Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und cLeſebedineungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3. Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. „ 5 „ 2 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Als daher die Ritter wieder heimkehrten, und der Lugner, ihren Zug, mit Herrmann in der Mitte, ſchon in der Ferne erſpähend, ein lu⸗ ſtiges Liedlein blies, vergaß der alte Vater Dedo Schmerzen und Gicht, und ſprang vom Lager auf; denn ihm ahnete des geliebten Fremdlings Sieg. Und als endlich Herrmann zu dem al⸗ ten Herrn in ſein Zimmer trat, eilte er dem Lieb⸗ linge frendenvoll entgegen, und ſchloß ihn, auf das innigſte bewegt, in ſeine Arme. „Gelobt ſey Gott, der Gerechte! — nief er aus, und Freudenthränen perlten ihm aus den 12 5 vn aegen ei⸗ etzt erhalten hat Ein 2 eidenfteſt, welches der Graf mit all den Seinigen feierte, zeichnete dieſen Tag vor den andern aus. Ein allgemeiner Jubel erfüllte die Dörfer des Grafen, und uͤberall hörte: man jauch⸗ zen; denn alle Unterthanen ſeteen ſich, wenn ihr guter Herr fröhlich: war. Emma's Augen hatten ſchon oft auf dem bithete „ männlich ſchönen Juͤnglinge geruht, und bereits an dem Tage, wo ſie als Gerettete . wieder auf der Burg ihres Vaters ankam, ſchlug ihr Herz, von den Gefühlen der innigſten Freund⸗ ſchaft erfüllt, fuͤr den edlen Jüngling, der ſie mit Gefahr ſeines Lebens aus den Händen des Räubers geriſſen hatte. Als er aber unverſehrt 3 aus dem fürchterlichen Kampfe auf Leben und Tod zuruckkehrte, welchen Gottes Hand ſo glor⸗ reich fuͤr ihn geendet hatte, da wandelten ſich jene Gefuhle der freundſchaftlichen Achtung in die heißeſte Liebe um, und nur die jungfräuliche ₰ Schamhaftigkeit hielt ſie ab, dem heimlich ſo herzlich Geliebten mit offenen Armen entgegen zu eilen. Groß iſt die Macht der Liebe über das menſch⸗ — 5 liche Herz, und oft iſt ſie vermögen feſteſten Entſchlůͤſſe zu zerſtören. 3 Von des Schickſals harten nief gebeugt, und durch Ida's ſchnellen Tod faſt vernichtet, hatte Herrmann verzweiflungsboll die ſtille, väterliche Burg verlaſſen, und ſich in das Gewühl der großen Welt geſtuͤrzt in demſelben die erlittenen Schläge des Schickſals zu vergeſſen, oder in irgend einem Kampfe den gewünſchten Tod zu finden; die Zeit aber heilt Wunden, und bricht Roſen. Schon die ſanfte Jutta von Worfin⸗ gen hatte — wie wir bereits wiſſen — eine mehr als ſchweſterliche Liebe fuͤr Herrmann empfunden, und dieſer hatte die aufkeimende Leidenſchaft derſelben bald gewahrt. Aber dort war der Schmerz um Ida noch zu neu, und die durch ihren Tod geſchlagene Wunde blutete noch zu ſehr, als daß die Liebe zu einem an⸗ dern weiblichen Weſen hätte Platz in ſeinem Herzen greifen können; und darum floh er ſie. Seit jener Zeit waren bis jetzt mehrere Monate verfloſſen, und die in dieſer Zeit ſo raſch auf einander gefolgten Begebenheicen und ſeine Verwundungen hatten die Heilung denen mãchtig gefordert. Dun einen Zufall waren der ſanften Emma Zuͤge jenen ähnlich, welche Ida einſt bei ihrem Erdenleben an ſich trug. Dieſes und ihr engelgutes Gemuͤth, wel⸗ ches alle Herzen für ſie gewann, beſiegte end⸗ lich Herrmanns Vorſatz, nie wieder zu lie⸗ ben, und machte ihn zu nichte. Die Liebe keimte auf's Neue in ſeinem Her⸗ zen, und machtig zog ſie ihn zu Emma hin. Die Sehkraft des Auges wird durch die Liebe geſchaͤrft, und bald wurde die Geliebte den Sieg gewahr, den ſie über den Unempfindlichen da⸗ von getragen hatte. Ihr Umgang ward mit jedem Tage inni⸗ ger, und bald ſanken ſie ſich mit dem Geſtänd⸗ niſſe heißer Liebe in die Arme und an das Herz, einander ewige Treue gelobend. „Herr Graf! — ſprach Herrmann am andern Tage zum alten Vater Dedo — ſchon laͤngſt ehrte und liebte ich Euch gleich meinem Vi „Und ich Euch, lieber Ritter! gleich mei⸗ nem Sohne“ — fiel ihm der Graf mit Herz⸗ lichkeit ins Wort, und reichte ihm die Hand, welche Herrmann ergriff. — Nun vhl — fuhr Hertmaun i lich fort — es ſteht in Eurer Macht, dies ſchoöne Verhãltniß zu it 36 iebe Em⸗ ma „Und ſie2— — tenet der Vater Dedo ſchnell. „Liebt mich wieder. und gebt Ihr uns Euern Vaterſegen, ſo heiligen wir den Bund, den unſere Herzen ſchloſſen, am aune das Band der Ehe.“ „Gott ſey gelobt! — rief jetzt der alte Graf voller Freude aus — dies war im Ge⸗ heim ſchon lange mein hochſter Wunſch; doch mußte ich Euern Schmerz ehren, da er ſo ge⸗ recht war.“ — Herrmann eilte fort, um Emma zu ho⸗ len. Sie ſanken zu des Vaters Fuͤßen, und mit Freuden ſegnete er ſie. Auch Hugo um⸗ armte freudig den geliebten Freund als Bruder; nur Ruprecht war ſtumm bei ſeiner Um⸗ armung, und eine Thräne rann ihm uber die Wange herab. Wenige Wochen ſpäter heiligte der Seen der Kirche den Bund dieſer Liebenden für das ganze Leben. Mit glänzenden Feierlichkeiten, * 8 und dem Range und Reichthume des Braut⸗ vaters angemeſſen, wurde ihr Hochzeitsfeſt be⸗ gangen. Auch die Hutte des ärmſten Leib⸗ eignen war vom Jauchzen erfüllt; ; denn die holde Braut, von allen Armen des Gaues als ein wohlthaͤtiges Weſen hoͤherer Art verehrt, hatte mit leichter Muͤhe ihren guten Vater ver⸗ mocht, das Freudenfeſt ihres Herzens alle Un⸗ terthanen der Herrſchaft auf Ei Koſten mit⸗ feiern zu laſſen. 8 Nur Ruprecht ſtimmte an dieſem Freuden⸗ tage nicht mit in den allgemeinen Jubel ein, und hielt ſich nur allein an den Humpen. So traf ihn Hugo, und ſette ihn daruͤber freundlich zur Rede. „Laßt mich! — entgegnete ihm der Truͤb⸗ ſinnige — fuͤr mich blühen keine lauten Freu⸗ den mehr. Nur Schwerd und Humpen machen mir Vernügen; und ich beneide Herrmann, daß die tiefe Wunde ſeines Herzens wieder heilte. Die meinige wird ewig bluten. — Wir aber bleiben treue, gute Freunde!“ „Wir ſind's und bleiben's, ſo lange un⸗ ſere Herzen ſchlagen“ — erwiederte Hugo, und zog den biedern Ritter an ſeine Bruſi. . — „ Wer gus dem Ritter nnhe dieſe iefe net Es lebte dieſer edle, biedere Mann mit ſei⸗ nem Weibe und einzigen Söhnlein in ſtiller Häuslichkeit auf ſeiner Burg; denn ſo tapfer er auch war, ſo war er doch kein Raufbold, der mit den Nachbarn gern in Fehde lebte. — Da trat plötzlich ein teufliſcher Unhold zwiſchen dieſe gluͤckliche Familie, ihren ſtillen Frieden fuͤr immer zerſtörend. Und es nannte ſich, lei⸗ der! dieſer Teufel in Menſchengeſtalt einen Prieſter Gottes. Dem Abte des nahen Kloſters, einem ſchein⸗ heiligen Böͤſewicht, ſtach Bertha's Schoͤnheit in die Augen, und erregte wolluſtige Begierden in ihm. Bei dem tugendhaften Weibe ver⸗ mochte er nicht, ſie auf dem Wege der Ver⸗ fuͤhrung zu ſtillen, und er verfiel daher auf ein Mittel, welches eines Teufels wuͤrdig war. Mit der gleisneriſchen Miene der Frömmig⸗ keit ſchlich er ſich auf der Burg Ruprechts ein, und oft, fa jeden S war er des Rit⸗ ters Geſellſchafter. Ruprecht beſuchte ihn dann oft im Kloſter wieder, und ließ ſich durch das heuchleriſche Betragen dieſes Abtes ſo ſehr taͤuſchen, daß er keinen Anſtand genommen ha⸗ ben wuͤrde, die Heiligkeit des hochwuͤrdigen Herrn im Kampfe auf Leben und Tod zu be⸗ haupten. Mit Schrecken er aus die⸗ ſem Traume. Er kam zuweilen, wenn er wußte, daß der Ritter auf der Jagd war, denn dieſe liebte der Ritter mit Leidenſchaft, aber immer hielt er ſich ſtreng in den Schranken der Beſcheidenheit, und ließ es auch nicht im geringſten merken, welch ein Wolf in dieſem Schafökleide ver⸗ borgen war. Und ſo wurden Ruprecht und ſein argloſes Weib immer ſicherer gemacht. Einſt kam er auch, als Bertha ſich allein befand, da Ruprecht zur Jagd ausgezogen war. Der kleine Otto ſpielte zu ihren Fuͤßen. Die Rittersfrau beeilte ſich, dem hochwuͤrdigen Herrn einen Humpen Wein und Etwas zumn Imbiß vorzuſetzen. Er aß und trank. Ein Geſchäft rief ſie aus dem Gemach, und im Augenblicke hatte der Abt eine ſtarke, ſchlaf⸗ 7 uh in ihren Becher geſchüttet. Er trank, als ſie wieder erſchien, ganz un befangen auf ihres Ruprechts Wohl, und ſie that Beſcheid. Auch der Knabe begehrte, und erhielt von dem Weine. Bald that das Mittel ſeine Wirkung. Der kleine Otto ver⸗ langte am erſten zu ſchlafen. Seine Mutter trug ihn auf ſein Bettchen im Nebenzimmer⸗ Bald entſchlief auch ſie. Als der Abt ſie feſt eingeſchlafen glaubte, beging er ſein teufliſches unentweiheten Reizen des todtengleichen Weibes. SAber es ſollte die Strafe ſogleich dem Ver⸗ brechen folgen, und Ruprecht erſchien in den Augenblicken, als es begangen wurde, im Hofe der Burg. Er hoͤrte von der Anweſenheit des Abtes, und eilte die ſteinerne Wendeltreppe hin⸗ auf, ihn, den gewähnten Freund, zu begrüßen. Er fand das Wohnzimmer leer, und ſtutzte be⸗ remdet. Eine geheime Ahnung trieb ihn, die A Thuͤr des Nebenzimmers reiſe zu eröffnen. 5 Aber wie vom Blitz getroffen, taumelte er zu⸗ ruͤck, und glaubte, ſeinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er ſah, was geſchah. Bald er⸗ holte er ſich aus ſeiner Betaͤubung, und fürch⸗ Verbrechen, und ſchwelgte ungehindert in den terliche Wuth trat an ihre Stelle. Mit hoch gehobenem Dolche ſtürzte er auf den Ehren⸗ ſchänder ein, der vom Lager aufgetaumelt war, auf ſeine Knie ſiel, und um Gnade flehen wollte, als Ruprechts Dolch ihm in das Herz eindrang, und er ſich röchelnd in ſeinem Blute wälzte. Des Todes Arme umfingen ihn. Da ſtammelte er noch leiſe: „Ber— tha— iſt— un — ſchul — dig — an — die— ſer — That.— — Sie — ſchlaft. — — Ein — Schlaf — trunk — d hat. „ Er konnte nicht vollenden, denn des Ritters ſcharfer Dolch durchbohrte noch einmal die Bruſt des Schändlichen, und unter gräß⸗ lichem Brüllen fuhr ſein Geiſt zur Hölle. Allgemach kehrte die Beſinnung wieder zu Ruprecht zuruͤck, und er überlegte nun, waß er gethan hatte. Seine Lage war ſchrecklich.— Er hatte einen Diener der Kirche gemordet. Wer konnte aber an das Verbrechen des Abtes glauben, da der Heuchler den Ruf hoher Fröm⸗ migkeit erſchlichen hatte, und es ſtand ihm, dem Mörder eines ſo heiligen Mannes, eine ſchreckliche Strafe bevor, ſo daß ihm nur eine ſchnelle Flucht als das einzige Rettungsmittel blieb. 13 Er rief ſeinem alten, treuen Burgvogt, und entdeckte ihm, was geſchehen war. Der alte Greis rieth weinend ihm zur Flucht. Berths und der Knabe waren nicht zu ermuntern⸗ Keine Zeit war zu verlieren. Der unglückliche Ruprecht legte alſo mit blutendem Herzen ſeine ſchwarze Ruͤſtung an, rief zwei Knechten, und fragte ſie, ob ſie aus freiem Willen mit ihm in's Elend ziehen wollten? Die hochherzi⸗ gen, treuen Diener ſchwuren, ihn nicht zu ver⸗ laſſen. Bald' waren auch ſie ſchwarz gewapp⸗ net, wie ihr Herr, und reiſefertig, wie er. Da nahm der ungluͤckliche Gatte und Vater mit brechendem Herzen Abſchied von ſeinen beiden Lieben, küßte noch einmal den Mund ſeines treuen, ſchuldloſen Weibes, befahl ſie und den Knaben in Gottes Schutz und entfloh, ſie nie wieder zu ſehen. Sein erſter Weg führte ihn nach der Li ulmenſtein, wo der Burgherr, Ritter Bern⸗ hard, ſein treuer, redlicher Freund war. Er entdeckte ihm das Geſchehene, und Bernhard fand es ſelbſt am gerathenſten, ſich vor der Hand der Moͤnche Rachſucht zu entziehen. Er ſchwur dem Fliehenden, ſeines Weibes Schuͤtzer 6 WVater zu ſeyn. und des Knaben Vormund zu ſeyn; und nun um etwas ruhiger, floh Rupr echt in fremde Laͤnder. So zog er ſchon mehrere Monden lang von Land zu Land, als wir ihn bei Herr⸗ manns Kampf mit dem Ursacher wieder fanden. Bertha ſchuf noch une, als ſi ch Ru⸗ precht ſchon entſernt hatte. Wer vermag es aber, den Zuſtand ihrer Seele zu ſchildern, als ſie erwachte, und erfuhr, was geſchehen war. Der Ritter Bernhard redete ihr tröſtend zu, und verſprach ihr, Ruprechts Willen treulich zu erfüllen, ihr und ihres Kindes redlicher Ver⸗ ſorger und Schutzer zu ſeyn. Der biedere Ul⸗ menſteiner hielt redlich Wort; und da auch fein mit ihm gleichgeſinntes Weib die unglück⸗ liche Bertha ſchweſterlich aufnahm, ſo be⸗ ruhigte ſie ſich allgemach in etwas wieder; doch lebte ſie in tiefer Trauer um ihren Ruprecht, und der Gram um ihn bleichte ihre Wangen⸗ Endlich brach das treue Herz. Sie ſtarb, und ihr letzter Seufzer war fuͤr Ruprecht und den verwaiſeten Otto. An ihrem Sterbelager ſchwur Bernhard, dem Kleinen ein treuer Redlich hielt er auch in der 15⁵ Folge ſeinen Schwur, und rettete des Knaben Erbtheil durch einen kaiſerlichen Machtſpruch. Die Mönche wuͤtheten, als ſie den Tod ih⸗ res Abts und die Art deſſelben erfuhren. Sie ſprachen den Bannfluch über Ruprecht aus. Als aber Bernhard dem Biſchofe den ei⸗ gentlichen Hergang der Sache vortrug, und der Burgvogt ſeine Ausſage beſchwor, da ſchlug der Ehrwuͤrdige das weitere Verfahren gegen den Entflohenen nieder; nur daß er nie wie⸗ der nach ſeiner Burg zurüͤck kehre, war ſeine Bedingung. Alles dieſes war Ruprecht durch den Grafen Dedo bekannt geworden. Und ob es ihm gleich Beruhigung gab, ſeinen Otto ver⸗ ſorgt zu wiſſen, ſo vermochte er es doch nicht uber ſich zu gewinnen, den Gram uͤber die Zerſtörung ſeines Lebensgluͤcks durch einen ſchein⸗ heiligen Böͤſewicht ganz aus ſeiner Bruſt zu entfernen. Er nahm deshalb an keiner rau⸗ ſchenden Freude Antheil. XXVIII. Herrmann lebte mit Emma im ſchon⸗ ſten Vereine. Auch Hugo fuͤhrte um dieſe Zeit ein braves Weib auf die S ſeines Va⸗ ters heim. Klara war die Tochter des biedern Ritters Heinrich von Bäringen, und erzogen von ihren Eltern in der Furcht des Herrn und ſtil⸗ ler Haͤuslichkeit. Hugo ſah ſie, als er, auf der Jagd verirrt, bei ihrem Vater uͤbernachtete. Das ſchöne, engelgute Mädchen machte auf ſein Herz den tiefſten Eindruck, und ihre Ge⸗ genliebe zu erringen, war ſein hochſter Wunſch. Auch Klara's Herz war nicht frei geblieben, und von zarter Liebe fuͤr ihn erfuͤllt. Bald war der ſchoͤne Bund ihrer Herzen geſchloſſen. Doch ſollte er ein Geheimniß blei⸗ ben, bis Hugo mit ſeinem Vater daruber ge⸗ ſprochen habe. Dem Ritter Seineh war der biedere Hugo ebenfalls lieb und theuer geworden „und man ſah dieſen ſehr oft auf Heiurichs Burg. „Mein Vater! — ſprach eines Tages Hugo zu ſeinem Vater — ich minne Klara von 4 17 Baäͤringen, und wenn es Euch gefällt, ſo führe ich ſie als mein Weib heim. Sie iſt ſo ſanft und gut, als ſchön, und wird Euch als Tochter kindlich ehren. Daß aber ihr Vater nur die Burg Bäringen beſitzt, wird bei Euch in keine Betrachtung kommen; denn das Gluͤck Eurer Kinder ging Euch ja ſtets uͤber Alles. Auch iſt ihr Geſchlecht ſo alt und edel, wie das unſtige, und die Bäringer hatten ſtets den Ruf der Biederkeit.“ K Mit ſtiller Aufmerkſamkeit hoͤrte der Vater den Vortrag des Sohnes an, und ſchwieg auch dann noch ſinnend, als dieſer ſchon geendiget hatte. — Hugo ſah ihn betreten an, und be⸗ gann ſchon zu fuͤrchten. — Da wendete ſich Dedo liebevoll zum Sohne. „Morgen ziehen wir zuſammen nach der Burg Bäringen. Bis dahin gedulde Dich, und vertraue Deinem Vater, der aufrichtig Dein Gluͤck will.“ Am andern Tage trat Dedo ſtattlich ge⸗ kleidet in das Wohnzimmer, und auf dem Hofe wurden die Roſſe von den Knappen mit den ſammetnen Prunkdecken belegt. Hugo ſah's, und eine freudige Ahnung durchdrang ſeine Seele⸗ —— —— — 18 Nur der Brautwerber ſchmückte ſich ſo ſtattlich, und es ſchien ihm gewiß, der Vater wolle ihm eine heimliche Freude machen. Er ſprang fort, um gleichfalls die Prunkkleider an⸗ zuziehen; und Emma lächelte uͤber ihn, der ſonſt kein ſonderlicher Freund des Putzes war. „Zieh mit Gott, mein theurer Bruder! und fuͤhre bald eine gute, liebe Schweſter in meine Arme. Damn ſey mit ihr ſo gluͤcklich, wie ich mit meinem Herrmann.“ So ſprach die zärtliche Schweſter, als ſie den innig geliebten Bruder umarmte, und in ſeiner Seele gewaun die goldene Hoffnung im⸗ mer größern Raum. Der Varer Dedo war auf dem Wege nach Bäringen gauz einſplbig, und jedes angeſpon⸗ nene Geſpräch brach er kurz ab. So kamen ſie vor der Burg Baͤringen an, und begehrten Einlaß. Der Ritter Heinrich empfing ſie am Thor. Mit biederer Herzlichkeit umarmte ihn Dedo beim Empfang, und die beiden Alten gingen Hand in Hand in die Burg⸗ Klara lugte verſtohlen durch das Fenſter ihres Kämmerleins⸗ Sie ſah die beiden präch⸗ tig geſchmuͤckten Grafen und ihre ſtattliche Be⸗ „ 19 gleitung; ſah den alten Herrn mit ihrem Vater ſo traulich uͤber den Hof nach dem Wohnhauſe gehen. Was mußte dieſes wohl zu bedeuten haben? Eine geheime, ſuͤße Ahnung erfüllte ihr das Herz, und höher hob ſich der keuſche Buſen der Jungfrau. Hugo's ſcharf ſehendes Auge wurde ſie gewahr, und bedeutungsvoll legte er die rechte Hand auf's Herz. Bald darauf kam die Mutter, um ſie abzuholen, und mit hoch klopfendem Herzen folgte ſie ihr. Dem alten, herzlichen Dedo gefiens ſehr wohl im häuslichen Kreiſe dieſer Familie, und mit jrdeim Augenblicke wurde er heimiſcher. Klara ſaß mit ihrer jüngern Schweſter an der Mutter Seite, und ihre zarten Finger reg⸗ ten fleißig die Spindel. Keinen einzigen Blick wagte ſie nach Hugo hin, welcher mit den beiden Alten am Tiſche bei dem vollen Be⸗ cher ſaß. „Mit jedem Augenblicke, wo ich länger bei Euch weile — ſprach Dedo zum Ritter Hein⸗ rich, und reichte ihm die Hand — reut mich's mehr, daß ich heute zum erſtenmale bei Euch bin; denn ich fuͤhle mich ſo wohl bei Euch und den Eurigen. Aber, ſo Gott will, 8 B2 20 wir uns von nun an recht oft ſehen, jetzt aber den Bund der engſten Freundſchaft und Brüder⸗ ſchaft ſchließen. Darum höret mich an. Mein . hier gegenwärtiger, einziger Sohn liebt Eure Klara. Kann ſich nun die edle Jungfrau zum 3 ehelichen Vereine mit ihm entſchließen, und habt Ihr Eltern nichts dagegen, ſo ſind wir Alle nur eine glückliche Familie, und leben in Liebe und Einigkeit vereint beiſammen, bis der Herr uns trennt.“ Dieſer Antrag überraſchte den Ritter Hein⸗ rich und ſein Weib auf's höchſte, obgleich Hu⸗ go's Neigung dem ſcharf ſehenden Mutterauge nicht ganz fremd geblieben war. Der Graf Dedo war einer der vornehmſten und reichſten Ritter des Landes, und er ward von denen, die ihn nicht genau kannten, als ſtolz verſchrien. Heinrichs Beſitzung war gegen Dedo's Reichthum faſt als nichts zu achten. Dieſe Verbindung war alſo auf jeden Fall ſehr ehren⸗ voll, und der Beſcheidene hatte ſo etwas nicht als möglich geahnet. Jetzt rief er ſeine Toch⸗ ter zu ſich, und ſie trat an der Hand der Mut⸗ —.—. S ter hoch errothend vor ihn hin. Hugo war ſchon da von ſeinem Sitze auf⸗ —— 24 geſtanden, als ſein Vater zu reden began und als nun Klara ihres Vaters Frage: „ob ſie Hugo liebe?“ mit einem leiſen „Ja!“ beantwortete, breitete er liebevoll die Arme nach ihr aus, und ſie ſank verſchmt an des Ge⸗ liebten Bruſt. Die beglückten Väter umarmten ſich, und ſegneten die Liebenden. „Komm, treue Mutter! — rief Heinrich ſeinem Weibe zu — komm, und ſegne auch Du dieſen Bund der Liebe.“ Und ſie umfing, mit Freudenthraͤnen in den Augen, die Verlobten. „Nun aber, Bruder Heinricht — ſprach Dedo vergnügt — rufe Deinen Sohn vom Hoflager des Herzogs von Zähringen zuruͤck, und uͤbergieb ihm Deine Burg; denn ich ſage Dir: Vom Hochzeitstage an lebſt Du mit Dei⸗ nem Weibe und Deiner jüngern Tochter mit in meiner Burg, damit wir täglich beiſammen ſind. Wir haben uͤberflüßig Raum.“ Wollte der Ritter Heinrich den heutigen Tag nicht truben, ſo mußte er zuſagen, und er ſendete noch heute einen Knecht an ſeinen Sohn ab, um dieſen nach der Burg Bäringen zurück zu rufen. Am Tage vorher, ehe Klara mit Hugo eingeſegnet wurde, kam er an, und Alle gewannen den ſchonen, kraftigen, und doch ſo beſcheidenen Juͤngling lieb. XXIX. „Nun Gott ſey Dank! nun ſind wir Alle beiſammen! — ſprach der fröhliche Dedo am erſten Abend, als der Ritter Heinrich mit den Seinigen nach der Burg Schwarzen⸗ ſtein eingezogen war — nun S wir S vergnügt leben.“ So wuͤnſchte es freilich der frohe, lebens⸗ luſtige Greis; aber Gott wollte es anders, und Herrmanns haͤusliches Gluͤck ward ei⸗ nen harten Schlag zertruͤmmert. Noch waren nur wenige Wochen bis zu Em⸗ ma's Entbindung. Da luſtwandelte ſie an einem Abende am Arme ihres Herrmanns im Gar⸗ ten am Fuße der Burg. Plötzlich fuhr eine große Otter ziſchend aus einem nahen Gebüſche nach einer Steinkluft, uͤber den Weg heruber und hart vor ihren Fußen vorbei. Emma er⸗ ſchrak auf das heftigſte über dieſe unvermuthete 6 S5 Erſcheinung. Sie trat ſchnell zurüͤck, ſrau⸗ chelte aͤber einen im Wege liegenden Stein, und würde einen ſchweren Fall gethan haben wenn nicht Herrmanns Arm ſie noch . ten hätte. Halb todt trug er ſie auf die Burg zuruͤck, und ſie befand ſich ſehr krank. Immer wüthen⸗ der wurden die Schmerzen, und endlich wand ſich durch eine unzeitige Geburt ein Knablein aus ihrem Schvoſe. Sie nahm das Kind in ihre Arme, blickte laͤchelnd mit der Miene eines Engels auf daſſelbe herab, und lehnte dann ihr Haupt an Herrmanns Bruſt. Gebrochen war das treue Herz, und ſie entſchlief, um nicht wieder zu erwachen. Auch das Kind ſchien nur deshalb in die Welt getreten zu ſeyn, um ſie auf immer wieder zu verlaſſen; denn weuige Minuten ſpäter folgte es der hinuͤber gegange⸗ nen Mutter nach. Unbeſchreiblich war der Schmerz Aler, de⸗ nen die Verblichene lieb und theuer war, be⸗ ſonders aber war Herrmann untröſilich⸗ Sein Schmerz war ſtumm, witkte tiefer auf ſeine Seelenkräfte ein, und minn 24 gann mit Recht, fuͤr ſeine Geſundheit zu furch⸗ ten. Auch der alte Vater Dedo hatte mit dem Abſcheiden ſeines Lieblings allen Lebens⸗ muth verloren. — Als nun Emma und ihr Kind in dem Schoos der Erde niedergelegt wer⸗ den ſollten, Herrmann aber noch immer oſtlos blieb, da trat Ruprecht zu ihm hin, und ergriff traulich ſeine Hand. „Tröſte Dich, Leidensbruder! mit mir und meinem Schickſale — ſprach er tröſtend — Dich trennte Gott von Deinem Weibe, mein eheliches Gluͤck vernichtete ein Böſewicht. — Ich mußte die von ihm Geſchaändete und das einzige Kind verlaſſen, all' meine Habe mit dem Ruͤcken an⸗ ſehen, und irre nun, als Rächer meiner Ehre zum Mörder geworden, unſtat und flüchtig um⸗ her. — Wenn auch bisher keine Freude mein für ſie erſtorbenes Herz zu beleben vermochte, ſo trug ich meinen Schmerz doch als ein Mann, und werde ihn tragen, bis ich ihn einſt mit meinem Leben verlieren werde. Ertrage auch Du maͤnnlich das, was Dir der Herr auflegte. Weine Dich aus, Bruder! und es wird Dir Erleichterung bringen.“ Und Ruprechts Worte des Troſtes fanden 25 Eingang in Herrmgnuns Herz. Ein Strom von Thraͤnen und ein bittender Blick himmelan gerichtet gab dem Tiefgebeugten den Troſt, er ſo ſehr bedurfte. Wenden wir nun unſere Augen von n Schauplatz der gerechteſten Trauer hinweg, da dieſe doch kein Menſch ganz zu ſchildern ve mag. Auch bei den Andern, denen ſie wohl⸗ gethan hatte, griff Emma's Abſchied von der Welt bis auf das Leben ein. So waren an zwei Monden ver floſſen, und der Entſchluß, welchen Herrmann nach Ida's Tod gefaßt hatte, trat jetzt wieder auf's Neue vor ſeine Seele, und wurde durch Ruprechts Beiſtimmung bald bis Unwiderruflichkeit er⸗ hoben. „Laß uns, mein theurer Bruder! — ſprach er — zum Könige von Hispanien ziehen „und ihm im Kriege, den er gegen die ungläubigen Mauren führt, unſere Arme und unſere guten Schwerder zum Dienſte bieten. Biſt Du dazu entſchloſſen?“ „Ja! — antwortete Herrmann, und ſchlug freudig ein — vielleicht finden wir dort im Gewühl der Schlacht den längſt gewünſch 26 — ten gůttertud „und durch der Feinde Säbel das Ende unſerer Leiden.“ Das Buͤndniß war nun feſt geſchſen, und durch treuen Bruderkuß verſiegelt. Als aber Herrmann dem Vater Dedo den gefaßten Entſchluß eröffnete, wollte er den ihm ſo lieben Sohn nicht laſſen, gab je⸗ doch endlich, als er nicht abließ zu bitten, mit gebrochenem Herzen ſeinen Willen drein. „So ziehe denn hin, mein Sohn! — ſprach er, indem er den ihm ſo theuer Gewordenen umarmte — wohin der Herr Dich führt. Er ſey mit Dir! Und kömmſt Du einſt zurck, ſo wrile an meinem Grabe; denn bald werde ich meiner Emma folgen.“ Am dritten Morgen zogen beide Ritter mit den Ihrigen aus, und geſegneten die Burg mit ihren biedern Bewohnern. Weinend, und mit dem Vorgefuͤhle des nahen Todes, entließ der Vater die Scheidenden aus der Umarmung des Abſchieds. In der Nähe von Dijon finden wir unſere ⸗ Freunde wieder. Sie hatten des Weges ver⸗ fehlt, und waren in eine Einöde gerathen. Die Finſterniß der Nacht uͤbereilte ſie. Sie kamen endlich an ein großes, einſam ſtehendes Ge⸗ bäude, und als ſie Einlaß begehrten, antwor⸗ tete man ihnen: daß das Kloſter der Car thäuſer zwar keine Reiſenden beherberge, doch ſolle ihnen wegen der Finſterniß, als Verirrten, ein Obdach und Labung werden. Man fuͤhrte ſie in eine duͤſtere Zelle, und brachte ihnen Brod und Wein. Nach Mitter⸗ nacht ertönte die Kloſterglocke, und rief in ein⸗ zelnen traurigen Lauten die Brüder in das Chor. Von der Kirche heruͤber ſchallte ihr Ge⸗ ſang in tiefen, lang gehaltenen Tönen, und machte eine ganz beſondere Wirkung auf der beiden Ritter verwundete Herzen. Kaum röthete der anbrechende Tag den nächtlichen Himmel, als auch Herrmann nach der Kirche ging. Die tiefe Stille, welche Ein dieſen, der immerwährenden Todesbetrathtunz 28 gewidmeten Gebäuden thronte, that ſeinem ge⸗ beugten Herzen ſo wohl. — Der Chorgeſang war ſchon zu Ende, und die Bruder verließen die Kirche, als Herr⸗ mann in dieſelbe trat. Von dem ſchwachen Lichte der heiligen Lampe und den wenigen Al⸗ tarkerzen nur ſehr matt erleuchtet, erfuͤllte ein myſtiſches Dunkel den Tempel, bis die immer ſtärkere Morgenröthe ſeine ungeſchmückten Wände zu vergolden ſchien. Herrmann lag im andächtigen Gebete an den Stufen des Altars auf den Knien. End⸗ lich erhob er ſich, und ging wieder nach dem Ausgange hin. Jetzt erſt wurde er gewahr, daß an einem Seitenaltare ein Mönch ebenfalls gebetet hatte. Die Morgenſonne erleuchtete nun die Kirche, und man konnte alle Gegen⸗ ſtande ganz genau erkennen. Die beiden Be⸗ ter begegneten ſich, indem der Mönch nach der Thür hinging, die zu dem Innern des Kloſters fuhrte. Die Kapuze, welche er, nach der Gewohnheit des Ordens über den Kopf gezogen, trug, bedeckte ſein Geſicht zum Theil, und Herrmann konnte nur die Züge des tiefſten Kummers erblicken, welche 94 . . 29 dem blaſſen, Antlitz ſichtbar ren. „Gewiß auch Einer, den des Schickſals nſt zu Boden drückt, wie mich!