhren anfing, ſehnte ſich Sir Wilfried als redlicher Diener nach der Ge⸗ ſellſchaft des wackern Kaͤmpen, neben dem er auf den Ebenen von Jaffa oder der Breſche von Acre ſo viele Lanzen zerſplittert und ſo gewaltige Hiebe mit dem“ Schwert und der Streitaxt gefuͤhrt hatte. Alle Rei⸗ 6 ſenden, die Nachrichten aus dem Lager des guten Koͤ⸗ nigs brachten, waren in Rotherwood willkommen und Ihr koͤnnt Euch darauf verlaſſen, daß der Ritter aus Leibeskraͤften zuhoͤrte, wenn Pater Drone, der Kaplan in der St. James⸗Chronik (welche Zeitung Jvanhoe hielt) von „einem neuen herrlichen Siege“ — der „Niederlage der Franzoſen bei Blois“ — dem „glaͤn⸗ zenden Treffen bei Exte“ und der „muͤhſeligen Flucht des franzoͤſiſchen Koͤnigs,“ welche Waffenthaten die ge⸗ lehrten Schreiber zu erzaͤhlen hatten, vorlas. Wie ſehr dergleichen Geſchichten den Ritter von Jvanhoe auch beim Vorleſen auftegen mochten, ſo wurde er dadurch nur noch truͤbſinniger und duͤſterer, wenn er in ſeiner großen Halle ſaß und ſchweigend ſeinen Gascogner Wein trank. Schweigend ſaß er da und blickte ſeine leer an der Wand haͤngenden Ruͤſtungen, ſein mit Spinneweben bedecktes Panier und ſeine dort verroſtenden Waffen, Schwert und Streitaxt an. „Ach, theure Axt!s ſeufzte er (in ſein Trinkhorn) „ach, lieber Stahl, das war eine luſtige Zeit, wo ich Dich krachend in den Schaͤdel des Emirs Abdul Me⸗ lik ſauſen ließ, als er zur Rechten Saladins ritt. Ach, mein Schwert, Du trefflicher Scharfrichter, Du ſuͤßer Rippenſpalter! Du Raſirmeſſer fuͤr unglaͤubige Baͤrte, ſoll der Roſt Deine Schneide zerfreſſen und ich Dich nie wieder in der Schlacht ſchwingen? Was nuͤtzt ein Schild an der Mauer oder eine Lanze, an der das Faͤhnlein von Spinngeweben gebildet wird? O Richard, mein guter König, koͤnnte ich doch noch einmal Deine Stimme an der Fronte des Treffens hoͤren. Ihr Gebeine Brians des Templers, koͤnntet Ihr doch aus Euerm Grabe zu Templestown auf⸗ erſtehen und wir noch eine Lanze brechen fuͤr die Ehre und — und . .. Und fuͤr Rebecka! wollte er ſagen, — aber der Ritter hielt hier in ſchuldbewußtem Schrecken inne und Ihre konigliche Hoheit, die Prinzeſſin Rowena (wie ſie ſich zu Hauſe zu nennen beliebte), blickte ihn aus ihren porzellanblauen Augen ſo ſcharf an, daß es Sir Wilfried war, als ob ſie ſeine Gedanken leſen koͤnne und er ſeine Augen in den Becher fallen ließ. Mit Einem Worte, ſein Leben war unerträglich. Die Eßſtunde des zwolften Jahrhunderts war bekannt⸗ lich eine ſehr fruͤhe, in der That ſpeiſ'ten die Leute um zehn Uhr Morgens zu Mittag, und nach Tiſche ſaß Rowena lautlos unter ihrem mit dem Wappen Eduards des Bekenners geſtickten Thronhimmel und arbeitete mit ihren Maͤgden an den haͤßlichſten Sti⸗ ckereien, die die Torturen und den Maͤrtyrertod ihrer Lieblingsheiligen darſtellten, und geſtattete keiner Men⸗ ſchen⸗Seele, ein lautes Wort zu ſprechen, außer wenn ſie mit ihrer ſchrillenden Stimme ein Geſchrei erhob, ſobald eine Magd einen falſchen Stich machte oder einen Garnknaͤuel fallen ließ. Es war ein trauriges Leben — Wamba wagte es, wie geſagt, nie, einen Witz zu machen, außer fluſternd, wenn er zehn Mei⸗ Rebecka und Rowena. 2 len vom Hauſe entfernt war, und dann war Wilfried Jvanhoe zu matt und katzenjaͤmmerlich, um zu lachen, ſondern jagte ſchweigend dahin und ſtreckte muͤrriſch die Hirſche und wilden Eber mit ſeinen Pfeilen und Wurfſpießen nieder. Dann bat er Robin von Huntingdon, den fru⸗ hern luſtigen Geaͤchteten, zu ihm zu ſtoßen und ihren blonden König Richard mit ein paar Mandeln Lanzen zu unterſtuͤtzen. Aber der Graf von Huntingdon war von ganz anderer Perſon als Robin Hood der Waͤldler. Es gab in der ganzen Grafſchaft keinen gewiſſenhafteren Richter als Se. Herrlichkeit, man wußte kein Beiſpiel, daß er die Kirche oder die Frie⸗ densrichter-Sitzungen verſaͤumt haͤtte, er war der ſtrengſte Beſchuͤtzer des Wildes in der ganzen Graf⸗ ſchaft und ſchickte die Wilddiebe ſchockweiſe nach Bo⸗ tany Bai. „Ein Mann, der ein Intereſſe im Lande hat, mein guter Sir Wilfried,“ ſagte Lord Huntingdon mit Goͤnnermiene (Se. Lordſchaft war, ſeit ihn der Koͤnig begnadigt hatte, ungeheuer fett geworden und bedurfte eines Pferds von der Staͤrke eines Elephan⸗ ten), „ein Mann, der ein Intereſſe im Lande hat, muß auch im Lande bleiben. Das Eigenthum hat ſeine Pflichten ſo gut wie ſeine Vorrechte, und eine Perſon von meinem Range muß auf dem Lande leben, von welchem er ſeinen Lebensunterhalt erhaͤlt.“ „Amen!“ ſtoͤhnte derpchwürdige Tuck, der Hauskaplan Sr. Lordſchaft, der ebenfalls ſo rund wie der Abt von Jorvaulx geworden, in ſeiner Kleidung geziert wie eine Dame war, Bergamott-Eſſenz in ſei⸗ nem Taſchentuche trug und taͤglich ſeinen Schaͤdel ra⸗ ſiren und ſeinen Bart brennen ließ. Und Se. Ehr⸗ wuͤrden war ſo heilig geworden, daß er es fuͤr eine Schande hielt, die huͤbſchen Hirſche zu toͤdten (ob⸗ gleich er noch immer ihr Fleiſch ſowohl in Paſteten als auch mit Bohnen und Johannisbeer-Gelse in unge⸗ heuren Quantitaͤten vertilgte), und einmal, als ihm eine Schlagſtange gezeigt wurde, ſie neugierig in die Hand nahm und fragte: „Was fuͤr ein haͤßlicher großer Stock das waͤre?“ Lady Huntingdon, die fruͤhere Maid⸗Mariane, beſaß noch immer etwas von ihrer fruͤhern guten, ſpaß⸗ haften Laune und der arme Jvanhoe bat und flehte, daß ſie doch zuweilen nach Rotherwood kommen und die allgemeine Langweiligkeit des Schloſſes erheitern moͤge. Die Dame ſagte aber, daß Rowena ſich ſolche Airs gaͤbe und ſie ſo unleidlich mit Geſchichten von Koͤnig Edward dem Bekenner langweile, daß ſie lieber an jedem andern Orte als in Rotherwood ſei, welches ſo langweilig waͤre, als ob es auf dem Gipfel des Berges Athos laͤge. Die einzige Perſon, welche es beſuchte, war Athelſtane, „Se. koͤnigliche Hoheit der Prinz,“ wie ihn Rowenn natuͤrlich nannte, und den die Dame mit königlichen Ehren empfing. Sie ließ die Geſchuͤtze 2 — abfeuern und die Lakaien aufmarſchieren und das Ge⸗ wehr praͤſentiren, wenn er ankam, legte ihm alle Lieblingsſtuͤckchen Jvanhoe's von dem Hammelfleiſche oder dem Truthahne vor und zwang ihren armen Mann, ihm in das Staatsſchlafzimmer zu leuchten und dabei in jeder Hand eine Wachskerze haltend, rucklings vor ihm her zu gehen. Zur Schlafenszeit pflegte der Than in ſolchem Zuſtande zu ſein, daß er zwei Paar Lichter und ein Paar Jvanhoe's vor ſich hintaumeln ſah — wir wollen hoffen, daß es nicht Jvanhoe war, der taumelte, ſondern nur das von den Getraͤnkquantitaͤten, welche ſein Verwandter taͤglich zu conſumiren pflegte, uͤberwaͤltigte Gehirn deſſelben. Rowena ſagte, es ſei der Schlag, den der gottloſe Bois Guilbert, „der andere Liebhaber der Juͤdin, lieber Wilfried,“ ihm auf ſeinen koͤniglichen Schaͤdel gegeben, was den Prinzen ſo leicht aus ſeinem Gleich⸗ gewicht bringe, fuͤgte aber hinzu, daß das Trinken einem Manne von koͤniglichem Gebluͤte wohl an⸗ ſtehe und eine von den Pflichten ſeines Standes ſei. Sir Wilfried von Jvanhoe ſah, daß es nichts nuͤtzen wuͤrde, wenn er dieſen Mann auch aufforderte, ihn auf ſeiner beabſichtigten Reiſe im Auslande zu be⸗ gleiten, aber er ſelbſt wurde mit jedem Tage meht auf die Reiſe erpicht und ſuchte lange nach einem Mittel, um ſeiner Rowena ſeinen feſten Entſchluß, ſich zum Koͤnig zu begeben, beizubringen. Er glaubte, daß ſie ſicherlich krank werden wuͤrde, wenn er ihr die Nachricht zu unvorbereitet mittheile, er wollte eine Reiſe nach York, um einer großen Jury beizuwohnen, oder einen Ausflug nach London in Prozeßſachen oder um Staatspapiere zu kaufen, vorgeben, dann ſo zu ſagen allmaͤhlig mit dem Packetboote nach Calais hin⸗ uberſchluͤpfen und ſo zu dem Koͤnige gelangt ſein, ehe ſeine Frau wiſſe, daß er außer Sehweite von Weſt⸗ minſter gelangt waͤre. „Will nicht Euer Ehren ſagen, daß Du gehſte wie Euer Ehren „bo“ zu einer Gans ſagen wuͤrde, das heißt kurz und buͤndig? —“ ſagte Wamba der Narr, der Sir Wilfrieds Hauptrathgeber und Diener war. „Verlaß Dich darauf, daß Ihre königliche Hoheit die Nachricht als Chriſtin ertragen wird.“ „Halt's Maul, Schlingel! ſonſt kannſt Du den Steigriemen koſten!“ ſagte Sir Wilfried in einem trefflichen Tone von Tragödien⸗Entruͤſtung. „Du kennſt die Zartheit der Nerven hochgeborener Damen nicht. Wenn ſie nicht in Ohnmacht faͤllt, ſo will ich ein Hollaͤnder heißen.“ „Ich wollte meine Narrenkappe gegen einen ir⸗ laͤndiſchen Wechſel verwetten, daß ſie Euer Ehren be⸗ reitwillig genug fortlaſſen wird; das heißt, wenn Du nicht zu heftig auf der Sache beſtehſt!“ antwortete Wamba ſchlau. Und dies fand Wilfried auch zu ſei⸗ nem Kummer, denn als er eines Morgens beim Fruͤh⸗ ſtuͤck, waͤhrend er ſeinen Thee ſchluͤrfte, mit nachläſſi⸗ ger Miene ſagte: — — — „Lieber Schatz, ich habe daran gedacht, Sr. Majeſtaͤt einen Beſuch in der Normandie zu ma⸗ chen,“ legte die Dame ihr Franzbroͤtchen hin (welches, ſeit der koͤnigliche Alfred dieſes Gebaͤck ſelſt angefertigt, der liebſte Fruͤhſtuͤcksgenuß der vornehmen ſächſiſchen Damen war, und das Rowena von einem knieenden Pagen auf einem von dem Florentiner Benvenuto Cellini getriebenen, reich verzierten ſilbernen Praͤſen⸗ tirteller uͤberreicht erhielt) ſagte: „Wann willſt Du gehen, lieber Wilfried?“ und begann, ſobald das Theegeſchirr abgeraͤumt und die Tiſche bei Seite geſtellt waren, ſeine Hemden und Struͤmpfe auszubeſſern und ſeinen Reiſeſack zu packen. Sir Wilfried war alſo uͤber ihre Bereitwilligkeit, ſich von ihm zu trennen, eben ſo ärgerlich, als er das Zuhauſebleiben muͤde geweſen war, was Wamba, den Narren, veranlaßte zu ſagen: 66 „Wahrhaftig, Gevatter, Du biſt wie der Mann auf dem Schiffe, der, als ihn der Bootsmann pruͤ⸗ gelte, O! ſchrie, wohin auch das Tau-Ende fallen mochte, worauf der Meiſter Bootsmann ſagte: „Die Peſt uͤber Dich, Kerl, es kann Dir's Keiner recht ma⸗ chen, man mag Dich ſchlagen, wohin man Dich auch ſchlagen mag.“ „Ja wahrhaftig, es giebt Ruͤcken, die die For⸗ tuna ewig bearbeitet!“ dachte Jvanhoe ächzend, „und meiner iſt einer von denjenigen, die ewig wund ſind.“ Sir Wilfried von Jvanhoe verließ alſo mit einem maͤßigen Gefolge, wozu auch der Schelm Wamba ge⸗ hoͤrte, und einem dicken Shawl um den Hals, den die eigenen weißen Finger ſeiner Gemahlin geſtrickt hatten, ſeine Heimath, um zu dem Koͤnige, ſeinem Herrn, zu ſtoßen. Rowena ergoß ſich, auf den Stufen ſtehend, in eine Menge von hoͤchſt erbaulich anzuhoͤrenden Se⸗ genswuͤnſchen, als ihr Eheherr den von ſeinem Knap⸗ pen an die Thuͤr gefuͤhrten Streithengſt beſtieg. Es ſei die Pflicht einer brittiſchen Dame von Stande, ſagte ſie, Alles, Alles fuͤr die Sache ihres Souverains zu dulden. Sie wuͤrde die Einſamkeit waͤhrend des Feldzuges nicht furchten, ſie wuͤrde ſich gegen die Witwenſchaft, Verlaſſenheit und ihre ſchutz⸗ loſe Lage aufrecht erhalten. „Mein Vetter Athelſtane wird Dich beſchuͤtzen,“ ſagte Jvanhoe, dem die Thraͤnen uͤber den Bruſthar⸗ niſch herabliefen, mit tiefer Bewegung, und Rowena ließ dem ſtahlumhuͤllten Krieger noch einen keuſchen Kuß angedeihen und ſagte beſcheiden, ſie hoffe, daß Se. Hoheit die Guͤte haben werde. Jetzt blies Jvanhoe's Trompeter, jetzt wehte Ro⸗ wena mit ihrem Taſchentuche, jetzt ſchrie die Diener⸗ ſchaft Hurrah! jetzt ſchwang der Fahnenträger des gu⸗ ten Ritters Sir Wilfried, des Kreuzfahrers, ſein Pa⸗ nier, (es war gruͤn, geel und jämmerlich mit drei ſchwarzen geſpießten Mohren) — jetzt gab Wamba ſeinem Maulthiere einen gewaltigen Hieb auf das Hinterquartier und Jvanhoe wendete mit einem dicken Seufzer den Schweif ſeines Streithengſtes dem Schloſſe ſeiner Vaͤter zu. Als ſie durch den Wald hinritten, trafen ſie Athelſtane den Than, der auf ſeinem großen Karren⸗ gaul von einem Reitpferde dem Schloſſe zueilte. „Adieu, adieu! viel Gluck, alter Hahn,“ ſchrie der Prinz, der ſich des gemeinen Saͤchſiſch bediente. „Walke die Franzoſen tuͤchtig durch, gieb's ihnen uͤber's Geſicht und die Augen; ich werde zu Hauſe bleiben und Madame Jvanhoe beſchutzen.“ Vielen Dank, Verwandter!“ ſagte Jvanhoe, je doch mit keinem beſonders wohlgefaͤlligen Geſicht, und die Thane ſchuͤttelten einander die Haͤnde und das Gefolge eines Jeden ſchlug eine andere Richtung ein, das Athelſtane's die nach Rotherwood, das Jvanhoe's nach dem Orte, wo er ſich einſchiffen wollte. Der Wunſch des armen Ritters war erfuͤllt wor⸗ den, und doch war ſein Geſicht eine Elle lang und gelb wie das Pergament eines Notars, und nachdem er ſich ſeit drei Jahren taͤglich danach geſehnt, ſeine Heimath zu verlaſſen, beneidete er jetzt Athelſtane, weil er nach Rotherwood ging, welche Symptome von Unzufriedenheit der einfaltige Wamba bemerkte, worauf der abgeſchmackte Tollhaͤusler ſeinen Rebeck vom Ruͤ⸗ cken nahm und ſang: Atra cura. Als ich noch Grütz' im Kopfe trug, Las ich in einem röm'ſchen Buch, Wie ſich die Sorge ſchwarzumhängt, Oft auf das Pferd zum Reiter drängt⸗ Mir war's, als ſei es ihr gelungen, Sie auf bei meinem Herrn geſprungen. „Vielleicht haſt Du Recht, Schelm,“ ſagte Jvan⸗ hoe uͤber ſeine Schultern blickend, und der Narr fuhr in ſeinem Geklimper fort: und reit' er wie der Wind ſo ſchnell, So bleibt doch das Geſpenſt zur Stell's Es klebt an meines Ritters Ruͤcken, Will ihm das Herz im Leib' erdruͤcken. Doch ich, ich bin von Sorgen frei; Am Narren geht ſie ſtets vorbei, und will ſie mir Geſellin ſein, So wirft ſie ab mein Eſelein. Und ſeine Schellen klapperten, als er ſeinem Maulthiere die Ferſen in die Seite ſtieß. „ilentium, Narr!“ ſprach Sir Wilfried von Jvanhoe mit majeſtaͤtiſcher zorniger Stimme. „Wenn Du weder Kummer noch Sorge kennſt, ſo kommt das daher, daß Du nicht die Liebe kennſt, wovon dieſe die Begleiter ſind. Wer kann lieben ohne ein bekuͤmmer⸗ tes Herz? Wie kann es Freude bei der Heimkehr ohne Thraͤnen beim Scheiden geben?“ „Ich habe nicht geſehen, daß Seine Ehren oder meine Herrin viele vergoſſen haͤtten!“ dachte Wamba der Narr, aber ſeht Ihr, er war doch nur ein Blod⸗ ſinniger und nicht recht bei Troſte. „Ich moͤchte ſelbſt meine Kuͤmmerniſſe nicht um Deine Gleichgiltigkeit vertauſchen,“ fuhr der Ritter fort. „Wo es Sonnenſchein giebt, muß es auch Schatten geben. Soll ich, weil mir der Schatten unangenehm iſt, mir die Augen ausſtechen und im Dunkeln leben? Nein, ich bin mit meinem Schickſale ſelbſt ſo wie es iſt zufrieden. Die Sorge, von der Du ſprichſt, mag einen ehrlichen Mann wohl ſchwer plagen, hat ihn aber noch nie zu Boden geritten. Ich kann ſie auf meinen Schultern tragen und ihr zum Trotz mir einen Weg durch das Gedraͤnge der Welt bahnen, denn mein Arm iſt ſtark und mein Schwert ſcharf, und auf meinem Schilde iſt kein Flecken und mein Herz iſt zwar truͤbe, kennt aber keine Schuld.“ Und hier nahm der Ritter ein Medaillon unter ſeiner Weſte (die von Panzerſchuppen gemacht war) hervor, kuͤßte das Erinnerungszeichen, ſchob es wieder unter die Weſte zuruͤck, ließ einen dicken Seufzer ver⸗ nehmen und gab ſeinem Pferde die Sporen. Was Wamba betrifft, ſo verzehrte er eine Blut⸗ wurſt, waͤhrend Sir Wilfried die obige Rede hielt (welche einen geheimen Kummer von Seiten des Rit⸗ ters verrieth, der fuͤr den Narren vollkommen unbe⸗ greiflich ſein mußte) und hoͤrte alſo von Jvanhoes prunkhaften Bemerkungen kein Wort. Sie ritten in kurzen Tagereiſen durch das ganze Koͤnigreich, bis ſie nach Dover kamen, von wo aus ſie ſich nach Calais einſchifften, und da der gute Ritter auf dieſer kurzen Seefahrt ausnehmend ſeekrank und uͤberdies von dem Gedanken, wieder mit ſeinem Souverain zuſammenzu⸗ treffen, begluͤckt war, ſo warf er die tiefe Melancholie, welche ihn auf ſeiner ganzen Landreiſe begleitet hatte, jetzt von ſich. Zweites Rapitel. Die letzten Tage des Löwen. Von Calais fuhr Sir Wilftied von Jvanhoe mit der Diligence quer durch das Land bis Limoges, und ſendete unterdeſſen Gurth ſeinen Schildknappen mit den Pferden und ſeiner uͤbrigen Begleitung, außer Wamba, der nicht nur als Narr, ſondern auch als Kammerdiener des Ritters reiſ'te, und ſich auf dem Dache des Wagens damit unterhielt, auf dem Horne des Conducteurs muntere Stuͤckchen zu blaſen, voraus. Der gute Koͤnig Richard war, wie Jvanhoe erfuhr, in Limouſin und lag vor einer kleinen Burg, Namens Chalus, deren Beſitzer, obgleich ein Vaſall des Konigs, das Schloß mit einer Entſchloſſenheit und Tapferkeit gegen ſeinen Souverain vertheidigte, welche auf Seiten des Monarchen mit dem Loͤwenherzen ungeheure Wuth und Aergerniß erzeugte, denn ſo tapfer und großmuͤ⸗ thig er auch war, liebte der Löwenherzige es doch eben ſo wenig wie ein Anderer, wenn er ſeinen Willen nicht bekam, und riß, wie das königliche Thier, dem er, wie es hieß, glich, gemeiniglich ſeinen Gegner in Stucken, worauf er wohl mit Muße darüber nachdachte, wie tapfer der Letztere geweſen ſei. Der Graf von Chalus hatte, wie es hieß, einen Topf voll Geld gefunden, und Kö⸗ nig Richard wollte ihn haben. Warum oͤffnete der Graf, da er leugnete, daß er das Geld beſitze, nicht ſogleich die Thore ſeines Schloſſes? Es war ein deut⸗ licher Beweis ſeiner Schuld, und der Konig beſchloß den Robellen zu beſtrafen und ihm nicht nur das Geld, ſondern auch das Leben zu nehmen. Er hatte keine Kanonen zum Breſcheſchießen bei ſich, weil dieſe damals noch nicht erfunden waren, und obgleich Se. Majeſtaͤt wohl zwanzig Mal ſchon mit der aͤußerſten Wuth auf den Platz Sturm gelaufen⸗ war er doch jedes Mal zuruͤckgeſchlagen und daruͤber ſo woͤthend geworden, daß es jetzt gefaͤhrlich war, ſich dem brittiſchen Loͤwen zu naͤheren. Seine Loͤwin, die ſchoͤne Berengaria, wagte es kaum, ihm vor die Augen zu treten. Er warf ſeinen Großbeamten die Feld⸗ ſtuͤhle ſeines Zeltes an den Kopf und traktirte ſeine Adjutanten mit Fußtritten, und eine Hofdame, die Sr. Majeſtat bei der Ruͤckkehr von einem Sturme von Seiten der Königin einen Becher mit Eierſekt brachte, kam, gerade, als Jvanhoe eintrat, wie ein Krei⸗ ſel aus dem koͤniglichen Zelte geſchoſſen. »Schickt mir meinen öſterreichiſchen Regiments⸗ tambour her, damit er das Weib auspeitſcht!“ bruͤllte der wuͤthende König. „Bei den Gebeinen des St. Barnabas, ſie hat den Sekt anbrennen laſſen! Bei St. Wittekind, ich laſſe ſie lebendig ſchinden! Ha, bei St. Georg, ha bei St. Richard, wer iſt das?“ und er erhob ſeine Demiculverine oder Streitaxt, eine Waffe etwa dreizehn Centner ſchwer, und wollte ſie eben dem Eindringling an den Kopf werfen, als Letzterer ſich anmuthig auf ein Knie niederließ und ruhig ſagte: „Ich bin es, mein guter Lehnsherr, Wilfried von Jvanhoe.“ „Wie, Wilfrid von Templestown, Wilfried der Verheirathete, Wilfried der Pantoffelheld?“ rief der Koͤnig mit einem ploͤtzlichen Ausbruche guter Laune, indem er die Culverine fortwarf wie ein Schilfrohr (ſie fiel in dreihundert Schritt Entfernung nieder, und auf den Fuß Hugo's Bunyon, der vor ſeinem Zelte eine Cigarre rauchte, und bewirkte, daß der tapfere Krieger auf einige Tage hinken mußte.) „Was, Gevatter Wilfried, kommſt Du, um die Loͤwenhöhle zu ſehen? Es liegen Gebeine darin, Mann, Gebeine und Cadaver, und der Loͤwe iſt zornig!“ ſprach der Koͤnig mit entſetzlichem Blitzen ſeiner Augen. „Aber davon wollen wir ſpaͤter ſpre⸗ chen. Hol! bringt zwanzig Maß Hypocras fuͤr den König und den guten Ritter Wilftied von Jvanhoe. Du kommſt eben zu rechter Zeit, Wilfried, denn bei St. Richard und St. Georg, wir werden morgen einen Hauptſturm haben. Es wird Beinbruͤche abſetzen, he!“ „Das iſt mir gleich, mein Lehnsherr,“ ſagte Jvanhoe, indem er auf die Geſundheit Sr. Maijeſtaͤt den ganzen Becher mit Hypocras auf Einen Zug leerte — und er ſchien, zum großen Neide vieler Perſonen, in der umgebung des König ſogleich in hohe Gunſt genom⸗ men worden zu ſein. — Wie Se. Maijeſtaͤt geſagt hatte, wurde vor Cha⸗ lus tapfer gekaͤmpft und geſchmauſ't. Taͤglich unter⸗ nahmen die Belagerer Stuͤrme auf das Schloß, aber es wurde von dem Grafen von Chalus und ſeiner ta⸗ pfern Beſatzung ſo kraͤftig vertheidigt, daß man jeden Nachmittag die Angreifer untroöſtlich nach ihren Zelten zuruckkehren und Viele von ihren Erſchlagenen zuruͤck⸗ laſſen, und einen gehoͤrigen Vorrath von bei dem er⸗ folgloſen Angriff erhaltenen Kopfloͤchern und verſtuͤm⸗ melten Gliedern zuruͤckbringen ſehen konnte. Die Ta⸗ pferkeit, welche Jvanhoe bei allen dieſen Kaͤmpfen ent⸗ wickelte, war wunderbar, und die Art, wie er den Geſchoſſen der Mangonellen, Catapulten, Vierund⸗ zwanzigpfuͤnder, Toͤpfe mit kochendem Oel und anderen Artillerie, womit die Belagerten ihre Feinde empfin⸗ gen, entging, merkwuͤrdig. Nach jedem Gefechte pflegten Gurth und Wamba die Pfeile aus dem Panzerhemde ihres unerſchrockenen Herrn zu loͤſen, als ob es Mandeln in einem Pudding geweſen wären. Es war ein Gluͤck fuͤr den guten Ritter, daß er unter ſeiner erſten Ruͤſtung noch einen fur Pfeile vollkommen undurchdringlichen Panzer von Toledaniſchem Stahl trug, den ihm ein gewiſſer Jude Namens Iſaak von York, welchem er vor einigen Jah⸗ ren bedeutende Dienſte geleiſtet, verehrt hatte. Wenn Koͤnig Richard nicht uͤber das fortwaͤh⸗ rende Mißlingen ſeiner Angriffe auf das Schloß in ſol— cher Wuth geweſen waͤre, daß in dem loͤwenherzigen — — Monarchen alles Gerechtigkeitsgefuhl erſtickt war, ſo wurde er der Erſte geweſen ſein, der die Tapferkeit Sir Wilfrieds von Jvanhoe anerkannte, und ihm im Laufe der Belagerung wenigſtens ein Dutzend Mal den Titel eines Pairs und das Großkreuz des Bathordens gegeben haben, denn Jvanhoe fuͤhrte mehr als ein Du⸗ tzend Stuͤrme an, und tödtete mit eigener Hand eben ſo viele Feinde (naͤmlich zweitauſend dreihundert und ein und funfzig) weniger ſechs, wie der loͤwenherzige Monarch ſelbſt. Aber Se. Majeſtat war uber die Ta⸗ pferkeit des treuen Dieners nicht ſowohl erfreut als aͤrgerlich, und alle Hoͤflinge, die Jvanhoe wegen ſeiner großen Tapferkeit und Geſchicklichkeit haßten (denn 3 er konnte ſeine paar Hundert Chaluſer nur ſo weg tödten, waͤhrend die ſtaͤrkſten Helden im koͤniglichen Heere nicht mehr als ihre zwei Dutzend des Tages ab⸗ fertigen konnten), vergifteten den Geiſt des Koͤnigs gegen Sir Wilfried, und bewirkten, daß Se. Majeſtät deſſen Waffenthaten mit ſcheelen Augen anblickte. Roger de Backbite erzählte dem Koͤnig höhniſch, daß Sir Wil⸗ fried ſich zu einer gleichen Wette erboten habe, daß er bei dem naͤchſten Sturm mehr Feinde als Richard ſelbſt erſchlagen wuͤrde; Peter de Joordhole, daß Jvan⸗ 1 hoe uͤberall ſage, Se. Majeſtäͤt waͤre nicht mehr der Alte, die Vergnuͤgungen und das Trinken haͤtten ihn geſchwächt, er könne weder mehr reiten noch einen Streich mit dem Schwerte oder der Streitart fuͤhren 4 wie vor Alters in Polsſtina und bei dem fuͤnf und zwanzigſten Sturme, durch den ſie die Burg beinahe eingenommen haͤtten, und bei dem Jvanhoe ſieben und Se. Majeſtaͤt ſechs von den Soͤhnen des Grafen von Chalus erſchlug, waͤre es bald um Jvanhoe ge ſchehen, indem er ſein Panier vor dem des Koͤnigs auf die Mauer pflanzte, und er rettete ſich nur dadurch vor gaͤnzlicher Ungnade, daß er im Verlaufe jenes verzwei⸗ felten Kampfes Sr. Majeſtaͤt zu verſchiedenen Malen das Leben rettete. Dann machten dem ungluͤckſeligen Ritter ſelbſt ſeine Tugenden — wie es meinen verehrten Leſern ohne Zweifel bekannt ſein wird — unter den Maͤnnern Feinde, und eben ſo wenig konnten ihn die Frauen leiden, welche das Lager des Koͤnigs frequentirten. Der vergnuͤgungsſuͤchtige Monarch war naͤmlich von ſeiner jungen Gemahlin und einem glaͤnzenden Damen⸗ hofe begleitet. Se. Majeſtaͤt pflegte des Morgens Staatsgeſchaͤfte abzumachen, dann vom Fruͤhſtuͤck bis etwa drei Uhr Nachmittags heftig zu kaͤmpfen, von dieſer Zeit aber bis Mitternacht gab es in den koͤnigli⸗ chen Zelten nichts als Tanzen und Singen, Schmau⸗ ſen und Zechen. Jvanhoe, der aus Hoͤflichkeit einge⸗ laden wurde und durch das Ceremoniell gezwungen war, dieſen Unteeltungen beizuwohnen, kuͤmmerte ſich nicht um die Reize der gegenwaͤrtigen Damen, machte ein Geſicht wie ein Leichenbitter bei ihrem Lieb⸗ aͤugeln und Tanzen, und war ein wahrer Freudenſtoͤ⸗ rer bei den Feſtlichkeiten. Sein Lieblingsaufenthalt Rebecka und Rowena. 3 und Geſpräͤch war mit einem ſtrengen Eremiten, der in der Naͤhe von Chalus lebte und mit welchem Jvan⸗ hoe lieber uͤber Palaͤſtina und die Juden und andere ernſthafte und wichtige Sachen ſprach, als er ſich unter die heiterſten Feſtlichkeiten des Koͤnigshofes miſchte. Gar manchen Abend, wenn die Königin und die Da⸗ men Quadrillen und Polka's tanzten, (worin Se. Ma⸗ jeſtaͤt, die nicht nur ungeheuer groß, ſondern auch eben ſo breit und dick war, figurirte, und wobei er ſich etwa ſo graziös ausnahm, wie ein Elephant, der die Menuet tanzt) pflegte ſich Jvanhoe vom Balle fortzuſtehlen, und mit ſeinem ehrwuͤrdigen Freunde im Mondſcheine die Nacht zu durchplaudern. Es that ihm weh, einen Mann von dem Alter und Umfang des Königs mit den jungen Leuten umherſpringen zu ſehen. Sie lach⸗ ten Se. Majeſtaͤt aus, waͤhrend ſie ihm ſchmeichelten. Die Pagen und Hofdamen aͤfften den koöniglichen Springer faſt vor ſeinen ſichtlichen Augen nach, und wenn Jvanhoe je haͤtte lachen koͤnnen, ſo wuͤrde er es ſicher eines Abends gethan haben, wo der Koͤnig in hellblauen Atlasbeinkleidern und gepudertem Haar ge⸗ ruhte die Menuet de la cour mit der kleinen Koͤnigin Berengaria zu tanzen. Dann nach dem Tanzen mußte es Sr. Majeſtät noch einfallen, eine Guitarre bringen zu laſſen und zu ſingen. Er componirte, wie es hieß, ſeine Lieder, die Worte wie die Muſik ſelbſt, aber diejenigen, welche Lord Campobello's Lebensbeſchreibungen der Lordkanzler * . geleſen haben, wiſſen, daß es eine Perſon, Namens Blondel gab, die eigentlich den ganzen muſikaliſchen Theil der Lieder des Koͤnigs machte, und was die Worte betrifft, ſo konnen wir uͤberzeugt ſein, daß es, wenn ein Koͤnig Verſe ſchreibt, Leute genug giebt, die ſeine Gedichte bewundern. Se. Majeſtaͤt konnte Einem eine Ballade, von der er jede Idee geſtohlen, nach einer Meledie vorſingen, die auf allen Leierkaͤſten der Chriſtenheit zu hoͤren war, ſich dann zu ſeinen Hoͤflingen wenden, und ſa⸗ gen: „Wie gefaͤllt Euch das? ich habe es heute fruͤh ſo hingeworfen;“ — oder: Blondel, was haͤltſt Du von dieſer Klauſe in B?“ oder was noch Alles. Und die Hoͤflinge und Blondel pflegten dann als echte Heuch⸗ ler aus Leibeskraͤften zu applaudiren. Eines Abends, es war der Abend des 27. Maͤrz 1199, regalirte Se. Majeſtaͤt, die ſich in muſikaliſcher Stimmung befand, den Hof mit einer Quantitaͤt ſei⸗ ner ſogenannten Compoſitionen, bis es die Leute muͤde waren in die Haͤnde zu klatſchen und ſich in's Faͤuſt⸗ chen zu lachen. Zuerſt ſang er eine Originalro⸗ manze und Melodie, welche anfing: Ergoͤtzt Euch am Leben, Weil noch das Laͤmpchen gluht, Pfluͤcket die Relke, Eh' ſie verbluͤht u. ſ. w. und war bereit einen koͤrperlichen Eid darauf abzule⸗ gen, daß er ſie erſt vorgeſtern componirt habe. 3* — Dann ſang er eine eben ſo originelle herviſche Melodie, welche anfing: „Du Schwert an meiner Rechten, Was ſoll Dein heitres Fechten“ u. ſ. w Die Hoͤflinge applaudirten bei dieſem Liede ge⸗ rade ſo wie bei dem erſten, nur Jvanhoe nicht, der, ohne einen Muskel ſeines Geſichts zu verziehen, daſaß, bis ihn der Koͤnig fragte, worauf der Ritter mit einer Verbeugung ſagte: „Er glaube, er habe ſchon an⸗ derswo etwas der Melodie und den Worten ſehr Aehn⸗ liches gehoͤrt.“ Se. Majeſtaͤt warf ihm einen wuͤthenden Blick unter ihren rothen buſchigen Augenbraunen hervor zu, aber Jvanhoe Fatte an jenem Tage dem Koͤnig das Leben gerettet und dieſer zuͤgelte daher ſeine Entruͤ⸗ ſtung, wenn auch nur mit Schwierigkeit. „Nun,“ ſagte er, „bei St. Richard und St. George, Du haſt dieſes Lied noch nie gehoͤrt, denn ich habe es heute Nachmittag componirt, als ich nach dem Gefechte mein Bod nahm, nicht wahr, Blondel?“ Blondel war natuͤrlich bereit, zu ſchwören, daß Se. Majeſtaͤt ſo gethan hatte, wie er ſagte, und der König begann ſeine Guitarre mit ſeinen großen rothen Fingern und Daumen zu ſpielen, und außer allem Takte und Tone Folgendes zu ſingen: Die Beherrſcher der Glänbigen. „Der Papſt, er iſt ein froher Mann, Er lebt in ſeinem Vatican — — Und dort trinkt er, ſo viel er kannz Der Papſt, er iſt ein froher Mann. Ich ſage oft, wenn ich daheim: Ich moͤchte doch der Papſt wohl ſein. Und dann iſt Sultan Saladein, Die ſchoͤnſten Weiber nennt er ſein, Der Sultan lebt in Saus und Braus, Er wohnt in einem ſchoͤnen Haus. Ich wuͤnſche oft, ich moͤchte ſein Der tuͤrk'ſche Sultan Saladein. Der Papſt, er iſt ein armer Wicht, Kein ſchoͤnes Weibchen nimmt ihn nicht; Der Sultan trinket keinen Wein, D'rum mocht' ich auch nicht Sultan ſein. Ich liebe Weiber, liebe Wein, Moͤcht' weder Papſt noch Sultan ſein.“ „Encore, encore! Da capo, Bravo!“ Alle ap⸗ plaudirten aus Leibeskraͤften, als der Koͤnig mit ſeinem Liede zu Ende war, Alle, nur Jvanhoe nicht, der ſeine abſcheuliche Gravitaͤt bewahrte, und als ihn Roger de Backbite laut fragte, ob er das auch gehoͤrt habe, feſt antwortete: „Ja, Roger de Backbite, und Du auch, wenn Du nur die Wahrheit zu ſprechen wagteſt.“ „Nun bei St. Caͤcilie, ich will keine Guitarre wieder anruͤhren!“ ſchrie der Koͤnig wuͤthend, „wenn nicht jede Note, jeder Gedanke und jedes Wort mein iſt. Ich will morgen im Kampfe umkommen, wenn das Lied nicht mein Lied iſt. Singe Du ſelbſt, Wil⸗ — — fried mit dem Laternengeſichte; in alten Zeiten haſt Du huͤbſche Lieder fertig gebracht.