— Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und frauzöſiſcher Literatur 1. 3 Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſehebingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſorechendt Summe hinterlegen, welche hei deſſen Zurückhabe on mir zurückerſtattet wird. S 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß vordus bezahlt werden unv eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ——— —— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mrk. — Pf. Answärtige Aonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es bluͤhete Jahrhun⸗ dedte hindurch, und war mehr durch die Ritter⸗ tugenden ſeiner Glieder, als 8 großen Bei beruͤhmt. Einer ſeiner edelſten, aber auch ſetzten eprß⸗ linge, der Ritter Diether von der Etters⸗ burg, hatte nur einen einzigen Sohn in ſeiner Ehe geʒeugt. Auf dieſem beruhete nun das fernere Fortbeſtehen dieſes . in ſbr mannli⸗ chen Zweigen. L7 en Und wenn es die aler Zeiten 56 tauſendfache Beiſpiele längſt erwieſen hat, daß manche Menſchen nur dazu gebwren zu ſeyn ſchei⸗ ne n. um den Launen des . zum Spielbalt worden. Möchte endlich dieſes Werk, in ecen die Weſicht mit der Dichtung wechſelt, oft aber auch innig verbunden iſt, von dem leſenden Publiko mit Guͤte und Nachſicht aufgenommen, ein ſolcher Ball des Geſchicks, welches ihn, von der Wiege bis ʒuin Grabe, faſt unufhörlich um⸗ herwarf, und es dürfte daher die Darſtellung ſei⸗ ner Begebenheiten auch ſchon um deswillen nicht ganz verdienſtlos ſehn, da ſie in die allgemeine vaterländiſche jener pN Zeit mit ßigieiſt. Noch ſteht das Dorf Etter 3 g, ſint Bewohner erfreuen ſich des Glücks, die Unter⸗ thanen eines der edelſten deutſchen Fürſteuhäuſer zu ſeyn, die Ländereien der alten Ettersburg aber, ſo wie des ſpätern Auguſtinerkloſters, ſind mit noch andern dergleichen in den folgen⸗ den Jahrhunderten ein nßüri Kammergut ge⸗ 6 ₰ und dadurch der höchſte Wunſch des Verfaſſers erfüllt werden. zu dienen; ſo war auch der Held dieſer Geſchichte Schon neigte ſich an einem heitern Sommer⸗ tage des Jahres 1289 die Sonne dem Horizonte zu „und einen. genuß als mit ſeiner ghelichen Sen „der im Alter ſchönen Johanna von Vippach, außen vor der Burg auf die bemooste Felſenbank ſetzte, von welchem Punkte man ſich der weiteſten Aus⸗ ſicht erfreuete; und mit wahrer Andacht genoſſen dieſe beiden edlen Menſchen des wlichen Anblicks in die Ebene hinab. n Gerade vor ihnen hoben in der Fere 5 vilen Thuͤrme des großen und reichen, eben jetzt in die Zeit des höchſten Flors tretenden Erfurts ihre Maäupteri in die reine Luft empor, und köſilich war der Anblick, wie dieſe mächtige Stadt, gleich e⸗ ner ſchutzenden Mutter „in der Mitte der zahllos ſie umgebenden Dörfer lag. Immer tiefer ſaub die Sonne nach dem Hori izoute nieder, und über⸗ zog die ganze weite, an Gegenſtänden ſo Landſchaft mit ihrem herklichen Lichte Schall der Abendglocken tönte aus 4 WDorfern herauf, und die beiden ir 2 adächtiglich ihr Ave. Die zahlreichen Heerden ʒogen langſam nach ihren Ställen heim, und die aus den Schornſteinen der Dörfer aufſtei⸗ genden Rauchſaulen verkuͤndigten den Eintritt des Abends, auch daß nach des Tages Arbeit den Müden und Hungrigen Erquickung jetzt be⸗ reitet werde. Diether war ein wahrhaft edler biederer deutſcher Ritter, und hatte ſeinen Ruf nie durch Räuberei befleckt. Er war dabei ſehr gefürchtet wegen ſeiner Tapferkeit und der Verbindung mit mehreren ihm gleichgeſinnten Rittern. Zu jener Zeit wüthete eine eben ſo blutige als von Thuͤringen, in der Geſchichte gemeinig⸗ lich der Unartige genannt, mit ſeinen beiden Söhnen, Friedrich, mit der gebiſſenen Wange, und ſeinem Bruder Diezmann fuͤhrte. Die thuͤringiſchen Ritter nahmen faſt ſämmtlich an dieſer Fehde Theil, und es ward hierdurch das ſchöne fruchtbare Thuͤringerland gar jämmerlich verwüſtet. Nur Diether von der Ettersburg nahm mit ſeinen Freunden und Bundesgenoſſen, Heinrich von Vüßeleben, dieſes köſtlichen Gemäldes Verſunkenen beteten unnatürliche Fehde, welche der Landgraf Albert 5 Konkad von Udeſtädt, Werner von Wiſ⸗ tern, Dietrich von Utzberg ꝛc. keinen Ans theil an derſelben, und ihr Bund ward ſehr e⸗ fuͤrchtet; auch ſelbſt der Landgraf Albertach⸗ tete ihn, beſonders weit dieſe Ritter die Freunde der thůͤringiſchen Hauptſtadt Erfurt waren. Herrmaun, Dieihers einziger Sohn, war ein ſchöner, kraftvoller Jüͤngling, und des Va⸗ ters Biederſinn ruhte in reichem Maaße auf ihm. Der Landgraf Albert hatte ihn bei einem, auf der Wartburg gehaltenen Turnier zum Ritter geſchlagen. Schon waren ſeit dieſer Zeit vier Jahre vergangen, und noch hatte der junge Rit⸗ ter keine Gelegenheit gehabt, ſein Schweid im ernſtlichen Kampfe zu ſchwingen; nur bei den in jener Zeit ſo haͤufigen Turnieren fand er Gele⸗ genheit, ſich in den Waffen zu uͤben. Bald wurde er ein gefurchteter Kaͤnipe, und hatte ſchon bei mehrereu Turnieren den erſten Dank erhal ten. Sehnlich wünſchte er nun bei einer gerech⸗ ten Fehde mit zu kämpſfen, und die Erſüllung ſei⸗ nes Wunſches war näher, als er ahnen konnte. . 6 Es trieben gerade in jener Zeit die Ranb⸗ ritter in dem großen Dhuͤringer-, ſo wie in dem, Erfurt nahegelegenen Steigerwalde ihre Raubereien ſchamloſer als je, und es war be⸗ reits eine Ausrottungsfehde dieſer Raͤuber von den uns ſchon bekannten, zur Aufrechthaltung der oͤffentlichen Ruhe und Sicherheit verbundenen Rittern beſchloſſen, als ſich die Geſtalt der Dinge plotzlich änderte. Noch ſchwelgte Diether an jenem ſchoͤnen Sommerabende im Anſchauen des herrlichen Land⸗ ſchaftsgemaldes, als ſich n ſchnell ſeinen Eltern näherte. „Ich habe Euch eine unerwartete vſhef zu verkuͤndigen — rief er ihnen entgegen — den Ritter Konrad heimzuſuchen, war ich auf der Burg zu Udeſtädt; doch ich fand ihn nicht da⸗ heim, denn er war mit dem Ritter Heinrich von Buͤßeleben gen Erfurt geritten. — im Begriff, mich von Konrads Hausfrau und ihren Töchtern zu beurlauben, als die beiden Rit⸗ ter in Haſt zuruͤck geſprengt kamen.“ Spudet Euch, Ritter Herrmann! — mir onrad ſchon beim Abſteigen vom Hoſe herauf Es war noch nicht weit uͤber Mittag, und ich eben 7 entgegen — laßt Ener Roß ſatteln; deun Ihr muͤßt ſogleich heim zu Euerm Vater, und ihm eine unerwartete Botſchaft bringen. Was wir nicht mehr hoffen zu duͤrfen glaubten, geſchieht auf einmal noch. Unſer erlauchter Kaiſer Ru⸗ dotph will zum Heil und Frieden dieſes Landes einen Reichstag zu Erfurt halten, und es ſind ſchon am Morgen dieſes Tages die Erzbiſchofe von Mainz und Drier in dieſe Stadt ein⸗ gezogen. Ihnen folgte am Mittage der Köll⸗ ner nach, und faſt in jeder Stunde treffen geiſt⸗ liche oder weltliche Fürſten und Herren ein. Mor⸗ gen aber will der Kaiſer ſelbſt ſeinen Einzug hal⸗ ten. Darum eilt und meldet's Euerm Vater, aufß daß wir es nicht verſäumen, und es mit eigonen Angen ſehen, wie des Reiches Oberhaupt mit kaiſerlicher Pracht und Herrlichkeit einzieht. Am Otternhain ſey unſer Sammelplatz““ „Und damit trieb mich der alte luſtige Kämpe zur Thür hinaus, mir die hoͤchſte Eile gebietend, damit wir noch Zeit hätten, die beſten vmſ fein blauk putzen zu laſſen.““ „Schon morgen will der Kuſer in Erfurt einziehen?“ fragte Diether ſeinen Sohn mit Erſtaunen über dieſe unvermuthete Bbtſchaft. 8 „Wie ich Euch ſage, mein Vater! Morgen ſchon, ſprach Konrad von Udeſtädt.“ „Nun ſo wollen wir in die Vurg, und An⸗ ſtalten treffen, daß wir morgen nifieniß er⸗ en können.“ Als nun am andern Morgen die Sonne auf⸗ ging, ſprengten Dietherund Herr mann mit den ſie begleitenden Knappen nach dem Sammel⸗ platze hin. Bald waren die Ritter beiſammen, und zogen nun wi den Weg nach 85 urt dahin. Sie fanden die einehner dieſer großen Stadt in der groͤßten Beweguug. Die Tauſende ihrer Bürger verſammelten ſich geruͤſtet, damit der Kaiſer mit den ihn begleitenden Furſten und Herren durch ihre Doppelreihen einziehen könne. Alle uͤbrigen Einwohner und eine große Menge Fremde erfullten die Straßen, und durch dieſes Gewühl zogen zahlreiche Schagren von blankgerüſteten Rittern, welche alleſammt nach dem Brühler⸗ thore hineilten, um durch daſſelbe dem ihee und ſeinem Gefolge entgegen zu ziehen. nut Da ertonten die Glocken von allen Thuͤrmen, 5² und die damals größte Glocke Europas *) erhob F ihre gewaltige Stimme zu Ehren des Kaiſers und des heutigen Tages. Nun kam der Zug den Verg herab, auf r chem das Jungfrauenkloſter der Bene⸗ diktinerinnen lag, und näherte ſich dem Thore. Hier beugte ehrfurchtsvoll der Rath die Knie vor dem Herrſcher des Reichs „und überreichte dem⸗ ſelben die Schlüſſel der Stadt. Das H oſianna der Geiſtlichkeit ertönte in vollem Chor, doch bald wurde es von dem Jauchzen der Menge uͤber⸗ ſtimmt, welche dem Kaiſer im Jubel entgegen rief. Liehreich dankte er dem Volke, und gewann dadurch Aller Herzen, Auch die Straßen der Stadt ertönten vom Freudengeſchrei, undeehr⸗ erbietig ſenkten die in Waffen ſtehenden Bürger ihrer Spieße Spitzen vor dem Gewaltigen. Ein — ) Sie war noch weit als die jetzige, und wurde am 19. Junt 1472 in dem beruͤchtigten Moͤnchsbrand de, welcher Erfurt ganz ver⸗ zehrte, gleichfalls ein Raub det Vernichtung. WVon ihr iſt noch der Kloͤppel vorhanden, wel⸗ chet unter der jetzigen großen Glocke liegt, und von der Eopft — Ei 10 köſtliches Mahl empfing den Kaiſer, und be⸗ ſchloß die Feier dieſes Tages. Als nun der kaiſerliche Greis ſich von der wei⸗ tug in der Benedictinerabtei auf dem Pe⸗ Ständen am Hochaltare auf die Knie, und de⸗ muͤthigte ſich vor Dem, der aller Herren Herr iſt. Der Erzbiſchof von Mainz hielt mit den bei⸗ den Erzbiſchöfen von Drier und Kölln das Hochamt in hochſter Pracht, und ſtimmte nach demſelben das Veni Sancte Spiritus an. Von der ganzen Geiſtlichkeit geſungen, tönte es im brauſenden Tutti von dem weiten 8 des empels wieder. F Im Verſamulungsſaale prangte der ehrwuͤr⸗ . kaiſerliche Greis Rudolph, den die ſpäte Nachwelt jetzt noch ehrt, und in künftigen Jahr⸗ hunderten noch ehren wird, in der prachtvollen Kleidung eines römiſchen Kaiſers und ober⸗ ſien Regenten der deutſchen Nation, auf dem pruchtoolen Herrſcherthrone. Sein Haupt zierte die deutſche Kuiſerkrone „und in ſeinen Haͤnden trug er die Zeichen ſeines erhabenen Amtes, den ten Reiſe wieder erholet hatte, wurde der Reichs⸗ tersberge eroffnet. In der prächtigen Kirche derſelben ſank der Kaiſer mit allen auweſenden 11 Szepter und den Reichsapfel. An des Thrones Stufen ſtand im blutrothen Mantel der Graf von Pappenheim, mit dem entbloͤſten Schwerde des Reichs; dem Kaiſer zur Linken aber hatte der Reichkanzler, Heinrich von ſeinen Platz genommen. Auf beiden Seiten des Thrones hatten ſich im Verſammlungsſaale die Furſten und Herren ge⸗ reiht, welche zu dieſem Reichstage gekommen wa⸗ ren. Man ſah da die Erzbiſchöfe von Mainz, Trier, Koͤlln, Bremen und Magdeburg; die Biſchöfe von Baſel, Straßburg, Wuͤrz⸗ burg, Bamberg, Halberſtadt und noch andere mehr; alleſammt in ihrer prächtigen Amts⸗ kleidung mit Mantel, Inful und Stab; desglei⸗ chen die Aebte von St. Gallen, Fulda, Corvey und Erfurt und noch eine Menge andere; den Landgrafen Albert von Thuͤringen, mit ſeinen beiden Söhnen Friedrich und Diez⸗ mann, und außer dem B urggrafen von Nuͤrnberg, den Grafen von Hettingen, Schwarzburg und Hohenſtein x. noch eine Menge edler Ritter und Herren ſämntiichi im 2 köſtlichſten Schmuck. S Der Reichsehrenhold gebot Ruhe und 12 Stille in der Verſammlung, und es ſprach nun⸗ mehr der Kaiſer zu derſelben: „Als Uns die einſtimmige Wahl der Erlauch⸗ ten Fürſten des Reichs auf den Kaiſerthron be⸗ rief, war es Unſer erſtes und eifrigſtes Beſtreben, das durch die unaufhörlichen Fehden und Raube⸗ reien im Innern zerruttete Vaterland wieder zu beruhigen und geſetzliche Ordnung an die Stelle der bisherigen Willeühr treten zu laſſen. Mit mehreren Reichsprovinzen iſt es uns gelungen; nur allein in Thüringen und einigen mit ihm gränzenden Landern herrſcht noch die Willkuͤhr und die Zwietracht, die Geſetzlichkeit und Ordnung verdrängend. Wie kann aber auch ein Land ge⸗ deihen und gute Früchte tragen, wenn ſeine Fuͤr⸗ ſten und Herren unter ſich im ewigen Kriege be⸗ griffen ſind, wenn die Bedruͤckung des Buͤrgers und die Tyrannei des Adels an der Tagesordnung ſind; wenn in dieſem von Gort ſo reich geſegne⸗ ten Lande der Kaufmann nicht ſicher reiſen kann, ohne von den adlichen Räubern angefallen und ge⸗ pluͤndert, oder doch wenigſtens gebrandſchatzt zu werden. Dieſem Unweſen aber ein Ende zu ma⸗ chen, haben Wir dieſe Reichsverſammlung beru⸗ fen; und hoffen S Euch, Herr Land⸗ 13 graf von Thuͤringen, und den Edlen Rittern und Herren dieſes Landes, daß Ihr dabei nach allen Kräften mitwirken werdet, damit die Raubneſter erobert und zerſtört, die Wegelagerer aber, ſo wie es Räubern gebuͤhrt, durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht werden. Dann wird Ordnung und Ruhe wieder kehren, und das Land ruhie 9 ſtille ſeyn. i 1 „Tretet alſo in friedliche dun cinttichtig Be⸗ rathung zuſammen, wozu Eich des Reichs S ler weitere Vortraͤge machen wird.“ Und es geſchah alſo. Des Kaiſers Vor ſhrge wurden auch alle bis auf Einen angenommen und in Wirklichkeit geſetzt. Aber dieſer war auch ſeines Herzens hochſter Wunſch, und betraf nichts Geringeres, als die Erwählung ſeines älteſten Sohnes, des Herzogs Albert von Seſter⸗ reich, zur toͤmiſchen Königswuͤrde. Deshalb verzog ſich auch der Reichstag in die Länge. IV. In einer der folgenden Reichsverſammlungen, wo keiner der anweſenden Fuͤrſten und Herren fehlte, ward die Ausrottung der thůringiſchen 14 S En „und von des S ren alle anweſenden Graſen und Hetren vieſes Landes , ſich in der Zeit von neun Tagen mit ih⸗ ren Dienſtmaunen bei Erfurt zu verſammeln, daun aber gegen dieſe Raͤuber auszuziehen. Ein Befehl des Kaiſers vief eine ſtarke Anzahl Berg⸗ leute vom Harz herbei, um bei den Belagerungen der Raubfeſten durch Untergrabung zu dienen. Die Buͤrger Erfurts, bekannt und geachtet wegen ihrer Tapferkeit, wollten bei dieſem Feld⸗ zuge ebenfalls nicht zurück bleiben, und ſie brachen kuͤhn und durch eigne die Uuter den Rauhnttern war Verthord von Kuhweide, wegen ſeiner Unerſchrockenheit, Liſt und Grauſamkeit, einer der gefürchtetſten. Seine Burg war keinesweges auf einem hohen Felſen oder ſteilen Berge, ſondern nur auf einem mäßigen Hügel, mitten im Steigerwalde bei Erfurt, erbaut. Demohngeachtet aber galt ſie füͤr eine ſehr ſtarke Feſte, ſowohl durch die Höhe und Stärke ihrer Mauern und Thuͤrme, als durch die Menge ihrer Vertheidiger, die um ſo wüthender kaͤmpften, da es ihnen bekannt war, 15 ein in ſchimpfücher „martervoller Tod warte w werde die Feſte erobert. i0 Es war aher kein leichtes ieen Vund der Räuber zu vernichten; denn es hatten ſich außer jenem Berthold auch noch Urlo von Rabenberg, Werner von Ichters⸗ hauſen, Poppo von Wetterode, Hein⸗ rich von Flmenan, Dietrich von Geh⸗ ren und Heinze von Raſtenberg, mit noch mehreren andern ihres Grlichteys , deren Namen nicht guf die Nachwelt gekormmen 5 ſondern lãngſt verſchollen ſind, mit Leib und Seele zuſammen verſchworen, und, ſo will es eine alte Sage, ſich alleſammt dem Teufel gelobt, wenn er ihnen bei⸗ ſtehen wolle. Auch von ihrer Seite waren die moͤglichſten Veranſtaltungen zur Vertheidigung getroffen, und kahn erwartete man das heranzie⸗ hende Heer der thuͤringiſchen Herren, welches der Pfalzgraf Friedrich mit der Wange anführen ſolle. Da zogen Nürnberger Kauſteute mit ſchwerbeladenen Wagen durch den Steiger⸗ wald, einige bewaffnete Knechte unter der Anſührung Arnolds von Ambach zur Be⸗ deckung. Dem Räuber Berthold wurde dieſer 46 5 —=—— reiche Waarenzug verkundſchaftet, und mit einer vierfachen Anzahl der tapferſten Knechte uͤberfiel er ſie im dichteſten Theile des Waldes. Seine Schützen ſtreckten mit ihren ſchweren und ſchar⸗ fen Polzen die meiſten Knechte der Bedeckung zu Voden, und Arnold erlag nach einer verzweifelten Gegenwehr unter den maͤchtigen Stteichen Ber⸗ tholds. Die Wagen wuiden hinweggenommen, und Berthold ließ ſie unter zahlreichem Geleite unter ſeiner eignen Anfuͤhrung nach Ilmenau bringen. Seine Burg blieb mit einer ſtarken An⸗ zahl Kuechte beſe tzt, und der in den thůringiſchen Chrotiken und Sagen ſehr berüchtigte ſogenannte ſchw arze Teufel, eigentlich aber Martin von Kuͤnring“ gelamit, war ihr Befehlshaber. Seine raſende Tapförkeit war ſeiner nichts ach⸗ tenden Grauſamkeit vollkommen gleich. Die Waaren der geplünderten Nürnberger wa⸗ ten für reiche Kauflente in Erfurt beſtimmt. Als daher der Ruf von dieſem Raube durch einen leicht verwundeten Knecht der Bedeckung, der ſich im vichten Gebuͤſch verborgen, und in der Nacht das Stadtthor erreicht hatte, bei den Eigenthuͤmern ankam, machten dieſe ihren Einfluß bei dem Rathe dermnßen geltend, daß ſogleich am andern Tage . 19 ———— Hand den Dolch, und Herrmann mußte ſich dieſes wüthenden Feindes zu entledigen ſuchen. Es gelang; denn durch einen pfeifenden Hieb uͤber Martins linke Hand wurde dieſe gelähmt, und er nun ganz wehrlos. Sein Entſchluß war nun zu ſterben, da er als Gefangener ebenfalls den martervollſten, ſchimpflichſten Tod zu erwarten hatte, und auch ſein Sieger ſollte mit ihm zu⸗ gleich in den Tod gehen. Er ſprang deshalb auf Herrmann zu, umfaßte ihn mit dem linken Arme, drängte ihn ganz an den äußerſten Rand, und wollte ſich eben mit ihm von der Mauerzinne herabſtuͤrzen, als Ulrich im entſcheidendſten Au⸗ genblicke dies gewahrte, den Raſenden mit kraͤf⸗ tiger Fauſt packte, und ruͤcklings niederriß. Nun war die Burg erobert; denn die Knechte flohen, als Martin gefallen war, ins Innere, und ſuchten ſich auf's Neue zu vertheidigen. Als aber Herrmann und Ulrich ihnen Guade und Verzeihung zuſicherten, ſtreckten ſie die Vaſfem und gaben ſich gefangen. Außen vor der Burg tobte der Streit noch im wildeſten Getuͤmmel, und das Schwerd des Schenken wüthete fuͤrchterlich unter den Raͤn⸗ bern. Auch ſtanden die Erfurter wie Felſen, und B2 20 fochten den Löwen gleich. Es that aber auch Noth; denn die Raͤuber kannten ihr Schickſal, wurden ſie uͤberwunden und gefangen. Jetzt ſetz⸗ ten Berthold und Heinze vereint auf Al⸗ bert an, und ſuchten ihn zu uͤberwältigen, als das Faͤhnlein von der Burgzinne verſchwand, und der Trompeten Ton gar luſtig ihre Eroberung vermeldete. Da ſtutzten die beiden Bekämpfer des Schenken, und faſt ſank ihnen der Muth, als das Gefühl der Rache ihn von Neuem an⸗ fachte, und eben ſtuͤrmten ſie von Nenem wüthend auf ihn ein, als das Gefecht plötzlich eine andere Wendung nahm, und ſich zum ginzichen Ver⸗ derben der Raͤuber endigte. Unter ſo viel tapfern Buͤrgern, welche Löwen gleich mit ihren Feinden kämpften, befand ſich doch Einer, der halb aus Feigheit, halb aus Klugheit ſich gleich Anfangs vom Gefechte abzog, und nach der Stadt zueilte, um von dort noch Ver⸗ ſtaͤrkung herbei zu holen. Es war ſchon Abend, alð dieſer Bote anlangte und die Nachricht brachte, die Burg werde beſtürmt, und die Belagerer wä⸗ ren im ſcharfen Gefechte mit einer heraugedrun⸗ genen Rauberſchaar. Alſobald raſſelten die Trom⸗ meln durch die Straßen, die Buͤrger unter die —— — 24 3 Waffen rufend, zur Hulfe ihrer Mitbürger. Uebet⸗ all ſah man auf dieſes Zeichen Bewaffnete auf die Sammelplätze eilen, und mit ſchnellen Schritten zogen zwei Fähulein aus, hin nach dem Orte der Gefahr. Ihnen eilten mehrere Ritter mit ihren Reiſigen nach, und gewannen ihnen den Vor⸗ ſprung ab. Gerade noch zur rechten Zeit kam dieſe Hülfe, um einen der edelſten deutſchen Rit⸗ ter zu retten. Berthold und Heinze hatten den ſchon bejahrten Schenken in der Mitte, und fuͤhrten von beiden Seiten die verzweifeltſten Streiche auf denſelben. Er wehrte ſich zwar wacker gegen die beiden wüthenden Kämpen, doch wurde ſeine Kraft auf die laͤngere Dauer des Streits nicht ausgehalten haben, und ſchon be⸗ gann ſein Arm zu ermatten, als Friedrich von Salza und Herrmaun von Gold⸗ acker auf den Kampfplatz ſprengten. In we⸗ nig Minuten war nun der Kampf entſchieden⸗ Heinze entfloh verwundet aus dem Gefecht, Berthold, ebenfalls verwundet, ſein Roß aber getödtet, wurde gefangen. Die noch uͤbtigen Knechte entflohen, wenn ſie entfliehen konnten⸗ Jetzt öſſnete ſich das verſchüttet geweſene Burgthor, und die c gefaugenen trugen den tödtlich verwundeten Martin heraus. Knir⸗ ſchend blickte er nach dem gefangenen Ritter Ber⸗ thold hin, und in ſeinen verzerrten Zügen ſpra⸗ chen ſich dieſes Teufels in e hölli⸗ ſche Wuͤnſche aus. Die eroberte Burg wurde nnch die Brger unter dem Befehl Ulrichs von Ißerſtädt ſtark beſetzt, und die Gefangenen am andern Morgen nach Erfurt gebracht, wo ſie mit lautem Jubel empfangen wurden. *) Dies war der Anfang zu dem beſchloſſenen Feldzuge gegen die Räuber. Nach wenig Tagen war das Heer verſammelt, und zog nun muthvoll gegen dieſe Feinde der all⸗ gemeinen Sicherheit aus, den Pfalzgrafen Fried⸗ rich an der Spitze. Wir wollen es nicht wiederholen, wie jede *) Spaͤterhin aber ward ſie geſchleift und von Grund aus vernichtet. Die Erfurter aber ſaͤeten Waid auf die Stelle, wo die Burg geſtanden hatte, zum Zeichen, daß die Buͤrger dieſer Stadt dieſe Raubfeſte erobert und zerſtoͤrt hatten. A. d. V. ℳ 2 einzelne Raubburg erobert und zerſtört wurde, da die Ereigniſſe dabei faſt einerlei waren. NRur bei Ilmenau hielt es härter, denn in dieſer einzigen Burg hatten ſich mehr als dreißig Ritter mit ihren Knechten verſammelt, und Alle wehrten ſich den wilden Thieren gleich. So aber verzog ſich die Belagerung bis in die vierte Woche. „Herr! — ſprach ein Knecht des J Ilme⸗ nauers, welcher vor einigen Tagen bei einem Ausfalle gefangen worden war, zu dem Pfalz⸗ grafen — wenn Ihr mir Leben und Freiheit ſcheuken wollt, ſo will ich Euch einen Weg zeigen, auf welchem Ihr die Feſte am leichteſten erobern könnt; denn auf dem gewohnlichen Wege des Krieges wird ihre Eroberung noch viel Blut ko⸗ ſten.“ „Pfalzgraf Friedrich⸗ Vermagſt du dies, ſo ſey dir auf mein Fürſienwort nicht allein Leben und Freiheit geſchenkt, ſondern dir auch noch eine reiche Belohnung zugeſichert. Knecht. Ei wohl vermag ich dies! denn ich diente ja von früher Jugend an auf dieſer Burg, und ſehnte mich ſchon lange, aus dem Sündenleben heraus in die Dieuſte eines wcht⸗ lichen Ritters zu kommen, der nicht vom Satte lebt. Es war jedoch bis jetzt nieht möglich zu entfliehen, denn den Deufeln gleich bewacht Ei⸗ ner den Andern. — Seht jenen hohen Thurm, „ dort auf der rechten Seite, hart an der Mauer⸗ In ſeinem Grunde befindet ſich ein feſtes Ge⸗ wolbe. Dort ſchmachten einige Kaufteute) die von Heinrichen und ſeinen Verbündetem äufgefan⸗ gen wurden. Aus dieſem Gewölbe gehreine eben nicht zu feſte Thür in einen Gang, welcher eine Strecke eingeſtuͤrzt und deshalb ungangbar iſt, ſich aber am Ende in einem dichten Gebuͤſche hin⸗ ter großen vorgewälzten Steinen oͤffnet. Hein⸗ rich halt ſich durch das Einſtürzen des Ganges als geſichert. Laßt Ihr ihn aber wieder her⸗ ſtellen, ſo könnt Ihr durch denſelben die Burg erobern. Pfalzgraf Friedrich. Dein Luſchtag iſt gut. Ich wiedethole es dir alſo noch einmal: Handelſt du redlich, ſo trittſt du in meine Dienſie, und ich werde treulich fur dich ſorgen; iſt aber Hinterliſt und Tuͤcke in deinem Vorſchlage ver⸗ borgen, dann wehe dir! unter den fürchterlichſten Martern wirſt du dein Leben enden! Kuecht. Seyd deshalb unbeſorgt! — Da⸗ füͤr, daß Ihr mir Gnade ſchenkt, bin ich zu ewig — 25 treuem Dienſte Euch verpflichtet. — Doch bitte ich Euch, Erlauchter Herr! laßt mich heute noch in Eure Farbe kleiden; bei Gott und allen Hei⸗ ligen ſchwörn ich Suhs ich bin und bleibe treu. Und ſchon in der meiihen cht fihrn der begnadigte Walter eine Anzahl Ver gleute zu dem Mundloche des Gauges. Die verbergen⸗ den Steine wurden hinweggewaͤlzt, und die Berg⸗ leute begannen ruͤſtig ihr Werk in der größten Stille. Sie wurden nicht entdeckt, und machten den Gang gluͤcklich bis zur Thur in das Gewölbe frei. Eine Anzahl ausgewählte Knechte — ten ſeine beiden Enden. Es wurde im Lager ganz ſtill Alles zu einem allgemeinen Sturme bertitet, und eine Schaar der erfahrenſten, tapferſten Krieger ausgeleſen, um durch den unterirdiſchen Gang in die Butg zu dringen. Ulrich von Maltitz, Herr⸗ mann von der Ettersburg und noch meh⸗ rere andere Ritter ſollten an ihrer Spitze fechten, und die Ausfuͤhrung dieſes Streiches teiten. Wäl⸗ ter war als ihr Fuͤhrer vorau, doch verkappte man ihn durch eine ſchmuckloſe Ritterrüſtung mit geſchloſſenem Helm; denn es war voraußzuſehen⸗ 26 daß die Belagerten, erkannten ſie ihn, ans Rache vereint auf ihn einſtuͤrmen, und ihn niederhauen wuͤrden. Dieſes wollte aber der Pfalzgraf nicht, weil an ſeiner Führung ſo viel gelegen war. Nach Mitternacht zogen die Gewaͤhlten in der groͤßten Stille dem Eingange des Ganges zu, und gingen in demſelben vorwärts. Mit dem grauen⸗ den Morgen wurde das Zeichen zum Sturme ge⸗ geben, und nun die Burg von allen Seiten be⸗ ſtuͤrmt, aber mit einem fuͤrchterlichen Stein⸗ und Pfeilhagel, mit Stachelwalzen, Morgenſternen und andern dergleichen Vertheidigungswaffen wur⸗ den die Sturmenden da, wo ſie ſtuͤrmten, em⸗ pfangen; doch ließen ſie ſich nicht durch mißlunge⸗ ne Verſuche zurück ſchrecken. Sobald das verabredete Zeichen ihöen war, drangen die Erleſenen raſch im unterirdiſchen Gange vorwärts, und bald waren ſie bis an die Thür gekommen, die zu den Gefangenen führte. Sie wurde durch Brecheiſen und noch andere der⸗ gleichen Mittel geſpreugt, und die Ritter drangen mit Waltern in den Kerker ein, wo ſie von den Gefangenen als ihre Erloͤſer bewillkommt wur⸗ den; ein Theil der Reiſigen aber blieb im Gange verborgen. 27 — Es war um die Waltern wohlbekannte Zeit, wo der Kerkermeiſter den Gefangenen die kärgliche Koſt brachte, und das Zeichen zum Sturme war klüglich ſo berechnet, daß um dieſe Zeit Alles noch ſtill im Lager war, und die Belagerten kiwn Sturm vermutheten. Als nun die Ritter in dus Gefänguiß ei ein⸗ gedrungen waren, hielt ſich Walter mit ſeinem Dolche bereit, den Kerkermeiſter, kaͤme er allein, bei ſeinem Eintritte in das Gewölbe ſogleich nie⸗ derzuſtoßen. Sie durften nicht lauge wartenz denn bald nach ihrer Ankunft ließen ſich des Ker⸗ kermeiſters Schlüſſel hören. Er trat mit einem Stuͤck Brod und einem Krug Waſſer in das Ge⸗ fangniß ein. Die Gefangenen hatten ſich von ihren Strohlagern erhoben, und in bittender Stel⸗ lung der Thur genãhert. So traf ſie der Kerker⸗ meiſter au. „Hier bringe ich euch eure letzte Atzung, ihr Hunde! — rief er ihnen beim Eintritte mit dem Hohngelaͤchter eines Teufels zu. — Es beginnt in der Burg an Brod zu mangeln, und ihr wer⸗ det doch nicht verlangen, daß ihre Vertheidiger hun⸗ gern ſollen, damit ihr eſſen könnt. Lieber mögt ihr umkommen. Was iſt an ſolchem Geſindel gelegen. Er konnte ſeitie Rede nicht vollenden) als Ei⸗ ner der Gefangenen plötzlich auf ihn losſprang, und ihm die Leuchte entwand. In eben demſel⸗ ben Augenblicke, da dieſes geſchah, riß ihn Walter ruͤcklings zu Boden, und ſtieß ihm mit den Worten: „So fahr zur Hölle, du Teufel!“ den Dolch in die Gurgel. Er ſtürzte zu Boden, wälzte ſich in ſeinem Blute, und nach kurzem Röcheln blies er ſeine Seele aus. Jetzt traten die im Gange harrenden Krieger in das Gewoͤlbe, und hielten ſich ſtill, bis man das Getüͤmmel des Sturms hoͤrte, oder die an des Ganges Mundloch verborgen ſtehende Schild⸗ wache ſolches meldete. Der Sturm begann. Man hoͤrte das Getuͤmmel der Streitenden auch in dieſer Tiefe. „Nun gilt's!“ — rief Herrmann, und es drängten nun dieſe Krieger, nur von Walters Leuchte geleitet, in möglichſter Stille vorwärts. Er führte die Schaar durch verborgene Günge zu einem leerſtehenden Seitengebäude, wo man ſich verbarg, und des rechten Augenblickes harrete. Alle ſtreitbare Bewohner der Burg befanden ſich im Vertheidigungskampſe derſelben, und es war bis jetzt den Stuͤrmenden noch nicht gelungen 29 ————— einzubringen, da ſie uͤberall vaſende Gegenwehr fanden. Da ſchleppte man den Ritter Hein⸗ rich von Trebſen blutend und gefangen nach dem Burggebäude, und in eben demſelben Au⸗ genblicke viefen die Burgvertheidiger Vi ctoria! „Nun iſt es Zeit — ſprach Ulrich von Mattitz leiſe zu ſeinen Gefahrten — macht Euch zum Kampfe bereit. Und es ſtuͤrmte nun die Schaar mit dem hochgeſchwungenen Schwerde in der Rechten nach derjenigen Gegend der Mauer hin, wo der Streit am heftigſten wüthete. Mit großem Geſchrei fielen ſie die Vertheidiger der Mauer im Rücken an. Die erſten Augenblicke des Angriffs mußten durch die Ueberraſchung ent⸗ ſcheidend werden, und ſie wurden es. Heinrich von Ilmenau⸗ der Burgherr und das Oberhaupt der Raubritter, hatte ſich mit einer Anzahl ſeiner Freunde und den ſtaͤrkſten, ta⸗ pferſien Knapßen an den gefaͤhrlichſten Punkt der Mauer geſtellt, und dieſe Schaar war faſt nicht zu uͤberwältigen. Sie war es⸗ die den Ritter Herrmann von Goldackergetödtet, Hein⸗ rich von Drebſen aber verwundet und gefongen hatte. Auf dieſe ſtuͤrmte jetzt die ein uen echn 30 mit geſchwungenem Schwerde ein. Anufänglich wirkte die Ueberraſchung, doch bald kehrte die Beſonnenheit bei den Ueberfallenen zurüͤck, und ſie warfen ſich mit Wuth den Eingedrungenen entgegen. Dieſe wichen, als Ulrich von Mal⸗ ritz winkte, langſam zur Seite. Unvorſichtig folgten ihnen der Ilmenauer und ſeine Kampf⸗ genoſſen nach, und vergaßen in der Hitze des Streits, daß ſie dadurch die Mauer entblöſ'ten. So lenkten jene ganz unvermerkt den Streit ſeit⸗ wärts, dergeſtalt, daß die Verbindung mit den Stuͤrmenden bewirkt wurde. Von dieſen drangen nun immer mehrere herauf, und errangen dadurch das Gewicht der Uebermacht. Hierdurch aber wurde nun die Eroberung der Burg immer mehr entſchieden, und endlich, nach einem langen, blu⸗ tigen Kampfe in den Gebäuden, war ſie ganz er⸗ obert. Neun und zwanzig Ritter mit he als Einhundert und funfzig Knappen und Knech⸗ ten wurden gefangen, doch waren ſie faſt alle verwundet. Eiue teiche Beute war der Lohn der Blutarbeit; doch wurden den gefangenen Kauf⸗ leuten ihre Güter wieder zurůͤckgegeben ſo weit e ſich noch vbyfanden. 