“ — ſprach Herr⸗ mann zu ſich ſelbſt, und richtete ſeine Blicke nach dem Moͤnche hin. — Zufällig blickte auch dieſer jetzt auf, und ſah Herrmann in 5 Nähe ſtehen. „Gott und alle Heiligen! ſteht mir — rief der Mönch in deutſcher Sprache höchſt erſchrocken aus, und ſank faſt zu Boden — Unbarmherzi⸗ ger! verfolgſt Du mich auch hier, wo ich end⸗ lich ein Aſyl vor meinem Gewiſſen zu finden glaubte? — Kann Dich keine Reue, keine Buße verſohnen?“ Die Stimme des Moͤnchs ſchien Herr⸗ mann ſo bekannt. Sein heftiges Erſchrecken, ſeine Ausrufungen, in einer Sprache, hier in dieſem Lande ſo ſelten, alles dieſes erhöhte ſeine Nengierde, zu wiſſen, wer dieſer Mönch ſey, und eine geheime, namenloſe Ahnung erfuͤllte ſeine Seele. Er trat deshalb auf ihn zu, und bat ih ihn im liebevollſten Tone, ſich zu beruhigen. Der Büßende ſchien hierdurch etwas gefaßter u werden. Er ſchlug zitternd die Kappe zurück, . 4 30 —— ſein ganzes Geſicht ward frei, und Herrmann wähnte, einen Geiſt zu ſehen. Es war Ulrich von Ißerſtädt, der Sohn des Buͤrgermeiſters zu Erfurt, welchen wir früher ſchon als Herrmauns Neben⸗ buhler bei Ida kennen lernten. Wir wiſſen auch bereits, daß er bei dem unglücklichen Brande dieſe durch einen ſeiner Freunde auf⸗ fangen, im Einverſtändniſſe mit der Aebtiſſin der Bernhardinerinnen nach dem Kloſte derſelben geleiten, und durch eine falſche Nach⸗ richt von Herrmanns Tode täuſchen ließ. Seine Abſicht dabei war blos: Ids vor de Hand die Ausſicht auf Herrmanns Beſitz zu benehmen, und ſie dadurch fuͤr ihn geneigter 3 zu ſtimmen. Daß er aber bei dieſem Unter⸗ nehmen durch die Aebtiſſin betrogen wurde, in⸗ dem dieſe ganz andere und ihrem Kloſter Nutzen bringende Abſichten dabei hatte, iſt uns gleich⸗ falls ſchon bekannt. Als mun aber die Täuſchung endlich einen ſo uͤblen Ausgang, ja ſelbſt Ida's Tod zur mittelbaren Folge hatte; da ergriff das Be⸗ wußtſeyn: „Du haſt die Herrliche gemordet!“ 2 mit ſeinen Harpyenklauen den armen ulrich, und ſein Leben ward zur ſieten Folterqual. Strafe genug fuͤr den Unglücklichen, der nur ein Verblendeter, aber kein Böſewicht war, und mehr als genug, um ihm alles zu verzeihen, wozu ihn die Leidenſchaft hingeriſſen hatte. Dieſer unerträglichen Hölleuqual ein Ende zu machen, entdeckte ſich Ulrich einem alten Minoritenbruder, und dieſer rieth ihm, durch den Eintritt in irgend einen ſtrengen Moönchsorden, ſo wie durch ächte Reue und Leid, durch Faſten, Beten und Kaſteien, die verlorne Gewiſſensruhe wieder zu ſuchen. Sei⸗ nem Vater durfte er dieſes nicht entdecken; denn dieſer würde den ein;z zigen Sohn nicht von ſich gelaſſen haben, und gleichwohl ſtand der Eutſchluß, dem Rathe des alten Minoriten zu ſolgen, ſelſenfeſt in ſeiner Seele. Er entfloh daher heimlich aus des Vaters Hauſe, welches er nie wieder ſah, und begab ſich in die Car⸗ thauſe zu Creuznach, um dort ſeinen Zweck zu erreichen. Schon in ſeinem Noviziat er⸗ warb er, durch ſeine Strenge gegen ſich ſelbſt, die Achtung ſeiner Obern „beſonders wurde ihm der Prior hold, dem er ſich entdeckt hatte. Er belobte ihn ſeines ſtrengen — 32 und ulrich ging nun auf dem Wege fort, wel⸗ cher ihm der beſte ſchien, um zu dem vorgeſieck⸗ ten Ziele zu gelangen. Bald war er das Vor⸗ bild der jungern Brüder, und man erwählte ihn deshalb zum Abgeordneten, der in das Hauptkapitel nach Grenoble geſandt wurde. Hier lernte er den Prior der Carthauſe bei Dijon kennen, und erwarb ſich ſeine Gewogen⸗ heit in einem ſo hohen Grade, daß dieſer bei dem Ordensgeneral die Verſetzung Bruno's — dies war Ulrichs Weihename — nach ſeinem Kloſter bewirkte. Und daher kam es denn, daß ihn Herrmann in dieſem Kloſter traf⸗ Auch hier waren ihm die Obern hold ge⸗ worden, beſonders aber liebte ihn der Prior väterlich. Reuevoll und mit zerknirſchtem Herzen warf ſich Ulrich nun vor Herrmann nieder, und bekannte ihm alles, wo er wider ihn geſündigt hatte. Herrmann aber umfing den Reuigen mit Liebe, und drückte ihn verſöhnt an ſeine Bruſt. „Beruhige Dich, mein Bruder! — ſprach er zu ihm — Gott vergiebt ja allen bußfertigen Sündern, und auch mir, warum ſollte ich Dir — nicht von ganzem Herzen verzeihen, da Du doch kein Boͤſewicht, ſondern nur ein Verblen⸗ deter warſt, den die Leidenſchaft beſiegte? — Vergiß, und Gottes Friede kehre wieder in Dei⸗ ner Seele ein.“ 6 So feſt umſchlungen traf ſie der Prior, der in die Kirche kam, ſeine Meſſe zu leſen. Er war verwundert darüber, und als ihm der reumüthige Urich alles gebeichtet hatte, er⸗ theilte ihm der ehrwuͤrdige Greis die Abſolution. Die Ausgeſöhnten nahmen dann das Sakrament zur Beſtätigung des neu geſchloſſenen Bundes der Freundſchaft, und der beſeligende Friede Gottes kam über ſie, ihre Herzen auf's neue mit der Ruhe des Himmels erfuͤllend. Geſegnet von den frommen Mönchen dieſes von dem Treiben der Welt entfernten Kloſters, zogen nach einigen Tagen die beiden Ritter mit den Ihrigen weiter, und verfolgten den Weg zu ihrem Ziele, welches das Hoflager des Königs von Caſtilien war. 34 XXXKI. Dieſer Monarch hielt zu jener Zeit ſeinen Hof in dem alten, prächtigen Toledv. Die beiden Ritter wurden ihm vorgeſtellt. Sie bo⸗ ten ihm ihre Dienſte im Kriege gegen die Mau⸗ ren an, und ihr Anerbieten wurde von dem Könige mit der Huld und Freundlichkeit auf⸗ genommen, die den Großen der Erde in dieſen Fällen ſo eigen iſt. Da der Feldzug gegen die Feinde erſt in einigen Wochen beginnen ſollt ſo gewannen die beiden Freunde Zeit, ſich mit der Sprache und den Nationalſitten der Ritter einigermaßen bekannt zu machen, an deren Seite ſie in Zukunft fechten ſollten. Es hatten ſich viele fremde Ritter an des Königs Hofe verſammelt, welche in ſeinem Heere die Mauren bekämpfen wollten; unter ihnen zählte man mehrere Fuͤrſten aus dem be⸗ nachbarten Frankreich. Ihnen zu Ehren gab der König ein großes Stiergefecht, bei welchem ſich auch Ruprecht und Herrmann ein⸗ fanden. Dieſe beiden waren die einzigen dent⸗ ſchen Ritter unter der großen Anzahl der Frem⸗ den, die zu jener Zeit, in Toledo's Mauern, 35 ——— dem Beginnen des Feldzugs entgegen ſahen, und bei dieſem Ritterſpiele anweſend waren. Sie baten den König um die Gunſt, einen der wildeſten Stiere auf eine beſondere Weiſe, nach der Sitte ihres Landes, zu bekämpfen, und es ward ihnen mit der Warnung gewährt, daß ſie ſich wohl vorſehen moͤchten, weil die Stiere dieſesmal von ſeltener Wildh heit waten. Der weite Platz hinter dem koͤniglichen Schloſſe war zum Kunpfplatz eingerichtet, und auf dem dazu erbaueten Valkon ſaßen auf ei⸗ nem prächtigen Throne, unter einem reich vet⸗ zierten Baldachin, der König und die Kuigin, und ihre Gegenwart munterte die K Kämpfer auf. Ihnen zu beiden Seiten ſaßen die vornehmſten Damen und Herren des Hofes, und auf einem etwas tiefer angebrachten Amphitheater hatte eine große Anzaht von Hadelichen Zuſchauern Platz genommen; eine unzählbare Menge Volks aber umgab die Schranken des Kampfplatzes. Innerhalb dieſer Schranken befanden ſich die Kämpfer zu Roß und zu Fuß, nach der Landesſitte gekleidet und bewaffnet. Ruprecht und Herrmann ritten als zu einem Turniere, mit ſcharfer kanze⸗ Schwerd und Schild be⸗ C waffnet, doch ohne Harniſch, in die Schranken „ ein. Sie ſenkten ihre Lanzen vor dem Konige und der Koͤnigin, und die Majeſtäten dankten dieſem Gruße ſehr huldvoll. Die landeseingebor⸗ nen Ritter murreten uͤber das Ungewöhnliche dieſer Erſcheinung. Da rief der Kampfrichter von ſeinem Sitze herab: „Es geſchieht mit des Koͤnigs Vergüͤnſtigung!“ — und ward Alles ſtill. Verſchiedene wilde Stiere waren bereits der Landesſitte bekampft und erlegt worden⸗ Da ſchickte man ſich an, einen neuen, ſehr wil⸗ den Stier loszulaſſen. Herrmann ſenkte die Lanze vor dem Könige, und ſprengte an das andere Ende des Kampfplatzes. Die Fallthür des Stalles öffnete ſich, und ein fuͤrchterliches Thier ſtürzte heraus. Es rannte in die Mitte des Platzes, und wühlte mit den Hoͤrnern im Sande, ſeinen Gegner herausfordernd. Herrmann ſprengte dem Wuͤ⸗ thenden entgegen. Kaum hatte er die Hälfte des Weges zurückgelegt, da warf der wilde Stier den Kopf in die Hoͤhe, ſah ſeinen Be⸗ kämpfer, und rannte nun wie raſend auf ihn los. Der Ritter legte die Lanze ein⸗ S 5 auf das Thier, und rannte ihm die Lanze bei dem Vorderbuge dergeſtalt in den Leib, daß ſie bei dem Hinterbeine wieder herausging. Sie hatte das Herz durchſtoßen; denn lautlos ſank es in den Sand, und verendete in einem Strome von Blut, der von ihm ſchoß. Die Luft ertönte vom Freudengeſchrei und Haͤndeklatſchen des Volks. Und als der Sieger nach ſeinem erſten Platze zuruͤck ritt, ſchallte ihm aus den Logen und vom Amphitheater ein allgemeines Bravorufen entgegen. Auch der Koͤnig gab ihm ein Zeichen ſeines Wohlgefallens. Der naͤchſte Stier war von gleicher Wuth mit dem vorigen. Ein ſpaniſcher Ritter kämpfte zu Fuße ſehr geſchickt mit ihm, und hatte ihm ſchon mehrere Wunden beigebracht, wodurch das Thier im höchſten Grade wuthend wurde, und blitzſchnell auf ſeinen Gegner eindrang. Um ihm mit Vortheil zu begegnen, ſprang der Rit⸗ ter einige Schritte rückwärts. Dieſer Rück⸗ ſprung gerieth aber ſehr übel, indem er dabei ſtrauchelte und fiel. Der wüthende Stier rannte in dieſem Angenblicke auf ſeinen Feind zu, nahm ihn auf ſeine Hörner, und warf ihn weit über ſich weg, ſo daß der Ritter von ſeinem Fale 38 ganz betäubt im Sande lag. Noch einmal wollte er auf ihn zu, und das raſende Thier mordete den Ungluͤcklichen gewiß, wenn niemand zu ſeiner Rettung herbei kam. Verſchiedene, ſonſt tapfere ſpaniſche Ritter waren vom Anblick dieſer ſchauderhaften Scene wie gelähmt, und fühlten ſich unfähig zur Hülfe. tt Ruprecht hatte ſchon beſchloſſen, den nächſten Stier mit dem Schwerde in der Fauſt zu bekämpfen, und er hatte ſich deshalb unter dem Haufen der Fußkampfer mit voran geſtellt. Jetzt ſah er den unterlegenen Ritter in der na⸗ hen Todesgefahr. Er blickte um ſich, und ſah alle Ritter, welche zum Fußkampfe bereit ſtan⸗ den, unbeweglich und mit ſtarren Blicken nach dem gräßlichen Schauſpiele hinfehen; keiner aber wagte ſich zur Huͤlfe hinzueilen. Im Augen⸗ blicke war ſein Entſchluß gefaßt; denn ſchnelle Huͤlfe that noth. In der Rechten das Schwerd, in der Linken den Schild, ſprang er nach dem wüthenden Stiere hin, der eben den Kopf ſenk⸗ te, um ſeinem Feinde den Todesſtoß zu geben. In dieſem Angenblicke warf Ruprecht ſeinen Schild ihm an den Kopf; er ſtutzte, wollte aber dennoch den Stoß vollbringen. Da faßte Ru⸗ precht das Schwerd mit beiden Haͤnden, ſchwang es hoch, und führte mit aller Macht einen Streich auf den Hals des raſenden Thie⸗ res. Pfeifend durchſchnitt des Schwerdes Klinge die Luft, traf das Genick des Stiers, und es fiel, durch den gewaltigen Streich rein abge⸗ hauen, der Kopf deſſelben in den Sand, der Gerettete aber wurde mit dem Blute ſeines Feindes überſtrömt. Ein tauſendſtimmiges Freu⸗ dengeſchrei erſcholl bei dieſem Rieſenſtreiche durch die Luft, Rupht aber warf ſein Schwerd von ſich, und ſuchte den ganz mit Blut uͤber⸗ ſtrömten Ritter aufzurichten, und ihn dieſen Blutuberſtrömungen zu entreißen. Der gerettete Ritter hatte verſchiedene Wun⸗ den, doch keine von ihnen war gefährlich. Bald erholte er ſich wieder, und dankte nun ſeinem Retter auf das herzlichſte. Auch Herrmann eilte jetzt herzu, und fuͤhrte nun mit Ruprecht den Verwundeten aus den Schranken. Das dicht gedraͤngte Volk machte ihnen ehrerbietig WPlatz, und eine Menge Stimmen riefen dem Helden, der die Rettung eines edlen Ritters durch einen ſo Streich 40 von allen Seiten Lobſpruche zu. — Da drängte ſich ein alter Herr im köſtlichſten Ritterſchmucke heran. Es war Don Miguel de Hriga, Großmeiſter — Ritterordens von Alonzo. Er ertundigte ſich — dem Befinden des Neffen, und reichte dem deutſchen Ritter, der den von ihm ſo ſehr Geliebten aus der augenſcheinlichſten dank⸗ bar die Hand. „Herr Ritter! — ſprach er mit t ſp Freundlichkeit, als die Grandezza einem ſpani⸗ ſchen Großen der erſten Klaſſe nur immer ge⸗ ſtatten wollte — fur Eure edle That darf ich Euch nicht danken; denn ſie war Ritterpflicht, und ich würde Euch daher beleidigen. Auch würde mein Neffe, iederzeit tapfer und edel, dieſes eben⸗ falls mit Freuden für Euch gethan haben. Euere edelmuͤthige Tapferkeit ehrt Euch, und zieht Euch allen den Feigen vor, die den Augenblick der Ge⸗ fahr in ſtarrer Unthätigkeit verträumten. — Ihr muͤßt meinen Wunſch erfuͤllen, und mit Euerm tapfern Freunde bei mir in meinem Pallaſte mit wohnen. Jetzt aber kommt mit mir, damit ich Euch beide dem Könige vorſiellen kann. 2 41 So gnädig und herablaſſend, as es nur immer die ſpaniſche Hofſitte erlaubte, n die beiden deutſchen Ritter von dem Könige auf⸗ genommen. Er belegte ihre Tapferkeit und Stärke mit großen Lobſpruͤchen, und begleitete dieſes Lob mit dem Wunſche, daß ſie auch ſo tapfer und kräftig mit den Mauren fechten moͤchten. Ein ſtrafender Blick, welchen der Herrſcher auf die Ritter warf, die bei der Ge⸗ fahr Alonzo's unthätig geblieben waren, er⸗ weckte den beiden Deutſchen eine Menge Sand unter den 4 Rittern. Mit jedem Tage gewann der Großmeiſter die hochherzigen und doch ſo beſcheidenen dent⸗ ſchen Ritter lieber, und der Eisring ſchmolz in kurzem, welchen Grandezza und Hofſitte um ſein Herz gelegt hatten, ſo daß er ſie als ſeine eigenen Söhne achtete. Bald aber, und noch vor Eröffnung des Feldzugs, hatten ſie ver⸗ ſchiedene Male Gelegenheit, ihre Tapfetkeit zu zeigen. 42 Die Feinde, welche ihnen das gnädige Be⸗ zeigen des Königs erweckt hatte, neckten ſie ver⸗ ſchiedene Male, und beſonders bei einem Tur⸗ nier, welches der König gab, als ihm ein Sohn geboren worden war. Nachdem aber mehrere Ritter vor der Deutſchen Kraft nicht be⸗ ſtehen konnten, und von Herrmann und Ru⸗ precht unſanft in den Sand geworfen wurden, da erzeugte dieſes eine gerechte Scheu vor die⸗ ſen deutſchen Bären. Auch ſpäterhin er⸗ zwangen ſich die beiden ſchwarzen Ritter — wie man Herrmann und Ruprecht gemeiniglich nannte, da nicht allein ihre Harniſche ganz ſchwarz, ſondern auch ihre Kleider von gleicher Farbe waren — in veranlaßten Schwerdkaͤmpfen Achtung, und ſchickten ihre Herausforderer blu⸗ tig heim. Waährend Alonzo von ſeinen Wunden ge⸗ heilt wurde, lernte er die beiden Deutſchen nä⸗ her kennen. Vald ſchlang ſich das Band der Freundſchaft immer feſter um die Herzen dieſer drei Ritter, und bald ſchwuren ſie ſich die treueſte Waffenbrüderſchaft, auch nicht zu ach⸗ ten das eigene Leben, wenn es gelte, dem Bru⸗ der in der Gefahr beizuſtehen. Der Großmeiſter 43 war hoch erfreut uͤber dieſen Bund; denn et brachte Nutzen in der Schlacht. Als nun des Winters Stuͤrme nicht mehr brauſten, und des Fruͤhlings Sonne wieder ſchien, verſammelte ſich das ſpaniſche Heer, und zog aus zum Kriege gegen die Ungläubigen. Don Miguel de Hriga war nicht allein Großmeiſter des geiſtlichen Ritterordens von Calatrava, ſondern auch noch Connetable von Caſtilien, und befehligte in dieſer Ei⸗ genſchaft das Heer. Zwar ging der König eben⸗ falls in Perſon mit dem Heere zu Felde, doch mehr, um durch ſeine Gegenwart die Krieger zur Tupferkeit anzufeuern, und ihnen ritter⸗ lich voran zu gehen, als deh drſh S zu fuͤhren. Voll hohen Nuches waren alle Ritter und der Krieger große Menge. Auch Don Al⸗ phonſo, der Erzbiſchof von Toledo, der ſich ebenfalls in Perſon bei dem Heere befand, verſäumte nicht, ihn durch die kraftvollen Feld⸗ predigten, welche er ſelbſt, und oft mit der größ⸗ ten Gewalt der Rede, an die Lerſammelte kri⸗ geriſche Menge hielt, bis zum Fanatismus em⸗ por zu heben, ſo daß ſich auch der Geringſte 44 im Heere nach dem Beginnen des Feldzuges ſehnte. Endlich erſchien dieſer ſo heiß erſehnte Tag, und mit Jauchzen ward ſein em⸗ pfangen. Mit der eines Herrſchers von Caſtilien wuͤrdigen Pracht begab ſich der König in das Lager, und das gewaltige Freudengeſchrei des Heeres, welches in der weiten Ebene vor der Stadt in Schlachtordnung aufgeſtellt war, toſte ihm entgegen. Die Ritter der Orden von Al⸗ cantara und Calatrava*) zogen vor ihm her. Es waren gewaltige und von den Feinden gefürchtete Schaaren, und ihre geheiligten Pa⸗ niere wehten in die Luft. Herrmann, Ru⸗ precht und Alonzo befanden ſich bei dem Großmeiſter Don Miguel, und wollten ver⸗ eint in ſeiner Naͤhe fechten. Das Heer brach auf, und zog vor die u feſie Stadt Cordova. Sie war der Sit eines mauriſchen Fürſten. „ *) Dieſe beiden geiſtlichen Ritterorden w ren Nachbildungen des Tempelherren⸗Ok⸗ dens, und wurden im eilften Jahrhunderte, bei den immerwaͤhrenden Kriegen der Spanier gegen die Mauren, geſtiftet. 1. d. V. * An ihrem Beſitz war dem Koͤnige von Ca⸗ ſtilien viel gelegen, dieſes aber den Mauven wohlbekannt; darum verſammelte Mahomed Almuz Melin, der König von Granada, ein gewaltiges Heer, dieſe wichtige Stadt vor den Anfällen der Caſtilianer zu ſchützen. Die maͤchtigſten und zahlreichſten Edelgeſchlechter des mauriſchen Reichs, die Abencerragen, Zeg⸗ ri's, Gemeles, Alabes, Almoradi's und noch mehrere andere, von denen jedes eine be⸗ trächtliche Anzahl tapferer Ritter in ſich faßte, waren der Kern dieſes großen Heeres, welches vor Begierde brannte, ſein Vaterland gegen die Angriffe der Feinde zu vertheidigen. In wenig Tagen ſtanden die beiden heran⸗ ziehenden Hecre ein der Naͤhe von Cordova, zur Schlacht bereit, einander nahe gegenüber/ und ein blutiges Zuſammentreffen war unver⸗ meidlich. Beide Theile hatten tapfere, kriegs⸗ erfahrne Anfuͤhrer, und es mußte daher die Schlacht entſcheidend werden. Im eaſtiliſchen, o wie im mauriſchen Lager traf man die treff⸗ lichſten Anſtalten zum Angriff, wie zur Verthei⸗ digung, und die Bruſt eines jeden ſchlug hoch vor Erwartung. 46 Am Abend vor der Schlacht waren die Feld⸗ herren des eaſtiliſchen Heeres, ſo wie die bei⸗ den Oirdensgroßmeiſter, bei dem Könige ver⸗ ſammelt, um Kriegsrath zu halten; und als Don Miguel wieder in ſein Zelt zurück⸗ gekommen war, wurden Herrmann und Ru⸗ precht vor ihn beſchieden. Er ſaß auf ſeinem Stuhle, und finſtrer thronte auf der Stirn des Greiſes. „Edle, deutſche Ritter! — ſprach er ni Würde — Ihr habt gewuͤnſcht, gegen die Un⸗ gläubigen zu kämpfen, Morgen ſoll Euer Wunſch erfuͤllt werden. Des Koͤnigs Huld hat ver⸗ ſtattet, Euch nebſt meinem Neffen den tapfern Rittern von Calatrava beizugeſellen, und an einer Seite zu fechten. Es iſt dieſes eine echrenvolle Anerkennung Eures Muthes; denn hier wird der Streit am härteſten ſeyn, da Sieg oder Tod die Loſung unſers Ordens iſt. Ich ermahne Euch nicht zur Tapferkeit, iſt. deun dieſes würde Eure Ehre ſchänden; ich bin vielmehr uͤberzeugt, Ihr werdet den Helden⸗ ruhm Eures Vaterlandes auch hier auf's neue bewaͤhren, und, wenn der Allmächtige will, auch mit Euerm Blute beſiegeln. So gehet 47 denn hin, und rüſtet Euch zum Kampfe auf Morgen. Der Herr ſey mit uns allen!“ Kaum verkuͤndigte die Morgenröthe den ent⸗ ſcheidenden Tag, als auch das caſtiliſche Heer, zum Kampfe gerüſtet, das Lager verließ, und ſich in Schlachtordnung ſtellte. Bald war dirſe vollendet. Der Koͤnig traf mit ſeinem Gefolge bei dem Heere ein, und ein allgemeiner Freu⸗ denruf empfing den Herrſcher. Der Erz⸗ biſchof von Toledo erſchien, von einer großen Anzahl Prieſter begleitet, vor den ge⸗ ſchloſſenen Reihen der Krieger. Alle ſanken bei ſeinem Erſcheinen auf die Knie, und er gab dem Heere feierlich den Segen der Kirche, auch allgemeinen Ablaß allen denen, ſo ihr Leben im Kampfe gegen die Ungläubigen laſſen würden⸗ Er weihete die Fahnen des Heeres, und die Krieger wähnten ſich nun unbeſiegbar. Mit Ungeduld blickten ſie dem Beginnen der Schucht entgegen. thi Da ſah man uber die fernen Berge das feindliche Heer, einer drohenden Wetterwolke gleich, ſich heranwälzen, und Alle machten ſich en Kampfe bereit. ———— 4⁸ 62 m. an war es Wittag, als die ieien fund⸗ Heere in kampfgerechter Nähe gegen ein⸗ ander uͤber ſtanden. Da ertoͤnten die Trom⸗ peten, Hörner, Trommeln und Pfeifen der Mau⸗ ren, und begleiteten mit ihrem grauſenvollen Getöſe das allgemeine Allahgeſchrei dieſes gan⸗ zen Heeres. Es war betäubend. Der König von Granada war in der Mitte ſeiner Krie⸗ ſen lärmenden Empfang gefeiert worden. Ein dichter, die Luft verdunkelnder Pfeil⸗ hagel der Mauren, welcher auf die Spanier herabſtürzte, und von denen, die ſich nicht mit Schilden davor ſchuͤtzen konnten, viele verwun⸗ dete, machte den Anfang des Gefechts. Auch von den ſpaniſchen Armbruſtſchützen wurde ein gleicher nach den Feinden hin abgeſandt;z zu⸗ gleich ruͤckte man ſich von beiden Seiten näher. Die eaſtiliſchen Feldherren, Don Diego de Lizon und Don Rodrigo de Ribeira, welche die beiden Flügel ihres Heeres befehlig⸗ ten, rückten mit dem Fußvolke in geſchloſſenen ger angekommen, und ſeine Ankunft durch die⸗ ien vor. Die Reiterei folgte ihnen, in 49 kleiner Entfernung, in den Zwiſchenraͤumen. So waren ſie ganz in die Nähe des feindlichen Heeres geruckt, da ſendeten die zahlreichen ſpa⸗ niſchen Armbruſtſchützen abermals eine ganze Wolke von Polzen mit großer Wirkung nach den Feinden hin. Zu gleicher Zeit brachen die Bataillone mit vorgehaltenen Hellebarden und Piken in den Feind, und ein fürchterliches Handgemenge entſtand, welches mit graͤnzen⸗ loſer Wuth geführt wurde. Auch die Reiterei ſtuͤrmte gegenſeitig auf einander ein, und ſu ſich im blutigſten Kampfe. „Was nützt alles dieſes Blutbergießen, da es nichts entſcheidet — ſprach der erfahrne Don Miguel, und zeigte mit der Spitze ſei⸗ nes Schwerdes nach der Mitte des feindlichen Heeres hin, wo der König Mahomed ſeinen Standpunkt hatte — dort iſt unſer Ziel. Sie⸗ gen wir an dieſem Punkte, ſo wird der Sieg allgemein unſer ſeyn. Laßt die Zeichen geben, und dann vereint nach dem ehrenvollen Ziele hin. Gott mit uns und alle Heiligen! ſh un⸗ ſere Loſung.“ Die Trompeten ſchmetterten und einem Sturmwinde gleich, flog die furchtbare Schaar D der Ordensritter nach dem Feinde hin. Die mauriſchen Edelgeſchlechter „ welche wir weiter oben nannten, hatten ſich um ihren Koͤnig ver⸗ ſammelt, und bildeten gleichſam eine undurch⸗ dringliche Mauer um ihn; denn ſie ſahen es deutlich, die furchtbaren, ihnen durch das Kreuz auf ihren Schildern wohlbekannten Ordensritter hatten es darauf angeſehen, ihn zu erſchlagen oder gefangen zu nehmen. Mit gleicher Ta⸗ pferkeit, als die Ritter den Angriff unter⸗ nahmen, wurde daher auch derſelbe abgeſchlagen, doch im nächſten Augenblicke darauf von den Calatrava⸗Rittern wieder erneuert. Und ſo erhöhete ſich die Wuth des Streits mit jeder Minute. Beſonders thaten die Abencerra⸗ gen und Almoradi's wahre Wunder der Ta⸗ pferkeit. Der rieſengroße Hamid, ihr An⸗ führer, ſchlug ſich mit einem Theile ſeiner Ver⸗ wandten durch das Getümmel hindurch, und bis zu dem Großmeiſter Don Miguel hinan⸗ Den Greis im Streite zu erſchlagen „ war ſein Wunſch, und er durfte in verſchiedener Hinſicht die Erfüllung deſſelben hoffen. Es iſt auch wohl außer allem Zweifel geſetzt, daß der Tod dieſes Helden einen großen Einfluß auf den 51 Ausgang der Schlacht gehabt haben würde⸗ Die Ritter ſahen nicht ſobald den fuͤrchterlichen Feind auf ihren Großmeiſter eindringen, als ſie auch mit vereinter Kraft ihn zu vertheidigen ſuchten. Viele wollten ſich vor ihn drängen und den feindlichen Anfall aushalten; allein der Großmeiſter geſtattete es nñht „und rief ſeinen Ordensbrüdern zu: „Das ſey ferne von mir, meine Söhne! daß ich den Kampf an dieſem Tage ſcheuen ſollte. Nein! ich werde ihn beſtehen, und mit Gottes Huͤlfe glorreich aus demſelben gehen.“ Und nun drängte ſich der tapfere, un⸗ erſchrockene Greis kuͤhn dem rieſenhaften Mauren entgegen; die Ritter aber ſtuͤrmten auf die üb⸗ rigen mit Hamid vorgedrungenen Abencer⸗ ragen ein, ſchlugen ſie nach tapferer Gegen⸗ wehr wieder zurück, und ihr Anfuͤhrer war nun ohne Beiſtand im Kampfe mit dem Großmeiſter. Furchtbar war dieſer Kampf; denn zwei Meiſter beſtanden ihn. Bald ließ die Wuth des Mauren nach, und verwandelte ſich in kalte Beſonnenheit; hierdurch aber lenkte ſich erſt der Vortheil der Ueberlegenheit an Körper⸗ kraft auf ſeine Seite, da vorher die Kunſt und D2 ueberlegung des Großmeiſters ihm dieſen Vor⸗ theil größtentheils geraubt hatte. Denn als Meiſter in der Kunſt, mit den Waffen um⸗ zugehen, vereitelte immer Einer dem Andern ſein Unternehmen, den Gegner durch eine ſchwere Verwundung zu beſiegen, und ſo war nach ei⸗ nem langen Kampfe noch keiner der Kämpfer verletzt. Da erſchöpfte ſich endlich die Körper⸗ kraft des Greiſes, und er vermochte nicht mehr, das Schwerd mit der bisherigen Kraft und Ge⸗ wandtheit zu füͤhren. Er wurde deshalb in wenig Augenblicken zweimal ziemlich ſchwer ver⸗ wundet, und ſein Arm begann zu ſinken. Da fuͤhrte Hamid einen gewaltigen Streich nach dem Großmeiſter, und ſchlug dem durch die lange Anſtrengung matt gewordenen Greiſe des Schwerdes Klinge vom Gefaͤß. Ein zweiter, unmittelbar darauf folgender Streich ſollte eben ſeinem Leben ein Ende machen, als Herr⸗ mann die Todesgefahr des Greiſes gewahrte. warf ſchnell ſeinen Schild dem Todesſtreiche Hämids entgegen, und rief Alonzo zu: „Bringt Euern Oheim aus dem Gefechte, er iſt ſchwer verwundet und wehrlos. Ich kampfe ſeinen Kampf.“ Doch nur mit Mühe konnte man den Großmeiſter zuruͤck bringen; denn er wähnte ſich beſchimpft durch den Verluſt ſeines Schwerdes, deſſen Kreuz er feſt in der Hand hielt. Da ſank er endlich, durch den ſtarken Blutverluſt erſchöpft, dem ſchutzenden Neffen in die Arme, und man brachte ihn aus dem Kampfgetümmel hinter das Heer, wo verbunden wurde. Hamid und Herrmann kämpften unter deſſen den ergrimmten Löwen gleich mit ein⸗ ander, und ſowohl die Spanier als die Mauren machten ihnen ehrerbietig Platz. Alle ließen den Kampf ruhen, und ſahen verwundert die⸗ ſem Gefechte zu, ſo daß es ſchien, als ſolle ſein Ausgang uͤber das Schickſal der Schlacht entſcheiden. Schlag auf Schlag fielen die Streiche. Beiden Kaͤmpfern waren die Schilde zertrüͤmmert, und die Harniſche mit Blut ge⸗ roͤthet. Da wich Herrmann einem gewalti⸗ gen Streiche Hamids geſchickt aus, und in eben demſelben Augenblicke drang die Schärfe ſeines Schwerdes durch die Fugen des Har⸗ niſches tief in die Achſel des Mauren. Im weiten Bogen ſpritzte ſein Blut, und iber⸗ 8 ſtrömte den Sieger. „Rächet meinen Tod, ihr Brüder!