“ Und der König, der brutale, praktiſche Spaͤße liebte, warf Jvanhoe mit gezwungenem Lachen ſeine Guitarre aus Leibeskraͤften an den Kopf. Sir Wilftied fing ſie grazioͤs mit der einen Hand auf, machte ſeinem Souverain eine elegante Verkeu⸗ gung, und begann wie folgt zu ſingen: Rönig Cannt. Konig Canut war ermuͤdet, hatte zwanzig Jahr regiert, Viel geſchlachtet und gemordet, viel geraubt und viel tur⸗ niert, und er dacht' an ſeine Thaten, wie am Meer er hin⸗ marſchiert. Zwiſchen dem Kanzler und Biſchof ſchritt der König lang⸗ ſam her, Hinter ihm die Kammerherren und der Hofbeamten Heer. Kapellane, Adjutanten und des Ungeziefers Meer. Wie ſein Schatten fo'gen Alle, ſtehen, wenn er ſtehen bleibt, Wenn er ſeine Stirne runzelt, Jeder ſchnell das Gleiche treibt, Oder wenn ihm's Lachen luͤſtet, Luſt auf ſeine Fratze ſchreibt. 's war ihm was der Quer gegangen, das merkt Jeder, Alt wie Jung; Dreimal hat er heut gegaͤhnet, trotz des Minſtrel⸗Liedes Schwung, Als die Koͤn'gin ihn wollt' troſten, ſagt er: „Halte Deine Zung'.“ „Was fehlt wohl dem gnäd'gen Herrn!“ rief des Hofes erſte Groͤße, „Iſt ihm etwas nicht bekommen — die Lampreten oder Kloͤße ?“ „Pah, das iſt's nicht, was ich fuhle,“ rief darauf der Ko⸗ nig boͤſe. 3 „s iſt das Herz und nicht die Speiſen, Nero, was meine Ruhe ſtoͤrt. Sorgen ſind es, was das Leben einem Mann wie mir erſchwert, Ich bin muͤde!“ und ſie riefen: „bringt des Koͤnigs Lehn⸗ ſtuhl, hoͤrt!“ Mit dem Lehnſtuhl, den der Koͤnig ſtets auf allen Rei⸗ ſen fuͤhrt, Kommen zwei Lakaien eilig und behend herbeimarſchiert. Matt ließ er darauf ſich nieder, er war ſehr bequem wattiert. „Meine Helden fochten tapfer!“ rief er, „wie der Feinde keine. Ich hab' überall geſieget, welcher Ruhm iſt wie der meine!“ und des Hofes Leute ſchrieen: „Welcher Ruhm iſt wie der Deine!“ „Doch was nutzen meine Reiche, muͤde bin ich nun und alt, Meine jungen ruͤſt'gen Soͤhne wuͤnſchen mich jetzt todt und kalt. Waͤr' ich's doch und ſchon begraben, und das noch dazu recht bald! O die Reue, dieſe Schlange, die an meinem Herzen nagt, Grauſ'ge Dinge muß ich ſehen um mein ſchlaflos Bett bei Nacht, Wenn ich auch, mich zu verſtecken, ſtets das Nachtlicht ausgemacht. Städte brennen, Klöſter lodern, wie mit rothen Höl⸗ lenflammen, Muͤtter weinen, Kinder kreiſchen, deren Väter man zu⸗ ſammen Haut!“ „O welch' ein zart Gewiſſen es iſt bei einem Lammen,“ Ruft der Biſchof, „wollt nicht laͤnger ſolche Bilder in Euch wecken. Denn die Kirche hat verziehen alle ſolche Noth und Schrecken, und ſie läſſet, die begabet, nie im Suͤndenkothe ſtecken. Sieh, im Lande ragen Kirchen, die von Deinem Geld erbaut, Kloſter, worin fromme Maͤnner ſtets Dein Lob verkuͤn⸗ den laut, Ich bin wirklich ganz verwundert, daß Du ſo den Tod erſchaut.“ * „Nein, ich fuͤhle,“ ſpricht der Koͤnig, „daß mein Leben kurz gemeſſen.“ Da verſuchen ſeine Diener ſich ein Thränchen auszupreſſen, Rufen: „Du biſt ſtark und kraͤftig, kannſt noch manchen Braten eſten.“ Und der Biſchof hebt die Hände, und er ſchreit mit from⸗ mer Gluth: „Manchen Braten! ſeid Ihr raſend, ſpricht man ſo zu Koͤnig Gnut? Er kann tauſend Jahre leben, wenn's zu wollen er geruht. Adam, Enoch, Lamech, Canan, Mahalil, Methuſalem Sind neunhundert Jahr geworden, kann's nicht auch der Koͤnig — hem?“ „Ja,“ erwiderte der Kanzler, „ja, das kann er ganz bequem.“ „Er und ſterben!“ ſprach der Biſchof, „das wird nie fuͤr ihn ein Muß. Er wird nicht vom Tod beruhret, der communis omnibus; Kanzler, nur wir Andern muͤſſen einmal knacken dieſe Nuß. Mußte einſt die Sonne ſtehen auf des Judenbengels Wort, Bis er ſeinen Feind geſchlagen nebſt dem Mond am Him⸗ mel dort, und was Jener, kann gewiß auch unſers Dänenreiches Hort.“ „Kann der Sonne ich gebieten, guter Biſchof?“ rief Canut, „Kann dem Silbermond befehlen ich, daß er am Him⸗ mel ruht? Nun, wenn mir die Sterne folgen, dann gehorcht mir auch die Fluth. Werden wohl des Meeres Wellen auf Befehl gehorchen mir?“ und der Biſchof ſpricht gefuͤgig: „Land und Meer geho⸗ ren Dir!“ Drauf der Koͤnig draͤut dem Meere: „Weiche Du zuruͤck von hier!“ Doch der Ozean erwidert den Befehl mit dumpfem Brauſen, und läßt ſchneller ſeine Wellen auf den Strand herein noch ſauſen, Und der und der Biſchof, und der Hofſtaat ſieht's mit Grauſen. und der Koͤnig ſagt mit Zuͤrnen: „Kniet nicht mehr vor ird'ſchem Staub, Denn er faͤllt dem hoͤhern Willen, und dem Tode bald zum Raub.“ und ſeit jenem Tage trug er ſeine gold'ne Kron' nicht mehr. König Canut iſt geſtorben, Schmeichler giebt's noch jetzt ein Heer. Ueber dieſe Ballade, die freilich entſetzlich lang, und ſo ernſthaft wie eine Predigt war, kicher— ten Einige von den Hoͤflingen, Andere gaͤhnten und nach Andere thaten als ob ſie ſchliefen und ge⸗ radezu ſchnarchten. Aber Roger de Backbite, der durch dieſe letztere Gemeinheit die Gunſt des Koͤnigs zu er⸗ langen hoffte, erhielt von Sr. Majeſtaͤt eine Backpfeife, die ihn ſicherlich aufgeweckt hat. Und Richard ſagte zu ihm: „Hoͤrſt Du, Sklave, und ſei höflich, Wilfried ſingt von Dir — Wilfried, Deine Ballade iſt lang, aber es ſteckt etwas darin, und ich bin durch Deine Predigt abgekuͤhlt worden. Gieb mir Deine Hand, ehrlicher Freund. Gute Nacht, meine Damen. Ihr —— — Herren, morgen wird der Hauptſturm erfolgen, und dann, Wilfrind, verſpreche ich Dir, ſoll Dein Panier dem meinigen nicht zuvorkommen.“ Und der Koͤnig gab Ihrer Majeſtaͤt den Arm, und zog ſich mit ihr in ſeinen Privatpavillon zuruͤck. Drittes Rapitel. St. Georg für England. Waͤhrend Koͤnig Richard und ſein Hof im Lager vor den Mauern von Chalus ſchmauſ'ten, befanden ſich die Belagerten in dem klaͤglichſten Zuſtande, den man ſich nur vorſtellen kann. Der Hunger ſo wie die wuͤthenden Stuͤrme der Belagerer hatten furchtbare Verheerungen in der Burg angerichtet. Die Korn⸗ und Viehvorräthe der Beſatzung, ſelbſt ihre Pferde, Hunde und Eſel waren aufgezehrt, ſo daß Wamba mit Recht ſagen konnte, daß Hungersnoth und das Schwert die Beſatzung verduͤnnt habe. Wenn die Chaluſer auf die Mauern kamen, um ſie gegen die Soldaten Koͤnig Richards zu vertheidigen, ſo glichen ſie geruͤſteten Ske⸗ letten. Sie konnten zuletzt kaum mehr ihren Bogen ſpannen oder Steine auf die Koͤpfe des Heeres Sr. Majeſtaͤt hinabwerfen, ſo ſchwach waren ihre Arme geworden, und der rieſenhafte Graf von Chalus, ein Krieger, der durch ſeine Kraft und Leibesgroͤße eben ſo beruͤhmt war wie Richard Plantagenet ſelbſt, ver⸗ mochte kaum noch an dem Tage des letzten Sturmes die Streitaxt zu heben, als er von Sir Wilfried von — Jvanhoe durch den ... doch wir greifen der Ge⸗ ſchichte vor. Was koͤnnte mich verhindern, die Qualen des Hungers zu beſchreiben, welche der Graf — ein Mann von ſehr geſundem Appetite — in Gefellſchaft ſeiner heldenmuͤthigen Soͤhne und Beſatzung erlitt? — Nichts! nur daß Dante die Geſchichte in der bekannten Erzählung vom Grafen Ugolino bereits ausgefuͤhrt hat, ſo daß meine Verſuche dazu fuͤr bloße Nachahmung ausgegeben werden moͤchten. Warum ſollte ich nicht, wenn ich Luſt haͤtte, mich an entſetzlichen Beſchrei⸗ bungen zu erletzen, erzaͤhlen, wie die halbverhungerte Garniſon das Loos warf und ſich gegenſeitig waͤhrend der Belagerung aufzehrte, und wie das ungluͤckliche Loos auf die Graͤfin von Chalus fiel, und die helden⸗ muͤthige Frau, nachdem ſie von ihrer Familie zaͤrtlichen Abſchied genommen, ihren großen Keſſel in der Schloß⸗ kuͤche zum Kochen bringen, Zwiebeln, Mohrruͤben und Kraut, Pfeffer und Salz hinein thun ließ, um eine wohlſchmeckende Suppe zu machen, wie ſie die Fran⸗ zoſen lieben, und ſobald Alles fertig war, ihre Kinder kußte, von einem Kuͤchenſtuhl in den Keſſel ſprang und ſo in ihrem Flanellſchlafrocke gekocht wurde? Liebe Freunde, es geſchieht nicht aus Mangel an Einbil⸗ dungskraft, oder weil ich keine Neigung fuͤr das Ent⸗ ſetziche oder Leidenſchaftliche beſäße, daß ich Euch mit dieſen Einzelnheiten verſchone. — Ich koͤnnte Euch eine Beſchreibung machen, die Euch den Appetit zum Mittagseſſen und die Nachtruhe verderben und Euer Haar zum Straͤuben bringen wuͤrde — aber weshalb ſoll ich Euere Gefuͤhle auf die Folter ſpannen? Stellt Euch alle Qualen und Schrecken vor, die möglicher Weiſe in einem belagerten und ausgehungerten Schloſſe ſtattfinden koͤnnen, denkt Euch die Gefuͤhle von Leu⸗ ten, die wiſſen, daß ſie nicht mehr Gnade erhalten wer— den, als wenn ſie friedliche ungariſche Buͤrger waͤren, die Se. Majeſtät der Kaiſer von Oeſtreich aus den Bet⸗ ten holen laͤßt, und dann wollen wir auf die Mauern eilen und uns noch einmal dem Sturme des furcht⸗ baren Koͤnigs Richard und ſeiner Leute entgegenſtellen. Am 29. Maͤrz des Jahres 1199 ließ der gute Koͤnig, nachdem er ein reichliches Fruͤhſtuͤck zu ſich ge⸗ nommen, die Trompeten blaſen und ruͤckte mit ſeinem Heere auf die Breſche des Schloſſes Chalus los. Arthur de Pendennis trug ſein Panier, Wilfried von Jvanhoe kaͤmpfte zur Rechten des Konigs, Molyneux, Biſchof von Bullockmithy, legte fuͤr jenen Tag Mitra und Krummſtab bei Seite und keuchte, trotz ſeiner Be⸗ leibtheit, auf's Entſchloſſenſte die Breſche hinan, indem er Kriegsſchreie und Fluͤche ausſtieß und eine ungeheuere eiſerne Keule ſchwang, womit er gewaltige Verwuͤ⸗ ſtungen anrichtete. Hugo de Backbite mußte ſeinen Souverain be⸗ gleiten, nahm ſich aber wohl in Acht, hinter ſeinem hohen Herrn hervorzukommen, und ließ ſich ſo viel äls moglich von deſſen großem dreieckigem Schilde ſchuͤtzen. Viele Maͤnner von Beruͤhmtheit folgten dem Koönig und trugen die Leitern, und als dieſe gegen die Mauern geſtellt wurden, verdunkelte ſich die Luft von dem Pfeil⸗ regen, welchen die engliſchen Bogenſchuͤtzen uͤber die Belagerten ausgoſſen, und dem Strome von Steinen, Keſſeln, Stiefelknechten, Kommoden, Waſchbecken, Re⸗ genſchirmen, Congreveſchen Raketen, Bomben, Bolzen und Pfeilen und anderen Wurfgeſchoſſen, womit die verzweifelte Garniſon die Stuͤrmenden empfing. Der König erhielt eine kupferne Kohlenſchaufel gerade uͤber die Augen, und auf ſeinen Helm wurde ein Mahagony⸗ kleiderſchrank geworfen, der einen Stier zu Boden hätte ſchlagen können und dem Könige das Lebenslicht ausgeblaſen haben wuͤrde, wenn ihn nicht Jvanhoe geſchickt parirt haͤtte. Sie ruͤckten aber unerſchrocken vorwärts, obgleich die Krieger um ſie her ſanken wie Gras unter der Senſe des Schnitters. Die Leitern wurden trotz des rings umher nieder⸗ ſauſenden Todeshagels angelegt, und der Konig und Jvanhoe waren natuͤrlich die Erſten, welche hinauf⸗ ſtiegen. Chalus ſtand auf der Breſche, die Verzweif⸗ lung lieh ihm neue Krafte, er ſchrie: „Ha, Plantagenet, St. Barbacue fuͤr Chalus!“ und ließ dem Koͤnig mit ſeiner Streitaxt einen Hieb uͤber den Helm weg angedeihen, der den vergoldeten Loͤwen und die Krone, womit die Stahlhaube geziert war, hinwegſchnitt. Der Koͤnig ſchwankte zuruͤck, die Stuͤrmenden geriethen in Schrecken, die Garniſon und der Graf von Chalus ließen ein Triumphgeſchrei er⸗ ſchallen, aber es war voreilig. Mit Gedankenſchnelle fuhr Jvanhoe mit einem Terzſtoße auf den Grafen zu, der ihn gerade an den Fugen der Ruͤſtung traf, und rannte ihn durch und durch wie der Bratſpieß das Rebhuhn. Er ſtieß einen jammerlichen Schrei aus und fiel in Todeszuckungen zuruͤck. Der König erholte ſich wieder, ſchwankte auf die Zinne, die Ritter folgten und die engliſche Fahne wurde triumphirend auf die Mauern gepflanzt, gerade als Jvanhoe — aber wir muͤſſen ihn auf einen Au⸗ genblick verlaſſen. „Ha, St. Richard! Ha, St. George!“ ertoͤnte die furchtbare Stimme des Koͤnigs uͤber das lauteſte Gebruͤll des Kampfes. Mit jedem Streiche ſeiner Klinge flog ein abge⸗ ſchlagener Kopf uͤber die Bruſtwehr, ſturzte ein bluten⸗ der Rumpf auf die Steine des Zwingers. Die Welt hat nie einen Krieger geſchen, wie den loͤwenherzigen Plantagenet, als er durch die Burg raſete, während ſeine Augen durch die Gitter ſeines Viſirs Feuer blitzten und er in heißer Kampfluſt ſchnaubte. Die enkants de Chalus waren eines nach dem andern gefallen, von dem ganzen tapfern Geſchlechte, das neben dem wackern Grafen gekämpft hatte, war nur noch eines geblieben — nur ein einziger Knabe, ein blondhaariger, blauaͤu⸗ giger Knabe, der noch erſt geſtern auf dem Felde Gäͤnſe⸗ — bluͤmchen gepfluckt, der vor wenigen Jahren noch als Säugling in den Armen ſeiner Mutter gelegen hatte. Was konnte ſein winziges Schwert gegen die furcht⸗ barſte Klinge der Chriſtenheit ausrichten — und doch hatte ſich Bohemund dem großen engliſchen Kaͤmpfer entgegengeſtellt und griff ihn an. Wendet Euch ab, wendet Euch ab, meine lieben jungen Freunde und mildherzigen Damen; blickt nicht auf den ungluͤcklichen, armen Knaben, ſeine Klinge zer⸗ ſplittert unter der Axt des Eroberers und das arme Kind wird auf die Kniee niedergeſchlagen! „Bei St. Barbacue von Limoges,“ ſagte Ber⸗ trand de Gourdon, „der Wuͤtherich wird doch nicht jenes Laͤmmchen niederſchlagen! Halt ein, Koͤnig, oder bei St. Barbacue —“ Mit Gedankenſchnelle hob der alte Krieger ſeine Armbruſt an die Schulter, — der Bolzen flog ſauſend von der ſchwirrenden Sehne und ſtack im naͤchſten Au⸗ genblicke zitternd im Bruſtharniſche Plantagenets. Es war ein ungluͤcklicher Schuß, Bertrand de Gourdon! Durch den Schmerz der Wunde zum Wahnſinn gebracht, wurde Richards thieriſche Natur erweckt, ſein ſataniſcher Blutdurſt ſtieg bis zur Tollheit; er knirſchte mit den Zähnen, und mit einem zu entſetzlichen Fluche als daß man ihn wiedergeben duͤrfte, fiel die blitzende Axt des königlichen Wuͤtherichs auf die blonden Locken des Rebecka und Rowena. 4 — Knaben nieder, und das letzte der Kinder von Chalus war gefallen! .. Ich habe dies nur der Beſchreibung wegen und um zu zeigen, was ſich thun ließe, wenn ich mich in die⸗ ſem Style ergehen wollte, niedergeſchrieben, aber wie in den Schlachten, die der freundliche Chroniſt beſchreibt, von deſſen einem Werke das vorliegende Meiſterſtuͤck dem Titel nach eine Fortſetzung iſt, Alles ganz ange⸗ nehm voruͤbergeht, die Leute todtgeſchlagen werden, ohne daß der Leſer eine unbehagliche Empfindung dabei hat, ja ſogar einige von den wildeſten und blutbefleck⸗ teſten Charakteren der Geſchichte durch den unuͤberwind⸗ lichen guten Humor des großen Novelliſten liebenswuͤr⸗ dige, joviale Geſellen werden, fuͤr die man herzliche Theilnahme fuͤhlt — ſo wollen wir, wenn Sie es er⸗ lauben, die Kampfgeſchichte in Chalus und die Garni⸗ ſon ſowie den ehrlichen Bertrand de Gourdon hiermit abgefertigt haben, Erſtere nach dem Gebrauche der gu⸗ ten alten Zeit durch Aufhaͤngen und Niedermetzeln bis auf den letzten Mann, und den Letztern auf die Weiſe, wie es der ſelige Doktor Goldſmith in ſeiner Geſchichte beſchreibt. Was den loͤwenherzigen Helden betrifft, ſo wiſſen wir Alle recht gut, daß der Bolzen Bertrands de Gour⸗ don dem königlichen Helden ein Ende machte — und daß er von jenem 29. Maͤrz an nie wieder raubte und mordete. Und wir haben in alten Buͤchern Legenden uͤber die Art wie der Koͤnig ſtarb. „Du mußt ſterben, mein Sohn,“ ſagte der ehr⸗ wuͤrdige Walter von Rouen, als Berengaria heulend aus dem Zelte des Koͤnigs gefuͤhrt wurde. „Bereue, König, und trenne Dich von Deinen Kindern!“ „Es läßt ſich mit einem Sterbenden ſchlecht ſcherzen,“ antwortete der Koͤnig; „Kinder habe ich nicht, guter Biſchof, die meine Beſitzungen erben koͤnnten.“ „Richard von England,“ ſagte der Erzbiſchof, indem er ſeine ſchoͤnen Augen erhob, „Deine Laſter ſind Deine Kinder. Der Ehrgeiz iſt Dein älteſtes Kind, die Grauſamkeit iſt das zweite, die Ueppigkeit das dritte, und Du haſt ſie von Jugend auf gepflegt. Trenne Dich von dieſen Suͤnden-Kindern und bereite Deine Seele, denn die Stunde des Scheidens iſt nahe.“ So gewaltthaͤtig, gottlos und ſuͤndig Richard von England auch geweſen war, ſo trat er dem Tode doch als Chriſt entgegen. Friede ſei mit der Seele des Tapfern! Als Philipp von Frankreich die Nachricht erhielt verbot er ſeinen Hoͤflingen ſtreng, uͤber den Tod ſeines Feindes zu jubeln. „Es iſt keine Sache der Freude, ſondern des Schmerzes,“ ſagte er, „daß das Bollwerk der Chriſtenheit und der tapferſte Koͤnig von Europa nicht mehr iſt.“ Was iſt unterdeſſen aus Sir Wilftied von Jvanhoe geworden, den wir verlaſſen, als er ſeinen 4 * Souverain rettete, indem er den Grafen von Chalus durch den Leib rannte? Als ſich der gute Ritter niederbeugte, um ſein Schwert aus der Leiche ſeines gefallenen Feindes zu ziehen, kam plötzich Jemand hinter ihm her und ſtieß ihm an einer Stelle, wo ſein Panzerhemd offen war, einen Dolch in den Koͤrper (denn Sir Wilftied hatte ſich an jenem Morgen in der Eile gewappnet, und pflegte nicht ſeinen Ruͤcken, ſondern ſeine Bruſt zu beſchuͤtzen.) Und als der arme Wamba auf den Wall kam, was er that, ſobald das Gefecht voruͤber war — denn er war ein ſolcher Narr, daß man ihn nicht dazu bringen konnte, blos um des Ruhmes willen ſeinen Kopf in die Gefahr zu ſtecken — fand er ſeinen lieben Ritter mit dem Dolch im Ruͤcken leblos auf der Leiche des Grafen von Chalus, den er vor Kurzem erſt erſchlagen hatte, liegen. O, welches Geheul der arme Wamba erhob, als er ſeinen Herrn getodtet fand! Wie er uͤber der Leiche jenes edeln Ritters und Freundes klagte! Was machte es fuͤr ihn aus, daß Koͤnig Richard verwundet in ſein Zelt getragen, und Bertrand de Gourdon lebendig ge⸗ ſchunden wurde? Zu andern Zeiten wuͤrde der Anblick dieſes Schauſpiels vielleicht den einfachen Schelm beluſtigt haben, aber jetzt richteten ſich alle ſeine Gedanken auf ſeinen ſo guten, ſo ſanften, ſo liebevollen, ſo redlichen, gegen die Großen ſo freimuͤthigen, gegen die Geringen — ſo milden, ſo wahrhaftigen, ſo beſcheidenen, ſo recht gentlemaniſchen Herrn, daß ihn Jeder mit dem beſten Grunde beklagen konnte. Als Wamba dem guten Ritter das Bruſtſtuͤck abſchnallte, fand er um ſeinen Hals ein Medaillon, in dem ſich etwas Haar befand, kein flachſenes, wie das der Lady Rowena, die faſt ſo blond wie ein Albino war, ſondern wie Wamba dachte, ſchwarzes, gleich den Locken des juͤdiſchen Mädchens, das der Ritter bei dem Turnier von Tempelstown gerettet hatte. Sir Wilfried hatte auch eine Flechte von Rowena's Haar im Beſitz, aber das lag in ſeinem Geldbeutel bei ſeinem Wappenpetſchaft und einigen wenigen Groſchen, denn der gute Ritter hatte nie Geld, ſo freigebig theilte er es aus, wenn ein Suͤmmchen bei ihm einlief. Wamba nahm die Börſe und das Siegel und die Groſchen, ließ aber die Haarlocke am Halſe ſeines Herrn hängen und ſagte, als er nach England zuruͤck⸗ kam, kein Wort davon. Woher haͤtte er auch wiſſen ſollen, von wem das Haar herruͤhrte? Es konnte ja am Ende gar von der Großmutter des Ritters ſein; und der Narr behielt die Wiſſenſchaft davon alſo bei ſich, als er der untroͤſtlichen Witwe die traurige Nach⸗ richt und die Wahrzeichen nach Rotherw ood brachte. Der arme Burſche wuͤrde die Leiche nicht ver⸗ laſſen haben und blieb ſogar die ganze Nacht uͤber bis — 51 — zum Morgengrauen bei ihr ſitzen, floh aber, als er zwei verdaͤchtig ausſehende Subjekte auf ſich zukommen ſah, denn er glaubte, daß es Marodeure ſeien, die unter den Leichen Beute machen wollten, und da er nicht den mindeſten Muth beſaß, riß er vor dieſen aus, ſtolperte die Breſche hinab und lief, ſo ſchnell ihn ſeine Beine tragen wollten, bis er die Zelte ſeines geliebten ſeligen Herrn erreichte. Die Nachricht von dem Tode des Ritters ſchien ſchon ſeit langer Zeit in ſein Quartier gelangt zu ſein, denn ſeine Diener hatten ſich entfernt und waren auf ſeinem Pferde hinweggeritten, ſeine Kiſten waren ge⸗ plundert, in ſeiner Kommode befand ſich nicht einmal mehr ein Vatermoͤrder und die treuen Dienſtleute hatten ſogar das Bett ſammt den Ueberzuͤgen bei Seite geſchafft. Wer hatte Jvanhoe erſchlagen? Es iſt bis auf den heutigen Tag ein Geheimniß geblieben, aber Hugo de Backbite, den er wegen Verleumdung an der Naſe gezogen und der ſich bei dem Sturme von Chalus hinter ihm befand, erſchien zwei Jahre ſpater am Hofe des Koͤnigs Johann in einer geſtickten Sammetweſte, die Rowena hätte als ihrer Hände Arbeit beſchwören können und woruͤber die Witwe einigen Lärm geſchlagen haben wuͤrde — nur — nur daß ſie keine Witwe mehr war. Daß ſie den Tod ihres Eheherrn aufrichtig be⸗ klagte, läßt ſich nicht in Frage ziehen, denn ſie be⸗ ſtellte die tiefſte Trauer, welche die Yorker Putz⸗ macherinnen liefern konnten und errichtete ihm ein Denk⸗ mal ſo groß wie ein Muͤnſter, aber ſie war eine Dame von ſo trefflichen Grundſätzen, daß ſie ſich nicht von ihrem Kummer uͤberwaͤltigen ließ, und da ſich bald eine Gelegenheit bot, um die beiden beſten ſächſiſchen Familien in England durch eine Verbindung zwiſchen ihr und dem Herrn, welcher ihr ſeine Hand antrug, zu bewirken, opferte Rowena ihre Neigung zum ledigen Leben ihrem Pflichtgefuͤhle auf und ging eine zweite eheliche Verbindung ein. 8 Daß Athelſtan der Mann war, wird wohl kein mit dem Leben und den Romanen (die ein Bild des Lebens und ſtreng natuͤrlich und erbaulich ſind) ver⸗ trauter Leſer auch nur auf einen Augenblick bezweifeln. Cardinal Pandulfo knuͤpfte den Knoten zwiſchen ihnen, und im Fall noch ein Zweifel an Jvanhoes Tod obwalten moͤchte (denn ſeine Leiche wurde nicht nach England geſchickt und von Keinem wieder geſehen, nachdem der arme Wamba davon hinweggelaufen war), verſchaffte ihnen Se. Eminenz eine paͤpſtliche Bulle, wodurch die fruͤhere Ehe fur nichtig erk aͤrt wurde, ſo daß Rowena mit gutem Gewiſſen Madame Athelſtan ward. Und wer wird uͤberraſcht ſein, daß Rowena mit dem einfältigen und luſtigen Than gluͤcklicher war als mit dem ſanften und traurigen Wilftied? Ich moͤchte wiſſen, ob vor der Zeit der Liebſchaft — Bottom's mit Titania nie ein Weib eine Vorliebe fuͤr Narren gehabt, oder ſich in einen Eſel verliebt hat. „Ach Mary, wenn Du nicht einen Eſel einem Manne vorgezogen haͤtteſt, wuͤrdeſt Du dann Hans Bray geheirathet haben, als ſich Dir ein Mann wie ich anbot?“ — „Ach, Fanny, wuͤrdeſt Du, wenn Du nicht ein Weib wäreſt, darauf beharren, Tom Hiccups anzubeten, der Dich ſchlägt und betrunken aus dem Clubb nach Hauſe kommt?“ Ja, Rowena machte ſich tauſendmal mehr aus dem Trunkenbold Athelſtan, als je aus dem milden Jvanhoe und ihre Verblendung uͤber den Erſteren war ſo groß, daß ſie ſich in Gegenwart aller ihrer Maͤgde auf ſein Knie ſetzte und ihn ſogar in ihrem Geſellſchaftszimmer ſeine Cigarre rauchen ließ. Folgendes iſt die Grabſchrift, die ſie von Peter Drono, der ſich viel auf ſeine Latinitaͤt einbildete, fuͤr den Denkſtein ihres ſeligen Eheherrn ſchreiben ließ: Hic eſt Guilfridus, belli dum virit avidus; Cum gladio et laucea, Kormanniart quoque Francia Perbera dura dabat: per Curcos mültum equitaba: Guilbertum vrridit: atque Hieroſolyma vidit. Hen! nunc ſub foſſa ſunt tanti militis vſſa, Uror Athelſtani eſt ronzur raſtiſſima Ehani. Und dies iſt die Ueberſetzung, welche der reimende Schelm Wamba von den lateiniſchen Verſen machte: Requiescat. unter dem Steine hier haben Sie den Sir Wilfried begraben, Ein'n Mann von großen Gaben. Er war mit Schwert und Lanzen Immer der Erſte beim Tanzen, Focht in Flandern und bei den Franzen. „ Gegen die wilden Heiden That' er tuͤchtig ſtreiten und viel zum Kampfe reiten. Brian, den Luͤgenmagen, Hat er im Kampf erſchlagen, That ſich auch nach Jeruſalem wagen. Nun liegen ſeine Gebeine Unter dem kalten Steine und ich ſitze da und greine. Lange nach ſeinem Beſtatten Beweinte die Witwe den Gatten, Der nun im Lande der Schatten. Aber nach einiger Zeit, Die ſie dem Kummer geweiht, „Hat ſie den Lord Athelſtan gefreit. — Athelſtan brach, als er es hoͤrte, bei der letzten Zeile in ein lautes Lachen aus, aber Rowena wollte den Narren peitſchen laſſen und wuͤrde es auch gethan haben, wenn nicht der Than fuͤr ihn gebeten haͤtte, und ihm, ſagte ſie, könne ſie Nichts ab⸗ ſchlagen. Piertes Bapitel. Ivanhoe redivivus. Ich hoffe, daß Niemand nach den im vorigen Kapitel beſchriebenen Ereigniſſen glauben wird, daß unſer Freund Jvanhoe wirklich todt ſei. Daß wir ihm eine oder ein paar Grabſchriften und ein Monu⸗ ment gegeben haben, ſind noch keine Gruͤnde fuͤr ſein Ausſcheiden aus der wirklichen Welt. Nein, wie es in der Pantomime geht, wo, wenn wir ſehen, daß Pantalon und der Toͤlpel dem Harlekin die Augen zu⸗ druͤcken und ihn beweinen, wir ſtets ſicher ſind, daß Meiſter Harlekin in der nächſten Minute wieder mun⸗ ter und in ſeinem ſchimmernden Rocke Beiden ein paar Ohrfeigen geben und einen Tanz mit Colombinen machen, oder munter durch das Zifferblatt der Uhr oder durch das Fenſter des dritten Stockwerks ſpringen wird — ſo kann auch Sir Wilfried ein wenig durch den Leib gerannt werden oder thun, als ob er todt wäre, wird aber ſicherlich wieder aufſtehen, wenn es nöthig wird, und ſich im rechten Augenblicke zeigen. Die verdächtigen Subjekte, vor denen Wamba davon lief, waren keine Gurgelabſchneider und Pluͤnde⸗ — 60 — rer, ſondern kein Anderer als Jvanhoe's Freund, der Eremit, und ein hochwuͤrdiger College deſſelben, die das Schlachtfeld beſuchten, um zu ſehen, ob noch Chri⸗ ſten dort lebten, deren Beichte ſie hoͤren und fuͤr den Himmel abfertigen, oder denen ſie ihre Dienſte als Aerzte anbieten koͤnnten. Beide waren in der Heilkunſt ungeheuer erfahren und fuͤhrten jene koͤſtlichen Elipire bei ſich, die in den Romanen ſo oft vorkommen, und mit denen die Patienten ſo wunderbar wiederhergeſtellt werden. Der arme Wamba ließ bei ſeiner Flucht den Kopf des Ritters etwas heftig zu Boden fallen, und wenn der Schelm nur eine Minute laͤnger geblieben waͤre, ſo wuͤrde er gehoͤrt haben, wie Sir Wilfried ein tiefes Aechzen ausſtieß. Obgleich ihn aber der Narr nicht hoͤrte, ſo thaten es doch die frommen Einſiedler, und den tapfern Wilfried erkennen, den immer noch in ſeinem Ruͤcken ſteckenden ungeheueren Dolch herauszie⸗ hen, die Wunde mit einer Quantitaͤt des koͤſtlichen Elixirs waſchen und ein wenig davon in ſeinen Mund ſchuͤtten, war bei den trefflichen Eremiten das Werk eines Augenblicks, und nachdem dieſe Mittel angewendet worden waren, ergriff der Eine von den guten Maͤn⸗ nern den Ritter bei den Ferſen, der Andere ihn am Kopfe, und ſo trugen ſie ihn vorſichtig von dem Schloſſe nach ihrer Einſiedelei in einen benachbarten Felſen. Was den Grafen von Chalus und die uͤbrigen — Erſchlagenen betrifft, ſo waren die Eremiten zu ſehr mit Jvanhoe beſchaͤftigt, um ſie zu beachten, und gaben ihnen, wie es ſcheint, kein Elixir, ſo daß ſie, wenn ſie wirklich todt ſind, ſtarr und kalt auf dem Walle liegen bleiben, oder wenn ſie das nicht ſind und der Vorhang uͤber ihnen faͤllt, wie jetzt, aufſtehen, ſich ſchuͤtteln, in die Couliſſen gehen und ein Glas Bier trinken oder ihre Buͤhnenkleider wechſeln und ſich nach Hauſe zum Abendeſſen begeben. Ihr moͤgt die Sache unter Euch ausmachen wie es Euch gefaͤllt, liebe Leſer. Wenn Ihr die Perſonen wirklich umbringen wollt, ſo laßt ſie todt bleiben und abgethan ſein, aber, unter uns geſagt, ich glaube, daß ſie eben ſo wenig todt ſind wie Ihr und ich, und zweifle mitunter daran, daß auch nur ein wahres Wort an dieſer ganzen Geſchichte iſt. Nun, Jvanhoe wurde in die Zelle der Eremiten gebracht und ſeine Wunden dort von den frommen Vaͤtern behandelt; ſie waren aber von ſo ernſter und gefährlicher Natur, daß er ſich ſehr lange unter aͤrztli⸗ cher Behandlung befand. Denkt Euch ſein Erſtau⸗ nen, als er aus ſeinem Delirium erwachte und fragte, wie lange er krank geweſen ſei, und hoͤrte, daß er ſechs Jahre lang im Fieber gelegen habe. Er glaubte an⸗ faͤnglich, die ehrwuͤrdigen Vaͤter ſpaßten, aber das ver⸗ bot ihnen ihr Stand, und uͤbrigens konnte er wohl nicht eher geneſen, weil die Geſchichte aus dem Leime gegangen ſein wuͤrde, wenn er aufgetreten waͤre. Und ſehr wie ſeine eigenen Privatangelegenheiten und ich — es beweiſ't, wie gut die Eremiten gegen ihn waren und wie nahe der Dolch des Schuftes Hugo de Backbite daran geweſen war, ihn zu tödten, daß er erſt nach ſo langer Zeit wieder genas und unterdeſſen von den frommen Vaͤtern gepflegt wurde, ohne daß ſie auch nur an ein Honorar gedacht hatten. Ich kenne in unſerer Stadt einen freundlichen Arzt, der mitunter oft daſſelbe thut, aber ich will ihm nicht den ſchlechten Dienſt er⸗ weiſen, hier ſeinen Namen zu nennen. Jvanhoe, der jetzt ſchnell geſund wurde, verſchnitt ſeinen Bart, der ſo lang geworden war, daß er darauf trat, ließ ſeine Ruͤſtung bringen, die ſich fruͤher ſo nett wie ein Handſchuh an ſeine elegante Geſtalt geſchloſſen hatte, und legte ſie an, aber ſie hing ſo locker an ihm herum und klapperte ſo, daß ſelbſt die guten Moͤnche uͤber ſein abgeſchmacktes Ausſehen lachten. Er konnte unmoͤglich in einem ſolchen Aufzuge das Land durch⸗ ziehen, die Gaſſenjungen wuͤrden ihm uͤberall nachge⸗ laufen ſein, und die Moͤnche gaben ihm alſo eines von ihren alten Gewaͤndern, in das er ſich verkleidete und ſich, nachdem er von ſeinen Freunden zaͤrtlichen Ab⸗ ſchied genommen, auf den Heimweg nach ſeinem Vater⸗ lande machte. Unterwegs erfuhr er, daß Richard todt ſei, daß Johann regiere, daß Prinz Arthur vergiftet worden ſei, und verſchiedene andere Umſtände vom oͤffentlicher Wichtigkeit, die in allen Geſchichtsbuchern berichtet ſind. Aber dieſe Dinge intereſſirten ihn lange nicht kann mir vorſtellen, daß ihm die Kniee bebten und ſein Pilgerſtab vor Bewegung zitterte, als er endlich nach vielen Gefaͤhrlichkeiten ſein väterliches Haus Rother⸗ wood erblickte, und wieder die Schornſteine rauchen, die Schatten der Eichen auf dem Graſe, und die bei Sonnenuntergang ihren Neſtern zufliegenden Krähen erblickte. Er hoͤrte die Glocke zum Abendeſſen rufen; er wußte den Weg zur Thuͤr noch gut genug, trat mit einem Benedicite in die wohlbekannte Halle und nahm, ohne viele Worte zu machen, ſeinen Platz ein. — * * Man hätte einen Augenblick denken ſollen, daß der graue Mönch zittere und ſein eingefallenes Geſicht todtenbleich ausſehe, aber er erholte ſich bald wieder und man konnte ſein Geſicht vor der Kapuze, womit es bedeckt war, nicht ſehen. An Athelſtan's Knie ſpielte ein kleiner Knabe, Rowena laͤchelte, klopfte dem ſächſiſchen Than zärtlich ſeinen breiten Stierkopf und ſchenkte ihm einen großen Becher voll gewuͤrzten Weines aus einer großen Kanne. Er ſtuͤrzte etwa ein Quart der Fluͤſſigkeit hinunter, wendete ſich um und redete den Moͤnch an: „Nun, grauer Bruder, Du haſt alſo den guten König Richard zu Chalus von dem Bolzen jenes ver⸗ rätheriſchen Schuͤtzen fallen ſehen?