3¹ Die Vurg Ilmenau wurde jedoch wegen ih⸗ rer Schoͤnheit und Groͤße nicht geſchleift, ſondern zur Verfuͤgung des Kaiſers geſtellt. Das Heer zog nun nach erreichtem Zwecke, mit den ſämmtlichen Gefangenen in der Mitte, wieder nach Erfurt zuruͤck. Der Reichskanzler von Klingenberg verhoͤrte die Räuber, aber nur wenige antworteten auf ſeine Fragen, die mei⸗ ſten blieben verſtockt, und achteten ſich nicht als ſchuldig, ihm zu antworten. Von den Knechten baten viele um Gnadey und ſie ward ihnen ge⸗ währt, die andern aber blieben verſtockt, wie ihre Herren, und theilten mit ihnen gleiches Schick⸗ ſu. Die ſämmtlichen anweſenden Reichsſtände waren in dem großen Saale der Benedictinerab⸗ tei auf dem Petersberge zu Erfurt verſammelt, und auf ſeinem Throne ſaß der Kaiſer Rudolph mit den Zeichen ſeiner erhabenen Wuͤrde. Heute hatten die Deputirten des Raths, der oberſte Rathsmeiſter Heinrich von Ziegler und der älteſte Vuͤrgermeiſter Friedrich von Ißer⸗ 32 ſtädt unter den übrigen Herren S Thuͤringens Platz genommen. 3 Der Reichstürenſitd ſtieß mit ſn Stabe auf den Boden, und es ward eine große Stille in der Verſammlung. Der Kaiſer aber er⸗ hob ſeine Stimme und ſprach: 0 „Auch dieſem Lande den innern Frirven und die ſo nothige öffentliche Sicherheit zu geben, war Unſer höchſter Wunſch, als Wir die Reichöverſamm⸗ lung beriefen. Wir hofften dabei auf Eure Mit⸗ wirkung, erlauchter Herr Landgraf! und die Eurige, ehrſame und tapfere Ritter ; und Wir freuen Uns jetzt der Ueberzeugung, daß Wir Uns nicht getanſcht haben.“ „Ueberwunden ſind ſie nun alle, die Frechen, die ſich berechtig get wähnten, Hohn zu ſprechen dem göttlichen Gebot: Du ſollſt nicht bege . nes Nächſten Gut. — Ausgeſtoßen ſoletſie n den aus der Mitte der Ritterſchaft. Vi begeh⸗ ren deshalb von Euch, Kanzler des Reichs! Ihr wollet hier vor Unſerm kaiſerlichen Throne und die⸗ ſer erlauchten Verſammlung nach Eurer Pflicht be⸗ nichten: Ob Ihr bei dem Gericht, das Ihr über dieſe B Schändlichen gehalten , ſie ſchuldig gefunden habt aller der Miſſethaten, derenſie bezüchtigetworden? 33 Es erhob ſich alſo der Kanzler und ſprach: „Als ſich auf den Befehl Kaiſerlicher Maje⸗ ſtät, als Oberſten Richter des deutſchen Vater⸗ landes, der hier gegenwärtige erlauchte Herr Land⸗ graf von Thüringen mit ſieben alten Rittern die⸗ ſes Landes, auf deren Schildern nicht haftete ir⸗ gend ein Makel der Unehre, nebſt mir verſammelt hatten, um Gericht zu halten uͤber die Schand⸗ baren, welche den Ehrennamen der thůͤringiſchen Ritterſchaft ſtinkend gemacht, ſo ſind vor Unſerm Gericht der Klaͤger ſo viel erſchienen, daß Wir mit der Jahresfriſt mit der Unterſuchung aller ihrer Klagen nicht hätten zu Staude kommen mogen. Raub auf offener Straße; Nichtachtung des ver⸗ kundigten Gottesfricdens, noch ſelbſt der jung⸗ fräulichen Ehre, welche ſie doch bei ihrem Ritter⸗ ſchlag mit Aufſetzung ihres Lebens zu ſchützen ver⸗ ſprochen; Ermordung der Reiſenden; die empö⸗ rendſten Mißhandlungen, ja ſelbſt den Mord ih⸗ rer Leibeignen und noch vicler audern Miſſethaten mehr, ruͤhmten ſich dieſe Böſewichter, als wären es Heldenthaten und verdienten ſie noch Dank und Belohnung von Kaiſer und Reich dafir. Beſon⸗ ders aber haften auf Martin von Künring ſolche Uebelthaten, welche ihn dein Teufel ſelbſt 34 gleich ſtellen. Sie ſind alle des Todes ſchuldig, dies iſt der einmuthige Ausſpruch des Gerichts, weshalb ich mich auf Euch, Erlauchter Hert Landgraf, und Euch, Achtbare Herren und Schoͤf⸗ fen dieſes Gerichts, berufe. Und es traten der Landgraf Albert: mit den ſieben Schoͤffen des Gerichts vor den Thron des Kaiſers, erhoben ein Jeder die Rechte, und ſchwu⸗ ren zu Gott und allen Heiligen: „Sie ſind des Todes ſiebenfach 1i ſchuldig.“ Rün ſo ſprechen Wir denn, als Oberſter Richter des Reichs, als Urtheil und fuͤr Recht. Sie ſind verfallen dem Henker! Er zerbreche ihre Lanzen und Schwerder, und zertruͤmmere ihre Wappenſchilde. Er laſſe einen jeden unter ihnen, die den ehrſamen Ritterſtand ſchändeten, einen raͤudigen Hund zur Feimſtätte tragen, und hänge ſie dann auf, den Vögeln unter dem Himmel zur Speiſe, auf daß ihre Namen nicht mehr genannt werden unter den Edlen und Rittern des Landes. Ihre Burgen aber werden geſchleift und der Erde gleich gemacht, wo es nicht ſchon geſchehen iſt, damit ihr Andenken vertilgt werde von der Erde. Nur gllein die Burg Ilmenau ſey von dieſer 35 Vernichtung ausgeſchloſſen, indem Wir ſolche Euch, Herr Pfalzgraf Friedrich, verleihen, zum Lohne Eures Strebens, durch die Vertilgung dieſer Räuber dem edlen Thuͤringer Lande Friede und Ruhe zu verſchaffen. Die Verbrecher aber uͤbergeben Wir Euch, Ehrſame Herren des Raths Unſerer Stadt Erfurt, auf daß Ihr ſie dem Ge⸗ richtsvoigte ůͤberantwortet, damit er ſtracklichſt das geſprochene Todesurtheil an ihnen vollziehen laſſe, und daran nicht fehle. Den Knechten aber, ſo um Gnade baten, werde ſie verliehen, doch mogen ſie ferner in dieſem Lande nicht mehr dienen. Und die Rathöherren gelobten, dem, wie ih⸗ nen befohlen ſey, treulich nachzukommen. Ein formliches Landfriedensgericht ward nun ertichtet, und der Ritter von Bruberg nebſt zwölf Beiſitzern beſtellt und vereidet, die Landfriedensbrecher im Namen Kaiſerlicher Majeſtät zu richten und zu verfällen in Acht und Oberacht. Der Dingſtuhl dieſes Gerichts ward der Stadt Erfurt gegeben. Jetzt aber wurde eine Scene in's Daſeyn geru⸗ fen, von welcher die Geſchichte des deutſchen Reichs nur wenig Beiſpiele hat, und jedem, der ihr beiwohnte „ſchlug das Herz höher vor Sotz, E 2 36 einen ſolchen Kaiſer zu haben. Es ſprach der erhabene Herrſcher in feierlicher Rede: „Noch können Wir den Reichstag nicht ſchlie⸗ ßen, und Euch, Erlauchte Fürſten und Herren, aus der Verſamwlung entlaſſen, ohne den hoͤch⸗ ſten Wunſch Unſers Herzens erreicht zu haben. — Wie lange ſoll ſie noch währen, die unnatürliche Fehde zwiſchen einem itregeleiteten Vater und ſei⸗ nen ſonſt ſo edlen Söhnen. — Soll der kaum geſtiftete Landfriede durch ſie ſchon wieder gebro⸗ chen werden 2 — Spricht in Eurem Vaterherzen nichts gegen dieſe Fehde? — Gewiß! — Auch Ihr⸗ wuͤnſcht den Frieden, Herr Landgraf! — Ihr verſpracht mir's ja „Euch zu verſoͤhnen. — — Ihr, Pfals⸗ ud S mbe Eu⸗ Sihnen geziemt Die beiden Brüder, pfalzgraf Fritvrich Sennt Diezmann, erhoben ſich von ih⸗ ren Sitzen, und ſprachen: „Gern und willig bieten wir die Hand, will unſer Vater uns nur wieder Vater ſeyn. Vergeſ⸗ ſen ſey alles, was geſchah, iſt nur wieder Friede zwiſchen uns Gerührt rief jetzt der Kaiſer: „Die edlen 37 Sohne bieten dem Vater die Hand, und dieſer wollte ſie verſchmähen?“ — Da erhob ſich der Erzbiſchof Heinrich von Mainz, ging zu dem Landgrafen hin, nahm ihn vertraulich bei der Hand, und ſprach in einem Tone, der auch das haͤrteſte Herz zu ſchmelzen vermochte: „Mein heiliges Amt verpflichtet auch mich, mit zu arbeiten am Frieden zwiſchen dem Vater und den Soͤhnen, und ihre Herzen ſich gegen⸗ ſeitig wieder zuzufuͤhren. Here Landgraf! Ihr ſeyd ein biedrer Mann, und Euer Vaterherz iſt gewiß nicht ungerührt geblieben. Sagt doch, was wollt Ihr mehr? Ihr habt ja Euer Ziel erreicht. Die geliebte Kunigunde habt Ihr zum Weibe genommen, und der Kaiſer hat ſie zur Fürſtin erhoben, daß Euere Ehe rechtmäßig ſey. Auch Euerm Apiz hat der gütige Monarch den Man⸗ gel der ehelichen Geburt erſetzt; und es bleibt Euch alſo nichts zu wuͤnſchen übrig. — Kommt⸗ Herr Landgraf! ich fuͤhre Euch zur Verſoͤhnung in die vffenen Arme Eurer wackern Söhne. — Er reichte jetzt die andere Hand den beiden Brü⸗ dern, und zog ſie nach ſich hin. — Ihr, erlauchte Herren Bruͤder! behaltet Jedet eine Strecke Lan⸗ des als Fuͤrſtenthum; der Vater wird Euch dieſe 38 Länder feierlich abtreten, Euch die Nachfolge im Landgrafenthum zuſichern, und Euern Halb⸗ bruder Apiz nur allein mit einem Auskommen begaben. Auch Ihr habt auf dieſe Weiſe Euern Zweck erreicht. Was könnt Ihr wohl weiter be⸗ gehren? — Kommt, Vater und Söhne! Ich fuhre Euch hin vor des guͤtigen Kaiſers Thron. Dort umarmt und S6 von ganzem Seen5 Und der wuͤrdige Erzbiſchof führte ſie pin vor des Kaiſers Thron. Der Monarch erhob ſich, und eine gefühlvolle Thräne rollte ihm uber die Wangen herab in den grauen Bart. Die Söhne blickten verlangend nach dem Vater, und dieſem brach endlich das harte Herz „ und er mit tie⸗ fer Ruͤhrung aus: „Nun, hier könnte wohl nur ein ganz Ver⸗ haͤrteter widerſtehen! — Es ſey! — Wollen meine Sohne geloben und ſchworen, daß ſie meine Kunigunde als rechtmaͤßige Landgräfin, und meinen Apiz als ihren vollbürtigen Bruder er⸗ kennen; ſo will ich vergeben und vergeſſen, auf den von meinen Söhnen eroberten Strich Landes gaͤnzlich Verzicht leiſten, und ihnen zum Eigenthum abtreten . 39 Friedrich und Diezmann erhoben jetzt freudig ihre Stimmen, und riefen: „Dieſes geloben und ſchworen wir bei Gott und allen ſeinen Heiligen! — Und nun, Pater! Eure Hand zur Vergebung und zur Sühne! “ „Alles vergeben und vergeſſen! Nun ſchd Ihr wieder meine guten Söhne!“ Die Langgetrennten flogen ſich jetzt in die aus⸗ gebreiteten Arme, und hielten ſich feſt umſchlun⸗ gen. „Vater! — Friedrich! — Diez⸗ mann!“ hoͤrte man ſie von Schluchzen unter⸗ brochen rufen. Die ganze Verſammlung aber war erſchuͤttert durch dieſe Scene, und eine tiefe Stille herrſchte in ihr. Aller Augen blick⸗ ten nach der Stelle hin, wo Vater und Soͤhne einander umarmt hielten. Der wahrhaft hoch⸗ würdige Erzbiſchof Heinrich aber, durch deſ⸗ ſen Beredtſamkeit dieſe Verſöhnung geſtiftet worden war, erhob ſegnend ſeine Stimme, und breitete ſeine Haͤnde aus über dieſe i Gruppe. Tiefgeruͤhrt ſtieg d Kaiſer von ſenen Throne, umſchlang die ſich umarmenden Bets ſöhnten, und drückte ſie mit Hetzlichkei Bruſi. Von den ſeligſten Gefuͤhlen dluchd 40 gen, richtete er die in Freudenthränen ſchwimmen⸗ den Augen zum Himmel auf, und rief: „Lob, Ehre, Preis und Dank ſey Dir, dem Au⸗ guͤtigen, der Du mir in meinem Alter noch dieſe hohe Freude geſchenkthaſt! — — Und nun, erlauchte Herren alleſammt! laſſet uns in dieſen heiligen Ge⸗ fühlen zum Tempel Gottes ziehen, und dort an ſei⸗ nem Altare uͤber den Gebeinender Heiligen ſchworen: Entſagung des Fauſtrechts; Vertilgung atler Räuberz Aufrechthaltung des Lanpftirens; Sſnun der Menſchenrechte auch im Geringſten im Volke, ſey er frei oder Melt Wollt Ihr dieſes? — 4 Und im Augenblice erhoben alle — keinen ausgenommen, ein jeder ſeine Rechte, und riefen wie mit einer Stimme: „Ja! wir wollen! Wir ſchwörent⸗ „Nun ſo ſey denn der Reichstag mit dieſer Feierlichkeit beſchloſſen! — Herr Oberſtraths⸗ meiſter, ordnet an, daß ſofort alle Glocken in dieſer Stadt ertoͤnen, damit ihre guten Buͤrger ſich verſammeln, und mit Uns vereint ſ die Wohlfahrt des Reichs beten.“ 4¹ Der Oberſte Rathsmeiſter verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, und entfernte ſich. Bald eilten nun Boten uͤber Boten ab, ſo daß in wenig Mi⸗ nuten ſchon das majeſtaͤtiſche Gelaute des Doms mit ſeinen Tonen die Luft erfullte. Im feierlichen Zuge begab ſich nun der Kaiſer mit den ſämmt⸗ lichen Reichsſtänden nach dieſer alten Cathe⸗ drale, und es gewährte eine wahre Erhebung des Herzens, als ſich der Monarch in der Mitte der ſämmtlichen Stände des Reichs am Hoch⸗ altare auf die Knie niederwarf, die in ſilbernen Särgen ruhenden Gebeine der heiligen Biſchöfe Adolar und Eoban durch die Rathsherren mit tiefer Ehrerbietung herbei getragen wurden, und nun der Kaiſer mit den Fuͤrſten, Prälaten, Gra⸗ fen und Herren des Reichs auf dieſe heiligen Ge⸗ beine ſchwuren, mit Eifer und Treue nachzukom⸗ men den Beſchluͤſſen des Reichstages, beſonders aber feſt zu halten ob dem errichteten Landfrieden, ſo wie, als ferner nun die Erzbiſchöfe von Mainz, Trier und Kölln die Stufen des Hochaltars hinanſtiegen, das feierliche Hochamt begannen, und in demſelben zur Beſtätigung des geſchwornen Eides den Leib des Gekreuzigten al⸗ len denen ſpendeten, ſo geſchworen hatten, und 42 wie endlich der Erzbiſchof von Mainz mit größter Feierlichkeit den Knienden den Segen der Kirche gab. Alle dieſe Scenen zuſammen würden ein Gemaͤlde geben, welches des groͤßten Meiſters würdig ſeyn würde, vermochte es die menſchliche Kunſt, alles dieſes treu und treffend darzuſtellen. 4 Der Richterſpruch des Kaiſers wurde nun in ſeiner ganzen Strenge an den gefangenen Räu⸗ bern vollzogen. Sie wurden dem Stadtgerichts⸗ voigte zu Erfurt, Ludwig von Schöner⸗ ſtädt, von den Reichsgerichten überantwortet, welcher ſie nun auf die ausgeſprochene Weiſe durch den Henker hinrichten ließ. — Vor dem Löberthore waren die Galgen errichtet, an welchem mehr als hundert gefangene Räuber, Ritter und Knechte durch einander, aufgehangen 2 wurden. Als man nun die Verurtheilten durch die Straßen der Stadt, und die Menge des in ihnen verſammelten Volks, nach der Feimſtätte fuͤhrte, wobei ein jeder der entehrten Ritter einen ſchäbigen Hund auf der linken Achſel trug, — Martin von Künriug aber, ſchon im Ge⸗ 43 fecht ſchwer verwundet, und noch durch die erlit⸗ tene Folter gelähmt, wurde auf einer Kuhhaut dahin geſchleift, — zeigten die Buͤrger ihren Söhnen dieſes Beiſpiel zur abſchreckenden War⸗ nung; alle aber beteten andächtiglich fuͤr die See⸗ len dieſer unbußfertigen Sünder, welche ſelbſt in den letzten Stunden noch Gott läſterten, und den Troſt der Religion verſchmäheten. Es hatte aber auch der Kaiſer Rudolph auf dieſem Reichstage noch eine Gelegenheit, ſeine Weisheit und den von Gott empfangenen hohen Richterberuf auf das glaͤnzendſte zu zeigen, und zu beſtaͤtigen das große Wort, das er einſt öffentlich in voller Reichsverſammlung auf dem Throne ſprach: „Ich bin Kaiſer geworden, um zu ſehen und zu hören, zu richten und das Recht zu ſprechen, auch zu helfen den Unterdruͤckten; nicht aber, mich von meinem Hofgeſinde aus einer Stadt in die andere führen zu laſſen.“ Der Kaiſer ſaß an einem Nachmittage mit der Kaiſerin, dem Markgrafen Otto von Brandenburg, dem ihm ſo lieb gewor⸗ denen Pfulzgrafen Friedrich (mit der ge⸗ biſſenen Wange) und dem Burggraſen von 44 Nuͤrnberg im traulichen Geſpräch; da meldete ein Edelknabe, daß zwei Männer im Vorgemache harreten, die bei dem Kaiſer richterliches Gehör begehrten; und er ließ ſie vor ſich kommen. „Erlauchter Herr Kaiſer! — ſprach der Vor⸗ antretende, ein anſehnlicher und ſtattlich gekleideter Mann — ich bin der hieſige Bürger und Viertels⸗ meiſter, mit Namen Tobias Rabe, und be⸗ ſitze eine berüͤhmte Herberge in dieſer Stadt, zum grauen Ritter genannt. Dieſer Mann beſchuldigt mich des Betrugs, ob ich ihn gleich nie in meinem Hauſe beherbergt habe, da ſie nur den edelburtigen Herren und Frauen offen ſteht, den Schild⸗ und Wappenloſen aber verſchloſſen iſt. Ich habe folglich dieſen Mann weder beherbergt, noch ſonſt etwas von ihm empfangen. „Es iſt Gott zu klagen, wie keck und kühn dieſer Mann zu leugnen vermag — ſprach der Andere im wehmüthigen Tone — darum höret auch mich, geſtrenger Herr Kaiſer! welchen Gott zum oberſten Richter verordnet hat auf Erden. Ich bin ein Kaufmann aus Lübeck, und Ulrich Kunz iſt mein ehrlicher, unbeſcholtener Name. Vor drei Monden reiſete ich durch dieſe Stadt, und herbergete bei gegenwärtigem Manne 8 Tage 45⁵ lang, wie ſchon früher einige Male geſchah. Seine Gleisnerei bethorte mich, ich hielt ihn für einen ehrlichen Mann, und gab ihm, bis zu mei⸗ ner Wiederankunft in dieſer Stadt, zweihundert Mark Silbers aufzuheben, welche er mir jetzt ab⸗ leugnet.“ Der Kniſer. Habt ihr keine ganſchi von ihm aufzuzeigen? Kunz. Ach, geſtrenger Herr Kaiſer! das iß eben mein Unglück, daß ich mich von dieſes Man⸗ nes anſcheinender Redlichkeit bethören ließ, und keine Handſchrift uͤber das ihm anvertrauete Geld verlangte. — Der Kaiſer. Das iſt nun freilich ſchlimm. Aber ſagt mir doch, in welchen Geldſorten die ſtreitige Summe beſtand? Kunz. In eitel Goldkronen, wie Ihr ſe ſchlagen laßt. Dieſe habe ich ihm zugezaͤhlt, vor ſeinen Augen in einen ledernen Beutel gethan, denſelben mit dieſem meinem Siegelring verſiegelt, und ihm in ſeine eigenen Hände überliefert. Ich bitte Euch alſo um Gerechtigkeit gegen dieſen Be⸗ truger, geſtrenger Herr Kaiſer! Der Kaiſer. Dieſe ſoll euch werden, wenn ihr in der That Recht habt. Jetzt tretet ab, und 46 wartet im Vorzimmer, bis man ench wieder vor uns beſcheiden wird. Kunz gehorchte ehrfurchtsvoll. „Was habt ihr wohl auf dieſe harte Anklage vorzubringen, mein lieber Herberger!“ ſprach der Kaiſer ſehr freundlich zu Raben. Dieſer aber fand ſich durch die Herablaſſung des Kaiſers ſehr geſchmeichelt, und wähnte ſeinen Rechtshandel ſchon gewonnen zu haben; darum ſprach er jetzt mit aller Heuchelei, deren er nur fähig war, um auch den Monarchen ganz zu bethören: „Ihr ſeyd ein ſo weiſer und gerechter Richter, gnaͤdigſter Herr Kaiſer! daß Ihr es daher gewiß nicht zugeben werdet, daß mich dieſer Gauner um das Meinige bringe. Er verdient dieſen Namen furwahr mit Recht, weil er ſein Lůgengewebe mit einemn ſo feinen Anſtrich von Wahrheit geſchmückt hat. Ich kenne ihn gar nicht; auch hat er nie bei mir geherbergt, noch weniger aber mir ſo viel Geld aufzuheben gegeben. Erwäget doch in Gnaden, würde mir der weiſe Rath dieſer Stadt wohl ein ſolches Amt anbertrauen, als ich bekleide, und wuͤrde ich es wohl werth ſeyn, der Vorſtand mei⸗ ner Mitbürger zu heißen, wenn ich eines ſolchen Schelmſtuͤcks fähig wäre? — Und in welchen 47 Ruf würde meine Herberge gerathen, wo ſcheu ſo mancher Graf und Ritter einkehrte, und der⸗ malen von der großen Zahl derſelben mein Hans erfuͤllt wird. — Ihr ſeht es ja ſelbſt, welch ein gleisneriſcher Bube dieſer Mann iſt, wie meiſter⸗ haft er den Schein fuͤr ſich zu gewinnen und da⸗ durch zu blenden vermag. Der Kaiſer. Ei ja wohl! da habt ihr Recht, mein lieber Viertelsmeiſter! Auch Wir haben die Erfahrung ſchon oft gemacht, daß der Schein betruglich iſt. Ihr ſehet Uns auch nicht darnach aus, als ob ihr ein ſolcher ſchamloſer Betrüger wäret. Wir halten euch vielmehr für einen feinen ſtattlichen Buͤrger, wie dieſes auch Eute Kleidung ſattſam beweiſet, und zeuget dieſes von einem ſolchen Reichthum und Ueberfluß an zeitlichen Gü⸗ tern, daß es mir nicht einleuchten will, wie ihr es nothig haͤttet, euern guten Ruf, als ein red⸗ licher Bürger und Herberger, durch ein ſolches betruͤgeriſches Wageſtuͤck auf das Spiel zu ſetzen. Rabe. Ihr habt vollkommen Recht, weiſe⸗ ſter und gnädigſter Herr Kaiſer! — Es iſt der oberſte Rathsmeiſter, Heinrich von Ziegler, und der älteſte Bürgermeiſter, Friedrich von Ißerſtaͤdt, aus dieſer Stadt Euch wohlbekannt. 48 Fraget ſie ſelbſt um mich, und ſie werden Euch benachrichtigen, daß ich ein redlicher Bürger bin, der das öffentliche Vertrauen und ſeinen — Namen ſtets in Ehren gehalten hat. Der Kaiſer. Ihr habt Recht, und gtunte ich euren Worten. — Sehet da, meine theure Gemahlin! — ſprach er jetzt zur Kaiſerin, welche eine aufmerſame Zeugin dieſes ganzen Auf⸗ trittes geweſen war — ſehet dieſes Muſter eines wohlhabenden deutſchen Bürgers, der auch in der Kleidung auf ſeine Würde als Bürger hãlt. Sehet doch dieſen zierlichen Gurtel mit dem kunſtreichen Neſer. *) Iſt dieſer in Erfurt gefertiget? Rabe. Wohl iſt er es, gnädigſter Herr Kai⸗ ſer! Sammet und Silber iſt faſt das Wenigſie daran, und die reiche Stickerei iſt Nonnenarbeit von den Haͤnden der Tochter meiner Schweſter, welche in dem Jungfrauenkloſter der Benedik⸗ tinerinnen auf dem Cyriaksberge vor der 35 Neſer, auch Wetſcher, wurden in jenen Zei⸗ ten die zierlichen, auch wohl kunſtvoll und praͤch⸗ tig gearbeiteten Beutel genannt, welche die reichen Buͤrger an den ebenfalls prächtigen Guͤr⸗ teln trugen, mit welchen ſich dieſe die Lenden umguͤrteten. 40 Stadt dem Herrn ſich geweiht hat, und mir in zum Weihnachtsgeſchenk gemacht hat. n Der Kaiſer. Eil dieſes iſt, traun! eine große Künſtlerin, und Wir haben faſt noch kein ſolches Kunſtwerk von weiblichen Haͤnden geſehen. Wohl moͤchten Wir Euch bitten, traute Ehe⸗ wirthin, Ihr möchtet Euch ein Muſter daran neh⸗ men, und Uns auch einen ſolchen köſtlichen Ne⸗ ſer fertigen. Rabe. Ihr ehrt die Kunſt meiner Muhme wohl zu hoch, gnädigſter Herr Kaiſer! Weil Ihr aber einen ſo großen Gefallen an dieſem Ne⸗ ſer habt, ſo bitte ich Euch demuͤthiglich, Ihr wollet Euerm Kuechte geſtatten, Euch denſelben zu Fuͤßen legen zu duͤrfen. Der Kaiſer. Faſt dürfen Wir dieſes köſi⸗ liche Geſchenk nicht von euch annehmen. Weil aber dieſer Neſer gar ſo kunſtreich iſt, ſo wollen Wir denſelben behalten, und ihn euch zu Ehren tragen, auch Uns bei Gelegenheit dankbar gegen euch beweiſen. Nun aber tretet ab, und verfügt euch in das Vorgemach, mein lieber Viertels⸗ meiſter! Der Geheimſchreiber wird Unſern Ur⸗ theilsſpruch aufſetzen, und ihr werdet damit zu⸗ frieden ſeyn. 50 Rabe trat ab, und der Kaiſer ſprach nun zu den Anweſenden: Was haltet Ihr von dieſem Manne? Markgraf Otto. Meines Beduͤnkens iſt er ein eitler Thor! Burggraf Friedrich. Ihr habt Recht, Herr Markgraf! Doch ſcheint er auch ein feiner Gleisner zu ſeyn. pfalzgraf Friedrich. Und ein feiner 3 Schelm dazu. Es kann Euch das nicht entgangen ſeyn, gnädiger Herr! daß der Kaufmann im B wußtſeyn ſeiner gerechten Sache Euch im Stille vertrauete, während der Herberger keck lenguete. und das Lauern, Euch durch irgend Etwas auf ſeine Seite zu bringen „war doch gar zu ſichtbar. Ich habe ihn ſcharf beobachtet. Die Kaiſerin Eliſabeth. Soll die Stimme eines Weibes etwas gelten „ſo trete ich Euch bei, Herr Pfalzgraf! Auch meine Blicke waren feſt auf ihn gerichtet, und deshalb ließ ich die Spindel ruhen. Der Kaiſer. Ich muß Licht in dieſer Sache haben, und dazu kann und wird mir dieſer Beutel helfen. Markgraf Ottv. Ah! nun verſtehe ich — 51 Euch erſi recht. Deshalb alſo legtet Ihr ein ſol ches Gewicht auf dieſen Neſer, und nahmt ihn zum Geſchenke an, was Ihr wohl nie 8 habt. Der Kaiſgr. Ihr habt Recht, on Nart⸗ graf! Wer ne will, muß auch die Mit⸗ tel wollen, und dieſer Beutel ſoll mir ein treff⸗ hes Mittel werden, hinter die Wahrheit in die⸗ ſer Sache zu kommen. Herr Burggraf! nehmt die eſen Beutel, und ſendet ihn an des Vier⸗ telsmeiſters Ehefrau, laßt ihr auch dabei ſagen: Ihr Ehemann verlange, daß ſie des Luͤbeckers Beutel mit den zweihundert Mark ihm ſogleich aushändige, weil ſein und ihr Leben davon ab⸗ hange; und zum Zeichen, daß es ſein Wille ſey, ſchicke er dieſen Neſer; ſie wird ihn gewiß kennen. Burggraf Friedrich. Nun verſtehe ich Euch ganz, und ich werde dieſe Botſchaft ausrichten. Er ging und uͤberreichte den Reſer der 5 bergerin. Dieſe erſchrak mächtig, als ſie die Botſchaft hoͤrte. Das Leben ihres Mannes und das ihrige in Gefahr zu wiſſen, war ihr doch zu ſtark, und ſie beeilte ſich, dem PVerlangen ihres theuern Gatten zu entſprechen, um Lebe F 52 das ihrige zu retten. Sie bat noch den Burg⸗ grafen, zu eilen, und ein Wort der Füͤrſprache bei dem geſtrengen Herrn Kaiſer einzulegen. Es ſey ja, entſchuldigte ſie, ſo böſe nicht gemeint, und nur ein Scherz geweſen. So brachte der Burg⸗ graf den Beutel mit dem Gelde und den Neſer an den Kaiſer zuruͤck, und erzahlte die⸗ ſem, was ſich zugetragen. Der Kaiſer. Sehet da! Der Vogel hat ſich gefangen. Sagte ich es nicht, der Beutel wuͤrde mir noch Licht verſchaffen in dieſer Finſter⸗ niß. — Laßt nun die Partheien aus dem Vor⸗ gemache wieder eintreten, Herr Burggraf, und dann ſogleich die Thuͤr mit Wache beſetzen; denn einen ſolchen gefangenen Vogel muß man feft halten. Es geſchah, wie der Kaiſer befohlen hatte. Der arme Kunz erſchrak, als er ſeines Geg⸗ ners Beutel in den Haͤnden des Kaiſers ſah; denn er glaubte ſeine Sache ſchon verloren, und hatte ſun den Aufſchluß zu Rabens triumphi⸗ render Lacheln. Dieſer aber trat keck und aufge⸗ blaſen vor den Kaiſer hin, und wähnte ſeine Sache ſchon gewonnen, weil er denſelben durch das Geſchenk gewonnen zu haben dachte. 8 „Tretet beide näher — ſprach der Kaiſet — Ich habe Euch Zeit genug zur Ueberlegung gelaſ⸗ ſen. Habt Ihr dieſe benutzt und Euch verglichen? Wohl! ſo überhebt Ihr mich Sun einen Richterſpruch zu thun.“ 1 „Geſtrenger Herr Kaiſer! — antwortete Rabe im Uebermuthe und dem Bewußtſeyn, den hohen Richter auf ſeiner Seite zu haben — Er⸗ wägt, ob ich bei meiner erwieſenen Unſchuld an einen Vergleich denken konnte. Soll ich ihm ge⸗ ben, was ich nicht empfing?“ Der Kaiſer. Nein! Das könnt Ihr ſre⸗ lich nicht. Kläger! wiederholt alſo Eure Klage nochmals in der uͤrze. Kunz. Ich habe dem hier gegenwärtigen Herberger Rabe vor drei Monden, als ich bei ihm herbergte, zweihundert Mark Silbers in ei⸗ tel Goldſtuͤcken, und in einem lederneu Beutel, verſiegelt mit dieſem meinem Siegelringe, auf⸗ zubewahren gegeben, und ihm alſo anvertraut. Jetzt aber, da ich wiederkomme, und die Zuruͤck⸗ gabe meines Eigenthums verlange, verweigert mir dieſelbe, und behauptet, nichts von . . pfangen zu haben. Rabe. Ich habe dieſen Maun uſen, da er Herberge und zweihundert Mark Silber von mir verlangte, zum erſtenmale in meinem Leben geſehen. Ich erkläre ihn daher fuͤr einen Betrü⸗ ger und falſchen Ankläger, und verlange Genug⸗ thuung. Der Kaiſer. Ihr, Kunz! behauptet, hier dem Herberger einen Beutel mit zweihundert Mark Silber am Werth zur Aufbewahrung an⸗ vertraut zu haben. Dieſer läugnet es aber und behauptet, euch gar nicht zu kennen. Es muß alſo einer von euch beiden ein Betruͤger ſeyn. — Hört! — Weſſen Gewiſſen nicht rein iſt, bekenne es zur Stelle. Wir geben euch unſer Kaiſerwort: Es ſoll ihm an Leib und Leben kein Schade ge⸗ ſchehen. Soll ich aber als Richter ſprechen, ſo wird mein Urtheil ſtreng und ſeyn. Nun? — Kunz ſah dem Kuſe feſt und ruhig in's Auge und ſprach gelaſſen: „Hert Kaiſer! Ihr ſeyd gerecht und weiſe, deſſen iſt das ganze deutſche Reich ſchon ſo oft uͤberzeugt worden. Ich habe gerechte Sache, und darf daher Euer nicht ſ i „Er iſt ein Luͤgner! — ſiel ihm Rabe ſig 55 in's Wort — Geſtrenger Herr! Ich will an den Galgen kommen, wenn er es nicht iſt.“ Jetzt wurde der Kaiſer ſehr ernſt, und Frach im feierlichen Ton: „Run wohlan denn! Weil ihr es ſo wollt. Sagt doch, Herberger: Von wem empfing ich dieſen Neſer? 7 Rabe. Ew. Kaiſerliche Naijtſtü nße ihn von mir dem demüthigen Knechte in Gna⸗ den an. Der Kaiſer zog jetzt einen ledernen, von Gelde ſchweren, verſiegelten Beutel aus demſelben her⸗ vor, und ſprach ſehr ernſt: „Und dieſes Geld?“ Kunz rief jetzt im freudigſten Erſtaunen: „Ach! Hert Kaiſer! Dieſes iſt ja mein Beutel. Sehet und vergleichet ſeine Siegel mit dieſem mei⸗ nem Siegelring.“ Der Kaiſer verglich das Siegel mit dem pet⸗ ſchaft des Ringes, zeigte beides auch den anwe⸗ ſenden Fürſten, und glle urtheilten: Es ſey beides einander in allem gleich⸗ Rabe erſchrak zwar, doch faßte ſich der Gauner gleich wieder, und er behauptete nun keck: Es ſey dieſes die Ausſteuer ſeiner Tochter „ und wolle er es mit ſieben Eidhelfern beſchwören. Der gerechte Kaiſer aber ließ ſich durch dieſe Frechheit nicht irren, und ſprach nun in dieſer Sache folgendes ſehr gerechte Urtheil: „Der Beutel wird dem Kaufmann wie⸗ der, da es nun am Tage liegt, daß er ſein Ei⸗ genthum und der Herberger ein Betrüger iſt. Den Neſer ſoll derſelbe ebenfalls haben, damit er ſich bei dem Anblicke deſſelben jedesmal des weiſen Spruchs erinnern: Traue, ſchaue, wem, unter Tanſend kaum Einem⸗ Der ſpitzbuͤbiſche Herberger aber werde an den Galgen gehängt, wie er es ſelbſt gewuͤnſcht hat, — ſein mit einverſtandnes Weib ſoll jedoch, weil ſie den Beutel ſogleich herausgegeben hat, nur geſtäupt werden, und dann ihre noch übrige Lebenszeit bei den grauen Buͤßerinnen Buße thun im Sack und in der Aſche.