“ ſtohnte Hamid, und ſank in des Todes Arme. Die⸗ ſer Ruf wurde das Signal zu einem neuen fuͤrchterlichen Gefecht; denn im Augenblicke ſei⸗ nes Sinkens ſtürmten die anweſenden Aben⸗ cerragen ſämmtlich auf Herrmann ein, ihres Waffenbruders Tod zu rächen, und dieſer gerieth nun in große Gefahr; denn er war ebenfalls mehrere Male verwunder, und ſein Schild konnte ihn nicht mehr decken, hier aber wurden von allen Seiten wuͤthende Streiche auf ihn gefuͤhrt, gegen die er ſich vertheidigen mußte. Da ſtürmten Ruprecht und Alonzo zu ſeiner Hülfe auf die Mauren ein, ihnen folgten alle Ritter von Calatrapa z denn er war es ja, der ihren geliebten Großmeiſter mir eigener Gefahr gerettet hatte. Ihr Angriff war unwiderſtehlich, und als nach einem harten Kampfe viele der tapferſien Ritter von beiden Seiten des Todes Raub geworden waren, be⸗ gannen die Mauren zu wanken. Da erſchlug endlich Ruprecht den Träger des feindlichen Häuptpaniers, und riß es an ſich. Die⸗ ſes aber war der eigentliche Wendepunkt des Streits; denn mit ihrem Panier ſank auch den ——— — —— — Seeie Wanmn der Muth und F. zogen ſi ic 3 nig, undwtjeich dieſe ſich im bitterſten Haſſe entflammt waren, ſo, mußte doch dieſer am heutigen Tage der all⸗ gemeinen Liebe des PVaterlandes weichen. Als daher das mauriſche Heer, auf allen Punkten beſiegt, ſich zur Flucht wendete, u die Trom⸗ peten nebſt den Trommeln die henden Krie⸗ ger vergebens zum Sammelplatze riefen, verein⸗ ten ſich jene zu einer undurchdringlichen Mauer um ihren König, und zogen ſich in geſchloſſe⸗ ner Ordnung ſo zuruͤck, daß ſich die Flücht⸗ linge wieder ſammeln konnten. Auf dieſe Weiſe kamen die Trümmer dieſes vor wenig Stunden noch ſo mächtigen Heeres nach dem Guad al⸗ quivir, auf deſſen jenſeitigem ufer ſie ſich wie⸗ der ſammelten, und zu einem neuen Heere bildeten. XXXKIV. Der verwundete C Großmeiſter Don Miguel lag auf ſeinem Feldbette. Er war bereits ver⸗ bunden, und ſollte nun der Ruhe pflegen. Vie konnte er aber dieſe finden, da der innere Grimm uͤber den Ausgang ſeines Kampfes ihm dieſelbe gänzlich ſtörte; und nur die ſich immer erneuernden Botſchaften vom gluͤcklichen Fort⸗ gange des Kampfes und dem immer gewiſſer werdenden Siege thaten ſeinem Herzen wohl, gaben ihm die nothige Ruhe wieder. In einem Kreiſe von Platanen verband man den Herrmaun, und er wankte dann, von —— ſhr bein Sger ncsnn ti s ui Schon im . hn der venmidete Siß Herrm auns ſchůͤtzenden Vorwurf des Schildes geſehen, und den Ruf gehört: „Ich kämpfe ſeinen Kampf.“ Dieſes aber erfüllete ſein biederes Herz mit den dank⸗ barſten Gefuͤhlen, und hatte er fruher ſchon die beiden Deutſchen herzlich geliebt, ſo er⸗ hohete der heutige Vorfall dieſe Liebe ungemein, und Alonzo war ihm nicht mehr als ſie. — Da meldete ihm ein Kaͤmmerling: „So eben kehrt der ſchwarze deutſche Ritter, der Euern Kampf mit dem mauriſchen Rieſen tapfer aus⸗ focht, und ihn erſchlug, verwundet zum Lager heim,“ und Don Miguel war wie neubelebt. „O fuͤhret ihn doch ſchnell zu mit — rief er dem Kämmerling freudig zu — auf 2 ihn dankbar umhalſe. 3 Man brachte nun iin zu ni in das Zelt, und der edle Greis zog ihn ans ſeine Bruſt. — „Seyd willkommen an meinem Her⸗ zen, edler, deutſcher, tapferer Maun! — ſprach er tief geruͤhrt — mein Kampfvertreter! — Von heute an ſeyd Ihr mein Sohn! — Ich dank⸗ Euch, Retter meiner Ehrel. Jetzt erſchallte plötzlich das Schmettern der Trompeten, und ein Ordensritter meldete ſei⸗ nem Großmeiſter die —— das Lager e 38 „Sieh da, Herr Ritter] — pnch er, als er Herrmann erblickte — ſo eben trug Euer tapferer Kampfgefährte Unſerm erlauchten Kö⸗ nige das feindliche Hauptpanier vor, das er in der Schlacht eroberte, und ſie dadurch zum Triumph unſers Heeres entſchied. Der König iſt ſehr bekuͤmmert uͤber Eure Verwundung, und ſendet mich, zu fragen⸗ wie Ihr Euch be⸗ findet?“ „Die Schlacht iſt gchith — der Feind beſiegt! — der König lebt, und meine Wun⸗ 38 den ſchllzen mich nicht mehr — ſprach der Großmeiſter mit Wuͤrde — dieſes meldet dem König, und ſagt ihm auch, daß dieſer tapfere deutſche Ritter den mauriſchen Rieſen erſchlug, den zu überwinden die Kraft des Greiſes zu wenig war. Dieſen edlen, tapfern Mann em⸗ pfehle ich dem Könige, auf daß e er zu ho⸗ 1. Ehren erhebe““ 2 di treuen Waffenbruͤder ſanken ſich in die Arme. Heute hatten ſie der treuen Freundſchaft hohe Pflichten erfullet, und nun, nach vollbrachter der Großmeiſter aber ſah von ſeinem Schmer⸗ zenslager dieſer ſchönen Scene mit väterlichem Wohlgefallen zu, und die Wunden ſchmerzten ihn weniger. „Wo ſolche Manner Dir wieder erſtehen, PVaterland! — ſprach er mit Er⸗ hebung — dann moͤgen immer des Greiſes Kraͤfte ſchwinden, und er am Abend ſeines Le⸗ bens von der langen Arbeit ruhen; ihr Helden⸗ muth wird Deine Zukunft ſichern.“ Am Abend brachte Herrmanns Knappe, der treue Diethelm, ſeinem Herrn des er Da trat Ruprecht mit u ein, und Blutarbeit, umarmten ſie ſich deſto inniger; ſchlagenen Hamids Säbel und den zertrůn 59 merten Schild, und alle Ritter verwunderten ſich über die Größe und Schwere dieſer Waf⸗ fen. S 10 „Ich konnte den mächtigen Rieſen nicht uͤberwinden, wenn ihn der lange Kampf mit dem tapfern Großmeiſter S vorher hätte.“ 6 So ſprach der ehnithig⸗ deutſhe giter⸗ und ſein Edelmuth gefiel den hochherzigen Spa⸗ niern ſo wohl, daß er ſich mit jedem Tage neue Freunde erwarb. Aber auch unter den Feinden erwarb ſich ſein ächter ein treues Freundesherz. n Der volle Mond wandelte die Nacht n der Schlacht zum hellen Tage um, und ſchuf eine jener paradieſiſchen Nächte, die nur warmen Klima eigen ſind. Herrmann ritt mit ſeinem Knappen auf dem Schlachtfelde nach dem Platze hin, wo er mit Hamid gefochten hatte. Todte und Schwerverwundete lagen in großen Haufen über einander. Viele waren ſchon hinweg geſchafft und verbunden worden; aber eine noch weit größere Menge ſchmachtete nach Huͤlfe. Der Ritter und ſein Knappe hörten das Stöhnen 60 eines Verwundeten, und als ſie nach ihm forſch⸗ ten, fanden ſie einen jungen mauriſchen Ritter. Er war in die linke Schulter bedeutend ver⸗ wundet, und lag mit gebrochenem Fuß unter ſeinem getödteten Roſſe. Herrmann zog ihn mit Diethelms Huͤlfe unter demſelben her⸗ vor, und da der beſonnene Knappe ſeine Feld⸗ flaſche, mit Wein gefullt, mit ſich genommen hatte/ ſo verbanden ſie ihm ſeine Wunden, hal⸗ fen ihm auf Diethelms Roß, und fuͤhrten ihn in das Lager, wo der Arzt des hochherzigen Don Miguel ſogleich angewieſen ward, den Verwundeten zu „ und fuͤr ihn zu ſorgen. Es war dieſer Gefangene ein i von hoher, männlicher Schönheit mit den edelſten Zuͤgen, aus dem Geſchlechte der Abenerra⸗ gen. Er hatte an der Seite ſeines Vaters gefochten, als dieſem das Haupt geſpalten wurde. Es blieb nicht einmal dem Sohne der Troſt, den Tod des Vaters gerächt zu haben; denn in demſelben Augenblicke, als der Vater todt zur Erde ſank, erhielt auch der Sohn eine ſchwere Wunde, und da in dieſem Augenblicke ſein Roß erſiochen wurde, und todt unter ihm 64 niederſtürzte, brach er den noch im Steigbugel befindlichen Fuß. Von den heftigſten Schmer⸗ zen gefoltert, lag er auf dem Schlachtfelde, und ſeufzte nach Huͤlfe, doch lange vergebens, bis ſie ihm endlich auf die erzählte Art zu Theil wurde, und Herrmann, ſo wie Ru⸗ precht und Alonzo, pflegten den Verwunde⸗ ten, als ſey er ihr leiblicher Bruder. Bald zog die Dankbarkeit das Freundſchaftsband noch inniger zuſammen, und die vier Freunde wur⸗ den mit einander einig, daß ſie auf ihren Schilden ein Herz, von einem Quandrat ein⸗ geſchlöſſen, als Deviſe und ennungnie fuͤhren wollten. Als Aleddin — dies war der Nan⸗ des jungen mauriſchen Ritters — endlich geneſen war, brachte man ihn zu ſeinen gefangenen Landsleuten, denen der Edelmuth der Spanier ihre Gefangenſchaft möglichſt erleichterte. Der ſpaniſche Heerfuͤhrer, Don Diego de Lizon, wurde in der Hitze des Gefechts ver⸗ wundet, und von der ihn umgebenden Menge der Feinde uͤbermannt und gefangen. Den hoch erfahrnen Feldherrn um jeden Preic wie⸗ der zu haben, war des Königs höchſter Wunſch⸗ 62 Er ſandte deshalb Boten an den König der Mauren, und ließ ein großes Löſegeld für ihn bieten. N „Nicht fuͤr die grten Eun imen werde ich den gefangenen Feldherrn in Freiheit ſetzen — war die Antwort. — Will aber der König von Caſtilien einen edlen mauriſchen Juͤngling, den Abencerragen Aleddin, der ſich bei ihm als Gefangener befindet, in Freiheit ſetzen, ſo ſoll Don Diego noch an demſelben Taze wieder in ſeines Koönigs Lager ſeyn.“ Der König ließ alſobald nach dieſem Ge⸗ fangenen forſchen, und als man ihn gefunden hatte, ward er in das königliche Zelt gefuͤhrt. Der Herrſcher ſaß auf ſeinem Prunkſeſſel, und ſeine Ritter umgaben ihn im weiten, prächtigen Zirkel. Ehrerbietig, doch furchtlos, trat Aled⸗ din vor ihn hin. Dem Gefangenen wurde die Freiheit angekundigt. Er hoͤrte dieſe Nachricht mit der größten Freude an, und ſprach im ehr⸗ furchtsvollen Tone: „Großer König! Mein Vaterland rief ſeine Söhne gegen Dich in den Streit, und ich folgte ſeinem Rufe. Ich focht an meines Vaters Seite Er fiel als Held im Kampfe, und auch ich ward ſchwer verwundet. Da fand mich ein deutſcher Ritter von Deinem Heere, und riß mich aus des Todes Armen, die mich ſchon umfangen hatten. Er pflegte mein, gleich ei⸗ nem Bruder. Allah ſegne ihn dafuͤr! Und der großmüthigen Feinde Edelmuth ließ mich und meine Bruͤder das gefallene Loos nur wenig empfinden. Ich werde nun, komme ich zu mei⸗ nem Könige zuruͤck, deſſen mit Ruhm und Dank gedenken, damit Euern Rittern, die in unſere Haͤnde als Gefangene fallen, ein Gleiches ge⸗ ſchehe.“ Der König von Caſtilien und ſan un⸗ gebung wurden durch dieſe edlen Geſinnungen ſehr geruͤhrt, und von ihnen allen hochgeachtet entfernte ſich, auf ein ſehr gnädiges Zeichen des Königs, der edle Aleddin, und trat in ſeines Retters Zelt. „Mein Bruder! — ſprach er — ich ſcheide, doch mein Herz bleibt bei Dir zuruͤck. Sag' an, wie kann ich Dir meine Rettung und Deine Liebe vergelten? — Willſt Du Geld? — Es ſoll Dir werden; und dennoch wird mein dankbares Herz, ſo ich athme, fuͤr Dich ſchlagen.“ 1 64 — Geruͤhrt umarmte Herrmann den edlen nevoin nd druͤckte ihn gefuͤhlvoll an ſein Herz. — „Ni Geld, mein Bruder! lohnt mir die Erfulluhg meiner Pflicht. Laß nur meinen bei Euch /gefangenen Brudern ein Glei⸗ ches widerfahrey; dann bin ich hoch belohnt.“ „Aleddin verſprach's, und ſchwur bei Al⸗ lah, i8 Verſprechen heilig zu erfüllen. So ſchied beiden edelmüthigen Feinde, die nur S ſeyn ſchienen, ſich als, die beſten Freun en. Der Befreiete wurde von einem e Ritter bis an das Ufer des Gundalquivir und mit ihm Su Don Diego zuruͤck. Er ruͤhmte hoch den Cdelmuth des Knigs Mahomed, und wie tief die gromüthige Be⸗ handlung der mauriſchen Gefangenen von ihm und allen ſeinen Rittern empfunden worden wäre, da Aleddin ſie ſo hoch geruhmt habe. „Für Euch, edler deutſcher Ritter! — ſprach er am Schluß ſeiner Rede zu Herrmann⸗ indem er ihm einen koſtbaren Ring mit einem Rubin uͤberreichte, in welchem verſchiedene atabiſche Buchſtaben (der Name des Königs) eingegra⸗ ben waren — für Euch gab mir der Shi „ 65 dieſes Kleinod mit. Daß Ihr es zum Au⸗ gedenken an dieſe edle That tragen moͤchtet, war ſein Wunſch. Wuͤrder Ihr nun einſt von den Mauren gefangen, 5 Euch dieſe Inſchrift von großem Nutzen ſeyn. Das Heer der Spanier ging ite den Gua⸗ dalquivir vor, und ſchloß die große, mächtige Stadt Cordova von allen Seiten ein. Die Mauren zogen ſich zurück „und die Belagerung begann. Sie waͤhrete an zwei Jahre, und end⸗ lich mußten doch die Spanier die Belagerung aufheben, weil ein ſo großes Heer der Mauren zur Befreiung dieſer Stadt heranzog⸗ daß es in Verbindung mit der großen, ſtreitbaren Menge det Belagerten die Spanier erdrückt ha⸗ ben wuͤrde. Waäͤhrend dieſer Belagerung fochten die drei Waffenbrüder ſtets vereint, und galten als weltliche Glieder des halbgeiſtlichen Ritterordens von Calatrava. Sie wurden nicht allein vom Großmeiſier, ſondern auch von allen Rit⸗ II. E 66 — 8 § tern deſſelben hochgeachtet., Da zernichtete auf einmal das i dieſen ſchonen von tiuen befahl einen all⸗ uf einmal ein Ende zu ma⸗ chen. lichſten gen getroffen. Bei allgemeinen Sturnie ſollten die Ritter voi Ca⸗ latrava be thãtig ſeyn, und am geführ⸗ lichſten Orte ſtuͤrmen. Von ihter Tapferkeit ließ ſich viel erwarten, und Alles ſah eine n glůcklichen. kuee dieſes Sturms, entgegen. Als daher am Abend vor dem, bei den Spa⸗ uiern ſo hoch gefeierten Jakobstage die Sonne uber den Horizont hinabgeſunken war, bereitete man ſich im Lager allgemein zum Sturme vor. Die Nacht war finſter, und der Himmel dicht mit Wolken uͤberzogen. In der tiefſten Stille ruͤckten die zahlreichen Schaaren der Sturmer gegen die Stadt herau. Eine große Menge Leitern ſoilte den Kriegern den Weg zur Höhe der gewaltigen Mauern bahnen. Die Belagerten waren jedoch wachſam, und dieſe, ſo wie die Thurme, ſtark beſetzt. auf die Stadt, um der lan⸗ er krößten Stille wurden die nf 67 Ohne große Hinderniſſe erklimmten die Spa⸗ nier faſt die Hälfte der Höhe; da erſcholl plötz⸗ lich das furchterliche Geſchrei: „Die Feinde ſturmen! ₰£ Auf, auf! hin nach den Mauern! zur tapfern Gegenwehr!“ Und dieſes Geſchrei verbreitete ſich reißend ſchnoll durch die ganze große Stadt, und die gewaltige Menge der Einwohner ſiͤrzte bewaffnet herbei, die be⸗ ſtͤrmten Mauern bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Die Beſatzung der Mauer und ihrer Thürme hatte bis jetzt einen Stein- und Pfeilhagel nach dem andern auf die Stuͤrmenden herab geſchleu⸗ dert, und ſchon waren viele von ihnen dadurch getödtet oder verwundet worden; doch drang die uͤberlegene Zahl derſelben immer weiter hin⸗ auf, und war nicht weit mehr von der Höhe der Mauer, als die Tauſende der aufgeſchreck⸗ ten Bürger herbei ſtürzten, und dem Vor⸗ dringen der Feinde ein Ziel zu ſetzen ſich be⸗ ſtrebten. Man ſuchte vorerſt die mit aufſteigenden Kriegern dicht erfullten Sturmleitern durch Wall⸗ gabeln umzuſtoßen, und bei vielen gelang es, ſo daß die Stürmenden mit denſelben in d 5 68 tiefen Graben zuruͤck ſtuͤrzten. Ein zerſchmet⸗ ternder Steinhagel fiel auf die durch dieſen ho⸗ hen Fall Verwundeten herab, und eine große Menge von ihnen endete auf die fürchterlichſte Weiſe. — Doch nicht bei allen Leitern gelang es, ſie umzuwerfen, und die Stuͤrmenden in den Graben zuruͤck zu ſtuͤrzen. Die heran ge⸗ ruͤckten Tauſende der ſpaniſchen Armbruſtſchutzen ſendeten einen Polzenregen nach dem andern nach den Mauern hinuͤber, und eine große Menge ihrer Vertheidiger ward getoͤdtet oder verwundet. Auch unter den uͤbrigen trat an einigen Stellen ein Schwanken ein, und nun gelang es einer bedeutenden Menge ſpaniſcher Krieger, an verſchiedenen Orten die Höhe der Mauer zu erklimmen. Hier begann nun ein wůthendes Gefecht, wo jeder auf Leben und Tod kämpfte, und keiner einen Schritt zuruͤck wich. Stroͤme von Blut floſſen, und jeder da, wo ſein Fuß Raum fand. Die mancherlei Wurfmaſchinen, welche in jenen Zeiten, wo das Pulver noch nicht erfun⸗ den war, die Stelle der Kanonen vertraten, und ſonſt ſchwere Steine in die Stadt ſchleu⸗ derten, warfen heute mit Feuer gefüllte Toͤpfe 69 dahin, und an mehreren Orten loderten Flam⸗ men auf. Vom Kamßfplatz eilten viele Bür⸗ ger zuruͤck, um die entſtehende Gluth zu däm⸗ pfen, und die Vertheidiger verminderten ſich; doch vermochten die Stuͤrmer nicht vorzudrin⸗ Auf Rädern wurde ein hölzerner Thum ganz nahe zur Mauer gebracht, mit Calatrava⸗ Ritrern dicht erfuͤllt. Der heftige Streit ver⸗ hinderte die Buͤrger, von der Mauer herab Feuer auf dieſen Thurm zu ſchleudern, und ihn dadurch zu vernichten. Eine hölzerne Fallbrucke ſenkte ſich von ihm herab, hinuͤber auf die Mauer, und mehr als vierzig Ritter, unter ihnen Herrmann, Ruprecht und Alonzo, ſpran⸗ gen, mit Schwerd und Schild bewaffnet, auf dieſer Bruͤcke nach derſelben hinuͤber. Ihre wuͤrgenden Schwerder brachten Tod und Ver⸗ wundung in die Reihen der Vertheidiger⸗ Der Ritter unwiderſtehlicher Anfall durchbrach dieſe Reihen, und drängte die tapfer fechtenden Cor⸗ dovaner zuruͤck; doch wichen ſie nur bis zur nachſten Straße, wo ſie abermals einen blu⸗ tigen Kampf begaunen. Er währete tziemlich petenſtößr, und langſam wichen nun die Mau⸗ ren. Hitzig und unbedacht folgten ihnen die Ritter; denn ſie glaubten ſich ſchon Sieger, und i aße den i er⸗ S 3 ein ſeitep Ze ſche hiett, de Ritter in die Falle zu locken. Finmer weiter drängten ſie die langſam, ſich zurück ziehenden Cordovaner in der Straße hin, und ſchon riefen mehrere von den juͤngern Rittern Viktoria! — als plotzlich die Zurückgehenden von Neuem Stand hielten, und zahlreiche neue Haufen der tapferſten mauriſchen Ritter den Kampf er⸗ neuerten. Zugleich ſchmetterten von den plat⸗ ten Dächern der zu beiden Seiten der Straße ſtehenden Häuſer Steine und Töpfe mit ſieden⸗ dem Waſſer herab auf die Eingedrungenen. Da ſahen dieſe reuevoll, aber zu ſpät, ein, daß ſie beſſer gethan hätten, dem warnenden Rufe des Comthurs zu folgen, und Einer rief dem An⸗ dern zu, ſich fechtend zurück zu ziehen. — Aber auch dieſer letzte Ausweg wurde ihnen verſperrt; denn plötzlich ſtürmten zahlreiche Schaaren mau⸗ niſcher Ritter im Rucken der Chriſten heran, und der Streit ward auch von dieſer Seite ſehr heftig. Die Spanier waren gänzlich von der Mauer abgeſchnitten, und von allen Seiten her von einer wohl zehnfachen Zahl uͤbermanut. Der Steinhagel von den Dichern wurde mit jeder Minute vernichtender. Fürchterlich und ver⸗ zweifelt war die Lage der Chriſten, und der Tod ſtand vor den Augen eines jeden unter ihnen. Zwar hielten ſie demohn geachtet feſt im Kampfe; aber endlich vermochten die durch den langen Streit ermůdeten Arme kaum das Schwerd noch zu heben, und ſich unter dem Schilde vor den herabſtürzenden Steinen zu ſchuͤtzen. Einer um den Andern von ihnen ſank zur Erde, ſo auch die drei Waffenbruͤder, Endlich ſtuͤrzten die letzten zu Boden; denn keiner wollte ſich zum Gefangenen ergeben, Der Streit hatte nun hier, wie auf der Mauet⸗ ein Ende; denn die Stuͤrmenden wur den zurůck geſchlagen, und groͤßtentheils getödtet. Der hölzerne Thurm, aus welchem die Ritter 3 der Mauer übergeſprungen waren, loderte Flammen auf, und ein faſt Stein⸗ und Pfeilhagel, von der Mauer herab, hinderte die feuerwerfenden Vſchiuch au fene⸗ rer Thätigkeit. — Der Sturm war alſo abgeſchlagen, und die tapferſten Ritter, ſo wie eine große Menge anderer Krieger, umſonſt aufgeopfert. Endlich riefen die Trompeten zum Rückzuge nach dem Lager, und mit tiefer Betruͤbniß hoͤrte man dort den unglücklichen Ausgang des Kampfös. Lange ſchon hatte keine Thräne mehr des Groß⸗ meiſters Auge befeuchtet. An dieſem Tage aber rannen ſie ihm ſtromweiſe üͤber die tief gefurch⸗ ten Wangen herab. Der Kern von den Rittern ſeines Ordens war gefallen, und auch das edle Kleeblatt der drei Waffenbruͤder dahin. Dies war zu viel fuͤr den Greis. Seine Wunden aus der letzten Schlacht hatten ſich noch nicht geſchloſſen, und verſchlimmerten ſich durch die heftigen Gemüthsbewegungen und den Gram um ſeine drei Lieblinge und die gefallenen Brü⸗ der des Ordens ſo ſehr, daß er in wenig Tagen dem Tode nahe war. Einſt lag er in der gchor palb wachend und halb ſchlafend auf ſeinem Lager; da er⸗ ſchien plötzlich eine vermummte Geſtalt in dem Zelte. Sie naͤherte ſich dem kranken Greiſe. „Gräme Dich nicht allzuſehr, Don Mi⸗ guel! — ſprach der Vermummte troſiend zu 3 ihm — Deine Lieblinge leben, zwar ſchwer ver⸗ letzt, doch in guter Pflege⸗ Auch Deine ver⸗ wundeten Ordensbrüder werden wohl gepflegt, und denen, ſo im Kampfe fielen, bereitete die Hand großmüthiger Feinde eine ehrliche Ruhe⸗ ſtätte. Darum uͤbe Du mit den Deinen auch ferner Edelmuth an denen, ſo wehrlos in Eure Hände falen. — Dieſer köſtliche Balſam wird Deine Wunden heilen; ihn ſpendet Ehrfurcht und Dankbarkeit. Möge bald des Wiederſehens Freude Dein wundes Herz ergricken. Darum faſſe Muth, und gräme Dich nicht.“ Die Geſtalt verſchwand hinter den Vorhän⸗ gen des Gezeltes, und der Großmeiſter wuͤrde alles füͤr einen Traum gehalten haben, hätte ihn nicht am Morgen das auf ſeinem Tiſche ſtehende unbekannte Gefäß von der Wirklich⸗ keit überzeugt. Es war mit dem koſtlichſten Balſam von Mekka gefüllt, und kam zu⸗ verläßig aus der belagerten Stadt. Wer konnte es aber wohl anders ſenden, als der edle Aleddin. Wie vermochte es aber der Vermummte, durch die Wachen in das Zelt des Groß meiſters zu dringen? Niemand wollte ihn geſehet 74 ben. — Der heilende Balſam und die tröſtende Votſchaft hatten jedoch den wohlthätigſten Ein⸗ fluß auf den kranken Großmeiſter. Seine Wun⸗ den heilten durch des Balſams hohe Krafte ſchnell, und auch ſein Herz ward ruhiger durch den Troſt der nächtlichen Erſcheinung. Aus einer todähnlichen B äubung erwachte Herrmann, und glaubte, trauen zu dürfen, als er um ſic In einem prächtigen Zimmer, wo alles zum fein⸗ ſten Lebensgenuß aufrief, war ihm, dem Schwer⸗ verwundeten, ein Lager auf ſeidenen, elaſti⸗ ſchen Polſtern bereitet, und ſeine Wunden auf's Beſte verbunden. Die lieblichſten Geruͤche er⸗ füllten die Atmosphäre, und zwei köſtlich ge⸗ Keidete Diener harreten ſeiner Befehle. „Wo bin ich?“ fragte Herrmann mit matter Stimme. „Seyd unbeſorgt, theurer Herr! — nut⸗ worteten ihm die Diener — haltet Euch nur ruhig. Ihr ſeyd im Pallaſt des gewaltigen — Augen nicht —— — „—— —— — — S Emirs Muſa, des Statthalters dieſer Pro⸗ vinz, den Allah beſchützen wolle! Eure ſorg⸗ ſamſie Pflege iſt uns auf das Strengſte an⸗ befohlen.“ n0 „Wie kam ich aber aus d em Streite hier⸗ her?“ „Ihr ſeyd in Freundes Haänden, dies ge⸗ nuͤge Euch; denn viel zu ſprechen iſt Euch in Euerm Zuſtande ſchärlich — Wir eilen, den Arzt zu rufen.“ Ein Greis trat bald darauf herein, und un⸗ terſuchte Her mauns Wunden. Sie waren ſchwer, aber nicht gefährlich. Ein gewichtiger Steinwurf hatte ihn auf den Helm getroffen, und die Betaubung veturſacht „aus welcher er jetzt erſt wieder heraus gegangen war. Aus den keſtlichſten Kräutern hatte der erfahrue Arzt ei⸗ en Trank bereitet, und reichte ihn dem Ver⸗ wundeten. Bald empfand er die wohlthätige Wirkung deſſelben. „Sage mir, ehrwürdiger Greis! — ſprach Herrmann — kennſt Du nicht das Schick⸗ ſal meiner beiden Waffenbruͤder, des gleich mir ſchwarz gerüſteten deutſchen Ritters Ruprecht und des Caſtilianers Alonzo?“ „Beide leben, und ſind, wie Ihr, in der ſorgſamſten Pflege — antwortete ihm theil⸗ nehmend der Greis. — In wenig Tagen wer⸗ det Ihr ſie vielleicht wieder ſehen. Ihr müßt Euch jedoch durchaus ruhig verhalten; denn das Sprechen iſt Eurer Heilung ſehr nach⸗ theilig. Verträuet Allah! Er Beſten wenden.“ Wenig Stunden Fte ſunt e in einen halb bewußtloſen Zuſtand zuruͤck, und ein heftiges Wundfieber kämpfte mit des Schwer⸗ verwundeten Lebenskraft. Der Arzt dns Lager ſeines Kranken nur ſehr wenig. 1 Ruͤtzt durch ſeine kraftigen Mittel, errang das Leben den Sieg, und die Krankheit wich. 1 „Wenn Ihr mir geloben wollet, den An⸗ blick eines Freundes ruhig zu ertragen — ſprach nach einiger Zeit der Arzt zu ſeinem Kranken — ſo ſollt Ihr heute noch Euern beſten er⸗ blicken.“ Herrmann gelobte es, und der Arzt ent⸗ ſerute ſich hierauf. — Erwartungsvoll blickte und — Aleddin trat mit dem Arzte ein. Herrmann nach der Thuͤr des Zimmers, „Allah ſey ewig geprieſen! — der edle —————— „ — — junge Moslem frendig aus, und ſeine Angen leuchteten vor Freude, als er Herrmann ſah — daß Du gerettet biſt, mein Bruder! O wie habe ich für Dein theures Leben gezittert!“ „Aleddin! — Freund! — Bruder! — ſprach Herrmann mit tiefer Rührung, und reichte ihm die Hand, d die der edle Maure an ſein Herz drückte — wie kann ich Dir genug dauten 6 „Beruhige Dich! — 5 Dir ja nur, was Du an mir thateſt, und uͤbte ſo des Menſchen erſte Pflicht, wie der Prophet ge⸗ bietet.“ „HO ſprich! Plonzo?“ „Sie leben, und in weng Tagen fuͤhre ich Dich in ihre Arme.“ „O Aleddin!“ . Der Arzt trennte ſie jetzt; denn die Freude wo iſt und wirkte ſehr heftig auf Herrmann ein. Noch war er zu ſchwach, und ſank daher bald auf ſein Lager zuruͤck. Von jetzt an beſuchte Aleddin täglich ſe⸗ nen Freund, und unter traulichem Koſen ſchwan⸗ den die Stunden dahin, den Minuten ich Mit jedem Tage umſchlangen die Vande der innigſten Freundſchaft die Gleichgeſinnten feſter. „Wo iſt mein Ruprecht? mein Alon⸗ zo? — Iſt es noch nicht an der Zeit, daß ich ſie umarme?“ — hatte Herrmann ſei⸗ nen Aleddin und den Arzt ſo oft ſchon ge⸗ fragt, und immer waren ſie in den Antworten ausgewichen. Endlich war Herrmann wieder geneſen. Da bat der Arzt, ihm zu folgen, und fuͤhrte ihn durch eine Reihe Zimmer. Endlich öffnete er eine Thuͤr, und die beiden lang getrenten Freunde ſanken ſich in die feſt umſchlingenden Arme. „Auch ich gehöre mit zu Euerm Bunde!“ ſprach Aleddin, und ſeine Arme umfingen die ihm ſo Lieben mit herzlicher Freundſchaft. Viel hatten ſich die treuen Freunde zu fra⸗ gen, wie viel zu erzählen. Stunden verfloſſen ihnen wie Minuten im traulichen uber ihre bisherige Trennung. Ruprecht war ebenfalls in jener mörderi⸗ ſchen Nacht ſchwer verwundet worden, und gleich Herrmann in Aleddins Hände ge⸗ kommen, jetzt aber durch die ſorgſamſte Pflege wieder geneſen. „Nun fehlt uns nur unſer Alonzo noch — ſprach Herrmann bekümmert. — Könnten wir auch ihn umarmen, ſo bliebe uns dann nur die Freiheit noch zu wuͤnſchen uͤbrig.“ „Er lebt! — berichtete der Arzt — und ge⸗ nießt, ſo wie Ihr, der ſorgfältigſten Pflege. Doch darf ich es jetzt noch nicht wagen, Euch zu ihm zu fuͤhren; denn nur durch Allah's Wunderkraft wandelt er noch im Lande der Le⸗ bendigen.