“ „Ja, das haben wir gethan. Die Bruͤder unſe⸗ res Hauſes pflegten den guten Koͤnig in ſeinen letzten Augenblicken; er nahm ein chriſtliches Ende.« — „Haſt Du auch den Schuͤtzen lebendig ſchinden ſehen? Es muß ein trefflicher Spaß geweſen ſein,“ ſchrie Athelſtan laut lachend. „Wie der Kerl geheult haben muß!“ „Lieber Schatz!“ unterbrach ihn Rowena zaͤrtlich und legte ihm einen von ihren huͤbſchen weißen Fingern auf die Lippen. „Ich haͤtte es auch ſehen moͤgen!“ rief der Knabe. „Du biſt mein lieber, kleiner Cedric, Du wirſt es auch noch zu ſehen bekommen. Haſt Du auch mei⸗ nen armen Verwandten Sir Wilfried von Jvanhoe geſehen, Moͤnch? Es heißt, daß er vor Chalus gut gekaͤmpft habe.“ „Lieber Eheherr!“ fiel Rowena von Neuem ein, „ſprich mir nicht von ihm.“ „Warum? weil Du in fruͤherer Zeit ſo zärtlich mit ihm warſt — wo Du mein rothes Geſicht nicht ausſtehen konnteſt und nur ſein blaſſes liebteſt?“ „Jene Zeiten ſind jetzt voruͤber, theurer Athelſtan,“ ſagte ſeine liebevolle Gattin, indem ſie zur Decke hin⸗ aufblickte. „Meiner Treu, Du haſt ihm die Judin nie ver⸗ zeihen koͤnnen, Rowena.“ „Die abſcheuliche Dirne! Nenne mir den Na⸗ men des unglaͤubigen Geſchoͤpfes nicht wieder!“ rief die Dame. „Nun, nun, der arme Will war ein guter Junge, — wenn auch etwas trubſelig und milchbaͤrtig. Er wurde ſchon von einem Noͤßel Sekt betrunken.“ „Sir Wilfried von Jvanhoe war eine gute Lanze,“ ſagte der Moͤnch. „Ich habe gehoͤrt, daß es in der ganzen Chriſtenheit keine beſſere gegeben habe. Er lag, nachdem er ſeine Wunden erhalten, in unſerem Kloſter, und dort pflegten wir ihn, bis er ſtarb. Er iſt auf der Nordſeite unſeres Kreuzganges begraben.« „Und damit Baſta,“ ſagte Athelſtan, „das iſt aber ein trubſeliges Geſchwätz. Wo iſt Wamba, der Spaßmacher? Er ſoll uns etwas ſingen. Ruͤhre die Knochen, Wamba, und liege nicht wie ein Hund am Feuer. Sing' uns ein Lied, Du verruckter Spaßma⸗ cher, und hoͤre auf, um die Vergangenheit zu winſeln. Sei ruhig, Mann, es gibt noch viele gute Kerle auf der Welt.“ „Es gibt Geier in Adlerneſtern,“ ſagte Wamba, der vor dem Feuer ausgeſtreckt lag und mit den Hun⸗ den des Thans den Heerd theilte. „Es gibt Todte, die leben, und Lebende, die todt ſind. Es giebt luſtige Lie⸗ der und traurige Lieder, und die luſtigſten find mitunter die traurigſten. Ich werde meine bunte Livrée ablegen und ſchwarze Kleider tragen, Gevatter Athelſtan. Ich werde Klageweib bei Begraͤbniſſen werden; das macht mich vielleicht luſtig und paßt fuͤr Klageweiber, und Schwarz fuͤr Narren. Gib mir etwas zu trinken, Gevatter, denn meine Stimme iſt eben ſo in Unord⸗ nung wie mein Gehirn.“ Rebecka und Rowena. 5 — 5 — „Trinke und ſinge, Du Vieh, und höre auf zu faſeln,“ ſagte der Than. Und Wamba griff wild in die Saiten ſeines Re⸗ becks, richtete ſich auf, ſchlug ſeine magern Beine unter und begann: Der Pierzigjährige. Du Page mit dem Gruͤbchenkinn, Auf dem noch nicht der Flaum erſprießt, Nach Frauengunſt nur ſteht Dein Sinn, Die halten Knaben fuͤr gering, Wart', bis Du vierzig Jahr alt biſt. Stoßt an und trinkt und thut mir kund, Ihr Freunde mit ergrautem Haar, Ob nicht der ſchönſte Roſenmund, Den Ihr gekuͤßt im Liebesbund, Nach einem Mond ſchon ſchaal Euch war. Die ich vor zwanzig Jahr'n geliebt, Sie liegt ſchon längſt im Leichenſchrein, Ich bin nicht mehr um ſie betruͤbt, Ich hab' im Tragen mich geubt, und trink mein Glas Burgunderwein. „Wer hat Dich das luſtige Lied gelehrt, Wamba, Du Narrenſohn!“ ſchrie Athelſtan, der während deſſen mit dem Becher auf den Tiſch gedonnert und im mit gebrullt hatte. „Es war ein guter, frommer Einſiedler, Hert, der Mench von Copmanhurſt, der, wie Du weißt, in den Tagen, wo wir den Koͤnig Richard kannten, gar man⸗ chen luſtigen Streich mit uns geſpielt hat. Ach, edler Herr, das war eine luſtige Zeit und ein guter Prieſter.“ „Es heißt, daß der fromme Prieſter des nächſten erledigten Biſchofſtuhles gewiß ſei, mein Schatz,“ ſagte Rowena. „Seine Majeſtaͤt hat ihn in große Gunſt genommen. Lord Huntingdon ſah auf dem letzten Balle ſehr gut aus, obgleich ich an der Grafin nie etwas Schoͤnes habe ſehen koͤnnen; — das ſommer⸗ ſproſſige, pausbackige Geſicht, das man die Maid-Ma⸗ riane zu nennen pflegte — aber ihre Liebeleien mit Major Kleinhand und Capitain Scharlach ſind wirklich —“ „Schon wieder eiferſuͤchtig — ha, ha!“ lachte Athelſtan. „Ich ſtehe uͤber der Eiferſucht und verachte ſie,“ antwortete Rowena, indem ſie ſich majeſtätiſch in die Hoͤhe richtete. „Nun, nun, Wamba's Lied war gut,“ ſagte Athelſtan. „Nein, es war ein gottloſes Lied!« rief Rowena, indem ſie ihre Augen wie gewöhnlich verdrehte. „Wie, die Frauenliebe zu verſpotten, einen haͤßlichen Weinbe⸗ cher einer treuen Gattin vorzuziehen! Die Frauenliebe iſt ewig, mein Athelſtan. Wer ſie in Frage zieht, wuͤrde ein Gotteslaͤſterer ſein, wenn er kein Tollhaͤus⸗ ler wäre. Ein gut gebornes und erzogenes Edelfräu⸗ lein liebt nur ein Mal und nicht wieder.“ — „Ich bitte Euch, Frau, verzeiht, mir — mir iſt nicht ganz wohl,“ ſagte der graue Bruder, indem er plotzlich von ſeinem Stuhle aufſtand und nach der Thuͤr ſchwankte. Wamba ſprang ihm nach, daß die Schellen klangen, ſchlang ſeine Arme um den, wie es ſchien, der Ohnmacht Nahen, und fuͤhrte ihn in den Hof hinaus. „Es gibt Todte, die leben, und Lebende, die todt ſind,“ floͤſterte er. „Es gibt Särge, uͤber die man lacht, und Heirathen, uͤber die man weint. Habe ich nicht wahr geſprochen, frommer Bruder?“ Und als ſie in den einſamen Hof hinaus kamen, der von allen Dienſtleuten des Thans, die an dem Ge⸗ lage in der Halle Theil nahmen, verlaſſen war, und Wamba ſah, daß ſich Niemand mehr in der Nähe be⸗ fand, knieete er nieder, kuͤßte dem Moͤnche das Gewand und ſagte: „Ich kannte Dich, Herr!“ „Steh' auf!“ ſagte Wilfried von Jvanhoe, der kaum noch zu ſprechen vermochte; „nur Narren ſind treu.“ und er ging weiter und begab ſich in die kleine Kapelle, wo ſein Vater begraben lag. Der Mönch blieb die ganze Nacht uͤber dort, und Wamba, der Narr, lag vor der Thuͤr und wachte, ſtumm wie der Heilige uͤber dem Bogen⸗ Als der Morgen anbrach, war Wamba fort, und da der Schelm geivohnt war, nach Belieben bald hier⸗ — — — hin, bald dorthin zu wandern, wurde von ſeinen Her⸗ ren, die wenig Humor beſaßen, geringe Notiz von ſei⸗ ner Abweſenheit genommen. Was Sir Wilfried be⸗ trifft, ſo konnte man nicht erwarten, daß ein Edel⸗ mann von ſo viel Delikateſſe, wie er, in einem Hauſe bleiben wuͤrde, wo fur ihn ſo unangenehme Dinge vor⸗ gingen, und er verließ Rotherwood ungeſaͤumt, nachdem er einen pflichtſchuldigen Beſuch an dem Grabe ge⸗ macht, wo ſein alter Vater Cedric lag, und eilte nach York weiter, wo er ſich dem Familiennotar, einem äußerſt reſpektabeln Manne, in deſſen Haͤnden ſein baares Geld niedergelegt war, zu erkennen gab und eine genuͤgende Summe entnahm, um ſich mit Anſtand ausruͤſten und ein huͤbſches Gefolge annehmen zu kön⸗ nen, wie es einem Ritter von Anſehen geziemte; aber er legte ſich einen andern Namen bei, trug eine Per⸗ ruͤcke und Brille und verkleidete ſich ſo, daß ihn ſeine Freunde und das Publikum unmoͤglich wieder erkennen konnten, und ging ſo metamorphoſirt, wohin ihn ſeine Laune fuͤhrte. Er war bei einem oͤffentlichen Balle, den der Lord-Mayor gab, zugegen, tanzte in demſelben Carrs mit Rowena (die ſich entſetzlich ärgerte, daß Maid⸗Mariane den Vortritt erhielt), ſah, wie ſich der kleine Athelſten beim Abendeſſen den Magen überlud und ſeinem großen Vatsk einen Becher Sekt zutrank. Se. Hochwuͤrden Mr. Tuck traf er bei einer Verſamm⸗ lung der Miſſionsgeſellſchaft, wo er einen von jenem treff⸗ lichen Geiſtlichen geſtellten Antrag unterſtuͤtzte — kurz, — — er ſah ein paar Dutzend von ſeinen alten Bekannten, von denen Keiner in ihm den Krieger von Paläſtina und Templestown ahnte. Da er ein großes Vermoͤgen und dabei nichts zu thun hatte, zog er im Lande um⸗ her, verrichtete wohlthaͤtige Werke, erſchlug Raͤuber, er⸗ loſ'te diejenigen, welche ſich in Noth befanden, und vollfuͤhrte edle Waffenthaten. Drachen und Rieſen gab es zu ſeiner Zeit nicht mehr, ſonſt wuͤrde er es ſicher mit ihnen aufgenom⸗ men haben, denn Wilfried von Jvanhoe war des Le⸗ bens, welches ihm die Einſiedler von Chalus wiederge⸗ geben hatten, etwas muͤde, und fuͤhlte ſich ſo freundlos und allein, daß er nicht boͤs geweſen waͤre, es zu Ende kommen zu ſehen. Ach, meine lieben Freunde und mein verehrtes Publikum, gibt es nicht noch Andere, die unter einer luſtigen Maske melancholiſch und mit⸗ ten in der Menge einſam ſind? Liſton war ein aͤußerſt trauriger Mann, Grimaldi hatte Gefuhl, und ich kenne noch Andere, die — aber pah — wir wollen das nächſte Kapitel anfangen. Fünftes Rapitel. Jvanhoe zur Hülfe! Die ſchuftige Art, wie ſich der haſenherzige Nachfolger Richards mit dem Loͤwenherzen gegen alle Welt, gegen ſeine Verwandten, ſeinen Adel und ſein Volk benahm, iſt notoriſch und in allen Geſchichts⸗ werken aus einander geſetzt, daher wird der ſeinen Fuͤrſten liebende Leſer, obgleich meiner Anſicht nach nichts außer vielleicht dem Siege die Abneigung gegen den regierenden Fuͤrſten oder die bewaffnete Empoͤrung gegen ihn entſchuldigen kann, von Zweien der Haupt⸗ perſonen dieſer Geſchichte, die im vorliegenden Kapitel in der abſcheulichen Rolle von Rebellen gegen ihren Herrn und Koͤnig auftreten muͤſſen, Nachricht haben. Wir muͤſſen zur theilweiſen Entſchuldigung des von Jvanhoe und Rowena begangenen Fehlers, (wofuͤr Beide, wie wir bald hoͤren werden, ſchwer beſtraft wur⸗ den) bemerken, daß der Monarch ſeine Unterthanen auf verſchiedentliche Art erbitterte, daß es, ehe er ſei⸗ nen koͤniglichen Neffen, Prinz Arthur ermordete, ſehr die Frage war, ob er uͤberhaupt rechtmäßiger Koͤnig — 72 ð von England ſei, daß ſein Benehmen als Onkel und Familienvater die Gefuͤhle jeder Dame und Mutter verwunden mußte, und endlich, daß Entſchuldigungen fuͤr das Benehmen Rowena's und Jvanhoes vorhan⸗ den waren, die zu erzählen jetzt unſre Pflicht wird. Als Se. Majeſtaͤt den Prinzen Arthur umbrachte, gab Lady Rowena, die eine von den Ehrendamen der Koͤnigin war, ſogleich ihre Stellung bei Hofe auf und zog ſich nach ihrem Schloſſe Rotherwood zuruͤck. Ge⸗ gen den guten Ruf des Souverains gerichtete Aus⸗ druͤcke, deren ſie ſich bedient hatte, wurden ihm wahr⸗ ſcheinlich von einigen jener Schmarotzer, von denen umgeben zu ſein die Konige verdammt ſind, hinter⸗ bracht, und Johann ſchwor bei St. Peters Zahn, daß er ſich an der ſtolzen Sachſendame raͤchen wolle — eine Art von Eid, die er, obgleich er ſich um Andere nicht zu kuͤmmern pflegte, bekanntlich nie brach. Erſt einige Jahre, nachdem er dieſen Schwur gethan, erhielt er die Fähigkeit, ihn zur Ausfuͤhrung zu bringen. Wenn Jvanhoe in Rouen geweſen waͤre, als der Konig auf ſeine abſcheulichen Plaͤne gegen ſeinen Neffen ſann, ſo läßt ſich kaum bezweifeln, daß Sir Wilfried ſie verhindert haben wuͤrde, denn Jvanhoe war, wie wir kaum zu ſagen brauchen, ein Romanheld, und iſt es fuͤr alle Herren von dieſer Profeſſion Ge⸗ brauch und Pflicht, bei allen Anlaͤſſen von hiſtoriſchem Intereſſe zugegen zu ſein, an allen Verſchwoͤrungen, — ——— königlichen Zuſammenkuͤnften und merkwuͤrdigen Vor⸗ fällen Theil zu nehmen — und daher wuͤrde Sir Wilfried ſicherlich dem jungen Prinzen fortgeholfen haben, wenn er, als das ſchaͤndliche Trauerſpiel aufge⸗ fuͤhrt wurde, irgendwo in der Nachbarſchaft von Rouen geweſen waͤre; aber er war ein paar hundert Stunden davon in Chalus, verruͤckt wie ein Tollhaͤusler auf ſein Bett gefeſſelt und phantaſirte unablaͤſſig in he⸗ braiſcher Sprache, welche er waͤhrend einer fruhern Krankheit erlernt, wo ihn ein Maͤdchen dieſer Nation ge⸗ pflegt, eine gewiſſe Rebecka Ben Iſaaks, an die er als verheiratheter Mann nie gedacht haben wuͤrde, wenn er bei geſunden Sinnen geweſen waͤre. Was hatte waͤhrend dieſes Deliriums die Politik mit ihm, oder er mit der Politik zu ſchaffen. Koͤnig Johann oder Prinz Arthur waren vollkommen gleich⸗ giltig fuͤr einen Mann, der ſeinen Pflegern, den vor⸗ erwaͤhnten Eremiten von Chalus ankuͤndigte, daß er der Marquis von Jericho und im Begriff ſei, Re⸗ becka, die Königin von Saba zu heirathen. Mit Einem Worte, er hoͤrte das, was vorgegangen war, erſt als er nach England kam und ſeinen Verſtand wieder erlangt hatte. War er mit geſundem Gehirn und ganzlich elend — wie Irder ſein wuͤrde, welcher faͤnde, daß eine ſo vortreffliche Gattin, wie Rowena, wieder geheirathet hatte — gluͤcklicher wie vollkommen verruͤckt und als Gatte der ſchoͤnen Rebecka? Ich weiß es nicht, was von Beidem ihm am beſten gefiel. Das Benehmen Koͤnig Johanns floͤßte, wie dem auch ſein mochte, dem Sir Wilfried doch einen ſo tiefen Abſcheu gegen jenen Souverain ein, daß er ſich nie dazu bewegen ließ, unter ihm Dienſte zu nehmen, ſich im St. Jamespalaſte vorſtellen zu laſſen oder auf irgend eine andere Weiſe als ein finſteres Gehenlaſſen die Gewalt des blutduͤrſtigen Nachfolgers ſeines ge⸗ liebten Koͤnigs Richard anzuerkennen. Sir Wilfried von Jvanhoe war es, wie ich kaum zu ſagen brauche, der die Barone von England dazu bewog, ſich zu ver⸗ buͤnden und dem Koͤnige das famoſe Dokument und Palladium der engliſchen Freiheit zu entreißen, welches gegenwaͤrtig im brittiſchen Muſeum in Great-Ruſſel⸗ Street zu ſehen iſt — naͤmlich die Magna charta. Sein Name erſcheint natuͤrlich nicht auf der Liſte der Barone, weil er nur ein Ritter und noch dazu ein verkleideter Ritter war. Auch figurire Athelſtan's Name nicht auf dieſem Dokumente. Athelſtan konnte erſtens nicht ſchreiben und kuͤmmerte ſich zweitens auch keinen Heller um Politik, ſo lange er nur zu Hauſe ungeſtoͤrt ſeinen Wein trinken und in Ruhe und Frieden auf die Jagd gehen konnte. Erſt als ſich der Koͤnig in die Jagdbeluſtigungen jedes engliſchen Edelmannes einmiſchen wollte, brach Athelſtan mit mehreren andern Yorkſhirer Edelleuten in offener Rebellion aus. Man berichtet von dem Koͤnig, daß er Jedem verbot, ſeine eignen Hirſche zu jagen, und um ſich Gehorſam fuͤr ſeine Befehle zu —— —— ——— ſichern, wollte dieſer Herodes von einem Monarchen die aͤlteſten Soͤhne des ganzen Adels als Geißeln fur das gute Betragen ihrer Elten haben. Athelſtan war um ſein Wild — Rowena um ihren Sohn beſorgt. Der Erſtere ſchwor, daß er ſeine Hirſche allen normaͤnniſchen Tyrannen zum Trotz ja⸗ gen wuͤrde; — die Letztere fragte, ob ſie ihren Sohn dem Boͤſewicht ausliefern ſolle, der ſeinen eignen Neffen ermordet habe? *) Die Reden Beider wurden dem Koͤnig nach York hinterbracht und er gebot wuͤthend einen ſofortigen Angriff auf Rotherwood, und daß ihm der Herr und die Herrin dieſes Schloſſes todt oder lebendig uͤberlie⸗ fert werden ſolle. O, wo war Wilfried von Jvanhoe, der unbe⸗ ſiegbare Held, um das Schloß gegen die koͤniglichen Truppen zu vertheidigen! Mit einigen Stichen ſeiner Lanze wuͤrde er die Anfuͤhrer des koͤniglichen Heeres aufgeſpießt, mit wenigen Hieben ſeines Schwerts Johanns Truppen in die Flucht geſchlagen haben, aber Jvanhoes Schwert und Lanze waren bei dieſem Ereigniſſe muͤßig. „Nein, ſie moͤgen zum Henker gehen,“ ſagte der Ritter bitter, „das iſt ein Streit, in den ich mich nicht miſchen kann. Das waͤre ja gegen alle Hoͤflich⸗ *) Siehe Hume Giraldus Cambrensis, den Moͤnch von Croyland und Pinnocks Katechismus. keit. Jener bierſaͤuferiſche Athelſtan mag ſeine — hahaha! Frau vertheidigen und Lady Rowena ihren — hahaha! — Sohn bewahren.“ Und er lachte wild und toll und die ſarkaſtiſche Art, wie er die Worte: Frau und Sohn herausſtieß und preßte, wuͤrde Euch Schauder eingeflößt haben, wenn Ihr ſie nur gehoͤrt haͤttet. Als er jedoch vernahm, daß Athelſtan am vier⸗ ten Tage nach der Belagerung von einer Kanonen⸗ kugel getoͤdtet worden ſei — und dies Mal im Ernſte und nicht um wieder aufzuleben, wie er es ſchon ein⸗ mal gemacht hatte — und daß die Witwe — wenn die unſchuldige Bigamiſtin ſo genannt werden kann — in eigner Perſon die Vertheidigung von Rotherwood mit der großten Unerſchrockenheit leitete, ſich mit ihrem kleinen Sohne — der wie ein Stier bruͤllte und dem das Kaͤmpfen ganz und gar nicht gefiel — auf die Mauern begab, die Kanonen richtete und die Beſa⸗ kung auf jede moͤgliche Weiſe aufmunterte — kehrten beſſere Gefuͤhle in die Bruſt des Ritters von Jvan⸗ hoe zuruck, er berief ſeine Leute zu ſich, wappnete ſich ſchnell und beſchloß zu ihrer Erloͤſung auszuziehen. Er ritt ohne anzuhalten, zwei Tage und zwei Nächte lang in der Richtung nach Rotherwood hin und mit ſolcher Schnelligkeit und Achtloſigkeit fuͤr Leibesſtaͤrkung, daß ſeine Leute allmählig auf der Straße zuruͤckblieben und er allein am Parkthore an⸗ kam. Die Fenſter des Portierhauſes waren zertruͤm⸗ 3 . ——— —————— — — mert, die Thuͤr eingeſchlagen, das Haus, ein nettes kleines Schweizerhuͤttchen mit einem Garten, worin man in friedlichen Zeiten die Schuͤrzchen der Kinder der Madame Gurth haͤtte auf den Stachelbeerbuͤſchen haͤngen ſehen koͤnnen, jetzt ein grauſiger Haufen von rauchenden Ruinen — das Schweizerhuͤttchen, die Buͤſche, die Schuͤrzchen und die Kinder lagen alle von der ausſchweifenden Soldateska eines wuͤthenden Monarchen zerſtort und verſtuͤmmelt unter einander! Fern ſei es von mir, den Ungehorſam Athelſtan's und Rowena's gegen ihren Souverain zu entſchuldi⸗ gen, aber ſicher, ſicher! dieſe Grauſamkeit waͤre doch nicht noͤthig geweſen. Gurth, der Parkhuͤter war, lag furchtbar verwun⸗ det und ſterbend auf der brennenden und entweihten Schwelle ſeines vor Kurzem noch pittoresken Haͤus⸗ chens. Eine Catapulte und ein paar Manganellen hatten dieſes Werk gethan. Der treue Diener er⸗ kannte ſeinen Herrn, der ſein Viſir aufgeſchlagen und in der Bewegung des Augenblicks ſeine Brille und Perruͤcke vergeſſen hatte, und rief: „Sir Wilfried, mein theurer Herr, gelobt ſei St. Waltheof — vielleicht iſt es noch Zeit — meine geliebte He — Lord Athelſt .. . —“ er ſank zuruͤck und ſprach nie wieder. Jvanhoe ſpornte ſein Roß Babieca wahnſinnig durch die Koſtanienallee, vor ihm lag das Schloß, der Weſtthurm ſtand in Flammen, die Belagerer be⸗ draͤngten das Suͤdthor, Athelſtan's Panier, der ſprin⸗ gende Stier, wehte noch auf der noͤrdlichen Zinne. „Ein Jvanhoe, ein Jvanhoe!“ bruͤllte er mit einem Tone, der das ganze Schlachtgewuͤhl uͤbertobte. „Nostre Dame à la rescousse“ — und ſeine Lanze durch das Kreuz Reginalds de Bracy, der den Sturm befehligte, und der mit Schmerzgeheul fiel, ſchleudern, ſeine Streitart uͤber ſeinem eignen Kopfe ſchwingen und die von dreizehn Bewaffneten abmähen, war das Werk eines Augenblicks. „Ein Jvanhoe, ein Jvanhoe!“ ſchrie er und je⸗ desmal wenn er „hoe“ ſagte, fiel ein Mann. „Jvanhoe, Jvanhoe!“ rief eine ſchrille Stimme von der Spitze des nordlichen Thurms, Jvanhoe kannte ſie. „Rowena, meine Geliebte, ich komme!“ ſchrie er ſeinerſeits. „Schurken, beruͤhrt nur ein Haar ihres Hauptes, und ich . 4 Hier ſprang Babieca plotzlich mit einem Todes⸗ quitſchen vorwaͤrts und fiel wild zuruͤck, indem ſie ſich auf ihrem Reiter umherwaͤlzte. Es wurde vor ſeinen Augen finſter, ſein Gehirn wirbelte, es ſauſ'te, krachend kam etwas auf ſeine Stirn herab. St. Waltheof und alle Heiligen des ſächſiſchen Kalenders, beſchuͤtzt den Ritter! .. .. Als er zu ſich kam, lehnten Wamba und der Lieutenant ſeiner Lanzenreiter mit einer Flaſche von dem Elixir des Eremiten uͤber ihm. * „Wir ſind am Tage nach der Schlacht gekom⸗ men,“ ſagte der Narr. „Meiner Treu, das bringe ich immer fertig.“ „Euer Ehren ritt ſo verhenkert ſchnell, daß man nicht bei Euer Ehren bleiben konnte,“ ſagte der Lieutenant. „Am Tage nach — nach — der Schlacht —« ſtohnte Jvanhoe, „wo iſt Lady Rowena?“ „Das Schloß iſt genommen und gepluͤndert wor⸗ den,“ ſagte der Lieutenant, und deutete auf das, was einſt Rotherwood geweſen, aber jetzt nur noch ein Haufen rauchender Ruinen war. — Kein Thurm, kein Dach, kein Fußboden, kein einziges menſchliches Weſen war mehr vorhanden, — nichts als Flammen und Ruinen — Alles zerſchmiſſen und kaput gemacht! Natuͤrlich fiel Jvanhoe ohnmaͤchtig wieder auf die ſisben und neunzig Soldaten, welche er erſchlagen hatte, zuruͤck, und erſt als Wamba eine zweite unge⸗ wohnlich ſtarke Doſis des Elixirs angewendet hatte, kehrte er wieder in's Leben zuruͤck. Der gute Ritter war jedoch durch lange Uebung ſo an die ſchwerſten Wunden gewoͤhnt, daß er ſie weit leichter ertrug, als gewoͤhnliche Leute und ſo im Stande war, mit leidli⸗ cher Behaglichkeit auf einer von ſeinen Leuten gemach⸗ ten Bahre ſich nach York ſchaffen zu laſſen. Das Geruͤcht war ihm natuͤrlich zuvorgekommen und er hoͤrte in dem Hotel, wo er abſtieg, welchen Ausgang die Geſchichte zu Rotherwood genommen hatte. Ein paar Minuten, nachdem Jvanhoes Pferd erſtochen und er ſelbſt zu Boden geſchlagen worden war, wurde die Weſtbaſtion mit Sturm genommen und jede Menſchenſeele erſchlagen, mit Ausnahme Rowena's und ihres Sohnes, die auf Pferde gebun⸗ den und unter ſtarker Bedeckung nach einem von den Schloͤſſern des Koͤnigs gebracht wurden — wohin? wußte Niemand. — Und Jvanhoe erhielt von dem Hotelbeſitzer, — bei dem er fruͤher gewohnt hatte — den Rath, ſeine Perruͤcke und Brille wieder anzulegen und nicht mehr ſeinen eignen Namen zu fuͤhren, da⸗ mit nicht einige von den Leuten des Konigs Hand an ihn legen moͤchten. Da er jedoch Alles um ſich her getodtet hatte, war nur geringe Furcht vor Entdeckung vorhanden und der „Ritter von der Brille,“ wieſer genannt wurde, ging voͤllig unangefochten in York umher und konnte ungeſtoͤrt ſeine Privatangelegenheiten beſorgen. Wir wuͤnſchen uns bei dieſem Theile der Exiſtenz unſers tapfern Helden kurz zu faſſen, denn ſein Leben wurde mehr vom Gefühl als von der Liebe ausgefuͤllt, und die Beſchreibung bloßer Empfindungen wird von vielen gebildeten Perſonen fuͤr langweilig gehalten. Man koͤnnte jetzt fragen, was ſeine Gefuͤhle in der eigenthuͤmlichen Lage, worin er ſich jetzt befand, wa⸗ ren? Er hatte allerdings ſeine Pflicht gegen Rowena gethan, Keiner konnte dies verneinen. Was aber das Verliebtſein in ſie, nach dem was vorgegangen war, — — betraf, ſo ſtand es auf einem andern Blatte. Nun, es mochte kommen, was da wollte, er war entſchloſſen, fortzufahren, ſeine Pflicht gegen ſie zu thun — da ſie aber fortgeſchafft worden war — der Kukuk wußte wohin, — wie konnte er da irgend etwas thun? Er ergab ſich alſo in die Thatſache, daß ſie ſo fortge⸗ ſchafft worden war. Er ſendete natuͤrlich Boten im Lande aus, um wo moͤglich zu erforſchen, wo Rowena war. Dieſe kamen aber ohne die mindeſte Nachricht zuruͤck, und man bemerkte, daß er fortwaͤhrend in der vollkommen⸗ ſten Reſignation verharrte. In dieſem Zuſtande blieb er uͤber ein Jahr und man ſagte, daß er etwas heiterer werde und jedenfalls wurde er ziemlich korpulent. Der Ritter von der Brille galt fuͤr einen ernſthaften, aber recht angeneh⸗ men Mann und gab einige ſehr elegante, wenn auch ſtille Geſellſchaften und bewegte ſich in den beſten Kreiſen von York. Es war gerade Aſſiſenzeit. Die Advokaten wa⸗ ren angekommen und die Stadt ungewoͤhnlich belebt, als eines Morgens der Notar, welchen wir als Sir Wilfrieds Rechtsfreund und hochſt reſpektabeln Mann erwaͤhnt haben, ſeinen tapfern Klienten in ſeinem Lo⸗ gis beſuchte und ſagte, daß er ihm eine wichtige Mit⸗ theilung zu machen habe. Der Advokat erzaͤhlte, daß er mit einem Klienten von Rang, der wegen Fäl⸗ ſchung zum Haͤngen verurtheilt war, Sir Hugo de Nebecka und Roweng. 6 = — Bockbite zu ſprechen gehabt und ihn in der Verur⸗ theilten⸗Zelle beſucht habe. Auf dem Wege durch den Hof habe er durch die Gitter einer andern Zelle eine alte Bekanntſchaft Sir Wilfrieds von Jvanhoe geſe⸗ hen und erkannt — und der Advokat hielt ihm mit einem eigenthuͤmlichen Blicke ein auf ein Stuͤck grauen Papiers geſchriebenes Billet hin. Was waren Jvanhoes Empfindungen, als er Rowena's Handſchrift erkannte! Er riß bebend das Billet auf und las wie folgt: „Mein theuerſter Jvanhoe, denn ich bin jetzt Dein wie fruͤher, und meine erſte Liebe iſt mir ſtets — ſtets theuer geweſen. Bin ich ſterbend ein ganzes Jahr lang in Deiner Naͤhe gewe⸗ ſen, ohne daß Du auch nur einen einzigen Verſuch zur Erlöſung Deiner Rowena gemacht? Haſt Du Andern — ich erwaͤhne weder ihre Namen, noch ihren verhaßten Glauben — das Herz gegeben, welches mir gehoren ſollte? Ich ſende Dir von meinem Stroh⸗ ſterbebette meine Verzeihung. — Ich verzeihe Dir die Beleidigungen, die ich erlitten, die ſchwindende Ge⸗ ſundheit meines Knaben, die Bitterkeit meiner Ge⸗ fangenſchaft, Deine Verblendung uͤber jene Juͤdin, die unſere Ehe elend gemacht und Dich, wie ich uͤber⸗ zeugt bin, veranlaßt hat, in fremde Laͤnder zu gehen um ſie aufzuſuchen. — Ich verzeihe Dir alles Unrecht, welches ich erlitten, und mochte Dir nur noch einmal ——————— — — 83 — Lebewohl ſagen. Mr. Smith hat meinen Kerkermei⸗ ſter gewonnen. Er wird Dir ſagen, wie ich Dich ſehen kann. Komm und erleichtere meine letzte Stunde durch das Verſprechen, daß Du fuͤr meinen Sohn ſorgen willſt, den Sohn deſſen, der wie ein Held fiel (waͤhrend Du fern warſt) im Kampfe an der Seite von Rowena.“ Der Leſer mag ſeine eignen Gefuͤhle zu Rathe ziehen und ſagen, ob es wahrſcheinlich war, daß Jvan⸗ hoe an dieſem Briefe Gefallen fand oder nicht. Er fragte jedoch den Advokaten, Mr. Smith, welchen Plan dieſer ausgeſonnen habe, um ihn zu Lady Ro⸗ wena zu bringen, und erhielt von ihm zur Nachricht, daß er ein Advokatengewand mit der dazu gehoͤrigen Perruͤcke anlegen und dann von dem Kerkermeiſter in das Innere des Gefaͤngniſſes gefuͤhrt werden ſollte. Dieſe Zierrathen verſchaffte ſich Sir Wilfried von Jvanhoe, der mehrere zu dem noͤrdlichen Gerichtskreiſe gehoͤrende Herren kannte, mit leichter Muͤhe, und ge⸗ langte mit nicht geringem Beben in die Zelle, wo die arme Rowena laͤnger als ſeit einem Jahre eingemauert war. Wenn irgend Jemand an der hiſtoriſchen Ge⸗ nauigkeit und Richtigkeit dieſer Erzaͤhlung zweifeln ſollte, ſo verweiſe ich ihn auf die Biographie Univer- selle (Artikel Jean sans Terre) wo es heißt: „La femme d'un baron auquel on vint deman- der son ſils, répondit: „Le roi pense — t.il que je 6* — — confierai mon fils à un homme, qui a égorgé son neveu de sa propre main?“ Jean ſit enlever la mère et l'enfant, et la laissa mourir de faim dans les cachois.“ Ich male mir mit ſchmerzlicher Sympathie aus, wie Rowena dieſen unangenehmen Spruch erleidet. Alle ihre Tugenden, ihre Entſchloſſenheit, ihre keuſche Energie und Standhaftigkeit ſchimmern mit verdop⸗ peltem Glanze, und zum erſten Male ſeit dem Be⸗ ginn der Geſchichte fuͤhle ich, daß ich theilweiſe mit ihr ausgeſoͤhnt bin. Das lange, lange Jahr vergeht, ſie wird ſchwaͤcher und immer ſchwaͤcher, magerer und immer magerer! Endlich wird Jvanhoe in der Ver⸗ kleidung eines Advokaten vom noͤrdlichen Gerichtskreiſe in ihre Zelle gefuͤhrt und findet ſeine Dame im letzten Stadium der Erſchoͤpfung, auf dem Stroh ihres Kerkers mit ihrem kleinen Knaben in den Armen. Sie hat ſein Leben auf Koſten des ihrigen bewahrt, ihm die geringe Nahrung, welche ihre Kerkermeiſter ihr geſtatteten, gaͤnzlich gegeben und iſt ſelbſt vor Hunger geſtorben. Welche Scene! Ich fuͤhle, als ob es mich ſo zu ſagen mit dieſer Dame ausgeſoͤhnt haͤtte, und daß wir in Frieden ſcheiden, da ich ihr ein ſo herrliches Sterbebett bereitet habe. Denkt Euch Jvanhoes Ein⸗ tritt, das Erkennen — die ſchwache Roͤthe auf ihren abgemagerten Zuͤgen — die pathetiſche Weiſe, mit —— — ——— der ſie ihm den kleinen Cedric uͤbergiebt und ſeine Ver⸗ ſprechungen, ihn zu beſchuͤtzen. „Wilfried, mein Erſtgeliebter!“ ächzt ſie langſam, indem ſie ihr graues Haar von ihren gefurchten Schlaͤ⸗ fen zuruͤckſtreicht und zaͤrtlich ihren auf Ivanhoe's Knie ſitzenden Knaben anblickt. — „Verſprich mir bei St. Waltheof von Templestown! verſprich mir einen Wunſch zu erfuͤllen.« „Ich verſpreche es,“ ſagte Jvanhoe den Knaben umſchlingend und im Glauben, daß ſich das Verſpre⸗ chen auf dieſes kleine unſchuldige Weſen beziehen ſolle. „Bei St. Waltheof?“ „Bei St. Waltheof!“ „Nun, ſo verſprich mir,« aͤchzte Rowena ihn wild anſtarrend, „daß Du nie eine Juͤdin heirathen wirſt.“ „Bei St. Waltheof!“ rief Jvanhoe, „das iſt zu viel, Rowena.