Leihbiblivthet 6dnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ee auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. „ „ 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchnn ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Lag feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 pfananahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 2 Ein Roman 6 von H. Stahll. — i dei Cheiſtian Ernſt Kollmann. 1829. — , — Berichtigung. In den erſten Vogen die ſtets Heinsverg, ſtatt Grie ſes Romans iſt sberg zu leſen. ————— Die den e. Ein Roman von H. Stahl. — . 18 Die Bi „ Es war an einem freundlichen Fruͤh⸗ lingsnachmittage, als von dem Doͤrf⸗ chen Rolandswerth ein kleiner Nachen abſtieß und langſam der Inſel Nonnen⸗ werth zufuhr. In dem Nachen befan⸗ den ſich, außer den beiden Ruderern, drei Perſonen, ein Herr und zwei Frauen⸗ zimmer. Eine dieſer beiden Letzteren, deren Geſtalt von einem roth und grun karirten Reiſemantel verhuͤllt wurde und 1* 4 deren Geſicht mit dichten gruͤnen Schleiern bedeckt war, die keinen Blick hindurch erlaubten,, ſaß auf einer Bank, mit gebuͤcktem Haupte, faſt ohne Bewegung und offenbar ohne alles Gefuhl für die wundervollen Schoͤnheiten der ſie um⸗ gebenden Natur Ihre Begleiterin hatte das Ausſehen einer Kammerjungfer; ſie ſaß neben ihrer Gebieterin auf der Bank, verfolgte dem Anſcheine nach mit vieler Aufmerkſamkeit jede ihrer Bewegungen, konnte aber dennoch nicht widerſtehen, dann und wann einen Blick in die klaren Fluthen des Rheins unb auf die zahlloſen Doͤrfer und Berge zu werfen, die von allen Seiten freundlich ſich ausbreiteten und emporhoben. Der Herr, ſchon etwas bejahrt, aber kraͤf⸗ tig und mit einem lebhaften Auge, ſtand vorn in dem Nachen und ſah bald auf die vor ihm liegende Inſel mit ihrem 2 ——— weißen Kloſter, das jetzt die Beſtim⸗ mung eines Wirthshauſes hatte, bald in die ſich uͤbereinander thuͤrmenden Spitzen des Siebengebirges. Bald auch wandte er ſich wieder zuruͤck und hef⸗ tete dann lange ſeine Augen auf die verſchleierte Dame, ohne dabei einen gewiſſen Zug von Schwermuth aus ſei⸗ nen Blicken verbannen zu koͤnnen. Ge⸗ ſprochen wurde von der Geſellſchaft kein Wort. Selbſt als der Nachen jetzt die Inſel erreicht hatte, wurde kein Laut hörbar. Schweigend bezahlte der Herr die Ruderer, die mit dem Empfange⸗ nen hoͤchlich zufrieden zu ſeyn ſchienen ging dann naͤher zu der Dame und faßte ihren Arm, worauf ſie ſich erhob und ſich zugleich an ihm und der Kam⸗ merjungfer ſo feſt anklammerte und zwi⸗ ſchen beiden, mehr von ihnen getragen, als gehend, ſo vorſichtig, langſam, 6 Fuß vor Fuß, das Boot verließ, daß es Keinem länger mehr zweifelhajt ſeyn konn⸗ te, es ſey eine Blinde, welche das Ufer der Inſel Nonnenwerth beſteige. Am Lande angekommen, ging ſie ſicherer und ließ jetzt den Arm der Zoſe los, die die Schiffer anwies, das Reiſege⸗ päͤck ans Land zu ſchaffen. Im Wirthſchaftsgebäude ertönte als⸗ bald die große Glocke und ſchnell ſpran⸗ gen eine Menge Kellner den Ankom⸗ menden entgegen. Einer von ihnen', ein gewandter junger Mann, meldete ſich als der Oberkellner und bat um Be⸗ fehle. 18 Zimmer! war die kurze Antwort des Fremden und der geſchäftige Kellner ſuchte ſchnell aus ſeinem großen Bun⸗ de ein Paar Schluſſel hervor, rief ſei⸗ nen Untergebenen zu: Die Sachen auf Nummer vierzehn und funfzehn! und w — 7 labete dann mit der ganzen Hoͤflichkeit und Gewandtheit, die Leuten ſein es Schlages eigen iſt, die Fremden ein, ihm zu folgen. Vorſichtig fuhrte der Herr jett die Blinde die breite Treppe hin⸗ auf und nach wenigen Minuten wa⸗ ren Alle im Innern des Hauſes ver⸗ ſchwunden. Vor dem Eingange des Hauſes un⸗ ter den Platanen ſaßen mehrere Gaͤſte; Alle ſahen der Armen mit jener ſtillen Theilnahme nach, die auch der Roheſte dem Ungluͤcke nicht verſagen kann; nur ein dicker Herr, wahrſcheinlich der Spaß⸗ macher der Geſellſchaft, warf mit einem ſchlechten Spaße die Frage auf: war⸗ um die Blinde denn in der ſchoͤnen Gegend reiſe? Er wollte das lächer⸗ lich finden. Ein junger Mann aber, der die Ungluͤckliche mit unverkennbar lebendiger Theilnahme betrachtet hatte 8 ———— und ſeitdem ſehr ſtill und in ſich ge⸗ kehrt daſaß, erwiederte ihm faſt ſtren⸗ ge: Ich finde nichts Laͤcherliches darin. Es will mir im Gegentheile ſehr ernſt vorkommen, wenn eine Unglückliche mitten in den Reichthumern und Schoͤn⸗ heiten der Natur ſteht und doch todt fuͤr ſie iſt, ihrer nicht genießen kann. Um ſo ernſter iſt mir das, je mehr und wahrer wir darin ein Bild unſeres ganzen Lebens finden muͤſſen. Iſt der Menſch von einer gnaͤdigen Vaterhand nicht in die Mitte unzähliger Reichthu⸗ mer geſetzt und fuͤhlt er ſich dennoch nicht ewig arm? Das Bild des dar⸗ benden Tantalus begegnet uns nicht in der Unterwelt allein; auch im Leben ſtoßen wir mit jedem Schritte darauf und die arme Blinde iſt gewiß nicht die traurigſte Modiſikation derſelben. Einige der Anweſenden ſahen den 9 jungen Mann während dieſer Worte etwas verwundert an und mit einer Miene, die ziemlich deutlich ſagte, ſie verſtaͤnden ihn nicht. Der dicke Herr⸗ läͤchelte. Schon wieder am Schwaͤr⸗ men? fragte er; freilich giebt es Men⸗ ſchen genug, die an dem reichen Bor⸗ ne des Lebens ſtehen, ohne daraus zu genießen; aber ich lache uber ſolche Thoren; uͤber ſie lamentiren, heißt ſich ſelbſt das Leben verbittern und folglich ſich eben ihnen anſchließen. Ich habe dazu keine Luſt; Sie, lieber Altheim, ſollten auch lieber das Leben genießen, als uͤber das Leben,klagen. Der junge Mann, dem dieſe Wor⸗ te galten, ſah einen Augenblick ſtill vor ſich nieder, dann antwortete er mit⸗ einem unterdruͤckten Seufzer: Glücklich, wer den leichten Sinn hat! und ent⸗ fernte ſich langſam von der Geſellſchaft, 10 —— — indem er ſich in die gewoͤhnliche Gaſt⸗ ſtube des Wirthshauſes begab. Die Zuruͤckbleibenden knuͤpften jetzt ein in⸗ tereſſantes Geſpraͤch uͤber die fremde Blinde an und unterſuchten darum mit vielem Scharfſinn die Frage, ob dieſe jung oder alt und ſchoͤn oder haͤß⸗ lich ſey. Lange dauerte dieſes Geſpraͤch jedoch nicht, da bald nachher der Frem⸗ de mit dem Oberkellner die breite Trep⸗ 6 pe wieder herunterkam und in der Nähe der Sprechenden ſtehen blieb. Er ſchien nicht mehr ſo ſchweigſam zu ſeyn, wie zuerſt bei ſeiner Ankunſt, denn er war mit dem Kellner in einer ziemlich lebhaften Unterhaltung, zu de⸗ ren Belebung der Letztere freilich das Meiſte beitrug. Dieſer beſchrieb näm⸗ lich mit vieler Suade die Schoͤnheiten der Gegend und die Vorzuge die das . grade im Mittelpunkt liegende Nonnen⸗ 11 werth gewaͤhre, um Alles bequem in Augenſchein nehmen zu koͤnnen. Sie haben, ſagte er, von unſerer Inſel nur einen Sprung bis in das herrliche Sie⸗ bengebirge mit ſeinen Felſen, Spitzen und Ruinen; Sie ſehen in das freund⸗ liche Honnef hinab, in das romantiſche Koͤnigswinter; ein Spaziergang und Sie ſind droben auf dem Rolandöseck, oder in dem lachenden Godesberg; et⸗ was weiter und Sie kommen in das lebendige Bonn mit ſeinen tauſend Mu⸗ ſen, anſtatt daß die Griechen nur neun kannten; wenige Stunden weiter, und Sie ſtehen in dem ehrwuͤrdigen Do⸗ me Koͤlns! Ach, gnaͤdiger Herr, es giebt kein gluͤcklicheres, bezaubernderes Eiland, als dieß Nonnenwerth. Der Fremde ſchien zuletzt dieſen Beſchreibungen nur noch ein halb auf⸗ merkſames Ohr zu ſchenken; ſein Blick 12 ſchweifte uber der Geſellſchaft umher, die unter den Platanen ſaß, als wenn er hier Jemanden ſuche; dann blickte er in das offene Fenſter der Gaſtſtube und als der Kellner eine Pauſe machte, ging er ſchnell ins Haus hinein. Der Kellner wollte ihm folgen, doch der dicke Herr hielt ihn zuruck. Jean! rief er und fuhr, als jener nicht gleich dar⸗ auf zu hoͤren ſchien, hoͤflicher fort: Herr Jean, wer ſind die Fremden? Graf Roſen mit Nichte und Kam⸗ merjungfer! entgegnete ſchnell der Ge⸗ fragte und wollte ins Haus ſpringen. So hoͤren Sie doch, Herr Ober⸗ kellner! fuhr der Dicke fort; Nichte, ſa⸗ gen Sie? Aufzuwarten! ſagte der Kellner — und ungeduldig, indem er ſtehen blieb. Iſt die Nichte huͤbſch? fragte der Dicke weiter, oder jung? 13 Huͤbſch? erwiederte der Kellnerz ich weiß das in der That nicht, da ſie ſich nicht entſchleierte. Jung? das glaube ich verbuͤrgen zu konnen; als ſie den Reiſemantel abwarf, ſtand die Geſtalt einer Hebe vor mir; dieſe Fuͤlle und doch Zartheit der Formen dieſer runde Arm, dieſer ſchwellende Buſen, dieſer blendend weiße Nacken konnte nur ei⸗ nem friſchen, jugendlichen Weſen an⸗ gehoͤren. God dam, würde unſer Engländer ſagen, erwiederte der Dicke lachend; Sie werden ja pvetiſch, Freund Ober⸗ kellner! — Der Kellner wollte etwas erwiedern, als er ſich im Hauſe rufen hoͤrte; er ſprang eilig in den Saal. Der Graf Roſen hatte gerufen; er beſtellte eine Erfriſchung und ſetzte ſich dann an den Eingang des Saals, ſo daß er dieſen ———— uͤberſehen konnte. Der Kellner brachte ihm bald das Befohlne und blieb in der Naͤhe ſtehen, als wenn er fernere Befehle erwarte. 2 Der Kellner. Eine Zeitlang ſah der Graf ſchweigend dem Treiben der verfchiedenen Gaſte zu, dann wandte er ſich an den noch immer harrenden Kellner. Es iſt ſchon wohl voll hier, hob er an, trotz der fruͤhen Jahrszeit? — Ach, nicht doch, verſetzte der Kell⸗ ner; wir haben bis jetzt wenig Zuſpruch gehabt. Einige wenige Englaͤnder und die Nachbarſchaft, vorzuglich von Bonn, das iſt alles. Beide geben nicht viel zu verdienen. Wenn es nicht beſſer kaͤme, wir wuͤrden einen großen Ban⸗ kerott machen; zumal wenn die Hollaͤn⸗ der nicht wären? Wie? fragte der Graf, Sie ſpre⸗ chen geringſchaͤtzig von den Englaͤndern? und wollen bei den Hollaͤndern Heil ſuchen? Allerdings, gnaͤdiger Herr! entgeg⸗ nete der Kellner und fuhr jetzt mit vie⸗ ler Selbſtzufriedenheit fort: Ich habe ſchon geraume Zeit in vielen Hotels ſer⸗ virt und kann mir ſchmeicheln, eine ziem⸗ liche Kenntniß der verſchiedenartigen Reiſenden mir erworben zu haben, ſo daß ich wohl im Stande bin, ſie zu klaſſifiziren, obgleich ich andere Klaſſen ſtatuire, als der geniale Jorick. Der Graf Roſen ſah den Kellner 16 mit einiger Verwunderung an. Ich bin auf Ihre Klaſſifikation begierig! ſagte er. . Ich theile, fuhr der Kellner fort, die Reiſenden zunaͤchſt in zwei Klaſſen ein, in gute und ſchlechte, jenachdem ſie den Wirthen etwas zu verdienen geben oder nicht. 5 Der Graf konnte ſich des Lachens nicht enthalten . Sn Sie werden, fuhr jener ernſthaft fort, mir dieſe Eintheilung ſchon zu Gute halten, obgleich ſie etwas nach Egoismus ſchmeckt; ja eben darum; denn wurden Sie, gnädiger Herr, nicht z. B. die Reiſenden zunaͤchſt in vor⸗ nehme und Geringe, in Adelige und Bürgerliche eintheilen? Gut! gut! unterbrach der Graf. fahren Sie nur fort; obgleich ich von vorne herein gegen Ihre Klaſſiſtkation —————— einwenden moͤchte, daß jeder Reiſende den Wirthen zu verdienen giebt. Ich bitte ſehr um Verzeihung! rief der Kellner. Wir nehmen manchen Fremden blos um Gotteswillen auf, z. B. faſt alle Englaͤnder. Engländer! rief im Tone des Er⸗ ſtaunens der Graf, der Gefallen an dieſer Unterhaltung zu finden ſchien. Unbedenklich! verſicherte der Redner. Zu der Klaſſe der ſchlechten Reiſenden rechne ich naͤmlich alle Engländer und die Hälfte der Deutſchen; zu den gu⸗ ten die Holländer und die andere Hälfte der Deutſchen. Erlauben Sie, gnädi⸗ ger Herr, Ihnen das etwas naͤher aus einander zu ſetzen. Das hochmuͤthigſte Volk ſind die Franzoſen, ihr einziger Stolz iſt ihre Hauptſtadt, alle anderen Laͤnder und Voͤlker ſind ihnen, was den Griechen und Roͤmern alle Fremden 2 ——— waren — Barbaren. Daher, wenn ein Franzoſe in der Provinz reiſen will, ſo fühlt er keinen Drang, fremde Län⸗ der zu ſehen; la Copitale, Paris, iſt das Ziel ſeiner Wuͤnſche; dorthin reiſet er, dort bleibt er, bis die Zerruͤttung ſeiner Finanzen ihn nothigt, in ſeine Provinz zuruͤck zu kehren. Der Fran⸗ zoſe in Paris aber iſt der eigentliche Franzoſe, denn ein Franzoſe in der Provinz iſt nur ein halber, und das nicht einmal, wenn er Paris nicht we⸗ nigſtens geſehen hat, der iſt ſo feſt uberzeugt, außerhalb Paris könne es gar nichts geben, was wurdig waͤre, von ſeinen Augen beſchaut zu werden, daß nur ein Befehl ſeines Monarchen, oder vielmehr ſeines Miniſters ihn zwin⸗ gen kann, das Kothneſt zu verlaſſen⸗ Deshalb habe ich die Franzoſen in mei⸗ ner Klaſſifikation der Reiſenden über⸗ 19 gangen; der Franzoſe kann nicht reiſen. Eben ſo die Italiener, die ebenſalls meinen, die Welt muͤſſe nur zu ihnen kommen. Reiſen nun dieſe beiden Na⸗ tionen nicht, weil ſie im Sinken ihrer Kultur ſind, ſo reiſen dagegen die Ruſ⸗ ſen nicht, weil ihre Bildung noch nicht ſo ſehr vorangeſchritten iſt. Sie gehen wohl in unſere Baͤder und verſpielen hier ihr Geld, aber zum Reiſen haben ſie ſich noch nicht erheben konnen. Als reiſende Nationen bleiben daher nur noch wie geſagt, die Englaͤnder, Hollaͤnder und Deutſchen. Nun haben aber die Eng⸗ länder leider ſchon lange und viel ge⸗ reiſet, und zwar immer nur in der Ei⸗ nen Hauptabſicht, ihre zerrutteten finan⸗ ziellen Verhältniſſe wieder herzuſtellen, was denn zur Folge gehabt hat, daß kein Englaͤnder in einen Goſthof ein⸗ kehrt, ohne vorher auch uͤber die un⸗ 2* 20 —— bedeutenbſte Kleinigkeit förmlich zu kon⸗ trahiren. Dadurch ſind ſie die wahre Plage eines Gaſthofs geworden. Gnaͤ⸗ diger Herr, ich wuͤrde lieber ein Hand⸗ werk lernen, als immerſort Englaͤnder zu bedienen. Anders aber iſt es mit den Hollaͤndern. Der Holländer kennt vei ſeinen Reiſen ſolche traurige Ne⸗ venabſichten nicht; er reiſet blos zu ſeinem Vergnugen; fur ſein Vergnuͤgen aber giebt er alles, was er auch kann, da er reich iſt. Der Hollaͤnder iſt der wahre Reiſende. Geſegnet der Mann, der ihm zuerſt ſagte, auch hinter Cleve gebe es noch ein Deutſchland. Und die Deutſchen? fragte der Graf. Der Deutſche? entgegnete der Kell⸗ ner etwas verlegen, aber doch mit ei⸗ nem vergnuͤgten Lächeln, der Deutſche? Aber Sie nehmen mir meine Freimuͤ⸗ thigkeit doch nicht ungnaͤdig! — 21 Nur voran! rief der Graf. Nun denn, fuhr jener fort, der Deutſche iſt eigentlich eine ſehr geizige Kreatur und darum ein ſchlechter Rei⸗ ſender; aber er hat oft Launen von Vornehmheit, Freigebigkeit und Groß⸗ muth, und ſolche Launen — Sind Geld werth! fiel der Graf ein. Allerdings! antwortete lächelnd der Kellner, ob ſie gleich, von einer andern Seite betrachtet, auch eben ſo oſt un⸗ ertraͤglich ſind, indem Perſonen, vor⸗ zuglich neugebackne Adelige, die ge⸗ woͤhnlich reich ſind, am meiſten da⸗ von befallen zu werden pflegen. Se⸗ hen Sie z. B. jenen dicken Herrn dort mitten im Saale und ſeine duͤrre Haͤlfte neben ihm. Vor einem Jahre war er noch Lederhaͤndler, jetzt iſt er Baron, fuͤr ſein Geld, verſteht ſich. Sehen Sie, wie er die ganze Breite des Li⸗ W ſches für ſich allein einnimmt, wie er die plumpen Beine weit von ſich in den Saal hineingeſtreckt hat und mit der ganzen Schwere ſeines breiten Ru⸗ ckens auf der zarten Stuhllehne liegt; welche ſtolze Blicke er auf Geſellſchaft und Möbeln wirft, als wenn alles nur um ſeinetwillen da waͤre; wie er den Kellner kaum eines Blickes wuͤrdigt. Seine theure Gemahlin dagegen ſucht die zart Vornehme zu ſpielen. Die Leute reiſen nur um der ſchoͤnen Na⸗ tur willen. Ach, du lieber Gott, die gute Natur dauert mich mehr, wenn ſie von ſolchen Menſchen bewundert wird, als wenn ich ſie von Poeten beſungen ſehe. Sie ʒeichnen mit Witz! ſagte der Graf; 5 füͤhren Sie mir auch die uͤbrigen Gäſte vor. Sehr gnaͤdig, erwiederte, ſich ver⸗ beugend, der Kellner; freilich ſtellt das —— Wirthshausleben oft mannichfaltige und ergotzliche Bilder auf; nur iſt es bis jetzt hier noch nicht bunt genug. Dort, links die Geſellſchaft, iſt eine adelige Familie aus der Nachbarſchaft, gute Leute, die ſich recht viel auf ihre rhein⸗ laͤndiſche Bildung einbilden, weil der Koͤnig ihnen noch das franzöſiſche Ge⸗ ſetzbuch gelaſſen hat, und die fuͤr alles in der Welt das preußiſche Landrecht nicht annaͤhmen. Die beiden jungen Maͤnner hinter ihnen muͤſſen ein Paar ſentimentale Naturdichter ſeyn; ſie lau⸗ fen den ganzen Tag in den Bergen her⸗ um und trinken Zuckerwaſſer, wenn ſie zuruͤck kommen. Die beiden Ge⸗ ſellſchaften dort rechts ſind Bonner Studenten. Die jungen Leute ler⸗ nen jetzt alles, nur keine gute Lebens⸗ & Der Eine Haufe mit den bunten Wnſ an den Pfeifen ſind die fide⸗ 24 len Burſchen; ſie verzehren viel, wenn ſie hierher kommen, aber man muß ein wachſames Auge auf ſie haben, denn ſie ſind Feinde von unzerbrochenen Spie⸗ geln, Stuͤhlen und Glaͤſern, wenn ſie viel verzehrt haben, und doch reicht ihre Borſe nicht uber die Verzehrung hinaus. Der andere Haufe mit den langen Haaren ſind Demagogen; die jungen Herren trinken nicht viel, denn ſie wollen Deutſchland zu Einem Staate machen; doch ſind ſie ſo ſchwache Ko⸗ pfe, daß die Idee ſie oft berauſcht. Und wer, fragte der Graf, indem er ſeine Stimme etwas ſenkte, wer iſt der junge Mann hier am Fenſter, nicht weit von uns, mit dem kleinen Stutz⸗ barte und dem ſchwermuͤthigen Geſichte? Ach der! antwortete der Oberkell⸗ ner, ebenfalls wit edämpſter Stimne. Er nennt ſich Sch opn Allheir, wei⸗ „ „ „ —— ter habe ich nichts von ihm erfahren koͤnnen. Er iſt ubrigens ein wackerer Herr, immer ſtill, und doch nicht hitig. Er hält ſich ſchon mehrere Wochen hier auf und bezahlt am Ende einer jeden prompt ſeine Zeche. Wir haben ihn Alle lieb, obgleich Keiner ſich ruͤh⸗ men kann, mehr als zehn Worte von ihm gehoͤrt zu haben. Der junge Mann muß einen geheimen Kummer haben, wie man das jetzt oft bei jungen Leu⸗ ten findet. Was ihn aber druͤckt, dar⸗ nach habe ich vergeblich geforſcht. Wahr⸗ ſcheinlich iſt er ein auslaͤndiſcher Offi⸗ zier, wie ſeine militairiſche Haltung be⸗ weiſet; und vermuthtich hat er das Un⸗ gluck gehabt, Jemanden, vielleicht ſei⸗ nen Freund, im Duell zu tödten. Woher vermuthen Sie das? fragte der Graf Roſen, augenſcheinlich ange⸗ 26 legentlicher, als er ſeine fruͤheren Fra⸗ gen vorgebracht hatte. Beſondere Grunde habe ich eben nicht, entgegnete der Kellner; aber man lieſt dergleichen heut zu Tage ſo oft in in Romanen und Novellen, zumal wenn ſie von Frauen geſchrieben ſind, daß ich dachte, es koͤnne ſich auch wohl einmal in der Wirklichkeit begeben ha⸗ ven. Naͤhere Auskunft könnte uns übri⸗ gens der Lord Stippleton geben, der Einzige, mit dem der Herr von Alt⸗ heim ſich hier unterhaͤlt. Aber dieſer Engländer, ſo ſehr freundlich und her⸗ ablaſſend er auch iſt und ſo ſehr ich ihn auch ſchon um deswillen liebe, weil er, im ſchonſten Kontraſte mit ſeinen Landsleuten, zu den wahrhaft guten, ja zu den beſten Reiſenden gehort, hat die Manier, gerade von den Schickſa⸗ —— len des Barons von Altheim nichts wiſſen zu wollen. Wer iſt dieſer Englaͤnder? fragte der Graf. Ei, verſetzte der geſchwaͤtzige Kell⸗ ner, wie ich die Ehre hatte, zu ſagen, ein ſehr braver Herr und ſehr reich, faſt wie ein Klaurenſcher Held. — Aber God dam, unterbrach er ſich auf einmal ſelbſt, da kommen ja ſeine Lordship ſelbſt an. Sehen Sie, der dort! Ein braver Herr, der jeden Nachmittag ſei⸗ ne Wohlthaͤtigkeitsreiſe machen muß, wenn er des Nachts ruhig ſchlafen will. Wie ſo? fragte der Graf. Doch der Kellner konnte ihm nicht antworten; denn der Herr, den er als den Lord Stippleton bezeichnet hatte, eine große, wohlgenahrte, aber nicht dicke Figur, mit einem glatten, milchweißen Ge⸗ 28 ſichte und einem halb freundlichen und halb vornehmen Blicke, trat in dieſem Augenblicke herein, ging geradeswegs auf den Kellner zu, ſchwang ſeine Reit⸗ peitſche ſcherzend uͤber deſſen Haupte und ſagte mit etwas ſchnarrender Stim⸗ me: a bottle ok old hock my dean boy! Der Kellner ſprang raſch fort, um das Beſtellte zu holen; worauf je⸗ ner mit einem kurzen Blicke den Gra⸗ fen muſterte, dann, langſam auf ei⸗ nem Abſatze ſich umdrehend, ſeine Blicke durch den ganzen Saal ſpazie⸗ ren ließ und darauf auf den Herrn von Altheim losging, der, ohne jenen zu bemerken, faſt regungslos an ſeinem Fenſter ſaß und dunkle Blicke . Siebengebirge — Der Engläͤnder. — Der Herr von Altheim warf, als der edle Lord bei ihm angelangt war, nur eben ſeinen Blick in die Hoͤhe, erwie⸗ derte die Begrußung des Englaͤnders mit nothduͤrftiger Höflichkeit und wandte dann ſein Geſicht wieder in das Sie⸗ bengebirge. Doch der Englaͤnder war mehr zu einer Unterhaltung aufgelegt, er nahm einen Stuhl, ließ ſich ohne Umſtände bei dem Baron nieder, trank ſchnell ein Glas des edlen Hochheimers, den ihm der raſche Kellner ſchon ge⸗ bracht hatte und hob dann, mit der Reit⸗ peitſche in der Luft haltend, alſo zu ſeinem Freunde an: Warum wieder ſo ſtill, lieber Altheim? frohlicher, frohli⸗ 30 cher muͤſſen Sie ſeyn! Wie kann nur ein Menſch, der nicht unter Englands Rebeln und Kohlendämpfen geboren iſt, den Spleen bekommen? Laſſen Sie doch uns dieſe edle Krankheit. Ihr Deut⸗ ſchen nehmt uns ohnehin genug weg, wenn nachahmen wegnehmen iſt. Leider! entgegnete der Herr von Altheim kurz, ohne faſt ſeine Stellung zu verandern. Leider! rief der Lord. Warum denn leider? Wir Englaͤnder ſtammen zwar von Euch Deutſchen ab; aber darf denn der Vater nicht auch von dem Sohne lernen, wenn ihm der Sohn wirklich uberlegen iſt? Und, God bless Jour soul, Ihr ſagt ja ſelbſt, daß wir Eng⸗ länder einen rieſigen Genius haben, warum iſt denn ein Leider dabei, wenn Ihr Euch einem rieſigen Genius zu naͤ⸗ hern ſtrebt? Doch laſſen Sie uns von ——— unſerm alten Streite abſtrahiren, ſagen Sie mir lieber endlich einmal, welcher Kummer an Ihrem Herzen nagt. Ich habe Ihnen alle meine Schickſale und Abentheuer mitgetheilt, thuen Sie des⸗ gleichen gegen mich. Sagen Sie mir, was Sie, mein junger Mann, von ſo vielen Vorzuͤgen, mit ſo vielen Gaben des Geiſtes und des Koͤrpers, ein Mann, dem Orden und Ehrenzeichen beweiſen, wie er ſein Vaterland hat befreien hel⸗ fen; ſagen Sie, was Sie hat ſo nies derdruͤcken koͤnnen, daß Sie wie ein dem Tode Geweiheter umher ſchleichen, nicht aufzublicken und nicht zu ſprechen wagen, Geſellſchaft und Mittheilung flichen? Entdecken Sie ſich einem theil⸗ nehmenden Freunde! Der Herr von Altheim vergalt dieſe freundſchaftliche Aufforderung blos mit einem kalten, faſt ironiſchen Laͤcheln 32 und erwiederte dann: Laſſen wit das, lieber Lord! Aber erzahlen Sie mir woher Sie kommen, wo allenthalben Sie heute wieder geweſen ſind. War es Höflichkeit von dem Eng⸗ länder oder Flatterhaftigkeit, er vergaß ſeine Fragen ganz und antwortete mit der hochſten Freundlichkeit. Wo ich heute geweſen bin? Zuerſt habe ich mit meinem Duͤck einen Spazierritt ge⸗ macht; wir jagten bis Vonn. A pro⸗ pos, dort ſind Seiltänzer angekommen, vorzůgliche Künſtler, fuͤr Deutſchland wenigſtens; ſie geben morgen Vorſtel⸗ lungen, wir müſſen hin! Bei Bonn habe ich mich überſetzen laſſen und bin dann von Bruel uͤber Oberkaſſel nach Königswinter geritten; hier ſchickte ich Duͤck mit den Pferden fort, miethete mit einen Nachen, fuhr auf dem gott⸗ 33 ſprang in die Fluthen und ſchwamm eine halbe Stunde. God dam, ich boͤte jetzt dem edlen Lord Byron eine Wette im Schwimmen an, wenn er noch lebte. Darauf ſchiffte ich bis Honnef. Hier traf ich einen Fiſcher und ſein Weib, die ſehr wehklagten „weil ein Böſewicht die Nacht vorher ihren Nachen vom Ufer getrennt hatte; der Kahn war fort und mit ihm die einzige Erwerbs⸗ quelle der armen Leute. Die Elenden dauerten mich; der Schade betrug je⸗ doch keine drei Pfundz ich warf ihnen den Bettel hin, worauf die Frau aus Dankbarkeit ſich mir zu Fuͤßen warf; ſie war nur leider nicht huͤbſch. Die Deutſchen ſind brave Menſchen, aber arme Teufel. Sie machen täglich Gluͤckliche! warf der Baron, nicht ohne Spott, hin. Es iſt ein erhebendes Gefuhl! er⸗ 3 5 34 wiederte der Lord, ſich verbindlich ver⸗ beugend. Ein denuthigendes; rief der Deut⸗ ſche ernſt, wenn es uns lehrt, wie viele Ungluͤckliche die Erde hat. Das Geſpraͤch wurde hier durch ein drohnendes Geſchrei unterbrochen, wel⸗ ches die vorhin dem Grafen Roſen durch den Kellner bezeichneten Studenten er⸗ hoben. Nicht der erſte Haufe, denn die Herrn mit den bunten Pfeifenqua⸗ ſten hatten ſchon ſeit einer Weile ſich entfernt, um auf dem Drachenfelſen die Sonne untergehen zu ſehen. Die jungen Herrn mit den langen Locken aber hatten ſich dießmal ſo ſehr in ihre vaterlaͤndiſchen Geſpraͤche vertieft, daß ſie ſogar mehr als gewoͤhnlich getrun⸗ ten hatten und in einen doppelten Rauſch gekommen waren. In dieſem uͤberboten ſie einander in freiſinnigen und patrioti⸗ * ſchen Geſinnungen und wurden dabei, be⸗ ſonders als ſie von der kunftigen Organi⸗ ſation Deutſchlands ſprachen, das ſie zu Einem Staate machen wollten, ſo laut, daß kein anderer Ton im Saale mehr gehoͤrt werden konnte. Sie ſtritten nämlich daruber, ob kunftig, wenn das große Werk gelungen, der Bundestag auch noch beibehalten werden, oder weg⸗ fallen ſolle. Ein Theil verlangte das Letztere, indem er mit vielem Auf⸗ wande von logiſchen und Lungenkraͤften darzuthun ſuchte, der Bundestag habe bis jetzt noch nichts gethan; eine zweite Parthei dagegen forderte noch lauter die Beibehaltung, indem ſie bewies, dieſes Inſtitut muͤſſe fuͤr die Zukunft von dem entſchiedenſten Nutzen, ja noth⸗ wendig ſeyn, wenn es nur aus Stu⸗ denten gebildet werde. 6. Die übrigen Anweſenden hoͤrten die⸗ 2 3* * ——— ſen wichtigen Debatten eine Zeitlang ruhig zu, mit Ausnahme des feiſten Lederhaͤndlers, der ſichtlich erbleichte, ſeine zitternde Ehehaͤlfte unter den Arm nahm und mit ihr den Saal verließ. Als der Laͤrm aber zu groß und wahr⸗ haft bedeutend zu werden anfing, in⸗ dem die antibundestaͤgliche Parthei ſo⸗ gar direkt nach Frankfurt zu gehen und auf der Stelle den ganzen Bundestag aufzuheben drohete, benebſt der Main⸗ zer Zentralunterſuchungs⸗Kommiſſion, letztere ſchon um deswillen, weii ſie einen ſo durchaus undeutſchen Namen fuͤhre; da erſchien auf einmal der Ober⸗ kellner an der Spitze von ungefähr ei⸗ nem Dutzend bewaffneter Hausknechte, Koͤche und Schiffer, marſchirte mit dro⸗ henden Gebaͤrden auf die ſtreitenden Mächte los und forderte dieſe ſehr hof⸗ lich auf, ſich ruhig zu verhalten. Meine — 37 Herrn, ſprach er mit einer tiefen Ver⸗ beugung, darf ich nicht bitten, Ihre Berathungen draußen unter dem freien Himmelsgewoͤlbe, anſtatt in dieſer un⸗ freien Stube, zu halten? Wenn der Bundestag künftig die Ehre haben wird, aus Ihnen zu beſtehen, ſo wird es uns, jederzeit eine große Ehre ſeyn, Sie wie⸗ der bei uns zu ſehen; bis dahin aber — Was will der Knecht? fuhr ein freier deutſcher Juͤngling den beredten Kellner an; doch als er jett die be⸗ waffneten Trabanten ſeines unfreien Gegners erblickte, ſchwieg er plotzlich, gab ſeinen Gefährten ein Zeichen, eben⸗ falls ruhig zu ſeyn und Alle nahmen, nachdem ſie ſehr ſtill ihre Zeche bezahlt hatten, einen unendlich hoͤflichen Ab⸗ ſchied. Die meiſten Anweſenden wollten ſich ausſchůtten vur gchen uber dieß ſon⸗ derbare Intermezzo. Auch der Lord Stippleton lächelte, jedoch ſehr vor⸗ nehm. Ein merkwuͤrdiges Volk, die Deutſchen, ſagte erz ſchon als Knaben wollen ſie Staaten reformiren und regieren, und als Greiſe koͤnnen ſie es noch nicht. Ihr wäret noch tauſend Jahre lang ein deutſches Reich geblie⸗ ben, wenn es einem fremden Volke nicht gefallen haͤtte, Euch aufzuheben. denn nichts könnet Ihr aus Euch ſelbſt. Und ſo werdet Ihr noch tauſend Jahre der bunte Laͤnderlappen bleiben, wenn nicht von außen her ein kraͤftiger — drein fäͤhrt. Und Ihr Englaͤnder? fragte der Herr von Altheim, an den dieſe Worte des edlen Lords gerichtet waren. God dam! erhob ſich dieſer ſtolz, frei aus uns ſelbſt und durch uns ſelbſt haben wir unſere Staatsverfaſſung ge⸗ 39 bibet; welches fremde Volk kann ſich ruͤhmen, auch nur im entfernteſten dar⸗ auf eingewirkt zu haben? Und was iſt dieſe Eure Staatsver⸗ faſſung? fragte der Andere weiter. Die Verfaſſ ſung eines freien Volks! entgegnete noch ſtolzer der Englaͤnder. Der Deutſche laͤchelte. Wenn Eure Miniſter nicht wären! ſagte er; Euer Koͤnig als König iſt freilich ein Au⸗ tomat. Er wollte noch mehr ſeten alein plotzlich ſtockte er, das leiſe Laͤcheln ver⸗ ſchwand von ſeinen Lippen, ſeine Au⸗ gen ſtarrten nach dem Eingange des Saales, ſein Geſicht erbleichte und wurde dann ſchnell wieder glůhend roth. Auf einmal ſprang er von ſeinem Sitze auf und that einen Schritt raſch vor⸗ waärts, als wenn er in die Gegend des Saales ſtuͤrzen wolle, wohin ſeine Au⸗ — 40 gen noch immer ſtarrten. Aber eben ſo plötzlich ſtockte er auch wieder und blieb jetzt unſchluͤſſig ſtehen. Doch nicht lange, denn faſt in demſelben Augen⸗ blicke trafen die Blicke eines jungen Mannes auf ihn, der ſo eben in den Saal getreten und der Gegenſtand ſei⸗ ner geſpannten Aufmerkſamkeit geweſen war. Auch der Fremde ſtand ein Paar Sekunden lang unſchluͤſſig, nach jenem hinſtarrend; dann rief er auf einmal: Altheim! biſt Du es? und flog mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu, und dieſer fiel mit dem Freudenrufe: Mein Ottomar! in die Arme des Frbtist lenden. Das Wierehrn zweier Freunde iſt wie das Wiederſehen zweier Liebenden⸗ in jeder Bewegung lebt und offenbart ſich der ſuͤßeſte Rauſch der Freude, in dem Druck der ſich begegnenden Hän⸗ 41 de, wie in dem ſeligen Lächeln, mit dem die Augen des Einem an den Au⸗ gen des Andern haͤngen, in der ſprach⸗ loſen Ruͤhrung, die in den erſten Mo⸗ menten des Wiederfindens herrſcht, wie in der froͤhlichen Geſchwätzigkeit, die nachher Platz ergreift. Auch der Ba⸗ ron Altheim und Ottomar von Gries⸗ berg ſchwelgten in ihrem Rauſche. Tau⸗ ſend Fragen hatten ſie und tauſend Mit⸗ theilungen; aber mit keiner einzigen ka⸗ men ſie zu Ende; mitten im Satze, oft mitten im Worte wurde der Eine durch einen Freudenruf unterbrochen, den der Andere nicht mehr in der ſelig beweg⸗ ten Bruſt verſchließen konnte. Endlich verſtanden ſich ihre Blicke und ſchwei⸗ gend verließen ſie Arm in Arm den Saal, um in der ſtillen Einſamkeit ſich ungeſtörter genießen zu können. Der Engländer ſah ihnen kopfſchuttelnd nach. & 42 Ein ſonderbares Volk, die Deutſchen! ſagte er. Sie leben immer nur in An⸗ dern, fuͤr ſich leben koͤnnen ſie nicht. Wo faͤnde man bei uns ſolche Freunde? God bless! Darum haben ſie aber auch keine Konſtitution, keine Selbſtſtändig⸗ keit. Kraft findet der Menſch nur in ſich ſelbſt; nur der Egoismus giebt ſie! Er fullte ſein Glas, leerte es und ſagte vergnuͤgt: Vivat Old England! 