“ Pleddin erzaͤhlte nun ſeinen Freunden, wie ſie vom Platze des Gefechts in dieſen Pallaſt gekommen wären. „Als ich aus Euerm Heerlager in das un⸗ ſrige zuruͤck kam, rühmte ich in Gegenwart des Königs die aͤcht menſchliche und großmüthige Behandlung, ſo mir bei Euch wiederfahren war, auch daß ich mir zwei edle deutſche Ritter und einen Caſtilianer zu Freunden erworben habe; Dir aber, mein Herrmann, ganz beſonders die Rettung aus des Todes Rachen danke. — Dem hochherzigen Sultan gefiel dieſes über die Maßen wohl. Er zog einen Ring vom Finger, in deſſen koſtbarem Mittelſteine die Zuge ſeines Namens eingegraben waren, und gab ihn mir, fuͤr Dich, mein Bruder! zum Angedenken an Deine Biederthat!“ „Alle meine Verwandten, die Ritter aus dem Geſchlechte der Abencerragen und der mit uns befreundeten Alabes und Almora⸗ di's, kennen die zwiſchen uns geſchloſſene freundſchaftliche Verbindung und das Zeichen derſelben auf unſern Schilden.“ „Ein geheimes Gefuͤhl, daß Ihr unter den eingedrungenen ſpaniſchen Rittern ſeyn möchtet, verhinderte mich, an dem Kampfe thätigen Au⸗ theil zu nehmen; denn wie hätte ich min Schwerd gegen Euch aufheben können! Zitternd erwartete ich den Tag. Kaum röthete ſich am andern Morgen der Himmel, als ich auch mit mehreren meiner Freunde nach dem Kampf⸗ platze eilte. Hügel von Leichen und das kläg⸗ liche Gewimmer der Verwundeten bezeichneten ihn. Mit Furcht und Zittern forſchte ich nach Euch. Dich, mein Ruprecht! fand ich zu⸗ erſt, und dann auch Dich, mein Bruder Herr⸗ mann! — Eure ſchwarzen Ruͤſtungen und das Herz auf Euern Schilden machten Euch kenn⸗ bar. Faſt war kein Lebensfunken mehr in guß zu ſpuͤren. Ich trug Euch mit einem treuen 8¹ Diener in meines Oheims Pallaſt. Er nahm Euch willig auf, und ließ ſeinen Arzt, den erfahrnen Abdallah, rufen. Dieſer unter⸗ ſuchte Eure Wunden, und erklärte ſie zwar as ſchwer, doch nicht fuͤr tödtlich.⸗ „Nun fehlte nur Alonzo noch. Ihn zu ſuchen, eilte ich noch einmal fort; doch lange ſuchte ich ihn vergebens. Endlich erblickte ich ei⸗ nen blau gerüͤſteten caſtiliſchen Ritter, ſcheintodt auf der Eide liegend, und zwei mächtige Steine lagen auf ihm. Da ſah ich unſer Erkennungs⸗ zeichen auf einem hart an dem Ritter liegenden halb zertrüͤmmerten Schilde. Ahnungsvoll waͤlzte ich die Steine hinweg, und öffnete den Helm des Ritters. O Allah, hilf! es war Alonzo. Schrecklich war er von den Steinen zerſchmet⸗ tert, und krampfhaft hielt er noch in ſeiner Fauſt das Schwerd. Ich legte mein Ohr auf ſeinen Mund. Er athmete noch, aber kaum hörbar, und keine Zeit war zu ver⸗ lieren. So ſchnell als möglich brachte ich ihn mit den Dienern nach dem Pallaſte, und entwappnete ihn. Fürchterlich war er ver⸗ letzt. Sein rechter Arm war ganz zerſchmet⸗ tert, und das Auge dieſer Seite ſehr beſe 3 II. 82 get; auch blutete ſein Korper aus Wunden.“ „Abdallah ſchuͤttelte den Kopf, als er die Wunden nnterſucht hatte; ich aber fiel ihm um den Hals, und beſchwor ihn bei dem großen Propheten, meinen Freund zu ret⸗ „„Was ich vermag, das ſoll geſchehen — ſprach der gute Alte — und Allah ſegne mein Bemühen! Was er will, das S W ſprechen kann ich nichts.““ „Er hat Wort gehalten, der urhe Greis. Tag und Nacht war er um Euch drei be⸗ muͤht. Aber nur erſt geſtern erklärte er Alon⸗ zo außer Todesgefahr; doch bleibe er ein Krüp⸗ pel, der nie wieder ein Schwerd zu ſchwingen vermöchte. — Wohl kaum in einem Monate duͤrfen wir ihn ſehen!“ — ſchloß u Aled⸗ din, ſeufzend. XXXVII. Endlich war auch dieſe ewig lange Zeit verfloſſen, und Abdallah fuͤhrte die drei Freunde in Alonzo's gimmer. Wer vermag es aber, die Scene ihres Wiederſehens und die höchſt ſchmetzlichen Empfindungen treffend zu ſchildern, welche die Eintretenden durchzuckten, als ſie in Alonzo ein ſo mahnendes Bei⸗ ſpiel menſchlicher Verganglichkeit erblickten. Er, der ſonſt in höchſter Fülle männlicher Schönheit bluͤhende Juͤngling, war jetzt zum wahren Jammerbilde, und der verkruͤppelte rechte Arm fuͤr immer zum Kampfe untauglich gewotden, das ſchöne, feurige Auge aber für immer ge⸗ ſchloſſen. Aus der ebenfalls durch einen Stein⸗ wurf verletzten Bruſt tönte tief herauf die ſonſt ſo wohl klingende Stimme hohl und heiſer. Dahin geſchwunden war der ſonſt ſo hohe Muth des edlen Caſtilianers, und nur fuͤr das me- mento mori des lebendig todten Carthaͤuſers ſchien er noch Sinn zu haben. — Tief betrübt und vom Jammer über ſein hartes Geſchick im Herzen erfullt, reichte er den eintretenden Freun⸗ F2 ——— den die Linke, und ein Meer von Thränen rann ihm über die Wangen herab. „O warum ließeſt Du mich nicht, mein Aleddin — ſtöhnte er, als ſeine Freunde weinend ihn umarmten — in jener bluterfullten Straße mein Leben vollends enden. Ich wäre doch auf dieſe Weiſe eines ehrenvollen Todes geſtorben, auſtatt daß ich mich nun mit mei⸗ nem ſiechen, verkruͤppelten Körper elendiglich durch die Welt ſchleppen muß ,„und hochſtens nur noch zu einem Mönche tauge.“ So klagte der arme, ungluckliche Alonzo, und die ſchon ſo längſt erſehnte Stunde des Wiederſehens ward fuͤr ihn und ſeine Freunde zur Stunde des Trauerns. Die gänzliche Unthätigkeit ſiel den beiden Bbhen ſchwer zu ertragen, und ſie ſehnten ſich in die geräuſchvolle Thätigkeit des Feld⸗ lebens zuic uh war es ih feſtet Euſchuß zu „ da ſie unter tieſen Volke een ſo edlen Freund gefunden hatten, der ihnen ewig theuer blieb. Ihr Gefuͤhl emporte ſich dagegen⸗ auch nur einen Tropfen Blut von dieſem Volke ferner zu vergießen, bei dem ſie durch ſorgſame Pflege ihre Rettung vom Tode gefunden hatten⸗ Die Sache des Koͤnigs von Caſtilien war ihnen ja fremd, und ſie beſchloſſen daher, nach ihrer Ankunft in dem Lager ihm den fernern Dienſt aufzuſagen. Von Alonzo ließ es ſich mit Gewißheit vorausſetzen, daß er, zu jedem Kriegsdienſt untauglich geworden, ſeine noch üb⸗ rige Lebenszeit in der größten Stille hinbrin⸗ gen werde. 85 Endlich war auch dieſer wieder in ſo weit geneſen, daß er in Freiheit geſetzt werden, und in das Lager ſeines Königs zurückgehen konnte. Die beiden deutſchen Ritter baten nun ihren Freund Aleddin, ihre und Alonzo's Freiheit bei ſeinem Oheim zu bewirken. Er hoörte ihr Begehren mit einer traurigen Miene an, und ging ohne Antwort in tiefer Betrübniß von ih⸗ nen. Nach einigen Tagen trat ein Diener des Emirs in das Gemach der drei Ritter, und bat ſie, ihm zu folgen. Er fuͤhrte ſie in ein prächtiges Zimmer, und auf goldgeſtickten, rei⸗ chen Polſtern lag der Fürſt nachläſſig aus⸗ geſtreckt. Reich gekleidete Diener ſtanden bei ſeinem Divan, und die köſtlichſten Gerüche — 5 86 ſtiegen aus ſilbernen Pfannen in feinen Däm⸗ pfen empor. „Ritter! — ſprach er, als dieſe ſich in ſi ner Nähe auf prächtige Polſter niedergelaſſen hatten — Ihr ſeyd meines Aleddin Freunde, und thatet ihm wohl, als er verwundet und gefangen bei Euch war. Dieſes Euch dankbar wieder zu vergelten, gebot die Pflicht, und mit Vergnuͤgen ſah ich es, wie eifrig Aleddin ſie übte. — Ihr ſeyd nun geneſen, und frei. Bleibt in meinem Hauſe, ſo lange es Euch gefällt, und kehret dann zu den Eurigen zurück. Euerm eigenen Gefühl ſey es überlaſſen, ob Ihr auch ferner gegen uns fechten wollt. — Noch einmal ſage ich Euch: Ihr ſeyd vollig frei.“ „Fuͤrſt! — antwortete ihm Herrmann mit Anſtand und Würde — der Deutſche ficht in fremden Landen, um Ruhm und Ehre zu erlangen. Auch dieſes haben wir gethan, und unter den Fahnen des Königs von Caſtilien ge⸗ gen Euch geſchlagen. Aber wir ſind frei, und koͤnnen zu jeder Zeit aus dem eaſtiliſchen Lager nach der Heimath zuruͤck kehren. Feſt ſtehet jetzt unſer Entſchluß. Wir ziehen gegen Euern 87 König und ſein Volk unſere Schwerder nie wie Darauf ſey Euch mein Ritterwort gegeben.“ „Auch das meinige — fügte Ruprecht hinzu. — Und wenn wir nun im fernen deut⸗ ſchen Vaterlande wieder leben, werden wir es laut rühmen, wie edel der mächtige Muſa von Cordova an uns Schwerverwundeten handelte, und keiner unſerer Bruͤder wird je ſein Schwerd gegen dieſes Volk zum Kampfe ziehen. Habe Dank fuͤr die Guͤte, mit der Du uns in Deinem Pallaſte aufgenommen haſt. Fuͤr Muſa und Aleddin werden einſt in der letzten Stunde noch die brechenden Herzen dank⸗ bar ſchlagen, und bis dahin, will's Gott! dieſe Namen in mancher Feldſchlacht unſere Lo⸗ ſung ſeyn.“ „Wie gern veſchöſe e mein Leben in Aleddins Armen — ſtöhnte Alonzo mit hohler Stimme — waͤre nicht mein Volk der Feind des Eurigen. Nur eine kurze Zeit noch wird mir vergönnt ſeyn, auf dieſer Erde zu wandeln; dieſe Zeit aber will ich in ſtiller Ab⸗ geſchiedenheit verleben, und an jedem Tage Gott, den Ihr Allah uennet, bitten, daß er Euch ſegne fur und fuͤr.“ —— 88 —— Dem Emir gefielen dieſe Antworten, wel⸗ che die innigen Gefühle dankbarer Menſchen ſo unverkennbar ausſprachen, uͤber alle Maßen wohl. Er winkte, und die Diener, welche eben ſo viel Liebe als Ehrfurcht für ihren Herrn zu hegen ſchienen, reichten ihm und den Frem⸗ den den köſtlichſten Sorbet in Schaa⸗ len. Mit Eifer p nen der Emir e dem Lande der Deutſchen und den Sitten die⸗ ſes Volks. Die Ritter erzählten, und immer wohlgefalliger ruheten die Blicke des auf ihnen. Endlich beurlaubten ſie ſich von nibn als ſie auf ihr Zimmer kamen, trafen ſie einen Diener Aleddins auf ſie harrend. Er über⸗ reichte einem jeden von ihnen ein kleines Käſi⸗ chen, und als ſie es öffneten, fand jeder eine lange Kette vom feinſten Golde mit einem koſt⸗ baren Kleinode, und auf der Rückſeite deſſelben in caſtiliſcher Sprache die Worte: „Dem Freunde von dem Freunde zur Erinne⸗ rung.“ Noch eine Pergamentrolle uͤberreichte ihnen der Diener ehrfurchtsvoll. Sie enthielt ein Schreiben von Aleddin, und tiefe Ruͤh⸗ — — rung bemächtigte ſich der ite als ſie es laſen. „Meine Brüder! — ſchrib der Edle. — Ich lernte Euch kennen und lieben, und Allah weiß, wie gern ich meine Lebenszeit mit Euch verlebt hätte. Doch Ihr ſehnet Euch nach Eu⸗ rem Vaterlande, und ich laſſe Euch dahin zie⸗ hen, während mein Herz blutet. Es wuͤrde brechen, wollten wir uns beim Abſchied noch einmal umarmen. So ziehet denn hin in Euer Vaterland. Allah ſegne und geleite Euch! — Denket auch in der Ferne ſtets mit Liebe an mich, und nehmet dieſes Zeichen der Erinne⸗ rung als ſolches von mir auf. Allah ſey ſiets mit Euch! 2 teddin.“ „Ja! er auch ſiets mit Dir, Du Un⸗ vergeßlicher!“ ſprachen die Freunde tief geruͤhrt und wie mit einer Stimme, die empfangenen Ketten an das Herz druͤckend. 90 Am folgenden Tage zogen die drei Befreie⸗ ten wieder in das Lager ein. Alles lief zu⸗ ſammen, als ſie anlangten, um die Ein⸗ zigen zu ſehen, welche aus jener Mordnacht uͤbrig waren. Sie zogen nach des Groß⸗ meiſters Don Mignel Zelte, und fanden es leer; denn der Gram um den geliebten Nef⸗ fen, deſſen trauriges Schickſal ihm ſpäterhin durch einen gefangenen Ritter kund geworden war, hatte den Greis dermaßen angegriffen, daß man ihn todtkrank auf eine rückwärts lie⸗ gende Burg ſchaffen mußte, und hier hatte er erſt geſtern die ruhmvolle Laufbahn beſchloſſen. Ein Ordensritter, welcher in dieſem Zelte einſt⸗ weilen Platz genommen hatte, eroffnete ihnen die traurige Botſchaft. — Lautlos hörte ſie Alonzo an, und ſah mit ſtarren Blicken zur Erde nieder; dann warf er ſich in einen Seſſel, und weinte ſtill. Kaum hatte der König die Ankunft der drei Verlorengeglaubten vernommen, als er ſie vor ſich beſcheiden ließ. Der Monarch erſchrak vor der Jammergeſtalt Alohzo's, und kannte ihn 91 ſ nicht mehr, ſo ſehr war er durch ſeine Wunden entſiellt worden. . 345 Herrmann berichtete dem und ſei⸗ ner zahlreichen Umgebung die Begebenheiten je⸗ ner Blutnacht, und rühmte hoch den Edelmuth des manriſchen Emirs und ſeines dankbaren Neffen. Der hochherzige Monarch, ſo wie die ihn umgebenden Fuͤrſten und Edlen, waren durch dieſe Erzahlung geruͤhrt, und ſimmen. in Herrmanns Lob einmuͤthig ein. 0 „Ihr ſeht es, erlauchter Herr König! — ſprach Alonzo nun, und man ſah ihm die tiefſte Erſchütterung deutlich an — ich bin in jener Schreckensnacht ein lebendig Todter ge⸗ worden, und vermag es nicht mehr, mit Kraft zu ſchwingen das blitzende Schwerd im Kam⸗ pfe fuͤr Euch. Erlaubt mir daher, aus dem Heere auszuſcheiden, und, wenn ich meinem Oheim die letzte Liebe erwieſen, und ſeinen Leichnam zur Erde beſtattet habe, die noch uͤb⸗ rige kurze Lebenszeit der ſteten Betrachtung des Todes in dem Kloſter auf dem Mont⸗ ſerrat zu weihen.“ Der König erlaubte es ihm, und Alunzo fuhr fort: „Meine letzte Bitte au Euch, er⸗ lauchter Herr König! und Ihr, tapfere Ritter! ehe ich aus der Welt an jenen Ort der ſtillen Selbſtbetrachtung gehe, werdet Ihr mir gewiß gewähren. Uebet ferner Großmuth und Ver⸗ geltung an den Feinden, beſonders aber an dem edlen Rittergeſchlechte der Abencerragen; denn aus ihnen entſproſſen Muſa und Aled⸗ din denen wir Leben und Freiheit verdanken.“ Hochherzig ſagte es der zu, und die drei Ritter entfernten ſich. 5 — Noch an dieſem Tage führte ein Ordensritter von Calatrava ihnen einen deutſchen Ritter zu. Er nannte ſich Konrad von Steinheim, und hatte, zur Buße wegen ſeines von ihm erſchlagenen Burgpfaffen, der den Ritter ſeinen Feinden hatte uberliefern wollen, dem Biſchofe von Bamberg einen dreijährigen Kriegszug gegen die unglaͤubigen Mauren geloben müſſen. Er hörte von der Wiederankunft der beiden deut⸗ ſchen Ritter im Lager, und kam, um ſie zu gruͤßen. Die Humpen wurden nach vaterländi⸗ ſcher Sitte gebracht, und ihnen fleißig zuge⸗ ſprochen. Dann berichtete ihnen der Ritter Konrad den traurigen Zuſtand des Vater⸗ landes. ℳ 93 „Herr Ritter! — ſyrnt 6 zu 3 mann — wenn Ihr ein Lhüringer ſeyd, ſo moͤchtet Ihr wohl ſchnell nach Euerm Vater⸗ lande eilen; denn es geht dort gar böſe zu. Der Landgraf Albert hat vor drei Jahren aus Rache und Mißgunſt das Thüringer and an den Kaiſer Adolph verkauft; und weil die Thuͤringer großen Theils ſeinen Söhnen, den Markgrafen Friedrich und Diezmann, an⸗ haͤngen, ſo hat ein ſchwerer Krieg das Land bisher verwüſtet. unbeſchreiblich ſind die Bar⸗ bareien, welche das kaiſerliche Heer dabei ver⸗ uͤbt hat, ſo daß ſelbſt die Tartaren pei ih⸗ rem Einfalle in Mähren und Schleſien nicht ſchlimmer gehauſet haben, als hier ge⸗ ſchehen iſt. Die Stadt Cölleda wurde in Brand geſtecht, das Nonnenktoſter daſelbſt ge⸗ ſtuͤrmt, und die Nonnen geſchändet, auch ihre Kirche beraubt. Selbſt unter den Augen ihres Herrn veruͤbte die Leibwache des Kaiſers die ſchaͤndlichſten Greuelthaten beſonders aber in Ganglofſömmern, und der Kaiſer bä⸗ chelte dazu. Den Markgrafen Friedrich ließ er auf das Freundſchaftlichſte zu einer Un⸗ terredung nach Altenburg einladen, aber es war ſchon der 2 ſhn gemacht, ihn bei der Tafel meuchlings zu morden. Der wackere Albert von Vargula fing jedoch den Streich auf, der ſeinem Herrn galt, und vpferte das eigene Leben füͤr ihn auf. Mit Muͤhe und Noth entrant Friedrich aus Al⸗ enburg, und er ſammelte ſogleich ein Heer, mit welchem er die Waiſerlichen uͤberall ſchlug. Was weiter geſchehen iſt, „kann ich Eüch nicht betichten, weil mich ein widriges Geſchick vor einigen Wochen aus dem Lande trieb; ich hörte jedoch auf meiner Fahrt, daß der Erzherzog Albert von Habsburg ein Heer ſammeln um den Kaiſer Adolph anzugteifen. Im tiefen Sinnen ſaß Herrman n, nach⸗ dem der Ritter geendiget hatte. Dann ſprang er tauf⸗ und bot Ruprecht die Hand: „Mit dem Morgenroth des nchſten Tages ʒiehe ich in mein Vaterland zuruͤck. i Du mir ziehen, Ruprecht?“ „Unſere Waffenbruderſchaft git füps ganze Leben — eutgegnete der Biedere. — Ich ziehe mt Dir, und nichts trennt uns von einander.“ Noch an demſelben Tage beurlaubten ſich die beiden Waffenbruͤder bei dem Koͤnige Al⸗ . phons, und machten ihm ihren Entſthluß, nach dem deutſchen Vaterlande zuruͤck zu kehren, bekannt. Huldreich dankte ihnen der König für ihre tapfern Dienſte, und F nit rei⸗ chen Geſchenken begabt. Tief betrüͤbt nahmen ſie von Al onzo⸗ ar dieſes Leben Abſchied, er Fber umarmte ſie ſtumm; denn alles Lebensgefuͤhl ſchien bei ihm allmählig zu erſterben. Den Ring des Königs von Granada gaben ſie ie dem Ritter Konrad zum Empfehlungszeichen, und erzählten ihm ihre Schickſale, ſo wie die an ihnen bewieſene Großmuth des Emirs und ſeines Neffen. „Noch habe ich mich auf keine Zeit ver⸗ bindlich gemacht — ſprach der Ritter Kon⸗ rad — und ich werde mich daher bei der erſten Gelegeuheit aus dem ſpaniſchen Lager entfernen, um nach dem heiligen Kande zu wallen, dort am Grabe des Herrn zu beten, und das Schweid zu fuͤhren gegen die Ungläubigen, ſo es mit ih⸗ rer Gegenwart beflecken.“ n n Geehrt und geliebt von allen Rittern, in deren Mitte ſie zeither gefochten hatten, und die jetzt ihr Scheiden bedauerten, zogen nun Herrmann und Ruprecht mit ihten Knaß⸗ * 96 pen von dannen, und wir treffen ſie nicht eher wieder, als auf der Feſte Schwarzenſtein, wo Herrmann die Ruheſtaͤtten ſeiner Emma und ihres, ihr vor Gram bald nachgefolgten Vaters und ihnen ein Thränen⸗ ſi . de an Kie von Se in rüſtete ſich ſo eben zur Heeresfolge⸗ die er dem erwählten Gegenkaiſer Albert von Habs⸗ burg gegen den von den meiſten Fuͤrſten des Reichs wieder abgeſetzten Kaiſer Adolph von MNaſſan gelobt hatte, und Herrman n ſchloß ſich mit Ruprecht dieſem Zuge an⸗ In den nächſten Tagen vereinigten ſich die benachbarten Ritter und ihre Reiſigen mit dem Grafen Hu⸗ 8 * und den Seinigen, und dieſe an Zahl, ſo wie an innerlicher Stärke ziemlich beträcht⸗ liche Schaar zog nun nach dem Se von Alberts Heer. nnh Der Kaiſer ſelbſt ſah ſie in das ziehen. er rief die Ritter zu ſich, und dankte ihnen auf 97 das Freundlichſte fuͤr den Beiſtand, ſo ſie in in dieſer Fehde leiſten wollten. Und ſo erwartete das Heer den „ herangeruͤckten Feind. Auch Adolph hatte nichts eſne was zur kraͤftigen Vertheidigung ſeiner Krone dienen konnte, und ſein Heer war dem gegenuͤber ſte⸗ henden Heere Alberts an Zahl vollkommen gleich, wo nicht überlegen; denn ihm waren viele Stände des Reichs treu geblieben. 1 Zwiſchen den Reichsſtädten Speher und Worms ſollte, bei dem Dorfe Geltheim, es durch eine Schlacht entſchieden werden, weſ⸗ ſen Haupt die deutſche Reichskrone ttagen ſollte. Bei beiden Heeren ward am Abende des er⸗ ſten Tages im Heumond des Jahres Ein⸗ tauſend zweihundert acht und neunzig die Schlachtordnung gemacht, am folgenden Tage aber rückten die Heere zur Schlacht vor. Albert hatte die ſämmtlichen Schützen ſei⸗ nes Heeres mit einer beſondern Art Polzen ver⸗ ſehen laſſen, an welchen eine dolchartige, drei⸗ eckige, mehrere Zoll lange Spitze befindlich war. Eben ſo war eine auserleſene Schaar Jäger mit einer Art Dolche bewaffnet, um die Pferde ll. G 5 98 niederzuſtechen, und ſo zur Beſiegung der ſchwe⸗ ren Reiterei beizutragen. Dieſe beiden Be⸗ waffnungsarten trugen auch in der That zum Gewinn der Schlacht ſehr vieles bei. Das Treffen begann mit Wuth, und bald war man überall handgemein. Lange war das Gluͤck des Tages unentſchieden⸗ Endlich kam Adolphs ſchwere Reiterei durch die tädtliche Wirkung der dolchartigen Polzen in Verwirrüng. Dieſer Kaiſer ſelbſt ſturzte aus dem Sat⸗ tel, und that einen ſo harten Fall auf den Kopf⸗ daß er ſeinen Helm abnehmen mußte. Er beſtieg wieder ein anderes Roß, und be⸗ gann einen neuen Angriff, wobei er ſeinen ſchweren Helm mit einer ganz leichten S beub⸗ vertauſchen mußte. Auf jener Seite kaͤmpfte Albert in geinde gerade gegenuͤber. Eben befand er ſich mit ſeiner umgebung bei Hugo's Schaar, wo Adolph mit ſeinen Rittern zum neueu Angriff heranſprengte. Albert gewahrte ihn, und rief den Schaaren zu: „Jetzt⸗ tapfere Ritter und Mannen! jetzt gilt's! Nur ch Herrmann und Ruprecht kämpften, tapfer drauf und dran!“ — Nun ſpornte —.————————— 90 er ſein muthiges Roß, und es ſturmte die große, gewaltige Schaar dem Feinde entgegen. In weuig Augenblicken waren beide Theile zu⸗ ſammen, und fuͤrchterlich wütheten die er⸗ grimmten Krieger im Gefechte gegen einander. Sechs Stunden hatte bereits die Schlacht gewährt; da klärte ſich der bisher bewölbte Himmel auf, und die ſtrahlende Sonne blen⸗ dete Adolphs Krieger, ihnen vabuh Vortheil raubend. Jetzt trafen die heiden Kaiſer perſ nlich auf einander. „Laß Krone und Leben!“ — rief Adolph ſeinem Gegner zu. — „Daruͤber entſcheide Gott!“ — ſchallte es von Albert wieder heruber. Und mun begann ein kurzer, fuͤr Adolph aber ſchrecklich endender Kampf zwiſchen dieſen beiden Kůmpfern um den Kai⸗ ſersthron. Blitzähulich funkelten die Klingen ihrer Schwerder im Gefechte; jedoch vermochte es Adolph nicht, vor ſeinem Gegner zu beſtehen, da er ſchon ermattet, Albert aber noch bei vollen Kräften war, jenen auch der Glanz der Sonne blendete. Nach einigen Streichen von Seiten wurde Adolphs ri offene 100 Sturmhaube füͤr ihn zum Verderben; denn es ſtieß Albert ſeinem Gegner das lange Schlacht⸗ ſchwerd ins Geſicht. Er ſank, und im Sinken erhielt er noch einen gewaltigen Streich in den Hals. Das Blut ſchoß von ihm in Stroͤmen herab, und ſchrecklich endete er unter den Hu⸗ fen ſeines Roſſes. Doch eben derſelbe Sn půt auch fuͤr Albert der letzte werden können; denn es fochten die beiden Gegenkaiſer im Gedränge, und mehrere Ritter von Adolphs Heere ſchlu⸗ gen, um ihren gefallenen Herrn zu rächen, auf den Sieger von allen Seiten her hinein, und er würde in wenig Augenblicken ihren Schwerd⸗ ſtreichen unterlegen ſeyn, wenn ihm nicht ſchnelle P geworden wäre. Die Schaar des Grafen von chwuiet z focht bekanntlich in der Nähe des Kaiſer⸗ kampfes, und Hugo hoͤrte Alberts Hülfe⸗ tuf. Im Augenblicke eilte er mit den Rittern Albert von Haigerloh, Herrmann und Ruprecht herbei, und ſie deckten im entſchei⸗ denden Momente entweder den Kaiſer mit ihren Schilden, oder fingen die Streiche ſeiner Feinde mit ihren Schwerdern auf; dann aber 101 ſtürmten ſie ſo gewaltig auf ſie ein, daß in wenig Augenblicken des Kaiſers Bekämpfer ſämmtlich auf dem Boden lagen, und unter der Roſſe Hufen das Leben aushauchten. Huldreich daukte der Kaiſer ſeinen Helfern in der Noth, und verſicherte ſie ſeiner hhſen kaiſerlichen Gnade. So wie Adolphs Cod beamt te ſhe auch die Krieger ſeines Heeres, und Al⸗ bert war nun ganz Sieger. Bald lenkten ſich auch die Stimmen der uͤbrigen Kurfuͤrſten auf ihn, und er wurde nun einmüthig zuin deut⸗ ſchen Kaiſer erwaͤhlt, am 24. Auguſt in eben demſelben Jahre aber in Aachen vom Kur⸗ fürſten und Erzbiſchof zu Kollu gekront. Mit einer bisher nicht gekannten Pracht hielt nun dieſer neue Kaiſer ſeinen erſten Reichstag zu Nürnberg, wo vier und ſiebenzig geiſt⸗ liche und welrliche Fuͤrſten, dreihundert Grafen und Herren, und an fuͤnftauſend Ritter gegen⸗ wärtig waren. Faſt kein Tag verging ohne Feſte, und hierdurch übertraf dieſer Reichstag jenen, welchen der unvergeßliche Rudolph neun Jahre früher zu Erfurt hielt; jedoch bei weitem nicht durch die Anzahl der für die wahre Wohlfahrt des Reichs wichtigen Geſchafte und die Gerechtigkeit der gefaßten Beſchlüſſe; denn in dieſem Stuͤcke befand ſich dieſer weit hinter jenem. Hatte auf dem Reichstage zu Erfurt der verewigte Kaiſer alles verſucht, zur Beruhi⸗ gung des Landes den Landgrafen Albert mit ſeinen beiden Söhnen, den Markgrafen Frie⸗ drich und Diezmann, zu verſöhnen, und ſich, als es endlich gelungen war, hoch ge⸗ freut, ſo ſuchte ſein ganz anders geſinnter, herrſchſüchtiger Sohn im Truͤben zu fiſchen, und rechtmäßige Erben um ihr väterliches Erb⸗ theil zu bringen. Er benutzte zu dieſem gwecke den zwiſchen dem Kaiſer Adolph und dem Landgrafen Al⸗ bert geſchloſſenen Kauf von Thaͤringen und Meißen, und ſuchte dieſe Länder unter dem Vorgeben an ſich zu bringen, daß er dem Reiche nichts vergeben könne. Als daher der Markgraf Diezmann, mit Vertrauen auf des Kaiſers Albert Gerechtigkeit, den Reichstag beſuchte, um durch kaiſerliche Macht und Ge⸗ walt zum ruhigen Beſitz der von ſeinem Vater widerrechtlich verkauften Länder zu gelangen, und ſeine Hoffnungen beſonders auf den zwiſchen 103 ihm und dem jetzigen Kaiſer einſt auf dem Reſchs⸗ tage zu Erfurt geſchloſſenen Freundſchaftsbund begruͤndete, ſo wurde er gar bald gewahr, daß. er ſich in ſeinen Hoffnungen getäuſcht hatte. Der Kaiſer ſchien ſich jenes Bundes nicht mehr erinnern zu können, denn er empfing den Mark⸗ grafen ziemlich kalt und herriſch, gedachte auch jener Tage zu Erfurt im Geringſten nicht. In⸗ deſſen wäre es doch vielleicht noch moͤglich ge⸗ weſen, den Kaiſer geneigter zu machen, wen nicht ungünſtige Umſtände und ein feindſeliger Mann dazwiſchen getreten waren. Der Graf Heinrich von Naſſau, ein naher Anverwandter des erſchlagenen Kaiſers Adolph, hatte in den letzten Jahren nebſt ſeinem Bruder, dem Grafen Philipp, die kaiſerlichen Heere in Thuͤringen und Meißen be⸗ fehliget. Einſt wurde es dem erſtern verkund⸗ ſchaftet, daß der Markgraf Friedrich (mit der gebiſſenen Wange) Oſchatz durch einen Ue⸗ berfall erobern wolle, und ſich mit einem klei⸗ nen Gefolge durch den Wald zwiſchen Rochlitz und Oſchatz zu ſeinem vorausgegangenen Heere begeben werde. Dieſen ſehr gefürchteten Hel⸗ den gefangen zu nehmen, und dadurch den gan⸗ 104 zen Krieg zu beendigen, war des Naſſauers hochſter Wunſch, und ihn zu erreichen, lagerte er ſich mit einer auserleſenen Schaar in jenem Wald, nicht ahnend, daß er ſelbſt das Schick⸗ ſal haben werde, welches er dem n wollte. Ein Köͤhler belauſchte die lauernden Ritter im Geſpräch, und wurde dadurch mit ihrem Plane bekannt. Die beiden Markgrafen wurden von ihren Unterthanen hoch verehrt, und der treue Köhler machte ſich daher ſogleich auf, um ſeinen geliebten Landesherrn vor der ihm drohen⸗ den Gefahr zu warnen. Er traf dieſen nicht, wohl aber eine ſtarke Schaar meißniſcher Rit⸗ ter, welche unter der Anführung des beruͤhm⸗ ten Ulrich von Maltitz zu dem Heere des Markgrafen ziehen wollten. Der Köhler ent⸗ deckte ſich ihnen, und was auf ihren Herrn warte. Da faßten die Ritter ſogleich den Ent⸗ ſchluß, den Grafen von Naſſan in ſeinem eigenen Netz zu fangen. Es gelang. Der Graf und die ganze Schaar der kaiſerlichen Ritter und Reiſigen wurden im Walde über⸗ fallen, und ſammtlich zu Gefangenen ge⸗ macht. 