“ Aber er fuͤhlte, wie ſeine Hand auf einen Augen⸗ blick erfaßt wurde, dann ließen die Muskeln nach, die bleiche Lippe hoͤrte auf zu beben, — ſie war nicht mehr! Sechſtes Rapitel. Jvanhve der Witwer. Sobald Sir Wilfried von Jvanhoe den jungen Cedric zu Dotheboy's Hall in Yorkſhire in die Schule gebracht und ſeine Familienangelegenheiten geordnet hatte, verließ er ein Land, welches fuͤr ihn keine Reize mehr beſaß und worin ſein Aufenthalt durch die Ueber⸗ zeugung noch um ſo unangenehmer gemacht wurde, daß Koͤnig Johann ihn haͤngen wuͤrde, wenn er den treuen Anhaͤnger Koͤnig Richards und Prinz Arthurs je in ſeine Haͤnde bekaͤme. Zu jener Zeit gab es aber fur einen tapfern und frommen Ritter ſtets Unterkommen und Beſchaͤftigung. Ein Sattel auf einem wackern Streitroſſe, eine Feld⸗ ſchlacht gegen die Mohren, eine Lanze, um einen betur⸗ banten Unglaͤubigen anzuſpießen, oder ein durch deſſen Saͤbel gebahnter Weg zum Paradieſe, — das war das hoͤchſte Streben fuͤr den Ehrgeiz guter und from⸗ mer Krieger, und ein ſo beruͤhmter Held wie Sir Wil⸗ fried von Jvanhoe konnte ſicher ſein, uͤberall, wo fuͤr die Sache des Chriſtenthums gekaͤmpft wurde, gute Aufnahme zu finden. Selbſt unter den duͤſtern Temp⸗ — ———— — — „ lern war der, welcher die beruͤhmteſte Lanze ihres Or⸗ dens zweimal uͤberwaͤltigt hatte, ein geachteter, wenn auch nicht willkommener Gaſt, aber unter der Oppo⸗ ſitionsgeſellſchaft der St. Johanniter-Ritter wurde er uͤber die Maßen bewundert, und da er ſtets Neigung fur dieſen Orden hegte, der ihm allerdings auch ſeinen erſten Rang und ſeine beſten Comthureien anbot, ver⸗ richtete er viele gute Dienſte, kaͤmpfte in deſſen Rei⸗ hen fuͤr den Ruhm des Himmels und St. Waltheofs und erſchlug viele tauſend Heiden in Preußen, Polen und andern wilden noͤrdlichen Laͤndern. Der einzige Fehler, den der große und tapfere, wiewohl ſtrenge und ascetiſche Polko von Heydenbraten, der Großmei⸗ ſter des Johanniter-Ordens, an dem truͤben Krieger, deſſen Lanze dem Orden ſo gute Dienſte leiſtete, fand, war der, daß er die Juden nicht ſo verfolgte, wie es einem ſo religiöſen Ritter geziemte. Er ließ mehrere Gefangene dieſer Religion, welche er mit ſeinem Schwert und Spieß gewonnen, frei, rettete Andere vor der Folter und ranzionirte ſogar die beiden letzten Backzaͤhne eines ehrwuͤrdigen Rabbiners, die Roger de Cartwright, ein engliſcher Ritter des Ordens, dem aͤltli⸗ chen Iſraeliten ausziehen wollte, mit hundert Kronen und einem Gimmalringe, ſeinem ſaͤmmtlichen Beſitz⸗ thum. Wenn er einen Bekenner dieſer Religion ſo ranzionirte, oder befreite, ſo pflegte er ihm uͤberdies noch ein kleines Andenken oder eine Botſchaft (wenn der gute Ritter kein Geld hatte) zu geben und zu ſagen: 3 — 88 — „Nimm dies Zeichen und erinnere Dich, daß dieſe That von Wilfried dem Enterbten fuͤr die Dienſte ver⸗ richtet worden iſt, die ihm einſtmals Rebecka, die Toch⸗ ter Iſaaks von York, geleiſtet hat.“ Wenn die Juden alſo unter ſich und in ihren Verſammlungen und Synagogen und auf ihren ruhe⸗ loſen Reiſen von Land zu Land die Chriſten verfluch⸗ ten und ſchmaͤhten, wie es ſo abſcheuliche Heiden zu thun pflegen, ſo nahmen ſie jedoch den Namen des Desdichado oder des Doppeltenterbten, wie er jetzt haͤtte genannt werden muͤſſen, des Pesdichado do- blado aus. Der Bericht uͤber alle Schlachten, Stuͤrme und Staͤdte-Einnahmen, worin Sir Wilfried figurirte, wuͤrde den Leſer nur langweilen, da das Abſchlagen eines Heidenkopfes mit einer Axt, der Enthauptung jedes andern Unglaͤubigen ſehr ähnlich ſein muß. Es genuͤge, daß, wenn dergleichen Arbeit zu thun war und Sir Wilfried ſich in der Naͤhe befand, er der rechte Mann dafuͤr war. Ihr wuͤrdet erſtaunen, wenn Ihr die Rechnung ſaͤhet, welche Wamba uͤber die Thaten ſeines Herrn fuͤhrte, und wie viele Bulgaren, Boͤh⸗ men und Croaten von ſeiner Hand erſchlagen oder ver⸗ ſtuͤmmelt wurden, und da zu jener Zeit der Ruf der Tapferkeit ungeheure Wirkung auf die weichen Herzen der Frauen machte und ſelbſt der Haͤßlichſte, wenn er nur ein wackerer Krieger war, von den Schoͤnſten mit Gunſt betrachtet wurde, ſo machte Jvanhoe, der keines⸗ — 89 — 4 wegs haͤßlich war, wenn er jetzt auch etwas äaltlich wurde, Eroberungen in Frauenherzen ſo gut wie in Saracenenſtaͤdten, und erhielt mehr als einen direkten Heirathsantrag von Prinzeſſinnen, Graͤfinnen und Edel⸗ frauen, die ſowohl Reize als auch Geld beſaßen und ſich danach ſehnten, Beides zur Verfuͤgung eines ſo beruͤhmten Helden zu ſtellen. Man berichtet, daß die regierende Herzogin von Kartoffelberg ihm ihre Hand und die Herzogskrone von Kartoffelberg, welche er aus den Haͤnden der unglaͤubigen Preußen gerettet hatte, anbot, aber Jvanhoe entging dem Antrage der Herzo⸗ gin, indem er heimlich um Mitternacht aus ihrer Hauptſtadt hinwegritt und ſich in einem Kloſter von Hoſpitalitern an der Grenze von Polen verſteckte. Und es iſt eine Thatſache, daß die Prinzeſſin Roſalie Se⸗ rafine von Pumpernikel, die ſchoͤnſte Dame ihrer Zeit, ſich ſo wahnſinnig in ihn verliebte, daß ſie ihm in das Feld folgte und als Troßbube verkleidet bei ſeinem Ge⸗ paͤck gefunden wurde. Aber keine Prinzeſſin, keine Schoͤnheit, keine weiblichen Lockungen beſaßen den mindeſten Reiz fuͤr Jvanhoe — ein Einſiedler konnte keine ſtrengere Ehe⸗ loſigkeit uͤben. Die Strenge ſeiner Moral bildete einen ſo auf⸗ fallenden Abſtand gegen die ſchlaffen, ausſchweifenden Sitten der jungen Grafen und Barone der Höfe, welche er frequentirte, daß die jungen Springinsfelde hn mitunter verhöhnten und ihn Moͤnch und Milch⸗ bart nannten, aber ſein Muth am Tage der Schlacht war ſo furchtbar und bewundernswerth, daß ich Euch verſichern kann, daß die jungen Wuͤſtlinge dann nicht mehr ſpotteten und die Sorgloſeſten von ihnen oft er⸗ bleichten, wenn ſie ihre Lanzen einlegten, um Jvan⸗ hoe zu folgen. Heiliger Waltheof! Es war ein furchtbarer An⸗ blick, wenn man ihn mit ſeinem blaſſen, ruhigen Ge⸗ ſicht ſah, wie er, den Schild auf der Bruſt, die ſchwere Lanze eingeſtemmt, auf eine Schwadron von heidni⸗ ſchen Boͤhmen oder ein Regiment Koſaken einſtuͤrmte. Ueberall, wo Jvanhoe den Feind ſah, griff er ihn auch an, und wenn ihm die Leute Vorſtellungen mach⸗ ten, und ſagten, daß er, wenn er dieſe oder jene Po⸗ ſten, Breſchen, Schloͤſſer oder Heere angreife, erſchla⸗ gen werden wuͤrde, ſo antwortete er: „Und wenn auch!“ und gab ihnen zu verſtehen, daß es ihm eben ſo lieb ſein wuͤrde, wenn der Kampf des Lebens gaͤnzlich voruͤber waͤre. Waͤhrend er ſo gegen die noͤrdlichen Unglaͤubigen Krieg fuͤhrte, drang durch die ganze Chriſtenheit die Nachricht von einer Kataſtrophe, die ſich im Suͤden von Europa zugetragen hatte, wo die ſpaniſchen Chri⸗ ſten von den Mohren ſo beſiegt und niedergemetzelt wor⸗ den waren, wie man ſeit den ſtolzeſten Tagen Saladins kein Beiſpiel beſaß. Der Donnerſtag, der neunte Schauwan im 605. Jahre der Hedſchra iſt im ganzen Weſten als der „Amun al Ork,“ der Tag der Schlacht von Alar⸗ cos bekannt, welche die Moslem von Andaluſien ge⸗ gen die Chriſten gewannen, und an welchem Tage die Chriſtenheit eine ſo gaͤnzliche Niederlage erlitt, daß man furchtete, die ganze ſpaniſche Halbinſel werde der Herr⸗ ſchaft des Kreuzes entriſſen werden. An jenem Tage verloren die Franken 150,000 Todte und 30,000 Gefangene. Ein maͤnnlicher Sclave galt bei den Unglaͤubigen einen Dirhem, ein Eſel eben ſo viel, ein Schwert einen halben Dirhem, ein Pferd fuͤnf Dirhems. Hunderte von Tauſenden von dieſen verſchiedenen Beutegegenſtaͤnden befanden ſich im Be⸗ ſitz der triumphirenden Soldaten Jakub Almanſors. Fluch uͤber ſein Haupt! aber er war ein tapferer Krieger, und die Chriſten ſchienen vor ihm zu vergeſ⸗ ſen, daß ſie die Abkoͤmmlinge des tapfern Cid, des Kanbitur, wie die Mohrenhunde in ihrem Jargon den beruͤhmten Campeador nannten, waren. In ganz Europa wurde eine allgemeine Bewe⸗ gung zur Erloͤſung der Chriſten in Spanien — ein Kreuzzug gegen die dort ſiegreichen Unglaͤubigen, — von der beredſamſten Geiſtlichkeit gepredigt und Tau⸗ ſende und aber Tauſende von tapfern Rittern und Edel⸗ leuten in Begleitung gutgeſinnter Dienſtleute und Va⸗ ſallen von geringerer Art ſtroͤmten von allen Seiten zur Erloͤſung der Chriſten herbei. Die Meerenge von Gibel al tariff, an welcher Stelle der Mohr, als er aus der Berberei heruͤber kam, zuerſt ſeinen verfluchten Fuß auf chriſtlichen Boden ſetzte, war von den Galeeren der Johanniter angefuͤllt, die Hilfstruppen in die bedrohten Reiche der Halbinſel warfen, das mittellaͤndiſche Meer war von ihren Schif⸗ fen bedeckt, die von allen ihren Feſtungen und Inſeln, von Rhodus und Byzanz, von Jaffa und Ascalon herbeieilten. Die Pyrenaͤengipfel erblickten die Ban⸗ ner und erglaͤnzten von den Ruͤſtungen der von Frank⸗ reich nach Spanien marſchierenden Ritter, und endlich landete Jvanhoe von einem Schiffe, das direkt von Boͤhmen abſegelte, wo Sir Wilfried beim Einlaufen der Schreckens- und Trauerpoſt von der Niederlage, bei Alarcos im Quartier lag, zu Barcelona, und zog ſogleich zum Schlachten der Mohren aus. Er brachte Empfehlungsſchreiben von ſeinem Freun de Polko von Heydenbraten, dem Großmeiſter der Johanniter-Ritter, an den ehrwuͤrdigen Baldomero de Garbanzos, den Großmeiſter des beruͤhmten Or⸗ dens von St. Jago, mit. Das Haupt der Ritter von St. Jago bewies dem Krieger, deſſen Ruhm be⸗ reits in der Chriſtenheit verbreitet war, die groͤßte Ach⸗ tung, und Jvanhoe hatte das Vergnuͤgen, zu allen gefaͤhrlichen Poſten und verlorenen Hoffnungen, die man, um ihn zu ehren, ausfindig machen konnte, kom⸗ mandirt zu werden. Er wurde des Nachts zwei bis drei Mal aus dem Bette geholt, um gegen die Moh⸗ ren zu kaͤmpfen. Er fuͤhrte Hinterhalte an, erſtieg Breſchen, wurde durch Minen in die Luft geſprengt und viele hundert Male verwundet, — wovon er ſich jedoch, Dank dem Elixir, von welchem Wamba ſtets einen Vorrath bei ſich fuͤhrte, immer ſchnell wie— der erholte. Er war der Schrecken der Saracenen und die Bewunderung der Chriſten. Es wuͤrde, ſage ich, langweilen, ſeine Thaten zu beſchreiben, die Schlacht des einen Tages glich der des andern. Ich ſchreibe nicht in zehn Baͤnden, wie Monſieur Alexander Dumas, auch nicht einmal in Dreien wie andere große Schriftſteller. Wir haben keinen Platz zur Erzaͤhlung der tapfern Thaten Sir Wilfriedss. Wenn er eine Mauriſche Stadt nahm, ſo bemerkte man, daß er aͤngſtlich in das Judenquartier ging und unter den Hebraͤern, die in Spanien in gro⸗ ßer Zahl vorhanden waren, nach Rebecka, der Tochter Iſaaks fragte. Viele Juden ranzionirte er nach ſei⸗ ner Gewohnheit, und erregte durch dieſes Verfah⸗ ren und die offenbare Gunſt, welche er den Leuten dieſes Volks bewies, ſo großen Skandal, daß der Mei⸗ ſter von St. Jago ihm Vorſtellungen machte, und er wahrſcheinlich in die Inquiſitionskerker geworfen und gebraten worden ſein wuͤrde, wenn nicht ſeine ketzeri⸗ ſche Vorliebe fur die Kinder Iſraels durch ſeine unge⸗ heure Tapferkeit und Siege gegen die Mohren aufge⸗ wogen worden waͤre. Einſt begab es ſich, daß der gute Ritter bei der Belagerung von Tixona in Andaluſien zugegen war, nach ſeiner Gewohnheit zuerſt in die Breſche drang — und mit eigner Hand den mauriſchen Befehlshaber der Stadt und mehrere hundert andere unglaͤubige Ver⸗ theidiger derſelben erſchlug. Er haͤtte beinahe den Alfaqui oder Gouverneur, auch einen alten Krieger mit einem krummen Simidar und ſchneeweißem Barte, abgefertigt, aber ein paar hundert Mann von der Leib⸗ garde des Alfaqui warfen ſich zwiſchen Jvanhoe und ihren Anfuͤhrer, und der alte Burſche kam mit dem Leben davon, ließ aber doch eine Hand voll Haare aus ſeinem Barte in den Haͤnden des engliſchen Ritters zuruͤck. Nachdem die ſtreng militairiſchen Geſchaͤfte abge⸗ macht und diejenigen Mitglieder der Garniſon, welche nicht entflohen, von Rechtswegen niedergemetzelt wor⸗ den waren, nahm der gute Ritter Sir Wilfried von Jvanhoe weiter keinen Antheil an den Thaten der Er⸗ oberer jenes ungluͤcklichen Ortes. Es erfolgte eine Scene von furchtbarem Blutvergießen und entſetzlichen Repreſſalien, und die ſiegesheißen und kampferhitzten chriſtlichen Krieger waren, wie man fuͤrchten muß, in der Stunde ihres Triumphes eben ſo wild, wie fruͤher ihre heidniſchen Feinde. Zu den gewaltthaͤtigſten und gewiſſenloſeſten gehorte der wilde Ritter von St. Jago Don Beltran de Cuchilla y Trabuca y Espada y Espelon, der durch die eroberte Stadt wuthete, wie ein Daͤmon, und ohne unterſchied alle Unglaͤubigen beider Geſchlechter hin⸗ ſchlachtete, deren Reichthum ihn nicht zu einem Loͤſe⸗ — gelde verlockte, oder deren Schoͤnheit ſie nicht zu einem noch entſetzlichern Schickſale als dem Tode verſpa⸗ ren ließ. Nachdem das Gemetzel voruͤber war, ſchlug Don Beltran ſein Quartier in dem Albaycen auf, wo der Alfaqui, der Jvanhoes Schwerte nur mit ſo genauer Muͤhe entgangen war, gelebt, aber ſeinen Reichthum, ſeine Schaͤtze, Sclaven und Familien im Beſit der Eroberer von Fixona zuruͤckgelaſſen hatte. Unter den Schaͤtzen erkannte Don Beltran mit wilder Freude die Ruͤſtungen und Zierrathen vieler tapfern und ungluͤck⸗ lichen Waffengefaͤhrten, die in der verderblichen Schlacht von Alarcos gefallen waren. Der Anblick dieſer blu⸗ tigen Reliquien machte ſein grauſames Gemuͤth nur noch wuͤthender, und diente dazu, ſein fuͤr die Gnade ſo ſchon wenig empfaͤngliches Herz noch mehr zu ſtaͤhlen. Drei Tage nach der Pluͤnderung des Ortes lag Don Beltran in der vor Kurzem noch von dem ſtolzen Alfaqui bewohnten Hofhalle in reiche Gewaͤnder geklei⸗ det, auf ſeinem Divan, vor ihm ſpielten die Spring— brunnen, und die Selaven des Mohren dienten dem benarbten chriſtlichen Eroberer. Einige faͤchelten ihn mit Pfauenfaͤchern, Andere tanzten vor ihm, Andere ſangen zu der klagenden Muſik der Guzla mohriſche Melodieen, eine — es war die einzige Tochter des alten Mohren, die junge Zutulbe, eine bluͤhende Roſenknospe — ſaß weinend in einem Winkel der goldenen Halle, und beklagte ihre erſchlagenen Bruͤder, den Stolz der moslemiſchen Ritterſchaft, deren Koͤpfe in der gluͤhen⸗ den Sonne draußen auf dem Portale ſtaken und gero⸗ ſtet wurden, und ihren Vater, deſſen Heimath ſo troſt⸗ los gemacht worden war. Er und ſein Gaſt, der engliſche Ritter Sir Wil⸗ fried, ſpielten Schach, — eine Lieblingsunterhaltung der damaligen Ritterſchaft — als ein Bote von Va⸗ lencia angemeldet wurde, der wo moͤglich wegen des Loskaufes des noch lebenden Theils der Alfaqui'ſchen Familie unterhandeln wollte. Don Beltrans Zuͤge erhellten ſich mit einem grim⸗ migen Laͤcheln, als er dem ſchwarzen Sclaven befahl den Boten einzulaſſen. Er trat ein. Man ſah an ſeinem Koſtuͤm augenblicklich, daß der Traͤger der Par⸗ lamentairflagge ein Jude war — dieſes Volk wurde da⸗ mals beſtaͤndig zu Geſandtſchaften zwiſchen den beiden in Spanien kriegfuͤhrenden Racen verwendet. „Ich komme,“ ſagte der alte Jude (mit einer Stimme, bei deren erſten Lauten Sir Wilfried zuſam⸗ menſchrak), „von meinem Herrn, dem Alfaqui, zu dem edeln Seüor, dem unbeſiegten Don Beltran de Cu⸗ chilla, um uͤber das Löſegeld der einzigen Tochter des Mohren, des Kindes ſeines Alters und die erſte Perle ſeines Herzens, zu unterhandeln.“ „Eine Perle iſt ein werthvolles Juwel, Jude. Was bietet der mohriſche Hund fuͤr ſie 26 fragte Don Beltran noch immer mit duͤſterem Laͤcheln. — 97 — „Der Alfaqui bietet hunderttauſend Denare, vier und zwanzig Roſſe mit vollſtaͤndigem Geſchirr, vier und zwanzig Ruͤſtungen und Diamanten und Rubi⸗ nen im Betrag von einer Million Denare.« „Holla, Sclaven!“ ſchrie Don Beltran, „zeigt dem Juden meine Schatzkammer. Wie viele hunderttau⸗ ſend Stuͤcke ſind dort?« und es wurden zehn unge⸗ heure Kiſten herbeigebracht, in welchen der Buchhalter tauſend Saͤcke von je tauſend Dirhems zaͤhlte und ver⸗ ſchiedene Juwelenkaͤſten zeigte, die ſolche Schatze an Rubinen, Smaragden, Diamanten und Hyazinthen enthielten, daß die Augen des alten Geſandten vor Neid funkelten. „Wie viele Pferde ſind in meinem Stalle?“ fuhr Don Beltran fort, und Muley, der Stallmeiſter zahlte dreihundert vollig aufgezaͤumte und ferner die reichſten Ruͤſtungen fur eben ſo viele Ritter, die der Fahne des beruͤhmten Heerfuͤhrers folgten. „Ich brauche weder Geld noch Ruͤſtungen,“ ſagte der wilde Ritter; „erkuͤnde das dem Alfaqui, Jude, und ich werde das Kind, ſeine Tochter, behalten, um meine Hunde zu fuͤttern und fur meine Kuͤchenjungen die Teller aufzuwaſchen.“ „Beraube den alten Mann ſeines Kindes nicht,“ fiel hier der Ritter von Jvanhoe ein; — „bedenke, tapfe⸗ rer Don Beltran, daß ſie noch in zarter Kindheit ſteht.“ „Sie iſt meine Gefangene, Herr Ritter,“ ant⸗ Nebecka und Rowena. — — wortete der muͤrriſche Don Beltran. „Ich werde mit meinem Eigenthum thun, was mir beliebt.“ „Nimm zweimalhunderttauſend Dirhems,“ rief der Jude, „mehr noch als Du verlangſt. Der Al⸗ faqui wird ſein Leben fuͤr das Kind laſſen!“ „Komm her, Zutulbe — komm her, Du mohri⸗ ſche Perle!“ ſchrie der grimmige Krieger; „komm naͤher, meine huͤbſche, ſchwarzaͤugige, heidniſche Houri! Haſt Du den Namen Beltran de Espada y Trabuco ſchon gehoͤrt?“ „Bei Alarcos waren drei Bruder dieſes Namens und meine Bruͤder erſchlugen die Chriſtenhunde!“ ſprach das ſtolze, junge Maͤdchen mit einem kuͤhnen Blicke auf Don Beltran, der vor Wuth ſchaͤumte. „Die Mohren haben meine Mutter und ihre Kleinen um Mitternacht in unſerm Schloſſe in Murcia hingeſchlachtet,“ ſagte Beltran. „Dein Vater floh wie ein Feigling, gleich Dir, Don Beltran!“ rief das hochherzige Maͤdchen. „Bei St. Jago, das iſt zu viel!“ raſ'te der wuͤ⸗ thende Edelmann, und im naͤchſten Augenblicke hoͤrte man einen Schrei, und das Maͤdchen fiel mit Don Beltrans Dolche in ihrer Seite zu Boden. „Tod iſt beſſer als Entehrung 1“ rief das Kind, indem es ſich auf den blutbefleckten Marmorplatten walzte. „Ich — ich ſpeie Dich an, Chriſtenhund;“ und hiermit, und mit wildem Lachen fiel ſie zuruck und ſtarb. — — „Bringe dieſe Nachricht dem Alfaqui, Jude,“ heulte der Don, indem er die ſchoͤne Leiche mit dem Fuße von ſich ſtieß; „ich wuͤrde ſie fuͤr alles Gold der Ber⸗ berei nicht hergegeben haben,“ und ſchaudernd verließ der alte Jude das Zimmer, aus welchem auch Jvan⸗ hoe fortging. Als ſie in den Vorhof kamen, ſagte der Ritter zu dem Juden: „Iſaak von York, kennſt Du mich nicht?“ und warf ſeine Kapuze zuruͤck und blickte den Greis an⸗ Der alte Jude ſtarrte ihn wild an, ſturzte auf ihn zu, als wollte er ſeine Hand ergreifen, ſank dann mit convulſiviſchem Zittern zuruͤck, verhuͤllte ſein Ge⸗ ſicht mit ſeinen welken Haͤnden, und ſagte kummervoll: „Sir Wilfried von Jvanhoe — nein, nein, ich kenne Dich nicht.“ „Heilige Mutter Gottes, was iſt geſchehen ?“ fragte Jvanhoe, der ebenfalls geſpenſterbleich wurde. „Wo iſt Deine Tochter, wo iſt Rebecka?“ „Hinweg von mir,“ antwortete der alte Jude ſchwankendz „hinweg! Rebecka iſt — todt!“ * „ Als der enterbte Ritter dies hoͤrte, fiel er beſin⸗ nungslos zu Boden und war einige Tage lang vor Schmerz faſt von Sinnen. Er nahm keine Nahrung zu ſich und ſprach kein Wort. Wochen lang war er nicht aus ſeinem duͤſtern Schweigen zu bringen, und als er theilweiſe wieder zu ſich kam, gebot er ſeinen — 7 — 100 — Leuten mit hohler Stimme aufzuſitzen und einen Zug gegen die Mohren zu unternehmen. Einen Tag nach dem andern zog er gegen die Ungläubigen aus, und that nichts als erſchlagen und erſchlagen. Er machte keine Beute wie andere Rit⸗ ter, ſondern uͤberließ dies ſeinem Gefolge, er ſtieß kein Feldgeſchrei aus wie die Ritter zu thun pflegten und gab keinen Pardon, ſo daß der „ſtumme Ritter“ der Schrecken aller Heiden von Granada und Andaluſien wurde, und von ſeiner Lanze mehr abgefertigt wurden, als von irgend einem der lauteſten Capitainanfuͤhrer der gegen ſie unter Waffen ſtehenden Truppen. So wendete ſich das Gluͤck der Schlachten und der arabi⸗ ſche Geſchichtsſchreiber El Makary erzaͤhlt, wie in der großen Schlacht von Al Akab, die die Spanier Las Na⸗ vas nennen, die Chriſten ihre Niederlage von Alarcos wieder gut machten und eine halbe Million Mohame⸗ daner toͤdteten. 50,000 davon nahm natuͤrlich Don Wil⸗ fried auf ſeine Lanze, und man bemerkte, daß der trau⸗ rige Held nach dieſer beruͤhmten Waffenthat in etwas beſſerer Laune zu ſein ſchien. Siebentes Bapitel. Das Ende des Stücks. In kurzer Zeit hatte der tapfere Ritter Wilfried von Jvanhoe ſo viele Mohren umgebracht, daß die un⸗ gläubigen Boͤſewichter, obgleich ſie aus der Berberei fortwährend Verſtarkungen nach Spanien ſchickten, ſich nicht mehr gegen die chriſtlichen Truppen halten konnten, und ſchon ganz muthlos bei dem Gedanken, auf den furchtbaren ſtummen Ritter zu ſtoßen, in die Schlacht gingen. Man glaubte unter ihnen, daß der famoſe Malek Ric Richard von England, der Beſieger Sala⸗ dins, wieder aufgelebt ſei und in den ſpaniſchen Heeren kämpfe — daß dieſes ſein zweites Leben ein gefeites, und ſein Koͤrper fuͤr Semidarſtreiche oder Speerſtiche unzugaͤnglich waͤre — daß er nach der Schlacht die Herzen einer Menge junger Mohren zum Abendbrot verzehre und ihr Blut trinke. Kurz, man erzählte ſich tauſenderlei phantaſtiſche Fabeln uber Jvanhoe, ſo daß die mohriſchen Krieger ſchon halb beſiegt in's Feld ruͤckten und den ſpaniſchen Kriegern, die ohne Barm⸗ herzigkeit unter ihnen herummähten, zur leichten Beute wurden. Und obgleich Keiner von den ſpaniſchen Ge⸗ — 102 — ſchichtsſchreibern, die ich zu Rathe gezogen habe, Sir Wilfrieds als des wirklichen Urhebers der zahlreichen Triumphe, die jetzt die Waffen der guten Sache feier⸗ ten, erwaͤhnt, ſo iſt dies doch von einem Volke nicht im Geringſten zu verwundern, welches ſtets wegen ſei⸗ ner Großmaͤuligkeit und Prahlerei notoriſch geweſen iſt, das weder ſeine Schuld der Dankbarkeit noch die ſeines Geldbeutels bezahlt, und Geſchichten von dem Kriege mit dem Kaiſer Napoleon ſchreibt, und Sr. Herrlich⸗ keit des Herzogs von Wellington oder des Theiles, wel⸗ chen die brittiſche Tapferkeit an jenem Kampfe genom⸗ men, nicht im Mindeſten erwaͤhnt. Nun, wir muͤſſen andrerſeits geſtehen, daß die Englaͤnder mit den Thaten ihrer Vaͤter in jenen Feldzuͤgen gerade genug prahlen; aber das iſt nicht die Sache, um die es ſich jetzt handelt. Um es kurz zu machen, wollen wir ſagen, daß Jvanhoe mit den Unglaͤubigen ſo kurzen Prozeß machte, daß der Monarch von Arragonien, Koͤnig Don Jayme, ſich bald im Stande ſah, die Stadt Valencia, die letzte Feſtung, welche die Mohren in ſeinem Reiche noch be⸗ ſaßen, und die von vielen Tauſenden jener Unglaͤubigen unter dem Befehle ihres Koͤnigs Abu Abdallah Maho⸗ med, dem Sohne des Jakub Almanſor, beſetzt war, zu belagern. Der arabiſche Geſchichtsſchreiber El Makary gibt einen ausfuͤhrlichen Bericht uͤber die militairiſchen Vor⸗ ſichtsmaßregeln, welche Abu Abdallah, der Vertheidiger — 103 — ſeiner Stadt, ergriff; da ich aber weder meine Gelehr⸗ ſamkeit umher zu paradiren, noch einen Coſtuͤm⸗Ro⸗ man zu ſchreiben beabſichtige, werde ich mich jeder Schilderung der Stadt unter ihren ſaraceniſchen Herr⸗ ſchern enthalten. . Außer den Tuͤrken, welche darin wohnten, gab es innerhalb der Mauern auch eine Menge Hebraͤer, die von den Mohren während ihrer unglaͤubigen Regierung in Spanien ſtets beſchuͤtzt wurden, und die, wie wir Alle wiſſen, die vornehmſten Aerzte, die vornehmſten Banquiers, die vornehmſten Miniſter, die vornehmſten Kuͤnſtler und Muſikanten, die vornehmſten Alles und Jedes unter den mohriſchen Koͤnigen waren. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß die Hebraͤer, die ihr Geld, ihre Freiheit, ihre Zaͤhne und ihr Leben unter der mahomedaniſchen Herrſchaft ſicher genießen konn⸗ ten, dieſe dem chriſtlichen Scepter, unter welchem ſie leicht aller jener Guͤter beraubt werden konnten, unend⸗ lich vorzogen. Unter jenen Hebraͤern von Valencia lebte ein ſehr alter Iſraelit — kein anderer als der vorerwaͤhnte Iſaak von York, der mit ſeiner Tochter bald nach Jvanhoe's Heirath im dritten Bande des erſten Theiles dieſer Geſchichte nach Spanien gekommen war. Iſaak ſtand wegen ſeines Geldes, und ſeine Tochter wegen ihrer vortrefflichen guten Eigenſchaften, ihrer Schoͤn⸗ heit, ihrer Wohlthaͤtigkeit, und beſonders ihrer medici⸗ niſchen Kenntniſſe, bei ihrem Volke in Achtung. — 104 — Der junge Emir Abu Abdllah wurde von ihren Rei⸗ zen ſo bezaubert, daß er ihr, obgleich ſie bedeutend älter war als Se. Hoheit, anbot, ſie zu heirathen und als Nummer Eins unter ſeine Weiber einzurangiren — und Iſaak von Vork wuͤrde nichts gegen die Verbin⸗ dung eingewendet haben, — denn ſolche gemiſchte Ehen waren zwiſchen den Hebräern und Mohren in jenen Tagen nicht ungewoͤhnlich, — aber Rebecka lehnte feſt, jedoch mit Achtung, die Antraͤge des Prinzen ab und ſagte, daß ſie ſich unmoͤglich mit einem Manne von anderem Glauben als dem ihren verbinden koͤnne. Wiewohl Iſaak wahrſcheinlich nicht uͤbermäßig zufrieden war, die Moͤglichkeit, Schwiegervater einer koͤniglichen Hoheit zu werden, zu verlieren, wurde der alte Herr doch, da in ſeiner Familie mehrere Rabbiner von großer Beruͤhmtheit und Strenge des Lebenswan⸗ dels waren, durch dieſen Einwand Rebecka's zum Schweigen gebracht, und die junge Dame ſelbſt wegen ihres entſchloſſenen Benehmens von ihren Verwandten hoͤchlich belobt. Sie nahm deren Gluͤckwuͤnſche auf ſehr kalte Weiſe auf und ſagte, daß es ihr Wunſch ſei, gar nicht zu heirathen, ſondern ſich gaͤnzlich der aus⸗ uͤbenden Heilkunde und dem Beiſtande der Kranken und Beduͤrftigen zu weihen. Es gibt aber unter der Judenſchaft auch Maͤn⸗ ner, die die Schoͤnheit bewundern, und, wie ich gehoͤrt habe, ſogar auch das Geld zu ſchaͤtzen wiſſen, und Re⸗ becka beſaß von Beidem eine ſolche Quantitaͤt, daß alle — 105 — annehmbarſten Junggeſellen des Volkes bereit waren, auf ſie zu bieten. Von allen Seiten ſtellten ſich Ge⸗ ſandte ein, um ihr Anträge zu machen. Ihr eigener Onkel, der ehrwuͤrdige Ben Salomon, mit einem Barte ſo lang wie der eines Caſhmir-Bocks und einer Repu⸗ tation von Gelehrſamkeit und Froͤmmigkeit, die noch unter ſeinem Volke lebt, zankte ſich mit ſeinem Sohne Moſes, dem rothkoͤpfigen Diamantenhaͤndler von Tre⸗ biſond und ſeinem Sohne Simeon, dem kahlkoͤpfigen Wechſelmaͤkler von Bagdad, weil dieſe auch auf ihre Couſine Anſpruͤche machten. Ben Minories kam von London und knieete vor ihr nieder, Ben Jochanan kam von Paris und gedachte ſie mit den neueſten Weſten aus dem Palais royal zu blenden, und Ben Jona brachte ihr ein Fäßchen hollaͤndiſcher Haͤringe zum Geſchenk und flehte ſie an, mit ihm nach dem Haag zu gehen und Madame Merouw Ben Jona zu werden. Rebecka hielt die Freier hin, ſo gut ſie konnte. Ihren Onkel nannte ſie zu alt, den lieben Moſes und Simeon bat ſie, ſich nicht mit einander zu zanken und ihren Vater durch Beſtehen auf ihrer Bewerbung zu kraͤnken. Ben Minories aus London ſagte ſie, er ſei zu jung, und Ben Jochanan aus Paris muͤſſe, wie ſie zu Iſaak von York ſagte, ein Verſchwender ſein, ſonſt wuͤrde er nicht ſo abgeſchmackte Weſten tragen. Was Ben Jona betraf, ſo ſagte ſie, ſie koͤnne den Gedanken an Tabak und hollaͤndiſche Haͤringe nicht ausſtehen, ſie wuͤnſche bei ihrem Papa, ihrem theuren Papa zu blei⸗ — 106 — . ben. Kurz, ſie erfand tauſend Entſchuldigungen fuͤr das Zoͤgern, und es lag klar am Tage, daß ihr das Heirathen verhaßt war. Der einzige Mann, den ſie mit einem Scheine von Gunſt aufnahm, war der junge Bevis Marx aus London, mit dem ſie ſehr vertraut war; aber Bevis war mit einem gewiſſen Erinnerungs⸗ zeichen zu ihr gekommen, das er von einem engliſchen Ritter erhalten hatte, als ihn dieſer von dem Scheiter⸗ haufen rettete, zu welchem ihn eben der wilde Hospita⸗ liter Polko von Heydenbraten verurtheilen wollte. Es war nur ein Ring, mit einem Smaragd darin, der, wie Bevis wußte, falſch und keinen Groſchen werth war, Rebecka verſtand ſich ebenfalls auf Juwelen, aber ſie ſchaͤtzte dieſen doch hoͤher als alle Diamanten in 1. Prieſter Johanns Turban. Sie kuͤßte den Ring, ſie 3 weinte uͤber ihn, ſie trug ihn ſtets an ihrem Buſen 6 3 und hielt ihn, wenn ſie des Abends und Morgens nie⸗ derknieete, zwiſchen ihren gefalteten Händen und ihrem Halſe. 6 Der junge Bevis Marx mußte am Ende eben ſo ablaufen wie die Andern. Der Schlingel verkaufte dem Koͤnig von Frankreich einen ſchoͤnen Rubin von genau derſelben Groͤße, wie das Stuͤck Glas in Re⸗ becka's Ring, aber er hat immer geſagt, daß ſie ihm lieber geweſen ſein wurde als zehntauſend Pfund, was auch ſehr leicht zu glauben iſt, denn es war bekannt, daß ſie dereinſt, wenn ihr Vater ſtarb, eine Million haben wuͤrde. — Dieſe Verzoͤgerungen konnten jedoch nicht ewig anhalten, und Rebecka wurde bei einer zur Paſſah⸗Zeit gehaltenen Familienverſammlung feierlich mit dem Be⸗ fehle belegt, einen Gatten unter den dort gegenwärtigen Herren zu wählen, wobei ſie ihre Tanten noch auf die große Guͤte aufmerkſam machten, welche ihr ihr Vater durch das Geſtatten der Wahl bewies. Die eine Tante war auf der Salomo-Partei, eine zweite hing Simeon an, eine dritte, hoͤchſt ehr⸗ wuͤrdige hundertvierundvierzig Jahr alte Dame, das Haupt der Familie, war bereit, ſie mit einem Fluche zu belegen und zu verſtoßen, wenn ſie nicht, noch ehe der Monat zu Ende war, heirathete. Die juwelenbeſetzten Koͤpfe aller alten Damen im Rathe und alle Baͤrte der ganzen Familie wackelten gegen ſie; — es muß ein entſetzliches Schauſpiel ge⸗ weſen ſein. Endlich mußte Rebecka ſprechen. „Verwandte,“ ſagte ſie erbleichend, „als mich der Prinz Abu Abdil zur Ehe verlangte, ſagte ich Euch, daß ich nur Einen meines eigenen Glaubens zum Gate ten nehmen wuͤrde.“ „Sie iſt Tuͤrkin geworden!“ kreiſchten die Da⸗ men; „ſie möchte gern eine Prinzeſſin werden und iſt Tuͤrkin geworden!“ bruͤllten die Rabbiner. „Nun, nun,“ ſagte Iſaak mit ziemlich beſchwich⸗ tigtem Tone, „wir wollen hoͤren, was das arme Maͤd⸗ — 108 — chen zu ſagen hat. — Willſt Du Seine koͤnigliche Hoheit heirathen, Rebecka? Sprich Ja oder Nein.“ Die Rabbiner ließen ein neues Stoͤhnen verneh⸗ men — ſie ſchrieen, kreiſchten, ſchnatterten, geſtikulir⸗ ten, waren wuͤthend, ein ſolches großes Loos zu ver⸗ lieren, und ebenſo die Weiber, daß ſie, wie eine zweite Eſther, uͤber ihnen herrſchen ſollte. „Haltet die Maͤuler!“ ſchrie Iſaak. „Laßt das Madchen ſprechen; — ſprich kuͤhn heraus, liebe Re⸗ becka, und ſei ein gutes Maͤdchen.