3. Die Freunde. Der Tag hatte ſich geneigt, im Thale war es ſchon dunkel geworden, ſelbſt einzelne Berge umher und unter ihnen —— der Rolandseck mit ſeiner ſtillen Ruine, waren ſchon von leiſen Schatten um⸗ fangen. Nur der hohe Drachenfels wur⸗ de noch von den letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne erleuchtet und wun⸗ derherrlich ſpiegelte ſeine goldene Spitze in den dunklen Fluthen des Rheins ſich ab. Die beiden Freunde wandelten ſtill, Haͤnde und Arme in einander verſchlun⸗ gen, durch den Garten der Inſel und ließen ſich zuletzt in der dichten Laube nieder, die an der unterſten Spitze der Inſel ſo einladend winkt. Lange ſa⸗ ßen ſie auch hier noch ſchweigend und ſchwelgend in dem Gefuͤhle des Wieder⸗ findens. Von der zarteſten Kindheit an ver⸗ einigt, hatte ein wunderſamer Bund ihre Herzen umſchlungen. Sie waren Freunde geworden in dem ſchoͤnſten, dem hoͤchſten Sinne, den edle Herzen — 44 ——— in dem Worte Freund finden. In ih⸗ rem zwanzigſten Jahre wurden ſie ge⸗ trennt; Ottomarn rief die Akademie und eine diplomatiſche Karriere, Karln von Altheim die Bahn des militairiſchen Ruhms. Aber ihre Herzen waren nicht getrennt. Und als Deutſchlands Söhne uͤber den Rhein zogen, das Vaterland zu befreien, fanden ſie ſich wieder. Ot⸗ tomar trat als Freiwilliger in dem Re⸗ gimente Karls ein. Sie fochten Einer an des Andern Seite; ein ernſtes, aber dennoch freundliches Schickſal fügte es, daß Beide einander das Leben retteten. Farls That wurde bekannt; ſein Kö⸗ nig lohnte ihm dafuͤr mit einem Orden; Ottomars Handlung blieb verborgen; er ſelbſt beſchwor Karln, ſie nicht wei⸗ ter zu erzählen; nur wenige Kameraden erfuhren, und kein Ehrenzeichen lohnte ſie; aber die beiden Freunde liebten ſich 45⁵ — um deſto mehr. Als die Feldzuͤge been⸗ „ digt waren, kehrte Ottomar auf ſeinen Civilpoſten zuruͤck; Karl verfolgte ſeine Karriere. Seitdem hatten ſie einander nicht wieder geſehen, bis eine, bei der Ruͤckkehr aus Frankreich genommene, Abſprache ſie jetzt auf der Inſel Non⸗ nenwerth zuſammen rief. und wie haſt Du gelebt? fragte Ottomar endlich. Und wie Du? war Karls einzige Antwort. Jeder wollte zuerſt die Schick⸗ ſale des Andern erfahren. Lange ſtrit⸗ ten ſie ſichz zuletzt mußte Ottomar mit dem Erzählen den Anfang machen. WMein Leben iſt einfach, hob er an, und dennoch eine Reihe von Tauſchun⸗ gen, weil es nur ein Refler, eine Wie⸗ derholung des allgemeinen Lebens, der Beſtimmung des Menſchen iſt. Es liegt ein ewiger Zwieſpalt zwiſchen unſerm 46 —— Wollen und Können. Wir wollen al⸗ es, wit können nichts⸗ Nur der Tod loſet dieſen Zwieſpalt aufz darum iſt venn unſete Hoͤlle auch nur auf Erden, darüber iſt ſie nicht; in jenem Leben iſt nur Verſoͤhnung, Harmonie, und Harmonie iſt der Himmel. Und doch finden wir auch wohl ſchon hier den Himmel. Unſere Ideale ſind Blicke hinein. Zuweilen finden wir ſie reali⸗ ſirt, und dann haben wir den Himmel gefunden. So iſt mir mein Ideal von Freunvſchaſt realiſirtz ich habe Dich ge⸗ Funden, und in Dir den Himmel. Er druckte leiſe die Hand des Freun⸗ des, laͤchelte freudig uͤber den Gegen⸗ pruck und fuhr dann fort: Doch das Herz des Menſchen hat mehrere Sai⸗ ten; es fühlt wenn ſie gar nicht, und Schmerzen, wenn ſie dis⸗ iſh unſanft beruͤhrt werden⸗ Die Freundſchaft allein berubigt ſein Sehnen, ſein Wuͤnſchen nicht. Es will auch Tugend im Leben finden, und uͤberall, und dann — Liebe. Du haſt ſie gefunden? fragte vaſch — Ottomar ſchwieg einen uu Nein! ſagte er dann ſeufzend. O, „ich trage ein ſchoͤnes Ideal in meiner Bruſtz wie? kann ich Dir nicht ſagen; ich kann es nicht ausſprechen, wie ich es nicht habe finden konnen. Ich habe lange geſucht, mit Schmerzen; ich glaubte zuweilen, ich haͤtte es gefun⸗ denz aber es war eine Täuſchung, wie mein Leben. Zum Gluͤck ſah ich die Täuſchung fruͤh genug und bewahrte auch meine aͤußere Freiheit; aber das Leben ward nur ſchaal, mein Daſeyn mir ſelbſt faſt läͤſtig; ich haͤtte vergehen muͤſſen, wie eine Pflanze in dürrer Erde, wenn die Ausſicht auf den heu⸗ tigen Tag mich nicht erfriſcht haͤtte. — Und nun Du, mein Karl? Aitheim ſeufzte tief auf. Du haſt mein Leben beſchriehen, ſagte er nach en Pauſe, mein Schickſal genannt. Nur bin ich unglückücher als Du, weil ich ſchuldig bin. Auch ich habe nur Dich gefunden und Deine Freundſchaft; und außerdem nur Täuſchungen, wenn ich Menſchenwerth und Liebe ſuchte. Auch ich trage ein ſchoͤnes Ideal von weiblicher Wurde und Unſchuld, von wahrer Weiblichkeit in meiner Bruſt und habe es lange im Leben aufge⸗ ſucht. Einmal glaubte ich es gefunden zu haben. Nur Einmal, aber es war eine bittere Taͤuſchung, ein Trug, der mich mit Schulv belaſtet hat, mit ei⸗ ner Schuld, die ich dennoch nicht von mir werſen kann. Laß Dir erzaͤhlen, aber kutz; vielleicht ſprichſt Du mich Die ſchnöde Gefahſucht der Wei⸗ ber, ihre Eitelkeit, ihre Leichtfertigkeit hatten mich verſtimmt. Ich haite kein wahres Gefuͤhl, keine wahre Unſchuld bei ihnen gefunden. Es iſt nur in der Reſidenz ſo! dachte ich, aber ich ſand es in den Bädern, die ich jetzt beſuch⸗ te, nicht anders. Da wurde meine Schwabron in ein Lanbſtädtchen ver⸗ legt. Auf dem Lande wirds beſſer ſeyn! rief ich; in der ſchoͤnen Natur wohnt ſchoͤne Natürlichkeit. Aber nein, es war nicht beſſer, es war uͤberall nur derſelbe Mangei an ächter Weiblichkeit, dieſelbe Verſtellung; viel Gefuͤhl, aber erborgtes, viele Unſchuld, aber erheu⸗ chelte, viele Liebenswuͤrdigkeit, aber er⸗ kunſtelte, abſichtlich erkuͤnſtelte. Finſte⸗ —— rer Unmuth ſcheuchte mich von allen weiblichen Weſen. So wurde ich, waͤhrend eines vier⸗ wochentlichen Manouvre, auf einem Edel⸗ hofe einquartirt, deſſen Beſitze mich zu⸗ vorkommend aufnahmen. Ich hatte Ge⸗ legenheit, die Familie zu beobachten; es waren die liebenswuͤrdigſten Men⸗ ſchen; ſie zogen ſich nicht vor mir zu⸗ ruͤck, ſie ſuchten mich aber auch nicht auf, aber es lag in ihrem Umgan⸗ ge ein Zauber, dem ich nicht wi⸗ derſtehen konnte. Anfangs blieb ich in ihrer Geſellſchaft aus Höflichkeit, vald aus einem Bedürfniſſe meines Her⸗ zens; zuletzt war ich unmuthig, wenn ich nicht unter ihnen war. Am mei⸗ ſten Schuld hiervon trug Adeline, die ältere Tochter. Sie war ſechzehn Jahre alt, bildſchön von Koͤrper, reich an Vor⸗ zugen des Geiſtes und des Herzens. Sie war der Liebling der Familie, der ganzen Gegend; ſie wurde bald der meinige. Und noch mehr. Ich konnte nicht ſe ohne ſie. Ich glaubte alle meine Iheale in ihr verwirklicht. Mein Herz ſchlug nur fuͤr ſie. Auch das ih⸗ rige blieb mir nicht fremd;z meine Liebe wurde erwiedert. Es war ein ſchoͤner Abend, als unſere Herzen ſich fanden, als ſie ſanſt weinend vor Seligkeit, an meinem Herzen ruhete und ich ſie um⸗ fangen durfte. Ich ſchwor ihr ewige Treue. — Treu wie der Ritter! rief ſie. Wir hatten des Nachmittags den Ritter Toggenburg geleſen. Treu wie der Ritter! ſchwor ich. Treu wie Roland. Ach, ich hatte einen Meineid ge⸗ ſchworen, eine ſchwere Schuld laſtet ſeitdem auf mit. „ Wir entdeckten uns Adelinens El⸗ tern; ſie genehmigten unſer Buͤndniß; es wurde der Familie bekannt gemacht; Alle freuten ſich baruber; wir Beide waren ſelig. Aber nur kurze ſechs Wo⸗ chen dauerte meine Seligkeitz da ver⸗ ſchwand mein Traum, da ich die bittere Taͤuſchung. Ach, Adeline war nicht das Ideal meines Herzens. Sie war ſchoͤn, liebenswürdig, fromm, unſchuldig; aber nicht mein Ideal; ſie war zu kalt, zu proſaiſch; es fehlte ihr jene ſuͤße poetiſche Schwärmerei, die wie ein zarter, belebender Hauch über das Weſen des Weibes gegoſſen ſeyn muß, wenn es nicht gemein und er⸗ ſtarrend ſeyn ſoll. Sie war gut, her⸗ zensgut, und mitleidig und mithelfendz aber hohere, ſeinere Geſühle konnte ſie nicht theilen, das zarte Heiligthum der Natur und der Gefühlswelt, die nur in jenem Heiligthume lebt und athmet, war ihr fremd, verſchloſſen. Sie ſym⸗ 55 pathiſirte mit dem Ungluͤcklichen, aber nicht mit dem Gluͤcklichen, nicht mit mir, den ihre Liebe, ach nur ſo kurze Zeit, ungndlich gluͤcklich gemacht hatte. Ich ⸗ lange, ſie auf Einen Standpunkt des Empfindens mit mir zu erheben. Vergebens. Der Maul⸗ wurf kann ja nicht fliegen, weil er kei⸗ ne Fluͤgel hat. Verzeihe mir das Gleich⸗ niß. Da faßte ich zuletzt einen kräfti⸗ gen Entſchluß. Auf ewig an ein We⸗ ſen geſchmſedet zu ſeyn, die nicht gleich mit mir fuͤhlte! Der Gedanke war im Stande, mich wahnſinnig zu machen. Ich entdeckte mſch ſchriftlich ihrem Va⸗ ter, ich ſetzte ihn von dem ganzen Zu⸗ ſtande meines Innern in Kenniniß, ich ſchilderte ihm die Unmoͤglichkeit, die Hand ſeiner Tochter zu nehmen. Eine Antwort erhielt ich nicht; ſein Still⸗ ſchweigen war mir Antwort genug. Ich 54 war frei; aber ich konnte nicht froh werden; ein finſterer Unmuth laſtete auf mir und wurde faſt Verzweiflung, als ich in Erfahrung wen Ade⸗ line dem entſetzlichſten Schmerze ver⸗ fallen ſey und geſchworen habe, ſie könne nicht von mir laſſen. Ich floh die Gegend, ich nahm unbeſtimmten ur⸗ laub, ich zog planlos in der Welt umherz aber meinem Unmuthe, den Vorwuͤrfen meines Innern konnte ich nicht entflie⸗ hen, wenn ich gleich nach einiger Zeit erfuhr, Adelinens Schmerz habe ſich gelegt, und wenn ich gleich die Ueber⸗ zeugung gewann, die Zeit werde ihn ganz heilen. Ach, bin ich denn nicht immer ein Meineidiger? Und kann ich gleichwohl zu ihr zurückkehren? Altheim ſchwieg hier, den Kopf in beide Haͤnde legend und in die dunkler gewordene Nacht hinausſtarrend. Auch 55 Heinsberg ſah ſchweigend vor ſich nie⸗ der. Ach, ſagte er nach einer Weile, wie vielen Schmerz hat das Leben, fuͤr die wenigen Freuden, die es uns bietet! Da tönte druben vom Ufer des Rheins der Geſang frohlicher Landleute aus dem Doͤrſchen Honnef heruber, die ihr ſchweres Tagewerk vollbracht hat⸗ ten und nun in der Friſche des Abends ausruheten. Die beiden Freunde horch⸗ ten ſchweigend und vernahmen die ein⸗ fachen Worte eines Volksliedes: Zufriedenheit iſt mein Vergnügen Das Andre laß ich alle liegen und liebe die Zufriedenheit, und lieb' und lieb' und lieb⸗ und liebe die Zufriedenheit! . Zugleich glitt ein Nachen die ſtillen Wellen hinunter, in welchem Studenten: ein fröhliches Burſchenlied anſtimmten. Die beiden Freunde ſahen ſich an⸗ 36 Wöre vas Leben dennoch reich an Freu⸗ den? hob Heinsberg an; und läge es nur an uns, wenn wir ſie nicht finden? * Da ſangen die Studenten luſtig: Was mein Verhuͤnzniß ſpricht, — Das nehn ich willig anz Kann ich nicht wie ich will, Kon 1 So will ich wie ich kann. 6 — * „ „ — . r P uckliſch vn Freunblich und ſchon ging der folgen⸗ „de Morgen über dem Rheinthale auf „ und belebte mit neuer Znſt die erwa⸗ chende Natur. Es war ein wunder⸗ herrlicher Anblick, wie ſo ſtöhlich Ber⸗ ge und Wieſen, Weiden und Gärten gruͤnten und bluͤheten, wie die Döͤrfer und Staͤdte und Landhaͤuſer und Ka⸗ pellen ſo lieblich dalagen und in dem jungen Morgenlichte ſich ſonntenz und auch die Berge vrein ſchaueten, unten jugendlich mit dem üppigen Gruͤn be⸗ deckt, und oben, wie Greiſe, kahl und Ruinen; der Godesderg mit ſeinem zer⸗ fallenen Thurme, der Drachenfels mit ſeiner kuhnen Ruine und ſeinem Denk⸗ male einer ſchoͤnen, enthuſiaſtiſchen Zeit,“ die Wolkenburg, die Lowenburg, der Petersberg mit ſeiner Kapelle und dar⸗ uͤber der Rolandöeck mit ſeinen einzigen finſtern Bogen; und wie der alte Va⸗ »Bekanntlich iſt oben auf dem Drachenfel⸗ ſen, unweit der Ruine, zum Andenken des ueberganges der Allüirten über den Rhein im Jahre 1814, eine Säule er⸗ richtet. 16 58 —— ter Rhein ſo klar und ruhig, ſo ernſt und doch ſo heiter ſeine Wogen dahin wwaͤlzte zwiſchen allen dieſen Herrlichkei⸗ ten. Und wie es ſo ledendig und ge⸗ ſchaͤftig war auf dem breiten Strome und zu ſeinen beiden Seiten Wagen und Reiter auf der breiten Chauſſée, Winzer in den Weinbergen, Schiffer an den ufern, ihre froͤhlichen Lieder ſin⸗ gend, und Nachen und Kähne aller Art, auf und abfahrend, rechts und links uͤberſetzend. Auch auf Wer Inſel Anmnh und in ſeinem prächtigen Wirthſchafts⸗ gebaͤude war es lebendig. Fremde kamen an und reiſeten ab; Gäſte von jedem Alter und Geſchlechte zogen in Gruppen ſpazierend herum und erfreueten ſich an den Schönhelten der Umgebung oder ſaßen unter den ſchattigen Platanen vor dem Eingange des Hauſes, oder in den 59 freundlichen Lauben am Ufer, ebenfalls in die reiche Natur hinausſchauend und mit fröhlichen Geſprächen ſich unterhal⸗ tend. Geſchaͤftige Kellner mit Fruͤhſtuͤck und andern Erfriſchungen flogen nach allen Seiten hin und her; nur der phi⸗ loſophiſche Oberkellner ſtand, das liſtige Auge nach allen Richtungen wendend, und uͤberall das Erforderliche ſchnell bemerkend, unter dem Portale des Hauſes und ertheilte den Untergebenen die gehorigen Befehle. Seitab von der Platanengruppe ſaß einſam auf einer Bank der Lord Stippleton, bald mit ſeiner Reitpeitſche Figuren in den Sand kratzend, bald ohne alle Bewegung dem etwas wil⸗ den Treiben eines Haufens Studenten zuhoͤrend, welche die Nacht auf dem Drächenfelſen zugebracht hatten und jetzt bei einem tuͤchtigen Fruͤhſtuͤcke von den 60 ———— gehabten Beſchwerden ſich erholten. Der edle Lord ſchien zuweilen Freude an der Luſtigkeit der manchmal rohen Mu⸗ ſenfoͤhne zu finden; oft warf er aber auch einen veraͤchtlichen Blick auf die Ausbruͤche ihrer Freude, dann wieder ſchien er ziemliche Langeweile zu ver⸗ ſpüren, indem er recht laut gahnte und dumpf ein: God dam! zwiſchen den Zähnen murmelte. Auf einmal jedoch kam Leben und Bewegung in ſeine phleg⸗ matiſche Geſtalt, als der philoſophiſche Oberkellner feinen Diktatorplatz unter dem Portale verließ und, mit dem ſelbſt⸗ zuftiedenen Blicke eines Generals, der etwa Spezialreve gehalten hat und jetzt ſeine ganze Brigade bis auf den letzten Kamaſchenknopf in Ordnung weiß, auf ſeine Kellner umherſchauend, in dem Garten herumſchlenderte. Der Eng⸗ laͤnder bemerkte ihn nicht ſobald, als 61 X ——— er ihn mit ſreundlicher Herablaſſung anrief. A good morning my old boy! rief er. Unterthanigſten Dank, Exzellenz! entgegnete der Angeruſene und war mit drei Saͤtzen und eben ſo vielen Ver⸗ beugungen bei dem edlen Lord. Befeh⸗ len Sie etwas? L Für dießmal nicht! erwieberte der Lord. Aber ſagen Sie mir, was fuͤr ein quakender Kerl iſt denn heute Mor⸗ gen fruh hier angekommen? Der Menſch hat ja eine Stimme, die zwiſchen Wolfs⸗ geheul und Eſelsgeſchrei die Mitte hält. Ich ſchlief ſo ſüß, ſelbſt das Gebrüll dieſet edlen Hern, God dam their souls! — er zeigte auf die Studen⸗ ten — konnte mich nicht aufwecken; aber als jener Quaͤkfroſch ſeine Stim⸗ me hoͤren ließ, war es um Schlaf und Ruhe geſchehen. ——— Der Kellner lächelte Beifall über vieſe kräftigen gnädigen Witze. My⸗ lord meinen den ſonderbaren Kautz, ſag⸗ ze er, der heute Morgen mit ſeiner Tochter und ſeinem Neffen hier ange⸗ kommen iſt. Generalintendant von Bolte hat er ſich im Fremdenbuche ein⸗ geſchrieben; der Neffe iſt Offizier. Der Name eines merkwurdigeren Menſchen mag wohl noch nicht in dem Buche ſtehen. Häßlich, wie das Ungeheuer Kaliban in Shakſpears Sturm und eben ſo grob und anmaßend. und ſeine Tochter? wit der ih länder. Schoͤn wie ein Ergeil rief der entzuͤckte Kellner; liebenswuͤrdig wie Miranda! Gewiß, gnaͤdiger Herr, es iſt nicht ſo merkwürdig, daß die Na⸗ zur ein Scheuſal wie den Alten hervor⸗ bringen konnte, als es merkwuͤrdig iſt, —— daß dieſes Scheuſal der Vater eines ſolchen Engels ſeyn kann! A good morning, rief auf Efn⸗ mal der Lord, deſſen Augen überall umherſtreiften und jetzt den Baron Alt⸗ heim aus dem Hauſe kommen ſahen. A good morning my Friend! how do you do? Der Herr von Altheim kam näher. Haben Sie meinen Freund sberg nicht geſehen? fragte er. Wir wollten eine Streiferei durchs Siebengebürge machen und jetzt kann ich ihn nicht finden. Herr von Heinsberg, nahm der Kellner fuͤr den Lord das Wort, iſt vor einer Viertelſtunde nach Rolandswerth gefahren, um ſeinen Kutſcher zu ſpre⸗ chen; er wird bald wieder hier ſeyn. Sie lieben Ihren Freund wohl ſehr! 64 ſagte der Englaͤnder. Sie ſehen or⸗ dentlich friſcher aus, ſeit er hier iſt! Er iſt mein Freund! erwiederte Altheim und wollte ſich entfernen. Doch in demſelben Augenblicke rief der Kellner: Bei Gott, Mylord, dort iſ er! Nicht wahr, Shakſpeares Ka⸗ liban mit Miranda? Auch Altheim ließ ſich durch das fondetgre Schauſpiel halten, das ſich ihnen jetzt nahete. Ein ältliches Mann⸗ chen, keine drei Fuß hoch und beſtimmt eben ſo breit als groß, einen anſehnli⸗ chen Doppelhoͤcker tragend, mit einem unmaͤßigen dicken Kopfe, großen Kalbs⸗ augen, einer kleinen, eingebogenen, zwiſchen den aufgeblaſenen Backen zu bemerkenden Naſe, einem dicken hoch⸗ muͤthig aufgeworfenem Munde und ei⸗ nem Kranze von brandrothen, ſtruppi⸗ gen Haaren uber ſeinem Geſichte, ging ———— mit der ſteiſſten, abgemeſſenſten Gran⸗ dezza von der Welt einher, bließ ſich immerfort auf, hob ſich immerfort auf die Spitzen der Zehen und gab ſich alle erſinnliche Muͤhe, den nach vorn ſich ſenkenden Kopf in den Näcken zu wer⸗ fen. Gekleidet war er nach der neue⸗ ſten Mode. Neben ihm ging, ein En⸗ gel, wie der Kellner ſagte, ein uberaus zartes, liebliches weibliches Weſ enzzjung, im ſchönſten Ebenmaaße des Glieder⸗ baues, mit einem Paar großen; from⸗ men, treuen Augen, das zierliche Ge⸗ ſichtchen von kaſtanienbraunen Locken umſchattet. So ſtolz ihr Vater ein⸗ herſchritt; ſo leiſe und demuͤthig und zuchtig ſchwebte ſie neben ihm. Wer ſie ſah, konnte den Blick nicht von ihr Sie gingen der Gegend zu, in der Altheim und der Lord Stippieton ſich 5 66 vefanden; auch dieſe Beiden konnten ihre Augen nicht von der lieblichen Er⸗ ſcheinung wenden; Altheim ſtarrte ſie an, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen. Unweit von der Bank, auf welcher der Lord ſaß, gerade den Stu⸗ denten gegenuber, befand ſich ein lee⸗ rer Tiſch. Auf dieſen ſchritt der Alte mit ſeiner Tochter zu und ließ ſich auf einem daneben ſtehenden Stuhle nieder, ſeine Tochter neben ihm. Dann warf er eine Zeitlang ſchweigend muſternde Blicke umher. Auf einmal bemerkte er den Oberkellner und nun bewegten ſich die ſtolzen Lippen und ein in Wahrheit furchtbarer Ton erſchuͤtterte die Luͤfte. Markeur! ſchrie er mit einer Stimme, von welcher der Kellner nachher verſi⸗ cherte, die wuͤrde dem Zehntauſend⸗ ſchreier Mars Ehre gemacht haben und der man gleichwohl anhoͤrte, 67 daß ſie noch gemaßigt werde; Mar⸗ keur, beſorge Er unſer Fruhſtuͤck hierher. Der Schnellfußige flog, wie vom Donner getrieben, ins Haus. Der Alte lehnte ſich darauf in ſeinem Lehn⸗ ſtuhle zuruͤck und ſchaute behaglich in der Gegend umher, während ſeine Toch⸗ ter ſtill, die Augen niederſchlagend, ne⸗ ben ihm ſaß, offenbar bemühet, die Aufmerkſamkeit der Umgebung ſo we⸗ nig als moͤglich auf ſich zu ziehen, ob um ihres Vaters, oder ihretwillen, wer wollte das entſcheiden. Doch erreichte ſie ihren Zweck nicht, denn nach einer Weile hob der Alte plotzlich wieder an zu ſprechen und ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, ſeine Stimme zu dämpfen und weich zu machen, ſo konnte es doch nicht fehlen, daß die ſchon vorher er⸗ regte Achtſamkeit der Anweſenden auf ihn von Neuem gewendet wurde. 5* 68 Sieh einmal, Emma, ſagte er zu ſeiner Tochter, nicht ohne Selbſtgenuͤg⸗ ſamkeit in ſeinen Mienen; ſieh einmal, die Gegend iſt hier recht huͤbſch! Druͤ⸗ ben Emma, der ſtarre, ſpitze Berg mit der Ruine darauf iſt der Drachenfels; in ihm, dort rechts, mehr nach unten, befindet ſich eine Steingrube, aus wel⸗ cher man die Steine zu dem Koͤlner Dome genommen hat; Du erinnerſt Dich ſeiner doch noch? Wir waren vorgeſtern darin. Das Maͤdchen hatte ſich gech vom Anfang dieſer Anrede an einer ſichtli⸗ chen Verlegenheit, die vorzuglich in ei⸗ nem hohen Erroͤthen ſich offenbarte, nicht erwehren koͤnnen; nur leiſe den Kopf aufhebend, war ſie mit den Au⸗ gen der Richtung gefolgt, in welche des Vaters grobe Finger wieſen. Sie antwortete jetzt leiſe: Gewiß, mein Va⸗ ter! und ſah dann ſchnell, um keinem dritten Auge zu begegnen, wieder vor ſich nieder. Der Alte fuhr fort: Und dort hin⸗ ter dem Drachenfelſen, dort etwas links, ſiehſt Du den Petersberg; es iſt eine Kapelle darauf, die ſonſt zu der ehe⸗ maligen Abtei Heiſterbach gehoͤrte. Dort rechts aber, Emma, liegt die Löwen⸗ burg, nicht die Spießiſche, von der Du vielleicht geleſen haſt. Es iſt ſehr ein⸗ faältig, daß die Ruinen ſo ſehr ſchlecht konſervirt ſind; es iſt jetzt kaum der Muͤhe werth, hinaufzuſteigen. Da ich es Dir aber verſprochen habe, ſo wol⸗ len wir morgen doch einen Verſuch machen. Wenn es Ihnen aber kein Vergnü⸗ gen macht — ſagte das Mädchen leiſe. Doch, doch! erwiederte er; wenn auch nur, um den Unterſchied zwiſchen 70 —————— einer Rheingegend und unſerer Wmnß 1 zu ſehen. Die Augen des Mädchens belebten ſich. Nicht darum, lieber Vater! ſagte ſie mit einem wahren Gefuͤhle; denn . hier iſt es doch gar zu ſchoͤn! 1 Was! rief der Alte ſtolz und un⸗ 1 muthig zu ihr hinaufblickend. Was! Es geht nichts uͤber die Mark. Nenne mir Einen Ort wie Berlin! He! chaſt Du auf unſerer Reiſe einen ſchneten geſehen? . Seine Stimme hatte jenen gellend droͤhnenden Ausdruck bekommen. Einer der Studenten nebenan lachte laut auf, die Uebrigen kicherten leiſe. Auch der Englaͤnder mußte lachen. Nur Altheims Geſicht blieb ernſt, faſt finſter; er ſah nur das verlegene, demuͤthige 11 er hatte nur Mitgefuͤhl 6 8 pfindungen. —— Haſt Du, Emma! fragte der Alte noch einmal, mit Stolz um ſich blickend. Die Arme wurde einer Antwort da⸗ durch uͤberhoben, daß in dem Augen⸗ blicke ein Kellner das Fruͤhſtuck ſervirte; nicht der Oberkellner, der ſich nicht wie⸗ der ſehen ließ. Der Generalintendant vergaß jetzt ploͤtzlich ſeine Frage und fiel mit einer Haſt, die ſonderbar gegen die Steifheit ſeines Weſens abſtach, uͤber das Fruͤh⸗ ſtüͤck her. Dabei benahm er ſich ſo plump und ungeſchickt, daß ſelbſt die rohen Studenten, die jetzt kein Auge mehr von ihm abwandten, unwillkuͤhr⸗ lich lachen mußten, die arme Emma aber voll Verlegenheit ſtarr unter den Liſch ſah, und nicht wagte, ihre Taſſe anzuruͤhren. Ihr Vater bemerkte dieß, trotz ſeiner Beſchaͤftigung. Biſt Du bloͤde, Emma? rief er laut; oder ſchmeckt 72 es Dir nicht? — Freilich taugt vas Zeug nicht ſo viel, als bei uns, ſo wie denn uͤberhaupt am Rhein alles ver⸗ flucht theuer und ſchlecht iſt. Ja ja, auch ſchlecht. Selbſt ihre ſchone Na⸗ tur iſt, bei Lichte beſehen, ſo weit her nicht. Haſt Du Eine Nachtigal auf dieſer Nonneninſel gehört? Haſt Du —2 Gott ſtraf mich! ſchrie auf einmal uͤberlaut lachend, Einer der Studenten. Schlagt ihn todt, der Hund iſt ein Re⸗ zenſent. 6 Nicht doch! rief ein Zweiter, noch lauter lachend, laßt ihn leben, es iſt eine maͤrkiſche Nachtigal! Der ganze Haufe wieherte laut vor Lachen. Emma's Errothen machte ei⸗ nem plotzichen Erbleichen Platz; ſie warf einen aͤngſtlichen Blick auf ihren Vater, ſtand dann halb auf, als wenn —.—— ſie zu ihm gehen und ihn bitten wolle, ſich mit zu entfernen, ſank jedoch vor Verwirrung in ihren Stuhl zuruͤck. Der Herr von Bolte aber richtete ſich auf ſeinem Sitze in die Höhe, warf einen hochmuthig veraͤchtlichen Blick auf die Studenten und rief, wie für ſich ſpre⸗ chend, aber mit der ganzen Stärke ſei⸗ ner uugeheuern Stimme: Dumme J Jun⸗ gen! Grobe Flegel! Dann machte er ſich ruhig wieder an ſein Fruͤhſtuͤck. Doch an dem Stu⸗ denientiſche hatten die Paar Worte wie ein Blitzſtrahl eingeſchlagen. Es erhob ſich ein allgemeiner Aufſtand. Was ſagte der Philiſter? Was bruͤllte der Rachen des Ungeheuers? Was will der Gno⸗ menfuͤrſt! — So riefen eine Menge Stimmen, theils laut lachend, theils drohend, durcheinander. Da ſprang der Alte raſch auf, ſeine Augen traten faſt unter den Augenbrau⸗ nen hervor, ſein Geſicht ergluͤhete vor ungeheuerm Zorne, ſeine Lippen zuck⸗ ten, ſein Kopf machte wunderſam kon⸗ vulſiviſche Bewegungen, um hinten im Nacken zu bleiben und nicht nach vorn heruber zu ſinken. Philiſter? ſchrie er, daß es druͤben über dem Rheine am Drachenfelſen wiederhallte. Philiſter? Gnomenfuͤrſt? Ungeheuer? Was, Ihr unverſchämten Schlingel? ich bin koͤniglich — — Die bedauernswuͤrdige Emma war von ihrem Sitze aufgeſprungen. To⸗ desblaͤſſe bedeckte ihr Geſicht, große Thraͤnen entſtuͤrzten ihren Augen. Sie flog an die Seite ihres Vaters und umfaßte ſeine beiden Haͤnde mit ihren zarten Fingern. Um Gotteswillen, mein Vater, rief ſie im Sturm der Angſt; maͤßigen Sie ſich! O, fort von hier! Doch der Alte hoͤrte ſie kaum. Laß mich, Maͤdchen! ſchrie er wild, ſtieß ſie von ſich und ſchritt, ohne auf die Fle⸗ hende, Wehklagende weiter zu achten, mit drohenden Gebaͤrden auf die Stu⸗ denten zu. Fort mit dem Philiſter! riefen ſie und machten Miene, ihn anzugreifen. Da ſtand, wie ein zuͤrnender Goit, ohne daß ſie wußten, woher er kam, der Herr von Altheim zwiſchen ihnen. Er hatte nur wenige Minuten mit ſich gekaͤmpft; die ſo bitter gekraͤnkte kinoli⸗ che Liebe des zarten Maͤdchens, ihre Angſt, ihr Jammer durchſchnitten ſein Herz. Mit Blitzesſchnelle flog er auf den rohen Haufen zu, in gebietender, hoher Stellung ſtand er zwiſchen ihnen. Schaͤmen Sie ſich, junge Herren! rief 76 ———— er mit der Wuͤrde des gerechten Zorns; Schaͤmen Sie ſich, einen harmloſen Fremden zu beleidigen! Wer noch Ein Wort ſpricht, hat es mit mir zu thun! Seine hohe, kraͤſtige Geſtalt, ſein zuͤrnendes Auge, ſeine befehlende, ent⸗ ſcheidende Sprache imponirten den jun⸗ gen Leuten faſt unwiderſtehlich. Sie wichen unwillkuͤhrlich zuruͤck und ſchwie⸗ gen. Nur Einer trat vor und rief: Er hat uns beleidigt! Der Greis?! fragte Altheim mit Nachdruck. Und raͤchen deutſche Juͤng⸗ linge ſich ſo, wenn ſie beleidigt ſind? — Der angeborne edle Sinn meldete ſich. Der Haufe ſchwieg; Einer ſchlich nach dem Andern fort. Altheim wollte auf ſeinen Platz zuruͤckkehren, als er ſich auf Einmal von dem Generalinten⸗ — — danten aufgehalten fuͤhlte. Auch dieſer hatte unwillkuͤhrlich geſtutzt, als er den zurnenden jungen Mann zwiſchen ſeine Feinde ſpringen ſahz und ſeine Tochter hatte dadurch Zeit gewonnen, ſich ihm wieder zu naͤhern, ihn mit ihren wei⸗ ßen Armen zu umſchlingen und von ferneren unuberlegten Schritten abzu⸗ haten. Ihre Thränen ſchienen wirklich ſeine Wuth zu mäßigen. Er verhielt ſich ruhig und konnte jetzt mit Faſſung dem Herrn von Altheim entgegentreten. Indem er ein gleichgůltiges Lächeln zu erzwingen ſuchte, als wenn ihn der Vor⸗ fall eben nicht ſonderlich angegriffen habe, ſagte er ſo verbindlich, als es ſeine rauhe Stimme nur zuließ: Empfangen Sie meinen Dank fuͤr Ihre Sekunda⸗ ge, mein Herr! Es freuet mich, daß ich zu keinem Aeußerſten ſchreiten mußte. —— S Altheim wollte ihm etwas erwie⸗ dern, doch ehe er zu Worte kommen konnte, trat die zarte Jungfrau dicht vor ihn, ſah ihn mit dem ganzen Zau⸗ ber ihrer holden, noch von Thraͤnen befeuchteten Augen an, faßte in natuͤr⸗ licher Unſchuld ſeine beiden Hände und fagte mit ſußer Schwärmerei: O, mein Herr! tauſend, tauſend Dank! O, könn⸗ te ich Ihnen ausdrücken, wie — Der junge Mann wurde verwirrt. Mein Fräulein! ſagte er und druͤckte ihre Hand an ſeine Lippen und ſeinen ganzen Koͤrper durchzuckte und durch⸗ gluͤhete es ſonderbar, als ſein Mund die ſanfte, weiche Hand beruͤhrte. Schla⸗ gen Sie das Unbedeutende nicht zn hoch an, mein Fräulein. Kein Mann von Chre hätte an meiner — anders gehandelt. Er verbeugte ſ und ging nd 79 machte ſich gleich darauf Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber, daß er nicht bei ihr geblieben, daß er die Gelegenheit nicht ergriffen hatte, die nähere Bekanntſchaſt eines Weſens zu machen, deſſen erſter An⸗ vlick ſchon ſo wunderſam ihn bezaubert hatte. Er kehrte traͤumend zu dem Eng⸗ laänder zuruͤck, und als gleich darauf das ſchoͤne Maͤdchen ihre Augen mit dem ganzen Ausdrucke der kindlichen Liebe auf den haͤßlichen und doch ſo theuern Vater ruhen ließ, ſeine unge⸗ ſtalteten Haͤnde ergriff und ſie im Ue⸗ berwallen ihres ſchoͤnen Gefuͤhls an ihre Lippen druͤckte, ſich dann feſt an ſeine Seite ſchmiegte und mit ihm den Gar⸗ ten verließ, da ſtieg, ohne daß er es gewahr wurde, ein banger Seufzer aus ſeiner Bruſt empor. Der Lord empfing den Rctehren⸗ den mit einem etwas inroniſchem Laͤ⸗ 80 cheln. Sie ſind ein Held, lieber Alt⸗ heim! ſagte er. Aber geſtehen Sie, daß 1 auch ich wahrend Ihrer Heldenthat nicht 1½ müßig geweſen bin. Ein Wink von 8 mir hat die ſammtliche Dienerſchaft der 1 Inſel zuſammengerufen, um den jun⸗ 1 gen Leuten Sitten beizubringen Die 1 Domeſtiken waren dazu gut genugs man muß ſich nicht gleich wegwerfen oder ausſetzen. Wenn die Muſen nun Widerſtand geleiſtet und Attake auf Sie 3 gemacht hätten? Aber ſo ſeyd Ihr Deutſchen, Kinder, ohne Nachdenken! Er winkte dem unterdeß herbeige⸗ 3† kommenen Haufen Bedienten, ausein⸗ ander zu gehen und warf ihnen ein „ Paar Goldſtuͤcke hin. Dann fuhr er ⁰ zu dem, in ſich gekehrt vor ihm ſiehen⸗ 1 den Altheim fort: Doch freilich, einen herrlichen Dank haben Sie ſich verdient. God dam! die ſchönen Hände hätte 81 —— auch ich wohl kuͤſſen mögen! Und dann dieſer Blick, wie verſchaͤnt, und doch wie verlangend! Eine angehende Lais koͤnnte nicht zauberiſcher blicken! Herr! fuhr Altheim auf, im In⸗ nerſten entrüſtet über dieſen ſrebelhaſten Vergleich. Doch mit einem Ausdrucke in ſeinem ſchönen Geſichte, der zu ſa⸗ gen ſchien: Wie kannſt Du Gefuͤhlloſer auch anders urtheilen! — beſchwichtigte er ſchnell die plötzliche Aufwallung und eilte in die Arme ſeines Freundes Heins⸗ berg, der dieſem Augenblick gelandet war und ſich nahete. 