† deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 vo n . Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ceih und geſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; — . 3 5 für nbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ——— ———— auf 1 Monat: Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wek. — Pf. 3 — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlprene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausleihezreit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. — — — Außeichnungen von Cornhill nach Groß⸗Cairo von W. W. Thageray. Aus dem Engliſchen von O. L. Heuhner. Erſter Theil. —— Grimma und Leipzig, Druck und Verlaß des Verlags⸗Comptoirs. 1851. Dem Rapitain Samnel Lewis im Dienſie der Dampffchifffahrtsgeſellſchaft für den Orient gewidmet. — Mein theurer Lewis. Nach einer Reiſe, während derer der Kapitain eines Schiffs ausgezeichneten Muth, Seemannskunſt, Leutſeligkeit oder andere Eigenſchaften an den Tag gelegt hat, pflegen dankbare Paſſagiere ihren achtungsvollen Geſinnungen durch ein Andenken in der Geſtalt einer Theekanne, eines Pokals oder Tafelaufſatzes von koſtbarem Metall Ausdruck zu geben. Indeſſen ſind Gold⸗ und Silberbarren unter andern eine viel ſeltenere Waare, als Papier; ich erſuche Sie deshalb, mein Scherflein in der Geſtalt dieſes keinen Buches anzunehmen Es enthaͤlt einige Aufzeichnungen uͤber eine Reiſe, welche Ihre Kenntniſſe und Ihre Freundlichkeit doppelt angenehm machten, und von der ich keine Erinnerung bewahre, die ich hoher ſchätzte, als das Bewußtſein, daß ſie mir die Gelegen⸗ heit gab, Ihre Freundſchaft zu erwerben. Sie haben Ihr Commando von einer Geſellſchaft, welche eine ſo bedeutende Flotte beſitzt, daß ſie ſich einer europäiſchen Seemacht drit⸗ ten Ranges gleichſtellen kann. Wenn dieſe beruͤhmte Ge⸗ ſellſchaft in ihrer Marine Admirale ernennen ſollte, ſo wurde mich die Hoffnung, Ihre Flagge alsbald an Bord des groͤßten 6 Geſellſchafts⸗Dampfboots aufgehißt zu ſehen, nicht truͤgen. Doch, ich bin uͤberzeugt, auch dann wuͤrden Sie die „Iberia“ nicht vergeſſen und ebenſowenig die hochſt vergnuͤgte Kreuz⸗ fahrt im mittelläͤndiſchen Meere, die wir im Herbſt 1844 auf ihr zuruͤcklegten. Mein theurer Lewis, ich bin in herzlichſter Ergebenheit London, den 24. December 1845. Ihr W. M. Thackeray. Vorrede. Am 24. Juli 1844 ging der Verfaſſer dieſes kleinen Buchs zum Mittagseſſen in den ... Clubb, ohne im mindeſten die wunderbaren Ereigniſſe zu ahnen, welche das Schickſal für ihn im Schooße trug. Es befand ſich Herr Wilhelm dort, der ſeinem Freunde, Herrn Jacob (jett Sir Jacob), einen Ab⸗ ſchiedsſchmauß gab. Beide erſuchten Herrn Titmarſh, ihnen Geſellſchaft zu leiſten, und das Geſpraͤch wandte ſich naturlich auf die Reiſe, welche Herr Jacob zu unternehmen im Begriffe war. Dle Dampfſchifffahrts⸗ geſellſchaft fuͤr die Halbinſeln und den Orient hatte einen Ausflug in das mittellaͤndiſche Meer veranſtaltet, bei welchem man in der kurzen Zeit von wenigen Mo⸗ naten ſo viele Menſchen und Stadte zu ſehen bekom⸗ men konnte, als Ulyſſes waͤhrend zehn Jahren erforſcht und kennen gelernt hatte. Malta, Athen, Smyrna, Conſtantinopel, Jeruſalem, Cairo ſollten beſucht wer⸗ den, und alle Welt ſollte zum Lord⸗Mayors⸗Tage wieder daheim ſein in London. Der Gedanke, ſo viele beruhmte Plaͤtze zu ſehen, erfullte Herrn Titmarſh mit Begeiſterung; und Herr Jacob wußte die Reize einer ſolchen Reiſe mit großer Beredtſamkeit zu ſchildern. „Kommen Sie mit,“ ſagte der guͤtige und gaſtfreundliche Mann;z „betrachten Sie ſich als zu meiner Familie gehoͤrig; wer weiß, ob ſich Ihnen je im Leben wieder eine Gelegenheit darbietet, ſo viel in ſo kurzer Zeit zu ſehen. Sie muͤſſen das ſo leicht nehmen, wie eine Reiſe nach Paris oder nach Baden“ Herr Titmarſh zog alle dieſe Umſtände, ebenſo aber auch die entgegenſtehenden Schwierigkeiten in Erwaͤgung; er hatte nur ſechsunddreißig Stunden Zeit, um ſich fur eine ſo bedeutende Reiſe vorzubereiten — er hatte daheim Verpflichtungen eingegangen — konnte er es ausfuͤhren? Trotz aller Einwuͤrfe indeſſen ſtieg mit jedem Glaſe Claret der Enthuſiasmus, und die Hinderniſſe verſchwanden. Als ſchließlich Herr Jacob, um dem Allen die Krone aufzuſetzen, die Be⸗ merkung fallen ließ, er zweifle gar nicht daran, daß ſeine Freunde, die Directoren der Dampfſchifffahrtsge⸗ ſellſchaft fur die Halbinſel und den Orient, Herrn Tit⸗ marſh fuͤr die Dauer der Fahrt ein Schiffsbett zum Geſchenk machen wuͤrden, da hatte er in keiner Weiſe mehr etwas einzuwenden. Sich ſeiner Verpflichtungen zu entledigen, — an ſeine erſtaunte Familie zu ſchrei⸗ ben, ſie möchten ihn Sonntags uͤber vierzehn Tage nicht zum Mittagseſſen erwarten, weil er an dieſem Tage in Jeruſalem ſein wuͤrde, — achtzehn Hemden einzukaufen und ſie in einen Schiffskoffer von ruſſi⸗ ſchem Segeltuch zu legen — war das Werk von vier⸗ undzwanzig Stunden; und am 26. Juli ſegelte die „Lady Maria Woode von Southampton ab mit „dem Helden dieſer Memoiren“, der ganz erſtaunt war, ſich unter dem Paſſagieren an Bord zu befinden. Dieſe nicht unerhebliche Darſtellung wurde theils deshalb fur noͤthig gehalten, um einige unglaͤubige Freunde zu uͤber⸗ zeugen, die dabeiblieben, daß der Verfaſſer nicht von Hauſe weggekommen, und daß er die nachſtehenden Seiten, als Kinder ſeiner Phantaſie, in ſeiner Abge⸗ ſchiedenheit zu Putney geſchrieben; theils und haupt⸗ v — X ſaͤchlich aber auch deshalb, um den Directoren der ge⸗ nannten Geſellſchaft fur dieſen außerordentlich vergnug⸗ ten Ausflug zu danken. Er war ſo angenehm, ſo be⸗ haglich und dabei ſo nutzlich; er gewaͤhrt einen Platz ſo freundlicher Erinnerungen fur ſpatere Tage und eroffnet ſo mannichfache Quellen eines neuen Intereſſe — eine Zeitung von Beyrut, Malta oder Algier hat jebßt dop⸗ pelt ſo viel Anziehendes, als fruher — daß ich nicht umhin kann, allen Leuten, die Zeit und Mittel dazu haben, eine ſolche Reiſe anzuempfehlen. Wer Ferien hat, benutze ſie dazu; vor Alen thut ihr es, ihr jungen, wohlerzogenen Maͤnner, die ihr in die Geſellſchaft ein⸗ treten und eure Lebenslaufbahn, nachdem ihr die aka⸗ demiſche verlaſſen, beginnen wollt. Eure Buͤcherweis⸗ heit noch friſch im Gedachtn iß, betrachtet euch die leben⸗ den Völker und ihre Städte und die Natur, wie ſie ſich vor euren Blicken entfaltet entlang der beruͤhmten Kuͤſten des mittellaͤndiſchen Meeres. Eine Reiſe von Cornhill nach Cairo. Erſter Theil. ———— — Aufzeichnungen. l. . Vigo. Gedanken auf dem Meere. — Land! — Vigo. — Spaniſcher Grund und Boden. — Spaniſche Truppen. — Passagero! —— Di Sonne lockte am heutigen Morgen alle ſee⸗ kranken Leute aus ihren Ruheplaͤtzen hervor, und die un⸗ beſchreiblichen Wehklagen und Toͤne, welche hinter den ſchoͤngemalten Thuͤren auf beiden Seiten der Kajuͤte laut geworden waren, nahmen ein erwuͤnſchtes Ende. Lang vor Sonnenuntergang machte ich die gluckliche Ent⸗ deckung, daß es nicht langer nothig ſei, eine horizontale Poſition beizubehalten, und ſobald mir dies klar gewor⸗ den war, ſtieg ich aufs Verdeck, zwei Uhr Morgens, und ſah den herrlichen, vollen Mond gen Weſten hin⸗ abſinken; droben aber funkelten glaͤnzende Sterne. Die Nacht war ſo heiter und rein, daß ſie prachtvoll den 1 klaren Aether durchblitzten; neben und uͤber ihnen lag ein tiefblauer Himmel, und andere, noch fernere Welt⸗ korper ſchimmerten aus groͤßeren Weiten herunter, bis ſie ſchwaͤcher und ſchwaͤcher im unermeßlichen Raume verſchwammen. Das Schiff glitt rollend uͤber ein muͤdes, ſchmachtendes und ruhiges Meer. Es wehte eine warme und weiche Luft, ganz verſchieden von der, welche wir vor zwei Tagen hinter uns gelaſſen, als wir die Inſel Wight aus dem Geſichte verloren. Die Schiffsglocke hielt puͤnktlich ihre halben Stunden ein, und der Steuermann ſetzte das Geheimniß von der Nachmittags⸗, Abend- und Nachtwache auseinander. Der Anblick der erhabenen Scene verſcheuchte auf einmal alles Weh und Ungemach der Seekrankheit, und es ließe ſich, wenn man ſolcherlei Geheimniſſe offen⸗ baren muͤßte, noch manches Gute, was eine ſo ent⸗ zuͤckende Morgenwache mit ſich bringt, verkuͤndigen; allein es giebt Gefuͤhle, welche nicht Jedermann leicht⸗ hin ausplaudert, und unter dieſe gehoͤren die Gemuͤths⸗ bewegungen, welche der Anblick einer weitausgedehnten, großartigen Natur erweckt, die in reinem Ebenmaaße vor uns liegt. Die Wonne, die Begeiſterung, die uns bei der Betrachtung hinreißen, können wir nicht in Worte faſſen; und wäre dies, es liegt etwas Geheim⸗ nißvolles darin, was man nicht laut in die Welt hin⸗ auszurufen vermag. Hoffnung, Erinnerung, Demuth, Sehnſucht nach theuren und verwandten Seelen, und unausſprechliche Liebe und Ehrfurcht gegen die Macht, die das uͤber uns ſtrahlende, unbegrenzte Weltall und den weiten, ſchim⸗ mernden und wogenden Ocean rings um uns erſchuf, erfullen das Herz mit einer feierlichen und andachts⸗ vollen Gluͤckſeligkeit, und bieten dem Stadtbewohner einen ſelten vergoͤnnten Genuß. Da kommen mir auf einmal Geſtalten von Londonz die kleinen, holden Augen liegen geſchloſſen im Schlafe, von Mutterſorge um⸗ ſchirmt. — Wie weit aus unſerm Bereiche ſcheinen der Stadt Freuden und Sorgen enttragen! Wie ver⸗ kleinern und vermindern ſie ſich, wie entſchwinden ſie unſern Blicken vor dieſer erhabnen Pracht der Natur! Aber die beſten Gedanken werden kräftiger und gewal⸗ tiger in ihr. Droben glaͤnzt der Himmel, und der gedemuͤthigte Geiſt blickt ehrfurchtsvoll auf zu dieſt unbegrenzten Schauſpiel von Schonheit und Weisheit. Du biſt in der Heimath und bei Allen, die dort ſchlum⸗ mern, wie fern ſie auch ſein mögen; denn durch die Weiten hindurch waltet dein Herz uͤber ihnen licht und wachſam, wie die friedlichen Sterne uͤber dir. Der Tag war ſo ſchön und ruhig wie die Nacht; um ſieben Uhr erſchallte auf einmal ein Gelaͤute, wie das von einer Dorfkirche. Wir gingen auf das Ver⸗ deck und ſahen, unter einer aufgerichteten Schiffsdachu ein Pult, rings mit Flaggen umhangen, und die Schiffs⸗ mannſchaft und die Paſſagiere darumher verſammelt, während der Kapitain in wuͤrdigem und ergreifendem Tone den Gottesdienſt vollzog. Auch dies war ein neuer und ruͤhrender Anblick fuͤr mich. — Spitzige, purpurne Gebirgsgipfel ſtiegen zur Linken des Schiffs in die Hoͤhe, Finisterre und die Kuͤſte von Galicien. Der Himmel war glaͤnzend und wolkenlos, der weite, dunkle Ocean laͤchelte friedlich ringsumher, und das Schiff glitt feierlich daruͤber hin, als wollte das Schiffs⸗ volk drinnen den Schoͤpfer des Weltalls preiſen. Dem Tag zu Ehren, ſo ward es angekuͤndigt, ſollten die Paſſagiere beim Mittagsmahle mit Cham⸗ pagner regalirt werden; und je mehr dieſer erheiternde Trank in anſtaͤndiger Fuͤlle gereicht wurde, deſto herz⸗ licher wurde des Kapitains Geſundheit unter uͤblicher Anrede und Begruͤßung getrunken. Kaum war dieſes Feſt beendigt, als wir ſahen, daß wir, das Vorgebirge umſchiffend, in die Vigo⸗Bai gelangten, wo wir ein großes und fruchtbares Eiland von Felſenbergen zu paſ⸗ ſiren hatten, welches mitten in der Bai gelegen iſt. Mag der Anblick von Land muͤden Seefahrern nach den Bedraͤngniſſen und Verdrießlichkeiten einer Reiſe von drei Tagen immer willkommen ſein, oder war die Gegend an ſich ſo außerordentlich ſchon: gleich⸗ viel, ich habe ſelten etwas Bezaubernderes geſehen, als das Amphitheater herrlicher Huͤgel, in welches das Schiff jetzt hereinkam, während alle einzelnen Zuͤge des Landſchaftsgemaͤldes, bei der wunderbaren Klarheit der Luft, in einer Beleuchtung erſchienen, wie ſie ſelten eine Ausſicht in unſerem Lande verherrlicht. Die Sonne war noch nicht untergegangen, aber uber der Stadt und dem Felſencaſtell von Vigo lauſchte ſchon das große Mondenantlitz geiſterhaft hervor, bis es nach und nach immer glaͤnzender zu leuchten begann, jemehr ſich das maͤchtigere Tagesgeſtirn hinter die purpurnen Gipfel des Vorgebirgs zuruͤckzog. Vor dem allgemeinen Hintergrunde der Hoͤhenzuge, welche die Bai einſchloſ⸗ ſen, erhob ſich ein zweiter Halbkreis wellenfoͤrmiger Huͤgel, die ſo frohlich und gruͤnend, ſo grau und feier⸗ lich, hinter ihnen die Gebirge emporſtiegen. Landhaͤuſer und Gäͤrten, Kloſterthuͤrme, weiße Doͤrfer und Kirchen und Gebaude auf den ſcharfen Vorſpruͤngen der Berge, welche unzweiſelhaft zu Einſiedeleien dienten, leuchteten im hellen Sonnenglanze. Es war ein uͤberaus ergotz⸗ licher, belebter und reizender Anblick. In dieſem Augenblicke kommandirte der Kapitain das magiſche Wort: „Halt!“ und das gehorſame Fahr⸗ zeug kam zum Stillſtand, etwa hundert Klaftern von der kleinen Stadt entfernt, welche mit ihren weißen Haͤuſern an einem Felſenvorſprunge hinaufkletterte und von dem hoͤheren Berge, auf dem das Kaſtell ſtand, geſchirmt wurde. Haufen Volks, in verſchiedene Far⸗ ben von glaͤnzendem Roth gekleidet, ſtanden auf dem Sande, unmittelbar vor den ſchwellenden, ſchimmern⸗ den und purpurfarbigen Wogen, und jetzt ſahen wir zum erſten Male die königliche, roth und gelbe Fahne Spaniens auf ihrem eigenen Grund und Boden we⸗ hend, unter dem Schutze einer Schildwache in licht⸗ blauer Uniform, deren Musquete in der Sonne blitzte. Zahlreiche Boote ſah man unaufhoͤrlich von der kleinen Kuͤſte abſtoßen. Jetzt aber wurde unſere Aufmerkſamkeit vom Lane abgezogen und durch einen Anblick voll großen Glanzes an Bord in Anſpruch genommen. Es war der Lieute⸗ nant Bundy, der Aufſeher uͤber Ihrer Majeſtaͤt Brief⸗ poſt, welcher aus ſeiner Kajuͤte hervorbrach, in ſeinem langen, ſchwalbenſchwanzartigen Fracke mit Anker⸗ knoͤpfen, der Saͤbel zwiſchen den Beinen klirrend, ein prachtvoller Hemdkragen, mehrere Zoll hoch, und um ſein gutmuͤthiges, bleiches Geſicht ſich ausbreitend, und daruͤber ein aufgekrampter Hut, der ſo glaͤnzte, daß ich dachte, er ſei von polirtem Zinn (vielleicht war es ſo, vielleicht auch Wachstaffet), uͤbrigens mit einer Borde von ſchwarzer Wolle zierlich beſetzt und mit einer leuch⸗ tenden, goldenen Treſſe geſchmuͤckt. Ein kleines, flaches Boot, von drei zerlumpten Galegos gerudert, legte an das Schiff an. In dieſem Boote ſchiffte ſich Herr Bundy ſammt Ihrer Majeſtaͤt koͤnigl. Briefpoſt mit vieler Wuͤrde ein; und nun ein Augenblick noch, und die koͤnigl. Fahne Englands, in der Groͤße eines Ta⸗ ſchentuchs, ſowie im Buge des Boots eine Kriegsſchiffs⸗ flagge, — ein Stuͤck Flaggentuch, noch weit unter dem Werthe eines Vierlings — entfalteten ſich. „Dieſe Flagge kennen ſie, mein Herr,“ ſagte der gute, alte Seemann ſpaͤter am Abend, „und man re⸗ ſpectirt ſie.“ — Uebrigens iſt die Autorität von Ihrer Majeſtaͤt Lieutenant an Bord des Dampfbootes ſo ge⸗ waltig gewahrt, daß er das Schiff halten und in Gang bringen und Backbord oder Steuerbord und wie er ſonſt will, wenden laſſen kann; der Kapitain aber darf es nicht wagen, ſeine Anordnungen zu mißachten, es ſei denn suo periculo. Wir waren uͤbereingekommen, daß ein Theil von uns auf ein halbes Stuͤndchen ans Land ſetzen ſollte, um echte ſpaniſche Chocolade auf ſpaniſchem Grund und Boden zu koſten. Wir folgten dem Lieutenant Bundy, aber beſcheiden in des Schaffners Boote; dieſer Beamte ging nämlich ans Land, um friſche Eier, Milch zum Thee (anſtatt des ſchleimigen Erſatzmittels von ge⸗ ſchlagenen Eidottern, welches wir ſeither zum Fruͤhſtuͤck und Abendbrot benutzt hatten) und, wo möglich, Auſtern einzukaufen, da in Bezug auf dieſe die Felſenbaͤnke von Vigo eine große Beruͤhmtheit erlangt haben. Es war Ebbe, und das Boot konnte nicht bis ans Trockene gebracht werden; wir mußten daher von dem Anerbieten einiger Galego's Gebrauch machen, welche barfuͤfig ins Waſſer gingen, und auf ihren Schultern landen. Die beſte Methode iſt wohl dis, daß man ſich — nur auf eine Schulter ſetzt und an des Traͤgers Backen⸗ bart anhaͤlt; und obſchon Einige von uns zu den ſtärk⸗ ſten und wohlbeleibteſten Maͤnnern unſeres Geſchlechts gehoͤrten, und ihre lebendigen Saͤnften außerordentlich mager und klein waren, ſo wurden doch Alle, ohne irgend einen Unfall, auf dem feuchten Sande gelandet, ſofort aber auch von einer ganzen Schaar von Bettlern umringt, und das: „Bitte, bitte, Herr! Eine Penny, Herr! Bitte, Herr Englaͤnder! Werden Sie nicht boͤſe! Eine Penny!“ wurde in allen moͤglichen Stim⸗ men durcheinandergekreiſcht, von den kleinſten Kindern an, bis zu den zerlumpteſten und zu den ehrwuͤrdigſten Greiſen. Wenn ich ſage, daß dieſe Bettler ebenſo her⸗ untergebracht waren, als die irlaͤndiſchen, aber noch weit beweglicher und geſchwaͤtziger, ſo kann ſich der, welcher in Irland gereiſ't iſt, eine Meinung von dem, was ſie zu leiſten im Stande ſind, bilden. Durch dieſe Haufen hindurch gelangten wir, einige ſteile Felſenſtufen aufwaͤrts, zu einem kleinen, niedrigen Thore, wo in einem kleinen Wach- und Caſernenhauſe ein paar kleine, ſchmutzige Poſten eine kleine, ſchmutzige Wache abgaben; dann kamen wir an plattdachigen, weißangeſtrichenen Haͤuſern voruͤber, die mit Balkonen verſehen waren, und auf den Balkonen ſtanden ſolche Frauen, — ganz eben ſolche Frauen, und dieſe wieder mit eben ſolchen Kopfbedeckungen und gelben Fächern und Augen, ſchlau und ernſthaft zugleich, wie ſie Mu⸗ rillo gemalt hat; endlich fuͤhrte uns der Weg an einer zierlichen Kirche, in welche wir einen Blick hineinwarfen, vorbei, auf der Plaza del Constitucion oder grand place der Stadt, welcher etwa ebenſo groß ſein mochte, als das huͤbſche Viereck des Roͤhrenhofs im Temple. Wir wurden in einen Gaſthof gewieſen, deſſen Namen ich vergeſſen habe; man fuͤhrte uns von einem Zimmer in das andere, bis wir endlich in den Raum gelangten, wo die echte ſpaniſche Chocolade ſervirt werden ſollte. Alle dieſe Gemächer waren ſo zierlich, als Scheuern und weißer Anſtrich ſie machen konnte; an den Wän⸗ den hingen einfache, franzoͤſiſche Kupferſtiche mit ſpa⸗ niſcher Aufſchrift; es waren wenige verkruͤppelte, kaum ganz vollendete Stuͤcke von Hausgeraͤthe zu ſehen, und ſchließlich durchaus ein Zuſtand aͤußerſter Armuth be⸗ merkbar. Eine muntere, ſchwarzaͤugige Dulcinea, in gelbem Shawl, geleitete uns ins Zimmer, und verſorgte uns mit der erſehnten Erfriſchung. 5 Trompetenklaͤnge ließen uns unſere Blicke auf den Conſtitutionsplatz richten; ich hatte in der That ver⸗ geſſen, zu ſagen, daß dieſer gewaltige Platz mit Mi⸗ litair angefuͤllt war; es fuͤhrte ausnehmend kleine Ge⸗ wehre; die Leute ſelbſt waren zum größten Theile laͤcher⸗ lich jung und klein, und die Uniformen zugleich duͤrftig und buntſcheckig, aͤhnlich denen, welche die Soldaten aus Aſtley's oder aus noch geringeren Theatergarderoben fuhren. Es hatte auch wirklich die ganze Scene viel Aehnlichkeit mit einem kleinen Theater; die Haͤuſer waren merkwuͤrdig klein, mit Bogengängen und Balkonen, von denen Frauen herabſchauten, die offenbar viel zu groß fuͤr die Zimmer ſchienen, die ſie bewohnten; die Soldaten waren in Gingham, Kattun und Flitter⸗ gold coſtuͤmirt, die Officiere trugen gewaltige, auf die Bruſt herabhaͤngende Epaulets von unaͤchten Silber⸗ treſſen und ſahen ſo aus, als ob ſie nicht im Stande ſeien, auf ihre Equipirung viel zu verwenden. Nur der General, der General⸗Kapitain („Pooché, ſagten ſie, ſei ſein Name, ich weiß nicht, wie das Wort im Spa⸗ niſchen geſchrieben wird) war gut equipirt; er trug einen glänzenden Hut mit echten Federn, maͤchtige Sterne glaͤnzten auf ſeiner ſtattlichen Bruſt, und die ganze Ausruͤſtung, von Kopf bis zum Fuß, war von erſter Qualität. Jetzt, nachdem die Trompeten lang genug geſchmettert hatten, marſchirten die kleinen Mannſchaf⸗ ten ab, und Pooch und ſein Stab kamen in denſelben Gaſthof, in welchem wir uns bei unſerer Chocolade befanden. Spaͤter hatten wir Gelegenheit, auch etwas von dem ſtädtiſchen Civil zu ſehen. Es gingen drei oder vier Damen, mit Fächer und Mantille, voruͤber; zu ihnen geſellten ſich gleichviel Stutzer, auf das Feinſte nach franzoſiſcher Mode gekleidet und mit ſtars hervor⸗ tretender juͤdiſcher Phyſiognomie. Einer unter ihnen ſtach beſonders hervor, ein ſteifer, duͤrrer Menſch, in — ſchwarzem Anzuge; er trug den Halskragen auffallend weit uͤbergeſchlagen, hielt einen langen Ebenholzſtock mit Elfenbeinknopf vor ſich und ſtolzirte mit einem ſo feierlichen Lächeln uͤber den kleinen Marktplatz hin, daß man auf unbeſchreibbare Weiſe an die Wahrheit der Charakterifirung des Gil Blas und an jene ergotzlichen Baccalaureen und Licentiaten erinnert wurde, welche uns Allen ſchon oft in unſern Träumen vorgekom⸗ men ſind. Da wir uns wirklich kaum eine halbe Stunde in dieſem wunderlichen, ſpaniſchen Staͤdtchen aufhielten, erſchien das Ganze wie ein Traum, oder wie ein kleines Schauſpiel, was man auffuͤhrt, um uns zu amuͤſiren. Puff! Ein Kanonenſchuß — und der Spaß hatte ein Ende. Die Frauen und die Alten, die Bettler und wandelnden Murillo's, Pooch und die kleinen Soldaten in Flittergold verſchwanden und wurden wieder in ihre Schachtel eingeſperrt. Noch ein paar Augenblicke, und wir wurden auf den Schultern der Bettler vom Lande fortgetragen und befanden uns wieder in der großen, ſtarken Roaſtbeefwelt. Das gewaltige, britiſche Dampf⸗ boot rauſchte aus der Bai heraus, deren purpurne Waſſer noch purpurner geworden waren. Die Sonne war jetzt untergegangen, und das Mondgeſicht droben war zweimal ſo groß und glaͤnzend, als unſere entarte⸗ ten Mondgeſichter ſind. Der Schaffner war bereits mit den friſchen — — Schaͤtzen zuruͤckgekehrt; Bundy's zinnerner Hut ſtak wieder in ſeinem Futterale, und er ſelbſt wandelte des Poſtſchiffdeck entlang, nicht mehr mit dem Schwalben⸗ ſchwanze angethan. Als wir aus der Bai heraus⸗ kamen, trat noch ein Ereigniß ein, mit welchem die großen Ereigniſſe des Tages abgeſchloſſen ſein moöͤgen. Wir ſahen vor uns ein kleines Fahrzeug, welches, in den ſchwarzen Waſſern der Bai auf- und abtauchend, umherſchwankte, und an deſſen Maſte ein weihin ſchim⸗ merndes Licht befeſtigt war. Es war uns auf ein paar Meilen von der Stadt vorausgefahren, und kam nun, dem Rachen der Schaufeln geradezu Trotz bietend und faſt zwiſchen ſie hereinfahrend, ganz nahe heran, ſo daß es den Anſchein gewann, als ob die Schaufeln das kleine Boot mit ſeinem Lichte rund umdrehen und es fuͤr immer vernichten muͤßten. Alle Paſfſagiere eilten natuͤrlich in Schaaren nach dieſer Seite des Schiffes, um das kleine, kuͤhne Boot zu ſehen. „Laſſen Sie ſich ſagen!“ bruͤllte ein Mann. „Laſſen Sie ſich ſagen! Ein Wort! Laſſen Sie ſich ſagen! Passagero! Passagero! Passage—e— ero!“ Wir waren in dieſem Augenblicke ſchon zwei hundert Bards voraus. „Vorwaͤrts!“ ſagte der Kapitain. „Laſſen Sie Halt machen, wenn es Ihnen ge⸗ faͤllig iſt,“ ſagte Lieutenant Bundy, ſeine außerordent⸗ liche Verantwortlichkeit geltend machend. Es iſt augen⸗ ſcheinlich, daß der Lieutenant ein weiches Herz hatte, und daß er den armen Teufel in dem Boote bemit⸗ leidete, der ſo jammervoll ſchrie: „Passagero!“ Allein der Kapitain blieb feſt. Es war ſeine Pflicht, den Mann nicht aufzunehmen. Es war offen⸗ bar ein Kunde, mit dem es ſeine volle Richtigkeit nicht hatte, es handelte ſich moͤglicher Weiſe um eine Flucht. Der Lieutenant wandte ſich ab und ſagte nichts mehs Der Kapitain hatte Recht, wir fuͤhlten uns aber Alle in etwas verſtimmt und blickten nachdenklich auf das kleine Boot zuruͤck, welches jetzt weit hinter uns auf den Wogen ſchaukelte; umſonſt ergläͤnzte das helle Lichtlein am Maſte, umſonſt ſchrie der arme Un⸗ gluckliche drin in herzzerreißenden, zuletzt erſterbenden Toͤnen ein verzweifeltes: „Passagero!“ — Wir Alle gingen voller Schwermuth hinab zum Thee. Aber die friſche Milch, welche an die Stelle des fatalen, geſchlagenen Eidotters getreten war, erweckte unſere Lebensgeiſter wieder; und ſo endeten die großen Ereigniſſe an Bord der „Lady Maria Wood“ am 29. Juli 1844. —— II. Liſſabon und Cadix. Liſſabon. — Die Belemſtraße. — Eine Schule. — Land⸗ ſchaft. — Der Palaſt Receſſidades. — Cadix. — Die Felſen. Es iſt ein großes Mißgeſchick fuͤr Jeden, der nicht laͤnger als einen Tag in einer Stadt zu verweilen Zeit hat, daß ihm das Vorurtheil die Pflicht auferlegt, den „vornehmſten Loͤwen“ der Stadt, in der er ſich nun eben befindet, einen Beſuch abzuſtatten. Man muß die Ceremonie mitmachen, ſo ſehr man ſich auch ſehnen mag, ſie zu vermeiden, und ſo vollſtaͤndig man auch uberzeugt iſt, daß die Loͤwen in einer großen Stadt faſt ebenſo bruͤllen, wie die Loͤwen in einer andern; daß die Kirchen etwas mehr oder minder groß und praͤchtig, und die Palaͤſte in der ganzen Welt huͤbſch geräumig ſind, und daß kaum eine Hauptſtadt in ganz Europa — ſein kann, welche nicht die prachtvolle Bronzeſtatue eines perruckenhaͤuptigen, habichtsnaͤſigen Imperators im roͤmiſchen Gewande, der den Feldherrnſtab uͤber ſeinem breitflankigen, ehernen Streitroſſe ſchwingt, aufzuweiſen vermoͤchte. Wir ſahen einzig die privilegirten alten Loͤwen zu Liſſabon, deren Gebrull doch ſchon lange zu ſchrecken aufgehoͤrt hat. Zuerſt beſuchten wir die Kirche zu St. Roch, um ein beruͤhmtes Kunſtwerk von Mo⸗ ſaik in Augenſchein zu nehmen. Es iſt in der That ein ganz beruͤhmtes Kunſtwerk und wurde — ich weiß nicht von welchem Koͤnig, und ich weiß nicht um wie viel Geld — erkauft. Man kann dieſer Nachricht vollen Glauben beimeſſen; indeß, genau genommen, be⸗ kamen wir das Kunſtwerk nicht zu ſehen; der Sakri⸗ ſtan, der die Aufſicht daruber hatte, lag noch im Bette; es befand ſich in einer Seitenkapelle und war unſern Blicken durch einen großen, ſchmutzigen Damaſtvorhang entzogen, welcher nicht entfernt werden durfte, außer nachdem der Sakriſtan ſeine Toilette gemacht haben wuͤrde, und gegen Bezahlung eines Dollars. So ka⸗ men wir um dieſe Moſaikdarſtellung; mir aber iſt's, als ob ich mich ſtets erleichtert fuhlte, wenn mir ſo et⸗ was begegnet. Ich habe meine Schuldigkeit gethan, ich habe dem außerordentlichen Geſchöpfe meinen Be⸗ ſuch abgeſtattet, es iſt nicht zu Hauſe — Virtute mea, me ete., wir haben das Möglichſte geleiſtet, und mehr kann ein Sterblicher nicht thun. Aufzeichnungen. 1. 