“ Rebecka war bleich wie ein Stein, ſie kreuzte ihre Arme auf der Bruſt und fuͤhlte dort nach dem Ringe. Sie blickte ſich in der ganzen Verſammlung um und ſah dann Iſaak an. „Vater,“ begann ſie mit vibrirender, leiſer Stimme, „ich bin nicht von Deiner Religion — ich bin nicht von Prinz Boabdils Religion — ich — ich bin von ſeiner Religion.“ „Seiner — weſſen? im Namen Moſes, Maͤd⸗ chen!“ rief Iſaak. Rebecka faltete ihre Haͤnde auf ihrer klopfenden Bruſt und blickte mit furchtloſen Augen um ſich. „Von der Desjenigen,“ ſagte ſie, „der mein Le⸗ ben und Deine Ehre gerettet hat, von der meines theuern, theuern Helden — ich kann nie die Seine werden, will aber auch keinem Anderen angehoͤren. Gib mein Geld meinen Verwandten, das iſt es ja nur, wonach ſie ſich ſehnen. Nehmt das ſchnoͤde Metall, — 109 — Simeon und Salomo, Jona und Jochanan, vertheilt es unter Euch und verlaßt mich. Ich werde Euch nie angehoͤren, ich ſage es Euch — nie. Denkt Ihr, daß ich, nachdem ich ihn kennen gelernt und ſprechen ge— hoͤrt, nachdem ich ihn verwundet auf ſeinem Kiſſen und ruhmvoll in der Schlacht geſehen (ihre Augen wurden feucht und erglänzten von Neuem, als ſie dieſe Worte ſprach), mich mit Solchen, wie Ihr, verbinden könnte? Geht, uͤberlaßt mich mir ſelbſt, ich gehoͤre nicht zu Euch, ich liebe ihn, ich liebe ihn! Das Schickſal trennt uns — wir ſind weite, weite Meilen auseinander, und ich weiß, daß wir uns ſchwerlich wie⸗ der ſehen werden. Aber ich liebe und ſegne ihn ewig — ja ewig. Meine Gebete ſind die ſeinen, mein Glaube iſt der ſeine. Ja, mein Glaube iſt Dein Glaube, Wilfried, Wilfried! ich habe keine Verwandten mehr — ich bin eine Chriſtin!“ Dem letzten Worte folgte unter der Verſamm⸗ lung ein ſolcher Hoͤllenſpektakel, daß ihn meine ſchwache Feder umſonſt zu beſchreiben verſuchen wuͤrde. Der alte Iſaak ſchwankte in einem Nervenanfalle zuruck, und Niemand nahm auch nur die mindeſte Notiz von ihm. Seufzer, Fluͤche, Männergebruͤll und Weiberge⸗ kreiſch erfuͤllten das Zimmer mit einem ſo raſenden Lärm, daß ein weniger feſtes Herz als das Rebecka's daruͤber entſetzt geweſen ſein wuͤrde. Aber das wackere Madchen war auf Alles vorbereitet und erwartete, ja — — hoffte vielleicht ſogar, daß der Tod augenblicklich ihr Loos ſein wuͤrde. Unter der ganzen Geſellſchaft befand ſich nur ein Geſchoͤpf, welches ſie bemitleidete, und das war ihr Vetter, der kleine Ben Davids, der Commis ihres Va⸗ ters, der erſt dreizehn Jahr alt war und vor Kurzem rſt einen Zwergſack zu tragen angefangen hatte, und deſſen Weinen und Heulen, als ſie mit ihrer Rede zu Ende kam, uͤber dem Geſchrei und den Fluͤchen der aͤlteren Iſraeliten unbemerkt geblieben war. Ben Davids war wahnſinnig in ſeine Couſine verliebt — wie oft Knaben in Damen, die zwei Mal ſo alt ſind wie ſie — und beſaß die Geiſtesgegenwart, plotzlich die große Meſſinglampe, welche die zornige Ver⸗ ſammlung erleuchtete, vom Tiſch zu ſtoßen, und indem er Rebecka zufluͤſterte, daß ſie auf ihr Zimmer gehen und ſich einſchließen ſolle, da ſie Jene ſonſt umbringen wuͤrden, nahm er ihre Hand und fuͤhrte ſie hinaus. Von jenem Tage an war ſie unter ihrem Volke verſchwunden. Die Armen und Kranken vermißten ſie und fragten vergeblich nach ihr. Wenn ihr irgendwie Gewalt angethan worden wäre, ſo wuͤrden die aͤrmeren Juden aufgeſtanden ſein und die ganze Iſaak'ſche Fa⸗ milie umgebracht haben, ſo wie auch ihre alte Flamme, Prinz Boabdil, ſicher ungemein boͤſe geweſen ſein wuͤrde. Sie war alſo nicht getoͤdtet, ſondern ſo zu ſagen begraben und in Iſaaks Hinterkuͤche eingeſchloſſen worden — ein Gemach, in welches faſt kein Lichtſtrahl — 111 — drang und worin ſie mit kaͤrglichen Portionen des ver⸗ ſchimmeltſten Brotes und ſchlechteſten Waſſers genährt wurde. Der kleine Ben Davids war der Einzige, der ſie beſuchte, und ihr einziger Troſt war es, mit ihm von Jvanhoe zu ſprechen, wie gut und ſanft er war und wie tapfer und treu, wie er den furchtbaren Tempel⸗ ritter erſchlagen und wie er eine Dame geheirathet, die, wie Rebecka glaubte, ſeiner kaum wuͤrdig war, mit der er aber, wie ſie hoffte, glucklich ſein werde; und welche Farbe ſeine Augen hatten, und welches Wappen er auf ſeinem Schilde trug, naͤmlich einen Baum mit dem Worte: Pesdichado ꝛc. ꝛc. c., was Alles den kleinen Davids nicht im Mindeſten intereſſirt haben wuͤrde, wenn es aus dem Munde eines anderen Menſchen ge⸗ kommen wäre, dem er aber, da es von ihren ſußen Lippen fiel, nie muͤde wurde zuzuhoͤren. Ale der alte Iſaak von York alſo mit Don Bel⸗ tran de Cuchilla wegen des Loſegeldes der Alfaquis Tochter von Fixona unterhandelte, war unſere Liebſte Rebecka eben ſo wenig todt, wie Ihr und ich, und Iſaak erlaubte ſich nur in ſeinem Zorn und Grimm gegen Ivanhoe die Luͤge, welche dem Ritter ſo vielen Schmerz und den Mohren ſolches ungeheueres Blutvergießen verurſachte, und wer weiß, ob dieſer Umſtand, ſo geringfuͤgig er auch erſcheinen mag, nicht gerade derjenige war, welcher die Vernichtung der mohriſchen Macht in Spanien zur Folge hatte. — 112 — Obgleich Iſaak, wie wir uͤberzeugt ſein können, ſeiner Tochter nie ſagte, daß Jvanhoe wieder aufge⸗ taucht ſei, ſo that dies doch Musje Ben Davids, der es von ſeinem Prinzipale gehoͤrt hatte, und durch die Mit⸗ theilung dieſer Nachricht Rebecka's Leben rettete, denn das arme Ding wuͤrde ohne dieſe gute Nachricht un⸗ fehlbar umgekommen ſein. Sie befand ſich jetzt ſeit vier Jahren, drei Monaten und vierundzwanzig Tagen im Gefängniſſe, und hatte während dieſer Zeit nichts als Brot und Waſſer genoſſen — mit Ausnahme von ein paar Mundbißchen, die ihr Davids mitunter bringen konnte, und die kamen auch nur ſelten vor, denn der alte Iſaak war immer ein Geizhals geweſen und hatte ſelten mehr als ein paar Eier fuͤr ſich und Davids zum Mittagseſſen, — und ſie ſchmachtete langſam dahin, als ſie ploͤtzlich von der Nachricht wie⸗ der belebt wurde. Jetzt begannen ihre Wangen, obgleich man ſie in der Dunkelheit nicht ſehen konnte, wieder zu bluͤhen, jetzt klopfte ihr Herz und floß ihr Blut von Neuem, und ſie kuͤßte den Ring an ihrem Halſe des Tages wohl tauſend Mal, und ihre beſtaͤndige Frage war: „Ben Davids, Ben Davids, wann kommt er, um Va⸗ lencia zu belagern?“ Sie wußte, daß er kommen wuͤrde, und wirklich lagen die Chriſten, ehe noch ein Monat verging, vor der Stadt. — 113 — Und nun, liebe Knaben und Madchen, iſt es mir, als ſaͤhe ich hinter jener dunkeln Scene der Hinter⸗ kuͤche, die nur eine einfache ſteinfarbig angemalte De⸗ coration iſt, die ſich in einer Minute aufrollen laͤßt — helle Lichtſtreifen hervorblitzen, als ob man eine aͤußerſt glaͤnzende, prachtige und geradezu blendende Illumination mit Effekten, wie ſie noch auf keiner Buͤhne verſucht worden ſind, vorbereitete. Ja, die Fee in den huͤbſchen Roſatricots und dem flitterbeſetzten Muſſelinkleidchen ſteigt in den glänzenden Drehwagen des Reiches der Gluͤckſeligkeit. Ja, die meiſten Fiedler und Trompeter ſind aus dem Orcheſter fortgegangen, um auf der Buͤhne mit in dem großen Triumphzuge zu marſchiren, wozu be⸗ reits die ganze Geſellſchaft in den Coſtuͤmen mohriſcher und chriſtlicher Ritter verſammelt iſt, um den „furcht⸗ baren Sturm“, die „Erloſung der Tugend und Un⸗ ſchuld“, den „großen Einzug der Chriſten nach Va⸗ lencia“, das „Erſcheinen der Fee Tagesſtern“ und die „beiſpiellos praͤchtigen Feuerwerke“ vor ſich gehen zu laſſen. Bemerkt Ihr nicht, daß wir an das Ende unſerer Geſchichte gelangt ſind, und nach einer Quantität von furchtbaren Kaͤmpfen, glaͤnzendem Decorationswechſel und geeigneten oder andern Liedern den Helden und die Heldin zuſammen kuppeln? Wer verlangt zum Schluſſe eine lange Scene? Die Mama's legen den Mädchen die Mantel und Rebecka und Rowenn. 8 — 114 — Boas um, die Papa's ſind hinausgegangen, um nach dem Wagen zu ſehen, und haben die Logenthuͤr auf und die kalte Luft herein gelaſſen — und wenn auch auf der Buͤhne ein Geſpraͤch vor ſich ginge, ſo koͤnnte man es doch nicht hoͤren, denn die Leute, die das Par⸗ terre verlaſſen, machen zu großen Spektakel. Seht, auch die Apfelſinenweiber ruͤſten ſich zum Fortgehen. Morgen werden ihre Theaterzettel Makulatur ſein, wie auch einige von unſeren Meiſterſtuͤcken — o weh! — Aber ſchaut her, wir kommen zur letzten Scene, und Valencia wird von den Chriſten belagert und einge⸗ nommen. Wer iſt der Erſte auf der Mauer und ſchleudert die gruͤne Standarte des Propheten nieder? Wer ſaͤ⸗ belt dem Emir Abu — wie heißt er doch gleich — den Kopf ab, gerade als dieſer den grauſamen Don Bel⸗ tran de Cuchilla y ꝛc. niedergehauen hat? Wer findet durch das Schreien der Einwohner, die von den mohri⸗ ſchen Soldaten erſchlagen werden, und einen kleinen Knaben Ben Davids, der den Ritter an ſeinem Schild erkennt, nach dem Judenquartier gebracht, Iſaak von York égorgé uud mit einem großen Hinterkuͤchenſchluſ⸗ ſel auf der Schwelle liegend — wer als Jvanhoe — wer als Wilfried? „Jvanhoe kommt!“ ſchreit er, „er hat von dem kleinen Ben Davids eine Nachricht gehoͤrt, die ihm die Sprache wieder gegeben hat.“ — Und wer iſt es, die zitternd — ſehnend — mit ausgeſtreckten Armen — — 115 — in weißer Kleidung — mit lang herabwallendem Haar aus dem Hauſe kommt — wer als unſere liebe Rebecka? Seht, ſie ſturzen einander in die Arme, und Musje Wamba ſchwingt eine ungeheuere Fahne uͤber ihnen und ſchlaͤgt einen krummbeinigen Juden mit einem Schinken, den er zufällig in der Taſche hat, zu Boden. Wos Rebecka betrifft, ſo liegt jetzt ihr Kopf an Jvanhoe's Bruſt, ich werde nicht fragen, was ſie fluͤ⸗ ſtert, und dieſe Scene des Wiederfindens nicht weiter beſchreiben, obgleich ich ordentlich geruͤhrt bin, wenn ich daran denke. Ich habe ja ſchon ſeit fuͤnfundzwanzig Jahren daran gedacht — ſeit ich als Knabe das edle Romanſtudium begonnen — ſeit ich an Mittwoch⸗und Sonnabend⸗Nachmittagen auf ſonnigen Abhaͤngen lie⸗ gend, die ſchoͤnen und ritterlichen Geſtalten von Rittern und Damen vor meinen Augen ſah — ſeit ich Rebecka, die ſuͤßeſte Schoͤpfung der Phantaſie des Dichters, zu lieben und mich zu ſehnen anfing, daß ihr recht ge⸗ ſchehen moͤge. Daß ſie und Jvanhoe einander heirathen, liegt in der Natur der Sache, denn das Verſprechen, welches ihm Rowena abgeluxt hatte, lautete nur, daß er nie eine Juͤdin heirathen wuͤrde, und eine beſſere Chriſtin als Rebecka jetzt war, hat nie ihren Katechismus her⸗ geſagt. Ich bin uͤberzeugt, daß ſie einander heiratheten 8* — 116 — und den kleinen Cedric adoptirten, aber ich glaube nicht, daß ſie ſonſt noch Kinder hatten oder ſpäter ſehr laͤr⸗ mend glucklich waren. Von manchen Arten des Gluͤ⸗ ckes iſt die Wehmuth ein Kennzeichen, und ich denke, daß dieſe ein ernſthaftes Paar waren und fruh ſtarben. — — — ————, Doector Birke und ſeine jungen Freundr. Erſtes Bapitel. Der Doector und ſein Stab. Jo brauche nicht zu erzaͤhlen, weshalb ich zweiter Lehrer und Profeſſor der engliſchen und franzoͤſiſchen Sprache, des Blumenmalens und der Floͤte in Dor⸗ tor Birkens Schule zu Rodwell Regis wurde. Man kann ſich darauf verlaſſen, daß ich gute Gruͤnde hatte, meine Wohnung bei Landon und einen feinen Um⸗ gangskreis mit einem Unterlehrerkatheder zu vertau⸗ ſchen. Die Koſt am Lehrertiſche, das Aufſtehen um fuͤnf Uhr Morgens, das Ausgehen mit kleinen Knaben (die mir neckiſche Streiche zu ſpielen pflegten, und ſich nie bewegen ließen, meine ehrfurchtgebietende, verantworkliche Stellung als Lehrer zu zreſpectiren), Miß Birken's gemeine Inſolenz, Hans Birkens muͤr⸗ riſche Herablaſſung, und die Goͤnnermiene des guten alten Doctors waren an ſich keine angenehmen Dinge, und dieſe Goͤnnermiene und jene Koſt mitunter ent⸗ ſetzlich ſchwer zu verdauen. Doch es thut nichts — mein Verhaͤltniß zu der Schule hat jetzt aufgehoͤrt, — 120 — und ich hoffe, daß ſich nun ein beſſerer Unterlehrer dort befinden wird. Hans Birke (der Hochw. Johannes Birke von St. Neoti Halle, zu Oxford) iſt der Compagnon ſei⸗ nes Vaters, und giebt einige Lectionen. Ueber ſein Griechiſch kann ich nicht urtheilen, aber im Lateini⸗ ſchen nehme ich es alle Tage mit ihm auf. Ein hoch⸗ muͤthigeres Stutzerchen (das ſich noch dazu uͤber ſeine Couſine, Miß Raby, die bei dem Doctor lebt, erheben will) ein hohlkoͤpfigerer, prunkredneriſcherer kleiner Geck iſt mir noch nie vorgekommen. Sein weißes Hals⸗ tuch ſah aus, als ob es ihn erſtickte. Er pflegte uͤber dieſen geſtaͤrkten Lappen hinaus auf mich und Prinz, den erſten Lehrer, herabſehen zu wollen, als ob wir La⸗ kaien geweſen waͤren. In der Schule that er nicht viel, ſondern fuͤllte ſeine Zeit damit aus, ſcheinheilige Briefe an die Eltern der Knaben zu ſchreiben, und langweilige Predigten aufzuſetzen, die er vor ihnen hielt. Der eigentliche Lehrer der Schule iſt Prinz; er hat auch in Oxford ſtudirt, er iſt ſchuͤchtern, ſtolz und gelehrt; mit Griechiſch und einer entſetzlichen Maſſe von Wiſſen vollgeſtopſt, ungemein guͤtig gegen die kleinen Knaben, unbarmherzig gegen die Dummkoͤpfe und Groß ſprecher, von Allen wegen ſeiner Ehrlichkeit, ſeiner Gelehrſamkeit, ſeines Muthes (denn er ſchlug einmal bei einem Streite mit den Schiffsfuͤhrern um ſich, daß es eine Art hatte, und die Jungen, wie die — — 121 — Schiffsfuͤhrer erſtaunten) und einer ſchlummernden Kraft, die Alle ſehen und zugeſtehen mußten, geachtet. Die alte Miß Zoe wagte es nicht, ſich gegen ihn Airs zu geben. Miß Flora machte ihm ihre tiefſten Knixe. Miß Raby ſagte, daß ſie ſich vor ihm fuͤrchte. Guter alter Prinz! wie manchen angenehmen Abend haben wir nicht in dem Pferdegeſchirrzimmer des Doctors verraucht, wohin wir uns zu begeben pflegten, ſobald unſere Knaben zu Bette gegangen waren, und wir unſere Sorgen und Roͤhrchen bei Seite gelegt hatten. Sobald Hans Birke ſein Examen in Orford gemacht hatte — was ihm große Schwierigkeiten ver⸗ urſachte — wurde die Schule, die bisher „Birken's Akademie“ ꝛc. genannt zu werden pflegte, plotzlich zu „Etzbiſchof Wipsby's Collegium zu Rodwell Regis.“ Die alte blaue Firma mit den goldenen Buchſtaben wurde abgenommen und ſpäter zum Ausbeſſern des Schweineſtalls verwendet. Birke ließ ein großes Klaſ⸗ ſenzimmer im gothiſchen Geſchmack, mit Statuetten und einem kleinen Glockenthurme erbauen, und in der Mitte der Schule eine Buͤſte des Erzbiſchofs Wipsby aufſtellen. Die ſechs aͤlteſten Knaben wur⸗ den in Studentengewaͤnder und Mutzen geſteckt, was einen recht guten Effekt machte, wenn die jungen Bur⸗ ſchen durch die Straßen des Staͤdtchens ſchlenderten, allerdings aber auch die Verachtung und Feindſeligkeit der Kahnfuͤhrer erregte, und ſeine Wuth auf akade⸗ miſche Coſtuͤme und Einrichtungen war ſo groß, daß — — und Franzen ſtecken wollte; dem aber widerſetzte ich mich auf's Entſchiedenſte und ſagte, daß ein Schreib⸗ lehrer mit dergleichen Paraphernalien nichts zu ſchaf⸗ fen habe. Apropos, beinahe haͤtte ich vergeſſen, des Doctors ſelbſt zu erwaͤhnen. Was ſoll ich auch von ihm ſa⸗ gen? Nun, er traͤgt einen ſehr huͤbſchen Talar und Baͤffchen, hat eine feierliche Miene, eine entſetzlich laute Stimme und giebt ſich ein großartiges, wuͤrde⸗ volles Ausſehen gegen die Eltern der Knaben, die er in einem ringsum mit den beſtgebundenen Buͤchern austapezierten Studirzimmer empfaͤngt, was Vielen imponirt, beſonders den Frauenzimmern — und ſie auf die Einbildung bringt, daß das einmal ein rechter Doctor ſei. Aber Du lieber Gott! Er lieſ't nie in einem von den Buͤchern, noch oͤffnet er eins davon, mit Ausnahme desjenigen, worin er ſeine Baͤffchen aufbewahrt, und eines Exemplars von Dugdale's Mo- nasticon, das ausſieht wie ein Buch, aber in der That ein Schrank iſt, in dem er ſeinen Mandelkuchen und eine Flaſche Portwein aufbewahrt. Zu ſeinen latei⸗ niſchen und griechiſchen Stunden bereitet er ſich mit Ueberſetzungen, oder Eſelsbruͤcken, wie es die Knaben nennen, vor. Sie ſpielen ihm gottloſe Streiche, wenn er die Lectionen uͤberhoͤrt. Die aͤlteren Spaßvögel gehen in ſein Studirzimmer und bitten, daß er ihnen bei ſchweren Stellen im Herodot oder Thucydides hel⸗ er auch mich in einen Laientalar mit rothen Quaſten fen moͤge, wo er dann ſagt, daß er die Stelle anſehen wolle, und ſeine Zuflucht zu Prinz oder den Eſelsbruͤ⸗ cken nimmt. Das Auspruͤgeln hat er ſich ſelbſt vorbehalten, da er fand, daß es ſein Sohn zu zornwuͤthig trieb. Er hat furchtgebietende Augenbrauen und eine tiefe Baßſtimme. Aber ſein Bruͤllen erſchreckt Keinen. Es iſt nur eine Löwenhaut, oder ſo zu ſagen ein Muff. Der kleine Mordant malte ihn einmal mit lan⸗ gen Ohren wie ein bekanntes Hausthier, und erhielt zum Lohn fur ſeine Karrikatnr ein paar tuchtige hin⸗ ter die ſeinigen. Der Doctor ertappte ihn auf fri⸗ ſcher That und war in furchtbarer Wuth, und drohte zuerſt ihn durchzugerben; aber im Laufe des Tages kam glucklicher Weiſe ein Geſchenk von Wildpret von Mordant's Vater, und der Doctor wurde davon er⸗ weicht, und verbrannte das Bild mit den Ohren. Ich habe jedoch eins von der Hand deſſelben kleinen Schin⸗ gels in mein Schreibepult geklebt. Bweites Rapitel. Der Matador der Schule. Ich werde nachgerade alt und habe in meiner Zeit und auf meinen Reiſen eine Menge von großen Leuten geſehen — Louis Philipp wie er aus den Tui⸗ lerien kam, Seine Majeſtaͤt den Koͤnig von Preußen und den Reichsverweſer, wie ſie ſich in Koͤln dicht neben mir umarmten, den Admiral Sir Charles Napier (einmal in einem Omnibus), den Herzog von Wellington, den unſterblichen Goethe in Weimar, den ſeligen guten Papſt Gregor XVI. und ein paar Du⸗ tzend andere beruͤhmte Leute dieſer Welt — bei deren Anblicke man einen kleinen Stoß von Ehrfurcht und Beben empfindet. Ich mag das Gefuͤhl von leiſer Furcht und Beben, womit ein beſcheidener Geiſt einen großen Mann begruͤßt, wohl leiden. Nun, ich habe Generale an der Spitze ſie Bataillone einherſprengen, Biſchoͤfe mit niedergeſchla⸗ genen Augen, und ihre Barrette mit ihren fetten wei⸗ ßen Haͤnden auf's Herz druͤckend, in Kathedralen hin⸗ ſegeln, Collegienvorſteher, wenn Ihre Majeſtaͤt zum Beſuche da iſt; den Doctor in aller ſeiner Herrlichkeit — 125 — an der Spitze ſeiner Schule, an Examinationstagen, — großartiger Anblick — und eine Menge derglei⸗ chen großer Maͤnner geſehen. Ich habe den ſeligen Mr. Thomas Cribb, den beruͤhmten Boxer nie er⸗ blickt, ohne ihn mit derſelben Ehrfurcht zu betrachten, womit ich taͤglich Georg Champion, den Matador in Doctor Birkens Schule, anſchau. Wenn ich zu ihm gehe, um ihm ein Erempel aufzugeben und dabei bedenke, daß er mich in zwei Minuten zu Boden arbeiten, Prinz und den andern Unterlehrer wie ein Federmeſſer zuſammenſchlagen und den Doctor aus dem Fenſter werfen koͤnnte, ſo kann ich mich des Gedankens nicht enthalten, welches große, edelmuͤthige, hochherzige Geſchoͤpf hier ruhig und gut⸗ muͤthig daſitzt, und ſeine Gleichung berechnet und an ſeinem griechiſchen Trauerſpiele kaut. Er koͤnnte die Saͤulen des Klaſſenzimmers erfaſſen und das Haus einreißen, wenn er wollte. Er konnte die Thuͤr zu⸗ ſchließen und uns Alle vernichten wie Antar, der Lieb⸗ haber der Ibla; aber er laͤßt uns leben. Er driſcht nie Einen ohne Grund, dann wehe aber dem Tyran⸗ nen oder Angeber. Ich glaube, daß es die großte aller Gaben waͤre, ſtark und faͤhig zu ſein, einen Jeden durchzugerben — merkt wohl, ich meine nicht es zu thun, ſondern zu fuhlen, daß man es thun konnte. Auf Georg Cham⸗ pion's breitem Geſicht ſpielt eine heitere Gutmuͤthig⸗ keit, die das Bewußtſein ſeiner Kraft zeigt, und ſeine — 126 — ehrlichen blauen Augen mit dem Lichte großherziger Ruhe erhellt. Er iſt noch nie beſiegt worden. Selbſt in fruͤhe⸗ ſter Jugend war der Loͤwe nicht zu baͤndigen. Vor ſechs Jahren ſtellte ſich der unerſchrockene kleine Kaͤmpe ſogar Franz Daviſo (der jetzt Offizier in Oſt⸗ indien iſt — der Bruder des armen kleinen Karlchens, das Miß Raby ſo liebevoll pflegte) der damals ſieb⸗ zehn Jahr alt und in Birkens Schule Matador war, gegenuͤber. Man mußte den Knaben von ihm fort⸗ reißen und Franz prophezeihte mit Bewunderung und Achtung gegen ihn, welche große Dinge er thun werde. Dergleichen Kampflegenden werden in den Schulen ſorgſam aufbewahrt, in Rodwell Regis erzaͤhlt man ſich noch Geſchichten, die vor vierzig Jahren in der Zeit des alten Doctors vorgegangen ſind. Champion's Geſchichte mit dem jungen Boxer von Tutbury, der ſich hier einuͤbte — mit dem Schiffsfuͤhrer Schwartz — mit den drei erſten Jungen aus Doctor Wap⸗ ſhots Schule, die er dabei ertappte, wie ſie einen ein⸗ zelnen Knaben aus unſrer Schule, der aber nicht bei uns wohnte, mißhandelten, ꝛc. — ſind Allen, die in Rodwell Regis waren, bekannt. Er iſt ſtets ſiegreich geweſen. Er iſt beſcheiden und guͤtig wie alle große Maͤnner. Er hat einen guten, wackern, ehrlichen Ver⸗ ſtand, er kann weder Verſe machen wie der junge Bin⸗ der, noch Griechiſch leſen wie der Primus Lorenz, der ein wahrer Abgrund von Gelehrſamkeit iſt, und wie — — Prinz ſagt, genug weiß, um ſechs maxima eum laude- Doctoren vollſtaͤndig auszufuͤllen, aber er verrichtet ſeine Arbeit thaͤtig und bis auf den Grund, iſt zum tapferſten Soldaten, zum beſten Landpfarrer, zu einem wackern engliſchen Gentleman, wohin er auch gehen mag, geſchaffen. Gleich allen großen Maͤnnern iſt Georg gutmuͤ⸗ thig und faul. Auf dem Spielplatz ſteht eine Bank, auf der er an halben Feiertagen ſtundenlang zu liegen pflegt, wo er dann ſo herablaſſend iſt, daß die klein⸗ ſten Jungen kommen und mit ihm ſprechen. Es iſt eine Luſt, die jungen Bengel um den ehrlichen Loͤwen ſpringen zu ſehen. Sein Hauptfreund und Beglei⸗ ter iſt jedoch der junge Hans Hall, den er aus dem Muͤhlteiche gezogen und von dem Ettrinken gerettet hat. Es iſt merkwuͤrdig, die Freundſchaft der Beiden zu beobachten und wie der kleine Burſche um den gro⸗ ßen herumſpringt, ſeine Streiche ſpielt und ſich be⸗ ſtaͤndig uͤber ſeinen Beſchutzer luſtig macht. Sie ſind nie weit aus einander und an freien Tagen kann man ſie meilenweit von der Schule treffen, wie Georg mit ſeinem dicken Stocke ſchwerfaͤllig zwiſchen den Hecken⸗ wegen einherſchlendert und der kleine Hans mit den huͤbſchen Maͤdchen an den Fenſtern der Bauerhaͤuſer liebelt. Georg hat einen Kahn auf dem Fluſſe, worin er jedoch gemeiniglich rauchend liegt, während ihn Hans rudert. Er ſpielt nicht Pritſcheball, außer wenn — — die Schule gegen die Grafſchaft ſpielt, oder in den Ferien bei London. Die Jungen können ſein Werfen nicht aushalten und wenn er den Ball gepritſcht hat, ſo koͤnnte man eben ſo gut eine Kanonenkugel auf⸗ fangen wollen. Ich habe ihn beim Federball geſehen. Es iſt ein herrlicher Anblick, den jungen Burſchen mit flatterndem gelbem Haar, wie einen jungen Apollo in der Flanelljacke uͤber den Hof hin ſpringen zu ſehen. Die uͤbrigen erſten Knaben ſind Lorenz der Pri⸗ mus, Bunz, der ſich hauptſaͤchlich durch ſeinen vor⸗ trefflichen Appetit auszeichnet und Grubmann mit dem Beinamen Roscius, wegen ſeiner Vorliebe fuͤr das Theater. Zu dieſen fuͤgen wir noch Schwanky, Ma⸗ caſſar genannt, wegen ſeiner Liebe zu dieſem Parfuͤm und der lakirte Stiefeln hat, des Sonntags weiße Handſchuhe traͤgt und ſich nach Miß Pinkerton's Schule (die von Chiswick nach Rodwell Regis uͤberge⸗ ſiedelt hat und von den Nichten der ſeligen Miß Bar⸗ bara Pinkerton, den Freundinnen unſers großen Lexi⸗ cographen, nach den von ihm gebilligten und von je⸗ nem bewundernswuͤrdigen Frauenzimmer geuͤbten Grundſaͤtzen geleitet wird) ausſchaut, wenn ſie in die Kirche geht. Es ſind bereits Vorſtellungen uͤber Horaz Schwanky's Benehmen erfolgt, man hat einander Ge⸗ ruchte uͤber Billets in Verſen zugefluͤſtert, die von Mrs. Ruckels, die Miß Pinkerton's junge Damen des Freitags bedient, in dreieckigen Blättertoͤrtchen — — 129 — verſteckt hereingeſchmuggelt ſind und wie Miß Dido, an die der Kuchen mit dem Briefe adreſſirt war, ſich durch Verſchlucken eines Baumwollengarnknaͤuels um⸗ zubringen geſucht habe. Aber ich uͤbergehe dieſe abgeſchmackten Geruͤchte, da ſie leicht den Ruf eines von vorwurfsfreien Frauen⸗ zimmern geleiteten vortrefflichen Inſtituts gefaͤhrden koͤnnen. Da ſie einmal in die Kirche gehen (wobei Miß Pinkerton ihre Laͤmmchenheerde mit dem Schaͤ⸗ ferſtabe ihres Sonnenſchirmes hineintreibt,) iſt es wohl ſchwer zu verhuͤten, daß ihre Streitkraͤfte zuwei⸗ len mit den unſern in Colliſion kommen, wenn ſich die Knaben auf dem Wege nach dem Orgelchor befin⸗ den. Und ich glaube kein Wort von der dreieckigen Paſtete, ſondern bin uͤberzeugt, daß es eine Erfindung der eiferſuͤchtigen Miß Birke ſein wird, die auf Miß Raby und auf jeden andern guten Menſchen eifer⸗ ſuͤchtig iſt und ihre beſondern Abſichten dabei hat, oder ich muͤßte mich ſehr irren. Doctor Birke. 9 Prittes Rapitel. Die kleine Klaſſe. Was man die kleine Klaſſe nennt, iſt ein Zim⸗ merchen am aͤußerſten Ende des Schulzimmers, durch welches man nach dem Privathauſe des Doctors geht und wo Miß Raby mit ihren Schuͤlern ſitzt. Sie hat deren ein halbes Dutzend ſehr kleine, die ſie auf ihre einfache Art belehrt, bis ſie groß oder geſcheidt ge⸗ nug ſind, um in das große Klaſſenzimmer zu kommen. Viele von ihnen koͤnnen es nicht erwarten, bis ſie be⸗ foͤrdert werden, die dummen kleinen Einfaltspinſel! und wiſſen eben ſo wenig wie aͤltere Leute, wenn es ihnen gut geht. Sie fuͤhrt die Buͤcher, ſchreibt die Rechnungen, beaufſichtigt die Waͤſche und naͤht die Hemdknopfchen an. Wer eine ſolche Frau zu Hauſe haͤtte, um Einem die Hemdknoͤpfchen anzunaͤhen! Aber Friede, Friede, Du thoͤrigtes Herz! Miß Raby iſt die Nichte des Doctors. Ihre Mutter war eine Schoͤnheit (der alten Zoe alſo ganz und gar unaͤhnlich) und heirathete zur Zeit des alten — — 131 — Dortors einen Schuͤler, der ſpater als Hauptmann im Dienſte der oſtindiſchen Compagnie bei der Bela⸗ gerung von Bhurtpore fiel. Daher kamen eine Menge von oſtindiſchen Kindern zum Doctor, denn Raby war allgemein beliebt, und die freundliche Auf⸗ nahme, die der Oheim der Nichte zu Theil werden laſſen, iſt eine gute Spekulation geweſen. Es iſt wunderbar, wie munter und heiter das kleine lebendige Geſchoͤpf ſeine Pflicht thut, ſie iſt die Erſte beim Aufſtehen, die Letzte beim Schlafengehen, wenn irgend ein Geſchaͤft zu verrichten iſt. Sie ſieht die beiden andern Frauenzimmer in die Stadt gehen, ohne auch nur den Wunſch zu haben, mitzukommen. Es iſt Aſchenbrodel, aber nur damit zuftieden, zu Hauſe zu bleiben, zufrieden, Zoe's Geringſchaͤtzung zu tragen und Flora's großere Reize zuzugeſtehen — und ihr Aeußerſtes zu thun, um ihrem Onkel die große Guͤte, womit er ſie in ſein Haus aufgenommen hat, zu ver⸗ gelten. So, ſeht Ihr, thut ſie die Arbeit von drei Maͤg⸗ den fuͤr den Lohn einer einzigen. Wenn der Doctor ihr ein neues Kleid giebt, ſo iſt ſie ihm dafuͤr ſo dankbar, als ob er ihr ein Vermogen geſchenkt haͤtte. Sie lacht auf das Gutlaunigſte bei allen ſeinen Ge⸗ ſchichten, hoͤrt Zoe's Schmaͤhlen auf das Demuͤthigſte an, bewundert Flora von ganzem Herzen und geht nur dann aus dem Wege, wenn Hans Birke ſein graues Geſicht zeigt, denn ſie kann ihn nicht ausſte⸗ 9* — 132 — hen, und findet ſtets etwas zu thun, wenn er in ihre Naͤhe kommt. Wie ganz anders iſt ſie, wenn ſich ihr gewiſſe Leute naͤhern. Ich will mir nichts einbilden, aber ich denke — ich denke — daß ich bei einer gewiſſen Perſon einen nicht unguͤnſtigen Eindruck gemacht habe. Wir wollen jedoch uͤber dieſen Gegenſtand den Mund halten. Ich ſehe ſie gern, weil ſie immer guter Laune zu ſein ſcheint, weil ſie ſtets freundlich, ſtets beſcheiden iſt, weil ſie jene armen kleinen Ran⸗ gen lieb hat, — Manche davon ſind Waiſen — weil ſie ſehr huͤbſch iſt, oder weil ich es glaube, und das kommt auf Eines heraus. Obgleich ſie gegen Alle freundlich iſt, muß man doch geſtehen, daß ſie ſich dem groͤbſten Guͤnſtlingswe⸗ ſen gegen gute Kinder hingiebt, ſie bringt ihnen vom Deſſert Kuchen mit und regalirt ſie mit Zoe's Ein⸗ gemachtem, giebt viele von ihren wenigen Schillingen zu fur ihre Guͤnſtlinge beſtimmten Geſchenken aus und erzaͤhlt ihnen Stundenlang Geſchichtchen. Sie weiß eine ſehr traurige Geſchichte von einem kleinen Kna⸗ ben, der vor langer Zeit geſtorben iſt, die juͤngern Kinder werden nie muͤde, von ihm zu hoͤren, und Miß Raby hat Einem von ihnen eine Locke von dem Haar des kleinen Burſchen gezeigt, die ſie bis heutigen Ta⸗ ges noch in ihrem Arbeitskäſtchen aufbewahrt. * Piertes Rapitel. Bruderliebe. Ein Melodrama in mehreren Gaͤngen. Perſonen: Der Doctor. Mr. Tipper, der Onkel der beiden Boxall's. Boxall der Erſte. Voxall der Zweite. Braun. Jonas. Schmidt. Robinſon. Tifſin der Kleinſte. B. Auf ihn, alter Bopall, J. Gib's ihm, junger Bopall, R. Knuff ihn, alter Bopall, S. Zwei gegen Einen auf den jungen Bopall. (Liffin der Kleinſte läͤuft herbei.) 