82 — ₰ 6. Die Seiltaͤnzerin⸗ Die beiden Freunde wollten, ihrer Ab⸗ rede gemaß, eine Wanderung ins Sie⸗ bengebirge machen. Doch der Englaͤn⸗ der gab das nicht zu. Er behauptete, Altheim habe geſtern verſprochen, mit ihm nach Bonn zu fahren, um dort die Seiltaͤnzer zu ſehen und ließ nicht eher nach, als bis ſie ihm verſprachen, die Streiferei ins Siebengebirge bis morgen auszuſetzen und ſie mit ihm die Fahrt nach Bonn antraten. Auf dem großen Vierecksplatze in Bonn war ſchon eine große, wogende Menſchenmaſſe verſammelt, als ſie an⸗ kamen. In der Mitte deſſelben war das ſtraffe Seil geſpannt. Nicht weit ———— davon ſtand ein buntes Zelt aufgeſchla⸗ gen, worin die Kuͤnſtler ihre Unklei⸗ dungen beſorgten. Wer in dem Zelte ſich befand und was darin vorging, konnte man nicht ſehen, es war feſt verhangen. Vor ihm ſtand in der ge⸗ woͤhnlichen bunten, phantaſtiſchen Seil⸗ taͤnzerkleidung ein großer, ſchlank, aber ſehr kraͤftig gebauter Mann, mit einem ſcharf gezeichneten, braunen, ausländi⸗ ſchen Geſichte, großen, funkelnden Au⸗ gen, pechſchwarzen krauſen Haaren. Er war der Eigenthumer oder Direktor der Geſellſchaft. Nur zuweilen blickte er nach dem Zelte hin, oder zu dem Ge⸗ ruͤſte, auf dem das ſtraffe Seil ausge⸗ ſpannt war; die meiſte Zeit ſtand er faſt regungslos, auf den Boden ſtar⸗ rend. Sah er einmal, wie zufällig, auf die verſammelte Menge Zuſchauer, ſo war keine Freude in ſeinem Blicke 6* 84 zu leſen, wie vielleicht jeder Andere an ſeiner Stelle auf eine große Einnahme ſich wuͤrde geſreut haben; im Gegen⸗ theile wurde ſein Blick finſter, mißmu⸗ thig. Neben ihm befanden ſich zwei Kinder, ein Knabe und ein Maͤdchen und ein Juͤngling von ungeſähr ſieben⸗ zehn Jahren nebſt einem vielleicht eben ſo alten Maͤdchen. Alle waren in der ei⸗ genthümlichen phantaſtiſchen, aber leich⸗ ten und bequemen Kleidung gekleidet: langen, weiten Beinkleidern und kur⸗ zen Jäckchen, beide von feiner Leinwand und mit manchem Flitterſtaat behangen. Das kleine Maͤdchen ſah ſehr bleich aus und blickte manchmal aͤngſtlich nach dem hohen Geruͤſte mit dem dunnen Seile daruber. Der Knabe aber hatte ein friſches, keckes, faſt trotziges Aus⸗ ſchen. Der junge Menſch, eine kräf⸗ tig aufſchießende Figur, trällerte ein 85 Liedchen fuͤr ſich und ſuchte den anwe⸗ ſenden Damen ſeine Geſtalt auf das Vortheilhafteſte zu präſentiren. Eben ſo ſchien auch ſeine Geſellſchafterin — Schweſter oder was? — eine huͤbſche, ſchlanke Bruͤnette mit außerordentlich lebhaften Augen, um das Gefaͤhrliche des ihr bevorſtehenden Spiels ſich nicht ſonderlich zu bekuͤmmern, ſondern, wie der Lord Stippleton zu ſeinen Beglei⸗ tern ſagte, vielmehr zu einem andern Spiele Vorbereitungen zu treffen und zwar, wie er ſelbſt am meiſten über den Einfall lachend hinzuſetzte, wie⸗ derum durch ein Spiel, ninig mit ih⸗ ren Augen. Mehrere Glieder der Geſtuſcheſt ließen ſich nicht ſehen. Jedoch behaup⸗ tete die Menge, die Krone der Geſell⸗ ſchaft, ein wunderſchones Madchen, be⸗ finde ſich ch verborgen in dem Zelte 86 und werde, wie das bei ſolchen Trup⸗ pen gebraͤuchlich, erſt am Ende die Zu⸗ ſchauer durch ihr Erſcheinen uͤberraſchen. Mehrere, welche dieſe Dame geſehen haben wollten, konnten nicht genug ihre Schoͤnheit ruhmen, wobei Andere be⸗ haupteten, mit ihrem Schickſale habe es eine ganz beſondere Bewandtniß, von der man jedoch nichts Naͤheres in Erfahrung bringen koͤnne. Die Zuſchauer ſtanden erwartend, daß der Direktor das Zeichen zum An⸗ ſang geben werde. Bajazzo, der unter dem Gerüſte ſtund, unterhielt ſie indeß mit einigen platten Spaßen, indem er oft ſeine Muͤtze in die Höhe warf und mit wunderlichen Geberden wieder auf⸗ ſing und dann Anreden an ſie hieltz oder indem er hier und da einen Kna⸗ ben unter dem Haufen neckte, oder die Muſikanten, die, ebenfalls das Zeichen —— zum Anfang erwartend, ruhig hinter dem Geruͤſte ſtanden. Es iſt ſonderbar, hob Heinsberg zu ſeinen Gefährten an, wie auch den ge⸗ bildeten Menſchen eine Sache anzieht, von der er doch weiter nichts ſagen kann, als daß ſie ungewoͤhnlich iſt. Ich glaube nicht, erwiederte ihm Alt⸗ heim, daß blos das Ungewoͤhnliche an dem Spiele dort es iſt, was uns hier⸗ her gezogen hat. Ich ſchreibe dieſen Zauber vielmehr der tief tragiſchen Idee zu, die nicht allein in unſeren Trago⸗ dien, ſondern auch in dieſem Kampfe der Koͤrperkraͤfte des Menſchen mit ſeinen feindſeligen Elementen liegt. Ich muͤßte leider fuͤr dieſen Ort zu weit⸗ läufig werden, wenn ich das naher aus⸗ einander ſetzen wollte. Ich verſtehe Dich! ſagte Heinsberg. Aber wuͤrde aus Deiner Behauptung, 88 —— freilich durch eine lange Reihe von Schlußſätzen, nicht folgen, daß der Menſch von dem naͤmlichen Gefuͤhle zum Anblick einer Hinrichtung und eines Seiltanzes gezogen würde? Und warum nicht? fragte Altheim. Iſt das denn nicht in der That auch der Fall? Bei rohen Menſchen! warf der Eng⸗ länder, etwas ſtolz, ein. In England geht kaum der gemeinſte Matroſe vor die Thuͤre, um einer Piniönſ zu⸗ zuſehen. Allerdings, erwiderte Aithein, weil in England das Aufhängen ſo gewöhn⸗ lich geworden iſt, wie in einer Garni⸗ ſonſtadt der Zapfenſtreich. — Der Direktor der — ——— ſchaft trat in dieſem Augenblicke raſch einige Schritte vor, klatſchte in die Haͤnde, und augenblicklich fingen auf dieß Zeichen die Muſikanten an zu ſpielen. Das kleine Maͤdchen erblaßte, als es die einfoͤrmigen Toͤne hoͤrte; ſie wa⸗ ren ihm ein Zeichen, daß jetzt ſeine Arbeit und ſeine Gefahr beginne. Doch ermuthigte es ſich, als der Direktor, ſein Vater, ſich ihm nahete, es bei der Hand nahm und naͤher zu dem Geruͤſte fuͤhr⸗ te. Zwei Knechte ruͤttelten an dieſem, ob das Seil feſt und ſtraff genug ſey und ſetzten dann eine kleine Leiter an. Nit zoͤgernden Schritten ſtieg die Flei⸗ ne hinauf, waͤhrend der Vater, nicht ohne Zartlichkeit, ihr Muth einſprach. Bajazzo beſtrich ihr die Schuhſohlen mit Kreide, gab ihr dann einen leich⸗ ten Schlag mit ſeiner Muͤtze und rief 90 frohlich: Courage, Mamſell! Sie nahm die Balangirſtange, die der Vater ihr reichte, ſie verſuchte ſie furchtſam, mit einem halben Blicke nach ihrem Vater. Dann ſetzte ſie langſam Einen ihrer kleinen Fuͤße auf das duͤnne Seil, dann noch langſamer den andern. Der Va⸗ ter blieb neben ihr, keinen Blick von ihr ſchlagend. Sie ſchritt ungewiß wei⸗ ter, ſie wankte, ihr bleiches Geſicht wurde noch bleicher. Der Vater ſprang veſorgt näher und hob die Arme auf, als wenn er bei einem etwaigen Falle ſie ſogleich auffangen wolle. Doch ſie ſammelte ſich wieder und ging jetzt ra⸗ ſcher, obgleich noch immer zoͤgernd, ei⸗ nige Male auf dem Seile auf unb nie⸗ der. Auf einmal winkte der Vater der Muſik, dieſe ſchwieg und eine ſanſte Roͤthe der Frende ſtieg in dem zarten Geſichtchen der Kleinen auf. Vielleicht 91 zum erſtenmale den ganzen Tag ath⸗ mete ſie froh auf; ſie wagte ſogar ei⸗ nen kleinen Sprung auf dem Seile und mit einem froͤhlichen Laͤcheln ſprang ſie dem harrenden Vater in die Arme. Er druͤckte ſie mit Liebe an ſein Herz und ſetzte ſie auf einem Stuhle nieder. — Die ganze Szene hatte etwas Ruhren⸗ des. Selbſt die roheſten Zuſchauer ga⸗ ben ſich ſchweigend dem Anblicke des zarten Kindes hin; in manchen Frauen⸗ augen ſtanden Thraͤnen. Die Reihe kam jetzt an den klei⸗ nen Knaben, der ebenfalls ein Kind des Direktors war. Muthig ſprang er zu dem Geruͤſte, kletterte, ohne einer Leiter zu beduͤrfen, hinan auf das Seil, und neckte den Bajazzo, wahrend die⸗ ſer auch ihm die Schuhſohlen mit Krei⸗ de beſtrich. Dann vrerſuchte er ſelbſt das Seil, ob es feſt genug geſpannt 1 1 92 ſey, ergriff raſch die neben ihm ange⸗ lehnte Balangirſtange, wog ſie gleich⸗ guͤltig und ſchritt dann kuͤhn, erſt lang⸗ ſam, doch immer geſchwinder, auf dem Seile auf und ab. Bald ſetzte er dann die Fuͤße kunſtlicher, zuletzt ſprang und tanzte er, bald vorwaͤrts, bald ruͤck⸗ waͤrts. Dann auf einmal warf er die Balangirſtange fort, ergriff zwei Fah⸗ nen, die ihm Bajazzo hinaufreichte und machte nun, dieſe ſchwingend, dieſelben Bewegungen noch einmal, bis, auf ei⸗ nen Wink des Vaters, die Muſik ſchwieg. Raſch ſprang er jetzt hinunter. Eine Zeitlang blieb jetzt das Seil leer, waͤhrend Bajazzo die Menge mit ſeinen Spaßen unterhielt, dann An⸗ ſaͤtze wagte, als ob er auf das Geruſte klettern wolle, dann ſich ungeſchickt her⸗ unterfallen ließ und ſich beklagte, oder prahlte, u. dgl. Nach einer Weile aber 6 —.— ſchritt der vorhin genannte ſchön ge⸗ baute Jüngling näher. Kraft, Gewand⸗ heit und Sicherheit lag in allen ſeinen Be⸗ wegungen und Mienen. Mit Gleich⸗ gultigkeit unterſuchte er Gerüſte und Seil, ob alles feſt und ſicher ſey; mit einem gefälligen Anſtande begrüßte ſer dann die Zuſchauer; mit einem leichten Satze war er oben. Er ging hier nicht, er ſprang, er tanzte, er machte die kuhnſten, verwegenſten Sätze, hoch in die Luft hinein uͤber dem Seile, bald vorwärts, bald ruͤckwärts. Er ließ ei⸗ nen Faden drei Fuß hoch uͤber dem Seile empot halten, und ſprang leicht hinuͤber und ſtand wieder auf dem Seile und wankte nicht. Dann wurde eine kleine Tragbahre gebracht und darauf das kleine Maͤdchen, die aber jetzt mu⸗ thiger um ſich blickte. Es wurde quer uͤber dem Selle empor gehalten, uͤber 94 drei Fuß hoch; aber ohne Gefahr ſprang der Jüͤngling daruber weg und ſtand wieder gerade auf dem Seile und wankte wieder nicht. Dann ſebte er ſich nieder auf dem Seile und ließ die Beine lang herunter haͤngen, und auf einmal ſprang er auf, ohne ſich mit den Händen zu helfen, denn er hielt darin die ſchwere Balangirſtange; und er ſprang wieder herunter und ſetzte ſich und ſprang wie⸗ der in die Hoͤhe, ohne das Gleichge⸗ wicht zu verlieren⸗ Jetzt erſcheint Bajazzo mit zwei maͤ⸗ ßigen Koͤrben. Was will er damit? Er bindet dem Juͤngling an jeden Fuß Einen. Das Volk lacht, es vermuthet einen Spaß, denn mit den Koͤrben an den Füßen kann der Jungling ſich kaum auf der Erde bewegen, geſchweige auf dem unſichern Seile. Und dennoch. Er⸗ ſtaunen ergreift den ganzen Platz. Mit —————————— Leichtigkeit bewegt der gewandte Seil⸗ taͤnzer ſich auf dem Seile, trotz dieſer hemmenden Laſt an ſeinen Fuͤßen. Er ſchreitet darin vorwärts, er geht darin ruͤckwarts; er ſpringt, er tanzt darinz er macht kuhne Sätze, ſchlägt in der Luft die Koͤrbe aneinander und ſteht darin wieder auf dem Seile, ohne Fehl⸗ tritt, ohne zu wanken. Es iſt kaum zu begreifen. Lange trieb er dieſes Spiel unter Jauchzen und Klatſchen der Zuſchauer. Dann ſtieg er ermuͤdet herunter, wiſchte ſich den Schweiß aus dem glühenden Geſichte und begab ſich in das Zelt. Bajazzo's Interregnum begann wie⸗ der, aber nur auf kurze Zeit, denn plotzlich wurde oben aus dem Dachfen⸗ ſter eines der hoͤchſten Haͤuſer am Vier⸗ ecksplatze ein Seil heruntergelaſſen, deſ⸗ ſen unteres Ende die Knechte an dem 96 Gerüſte befeſtigten. Es ging faſt ſteil in die Höhe, über hundert Fuß hoch⸗ Auch auf dieſer ſchmalen Bahn ſoll Je⸗ mand gehen? Schwindel erfaßt Einem, wenn man daran hinaufblickt. Da öffnet ſich der Vorhang des Zel⸗ tes und ein leiſer Nuf des Erſtaunens durchfliegt den Platz. Eine Jungfrau tritt heraus, voll Liebreiz und Zauber, wie wir jene überirdiſchen Weſen uns votzuſtellen pflegen, welche einen benei⸗ denswerthen Sterblichen zuweilen mit ihrer herzinnigen, treuen Liebe beglů⸗ cken. Groß und ſchlank und zart war ihre Geſtalt und doch ſo voll und üp⸗ pig zeigte die enge Bekleidung die ſchö⸗ nen Formen. Kaſtanienbraune Locken wallten über dein weißen Nacken, dun⸗ kelblaue Augen leuchteten ſo ſanft un⸗ tet der ſinnigen Stirn hervor. Es war nicht möglich, ſie anzuſchen, ohne zu⸗ —————————————————— —— ——————— Zleich von den ſußeſten Empfindungen bewegt zu werden, deren das menſchli⸗ che Herz fähig iſt. Es war das Maͤd⸗ chen, von der beim Anfange des Schau⸗ ſpiels die Zuſchauer geſprochen hatten. Erroͤthend ſenkte ſie die Augen, als ſie auf den gefullten Platz trat und ſtand einige Sekunden in holder Be⸗ ſchaͤmung da. Dann hob ſie den Blick und ihre Geſtalt. Aber ſie erblaßte, als ſie das Seil ſah und mit einem ſchnellen Blicke die Höhe des Dachfen⸗ ſters maß. Doch nur einen Augenblick. Sie nimmt muthig den Arm des Di⸗ rektors, der ſich ihr mit Ehrfurcht na⸗ het und ſie zu dem Geruͤſte fuͤhrt. Sie ſieigt mit ſicheren Tritten die Leiter hin⸗ auf, laͤßt oben ſich ruhig die Schuhſohlen mit Kreide beſtreichen, waͤhrend ihre Blicke noch einmal das Seil meſſen und die Höhe, die ſie darauf durch⸗ 7 98 ſchreiten ſoll. Doch auf einmal erblaßt ſie wieder, ihre Geſtalt ſcheint zu be⸗ ben; ein Zug der hochſten Angſt ſteigt plötzich in ihr Geſicht; ihre Lippen be⸗ wegen ſich, als wenn ſie durch einen lauten Schrei der Angſt ihres Herzens Luft machen wollen. Alle Zuſchauer ſolgen der Richtung ihres nach oben gewandten Blickes und das Mitleid, das man ſchon mit der Armen fuͤhlt, ver⸗ doppelt ſich. Eine bejahrte Matrone, mit bleichem, abgehaͤrmtem Geſichte, lehnt eben in dem Fenſter, in welchem das Seil befeſtigt iſt. Sie ſchaut hin⸗ unter auf den Platz, auf das zitternde Maädchen unten und die hoͤchſte Angſt malt ſich in ihrem Geſichte. Es iſt ihre Mutter! fluͤſtert von Mund zu Mund der weite Platz, der ſeit dem Erſchei⸗ nen der Jungfrau ſtumm und regungs⸗ — los geweſen war. Auch die Zuſchauer faßt jett größere Angſt. Die unglück⸗ liche! Ach! vielleicht zum letztenmale hat ſie eben die geliebte Tochter an ihr Herz gedruͤckt; zum letztenmale ſieht ſie ihre tiefblauen Augen, zum letztenmale ihre ſchöne Geſtalt! Nur um ein Haar breit braucht ſie auf dem dünnen Seile zu weichen, zu wanken, nur ein leiſer Windſtoß braucht ſie zu treffen, und ſie liegt zerſchmettert am Boden, auf den ſpitzen Steinen. Doch die Jungſrau faßt von neuem Vut Sie ergreift die Balangirſtan⸗ ge, die der Direktor ihr hinaufreicht, ſie ſchreitet vvran, in die Hoͤhe, unge⸗ wiß, langſam. Freilich werben ihre Schritte immer feſter, ſicherer; aber das Geſicht wird immer angſtlicher, im⸗ mer bleicher, je hoͤher ſie ſich in die Luft erhebt, je mehr der Boden und „ 7¹ —.——————————————— — ———— — 100 die Tauſende von Menſchen ihrem Bli⸗ cke ſich entfernen. Wer koͤnnte ohne Angſt bleiben, wenn er das zarte, blaſſe Mädchen ſo hoch in den Lüuften auf dem dünnen, ſchmalen Seile, ohne alle Unterſtutzung, ohne alle Huͤlfe, wie ein Geſpenſt da⸗ her ſchweben ſieht? Die Herzen der Zuſchauer ſchlagen ſchneller, ihr Blut ſtroͤmt raſcher. Man faßt die Kuhnheit der ſchwachen Jungfrau nicht und nicht ihre Geſchicklichkeit. Daß ſie nicht ſchwindlich wird, daß nicht Ein Blick in die immer furchtbarer werdende Tiefe ſie unreitbar in den — Sie iſt immer weiter, pheisne ſchritten. Bald hat ſie das Fenſter er⸗ reicht, bald iſt ſie in den Armen der zagend daſtehenden Mutter, die mit verſtortem Geſichte nicht nach unten zu — „* 401 blicken wagt, ſondern nach oben ſchaut in des Himmelsgewölbe und betet für das arme Kind. MNoch Ein Schritt! Und noch Einer! Sie ſchwenkt die Ba⸗ langirſtunge; ſie lächelt. Das Blut kehrt in das bleiche Geſicht, in die er⸗ ſtarrten Wangen zuruͤck. Sie ſpringt froͤhlich empor, ſie hat das Fenſter er⸗ reicht, ſie liegt an dem Herzen der Mutter und druckt, freundlich laͤchelnd, die Thraͤne weg, die unter den er⸗ grauten — ſich vehrith 5 i Doch nicht lange darf ß ie pie gu ahn Kaum eine kleine Minute und ſchwankend, obgleich ſchon kühner, tritt ſie den gefahrlichen Ruͤckweg an, das ſteil geſpannte Seil hinunter. Mit je⸗ dem Schritte wird ſie muthiger, denn ſie nahet ſich dem ſichern Boden, den nur fuͤr ſie ſchlagenden Herzen der Men⸗ 102 —.— ſchen. Endlich iſt ſie am Ziele, ſie leicht vom Gerüſte auf den Bo⸗ Doch nicht lächelnd begrußt ſie ſhütende Erde, denn noch iſt das gefährliche Spiel nicht vorbei. Noch Eintnal ſoll ſie den ſchrecklichen Weg machen; noch mehr werden die Gefah⸗ ten ethöhet, die ihrer darauf warten. Nach wenigen Momenten der Erho⸗ lung ſteigt ſie wieder auf das Geruſtz man rticht ihr jetzt eine kleine Schieb⸗ rarts hauf; ſie ſoll ſie den ſchmalen Pfad hinauf und herunter ſchieben. Schweigend ſpannt ſie ſich hinein, bindet ſich die Stangen, an denen ſie geſcho⸗ ben witd, um den ſchlanken Leib feſt. Pas Rad ver kleinen Karre, welches ronkab iſt, rühet auf dem Seile. Dann, einen ſteundlichen, Muth einſprechenden Blick zu der noch immer zagend har⸗ renden Mutter hinauf werfend, faßt ſie —— muthig die Balangirſtange und ſchrei⸗ tet langſam das Seil hinauf, indem ſie mit dem Leibe muͤhſam die Karre vor⸗ an ſchiebt. Aber ſie wird doch wieder blaſſer und immer blaſſer, je hoͤher ſie ſteigt. Behutſam ſetzt ſie Einen Fuß vor den Andern, mit Anſtrengung nur ſchiebt ſie die Karre den ſteilen Weg hinauf. Schweiß, halb der Angſt, halb der Beſchwerde, ſteht auf der bleichen Stirne. Auch den Zuſchauer faßt die Angſt immer entſetzlicher. Er wagt kaum zu athmen. Jeden Augenblick fuͤrchtet er, Karre und Maͤdchen herunter ſtuͤrzen zu ſehen, in den offenbaren Tod. Der Vogel in der Luft, der das Haupt der Jungfrau umſchwebt, jagt ihm Schre⸗ cken ein, als wenn er ſie beruͤhren und dann herunterwerfen koͤnne. Man kann vor Angſt die Augen nicht zu ihr er⸗ ———— ————— heben, man kann ſie vor Angſt nicht von ihr wegwenden. Wie mag der ar⸗ men Mutter da oben zu Muthe ſeyn, die die zitternden Arme in die Luft ſtreckt; wie mag ihr Herz und ihr Blut ſtocken in emſetzlicher, namenloſer Angſt! Selbſt der Direktor unten haͤlt den Athem an und ſtarrt mit angſtlichen Blicken in die Hoͤhe. F Aber ſieh! Ein kuhner Satz und ſie iſt ja ſchon oben; ſie ruhet zum zwei⸗ tenmale an dem Herzen der liebenden Mutter. Freilich wieder nur einen Au⸗ genblick, denn ſchnell reißt ſie ſich wie⸗ der los und tritt auf dieſelbe Art ih⸗ ren furchtbaren Ruͤckweg an. Aber das dreimalige Gelingen hat ihren Muth geſtärkt. Sie geht ſicherer, raſcher. Sie wagt ſogar die Augen von dem duͤnnen Faden abzuwenden, auf dem ſie ſchreitet und auf die Menſchen unter ihr — ———— — ————— — ———— hinabzublicken. Bald iſt ſie bei ihnen. Sorgloſe, noch immer iſt der leiſeſte Fehltritt dein unvermeiblicher Tod! Sie verdoppelt ihre Schritte, im⸗ mer muthiger; und in wenigen Au⸗ genblicken iſt ſie unten und Gefahr und Spiel und Alles vorbei. Sie wendet noch einmal ihre Blicke nach oben, das Seil hinauf, gleichſam als wage ſie erſt jetzt, ihr Wageſtuͤck ganz zu be⸗ trachten, dann geht ſie mit langſamen Schritten in das Zelt zuruck und ver⸗ ſchrindit den Augen der Zuſcaurt— Die Brünette, die bisher ohne a⸗ thigen Antheil dageſtanden hatte, ſoll⸗ te jetzt den Eiertanz, zum Beſchluſſe bes heutigen Spiels, aufführen; doch der groͤßere Theil der Zuſchauer war zu bewegt, beinahe angegriffen, um noch länger ausharren zu konnen. ———— 106 Man zerſtreute ſich nach allen Sei⸗ ten und nur Wenige — —— — Eiertanz. üꝛ 56 Die Verliebten⸗ Es war an dieſem Tage geiwß Nie⸗ mand auf dem Vierecksplatze in Bonn geweſen, der durch das Erſcheinen der ſchoͤnen Seiltänzerin, deren Name An⸗ gelika bald von Mund zu Munde ging, nicht auf das Lebhaſteſte ergriffen ge⸗ weſen und Gefühle in ſeinem Innern hätte auftauchen fuhlen, die ſein Herz mit einer ſuͤßen, ſchwaͤrmeriſchen Sehn⸗ ſucht erfuͤllten. Aber den tiefſten Ein⸗ ti druck hatte dies Erſcheinen auf den Ba⸗ ron von Heinsberg gemacht. So wie die liebliche Geſtalt aus dem Zelte her⸗ vorgetreten war, hatte ein wunderba⸗ res Sehnen ſich ſeines Buſens bemäch⸗ tigt. Er hatte nur noch Augen für ſie. Und als ſie nun ſo zuͤchtig die Au⸗ gen nioberſchlug und dann ſo aͤngſtlich und doch ſo muthig zu dem Geruͤſte trat und ihr gefaͤhrliches, todtbringen⸗ des Spiel begann und ſie jetzt einen kurzen, halben Blick auf die Zuſchauer um ſich her warf und der Zufall es wollte, daß dieſer Blick gerade auf ihm, der ihr ſehr nahe ſtand, eine halbe Se⸗ kunde ruhen blieb: da zogen immer le⸗ bendigere, beſtimmtere, aber auch we⸗ here Gefuͤhle in ſein Herz ein; er haͤtte ſein halbes Leben darum gegeben, wenn ſie noch einmal ſo mit dieſem innigen blauen Auge ihn angeblickt haͤtte, und * ſo wie ſeine Augen nur an ihr haſte⸗ ten, ſo war auch ſein ganzes Gefühls⸗ vermögen nur fur ſie da. Er hielt den Azhem an, als ſie emporſtieg, er hätte dem Winde gebieten mögen, zu ſchwei⸗ gen, damit ſie das Gleichgewicht nicht verliere, er litt in namenloſer Angſt tauſendmal mehr, als vielleicht ſie ſelbſt. Und als ſie dann oben das Fenſter er⸗ reichte und ſich an das Herz ihrer Mut⸗ ter warfz o wie ſo unendlich gern hätte jetzt er dort oben ſeyn maͤgen und brei⸗ ten ſeine Arme nach ihr aus und fan⸗ gen ſie darin auf und laſſen ihren ſchoͤ⸗ nen, wogenden Buſen an — — zen ruhen. S Er war erſchoͤpft, ats da Sni veendigt war; in einer Art von Be⸗ täubung ſah er ſie in dem Zelte wie⸗ der verſchwinden. Dann konnte er es aber auf dem Platze nicht mehr aus⸗ — —— halten. Wie hatte er es noch anſehen können, daß die Bruͤnette mit dem fre⸗ chen Blicke den Eiertanz tanzte, nach⸗ dem er das zarteſte Weſen, was nur je ſeine Augen und ſeine Phantaſie ge⸗ ſchauet hatten, ſein Leben der entſetz⸗ lichſten Gefahr hatte ausſetzen ſehent Er drangte ſeine Begleiter fort. Stumm, träumeud ging er neben ihnen; er hatte weder ein Ohr füͤr Altheims treffende, noch fur des Lords fade Bemerkungen. Erſt als er im Gaſthofe erzaͤhlen horte, wie man allgemein vermuthe, die Taͤn⸗ zerin Angelika ſey geraubt, wie aber ein undurchbringliches Dunkel auf ih⸗ ren Sickſalen ruhe, erſt da yoͤrte er wieder auf etwas Anderes, als auf den Sturm der Empfindungen in ſeinem Innern. Doch nicht lange; bald ver⸗ fiel er wieder in ſein ſüßes Träumen. Auch Altheim war ſtiler noch wie ge⸗ 110 wöhnlich und ſo kamen die drei Reiſe⸗ gefaͤhrten denn ziemlich ſchweigſam des Abends ſpaͤt auf der Inſel Nonnen⸗ werth wieder an. Als hier aber der Sun ſich untfernt hatte und die beiden Freunde nun allein waren, durch das offene Fenſter in die friſch duftende Nacht ſchaueten und auf den klaren Fluß und in die dunkeln Gebitge druͤben, da oͤff⸗ ueten ſich gegegenſeitig ihre Herzen⸗ Ottomar! hob Altheim an; Du nannteſt geſtern das Ideal unſers Her⸗ zens einen Blick in den Himmel. O iſt vann nicht auch unſer Blick in ein ſcho⸗ nes Auge ſchon dieſer Blick in den Himmel, wenn wir in jenem Auge, wie in einem koſtlich klaren Spiegel unſer Ideal wieder erblicken? Heinsbetg fuhr, feſt erſchuttert durch dieſe Worte, aus ſeinen Traumereien ——— auf. Um Gotteswillen, Karl! rief er. Wie kommſt Du zu der Wahrheit die⸗ ſer Worte? Und jetzt? gerade jetzt? — Da umfing ihn der Freund. Mein Ottomar, ſprach er; ich habe peute die⸗ ſen Blick gethan. O, ich habe das Ideal geſchauet, in der Wirklichkeit ge⸗ ſchauet, das ſo lange, wie ein ſüßer, aber ewig unerreichbarer Traum in mei⸗ ner Seele ſtand. So fromm, ſo de⸗ muͤthig, ſo liebend, ſo aufopfernd, ſo ganz ſchoͤn Weiblichkeit muß das We⸗ ſen ſeyn, deſſen Beſitz allein im Stan⸗ de iſt, hienieden mir Gluͤck zu verſchaffen. Und Du haſt ſie gefunden? fragte Heinsberg nicht ohne Beben. Ja! rief Altheim in hoher Freude. Ich habe ſie gefunden, heute! hier! Den ganzen Tag hat es mich unwider⸗ ſtehlich gedraͤngt, es Dir mitzutheilen; gluͤcklich die Stunde, wo ich es kann! Er etzählte ſein Abentheuer vom Morgen. Emma, die Tochter des Ge⸗ neralintendanten, war das ſchoͤne Bild, in dem er ſein Ideal wiedergefunden zu haben glaubte. Heinsberg athmete tief auf, er hatte gefürchtet, den Na⸗ men Angelika zu horen; die erwachen⸗ de Liebe iſt ja ſo gern eiferſuͤchtig. Auch er umfing ſeinen Freund jetzt und pries ihn glucklich und enitdeckte ihm dann, wie auch er ſein Ideal gefunden, in dem frommen, treuen, unſchuldigen Auge Angelika's, und wie er ſo unaus⸗ ſprechlich gluͤcklich ſey und doch ſo un⸗ gläcklich; wie er ein unenbliches Seh⸗ nen fühle, ſie wiederzuſehen und wie er dennoch ſich fuͤrchte, vor ſie zu tre⸗ ten. Nicht aus Ruckſichten gegen die Welt und deren Meinungen! ſagte er; aber was ſoll ich ihr ſagen? Unter wel⸗ chem Vorwande ſoll ich mich ihr nahen? ——— Muß die Arme, Gequalte, die Scla⸗ vinſnicht Mißtrauen in meine redlich⸗ ſten Abſichten ſetzen? Muß ſie nicht in jedem meiner Worte Lug, in jedem Schwure einen Meineid finden, und ſo haſſen und verabſcheuen, wo ihre Liebe mich zum glücklichſten — 2 winden i Lange ſaßen die Iteunte neben ein⸗ ander und theilten ihre Hoffnungen und Wünſche, und ihre Freuden und Leiden ſich gegenſeitig mit. Erſt als die ſpate Mitternacht die ganze Inſel, und Berge und Thaͤler ringsum i in ſtil⸗ len Schlummer gewiegt hatte und nur der alte Vater Rhein ruhig ſeinen raſt⸗ loſen Lauf fortſetzte, ſchieden ſie, um ebenfalls Ruhe zu ſuchen. 7 — 3 8. Dis Gefühlvollen. Spiät am nächſten Morgen ſtand Alt⸗ heim auf; ſein Freund Heinsberg war ſchon nach Bonn geritten. Spaͤhend nach allen Fenſtern, ging er um das weitlaͤufige Kloſter; ſpähend durchſuchte er den ganzen Garten und alle heim⸗ liche Plaͤtzchen der Inſel. Aber er fand nicht, was er ſuchte. Ein Kellner be⸗ gegnete ihm; er wußte das Geſpräch auf den Generalintendanten zu bringen und erfuhr, daß dieſer am Morgen früh mit Tochter und Neffen die Inſel verlaſſen habe, um eine Streiferei durch die benachbarte Gegend zu machen. Da wurde es auch Altheim zu enge auf der Inſel. Er ließ ſich üͤberſchiffen auf — das rechte Ufer, ging in das Doͤrfchen Honnef und von da, um ungeſtoͤrt ſeinen Träumen nachhangen zu können, planlos ins Siebengebirge. Es war ein ſchöner Morgen. Ein Gewitter, das fruͤh, kurz vor der Däm⸗ merung, ausgebrochen war, hatte die Luft abgekuͤhlt und durch einen war⸗ men Regen Feld und Wald erquickt. Das Laub grünte friſcher, die Vögel ſangen frohlicher. Jener liebliche Duft, den der warme Regen eines Frühlings⸗ gewitters zu verbreiten pflegt, durch⸗ drang, wie ein erquickender Athem der ſtillen Natur, die Lufte. Sinnend ſchritt Altheim ins Gebir⸗ ge hinein, ſein Weg füͤhrte ihn, ohne daß er es wußte, die Loͤwenburg hin⸗ an. Er dachte uber Vergangenheit und Zukunft nach; über die Liebe, die er aufgegeben und uͤber die Liebe, die von 8* 116 neuem in ſeinem Herzen ſich feſtzuſetzen drohete. Sollte, konnte er jene ganz aufgeben? Durfte er dieſe verfolgen? Noch nie hatte dieſe Alternative ſo nahe ihm gelegen. Sein Inneres gerieth in einen heftigen Zwieſpalt. Da hatte er die Höhe der Loͤwenburg erreicht, und als er nun von der Einen Seite in die ſich ubereinander thuͤrmenden Berge ſah, und nach den ubrigen Richtungen ſein Auge in die unbegrenzten Fernen ſchweif⸗ te, bis wo Himmel und Erde in ein⸗ ander zu fließen ſchienen, und er danm an ſich ſelbſt dachte, wie er ſo allein ſtand auf der hohen, menſchenleeren Spitze, unter der morſchen Ruine, da zog ein unendlicher Schmerz in ſeine Bruſt ein; da war es ihm, als muͤſſe er ſein ganzes Leben lang ſo ſtehen, allein in der Welt, ohne Ein Weſen, dem er mit der vollen, ſeligen und be⸗ 117 ſeligenden Liebe ſich hingeben konnte. Er kam ſich ſelbſt vor, wie eine mor⸗ ſche Ruine. Und als dann ſein Blick, unwillkührlich, in jene Ferne ſich rich⸗ tete, in welcher die verlaſſene Adeline weilte und nun das Bild der Unglück⸗ lichen, der um ihn Ungluͤcklichen, ge⸗ waltſam und lebendig ſich ihm auf⸗ draͤngte, da war es, als wenn zugleich eine zürnende Stimme in ſeinen Schmerz hineinriefe: Elender, nur du ſelbſt haſt dir dieß Elend geſchaffen! Er jloh von der leeren Höhe, er mußte wieder zu Menſchen, zu einer lauten Umgebung. Aber er vertiefte ſich jenſeits der Loͤwenburg in Schluch⸗ ten und Gruͤnden, bis er nach langer Zeit am Fuße des Drachenfelſens vor einer einſamen Meierei ſich wieder fand. Durſtig und erſchoͤpft ging er auf das Haus zu, um ſich einen Trunk Milch 118 auszubitten. Auf einmal hörte er aus einer Laube neben dem Hauſe durch eine ſtarke, grobe Stimme ſich angeru⸗ fen: Ei, guten Tag Herr von Altheim! woher kommen Sie denn in der Hitze? Er erkannte ohne Mühe die Stim⸗ me des Herrn von Bolte. Sonderba⸗ rer Widerſpruch im Menſchen. Mit ei⸗ nem Male war aller Streit in ſei⸗ nem Innern verſchwunden; eine plotz⸗ liche ſüße Freude verbannte ihn. Wo der Alte war, mußte auch die Tochter ſeyn. Raſch ſprang er zur Laube, er hatte ſich nicht betrogen. Der Inten⸗ dant, Emma und der Neffe, ein recht hubſcher junger Mann, deſſen Geſicht vorzuglich durch eine große Blaͤſſe in⸗ tereſſant wurde, ſaßen hier bei einem einſachen ländlichen Mahle. Emma em⸗ pfing den Ankommenden mit einem lei⸗ ſen Erröthen, aber mit einem Blicke, der ſo herzlich und freudig war, daß Altheim, wenn er ihn ganz gewahrt hätte, in das lebhafteſte Entzuͤcken haͤtte gerathen muͤſſen. Aber ſchon ſo war er gluͤcklich; er ſah ja ſdie Liebliche wie⸗ der, mit welcher nur ſein Herz ſich be⸗ ſchaͤftigte; ihre frommen Augen ſtroͤm⸗ ten ihm ja wieder Wohlwollen entge⸗ gen und goſſen Ruhe in ſeine des Frie⸗ dens bedurfende Bruſt. Der Vater ladete ihn ein, ihr Gaſt zu ſeyn. Er konnte das nicht abſchla⸗ gen; und o, wie ſuß durchſchauerte es ihn nicht, als ſie mit holder, verſchaͤm⸗ ter Liebenswuͤrdigkeit ihm Platz an ih⸗ rer Seite machte und er dann neben ihr ſaß, ganz dicht neben ihr auf der engen Gartenbank, ſein Knie an dem ihrigen, ſeinen Arm an ihrem Arm. Und als ſie dann ihm vorlegte, freund⸗ lich und beſorgt, ſo ganz ohne alle Steif⸗ heit der Convenienzgeſelligkeit, als ſie ihn, mit freundlicher Aengſtlichkeit, bat, in der Hitze, in der er ſich befinde, nicht ſogleich die kalte Milch zu genie⸗ ßen und ſie dabei, um ihre Warnung eindringlicher zu machen, die zarte klei⸗ ne Hand an ſeine glühende Wange legte und fuͤhlte, wie heiß ſie ſeyz o wie unendlich gluͤcklich fühlte er ſich da, von welchem ſußen Zauber der ſuͤßen Leidenſchaft wurde er da beſtrickt! Es war ihm, als ſey er ſchon Jahrelang ebei ihr geweſen, als liege ihr ganzes Herz mit ſeinen Gefühlen, Wuͤnſchen und Hoffnungen, mit ſeinen Leiden und ſeinen Freuden, ſchon offen vor ihm da: fromm und unſchuldig, treu, nish 1. nach treuer Liebe ſehr nend. * — nueehlih⸗ guct. Sſii widerliche Flachheit, die an⸗ 1 12¹ maßende Gemeinheit des Vaters wurde ihm ertraͤglich; es war ja ihr Vater! Adelinens Andenken verſchwand aus ſei⸗ nem Gedächtniſſe; nur in der Gegen⸗ wart lebte er, die ſo ſchoͤn war und die noch immer ſchoͤner fuͤr ihn werden ſollte. Nach dem Mahle forderte der Herr von Volte die kleine Geſellſchaft, zu der jetzt auch Altheim gehörte, auf, die Streiferei durch das Siebengebirge fort⸗ zuſetzen. Und nur raſch, ſetzte er hin⸗ zu; ich bin des Laufens und Kletterns auf den ſteilen Bergen muͤde. Dafuͤr lobe ich mir den ebenen Sand bei uns. Denn, bei Lichte beſehen, was ſind die ſchoͤnen Ausſichten, von denen Ihr ſo viel ſchwatzet? Ihr ſeht doch nicht weiter, als Euer Auge reichet und das koͤnnt Ihr in der Ebene anch. Ob Ihr drei oder vier, oder wenn es gar hoch kommt, fuͤnf Meilen weiter ſehet, was habt ihr dadurch gewonnen? Nichts, als daß Ihr in einen groͤßeren Raum ſehet, worin mehr Narren ſind! Alſo doch, fiel laͤcheld der Neffe ein; alſo ſehen wir alle dann doch über mehr Narren hinweg; und über je mehrere Narren man erhoben ſteht — Biſt Du mit Deiner laivialen Logik wieder da? antwortete der Alte ihm aͤrgerlich. Ich lobe mit nun einmal die flachen Gegenden; meine Heimath iſt auch flach. Zudem bieten ſie auch ein beſſeres Terrain. Wie wollte man hier eine Schlacht liefern können? Wel⸗ che Muͤhe wuͤrde es mir, als General⸗ intendanten, koſten, hier anſtändige, bequeme Cxerzierplatze zu finden! Ein ehrlicher Kerl muͤßte verzweifeln uͤber alle die Hoͤcker und Puckel der Berge, uͤber die Hohlwege und Schluchten. Dieß Geſpraͤch wurde noch eine lan⸗ ge Weile fortgeſetzt, indem der Neffe den alten Herrn, dem das Alleingehen zu beſchwerlich wurde, fuͤhren mußte. Altheim und Emma hoͤrten nichts da⸗ von; ſie gingen voran und ganz andere Geſpräche beſchaͤftigten ſie, wenn gleich auch ſie von der Schoͤnheit der Gegend ſprachen. Emma erzaͤhlte die Streiferei, die ſie heute ſchon gemacht hatten „wie ſie bis Oberkaſſel den Rhein hinunterge⸗ ſchifft, dann uͤber Dollendorf ins Sie⸗ bengebirge gegangen ſeyen; zuerſt links um den Petersberg