105 Man brachte ſie zu dem Markgrafen, und dieſer war uͤber den Fang hoch erfreut. Der gefangene Graf benahm ſich ungebuͤhrlich ſtolz und hochfahrend gegen den Fuͤrſten, vor dem er ſtand. Doch nur einige Stunden unterirdiſches Gefängniß riefen ihn zur Beſinnung zuruck, und er brachte es durch ein klug berechnetes, heuchleriſches Betragen dahin, daß er ſich, ſo wie ſeine Mitgefangenen, nach gegebenem Hand⸗ ſchlage auf Ritterwort und Ehre, und nachdem ſein Bruder Philipp die Oeffnung und Räu⸗ mung der von den Kaiſerlichen eroberten und beſetzten Städte Lichtewalde, Döbeln, Geithain und Borna verſprochen und be⸗ werkſtelliget hatte — in Rochlitz überall hin begeben durfte. Sie achteten aber des gegebe⸗ nen Verſprechens nicht, und entflohen. 2 Als nun Adolph erſchlagen, und Albert an ſeiner Stelle zum Kaiſer erwaͤhlet worden war, begab ſich dieſer Graf an den Hof des⸗ ſelben, und wußte dem Kaiſer ſo geſchickt zu heucheln, und ſich bei ihm einzuſchmeicheln, daß er bald ein vielgeltender Mann an dieſem Hofe wurde. Jetzt athmete er im Geheim nichts als Rache 106 wegen ſeinet Gefangennehmung, ob er ſie gleich vor den Augen des Kaiſers und des Markgrafen ſehr gut zu verbergen, und ſich meiſterlich zu verſtellen wußte. Albert war herrſchſuͤchtig, und ſuchte ſiets ſeine Lander zu vermehren; dabei aber war er in der Wahl der Mittel, um den Zweck zu errei⸗ chen, nicht ſehr gewiſſenhaft, wie deſſen mehrere Thatſachen Zeugen ſind. Es bedurfte alſo von der Seite Heinrichs nur einer reizenden Schil⸗ derung der beiden Länder Thürin gen und Meißen, und der Funke hatte gefangen. In Alberts Seele wurde bald der Entſchluß vorherrſchend, Adolphs Länderkauf um jeden Preis aufrecht zu erhalten, und weder Thürin⸗ gen, noch Meißen an die beiden Söhne des Landgrafen Albert zurück zu geben. Als daher der Markgraf Diezmann den Kuiſer in der Verfn der Reichsſtände ehrerbietig um die Lehensbeſtätigung uͤber jene Länder bat, erhielt er eine ſehr unbefriedigende Antwort, und auf wiederholtes Bitten verſprach man ihm endlich, in acht Tagen Beſcheid zu ertheilen. Dieſer aber nannte die Gründe des Markgrafen unerheblich, und verſchob die Ent⸗ 107 ſcheidung auf den nachſten Reichstag, welcher in kurzem, d. h. in einigen Jahren, gehalten werden wuͤrde; unterdeſſen aber ſollte alles in dem alten Stande bleiben. Auch die Verwendung des Erzbiſchofs Mainz fruchtete nichts, obgleich ſich der geiſi⸗ liche Herr alle Muhe deshalb gab, da ihm tanſend Mark reinen Silbers dafuͤr werden ſoll⸗ ten. *) XL. Der Reichstag war zu Ende, und die Ver⸗ ſammlung der Stände ging aus einander. Die Bande der Hochachtung und Pflicht feſ⸗ ſelten Herrmann an die Perſonen der beiden Markgrafen, beſonders den ältern Markgrafen *) Ueberhaupt vergalt der Kaiſer Albert den rheiniſchen Fuͤrſten ihre Partheilichkeit fuͤr ihn mit großem Undanke. Beſfonders lebte er im Jahre 1301 mit den geiſtlichen Kurfuͤrſten in einer ſchweren und blutigen Fehde, zerſtoͤrte ihre Schloſſer, belagerte ſie in ihren Hofſtäͤdten, und zwang ſie, daß ſie ſich vor ihm demuͤthigen muß⸗ ten. A. d. B 108 Friedrich, dem er nach der Wartburg folgte; und Ruprecht ging mit ihm dahin. Beide boten dem erlauchten Brüderpaare ihre Dienſte an, und freundlichſt wurden ſie an⸗ genommen; doch Herrmann vor der Hand wieder nach ſeiner Burg entlaſſen, damit er dieſes väterlichen Ecbtheiles nicht verluſtig werde. . Der Dominikanerptior Eiriger in Erfurt war ſo eben aus der Kirche in ſeine Zelle eingetreten, als der Ritter Herrmann uͤber den Kloſterhof geſchritten kam. „Gott grüß' Euch, hochwürdiger Herr! — ſprach der Angekommene zu dem ihn anſtarren⸗ den Prior. — Ich bin Euch wohl unbekannt geworden durch meine lange Abweſenheit; denn wie es ſcheint, kennt Ihr Euern Herrmann von der Ettersburg nicht mehr.“ „Nun ſo ſeyd Ihr's doch! — Se der Prior frendig, — wohl waret Ihr mir, durch Eure lange Abweſenheit, ziemlich unbekannt ge⸗ worden, und die Sonne eines Himmels⸗ ſtrichs hat Euch ſehr gebra unt. — Willkommen, herzlich r willkommen wieder im PVaterlande! Ihr werdet es ſehr verändert finden; denn es 109 haben der Krieg und die ſhreaich gewůͤthet.⸗ „Ach! davon hörte ich den Ruf, teider! ſchon in fernen Landen. Gewiß finde ich meine Burg ebenfalls zerſtört.“ „Nein! Ihr ſeyd vor vielen Rittern darin gluͤcklich. Als der Kaiſer Adolph einſt mit ſeinem verwüſtenden Heere in das Land einzog, kam eines Tages ein ſchwaͤbiſcher Ritter in unſer Kloſter. Er nennt ſich Wolfingen.“ „Wie! Wolfrath von Wolfingen?“ „Ja! Ganz recht! — Wolfrath von Wolfingen war ſein Name! — „„Seyhd Ihr der Prior Eiliger? und kennt Ihr den Ritter Herrmann von der Ettersburg?““ fragte er mich, und als ich es bejahete, fuhr er fort: „„Nun Gott und allen Heiligen ſey Dank, daß ich Euch treffe! Ich weiß, Ihr ſeyd ſein väterlicher Freund; denn er ſp rach mit großer Ehrerbietung von Euch, auch ſah ich Euer Empfehlungsſchreiben an die Dominikaner⸗ klöſter bei ihm. — Herrmann iſt der Retter meines Lebens; denn als ich einſt im Walde von Meuchelmördern uͤberfallen und ſchwer ver⸗ wundet wurde, fuͤhrte Gott dieſen Biedermann 4¹⁰ zu meiner Rettung herbei, und er befreiete mich bald aus ihren Haͤnden. Jetzt zieht das Heer des Kaiſers in dies Land, und es wird, ſo wie es ſich nicht anders vermuthen läßt, an Verwüſtungen nicht fehlen. Damit aber mei⸗ nes Freundes Burg verſchonet bleibe, will ich ſie im Einverſtändniß mit Euch durch meine Reiſigen beſetzen laſſen, und deshalb leiſtete ich dem Kaiſer die Heeresfolge, was ohne dieſe Rückſicht wohl ſchwerlich geſchehen ſeyn würde. Wollt Ihr nun unſers Freundes Eigenthum be⸗ ſchutzen helfen, ſo ziehet mit dahin, auf daß mir die Burg geöffnet werde; denn geſchiehet dieſes nicht, ſo ſtehet mit Gewißheit zu be⸗ ſorgen, daß ſie als herrenloſe Burg von dem Kriegsvolke des Kaiſers werde für ihn beſetzt werden, da hier nur zu oft Gewalt ſüͤr Recht „Ich konnte nicht anders, als dieſem Plane, Euch das Eurige zu erhalten, meinen ganzen Beifall ſchenken, und ließ daher Wernern von Wittern und Heinrich von Buͤße⸗ leben, welchen Ihr die Beſchuͤtzung Eurer Burg anvertrauet hattet, in das Kloſter be⸗ ſcheiden. Hier trug ich ihnen des Ritters Er⸗ 11¹ bieten vor. — Als ſie es nun gebilliget hatten, ſchwur in ihrer Gegenwart Wolfrath am Al⸗ tare auf das Sakrament: Euch bei Eurer Ruͤck⸗ kehr die Burg wieder zu überantworten. Die Burg wurde ihm nun geoͤffnet, und er be⸗ ſchützte ſie und die Bewohner des Dorfes treu⸗ lich gegen alle Anſpruͤche und Anfälle der Schwaben, ſo daß er bald, als ein edler, bie⸗ derer Mann, von allen benachbarten Rittern hochgeachtet wurde. Als nun Kaiſer Adolph mit ſeinem Heere Thüringen wieder verließ, folgte ihm auch der Ritter Wolfingen. Zu⸗ vor aber ſprach er bei mir ein, und bat mich, die Burg durch einen Kloſtervogt und Eute Knechte beſetzen zu laſſen, da Euer alter Burg⸗ vogt längſt entſchlafen war; und aus ihren Händen nehmt nun Euer Eigenthum zuruͤck.“ „Habet Dank, hochwuͤrdiger Herr! — ſprach Herrmann dankbar gerührt — für Eure Gäte und Sorgfalt. Und nun bitte ich Euch, mich morgen nach der Ettersburg zu begleiten, und mit mir wieder in das Erbe meiner Väter ein⸗ zuziehen.“ Der Prior verſprach's, und führte Lrit⸗ mann nun in den Speiſeſaal ein. Von den 142 ——— anweſenden Vätern erkannte ihn keiner; doch als ſie durch ihren Kloſterobern ſeinen Namen nennen hörten, waren ſie hoch erfreut, ihn wie⸗ der zu ſehen. Der Pater Bruno aber war be⸗ reits vor Jahresfriſt aus dieſem Leben ab⸗ geſchieden. Herrmann erzählte ſeine Schick⸗ ſale, und alle hörten ihm und theil⸗ nehmend zu. „Ihr habt viel gedudet Ruur! — ſprach endlich der Prior, nachdem Herrmann ſeine Erzählung beendiget hatte — habt auch um Eure verſtorbene Ida bis hierher ſattſam ge⸗ trauert. Nun aber ſehet Euch um unter den Töchtern des Landes, und mit Freuden will ich der heiligen Kirche e zu Sut S ſprechen.“ Perrmann ſchürtette ſweie den Kopf zu dieſem Vorſchlage, und der ehrwur⸗ dige Vater ließ ab, in ihn zu dringen; denn er dachte bei ſich ſelbſt: die Zeit wird auch dieſe Wunde heilen, und die ſpäten Roſen brechen. Am andern Morgen zog der Ritter mit ſeinem Knappen Diethelm nach der Et⸗ tersburg, und der Prior begleitete ihn da⸗ hin. Der Lugner von der Warte blies ſie an, und der geiſtliche Herr rief zu ihm hinauf: 35 „Laſſet das Thor öffnen; denn der Ritter Herrmann von dek Ettersburg, der rechtmaͤßige Beſitzer dieſer Burg, kehrt aus fremden Landen wieder heim.“ Der Vurgvogt erſchien auf der Mauer, und als er den Prior mit dem Ritter und den beiden Kuappen ſah, ließ er alſobald das Thor oͤffnen, und trat den Ankommenden ent⸗ gegen. „Vogt! — ßrach der Prior zu ihm — empfanget hier Euern wiederkehrenden Herrn, und leiſtet ihm die Pflicht!“ — und es erhob ſich ein frendiges Jauch⸗ zen, als er dieſes ſprach und die eingebornen Knechte ihren wiederkehrenden Herrn erkann⸗ ten. Jubelnd drängten ſie ſich zu ihm heran, hoben ihn vom Roſſe und kuͤßten ihm die Haͤnde. Ihr Frendenruf erſcholl bald durch die ganze Burg, und Alle jauchzten dem ſtets gee liebten Herrn entgegen. Auch in dem Dorfe hatte ſich bald die frohe Nachricht verbreitet, und es eilte Jung und Alt herbei, dem guten, lieben Herrn ein freudiges: Willkommen! II. ₰H 114 zuzurufen. Gerührt uͤber dieſe unverkennbaren Zeichen der innigſten Liebe und Treue, ſtand Hertmann im dichten Gedränge und fuͤhlte ſich ſo ſelig. Allen reichte er die Hände, und Je⸗ der ſuchte der Erſte zu ſeyn, ſie herzig zu druͤcken. Kein Auge war trocken, und alle glänzten von Thränen der Freude. Hoch⸗ erfreut ſtand der Prior in der Mitte dieſer hehren Gruppe, und auch ſeinen Augen ent⸗ rannen häufige Thranen der Freude. Von den heiligſten Gefühlen im Innern erfuͤllt, erhob ſegnend ſeine Rechte über den Ritter und ſeine Unterthanen. Laut betete er zu Gott, dieſes glückliche Verhaltniß auch ferner fort be⸗ ſtehen zu laſſen, und die Herzen in gegenſeiti⸗ ger Liebe fuͤr einander zu erhalten. Hundert Haͤnde falteten ſich gleich den ſeinigen zum Ge⸗ bet. Da hörte man die ſchwache, zitternde Stimme eines Greiſes: „Laßt auch mich das Angeſicht meines Herrmanns wieder ſehen!“ Ehrerbietig machte man dem Greiſe platz. Es war der alte ehrwürdige Burgkapellan, Vater Bernhard, der matt und altersſchwach an ſeinem Stabe langſam daher — — Der Algütige hatte ihn leben und den frohen Tag erblicken laſſen, wo der Liebling ſeines Herzeus in ſeine Arme wiederkehrte. Mit Thränen der Liebe umnfing der zitternde Greis den geliebten Ri tter, wollte ſprechen, und vermochte es nicht im Uebermaße der Em⸗ pfindungen. Seine Kräfte verließen ihn, und er begann zu ſinken. Da umfaßte ihn Herr⸗ mann, und trug ihn auf den Armen in das Wohngebäude der Burg, wo er ſich auf einem Ruhebette bald wieder erholte. Der heutige Tag wurde ein zrbenſß fuͤr die Bewohner der Burg und des Dorfes. Herrmanns reichlich geſpendeter Wein labte alle, und auch des Aermſten Hütte ertönte vom frohen Jubel. Die benachbarten Ritter eilten am andern Tage herbei und riefen dem Wiedergekehrten ein frohes Willkommen entgegen. Herrmann berichtete nun, was er in fremden Landen ge⸗ ſehen und erfahren hatte. Als er den Gottes⸗ gerichtskampf mit Bodo erzählte, ſchauderten alle bei dem ſichtbaren Gericht, welches der Allgerechte über den ſchamloſen Böſewicht habe ergehen laſſen. Muſa's und Aleddins „ 116 ——— Edelmuth aber ward von allen hoch geprieſen, und der Prior wünſchte eifrig, daß dieſe beiden Biedermänner in den Schooß der allein ſelig⸗ machenden Kirche einkehren moͤchten, um ſich ihrer Seligkeit zu verſichern. Die Ritter ſchwiegen zwar, aus Ehrfurcht vor dem geiſi⸗ llichen Herrn; im Herzen aber fuͤhlten ſie ſich uͤberzeugt, daß bei ſolchen edlen Geſinnungen auch der Heide hoch angeſehen werde im Him⸗ melreich. Endlich wurde es von fremden Giſen wie⸗ der leer, und Herrmann befand ſich mit dem Vater Bernhard allein. Ernſthaft ſprach ihn nunmehr der Alte an, und vermahnte ihn, ſich nun ein braves Weib unter den Töchtern des Landes zu erkieſen, damit nicht ſein altes Ge⸗ chlecht mit ihm ausſterbe. Herrmann wollte zwar anfänglich von dieſem Antrage nichts hoͤ⸗ ren; doch gelang es der Beredſamkeit des Ehr⸗ wuͤrdigen, ſeinen Entſchluß, im eheloſen Stande zu verharren, Send zu machen 1 — 6 2 * „ F 6. 7 12 X. Ars Hertmann in fremde Länder zog, um ſeinem Herzen Ruhe zu erkämpfen, war Hed⸗ wig, die älteſte Tochter des benachbarten Rit⸗ ters Dietrich von utzberg, noch der Ro⸗ ſenknospe gleich. Die Zeit hatte die Knospe zur Blüthe gebracht und die Roſe auf's Herr⸗ lichſte entfaltet. Nur vor wenig Monden erſt hatte ihr der Tod die Mutter geraubt, und ſie mußte nun den verwaiſeten Geſchwiſtern dieſe erſetzen. *. Herrmann kam, den biedern Dietrich zu be⸗ ſuchen, und fand ihn nicht daheim. Ein Knappe gab ihm die Rachricht, daß das Fräulein Hed⸗ wig mit ihren Geſchwiſtern im Garten weile, und führte ihn dahin. i Die Kleinen ſaßen im Graſe und hoͤrten ſtill der Schweſter zu, welche ihnen die Wun⸗ dergeſchichten erzählte, die ſich zugetragen, als die heilige Eliſabeth noch auf Erden ge⸗ wandelt und Landgräfin in Thuͤringen geheißen. Wenn ſie nun eine von dieſen Geſchichten ge⸗ endiget hatte, dann ſchmeichelten die Kleinen: „Lieb Hedchen, erzähl' uns noch mehr „wir 118 wollen auch recht ſtille ſeyn!“ — Und wenn nun die edle Jungfrau den Kindern ſchilderte, wie die Heilige den Armen die Speiſen und Getränke ſelbſt gereicht, und ſie liebreich ge⸗ tröſtet wegen ihrer Armuth; wie ſie im Hospi⸗ tal zu Eiſenach die Kranken gepflegt und ihnen die Arznei mit eignen Händen gebracht, ſo daß ſie von dieſer Huld noch mehr geſundet, als von den Arzneimitteln ſelbſt; dann verklärten ſich die Zäge der edlen Jungfrau, und waren dentliche Zeugen ihres hehren Gemüths. Herrmann war ungeſehen Zeuge dieſer haͤus⸗ lichſchönen Scene, ſah, wie die Kleinen ſo kindlich an der geliebten Schweſter hingen, und ſie ihre Liebe ſo engelgleich erwiederte, und es draͤngten ſich ſuͤße Gefuͤhle in ſeine Seele. Eine innere Stimme rief ihm zu: „Nur Hedwig ver⸗ mag es, dir Ida und Emma zu erſetzen und dein freudenleeres Daſeyn in ein Paradies um⸗ zuwandeln.“ Er verfiel in ein tiefes Sinnen, vergaß in dieſer Stimmung die nöthige Vor⸗ ſicht, und wurde nun von don Kleinen entdeckt. Sie machten ſein Daſeyn ihrer Schweſter kund, und die ſittſame Jungfrau ſtand hocherröthend vor dem Freunde ihres Vaters. Mehreremale 119 —— wurde ein Geſpräch zwiſchen ihnen angeſpon⸗ nen, doch immer riß der Faden wieder ab, denn ſie hatten beide die Sammlung des Ge⸗ muths verloren. Dietrichs Ankunft befreiete ſie endlich aus dieſer Verlegenheit, und er eilte, als er von ſeines biedern Nachbars Anweſenheit hoͤrte, ſo⸗ gleich in den Garten, und hieß den lieben Nachbar mit Herzlichkeit willkemmen. Knap⸗ pen brachten gefüllte Humpen und Imbiß, und die beiden Ritter ſetzten ſich zum traulichen Geſpräch in die Laube. Hedwig aber ſaß au⸗ ßen, und fuͤhrte, fleißig ſpinnend, die Aufſicht über die jüͤngern Geſchwiſter, welche luſtig auf einem Raſenſtuͤck herumſprangen. Herrmanns Blicke ruheten auf der holden Jungfrau, wie ſie die muntern Spiele der Kleinen mit Liebe regierte, und ſein Herz ward immer mehr von dunkeln Gefuͤhlen erfullt, welche nichts anderes als die innigſte Liebe waren, ihm aber nur als Freundſchaft galten. 3 Der Burgherr trank es enblich ſeinem ſtumm gewordenen Gaſte zu, und fragte ihn wegen ſeines tiefen Schweigens. „Mein Blick ruht auf dem ſchonen Silde —26. dort, der Häuslichkeit und iinigſten Geſchwi ſterliebe — ſprach er leiſe. — Ihr ſeyd zu be⸗ neiden, Nachbar! Denn gluͤcklich iſt der Vater, dem eine ſolche Tochter geboren ward; doch rielfach glücklicher noch der Mann 5 Hand zu Theil wird.“ 6 Ihr ſprecht zu inhthuſten nns Hedwig, lieber Nachbar! — erwiederte der Va⸗ ter lächelnd. — Doch iſt ſie wohl eine wäckere Dirne, und nur ſie vermochte es, mich bei dem Ableben meines Weibes zu tlöſten.“ Nun war das Geſpräch wieder abgebrochen, und Herrmann ſo einſylbig und zerſtrent, wie erſt. Allgemach kam der Ritter Dietrich der Urſache dieſes ſonderbaren Betiagens auf die Spur, und er wuͤnſchte von ganzem Herzen, daß ſein Hedchen die Gattin dieſes Mannes werden möchte. Endlich ſauk die Sonne, ſchied; die Ruhe ſeines Herzens aber war da⸗ hin. Er ritt, in ſich verſchloſſen, ſeinen Weg, und freuete ſich nicht, wie ſonſt, der ſchoͤnen Natur. In ſeiner Seele tobte ein heftiger Kampf; denn die aufkeimende Liebe zu Hed⸗ nig rang mit dem Geluͤbde der Treue, das er 124½ — einſt ſeiner Ida an ihrem Grabe gethan hatte, und er hielt Emma's Tod fur eine Strafe des erzürnten Himmels wegen des gebrochenen Ge⸗ lübdes. Sollte er es jetzt wieder brechen, und dann abermal dergleichen Strafe tragen? — So ward ſein Herz auf das tiefſte bewegt, und in dieſem Seelenzuſtande kam er auf ſeiner Dem Pater Beruhard, der mit in des Vurg⸗ herrn Zimmer wohnte, fiel Herrmanns Einſylbig⸗ keit und Zerſtreuung ſogleich auf, und er forſchte zuerſt bei Herrmann, da dieſer aber verſchloſſen blieb, dann bei Diethelm nach der urſache; doch der trene Knappe konute ihm weiter keinen Aufſchluß geben, als daß ſein Herr auf det Burg Utzberg im Garten geweſen, und aus demſelben in dieſem Seelenzuſtande zurůckge⸗ kehrt ſey. Bernhard ſchuͤttelte den Kopf, und fragte nach Hedwig, ſo wie nach andern Um⸗ ſtänden. Der ehrliche Diethelm berichtete die Wahrheit getreu, und bald war der Pater im Reinen, ſein Plan aber gemacht; doch ließ er ſich fuͤr heute noch nichts merken, morgen aber wollte er ein ernſthaftes Wort mit ſeinem Herr⸗ mann ſprechen. Aber bis dahin kam es ſchon anders. — Herrmann lag wachend auf ſeinem Lager, und der Schlaf floh ihn lange; denn Hedwigs Bild ſchwebte ihm beſtändig vor, Endlich erbarmte ſich Morpheus über ihn, und ſeine Augen ſchloſſen ſich zum Traume. Vom Glne des — nſpſſen, ſen, führte ihm die verklärte Ida in dieſem Hed⸗ wig zu. — „Herrmann! — ſprach ſie mit ihrer Engelsſtimme — unſere Liebe war nicht für dieſe Welt, darum trennte uns Gott. Von allzuheftigem Schmerze übermannt „ gelobteſt Du mir einſt an meinem Grabe Treue für die⸗ ſes Leben; dem Allgutigen aber war die ſes Ge⸗ lübde nicht angenehm; denn nicht ehelos ſoll der Mann ſein Leben vertrauern „ſondern aus⸗ ruhen in des treuen Weibes Arm von des Ta⸗ ges Laſt und Arbeit. Emma ſchied nach Got⸗ tes Willen von der Erde und iſt meine Schwe⸗ ſter geworden. Ich aber erlaſſe Dir Dein zu irenges Geluͤbde, da es Dich um alle Deine Lebensfreuden bringen würde. — Dieſe edle, ſromme Jungfrau erſetze meine Stelle, und wandle Dir die Erde in ein Eden um.“ Sie legte jetzt Hedwigs Hand mit himmliſcher 123 — Huld in die ſeinige und verſchwand; Herrmann aber umarmte im Traume ſeine Geliebte und erwachte. Die Morgenrothe verkuͤndigte den jungen Tag, und der Ritter verließ gedankenvoll ſein Lager. Er eilte in die Kapelle zum Morgen⸗ gebet, und fand ſeinen ehrwuͤrdigen Kapellan ſchon daſelbſt. Als ſie gebetet hatten, trug der Ritter dem Greiſe ſein Anliegen vor und fragte ihn: Kann und darf ich jenes nach Emma's Tode erneuerte Geluͤbde der Treue brechen? — Hoch erfreut entband ihn der Diener Gottes deſſelben und ſegnete ſeinen Entſchluß. Noch war es nicht Mittag, als Herrmann, auf das Prächtigſte geſchmuͤckt, die Roſſe ſat⸗ teln ließ, und mit ſeinem treuen Diethelm gen utzberg ritt. Der Ritter Dietrich war auf dem Felde und ſah den Arbeitern zu. Hedwig aber, welche mit den Dienerinnen das Mittag⸗ mahl bereitete, geleitete den Ritter in das Wohnzimmer. Hier nahm er ſie bei der Hand und ſprach mit inniger Bewegung: „Fräulein, Eure Güte moge mir verzeihen, wenn ich auf geradem Wege und ohne Un⸗ ſchweif eine Bitte an Euch richte. liebe 424 Euch, und ſehd Ihr mir nicht abgeneigt, ſo reicht mir Eure Hand zum ehelichen Bunde.“ Hedwig war der Purpurroſe gleich und ſchlug zitternd die Augen nieder. „Ritter, Ihr überraſcht mich!“ — „Hedwig! geliebte Hedwig! Spricht in Deinem Herzen nichts für mich?“ Noch einen Augenblick zögerte die holde Jungfrau. Als aber Herrmann liebevoll die Arme ausbreitete, ſank ſie verſchämt mit ei⸗ nem leiſen: „Mein Herrmann!“ an des Ge⸗ liebten Bruſt. In eben dieſem Augenblicke trat ihr Vater in das Zimmer, und ſein Gemüth ward mit freudigem Erſtaunen erfullt, als er ſeine Hed⸗ wig in Herrmanns Armen liegen ſah. Die Liebenden eilten auf ihn zu und baten ihn um ſeinen Vaterſegen. Freudig legte er ihre Hände zuſammen und umarmte ſie. * „O geſegnet ſey von uns allen dieſer Tag! — ſprach er mit tiefer Bewegung — denn er iſts, der meinen höchſten Wunſch erfullt. Heil und Gottes Segen Dir, meiner glückli⸗ chen Tochter, die Du das Weib dieſes Man⸗ nes wirſt. Nun komme der Herr, wenn es — ———— 12⁵ ihm gefällt; denn meine Kleinen werden einen Vater au dieſem Bruder haben.“ Hoch erfteut war der alte gute Bernhard, als er ſeines Herrmanns Verlobung mit Hed⸗ wig erfuhr. Bald ward die Hochzeit veranſtal⸗ tet und ein froher Kreis von Rittern dazu ein⸗ geladen. Auch der Prior Eiliger aus Er⸗ furt erſchien bei dieſem Mahle der Froͤhlichkeit und war über alle Maßen heiter. Als nun der Hochzeitstag erſchienen war und alle Gäſte in der Kapelle ſich verſammelt hatten, wankte der alte Bernhard zitternd vor den Altar, und das Brautpaar trat vor ihn. 5 Er knüpfte das Band der Ehe und ſegnete die Verbundenen. Bei dem Austritt der Neuverehelichten aus der Kapelle hatten Treue und Liebe ein herrli⸗ ches Schauſpiel bereitet. Alle Inſaſſen der Burgen Utzberg und Ettersburg hatten ſich im Burghofe verſammelt und riefen der geliebten Herrſchaft laute Segenswuͤnſche entgegen⸗ Auch ſie nahmen Antheil an der allgemei⸗ nen Freude des heutigen Tages, und ihr Jubel wurde immer lauter. 2 Herrmann ruhete nun einige Jahre von den Stürmen des Lebens in den Armen ſeines gelieb⸗ ten Weibes, als ihn Vaterlandsliebe und Pflicht abermals wieder auf den Kampfplatz riefen. . Schon auf dem Reichstage zu Nürnberg war, wie wir bereits wiſſen, der Kaiſer Al⸗ bert feſt entſchloſſen, den Länderkauf ſeines Vorgängers aufrecht zu erhalten, dadurch aber die ſchönen Länder Thüringen und Mei⸗ ßen an ſich zu bringen. Er unterhielt daher die Reichsſtädte Erfurt, Eiſenach, Mühl⸗ hauſen und Nordhauſen, ſo wie die Aebte zu Fulda und Pegau, in faſt ununterbroche⸗ ner Fehde gegen die beiden fürſtlichen Bruͤder, Friedrich und Diezmann, und deſe ka⸗ men deshalb wenig zur Ruhe. V Um aber doch einigermaßen den Schein des Rechtes zu retten, und nicht den Vorwurf der Partheilichkeit auf ſich zu laden, ſchrieb er im Jahr 1306 einen Reichötag nach Fulda aus. Der Land⸗ graf Albert wurde mit ſeinen beiden Söhnen oor den Thron des Kaiſers gefordert. Geheim 127 Warnungen hielten die beiden Markgrafen zu⸗ rück, und nur der Landgraf erſchien; aber es gewann gar bald das Anſehen, als wenn er nur deshalb erſchienen wäre, um die erniedri⸗ gendſten Demuͤthigungen zu erfahren. Der Kaiſer erkannte, als Richter und Parthei in einer Perſon: daß der Länderkauf ſeines Vor⸗ gängers auf dem Kaiſerthrone fuͤr beide Theile verbindlich ſey, und den beiden Markgrafen wurde die Erbfolge in Thuͤringen und Mei⸗ ßen förmlich abgeſprochen. Vergebens waren die Bitten des Landgrafen Albert, den Verkauf ſeiner Länder an den Kaiſer Adolph zu anulliren, weil das Erbtheil ſeiner Söhne nach den deut⸗ ſchen Reichsgeſetzen nicht verkürzt werden dürfe. Die Verwendungen anderer Reichsfuͤrſten für eben dieſen Zweck hatten gleichfalls nicht den geringſten Erſolg; ſie wurden mit Stolz und Härte abgewieſen. Und um nicht auf halbem Wege ſtehen zu bleiben, nahm der Kaiſer von dem Außenbleiben der beiden Markgrafen, Friedrich und Diezmann, Anlaß, ſie als Empörer, die ſich wider das Oberhaupt des Reichs ſetzen wollten, in die Reich sacht zu erklären. Das Murren der meiſten anweſenden veutſchen Reichsfurſten verhallte, ſo wie die Ermahnungen der Erzbiſchoͤfe und Kurfuͤrſten von Mainz, Drier und Kölln, unbeach⸗ tet, und es blieb bei der harten kaiſerlichen Sentenz. — Troſtlos, und von den Vorwür⸗ fen des Gewiſſens gefoltert „ verließ der Land⸗ graf Albert den Reichstag, und nur die Ver⸗ ſicherung mehrerer mächtiger Fuͤrſten, dem Kai⸗ ſer in dieſer ungerechten Fehde keine Heeres⸗ folge zu leiſten, gab ihm einige Beruhigung.