“ Rabe fiel jetzt dem Kaiſer zu Füßen und bat um Gnade. Allein es blieb bei dem gefällten Urtheil. Er wurde dem Stadtgerichtsvoigt üͤbergeben, die⸗ ſer aber ließ das Urtheil des Kaiſers vollziehen, und den Herrn Viertelsmeiſter Rabe an den henken. vIII. „So es Ew. Kaiſerlicher Majeſtät ge⸗ fällt, ſo will der Rath Eurer treuen Stadt Er⸗ furt, dem nun beſchloſſenen Reichstage zu Eh⸗ ren, ein freies und allgemeines Turnier für die Ritterſchaft veranſtalten, und, mit Eurer gnaͤdigen Verguͤnſtigung, zum Danke einen ſil⸗ bernen Schild, geziert mit dem goldnen Reichs⸗ adler, beſtimmen, auch ſonſt nach unſern ſchwa⸗ chen Kräften verſuchen, Euch und Euer Kaiſerli⸗ ches Ehegemahl, ſo wie die anweſenden Fuͤrſten und Herren, durch Speiſe und Trank, ſo wie durch einen Ehrentanz zu vergnügen. — Dieſes haben Ew. Kaiſerlichen Majeſtät wir im Namen des Raths unterthänigſt vortragen, und um gnã⸗ dige Entſchließung demüthigſt bitten ſollen. So ſprach der Oberſte Rathsmeiſter, Hein⸗ rich von Ziegler, als er mit den beiden Bürz germeiſtern, Friedrich von Ißerſtädt und Bodo von Vippach, vor dem Kaiſer ſtand. und ſich ſeines Auftrags in dieſer Rede entledigte. Es gab ihnen auch der Kaiſer in einer gnädigen und huldvollen Antwort ſeine Einwilligung und 1 Dieſes waren Wir faſt von Unſerer lieben und getreuen Stadt Erfurt gewaͤrtig, weil ſie Unſerer Perſon immer mit ganz beſonderer Treue zugethan geweſen iſt; und wollen ſolcher auch fer⸗ ner ihr gnädiger Herr und Kaiſer ſeyn und blei⸗ ben. Zu deſſen Beſtätigung geben Wir nicht al⸗ lein unſere Einwilligung zu dieſem Ritterfeſte, ſondern wollen auch fur daſſelbe zum zweiten Tur⸗ nierdanke ein koͤſtliches Schwerd beſtimmen, wel⸗ ches einſt ein tapferer, Uns ebenfalls mit Liebe zugethaner Mann, weiland Herr Peter Tie⸗ polo, Podeſta der Stadt Mailand, mit Ehren geführet. Desgleichen ſoll Unſer Kaiſerliches Ehe⸗ gemahl den tapfern Rittern, welche dieſe Beloh⸗ nungen erkämpften, dieſelben eigenhaͤndig über⸗ reichen. — Darum moͤget Ihr nun die Vorbe⸗ reitungen zu dieſem Ritterſpiele treffen, und Euch damit beeilen, weil ſonſt die Witterung des Herb⸗ ſies unguͤnſtig werden möchte.“ „Und ſo Ihr es vergonnet, gnaädiger Herr Kaiſer! — ſprach der nebſt mehreren andern Reichsfuͤrſten anweſende Landgraf Albert von Thuͤringen — ſo will ich eine goldene Ehrenkette mit einem Schaupfennig zum dritten Lurnieranke geben. Ich habe ſie einſt ſelbſt bei * einem ſolchen Ritterſpiele erkämpft, welches mein nun in Gott ruhender Vater gab. — Die gute Stadt Erfurt verdient es wohl, daß ich ihrem Ritterfeſte dieſes mir ſo werthe Kleinod ſpende. „Als wir vor Euch traten, gnädigſter Herr Kaiſer! — endete nun Heinrich von Ziegler tief⸗ gerührt die Andienz — hofften wir zwar die Er⸗ füllung unſerer demuͤthigen Bitte von Eurer Gnade; daß Ihr dieſelbe aber ſo huldvoll gewäh⸗ ren, und uns ein ſolches kaiſerliches Ehrengeſchenk zu dieſem Feſie verſichern wuͤrdet, übertrifft jeden unſerer Wuͤnſche. Deshalb danken wir Euch im Namen Gemeiner Stadt mit von Ehrfurcht und Liebe erfuͤllten Herzen, und auch Euch, Erlauch⸗ ter Herr Landgraf, und werden die Buͤrger dieſer Stadt, Euch als dem oberſten Herrn des deutſchen Vaterlandes ſowohl, als Euch dem Landesfünſten, ſtets mit unverbrüchlicher Treue und ſn zugethan verbleiben.“ Es wurde nun der weite Fiſchmurtt vo dem Rathhauſe ſtracklichſt zu einer treffcheu Rennbahn zugerichtet, und der große Saal des Rathhauſes auf das herrlichſte geziert. Auf allen Straßen ſah man Herolde ziehen, welche die Thů⸗ ringiſche Ritterſchaft zum Turnier beriefen. 60 Und es begann nun dieſes Ritterfeſt mit dem ganzen Aufwande von Pracht, welche im Mit⸗ telalter dergleichen Feſte auszeichnete, am Mon⸗ tage nach Michaelis im Jahre 1289. Schon einige Tage vorher ſah man zu allen Thoren fremde Ritter im koſtlichſten Schmucke einziehen, und von denen, welche ihre Burgen in der Naͤhe hatten, folgte manche ſittige Ritterfrau oder Tochter auf ihrem Zelter, verſchleiert, dem Eheherrn oder dem Vater, aus der einſamen Burg in die menſchenreiche Stadt. Und ſo war denn am Sonnabend nach Michaelis alles bereitet, auch das Wappenſchild eines jeden Ritters, welcher Theil nehmen wollte am Kampfſpiel, in den⸗ Schranken aufgehangen. Am Morgen des Feſtes berief ein ſiurker 3ug kaiſerlicher Trompeter, mit einem Heerpauker an der Spitze, die Ritter nach der Stechbahn. Auf einem amphitheatraliſchen Prachtgeruͤſte, welches vor dem Rathhauſe erbauet worden war, hatten außer dem Kaiſer und der Kaiſerin auch noch die ſämmtlichen Fuͤrſten, Prälaten, 6 rafen und Herren des Reichstages Platz ge⸗ ommen; und die Kaiſerin umgaben beſonders eine 3 Anzahl adlicher Jungfrauen aus den vornehmſten 61 Geſchlechtern Thuͤringens. Unter ihnen be⸗ fand ſich auch Ida, des Ritters Konrad von udeſtädt älteſte Tochter, eine der ſchoͤnſten Jung⸗ frauen dieſes Landes. Auf einer andern nicht minder prächtig ge⸗ ſchmuͤckten Buͤhne, zunächſt dem Sitze des Kaiſers errichtet, ſaßen die vom Kaiſer erwählten Rich⸗ ter der Turnierhelden: i Der Burggraf Friedrich von Nuͤrn⸗ berg, und die Ritter Albert, Schenk von Vargula, ulrich von Maltitz, Werner von Wittern, Friedrich von Salza, Diether von der Ettersburg und Friedhelm von Cottbus. An ihrer Seite hielt der Reichsehrenhold, mit der Schaar der kaiſerlichen Trompeter und Pauker, in prächtiger Kleidung. Innerhalb der Stechbahn hielt ein jeder Ritter mit geſchloſſenem Viſier, und die Lanze in der rech⸗ ten Hand, neben dem Pfahl, an welchem ſein Wappen aufgehangen war, und harrete des Zei⸗ chens zum Anfang des Rennens. Unter dieſen Rit⸗ tern befand ſich denn auch, nebſt Herrmann von der Ettersburg, der Ritter Ulrich von 5 ßerſtädt*), Sohn des uns ſchon bekannten Bür⸗ germeiſters zu Erfurt; und alle waren geſpannt auf das Beginnen des Rennens. Die Grieswärtel warteten in der Renn⸗ bahn ihres Amtes und die Pruͤgelknechte erhiel⸗ ten unter der Volksmenge, welches dicht gedrängt die Schranken umgab, die nothige Ordnung. Der Ehrenhold ritt hin auf den Platz, wo der Kaiſer und die Kaiſerin thronten, und neigte ſich tief. Da ſenkte der Kaiſer die Spitze des Szepters, und der Ehrenhold kehrte auf ſeinen vorigen Platz zurück. Dort angekommen, winkte er mit ſeinem weißen Stabe, die Trompeten und Pauken ertön⸗ ten und es nahm nunmehr das Rennen ſeinen An⸗ fang. Heinrich von Bußeleben ſprengte zuerſt auf den Plan, und ſenkte vor Konrad von Ude⸗ 8 *) Wir nennen dieſe Namen blos deshalb nebenei⸗ nander, weil der Tag des Turniers in der Folge ſo unheilbringend fuͤr Herrmann wurde, und eine ungezuͤgelte Leidenſchaft dieſen Ukrich, ei⸗ nen ſonſt braven Juͤngling, von der Bahn der S Tugend ablockte. 63 ſtädt ſeine Lanze. Beide ſich an die ent⸗ gegengeſetzten Enden der Stechbahn und legten die Lanzen ein. Die Trompeten gaben das Zeichen und im vollen Rennen jagten die beiden Kämpen gegen einander. Die Lanzen trafen, ſprangen krachend und beide wurden bügellos, doch erhielten ſie ſich auf ihren Roſſen und kamen ſogleich wieder in den Sattel. Ein zweites Rennen begann, und bei dem⸗ ſelben wankte keiner; auch bei dem dritten Rennen ſa⸗ ßen beide im Lanzenbrechen feſt; warfen die Split⸗ ter in den Sand, und reichten einander ein jeder die Rechte, die ſie ſich biederherzig ſchüttelten. Der Kaiſer ſah's und rief ihnen beifällig von ſeinem Throne zu: „Ihr ſeyd ſo edle als wackere Käm⸗ pen.“ So tummelten ſich die Ritter an zwei Stinden gegen einander. Mehrere wurden aus dem Sattel gehoben, andere bügellos. Auch Herrmann hatte bereits verſchiedene Lanzen mit Gluͤck gebrochen und nicht ein einzigesmal gewankt, dadurch aber dem alten Vater Diether hohe Freude bereitet. Er war eben wieder nach ſeinem Wappenpfahle gerit⸗ ten, um ſich etwas zu erholen, als ein fremder, ganz ſchwarz gerüſteter Ritter an die Stechbahu kam und Einlaß begehrte. Drei Mohrenköpfe und einen Geier 64 führte er auf ſeinem Schilde. Die Lögner trugen es zu den Thrniervoͤgten, und dieſen war das Wap⸗ pen unbekannt. Sie forderten deshalb den fremden Ritter vor ſich. Er nannte ſich Dedo von We⸗ ſterwick in Hollſtein, und beharrete dabei, daß er turnierfähig ſey, man ließ ihn deshalb zum Ren⸗ nen kommen. Mehrere Ritter ſprengten gegen ihn an, doch keiner mochte vor ihm boſtehen, alle wur⸗ den in den Sand geworfen oder bügellos. Da ritt Herrmann zu des ſchwarzen Ritters Wappen⸗ ſchilde, und beruͤhrte es mit ſeiner Lanze. Sie trafen auf einander und keiner wankte. Zu einem zweiten Rennen wurden neue Lanzen gebracht. Die Ritter trafen auf einander, und der ſchwarze Ritter wurde bügellos. Fluchend rief er nach ei⸗ ner dritten ſtarken Lanze. Sie ward ihm gereicht und er ſprengte an das Ende der Stechbahn. Al⸗ ler Blicke richteten ſich erwartungsvoll auf dieſe beiden gewaltigen Kämpen. Die Trompeten ſchmetterten, und einem Sturmwinde gleich ka⸗ men die beiden Ritter auf ihren Streithengſten ge⸗ gen einander daher geſprengt. Herrmann bog dem Stoße ſeines Gegners geſchickt aus, und traf dieſen ſo ſtark auf die Bruſt, daß er in den Sand ſtuͤrzte. Wüthend ſprang er wieder auf und zog das 6 8 5 Schwerd zum Kampfe. Auch Hetrmann ſtieg, je⸗ . doch ganz ruhig, von ſeinem Roſſe ab und ſchickte ſich ebenfalls an, den Schwerdkampf zu beſtehen; , doch die Turnierrichter geboten den Grieswärteln, und dieſe trennten alſobald die beiden Ritter, ih⸗ nen den ernſtlichen Schwerdkampf im Namen des Kaiſers bei hoher Strafe unterſagend, da wider die Turniergeſetze laute. Im Augenblicke, als der ſchwarze Ritter vvm Roſſe in den Sand ſturzte, hatte ſich ſein Viſier geoffnet, und man konnte ſein Angeſicht ſchauen, doch war er ſehr bemüht, ſolches ſtracklichſt wieder zu verſchließen. Da rief plötzlich eine Stimme aus den vordern Reihen der Zuſchauer, ſo zunachſt an den Schtanken ſtanden: „Iſt dieſes nicht der berüchtigte Ruber Bodo vom Regenſtein, welcher die Straßen nach Magdeburg unſicher macht und der Schrek⸗ ken der Kaufleute iſt?“ „Ja! bei Gott! — rief eine andere Stimme — er iſi's! Ich kenne ict Er hat auch mich be⸗ raubt. 1 Der ſchwarze Ritter erſchrak peftig, als deßn Ruf erſcholl, und die Richter forderten ihn nebſt den beiden Lautgewordenen vor ſich. Es waten E 66 zwei Kaufleute aus Mühlhauſen und Lüne⸗ burg; und als der Ritter auf Befehl der Rich⸗ ter ſeinen Helm abgenommen hatte, blieben ſie bei ihrer Behauptung ſtehen, daß er der beruch⸗ tigte Räuber Bodo ſey, der Schrecken und die Geiſel einer ganzen Gegend. Laut murreten die Turnierritter, daß dieſer Unwuͤrdige es gewagt habe, unter ihnen zu erſcheinen, und Theil zu neh⸗ men am ehrenhaften Ritterſpiele. Standhaft läugnete aber der Schwarze, derjenige zu ſeyn, fuͤr welchen man ihn hielt, und nannte ſich be⸗ harrlich Dedo von Weſterwick in Holl⸗ ſtein. Faſt wäre es ihm auch gelungen, die Rich⸗ ter zu taͤuſchen; denn es konnte ja wohl ſeyn, daß ſein Geſicht eine zufällige Aehnlichkeit mit dem des Röubers hatte; als plötzlich die Sache eine wicht zu Schanden gemacht wurde. Es befanden ſich nemlich noch zwei Kaufleute aus Braun⸗ ſchweig unter den Zuſchauern, welche jetzt her⸗ zutraten, den Ritter in Augenſchein nahmen, und nun ebenfalls behaupteten: Er ſeh der böſe Rau⸗ ber Bodo vom Regenſtein, welcher auch ſie auf ihrem Handelszuge ͤberfallen niedergewor⸗ andere Geſtalt erhiekt, und der ſchamloſe Böſe⸗ fen, beraubt, zu Gefangenen gemacht, und ſie Hund auf ſeinen Achſeln tragen ſolle.“ Dieſes nut gegen eine bedeutende Summe aus ſeinem Verließe entlaſſen habe. Das Turnier wurde nun unterbrochen. Man meldete den Vorgang an den Kaiſer, und er be⸗ fahl dem Landgrafen Albert von Thuͤ ringen und dem Reichskanzler Heinrich von Klin⸗ genberg, ſieben alte Ritter zu ſich zu nehmen, und mit ihnen Gericht zu halten über dieſen Hart⸗ beſchuldigten. Noch läugnete er hartnäckig, der zu ſeyn, für welchen man ihn hielt, als der Bi⸗ ſchof von Halberſtadt, in deſſen Sprengel der Regenſtein lag, ebenfalls als Zeuge gegen ihn auftrat. Nun war der Böſewicht überwieſen, und als die Zeugen die Wahrheit ihrer Ausſage auf die herbeigebrachten Gebeine der Heiligen be⸗ ſchworen hatten, geſtand er endlich knirſchend ein, daß er der Ritter Bodo vom Regenſtein ſey. Der Landgraf und ſeine Schöffen falleten jetzt im Namen des Kaiſers das Urtheil: „daß dieſer Räuber „unwerth ſeines adlichen Namens, nach geendigtem Turnier, und nachdem ihm ſein Wap⸗ penſchild durch den Henker zerbrochen worden ſey, den Tod durch den Strang am Galgen ſterben, auf dem Wege zur Feimſtätte aber einen räudigen * 68 — urtheil beſtätigte der Kaiſer, und ſprach die Acht uͤber ihn, im Namen des Reichs, aus Der Verurtheilte wurde nun dem Stadt⸗ gerichtsvvigte zu Erfurt uͤbergeben, wel⸗ cher ihn, bis zu Vollziehung des Urtheils, mit Ketten ſchwer belaſtet, in das tiefſte Gefängniß, die Demniz genannt, werfen ließ; der Reichs⸗ herold aber rief mit lauter Stimme: „Es ſolle nach dem Mittagsmahle, welches der Kaiſer nunmehr mit den Ständen des Reichs, ſo wie mit den anweſenden Rittern, im Saale des Rathhauſes einnehmen wolle, das Turnier fortgeſetzt und beendiget werden.“ Als nun Herrmann entwappnet und in ein Prachtwams gekleidet in den Saal eintrat, war⸗ tete ſein alter Vater an der Thür der Ankunft des geliebten Sohnes, und umarmte ihn auf das herzlichſte, weil er ihm an dieſem Vormittage ſo viel Freude gemacht, und den gewaltigen ſchwar⸗ zen Ritter aus dem Sattel gehoben hatte. Ob⸗ gleich weit entfernt, erblickte der Kaiſer dennoch dieſe Umarmung, und erkundigte ſich deshalb bei ſeiner Umgebung nach den Namen der ſich Um⸗ fangenden. 3 . 69 IR. Entweder es hatte der Truchſeß geheime Be⸗ fehle, oder es waltete ein guͤtiges Geſchick; denn die Familien von der Ettersburg und von Udeſtädt kamen an der Tafel einander ge⸗ rade gegen über zu ſitzen; doch nur verſtohlene Blicke erlaubte die Sittſamkeit den jungen Lie⸗ benden. Diether von der Ettersburg und Konrad von Udeſtädt waren von fruͤher Ju⸗ gend an treue Freunde und Waffenbruͤder, und blieben auch als Burgherren die engverbundenſten Nachbarn bis auf dieſen Tag. Herrmann und Ida waren von der erſten Kindheit an als Ju⸗ gendfreunde mit einander aufgewachſen; doch in den Jahren, wo die Gefühle des Herzens er⸗ wachen, waren ſie zuruͤckhaltender gegen ein⸗ ander geworden. Die ſichern Vorboten der erſten Liebe. Heute hatte Ida's ſcharfblickendes Auge den heimlich ſo heiß Geliebten bald aus den übrigen Rittern herausgefunden, und bei jedem Rennen war ihr Blick ihm gefolgt. Hoher ſchlug ihr das Herz und wogte der ſittig verhuͤilte Buſen, als ſie ihn immer ſiegreich ſah. Als er aber den ſchwarzen Ritter ſo kräftig abwarf, da ent⸗ ſchlüpfte ihr ein lautes Zeichen der Freude. Die Kaiſerin, zu deren Füßen Ida mit den andern Fräuleins ſaß, wurde dadurch aufmerkſam, und blickte nach ihrem Gemahl bedeutſam lächelnd hin⸗ Auch jetzt eilten ihre Blicke huldreich die Tafel hinab nach den beiden jungen Leuten hin, die ſie bald erkannt hatte, und ſie fluͤſterte holdlächelud dem Kaiſer zu: „Sehet dort, mein theurer Gemahl! den jungen Ritter mit der blau und weißen Schärpe. — Es iſt der Sieger des ſchwarzen Raͤubers. — Sehet die ihm gegenuber ſitzende holde Jungfrau im blauen Kleide mit den weißen Schleifen. Betrachtet ihr gegenſeitiges Erröthen, und merket das Erwachen dererſten Liebe.“ Aufmerkſam blickte der Monarch jetzt nach den Liebenden hin, und drückte ſeiner Gemahlin heimlich die Hand. „Dort ſehe ich das Er⸗ wachen der tugendhaften erſten Liebe — antwor⸗ tete er ihr leiſe und wiederholte zärtlich ſeinen Haͤndedruck — und hier in meiner holden Eli⸗ ſabeth die guͤtige Beſchützerin derſelben.“ Der Kaiſer ließ ſich jetzt den großen goldenen Pokal reichen, und nach einigen ausgebrachten 71 Trinkſpruͤchen, welche den anweſenden geiſtlichen und weltlichen Herren galten, rief er aus: „Dem tapfern Beſieger des ſchwarzen Raͤu⸗ bers, der ſich fälſchlich einen Ritter nannte, da er ſich dieſes Ehrennamens durch ſeine Thaten un⸗ werth gemacht hatte. Er bezeige ſich ſtets gegen die Feinde des Reichs ſo tapfer, als im Feldzuge gegen die Raͤuber, und es wird ihm nie an hoher Ehre fehlen. Heil und Freude den begluͤckten El⸗ tern dieſes wackern Sohnes! Heil der edlen Jungfrau, die er minnet!“ ten und Pauken erſchallten, als der Kaiſer ttan „ und die Blicke aller Fuͤrſten und Ritter richteten ſich nach ihm hin; beſonders aber winkten ihm der Landgraf Albert und ſein tapfe⸗ rer Sohn, der Pfalzgraf Friedrich, zu; ja, der Letztere begleitete den Trinkruf des Kaiſers, indem er ſeinen Pokal ſchwang und ausrief: „Vergönnt es mir, Erhabener Herr und Kai⸗ ſer! Euren Wuͤnſchen heizuſtimmen. Ja, Heil und Ehre den Rittern, die ihre Ritterſchaft ſo ehrenvoll beginnen, als Herrmann von der Ettersburg und Ulrich von Ißerſtädt ge⸗ gen die Räuber ſie begonnen haben. Sie foch⸗ ten als alte erfahrne Kampfhelden, und ihrer 72 beſonnenen Tapferkeit verdankten wir die Er⸗ oberung der ſtarken Feſte auf der Kuhweide. Heil und Ehre ihnen und ihren wackern Vätern! Trompeten und Pauken fielen ein, als der allgemein hochgeachtete junge Fürſt den Pokal leerte, und alle anweſenden Fuͤrſten und folgten ſeinem Beiſpiele. Herrmann ergriff den Pokal, den ihm jetzt ein Diener reichte, erhob ſich dann von ſeinem Sitze, und rief: „Mein Leben und alle meine ſftgebött dem Kaiſer, dem Vaterlande und der Ehre der Ritter⸗ ſchaft!“ * „ Der Kaiſer und die Kaiſerin gaben ihm durch huldvolle Blicke ihre gnädige Geſinnung zu erkennen, und dem alten Vater Diether eut⸗ rann eine Freudenthräne in den Becher, als er auf das Wohl des Kaiſers trank. Ida ſaß wie auf Kohlen; denn ſie wähnte das Geheimniß ihres Herzens verrathen, und eine brennende Röthe uͤberzog ihr holdes Geſicht, auch wagte ſie es nicht, das ſeelenvolle Auge auf⸗ zuheben zu dem heimlich Geliebten; der alte Va⸗ ter Konrad blickte lächelnd nach der geliebten Tochtex. Exr ahnete, was in ihrem Herzen vor⸗ ging, und eine Verbindung derſelben mit dem Sohne des alten geliebten Freundes war ſen Herzens höchſter Wunſch. Nach aufgehobener Tafel begann das Rennen von Neuem, und mancher Ritter kußte, vom überwältigenden Stoße des Gegners aus dem Sattel gehoben, den Sand, und war des fernern Rennens verluſtig; noch mehrere aber wurden durch den gegen das Bruſtſtuͤck ihres Panzers ge⸗ richteten Lanzenſtoß des Widerſachers buͤgellos gemacht, und dieſe — ihr Weit ſ verſuchen. . Herrmann ſetzte ſich ſe, der ihn gn⸗ ſprengte⸗ fer und als die So neigte, es keiner v anweſenden Rit⸗ ter vermocht, ihn bugellos zu machen, noch we⸗ niger aber ihn aus dem Sattel zu werfen, wohl aber waren einige von ihm geworfen, und noch mehrere bůgellos gemacht worden. So hielt er am Abend, als alles Rennen voruber war, mit noch drei Rittern, unter welchen ſich Ulrich von Ißer⸗ ſtädt befand, unbeſiegt auf dem Kampfplatztr, und es machten dieſe Vier die Anſpräche auf den Ritterdank. Einer von ihnen mußte jedoch wei⸗ chen, da nur drei Preiſe ausgeſetzt waren⸗ Herrmann und Ulrich hatte jeder eine glei⸗ che Anzahl Ritter bügellos gemacht, oder in den Sand geworfen. Die beiden andern Ritter waren nicht allein älter, als dieſe beiden tapfern Jünglinge, ſondern hatten auch noch mehr Feinde beſiegt, und ſich dabei durch dieſe Zahl für den erſten oder zweiten Dank unterſchieden. Es war alſo nur allein zwiſchen dieſen beiden durch ein nochmaliges Rennen zu entſcheiden, wer von ih⸗ nen abtreten, und des Preiſes verluſtig werden ſue „ und es daher beide dazu fertig. Sie mit ugie S gegen nander, und trafen ſich. Die Lanzen ſprangen krachend, und Ulrich wurde geworfen. „Teu⸗ fel! — rief er wüthend — daß mich dieſer auch noch des ſo ſchwer erkämpſten Anſpruches auf den Turnierdank berauben muß, da er mir ſo viel genommen hat.“ Dem Ritter Herrmann war dieſes ſehr un⸗ erwartet. „Wie meint Ihr das? Habe ich Euch nicht im ehrlichen Kampfe beſiegt? — rief er dem Geworfenen zu, und kehrte ſich dann zu den Richtern — ſaget an, Ihr Ehrſamen Turnier⸗ 5 10 vögte! habe ich gegen den Ritter Ukrich nit die Geſetze des Kampfes gehandelt? „Ihr habt ihn ehrlich uͤberwunden — der Burggraf von Nürnberg — deſſen ſind wir Zeugen vor dem Kaiſer und jedem ſchoͤffenbaren Ritter des Reichs. Ihr wollet Euch alſo deſſen beſcheiden, Ritter Ulrich! und aus dieſem Kampfe zu Schimpf keinen Groll gegen den Ritter Herr⸗ mann entſiehen laſſeit, ſo wie os auch die Geſetze dieſes Ritterſpieles nicht geſtatten.“ 1i na „Schließet das Turnier!?e — rief jetzt ver Kaiſer mit lauter Stimme; und es nahm der Reichsherold, auf dieſen Ruf, die vor dem Kaiſer als Zeichen des Ritterſpiels aufgeſtechte Lanze hinweg, und rief aus: „Das Turnier iſt auf Befehl unſers gnädigſten Kaiſers geſchloſſen.“ Trompetens und Paukenſchall epfuͤllten nach die⸗ ſem Rufe in rauſchenden Fanforen die Luft, und verkuͤndeten das Ende des Kampfes. B Alle Ritter, welche Theilnehmer am Turnier geweſen waren, ſtiegen jetzt von ihren Roſſen ab, und ordneten ſich zu heiden Seiten des Thrones, auf welchem der Kaiſer und die Kaiſerin ſaßen. Trompeten und Pauken ertönten indeſſen immer luſtig fort. Die Kaiſerin winkte drei adeli 5 76 — Jungfrauen „ und unter ihnen war Sda von Udeſtädt. Sie traten hervor, und empfingen die drei Turnierpreiſe, des Schildes, Schwer⸗ des und der goldenen Ehrenkette, auf roth⸗ ſammetnen Kiſſen, aus den Händen der Käm⸗ meret des Kaiſers. Die drei Ritter aber, welche dieſe Preiſe empfangen ſollten, e ſ0 vor die Kampfrichter hin. Dieſe erhoben ſich jetzt mit faerichen Ernſte von ihren Sitzen, und entblöſten ihre Häupter. Der Herold aber winkte mit ſeinem weißen Stabe, und es erfolgte eine tiefe Stille. „Wir von Kaiſerlicher Majeſtät zu dieſem freien Turnier⸗ erkohrnen Kampfrichter — rief der Butggraf Friedrich von Nuͤrnberg mit erhobener Stimme — ſprechen und erkennen als alte erfahrne Turniervögte den erſten Dank dieſes Turniers, einen ſilbernen Ritter⸗ ſchild, geziert mit dem guͤldenen Reichsadler, dem tapfern Otto von Schönleben zu.“ Dieſer entblöſte jetzt ſein vutp gab den Helm einem Knappen, und trat hierauf vor den kaiſerlichen Thron. Die Kaiſerin aber nahm den ſilbernen Schild, uͤberreichte ihn dem ta⸗ 77 pfern Ritter, und ſprach mit herzengewinnender Huld: 5 „Nehmet dieſen Preis Eurer Tapferkeit und Stärke, edler Ritter! Es ſey dieſer Schild Euch jederzeit ein Vermahnungszeichen, daß der ächte deutſche Ritter ein Schild und Hort für jeden ohne Schuld Leidenden und Bedrängten ſeyn ſoll.“ Der Ritter verbeugte ſich tief vor dem kaiſer⸗ lichen Paare, küßte ehrfurchtsvoll die Spitze des zu ihm geneigten Szepters, und nahm dann wie⸗ der ſeinen Platz unter den andern Rittern ein. „Wir von Kaiſerlicher Majeſtät erkohrnen Kampfrichter — rief der Burggraf abermals — ſprechen den zweiten Dank dieſes Turniers, ein köſtliches Schwerd, dem tapfern Ritter Adalbert von Biſchweiler zu.“ Auf gleiche Weiſe, wie vorhin der Ritter Otto von Schönleben, nahete ſich jetzt dieſer Ritter dem Throne, und empfing das Schwerd mit tiefer Ehrfurcht aus den Händen der huld⸗ vollen Kaiſerin. „Schwinget dieſes Schwerd 6 lange mit der Tapferkeit und Kraft, die Ihr, edler Ritter! ſtets und auch heute gezeigt habt, im fuͤr des Vaterlandes Wohl und Shre 78 Spo ſprach die Erhabene, der Kaiſer ueigte ihm des Szepters Spitze zu; er küßte ſie, und entfernte ſich mit hochſchlagendem Herzen. „Wir von Kaiſerlicher Majeſtät erkohrnen Kampfrichter — rief nun der Burggraf zum drit⸗ tenmale — erkennen und ſprechen den dritten Turnierdank, eine guͤldene Ehrenkette mit daranhangendem Schaupfennig, dem tapfern Ritter Herrmann von der Et⸗ tersburg zu.“ Dieſtr er entbloſte jetzt ſein Haupt, und naͤ⸗ herte ſich ehrfurchtsvoll der Kaiſerin, welche ihm mit dem holden Lächeln, das alle Herzen zu ihr zog, die Kette umhing, und zu ihm ſprach: „So jung noch und ſo tapfer ſchon? — Wie Si würde das Vaterland ſeyn, wenn alle ſeine Jünglinge Euch glichen! Nehmet ſie denn hin, die Kette von edlem Metall, zum Lohne Eurer Tapferkeit. Wandelt ferner alſo fort auf der von Euch ſo ſchön betretenen Bahn der Ehre, und Wir werden ſtets Eure gnädige ſeyn und bleiben. 5 und als ſich Herrmann dem Kaiſer nã⸗ herte, um die Spitze ſeines Szepters zu kuͤſſen, ſie ihm der gutige Monarch nicht allein mit huldreichem Lächeln entgegen, ſondern ſpräch auch zu ihm: „Ihr ſeyd ein tapferer, biederer, junger Ritter, und bleiben Wir Euch in Gnaden gewogen.“ Faſt beſchämt von ſo viel Huld und Gnade, entfernte ſich jetzt Herrmann, und wagte, be⸗ ſcheiden, es faſt nicht, um ſich zu blicken. — Die Kaiſerin aber ſah, als ſie ihren Platz auf dem Throne wieder einnahm, mit liebevollen Blicken nach der einer Purpurroſe gleichenden „ Udeſtädt hin. „Warum erröthet Ihr holde, geſchaͤmige Jungfrau?“ — ihr gnädig zu; doch Ida, von ihren Gefühlen — uͤbermannt, vermochte es niecht zu und ſchlug die Augen nieder.— Von einer großen Anzahl Kerzen hell erleuch⸗ tet war der Saal des Rathhauſes, in welchem das Abendmahl genoſſen und der Rittertanz ge⸗ halten werden ſollte. Man ſah die alten Ritter, welche nicht turniert hatten, entweder in Grup⸗ pen ſtehen, oder auf und ab wandeln. In einem Fenfter ſtand der Buͤrgermeiſter Friedr ich von 30 Ißerſtädt, und grollte mit dem Schickſal, daß ſeinem einzigen Sohne, der ſich auf der Stech⸗ bahn ſo wacker gehalten hatte, am Ende noch der dritte Turnierdank entriſſen worden war. Un⸗ gerecht haderte er im Stillen mit dem tapfern Jünglinge, der ſeinen Ulrich uͤberwunden hatte, obgleich die Turniergeſetze allen Groll und Hader den Beſiegten ſtreng verboten. Jetzt naͤherte ſich ihm ſein Sohn, welcher noch voll Wuth wegen ſeiner Ueberwindung war, und den Groll des Va⸗ ters zu des glühendſten Haſſes Flamme anblies. Den ihnen verhaßten Herrmann der Rache zu opfern, gelobten ſie ſich im Stillen. Bald waren die Geladenen beiſammen, und das Schmettern der Trompeten und Wirbeln der Pauken rief ſie zur Tafel. Die drei Ritter, welche die Preiſe errungen yatten, fuͤhrten ihre Schildjungfrauen *) auf geheime Veranlaſſung der Kaiſerin zur Tafel. *) Schildjungfrauen wurden bei Turnieren, wo Fuͤr⸗ ſtinnen die Preisvertheilerinnen waren, diejeni⸗ gen adelichen Jungfrauen genannt, welche dieſe WPreiſe auf prächtigen Kiſſen der Spenderin dar⸗ gereicht hatten. Die Sieger fuͤhrten ſie zur Ta⸗ fel und zum Tanze. X. d. V⸗ — S Herrmann und Ida durchſtrömte, als ihre Hände ſich beruͤhrten, ein ihnen bisher unbekannt geweſenes Feuer, und ſein leiſer Händedruck wurde von ihr faſt unwillkuhrlich erwiedert. Dieſe drei Paare ſaßen der Kaiſerin zunächſt, und der Erhabenen huldvoller Blick ruhete oft mit Wohlgefallen auf dem jungen Paare, das ihrem edlen Herzen ſo lieb und theuer war. Hft winkte ſie ihnen huldvoll lachelnd Beifall zu. — Als nun endlich die Tafel aufgehoben war, dreheten ſich die jungern Ritter im Tanze, wäh⸗ rend die ältern ſich um den Kaiſer verſammelten, und die Humpen leerten. Auch Herrmann und Ida ſchwebten, von den ſeligſten Gefuhlen erfuͤllt, im Tanze dahin, und ſeine Freuden ſchloſſen die Herzen gegenſeitig auf. — Ida! Herrmann! fluͤſterten ſie ſich zu, und immer hoͤher ſchlugen ihre Herzen in rei⸗ ner Liebe einander entgegen. Eben hatte ſich ein Tanz geendiget, als ein Edelknabe ſie zur Kai⸗ ſerin hinrief. „Nun, mein liebes, junges, holdes Paar! haben ſich Euere Herzen gefunden? — und ſollen wir heute noch ihre Verbindung feiern ? 3 „Ihr ſcherzt, erhabene Kaiſerin!. 5 82 „D O gnůdige Frau! „Ja! ja! Ihr habt Recht! Oft Shrſ der Mund, der Verkuͤndiger von des Herzens hei⸗ ligſten, aber auch geheimſten Gefuhlen zu wer⸗ den, und dieſes hemmt auch Euch die Sprache.. . Doch hört, die Muſik beginnt von Neuem; darum ſputet Euch, und ferner die des Tanzes“ 3 Mit einem q gib wurden ſie entlaſſen, das entzuͤckte Paar trat nun wieder in die Reihen der Tinzer ein, und mit ihnen fort⸗ Endlich waren ſie erſchöpft, und ſihen ſich nach einem Plätzchen um, wo ſie ruhen und ſich erfriſchen könnten. Ein Zimmer mit einem Schenktiſche, wo aber der Schenk auf ſeinem Stuhle in einen todtenãhnlichen Schluf verfallen war) nahm ſie auf. Herrmann bat um rinen Becher Wein für ſich und Ida, allein er mußte ſich ſeibſt bedienen, denn es war nicht möglich, den ſo feſt Entſchlafenen zu ermuntern. ch liebe Dich, meine Ida! — ſprach Herrmann, als er ihr den Becher gereicht hatte — ich liebe Dich ſelbſt mehr noch als mein Leben, und liebte Dich ſchon läͤngſt. — Fählſt Dü nichts in Deinem Herzen fur mich, das voh Liebe zeugt? — Ida, meine theure Jda!“ Sie ſchmiegte ſich mit einem ſeelenvollen Blicke an ſeine Bruſt, und lispelte ihm leiſe zu: „Herrmann! ewig mein geliebter Herr⸗ mann!