herum in ein ſchoͤnes, fruchtbares Thal, wo es ſo ſtill und heimlich geweſen. Aber auf einmal hatte die Ausſicht ſich geoffnet, der Pfad hatte ſie bergauf gefuͤhrt und plotzlich lichtet ſich der Wald, ſie ſtehen vor einer ehrwuͤrdigen Ruine, vor der Ruine des Kloſters und der Kirche Hei⸗ 124 ſlerbach, die, mahnend an eine ſchöne Vergangenheit, ſo ernſt und ſchaurig von ihrer ſanften Anhoͤhe in das ſich oͤffnende Rheinthal hinabſchauet. Sie durchwandern die ſtillen Truͤmmer, von deren ehemaligem Glanze noch das halb⸗ erhaltene Portal der Kirche zeugt, ſo edel und doch ſo einfach gebaut. Sie erklimmen dann den Petersberg, treten in die reinliche Kapelle auf ſeiner Spi⸗ tze und ſchauen von der Hoͤhe tief in das Land hinein, über Staͤdte und Doͤrfer, uͤber Landſtraßen und Fluſſe, bis wo blauer Nebel dem Auge alles unkenntlich macht. Sie ſteigen dann wieder hinab ins Thal und kommen durch wunderherrliche Windungen in Flur und Wald bis an die Meierei am Drachenfelſen, wo vi . — den hat. 9 Sie erzaͤhlte das Alles ſo einfach ————— und ungekünſtelt und anſpruchslos und entfaltete dennoch dabei einen ſo ſchö⸗ nen, ihr ſelbſt unbewußten, Reichthum des Gemuͤths und des Geiſtes. So hatte Adeline nicht empfinden können! Altheim wurde jeden Augenblick entzuck⸗ ter; er glaubte jeden Augenvlick ſich ihr und ſie ihm naher, bis ſie zuletzt nur Ein Weſen, Eine Seel⸗, Ein Herz ausmachten. O, wie konnte er, wenn ſie neben ihm ging und ihm ihre Hand reichte, damit er ſie den ſteilen Pfad zum Drachenfelſen hinauffuͤhre, ſich hal⸗ ten, daß er nicht ihren ſchlanken Leib umfaßte und ihr Herz an das ſeinige und ihre Lippen an ſeine Lippen zog! Endlich hatten ſie die Hoͤhe erreicht und überraſcht ſtanden ſie Alle neben der Ruine, als wenn der Eine Sinn des Geſichts alle anderen Sinne getoͤd⸗ 126 — 2 — ———— tet hůtte. Selbſt der alte Genetuli⸗ „ tendant ſtand ſchweigend. Links ſchaueten ſie den breiten, ma⸗ jeſtätiſchen Strum hinauf, in ſeine blu⸗ henden Ufer, ſeine lebendigen Heerſtra⸗ ßen, ſeine freunblichen Doͤrfer und Staͤdte zu beiden Seiten, Honnef, Un⸗ kel, Eopel, Linz, Oberwinter, Rhema⸗ gen, bis rebenbebeckte Berge ſich wie eine thurmhohe Mauer hinter den Strom lagerten und die Ausſicht ſchloſſen. Vor ſich, faſt zu ihren Füßen, hatten ſie das bluͤhende Konigswinter mit ſeinen Gaͤrten und Luſthäuschen darin, mit den zahlloſen Nachen und Kähnen an ſeinem Ufer; etwas weiter lag ſo ſtll und freundlich die Inſel Nonnenwerth init ihrem herriichen Kloſter und druͤben der Rolandseck, auf dem der treue Rit⸗ ter liebte, bis ſein Auge brach. Rechts ſahen ſie wieder den Strom hinunter 127 die Doͤrfer Dollendorf, Caſſel, Godes⸗ berg mit ſeiner ehrwürdigen Ruine und ſeinen weißen Brunnenhäuſern, dann Bonn mit ſeinem weitläufigen Schloſſe und mit ſeinen Dörfern, Kä⸗ ſtenich, Erdemich, Bauel, Poppelsdorf; ganz am Ende aber, faſt ſchon in grauer Nebelferne ragte das alte Köln am Ho⸗ rizonte empor, am erhabenſten ſein er⸗ hobener Dom. Altheim hatte hier oft geſtanden und im Genuſſe der ſchoͤnen Ausſicht ge⸗ ſchwelgt, aber ſie übte dennoch jedes⸗ mal von neuem, auch jetzt, einen ſiil⸗ len, lieblichen Zauber uͤber ihn aus, nicht minder, wie üͤber ſeine Begleiter, die zum erſtenmale hier ſtanden. In Emma's Geſichte glanzte eine ſchöne, hehre Freude. Lange, lange ſtand ſie ſprachlos, dann mußte ihr Gefühl in einem menſchlichen Laute ſich öffnen 128 O Gott, wie ſchoͤn! ſprach ſie leiſe, wie fur ſich, von ihren Empfindungen uͤberwaͤltigt. Wie ſchön, wie groß, wie erhaben! Mahnend an die Unend⸗ lichkeit, an die ewig mannichfaltige Pa⸗ radiesflur! Wie bewegt ſich die Bruſt ſo freudig, wenn das Auge in dieſen herrlichen Raͤumen ſchweift! Ein ſtil⸗ les Sehnen zieht darin ein, an allen den ſchönen Stellen dort zu weilen, in den grünen Bergen zu luſtwandeln, in den Städten ſich zu erſchauen, auf den weißen Chauſſeen zu fahren, auf den ſtillen Fluͤſſen ſich ſchaukeln zu laſſen. Aber das Sehnen iſt nicht heftig und nicht ſchmerzlich, denn vie Anſchauung, wie ein unendlich liebender Vater alles ſo ſchoͤn und ſo herrlich erſchaffen hat, ſtimmt zu ſtiller, heiliger Anbetung! Slie ſtand allein mit Altheim, als ſie dieſe Worte ſo wahr, ſo innig ſprach; ihr Vater mit dem Neffen wa⸗ ren auf die Seite gegangen, um die Gegend von einer andern Stelle aus zu uͤberſehen. Altheim gerieth faſt au⸗ ßer ſich; es war ihm nicht mehr moͤg⸗ lich, ſeine Gefühle zu verſchließen. Emma! rief er laut und ſtreckte ſeine Arme nach ihr aus; o, welcher Blick iſt denn ſchoͤner, in jene herrliche Gegend oder in eine Seele, die ſo rein, ſo innig, ſo heilig auffaſſen und auffinden kann? Das Maädchen ſchlug errothend die Augen nieder, aber ſeinen ausgeſtreck⸗ ten Armen wich ſie nicht aus; denn ſie ſchaute wieder mit ſußer Begeiſterung in die weite, ſchöne Gegend und ihr Herz bewegte ſich wieder ſo fromm und ſchon und das verklaͤrte Geſicht zeigte, wie das Herz ſich bewegte. Da ließ ſich auf einmal die pol⸗ ternde Stimme des Alten hoͤren, der 9 — —— —— zuruͤckgekehrt war. Nun iſt's aber auch genug! ſagte er; mag es auch noch ſo hubſch hier ſeyn, man wird der Sache doch endlich ſatt. Drum vom Dra⸗ chenfels in den Drachenfels! Er lachte unmäßig uͤber dieſen, wie er meinte, witzigen Einfall und hatte ſeine Freude daran, daß Altheim und ſeine Tochter, die, ſo unangenehm aus ihrem ſtillen Genuſſe geweckt, ſich nicht gleich in ſeine Wortſpielerei finden konn⸗ ten, ihn etwas verwundert anblickten. Ihr verſteht mich nicht? rief er lachend, Eduard hier wird es Euch eeklaͤren! Er zeigte auf ſeinen Neffen, der bisher, ſo lange Altheim bei der Ge⸗ ſellſchaft war, blos die unbedeutende Nebenrolle eines abhangigen Neffen ge⸗ ſpeelt hatte, jetzt aber ſich bemerklich machen zu wollen ſchien. Denn er ſah die Beiden, denen er des Onkels „ —˙— — Räthſelworte erklären ſollte, eine Zeit⸗ lang mit einem feinen Lächeln an und ſagte dann mit dieſem naͤmlichen feinen Laͤcheln; Ihr Herr Vater, liebe Em⸗ ma, meint, wir lebten weder in jener herviſchen Ritterzeit, noch auch in je⸗ ner romantiſchen Gefuͤhlswelt, wo bloß ſüße, ſchone Empfindungen die Helden und Heldinnen, nach den Verſicherungen unſerer Romangiers, Tage⸗, ja Wo⸗ chenlang ernähren, ohne daß ſie einer leiblichen Koſt beduͤrfen. Er bittet da⸗ her, hier oben auf dem Drachenfelſen nicht laͤnger zu verweilen, ſondern, un⸗ ſerm Reiſeplane gemäß, dort unten in das Staͤdichen Königswinter zu wan⸗ dern, und zwar in deſſen beſten Gaſt⸗ hof zum Drachenfels. Ja, ja, wiederholte der Alte, auf ſeine Art grob lachend, vom Drachen⸗ ſelſen in den Drachenfels. 9ꝛ Er ſetzte ſich ſofort in Bewegung und ergriff den Arm des Neffen Eduard, der ſein gewoͤhnlicher Führer zu ſeyn ſchien. Altheim und Emma folgten, eine Zeitlang ſchweigend, Emma offen⸗ bar etwas empfindlich. Altheim bemerkte es. Sie ſind geſtört worden, hob er an, Sie ſind unangenehm aus ihren ſchoͤnen Gefuhlen in eine platte Wirk⸗ lichkeit gedraͤngt worden. ſ Sie errothete. O nicht doch, ſagte ſie ſchnell. Mein Vater iſt ſo gut! Er liebt mich ſo ſehr, und ich ihn! O edle Seele! rief Altheim unwill⸗ kuͤhrlich. Nicht Ihren Vater meinte ich, fuhr er dann gemaͤßigter fort; aber der Neffe ſchien durch ſeine Bemerkun⸗ gen Sie zu beleidigen. Sie wandten ſich faſt unwillig von ihm ab! Auch er iſt gut, erwiederte ſie; wenn er auch nicht immer mich verſteht! Er 133 wollte mich gewiß nicht — ben Sie mir! Schoͤne, reine Seele! rief Altheim noch einmal und drückte, trunken von den ſeligſten Gefuͤhlen, ihre beiden — de in den — a 4. ————————————— Fortſetzung. Die Sonne neigte ſich ſchon zum Un⸗ tergange, als die Geſellſchaft das Staͤdt⸗ chen Koͤnigswinter erreichte und, unter immer maͤßigerem Voranſchreiten des Intendanten, in dem Gaſthoſe zum Drachenfelſen einkehrte. Altheim wur⸗ de hier nicht wenig uberraſcht, als er ———— peim Eintreten in die Gaſiſtube, darin den Grafen Roſen mit ſeiner blinden Nichte antraf. Seit ihrer Ankunft auf der Inſel Nonnenwerth hatte er die Beiden nicht wiedergeſehen, und hatte ſchon gleich damals die Erſcheinung der Blinden einen ſonderbar ruͤhrenden Ein⸗ druck auf ihn gemacht, ſo war der Ein⸗ druck dieſes Wiederſehens von keiner anderen Art, ſo entzuckt ihn auch Em⸗ ma's Nahe und die Schoͤnheit ihres, ſo ungezwungen ſich ihm nahenden, Herzens, geſtimmt hatten. Der Generalintendant ſtutzte eben⸗ falls, als er den Graſen erblickte; er ſah ihn eine Zeitlang an, und wunder⸗ lich genug ſah es aus, wie er dabei um ihn herum ging, den immer nach vorn fallenden Kopf mit Gewalt in den Nacken zuruͤckdruͤckend und gewaltig räuſpernd, um ſich bemerklich zu ma⸗ chen. Es fand ſich zuletzt, daß die Beiden Bekannte waren, woruͤber der Herr von Bolte ſich nicht genug freuen konnte. Es wurde daher auch der Be⸗ ſchluß gefaßt, gemeinſchaftlich in dem vom Grafen gemietheten Nachen nach Nonnenwerth zuruͤckzukehren. Der Ruͤckweg wurde bald nachher angetreten; auf dem Wege bis an den Fluß erzaͤhlte der Graf, wie ſeine Nich⸗ te der Sehnſucht nicht habe widerſte⸗ hen können, von dem herrlichen Stro⸗ me, deſſen Anblick ihr verſagt war, ſich tragen zu laſſen und ſeine kuͤhlen Fluthen zu fuͤhlen. Die Blinde, tief verſchleiert, wie gewoͤhnlich, hatte noch nicht ge⸗ ſprochen; ſie ging ſchweigend am Arme ihres Onkels. Auch jetzt ſagte ſie nichts. Emma nahte ſich der Ungluͤcklichen mit einem zarten Mitleiden; ſie redete ſie an, aber ſie bekam nur kurze, einſil⸗ bige Antworten. ueber den Vorbereitungen zum Ab⸗ fahren war es Abend geworden, ſo daß es ſchon dunkel war, als die Reiſen⸗ den in den Nachen ſtiegen und langſam den Strom hinauf ſich rudern ließen. Der Graf Roſen war mit dem Gene⸗ ralintendanten in einem ziemlich leb⸗ haften Geſpraͤche uͤber ihre fruͤheren Verhaͤltniſſe; der Neffe Eduard horte ihnen, anſcheinend mit vieler Aufmerk⸗ ſamkeit, zu. Die Blinde ſaß, den Arm ihres Onkels feſthaltend, an der Seite im Nachen und horte dem Plätſchern der Wellen und dem Schlagen der Ru⸗ der zu; ihr Geſicht war nach unten gekehrt und nach der Seite des Waſ⸗ ſers; nur zuweilen ſchien ſie die er⸗ ſtorbenen Augen in die Höhe zu heben. Altheim und Emma ſaßen gerade hin⸗ ———— ter der Blinden und genoſſen des . nen, ſtillen Abends. O, wie ſchoͤn! ſagte Emma leiſe, als wenn ihre Worte das Sehnen der Ungluͤcklichen vor ihnen nicht wecken ſollte; Wie unendlich ſchoͤn iſt ein ſol⸗ cher Abend auf dem Rheine! So ſtill und ruhig alles in der ganzen Natur! Der Fluß, auf dem wir ſchaukeln, die Doͤrfer zu beiden Seiten, die mit ihren freundlichen Lichterchen vom Ufer her uns zuwinken, ſelbſt dieſer Nachen, in dem wir ſo ſtill einhergleiten; und dann die Berge an beiden Ufern mit ihren melancholiſchen Ruinen. Und die Inſel dort vor uns! fuhr Altheim fort, hingeriſſen von der Be⸗ geiſterung des Mädchens, und ſie thei⸗ lend; und das Kloſier darauf, das, wie ein weißer Nebelgeiſt, auf dem Ge⸗ wäſſer uns entgegenzuſchreiten ſcheint! 138 Und dann, nahm Emma, lebhafter von ihrem Gefuͤhle hingeriſſen, wieder das Wort; und dann, dort hinter uns das herrliche Bonn! Wie ſtill, wie majeſtäͤtiſch⸗ruhig glänzen die Spitzen ſeiner Thuͤrme dunkel in der erſterben⸗ den Abendroͤthe! O, du ſtille, koͤſtli⸗ che Gegend! wie liebe ich dich! wie werde ich immer, immer dich lieben! O, wie ſchoͤn, wie ſchoͤn! rief auf einmal laut auf die Blinde, mit einem Tone, der tief und ſchmerzlich, wie aus einem zerriſſenen Herzen kam, aber, wie im Tone des Entſetzens, die Her⸗ zen ihrer Begleiter traf. Eine heftige Bewegung ihrer Arme, die ſie weit ausſtreckte in die Nacht Kst tete dieſe Worte. uUm Gotteswillen, Roſa! rief der Graf Roſen ängſtlich, als ob er fuͤrchte, die heftige Bewegung mochte ihr ſcha⸗ den. Da ließ ſie langſam die ausge⸗ breiteten Arme finken, wickelte ſich tie⸗ fer in ihre dunkeln Schleier und legte dann ſtill das Geſicht an die Bruſt ih⸗ res Oheims. Eine tiefe Stille lag auf der Ge⸗ ſellſchaft; truͤbe ſahen alle Augen vor ſich nieder, ſelbſt die des Intendanten; Emma's Blick glaͤnzte von ſchoͤnen Thraͤnen. Da kam ein Fiſchernachen aus ei⸗ ner Bucht und ruderte langſam das ufer entlang, Strom aufwaͤrts, und neben dem Nachen der Geſellſchaft her. In dem Nachen waren zwei Fiſcher, die ihre Netze auszubreiten ſchienen. Sie ſangen waͤhrend ihrer Arbeit eine jener Balladen, die, todt fuͤr eine hoch⸗ muͤthige Poeſie, ſo lieblich im Munde des Volkes leben und die, in der ein⸗ fachen, weichen Geſangweiſe des Land⸗ p 140 volks vorgetragen, einen wunderbar ruͤhrenden Eindruck auf jedes reine Herz machen. Es ſey uns erlaubt, die Worte hierher zu ſetzen: Es ſtand auf hohen Bergen Ein Mägdlien tauſendmal und ſchaut mit bittren Thraͤnen Hinab ins tiefe Thal. Ihr Liebſter war geſtorben, 3 und kehret nimmer heim; Viel Leid thät ſie erfahren, Viel ſchwere Herzenspein. und als ſie ging hinunter Eiinmal zum kühlen Strand, Da kamen drei Grafen gezogen Drei Grafen aus fernen Land. Der jün gſte von den Graſen e Der in dem Schifflein ſaß, Der bot ihr wohl zu trinken Vom Wein aus ſeinem Glas. und als ſie wollte trinken, Brach ihr das Glas entzwei. 141 ————— „Ach, ſo verrann deine Liebe, „Ach, ſo brach deine Treu! „Nimm pin den blanken Lrauring „Von Gold und Ebeiſtein, „Du ſollſt mit neuer Liebe „Mir die Herzliebſte ſeyn!“ 10 „Was ſoll ich mit dem Trauring? „Ich ſcheide ja von der Welt, „Ich bin ein armes Mägdlein, „Hab' weder Gut noch Geld.« „Biſt du ein armes Magdlein, „Haſt weder Gut noch Geld, „So biſt du doch die Liebſte „Mir auf der ganzen Welt.“ „Ich gedenk' an keine Liebe, „Ich gedenk' an keinen Mannz „Ich will ins Kloſter einziehen, „Will werden ein Gotteskind!“ „Willſt dü ins Kloſter einziehen „Willſt werden ein Gotteskind! „So denk' an meine Liebe, „Dann wird dir anders zu Sinn! 142 —— Der Reiter ließ ſein Pferd beſchlagen Mit Silber und rothem Gold. Sant ritt er wohl i Tage⸗ Und als er vor a anſe em, 1 Wohl vor die Nonnenthuͤr, Fragt er nach der jüngſten Nonne, Die zuletzt aronnen voͤr. „Hier iſt keine Ronne — „Hier kommt auch keine heraus!“ „So will ich das Floſter anſtecken⸗ ſoll e kommen heraus.⸗ k „Wollt Ihr das Kloſter znſece, „Das ſchöne Nonnenhaus, E „So will ich es offen ſchließen, „So ſoll ſi kommen heräuste Die Nonne kam zrſhriten Schneeweiß war ſie Hoklaid'tz Ihr Haar war abgeſchnitten, Zur Wt war ſe bereit. Sie ſellte ſh vor 5 girn und gah ihm einen Trunkz 143 —— und als er's hat getrunken, Sprang ihm ſein Herz entzwei. Mit ihren Fingerſpitzen Grub ſie das tiefe Grab, Mit ihren ſchlanken Armen Zog ſie das Glöckelein. Mit ihren rothen Lippen Sang ſie den Todtenſang: „Das that die große Liebe, „Die zwiſchen uns Beiden war. „Ein Haͤuschen will ich bauen 1 „Wohl auf des Liebſten „Darinnen will ich wohnen „Bis an meinen juͤngſten Tag!«“ 14 Die Fiſcher fangen das Lied mit ſchoͤner, ruhiger Stimme, langſam und einfach; wunderbar hallten die weichen, lieblichen Töne durch die ſtille Nacht, wunderbar vermählten ſie ſich mit dem Platſchern der Wellen und mit dem 144 fernen Geſang einer Nachtigall; als das Lied dem Schluſſe ſich nahete, lie⸗ ßen die Saͤnger ihre Stimmen fallen, und ſangen teiſer, langſamet, feierli⸗ cher; als ſie iber dis beiden ehten Verſe ſangen: Darinnen will ich wohnen, Bis an meilen jüngſten Tag! erhoben ſie ſie wieder voll und kräftig und raſch, als wenn ſie den Triumph der ewigen Liebe uber menſchliches Leid und menſchliches Sterben wpliteten un — Kein Laut wurde e des gan⸗ zen Liedes in dem Nachen unſerer Ge⸗ ſellſchaft gehört; ſelbſt die Ruderer ſchlugen das Waſſer ſo leiſe, daß man es kaum vernehmen konnte. Erſt als die Saͤnger ſchon eine Weile geendigt hatten, gaben die Gefühle der Zuhoͤrer ſich kund. Emma, die Altheim naͤher 145 an ſeine Seite und an ſein Herz ge⸗ zogen hatte, ſeufzte tief auf; Altheim druͤckte ſie feſter an ſich. Die Blinde hoͤrte man leiſe unter ihren ſchluchzen. 3 Recht huͤbſch, recht pübſchl ſhe der Herr von Bolte. Schade, daß der Herr von Fouqus das Lied nicht kennt, oder der Herr Foͤrſter in Berlin. Warum, lieber Hnkelt fragte der Neffe. Warum? rief n u i, die konnten etwas Ordentliches daraus ma⸗ chen, z. B. eine Ballade, oder Ro⸗ manze, oder wie ſie das Zeug nennen. Weißt Du was, Eduard; mache, daß Du das Ding morgen von den Leuten bekommſt, laß es Dir abſchreiben; ich habe einen Freund in der Mittwochs⸗ geſellſchaft, dem will ich es zuſenden; die Mittwochsgeſehſchaſt wird ſchon ſor⸗ 10 146 gen, daß eine vernuͤnftige Ballade dar⸗ . wird, mit ordentlichen Verſen. Die Blinde — leiſe die Wvtt Mit ihren rothen Lippen Sang ſie den Todtenſang? „Das that die große Liebe, „Die zwiſchen uns Beiden war!“ Dann rief ſie ploͤtzlich mit denſel⸗ ben ſchmerzlichen Tone, der vorhin tief aus ihrer Bruſt gekommen war: H Gott, o Gott! Es war gimand im Sciffe. der e tief erſchuͤttert wurde durch die Worte. Emma konnte ihren Gefuͤhlen nicht länger widerſtehen. Sie beugte ſich heruber zu der Blinden, faßte ihre Hand und flüſterte leiſe, indem ſie ih⸗ ren Kopf auſ die Schulter ber Armen legte: O, liebe Ungluͤckliche! Und doch Giüctiche mit dieſen ſchönen, reinen Herzen! O, moge der Himmel es im⸗ mer gůctic, 2 d ſelig bewahren! Das wird er, entgegnete die Blin⸗ de; denn ich glaube an ihn! Sie hing ſich feſter an den Arm des Grafen und ſenkte das Geſicht zu den Wellen hinunter, die jetzt von den Ruderern ſchneller durchſchnitten wur⸗ den. Die Inſel Nonnenwerth kam je⸗ den Augenblick näher; nicht lange, ſo war ſie erreicht, und mit gewiß ſehr verſchiedenartig gemiſchten ſtie⸗ gen Alle e Land. 10 ei 59 ofiti S — pil u. G Di rerr „1 „ 5 nileh 216 E — q14 ön udi un aunlh chi un6 126 Wir uͤberſpringen einen Zeitraum. von drei Tagen, in welchem in der That, nachdem die Bekanntſchaften der in die⸗ ſer Erzaählung handelnden Perſonen ein⸗ mal gemacht waren, auf der Inſel Nonnenwerth nichts beſonders Bemer⸗ kenswerthes vorfiel. Denn daß Alt⸗ heims und Emma's Gefuͤhle mit jeder Stunde ſich mehr naheten und zu ei⸗ nem voͤlligen Einklange ſich neigten, iſt aus dem Vorhergehenden wohl zu ge⸗ wiß vorherzuſehen, als daß es einer näheren Erwähnung bedurfte, die auf jeden Fall ziemlich langweilig ausfallen můßte. Es war am Morgen des vierten 1 149 Tages, als Altheim, die Bruſt voll froher, ſeliger Gefuͤhle, unter den Pla⸗ tanen der Inſel ſaß. Sein Herz ſchwelgte in dem Nachgenuſſe der ſchönen Stun⸗ den, die er an Emma's Seite in den letzteren Tagen verlebt, in der Erinne⸗ rung an die Innigkeit, Wahrheit und Schoͤnheit ihrer Gefuͤhle, die, der Un⸗ ſchuldigen unbewußt, ſo herrlich ſich ihm entfaltet hatten. Er konnte ungeſtort ſeinen Phantaſien nachhaͤngen, da die Geſellſchaft in andern Theilen der In⸗ ſel ſich zerſtreut hatte und er allein war. Um ſo unangenehmer wurde er iedoch nach einer Weile geſtört. Zuerſt kam der Lord Stippleton. Er warf ſich ſehr echaufſirt auf die Bank neben Altheim nieder, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn und ſchimpfte auf die unertraͤgliche Hitze. Zum Teu⸗ fel! ſagte er; ich komme von Bonn, 14150 wo ich mich recht gut unterhalten habez aber ſoll ich noch laͤnger um dieſen Preis, um den Preis des Vergluͤhens, das Vergnuͤgen erkaufen, ſo — — esfahrent n ih n Er hatte kaum whetht ats der pir von Bolte mit ſeinem Neffen an⸗ kam, anſcheinend in einem lebhaften Geſpräche. Beide — ſich Gut, daß ich Sie nfe; pob der Intendant an; Eduard und ich ſind in einem heftigen Streite, den Sie viel⸗ leicht entſcheiden koͤnnen. Der junge Hert ſpielt den Poeten und Rezenſen⸗ ten gern. Nun hat er heute die Ab⸗ ſchrift des Liedes bekommen, das die Fiſcher vor einigen Abenden ſangen, und kann es nicht genug bewundern. Ich mag ihm dagegen von der Platt⸗ heit, Oberflaͤchlichkeit und Inkorrekt⸗ —— ——— 15¹ heit, die darin — ſagen, F⸗ viel ich will. . Der Lord — das Lied und las es durch, während Altheim dem Herrn von Bolte antwortete: Die Lyrik iſt ällerdings vielſeitig und vielgradig. Es giebt eine Lyrik, in der der hoͤchſte Flug der Poeſie, die größte Kuͤhnheit in Ge⸗ danken und Bildern, die hoͤchſte Glut der Gefuͤhle herrſchen und brauſen und gahren. Es giebt aber auch eine Ly⸗ rik, in der keine Hoͤhe und keine Glut zu finden ſind, ſondern nur Einfachheit der Gedanken und Einfachheit ber Ge⸗ fuͤhle. Jene iſt ergreifend und erhe⸗ bend, dieſe ruͤhrend, mehr elegiſch. Zu der letztern gehoͤrt namentlich alle Volks⸗ poeſie, auch die Ballade, die v vor einigen Abenden hoͤrten. Hoͤrſt Du, Gelbſchnabel? rief trium⸗ phirend der Intendant ſeinem Neffen 152 zu. Auf die niedrigſte Stufe gehoͤrt Dein Gedicht, unter das einfache, ſupb Zeug. Verzeihen Sie, ſiel xtheim ein. Jede Lyrik, ſo lange ſie Lyrik bleibt, kann nur auf Einer Stufe ſtehen, auf der hohen, ſchoͤnen Stufe begeiſterter Poeſie, tiefen, wahren, ſchoͤnen Ge⸗ fuͤhls. Die hoͤchſte Glut der Empfin⸗ dung und die hoͤchſte Einfachheit des Gefuͤhls ſtehen auf Einer und derſel⸗ ben Stufe, wenn das Gefuͤhl nur . und ſchoͤn iſt. Der Herr von Bolte blickte vericht⸗ ich auf. Alſo, ſagte er, ſtanden Fou⸗ qus und der Verfaſſer dieſer Fiſcher⸗ ballade auch wohl auf Einer Stuſe? Altheim laͤchelte. Der Verfaſſer dieſer Ballade? erwiederte er. Das Volk iſt ihr Verfaſſer, kein Einzelner. Das Volk in ſeiner Geſammtheit, mit dem 153 ganzen Inbegriff ſeines wahren, unver⸗ dorbenen, unverzerrten Gemuͤthes. Und der Herr von Fouqué? Ach, mir kommt es vor, als ſtellten Sie die perſonifi⸗ zirte Verſchrobenheit neben die liebliche Natur, wenn Sie Fouqus's Gedichte mit Volkspoeſie vergleichen wollen. Man ſah es den glotzenden Augen des Herrn von Bolte an, daß er dieß nicht verſtand. Doch wurde er nicht verlegen. In Berlin wiſſen wir das beſſer! ſagte er mit ruhigem Stolze. Der Lord hatte das Gedicht unter⸗ deſſen geleſen. Es iſt in der That Poeſie daran, ſagte er, in dieſen ein⸗ fachen Beſchreibungen, in dieſem wahr⸗ haft, in einem ſchoͤneren Sinne, dem Sinne der Bibel, einfältigen, Aeuße⸗ rungen einer ewigen, unendlich ſtarken Liebe. In England wuͤrde dieſes Ge⸗ dicht längſt der Vergeſſenheit entriſſen —— ſeyn. Aber freilich, Ihr Deutſchen er⸗ kennt nur das an, was ein großer Na⸗ me Euch verburgt. Euer eigenes Ur⸗ theil genügt Euch nicht. Der Name Eures Volks iſt aber noch nie ein gro⸗ ßer Name bei Euch geweſen, wenig⸗ ſtens de facto nicht, obgleich Herder u. dgl. es zuweilen verſucht haben, ihn in der Poeſie dazu zu machen. Mein Herr! ſiel der Neffe Eduard ein; die Deutſchen haben wohl ein ei⸗ genes Urtheil, auf welches keine Na⸗ menautorität einwirkt; leſen Sie z. B. unſere deutſchen Journale. Der Lord lächelte. Ich kenne Eure Literatur ſo ziemlich! ſagte er. Frei⸗ lich in Euern Tagesblaͤttern ſpucken manche aufbrauſende junge Genies mit ihren eignen Stimmen, die ſie von aller fremden Autorität zu befteien ſu⸗ chen. Aber einmal ſind dieß nur die Stimmen aufbrauſender junger Genies und zum andern ſind auch gar zu viele Eurer oͤffentlichen kritiſchen Stimmen, entweder von Einer oder der andern Eu⸗ rer vielen Parteien und Faktionen er⸗ kauft, ſo daß auch ein vernunftiger Menſch nicht weiß, was er auf ſie ge⸗ ben ſoll. Das Ende der Sache iſt dann, daß nur der große Name gilt, weil Eure vernuͤnftigen und unpartheiiſchen Maͤnner keine andere Vernunft und kei⸗ ne andre Parthei kennen, als die Eu⸗ rer großen, d. h. für groß gehaltenen Namen. Ich koͤnnte das am leichteſten an Eurem groͤßten Namen, an Goͤthe, beweiſen. Er mag ſchreiben, was er will, ſey es auch das Lied von dem Schneider und den Sperlingen, oder die Phantasmagorie Heleea, alle Welt kann ſich vor Erſtaunen und Bewunde⸗ rung micht halten und ruſt uniſono: Wie ſchoͤn, wie herrlich, wie götttich! Wie tief, wie wahr empfunden, wie erhaben, wie unnachahmlich! Wagt Jemand, anders zu rufen, wo iſt ein Narr, ein Neidhardt, ein boshafter YParteigänger, beſtenfalls ein fuͤr derglei⸗ chen Schoͤnheiten unempfaͤngliches Sub⸗ jekt. Haben wir es denn mit unſerm Byron ſo gemacht, der doch auch ein großer Dichter war? Noch mehr; Ihr Deutſchen ſeyd ein ſo jaͤmmerliches Volk, daß Ihr dieſe Namensautvrität ſogar von fremden Nationen Euch aufdringen laſſet. Wir Englaͤnder z. B. wiſ⸗ ſen die Schoͤnheiten von den Gebre⸗ chen und Fehlern unſers Shakespeare aus vergangener und unſers Walter Scott aus gegenwaͤrtiger Zeit, wohl zu ſondern, die erſteren anzuerkennen, die letzteren aber auch eben ſo ſcharf zu ru⸗ gen. Ihr Deutſchen aber? Wie waͤre es möglich, daß Ihr Euch an ſolchen großen Namen vergreifen koͤnntet? Herr⸗ lich, göttlich, unwiderſprechlich und un⸗ endlich ſchoͤn iſt alles, was von ihnen kommt; alles muß uͤberſetzt werden, was von ihnen herrührt, und wortlich; und woͤrtlich muß Shakespeare aufge⸗ fuhrt werden! Anathema über den, der das zu widerſprechen wagt; ihn treffe die hoͤchſte — der — Tod! n theim n⸗ icha an, arbiſ emns derbe Invektiven gegen ſein Vaterland gebührend zu antworten, als er von Rolandswerth her einen Nachen die Fluthen durchſchneiden ſah, in dem er ſeinen Freund Heinsberg entdeckte. Er uͤberließ daher den Kampſplatz dem Herrn von Bolte, der auch ſchnell ſei⸗ ne Stimme erhob, um zu beweiſen, daß man in Berlin auf fremde Namen 158 nichts gebe und daß ſogar Göthe dort nichts gelten würde, wenn nicht die Mittwochsgeſellſchaft — — dik⸗ tirt haͤtte. n Altheims Herz — anest Lheils ſeines Glücks durch Mittheilung ſich entladen. Voll Freude ſchritt er dem ankommenden Freunde entgegen, aber dieſer ſaß ſtill und in ſich gekehrt in dem Nachen, blickte nicht zu dem freund⸗ lichen Ufer auf, ſondern ſah nachdenk⸗ lich auf den Strom, als wenn er die Tiefe des Waſſers ausmeſſen wolle. Auch als er das Ufer erreichte, ſprang er nicht froh dem Freunde entgegen; langſam ging er auf ihn zu und ſtumm, mit einem tiefen Seufzer, warf er ſich ihm an die Bruſt. Altheim ſah ihn mit forſchender Theilnahme an. 2. Ottomar! ſprach erz was fehlt Dir? Muß denn der Freund meines Her⸗ 15⁵9 zens ſo trüͤbe und traurig ſeyn, wenn ich ſo froh und gluͤcklich bin? Biſt Du das, Geliebter? fragte Heinsberg. O, wie freut es mich! Ich bin es! erwiederte Altheim; ich darf ja an Emma's Liebe, an der Liebe des herrlichſten Mädchens, faſt nicht mehr zweifeln. Aber Du, Otto⸗ mar! Welch Ungluͤck, welch Mißge⸗ ſchick hat Deine Schritte begleitet? O, Farl! rief Heinsberg ſchmerz⸗ lich; ein beſeligendes Gefuͤhl iſt die Liebe, wenn ſie ſuͤß erwiedert wirdʒ ein entſetzlich marterndes, wenn Ge wahrung fehlt. Arm in Arm gingen die jungen Maͤnner in eine nahe gelegene Laube und theilten ſich dort die der — Tage mit. —m—m—— w Die unglucktiche⸗ e 2P ₰ 6 Heinsberg hatte nicht lange ſuchen müſſen, als er in Bonn ankam. Herr Baptiſte, der Dirckior der Seiltänzer⸗ geſellſchaft, die auch zugleich eine mit ihr verzweigte Truppe Engliſcher Rei⸗ ter neben ſich hatte, hielt durch die Straßen Bonns einen Umzug, der an Gla alles übertraf, was die neugie⸗ rigen Einwohner der Stadt ſeit ihres letten Furfurſten Zeiten in der Art ge⸗ ſchen hatten. Lautes Bewundern be⸗ gleitete die ſchönen Geſtalten der Men⸗ ſchen und Thiere überall. Nur Heins⸗ berg war für dieſen Glanz nicht em⸗ pfänglich. Sein Auge kannte nur Ei⸗ ne Richtung, die ſeines Herzens. Für —— ihn waren die ſchoͤnen Roſſe nicht da und die kräftigen Reiter darauf nicht, und nicht die feurigen Reiterinnen, de⸗ ren Augen mit den ſprühenden Augen der edlen Pferde wetteiferten. Er ſah nur Eine, nur Angelika, die ſo ſtill und bleich und duͤſter auf ihrem ſchnau⸗ benden Rappen einher ritt, ſich nicht kuͤmmernd um die wilden Sprunge des Thieres und nicht um die Blicke der Zuſchauer, nur beſchäftigt mit Einem Gegenſtande, dem herben, tiefen Schmer⸗ ze, der offenbar dieſes ſchoͤne Weſen ſo aller Freude und Heiterkeit entfrem⸗ den mußte. Er ſah ſie und ſein Herz klopfte wieder in unnennbar ſuͤßer Sehnſucht. O, nur Einmal, rief es laut in ihm, nur Einmal moͤchte ich weilen an ihrer Seite und ihr Vertrauen gewinnen, das ſie mir entdeckte, was ſie quaͤlt und 11 daß ich ihr helfen, ſie befreien, begluͤ⸗ cken koͤnnte! Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden; er folgte ihr uber⸗ all; eine unausfüͤllbare Leere war in ſeinem Innern, als ſie ſeinen Augen entſchwand. Er ging ihr nach in das Dorfchen Poppelsdorf, wo die Geſell⸗ ſchaft ihr Quartier hatte; aber er fand ſie nicht wieder, er muſterte alle Fen⸗ ſter des Hauſes, in dem ſie wohnte, vergeblich. Er mußte ſein Herz auf den Nachmittag vertroſten, fuͤr den eine Vorſtellung auf dem Muͤnſterplatze an⸗ geſagt war. Die Stunde kam; Heinsberg! war der erſte auf dem Platze. Auch die Ge⸗ ſellſchaft kam bald und auch Angelika unter ihr, wunderſchoͤn in ihrer knap⸗ pen, leichten Kleidung; aber ſie ver⸗ ſchwand ſchnell in dem Zelte. Erſt ſpät, als die ſchreckliche Reihe wieder an ſie kam, erſchien ſie wieder, bleich, mit Zuͤgen der Angſt. Heinsberg ſtand wie⸗ der nahe am Gerüſte, ihr Blick traf wieder in den ſeinigen, als ſie hinauf ſtieg, dunkel glühend. Dann trat ſie den entſetzlichen Weg, den Weg des Todes an. Aber es war Heinsberg unmoglich, ihr nachzublicken; er ging fort, auf die Seite, daß er ſie nicht ſehen konnte. Deſto mehr ſtrengte er ſeine Gehoͤrsnerven an; jeder Laut, je⸗ des Geraͤuſch machte ihn erbeben; in unſaͤglicher Angſt ſtand er da, jeden Augenblick fuͤrchtend, die Ungluͤckliche den letzten Schrei des Entſetzens aus⸗ ſtoßen zu hoͤren. Da erſcholl ein dumpfes gan vom Muͤnſterplatze her. Bebend vor Angſt ſprang Heinsberg hin, er rich⸗ tete den Blick in die Höhe. Angelika war nicht mehr da, das fuͤrchterliche 11* —— Seit ſchwebte leer in der Luft. Ent⸗ ſetzen ergriff ihnz er draͤngte ſich durch die Zuſchauer. Iſt ſie todt? rief er. Er erteichte die Mitte des Platzes; em⸗ poͤrender Anblick, der ſich ſeinen Augen darbot! Angelika lag auf einem Stuh⸗ le, die Arme ſchlaff herunterhaͤngend, die Augen geſchloſſen, das todtbleiche Geſicht an den Buſen ihrer weinenden Mutter gelegt; vor ihr ſtand der Di⸗ rektor, finſter, mit drohenden Gebehrden. Iſt ſie todt? um Gotteswillen Ant⸗ wort! rief Heinsberg noch einmal. Da berichtete ihm ein Zuſchauer, was vor⸗ gefallen war. Das Seil hinauf war die Arme glucklich gekommen; ſie hatte aber lange, länger als gewoͤhnlich, in den Armen der Mutter geruhet; dann patte ſie den Ruͤckweg angetreten, an⸗ ſangs ruhig, ſicher; aber auf einmal, in der Mitte der Bahn, ſchwankt ſiez die Balangirſtange bebt in ihren Hän⸗ den, ſie ſetzt die Fuße unſicher. Da ſtoßt die ihr nachſehende Mutter oben einen lauten Schrei der Angſt aus, er erfuͤllt den Platz mit ſtartem Entſetzen, muß er nicht die Ungluͤckliche ganz in Verwirrung bringen? Muß die Angſt der Mutter nicht die ihrige zu dem hoch⸗ ſten Grade ſteigern? Man glaubt ſchon, ſie aus der ſchwindelnden Höhe herun⸗ terfallen zu ſehen; man hoͤrt ſchon ih⸗ ren Todesruf; man ſieht ſchon ihren zarten, bluͤhenden Körper zerſchmettert. Der Direktor ſpringt voll Angſt her⸗ bei, zum erſtenmale ſieht man einen lebendigen Zug des Mitleids in ſeinem finſteren Geſichte. Aber der Angſtruf der Mutter belebt den Muth und die Kraft des bleichen Maͤdchens wieder; ſie ſammelt ſich, die Stange wird wie⸗ der ruhig ſchwebend in ihrer Hand, ihre Füße werden wieder ſicherer; ſie ver⸗ doppelt ihre Anſtrengungen und nach wenigen Minuten iſt ſie unten. Doch nun ſind alle ihre Kraͤfte er⸗ ſchoͤpft, ihre Lebensgeiſter ſchwinden; es muß ein Stuhl gebracht werden, ſie. bit eb darauf nieder; der Direk⸗ ſie ins ecben zmchuruien ſeſt ms rere Zuſchauer wenden vergebliche Huͤlfs⸗ mittel an. Erſt in den Armen ihrer herbeieilenden Mutter ſchlägt ſie die Au⸗ gen wieder auf, erſt die heißen muͤt⸗ terlichen Thränen vermoͤgen es, ſie ins Leben zuruckzurufen. Die Mutter will jetzt mit ihr fort, nach Hauſe; aber der Direktor beſteht darauf, ſie ſolle bleiben, die Folgen der Ohnmacht wuͤr⸗ den ſchnell weichen, ſie ſolle dann den zweiten Theil ihres Spiels, das Stei⸗ gen mit der Schiebkarre, beginnen. Ange⸗ lika kann ihm nichts erwiedern, aber die Mutter flehet deſto dringender. Der Direktor giebt nicht nach. Von Angſt und Zorn gefoltert, horte Heinsberg dieſen Bericht. Nimmt ſich denn Niemand der Ungläcklichen an? rief er laut und ſprang, Klugheit und alles vergeſſend, zu ihr hin. Barbar! rief er drohend und faßte den Direk⸗ tor ſtark an. Dieſer ſah ſich verwundert nach ibm um. Was wollen Sie hier? fragte er kalt, beinahe ſtolz. Die Jaͤlte brachte Heinsbergen zu ſich ſelbſt zuruͤck; er ſtand einen Augen⸗ blick verlegen, daß ſeine Hitze ihn zu weit hingeriſſen hatte. Aber die gute Sache, die er vertheidigte, ließ ihn nicht faſſungslos werden. Ich will Sie bitten, ſagte er mit ſtrengem Nachdruck, ————— der Stimme der Menſchlichkeit Gehoͤr zu geben. Und? fragte der ſchwarze Italiener noch kaͤlter. 4 Heinsberg ergluͤhete. Und, rief er; und in Guͤte auf eine Forderung ver⸗ zichten, von welcher abzuſtehen Sie ſonſt die Geſetze zwingen moͤchten. Der Direktot lachte. Mademoiſelle iſt mein Eigenthum! ſagte er. und doch unter dem Schutze der Geſetze! rief Heinsberg. Er wollte die umſtehenden zu Huͤlfe rufen, um die Ungluͤckliche zu befreien. Da riß ſich dieſe plotzlich aus den Armen ihrer Mut⸗ ter los, ſprang, obgleich wankend, auf, ergriff die Balangirſtange und wollte ſich auf das Geruͤſt ſchwingen. Sie that das alles ſchweigend; ihre Mutter ſchrie laut auf. Der Direktor ſah ihr erſtaunt nach, Heinsberg aber flog auf ſie zu. Um des Himmelswillen, rief er, ihren Arm ergreifend, was 6 Sie vor? Waos ich muß! — ſie leiſe, mit Anehn n Sie mich! 21 Nimmer! rief Heinsberg; Sie duͤr⸗ ſen nicht; Sie wanken ja, Sie gehen in den ſichern Tod. Thue ich das denn nicht jedesmal? fragte ſie; iſt denn dieſes Leben nicht ein immerwährender Tod? und noch ſchrecklicher? Der Ten — leidenden S zerſchnitt Heinsbergs Herz. Ungluͤckli⸗ che! ſprach er. Aber ich laſſe Sie den⸗ noch nicht! Sie duͤrfen heute nicht! Ol nur dieß Eine Mal nicht! Sie ſah in ſeine bittenden Angen und ſtand unſchlüſſig, ihren Arm ihm laſſend. Der Direktor ſprang herbei. Mais en avant, Mademoiselle! rief er. Doch in demſelben Augenblicke kam ein Polizeibeamter aus dem Haufen hervor, auf den Direktor zu. Ich ra⸗ the, mein Herr, ſagte er, fuͤr heute das Mädchen zu verſchonen. Aber die Zuſchauer entgegnete der Direktor. Sie erwarten die Vorſtel⸗ lung! 3 Heute nicht! winot der Sen⸗ mit Nachdruc. 5 Der Direktor ſche nict mehr. Ein Wink, und Angelka kehr⸗ te, giſüt auf die Schultr ihrer Mut⸗ ter, langſam in das Zett zurück. Auch Heinsberg trat unter die Zuſchauer zu⸗ ruck; aber ſein Herz pochte ungeſtümet als je. Er hatte ja jetzt ihre Stimme gehört, er hatte ihren Korper beruhrt! Er hörte jene noch immer, ſo ſuͤß, ſo 171 tief eindringend in ſein innerſtes Herzz er hielt ihren Arm noch immer, und ſuͤße Schauer durchbebten ihn. Er konnte es auf dem Matze nicht mehr aushalten, langſam machte er ſich fort und ſchlich planlos in die beginnende Abenddämmerung hinein. Erſt in der Naͤhe von — er 2 — wieder. Der Abend war dunkler ge und ſtiller. Er ſchritt langſam auf das Häuschen zu, in dem Angelika mit ih⸗ rer Mutter wohnte. Es lag in dem zu einem großen Wirthſchaftsgebäude gehörigen Garten, nahe hinter dem Haupthauſe. In einem unterm Fen⸗ ſter bemerkte Heinsberg Licht. Er ſchlich darauf zu. Sein Herz pochte unge⸗ ſtum. Das Fenſter ſtand offen; er konnte in das Zimmer ſehen; ſollte er es thun, oder nicht? Sollten ſei ne gen in das Heiligthum dringen, in dem ſie ſich ſo ſicher, ſo allein wähnte? Er konnte ſeiner Leidenſchaft nicht wi⸗ derſtehen. Es war ja kein Unrecht, er hatte ja keine freche Abſicht dabei; die reinſte Neigung beſeelte ihn. Er ſchlich ganz nahe an das Fenſter, er ſah hin⸗ durch. O, himmliſcher, unbergleichli⸗ cher Anblick! Da ſaß ſie auf einem yötzernen Stuhle vor einem Bette, in dem ihre Mutter ruhete. Ihre Geſtalt war von der phantaſtiſchen Hiſtrionen⸗ Lleidung entledigt; weißes, reinliches, einfaches Nachtzeug ſchmiegte ſich ſanft um die ſchönen Glieder; ihr ſchweres, dunkles Haar hing aufgelöſet um den weißen Nacken. O, ſie war unendlich ſchon! Ihr Auge ruhete mit ſtiller, ſorgſamer Liebe auf der ſchlummernden Mutter. Sie, die Angegriffene, die die ſelbſt ſo ſehr der Ruhe ——— bedurfte, verſagte ſich Schlummer und Bequemlichkeit, um die Ruhe der ge⸗ liebten Mutter zu bewachen. Heinsberg geſtand ſich, ſelten von einem Anblicke ſo gerührt worden zu ſeyn. Und dieſes Weſen hatte heute von einem Barbaren ſich muͤſſen miß⸗ handeln laſſen! Sie hatte er ſein Ei⸗ genthum nennen dürfen, das er täg⸗ lich, wie eine ſchnöde Waare verhan⸗ deln konnte, ſie, die Edle, die Scho⸗ ne! — Lauter Unwille regte ſich in Heinsbergs Bruſt. Auf einmal beugte ſie ſich zu u geliebten Mutter nieder, belauſchte lan⸗ ge ihren Schlaf und druͤckte dann einen leiſen Kuß auf ihre Lippen. Dann ſtand ſie langſam auf und nahete ſich dem offnen Fenſter, unter welchem Heinsberg ſtand. Thranen glaͤnzten in ihren Augen. Sie blieb lange in dem —— Fenſter ſtehen und ſah in das dunkle Pimmelsgewolbe hinauf, während die Thränen einzeln und leiſe auf das Fen⸗ ſterg ſimſe perlten. Sie entdeckte Heins⸗ vergen nicht, er hatte ſich dicht an die Mauer gedruͤckt, ſo daß ſie ihn, ohne ſich herauszubeugen, nicht ſehen konnte. Nach einer Weile kehrte ſie vom Fen⸗ ſter zurück. Er hörte ſie die Worte lis⸗ peln: Schlafe ſuß, du Gute, du Ge⸗ tiebte! Dann horte er ſie inwendig leiſe die Thur öffnen. Er vermuthete, ſie werde in den Garten kommen; ſchnell ſprang er zurück, um ſich zu verbergen, in eine kaum zehn Schritte von ihm entfernte Laube. Sie kam wirklich. Langſam ſchritt ſie aus der Thüre des Haͤuschens; lang⸗ ſam ging ſie erſt an das offene Fen⸗ ſter und ſah noch einmal in das Stub⸗ chen, nach der ſchlafenden. Mutter. Dann ging ſie auf die Laube zu, in der ſich Heinsberg befand, aus der er nicht mehr entfliehen konnte. Vor der Laube blieb ſie ſtehen. Heinsberg konn⸗ te nicht ſehen, was ſie machte, aber er hoͤrte ſie nach wenigen Augenblicken hef⸗ tig ſchluchzen. O, endlich! endlich, ſprach ſie; endlich kann ich mich einmal ausweinen! Fließet, ihr Thränen, die Ungluͤckliche ſieht Euch nicht. Sie ſchlaͤft ſo ſuß! ſo ſuͤß! und mich fliehet Schlaf und Ruhe! — Sie weinte heftiger. Dann rief ſie auf einmal ſchmerzlich: O, warum iſt denn fuͤr dieſes Elend kein Ende? Freude und Gluͤck haben doch ihr Ziel, warum denn das Ungluͤck, die Schmach nicht? Die Wolken rief je⸗ ne ungluͤckliche Koͤnigin an und wuͤnſchte ſich frei wie ſie; o Gott, o Gott, nun der Tod machte ſie frei! O, ſuße, ſuße Freiheit! * 176 Sie weinte laut, wild. Heinsberg konnte ſich nicht mehr halten. Er ſprang vor aus der Laubez ſie hatte ſich an ei⸗ nen Baum gelehnt und ruhete mit dem weinenden, weichen Geſichte an der har⸗ ten Rinde. Er umfaßte ſie. Angelika! rief er, ich errette, ich befreie Sie! Sie riß ſich mit einem Schrei des Entſetzens los und wollte entfliehen. Er hielt ſie feſt. Vertrauen Sie mir, Un⸗ gluͤckliche! bat er. Meine Abſicht iſt rein. Entdecken Sie ſich mir; bei'm ewi⸗ gen Gott, ich befreie Sie! Sie ſah in ſeine Augen; ſie ſchien ſich auf ihn zu beſinnen; ſie ließ ſich halten. Befreien wollen Sie mich? fragte ſie ſchmerzlich, den Kopf ſchüt⸗ telnd. O, keine Macht kann dieß Elend von mir nehmen! Sie wollte ſich ſanft von ihm los⸗ machen. Angelika, ſagte er; o laſſen Sie mich Sie bei dieſem ſuͤßen Namen nennen Angelika, faſſen Sie Vertrauen! Stoßen Sie meine Huͤlfe nicht von ſich! Es iſt unmöglich! erwiederte ſie, von neuem laut aufweinend. Angelika! fuhr er dringender fortz ich wage mein Leben, mein 5 für Sie! Sie trocknete uſch ihre Thränen und ſah ihn fragend an. Sie wurden heute mein Retter, ſagte ſie; ohne Sie hätte ich noch einmal auftreten müſſen, und es wäre mein Tod geweſen; es ſ oltte mein Tod ſeyn. Sie verdienten daher gewiß mein Vertrauen, wenn dieß nur Ihnen oder mir, oder Einem Menſchen nuͤtzen koͤnnte. Aber es iſt ja alles um⸗ ſonſt! Unſere Bande ſind zu feſt. O Angelika! bat er noch einmal. Schenken Sie mir dieß Vertrauen. Ich 12 ſchwore, ich ſetze mein Leben an Ihre Errettung! Sie ſchwoͤren? ſagte ſie ſchnell, hach zweifelhaft, halb ſtolz. Und welches Intereſſe iſt die Mutter dieſes Schwu⸗ res? Das Witleid! erwiederte der Jung⸗ ling glühend; Mitleid? O Angelika, es giebt kein ſußes, weitempfindendes Ge⸗ fühl, das nicht in meinem Herzen für Sie lebt! Laſſen Sie es mich geſtehen; ſchon der erſte Blick in Ihr trubes Au⸗ ge, in Ihr leidendes Geſicht weckte die hohe, heilige Flamme der Liebe in mir. O, Angelika! Er wollte vor ihr knieen. Sie trat zuruͤck. Laſſen Sie mich! ſagte Sie. Sie verrathen eine zu hohe Stellung, als daß eine Abentheurerin Ihnen Liebe erwiedern dürfte⸗ Ich bin frei, Angelika! rief er feu⸗ — riger, unabhaͤngig, reich! Ich kenne nut Ein Ziel, nur Ein Glück, reine, heilige Liebe! Laſſen Sie mich! wiederholte ſie. Meine Mutter möchte erwachen und mich vermiſſen! Leben Sie wohl! Glau⸗ ben Sie, daß ich ſtets — O, Angelika! unterbrach er ſie flehend. Nein! fuhr ſie mit einer Stimme fort, die mit jedem Tone weicher wur⸗ de; wir muͤſſen ſcheiden. Aber mein Herz wird ſich ſtets mit dankbarer Ruͤh⸗ rung Ihrer erinnern. Darum geben Sie mir Ihren Namen! Er nannte ſich; er wollte noch ein⸗ mal vor ihr niederfallen; aber ſie wehrte es ab. Leben Sie wohl, Herr von Heinsberg! ſagte ſie. Angelika wird Sie nicht vergeſſen! Sie riß ſich los und war mit we⸗ nigen Schritten im Hůͤuschen verſchwun⸗ 12* den. Raſch verſchloß ſie hier die Fen⸗ ſter und die Laden davor. Heinsberg ſtand noch lange wie ein Träumender. Es war ſpäte Racht, als er in ſeinem Gaſthoſe ankam, eine Ruhe ſuchend, die er nicht finden konnte. Und doch! ſagte er am andern Por⸗ gen: Ich muß ſie wiederſehen! Er eilte nach Poppelsdorf, er umſchweifte ihre Wohnungz ſie ließ ſich nicht ſehen. Er erkundigte ſich endlich geradezu nach ihr; ſie war bei ihrer krank gewordenen Mut⸗ ter, von deren Seite ſie nicht wich. Er mußte, ohne ſie geſehen zu haben, nach Bonn zuruͤckkehren. Am Abend wird es beſſer gehen! dachte er und kehrte mit dem Anbruche der Nacht nach Pop⸗ pelsdorf zuruck. Aber wiederum verge⸗ bens. Sie ließ ſich nicht ſehen. Ihr Stuͤbchen war zwar hell, aber die Fen⸗ ſier mit dichten Vorhaͤngen bebeckt. Auch ————— — 7 181 am zweiten Tage ging es ihm nicht beſſer. Die Mutter des Mädchens ſey noch immer krank und Angelika weiche nicht von ihr; mehr konnte er nicht er⸗ fahren. Das Mißlingen vermehrte nur ſeine Leidenſchaft. Er mußte ſie wie⸗ derſehen. 56 Am dritten Tage gelang es ihm. Vergeblich hatte er ſchon bis ſpät in den Abend hinein in der Naͤhe des Haͤuschens gewartet. Kein Laut, kein Blick von ihr war ihm geworden. Auf einmal öffnete ſich die in den Garten führende Thur. Sie trat heraus und ging gerades Wegs auf die Laube zu, in der er ſich befand. Heinsberg ſtand zitternd vor Erwartung und Freude. Er wagte nicht, ihr entgegen zu gehen, er fürchtete, ſie möge entfliehen, wenn ſie ihn gewahre. Aber ſie trat ihm ru⸗ 132 hig in der Laube entgegen, ſie aſtu nicht bei ſeinem Anblicke. Ich habe Sie wohl bemerkt in die⸗ ſen Tagen, hob ſie an. Darum kom⸗ me ich hierher. Mißdeuten koͤnnen Sie meinen Schritt nicht, denn er geſchieht blos, um Sie zu bitten, daß Sie mich nicht weiter verfolgen mögen. Angelika! fiel er mit flehender Stim⸗ me ein. Ich ehre die Abſicht, die Sie hier⸗ her gefuͤhrt hat, fuhr ſie fort; aber Sie können mich nicht retten, im Ge⸗ gentheile durch dieß Verfolgen meiner Schritte nur noch mehr mich verderben. Der Direktor iſt ſehr argwoͤhniſch, und ſchon hat er Sie bemerkt. Iſt denn kein Mittel da? rief er ſchmerzlich; keine Moglſchkeit? D. An⸗ gelika, entdecken Sie mir dieß unſelige 183 Verhaͤltniß; dieſe entſetzlichen Bande, in denen Sie gefeſſelt liegen! Ich kann nicht! wiederholte ſie. — unſelige, entſetliche Bande! rief ſie dann aus. Ja wohl! wohl! O d, un⸗ gluͤckliche Mutter! Sie bedeckte weinend ihr Geſcht. Auch in Heinsberg kampfte ein hefti⸗ ger Schmerz. Ich kann nicht von Ihnen laſſen! rief er. Angelika, ver⸗ ſtoßen Sie mich nicht. Knuͤpfen Sie Ihr Schickſal an das meinige! Folgen Sie mir, mit Ihrer Mutter! Sie ſol⸗ len ganz, ganz mein werden. Sie ſind ein edler Mann! ſagte ſie auf einmal, ſich wieder ſammelnd; aber verlaſſen Sie nichz ich bin eine Ver⸗ lorene! Heinsberg ſah ſie nit einem keln Blicke an. Eine Verlorene? fragte er aͤngſtlich; eine Entehrte, Angelika? 184 Denn wer die Ehre — — der iſt nicht verloren. * Sie trat ſtolz zutic. Bei dem ho⸗ hen, reinen Gott! ſagte ſie, meine Ehre iſt ein Heiligthum, rein, unverletzt⸗ Aber deſe Frage iſt emtſcheidend fuͤr mich; ſie ſtellt Ihre Uneigennützigkeit außer Zweifel. Sie ſollen erfahren, wer ich bin, wenn es auch mir und Ihnen nicht helfen kann; denn erlöſen kann mich Niemand; ich kann mein Schickſal nicht trennen von dem meiner armen Mutter. In zwei Tagen kommen Sie hierher zuruͤck, dann ſollen Sie alles erfahren. Heute iſt es zu ſpät und mor⸗ gen bin ich nicht Herr über meine Zeit. Sie ſchiod von ihm mit dieſen Worten · Auch Heinsberg begab ſich zuruͤck, doch nicht froher, nicht gluͤcklicher. Er war ja noch nichts weiter, er war noch immer in der peinigendſten Ungewißheit. Grü⸗ 165 belnd kehrte er am nachſten Morgen nach der Inſel Nonnenwerth zurück; im Zwieſpalt mit ſich felbſt kam er hier an. e — Ideat und Viderſpruch. — Ottomar hatte dieß ſeinem Frennde erzäblt; dieſer hatte ihm ruhig zuge⸗ hoͤrt. Nachdenkend ſaßen beide dann neben einander. Freund! hob Altheim zuletzt an; Du haſt Dich in ein ge fährliches Abentheuer eingelaſſen. Haſt Du alles votzügüch — Ich verſtehe Dich nicht! etwiederte v beleidigt. 186 Oitomar! fuhr jener fort; wir Maͤn⸗ ner ſind ſchwaͤcher, wankelmuͤthiger, als wir ſelbſt es uns gern geſtehen moͤgen; auch in der Liebe. Die Entſcheidung des Moments iſt oft eine Entſcheidung fuͤr das ganze Leben; noch öfter aber kaum fuͤr Jahre, Monate. Ein ſeelen⸗ volles Auge, ein kummervolles Geſicht ziehen uns oft unwiderſtehlich anz aber es iſt nicht immer die Liebe, was ſie in unſerem Buſen wecken; es iſt zu oft nur eine fluͤchtige Beruͤhrung unſers Herzens; deſto fluͤchtiger, je ſtärker ſie unſere Phantaſie berauſcht haben. Karl! unterbrach ihn Heinsberg. Die Entſcheidung des Moments war bei mir die Entſcheidung fuͤr das Leben. Ich ſah mein Ideal, ich ſah den Him⸗ mel, der ſtets das Ziel meiner Wuͤn⸗ ſche war und bleiben wird. Kann ich mich je wieder von ihm trennen? 187 Ich glaube Dir! erwiederte Alt⸗ heim. Aber die Prämiſſe! Wer buͤrgt Dir dafur, daß ſie Dein Ideal iſt! Wenn ſie nun eine Abentheurerin waͤre, wie ſie ſelbſt ſagte! Wenn nun dieſer Nimbus, den Schoͤnheit, Ungluck und Geheimniß um ſie verbreiten, ſich vlöt⸗ lich in einen gemeinen Nebel auflöſete! Wenn ſie nichts waͤre, als eine ge⸗ wohnliche Seiltaͤnzerin, beſtenfalls un⸗ verdorben, aber doch immer ohne Bil⸗ dung des Kopfes und des Herzens. Heinsberg ſah eine Zeitlang ſchwei⸗ gend vor ſich nieder und ſpielte mit der Reitpeitſche im Sande. Nein, rief er dann auf einmal, laut und frohlich: Eine Abentheurerin iſt ſie nicht! Mein Ideal kann nicht trügen, oder der Glau⸗ be an die Ewigkeit, mit dem es ſo innig verwandt iſt, wäre nur ſchnöder, entſetzlicher Trug! Nein, ſie iſt von 188 edlem Stoffe, ſie iſt rein und unſchul⸗ dig Und Bildung ſollte ihr fehlen? Kann denn der roheſte Edelſtein nicht geſchliffen werden, daß er werth iſt, die Krone eines Königs zu zieren? Moͤge Dein ſchoͤner Glaube nicht betrogen werden! ſagte Altheim mit einem warmen Haͤndedrucke. Sie muß mein werden! fuhr Heins⸗ berg fort; um jeden Preis! Ich habe nie die Liebe gekannt, ſo ſehr mein Herz ſich darnach geſehnt hat in ſeinen ſchoͤnen, heilien Stunden. Jetzt iſt ſie in mein Herz gezogen und ſie ſoll darin auflodern, wenn ich auch darü⸗ ber zu Grunde gehe. Sie muß mein werden, um jeden Preis! Bravo! rief der Lord Stippleton, der, herbeikommend, die letzten Worte gehoͤrt hatte; Bravo, Herr von Heins⸗ verg! — Ihr Freund, wandte er ſich dann an Altheim, ſcheint vernuͤnftigere Grundfätze zu haben, als Sie, lieber Altheim! Wie ſo? fragte Altheim kurz, un⸗ muthig über die unangenehme Störung. Wie ſo? rief lachend der Englän⸗ der; ei, Sie fliehen alle Liaisons aimables; Sie entruͤſteten ſich ſchon, wenn ich es nur wagte, in Ihrer Ge⸗ genwart von meinen Kurtiſanen zu ſprechen. Und ich wette, auch Ihr Freund hat eben eine kleine moraliſche Vorleſung von Ihnen bekommen. Und wofur? fiel heftig und gereizt Heinsberg ein. Der Lord lächelte. Ich habe dieſer Tage, ſagte er, das Vergnügen gehabt, Sie mehrmals in Bonn zu ſehen, auch die Richtung Ihrer Blicke. uUnd es muͤßte mich alles trugen, oder Sie ha⸗ ben dem Herrn von Altheim eben von 190 den Verſchwenvungen und Forberungen der erwählten Dame geſprochen. Sn ja, ſolch eine A verdammt viel. Heinsberg entfärbte ſich vor Zorn. Hert! rief er! gehen Sie mit ren —! Gemeinheiten zum Lufel wollte er hinzuſetzen; aber die Worte erſtar⸗ ben ihm auf der Zunge bei dem ſon⸗ perbaren Anblicke, der ſch Au⸗ gen darbot. Eine Frau aus der geringern Volks⸗ klaſſe, aͤrmlich, aber reinlich gekleidet, vier kleine Kinder bei ſich, von denen ſie das Juͤngſte auf den Armen trug, kam, gefolgt von einem Kellner, mit haſtigen Schritten auf die Laube zu, in der die Freunde ſich befanden. Wer iſt es? rief ſie mit lauter, weinenber Stimme, als ſie hier ankam, und ſah — 19⁴ —— bie drei Fremden Einen nach hem An⸗ dern an. Die Drei blickten ſich verwundert an; der Engländer ſchien verlegen zu werden. Wer? rief die Frau, ſich an den Kellner zuruckwendend. Wer iſt es? Um Gotteswillen, ſagt es mir! Der Kellner trat auf den Lord zu. Berzeihen Eure Herrlichkeit! ſagte er; die Frau fragte ſo ungeſtum nach Ihnen; ich konnte ſie nicht zuruc⸗ weiſen. God dam you, Tölpel! rief der Lord, ſchob die Kinder der armen Frau auf die Seite und wollte fortſpringen. Altheim und Heinsberg ſahen ihm er⸗ ſtaunt nach. Aber die Frau hielt ihn feſt. Sie ſind es! rief ſie laut weinend, warf das Kind auf das Gras und ſich dann mit beiden Füßen vor den Lord. Sie ſind es, o edler Herr! O. laſſen Sie mich Ihnen danken. Verſchmähen Sie den Dank einer armen Witwe, einer unglucklichen Mutter nicht! Der Englaͤnder wollte in komiſcher Verwirrung ſich losreißen. God dam! rief er; Frau, laſſe Sie mich. Sie irrt ſich! God dam; laſſe Sie mich! Schlechte Polizei in Deutſchland! Aber die Frau faßte mit beiden Händen die Zipfel ſeines Rockes. O, ſeyn Sie barmherzig! rief ſie, wie in hochſter Angſt. Es müßte mir ja das Herz entzwei druͤcken, wenn ich Ihnen nicht danken konnte; ich koͤnnte ja nicht über meine Schwelle treten, nicht in mein Kämmerchen! O Gott, o Gott! es iſt ja wirder mein. Kinder! tief ſie auf einmal lauter, Kinder, werft Euch vor ihm nieder. O, bittet ihn, daß —— er den Dank Eurer Mutter annimmt. Kinder, Er iſt es! Sehet ihn an, ver⸗ geſſet ihn nie! Er hat Eurer Mutter das Leben gerettet und Euch, Euch al⸗ len, meine lieben Kinder! O, Hert, geben Sie mir Ihre Hand, nur Einen Augenblick lang! Sie ergriff ſeine Hand und drůckte ſie lange. Dann ſah ſie ihm feſt in die Angen, als wenn ſie ſein Bild fuͤr immer ihrem Gedaͤchtniſſe einprägen wollte. Aber auf einmal fuͤllte ihr Blick ſich wieder mit Thraͤnen. Doch ihre Heftigkeit hatte jetzt nachgelaſſen. Nun iſt es gut! ſagte ſie leiſe. Sie ſind der Erſte in meinem taͤglichen Ge⸗ bete. Zuerſt fuͤr Sie will ich beten und dann fur meine Kinder! Sie raffte das Kleine vom Boden auf und wollte ſich entfernen, während der Englaͤnder, nicht ohne Ruͤhrung, 13 S. ſtill aus der Laube ging. Aber auf ein⸗ mal beſann ſie ſich und ſtellte ſich vor die beiden Freunde, die voll Verwun⸗ derung den Auftritt angeſehen hatten. Er ſagt es Ihnen vielleicht nicht, ſagte ſie; laſſen Sie mich Ihnen ſeine That erzählen. Ich bin eine arme Wittwe druben von Mehlen. Vor einem hal⸗ ben Jahre ſtarb mein Mann; er hatte lange krank gelegen. Mit ihm ſtarb mein Ernährer, der Ernährer meiner vier kleinen Kinder. Er hatte mir ein Haus nachgelaſſen mit einem Gärtchen; aber es war verſchuldet; ſeine lang⸗ wierige Krankheit hatte auch viel geko⸗ ſtet; die Glaͤubiger woliten befriedigt werden. Ich hatte nichts, wovon ich bezahlen konnte. Da ließen ſie mir mein Haus verkaufen und den Garten. Es war nur klein, aber ich hatte Raum darin für mich und meine Wurmchen und der Garten ernährte uns mit Gemuͤſen. Geſtern verkaufte es der Friedensrich⸗ ter. Ein Fremder hatte es gekauft, ſagte man mir. Heute ſollte ich ausziehen. Ich packte meine wenigen Lumpen zu⸗ ſammen, nahm meine Kinder bei der Hand und ging aus dem Haͤuschen, worin ich ſo manche bittere Thraͤne, ſo manchen ſauern Schweißtropfen ver⸗ goſſen hatte. Ach, wir weinten Alle recht bitterlich, als ich den letzten Fuß hinausſetzte; ſogar das Kleine auf mei⸗ nem Arme weinte Thraͤnchen. Ich war ohne Obdach mit meinen armen Wuͤrm⸗ chen; ich wußte nirgends wohin, und dabei ſo arm! — Da kam auf ein⸗ mal der Notar mit einem großen Pa⸗ piere. Das uͤberreichte er mir und wuͤnſchte mir Gluͤck, und ſagte mir, ich könne in dem Hauſe bleiben; es gehoͤre wieder mir, und das Gärtchen auch; in dem Papiere da ſtehe alles. Ich wollte meinen Augen und meinen Ohren nicht trauen und dann wieber dem Manne nicht. Ich glaubte, ich 13* —— traͤumte einen ſchweren Traum. Da las er mir das Papier vor und es ſtand alles darin, wie er es geſagt hatte: Der fremde Herr, ein Englaͤnder, der Haus und Garten geſtern gekauft hatte, ſchenkte ſie mir wieder. Und als der Notar mir das vorgeleſen hatte, zog er einen großen Beutel mit Geld hervor, und gab ihn mir und ſagte, das Geld darin gehöre alles mir, auch das habe der engliſche Herr mir geſchenkt. Dabei er⸗ zaͤhlte er mir, wie der Fremde, gerade während des Verkaufs, durch unſer Dorf gekommen ſey und gefragt habe, wem man Garten und Haus verkaufen laſſe. Und als er mein Ungluͤck gehoͤrt, habe er ſogleich ein ſo hohes Gebot gethan, daß Niemand Luſt gehabt, mehr zu bieten. Er habe darauf den Zuſchlag erhalten und nun gleich den Notar ru⸗ fen laſſen, der eine Urkunde aufneh⸗ men muͤſſen, wodurch alles wieder mein 197 Eigenthum wurde.“ — O, meine Herrn, ſchloß das Weib ihre Erzählung, wenn die Noth am groͤßten iſt, dann iß Gott am naͤchſten! — Thraͤnen erſtickten ihre Worte. Sie druͤckte ihr kleinſtes Kind feſt an ihren Buſen, ſagte noch leiſe: Ich will für ihn beten, ſo lange ich lebe! — und ging dann weinend und sſn aus dem Garten. Die beiden Freunde ſahen ihr ge⸗ ruhrt nach. Welch Chaos von Widerſpruͤchen in dieſem Englaͤnber! ſagte Heinsberg. Gut, wohlthaͤtig bis zum Edelmuth, und doch ſo flach, ſo leichtſinnig! Und unbedeutend! ſetze hinzu, fiel Altheim ein. Nur bedeutend fuͤr den *Dieſer Vorfall hat ſich wirklich im Jahre 1816 zn Stootheim bei Goͤttingen ereig⸗ net. Der wohlthätige Engländer thieß Stapelton und ſtudirte in Gottingen. 198 —— empyriſchen Pſychologen; als Menſch eine Null, wenn er ſein Geld nicht hätte. Du biſt hart gegen ihn! ſagie — berg. Da kam der Englander um die Ca. Iſt ſie fort? fragte er gleichgültig; Gott ſey Dank. Edler Mann! ſagle Heinsberg, ihm freundlich die Hand reichend, als wenn er ſeine fruͤhere Hitze bei ſich ſelbſt wie⸗ der gut machen wolle. Taisses aller! erwiederte der Eng⸗ länder leicht. Die arme Kreatur war grob in ihrer Dankbarkeit, importure; n'aine pas gela! — Pah, Geld re⸗ giert alles, auch Tugend und Unſchuld, und Weiber und Mädchen, und Saͤn⸗ gerinnen und Tänzerinnen, auch Seil⸗ taͤnzerinnen. — Aber God dam! mei⸗ ne Pferde warten auf den Morgenſpa⸗ ziertitt. A Revoir, my Friends! Er ging raſch fort, — vor ſich hin: 199 ——— Rule Britannia, rule the naves! ſprang in den harrenden Nachen, ließ ſich auf das linke Ufer uͤberſetzen und war in wenigen Minuten, auf dem Wege nach Bonn hin, den Augen der Freunde entſchwunden. 13. N Ueber die Inſel Nonnenwerth hatte ſich ein ſtiller, freundlicher Abend gelagert; nur in dem weitlaͤufigen Wirthſchafts⸗ gebaͤude war lebendiges, vielfaches Ge⸗ räuſch. Die Gäͤſte, die den Tag uͤber in dem benachbarten Brunnen Godes⸗ berg, oder in Bonn, oder im Sieben⸗ gebirge ſich aufgehalten, oder Waſſer⸗ fahrten nach Unkel, Linz oder Rehma⸗ 200 —— gen gemacht hatten, oder auf andere Art und zu anderen Vergnuͤgungen zer⸗ ſtreuet geweſen waren, kehrten jetzt von allen Seiten auf die ſchoͤne Inſel; den herrlichen Mittelpunkt der herrlichen Ge⸗ gend, zuruͤck; geſchaͤftige Kellner flogen herbei, ſie zu empfangen, zurechtzuwei⸗ ſen und zu bedienen; andere machten Vorbereitungen zu dem glaͤnzenden Abend⸗ eſſen. Muſikanten ſtanden im Vor⸗ hauſe und ſpielten Choraͤle, Walzer, Duvertuͤren und Variationen bunt durch⸗ einander, waͤhrend aus einem Neben⸗ zimmer das eintönige Rufen der Ban⸗ kiers an den Pharao⸗ und Rvuletii⸗ ſchen hervorklang. Der Lord Stippleton war h ſchon ſeit einigen Tagen war er fort, ohne daß man wußte, wohin; nur hatte er zu verſtehen gegeben, er ziehe auf ein luſtiges Abentheuer aus. Auch der Herr von Heinsberg war, von der Lei⸗ denſchaft ſeiner Liebe zu der ſchoͤnen 201 Seiltänzerin getrieben, wieder nach Bonn zuruͤckgekehrt. Altheim trieb ſich einſam und ver⸗ laſſen in dem Getümmel umher. Mit den Wenigſten der Anweſenden hatte er Bekanntſchaft; die Wenigen, die er kannte, trug er keine Luſt, anzureden⸗ Nur mit dem Grafen Roſen hätte er gern ein Geſpräch angeknuͤpft, um uͤber die, ihm nicht unintereſſant gebliebene, Blinde nähere Auskunft zu erhalten; allein dieſer war ihm ſchon mehrmalen auf eine auffallende Art ausgewichen, ſo daß Altheim ſich nicht dazu entſchlie⸗ ßen konnte, ſich nochmals einer ähnli⸗ chen Behandlung auszuſetzen. Eine Zeit⸗ lang ſah er dem Spiele zu; doch bald langweilte er ſich hier und ging, als es jetzt dunkler geworden war, ins Freie, um in der Einſamkeit des ſchö⸗ nen Abends zu genießen. Er durch⸗ ſtrich ſchweigend die Wege des Gartens, von der Geliebten traͤumend, die er den ganzen Tag nicht geſehen hatte, er wußle ſelbſt nicht, durch welche Reihe un⸗ glůcklicher Zufaͤlle. Die ferne Muſik machte ſeine Traͤume ſuͤßer, zaͤrtlicher. Auf einmal begegnete ihm die Holde am Arme ihres Neffen Eduard. Alt⸗ heim ſchloß ſich den Beyden an. Em⸗ ma erzaͤhlte, der ſchoͤne Abend habe ſie herausgelockt, ſie ſprach mit Begeiſte⸗ rung von dem herrlichen Sonnenunter⸗ gange, den ſie noch nie ſo ſchoͤn geſe⸗ hen. Auch Altheim erzaͤhlte, wie das Gewuͤhl des Hauſes ihn in den Garten getrieben habe. Er fuhlte ſich unend⸗ lich gluͤcklich; die Leere, die er eben noch ſo vruͤckend in ſeinem Buſen ge⸗ fuhlt, war plotzlich durch den Anblick der Geliebten ausgefuͤllt. Nur die An⸗ weſenheit des Neffen beruͤhrte ihn un⸗ ſanft; Seufzer entſtiegen ſeiner Bruſt. Da, als wenn ſie den Grund ſeines Seufzens errathen habe, bemerkte Em⸗ ma dem Neffen, wie der Vater auf 203 ihn warten werde wegen der gewohnli⸗ chen Piketpartie, und nach einem Au⸗ genblicke eilte der junge Mann ins Haus, die beiden Liebenden allein laſſend. Sie ſtanden vor einer dunklen Lau⸗ be; allein, umfangen von den Schat⸗ ten der Nacht, mit ihren Armen ſich beruͤhrend, die ſüße, zauberiſche Leiden⸗ ſchaft in der Bruſt. Keins konnte ein Wort ſprechen, nur laute, halbverhal⸗ tene Seufzer drängten ſich über die ſtummen Lippen. So ſtanden ſie lange. Emma! ſprach Altheim zuletzt leiſe und ſchuͤchtern und ſtreckte ſeine Armen nach ihr aus, als wenn er ſe gen wolle. * Altheim! erwiederte ſie noch leiſer⸗ mh ſchuͤchterner, bebend. Emma! rief er noch einmal, lauter, kuhner. Darf endlich mein Mund be⸗ kennen, was mein Herz ſchon ſo län⸗ ge im Stillen fuͤr Sie fuͤhlt? Sie zitterte heſtiger. Altheim! lis⸗ 204 pelte ſie leiſe, aber mit dem Tone der Liebe. Darf ich, Emma? rieß der gien⸗ de freudig und feurig; Darf ich? und findet meine Liebe den ſchönſten Lohn, die Gegenliebe? Er breitete beide Arme nach ihr aus und blickte ſüß fragend in ihre Au⸗ gen. Sie wich nicht zurück. Er ſah ſie kuhner, bittender an und entdeckte ſchöne Thraͤnen, die Thränen der Freu⸗ de, des Glucks in ihren Augen. Da umfaßte er ſie mit Kraft und drückte ſie an ſein Herz⸗ und zog ſie mit ſich in die Laube nebenan, und in dem ſtil⸗ len Dunkel legte auch ſie ihre Arme um ſeinen Nacken, ihre Buuſt an die ſeinige, und ihre Wange an ſeine Wan⸗ ge, und ihre Lippen ſuchten und be⸗ gegneten ſich und brannten auf einan⸗ der unter ſuͤßen Tönen der Liebe und des Entzůckens. Ewig meine Emma! Ewig mein Karl! riefen die Gluͤcklichen, und die Muſik in der Ferne ſpielte ein ſanftes Adagio. Und treu! ſprach das Maͤdchen bit⸗ tend, waͤhrend ſanft ihre Thranen floſ⸗ ſen. O, Du biſt mir ja Alles! Dei⸗ ne Untreue muͤßte mein Herz brechen! Ewig, ewig treu! rief der entzuck⸗ te Juͤngling und kuͤßte die Thraͤnen weg. Treu wie Roland! rief auf einmal eine dumpfe, weibliche Stimme neben der Laube. Die Liebenden fuhren aus einander. Voll Entſetzen ſprang Altheim auf. Treu wie Roland? wiederholte er un⸗ wilkuͤhrlich und war mit einem Satze vor der Laube. Treu wie Roland? Wer rief hier? . Zwei dunkle Geſtalten ſtanden vor ihm. Er ging an ſie heran, faßte ſie am Arme und erkannte die blinde Grä⸗ fin mit ihrer Zofe. Sie machten keine Miene, fortzugehen. m Gotteswillen, wer ſprach hier? Fragte Altheim, noch immer außer ſich. Ich! antwortete die Blinde ruhig. Und wie kamen Sie zu den Wor⸗ ten? fragte er haſtig weiter. Die ſchoͤnſte Treue, erwiederte ſie, wurde hier, im Angeſichte dieſer Inſel, gehalten; muß jeder neue Schwur, der hier geſchworen wird, nicht an den über Alles treuen Ritter mahnen. O, fuhr ßie fort, laſſen Sie mich Ihnen die Ge⸗ ſchichte erzaͤhlen, die noch ſo ſchoͤn im Munde des Volks lebt. Sie faßte den Arm Emma's, die ebenfalls herbeigekommen war, und ging mit Beiden, gefolgt von der Zofe, in die Laube zuruͤck. Hier begann ſie als bald mit faſt feierlicher Stimme: Der große Karl hatte Frieden ge⸗ macht, in ſeinen Landen und mit ſei⸗ nen Feinden. Sein Heer ruhete aus, und ſeine Mannen und ſeine Ritter. Auch Graf Roland von Angers, der 207 Reffe des Kaiſers, geneſen von der wahnſinnigen Liebe zu der Zauberin, genoß der Waffenruhe. Doch nicht lan⸗ ge, da erbat er vom Ohm ſich die Er⸗ laubniß, auf Abentheuer zu ziehen an den Rheinſtrom. Er zog fort von Pa⸗ ris und kam an den majeſtaͤtiſchen Fluß. Er kam auch an das Siebengebirge und freuete ſich der ſtolzen Veſten, die auf den Gipfeln der Berge ſtanden, am meiſten der kuͤhnen Burg Drachenfels. Er ritt hinauf auf die Burg und be⸗ grußte ihren Beſitzer, den mannhaften Burggrafen Heribert vom Drachenſtein, und bat ihn um ein Nachtlager. Und der Burgherr freuete ſich ſehr, den be⸗ ruͤhmten Helden Roland von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen, nahm ihn auf mit Freuden und befahl ſeiner Toch⸗ ter, Wein und Brod herbeizubringen, um den Gaſt zu erquicken. Die Jung⸗ frau Hildegunde that dieſes und fuͤllte den großen goldenen Pokal mit dem —.