2 — Um dieſe Kirche von der verbotenen Moſaik zu erreichen, hatten wir mit ſaurem Schweiße manche ſteile und ſtaubige Straße durchwandert, — und es war heiß und ſtaubig, obgleich erſt Morgens neun Uhr. Dann geleitete uns der Führer in einige unanſehnliche, ganz mit Staub eingepuderte Gaͤrten, von denen die Leute glauben moͤgen, daß ſie den freundlichen Anblick des Gruͤnen darbieten, und von wo aus man einen großen Theil der trockenen, traurigen, ſteinernen Stadt uͤber⸗ ſehen kann. Da war kein Rauch zu ſehen, wie in dem ehrlichen London, nichts als Staub — Staub auf den duͤrren Haͤuſern und Staub in den duͤrftigen, gelben Gartenſtreifen. Da gab es manche Kirchen und manche große, halbverbrannt ausſehende Gebaͤude, die einen verſengten, unerquicklichen und, wie es mir ſchien, erdbebenmaͤßigen Anblick gewaͤhrten. Die Erdgeſchoſſe der geräumigen Haͤuſer, bei denen wir vorbeikamen, ſchienen die kuͤhlſten und angenehmſten Theile der Woh⸗ nungen zu ſein. Es waren meiſtens Gewoͤlbe oder Waarenlager; die Diener ſaßen darin in weißen Jacken und rauchten behaglich ihre Cigarren. An allen Stra⸗ ßenecken klebten Ankuͤndigungen von einem Stiergefechte, welches den naͤchſten Abend ſtattfinden ſollte; — die Oper war zu dieſer Jahreszeit geſchloſſen — es war aber nicht ein aͤchtes, ſpaniſches Stiergefecht, ſondern nur ein Theaterkampf, wie man aus der Illuſtra⸗ tion erſehetz konnte, in welcher der Reiter abgebildet war, —— kurz galoppirend, als wollte er ganze drei Meilen in einer Stunde zuruͤcklegen, waͤhrend der Stier, mit Ku⸗ geln an ſeinen artigen Hoͤrnern, hinter ihm her trottirte Unzahlige Maulthiere, und faſt alle ausgezeichnet glatt und ſchoͤn, durchſtreiften jede Straße. Hier und da, doch erſt ſpaͤter am Tage, kam ein munterer Reiter auf baͤumendem ſpaniſchen Roſſe daher geſprengt, und am Nachmittage ließen ſich einige Familien in den wunder⸗ lichſten, altmodiſchen Wägelchen ſehen, die von huͤbſchen Maulthieren gezogen wurden und zwiſchen, oder viel⸗ mehr vor ungeheuren Raͤdern herumſchaukelten. Die Kirchen, die ich ſah, waren nach dem blumi⸗ gen Perruͤckenbauſtyle — ich will damit jene pomphaf⸗ ten, blumkohlartigen Verzierungen bezeichnen, welche zur Zeit Ludwigs XV. in die Mode kamen; eine ungluͤck⸗ liche Zeitperiode, welche viele Monarchen Europa's mit einer wahren Bauwuth erfuͤllte und unzaͤhlige Bau⸗ werke in's Daſein rief. Ich halte dies fuͤr diejenige Zeitperiode in der ganzen Geſchichte, wo die Geſellſchaft ſich am meiſten von der Natur entfernt hatte, und viel⸗ leicht am ausſchweifendſten war, und ich habe mir immer eingebildet, daß die uͤberladenen architektoniſchen Kunſtformen die geſellſchaftliche Desorganiſation jener Zeit theilen. Wem in aller Welt kann ein laͤchelnder Tropf, der aus einem römiſchen Gewande und aus ei⸗ ner groͤßbodigen Perruͤcke herausgrinſ't, und der fuͤr einen Helden gelten ſoll, Achtung einfloͤßen? oder wie 2* — moͤgen wir ein fettes Weib im Reifrocke, von ſehr zwei⸗ felhafter Tugend, die verlockend auf uns herunterſieht, als eine Gottheit verehren? In einigen Palaͤſten ſahen wir Hofallegorien dargeſtellt, welche, ſo abſchreckend ſie auch im Punkte der Kunſt ſein mochten, doch die Auf⸗ merkſamkeit des Moraliſten in Anſpruch nahmen. Da ſah man Glaube, Hoffnung und Liebe Don Johann in die Arme ſeines gluͤcklichen Portugals zuruͤckfuͤhren; da ſah man Tugend, Tapferkeit und Sieg Don Emanuel begruͤßen, und die Genien der wiſſenſchaftlichen Bil⸗ dung, der Literatur und Arithmetik (dafuͤr hielt ich ſie oder fuͤr andere mythologiſche Nymphen) tanzten vor Don Miguel — das Gemaͤlde befindet ſich noch im Palaſte Ajuda; und, o Himmel! wo iſt der klaͤgliche Mig? Ja, es iſt ſo; wir bleiben dabei und rennen uns muͤde, um ſolche privilegirte Luͤgen und ſolches Gepraͤnge in Augenſchein zu nehmen; haͤtten wir eine tiefere Einſicht in die portugieſiſchen Sitten gewinnen wollen, ſo mußten wir uns, wie jener Bettler, an eine Straßenecke pflanzen, und die weſentlichen Vorkommniſſe des Tags gehoͤrig in Obacht nehmen. Eine Spatzierfahrt nach Belem iſt der gewohn⸗ liche Abſtecher, den Reiſende machen, die auf einen kur⸗ zen Aufenthalt beſchraͤnkt ſind; und ſo wurden denn fuͤr unſere Geſellſchaft ein paar Wagen beſorgt und wir befanden uns bald auf der langen, freundlichen Straße nach Belem, welche durch endloſe Zuͤge von Maulthieren belebt und durch Tauſende von Galegos bevoͤlkert iſt, die theils Waſſerfaͤſſer auf ihren Achſeln tragen, theils an den Quellen herumſchlendern und auf Arbeit war⸗ ten, waͤhrend die Liſſaboner und Belemer Omnibuſſe, mit vier Maulthieren beſpannt, die in einem guten Schritte vorwaͤrts kleppern, hin⸗ und zuruͤckfahren. Ich hielt dafuͤr, daß alles dies einen bei weitem lebendigeren und froͤhlicheren, wenn auch nicht ſo regelmaͤßigen An⸗ blick gewaͤhre, als die ſtolzen Stadtviertel, die wir hin⸗ ter uns gelaſſen hatten. Werkſtaͤtten und Laͤden wa⸗ ren in voller Thaͤtigkeit; die Maͤnner braun, gut ge⸗ kleidet, maͤnnlich und ſchoͤn; von den Frauen kann ich, ſo leid es mir thut, nicht das Nämliche ſagen, denn Keiner aus der Geſellſchaft konnte den ganzen Tag uͤber, ſo ſorgſam wir forſchten, unter Allen auch nur eine einzige muſterhafte Schoͤne ausfindig machen. Der herrliche, blaue Tajo begleitete den ganzen, drei Meilen langen Weg uͤber dieſe muntere, geſchaͤftige Straße, deren hoͤchſter Reiz, wie mir duͤnkt, darin beſteht, daß ſie das Ausſehen des aͤcht-⸗betriebſamſten Lebens dar⸗ bietet — eine Erſcheinung ſo erguicklicher Art, wie ſie der gewandteſte Hofarchitek nicht hervorzubringen vermag. Die Wagen (der eine ein Fuhrwerk mit vier Sitzen, der andere eine Chaiſe, in der ich meinen Platz hatte) bogen jetzt in einen Thorweg ein, uͤber dem ſich 3 das konigliche Wappen befand; und hier wurden wir zu einer ſo wunderlichen Ausſtellung gefuͤhrt, als man ſie je ſehen konnte. Es war das Staatswagenhaus, in dem ſich ein Muſeum von maͤchtig⸗großen, alten zer⸗ fallenen, vergoldeten Karoſſen des letzten Jahrhunderts befindet, welche hier liegen, moderig und duͤſter, und eine Art von Vorholle. Das Gold iſt halb verſchwunden von den großen, ſchwerfaͤlligen, alten Raͤdern und Fuͤl⸗ lungen; der Sammet war klaͤglich erloſchen und be⸗ ſchmutzt. Wenn man an die Schoͤnpfläſterchen und den Puder denkt, welche einſt aus dieſen Spiegelfenſtern geziert herauslaͤchelten, an die infulirten Biſchoͤfe, die Marſchaͤlle und Alongenperrͤcken, die Abbes in Schau⸗ ſelhuten, die einſt darin ſaßenl — dann wird das Men⸗ ſchenherz in nicht gewoͤhnlichem Grade erregt. Es giebt Menſchenherzen, welche bei ſolcher Gelegenheit den Glanz vergangener Tage tief beſeufzen; es giebt aber auch andere, welche, in Hinblick auf die Luͤge und den Tand⸗ auf die Kriecherei und das Laſter, welches, eingeſperrt und unter Glas und Rahmen in dieſen alten Jug⸗ gernantkarren kraͤchzend dahinzog, waͤhrend Narrheit unter den Radern anbetete, — ſich gern uͤber den Verfall von Inſtitutionen troͤſten, welche prächtig und koſtbar geweſen ſein moͤgen, zugleich aber laſtend, ſchwerfaͤllig, träge und unnutz fur's tägliche Leben waren. Der Kaſtellan, der dieſe alten, verweſ'ten Ka⸗ roſſen zu beaufſichtigen hatte, erzaͤhlte uns manches — wunderbare Maͤrchen von ihnen; er wies uns eine, welche nach ſeinem Kalender ſechshundert Jahre alt war, obwohl ein Kenner ſolcher Alterthuͤmer ſehr wohl ſehen konnte, daß ſie zu den Zeiten der Regentſchaft Orleans' in Paris gebaut war. Von hier aus hat man nur einen Sprung bis zu einer Anſtalt voll Leben und Kraft, einer herrlichen Waiſenſchule fuͤr tauſend Knaben und Maͤdchen, von Don Petro geſtiftet, welcher dieſer Anſtalt das groß— artige Kloſter von Belem zum Gebrauche uͤberwies mit all' ſeinen glaͤnzenden Gemaͤchern, ſeinen weiten, lufti⸗ gen Schlafſaͤlen und ſeiner prachtvollen Kirche. Man⸗ chen Opforder Herren wuͤrde es wohl Thraͤnen gekoſtet haben, wenn ſie dieſes entheiligte Gebaͤude haͤtte ſehen und denken ſollen, daß die tonſirten Haͤupter und wei⸗ ßen Gewaͤnder aus ihm verbannt ſeien, um tauſend Kindern Platz zu machen, welche nicht einmal vom Clerus unterrichtet werden. „Hier kann ſich jeder Knabe ſeinen Beruf nach Belieben waͤhlen,“ ſagte unſer kleiner Cicerone, der ſich im beſſern Franzoſiſch, als irgend Einer aus der Geſellſchaft ſprach, an uns wendete, der ſich durch ein aͤußerſt anſtaͤndiges und hof⸗ liches Benehmen auszeichnete, und deſſen Kleidung, wenn ſie auch nur aus gewoͤhnlichem baumwollnen Stoffe gefertigt war, doch nach dem Schnitte und nach der Art, wie ſie getragen wurde, von militairiſcher Zierlich⸗ keit und Präciſion zeigte. Alle Kinder, die wir ſahen, waren eben ſo ſchmuck gekleidet, und es war ein Ver⸗ gnugen, durch die verſchiedenen Arbeitsraͤume hindurch⸗ zugehen, wo Einige mit mathematiſchen Studien, An⸗ dere im Schneidern unterichtet wurden, und wieder An⸗ dere zu den Fuͤßen eines Profeſſors der Schuhmacher⸗ kunſt ſaßen. Alle Kleidungsſtuͤcke, die in der Anſtalt gebraucht wurden, fertigten die Zoͤglinge ſelbſt; ſelbſt die Tauben und Stummen waren mit Leſen und Zeich⸗ nen beſchaͤftigt, und die Blinden wurden großtentheils in der Muſik unterrichtet und pflegten den Beſuchern Concerte zu geben. Bei dieſer Gelegenheit mußten wir allerdings den Wunſch hegen, ſelbſt zu den Tauben und Stummen zu gehoͤren, denn die armen Weſen machten einen ſo furchterlichen Laͤrm, daß ſie, ſelbſt als blinde Bettler, wohl kaum einen Lebensunterhalt durch ihre muſikaliſchen Kenntniſſe ſich zu erwerben im Stande ſein werden. Von da gelangten wir zu dem gewaltigen Palaſte Neceſſidades. Er bildet nur den einen Fluͤgel eines Bauwerkes, das ganz zu vollenden kein Koͤnig von Portu⸗ gal je reich genug ſein wird, und das, wenn es vollendet werden koͤnnte, dem Thurm zu Babel den Rang ſtreitig machen wuͤrde. Die Minen von Braſilien muͤſſen ſehr ergiebig an Gold und Silber geweſen ſein, als der Plan zu dieſem ungeheuren Gebaͤude entworfen wurde. Von der Hoͤhe, auf welcher es ſteht, beherrſcht es die praͤchtigſten Ausſichten, — die Stadt, mit ihren —,————— ——— —— ———— zahlreichen Kirchen und Thuͤrmen, liegt vor ihm ausge⸗ breitet, und viele Meilen weit ſieht man den pracht⸗ vollen Tajo zwiſchen Ufern hinrollen, die mit Baͤumen und Thuͤrmen gekroͤnt ſind. Allein um zu dieſem ge⸗ waltigen Gebaͤude zu gelangen, muß man eine ſteile Vorſtadt von elenden Huͤtten hinanklimmen, die hie und da von traurigen Gaͤrten, mit duͤrrem, zerriſſenem Eidreich, unterbrochen ſind. Ein paar ſchilfige Sproͤß⸗ linge indiſchen Korns ſcheinen hier den hauptſaͤchlichſten Beſtandtheil der Kultur zu bilden, und die Gartenum⸗ hegungen beſtehen aus maͤchtigen Buͤſchen ſpitziger Aloes, auf welchen ſich die den Eigenthuͤmern der Hut⸗ ten zugehoͤrigen Lumpen ſonnen. Die Terraſſe vor dem Palaſte iſt in gleicher Weiſe von ſolchen elenden Wohnun⸗ gen beeintraͤchtigt. Ein paar Millionen, zweckmaͤßig verwendet, koͤnnten dieſen duͤrren Huͤgel zu einem der prachtvollſten Gaͤrten der Welt umgeſtalten; und was die Lage anlangt, ſo ubertrifft dieſer Palaſt jedes andere koͤnigliche Schloß, das ich irgend geſehen habe. Aber die Huͤtten dieſer ſich draͤngenden Armuth ſind bis an ſeine Thore herangekrochen — die ſtolzen Waͤnde von geheueren Steinen ſchließen ploͤtzlich ab mit einem Latten⸗ und Moͤrtelverſchlag, und die Kapitale und das ſteinerne Saͤulenwerk werden, wie ſie ſchon lange auf der öden Terraſſe gelegen, vermuthlich noch auf Men⸗ ſchenalter hinaus da liegen, und nimmer an der Seite ihrer Bruͤder in jenen großen, banquerotten Gallerien . — — Platz nehmen. Die Luft unter dieſem reinen Himmel aͤußert wenig Einfluß auf die Bauwerke, — die Kan⸗ ten der Steine ſehen noch ſo ſcharf aus, als ob die Steinhauer die Arbeit erſt verlaſſen haͤtten; und nahe bei dem großen Eingangsthore befindet ſich ein Außen⸗ gebaͤude, deſſen einer Theil etwa vor funfzig Jahren niedergebrannt ſein mag, das ſich aber ſo friſch erhalten hat, daß man meinen moͤchte, das Feuer ſei geſtern ge⸗ weſen. Es muß ein furchtbares Schauſpiel geweſen ſein, von dieſem Hoͤhenpunkte herab die weithin ſich ausdehnende Stadt zu uͤberblicken, und ſie im Erdbeben ſchwanken und zuſammenſinken zu ſehen. Auch jetzt flimmerte Alles ſo gluͤhend und ſo geborſten vor Hitze, daß man ſich eines neuen Stoßes haͤtte gewaͤrtigen moͤgen. An manchen Stellen ſind noch jetzt Riſſe und Kluͤfte ſichtbar, und hie end da liegen noch die Ruinen, wie ſie damals ſich ſpalteten und zuſammenbrachen. Ob nun gleich der Palaſt kaum einen Schimmer von dem erreicht hat, was er ſein ſollte, ſo iſt doch das Vorhandene fuͤr den Monarchen eines ſo kleinen Rei⸗ ches anſehnlich genug, und Verſailles oder Windſor koͤnnen keineswegs Gemaͤcher von praͤchtigeren Vechaͤlt⸗ niſſen aufweiſen. Die Koͤnigin reſidirt im Palaſte Ajuda, einem Gebaͤude von weit geringeren Anſpruchen, deſſen gelbe Waͤnde und ſchoͤne Gaͤrten zwiſchen Belem und der Stadt ſichtbar werden. Der Palaſt Neceſſi⸗ dades wird nur bei großer Gala, beim Empfang der Geſandten und bei Staatsceremonien benutzt. Im Thronſaale iſt ein maͤchtiger Thron, uͤber welchem eine gewaltige, goldene Krone angebracht iſtz ich habe in der glanzvollſten Scene zu Drury-Lane keine großere geſehen; aber den Eindruck von dieſem Prachtſtuͤck ſchwaͤcht ein alter, ſchaͤbiger Bruͤſſeler Teppich, welcher beinahe allein die ganze uͤbrige Ausmeublirung des Saals bildet und nicht vollſtaͤndig ausreicht, um den geraͤumi⸗ gen Fußboden zu decken. Die Webſtuhle von Kidder⸗ minſter haben das Gewebe geliefert, welches den Em⸗ pfangſaal der Geſandten ſchmuͤckt, und die Decken ſind mit maͤchtigen Allegorien in Waſſerfarben bemalt, die ſehr wohl zu der ſonſtigen Ausſtattung des Gemachs paſſen. Unter allen wuͤrdeloſen Dingen der Welt iſt gewiß ein Palaſt, in welchem die Armuth zu Tage ausliegt, das klaͤglichſte. Solche Plaͤtze duͤrfen nicht in Noth geſehen werden — Pracht iſt ihr gebuͤhrender Theil — undſwenn ſie nicht länger in Glanz erhalten werden koͤnnen, ſo muͤſſen ſie im Verhaͤltniſſe zu den Mitteln herabſteigen; man muß ſie in friedliche Manu⸗ facturen verwandeln oder ſie zuſchließen und dem Ver⸗ falle uberlaſſen. Zu dem Yalaſte gehoͤrt eine Bildergallerie — ganz von demſelben Schlage, wie der uͤbrige Hausrath, in welcher die mythologiſchen Stuͤcke mit der ſchon fruͤ⸗ her erwaͤhnten Koͤnigin in Bezug gebracht ſind, und wo der engliſche Beſucher mehrere ſehr merkwuͤrdige Por⸗ traits des Herzogs von Wellington zu ſehen bekommt, welche den charakteriſchen portugieſiſchen Kunſtſtyl an ſich tragen. Es befindet ſich auch eine mit vieler Sorg⸗ falt und großem Aufwande von Verzierungen ausge⸗ ſchmuͤckte Kapelle dort, und uͤber dem Altar ein grau⸗ ſiges und entſetzliches Schnitzwerk, in dem Geſchmacke jener Zeit, in welcher man den Glauben durch das Ge⸗ ſchrei gefolterter Juden ſtaͤrkte und durch das Roͤſten der Ketzer belebte. Andere dergleichen ſchreckliche Ge⸗ maͤlde kann man in den Kirchen der Stadt ſehen; dieſe ſind dem Anſehen nach immer noch reich, glaͤnzend und prachtvoll, obſchon die Franzoſen, nach ihrer Ge⸗ wohnheit, die Altaͤre ihres Goldes und Silbers und die Statuen ihrer Juwelen und Kronen beraubt haben. Aber Meſſing und Flittergold nimmt ſich in einiger Entfernung fuͤr den Beſchauer eben ſo gut aus; und das moͤgen Soult und Junot, als die franzoͤſiſchen Philo⸗ ſophen, die ſie waren, gedacht haben, als Nie jene Gottes⸗ haͤuſer pluͤnderten. Ein Freund, in deſſen Gemuͤth ſich claſſiſche Ge⸗ fuͤhle regten, wuͤnſchte den Aquaduct zu ſehen. Wir gingen dorthin; es war ein verdrießlicher Abſtecher von drei Stunden, in ſehr ſchlechten Wagen, auf teufliſchen, holprigen Straßen, auf und ab, uber traurige, verdorrte Huͤgel, auf welchen nur wenige graue Oelbaͤume und viele Aloes wuchſen. Als wir ankamen, war das zum Aquaducte fuͤhrende Thor verſchloſſen, und man erzaͤhlte uns die Geſchichte von einem re pectablen Geſellen, der ſich in der juͤngſten Zeit hier einen guten Lebensunter⸗ halt zu erwerben wußte, indem er einen Nachſchluſſel zu dem Aquaducte fuͤhrte, unvorſichtige Reiſende, — wie wir — ablauerte, und ſie unter die Bogen in die tiefen Schluchten herabſtuͤrzte, um ſie dort nach Gefallen zu pluͤndern. So ſahen wir denn nichts, als das Thor und die großen Bogen des Aquaductes, und als wir nach der Stadt zuruͤckgekommen waren, war es Zeit, wieder an Bord des Schiffes zu gehen. War auch der Gaſthof, in dem wir eingekehrt waren, nicht von der beſten Qualitaͤt, ſo konnte wenigſtens die Rechnung dem erſten derartigen Etabliſſement in London Ehre machen. Wir Alle verließen das Hotel gern, indem wir erfreut waren, die ſonnenverbrannte Stadt verlaſſen zu koͤnnen und heim zu kehren. Denn das Dampf⸗ boot, mit ſeinem ſchwarzen Rohre und dem vergoldeten Bildniſſe der Lady Maria Wood am Buge, war unſere Heimath, und Jedermann kehrte froͤhlich zu dem lieben freundlichen Schiffe zuruͤck. Indeſſen ſind die Behor⸗ den von Liſſabon gegen die abreiſenden Fremden ſehr argwoͤhniſch, und wir mußten länger als eine Stunde vor dem Sanitaͤtsboote im Strome liegen bleiben, ehe wir den Paß bekommen konnten, den der Fremde, wenn er das Land verlaſſen will, zu loͤſen hat. Boot auf Boot, mit Prieſtern und Bauern, mit ſchoͤnen Galegos, in braunen Gewandern und rothen Schaͤrpen, und un⸗ — ſchonen Frauen beladen, kamen, erhielten ihre Scheine und zogen von dannen, waͤhrend wir noch immer, vor Ungeduld berſtend, vor dem Rumpfe des Sanitaͤtsboots lagen; aber die Beamten ſchienen ſich mit beſonderem Vergnuͤgen an unſerem Unmuthe zu weiden, ſahen ganz ruhig uͤber die Schiffsſeiten zu uns heruͤber und rauch⸗ ten ihre Cigarren, ohne unſere Bitten und Zurufe um Abfertigung im geringſten zu beachten. So froh wir waren, Liſſabon verlaſſen zu koͤnnen, ſo ſchwer fiel es uns auf's Herz, als wir Cadix ver⸗ laſſen mußten, welches wir die naͤchſte Nacht erreichten, und wo es uns nur auf wenige Stunden vergoͤnnt war, uns umzuſehen. Es erſchien von innen ſo ſchoͤn, ſo praͤchtig es ſich von außen darſtellte. Die langen, en⸗ gen Straßen zeigten von einer außerordentlichen Rein⸗ lichkeit, viele große Haͤuſer waren reich und prachtvoll decorirt, und alle hatten das Ausſehen, als ob ſich die Stadt des hoͤchſten Wohlſtandes erfreue. Ich habe kein fröhlicheres und belebteres Schauſpiel geſehen, als die lange Straße, die von dem Kai abfuhrt, an welchem wir landeten; den in der Sonne ſtrahlenden Marktplatz mit dem hochaufgethuͤrmten Fruchthaufen, den Fiſchen und dem Federvieh, Alles unter buntfarbigen, zeltartig aufgeſpannten Bedeckungen; die großen, weißen Haͤuſer, mit ihren Altanen und Gallerien weithin ſchimmernd; und der Himmel daruͤber ſo blau, daß der beſte Kobalt in allen Farbentöpfen, im Vergleiche mit ihm, ſchmutzig — und truͤbe ausſieht. Auf dieſem Marktplatze haͤtte ſich Stoff zu Gemaͤlden fuͤr ein ganzes Jahr gefunden — von den kupferfarbenen, alten Weibern und Bettlern an, welche uns um der Liebe des Himmels willen um Geld beſtuͤrmten, bis zu den ſchwaͤrmenden Markt⸗Dandys, die in ihren rothen Guͤrteln und knappen Hoſen, die Hand an der Huͤfte und die Cigarre im Munde, praͤchtig drein ſchauten. Das muͤſſen die Hauptkritiker ſein bei dem großen Stiergefechthauſe dort, bei der Alameda, mit den ſparſamen Baͤumen und den kuͤhlen Luͤftchen gegen⸗ uͤber dem Waſſer. Auch ſind hier keine Korkkugeln an den Hoͤrnern der Stiere, wie in Liſſabon. Ein kleiner, alter, engliſcher Fuͤhrer, welcher mich, ſobald ich nur den Fuß an's Land geſetzt hatte, in Beſchlag nahm, hatte einen großen Schatz praͤchtiger Geſchichten von Stieren, Maͤnnern und Pferden, welche bei den letzten Stiergefechten in unbegrenzter Menge getoͤdtet worden waren. Es war noch ſo fruͤh am Morgen, daß die Laͤden kaum geoͤffnet wurden; aber die Kirchen ſtanden fuͤr die Glaͤubigen offen, und wir trafen Schaaren von Frauen, die mit niedlichen Fuͤßchen auf ſie zu trippel⸗ ten und aus den ſchmucken, ſchwarzen Mantillen mit feinen, dunklen Augen und ſchoͤnen, bleichen Geſichtern herausſchauten — ganz verſchieden von den groben, braunen Phyſignomien, die wir in Liſſabon geſehen. Eine ſehr ſchoͤne, neue Kathedrale, welche der jetzige Biſchof auf eigene Koſten gebaut hat, war das vorzug⸗ lichſte offentliche Gebaͤude, welches wir ſahen; ſie wurde jedoch noch lange nicht ſo zahlreich beſucht, als eine an⸗ dere kleine Kirche, welche ganz mit Altaͤren und phan⸗ taſtiſchen Ornamenten, mit Kerzen und Vergoldung uͤber⸗ fuͤlt iſt, und wo wir hinter einem maͤchtigen eiſernen Gitter, auf das man uns aufmerkſam gemacht hatte, eine Menge ſchwarzer Nonnen knien ſahen. Viele der guten Damen in den erſten Reihen unterbrachen ihre Andacht und betrachteten die Fremden mit eben ſo gro⸗ ßer Neugier, als wie wir durch die duͤſtern Eiſenſtaͤbe ihrer Kapelle auf ſie blickten. Die Moͤnchskloͤſter ſind geſchloſſen; dasjenige, welches die beruͤhmten Murillo's enthaͤlt, iſt zu einer Academie der ſchoͤnen Kuͤnſte um⸗ geſtaltet worden; aber der engliſche Fuͤhrer war nicht der Meinung, daß die Gemaͤlde Intereſſe genug darboͤten, um Fremde zu feſſeln, beeilte ſich, uns wieder an die Kuͤſte zuruͤckzubringen, und brummte, als er beim Ab⸗ ſchied fur ſeine Bemuͤhung und Belehrung nicht mehr als drei Schillinge erhielt. Und ſo hatte unſer Auf⸗ enthalt in Andaluſien noch vor dem Fruͤhſtuck ſeinen Anfang und ſein Ende genommen, und wir gingen an Bord und „dampften“ nach Gibraltar, im Vorbeifahren Joinville's ſchwarzes Geſchwader, und die weißen Haͤu⸗ ſer von Santa Maria queruͤber der Bai, und die Hoͤhen von Medina Sidonia und Granada betrachtend, welche purpurn uͤber ihnen lagen. Es liegt doch etwas in dieſen Namen, man freut ſich, wenn man ſie nie⸗ derſchreibt; und es iſt keine Kleinigkeit, wenn man zwei Stunden in Cadix zugebracht, und leibhaftige Donnas mit Kamm und Mantille und leibhaftige Caballeros mit Mantel und Cigarre geſehen; wenn man von wirk⸗ lichen ſpaniſchen Barbieren aus meſſingern Becken ein⸗ geſeift worden, und wenn man Guitarren unter Altanen gehört hat, — und zwar eine, auf der ein alter Bett⸗ ler auf dem Markte klimperte, waͤhrend ein ſtaͤmmiger Burſche, mit buſchigem Backenbarte und in verſchoſſe⸗ nem Sammetkleide, ſingend und huͤpfend hinter uns herkam. — Zwar, dieſer ſang nicht zur Guitarre, das iſt wahr; aber er ahmte ſie mit ſeiner Stimme ſo meiſterlich und klapperte ſo trefflich mit den Kaſtagnetten und tanzte ſo ſchoͤn dazu, daß Figaro und Lablache ihn beneidet haben muͤßten. Wie klar toͤnt mir noch jetzt die Stimme dieſes Burſchen in den Ohren, und wie heiter und glaͤnzend lebt noch jetzt die ſchone Stadt und die blaue See in meiner Erinnerung, und die ſpaniſche Flagge in den Booten, die daruͤber hintanzten, und Joinville's Muſikkorps, das aufregende Maͤrſche zu ſpielen begann, als wir aus der Bai herausrauſchten. Die naͤchſte Station war Gibraltar, wo wir die Pferde wechſeln ſollten. Noch vor Sonnenuntergang umſchifften wir die dunklen, wilden Gebirge der afri⸗ kaniſchen Kuͤſte, und gerade vor dem Abfeuern der Ge⸗ ſchutze kamen wir an „den Felſen“. Er bietet das Aufzeichnungen. l. 3 — 3 — treue Bild von einem ungeheuren Löwen, der zwiſchen dem atlantiſchen und mittelländiſchen Meere auf dem Sprunge liegt, um ſeiner britiſchen Herrin den Paß zu bewachen. Der naͤchſte britiſche Loͤwe iſt Malta, vier Tagereiſen weiterhin im mittellaͤndiſchen Meere. Er iſt jeden Augenblick bereit, auf Egypten zu ſpringen oder gegen Syrien ſeinen Anlauf zu nehmen, oder ſo zu bruͤllen, daß man ihn im Nothfalle in Marſeille hoͤren kann. In den Augen eines Civiliſten iſt die erſtere von dieſen beiden beruͤhmten Feſtungen die bei weitem im⸗ poſanteſte. Der Felſen hat ein ſo furchtbares Aus⸗ ſehen, daß ſchon die Erſteigung deſſelben, ſelbſt abgeſehen von der Begruͤßung mit Bomben und Granaten, ein entſetzliches Unternehmen zu ſein ſcheint — fuͤr was aber ſoll man denn halten, wenn alle dieſe geheimniß⸗ vollen Linien von Batterien Feuer und Schwefel aus⸗ ſpeien, wenn alle dieſe dunklen Geſchuͤtze, die ihr mit ihren grimmigen Haͤuptern aus jedem nur denkbaren Spalte und Zickzack herauslauern ſeht, euch mit Ku⸗ geln, mit warmen und mit kalten, willkommen heißen? und wenn, nachdem ihr euch die gräßliche Perpendieuläre heraufgekaͤmpft hat, die britiſchen Grenadierregimenter euch entgegentreten, bereit, die Bajonnete in eure arme, keuchende Bruſt zu ſtoßen, und das Bischen Athem, das darin geblieben, auf kuͤnſtlichem Wege zu entfernen? Fuͤr ein Wunder muͤßte man es halten, wenn Soldaten ſolche Feſtungen erſteigen moͤchten — fuͤr einen Schil⸗ ling, Faͤhnriche fuͤr fuͤnf Schillinge neun Pence den Tag; — ein Kajuͤtenjunge wuͤrde das doppelte Geld fordern, wenn er nur halb ſo weit gehen ſollte. Man kommt auf weichmuͤthige Reflerionen uͤber die ſtarren Wahrheiten da droben, wenn man ſich uͤber das Schiffs⸗ geläͤnder hinuͤberlehnt und zu dem hohen Felſengebirge hinaufſchaut, von dem Thurme, der an ſeinem Fuße niſtet, bis zu dem duͤnnen Flaggenſtabe auf dem Gipfel, bis zu welchem empor die kunſtvollſten Mordbauwerke, wie ſie chriſtliche Wiſſenſchaft immer fur gut befunden, aufgethuͤrmt ſind. Mein Steckenpferd iſt ein ruhi⸗ ges Geſchoͤpf; es verſteht ſich auf einen Spatzierritt oder auf einen huͤbſchen Trab nach Putney und zuruͤck zu ſeinem bequemen Stall oder zu einer fetten Weide; aber auf das Erklettern ſteiler Berge mag es ſich nicht einlaſſen, und an Schießpulver iſt es gar nicht ge⸗ wohnt. Andere Leute haben Geſchöpfe dieſer Art von ſo feurigem Weſen, daß der bloße Anblick eines Stein⸗ walls ſie anſpornt, daruͤber zu ſetzen; es ſind regulaire Kriegsſteckenpferde, welche ſchnauben und in ein „Haͤ! haͤl“ ausbrechen, bei dem bloßen Gedanken an eine Schlacht. —S— 3* MHI. Die Lady Maria Wood. Britiſche Loͤwen. — Reiſegeſellſchaft. — Biſchof Nr. 2. — Ade, Biſchof! — Der zufriedene Lieutenant. — Lady Maria Wood. Die erſte Reiſewoche iſt nun ihrem Ende nahe. Wir kamen ſo eben am Vorgebirge Trafalgar vor⸗ uͤber, welches glänzend- weiß uͤber der ſchoͤnſten blauen See emporragt. (Wir, die wir vor Kurzem noch an dem Trafalgar-Platze voruͤbergingen.. Der Anblick dieſes Caps muß den Prinzen Joinville und ſeine Dampf⸗ flotte verſtimmt haben, da ſie geſtern in die Bai von Cadir hereinſchifften, und morgen St. Vincent in Au⸗ genſchein nehmen wollen. Eines von ihren Dampfſchiffen iſt an der Kuͤſte von Afrika verloren gegangen; ſie mußten es verbren⸗ nen, damit es die Mauren nicht in Beſchlag nahmen. 7 — 3 — Es war ein jungfraͤuliches Schiff, eben erſt von Breſt ausgelaufen. Du arme Unſchuld! Schon im erſten Monate Deiner Vermaͤhlung mit dem baͤrtigen Kriegs⸗ gotte ſterben zu muͤſſen! Wir Briten an Bord des engliſchen Schiffs hoͤr⸗ ten die Neuigkeit von dem ploͤtzichen Hintritt des „Groͤnlandé mit ſchadenfroher Genugthuung. Es war eine Art von Nationaltriumph, zu dem man ſich gratu⸗ lirte. „Die Landratten,“ ſagten wir, Hie ungeſchickten Spaßmacher! Nur die Briten beherrſchen die Wogen!“ — und wir gaben uns ſelbſt einen piratenmaäßigen An⸗ ſtrich, — und dann gingen wir hinab, und befanden uns ſehr uͤbel in unſern kleinen, mit Warnzen bevölker⸗ ten Schlafzellen. Gewiß, es war unterhaltend, an Joinville's Admiralsflagge ſich zu ergotzen, wie ſie an ſeinem Fockmaſt flatterte, dort in jenem ſchwarzen Schiffe, mit den zwei donnernden, großen Geſchuͤtzen im Bug und Stern, waͤhrend das geſchaͤftige Schiffsvolk auf dem Verdecke ſich abmuͤhte, und ein Haufe folgſa⸗ mer Kuͤſtenboote das Fahrzeug umſchwaͤrmte, — ſodann uͤber den Mogador-Krieger zu ſpotten, und zu ſchwo⸗ ren, daß wir Englaͤnder, wenn wir uns dem Geſchäfte unterzogen haͤtten, es um ein gut Theil beſſer vollbracht haben wuͤrden. — Dagegen ſahen wir geſtern in Liſſabon Ihrer Ma⸗ jeſtaͤt Schiff: Caledonia. Ja, dies floͤßte uns Achtung ein, und erfullte uns mit freudigen Hochgefüͤhlen. Da lag ſie, die ſtolze Seefeſtung, die unbeſiegbare Flagge des Vaterlandes tragend! Sie durfte nur ihre Rachen öffnen, und ſie mochte ein zweites Erdbeben uͤber die Stadt bringen, und ſie niederſchmettern, wie zum juͤngſten Tage, mit dem Ajuda- und dem Neceſſidades-Palaſte, den Kirchen und den duͤrftigen, trockenen und leeren Straßen und dem furchterlichen Don Johann zu Roß, in der Mitte des ſchwarzen Roßplatzes. Von allen Seiten konnten wir dieſe gewaltige Celedonia erblicken mit ihren leuch⸗ tenden drei Geſchutzbatterien uͤbereinander. Mit ſtiller Bewunderung blickten wir auf die kleinen Boote, welche dann und wann aus dem Ungeheuer herauskamen. Um Mitternacht, ehe wir im Strome Anker warfen, erſchien der Lieutenant, und rief uns an; zehn weiß⸗ jackige Burſchen, alle wie mit einem Schlage, ließen die Barke, das Boot, den Nachen, das Carriol oder die Sechsſpaͤnnige, mit der er kam, dahinſchießen. Wir betrachteten ihn — ſeinen rothen Backenbart — ſeinen umgeſchlagenen Hemdekragen — ſeine Segeltuchhoſen — ſeine goldenen Epaulets, — mit Ehrfurcht. Mit gleichen Gefuͤhlen ließen wir die Matroſen — die jun⸗ gen Herren im Buge des Boots — die ſchonen, jungen Marineoffiziere, die wir des andern Tags in der Stadt herumſchlendernd antrafen — den ſchottiſchen Wund⸗ arzt, welcher uns beſuchte, als wir die Anker lichteten — kurz, jeden einzelnen Mann, bis zu dem Matroſen mit der zerbrochenen Naſe, den wir betrunken in einem Weinhauſe fanden, und der „Caledonia“ in ſeinen Hut geſchrieben hatte, die Muſterung paſſiren. Aber auf die Franzoſen blickten wir mit unverhehlter Verachtung. Wir waren nahe daran, in ein Gelächter auszubrechen, als wir bei dem Schiffe des Prinzen vorbeikamen — es befand ſich in einem franzoͤſiſchen Boote ein kleiner franzoͤſiſcher Junge, welcher es laͤngshin polirte, und um anderes kleines franzoͤſiſches Volk herumquirlte, — und wir hielten das fur den poſſirlichſten, veracht— lichſten franzoͤſiſchen Jungen, Volk, Boot, Dampf⸗ ſchiff, Prinz — fuh! ſo nichtswuͤrdiger, prahleriſcher! Stoff iſt es, aus welchem ein falſcher Patriotismus zuſammengeſetzt iſt. Ich ſchreibe dies als eine Art der— bes àpropos auf den Tag, und das Cap von Trafal⸗ gar, dem wir gegenuͤberliegen. Was habe ich es no⸗ thig, auf dem Verdeck einherzuſtolziren, und mit den Fluͤgeln zu ſchlagen, und ein Kikerikiki! daruͤber zu krähen? Einige meiner Landsleute ſind eben jetzt im vollen Zuge. — Wir haben unſere ganze luſtige Geſellſchaft, Einen nach dem Andern, verloren. Die fuͤnf Oporto-Wein⸗ haͤndler — alles wackere engliſche Ehrenmanner — ſie ſind zu ihren Weinbutten und zu ihren rothbeinigen Feldhuͤhnern, und zu ihren Duellen nach Oporto gegan⸗ gen. Dieſe braven Briten ſchlagen ſich nämlich alle Morgen, und geben dem umnachteten Volke, unter dem ſie leben, Gelegenheit, unſern Nationalgeiſt zu bewun⸗ dern. Der brave, ehrliche Major mit ſeinem Stelzfuß; — der gutmuͤthigſte und ſchlichteſte aller Irlaͤnder, er hat ſeine Kinder umarmt, und die kleine invalide Gar— niſon von funfzehn Mann, welche er jetzt zu Belen commandirt, wiederbegruͤßt; und ich zweifle gar nicht, er hat ſchon Allen zuſammen die zwolf Tonſtuͤcke ſeiner Spieluhr zu hören gegeben. O, es war ergötzlich, ihn mit dieſer Spieluhr zu ſehen; — wie wohlgefaͤllig zog er ſie nach Tiſche auf — wie gluͤcklich lauſchte er den niedlichen Tonſtuckchen, wie ſie dahin galoppirten, kling, kling, eins nach dem andern. Ein Mann, der eine Spieluhr fuͤhrt, iſt allemal eine gutmuͤthige Seele. Auch St. Gnaden oder Sr. Hochwuͤrden, der Erzbiſchof von Beirut (in partibus inlilelium), Sr. Heiligkeit Nuncius an dem Hofe Ihrer Allergetreueſten Majeſtaͤt, gehoͤrte zur Geſellſchaft; und er bewegte ſich unter uns wie ein anderer ſchlichter Sterblicher — aus⸗ genommen, daß ihm eine Extra-Hoͤflichkeit mit einem Lächeln eigen war, wie ſie andere Menſchen nicht immer beſizen; denn ſelbſt, wenn man mit der Cigarre bei ihm vorbeiging, und der Rauch ihm ins Geſicht kam, nahm er den Hut mit einem Ausdruck ſo erſtaunlichen Ent— zuͤckens ab, als wolle er die Ueberzeugung gewähren, daß er die Erlaubniß, unſere Naſenſpitze und Cigarre betrachten zu duͤrfen, unter die erfreulichſten Privilegien ſeines ganzen Lebens rechne. Mit dieſem ſehr ehrwuͤr— digem Prälat reiſte Sr. Gnaden Bruder und Kaplan — ein etwas fettlich ausſehender, gutartiger Geiſtlicher, den man ſeinem ganzen Weſen nach cher fuͤr einen Wuͤrdentraͤger der iſraelitiſchen, als der romiſchen Kirche haͤtte halten moͤgen — aber eben ſo uͤberfließend von laͤchelnder Hoflichkeit, wie Se. Lordſchaft von Beirut. Beide hatten einen kleinen, ſanften Secretair, und einen großen franzöſiſchen Koch und Diener im Gefolge; und Letzteren ſah man um die Tiſchzeit in der Kajuͤte, in welcher ſich die Hochwuͤrden befanden, eine ſehr bedeu⸗ tende Thätigkeit entfalten. Während des groͤßten Theils der Reiſe pflegten ſie der Ruhe; ihr gelbes Antlitz war nicht allein unraſirt, ſondern, dem Anſcheine nach zu urtheilen, auch ungewaſchen. Sie aßen allein, und nur des Abends, wenn die Sonne uͤber die weſtlichen Wo⸗ gen ſtrahlte, und die Kajuͤten-Paſſagiere, durch das Mittagsmahl geſtärkt, ſich auf dem Halbverdecke ver— ſammelten, ſahen wir die dunkeln Geſichter der ehrwuͤr⸗ digen Herren auf ein Weilchen unter uns. Sie ver⸗ ſchwanden unverſehens in ihren Schlafzellen, wenn des Proviantmeiſters Glocke zum Thee läutete. In Liſſabon, wo wir um Mitternacht Anker war⸗ fen, kam ein beſonderes Boot heran, deſſen Mann⸗ ſchaft jedes Zeichen von Ehrfurcht gegen den Bevoll— mächtigten des Bevollmächtigten des Himmels an den Tag legte, und ihn uns entfuͤhrte. Durch dieſe ploͤtz⸗ liche Abreiſe ſahen ſich Viele von uns in ihren Erwar⸗ — — tungen getaͤuſcht; wir hatten gehofft, Se. Hochwuͤrden des Morgens in Parade, raſirt und gewaſchen, und in vollen Pontificalien ſich fortbegeben, und den kleinen, trippelnden Secretair das Weihrauchfaß vor ihm ſchwin⸗ gen, und den fettlichen Kaplan ſeinen Biſchofsſtab tra⸗ gen zu ſehen. Den folgenden Tag kam ein anderer Biſchof an, der denſelben Platz einnahm, den Se. Gnaden von Bei⸗ rut nur erſt verlaſſen, und ſich eben ſo uͤbel befand, wie jener, ſo daß dieſe Paſſagierkajuͤte der Lady Maria Wood hinfuͤhro „die Biſchofszelle“ getauft, und eine ſchoͤne Biſchofsmuͤtze an die Decke gemalt werden ſollte. Biſchof Nr. 2 war ein ſehr kraͤftiger, ſanfter, mildblickender alter Herr, in einer viereckigen Muͤtze, mit einer ſchoͤnen, gruͤn und goldnen Troddel rings um ſeine ſtattliche Bruſt und Ruͤcken. Er hatte ein ſchwarzes Gewand und knappe purpurrothe Struͤmpfe an, und fuhr mit uns von Liſſabon zu der kleinen fla⸗ chen Fuͤſte von Faro, wo der gute, alte Herr oberſter Seelenhirt war. Wir hatten uns kaum eine halbe Stunde weit von unſerm Ankerplatze im Tajo entfernt, als Se. Lord⸗ ſchaft in die Biſchofszelle hinabtauchte; die ganze Nacht hindurch wehte ein guter, ſcharfer Wind; auch den gan— zen folgenden Tag ging eine friſche Luft, waͤhrend wir uͤber die glaͤnzende blaue See hinuͤberhuͤpften; aber von — 43 — Sr. Lordſchaft dem Biſchof war nicht eher etwas zu ſchen, als bis wir uns in einer Entfernung von etwas uͤber zehn Meilen, den purpurnen Hoͤhen von Algarve gegenuber, befanden, unterhalb welcher ſich eine gelbe, ſonnige Kuͤſte flach hinſtreckt, deren lange ſandige Nie⸗ derungen und Dorfſchaften wir mit unſern Fernroͤhren vom Dampfboote aus ſehen konnten. Jetzt ſah man ein kleines Fahrzeug, mit einem großen, glaͤnzenden Kreuzſegel und der blau und weißen portugieſiſchen Flagge, wie in Froſchſpruͤngen, auf den muntern Wellen ſpielen, bald uͤber ſie hinhuͤpfend, bald ſich untert uchend, ſo luſtig es nur immer gehen wollte. Dieſes kleine Boot kam ſo ſchnell, als es ihm moglich war, an das Dampfſchiff heran. Kapitain Cooper rief der Lady Maria Wood ein „Halt!