“ Er unmfing ſie mit ſeinen Armen. Ihre Lippen begegneten ſich, und der keuſchen Liebe Bund war geſchloſſen. Es kamen mehrere T Tanzpaare, welche gleich ihnen Erholung ſuchten. Der entſchlafene Schent ward endlich aus dem Schlafe aufgerüttelt, und wartete wieder ſeines Amtes. Bald ward die Ge⸗ ſellſchaft, vom Geiſte des Weines beſeelt, ſehr laut, deshalb entfernten ſich die Liebenden und traten in den Tanzſaal ein. Herrmann und Ida waren aber auch noch von einer andern Seite her mit dem ſcharfen Ba⸗ ſiliskenauge d der Eiferſucht beobachtet worden. Der Ritter Ulrich von Ißerſtädt verfolgte ſie überall mit eiferſüchtigen, grolligen Blicken; denn er liebte Ida⸗bon üdeſtädt ſchon lange, und bis zur Raſerei, „war aber mit ſeinen Be⸗ werbungen immer unglücklich geweſen, weik Ida's Herz ſchon längſt im größten Geheim renn Herrmann gehörte. Dieſes mußte den 84 nun ihn, den einzigen Sohn des reichen und mächtigen Buͤrgermeiſters einer der großten deut⸗ ſchen Städte, welcher die gegründetſte Hoffnung hatte, dereinſt der Hauptmann über die beträcht⸗ liche Kriegsmacht dieſer mächtigen Stadt zu wer⸗ den, gewaltig wundern, nur hatte er bisher die urſache davon nicht ergruͤnden können. Jetzt wurde ihm auf einmal dieſes Räthſel geloſt, und er ſah in Herrmanns und Ida's zärtlichen Blicken deutlich die erhörte Liebe thronen. Sein Inneres kochte von Wuth. Solch eine Möglich⸗ keit war ihm, dem vom Gluͤck Verwoͤhnten, dem bisher Alles nach Wunſche gegangen war, und vor welchem ſich ſo Viele beugten, nicht einmal im Traume vorgekommen. Erſt hatte ihm dieſer verhaßte Nebenbuhler den Turnierdank, und nun auch Ida's Herz entwunden, und doch hatte er im Gegentheile ihm bei dem Sturme auf die Vurg Bertholds von der Kuhweide und in dem verzweifelten Kampfe mit Martin von Künring das Leben gerettet. Dieſe Un⸗ dantbarkeit heiſchte Rache, die fuͤrchterlichſte Ra⸗ che, und er eilte wüthend hin zu ſeinem Vater⸗ der in einem entfernten Zimmer mit einigen Raths⸗ herten und Rittern zechte. Die von der 5 8 kaͤmpfenden Wuth verſtörten Geſichtszuge ſeines Sohnes fielen ihm auf, und er ging mit ihm anf die Seite, um die Urſache ſeines ſo ſehr aufgereg⸗ ten Seelenzuſtandes zu eyfahren. „Vater — ſprach der Sohn knirſchend — ich bitte Euch um des Himmels willen, ſteht mir bei, daß ich Herrmann von der Ettersburg, den Raͤuber meines ganzen E rdenglucks, vernichte.“ „Beruhige Dich, mein Sohn! — ermahnte ihn der Vater mit der kalten Ruhe des Ge⸗ ſchäftsmannes — zůgle Deine Wuth; ſie frommt zu nichts. Auf dieſem Wege wirſt Du nie zum Ziele gelangen. — Aber Deine ſo heftige Nei⸗ gung zu Ida von Udeſtadt iſt mir völlig neu, und hat nicht meinen Beifall; denn der einzige Sohn des mit furſtlicher Macht und Gewalt re⸗ gierenden aͤlteſten Buͤrgermeiſters der großen und mächtigen Stadt Erfurt, welcher ſich ſchon das Ritterſchwerd erwarb, hat wohl die Wahl unter den reichſten und ſchönſten adelichen Jungfrauen Thüringens, und darf nicht furchten, abgewieſen zu werden, wo er auch werbe. Warum wollteſt Du alſo vergeblich der ſtolzen Dirne des ters hofiren?“ „O mein Laurk ſprecht nicht ſo bitte 86 Euch um aller Heiligen willen. Ohne Ida ver⸗ mag ich nicht mehr zu leben. „Thor! giebt es nicht ebenbürtige Jnng⸗ frauen genug, die weit ſchoͤner ſind, als die udeſtaͤdterin, und wo Du dieſe vergeſſen kannſt.“ „Vater! ich es Euch bei Gott, Io von udeſtädt oder keine.“ „Was willſt Du aber thun? — Du ſiehſt es ja, daß ſie an ihrem Herrmann hangt mit ganzer Seele, und daß in ihrem Herzen kein Plaͤtzchen mehr frei iſt für Dich.“ „Ha, dieſer Herrmann, dieſer Bube! — O nennt mir ſeinen Namen nicht mehr, oder ich fordere ihn heute noch zum S iuf Leben und Tod.“ „Hu! — wie das brauſt! wie ſo ſchn der Verſtand mit dem Hekzen davon läuft! — Sage mir doch, toller Stürmer! was haſt Du denn gewonnen, wenn der Kampf fur Dich glůͤcklich abläͤuft, und Du Deinen Gegner todt darnieder ſtreckſt? — Wird Dich Ida dann wohl lieben, wenn Du ihren geliebten Herrmann erſchlugſt? Und die Hoffnung, daß Du dieſen Herrwann im Kampfe beſiegen werdeſt, nun, die iſt än — ———— — nem Herzen fürwahr ſehr ſ chwach; dem ich S ſah es ja, wie er Dich heute am Ende des Tur⸗ 3 8 niers mit Leichtigkeit in den Sand warf „ob Du gleich noch nicht einmal bügellos geworden, und jeden Ritter tapfer beſtanden warſt.— Und wenn Du nun, wie es ſehr wahrſcheinlich iſt, im Ham⸗ pfe unterliegſt, ſoll denn Dein hochberühmter Stamm einer Dirne wegen untergehen? Soll dereinſt mit mir das alte Wappenſchild der Ißer⸗ ſtädte begraben, und dieſes Namens nicht fer⸗ ner gedacht werden? Und willſt Du, der ein⸗ zige Sohn dieſes letzten Sprößlings eines hoch⸗ berühmten Geſchlechts, ſeines Vaters graue Haare mit Jammer in die Grube bringen, weil Dein Herz dem Verſtande nicht gehorchen will? — Giebt es denn keine anderen Mittel, Dich an dem Et⸗ tersburger zu rächen? — Iſt nicht die heim⸗ liche Liſt der offenen und für Dich gefährlichen Gewalt weit vorzuziehen? — Laß das mir. uͤber, und Du wirſt ſelbſt uͤber die Genugthuung, die ich Dir verſchaffen werde, erſtaunen. Jetzt aber zwinge Dich, ruhig zu ſcheinen „und heuchle wenigſtens Gleichmuth, wenn auch des Herzens ſtürmiſche Gefühle Dein Inneres bewegen ſoll⸗ ten n 1 —.———— 88 . „Ihr ſeyd weiſer als ich, mein Vater! darum werde ich Euerm guten Rathe folgen, ſo ſchwer es mir auch zuweilen fallen ſollte, da ruhig zu ſcheinen, wo ich mit dem Schwerde drein ſchlagen moͤchte.⸗ „Thue das, und es wird fur Dich ſehr nütz⸗ nich ſeyn. Vorerſt müſſen wir jedoch die Abreiſe des Kaiſers abwarten, um dann freiere Hand zu haben. — Jetzt aber geh, und ſuche Deinen Unmuth durch den Tanz zu verſcheuchen. Koſe mit den ſchönſten Dirnen, und zeige dadurch der udeſtädterin, daß ihr Beſitz Dir nicht un⸗ entbehrlich iſt. Für das übrige laß mich ſorgen. Nur ſey ruhig, und laſſe Dir nichts merken.“ ulrich befolgte ſeines Vaters Lehren, und es ward ihm um ſo leichter, da er gar bald bei einem andern Fräulein Erhörung ſeiner Minne⸗ ſeufzer fand; doch blieb Ida immer noch ſeines Herzens Beherrſcherin und der Gegenſtand ſeiner höchſten Wuͤnſche. KI. Herrmann und Ida genoſſen, geſegnet von den Eltern, der Liebe ſüßes Glück, und es war —— —— E bereits die Zeit ihrer Verbindung beſtimmt, als ein feindſeliges Geſchick die ganze Lage der S veränderte. — Im Monat Februar des Jahres 1290 verlegte des Kaiſer ſein Hoflager nach Frankfurt, um daſelbſt die Wahl ſeines älteſten Sohnes Albert zum römiſchen Könige zu betreiben. Dieſer ſein höchſter Wunſch wurde ihm jedoch nicht erfullt, und er erfuhr auch, leider! die Beſtatigung der alten Lehre, daß auch ſelbſt der beſte Monarch im Stillen Feinde hat, welche bemuͤht ſind, ihm kränkend in den Weg zu treten; denn es ward ihm ſein Begehren, die römiſche Koͤnigskrone auf das Haupt ſeines Sohnes zu ſetzen, unter den nichtigſten Vorwänden abgeſchlagen, obgleich der Kaiſer die Gewährung ſeines Begehrens mit dem großten Rechte, als Belohnung fuͤr die vielen dem Reiche erzeigten Wohlthaten, haͤtte erwarten können. — Eigentlich lag nun zwar der Haupt⸗ grund dieſer Verweigerung in dem abſtoßenden, herriſchen Benehmen Alberts, welches wenig geeignet war, die Herzen der Reichsfürſten zu gewinnen; aber es wirkten auch dabei noch ver⸗ ſchiedene andere Nebenabſichten mächtig mit Wunſch des Kaiſers zu vereiteln, . ————— — —— ————— 90 Dieſe Vereitelung des hochſten Wunſches, und der Tod ſeines Lieblingsſohnes Rudolph, Kö⸗ nigs von Böhmen, welcher um eben dieſe Zeit erfolgte, hatten nun aber einen ſo üblen Einfluß auf die Geſundheit des kaiſerlichen Greiſes, daß ſelbſt das Stillleben im Schooſe ſeiner Familie auf dem von ihm ſo hoch geliebten Stammſchloſſe Habsburg, wohin er ſich zum Ausruhen be⸗ geben hatte, und das Entziehen von allen Re⸗ gierungsſorgen, das ſchnelle Verſchwinden aller Lebenskräfte nicht zu verhüten vermochte. Bald fühlte es der edle Kaiſer, daß ſeine Laufbahn auf Erden vollendet ſey, und er ſah ſeiner Aufloͤſung ruhig entgegen. „Laßt mich meine Vorfahren in Speyer noch ſehen,“ rief er ahnend aus, und eilte nun den Rhein hinab, um dieſen Zweck zu erreichen; er kam aber nur bis Germersheim, wo er am 15. Julii 1291 im drei und ſiebenzig⸗ ſten Jahre ſeines thatenreichen Lebens ſeine Lauf⸗ bahn vollendete, beweint von jedem edlen Deut⸗ ſchen, weil es allgemein, und felbſt von ſeinen Feinden gefüͤhlt wurde, daß er einer der beſten Regenten des Vaterlandes geweſen ſey, und ſich uuendliche Verdienſte um daſſelbe erworbem habe. Mit ihm ging auch für Herrmann und 94 Ida der Stern ihrer Liebe unter, und es haͤuften ſich uunmehr des Schickſals harte Schläge auf die beiden edlen Rittergeſchlechter von Itidrn und der Stnhg i Nur wenige Wochen waren noch dahin zu a len, daß dieſe Liebenden am Altare Gottes ei ander die Hände zum engen Bunde für das Erden⸗ leben reichen ſollten, und es wollte auf den näch⸗ ſten Sonntag ſchon der Mund des Burgkapellans ſeiner Gemeinde dieſe Verbindung verkündigen; da ſchlich der Todesengel unverhofft in dieſen Kreis edler Menſchen. Mathilde von Ude⸗ ſtädt, Ida's Mutter, erkrankte an einer epi⸗ demiſchen ſehr gefahrlichen Krankheit, welche man in jener Zeit, ſo wie jede Epidemie, die Peſt nannte; und obgleich die beiden Töchter der Mutter ſorgſamſte Pflegerinnen waren, und ſelbſt des tödtlichen Fiebers Anſteckungskraft nicht ſchene⸗ ten, auch der treu liebende Gatte mit den ſämmt⸗ lichen Burgunterthanen an den Stufen des Al⸗ tars auf dem Angeſichte lag, und Gott mit hei⸗ ßen Thränen um die Fortdauer ihres Lebens bat, auch die Unterthanen bittend ihre Hände empor⸗ hoben, für die gutige Herrin; ſo ſeukte doch der Genius des Lebens die Fackel, und ſie ging ſanft „ ⸗ 92 in die Wohnungen des ewigen Friedens hinüber. Troſtlos jammerten Alle an ihrem Grabe. — Aber es war an dieſem Opfer der giftigen Seuche noch nicht genug; auch auf Ida und ihre Schwe⸗ ſter Adelgunde war bei der ſorgſamen Pflege der Mutter, durch die Anſteckung, der Krankheit Gift uͤbergegangen. Schon am Begräbnißtage Mathildens ſank Ida in des tief erſchütterten Vaters Arme, und als ſie aus ihrer langen Ohn⸗ macht wieder zu ſich kam, hatte ſie bereits der Krankheit Macht ergriffen. Am folgenden Tage lag auch ihre Schweſter Adelgunde auf dem Krankenbette, von dem ſie nicht wieder erſtand; denn ehe die Sonne ſiebenmal unterging, ſah ſie ſchon die geliebte Mutter in jenem unbekaunten Lande wieder, aus dem noch nie ein Sterblicher zurück kehrte. — Auch Ida kämpfte lange mit dem Tode, doch überwand ſie endlich noch; ihre Geſundheit aber kehrte nur langſam wieder zuruͤck, und die Blüthe ihrer Schonheit ſchien fuͤr immer dahin zu ſeyn; ſie glich der Lilie, und oft noch drohete die Gefahr zuruck zu kehren. Der Ritter Konrad uͤberlebte den Verluſt der geliebten Gattin nicht lange, und als im Herbſte die gefaͤrbten Blätter fielen, bereitete man 93 ——— auch ihm ſein Grab an der Seite ſeiner Ma⸗ thilde. — Nur wenig Stunden vor ſeinem Abſcheiden von der Welt kam ſein treuer, red⸗ licher Freund Diether mit ſeinem Sohne nach Udeſtädt, und Konrad empfahl ihm ſein ein⸗ ziges Kind, ſeine Ida, als Tochter; dann legte er die Haͤnde der beiden Liebenden zur Vereinigung in einander, ſegnete ihren Bund, und entſchlief nun ruhig in den Armen Bennvo's, ſeines alten biedern Freundes und Burgkapellans, zu dem Schlafe, von dem nie ein Sterblicher wieder er⸗ wachte. Ida, Herrmann und Diether weinten an des Verſtorbenen Leiche, und auch die Mutter Johanna kam von der Ettersburg zur Feier der Beſtattung. Als man nun den Leichnam Konrads der Erde wieder gegeben hatte, nah⸗ men Herrmanns Eltern die Verwaiſete als Tochter mit ſich heim, er aber blieb einſtweilen als Voigt auf der Burg zu Udeſtädt, und in wenig Tagen ſchon liebten ihn die Burgſaſſen gleich ihrem verſtorbenen Herrn; denn er achtete, wie dieſer auch, das Wohlſeyn des Aermſten hoch, und wenn er gütig und mild in ihre Hütten trat, freueten ſic ihre Bewohner herzlich. 3 — laugſam erholte ſich Ida von ihrer gjen⸗ und den erlittenen ſchweren Schlägen des Schickfals wieder, und nur die ſorgſame Pflege, welche ſie von den Eltern ihres Herr⸗ manns genoß, erhielt ihr das längere Leben. Allmählig kehrten dann auch die entſchwundenen Roſen ihrer Wangen zu den Lilien zurück. Enblich konuten die Liebenden daran denken, ihre durch dieſe Todesfälle verzögerte Verbindung zu vollziehen; zuvor aber wollte die Familie Diethers das Pfingſtfeſt in Erfurt bei einem nahen Verwandten feiern; er zog daher mit ſeiner Gattin, Herrmann und Ida dahin⸗ und ſie wurden freudig empfangen. Das Feſt wuide mit all' der Pracht gefeiert, die in frühern Jahrhunderten, ſo wie ietr, die verhetrlichte. Als nun am zweiten Pfingſttage Diether mit den Seinigen die ſogenannte heilige Geiſt⸗ Meſſe in der Kloſterkirche der regulirten Chor⸗ frauen des heiligen Auguſtins im Neuenwerke hörte, *) und die Kirche des Klo⸗ 6 6 Die geſchilderte Feuersbrunſt mit ihrem Ent⸗ ſtehen iſt, nach alten Chroniken, hiſtoriſch wahr, „ ————————— 95 ſters gedrůckt voll Andachtige war, erſcholl plötz⸗ lich das Sthrecken erregende Feuergeſchrei in dieſer Verſammlung, und zugleich ſah man aus dem dicht angebauten Kloſterdache die furchterlichſten Flam⸗ men emporſchlagen. Unbeſchreiblich war das Ge⸗ dränge, das jetzt entſtand, weil das Feuer mit außer⸗ ordentlicher Schnelligkeit ſich vermehrte. Klingend ſprangen die Fenſter der Kirche von der ſchreck⸗ lichen Hitze, und die Flammen drangen mit Wuth in die Kirche, welche in wenig Augenblicken dicht mit Dampf erfüllt wurde. Es war nur ein ein⸗ ziger Ausgang nach der Straße) durch welchen ſich jetzt die Menge zu retten ſuchte. Schrecklich war das Nothgeſchrei der Schwachen „beſonders vom weiblichen Geſchlechte, welche mitten im Gedränge gepreßt wurden. Mehrere wurden zu Boden getreten, und gaben hier, da die ganze Menge uͤber ſie hinging, unter fürchterlichen Qualen ihren Geiſt auf. Immer mehr verbrei⸗ tete ſich das Feuer, und immer heftiger ſchlugen die Flammen in die Kirche, in welcher noch der großte Theil der Verſammelten zurück war. Viele von dieſen ſuchten ſich durch die Feuſter zu retten, und ein Brittheil Erfurts hing durch dieſelbe in Flammen auf. 96 ——— aber nur wenige konnten auf dieſem Wege hinaus. Die Prieſter und Kirchendiener ſtrebten das hoch⸗ würdige Gut und die heiligen Geräthſchaften in Sicherheit zu bringen, hierdurch aber wurde außs neue das Gedraͤnge vermehrt, und immer ſtärker das Angſtgeſchrei. Diether wurde von ſeinem Weibe, und Herrmann von Ida im Gedränge getrennt. Die ſchwächliche Johanna war eben im Be⸗ griffe, ohnmächtig niederzuſinken⸗ als Herrmann ſie gewahrte, die Mutter ergriff, und mit ſtar⸗ ker Hand empor hielt. So drängte er ſich mit ihr zur Pforte hinaus, und nahm ſie dann auf ſeine Arme, um ſie zu retten. Jetzt ſtuͤrzte eine Menge Ziegel vom innerlich brennenden Kirchen⸗ dache herab, und mehrere von den ſich Fluͤchten⸗ den wurden erſchlagen. Herrmann trug ſeine WMutter auf dem Rücken, und wollte ſie den im⸗ mer mehr ſich ausbreitenden Flammen entreißen. Schon glaubte er ſie gerettet; da ſtuͤrzte aber⸗ mals ein Heer gewichtiger Ziegel vom brennen⸗ den Dache herab. Einer von dieſen Ziegeln traf, weitſpringend und daher mit doppelter Kraft zer⸗ ſchmetternd, Johannens Haupt. In einem Ru wat ſie nicht mehr. 97 errmann taumelte von dem Farlen Schlage, der das Haupt der Mutter tédtend traf/ und ſtuͤrzte mit ſeiner Laſt zu Voden. wollte wieder aufſtehen, und fühlte ſeinen Hals von der Mutter Händen krampfhaft umſpannt⸗ ſein Nacken war von ihrem Blute befeuchtet. Be⸗ fremdet entwand er ſich den ihn umſchlingenden Amen, und wandte das Geſicht nach der Mut⸗ ter hin⸗ da ſah er mit demerſten Blicke, was geſchehen war/ und das zerſchmetterte Haupt der Mutter erſchutterte ihn ſo gewaltſam in ſeinem Inneyſten, daß er in Ohnmacht neben dem todten Förper hinſank. So lag er einige Minuten „da wurde er von gluͤhender Hitze wieder zu ſich ſelbſt gebracht. Er ſchlug die Augen auf, und ſah rings um ſich Flammen. Die Kirche des Kloſters war ein großes Feuermeer, welches der ſich er⸗ hobene fürchterliche Sturm weit umher verbreitete. Auch der Thurm war dem Einſturz nahe. Selbſt das ſogenaunte Waſſerthor, welches in die Vorſtadt, das Hirſchbrühl, fuͤhrte, befand ſich in der größten Gefahr, und loderte bereits am Dache in Flammen auf. Mit ihm verſchloß ſich der letzte Ausgang aus dieſem Feuerlabyrinth. „Nein! Du ſollſt nicht hier zu Aſche werden, beſorgten Sohne, daß ſie die Perblichene nicht — gute Mutter! ſondern die letzte Ruheſtätte in Dei⸗ ner Ettersburg finden, und ſollte ich Dich auf meinen Schultern dahin tragen, oder mein Leben dabei ei laſſen,“ So vief Herrmann, durch⸗ drungen vom tiefſten Schmerze, indem er den Leichnam ſeiner Mutter wieder in ſeine Ar me faßte, unv ſie durch die ihn überall umwogenden Flam⸗ men hindurch nach dem Hirſchbrüh le trug, welches durch die Breite des Geraſtroms und durch den abſtehenden 3ug des Sturms — F n O vergönnt dem Sn meiner rntter ene Stitte bei Euch,“ rief er in den Straßen dieſer weiten Vorſtadt öfters aus; doch niemand hörte ihn, denn nur wenige Bewohner waren da⸗ heim geblieben, und dieſe mit ſich ſelbſt zu ſehr beſchäftiget, als daß ſie haͤtten ſeinem Rufe Ge⸗ yör geben können. Endlich fand er bei den Ere⸗ mitenbrüdern am Stumpfen⸗Thurm ein Aſyl fur die Entſeelte. Die Brüder nahmen ſie willig auf, reinigten den zerſchmetterten Kopf, und gaben nun dem Leichnam eine Stelle im kuͤh⸗ len Gewoͤlbe, damit er vor der Fäulniß geſichert werde. Mit Hand und Mund gelobten ſie es dem — — — — — *. ——.— —.— der Flamiien Raub werdem laſſen wölltei, wein ſich ihre Macht bis ʒ ihnen erſtrecken wide. Herrinkn ſprang jtzt fort, um ſeinen Vaker Ud Ida zu ſuchen· Er drang nach der Straßen vo wo das Haus ihres Verwanvten ſich befand, doch eben koderte daſſelbe in Flam⸗ men auf. Dieſes zwang ihn, weiter zu gehen. Nachbein er lange in den verſchont gebliebenen Straßen der Stadt umher geirrt war, traf er auf dem hrößen, weiten Marktplatze vor dem Dome ſeinen Vater unter der Menſcheumenge wieder, welche ſich dahin geflüchtet hatte; aber auch hier fand er — B Id a nicht⸗ 2 8 „Wo iſt Deine Milieih W iſt Renu fragte der alte, tief bekůmmerte Vater — laß uns gehen, ſie zu ſuchen. Schon lange durchſtreife ich die Etrßen nuch ihr,“ — ſprach Herrmann, und Thraͤnen entſtürzten ſeinen Augen; denn ſeiner Mutter jämmerlicher Anblick ſtellte ſich ſeinem S im⸗ mer wieder auf's neue dar. Herrmanns Thränen fielen dem teftelin⸗ merten Vater zwar ſchwer auf das Herz, doch ahnete er ihte Veranlaſſung nicht, und ſie ſuchten der Ge⸗ 6 2 100 gend, wo das Nonnenkloſter geſtanden hatte, wieder nahe zu kommen. Mit Schaudern furch⸗ tete Herrmann⸗ die geliebte Braut ebenfalls unter den Erſchlagenen zu finden. Es gelang ihnen zwar, der Prandſtelle ſich zu nähern, aber die glühenden Ruinen des Kloſters erlaubten ihnen nicht, bis zur Kirche vorzudringen. — Da tra⸗ fen ſie den Verwandten, bei dem ſie gewohnt hatten. Auch er ſuchte ſeine Gattin, die im Ge⸗ dränge unter der Kirchenpforte ebenfalls von ihm getrennt worden war. Sie durchſtreiften nun ver⸗ eint die Straßen, und, ohne es gewiſſermaßen ſelbſt zu wollen, kamen ſie durch das Thor⸗ welches nach Weimar führt, ins Freie. Tau⸗ ſen de hatten ſich mit ihren Habſeligkeiten hier⸗ her gefluͤchtet, und unter ihnen fand Diether ſeinen Knecht, welcher die Roſſe ſeines Herrn da⸗ hin gerettet hatte. Allein es wußte auch dieſer keine Nachricht von ſeiner Herrin zu geben, und ſie kehrten daher, nachdem ſie fruchtlos die Menge durchſtreift hatten, t wieder nach der Stadt zuruͤck. Noch immer in die Fane und e es als ſey dieſes der Tag, an welchem Er⸗ furt ganz vernichtet werden ſolle; als plotzlich der —,——— allmaͤchtige Herr des Hilmels und dei Eide dem wuͤthenden Sturme göbot, daß er ſchwieg, und die von dein Orkan zuſammen getriebenen Wolken ſich jetzt öffneten; es ſtuͤrzte ein mächtiger Platz⸗ regen herab, der gar bald die verheerenden Flam⸗ men löſchte, und in dicke Dampfwolken verwan⸗ — welche die Straßen erfülleten. 4 Der Vernichtung durch des Feuers Wuth war uun ʒwar ein Ziel geſetzt; allein der dritte Theil der Stadt war durch ſie ein Ruinen⸗ haufen geworden. S So brach der Abend heran, 4e weder Ida, noch die wirthliche Verwandtin war gefunden, und immer banglicher ſchlug Herz um ſeine Johanna. — Als nun die Nacht eingetreten war, nahmen ſie ihre Zuflucht nach dem auf dem Petersber ge liegenden Be⸗ nediktinerkloſter, deſſen Beſitzungen mit Udeſtädt gränzten, und wo ſie ſämmtlich dem Abte wohlbekannt waren. Sie fanden mit Tau⸗ ſenden der — einen in di⸗ großen Gebaude. 8 Einem alten Frun unter den Mn ent⸗ deckte Herrmann ſeiner Mutter trauriges Ende. Der ehrwuͤrdige Vater erſchrak heftig, als er die * 102 betrübte Mähre vernahm, und nun auit Mühe vermochte er ſich zu ſanmeln, um den guten Diether auf die fuͤr ihn ſo ſchreckliche Ent⸗ deckung vorzubereiten. Der Moͤnch nahm den alten Freund mit auf ſeine Zelle, und brachte ihm mit der größten Vorſicht die ſchreckliche Nachricht bei. Wie rang der gute, treue Gatte die Hände, als er nun Johanna's Tod erfuhrʒ doch wußte ihn der fromme Pater enplich durch den Troſt, welchen die Religion Allen gewährt, die ihr Herz hm nicht verſchließen, in der im Gebet durch⸗ wachten Nacht dahin zu bringen, daß ſich der Tieſgebengte am Morgen ſtark genug glaubte, ihren Leichnam zu ſehen. Der ehrwürdige Geiſt: liche fuͤhrte ihn nun ſelbſt zu den Eremiten⸗ brüdern, welche der Eutſeelten einen kunſilpſen Sarg bereitet hatten, und bei demſelben fuͤr das Heil ihrer Seele beteten. Eine neue Scene des Jammers, als nun Diether ſeine Johqnna im Sarge erblickte, und er weilte faſtend und betend bei ihrer ſterblichen Huͤlle, bis durch des Benediktinerabtes Veranſtaltung ein Wagen die⸗ ſelbe abholte, und nach der Ettersburg brach⸗ te, wo ſie unter den zahlloſen Thränen Diethers und ſeiner, ſo wie der Udeſtädter Burgſaſſen —,——— ——————— 103 in die Gruft geſenkt wurde. Sie war Allen eine liebevolle Freundin geweſen, und Alle hat⸗ ten ſie herzlich wieder geliebt. Als der Burg⸗ kapellan die Seelenmeſſen las, fehlte von ihnen keiner in der Kapelle, um fuͤr die Seele Verſtorbenen zu beten. zchiit Mit ihr gingen des treuen Gatten Lebens⸗ frenden zum Grabe. Er war für alles erſtorben⸗ end nur das Ungewiſſe von Ida's Schickſal nachte noch einigen Eindruck auf 6 36 wm⸗ mertes Semüth. 8 z ie dieſer Verlornen war vis zur Nitumacht des von Schrecken und Jammen erfüllten Pfingſi⸗ tages noch keine Spur vorhanden; als ſich ganz unvermuthet die vermißte Verwandtin an der Hand ihres Bruders im Peterkloſter einfand. „Um Gottes willen! ſagt mir, Muhme! wo iſt Jda?““ — fragte Sene Behnn barer Angſt. „Iſt ſie nicht bei Euch?- — A ſie, gleich mir, dem Gedränge in der Kirchen⸗ pforte entronnen war, ſluͤchteten wit uns in die — 104 benachbarte Straße, um Euch zu erwarten; al⸗ lein die Wuth der Flamme zwang uns bald, den Weg weiter fortzuſetzen, und im dichten Men⸗ ſchenſtrome, der durch dieſe Straße eilte, wur⸗ den wir von einander getrennt, ſo daß ich ſie nicht wieder erblicken konnte, ſo ſehr ich mich auch darum muͤhete. Ich eilte nunmeht nach meitem Hauſe, und rettete mit dem Geſinde, was zu retten möglich war, in die tiefen, woh! verwahrten Keller. Aber auch hier war ich nicht lange mehr ſicher; denn mit reißender Schnellig⸗ keit verbreitete der wüthende Sturm die Flamme immer weiter. Bald mußte ich die eigene ge⸗ iebte Wohnung jammernd mit dem Rücken an⸗ ſehen, und mein Heil in der Flucht ſuchen, als die F̃lammen das Haus ergriffen, in wẽlchem ich das Glůck der Häuslichkeit ſo⸗ lunge ſchon ge⸗ noſſen hatte. Wie oft und ſehnlich ſah ich nicht mich auf der Flucht nach dem vermißten Gatten unð nach Euch uin; doch vergebens; bis ich end⸗ lich meinen Bruder fand, und mit ihm nun meine Forſchungen fortſetzte; Niemand aber wollte Euch oder Ida geſehen haben. Endlich zwaug uns die Nacht, hier ein Obdach zu ſuchen, und jetzt erſt erfuhren wir, daß eine ſo gekleidete . Fv —ꝛ 105 Jungfran, wie wir Ida beſchrieben, von zwei Junkern gefuhrt, in der Gegend des Vernhar⸗ diner⸗Nonnenkloſters geſehen worden ſey, wohin ſie wahrſcheinlich ihren Weg genommen hatten. Die Jungfrau habe bitterlich geweint. Nun hatte Hertmann keine Ruhe mehr, und wäre ſogleich fortgeeilt/ haͤtte et nin hoffen duͤrfen, mitten in der Nacht ſeinen Zweck zu et⸗ reichen. Kaum war es Morgen geworden, als er auch in das Bernhardinerkroſter eilte Er verlangte die Aebtiſſin zu ſprechen, und erhielt zur Antwort: „Die hochwürdige Frau iſt im Chore, und hat hernach Bußuͤbungen mit den Schweſtern. Sie iſt den ganzen Tag hinvurch nicht zu ſprechen. Wollt Ihr aber in der Mit⸗ tagöſtunde wieder kommen, ſo wird Ench viel⸗ leicht der hochwuͤrdige Seelſorger des Kloſiers würdigen, die verlangte Antwort zu ertheilen⸗ Jetzt muß ich wieder an meine Gehabt bt denin Klut aii vnibesearnit ee an der jeſte Kloſterpforte, ſie war und blieb verſchloſſeu Verzweiflungsvoll entfernte er ſich wieder, und durchſtrich in der ſchrecklichſten Gemůthsſiimmnmig ———— ——— die vom Brande verſchonten Straßen. Vergeblich war ſein Suchen und Forſchen; denn Ida weilte ſchon längſt nicht mehr in ihnen, und teufliſche Bosheit hatte ſie ihrer Freiheit beraubt. Er furchtete noch immer das Schlimmſte, und drang blzu den dampfenden Ruinen der Kloſterkirche vor. Hier ſah er aber nur einzelne Gliedmaßen von Erſchlagenen unter dem glühenden Schutte hervorragen, ohne kennbar zu ſeyn. Traurig ſiand er bei dieſen Ueberreſten, und dachte ſich die Möglichkeit, daß Ida auch 8. Grab ge⸗ funden haben tönne. : Als er nun in dieſer Traur igteit — ſiand er unvermuthet an dem Kloſter der Eye⸗ mitenbruͤder. Er trat in daſſelbe ein, und ſah den offenen Sarg, in welchem ſeine Mutter lag. Im Gebete kniete der Vater und zwei Kloſter⸗ brüder an demſelben „ und ſein Herz ward zer⸗ riſſen, als er das bleiche, von tiefem Gram er⸗ füͤllte Antlitz ſeines Vaters ſah. Er nahete ſich ehrerbietig dem Sarge, und küßte die kulten Hände der Mutter zum Abſchiede; des Vaters thränenſchwerer Blick fiel auf ihn. „Haſt Du Ida noch nicht gefunden?“ — fragte er den Sohn leiſe, und auf die Antwort: Nein! blickte 107 —— er ſtumm gen Himmel, als wolle er die Gott⸗ heit fragen: „Auch dieſe nahmſt Du mir?““ iE winkte dem Sohne, ſich wieder zu eutfernen Noch ein Kuß auf den erblaßten Mund der Mut⸗ ter, und dann ſchied er, laut weinend, von die⸗ ſem Orte der ſtillen xodesbetrachtung⸗ um ſn Verlorne noch feruer zu ſuchen. 15 Die Mittagsſtunde fand ihn an der Kſier⸗ pforte wieder. Lange mußte er harren. Endlich öffnete man ſie ihm, und führte ihn in den Sprachſaal. Nachdem er auch hier eine Weile geduldig geharret hatte, trat ein Dominikan er⸗ Vrh zu Bn ein. Finſter blickte er den Rit⸗ ter an.) „Was iſt git Begehr, Herr gtter?“ — fragte er mit all' dem geiſtlichen Stolze, welchen der Clerus aller Klaſſen in jenen frühern Jahr⸗ hunderten ſich gegen die Laien (und unte zaͤhlten ſie ſelbſt den Kai ſer) anmaßte. Ehrerbietig trug ihm nun Herrmann i Urſache ſeines Hierſeyns vor, d bat ihn mit dem Feuer der Beredtſamkeit, das ihm die Angſt um ſeine verlorne Ida verlieh, um Nachricht: ob ſie in dem Kloſter ſey? — Lauernd, doch he nend gleichgültig, hörte e der Wnh an 5. 108 Es iſt wahr, — entgegnete er mit kalter, heiliger Miene — es hat der Herr am vorigen Tage die Schasle ſeines Zorns ausgegoſſen uͤber dieſe uͤppige Stadt und ihre ſündigen Vewohner, und hat ſie hatt geſtraft durch die Macht des Feuers, da ſie ſich durch die Worte ſeiner treuen Knechte nicht wollten abwendig machen laſſen von dem Sündenwege) ud ſelbſt die Sttafen des heiligen Gerichts die Suͤnder nicht mehr beſſern. Darum hat er ſie durch das Feuer verderbet. Und dieſe Strafe hat auch die Nonnen des Klo⸗ ſters zum Neuenwerk betroffen, weil ſie ſich nie entſchließen konnten, ihre Beichtiger aus unſerm heiligen Orden zu wählen. Da ſieht man nun, was es fuͤr Folgen bringt, wenn iian die Diener Gottes verachtet. ,O ſagt mir, hochwuͤrdiger e — ſe Herrmaun ins Wort — ob ich . i im Kloſter finde?“ „Der Zorn des gerechten Guttes ⸗ — der Mönch im predigenden Tone fort —= erwacht dann plötzlich, und fährt hernieder im verzehren⸗ den Feuer. Darum mußte auch das Strafgericht aus jenem Kloſter ausgehen. und warum blieb dieſes verſchont, wo die Brüder unſers Or⸗ w—————————— 5 w—————— 109 dens beteten, und ſogar unſer hochl densſtifter Fürbitter war. Alſo n „O ich bitte Euch um Gottes und aller 66 ligen willen! ſagt mir, ob ich meine Id a in die⸗ ſem Kloß̃er wieder finde? vin r 6 „Geduld! — Alſo iſt dieſes geichen. nicht umſonſt vom Herrn gegeben worden, damit die vor der Weltluſt fliehende Jungfrau einen Ort habe, wohin ſie ſich retten, und ihrem himmli⸗ ſchen Bräutigam die ganze Seele weihen könne.