5 Tiffin der Kleinſte: Bopalls, Ihr ſollt herein kommen. Der Doctor (zu Mr. Tipper): Jeder Knabe in der Schule hat Sie lieb, mein lieber Herr. Ihre — 134 — Neffen ſind eine Ehre fuͤr mein Inſtitut. Es ſind ordentliche, wohlgezogene, gentlemaͤniſche Knaben. Wenn wir hereintreten, ſo werden wir ſie bei ihren Studien finden. (Der Doctor und Mr. Tipper treten hinein.) Großes Tableau. Fünftes Rapitel. Einer an dem Hopfen und Malz verloren iſt. Wir Leute, die wir ſo ungemein geſcheidt und gelehrt ſind, ſollten doch die groͤßte Nachſicht und das groͤßte Mitleid gegen die armen Teufel hegen, die nicht mit ſo wundervollen Talenten wie wir begabt ſind. Ich habe ſtets eine Zuneigung fuͤr Dummkoͤpfe gehabt — die meiner eignen Schultage gehoͤrten zu den unterhaltendſten Burſchen und haben ſich im buͤrgerli⸗ gen Leben als keineswegs die Duͤmmſten erwieſen, waͤh⸗ rend mancher Knabe, der ellenlange lateiniſche Gedichte in Hexametern machen und gelaͤufig Griechiſch uͤber⸗ ſetzen konnte, jetzt ein Schwachkopf iſt, der um keinen Heller mehr Gehirn in ſeinem Schaͤdel hat, als zu jener Zeit, ehe ihm ſein Bart zu wachſen begann. Die armen Dummkoͤpfe! Die Leute ſprechen da⸗ von, welches Ungluͤck es ſein muͤßte, der letzte Menſch zu ſein. O, welche Qual muß aber der letzte Knabe fuͤhlen — der große unbehilfliche vierzehnjaͤhrige — uͤber den ein Kerlchen geſetzt wird, das erſt ſechs Jahr alt iſt und noch nicht deutlich ſprechen kann. In Birkens Anſtalt befindet ſich Hulker in die⸗ — 136 — ſer Lage. Er iſt das ehrlichſte, guͤtigſte, thaͤtigſte, muthigſte, edelmuͤthigſte Geſchoͤpf von der Welt. Er kann viele Dinge beſſer thun, als die meiſten Knaben, er kann auf einen Baum klettern, ſpringen, Ball ſpie⸗ len, vollkommen tauchen und ſchwimmen — er kann doppelt ſo viel eſſen wie faſt jede Dame — was Miß Birke recht gut weiß — er hat ein huͤbſches Talent, mit ſeinem Taſchenmeſſer Figuren zu ſchnitzen, er macht und bemalt kleine Kutſchen, er kann eine Uhr ausein⸗ ander nehmen und wieder zuſammenſetzen, er kann Alles thun außer ſeine Lection lernen, und dort bleibt er hoffnungslos am Ende der Schule kleben. Sobald die kleinen Jungen aus Miß Raby's Klaſſe herein⸗ kommen — allerdings iſt ſie eine von den beſten Leh⸗ rerinnen auf der Welt — ſo uͤberſpringen ſie den armen Hulker faſt eben ſo ſchnell wie ſie hereinkommen. Er wuͤrde der Gouvernante uͤbergeben werden, wenn er nicht ſchon zu groß waͤre. Mitunter pflegte ich zu denken, daß dieſe verzweifelte Dummheit eine Liſt des armen Schlingels ſei, und daß er ſie nur heuchelte, um in Miß Raby's Klaſſe hinabgeſetzt zu werden; wenn ſie mich unterrichten wollte, ſo wuͤrde ich wahr⸗ haftig ein Geiferlaͤtzchen vorbinden und ein kleines Jack⸗ chen anziehen — aber nein, es iſt eine natuͤrliche Un⸗ fahigkeit, die lateiniſche Grammatik zu faſſen. Wenn Ihr nur ſeine Grammatik ſehen könntet, ſie iſt eine wahre Curioſitaͤt von Eſelsohren. Die Blaͤt⸗ ter und der Einband ſind ganz bekraͤuſelt und zerriſſen, — 137 — viele von den Seiten ſind von dem Reiben ſeiner Elln⸗ bogen, wenn er bruͤtend uͤber dem hoffnungsloſen Buche da ſitzt, von den Schlaͤgen ſeiner Fäuſte, wenn er wuͤ⸗ thend darauf pocht, oder von den Thraͤnen des armen Teufels gänzlich verwiſcht. Man ſieht, wie er ſich mit ſeinem Handruͤcken das Waſſer aus den Augen reibt, wenn er verſucht und verſucht und es doch nicht fer⸗ tig bringen kann. Wenn ich an die lateiniſche Grammatik und an das infame amo amas amat und andere Dinge, die ich in meiner Jugend lernen mußte, denke, ſo bin ich mei⸗ ner Treu erſtaunt, daß wir es uͤberlebt haben. Wenn man an die Jungen denkt, die das Roͤhrchen geſchwenkt haben, weil ſie jenen unleidlichen Jargon nicht klein be⸗ kommen konnten! Guter Gott, welchen klaͤglichen Chor die armen kleinen Geſchoͤpfe gen Himmel ſenden! Seid nachſichtig mit ihnen, ihr Schulmeiſter, und gerbt nur die, die nicht lernen wollen. Der Doctor hat (unter uns geſagt) an Hulker auch mit dem Roͤhrchen operirt, aber der Junge war davon ſo ungeruͤhrt, daß man haͤtte glauben ſollen, er habe Chloroform genommen. Birke iſt jetzt des langen Pruͤgelns muͤde und laͤßt den Knaben ſeinen eignen Weg gehen. Prinz, der es nicht laſſen kann, ſich uͤber jeden Narren luſtig zu machen, verfährt, wenn er ihm die Lection abhort, ſarkaſtiſch, und ſagt: „Herr Hul⸗ ker, darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie zu fragen, ob Ihr glaͤnzender Verſtand Sie befaͤhigt hat, den Unter⸗ — 138 — ſchied zwiſchen denjenigen Worten, welche die Gramma⸗ tiker als nomina substantiva und denen, die ſie als nomina adjectiva definirt haben, wahrzunehmen? — Sonſt wird es Ihnen vielleicht Herr Ferdinand Tim⸗ mins ſagen.“ Und Timmins wird uͤber Hulker geſetzt. Ich wollte, Prinz ließe davon ab, ſich uͤber den armen Burſchen luſtig zu machen. Er iſt ein einziger Sohn, und ſeine Mutter, die Witwe, liebt ihn von ganzem Herzen. Man hat eine famoſe Spottrede uͤber das Narrenſaͤugen und Verzeichnen von Duͤnnbier, aber bedenkt, daß es ein Schuft war, der ſie ausſtieß. —— —— Sechſtes Rapitel. Ein Wort über Miß Birke. „Die Knaben und beſonders die juͤngern, ſchwaͤch⸗ lichern Zoͤglinge werden unter der ſteten Aufſicht und liebevollen Fuͤrſorge der Miß Zoe Birke, der Schweſter des Directors ſtehen, deren innigſter Wunſch es iſt, ſo weit als moͤglich die abweſende muͤtterliche Freundin zu erſetzen — Proſpect der Schule von Rodwell Regis. Das klingt recht huͤbſch in den Circularen des Doctors, und Miß Zog Birke — (ſie iſt eine liebliche Birkenbluͤthe von fuͤnfundfunfzig Jahren, vierzig vovn welchen hindurch ſie ſich fortwaͤhrend mit Pillen ge⸗ doctort hat und mit einer Naſe ſo roth und einem Ge⸗ ſicht ſo ſauer wie ein Holzapfel) — kann in einem Proſpect vortrefflich figuriren. Ich moͤchte aber wiſ⸗ ſen, wer Miß Z0e als Mutter annehmen oder ſie als ſolche haben moͤchte. Die einzigen Perſonen im Hauſe, die ſich nicht vor ihr furchten, ſind Miß Flora und ich. Nein, ich fuͤrchte mich vor ihr, obgleich ich die Geſchichte von dem franzoſiſchen Lehrer im Jahre 1830 weiß; — aber alle Uebrigen zittern vor dem Frauenzimmer, vom Doctor an bis zu dem armen Franz, dem Meſſerputzer, hinab, den ſie bis in ſein elendes Wichskaͤmmerchen tyran⸗ niſirt. — Der Doctor iſt ein prunkredneriſcher und aͤußer⸗ lich ſtrenger Mann, im Innern aber ſchwach und be⸗ haglich und liebt einen Scherz und ein Glas Portwein. Ich komme daher weit beſſer mit ihm aus als Prinz, der ihn als einen Eſel verachtet und unter deſſen ſchar⸗ fen Augen ſich der gute Doctor kruͤmmt wie ein uͤber⸗ wieſener Betruͤger; und gar manchmal wuͤrde er an einem ſchoͤnen Nachmittag geſagt haben: „Herr Tit⸗ marſh, wollen wir nicht noch ein Glas von dem gelbge⸗ ſiegelten Weine verſuchen, den Sie zu lieben ſcheinen ?“ (und den er noch mehr liebt als ich) wenn nicht der alte Drache von einer Zoe auf uns los geſtuͤrzt waͤre und mich mit ihrem erbaͤrmlichen ſchwachen Kaffee verjagt haͤtte. Sie waͤre mir eine Mutter! Sie wuͤrde ein ſaures Milchgeſchlecht aufgeſäugt haben. Beſtaͤn⸗ dig kraͤchzt, ſchilt, tyranniſirt ſie — knurrt die Maͤgde an, weiſ't der Miß Raby die Zaͤhne, klaͤfft hinter den kleinen Jungen her und bellt den großen nach. Sie weiß bis auf das Quentchen, wie viel jeder Knabe ißt und hat ihre Freude daran, den Kleinen, die es nicht ausſtehen koͤnnen, fettes Fleiſch, und Denjenigen, die das Halbgekochte haſſen, rohes vorzulegen. Sie war es, die den Doctor dreimal mit einer Hungersnoth im eignen Hauſe bedrohte und beinahe eine Rebellion in 5 —— — 141 — der Schule erregte, weil ſie darauf beſtand, daß er Goliath Langmann pruͤgeln ſollte. Nur dann iſt das Frauenzimmer gluͤcklich, wenn ſie des Morgens mit einer Taſſe voll heißer Bitterſalz⸗ Aufloͤſung und einem Stuͤckchen Brot in den Schlaf⸗ ſaal der kleinen Knaben kommt. Hu! es ſchaudert mir ſchon beim Gedanken daran. Sie bleibt bei ihnen ſtehen, und giebt es ein; es ſind erſt wenige Tage her, ſeit ich ſah, wie ſie es dem jungen Keil ſo machte — und ihre Gegenwart macht das Höllengebräu doppelt abſcheulich. Was das Abwarten bei wirklichen Krankheiten betrifft, ſo glaubt Ihr doch nicht etwa, daß ſie auch nur eine Nacht bei Einem von ihnen wachen werde? Gott bewahre! — Als der kleine Karl Deviſon, (das Kind, von dem Miß Raby, wie ich ſchon erzählt habe, noch ein Haarlöckchen aufbewahrt) in den Ferien am Schar⸗ lachfieber darnieder lag — der Oberſt, der Vater jenes Knaben, befand ſich in Indien — ſo war es Anna Raby, die das Kind pflegte, die das ganze Fieber hin⸗ durch bei ihm blieb, die es nie verließ, ſo lange die Krankheit dauerte und bis ſie die kleinen Augen zuge⸗ druckt hatte, die nie wieder erglaͤnzen oder feucht wer⸗ den ſollten. Aennchen wachte und trauerte bei ihm, aber Miß Birke war es, die den Brief, der ſein Hin⸗ ſcheiden anzeigte, ſchrieb, und die goldene Kette und das Medaillon erhielt, die der Oberſt zum Erinnerungs⸗ zeichen an ſeine Dankbarkeit machen ließ. In Folge — 142 — eines Zankes mit Miß Birke war es, daß Franz De⸗ viſon davon lief. Ihr koͤnnt Euch denken, daß, nach⸗ dem er zu ſeinem Regiment in Indien, den von ſeinem tapfern Vater befehligten irregulairen Truppen von Ahmed Nugger geſtoßen war, keine jaͤhrlichen Shawle und Praͤſente mehr an Doctor und Miß Birke anka⸗ men, und daß, wenn ſie ſich einbidete, daß der Oberſt nach England kommen wuͤrde, um ſie zu heirathen, (wegen ihrer Zaͤrtlichkeit gegen ſeine mutterloſen Kinder, von der er immer ſchrieb) der Gedanke ſehr bald aufgege⸗ ben wurde. Aber dieſe Geſchichten ſind ſchon lange her, mehr als ſieben Jahre, und ich habe ſie nur ſehr verworren von Miß Raby gehoͤrt, die damals ein ſehr junges Maͤdchen und eben erſt nach Rodwell Regis ge⸗ kommen war. Sie iſt ſtets ſehr bewegt, wenn ſie von dieſem Knaben ſpricht, was aber nur ſelten ge⸗ ſchieht. Ich denke mir, daß der Tod des Kleinen ihr zartes Herz immer noch mit Kummer erfuͤllt. Ja, es iſt Miß Birke, die in elf Jahren ſiebzehn Unterlehrer und halb ſo viele franzoſiſche Lehrer fort⸗ geſchickt hat, wahrſcheinlich aus Untröſtlichkeit uͤber die Erzuͤrnung ihres Guͤnſtlings Monſieur Grinche mit ihrer goldenen Uhr. Aber das iſt nur eine Vermu⸗ chung — und was ich aus den Häkeleien der Miß Flora entnehme, wenn ſie mit ihrer Tante beim Thee einen kleinen Sturm hat. Ich habe aber außerdem noch eine Art, um ſie in Ordnung zu erhalten. iceer ————— ———— —— Wenn ſie beſonders abſcheulich oder inſolent gegen Miß Raby iſt, ſo brauche ich nur das Wort: Himbeer⸗ Gelée in das Geſpraͤch einfließen zu laſſen, und das Weib haͤlt ihre Zunge. Sie wird mich verſtehen. Ich brauche nichts weiter zu ſagen. Anmerkung: (Am 12. December geſchrieben.) — Jetzt darf ich ſprechen. Ich habe die Schule verlaſſen und kuͤmmere mich nicht mehr darum. Ich ſage alſo gerade heraus und ohne mich einen Dreier um die Folgen zu kuͤmmern, daß ich geſehen habe, wie dieſes Frauenzimmer, dieſe Mutter der Knaben, mit einem Loͤffel Gelée aus einem Porzellan⸗ toͤpfchen in dem Koffer des kleinen Wickels aß; und bin bereit, wenn es verlangt wird, darauf einen Eid abzulegen. Sicbentes Rapitel. Ein Trauerſpiel. Dicſes Drama iſt in etwa ſechs Hieben darzuſtellen. (Die Schule iſt in tiefer Stille, Lorenz, der Primus und Verwahrer der Roͤhrchen, marſchiert hinter dem Doctor in das Operirzimmer. Backhaus iſt im Begriff ihm zu folgen.) Backhaus: Es iſt ſchon gut; aber ſieh zu, ob ich Dich nicht nach der Schule auszahle. Du Pfennigklatſcher Du. Linker: Wenn Du's thuſt, ſo ſage ich's wieder. (Backhaus tritt ab.) (Man hoͤrt aus dem benachbarten Zimmer das Stoͤckchen wup — wup — wup — wup — wup — wup.) (Backhaus kommt zuruͤck.) Achtes Fapitel. Brix im Glücke. — Der Meſſerputzer tritt herein. — Ein Korb fuͤr die Brire. Braun: Hurrah, Brir, ich — Dir mein Meſſer. Wenn dieſe Geſchichte nicht ihre eigne Moral mit ſich bringt, ſo moͤchte ich wiſſen, w Fabel eine hat. Vor der Ankunft dieſes Korbes ſtand Brix in keinem groͤßeren Anſehen, als jeder andere junge Herr der untern Klaſſe und ich hatte ſogar vor Kurzem noch ſelbſt Anlaß gehabt, Braun zu zuͤchtigen, weil er waͤhrend der Schreibſtunde ſeinen Freund an die Schienbeine ſtieß. Wie aber dieſer von der Haushaͤl⸗ terin ſeiner Mutter adreſſirte und „Glas, ſorgfaͤltig zu verwahren“ bezeichnete Korb, (ich vermuthe, daß er Eingemachtes und einige Flaſchen Wein, ſo wie die Doctor Birke. 10 — 146 — gewoͤhnlichen Kuchen und Wildpretpaſteten und einen halben Sovereign fuͤr den aͤlteſten Brix und fuͤnf na⸗ gelneue Schillinge fuͤr den kleinen Dizimus Brir ent⸗ haͤlt) wie, ſage ich, die Ankunft dieſes Korbes die ganze Lebenslage Brixens und das Anſehen, in welchem er bei Vielen ſteht, veraͤndert! Wenn er ein Knabe von gutem Herzen iſt, wie ich zu glauben Grund habe, ſo wird es das Erſte ſein, was er thut, ehe er den Inhalt des Korbes be⸗ ſichtigt oder mit dem Meſſer, welches ihm Braun ſo ruſichtsvoll geliehen hat, hineinſchneidet, den obenauf⸗ liegenden Brief von Hauſe zu leſen. Er thut dies, wie ich gegen Miß Raby bemerke (fuͤr die ich, als das kleine Ereigniß eintrat, eben Federn ſchnitt) mit ge⸗ roͤthetem Geſicht und feuchten, blinzelnden Augen. Seht, wie die andern Jungen, waͤhrend er lieſ't, in den Korb ſpaͤhen. — Ich ſage zu ihr: „Iſt es nicht ein huͤbſches Bild? Ein Theil des Briefes iſt mit ſehr großer Hand geſchrieben. Dieſer iſt von ſeiner kleinen Schweſter, und ich wollte wetten, daß ſie das Geld⸗ beutelchen gehäkelt hat, welches er ſo eben heraus⸗ nimmt und das von Lux beaͤugelt wird.“ „Sie ſind ein komiſcher Mann und bemerken allerlei ſonderbare Dinge,“ ſagte Miß Raby laͤchelnd und ihre Nadel und Finger ſo ſchnell als moͤglich ſpie⸗ len laſſend. „Es freut mich, daß wir Beide zur Stelle ſind, und daß der kleine Burſche ſo zu ſagen von unſern Geſchuͤtzen beſpielt wird und daher vor einigen btuta⸗ — — — — — 147 — len Schulpiraten geſichert wird, wie zum Beiſpiel dem jungen Duval, die ihn wahrſcheinlich dieſer guten Dinge, die an ſich ſelbſt gut und weil ſie friſch von Hauſe kommen, noch beſſer ſind, berauben wuͤrden. Sehen Sie, hier iſt eine Paſtete, wie ich geſagt habe, und wahrſcheinlich wird ſie beſſer ſein als diejenigen, welche auf unſern Tiſch kommen, — aber Sie neh⸗ men von dergleichen Dingen nie Notiz, Miß Raby — natuͤrlich auch ein Kuchen, eine Flaſche mit Johan⸗ nisbeerwein und eine endloſe Menge von Strohbirnen. Mit dieſem Gelde wird der kleine Brir im Stande ſein, die Schulden, welche das unvorſichtige Kind bei der Obſtfrau gemacht hat, zu bezahlen, und ich werde Brir den Erſten den Bleiſtifthalter bezahlen laſſen, den ihm Bullock verkauft hat. Es wird dem jungen Verſchwender eine Lehre fuͤr die Zukunft ſein. „Aber welche Veraͤnderung wird auf einige Zeit in ſeinem Leben eintreten, wenigſtens auf ſo lange bis ſein gegenwärtiger Reichthum verzehrt iſt. Dieje⸗ nigen Knaben, welche ihn tyranniſiren, werden ſich gegen ihn erweichen und ſeine Paſtete und Suͤßigkei⸗ ten verzehren. Sie werden Gaſtmaͤhler im Schlaf⸗ zimmer halten und der Wein ihnen koſtlicher ſchme⸗ cken, als der beſte aus dem Keller des Doctors. Er wird ſeine Freunde einladen. Der junge Wagg wird fuͤr ein Stuͤck von jener Paſtete ſeine ſchauerlichſte Geſchichte erzaͤhlen und ſein ſchönſtes Lied vorſingen. Welche luſtige Nacht ſie haben werden. Wenn Prinz 10* — 148 — und ich Abends die Runde gehen, ſo werden wir ſorg⸗ fältig einiges Geraͤuſch machen, ehe wir an Brirens Zimmer kommen, damit die Jungen Zeit erhalten, das Licht auszuloͤſchen, ihre Eßwaaren wegzuraͤumen und in das Bett zu ſchluͤpfen. Morgen fruͤh wird Doctor Spreu in Requiſition kommen 4 „Unſinn, Sie abgeſchmacktes Geſchoͤpf!“ rief Miß Raby lachend, und ich lege die zwoͤlfte Feder nett geſchnitten hin. „Ja, nach dem Schwelgen kommt der Doctor,“ ſage ich, „wie nach der Verſchwendung ein Loch im Geldbeutel. Seinem Charakter nach zu urtheilen, wird Brir der Erſte in einigen Tagen nicht viel beſſer daran ſein als bisher, und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſein Leben als ein armer Mann beſchließen. Verlaſſen Sie ſich darauf, daß Braun, ehe die Woche zu Ende geht, ihn wieder in die Schienbeine kneifen wird. Es giebt Knaben und Maͤnner von jeder Art, Miß Raby — egoiſtiſche Geizhaͤlſe, die ihr Eigenthum aufſpeichern, bis die Vorraͤthe, die ſie nicht anzuteißen wagen, werſchimmeln; Verſchwender, die, was ſie beſitzen, aus dem Fenſter werfen; Schma⸗ rotzer, die ihnen ſchmeicheln und die Schuhe able⸗ cken und klaͤffende Koͤder, die jeden Gluͤcklichen haſſen und beneiden.“ Ich legte die letzte Feder hin, nachdem ich die Abſchnitzel zuerſt damit von dem Pulte hinweggeſtri⸗ — 149 — chen hatte, und ſie blickte mich mit freundlichem, verwundertem Geſichte an. Ich ſtrich ſie hinweg, klappte mein Federmeſſer zu, ſteckte es in die Taſche, machte ihr eine Verbeugung und entfernte mich, denn die Glocke zum Beginn der Schule laͤutete. Veuntes Rapitel. Ein junger Burſche, der es ſicher zu Etwas bringen wird. Wenn Brir aller Wahrſcheinlichkeit nach zu einem armen Manne beſtimmt iſt, ſo wird Bullock ein ganz anderes Loos zu Theil werden. Er iſt der Sohn eines Theilhabers des großen Banquierhauſes Bullock und Hulker in Lombard⸗Street und in der obern Klaſſe einer der Erſten, daher gaͤnzlich außer meiner Gerichts⸗ barkeit. Er ſchreibt die ſchoͤnſte Currenthand, die man je geſehen, und die Art, wie er die Arithmetik lernte, und ſich kuͤnſtliche und wunderbare Regeln an⸗ eignete, denen ſelbſt manche Lehrer nicht nahe zu kom⸗ men wagen, wird von dem Doctor noch jetzt mit Be⸗ wunderung beſchrieben. Er iſt der beſte Schuͤler, den Prinz in der Algebra hat, und ein recht guter Ken⸗ ner des Griechiſchen und Lateiniſchen, denn Alles, wozu er Luſt hat, thut er gut. Er bekuͤmmert ſich nicht um das Spiel ſeiner Kameraden, und haͤlt eine Ballpritſche nicht hoͤher, — ———— — — 151 — als Miß Raby thun wuͤrde. Er verwendet die Spiel⸗ ſtunden dazu, ſeinen Geiſt zu bilden und die Zeitung zu leſen, er iſt ein tiefer Politiker, und wie ich geſtehen muß, auf Seite der Liberalen. Die ältern Knaben verachten ihn einigermaßen, und wenn Champion der Erſte an ihm voruͤbergeht, ſo wendet er den Kopf und blickt zu Boden. Der Ausdruck in Bullocks ſchma⸗ len, gruͤnen Augen, wenn ſie dem aͤltern Champion folgen, der nicht zu wiſſen oder ſich nicht darum zu kuͤmmern ſcheint, wie ſehr ihn Jener haßt, gefaͤllt mir gar nicht. Nein — Bullock verkehrt, wenn er Geſellſchaft zu haben wuͤnſcht, obgleich er vielleicht der geſcheid⸗ teſte und kenntnißreichſte Knabe der Schule iſt, nur mit den kleinen Jungen. Gegen dieſe iſt er wahr⸗ haft herablaſſend, hoͤflich und einnehmend; er hat nie einen davon zum Botenlaufen gezwungen oder ge⸗ droſchen. Er hat gar Manchen ihre Epercitien ge⸗ ſchrieben und gar manchem kleinen Burſchen Geld geliehen. Allerdings laͤßt er ſich fuͤr jedes Viergroſchen⸗ ſtuͤck, welches er ausleiht, woͤchentlich einen Groſchen Zinſen zahlen, aber Mancher, fuͤr den Maſteten ein gegenwaͤrtiges Beduͤrfniß ſind, iſt froh, wenn er ein Darlehen zu ſolchen Zinſen erhalten kann. Dieſe Geſchichten werden geheim gehalten. Mr. Bullock ſagt mit etwas winſelndem Tone, wenn er den kleinen Grim bei Seite nimmt und ſein Verlangen erfuͤllt: — 152 — „Du weißt, daß Du heimgehen und uͤberall davon ſprechen wirſt. Ich habe gar keine Luſt, Dir das Geld zu leihen, ich moͤchte etwas damit kaufen, es ge⸗ ſchieht nur, um Dir einen Gefallen zu thun, und doch bin ich uͤberzeugt, daß Du hingehen und Dich uͤber mich luſtig machen wirſt“ Worauf dann natuͤrlich Grim, der begierig nach dem Gelde verlangt, feier⸗ lich betheuert, daß das Geſchaͤft geheim bleiben ſoll und nur dann davon ſpricht, wenn die Bezahlung der Zin⸗ ſen zu druͤckend wird. So kommt es, daß Bullock's Verfahren bekannt geworden iſt. Sein commercielles Genie hat ſich ſchon fruͤh kund gegeben, und er durch gluͤckliche Spe⸗ kulationen in Zuckerkand, durch die Anfertigung eines ſuͤßen Getranks aus Lakrizenſaft und braunem Farin⸗ zucker, und deſſen gewinnreichen Verkauf an juͤngere Kinder, durch das Ankaufen einer Anzahl von Roma⸗ nen und Ausleihen fuͤr eine angemeſſene Verguͤtung, durch das Anfertigen der Exercitien der Knaben fuͤr Geld und andere Dinge, die Richtung ſeines Geiſtes gezeigt. Er ging am Ende des halben Jahres ſtets reicher nach Hauſe, als er in die Schule gekommen war und hatte den Beutel immer voll Geld. Kein Menſch weiß, wie viel er mitgebracht hat, aber die Berichte daruͤber ſind wirklich fabelhaft. Zwanzig, dreißig, funfzig — es iſt unmoͤglich, zu ſa⸗ gen, wie viele Sovereigns. Wenn man ſcherzhaft zu ihm von ſeinem Gelde ſpricht, ſo wird er blaß und — 153 — ſchwort, daß er keinen Schilling habe, waͤhrend er doch ſeit ſeinem dreizehnten Jahre ſchon ein Conto bei einem Banquier beſitzt. Im gegenwaͤrtigen Augenblicke iſt er damit be⸗ ſchäftigt, den Verkauf eines Meſſers mit dem kleinen Grim abzuſchließen und ſtellt ihm eben die Schon⸗ heit der ſechs Klingen und daß er es erſt nach den Fe⸗ rien zu bezahlen brauche, vor. Champion der Erſte hat ihm zugeſchworen, daß er ihm alle Knochen im Leibe zerſchlagen werde, wenn er wieder einen kleinen Knaben betroͤge, und geht auf ihn zu. Wir wollen uns entfernen. Es iſt entſetz⸗ lich, wenn man dieſen großen, ftiedlichen, geſcheidten Feigling unter verdienten Schlaͤgen aͤchzen und um Gnade winſeln hoͤren muß. Behntes Rapitel. Duval der Pirat. (Der kleine Jonas geht mit Toͤrtchen beladen voruber.) Duval: Hollah, Du Kleiner mit den Toͤrt⸗ chen! Komm her! Jonas der Zweite: Ach laß mich gehen, Duval, ſie ſind nicht mein. Duval: O Du oabſcheulicher kleiner Luͤgen⸗ bengel! (er confiscirt die Eßwaaren.) Duvals Weiſe, Kontributionen zu erheben, iſt mir noch lieber, wie die Bullocks. Der Erſtere be⸗ ſitzt wenigſtens das Verdienſt groͤßerer Offenheit. Duval iſt der Pirat in Birkens Schule, und legt ſich auf die Lauer nach kleinen Knaben, die mit Geld oder Proviant befrachtet ſind. Er ſpuͤrt ſeine Beute ſchon von fern und ſtoͤßt auf ſie herad. Wehe dem kleinen Burſchen, der von Duval geentert wird! — 155 — Wir hatten einen Knaben hier, deſſen Geld ich aufzubewahren pflegte, da er von verſchwenderiſchem und ſchwachem Charakter war und dem ich in woͤchent⸗ lichen Schillingen zumaß, was zum Ankauf der noͤthi⸗ gen Leckerbißchen hinreichend war. Dieſer Knabe kam eines Tages zu mir und ließ ſich, wie er ſagte, zu einem ganz beſondern Zwecke einen halben Sovereign geben. Ich machte ſpaͤter ausfindig, daß er Duval das Geld leihen wollte. Der junge Schlingel fing zu lachen an, als ich ihm im groͤßten Zorn und Grimme befahl, dem klei⸗ nen Knaben ſein Geld zuruckzugeben und ſchlug vor, einen Wechſel auf drei Monate auszuſtellen. Frei⸗ lich bezahlt Duvals Vater den Doctor nicht und der Burſche hat außer den Contributionen, die der Bur⸗ ſche erhebt, nie einen Schilling, und obgleich er be⸗ ſtändig mit dem Glanze von Frennystown in der Grafſchaft Cork und den Fuchshunden, die ſein Va⸗ ter haͤlt und dem Claret, der dort getrunken wird, prahlt, ſo laͤuft doch bei der jetzigen ſchlechten Zeit kein Wechſel von Caſtel Frenny fur den ehrlichen Doe⸗ tor ein, der am Ende auch ein gutes Gemuͤth beſitzt und noch nie einen inſolventen Knaben fortgeſchickt hat. Eilftes Rapitel. Die Schlafzimmer. Perſonen: Hewlett und Nachtigall. Zeit: eine kalte Winternacht⸗ Hewlett: (wirft einen Schuh nach Nachtigalls Bett, womit er den jungen Mann trifft.) Hollah, Du, ſteh auf und bring mir den Schuh. Nachtigall: Ja, Hewlett. Er ſteht auf.) Hewlett: Laß ihn nicht fallen und trage ihn huͤbſch vorſichtig. Nachtigall: Ja, Hewlett. Hewlett: Silentium im Schlafzimmer! Wenn einer das Maul aufthut, ſo ſchlage ich ihn todt. Nun Du, biſt Du der Junge, der ſingen kann? Nachtigall: Ja, Hewlett. Hewlett: Nun, ſo ſinge, daß ich einſchlafe, und wenn Du aufhoͤrſt, und ich aufwache, ſo wirſt Du dies an den Kopf bekommen. (Hewlett legt ſeine Stiefeln auf das Bett, um ſie vorkommenden Falls an Nachtigalls Kopf zu werfen.) — 157 — Nachtigall: (ſchuchtern) Ach Hewlett! Hewlett: Nun, was giebts? Nachtigall: Darf ich nicht erſt meine Hoſen anziehen? Hewlett: Nein. Fang an oder — Nachtigall: Wir ſitzen ſo froͤhlich beiſammen Und haben einander ſo li — i — ieb, Wir heitern einander das Le — ben, Ach wenn es doch immer ſo bli — 1 — ieb, Ach wenn es doch immer ſo blie — ie — ieb! Bwölftes Rapitel. Eine Gefangennahme und eine Befreiung. Mein junger Freund Patrik Champion, Georges juͤngerer Bruder, iſt vor Kurzem erſt zu uns gekom⸗ men, beſitzt viel von den Familieneigenſchaften, beſon⸗ ders der Gutmuͤthigkeit, iſt nicht im Mindeſten tyran⸗ niſch gegen die kleinen Jungen, aber kampfluſtig wie ein Amadis. Er bopt ſich in der Schule herauf, und ahmt darin ſeinem aͤltern Bruder nach. Er heftet ſein Auge auf einen Knaben, der ihm an Kraft oder Große uͤberlegen iſt und bald hoͤrt man, daß ſich beim Spie⸗ len unter ihnen ein Streit erhoben hat, und daß ſie die Roͤcke ſogleich abgeworfen haben. Er hat ſich auf dieſe Weiſe uͤber Viele hinaufgedroſchen, zum Beiſpiel, wenn Champion Dobſon pruͤgeln kann, der Hobſon dreſchen kann, um wie viel mehr kann er alſo Hobſon dreſchen. So arbeitet er ſich hinauf und erringt ſich eine feſte Stellung in der Schule. Auch haͤlt es Prinz nicht fur rathlich, daß wir Lehrer viel in die Naͤhe der Knaben kommen, wenn dieſe kleinen Meinungsver⸗ ſchiedenheiten abgemacht werden, außer, wenn die Un⸗ gleichheit gar zu groß iſt, oder man Gefahr fuͤrchtet. Ich geſtehe zum Beiſpiel den hier beſchriebenen Streit geſehen zu haben, als ich mich an meinem Schlafzimmerfenſter raſirte. Ich eilte nicht hinab, um ſeine Folgen zu verhindern. Vogel hatte einen Kreiſel confiscirt, der Schnuͤfflern gehoͤrte, was ich, da ihn der kleine Schlingel zwiſchen meine Fuͤße laufen ließ, gar nicht bedauerte. Schnuͤffler winſelte, und der junge Champion kam kampfduͤrſtend herbei. Sobald er Vogel erblickte, ſteuerte er auf ihn zu, ſtreifte ſeine Rockermel auf und machte ſich ſchlachtfertig. „Wer hat mit Dir geſprochen, kleiner Cham⸗ pion?“ ſagte Vogel, und warf Schnuͤffler den Kreiſel vor die Fuͤße. Ich wußte, daß es keinen Kampf ge⸗ ben wuͤrde, und vielleicht war auch Champion in ſei⸗ nen Hoffnungen getaͤuſcht. Preizehntes Rapitel. Der Garten, wohin die beim Director wohnenden Schüler gehen. Adelige ſind in Birkens Schule ziemlich rar ge⸗ weſen — aber der Erbe eines ſehr vornehmen Man⸗ nes lebt ſchon ſeit einigen Jahren bei dem Doctor. Es iſt der aͤlteſte Sohn Lord George Gaunts, der edle Plantagenet Gaunt⸗Gaunt, Neffe des ſehr Ehren⸗ werthen Marquis Steyne. Man iſt bei dem Doctor ſehr ſtolz auf ihn — und die beiden jungen Damen und der Page bringen, wenn ein Fremder herkommt, den ſie zu blenden wuͤn⸗ ſchen, ſicher auch Lord Steyne in's Geſpräch, erwaͤh⸗ nen die letzte Geſellſchaft in Gaunt-Houſe, und be⸗ merken beilaͤufig, daß ſie einen jungen Freund bei ſich haben, der aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach ein Mal Marquis von Steyne und Earl von Gaunt u. ſ. w. werden wird. Plantagenet kuͤmmert ſich um dieſe kuͤnftigen Eh⸗ ren nicht viel; wenn er nur etwas Farinzucker auf ſein Zuckerbrot erhalten oder ſtill und allein bei drei Stuͤh⸗ — 161 — len ſitzen und Kutſch und Pferde ſpielen kann, ſo iſt er ſo ziemlich gluͤcklich. Er ſchlendert in und aus der Schule wie er Luſt hat, und blickt die Lehrer und an⸗ dere Schuͤler mit bedeutungsloſem Grinſen an. Man pflegte ihn fruͤher mit in die Kirche zu nehmen, aber er lachte und ſprach waͤhrend des Gottesdienſtes, ſo daß man ihn jetzt zu Hauſe laſſen muß. Er kann viele Stunden lang mit einem Bindfaden daſitzen und Abheben ſpielen. Er geht gern zu den kleinſten Kin⸗ dern und ſchließt ſich ihren Spielen an. Manche fuͤrchten ſich anfaͤnglich vor ihm; das hoͤrt aber bald auf und ſie ſchicken ihn dann, wohin ſie wollen. Ich habe ihn zur Hoͤkerin gehen und fuͤr einen achtjährigen Knaben Toͤrtchen holen und bitterlich weinen ſehen, wenn er nicht ein Stuͤck davon bekam. Er kann noch nicht ganz deutlich ſprechen, aber doch beinahe, und iſt, glaube ich, nicht aͤlter als drei und zwanzig. Natuͤrlich weiß man zu Hauſe ſein Alter, obgleich man ihn nie beſucht. Man vergißt aber, daß Miß Flora Birke nicht mehr ein Backfiſchchen iſt wie vor zehn Jahren, wo Gaunt in die Schule gebracht wurde; ſie hat im Gegentheil nicht geringe Erfahrung in der ſuͤßen Leidenſchaft erlangt, und hegt in dieſem Augen⸗ blicke eine uneigennuͤtzige Liebe fuͤr Plantagenet Gaunt. Sogleich nach einer kleinen Puppe mit verbrann⸗ ter Naſe, die er an ſchlau erſonnenen Stellen verſteckt, iſt ihm Miß Flora das Liebſte. Welche treffliche Ehe das abgeben wuͤrde! — und wie froh man in Gaunt Pr. Birke. 11 — 3 — Houſe ſein muͤßte, wenn der Großneffe des Marquis von Steyne, der Abkoͤmmling von hundert Gaunts und Tudors, Miß Birke, die Tochter des Schulmeiſters heirathete! Allerdings hat ſie den Verſtand auf ihrer Seite, und der arme Plantagenet iſt bloͤdſinnig, aber trotzdem hat er einen ſo langen Stammbaum und ſo herrliche Ausſichten! Wenn Miß Flora mit Mr. Gaunt durchginge, ſo wuͤrde ſie aufhoͤren, ihre Couſine Miß Aennchen Raby zu tyranniſiren. Soll ich ſie darauf bringen, und ihr das Geld zum Davonlaufen zu leihen anbie⸗ ten? Mr. Gaunt erhaͤlt kein Geld in die Haͤnde. Er hatte einmal welches bekommen, aber Bullock nahm ihn in eine Ecke und lockte es ihm ab. Er hat einen maͤßigen Credit bei der Kuͤchenfrau. Er bleibt das ganze Jahr hindurch in Rodwell Regis, Schulzeit und Ferienzeit iſt fuͤr ihn Alles eins. Kein Menſch fragt nach ihm, kein Menſch denkt an ihn, außer zweimal des Jahres, wenn der Doctor nach Gaunt Houſe geht und den Betrag ſeiner Rechnungen einzieht und ein Glas Wein im Verwalterzimmer erhaͤlt. Und doch muß man ſehen, daß er ein Gentleman iſt. Sein Weſen iſt verſchieden von dem der Beſitzer des groben Tuffels und Zimmers, wo er ſpeiſ't. (Ich ſpreche natuͤrlich nicht von Miß Raby, denn ihre Manieren ſind ſo gut wie die einer Herzogin.) Als er einmal Miß Flora dabei ertappte, wie ſie den klei⸗ — 163 — nen Fides ohrfeigte, wurde ſein Geſicht purpurroth und brach in einen wilden inartikulirten Zorn aus. Darauf hielt er ſich einige Tage lang von ihr fern, aber ſie haben ſich jetzt wieder ausgeſohnt. Ich ſah ſie heute Nachmittag im Garten, wo nur die in des Directors Familie Wohnenden ſpazieren gehen duͤrfen. Er war neckiſch und ſtieß ſie mit ſeinem Stocke, ſie er⸗ hob ihre huͤbſchen Augen mit Erſtaunen, und lächelte ihn ſehr guͤtig an. Die Sache war ſo klar, daß ich es fuͤr meine Pflicht hielt, mit der alten Zoe daruͤber zu ſprechen. Das gottloſe alte Crocodill ſagte mir, ſie wuͤnſche, daß gewiſſe Leute ſich um ſich bekummerten und den Mund hielten, daß gewiſſe Leute dafuͤr bezahlt wuͤrden Schreiben zu lehren, aber nicht um den Zwiſchentraͤger zu machen und Unheil zu ſtiften, und ich habe ſeitdem daruͤber nachgedacht, ob ich nicht mit dem Doctor ſpre⸗ chen muͤßte. Pierzehntes Rapitel. Der alte Zögling. Als ich heute fruͤh auf den Spielplatz kam, ſah ich einen ruͤſtigen jungen Burſchen mit gebräuntem Geſicht und blondem Schnurbart, der Arm in Arm mit Champion dem Erſten und von einem kleinen Heere von Knaben gefolgt, auf dem Raſenplatze auf und abging. Sie ſprachen offenbar von alten Zeiten. Was war aus Irwing und Smidt geworden? — Wo war Wilhelm Harris und Jonas — nicht der ſchielende Jonas, ſondern der freche Jonas? und ſo fort. Der Herr war kein Fremder. Er war offenbar ein alter Zögling, der hierher kam, um zu ſehen, ob noch Einer von ſeinen fruͤhern Kameraden da ſei, und die cari luoghi ſeiner Jugend zu beſuchen. Champion war ſichtlicher Weiſe auf ſeinen Be⸗ gleiter ſtolz. Er erblickte ſeinen Bruder, den jungen Champion von ferne, und ſtellte ihn vor. „Konm her, Schlingel!