—— goldenen Weine und kredenzte ihn dem Ritter. Und Roland erbebte, als er den Pokal aus ihrer Hand nahm, und ſeine Hände zitterten, was noch nie ge⸗ ſchehen war, ſelbſt nicht unter den grim⸗ migen Schwertern der Sarazenen. Die Jungfrau erbebte aber auch, als ſie den kühnen, hochberuͤhmten Helden vor ſich ſah. wie er ſo ſanft und milde und gut ausſah. Und in der Nacht träumte der Ritter von der Jungfrau, und die Jungfrau von dem Ritter. Als aber der Graf Roland am an⸗ dern Morgen ſich erhob von ſeinem La⸗ ger und in den Garten der Burg ging, um auf den großen Strom und in das breite Thal zu ſchauen, da gewahrte er nicht weit von ſich die Jungfrau wie⸗ der, die züchtig erröthete bei ſeinem An⸗ blicke und entfliehen wollte. Doch der Graf eilte ihr nach und holte ſie ein, und bat ſie, zu bleiben. Und als er ſo ſprach, ſah er eine Roſenknospe am 4 Bund. Boden liegen, die ſie auf ihrer Flucht hatte fallen laſſen. Er hob ſie auf und uberreichte ſie der Jungfrau, und bat ſie dann, ſie ihm zu ſchenken. Da er⸗ roͤthete das Maͤdchen noch mehr und wurde verwirrt und wußte nicht, was ſie thun ſolle. Aber als ſie in das tiefe, treue Auge des edlen Ritters ſah, da faßte eine wunderbare Ruͤh⸗ rung ihr Herz, ſie hob ihre Hand auf und uͤberreichte ihm ſchweigend die Knos⸗ pe. Da ſiel der Ritter vor ihr nieder auf ſeine beiden Kniee, und indem er die Roſe an ſein Herz druͤckte, ent⸗ deckte er ihr, wie er ſie liebe und bat ſie, daß auch ſie ihn lieben moge. Und auch die Jungſrau ſagte verſchamt und bebend, ſie liebe ihn, und er ſprang auf und breitete ſeine Arme um ſie aus und druckte ſie an ſeine Bruſt und ſchwur ihr ewige Liebe und ewige Treue. Mit Freuden ſegnete Graf 6 den 14 Zehn Tage blieb der Graf Roland auf der Burg Drachenfels bei ſeinem Treuliebchen. Da kam ein Bote vom Kaiſer und forderte ihn auf, in den Kampf zu ziehen wider die Unglaͤubi⸗ gen. Er mußte ſolgen. Still nahm er Abſchied von ſeiner holden Braut und ſchwur nochmals ihr ewige Treue, und troͤſtete ſie, wie er nach beendig⸗ tem Kampfe zuruͤckkehren wolle mit al⸗ len ſeinen Mannen und Kampfgenoſſen, um ſie im Glanz und Freude als ſein eheliches Gemahl heimzuholen. Dann zog er fort, weit in das Land der Un⸗ glaubigen. — 1 Die Jungfrau verſchloß ſich in ihr Kaͤmmerlein und harrte ſtill, aber mu⸗ thig, wie es einer deutſchen Jungfrau geziemt, der Ruͤckkehr des Geliebten. 1 Ein Jahr war verfloſſen; die Ro⸗ ſen fingen ſchon wieder an zu knoſpen und zu bluͤhen. Hildegunde gedachte ihres Ritters lebhafter und wuͤnſchte ſeine Ruͤckkehr ſehnlicher. Aber von Graf Roland war noch keine Kunde ge⸗ kommen, keine einzige. Da kam die Nachricht, die Sarazenen ſeyen bezwun⸗ gen, der Krieg beendigt und der Kai⸗ ſer befinde ſich mit ſeinem Heere wie⸗ der in Paris. Hildegundes Sehnen wur⸗ de ſchmerzlicher; aber keine Kunde kam von Roland. Eines Abends kam ein müder Rit⸗ ter auf das Schloß und bat um ein Nachtlager. Es wurde ihm gewaͤhrt. Der Ritter kam aus dem Sarazenen⸗ feldzuge. Bebend hörte Hildegunde ſei⸗ nen Erzählungen zu. Wißt Ihr nichts von Roland? fragte ſie zagend. Trauer umzog das Geſicht des Rit⸗ ters. Graf Roland von Angers, ant⸗ wortete er, fiel an meiner Seite, von unzaͤhligen Wunden getoͤdtet. Da zog unendlicher Schmerz in die Bruſt der Jungfranz ſie konnte nicht ſprechen und auch nicht weinen. Still 14* zuführen als ſein eheliches Gemahl. wankte ſie in ihr Kammerlein und ſchloß ſich ein. Am andern Morgen kam ſie herunter, bleich, wie eine Leiche. Sie bat ihren Vater, Nonne werden zu dur⸗ fen. Er wagte nicht, ihr zu widerſpre⸗ chen, ihr Herz war ja gebrochen. Sie ging in das Kloſter Nonnenwerth und nahm den Schleier, wurde Novize und nach wenigen Monden als Nonne ein⸗ gekleidet, und betete nun täglich zu Gott, daß er ſie bald mit ihrem geliebten Ro⸗ land vereinigen moͤge. Aber Graf Roland war nicht ge⸗ ſtorben. Mit Wunden bedeckt, war er auf dem Schlachtfelde liegen geblieben, fuͤr todt hatte man ihn hervorgezogen; doch es war noch Leben in ihm, und gute Pflege und die Kraft ſeiner Ju⸗ gend ließen ihn, wenn auch nach lan⸗ ger Zeit, wieder geneſen, Da warf er ſich eilig auf ſein gutes Roß und trabte an den Rhein, um die Geliebte heim⸗ 2¹1³ Frohen Muthes ſprengte er den Dra⸗ chenfelſen hinan, frohen Muthes klopfte er an das gewaltige Burgthor, frohen Muthes fragte er nach Braut Hildegunden. Aber: „Die Ihr ſuchet, trägt den Schleier, „Iſt des Himmels Braut. „Geſtern war der Lag der Feier⸗ „Der ſie Gott getraut.“ Tiefer Schmerz faßt den Ritter, aber nicht Wahnſinn, der ſchon einmal ſein edles Herz zerriſſen hatte, erzeugt ſich in ſeiner Bruſt. Still legt er ſei⸗ ne Waffen von ſich, ſtill ſcheidet er von ſeinem muthigen Roſſe. und erbaut ſich eine Huͤtte Jener Gegend nah, Wo das Kloſter aus der Mitte Duͤſtrer Linden ſah, Harrend von des Morgens Lichte Bis zu Abends Schein, Stite Hoffnung in Geſicte, Sß er da allein. 2¹⁴ Blickte nach dem Kloſter drben, Biüickte Stundenlang c 3 Rach dem Fenſter ſeiner Lieben Bis das Fenſter klangz * 43 — — Bis die Liebliche ſich zeigte, Bis das thevre Bild b Sich ins Thal herunter neigte⸗ Ruhig, engeliild. und dann legt⸗ er froh ſich nieber⸗ Schlief getroſtet ein, Still ſich freuend, wenn es wiedet WMorgen wuͤrde ſeyn, und ſo ſaß er viele Tage, Saß viel Jahre lang, 5ſ Parrend ohne Schmerz und Kiage, „3tt Bis das Fenſter klang; Bis die Liebliche ſich zeigte, Bis das theure Bild Sich ins Thal herunter neigte', Ruhig, engelmild. und ſo ſaß er, eine Leiche, Eines Morgens da, Nach dem Fenſter noch das leiche Stille Antlitz ſah — ——— Dort! fuhr die Erzaͤhlerin fort; dort auf jenem dunklen Berge, den mein Auge nicht ſchauen kann, dort ſaß er und ſah auf das Kloſter und war treu bis in den Tod! Sie ſprach die Worte eiſe: und ploͤtzlich laut aufſchluchzend, ſprang dann ſchnell auf, ergriff den Arm der vor ihr ſtehenden Zofe und entfernte ſich mit raſchen Schritten aus der Laube. Altheim konnte eine ſehr auffallende innere Bewegung waͤhrend der Erzäh⸗ lung nicht verbergen. Voll Unruhe ſaß er auf der Raſenbank, zuweilen plotz⸗ lich halb aufſpringend, aber ſchnell wie⸗ der zuruͤckſinkend und wie mit Gewalt auf ſeinem Sitze ſich haltend; ſeine Au⸗ gen irrten in dem Dunkel der Nacht umher, ſuchten zuweilen den Berg, von dem die Erzaͤhlerin ſprach und hafteten dann wieder ſtarr auf der dunkelen, ver⸗ ſchleierten Geſtalt der Letzteren. Auf ein⸗ mal aber ſprang er wieder heſtig auf, denn es war ihm, als wenn er die Stimme kenne, als wenn ſie ſonder⸗ bare Gefuͤhle in ſeiner Bruſt wieder aufrege, und doch kannte er ſie auch wieder nicht und konnte ſich nicht er⸗ innern, ſie gehört zu haben; aber tief im Innern ſeines Herzens hallte ſie aͤngſtigend und beklemmend wieder. Als die Erzählerin raſch endete und ſich ent⸗ fernte, ſprang er auf, als wenn er ihr nacheilen, ſie halten wollte; aber plotz⸗ lich ſchien ihm der Muth zu fehlen, er kehrte langſam auf ſeinen Sitz zuruͤck und ſaß nachdenklich, esb ne⸗ der Geliebten. „ Emma ſchien ſeine Bewegung wohl zu bemerken, dieſelbe aber blos ſeinem Mitleiden mit der Blinden zuzuſchrei⸗ ben. Die Ungluͤckliche ſagte ſie weichz auf alles Schoͤne im Leben muß ſie verzichten. Selbſt die Liebe kann ihr Herz nicht erquicken, nur eine bange Ahnung davon kann ſie aͤngſtigen. 217 Altheim ſchien ihr kaum zuzuhoren. Wer iſt ſie? fuhr er auf einmal aus ſeinem Nachdenken auf. Iſt ſie wirk⸗ lich blind? Oder m entſetzliche S ſpielt ſie? Leider, antwortete das Mächenz leider iſt ihr Ungluͤck Wahrheit. Mein Vater hat ihre ſtarren, todten Augen geſehen, noch vor wenigen Tagen, als er unangemeldet in das Simmer 8 heims trat. Altheim verfiel wieber in ſein Nach⸗ denken, doch die Geliebte weckte ihn bald daraus empor. Karl! ſagte ſie mit den ſuͤßen Schmeichellauten der Lie⸗ be. Was bedeutet das ſtille Gruͤbeln? O, theile das Gluͤck, das ſo laut und fröhlich in meinem Herzen jauchzt. Sie ſchmiegte ſich an ihn; da kam auch wieder Leben in ſeine Geſtalt und in ſeine Zuͤge. Er umfaßte ſie, zog ſie an ſein Herz und ſagte mit froͤhlicher Stimme: Du biſt meine geliebte Emma! 218 Und Du mein treuer Karl! liſpelte ſie. Treu wie Roland! 4 6wig! wiederholte er, aber inner⸗ lich erbebend. Er umſchloß ſie ſeſter, als wenn er bei ihr Schutz ſuchen wollte gegen die maͤchtig andraͤngenden Erin⸗ nerungen der Vergangenheit. 1 Tritte naheten ſich der Laube. Em⸗ ma wollte erſchrocken aufſpringen, aber Altheim hielt ſie. Du biſt meine Braut! ſagte er. Uns darf jeder hier ſehen. Morgen bitte ich Deinen Vater um ſei⸗ nen Segen! — Sie druͤckte ihn die t „ Der Ankommende war n Eduatd, Em⸗ Vetter. Noch immer hier? fragte er. Und ſo allein? Ich dachte es wohl. Es war etwas in ſeinem Tone, das Altheimen tief verletzte, aber er ſchwieg, es war ja der Angehoͤrige der Geliebten. Ihr Herr Vater, fuhr der junge Mann in ſeinem ſpoͤttelnden Tone fort, erwartet Sie ebenfalls, theure Couſine; er iſt bereits einigermaßen ungehallen, weil er ſchon ſo lange hat warten muͤſſen! Emma ſprang auf. O Gott, rief ſie; ich Vergeßliche! Laſſen Sie uns eilen, Eduard, damit er mir nicht boͤſe wird! — Sie drückte Altheimen raſch die Hand, nahm den Arm des Vetters und eilte mit dieſem ins Haus. 14. A r gw o ym Altheim ſah ihr ſchweigend nach Aber je mehr ihre Geſtalt ſeinen Augen ent⸗ ſchwebte, um deſto mehr wichen auch die beunruhigenden Bilder aus ſeinem Geiſte, welche die Erzählung der blin⸗ den Gräfin geweckt hatte. Sein Herz bewegte ſich freier und fröhlicher; mit 220 ſüßer Lebhaſtigkeit trat Emma's Bild wieder vor ihn mit dem ganzen Inbe⸗ griffe ſeiner Schoͤnheit und Liebenswür⸗ digkeit. Er rief alle die Lagen zuruͤck, in denen er ſie geſehen, ihr reines, kindliches Gefuͤhl, ihre Angſt, als ihr Vater von den rohen Studenten ver⸗ ſpottet wurde; ihre ungezwungene Dank⸗ barkeit, als Er den alten Mann be⸗ freiete; ihre Empfaͤnglichkeit, ihre ſcho⸗ ne Freude bei'm Genuſſe der Schoͤnhei⸗ ten der Naturz ihr Mitleiden mit der ungluͤcklichen Blinden; und vor allen ihre innige, ſuͤße Liebe. Gewiß, gewiß! rief er; ich bin ein glucklicher Menſch! Ich habe das ſchö⸗ ne, reiche, herrliche Ideal gefunden; o, ſchoͤner, als meine durftige Phantaſie es ſich ſchuf! 605 ſi Er ging naͤher an das Wirthſchafts⸗ gebaͤude, in dem es ſchon anfing, ſtil⸗ ler zu werden. In Emma's Stube war Licht. Er ſtellte ſich an einen Baum und ſah hinauf, und füß durch⸗ zog es ſeine Bruſt, wenn er ihren Schat⸗ ten am Fenſter ſah. Auch Du denkeſt jetzt an mich! ſagte er leiſe; und fchlum⸗ merſt mit Traͤumen von mir ein! Da war es ihm, als wenn er drin⸗ nen die Thuͤr zu Emma's Zimmer ſich leiſe offnen und wieder zuſchließen höͤre. Er horchte, den Athem anhaltend; aber er hörte nichts. Doch der Schatten am Fenſter verdoppelte ſich und ſchmolz dann wieder zuſammen und trennte ſich dann wieder, und war dann wieder aus. Altheim wurde unruhig; ein bren⸗ nender Stachel ſenkte ſich in ſeine Bruſt. Wer mag bei ihr ſeyn? So ſpaͤt? Und in ihrem Schlafgemache? Doch ſchnell machte er ſich Vor⸗ wuͤrfe uͤber ſeine Zweifel. Es wird ihr Vater ſeyn! ſagte er, ſich beruhigend. Aber in dem Augenblicke trennten ſich die beiden Schatten wieder, und er ſchüt⸗ telte wieder unglaͤubig den Kopf. Dort 2² rechts war Emma, die ſchlanke Geſtalt war auch in dem Schattenriß nicht zu verkennen. Und dort links der hohe ſchlanke Schatten? das war der kleine, dicke, puckeliche Generalintendant nicht. Altheim ſtrengte ſeine Augen an, daß ſie ihn ſchmerzten; aber er konnte kei⸗ nen Puckel entdecken. Da ſchmolzen die beiden Schatten wieder in Einen zuſammen und die Gluth der Eiferſucht kochte in Altheims Buſen. Er ging mit großen Schritten auf und ab, Schweiß⸗ tropfen ſtanden auf ſeiner Stirn. Doch auf einmal blieb er ſtehen. Nein, nein, ſagte er laut; Sie kann nicht trügen. Ottomar hat Recht; der Glaube an die Ewigkeit muͤßte ja ein Trug ſeyn, wenn der Glaube an das Ideal zu Schan⸗ den wuͤrde! — Es iſt ihre Jungſer⸗ die ſie entkleidet. H, ich Thor! Ich Sünder! die Reine ſo zu erniedrigen! Muß denn das boͤſe Prinzip im Men⸗ ſchen ſich auch in unſere heiligſten Ge⸗ 223 fühle miſchen? — Fort, fort von hier! Schon dieß argwoͤhniſche Hinblicken iſt Verbrechen! Er ging auf eine andere Seite des Huuſes und ſtellte ſich hier, ſeinen Trau⸗ men der Liebe nachhaͤngend, an das Ufer. Ein Nachen landete eben bier, aus dem ein einzelner Menſch an das Land ſtieg. Altheim konnte ihn nicht erkennen, aber bald hoͤrte er die Stim⸗ me des Englaͤnders. Er wollte ſich jetzt ſchnell entfernen, um in ſeinen ſüßen Träumen nicht geſtört zn werden; doch der Lord hatte, notz des Dunkels, e ſchon geſehen. Stop my dear, rief er; a god eve- ning! Was giebt es denn Neues auf Eurer guten Inſel? Ein alter Inſula⸗ ner frägt danach. Und welche Fort⸗ ſchritte haben Sie während meiner Ab⸗ weſenheit in der Liebe gemacht? Auch ein Verliebter frägt danach. God dam! Glau⸗ ben Sie mir, ich bin verdammt verliebt. 224 ———— Sie? fragte Altheim ſpöttiſch, faſt veraͤchtlich. Ja, ja! antwortete der Lord; eben ich. Oder glaubt Ihr Leute mit dem raſenden Gefühle, Ihr allein haͤttet das Recht, Euch zu verlieben? und uns leichteren Menſchen, uns Bonvivants ſtehe ſo etwas nicht an? Ich bin ver⸗ dammt, wenn ich dießmal nicht ernſt⸗ lich verliebt bin, trotz dem, daß mich die Sache poͤlliſch viel Geld koſtet. Pfui! rief Altheim erbittert. Pfui? wiederholte der Englaͤnder. Pſui, wenn ich von Geld ſpreche? Ko⸗ ſtet Euch denn Eure zarte, hohe, hei⸗ lige Liebe nichts? Ach, du lieber Gott, wo wäre ein Mädchen, das ohne Ei⸗ gennutz liebte? Nirgends. Alle, Alle ſind ſie eigennutzig, und je mehr ſie das verſtecken, deſto mehr ſind ſie es. Darum lobe ich mir eben die, die es geradezu offen zeigen · Sehen Sie, ſo 22⁵ geravezu und offen iſt meine Seiltänze⸗ rin auch, und darum wette ich — Seiltaͤnzerin? rief Altheim, den ploͤtzlich eine entſetzliche Ahnung auf⸗ ſchreckte. Ver, my dear! entgegnete der Lord. Ein intereſſantes Maͤdchen! Ich koͤnnte Ihnen Wunderdinge von ihr erzaͤhlen, wenn ich nicht befuͤrchten muͤßte, durch ſolche laiviale Sachen Ihre deutſchen Ohren zu beleidigen. Erzählen Sie, ich bitte! rief Alt⸗ heim ungeduldig. Ei, ei! lächelte Lord Stippleton; wie hitzig; Woher dieſe Veraͤnderung? Wie reimt ſich die Bitte mit dem Pfui von eben? Eine Seiltänzerin, ſagten Sie? fragte Altheim ungeduldiger, ohne auf die fa⸗ den Spoͤttereien des Englaͤnders zu achten. Nun ja! antwortete dieſer. Und welche? fuhr jener fort. Die Bruͤnette? oder die Blauäugige? 5 226 Bei Gott! rief lachend der Lord. Sie kennen ſie ja Alle. Die meinige hat herrliche braune Haare, dunkelbrau⸗ ne, beinahe ſchwarze. Aber verzeihen Sie, ich bin echauffirt von dem ſtarken Ritte und die Nachtluft iſt kalt. Mor⸗ gen mehr, alles, wenn Sie befehlen. Er ſprang ſingend fort. Altheim ſah ihn in großer Unruhe nach. Wel⸗ che? wiederholte er unaufhorlich bei ſich. Sollte Ottomar betrogen werden? Sollte er der Gegenſtand eines entſetzlichen Spiels, eines furchtbaren Verraths ſeyn? Er blieb ſinnend am ufer ſtehen, bis von Rolandswerth her Stimmen in ſein Ohr tönten und bald auch Ruder⸗ ſchlage, und er nach wenigen Minuten einen Nachen die Fluthen des Rheins durchſchneiden und langſam, durch das Dunkel der Nacht, auf die Inſel zu⸗ rudern ſah. Macht voran! Eilt Euch! rif voll Ungeduld eine Stimme in dem Nachen. Altheim erkannte die Stimme ſeines Freundes. Voll Etwartung trat er der Landungsſtelle naͤher. Der Kahn hatte das Ufer erreicht, Heinsberg ſprang raſch auf den Boden und lag in Alt⸗ heims ausgebreiteten Armen. Ich bin gluͤcklich!! rief er in lauter Freüde. O Kart! ſie iſt mein! Der Engel iſt mein. Komm ſchnell mit mir, Du ſollſt al⸗ les erfahren! Altheimen fielen die Worte des Eng⸗ länders ein; er konnte Heinsbergs Ent⸗ zucken nicht theilen. Angelika? fragte er unruhig. O, Sttomar, biſt Du ge⸗ wiß, daß ſie Deiner wurdig iſt? Die Verſtellung der Weiber iſt groß. Finſterer Träumer! lachte Heins⸗ berg. Angelika meiner unwuͤrdig? O Gott, Sie? der Engel? die Reine? Die Göttin? O komm, komm Karl, damt ich Dein argwohniſches Herz beruhige. Er zog den Freund mit ſich fort ins Haus, auf ſein Zimmer, und waͤh⸗ 15* rend er hier eilig ſeine Sachen in Ord⸗ nung brachte, erzäͤhlte er ſeine Schickſale. 15. Die Verbrecherin. — Es war Abend, als Heinsberg in Bonn ankam. Er eilte alsbald nach Pop⸗ pelsdorf. Er kam in den ihm wohlbe⸗ kannten Garten. Alles war ſtill darin⸗ Auch in Angelika's Wohnhaͤuschen ſah man kein Licht, hoͤrte man keinen Laut. Heinsberg nahete ſich erwartungsvoll der Laube; Wonneſchauer durchbebten ihn; dort ſaß ſie, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, das Geſicht zu Boden gekehrt, lieblich ſchimmerte ihr uͤppiger Glieder⸗ bau, in blendendes Weiß gehuͤllt, durch die Finſterniß des Abends. Sie ſtand 229 auf, als Heinsberg ſich ihr nahete; ſie reichte ihm ſchweigend die Hand und bedeutete ihm, neben ihr Platz zu neh⸗ men. Er ſetzte ſich mit — Herzen an ihre Seite. Herr von Heinsberg, hob ſie anz ich habe einen Schritt gethan, uͤber deſſen Folgen ich nicht recht klar wer⸗ den kann, und den ich daher auf je⸗ den Fall als uͤbereilt gern zuruͤcknehmen moͤchte. Ihr Edelmuth und mein auf⸗ wallendes Gefuͤhl riſſen mich hin, Ih⸗ nen ein Verſprechen zu geben, deſſen Erfullung mir in der That ſchwer wird. Geben Sie es mir zuruͤck! Alle frohen Gefuͤhle wichen aus des Juͤnglings Bruſt. Bin ich noch nicht weiter in Ihrem Vertrauen? rief er mit ſchmerzlicher Stimme. Noch nicht? O, dann fahre hin, ſuͤßer Wahn, der mir meines Lebens Gluͤck gebauet hatte. Sie ſchien Mitleiden mit ihm zu empfinden. Nehmen Sie die Verſiche⸗ rung von mir an, verſetzte ſie, daß es keine Moͤglichkeit giebt, mein Schickſal zu veraͤndern, zu verbeſſern. Ich bin angeſchmiedet, wie ein Galeerenſklave; noch grauſamer, denn die heiligſten Ge⸗ binden mich. Angelika! rief Heinsberg aſnehn Wie verſtehe ich Sie? Die heiligſten Gefuͤhle? O um Gotteswillen, geben Sie mir Erklaͤrung. O, welches Ge⸗ fühl iſt Ihnen das heiligſte? Das kindliche! erwiederte ſie wei⸗ nend. Aber erlaſſen Sie mir jehn wei⸗ tere Erorterung. Sie ſchwieg, ihren nhehnrt freien Lauf laſſend. Auch Heinsberg ſchwieg, in einem heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt begriffen. Sollte er ſie fahren laſſen? Sollte er auf jede Moͤglichkeit, ſie zu befreien und dann zu beſitzen, verzich⸗ ten? Oper ſollte er noch ferner in ſie dringen und dadurch ihre Leiden und ihren Schmerz vermehren? — Die Staͤrke 7 7 —— ſeiner Leidenſchaft ſiegte. — Sie ſind grauſam, Angelika! ſagte erz es lebt nur Ein Gefuͤhl fuͤr Sie in meiner Bruſt, nur die Sehnſucht, Sie gluck⸗ lich zu wiſſen, und dadurch vielleicht wuͤrdig zu werden, durch Sie wieder gluͤcklich zu ſeyn. Und dennoch rauben Sie ſelbſt, Sie allein, mir jedes Mit⸗ tel dazu. O Angelika, ich laſſe nicht von Ihnen; ich muß Ihr Geheimniß kennen. Es kann nicht von der Art ſeyn, daß es jede Moͤglichkeit, — zu befreien, ausſchloͤſſe. Sie beſann ſich noch wenige Mi⸗ nuten. Es ſey, ſagte ſie dann ent⸗ ſchloſſen. Hoͤren Sie alles, ſung dar⸗ aus folgen, was will. Seit meiner fruͤheſten Kindheit, ſo weit ich mich zuruͤckbeſinnen kann, meine Mutter ſagt, ſeit meinem vierten Jahre, bin ich unter der Seiltaͤnzergeſellſchaft, der ich noch jetzt angehoͤre. Außer mei⸗ ner Mutter habe ich keinen Angehoͤri⸗ gen dabei, auch keinen gehabt. Den Direktor habe ich immer als unſeren Herrn betrachtet. Obgleich meine Mut⸗ ter nie irgend einen Antheil an den Spielen genommen hat, ſo wurde ich doch ſchon fruͤh in allen Kuͤnſten un⸗ ſeres entſetzlichen Gewerbes unterrichtet und zu deren Ausubung angehalten. Der Direktor ſagte, ich bezeige viel Geſchick, was er mir auch ſchon gleich bei'm erſten Blicke angeſehen habe. Sol⸗ ches Lob, und der Beifall, der von den Zuſchauern mir jedesmal ward, mun⸗ terte mich auf, die aͤußerſte Fertigkeit zu erreichen; ich wagte alles, ich trotzte jeder Gefahr, der Gefahr des Todes. Ach, jetzt muß ich es. Während ſo meine koͤrperlichen Anlagen ausgebildet wurden, entwickelte in unſeren einſa⸗ men, freien Stunden meine Mutter meine geiſtigen. Selbſt vertraut mit allem, was einem Frauenzimmer zu wiſſen Noth thut, unterrichtete ſie mich —— in allem. Laſſen Sie mich davon ſchwoi⸗ gen, mit welcher Treue, Liebe und Sorgſamkeit ſie meinen Geiſt und mein en zu bilden ſuchte. Leider! O, haͤtte ſie mich in e unnſenhei gelaſſen! Ihre Lehren, ihre Ermahnungen lehrten mich, auf tie Menſchen zu achten und auf ihre Ver⸗ hältniſſe; und die Sorgloſigkeit meiner Jugend ſchwand; ſchwere Sorge, bitte⸗ rer Gram trat an ihre Stelle. Ich ward ungluͤcklich, als ich jetzt entdeckt⸗, wie ſehr unglücklich meine Mutter war; ich ward noch ungluͤcklicher, als alle meine Nachforſchungen und Unterſuchun⸗ gen mir nur den entſetzlichen Beweis lieferten, weder meinem, noch dem Un⸗ glucke meiner Mutter ſtehe ein Ziel be⸗ vor. Klare Gewißheit konnte ich zwar nie daruͤber erlangen, in welchem Ver⸗ haltniſſe meine Mutter, und folglich auch ich, zu dem Direktor ſteht; aber das dunkele Licht, das meine Vermu⸗ thungen und Kombinationen mir ſchu⸗ fen, iſt ſchon entſetzlich genug. Einige Aeußerungen meiner Mut⸗ ter, die ihr bewußlos entfielen, ließen mich zuerſt errathen, daß ſie nicht im⸗ mer in dieſem abhaͤngigen, untergeord⸗ netem Verhaͤltniſſe gelebt habe; es ward mir unzweifelhaft, ſie habe früher ei⸗ nem andern Stande angehoͤrt, ſogar eine Zeitlang keine unbedeutende Rolle geſpielt. Ich forſchte vergeblich danach, was ihren Gluͤckwechſel herbeigefuͤhrt haben moͤge; ich wagte ſogar mehrma⸗ len, wenn ich des Nachts an ihrer Seite erwachte und ich dann ihre Thrä⸗ nen ffließen hoͤrte und ihr Kopfkiſſen von Thraͤnen durchnaͤßt fand, ſie gera⸗ dezu nach ihren Schickſalen zu fragen. Allein nur heftigere Thraͤnen waren meine Antwort und die ſchreckliche Kla⸗ ge, ein furchtbarer Eid binde ihre Zun⸗ ge „ ſie duͤrfe nichts, gar nichts von ih⸗ ren Lebensſchickſalen verrathen. —— O Gott, wie zerriſſen ſolche Auf⸗ tritte mein Herz. Ich warf mich an ihren Hals, auch meine Thränen floſſen wild; aber nur, um ihren Schmerz zu vermehren. Auch Dich, rief ſie dann verzweiflungsvoll; auch Dich habe ich ungluͤcklich, elend gemacht! mein einzi⸗ ges Kind! O, entſetzlicher, entſetzlicher Fluch! — Vergeblich waren alle meine Troſtgruͤnde, meine Bitten um a Bet⸗ higing WMein Zuſtand ſollte noch ſchrecki⸗ werden; er ſollte den furchtbaren Gipfel erreichen, auf dem ich noch jetzt ſtehe. Unſer Direktor iſt ein rauher, harter Mann, oft mehr, wahrhaft ge⸗ fuhllos, unmenſchlich. Sie ſelbſt ha⸗ ben mich ſeiner Grauſamkeit ja entriſ⸗ ſen. Er hat ſie mich oftempfinden laſſen; aber ich ertrug, was nur eben meine Kraͤſte ertragen konnten. Ich erlitt die ſchreck⸗ lichſten, ſchmachvollſten Mißhandlungen, oft uͤber die unbedeutendſten Kleinigkei⸗ 1 —— 236 ten. Ich ſuchte nur, meine Schmer⸗ zen vor meiner armen Mutter zu ver⸗ bergen. Aber wenn der Unmenſch auch roh gegen dieſe war, wenn er auch ſie mißhandelte, dann wuͤnſchte ich oft ihr und mir den Tod, um ein Ende dieſer Quaalen zu finden. Denn im Leben war keine Befreiung zu erwarten. Ei⸗ ne ſchreckliche Stunde ſollte mir Licht daruber geben. Ich war vom Seile gefallen, gluͤcklicherweiſe, ohne mich zu beſchädigen. Des Abends kam der Di⸗ rektor in unſer Stubchen, ſtellte mich uͤber meine Unachtſamkeit, der er den Vorfall zuſchrieb, zur Rede, und bedro⸗ hete mich mit einer grauſamen Strafe, wenn ſo etwas noch einmal mir begeg⸗ ne. Ich war unſchulbig geweſen; kör⸗ perliche Unpaßlichkeit hatte mir einen augenblicklichen Schwindel verurſacht. Meine Mutter wußte das, um ſo mehr kraͤnkten ſie die unverſchuldeten Vor⸗ wuͤrfe ihres Kides. Sie ſchloß mich — — — 237 ———— unter lauten Thraͤnen in ihre Arme⸗ Der Unempfindliche wurde daruͤber aͤr⸗ gerlich. Sie beſtaͤrken das Madchen in ihren Fehlern! ſagte er auffahrend; wenn Sie ſo fortfahren, werde ich Mutter und Tochter zu trennen wiſſen. Meine Mutter war ihrer nicht mehr maͤchtig. Unmenſch! rief ſie. Iſt es Dir nicht genug, mich ungluͤcklich ge⸗ macht zu haben? Willſt Du auch noch mein einziges Kind verderben? — Es ſoll anders werden! fuhr ſie entſchloſſen fort; ich nehme die Geſetze zu Hulfe. Wir wohnen in einem freien Lande; Von Morgen an bin ich Deine Skla⸗ vin nicht mehr; die Huͤlfe des Staats ſoll mich befreien, wo meine eignen Kräfte zu ſchwach ſind. Der Barbar hörte ihr mit einem Lä⸗ cheln der Hölle zu. Huͤlfe des Staats? entgegnete er ſpoͤttiſch; Geſetze? Madame, wo war ihr Gedächtniß in dieſem Au⸗ genblice? Wenn ich nun die Hülfe 238 des Staats in Anſpruch nehme? Wenn ich die Geſetze aufrufe, um eine Ver⸗ brecherin dem Richtbeile zu uberlie⸗ fern? — Noch toͤnen die furchtbaren Worte in meinen Ohren, tief im Innerſten meiner Seele. Der Direktor ging laut lachend fort, als er ſie geſprochen hatte. Ich wagte kaum, meine Mutter anzu⸗ ſehen; ſie war entkraͤftet auf einen Stuhl geſunken; ihr Geſicht war tod⸗ tenbleich, ihr ganzer Koͤrper zitterte. Mutter, was war das? rief ich in hoch⸗ ſter Angſt und warf mich vor ihr auf die Kniee. Aber ſie bedeckte ihr Geſicht mit bei⸗ den Haͤnden. Frag mich nicht! rief ſie im Tone der zernichtendſten Verzweif⸗ lung. — Ich bekam keine andere Ant⸗ wort von ihr. Noch denſelben Abend verfiel ſie in ein heſtiges Fieber, das mehrere Wochen anhielt. Als ſie gene⸗ — —— 239 ſen war, war ſie ruhiger und ſtill K⸗ dend, wie immer. O Gott, o Gott! wer mir Licht brächte in dieſe entſetzliche, — Finſterniß! — Angelika ſchwieg hier und weinte bitterlich. Heinsberg, ſelbſt bis zu Thränen gerührt, ehrte ihr Schweigen. Widerſprechende Empfindungen durch⸗ drangten ſeine Bruſt. Alles, was er ſich nur je gegen ſeine Abſichten in Be⸗ treff des Maͤdchens geſagt hatte, dräng⸗ te ſich ihm ſtärker auf; aber die Liebe beſiegte alles. Nein, rief es laut in ihm; wie könnte ich dieſe Ungluͤckliche, dieſe Leidende, dieſe Reine, laͤnger in der Gewalt des Barbaren laſſen? Wie koͤnnte ich es zugeben, daß dieſe zarten Glieder noch länger tagtäglich von ei⸗ ner rohen Maſſe mit gierigen, luͤſter⸗ nen Augen verſchlungen werden? daß dieſer bluͤhende Leib tagtagüch in der 240 entſetzlichen Gefahr ſchwanken ſoll, fur immer zerſchmettert zu werden? O, mein Herr! rief die Weinende auf einmal an ſeiner Seite. Und nun verlaſſen Sie mich! Sie ſelbſt wiſſen ja nun, wie es keine Moͤglichkeit giebt, mich zu erretten. Ich bitte Sie, ver⸗ laſſen Sie mich. Da erwachte, mit einem ungeheu⸗ ren Schmerze, auch eine lebendige Kuͤhn⸗ heit in der Bruſt des Jünglings. Er umfaßte ihren Leib. Angelika! rief er; ich laſſe nicht von Ihnen! Der erſte Blick, mit dem ich Sie ſah, ſagte es mir; daß Sie nur fuͤr mich geboren ſeyen, daß nie unſer Schickſal ſich von ein⸗ ander trennen könne. Angelika! Ich liebe Sie mit der ganzen Gluth meines Herzens. Seyen Sie mein! Es wird mir eine Kleinigkeit ſeyn, Sie zu erretten und Ihre Mutter. Ich bin reichz dem glän⸗ zenden Metall wird der unmenſchliche“ Italiener nicht widerſtehen koönnen. O, Angelika, ſagen Sie ju S Sie mein! Das Widchen: weinte pefigerʒ ſie konnte vor Schluchzen nicht antworten. O, Angelika! fuhr er fort. Lebt denn gar keine Liebe fuͤr mich in Ih⸗ rem Herzen? Gar keine? Sie ſind ein edler Menſch! erwie⸗ derte ſie ſchluchzend. Mehr nicht? rief er. Bin ich Ih⸗ rem Herzen nichts? Bleibt mein hei⸗ ßes Gefuͤhl ohne alle, ohne jede Er⸗ wiederung? O Gott! rief ſie laut auf und , kaum vernehmbar, ſetzte ſie hinzu; duͤrfte ich Sie in mein Herz ſehen laſſen! Sie ſprach die Worte mit Toͤnen unverkennbarer Liebe. Entzuckt zog der Juͤngling ſie feſter an ſeine Bruſt. Du biſt mein! rief er. Deine Stimme ſagt es, wenn auch Deine Worte Mein! meine Angelika! Sie konnte nicht mehr widerſtehen⸗ 16 ¹ Dein! ſprach ſie leiſe und verſchaͤmt, und ſank, in Liebe aufgeloſet, an ſein Herz · Die Gntführung⸗ — O ich bin ein glůcklicher Menſch! rief Heinsberg aus, als er dieß ſeinem Freunde erzählt hatte. Und gegen dieſe Himmliſche, gegen dieſe unendlich Rei⸗ ne, wollteſt Du Zweifel aͤußern? Vergieb mir! antwortete Altheim. 3 Die Erzahlung des Freundes hatte ihn ergriffen; das konnte kein Trug ſeyn, 1 ſo konnte nur Wahrheit und Unſchuld ſich ausſprechen. Er ſchämte ſich ſei⸗ ner Zweifel Und wie, fragte er, willſt Du ihren Beſitz erlangen? 