““ Ein Glocklein ertönte jetzt, und indem der Mönch mit der andächtigſten Geberde ein Kreuz vor ſich ſchlug, rief er aus: „Ha! Ihr hort es ſapit Es ruft mich jetzt der Herr 3. S Er ſey mit Euch!“ Mit dieſen Worten gab e er ihm die — diction, und wollte ſich entfernen. Herr⸗ mann aber fiel vor dem Mönche nieder, und 16 im Gefuͤhl des höchſten Schmerzes: m „O ich beſchwöre Euch, und bitte Euch auf meinen Knien flehentlich, ehrwuͤrdiger Vater! — Sagt: Befindet ſich Ida von Udeſtädt in die⸗ ſem Kloſter? — Es ſoll ihm ein reiches Ge⸗ ſchenk fuͤr den Schutzort werden, welchen ſie in dieſem heiligen Hauſe fand. O laßt mich nicht 110 v ſo troſtlos vot Euch knien. Auch Euch will ich reich mir nur ſeine Vorlobte icbete 15c m D nid dn C eichet Auf, meitr lieber Schntau ſprach jetzt der Mönch mit heiliger Froundlichkeit — es gebühret Euch nury die Knie zu beugen vot Gott, dein hochwürdigſten Güte den Bildern der Hei⸗ kigen, und dein heiligen Vater i Rom, nicht aber vor mir, einem ſeiner geringſten Knechte. Auch will es Euch nicht gebühren; die irdiſche Glüchſeligteit mit Eurem Magdlein höher zu ach⸗ tin, als ihr himmliſches Seelenheil. Deun was hülfe es ihr, ob ſie die ganze Welt gewänne und Schaͤden nähme an ihrer Seele. Darum wollet Ihr Euch mit chriſtlicher Geduld wafflen, und in derſelben abwurten, was der Herr uͤber Euch und Euer Mägdlein beſchloſſen haben wird.— — Doch weil Ihr Euch ſogar freigebig erweiſen wollet, ſo fommt Morgen in der Stunde zwiſchen dem Mit⸗ tagsmahle und dem Amte der Vesper in unſer armes Kloſter bei St. Pauli Kirche, wo ich Euch eroffnen will, was mir fuͤr Kunde geworden iſt. Fragt nur nach dem Pater Bruno, und man wird Euch ſogleich zu mir führen. Nun aber lebet wohl; denn ich muß eilen.“ ———,— 5 „——— E 114 Und er entſchlůͤpfte durch die Thür, an ſeint Stelle aber trat, kurz darauf, die Pförtneti ein, und brachte ihm ein Krüglein mit Wein ünd ein wenig Brod. Da burchdrang ihn plötzlich der Gedanke, die Pfoͤrtnerin wegen Ida aus⸗ zuforſchen. Er nahete ſich ihr daher auf das „ erbietigſte. „Verzeiht, ehrwürdige 3 Jungfrau! — ſ er zu ihr — daß ich mich i in meiner Roth an Euch wende. Als geſtern das ſchreckliche Feuerungluͤck ausbrach, war ich mit meiner Verlobten, dem Fräulein Ida von Udeſtädt, in der Meſſe bei den Auguſtinerinnen im Neuenwerk, und wurde von ihr in dem Gedränge das in der Kirchenpforte entſtand, gettemit, „dä ich als Sohn nach meiner ohmmächtigen Mutter griff⸗ Man hat mich verſichert, daß ſie in dieſes Kloſter gebracht worden ſey. O ſagt es mir, ob ſie ſich wirklich hier befindet?“ „Geſtrenger Ritter! — antwortete die Pfört⸗ nerin, und man horte es an der Weichheit ihrer Stimme, daß des Jünglings Angſt um die ver⸗ lorene Braut ihr Herz ergriffen hatte — ich bin nur eine Laienſchweſter „und habe als Pfört⸗ nerin keinen Zutritt in den innern Zimmern der 13 — würdigen Fran. Es haben zwar eſin der Feuerẽnoth mehrere vornehme Frauen in unſerm Kloſier Schutz gefurhtz vb aber Eure Verlobte unter ihnen ſey weiß ich nicht. Die meiſten wurden pon Manneyn bis an die Pforte begleitet, und faſt alle weinten bei ihrer Ankunft. Unſer hochwuͤrdis ger Herr Beichtiger wird Euch deshalb die beſte Nachricht geben können. Ihr habt ihn ja geſprochen, und ex ſandte mich her, als er von Euch ſchied, Euch einige Labung zu brin⸗ vu Darum haltet Euch an ihn. 1 ndonn So war denn alſo auch dieſe Hoffnung ſe undden armen Herrmann blieb nichts wei⸗ ter uͤbrig, als ſich zu der beſtimmten Zeit im Do⸗ Whithnerktofer zu melden. Er ſich vm Gehir. er gen Greiſe, was ihm begegnet wa⸗ und bat ihn um ſeinen vãterlichen Rath. Es iſt mir nicht lieb zu pren „mein — Shnl — ſprach der Aht mit Achſelzucken — daß ein Dominikaner der Beichtiger in dem Kloſter iſt, in welchem Ihr Eure Braut ver⸗ 6 muthet, und ich ſage mit Vedacht vermuthet⸗ weil Ihr es doch nicht mit Gewißheit behanpten 113 koͤnnt, daß ſie dort verborgen ſey. Und wie wolltet Ihr es auch beweiſen? Zudem wurdet Ihr auch ſogleich die Dominikaner zu Geg⸗ nern haben. Dieſer Orden iſt aber durch ſein Glaubensgericht ſo mächtig geworden „daß ſich ſelbſt Erzbiſchoͤfe vor ihm ſcheuen. Dar⸗ um ſeyd ja recht vorſichtig, wenn Ihr mit ih⸗ nen ſprecht, und laßt Euch ſelbſt anſehnliche Geſchenke und Verſchreibungen nicht gereuen; denn auf dieſem Wege dürftet Ihr wohl am erſten Euer Ziel erreichen. Doch habe ich Euch dieſes alles nur im Vertrauen geſagt, und müßt Ihr mir durch Euern Handſchlag verſprechen, deshalb reinen Mund zu halten.⸗ „Es gelte! — Doch wie werde ich Mor⸗ gen beſtehen) da Gleisnerei mir fremd iſt.“ Xm. Ida aber befand ſich in der Thar in dieſem Nonnenkloſter. Wie ſie aber in daſſelbe kam, und warum man ihrem recht⸗ maͤßigen Verlobten ſo große Hinderniſſe in den Weg legte, als er ihren Aufenthalt erforſchen davon ſind wir unſern Leſern die S. 114 klärung zu geben ſchuldig, und wir glauben um ſo mehr, daß ſie hier am rechten Orte ſtehe, da ſie zugleich den beſten Aufſchluß giebt, aus welchen Gründen die Dominikaner alſo handelten. um jedoch dieſe Erklärung mit Deutlichkeit ge⸗ ben zu können, müſſen wir zuruͤckgehen, und auf d6 Neigung, welche der Ritter Ulrich von Ißerſtädt zu Ida trug, und ſie nicht zu be⸗ zůhmen vermochte, ſo wie auf das Geſpräch die⸗ ſes Ritters mit ſeinem Vater uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand am Abend nach dem Turnier von Neuem aufmerkſam machem 1ir Der Buͤrgermeiſter Friedrich von n ſädt grollte in ſeinem Herzen mit Ida, daß ſie den einzigen Sohn eines ſo mächtigen und viel⸗ geltenden Mannes verſchmähete, und ihm den weit weniger beguterten Herrmann vorzog, ob er ſich gleich geſtand, daß er dieſe Verbindung ſchwerlich begunſtigt haben wurde. Selbſt die harten Schläge des Schickſals, welche die Arme durch den Tod ihrer Eltern und Schweſter erlitt, konnten dieſen Groll nicht vertilgen. Er behielt daher dieſe Ida, ſo wie den Ritter D ſether und die Seinigen, unverrückt in den An⸗ gen, ja er wußte — was ihm jedoch ſehr ſchwer 115 wurde — ſelbſt unter den Unterthanen Diethers und Idals Verbuͤndete durch Geſchenfe zu ge⸗ winnen, von welchen er alles erfuhr, was auf dieſen beiden Burgen vorging, welches denn dier ſer in den feinſten Ränken Geubte zu ſeines Zwek⸗ kes Erreichung beſtens zu benutzen wußte, und dieſer Zweck war nichts anders, als dieſe beiden Liebenden zu trennen, oder ihre Verbindung we⸗ nigſtens in die Laͤnge zu ziehen. Durch Zufall ſah er die Familie, welcher er im Herzen ſo feind war, am Pfingſtſonnabend in der Stadt einziehen, und er erfuhr ſogleich ihren Aufenthaltsort. Von nun an waren dieſe Arg⸗ loſen von ſeinen Kundſchaftern umgeben, und der Plan entworfen, Ida mit Geiegenheit, und ohne Aufſehen zu erregen, aufzuheben, und ſie in ein Nonnenkloſter zu bringen, aus welchem ſie nicht ſo leicht entlaſſen werden konnte. Die Aebtiſſin der Bernhardinerinnen wurde, ſo wie der Beicht⸗ vater derſelben, durch große Verheißungen fuͤr dieſen Zweck gewonnen, und alles vorbereitet, dieſe Arme, wuͤrde ſie in das Kloſier eingebracht, auf das kunſtlichſte zu verbergen, auch ſie durch alle Künſte der Ueberredung dahin zu vitet 8 ſie den Schleier nöhme. 16 Als daher am zweiten Pfingſttage der Ritter Diether mit den Seinigen nach der Kirche ging, folgte ihm Ulrich mit zwei vertrauten Freunden nach. Zufällig hatten ſie ihre Stellen nahe an der Pforte, und waren daher am erſten hinaus. Doch auch in dieſer Noth ließen ſie Ida keinen Augenblick ohne Beobachtung, und folgten den beiden Freundinnen, welche in der benachbarten Straße auf ihre Angehörigen harreten. Als nun Ida und ihre Verwandtin ebenfalls von der Flammen Wuth ſich weiter zu begeben genöthiget wurden, folgten ihnen die Verbuͤndeten nach, und wußten ſie im Gewühl unvermerkt von einander zu trennen. Ida ſah ſich allein und blickte angſtvoll nach ihrer Muhme umher. Da näherte ſich ihr einet der mit Freude. 3 R „Gott und allen geligen ſey etantt edle Jungfrau! — begann er im einſchmeichelnden Tone — daß ich Euch finde. Es ſendet mich der Ritter Diether, Euer Pflegevater, Euch in Sicherheit zu bringen. Er wird ſich mit ſei⸗ nem Weibe und Herrmann zu den frommen Fſterfrauen im Bernhardinerkloſter be⸗ geben, und auch Euch ſoll ich dahin bringen. 117 Herrmann wurde im Gedränge von ſeinen El⸗ tern getrennt, doch ſind eine Menge Boten nach ihm ausgeſandt, ihn ebenfalls nach dieſem Klo⸗ ſter zu bringen. Doch ſeht! mit welcher gräß⸗ lichen Wuth die Flamme um ſich greift. Darum laßt uns eilen, daß wir ihr entrinnen.“ Ein Strom von Flugfeuer, welcher durch den heftigen Sturm daher getrieben wurde, und die dichte Menſchenmenge uͤberſchuttete, beſtätigte dieſe Rede. Er erhöhete Jda's Angſt dermaßen, daß ſie in ihrem Begleiter einen rettenden Engel ſah, und ihm willig folgte. Auch flößte die Hei⸗ ligkeit des Ortes ihr zu viel Vertrauen ein, als daß ſie haͤtte an der Aufrichtigkeit ihres Retters zweifeln ſollen. Kaum hatten ſie einige Straßen durchwan⸗ dert, als ſich noch ein anderer Begleiter zu ihnen fand, und ihnen in Diethers Namen Eile ge⸗ bot.— So ging Ida nach ihrem Kerker hin, ohne das Geringſte von dem zu ahnen, was erwartete. Als ſie an die Kloſterpforte kamen, und man ſie einließ, war Ida's erſte Frage nach dem Rit⸗ ter Diether und ſeiner Gattin, und ihre Führer ſchienen ſehr befremdet darüber „daß t beiden 1418 ſich, um ſie zu ſuchen. Ida wurde jetzt der Aebtiſſin gemeldet, wel⸗ che ſogleich perſönlich erſchien, und ſie theil⸗ nehmend můtterlich empfing, auch ſie hoch be⸗ lobte, daß ſie als eine ſittige, keuſche Jungfrau bei dieſem Ungluͤck ihre Zuflucht zu den heiligen Kloſtermauern genommen habe. — Und ſo ge⸗ lang es ihr denn, das Herz dieſer Argloſen mit kindlichem Vertrauen zu dieſer geiſtlichen Mut⸗ ter zu beleben. Nur wegen des Schickſals der Eltern ihres Herrmanns und des ſeinigen war ſie ſehr in Sorgen; doch wußte die Aebtiſ⸗ ſin ſie auch in dieſer Hinſicht tröſtend hinzu⸗ halten. Das PVoglein war alſo gefangen. Um es aber in dem Kerker feſt zu halten, mußte ein zweiter Schritt gewagt werden. Kaum war Ida eine Stunde im Kloſter, als die Aebtiſſin in das Sprachzimmer ge⸗ rufen ward. Sie ließ mit gutem Bedacht die Thür halb vffen ſichen, welche aus ihrem Zim⸗ mer dahin fuͤhrte, ſo daß Ida jedes dort ge⸗ ſprochene Wort recht deutlich hören konnte. Der Schall pſlanzte ſich bald bis zu ihren Ohren noch nicht angekommen wären. Sie entfernten fort; — deiln man ſprach im Sprachſaale ab⸗ ſichtlich laut genug, und ſie vernahm, 5 von ihren Eltern Rede war. „Aber — fragte die Aebtiſſin — Fin um kömmt der Ritter Diether von der Et⸗ tersburg mit ſeiner Gattin nicht? Er weiß es ja, daß eben deſſelben Kloſters Pforten, wel⸗ che ſeiner pflegetochter offen ſtanden, auch 1 geoͤffnet werden.“ 5 „Der Ritter Diether, nach dem Ihr. hochwürdige Frau! — antwoͤktete eine fremde) maͤnnliche Stimme — wurde mit ſeinem Weibe und cinzigen Sohne von mehreren brennenden Balken erſchlagen, die von dem Dache eines ausgebrannten Hauſes auf die Straße herab⸗ ſtuͤrzten. Ich ſah es ſelbſt, wie ſie zerſchmet⸗ tert wurden, und in einem Augenblicke endeten, ſ duß i „Jeſus Maria!“ — ſchrie Ida in dem Zimmer der Aebtiſſin, und ſtürzte leblos zu Bo⸗ den. Dieſes hatte jedoch die Hochwürdige ver⸗ muthet, und ſich weislich darauf vorbereitet. Sie kam daher der Ohnmachtigen ſchnell mit ei⸗ nigen Schweſtern zu Hülfe, und die eingeflöß⸗ ten Ayzueien brachten ſie endlich ins Leben zu⸗ Landgraf ihr Erbtheil, und alle Plane des S2 120 ruͤck — Ida erwachte; aber die Nachricht von dem ſchnellen Tode Herrmanns und ſeiner El⸗ tern wirkte ſo hochſt nachtheilig auf ihre Seelen⸗ kräfte ein, daß ihr Zuſtand, nach dem Erwachen aus der tiefen Ohnmacht, gar wohl der Geiſtes⸗ tod genannt werden konnte; denn ſie blickte mit ſtieren, glanzloſen Augen ſtill um ſich, nahm jede ihr begegnende Schweſter bei der Hand, drückte dieſe an ihre Bruſt, und ſeufzte wimmernd: „Ach! — Vater! — Mutter! Herrmann! — Gott! — — — Das war nun der Aebtif i in doch zu viell — So hatte ſie es nicht gewollt. Sie hatte nur auf eine gewoͤhnliche Ohnmacht gerech⸗ net, nach welcher Ida, im erſten Schrecken, und wenn man ihr ihre nunmehrige Huͤſfloſigkeit recht lebhaft vor Augen ſtellen werde, zu dem bindenden Verſprechen, das Kloſtergeluͤbde ab⸗ zulegen und den Schleier zu nehmen, ſich bereden laſſen werde; wodurch denn hernach die Burg Udeſtädt mit ihren Gütern an das Kloſter fiel. Wenn aber Id a in ihrem jetzigen Zuſtande blieb, und derſelbe bekannt wurde, ſo bevormundete der ſiers auf daſſelbe wurden vereitelt. Die Aebtiſſin Mechtildis war auch an und fur ſich ſelbſt keinesweges ſo bösartig, als daß ihr Ida's unglucklicher Seelenzuſtand nicht innig hätte jammern ſollen, und ſie war in höch⸗ ſter Verlegenheit. Da erſchien der Beichtvater des Kloſters, der uns ſchon bekannte Pater Bruno — nachdem die Gefahr für ſein Klo⸗ ſter ſelbſt voruͤber gegangen war — an der Pforte der Bernhardinerinnen, um ſeine ſehr erſchrocknen Schäflein zu tröſten; und ſeine Ankunft war für die geaͤngſtigte Aebtiſſin höchſt erwuͤnſcht. Ida's Anweſenheit im Klo⸗ ſter war an Herrmann verrathen. Er hatte ſich am früheſten Morgen im Kloſter gezeigt, und dringend gebeten, bei der Aebtiſſin vor⸗ gelaſſen zu werden. Diesmal hatte die Klugheit der Pförtnerin eine Ausflucht gefunden; ver⸗ mochte ſie dieſes aber auch ferner? und durfte die Aebtiſſin es wagen, den geängſtigſten Bräu⸗ tigam der Ungluͤcklichen zu ſprechen, ohne ſich zu verrathen? — Mit bebenden Lippen trug ſie jetzt dem Beichtvater den Unfall vor, der ſich mit Ida begeben hatte. Er war es geweſen, der die Aebtiſſin dazu beredete, in den Plan des Birgemeiſiers einzugehen, und ſein Schrecken war daher nicht gering, als er das gaͤnzliche Miß⸗ lingen deſſelben erfuhr, und vernahm, daß Herrmann um Ida's Aufenthalt im Kloſter bereits Wiſſenſchaft habe. Das unverbruchlichſte Geheimniß mußte, wenigſtens vor der Hand, von Seiten der Aebtiſſin und ihrer Kloſterſchweſtern auf Ida's Aufenthalt im Kloſter ruhen ʒ er aber wollte verſuchen, ob es ihm glänge, mann zu befriedigen. In wie fern es ihm nun glückte, iſt uns be⸗ reits bekaunt geworden, und er verbot der Aeb⸗ tiſſin, auch ferner weder Diether noch Herr⸗ mann ohne ſeine Gegenwart vorzulaſſen, ſon⸗ dern jeden, wer es auch ſey, an ihn zu weiſen, weil er die Sache ſeinem Prior vertrauen werde. Alles, was die Kunſt vertrauter Aerzte vetmochte, wurde indeſſen angewendet, um die Kranke wieder herzuſtellen; doch S Bofnng blieb i in weiter Ferne. Der Bürgermeiſter von Ißerſtädt wurde tief erſchüttert, als er von Ida's traurigem Seelenzuſtande die Kunde durch den Pater erhielt. Einen noch weit tiefern Eindruck aber machte dieſe Begebenheit auf Ulr ich. Es fehlte wenig, und er hatte mit der unglůcklichen ein gleiches Schickſal. — ———— — ———— 123 Jammernd rang er die Hände, und klagte ſich und ſeinen Vater laut als ſchuldig an dieſem Un⸗ glück an. Aller Groll gegen Herrmann ver⸗ ſchwand aus ſeinem Herzen, und er würde dieſem, hätte er ihn getroffen, die Hand zur Verſohnung geboten und alles verrathen haben. Dieſes aber mußte der ſelbſt tief gebeugte Vater zu berhindern ſuchen, weil es ihn in gwoß e gebracht haben wurde. XIV. Als nun Herrmann am andern Tage in dus Klvſter der Dominikaner kam, und nach dem Pater Bruno fragte, wurde er zu dem Prior geführt, welcher mit jenem im Geſprch begriffen war. Die beiden geiſtlichen Herren empfingen ihn als theilnehmende, zaͤrtliche Väter. Er trug ihnen ſein Anliegen in der Sprache des Herzens vor, und der Prior nahm eine nachdenkende Stel⸗ lung an. „Mein lieber Sohn! — ſprach er nach einer Weile mit Ernſt und Salbung — es will dem Chriſten wohl gebühren, daß er ſich demuthige unter die gewaltige Hand Gottes, und ſich u⸗ 124 terwerfe den Fügungen des Hoͤchſten. So hat der Mann Gottes, der heilige David, aus den Zeiten des alten Bundes, ſich gedemuͤthiget, und iſt aus den Truͤbſalen, welche ihn druͤckten, ver⸗ herrlicht hervorgegangen, dem gereinigten und geläuterten Silber gleich. Auch von den Heiligen unſerer allein ſeligmachenden Kirche haben die meiſten große Leiden und Truͤbſal uberwunden, die ihnen die Hand des Herrn auferlegt hatte, und ſind dafuͤr gekrönt worden mit der Krone ho⸗ her Ehren und Unſterblichkeit. Selbſt unſer hoch⸗ heiliger Ordensſtifter, deſſen Name gelobet und gebenedeiet ſey in alle Ewigkeit! was hat er nicht geduldet und gelitten zur Ehre Gottes, und wir, ſeine unwuͤrdigſten Söhne, ſuchen ihm nachzu⸗ ahmen, und kreuzigen unſer Fleiſch, ſammt den Lüſten und Begierden des Fleiſches und der Welt. Alſo ſoll denn auch ein jeder guter Chriſt es mit Geduld annehmen, es geſchehe ihm auch, nach dem Willen des Herrn, was da immer wolle. „Um Gottes willen, hochwürdiger Herr! — rief Herrmann voll Ungeduld, und ſprang von ſeinem Sitze auf — Eure Rede deutet auf ein Uugluͤck. Ich bitte Euch, ſagt an, was iſt ge⸗ ſchehen ? — — ——————— ——————— 125 —— „Selbſt dann — fuhr der Prior fort, und eine ſtarke Bewegung ſeiner Seele verrieth ſich durch den ſchwankenden Ton ſeiner Stimme — wenn der gute Sohn ſein Leben wagen muß, um der Mutter Leichnam den Feuersgluthen zu ent⸗ reißen, auf daß er ſchlafe in geweihter Erde, bis uns allen einſt der Herr verleihen wird eine froͤh⸗ liche urſtänd, ſo iſt dies zwar ſchon eine harte Prüfung zu nennen; allein wenn ſelbſt die ver⸗ lobte Braut „Ich beſchwöre Euch bei allen Hellgen⸗ — rief jetzt Herrmann im höchſten Affect, und ſtuͤrzte dem Prior zu Füßen — martert mich nicht länger durch die Ungewißheit, und ſagt: was iſt mit Ida geſchehen? Ihr geſteht es ſelbſt, daß es eine harte und ſchwere Prufung ſey, den Leich⸗ nam der ſchnell erſchlagenen Mutter den Flammen entreißen zu muͤſſen, damit er in geweihter Erde ruhe. Aber Gott hat mir beigeſtanden, daß ich dieſe ſchwere Kreuzesprobe männlich beſtehen konnte. Darum laßt mich nicht laͤnger in Un⸗ gewißheit, und ſagt: th Ida ein S ches?“ „Sie lebt! — antwortete der Prior tief er⸗ ſchuttert, und eine Thraͤne des Mitleids rollte ſcheinen. Euch iſt alſo vor der Hand zwar nicht 126 ihm über das vom Alter gefurchte Antlitz herab in den weißen Bart. Mit väterlicher Theilnnhme hob er den bedauernswerthen Juͤngling auf, und drückte ihn an ſeine Bruſt. Die Menſchlich⸗ keit hatte aus ſeinem Herzen die fruͤhern Pläne verdrängt, und über den Eigennutz den ſchönen Sieg errungen. — Sie lebt, und iſt, bei Gott ſey es betheuert! in den beſten Händen, denn eine zweite Mutter pflegt ſie wie ihren Aug⸗ apfel.“ „Ida lebt? — Taͤuſcht Ihr mich nicht, ehrwürdiger Vater?“ „Bei meinen heiligen Weihen ſchwör' ich Euch, ich ſage Euch nur die reine, lautere Wahr⸗ heit. Euere Verlobte flüchtete ſich, von zwei Freunden geleitet, zu frommen, geiſtlichen Jung⸗ frauen, welche dem Herrn dienen mit Faſten und Beten Tag und Nacht. Eine falſche Botſchaft, als waͤret Ihr mit Euern Eltern von einem bren⸗ nenden Hauſe erſchlagen worden, taͤuſchte Alle, und ſchwer krank erwachte Ida aus einer langen Ohnmacht. — Jetzt iſt ſie wieder außer Gefahr, doch haben ihr die Aerzte noch nicht geſtattet, das Lager zu verlaſſen, und am Sprachgitter zu er⸗ 127 —— erlaubt, Eure Verlobte zu ſehen, weil keinem Manne der Eintritt durch die Kloſterregel ge⸗ ſiattet iſt; ſobald die Kranke aber geneſen iſt, will ich Euch ſelbſt als Prieſter durch das heilige Sa⸗ krament der Ehe mit Ida verbinden. Bis da⸗ hin beruhigt Euch damit, Euer Schickſal geht mir ſehr zu Herzen, und ich laſſe gewiß nichts unverſucht, was es nur irgend lindern kann.“ Dieſe Worte des Troſies fanden Eingang in Herrmanns Herz. Er hatte Zutrauen zu dem Greiſe gewonnen, und durch die erhaltene Auf⸗ klärung kehrte die ſo heftig geſtörte Ruhe ſeines Herzens wieder zuruck. Dringend bat er jetzt den Prior, ſich auch ferner ſeiner Liebe väter⸗ lich anzunehmen, und fuͤr Ida's Geneſung Sorge zu tragen. Dem Nonnenkloſter ſollten, ſo wie den Dominikanern, dafür werden. i1 Dieſes Verſprechen murde dathat angenom⸗ men, und alles angewendet, um Herrmann völlig zu beruhigen. Es gelang auch in ſo weit, daß er ſich nach der Ettersburg begab, um ſeinen alten Vater zu troͤſten, und über Ida's Schick⸗ ſal zu beruhigen. Er fand ihn tief gebeugt über den erlittenen Verluſt; denn er hatte ſeine Jo⸗ hanna auch im Alter noch auf das innigſte ge⸗ liebt. Thranenlos und in ſich gekehrt ertrug er zwar ſein Schickſal; aber um ſo gefährlicher nagte der Gram uͤber ihren ſchnellen und ſchrecklichen Todein ſeinem Innern. Der alte Burgkapellan, ſein vieljahriger, treuer Freund, war auch in die⸗ ſem traurigen Zuſtande ſein treuer Tröſter und ſorgfältiger Arzt; doch vermochte er nicht, den Wurm zu toͤdten, der an Diethers Herzen nagte. Dieſer genoß ſehr wenig Speiſe und Trank, und brachte ſeine meiſten Tage in der Burgkapelle an Johannens Grabe zu. Herrmannnetſchien auf der Burg, und ſen Anblick er heiterte das — des ten Vaters. 2üt „Wo iſt Ida?“ ſuhe er ihn mit beldn⸗ merter Miene. Herrmann zuckte ſtill die Achſeln. Doch um ihn nur zu bihjn ant⸗ wortete er: 11 . „Sie iſt in einem Fungſtuenkloſter zu Erfurt, und trauert uͤber den Saſ meiner guten rertt⸗ „Warum bleibt ſie und eilt richti in die Arme ihres Vaters „ihn zu troͤſten?“ — Herrmann ſenkte die thränenſchweren Augen zur Erde, „Sie iſt krank!“ antwortete er mit erſtickter Stimme. „Warum willſt Du mich täuſchen? — erwie⸗ Diether ganz gleichgültig — ſprich lie⸗ ber: ſie iſt todt, und ich werde ſie bald wieder ſehen. — — Ja! ja! bald bin ich bei Dir, meine Johanna, und bei Dir, mein redlicher Kon⸗ rad, und den Deinen, in lg wohnung des Himmels.“ Bei dieſer Gleichguͤltigkeit aber gertet ſic allgemach des biedern Ritters Lebenskraft, und bald kannte man den Abgezehrten nicht mehr. Herrmann beſtand dieſe ſchnell auf einander folgenden Prüfungen, die ihm von der Gottheit beſchieden waren, mit feſtem, männlichem Muthe und Ergebung. Er begab ſich oft nach Erfurt, und zog von Ida's Befinden Kunde ein. Noch immer war es das Nämliche; und endlich ent⸗ deckte ihm der Dominikaner-Prior die reine Wahrheit von ihrem Zuſtande. Er hatte den ſo männlich duldenden Jüngling wahrhaft lieb ge⸗ wonnen, und „ſo wie die Aebtiſſin, im den frühern Plaͤnen entſag gt. Die Aerzte fanden, als alle bisherigen Ver⸗ ſuche verungluͤckt waren, es 6 für nöthig, 130 den letzten noch zu wagen, und die Probe zu ma⸗ chen, ob nicht Herrmanns und ſeines Vaters unverhoffter Anblick die Kranke aus ihrer Geiſtes⸗ abweſenheit wieder zu ſich bringen könne. Der Prior der Dominikaner und der Beichtiger des Jungfrauenkloſters hielten mit der Aebtiſſin und den Aerzten uͤber dieſe Frage eine geheime Berath⸗ ſchlagung, und die zu Maßregeln wur⸗ den verabredet. Es gelang bereits dem Prior, Herrmann auf eine feine und beruhigende Weiſe mit Ida's Seelenzuſtande bekannt zu machen; und man hatte alſo nur noch den alten Vater Diether vor⸗ zubereiten. Er wurde in das Dominikanerkloſter eingeladen, und durch den vorſichtigen Prior all⸗ maͤhlig von der Wahrheit unterrichtet. Diether faltete ſeine Hände, und hob ſeine Augen mit ei⸗ nem ſeelenvollen Blicke zum Himmel auf. — Dieſes war aber auch alles, was man von dem Eindrucke bemerken konnte, den dieſe Nachricht auf ihn gemacht hatte. Die Hoffnung des Priors vermehrte ſich. — Die Vorſtellung ſollte am andern Morgen im Sprachſaale des Nonnenkloſters vor ſich gehen. 131 Vorher las der Prior in der Kirche deſſelben eine Meſſe, welcher Vater und Sohn mit wahrer Herzensandacht beiwohnten. Dann begaben ſie ſich Alle nach dem Sprachſaale. Hier verließ den bisher ſo gefaßten Herrmann der Muth. Er zitterte, die Geliebte des Herzens wieder zu ſehen, und blickte ſorgſam auch auf den alten, ſchwachen Vater hil⸗ Da hörten ſie die Stimme der Aebtiſſin vor der Thuͤr. Sie kam mit Ida an der Hand. „Beruhigt Euch, edles Fräulein! Ihr ſollt Euern Herrmann wieder ſehen.“ „Ach Gott! — Vater! — Mutter! — So hörten ſie, noch außen vor der Thür, die Aebtiſſin ſprechen, und Ida ſeufzen. Immer höher ſchlug einem Jeden das Herz vor Erwar⸗ tung. Da öffnete ſich endlich die Thuͤr, und an der Hand der Aebtiſſin trat Ida herein. Sie blieb ſtumm und mit geſenkten Blicken an der Thür ſtehen. Die Aerzte hatten Herrmann und ſeinen Vater ſo geſtellt, daß Ida mur einen Theil ihres Geſichts beim Eintritt ſehen konnte. Aber was vermögen wohl die Berechnungen des kalten 132 Verſtandes gegen die Regungen eines liebenden Herzens? — Kaum hatte Herrmann die blaſſe, abgehärmte Geſtalt erblickt, als er auch ſeine an⸗ gewieſene Stellung verließ, und mit ausgebreite⸗ ten Armen ihr entgegen eilte. „Ach, Ida! — wie find' ich Dich eiehere rief er mit wehmüthiger Stimme aus. Dieſe Stimme drang in ihr abgeſtorbenes Gemuth, und belebte es auf's Neue. Ihre Geſichtszuge, die ſtummen Zeugen ihres Seelenzuſtandes, veränder⸗ ten ſich plötzlich. Sie erkannte Herrmann, und ſank mit einem gellenden, das Herz durch⸗ dringenden Schrei ohnmächtig in ſeine Arme. „Gott und allen Heiligen ſey Dank! — riefen die Aerzte in der höchſten Freude aus — ſie iſt wieder empfindlich. Sie hat Euch erkannt, edler Ritter! und wir werden ſie mit Gottes Hülfe retten.“ WMan brachte ſie auf ein P Lager, und kam ihr mit dienlichen Mitteln zu Hulfe. Sie erwachte aus ihrer tiefen Ohnmacht, und das ſo lange erſtorben geweſene Bewußtſeyn war wieder ins Leben zuruͤckgekehrt. Her rmann ſank ihr an das Herz.— O wie viel hatten ſich die Liebenden zu ſagen, und waren — ——— ——— 133 doch durch den Ort ihres Wiederſehens, ſo wie durch ihre Umgebung gehindert, 6 Sprache zu geben. Da erblickte plötzlich Ida den va Bir⸗ ther. Er ſtand in einem Winkel des S und weinte vor Freude. „Wo ſeyd Ihr, lieber Vater? — ſprach ſie ſehnlich, und ſtreckte die Hand nach ihm hin. — Warum kommt Ihr nicht zu mir, daß ich Euch die vaͤterliche Hand kuͤſſen kann? Wo die Mutter Johanna?“ Dieſe Frage erweckte in Dieth ers Briſt den Schmerz in ſeiner ganzen Große wieder.— Der Prior wurde es gewahr, und nahm ſogleich die Antwort auf. „Sie iſt krank, edles Fräulein! — ſprach er, ſie beruhigend — die gute Mutter grämte ſich uͤber die Trennung von Euch, und ihre Kraͤfte unterlagen dem Schmerze.“ „Zwingt Euch, edler Herr! — raunte der alte Kloſterarzt Diethern ins Ohr — zwingt Euch, heiter zu ſcheinen, und verſchweigt ihr ia Eures Weibes Tod; denn wir müſſen jede beftige Gemuͤthsbewegung ſcheuen.“ Siher liebkoſete nun Ida n 134 ermahute ſie, ruhig zu ſeyn, damit ſie bald, ganz wieder hergeſiellt, auf die Ettersburg zuruͤck⸗ kehren könne. So koſeten ſie traulich Stunden lang zuſam⸗ men, und Ida's Bewußtſeyn war vollkommen wieder zuruͤckgekehrt; doch ruheten die Blicke des alten Arztes immer mit Beſorglichkeit auf ihr; denn es waren ſchon einige leichte Verwandlungen der Geſichtsfarbe an ihr ſichtbar geworden. Eben machte er dieſes laut bemerkbar, und rieth, das Geſpräch abzubrechen, ja er bereitete ſchon ein Arzneimittel, um es ihr zu reichen; da befiel Ida plötzlich ein Zittern der Glieder, und mit dem ſchwachen Ausrufe: „Ach! Herrmann!