— Auf ſeinem Heimzuge nach Wartburg ward ſeinem tiefbekümmerten Herzen noch mehr Troſt; denn er erhielt von vielen tapfern Rit⸗ tern die bundigſten Verſprechungen, daß ſie den ſo ungerecht behandelten beiden Markgrafen mit den Ihrigen beiſtehen wuͤrden bis in den Tod, weil ſie nur ihn und ſeine beiden Söhne als Landgrafen in Thüringen und Markgrafen zu Meißen und ihre rechtmäßigen Lehnöherren er⸗ kennen könnten. Dieſe Verſicherungen aber be⸗ feſtigten den Entſchluß der beiden Bruͤder, ihre Länder bis auf das Letzte zu vertheidigen. um ſeinen oberſtrichterlichen Ausſpruch im ganzen Umfange aufrecht zu erhalten, verſam⸗ melte der ein zahlreiches Heer, mit 129 chem er in eigner Perſon Thüringen, Meißen, das Oſter⸗ und Pleißnerland erobern, und da⸗ durch auf dem Wege zur kuͤnftigen Alleinhert⸗ ſchaft ſeines Hauſes im deutſchen Reiche einen wichtigen Schritt vorwärts thun wollte. Schon waren alle Anſtalten zum Aufbruche getroffen, und es iſt faſt keinem Zweifel unterworfen, daß der Kaiſer geſiegt und ſein vorgeſtecktes Ziel erreicht haben wuͤrde, wenn er ſogleich den Krieg begonnen hätte; indem ſeiner Gegner Heer jetzt nur noch ſehr unbedeutend war, und von dem Heere des Kaiſers, welches weit mehr Tauſende, als jenes Hunderte, zählte, wuͤrde erdrückt worden ſeyn. Da wurde der König von Böhmen, Wenzeslaus III., als ein neunzehnjaͤhriger Juͤngling, am 4. Auguſt 1306 zu Ollmutz ermordet, und des Kaiſers älte⸗ ſter Sohn zum Konige von Böhmen er⸗ wählt. Dieſes bewirkte, daß ſich der Kaiſer mit ſeinem zahlreichen Heere nach Böhmen wendete, um ſeinen Sohn auf dem Throne zu befeſtigen und dem königlichen Anſehen deſſel⸗ ben einen erhöheten Glanz zu geben. — So verzog ſich der Feldzug nach Thuringen und Meißen bis in das folgende Jahr. Hier⸗ II. 130 durch aber ochielten die beiden fuͤrſtlichen Broͤ⸗ der Zeit, ihre Gegenruͤſtungen zu verſtaͤrken und immer S S auf ihre Seite zu zie⸗ uf allen Burgen desjenigen Theils von e und Meißen, welcher nicht von den RKäiſerlichen beſetzt war, wurden die Reiſigen in den Waffen geuͤbt. Auch die maunhaften Buͤrger in den treuen Stadten thaten ein Glei⸗ ches, und die Heertheile der Kaiſerlichen, welche das Land beſetzt hielten, wurden genothiget, ſich ihrer Sicherheit wegen enger zuſammen zu ziehen; ſo daß in eben dem Maaße, wie die kaiferliche Macht an Land und Stärke verlor, die landesfůrſtliche an S und ſich Da wurde am Morgen des Weihvachtsſeſtis der e iniſtrüche Feldhauptmann, Graf von Wil⸗ denau, gefangen, als er ſich, von vier Rittern und einem Fackelträger begleitet, auf Kundſchaft bege⸗ ben wollte. Dieſer Hrerfüͤhrer hatte ſich zeither mit ſeinen Voͤlkern jede Barbarei und Unmenſch⸗ lichkeit, beſonders gegen die Wehrloſen, erlaubt, und noch jetzt, nach fünf Jahrhunderten, erregt die Schilderung jener Grauſamkeiten, welche faſt in jeder Chronik enthalten iſt, bei dem gefuhl⸗ vbllen Leſer ein unwillkührliches Schaudern. Ihm nur etwas zu vergelten, ließ der aufge⸗ brachte Friedrich den Gefangenen in einen finſtern Kerker ſperren und mit nichts Anderm als Waſſer und Brod bewirthen. Aus Ver⸗ zweiflung uͤber ſein Schickſal, und um den Folterqualen ſeines Gewiſſens zu entgehen, en⸗ dete er nach weuig Tagen ſein Leben durch Selbſtmord. *) Ein neuer Streich des Schick⸗ ſals, und von großem Nachtheil fuͤr das kai⸗ ſerliche Heer. Der abfallenden Ritter und Städte wurden mit jedem Tage mehrere, und die Macht der eigentlichen Landesfuͤrſten immer ſtaͤrker. Da legte am erſten Tage des Jahres 1307 der alte Landgraf Albert, bei einer ſtarken Verſammlung thuͤringiſcher, meißniſcher und vſierländiſcher Grafen und Herren auf der Wartburg, ganz unverhofft die Regierung in die Haͤnde ſeiner beiden Söhue nieder. Auf Friedrich, als den ältern, ging beſonders die Landgrafenwuͤrde uͤber. Der Vater — — Nach alten Traditionen und Chrohifen. W wo er im Jahre 4317 Tſů anr lichen Thaten ziemlich armes Leben beſchroß, und ſeine letzte Ruheſtatte daſelbſt im Dom zu Unſerer Lieben Frauen fand. Alle dieſe Umſtaͤnde draͤngten den den Krieg mit Macht zu fuͤhren, wenn er nicht die Hoffnung verlieren wollte, ihn gluͤcklich zu endigen. Es ließen ihn auch einige Städte um ſeine Gegenwart bitten, weil ſie entweder, wie Eiſenach, die Reichsunmittelbarkeit ſchon er⸗ rungen hatten, oder doch die Zeit benutzen woll⸗ ten, ſie noch zu erringen, wie Chemnitz, Zwickau und mehrere andere. Ein ziemlich ſtarkes Heer brach deshalb nach dem Mark⸗ grafthum Meißen auf. Der Kaiſer ſelbſt wurde zwar durch die Unruhen in Böhmen ab⸗ gehalten, dieſes Heer ſelbſt zu befehligen, doch vertrat der Graf Philipp von Naſſau, als oberſter Feldhauptmann, ſeine Stelle. XLIII. Noch iihften die rauhen Stuͤrme des Winters mit dem naͤher kommenden Fruͤhling, und es war an einem Abende ihr Kampf am wuͤthendſten, als der Thurmwart ſein Horn erſchallen ließ, und eine männliche Stimme von außen rief: „Iſt der Ritter Herrmann da⸗ heim?“ — Der Thurmwart antwortete mit „Ja!“ und Herrmann, welcher eben mit ſeiner Hedwig traulich gekoſ't, und die erſt⸗ geborne Frucht ihrer Liebe, ein holdes Mägd⸗ lein, auf dem Knie gewiegt hatte, ſprang auf und eilte hinaus. Das They öffnete ſich und der fremde Ritter zog mit ſeinem Knappen ein. Es war Ruprecht. „Willkommen, Bruder!“ rief ihm Herrmann entgegen⸗ und eilte herab, ihn zu ſeiner Hedwig zu führen. Gemüthvoll war der Empfang der beiden treuen Freunde, und Hedwig eilte, den Ange⸗ kommenen zu bewirthen. Trübe ruh'te ſein Auge auf dieſes Paares ehelicher Zärtlichkeit. Er dachte dabei zuruͤck an Bertha und Otto und ſein mit ihnen verlorenes haͤuðliches Glück. Seufzend wünſchte er ſich, mit ihnen wieder 134 vereinigt zu ſeyn, und ahnete nicht, wie bald ſein Wunſch in Erfüllung gehen werde. „Der Landgraf Friedrich ſendet mich — ſprach Ruprecht — die Gefahr für das Vater⸗ land nähert ſich; denn einer drohenden Wetter⸗ wolke gleich „zieht das kaiſerliche Heer heran, und der Landgraf bedarf nunmehr der Arme ſeiner trenen Vaſallen hochnothig, und zählt beſonders auch auf Dich!“ „Mit Gut und Blut, Leib S ten ſiehe ich meinem Landgrafen in ſeiner gerechten Fehde zur Vertheidigung des Vaterlandes bei! — rief Herrmann mit Eifer — dies dem bie⸗ dern Fürſten zur Antwort. Helfe Gott, daß alle Vaſallen des Landgrafen meine Geſinnungen theilen! — Mein Weib und Kind und meines Wei⸗ bes Geſchwiſter gehen nach Erfurt, und leben dort unter des wackeren Eiligers Schutz.“ Am Morgen begaben ſich beide Ritter nach der Burg Utzberg, und der Ritter Diet⸗ rich ſtimmte in allem ſeinem Eydam bei. So zog der Ritter Ruprecht von einer Burg zur andern, und fand uͤberall die nämlichen Geſinnungen. Am andern Tage ritt Herrmann nach Erfurt und bat den Prior Eiliger um Schutz für die Seinigen, ſo wie für ſein und ſeines Schwiegervaters Hab und Gut, während dieſer Fehde, und willigſt wurde ihm ſeine Bitte gewährt. Von nun an wich die zeitherige ſine gihe aus der Burg, und es wurden überall Zube⸗ reitungen zu dem in wenig Wochen beginnen⸗ den Feldzuge getroffen. Auf allen Burgen ſah man Schwerder ſchleifen und Harniſche aus⸗ beſſern, oder die Knechte ſich in den Waffen üͤben. So verſtrich die Zeit bis zum Begin⸗ nen des Feldzugs. Als nun endlich der Fihung wieder aues neu belebte, da geleitete Herrmann ſein Weib mit ihrem Töchterlein und kleinen Geſchwiſtern gen Erfurt, und führte ſie ein in das Haus des Jungherrn von der Marthen, wo ſie unter dem beſondern Schutze der Dominika⸗ ner bis zum wiederhergeſtellten Frieden leben ſollten. Der Prior aber ging mit auf die Burgen Ettersburg und utzberg, wo er die Burgvögte und Reiſigen für ſein Kloſier in Pflicht nahm, und auf dieſe V Leiſe die Burgen vor der Zerſtörung ſicherte, da es nie⸗ mand wagen durfte, ſich an denſelben, als e 136 ſiet⸗Eigenthum, zu vergreifen, weil dieſes den Bann der Kirche nach ſich zog. Ohne dieſes Schutzmittel aber würden ſie dieſer Zerſtörung nicht entgangen ſeyn, da es leicht vorauszuſe⸗ hen war, daß ein Theil des kaiſerlichen Heeres durch dieſe Gegenden ſeinen Weg nehmen werde. In der Mitte des April zogen die Ritter Thüringens „ einer um den andern, mit ihren Reiſigen der Wartburg zu, um ſich unter dem Paniere des Landgrafen zu einem Heere zu bilden. In feierlicher Verſammlung ſchwo⸗ ren alle, am Altare der Burgkapelle, einen Kampf auf Leben und Tod mit dem einge⸗ drungenen Heere des harten, laͤnderſüchtigen Kaiſers zu kämpfen, und ſich durch keine Ver⸗ heißungen, noch Bedrohungen von ihrem recht⸗ mäßigen Landgrafen abziehen zu laſſen. Dann zog am andern Morgen dieſes von hohem Mu⸗ the begeiſterte Heer aus und nach dem S rande hin. Noch einmal ſah auf iſen Wege mann ſein Weib und Töchterlein, und Dietrich ſeine Kinder in Erfurt, und der edle von der Marthen, ſo wie ſein ehrwuͤrdiger Freund Eili⸗ ger, ſchwuren auf das Sacrament: „daß ſie 137 — für den Fall, wenn einer oder beide von den Ausziehenden ihr Leben im Kampfe für das Vaterland laſſen ſollten, den Hinterlaſſenen die eifrigſten Beſchützer ſeyn, und ihnen einſt ihr Erbtheil ſonder Gefährde wieder ausliefern wollten.“ Und nun ſchieden die Ritter, nach⸗ dem ſie ihre Lieben noch einmal zum Abſchiede umarmt hatten und vom Prior geſegnet worden waren, um nun leichten Herzens zum Kampfe fuͤr das Vaterland zu gehen. S Der edle, mit Friedrich und Diezmann durch die Bande des Bluts und der Liebe in⸗ nigſt verbundene Herzog Heinrich von Braun⸗ ſchweig eilte mit dreihundert tapfern Rittern und ihren Reiſigen herbei, ſeinen fuͤrſtlichen Schwagern in dieſer Noth beizuſtehen, und ih⸗ rem Heldenmuthe war man in der Entſchei⸗ dungsſtunde großen Dank ſchuldig. Der Markgraf Diezmann hatte früher ſchon mit ſeinen Meißnern die Gegend von Leipzig beſetzt. Und ſo vereinigte ſich denn das ganze Heer zwiſchen dieſer Stadt und dem Städtchen Lucka, im jetzigen Fuͤrſtenthume Altenburg. Da wälzte ſich des gyſers Heer, einet 138 drohenden Wetterwolke gleich, aus Boͤhmen heran, um durch ſeine mehrfache Ueberlegen⸗ heit das kleine Heer der Verbuͤndeten zu er⸗ druͤcken. Der oberſte Feldhauptmann, Graf Phikipp von Naſſau, war ein äußerſt ſtol⸗ zer, auf ſeine hohe Wuͤrde eingebildeter Mann, der beſonders, auf die Stärke ſeines Heeres ſich verlaſſend, den größten Fehler beging, den ein Feldherr begehen kann; er verachtete ſeine Feinde „und hielt den Sieg über ſie für eine eichte Sache. Daß ſie, fur Vaterland und Eigenthum fechtend, in jedem, auch ſelbſt im gemeinen Reiſigen, einen Helden zum Kam⸗ pfe ſtellen wurden, kam bei ſeiner Sleblaſen⸗ heit nicht in Anſchlag. Der Abt Conrad in Pegan war eben⸗ falls von dem Gedanken beſeelt, daß der Sieg nur auf die Seite des ſo ſehr berlegenen Hee⸗ res fallen könne, und nahm deshalb mit dem groͤßten Eifer entſchiedene Parthie fuͤr den Kaiſer gegen ſeine Landesherren.. Fuͤrchterlich wuͤtheten die Kaiſerlichen in der unhgenten Gegend wider die armen wehrloſen Leute auf dem flachen Lande und in den kleis nen Stidten⸗ ſo 6 es ungewiß iſt, ih 139 Unmenſchlichkeiten nicht noch ſchrecklicher wa⸗ ren, als die, ſo einſt das Heer des Kai⸗ ſers Adolph veruͤbte. Ganze Schaaren von dieſen ungluͤcklichen Landbewohnern flüchteten ſich hinter das Heer der Verbuͤndeten. Der Landgraf ergrimmte aufs höchſie über dieſe Grauſamkeiten, und ließ die Gefluchteten ſämmtlich nach Leipzig bringen und daſelbſt wohl verpflegen. Vorher aber ließ er ſie auf einen Haufen zuſammen treten, und im weiten Kreiſe umzog ihn das Heer. „Sehet da, ihr Ritter und Reiſigen des Thuͤringet⸗, Meißner⸗ und Oſterlandes! — rief der Landgraf Friedrich, mit erhobener ſtarker Stimme, ſeinen Kriegern zu. — Sehet dieſe armen wehrloſen Menſchen, Eure Brüder! Der Feinde Grauſamkeit vertrieb ſie aus ihren Hüt⸗ ten und raubte ihnen alles, was ſie hatten⸗ Wieder eine Menge anderer fiel durch der Feinde Schwerder, oder endete unter grauſamen Qualen das elende Leben⸗ Erkennet daraus, wie es dem Vaterlaude ergehen wird, wenn wir unterliegen. Darun laßt uns muthig kämpfen, damit wir daſſelbe retten. Gott wird uns beiſtehen im Fampfe 8 . 140 „Jä, mit Gott in den Kampf . .. „Tod und Verderben den grauſamen Fein⸗ Sn „Sieg oder Tod! Wir „oder fallen im Kampfe .. „Fluch dem Feigen, der den Kampſfplatz verläͤßt! Das Vaterland ächte ihn . So toſoten die Stimmen der höchſt erbitter⸗ ten Krieger durch einander, und loſten ſich endlich in den allgemeinen Ruf auf: „Führt uns gegen den Feind, Land⸗ graf! Sieg oder Tod!“ Friedrich ließ alle Trompeten bluſen, und in wenig Minuten ſtand das Heer in Schlacht⸗ ordnung. — Jetzt brach es auf und zog lang⸗ ſam dem Feinde entgegen. Die Geflüchteten aber warfen ſich auf die Knie, Gott um den Sieg anzuflehen. Heiße Thränen begleiteten das Gebet, und Gott erhörete es. Es gewäh⸗ rete ihnen auch der edlen Leipziger Chri⸗ ſtenſinn ein tröſtendes Aſyl. Erſt mit dem Einbruch der Nacht kam der Zug des vaterlan⸗ diſchen Heeres in tähe des kaiſerlichen Ln⸗ gers an. Fuͤr heute war es zu ſpãt zum Au⸗ Hif man F ihn bis m Zwar rieth der Heintich von Braunſchweig zu einem nächtlichen Ueber⸗ falle des feindlichen Heeres, allein es ſchien, bei der großen Ueberlegenheit der Kaiſerlichen an der Zahl der Krieger, dennoch zu bedenk⸗ lich, ein ſolches Wageſtück zu unternehmen⸗ Man ſchien auch im Lager der Feinde et⸗ was Aehnliches vermuthet zu haben, denn man war dort die ganze Nacht munter und auf der Hut. [2 Es war am Abend des preißigſten gage im Monat Mai, da man ſchrieb nach Chriſti Geburt Eintauſend dreihundert und ſieben, als die beiden Heere einander gegen⸗ über ſtanden, und der folgende Tag ſollte über das Schickſal dreier Laͤnder und eines hochbe⸗ ruhmten Fuͤrſtengeſchlechts entſcheiden. — Wir werden nun im Folgenden ſehen, wie er ent⸗ ſchied. 2 Im Gezelte des Landgrafen wurden die Aunſtalten zum Kampfe fuͤr den morgenden Tag getroffen und jedem ſeine Rolle dabei zuzetheilt⸗ Der Markgraf ⁊ Diezmann ſollte mit den meiß⸗ ner und vſterländiſchen Rittern und Reiſigen auf dem rechten, der Herzog Heinrich mit der Hälfte ſeiner Braunſchweiger auf dem linken Flügel, der Landgraf Friedrich aber mit den Thüringern ſn der Mitte himpfen. Hin⸗ ter jede Heerss⸗ Vötheilung wurden abge ſonderte Haufen verordnet, die im Kampfe mit der Ue⸗ bermacht Ermüdeten abzulbſen und zu unter⸗ ſtützen. Der Erfolg bewies, wie weiſe dieſes war. — Die andere Hälfte der Braunſchwei⸗ 5. ger mit einer auserwählten Schaar thůͤringiſcher . meißniſcher und oſterländiſcher Ritter wurde in ei⸗ nen Hinterhalt gelegt, und ihr Angriff bis zun Augenblick der Entſcheidung aufgeſpart. Eine andre Schaar von funfzig der ta⸗ ſuſin und ſchlachterfahrenſten Ritter, bei chen ſich auch Herrmann und Ruprecht blieb in der Mitte, abſonderlich bei der Perſon des Andprnfen ſelbſt, um mit ihm irgend einen entſcheidenden Schlag zu thun, oder auch ſeine Perſon zu beſchirmen. E Und nachdem alle dieſe Anordnungen getrof⸗ fen waren, ſo gingen um Mitternacht die Ritter auseinander, um ſich durch ein Paar Stunden Ruhe zum Schlachtkampfe auf morgen zu ſtärken. Albert, der Probſt des Chorherren⸗ ſtifts zu St. Thomas in Leipzig, war mit einigen ſeiner Chorherren dem Heere gefolgt; ein jeder mit dem Zeichen der Chri⸗ ſten, dem heiligen Kreuze in der Hand; um den Sterbenden mit dem geiſtlichen Troſte bei⸗ zuſtehen. Schon am Abend begannen dieſe frommen Väter aus Feldſteinen und Raſenſtuk⸗ ken dem Herrn einen Altar zu bauen, an wel⸗ chem, vor der Schlacht, das heilige Sacra⸗ ment des letzten Mahles Jeſu Chriſti geſpendet werden ſollte, und in den Stunden der Nacht ward ihr Werk bei Fackelſchein vollendet. Da brach endlich der Morgen des tetzten Maitages an. Er ſollte durch eine der merk⸗ würdigſten Schlachten auch für ſpäte Jahrhun⸗ derte merkwuͤrdig bleiben, und durch ſie entſchie⸗ den werden, wer in dieſen Laͤndern Fuͤrſt und Herr ſeyn und bleiben ſolle? 144 Allgemach wurde es, mit dem grauenden Morgen, lebendiger im Lager, und das ein⸗ foörmige Rufen der Nachtwachen durch allge⸗ meines Regen und Leben verdrängt. Ueberall rüſtete man ſich zur Schlacht. Da ertönten die Silberglöcklein der Chorherren. Sie riefen die Streiter jedes Standes hin zum Altare Gottes, und es bildete ſich ein weiter Kreis. Angethan mit den heiligen Gewändern, erſchie⸗ nen jetzt die Chorherren am Altare, und das Amt der Meſſe begann beim Schein der Fak⸗ keln, welche die Stelle der heiligen Kerzen ver⸗ traten. Im weiten Kreiſe um das Heiligthum lagen glle, Fürſt, Ritter und Knecht, auf den Knien und beteten andächtiglich, zur Feier des Todes Jeſu Chriſti; der Probſt aber ging mit ſeinen Brüdern im Kreiſe umher und reichte al⸗ len den Leib des Herrn, auf daß dieſer Genuß ſie geiſtig ſtärke und ermuthige im heutigen Kam⸗ pfe fur das Vaterland gegen die Unterdruͤckung. Und als dieſes geſchehen war, erhob der ehr⸗ würdige Diener Gottes ſeine Stimme, und be⸗ tete am Altare laut zum allgewaltigen Herrn des Himmels und der Erde, der das Schickſal aller Laͤnder und Reiche waͤgt und in ſeinen 145⁵ Haͤnden traͤgt, daß er dieſem kleinen Heere bei⸗ ſiehen wolle mit ſeiner Macht und Kraft, und ihm den Sieg verleihen uͤber den mächtigen Feind. In ihrer ſchönſten Pracht ſtieg jetzt die Sonne am Horizonte herauf. Ihr Anblick begeiſterte die Krieger mit hohem Muthe, und immer nä⸗ her drängten ſie ſich dem Altare zu. Da er⸗ griff der Prieſter das Heiligthum, und ſegnete die auf die Knie niederfallende Menge. Die Chorherren und alles Volk antwortete ihm ein⸗ ſtimmig mit Amen! Amen! Amen! und alle Trompeten ſchmetterten und alle Pauken und Trommeln wirbelten zu dieſem erhabenen Chor. Jetzt drängten ſich plotzlich einige Bewaff⸗ nete durch den Kreis und ſchleppten in ihrer Mitte einen Gebundenen mit ſich, der ſich heim⸗ lich aus dem Lager hatte entfernen wollen, und des Kundſchaftens ſchon uͤberwieſen war. Sie ſtellten ihn vor die Fürſten, und klagten ihn als einen Verräther des Heeres an. Der Un⸗ gluͤckliche ſtuͤrzte, in Todesangſt zitternd, auf die Knie nieder, und bat um Gnade. „Das ſey ferne von mir — ſprach der Land⸗ graf Friedrich tröſtend und gütig zu ihm — daß ich dich in dieſer heiligen Stunde der An⸗ n. K — 146 dacht und des Segens zum Tode verdammen ſollte. Sey frei! Knappen, löſet ſeine Bande! Nun magſt du ungehindert zuruͤckkehren zu dem, der dich geſandt hat, und ihm berichten, was du ſaheſt. Doch ſollſt du noch weilen, damit du ihm auch erzählen kannſt, was du noch ſehen und hoͤren wirſt. — Edle Ritter und Waffengefährten! — rief nun der Landgraf feier⸗ lich und mit erhobener Stimme in den Kreis zur aufmerkſam horchenden Menge — der Tag iſt nun erſchienen, an welchem das künftige Schickſal unſers Vaterlandes durch einen Kampf uf Leben und Tod entſchieden werden ſoll; und er iſt demnach über alle Maßen wichtig. Das durch fremde Verwuͤſter geaͤngſtigte Vater⸗ land, Weib und Kind, ſelbſt der altersſchwache Greis an ſeinem Stabe, und alles, was uns lieb und theuer iſt, blickt heute mit Vertrauen auf uns. Und wir wollten nicht alles, ja ſelbſt die letzte Kraft des ſtreitenden Armes, auf⸗ opfern, dieſe Hoffnungen zu rechtfertigen? — Das engſte Band unter uns iſt dazu nöthig. Wir muͤſſen uns daher verbinden durch einen „Wozu das, Herr Landgraf! — unterbrach 147 der Graf Günther von Schwarzburg dieſe Rede — Ihr ſeyd ja der Treue Eurer Ritter und Mannen ohnedem verſichert „Weöhalb noch einen Schwur? — fiel ihm mit Unwillen die Menge der Ritter bei — ha⸗ ben wir uns nicht jederzeit als treue Ritter und Vaſallen gegen Euch bewieſen?“ Der Augenblick war kritiſch; doch Fried⸗ rich blieb ſich gleich. Er, Diezmann und Heinrich winkten, und es beruhigte ſich die Menge wieder, ſo Friedrich konnte. „Verſteht mich nicht falſch, edle Ritter und Waffengefährten! — rief er — Gott behuͤte mich vor der Miſſethat, in die Treue und Ta⸗ pferkeit ſolcher Maͤner, wie Ihr ſeyd, ein entehrendes Mißtrauen zu ſetzen. Aber der heutige Tag iſt von ungewoͤhnlicher, ja, ich möchte ſagen, von einziger Wichtigkeit. Seines Gleichen waren wenige in der ganzen langen Zeit, wo Gott der Erde das Daſeyn gab, und wird an Wichtigkeit in ſpätern Zeiten ſelten wiederkehren. Darum höret mich! — Hier trat er in die Mitte zwiſchen Diezmann und Heinrtch rgriff ihre Hände, und fuhr in K 2 148 —— ſeiner Rede fort: — Wir beiden fuͤrſtlichen Bruͤ⸗ der, die wir hier vor Euch ſtehen, haben uns feſt entſchloſſen, daß dieſer Tag zwiſchen uns und dem Kaiſer Albert entſcheiden ſoll, und haben uns deshalb mit unſerm gegenwärtigen Herrn Schwager, dem Herzoge von Braun⸗ ſchweig, feſt verbunden, zu ſiegen oder zu ſter⸗ ben, nicht zu wanken, nicht zu weichen, chriſt⸗ lich zu ſchonen derer, die ſich gefangen geben, aber ſelbſt eher zu ſterben, als gefangen in die Haͤnde des Feindes zu fallen. Dieſes haben wir uns durch einen gegenſeitigen Schwur ver⸗ ſichert; und dieſer Bund war es, dem Ihr durch einen theuren Eid beitreten ſolltet. Wenn Ihr Euch aber deſſen weigert, ſo können wir weiter nichts dagegen thun, als Gott ver⸗ „Nein! Herr Landgraf! — rief jetzt der Graf Günther von Schwarzburg, ihm in die Rede fallend — dieſen Eid ſchwöre ich, und gewiß alle Ritter und Reiſige mit mir.“ Alle Ritter und die hinter ihnen ſtehenden Knappen riefen jetzt mit einer Stimme: „Ja, wir ſchworen! wir ſchwören!“ „Nun wohlan! — rief nun der Landgruf ſ 149 Friedrich mit doppelt ſtarker Stimme — ſo erhebet denn ein Jeder ſeine Rechte auf zum feierlichen Schwur: nicht zu wanken „ noch zu weichen, nicht zu fliehen, und den augenſchein⸗ lichen Tod der Gefangenſchaft vorzuziehen, alſo aber zu ſiegen oder zu ſterben. Schworet dieſes bei dem Allmaͤchtigen, welcher den Meineid ſchwer und ſchrecklich raͤcht!“ Ein Jeder hob jetzt ſeine Rechte auf zum Schwur, und wie ein Meer brauſte die der Stimmen in ihm. „Wir ſchwoͤren Sieg oder Tod ri keine Gefangenſchaft. Der allmächtige Gott 15 den Meineidigen!“ „Amen! Amen! Amen! — rief jetzt der Probſt mit ſeinen Chorherren — der Herr thue, wie Ihr geſchworen habt. — Fluch und Wehe, hier zeitlich und dort ewiglich, uͤber jeden, der dieſen heiligen, theuren Eid bricht; den From⸗ men aber, ſo ihn halten, ſtehe er bei mit ner Kraft!“ „Und nun orduet die Schaaren, wir zehen mit Gott in den Streit — beſchloß Friedrich dieſe erhabene Scene. — Ruͤſtmeiſter! gieb mir meinen Helm, und binde feſt. Denn heute 15⁰ bindeſt du mir auf Thuͤringen, Mei⸗ ßen und Oſterland, oder deren keines. Binde feſt! Binde feſt! — Du aber, Kundſchafter! gehe in Frieden, und berichte dei⸗ nem Herrn getreulich, was du gehoret und ge⸗ ſehen haſt. — Ritter Herrmann von Mi⸗ la! Ihr moͤget dieſen Mann uͤber das Lager hinaus begleiten, und ſorgen, nß ihm niemand Leides thue.“ Das Heer zog jetzt aus, i ſich vor dem Lager. Der Probſt aber warf ſich mit ſeinen Bruͤdern am Altare zum Gebete nieder, und die frommen Prieſter fleheten eifrig zu Gott um Sieg und Rettung dem Vaterlande. Als ſie nun ihr Gebet geendet hatten, nahm der Probſt das Kreuz vom Altare, und zog dem Heere nach; ſeine Brüder aber folgten ihm (und ein jeder trug ebenfalls das Kreuz in ſei⸗ nen Haͤnden), den Sterbenden beizuſtehen, und ihnen zum letzten Troſte das Bild Deſſen zu zeigen, der fuͤr Alle am Kreuze ſtarb. 15¹ Xv. Auch im Lager des kaiſerlichen Heeres war jetzt alles in Thätigkeit; denn man ahnete die nahe Schlacht. Da keuchte faſt athemlos der Kundſchafter heran „ und wurde vor den Feldhauptmann gefuͤhrt. „Laßt — zur — Schlacht — blaſen — — — Feldhauptmann““ — — ſtoͤhnte er — — „und ordnet ſchnell — das Heer. — Die Feinde — ziehen in Wht — zum Streite her⸗ an.“ Faſt wollte der gezhiug ſeinen Zieten nicht glauben. Aes aber der Kundſchafter alles berichtete, was er gehöret und geſehen hatte, und wie ſich das ganze Heer durch einen Eid und den Genuß des Sacraments verbunden habe, zu ſiegen oder zu ſterben; auch daß er gefangen geweſen, von dem Landgrafen aber frei gegeben worden ſey, um den Zweck ſeiner Sendung zu erfüllen „ Da erbebte der grauſame Naſſauer im Innern; denn es rief ihm ſein Gewiſſen zu: Der Tag der Rache iſt gekommen. Die Geiſier der gemarterten und gemordeten Wehrloſen ſtiegen drohend vor 152 den Augen ſeiner, vom Bewußtſeyn aufgeregten Phantaſie als Schreckbilder auf, und forderten ihn vor Gericht. — Bald aber ermannte er ſich wieder, und ertheilte ſeine Befehle. Die Trompeten ſchmetterten jetzt, und durch die Reihen der Zelte raſſelten die Trommeln. Jedermann rüſtete ſich auf dieſes Zeichen. Um den Muth ſeiner Streiter zu erhoͤhen, ließ der Feldhanptmann ſeinem ganzen Heere reichlich Wein austheilen, und erreichte auch gewiſſer⸗ maßen dadurch ſeinen Zweck. Bald waren die Schaaren geordnet, und endlich zog auch dieſes Heer aus, ſeinen Feinden entgegen. An Zahl zwar ſehr uͤberlegen, ſtand es dieſen an Be⸗ geiſterung der Herzen ſehr nach, da das Heer der Bruͤder nicht zur Eroberung, ſondern zur Vertheidigung des Vaterlandes ſtritt. Fetzt ſtanden die beiden Heere einander nah gegenuͤber, das Zeichen zum Angriff gegeben. Er wurde von dem vaterlaͤndiſchen Heere mit vereinten Kräften begonnen, und war ſchrecklich, doch war auch die Gegenwehr, welche die An⸗ greifer fanden, tapfer und ſtandhaft. Das Schmettern der Trompeten, das fuͤrchterliche Geſchrei der Kämpfenden, das Klirren der Waf⸗ 153 fen, das Blitzen der Schwerder in der Morgen⸗ ſonne; alles dieſes zuſammen gab ein ſolches furchterliches Gemalde, daß es auch den ta⸗ pfern Mann, war er bloſer Zuſchauer, zu er⸗ ſchuͤttern vermochte. Und ſo währete dieſer Kaupf mehrere Su⸗ den lang mit gleicher Wuth und ſich immer er⸗ neueruder Erbitterung fort. Von beiden Seiten fielen Hunderte in die Arme des Todes, und das Schlachtfeld dampfte vom Blute der Er⸗ ſchlagenen und Verwundeten. Ihres Schwures getreu fochten alle Ritter und Reiſigen im Heere der Brüder mit un⸗ erſchůtterlichem Muthe; doch die Ueberzahl der Feinde war zu groß. War eine Reihe von ih⸗ nen durchbrochen, ſo ſtand wieder eine andere auf den Leichnamen jener da, und der Kampf ging wieder von Neuem an. Alle ruͤckwärts ſtehenden Unterſtuͤtzungs⸗Schaaren waren ſchon im Streite; nur Friedrich mit ſeinen funf⸗ zig Auserwählten hatte, das Ganze lei⸗ tend, noch nicht unmittelbar Theil genommen. Endlich ermatteten die Thür inger, Meiß⸗ ner und Oſterländer; doch wich keinet aus dem Kampfe. Auch die Braunſ chweiger 154 waren gleichfalls ermüdet, und an Zahl ſehr geſchwaͤcht; da ſank das Panier mit dem Thüringiſchen Löwen; die noch immer große Ueberzahl der Feinde begann die Ermat⸗ teten allgemach zuruͤck zu druͤcken; und der kri⸗ tiſche Augenblick erſchien, wo ſht die ten entſcheiden. „Ha! mein Panier! — rief Srieheich mit ſchrecklicher Stimme, und ſchwang mit der ſtarken Rechte das gewaltige Schlachtſchwerd uber ſich — jetzt gilt's Entſcheidung! Laßt alle Trompeten ſchmettern und alle Pauken wirbeln! — Ihr aber, tapfere Waffenbruder! ſchließt Euch feſt zuſammen. Gotte gebe uns Kraft und Sieg! Und nunmehr Ant und dran!“ und alle Trompeten ſchmetterten, al⸗ Puu⸗ ten wirbelten; Friedrich aber mit ſeiner ge⸗ waltigen Schaar brach unaufhaltſam in den Feind, und es entbrannte nun ein neuer Kampf, ſchrecklicher als vorher. Fuͤrchterlich wuͤtheten die Schlachtſchwerder Friedrichs und ſeiner Kampfgeſellen in den Feinden. Dieſe ver⸗ nicht länger zu widerſtehen, und wi⸗ 155 —.— Das thůringiſche Panier hielt der tapfere Schenk von Nebra — der es getragen hatte, und von einem feindlichen Ritter erſchlagen wor⸗ den war — noch mit der bereits erſtarreten Fauſt krampfhaft umklammert. Sein Ueberwinder mü⸗ hete ſich eben noch, es dem Erſchlagenen zu entreißen, als ihn Herrmanns Racheſchwerd ereilte. Nach einem kurzen Kampfe war er da⸗ hin, Herrmann entwand nun dem erſchlage⸗ nen Freunde das Panier, und hielt es hoch em⸗ ppr. gn v „Hier, Thüringer! unſer Panier!