“ zu, und alsbald hoͤrten Ihre-Gnaden⸗Schaufeln auf, ſich zu drehen; der gute Biſchof in der Zelle aber wurde benachrichtigt, daß das Boot alsbald anlegen wuͤrde, und daß ſeine Stunde gekommen ſei. Es war ein ruͤhrender Anblick, wie nun der arme, alte, dicke Herr nachdenklich uͤber das Waſſer hin⸗ ſchaute, waͤhrend das Fahrzeug vollends herankam, und die acht Matroſen mit großem Geraͤuſch und Eifer und vielen Geſticulationen am Dampfboote anlegten. Die Schiffstreppe wurde niedergelaſſen, der Diener Sr. Lordſchaft, in blau und gelber Livrre (wie das Ldinburgh— Reiew), ſchaffte das biſchoͤfliche Gepaͤck, ſammt ſeinem eigenen Buͤndel und den Kourierſtiefeln, mit denen er auf einem Maulthiere des Biſchofs zu Faro Staffette reitet, ins Boot, und ſtieg nun zuletzt ſelbſt die Schiffs⸗ treppe hinab. Jetzt kam die Reihe an den Biſchof, aber er konnte ſich lange nicht entſchließen. Er ging von einem Paſſagier zum andern, ſchuͤttelte ihm weh⸗ muͤthig die Hand, nahm noch einmal Abſchied und ſchien ſich durchaus nicht trennen zu wollen, bis endlich Kapitain Cooper, ihn auf die Schulter klopfend, in einem ehrerbietigen, aber feſten Tone — ich weiß nicht mit welcher Correctheit, denn ich verſtehe kein Spaniſch — zu ihm ſagte: „Senor Bispo! Senor Bispo!“ Auf dieſe Aufforderung blickte der arme, alte Mann noch einmal betruͤbt rund um ſich, nahm ſeine viereckige Muͤtze unter den Arm, ſchuͤrzte den langen, ſchwarzen Biſchofsrock, gleichſam, als ob er ſeine purpurfarbigen Struͤmpfe und die wohlgebildeten, vollen Waden zeigen wollte, hoch herauf und ſtieg zitternd die Treppe hinab in das Fahrzeug. Der gute, alte Mann; ich wollte, es waͤre mir ein Haͤndedruck von dieſer zitternden, wohl⸗ genaͤhrten Hand, bevor er in ſein See⸗Maͤrtyrerthum hineinging, irgendwie zu Theil geworden. Ich fuͤhlte eine Zuneigung fuͤr dieſe ſanftmuͤthige, alte Chriſten⸗ ſeele. Nun, wir wollen hoffen, daß ihn ſeine Haus⸗ haͤlterin recht ſorglich in Betten einbaut, wenn er dieſe Nacht in Faro angekommen ſein wird und — daß ſie — ihm einen guten Hafergrutze kocht und ein warmes Fußbad bereitet. Seine Schiffsleute ſchmiegten ſich an ihn, und haͤtten ihn wohl kuͤſſen moͤgen, als ſie ihn in dem Fahrzeuge unterbrachten, aber er ſchenkte ihren Liebkoſungen keine große Aufmerkſamkeit. Und das Boot ſtieß ab, wild vor dem Winde dahinjagend. Puff! ein anderes Kreuzſegelboot feuerte aus der Ferne ein Geſchuͤtz zu ſeinen Ehren abz doch der Wind kam von der Kuͤſte her, und wer weiß, wann der ſanfte Bi⸗ ſchof nach Hauſe gekommen iſt zu ſeinem Hafergruͤtze. Dies waren die Notabilitaͤten unſerer Geſellſchaft. Eine lachende, liebaͤugelnde Dame von Cadir, deren Betragen, — es thut mir leid, dies ſagen zu muͤſſen — nach meinem Schicklichkeitsgefuͤhle etwas zu lebhaft war, will ich uͤbergehen; auch ihrer Gefaͤhrtinnen, der ſchoͤnen Dulderinnen, die mit kranker, laͤchelnder, weib⸗ licher Reſignation auf dem Decke lagen, will ich nicht gedenken, auch nicht der heroiſchen Kindlein, welche dann Zwieback aßen, wenn ihnen uͤbel wurde, und welchen allemal ubel wurde, ſobald ſie nur anfingen, Zwieback zu eſſen, — aber auf einen andern Maͤrtyrer muß ich zuruͤckkommen, auf den wackern Lieutenant von der Briefpoſt, der ſein Kreuz mit einer wahrhaft edlen und ruͤhrenden Reſignation ertrug. Es giebt eine gewiſſe Klaſſe von Menſchen, deren Beſtimmung in der Welt Täuſchung iſt, und die darin Außergewohnliches beſtehen. Ich habe immer geglaubt, daß die gluͤckloſen Triumphe, die ſie ſich auf — ihrem Lebenswege in Demuth erringen, von den Augen da droben mit ebenſoviel Huld betrachtet werden, als die glaͤnzenden Erfolge und Heldenthaten von Menſchen, die haͤrter und glucklicher ſind, als ſie. Aks ich eines Tages mit dem Lieutenant auf dem Verdecke ſaß, — er hatte ſein Fernrohr uͤber ſeine duͤnnen Beine hingelegt und ſein freundliches, zuſammengeſchrumpftes, altes Geſicht dem Sonnenuntergange zugewendet — da gab er mir Einiges aus ſeiner Lebensgeſchichte zum Beſten. Meiner Meinung nach iſt er in keiner Weiſe abgeneigt, davon zu ſprechen, ſo einfach ſie auch iſt. Er iſt ſeit ſiebenunddreißig Jahren in der Marine, mithin etwas laͤnger im Dienſt, als der Lieutenant Peel, der Centre⸗ Admiral Prinz von Joinville und manche andere Com⸗ mandirende, die ich nicht noͤthig habe, zu nennen. Er iſt ein ſehr unterrichteter Mann, und lieſ't in ſeiner ruhigen Weiſe außerordentlich viel, — Reiſebeſchreibun⸗ gen, geſchichtliche Werke, Biographien beruͤhmter Maͤnner. Er iſt nicht verſtimmt daruͤber, daß ihm kein Gluͤcksſtern in ſeinem Berufe leuchtete. „Ware ich morgen wieder ein Kind,“ aͤußerte er, „ich wollte daſſelbe Leben noch einmal von vorn anfangen; und denke ich an meine Schulkameraden und daran, was ſie im Leben geworden — nun, Einigen mag es wohl beſſer gegluͤckt haben, als mir; aber Andere ſind uͤbel daran, und ich finde, ich habe keine Urſache, unzufrie⸗ den zu ſein.“ So faͤhrt er denn fort, Ihrer Majeſtat Briefpoſt ruhig in alle Welt zu befoͤrdern, und den Hafenadmirälen und Capitainen in ſeinem alten, polir⸗ ten Hute ſeine Aufwartung zu machen; und dabei haͤlt er ſo große Stuͤcke auf das Faͤhnchen am Buge ſeines kleinen Boots, als ob es die Flagge am Hauptmaſte eines donnernden Kriegsſchiffes waͤre. Er erhaͤlt eine jaͤhrliche Beſoldung von 200 Pfund Sterling und hat eine alte Mutter und eine Schweſter, die irgendwo in England leben; und ich wette, daß dieſen, — ob er ſchon, wie ich betheuern kann, nie ein Wort davon ge⸗ ſprochen — ein gutes Theil dieſes fuͤrſtlichen Einkom⸗ mens zugewieſen iſt. Heißt es, von vertraulichen Mit⸗ theilungen Mißbrauch machen, wenn ich die Geſchichte des Lieutenant Bundy erzähle? So mag der Beweg⸗ grund die That entſchuldigen. Es iſt ein guter, lie⸗ benswuͤrdiger, geſunder und edler Charakter. Warum ſollen wir alle unſere Bewunderung aufſparen fuͤr die Gewinner in dieſer Welt, wie wir es doch zu thun pfle⸗ gen, wir Schmeichler? Wenn wir eine Novelle ſchrei⸗ ben, ſo moͤgen ſich unſere großartigen, thoͤrichten Ein⸗ bildungen nicht weiter verſteigen, als daß wir ſchließ⸗ lich dem Helden eine reiche Erbin zufuͤhren, und als Zugabe zur Heirath ausfindig machen, daß er von Rechtswegen ein Lord iſt. O, du Schnitzer machende, ſchmarotzende Moralität! — Und doch will ſich meine Phantaſie immer darin gefallen, irgend ein gluͤckliches, vergeltendes Utopien im friedenvollen Wolkenlande auf⸗ — zuſuchen, wo mein Freund, der zufriedene Lieutenant, wenn er an Bord kaͤme, alle Raaen des Schiffes mit den Mannſchaften beſetzt finden ſollte, und alle Ge⸗ ſchuͤtze gewaltig ſalutirten (natuͤrlich ganz ohne Laͤrm und ohne den veraͤchtlichen Pulvergeruch), und er ſelbſt an Deck als Admiral Sir Jacob oder Sir Joſeph age bewillkommt wuͤrde, oder als Lord Graf Bundy, Ritter aller Orden unter der Sonne. Ich denke, dies iſt ein ausreichender, wenn nicht ein vollſtaͤndiger Katalog aller Celebritaͤten an Bord der „Lady Maria Wood«. Waͤhrend der einzigen Woche, die wir an Bord waren, — dem Wege nach freilich ſchien es ein Jahr zu ſein — lernten wir das Schiff ganz als unſere Heimath betrachten. Wir hegten fuͤr unſern Kapitain — dem beſtgelaunteſten, thaͤtigſten, ſorglichſten und bereitwilligſten aller Kapitaine — eine kindliche und bruderliche Zuneigungz fuͤr den Schaffner, der mit ausgezeichnetem Comfort und bewunderungs⸗ wuͤrdiger Generoſitaͤt fuͤr uns ſorgte, die aufrichtigſte Dankbarkeit; und fuͤr die flinken Gehuͤlfen des Pro⸗ viantmeiſters — flink im Serviren bei Tafel, und ſym⸗ pathiſirend in Bereithaltung des Beckens — alle nur möglichen Gefuͤhle von Erkenntlichkeit und Wohlwollen. Was fuͤr Winde wehten und wie viele Knoten wir zu⸗ ruͤcklegten, das iſt ohne Zweifel alles im Schiffs-Log⸗ buche annotirt; und, was die Schiffe anlangt, die wir zu Geſicht bekamen, wurden ſie nicht — und zwar ein jedes nach Armirung, Tonnengehalt, Nationalitaͤt und Beſtimmung, — von dem Lieutenant, wenn er all⸗ nächtlich an ſeinem alten Familienſchreibepulte ſaß, mit erſtaunenswerther Geſchicklichkeit und Treue, und mit Beihuͤlfe eines gewaltigen Lineals, in einem großen Hefte geheimnißvoll und auf das Zierlichſte eintabellirt. Ich habe große Achtung fuͤr Jedermann an Bord die⸗ ſes Schiffes; vom Kapitain bis zum Schiffsvolke her⸗ unter, — ja, ſelbſt bis zum Koche, mit den tätowirten Armen, der in der Schiffskuͤche zwiſchen Tiegeln und Töpfen ſchwitzte, und — ein Beweis ruhrender Zunei⸗ gung — uns mitunter Haarlocken in der. Suppe zuzu⸗ ſenden pflegte. Und ſo wollen wir denn, ſo lange un⸗ 6 ſere Gefuͤhle und Erinnerungen noch warm ſind, der wackern Geſellſchaft die Hand ſchuͤtteln, wir, die wir in ihrer Nußſchaale von Holz und Eiſen auf die erquick⸗ 6 lichſte Weiſe herumgeſchaukelt wurden, quer durch den Kanal und den biscaiſchen Meerbuſen, und auf dem atlantiſchen Oceane, von den Southampton Gewaſſern bis zur Straße von Gibraltar. —S— Aufzeichnungen. 1. 4 IV. Gibraltar. Tabled'Höte-Geſpräche. — Militairiſche Gartenanlagen. — All's well, — Eine Herzenserleichterung — Gibraltar. — Malta. — Religion und Adel. — Malteſer⸗Reliquien. — Das Lazareth. — Tod im Lazareth. Man nehme an, daß alle Voͤlker der Erde ent⸗ ſprechende Geſandte abſenden, um ſich zu Wapping oder am Portsmouth⸗Vorgebirge repraͤſentiren zu laſſen, und daß jeder eine, ſeines Landes uͤbliche Herberge, mit nationaler Firma und Inſchrift in der Mutterſprache, mit ſich bringt, und man hat ein Bild von der Haupt⸗ ſtraße zu Gibraltar, welche auch, wie ich glaube, der einzige Stadttheil iſt, der den Namen⸗ einer Straße fuhrt, da alle ubrigen Häuſerreihen beſcheidentlich Gaſ⸗ ſen genannt werden, wie z. B. die Bombengaſſe, die Flintengaſſe u. ſ. w. In der Hauptſtraße haben die Juden das Uebergewicht, und Mauren giebt es in Menge. Vor „dem luſtigen Schiffer“ oder „dem ſtar⸗ ken Seepferd“, wo unſere eigenen Landsleute engliſches Bier und Wachholderbranntwein trinken, hort man die Schlußreime von „Garry Owen“ oder „Mein Lieb ließ ich daheim“ im Chore ſingen; und durch die ſchimmernden Jalouſien der ſpaniſchen Ventas toͤnt das Geklapper der Kaſtagnetten, und das Geklingel und die Wehklage der ſpaniſchen Guitarren und Lieder. Ein merkwuͤrdiges Schauſpiel bietet die gedraͤngt⸗volle Straße am Abend, wenn die Menge, bei dem grellen Schim⸗ mer der Lampen, in hundert verſchiedenen Trachten auf⸗ und abſchwaͤrmt; ſchwarzbraune Mauren im weißen oder carmoiſinenen Burnuß; dunkle ſpaniſche Schmuggler mit Quaſtenhuͤten und glänzenden, ſeidenen Tuͤchern um ihren Köpfen; berauſchte Mattoſen von Kriegs⸗ ſchiffen, oder Handelsleute; galiciſche und genueſiſche Laſttraͤger; und in Zwiſchenrͤumen von wenigen Minu⸗ ten kleine Abtheilungen von Soldaten, welche zu den in zahlloſer Menge uͤber die Stadt vertheilten Poſten auf Wache ziehen. Einige von unſerer Geſellſchaft gingen in eine ſpaniſche Venta, da ſie dort ein dem Reiſezweck ent⸗ ſprechenderes und romantiſcheres Unterkommen zu fin⸗ den meinten, als in einem engliſchen Hauſe; andere waͤhlten das Clubbhaus am Commercial⸗Platze, von dem ich mir in der Einbildung ein ſehr ſchoͤnes Gemaͤlde — entworfen hatte; denn ich glaubte, es wuͤrde dem Ge⸗ ſellſchaftshauſe des jungeren unirten Offizier⸗Clubbs in der Karlsſtraße aͤhnlich ſein, bei welchem jeder Londoner gewiß ſtets mit einem ehrfurchtsvollen Wohlgefallen voruͤbergeht, indem er nach dem Strahlenmeere der prachtvollen Candelaber blickt, unter welchen die zierli⸗ chen Halbſold-Offiziere ſitzen, und eine halbe Pinte Por⸗ ter trinken. Das Clubbhaus von Gibraltar iſt nicht von der Art, wie das in der Karlsſtraße; fruͤher mag es ſchoͤn geweſen ſein, und man ſieht noch einige Ueber⸗ leibſel von ehemaligem Glanze. Als die Offiziere noch Zöpfe trugen, zur Zeit des Gouverneurs O'Hara, war es jedenfalls ein praͤchtiges Etabliſſement; jetzt aber iſt es herabgekommen und veraltet, und wenn auch Se. Excellenz, Herr Bulwer, welcher ebenfalls dort ſeinen Aufenthalt genommen, ſich, ſoviel ich gehoͤrt, nicht be⸗ klagt hat, ſo moͤgen doch minder ausgezeichnete Perſo⸗ nen immerhin in ihrem Rechte ſein, wenn ſie ruͤgen, was zu rugen iſt. Wahrhaftig, was iſt denn die Haupt⸗ ſache beim Reiſen? Die Häfte wenigſtens von Allem, was uns betreffen und Vergnuͤgen machen kann, kommt von den Gaſthoͤfen. Von dieſen kann der Touriſt mit großerer Treue und Lebendigkeit ſprechen, als von hiſto⸗ riſchen Erinnerungen, die er aus Geſchichten zuſam⸗ mengetragen oder in Handbuͤchern aufgeleſen hat. Daß man den beſten Gaſthof eines Ortes nennt, bedarf kei⸗ ner Rechtfertigung; es iſt dies zum wenigſten ein nuͤtz⸗ — licher Wink fuͤr Andere. Wer irgend Gibraltar zu be⸗ ſuchen Willens iſt, und wer die flohſtichigen Geſichter unſerer Freunde, die am Morgen nach unſerer Ankunft aus ihrer ſpaniſchen Venta in den Clubb fluchteten, ge⸗ ſehen haͤtte, der wuͤrde gewiß ſehr dankbar ſein, wenn man ihm einen guten und bequemen Gaſthof in dieſer hoͤchſt unromantiſchen, proſaiſchen und nicht comforta⸗ blen Stadt, nachweiſen koͤnnte. Haͤtte irgend Jemand das Recht, die Geheimniſſe eines Gaſtzimmers auszuplaudern, ſo koͤnnte ich meine Leſer mit manchen wunderlichen Geſchichten uͤber das Leben in Gibraltar unterhalten, wie ich ſie aus dem Munde der Herren vernahm, welche ſich rund um das ſchmutzige, mit geronnerer Fleiſchbruhe und verſchutte⸗ tem Biere reichlich decorirte Tafeltuch im Kaffeeſaale des Clubbhauſes vergnuͤgten. Ich hoͤrte die authenti⸗ ſchen Namen der Herren, welche die beruͤhmten Briefe vom Warſpite in Betreff des franzoͤſiſchen Unterneh⸗ mens gegen Mogador geſchrieben haben; ich traf ver⸗ ſchiedene fluchtige Juden aus jenem Platze, welche ſag⸗ ten, ſie wären vor den Kabylen außerhalb der Stadt mehr in Angſt geweſen, als vor dem Feuer des franzo⸗ ſiſchen Geſchwaders, auf welches ſie nicht viel zu geben ſchienen; ich hörte von der ganz ungleichen Wette uͤber die nächſtens zu erwartende Partie zwiſchen Kapitain Schmidts bravem Kampfhahn: „Bolter“ (Beutel) und Kapitain Brauns kuͤhnem Kaͤmpen: MRoarer“ (Schrei⸗ hals); man erzaͤhlte, wie der Stuͤckraum von Ihrer Majeſtaͤt Schiff Purgatory (Fegefeuer) einen Handels⸗ mann aus der Sadt von der Straße weg aufgeleſen und eingefangen; man wußte Kapitalgeſchichten uͤber die Art und Weiſe, wie Wilkins der Wache entſchluͤpft war, und von Thomſon, den man, weil er nach zehn Uhr ohne Laterne gegangen, unter den Moskito's ein⸗ geſperrt hatte. Man ſagte, der Gouverneur ſei ein al⸗ ter — —, aber wenn ich berichten wollte, was? ſo wäre dies ein Mangel an Discretion, ich kann daher nur ſoviel mittheilen, daß das Epitheton fuͤr Sir Robert Wilſon außerordentlich ſchmeichelhaft war. Waͤhrend dieſe Konverſationen im Gange waren, eroffnete ſich auf dem Markte, gerade unſern Fenſtern gegenuͤber, eine lebendige und geräuſchvolle Scene. Mauren, Juden, Spanier und Soldaten draͤngten ſich im heißen Son⸗ nenſcheine, und ein zerlumpter, dicker Kerl, der den Hut auf dem einen Ohre trug, und auf ein Tabaks⸗ faß geſtiegen war, hielt eine Auction ab, wobei er die Angebote mit ſoviel Eifer und Ungeſtuͤm ausſchrie, daß er in Covent⸗Garden Ehre eingelegt haben wuͤrde. Das mauriſche Kaſtell iſt das einzige Gebaͤude auf dem ganzen Felſen, welches ein pittoreskes oder ro⸗ mantiſches Anſehen hat; außerdem findet man eine platte roͤmiſch⸗katholiſche Kathedrale, eine haͤßliche neue proteſtantiſche Kirche nach dem Cigarren- und Divan⸗ Bauſtyl, und ein Gerichtshaus mit einem Säͤulen⸗ — gange, wie es heißt, eine Nachahmung des Parthenon. Die alten Gotteshaͤuſer der ſpaniſchen Stadt ſind ver⸗ ſchwunden, oder zu Kaſernen umgeſtaltet und ſo zuge⸗ richtet, daß man ihre fruͤhere Beſtimmung zu frommen Zwecken nicht mehr zu erkennen vermag. Man geht durch enge, weiß abgetuͤnchte Gaſſen, die alle ſo krie⸗ geriſche Namen tragen, wie die vorerwaͤhnten, und durch Nebengaſſen, mit Kaſernen an jeder Seite. Dies ſind niedrige, Newgateartig ausſehende Gebaͤude, und man kann an den Thoren derſelben die Frauen der Sergean⸗ ten im Geſpraͤche mit einander, und durch die offenen Fenſter des Offizier⸗Fluͤgels den Faͤhndrich Fipps auf dem Sopha liegen und eine Cigarre ſchmauchen, oder den Lieutenant Simſon Exercitien auf der Floͤte ma⸗ chen ſehen, um die traͤgen Stunden des langweiligen Garniſonslebens hinwegzutaͤndeln. Ich war erſtaunt, die Garniſons⸗Bibliothek, in der ſich ein praͤchtiges Leſezimmer und eine ganz auserleſene Buͤcherſammlung befindet, nicht zahlreicher beſucht zu ſehen. Trotz des ſparſamen Gruͤns und des Staubs auf den Baͤumen iſt die Alameda eine ſchoͤne Prome⸗ nade. Man hat fuͤr die Vegetation mit gleich großer Anſtrengung Sorge getragen, wie fuͤr die gewaltigen Fortificationen, welche ſie zu beiden Seiten umgeben. Auf der einen Seite erſtreckt ſich der ungeheure Felſen mit ſeinen zahlloſen Befeſtigungswerken weit hin; nach der andern Seite hin ſieht man die Bai von Gibral⸗ tar heraufſchimmern, zu welcher von den Terraſſen aus Geſchutze vom groͤßten Kaliber, um welche rings ganze Haufen von Kanonenkugeln und Schichten von Bom⸗ ben aufgepflanzt ſind, unausgeſetzt hinabſtarren. Man ſollte meinen, es koͤnne mit dieſem Material die ganze Halbinſel zuſammengeſchoſſen werden. Die Gartenan⸗ lagen und der militairiſche Apparat finden ſich hier in wunderbarer Miſchung durcheinander; Tempel, Luſt⸗ haͤuſer u. ſ. w. bilden hier und da die Gartenausſchmu⸗ ckung; aber man kann ſicher darauf rechnen, daß ein großer, ſtaͤmmiger Moͤrſer hinter den Blumentöpfen her⸗ vorguckt; und zwiſchen den Aloes und Geraniums ſchießt der grune Rock und die Scharlachjacke des Hochlaͤnders aufz muͤde Trupps klimmen bis zu dem oberſten Gipfel hinauf, und beſchaͤftigen ſich mit den endloſen Kanonen⸗ kugel⸗Aufpflanzungen; noch uneingeuͤbte Abtheilungen exerciren auf den offenen Plaͤtzen, Schildwachen gehen aller Orten auf und ab, und ſollen — es mag dies eine Warnung fuͤr Kuͤnſtler ſein, — beſtimmte Ordre haben, Jeden ſofort niederzuſtoßen, den ſie uber der Auf⸗ nahme eines Riſſes von der Feſtung entdecken. Einen ſehr ſchoͤnen Anblick gewaͤhrt es ſtets, ſobald die Pro⸗ menaden anfangen, ſich zu beleben, namentlich des Abends, wenn der Mond die Gewaͤſſer der Bai und die Berge und die ſchimmernden weißen Haͤuſer des entgegengeſetzten Ufers beleuchtet. Dann wird der Platz romantiſch; es iſt ſo dunkel, daß man den Staub auf den Blaͤttern nicht mehr ſehen kann; die Kanonenkugeln machen ſich nicht mehr ſo bemerkbar und ruhen im Schatten; die exercirenden Soldaten liegen im Bette; nach und nach ziehen ſich auch die Pflaſtertreter zuruͤck, und die mit den Faͤchern kokettirenden ſpaniſchen Da⸗ men, und die bleichen, ſchwarzaͤugigen Kinder, und die geputzten, weißjackigen Dandies. Von einem Fahrzeug, das irgendwo ruhig auf dem Waſſer liegt, tont eine Querpfeife herauf, und dort vor dem ſchwarzen Dampfer am Molo, der zu einer Nachtfahrt vom Lande abſtoßt, hoͤrt man ſchwachen, verklingenden Hurrahruf. Man vergißt, daß die Stadt durch und durch Wapping gleicht, und uͤberlaͤßt ſich romantiſchen Traumen; die Schild⸗ wachen, wenn ſie im Mondſcheine ſchweigend auf und ab gehen, gewinnen ein ganz anderes Anſehen, und Sandy's (Rothhaars) Stimme, wenn er ſein „Werda?“ ruft, klingt ganz muſikaliſch. Das „Alles in Ordnung“*) nimmt ſich recht huͤbſch aus, wenn es in gut gehaltener Betonung durch die Nacht ſchallt; es erfuͤllt mit hohen und poetiſchen Ideen von Pflicht, Muth und Gefahr; wenn man es aber die ganze Nacht hindurch unter dem Klirren der Gewehre zur Zeit des tiefſten Friedens hoͤrt, dann klingt *) „All's well 1 Ausruf der Wachen, der regelmäßig alle halbe Stunden von Poſten zu Poſten wiederholt wird. D. Ueberſ. es dem Dritten durchaus nicht romantiſcher, als dem rothhaarigen Connaught⸗Mann oder dem baarſchenkeligen Hochlaͤnder, der es ausruft. Viel beſſer iſt es, von Kriegslaͤuften behaglich in Harry Lorrequers oder Scotts Romanen zu leſen, wo die Ritter ihr Kriegsgeſchrei und die muntern iriſchen Musketiere ihr Hurrah ertö⸗ nen laſſen, ohne uns den ſuͤßen Schlummer zu rauben. Menſchen von einer andern Geſinnungsweiſe moͤgen ſich aber recht gut eingewoͤhnen in Gibraltar, mit ſei⸗ nem Zu⸗ und Abmarſchiren, ſeinem Anrufen und Ab⸗ löͤſen der Wachen die ganze lange Nacht hindurch. Und ſo iſt es nicht allein hier auf dem Commercial⸗Platze, nein, uͤber den ganzen, weiten Felſen hin, und um die finſtern Kanonenkugel⸗Pyramiden herum, und entlang der ausgedehnten Felſen⸗Gallerien, und bis hinauf zu der Flaggenſtange des Gipfelmaſtes, wo die Schildwache zwei Meere zugleich uͤberſehen kann, marſchiren arme Burſche und klirren mit den Gewehren und ſchreien: „Alles in Ordnung!“ — angethan dabei mit Tſchako und Federſtutz, anſtatt mit einer ehrlichen Nachtmuͤtze, die ſich doch am beſten fuͤr die geruhigen Stunden des Schlafes ziemt. Wir hatten, drei oder vier von uns, unſer Nacht⸗ lager in eiſernen Bettſtellen, in einem alten Gemache des Erdgeſchoſſes, das ſchon manchen Riß bekommenz; die offenen Fenſter gingen auf den Marktplatz, und ſo horten wir all dies kriegeriſche Geraͤuſch bis zur vollſten —— Genuͤge. Kein Platz konnte beſſer ausgeſucht ſein, um uns in die Annehmlichkeiten einer Garniſonsſtadt zur Nachtzeit einzuweihen. Um Mitternacht drangen durch die Thuͤre, hart neben uns, eine Partie junge Offiziere herein, welche, weil ſie bereits mehr zu trinken gehabt, als gut fuͤr ſie war, natuͤrlich Appetit zu noch mehr hatten, und als wir durch die Oeffnung demonſtrirten, fragte einer von ihnen mit ſeiner benebelten Stimme nach unſeren Muͤttern, und taumelte fort. Wie be⸗ zaubernd iſt doch die Unterhaltung einer muthvollen Jugend! Ich weiß nicht, ob ſie die Wache arretirt hat; ſoviel iſt aber gewiß, haͤtte man einen Civiliſten zu dieſer Stunde durch die Straße laͤrmend betroffen, ſo wuͤrde man ihn ſofort auf die Wache abgefuͤhrt, ihn dort der Gnade der Moskito's uͤberlaſſen, und ihn am andern Morgen vor den Gouverneur gebracht haben. Die jungen Leute im Kaffeeſaale erzaͤhlten mir, der Gouverneur nehme allnaͤchtlich die Feſtungsſchluͤſſel mit zu Bette, und verwahre ſie unter ſeinem Kopfkiſſen, Das iſt ein feierlicher Anblick, und veranſchaulicht ge⸗ wiſſermaaßen den Begriff einer ſchlummernden Fe⸗ ſtung. Man ſtelle ſich nun vor: Sir Robert Wil⸗ ſon, die Naſenſpitze kaum uͤber der Bettdecke ſichtbar, die Nachtmuͤtze, und den ungeheuren Schluſſel (man ſieht ein authentiſches Abbild deſſelben in Reynolds Portrait des Lord Heathfield) unter dem her⸗ vorguckend. Wenn ich meine Leſer mit Erzaͤhlungen von Gaſt⸗ hoͤfen und Nachtmuͤtzen unterhalte, ſo geſchieht dies deshalb, weil ich mit dieſen Gegenſtaͤnden vertrauter bin, als mit Geſchichte und Fortificationen; was ich von jener weiß, iſt, daß Gibraltar den großen britiſchen Stapelplatz fuͤr alle Waaren bildet, die in die Halbinſel eingeſchmuggelt werden ſollen. Man ſieht Schiffe im Hafen liegen, von denen faſt offen geſagt wird, daß es Schmuggelſchiffe ſind; alle dieſe kraͤftigen Spanier, mit Mantel und Cigarren, ſind Schmuggler, und paſchen Tabak und Baumwolle nach Catalonien; alle angeſehenen Kaufleute des Platzes ſind Schmuggler. Vor Kurzem wurde ein ſpaniſches Zollſchiff durch das ſchwere Feſtungsgeſchuͤtz in den Grund gebohrt, weil es verabſaͤumt hatte, beizudrehen, indem es gerade auf einen Schmuggler Jagd machte. In dieſem kleinen Winkel ſeiner Beſitzungen erklärt England den Zollhaͤu⸗ ſern Krieg und nimmt den Freihandel in Schutz. Viel⸗ leicht nimmt England in nicht allzulanger Zeit dieſelbe Stellung der Welt gegenuͤber ein, welche jetzt Gibral⸗ tar Spanien gegenuͤber einnimmt, und der letzte Krieg, den wir jemals noch fuͤhren werden, mag ein Krieg ge⸗ gen die Zollhaͤuſer ſein. Man baue durch ganz Enropa Eiſenbahnen und ſchaffe durch ganz Europa die Schut⸗ zolle ab: was bleibt dann noch uͤbrig, weshalb es ſich verlohnte, Krieg zu fuͤhren? Dann wuͤrde ſehr wenig Gewicht darauf zu legen ſein, unter welcher Fahne ein — Volk lebt, und fremde bevollmaͤchtigte Miniſter und Geſandte wuͤrden ſich anſtaͤndiger Sinecuren zu erfreuen haben; die Armee wuͤrde zu den Rang friedlicher Con⸗ ſtabler emporſteigen, und in keiner andern Weiſe von ihren Bajonneten Gebrauch zu machen haben, als die wuͤrdigen Maͤnner, die wir Speermaͤnner betiteln, und welche dem Gerichtshofe bei den Aſſiſen das Geleit geben, von ihren Waffen Gebrauch machen. Der große Apparat von Bomben und Vierundachtzigpfuͤndern kann dann von der Alameda verſchwinden, und die Aehren von Kanonenkugeln, die jetzt dort in die Hoöͤhe wachſen, moͤgen andern, freundlicher in die Augen fal⸗ lenden Pflanzen Platz machen; aber der große Schluͤſ⸗ ſel von Gibraltar ſoll im Thore ſtecken bleiben, fuͤr Je⸗ dermanns Gebrauch, und Sir Robert Wilſon ſoll in Frieden ſchlafen. Faſt moͤchte ich Bedenken tragen, doch kann ich nicht umhin, es zu ſagen: ich athmete recht frei auf, als wir, — nachdem wir uns vorgenommen hatten, den Felſen in Detail zu betrachten, und alle die groß⸗ artigſten Werke und Gallerien, welche die Bewunderung aller Militairs und der Schrecken aller Feinde ſind, ein⸗ zeln in Augenſchein zu nehmen, plotzlich Ordre beka⸗ men, uns alsbald im „Tajo“ einzuſchiffen, der uns nach Malta und Conſtantinopel bringen ſollte. So nahmen wir denn Abſchied von den beruͤhmten Felſen, dieſer Doppelbuͤchſe, die wir vor einhundertundvierzig — Jahren ihrem naturlichen Eigenthuͤmer aus der Hand genommen haben, und die wir ſeitdem bewahrten, all⸗ zeit ſcharf geladen und glaͤnzend polirt und immer im Anſchlag. Sie zu haben und feſtzuhalten iſt gewiß eine ſchoͤne Sache. Man denkt dabei an jene Beweiſe von Tapferkeit, wie ſie in Heldenromanzen vorkommen, ſo z. B. wenn Ritter Huͤne von Bordeaux aufgefor⸗ dert wird, um eine Probe ſeines Rittermuthes abzu⸗ legen, nach Babylon zu gehen, und den Sultan, in der Mitte ſeines Hofes, den Bart auszuraufen und die Vorderzaͤhne einzuſchlagen. Wie dem auch ſei, wenn man gerecht ſein will, ſo muß man bekennen, daß dem armen Sultan dabei großes Unrecht geſchah. Wenn ſich die Spanier bei uns, etwa in Land's-End, etablirt und den St. Mi⸗ chaels-Berg mit unuͤberwindlichen ſpaniſchen Fortifica⸗ tionen befeſtigt haͤtten, ſo wuͤrden wir jedenfalls zu dem naͤmlichen Schluſſe gelangen. Indeß wir wollen hoffen, daß ſich der ſpaniſche Sultan uͤber den Verluſt ſeiner Vorderzahne und ſeines borſtigen Backenbarts in dieſer langen Zeit daher getroͤſtet haben wird. Ja, ich glaube, wir duͤrfen ſogar annehmen, daß er ſich ohne ſie beſſer befindet. Fuͤr alle Faͤlle, welches auch unſer Titel zu dem Eigenthum ſein moͤge, Recht oder Unrecht, kein Englaͤnder kann anders, als mit Stolz, an die Art und Weiſe denken, wie unſere Landsleute die Feſtung behauptet haben, und jeder muß den Muth, die Ausdauer und die Pflichttreue bewundern, mit welcher der gewaltige, greiſe Eliot dem Crillon mit ſei⸗ nen ſpaniſchen Belagerungsſchiffen und ſeinen funfzig⸗ tauſend Mann Widerſtand leiſtete. Mir kommt ein gluͤcklich durchgefuͤhrter, tapferer Widerſtand erhabener vor, als ein gluͤcklicher Angriff, ſo wacker auch dabei gekaͤmpft worden ſein mag. Nachdem der franzoͤſiſche General ſich von der Erfolgloſigkeit ſeines Angriffs auf die Feſtung uͤberzeugt hatte, machte er ſeinem ſiegrei⸗ chen Gegner, dem engliſchen Gouverneur, einen Be⸗ ſuch, und nahm von der Feſtungs⸗Garniſon mit gro⸗ ßer Hoͤflichkeit und gutem Humor Abſchied. Die eng⸗ liſchen Truppen brachten ihm, wie Drinkwater berich⸗ tet, als er ſich entfernte, ein donnerndes Hurrah, und die Franzoſen wuͤnſchten uns zu unſerer Tapferkeit Gluck, und prieſen die Artigkeit unſerer Landsleute. Wenn wir fortfahren, uns auf altmodiſche Weiſe einander zu morden, wie ſchade iſt es, daß unſere Schlachten nicht auch auf altmodiſche Weiſe enden koͤnnen. Einer von unſeren Reiſegeſellſchaftern, der ein Buch geſchrieben, und waͤhrend der ganzen Tour ent⸗ lang der franzoͤſiſchen und ſpaniſchen Kuͤſte, außeror⸗ dentlich an der Seekrankheit gelitten hat, troͤſtete uns durch die Verſicherung, daß wir uns in demſelben Au⸗ genblicke, wo wir in das mittellaͤndiſche Meer einlau⸗ fen wuͤrden, auch vollkommen als von der Seekrank⸗ heit geneſen betrachten koͤnnten, und daß man in der S 6 That in dieſem Binnenmeere nie etwas von ihr hoͤre. Schon in der Bai von Gibraltar hatte das Waſſer ein ſchoͤneres Blau, als ich irgend je geſehen, — die Augen der Miß Smith ausgenommen. Ich meinte, der köſtliche, fleckenloſe Azur könne ſich niemals truben, — gerade wie die nur geruͤhmten Augen — und in dieſer Zuverſicht paſſirten wir die Meerenge, und be⸗ gannen, die afrikaniſche Kuͤſte entlang zu ſchiffen, ſo ruhig und ſo ganz ohne die mindeſte Befurchtung, als ob wir mit dem Sturme ſo vertraut geweſen waͤren, wie Herr T. B. Cooke. Allein als wir uns, trotz der Verſicherungen des Mannes, der das Buch geſchrieben, bald genug viel ſchlechter befanden, als an der ſchlechteſten Stelle der Bai von Biskaia, oder ohnweit der ſturmgepeitſchten Felſen von Finisterre, da ſetzten wir den beregten Schriftſteller als einen bedeutenden Schwindler zur Rede, und haͤtten beinahe Streit mit ihm angefangen uͤber den großen Irrthum, zu dem er uns verleitet hatte. Das Verletzende bei der Sache war das, daß der Himmel ſo koͤſtlich klar und wolkenlos, die Luft ſo balſamiſch, und die See ſo herausfordernd blau war. Es ſchien, als ob wir gar kein Recht dazu hätten, krank zu ſein. Und wie die urzahligen, kleinen Wellen, welche rund um unſern Kiel herumſcherzten, in einem qnoehuo yeoht“) ſich luſtig machten — dies ) Moaßloſen Gelachter. — — iſt eine von meinen vier griechiſchen Phraſen, und der Leſer kann darauf rechnen, ich werde die drei andern, noch ehe die Reiſe zu Ende geht, zum Beſten geben — da war es, als ob die nur gedachte griechiſche Phraſe ſich auf unſere Koſten luſtig machen wollte. Hier iſt das verdrießliche Log fuͤr Mittwoch, den 4. September: „Alle Verſuche, etwas zu genießen, fruchtlos. Die Becken in ſtetem Gebrauche. Der Wind ſchroff entgegen. Que diable allais je faire dans cette galére? Schrei⸗ ben und Denken iſt unmoͤglich; man muß Briefe aus dem aegeiſchen Meere leſen.