“ ſank ſie todtenbleich und verſcheidend ihm in die Arme. — Alle ſprangen, höchſt erſchrocken, von ihren Sitzen auf, und die Aerzte eilten ihr zu Hulfe. Was nur irgend die Kunſt in jenen Zeiten vermochte, wurde angewendet, um ihre entfliehende Seele in dem Körper zurückzuhalten; es war jedoch alles um⸗ ſonſt. Die jählinge und ſo ſtarke Erſchůtterung des Gemüths war auf Ida's Koͤrper von der verderblichſten Einwirkung geweſen, und hatte ei⸗ nen toͤdtenden Nervenſchlag verurſacht, der allen ihm entgegenſtrebenden Mitteln trotzte. Sie blieb „— ———————— * 135 ohne Bewußtſeyn. Immer leiſer wirde ihr Athem⸗ zug. Gebrochen waren ihre Augen, und mit ei⸗ nem kaum bemerkbaren Zucken der Lippen ent⸗ wand ſich ihre Seele dem Körper, ſich aufſchwin⸗ gend in die Regionen des ewigen Friedens. Der Prior und der Pater Bruno verrichteten „als ſie den nahen Tod Ida's gewahrten, die from⸗ men Gebrauche, welche die Kirche für ſolche Fälle vorgeſchrieben hat, und beteten dann fuͤr ihre Seele. Dieſer ſo ſchnelle und uͤber alle Maßen harte Schlag beugte endlich Herrmanns Muth doch zur Eide, und der Prior, ſo wie der Pater Bruno, hatten alle ihnen zu Gebote ſtehenden Proſigründe nöthig, um den vom Schickſal ſo oft wiederholt und hart geſchlagenen Jüngling vor der Verzweiflung zu bewahren. — Lange konnte er ſich gar nicht uͤberzeugen, daß ſeine Ida wirk⸗ lich todt ſey, und hielt dieſe ſchreckliche Begeben⸗ heit für einen Traum. — Sein Vater ſiel wieder in die kalte Gleichgůltigkeit zuruͤck, aus welcher ihn Ida's anſcheinendes Wohlbefinden geweckt hatte. S Die Aebtiſſin rang verzeiflungsvoll die Hände, und klagte ſich im Geheim als die Ver⸗ 136 anlaſſerin alles dieſes Elends an. Wenig fruch⸗ teten die ſophiſtiſchen Tröſtungen des Kloſter⸗ beichtigers: daß ſie es ja nicht alſo hätte voraus⸗ ſehen koͤnnen, und ihre Abſicht, dem Kloſter Et⸗ was zuzuwenden, der Pflicht einer Aebtiſſin ganz gemäß geweſen ſey; es hielt ſich vielmehr dieſe arme Frau fuͤr Ida's Mörderin, und verwuͤnſchte die Stunde, wo die Verewigte, durch ihr Zu⸗ luſſen, ſo ſchrecklich getauſcht worden war. Der Prior befahl endlich, daß die Verſtor⸗ bene, zur Beförderung ihres Seelenheils, in den Kloſterhabit gekleidet und mit denſelben Gebrau⸗ chen begraben werden ſolle, als ſey ſie ſelbſt eine Gott geweihte Chorjungfran geweſen. Es geſchah, und die Nonnen beteten wechſelsweiſe, bis zur Beerdigung, Tag und Nacht an ihrem Sarge. An allen Altaren der Klöſterkirche laſen die Dominikaner fuͤr Ida Seelenmeſſen, und bei dem Begräbniß hielt der Prior ſelbſt Amt; denn es hatten beide Kloͤſter reiche für dieſe geiſtlichen Begünſtigungen zu gewarten. Mehr einem Schatten als einem Merſchen gleich, hatte ſich der ſonſt ſo bluͤhende und haftige Herrmann am Altare der ſchmetzeneichen Mutter Gottes auf die Knie niedergewor fa und . * 137 durch ſein inbruͤnſtiges Gebet und das anſchauliche Beiſpiel der heiligen Dulderin kehrte endlich die entſchwundene Seelenruhe dem Tiefgebeugten wie⸗ der zuruͤck. Der alte Diether ſtarrte thränenlos vor ſich hin, und nur allein um die baldige Wiedervereini⸗ gung mit ſeinen abgeſchiedenen Lieben betete er in⸗ niglich zum Allbarmherzigen. XV. Als nun endlich die geweihte Erde den Leich⸗ nam der frommen Dulderin in ihrem Schooße auf⸗ genommen hatte, kehrte Herrmann mit ſeinem Vater wieder nach der Ettersburg heim. Hier lebten beide den Anachoreten gleich; doch ver⸗ ging kein Tag, an welchem ſie nicht den Burg⸗ unterthanen oder fremden Hulfsbedürftigen durch geſpendete Wohlthaten die herzlichſten wůnſche entlockten. . So entſchwand der Winter „ und als der Frühling die Erde mit ſeinem ſchönen Grün be⸗ kleidete, ging auch Diether in die Seligkeit des Himmels ein, zur Wiedervereinigung mit ſeinen voraus gegangenen Lieben. Mit lautem Weinen 138 ————— folgten die Bulgſaſſen dem geliebten Herrn zur letzten Ruheſtätte, und klagend hörte man ſie ru⸗ fen: „Ach! wir haben unſern Vater verloren!““ Nun war Herrmann ganz verwaiſ't, und ſtand einſam auf dieſer Erde. In wenig Mona⸗ ten hatte ihm der Tod alle die geraubt, die ſeinem Herzen am nächſten waren, und eine Centnerlaſt von Gram laſtete auf ſeiner Seele, welche ſelbſt die Stimme alter, bewährter Freunde nicht zu verſcheuchen vermochte. Trübſinnig ſchlich er um⸗ her, und alle Freuden der ſchönen Natur, ſonſt ſein höchſtes Entzucken, waren ihm jetzt gleich⸗ . guͤltig. Einſt zog er nach Erfurt, um 63 Fda's Grab zu beſuchen, und dem Prior der Domini⸗ kaner, der ſein höchſtes Vertrauen beſaß, das ihn drückende Leiden zu klagen, auch von ihm Rath und Troſt zu holen. Der Prior war ihm väterlich⸗hold geworden, ohne jedoch den Vor⸗ theil ſeines Kloſters dabei ganz aus den Augen zu laſſen. „Ihr ſeyd bainrnzwerth „Herr Ritter!— ſprach der Greis, als Herrmann ſein Herz vor ihm ausgeſchuͤttet hatte — denn wer ſo viel litt und ſo viel verlor als Ihr, kaun wohl mit Recht — 139 ſagen, daß die Hand des Herrn ſchwer auf ihm liege. Doch könnt Ihr deshalb ruhig ſeyn, Ihr habt ja nichts dabei verſchuldet. — Aber Ihr müßt in die große Welt; denn hier und auf Eu⸗ rer Burg erinnert Euch alles an Euere erlittenen ſchweren Verluſte. — Wollt Ihr daher meinem Rathe folgen, ſo ziehet hinaus, und ſchwinget Euer Schwerd in irgend einem gerechten Kriege; und welcher könnte wohl gerechter ſeyn, als der, in welchem die Schwerder der Chriſten den Un⸗ gläubigen die heiligen Orte wieder abzukampfen ſtreben, wo einſt unſer gottlicher Erlöſer lebte und ſtarb. Dann wird der Friede wiederkehren zu Euerm Herzen, und die Wunden werden wieder heilen, die die Hand des allgewaltigen Herrn Euch ſchlug. — Doch, hort! die Glocke ruft mich jetzt ins Chor. Kommt, begleitet mich dahin, und ſucht Euch durch das Gebet zu beruhigen.“ Er folgte dem Prior in das Chor, und als er andächtig betete, legten ſich allgemach die ſtür⸗ miſchen Wellen in ſeiner tief bewegten Seele. Als er nun am Abend wieder heimgekehrt war, und einſam in dem Stuͤblein ſaß, wo er ſonſt in der Geſellſchaft ſeiner Eltern ſo gern geweilt hatte, und dieſe Ruͤckerinnerungen jetzt ſo ſchwerzhafte 140 Gefühle in ſeinem Innern aufregten; da trat des Priors Rath wieder lebhaft vor ſeine Seele, er ſprach zu ſich ſelbſt: „Ja! er hat Recht! — Ich muß hinaus in die Welt, und im Getummel des Krieges die ver⸗ lorne Ruhe wieder zu erkämpfen ſuchen; denn hier mahnt mich jeder Gegenſtand nur zu lebhaft an das, was ich verlor. — Es ſey! — ich will ſie verlaſſen, die väterliche Burg, und hinaus in den Kampf. Vielleicht ſchwindet dann im Ge⸗ wuͤhl der Schlacht die Ruͤckerinnerung an die froh verlebten Tage der Vergangenheit. Ach, . ſind unwiederbringlich verloren.““ Er befahl „und ein Knappe rief den xun⸗ kapellan; denn ſeine Meinung ſollte entſcheiden. Dieſer ehrwuͤrdige Greis war Diethers in⸗ nigſter Freund, und einſt Herrmauns Jugend⸗ lehrer. Noch immer hing dieſer mit inniger Liebe an ſeinem ehemaligen Lehrer, und ſeit des Vaters Tode that er nichts Wichtiges ohne ihn. Jetzt trug er ihm ſeinen keimenden Entſchluß vor, aus⸗ zuziehen, und in irgend einem gerechten Kriege zu kämpfen. Lange ſann der gute Alte über dieſen Vortrag; doch endlich ſprach er „ bewegt zu ſeinem Herrmann: —,—— 144 „Soll ich Euch hinauslaſſen in die ſuͤndige Welt, wo die Tugend faſt auf jedem Schritte Schlingen findet. — Und gleichwohl giebt auch der fernere Aufenthalt auf dieſer Burg, wo Ihr ſo viel beſaßt und ſo viel verlort, Euerm Grame täglich neue Nahrung, und fuͤhrt Euch immer mehr dem Grabe zu. — Wollt Ihr aber wohl der Letzte Eures Geſchlechts ſeyn, und ſoll der alte, ruhmvolle Wappenſchild der Ettersburge mit Euch begraben werden? — Da ſey Gott fuͤr! — Darum ziehet hin unter dem Geleite des Allmäͤchtigen. Er und alle ſeine Heiligen mögen Euch ſtets zur Seite ſeyn. Ich aber will am Gottesaltar täglich fuͤr Euch beten, auf daß ich einſt Euch mit frohem Sinne wieder umarme Ein leiſes Amen durchzitterte jetzt wie Geiſter⸗ hauch das Zimmer, und beide ſahen ſich betrof⸗ fen an. „Ja! Es ſey alſo, und wird alſo ſeyn — rief der ehrwuͤrdige Alte in frommer Begeiſterung aus — unſchwebſt du jetzt unſichtbar den vom Schickſal hart geſchlagenen Sohn, ſeliger Geiſt des redlichſten Vaters! — ſiehe ihm auch ſtets zur Seite auf ſeiner Pilgrimſchaft.“ „ Am andern Morgen ſetzte der Pater Bern⸗ 44 hard den Willen des Ritters auf, wie er es in ſeiner Abweſenheit gehalten wiſſen wollte. Dem Dominikanerkloſter zu Erfurt wurde eine an die Ländereien deſſelben gränzende Beſitzung für Seelenmeſſen verſchrieben. Auch das Jung⸗ frauenkloſter der Bernhardinerinnen da⸗ ſelbſt erhielt ein gleiches Geſchenk, damit dieſe Gott geweiheten Jungfrauen an jedem Jahres⸗ tage, wo Ida verſtarb, an der Vollendeten Grabe beten möchten. Als nun dieſe Urkunden den Klöſtern eingehan⸗ diget wurden, erregten ſie in dieſen große Freude, und der Prior der Dominikaner ließ einen offenen Brief ausfertigen, in welchem Herrmann als ein wohlthätiger Freund des Ordens geruͤhmt, und jedes Dominikanerkloſter aufgefordert wurde, ihn freundlich aufzunehmen, und einem Ordens⸗ bruder gleich zu achten. dieſem, ſo wie von zwei treuen Knappen begleitet, zog nun der Ritter Herrmann aus, und trat ſeine Wallfahrt an. Vorher aber üͤbergab er die Ettersburg ſeines verſtorbenen Vaters beſten Freunden, Werner von Wittern und „ einrich von Buͤßeleben, zur Bewachung, und faht ihnen ſeine Unterthanen auf das eifrigſte. ——— 143 Die erſte Richtung ſeines Weges nahm er nach Erfurt, wo er an Ida's Grabe betend von ihr Abſchied nehmen, und ihr ewige Treue geloben wollte. Als er nun die Kloſterkirche betrat, ſah er eine tief vermummte männliche Geſtalt, zur Erde gebeugt, auf dem Grabe im Gebete knien.— Herrmann ſtutzte. Wie ſollte er ſich die Er⸗ ſcheinung deuten. Er näherte ſich langſam der Geſtalt, und als er leiſe an den Betenden hin⸗ getreten war, ſah er, wie ſich derſelbe an die Bruſt gewaltſam ſchlug, und horte, wie er dumpf vor ſich hin murmelte: „Ach Gott! vergieb mir meine ſchwere Sünde!““ — Wer mochte dieſes ſeyn? — So ſtand Herrmann wohl eine halbe Stunde, und harrete des Gehens dieſes Unbekann⸗ ten. Endlich richtete dieſer ſich auf. Sein Blick fiel auf den Harrenden. Die Verhuͤllung des Kopfes verſchob ſich etwas, und ließ dieſen ein bleiches, eingefallenes Geſicht erblicken. — Mit einem lauten Schrei, der die uͤbrigen frommen Beter aus ihrer Andacht aufſchreckte, entfloh der Vermummte der Kirche, und Herrmann ſtaunte über dieſes Begebniß. In dem flüchtigen Moment, wo das Angeſicht des Verhüllten ſicht⸗ bar wurde, fiel ihm zwar ein gewiſſes Bekannt⸗ — 144 ſeyn in den Zugen deſſelben auf; alkein es war ihm dennoch unmöglich, dieſes genau zu be⸗ ſtimmen. XVI. Mitten in Schwaben zog der Ritter Herr⸗ mann von der Ettersburg auf ſeinem Wege ganz ſorglos dahin, als er auf einmal ein Noth⸗ geſchrei hoͤrte, und wenig Augenblicke ſpäter auf einer kleinen Waldblöße drei geharniſchte Reiſige erblickte, welche auf einen ungewappneten und nur mit ſeinem Schwerde bewehrten Ritter ein⸗ ſtuͤrmten. Er kämpfte zu Fuße, und hatte ſeinen Rücken durch eine Eiche gedeckt. Schon floß ſein Blut aus mehreren Wunden. Er war ermattet, und konnte kaum noch ſein Schwerd zur Vertheidi⸗ 8 gung heben. „Helft, edler Ritter! und ſteht mir bei gegen dieſe Räuber⸗“ — rief ihm der An⸗ gegriffene mit ſchwacher Stimme entgegen. Klir⸗ rend warf Herrmann den Helmſturz zu, legte die Lanze ein, und ſprengte nach dem Gefechte hin · „Ha, ihr Straßenräuber! iſt das redlich, wenn Drei gegen Einen fechten?“ So rief ihnen der Ritter zu, und in ebendemſelben Augenblicke — — — — — warf er auch einen von den Räubern durch ſeinen gewaltigen Lanzenſtoß hoͤchſt unſanft vom Roſſe. Die beiden Knappen waren ihrem Herrn mit hoch geſchwungenen Schwerdern in den Kampf gefolgt, fanden jedoch bei den Räubern tapfern Wider⸗ ſtand. Als aber Herrmanns Lanze noch einen von ihnen vom Roſſe warf, und ſein ſcharfes Schwerd dem dritten Helm und Schädel ſpaltete, war der Kampf ſogleich zu Ende. Der Retter ſah ſich nunmehr nach dem Geretteten um, und wollte ihm zu Hülfe eilen. In eben demſelben Augenblicke raffte ſich derjenige Räuber, welchen Herrmanns zweiter Lanzenſtoß geworfen hatte, wieder vom Boden auf, und wollte in das Ge⸗ buͤſch entfliehen; doch Ortwin, Herrmanns Knappe, ſprang ab, und ſetzte ihm mit dem Schwerde in der Fauſt nach. Er ereilte ihn, und nach einem kurzen, aber heftigen Kampfe ſtieß er dem fluͤchtigen Raͤuber das Schwerd in die Gurgel, ſo daß er ſank, und ſtarb. Herrmann ſuchte unterdeſſen den uͤberfalle⸗ nen und vom ſtarken Blutverluſt in Ohnmacht ge⸗ ſunkenen Ritter wieder zu ſich zu bringen. Er ſchwamm in ſeinem Blute, und ſeine Retter muͤhe⸗ ten ſich, ihm die vielen und ſchweren Wunden zu ——— —— — — ——— — — — verbinden. Es gelang. Das ſchon halb ent⸗ flohene Leben kehrte allmählig wieder zuruͤck, und als der Knappe Diethelm ihm einen kräftigen Trunk Wein aus ſeiner Feldflaſche reichte, brachte dieſe Erquickung ihn dahin, daß er wieder zu ſpre⸗ chen vermochte. „Ich danke Euch herzlich, edler Ritter! — ſprach der Schwerverwundete mit ſchwacher Stim⸗ me, und drückte ſeinem Retter die Hand — ich danke Euch fuͤr Euern Beiſtand in der Noth. Ihr ſeht in mir den Ritter Wolfrath, und meine Burg Wolfingen liegt dort am Ende des Wal⸗ des. Ich jagte eben ein Stück Wild, als ich plötz⸗ lich von dieſen Meuchelmördern uͤberfallen wurde. Sie ſind mir ganz unbekannt, denn ſie trugen keine Feldbinden; auch lebe ich in keiner Fehde mit irgend einem meiner Nachbarn. Ich weiß mir daher dieſen Ueberfall nicht zu deuten. — Doch jetzt ſagt mir Euern Namen, mein Ret⸗ ter!“ 0 „Herrmann von der Ettersburg, im Thüringer⸗Lande „ war ſo gluͤcklich, Euch das Leben zu erhalten; doch verhaltet Euch nur ru⸗ „Kommt hierher, Herr Ritter! — rief Diet⸗ helm jetzt — der Mörder, welchen Ihr gleich Anfangs warft, lebt noch, und iſt nur durch den Fall betänbt. Er hat wahrſcheinlich den Fuß ge⸗ brochen, und als ich ihm zu helfen ſtrebte, ſchlug er mit der Fauſt nach mir. — Kommt her, und ſehet dieſes tuckiſche Geſicht. Sieht ihm nicht der Teufel aus den Augen?“ „Knirſche nur, ſchändlicher Bube! — ſprach Herrmann, und riß ihm den Helm ab — du wirſt den Lohn deiner böſen That gar bald em⸗ pfangen, und den Raben am Galgen zur Stiß dienen.“ „Schleppt ihn doch her zu mir — bat der Rit⸗ ter Wolfrath — auf daß auch ich den ſehe, der mich morden wollte.“ Und die Knappen ergriffen den Räuber, u ſchleiften ihn zu dem verwundeten Ritter. Er ſträubte ſich heftig, und wollte ſich nicht dahin bringen laſſen. „Gott im Himmel! — rief Wolfrath hef⸗ tig erſchrocken, und faltete ſchaudernd ſeine Hän⸗ de — was muß ich ſehen! Radlof! — du! — den ich als Waiſe erzog! — Du wollteſt dei⸗ nen Vater morden? — Spih was dazu?“ — 8 2 148 Der Rauber knirſchte ſchãumend mit den Zäh⸗ nen, und blickte wild um ſich. Keine Antwort erfolgte. Auch nicht das geringſte Zeichen der Reue wurde ſichtbar. Er mußte ſchon ein voll⸗ endeter Boͤſewicht ſeyn. „Nun es wird doch Mittel geben, dir die ver⸗ lorne Sprache wieder herzuſtellen!“ rief Herr⸗ maun höchſt erbittert. Die Kuappen banden dem Räuber die Hände, und warfen ihn auf eines von den ledig gewordenen Roſſen. Diethelm enkte deſſen Zügel. Ortwin aber hob nebſt ſei⸗ nem Herrn den Verwundeten auf ein anderes. Mit Mhe hielt ſich der Eutkräftete in dem Sat⸗ tel aufrecht. So zogen ſie langſam nach der Feſte Wolfingen dahin. Als ſie am Fuße des hohen Berges ankamen, auf welchem die Feſte lag, wurden ſie von einigen Burgſaſſen erblickt, welche den Acker pflügten. Kaum ſahen dieſe den Zu⸗ ſtand ihres geliebten Herrn, als ſie wehklagend herbei ſturzten, ihn ſorgſam vom Roſſe hoben, und in ihren Armen den ſteilen Burgberg hinauf trugen. Der Kapellan verband hier ſeine Wunden, und rklärte ſie für zwar nicht ſehr gefährlich, aber einer langen Kur bedürfend. — Radlofs Ver⸗ — ——— 149 letzung beſtand nur in einigen Beulen und einer ſtarken Verrenkung des Fußes, welche er bei dem gewaltſamen Sturze vom Roſſe, als ihn Herr⸗ manns Lanze warf, davon getragen hatte. Als man nun am andern Morgen den gefan⸗ genen Radlof verhoͤrte, blieb er hartnäckig auf ſeinem Leugnen, wer ihn dazu gedungen habe. Man brachte ihn alſo wieder nach dem Verließ zuruͤck. Der Ritter Wolfrath fand einſt dieſen Radlof, als er noch ein kleiner Knabe war, im Walde, und ſeine Kleidung zeigte deutlich, daß er von einer Landſtreicherbande zuruͤck gelaſſen worden ſey. Der Ritter erzog zwar den Knaben väterlich; allein ſchon von der früheſten Jugend an zeigte er ein boshaftes, ſtörriſches Gemuͤth, ſo daß ſein Erzieher bald daran verzweifelte, gute Früchte auf dieſem jungen Baͤumchen zu ziehen. Er ward ſpater ſeines Pflegevaters Knappe; doch ihm ſagte das geregelte Leben auf der Burg Wol⸗ fingen gar nicht zu, und einſt war er plötzlich verſchwunden. So war ſein Aufenthalt ganz un⸗ bekannt geworden, als er vor kurzem im Gefolge des Ritters Goͤtz von Raspenheim geſehen wurde. 150 Dieſer Ritter war im uͤblen Rufe. Er war unverehelicht; denn ſein Weib war, vor Gram uͤber ſein wüſtes, wildes Bezeigen, in der Bluͤthe ihrer Jahre von der Welt dahin geſchieden, und ihre Stelle ward ſeitdem durch Buhldirnen ver⸗ treten, welche ſich der Ritter aus den Töchtern ſeiner Leibeignen auswählte, und wehe dann dem Madchen, welches ſich dem wollüſtigen Unholde verſagte; es endete gewiß im Burgverließ unter Kröten und Molchen ſein Leben. — — XVII. Wolfraths alter Freund, der Ritter Hein⸗ rich von Saldingen, war Freigraf der heiligen Vehme. Er hoͤrte von Wolfraths õ unfall, und begab ſich zu ihm. Biederherzig ſchuͤttelte er dem Retter ſeines Jugendfreundes vie Hand. Und als Radlof verhört wurde, war Heinrich gegenwärtig; doch verhielt er ſich ſtill, auch erkannte ihn der Miſſethäter nicht. In der Mitternachtsſtunde nach dem Tageh an welchem der Ritter zum erſtenmale wieder in der freien Luft gewandelt war, ertönten drei dum⸗ pfe Schlage an das Thor der Burg Worfingen, 151 und in einer Weile darauf brachte der Thorwat ein Pergament zu ſeinem Herrn. Es enthielt die Ladung: daß die Ritter, Wolfrath von Wol⸗ fingen und Herrmann von der Etters⸗ burg, in der erſten Mitternacht nach dem Voll⸗ monde auf dem Kreuzwege nahe an der heiligen Marterſaͤule erſcheinen, und in ihrer Mitte den gefangenen Knecht des Raspenheimers ge bunden fuhren ſollten. Als nun der Vollmond am Himmel prangte, führten die beiden Ritter den Gefangenen in ihrer Mitte den ſteilen Burgberg herab. Ihm waren die Haͤnde auf den Rücken gebunden, und eine Binde verhullte ſeine Augen. Eine Anzahl be⸗ wehrter Knappen begleitete ſie bis an die ge⸗ botene Stätte, einem moglichen Ueberfalle zu be⸗ gegnen; denn die Ritter waren zwar gewappnet, doch waren ſie mit keinen Schwerdern umgürtet, weil ſie mit dieſen nicht vor der Vehme er⸗ ſcheinen durften, dieſe aber trug ein Knappe, und händigte ſie dem Vehmfrohnen ein. So weilten ſie an der Saͤule, als die Frohnen er⸗ ſchienen. Sie warfen einem jeden der Geladenen eine ſchwarze Kappe über den S und Wn ſie von dannen. 2 — 15² In der noch ziemlich erhaltenen Kapelle der zerſtörten Burg Aarſtein verſammelten ſich die Vehmrichter. Es war dieſes ihr gewöhn⸗ licher Verſammlungsort, und ſeine Thür mit ei⸗ nem Weidenſtrang, ſo wie ihn die Vehm⸗ frohnen bei der Vollſtreckung ihrer Todesurtheile brauchten, und mit dem Vehmdolch ver⸗ ſchloſſen, kennbar am bleiernen Griff, mit dem dreifachen Kreuze. Schaudernd entfernte ſich Jeder, ſo irgend von Ohngefähr dieſe Thuͤr er⸗ blickte. Jahrhunderte hindurch ward dieſes Gericht, welches mit unerbittlicher Strenge im Verborgenen richtete, von allen Böſen ſehr gefürchtet. Seit kurzem hatten ſich jedoch mehrere Ritter dieſes und des Nachbargaues verbunden, ſich vor der Ge⸗ walt der Vehme zu ſchutzen; denn des Ge⸗ wiſſens Laſt druckte ſie hart. Auch Götz von Raspenheim war unter ihnen. Dieſem Bunde der Böſen zu begegnen, hatten die Schöffen je⸗ desmal ihren Sitzungsort mit einer ſtarken An⸗ zahl Krieger umgeben, und der Ritter Kaspar vom Stein war, als Schuͤtzer des Gerichts, ihr Führer. Sr Die Rückwand des Altars in der Kapelle war e . e — ————————— 153 eingeſtürzt, und hinter derſelben ſaß der Frei— graf. Vor ihm auf dem Altar lag, auf einem ehernen Schilde, das entbloͤſte Schwerd der Veh⸗ me, und eine Fackel erleuchtete ſpärlich die Ka⸗ pelle. Die Frohnen ſtanden außen an der Thuͤr, alle Anweſenden aber waren ganz verhüllt. Das Gericht begann. Der Freigraf erhob ſich von ſeinem Sitze, und alle Schöffen mit ihm. Er ſchlug mit dem Dolche an das Schwerd, und jeder Schöffe entbloſte den ſeinigen, ihn in der rechten Fauſt blinkend in die Höhe haltend. Der Freigraf maß, nach der Gewohnheit des Gerichts, eine Spanne auf dem Altar, und erhob dann das Schwerd. „Im Namen unſers erlauchten Kaiſers frage ich Euch, ehrbare Schoͤffen des heiligen Gerichts, welches richtet in Unſichtbarkeit die Böſen: Iſt es an der Zeit, zu halten ein recht Gericht?“ — Alle Schöffen antworteten im tiefen, wn pfen Tone, wie aus einem Munde: „Es iſt an der rechten Zeit!“ „Nun ſo ſey denn — fuhr der Freigraß . fort — Kraft der Gewalt, ſo von Kaiſerlicher Majeſtät verliehen iſt den heimlichen Dingſtühlen, dieſes Gericht eröffnet, mit geſpannter Hand, 1464 Statt und Stuhl, auch mit dieſen ächten, rech⸗ ten, ſchildbaͤrtigen und ehrbaren Schöffen, als ſich das mit Recht gebuͤhret, zu richten unter Konigsbann und hochſter Pön beim Hals und der Weide.“ Ein jeder der Schöſen ſchwang den gezogenen Dolch uͤber dem Haupte, und alle ſprachen: „Nach Recht und Gerechtigkeit wollen wir richten, wie ſich das gebühret, ein jeder bei ſei⸗ nem Eide.⸗ „Nun ſo klage denn — rief der Frigraf — Kläger, klage, wie Du weißt, bei Deinem Eide!“ Und es trat uf: der Schoͤffe Kaspar von Hohenbuͤhel, und ſprach: „Als vor kurz vergangener Zeit der Nittr Wolfrath von Wolfingen in den Wald ge⸗ zogen war, um ein Wild durch ſein Geſchoß zu fällen, wurde er von drei Mördern zu Roß an⸗ gefallen, welche ihn nieder zu ſchlagen ſtrebten. Sie würden ihn auch überwältigt haben, wenn nicht durch Gottes Schickung ein Ritter aus Thüringen mit ſeinen Knappen hinzu gekommen wäre, und die Meuchelmorder uberwunden hätte. Einer von ihnen lebt noch, und iſt der Knappe — —,— 155 des Ritters Gotz von Raspenheim; die ans dern beiden aber ſind in ihren Sünden dahin ge⸗ fahren, und durch die Schärfe des Schwerds er⸗ ſchlagen worden. Er iſt nebſt dem Ritter Wolf⸗ rath von Wolfingen und dem thuͤringiſchen Ritter, Herrmann von der Ettersburg, geladen worden vor dieſes Gericht, auf daß er bekenne, wer ihn dazu gedungen habe.“ Der Freigraf ſchlug mit dem Schwerde an den Schild, und ein Frohn trat ein. „Frohn! — ſprach er zu ihm — ſage uns an, ſind die Ritter Wolfrath und Herrmann mit dem Knap⸗ pen Radlof geladen und erſchienen?“ „Die Ladung — antwortete dieſer — iſt ge⸗ ſchehen, deß ſind dieſe drei Spähne, die ich bei derſelben aus dem Burgthor des Wolfingers hieb, meine Zeugen. Auch ſind drei Frohnen ausgegan⸗ gen, um die Geladenen hierher zu geleiten; jetzt ſind ſie jedoch nicht zurüͤck.“ Der Frohn trat ab, und eine große Stile herrſchte in der Verſammlung. Nach einer Weile trat der Frohn auf's neue ein, und meldete die Angekommenen. Die beiden Ritter wurden herein gefuͤhrt, ihnen die Verkappung als ſolchen abgenommen ———— —,— — Alle Schöffen aber vermummten ſich ſorgfältig bei ihrem Eintritte. Die geladenen Ritter traten vor den Altar. „Ritter Wolfrath von Wolfingen — ſprach jetzt der Freigraf feierlich — was Ihr dem Gericht zu klagen habt, moͤgt Ihr jetzt vor⸗ bringen, kuͤrzlich, gerecht und wahr.“ „Als ich — erhob nunmehr der Ritter Wolf⸗ rath ſeine Stimme — am Tage vor dem Feſte der Geburt der hochgebenedeieten Mutter unſers Herrn in den zunächſt bei meiner Burg gelegenen Wald gezogen war, um ein Wild durch mein Ge⸗ ſchoß zu fällen, wurde ich von drei verkappten Meuchelmordern angefallen, welche mich auch wohl erſchlagen haben würden, wenn nicht der gegenwärtige edle Ritter, durch Gottes Hand ge⸗ leitet, zu meiner Rettung erſchienen wäre. — Ei⸗ ner der Meuchelmoͤrder, Radlof, der Knappe des Raspenheimers, wurde gefangen, und harret jetzt, geladen von Euch, außen vor der Thür dieſes Verſammlungsortes, was das hei⸗ lige, freie Gericht der Vehme mit ihm beginnen wird.“ „Und ich, Herrmann von der Etters⸗ burg, Burggeſeſſen im Lande zu Thüringen — verfolgte dieſer Wolfraths Rede — bezeuge, daß ich die ſen Ritter im Kampfe mit den drei Meuchel⸗ mördern begriffen und dem Erliegen nahe fand. Ich eilte ihm, wie es einem deutſchen Ritter gebührt, zu Hülfe, und mit meinen beiden Knappen beſiegte ich die Moͤrder nach einer kurzen Gegenwehr.“ „Könnt Ihr beide dies beſchwören — ſprach nun der Freigraf — bei Gott und allen ſeinen Heiligen, ſo tretet herzu, und legt ein jeder ſeine Rechte auf das von Kaiſerlicher Majeſtät als Zeichen der Macht über Leben und Tod verliehene Schwerd der heiligen Vehme. Der Tod durch Dolch oder Weide treffe den Meineidigen.“ Und ſie traten herzu, und ſchwuren den ver⸗ langten Eid. „Jetzt entfernt Euch in das Vorgemach — — ſchloß endlich der Freigraf das Verhoͤr — da⸗ mit wir hören können, was Radlof auf Eure Anklage zu antworten hat.“ Sie entfernten ſich, und Radlof wurde von den Frohnen mit verkapptem Haupte in die Ver⸗ ſammlung vor Gericht gebracht. „Wer biſt du, der hier, geladen, vor uns er⸗ ſcheint?“ — fragte der Freigraf mit Sh Stimme den Angeklagten. „ 158 „Mein Name iſt Radlof, und bin ich ein Kriegsmann.“ „In weſſen Dienſten ſtehſt du jetzt?“ „Der edle Ritter Goͤtz von Raspenheim gab mir einige Wochen lang den Lebensunterhalt; doch bin ich nicht ſein leibeigner Knecht.“ „Du biſt bezüchtigt, mit noch zwei Spieß⸗ geſellen den Ritter Wolfrath von Wolfin⸗ gen auf der Jagd meuchelmörderiſch üͤberfallen zu haben. Sag an, auf weſſen Geheiß tharſt du es? „Der Ritter Wolfrath lügt, wenn er ſagt, ich hätte ihn uͤberfallen. Drum hoört von mir die reine Wahrheit. Ich zog an jenem Morgen mit zwei Knechten von der Burg des Raspenheimers aus durch den Wald, um dem Rathe einer Reichs⸗ ſtadt den Entſchluß meines Ritters kund zu thun. Meine Sendung War geheim; darum waren wir in ritterlicher Ruͤſtung, mit geſchloſſenen Helmen bedeckt. Der Ritter Wolfrath rief uns an, und wollte uns durchaus von Angeſicht ſehen; da wir uns nun deſſen weigerten, ſchoß er einen ſtar⸗ ken Bolzen nach mir, der meinen vorgehaltenen Schild durchbohrte. Ueber dieſen unvermutheten Angriff wurde ich aufgebracht, und weil der Rit⸗ ter von neuem die Armbruſt ſpannte, zog ich das Schwerd, und ſuchte ihn wehrlos zu machen. Auch er zog das Schwerd, und brachte meinem Roſſe eine Wunde bei. Wider meinen Willen nahmen die beiden Knechte Antheil am Gefechte. Da erſchien plötzlich ein fremder Ritter mit zwei Knappen, und ſtuͤrmte auf uns ein. Sein Lanzen⸗ ſtoß warf mich vom Roſſe „und meine Genoſſen waren nun bald überwunden, ich aber we die Burg Wolfingen geſchleppt.“ — „Du wußteſt aber, daß der Ritter Vorf⸗ rath einſt dein Pflegevater war, und wie leicht du alſo hätteſt Vaterwörder werden können!“ — ſprach der Freigraf ſehr ernſtlich zu dem An⸗ geklagten; doch dieſer verzog keine Miene, ſon⸗ dern gab ganz ruhig zur Antwort: „Der Ritter erzog mich, und ich diente ihm als Knecht ohne Lohn. Darum ſind wir 4 Und hat er ja auch den Streit ſelbſt begonnen.“ „Weißt du, wo du biſt, und vor welchem Gericht du ſtehſt?“ fragte ihn der Freigraf; und eben ſo ruhig, wie vorher, ja mit feinem Hohn, gab der Knappe zur Antwort: „Wie ich merke, ſo ſtehe ich vor dem Vehm⸗ gericht; doch furchte ich mich nicht, weil ich 160 gerechte Sache habe. — Auch wuͤrde ich ſchreck⸗ lich gerächt werden, wolltet Ihr es wagen, mir zu ſchaden an Leib und Leben. „Wie, der Bube wagt auch noch zu drohen — riefen die Schoöͤffen wild durch einander — nieder mit ihm. Es iſt ſeine letzte Stunde „ „Nein, meine Brüder! — rief der Freigraf den Wuthenden beguͤtigend zu — wir wollen ihn richten nach dem Geſetz, auf daß man nicht ſa⸗ gen dürfe, die Vehme habe m Sue Ur⸗ theil und Recht.“ „Der Frohn wurde nun, duch di die Schige des Schwerdes an das Schild, in die Kapelle gerufen, und ihm der Beklagte übergeben. Er wollte ihn eben fortführen, als ein anderer Frohn hereinſturzte. 3 „Das heilige Gericht iſt überfallen. Zwar kämpft Berthold vom Stein ritterlich gegen die Uebermacht; doch thut ihm ſchnelle 3 Noth!“ „„Mit dieſem Buben ins Lerieß! — rief der Freigraf — Und nun laßt uns Sieie dem Rit⸗ ter beizuſtehen.“ S 161 Sie warfen alle die Mäntel von ſich, zogen die Schwerder, und ſiuͤrmten fort. Wolfrath, ob er ſich gleich noch ziemlich matt fuͤhlte, war mit Herrmann bereits dem Kampfe zugeeilt. Sie waren zu Fuße, es mußte alſo hier die zu 5 Liſt entſcheiden. An des Waldes Saume war das blutigſte Gefecht. Die beiden Kampfgefähr⸗ ten ſchluͤpften in den Wald, um ſich von hier aus mit Vortheil in den Kampf miſchen zu kön⸗ nen. Da führten zwei Knechte von den Fein⸗ den einen verwundeten Ritter in das Gebuͤſch, um dort ſeine Wunden verbinden zu können. Als ſie nun dieſes Geſchaft vollendet hatten, und ſo eben ihre Roſſe wieder beſteigen wollten, ſtürz⸗ ten die beiden Ritter aus ihrem Verſteck auf die Reiſigen hervor. Dieſe erſchraken übergpie unvermutheten Feinde, welche die Schlachtſchwer⸗ der drohend über ihren Häuptern ſchwangen, und ſtürzten fort. Wie mit einem Sprunge waren die beiden Ritter auf den ledigen Roſſen, und eilten nun dem Kampfplatze zu. Der Ritter Berthold vom Stein wat im heftigen Gefechte mit zwei Feinden „als die L 162 beiden Ritter zu ſeiner Huͤlfe herbei eilten. „Die Rächer kommen!“ riefen ſie den Streitenden zu, und im nächſten Augenblicke ſank einer von Steins Bekaͤmpfern, durch den gewaltigen Streich Herrmanns getroffen, mit geſpalte⸗ nem Haupte vom Roſſe. Faſt zu gleicher Zeit gerieth dem Ritter Stein ein Streich auf den andern ſeiner Gegner, daß er ihn in die Arm⸗ ſchienen traf, und den rechten Arm rein abhieb. Er ſank zu Boden, und wurde gefangen. Die Feinde waren ſtark, und fochten tapfer, und es wogte der Streit lange hin und her. Da erklangen plötzlich Trompeten, und von zwei Sei⸗ ten brachen neue Haufen zu Huͤlfe der Vehm⸗ 8 richter hervor, und ſetzten mit lautem Geſchrei in die Feinde. Bald war der Streit entſchieden, und die gegen die Vehme Verbündeten flohen. vurden ſtark verfolgt, doch wußten die Sie⸗ ger noch immer nicht, wen ſie als , zu achten hätten. Der Ritter, welchem der Arm abgehauen wolden war, ſchwamm in ſeinem Blute, und man eilte, ihn zu verbinden. Als ihm nun ein den Helm abnahm, war es der Ritter „Göt von — 163 „„Alſo darum — rief ihm der Ritter Stein entgegen — darum fochteſt Du ſo mit Erbitterung, und riefſt ſo oft: »Der Tod dem heimlichen Ge⸗ richte!