“ — rief „— er mit ſtarker Stimme in das Schlachtgetummel hinein, und alle wurden gleichſam neubelebt bei dem Anblicke des wieder hochwehenden Paniers. Das allgemeine Trompetengeſchmetter und Paukenwirbeln war das Zeichen für die im Hin⸗ terhalt liegenden Schaaren geweſen. Einem Wet⸗ ter gleich brachen ſie hervor, und griffen die Mitte der Feinde im Ruͤcken an. Sie fochten mit unge⸗ ſchwächter Kraft, und in Kurzem war nun die Schlacht entſchieden. Vergebens verſuchten die Feinde, ſich wieder zu ſammeln, dieſe Schaaren griffen, ſo wie Friedrich mit ſeinen Funfzigen, immer wieder die Geordneten mit friſchen Kräften 156 an, und nun war der Sieg errungen, ſo wie das Vaterland befreit; die Sise⸗ aber ͤberall das Weite. Der kaiſerliche Feldhauptmann, Graf Phi⸗ 1ißp von Naſſau, entfloh, von den Meiß⸗ nern und Oſterländern hart verfolgt. Unter ih⸗ nen war Ruprecht. Schon waren ſie nahe daran, ihn zu fangen; ihn aber, den grauſamen Verwuſter des Vaterlandes, zum Gefangenen zu machen, war der Wunſch eines jeden Rit⸗ ters im Heere der Verbündeten. Ruprecht war unter Allen dem fliehenden Feldhauptmanne am nãchſten und er erreichte ihn daher am erſten. Einige Ritter von dem kaiſerlichen Heere kehrten zurück, und ſtanden ihrem Feldhauptmann bei, der ſich nothgedrun⸗ gen mit Ruprecht in einen Kampf eingelaſ⸗ ſen hatte. Der letztere war dem erſteren an Kraft und Geſchicklichkeit weit uͤberlegen, und es nahm bereits der Kampf eine uͤble Wendung fuͤr den Naſſauer, obgleich Ruprecht allein kämpfte. Da erhob dieſer den rechten Arm hoch zum Todesſtreiche für den Grafen, als ein kai⸗ ſerlicher Ritter ihm von hinten zu die Spitze ſeines Schwerdes durch die Fugen miter dem 5 157 Arme in die Bruſt einſtieß. Er hatte gut ge⸗ troffen, und der todtlichverwundete Ruprecht ſank ſterbend vom Roſſe. „Bertha! Ottol ich komme!“ waren ſeine letzten Worte, indem er ſank. — Doch in demſelben Augenblicke noch ward er gerächt. Mehrere thuͤringiſche und oſterlaͤndiſche Ritter kamen zur Stelle, eben als er die irdiſche, für ihn ſo traurige Laufbahn vollendete. Sie hatten die unredliche Art i Todes geſehen. „Schändlicher Meuchelnörder! — riefen ſie dem Ritter zu, der Ruprecht erſtochen hatte, — ſtirb von unſern Streichen!“ Und in wenig Augenblicken lag er tödtlich verwundet am Bo⸗ den, ſein Leben unter den ſtampfenden Hufen der Roſſe endend. — Der Feldhauptmann aber entfloh mit ſeinen Rittern während des kurzen Gefechts. Die Ritter Friedrich von Salza und Hans von Geilnau ſetzten zwar mit den uͤbrigen den feigen Flüchtlingen eifrig nach; doch vermochten ſie es nicht, dieſe mit ihren muͤden Roſſ en zu erreichen. Die Fliehenden des geſchlagenen Heeres wur⸗ den ſo eifrig verfolgt, daß, ehe noch die Sonne unterging, ſchon an dreihundert und ſech⸗ 158 zig kaiſerliche Ritter gefangen eingebracht wa⸗ ren, der gemeinen Reiſigen aber und des Fuß⸗ volks eine weit größere Zahl. In allen Städ⸗ ten und Doͤrfern des von den Feinden ver⸗ wuͤſteten Landes ertönten die Sturmglocken, und auf dieſes Zeichen erhoben ſich die Buͤrger und Landleute, von den Flüchtlingen ſo viele er⸗ ſchlagend, daß von dem großen kaiſerlichen Heere nur wenige wieder in die Heimath kamen. Die Ueberlieferung hat von dieſer Flucht und der Angſt des geſchlagenen Heeres auf derſelben die lächerlichſten Anekdoten bis auf unſere Zeiten gebracht, und lange geit hindurch war es ein allgemeines Sprüchwort, wenn man eine Unter nehmung bezeichnen wollte, von der ein uͤbler Ausgang zu befürchten war: Es wird dir gluͤcken, WVie den Schwaben bei Luͤkken. Als nun der Feind gänzlich aus dem Felde 24 1 geſchlagen, und von demſelben niemand mehr auf dem Schlachtfelde zu ſehen war, als die Todten und Verwundeten, ſendeten die ſieg⸗ reichen Fürſten nach gllen Gegenden Trompeter aus, um die Verfolgenden zurück zu rufen. „ 15⁵9 Denn der ringsum an allen Orten erſchallende Glockenſturm verkuͤndigte ihnen, daß die er⸗ bitterten Landeseinwohner den Fliehenden keine Zeit laſſen wuͤrden, ſich wieder zuſammen zu ziehen. Auf dem Schlachtfelde aber ſonderte man ſogleich die Verwundeten von den Todten, und verband den erſtern ihre Wunden, ſo gut es möglich war. Und dabei wurde — ſo wollte es der edelmüthigen, hochherzigen Fuͤrſten Ge⸗ bot — zwiſchen den eigenen und den feind⸗ lichen Verwundeten kein Unterſchied gemacht, ſondern ulle gleich behandelt. Eifrig halfen die anweſenden geiſtlichen Herren bei dieſem ächt chriſtlichen Geſchäfte, und ſtanden auch⸗ den Sterbenden mit religibſem Troſte bei. mn XLVI. Wie nun am andern Morgen für die Ver⸗ wundeten geſorgt war, begrub man die Todten, und laute Klage ward den gefallenen Bruͤdern. Auch Ruprechts Leichnam brachte man her⸗ bei, und Herrmann benetzte das kalte An⸗ tlitz des meuchlings gemordeten 4 Freundes ₰ 165 mit ſeinen Thränen. Selbſt der Landgraf trauerte ſehr um den edlen Gefallenen, denn er hatte ihn kennen und lieben gelernt. Herr⸗ mann von Mila und Ludwig von Blan⸗ kenhayn, Ruprechts innigſte Freunde, opferten gleichfalls an dieſem Tage ihr Leben dem Vaterlande, und wurden mit ihrem Waf⸗ fenbruder in ein und daſſelbe Grab gelegt. Den Altar, an welchem man am Morgen der Schlacht das Abendmahl genoſſen, und ſich durch einen Eid verbunden hatte, zu ſiegen oder zu ſterben, umkreiſete jetzt der Sieger jauch⸗ zende Schaar. In der Mitte ſeiner Brüder ſtand der Probſt mit hocherhobenen Händen und ſtimmte an den Hochgeſang: Te Deum Laudamus, zum Danke gegen Gott, der dem Landesfurſten den Sieg verliehen, und das Vaterland gerettet hatte aus den Haͤnden der grauſamen Feinde. Die Fürſten, Ritter und alles Volk fiel ein, und der gewaltige Chor erfuͤllte die Luft. — Nun feierte man das Seelenamt fuͤr die ſo ehrenvoll Gefallenen im Kampfe fuͤr das Vaterland. Geruͤhrt uͤber⸗ blickten die Kämpfer den Kreis, und mancher ihnen theuere und werthe Kämpfer fehlte. Es waren Stinden der — ud zu gleich. 03 Als man nun endlich u dieſe letzte pflicht den Grfallenen geleiſtet hatte, zog das ſi ieg⸗ reiche Heer: nach Leipzig, wohin ihnen der Ruf des Sieges ſchon am vorigen Tage voraus⸗ geeilt war. Ein würdiger Empfang war hier den Siegern bereitet. Vor dem Thore, das nach Lucka fuͤhrt, empfing der Rath in ſchwar⸗ zen Feierkleidern die růckkehrenden Sieger, und ein ſchöner Bluͤthenkranz von einer Menge Jungfrauen, im weißen Gewande der Unſchuld, mit friſchen Blumenkränzen geſchmückt, umgab die ſiegenden Fürſten. Der edle, hochherzige Probſt Albert zog, in der Mitte ſeiner gleich⸗ geſinnten Bruͤder, mit dem Kreuze voran, „und führte den hehren Trinmphzug an. Sieges⸗ geſänge ertoͤnten von den Lippen Aller und der Glocken feierlicher Ton begleitete dieſe und den ſiegesſtolzen Jubel der Menge; denn aüch von Leipzigs biedern Bürgern hatte eine ſtarke Schaar bei der Schlacht zur Befteiung des Vaterlandes mannhaft mitgefochten, und den Sieg erringen helfen. Mit Frenden wurden ſie jetzt von ihren Mitbürgern empfangen. 162 —— Es war ein großer⸗ herzerhebender Anblick. Das ſiegreich zuruckkehrende Heer, mit Blut und Staub bedeckt; die 5 urſten im Kreiſe der Jungfrauen; die Stadtobrigkeit mit dem zurückgebliebenen Theile der Bürgerſchaft und einer großen Menge Volks aus den um⸗ liegenden Staͤdten und Doͤrfern, welches mit dem Heere herankam ꝛc. Dieſer unabſehbare Zug bewegte ſich unter dem allgemeinen Freu⸗ dengeſchrei des Volks durch die Straßen nach der Thomaskinrche hin. Die ältern zuruͤck⸗ gebliebenen Chorherren dieſes Stifts, die ganze übrige Geiſtlichkeit, ja ſelbſt alle Nonnen und Mönche der Stadt, welche ihre ſtillen Klöſter verlaſſen hatten, um an dem allgemeinen Jubel uͤber den herrlichen Sieg und die Befreiung des Vaterlandes aus den Händen der Feinde Theil zu nehmen — empfing jetzt die Einziehenden⸗ und ein feierliches Hoſianna ertönte bei ih⸗ rem Eintritt in die feſilich geſchmückte Kirche. Jedermann warf ſich hier auf die Knie nieder, mit feierlichen Hymnen ſang man dem allgůti⸗ gen Geber des Siegs Lob, Ehre, Preis und Als aber nach gefeiertem Hochamte der 1 163 Probſt die Fürſten u d Heer geſegnet hatte erhob ſich der Landgraf Friedrich und wollte den Rittern und allen Streitern für ihre benizſene FTapfzrkeit danken; allein gleich mit den rſten. Worten verhallte ſeine Stimme in dem algemeinen Rufe der Krieger: „Nicht zns, ſondern dem allmãchtigen Gott gchühret Dank, der durch ſeine Macht und uns, ſeine . „ das Vaterland geret⸗ tet hat.“ Doch wer vermgg 6 wohl „eine ice er⸗ hubene Scene ganz und würdig zu ſchildem. 2 Wihrend aber hier die Sieger ſich des Sie⸗ 65 freueten, und in den nächſt en Tagen dar⸗ ach, wurde die unglückliche Stadt pesun nit Vord und Brand erfüllt. es gab allerdings im Heere des Kuiſe der tapfern Ritter eine große Anzahl, und der Sieg, ſo ſchwer er guch zu erringen wurde, würde noch viel zweifelhafter geworden ſeyn, u ein anderer Feldhauptmann an r Spitze dieſes Heeres geſtanden hätte. dann, als die Schlacht ſchon entſchieden war, und der Sieg hereits allgemein ſich auf die Seite der Vepbündetfn neigte, der Graf von L2 5 164 Naſſau auch ſchon entflohen war, verfuchten ta⸗ pfere Ritter es noch, die Füiehenden zurůckzu⸗ halten. Der Ritter Rudolph von Palm ſammelte an hundert Ritter, und vieſe Schaar warf ſich mit geſenkten vorgehaltenen Lanzen den Fliehenden entgegen. Aber vergebens war ihre Bemühung! Sie wurden durch den Strom der Flüchtigen und mit riſſen. Der aus Braunſchweigern 3 eſt⸗ hende Hinterhalt hatte nur wenig gefochten, und ſetzte nun mit ftiſcher Kraft den Fliehenden nach. Ein ſchwäbiſcher Ritter, Walter von Eſ chenbach, watf ſich mit einer Schaar von einigen Hunderten in die Stadt peßu u, wäh⸗ rend der Oberfeldhauptmaun ½ nach Atrent urg ftüchtete. Der Abt des eigeteteuſertioſers zu Pegau, welcher zugleich die Gerichtsbrkeit über die Stadt mit ausübte, hatte, wie wir oben ſchon erwähnt haben, vffenbar und mit großem Eifer die Parthei des Keiſts gegen ſeine rechtmäßigen Landesfürſten genonimen, und das keiſerliche Heet war ſo reichlich mit Aensniten von ihm vetſotgt worden, daß 165 die Sieger große Vorräthe davon im erobherten Lager gefunden hatten. „ Zetzt zitterte der Abt vor der gerechten Fuhe und nahm deshalb den geflüchteten Walter mit ſeiner Schaat nur ungern guf; doch tröſtete ihn dieſer mit der Vertheidigung, bis der Graf von Naſſau, oder vielleicht der Kaiſer— ſelbſt, mit einem Heere ihn aus der Hand ſeiner Feinde befreien werde. Am nachſten Tage nach der Siegesfeier er⸗ ſchien der Markgraf Diezmann mit einem Heere vor der Stadt. Er ließ ſtürmen, und in kurzer Zeit war ſie erobert. Erbittert durch den Widerſtand, welchen die Buͤrger, ſo wie die ſchwähiſchen Krieger leiſteten, ſteckten die Sie⸗ ger die Stadt und das Koſter in Brand, ales aber, was man mit den Waffen in der Hand betraf, ward niedergehauen. Fürchterlich war die Verwuſtung, welche dadurch über Pegau und das Kloſter kam. Alles loderte in Flam⸗ men auf und die erbitterten Krieger ſchonten ſelbſt das Heilige nicht. Die Kloſterkirche wurde aufgeſchlagen und gepluͤndert, die Miſſa⸗ lien und Urkunden, ſo wie die Meßkleidungen, warfen die Wuͤthenden in's Feuer, und achteten in der aufgeregten Wilth⸗ ſgar der at⸗ liquien, der Monſtranz und des Ciuzjftes ich Den unſchüldigen Airtibes 306 man bis auf das Hemde ſich noch nieh vergleichei Fievel, as⸗ der Märk⸗ glüf ſelbſt erſchien und mit entblöſtem Schwt e die Freoler aus dem Heiligthum trieb. inpetet ſpengten durch die Straßen, und in kutzem wurden die länderet ee horſant gebrucht. g Der Abt Koitad, uncber les vs uebets, war eutſiohen und bat nün dürch Ge⸗ ſundte demůthi um Gnade. Sie ward ihm iut iin geringen Mauße zü Theil⸗ Er mußte eine ſtarke Geldſumme zur unterſtützung der dahen Dörfer enttichten, welche durch die Ver⸗ Wſtngen der Feinde mehr oder weniget gelit⸗ te hatten. Dabei verlor die Stadt ihre Maleii und der bt die Weichtn iber die SSirzer. ö „ Hrrniatn hatte in vſ⸗ echucht nur eine leichte Wunde erhalten, die ihn nicht hin⸗ derte, beſtändig um die Perſon des Landgrä⸗ fen zu ſehn, und dieſer edle, hochherzige Fürſt war ihm, ſo wie ſein Bruder Diezmann, ſehr gewogen. Auch Dietrich von utzberg war mit bei der erleſenen Schaar geweſen, welche, mit dem Landgrafen an der Spitze und in Verbindung mit dem Hinterhalte, den ſiegreichen Ausgang der Schlacht entſchieden hatte, und der Fuͤrſten Huld und Dankbarkeit belohute atch ihn, ſo wie alle die Tapfern und Trenen, auf das glänzendſte dafr. Bald kehr⸗ ten Hertmann und Di etrich, mit Ehre und Ruhm gekront, zu ihren Burgen wieder heim und empfingen ſie aus den bewahrenden Händen des redlichen Priors zurück. Hedwig ſaß an der Seite ihrer edlen Freundin, Agnes von der Marthen, im Garten der Letztern, und ihr Töchterlein ſpielte zu ihren Füßen im Graſe. Die beiden Frauen dreheten fleißig die Spindel, Hedwig aber dachte mit Seufzen an ihren Herrmann. 168 Da zeigte die kleine Jutta mit ihren Händ⸗ chen nach der Gartenthür hin, durch welche eben ein Ritter eingetreten war. „Tätta! Tätta!““ rief der kleine holde Engel mit Jauch⸗ zen, und laugte mit den Händchen nach dem Ritter hin. Des Kindes Jubel machte die Mutter aufmerkſam, ſie blickte nach der Khuͤr, und Herrmann eilte in ihre offenen Wme. — Sm von den Srenn „die nur i S. werden ſinnen⸗ irt Feſt das tgne den a6 dem Schlachtgewühle glücklich heingekehr⸗ ten Gatten, und ihr in Thränen ſchwimmendes Auge blickte dankbar auf zum Himmel fuͤr die Beſchirmung des Herzgeliebten. Da umſchlang auch der Vater Dietrich die ſich Umarr men⸗ den, und nun erſt war das S der Tochter vollkommen. Der edle Gerhard von der, brachte Dietrichs Kinder, und als ſie dem Vater entgegen jauchzten, er aber ſich gerührt zu ihnen herab bog, ſie zu umarmen, und an das von Vaterfreude erfullte Herz zu drucken, da fuͤhlte ſich der Biedermann hoch belohnt, 169 und Dietrich mit Perrmann umgrmten ihn geruͤhrt; denn ſie fühlten, was er ihnen geweſen war. Ein fröhliches Mahl beſchloß dieſen Tag, und am folgenden zogen die Rit⸗ ter mit den Ihrigen nieder heim. So lebten ſie den Sommer hindurch im Schooße des hänsſichen Glücks, und ihre ehrenvollen Wun⸗ den heiltrn. Als her des Herbſtes köſttichſte Frucht⸗ ds Vunt pe Trauben eigt uge tih nuch dem, Se wnfietitn Sidt die ſtürmiſchen Tage des Winters hinzubringen. biederherzige Hedwig erhielt die Gunſt de erärin Futta, ſtieg mit inme eber * und er ugeine bald untet di Vertrauten dieſes edlen Fürſten. Da rief, wenig Tage vor dem Vihnch feſte „eine plötzlich eingetretene unpãßlichkeit der Landgraͤfin Eliſabeth die Markgräfin nach der Wartburg, und Hedwig mußte ſie dahin begleiten. Herrmann aber blieb bei dem Markgrafen Diezmann in Leipzi 8 zuruck, und wollte mit demſelben erſt zum Neu⸗ jahrsfeſte bei der landgräflichen zmite 3 Wartöurg eintteffen. ch weiß nicht, Ritter! — ſprh am Abend Sor dem Weihnachtöfeſte der Warkgraf zu ſeinen Verttauten, urtich von Maltitz, Hans von Glilnau und Hetrmann von der Etrersbut g, ats ſie nach der Tafel bei den Beheri ſaßen — es iſt mir heute ſo herzlich wohl, ich bin ſo herzlich froh, und dennoch auch ſo weichen Hetzens, daß ich meinen See⸗ ttizuſtand nicht beſchreiben kann. Ich glaube, es ſieht mir irgend Etwas bebor. Rengſtigt Euch doch nicht ergeblich er⸗ müchter Herr Matkgraf! — entgegnete ihm Hans von Geilnau — ich wüßte nicht, was Euch begegnen könnte. Der Feind iſt ge⸗ ſchtagen, Freyberg iſt wieder erobert, das Land bis auf Artenburg von den Feinden geräumt⸗ und dieſe bisher ubeʒwingbare Feſte wird der Hunger ebenfalls gar bald in Eure Haͤnde bringen. Der Kaiſer abet iſt durch den Streich bei Lucka belehrt worden, was ein Volk ver⸗ möge, wenn es fuͤr Freiheit, Vaterland und dei angeſtammten Fuͤrſten gegen Unter⸗ drüͤckung ſtreitet.“ Et hat dabei auch noch geletut ſi ihm Ulrich von Maltitz bei — was eines Fürſten erſte Sorge ſeyn ſollte, nämlich ſtünen Thron uuf die Herzen ſeiner unterthauei zu gruͤnden, und ihte Liebe Sichies n 343311 n 130 „ 32 „Dänn kann buh ein ſu Fürſt getroſt der Zukunft eutgegen ſehen — ſetzte Her' rmann üoch hinzu — eine eiſerne Mauer ſind ihm ſeine treuen unterthanen, und ſie wülden eher ihr Leben laſſen, als dem theuren Landes⸗ vater untreu werden. Davon habt Ihr ja Bei⸗ ſpiele genug erlebt an Euern eigenen Unter⸗ thanen, erlauchter Herr! — Was haben nicht, daß ich uur Eines gedeuke, tie treuen Fre berger für Eich und den auchten Her Landgrafen Friedrich gethan, und 4. litten⸗ d „Ihr habt Recht bche, Treuen! — fiel ihm der Fuͤrſt gerührt ins Wort, ind reichte den biedern Freunden einem jeden die Rechte — Aber auch nur aus Euerm Munde darf ich das Gehoͤrte nicht als Schmeichelei aufnehmen. — Darum will ich mir denn uun aber auch alle Beſorgniſſe aus den Gedahken 172 ſchlagen, und dieſe heiligen Tage mit heiterm, frphem Sinne ſeerm n n Wnd ſo ſaßen ſie noch eine Stunde im trau⸗ ichen Geſpräche beiſammen. un Als nun am folgenden NMurgen . hriſ⸗ beginnen ſollte, ging der Markgraf Diez mann an der Spitze ſeiner Ritter in die Thomaskirche Se war prächtig erleuchtet. Der ſße Weihrauchsduft durchzog den von der Menge der Andichtigen dicht erfüͤlleten Tem⸗ pel, und mit hoher Pracht hielt der Probſt das Hochamt. ii Der fromme Mortgraf in n an⸗ dacht vor dem Hochaltare auf den Knien „ und ſein Herz war vom innigſten Dane gegen Gott für die Rettung des Vaterlandes durchgluht. Herrmann kniete an der linken Seite des Fürſten. Als nun der Chor das ei an⸗ ſimmen ſollte, wurden „ nach dem damaligen Firchengebrauche, die Altarkerzen ſowohl, als auch die Lichter, ſo in der Naͤhe des Altars brannten, auf eine furze Zeit ausgelöſcht, in⸗ dem ſolche nach der Beendigung des Chores wie⸗ der angezuͤndet werden ſollten. Es wurde alſo ziemlich dunkel vor dem Altar, und it dieſer Dunkelheit fuͤhlte Herrmann das Heran⸗ drängen eines Menſchen. Er hutte erſt kein Arges deshulb „ aber im nächſten Augenblicke hörte man aus des Fürſten Munde den S kensruf: „O Gott! ich bin verwundet! — Mord! Mord! — Und zugleich ſank er auch an Herrmann hin⸗ der ihn in ſeinen Armen auffing nd nit lauter Stimme i Verſunmuiz rief: Det Markgraf iſt verundet! — Nie⸗ mand aus der Kirche! — zi die Lichter an. Ein ſchlecklicher Tumült i ſich et in uer Miche — Der Chotgeſung erſtumte, und viele Hände bemuͤheten ſich, die aus⸗ gelbſchten Lichter geſchwind wieder anzuzünden. Wieder andere beſetzten die Kirchthüre, auf daß Niemand hinauskönne. Eine Menge aber um⸗ gab den tödtlich verwlndeten Fürſten, welcher noch immer in Herrman us Atmen lag. Ver⸗ gebens muͤh'te ſich derſelbe, die Btitig zu welche immer gleich heftig blieb. Maltitz, Geilnau, und noch mehrere Ritter drängten ſich unter der Menge hin und 47⁴ ——— her, und ſuchten den Moͤrder zu entdecken. Da gewahrte der Erſtere einen wohlgekleideten Mann, in einem ſchwach erleuchteten Neben⸗ gange, der beſonders laut auf die Verhaftung des Mörders drang, und ſich außerordentliche Muͤhe um die Entdeckung zu geben ſchien. Maltitz hielt ihn fuͤr einen Ritter, und wollte von ſihm en ob er Stws Vedache auf ir⸗ am Mante. 5 up innuich den der Ritter Maltitz auf die Hand warf, mit welcher er den Mantel gefaßt hatte, ließ ihn dieſelbe blutig erblicken. Wie ein Blitz⸗ ſirahl durchzuckte der Gedanke ſeine Seele: Dieſes iſt der Mörder. Mit Rieſenkraft packte Fu⸗ Sher an ſunen gu mit ſhwc 2 . Swiichet, der 85 S In eben demſelben Augenblicke ſtieß er bei dem Huchuta mit m Fuße an einen vu Blut war. „D ſehet — rief er mit Sim — hier lag der blutige Dolch, mit welchem die ſchreckliche Chat geſchah⸗ ihn n — Man ſchleppte den Mann mit dem bluti⸗ gen Mautel an einen hellerleuchteten Ort. Es war ein Allen Unbekannter. Er wurde unter⸗ ſucht, und man fand die leere Dolchſcheide an ſeiner Seite haͤngend. Der blutige Doich wurde gebracht, und ſiche, er paßte genau in die Scheide; auch waren die Blutflecken an dem Mantel von der Art, daß es augenſchein⸗ lich war, das Blut war ihm bei der 1 aus der Wunde angeſpritzt. Nun war kein Zweifel weiter, man hatte den Mörder gefunden. Die Menge ſtürmte auf ihn ein. Maltitz, Geilnau und noch mehrere Ritter hatten ihre ganze Körperſtärke nothig, den Böſewicht der Wuth des hoͤchlich erbitterten Volkes zu entreißen. Es wuͤrde ihn in Stücken zerriſſen haben, wäre er nicht von dieſen Rittern geſchutzt und zu noch größern Martern aufbewahrt worden. Er ſchwieg hartnaͤckig und beantwortete keine von den tau⸗ ſend Fragen, die an ihn geſchahen. Noch immer hielt Herrmann den tdtüch verwundeten Fürſten tiefohnmächtig in ſeinen Armen und war von deſſen Blute wie gehadet unaufhörlich rief er nach Aerzten. Sie anen, verbanden die uifen Wunden, „ ud man trug i nun in den unE unn — * rfur 6 310 K* X w an benſiiin Morgen eilte der tet Geilnau auf ſeinem beſten Renner nach der Wartburg, dem Landgrafen Friedtich die traurige Botſchaft zu bringen. Am Abend des dritten Weihnachtstages ſchon kam dieſer Fürſt in Leipzig an; ihm folgten ſo ſchnell als möglich die fürſiichen Frauen nach. Noch lebte der unrettbar Verwundete, und es ſchien, als habe ſeine Seele nicht aus dem Körper abſcheiden können, bis er dem geliebten Bruder in den Armen liege. Rur ein Paar Worte vetmochte er zü dem Tiefbetrubten leiſe zu ſiammeln; nur einmal noch ihm ganz ſchwach die Hand zu druͤcken, und dann entſchwang ſich ſeine große, herrliche Seele dem Körper, den des Mörders verruchte Hand ſo freventlich zerſtörte. Ein allgemeines Wehklaͤgen erhob ſich in der Stadt⸗ als der erfolgte Tod des geliebten Fuͤrſte bekaunt wurde. Tauſende E „ verſammelten ſich vor feinem Pallaſte, und rir⸗ fen einſtimmig um Rache über den Mör⸗ der. Der Landgraf erſchien unter der Menge, und ſagte die Sfi Wunſches zu. Am folgenden Tage veiſennt ſich das Gericht zur Unterſuchung dieſer ſchrecktichen That, und der Landgraf ſaß als ſolcher dieſem Gerichte vor. Der Moͤrder erſchien, mit Feſſeln ſchwer beladen, aber er beantwortete keine einzige von den Fragen, welche das Ge⸗ richt an ihn that. Er wurde nun auf das ſchrecklichſte gefoltert, aber auch da noch blieb er verſtockt, und ſein Mund öffnete ſich nicht zu irgend einer Antwort. Die Folter hatte ihn unfähig gemacht, auf ſeinen Füßen zu ſtehen. Man trug ihn daher im Seſſel noch einmal vor das Gericht; aber auch da blieb er ſtumm. Wiederholt wurde er gefoltert; doch keine der Höllenqualen, die man ihm anthat, vermochte es, ihm ein Bekenntniß zu entreißen. Ein neuer Henker gab ſich an, und man überließ ihm den Verbrecher. Satan ſelbſt wuͤrde nicht verſtanden haben, ihn ärger noch zu martern, als dieſer that. Da knirſchte der II. M 178 Mörder fuͤrchterlich mit den Zaͤhnen, und mit einem teufliſchen Hohngelächter rief er aus: „Ich bin zu dieſem Morde gedungen. Doch vergebens ſtrebt Ihr, den Namen deſſen zu erfahren, der mich gedungen hat; denn ich wuͤrde eher meine Zunge abbeißen, als Euch dieſen Namen nennen; und alle Martern wer⸗ den mich nicht dazu zwingen.“ Nun verſchloß ſich wieder ſein Mund, und kein Laut mehr entfloh ſeinen Lippen. Des Verbrechers Körper war von den Folterqualen ſo verzerrt und entſtellt, daß er keinem Men⸗ ſchen mehr aͤhnlich ſah; und doch bekannte er nicht. Der Probſt Albert trat an die Folterbank. Auf das beweglichſte vermahnte er ihn, zu beichten, und mit faſt übermenſchli⸗ cher Beredſamkeit ſuchte er ihn zu bewegen, den Mann zu nennen, der ihn zu dieſem Morde gedungen habe. Er verſprach ihm die Abſolu⸗ tion, und daß er mit allen Prieſtern Meſſe le⸗ ſen werde für die Ruhe ſeiner Seele. — Ja er ſolle nicht einmal. den Tod durch Henkers⸗ hand ſterben; nur ſolle er bekennen. — Ver⸗ gebens! Der Landgraf Friedrich beſtätigte dieſes Verſprechen auf ſein Zuͤrſtenwort, wenn 179 er bekennen wolle. Auch dieſes war vergebens. Der Probſt rief ihm mit einer Donner ſtimme zu: „Gott wird Dich verdammen, gottloſer Böſewicht. Ewig wirſt Du in der Hölle hren⸗ nen, bleibſt Du noch verſtockt.“ — Auch die⸗ ſes öffnete ſeinen Mund nicht. . Die letzte Sitzung des Gerichts ward feier⸗ lich auf offenem Markte gehalten, und eine große Menge Volks umkreiſete die Richter. Man brachte den fuͤrchterlich entſtellten Verbre⸗ cher in einem Seſſel vor die Gerichtstafel ge⸗ tragen, und viele aus dem Volke, die ihn ſa⸗ hen, wendeten die Augen urg von dem ſchuß⸗ lichen Anblick. Das Gericht ſprach ihm das Endurtheſl. Es war ſchrecklich. Er ſollte auf einer Kuh⸗ haut zur Feimſtätte geſchleift, und auf dem Wege dahin ihm an jeder Straßenecke mit glů⸗ henden Zangen das Fleiſch vom Leibe geriſſen werden. Als nun der Zeterſchreier, nach dem Gerichtsbrauche, ſein Amt verrichtete, und mit erhobenem Schwerde⸗ dreimal die Tafel umging, mit lauter Stimme Zeter und Wehe uͤber den Fuͤrſtenmörder rufend; fiel ihm das ganze Volk, wie mit einer M 2 180 Stimme, im gräßlichen Tone bei und rief laut: „Zeter und Wehe uͤber dieſen Fuͤr⸗ ſtenmörder ewiglich!“ — ſo daß manches tapfern Mannes Herz erzitterte. Und als der Blutrichter den Stab über dem Verbrecher ge⸗ brochen hatte, da trat der Landgraf noch ein⸗ mal hin zu ihm, und redete ihm auf das gu⸗ tigſte zu, ja er bat ihn flehentlich, zu bekennen, und er ſolle, mit der Hoffnung, ſelig zu wer⸗ den, ſein jämmerliches Daſeyn ohne Qual, durch einen Schwerdſtreich, endigen. Die Hen⸗ ker zeigten ihm die gluͤhenden Zangen⸗ Er ſah ſie ganz gleichgültig an, und ſſein Mund ver⸗ zog ſich zu einem grinſenden Lächeln. — Jetzt verſprach ihm der Landgraf Schonung des Lebens und volle Begnadigung bei ſeinem Fürſtenwort. „Ich will ſterben, aber nicht be⸗ kennen!“ — bruͤllte hierauf der teufliſche Bö⸗ ſewicht; und es ergriffen ihn nun, auf des Landgrafen Befehl, die Henker, warfen ihn auf die Kuhhaut und begannen ihre Qual mit den gluͤhenden gangen. Er that das erſtemal einen fürchterlichen Schrei, dann aber hörte man keinen Wehelaut mehr von ſeinen Lippen. Laugſam bewegte ſich der Zug fort durch die 181 Grimmaiſche Gaſſe, und von Zeit zu Zeit griffen die gluͤhenden Zangen in des Veſhe chers Fleiſch. Am Thore, das nach Grimma fuͤhrt, na⸗ hete ſich der Landgraf noch einmal, und wie⸗ derholte ſeine vorigen Ermahnungen. Umſonſt! Der Boͤſewicht blieb verſtockt. Nun ſiieg der Fuͤrſt vom Roſſe und ſic über den Ver⸗ brecher hin. „Damit Du ſeheſt, ungehener! — ef der Landgraf dem Moͤrder mit furchterlicher Stimme zu — daß ich den Mann ſchon kenne, der Dich zur Ermordung meines Bru⸗ ders gedungen hat, und nun bald an Deiner Seite in der Hoͤlle brennen wird, ſo will ich Dir ſeinen Namen in das Ohr raunen, und Du wirſt ſehen, daß ich den Verworfenen be⸗ reits kenne, dem an meines Bruders Tode ſo viel gelegen war. Dein Bekenntniß ſollte mir nur zum Beweiſe dienen.