“ Dieſe kurzen Worte ge⸗ ben, wie ich glaube, eine vollſtaͤndige Anſchauung des Elends, der Verzweiflung, der Reue, der vollſtandigen Verſunkenheit an Leib und Seele. Zwei Tage fruͤher hatten wir die Feſtungs- und Hafenwerke und die gel⸗ ben Gebaͤude von Algier paſſirt. Sie ſteigen ſtattlich aus der See empor, und werden von den duͤſtern Pur⸗ purſtrichen der afrikaniſchen Kuͤſte, mit rauchenden Feuern auf den Bergen, und einſamen, hie und da be⸗ merkbaren Niederlaſſungen auf beiden Seiten eingefaßt. Am 5. erreichten wir, zu unſer Aller unausſprech⸗ lichen Freude, Valetta. Die Hafeneinfahrt gewaͤhrt einen ſo ſtattlichen und erfreulichen Anblick, wie er nur je von einem ſeekranken Reiſenden bewundert worden ſſt. In dem kleinen Hafen war es außerordentlich lebendig durch hundert Schiffe, von dem gewaltigen Wachtſchiff an, das eine Stadt fur ſich ſelbſt iſt, bis zu den Nuß⸗ Aufzeichnungen. 1. 5 ſchaalen, in denen nackte, ſchwarzgelbe Bettelknaben, die ſich erboten, fuͤr einen halben Penny ihre Taucherkunſt⸗ ſtucke ſehen zu laſſen, an das Dampfboot herangerudert kamen. Unter allen Flaggen der Welt, die in der Sonne glaͤnzten, hoͤrte man das Hurrah der Matroſen, ſah man Kaufleute mit ihren Frachten beſchaftigt; ein Dutzend emſiger, ſchwarzer Dampfboote fuhren unablaͤſ— ſig ab und zu, ziſchend und dampfend, in und aus den Hafen; ſchlanke Kriegsſchiffs-Boote, mit langen, blin⸗ kenden Rudern, die wie Fluͤgel uͤber dem Waſſer glänz⸗ ten, ſchoſſen hin und her, und Hunderte von bemalten Stadtbarken, mit hohem Vordertheil und weißen Da⸗ chern, ſchaukelten auf den Wellen. Rund um das blaue Waſſer erhoben ſich ſteile, im Sonnenſchein ſtrahlende, und mit allen nur moͤglichen Befeſtigungswerken be⸗ deckte Felſen; zur Rechten St. Elmo, mit der Flagge und dem Leuchtthurm; auf der andern Seite das palaſt⸗ ähnliche Militair-Hospital, und ringsherum die Haͤuſer der Stadt, fuͤr ihren Umfang die ſchoͤnſten und ſtatt⸗ lichſten in der Welt. Auch fuͤhlt man ſich bei naͤherer Augenbeſcheini⸗ gung nicht in ſeinen Erwartungen getaͤuſcht, wie dies wohl ſonſt bei mancher fremden Stadt zu geſchehen pflegt. Die Straßen ſind gedraͤngt voll von einer le⸗ bendigen, wohlausſehenden Bevoͤlkerung; ſelbſt arme Leute ſcheinen in huͤbſchen Palaͤſten, mit Balkonen und⸗ auslaufenden Fenſtern von ſchwerem Stein, zu wohnen, Licht und Schatten, Laͤrm und Getuͤmmel, Fruchtge⸗ woͤlbe und Fiſchbaͤnke, Trachten und Mundarten aller Nationen, ſcharlachrothe Soldaten, und Frauen in ſchwarzen Mantillen, Bettler, Matroſen, Poͤkelherings⸗ und Makkaroni⸗Faͤſſer, Prieſter in Schaufelhuͤten und baͤreige Kapuziner, Tabak, Weintrauben, Zwiebeln und Sonnenſchein, Gaſthofsſchilder, Bouteillen-Bier-Schaͤn⸗ ken, Statuen von Heiligen und klein Kapellen, welche gedraͤngt hinter einander die Augen des Fremden auf ſich ziehen, wenn er die beruͤhmten Stufen am Waſſer⸗ thore hinanſteigt: alles dies bildet eine ſo lebenvolle Scene und ein ſo froͤhliches Durcheinander, wie ich es nimmer zuvor geſehen. Und die Effecte, welche die Gruppen der zahlreichen Schauſpieler in dieſem heiteren Drama voller Handlung hervorbringen, werden — um bei dem Bilde zu bleiben — durch die Dechration der Buͤhne noch echoͤht. Der Himmel iſt zum Ent— zuͤcken glänzend, alle Haͤuſer prangen in ſtattlicher Ver⸗ zierung, ringsum erheben ſich Kaſtelle und Palaͤſte, und die Flaggen, die Thuͤrme und die Mauern des Forts St. Elmo blinken ſo friſch und prachtvoll, als ob ſie erſt geſtern aufgerichtet worden wären. Die Strada Reale hat ein weit mehr hofmäßiges Anſehen, als die eben beſchriebene. Hier findet man Palaͤſte, Kirchen, Gerichtshäuſer, Bibliotheken, die feinen Londoner Ge⸗ wolbe und die neueſten Artikel in Parfuͤmeriewaaren. Junge, muntere Offiziere ſchwaͤrmen in Muſchelwaͤm⸗ 8 * 0 — ſern herum, die ihnen meiſt zu knapp ſind; Serkadetts kleppern auf Miethspferden einher; Haufen von Prie⸗ ſtern, nach der Mode des Don Baſilio in der Oper gekleidet, gehen mit feierlichen Schritten auf und ab, Bettler von Profeſſion laufen ſchreiend hinter dem Frem⸗ den her, und Maͤkler fuͤr Pferdevermiether, fuͤr Gaſt⸗ hoͤfe und fuͤr ſchlechte Haͤuſer folgen ihm Schritt fuͤr Schritt und preiſen die Vorzuͤge ihrer Waare an. Die Haͤuſer, in denen Reiſetaſchen und Pomade verkauft werden, waren einſt Palaͤſte, und wurden von den Nachfolgern der hochherzigſten und tapferſten Ritter⸗ ſchaft der Welt bewohnt. Das iſt freilich nicht roman⸗ tiſch, aber die letzten Bewohner waren nicht die roman⸗ tiſchen Johanniterritter. Die Heldentage des Ordens gingen zu Ende, als die letzte turkiſche Galeere nach jener merkwuͤrdigen Belagerung die Anker lichtete. Die jetzt noch erſichtlichen, ſtattlichen Gebaͤude wurden in Zeiten des Friedens, des Glanzes und des Verfalls er⸗ richtet. Ich zweifle, daß die „Auberge de Provences“, wo jetzt der Unions⸗Club bluhet, jemals etwas Roman⸗ tiſcheres, als die Baͤlle in ihrem großen Feſtſaale ge— ſehen hat. Die St. Johanniskirche, nicht gerade von bemerkenswerth ſchoͤner aͤußerer Bauart, iſt in⸗ nerlich prachtvoll. Eine großartige Halle, ganz mit einer reichen Verzierung von Holzſchnitzwerk uͤberdeckt, zu beiden Seiten die Kapellen der einzelnen Nationen, jedoch in ſolcher Weiſe angebracht, daß ſie die Einheit des Hauptbaues nicht unterbrechen, der in ſeinem Gan⸗ zen einfach und nur in Einzelheiten gläͤnzend iſt, — dies ſchien mir ein ganz geeigneter Platz fur dieſe reiche Koͤrperſchaft von ariſtokratiſchen Kriegern zu ſein, welche ihre Andacht wie in Parade verrichteten, und obſchon. auf den Knieen, doch niemals ihre Epauletts und ihre adligen Wappen vergaßen. Dieſe Vermiſchung von Religioſitäͤt und weltlichem Stolz mag ungereimt er⸗ ſcheinen; aber haben wir nicht in unſerer Kirche daheim ganz ähnliche Ueberhleibſel feudaler Ceremonien? — der Stabtraͤger mit dem ſilbernen Scepter, welcher dem Vicar zu dem Pulte voranſchreitet, die bei⸗ den Kaplane des Lord⸗Erzbiſchofs, die vor Sr. Gna⸗ den, wenn er herantritt, des Altargatter neigen? und haben wir nicht den armen Johann, der hinter der Lady hergeht, ihr gekroͤntes Gebetbuch tragend, und ſeine Reverenz machend, wenn er es in den Kirchenſtuhl hin⸗ einlangt? Als welche Abgeſchmacktheit muß uns das Banner eines gewaltigen, hochgeſtellten Prinzen erſchei⸗ nen, das uͤber ſeinem Stande in der Windſor-Kapelle haͤngt, wenn wir daran denken, zu welchem Zwecke, wie man annehmen muß, ſich die Leute hier verſam— meln? Die Kirche der Johannitterritter iſt uͤber und uͤber mit allwarts ſich ausſpreizenden, heraldiſchen De⸗ viſen der todten Ritter vom todten Orden bedeckt, gleichſam als ob ſie hofften, auch in der zukuͤnftigen Welt nach ihren Stammbaͤumen Platz nehmen zu * — — können, und von himmliſchen Marſchaͤllen nach der Rangordnung in die Räume der Seligen eingefuͤhrt zu werden. Schwerfallig-ſchoͤne Gemaͤlde ſchmuͤcken die Waͤnde und Kapellen, die außerdem mit pomphaf⸗ ten Monumenten der Großmeiſter vom Orden geziert ſind. Unter der Kirche befindet ſich eine Crypta, in welcher noch mehrere von dieſen wackern und ehrwuͤrdi⸗ gen Kriegern in einem Staate, die ein Simpſon be⸗ wundern wuͤrde, ruhen. In dem Altare ſollen drei der feinſten Reliquien in der ganzen Welt liegen; die Schluͤſſel von Acre, Rhodus und Jeruſalem. Wie viel Blut iſt uͤber der Vertheidigung dieſer Embleme vergoſſen worden! Wie viel Glaube, Ausdauer, Genie und Edelmuth, wie viel Stolz, Haß, Ehrſucht und Blutdurſt flammten durcheinander, um die Schutzherr⸗ lichkeit uͤber ſie zu behaupten! In den erhabenen Hallen und Corridoren des Gou⸗ vernements-Palaſtes haben ſich noch einige Portraits der letzten Großmeiſter erhalten; ein ſehr ſchoͤnes von Caravaggio, einen Ritter in goldener Ruͤſtung darſtel⸗ lend, haͤngt im Speiſeſaale, nahe bei einem andern, in voller Lebensgroͤße, von dem armen Ludwig XV. in koͤniglichem Schmucke, einem treuen Bilde ſchmerzli⸗ cher Ohnmacht. Aber das Portrait des Vignacourt iſt das einzige von ehrwuͤrdigem Anſehen; die andern Oberhaͤupter des beruͤhmten Ordens ſind praͤchtige, alte Herren in ſchwarzer Tracht, mit gewaltigen Perrucken N — — und Kronen und einem Paar melancholiſcher, roth und gelb gekleideter Pagen. Aber Pagen und Perruͤcken und Großmeiſter ſind verſchoſſen, und traurig, unter⸗ ſchiedslos, beinahe ganz von der Leinewand verſchwun⸗ den, hinab in den Hades. Indeß leben die Namen der Ritter zum größten Theil in den Feſtungswerken fort; ſie ſcheinen Alle einen großen Eifer im Bauen und Taufen beſeſſen zu haben, und nach der Malte⸗ ſer-Mythologie in Quaderſtein verwandelt worden zu ſein. In dem Zeughauſe iſt eine ganze Reihe von Ca⸗ ravaggio gemalt, und zwar auf derjenigen Seite, wo ſich die Ruͤſtung des edlen La Valette befindet, deſſen Heroismus die Inſel rettete, und gegen die Angriffe des Muſtapha und Dragut und gegen eine Armee, ebenſo ſtolz und zahlreich, wie diejenige, die vor Gibral⸗ tar beſchaͤmt wurde, mit gleichem Muthe und gleicher Entſchloſſenheit, ſiegreich vertheidigte. Das Schwert des zuletzt genannten beruͤchtigten Korſaren (ein kurzer, furchtbar ausſehender Saͤbel), viele tauſend Picken und Hellebarden, kleine, alte Kanonen und Doppelhaken, Helme und Kuͤraſſe, die die Ritter oder ihre Knappen trugen, ſind zierlich laͤngs der Wände gruppirt, und dienen, anſtatt Tuͤrken zu ſpießen, und Krieger zu waffnen, jetzt dazu, ein Bild alter Sitte oder Stoff zu Erzaͤhlungen zu geben. Es werden aber auch hier viele tauſend Musketen, Seitengewehre und Enterhaken fuͤr den taͤglichen Gebrauch, und ein paar zerfetzte engliſche Fahnen aufbewahrt. Es ſind dies die Fahnen desjeni⸗ gen Regiments, welches in Egypten die Truͤmmer der ſtolzen und beruͤhmten franzoͤſiſchen republikaniſchen Armee verfolgte und aufrieb, bei deren Erſcheinen die letzten Malteſerritter alle Thore ihrer Feſtungen oͤffneten und ſich dem Untergange ohne Schwertſtreich preis⸗ gaben. Wir machten einen Ausflug uͤber Land, wenn man es ſo nennen kann; denn die Felder ſind Felſen, und die Hecken ſind Steine. Wir kamen bei des Flo⸗ riatus ſteinernem Garten voruͤber und betrachteten die zahlreichen und ſchoͤnen ſteinernen Doͤrfer und Kirchen, welche zwiſchen den Felſenhuͤgeln emporſteigen, mit Be⸗ wunderung. Ueberall ſahen wir huͤbſche Landhaͤuſer, und eine lange Strecke fuhren wir an einem koͤniglichen Bauwerke hin, einem Aquaducte des Caravaggio in der goldnen Ruͤſtung des Großmeiſters De Vignacourt. Einen ſehr angenehmen Contraſt zu den trockenen Fel⸗ ſen der durchgaͤngigen Scenerie, bildete der Garten am Landhauſe des Gouverneurs, mit ſeinen Orangenbaͤu⸗ men und Springbrunnen, ſeinen herrlichen goldenen Trauben, ſeinen uͤppigen Blumen und ſeinem dichten, kuhlen Buſchwerke. Das Auge ſchmachtet nach einer ſolchen Erfriſchung, wenn es durch den heißen Glanz der ganzen uͤbrigen Gegend umher verſengt wor⸗ den iſt; und St. Antonio war ſo erquickend nach Malta, als Malta nach der See. Wir ſtatteten der Inſel im November einen zwei⸗ ten Beſuch ab, und brachten ſiebzehn Tage in einem Etabliſſement zu, welches den Namen Fort Manuel fuͤhrt, und welches man, mit einem Wortſpiele, zum „Manuel des Voyageurs“ umgetauft hat. Hier ge⸗ währt die Regierung freies Quartier; die Behoͤrden ſind ſo aufmerkſam, daß ſie die Briefe mit aromati⸗ ſchem Eſſig räuchern, ehe man ſie erhaͤlt; ſie ſind ſo beſorgt um unſere Geſundheit, daß ſie uns jede Nacht in unſer Zimmer einſchließen, damit wir nicht ſchlaf— wandelnd uͤber die Zimmer in das Meer gerathen; und wollten wir durch einen Sprung ins Waſſer zu ent⸗ ſchlupfen ſuchen, ſo wuͤrden die Schildwachen vom an⸗ dern Ufer aus, da dies die natuͤrlichen Geſetze der Vor⸗ ſicht ſo mit ſich bringen, auf uns feuern. Doch, — um den ſatyriſchen Ton fallen zu laſſen, — Alle, die es wiſſen, was eine Quarantaine zu be⸗ deuten hat, koͤnnen es ſich vergegenwärtigen, wie uner⸗ traglich Einem der Ort wird, in welchem man ſie ab⸗ halten muß. Und obſchon das Klima don Malta im November eben ſo iſt, wie bei uns im kéſtlichſten Mai, und obſchon fuͤr jedes Vergnuͤgen und jede Unterhaltung in der Stadt geſorgt iſt, obſchon man eine recht huͤb⸗ ſche Oper da findet und eine gute, alte Bibliothek, voll guter, alter Buͤcher (keine modern-wiſſenſchaftlichen Werke, Reiſebeſchreibungen und Geſchichten aber gute, alte, „unnuͤtze“ Buͤcher aus den letzten beiden Jahr⸗ hunderten) und Niemand uns im Leſen ſtört; und ob⸗ ſchon die Einwohnerſchaft von Valette ſehr gaſtfreund⸗ lich und die Geſellſchaft belebt und angenehm iſt: ſo fuͤhlt man ſich doch, namentlich wegen der Seitenblicke auf Fort Manuel an der entgegengeſetzten Kuͤſte, nicht ſo ganz recht ſicher auf der Inſel. Damit es den Quarantaine-Behoͤrden nicht in den Sinn kommen moͤchte, etwa wegen einer nachgebornen Peſt, uns noch einmal von vorn anfangen zu laſſen, machten wir uns mit der erſten, beſten Gelegenheit nach Neapel auf den Weg, — naͤmlich diejenigen, welche von der kleinen oͤſtlichen Expedition noch uͤbrig geblieben waren. Die Zahl war nicht mehr vollſtaͤndig. Der Herr uͤber Le⸗ ben und Tod hatte Zwei von unſerer Geſellſchaft abge⸗ rufen; den Einen mußten wir in Egypten zuruͤcklaſſen, mit einer Mutter, die dort ſeinen Tod beweinen ſollte;. den Andern begruben wir in dem traurigen Kirchhofe des Lazareths. Wir muͤſſen auch das uͤberdenken. Es gehoͤrt zur Reiſe. Krankheit und Tod klopfen vielleicht bald an unſere eigene Kajuͤtenthuͤr. Unſer lieber und theurer Reiſegenoſſe hat ſeine letzte Fahrt gemacht, und ſein letztes Glas neben uns geleert. — Waͤhrend Herzen, die ihn lieb haben, ſich aus weiter Ferne zu ihm hin⸗ ſehnen, und er ſelbſt, ſo lange er noch Bewußtſein hat, — mit aller Kraft des Gemuͤths der Stelle auf Erden ſich zuwendet, wohin Liebe und Theilnahme ihn rufen — hebt der große Vater den bekuͤmmerten Geiſt von der Erde hinweg, zu ſich empor; denn er hat beſchloſſen, daß der Theure, der Geliebte, hier nicht laͤnger wan⸗ deln ſoll. Ein Ereigniß, wie ſolch ein Todesfall im Laza⸗ rethe, kann ſogar die Selbſtſucht zur Ruͤhrung bringen. Noch vor zwei Tagen gingen wir auf dem Verdecke mit ihm auf und ab. Der Eine hat eine Skizze von ihm, der Andere eine Karte, auf die er geſtern erſt ſeine Adreſſe, und die Einladung geſchrieben, ihn zu beſuchen im Vaterlande, daheim, wo dir Kinder auf ihn war⸗ ten. Er iſt dahin, ehe ein Tag vergangen, und begra⸗ ben innerhalb der Mauern ſeines Gefaͤngniſſes. Ein Arzt fuͤhlte ihm den Puls durch einen Stellvertreter, — ein Geiſtlicher aus der Stadt, brachte ihm die letz⸗ ten Segnungen der Kirche — die Freunde, die ſeinem Leichenbegaͤngniſſe beiwohnten, wurden von den Laza⸗ rethwachtern ſo geordnet, daß Keiner den Andern be⸗ ruͤhren durfte; — und nun geht Jeder in ſeine Klauſe zuruͤck, und wendet die Lection auf ſich an. Ach, ſo wuͤrde man nicht abgereiſt ſein, wenn man gedacht hätte, die lieben, lieben Geſichter nicht wiederſehen zu ſollen. Wir zählen die auf, die wir lieben; es ſind ihrer nicht zuviel, aber ich meine, man liebte ſie jetzt mehr als je. — Wird denn nun die Reihe an dich kommen? Und warum nicht? — Iſt es ein Schmerz oder ein Troſt, an die Liebe zu denken, die uͤber 1n8 wacht, und uns uͤberlebt? Der Schoͤpfer hat das ganze Menſchengeſchlecht, Glied an Glied, zu einer Kette von Liebe zuſammen⸗ gefuͤgt. Ich ſtelle mir gern vor, daß es nicht Einen Menſchen giebt, der nicht wenigſtens fuͤr einen andern freundliche Gefuͤhle hegte, und ſo dieſer wieder fuͤr ſeine naͤchſten und ſo fort, bis die ganze Adamsfamilie an einander geknuͤpft iſt. Und auf Erden endet das nicht. Es verbindet Erde und Himmel. Denn mein dahingegangener Freund oder mein dahingegangenes Kind iſt immer noch mein Freund und mein Kind, dahier und in der Heimath, die unſer Aller Vater uns bereitet hat. Wenn Identitaͤt das Grab uͤberlebt, wie unſer Glaube uns verheißt, welch ein Troſt iſt es, zu denken, daß eine oder zwei Seelen ſein moͤgen unter den Reinen und Gerechten, deren Liebe unſichtbar uͤber uns wacht, und die armen Suͤnder auf Erden geleiter. —SS— 2 — — — — ————,— V. Athen. Reminiscenzen an z nro. — Der Piräus. — Die Landſchaft.— Bolsic. — England fuͤr immer! — Klaſſiſche Erinne⸗ rungen. — ?nc noch einmal. — Da ich ſelbſt von Athen nicht begeiſtert bin, ſo iſt es natuͤrlich von Rechtswegen meine Pflicht, uͤber alle die zu ſpotten und zu lachen, die ſolchen Enthuſiasmus beſitzen. In der That, was koͤnnte auch ein Rechts⸗ gelehrter, der vor drei Wochen noch in Pump⸗Court war, und der in der Regel nichts als Akten und Zei⸗ tungen lieſot, fuͤr Veranlaſſung haben, ſich jetzt, bei län⸗ gerer Muße, der Liebe zu einer, wahrlich zum großen Theil ſehr zweifelhaften Poeſie hinzugeben, und in einen Enthuſiasmus zu verfallen, der ſeinem Weſen und ſei⸗ nem gewoͤhnlichen Lebensberufe ganz fremd iſt? Was fuͤr einen Beruf haben Damen, Griechenland fuͤr „ro⸗ mantiſch“ zu halten, ſie, die ſie all ihre mythologiſchen Begriffe aus den wohlbekannten Blaͤttern von „Thooke's Pantheon“ ſchoͤpfen? Mit welchem Rechte halten es blind zutappende yorkſhirer Ritter, junge Stutzer von den Corfu-Regimentern, luſtige Matroſen aus den vor Anker liegenden Schiffen, und alte, gelbe, aus Bundel⸗ kund zuruͤckkehrende Indier fuͤr ihre Aufgabe, ſich fur ein Land zu begeiſtern, von dem ſie nichts wiſſen und deſſen blos phyſiſche Schoͤnheiten ſie groͤßtentheils nicht verſtehen — weil etwa vor zweitauſend vierhundert Jahren gewiſſe Maͤnner darin gelebt haben? Was ha⸗ ben dieſe Leute mit Perikles gemein? Was haben dieſe Damen mit Aspaſia zu ſchaffen? Die ganze Geſellſchaft von Engländern, die bewundernd zum Grabe des So⸗ krates wallfahrten, wuͤrde ſie ihn nicht, der großen Mehr⸗ zahl nach, auch zum Schierling verdammt haben? Ge⸗ wiß; denn ganz der naͤmliche Aberglaube, welcher heut⸗ zutage die Menſchen bei der Naſe herumfuͤhrt, trieb die Leute in jenen Tagen vor ſich hin, als der demuͤthige Gatte der Tantippe ſterben mußte, weil er es gewagt hatte, einfach zu denken und die Wahrheit zu ſagen. Ich weiß keine hervorſtehendere Eigenſchaft der Thoren, als ihren Glauben an ſich ſelbſt; das vollkommen ru⸗ hige Bewußtſein, welches ſie haben, daß ſie tugendhafte und verdienſtliche Handlungen ausfuͤhren, wenn ſie Narr⸗ heiten begehen, wenn ſie einen Sokrates morden, wenn ſie einen Ariſtides mit heiligen Auſterſchalen werfin, Alles um der Tugend willen. „Eine Geſchichte der Thor⸗ heiten in allen Zeitaltern der Welté“ waͤre ein Buch, wofuͤr ein Philoſoph nicht ſo zuverläſſig geprieſen, als gehaͤngt zu werden ſich Rechnung machen duͤrfte. Wenn Papa und Mama (ihr Andenken in Eh⸗ ren!) nicht den Glauben ihrer Väter hätten folgen, und es nicht haͤtten fuͤr gut halten moͤgen, ihren einzigen geliebten Sohn (welcher ſpaͤter unter dem Namen Titmarſh ſo beruͤhmt geworden), in die zehnjaͤhrige Ver⸗ bannung einer hoͤlliſchen Noth, Plage und Sklaverei zu ſenden; ihren kleinen Michael Angelo mit den fri⸗ ſchen Gefuͤhlen ſeines Herzens der Zucht gemeiner Schuldespoten zu uͤbergeben, — dieſe leiten ihre jugend⸗ lichen Zoͤglinge nicht in den Tempel der Wiſſenſchaft, wie es in den ABC⸗Buͤchern abgebildet iſt, nein, ſie ſtoßen ſie mit den Faͤuſten hinein; ſie ermuntern dieſelben, wenn ſie ſchwach werden, mit einem Schlage oder er— wecken ihre Lebensgeiſter mit einem Fluche; ſie troſten ſie, wenn ſie jammern, mit einem rohen Spotte, — ich ſage, wenn meine theuren Eltern, anſtatt mir die unſchätzbare Wohlthat einer zehnjaͤhrigen, klaſſiſchen Bildung zu erzeigen, mich bei meinen dreizehn Schwe⸗ ſtern zu Hauſe behalten hätten, wahrſcheinlich wuͤrde mir dann dies Land Attika, Angeſichts deſſen blauer Fuͤſte ich gegenwärtig ruhrende Epiſteln ſchreibe, theuer und werth geweſen ſein; aber meine Jugend iſt mir durch meine klaſſiſche Erziehung ſo verbittert worden, — daß mir bei Allem, was damit in Verbindung ſteht, uͤbel wird. Das Griechiſche erweckt mir ganz dieſel⸗ ben Jugenderinnerungen, wie der Wurmſaamen. Als ſich das Vorgebirge Suniam unſern Blicken zeigte, hatte ich eine feierliche Viſion. Die griechiſche Muſe trat zu mir und ſagte mit einer Protector-Miene: „Warum, mein Lieber“ — die alte Dame laͤßt ſich noch immer in ſo warmem Tone hoͤren — „warum, mein Lieber, ſind Sie nicht entzuͤckt von dieſem beruͤhm⸗ ten klaſſiſchen Boden? von dieſem Lande der Dichter und Helden, mit deſſen Geſchichte Sie wegen Ihrer klaſſiſchen Erziehung ganz vertraut ſein muͤſſen? Iſt dies nicht der Fall, dann haben Sie auf beklagens⸗ werthe Weiſe Zeit und Mittel zu Ihrer Ausbildung verabſaͤumt, und Ihre wetthen Eltern haben, indem ſie Sie auf Schulen ſendeten, ihr Geld verſchwendet.“ „Madam,“ erwiederte ich, „Ihre Geſellſchaft wurde mir in der Jugend ſo verleidet, daß ich mich im Alter nicht wohl entſchließen kann, ſie aufzuſuchen. Ich habe Ihre Dichter geleſen; allein unter Zittern und Zagen; und unter kaltem Schweiße iſt man nicht poetiſch geſtimmt. Ich bin in ihrer Geſchichte herumgetappt; allein die Geſchichte iſt, — was ich mit allem Reſpekt von Ih⸗ nen geſagt haben will — ſchon an und fuͤr ſich ſelbſt etwas ſo Verworrenes, daß, wenn ſich ihren verdrieß⸗ lichen Kunden noch die brutale Verworrenheit eines Schuldespoten beigeſellt, die Miſchung ganz unertrag⸗ — 81 — lich wird, und ſo habe ich auch nicht im mindeſten Luſt, meine Bekanntſchaft mit einer Dame zu erneuern, welche die Quelle ſo vieler leiblicher und geiſtiger Lei⸗ den fuͤr mich geweſen iſt.“ — Um mich kurz zu faſſen, ich bin beſorgt um eine Apologie meines Mangels an Enthuſiasmus fuͤr das klaſſiſche Fach, und um die Rechtfertigung einer Unkenntniß von der unleugbarſten Gattung. Es iſt dies allerdings eine ſehr ungeeignete Ge⸗ muͤthsverfaſſung fuͤr Jemanden, der das Land des Aeſchylus und Euripides beſucht; man rechne hinzu, daß wir im Gaſthofe auf eine furchtbare Weiſe uͤber⸗ theuert wurden — was ſind nun die blauen Berge von Attika, das ruhige Silber-Baſſin des Piraus, die mit Haidekraut bedeckten Höhen des Pentelicus, was iſt jener mit den doriſchen Saͤulen des Parthenon ge⸗ kroͤnte Fels, und was ſind die ſchlanken, joniſchen Sau⸗ len des Erechtheum fuͤr einen Mann, der wenig ge⸗ ſchlafen hat und am ganzen Leibe von Wanzen zer⸗ biſſen iſt? Hatte Alcibiades auch ſeine Noth mit den Wanzen? das wäre merkwuͤrdig — und krochen ſolche Geſchoͤpfe auf ihm herum, als er in den roſigen Armen der Phryne lag? Ich ſehnte mich alle Nacht nach So⸗ crates' Korb oder Hangematte, wie ſie in den „Wolken⸗ beſchrieben iſt. In ſolch einem Ruheplaͤtzchen mußten ihn dieſe verwunſchten Geſchöpfe nothwendiger Weiſe in Frieden laſſen. Ein franzöſiſches Kriegsſchiff das Aufzeichnungen. 1. 6 — — in den Silbergewaͤſſern des Hafens lag, ſchaute mit den Stuͤckpforten ſeines Hinterdecks trotzig auf eine ver⸗ wegene engliſche Corvette, und begann gewaltige Maͤr⸗ ſche aufzuſpielen, als ein ganzer Haufe von Booten plaͤntſchernd an die Seite des Dampfſchiffes anlegte, um die Paſſagiere an die Kuͤſte zu bringen. Auch ruſſiſche Schooner und griechiſche Briggs lagen im Hafen, und kurze, dicke Windmuͤhlen drehten ihre Flo⸗ gel rings auf den ſonnenverbrannten Höhen. An der Kuͤſte iſt eine kleine Stadt, von Kais und Seeſchank⸗ haͤuſern improviſirt, und eine Menge klappernder Kale⸗ ſchen, ſchlechter ſelbſt, als man ſie irgendwo in Deutſch⸗ land zu ſehen bekommt, halten am Landungsplatze. Die griechiſchen Wagenlenker, die ſich in ihren Hoſen, cylinderformigen Muͤtzen, in ihren ſchaͤbigen Jacken mit uͤberladener Stickerei von Wollengarn, und ihren faltenreichen Weiberroͤcken von ſchmutzigem Calico wun⸗ derlich genug ausnahmen, fingen aksbald an, — nach wohlbekannter Londoner Mode — in hochherzigem Eifer ein jeder des andern Geſchirr herabzuſetzen, um ſich die Paſſagiere zu ſichern. Die Satyre ſelbſt haͤtte ſich kaum die Carricatur eines Fuhrwerks, wie dasjenige war, welches uns nach Athen fuhrte, erſinnen moͤgen, und nur der Gedanke konnte uns troͤſten, daß, ſo ſchlecht auch dieſe Kaleſchen ſeien, ſie doch immer noch ein weit comfortableres Fortkommen, als je dem Alcibiades oder Cimon in dieſer Art zu Gebote geſtanden, darboͤten. — S — Doch war dies immerhin ein Troſt fuͤr den ſechs Mei⸗ len langen Weg durch die Ebene bis zur Stadt. Man ſieht faſt den ganzen Weg uͤber den dunkeln Berg, auf welchem ſich die Akropolis emporhebt, und unter ihr, weithin ſich ausdehnend, die blitzenden Haͤuſer der Stadt. Rund um die weite, gelbe, vertrocknete Ebene — ein paar verbuttete Oelbaͤume hie und da bilden die einzige ſichtbare Vegetation — ſteigt, um mich ſo auszudruͤcken, eine Art von Chor der ſchoͤnſten Gebirge in die Höhe, die feinſten, zierlichſten und prachtvollſten, die man im⸗ mer erblicken kann. Dieſe Berge ſehen nicht erhaben oder furchtbar, aber koſtlich, vornehm und ariſtokratiſch aus. Die Wolken tanzen rund um ſie herum; man kann die roſigen und purpurnen Schatten uͤber die hei⸗ tern, klaren Umriſſe ihrer Gipfel hinſtreichen ſehen. Es koönnte abſurd oder affectirt erſcheinen, einen Berg ariſtokratiſch zu nennenz aber zwiſchen dieſen Bergen. und andern iſt ein Unterſchied, wie z. B. zwiſchen dem Newgate⸗Gefaͤngniß und dem Fremden⸗Clubb; beides ſind Gebaͤude, aber das eine ſtarr, duͤſter und roh, das andere fein, feſtlich und elegant. Mir wenigſtens kommt es ſo vor. In ſolch ſtattlichem Palaſte, wie die frei⸗ gebige Natur ihn fur dieſes Volk gebauet, konnten ſie anders werden, als herrlich, ſchön, glaͤnzend, tapfer und weiſe? Wir ſehen vier Griechen auf Eſeln ie Straße (welche entweder ein Staubſtrudel, oder eine Pfuͤtze iſt) entlang reiten und vier andere in einer, von briti⸗ 6* — — — 8— ſchen Poeten „das Halbe⸗Wegs⸗Haus“ getauften Bar⸗ racke mit einer ſchmutzigen Karte ſpielen. Hat denn die aͤußere Natur und Schoͤnheit einen wohlthätigen Einfluß auf die Seele? Wir kommen nach Warwick⸗ ſhire, und bilden uns ein, Shakſpeare habe nur des⸗ halb, weil er in dieſen ſonnigen Ebenen und friſchem Waldland geboren und herumgewandelt, jenen freien, ungekunſtelten Schoͤnheitsſinn eingeſogen, der wie Bluͤthe und Thau uͤber allen ſeinen Werken liegt; aber ein Coventry⸗Bortenmacher oder ein verkehrter Leamington⸗ Ritter haben auch immer dieſe Landſchaften vor Augen, und was profitiren ſie davon? Man theoretiſirt uͤber den Einfluß, welchen das Klima und das ganze äußere Gepräge von Attika auf die Veredlung der Eingebornen gehabt haben muͤſſe; jene ſchmutzigen, betruͤgeriſchen, zerlumpten Kerle, die ſich am fruͤhen Morgen bei ſchmutzigen Karten dehnen, die bis an die Zahne bewaff⸗ net ſind, und ſich vor dem Kampf fuͤrchten, ſind in demſelben Lande erzeugt, welches einſt Philoſophen und Herren erzeugte. Aber das Halb⸗Wegs⸗Haus iſt ſchon eine gute Strecke voruber, und ſiehe, wir befinden uns in der Hauptſtadt des Koͤnigs Otto. Ich betheure feierlichſt, daß ich weit lieber, mit zwei Hundert Pfund jährlich, in Fleet⸗Street leben, als König der Griechen ſein wollte, mit dem Buoleig *) *) Koͤnig. — —— — vor meinem Namen rund um ihren aͤrmlichen Muͤnzen; mit der Qual ewiger Revolutionen in meinem ausge⸗ dehnten Palaſte von Pariſer Kitt; mit keinem andern Vergnuͤgen, als einer Nachmittagsſpatzierfahrt durch ein verdorrtes Land ohne Straßen; mit Geſandten — man weiß nicht, wozu ſie da ſind, denn was kann England, Frankreich oder Rußland aus ſolch einer bankerotten Allianz fuͤr Vortheil ziehen? — ich ſage, mit Geſand⸗ ten, die mich unaufhoͤrlich herumzerren und herumſchlep⸗ pen, fern von dem ehrlichen Deutſchland, wo es Bier, äſthetiſche Unterhaltung und eine billige Oper giebt. Der armſelige Zuſtand hier uͤbertrifft in der That den von Irland, und das will viel ſagen. Der Palaſt des Koͤnigs iſt ein ungeheures Gebaͤude von Bruchſtei⸗ nen, welches in ſeinem Vierecke ſechs Haͤuſer, drei Eſel, keinen Weg und keinen Springbrunnen (außer dem Kupferſtiche im Gaſthofe) aufzuweiſen hatz die Ruck⸗ ſeite iſt nach dem Gebirge zu gelegen, und auf dem ei⸗ nen Fluͤgel befindet ſich ein aͤrmlicher Garten, in wel⸗ chem vierundzwanzig Burſche auf einem Sandhuͤgel, der eine Straße vorſtellen ſoll, traͤge ins Glied treten, ſobald Se. Majeſtaͤt in einer vergoldeten Kaleſche und einem ſonderbaren, phantaſtiſchen Anzuge voruͤberfahren, was in der Regel, ſofern die Revolutionen es geſtatten, um fuͤnf Uhr zu geſchehen pflegt. Die vergoldete Ka⸗ leſche verſchwindet hinter den Sandhuͤgeln, die zwei Dutzend Soldaten, welche präſentirt haben, ſchleichen in — 6 ihre Quartiere zuruck; die ruhige Huͤtte, der weiße, ge⸗ ſpenſtige und oͤde Palaſt liegt verlaſſen da, und wenn nicht von Zeit zu Zeit durch das Schreien der Eſel (denn in Athen laſſen dieſe langohrigen Minſtrels ihre Stimme haͤufiger und klangreicher, als irgendwo, ertönen) die Stille unterbrochen wuͤrde, ſo laͤge Alles rund um den Palaſt des Baſileus in tiefem Stillſchweigen. Wie konnte nur irgend Jemand, der Leopold kannte, ſich ein⸗ bilden, daß er ſo eine gute, kindliche Seele ſein wuͤrde, um ſich mit ſolch einem Geſchoͤpfe zu befaſſen? Nur bei einem „Gobemouche“ vom Baiernlande war es mog⸗ lich, ihn dahin zu bringen, daß er es adoptirte. Man moͤge ja nicht glauben, daß die Wirthshaus⸗ rechnung und die Wanzen ſchuld daran ſind, wenn der Schreiber dieſes mit ſolcher Geringſchaͤtzung von der Reſidenz des Baſileus ſchreibt. Dieſe Uebel ſind jetzt laͤngſt geheilt und vergeſſen. Ich habe dies fern von den traͤgen Sandbaänken und Erdhuͤgeln geſchrieben, welche ſie Troat heißen. Es iſt nur ſtrenge Gerechtig⸗ keit, welche dieſes peinliche Urtheil ausſpricht. Es war eine Farce, dieſen Platz zu einer königlichen Reſi⸗ denz zu machen, und ich bin keinen Augenblick im Zwei⸗ fel, daß König Otto an dem naͤmlichen Tage, an wel⸗ chem er ſich unbemerkt entfernen und zugleich das Rei⸗ ſegeld auftreiben konnte, auf und davon gehen wuͤrde, wieder heim, in ſein altes Deutſchland, Vaterland, Baierland! ————————. — In England habe ich nicht eine einzige Stadt ge⸗ ſehen, welche man mit dieſer vergleichen konnte; denn wenn auch Herne Bay jetzt eine Ruine iſt, ſo iſt doch in fruͤherer Zeit Geld darauf verwendet, und es ſind Haͤuſer dort gebaut worden; hier iſt, abgeſehen von ei⸗ nigen zwanzig comfortabel eingerichteten Wohnungen, die ganze Stadt um nicht viel beſſer, als eine verkruͤp⸗ pelte Anhaufung groͤßerer und kleinerer Huͤtten, welche hie und da mit abgeſchmackten, zerſprungenen Verzie⸗ rungen, den Verſuchen einer wohlfeilen Eleganz, her⸗ ausgeputzt ſind. Die Eleganz der Armuth war Net⸗ tigkeit. Allein dies Volk verachtete ſolch einen freund⸗ lichen Schmuck. Ich befinde mich im Beſitze einer Mappe, voll von Stadtvierteln, Waſſerkuͤnſten, Thea⸗ tern, oͤffentlichen Gaͤrten und Otto-Plaͤtzen — aber ſie ſind alle nur auf dem Papiere vorhanden; die arme, ver⸗ fallene, hoͤlzerne Stadt beſitzt von dem Allen nichts. Ich muß wieder auf meinen vorhin ſchon gebrauch⸗ ten fatalen Vergleich mit Irland zuruͤckkommen. Athen mag ohngefaͤhr ein eben ſo wohlhabender Platz ſein, als Carlow oder Killarney; Haufen traͤger Menſchen ſchwaͤr⸗ men auf den Straßen herum; unzaͤhlige kleine Gaͤß⸗ chen ſind mit ſchmutzigen Kindern bedeckt, welche mit ihren großen, dicken Augen und gelben Geſichtern in den wunderlichſten Kappen und Muͤtzen herumlaufen, und uͤberall, wo es nur geht, im Schmutze ſpielen. Was uͤbrigens das Aeußere anbelangt, ſo ſtehen die Griechen 3 — weit uͤber den Irlaͤndern. Die meiſten von ihnen ſind gar anſtaͤndig geputzt (denn ſoll ich einen Rock, zu dem fuͤnfundzwanzig Ellen Zeug verwendet ſind, nicht einen anſtaͤndigen Putz nennen²) und ſchlendern, mit gewalti⸗ gen Dolchen in ihren Guͤrteln, herum. Faſt alle Maͤn⸗ ner ſind ſchoͤn und leben, wie man ſagt, ſehr knapp, um ſich in der angegebenen Weiſe herausputzen konnen. Dagegen habe ich nur zwei oder drei ſchoͤne Frauen geſehen (aber auch bei dieſen mußte man noch wegen eines, dem ganzen Volksſchlage eigenthuͤmlichen, Fehlers rabattiren), ich meine den bleichen, ſchwammigen, groben Teint; es iſt nicht rathſam, ihn in allzugroßer Nähe zu betrachten. Und hierin moͤgen wir Englaͤnder (mit dem wir meine ich die liebenswuͤrdigen Damen, denen dieſer Abſchnitt unter dem ehrerbietigſten Empfehlen gewidmet iſt) uns eines Vorzugs von dem erſten claſſiſchen Lande der Welt ruͤhmen. Ich kann auf eine Schoͤnheit kei⸗ nen Werth legen, die nur aus einer gewiſſen Entfer⸗ nung betrachtet ſein will, wie im Theater. Waos iſt die herrlichſte Naſe auf der Welt, wenn die ſie uͤber⸗ kleidende Haut von einem Gewebe und von einer Farbe, wie grobes, graubraunes Papier iſt, und wenn die Na⸗ tur ſie ſo ſchlupfrig und glaͤnzend geſtaltet hat, als ob ſie einpomadiſirt waͤre? Man mag von Schoͤnheit ſprechen, aber wer wird eine Blume tragen wollen, die in Fett getaucht worden? Nein, gebt mir eine friſche, bethaute, — 89 — geſunde Roſe von Sommerſetſhire, keine von den ſtolzen, praͤchtigen, ungeſunden, exotiſchen Pflanzen, welche zu nichts gut ſind, als Gedichte auf ſie zu machen. Lord Byron hat mehr kauderwaͤlſche Dinge dieſer Art ge⸗ ſchrieben, als irgend ein anderer Dichter, von dem ich wuͤßte. Man denke nur an die rheiniſchen „Bauer⸗ maͤdchen mit den dunkelbraunen Augen“ — dieſe braunen, plattnaſigen, ſchmutzigen Dirnen; man denke nur an das: „Fuͤllt bis zum Rand das Glas mit Sa⸗ miſchem Wein!