“ weil Dein treuer Spießgeſelle heute vor der Vehme ſtand. Du wollteſt ihm wohl helfen, und fällſt nun ſelbſt dem Dolche und der Weid anheim.“ Man verband ihm den Supt des Arnes, und trug ihn nach der Burg Wolfingen, auch Radlof brachte man dahin; alle uͤbrigen Ge⸗ fangenen aber wurden auf die Burg des Ritters vom Stein geſchafft, damit ſie den Aufenthalt des Raspenheimers nicht erfahren moͤchten. Götz wüthete, als er wieder aus der tiefen Dhnmacht erwachte, die ihm der viele Blutverluſt verurſacht hatte, und ſich als Gefangener in den Haͤnden des Mannes ſah, den er bis zum Tode haßte. Weil man nun aber in der Wuth am we⸗ nigſten Herr der eigenen Zunge iſt, ſo entfuhren ihm im Ausbruche derſelben verſchiedene Worte, die es deutlich an den Tag legten, er ſey Veran⸗ laſſer des meuchelmörderiſchen Angriffes auf den Ritter Wolfrath geweſen; der Ritter Kaspar von Hohenbuͤhel wurde ungeſehen Zeuge ſer Verwuͤnſchungen, und es wurde zuletzt ganz 164 klar, daß Götz den Mord — ver⸗ anſtaltet habe. Kaspar war ein tithtt und daher ſein Eid hinlänglich, dem Ritter und ſeinem Knappen den Tod durch der Vehmſ choͤf fen Hand zuzuziehen. Aber es war noch nicht genug; dieſer Bund der Boſen ſollte von Grund aus zer⸗ ſtört werden, darum fůgte es der Allgerechte, daß alle ſeine Mitglieder entdeckt wurden. Die Wunden des Ritters Hans von Stauf⸗ fenberg — eben des Ritters, welcher bei dem Gefechte von den Knappen verwundet in den Wald gefuͤhrt wurde, um von ihnen verbunden zu wer⸗ den — hatten ſich ſo ſehr verſchlimmert, daß er dem Tode nahe kam. Sein Burgkapellan und Beichtiger, ein ſtrenger Capuzinermönch, wußte ihm jetzt das künftige Schickſal ſeiner Seele ſo fürchterlich abzuſchildern, daß er aus Furcht vor der ewigen Verdammniß ein aufrichtiges Bekennt⸗ niß aller ſeiner Sünden ablegte. Unter dieſen befand ſich denn nun auch die Mitwiſſenſchaft, daß Götz den Wolfr veran⸗ ſtaltet habe. „Ritter! — ſprach der enſt Wönch — r ſteht an den Pforten der Ewigkeit, durch welche 165 keine Ruckkehr verſtattet wird. Iſt Eure Reue ächt und wahr, ſo offenbaret, was Ihr wißt, dem heimlichen Gerichte, auf daß dieſes die Bů⸗ ſen ſtrafen koͤnne. Der Allbarmherzige wird Euch dann gnädig ſeyn, und Eurer Sünde nicht mehr gedenken. Und daß das Gericht Euch nicht ſtrafe, und ſich verſohnt zu wende, das ſey meine Sorge.“ Hans gelobte uun, von der Stetnangt ge⸗ foltert, ein aufrichtiges Geſtändniß, und hielt auch Wort; denn als am nächſten Abende, auf des wiſſenden Mönchs Veranſtaltung, zwei ver⸗ mummte Vehmſchoͤffen erſchienen, bekannte der Ritter aufrichtig alles, wovon er Wiſſenſchaft hatte, und gelobte, ſolches eidlich zu beſtärken, auch einen ganz andern Wandel zu führen, wolle ihm Gott das Leben ferner ſchenken. Er ſtarb jedoch bald reuevoll, und deshalb ausgeſohnt mit Gott und Menſchen. Als ſich nun der Mond aufs neue filete, verſammelten ſich die Schöffen des Vehmgerichts wieder in ihrer Kapelle; und es klagte nun der Schoͤffe Kaspar von Hohenbuͤhel den Rit⸗ ter Götz von Raspenheim förmlich und feier⸗ lich an, ſeinen Knappen Radlof zum Morde —2 des Ritters Wolfrath von Wolfingen ausgeſandt zu haben. Zwar leugnete der Ritter Anfangs hartnaͤckig, doch wurde er bald uͤber⸗ wieſen, da die beiden Schöffen, welche das Be⸗ kenntniß des ſterbenden Stauffenbergs mit angehoͤrt hatten, als Zeugen gegen ihn auftraten. Kaspar von Hohenbuͤhel ſchwur, und die beiden Schöffen mit ihm. Dies war nach der Verfaſſung der genug Blut⸗ ur theile. Die PVerbrecher wutden ntfhi zun erhob ſich der Freigraf von ſeinem Sitze, and ſchlug mit dem Dolche an bas Ein jeder Vehmſchöffe zog jetzt ſeinen Dolch. „Im Namen Kaiſerlicher Majeſtät — ſynch jetzt der Freigraf mit feierlichem Ernſt — er⸗ mahne ich Euch, ehrſame Schöffen des heim⸗ lichen, freien Gerichts, daß Ihr wollet über den Ritter Götz von Raspenheim und ſeinen Knappen Radlof recht und gerecht richten, alſo wie Ihr es vor Gott und Kaiſerlicher Majeſtät verautworten könnet. Ich ermahne Euch dazu zum erſten — zweiten — und dritten Male; vor⸗ her aber laſſet uns beten.“ „ Der Freigraf ſank zum ſtillen cu auf 17¹ Grabe geloht, ihr tren zu bleiben ſein Leben lang; darum hielt er es fur gerathener, jetzt zu fliehen, weil es noch Zeit war, und ehe Jutta's Gefuͤhle zu mächtig wurden in ihrem Herzen. In aller Stille machte er ſich nebſt ſeinen Knappen reiſefertig, und als er mit dem Ritter Wolfrath und dem Freigrafen Heinrich von Saldingen Abends bei dem Becher ſaß, und traulich mir ihnen koſete, kuͤndigte ihnen Herr⸗ mann ſeinen Entſchluß an, weiter zu ziehen. Beide erſchraken ſehr darüber; denn ſie liebten den biedern Dhuͤringer gleich einem Bruder, und Wolfrath wollte ihn nicht laſſen. „Warum wollet Ihr von hinnen ziehen — edler Ritter? Wir lieben Euch doch alle lich. So ſrech der w⸗ Votfrath, und ſchuͤttelte Herrmann biederherzig die Hand. „Ja wahrhaftig — fuͤgte der Ritter von Saldingen hinzu, und reichte ihm gleichfalls die Rechte — waͤret Ihr mein eigener Sohn, ich könnte Euch nicht herzlichet lieben. Darum ſagt: Warum wollt Ihr nicht unter uns 4 weilen?““ — 35 t „Es laſtet ein Geluͤbd' uf meiner Sen — antwortete Herrmann geruͤhrt ſeinen beiden biedern Freunden — darum laſſet mich, auf daß ich es erfülle In wenig Monden verlor ich Va⸗ ter, Mutter und Braut, und wurde mir die Mut⸗ ter, als ich ſie dem Feuertode entreißen wollte, auf meinem Rücken erſchlagen. Im Uebermaß des Schmerzes gelobte ich, die verlorne Ruhe meines Lebens im Kampfe gegen die Ungläubigen mir wieder zu erringen. Es ſcheint auch faſt, als ſey dies mein Gelübde dem Herrn im Himmel wohlgefällig, weil er es alſo fuͤgte, daß ich auf meinem Zuge Euch, biederer Wolfingen! aus der Meuchelmörder Häͤnden retten konnte, und ich preiſe Gott dafür⸗“ „Nun ſo ziehet mit Gott! — ſprach endlich mit thraͤnenfeuchtem Blicke der Ritter Wolf⸗ rath — weil Ihr es denn nicht anders wollt. Doch habt Ihr Euer Geluͤbde erfullt, und die verlorne Herzensruhe wieder errungen, dann keh⸗ ret zurück in unſere Arme, und Ihr werdet uns ſets willkommen ſeyn.“ Am dritten Tage zog Herrwann aus, und des Ritters und der Seinigen Segenswüͤnſche, ſo wie Jutta's heimliche Thränen folgten ihm. Als nun an dieſem Tage die Sonne ſchon längſt 173 nicht mehr leuchtete, kam Herrmann mit ſei⸗ nen Knappen zu der Pforte eines Dominikaner⸗ kloſters. Diethe lm zog an der Glocke, und es erſchien der Pförtner, ein feiſter, rothwangiger, dem vollen Monde gleichender Mönch. „Was iſt Euer Begehr?“ fragte er mit finſterer Miene. „Herberge in Euerm Kloſter fuͤr dieſe Nacht — war des Ritters Antwort — zuvor aber ein Wort mit Euerm Prior, auf daß ich ihn ein Schrei⸗ ben leſen laſſe, das ich an ihn habe.“ Der Mönch ging. Nach kurzem Zeitverlauf öffnete er die Pforte, und ließ den Ritter einz die beiden Knappen aber mußten außen harren. Herrmann wurde in ein prachtvolles Zim⸗ mer gefuͤhrt, wo ihn der Prior anfanglich kalt und geiſilichſtolz empfing. Als er aber das Em⸗ pfehlungsſchreiben des Dominikanerpriors zu Erfurt geleſen hatte, wandelte ſich der kalte Priorſtolz in freundlichen Ernſt um. Er ließ Wein bringen, und trank ſeinem Gaſte fleißig zu, auch fuͤr ſeiner Knappen Verpflegung gab er die gemeſſenſten Befehle. — Viel mußte ihm Herr⸗ mann erzählen von den Brüdern in Thüringen, und dem Prior Eiliger zu Erfurt. Hert⸗ mann that's; doch fühlte er den Unterſchied zwi⸗ 174 ſchen dieſen beiden Kloſterobern, und dieſes machte ihm Unbehaglichkeit. Auch das ſchwelgeriſche Abendmahl konnte dieſe nicht verſcheuchen, und er zog am andern Morgen — von dannen. Schon war am andern Tage der Abend nahe gekommen, als der Ritter mit ſeinen Gefährten durch einen großen Wald zog. Noch immer ſahen ſie des Waldes Ende nicht, und waren ſchon be⸗ ſorgt, die Nacht in demſelben zubringen zu muͤſſen. Da kam ihnen plötzlich auf der Heerſtraße ein Rit⸗ ter von zwei Knappen begleitet entgegen. Sie fuͤhrten eine dicht verſchleierte Jungftan in ihrer Mitte, welche ſich jämmerlich gebehrdete. Wahr⸗ ſcheinlich mochte ſie den Hufſchlag der ihr Ent⸗ gegenkommenden gehort haben; denn ſie ſchrie auf einmal um Huͤlfe. — In dieſem Augenblicke flo⸗ gen Herrmanns und ſeiner Knappen Schwer⸗ der aus den Scheiden, und mit dem Geſchrei: „Dirnenraͤuber! gieb uns deinen Raub!“ ſtuͤrm⸗ ten ſie auf die Räuber ein, wurden aber eben ſo tapfer empfangen. Der bejahrte Ortwin, 175 Herrmanns Knappe, wurde gleich Anfaugs getödtet, und ſank mit geſpaltenem Haupte vom Roſſe. Auch Herrmann wurde von dem Rit⸗ ter, welcher wuthend kämpfte, verwundet. Wäh⸗ rend des von beiden Seiten mit Wuth fortwaͤhren⸗ den Gefechts entfloh das geraubte Fräulein. Da kam, einem Sturmwinde gleich, ein ſchwarz ge⸗ rüſteter Ritter mit ſeinen Knappen herbei ge⸗ ſprengt. Ehe er aber noch Theil nehmen konnte am Gefecht, ſank auch der Dirnenrauber, von Herrmanns Schwerde tief in den Hals ge⸗ troffen, tödtlich verwundet in den Staub, und wälzte ſich in ſeinem Blute. Mit dem Falle ihres Herrn aber entflohen die Knappen, und das Ge⸗ fecht war zu Ende. Der ſchwarze Ritter, mit dem mann bald verſtändigte, naunte ſich Ru⸗ precht von Geyersberg, und war auf einem Zuge nach Spanien begriffen, um dem Köͤnige ſeine Dienſte in dem Kriege gegen die mahome⸗ daniſchen Mauren anzubieten, welche in jenen Zeiten Südſpanien in verſchiedenen König⸗ reichen beherrſchten, auch Wiſſenſchaften und Ge⸗ werbe daſelbſt zum hohen Flore brachten; denn ſie waren ein ſehr gebildetes Volk. Sap 176 und ſeine Knappen verbanden Herrmanns und Diethelms Wunden. Ortwins Seele aber war ſchon entflohen. Plotzlich erſcholl der Ruf von Min⸗ nerſtimmen, und einige Ritter und Knappen, welche dem entflohenen Fraulein nachſetzten, ſprengten Herrmann und Ruprecht an. „Holla! ihr Dirnenräuber! — rief der voran⸗ ſprengende Ritter — gebt Rechenſchaft: wo habt Ihr meine geraubte Schweſter?““ „Ihr irret, Ritter! — entgegnete ihm Hert⸗ mann ganz ruhig — wir haben Eure Schweſter nicht geraubt. Hier liegt ihr Räuber am Bo⸗ den. Sie ſelbſt iſt während des he ent⸗ flohen.“ Der Ritter ſtutzte, und pien ſein Roͤß an. In dieſem Augenblicke nahn der Knappe Diet⸗ helm dem ſchwer verwundeten Räuber den Helm ab, und die Reiſigen des ſchwarzen Ritters ſtreb⸗ ten ihn empor zu richten. Ströme von Blut ent⸗ quollen ihm aus ſeiner Wunde, die man ihm zu verbinden ſtrebte. Er rochelte, und blickte matt empor. „Gerechter Gott! — rief der Bruder der Ent⸗ fuͤhrten erſchrocken aus — Ihr ſeyd es? — Ber⸗ tram von Ursach? Ihr, der Entführer me ner Schweſter? — Nein! es kann nicht ſeyn, es iſt ein Blendwerk der Hölle! — O was konnte Euch dazu bewegen?“ — „Ver — gebt, — Hu — go!— — ſtöhnte mit Mühe der Sterbende, und verſuchte umſonſt, die rechte Hand zu erheben, — — mein — Bru der — Bo— do — trägt — die — Schuld — Go— ott. .. Ein Blutſtrom ſchoß ihm jetzt aus dem Mund, der Kopf ſank auf die Seite, und er war nicht mehr. Die Ritter ſahen einander betroffen an. Das entführte Fraͤulein war Emma, die ein⸗ zige Tochter des Grafen Dedo von Schwar⸗ zeuſtein, und ſchon längſt war der Ritter Ber⸗ tram vpu Ursach in heißer Liebe gegen ſie eutbrannt. Da ihm aber keine Gegenliebe wurde, beredete ihn ſein Bruder Bodo dazu, Emma zu entführen, und auf eine entlegene Burg zu bringen, welche jenſeits des Waldes lag, und ihm ebenfalls zugehörte. Kaum war jedoch das Fräulein eutfernt, als man es auch ſchon gi⸗ wahrte, und ihr Bruder Hugo jagte der Eit⸗ fuͤhrten mit Rittern und Reiſigen nach. „Verzeiht mir, edle Ritter! — ſprach des Graf zu den Rittern, und bot verſöhnend ihnen 178 die Haud — daß ich Euch für die Entfüͤhrer mei⸗ ner Schweſter hielt, da Ihr doch ſo edel an ihr gehandelt habt. — Der Ritter, welchet hier todt vor Euch liegt, war mein beſter Jugendfreund, und nie hätte ich ihn einer ſolchen Schandthat fähig gehalten. — O wo mag jetzt meine arme, geängſtigte Schweſter weilen? — Ich bitte Euch⸗ Ritter! helft mir ſie ſuchen; denn ſeht, es bricht die Dunkelheit der Nacht ſchon ein, und furchter⸗ lich iſis fur ſie, in der Finſterniß unter den Thie⸗ ren des Waldes zu hauſen.“ Alle vereinigten ſich jetzt, die Entflohene auf⸗ zuſuchen; aber immer war ihr Schreien und Ru⸗ fen umſonſt. — Endlich fand man ihr lediges Roß graſend. Schon war es ganz finſter im Walde geworden, und noch immer ſetzte man das Suchen fort. Da trafen ſie endlich, durch die Helle eines brennenden Feuers geleitet, auf eine Köhlerhütte. Auch hier hatte man die Entflohene uicht geſehen, und die Sucher mußten ſich nun doch entſchließen⸗ den Anbruch des in Hutte zu entten Kaum Nurora den Hiniet as das Suchen wieder begann, und Hugo rief ſiets: Schweſter Emma! Dein Bruder Hugv 175 fucht Dich! damit die Entflohene ſir ich Mißverſtand für die Verfolger halte. Lange wat ihr Suchen vergebens. Endlich aber antwortete eine mannliche Stimme, und rief ien, zu S men. „Das iſt der ehrwürdige Vater Cöleſtin! — ſprach der Köhler — gewiß iſt die edle Gräfin bei ihm.“ Er drang voran durch das Gebuͤſch, und Alle folgten ihm nach. Bald erreichten ſie eine Felſen⸗ gruppe, und ſahen eine Höhle in derſelben, die Wohnung des Eremiten. Er ſaß auf einer Raſenbank, und ſeine ehrwuͤrdige Geſtalt mit dem S ſilberweißen Bart flößte Allen Ehrfurcht ein. Noch immer ſahen ſie die Grafin nicht. Als aber der Graf Hugo ſich dem Greiſe zu erkennen gab, da ging derſelbe nach der und führte ſie ie in des entzuckten Bruders Arme. „Nun aber kommt, und laßt uns eilen — ſprach endlich Hugo zu der geretteten Schwe⸗ ſter — unſer alter, kranker Vater wird mit Sehnſucht auf uns harren, und ſich wegen unſers Außenbleibens härmen. Du aber, Heinrich, jage voraus, und bringe ihm die froͤhliche Kunde von der Schweſter Befreinng und des Raͤubers Tode.· 8 um geſe hah alſo. In wenig Studen nnpen gewahrte. Wer aber ver⸗ me die Scene wuͤrdig zu ſchildern, als dem die ſchon als verloren geachtete ein⸗ 3ig hielt er ſie alſo umſchlungen; denn ſie war der Liebling ſeines Herzens. Als aber endlich die in ihre Gränzen zurückgetreten war, verlangte der Vater vom Sohne zu wiſſen, wo er die Schwe⸗ ſter gefunden „und ſie aus den Händen des Räu⸗ bers befreiet habe. Nun erzählte die Lochter dem Vater ihre Entfuͤhrungsgeſchichte, und wie ſich die ſer edle, unbekaunte Ritter furchtlos dem Räu⸗ ber entgegen geworfen habe, ſie aber während des Gefechts entflohen ſey, da einer der Knappen * Sie habe, ihren Zelter verlaſſend, einen Ausweg ſucht, ſch aber bald in Walde verirrt, bis ſie von dem frommen Vater Coͤle ſtin aufgenommen, ders Arme geführt worden ſey. beherbergt, und am andern Morgen i in des Bru⸗ as Ende des Waldes und des Vaters Burgwart blies ein luſtiges Liedtein, . ige Tochter in die geoffneten Arme ſank? Lange Fluth der erſten Gefühle des Wiederſehens wieder des fremden Ritters todt vom Roſſe geſunken wäre. Huge ſt nun den Ritter Herrmann — ————— 184 als den eigentlichen Befreier ſeiner Schweſter und ueberwinder ihres Räubers, den Ritter von Geyersberg aber als ſeinen Beiſtand vor. „Kommt an mein Herz, edle Ritter! — rief der alte, wiederbegluckte Vater im Gefühl tief empfundener Dankbarkeit. — Ihr, tapferer Herrmann, habt meine einzige Tochter aus den Händen ihres Räubers befreit, der ſich unter der Larve der Hehchelei in meine Burg, ſo wie in mein Herz eingeſchlichen hatte, und mir meine Freundſchaft dann ſo ſchlecht vergalt. Ihr habt in der Erfůllung der theuren Ritterpflicht ſelbſt Euer Blut vergoſſen. Dafür dankt Euch jetzt geruͤhrt ein Vater, deſſen graues Haar ohne Euern tapfern Arm mit Jammer in die Grube gefahren wäre. Auch Euch, edler Ritter Geyers⸗ berg, danke ich für Euern Beiſtand herzlich. Laßt Euch's, Ihr Edlen! mit Euern Reiſigen eine lange Zeit in meiner Vurg gefallen, „damit Eure Wunde „Ritter Herrmann! wieder heile, und der tapfere Arg zu edlen Thaten fur die Zukunft erſtarke. — Dem treuen Kuappen aber, welcher in der Bekämpfung des Rüubergeſindels ſein Lben endete, werde ein ehrenvolles Begängniß beteitet/ und ſein Leichnam ruhe in meiner Burgkapelle.“ 182 Als man nun am andern Morgen den Leich⸗ nam Ortwins nach der Burg Schwarzen⸗ ſtein brachte, wurde ihm ein Leichenbegängniß angeordnet, einem adelichen Ritter gleich, und Herrmann folgte, tief trauernd um den Ge⸗ trenen, mit dem ganzen gräflichen Hauſe und al⸗ len Burgmannen nach ſeiner Ruheſtätte in der Kapelle, wo der Burgpater ein feierliches Seelen⸗ amt hielt. — Den Leichnam Bertrams von ursach aber ſandte der Graf von Schwar⸗ zenſtein nach der Burg ſeines Bruders, und ließ dieſem durch einen h die urſache Todes anzeigen. Das luͤgt Ihr! — hatte der Ritter dem He⸗ rold geantwortet. — Es hat der Graf meinen Bruder böslich überfallen und erſchlagen laſſen, und meint nun, dieſe Unthat alſo zu bemaͤnteln; denn ein Rauber, der ſich einen Ritter nenut, hat ihn meuchlings erſchlagen; ich aber werde ihn furchtbar rächen an dem Grafen, ſeinen Land und Leuten, und allen ſeinen Helfershelfern. Dieſes meldet Euerm bübiſchen Herrn, und mag es ihm als Abſagebrief gelten.“ Dieſe Antwort erregte allgemeinen unnilen auf der Burg des Grafen von Schwarzenſtein. 163 „Nein! fur einen ſolchen verworfenen Buben hätte ich den Ritter Bodo von Ursach doch nicht gehalten — ſprach der alte Graf Dedo tief erſchüttert — obgleich er es läugſt verdient haͤtte, von der Gemeinſchaft mit biedern Ritters⸗ leuten ausgeſchloſſen zu werden. — Auch ſogar Euch, edler Ritter Herrmann! ſucht dieſes Ungehener mit dem Schandtitel eines Räubers zu brandmarken. — Dies muß ihm ſchlechter⸗ dings übel vergolten werden. — Alle meine Macht will ich aufbieten, ihn darnieder zu wer⸗ fen.— O warum hindert mich jetzt die Schwäche meines kranken Körpers, es dieſem Buben mit dem Schwerde zu beweiſen, er ſey nicht länger mehr des ehrwuͤrdigen Ritternamens werth. Dir, mein Hugo! übertrage ich nun die he an die⸗ ſem Buben.“ „Fuͤrchterlich will ich die elt unſers Hauſes rächen, mein Vater! dies ſchwöre ich Euch. A So ſchwur Hugo; und ob er ſeinen Schu 5 fullte, werden wir nun ſehen. Noch an dieſem Tage entbot der Graf ſeine Vaſallen zur Heeresfolge in der Fehde gegen den Ritter Bodo von Ursach und ſeine Verbuͤn⸗ deten. Von allen Seiten ſah man ſie mit ihren Reiſigen nach der Burg Schwarzenſtein heran⸗ ziehen; denn der edle, biedere Graf Dedo war nebſt ſeinem Hauſe eben ſo von allen rechtlichen Rittern des Gaues geliebt, als Bodo und ſeine Spießgeſellen verachtet und gehaßt. Als nun die gewöhnlichen drei Tage verfloſſen waren, welche die Gewohnheit jener Zeiten als Vorbereitung zur Fehde beſtimmte, laͤuteten am letzten Abend die Glocken des nahen Kloſters den Gottesfrieden aus. Kaum röthete dann am andern Morgen Aurora den heitern Himmel, als alle Ritter des Heeres, gerüſtet und bereit zum Kampfe, im Hofe der Burg erſchienen. Im Ge⸗ mache des alten Grafen Dedo verabredeten die Führer des Heeres den Schlachtplan, und lei⸗ ſteten die Pflicht durch ihren Handſchlag. Hugo, Herrmann und Rupprecht umarmten ſich, und ſchwuren einander treue Waffenbrüderſchaft. So gingen ſie alle zur Burgkapelle, wohin ſich — ——— 185 auch der Graf Dedo in ſeinem Lehnſeſſel tragen ließ. Der Burgkapellan weihete das Panier, und B der Graf ubergab es dem Sohne ſeines längſt ver⸗ ſtorbenen Bruders, einem tapfern Juͤnglinge, daß er daſſelbe in dieſer gerechten Fehde gegen den Bund der Böſen trage, und das zum Streit ver⸗ ſammelte Heer mit ihm zum Siege führe. „Nur mit meinem Leben will ich es laſſen,“ ſchwor der Edle, — und: „Gluͤck und Heil zum Siege in der gerechten Sache!“ riefen alle Ritter. Das Heer zog nun aus und in Schlachtordnung dem Feinde entgegen. Aber dieſer hatte ebenfalls ein nicht minder zahlreiches Heer verſammelt; denn des Ritters Bodo von Ursach Waffenbrüder, die tapfern und mächtigen Ritter von Wolfsfelden und Aspenthal, hatten ihm alle ihre Reiſigen zu⸗ gefuͤhrt, und ihnen hatten ſich noch mehrere gleich geſinnte Ritter mit ihren Mannen beigeſellt. Am Fuße des ſteilen Berges, deſſen Gipfel die Burg Ursach deckte, erwarteten ſie, auf einer ge⸗ räumigen Ebene geordnet, das feind⸗ liche Heer. Dieſes zog in wohlbedachter erchti daher, und in ſeiner Mitte wehete das Panier 186 der Schwarzenſteiner hoch in die Luft. Es wurde von mehreren tapfern Rittern geſchuͤtzt. Der Graf Hugo focht und befehligte hier ſelbſt, ſeine eigenen Reiſigen anfuͤhrend. Auf dem rech⸗ ten Flügel führte Herrmann, und auf dem linken Ruprecht die Krieger zur Schlacht. Zweihundert wohlgeübte Armbruſtſchützen waren rechts und links dem Panier, und eben ſo viel auf beiden Flügeln hinter die Reiter ver⸗ theilt, mit ihrem Geſchoß Unordnung unter die Feinde zu bringen, da ſie daſſelbe nur gegen die Roſſe anwenden ſollten; die geſchloſſenen Reihen aber hielten dieſe Schuͤtzen wohlverdeckt. — „Hier gerechte Fehde!“ war die Loſung dieſes Heeres, und wieder auf der andern Seite: „Hier Todzden Schwarzenſteinern!“ das Feldgeſchrei des Ursachers und ſeiner Bun⸗ desgenoſſen. So erwarteten beide Theile das Zeichen des Seh Hugo winkte, und die Ernpetn ſhmettet⸗ ten. Das Heer der Schwarzenſteiner hielt ſtill, und fälſchlich denteten die Feinde dieſes als Feigheit. Bodo von Ursach brach mit einem tarken Haufen vor, und wagte den erſten Angriff. 187 Da oͤffneten fich, zu beiden Seiten des Paniers, die Glieder der Schwarzenſteiner, und durch die Oeffnung ſendeten die Schuͤtzen eine Wolke von Polzen den Angreifenden entgegen. Sie hat⸗ ten wohl und ſcharf gezielt; denn eine ſtarke An⸗ zahl Roſſe ſtürzten verwundet zu Boden, oder baͤumten ſich, und warfen ihre Reiter ab. Eine große Verwirrung eutſtand. Im Augenblicke wa⸗ ren die geöffneten Glieder wieder geſchloſſen, die Trompeten ſchmetterten zum Angriff, und die Mitte des Schwarzenſteiner Heeres , zur Bekaͤmpfung der Feinde vor. Die in Unordnung gerathenen Ursacher wur⸗ den von den geſchloſſenen Schaaren ihrer Feinde im erſten Anritt geworfen, und in die Flucht ge⸗ trieben. Mit jugendlicher Hitze und Kühnheit verfolgte Hugo die fliehenden Feinde, und wagte ſich mit den Seinen zu weit zwiſchen ihre Schlachr⸗ ordnung. Die Ritter von Volfs felden und Aspen⸗ thal waren verſuchte und erfahrne Krieger. Sie hielten daher, als der Graf die Flüchtigen mit zu viel Hitze verfolgte, auf ihren Flugeln ſtill, und ließen die Verfolger in der Mitte durch. Kaum waren ſie durch, als die ßige růck⸗ 188 ten, und die Oeffnung ſchloſſen. Zahlreiche Hau⸗ fen, welche die kriegskundigen Anführer hinter den Flügeln aufgeſtellt hatten, griffen nun die vorgedrungenen Sch warzenſteiner von allen Seiten an, und verwickelten dieſe Schaar in ein blutiges Gefecht. Die geſchlagenen Urs⸗ acher ſammelten ſich nun ebenfalls wieder, ord⸗ neten ſich von neuem, und griffen die abgeſchnit⸗ tenen Schwarzenſteiner wuͤthend an, welche dadurch in eine bedenkliche Lage geriethen. „Hugo iſt in Gefahr! Nun iſt es Zeit!“ riefen Herrmann und Ruprecht einander zu, und in einem Augenblicke war ihre Schlacht⸗ ordnung verändert. Schon beim Anzuge waren, auf des ſchlachterfahrnen Ruprechts Rath, den Armbruſtſchuͤtzen ſtarke Haufen von Fuß⸗ knechten, mit Spießen bewaffnet, zugegeben wor⸗ den, um dieſe gegen die Angriffe der Reiterei ge⸗ wiſſermaßen ſicher zu ſiellen. Schnell wurden ſie in Schaaren geordnet, wo die Schützen mit ihrem Geſchoß angreifen, und die Spießknechte ſie vertheidigen konnten. Dieſe Schaaren wur⸗ den jetzt zwiſchen die Reiterharſte vertheilt, und nun vereint der Feind angegriffen. Tapfer wur⸗ den die Angreifenden empfangen. Schtrecklich war 139 das Gefecht, und wüthend ſchlug man ſich. Zi⸗ ſchend durchſchnitten die Schwerder die Luft, Tod und Wunden verbreitend. Von den Roſſen ſtuͤrz⸗ ten die Blutenden, und endeten jämmerlich un⸗ ter den ſtampfenden Hufen. Ueber die meiſten Harniſche floß das Blut in Strömen herab, und es freuete ſich der Tod ſeiner reichen Ernte. End⸗ lich aber ſiegte auch hier das Neue im Angriff. Noch einmal brachte das Geſchoß die Roſſe der Feinde in Unordnung, und es benutzten die Schwarzenſteiner dieſen kritiſchen Zeitpunkt auf das beſte, mit hoch geſchwungenen Schwerdern auf die Feinde einſtürmend. In dieſem Augen⸗ blicke gelang es einem Schuͤtzen, dem Ritter As⸗ penthal. durch das Gitter des Helmſturzes einen Polzen in das Auge, und durch daſſelbe in den Kopf zu ſchießen. Tödtlich verwundet ſank er vom Roſſe, und endete in den nächſten Augen⸗ blicken ſein Leben. Mit dem Falle ihres Ritters flohen entmuthiget die Aspenthaler Reiſigen, und die Schwarzenſteiner, hier Sieger ge⸗ worden, konnten nun ihrem hartbedrängten Waf⸗ fenbruder Hugo und ſeiner Schaar zu mſe kommen. Von zwei Stiten „war 43 w 190 Schaar nur durch eine loͤwengleiche Tapferkeit, wo ein jeder, ſelbſt der gemeinſte Knecht, als Held focht, gelungen, das Feld zu halten. Faſt alle Krieger dieſer Schaar waren mehr oder minder verwundet. Hugo kaͤmpfte blutend im dichteſten Gedränge mit dem Ursacher. Die⸗ ſer ſchlug jenem durch einen Gewaltſtreich das Schwerd aus der Hand, und er war nun in der größten Gefahr. Nur mit ſeinem Schilde konnte er ſich gegen die gewaltigen Streiche ſeines ſtarken Gegners einigermaßen decken. Da ſank ein treuer Knappe, der an Hugo's Seite focht, tödtlich verwundet vom Noſſe, und reichte, ſterbend ſchon, dem geliebten Herrn ſein Schwerd. Nun war dieſer wieder bewaffnet, und ſtuͤrmte von neuem wüthend auf ſeinen Feind ein. In eben demſelben Augenblicke drangen die ſiegenden Schwarzen⸗ ſteiner zur Hülfe herbei, und bald wendete ſich das Blatt. Der tapfere Thuͤrin ger hatte ſich ſchnell zu dem ermůdeten Freunde herangearbeitet, und nach wenig Streichen röthete ſich auch des Ursachers Harniſch. Der Ritter Wolfsfelden war bis zet cch nicht zur Flucht gebracht worden; als er aber des Aspenthalers Tod vernahm, und deſſen Rei⸗ 191 ſige fliehen ſah, zog er ſich in Ordnung zuräck. Die Ursacher horten die Trompeten des Wolfsfeldners, entwanden ſich nun eben⸗ falls, ſo gut ſie konnten, dem Gefechte, und warfen ſich, ihren Ritter an der Spitze, in die feſte und mit Allem wohlverſehene Burg Ursach. ₰ RRII. 6 Freudenvoll umarmten ſich nach dieſem har⸗ ten Kanipfe die Sieger auf dem Schlachtfelde, und feierten ihren Triumph. Alle Trompeten er⸗ tönten in fröhlichen Reihen, und die Trommeln der Fußknechte wirbelten dazu. Das Panier, obgleich mit ſeines Traͤgers Blute gefärbt, war immer aufrecht geblieben, und kam nun ſiegreich aus der Schlacht zurück. — Als der Feind ge⸗ wichen war, verband man die Verwundeten, und die Fuͤhrer hielten Heerſchau, um den Verluſt richtig ſchätzen zu können. Mancher Tapfere war gefallen, und wurde von ſeinen Waffenbräͤdern beklagt; doch eine weit größere Zahl noch hatten die Feinde verloren. Von den Verwundeten wa⸗ ren nur wenige am Leben geblieben; denn die * meiſten hatten im Getümmel des mnin der Roſſe Hufen geendet. Gefangen war keiner, der nicht ſchwer verwundet war, da ein jeder ſo lange kämpfte, als er das Schwerd zu heben vermochte. Selbſt alte, erfahrne Krieger ſchau⸗ derten uͤber die Wuth, mit welcher man ſich ge⸗ ſchlagen hatte. Ein Eilbote brachte dem alten Grafen Dedo die freudige Nachricht von der gewonuenen S chlacht. Er ward ſogleich wieder zurückgeſendet, und eine lange Reihe Wagen, mit Speiſen und Wein be⸗ laden „oder zum Fortſchaffen der Verwundeten⸗ folgte ihm nach dem Schlachtfelde. Die Sieger erquickten ſich nun nach der langen und ſchweren Blutarbeit wieder, und auch den Verwundeten reichte man ihr Theil. i Da erſchien eine webich Geſtalt, in Trauet⸗ kleidern, „auf einem Wagen, „von zwei Knechten begleitet. Sie forſchte nach dem Anführer des Heeres, und man brachte ſie zu dem Grafen Hugv. Es war die Wittwe des getödteten Rit⸗ ters Georg von Aspenthal. „Edler Herr! — ſprach die Wittwe 66 trůbt — Ihr ſeyd zu bieder, als daß Ihr meine Bitte nicht gewähren ſolltet. Gebt mir den Leichnam meines Georgs verſoͤhnt und im Frie⸗ 193 den, quf daß er die ewige Ruhe finde an der Seite ſeiner Vaͤter. Er war ein Vaſall ſeines Lehns⸗ herrn, und folgte ihm als ſolcher in die Schlacht; darum werdet Ihr der armen Wittwe und ihrem verwaiſeten Söhnlein gewiß den Frieden ſchen⸗ ken.“ „Es ſey Euch nicht allein dieſes alles ge⸗ währt — ſprach der Graf troſtend zur Wittwe— denn der Todte iſt mein Feind nicht mehr, und kriege ich nicht mit Wittwen und Waiſen; ſondern ich werde auch Euch und Euer Kindlein nach allen Kräften ſchuͤtzen. Euer Eheherr fiel in offener Feldſchlacht; darum ſoll ſeinem Leichnam die Ehre wiederfahren, die dem in ehrlicher Fehde gefal⸗ lenen Ritter gebuͤhrt. Sehet! dort nahen ſich ſchon die frommen Mönche aus dem Kloſter des heiligen Auguſtins, den Todten ihr ewiges Seelenheil zu befoͤrdern; auch über den Leichnam Eures im ehrlichen Kampfe gefallenen Gemahls werden ſie beten, und dann möget Ihr ihn in Gottes Namen nach der Burg ſeiner Väter fuͤh⸗ ren.