“ rief er. „Der Junge — 165 — war zu Deiner Zeit noch nicht hier, Daviſon. Patrik,« ſagte er, „dies iſt Capitain Daviſon, einer von Birkens Jungen. Frag' ihn wer mit zuerſt in den Linien von Sobraon geweſen iſt.“ Patriks Geſicht erglaͤnzte, als er Daviſon feſt an⸗ blickte und ihm die Hand hinhielt. Sowohl der alte Champion wie Daviſon errothete. Die Infanterie ſchrie: Hurrah, hurrah, hurrah! was Champion an⸗ ſtimmte und dabei ſeinen Filz ſchwenkte. Es that Einem wirklich gut, die Scene anzuſehen. Der Held und Matador der Schule war zuruͤckgekom⸗ men, um ſeine fruͤhern Geſpielen und die Orte, wo er ſeine Jugendzeit verlebt, wieder zu ſehen. Er hatte ſich ihrer ſtets erinnert. Seit er ſie zuletzt geſehen, hatte er dem Tode in's Auge geblickt und Ehre errun⸗ gen. Wenn meine Wuͤrde nicht geweſen waͤre, ſo haͤtte ich meinen Hut auch in die Luft geworfen. Mit entſchloſſenem Schritte und noch immer in den Champions verſchlungenem Arme trat Capitain Daviſon, von einer Anzahl kleiner Knaben gefolgt, jetzt auf die Ecke des Raſenplatzes zu, wo die Obſt⸗ und Kuchenhoͤkin ſaß. „Holla, Mutter Ruckels, erinnert Ihr Euch meiner?“ ſagte er, ihre Hand ſchuͤttelnd. „Ei der Tauſend, das iſt ja Daviſon der Erſte,“ ſagte ſie. „Nun, Daviſon der Erſte, Du biſt mir — 166 — noch zwei Groſchen ſchuldig fuͤr zwei Wurſtbroͤtchen, die Du nicht bezahlt haſt, als Du davon liefſt.“ Daviſon lachte, und die ganze kleine Knaben⸗ ſchaar ſtimmte einen aͤhnlichen Chor an. „Ich kanfe den ganzen Laden aus,“ ſagte er. „Jetzt, Ihr Jungen, eßt darauf los.“ Jetzt erhob ſich ein Hurrah, Hurrah! das noch lauter war als das erſte Freudengeſchrei. Alle nahmen daran Theil mit einziger Ausnahme des Leckermaules Tuff, der au⸗ genblicklich auf die Fleiſchpaſtetchen Sturm lief, aber von Champion zuruͤckgehalten wurde, der ſagte, daß eine billige Vertheilung ſtattfinden ſolle. Und ſo war es auch und es litt Keiner Mangel, weder an Himbeertoͤrtchen noch auf der Zunge zerſchmelzenden Ochſenaugen, noch an fuͤr das Auge wie fuͤr den Mund gleich anziehenden Quittenwuͤrſtchen. Das Hurrahgeſchrei brachte den alten Doctor ſelbſt heraus, der die Hand an die Brille legte und zuſam⸗ menſchrak, als er ſeinen alten Zoͤgling erblickte. Beide erroͤtheten, als ſie einander erkannten, denn vor ſieben Jahren waren ſie nicht als gute Freunde geſchieden. „Was — Daviſon!“ ſagte der Doctor mit beben⸗ der Stimme. „Gott ſegne Sie, lieber Junge.“ Und ſie ſchuͤttelten einander die Haͤnde. „Heute habt Ihr naturlich frei, Jungen!“ fuͤgte er hinzu, und jetzt er⸗ ſchallte wieder ein Hurrah, das Schreien ſollte an jenem Tage gar kein Ende nehmen. — 167 — „Wie — wie geht es der Familie, Sir?“ fragte Capitain Daviſon. „Kommen Sie mit hinein und ſehen Sie ſie ſelbſt an. Flora iſt zu einer ordentlichen Dame aufgewach⸗ ſen — natuͤrlich ſpeiſen Sie bei uns. Mr. Titmarſh, darf ich um das Vergnuͤgen Ihrer Geſellſchaft bitten?2“ Der Doctor oͤffnete die Gartenthuͤr; der fruhere Lehrer und Schuͤler traten, wieder ausgeſoͤhnt, in das Haus. Es fiel mir ein, einen Blick in Miß Raby's Zimmer zu werfen und ihr das Ereigniß mitzutheilen. Sie arbeitete dort wie gewoͤhnlich ſtill und heiter an der Waͤſche. „Sie ſollten aufhoͤren,“ ſagte ich laͤchelnd; „der Doctor hat uns frei gegeben.“ „Ich habe nie frei,“ antwortete Miß Raby. Dann erzaͤhlte ich ihr, welches Schauſpiel ich ſo eben angeſehen, die Ankunft des alten Schuͤlers, den Ankauf des Kuchenſtandes, die Verkuͤndigung des freien Tages, und das Geſchrei der Knaben: Hurrah, Da⸗ viſon. „Wer iſt es?“ rief Miß Raby, indem ſie auf⸗ ſprang und leichenblaß wurde. Ich ſagte ihr, es ſei Capitain Daviſon aus Oſtin⸗ dien, und beſchrieb ihr das Aeußere und Benehmen des Capitains. Als ich zu Ende war, bat ſie mich zu gehen und ihr ein Glas Waſſer zu bringen, da ſie — unwohl ſei. Als ich aber mit dem Waſſer zuruͤckkam, war ſie fort. Jetzt weiß ich Alles. Nachdem Daviſon eine Viertelſtunde lang bei dem Doctor geſeſſen hatte, der die Unruhe ſeines Gaſtes ohne Zweifel ſeinem Wunſche, Miß Flora Birke zu ſehen, zuſchrieb, ſprang Daviſon auf und ſagte, daß er Miß Raby zu ſehen wuͤnſche. „Sie erinnern ſich, Sir, wie freundlich ſie gegen meinen kleinen Bruder war,“ ſagte er, worauf der Doctor mit einem Blicke des Erſtaunens, daß irgend Jemand Miß Raby zu ſehen wuͤnſchen konne, ſagte, daß ſie in dem kleinen Schulzimmer ſei, und dorthin begab ſich auch der Capitain, der den Weg noch von alten Zeiten her kannte. Wenige Minuten ſpaͤter kehrten Miß Birke und Miß Flora von einer Spazierfahrt mit Plantagenet Gaunt in ihrem einſpaͤnnigen Wagen zuruͤck, und be⸗ gaben ſich, ſobald ſie Daviſons Ankunft, und daß die⸗ ſer mit Miß Raby im kleinen Schulzimmer ſei, ren, natuͤrlich ſogleich dorthin. Ich kam eben zur andern Thuͤr herein, und wuͤnſchte zu ſehen, ob ſie das Waſſer getrunken habe. Die Beiden hielten ſich umarmt. „Nun, auf mein Wort!“ ſchrie Miß Zoe; aber Daviſon ließ ſie nicht los, und Miß Raby's Kopf ſank nur auf ſeine Hand nieder. — 169 — „Sie muͤſſen ſich eine andere Gouvernante fuͤr die kleinen Knaben anſchaffen,“ ſagte Franz Daviſon; „Aennchen Raby hat mit mir zu kommen verſprochen.“ Ihr koͤnnt Euch denken, daß ich ebenfalls die Thuͤr ſchloß. Und als ich wieder in das kleine Schul⸗ zimmer kam, war es oͤde und leer. Alle waren fort. Ich konnte die Knaben draußen bei ihren Spielen auf dem Raſenplatze ſchreien hoͤren. Das Glas Waſſer befand ſich noch auf dem Tiſche, wohin ich es geſtellt hatte. Ich nahm es und trank es ſelbſt auf die Ge⸗ ſundheit Aennchens Raby und ihres Gatten. Es er⸗ ſtickte mich faſt. Natuͤrlich aber hatte ich keine Luſt, weiter bei Birke zu bleiben. Wenn ſich ſeine jungen Freunde den naͤchſten erſten Februar wieder verſammeln, ſo wer⸗ den ſie zwei neue Lehrer haben. Prinz gab ebenfalls ſeine Stelle auf und lebt jetzt bei mir in meiner alten Wohnung bei Mrs. Camiſol. Wenn irgend Jemand einen Hofmeiſter fuͤr ſeinen Sohn braucht, ſo wird ihn ein Billet an den hochwuͤrdigen F. Prinz dort finden. Miß Clapperclaw ſagt, daß wir Beide ein paar alte Narren waͤren, und daß ſie, als ich im vergange⸗ nen Jahre, nachdem ich die beiden jungen Damen bei einer Geſellſchaft in General Champions Hauſe in unſerer Straße getroffen, nach Rodwell Regis ging, gewußt haͤtte, daß ich einen Metzgergang thun wuͤrde. — — Nun, nun, die Reiſe iſt jetzt voruber, und ich werde am erſten Weihnachtsfeiertage bei dem General ſpeiſen, und Capitain Daviſon mit ſeiner jungen Frau einige fruhere Schuͤler aus Birkens Schule dort treffen. Der Pall bei Mrs. Perkins. I. Der Mulligan (von Ballymulligan) und wie wir zu dem Ball bei Mrs. Perkins gingen. Jr weiß nicht, wo Ballymulligan liegt und habe nie einen Menſchen gekannt, der es gewußt haͤtte. Ein⸗ mal ſtellte ich die Frage an den Mulligan, worauf aber dieſer Haͤuptling ein ſo grimmiges und wuͤrdevol⸗ les Geſicht machte und im Tone ſo offenbaren Miß⸗ vergnuͤgens von „Sachſenneugier“ ſprach, daß ich, da es mir am Ende doch ſehr wenig verſchlagen kann, wo das erwaͤhnte celtiſche Fuͤrſtenthum liegt, meine Forſchun⸗ gen nie weiter verfolgt habe. I„ch weiß nicht einmal, wo der Mulligan im Lande reſidirt. Eines Abends, als er in Orfordſtreet von uns Abſchied nahm, ſagte er: „Ich wohne dort!“ indem er mit dem dicken Stocke, welchen er zu fuhren pflegte, nach Urbridge zu deutete. Seine Wohnung liegt alſo jedenfalls doch nach dieſer Richtung hin. Seine Briefe laͤßt er nach den Haͤuſern mehrerer ſeiner Freunde adreſſiren, und — 174 — „ die Pakete ꝛc., welche fuͤr ihn ankommen, werden in ver⸗ ſchiedenen Wirthshaͤuſern, die er frequentirt, abgegeben. Die karrirten Beinkleider, in welche Sie ihn gekleidet ſehen, hat er mir die Gefaͤlligkeit erwieſen, von meinem Schneider zu beſtellen, der eben ſo eifrig danach verlangt, wie jeder Andere, die Adreſſe des die⸗ ſelben Tragenden zu erfahren. Eben ſo fragte mich neulich mein Hutmacher, wer der iriſche Gentleman ſei, der vier Huͤte und eine Bobelboa nach meiner Woh⸗ nung zu ſchicken beſtellt habe. Da ich es nicht wußte, — wie gut ich es auch errathen mochte — ſo ſind die Gegenſtaͤnde nie geſen⸗ det worden und der Mulligan hat dem hoͤlliſchen Tha⸗ lerachtgroſchen⸗Schufte, wie er ihn nennt, ſeine Kund⸗ ſchaft entzogen. Der Hutmacher hat in Folge davon ſeinen Laden nicht geſchloſſen. Ich bin mit dem Mulligan durch einen werthge⸗ ſchaͤtzten Landsmann von ihm bekannt geworden, der merkwuͤrdiger Weiſe den Haͤuptling ſelbſt nicht kannte. Als ich naͤmlich einſt mit meinem Freunde, dem iriſchen Advocaten Fred Clancy, in Greenwich ſpeiſ'te, trat der Mulligan zu uns heran, ſtellte ſich Clancy vor, ſprach mit ihm von Brianborough her Verwandtſchaft an, zog ſeinen Stuhl an unſern Tiſch und wurde ſchnell mit uns vertraut. Er gewann mich ſehr lieb, war ſo gut, meine Adreſſe ausfindig zu machen und mir einen Beſuch abzuſtatten, und ſeit jener Zeit habe ich ihn oft, — 3— . „ wenn ich des Morgens zum Fruͤhſtuͤck kam, in mei⸗ nem Wohnzimmer auf dem Sopha mit den Weißbro⸗ ten und Morgenzeitungen beſchaͤftigt gefunden, und gar manchmal, wenn ich des Abends nach Hauſe zuruͤck⸗ kehrte, um meine Abendlecture zu genießen, entdeckte ich den ehrlichen Geſellen im Armſtuhle vor dem Feuer, wie er das Zimmer mit meinen Cigarren parfuͤmirte und die Qualitaͤt der Fluͤſſigkeiten, welche ſich im Wandſchranke befanden, pruͤfte. Sein Witz gegen Betſy, das Aufwartemaͤdchen im Hauſe, iſt wahrhaft erſtaunlich. Sie beginnt zu lachen, ſobald er kommt, gleichviel ob er ſie ein Entchen, einen Teufel oder ſeinen Liebling nennt. Er iſt in meiner Wohnung eben ſo gut Herr wie das Individuum, welches ſie zu funfzehn Shilling woͤchentlich gemiethet hat, und was Taſchentuͤcher, Va⸗ termorder und dergleichen Artikel betrifft, ſo iſt der Verluſt, welchen ich, ſeit ich ihn kenne, daran erlit⸗ ten habe, wahrhaft unerklaͤrlich. Ich vermuthe, daß er der Katze in manchen Haͤuſern gleicht, denn wenn der Whisky, die Cigarren, der Zucker, der Thee, das Eingemachte und andere Spezereiwaaren verſchwinden, ſo wird es Alles dem Edax rerum von einem Mulligan zugeſchrieben. Die groͤßte Beleidigung, die man ihm anthun kann, iſt die, ihn „Herr“ Mulligan zu nennen. „Wollen Sie mich des Titels berauben, Sir,“ ſagt er, „welcher von meinen fuͤrſtlichen Vorfahren — 176 — * in Hunderttauſenden von Schlachten getragen worden iſt? In unſern heimiſchen gruͤnen Thaͤlern und Forſten, in den amerikaniſchen Savannen, in den Sierren Spa⸗ niens und auf den Ebenen Flanderns hat der Sachſe vor meinem Schlachtrufe Mulligan⸗abuh! gezittert. Herr Mulligan! Denjenigen, der mich Herr Mulli⸗ gan nennt, werfe ich aus dem Fenſter.“ Er ſagte dies und ſtieß den Slogan der Mulligans mit einem ſo entſetzlichen Schrei aus, daß mein Onkel — der ehr⸗ wuͤrdige Gruels von der Independenten⸗Gemeinde zu Bunzay, der ihn auf die obige beleidigende Weiſe ange⸗ redet hatte, als er nach den religioͤſen Maiverſammlun⸗ gen in meinem Zimmer ſaß und Thee trank, augen⸗ blicklich das Gemach verließ und ſeitdem von mir nie wieder die mindeſte Notiz genommen hat, außer um den ubrigen Mitgliedern der Familie mitzutheilen, daß ich unwiederbringlich zur Verdammniß beſtimmt ſei. Nun, eines Tages in der vorigen Seaſon hatte ich von meiner gütigen und aͤußerſt ſchatbaren Freun⸗ din Mrs. Perkins von Pocklington⸗Square — deren liebenswuͤrdigen Familie ich die Ehre gehabt habe, Un⸗ terricht im Zeichnen, Franzöſiſchen und der Flote zu geben, — auf goldberaͤndertem Satinpapier eine in den gewohnlichen Ausdruͤcken abgefaßte Einladung zu ihrer Abendgeſellſchaft oder wie ich es nenne „Balle bekommen. Außer den an alle ihre Freunde geſendeten in Kupfer geſtochenen Blllets hatte meine guͤtige Goͤnnerin privatim an mich geſchrieben, wie folgt: — 177 — „Mein lieber Mr. Titmarſh! „Wenn Sie irgend einen ſehr wuͤnſchenswer⸗ then jungen Mann kennen, ſo geben wir Ihnen die Erlaubniß, ihn mitzubringen. Ihr Herren liebt Eure Clubbs jetzt ſo ſehr und macht Euch aus dem Tanzen ſo wenig, daß es wirklich ein wahrer Skan⸗ dal iſt. Kommen Sie zeitig und vor allen An⸗ dern, und unterſtuͤtzen Sie uns mit Ihrem Ge⸗ ſchmack und Ihrer continentalen Geſchick⸗ tichkeit. 6 „Ihre aufrichtige „Emilie Perkins.“ „Wen ſoll ich bringen?“ uͤberlegte ich, durch dieſes Zeichen von Zutrauen hoͤchlichſt geſchmeichelt, und ich dachte an Bob Trippet und den kleinen Fred Spring vom See⸗Zahlmeiſter⸗Amt, an Hulker, der reich iſt und wie ich weiß, in Paris Tanzunterricht genommen hat und ein Dutzend anderer unverheiratheter Freunde, die als ſehr wuͤnſchenswerth betrachtet werden konnten — als ich durch einen Schlag auf meine Schulter aus meinem Nachdenken geweckt wurde und als ich aufblickte, den Mulligan ſah, der, wie gewöhnlich, die Papiere auf meinem Schreibpulte zu leſen begann. „Was iſt das ?« ſagte erz „wer iſt Perkins? Iſt es ein Abendbrotball, oder nur ein Theeball ?“ »Die Perkins von Pocklington⸗Square ſind Leute erſten Ranges, Mulligan,“ ſagte ich in wuͤrdevollem Der Ball bei Mrs. Perkins⸗ 12 — — Tone. „Mr. Perkins Schweſter iſt an einen Baronet Sir Giles Bacon von Hogwaſh in Norfolk verhei⸗ rathet. Mr. Perkins Onkel iſt Lordmayor von Lon⸗ don geweſen und er ſelbſt hat im Parlament geſeſſen und kann, wenn er will, wieder hinein kommen. Die Familie gehoͤrt zu meinen beſonderen Freunden. Ein Theeball, wahrhaftig! Ei Gunter ... Hier hielt ich inne, ich fuhlte, daß ich mich zu weit gewagt hatte. „Gunter?“ ſagt der Mulligan mit einem zweiten verwuͤnſchten Schlage auf meine Schulter. „Sagen Sie kein Wort weiter, ich werde mit Ihnen gehen, mein Junge.“ 6 „Sie gehen, Mulligan,“ ſage ich; „wirklich — ich — es iſt nicht meine Geſellſchaft.“ „Ihre, was —? Was bedeutet dieſer Brief? bin ich nicht ein wuͤnſchenswerther junger Mannk iſt der Nachkomme von tauſend Koͤnigen unpaſſende Ge⸗ ſellſchaft fuͤr einen erbaͤrmlichen duͤtenkrämeriſchen Londoner? Treiben Sie mit mir Scherz, dann erlau⸗ ben Sie mir Ihnen zu ſagen, daß ich ſolche Scherze nicht liebe. Denken Sie, daß ich nicht eben ſo gut geboren und erzogen bin, wie Sie ſelbſt, oder irgend ein ſaͤchſiſcher Freund, den Sie je gehabt haben?“ „Ich habe nie geſagt, daß Sie es nicht waͤren, Mulligan,“ antwortete ich, „Sie wollen doch nicht im Ernſte ſagen, daß — 179 — ein Mulligan keine geeignete Geſellſchaft fuͤr einen Per⸗ kins waͤre?“ „Mein lieber Junge, wie können Sie denken, daß ich Sie ſo beleidigen wollte?“ ſagte ich. „Nun,“ meinte er, „die Sache iſt abgemacht und wir gehen.“ Was zum Henker ſollte ich thun. Ich ſchrieb an Mrs. Perkins, und die gute Dame antwortete, daß ſie den Mulligan wie jeden andern meiner Freunde auf's Herzlichſte empfangen wuͤrde. Man denke ſich eine Geſellſchaft von nichts wie Mulligans, ſtellte ich mir mit geheimem Entſetzen vor. 12* II. Mr. und Mrs. Perkins, ihr Haus und ihre Kinder. Der Aufforderung der Mrs. Perkins gemaͤß, erſchien der Schreiber dieſes ſehr zeitig in Pocklington⸗ Sauare, wo der Geſchmack, mit welchem alle Anord⸗ nungen getroffen waren, meine waͤrmſte Bewunderung erregte. Das Souper war natuͤrlich im Speiſezimmer aufgetragen und von den Herren Grigs und Spooner, den Paſtetenbäckern der Nachbarſchaft, auf das Superbſte arrangirt. Ich half meinem geachteten Freunde Mr. Perkins und ſeinem Kellermeiſter den Sherry abziehen und ſah nicht ohne Zufriedenheit unter dem Buffet ein großes Kuͤhlgefaͤß fuͤr den Wein ſtehen, in welchem ſich bereits eine Menge von Champagnerflaſchen be⸗ fanden. Das hintere Speiſezimmer, Mr. Perkins Stu⸗ dirgemach — wo der ehrwuͤrdige Mann nach Tiſche ſein Schlaͤſchen macht, war zu dieſem Anla ſſe als Theezimmer arrangirt und Wrs. Flouncy, Miß Fan⸗ — ny's Kammerjungfer, — herrſchte darin in einer Haube mit Roſabaͤndern, die ihr ausnehmend gut ſtanden. Schon lange, lange vor der Ankunft der Eingeladenen ſch ich Maſter Thomas Perkins und Maſter Giles Bacon, ſeinen Couſin — Sohn von Sir Giles Bacon, Baronet — in dieſem Zimmer mit den Maccaronen beſchäftigt. Mr. Gregory, der Kellermeiſter, und John der Bediente und Sir Giles großer Lakai in der Bacon⸗ ſchen Livree und der ehrliche Grundſell, der Teppich⸗ klopfer und Gemuͤſehaͤndler aus den Pocklingtonhaͤuſern, hatten wenigſtens ein halbes Dutzend Adjutanten in ſchwarzer Kleidung und weißen Halstuͤchern wie Doc⸗ toren der Theologie. Die Thuͤr des hintern Salons war ausgehoben — und oben unter Mr. Perkins Bett gelegt — und die Oeffnung mit Muſſelin bedeckt und mit elegan⸗ ten Blumenguirlanden feſtonnirt worden. Dies war der Tanz⸗Salon. Ueber den Teppich war Lein⸗ wand gebreitet und ein Muſikcorps, beſtehend aus Mr. Clapperton am Pianoforte, Mr. Pinch an der Harfe und Herrn Spoff mit dem Klappenhorn, kam ziemlich zeitig an und erhielt vor dem Beginn ſeiner erfteuli⸗ chen Thatigkeit im Theezimmer ein gutes Glas Negus⸗ Das Boudoir zur Linken war zum Kartenzim⸗ mer eingerichtet, der große Salon natuͤrlich zum Empfang der Geſellſchaft beſtimmt, wobei die Kron⸗ leuchter und die gelbdamaſtnen Mobeluͤberzuge dieſen — 182 — Abend in ihrem vollen Glanze ſchimmerten, und die reizende Blumenſtellage uͤber dem Treppenabſatze war mit eini⸗ gen Milchglaslampen, die wie Monde ſchimmerten, geziert und die Blumen ſo geordnet, daß es ausſah wie ein Zauberhain, und Miß Perkins ſah, — wie ich mir die Freiheit nahm gegen ihre Mama zu bemerken, wie die Fee dieſes Haines aus. Es iſt das erſte Jahr im offentlichen Leben dieſes jungen Geſchoͤpfes, ſie iſt ohne Ruͤckſicht auf Koſten in Hamerſmits erzogen worden und ein einfaches, wei⸗ ßes Muſſelinkleid mit blauem Guͤrtel, diente zur Hebung von Reizen, uber welche ich mit achtungsvoller Bewun⸗ derung ſprechen will. Mein vortrefflicher Freund, der Mulligan von Ballymulligan, war ſo gutig, von der ganzen Geſellſchaft zuerſt zu kommen. Wie unbehaglich iſt es, beiläufig erwaͤhnt, der Erſte von einer Geſellſchaft zu ſein! Und doch muß irgend Einer den Erſten machen. Ich mei⸗ nestheils als ein ſchuͤchterner Mann warke jedoch ſtets an den Straßenecken in meinem Cabriolet, bis ein anderer Wagen kommt. . Nun, als wir den Sherry in den geſchliffenen Glasflaſchen auf die Soupertafel hinſtellten, erſchien mein Freund. „Wo iſt mein Freund Mr. Titmarſh?“ hoͤrte ich ihn zu Gregory im Hausgange ſchreien, und kurz dar⸗ auf ſturzte er in das Sonperzimmer, wo Mr. und Mrs. — 183 — Perkins und ich waren und da der Diener meldete: Mr. Mulligan, bruͤllte er: „Der Mulligan von Ballymulligan, Ihr Schuftl“ und ſtolzierte in das Zimmer, indem er, wie er ſagte, ſich entſchuldigte, ſeinen eigenen Vorſteller gemacht zu haben. Mr. und Mrs. Perkins wuͤnſchten vielleicht nicht gern in dieſem Zimmer, welches gegenwaͤrtig nur durch ein paar Kerzen erleuchtet war, geſehen zu werden, er aber wurde durch dieſen Umſtand keineswegs in Ver⸗ legenheit geſetzt, druͤckte warm Beider Haͤnde und machte es ſich augenblicklich bequem. „Als Freunde meines theuern talentvollen Freun⸗ des Mich — ſo beliebte es ihm, mich zu nennen — bin ich entzuͤckt, Madame, Sie kennen zu lernen. Be⸗ trachten Sie mich nicht im Lichte eines bloßen Bekann⸗ ten. Sie, meine liebe Madame, erinnern mich ſo ſehr an meine eigene theuere Mutter, die jetzt in Ballymul⸗ ligan⸗Caſtle reſidirt, daß ich Sie ſchon liebe.“ Bei dieſen Worten fragte Mr. Perkins, der etwas beſorgt zu werden anfing, den Mulligan, ob er ein Glas Wein trinken oder hinauf gehen wolle. „Meiner Treu,“ ſagte Mulligan, „es iſt nie zu zeitig, etwas Gutes zu trinken,“ und obgleich er bereits ſehr ſtark nach Whisky duftete, trank er doch ein Kelch⸗ glas Wein auf die Verbeſſerung einer Bekanntſchaft, die auf ſo treffliche Art begonnen hatte. „Kommen Sie hinauf, Mulligan,“ ſagte ich und — 184 — fuͤhrte den edeln Irlaͤnder nach den obern Gemaͤchern, die in tiefer Dunkelheit waren, da man die Lichter noch nicht angezuͤndet hatte und wo wir Miß Fanny in der Daͤmmerung uͤberraſchten, wie ſie ſchuͤchtern die Me⸗ lodieen der Polka verſuchte, die ſie an jenem Abend ſo vortrefflich tanzte. Sie gewahrte anfangs den Fremdling nicht, aber wie ſchrak ſie zuſammen, als der Mulligan uͤber ſie herein ragte. „Himmliſche Zaubrerin,“ ſagte der Mulligan, „fliehen Sie nicht beim Nahen Ihres geringſten Scla⸗ ven! Nehmen Sie wieder Ihren Platz an dem In⸗ ſtrumente ein, welches harmoniſch weint oder melodiſch laͤchelt, wenn Sie es bezaubern! Kennen Sie die iri⸗ ſchen Melodieen? Spielen Sie: „Wir fuͤrchten von Achtundneunzig zu ſprechen,“ „den Shan Voght“ oder das „Leidtraglied von Ollam Fodhlah!“ „Wer iſt der Tollhaͤusler, den Titmarſh mitge⸗ bracht hat?“ hoͤrte ich Maſter Bacon gegen Maſter Perkins ausrufen: „Sieh nur, wie erſchrocken Fanny ausſieht!“ „O pah! die Maͤdchen ſind immer furchtſam,“ antwortete Fanny's Bruder, aber Giles Bacon war gewaltthaͤtiger und ſagte: „Ich will Dir etwas ſagen, Tom; wenn das ſo fortgeht, ſo muͤſſen wir uber ihn herfahren,“ und das wuͤrden ſie ohne Zweifel auch gethan haben, wenn nicht auf ein donnerndes Klopfen an der Hausthuͤr Gregory in das Zimmer geſtuͤrzt waͤre und alle Lichter — 185 — anzuzuͤnden begonnen haͤtte, ſo daß auf eine erſtaunliche Helle entſtand. Miß Fanny ſprang auf und lief zu ihrer Mama, und die jungen Maͤnner rutſchten auf dem Treppenge⸗ laͤnder hinab, um die Geſellſchaft im Hausgange zu empfangen. IM. Jedermann beginnt zu kommen, aber beſonders Mr. Minchin. „Ich bin es blos mit meinen Schweſtern,“ ſagte Maſter Bacon, wiewohl das „blos“ in dieſem Falle Acht bedeutete. Alle junge Damen hatten friſche Roſenwangen und purpurne Ellnbogen, Alle hatten weiße Kleider und mehr oder weniger kaſtanienbraunes Haar, und ſo bildete dieſe bluͤhende zahlreiche Familie bereits eine Ge⸗ ſellſchaft, ehe die uͤbrigen Eingeladenen zu kommen an⸗ fingen. Dann kamen die drei Miß Meggots in ihrem einſpaͤnnigen Wagen, Mr. Blades und ſeine Nichte aus Nr. 19 im Square, Capitain Struther und ſeine Gemahlin und Tochter, Doktor Taddys, zwei Toͤchter und ihre Mama; aber wo waren die Herren? Der Mulligan, ſo groß und beweglich er auch war, reichte unter ſo vielen Schoͤnheiten nicht hin. Endlich ertoͤnte ein ſchnelles, nettes, kurzes — — Klopfen, und als ich in den Hausgang ſchaute, ſah ich dort einen Herrn ſeine Galloſchen abnehmen, waͤhrend Sir Giles Bacon's großer Lakai mit etwas verächtlicher Miene zuſchaute. „Welchen Namen ſoll ich melden 2 fragte er, in⸗ dem er Gregory auf der Treppe zublinzelte. Der Herr in Galloſchen entgegnete mit ruhiger Wuͤrde: „Mr. Frederik Minchin.“ „Pumpcourt Temple“ iſt in ſehr kleinen Buch⸗ ſtaben auf ſeiner Viſitenkarte gedruckt und er iſt ein hoffnungsvoller Advokat im weſtlichen Gerichtskreiſe. Des Morgens iſt er zu Hauſe zu finden, ſpaͤter aber, wie man an ſeiner Thuͤr leſen kann, „in Weſtminſter.“ Meinen juriſtiſchen Freunden ſind Bink's und Min⸗ chin's beruͤhmte Rechtsfaͤlle wahrſcheinlich bekannt: dies iſt der fragliche Minchin. Er iſt entſchieden genteel und auf den Baͤllen der Richter von Oberadvokatendamen ſehr geſucht, denn er tanzt über allen Tadel erhaben und geht, ſo viel er nur immer kann, bei anderen Leuten zum Eſſen. Er ſpeiſ't meiſtens in den Opford⸗ und Cam⸗ bridge⸗Clubbs, deren Mitglied er, wie man gleich an ſeinem Ausſehen erblickt, iſt. Er genießt Braten und ſein halbes Pint Wein, denn Minchin thut Alles als Gentleman. Er iſt von Vorliebe fur die Literatur er⸗ fuͤut, macht immer noch recht nette lateiniſche Verſe und ſpielte, ehe er die Erlaubniß zum Prakticiren er⸗ hielt, äußerſt gern die Flote. Wenn Mr. Minchin des Abends in Geſelſchaft geht, ſo bringt ihm ſein Schreiber den Aktenſack mit den Geſellſchaftskleidern in den Clubb, wo er ſich um⸗ zieht, und wenn es nur im Geringſten ſchmutzig iſt, ſo ſtreift er ſeine Beinkleider in die Hoͤhe, damit er ohne Fleckchen ankommt. Fuͤr eine Geſellſchaft, wie die gegenwaͤrtige, kauft er neue Handſchuhe, ſonſt iſt Frederik's Schreiber hauptſächlich damit beſchaͤftigt, ſie mittelſt Gummi zu reinigen. Er hat eine Anzahl von ſcherzhaften Geſchichten uͤber ſeine Rundreiſen und die Univerſitaͤt, welche er ſeinem Nachbar bei Tiſche mit halbem Laͤcheln zu er⸗ zaͤhlen pflegt, und weiß ſtets den letzten Witz Mr. Ba⸗ ron Maule's. Er beſitzt ein Privatvermogen von fuͤnf⸗ tauſend Pfund, iſt ein gehorſamer Sohn, hat eine in Harlyſtreet verheirathete Schweſter und Lady Jane Ranville hegt von ihm die beſte Meinung und ſagt, daß er ein vortrefflicher junger Mann von den lobens⸗ wertheſten Grundſätzen ſei. Die gnaͤdige Frau und ihre Tochter kamen eben, als Mr. Minchin ſeine Galloſchen in den Regenſchirm⸗ kaſten geſteckt hatte, und der Rang der allgemein ge⸗ achteten Dame und die wuͤrdevolle Manier, mit welcher er ſie die Treppe hinauf fuͤhrte, machte allem Spoͤtteln von Seiten der Domeſtiken ein Ende.“ IV. Die Ballzimmerthür. Nach Frederik Minchin kommen noch hundert Andere. Eine halbe Stunde darauf haben die Herren Spoff, Pinch und Clapperton ihre Muſik begonnen und Mulligan tanzt mit Einer von den Miß Bacons majeſtatiſch in der erſten Quadrille. Meine jungen Freunde Giles und Tom ziehen den Treppenabſaz den Salons vor und bleiben den ganzen Abend uͤber dort, um die Erfriſchungspräſentir⸗ teller, wenn ſie herauf- oder hinabgehen, zu pluͤndern. Giles hat vierzehn Glaͤſer Eis genoſſen, er wird Morgen entſetzliches Magenweh haben. Tom hat nur zwolf gegeſſen, aber vier Glaͤſer Negus mehr getrunken, als Giles. Grundſell, der heutige Aufwaͤrter und ſon⸗ ſtige Gemuͤſehaͤndler, von dem Maſter Tom viel Ing⸗ werbier kauft, kann ihm natuͤrlich nichts abſchlagen. Der in den Kniehoſen mit dem Praſentirteller iſt Grundſell. — 190 — Jetzt bitte ich Sie, Ihre Aufmerkſamkeit den drei Herren an der Thuͤr zuzuwenden, ſie converſiren. Erſter Herr. — Wer iſt der Mann vom Hauſe — der glatzkoͤpfige Mann? Zweiter Herr. — Natuͤrlich! Der Mann vom Hauſe iſt immer kahl. Er iſt, glaube ich, Boͤrſenmäk⸗ ler. Snooks hat mich hergebracht. Erſter Herr. — Sind Sie ſchon im Theezim⸗ mer geweſen? — es iſt ein huͤbſches Mädchen im Theezimmer — blaue Augen, Roſabaͤnder u. ſ. w. Zweiter Herr. — Wer zum Geier iſt das Madchen dort mit den ungeheuern Schultern? Wenn ſie nur Jemand darauf ſchlagen wollte. Dritter Herr. — Sir — die junge Dame iſt meine Nichte, Sir — meine Nichte — mein Name iſt Blades, Sir. Zweiter Herr. — Nun, Blades, ſchlagen Sie Ihre Nichte auf die Schultern, ſie verdient es, meiner Treu, das thut ſie; herein, Jinks — ſtellen Sie mich den Perkins vor — halloh, hier iſt eine alte Bekannte vom Lande — Lady Speck, ſo wahr ich lebe, mit allen ihren Ferkelchen; ſie geht nie aus, ohne den ganzen Wurf bei ſich zu haben. (Erſter und zweiter Herr ab.) V. Lady Speck, die Miſſes Speck und Mr. Flam. Lady Speck. — Leonore! Marie! Amalie! hier iſt der Herr, den wir bei Sir John Porkington ge⸗ troffen haben. (Die Miſſes Bacons, welche hoffen, daß man ſie zum Tanzen auffordern wird, laͤcheln zu gleicher Zeit und fan⸗ gen an, ſich die Kleider glatt zu ſtreichen.) Mr. Flam. — Lady Speck! ich konnte mich in Sie nicht verkennen! Wollen Sie nicht tanzen, Lady Speck? Lady Speck. — Gehen Sie weg, Sie närri⸗ ſches Geſchopf. Mr. Fl am. — und dies ſind die ſieben ſchoͤ⸗ nen Schweſtern der gnaͤdigen Frau, wenn ich nach ihrer Aehnlichkeit mit der reizenden Lady Speck ſchließen darf? 1 — Lady Speck. — Meine Schweſtern — hihi! — meine Toͤchter, Mr. Flam. — Und die tanzen — nicht wahr, Maͤdchen? Die Miſſes Speck. — Ja gewiß! Mr. Flam. — Grad' wie ich wuͤnſche, daß ich tanzen koͤnnte! — (Flam ab.) VI. Mr. Larkins. Ich bin nicht im Stande, meine geehrte Freun⸗ din Mrs. Perkins nach Verdienſt zu zeichnen, (nur ein Lawrence könnte das,) aber Larkins Portrait gilt fur ſehr aͤhnlich. Adolph Larkins iſt ſchon ſeit langer Zeit in Mr. Perkins Comptoir in der City angeſtellt und wird des Jahres zwei⸗ bis dreimal zum Eſſen eingeladen. Abendgeſellſchaften ſind der groͤßte Genuß dieſes ein⸗ fachen Juͤnglings, der, nachdem er von Kentiſh Town nach Thamesſtreet gegangen iſt und zwoͤlf Stunden in angeſtrengter Arbeit dort zugebracht hat, wieder nach Kentiſh Town zuruckgekommen, kein großeres Vergnuͤ⸗ gen kennt, als ſeine magere Perſon mit dem eleganten Ballkoſtum, worin er ſich jetzt befindet, zu bekleiden, wieder nach der Stadt zuruͤckzugehen und im Hauſe eines Jeden, der ihn einladen mag, zu tanzen. Islington, Pentonville, Somers Town ſind die Der Ball bei Mrs. Perkins. 