“ — das duͤnſte Bier iſt Nectar im Vergleiche zu ihm, und Byron ſelbſt trank allzeit Wach⸗ holderbranntwein. Dieſer Mann ſchrieb niemals treu vom Herzen. Er verſetzte ſich in Begeiſterung und Enthuſiasmus, mit einem Auge auf das Publikum, doch dieſes iſt ein gefaͤhrlicher Bodenz es iſt dies faſt noch gefaͤhrlicher, als wenn man dem beruͤhmten Athen ſcharf ins Auge ſieht, und dann ſagt, daß Einem die Augen von ſeiner Schoͤnheit nicht geblendet ſind. Das große Publikum bewundert Grigchenland und Byron; das Publikum weiß beſſeren Beſcheid. In Murray's Reiſehandbuch iſt der Letztere „unſer eingeborner Barde“ genannt. Mon Dicu! Er Shakſpeare's, Miltons, Keats', Scotts eingeborner Barde! Gut! Wehe dem Manne, der die Götter des Tages verleugnet! Soviel iſt wahr, Athen iſt eine Täuſchung; und es thut mir leid, daß es ſo ſein ſollte. Einem unter⸗ richteten Alterthumskenner oder einem enthuſiaſtiſchen — Philologen mag der Anblick dieſes Platzes natuͤrlich hoͤchſt mannigfaltige Gefuͤhle erwecken; allein wer in ſolcher Weiſe begeiſtert werden ſoll, der muß durch eine ſehr umfaſſende Lectuͤre dazu vorbereitet und außerdem von ganz beſonderer Gemuͤthsbeſchaffenheit ſein; aber das Eine, wie das Andere wird, wie ich furchte, in un⸗ ſerm geſchaͤftigen, kaufmaͤnniſchen und zeitungsleſenden Vaterlande nicht allzuhaͤufig vorkommen. Viele Leute bruͤſten ſich mit einem Enthuſiasmus fur roͤmiſche und griechiſche Schriftſteller und Ge⸗ ſchichtſchreiber, weil ſie dies fuͤr etwas Reſpektables und ſie Auszeichnendes halten. Wir kennen manche Herren in Baker⸗Street, die die Klaſſiker ſchon eingebunden in ihren Bibliotheken ſtehen haben, und wir wiſſen, wie ſie dieſelben benutzen. Natuͤrlich leiſten ſie auf das Zeitungsleſen nicht Verzicht; ſie ſchlagen einmal eine Lieblingsode im Pindar auf, oder ſie gehen eine obſcure Stelle im Athenaͤus durch; das iſt das Ganze. Na⸗ tuͤrlich muͤſſen Staatsmaͤnner und Parlamentsmitglie⸗ der allzeit Cicero und Demoſthenes ſtudiren; wir wiſſen das von ihrer conſtanten Gewohnheit, lateiniſche matik im Parlament zu treiben. Aber — man iſt allſeitig daruͤber einverſtanden, daß die Klaſſiker reſpoktabel ſeien, und deshalb muͤſſen wir uns fuͤr ſie enthuſiasmiren. Und ebenſo muͤſſen wir es zulaſſen, daß man Byron fuͤr unſern eingebor⸗ nen Barden erklaͤrt. Ich bin nicht ſo durch und durch — ein Heide, daß ich fuͤr die Schoͤnheit jener Reliquien griechiſcher Kunſt, von denen gelehrtere und begeiſtertere Maͤnner ganze Stoͤße von Beſchreibungen geliefert haben, unempfindlich ſein ſollte. Ich weiß die erhabene Schoͤnheit der wunderbaren Saͤulen des Jupitertempels zu wuͤrdigen, und bewundere die bezaubernde Anmuth, Wuͤrde, Eleganz und Vollendung des Parthenon. Der kleine Tempel der Victoria, mit ſeinen kannelirten, ko⸗ rinthiſchen Saͤulen, glaͤnzte im Sonnenſchein noch mit derſelben Friſche, mit der er ſich den Blicken ſeines Er⸗ bauers dargeſtellt haben muß. Ich ſah nichts ſo Rei⸗ zendes und Bezauberndes, nichts ſo Liebliches und Feſt⸗ liches, nichts ſo Ariſtokratiſches, als dieſes koſtbare, kleine Gebaͤude. Die Truͤmmer roͤmiſcher Werke, welche man in den Staͤdten unter ihnen findet, ſehen neben dieſen vollendeten Structuren wie die Werke von Bar⸗ baren aus. Sie ſind dem Auge auf eine ganz beſon⸗ dere Weiſe auffaͤllig, nachdem es ſich, wie von ſelbſt, an Harmonie und vollkommene Verhaͤltniſſe gewoͤhnt hatte. Wenn, wie die Schullehrer uns ſagen, die griechiſche Sprache ſo vollendet iſt, wie die griechiſche Kunſt, wenn eine Ode von Pindar ſo fließend und rein in allen ihren Verhaͤltniſſen iſt, wie der Tempel der Victoria, wenn ein Geſpraͤch von Plato ſo ruhig und geglaͤttet verſchwebt, wie jener myſtiſche Saͤulengang des Erichtheum: welche Gefuͤhlsgenuͤſſe, welche Wonne und Phantaſie haben — 92 — die verloren, denen grichiſche Buͤcher ſo gut wie ver⸗ ſiegelt ſind! Und doch trifft man recht ſchwerfaͤllige Erſte⸗ Knſſen⸗ Leute. Genie laͤßt ſich nicht aus einem Gehirn in das andere uͤberpflanzen, oder es verdirbt unterwegs, wie fei⸗ ner Burgunder. Sir Robert Prel und Sir John Hobhouſe haben Beide eine gute, gelehrte Bildung; aber ihre Poeſie im Parlamente gilt nicht als beſonders ſchoͤn. Muzzle, der Schulmeiſter, der arme, zitternde Kinder mißhandelt, war ein feiner, junger Gelehrter, als er noch auf Staatskoſten zu Cambridge ſtudirte; ſpaͤter wurde er ein Wuͤtherich, und iſt's geblieben. Welcher große Dichter, ſeit Miltons Tagen, hat die natuͤrlichen Sproſſen ſeines Gehirns dadurch verbeſſert, daß er ſie vom athenienſiſchen Baume propfte? Ich hatte ein Baͤndchen von Tennyſon in der Taſche, was die Frage gewiſſermaaßen zur Entſcheidung brachte, und ſo wurde denn der arge Streit zwiſchen mir und meinem Gewiſſen, welches mir unter der Ge⸗ ſtalt der vernachlaͤſſigten und zornigen griechiſchen Muſe entgegentrat, nachdem er von dem Augenblicke an, wo ich in Athen meine Ausfluͤge begonnen, unausgeſetzt fortgedauert hatte, endlich zu einem Abſchluſſe gebracht. Die alte Dame bemerkte, daß ich bei dem Gedanken an den Verfaſſer von „Dora“ und „Ulyſſes“ Ruͤckfaͤlle be⸗ kam, und, um ihren Vortheil zu erſehen, ſpielte ſie als⸗ bald wieder auf die verlorene Zeit an, und auf die ver⸗ — abſaͤumte, herrliche Gelegenheit, und ſagte: „Sie haͤtten vielleicht ein Gedicht geſchrieben, wie dieſes hier, oder nein, nicht wie dieſes hier, Sie haͤtten vielleicht ein zier⸗ liches Preisgedicht verfertigt, und Mama und Papa entzuͤckt. Vielleicht haͤtten Sie Hans und Julchen in griechiſche Jamben uͤberſetzt, und waͤren der Stolz Ih⸗ res Collegiums geworden.“ Ich wendete mich trotzig von ihr ab und ſagte: „Madam, wenn ein Adler im Gebirge horſtet, und zu der Sonne emporſtrebt, zuͤrnen Sie deshalb nicht dem Sperlinge, der am Dachſtuben⸗ fenſter niſtet oder auf dem Zweige zwitſchert. Ueber⸗ laſſen Sie mich mir ſelbſt; ſehen Sie mich an, an meinem Schnabel iſt durchaus nichts Adlernaͤſiges zu bemerken.“ Sie aber, mein theurer Freund, der Sie verwun⸗ dert die letzten Blaͤtter geleſen haben, und der Sie, an⸗ ſtatt eine Beſchreibung von Athen zu erhalten, mit den Klagen des Verfaſſers uͤber ſeine Faulheit in der Schule und ſeine Unkenntniß des Griechiſchen heimgeſucht wor⸗ den ſind, entſchuldigen Sie dieſen augenblicklichen Aus⸗ bruch einer egoiſtiſchen Verzweiflung. Um der Wahr⸗ heit die Ehre zu geben, theurer Jones, wenn man un⸗ ter den Horſten der Adler herumwandelt und die wun⸗ dervollen Eier ſieht, die ſie gelegt haben, da muß Einey, wenn man zu dem kleinern Vogelgeſchlechte gehort, ein gewiſſer Mißmuth befallen. Ihnen und mir, und das eben war's, was uns quälte, blieb doch noch ein Theil — 94 — von der Schoͤnheit des Parthenons, und waͤre es ber kleinſte Theil geweſen, die Schoͤnheit einer einzelnen Saͤule etwa, oder eines Schaftfragments, welches unter dem blauen Himmel in dieſer einzigen Landſchaft vor uns da lag, verſchloſſen und verborgen. — Was die Landſchaft anlangt, ſo wag es großartigere Naturſchau⸗ ſpiele geben, aber kein lieblicheres. Die Berge erheben ſich in vollendeter Harmonie, und fallen in koͤſtlichen Cadenzen; die See erſcheint glaͤnzender, die Inſeln er⸗ ſcheinen purpurner, und die Wolken lichter und roſiger, als irgendwo. Blickt man vom offenen Dache aus uͤber ſich, ſo wird man von der klaren Tiefe des Blau's droben faſt erdruͤckt. Betrachtet man dieſes Stuͤck Marmor, wie weich und rein iſt es, glaͤnzend und weiß, wie friſchgefallener Schnee. „Ich war durch und durch lieblich,“ ſcheint es zu ſagen; „auch meine verſteckten Theile waren fleckenlos, köſtlich und ſchoͤnz“ und wenn ich ſo uͤber die wundervollen Scenen nachdenke, viel⸗ leicht kommt ein Schimmer oder eine Idee von jenem alten griechiſchen Geiſte uͤber mich, welcher das ſchoͤne Land mit hohen Helden- und Goͤttergeſchlechtern*) be⸗ ²) Der Apoſtel Paulus ſprach, als er vom Arecopagus redete, und den Aberglauben tadelte, doch zum Volke vor ihm mit großer Schonung von dem, was demſelben heilig war. Er citirte die Dichter der Griechen, um ihre Gedanken auf den unbekannten Gott zu fuͤhren, den ſie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, angebetet, und ſagte, daß der Gott während den — 95 — voͤlkerte, und den ich nimmer aus einem griechiſchen Buche herauslernen konnte, nein — und haͤtte mir es Muzzle an den Kopf geworfen. Zeiten der unkenntniß nachſichtig geweſen, daß es aber nun⸗ mehr an der Zeit ſei, Reue zu tragen. Wahrlich, es kann keinen feineren Tadel geben, als dieſen, wie er uns von dem wackern Apoſtel berichtet wird. —ES— VI. Smyrna. Die erſten Schimmer aus dem Orient. Erſter Eindruck. — Der Bazar. — Eine Baſtonnade. — Frauen. — Die Karavanenbruͤcke. — Smyrna. — Der Guitarreſpieler. Es war mir lieb, daß ich den tuͤrkiſchen Theil von Athen ganz ausgeſtorben fand. So wurde mir das Vergnuͤgen, welches der Eintritt in eine orientaliſche Stadt gewaͤhrt, nicht durch ein zerſtuͤckeltes und unvoll⸗ ſtandiges Bild derſelben vereitelt. Smyrna erſcheint mir als die am meiſten orientaliſche Stadt unter allen, die ich geſehen, ſo gewiß, als Calais dem Engländer als die zumeiſt franzoſiſche Stadt in der Welt erſcheint. Die Courierſtiefeln des Poſtillons koͤnnen nirgends anders ſo gewaltig groß, und die netten Struͤmpfe der Dienſt⸗ mädchen nirgends anders ſo echt franzoſiſch ſein, als hier. Die Kirchen und die Waͤlle und die Soldaten — darauf bleiben unſerm Gedaͤchtniſſe fuͤr immer einge⸗ praͤgt, während groͤßere Eindrucke, groͤßere Tempel und Bauwerke und ganze Armeen daraus verſchwinden: die erſten Worte, die man in wirklichem Franzoͤſiſch gehoͤrt, das erſte Mittagsmahl in Quillach's Hotel ſind uns nach zwanzig Jahren noch ſo klar erinnerlich, wie am erſten Tage; lieber Jones, iſt Ihnen der ausgeſuchte Geſchmack des weißen Hermitage und der zahnloſe, alte Burſche, der ſein „Largo al factotumé“ ſang, nicht mehr gegenwaͤrtig? Mit dem erſten Tage im Oriente iſt es ebenſo. Alles Spaͤtere iſt von niederer Bedeutung, denn nun iſt das Wunder dahin, ſammt den Schwingungen jenes entzuͤckenden Impulſes, der ſo ſelten die Nerven gewohn⸗ licher Weltmaͤnner durchbebt, wie ſehr ſie auch darnach haſchen moͤgen. Einer von ſolchem Schlage ſah von unſerm Dampfſchiffe aus nach Smyrna hin und gaͤhnte dabei, ohne die mindeſte Erregung, und ließ auch nicht die leichteſte Bewegung verſpuͤren, als Boote, mit leibhaftigen Tuͤrken an Bord, an das Schiff heran⸗ kamen. Da lag die Stadt mit ihren Minarets und Cypreſſen, mit ihren Kuppeln und Schlöſſern; große Geſchuͤtze wurden abgefeuert, und die blutrothe Sultans⸗ flagge flatterte vom Fort ſeit Sonnenaufgang; Waͤlder und Gebirge zogen ſich herab bis an den Rand des Golfs, und wenn man mit dem Fernrohr hinſah, da tauchten aus dem Geſammtbilde zwanzig liebliche Mi⸗ Aufzeichnungen. 1. — — niaturbildchen des vrientaliſchen Lebens hervor; hier Landhaͤuſer mit ſeltſamen Däͤchern; dort ſtille, kuhle Kiosks, zu welchen der Oberaufſeher der Beſchnittenen die Damen des Harems geleitet; ich ſah Haſſan, den Fiſcher, ſein Netz werfen, und Ali Baba, mit ſeinem Eſel, in den großen Wald nach Holz gehen. Smith betrachtete alle dieſe Wunder ganz gleichgiltig, und ich erſtaunte uͤber dieſe Apathie; allein er hatte Smyrna ſchon fruͤher einmal geſehen. Ein Wunder ſieht man nur einmal, und ſo ſehr man ſich zum zweiten Male darnach ſehnt, es kommt nicht wieder. Ich ſah das nachſte Mal, als wir nach Smyrna kamen, nichts von Ali Baba und Haſſan, und hegte ſogar, indem ich des ſchlechten Gaſthofs gedachte, einige Beſorgniſſe vor dem Landen. Wer ſich einen recht lebhaften Begriff von Frankreich oder dem Oriente machen wollte, der ſollte in einer Yacht nach Calais oder Smyrna fahren, auf zwei Stunden landen, und dann nie wieder dahin zu⸗ ruckkehren. Aber dieſe zwei Stunden ſind uber alle Vorſtel⸗ lung ſchoͤn. Manchem von uns war zu jener Zeit die Reue angekommen, und wir fragten uns, ob es wohl⸗ gethan geweſen, die Reiſe zu unternehmen. Liſſabon, das mußten wir geſtehen, war eine Taͤuſchung; Athen eine große Tauſchung; Malta zwar ſehr ſchoͤn, aber der Strapatzen und der Seekrankheit doch nicht werth. In der That, Baden⸗Baden oder Devonſhire waͤren eine beſſere Partie geweſen; — da kam Smyrna und brachte die ganze aufruͤhreriſche Sippſchaft zum Schwei⸗ gen. Vielleicht leſen Leute dieſe Zeilen, die ſich nach einer Gefuͤhlsaufregung ſehnen. Liebet ihr das Son⸗ derbare und Pittoreske, liebtet ihr in eurer Jugend die arabiſchen Naͤchte, nun, dann moͤgt ihr euch an Bord eines Schiffes fuͤr die Halbinſeln und den Orient bege⸗ ben und einen Flug nach Conſtantinopel oder Smyrna verſuchen. Geht auf den Bazar, und der Orient liegt offen vor euch da. Wie oft und immer wieder haben wir uns, wenn wir an einem Sommerfeiertage in der Schule herumlagen, eine lebendige Vorſtellung von ihm zu machen geſucht. Es iſt wunderbar, wie ſehr die Wirklichkeit dieſer Vorſtellung gleicht; ihr bildet euch ein, ihr ſeid ſchon einmal da geweſen; es kommt euch Alles ſo bekannt vor. Die Schoͤnheit dieſer vorhin erwaͤhnten Dichtung beſteht, nach meinem Urtheile, darin, daß ſie nicht zu ſchoͤn iſt; man wird nicht durch Sublimitäten ermuͤdet. Shacabak und der „kleine Barbier“ ſpielen eine eben ſo große Rolle darin, wie die Heroen; die Eindruͤcke des Schreckens ſind nicht unheimlichz wir koͤnnen uns im⸗ merhin mit dem großen „Afreet“ befreunden, wenn er auch hingeht, um die Fremden hinzurichten, die ſeinen Sohn mit einem Dattelkerne getoͤdtet hatten; und wenn Morgiane die vierzig Raͤuber durch ſiedendes Oel tödtet, ſo denkt man nicht daran, daß ſie ihnen dabei wehe — 100 — thut. Obſchon endlich Schahnier es in der Gewohn⸗ heit hat, ſeinen Weibern die Koͤpfe abzuſchneiden, ſo bildet man ſich doch immer dabei ein, daß ſie ſie in irgend einem Hinterzimmer des Palaſtes wieder bekom⸗ men haben, und daß ſie dort tanzen und auf dem Hackebrette ſpielen. Was hat das Alles fuͤr einen friſchen, leichten, gutherzigen Anſtrich! Wie ergötzlich ſind die Begriffe, die ſich das komiſche, orientaliſche Volk von mir macht, wenn ſie den Hoͤhepunkt alles Wiſſens in die Auflöſung eines Räthſels ſetzen, und wenn alle die Mathematiker und Magiker ihre großen Baͤrte fuͤr einen Schwank zu Markte tragen. Wenn ich auf dem Bazar in dieſe Geſellſchaft hineintrat, ſo kam es mir vor, als waͤren es lauter alte Bekannte. Da ſaßen die Kaufleute in ihren kleinen Gewölben, ſchweigſam und feierlich, aber mit freundli⸗ chen Blicken. Man ſah keinen Rauch; es war der Ramazan; man ſah ſie nicht eſſen, und das Fleiſch und die Fiſche in den großen Toͤpfen in den Garkuͤchen wa⸗ ren blos fuͤr die Chriſten beſtimmt. An Kindern war ueberfluß vorhanden; das Geſetz iſt nicht ſo ſtreng gegen ſie, und mancher hauſirende Händler ſchlug fuͤr ſie (ohne Zweifel im Namen des Propheten) ſeine Feigen los, und drängte ſich mit ſeinen Koͤrben von Weintrau⸗ ben und Gurken durch die Menge. Hier gingen Land⸗ leute voruͤber, bis an die Zaͤhne bewaffnet, jeder mit einem wahren Ueberfluſſe von Piſtolen und Dolchen in — — ſeinem Guͤrtel, grimmig blickende, aber durchaus nicht gefaͤhrliche Leute. Wilde, ſchwarzbraune Araber, die mit Caravanen gekommen waren, gingen feierlich auf und ab, nach Anſehn und Haltung von den glatten Städtern durch und durch verſchieden. Griechen und Juden kauerten in den Ecken und rauchten, indeß Knaben mit bleichen Geſichtern und großen Augen ihre Gewoͤlbe verſorgten und uns anlaͤchelten und zum Kaufe einluden; Neger, in grelle Farben gekleidet, liefen geſchaͤftig hin und her, und Frauen, mit ſchwarzen Halsmasken und gelben Schlepp⸗ pantoffeln, ſchwatzten und handelten an den Thuͤren der kleinen Gewoͤlbe. Da gab es ein Seilerviertel und ein Zuckerbaͤckerviertel, einen Pfeifenmarkt, einen Waffen⸗ markt, ein Schuhmacherviertel, eine Reihe Gewoͤlbe, in denen fertige Jacken und Pelerinen hingen, und einen Platz, wo unter zerlumpten Verdecken ganze Schneiderregimenter in Thaͤtigkeit waren. Die Sonne ſcheint durch dieſe Matten- oder Leinwandverdecke, die uͤber die engen Reihen des Bazars geſperrt ſind, hin⸗ durch und ſchmuͤckte ſo die letzteren mit ſtets wechſelnden Streiflichern und Schatten. Cogia Haſſan Alhappats Gewoͤlbe ſchwimmt in einem Lichtmeere, waͤhrend ſein Nachbar, der Barbier und Kaffeeſchaͤnke, ſeine Taſſen und Schaalen, ſeine Polſter und Pfeifen, ſeine wunder⸗ lichen Toͤpfe und ſeine Becken im Schatten ſtehen hat. Die Schuhflicker ſind immer gutmuͤthige Menſchen; dahier ſitzt einer, ich wette, der iſt mir ſchon in meinen Traͤumen offenbart worden, in einem alten, ſchmutzigen, gruͤnen Turban, mit einem freundlichen Geſicht, wie ein zuſammengeſchrumpfter Apfel, mit den kleinen, grauen Augen zwinkernd, als wollte er dem Nachbar druͤben ein Geheimniß anvertrauen, und unter dem alten, grauen Barte ſo vergnuͤglich hervorlaͤchelnd, daß man ſich eine Guͤte daran thut. Die Unterhaltung, die er jetzt mit dem Gurkenmann beginnt, koͤnnen wir ſo gut errathen, als der Sultan die Sprache der Voͤgel auszulegen ver⸗ ſtand. Sind etwa ein paar von dieſen Gurken mit Perlen ausgeſtopft, und der Armenier mit dem ſchwar⸗ zen, viereckigen Turban, der dort an der Fontaine ſteht, an welcher die Kinder ſpielen — an der glaͤnzenden, bald im Licht, bald im Schatten prangenden, und mit ſinnigen Arabesken und Sentenzen aus dem Koran ver⸗ zierten Marmorfontaine — iſt es der verkleidete Harun Alraſchid? Aber die allergroͤßte Senſation macht es, wenn die Kameele kommen. Ganze Zuͤge leibhaftiger Ka⸗ meele, beſſer noch, als in der Proceſſion Blaubarts, mit ſanften, rollenden Augen und geſenkten Halſen, glitten von der einen Seite des Bazars hin nach der andern, auf und ab und traten dabei mit ihren großen Fuͤßen ſo behutſam auf. O, ihr Feentraͤume meiner Kindheit! O, ihr lieblichen Feiertagsphantaſien: hier ſeid ihr fuͤr eine halbe Stunde in die Wirklichkeit hineingetreten. — Der Genius, der uͤber der Kinderwelt wacht, leitete jetzt unſere Schritte und ließ uns ein gutes Werk ver⸗ richten. In einem offenen Raume ſaß ein Mann, der ſchoͤne, auf langen Streifen aufgetragene Spruͤche aus dem Koran rings um ſich her ausgelegt hatte; einige waren halb roth, halb blau; andere waren diagonal uͤber das Papier hinuͤbergeſchrieben, andere waren wie Schiffe, oder wie Drachen und andere myſterioͤſe Thiere geformt. Der Mann kauerte in der Mitte mit gefalteten Armen auf einer Matte, wackelte mit dem Kopfe hin und her und auf und nieder und ſang durch die Naſe einige auserwaͤhlte Stellen aus dem heiligen Werke ab. Aber aus dem Raume daruͤber drangen hellere Toͤne, von vielen, lauten Stimmen, zu uns, welche weit muſikali⸗ ſcher klangen, als die des Naſo in dem Matten⸗Boudoir, und da uns der Fuͤhrer ſagte, daß dort Schule gehalten wuͤrde, ſo ſtiegen wir die Treppe hinauf, um ſie in Augenſchein zu nehmen. Wahrhaftig, der Schulmeiſter war im Begriff, einem kleinen Mulattenjungen die Ba⸗ ſtonnade zu geben; ſeine Fuͤße waren in einen Riegel eingeſperrt, und der Unhold holte mit ſeinem Rohrſtocke weit aus; ſo wurden wir denn plotzlich Zeugen von dem Geſchrei des armen Knaben und der Verwirrung des Unholds, der ihm die Zuͤchtigung angedeihen laſſen wollte. Den anderen Kindern war es jedenfalls anbe⸗ fohlen worden, inzwiſchen laut zu ſingen, um das Ge⸗ 0 — ſchrei ihres jammernden, kleinen Kameraden zu erſticken; aber die Zuͤchtigung kam ſofort ins Stocken, als unſere Huͤte uber der Treppe hervorleuchteten; der Knabe wurde losgebunden und der Bambus wanderte in eine Ecke, der Schulmeiſter aber ſtand beſchaͤmt vor uns. All die kleinen Schulknaben in rothen Muͤtzen, und die kleinen Maͤdchen in buntfarbigen Tuͤchern wendeten ihre gro⸗ ßen, verwunderten, ſchwarzen Augen auf uns, und die Baſtonnade war, wie wir hoffen wollen, fuͤr dieſes Mal erlaſſen. Ich beneide manche Schulmeiſter nicht um ihr Loos in einer anderen Welt. Der arme, kleine, pausbaͤckige Muhamedaner dauert mich aber; er wird ſein Lebenlang nicht im Stande ſein, die arabiſchen Raͤchte im Original zu genießen. Von dieſer Scene wandten wir uns, halb und halb verſtimmt, ab, um einen Gaſthof aufzuſuchen, der uns empfohlen worden war, und dort ein Fruͤhſtuͤck von rothen Meerbarben, Weintrauben, Melonen, Granat⸗ ͤpfeln und Smyrnawein einzunehmen. Der Gaſthof war ſchmutzig und nicht comfortabel; aber von den Fen⸗ ſtern aus hatten wir einen köſtlichen Anblick auf den Golf und das geſchaͤftige Leben drin und auf die Her⸗ umſchlenderer und die Kaufleute an der Kuͤſte. Hier wurden an einer Schiffslaͤnde Kameele abgeladen, dort wurden Haufen von Melonen, großer als die Gibraltr⸗ Kugelpyramiden, auf einander gebaut. Es war Feigenernte, und wir kamen durch viele Alleen, welche — — zahlreich mit Feigenarbeitern beſetzt waren — meiſt Kindern und Weibern — die die Fruͤchte ſorgfaͤltig in trommelartige Schachteln packten, ſie aber zuvor in Salzwaſſer tauchten und zierlich mit Blaͤttern uͤberdeck⸗ ten. Waͤhrend die Feigen und die Blaͤtter trocknen, kriechen große, weiße Wuͤrmer aus ihnen heraus, und verbreiten ſich uͤber die Verdecke der Schiffe hin, auf denen ſie nach Europa und nach England verfuͤhrt wer⸗ den, wo kleine Kinder ſie mit Vergnuͤgen verzehren, — ich meine die Feigen, nicht die Wuͤrmer — und wo ſie noch jetzt bei Weingelagen auf den Univerſitäten ein altgebraͤuchliches Zubehoͤr bilden. Im friſchen Zuſtande ſind ſie in Smyrna nicht beſſer, als anderswo; aber die Melonen ſind von einer koͤſtlichen Blume, und ſo groß, daß fuͤr Cinderilla aus einer von dem groͤßten Umfange recht gut eine Kutſche gebaut werden koͤnnte, ohne daß man dabei den von der Natur ihn angewieſenen Pro⸗ portionen eine zu große Ausdehnung geben muͤßte. Unſer Fuͤhrer, ein vollendeter Schwindler, verlangte zwei Dollars als Eintrittspreis in eine Moſchee, welche ſpaͤter Andere von unſerer Geſellſchaft fuͤr einen halben Schilling zu ſehen bekamen. Wir erſparten uns die Muͤhe, das heilige Gebaͤude naͤher in Augenſchein zu nehmen. Wir hatten noch ſehr viel zu ſehen, voll⸗ kommen gleich pittoreske Schauſpiele, fuͤr welche kein Geld zu zahlen war, und zuviel in der That, um Alles in einem Tage zu beruͤhren. Ich weiß nicht, ob Je⸗ — 106 — mand, der den ganzen Tag lang, an einem Waarentiſche des Bazars ſeine Pfeife rauchend, das ſtaͤdtiſche Wo⸗ gen haͤtte an ſich voruberrauſchen laſſen, ſeine Zeit nicht beſſer angewendet haben wuͤrde, als der eifrigſte Curio⸗ ſitatenjager. Das freilich iſt gewiß, von Frauen wuͤrde er nichts geſehen haben. Die auf dem Bazar machten groͤßtentheils eine armſelige Figur, und man fuͤhlte ſich nicht zu dem Wunſche veranlaßt, die ſchwarzen Masken von ihrem Antlitz entfernt zu ſehen. Man konnte nicht mehr von ihnen ſehen, als wenn ſie in Polſter geſtopft geweſen wären, und ſelbſt die Fuͤße wurden in dieſe all⸗ gemeine, entſtellende Gleichfoͤrmigkeit durch die gelben Pantoffeln, die die Frauen der Rechtglaͤubigen tragen, mit hineingezogen. Aber in den griechiſchen und arme⸗ niſchen Stadtvierteln und unter den armen Chriſten⸗ frauen, welche die Feigen packten, konnte man Schoͤn⸗ heiten ſehen, und ein Mann von feuriger Gemuͤthsart mag taͤglich ſein Herz ein halb Dutzend Male in Smyrna verlieren. Hier ſahen wir ein allerliebſtes Maͤdchen mit ihrer Arbeit am Stickrahmen beſchaͤftigt, eine alte Duenna ſpinnend an ihrer Seite, waͤhrend un⸗ fern eine Ziege an das Gitter des Hausgaͤrtchens ge⸗ bunden war; dort kam eine Nymphe, mit dem Kruge auf dem Haupte, die Treppe herunter und blickte mit großen, ſanften Augen um ſich, ſo ſtattlich und praͤchtig, wie die Juno; hier ſahen wir eine ſeltſam geformte Wiege, den ſchreienden Saͤugling drin und die ſchoͤne, — 107 — freundliche Mutter daruͤber hingebeugt. Alle dieſe drei reizenden Schoͤnheiten enthielt eine einzige Straße des armeniſchen Viertels. Die Hausthuͤren ſtehen dort offen und die zur Familie gehorigen Frauen ſitzen unter den gewoͤlbten Hallen des Hofes. Von ganz vorzuͤg⸗ licher Schoͤnheit war ein Feigenmaͤdchen, mit einer prach⸗ tigen Fuͤlle tiefſchwarzen Haares, welches ſie um einen Kopf geſchlungen trug, deſſen Umriß der Zeichnung eines Raphael und deſſen Teint des Pinſels eines Titian wuͤrdig geweſen waͤre. Es iſt zu verwundern, daß ſie der Sultan nicht in Beſchlag genommen, oder daß perſiſche Kaufleute, die mit Seiden⸗ und Zuckerwaa⸗ ren kommen, ſie nicht fuͤr den Schah von Teheran weggefangen haben. Wir ſuchten die perſiſchen Kauf⸗ leute in ihrem Khan auf und kauften von einem dun⸗ kelbraunen, ſchwarzbaͤrtigen Manne, mit einer komiſchen Muͤtze von Schafwolle, einige Seidenſtoffe. Iſt es nicht ſchwer, zu glauben, daß Seidenzeuge, die man von einem Manne mit einer ſchafwollenen Muͤtze in einer Karavanſerie kauft, und die auf dem Ruͤcken von Kameelen dorthin gebracht worden, demungeachtet in Lyon gefertigt worden ſeien? Andere von unſerer Geſellſchaft kauften Teppiche, wegen deren die Stadt beruͤhmt iſt; und Einer mußte durchaus einen Vorrath aͤchter Smyrnaer Feigen mit⸗ nehmen, kaufte auch drei oder vier aͤchte Smyrnaer Schwaͤmme fuͤr ſeine Equipage; ſo groß war ſeine Leidenſchaft fuͤr aͤchte Waare. Es wundert mich, daß uns kein Maler orienta⸗ liſche Genrebilder geliefert hat; nicht Prozeſſionen, Groß⸗ ſultane oder prachtvolle Landſchaften, nein, treue Ge⸗ maͤlde des taͤglichen Lebens im Orient, ſo wie jede Straße ſie darbietet, ſollte man haben. Die Kameele, wie ſie auf den Marktplaͤtzen lagern oder zu Tauſenden im Kameelviertel liegen, nach ihrer Weiſe ſprudelnd und ſchnaufend, wenn ihnen die Sonne auf den Ruͤcken ſcheint, waͤhrend ihre Waͤrter und Treiber im Schatten hinter ihnen ruhen, bieten unerſchoͤpfliche Motive darz ganz beſonders aber gilt dies von der Karavanenbruͤcke, an welcher ein Maler den Stoff fuͤr ein Dutzend Ge⸗ maͤlde zugleich finden wuͤrde. Den roͤmiſchen Bogen, welcher ſich uͤber den Fluß Meles hinlegt, muͤſſen alle Karavanen bei ihrem Eintritte in die Stadt paſſiren. Wir ſetzten uns unweit der Bruͤcke nieder und ſtellttn Betrachtungen an. Auf der einen Seite befand ſich eine große Platanenallee; auf dein anderen Ufer ſahen wir einen tiefen Wald von maͤchtigen Cypreſſen, in deſſen Mitte unzaͤhlige graue Grabmaͤler emporſtie⸗ gen, jedes mit dem Turban des darunter rubenden Rechtglaͤubigen bedeckt. Jenſeits des Stromes war der Anblick nicht ſo duͤſter. Man ſah unter den Platanen ein kleines Kaffeehaus, dem ein uͤber und uͤber mit Wein belaubtes Gitterwerk Schatten gab, und welches — mit vielen Reihen glaͤnzender Toͤpfe und Waſſerpfeifen, welche jetzt in der Mittagsſtunde und waͤhrend das Ra⸗ mazan nicht gebraucht wurden, herausgeputzt war. Nahe bei dem Faffeehauſe war ein Garten mit einer ſpru⸗ delnden Marmorfontaine; hoch uͤber dem Fluſſe ein altes