“ Und es geſchah alſo. Die Moͤnche zogen mit Kreuz und Fahnen heran, und hielten den Ge⸗ tödteten das Seelenamt. Auch bei dem Leichnam N 194 Georgs von Aspenthal beteten ſie, und beſprengten ihn mit dem geweiheten Waſſer. Dann legten ihn die beiden Knechte auf den Wagen, und fuͤhrten ihn, benetzt von den Thraͤ⸗ nen der betrübten Wittwe, nach ſeiner Burg heim. Mit dem grauenden Norgen des andern Ta⸗ ges brach nun das ſiegreiche Heer auf, und zog vor die Burg Ursach, die von allen Sei⸗ ten umlagert wurde. Ein Trompeter wurde ge⸗ ſandt, den Ritter Bodo aufzufordern, die Burg zu uͤbergeben. „Dies meine Antwort!“ brüllte Bodo von der Mauer herab dem Trompeter entgegen, und ein Polzen, abgeſchoſſen von des Ritters eige⸗ ner Hand, kam auf dieſen zugeflogen. Er traf klirrend auf die Trompete, die er in ſeiner Hand hielt, verwundete aber nicht den Mann, dem ſie diente. „Das ſoll Euch gereuen!“ rief dieſer mit Wuth zum Ritter hinauf, und klet⸗ terte den Burgberg wieder herab. Noch meh⸗ rere Polzen kamen ihm doch kei⸗ ner traf ihn. Der Graf Hugo, die Ritter und das ganze Heer waren im höchſten Grade aufgebracht über 195 dieſes unredliche, gegen den Fehdegebrauch lau⸗ fende Betragen des Ritters, und ſchwuren in Verderben. Es wurden alle Anſtalten getuffen die 2urg zu ſtürmen. Die Belagerten ſahen dies, und ſetzten jenen die kräftigſten Anſtalten zur Ab⸗ wehr entgegen. Die Nothflamme ſchlug von der Warte hoch empor, und war ein Rufzeichen für den Ritter Wolfsfelden, mit dem Beiſtande zu eilen. Die Schwarzenſteiner waren deshalb auf ihrer Hut, und einem Ue⸗ berfalle zu begegnen. Der Sturm begann. Wuthend war der An⸗ fall, eben ſo wuthend die Gegenwehr. Mit Steinen, kochendem Waſſer und herabrollenden Balken wurde Manchem ſchon beim Heraufklim⸗ men des Berges der Tod zubereitet. Nun deckte man ſich durch Sturmdächer, und unter ihrem Schutze gelangte man an die Mauern. Man erſtieg ſie auf Leitern, aber auch auf dieſem Wege umfing der Tod noch viele von den Stin⸗ menden mit ſeinen knöchernen Armen. Endlich war die Höhe erſtiegen, und ein neuer Streit begann, in welchem der Ritter Ruprecht von Geyersberg ſchwer verwundet wurde. Doch N2 196 das Blut aus mehreren Wunden uͤber Bodo's Harniſch herabſtrömte, mußten die Belagerten weichen. Sie zogen ſich nach einer Mauer zuruͤck, welche die Hauptpforte der Wohngebäude deckte, und mit einem ſtarken Fallgitter verſehen war. Plötzlich ſtürmte der Ritter Wolfsfelden mit einer ſtarken Kriegerſchaar aus dem Burg⸗ gebäude heraus auf den Hof, und die Stur⸗ menden wurden, durch dieſen unvermutheten Ausfall überraſcht, wieder nach der Mauer zuruͤck gedrängt. Mit hoch geſchwungenem Schwerde drang Wolfsfelden auf Hugo ein, den die Wun⸗ den, die er in der Schlacht am vorigen Tage em⸗ pfangen hatte, an kräftiger Gegenwehr hinder⸗ ten, und er wuͤrde gewiß unter ſeines Gegners Schwerde geendet haben, wenn nicht im entſchei⸗ denden Augenblicke Herrmann abermals ſein Schutzgeiſt geworden, und ihm zu Hülfe geeilt wäre. Er deckte den Sinkenden mit ſeinem Schil⸗ de, und im nächſten Augenblicke ſchmetterte das Schwerd ziſchend ind mit ſolcher Kraft auf Wolföfelden nieder, daß ſein Schild geſpal⸗ ten wurde. Er wich, und der vom ſtarken Blut⸗ nach einem langen, harten Kampfe, und als auch — — 197 —————— verluſt in Ohnmacht hingeſunkene Hugo konnte nun zuruͤckgebracht und verbunden werden. Wie zwei wuͤthende Löwen kämpften jetzt die beiden Ritter Herrmann und Wolfsfelden mit einander. Hageldicht fielen die Streiche, welche ſie auf einander fuͤhrten. Schon waren veide verwundet; da führte Wolfsfelden einen furchterlichen Streich auf ſeinen Gegner. Er traf den vorgeworfenen Schild deſſelben, dieſer wurde ebenfalls geſpalten, und Herrmann kam dadurch in eine gefahrliche Lage, da ſein Feind ſo ſtark als behend war. Er empfand dieſes wohl, und es mußte daher ein baldiger Ausgang des Kampfes bewirkt werden. Es führte alſo im nämlichen Augenblicke Herrmann, ſo beſonnen und ſchnell, als mit aller zuſammen genommenen Kraft, einen der⸗ maßen gewaltigen Streich auf ſeinen Gegner, daß ihm der Helm und Kopf zerſchmettert wurde, und des Schwerdes Schärfe tief in den Schädel drang. Todt ſank nun der Ritter von W Wolfs⸗ felden nieder. Sein Fall lähmte die Gegen⸗ wehr der uͤbrigen Krieger, und ſie wichen nach den Gebaͤuden zuruͤck. Mit lautem Siegesgeſchrei drangen jetzt die Schwarzenſterner von Neuem auf die Weichenden ein, und in kurzem war nun ₰ 198 die Burg ganz erobert. So emſig man aber auch in den Gebaͤuden nach dem verwundeten Ritter Bodo ſuchte, ſo war man doch nicht vermögend, ihn zu finden. Auch waren der Gefangenen weit weniger, als man gehofft hatte. Verwundert ſtürmte der Siegerhaufen in der ganzen Burg um⸗ her, und ſuchte immer vergebens, bis endlich ein gefangener Knecht Bodo's geſtand, daß ſein Herr durch eben den unterirdiſchen Gang nach der benachbarten Burg Wolfsfelden gebracht wor⸗ den ſey, durch welchen der Herr derſelben im Ge⸗ heim gekommen wäre, und daß ſich die uͤbrigen nicht verwundeten Reiſigen ebenfalls dahin ge⸗ rettet haͤtten. Er fuͤhrte die Sieger dahin, und man fand die feſie eiſerne Thuͤr des Ganges von innen verſchloſſen. Der Graf befahl, und mit großer Mühe wurde die ſtarke Thür geſprengt. Sie führte in dem unterirdiſchen Gange fort, erſt tief in die Erde hinab, und dann wieder bergauf. Da verſperrte ihnen eine zweite, noch weit ſtaͤr⸗ kere, eiſerne Thuͤr den Ausgang, und dieſe mußte von oben ſtark verſchuttet worden ſeyn, denn alle Anſtrengungen, ſie zu öffnen, waren vergebens. Es blieb alſo kein anderer Weg übrig, die Burg Wolfsfelden zu erobern, als durch Hunger⸗ 199 da ſie auf dieſem ſteilen Felſen nicht erſtuͤrmt wer⸗ den konnte. Sie blieb deshalb von einer ſehr ſtarken Schaar der tapferſten Reiſigen eingeſchloſ⸗ ſen, da das Heer wieder heimzog. Als die Eroberung der Feſte Ursach ganz entſchieden war, und man nach dem entflohenen Bodo ſelbſt in den unterirdiſchen Gewölben ſuchte, hoörte Herrmann eine weibliche Stimme wimmern. Ein alter, gefangener Knecht, der Herrmann und ſeinen Knappen Diethelm führte, brachte ſie an eine Thür. Sie ward ge⸗ ſprengt, und in einem kleinen Gewölbe lag eine weibliche Geſtalt auf einem Lager von moderndem Stroh. „Biſt Du es, Kunz? — ſtohnte ſie matt und dem Tode nahe — bald werde ich ausgelitten haben, und bedarf Deines Brodes nicht mehr.“ „Ihr ſeyd frei, edles Fräulein! — ſprach jetzt der Alte — hier iſt ein edler Ritter, der die Burg erobern half. Bertram iſt erſchlagen⸗ und Bodo eufflohen.“ „Zu ſpät wird mir die Rettung — eutgegnet die Geſtalt mit kaum vernehmbarer Stimme 200 denn es hat der Gram und die dunkle Kerkerluft meine Lebenskräfte aufgezehrt. Bald habe ich ůberwunden. — Habe Dank, lieber F Deine Pflege.“ — „Noch iſt nicht alle Hoffnung verloren, Euet Leben zu erhalten — troſtete Herrmann die Sterbende — Ihr ſeydi in guten Haͤnden!“ „Meine Stunde hat geſchlagen — erwiederte das Fräulein mit ſichtbarer Anſtrengung — dar⸗ um höret mit wenig Worten die Geſchichte meiner Leiden. Ich lebte als die einzige Tochter auf der Burg meines Vaters, des Ritters von Adler⸗ horſt. Bodo von Ursach ſah mich einſi, und entbrannte in nureiner Liebe. Das Geruͤcht ſprach nur Böſes von ihm und ſeinem Bruder. Sch konnte ihn nicht lieben, und bat meinen Va⸗ ter um Schutz gegen den Zudringlichen. Er gab meine Abneigung dem Ritter zu erkennen, und dieſer wüthete im Innern, während er, ſich außer⸗ lich verſtellend, lächelnd davon ritt.“ „Wir lebten ſorglos; denn mein Vater hatte, im hohen Alter Ruhe zu haben, mit allen Burgnachbarn Friede. Da wurden wir einſt in der Nacht durch den Nothruf des Lärmhorus von der Burgwarte aus dem Schlafe geweckt. — 201 Kaum konnten wir uns in die Kleider werfen, als wir auch ſchon durch das Schwerdergeklirr auf dem Burghofe uͤberzeugt wurden, daß wir uͤber⸗ fallen wären, und die Burg bereits in Feindes⸗ haͤnden ſey. Da ſtürmten Männertritte klirrend die Treppe herauf, und mein Vater etgi ſein Schwerd.“ nn „„Ich komme, Euch heimzuholen, meine ͤberzärtliche Taube — bruͤllte Bodo von Urs⸗ ach, als er durch die geſprengte Thuͤr herein⸗ ſtürmte — darum mögt Ihr Euch zur Reiſe — reiten.““ „„So lange ich lebe, nicht!“““ entgegnete mein Vater; und es begann nun zwiſchen dieſen beiden der Kampf. Er war nur kurz; denn Bodo war geharniſcht, mein Vater aber nur im leichten Hauswamms; jener ein kraftvoller Mann, dieſer aber ein ſchwacher Greis. — Er erlag daher bald den wuͤthenden Streichen des eingedrungenen Räubers, und ſank mit geſpalte⸗ nem Haupte in des Todes geöffnete Arme, ich aber in eben demſelben Augenblicke in eine tiefe Ohumacht. Als ich wieder erwachte, fuͤhlte ich mich getragen, und bald darauf mußte ich den ſteilen Burgberg herauf ſteigen, auf welchem dieſe 202 Burg liegt, und ſah auf dieſem Wege den Him⸗ mel gerothet von der brennenden Burg meines Vaters, deſſen Leichnam von den Flammen verzehrt wurde.“ „Von nun an beſtürmte nich 8 Ritter Bodo auf das heftigſte, ſeinen Luͤſten zu fröh⸗ nen, und als ich mich mit allen Kraften ſogar einer Gewaltthat erwehrte, ließ er mich in dieſen Kerker ſperren. — Wie lange ich hier geſeſſen habe, weiß ich nicht.— Dieſer alte Mann hatte Mitleiden mit mir, und nährte mich heimlich.— Auch mögen wohl noch mehrere ſolche Schlachtopfer in den Ver⸗ ließen der Burg ſchmachten. — — Nun aber, ich fühle es — Ritter! — iſt mein letztes Stuͤndlein gekommen, — wo ich — abſcheiden ſoll — aus dieſer Welt. — Wie ſehne ich — mich noch — zu beichten und der . — Sunente — theilhaftig zu werden . „Diethelm! Kunz! — jetzt voll Eifer — ſchnell greift an, wir wollen das Fräulein hinauf tragen, damit ihr frommer Wunſch gewährt werde.“ Und ſie erhoben die Lebensmüde ſanft, und trugen ſie die Treppen hinauf. Doch als ſie die friſche Luft der Oberwelt wieder einſog, da neigte ſie — — 203 vlötlich ihr Haupt/ und ſi ſtöhnte leiſe: „Habt— Dank — Ihr — Lieben — es — iſt — nun — poll⸗ bracht.— — Ihr lange geaͤngſtigter Geiſt entwand ſich jetzt der ſterblichen Hülle, und ſchwang ſich auf in die ſeligen Wohnungen des ewigen Friedens. Die Ritter ſtaunten mächtig⸗ „als Herr⸗ mann mit den Küappen die Leiche i in die Ver⸗ ſammlung brachte, und ihre Geſchichte wieder⸗ gab. Alle fluchten dem Böſewicht Bodo, die⸗ ſem unwürdigen Mitgliede der Ritterſchaft, und bedauerten das Schickſal der ungluͤcklichen Agnes von Adlerhorſt. Schon vor zwei Jahren war die Burg ihres Vaters, des Ritters Burkhard von Adlerhorſt, ganz unvermuthet in Flam⸗ men aufgelodert, und die zu Hülfe eilenden Nach⸗ barn hatten das Thor verſchloſſen, auf dem Hofe aber die Leichen der Knechte in ihrem Blute ge⸗ funden. Der Ritter und ſeine Tochter wurden verz mißt. Jedermann hatte ſich uͤber dieſen unbermu⸗ theten Vorgang gewundert, die Veranlaſſung aber nicht ergründen können, und jetzt erhielt man auf einmal einen ſo ſchauderhaften Aufſchluß. Herrmann erinnerte ſich der Vermuthung des Fräuleins, daß wohl noch mehr ſolche Schlachtopfer der Verruchtheit dieſer beiden Brü⸗ 204 der in den Verließen der Burg ſchmachten möch⸗ ten, und Kunz fuͤhrte ihn mit mehreren Rittern im Burgverließ an eine Stelle, wo man einen halbvermoderten weiblichen Leichnam entdeckte. Von einem andern ſah man nur noch das Gerippe in Ketten haängend. Der Knappe geſtand, daß dieſes ebenfalls Schlachtopfer der Wolluſt der bei⸗ den Bruder von Ursach geweſen wären, wel⸗ cher man überdruͤßig geworden ſey, und er ent⸗ ſchuldigte ſich damit, daß er das traurige Schick⸗ ſal dieſer Unglücklichen ſtets nach Kräften gelin⸗ dert habe, daß aber die fuͤrchterlichſte Todesart als das Loos eines jeden gefallen ſehn wuͤrde, der ſich geweigert haͤtte, die Befehle der Ritter zu vollziehen, da beſonders Bodo ein Wutherich geweſen ſey. Dieſen verabſcheuungswuͤrdigen Lſenicht z fentlich vor dem kaiſerlichen Gaugericht zu ver⸗ klagen, war der einſtimmige Schluß aller an⸗ weſenden Ritter, und Herrmann machte ſich anheiſchig, als Kläger gegen Bodo aufzutreten. Am andern Morgen fand man den alten Kunz durch einen Dolchſtich ermordet, und ein gefangen geweſener Knecht, welcher, wie alle ſeine Waffen⸗ geſellen, die Freiheit wieder erhalten hatte, und — 205 mit ihnen in Hugo's Dienſie getreten war, wurde vermißt. Der lebhafteſte Verdacht fiel auf ihn, daß er Kunzens Moͤrder geweſen ſey. Er war nirgends zu finden, ſo eifrig man anch nach ihm ſuchte. Es wurde auch immer gewiſſer, daß Hugo an dieſem Knechte eine Schlange gewon⸗ nen habe, welche nicht ermangeln werde, bei der erſten Gelegenheit ihren jetzigen Herrn zu ſtechen. Doch ſchon an dieſem Vormittage noch wurde der Böͤſewicht von ſeinem Geſchicke ereilt. Er wollte ſich durch die Wachen hindurch auf die um⸗ lagerte Burg Wolfsfelden ſchleichen, um zu ſeinem ehemaligen Herrn zu gelangen. Schon war er die Hälfte der Felſen hinauf geklettert, als ihn ein Armbruſtſchutze noch erblickte. Er gebot ihm Stillſtand, und da der Kletternde dieſes Rufs nicht achtete, ſo druckte endlich der Schuͤtze die Armbruſt ab. Der Polzen ſchwirrte durch die Luft nach ſeinem Ziele hin, traf, und mit einem lauten Schrei ſtuͤrzte der Getroffene die ſchon er⸗ krommenen Felſen wieder herab. Den ganzen Körper zerſchmettert, lag er am Boden. Noch lebte er, und man brachte ihn röchelnd vor die Ritter. Er ſchwieg zu allen Fragen, und knirſchte mit den Zähnen vor innerlicher Wuth. Da um⸗ 206 fingen ihn endlich die Arme des Todes, und jauch⸗ zend nahm die Höͤlle ſeine Seele als Beute auf. Die Eroberung der Buig Vorfofelden ver⸗ zog ſich in die Lange. Unterdeſſen waren Bodo's Wunden wieder geheilt, und ſein Arm erſtarkt. Schon zweimal hatte er perſönlich in gewagten Ausfällen gefochten, doch hatte er nicht ver⸗ mocht, die Belagerer zu „und die Burg zu XKIV. Das Gaugericht verſammelte ſich in der kaiſerlichen freien Reichsſtadt Coſtnitz am Bo⸗ denſee, und ſeine Sitzungen wurden oͤffentlich auf dem Markte in einer offenen Halle gehalten. Es harreten der kaiſerliche Gaugraf und die ihm zugeordneten adelichen Schöffen des Er⸗ ſcheinens der Partheien. Da traten der Graf Hugo von Schwarzenſtein, die Ritter Ruprecht von Geyersberg und Hert⸗ mann von der Ettersburg mit dem Knap⸗ pen Diethelm vor die Gerichtsbank, und Herrmann erhob als Klaͤger ſeine Stimme: 207 „Ich Herrmann, adelicher, ſchildbuͤrtiger Ritter, erbgeſeſſen auf der Burg Ettersburg im Lande Thuͤringen, klage hiermit vor Euch, Richter und Schoͤffen, von wegen kaiſerlicher Majeſtat beſtellt, zu halten ein rechtes und freies Gericht uͤber die, ſo da Böſes thun, den Ritter Bodo von Ursach an: des Jungfrauenraubes, Verletzung des Gottesfriedens, und des Mordes an dem Ritter Burkhard von Adlerhorſt. Ich klage, klage, klage gegen Bodo zum erſten andern und dritten Male.“ * „Eure Klage iſt ſchwer, ehrſamer Ritter! — ſprach der Gaugraf — doch wie mögt Ihr die⸗ ſelbe beſtaͤrken, und den Angeklagten der Ver⸗ brechen uͤberweiſen, durch Zeugen oder das Schwerd?“ „Ich traf — verfolgte Herrmann ſeine Rede vor dem Gericht — den Ritter Bertram von Ursach an, als er die Grafin Emma von Schwarzenſtein gewaltſam rauben wollte. Er fiel unter meines Schwerdes Streichen, und endete reumuͤthig, indem ſein letztes Wort noch ſeinen Bruder Bodo wegen dieſes Raubes an⸗ klagte; davon iſt der gegenwärtige Ritter bon Geyersberg Zeuge.“ 208 „Als ferner Emma's Vater den Leichnam des erſchlagenen Dirnenraubers an ſeinen Bruder Bodo nach der Burg Ursach ſendete, damit er, unverdient, ein ehrliches Begrabniß erhalte, hat mich dieſer Bodo einen Meuchelmörder geſchol⸗ ten. Den Grafen Hugo von Schwarzen⸗ ßein „welcher hier mit vor Euch ſht „rufe ich hierüber zum Zeugen an.“ „»Und nachdem endlich in der gerechten Fehde zwiſchen dem Vater der gergubten Tochter und dieſem Bruder ihres Räubers die Burg Ursach erobert worden war, fand ich nebſt dieſem mei⸗ nem frei⸗, obgleich nicht adelich⸗gebornen Knap⸗ pen Diethelm, geführt durch einen alten Knecht des Ursachers, das Fraͤulein Agnes von Adlerhorſt in einem Verließ, liegend auf mo⸗ derndem Stroh. Alle ihre Kräfte waren dahin, und nur noch mit ſchwacher Stimme konnte ſie den Ritter Bodo von Ursach des hinterliſtigen, unerwarteten Ueberfalls der Burg, ſo wie des Mordes ihres alten Vaters, und endlich noch darüber anklagen, daß er ſie geraubt, auch, da ſie ſich ſeinen Angriffen auf ihre jungfräuliche Ehre ſtandhaft widerſetzt, in das Verließ ge⸗ worfen habe, wo ſie langſam verhungert ſeyn ——— S 209 würde, wenn ihr nicht das Mitleiden eines alten Knechts zu Theil geworden wäre. Die Unglͤck⸗ liche ſtarb, als ich ſie mit dieſem meinem Knap⸗ pen und dem alten Knechte Bodo's die Trep⸗ pen herauf trug. Der alte Knecht aber endete in der folgenden Nacht, durch den Dolchſtoß eines andern Knechtes, welcher darauf zu Bodo entfliehen wollte, und auf dieſer Flucht durch einen Schützen erſchoſſen wurde, ſein Leben. — Aber nicht dieſe edle Jungfrau allein ſchmachtete an zwei Jahre hindurch in dem dumpfigen Ver⸗ ließe; auch noch zwei andere weibliche Weſen en⸗ deten in demſelben, wovon wir alle die deutlich⸗ ſten Spuren fanden.“ „Dies iſt meine Klage. Darum moͤget nun Ihr, Ihr Richter! unterſuchen und richten, wie Ihr es nach Eurer Weisheit als recht findet.“ „Ritter! Ihr habt wohl geſprochen — ant⸗ wortete jetzt der Gaugraf — doch muͤſſen wir zuvor auch den Beklagten hören, auf daß unſer Urtheil recht und unpartheiiſch ſey. Darun la⸗ den wir Euch und Euere Zeugen auf heute uͤber ſieben Tage vor dieſes unſer freies iſerliches Gericht, wo der Ritter Bodo ſich 6e 240 Am Morgen des ſiebenten Tages verſam⸗ melte ſich abermals das Gericht, und Herr⸗ mann erſchien mit dem Grafen Hugo, dem Ritter Ruprecht und dem Knappen Diet⸗ helm zu rechter fruͤher Zeit vor der beſetzten Gerichtsbank. — Die Zeugen ſchwuren, daß es die reine, lautere Wahrheit ſey, wie Herr⸗ mann geklagt habe. Alle traten auf die Seite, und Bodo erſchien vor dem Gericht. Der Gaugraf trug ihm die Klage Herr⸗ manns vor, und machte ihn mit den Zeugen⸗ ausſagen bekannt. Er ermahnte ihn auf das beweglichſte, Gott die Ehre zu geben, und die reine Wahrheit frei und unumwunden zu ge⸗ ſtehen. Aber Bodo lächelte höhniſch. „Wie mogt Ihr, Herr Gaugraft und Ihr, edle Schoͤffen dieſes kaiſerlichen, ofſenen Ge⸗ richts! — begann er jetzt ſeine Vertheidigung — die Klage eines Menſchen als wirkſam anneh⸗ men, der als Ebentheurer aus weiter Ferne in dieſen Gau gekommen, und von dem Niemand weiß, ob er auch in der That zum Ritter ge⸗ zun 8 ſchlagen ſey. Alle ſeine Klagen find Lügen und erſonnene Mährchen. Was mein Bruder gethan hat, weiß ich nicht, da ich nur erſt wenige Wo⸗ 214 chen vorher, ehe ihn dieſer Bube meuchlings erſchlug, vom Hoflager des Biſchofs von Baſel nach der Burg meiner Väter zuruͤck kam. Ich habe nie von dem Fräulein Agnes von Ad⸗ lerhorſt das Geringſte gehoͤrt, noch gewußt, daß ſie im Verließe meiner Burg liege. Eben ſo iſt mir unbekannt, was der Graf Hugo und der Ritter von Geyersberg von weibli⸗ chen Leichnamen und Gerippen ausgeſagt und beſchworen haben, da ich ſeit meiner Jugend nicht in das Verließ meiner Burg gekommen bin. Die Zeugen verwerfe ich; denn ſie ſagen nur nach Hörenſagen aus, ſind auch in der Fehde gegen mich befangen, und können dem⸗ nach als Feinde nicht gegen mich zeugen. Hat ſich aber der Ritter von der Ettersburg gerechtfertiget, daß er ein ſchildbuͤrtiger, und durch Ritterſchlag gewordener aͤchter und rechter Ritter ſey, ſo will ich ihm im Gottesgerichts⸗ kampfe beweiſen, daß er verläumderiſch gelogen, ich aber die Wahrheit geſprochen habe. Der Herr entſcheide zwiſchen uns!“ — — „Den Gottesgerichtskampf nehme ich an — S2 rief Herrmann jetzt muthvoll aus — und bitte Euch, Herr Gaugraf und adeliche, ſchilbbare d 2 212 Schöffen! um die Wappenſchau, damit es be⸗ wieſen werde, ich ſey ein adelicher, ieüh Ritter.“ Der Gaugraf und die Ritter des Gerichts prüften nun das Wappen des Geſchlechts der Ettersburge auf das genaueſte, und nach ge⸗ ſchehener Pruͤfung ſprachen ſie aus: „daß der ge⸗ genwärtige Ritter Herrmann ein adelicher, ſchildbarer, turnierfaähiger Ritter ſey, der mit Recht beſtehen könne den Gottesgerichtskampf, welcher am dritten Morgen von heute an be⸗ ginnen ſolle. Gott werde entſcheiden, was Recht — „Er entſcheide!“ rief Bodo, und warf ſei⸗ nen Handſchuh in den Sand. „Er wird richten nach ſeiner Gerechtigkeit!“ ſprach Herrmann ganz ruhig, und hob den Handſchuh auf. Beide Ritter gelobten nun durch gandſchlug daß ſie ſich am drirten Morgen auf dieſem Plaue um Gottesgerichtskampfe ſiellen wollten. Dem Sieger wurde freies kaiſerliches Geleit verſichert, und die Verſammlung ging dann aus einander. † —— Auf dem Marktplatze zu Coſtnitz wurde vor der Gerichtshalle der Kampfplatz bereitet, und am Abend vor dem entſcheidenden Tage des Gottes⸗ gerichts trafen die beiden Ritter in dieſer alten Reichsſtadt ein. Herrmann ſchlief mit dem Bewußtſeyn der guten Sache im Herzen ſanft. Im ſußeſten Traume erſchien ihm ſeine verewigte Ida in Engelsgeſtalt, und reichte ihm des Sieges Palme dar. „Du kämpfeſt morgen fruͤh für die gerechte Sache, mein Herrmann! — ſprach ſie zu ihm, und der Ton ihrer Stimme war ihm Engels⸗ harmonie — darum ſey getroſt im Kampfe ge⸗ gen den Böſewicht. Der gerechte Richter im Himmel wird Dir den Sieg verleihen; ich aber werde Dich unſichtbar eee und Schutzgeiſt ſeyn.“ 35 Als Herrmann uun am Morgen Schte fühlte er ſich doppelt geſtärkt durch das hehte Traumgeſicht. Im nahen Don inikane kloſter beichtete er, und epfus a Saci ment. 244 Geharniſcht und mit Schwerd und Schild erſchien er zur Stunde des Gerichts auf dem Kampfplatze. Die Schranken deſſelben umgab ſchon längſt eine große Menge Volks, und Herrmanns Freunde waren in ihren erſten Reihen. Bald darauf erſchien auch Bodo, auf gleiche Weiſe, wie ſein Gegner, gerüſtet. Vier ſchwarz gekleidete Knappen brachten jetzt einen Sarg auf der Bahre, und ſtellten ihn zur Seite auf den Kampfplatz hin. Er war das Zeichen, daß von den beiden Kämpen nur Einer lebendig den Kampfplatz verlaſſen könne. Bis jetzt hatte die Morgenſonne lieblich und hell geſchienen; nun aber barg ſie ſich hinter ſchwarze Gewitterwolken, die drohend über dem Kampfplatze am Himmel hingen. Es verſammelten ſich die Ritter des Gerichts in der Halle, und in ihrer Mitte der Prior der Dominikaner. In ſeiner Hand trug er das Bildniß des Gekreuzigten. Die Stunde des Kampfes ſchlug, und von ſeinem Sitze erhob ſich der Gaugraf, und ſprach feierlich: 4 „Im Namen Kaiſerlicher Majeſtät! — Sagt an, ehrſame Ritter und Schöffen dieſes 2¹⁵ freien, kaiſerlichen Gerichts! Kann und ſoll nun beginnen ein achtes und rechtes Gottesgericht zwi⸗ ſchen den anweſenden beiden Rittern, ſo es ver⸗ langt haben?“ — 33 „Es kann und ſoll zcic — me der aͤlteſte Schoͤffe — wenn die Ritter noch dabei be⸗ harren.““ „So tretet denn herzu, Ihr beiden Kan pfer! — ſprach der Gaugraf ferner — und ant⸗ wortet mir: Wollet Ihr noch die Entſcheidung Eurer Sache einem Kampfe auf Leben und 2b uͤberlaſſen?“ . Und beide Ritter antworteten: „Ja!“ „Sind Euch die Geſetze des Kampfes be⸗ kannt?“ „Sie ſind's!“ „Habt Ihr Euch nicht auf verbotene Veiſ mit gefeyeten Waffen verſehen, noch an Euch verborgen geheime Amulette, oder dem etwas Aehnliches?“ „Nein!“ „Nun ſo ſchwoͤret denn auf dieſes Kreuz: daß Ihr nur auf erlaubte Weiſe geharniſcht und be⸗ waffnet ſeyd; auch daß Ihr Euch genau achten wollet nach den Geſetzen des Kampfes. 2¹6 Es wurden nun die Ruſtungen und Waffen der Kaͤmpfer auf das genaueſte unterſucht, und als⸗ dann ſchwuren ſie auf das vorgehaltene Kruzi⸗ fir, redlich zu fuͤhren den Kampf, ohne Zau⸗ berei und Hinterliſt, auch ſich in zu ichten nach den Geſetzen. Da erſcholl ein nahes gtctein „ und der Gaugraf ſammt den Richtern und den beiden Kämpfern ſielen auf die Knie. Der Prior aber erhob ſeine gefalteten Hände zum Himmel auf, und betete laut und eifrig zu Gott, daß er in dieſem Kampfe den Gerechten laſſen wolle. Als ſich nun nach dem Gebet Alle wieder von der Erde erhoben hatten, 8 der laut: „Lößner! theile Sonne und Wind zwiſchen ven beiden Kämpfern, und gieb jedem gleichen Vortheil. Herold! rufe aus nach allen vier Winden: „„Der Tod werde dem durch Henkers⸗ hand, welcher während des Kampfes den Käm⸗ pfern zuruft, oder ſie durch Schreien, Worte oder noch dergleichen ſtört, und S , oder Zeichen giebt. Der Lößner that, und der Herord , 5 ——————————— — — ——— ,—— —— „ wie ihm geboten war. Eine todtenãhnliche Stille 217 ruhete auf allem zuſchauenden Volke. Dann ſprach der Gaugraf abermals mit Stimme: „Der Kampf beginne nun, und atſcheſtet Tromnpetet „gebt das Zeichen nach des Loßners Wink. Mit dem dritten Trompetenſtoße thut der Ritter Herrmann als Kläger den Erſten Streich. Des Reichs Acht und Bann ich aus ůber den, der eher ſchlägt.⸗ Der Lößner winkte, und die Trompeten er⸗ tönten. Und als ſie zum drittenmale ſchmetter⸗ ten, fuhr Herrmanns Schwerd krachend auf ſeines Gegners vorgeworfenen Schild nieder. Es begann nunmehr ein fürchterlicher Kampf. Bodo kaͤmpfte mit der Wuth eines gereizten Tigers, Herrmann aber mit kalter Beſonnen⸗ heit. Lange währte dieſer ſchreckliche Kampf, und ſelbſt alte, erfahrne Kampfhelden geſtanden ſich, an Furchtbarkeit noch keinen dergleichen geſehen zu haben; da wurde Bodo zweimal kurz nach einander verwundet, dadurch aber noch wühei gemacht, er 248 Schwerder blitzten gegen einander, und die Streiche fielen krachend auf Schild vder Harniſch nieder. Kein Theil wich dem andern. Aber je raſender Bodo focht, deſto kaltbluͤtiger Herr⸗ mann alle ſeine Angriffe vereitelte. Indeſſen konnte doch dem Wuͤthenden ein Streich gelingen, und ihm den Sieg geben, und deshalb ſei⸗ nen Freunden um ihn. Die Blicke aller Zuſchauer iiisen denchüch an dieſem Kampfe, und die Bruſt eines jeden war beengt von der Erwartung. Herrmanns Freunde aber beteten im Stillen zu Gott um ſei⸗ nen allmächtigen Beiſtand für ihn, der füͤr die gerechte Sache gegen einen Böſewicht kämpfte, und der allgewaltige Herr des Himmels und der Erde erhörte ihr heißes Flehen. Er ſelbſt entſchied den Kampf ſo ſchrecklich als gerecht. Eben ſchwang Bo do mit einem grůßlichen Fluche ſein Schwerd in die Höhe, um abermals einen vernichtenden Streich auf Herrmann zu führen; da öffnete ſich plötzlich die Gewitter⸗ wolke, die ſchon lange ſchwarz und drohend uͤber dem Kampfplatze gehangen hatte. Ein blen⸗ dender Blitz fuhr ziſchend hernieder und — Won ihm erſchlagen — —ſtuͤrzte rief dem Ritter, welchem Gott ſo ſichtbar bei 2⁴9 der ſchuldbetadene Bodo todt en⸗ nieder. Herrmann ſtand, vom Feuer des Vlitzes S geblendet, und vom Krachen des erderſchüttern⸗ den Donners betaͤubt, auf dem Kampfplatze. Als er ſich aber wieder erholte, und ſeinen Feind getödtet vor ſich liegen ſah, war er hochſt er⸗ freut, und blickte dankbar auf zu Gott, der ihm einen ſo herrlichen Sieg verliehen hatte. Auch die Richter und alle Anweſenden waren ſehr betaubt von dem fürchterlichen Domnerſchlage, der dem Blitze in demſelben Moment gefolgt war, und es waͤhrete lange 3 ehe ſie ſich davon erholen konnten. „Gott hat ſelbſt gier Des Klägers Klage war gerecht!“ rief nun der Gaugraf laut, und entblöſte mit den Richtern das Haupt. — „Ihm ſey Lob und Preis!“ fiel ihm der Prior bei. Der Lößner ſchlug wieder an den Schild, und die Trompeter blieſen den Kampf auf. Hugo und Ruprecht vrangen nun in die Schranken, und umarmten ihren unverletzt ge⸗ bliebenen Freund. Das Volk aber jauchzte, und 220 geſtanden hatte, Heil und Segen zu. Es um⸗ ringte ihn, und fuhrte ihn im Triumphe in die Herberge. Ein Frendenfeſt beſchloß dieſen Tag, und Herrmann ward von allen Rittern hoch⸗ geehrt. Bodo's Leichnam ward auf dem Friedhofe der Dominikaner begraben, und an allen Al⸗ tären ihrer Kloſterkirche las man Seelenmeſſen für den von Gott Gerichteten, auf daß der Alle barmherzige ihm vergeben möge. Ende des erſten Bändchens. ——— —— — — — — Bei dem Verleger dieſes Buch's ſind auch folgende vicht erſchienen, und in allen Leihbibliotheken zu haben: Romantiſche Bilder der Vorzeit, in bunter Reihe. WVon A. Dertor. Erſter Band. Preis: 1 Thl. 12 Gr. „b A u oder das Kind der Holle. Schauſpiel in 5 Aufzuͤgen, von J. v. Soden. Mit 4 Kupfern. 20 Gr. Neue Bivgraphien der Wahnſinnigen, aus der wirklichen Welt, hiſtoriſch wahr, im romantiſchen Gewande. 1 Thl. C h † ſt e 3 oder die ſchöne Spitzenklopplerin im Erzgebirge. Mit 1 Kupfer. 1 Fhl. Eleonore, Koͤnigin von Frankreich, oder Geſchichte des zweiten Kreuzuges. Ein hiſtoriſch-romantiſches Gemaͤlde. 2 Theile. Mit 1 Kupfer. 2 Thl. Die Famili von der oder 4 Kampf und pflicht,“ vom Verfaſſer des Schreckensthurms am See. 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