13 2 Scenen vieler ſeiner Thaten und ich habe den gut⸗ muͤthigen Burſchen ſchon in Notting Hall Figuren⸗ taͤnze in einem Hauſe tanzen ſehen, wo, wie ich mit Scham geſtehe, kein Abendbrot und nicht einmal des Erwaͤhnens werther Negus gegeben wurde, nichts als die Polka, in welcher Adolph ſchwelgt. Um die Eingenommenheit des jungen Mannes fuͤr das Tanzen zu beſchreiben, will ich mit Einem Worte ſagen, daß er lieber Hötel-garni-Baͤlle frequen⸗ tirt, als gar nicht geht. Er hat Galloſchen wie Minchin, uͤber ihn lacht aber Niemand. Er giebt ſich keine Airs, ſondern tritt mit ſo demuͤthiger, beſcheidener Haltung in ein Haus, daß die Dienſtboten ihn ſogar ein wenig begoͤnnern. Er ſpricht weder, noch hat er beſondere Gedanken; wenn aber die Zeit kommt, ſo beginnt er zu tanzen. Er bloͤtt waͤhrend dieſer Operation ſeiner Dame ein oder ein paar Worte zu, ſieht bei der ganzen Geſchichte ſehr ſchwach und truͤbe aus und wird uberall natuͤrlich mit den haͤßlichſten Frauenzimmern engagirt. Der milde, freundliche Geiſt! Wenn ich bedenke, wie er einen Abend nach dem andern huͤpft und um⸗ herſpringt und dann nach Kentiſh Town hinausgeht, durch Nebel und Koth und Dunkelheit, ſo weiß ich nicht, ſoll ich ihn bewundern, weil ſeine Genuͤſſe ſo einfach ſind und ſein Gemuͤth ſo freundlich iſt, oder ihn auslachen, weil er ſein Leben ſo ungemein ſchal hinbringt. — 195 — Nun, nun, wir koͤnnen nicht Alle brullende Lö⸗ wen in der Welt ſein, es muß auch ein paar Laͤmmer und harmloſe gute Geſchopfe zum Eſſen und Scheeren geben. Seht! ſelbſt die gutmuͤthige Mrs. Perkins fuͤhrt den bebenden Larkins der furchtbaren Miß Bunian zu. 13* VII. Miß Bunian. Die Dichterin, Verfaſſerin von „Herzensſaiten,“ der „tödtliche Nachtſchatten,“ „Paſſionsblumen“ u. ſ. w. Obgleich ihre Gedichte nur Liebe athmen, iſt Miß Bunian doch nie verheirathet geweſen. Sie iſt beinahe ſechs Fuß hoch, ſie liebt den Walzer, mehr noch als ſelbſt die Poeſie, und den Hummerſalat, glaube ich, eben ſo ſehr, wie Beides zuſammen. Sie geſteht, achtundzwanzig Jahre alt zu ſein, in welchem Falle ihr erſtes Werk, die „Waiſe von Gozo,« (das von Mr. Rigby in der Vierteljahrsſchrift mit ſeiner gewohnten Freundlichkeit in die Pfanne gehauen wurde,) herausgegeben worden ſein muß, als ſie drei Jahre alt war. Fuͤr ein Frauenzimmer, das ganz Seele iſt, beſitzt ſie ſo viel Appetit, wie nur irgend eines, das ich je ge⸗ ſehen — die Leiden, welche ſie zu erdulden gehabt hat, ſind, wie ſie ſagt, grenzenlos, die Gedichte, welche ſie ſchreibt, athmen eine verſengende Leidenſchaft, eine — 197 — glimmende Verzweiflung, eine geiſtige Folter, die einem Karrenfuͤhrer das Herz erweichen wuͤrde — wenn er ſie läſe. Nun, es iſt ein Troſt, wenn man ſieht, daß ſie des Abends tanzen kann, und weiß — denn die Ge⸗ wohnheiten beruͤhmter Schriftſteller und Schriftſtellerin⸗ nen zu kennen, iſt ſtets der Muͤhe werth, — daß ſie jeden Morgen ihres jammervollen Daſeins ein warmes Hammelkotelett zum Fruͤhſtuͤck ißt. Sie wohnt in einem Hötel garni in Brompton und kommt in einem Fiaker zum Balle. VIII. Mr. Sicks. Es iſt zwei Pfennige werth, Miß Bunian und Poſeidon Hicks, den großen Dichter, mit einander ſpre⸗ chen und nachher von einander reden zu hoͤren. Wie ſie ſich haſſen! Ich habe auf meine gottloſe Weiſe Hicks faſt zur Raſerei gebracht, indem ich im Ver⸗ trauen gegen ihn die Bunian lobte, und dieſe kann man durch ein paar recht angebrachte Lobſpruͤche auf Hicks augenblicklich aus dem Zimmer vertreiben. Hicks zeigte ſich der erſtaunten Welt zuerſt mit Gedichten in Byron's Manier: „Der Todesſchrei,“ „der Baſtard von Lara,“ „der Atabal,“ „der Brander des Bozzaris“ und anderen Werken. Seine Liebeslie⸗ der im erſten Style Mr. Moores werden als fur einen jungen Mann, der damals erſt dreizehn und in einer commerciellen Schule in Troding war, ungemein fruh⸗ reif gehalten. Später wurde dieſer große Barde weniger leiden⸗ ſchaftlich und gedankenvoller, und ſchrieb im Alter von — zwanzig Jahren: „Idioſyncraſie“ (in vierzig Buͤchern, Quart), „Ararat,“ ein ungeheures Epos, wie die Kri⸗ tiker ſagten, und die „Megatheria,“ denſelben Autori⸗ täten zufolge ein herrlicher Beitrag zu unſerer praͤada⸗ mitiſchen Literatur. * Da ich dieſe Werke nicht geleſen habe, wuͤrde es mir ſchlecht anſtehen, ſie zu beurtheilen, aber ich weiß, daß der arme Verleger Jingle ſeine Inſolvenz ſtets dem letzteren Epos, welches elegant in Folio gedruckt wurde, zugeſchrieben hat. Hicks hat jetzt eine klaſſiſche Richtung eingeſchla⸗ gen und „Poſeidon,“ „Jachus,“ „Hephaiſtus“ u. ſ. w. geſchrieben und wird wahrſcheinlich durch die ganze Mythologie gehen; aber ich moͤchte es nicht verſuchen, ihn mit einer Stelle aus dem griechiſchen Delectus zu verſuchen, ſo wenig wie zwanzig tauſend Andere von uns, die eine klaſſiſche Erziehung erhalten haben. Hicks befand ſich, als wir ihn ſtizzirten, in einer begeiſterten Attituͤde, betrachtete den Kronleuchter und that, als wiſſe er nicht, daß Miß Pettifer ihn anblickte. Ihr Name iſt Anna Marie — ſie iſt die Toch⸗ ter von Higgs und Pettifer, (der juriſtiſchen Firma in Betford Row,) — aber Hicks nennt ſie in ſeinen Albumsverſen Janthe und iſt ſelbſt ein bedeutender Drogueriewaarenhaͤndler in der City. IX. Miß Meggot. — Die arme Miß Meggot iſt nicht ſo gluͤcklich, wie Miß Bunian. Zu ihr kommt Niemand, um ſie zum Tanze zu engagiren, obgleich ſie eine neue „Kappe“ an⸗ hat, wie ſie es nennt, und einen recht netten Fuß be⸗ ſitzt, den ſie ſtets vorzuſtrecken weiß. Sie iſt Siebenundvierzig und die Juͤngſte von drei Schweſtern, die in einem moderig alten Hauſe bei dem Middleſex⸗Hoſpitale wohnen, wo ſie ſeit wer weiß wie vielen Dutzend Jahren gewohnt haben; ſo viel iſt aber gewiß, daß die aͤlteſte Miß Meggot den Gordon'⸗ ſchen Aufruhr im Jahre 1780 aus ihrem Fenſter da⸗ ſelbſt mit angeſehen hat und noch erzählt, wie ihr Va⸗ ter — Leibarzt bei Georg dem Dritten — bei jenem Anlaſſe auf der Straße ſeines Zopfes beraubt wurde. Die beiden alten Damen haben Brevetrang an⸗ genommen und werden Mrs. Jane und Mrs. Betſy genannt, die Eine von ihnen ſitzt im Hinterzimmer beim Whiſt, — die Juͤngſte aber heißt immer noch — 201 — Miß Nancy und wird von ihren Schweſtern fur ein wahres Kind gehalten. Sie war einmal mit einem wackern jungen Offi⸗ zier, Fähndrich Angus Mac Quirk von den Whiſtle⸗ dinkie⸗Schuͤtzen, verlobt, aber er fiel bei Quatrebras neben dem wackern Snuffmull, ſeinem Oberſten. Tief, tief hat ihn Miß Nancy betrauert. Die Zeit hat jedoch das wunde Herz vernarbt, ſie iſt jetzt heiter und wuͤrde ſingen oder tanzen, ja oder ſelbſt heirathen, wenn ſie Jemand dazu aufforderte. Gehen Sie zu ihr hin, lieber Freund, und thun Sie es. Ich meine nicht, daß Sie ihr das Heirathen antragen ſollen, aber fordern Sie ſie zum Tanze auf. — Kuͤmmern Sie ſich nicht darum, wie es ausſieht; es wird ſie glucklich machen und was koſtet es Ihnen? — Ach, lieber Freund, folgen Sie meinem Rathe, tan⸗ zen Sie ſtets mit den alten Damen, tanzen Sie ſtets mit den Gouvernanten. Es iſt ein Troſt fur die ar⸗ men Dinger, wenn ſie in ihre Dachkammer hinaufſtei⸗ gen, daß Jemand fur ſie Mitleid gehabt hat, und noch dazu ein ſo huͤbſcher Burſche wie Sie. X. Miß Ranville, der Ehrwürdige Mr. Toop, Miß Mullins, Mr. Winter. Mr. Winter. — Miß Mullins, ſehen Sie ein⸗ mal Miß Ranville an! Welches Bild guter Laune! Miß Mullins. — O Sie ſatyriſches Geſchoͤpf! Mr. Winter. — Wiſſen Sie, weshalb ſie ſo boͤſe iſt? — Sie erwartete mit Capitain Crigg zu tan⸗ zen, und durch irgend einen JIrrthum hat ſie den Cambridger Profeſſor erwiſcht. Iſt er nicht ein huͤb⸗ ſcher Mann? Miß Mullins. — O Sie drolliger Boͤſewicht! Mr. Winter. — Ja, er iſt Stipendiat eines Collegiums — Stipendiaten duͤrfen nicht heirathen, Miß Mullins — ungluͤckliche Creaturen, nicht wahr, Miß Mullins? Miß Mullins. — Gehen Sie weg! Mr. Winter. — Und Profeſſor der Aderlaß⸗ kunſt an der Univerſitaͤt. Er ſchmeichelt ſich, ein Weltmann zu ſein, Miß Mullins, und tanzt in den Sommerferien ſtets. — — Miß Mullins. — Sie boshaftes, gottloſes Ungeheuer! Mr. Winter. — Kennen Sie Lady Jane Ran⸗ ville, Miß Ranville's Mama? — Einmal des Jahres ein Ball — Lakaien in kanariengelber Livree, — Ba⸗ kerſtreet — ſechs Diners in der Saiſon — das ganze Jahr Schmalhans Kuͤchenmeiſter — Stolz und Ar⸗ muth, wiſſen Sie; ich bin einmal auf ihrem Balle geweſen. Ranville-Ranville iſt ihr Bruder, und unter uns geſagt — aber das, meine liebe Miß Mullins, iſt ein tiefes Geheimniß — ich denke, er iſt ein noch großerer Narr, als ſeine Schweſter. Miß Mullins. — O Sie ſatyriſches, drolliges, boshaftes, gottloſes Ding Sie! Mr. Winter. — Sie thun mir Unrecht, Miß Mullins; — wahrhaftig, das thun Sie. (chaine anglaise.) XI. Miß Joy, Mr. und Mrs. Joy, Mr. Botter. — Mr. Botter. — Welches Leben in dem Maͤd⸗ chen ſteckt, Mrs. Joy! Mr. Joy. — Sie iſt ein Sonnenſtrahl im Hauſe, Botter, ein wahrer Sonnenſtrahl — wenn Mrs. Joy hier bei ſchlechter Laune iſt, ſo .. . Mrs. Joy. — Schwatze keinen Unſinn, Mr. Joy. Mr. Botter. — Das nenne ich mir geſprun⸗ gen; — ei, die Elsler iſt nichts dagegen — und ihre vierzehnte Quadrille noch dazu — da geht es wieder! — ſie iſt ein Juwel von einem Madchen, obgleich ic es nicht ſagen ſollte. Mrs. Joy. (lachend) — Warum heirathen Sie ſie nicht, Botter? — ſoll ich mit ihr ſprechen? Sie wuͤrde Sie wohl nicht abweiſen. Sie ſind doch noch nicht ſo ſehr alt. Mr. Botter. — Aergern Sie mich nicht, Mrs. Joy. Sie wiſſen, daß ich mein Herz im Jahre — 205 — 1817 bei der Einweihung der Waterloo⸗Bruͤcke an eine junge Dame verloren habe, die nichts von mir wiſſen wollte und mich in Verzweiflung ſtuͤrzte und hinging und Joy von der Fondsbörſe heirathete. Mrs. Joy. — Gehen Sie weg, Sie närriſche alte Creatur. (Mr. Joy ſchaut entzuͤckt auf Mrs. Joy's Gelenkig⸗ keit. Lady Jane Ranville von Bakerſtreet erklärt ſie fuͤr eine äußerſt witzige Perſon, Capitain Dobbs hat die Mäd⸗ chen gern, die Muskel genug beſitzen, und was Frau Sparks betrifft, ſo iſt er bis uber die Ohren in ſie verliebt.) XII. Mr. Ranville⸗Ranville und Mr. Hubbard. Das iſt Miß Ranville⸗Ranville's Bruder, Mr. Ranville-Ranville vom Miniſterium des Auswaͤrtigen, treu ſtizzirt, wie er im Kartenzimmer Whiſt ſpielt. Talleyrand pflegte ſonſt im Clubb der Reiſenden Whiſt zu ſpielen und dies iſt der Grund, weshalb ſich Ran⸗ vile⸗Ränville dieſe diplomatiſche Erholung erlaubt. Es iſt nicht ſeine Schuld, wenn er nicht⸗der groͤßte Mann im Zimmer iſt. Wenn man ihn anredet, ſo laͤchelt er ſtreng und antwortet in einſilbigen Redensarten, er wuͤrde den Tod einem Verrathe des Amtsgeheimniſſes vorziehen. Er hat ſich in ſeinem Leben nie compromittirt, in der Schule war er der Erſte und in Orford hat er ſich ausgezeichnet. Jetzt wird er vor der Zeit kahl wie Canning und iſt ordentlich ſtolz darauf. Des Mor⸗ gens vor dem Fruͤhſtuͤck macht er einen Ritt im St. Jamespark. Er heftet ſeine Schneiderrechnungen mit Aktenſchnur zuſammen und hält ſeine Dinerbillets in — diplomatiſchen Perioden und fuͤhrt ein Regiſter daruͤber. Wenn er ja einmal einen Scherz macht, ſo iſt es ein Citat aus dem Horaz, wie bei Sir Robert Peel. Die einzige Erholung, welche er ſich geſtattet, be⸗ ſteht im Leſen des Thucydides waͤhrend der Ferien. Alle Welt ladet ihn zum Eſſen ein, weil er meſſingene Knoͤpfe mit der Namenschiffer der Koͤnigin traͤgt und weil man gern das Air haben will, mit dem Miniſterium des Auswärtigen gut zu ſtehen. „Wo ich dinire,“ ſagt er feierlich, „halte ich es fuͤr meine Pflicht, auch zu den Abendgeſellſchaften zu gehen.“ Das iſt der Grund, weshalb er ſich hier befindet. Er tanzt nie, ſoupirt nie, trinkt nie; er genießt, wenn er nach Hauſe und zu Bette geht, Hafergrutze; ich glaube, dieſe iſt ihm in's Gehirn gedrungen. Er iſt ein ſolcher Eſel und ſo reſpektabel, daß man ſich wundert, daß er in der Welt noch nicht geſtiegen iſt, und doch lacht man ihn aus, und ich und Sie werden eben ſo bald Miniſter werden, wie er. Dort iſt der luſtige Schelm Jack Hubbard und thut, als ob er ein Buch mit Kupferſtichen durchſaͤhe. Seht nur, wie jovial er ausſieht! Er iſt das Le⸗ ben und die Seele jeder Geſellſchaft und uͤber ſein Impromptu⸗Singen nach dem Souper werdet Ihr Euch todtlachen muͤſſen; er denkt jetzt uber ein Impromptu nach und zu gleicher Zeit an einen Wechſel, der näch⸗ ſten Donnerſtag faͤllig iſt, der gluckliche Burſche. XIII. Mrs. Trotter, Miß Trotter, Miß Toady, Lord Methuſalem. Die liebe Emma Trotter iſt den ganzen Abend ſchweigſam und etwas verſtimmt geweſen, bis ſich jetzt ihr hubſches Geſicht mit einem Lächeln erhellt. Konnt Ihr noch fragen, warum? Bemitleidet das einfache, liebevolle Geſchöpf! Lord Methuſalem iſt erſt dieſen Augenblick gekommen und ſeht, wie das unſchuldige Maͤdchen eit, um ihn zu be⸗ gruͤßen. Wie reizend iſt es, in der Selbſtſucht und dem Draͤngen und Treiben der Welt vollig unbefleckte, jung⸗ fräuliche Herzen zu finden und kleine romantiſche Ge⸗ maͤlde gegenſeitiger Liebe zu betrachten. Loed Methuſalem hat, obgleich man ſein Alter aus dem Adelskalender kennt, — obgleich er alt und ausſchweifend iſt, eine Perruͤcke traͤgt, das Podagra hat und ſich ſchminkt, eine reine Flamme in dieſer zar⸗ ten Bruſt entzuͤndet. Vorm Jahre redete man von — 209 — Ton Willoughby und dann einmal ſchien der junge Habuck — der juͤngſte Sohn Sir John Hawbucks, der Beguͤnſtigtſte zu ſein, aber Emma kannte ihr Herz nicht eher, als bis ſie das liebe alte Geſchoͤpf auf dem Rheine an Bord eines Dampfſchiffes traf. „Warum kommen Sie ſo ſpaͤt, Edward?“ ſagt ſie, das theure, unſchuldige Kind. Ihre Mutter ſieht mit zaͤrtlicher Freude zu. Man kann die Luſt einer ſo vortrefflichen Verwandten ver⸗ ſtehen. „Sehen Sie die Beiden nur an,“ ſagt Miß Toady; „ich ſchwoͤre hoch und theuer, daß ſie das ſchoͤnſte Paar im Zimmer machen.“ Methuſalems Enkel ſind etwas eiferſuͤchtig und erzuͤrnt und Mademoiſelle Ariane von dem franzoͤſiſchen Theater iſt wuͤthend. Aber der eigennuͤtzige Neid mancher Menſchen iſt unerklaͤrlich und man kann nicht Jeden zufrieden⸗ ſtellen. Der Ball bei Mrs Perkins. 14 XIV. Mr. Beaumoris. Mr. Grig. Mr. Flynders. — Dieſe drei jungen Maͤnner ſind im Augenblicke beſchrieben. Lieutnant Grig ſteht bei den Cuiraſſieren, Mr. Beaumoris iſt der huͤbſche junge Mann, Tom Flynders — jetzt nennt er ſich Flynders⸗Flynders — iſt ein dicker junger Mann, dir ſich nach Beaumoris kleidet. Beaumoris iſt im Schatzamte; er hat einen Ge⸗ halt von jährlich achtzig Pfund, wovon er das beſte Cabriolet und die ſchoͤnſten Pferde der Seaſon unter⸗ hält und blos fuͤr ſeine Beitraͤge zu Clubbs ſiebzig Guineen bezahlt. Er jagt in Leiceſterſhire, wo ihm vornehme Leute Pferde geben, iſt in den Theatern hinter den Couliſſen ungemein beliebt, in Richmond mit allen moglichen Roſahuͤten zu ſehen und der Bu⸗ ſenfreund der Hälfte der famoſeſten Roués der Stadt, wie des alten Methuſalem, Lord Billygoat's, Lord Tarquin's und der uͤbrigen eines ganz reſpektabeln Geſchlechts. — 211 — Um den Erſteren einen Gefallen zu thun, iſt der gutmuͤthige junge Burſche dieſen Abend hergekommenz; man darf ſich aber nicht einbilden, daß er ſich keine Airs von Ueberlegenheit giebt. Trotz ſeiner Stutzer⸗ haftigkeit iſt er ſehr zuthulich und wuͤrde jedem beliebi⸗ gen Menſchen im Zimmer auf die jovialſte Weiſe, die man ſich denken koͤnnte, zehn Guineen abborgen. Es iſt weder ſeine Geburt, die zweifelhaft iſt, noch ſein Geld, welches vollkommen negativ iſt, noch ſeine Ehrlichkeit, die mit ſeiner Geldqualifikation vollkommen gleichen Schritt haͤlt, noch ſein Witz, denn er kann kaum buchſtabiren — was ihn der vornehmen Welt empfiehlt, ſondern eine Art von Grandſeigneur⸗ Glanz und ſtutzerhaftem Je ne sais quoi, was ihn zu dem Manne macht, der er iſt. Die Art, wie ſeine Stiefeln und Handſchuhe ihm paſſen, iſt ein Wunder, welches kein Anderer fertig bringt, und obgleich er kein Atom von Grundſaͤtzen be⸗ ſitzt, ſo muß man doch geſtehen, daß er das hemd erfunden hat. Wenn ich dieſe großartigen Stutzer an Whites Fenſter gähnen oder auf glaͤnzenden Roſſen im Park umherſpringen ſehe, ſo denke ich daran, daß Brummell von ihnen der groͤßte und Brummell's Vater ein Lakai war. Flynders iſt der Schatten des Mr. Beaumoris, leiht ihm Geld, kauft auf ſeine Empfehlung Pferde, kleidet ſich nach ihm, haͤlt ſich in Pall Mall und auf 14* — 2 — den Stufen der Clubbs an ihn und ſpricht in allen Geſellſchaften von „Bo.“ Es iſt ſein Cabriolet, welches Bo's Freunde nach Derby fuͤhrt, und ſein Geld bezahlt die Diners fuͤr die Damen in Roſahuͤten. Ich glaube nicht, daß die Perkinſe wiſſen, was fuͤr ein Schelm er iſt, ſondern daß ſie ihn fuͤr einen anſtaͤndigen, reputirlichen Citymann, wie ſein Vater vor ihm, halten. Was Capitain Grig betrifft, ſo wuͤßte ich nicht viel von ihm zu erzaͤhlen. Er erfuͤllt die Pflichten ſeines Berufes mit der vollkommenſten Gravitaͤt, er iſt untadelhaft auf der Parade, vortrefflich beim Reiten, liebenswuͤrdig, wenn er betrunken, und etwas langwei⸗ lig, wenn er nuͤchtern iſt. Er hat keine zwei Ideen und iſt ein aͤußerſt gutmuͤthiger, vorwurfsfreier Qua⸗ kerer und einfaͤltiger junger Offizier. XV. bavalier seul. Mein Freund Bob Hely macht den Cavalier seul in einer Quadrille. Seht, welches utlaunige Ver⸗ gnuͤgen auf ſeinem Geſichte abgemalt ſteht. Hat er einen geheimen Kummer? hat er irgendwo einen Schmerz? Nein, liebe Miß Jones, er tanzt wie ein echter Britte und mit der ganzen reizenden Heiterkeit und Ausgelaſſenheit unſers Volkes. Wenn Canaillard dieſe Cavalier-seul-Operation verrichtet, ſcheut er da vor ihr zuruͤck? — Nein, er nimmt ſein eroberndſtes Geſicht an, er ſteckt ſeine Dau⸗ men in die Armlocher ſeiner Weſte und avancirt, reti⸗ rirt, pirouettirt und ſpringt, als wollte er ſagen: Re- garde moi au mondo, venez aux femmes, venez voir danser Canaillard! Wenn Bob's Witz das Gleiche thut, ſo verrichtet er es mit laͤchelnder Behendigkeit und graziöſer Behag⸗ lichkeit! Wenn aber der arme Hely auf einen Zahnarzt — 2 — zuchaſſirte, ſo wuͤrde ſein Geſicht kein heiteres Aus⸗ ſehen tragen koͤnnen; er denkt, daß die Augen aller Anweſenden auf ihn geheftet ſind und daß er ausſieht wie ein Narr. Auf mein Wort, meine liebe Miß Jones, wenn Sie in mich dringen, ſo denke ich, daß er nicht ganz Unrecht hat. Ich denke, daß Franzoſen und Deutſche tanzen moͤgen, wie es ihre Natur iſt, daß wir Britten aber eine angeborene Wuͤrde beſitzen, die uns von die⸗ ſem Genuſſe ausſchließt. Ich bin ſo ziemlich der tuͤrkiſchen Anſicht, daß dergleichen Dinge fuͤr uns verrichtet werden ſollten. Ich denke .. „Adieu, Sie neidiſcher alter Fuchs mit den Trau⸗ ben,“ ſagte Miß Jones, und im Augenblicke darauf ſahe ich ſie mit Tom Tozer in der Polka mit einer Geſchwindigkeit dahinwirbeln, uber die ich vor Schre⸗ cken in das kleine Boudoir zuruͤckweiche. XVI. Monſieur Canaillard, Ritter der Ehrenlegion. Lieutenant Baron von Bobwitz. Canaillard. — 0 ces Anglais! quels hommes, mon Dieu! Comme ils sont habillés, comme ils dansent! Bobwitz. — Ce sont de heaux hommes pour- tant; point de tenue militaire, mais de grands gail- lards; si je les avais dans ma compagnie de la Garde, j'en ferais de hons soldats. Canaillard. — Est-il béte cet Allemand! Les grands hommes ne font pas toujours de bons soldats, Monsieur. Il me semble que les soldats de France qui sont de ma taille, Monsieur, valent un peu mieux... Bobwitz. — Vous croyez? Canaillard. — Comment je le crois, önniemn Ven suis sür! I me semble, Monsieur, que nous Ta- vons prouvé. Bobwitz (unmuthig). — Je m'en vais danser la Polka. Serviteur Monsieur. Canaillard. — AMez. (Er geht an den Spiegel und betrachtet ſich in dem⸗ ſelben, worauf ſich Mrs. Perkins ſeiner zur Polka bemächtigt.) XVII. Das Boudoir. Mr. Smith, Mr. Brown. Miß Buſtleton. Mr. Brown. — Sie tanzen die Polka, Miß Smith? Ich bin ſo entzuckt daruͤber. Miß Buſtleton. (Lächelt und ſteht auf.) Mr. Smith. — Verdammter Geck. (Der arme Smith kann nicht tanzen.) XVIII. Große Polka. Obgleich mir eine Quadrille ſo traurig wie ein Leichenzug vorkommt, ſo geſtehe ich doch, daß es an⸗ genehm iſt, die Polka tanzen zu ſehen. Seht, Brown und Emilie Buſtleton wirbeln ſo leicht wie zwei Tau⸗ ben uͤber dem Taubenſchlage umher, Tozer mit der gottloſen kleinen Jones dreht ſich herum wie ein Schornſteinfeger am erſten Mai. Miß Joy iſt die Taͤnzerin des gluͤcklichen Fred Sparks und ſelbſt Miß Ranville iſt erfreut, denn der fehlerloſe Kapitain Grig iſt Hack und Spitze mit ihr. Beaumoris dreht ſich ziemlich nonchalant mit Miß Trotter, woruͤber Lord Methuſalems runzelige Backen unbehaglich zit⸗ tern. Seht, wie leicht und ernſthaft und graziös ſich der dicke Baron rundum kreiſelt und ſchaut, wie der Franzoſe unter der Laſt der Miß Bunian ſchwankt, welche trampelt und ausſchlaͤgt wie ein junges Karrenpferd. Aber der entſetzichſte Anblick, welcher bei dieſem — — 218 — Tanze meinem Auge begegnete, war die ungluͤckſelige Miß Little, der das Schickſal den Mulligan als Taͤn⸗ zer zugewieſen hatte. Das junge Geſchoͤpf bebte in ſeiner ungeheuern mileſiſchen Fauſt wie ein blökendes Laͤmmchen in den Klauen eines Adlers. Der iriſche Haͤuptling verſchmähte die anerkannte Form des Tanzes, paßte die Muſik dem Tanze ſeines gruͤnen Heimathlandes an und fuͤhrte einen Doppel⸗ jig auf, in welchem Miß Little ihm folgen mußte. Miß Ranville und ihr Kapitain ſchraken verwundert zuruͤck, Miß Trotter flatterte aus ſeinem Wege unter den Schutz des erſtaunten Lord Methuſalem. Fred Sparks konnte ſich vor Lachen kaum noch bewegen, waͤhrend dagegen Miß Joy in wahrer Pein um die arme Sophie Little war. Als Canaillard und die Dichterin ſich ihm naͤher⸗ ten, ſendete der Mulligan auf dem hoͤchſten Gipfel ſeines Enthuſiasmus einen Fußtritt hinter ſich hinaus, daß Miß Bunian heulend davon hinkte und ſchloß mit einem furchtbaren Hurrah! einem Feldgeſchrei, uber welches jedes Sachſenherz ſchauderte und erbebte. „O, wenn ſich die Erde oͤffnete und mich freund⸗ lich verſchlaͤnge!“ rief ich im Geiſte und ſchlich mich nach den untern Regionen, wo jetzt die Haͤlfte der Ge⸗ ſellſchaft beim Abendeſſen war. Es iſt unnoͤthig das Abendeſſen auszumalen; wir Alle kennen dieſes Geſchaͤft, das Schnattern und Schlucken und Knallen von Champagnerpfropfen, den — — 219 — Geruch von Moſchus und Hummerſalat, die Witwen, welche auf Teller mit Fleiſchpaſteten zufahren, waͤh⸗ rend die jungen Maͤdchen an kleinen Delikateſſen knab⸗ bern, die ihnen die geſchickten jungen Herren verſchaf⸗ fen. Drei wohlbeleibte Maͤnner wie Doktoren der Gottesgelahrtheit ſtehen hinter dem Tiſche und liefern Alles, was der Appetit nur verlangen kann. Ich meines Theils komme aus Verwunderung uͤber dieſe Leute nie dazu, Abendbrot zu eſſen. Ich glaube, wenn man von ihnen Ruͤbenmuß oder ein Stuͤck Crocodil⸗ fleiſch verlangte, ſo wuͤrde Einer dieſer erſtaunlichen Leute auch damit aufwarten. Welche Verachtung dieſe ernſthaften Paſteten⸗ bäckerleute gegen die ſchluckende Menge, die ſie bedienen, hegen muͤſſen! Wie ſie die Gelées und Wildpretpaſte⸗ ten und den Champagner innerlich haſſen muͤſſen! Wie ſie meinen armen Freund Grundſel hinter der ſpaniſchen Wand, der an einer Flaſche ſaugt, verlaſſen muͤſſen! Dieſer verkleidete Gemuͤſehaͤndler iſt in dem Be⸗ zirk von Pocklington⸗Square eine ſehr bekannte Per⸗ ſon, er bedient die Geſellſchaften der hohern Klaſſe in der Umgegend und iſt, wenn man auch ihn in Fami⸗ lien, wo ein Bedienter gehalten wird, natuͤrlich verach⸗ tet, doch in Wirthſchaften, wo es nur weibliche Dienſt⸗ boten giebt, eine Perſon von großer Wichtigkeit. WMiß Jones verwendet ihn bei ihren Geſellſchaften ſtets und ſagt zu ihrem Pagen: „Vincent, ſchicke mir — 220 — den Kellermeiſter, oder ſchicke mir Dobborough,“ mit welchem Namen ſie den ehrlichen George Grundſell bezeichnet. Wenn die Miſſes Trumps Poſtpferde an ihren Kutſchen haben und Beſuche machen, ſo ſteht Grund⸗ ſel ſtets hintenauf. Dieſe Damen ſetzen in ihn das groͤßte Vertrauen, ſind Pathinnen bei vierzehn von ſei⸗ nen Kindern geweſen und laſſen ihr Haus unter ſeiner Aufſicht, wenn ſie nach Bognor gehen, um den Som⸗ mer dort zuzubringen. Er begleitete dieſe Damen als Bedienter, als ſie bei dem letzten Lever Ihrer Majeſtaͤt der Koͤnigin Char⸗ lotte vorgeſtellt wurden. Mr. Grundſels Galakoſtuͤm iſt ein blauer Frack mit kupfernen Knoͤpfen, eine weiße Weſte, ein un⸗ geheures Jabot und ein hoher Hemdkragen. Er war viele Jahre lang Nachtwaͤchter und hat ſich einmal um das Amt eines Kirchſpielkuͤſters zu St. Peter in Pock⸗ lington beworben. Man kann ihm urzaͤhlige ſilberne Löffel anvertrauen, uͤberhaupt Alles, nur keine geiſtigen Getraͤnke, — und er war es, der die Einladungskar⸗ ten zum Ball bei Mrs. Perkins umhertrug. Ich gedenke nichts weiter daruͤber zu ſagen. Nach⸗ dem die Leute ſoupirt hatten, gingen ſie zuruͤck und tanzten wieder. Einige ſoupirten zum zweiten Male. Ich gab der Miß Bunian mit meinen eignen Haͤnden —— — — 221 — vier Glaͤſer Champagner und eine ſolche Quantität von Gaͤnſelebern und Truͤffeln, daß ich mich nicht wundere, wie ſie darauf ein Glas Kirſchbranntwein genoß. Der graue Morgen daͤmmerte uber Pocklington⸗ Saquare herauf, als ſie in ihrem Miethwagen abfuhr. So gingen auch die andern Leute. Wie gruͤn und gelb ein Theil der Mädchen aus⸗ ſah und wie entſetzlich helt die Schminke der Obriſtin Bludiger geworden war! Lady Jane Ranvilles große Kutſche war ſchon laͤngſt durch die Straßen hinwegge⸗ raſſelt. Fred Minchin klapperte in ſeinen Galoſchen hinweg. Ich war es, der Miß Meggot einhuͤllte und ſie mit ihren beiden alten Schweſtern an den Wagen fuͤhrte. Die guten alten Seelen! Sie haben ihre Dank⸗ barkeit dadurch bewieſen, daß ſie mich auf kommenden Dienſtag zum Thee einluden. Methuſalem iſt nach dem Clubb gegangen, um die Nacht dort vollends zu beenden. „Vergeſſen Sie morgen nicht!“ ſagt Miß Trotter, und wirft ihm aus dem Wagen ein Kußhaͤnd⸗ chen zu. Canaillard entfernt ſich und fragt nach dem Wege nach Leiceſter⸗Square. — Alle gehen ſie fort — das Leben verſchwindet. Seht Miß Martin und den jungen Ward! Wie zaͤrtlich ſie den Schelm einhuͤllt, wie freundlich ſie ihn anblickt! Hinter ihnen fluͤſtern die Aeltern, die auf — 22 — ihren Wagen warten. Wovon moͤgen ſie wohl ſpre⸗ chen? und wann wird das Paͤrchen heirathen? Moͤch⸗ ten Sie ein Paſcha ſein, wenn Sie dieſe huͤbſchen kleinen Geſchöpfe mit ihrem Lächeln und Erroͤthen und hubſchen Weſen ſehen. „Vergeſſen Sie nicht, mir ein großes Stuͤck Ku⸗ chen zu ſchicken,“ fluͤſtere ich dem alten Mr. Ward ſchelmiſch zu und wir blicken das Paͤrchen, welches faſt das Letzte im Hauſe iſt, ſentimental an — da gehen wahrhaftig auch die Muſikanten und die Uhr ſteht auf fuͤnf — als Grundſel mit verſtörter Miene zu mir heranſtuͤrzt und ruft: „Um des Himmels willen, Sir, gehen Sie in das Souperzimmer, der iriſche Herr hat es mit Mr. Per⸗ kins zu thun.“ Es war nur zu richtig. 2 Ich hatte ihn nach dem Abendeſſen fortgeſchickt — er lief hinter Miß Littles Wagen her, die vor Liebe zu ihm faſt umkam, wie er ſich einbildete — aber der gemeine Geſell war zuruͤckgekommen. Die Doctoren der Gottesgelahrtheit raͤumten ihre Speiſen und Ge⸗ tränke zuſammen, Alle waren fort, nur der abſcheu⸗ liche Mulligan ſaß noch auf dem einſamen Soupertiſche und baumelte mit den Beinen. Ihm gegenuͤber befand ſich Perkins vor Zorn faſt erſtickend. Der Mulligan. Ich ſage Euch, Ihr ſeid — der Kellermeiſter, Ihr dicker, fetter Mann, — geht, — — 223 — holt mir noch mehr Champagner — er iſt gut in die⸗ ſem Hauſe. Mr. Perkins (wurdevoll). Er iſt in die⸗ ſem Hauſe gut — aber — Der Mulligan. Aber was? Ihr glotzaugi⸗ ger, erkenfenſtriger Eſel. Geht und holt den Wein und dann wollen wir ihn zuſammen trinken, alter Bock. Mr. Perkins. Mein Name iſt Perkins, Sir. — Der Mulligan. Das reimt bald auf Ferkel, Ihr fettes Thier — eilt alſo mit dem Weine⸗ Mr. Perkins (mit apoplektiſcher Energich. Sir, ich bin Herr in dieſem Hauſe und ich befehle Ihnen, es zu verlaſſen. Ich will mich nicht beleidigen laſſen, Sir. Ich werde einen Polizeidiener kommen laſſen, Sir. Was meinen Sie damit, Mr. Titmarſh, Sir — daß Sie mir ein ſolches — ein ſolches Vieh in's Haus bringen, Sir? Er hatte es kaum ausgeſprochen, als auch Mulli⸗ gan von den hundert Schlachten mit einem Schrei wie der eines wilden Thieres auf ſeine Beute einſprang. Wir kamen ihm aber zuvor. WMr. Gregory, Mr. Grundſel, Sir Giles Ba⸗ cons großer Bedienter, der junge Herr und ich ſtuͤrm⸗ ten gleichzeitig auf den betrunkenen Haͤuptling zu und hielten ihn feſt. Die Doctoren der Gottesgelahrtheit ſchauten mit der größten Gleichgiltigkeit zu. Daß Mr. Perkins nicht in Ohnmacht fiel, iſt zu verwundern, er wurde furchtbar keuchend und ſchnaubend hinweggefüͤhrt. Jemand druͤckte dem Mulligan den Hut über die Augen und ich fuͤhrte ihn in den ſchweigendin Morgen hinaus. Das Zwitſchern der Voͤgel, die Friſche der roſigen Luft und eine Taſſe Kaffee, die ich ihm an 1. einem Stande im Regentcircus geben ließ, brachten ihn wieder ein wenig zu ſich. Als ich ihn verließ, war er nicht zornig, aber betruͤbt. Er wuͤnſchte allerdings die Erin widerfahrenen Beleidigungen in der Feld⸗ ſchlacht zu raͤchen, er wuͤnſchte das Grab Sarsfields und Hugh ONeills zu theilen, war aber äberzeugt, — ½ 1 daß Miß Perkins ſowohl wie Miß Little ſterblich in ihn verliebt war, und ich verließ ihn in Thraͤnen auf 1 einer Thuͤrſtufe ſitzend. „Iſt es beſſer, lachtoll oder weintoll auf der Welt zu ſein?“ ſagte ich duͤſter, als ich in meine Straße zuruͤckkam. Betſy, das Dienſtmädchen, war bereits 3 aufgeſtanden und auf den Knieen bei ihrer Arbeit mit Scheuern der Stufen beſchaͤftigt und begann heiter ihr 3 1 ehrliches Tagewerk. ————— , — —— ———— * W2 . . 579 e1i vcne