Luſthaus, zu welchem Liebhaber emporſteigen moͤgen, um den Fluß zu uͤberſehen, und rund um die Platanen herum eine Menge Stuhle fur die, welche Luſt hatten, ſich niederzulaſſen und dicken, ſuͤßen Kaffee, oder kuhle, aus friſchen, gruͤnen Citronen bereitete Limonade zu trinken. Der Herr des Hauſes, in lichtblauem Ueber⸗ wurf und weißem Turban, ſtreckte ſich unter dem Gar⸗ tenhausdache, und der Sklave, mit einer carmoiſin⸗ſtrei⸗ Sfigen Jacke, ſonſt aber weiß gekleidet, und einem Ge⸗ ſichte, ſo ſchwarz wie Ebenholz, brachte uns noch einmal Pfeifen mit Limonade und kehrte dann zu ſeinem Platze am Kaffeehauſe zuruͤck, wo er zu dem Geklimper auf einer langen Cither mit Drathſaiten aus ſeiner Platt⸗ naſe hervor zu ſingen begann. Das Inſtrument war nicht breiter, als ein Suppenloͤffel, mit einem langen, geraden Angriff; allein dem Kuͤnſtler machte ſein Spiel großes Vergnugen, denn die Augen rollten ihm ſo glaͤn⸗ zend und er wackelte mit dem Kopfe und ſein laͤcheln⸗ des Antlitz zeigte von einer ſolchen Stärke unſchuldigen, innerlichen Vergnuͤgens, daß man ſeine Freude daruber hatte. Auch fehlte es ihm nicht an einem Genoſſen ſeines Entzuͤckens; ein ſcharlachroth gekleideter und uͤber und uͤber mit Dolchen und Piſtolen bedeckter Tuͤrke ſaß dort auf ſeinem Stuhle, nach vorn gelehnt, wiegte ſich heruͤber und hinuber und zeigte ein eben ſo heiter lachen⸗ des Antlitz, als der ſchwarze Saͤnger. Das ſind nun freilich alles ſehr gewoͤhnliche Reiſe⸗ begegniſſe. Aber wo nun das Dampfboot die Kuͤſte be⸗ ruͤhrt, da zieht ſich das Abenteuerliche in das Innere zuruͤck, und das Romantiſche verſchwindet. Es kann den Anblick der Alltagswelt nicht ertragen, oder viel⸗ mehr, das helle Tageslicht löſcht es aus; es behält ſei⸗ nen beſonderen Schimmer nur im Dunkeln. Man hoͤrt nichts mehr davon, daß die Giaurs verflucht und beleidigt werden. Wenn ein Londoner Stadtkind in irgend beſonderer Weiſe laͤcherlich ausſieht oder ſich la cherlich benimmt, ſtellen ſich die kleinen Tuͤrken hin und lachen ihn aus. Ein Londoner iſt nicht mehr ein Spuk⸗ napf fur treue Rechtglaͤubige; und jetzt, wo der dunkle Haſſan in ſeinem Divan ſitzt und Champagner trinkt, und Selim eine franzoͤſiſche Uhr traͤgt, und Zuleika viel⸗ leicht Morriſons Pillen einnimmt, wird der Byronism, anſtatt erhaben, abſurd, und ſtellt ſich nun als der Ausdruck eines ſich wundernden Londoner Stadtkindes dar. Sie pruͤgeln wohl noch gelegentlich einen Men⸗ ſchen fuͤr das Betreten einer Moſcheez doch iſt dies bei⸗ nahe das einzſz Zeichen wilder Sitte, welches ſich un⸗ ter den Tuͤrken an der Kuͤſte des mittellaͤndiſchen Mee⸗ res verhalten hat, und Fremde koͤnnen ohne Beläͤſtigung — in zwanzig Moſcheen gehen. Das Schaufelrad iſt der große Eroberer. Wo immer der Kapitain Poſto faſſen laͤßt, da faßt auch die Civiliſation Poſto. Sie landet mit dem Schiffsboote und unterhaͤlt eine unausgeſetzt fortdauernde Bekanntſchaft mit den Wilden an der Kuͤſte. Vergebens ſind große Schaaren von Kreuzfah⸗ rern hieher gekommen, vergebens haben ſie den Tod ausgeſäet und geerntet. Aber es war eine Metallver⸗ ſchwendung, europaͤiſches Eiſen in Piken und Helme zu verwandeln; in der Geſtalt von Kurbeln, Staͤmpeln und Schuͤrſtaͤben iſt es unwiderſtehlich. Die Wahrheit, daß die Induſtrie weit ſtaͤrker iſt, als das Kriegshand⸗ werk, muͤßte ſich recht wohl in einer Allegorie behandeln laſſen, und das Schlußgemaͤlde derſelben wuͤrde Muha⸗ meds Halbmond zeigen, wie er in Fultons Dampfkeſſel verſinkt. Das war die Moral von den Ereigniſſen und Anſchauungen des Tages. Am Nachmittage bega⸗ ben wir uns auf das Dampfboot zuruͤck; ein friſcher Wind hatte ſich erhoben, und ſetzte jedes Fahrzeug im Golfe, das uͤber ſeine blauen Fluthen tanzte, in Bewe⸗ gung. Wir ſtanden ſo unter dem Gewichte einer dop⸗ delten Kraft, und der Kapitain gab Befehl, die Maſchi⸗ nen nur halb wirken zu laſſen, ſo daß ein franzoͤſiſches Dampfboot, welches Smyrna zu derſelben Zeit verließ, ſich einbilden mochte, gegen uns aufzukommen, und den unwiderſtehlichen Tajo auszuſtechen. Eitle Hoffnung! Eben als der Franzoſe ſich uns naͤherte, fing der Tajo — — 112 — an, wie ein Pfeil dahinzuſchießen, und der uͤberwundene Franzoſe blieb zuruͤck. Ob uns nun gleich all dieſer Spaß ſehr ergötzte, ſo ſchien ſich doch ein franzoͤſiſcher Herr, der ſich an Bord befand, wenig darum zu kuͤm⸗ mern; er hatte in Smyrna Nachrichten erhalten, welche ihm die Neuigkeit von dem Siege des Marſchalls Bugeaud bei Jöly brachten, und hatte dieſen Sieg zu Lande unſerm harmloſen Seetriumphe entgegenzuſetzen. Dieſe Nacht ſchifften wir um die Inſel Mitylene; den nächſten Tag war uns die trojaniſche Kuͤſte in Sicht, und das Grab des Achilles, ein duͤſter ausſehen⸗ der Erdhuͤgel, der ſich uͤber einer traurigen, duͤrren und unftuchtbaren Kuͤſte erhebt. Die letztere iſt nicht ſo lebendig und nicht maleriſcher, als die Gegend um die Schelde⸗ oder Themſemuͤndung. Dann kamen wir bei Tenedos, und bei den Feſtungswerken um die Stadt, an der Muͤndung der Dardanellen voruͤber. Das Wetter war nicht zu warm, und das Waſſer ſo glatt, wie zu Putney, alle Welt aber gluͤcklich in dem Gedanken, morgen Conſtantinopel zu ſehen. Den ganzen Weg von Smyrna aus hatten wir Muſik an Bord. Ein deutſcher Commis voyageur hatte eine Guitarre bei ſich, die aber bisher unbenutzt geblieben war. Er brachte ſein Inſtrument heute gegen Mittag zum Vorſcheine, und fing an, Walzer zu ſpielen. Er ſpielte ſo himm⸗ liſch, daß die Damen ihre Kajuͤten verließen und die Herren ihre Buͤcher aus der Hand legten. Er ſpielte — 113 — eine Polka ſo bezaubernd, daß zwei junge Opforder Herren ſich auf dem Verdecke herumzudrehen anfingen, und dieſen beliebten Tanz mit der groͤßten Lebendigkeit ausfuͤhrten, bis ſie ermuͤdet niederſanken. Er ſpielte unermuͤdet fort und als niemand mehr tanzen wollte, zog er ſeinen Rock aus, brachte ein paar Caſtagnetten zum Vorſchein, und ſpielte und tanzte dazu, mit einer bewunderungswuͤrdigen Gelenkigkeit, eine Mazurka. Sein Spiel machte alle Welt froh und glucklich, fuͤhrte Leute zuſammen, die zuvor noch nie mit einander geſprochen hatten und brachte ſo eine Heiterkeit in das Schiff, daß fur dieſen Abend, waͤhrend wir das Marmorameer durch⸗ ſchifften, ein allgemeiner Wunſch nach Roſtbraͤtchen und einem regelrechten Souper laut wurde. Es wurde Punſch gebraut, es wurden Reden gehalten, und ſeit funfzehn Jahren zum erſten Male wieder hoͤrte ich „ein Edelmann von Altengland“ und „der ſchmucke Hahn verkuͤndet uns den Morgen“ in ſolchem Style geſungen, daß man ſich des Gedankens nicht entſchlagen konnte, die Herren Inſpectoren moͤchten es hören, und uns Alle nach Hauſe ſchicken. Aufzeichnungen. 1, 8 vn. Conſtantinopel. Conſtantinopel. — Caiks. — Eothens Miſſeri. — Ein tuͤr⸗ eiſches Bad. — Conſtantinopel. — Se. Hoheit der Sultan. — Ich mochte nicht der Sultan ſein. — Stoff zu einem Ghaſel.— Der Kindermoͤrder. — Tuͤrkiſche Kinder. — Verſchaͤmtheit. — Der Serail. — Die Toͤrtchen der Sultana's. — Die hohe Pforte. — Der Schulmeiſter in Conſtantinopel. Als wir mit Sonnenaufgang aufſtanden, um die beruͤhmte Einfahrt von Conſtantinopel zu ſehen, fanden wir anſtatt der Stadt, einen glaͤnzenden, weißen Nebel, der den Anblick von Beiden verhullte, und ſich erſt dann verzog, als ſich das Schiff dem beruͤhmten „Goldenen Horn“ näherte. Hier loͤſ'te ſich der Nebel gewiſſer⸗ maaßen in Flocken auf; und wie man von einer großen Fernſcene im Theater Gaze⸗Vorhaͤnge, einen nach dem andern, verſchweben ſieht, ſo wollte der Nebel auseinan⸗ — 115 — der. Hiervon wird man ſich allenfalls eine Vorſtellung machen koͤnnenz das aber iſt die Schwierigkeit, die nun folgende Scene zu beſchreiben, eine Scene, die in der That ganz dem Feenreiche entnommen zu ſein ſcheint, denn es iſt unmoͤglich, ſich etwas Glaͤnzenderes und Großartigeres zu denken. Ich weiß keinen romantiſche⸗ ren Platz ausfindig zu machen, als Drury-Lane, um meine Gleichniſſe davon zu entlehnen — Drury-Lane, ſo, wie wir es als Kinder zu ſehen pflegten, wo wir die großen Schlußdecorationen eines Melodrama oder einer Pantomime fuͤr ebenſo prachtvoll hielten, als erhabene Naturſcenen, welche wir ſpaͤter mit reiferen Augen be⸗ trachteten. Wohl denn, der Anblick von Conſtantinopel iſt ſo ſchoͤn, wie das ausgezeichnetſte Theatergemalde Stanfields, geſehen in der beſten Periode der Kindheit, — als die Phantaſie all' ihre Bluthen uͤber ſie hinſtreute, — als alle die Heroinen, die uͤber die Scenen tanzten, be⸗ zaubernde Schoͤnheiten ſchienen, — als ein uͤberirdiſcher Glanz um Baker und Viddrar ſtrahltsh als Hoͤrnerſchall und Geigenklang und der liebliche Ton der Cymbeln, und bei ſich entwickelnder Scene, die im maͤandriſchen Triumphzuge daruͤber hinſchreitende gewaltige Proceſſion, ein Meer von Wonne ſchuf und eine ſolche Fuͤlle un⸗ ſchuldigen, ſinnlichen Vergnuͤgens hervorrief, wie nur Kinderſeelen ſie zu empfinden im Stande ſind. Das hier gegebene Urtheil enthalt folgende einzelne Saͤtze: Die Freuden einer kindlichen Phantaſie, ſind die 8* — 116 — innerlich⸗kraͤftigſten und entzuͤckendſten von der Welt. Stanfields Panorama war die Verwirklichung der in⸗ nerlich⸗kraͤftigſten kindlichen Phantaſie. So ſehr ich mein Gehirn anſtrengen mag, ich finde kein beſſeres Gleichniß fuͤr dieſen Platz. Der Anblick von Conſtan⸗ tinopel gleicht einem non plus ultra-Stanfield-Dio⸗ rama, mit einer glorreichen Zugabe von Muſik, flimmern⸗ den Houris, Kriegern und in Schlangenwindungen da⸗ hin wallenden Proceſſionen, Augen und Seele weidend mit Licht, Glanz und Harmonie. Wenn ihr in eurer Kindheit niemals auf ſolche Weiſe im Theater entzuckt worden ſeid, iſt naturlich der ganze Vergleich fuͤr euch unnuͤtz, und ihr koͤnnt euch nach dieſer Beſchreibung keine Idee von dem Eindruck machen, den Conſtanti⸗ nopel auf das Gemuͤth hervorbringt. Hat euch aber das Theater niemals in Aufregung gebracht, ſo iſt es auch nicht moͤglich, eure Phantaſie durch Worte in Be⸗ wegung zu ſetzen, und alle typographiſchen Bemuͤhungen, einen ſolchen Erfolg zu erreichen, ſind vergebens. Denn geſetzt auch, ich wollte die Worte Moſchee, Minaret, Gold, Cypreſſe, Waſſer, blau, Schaluppen, Vierundſie⸗ benzig, Galata, Tophanna, Ramazan, Backallum u. ſ. w., in welcher Weiſe es auch ſein möge, mit einander ver⸗ binden, eure Einbildungskraft wird niemals im Stande ſein, hieraus das Bild einer Stadt zuſammenzuſetzen. Oder geſetzt, ich ſage: Die Moſchee der heiligen So⸗ phia iſt 473 Fuß hoch — von dem mittleren Nagel — 117 — des goldenen Halbmondes, der ſich uͤber der Kuppel er⸗ hebt, bis zum Ringe im Grundſtein gemeſſen — und der Kreis der Kuppel hat 123 Fuß im Durchmeſſer und es ſind 97 Fenſter darin — das kann alles wahr ſein, ich habe keine Beweiſe fuͤr das Gegentheil, aber wer kann ſich nach dieſen Angaben, Namen, Maaßen und Zahlen einen Begriff von der Sancta Sophia ma⸗ chen? Was haͤlfe es dann, wenn man die Maaße und das Alter aller Gebaͤude entlang des Stroms und aller Schiffer, die ihn beleben, angeben wollte. Iſt der Glaube eurer Phantaſie, die bei einem Gleichniſſe in ein Ah und Oh ausbricht, auch groß genug, um euch eine Stadt mit dem Ellenmaaße vorzumalen? Doch genug von Be⸗ ſchreibungen und Gleichniſſen, (obſchon ich, wenn ich in Bezug auf ein Gleichniß nicht ganz ſicher bin, mir im mer viele Muͤhe gebe, es zu rechtfertigen,) es iſt eine Scene, vielleicht nicht erhaben, aber prächtig, reizend und lieblich, Alles ubertreffend, was man je geſehen; eine köſtliche Verſchmelzung von Stadt und Gaͤrten, Kuppeln und Schiffen, Bergen und Wogen, und durch alles dies hindurch der Hauch der friſcheſten Luͤftchen, und daruͤber der glaͤnzendſte, heiterſte Himmel. Es iſt Mode, zu ſagen, daß man ſich beim Eintritt in die Stadt, oder in eins ihrer verſchiedenen Quar⸗ tiere, getaͤuſcht gefuͤhlt zu haben; die Haͤuſer ſeien nicht ſo praͤchtig, wenn man ſie naͤher oder einzeln betrachte, als ſie, in Maſſe betrachtet, vom Waſſer aus erſchienen. — 118 — Warum aber macht man ſich ſo erhabene Vorſtellungen? Wenn man eine Gruppe von Landleuten ſieht, wie ſie ſich oft auf Jahrmaͤrkten maleriſch formiren, ſtellt man ſich da vor, daß alle Einzelnen makelloſe Schoͤnheiten ſind, oder daß ſich in den Waͤmſern der Maͤnner nicht etwa ein Rißchen zeigen, oder daß die Roͤcke der Frauen von Sammet und Seide ſeien? die wilde Haͤßlichkeit des Innern von Conſtantinopel oder Pera hat ihren ganz beſonderen Reiz, welcher mehr Unterhaltung gewährt, als noch ſo ſymmetriſche Reihen von rothen Ziegeln oder graugelben Steinen. Mit Ziegeln oder Steinen haͤtten ſich nimmermehr die phantaſtiſchen Verzierun⸗ gen, Gelaͤnder, Balkone, Daͤcher und Gallerien her⸗ ſtellen laſſen, welche innerlich und aͤußerlich an den verworrenen Haͤuſern der Stadt hervorſtehen. Als wir von Galata nach Pera einen ſteilen Berg hinanſtiegen, der dem neuen Ankoͤmmling viele Beſchwerde macht, den aber ein Laſttraͤger mit einem Pack von hundert Pfund im Gewicht hinaufſchritt, ohne daß ihm ein Haar naß geworden waͤre, da ſchienen mir die hoͤlzernen Haͤuſer, — weit entfernt, einen unangenehmen Anblick zu verurſa⸗ chen — ein ebenſo uͤberraſchendes Schauſpiel zu gewäh⸗ ren, als das große, welches wir ſo eben verlaſſen hatten, Ich weiß nicht, ob die Zolle Sr. Hoheit fuͤr ein eintraͤgliches Unternehmen gelten koͤnnen. Als ich das Schiff verließ, kam ein Mann hinter meinem Boote her, der ein Bacſhush forderte, und etwa zwei Pence — 119 — erhielt. Es war der Zollbeamte, und ich bezweifte, daß er dieſe bedeutende Summe jemals an den Schatz ab⸗ geliefert haben wird. Ich ſtelle mir vor, daß die Scenerie entlang der Kais, den Stromufern von London in alten Zeiten, ehe der Kohlrauch die ganze Stadt mit Ruß geſchwaͤrzt hatte, in etwas aͤhnelt, namentlich wenn, wie alte Schriftſteller verſichern, damals wirklich helleres Wetter in England war. Die Flotten von Schaluppen (Caiks), welche dem Ufer entlang gleiten, oder die blaue See durchſchneiden, gewaͤhren einen hoͤchſt freundlichen An⸗ blick. In Hollars Kupferſtich von London iſt der Strom auch ſo mit Kähnen und Nachen uͤberſaͤett. Dieſen ha⸗ ben die Bruͤcken und Dampfboote ein Ende gemacht. Hier ſind die Caiks noch in voller Bluͤthe. Dreitauſend ſolcher Fahrzeuge ſind zwiſchen den Staͤdten in Thaͤtig⸗ keit; jedes iſt nett und zierlich geſchnitzt und bemalt, und ich ſah faſt kein einziges, in welchem der Schiffer nicht einen tuͤchtigen Repraͤſentanten ſeines ſchoͤnen Menſchen⸗ ſchlags abgegeben haͤtte, ſtark und braun, mit offener Bruſt und ſchoͤnem Antlitz. Sie tragen ein Hemd von ſehr leichtem Katun, der ihren kraͤftigen Gliedern einen freien Spielraum geſtattet, und nimmt man die pur⸗ purne See zum Hintergrunde, ſo bildet ein jedes dieſer ſchnell dahinfahrenden Boote, ein glaͤnzendes und ſcharf ausgepraͤgtes Gemaͤlde. Die Paſſagiere kauern im Innern des Bootes, ſo daß man, wenn es voruͤberfährt — 120 — von dieſen treuen Rechtglaͤubigen wenig mehr, als die Koͤpfe ſieht, und zwar im rothen Feſch mit blauer Quaſte, unddem Ausdrucke jener ruhigen Gravitaͤt, welches das Schmau⸗ chen aus der Tabakspfeife dem Manne ſicherlich verleiht. Der Bosporus wird außerdem durch eine große Menge von anderen Fahrzeugen belebt. Da ſieht man ſchmutzige Boote von ruſſiſchen Kriegsſchiffen, mit un⸗ gewaſchenem, raͤudigen Schiffsvolk; große Fährboote, die Hunderte von Paſſagieren zu den verſchiedenen Ortſchaften bringen; Melonenboote, mit hohen Haufen dieſer großen, goldenen Fruͤchte beladen; das Boot Sr. Excellenz des Paſcha's, mit einer Bemannung von zwoͤlf Knechten, die eifrig uͤber ihre Ruder hingebeugt ſind, und das eigene Caik Sr. Hoheit, mit achtundzwanzig keuchenden Ru⸗ derern, das ſchnell unter dem Donner der Kanonen da⸗ hinſchießt. Schiffe und Dampfboote, mit ſchwarzen Seiten und in bunten Farben, liegen aller Orten vor Anker, und zeigen ihre Flaggen, die ruſſiſche und eng⸗ liſche, die oͤſterreichiſche, amerikaniſche und griechiſche, und entlang des Kais liegen die Schiffe des Landes, vom ſchwarzen Meere oder den Inſeln, mit hohem, geſchnitzten Vorder⸗ und Hintertheile, wie man ſie in den Seege⸗ maͤlden aus dem ſiebenzehnten Jahrhundert ſieht. Die weiten Haine und maͤchtigen Thuͤrme, die Kuppeln und Kais, die hohen Minarets und pyramidenfoͤrmig em⸗ porſteigenden Moſcheen der drei Städte, erheben ſich ringsum in unendlicher Pracht und Abwechſelung, und — 121 — machen die Waſſerſtraße zu einer Scene von ſo ent⸗ zuckender Lebendigkeit und Schoͤnheit, daß man nie muͤde wird, ſie zu betrachten. Ich brachte den Reizen dieſes wundervollen Platzes eine Menge ſchoͤner Punkte und Anſichten in und bei Conſtantinopel zum Opfer. Doch was ſind am Ende ſolche Anſichten? Iſt nicht das die Beſte, die uns am gluͤcklichſten macht? Wir logirten in era, in Miſſeri's Hotel, deſſen Beſitzer ſeit einiger Zeit durch das ausgezeichnete Buch „Eothen“ beruͤhmt geworden iſt. Um dieſes Buch riſſen ſich alle Paſſagiere am Bord unſeres Schiffes, und alle waren entzuckt davon, von unſerm großen Staatsmann, unſerm feinen Rechtsgelehrten, unſern jungen Oxonians an, (die uͤber einige Stellen, die ſie fuͤr gottlos hielten, ſeufzten,) bis herab zu dem Schreiber dieſes, welcher, nachdem er es mit großem Vergnuͤgen geleſen und es mit Bewunderung hinlegte, und ausrief: „Aut Piabolus aut“ — ein Werk, das ſeitdem, und das iſt das groͤßte Wunder von Allem, ein Gefuͤhl von Waͤrme und Be⸗ wunderung in dem Buſen des gottgleichen, unparteiiſchen und ſteineren Athenäum hervorgerufen hat. Miſſeri, der glaͤubige und ritterliche Tartar, iſt in den ruhigſten und feinſten Wirth umgewandelt, ein gut Theil freier in ſeiner aͤußeren Erſcheinung und ſeinem Betragen, als die meiſten von uns. Er ſaß an ſeinem Tiſche und rauchte kalte Pfeifen auf dem Dache ſeines Hauſes, als wir uͤber die Hoͤhe hin zu dem ruſſiſchen Palaſte und — 122 — zu den Serail⸗Gaͤrten, die aus der blauen Tiefe her⸗ vorglaͤnzten, hinuͤberſchauten. Wir verglichen Miſſeri, „Eothen“ in der Hand, und fanden, als wir die Pruͤfung anſtellten, daß — — ja, es war: „aut diabolus aut amieus“ — doch, der Name iſt ein Geheimniß; er ſoll nimmer uͤber meine Lippen kommen, ob ich ſchon vor Sehnſucht, ihn zu nennen, ſterben moͤchte. Die letzte, gute Beſchreibung eines tuͤrkiſchen Ba⸗ des iſt wohl die, welche Lady Maria Wortley Montague gegeben hat. Dieſes vorgaͤngliche Gemaͤlde muß vor etwa hundertunddreißig Jahren entworfen worden ſein; es darf daher wohl nunmehr von einem untergeordnete⸗ ren Kuͤnſtler eine ander Skizze aufgenommen werden. Ein tuͤrkiſches Bad iſt jedenfalls fuͤr einen Englaͤnder eine ganz neue Erſcheinung, und mag als ein hoͤchſt ſeltſames und uͤberraſchendes Ereigniß ſeines Lebens von ihm aufgezeichnet werden. Ich ließ mich vom Valet de plaee oder Dolmetſcher (es iſt eine ſehr angenehme Sache, einen Dolmetſcher in ſeinen Dienſten zu haben) in das beſte Schwitzhaus in der Naͤhe fuͤhren, und wir gingen in ein Haus von Tophana, wo wir zunaͤchſt in eine geraͤumige, von oben erleuchtete Halle gelangten. Dies iſt das Abkuͤhlungszimmer des Bades. In der Mitte dieſer weiten Halle befindet ſich eine große Fon⸗ taine, und rings um dieſe, zieht ſich eine gemalte Gal⸗ lerie, in welcher von einem Bogen zum andern Schnu⸗ ren hinlaufen, die mit einem Ueberfluſſe von Draperien, von Handtuchern und blauen Gewaͤndern, zum Gebrauche fur die Beſucher des Platzes, geſchmuckt ſind. Rings um die Halle und die Gallerie herum, befinden ſich aus Mat⸗ ten geflochtene Verſchlaͤge, mit zahlreichen, zierlichen Bet⸗ ten und Ruhekiſſen, wo ein Dutzend Rechtgläubige rau⸗ chend, ſchlafend, oder in dem glucklichen, halbwachen Schlummerzuſtande hingeſtreckt lagen. Ich wurde auf eines dieſer Betten, und zwar in Betracht meiner Sitt⸗ ſamkeit, in einen entfernten Winkel gebracht; das nächſte Bette nahm aber gegenwärtig ein tanzender Derwiſch ein, welcher ſich ſofort fuͤr das Bad vorzubereiten begann. Als der tanzende Derwiſch ſich ſeiner gelben Zucker⸗ hut⸗Muͤtze, ſeines Stocks, Shawls u. ſ. w. entledigt hatte, wurde er in zwei blaue Tuͤcher gehuͤllt, ein weißes wurde uͤber ſeine Schultern geworfen, und ein anderes, in Geſtalt eines Turbans, zierlich um ſeinen Kopf ge⸗ ſchlungen; ſeine eigenen Kleider wurden in ein Linnen geſchlagen, und ſogleich aufgehoben. Es ſei mir geſtat⸗ tet, zu vermelden, daß ich ganz in derſelben Weiſe, wie der tanzende Derwiſch, behandelt wurde. Der ehrwuͤrdige Herr zog dann ein paar hoͤlzerne Pantoffeln an, die ihn etwa ſechs Zoll uͤber den Boden erhoben, ging dann die Treppe herab, und ſegelte uͤber den ſehr feuchten Mar⸗ morboden eines Vorſaals zu einer kleinen Thuͤr hinein, durch welche auch Titmarſh ihm nachfolgte. Allein ich hatte keine ſo berufsmaͤßige Geſchicklichkeit, wie der tan⸗ zende Derwiſch; ich taumelte in wahrhaft drolliger Weiſe — 124 — auf meinen hohen, hoͤlzernen Pantoffeln herum, und wuͤrde mehrmals auf die Naſe gefallen ſein, wenn nicht der Dolmetſcher und der Bademeiſter mich die Treppe hinab und durch die Halle hin, unterſtuͤtzt haͤtten. In die weißen Kattungewaͤnder gekleidet und einen weißen Turban ums Haupt, dachte ich oft mit einer Art von Verzweif⸗ lung an Pall-Mall. Ich ging durch die kleine Thuͤr, ſie ward hinter mir verſchloſſen — ich war im Finſtern — ich verſtand die Sprache nicht — in einem weißen Turban — mein Gott! was konnte ſich ereignen? Der ſchwarze Raum war das pidarium, eine feuchte, tropfende, gewölbte Hoͤhle, in welche, durch eine Oeffnung in der kuppelartigen Decke, ein ſchwaches Licht hereinfiel. Schrille Laute eines tollen Lachens und Sin⸗ gens drangen jaͤh und ſchallend durch die widerhallenden Bogen, und Thuͤren wurden mit lautem Geraͤuſche auf⸗ und zugeſchlagen. Es war das Gelaͤchter der Anhaͤnger Mahomeds, welche ſich jauchzend in dem oͤffentlichen Bade vergnuͤgten. Ich konnte um keinen Preis dorthin gehen; man verſprach mir einen abgeſonderten Raum, und der Dolmetſcher verließ mich. Meine Todesangſt, als dieſer gute Chriſt davon ging, iſt nicht zu beſchreiben. Wenn man in das Sudarium, oder das eigentlich heiße Dampfbad kommt, ſo beſteht das erſte Gefuhl, von dem man etwa eine halbe Minute lang befallen wird, darin, daß man meint, erſticken zu muͤſſen. Auch ich, auf einer Marmorplatte ſitzend, befand mich in dieſem — 125 — Zuſtande. Der Bademann war gegangen; er hatte mir den Kattunturban und das um die Schultern geſchlagen geweſene Tuch abgenommenz ich befand mich in einem engen Marmorgemache, mit gewoͤlbter Decke und dop⸗ pelter Fontaine, von warmem und kalten Waſſer; die Athmoſphaͤre war ganz in Dampf gehuͤllt; das Gefuhl des Erſtickens ging voruͤber, und ich fuͤhlte nun bei die⸗ ſem ſanften Sieden und Kochen eine Art Vergnügen, ſo, wie es ohne Zweifel die Kartoffeln fuͤhlen, wenn ſie gedaͤmpft werden. In dieſem Zuſtande bteibt man etwa zehn Minuten; heiß iſt es, das iſt wahr, aber es iſt zugleich ſeltſam und angenehm, und das Gemuͤth wird traͤumeriſch geſtimmt. Nun mag ſich aber eine empfindſame Seele in Baker⸗Street mein Entſetzen vorſtellen, als ich, indem ich aus dieſen Träumen aufblickte, eine große, braune Creatur vor mir emportauchen ſah, nur halb angekleidet, auf hölzernen Pantoffeln ſtehend, und theils durch ſie, theils durch den Dampf zu ſo großen Formen ange⸗ wachſen, daß man einen Waͤhrwolf vor ſich zu ſehen glaubt. Der Menſch grinſ'te auf eine entſetzliche Weiſe und ſchwenkte ſeinen Arm, in welchen ein Pferdehaar⸗ handſchuh befeſtigt war. Er ſprach in ſeinem, mir un⸗ bekannten, näſelnden Jargon ein paar Worte, welche in dem gewoͤlbten Raume wiederhallten; ſeine Augen erſchienen gewaltig groß und glänzend, ſeine Ohren ſtan⸗ den weit vor, und ſein Kopf war glatt raſirt, mit Aus⸗ — — nahme eines borſtigen Scheitelbuͤſchels, der ihm eine daͤmoniſche Wildheit verlieh. Dieſe Beſchreibung geht, wie ich ſelbſt fuhle, faſt zu ſehr ins Schauerliche uͤber; Damen, die ſie leſen, werden in hyſteriſche Kraͤmpfe verfallen oder ſagen: „Gewiß und wahrhaftig, das iſt eine hoͤchſt ſonderbare und uͤberſpannte Schreibart; Hannchen, mein liebes Kind, Du wirſt dieſes haͤßliche Buch nicht leſen“ — und ſo will ich denn kurz ſein. Der grinſende Mann bearbeitet den Patienten auf das heftigſte mit ſeiner Pferdehaarbuͤrſte. Sobald er dieſes Pferdehaarwerk voll⸗ bracht hat, und wenn man noch ſchwer aufathmend un⸗ ter einem ſprudelnden Strahle warmen Waſſers liegt, und meint, es ſei nun Alles voruͤber, erſcheint er ploͤt⸗ lich von Neuem, mit einem großen, kupfernen Becken, in welchem ſich eine bedeutende Quantitaͤt Seifenſchaum befindet. Mitten darin ſteckt ein Ding, welches ohnge⸗ fähr ſo ausſieht, wie der alten Miß Mac Whirter Flachs⸗ perruͤcke, auf die ſie ſo ſtolz iſt, und uͤber die wir Alle unſern Spaß gehabt haben. In dem Augenblicke, wo man im Begriffe iſt, zu remonſtriren, fuͤhlt man aber auch ſchon Geſicht und Augen unter dem peruͤckenaͤhn⸗ lichen Dinge begraben, man iſt uͤber und uͤber mit Seife bedeckt, und auf fuͤnf Minuten im Seifenſchaume er⸗ traͤnkt; man ſieht nicht, die Seife prickelt Einem in den Augen; man hoͤrt nicht, die Seife ziſcht Einem in den Ohren; man kann nicht Athem holen, denn der — 127 — Miß Mac Whirter Perruͤcke ſchwebt Einem, mit einem halben Eimer voll Seife uͤber dem Schlunde, — man iſt durch und durch Seife. Schadenfrohe Buben haben uns in alten Zeiten wohl manchmal hoͤhnend zugeru⸗ fen: „Nun, Du biſt gehoͤrig eingeſeift worden!“ Ach, ihr wißt viel, was Einſeifen iſt, ehe ihr ein tuͤrkiſches Bad genommen. Wenn die ganze Operation vollendet iſt, wird man, — unter welchen herzerfreuenden Gefuͤhlen, habe ich nicht nöthig zu ſagen, — ſanft zuruͤck in den Abkuͤhlungs⸗ raum geleitet, nachdem man erſt, wie zuvor, mit dem Turban und den Tuͤchern umkleidet worden. Man läßt ſich gemuͤthlich auf dem Ruhebette nieder; man em⸗ pfaͤngt ein narghilé *) von ſo koͤſtlichem Geſchmacke, wie nur der Tabak in Muhameds Paradieſe ſchmecken kann; eine erfriſchende, milde, traͤumeriſche Abſpannung nimmt von dem gereinigten Koͤrper Beſitz, und man bringt uͤber der Pfeife eine halbe Stunde jener entzuͤckenden Laßheit bin, wie ſie in Europa gaͤnzlich unbekannt iſt, wo das gemeine Vorurtheil den Muͤſſiggang auf eine hoͤchſt ſchimpfliche Weiſe verleumdet, und ihm Praͤdicate, wie: „alles Laſters Anfang“ u. ſ. w. beigelegt hat; wo man in der That die Traͤgheit weder ſo, wie die ehrli⸗ chen Tuͤrken es thun, heranzuziehen verſteht, noch die MTuͤrk. = eine Pfeife, bei der der Rauch mittels eines langen, biegſamen Schlauchs durch Waſſer geht. — 128 — Fruͤchte kennt, die ſie hervorbringt, wenn ſie gut cultivirt wird. Der Zuſtand nach dem Bade iſt ein ſo entzuͤcken⸗ des Schwelgen im Nichtsthun, wie es nichts Angeneh⸗ meres geben kann, und ich ſuchte mir dieſen Genuß, wo wir nur immer ſpaͤter auf unſerer Reiſe hinkamen, ſtets zu verſchaffen. In Smyrna blieb das ganze Ver⸗ fahren weit hinter dem in der Hauptſtadt beobachteten zuruͤck. In Cairo wird man, wenn das Einſeifen voruber iſt, in eine Art ſteineren Sarg gebracht, welcher ganz mit beinahe ſiedendem Waſſer angefuͤllt iſt. Dies hat ſein Angenehmes; aber an dem aͤgyptiſchen Scham⸗ puen konnte ich keinen Geſchmack finden. Ein häßlicher, blinder, alter Mann, — der jedoch in ſeiner Kunſt ſehr geſchickt war — gab ſich Muͤhe, mir das Ruͤckgrat zu brechen, und die Schultern zu verrenken; ich konnte aber nichts Vergnuͤgliches in dieſer Behandlungsweiſe ent⸗ decken; ein anderer Burſche fing an, mir die Fußſohlen zu kitzeln; ich fertigte ihn aber mit einem Stocke ab, der ihn auf die Bank zuruͤckwarf. Das unthaͤtige Hin⸗ daͤmmern iſt das Beſte, und einen ſolchen Genuß werde ich in Europa nicht wieder haben. Victor Hugo macht in ſeiner beruͤhmten Rhein⸗ reiſe, hinſichtlich ſeines Aufenthalts zu Coͤln, eine ge⸗ naue Aufzählung alles deſſen, was er nicht geſehen. Ich habe einen merkwuͤrdigen Catalog gleichen Inhalts von onſtantinopel. Ich habe die tanzenden Derwiſche nicht — 129 — geſehen, denn es war Ramazan; ich habe das Innere der Sancta Sophia, die Frauengemaͤcher des Serails und die beruͤhmte Promenade an den ſuͤßen Waſſern nicht geſehen, denn es war Ramazan. In dieſer Zeit tanzen und heulen die Derwiſche ſehr ſelten, denn ihre Beine und Lungen ſind waͤhrend des vierzehnſtuͤndigen Faſtens ſolchen Anſtrengungen nicht gewachſen; auch die koͤniglichen Palaͤſte und die Moſcheen ſind waͤhrend dieſer heiligen Zeit unzugaͤnglich, und wenn man auch zum Thale der ſuͤßen Waſſer gelangen könnte, ſo ſieht man doch Niemanden dort; das Volk ſchläft den Tag uͤber und bringt die Nacht ſchmaußend und zechend zu. Die Minarets ſind illuminirt; ſelbſt die aͤrmſte Moſchee zu Jeruſalem oder Jaffa ſtellte ein paar Bogen mit ſchmutzigen Lampen aufz die der Hauptſtadt aber, wa⸗ ren mit mannichfachen Gehaͤngen von Lampen ſehr ſchoͤn erleuchtet, und gewaͤhrten, namentlich von Weſten aus, einen herrlichen Anblick. Ich habe nicht nöthig, anderer ſich conſtant wiederholender Illuminationen der Haupt⸗ ſtadt zu gedenken, welche unzählige Reiſende beſchrieben haben, — ich meine die Feuer. Waͤhrend unſerer acht⸗ taͤgigen Anweſenheit waren drei in Pera, aber ſie dauerten nicht lang genug, um den Sultan zur Hilfe⸗ leiſtung aus dem Bette zu citiren. Herr Hobhouſe (im Fuͤhrerbuche angezogen) ſagt, daß wenn das Feuer eine Stunde dauert, der Sultan gehalten iſt, ſich in Perſon dabei einzufinden, und daß von Leuten, die ihm Aufzeichnungen. 1. 9 — 130 — Bittgeſuche haͤtten uͤberreichen wollen, manchmal Haͤu⸗ ſer in Brand geſteckt worden ſeien, lediglich aus dem Grunde, um dieſen koͤniglichen Trumpf herauszufor⸗ dern. Der Sultan kann nicht „in Saus und Braus“ leben, wenn dies durchgaͤngige Regel iſt. Man ſtelle ſich Se. Hoheit vor, wie er daſteht, in der Mitte ſei⸗ ner Schoͤnen, mit den ſtrahlenden Vollmondsgeſichtern, das Tuch in der Hand, und wie er nur auf den ver⸗ wuͤnſchten Ruf: „Lang en Var!