243 Sie ſtellte mich ihrer Mutter vor; fuhr Heinsberg fort. DO, Du ſollteſt ſie ſehen, dieſe ſtill leidende Frau mit dem hohen Geiſte, dem zartfuͤhlenden Herzen. Sie eine Verbrecherin? Und doch! dieſer ſchwarze Gram, dieſer ſtar⸗ re, in ſich gekehrte Blick, dieſes plotz⸗ liche innere Erbeben deuteten auf eine furchtbare Vergangenheit. Aber den⸗ noch, wie gern, wenn man dieſe Frau anſieht, die täglich mehr als den Tod leidet, fuͤhlt man ſich gezwungen, uͤber dieſe finſtere Vergangenheit den Schleier der Vergeſſenheit zu werfen, und nur die Ungluͤckliche, die Leidende in ihr zu ſehen. Sie entſetzte ſich, als wir ihr unſere Liebe entdeckten; ſie erbebte hef⸗ tig; aber bald gelang es mir, ihr in⸗ neres Grauen zu uͤberwältigen. Sie ſegnete unſern Bund. Doch wie nun enikommen? Wie den Haͤnden des Barbaren entfliehen? Ich ſprach von Loskaufen, ſo entſetzlich 16* 244 ——— auch das Wort lautete; ich nannte eine bedeutende Summe, um die der Elende ſein Kind verkaufen wuͤrde. Allein die Mutter ſchuͤttelte kummervoll den Kopf. Sein Eigennutz, ſeine Gewinnſucht feſ⸗ ſelt uns freilich an ihn, ſagte ſie. Aber Geld iſt es nicht allein, was ihn reizt. O, Sie kennen ihn nicht! Er iſt ein entſetzlicher Menſch, und in entſetzlichen Banden haͤlt er uns. Sie weinte laut auf bei dieſen Wor⸗ ten und umarmte ihre Tochter, als wenn ſie dieſe um Verzeihung bitten wolle, daß ſie ſie mit in ihr Elend verwickelt habe. . Ich wollte dennoch einen Verſuch machen, aber ich durfte nicht, ich mußte ihren Gegengruͤnden nachgeben. Ein entſetzliches Verhältniß, ſagte Angelika's Mutter, waltet ob, das ich nicht entdecken kann. Aber glauben Sie mir, er wird uns nie, unter keiner Be⸗ dingung, um keinen Preis von ſich laſ⸗ 24⁵5 ſen. Er kann, er darf das nicht. Ich bin fuͤr ewig an ihn gekettet. Jeder Verſuch, den Sie machen, wuͤrde uns nur in das ſchrecklichſte Verderben ſtür⸗ zen; er wuͤrde alles weten5 uns — zu halten; Alles. Ich ſchlug Flucht, eine en vor. Die Mutter entſetzte ſich. O, Gott! rief ſie; wird er mich nicht al⸗ lenthalben hin verfolgen? Wird er mich nicht uͤberall entdecken? Und iſt dann mein Elend nicht n . ent⸗ ſetzlicher? Aber ich beſtand — tieſem Ritte, als dem letzten, das ich ausfindig ma⸗ chen konnte. Von Schutz bei den Ge⸗ ſetzen durfte ich, nach der ſchrecklichen Entdeckung, die Angelika mir mitge⸗ theilt hatte, nicht einmal zu ſprechen wagen. Ich beſchwor ſie, nachzugeben⸗ nicht ſich und ihr Kind einem unauf⸗ hoͤrlichen Elende und mich einem im⸗ merwaͤhrenden Grame Preis zu geben. Ich ſtellte ihr vor, wie ſicher ich al⸗ les einleiten, an welchen nie zu ent⸗ deckenden Ort ich ſie bringen wolle. End⸗ lich, endlich ließ ſie ſich geneigt finden, und ich bin jetzt hier, um den Plan auszufuͤhren, der mein Gluͤck vollu den ſoll. Und welcher iſt Dein — he Sie ſchleunigſt in Sicherheit zu brim gen, fuhr Heinsberg fort. Der Ita⸗ liener verlaͤßt in Kurzem dieſe Gegend auf immer, um in ſein Vaterland zu⸗ ruͤckzukehren; ich habe mithin nur den erſten Ausfall ſeiner Nachforſchungen zu bekaͤmpfen, ſpaͤterhin aber nichts mehr zu befuͤrchten. Wenn ich nur in der Naͤhe ein ſicheres Aſyl wußte. Das weiß ich! fiel Altheim freudig ein. Vor einiger Zeit, ehe Du noch hier warſt, fuͤhrte meine Streiferei durchs Gebirge mich jenſeits Siegburg auf eine Meierei, die ſo lieblich an dem Ufer — „— der Sieg zwiſchen Gebuͤſch verſteckt und wn hohen, dunkelen Bergen umgeben var, daß ich auf der Stelle beſchloß, mn dem Plaͤtzchen einige Tage zu ver⸗ weilen. Ich bat den Beſitzer des Hauſes un ein Quartier. Die Leute räumten mir das gern ein und erzahlten mir bei der Gelegenheit, wie ſie nur Pächter des kleinen Guts ſeyen, deſſen Eigen⸗ thuͤmer, ein fallirter Kaufmann in dem benachbarten Blankenburg, daſſelbe ver⸗ kaufen wolle. Schnell war mein Plan gefaßt. Ich ging nach Blankenburg, kaufte das Gütchen um einen mäßigen Preis und ließ den Bewohner als mei⸗ nen Pächter darauf. Dorthin kannſt Du Deine Angelika bringen; dort kannſt Du Jahrelang mit ihr verborgen leben; Niemand wird ſie in dieſer entlegenen, durch Berge, wie durch ſchlechte Wege von aller Welt abgeſchnittenen, Ge⸗ gend finden. Ich ſelbſt bringe Euch hin. Heinsberg jauchzte laut auf vor Freuden. Herrlich, herrlich! rief er ſeinen Freund dankbar umarmend. Abe noch in dieſer Nacht, auf der Stelle Morgen vielleicht verlaͤßt der Italiene Bonn ſchon und alles könnte zu ſti ſeyn⸗ Altheim war — redeten ih⸗ ren kurzen Plan ab; und nach weni⸗ gen Minuten ließen ſie ſich in dem Na⸗ chen, der Heinsberg heruber gebracht und am Ufer hatte warten muͤſſen, nach Rolandswerth überſetzen. Hier ließ Altheim ſchleunig ſeinen Wagen anſpan⸗ nen und in einer Viertelſtunde waren die beiden Freunde in vollem Trabe . dem Wege nach Bonn. Es war Mitternacht vorbei, als ſe vor dem Koblenzer Thore ankamen. Sie fuhren nicht in die Stadt, ſondern bogen links in den Weg hinein, der durch den Hofgarten, hinter dem Schloſſe her, in die Poppelsdorfer Allee fuͤhrt. In dieſe fuhren ſie langſam hinein, ſo viel wie moͤglich alles Geraͤuſch vermei⸗ dend. Am Ende der Allee, vor dem Dörſchen Poppelsdorf, rechts an bem kleinen Schloſſe, hielten ſie. Heins⸗ berg ſtieg aus, um zu Fuße in das Dorf zu gehen und die Geliebte mit ihrer Mutter, die ſeiner harrten, abzu⸗ holen Altheim wollte ihn begleiten, al⸗ lein jener verwehrte es, aus Furcht, dadurch Aufſehen zu erregen, und ging allein in das Doͤrſchen. Altheim blieb allein beim Wagen und ſchauete durch die ruhige, klare Fruͤhlingsnacht gedankenvoll dem Freun⸗ de nach. Die Erzaͤhlung des Englaͤn⸗ ders ſiel ihm wieder ein und ſo ſehr er rauch von dem ſchoͤnen Bilde des Maͤdchens erfuͤllt war, welches Heins⸗ bergs Reden und Beſchreibungen in ihm erregt hatten, ſo draͤngte ſich ihm doch immer unwillkuhrlich der Gedanke auf, ſie, Angelika, ſey es, in deren Armen der Englaͤnder gemeinen Luͤſten gefröhnt hatte. Doch zuletzt verdraͤngten die Bil⸗ der ſeiner eignen begluckten Liebe jenen Gedanken; und hatte Er Treue, Liebe und Unſchuld gefunden, warum konnte ſeinem Freunde nicht das Gleiche zu Theil werden, wenn dieſem auch ein anderer Stand es bot? — Suͤße Träu⸗ me nahmen Platz in ſeinem Innern; er war gluͤcklich an Emma's Seite, o, ſo uͤbergluͤcklich; er ſtreifte mit ihr durch das Siebengebirge, kletterte Hand in Hand mit ihr uͤber die Berge, ſpazierte durch die bluͤhenden Thäler und war auf einmal bei der Meierei an der Sieg, wo ſie Heinsberg und ſeine Angelika überraſchten, die ja auch ſo gluͤcklich, ſo ſelig waren. Ein lautes Hundegebell in dem Doͤrf⸗ chen vor ihm traf ploͤtzlich ſein Ohr. Er ſprang auf und ſah voll Erwartung durch die Nacht. Allein er konnte nichts gewahren in dem Dunkel. Das Ge⸗ ——— —— bell dauerte fort, mit kleinen Unterbre⸗ chungen; auch Menſchenſtimmen glaubte er zwiſchendurch zu gewahren. Er ſtand in der groͤßten Unſchluſſigkeit. Sollte er hin, ſeinem überfallenen Freunde zu Huͤlfe? Aber er wußte weder Weg noch Gegend. Doch ging er einige Schritte vorwärts. Auf einmal ſah er Menſchen auf ſich zukommen. Er blieb mit klopfendem Herzen ſtehen. Sie ka⸗ men näher. Es waren Dreiz bald un⸗ terſchied er den Mantel ſeines Freun⸗ des, der zwiſchen zwei Frauenzimmern ging. Die Frauenzimmer waren tief ver⸗ huͤllt, jede trug ein kleines Päckchen am Arme. Alle Drei waren ſehr eilig. Altheim trat ihnen entgegen. Gut, daß Du kommſt, ſagte er zu ſeinem Freunde; ich habe mit Angſt gewartet. Voran, Voran! rief Heinsberg ha⸗ ſtig; wir ſind entdeckt; im Augenblicke unſerer Flucht entſtand Gewach im Hauſe; ich furchte, ſie ſind uns auf der Ferſe. Er zog die Frauenzimmer mit ſich fort und alle eilten an den harrenden Wagen. Schnell ſprangen ſie hinein. Gallopp! rief Altheim dem Kutſcher zu und mit Blitzesſchnelle flog der Wagen durch die dunkle Kaſtanienallee, in den Hofgarten hinein, am Schloſſe voru⸗ ber auf die Chauſſee, wo es im ſchlan⸗ ken Trabe den Weg nach — ging. Niemand im Wagen ſprach etwas. Die beiden Frauenzimmer waren ſchwei⸗ gend eingeſtiegen. Als ſie auf die Chauſ⸗ ſee bogen, hoͤrte man Eine von ihnen leiſe unter ihren Schleiern wimmern. Heinsberg druckte ſie ſtill an ſeine Bruſt. Sie ſchmiegte ſi ch an ihn und ſchien beruhigter zu werden. — fuh⸗ ren ſie dann weiter. Der Plan war, um, ſo viel moͤg⸗ lich, das Ziel ihrer Flucht zu verſtecken, — —— — 153 bis hinter Rehmagen auf der Chauſſee zu bleiben, dann, indem der Wagen verſchloſſen weiter fuͤhre und zum Schein in das Aarthal hineinböge, ſich uber den Rhein ſetzen zu laſſen und am jen⸗ ſeitigen Ufer zu Fuße durch die Gebir⸗ ge bis zu der Meierei zu gelangen. So hofften ſie allen Verfolgungen zu ent⸗ gehen. Allein gleich hinter Godesberg wurde Heinsberg ploͤtzlich ängſtlich. Bap⸗ tiſte hat ſchnelle Pferde! unterbrach er das Schweigen; in einer halben Stun⸗ de kann er uns auf der Chauſſee einge⸗ holt haben. Wir muͤſſen einen andern Weg einſchlagen; aber welchen? Eine Minute lang ſchwiegen Alle, nachſinnerd. Altheim bog ſich aus dem Wagen. Sie waren dicht am Rhein. Halt, Kutſcher! rief er. Er ſah mit ſeinen ſcharfen Augen durch die Fin⸗ ſterniß einen Kahn, der im Begriff zu ſeyn ſchien, vom Ufer abzuſtoßen. Raſch ſprang er aus dem haltenden Wagen. 2354 Er hatte ſich nicht getaͤuſcht; ein Fiſcher war ausgerudert, um vor der Morgen⸗ daͤmmerung bei ſeinen Netzen zu ſeyn. Schnell fragte ihn Altheim, ob er fuͤr eine gute Belohnung uͤberſchiffen wolle. Gern! war bie Antwort, und in Zeit von einer Minute ſaßen alle Vier in dem Nachen, waͤhrend der Kutſcher raſch wie vorhin den fruͤher beſtimmten Weg verfolgte, mit dem Befehle, Nie⸗ manden Rede zu ſtehen und Nieman⸗ den an den Wagen zu laſſen. Noch immer war die Geſellſchaft ſtumm. Hatten fruͤher Erwartung, Angſt und innerer Sturm der Gefuͤhle ihre Lippen verſchloſſen, ſo mochte jetzt noch die Gegenwart des Fiſchers hinzukom⸗ men, dem ſie ſich nicht verrathen woll⸗ ten. Ohne alles Geraͤuſch, aber hor⸗ chend auf jeden Laut, glitten ſie uber den dunkeln Wellen hin, in denen nach Oſten hin der ſchmale Saum der eben erwachenden Morgenröthe ſich ſpiegelte. 2⁵5 Der Wagen raſſelte in der Ferne auf der harten Chauſſee; außerdem hoͤrten ſie keinen Laut. Aber als ſie ſchon die Mitte des Stroms erreicht hatten, wur⸗ de auf dem Wege von Bonn Geraäuſch laut. Es ſchien ſich zu nähern. Den Athem anhaltend, horchten Alle im Schiffe. Es kam wirklich in Godes⸗ berg; man hoͤrte deutlich Pferdegetrap⸗ pel auf der gepflaſterten Straße. Ei⸗ nen Augenblick war alles ſtill; aber jetzt horten ſie es plotzlich auf der Chauſ⸗ ſee dieſſeits Godesberg naͤher kommen. Bald war es ihnen gegenuͤber, ſie ſa⸗ hen dunkle Geſtalten am Ufer hin flie⸗ gen. Alle Herzen klopften faſt hoͤrbar; aber Niemand wagte, einen Ton von ſich zu geben. Es waren ſicher die Verfolger. Ein Blick ſeitwärts auf den, mit jeder Sekunde faſt ſich mehr erhel⸗ lenden Fluß und ſie waren entdeckt! Doch die Gefahr ging gluͤcklich voruͤber; die Reiter flogen, ohne anzuhalten, die ——— Chauſſee entlang und der Nachen hatte bald das jenſeitige Ufer erreicht. FJetzt waren ſie in Sicherheit. Gott ſey gedankt! rief Heinsberg laut, als ſie ans Land ſtiegen und der jetzt ſchnell zuruͤckruderte. Aber da fing das verſchleierte Frauen⸗ zimmer wieder an zu weinen und mit einer ſuͤßen, aber ſchmerzlich tönenden Stimme rief ſie: D Gott, welchen Schritt habe ich gethan! — Dann warf ſie ſich dem andern Frauenzimmer in die Arme und ſchluchzte noch lauter: O, Mutter, Mutter! Welche innere, entſetzliche Angſt faßt mich denn? Da ſprang Heinsberg zu ihr, nahm ſie aus den Armen der Mutter und legte ſie in die ſeinigen und rief mit yalb flehender, halb tröſtender Stimme; Angſt, Angelika? Biſt Du denn nicht bei Deiner Mutter und bei mir? Iſt denn meine Liebe nicht ſo ſtark, daß ſie Dich beſchuͤtzen und bewahren koͤnnte? Oder, o Angelika, trauſt Du ihr nicht? haͤltſt Du mich falſch? Sieh, bei der ſo ſchoͤn dort erwachenden Morgenroͤthe — Schwöre nicht, Ottomar! rief das Madchen. Ich vertraue Dir; ich war ein Kind. Sie ſchlug den Schleier zuruͤck und zeigte im Scheine der Morgenro⸗ the ihm ihr holdes Geſicht, das voll Liebe ihm entgegenlaͤchelte, ihre dun⸗ keln Augen, die noch feucht waren, aus denen aber doch die zarte Flamme der Liebe ſo mild ihm zulächelte. Er riß ſie feſter an ſich; ihre Lip⸗ pen begegneten ſich; lange hielten ſie ſich umarmt und ihre Blicke glaͤnzten von uͤberirdiſcher Wonne. Altheim dachte an ſeine Emma und auch ſeine Bruſt wurde von ſußen Schmer⸗ zen bewegt. Sie ſchlugen ſich geradeaus ins Ge⸗ birge; Altheim kannte alle einſamen Pfade, dieſe fuͤhrte er ſie, und nach wenigen, aber beſchwerlichen Stunden 17 . 13 258 kamen ſie, ohne Jemandem begegnet, oder von Jemandem bemerkt zu ſeyn, 1 auf der Meierei an. Das Haus lag in der That zußerſt ſchoͤn in dem engen, von hohen Bergen eingeſchloſſenen Thale, verſteckt zwiſchen dichten Weiden und Eichen, ſchlanken Pappeln, an dem kleinen Fluſſe Sieg, der hier noch nur ein Bach war, aber frohlich dahin huͤpfte, bis er ſich in ei⸗ niger Entfernung durch eine enge Schlucht größere Bahn brach. Angelika ſchien überraſcht von der tieblichen Gegend; auch die Mutter ſah ſich mit einer ſtil⸗ len Freude darin um. Sie hatte bis⸗ her faſt noch nichts geſprochenz Altheim hatte nur, als ſie nach Sonnenaufgang ihren Schleier zuruͤckſchlug, ein ſehr fei⸗ nes, regelmäßiges, aber von langen Leiden zerſtortes Geſicht zu entdecken Gelegenheit gehabt. Der Anblick ih⸗ res neuen Aufenthalts erfullte ihre er⸗ loſchenen Augen mit Thraͤnen, aber mit wohlthatigen, denn ſie ſprach voll Wehmuth: O Gott, warum haſt du nicht ſchon vor Jahren in einem ſo ſtilen, einſamen Thale mich verſchloſ⸗ ſen? Warum mußten dieſe harten Stuͤr⸗ me des Lebens auf mich eindringen? O, moͤge ich hier Ruhe Nur Ruhe, Frieden! Das ſollen Sie, — rief Heins⸗ berg. Ruhe und Frieden und Glück unter Ihren liebenden Kindern! Dann umarmte er Angelika. O meine Ge⸗ liebte ſagte er; wie wollen wir hiet ſo gückich, ſo ſtil und einſam und heimlich leben! Lieb heimlich und ein⸗ ſam, wie die Liebe! Von den Pächter, gutmuͤthigen Leuten, die mit Dankbarkeit an Alt⸗ heim hingen, wurden ſie mit geſchäfti⸗ ger Freundlichkeit aufgenommen. An Bequemlichkeit fehlte es in dem geräu⸗ migen Hauſe nicht, ſie konnten ſich auf das anmuthigſte einichten. Altheim 175 mußte den Tag uͤber bei ihnen bleibenz er mußte Zeuge des Gluͤcks ſeyn, das den Liebenden in der ſtillen, ungeſtor⸗ ter Einſamkeit jetzt doppelt ſchoͤn auf⸗ ging. Am ſeligſten war Angelika, die auch ihre Mutter zum erſtenmale ei⸗ ner ſtillen Heiterkeit ſich hingeben ſah. Nur Heinsberg war zuweilen unruhigz es war ihm, als ob ſein Gluͤck ihm noch entriſſen werden könne. Um ſo feſter nahm er ſich aber vor, ſobald er in Ruhe gekommen ſey, ſich ſofort die zu ſeiner voͤlligen Verbindung mit Ange⸗ lika erforderlichen Papiere aus ſeiner Heimath zu verſchaffen. Am folgenden Tage reiſete uien nach Nonnenwerth zuruͤck, mit dem Ver⸗ ſprechen, ſich recht bald nach den lie⸗ ben Zurückgelaſſenen wieder umzuſehen. 261 17. Die Warnung. ——— Altheims Herz klopfte hoch auf vor Wonne, als er, ſchon ſpät am Nach⸗ mittage, bei der Löwenburg aus dem Siebengebirge trat und nun di. Inſel Nonnenwerth ſo ſchoͤn und reizend vor ſich liegen ſah. Dort! rief er, dort weilſt du, meine Liebe, mein Leben! O, welch ein ſeliges Gefuͤhl, ſich ge⸗ ſtehen zu können, dort, auf jenem ſtil⸗ len Flecke ſchlaͤgt ein Herz in ſtarker, treuer Liebe fuͤr dich! — Hin, hin! rief er dann auf einmal feuriger und von ſeiner Sehnſucht uͤberwältigt. Erſt an ihren Hals, und dann zu ihrem Va⸗ ter, damit ſein Segen unſerem Bunde die ſchoͤnſte Weihe gebe! Er eilte ſtärker den Berg hinab, durch Honnef, an den Rhein. Hier 262 fand er einen Nachen, der im Begriffe ſtand, zur Inſel uͤberzuſetzen; ſchnell ſprang er ein und fuhr mit und ſuͤßer klopfte ſein Herz, wie er ſo mit jedem Ruderſchlage der Geliebten naͤher kam. Froͤhlich ſprang er ans Land. Sein Auge ſchweifte im Garten und in den Lauben umher, die Geliebte ſuchend, aber ſie war nicht zu ſehen. — Sie wird im Hauſe ſeyn! dachte er, viel⸗ leicht in Thränen um dich, den ſo plötz⸗ lich Verſchwundenen! O Himmel! was ſol ſi ſie denken, in welcher —. wird ſie ſeyn! — Er machte ſich bittere Lorwirfe; vorgeſtern abgereiſet zu ſeyn, ohne ihr die mindeſte Nachricht üͤber ſich hinter⸗ laſſen zu haben. Lebendig drangte ſich ihm das Bild ihrer Unruhe, ihres Schmerzes auf. Er eilte ins Haus, er durchſuchte die Saͤle und Unterhal⸗ tungszimmer, ſie war nirgends. Ein banges Geſuͤhl faßte ihn. Im Spiel⸗ — zimmer horte er endlich die hohl quä⸗ kende Stimme ihres Vaters. Der Alte ſpielte Pharo, war im Verluſt, ſchimpfte aus Leibeskräften uber Spielkarte und ſich ſelbſt, und wurde faſt von allen Anweſenden ausgelacht. Für Altheim war dieß Schauſpiel druͤckend. Er ver⸗ ließ ſchnell das Zimmer, von neuem im Garten ſuchend, immer unmuthiger, da er umſonſt ſuchte. Als aber der Ober⸗ kellner ihm begegnete und mit ſeiner gewoͤhnlichen Liſtigkeit ihm unaufgefor⸗ dert berichtete, die Fräulein von Bolte ſey mit ihrem Couſin aufs rechte Ufer, um die Ruine Rolandseck in Augen⸗ ſchein zu nehmen, wurde er noch un⸗ muthiger, und mit dem bitteren Ge⸗ fuͤhle getaͤuſchter Erwartung, unbefrie⸗ digter Sehnſucht ließ er ſich unter der ſchattigen Palmengruppe nieder. Laͤ⸗ ſtige Bilder quälten hier ſeine Seele. Von den ſchoͤnen, friedlichen Szenen der Meierei kommend, hatte er dieſe 264 noch ſchoͤner hier erneuert zu ſehen ge⸗ hofft, und nun ſaß er allein hier; nur einen unbeholfenen, verſpotteten Alten hatte er entdeckt; die Geliebte war entfernt, mit einem Menſchen, deſſen Anblick ſchon eine Zeittang, ohne daß er ſich ſagen konnte, warum, ihm un⸗ angenehm geweſen war. Er ſeufzte recht tief auf. Da ſah er die blinde Graͤfin Roſen am Arme ihrer Zofe un⸗ ter den Platanen luſtwandeln, und ſeine Gefuhle wurden noch bitterer, denn ihm fiel die Frage wieder ein: Treu wie Roland? — und mit der Frage ſtanden wie drohende Geſpenſter, des Ritters Treue und ſeine eigene Untreue und die abgehaͤrmte Sm vor — ner Seele. Er verließ ſeinen pPutz und W in das Dickicht des an der oberen Spitze der Inſel liegenden Boskets; um, ent⸗ fernter von Menſchen, freundlichere Bil⸗ der in ſeine Seele zu locken. Aber es 265 —.——— gelang ihm nicht. Da hoͤrte er auf einmal raſche Tritte ſich nahen, und als er aufblicte, ſtand die Zofe der Gräſin Roſen vor ihm. Sie übergab ihm ein Brieſchen und entfernte ſich ſchnell wieder, ohne etwas zu ſprechen⸗ Neugierig oͤffnete Altheim und las: „Es wird ein ſchändliches Spiel mit Ihnen geſpielt, deſſen Unkoſten Sie allein tragen ſollen. Huten Sie ſich, Gefuͤhle ausſprechen 6 ð haben.“ — Die Schriſtzuge waren von einer Frauenzimmerhand, eine Unterſchrift fehlte. Eine ſonderbare Vermuthung rief Altheimen zu, das Zettelchen ſey von der Blinden. Muß denn uͤberall, rief er, dieß räthſelhafte Weſen dro⸗ hend mir entgegentreten? Wer iſt ſie? Was will ſie? Ein ſchändliches Mit mir? Er verſiel in finſtere Traͤumereien. Himmel! rief er auf einmal heftig; wenn Emma —! Gefuhle ausſprechen, heißt noch nicht, ſie haben! — Der Schatten an ihrem Fenſter ſiel ihm ein; die oft ſpottiſchen Blicke des Vetters, die heutige einſame Promenade zum Rolandseck. Er ballte beide Hände ge⸗ gen die heiße Stirn. Himmel! rief er noch einmal, wenn ſie Beide ein ent⸗ ſetzliches, holliſches Spiel mit mir trie⸗ ben! — Doch nein, nein! Es iſt nicht möglich! Wie könnte das Ideal mei⸗ nes Herzens truͤgen! Aber warum denn dieſer Zettel? Was koͤnnte ſie, oder ſonſt Jemanden zu einer ſo emtſetzli⸗ chen Verlaͤumdung bewegen! Er konnte ſich aus dem Gewirre ſeiner Gedanken und Gefuͤhle nicht her⸗ ausfinden. Im heftigſten Zwieſpalt mit ſich und ſeiner Liebe ging er um⸗ her. Da ſah er vom linken Ufer her einen Nachen auf die Inſel zurudern. Emma und der Noffe ſaßen darin. Sein ganzes Weſen gerieth in Aufruhr, als —— — ——— 267 er ſie erkannte. Sie ſaß allein auf ei⸗ ner Bank des ſchmalen Schiffchens; der Neffe ſtand in faſt ehrerbietiger Ferne vor ihr. Tauſend Stimmen rie⸗ ſen in Altheims Bruſt: Hin zu ihr! An ihr treues, liebendes Herz! Es war alles nur Verläumdung, ſchwarze, bos⸗ hafte Verläumdung! — Aber tauſend andere riefen: Wenn ſie doch eine Ver⸗ brecherin wäre! Wer hat das Herz des Weibes ergruͤndet? — 4 Er verſteckte ſich hinter das Ge⸗ vuſch, um ſie deſto unbemerkter und ungeſtorter betrachten zu koͤnnen. Sie ſchien ſehr nachdenklich, faſt traurig zu ſeyn. Ihre Blicke hingen unverwandt an der Inſel. Sie ſieht dich! rief es in Altheim. Um beinetwillen iſt ſie traurig! — Hin, hin zu ihr! rief es wieder lauter; er hob den Fuß auf, um zu ihr zu eilen, er bog das Ge⸗ ſträuch zuruck, um daraus hervorzuſtuͤr⸗ zen. Aber da war es ihm, als ſtän⸗ 268 den vorihm auf dem Pfade mit ſchwar⸗ zen, drohenden Buchſtaben die Worte geſchrieben: Sie ſpielt ein ſchändliches Spiel mit dir! — Er zog den Fuß zu⸗ ruͤck und legte ſich wieder ſtill hinter das Geboͤſch und grollte mit ſich und mit der Welt. Tauſend Pläne voll Widerſpruͤche durchkreuzten ſein Gehirn. Dann wollte er ſie verlaſſen, die Heuch⸗ lerin, auf immer, nie ſie wiederſehen! Dann wollte er ihr zu Füßen fallen und die Reine um Verzeihung bitten, daß er dem unwuͤrdigen Verdachte ge⸗ gen ſie nur einen Augenblick habe Raum geben koͤnnen. Zuletzt faßte er einen vernunftigeren Entſchluß. Er wolite die Zofe aufſuchen, ſie fragen, wer ihr den Brief gegeben, und dann geradezu bei dieſer letztern, wenn es auch die Grafin ſelbſt ſey, Erlauterung der Räthſel for⸗ dern. Emma war ſchon längſt auf der Inſel angekommen, der Kahn, der ſie gebracht, hatte ſchon wieder das rem Munde? ——— jenſeitige Ufer erreicht, als Altheim mit dieſem Vorſatze aufſprang und dem Hauſe zueilte. 18. Die Netamorphoſe. Der Oberkellner ſtand nachläſſig an die Eingangsthüre des Wirthſchaftsgebäu⸗ des gelehnt. Altheim trat heftig auf ihn zu. In welcher Gegend, fragte er, logirt die Kammerjungfer der Graäfin Roſen? Der Kellner ſay ihn liſtig icelnd an. Mein Gott, gnaͤdiger Herr, rief er verwundert, welche Frage aus Ih⸗ Antwort! Antwort! au⸗ heim faſt zuͤrnend uͤber den unzeitigen ſchlechten Spaß. bun Zu Beſehl! antwortete der Kellner, hoͤflich einlenkend. Sie logirt Nr. 63 hinten auf dem weſtlichen Corridor. Ew. Gnaden erlauben mir, Sie hinzufuͤhren. Nicht noͤthig! erwiederte Altheim und ſprang ſchnell die Treppe hinauf; der Kellner ſah ihm, zum erſtenmale, mit einem etwas dummen Geſichte, nach. In den langen Corridors des ehe⸗ maligen Kloſters herrſchte bereits Hell⸗ dunkel. Altheim ſchritt auf den weſt⸗ lichen Gang zu, an den Thüren nach der bezeichneten Nummer ſuchend. Er konnte ſie nicht finden, obgleich er be⸗ reits das Ende des Ganges erreicht hatte. Ungeduldig wollte er umkehren, um von vorn anzufangen; in dem Augenblicke oͤffnete ſich eine Thuͤre, aus welcher heftig ein Frauenzimmer trat, die ſich mit einem Sacktuche das Geſicht bedeckte. Altheim achtete an⸗ . 27¹ —.— fangs nicht auf ſie, aber als er ſie un⸗ terdruckt ſchluchzen zu hoͤren glaubte, wurde er aufmerkſam. Die Geſtalt ſchien ihm bekannt, obgleich das Dun⸗ kel ihm nicht erlaubte, ſie zu erkennen. Eine ſonderbare Unruhe ergriff ihn. Ihr Weg fuͤhrte ſie von ihm ab; er mußte ihr unwillkuͤhrlich nacheilen. Bei der Wendung des Ganges holte er ſie einz er hoͤrte ſie noch immer ſchluchzen; raſch trat er an ſie; ſeine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, es war Emma. Vergeſſen waren Plaͤne und Vor⸗ ſaͤtze, vergeſſen Eiferſucht und Argwohn. Sein ganzes Weſen war in Liebe auf⸗ gelöſet bei dem Anblicke der weinenden Geliebten. Emma! rief er aſchroden und ſie in ſeine beiden Armen. Emma! Geliebte! Woher dieſe — Was fehlt Dir? Sie umſchlang ihn innig, t ſie ihn erkannte. O Gott, ſagte ſie; biſt Du wieder da? So iſt doch Eine Angſt von meinem Herzen genommen! — Sie legte das Köpfchen an ſeine Bruſt; ihre Thraͤnen floſſen ſanfter. Nur Eine? rief Altheim. Was drückt Dich denn, itte — O, S6 es mir! Doch ſie nocknete —— wieder ihre Augen und verſuchte mit einem frohen Laͤcheln in die feinigen zu blicken; aber das Lacheln war ein ſchmerzliches. Nichts, mein Karl, antwortete ſie weich. Es iſt ja alles wieder gut, nun ich Dich wieder habe. Ach, was hat mich Dein Ausbleiben geaͤngſtigt. Altheim hatte ſich lange nicht glůc⸗ licher gefühlt. Keine Spur von Miß⸗ trauen war mehr in ſeinem Herzen, nur heilige, glaubende Liebe. Welche pittern Vorwuͤrſe machte er ſich, nur Einen Augenblick an der Geliebten ge⸗ zweifelt zu haben. Vergieb mir, Du Theure! antwortete er und verband ei⸗ 273 nen Doppelſinn mit dem Worte. O vergieb mir die Pflicht der Freund⸗ ſchaft rief mich; ich konnte ſie nicht von mir ablehnen. — Aber, Emma, nur Eine Angſt hat meine Rückkehr von Deinem Herzen genommen? O, vertraue dem Geliebten auch die andere! Es war nichts! wiederholte ſie leiſe; allein ploͤtzlich hervorbrechende Thraͤnen widerlegten das Wort. Verdiene ich Dein Vertrauen nicht? rief der Jungling ſchmerzlich. Da umſchlang ſie ihn inniger. So hoͤre denn, verſetzte ſie leiſe und be⸗ ſchaͤmt. Meinem Vater iſt meine Liebe zu Dir nicht entgangen. Eben hat er mir Vorwuͤrfe daruͤber gemacht; ein ſtarker Verluſt im Spiele hatte ihn auf⸗ gereizt. O, es quaͤlte mich ſehrz ſollte ich ihm erwiedern? Und das iſt alles? jubelte nnen auf. Morgen, nein, noch heute; auf der Stelle gehe ich zu ihm, ihn um 18 274 —— Deine Hand zu bitten. Er wird, er ½ mich nicht abweiſen! Nicht jetzt! rief das Maͤdchen aͤngſt⸗ lich. Er iſt zu gereizt; mein Coufin Eduard kann ihn kaum beſänftigen. Dein plotzliches Erſcheinen moͤchte ihn zu ſehr aufbringen Gut, morgen dann! gab Altheim nach. Und dann ganz mein! Ganz Dein! erwiederte die Geliebte. eine Thuͤre dicht neben ihnen an wurde ploͤtzlich aufgemacht. Die Lie⸗ benden fuhren aus einander, Emma auf ihr in der Naͤhe befindliches Zim⸗ mer, Altheim die Treppe hinunter. Die dunkle Geſtalt der Grafin Roſen, die aus der geöffneten Thüre getreten war, ſtand lange unbeweglich auf der Schwelle, ſtieß dann einen ſchweren Seufzer her⸗ vor und kehrte langſam in die Stube zuruck, aus der ſie hervorgetreten war. 275 19. Die Entdeckung. Es war Mitternacht. Altheim ſtand, an einen duftenden Lindenbaum gelehnt, unter Emma's Fenſter, das noch erleuch⸗ tet war und vor dem er oft ihren Schat⸗ ten vorbeiſchweben ſah. Reue uͤber den unwuͤrdigen Verdacht, dem er ſich heute hingegeben, und Sehnſucht, bald ganz mit der Geliebten vereint zu werden, beſturmten ſein Herz. O du Reine, du Himmliſche! ſprach er leiſe zu ihrem wandernden Schatten hinauf; Kannſt du mir vergeben? O, nimm mich mit deiner ſchoͤnen Liebe wieder auf. — Wie war es nur moͤglich, daß ich mich konnte bethoren laſſen? Emma untreu? Emma in entwuͤrdigenden Verbindungen? Auf einmal rauſchte es oben in dem Gipfel einer Linde neben ihm; eine Ge⸗ 18* 276 ſtalt kletterte vorſichtig von Zweig zu Zweig herunter und ließ ſich dann raſch an dem glatten Stamme auf die Erde fahren. Verwundert ſah Altheim hin und entdeckte bald den Lord Stipple⸗ ton, der auf ihn zukam. Guten Abend, mein Theurer! ſagte der Englaͤnder. Oder guten Morgen, denn wenn ich recht gehort habe, ſo ſchlug die Glocke auf dem Thürmchen hinten Mitternacht, obgleich es oben in dem Zimmer dort noch hell iſt, wie bei Tage faſt. Sie haben auch Ja! antwortete Altheim kurz, und ſchon durch die Gegenwart des herzlo⸗ ſen Menſchen in ſer Stunde verletzt. Sein Herz ſetzte rohlockend hinzu: frei⸗ lich habe ich hingeblickt, und meine Au⸗ gen haben die Lippen geſucht, die ge⸗ wiß jetzt voll Liebe meinen Namen aus⸗ ſprechen und ben Buſen, der bei die⸗ ſem Namen ſo ſchon emporwallte. — 277 Aber er ließ die Worte Berzens nicht laut werden. 