“ Und nun ſagte er dem Moͤrder ein Paar Worte ganz leiſe. Dieſer erſchrak ſichtbar und zuckte zähneknirſchend zuſammen. „Traf das? Böſewicht! — ſchrie ihm jetzt der Landgraf zu. — Nun fort! — keine Gnade 182 mehr! fort! fort mit ihm! Henker! Verdoppelt Eure Martern, auf daß er ſchrecklich ende.“ — So kam der Zug auf dem Richtplatze an, und unter den furchterlichſten Qualen zerriſſen die Roſſe den unbegreiflichen Teufel in Men⸗ ſchengeſtalt, der die Rettung b muthwillig verſchmähte. Das ſchaudernde Volk kehrte zuric nach der Stadt, in ihrer Mitte der Landgraf mit ſeinen Rittern. Am Thore des Pallaſtes trat ihn ein Bote an, und überreichte ihm einen Brief. Dieſen erbrach er ſogleich, und eine hohe Röthe uͤberflog ſein Geſicht, als er las. Vortrefflich! — rief er freudig aus — Du biſt gerecht, v Gott, da Du mir auch den eigentlichen Mörder meines Bruders in die Hände lieferſt. Ich verſtehe Deinen Wink! — Laßt Euch ſchnell wappnen, edle, treue Rit⸗ ter! — Noch ehe eine Stunde vergangen iſt, ziehen wir aus, zu halten ein Gottesgericht. — Meine Rüſtung iſt ſchwarz, mit eiuer blutro⸗ then Feldbinde. Eilet und ſputet Euch mit Eurer Ruͤſtung, damit wir die 82 nicht verſäumen.“ 5 „Es eilten nun die Ritter ein jeder heim⸗ 183 und ehe man's noch glaubte, erſchienen ſie ſämmtlich ſchwarz geruͤſtet wieder. e S ein fuͤrchterlicher Anblick. . Da ritt der Landgraf vollig gemnpnt aus dem Pallaſte heraus. Er winkte, und die Ritter verſammelten ſich um ihn. Seine Rechte hob er auf, und ſchwur bei Gott dem Allmächtigen und Gerechten: daß er nicht eher ſeinen Harniſch ausziehen wolle, bis der Mord⸗ ſtifter unter dem rächenden Schwerde gefallen ſey. Alle Ritter ſchwuren mit ihm. Die Trompeten erklangen, und dieſe Schaar der Rache flog da⸗ hin, des Wegs nach Borna zu. XLIX. Der Graf von Naſſau, des Kaiſers oberſter Feldhauptmann, hatte ſich bisher in Altenburg tapfer gehalten. Da aber der Mangel an Lebensmitteln daſelbſt endlich fühl⸗ bar wurde, weil ſtreifende Schaaren der Ver⸗ bündeten die Zufuhr ſehr erſchwerten, ſo zog dieſer Feldherr mit ſeinen Kriegern aus der Stadt aus, um gegen die Feinde des Faiſers 184 wieder angriffsweiſe zu Werke zu gehen. Er rechnete dabei auf die bereits ruchbar gewordene Ermordung des Markgrafen Diezmann, und glaubte, im erſten Schrecken mit leichter Muͤhe Eroberungen machen zu können. Sein erſter Zug war gegen Borna gerichtet, welcher Stadt er mit Feuereinwerfen und Stürmen hart zu⸗ ſetzte Allein er mußte auch hier empfinden, was Unterthanentreue vermag; denn es achteten die tapfern Bürger Borna's weder der Stür⸗ me, noch des Feuereinwerfens, und wehrten ſich mannlich gegen die Feinde. Mit Borna ging es alſo nicht ſo geſchwind, als der Naſſauer gewähnt hatte, und er ließ deshalb rund um die Stadt alles verwüſten, und die Wehrloſen, nach ſeiner Gewohnheit, niederhauen. Hieruͤber wurden die Bürger noch mehr erbittert, und fochten in einigen nächtlichen Ausfällen den er⸗ grimmten Löwen gleich. Der wackere Mag⸗ nus von Rehfeld war den Bornaern zwar mit einer ſtarken, reiſigen Schaar zu Huͤlfe gezogen, doch war ſie noch zu ſchwach, ſich mit den übermächtigen Kaiſerlichen im freien Felde zu meſſen, und er hoffte daher ſehnlich auf eine Vereinigung mit dem Landgrafen. 185 Von ihm war jener Brief, den der Bote am Tage der Hinrichtung nach Leipzig brachte. Die Schaar des Landgrafen vereinigte ſich in der Nähe von Borna mit dem Ritter Rehfeld und den Seinigen, und bald erblick⸗ ten ſie in der Ferne die Kaiſerlichen. Beide Theile rüſteten ſich zur Schlacht. ſ An der Spitze der kaiſerlichen Schaaren hielt der Graf von Naſſau. Er ſah die landgräflichen Krieger aus der Ferne heran⸗ ziehen, und als ſie näher kamen, und er die ſchwarzen Ruͤſtungen mit den rothen Binden ſah, klopfte ihm das Herz vor banger Ahnung; denn ſein Gewiſſen rief ihm zu: Die Rächer Diezmanns kommen, und deine 5 Stunde iſt erſchienen! — 3 Der Angriff begann von den Schaaren Friedrichs auf beiden Flügeln, und ſie wur⸗ den von den e — gen. Der Graf von Naſſan ſunn eine Reiterſchaar um ſich her, und zog ſich mit ihr in die Mitte hinter die Fußknechte, die mit ih⸗ ren langen Spießen vorangeſtellt waren. Auf ein Zeichen des Landgrafen Friedrich ließen 186 die Angreifenden auf den Fluͤgeln ſogleich von dem Kampfe ab, und ſich in der — dicht gedrängt. d Mit dieſem furchtbaren Huufen brach nun in die Mitte der Feinde ein. Ihr Schlachtruf: Diezmanns Rächer kommen! erfuͤllte die Luft, und in wenig Minuten waren die Reihen der kaiſerlichen Fußknechte aus ein⸗ ander geſprengt. So erreichte Friedrich mit ſeinen ſchwarzgerüſteten Waffengefährten die feindliche Schaar, in deren Mitte ſich der ei⸗ gentliche Gegenſtand des Streits, der Graf von Naſſau, vor Shntht ſicher wähnte. „Diezmanns Peches eiet rie⸗ fen die Angreifenden dem Feinde entgegen, und, als hätte Gott ihren Arm gelähmt, ſchnell wa⸗ ren ſie von einander getrennt. „Rächer im Himmel! laß mich ihn ſnden den Moͤrder meines Bruders! — rief der Land⸗ graf mit ſchrecklicher Stimme. — Ha! — dort iſt er! — Moͤrder! — der Rächer iſt gekom⸗ men. — Er hat dich gefunden! — Nun gieb meinem Schwerde Rechenſchaft. — Moörder! die Rache Gottes uͤber dich!“ 5 187 „Ich ein Moͤrder? — antwortete der Graf ganz außer Faſſung. — Das t Ihr, Wan licher Mann!“ Ein furchtbarer, aber kurzer annpf enob ſich jetzt zwiſchen beiden. Nach wenig von dem Naſſauer abgewendeten Streichen ſchlug ihm Friedrich das Schwerd aus der Hand. Im naͤchſten Augenblicke darauf ſauſte ein anderer Streich deſſelben durch die Luft, zerſchnitt ihm die Riemen des Bruſtharniſches, und drang tief in den Hals ein. Stroöͤme von Blut emtſturz⸗ ten ihm. Die Wunde war tödtlich. Der Graf ſank vom Roſſe. Die Nacht des Todes umfing ihn, und er endete in Verzweiflung ſein Leben. Die Kniſerlichen flohen, und die Sieger ſetz⸗ ten ihnen nach; doch gaben ſie willig jedem Raum, der ſich gefangen gab. — Borna war nun von der gänzlichen Zerſtörung W der Ermordete aber gerächt. Mit dem Tode des oberſten Feldhauptmauns zog das Kriegsvolk des Kaiſers, was noch im Lande war, größtentheils ab, und nur in den Reichsſtädten Altenburg, Chemnitz und Zwickau blieben kleine Uu liegen. 188 Der Kaiſer Albert wuͤthete, als er die Niederlage ſeines Heeres und die Raͤumung des Landes erfuhr. Er wollte perſoͤnlich ein neues und noch ſtärkeres Heer in dieſe nun verlornen Länder führen, um ſie wieder zu erobern, als ſeine Aufmerkſamkeit auf andere und wichtigere Gegenſtände gelenkt wurde, indem es mehr dem Zwecke galt, die ſchon beſeſſenen Laͤnder zu er⸗ halten, als neue zu gewinnen. Wer weiß es nicht aus der Geſchichte, wie Albert, durch ſeine Herrſchſucht und Härte, ſeine eignen Landsleute, die Helvetier, gegen ſich in Harniſch brachte, und ſelbſt die Herzen ſeiner ehemals treueſten Ritter und Vaſallen von ſich abwendig machte, ſo daß endlich ein förmlicher Aufſtand der biedern, von ſeinen * Landvögten, im Geiſte ihres Herrn, auf das Haͤrteſte behandelten helvetiſchen Landleu⸗ te gegen ihn ausbrach, und er endlich ſogar 3 von ſeinem Reffen Johann, dem er ſein väter⸗ liches Erbtheil vorenthielt, und mehreren mit ihm verbundenen, dem Kaiſer ſonſt ſehr treu geweſe⸗ nen Rittern am 1. Mai 1308 ermordet wurde. Nun erwählten die Fürſten den Grafen Heinrich von Luremburg zum Kaiſer 189 Geinrich VII.). Dieſer, ein durchaus gerech⸗ ter und billig denkender Fuͤrſt, vernichtete den zwiſchen dem Kaiſer Adolph und dem Land⸗ grafen Albert geſchloſſenen Länderkauf, und beſtätigte dem Landgrafen Friedrich den Be⸗ ſitz der Land⸗ und Markgrafſchaften Thürin⸗ gen und Meißen, ſo wie des Oſterlandes. Vorher ſchon hatte ſich im Maͤrz 1308 der Landgraf von den Stäͤnden dieſer Läͤnder hul⸗ digen laſſen, und es ward nun, nach ſo lan⸗ gen und heftigen Stuͤrmen, wieder Friede und Ruhe im Lande; denn ſelbſt die Fehde des mit der Stadt Erfurt, wegen der von ſeinem Vater an dieſelbe verkauften Gu⸗ ter, welche Friedrich zurückforderte, war nur vorübergehend, da die unruhigen oberſten Raths⸗ meiſter Ludolph und Bruͤckner in der Re⸗ volution von 1310 ihre Würden verloren, und der ebenfalls ſehr herrſchſuͤchtige und ungewiſſen⸗ hafte älteſte Buͤrgermeiſter, Friedrich von Iſſerſtädt, ſchon 1306 wegen ſeiner ſcham⸗ loſen Eingriffe in das Privatvermoͤgen der Buͤr⸗ ger und anderer dergleichen Senuſi mehr, abgeſetzt worden war. iſt ———— E Von nun an lebte Herrmann, nach ſo vielen Ungewittern, welche ſeine ſchoͤnſten Le⸗ bensjahre erfuͤllt hatten, nur der ſtillen Häus⸗ lichkeit als Gatte und Vater. Zwar wurde ſein höchſter Wunſch, einen Sohn zu haben, nicht erfüllt; denn Hedwig gebar ihm nur zwei Töchter, von welchen die jüngſte nach we⸗ nig Wochen wieder ſtarb. Doch er, der Viel⸗ geprüfte, ergab ſich ruhig in den Willen Got⸗ tes, war ihm doch ſeine Jutta geblieben, und entfaltete ſich mit jedem an Kör⸗ und Geiſt. ſni un Einſt ſaß er mit ſeinen Lieben im rannchen Kreiſe; da meldete ihm der Burgwart einen fremden Ritter. Er kam aus fernen Landen, und ſein Geſicht war von der n ge⸗ bräunt. „Ihr kennt mich miht mehr, Riter! ſprach der Eingetretene. Ich war einſt Euer Feind, doch bin ich's längſt nicht mehr, und hier iſt meine Beglaubigung, daß ich ſpreche.“ Er uͤberreichte ihm jetzt ein Käſichen und —————— — 19¹ ein Schreiben. Herrmann löſte vorerſt die Siegel des letztern. Es war von Alonzv. Er hatte in der Einſamkeit des Kloſters auf dem Montſerrat die Ruhe gefunden, die ſei⸗ nem verkruͤppelten Körper ſo nothig war, und er lebte noch, obgleich mehr geiſtig als körper⸗ lich. Er hatte ſeine Freunde noch nicht ver⸗ geſſen, und die innigſten Gefühle der reinſten Freundſchaft leuchteten aus jedem Worte dieſes Briefes hervor. Nun öffnete er das Käſtchen. Ein Frauen⸗ ſchmuck, aus den koöſtlichen Juwelen zuſammen⸗ geſetzt, blitzte ihm daraus entgegen, und die herrlichſten Wohlgeruͤche der watmen Zone ent⸗ ſtiegen ihm, das ganze Zimmer erfuͤllend. Den Boden des Käſtchens bedeckte ein Papier. * in „Auch in der Ferne dente , tagich Dein/ mein Bruder! — begann däs Schreiben in en⸗ ſtiliſcher Sprache — und viele meiner ſtillen Stunden ſind Dir geweiht. Mein Oheim iſt in das Paradies des Propheten eingegangen, und ich bekleide ſeine Stelle. Cordova iſt ſchon längſt wieder frei, und ein Waffenſtillſtund ſichert des Landes Ruhe auf zwanzig Jahre.“ Lebens in den Armen ſeines treuen Weibes „Dein trauter Bruder hofft, Deines Her⸗ zens tiefe Wunde ſey geheilt, und darum lege ich dieſes kleine Geſchenk fuͤr das Weib Deines Herzens bei. — Möchte ſie Dich ſo hoch be⸗ glücken, als ich das hoͤchſte Lebensgluͤck in den Armen meiner Zuleima gefunden habe. — Al⸗ lah ſegne Dich! und die ſuͤße Hoffnung, daß wir uns einſt im Paradieſe wieder umarmen, begleite Dich und mich durch dieſes Leben.“ Aleddin. Gefühlvolle Thraͤnen entſtürzten Herr⸗ manns Augen, und mit Inbrunſt druͤckte er den Brief des treuen Freundes an das ei Herz. Hedwig kannte ſchon lingſ ihres et ßennſthaſtthen mit dem edlen Mauren, und auch ihren Augen entſtroͤmten Thränen der in⸗ nigſten Ruͤhrung, als ihr Herrmann des Freundes Brief verdollmetſchte. „Guter Aleddin — ſprach ſie tiefbewegt, und umſchlang mit ihren Armen den geliebten Gatten — ja! ich will's verſuchen, ob ich es vermag, Deinen Wunſch zu erfuͤllen, auf daß mein Herrmann mun endlich das Gluͤck des . —— bar; denn ich mag nicht durch ſie andere Rit Euch — entdeckte ſich nun der Ritter. — 193 finde. Deine Edelſteine ſind für mich zu n frauen verdunkeln. Meine beſten Schmuckſteine ſind mein Herrmann und meine Jutta.“ Der fremde Ritter war ein geruͤhrter Zu⸗ ſchauer dieſer Scene des häuslichen Glücks, und er ſeufzte tief. Hedwig entfernte ſich bald, um Speiſen und Wein fuͤr den Fremden zu holen, und Herr⸗ mann faßte zutraulich ſeines Gaſtes Hand. „Ritter! — ſprach er, und ein freundſchaftlicher Händedruck begleitete ſeine Rede — Euer Seuf⸗ zen hat mein Herz ergriffen, und Eure Rede veranlaßt mich zu der Frage: Wer ſeyd Ihr?“ „Ein Mann — antwortete der Fremde halb⸗ leiſe — der einſt vom Wege der Ritterehre ab⸗ wich, doch ſchon längſt wieder dahin 8. gekehrt iſt“ „Der Freund von Alonzo und Aleddin — fiel ihm Herrmann in die Rede — kann nur ein biederer Ritter ſeyn; darum nennt Euern Namen ohne Scheu.“ „Heinze von Raſtenberg ſteht vor Einſt der Verbuͤndete des Laſters, entfloh ich II. N 194 verwundet aus dem Gefechte, weil ſonſt Ge⸗ fangenſchaft, und in ihr ein ſchimpflicher Tod mein Loos geweſen wäre. Ein frommer Ein⸗ ſiedler im Thüringer Walde pflegte mein, und ſeine Ermahnungen erzeugten in mir den Ent⸗ ſchluß, wieder auf die verlaſſene Bahn des Gu⸗ ten und der Ritterehre zuruͤck zu kehren. So aber geſundete ich bald am Leib und an der Seele. Geſegnet von dem ehrwuͤrdigen Vater ſchied ich, um durch den Kampf mit den Un⸗ gläubigen wieder gut zu machen, was ich ver⸗ ſchuldet hatte. Lange kämpfte ich gegen die heidniſchen Preußen, und als dieſe endlich das Kreuz angenommen hatten, zog ich zum Kampfe gegen die Mauren nach Spanien.“ „Noch hieß es zwar Krieg, allein er ward ſo ſchläfrig gefüͤhrt, daß er faſt dieſen Namen nicht mehr verdiente, und es war ſchon an dem, daß ein zwanzigjähriger Waffenſtillſtand ab⸗ geſchloſſen werden ſollte. Da ritt ich einſt zur Luſt durch einen herrlichen Wald „welcher nahe bei der Stadt Cordova lag, und mein treuet Knappe begleitete mich. Mitten in dieſem Walde hoörten wir ein Getuͤmmel des Streits, hoͤrten Waffen klirren und ein Geſchrei in ftemder — Sprache. Ich eilte mit meinem Knappen hin⸗ zu, und ſah einen edlen Mauren in prichtiger Kleidung mit drei ſpaniſchen Rittern im un⸗ gleichen Kampfe. Ein vierter von ihnen lag todt an der Erde, aber auch einen Mauren hatte ein gleiches Schickſal getroffen. Seyd Ihr ſpa⸗ niſche Ritter — rief ich ihnen zu — und fech⸗ tet Drei gegen Einen? — Sogleich laßt ab von ihm, oder mein Schwerd ſoll Euch achte Ritterſitte lehren. Die Unedlen hohnlachten, und im Augenblicke ſtuͤrmte ich mit meinem Knappen auf ſie ein. Nach wenig Schwerd⸗ ſtreichen entflohen die Prahler, der verwundete Maure aber dankte mir, und bat mich, ihn nach der Stadt Cordova zu begleiten, weil noch an dieſem Tage der Waffenſtillſtand zwi⸗ ſchen den beiden kriegfuͤhrenden Nationen auf zwanzig Jahre geſchloſſen werde, und er ſich, im Vertrauen auf deſſelben Nähe, nur von einem einzigen Diener begleitet, in den Wald gewagt habe, um mit dem Federſpiel zu jagen. „Das Angeſicht des Mauren hatte ſo edle Züge, daß ich ohne Bedenken ſeinen Wunſch er⸗ fülte. Aber wie ſtaunte ich, als ſich in Cor⸗ dova alles tief vor ihm zur Erde neigte. Es R 2 196 ßen Stadt, den ich aus den Händen unedel⸗ muͤthiger Feinde gerettet hatte, und der Name dieſes Emirs war Aleddin.“ „Kaum hoörte er, daß ich ein deutſcher Riter ſey, als ſich ſeine Freundlichkeit gegen mich er⸗ höhete. Aber wie ſtaunte ich, als er nach dem Lande Thuͤringen fragte. Ich war nicht gleich entſchloſſen, ob ich ihm entdecken ſolle, daß ich ein Thüringer ſey; denn ich vermuthete, daß er Bekannte unter den vaterländiſchen Rit⸗ tern habe, welche ihm wohl gar von dem Bunde der Böſen erzählt haben konnten, deſſen Mitglied ich einſt, leider! war. Doch mein Gewiſſen tröſtete mich, daß ich durch meine Kriegöthaten gegen die Heiden jene alte Schuld reichlich abgebüßt habe, und ich geſtand ihm alſo frei, daß ich aus dieſem Lande wäre.“ O ſagt mir, Ritter! — rief der Emir ietzt ſchnell und freudig aus — kennt Ihr den Ritter Herrmann von der Etters⸗ burg?“ * „Als ich ihm nun geſtand, daß ich Euern Vater ganz wohl von Perſon, Euch aber nur dem Namen nach kenne, da rief er im hochſten war der Statthalter des Knigs in dieſer gro⸗ 197 * Gefühl aus: „„Allah ſey gelobt!““ und er zaͤhlte mir nun ſein Zuſammentreffen mit Euch, auch daß die Gefuhle der innigſten Freundſchaft nur mit ſeinem Leben erlöſchen würden.“ „Ich lebte mehrere Jahre im engſten Ver⸗ eine mit dieſem edlen Füͤrſten, und als ich mich nun endlich von ihm trennte, da gab er mir das Käſichen für Euch, und ein anderes für den Ritter Ruprecht von Gepersberg⸗ der mir aber ganz unbekannt iſt.“ „Dieſer weilt nicht mehr unter den Leben⸗ digen — rief Herrmann aus — denn er ſiel in der Schlacht, die unſer Vaterland befreiete. Nun aber kommt an mein Herz, lieber Ritter! Ihr habt jeden Makel von Euerm Schilde ab⸗ gelöſcht, und mein ſey nun die Sorge, Euch Euer väterliches Erbe wieder zu verſchaffen, auf daß Ihr Eure Tage in demſelben beſchließen könnt. Wenn Ihr geruhet habt, dann ziehe ich mit Euch gen Wartburg. Der edle, groß⸗ muͤthige Landgraf wird den, der auf die Bahn des Guten zurück kehrte, gnädig aufnehmen.“ Hedwig trat jetzt mit den Fnechten ein, welche die Speiſen und den Wein trugen „und Herrmann brachte nun H iniet den , 198 der Verſohnung und Freundſchaft. — Sie oͤff⸗ neten gemeinſchaftlich das Käſichen für Ruprecht, und eine Sonne von den edelſten Steinen blitzte ihnen entgegen. i „Sie ſcheint Dir jetzt, des Himmels heilige Sonne, in ihrem ſchönſten Glanze!“ rief Herr⸗ mann, und eine Thräne der Erinnerung an den abgeſchiedenen Freund rollte ihm uͤber die Wange herab. Der Landgraf nahm den zuruͤck gekehrten Heinze ganz ſo auf, wie Herrmann geſagt hatte, und gab dem Ritter ſogleich ſeine Burg zuruͤck, welche ihm anheim gefallen war. — Herrmann und Heinze übergaben dem ed⸗ len Fuͤrſten das Geſchenk Aleddins, damit es an Ruprechts hinterlaſſenen einzigen Sohn komme, und wenn dieſer nicht aufzufinden ſey, der Werth deſſelben an tapfere Reiſige vertheilt werde, welche in dem heiligen Kriege fuͤr das Vaterland verkruͤppelt wurden. — — — — — —— 6 Herrmann genoß nun des häuslichen Glückes mehrere Jahre hindurch ungeſtoͤrt, als ihm das Schickſal einen neuen Streich, und zwar den letzten, verſetzte. * Dicker Wald bedeckte den ete und derſelbe war mit mancherlei Wild belebt⸗ Die Jagd deſſelben war dem Ritter eine liebe Beſchaͤftigung, und der Vater ſeiner S oft Theilnehmer an derſelben. Da fand man oft das Wild in vete von fremder Hand erſchoſſen und geraubt, und vergebens forſchte man lange nach den Thätern. Einſt, als die beiden Ritter mit ihren Knechten vertheilt den Wald durchſtreiften, ſtürzte ein Rehbock, vom Polzen getroffen, faſt zu ihren Fuͤßen nieder, und gleich darauf ſahen ſie einen Räuber mit abgeſchoſſener Armbruſt durch die Gebuͤſche entfliehen. Mit lautem Geſchrei ſetz⸗ ten ſie ihm nach, und bald hörten ſie auch den Ruf ihrer Gefährten. Der Rauber war nach einer hartnaͤckigen Gegenwehr gefangen. Allen war er unbekannt. Ein tückiſches Geſicht war der Spiegel ſeines böſen Gemuͤths, und er ant⸗ wortete auf keine der ihm vorgelegten Fragen, ſondern knirſchte nur mit den Zähnen. Man warf ihn in das Verließ, doch er reich⸗ lich Speiſe und Trank. Eiinſt lag Herrmann in der Nacht in ſanfter Ruhe an der Seite ſeiner Hedwig, als ihn des Burgwarts Laͤrmhorn aufſchreckte. Der ganze Burghof war von einer aufſteigenden Flamme erleuchtet. Der Ritter eilte mit ſeinen Knechten, ihr Einhalt zu thun, und es gelang ihm. Ein Polzen mit daran gebundenem Feuer war, von außen abgeſchoſſen, auf das Stroh⸗ dach eines Stalles geflogen, und hatte dieſen in Brand geſteckt. Nach wenig Tagen fand man einen n Zetter an das Vurgthor geheftet, welcher die Worte enthielt: „Wehe und Verderben, bald oder ſpät, uͤber Euch und alles, was Euch angehört, Ritter Herrmann! — gebt Ihr uns nicht alſobald unſern gefan⸗ genen Bruder wieder.“ Die ängſtliche Hedwig bat en Gatten flehentlich, dieſer Bitte Raum zu geben; aber Herrmann war nicht dazu zu bewegen; viel⸗ mehr wollte er, in Gemeinſchaft der benachbar⸗ — + — 201 ten Ritter und ihrer Mannen, den Wald von 6 dieſem Geſindel reinigen. Eine allgemeine Jagd ward veranſtaltet, und man ſah im ganzen Walde nichts, was nur den geringſten Verdacht hatte erregen können; auch blieb es viele Wo⸗ chen hindurch ganz ſtille. Man hielt daher jene Drohungen für leer, und achtete ihrer nicht mehr; der Wildräuber aber blieb im Burgverließ. Als nun alles wieder ganz ſtill geworden war, und kein Räuber ſich mehr ſpuͤren ließ, zog der Ritter Herrmann eines Tages in Begleitung ſeines Schwiegervaters in den Wald, um ein Stuͤck Wild zu fällen. Nur ein einziger Knappe begleitete ſie. uc Plötzlich flogen aus dem Gebüſche zu beiden Seiten ſchwere Armbruſtpolzen heraus. Ei⸗ ner von ihnen fuhr an Herrmanns Kopfe dicht vorbei, dem Ritter Dietrich in den Schlaf, und er ſank todt zur Erde. Ein an⸗ derer zerſchmetterte Herrmann den Arm, ihm der Stahlbogen entſank. „Den Tod Euch und den gurgenl — Mord und Brand! — wo Ihr nicht alſobald unſern Bruder in Freiheit ſett, oder an ihm Rache nehmt““ — riefen dem Schwerverwunde⸗ 202 Gebüſchen entgegen, und er wankte am Arme ſeines Knappen auf die Burg zuruͤck. Jam⸗ mernd empfing ihn das treue Weib, und mit Haſt fragte ſie nach ihrem Vater. Auch er iſt verwundet, ſprach der Knappe, und ſogleich eilten mehrere fort, ihn zu holen. Herrmanns Wunde wurde unterſucht, und man fand den Arm im Gelenke zerſchmettert. Da brachte man den Entſeelten, und ein all⸗ gemeines Jammern erhob ſich. Die wehklagende Tochter fiel laut weinend auf den Leichnam ihres dutch Mörderhand gefallenen Vaters, und dieſes zerſchnitt Herrmann das Herz; denn er klagte ſich im Geheim als die Urſache zu Dietrichs WMorde an. Als nun beſonders der Knappe den drohenden Zuruf berichtete, wurden Alle mit der höchſten Beſorgniß erfüllt, und die Wachſamkeit der Burgbewohner ſtieg auf das höchſte. Dietrich wurde auf der Burg ſeiner Vä⸗ ter begraben, und dieſelbe bis zur Volljährig⸗ keit Adelharts, des einzigen Sohnes des Verblichenen, unter die Obhut des Etters⸗ burgers geſtellt, bei welchem er auch mit ſei⸗ nen Geſchwiſtern lebte. „ ten mehrere rauhe Stimmen aus den dichten Nur langſam heilte Herrmanus zerſchoſ⸗ ſener Arm, und als derſelbe endlich wieder her⸗ geſtellt war, ſah man mit Schrecken, daß er ſteif war, und nie wieder ein Schwerd im Kampfe werde ſchwingen koͤnnen. Noch während der Heilung ihres Gatten ging einſt Hedwig, begleitet von zwei Knap⸗ pen, in das Verließ zu dem Gefangenen. „Deine Bruͤder — ſprach ſie mit thränen⸗ weicher Stimme zu ihm — haben meinen Va⸗ ter meuchlings gemordet, und meinen Herr⸗ mann ſchwer verwundet. — Vielleicht würdeſt du, wäreſt du in andern Händen, dafuͤr büßen müſſen. — Ich aber will nicht vergelten Bö⸗ ſes mit Böſem! — Du biſt frei! — Knap⸗ pen! — MNehmt ihm die Ketten ab! — Nun gehe hin, und entfliehe deinem Gewiſſen, wenn du es vermagſt! — Gott ſey Richter zwiſchen uns! — Dies ſage deinen Brüdern! — Nun . 3 ſo gehe doch, du biſt ja nunmehr frei!““ Der yöchſt Ueberraſchte ſtuͤrzte Hedwig zu Fuͤßen. Ach, geſtrenge Frau! — ſprach er, und Freudenthränen entſtuͤrzten ſtromweiſe ſeinen Au⸗ gen — Ihr ſeyd ein Engel; denn Ihr thut Gu⸗ tes und ſchenkt die Freiheit d dem, der die Ur⸗ ſache von „ vielem Uebel wurde „ das Euch widerfuhr! — Ewig bleibe ich Euer Schuld⸗ ner! — Lebt wohl! — Meine Bruͤder ſollen Euch nicht wieder beunruhigen.“ Er ſtürzte fort, und nie hörte man wieder etwas von dieſen Räubern in der um⸗ liegenden Gegend. Herrmann war nun fuͤr die ganze noch ůbri⸗ ge Zeit ſeines Lebens zur Führung des Schwerdes im ernſthaften Kampfe untüchtig geworden, und er beſchränkte ſich darauf, ſeine Jutta und Adelhart, den Bruder ſeiner Hedwig, gut zu erziehen, und zu einem tapfern Ritter zu bil⸗ den. Es gelang ihm, und der Landgraf Frie⸗ drich ſchlug dieſen bei einem auf der Wart⸗ burg gehaltenen Turnier zum Ritter. Intta ward in der Folge die Gattin eines edlen Ritters in Thuͤringen, und von froͤhlichen Enkeln umkreiſet, lebte der Ritter Herrmann von der Ettersburg noch lange beglückt, und entſchlief in ihrer Mitte als der letzte männ⸗ liche Sproſſe dieſes alten Geſchlechts. Ende. — — Bei dem Verleger dieſes Vuch's find auch folgende Bücher erſchienen, und in allen Leihbibliotheken, zu haben: Franz Graf von Algarotti, Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. Thomas Aniello, Polksanfuͤhrer zu Neapel, Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. chrſine, Foͤnigin von Schweden, Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. Hlivier Cromwell, Protector von England, Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. Albrecht Direr, Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. Auguſt Herrmann Franke, Stifter des Waiſenhauſes in Halle, Biographie“, mit Bildniß. 8 Gr. und zuſammenbangende der framoͤſiſchen Revolution. 3 Theile. Mit dem 3 XVI. 1 Thlr. geobeicht König von Fe 6 Gr. Guſtav III., König von Schweben 2 Theile, mit 2 Kupfern. 2 Thlr. Ewald Friedrich Graf von Herzberg, Königlich Preußiſcher Staatsminiſter. Biographie. 6 Gr. Katharina II., Kaiſerin von Rußland. Biographie „mit Bildniß. 8 Gr. Ninvn von Lenclos. Biographie. 6 Gr. Ignatius von Lvjola, Stifter des Jeſuitenordens. Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. wie es war⸗ 1 oder Gemälde dieſe Hauptſtadt und ihrer unguune in den Jahren 1806 und 1807. Zweite wohlfeilere Ausgabe. 4 Thlr. 4 Gr. ——— * * Peter der Große, Kaiſer von Rußland. Biographie. 6 Gr. Alexander Pope. Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. Die Inquiraner, eine Robinſonade, neu erzaͤhlt von J. C. H. Haken, Verfaſſer der grauen Mappe ic. 1 Thlr. 12 Gr. Der Reſident. 2 Thle. 1 Thlr. 12 Gr. Rudolph und Angelika, eine Fawiliengeſchichte, vom Verfaſſer des Grafen Zerner. Neue Ausgabe. 2 Theile, mit1 Kupfer. 2 Thlr. 8 Gr. ———— Der Schreckensthurm am See, oder die mitternůchtliche z vom Ver⸗ ſ6i2 faſſer des L Lorenzo. 36z Auflage, mit 1 Kupfer. 1 Thlr: 12 Gr. Guf Zerner ſeine Familie. Vom Verfaſſer des Brockenmaͤdchen 5. 2 Theile. Neue Ausgabe. 2 Thlr. 12 Gr. Die Verbrechen Marats und anderer Wuͤrger. Aus dem Franzoͤſiſchen des J. A. L. M. de la Varenne uͤberſetzt von J. W. v. Archenholz. 16 Gr. Georg Waſhington. Biographie, mit Bildniß. 8 Gr. . Dr. Martin Luther. n „von E. C. Wieland. 8 Gr. n n. „Koͤnig von Preußen. een von H. Wurzer. 8 6.