é auf einmal genothigt iſt, es um ſeine eigene Schlaͤfe zu ſchlingen, und zur Mit⸗ ternachtsſtunde den weichen, warmen Harem zu verlaſ⸗ ſen. Wir ſahen Se. Hoheit umringt von ſeinem Volke und mit Suppliken uͤberſchuttet, als er ſich in die Mo⸗ ſchee zu Tophana begab. Es iſt dies nicht gerade eines der groͤßten, aber eines der maleriſchſten, oͤffentlichen Gebaͤude der Stadt. Die Straßen waren gedraͤngt voll von Volk, das der erhabenen Erſcheinung harrte, und beide Seiten derſelben waren mit ſtämmigem Mili⸗ tair in europaͤiſcher Baſtard-Uniform beſetzt. Unbeugſame Polizeibeamte, mit Bandelieren und braunen Ueberrocken, hielten die Ordnung aufrecht, und trieben die Glaͤubigen von dem Gitterwerk der Esplanade, welche der Sultan zu paſſiren hatte, zuruͤck. Nur wir Europaͤer durften (was ich fuͤr eine ungerechte Parteilichkeit hielt) in den vor⸗ behaltenen Raum eintreten. Ehe der Sultan erſchien, verſammelten ſich zahlreiche Beamte; Oberſte und Pa⸗ ſcha's kamen mit ihren Leuten und Vorlaͤufernz aber — 131 — diejenigen unter allen dieſen großen Herren, welche ſich am meiſten bemerkbar machten, und zugleich die un⸗ verſchaͤmteſten und haͤßlichſten, ſchienen mir die ſchwarzen Eunuchen Sr. Hoheit zu ſein. Sie ſtolzirten prunkend durch die Menge hindurch, die mit allen Zeichen der Ehrfurcht vor ihnen auseinander wich. Frauen von niederem Stande waren zu Hunderten verſammelt. Der Yakmac, ein muſſelinener Schleier, der ſie vom Kinne an verhuͤllt, giebt faſt jedem Geſichte den naͤmlichen Anſtrich; die Augen und Naſen dieſer Schoͤnheiten ſind ſichtbar, und groͤßtentheils wohlgebildet. Die muntern Negerinnen tragen den naͤmlichen Schleier, ſie ſind aber durchaus nicht ſo eigenſinnig dafuͤr beſorgt, ihre gutmuͤthigen, ſchwarzen Geſichter zu verbergen; ſie laſſen den Schleier nach Belieben wehen, und zeigen be⸗ ſtaͤndig ein lachendes Antlitz. Wo wir nur immer Ne⸗ ger ſahen — ſie ſchienen gluͤcklich zu ſein. Ein vor⸗ herrſchender Zug in ihrem Charakter iſt die Liebe zu Kindern. Allenthalben tragen ſie ſolche kleine, ſchwätzende Geſchöpfe auf den Armen, ſeltſame Figuͤrchen — in Nachtkappen von gelbem, geköperten, großblumigen Bar⸗ chent, und fleiſchfarbenen, rothen oder gelben Shawls, — die mit großen, funkelnden Augen von unten zu Einem heraufſehen. Die ſchwarzen Frauen ſind aller Orten die guͤcklichen Wärterinnen dieſer kleinen Weſen. Ich ſah eine Negerin an einer Fontaine, wie ſie ein Kind in ihren Armen hatte, und dem anderen zu trinken gab, — 9* — 132 — es war ein armes Bettelmaͤdchen, in duͤrftigem Anzuge — ein liebliches, ruͤhrendes Bild von Negerliebe. Faſt haͤtte ich aber Se. Hoheit, den Sultan, ver⸗ geſſen. Etwa einhundert Schuͤſſe wurden von der nach dem Bosporus zu gelegenen Esplanade in unge⸗ geſchickten Zwiſchenraͤumen abgefeuert, um uns zu ver⸗ kuͤndigen, daß der Monarch ſeinen Sommerpalaſt ver⸗ laſſen habe und auf dem Wege zu ſeinem großen Boote ſei. Endlich erſchien das Fahrzeug; das Muſikcorps ſpielte ſeinen Lieblingsmarſch; ſein aufgezaͤumtes Pferd ward an die Kuͤſte gefuͤhrt, um ſeiner gewaͤrtig zu ſein; Eunuchen, dicke Paſchas, Oberſte, Staatsbeamte bilde⸗ ten einen Kreis, als der Beherrſcher der Glaͤubigen aufſtieg; ich hatte das unbeſchreibliche Gluͤck, ihn ganz in der Nähe zu ſehen. Der Padiſchah, oder Vater aller Souveraine auf Erden, hat nicht das majeſtätiſche An⸗ ſehen, das einige Souveraine beſitzen, und welches dem Beſchauer ein Augenzwinkern und Knieezittern verur⸗ ſacht; er hat einen ſchwarzen Bart und ein hubſches, wohl⸗ gebildetes Geſicht, von franzoͤſiſchem Schnitt; er gleicht einem jungen, aber in Folge von Ausſchweifungen ver⸗ lebten, franzöſiſchen Roué, mit glaͤnzenden Augen, aber mit ſchwarzen Ringen darum, und mit bleichen und hohlen Wangen. Er hing auf dem Pferde, als ob er ſich kaum auf dem Sattel halten könnte, oder als ob ſein Mantel, der mit einer blendenden Diamantagraffe uͤber der Bruſt befeſtigt war und hinten bis zum Schwanze — 133 — des Pferdes hinabfiel, ihn ruͤckwaͤrts zoͤge. Indeß ſah das ſchoͤne, bleiche Geſicht, „die Zuflucht der Welt“, ent⸗ ſchieden intereſſant und geiſtreich aus. Ich habe zu Pa⸗ ris, hinter Waarentiſchen, manchen jungen Don Juan mit eben ſolchem Bart und ſolchen Geſichtszuͤgen geſe⸗ hen; noch brannte das Feuer der Leidenſchaft in ſeinen hohlen Augen, waͤhrend ſeine Stirn die verhaͤngnißvollen Stempel fruͤhreifen Verfalls trug. Der Mann, wie wir in ſahen, wird nicht viele Sommer mehr erleben. Frauen und Wein, ſagt man, habe den Zilullah in die⸗ ſen Zuſtand verſetzt; und die Dolmetſcher oder die La— quais de Place (von denen die Fremden in Conſtanti⸗ nopel in der Regel ihre politiſchen Notizen entlehnen) laſſen verlauten, daß die Mutter des Sultans und ſeine Miniſter planmaͤßig darauf ausgehen, ihn in Sinnlich⸗ keit zu verſenken, damit ſie das Reich nach ihrem eige⸗ nen Gutduͤnken beherrſchen koͤnnen. Herr Urquhart halt ſicher dafuͤr, daß auch Lord Palmerſton die Hand mit im Spiele habe, und daß er den Champagner des Sultans, zu Frommen Rußlands, mit kraͤftigen Stoffen verſetze. Als der Oberprieſter der Muſelmaͤnner in die Moſchee hereintrat, wurde ein Schauer von Bittſchriften aus den Gaͤngen, in denen ſich die Haufen verſammelt hatten, uͤber die Köpfe der braunen Gensdarmen hinweg, herabgeworfen. Ein allgemeiner Schrei, wie um Ge⸗ rechtigkeit, erhob ſich; ein altes, zerlumptes Weib kam vorwaͤrts, brach ſich durch die Menge Bahn, heulte, — 3 — warf mit ihren duͤrren Armen um ſich herum und ſchlug mit denſelben ihre verdorrte und verwelkte Bruſt. Ich ſah einen tragiſchen Schmerz nie ſchoner dargeſtellt, ich hoͤrte nie Toͤne voll tieferen Jammers, als die Wehkla⸗ gen dieſer leidenſchaftlichen Greiſin. Wornach ging dein Flehen, armes, ungluͤckliches Weib? Die Gensdarmen thaten ihr Einhalt und brachten ſie auf die Seite, doch mit großer Schonung. Der Padiſchah ging vollig ge⸗ fuͤhllos voruͤber — ein Bild der Ausſchweifung und des Seelentodes aus Ueberreizung. Ich mache gern Nutzanwendungen, und ſuche Troſtgruͤnde auf, um mich mit dem Standpunkte des Lebens auszuſohnen, auf den es den Himmel gefallen hat, mich zu ſtellen. Als das Licht der Welt um die Ecke verſchwand, philoſophirte ich gemuͤthlich mit mir ſelbſt uͤber Se. Hoheit, und empfand die geheime, ſelbſt⸗ ſuͤchtige Genugthuung, die Jemand hat, wenn er ſieht, daß es ihm beſſer geht, als ſeinem Nachbar. „Michael Angelo,“ ſagte ich, „Du biſt noch, (Hoͤflichkeitshalber) — Du biſt noch jung; wenn Du fuͤnfmalhunderttauſend Pfund des Jahrs haͤtteſt und ein großer Prinz waͤreſt, ich wette, die Leute wuͤrden in Dir eine ſo außerordentliche Feinheit des Benehmens und ein ſo majeſtaͤtiſches Weſen entdecken, wie es nur den ſouverainen Herrn der Welt zukommt. Wenn Du ein ſolches Einkommen hätteſt, ſo wurdeſt Du es mit Glanz — 135 — zu verwenden wiſſen; Du wuͤrdeſt Dich durch eine ge⸗“ niale Gaſtfreiheit auszeichnen, Du wuͤrdeſt reiche Un⸗ terſtuͤtzungen gewaͤhren, dem Elend abhelfen, Beſchei⸗ denheit ermuthigen, Verdienſt belohnen. Und haͤtteſt Du ſo viele Mittel zum Vergnuͤgen, gewiß, Du Schelm, Du wuͤrdeſt es mit Geſchmack zu genießen wiſſen. Allein ſtelle Dir vor, Du waͤrſt ſo herabgebracht, wie das arme „Licht des Weltalls“ dort, und verſoͤhne Dich nur mit dem Gedanken, daß Du blos ein Viertelsnacht⸗ licht biſt. Das Geſchrei der armen Witwe laͤßt ihn ſo todt, wie das Laͤcheln der ſtrahlendſten Augen Georgiens. Er kann keinen Schritt ins Freie ſetzen, ohne daß die abſcheulichen Kanonen aufſchuͤttern und ſeine Ohren betaͤuben. Er kann ſich nicht in der Welt umſehen, außer uͤber die Schultern einer langen Reihe von dicken Paſcha's, und von häßlichen Beſchnittenen. An ſein Ohr kann nie ein Wort der Wahrheit, nie ein herzliches Gelaͤchter dringen. Nur einen Monat im Jahre iſt es ihm vergoͤnnt, in einer Beziehung noch menſchlich zu fuͤhlen. Es iſt dies zur Zeit des Ramazan, wenn er funfzehn Stunden lang faſten muß, und ſo⸗ mit des Segens theilhaftig wird, ſich hungrig zu fuͤhlen. Der einzige Augenblick, wo er ein Vergnuͤgen empfindet, kommt mit Sonnenuntergang zur Faſtenzeit. Der arme Mann iſt heißhungrig geworden, und wenn mit dem Abfeuern der Kanonen die Deckel von den Schuͤſ⸗ ſeln genommen werden, dann lebte er fur fuͤnf Minuten — 136 — auf, und iſt gluͤcklich uͤber ſeinem Pillau, wie ein an⸗ derer Sterblicher. Und jetzt, als wir bei dem Sommerpalaſte, einem rohen Bauwerke von Holz und Marmor, mit glaͤnzender, vergoldeter Sonne uͤber den Saͤulengaͤngen und man⸗ cherlei an den Thoren und Gittern figurirenden Trophaͤen, voruͤberglitten, — als wir an einer langen Reihe von Fenſtern hinfuhren, welche die Ausſicht nach dem Waſſer zu hatten, aber durch Gitter und durchbrochene Arbeit verwahrt waren, — als man uns ſagte, daß dies die Gemaͤcher der Damen Sr. Hoheit waͤren, und als wir ſie in der That auch hinter den Gittern fluͤſtern und lachen hoͤrten, — da kam uͤber manche uͤbelgeſchulte Herzen eine gewaltige Neugier und Sehnſucht, nur mit einem Auge hineinzugucken, nur einen einzigen Blick auf alle die wunderbaren Schoͤnheiten werfen zu koͤnnen, welche zum Hackebrett ſangen und in den Fontainen plaͤtſcherten und in den Marmorhallen tanzten oder auf den goldgeſtickten Kiſſen ſich wiegten, wenn die buntge⸗ kleideten, ſchwarzen Sclaven Pfeifen und Kaffee brachten. Dieſe ungeſtuͤmen Aufwallungen legten ſich, wenn man an jene grauenvollen Berichte von Reiſenden dachte, nach welchen ſich in einer der ſchoͤnſten Hallen eine Fallthuͤre befindet, unter der man den Bosporus hin⸗ ſtroͤmen ſieht, und durch welche zu Zeiten eine ungluͤck⸗ liche Schoͤne in die Tiefe verſenkt wird; — die Fall⸗ thuͤre ſchließt ſich wieder, und oben wird getanzt und — — geſungen, und geraucht und gelacht, wie zuvor. Wenn eine ſo traurig geſtrandete Scholle an Dich heran⸗ ſchwimmt, ſo wiſſe, daß der, welcher ſie beruͤhrt, dem Tode verfallen iſt. So oft ich vorbeikam, war nichts dergleichen zu ſehen, wenigſtens nicht auf der L Oberflaͤche des Waſſers. Bei unſern Reiſenden iſt es neuerlich Mode ge⸗ worden, dem tuͤrkiſchen Leben Lobreden zu halten und von manchen in ihm vorkommenden Gebraͤuchen reizende und gluͤhende Gemaͤlde zu entwerfen. Der gefeierte Verfaſſer „der Palmblaͤtter“ (ſein Name iſt unter den Dattelbaͤumen des Nils beruͤhmt, und wird unter den Zelten der Beduinen mit Ehrfurcht ausgeſprochen), hat die vaͤterliche Liebe Ibrahim Paſcha's, der einem ſchwarzen Sclaven den Kopf abhieb, weil er eins ſeiner Kinder hatte fallen laſſen, auf eine ruͤhrende Weiſe be⸗ ſchrieben; er hat einen lieblichen Panngyrikus auf „den Harem“ gedichtet, und die zarten und ſchoͤnen Pflichten beſungen, welche dieſes einſame Aſyl der Liebe und des Gehorſams ſeinen Bewohnerinnen auferlegt. Am Mauſoleum der Familie des letzten Sultans ſah ich vortrefflichen Stoff fuͤr ein Ghaſel in der echten neuen orientaliſchen Manier. Dieſe königlichen e ſind ein 3n fluchtsort fuͤr fromme Muſelmaͤnner. Man findet hier ewige Lampen und in den Vorhallen Exemplare des Koran zum Gebrauche fuͤr die Rechtgläubigen. So — 138 — oft man dieſe Kirchhoͤfe beſucht, ſieht man Tuͤrken, die ſich an den Ciſternen waſchen, (was vor dem Eintritte zum Gebete geſchehen muß,) die an den Baͤnken kauern und Stellen aus dem heiligen Buche abſingen. Chri⸗ ſten werden, ſoviel ich weiß, nicht zugelaſſen. Sie konnen aber durch die Gitter ſehen, und ſich die Saͤrge der verſtorbenen Herrſcher und der Kinder ihres Hauſes betrachten. Jeder liegt in einem engen Sarkophage, an deſſen beiden Seiten gewöhnlich mächtige Kerzen aufge⸗ ſtellt ſind. Ueber den Sarkophag iſt eine reichgeſtickte Decke gebreitet; am Kopfende jedes Sarges befindet ſich eine Marmorplatte mit einer vergoldeten Inſchrift; fuͤr die Prinzeſſinen iſt die Platte einfach, nicht unaͤhn⸗ lich unſern eigenen Grabſteinen. Die Grabſteine der Prinzen ſind mit einem Turban, oder, ſeitdem dieſer Putz Mode geworden, mit einem rothen Feſch geziert. Den Grabſtein Mahmuds ſchmuckt der kaiſerliche weiße Reiherbuſch. In dieſem duͤſteren, aber praͤchtigen Grabge⸗ woͤlbe bemerkte ich zwei kleine Grabmaͤler, jedes mit einem rothen, ſo kleinen Feſch, daß die Koͤpfchen, die ſie getragen, und die nun unter den geſtickten Parade⸗ talaren liegen, augenſcheinlich noch ſehr jung geweſen ſein muͤſſen. Ich weiß nicht mehr, ob ſie auch mit Kerzen umgeben waren, aber ihre zarte Lebensflamme mußte bald erloͤſchen, und es bedurfte nicht vieler Pfunde Wachs, um ſie zu verſinnlichen. Die Enkel Mahmuds, — — die Neffen des jetzigen Lichts der Welt, die Kinder ſei⸗ ner Schweſter, des Weibes von Halil Paſcha, liegen hier begraben. Kleine Kinder ſterben alle Tage; aber dieſe, aus dem unſeligen mahomedaniſchen Herrſcher⸗ hauſe ſtarben durch die ſeidne Schleife. Sultan Mah⸗ mud (ruhmvollen Andenkens 1) erdroſſelte das eineß er hatte aber noch einen Schimmer menſchlichen Gefuͤhls und wurde durch den Jammer und die Seelenpein der armen beraubten Mutter, ſeiner Tochter, ſo geruͤhrt, daß ſein koͤnigliches Herz ſanfteren Empfindungen Raum gab. Er verſprach ihr, daß wenn ſie wieder mit einem Kinde geſegnet wuͤrde, dieſes am Leben bleiben ſollte. Mahmud ſtarb; und Abdul Medjid (geprieſen ſei ſein Name!), der abgelebte, junge Mann, den wir oben in die Moſchee reiten ſahen, wurde ſein Nachfolger. Seine Schweſter, — er ſoll ſie geliebt haben — wurde wie⸗ der Mutter — und gebar einen Sohn. Doch ſie trauete dem Worte ihres Vaters und der Liebe ihres erhabenen Bruders und lebte der Zuverſicht, daß dieſes zweite, theure Weſen verſchont werden wuͤrde. Aber dieſelbe verfluchte Hand riß das Kind von ſeiner Mutter Buſen und mordete es. Das Herz des armen Weibes brach bei dieſem zweiten Schlage des Ungluͤcks; ſie ſtarb. Auf dem Todtenbette ſandte ſie nach ihrem Bruder, beſchul⸗ digte ihn des Meineids und des Meuchelmords, und hauchte ihr Leben aus, indem ſie die göttliche Gerech⸗ — 140 — tigkeit uͤber ſein Haupt herabrief. Sie liegt nun an der Seite ihrer zwei kleinen Feſche. Ich wiederhole es, es muͤßte dies einen ſchönen Stoff zu einer orientaliſchen Dichtung darbieten. Die Details ſind dramatiſch und erhaben, und könnten von einem Meiſter in der Kunſt vortrefflich benutzt werden. Hätte die Mutter eine Tochter zur Welt gebracht, ſo ware das Kind ſicher geweſen; dieſe Verwickelung ent⸗ hält die Vorlage zu einer ruͤhrenden Schilderung der Gefuͤhle, die die Bruſt des jungen Weibes, als ſie fuhlte, daß ſie Mutter geworden, bewegen muͤſſen. — Sie hat einen Sohn geboren. Nun ſehen wir ſie in ihrer Verzweiflung, wir ſehen die jammervollen Blicke, die ſie auf den kleinen Liebling wirft; wir ſehen die Angſt, mit der ſie ihn in ihren Armen feſthaͤlt, wenn die Vorhaͤnge ihres Kabinets zuruͤckgezogen werden. Der Sultan ſchwankte; er ließ das Kind ſechs Wochen lang am Leben. Die Herrſcherſeele mochte ſich doch ſchwer dazu entſchließen, dem Kinde ein Leid anzuthun. End⸗ lich ließ er es geſchehen; er leidet ſelbſt dabei; man muß ihn bemitleiden, nicht verdammen. Wenn er bei ſeiner Tochter Seelenangſt weich wird, ſo iſt er Menſch und Vater. Auch im unſeligen Oriente giebt es Menſchen und Vaͤter. Nun kommt der zweite Akt der Tragödie. Neue Hoffnungen, liebende Sehnſucht, entſetzliche Zweifel, furchtſamer Glaube und ſchwache Zuverſicht; das Kind — 141 — wird geboren — und ſtirbt, ſanft laͤchelnd — und das Herz der Mutter iſt ſo zerriſſen, daß ſie nicht mehr lieben, und nicht mehr hoffen, und nicht mehr leiden kann. Allah iſt Gott. Sie ſchlaͤft bei ihren kleinen Feſchen. Horch! die Geſchutze donnern uͤber das Waſ⸗ ſer; Se. Hoheit hat das Gebet verrichtet, und kommt zuruͤck. 5 Nach dem Morde dieſes zarten Kindes kann man nur mit Grauſen auf den blutgierigen Herodes blicken, der den Mord befohlen. Die Toͤdrung der ſiebenzig Tauſend Janitſcharen nimmt den Rang einer geſchicht⸗ lichen That ein, und erſcheint gewiſſermaaßen als Krieg. Aber ein großer Herrſcher, der ſich das Licht der Welt nennt, und mit Abtreibung der Leibesfrucht und Er⸗ droſſelung neugeborner Kinder befaßt, ſchrumpft bei der fuͤrchterlichen Unbedeutſamkeit der That zu einem ſo ge⸗ meinen Verbrecher zuſammen, daß ihn achten mag, wer da will. Ich bemitleide die Excellenzen, die Ge⸗ ſandten, welche genoͤthigt ſind, ſich vor einem ſolchen Schurken zu buͤcken und ihm zuzulaͤcheln. Um den Tuͤrken Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, das Volk ſcheint in keiner Weiſe von ſolch einem herodianiſchen Geiſte beſeelt zu ſein. Es laͤßt ſich dieſe Thatſache, wenn man nur zwei Tage lang in Conſtantinopel herum⸗ geht, eben ſo ſicher feſtſtellen, als bei einem Aufent⸗ halte von einem Jahre. Ich ſah nie mehr Liebe zu den Kindern bei allen Klaſſen, nie mehr Väter mit ihren Kindern an der Hand, wie ſie hier mit ihren kleinen feierlichen Mohamedanern in rothen Muͤtzen und weiten Hoſen herumwandeln, nirgends mehr Leben, als auf dem hieſigen Spielwaarenmarkte, — und im Atmeidan. Obſchon man in Letzterem den Thebaiſchen Stein, den der Kaiſer Theodoſius errichtet hat, und die eherne Schlangenſäule, welche nach Murrey's Berichte von Delphi hierhergebracht worden ſein ſoll, nach meines Fuͤhrers Bericht aber die wirkliche, von Moſes in der Wuͤſte aufgerichtete eherne Schlange *) iſt, in Augenſchein nehmen kann, ſo hielt ich doch die Betrachtung dieſer 3 Alterthuͤmer fuͤr weniger ergötzlich, als das Anſchauen der mannichfachen Kindergruppen, welche hier auf dem Platze ſpielten, oder in ſeltſamen Aroba's (gemalter, und hier zur Miethe zu habender Wagen) herumgefah⸗ ren wurden. Das Bild von einer ſteht mir noch jetzt vor den Augen. Es war ein ovaler, gruͤnangeſtrichener und rund um das Fenſter noch mit Blumen bemalter Kutſchwagen, aus welchem zwei laͤchelnde Köpfchen wahre Bilder von Gluͤckſeligkeit, herausguckten. Ein alter, gutmuͤthig ausſehender, graubaͤrtiger Tuͤrke zog . den Wagen, und hinter demſelben ging eine Dame im Yakmac und gelben Pantoffeln und eine Negerſclavin, 3 wie gewöhnlich, mit lachendem Antlitz, zu welchen die kleine Geſellſchaft in der Equipage hinblickte. Ein N4. B. V. 21. V. 9. — 143 — ſtaͤmmiger, barfuͤßiger Tuͤrkenknabe betrachtete ſich den Wagen nicht ohne einigen Anflug von Neid; er iſt zu arm, um ſich und ſeinem runden Puppenhuͤndchen (das er im Arm traͤgt, wie bei uns zu Hauſe kleine Maͤdchen ihre Docken tragen) das Vergnuͤgen des Fah⸗ rens gewaͤhren zu können. Die ganze Umgebung vom Atmeitan iſt außeror⸗ dentlich maleriſch; es iſt der Moſcheenhof und das Klo⸗ ſter, wo die Perſer ihre Zuckerbaͤckerwaaren- und Tabak⸗ gewoͤlbe haben; in der Mitte befindet ſich ein Brunnen, den ein praͤchtiger, wilder Feigenbaum aromatiſch uͤber⸗ ſchattet; große Schwaͤrme von Tauben laſſen ſich auf den Eckzierrathen des Kloſters nieder und an den Tho⸗ ren wird Gerſte verkauft, mit welcher das gutmuͤthige Volk ſie fuͤttert. Vom Atmeidan aus hat man eine herrliche Ausſicht auf die Sancta Sophia, und ohnfern praͤſentirt ſich eine andere Moſchee, welche einen noch maleriſcheren und prachtvolleren Eindruck macht — es iſt die Moſchee des Sultan Achmed, mit ihren ſechs glaͤnzend weißen Minarets und ihren herrlichen Hoͤfen und Baͤumen. Jeder Unglaͤubige kann ohne Belaͤſtigung in den Hof eintreten, und, durch die Gitterfenſter der Moſchee blickend, ihr hohes und geraͤumiges Innere in Augenſchein nehmen. Als ich hindurch ſah, war eine kleine Frauengemeinde darin verſammelt, welche auf Matten kauerten und einem Prediger zuhörten, der mit großer Energie ſprach. Mein Dragoman verdolmetſchte — 144 — mir den Sinn einiger Stellen von ſeiner Predigt. Er verwarnte die Frauen vor der Gefahr des Herumſtrei⸗ fens auf oͤffentlichen Plaͤtzen, und vor der Immoralitaͤt des zu vielen Sprechens; und ich darf wohl ſagen, wir wuͤrden noch eine viel vollſtändigere Belehrung uͤber die Fehler der Frauenwelt von ihm erhalten haben, wenn nicht ein großer Tuͤrke meinen Dolmetſch auf die Schulter geklopft, und ihm bedeutet hätte, ſich zu entfernen. Obwohl die Frauen verſchleiert, und in den haͤß⸗ lichſten Putz, den es auf der Welt nur geben kann, ſich oͤffentlich zeigen, ſo ſind ſie dennoch, trotz aller die⸗ ſer Verhuͤllungen, in ihrem Zartgefuͤhle, wie es den Anſchein hat, ſehr leicht zu beunruhigen. Eines Tages kam eine alte, dicke Figur, mit Diamantringen an ihren mit henns campecheholzartig gefarbten Fingern, in ein Gewolbe, in welchem ich mir Pantoffeln einkaufte. Sie hatte ihren Sohn mit ſich, einen jungen Aga von ſechs Jahren, der einen gewebten Kinderrock und eine gewaltige Quaſte an ſeinem Feſch trug, ſehr wohlge⸗ naͤhrt und dick war, und ſich durch ein aͤußerſt feierli⸗ ches Benehmen auszeichnete. Der junge Aga ſollte auch ein paar Schuhe bekommen, und ſeine Verdrehun⸗ gen beim Anprobiren waren ſo ergoͤtzlich, daß ich blieb und mit großem Vergnuͤgen zuſah; ich haͤtte gewuͤnſcht, Leech waͤre zugegen geweſen, um Se. Lordſchaft und ſeine dicke Mama, die am Waarentiſche ſaß, zu ſtizi⸗ ren. Die Dame bildete ſich ein, meine Aufmerkſam⸗ keit ſei ihrer Perſon gewidmet, obſchon ſie, ſoviel ich bemerken konnte, die Geſtalt und das Anſehen eines Kugel⸗Puddings hatte; und ſo ließ ſie mir mit einer Verſchaͤmtheit, zu welcher in der That gar keine Ver⸗ anlaſſung vorhanden war, durch den Schuhmacher ſagen, ich ſollte mich entfernen, da ich meinen Einkauf gemacht haͤtte, denn Damen von ihrem Range wären nicht ge⸗ meint, ſich von Fremden angaffen zu laſſen. So war ich denn genöthigt, meinen Ruͤckzug zu nehmen, obſchon ich es mit großem Bedauern that, denn der kleine Lord hatte ſich eben zu einer Attitude bequemt, wie ich ſie nie drolliger am General Tom Thumb geſehen habe. Wenn Serail⸗Damen mit ihrem Gefolge von hoͤllenſchwarzen Verſchnittenen auf den Bazar kommen, ſo werden die Fremden veranlaßt, ſich ſchleunigſt zu entfernen. Ich ſah eine Geſellſchaft von ohngefähr acht ſolchen Damen, mit ihren Adjutanten; aber ſie waren eben ſo einge⸗ mummt, wie die andern Frauen, ſahen aber ſo plump und abſtoßend aus, und ſchienen nicht von der ſchoͤnſten Klaſſe zu ſein. Die armen Geſchoͤpfe duͤrfen des Jahrs etwa ſechs Male ausgehen, um ſich von ihrem gerin⸗ gen Taſchengelde Spielſachen und Tabak zu kaufen; während der ganzen uͤbrigen Zeit haben ſie „ie ſchoͤnen Pflichten ihres Daſeins“ innerhalb der Mauern des hei⸗ ligen Harems zu erfuͤllen. Das Innere des Käfigs, in welchem dieſt Para⸗ Aufzeichnungen. I. 10 — 145 — diesvögel gefangen gehalten werden, duͤrfen Fremde zwar nicht in Augenſchein nehmen; demohngeachtet, ſtehen manche einzelne Theile des Serails den Beſuchenden offen, wenn es ihm nicht darauf ankommt, hie und da ein gutes Trinkgeld — backshush — fallen zu laſſen. Ich landete eines Morgens an derjenigen Seite des Se⸗ rails, die man von Galata aus zunaͤchſt beruͤhrt, un⸗ mittelbar bei einem alten Luſthauſe des verſtorbenen Sultan, einem weiten, breitrandigen Pavillon, der noch immer zu einem Tanzſaal fuͤr Geſpenſter ſchoͤn genug ſein mag; jetzt hat der Sultan, wie das „Fuͤhrerbuch“ berichtet, ein anderes Sommerpalais, wohin er ſich zur Beluſtigung mit ſeinen Frauen und Stummen verfuͤgt. Ein Regiment Infanterie, ein Muſikcorps an der Spitze, exercirte in den aͤußern Bezirken des Serails; wir folgten ihm und machten von der Gelegenheit Ge⸗ brauch, auf einem ſchoͤnen, gruͤnen Platze unter den Mauern des Serails, wo eine vereinzelte Saͤule, — zur Erinnerung an die Triumphe irgend eines byzanti⸗ niſchen Kaiſers errichtet, ſtehen geblieben, ſeine Evolu⸗ tionen in Augenſchein zu nehmen und die Regiments⸗ muſik zu hoͤren. Es exercirten drei Bataillone tuͤrkiſche Infanterie; ihre Bewegungen ließen in der That nichts zu wuͤnſchen uͤbrig; ſie feuerten auf einander, drangen vor und hiel⸗ ten Stand, Alles in ſtrenggeſchloſſener Linie; ſie biſſen ihre ſupponirten Patronen eben ſo regelrecht, als unge⸗ — — ſtuͤn ab, und ließen all' ihre Labſtoͤcke im Takte klingen, ganz in gleicher Weiſe, wie manche chriſtlichen Regimen⸗ tert. Die Leute ſahen aber klein, jung, unanſehnlich und uͤbelgebildet aus; ihre europäiſchen, abgeſchabten Uniformen machten einen unangenehmen Eindruck, und namentlich erſchienen die Beine außerordentlich ſchwach und mißförmig. Einige zwanzig ihrer invaliden Kamera⸗ den ſtreckten ſich bei einem Brunnen und einem Mar⸗ morſommerhauſe, welches in der Naͤhe ſtand, im Son⸗ nenſcheine, und betrachteten des Manoͤvre mit einer Aufmerkſamkeit, als ob ſie ſich an dieſem herrlichen Zeitvertreibe nicht ſatt ſehen konnten; und fuͤr dieſe Kranken war beſſer geſorgt, als fuͤr ihre geſunden Ge⸗ noſſen. Es hatte jeder zwei Anzuͤge, einen von weißem Cattun, und einen zweiten, einen Ueberzieher, von braunem, wollenen Zeug. Zur Kopfbedeckung waren ſie mit wattirten Kattunnachtmuͤtzen verſehen, und nach ihrem Ausſehen zu ſchließen, ſowie bei der vorzuglichen Beſchaffenheit der Militairhospitaͤler, mag das Krankſein im tuͤrkiſchen Dienſte zutraͤglicher erſcheinen, als das Geſundſein. Dieſer gruͤnen Esplanade gegenuͤber und jenſeits von den Gewaͤſſern des Bosporus beſpult, erheben ſich die großen Mauern der aͤußeren Serailgaͤrten. Es ſind gewaltige Maſſen von altem Mauerwerk, uͤber welche die Daͤcher von zahlreichen Kiosks und Hintergebäuden hervorragen, waͤhrend dazwiſchen dichtes Immergruͤn ſo 10* — 148 — angepflanzt iſt, als ob es die ſchoͤnen Beſucherinnen des Platzes gegen vorwitzige Augen und Teleſcope ſchuͤtzen ſollte. Die Straße windet ſich rings um die Mauer, und der aͤußere Park, welcher gleichfalls mit Baͤumen bepflanzt iſt und durch Gartenſtuͤcke und Landhaͤuschen Abwechſelung darbietet, gleicht mehr den aͤußern Umge⸗ bungen eines ſchmuckloſen engliſchen Parks, als denen eines Palaſtes, den wir uns Alle als den ſtattlichſten in der ganzen Welt vorſtellen. Waſſerkarren, wie man ſie an den belebteſten oͤffentlichen Plaͤtzen ſieht, fuhren hin und wieder; es wurden in der macedamitiſchen Weiſe Straßen gebeſſert, und Zimmerleute ſetzten die WParkverpfaͤhlung wieder in Stand, gerade ſo, wie es in Hampſhire geſchieht. Es fehlte nun weiter nichts, als daß man den Sultan haͤtte kommen ſehen, mit einem Jaͤtemeſſer und einem Paar Hunden, und eben im Be⸗ griffe, den Poſtbeutel und das „Saint James Chronicle“ in Empfang zu nehmen. Der Palaſt iſt nichts weniger als ein Palaſt. Es iſt eine große Stadt von Pavillons, welche hier und da ohne Plan und Ordnung, wie es gerade den auf einander folgenden Leuchtern des Weltalls oder deren Guͤnſtlingen einfallen mochte, aufgebauet worden ſind. Die einzige Reihe von Kuppeln, welche einen regelmaͤßigen und ſtattlichen Anblick gewaͤhrte, war die der Kirchen. Be⸗ trachtet man die Gebaͤude, die auch keineswegs glanz⸗ voll möblirt ſein ſollen, genauer, ſo findet man, daß — 149 — ſie ein ruinoͤſes, verfallenes Anſehen haben, — nicht ein Bischen eleganter, als Miß Jones Erziehungsinſti⸗ tut fuͤr junge Damen, welches letztere jedoch ganz ge⸗ wiß weit comfortabler eingerichtet iſt, als die Palaͤſte Sr. Hoheit, des Abdul Medjid. In dem kleinen Stallgebaͤude hatte ich einige Zei⸗ chen koͤniglicher Pracht und einige Pferde, wuͤrdig des Koͤnigs der Könige, zu finden gehofft. Allein der Sul⸗ tan ſoll ein ſehr furchtſamer Reiter ſein. Das Thier, welches immer geſattelt fuͤr ihn in Bereitſchaft ſteht, ſah nicht aus, als ob es zwanzig Pfund werth waͤre; und die uͤbrigen Pferde in den unanſehnlichen, ſchmutzi⸗ gen Staͤllen waren kleine, ſchlecht gehaltene, uͤbel aus⸗ ſchende Geſchöpfe. An einem Markttage kann man bei uns in dem Stalle eines jeden Dorfwirthshauſes beſ⸗ ſere ſehen. Die Kuͤchen bilden den großartigſten Beſtandtheil des Serails. Es ſind neun maͤchtige Hallen, fuͤr alle Rangordnungen von Sr. Hoheit abwaͤrts. Wie man ſagt, ſoll hier taͤglich mehr als eine Hecatombe gebraten werden, und das Kochen geht mit einer wilden, home⸗ riſchen Erhabenheit vor ſich. Kamine haͤlt man in die⸗ ſen unmenſchlichen Hallen fuͤr uͤberfluͤſſig; die Decken ſind ganz ſchwarz vom Rauche, der aus Hunderten von Oefen aufſteigt, und durch Oeffnungen in den Kuppeln ſeinen Abzug findet. Dieſe Oeffnungen werfen zugleich das Licht in die Hallen, die hauptſachlich durch ſie er⸗ leuchtet werden, und ſo im Herabſtroͤmen durch den Rauch aufgefangen und getrubt, faͤllt das Licht duͤſter auf viele Hundert ſchwarzbraune Geſtalten, welche an den Bratſpießen und Keſſeln beſchaͤftigt ſind. Nahe bei der Thuͤre, durch welche wir eintraten, wurden Paſteten fuͤr die Sultana's gemacht, und der Oberpaſte⸗ tenkoch, der meinen Fuͤhrer kannte, lud uns hoͤflich ein, dem Prozeſſe beizuwohnen, und von den Delicateſſen, welche fuͤr ſo reizende Lippen zubereitet werden, zu ko⸗ ſten. O, wie muͤſſen die ſuͤßen Lippen glaͤnzen, wenn ſie dieſe Toͤrtchen verzehrt haben. Zuerſt werden große Stuͤcken Kuchenteig ſo lange aufgerollt, bis die Platten ſo duͤnn wie Silberpapier geworden; dann formt ein anderer Kuͤnſtler dieſen Teigmuſſelin zu einer Art von Draperie, und lockt und dreht daraus die verſchieden⸗ artigſten, phantaſtiſchen und herrlichen Formen, bis ein großes, rundes Metallgefaͤß, in welchem ſie gebacken werden, gefullt iſt. Dann werden die Toͤrtchen auf eine verſchwenderiſche Weiſe in Fett getaucht, und zuletzt wird eine tuͤchtige Portion Syrup daruͤber gegoſſen. Nun iſt das koͤſtliche Backwerk vollendet. Die Voll⸗ mondgeſichter ſollen ungeheure Quantitäten dieſer zutraͤg⸗ lichen Speiſe genießen, und ſie verzehren in der That vom Morgen bis zum Abend fettes Backwerk und Suͤßigkeiten. Ich will nicht an die Folgen, die dies haben muß und an die Leiden erinnern, denen ſich die zarten Geſchoͤpfe dadurch ausſetzen. Der gutmuthige Oberpaſtetenkoch fullte eine kupferne Schuͤſſel mit ſolchen in Fett eingetauchten Tortchen, und, einen Loͤffel von zweifelhaftem Ausſehen in einen maͤchtigen Keſſel, der mehrere Gallonen Syrup enthielt, einſenkend, ſchuͤttete er eine tuchtige Portion dieſer Suͤßigkeiten daruͤber, und lud uns zum Eſſen ein. Ich hatte an einem der Toͤrt⸗ chen vollkommen genug und entſchuldigte mich damit, daß ich wegen Uebelbefindens nichts Suͤßes und Fettes genießen duͤrfe. Aber mein Begleiter, der Dolmetſch, ließ einige und vierzig derſelben im Nu verſchwinden. Sie ſchluͤpften hinter ſeinen weit offenen Kinnbacken hinab, wie die Bratwuͤrſtchen in des Hanswurſts Kehle bei einer Pantomime. Sein Schnurrbart ſtrahlte von Fett, und es floß ihm von Bart und Fingern. Wir dank⸗ ten dem laͤchelnden Oberpaſtetenkoch und belohnten ihn anſtaͤndig fuͤr ſeine Törtchen. Es will doch etwas ſagen, von den Suͤßigkeiten der Damen des Harems genoſſen zu haben; ich ſollte aber meinen, Herr Cookle muͤſſe die Namen der oberſten Sultaninnen unter den eifrig⸗ ſten Liebhaberinnen ſeiner antibiloſen Pillen zaͤhlen. Aus den Kuͤchen gelangten wir in den zweiten Hof des Serail, jenſeits deſſen der Tod iſt. Das Fuͤhrer⸗ buch ſchildert die Gefahr, die ein Fremder laufen wuͤrde, wenn er einen Blick in den geheimnißvollen, erſten Hof des Palaſtes werfen wollte, nur andeutungsweiſe. Ich habe den Blaubart geleſen, und trage keine Sehnſucht darnach, durch verbotene Thuͤren zu gucken; ich hatte am zweiten Hofe vollkommen genug, um ſo mehr, als das Vergnuͤgen, ihn zu ſehen, gewiſſermaßen durch die Vorſtellung der unſichtbaren Gefahr erhoͤhet wurde, welche an der naͤchſten Thuͤre mit aufgehobenem und zum Niederfallen bereiten Schwerte drohte, das ſtets gegenwärtig, wenn auch nicht geſehen iſt. Ein Kreuzgang erſtreckte ſich entlang der einen Seite dieſes Hofs; auf der entgegengeſetzten iſt der Divanſaal; „geraͤumig, aber niedrig, mit Blei gedeckt und vergoldet, nach Mauriſcher Sitte; ſchlicht genug.