3. Ich kann es nicht läugnen, fuhr der Englaͤnder fort, der ſonderbare Schatten an dem Fenſter zog mich un⸗ widerſtehlich an. Bald einfach, bald doppelt, dann wieder einfach, dann wie⸗ der doppelt, als wenn zwei Liebende ſich trennen und wieber vereinigen, und ſich nun wieder loslaſſen und nun wieder auf einander zufliegen. Ich mußte wiſ⸗ ſen, ob ich recht gerathen hatte und was drinnen vorging. Ich kletterte auf die Linde dort, aber ich bin zu kei⸗ ner Gewißheit gekommen — dort nur wohnen mag? Altheim fuͤhlte ſich durch dieſe Worte zugleich beleidigt und auch beunruhigt. Sie argwoͤhnen ſonderbar, aber nicht ſchoͤn! antwortete er kalt und ſich entfernen. — der Englaͤnder hing „ an ſeinen Arm. Der Argwohn iſt eigent⸗ lich nie ſchoͤn! ſagte er lachend. Weil er nicht aus ſchonen Herzen kommt, erwiederte Altheim noch kaͤlter. Nicht darum! lachte jener weiter; aber weil er keine ſchoͤne Objekte hat. Gegen einen Freund bin ich noch nie argwöhniſch geweſen; deſto mehr ge⸗ gen eine Geliebte. Jener verdiente es nicht, dieſe in der Regel wohl. Sie mochte danach ſeyn! — Atheim bitter. Hm! ſagte der Lord; ſie ſind xu⸗ danach. Noch geſtern hat mich ein neues Beiſpiel davon belehrt. Vorgeſtern, oder war's einen Tag früher, ſchwor mir meine Seiltaͤnzerin ewige Treue; ge⸗ ſtern iſt ſie zum Teufel Kengen; ich weiß nicht einmal, wie! Autheim ſtutzte. Ihre Seitanzerint Das Nadchen ſcheint ſie zu intereſ⸗ ſnt lachte der Engländer. Schon Haus zu, am Eingange beſann 279 —— neulich erkundigten Sie ſich faſt preſ⸗ ſirt nach ihr. Sind auch Sie vielleicht von ihr duͤpirt? — Sie war dazu liſtig genug. I„ch ſchließe, — Autheim, kemne Verbindungen, die mich dupiren koͤnnen. Pah! lachte der Engländer lauter. Kein Weiberherz iſt zu ergruͤnden und keinem zu trauen. Seiltaͤnzerin oder Fräulein; Alle ſind ſie aus denſelben Ele⸗ menten zuſammengeſetzt, Alle nur Geſchoͤ⸗ pfe der Eitelkeit und des Eigennutzes. Altheim wurde durch dieſe Reden immer mehr verſteinert. Gute Nacht, mein Herr! ſagte er, als ſie jetzt an der Thuͤre des Wirthshauſes ſtanden, kurz und ſeinen Arm aus dem des Lords ziehend. Er hätte ſich gern näher nach der Seiltänzerin erkundigt, allein die Naͤhe des Lords wurde ihm jeden Au⸗ genblick unheim licher. Er ging auf aber, kehrte um und ging wie den Matz, von dem der Englander ihn ſo eben ſortgezogen hatte. In Emma's Stuͤbchen war es noch immer hell, aber ein Schatten war am Fenſter nicht zu ſehen. Dennoch verſuchte er vergebens, ſich wieder in ſeins vorige fuͤße Stim⸗ mung zu verſetzen; immer draͤngten ſich ihm ſtoͤrend die ten Worte des S lnders aufc iak ooz Ploͤtzlich wurde er h ein 6e raͤuſch aufgeſchreckt. Eine weibliche, tief verſchleierte Geſtalt ſtand vor ihm; er erkannte Geſtalt, Haltung und Klei⸗ dung der Gräfin Roſen. Sie ſiand ſtill vor ihm, aber allein, — ihre gewoͤhnliche Fuͤhrerin. Gräfin! rief er, in der That er⸗ ſchrocken. Wie kommen Sie hiether? Und ſo allein? Haben Sie ſich verirrt? Sie antwortete ihm nicht; aber nach einer Weile ſagte ſie mit dumpfer Stimme: Man betrugt Sie ſchaͤndlich! Kommen Sie, damit Sie ſich uͤberze⸗ 28¹ gut, e es in vun nt — Sie nSie chrit; — — 3 —— raſch voran, unter den Lin⸗ denbäumen fort auf das Haus zu. Altheim erbebte im Innerſten uͤber ihre Worte. Er dachte nicht weiter an das Wunder, daß eine Blinde ihn ſüh⸗ re; ſein ganzes Weſen war nur voll von dem Einen wieder auflebenden Ge⸗ danken an Emma's Untreue. Mit ſtur⸗ menden Pulſen folgte er ihr, das Blut war aus ſeinem Geſichte gewichen und hatte ſich zum Herzen zuruͤckgedraͤngt, das jetzt ſchwer und aͤngſtlich ſchlug. Seine Füße zitterten, aber ſie trugen ihn dennoch raſch ihr nach. Zu dem entſcheidenden Augenblicke feines Lebens, — er ſich unter heftigem Beben. Sie ging, ohne ſich nach ihm um⸗ — ins Haus, ſtieg hier die zu der oberen Etage fuͤhrende Treppe hin⸗ auf, und ſchritt, immer leiſer und vor⸗ ſichtiger, in einen dunklen Seitenkori⸗ ridor hinein. Vor einer Thuͤre blieb ſie ſtehen und winkte ihm mit der Hand, langſam naͤher zu treten. Er that es. Horchen Sie, fluſterte ſie, nach der Thure zeigend. Schaͤmen Sie ſich nicht, es gilt Ihr Gluͤck, Ihre Ehre! Er legte ſein Auge an das Schluͤſ⸗ ei⸗ durch welches er in die Stube ſehen konnte und horchte geſpannt. Es war hell darinnen, aber er konnte Nie⸗ manden ſehen, auch hörte er keinen Laut. es iſt Emma's Schlafſtube! ſagte die Gräfin ganz leiſe. — Doch ſtill! flüſterte ſie auf einmal, nur ihm, der ſeinen Athem anhielt, um zu horchen, yorbar. In demſelben prinnen lebendig. Es n Jemand beweate; teiſe S Sti ſterten dabei. Anfangs verſtand Alt⸗ heim kein Wort; auf einmal ſagte eine männliche Stimme leiſe, aber vernehm⸗ es 6 — bar: Nein, Emma, ich werde es nicht ertragen; ich kann nicht! Es war des Neſſen Stimme. Alt⸗ heim erſtarrte, aber er horchte weiter. Wunderlicher Menſch! antwortete noch vernehmlicher Emma's Stimme. Hilft denn nichts? Koͤnnen denn alle meine Schwuͤre Dich nicht von meiner unwandelbaren Liebe überzeugen? Liebe? rief der Jüngling bitter, und ſehr laut. O, ich kenne Euch! An⸗ fangs werde ich Dir noch etwas ſeyn, wegen der Neuheit des Verhaͤltniſſes. Späterhin —! Er iſt liebenswuͤrdig und liebt Dich! Gewohnheit, das ewige Zu⸗ ſammenleben, gemeinſchaſtliche und Leiden — und wenn auch! entgegnete — Stimme; Du bleibſt meine erſte und meine einzige Liebe, Eduard! Warum heiratheſt Du ihn v ½ der Neffe heraus. undankbarer! erwiederte ſie. War⸗ — um anders, als um Deinetwillen? Eine Verbindung mit Dir, das weißt Du, giebt der Vater nie zu. Soll ich denn —? um meinetwillen eine alte Jungſer werden? fiel er mit grobem Spotte ein. Pſui, Eduard! ſagte ſie, gekränkt, aber dennoch mit dem Tone unverkenn⸗ parer Liebe. Aber Ein unbedachter Mo⸗ ment koͤnnte uns dem argwoͤhniſchen Vater verrathen. Er wuͤrde wüthen, er wuͤrde außer ſich gerathen, Du kennſt ihn ja auch — kein Verhaltniß ſchonen, vor der ganzen Welt mich blosſtellen. Soll ich denn uns Beide verderben? Meine Heirath geſtaltet alles anders. Altheim liebt mich; ſein Herz kennt kein Mißtrauen! Er wird nur den Ver⸗ wandten in Dir ſehen und in meiner Liebe zu Dir nur verwandtſchaftliche Zärtlichkeit. Zudem kann er, als Sol⸗ dat nicht immer bei mir ſeyn. Im Som⸗ mer, wenn ihn die Garniſon hält, gehe ich auf ſeine Guter, Du folgſt mir; 265 wir leben ungeſtört Liebe und dem Gluͤcke! un en Altheim knirrſchte mit den gahnen daß ſie ihn — aber er — noch. nt Der Neſſe hn wieder das Wort. malſt ſchoͤn, Emma! ſagte er; aber auch wahr? Wirſt Du immer ſo den⸗ ken? Wird immer Liebe zu mir in Dei⸗ nem Herzen wohnen? Ich muͤßte ver⸗ gehen, wenn Du 5 n — mich wurdeſt. Eduard! ſagte ſi F e und ihre Won⸗ — Thraͤnen; koͤnnteſt Du in mein Inneres blicken! O glaube mir, meine Liebe zu Dir kann nie aufhoͤren? Der Juͤngling antwortete nichts; aber Altheim hoͤrte, wie ſie ſich umarmten. Der Ungluͤckliche, Enttaͤuſchte ſtarrte gedankenvoll vor ſich hin, den heißen Kopf an die kalte Kalkmauer gelehnt. Ein heftiger Zwieſpalt wuͤthete in ſei⸗ nem Innern: Liebe und Verachtung! Sie zu verlaſſen, darüber war er nach dem erſten Worte, das er verſtanden yatte, wohl keinen Augenblick mehr be⸗ denklich. Aber ſollte er eine Ungluͤck⸗ liche in ihr bedauern, oder eine nichts⸗ wuͤrdige Betrügerin in ihr verabſcheuen? Lange kaͤmpfte ſeine Liebe gegen das Letztere an. Nein, nein! rief es zuletzt in ihm. In einem verrätheriſchen Her⸗ zen kann keine reine Liebe wohnen. Es ſind nur ſchnoͤde Gefuͤhle, die ſie an den Neffen feſſeln! Sie iſt keine Un⸗ glůckliche! Sie iſt eine gemeine, nieder⸗ trächtige Buhlerin. — Pfui uͤber die Entartete! rief er mit lautem Abſcheu und wollte ſich, da er ſeine Führerin nicht mehr ſah, ſtil entfernen. In demſelben Augenblicke ging die Thlüre auf, vor der er ſtand, und in derſelben erſchien das liebende Paar, ſich ſeſt umſchlungen haltend. Altheim bog ſich unwillkuͤhrlich zuruͤck; aber Emma hatte ihn geſehen und mit ei⸗ 237 nem lauten Schrei des plotzlichen Schrecks fuhr ſie aus des Geliebten Armen in den Grund des Zimmers. Der Neffe, ebenfalls verlegen geworden, ſtand un⸗ ſchluͤſſig, bald Altheimen anſehend, bald der Geliebten nachblickend. Altheim faßte ſich zuerſt. Entſchloſ⸗ ſen trat er vor, um in die Stube zu gehen, und jetzt, da er einmal geſehen war, Emma das muͤndlich zu ſagen, was er am andern Morgen ihr hatte ſchreiben wollen. Der junge Mann wich unwillkuhrlich vor ihm zuruͤck und ungehindert trat Altheim in das Zim⸗ mer. Emma lag, das Geſicht mit bei⸗ den Händen bedeckt, auf dem Sopha. Er nähete ſich ihr mit feſten Tritten und ſtellte ſich dicht vor ſie, indem er mit ruhiger Stimme folgende Worte zu * ſprach: Sie haben ein ſchlechtes Spiel mit mir geſpielt, mein Fräulein! ſagte er⸗ Ein noch ſchlechteres wollten Sie mit S— 288 mir ſpielen. Mein ſchuͤtzender Genius entdeckte es und rettete mich. Moͤge auch für Sie noch Rettung ſeyn, vor gaͤnzlichem Verderben! Er wollte gehen, aber ihr lautes Schluchzen ſchnitt ihm durch das Herz⸗ Roch einmal drehete er ſich nach ihr um. Leben Sie wohl! ſagte er mit halb erſtichter Stimme und einem tie⸗ ßen Seufzer, und ſtuͤrzte, an dem Nef⸗ fen vorbei, aus der Stube. 20. 6ca p o. Auheim ſaß am folgenden Morgen ſtill am ufer des Rheins und ſah Gedan⸗ kenvoll in die dahineilenden Fluthen und auf die zahlloſen Nachen und Kůhne⸗ — — die, von jenen getragen, Stromauf⸗ waͤrts glitten, oder auf die Berge, die ihre gruͤnen Häupter ſo freundlich der erquickenden Morgenſonne entgegenſtreck⸗ ten. Aber er bemerkte von allem die⸗ ſem nichts, ſo aufmerkſam er auch hin⸗ ſah. Er war nur mit dem Abentheuer der vergangenen Nacht beſchäftigt und fuͤhlte nur den Schmerz der getauſch⸗ ten Liebe, des betrogenen Glaubens.— O Gott, o Gott! ſprach er ſchmerzlich, an was ſoll ich denn noch glauben, wenn auch dieſer Glaube betrogen wur⸗ de, wenn ſie eine Verbrecherin, eine Betruͤgerin war? Ideal, du freundli⸗ ches, hohes, heiliges Bild, das mein Herz in ſeinen erhabenſten Momenten ſich ſchuf, wenn auch du nur Trug und Verrath biſt, wo iſt deine Wahr⸗ heit? Was iſt dann Tugend, Liebe, Leben? Sein Blick ſchweifte finſter uber den Strom weg in die jenſeitigen Gebirge. Da ſah er den Rolandseck, der ſo ſtill 19 und mahnend mit ſeiner verſiuͤmmelten Ruine in das Thal ſchauet; ein Schau⸗ der ergriff ihn. Treu wie Roland? rief er unwillkuͤhrlich. Der eigne Verrath, die eigne Untreue trat wie ein drohendes Geſpenſt vor ſeine Seele. Hat nicht, rief er, ein gerechtes Schickſal das Wie⸗ dervergeltungsrecht gegen mich ausgeuot? Hatte nicht auch ich ihr Liebe und Treue geſchworen? Und glaubte nicht auch ſie meinen Schwuren? Und wurde ſie nicht betrogen, verlaſſen, die arme Adeline? Dieſer Gedanke verließ ihn nicht; vergebens verſuchte er, ihn zu verlie⸗ ren. Immer trat das leidende Bild der verlaſſenen Geliebten vor ſeine Seele und, ſonderhar genug, ſchmolz es bald mit dem Bilde der blinden Gräfin, die ihn gerettet hatte, in Eins zuſammen, ohne daß er ſich Rechenſchaft geben konnte, warum? Deſto dringender wur⸗ de ſein Wunſch, ſie aufzuſuchen und ihr ſeinen Dank auszudruͤcken, für den 291 3 Antheil, den ſie an ihm genommen und fuͤr die Rektung von dem entſetzlichſten Verderben, dem er ohne ſie Preis ge⸗ geben war. Unangenehm wurde er tierin wie⸗ der durch den Lord Stippleton verhin⸗ dert, der ihn am ufer ſitzen ſah und auf ihn zukam. God dam! rief der edle Herr verwundert. Sie hier? Und auf der andern Seite ſchifft die liebens⸗ wuͤrdige Emma mit ihrem noch liebens⸗ wuͤrdigeren Vater und Neffen ſich ein, um dieſes zweite Paradies auf immer zu verlaſſen? Woher dieß? Die Nachricht von der Abreiſe gab Altheimen doch einen Siich ins Herz. Er konnte nichts antworten, ſein Ge⸗ ſicht uͤberzog ſich mit einer dunkelen Gluth. Wos iſt das? fuhr der Englaͤnder ſort. Vieleicht ein kleiner Zank? Ver⸗ geſſen Sie, Freund und vergeben Sie, und ſchnell nach; ſich ihr zu Fuͤßen ge⸗ worfen, um von ihren ſluen Amen 19 4 202 aufgefangen und an das ſuß klopfende Herz gedruͤckt zu werden. Eilen Siez es ſoll ja keinen koſtlicheren Genuß ge⸗ ben, als eine Verſoͤhnung zwiſchen Lie⸗ benden! Ihr nach, ihr nach! Der Elenden? rief Altheim, unfaͤ⸗ hig, ſeine Erbitterung zuruͤckzuhalten. Wie? fragte der Lord, wirklich erſtaunt. Stippleton! erwiederte Altheim, thuen Sie mir den Gefallen, der Dame nicht ferner unter uns zu erwähnen. Ich liebte ſie in der That; ich ſtand im Begriff, mich für immer mit ihr zu ver⸗ binden. Zum Gluͤck entdeckte ich es fruh genug, daß ſie meiner Liebe — we war. Bei Gott, das war ſe nicht! ſr 8 Lord mit einem an ihm ungewoͤhn⸗ lichen warmen Tone ein. Schon ihr erſter Anblick konnte das Bild einer Laiß nicht aus meiner Phantaſie verdrängen. Ich beobachtete ſie ſpaͤter in muͤßigen Stunden und, Sie haben Recht, unter * 293 der liebenswuͤrdigſten Maske lauerte nur ein gewohnliches, ſchon verdorbenes Weiberherz auf deſto ſicherern Raub. Sie dauerten mich oft, aber ich mochte den Himmel der erſten Liebesgluth nicht ſtoͤren, zumal da ich wohl vorausſah, Sie wuͤrden auf die Eine oder die an⸗ dere Art fruͤh genug erwachen. — Und nun, lieber Altheim, da wir einmal in der Ernſthaftigkeit ſind, laſſen Sie mich auch ein Wöͤrtchen von Ihrem Freunde Heinsberg zu Ihnen ſprechen. Wenn meine und des Seiltaͤnzerdirektors Ver⸗ muthungen nicht ganz — der Entfuͤhrer Angelika's. Um Gottes willen! rief uuein Ang lich, ſich plotzlich wieder der Andeutungen des Englaͤnders von geſtern Abend erin⸗ nernd. Wiekonnte ich den Freund uͤber die Unwuͤrdige vergeſſen? Reden Sie! Wieiſt es mit dem Mädchen? Allerdings it S ihr SS 294 —— Und in cen — — v Lord⸗ 3 Sie nu „ Frichn ſeilch! fuhr jener ſort; Leute von Sentimentalitaͤt und von Grundſätzen habt nur Eine Abſicht, wenn Ihr ein junges Mädchen entführt. Sollte Ihr Freund ſich wirklich mit der Abentheurerin verbinden wollen? So iſt es! verſicherte Altheim. Das iſt ſchlimm! fuhr der Lord, wieder ernſthafter, fort. Sie iſt zwar eine ſehr feine, gewandte, aber auch eine ſehr gemeine Buhlerin. Sie kennt nur Sinnlichkeit und Habſucht. Auch mich glaubte ſie anfangs, als ſie meine Aufmerkſamkeit fur ſie ſah, durch ihre Kuͤnſte der Schwermuth, des Kummers u. ſ. w. lauſchen und bethören zu kön⸗ nen. Aber ich lachte ſie aus; deſto tol⸗ ler, je ſentimentaler ſie wurde, und nach wenigen Stupden ward ſie natür⸗ 295 licher, d. h. eine gewoͤhnliche Kreatur von dem Schlage, die nur Geld und nebenbei einige Schmeicheleien haben wollte. Angelika? rief Altheim aus. Dieſes ſanfte, fromme, leidende Weſen? Pah! ſagte der Englaͤnder. Eben ſie! Armer Freund! fuhr Altheim fort. Er liebt ſie ſo innig, ſo treu! Wie ihm den Verrath beibringen? Sein Herz wird verbluten. Pah! ſagte der Englaͤnder „ ein⸗ mal. Nicht verbluten, wenn auch blu⸗ ten. Eilen Sie nur, ihn zu retten, wenn es noch moͤglich iſt. Altheim ſann ein Paar Minuten ſti nach. Wollen Sie mich begleiten? uij⸗ er dann raſch den Lord. Dieſer war bereit. ——————————— 21. i Stumm ritten Beyde nach einer Stun⸗ de durch das Siebengebirge dem Sieg⸗ thale zu. Der Engländer hatte wirk⸗ lich Delikateſſe genug, nicht zu ſpre⸗ chen; Altheim war zu ſehr ergriffen von dem Gedanken an die doppelt be⸗ trogene Liebe. Auch er! rief es unauf⸗ hoͤrlich in ihm. Beide zugleich! Zu⸗ gleich, auf dieſelbe Art, jämmerliche Spielbaͤlle der Buhlerei, des Betrugs! Fſt es denn ein Traum, ein Wahn, ein leeres Schattenſpiel, jenes hehre Ideal, das unſere Seele ſich ſchafft, und nach dem unſer Herz ſich ſehnt⸗ wie nach einem Beduͤrfniſſe zum eigent⸗ lichen, beſſeren Leben, ja, wie nach dieſem beſſeren Leben ſelbſt? Sie erreichten den letzten Berg und ſahen in das ſtille, freundliche Thal hinein, in dem am ſtillſten und freund⸗ lichſten Altheims Meierei lag. Jetzt biſt du noch ſo gluͤcklich, armer Freund! fuhr er fort; in wenigen Minuten fuͤhlt ſich dein Herz zerriſſen, dein Geiſt um⸗ dunkelt. — Und doch! Ungluͤcklicher Gluͤcklicher! Es iſt eine giftige Schlan⸗ ge, die du an deinem Buſen erwaͤrmſt. Schon hat ſie ihr toͤdtliches Gebiß nach dir ausgeſtreckt. Ich muß dich retten, und ſollteſt du auch bluten. Er hat Recht, verbluten wirſt du nicht; ver⸗ bluten wuͤrdeſt du nur an ihrem Biſſe. Sie gaben ihre Pferde dem Pächter, als ſie auf der Meierei ankamen und gingen langſam, nicht ohne Herzklopfen, dem Theile der Wohnung zu, in wel⸗ chem Heinsberg mit den Frauenzimmern wohnte. Von dem Paͤchter hatten ſie gehoͤrt, daß Alle zu Hauſe ſeyen. Wie wird ſie erſtarren, ſagte der 298 Lorb unterwegs; die Betrügerin, wenn ſie mich ſo unerwartet wiederſieht! Verfahren Sie ſchonend mit ihr, bat Altheim; Sie ſchonen veb „ meinen Freund. Sie traten in Heinsbergs Stube. Er ſaß allein darin. Mit lauter Freu⸗ de ſprang er auf, als er den Freund erkannte, dieſem in die Arme. O, ſchoͤn! ſchoͤn! rief er, daß Du kommſt. Der Menſch kann ja ſein Gluͤck nicht allein tragen, und nun habe ich Dich, dem ich das meinige vertrauen kann. Ge⸗ ſtern und heute konnte ich es nur den Bäumen und Voͤgeln und Baͤchen ſa⸗ gen, wie glücktich ich bin. Jetzt kann ich es Deinem Herzen zujauchzen, das nicht kalt bleibt, ſondern mit mir jauchzt. Karl, Angelika iſt ein Engel! Die Ueberſetzung iſt . £ der Lord hin. Heinsberg hoͤrte ihn in ſeiner Su de nicht. O Gott! rief er, wie bin ich ſo unendlich gluͤcklich in der Naͤhe die⸗ ſes Engels! O, wie viele Freuden, wie viele Seligkeit habe ich ſeit geſtern im Leben gefunden, von denen ich bisher nicht einmal eine Ahnung hatte! O, das Leben iſt doch ſchoͤn, unendlich ſchoͤn! Jedes Wort des Gluͤcklichen war ein Dolchſtich fuͤr den Freund. Dieſen Himmel ſoll ich zerſtoͤren? rief es in ihm. Und ohne Erſatz? Nur eine kalte, todte und todtende Wirklichkeit kann ich ihm dafuͤr wiedergeben. — Er konnte kein Wort finden, um dem Armen et⸗ 5 zu erwiedern. n F Heinsberg, ohne ſeine Beregenhett . zu bemerken, fuhr ſort: Sie iſt die Un⸗ ſchuld, die Kindlichkeit, die Froͤmmig⸗ keit ſelbſt. O, Du mußt bei uns blei⸗ ben, um ſie ganz kennen zu lernen. Jetzt iſt ſie im Garten und ſitzt an dem Bache, und ſpielt mit den Wel⸗ len, und windet einen Kranz von Wie⸗ ſenblumen, mit dem ſie mich nachher überraſchen will. Ich ſollte nichts da⸗ von merken, drum ging ich ſtill ins Haus, um ihr die Freude nicht zu ver⸗ derben. Aber gleich gehen wir zu ihr. Wie wird ſie ſich freuen, Dich zu ſehen! Er ſprang hinaus, um Erfriſchun⸗ gen zu holen. Altheim blickte in ngſllicher Vene⸗ genheit vor ſich hin. Der Arme! rief erz wie ihn vorbereiten auf den ſchreck⸗ lichen Schlag, der ihn treffen ſoll? Der Engländer lachte. Vorberei⸗ ten? ſagte er. Er iſt ja ein Mann, Am ſüßen Weine nippe ich, um lange won ihm zu haben; eine bittere Arznei trinke ich auf einmal aus. Laſſen Sie mich machen. Der Schlag ſoll nicht ſchaden. Heinsberg kehrte zurüc h driegt bald mit frohlicher Haſt in den Gar⸗ ten. Sie brachen dahin auf. Dort, ſagte er, auf eine kleine Laube zeigend, die im Hintergrunde des Gartens ſtand, 301 yinter jener Laube weilt ſie, lieblich am Bache niedergeſtreckt. Laßt uns langſam gehen, wir wollen ſie uͤberra⸗ ſchen; ſie erwartet uns nicht. Sie gingen langſam auf Umwegen auf die Laube zu. Altheim nahm Heins⸗ bergs Arm, waͤhrend der Engländer ei⸗ nige Schritte allein voran ging. Ver⸗ gebens fuchte Altheim nach einem Ein⸗ gange, um den Freund vorzubereiten. Du biſt glucklich, Ottomar! hob er zuletzt an. Unausſprechlich! fiel der — ein. Armer! ſagt xiein. Iſt des Guc nicht eine erotiſche Pflanze in dieſem Leben? Und das ſagſt „ fragte Shhe —2 Das ſagt das gchen ſelbſt! erwie⸗ hette jener. Wir Alle wähnen uns gluͤcklich; aber ſind wir es? Stehen wir nicht immer auf einem Abgrunde, 302 ——— wenn wir auch nur Roſen ſehen, die ihn bedecken? — Auch ich wähnte mich glcklich; mein Gluͤck war ein — Betrug. Er erzahlte ihm mit wenigen Vor⸗ ten ſein Geſchick, den Verrath der Ge⸗ liebten. Heinsberg entſetzte ſich. Un⸗ glücklicher! rief er voll Mitleid; aber voll Freude ſetzte er ſchnell hinzu: rann meine Angelika mich nicht betrugen! Iſt ſie nicht, erwiederte Altheim warnend, ein Weib? Aber das Ideal meines — rief Heinsberg. Emma war mein Sdeal nnhi⸗ nete Altheim. Ich glaubte an ſie, wie ich an den Himmel glaube. Ich bin betrogen. Heinsberg, wenn auch Du ein Betrogener wäreſt? — Nimmer! rief der Jungling feurig. Sie waren in die Naͤhe der Laube gekommen. Der Englaͤnder, der ihnen immer mehr vorausgeeilt war, war 303 nicht mehr zu ſehen; Altheim hatte ihn auf die Laube zugehen ſehen, ohne ihn aufzuhalten. Eine dunkle Ahnung ließ ihn einen Plan des Englaͤnders erra⸗ then. Auf einmal hoͤrten ſie jetzt einen lauten weiblichen Schrei. Heinsberg fuhr erſchrocken auf. Das war Ange⸗ lika's Stimme, ſagte er; was mag ihr ſeyn? Er wollte hinſpringen. Altheim hielt ihn. Es wurde ihm immer kla⸗ rer, daß der Lord nicht ohne eine Ab⸗ ſicht vorausgegangen war, die er nur billigen konnte. Bieib, Ottomar! bat er dringend, aber mit leiſer Stimme. Bleib, und was Du auch hoͤren magſt, verhalte Dich ruhig, mäßige Dich! Was haſt Du vor? fragte Heins⸗ berg erſchrocken. Jener zog ihn ſchweigend und leiſe in die Laube. Sie konmten yier jedes 7. — 304 Wort hören, was am Sae geſprochen wurde. God dam! ſprach der Lord, der wiktich bei Angelika ſtand, im Tone ſpottiſcher Verwunderung. God dam. Sie engliſche, obgleich nicht engländi⸗ ſche Angelika; wie finde ich Sie hier? In dieſer Einſamkeit? Wollen Sie Buße thuen, eine moderne Anachoretin? Ich Ungluͤckliche! jammerte das Mädchen. O, gnaͤdiger Herr! verlaſ⸗ ſen Sie mich! Ich bitte Sie, ich flehe vei allem, was Ihnen theuer iſt. Ver⸗ laſſen Sie mich, dieſe Gegend! Bin ich Dir ſo zuwider, mein Mäd⸗ chen? rief der Lord mit affektirter Zaͤrt⸗ lichkeit. Vor wenigen Tagen noch ſchwurſt Du mir ewige Liebe; und jetzt — ? Iſt das Deine Treue? O, um Gottes willen! rief ſie in höchſter Angſt. Seyn Sie barmherzig. Sie verderben mich. Verlaſſen Sie mich, ich werde Ihnen ewig dankbar ſeyn! 305 Dankbat! lachte der Lord. Pah! die Deutſchen ſind ein undankbares Volk. Sie haben ſogar ein Spruch⸗ wort, das ihren Undank ſanktionirt: Undank iſt der Welt Lohn! Es ſollte heißen: des Deutſchen Lohn! Entſetzlichet Menſch! rief das Mäd⸗ chen; wie können Sie Freude finden an der unmenſchlichen Grauſamkeit, g der Sie mich zuaͤlen! — Quaͤlen, mein kleines S fragte er lachend. Aber plötzlich nahm er einen ernſthaften, ſtrengen Ton an. Maͤdchen! fagte er; Du willſt einen braven, argloſen Mann außf das Ent⸗ ſetzlichſte betrugen. Du haſt Kuͤnſte der Hölle verſucht, um ſein argloſes Herz einzuſchläfernz und Du willſt von Quälen, von einer unmenſchlichen Grau⸗ ſamkeit ſprechen, wenn ich Deinen teufliſchen Plan verderbe, einen Unſchul⸗ digen aus Deinen Klauen errette? Auf der Stelle erfaͤhrt er Alles — 20 306 Man hoörte keine Antwort des Maͤd⸗ chens aber raſche Tritte, die ſich nach dem Wohnhauſe hin entfernten. Glrich darauf trat der Englaͤnder lachend in die Laube. do Das hat geholſen rief er; aber nun auch ihr nach, Herr von Heins⸗ berg. Sie ging ins Haus. Ich wette hundert Pund, ſie rafft dort zuſam⸗ men, was ſie finden kann und in ei⸗ nem Paar Minuten ſind Mutter und Tochter verſchwunden. F one in his humour! „5 Heinsberg lag ohue Spite an 6 Herzen des ihn umarmenden Freun⸗ es; ſein Auge ſtarpte wild vor ſich hin. — Entſetzlich! emſetzlich! rief er nach einer Pauſe mit dumpfer Stim⸗ me. Kann es denn einen ſolchen Vrrrath geben? Und ſie? Ich ſetzte meine Seligken an ihre Unſchuld, ibre Liebe! Pahl ſagte der Lord, wie am Mor⸗ gen zu Altheim. Heinsbergs Schmerz mußte ſich Luft machen. Iſt denn Alles Lug? rief er, Alles Verrath? — Und muß ſelbſt Jammer und Elend nur der Bosheit zur Maske dienen? O Gott, dem Un⸗ gluͤcke hatte ich noch nicht zu mißtrauen gelernt! Den Leidenden hielt ich fuͤr gut, fuͤr mitleidswerth! Die Betrügerin! fiel der Englan⸗ der ein. Hat ſie auch Ihnen das Maͤhrchen ihres Elends aufgebunden? Ich kenne es; nichts als Lug. Freiwil⸗ lig hat ſie bei der Geſellſchaft ſich en⸗ gagirt; ihre Mutter iſt nur eine ſchnö⸗ de Kupplerin. Nur dies iſt wahr an ihrer Geſchichte; alles Uebrige Erdich⸗ tung, um — verzeihen Sie es mir — leichtglaͤubige Anbeter zu locken und zu fangen. — Aber voran! draͤngte der edle Lord noch einmal; ſchnell ins Haus, wenn Sie nicht wollen beſtoh⸗ len ſeyn. Ich kenne ſolche Kreaturen! Laß ſie ſtehlen! erwiederte Heins⸗ 20* berg zernichtet. Mag ſie Alles neh⸗ men, wenn ich ſie nur nicht wiederſehe! Der Englander konnte ſein Lachen nicht unterdruͤcken. Sie fuͤrchten ver⸗ gebens! rief er. — Erſt nach einer Weile kehrten alle Drei ins Haus zuruͤck. Der Englaͤn⸗ der hatte Recht gehabt. Die beiden Damen waren verſchwunden und mit ihnen Heinsbergs Baatſchaft und ein grober Theil ſeiner Koſtbarkeiten. WMag ſie es behalten! ſagte Heins⸗ berg; aber nicht mehr zernſchtet; dieſe Gemeinheit wirkte wie ein Troſt auf ihn⸗ 22. Se und mfung — Auhein Hiiesbergn waren auf Nonnenwerth. Der Engländer hatte gleich nach ihrer Rückkehr von der Meierei die Inſel verlaſſe. Es war ihm ſchon 5 809 ſeit einiger Zeit zu ſtill dort geweſen. Und jetzt wird mich vollends die Lan⸗ geweile übermannen! ſagte er, als die beiden Ge⸗ und Enttäuſchten ſo ſtill und ſchweigſam und traurig neben ihm gingen. Ihr ſebet ſo trüͤbſellg aus, als wenn das Gluck Eures Lebens zer⸗ nichtet wäͤre; und, bei Lichte beſehen, habt Ihr es doch erſt eigentlich wieder⸗ gefunden. Als wenn Ihr alles verlo⸗ ren hättet; und Ihr habt doch nichts verloren, als ein Paar huͤbſche, roſen⸗ farbene Träume, die Ihr Euch mor⸗ gen und uͤbermorgen, meinetwegen zehn⸗ mal ſchoͤner und portiſcher, wiederſchaf⸗ ſen koͤnnt. — Nun, es giebt Leute, die in der Traumwelt leben, und Leute, die ſich auch in der wirklichen Welt glůcklich fuhlen. Ich gehöre, Gott ſey Dank, zu den Letzteren. Lebt wohl und macht, daß auch Ihr bald dazu gehört; dann täuſcht Ihr Euch nicht mehr. Er reiſete nach Aachen, wohin ihn ſo eben empfangene Briefe zu einem Wnnen riefen. — in — durch den Garten der Inſel; ſill, mit niedergeſchlagenen Blicken. Vergebens bemuͤheten ſie ſich, den Kum⸗ ihrem Herzen zu verbannen; der Schmerz ——— Die beiden Freunbe gingen Arm mer über die erlittenen Kraͤnkungen aus der getaͤuſchten Liebe mußte austoben. Sollte er wirklich Recht haben, ſagte Heinsberg zuletzt. Sollte es wahr ſeyn, was dieſer kalte, nuͤchterne Menſch 3 ſagte und zugleich durch fein Beiſpiel beſtätigte! Duͤrfen wir keine hohen An⸗ forderungen an das Leben machen und müſſen wir ſo mit ihm zufrieden ſeyn, wie es ſich uns giebt? Dürfen wir nicht Liebe fordern und nicht Treue, nicht Unſchuld, nicht Heiligkeit? Nur ven ſchnöden, entſetzlichen Egoismus? Altheim S nur mit einem 3 in Seufzer. — Sie kamen an — eine weibliche Figur ſaß einſam darin, die bei der Ankunft der Fremden ſchnell ihren dichten Schleier überwarf, ſo daß ſie ihr Geſicht nicht mehr ſehen konn⸗ ten. Es war die Graͤfin Roſen. Der Anblick dieſes räthſethaften Weſens regte die ſonderbarſten Empfindungen in Alt⸗ heims Herzen auf; vorzuglich aber mahnte er ihn an den Dank, den er ihr noch ſchuldig war. Er trat mit Heinsberg in die Laube, nicht ohne eine ſonderbare Beklemmung, von der er ſich keine Rechenſchaſt geben konnte. Gnaͤdige Gräfin! hob er hier, et⸗ was zoögernd, an, Sie haben mich von dem Rande eines entſetzlichen Abgrun⸗ des geriſſen! Sie ſind mein ſchützen⸗ der Genius geworden, an den mich fuͤr mein Lebelang nur der wärmſte Dank feſſelt. Ohne Sie war ich na⸗ menloſem Elende anheimgefallen! — Sind Sie jetzt davon befreiet? fragte leife die ziuern⸗ Stimme der Gräfin. Wie verſtehe ich Sie! erwiederte er nachſinnend. Fuͤhlt ſich, fuhr ſie fort, Ihr Herz nicht doppelt ungluͤcklich? Ueber den Verluſt der Geliebten? Und uͤber den Verluſt eines ſchoönen Glaubens? Wie ſollte er dieſe Frage deuten? In welcher Abſicht konnte ſie ſie thun?— Jeder Verluſt ſchmerzt, antwortete er langſam, wie jede entdeckte Täuſchung! Wohl wenn jene uns nichts Edles ver⸗ miſſen läßt und wenn — Und wenn — fiel die Gräfin raſch ein, die letztere eine unverſchuldete iſt. Sie ſprach die Worte im Tone ei⸗ nes leiſen Porwurfs. Sie ſchmerzten ihn ſonderbar. Gräfin! antwortete er. Iſt der Glaube an Liebe, an Treue, an Unſchuld ein Verbrechen? Nein! erwiederte ſie beſtimmt; Liebe und Treue halten das Leben, ſie ma⸗ chen es aus; aber wenn der Menſch ſich ungemaßigten Traͤumen hingiebt und dieſe in der Wirklichkeit wiederzufinden verlangt; wenn er mehr als Liebe und Treue, wenn er etwas verlangt, wo⸗ von in einer menſchlichen Bruſt nur die Spur ſeyn kann, der Keim zu einer künf tigen Frucht; dann giebt er ſich einer Täuſchung Preis, die er und nur er verſchuldet. und ſo wären die Ideale unſers Herzens? fragte Altheim. Unſer Herz, erwiederte die Gräſin, ſchafft ſich keine Ideale; nur die Phan⸗ taſie ſchafft ſie. Unſer Herz iſt genug⸗ ſam, es iſt zufrieden und gluͤcklich, wenn nur menſchlich wohlwollende Geſin⸗ nungen ihm begegnen; aber unſere Phantaſie iſt unbändig, ſie ſchweift im⸗ mer in unabſehbare Fernen umher; und wird immer unbaͤndiger und immer krank⸗ pafter und macht auch das Herz krank mit, wenn wir nur ihr nachhangen und die ſtille, ſinnige Stimme des letzteren unterdruͤcken. Ideale ſind nur Bilder einer krankhaften Phantaſie, ein Be⸗ dürfniß eines geſunden Herzens. Dar⸗ um ſchafft auch nur der Mann ſie, nicht das Weib. Darum wird aber auch der Mann ſelten unglücklich durch betrogene Liebe, das Weib immer. Denn auch die kraͤnkſte Phantaſie muß am Ende wieder geſund werden. Das Herz aber, einmal zernichtet, geſundet nie wieder. Ihre Stimme zitterte bei den letz⸗ ten Worten; man glaubte, ſie unter ihren Schleiern leiſe weinen zu hoͤren. Altheim wurde von einer ſonderbaren Unruhe ergriffen. Adelinens Bild, das Bild des durch ihn zernichteten Herzens, trat mit aͤngſtender Gewalt vor ihn. Es war ihm, als ſchaue es ihn leidend und drohend durch die dunkeln W der Graͤfin an. . Das Weib immer? rief er un⸗ willkuhrlich aus, überwältigt von den Vorwürfen ſeines Innern. Und nie ſollte es geſunden konnen? Nie? — MRie! antwortete die Gräfin leiſer. Denn in einem Weibe, welches liebt, Wſet jedes Gefühl ſich nur in dem Ei⸗ nen Gefuhle der Liebe auf. Iſt dieſes betrogen, iſt dieſes zu Schanden gewor⸗ den, ſo ſtockt ſein ganzes Weſen, ſo iſt das ganze Weib betrogen, zerruͤttet, zernichtet. Adeline! rief Altheim mit ſchmerz⸗ licher Stimme, ohne daß er wußte, wie der Name uͤber ſeine Lippen ge⸗ kommen war. Wenn wir wahrhaft lieben, ſuhr die Gräfin mit ſchwankender, von Thrä⸗ nen unterbrochener Stimme fort; ſo lieben wir für unſer ganzes Leben. Selbſt von einem unwuͤrdigen Geliebten koͤn⸗ nen wir unſer Herz nicht losreißen, was der Mann wohl kann. Und je ſtiler und ſtummer unſere Liebe iſt, deſto kräftiger, inniger iſt ſie. Wenn das wahre Gefuͤhl uberhaupt ſich nicht laut und breit macht, die wahre Liebe 316 thut es am wenigſten. Sie iſt ſtill und heimlich und mild, wie ihr Ausdruck. Nur erborgtes Gefühl prunkt. — Und das eben, fuhr ſie mit erhoͤhter Stim⸗ me fort, iſt der Fluch einer kränkelnden, unerſättlichen Phantaſie, daß ſie den lauten Prunk haben will, daß die ſtille Innigkeit unbeachtet oder verachtet an ihr voruͤbergeht. Wehe dem Menſchen, der hienieden Idealen nachjagt! Gluͤck⸗ lich, weſſen Herz ſich zum ſtillen Her⸗ zen findet! Schweigend gab Hildegun⸗ de dem geliebten Ritter die Roſenknos⸗ pe; verwirrt und beſchaͤmt erwiederte ſie den Gruß ſeiner Liebe. Nicht ſchoͤne Worte druͤckten ihre Gefuͤhle aus; aber der Ritter glaubte ihr dennoch, und wähnte nicht, ſie ſtehe nicht auf derſel⸗ ben Stufe des Gefuͤhls mit ihm; und Roland blieb treu! — Und Roland blieb treu! wiederholte ſie mit ſtarker Stimme. . Da konnte ſich Altheim nicht mehr halten; ſein ganzes Weſen gerieth in Aufruhr. Wer anders als ſie konnte ſo ſprechen! — Adeline! rief er und warf ſich vor ihr nieder und umfaßte ihre Kniee, und fah flehend zu ihr empor. Adeline! Kannſt Du mir vergeben? O, ſey wie⸗ der die Meine! Lege dieſe quslende Maske ab! ——— Sie irren ſich! ſagte ſie ruhig und ſchlug ihren Schleier zuruck, und er blickte in ein jugendlich ſchoͤnes, aber wildfremdes Geſicht. Er ſprang verwirrt empor. Graͤfin! ſtotterte er, welches entſetzliche Spiel? Sie winkte ihm gelaſſen, ſich zu ſetzen. Sie zu ſtrafen und Sie zu be⸗ ſchuͤtzen! antwortete ſie ernſt. Adeline iſt meine Freundin. Das Schickſal der unſchuldig von Ihnen Verlaſſenen ging mir tief zu Herzen. Ich ſchwor ihr Genugthnung. Sie hatte mir er⸗ zählt, daß dieſes Fruͤhiahr Sie zur Zu⸗ ſammenkunft mit einem geliebten Freun⸗ de auf dieſe Inſel fuͤhren werde. Dar⸗ auf bauete ich meinen Plan. Durch einen Freund meines Oheims ließ ich den Generalintendanten von Bolte, der ohnedieß eine Rheinreiſe machen wollte, bewegen, mit ſeiner klugen, gefallſuch⸗ tigen, verderbten Tochter ſeinen Auf⸗ enthalt einige Tage hier zu nehmen. Emma von Bolte beſitzt alle Vorzuge, ein erborgtes Gefuͤhl, zumal in Augen, die mit Phantaſie ſehen, ſcheinbar zu einem wahren zu machen. Auch mit Ihnen, Herr von Altheim, mußte ſie ſich bald auf Eine Stufe des Gefühls⸗ vermoͤgens ſtellen koͤnnen; doß Sie dann in ihren Netzen gefangen waren, dar⸗ an war nicht zu zweifeln. Emma mußte 818 ————— Ihr Ibeal werden. Aber weiter ſollte Ihre Strafe nicht gehen. Darum bewog ich meinen Onkel, ebenfalls, und zwar mit mir, hierher zu reiſen. Emma war zu ſchlecht, um Ihre Gemahlin werden zu dürfen; zur rechten Zeit mußte ich ein⸗ ſchreiten. Daß ich dabei die Maske ei⸗ ner Blinden wählte, erleichterte zum Theil mein Spiel, zumal, da ich oh⸗ nehin nicht immer Herrin meiner Ge⸗ fuͤhle bleiben konnte, und hatte zum Theil einen kleinen romantiſchen Zau⸗ gemiſcht? — Altheim konnte vor bitterer Scham nicht antworten. Doch nach einer Weile tauchte immer kräftiger und ſiegender ber. — Habe ich die Karten gluͤcklich ein ſchoͤneres Gefuͤhl in ihm auf. Liebt Adeline mich noch? fragte er. Das Weib liebt nur einmal! ant⸗ wortete die Gräfin. 3 Da ſpiegelte ſich eine ſtille Freude in Altheims Augen. Heinsberg aber ſah die Gräfin mit einem dunkel glühenden Blicke an. Nur einmal liebt das Weib? fragte er errö⸗ thend und zoͤgernd. Sie richtete ihr Auge auf ihn, nſcht böſe; und mit einem anmuthigen Lächeln erwiederte ſie: Nur Einmal, aber fuͤr immer! — —— .