“ Hier ſchlägt der Großvezier ſeine Reſidenz auf, und die Geſandten pflegten ihm hier aufzuwarten, und wur⸗ den zu Pferde, in Ehrengewäͤndern, zuruͤckgeleitet. Indeß iſt dieſe Ceremonie, wie ich glaube, ins Stocken ge⸗ kommen; jedenfalls iſt es dem engliſchen Geſandten nicht geſtattet, ein Backſhuſh anzunehmen und er geht, wie er kam, in ſeiner Landestracht. Rechter Hand iſt eine Thuͤr, welche in das Innere des Serails fuhrt; Niemand paſſirt ſie, außer Diejenigen, uͤber die Beſtimmungengetroffenwerden, ſagt das Fuͤh⸗ rerbuch; eine Notiz, die Schrecken genug einzufloͤßen im Stande iſt. An dieſer Thuͤre ſtanden und lehnten junge Burſchen und Diener, Idſchoglans*) und Pagen mit verdroſſenen ) Ibſchoglans (tuͤrk.), Edelknaben, die im Serail zu den hochſten Staatsſtellen erzogen werden, meiſt erbeutete oder geraubte und zum Islam bekehrte Chriſtenkinder oder ſchöne, talentvolle Turkenkinder. Ihr Aufſeher iſt der Kapi⸗Aga. — 153 — Mienen und in ſchaͤbigen Anzuͤgen; unter ihnen ſonnte ſich muͤrriſch auf einer Bank ein elender, alter, fetter und runzeliger, weißer Eunuch, mit kleinen, dicken, wei⸗ ßen Haͤnden, einem großen Kopfe, der auf die Bruſt herabgeſunken war, und zwei kleinen, zappelnden Beinen, die offenbar unfaͤhig ſchienen, den aufgedunſenen, ent⸗ ſtellten Leib zu tragen. Er kraͤchzte meinem Freunde, dem Dolmetſch, welcher, durch die eben genoſſenen Toͤrtchen weich und mild geſtimmt, ihn ohne Zweifel recht freundlich gegruͤßt hatte, eine ſehr determinirte Antwort zu, ſo daß der wuͤrdige, arme Mann höchſt niedergeſchlagen davon ging und mich eiligſt aus dem Platze mit fortzog. Der Palaſt des Divans, der Kreuzgang mit mar⸗ mornen Säulen, der Geſandtenſaal, das undurchdring⸗ liche, von Verſchnittenen und Idſchoglans bewachte Thor, haben im Kupferſtiche ein ſehr romantiſches Ausſehen, aber nicht ſo in der Wirklichkeit. Viel von dem Mar⸗ mor iſt Holz; faſt alle Vergoldung iſt verſchoſſen; die ſonderbaren Wandmalereien ſind halb abgeblaͤttert; der Platz ſieht aus wie Vaurhall bei Tage. Wir entfern⸗ ten uns aus dem zweiten Hofe durch die hohe Pforte. Sie gleicht dem befeſtigten Thore einer deutſchen Stadt im Mittelalter. Man gelangt von da in den äußern Hof, welchen von allen Seiten offentliche Gebaͤude, Hospitäler, und die Wohnungen des zahlreichen Palaſt⸗ perſonals umgeben. Dieſer Platz iſt ſehr umfangreich — — und maleriſch; an dem aͤußeren Ende befindet ſich eine huͤbſche Kirche von byzantiniſchem Bauſtyl; in der Mitte des Hofes eine prachtvolle Platane von ungeheurem umfange und, nach den Verſicherungen der Fuͤhrer, von fabelhaftem Alter; in weiterer Entfernung ſieht man die Sancta Sophia, und man hat vielleicht hier den beſten Standpunkt, um von ihren ſchwellenden Kuppeln und herrlichen Verhaͤltniſſen einen vollen Anblick zu ge⸗ winnen. Die Pforte ſelbſt auch wuͤrde dem Skizzen⸗ zeichner einen vortrefflichen Stoff darbieten, wenn es die Hofbeamten geſtatteten, einen Abriß davon zu nehmen. Ich machte den Verſuch und ein paar tuͤrkiſche Pedelle ſahen eine Zeitlang ganz gutmuͤthig dem Fortgange der Zeichnung zu; bald aber geſellten ſich eine große Anzahl anderer Zuſchauer zu ihnen, es formirte ſich ein Haufe, und, wie es ſcheint, iſt ſo etwas im Serail nicht zu⸗ laͤſſig; man ſagte mir, ich ſolle mein Portfolio zuſam⸗ menpacken, um die Urſache der Stoͤrung zu entfernen, — und ſo kam ich um meine Zeichnung von der otto⸗ maniſchen Pforte. Ich ſollte meinen, ich hätte n nun weiter nichts von der Stadt zu ſagen, von welcher gewichtigere Reiſende auch nicht viel mehr berichtet haben. Ich konnte mit ihnen wahrnehmen (vielleicht waren es aber die Raiſon⸗ nements der Politiker, welche mich ſchon zuvor einge⸗ nommen hatten), daß man hier einen Staat vor Augen hat, der ſeinem Untergange taͤglich ſchneller entgegen⸗ ſchreitet; ich hoͤrte viel von Schwaͤche, Unordnung und Unterdruͤckung erzaͤhlen. Ich ſah ſogar eine Dame in einem Brougham in Sultan Achmeds Moſchee fahren. Iſt dies nicht ein Punkt, der zu moraliſchen Betrach⸗ tungen Veranlaſſung darbietet? Kann man nicht end⸗ loſe Schluͤſſe daraus ziehen: daß die Grabeglocke der tuͤrkiſchen Herrſchaft gelautet wird; daß europäiſcher Geiſt und europaͤiſche Sitte, ſobald ſie einmal Fuß ge⸗ faßt, nicht wieder auszurotten ſind, daß der in den hoͤhern Klaſſen vorherrſchende Skepticismus in nicht all⸗ zulanger Zeit zu den niedern Klaſſen herabſteigen muß, und daß der Ausruf der Muezzims von der Moſchee zur bloßen Ceremonie wird? Da ich mich aber nur acht Tage hier aufgehalten habe, und keine Sylbe tuͤrkiſch verſtehe, ſo iſt es wohl am beſten, wenn ich mich aller Eroͤrterungen uͤber den Geiſt der Bevoͤlkerung entſchlage. Ich kann nur ſagen, daß ich uͤberall ſehr gutmuͤthige, huͤbſche und langweilige Geſichter geſchen habe; daß die gelben Pantoffeln der Frauen im hoͤchſten Grad haͤßlich ſind; daß man im Speiſehauſe, unmittelbar neben dem Seilermarkte, ſehr guten und heißen Schoͤpſenbraten bekommt; und daß in den armeniſchen Speiſewirthſchaften ein vortrefflicher Fiſch und kraͤftiger Roſinenwein von nicht gewoͤhnlicher Guͤte ſervirt wird. Als wir dort gegen Sonnenunter⸗ gang dinirten, kam ein guter, alter Tuͤrke herein, ließ ſich fur einen Penny Fiſch geben, ſetzte ſich ganz beſchei⸗ den unter einen Baum und verzehrte ihn zu ſeinem eigenen Brote. Wir machten den guten, alten Muſel⸗ mann mit einem Quart Roſinenwein gluͤcklich; mit jedem friſchen Glaſe blitzten ſeine Augen mehr, er ſtrich ſich vergnuͤgt ſeinen alten Bart, ſchmunzelte, plauderte ein gut Theil und ſetzte uns, ich darf es wohl ſagen, den ganzen Zuſtand des Reichs auseinander. Er war der einzige Tuͤrke, mit welchem ich waͤhrend meines Aufenthalts in Conſtantinopel eine etwas vertrautere Bekanntſchaft anknuͤpfte, und man ſieht ein, daß ich aus bewegenden Gruͤnden die Einzelnheiten unſerer Un⸗ terredung nicht veroffentlichen kann. „Sie haben nichts zu ſagen; Sie geſtehen dies ein; warum ſchreiben Sie denn, mein Herr?“ Dieſe Frage muß ich mir gefallen laſſen, und, unter uns, ich habe ſie mir ſelbſt geſtellt, und doch, Verehrteſter, der Sie ſo fragen, einige bemerkenswerthe Dinge ſind ſelbſt in dieſem kurzen Abſchnitte enthalten: das Weib in dem Brougham iſt eine Idee von Bedeutung; die Verglei⸗ chung des Serails mit Vauphall am Tage, iſt treu und wahr; aus Beiden wird Ihr durchdringender Verſtand, Ihr ſcharfſinniger, philoſophiſcher Geiſt, Conſequenzen ziehen, die ich ſelbſt auszufuͤhren nur aus Beſcheiden⸗ heit unterlaſſen habe. Sie ſind zu gebildet, als daß Sie verlangen koͤnnten, es muͤſſe jeder Fabel, die Sie leſen, eine Nutzanwendung beigefuͤgt werden, wie man fuͤr die Kinder in den ABC⸗Buͤchern zu thun pflegt; ſonſt — 157 — wuͤrde ich Ihnen ſagen, daß die Herrſchaft der otto⸗ maniſchen Pforte ſo verfault, ſo zuſammengeſchrumpft iſt, wie der alte Eunuch, den ich in der Sonne herum⸗ kriechen ſah; daß, als ich die tuͤrkiſche Dame zum Sultan Achmed fahren ſah; ich fuͤhlte, daß der Schul⸗ meiſter aller Orten thaͤtig ſei, und daß der Halbmond vor dieſem Lichte die Segel ſo widerſtandslos ſtreichen wird, wie es der Mond vor der Sonne thut. MI. RNhodus. Juden-Pilgrime. — Judenſchacher. — Ueberreſte aus den Zeiten der Ritterſchaft. — Mahomedaniſcher Bankerott. — Ein Dolmetſch. — Ein ſchoͤner Tag — Rhodus. — Unſer Schiff ſegelte direct nach Jaffa. Dies brachte eine große Menge von Paſſagieren zuſammen, und unſere Decke waren mit Chriſten, Juden und Hei⸗ den beſetzt. In der Kajuͤte waren mit uns Polen und Ruſſen, Franzoſen, Deutſche, Spanier und Griechen; auf dem Verdecke waren verſchiedene kleine Colonieen, von Völkern verſchiedenen Stamms und Glaubens, an⸗ gehauft. Hier ſah man einen griechiſchen Popen, eine edle Geſtalt, mit einem wallenden, ehrwuͤrdigen, weißen Bart, der, ich weiß nicht, wie viele Jahre, nur von Waſſer und Brot gelebt hatte, um ſich eine kleine Summe Geldes zu ſparen, und damit die Pilgerreiſe — 159 — nach Jeruſalem zu machen. Einige juͤdiſche Rabbiner mit ihren Familien feierten ihr Lauberhuͤttenfeſt an Bord; die Haͤupter der Familien verrichteten zwei oder drei Mal des Tages den Gottesdienſt; ſie waren dabei in ihre prieſterlichen Gewaͤnder gekleidet, und mit Denk⸗ zetteln behangen. Auf der andern Seite hielten Tuͤr⸗ ken ihre eigenthuͤmlichen Ceremonien und Gebraͤuche ab, und blieben dabei ihren israelitiſchen Nachbarn weis⸗ lich fern. Der Schmutz dieſer Kinder der Gefangenſchaft iſt ſo groß, daß es unmöglich iſt, ihn zu beſchreiben. Die Stroͤme von Geſtank, den ſie verbreiteten, das Schmie⸗ rige ihrer ehrwuͤrdigen Gewaͤnder und Geſichter, die ent⸗ ſetlichen Gerichte, die ſie in unreinen Toͤpfen kochten, und mit den beſudelten Fingern verzehrten, den Dunſt der Matten, der Toͤpfe, der alten Betten und der ſchmu⸗ vigen Teppiche unſerer hebraͤiſchen Freunde, haͤtte kaum Swift in ſeiner ſchmutzigſten Weiſe zu malen ver⸗ mocht, und meine ſchuͤchterne und hoͤfliche Feder kann daher den Verſuch gar nicht einmal wagen. Was wuͤrden die in Baker-Street zu einigen Scenen ſagen, die unſere neuen Freunde uns zum Beſten gabene Was wuͤrden unſere Damen geſagt haben, wenn ſie es geſehen haͤtten, wie jene intereſſante, griechiſche Nonne ſich uͤber der Cajuͤte ihr Haar kaͤmmte, — wie ſie es mit ihren natuͤrlichen Kamme, mit ihren eigenen Fin⸗ gern, koͤmmte, und wie ſie die delicaten, kleinen Cin⸗ —— 160 — dringlinge, die ſie im Verlaufe ihrer Nachforſchungen vorfand, da es ihr widerſtehen mochte, ſie zu ſchlachten, ganz zierlich in die große Kajuͤte herunterwarf. Unſere Aufmerkſamkeit war zu einem ſehr großen Theile durch die Beobachtung der ſonderbaren Manieren und Ge⸗ braͤuche unſerer verſchiedenartigen Schiffsgensſſen in Anſpruch genommen. Die Juden waren „fluchtige“ Auswanderer aus Polen, welche ihre Gebeine in dem Thale Joſaphat zur Ruhe legen wollten, und mit außerordentlicher Strenge ihre religiöͤſen Pflichten vollzogen. Jeden Morgen und jeden Abend ſah man die Familienhaͤupter in weißen Gewaͤndern, uͤber ihren Buͤchern gebeugt, beten. Ein⸗ mal in der Woche, am Abend vor dem Sabbath, wurde eine Generalwaͤſche in Iſrael gehalten, welche dann bis fuͤr den naͤchſtfolgenden Freitag ausreichte. Die Män⸗ ner trugen lange Roͤcke und Pelzmuͤtzen oder breitran⸗ dige Huͤte, oder ſie banden, zur Zeit des Gottesdienſtes, kleine, eiſerne Kaͤſtchen um ihre Stirn, in welche der ge⸗ weihete Name eingeſchnitten war. Unter den juͤngeren Maͤnnern gab es einige huͤbſche Geſichter, und unter den Frauen entdeckte ich eine, die als eine wahre Ro⸗ ſenknospe von Schoͤnheit gelten konnte, wenn ſie friſch aus ihrer Freitagstoilette hervortauchte, auch wohl noch einen Tag oder zwei nachher, bis der duͤſtre Anflug jedes folgenden Tages ihre koſtlichen, friſchen Wangen immer mehr und mehr umſchattete. Wir hatten mit⸗ — 161 — unter ſehr ſchlechtes Wetter waͤhrend der Fahrt von Conſtantinopel nach Jaffa, und unſere iſraelitiſchen Freunde, ſammt ihren Buͤndeln und Päckten, wurden von der See uͤber und uͤber ausgewaſchen; aber trotzdem, daß ſie, wie es hieß, reich waren, konnten ſie ſich doch nicht entſchließen, ſich den Schutz der Kajuͤte zu erkau⸗ fen. Ein Familienvater, der eines Tages ſeine Kinder durch eine Bo halb ertraͤnkt vorfand, erklaͤrte feierlich, er werde einen Platz in der Kajute loͤſen; aber es war den naͤchſten Tag etwas beſſeres Wetter geworden, er konnte ſeine Dollars nicht gut herauskramen, und die Schiffsbehoͤrden wollten ihn, ohne Benhl ung⸗ nicht in die Kajuͤte aufnehmen. Dieſe Abgeneigtheit, ſich vom Gelde zu Sen macht ſich nicht blos bei den Anhaͤngern Moſes, ſon⸗ dern auch bei denen Mahomeds und bei den Chriſten bemerkbar. Wenn man auf dem Bazar etwas kauft, und mit ganzem Gelde bezahlt, worauf man zuruͤcker⸗ halten muß, dann moͤchten ſehr haͤufig die ehrlichen Burſche gern einige Piaſter zuruͤck behalten, und wenn man darauf beſteht, daß richtig herausgegeben werde, ſo thun ſie es nur mit dem größten Widetwillen, zäh⸗ len langſam einen Pfennig nach dem andern hin, und richten dabei höchſt pathetiſche Bitten an den Kunden, doch nicht mehr verlangen zu wollen. Ich kaufte fuͤr die Frauenzimmer auf dem Bazar zu Conſtantinopel fur funf bis ſechs Pfund Bruſſaer Seivenwaaren, und Aufzeichnungen. 1. 11 14 — 162 — der reiche Armenier, dem ich ſie abkaufte, bettelte noch um anderthalb Penny, damit er ſein Boot nach Ga⸗ lata bezahlen koͤnne. Dieſe Art von Prellerei, dieſes Kriechen und Schmeicheln, dieſe Paſſion fur drei und einen halben Pfennig hat wenigſtens etwas Naives an ſich und amuͤſirt. Es war ergötzlich, einem bettelnden Millionair ein Allmoſen zu geben, ihm ins Geſicht zu lachen, und zu ſagen: „Hier, du reicher Mann, hier iſt ein Pfennig fuͤr Dich; ſei glucklich, du armer, alter, liſtiger Schurke, ſo ſehr du es mit einem Pfennig ſein kannſt.“ Ich beobachtete häufig Juden an der Kuͤſte, oder wenn ſie an Bord mit einander Geſchaͤfte machen; der Kampf zwiſchen Verkaͤufer und Kaͤufer wird mit einer wahren Todesangſt gefuͤhrt; ſie ſchreien, ſchlagen die Haͤnde uͤber den Kopf zuſammen, appelliren einer an den andern mit der groͤßten Leidenſchaftlichkeit; ihre ſchoͤnen und edlen Geſichter nehmen einen Ausdruck des Schmerzes, einer durch und durch heroiſchen Heftigkeit und Betruͤbniß an — um einen Vierling. Von unſern Hebraͤern wurden Abgeordnete ausge⸗ ſendet, um in Rhodus Proviſionen einzukaufen, und es war ein Vergnuͤgen, ihrem Handel zuzuſehen. Unſer ehrwuͤrdiger Rabbiner, der im weißen Gewand und Sil⸗ berſchmuck uͤber ſeinem Buche gebeugt bei dem Morgen⸗ gottesdienſte einem Patriarchen aͤhnlich ſah, feilſchte mit einem Bruder in Iſrael zu Rhodus um ein Stuͤck Ge⸗ — 163 — flugel. O, wie kaͤmpften ſie um den Leichnam dieſes magern Geſchoͤpfs. Die ganze Straße wimmelte von Juden, blinzelnde Augen guckten aus alterthuͤmlichen Fenſtern von Schnitzwerk, — Adlernaſen kamen unten aus gleich antiken Thuͤren zum Vorſchein, — Juden⸗ knaben, welche Eſel trieben — hebräiſche Muͤtter, die ihre Kinder ſaͤugten — dunkle und glaͤnzende, junge Schoͤnheiten und ſehr ehrwuͤrdige, graubaͤrtige Vaͤter — Alle hatten ſich um dieſen Vorgang, um den Hennen⸗ handel herumgeſchaart. Während aber unſer Rabbi⸗ ner den Preis fur das Thier feſtzuſtellen ſich bemuͤhte, waren ſeine Kinder beſchaftigt, Buͤndel von gruͤnen Zwei⸗ gen zuſammenzutragen. Denn das Schiff mußte waͤh⸗ rend des Feſtes geſchmuͤckt werden. Wie viele Jahr⸗ hunderte hindurch hat ſich dieſes wunderbare Volk ganz unverandert erhalten, und wie haben ſie, von den Ta⸗ gen Jacobs an, feſt ausgeharrt im Glauben und Er⸗ liſten! Die Juden von Rhodus, mit ihrem Talent fuͤr Schmutz, haben dasjenige Quartier der edlen, verfalle⸗ nen, alten Stadt, welches ſie bewohnen, zu dem elende⸗ ſten und erbärmlichſten vor allen gemacht. Die Wap⸗ pen der ſtolzen Ritter ſind noch über den Thuͤren einge⸗ ſchnitten, aus denen jene geizigen und ſchmierigen Hö⸗ ker und Trödler hervorkommen. Die Turken reſpektir⸗ ten die Embleme der tapfern Feinde, die ſie beſiegt hat⸗ ten, und ließen ſie unberuͤhrt; nicht ſo die Franzoſen, 11* — 164 — als ſie Malta nahmen. Sie vernichteten die Wappen, und was dazu gehoͤrig, mit ihrem gewoͤhnlichen, heiß⸗ bluͤtigen Eifer, und ein paar Jahre ſpater, nachdem ſie die Wappenroͤcke des Adels zerriſſen, zeigten ſich die Herren von Malta und Aegypten ſehr ſinnig in der Heraldik fuͤr ſich ſelbſt, und waren ganz erpicht darauf, Barone und Grafen des Reichs zu werden. Das, was aus den Zeiten der Ritterſchaft von Rhodus uͤbrig geblieben, iſt wahrhaft prachtvoll. Ich wuͤßte von keinen Bauwerken zu ſagen, deren ſtattlicher und maieriſcher Anblick den Vorſtellungen, die man ſich von ihren tapfern Gruͤndern bildet, beſſer entſpräche. Die Thuͤrme und Thore tragen ein ſtarkes und kriege⸗ riſches, zugleich aber ein ſchoͤnes und feines Gepräge. Man ſieht, es muͤſſen hochgebildete Maͤnner geweſen ſein, die ſie gebauet haben. Sehr haͤufig findet man die Gebaͤude ſo gut erhalten, als ob ſie noch im Ge⸗ brauche der edlen Johanniter-Ritter waͤren; und ſie ha⸗ ben den Vorzug vor neuern Fortificationen, daß ſie tauſendmal maleriſcher ſind. Die alte Kriegsfuͤhrung machte ſich auch mit der Ausſchmuͤckung zu ſchaffen, und baute Schloͤſſer mit ſchoͤner, durchbrochener Arbeit und gewoͤlbte Thore. Dagegen kann, wenn man nach Gibraltar und Malta urtheilt, nichts unromantiſcher ſein, als die neuere militaͤriſche Architectur, welche ſtarr das Gefecht ins Auge faßt, ohne im mindeſten guf ein kriegeriſches Gemaͤlde Ruͤckſicht zu nehmen. Einige Stuͤcke von der gewaltigen Artillerie, mit welcher der Platz vertheidigt wurde, ſtehen noch auf den Baſtionen; und man hat die Zuͤndloͤcher der Geſchutze verwahrt, indem man ſie mit alten Bruſtharniſchen, welche die Vertheidiger der Feſtung vor dreihundert Jahren getra⸗ gen haben, bedeckte. Die Tuͤrken, welche die Ritter⸗ ſchaft zu Boden ſchlugen, ſcheinen nun ihrerſeits auf daſſelbe Schickſal zu warten. Wenn man durch Rho⸗ dus geht, ſo fuͤhlt man ſich durch die Kennzeichen eines doppelten Verfalls ganz eigenthuͤmlich beruͤhrt. So ſieht man in der Ritterſtraße ſehr anſehnliche Gebaͤude, uͤber denen die Wappen ſtolzer Ritter prangen, welche darin lebten und beteten, und Krieg fuͤhrten und die Tuͤrken mordeten; welche die galanteſten Seeraͤuber in den Binnenwaſſern waren; welche Keuſchheitsgelubde ablegten, und raubten und nothzuͤchtigten; welche ſich der Demuth weihten, aber nur Sproſſen von altem Adel in ihren Orden aufnahmen; welche ſterbend ihre Seele dem ſanften St. Johannes empfahlen, und in Betracht der vielen Heiden, die ſie erſchlagen, mit Zu⸗ verſicht der himmliſchen Seligkeit ſich verſahen. Als dieſe ſtolze Bruderſchaft einer Tapferkeit unterliegen mußte, die ebenſo groß war, als die ihrige, und einem eben ſo feſten Glauben, und einem Heere von Räu⸗ bern, die noch weit gewandter und kuͤhner waren, als der trefflichſte Ritter, der je ein Loblied zu Ehren der — 166 — heiligen Jungfrau geſungen; — da fullten ſich dieſe Hallen mit prachtvollen Paſchas und Agas, die ſich hier in kriegsfreien Zeiten vergnuͤgten, und Chriſten⸗ und Ritterthum, nachdem ſie ſeine gewaltigſten Krieger ge⸗ ſchlagen, ebenſo verſpotteten, wie dies der Englaͤnder mit dem Franzoſen thut. Jetzt ſind dieſe ruhmvollen Ge⸗ baͤude armſeligen Haͤndlern uͤberlaſſen, die ihre Buden mit Bettelkram auf dem Bezar aufſchlagen, oder irgend einem geringen Beamten, der ſein elendes Einkommen, das ihm noch dazu in ſchlechter Muͤnze gewaͤhrt wird, durch Betruͤgerein vermehrt. Der Mahomedanismus zahlt jetzt mit Zinn, anſtatt mit Silber und Gold. Die Herren der Welt haben ſich uͤberlebt. Das machtloſe, alte Schwert ſchreckt heutzutage Niemanden mehr; auch der Stahl iſt zu Zinn geworden, er kann kein Chriſtenhaupt mehr von den Schultern trennen. — In der Geſchichte der Kreuzzuͤge waren meine Sympathien allzeit fur die Tuͤrken. Sie ſchienen mir von den bei⸗ den ſtreitenden Theilen die beſten Chriſten zu ſein, menſchlicher, nicht ſo unvernuͤnftig von ihren eigenen Verdienſten eingenommen, und edelmuͤthiger in der Wuͤrdigung ihrer Nachbarn. Soweit ich den wirkli⸗ chen, urkundlichen Thatbeſtand jener Geſchichten zu er⸗ forſchen vermochte, erſcheint mir Saladin als eine Perle der Bildung, im Vergleiche zu dem rohen Rindfleiſcheſſer Richard, ruckſichtlich deſſen Sir Walter Scott alle Welt irre gefuͤhrt hat. Wenn endlich werden wir eine — — v —.— — — 167 — wahrhaftige Darſtellung jener Zeiten und Helden — nicht ein nach Willkuͤr entworfenes Trugbild, wie dieſe Scottiſchen Romanzen — mein, eine urkundliche Geſchichte haben, welche geeignet iſt, die ehrlichen Leute der Jetztwelt zu unterrichten und mit Abſcheu zu er⸗ fuͤllen, und ſie dankbar dafuͤr zu machen, daß ſtatt des Barons, der Kaufmann jetzt die Welt regiert. *) Immer⸗ hin aber mag es einem Menſchen von Gefuͤhl geſtattet ſein, uͤber das duſtere Schauſpiel des Verfalls von zwei ſo großen Erſcheinungen in der Welt ein wenig zu plau⸗ dern. Das Ritterthum iſt dahin gegangen — Amen; es ging mit Anſtand zu Grunde, ſein Antlitz dem Feinde zugewendet. Der alte Mahomedanismus liegt im Ver⸗ ſchmachten; die Frucht iſt reif und kann jeden Augen⸗ blick fallen. Aber es iſt unanſtaͤndig, einen ſo großen Herrſcher in einem ſolchen Zuſtande des Verfalls, den Sohn des Bajazet Ilderim inſolvent, die Nachkommen des Propheten durch Kalmucken, Englaͤnder und rauf⸗ luſtige Franzoſen bedraͤngt zu ſehen. Der „Brunnen der Pracht“ iſt verſiegt, und lieferte nur noch Zinn in die Muͤnzſtaͤtte. Man ſtelle ſich die armen, ſchoͤnen Huris im Paradieſe vor, mit welcher Betrubniß ſie ſehen muͤſſen, daß von Tage zu Tage immer weniger *) Und wann wird der Kaufmann das vom Baron er⸗ haltene Scepter an den Menſchen abgeben? — D. U. Rechtglaͤubige ankommen. Ich kann mir vorſtellen, daß auch dieſer Platz noch den fatalen Anblick des Serail-Vaurhall, den ich, ſeitdem ich ihn hatte, nicht wieder verbannen kann, gewinnen, daß der Brunnen des ewigen Weins vertrockene, und der Nectar immer fraglicher werden wird, und daß die Baͤume mit den gebratenen Tauben ihr: „Komm und iß!“ mit immer ſchwaͤcherer Stimme rufen moͤgen — ohne Kraft und Saft darin, denn die Glaͤubigen fangen an, in die Qualität der Lebensmittel Zweifel zu ſetzen. Zu naächt⸗ licher Weile ſieht man wohl betruͤbte Huris unter ihren Zweigen ſitzen, und die duͤnn gewordenen Muſſelinkleid⸗ chen ausbeſſern; Ali, Omer und die Imams ſind zu⸗ ſammengekommen, und halten ſchwermuͤthige Berathung; und das Haupt der Glaͤubigen ſelbſt, der ehrwuͤrdige Kameelfuͤhrer, Kadiſchehs uͤbernaturlicher Gatte, ſitzt in einem eingeſtuͤrzten Kiosk und denkt mißmuthig an das uͤber ihm ſchwebende Schickſal und an den Tag, an welchem ſeine geſegneten Gaͤrten ſo oͤde und leer ſtehen werden, wie der zu Grabe gegangene Olymp. Die ganze Stadt Rhodus hat dies Gepraͤge, von Verfall und Untergang an ſich. Nur die wenigen hier und da an der Seeſeite ſich präſentirenden Conſulats⸗ wohnungen mit ihren glaͤnzenden, in der Sonne leuch⸗ tenden Flaggen, friſchem Abputz, engliſchem Geſchirr, prangendem Mahagony⸗Meublement u. ſ. w. machen eine Ausnahme. Da ſieht man ſo manche Embleme —= — von dem neuen Aufſchwung ihres Handels, waͤhrend die alten Einwohner zu Grunde gehen. Die ſchoͤne St. Johanniskirche iſt in eine Moſchee verwandelt, und Kirche und Moſchee ſind gleichſehr verwuͤſtet. Die Feſtungswerke zerbroͤckeln nach und nach, ſo wie die Zeit ihren Einfluß auf ſie geltend machen kann. Es war viel Leben und Laͤrm am kleinen Hafen; aber alles Volk, was man dort ſah, hatte ein ſehr aͤrmliches Ausſehen, und auf dem Bezar war keine Bude zu entdecken, von welcher man haͤtte annehmen koͤnnen, daß ſie mehr werth ſei, als der Tabulettkram eines Hauſirers. Ich nahm einen jungen Berliner, einen reiſenden Schuhmachergeſellen, der durch Syrien gewandert war, und ſich ruͤhmte, daß er arabiſch und tuͤrkiſch fließend ſpreche, zum Fuͤhrer an. Ich glaubte, er haͤtte viel⸗ leicht vor Erlernung ſeiner Profeſſion ſtudirt und dieſe Sprachen auf der Univerſitaͤt erlernt; allein ich fand bald, daß er nur drei tuͤrkiſche Worte verſtand, die er, waͤhrend ich unter ſeiner Fuͤhrerſchaft durch die oͤden Straßen der alten, ſtolzen Stadt wanderte, bei jeder Gelegenheit zum Vorſchein brachte. Durch ein altes Thor und Wachthaus gelangten wir auf die äußern Be⸗ feſtigungslinien. Vermuthlich ſtand hier fruͤher eine Kapelle, deren Decken mit Schnitzereien und reicher Ver⸗ goldung verziert geweſen ſein mochten. Ein Haufe zer⸗ — — 170 — lumpter, turkiſcher Soldaten lagerte gegenwaͤrtig bei dem Thore; — und ein paar Knaben auf einem Eſel, ein grinſender Sklave auf einem Maulthier; ein paar Frauen, die in gelben Papuſchen hinſchlenderten; ein Korbmacher, der unter einem alten, mit Schnitzwerk ge⸗ zierten Portal ſaß und ſingend, oder vielmehr heulend, ſeine Weiden zurecht machte; ein ſtiller Brunnen, in welchem einſt die Kriegsroſſe der Ritter getraͤnkt wor⸗ den waren, und in dem ſich jetzt der Eſel mit dem Kna⸗ benpaare erfriſchte — dies wuͤrde ein huͤbſches Bild fuͤr einen ſentimentalen Kuͤnſtler abgegeben haben. Waͤhrend er da ſitzt und ſich bemuͤht, eine Skizze von dieſer klei⸗ nen Tragicomoͤdie zu entwerfen, kommt ein ärmlicher Wuͤrdentraͤger der Inſel auf einem Dreißig⸗Schilling⸗ Pferde einhergekleppert, und zwei oder drei Soldaten laſſen ihre Pfeifen im Stich und ſalutiren, wenn er durch den gothiſchen Bogen des Thors reitet. Der bezaubernde Glanz und die Klarheit des Him⸗ mels, unter dem ſich dieſe Inſel zu ſonnen ſcheint, machte einen groͤßeren Eindruck auf mich, als dies je zuvor der Fall geweſen; ſelbſt in Cadix, im Piraͤus, hatte der Sand nicht dieſes glaͤnzende Gelb, das Waſſer nicht dieſes prachtvolle Blau. Die Wohnungen ent⸗ lang der Kuͤſte waren nur aͤrmliche Niederlaſſungen mit kleinen Hofraͤumen und Gaͤrten, aber jeder Feigenbaum ſtrahlte in ſolchem Goldglanze, als wenn er in den hes⸗ — 171 — periſchen Gaͤrten geſtanden; die hier und da angepflanz⸗ ten Palmen ſah man, mit einer Art, Hof von Licht rings um ihre Wipfel, emporſteigen; die entlang der Mauern kriechenden Pflanzen blendeten foͤrmlich durch die Pracht ihrer Blumen und Blaͤtter; die Leute lagen im kuͤhlen Schatten, gluͤcklich und traͤge, mit ſchonen, ernſten Geſichtern; Niemand ſchien zu arbeiten; ſie ſprachen auch ſehr wenig, gleichſam, als ob Muͤſſiggang und Schweigen mit der glaͤnzenden Atmoſphaͤre, unter der ſie lebten, in nothwendigem Zuſammenhange ſtehe. — Wir gingen zu einer alten Moſchee an der See⸗ kuͤſte herab, welche mit einer Maſſe von ſonnenbeſchie⸗ nenen Thuͤrmen umgeben war, und deren Wuͤrde Na⸗ mensinſchriften von Allah und den Titulaturen alter, hier ruhender Generaͤle und Piraten bedeckten. Der Kaplan der Moſchee ſaß im Gartenvorplatze auf einer hohen, holzernen Buͤhne, wiegte ſich trage hin und her und ſang Loblieder zum Preiſe des Propheten, waͤhrend ein friſches Luͤftchen durch die Baͤume uͤber ſeinem Haupte zog, und ſtreifige, wechſelnde Schatten uͤber den gepflaſterten Hof und die kleine Fontaine und den na⸗ ſelnden Pſalmiſten auf ſeiner Buͤhne hinwarf. Auf der einen Seite war die Moſchee. Man konnte hin⸗ einblicken und ſah die weißen Wände, die kuhle, matten⸗ bedeckte Flur, manche ſchoͤn geſchnitzte Kanzel und Ver⸗ zierung; aber Niemanden, der ſeine Andacht hier ver⸗ — richtet haͤtte. In mittlerer Entfernung erhoben ſich die prachtvollen Thuͤrme und Zinnen der Ritterſtadt, und hinter ihnen die tiefe Seelinie. Es ſchien, als ob in dieſem bezaubernden Klima Jedermann einer ruhigen Heiterkeit ſich erfreuen, oder doch einer Art von Indolenz ſich hingeben muͤſſe. Ich trat in einen Vorplatz an der Seekuͤſte, wo einige Schiffe lagen, an deren Bord man Niemand gewahrte. Es war das Gefaͤngniß. Das Thor war ſo weit offen, wie das von Weſtminſterhall. Einige Gefangene, ein oder zwei Soldaten und Beamte und die Weiber eini⸗ ger Gefangenen befanden ſich unter einer Arkade bei einem Brunnen; — andere Verbrecher gingen ab und zu, und ihre Ketten klirrten ganz gemuͤthlich; denn ſie und ihre Wachen und die Beamten ſchwatzten freund⸗ lich mit einander und betrachteten ſich mit Muße mein Port⸗Folio, waͤhrend ich mich damit beſchaͤftigte, ein getreues Abbild von einem oder zwei dieſer comfortablen Miſſethaͤter zu entwerfen. Eine alte, zuſammenge⸗ ſchrumpfte Verbrecherin, die ich mir wehen der eigen⸗ thuͤmlichen Häßlichkeit ihres Geſichts beſonders auser⸗ ſehen hatte, bedeckte daſſelbe mit einem ſchmutzigen Tuche, und nun entſtand auf einmal ein allgemeines Gelaͤchter unter dem gutgelaunten Auditorium von Kehlabſchneidern, Taſchendieben und Polizeimaͤnnern. Das einzige Abzeichen, welches dem Platze den Cha⸗ rakter eines Gefaͤngniſſes aufdruͤckte, war ein von gäh⸗ — — 173 — nenden Schildwachen beſetztes Thor. Innerhalb deſ⸗ ſelben lagen drei kurzlich erſt eingefangene Seerauber mit den Fuͤßen angeſchloſſen. Dieſelben hatten noch in neueſter Zeit manchen Mord begangen, und erwar⸗ teten ihr Urtheil; allein ihre Weiber durften frei mit ihnen verkehren, und ich glaube, daß wenn ein halb Dutzend Freunde ſie haͤtten in Freiheit ſetzen und ſie ſelbſt die erforderliche Energie dabei an den Tag legen wollen, die Schildwachen zum groͤßten Theile zu träge geweſen ſein wuͤrden, um ihnen nachzulaufen. Der vereinigte Einfluß von Rhodus und dem Ramazan hatte mir, wie ich vermuthe, meinen Freund „den Berliner Schuſtergeſellen“, mit Beſchlag belegt. Sobald er ſeinen Lohn bekommen, ließ er mich im Stiche, legte ſich an einen Springbrunnen in der Naͤhe des Hafens, und verzehrte Weintrauben aus ſeinem ſchmutzigen Schnupftuche. Andere träͤge Chriſten la⸗ gen ſchlummernd in ſeiner Naͤhe oder ſpreizten ſich in den Booten aus, oder verzehrten behaglich ihre Waſ⸗ ſermelonen. Entlang der Kaffeehaͤuſer am Kai ſaßen hundert Andere, nicht beſſer beſchaͤftigt, und der Kapi⸗ tain der Iberia und ſeine Offiziere und verſchiedene Paſſagiere dieſes beruͤhmten Dampfſchiffes, waren mit⸗ ten unter jener Geſellſchaft und gingen mit aller Macht darauf aus, nichts zu thun. Zwei oder drei junge Abenteurer ſich auf, um das Thal zu ſehen, wo der Drache getoͤdtet worden warz Andeie aber, fuͤr die vorherrſchenden Einfluͤſſe dieſer Inſel empfaͤnglicher, wuͤrden ſich nicht in Bewegung geſetzt haben, und wenn wir ihnen geſagt haͤtten, daß der Koloß ſelbſt eine halbe Meile Wegs von hier zu ha⸗ ben waͤre. — Ende des erſten Theiles. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen.