Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Olkmann in Gießen, chloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und S der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hitelegen⸗ welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für mhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ——— —— auf 1 Monat: — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. — 1f. 5. trige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. A „ 6. Schadenersatz. 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Auch waͤhrend 3 Reformationsperiode und zur Zeit des dreis higjährigen Krieges zählte ſie ſich zu den er⸗ ſten deutſchen Regentenhaͤuſern des zweiten Ranges, wenn gleich manche widrige Ereig⸗ niſſe ſie von der Zahl der wenigeren Hauſer ausgeſchloſſen hatte, denen es damals gelang, ſich zu groͤßeren, eigentlich ſelbſtſtandigen, 1 * 6 Im Anfange des war ſie in den Reichs⸗ en; und ſeitdem hatte ſche Regentenfamilie, kümmert politiſt⸗ Händel und daher wenig oder gar nicht beruͤhrt von ihnen, nur ruhig und getsuſchlos fuͤr ihre Unterthanen, vorzuͤglich aber für den Glanz und die Rein⸗ heit ihres fürſtlichen Adels Sorge tragend, und immer ausgezeichnet durch einen wahr⸗ 2 haft adligen Sinn und durch eine faſt an 2 Starrſinn grenzende Charakterfeſtigkeit in al⸗ len ihren Soͤhnen. R Die große Begebenheit des Jahres 1806, die Zertruͤmmerung des Deutſchen Reichs, griff aber ſtorend und zugleich zerſtörend in das Le⸗ ben des fuͤrſtlichen Hauſes Hachenburg einz ein Machtwort des Welteroberers vertilgte es aus der Reihe der Regentenhaͤuſer, media⸗ — — tiſirte es, und unterwäkf es großen neuen Kaiſert Iſt ein Haus in ſinkt es immer tiefer daniederliegt. So ſtirbt der e ab, wenn das Greiſenalter ſeine Kräfte auf⸗ zehrt; ſo ſterben Familien, ganze Voͤlker, oft kaum aus dem Alter der Kindheit herausge⸗ treten. Auch der Familie Hachenburg erging es ſo. Mit der verlornen Souveränetät ver⸗ lor ſich zuerſt der aͤußere Glanz, bald aber auch ihr Reichthum, und dann nur zu fruͤh faſt die Mittel zu einer angemeſſenen, an⸗ ſtaͤndigen Subſiſtenz. Theils waren die Zeit⸗ ereigniſſe hieran Schuld, theils aber auch verkehrte Anſichten und Maßregeln des letzten regierenden Furſten. Fuͤrſt Adolph naͤmlich, ein ſehr ſtolzer, mit einer ſeltenen Unbeugſamkeit begabter Mann, konnte ſich unmoͤglich von der Hoff⸗ — erde ihm gelingen, das derte glaͤnzend fortbe⸗ Banne der Vernich⸗ ſchickte daher Abge⸗ um die entriſſene Sou⸗ veränetät zu reklamiren und dem Rheinbunde beizutreten. Er ließ es an keinem Glanze, an den ausſchweifendſten Geſchenken an die Großen Frankreichs nicht fehlen; er unter⸗ nahm zuletzt ſelbſt die Reiſe zur damaligen ſtolzen Hauptſtadt der Welt, in allem Pompe ſeines fuͤrſtlichen Stolzes auftretend. Allein kein gunſtiges Reſultat konnte er erlangen; ohne im Geringſten ſeinen Zweck erreicht zu haben, mußte er in die Heimath zuruͤckkehren, aͤrmer geworden an mancher ſchoͤnen Beſitzung, die den weiten und vergeblichen Weg nach Paris hatte mitmachen muͤſſen. Zu den Bedraͤngniſſen von außen kamen neue ganz aus der Naͤhe. Die fruͤheren Un⸗ — —— — terthanen des Fuͤrſten, ſo ſeinen Vorfahren mit herrliche und baͤuerliche Verhältniſſe, ihre Dienſte und Abgaben, welche den größten Theil der fuͤrſtlichen Revenüen ausmachten, und verwickelten ihren ehemaligen Herrn in eine Maſſe koſtſpieliger, weitausſehender Pro⸗ zeſſe, die fuͤr den Letztern um ſo unguͤn⸗ ſtiger ausfallen mußten, als ſie tief im Plane Napoleons lagen, durch eine Zerruͤttung aller Verhaͤltniſſe der von ihm unterjochten Dyna⸗ ſten jede Möglichkeit einer Auflehnung ben gegen ihn zu beſeitigen. Solche und ähnliche Umſtaͤnde verringer⸗ ten mit jedem Jahre die Einnahme des Hau⸗ ſes, waͤhrend die Abgaben nicht mit ihr ab⸗ nahmen, vielmehr bei einer faſt uͤbermaͤßigen alte Wuͤrde, doch den ten, immer mehr ſtie⸗ denn eine nothwendige Folge, daß Se ſchöne Beſitzung des Hauſes nach der andern veräußert werden mußte, bis zuletzt der Fuͤrſt ſich auf ſein Stamm⸗ ſchloß Hachenburg mit den dazu gehörigen Domänen von allerdings noch bedeutendem Ertrage beſchränkt ſah. Doch als nun zuerſt das Jahr r8t3 und dann vollends das Jahr 1815 die Feſſeln brach, unter denen Deutſchland lange Jahre geſchmachtet hatte, und als nun dem ganzen Vaterlande ſo manche, zum größten Theile unerfullbare Hoffnungen aufgingen: da gab ſich auch der Fuͤrſt von Hachenburg dem ſuͤ⸗ ßen Wahne hin, die alte angeſtammte Sou⸗ veränetaͤt, und mit ihr den Glanz eines edlen Herrſcherhauſes wieder zu erlangen. — —— unveraͤußerlichen Lehn den ſchwer belaſtet, un e zu Wien und dann bei dem Achen mit der zur Reklamirung ſo bedeutender Rechte erforderlichen Wuͤrde auftreten zu koͤnnen. Aber auch dieſe letzten Anſtrengungen und Aufopferungen ſollten nicht im Stande ſein, der einmal gefallenen Familie wieder aufzuhelfen. Das Schickſal der Mediatiſtrung, von neuem uͤber ſo manche Regentenfamilie ausgeſprochen, war auch von dem Hauſe Ha⸗ chenburg nicht abzuwaͤlzen, und ein völliges Erliegen unter ſeiner Schuldenlaſt blieb die einzige Frucht der vielfachen Bemuͤhungen des edlen Fuͤrſten. Ruhig und edel, mit jenem Stolze, der allein wahre Ritterlichkeit, wahren Adel von burgerlicher Engherzigkeit und ſchnöder An⸗ mterſcheidet, hatte der Fuͤrſt den iner Se ndigkeit getragen, und den chlägen und Demuͤthigungen eines her ber unvermeidlichen Schickſals ſeinen Nacken hingehalten; auch bei dieſem letzten gaͤnzlichen Verluſte, bei dieſem Ver⸗ ſiegen faſt aller Hoffnungen verlaͤugnete er ſeine große Seele nicht. Still begab er ſich auf die alte Hachenburg und lebte dort in der geraͤuſchloſeſten Zuruͤckgezogenheit in Ein⸗ ſchraͤnkung, anfangs nur wenig, aber bald viel und zuletzt alles einer neu gefaßten Hoffnung vertrauend, der, die angeknuͤpfte Unterhandlung mit ſeinem neuen Monarchen uͤber Entſchädigung der verlornen Hoheits⸗ rechte bald und vortheilhaft beendigt zu ſehen. Dieſen Gegenſtand betrieb er jetzt faſt mit Leidenſchaftlichkeit, mit der groͤßten Hart⸗ nackigkeit auf die Ausmittelung und Feſtſtel⸗ lung auch des kleinlichſten Punktes beſtehend. Vergebens wurde ihm von allen Seiten der —— = — Schaden anſchaulich gemacht, der ihm ſelbſt aus dieſem erwach de er die voͤllige Abwickelüng d afts verlängere, in eine weite Ferne inausſchiebe, da ſeinen zerruͤtteten Finanzen doch augen⸗ blickliche Huͤlfe Noth thue, und ein angemeſ⸗ ſener Vergleich mit dem Monarchen dieſe au⸗ genblickliche Huͤlfe herbeiſchaffe. Er gab kein Titelchen nach, allen ſeinen Stolz, nach dem Verluſte des Großen, in Kleinigkeiten le⸗ gend. — Es war am zwoͤlften Mai, an dem Ge⸗ burtstage des Fuͤrſten Adolph. Stumm, in Gedanken vertieft, ſtand dieſer an dem Fen⸗ ſter ſeines Kabinets und ſchaute uber den ſtil⸗ len Schloßraum, uͤber den veroͤdeten Marſtall hinaus in das gruͤnende Boskett des Schloß⸗ gartens. Man ſah es leicht ſeinem umdun⸗ kelten Blicke an, daß die Lieblichkeit des er⸗ wachenden Lenzes, in dem fröhlichen Gezwit⸗ — — ſcher falt und in dem balſamiſchen Mor auf ihn kei⸗ nen k Andere, truͤbere Bil⸗ der ſchienen ſeine S Seele zu beſchäftigen. Und wie konnte es anders, wenn Alles, was ihn umgab, und beſonders heute, ihn an den ſchrecklichen Unterſchied unabhaͤngiger Größe von unterdruͤckter Armuth erinnern mußte! Buntes Leben und Treiben, geſchäftiges Durcheinanderrennen der Kammerdiener, La⸗ kaien, Kammerfrauen, Garderobenmaͤdchen⸗ der Kutſcher und Reitknechte, des ganzen Troſſes einer reichen Dienerſchaft hatte frü⸗ her den großen, weiten Platz belebt; ſtolze Roſſe, glaͤnzende Poſtzuge hatten in dem ge⸗ räumigen Marſtall gewiehert, Bereiter hatten ſich ſeitab auf der Reitbahn getummelt; und beſonders am Geburtstage des Fuͤrſten hatte der ganze Glanz eines zwar kleinen, aber rei⸗ chen lund zufriedenen Hofes ſich entfaltet. Vgel, wie im Aufkeimen und Ent⸗ — — —— — Schon fruͤh des Morgens waren feſtlich ge⸗ kleidete Deputationen der Buͤrger 3 bewohner, der Beamten, der Geiſtli zum Schloſſe gekommen, um ihre Gluͤckwuͤnſche dem erlauchten Landesvater darzubringen; in ihren glaͤnzendſten Livreen hatte die Die⸗ nerſchaft ſich herumgetrieben, die Angekom⸗ menen anmeldend, zurechtweiſend, mit Er⸗ friſchungen bedienend u. ſ. w. Ehrenbogen von gruͤnen Maien und bunten Blumen hat⸗ ten alle Thore und Eingaͤnge geſchmuͤckt, Ka⸗ nonen hatten den ganzen Tag von den Schloß⸗ waͤllen und in der weiten RNachbarſchaft um⸗ her gedonnert; Tänzereien, Freiſchießen, Feſte hatten den Tag doppelt froh gemachtz lau⸗ ter Jubel hatte Alles belebt. Und jetzt? Todtenſtille lag auf dem gan⸗ zen Schloſſe, auf allen Rebengebäuden. Drei bis vier alte Pferde verriethen kaum ihr Daſein in dem weiten Stalle. Das Gras 14 wucherte auf dem Schloßhofe, auf dem keine Stimme, kein Fußtritt laut wurde. Rur zuweſſl ſclich der alte Kammerdiener des Fürſten und ein alter grauer Kutſcher, das Einzige, was von der männlichen Dienerſchaft uͤbrig geblieben war, leiſe und ſchweigend daruͤber hin, als ſcheueten ſie ſich, den Schlaf zu wecken, in dem hier alles erſtarrt ſchien. Wohl mochte dieß Bild tiefen Falls mit ſeiner ganzen niederdruͤckenden Gewalt ſich dem Fürſten aufdrängen, und ſchöne, aber deſto ſchmerzlichere Erinnerungen in ihm wecken; wohl mochte es den ohnehin finſteren Blick ſeines Auges verduſtern. Wandelt uns doch ſchon eine Wehmuth an, wenn wir das Wort: gefallene Fuͤrſtengroͤße — nur aus⸗ ſprechen. Wie viel mehr mußte es ihn er⸗ greifen, der den ganzen bitteren Kelch ſeiner Bedeutung ausgeleert hatte! In ſlärkeren Farben als je traten die Tage des ehemali⸗ — gen Glanzes vor ſeine Seele, Gegenwart und Zukunft zu einem dunkelen, verderben⸗ den Abgrunde ſchaffend. Regent war er fruͤher geweſen, unbekannt und unbekümmert um die Sorgen und Muͤhen des Lebens; Un⸗ terthan war er jetzt, täglich gedruͤckt von den kleinlichſten Sorgen und Beſchwerden eines eingeſchraͤnkten, nutzloſen Daſeins; und ſchwach mußten ihm wohl manchmal die Mittel er⸗ ſcheinen, welche die Zukunft zur Erleichterung ſeines huͤlfloſen Zuſtandes ihm zeigte. Schien man nicht mit Fleiß von Seiten der Regie⸗ rung die Unterhandlungen in die Länge zu ziehen? wahrſcheinlich, um durch laͤngeren Aufenthalt die Huͤlfsbeduͤrftigkeit ſeines Zu⸗ ſtandes zu vermehren, und ſo von der Roth zu erzwingen, was man von ſeinem Stolze nicht erlangen konnte? Und wuͤrde dieſe Abſicht, wenigſtens inſofern ſie auf Herbei⸗ fuͤhrung der Roth ging, nicht wirklich er⸗ reicht? Sah er ſich nicht täglich von mah⸗ * . — 16 — nenden Gläubigern bedroht; in Gefahr, auf die gemeinſten, nothwendigſten Bedurfniſſe des Lebens verzichten zu mäſſen? Was endlich anfangen? Finſtern Unmuth im Geſichte trat der uberwältigte, vom Fenſter zuruͤck, um von dem Anblicke der verödeten Umgebung nicht noch mehr verſtimmt zu werden. Da fielen ſeine Augen auf ſein und ſeiner Gemahlin Porträts, die über dem Sopha hingen. Rit einem tiefen Seufzer blieb er davor ſtehen⸗ die Zuge betrachtend, die, in Zeiten ſeines . hoͤchſten Glanzes gemalt, voll Friſche und Leben, voll Lebensmuth und froͤhlicher Le⸗ benöluſt ihn anlächelten. Damals! rief er unwillkuhrlich aus, o damals lachte uns das Leben ſo freundlich an, um ſich ſpäter wie ein tückiſcher Dämon Juͤrſt, als die Schwere dieſer Gedanken ihn — 17 — an uns zu bewähren. Verrath, ja das biſt du, elendes Daſein! Glaͤnzend und gleißend in der Jugend, rauh und hart und verder⸗ bend im Alter! Wenn wir noch Kraͤfte haben, deine ſchwere Hand zu ertragen, dann ſtreichelſt du uns fanft und ſchlaferſt uns ein mit ſuͤßen Worten und ſuͤßen Bildern; aber wenn wir der Ruhe und einer weichen, ſchutzenden Hand bedurften, dann triffſt du uns hart mit eiſerner Fauſt! — Er wandte ſich mit innerer Erbitterung ab; dann zogen ihn die zarten, mildlächeln⸗ den Zuͤge ſeiner Gemahlin wieder an, aber nicht Ruhe und Frieden in ſein Inneres bringend, ſondern nur von neuem es wieder zerreißend. Aus dem Schooße eines edlen Fürſtenhauſes kamſt du zu mir, ſprach er; liebende Verwandte vertrauten die zuarte Pflanze mir anz weich und ſanft verſprach ich ſie zu halten. Und Kummer und Noch 2 — habe ich deinen alten Tagen bereitet! — O Leben, du biſt ein Verräther, und keine Rache iſt dem Menſchen gegeben wider dich! — Er warf ſich, grollend mit ſich ſelbſt, in das Sopha; da that ſich die Thuͤr auf⸗ und leiſe trat eine feine, zarte Geſtalt, mit einem ſchoͤnen, von dem ſchweren Kummer abgehaͤrmten Geſichte, herein; einen zierlichen Roſenſtock trug ſie im Arme. Es war die Fuͤrſtin. Die Zuͤge des Grams erheiterten ſich zu einer milden Freundlichkeit, als ſie eintrat, und ließen, wenn auch manche Jahre zerſtoͤrend ſeitdem verfloſſen waren, die hohe Schoͤnheit wiedererkennen, welche das Bild uͤber dem Sopha ausſprach. Mit liebevoller Freundlichkeit nahete ſie ſich dem Fuͤrſten, ihm die Blumen darreichend. Ich habe ſie gepflegt durch den harten Winter, ſagte ſie mit ſanfter Stimme, um ſie meinem Ge⸗ — 10 — mahle an dem Feſte ſeiner Geburt als ein Zeichen meiner innigen Liebe und Verehrung darreichen zu koͤnnen. Es iſt ein kleines Geſchenk, aber — Der Ton ihrer Stimme war mit jedem Worte wehmuͤthiger geworden; jetzt verſagte ſie ihr, von ploͤtzlichem heftigen Weinen un⸗ terdruͤckt. Der Fuͤrſt war aufgeſtanden und hatte das Geſchenk aus ihren Haͤnden genommen⸗ Er ſchloß ſie voll Ruͤhrung in ſeine Arme. Ich weiß es, was dich bewegt, ſagte er troͤ⸗ ſtend; der Druck der Gegenwart ergriff dich⸗ Aber laß den Blick in die Zukunft dich er⸗ heitern. Es iſt unſer Winter jetzt, in dem wir leben, ein harter Winter; doch ſollten⸗ wir ihn nicht uͤberwinden koͤnnen, wie dieſe zarten Roͤschen? — 2 — Gewiß, verſetzte die Fuͤrſtin, ihre Thra⸗ nen abtrocknend; gewiß, eine unendlich lie⸗ bende Hand ſchuͤtzet und ſchirmt uns ja. So mancher Geburtstag, fuhr der Fuͤrſt wieder finſter werdend fort, iſt mir von elen⸗ den Nahrungsſorgen, von den bitterſten Qua⸗ len zu einem Leidenstage geſchaffen, ob ich gleich von jedem hoffte, er ſolle der letzte ſein, der mich in Riedrigkeit und Schmach ſehe. Antonie, wenn auch dieſer noch nicht der letzte waͤre! Wenn mein Leben, ſo glänzend aufgehend und ſich entfaltend, verdammt wäre, in einem elenden, dunkeln Nebel zu verſchwin⸗ den! Wenn ich auch dich in Elend und Huͤlf⸗ loſigkeit muͤßte untergehen ſehen! Wenn ich meine Kinder einem dunkeln Schickſale über⸗ laſſen, mein hohes Haus einen gemeinen, un⸗ beruhmten Tod müßte dahinſterben ſehen! O mein Gemahl, unterbrach ihn die Fuͤrſtin, nicht dieſem truͤben Unmuthe gieb dich an deinem Geburtstage hin! O ſei heute froh und heiter! Vertraue einer Vorſehung, die nicht grauſam, nicht ungerecht ihre Ge⸗ ſchoͤpfe behandeln kann⸗ Ein bitteter Hohn uͤberzog des Fuͤrſten Geſicht. Vorſehung? ſprach er hoͤhniſch. Das Wort gemahnt mich an den heilloſeſten Betrug, dem der leichtglaͤubige Thor von Menſchen ſich im blinden Wahne hingeben kann. — Vorſehung? Womit habe ich dieſen tiefen Fall verſchuldet? Womit du? Womit unſere Kinder? Zu welchem Zwecke mußten wir in Ungluͤck und Unterwuͤrfigkeit verſinken? Und dennoch, verſetzte die fromme Fuͤr⸗ ſtin, waltet gnädig und gerecht eine ewige Vorſehung uͤber uns, und gläubig und demuͤ⸗ thig ſollen wir ihr vertrauen, und — Demuͤthig mag der Sklave ſein! ſieß der Juͤrſt hervor. — 2 — Aber die Fürſtin fuhr milde fort: und dankbar ſollen wir die Wege einſchlagen, die ſie uns zeigt, und die Winke befolgen, die ſie uns giebt. — O, mein Adolf, ich dachte dich froher geſtimmt heute zu finden, und wollte eine Mittheilung beßhal bis morgen aufſparen, um dich nicht zu betrüben. Aber jetzt laß mich ſie dir machen, um badurch vielleicht deinen unmuth zu verſcheuchen. Du weißt, wie die Regulirung deiner Ange⸗ legenheiten in der Reſidenz ſich in eine weite, ungewiſſe Ferne zieht, als ſolle nimmer ein erfreuliches Reſultat daraus wachſen. Auch mir konnte es nicht entgehen, obgleich deine Liebe es mir ſtets verbergen wollte. Ich wandte mich daher neulich an unſern Ge⸗ ſchüftsführer, ich bat, ich beſchwor ihn um Beſchleunigung der unſere Exiſtenz bedingen⸗ den Angelegenheit, und heute bekomme ich 3 dieſe Antwort. — Sie zog ein Papier hervor, das ſie ihm uͤberreichte, und fuhr dann mit bänglicher Stimme fort: Du wirſt darin finden, daß man von Seiten des Hofes, wenn du auf alle fernere Entſchädigung für deine verlornen Hoheitsrechte, ſo wie auf die dir vorbehaltenen aͤußeren Ehren Rechte und deren aller Aus⸗ mittelung verzichteſt, in Bauſch und Bogen eine jahrliche Entſchädigungsrente von drei⸗ ßigtauſend Thalern dir verſichern, und mit deren Nachzahlung von 1813 an ſofort an⸗ fangen will. O Adolf, gehe dieſe Offerte ein; o erkenne darin den Weg der Rettung fuͤr uns Alle, den dir die Vorſehung zeigt. — Der Fürſt hatte mit ſichtlichem Ver⸗ druſſe das Papier entfaltet und geleſen. Ohne ein Wort zu ſagen, gab er es jetzt der Gemahlin zuruͤck, die ihn aͤngſtlich fra⸗ gend anſah. Auch er blickte eine Zeitlang gedankenvoll vor ſich nieder. Rein! ſagte — er dann entſchloſſen, die Ehre iſt mir theurer, als die elende Exiſtenz! — Die Fuͤrſtin ſchien dieſen Ausſpruch be⸗ fürchtet zu haben. Doch fuhr ſie flehend fort: O mein Gemahl, wir würden auf einmal befreit von aller Noth, von allen Sorgen; die bedeutende Nachzahlung koͤnnte den größten Theil der dringenden Schulden decken, und die jährliche Rente eine anſtaͤndige Eriſtenz und ein baldiges gunſtiges Arrange⸗ ment unſetes Hauſes uns ſichern. Und dennoch nicht! entgegnete unmu⸗ thig der Fuͤrſt. Ich kanh nicht betteln, wo ich mein Recht fordern darf. Durch dieſe Offerte glaubt man mir eine Gnade zu erzeigen. Und bei Gott, bin ich gleich arm und dürftig und unterdruͤckt, Gnaden em⸗ pfängt der Fuͤrſt Hachenburg nicht, und muͤßten ſie ſein Leben friſten! — — O, erwiederte die Fuͤrſtin, nicht von dieſer Seite betrachte eine Angelegenheit, von der unſer Aller Gluͤck und Zufriedenheit abhängt. Was vergiebſt du deiner Ehre durch einen Vergleich, in dem von beiden Seiten Rechte und Anſpruͤche aufgegeben werden, in dem du mithin ganz dem gleich⸗ ſtehſt, mit dem du dich vergleichſt? Der Juͤrſt, von jeher gewohnt, ganz frei und ausſchließlich in ſeinen Angelegen⸗ heiten zu handeln, ſchien eine bittere, viel⸗ leicht heftige Entgegnung auf dieſe unberu⸗ fene Einmiſchung auf den Lippen zu haben. Doch daͤmpfte er ſie nieder, ſah eine Zeitlang gedankenvoll ſeine Gemahlin an, und ant⸗ wortete ihr dann in einem ruhigen, gütigen Tone: Laß es gut ſein, Antonie! zumal heute! Du kennſt meine ſtrengen, aber un⸗ beſiegbaren Grundſätze von Ehre. Laß uns nicht mehr von dieſem Gegenſtande ſprechen.— 5 — Ich mußte meine Schulbigkeit thun! ſagte die Fuͤrſtin mit einem tiefen Seufzer. O mgeſt auch du, Adolf, den Weg wählen, den du vor deinem Gewiſſen verantworten kannſt. Ich muß ſo handeln! erwiderte der Juͤrſt; wenn das Verhängniß es nicht anders will, ſo faͤllt unſer Haus doch, und Ruhm bleibt es uns, bis zum letzten Augenblicke des angeſtammten Adels wuͤrdig uns bewieſen zu haben. Der Gedanke eines nahen Falles ſchien ihn von neuem zu ergreifen; mit großen Schritten ging er im Zimmer umher. Aber die Fuͤrſtin trat, um dem Gemahle die her⸗ vorhrechenden Thraͤnen zu verbergen, an das Fenſter, und jammerte leiſe: Nicht ein blin⸗ des Verhängniß ſtuͤrzt uns; aber dieſe ent⸗ ſetzliche Stoͤrrigkeit, die auch in dem Sohne gleichſam wiedergeboren iſt, und ſogar Va⸗ ter und Sohn oft ſchroff einander gegenuber ſtellt. — Lange ſtand die edle Frau, von ſchwe⸗ rem Grame niedergebeugt, den die Erin⸗ nerung an beſſere, glänzendere Tage in ihr weckte. Auß einmal ſlog ſie mit einem lau⸗ ten Schrei vom Fenſter zuruͤck. Der Füͤrſt eilte ſchnell herbei, ſie in ſeinen Armen auf⸗ fangend. Um Gotteswillen, rief er aͤngſtlich, was iſt dir? Aber die Zitternde, todtenbleich Gewor⸗ dene vermochte nicht, ihm zu antworten. Mit dem Ausrufe: O ewiger Gott! ſil ſie in das Sopha zuruͤck. Der Fürſt ſprang an's Fenſter, um viel⸗ leicht draußen den Grund dieſes ploͤtzlichen Erſchreckens zu entdecken. Aber auch er — — wurde blaß, als er in den Schloßhof hinun⸗ terſah; ſeine Geſichtsmuskeln bebten ein wu⸗ thendes Feuer ſchoß aus ſeinen Augen; die ſtolze Figur ſchien in einander ſinken zu wollen. Doch auf einmal erhob er ſich, trat raſch zuruͤck und zog heftig die Schellen. Mit verſtörtem Geſichte und weinenden Augen kam der alte, greiſe Kammerdiener hereingewankt, ein Papier in der Hand hal⸗ tend. — Was iſt das? fuhr ihn der Fuͤrſt an, den alten Mann mit krampfhafter an das Fenſter fuhrend. Aber dieſer konnte nicht antworten; gro⸗ ße Thraͤnen drängten ſich aus ſeinen Augen⸗ winkeln, und nur muͤhſam ſchluchzte er: O Ew. Durchlaucht! indem er dem Fürſten das Papier darreichte. — — Rur einen halben Blick warf der Zůrſt hinein, da uberzog die Roͤthe des Zorns ſein Geſicht. Doch er bekämpfte ſich, und mit ſtolzer Jaſſung ſagte er zu dem Kammerdie⸗ ner: Erzähle Er, Arnold! Warum machte Er mir nicht gleich die Anzeige? Der Diener begann, indem er die alten Augen trocknete: Schon fruͤh heute Morgen meldete ſich der Gerichts⸗Exekutor bei mir mit der Anzeige, daß er von ſeiner Behoͤrde den Befehl habe, fuͤr die ausgeklagte Forde⸗ rung des Juden Aaron in Dieſterwalde die beweglichſten Gegenſtände im Schloſſe zu pfuͤnden, und ſie Behuf Verkaufs in den Ort zu ſchaffen. Er zeigte mir dabei ſeinen ſchriftlichen Befehl vor, und berief ſich zu⸗ gleich auf dieß Schreiben, welches ich Ew. Durchlaucht ſo eben gebe. Widerſetzen konnte ich mich ihm nicht; aber ich bat ihn, nur dieſen Einen Tag zu warten, der ia — ber treue Greis ſagte das ſtockend — der ja Ew. Durchlaucht Geburtstag ſei. Doch meine Bitten waren ohne Erfolg; er durfte ihnen nicht nachgeben. Da bat ich ihn denn, ohne Gerauſch und Aufſehen zu verfahren, damit Ew. Durchlaucht es ſo ſpaͤt als mög⸗ lich erfuͤhren. Er that dieß auch. Leiſe tru⸗ gen wir die Sachen ams Thor; ach! ich al⸗ ter Mann mußte an dem Geburtstage mei⸗ nes gnaͤdigſten Herrn helfen —! Schon gut! unterbrach ihn der Fuͤrſt; helfe Er ferner, Arnold, damit ich bald von dem Anblicke befreiet werde! — Der Diener ging. Schweigend ſah ihm der Fuͤrſt nach; aber die Fuͤrſtin konnte ih⸗ res Schmerzes nicht Herrin werden. O ewi⸗ ger Gott! jammerte ſie laut; ausgepfändet! gemißhandelt vom gemeinſten Diener der Ge⸗ rechtigkeit! Und heute, heute, an dem Tage — — des ehemaligen Glanzes! — O ewiger Gott! wenn meine ſtolzen Ahnen auf mich herab⸗ blickten, und ſaͤhen den Diener des Rechts als Herrn ihrer Enkelin, ſähen ihn wuͤhlen und gebieten im Fuͤrſtenſchloſſe! Ausgepfän⸗ det, ein Fuͤrſtenſchloß! — O bald wandern wir in den Schuldthurm zu dem Auswurfe des Poͤbels! — Mir dieſe Vorwuͤrfe? rief der Fuͤrſt in plötzlicher Aufwallung des Zornes; aber ſchnell ſchien ihn der Gedanke, wie der Schmerz der Gemahlin ſolche Aeußerungen entſchuldigen muͤſſe, zu mäßigen, und mit ſanfterer Stim⸗ me ſetzte er hinzu: Faſſe dich, Antonie Ganz ſinken koͤnnen wir noch nicht! — Ploͤtzlich erhob ſich unten auf dem Schloßhofe ein Geraͤuſch, ein lautes Ru⸗ fen und Streiten mehrerer Stimmen durch⸗ einander, worunter beſonders eine ſtarke dro⸗ hende ſich auszeichnete. Der Fuͤrſt trat an's Fenſter, ſah hinunter, rief in demſelben Au⸗ genblicken mit heftigem Tone: Lothar! im Augenblicke hierher! und ſchlug klirrend das geoͤffnete Fenſter wieder zu. Gleich darauf flog der Erbprinz Lothar, mit vor Zorn funkelnden Augen, zwei Dop⸗ pelpiſtolen im Arme, in das Zimmer. Der Fuͤrſt ging ihm mit einem finſtern Blicke entgegen, ihn eine Zeitlang ſchweigend an⸗ blickend; auch der Erbprinz blieb ſchweigend vor ihm ſtehen, als wenn er eine Anrede er⸗ warte; zuletzt fragte er in einem augenſchein⸗ lich mit Anſtrengung gemaͤßigten Tone: Was befiehlſt du, Vater? Ich befehle, entgegnete der Fürſt finſter und auf jedes Wort Rachdruck legend, ich be⸗ fehle, daß du in meinem Hauſe dich nicht um Sachen bekuͤmmerſt, die dich nichts an⸗ — — gehen, die nur mich angehen! — Was hat⸗ teſt du unten zu ſchaffen? — Der verhaltene Zorn des Erbprinzen brach los. Ich hätte es mit Geduld an⸗ ſehen koͤnnen, rief er, daß man uns behan⸗ delt wie gemeine Verbrecher? daß man mit frechem Spotte unſer Haus ausleert, an ei⸗ nem Tage, der ſonſt der froheſten Freude ge⸗ widmet war, und der leider jetzt nur trube Erinnerungen in uns wecken kann? Alle Behörden kennen deinen Geburtstag, aber nicht ehrten ſie ihn; denn Schmähen iſt das Princip ihres Benehmens gegen uns. Und ich hätte ruhig ſein koͤnnen bei frecher, ver⸗ hoͤhnender Schmach? Nein, Vater, und wenn — Thoͤrichter Knabe, unterbrach ihn der Va⸗ ter, meinſt du, wenn mein Widerſtand hälfe, ich haͤtte nicht mein Leben gewagt, um die 3 Ehre meines Hauſes zu retten? — Ich habe mehr getragen als du, und tragen muͤſſenz denn unſere Kraft iſt gebrochen. — Gehe auf deine Jagden, aber wage es nicht mehr, in meine Autorität greifen zu wollen. Vater! — hob der Prinz an. Aber ſtrenge rief der Fuͤrſt: Ich befehle es dir! und wandte ſich ſtolz von ihm ab. Da ergluͤhete des Prinzen ganzes Geſicht vor Zorn. Ich bin Erbprinz, rief er ſtolz⸗ einſt dein Nachfolger, aber nicht durch deine Gnade. Deine Sache iſt die meinige. Faſt wuͤthend drehete ſich der Fürſt wie⸗ der zu ihm. Bei Gott, Knabe! — rief er mit bebenden Lippen, doch im Augenblick ſich faſſend, fuhr er gemäßigt fort: Ich habe dich manchmal gewarnt, Lothar, deinen Trotz⸗ kopf zu beugen. Heute, bei Gott, heute warne ich dich zum letzten Male. Und ich, rief der Erbprinz, ohne ſich maͤßigen zu können, und ich habe lange genug die mir zugetheilte ſchmachvolle Rolle eines unmuͤndigen Kindes getragen. Heute werfe ich ſie ab. Du biſt mein Vater, aber nicht wein Herr, nicht Herr meiner Guter! Ich bin Herr wie du, und ohne meine Geneh⸗ migung darfſt du über keinen Ziegel auf dem Dache verfuͤgen. Das beſtimmen die Geſetze, dafür haben ſeit Jahrtauſenden unſere edlen Ahnen geſorgt. Heute will ich meine Herr⸗ ſchaft antreten, heute will ich — Der Fuͤrſt hatte ſich in einen Stuhl ge⸗ worfen, und ſtarrte ihn mit verbiſſener Wuth an. Die Fuͤrſtin, welche lange, mit ihrem eigenen Schmerze beſchaͤftigt, im Sopha ge⸗ legen hatte, ſprang jetzt auf, und warf ſich 3 * — weinend dem Sohne in die Arme. O Lo⸗ thar, flehete ſie, halt ein; vergiß die Stelle nicht, wo du ſtehſt, vor deinem Vater! die Achtung nicht, die du deinem Erzeuger ſchul⸗ dig biſt! Das thue ich auch nicht! entgegnete der Prinz, fur einen Augenblick ſeine Stimme maͤßigend, und mit zarter Schonung die Mutter zuruͤckdrängend; ich vergeſſe das nicht, Mutter, aber ich kann auch die Pflichten nicht aus den Augen ſetzen, die ich mir ſelber ſchuldig bin. — Mir, fuhr er dann, ſich wie⸗ der zum Fuͤrſten wendend, in geſteigertem Tone fort, mir liegt es kuͤnftig ob, den Glanz und die Exiſtenz unſerer Familie zu behaup⸗ ten; und wohl iſt es daher jetzt meine Pflicht, zu ſorgen, daß mir dazu nicht alle Mittel abgeſchnitten werden. Du haſt mich bisher behandelt wie ein Kind; von Allem, was du vornahmſt, von allen wichtigen Angelegen⸗ heiten unſeres Hauſes wurde mir nicht die geringſte Kunde; du betriebſt ſie allein! — Der Füͤrſt bekämpfte den ſichtlich immer mehr und mehr in ihm aufſteigenden Zorn noch, nur rief er hoͤhniſch lachend: Ich hätte einem Knaben Rechenſchaft geben ſollen! Doch der Prinz fuhr in ſeinem Eifer fort: Zuletzt ſuchte ich mir anderswo Kennt⸗ niß davon zu verſchaffen. Es gelang mir, und bald ſah ich den fuͤrchterlichen Abgrund, an deſſen Rande wir ſtehen, und vor welchem nur Ein Mittel uns retten kann. Man hat⸗ te es dir angeboten, du hatteſt es wiederholt und hartnäckig ausgeſchlagen. Das erfuhr ich, und ſah es deutlich: wir waren rettungs⸗ los verloren, wenn nicht ſchleunige Maßre⸗ geln ergriffen wuͤrden. Ich ergriff ſie, denn wohl erkannte ich, du wuͤrdeſt nicht nachge⸗ ben. Ich unterhandelte mit dem Hofe uͤber — 38 — ein Entſchödigungsquantum, und heute haben ſo wohl die Mutter als ich die Rachricht bekommen, daß man gegen Verzichtleiſtung auf alle ſtaatsherrliche Rechte und Anſpruͤche uns jaͤhrlich eine Rente von dreißigrauſend Thalern geben will. Ich ſelbſt hatte fruͤher dieſe Summe gefordert, und für deine Ge⸗ nehmigung eingeſtunden. Ich habe mein Wort dafur verpfaͤndet, Vater, und von deiner Gnade hoffe ich — Daß ich wie ein Schurke handeln ſoll? fuhr der Fuͤrſt auf; Menſch, wie kannſt du deine Ehre verpfänden, daß dein Vater ehr⸗ los handeln werde? Ehrlos? rief der Sohn. Ja, fuhr der Fuͤrſt fort; oder glaubſt du, es vertrage ſich mit der Ehre des Fuͤr⸗ ſten von Hachenburg, Gnaden und Wohltha⸗ — 39 — ten anzunehmen? — Ich habe es ſchon dei⸗ ner Mutter ſagen muͤſſen, und auch dir er⸗ kläre ich es: Nimmer, und koͤnnte ich mein Leben dadurch retten, werde ich ſo meine Ehre aus den Augen ſetzen, eine Gnade an⸗ zunehmen, am Allerwenigſten von dem neuen aufgedrungenen Souverän. Schande dem Manne, dem ſeine von ſo vielen Ahnen glanzvoll bewahrte Ehre nicht theurer und heiliger iſt, als ſchnödes Metall! — Du willſt, ſetzte er mit bittrem Spotte hinzu, kunftig den Glanz meines Hauſes bewah⸗ ren?! — Eine plötzliche Bläſſe des Zornes durch⸗ flog das dunkelglühende Geſicht des Prinzen⸗ Eine herrliche Ehre, rief er, Chriſten und⸗ Juden ſchuldig zu ſein; in dem elendeſten Wucherer ſeinen Herrn anerkennen, deſſen böſe Laune fuͤrchten zu muͤſſen! Eine ſchoͤne Ehre, nicht bei Tage und nicht bei Nacht — vor den Ueberfaͤllen ſchmaͤhender Gerichts⸗ diener ſicher ſein zu koͤnnen! — Gnaden wilſt du nicht empfangen? — Erzeigt dir denn dein Gläubiger keine Gnade, wenn er dir eine Woche Friſt vor ſchnoͤder Auspfaͤn⸗ dung, vor dem gaͤnzlichen Falle giebt? — Von Juden willſt du Gnade n und — 7 Noch hielt ſich der Fürſt. Lothar, rief er mit gedämpfter Stimme, reize mich nicht länger, oder bei Gott, fuͤrchte meinen Zorn! Rein, fuhr der Prinz fort; ich muß es dir ſagen, daß du ſelbſt, Vater, den Sturz unſeres Hauſes herbeifuͤhrſt, daß du ehrlos und unverantwortlich handelſt gegen dich, ge⸗ gen deine Gemahlin und gegen deine Söhne, und daß ich nimmermehr ruhig zuſehen, ſon⸗ dern ſelbſt Maßregeln ergreifen werde! Ich will jett handeln, und ich will dich zwingen, meine Handlungen anzuerkennen; eine Pro⸗ teſtation beim Hypothekenbuche, eine Eintra⸗ gung meiner Rechte als nächſten Agnaten wird dich zwingen. Noch heute will ich mein Vorhaben ausfuͤhren. Der Fuͤrſt war aufgeſprungen und hatte mit großen Schritten das Zimmer gemeſſen⸗ bald blaß werdend, bald uͤber und über er⸗ gluhend; oft hatten ſeine Geſichtsmuskeln wie gichteriſch gezuckt, ſeine Augen gefunkelt. Jetzt konnte er den lange bekämpften Zorn nicht mehr an ſich halten. Wie wuͤthend fuhr er auf den Prinzen zu, ſtreckte beide Hände gegen ihn aus, als wenn er ihn er⸗ greifen wolle, ließ ſie aber ſchnell wieder ſin⸗ ten und ſprach mit halb erſtickter, bebender Stimme: Du biſt zu ſchlecht, um von mir angeruͤhrt zu werden; aber auch zu ſchlecht, um noch einen Augenblick vor den Augen deines Vaters erſcheinen zu duͤrfen. Noch N bin ich Herr, und du ſollſt es nie hier wer⸗ den. — Du biſt mein Sohn nicht mehr; verflucht deſſen Rame, wer dich einen Fuͤr⸗ ſten von Hachenburg nennt. Verlaß mein Schloß, Entarteter, mein Gebiet! Ich laſſe dich erſchießen wie ein wildes Thier, wenn du mir je wieder vor Augen kommſt. Fort! ich befehle es! — „Der Zorn ließ ihn nicht weiter reden. Der Prinz ſtand regungslos, ohne zu ſprechen; der angeborne Trotz ſchien mit dem Kindes⸗ gehorſam einen ſchweren Kampf zu kaͤmpfen. Aber die Fuͤrſtin, welche lange mit Angſt und Zagen dem Wortſtreite zugehoͤrt, und, obgleich ſie jeden Augenblick deſſen letzte Ex⸗ ploſion befuͤrchtet und es doch nicht gewagt hatte, durch ihr Einmiſchen den vollen Aus⸗ bruch des ihr nur zu ſehr bekannten Zornes herbeizufuͤhren, floh jetzt laut flehend auf ihren Gemahl zu. Adolf! rief ſie; um Gotteswillen verſtoß dein eigen Kind nicht! Rimm das unbedachte Wort zuruͤck! — O bedenk deine ungluͤckliche Gattin; ſchuͤtte nicht durch un⸗ menſchliche Härte den Becher des Leidens vollig uͤber mich aus! Rein, nein! rief der Fuͤrſt, ſie von ſich abwehrend; ich habe ihn oft ermahnt, den frechen Buben. Endlich mußte der Jaden meiner Langmuth reißen. Er hat den Na⸗ men meines Sohnes fuͤr immer verwirkt. Er ſoll fort! Da hatte ſich der Prinz gefaßt. Noch einen flammenden Blick warf er auf den Vater; dann trat er raſch vor die Mutter, warf ſich vor ihr auf beide Kniee, kuͤßte die weinende, ſich uͤber ihn hinbeugende Matrone, und rief mit ſchmerzvoller Stim⸗ me: Lebe wohl, Mutter! — Dann ſprang er eben ſo raſch auf, nach der Thuͤre hin. — 44 — O bleibe, bleibe, mein Sohn! jammerte die Fürſtin ihm nach; aber indem er noch mit faſt weinender Stimme zuruͤckrief: Ich kann nicht, Mutter! verſchwand er aus dem Zimmer. Der Fuͤrſt ſchien den Auftritt nicht be⸗ merkt zu haben. Finſter brutend lag er im Sopha. Noch heute, ſprach er jetzt, noch heute geht mein Schreiben nach Hofe ab; ich erklaͤre ihn unfähig, mein Nachfolger zu ſein. Alexis ſoll es werden. Rie habe ich um eine Gnade gebeten; dieß ſei die erſte. Die Fuͤrſtin aber jammerte: O bieſer Starrſinn verderbt uns Alle! und verließ händeringend das Zimmer. — — 45 — Was der Fuͤrſt androhete, das war er gewohnt auszuführen; zumal gegen ſeine Kinder hatte er immer mit unerbittlicher Strenge gehandelt. Seine Gemahlin hatte ihm nur zwei Söhne geboren, Lothar und Alexis. Es iſt auffallend, wie Schwächen, Reigungen und Leidenſchaften der Aeltern in den Gemuͤthern der Kinder ſich ſchon dann in mehr oder minder ſcharf hervortretenden Umriſſen angedeutet finden, wenn ihre zarte Jugend noch lange keiner Beobachtung faͤhig iſt, mithin von Einwirkung des älterlichen Beiſpiels nicht die Rede ſein kann. Man follte auf ein Angeborenſein ſchließen, wenn mit den Tugenden und glänzenden Eigen⸗ ſchaften der Aeltern derſelbe Fall einträte, obgleich von der andern Seite dieſe auch wieder ein reiferes Alter und ſchon einige geiſtige Ausbildung erfordern, um ſich aͤußern zu können. — 6 — Schon fruͤh legten die beiden Prinzen, die nur wenige Jahre im Alter von einan⸗ der geſchieden waren, einen Eigenſinn und eine Stoͤrrigkeit an den Tag, welche die, mit iner erſten Erziehung faſt ausſchließlich be⸗ 3 ſchaftigte, zartliche Mutter mit bangen Sor⸗ gen fuͤr die Zukunft erfuͤllte. Zwar gab ſie ſich unendliche Mähe, nie ſolche rohe Aus⸗ wuͤchſe aus den Gemuͤthern der Kinder zu vertilgen, und ihnen dafuͤr jene Sanftmuth einzufloͤßen, die ihren eigenen Charakter ſo liebenswuͤrdig machte. Aber nur bei dem Juͤngern gelang es ihr ihn folgſam und willig zu bilden; an Lothar ſcheiterten alle ihre Sorgen und Muͤhen; er blieb wild und roh und ſtörriſch. Dem Fürſten erging es eben ſo, als er in ſpätern Jahren ſelbſt ein Auge auf die Erziehung und Ausbildung ſei⸗ ner Kinder warf. Er ſchlug alle erdenkliche Wege ein, einen Charakterfehler zu unterdruk⸗ ken, gegen den er um ſo mehr aufgebracht war, als er ſelbſt an demſelben litt, und Veide daher oft ſchroff gegen einander zu ſtehen kommen mußten. Zudem war Lothar Erbprinz, und wohl erinnerte der Juͤrſt ſich noch, wie er ſelbſt als Erbprinz ſchon fruͤh eine Oppoſition gegen ſeinen Vater gebildet, und geſtrebt hatte, ihm nach und nach die Zugel einer Regierung aus den Händen zu winden, die ihm ſpaͤter auf jeden Fall zu Theil werden mußte. Aber war es zu ſpät⸗ oder lag die Schuld an dem eigenen Starr⸗ ſinn des Vaters, ſeine Bemuhungen blieben fruchtlos; und der Eifer, in den er hieruͤber gerieth, diente nur dazu, den Trotz des Kna⸗ ben und Jüͤnglings noch heller und ſtaͤrker zu Tage zu foͤrdern. So gab es manche Szene zwiſchen Vater und Sohn, bis ſich zuletzt ein Verhältniß zwiſchen ihnen geſtal⸗ tete, in welchem ſtrenges Befehlen und Gehorſam fordern von der einen, und Gehorſam verweigern von der andern — 48 — Seite zu einer Art Ehrenpunkt geworden war. — Wie ſehr die Fuͤrſtin, zumal bei den mannigfachen, von außen auf ſie eindrin⸗ genden Leiden durch ein ſolches Verhältniß litt, iſt begreiflich. Aendern konnte ſie nichts daran; es war daher nur ihre Sorge, Aleris vor der verderblichen Einwirkung des taglichen Beiſpiels zu bewahren. Dieß ge⸗ lang ihr auch um ſo leichter, als es in dem Plane des Fürſten lag, den jüngern, kuͤnftig zu apanagirenden Prinzen eine militäriſche Carriére machen zu laſſen. Alexis trat fruh bei einer benachbarten größeren Macht in Dienſt. Gern hätte die Fürſtin Hinſichts Lothars ihren Gemaht zu einem Gleichen bewogen; allein es war mit dem Stolze des Juͤrſten unverträglich, daß ein Erbprinz ſei⸗ nes Hauſes einem fremden Monarchen die⸗ nen ſolle. Lothar ſelbſt zeigte auch einen S — entſchiedenen Haß gegen abes Subordina⸗ tionöverhältniß, und ſchweifte lieber Tage⸗ und Wochenlang, frei und ungebunden, in den weitlaufigen Forſten der Grafſchaft um⸗ her. — Hier lebte er bloß dem wilden Waid⸗ werke, nur wenig von dem Sturze ſeiner Jamilie mitempfindend⸗ Doch als zuletzt der ungluckliche, bedrängte Zuſtand des Hauſes ſich in gar zu grellen Farben in allen Ver⸗ hältniſſen und Bedurfniſſen des Lebens aͤu⸗ ßerte, da erwachte auf einmal der Gedanke in ihm, daß es ſein Haus ſei, welches falle, daß Er es ſei, der es kuͤnftig repraͤſentiren müſſe, und daß es mithin, auch ſchon jetzt, ſeine Pfiicht ſei, deſſen voͤlliges Verderben zu verhindern. Und doch konnte er nicht helfen, da er nie einen Blick in die Ver⸗ hältniſſe des Hauſes hatte thun duͤrfen. Auch jetzt vergoͤnnte ihm der Fuͤrſt keine Theil⸗ * — 6 — nahme, nicht einmal eine Kenntniß davon, das ſah er ſehr gut ein. Er berieth ſich da⸗ her mit ſeiner Mutter, zog bei dem Mini⸗ ſterium, welches mit Regulirung der Ange⸗ legenheiten des fuͤrſtlichen Hauſes beauftragt war, Erkundigungen ein, und entdeckte, wie bloß der Eigenſinn des Vaters den völligen Sturz der Familie herbeifuͤhre. Schnell han⸗ delte er jetzt ſelbſt und verſuchte Rettung. Wie der beleidigte Stolz des Vaters ihm lohnte, haben wir geſehen. — Der Fürſt bereuete den Schritt nicht, den er gethan. Im Gegentheile, er ſtellte ſich ihn täglich mehr als eine nothwendige Maßregel vor, von dem die Ruhe und das Gluͤck ſeines Hauſes abgehangen habe. Keine Bitten ſeiner ungluͤcklichen Gemahlin ver⸗ mochten ihn, den ausgeſprochenen Fluch zu⸗ ruͤckzunehmen. Vergebens floſſen die bittern Thraͤnen der Mutter. — 5 Ich mußte ſo handeln! antwortete er ihr. Schon zu lange war der Widerſpenſtige darauf bedacht, mein Anſehen zu untergra⸗ ben, mich zu einem Sklaven ſeines wilden Trotzes zu machen. Es ſchlägt kein edles Herz in ſeiner Bruſt; wie hätte er ſonſt ſo gegen ſeinen Vater ſprechen. koͤnnen? — Rur ein gemeiner, roher Menſch iſt er, der nie würdig werden kann, den Namen eines Jurſten von Hachenburg zu tragen. Alepis wird mein Rachfolger, und er verſtoßen; da⸗ bei bleibt es unwiderruflich. Die Verſtoßung des Sohnes hatte Auf⸗ ſehen in der Umgegend, bei hohem und nie⸗ derem Adel, gemacht. Manche Vorſtellungen wurden dem Fürſten; aber umſonſt. Unwi⸗ derruflich! rief er mit der gewohnten Starrheit. Es kam ein Brief von ſeinem Vetter, dem Fuͤrſten Brauthal; mit deſſen Tochter 4 N hatte er den Erbprinzen ſchon laͤngere Zeit verlobt; die Vermählung war nur bis zur Abſchließung ſeiner Entſchädigungsangelegen⸗ heiten ausgeſetzt, weil der Stolz des Fuͤrſten Adolf es nicht leiden konnte, daß ein armer Prinz eine reiche Gattin haben ſolle. Der Juͤrſt ſtellte ihm mit Klarheit das Uebereilte und Ungerechte ſeines Betragens vor. Ver⸗ gebens. Unwiderruflich! rief er, finſter den Brief zerreißend⸗ Selbſt die Vorſtellungen und Bitten ſei⸗ nes vertrauten Raths, des ehrlichen und ein⸗ zigen Dieners, der ihm von allen ſeinen Be⸗ amten uͤbrig geblieben war, und deſſen er⸗ fahrne und gutgemeinte Worte nie ungehoͤrt ſeinem Ohre vorbeigingen, waren ohne Wirkung. Dem Fuͤrſten ſtand als Standesherrn das Recht zu, ſeine Hausgeſetze, wodurch Rechte und Erbfolge⸗Ordnung der jetzigen und kuͤnf⸗ — tigen Familienglieder beſtimmt werden ſoll⸗ ten, ſelbſt zu entwerfen und ſie dem Regen⸗ ten zur Beſthtigung vorzulegen. Er hatte bisher keinen Gebrauch von dieſem Rechte gemacht, worin ſein Stolz nur eine neue Un⸗ terwerfung unter den aufgedrungenen Schutz⸗ herrn hatte erblicken können. Aber ſchnell mußte ihm jetzt der Rath die Familienord⸗ nung entwerfen, und ſie zur hoͤchſten Beſtaͤ⸗ tigung befordern. Aleris und deſſen Linie war darin zur Nachfolge der Gäter und des fürſtlichen Titels beſtimmt; Lotharn ver⸗ boten; je Anſpruͤche auf beide, ſelbſt ſogar auf den Namen Hachenburg oder auf eine Verwandtſchaft mit dem Hauſe, zu machen. — Ungeduldig erwartete er die Entſcheidung des Monarchen. Hundertmal, wenn die Gefuͤhle des Va⸗ terherzens ſeine Bruſt beklemmten⸗ ſchwor er ſich, er konne nicht anders handeln. Und in der Tbat, wie hätte ein Mann, der ſein gan⸗ zes Leben hindurch die unerſchuͤtterlichſte Fe⸗ ſtigkeit an den Tag gelegt, in einer Ange⸗ legenheit, welche die Augen der halben Mon⸗ archie auf ihn gezogen hatte, Inkonſequenz und Wankelmuth ſich koͤnnen zu Schulden kommen laſſen? Er mußte ſo handeln, er konnte nicht zuruͤckkehren. Die Entſcheidung des Regenten blieb aus. Dagegen kam ein höflich ausweichendes Schreiben des Miniſteriums, worin der von dem Monarchen ausgeſprochene Wunſch, der Fuͤrſt moͤge, ehe er die eingeleitete auffallen⸗ de Maßregel zur voͤlligen Ausfuͤhrung bringe, zur Wiederanknuͤpfung der bisher ſo ſchoͤn beſtandenen Bande der Eintracht in ſeiner Familie noch einen Verſuch machen, wieder⸗ holt wurde. Der Fürſt wuthete, um ſo mehr, als er zugleich durch ſeinen Geſchaͤftsfuͤhrer in der — 65 — Reſidenz die Veranlaſſung zu dieſer vernei⸗ nenden Antwort erfuhr. — Lange hatte Lothar, als er das Schloß verließ, geſchwankt, was er nun beginnen ſolle. Sollte auch er ſich ganz von dem un⸗ natuͤrlichen Vater und von einer Familie losſagen deren Haupt ihn verſtoßen hatte? Oder ſollte er, allenfalls bis aufs Aeußerſte, Rechte und Anſpruche verfolgen, die nach den Grundſätzen aller Geſetzgebungen ihm un⸗ beſtritten waren, und die nur ein Gewalt⸗ ſpruch ihm rauben konnte? — Wuth und Trotz entſchieden ihn fuͤr das Letztere. Er eilte an den oberſten Gerichts⸗ hof, um ſeine Rechte als Erbprinz in das Hppothekenbuch einſchreiben zu laſſen und eine Proteſtation gegen alie Verfuͤgungen ſeines Vaters uͤber die vorhandenen Lehn⸗ guͤter einzulegen. Allein der Juſtizbehoͤrde kam die Sache zu bedenklich vor, um eigen⸗ —— —— — —— mächtig darin zu entſcheiden; ſie verwies ihn an dus Oberhaupt des Staats ſelbſt. Lothar eilte in die Reſidenz. Richt die Briefe ſeiner Mutter, die ihn hier erreichten und worin die edle Frau ihn an die Pflich⸗ ten eines Sohnes, an Gehorſam und Nach⸗ geben erinnerte, ihn bei ihrer Liebe beſchwoͤ⸗ rend, zurückzukehren und das Herz des Va⸗ ters um Aufhebung eines im erſten Moment der Hitze gefaßten Entſchluſſes anzuflehen; nicht die liebevollen Zeilen Karolinens, ſei⸗ ner Braut, und ihres Vaters, die Beide ihm voͤllige Ausſöhnung mit ſeinem Vater zu⸗ ſicherten, wenn er wie ein Vittender, in ei⸗ ner Stellung, deren ſich nie der Sohn gegen den Vater ſchamen dürfe, zuruͤckkehren wolle — nichts war im Stande, die Ausführung ſei⸗ nes Entſchluſſes zu hemmen. Er ließ ſich beim Monarchen melden, und wurde angenommen. Ich bitte um Ge⸗ rechtigkeit, Ew. Majeſtät, ich fordere Gerech⸗ tigkeit gegen meinen Vater! ſprach er, kaum im Stande, in Gegenwart des Regenten die Wuth zu mäßigen, die ſein Inneres ver⸗ zehrte, und die mit jedem Momente heftiger hervorbrach. Fordern, Prinz? ſprach der Monarch, finſter uͤber das kecke Wort in ſeiner Ge⸗ genwart. Ich muß ſie fordern! fuhr Lothar hef⸗ tiger fort, und bat um die Gnade, ſeine Sache vorbringen zu duͤrfen. Dem Regenten ſchien des jungen Man⸗ nes Eifer, der trotz der Rohheit, mit welcher er hervorbrach, dennoch viel Anſchein eines edlen hatte, zu gefaſen. Er gab ihm die Erlaubniß zu reden, horte dem immer noch Eifernden mit Aufmerkſamkeit zu, verſprach ihm, ſich ſeiner Sache anzunehmen, und gab auch wirklich dem Miniſterium ſofort den Befehl, die Angelegenheit des Prinzen auf ir⸗ gend eine Art in Gute zu arrangiren zu fuchen. Doch an dem Starrkopfe des Fuͤrſten ſcheiterte jeder Verſuch einer guͤtlichen Bei⸗ legung. Eher den Tod, als Nachgeben! rief er und eilte auf der Stelle ſelbſt in die Re⸗ ſidenz, um unmittelbar am Throne eine An⸗ gelegenheit zu betreiben, welche, aus ſo un⸗ natürlichen Regungen ſie auch hervorging, gleichwohl nie von ihm aufgegeben werden konnte. Er wußte, trotz der Wuth, die in ſeinem Innern kochte, ſeinem Aeußern ſo viel Mäßigung zu geben, und dadurch ſeiner Sache einen ſolchen Schein von Gerechtigkeit gegen die des tobenden, rohen Lothar zu verſchaffen, daß bald, zumal als er auch Hoff⸗ nung zur Nachgiebigkeit bei Regulirung ſei⸗ ner Entſchaͤdigungs⸗Anſpruͤche gab, die Mi⸗ niſterien wie der Regent zu ſeiner Sache ſich hinneigten, und deren Ausgang nicht lange mehr zweifelhaft blieb. Die von ihm ent⸗ worfene Erbfolgeordnung wurde in allen ih⸗ ren Theilen beſtätigt. Wer beſchreibt die Wuth, den Grimm Lothars, als er auf einmal von dieſer Nach⸗ richt wie von einem Donnerſchlage getroffen wurde? Herausgeſtoßen aus einer der erſten Jamilien des Landes in einen dunkeln, un⸗ ruͤhmlichen Mittelſtand! Anſtatt der glaͤnzen⸗ den Hoffnung, das Haupt des angeſehenſten Hauſes zu werden, deſſen Verhältniſſe bald einen guͤnſtigeren Schwung nehmen mußten, jetzt die Ausſicht in ein durftiges, elendes Daſein! Und durch alles Dieſes von einem ſchoͤnen weiblichen Herzen geriſſen, an dem er mit herzlicher Liebe hing, und dem es wahrſcheinlich vorbehalten war, das Zartere und Feinere, das allerdings unter ſeiner ro⸗ ——— — — 60 — heren Huͤlle ſchlummerte, einſt zum ſchönen Hervortreten zu wecken! — Der Füͤrſt ruhete in ſeinem unmenſch⸗ lichen Haſſe nicht eher, als bis Lothar ganz aus ſeiner Familie ausgeſtoßen, faſt aller Rechte derſelben, faſt aller Anſpruͤche an ſie fuͤr verluſtig erklaͤrt war. Selbſt den Na⸗ men Hachenburg haͤtte er ihm geraubt, wenn nicht der Widerſtand der Miniſterien zu kräf⸗ tig geweſen wäre. Allein was konnte dem Ungluͤcklichen der Name helfen, wenn er keinen Antheil an ſeinen Rechten und keine Mittel hatte, ihn zu behaupten? Rur eine unbedeutende, nach den jetzigen Verhältniſſen des Hauſes beſtimmte Apanage war ihm ge⸗ blieben; eigenes Vermoͤgen beſaß er nicht; Kenntniſſe hatte er nicht, um in irgend ei⸗ ner buͤrgerlichen oder militaͤriſchen Carriére auch nur eine nothduͤrftige Exiſtenz zu be⸗ haupten. Denn nicht einmal eine oberflaͤch⸗ — 6 liche, geſchweige eine wiſſenſchaftliche Bil⸗ dung hatte er genoſſen; das rohe Jagd⸗ werk hatte ſeine Unterhaltung und ſeine Schule gemacht. Furchtbaren Groll in der Bruſt kochend, verließ er eine Stadt, die ihn von Allem geriſſen hatte, was ihm das Leben theuer machen konnte. Während Betreibung ſeiner Angelegenheit hatte er ſeinen Vater auch nur zu ſehen gemieden; auch jetzt wollte er ihn nicht ſehen, obgleich einen Augenblick lang die Rachſucht den unmenſchlichſten Plan in ihm bruͤtete. Schweigend, als er ſein Schick⸗ ſal gehoͤrt, hing er ſeine Buͤchſe auf die Schulter; ſchweigend ging er aus dem Thore. In dem nächſten Dorfe ſchrieb er einen Brief an ſeine Braut, mit kurzen Worten fuͤr im⸗ mer Abſchied von ihr nehmend. An ſeine Mutter ſchrieb er nicht. Es muͤßte ihr das Herz brechen! ſagte er, die erſte S auß ſeinem Ange wiſchend. —— Dann ging er weiter, und man hoͤrte nichts wieder von ihm, bis ſich nach einiger Zeit das Geruͤcht verbreitete, er habe ſich ei⸗ nem Philhellenen⸗ Korps angeſchloſſen und Deutſchland verlaſſen. Der Fuͤrſt wollte triumphiren uͤber den Sieg, den er erfochten; aber ſollte nicht noch Ein ſolcher Sieg ſein Herz, das doch immer ein Vaterherz blieb, gebrochen haben? — Gluͤck feſſelte ſich an ſeinen Triumphwagen nicht. — Es war ſpäter Abend, als die Fürſtin Antonie in ihrem einſamen, kaum buͤrgerlich möblirten Kabinetchen noch aufſaß. Die Au⸗ gen der edlen Frau waren mit Thraͤnen an⸗ gefüllt. Ein Schreiben ihres noch in der Reſidenz befindlichen Gemahls hatte ihr ge⸗ — meldet, daß dieſer die Gewißheit habe, ſeine Differenzien mit einem Sohne, den er nur einen Unwuͤrdigen nannte, bald und guͤnſtig entſchieden zu ſehen. Wie hätte das liebende Mutterherz aber nicht vom unſäglichſten Jam⸗ mer ergriffen werden ſollen, den geliebten Erſtgebornen fuͤr immer von ſich geriſſen zu ſehen! Ihn fluͤchtig und unſtät in einer rauhen Welt umherirren zu wiſſen, ohne Glauben an die Menſchen, ohne Liebe in der Bruſt; das Herz nur von wildem Haſſe, von Durſt nach Rache bewegt; bewegt ge⸗ gen die, die ihm am nächſten ſtanden, fuͤr die es nach allen Geſetzen der Natur nur in unverſiegbarer Liebe ſchlagen follte! Wohl mußten die Thränen der Unglucklichen un⸗ aufhaltſam fließen, ohne doch den ſchweren Kummer ihrer Bruſt erleichtern zu koͤnnen, wenn dieſe Gedanken ſich ihr aufdräng⸗ ten, und zugleich ſo manche herbe Erinne⸗ rung erduldeter Leiden und die quaͤlende Furcht vor einer dunkeln Zukunft vor ihren Geiſt zuruͤcktehrte! Da that ſich leiſe die Thuͤre auf, und die hobe Figur eines jungen Mannes trat her⸗ ein. Schlank und kraͤftig war die Geſtalt, ſanfte, aber edle Zuͤge leuchteten aus dem ſchönen Antlitze. Er blieb in der Thüre ſte⸗ hen, ſchuͤchtern, faſt ängſtlich in dem Ka⸗ binette ſich umſehend; dann trat er unſchluͤſ⸗ ſig einen halben Schritt vor, und dann auf einmal eilte er mit ausgebreiteten Armen auf die Furſtin zu, umfing ſie und rief: Meine Mutter! meine gute Mutter! und druͤckte faſt krampfhaft die Matrone an ſeine Bruſt. Da erhob ſich die Fürſtin, die bei der uner⸗ warteten Erſcheinung erſchrocken und unwill⸗ kuhrlich zuruͤckgewichen war, druͤckte zaͤrt⸗ lich den Juͤngling an ihr Herz und jauchzte? Mein geliebter Aleris! und Thraͤnen der Freude vermiſchten ſich mit der Zaͤhre des — Schmerzes, die ſo eben ihre Wange genetzt hatten. Wohl manchmal, wenn Leid und Kum⸗ mer auf uns einſtuͤrmen, und vergebens unſer Genius ſie von uns abzuwehren verſucht hat, ſinnt er, und nicht vergebens, auf einen Er⸗ ſatz, womit er ſeinen Schutzling wieder auf⸗ richten koͤnne, und mit milder Freundlichkeit fuͤhrt er uns dann eine Freude zu, die Bal⸗ ſam in die vom Schmerze geſchlagene Wun⸗ de gießet. . Die Fuͤrſtin gab ſich ganz der Freude des Wiederſehens hin; aber deſto befangener, unruhiger war der Juͤngling, bis er auf einmal mit ſichtlicher Beklemmung fragtet Biſt du allein, Mutter? Und kaum hatte ſie ihm ſeine Frage mit dem Zuſatze bejahet, der Fuͤrſt ſei noch in der Reſidenz, als er raſch, ohne etwas weiter zu ſagen, aus dem Zimmer flog. 6 Aengſtlich rathend ſah ihm die Fürſtin nach. Wie ſollte ſie ſein Benehmen deuten? Rit dieſer Frage warfen ſich jetzt auf ein⸗ mal mehrere in ihr auf: Woher kam er ſo unerwartet? Warum verließ er ſie ſo auf einmal? Was konnte er vorhaben? Doch kaum hatte ſie Zeit, uͤber alles dieſes nachzu⸗ grübeln; denn ſchon nach wenigen Augen⸗ blicken kam der Prinz zuruͤck, einen lieblichen Knaben an der Hand, den er mehr tragen als fhren mußte. Er trat mit ihm auf die Jürſtin zu. O Mutter, ſagte er mit weicher Stimme, nimm ihn gut auf und halte ihn ſanft! — Dann legte er das verſchämt er⸗ roͤthende Kind in ihre Arme. Der Knabe aber ſchluchzte auf einmal laut auf, druͤckte das Geſicht an das Herz der Dame und flehete mit leiſer, vom Weinen unterbroche⸗ ner Stimme: O ſein Sie mir gnädig! — Die Fürſtin war uͤberraſcht; ſie wußte ſich in das Sonderbare des Zanzen Auftritts — 67 — nicht gleich zu finden; aber das Weinen und Flehen des zitternd an ihr gelehnten Knaben ruͤhrte ſie. Sie legte beide Arme um ihn, und antwortete mit der ganzen Herzlichkeit ihrer Stimme: Was mein guter Sohn mir bringt, iſt mir ſtets lieb und theuer! Da ſchluchzte der Knabe noch heftiger und druͤckte ſich faſt krampfhaft an die Dame. Der Prinz aber trat mit einer freudigen Bewegung näher und ergriff eine Hand ſeiner Mutter. Immer? rief er, immer, Mutter? Die Fürſtin ſah ihn befremdet, zweifel⸗ haft an. Alexis, was iſt das? fragte ſie. Und in demſelben Augenblicke riß ſich der Knabe von ihr los, und warf ſich, laut weinend, in die Arme des Prinzen. Einen Augenblick hielt ihn dieſer unſchluſſig. Dann rief er auf einmal: Rein, ich kann kein Ge⸗ heimniß vor der Mutter haben! — und ſchnell 5 * * — — „ riß er den verhullenden Oberrock von den Schultern des Weinenden, und das ſchonſte Mädchen, von der Purpurgluth der Scham uͤbergoſſen, lag in ſeinen Armen. — Komm, Hortenſie! rief er dann wieder, und Beide warfen ſich nieder vor der edlen Dame und umfaßten ihre Kniee. Die Juͤrſtin konnte ſich vor Ueberra⸗ ſchung nicht faſſen. Der Prinz aber rief: O Mutter, nimm ſie gnaͤdig auf und mit Liebe, die erſte, einzige Liebe deines Sohnes! O laß ſie deine Tochter ſein, wie ich dein Sohn bin! Und zugleich liſpelte das Mädchen, kaum vernehmbar, zwiſchen ihre lauten Thränen: O, Mutter meines geliebten Alexis! O, ich liebe ja auch Sie ſo heiß, ſo innig! — „ Da entſtuͤrzten auch den Augen der Fud⸗ ſtin Thränen. Mild beugte ſie ſich uͤber die Knienden, und ließ ihr Antlitz an den Wan⸗ gen des bebenden Mädchens ruhen, lange euer Leben gluͤcklich ſein können! — Und dann hob ſie beide auf, und eine beſeligende Freude erfuͤllte ihre Bruſt, als ſie die Un⸗ ſchuld ſah, die aus dem holden Geſichte des Mädchens leuchtete, und die unendliche Liebe, die aus ihren Augen zu dem glucklichen Ale⸗ xis ſprach. Aber nur wenige Augenblicke; denn bald trat drohend und zerſtörend das finſtere, ſtrenge Bild ihres ſtolzen Gemahls zwiſchen die Freu⸗ de, die ſich ſo ſuß ihres Herzens bemaͤchtigen wollte. Sie warf unruhige Blicke auf die Liebenden. Alexis bemerkte ſie. O Mutter, ich bin ſo unausſprechlich gluͤcklich! ſagte er. Doch da ſeufzte die edle Dame noch ſchwerer. Mögeſt du es werden koͤnnen! ohne ein Wort zu ſprechen; dann ſagte ſie . leiſe mit faſt bebender Stimme: O möge ———————ÜYÜ u wiederholte ſie; o Alexis, wenn dein Vater, dein ſtrenger Vater —1 Mein Vater? unterbrach ſie der Liebende finſter werdend. Doch nein, fuhr er auf einmal, wie ſich ermannend, lebhaft fort. Die Liebe der Mutter mußte nur einwilli⸗ gen; die Strenge des Vaters kann mir nicht befehlen. Iſt er Herr uber den feſten Wil⸗ len des Mannes? über meine Treue? uͤber meine Schwüre? — Er umarmte von neuem das Mädchen, das ſich zitternd, aber mit der ganzen Hingebung einer unendlich ſtarken Liebe an ihn ſchmiegte, und fuhr mit edlem Selbſtvertrauen fort: Mutter! ſe hat ihr Leben und ihre Ehre an ihre Liebe zu mir geſetzt, und ich ſollte von ihr laſſen kon⸗ nen? — Rein, Hortenſie, ewig, ewig dein, in dieſem Leben, wie in jenem! Da ſchwieg die Fuͤrſtin, den ſchweren Kummer und die bange Sorge fuͤr die Ge⸗ — 71 — liebten in ihrem Buſen verſchließend. Und mit der Begeiſterung der heiligſten Leiden⸗ 3 ſchaft erzählten die Liebenden jetzt ihre Ge⸗ ſchichte. Der Prinz Alexis hatte in den Befrei⸗ ungskriegen der Jahre 1814 und 1815 ge⸗ fochten. Im erſten Feldzuge marſchirte ſein Regiment durch den Elſaß, um ſich mit der Hauptmacht der Alliirten an der Sambre zu vereinigen. Der Marſch war um ſo be⸗ ſchwerlicher, als er voll Eile geſchah, und als faſt alle Gegenden⸗ durch welche die Truppen zogen, von den Einwohnern verlaſſen und von Vieh und Lebensmitteln entbloßt waren. Rur in den Stäͤdten fand man Menſchen. Dorfer, Sdelhoͤfe und Pachtungen ſtanden veroͤdet, und keine gaſtliche Aufnahme, kein warmer Heerd, keine ſtärkende Speiſe ent⸗ ſchaͤdigte des Abends den Soldaten für die Strapazen des Marſches. Nochmals mußte — 7 — — 7 er, in ſeinem verlaſſenen Quartiere ange⸗ lungt, ſeine ermüdeten Kräfte anſtrengen, um nach Lebensmitteln die Umgegend zu durch⸗ ſpäben, um ein kümmerliches Mahl zuſam⸗ 3 menzuſuchen, das er ſich dann an dem durch Tiſche und Stuͤhle, oft von dem edelſten Holze, angemachten Feuer zubereitete. Solche Unannehmlichkeiten mußten nothwendig einen allgemeinen Unmuth des Soldaten erzeugen. Auch das Regiment, bei dem der Prinz ſtand, wurde von einer uͤbeln Laune ergriffen, die, verbunden mit der Ruͤckerinnerung an ſo manche Gräuel der Bosheit und des zuͤgel⸗ loſen Muthwillens, weſche der franzoͤſiſche Krieger ſich im deutſchen Vaterlande erlaubt hatte, überall wilde Gefuͤhle von Zorn und Rache entflammte. Menſchen, die man an⸗ traf, wurden gemißhandelt, Häuſer verwuͤſtet, und jedes Verbrechen der Art diente nur da⸗ zu, den Durſt nach neuen zu wecken. Es war in der Mitte des Januars, als der Prinz Aleris mit ſeiner Kompagnie nach 5 einem beſchwerlichen Tagemarſch des Abends in einem kleinen Dorfe des Elſaſſes einruͤckte. Keine Menſchen waren zu finden und keine Lebensmittel; von der kleinſten Hutte bis zu dem prächtigen am Ende des Dorfes lie⸗ genden Edelſitze ſtand Alles verlaſſen undi ver⸗ oͤdet. Mit Murren und Fluchen nahmen die Soldaten von den leeren Wohnungen Beſitz, ohne Anweiſung, ohne Ordnung; was haͤtte eine ſolche in der ausgeſtorbenen Ge⸗ gend auch fruchten koͤnnen, wenn ſie unter⸗ einander nur um das beſte Quartier ſich ver⸗ trugen! — Der Prinz mit ſeinen Offizieren quar⸗ tirte ſich auf dem Edelhofe ein. Wohl ſelt⸗ ſame Gefuhle regten ſich in der Bruſt der Krieger, als ſie, Fremdlinge, ſich allein ſa⸗ hen, in den weiten Mauern, als nur ihre — — eigenen Fußtritte, ihre eigenen Stimmen widerhallten in den langen Gaͤngen, in den hohen Gemächern, die zwar groͤßtentheils von den glänzendſten, den Reichthum ihres Eigen⸗ thuͤmers verrathenden, Moͤbeln angefüllt wa⸗ ren, in denen aber außerdem kein lebendiges Weſen ſich bewegte. Beſonders wurde der Prinz, angeregt durch ſeine perſoͤnlichen Bezie⸗ hungen, zugleich von Mitleiden und von bit⸗ terem Unmuthe erfaßt, und fruͤh begab er ſich in ſein Schlafgemach, das er ſich in ei⸗ nem abgelegenen Theile des Schloſſes ge⸗ waͤhlt hatte. Lange ſaß er hier, und dachte uͤber das Schickſal derjenigen nach, die noch vor wenigen Tagen ruhige Beſitzer dieſer Pracht geweſen waren, welche ſie, wie der verworrene Zuſtand des Ganzen bezeugte, in der fluͤchtigſten Eile hatten verlaſſen muͤſſen. Wo mochten ſie jetzt weilen, auf hartem La⸗ ger oder beim kuͤmmerlichen, von Thränen genetzten Mahle, die fruͤher auf dieſen ſei⸗ — — 7 denen Pfuͤhlen geruhet, auf dieſen Mahagony⸗ Stühlen behaglich geſeſſen hatten? — Stille Wehmuth erfaßte den Prinzen in der einſa⸗ men Stille der Racht; aber bald wurde ſie von den bittern Gefühlen verdräͤngt, wenn er ſich dachte, wie ja auch im Vaterlande ſo manche Thraäne des herbſten Kummers und Elends durch die hervorgepreßt ſei, an denen jetzt nur gerechte Rache genommen werdez ja, wie ſein eignes Haus, ſonſt ſo hehr und glaͤnzend, durch den Druck dieſer fränkiſchen Ration und ihres unerſaͤttlichen Herrſchers in Armuth und Riedrigkeit geworfen ſei! — Kein Laut in ſeiner Nähe unterbrach lange ſeine ſtillen Betrachtungen; nur zuletzt vernahm et in den Gängen des Schloſſes einzelne Tritte und Stimmen, die ſich nach und nach zu nähern ſchienen; bald wurden auch Thuͤren auf, und zugemacht. Der Prinz achtete nicht darauf, obgleich das Geraͤuſch — 6 — ſich ihm allmählich nahete; er glaubte, einige Bedienten oder Soldaten von der Kompag⸗ nie machten ſich noch ein Vergnuͤgen, ſich im Schloſſe, vielleicht auch nach deſſen etwa ver⸗ borgenen Schätzen, umzuſehen, wie das im Kriege wohl oft zu geſchehen pflegt. Aber auf einmal dröhnten die ſchweren Fußtritte unmittelbar in ſeiner Nähe, nur, wie es ſchien, durch eine einzige Mauer von ihm getrennt; mehrere Stimmen wurden hier lauter, und zugleich ertönte plötzlich und hell ein weibliches Huͤlfegeſchrei. Der Prinz ſprang auf, nach der Seite hin, von der das Getoͤſe kam. Einen Au⸗ genblick war Alles ſtill, dann ſchrie die weib⸗ liche Stimme auf einmal wieder, in durch⸗ dringenden Tonen, nach Hulfe, und zugleich wurde wildes, freches Gelächter laut. Wer da! rief der Prinz, allein ſeine Stimme ſchien nicht gehoͤrt zu werden; Lachen und — Angſtgeſchrei dauerten fort. Er lief an der Tapetenwand hin und her, um eine Thür zu finden; kein Ausgang zeigte ſich ihm, bis er zuletzt an eine Stelle kam, wo er das Geraͤuſch deutlicher vernehmen konnte, und wo er daher eine Oeffnung oder verborgene Thuͤre vermuthete. Er hatte ſich nicht ge⸗ irrt, denn mit Gekrach flog die Tapete auf, als er jetzt mit Gewalt gegen dieſelbe ſtieß, und der überraſchendſte Anblick bot ſich dem Prinzen dar. Er ſah in ein kleines, enges Gemach, das nur ſchwach von einer auf dem Boden ſtehenden Laterne erleuchtet wurde. Unmit⸗ telbar vor ihm hielten zwei Kerls ein Mi⸗ chen feſt, die, ſchreiend und Huͤlfe rufend, mit ihnen rang, und vergebens ihren frechen Haͤnden ſich zu entwinden ſuchte. Lachend und verhoͤhnend hielten ſie die Ungluͤckliche feſt. Der Prinz erkannte die Unmenſchen, — 6 — ſie waren von ſeiner Kompagnie. Böſewich⸗ ter! rief er, und war mit entbloͤßtem Sabel bei ihnen, und erſchrocken erkannten die Raͤu⸗ ber ihren Hauptmann, ließen das Mädchen fahren und entflohen. Der Prinz hielt ſie nicht. Ich kenne euch! rief er ihnen nachz ihr entgehet eurer Strafe nicht! — Dann wandte er ſich zu der Gemißhan⸗ delten, die bleich, erſchoͤpft neben ihm auf einen Stuhl geſunken war. Es war eine zurte, kleine Figur, mit einem außerordent⸗ lich lieblichen Geſichtchen, kaum funfzehn Jahre alt. Der Prinz nahm ihre Hand. Faſſen Sie Muth, mein Kind! ſprach er mit ſanfter Stimme, die Unholde ſind fort; es ſoll Ihnen kein Leid mehr geſchehen. Sie ſchlug die Augen auf, ſah ihn aͤngſt⸗ lich an, und warf dann eben ſo aͤngſtliche Blicke im Stuͤbchen umher. Auf einmal * — 79 — ſchien ſie ſich zu beſinnen. Gerektet? rief ſie in Deutſcher Sprache. Und Sie, mein Herr, mein Retter? — Sie ſprang auf und ſah ihn mit leuchtenden Augen an. O⸗ mein Herr! fuhr ſie dann fort; o wie kann ich Ihnen danken? Sie haben mir mehr als das Leben gerettet! Die Varbaren —! Doch plotzlich wurde ſie wieder todtbleich. Himmel, meine Mutter! rief ſie und ſtuͤrzte von ihm fort auf ein Bette zu, das in einem Winkel des Stuͤbchens ſtand. Sie warf ſich daruͤber hin, eine Sekunde lang ſchweigend; dann ſchrie ſie auf einmal laut auf: Sie iſt todt! Gerechter Gott, ſie iſt todt! Der Prinz folgte ihr; ſie hatte ſich uͤber eine alte Frau geworfen, die, ſoviel er bei dem matten Schimmer der Laterne ſehen konnte, in der Jarbe des Todes, ohne Be⸗ wegung und ohne Athem, in dem Bette lag. ————— — 6 — Krampfhaft hielt das Mädchen den Koͤrper feſt. Sie iſt todt! ſchrie ſie noch einmal; Himmel, nimm auch mir das Leben! Der Prinz ſprang ſchnell in ſein Zim⸗ mer zuruͤck und holte ein Licht und eine Flaſche Wein, die dort ſtand. Er trat da⸗ mit an das Bette und beugte ſich zu der Todten. Er glaubte leiſen Athem zu bemerken. Sie ſchlummert nur! ſagte er; ſie iſt nicht todt! und zog ſanft das Maͤdchen fort. Doch, doch! rief dieſe; o, ſie wird nimmer erwachen; ſie hat mich allein gelaſſen, allein unter Truͤmmern und Feinden. Sie lebt gewiß! wiederholte der Prinz, und wuſch das erſtarrte Geſicht mit dem Weine; und nach wenigen Augenblicken gab die Kranke Zeichen des Lebens von ſich, und athmete ſchwer und matt auf. Das Mädchen hatte mit Todesangſt die Bewegungen des Prinzen verfolgt; mit dem lauten Freudengeſchrei: Sie lebt! flog ſie jetzt wieder auf die Mutter zu; große Thrä⸗ nen ſtanden in ihren Augen. Crſt beugte ſie ſich uͤber die Mutter hin und kußte die blaſſen Lippen, dann ſprang ſie ſchnell auf, und warf ſich mitten in dem Stuͤbchen auf die Kniee, und rief mit freudiger Inbrunſt: O Vater im Himmel, wie biſt du ſo gnaͤdig, ſo liebevoll! — Dann ſprang ſie wieder auf zu der Mutter hin, und kuͤßte die Schwache, die ſie nur matt anlaͤcheln konnte; dann flog ſie wieder auf den Prinzen zu, der, ergriffen von einer wunderbaren Wehmuth, dieſem Ent⸗ zuͤcken eines wahrhaft frommen, unſchuldigen, kindlichen Herzens zuſah. Aber Sie, mein Herr! rief ſie und ergriff ſeine beiden Hän⸗ de; o hat denn mein ſchwaches Herz Kraͤfte genug, Ihnen zu danken? Mir haben Sie die Unſchuld gerettet, und der theuren Mut⸗ 6 ——————— — 82 — ter das Leben! O nennen Sie mir Ihren Namen — Fraulein! unterbrach ſie der Prinz, Sie ſind ſich und ihrer Mutter Ruhe ſchuldig. — Erlauben Sie, daß ich mich auf einen Au⸗ genblick entferne und den Arzt meiner Kom⸗ pagnie für die Kranke herbeihole. Er eilte fort, und rief den Arzt, der in einem andern Flügel des Schloſſes ſein Quar⸗ tier hatte, und kam nach wenigen Minuten mit demſelben zurück. Die Kranke ſchlum⸗ merte leiſe; das Maͤdchen lag vor dem Bette auf den Knieen, und betete ſtill mit gefalte⸗ ten Händen. O wie ruͤhrte den Prinzen dieſer Anblick! Der Arzt unterſuchte die Kranke, und erklärte bald ihren Zuſtand für ein hitziges Jieber, deſſen Kriſis uͤberſtanden, und daß — 5 — nun Ruhe zur völligen Geneſung nöthig ſei. Dann beſorgte er ihr aus ſeiner theke einige Arzeneien. Die Freude des Mädchens ſtieg bei die⸗ ſer Erklarung zu einer ſeligen Begeiſterung. Von Freudenthranen unterbrochen, erzählte ſie dem Prinzen, daß ihre Mutter, eine Deutſche von Geburt, die Beſitzerin dieſes Schloſſes, ihr Vater ſchon ſeit längerer Zeit todt ſei; daß ſie Hortenſie von Hydemont heiße und keine Verwandte, keine Freunde habe, als ihre gute Mutter; daß dieſe ſchon ſeit längerer Zeit kränklich geworden, und da⸗ her, als die ganze Gegend vor den heranrük⸗ kenden Feinden die Flucht genommen, nicht mit habe fliehen können; alle Hausbewoh⸗ ner haben ſich in die Gebirge geflüchtet; da habe ſie mit der aͤußerſten Anſttengung ihrer Rraͤfte die Kranke in dieſes entlegene Stüb⸗ chen gebracht, glaubend, hier nicht entdeckt 6 * ———— zu werden, und hier habe ſie bei ihr gewacht und gebetet, und ſich in das Bett gedruckt, wenn die Kaͤlte zu arg geworden. Sie erzählte mit demuthiger Freude; der Prinz haͤtte ihr Stundenlang zuhoͤren können. Aber Mitleid mit der Abſpannung des Mädchens bewog ihn, ſie bald zu ver⸗ laſſen, nachdem er ihr ſeinen Bedienten zur Aufwartung gelaſſen, und fuͤr alle herbeizu⸗ ſchaffende Bequemlichkeiten geſorgt hatte. Fruͤh am andern Morgen weckte ihn die Trommel zum Abmarſch. Er befahl ſeinem Bedienten, auf dem Schloſſe zu bleiben und die Damen zu ſchuͤtzen, bis die Durchmarſche beendigt und die Bewohner des Schloſſes zu⸗ ruͤckgekehrt ſeien. Dann, glaubend, das lieb⸗ liche Maͤdchen ſchlafe noch, wollte er aus der Thuͤr treten vor die harrende Kompagnie. Aber noch einmal ſah er zuruͤck. Er war — 85 — ſonderbar bewegt, er wußte ſelbſt nicht, wie; es war ihm, als muͤſſe er⸗ſie noch einmal ſehen. Da trat ſie wirklich in der Thuͤr ihm entgegen. Verſchämt, errothend, aber mit dem Muthe der kindlichſten Unſchuld ging ſie auf ihn zu. In der ſchrecklichſten Gefahr — ſagte ſie leiſe, aber mit ſicherer Stimme — in der ſchweren Stunde der Angſt waren Sie uns ein Retter, ein freundlicher Engel, o, ein Auserkohrner, den nur ſelten der Himmel unter die Menſchen ſendet! Danken können wir Ihnen nicht, obgleich unſere Herzen nur von Gefuͤhlen der Dankbarkeit bewegt werden. Aber beten werden wir täglich fuͤr Sie, daß Gott ihr Schirmer ſei in den Gefahren des Leibes wie der Seele, und fuͤr Ihre Ange⸗ hoͤrigen, daß nur Gluͤck und Zufriedenheit ihnen werde um Ihretwillen! Und wenn Sie eine Mutter haben, mein Herr —1 — — ——— — —— — —————————— —— Ich habe eine! ſagte der Prinz, geruͤhrt von der Herzlichkeit des Maͤdchens und der wehmuͤthigen Erinnerung an die Mutter. O die Gluͤckliche! rief die Kleine mit lebhafter Empfindung. Auch fur ſie will ich beten, daß ſie noch lange leben moͤge und ſich freuen an dem Sohne ihres Herzens. — Thränen traten in ihre ſchoͤnen Augen, als der Prinz ihre Haͤnde ergriff und von ihr Abſchied nahm. Er druͤckte ſie ohne Ruͤck⸗ halt; lange konnte er ſich nicht losreißen, die Augen nicht von dem lieblichen Anblicke des Mädchens abwenden. Ungeduldig harrte die Kompagnie, er mußte ſcheiden; aber noch nie war er in einer ſolchen Bewegung gewe⸗ ſen. Er ſturzte fort; aber es war ihm auf einmal, als wenn es eine hoͤhere Luſt, ein ſchoͤneres Gluck gebe, als in glänzenden Waf⸗ fenthaten Ruhm und Ehre zu finden. Die Ahnung eines unendlich ſtillen Friedens ging, verſchmolzen mit dem Bilde des unſchuldigen Kindes, in ſeinem Innern auf. — Sie verließ ihn nicht, wenn auch ernſte Pflicht ihn in Schlachtengetoͤſe und Todes⸗ kämpfe rief. Leiſe und lieblich und freund⸗ lich fluͤſterte ſie oft unter brüllendem Kano⸗ nendonner, unter dem Gerochel des Todes, unter dem Gejauchze des Sieges zu ſeinem Herzen. — Der Feldzug war beendigt, des Prinzen Regiment durch die Riederlande aus Frank⸗ reich zuruͤckgekehrt. Aber wenn er in der Heimath von den Gefahren und Abentheuern des Befreiungskrieges erzählte, dann tauchte auch das Vild Hortenſiens von Hydemonkt in ſuͤßer Erinnerung in ſeiner Seele auf und erfullte ſein Herz mit einer wehmuͤthi⸗ gen Sehnſucht. Da fuͤllte die Nachricht von —.——————— . —— — Rapoleons Entweichung aus Elba und von ſeinen drohenden Ruͤſtungen ganz Europa mit bangem Schrecken, und rief von allen Seiten die Schaaren der Krieger in das wetterwendiſche Frankreich. Auch der Prinz Aleris folgte muthig und froh dem Rufe. Sein Muth hatte im vorigen Feldzuge Anerkennung gefunden, er hatte den Orden des Reichs empfangen und war zum Major avancirt. Auch im zweiten Feldzuge drang ſein Regimenc durch den Elſaß in Frankreich, ſchlug ſich mit Auszeichnung zuerſt gegen den General Rapp vor Straßburg und eilte dann tiefer in's Land, um die aufruͤhreriſchen Bauern, die ſich zu einem furchtbaren, wuͤ⸗ thenden Haufen zuſammengezogen hatten, zur Ruhe zu bringen. Der Marſch zog ſich kaum eine Viertelſtunde vom Schloſſe Hydemont — vorbei: das Herz des Prinzen klopfte von den ſuͤßeſten Empfindungen. Mit ſehnſüͤchti⸗ gen Blicken ſah er zu den weißen Mauern hin⸗ uͤber, die freundlich durch die Bäume wink⸗ ten. Wie gern waͤre er nur auf eine kleine halbe Stunde hingeſprengt; allein ſtrenge Mannszucht that Roth. Kein Soldat durfte das Glied verlaſſen, jeden Augenblick konnte man erwarten auf den aufruͤhreriſchen Feind zu ſtoßen. Er mußte vorüberziehen. Einen halben Tagesmarſch hinter Hyde⸗ mont hatten ſich die Bauern aufgeſtellt. Es kam zu einem wuͤthenden Gefechte, in wel⸗ chem die Deutſchen Sieger blieben. Die Anfuͤhrer wurden zu Gefangenen gemacht, oder entflohen von allen Seiten. Als das Regiment jetzt, fruͤher erhal⸗ tenen Befehlen gemaß, weiter in das In⸗ nere von Frankreich vorruͤcken wollte, kam — 90 — auf einmal die Rachricht zuerſt der ſtegreichen Schlacht bei Waterloo, und bald nachher ei⸗ nes geſchloſſenen Waffenſtillſtandes, zugleich mit dem Befehle, in dem jetzigen Zuſtande und Lager bis auf weitere Order zu ver⸗ harren. — 5 Die Thäͤtigkeit der Truppen war nun gehemmt. Zehn Stunden ſtanden ſie von Hydemont. Des Prinzen Entſchluß konnte nicht lange ſchwankend bleiben. Ein uner⸗ klärliches, aber unüberwindliches Gefühl in ſeiner Bruſt zog ihn. Er bat um zwei Tage Urlaub von ſeinem Chef. Dann ſetzte er ſich denſelben Abend auf und ſprengte aus dem Lager nach Hydemont zu, gefolgt * von einem einzigen Bedienten. Es war ein ſchoͤner Sommerabend. Raſch eilten die beiden Reiter voran auf der gebahnten Chauſſee, von keinem Hinder⸗ 5 — niſſe aufgehalten, nur dann und wann den ermüdeten Pferden einige Augenblicke des Verſchnaufens goͤnnend. Mit trieb es den Prinzen vorwärts. Mitternacht war voruͤber, da langten ſie bei einem einſam an der Straße liegen⸗ den Hauſe anz es lag noch eine Stunde von dem Ziele ihres Ritts. Der Prinz wollte vorbei; aber der Reitknecht hielt ihn an⸗ Die armen Thiere koͤnnen nicht mehr! ſtellte er zwar ehrerbietig, aber mit der Dreiſtigkeit eines Reitknechts vor, der erſt für ſein Roß und dann fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen gewohnt iſt. Sie koͤnnen, bei Gott, nicht weiterz eine Viertelſtunde Ruhe und ein Schluck Waſſer wird ihnen wieder Kräfte geben. Der Prinz wurde unmuthig uͤber den Aufenthalt; aber ein Blick auf die keuchenden, ſchweißbedeckten Thiere uͤberzeugte ihn, daß ſein Diener Recht habe. Er ſtieg ab, überließ die Pferde dem Bedienten und begab ſich in das Wirthshaus, in welchem Licht war, um auch ſich zu er⸗ quicken, und durch einen Trunk Wein gegen die bald anbrechende Morgenkühle zu ſtärken. Er wurde von dem Wirthe in eine Stube gefuhrt, die nur matt von einer Lampe er⸗ hellt wurde, und in welcher fuͤnf oder ſechs Kerls um einen Tiſch ſaßen, deren Ausſehen bei dem duͤſtern Schimmer der Lampe einen abſchreckenden Ausdruck von Wildheit bekam. Der Prinz erkannte ſie an ihren zerfetzten, halb miliräriſchen, halb buͤrgerlichen Klei⸗ dern ohne Mühe; ſie waren zerſprengte Glie⸗ der des aufruͤhreriſchen Bauerntrupps. Sie waren in einem eifrigen Geſpräche, als Ale⸗ ris eintrat; er verſtand aber nur einzelne Worte, als: Chien allemand, revenge, massacrer, u. d. gl.; denn ſobald ſie den Eintretenden erblickten, ſchwiegen ſie ploͤtz⸗ lich, ſahen ihn eine Zeitlang mit neugieri⸗ gen, wilden Blicken an, und verließen dann ohne Geraͤuſch, einer nach dem Andern, die Stube. Der Prinz ſah einen Augenblick lang ein, daß ihm hier Gefahr drohen könne, allein die Sehnſucht ſeiner Bruſt ließ ihn ſie verachten. Er war ja nur noch eine kleine Stunde von dem Ziele ſeiner Wuͤnſche ent⸗ fernt; und bald verdraͤngten Träume des Wiederſehens jede Ahnung der Gefahr. Da trat nach einer Weile der Reitknecht zu ihm; ſein Geſicht verrieth Unruhe. Die Pferde ſind fertig, Durchlaucht, hob er zo⸗ gernd an, aber — Er ſtockte, der Prinz ſah ihn fragend an⸗ Aber, fuhr jener ſich faſſend fort, ich denke, wir bleiben noch eine Zeitlang hier. In einer Stunde geht die Sonne auf, und jetzt iſt es ſtockfinſter. Wir muͤſſen bald von der Chauſſee abbiegen, und kommen in den ungebahnten Wald; die Pferde könnten uͤber die Baumwurzeln ſtraucheln. Ich bitte, gnä⸗ digſter Herr! Der Prinz ſah ihn halb fragend, halb errathend an. Haſt du Furcht? fragte er ſcharf. Einen Augenblick bedachte ſich der Die⸗ ner. Ja, ſagte er dann, und näher an ſei⸗ nen Herrn tretend, fuhr er mit heimlicher Stimme fort: Der Hund war eben hier, der rothe Peter, der Anfuͤhrer des Bauerngeſin⸗ dels. Es kamen ihrer ſechs aus dem Hauſe; ich hoͤrte, wie Einer den Ramen: Pierre rouge! leiſe rief, und zugleich ſah ich beim Schimmer meiner Laterne einen langen, ſtarken Kerl mit wilden Augen und rothen Haaren. Sie ſprachen leiſe mit dem Wirth, der mir auch ein Schuft zu ſein ſcheint; dann ſchielten ſie zu mir heruͤber und waren nach — 9 — wenigen Augenblicken hinter dem Hauſe in der Finſterniß verſchwunden. . und was weiter? fragte der Prinz kurz; deſto beſſer, wenn ſie fort ſind. Den Teufel auch! fuhr der Knecht in einiger Verlegenheit heraus; deſto ſchlimmer, gnädigſte Durchlaucht. Ich war ſo ein Eſel geweſen, kurz vorher den Lump vom Wirthe um den Weg nach Schloß Hydemont zu befragen. Der Spitzbube hat ihnen das ſicher verrathen. Der Prinz ſtutzte. Waren ſie bewaffnet? fragte er. Allerdings, erwiderte der Reitknecht; ſie trugen Säbel und ihre Buͤchſen bei ſich, und, wenn ich bei dem ſchlechten Lichte recht ſah, ſo hatten zwei von ihnen Piſtolen im Gurte ſtecken. — 96 — Der Prinz legte eine halbe Minute lang den Kopf nachdenklich in die Hand. Wer wollte ſich furchten, Franz! ſagte er dann laͤchelnd, ſchritt entſchloſſen aus der Stube— und warf ſich aufs Pferd, der Bediente hin⸗ ter ihm. Im ſchnellen Trabe gings vorwärts, die Chauſſee entlang. Rach einer Viertelſtunde bogen ſie von der Straße ab, in einen ge⸗ birgigen Wald, an deſſen Ausgange das Schloß Hydemont lag. Schweigend ritten Beide durch die ſtille Finſterniß der Racht, in der kein Laut die ruhige Luft bewegte, die durch keinen Lichtſtrahl erhellt wurde. Die erquickende Kuͤhle wich allmählich einem kaltern Morgenwinde, der ſcharf durch die leiſe ſich bewegenden Fichten blies. Einzelne ſchwache Lichtſtreifen, die dann und waun durch die lichten Stellen des Waldes in Oſten blitzten, verkuͤndeten die baldige Annäherung des Morgens. * — 5 Sie konnten die Mitte des Waldes er⸗ reicht haben und noch eine kleine halbe Stunde vom Schloſſe entfernt ſein; auf einmal hielt der Prinz ſein Pferd an. Hoͤrſt du nichts? fragte er den Bedienten, der eilig an ihn herangeritten kam. Zum Teufel, ja! gab dieſer zur Antwort; reiten Sie voran; allerdings iſt es in den Buͤſchen nicht richtig. Laſſen Sie uns machen, daß wir wegkommen! Er wollte dem Pferde die Sporen ge⸗ ben, allein der Prinz hielt ihn. Pfui, Franz! ſprach er, ein paar brave Deutſche ſollen ſich nicht nachſagen laſſen, ſie ſeien vor einem halben Dutzend franzoͤſiſcher Buſchklepper da⸗ vongelaufen. Wir ſind bewaffnet, Franz! Laß uns langſam reiten; die Pferde ſind muͤde, und ich ſehe ohnehin nicht ein, was wir ſo fruͤh an Ort und Stelle machen ſollen. 7 —.—————————— Zum Teufel, ich dachte nur ſo! brummte der Diener halb beſchämt in den gewaltigen Schnauzbart; denn, gnädigſte Durchlaucht, das wiſſen Sie, wenn es an den Tanz ein⸗ mal kommt, ſo nehme ich es mit dem Lum⸗ pengeſindel allein auf. Er luͤftete ſeine Klinge in der Scheide, unterſuchte ſeine beiden Piſtolen und nahm eine mit geſpanntem Hahn, ſchußfertig auf den erſten Augenblick, in die Hand. Auch der Prinz ſah nach ſeinen beiden Doppel⸗ piſtolen, um ſich auf der Stelle ihrer bedie⸗ nen zu konnen. So ritten ſie ſchweigend weiter. Eine Zeitlang war alles ruhig; auf einmal ver⸗ nahmen ſie wieder ſeitab daſſelbe Geraſchel im Gebuͤſche, das vorhin ihren Aufenthalt verurſacht hatte. Der Prinz hielt abermals ſein pferd an; auch Franz, der kampfbegierig geworden — 99 — war und die uͤble Meinung; die ſein Herr ſo eben uͤber ihn hatte faſſen können, ver⸗ tilgen wollte. Soll ich feuern Herr? fragte er, auf den Buſch zeigend, der ſich bewegte. Richt doch, Franz! erwiederte ihm der Prinz, und wollte, da kein Geraͤuſch weiter erfolgte, vorbeireiten. In demſelben Augenblicke fiel ein Schuß, und Franz hoͤrte eine Kugel ganz nahe an ſeinem Kopfe vorbeipfeifen. Gut gezielt, Beſtie! ſchrie er, und feuer⸗ te ſein Piſtol in das dichte Geſträuch, aus dem der Schuß gekommen war. Der Prinz hielt ſein Pferd an, und ſprengte dann, ohne ſich weiter zu bedenken, eine ſeiner Piſtolen ergreifend, auf das Ge⸗ buͤſch zu. Der Reitknecht folgte eben ſo raſch, ſeine zweite Piſtole ergreifend. Allein 7 als ſie noch ungefaͤhr zehn Schritte von dem⸗ ſelben entfernt waren, kamen ihnen auf ein⸗ mal Schuͤſſe daraus entgegen, und zugleich horten ſie mehrere Schüſſe hinter und neben ſich fallen. Zum Gluͤck wurde keiner der beiden Reiter getroffen; nur des Bedienten Pferd fiel und warf ſeinen Herrn unter ſich. Der Prinz aber, ohne ſich durch dieſen halb un⸗ erwarteten Empfang zuruͤckſchrecken zu laſſen, ſprengte jetzt vollends auf das Gebuͤſch zu, und ſo wie er aus demſelben mehrere Kerls hervor und auf ſich zuſtuͤrzen ſah, gab er mit beiden Läufen ſeiner Piſtole Feuer auf ſie, und ſah auch wirklich, daß einer von ihnen ſtuͤrzte. Er ergriff jetzt das andere Gewehr und gebrauchte auch dieſes mit ſo gluͤcklichem Erfolge, daß zwei ſeiner Gegner zu Boden fielen, unfaͤhig, ihm noch ferneren Schaden zuzufuͤgen. Doch gewonnen hatte er hier⸗ durch wenig. . Die Morgenroͤthe, die, ſchon vor der Ankunft der beiden Reiter auf dem Kampf⸗ platze, immer glaͤnzender und rother am Him⸗ mel heraufgezogen war, hatte ſelbſt in dem dichten Walde bereits ſo viel Helle verbreitet, daß der Prinz wohl im Stande wat, „ſeine Lage zu uͤberſehen. Sie waren noch in der Mitte des Wal⸗ des, von welcher nach keiner Seite eine Oeff⸗ nung oder eine lichtere Stelle zu erblicken war. Drei Todte oder ſchwer Verwundete ſah der Prinz zwar am Boden liegen; aber eben ſo viele Kerls von wildem Ausſehen ſah er, mit Musketen und Seitengewehr be⸗ waffnet, aus dem Gebuͤſche auf ſich zuſturzen, unter denen er auch bald an der vierſchroͤti⸗ gen Figur und den rothen Haaren den be⸗ ruͤchtigten Pierre rouge erkannte. Von vier Keris ſah er ſeinen treuen Diener Franz umgeben. Dieſer hatte ſich ſchnell unter * — 0 — ſeinem gefallenen Pferde hervorgearbeitet, und hieb jetzt, mit dem Ruͤcken gegen einen dicken Baum geſtämmt, mit faſt uͤbermenſchlicher Gewalt mit ſeinem langen Dragonerdegen auf die Raͤuber los, indem er durch die kräf⸗ tigſten Fluͤche und ausgeſuchteſten Schimpf⸗ namen ſeinen Hieben doppelte Kraft zu ver⸗ leiben ſchien. Einer ſeiner Gegner war auch ſchon wirklich durch eine ſtark blutende Wunde am rechten Arme, wenigſtens fuͤr den Augen⸗ blick, untauglich zum Streite gemacht; aber doch, wie bald mußten durch ſolche Rieſen⸗ anſtrengungen die Kräfte des braven Reit⸗ knechts erſchopft werden! Der Prinz ſah dieß wohl ein, und zu⸗ gleich wohl wiſſend, welchen Vortheil verein⸗ ter Kampf gewaͤhre, ſprengte er in dem Moment, wo er Alles uͤberſehen hatte, von den auf ihn andringenden drei Räubern zu⸗ ruͤck, warf ſeine Piſtolen fort, zog raſch ſei⸗ „ nen Säͤbel und war an der Seite ſeines Die⸗ ners, als deſſen Gegner ihn von ihren Ge⸗ ſellen wahrſcheinlich ſchon längſt gefangen oder niedergeſtreckt wähnten⸗ Mit einem kräftigen Sabelhieb ſchlug er einen von ih⸗ nen zu Boden , waͤhrend ſein Pferd, gleich⸗ ſam ſelbſt vor Kampfluſt entbrannt, wuͤthend ſeinem Sporen folgte und mit den Vorder⸗ beinen den zweiten Geſellen, der gerade ei⸗ nen Hieb auf Franz fuͤhren wollte, nieder⸗ trat und auf ihm ſtampfte. Alles dieß war das Werk eines Augenblicks. Der Prinz wollte ſich jetzt, da Franz es fuͤr den Moment nur mit Einem Gegner zu thun hatte, auf die drei werfen, die ihm aus dem Gebuͤſche her nachgeſtuͤrzt waren; doch der rothe Peter hatte unterdeß ſchnell ſein Gewehr geladen, und gerade, als der Prinz ſein Pferd umwenden wollte, fiel ſein Schuß und ſtreckte das edle Thier der Ln⸗ — 104 — ge nach zu Voden. Der Prinz lag unter En Pas la Cauaille! ſchrie jetzt voll Freude der rothe Peter und ſtuͤrzte nebſt ſeinen Kameraden mit geſchwungenen Sä⸗ beln auf den Unglücklichen los, der ſich nicht vertheidigen konnte, und der vergebens ſich bemuͤhete, unter der Laſt ſeines Roſſes ſich hervorzuarbeiten. Doch ehe ſie ihn noch erreicht hatten, erſah der treue Diener die Gefahr des Herrn, und ſchnell hatte er ſeinen vortheilhaften Poſten verlaſſen, flog auf den rothen Peter zu und verſetzte dieſem von hinten einen ſo gewaltigen Hieb auf den Kopf, daß der Rauber taumelte und mit einem lauten Schret beſinnungslos zur Erde ſiel. Er war der Anfüͤhrer der Bande. Vei feinem Falle ſtutzten ſeine Geſellen unwillkuhr⸗ — 105 — lich, unſchlüſſig, wie es ſchien, da ihrer nur noch drei unverletzt waren, ob ſie den Kampf fortſetzten oder nicht. In dieſem Augen⸗ blicke gelang es dem alle ſeine Kraͤfte auf⸗ bietenden Prinzen, die Schwere ſeines Pfer⸗ des von ſich abzuwerfen, und ehe die Gegner noch einen Hieb gegen ihn fuͤhren konnten, ſtand er an der Seite ſeines tapfern Bedienten. Muth, gnädigſte Durchlaucht! rief dieſer, von neuem gegen die andringenden Räuber fechtend; Much! nur drauf auf die Lumpen! es ſind ihrer nur noch drei! Er drang heftiger auf ſie ein, doch er ſollte fuͤrs Erſte die Kraft ſeines Armes kei⸗ nen Franzoſen mehr fuhlen laſſen; denn kaum hatte er ihn aufgehoben, als er ihn ermattet ſinken ließ, von einer Kugel hinten in der Schulter getroffen. Einer der Verwundeteu, von denen ihn der Prinz befreiet, hatte ſich — 106 — unterdeß mühſam aufgerafft, ſein Gewehr er⸗ griffen und geladen; von ihm rührte der Schuß her. Der Getroffene ſiel ohnmaͤchtig zur Erde. Jetzt ſchien der Prinz ohne Rettung verloren. Ermuͤdet von den gewaltſamen Anſtrengungen, und allein gegen drei hand⸗ feſte, wohlbewaffnete Kerls, ja gegen vier, denn er ſah denſelben, der ſo eben ſeinen Bedienten niedergeſtreckt hatte, von Reuem ſeine Muskete laden, um ihn ſelbſt im naͤch⸗ ſten Augenblicke das Loos des ohnmaͤchtig im Graſe liegenden Reitknechts theilen zu laſſen, wie konnte er da auf einen vortheil⸗ haften Ausgang hoffen! Doch gab er ſeinen ritterlichen, deutſchen Muth nicht auf. Raſch ſprang er an eine breite Eiche, um ſeinen Ruͤcken zu decken, und dertheidigte ſich dann mit den letzten Kräften gegen die drei, die von allen Seiten auf ihn eindrangen. Er — — war entſchloſſen, ſein Leben bis auf's Aeu⸗ ßerſte zu vertheidigen. Aber nur ſeiner au⸗ berordentlichen Geſchicklichkeit im Fechten ge⸗ lang es, die Moͤrder von ſich Wukzlen Da rief auf einmal der Verwundete, der unterdeß mit ſeinem geladenen Gewehre herangekrochen war: Retirez vous, Camera- des! Zugleich legte er an und zielte auf den Prinzen. Dieſer war verloren; denn kaum fuͤnf Schritte war der Boͤſewicht von ihm entfernt. Aber er verlor die Geiſtesgegen⸗ wart nicht; ſo wie die drei auf jenen Ruf einige Schritte von ihm zuruckwichen, ſprang er auf den Zielenden zu und hatte ihm mit ſeinem Saͤbel das Gewehr aus der Hand ge⸗ ſchlagen, ehe dieſer noch abdruͤcken konnte. Der Schuß ging in die Büſche. Eben ſo raſch ſprang er aber auch wie⸗ der auf ſeinen Poſien an dem Baume zuruͤck, — 108 — und begann hier von Neuem die Vertheidi⸗ gung gegen die immer wuͤthender auf ihn eindringenden Feinde. Lange konnte er ſich aber nicht mehr halten. Mit jeder Sekunde faſt fuͤhlte er, aus mehreren nicht unbedeu⸗ tenden Wunden blutend, ſeine Kräfte dahin⸗ ſchwinden. Es war nur noch die letzte An⸗ ſtrengung der Verzweiflung, die ihn hielt. Mit dem eiſigſten Entſetzen ſah er den Mo⸗ ment ſich nahen, wo er, fern von Vaterland und Freunden, von den Händen elender Bau⸗ ern ſollte niedergehauen werden. Da kam gnaͤdige Rettung. Unweit von ihm wurde plötzlich eine Trommel geruͤhrt; es war der Marſch ſeiner Armee. Freudiger Schreck durchbebte den Prinzen. Hierher, Kameraden! rief er; hierher, tapfere Kame⸗ raden! Und kaum hatte er die Worte geru⸗ fen, ſo erfuͤllte lautes, ſtuͤrmendes Hurra on allen Seiten unmittelbar neben ihm den — 109 — Wald. Schnell wie Pfeile in der Luft ſah er befreundete Krieger herzuſpringen, und ehe er noch Zeit hatte, von Neuem um Huͤl⸗ fe zu rufen, lagen ſeine Feinde, die an die⸗ ſen Ueberfall und daher an eine Flucht nicht hatten denken koͤnnen, mit blutigen Koͤpfen zu ſeinen Fuͤßen. Seine Retter waren eine Kompagnie Fuͤſiliere ſeines Armeekorps, welche, in dem nur eine Viertelſtunde von dem Orte des Gefechts entlegenen Dorfe Hydemont ein⸗ quartirt, durch die ungewohnlichen Schuͤſſe geweckt und in dem entſcheidenden Momente herbeigerufen waren. Ohnmächtig, faſt ohne Zeichen des Le⸗ bens, ſiel der Prinz dem Hauptmann der Kompagnie in die Arme. Die Soldaten machten ſchnell eine Tragbahre und legten ihn ſanft darauf. Auch den getreuen Die⸗ . — 110 — ner Franz, der ſich nach und nach, durch einigen Wein geſtärkt, von ſeiner Entkraͤftung er⸗ holte, luden ſie auf, und als nun der Prinz auch wieder die Augen zum Leben aufgeſchla⸗ gen hatte, zog der ganze Haufe jubelnd mit ihnen zum Dorfe. Die Moͤrder wurden fuͤſilirt. Der Chef der Kompagnie hatte ſein Quartier auf dem Schloſſe; dahin wurde der Prinz gebracht. Sein Herz klopfte von ſuͤßer Erinnerung, trotz den Schmerzen ſei⸗ ner Wunden, als er auf dem Schloſſe an⸗ langte und ſeine Blicke das Fenſter trafen, welches dem engen Stuͤbchen angehoͤrte, in dem vor anderthalb Jahren die lieblichſte Er⸗ ſcheinung ſeines Lebens aufgegangen war. An einem Seitenflügel ſah er weibliche Köpfe, die neugierig dem ankommenden Zuge entge⸗ genzuſehen ſchienen. Er konnte ſie nicht er⸗ — 111 — kennen; aber ſein Herz ſagte ihm, es ſei Hortenſie dabei, und ſeine Phantaſie gefiel ſich an den ſchoͤnſten Bildern, wenn ſie ihn erkannte. Der Kapitän der Kompagnie ließ es in der Sorgfalt fuͤr den gefeierten Gaſt an nichts fehlen; auf ſein Betreiben wurde dem Prinzen ſofort das beſte Zimmer im Schloſſe eingeraͤumt. Ich mache es bei den Damen gut! ſagte er, und begab ſich fort zu dieſen. — Aber der Prinz fuͤhlte ſich faſt unheim⸗ lich in dem großen, glänzenden Gemache; er ſehnte ſich zuruͤck in das entlegene Schlafſtuͤb⸗ chen, das er fruͤher hier bewohnt hatte. Er wollte ſeinen Wunſch den Offizieren, die bei ihm geblieben waren, und dem Arzte, der ihn verband, zu erkennen geben. Da bot ſich das lieblichſte Schauſpiel ihm dar. — Weit flog die Thuͤre des Saales auf, und mit ängſtlicher Haſt ſtuͤrzte das zarteſte weibliche Geſchoͤpf, in der vollen Bluthe ju⸗ gendlicher Schoͤnheit, herein, eine ältliche Dame gewaltſam, als wenn ſie ihr nicht eilig genug folge, hinter ſich herziehend, und ge⸗ folgt von dem Kapitän. Es war Hortenſte von Hydemont mit ihrer Mutter; ſie hatke von dem Kapitän vernommen, wer der Verwundete ſei, den man ſo eben auf's Schloß getragen. Ohne auf die Gegenwart der Offiziere und der uͤbrigen Umſtehenden zu achten, eilte ſie auf das Sopha zu, auf welchem der Prinz unter den Haͤnden des Arztes lag. Mein Retter! rief ſie, o edler Retter meines Le⸗ bens und meiner Mutter! in welchem Zu⸗ ſtande müſſen wir Sie wiederfinden! Ach, ich habe täglich, jeden Morgen und jeden — 113 — Abend, Sie in meine Gebete eingeſchloſſen, Sie und Ihre Mutter! und doch ſind Sie ſo ungluͤcklich geworden! Der Prinz reichte ihr ſeine matte Hand, die ſie faßte, und ſah ſie mit einem ſeligen Lächeln an. Ich bin nicht ungluͤcklich gewor⸗ den, ſchoͤne Hortenſie! rief er, erſtaunt über die Schoͤnheit, zu der das ganze Weſen des Maͤdchens ſich entwickelt hatte. So fromme Gebete konnten nicht unerfuͤllt bleiben. Sie haben mich erhalten, und warum ſoll mein Herz es nicht glauben duͤrfen, daß ich Ihren Gebeten das Gluͤck verdanke, von Ihren ſchö⸗ nen Augen mit Blicken des Mitleids betrach⸗ tet zu werden? O Hortenſie, dieſe Thraͤnen, die Ihre Wangen entlang rollen, machen . zu gluͤcklichſten 6 Das Mädchen wandte ſich verſchaͤmt zu⸗ ruͤck, um ihre unwillkuhrlich naß gewordenen — — Augen zu verbergen. Da trat die Frau von Hydemont vor. Anſtand und Wuͤrde bezeich⸗ neten ihr Weſen, ſehr angenehme Zuͤge ver⸗ riethen frühere Schoͤnheit, obgleich ihre ganze Erſcheinung das Gepräge mannigfacher Leiden trug. Sie nahm des Prinzen Hand und druͤckte ſie an ihr Herz, und ſagte dann mit der Stimme des wahren Gefuͤhls: Sie ha⸗ ben, gnädigſter Herr, mich gerettet und das theuerſte Weſen, das das neidiſche Geſchick von allen meinen Lieben mir gelaſſen hat. Ich habe Ihnen noch meinen Dank nicht ſagen können. O, geſegnet ſei die Stunde, die Sie zu uns gebracht hat! Sie mußte inne halten, überwältigt von ihren Empfindungen. Auch der Prinz fühlte ſich angegriffen von der herzlichen Dankbar⸗ keit der beiden Frauen. Er wollte etwas erwidern, allein ſeine Kraͤfte, die nur durch die momentane Reizbarkeit ſeines Zuſtandes — 115 — bis jetzt aufrecht gehalten waren, verließen ihn ploͤtzlich. Er ſank, mit geſchloſſenen Au⸗ gen, erſchoͤpft auf das Sopha zuruͤck. Da hatte man die ängſtliche Sorgſamkeit der beiden Damen ſehen ſollen! Doch der Arzt erklärte den Schlaf des Prinzen, in den er gefallen war, fuͤr wohlthätig und fur den Augenblick einzig nothwendig. Die Damen mußten ſich entfernen, ſie nahmen jedoch die troſtvolle Verſicherung des Arztes mit ſich, daß der Verwundete durchaus in keiner Lebensgefahr ſchwebe. Auch der treue Die⸗ ner Franz war nicht tödtlich verwundet, ob⸗ gleich ſeine Wiederherſtellung ſpäter zu ex⸗ warten war, als die ſeines Herrn. Beide Damen, vorzüglich Hortenſte mit ihrer frommen Zärtlichteit, wetteiferten in liebevoller Sorge fuͤr den lieben Verwunde⸗ ten, und als nach einigen Tagen die Kom⸗ pagnie ploͤtzlich aufbrechen und mit ihrem, — 116 — weiter ſtehenden, Regimente ſich vereinigen mußte, machten ſie faſt den ganzen Tag des Prinzen Geſellſchafterinnen. Welch reicher Geiſt, welch frommer, demuͤthiger Sinn des Mädchens entfaltete ſich da taͤglich liebenswuͤrdiger vor dem Prin⸗ zen! Und wie konnte es anders ſein, als daß nach Verlauf eines Monats, als der Prinz wieder hergeſtellt war, die VBande gegenſeiti⸗ ger Dankbarkeit ſich zu den ſchonern der in⸗ nigſten Liebe verſchlungen hatten, die um ſo reiner und heiliger war, als ſie in reinen Herzen aufgegangen und unter den Augen einer edlen Mutter gewachſen und gereift war. Freilich manche ſchlafloſe Racht hatte die Frau von Hydemont, als ſie das Entſtehen dieſer Liebe bemerkte, und ſich den hoͤheren Stand des Prinzen dachte. Wohl machte ſie leiſe Verſuche, das Herz ihrer Tochter zu verwahren, damit es nachher nicht brechen — 17 — möge; allein die Liebe ſchlug zu ſtark in dem Buſen der Jungfrau. Sie hatte ihren Er⸗ retter geliebt, vom erſten Augenblicke an⸗ wo ſie ihm gelobt hatte, ihn in ihr Gebet einzuſchließen. Auch dem Prinzen machte die Entdeckung ſeiner Gefuͤhle Sorgen, wenn er ſich den ſtolzen, ſtrengen Vater dachte. Allein bald rief er im ſtolzen Bewußtſein der Mannes⸗ kraft: Seine Strenge kann mir nicht befeh⸗ len! — ueberdieß war er nicht Erbprinz, mithin an keine Bande der Familie gefeſſelt. Mit ruhiger Beſonnenheit legte er, als der glůcklichſte Moment ſeines Lebens, das Ge⸗ ſtundniß gegenſeitiger Liebe, voruͤbergerauſcht war, Hortenſien und ihrer Mutter ſeine Ver⸗ hältniſſe dar; aber nur mit halber Freude konnte die beſorgte Frau den geſchloſſenen Bund ſegnen. MRit den heiligſten Schwuren der ie trennten ſich die Liebenden, als nach völliger 1 — 6 — Geneſung der Prinz mit ſeinem ebenfalls wieder hergeſtellten Reitknechte das Schloß Hydemont verlaſſen und ſeinem Regimente nach Paris folgen mußte. Sobald der allge⸗ meine Friede unterzeichnet war, verſprach der Prinz zuruͤckzukehren, und mit dem Segen der Aeltern die geliebte Braut heimzuholen. — Wirft blinder Zufall toll und verwirrend die Schickſale der Menſchen durcheinander, oder lenkt eine gnadige Vorſehung, unerforſch⸗ lich, aber weiſe, ſein Leben? Der Prinz war kaum in Paris angekommen, als ein, wahr⸗ ſcheinlich als Folge der erlittenen Verwun⸗ dungen und der Reiſoſtrapazen, entſtandenes hitziges Fieber ihn auf's Krankenlager warf und ſeinem Leben ein Ende zu machen dro⸗ hete. Lange dauerte die Kriſis, kein Arzt wagte, fuͤr einen glucklichen Ausgang gut zu ſagen. Als aber nach Verlauf von mehreren Monaten die Krankheit zu weichen begann, da hatten die wilden Phantaſten, die ſchon N 1 — 169 — in den Tagen der Gefahr das Gemüth des Kranken umdunkelt hatten, ſich zu einer vol⸗ ligen Geiſtesverwirrung feſtgeſetzt. Ohne alle Zeichen von Vernunft redete er nur von Schlachten, Franzoſen und Wundenz fuͤr alles Andere ſchien er das Erinnerungsvermögen ver⸗ loren zu haben. Vergebens wurden alle Mit⸗ tel der Kunſt angewendet, das Licht der Ver⸗ nunft ſeinem ſonſt ſo klaren Geiſte zuruͤckzu⸗ geben. Ohne Hoffnung für ihn mußte ſein Regiment Paris und Frankreich verlaſſen. Doch ließ man den Unglucklichen der Pflege des geſchickteſten Arztes der Hauptſtadt zu⸗ ruͤck, und dieſem gelang es nach einem hal⸗ den Jahre wirklich, den Kranken, der nichts weniger als an einem eigentlichen Wahnſinne gelitten, ſondern bei dem ſich, wie einſtimmig die Aerzte verſicherten, die Fieberparoryömen nur zu einer anhaltenden Hartnäckigkeit ge⸗ ſteigert hatten, gänzlich wiederherzuſtellen. Rur eine ſtille Schwermuth, zu der er auch fräher ſchon manchmal ſich hingeneigt hatte, blieb in ſeinem Gemüthe zuruͤck, gleichſam über ſeinen Geiſt und ſein Herz gelagert; außerdem war keine Spur der gewaltſamen Zerrüttung an ihm zu entdecken. Der Arzt verbot übrigens ſeiner Umgebung, ihn an irgend etwas, was auf die Periode ſeiner Geiſtesverwirrung oder die mächſte derſelben vorhergehende Zeit Bezug haben koͤnne, zu erinnern, wofuͤr er auch in der That gar kein Gedaͤchtniß zu haben ſchien. Rach ei⸗ ner mehrmonatlichen Reiſe durch das ſuͤdliche Frankreich und die Schweiz kehrte er zu ſei⸗ nem Regimente zuruͤck, verſah ſeinen Dienſt und lebte wie fruͤher, nur auffallend einge⸗ zogen, faſt beſchraͤnkt, und ſtill. Mit den uͤbrigen Offizieren hatte er wenig Umgang, und wenn er in ihrer Geſellſchaft war, ſo unterhielt er ſich am liebſten uber wiſſen⸗ ſchaftliche Gegenſtaͤnde. Gegen Damen war er artig, er ſuchte ihre Rähe nicht, ohne ſie — 121 — jedoch auch zu meiden. Uebrigens regte ſich, auch bei dem Anblicke der ſchoͤnſten, weder in ſeinem Herzen eine Sehnſucht, noch in ſeinem Gedaͤchtniſſe eine Erinnerung, die eine beſtehende oder fruͤhere Liebe hätte andeuten koͤnnen. — Eines Abends ſaß er einſam, wie ge⸗ woͤhnlich, auf ſeinem Zimmer. Ein Brief der Fuͤrſtin hatte ihn beſonders wehmuͤthig geſtimmt. Sie ſchrieb ihm von der Span⸗ nung zwiſchen dem Fuͤrſten und dem Erb⸗ prinzen, die jeden Tag, auffallender werde und einen offenbaren Bruch herbeizufuͤhren drohe. Stille Wehmuth ergriff den Prinzen, lange dachte er ſchweigend uͤber den Fall ſei⸗ nes Hauſes nach; dann ging er an ſeinen Sekretaͤr und ſuchte alle Briefe hervor, die er von der theuren Mutter aufbewahrt hatte. Es geht ja oft dem leidenden Menſchen ſo, daß neue Nahrung ſeines Kummers deſſen Heilung wird. 122 — Während des Suchens fiel ihm ein Zet⸗ telchen in die Hand. Er ſtarrte die Züge an, die ihm unbekannt waren. Es enthielt nur wenige Zeilen, eine Bitte um ein Buch⸗ Er rief den ganzen Vorrath ſeiner Erinne⸗ rungen zurück, er ging in ſein ganzes frü⸗ heres Leben ein. Aber es lag nur eine fin⸗ ſtere Racht vor ihm. Ununterbrochen ſtarrte er die Schriftzuͤge an, eine Unterſchrift be⸗ fand ſich nicht darunter. Jeden Buchſtaben waß, durchbohrte er, als wenn ſein Heil daran hinge. Lange vergebens. — Horten⸗ ſi! ſchrie er auf einmal auf; Hortenſie, o ewiger Himmel! — Und die Racht, die uͤber ſeinem Geiſte lag, war erhellt, wie von einem uͤberirdiſchen Lichtſtrahle, und die Decke des Rebels zerriſſen, die ſein Gemuͤth ſo lange ängſtigend umzogen hatte. Sein ganzes Leben, ſeine Liebe, Alles ging vor ihm auf. Er druͤckte das Papier an ſeine Lippen, er verſchlang es mit ſeinen — 123 — Augen. Sie hatte es ihm in den Tagen der Liebe auf Schloß Hydemont geſchrieben. Wie viele ſuße Erinnerungen knuͤpften ſich daran! Hortenſie von Hydemont! rief er auf's Neue. Ob ſie noch lebt! ob ſie mich noch liebt! — Er mußte auf der Stelle zu ihr. Er nahm Urlaub, machte ſeine letzten Koſt⸗ barkeiten zu Gelde, ließ Ertrapoſt beſtellen und flog hin. Wie klopfte ſein Herz vor Angſt und Sehnſucht, als er die weißen Mauern des wohlbekannten Schloſſes ſah! Er fuhr auf den Hof; er ſah Hortenſiens Fenſter, aber ſie war nicht daran. Er ſah der Mutter Fenſter, aber die Matrone war nicht da. Eine ängſtliche Stille ruhte auf der Gegende Er ſprang aus dem Wagen; er ſlog die Treppe hinauf. Ein kleines Mäͤnnchen, mit einem feinen, ſtets lächelndem Geſichte, trat ihm in der Thuͤr entgegen. — 1 — Was ſteht zu Befehle? fragte es in franzoͤſiſcher Sprache, und mit franzoͤſiſcher herzloſer Höflichkeit den Haſtigen aufhaltend. Iſt die Frau von Hydemont — ? fragte der Prinz zögernd, unangenehm von dem Anblicke des Kleinen getroffen. Todt, todt! mein Herr! erwiderte dieſer ſchnell un ſalt und hoͤflich; ſchon lange todt. Der Prinz erblaßte. Und Hortenſie? fragte er mit ungewiſſer Stimme. Das Männchen ſah ihn liſtig an. Auch todt! erwiderte er ſehr freundlich; wenigſtens rodt fuͤr die Welt, aber lebend fuͤr den Him⸗ mel, recht lebend. Der Prinz wankte; ihm ſchwindelte. Ewiger Gott! ſchrie er auf, ſich an die Thuͤre feſthaltend. Da wurde der Kleine ſehr geſchäftig. Jean! rief er ins Haus hinein, und dann ſich wieder zum Prinzen wendend, ſagte er mit der käͤlteſten Hoͤflichkeit von der Welt: Thun Sie mir den Gefallen, geehrteſter Herr! hier nicht in Ohnmacht zu fallen. Der Eſtrich iſt hart, Sie koͤnnten Schaden nehmen! Jean, rief er dann wieder, Jean, einen Stuhl für den Herrn, und mein Flacon! Sei ſo guͤtig und eile dich, du Schlingel! — Und dann wieder zu dem Prinzen: Verziehen Sie noch einen Augenblick mit dem Fallen, ſehr lie⸗ benswuͤrdiger Herr! Es wird im Moment ein Stuhl kommen. Der Prinz hoͤrte nichts von Allem. Sein Herz war zerriſſen. Erſchoͤpft ließ er ſich nieder, als der Bediente einen Stuhl brachte. Lange war ſeine Zunge gelähmt. Rur leiſe preßte ſich nach einer Weile das Wort her⸗ vor: Todt! Allerdings erwiderte der Kleine, welcher auf einem zweiten Stuhle ihm gegenuber — 15 — Platz nahm; allerdings todt! wie man zu ſagen pflegt. Aber nur todt fuͤr die Welt. Meine ſehr ämable Richte — denn ich habe die Ehre, Ihnen zu ſagen, mein Herr, daß ich der Kammerherr Charles de Hydemont bin, der Schwager der liebenswurdigen Frau von Hydemont, die allem Anſcheine nach die Ehre gehabt hat, von Ihnen gekannt zu ſein, gegenwärtiger Beſitzer dieſer Herrſchaft. Aber, wen habe ich denn das Gluͤck in meinem Hauſe, wenn auch leider nur auf der Entrée, zu ſehen? — Der Prinz antwortete ihm nicht. Der ungeheure Schmerz ließ ihn keinen andern Gedanken faſſen, als Hortenſiens Tod. Da nahm der geſchwaͤtzige Kleine wieder das Wort: Nachher, ſagte er, habe ich wohl die Ehre, meinen Gaſt kennen zu lernen. Alſo⸗ meine trés chére Cousine, der es nach dem Tode der Mutter hier nicht mehr zu gefallen ſchien, hier nicht mehr, wie uͤberhaupt auf — 17 — der Welt nicht mehr, faßte den mehr als heroiſchen Entſchluß, der Welt Lebewohl zu ſagen. Ich ſtellte ihr zwar vor, welches Gluͤck ſie gewiß zu erwarten habe in der Welt als meine Richte und mit ihrer Schönheit. Al⸗ lein, wollen Sie es glauben, mein Herr? nichts⸗ ſelbſt nicht dieſe Appellation an ihre Schoͤn⸗ heit, war im Stande, ſie zu halten. Sie ging nach Straßburg, c'est à dire, ich ließ ſie dahin fahren; ließ ſich in dem Kloſter der Annunziaten aufnehmen, und hat — Sie lebt! rief der Prinz aufſpringend, und den Kleinen, trotz ſeiner Widerwärtig⸗ keit, in die Arme ſchließend. Sie lebt, o gnädiger Gott! Wo? wo? ich beſchwoͤre Sie! Eh ouit mais mon dien! meine Fri⸗ ſur! ſchrie der Franzoſe; Sie verderben mir meine Friſur! Allerdings, ich habe ja die Ehre, es Ihnen zu ſagen; im Kloſter der — 128 — Annunziaten zu Straßburg. Und vorgeſtern, wenn meine Nachrichten mich nicht truͤgen — Der Prinz hoͤrte nicht weiter. Hin, hin zu ihr! rief er, fortſpringend zu dem noch harrenden Wagen. Vorwaͤrts, Poſtillon, nach Straßburg, ſchnell, ſchnell, um Gotteswillen! Der Franzoſe war mit einem halblau⸗ ten: Par dieu! Monsieur a perdu ses bons sens! Aber ich beſchwoͤre Sie, mein Herr, rief er, wen habe ich denn die Ehre vor mir zu ſehen? Die Pferde waren angeſchirrt, der Po⸗ ſtillon ſaß auf dem Bock und erhob die ge⸗ waltige Peitſche. Ich bin der Prinz S ſugte der Prinz, und dahin rollte der Wagen. Ploͤtzlicher Schreck bleichte das Geſicht des Kleinen. Nach einer Weile machte er eine tiefe Verbeugung. Ah, volre Altesse! — 129 — rief er, und mit boshafter Freude ging er in Pi Schloß zuruͤck. — Der Prinz fuhr 26 und Nacht burch. Es war Morgen, als er in Sttaßburg an⸗ kam. Ohne ſich Erholung zu gönnen, flog er zum Kloſter der Annunziaten. Die Pfört⸗ nerin erſchien auf ſein Schellen. Iſt Hor⸗ tenſie von Hydemont hier? fragte er; kann ich ſie ſprechen? Rur auf einen Augenblick! Sie iſt hier! erwiderte die Nonne; aber ſprechen? — Uebermorgen wird ſie eingeklei⸗ det, und Unrecht wäre es, ſie jetzt in ihren frommen Vorbereitungen zu dieſer heiligen Handlung Ften zu wollen. — 1 Von des Prinzen Herzen ſiel eine Zeüt⸗ nerlaſt. Wohl hatte ihn auf dem Rückwege nach Straßburg mit zerreißender Angſt der Gedanke getroffen: wenn ſie ſchon Ronne wäre! Manche Vorwurfe hatte er ſich gö 9 — macht, daß er den Hrrn von nicht danach gefragt. Ich muß ſie ſprechen! entgegnete er⸗ Um jeden Preis! Ich will es der Aebtiſſn wel ſagte die Pfoͤrtnerin und verließ ihn. Langſam verging ihm eine halbe Stun⸗ de voll Angſt in dem einſamen Sprachzim⸗ mer. Da naheten ſich Tritte, und zwei Non⸗ nen erſchienen jenſeits des Gitters. Eine trat zögernd heran. Es war Hortenſie. Alle Rerven des Prinzen bebten, als er ſie er⸗ kannte, als er das bleiche, aber unendlich ſchoͤne Geſicht wiederſah. Er trat naͤher, da erkannte auch ſie ihn. Alexis! rief ſie mit einem durchdringenden Schrei, und fiel ohn⸗ maͤchtig in die Arme ihrer herzuſpringenden Begleiterin. Der Prinz ſtand in der toͤdtlichſten Un⸗ ruhe, bis ſie wieder zum Leben erwachte. — 131 — Die Annunziaten tragen keinen Schleier; er konnte jede Veränderung ihres Geſichts ſehen. Nach einiger Zeit ſchlug ſie die Augen auf, eine Minute blieb ſie noch in den Armen ihrer Begleiterin; dann erhob ſie ſich ent⸗ ſchloſſen und trat von Neuem an das Sprachgitter. Alexis! hob ſie mit ſanfter Stimme an, ehe du ſprichſt, vernimm wenige Worte von mir. Ich bin eine Braut des Himmels; ihm verlobt, kann ich keinem Menſchen mehr angehoͤren. Was dich daher auch hieher ge⸗ trieben hat, mache keine Verſuche, meine Ruhe zu ſtoͤren. Sie ſchwieg, ihm mit Ruhe in die Au⸗ gen ſehend. Aber den Prinzen hatten ihre Worte vernichtend getroffen. Um Gottes⸗ willen, Hortenſie! rief er; iſt das der Em⸗ pfang eines Bräutigams? — Mir gehoͤrſt du, o Geliebte, und nicht dem Himmel 9 * . — konnteſt du dich geloben; meinem Herzen⸗ das dich mit der unendlichſten Liebe liebt. O, Hortenſie, komm in meine Arme, ver⸗ laß dieſe Mauern! Er ſah ſie mit Blicken dolh Liebe an. Sie antwortete nicht. Hortenſie! fuhr er dringender fort; gieb mir das Leben! O, tödte mich nicht! — Sie ſah einen Augenblick nachſinnend vor ſich nieder. Dann blickte ſie ihn feſt an. Der Himmel iſt treu, ſprach ſie; der Menſch wankelmuͤthig. Worte und Ton durchzuckten den Prin⸗ zen. Hortenſte, rief er aͤngſtlich, haſt du an meiner Treue gezweifelt? Wohl mir, entgegnete ſie leiſe, wenn ich es nicht hätte müſſen. Da durchſchnitt ein heftiger Schmerz das Herz des Prinzen. Er erzählte ihr ſeine Krankheit, ſeinen Zuſtand, ſeine Angſt, und — mit jedem Worte wurde ſie unruhiger, aͤngſt⸗ licher. Als er endete, weinte ſie heftig. O⸗ mein Geliebter! rief ſie, die Gegenwart der Begleiterin vergeſſend, o, du treuer Alexis! wie Unrecht habe ich dir gethan! — Und nun erzaͤhlte ſie, wie bald nach ſeiner Ab⸗ reiſe auch ihre Mutter krank geworden und nach langen Leiden geſtorben ſei; wie ſie jetzt allein dageſtanden in dem furchtbarſten Schmerze; denn von ihm habe ſie nichts ge⸗ hört, und ihn daher anfangs fuͤr todt gehal⸗ ten. Zuletzt aber, nach mehreren Monaten⸗ habe ſie von ſeiner Reiſe gehört, und jetzt an ſeiner Treuloſigkeit nicht mehr zweifeln können. Da ſei ihr die Welt wie ein finſte⸗ res Grab geweſen, ſie habe dem Oheim ihre Beſitzungen uͤbertragen und in dieſem Klo⸗ ſter Erloͤſung von ihren Schmerzen geſucht. Und jetzt, rief der Prinz außer ſich vor Freude, und jetzt erlöſe ich dich, und du kehrſt mit mir zuruͤck in ein Leben, das Liebe und — 134 — Treue uns zu einem Paradieſes⸗Leben ſchaf⸗ fen ſollen. Einen Augenblick lang leuchteten auch ihre Augen; dann ſchlug ſie ſie ſchnell ſchmerz⸗ voll zu Boden. Ich bin eine Braut des Himmels! ſogte ſie eintönig. Der Menſch ſoll das Geluͤbde nicht brechen, das er dem Ewigen gethan. Da umwoͤlkten ſich auch die Augen des Prinzen wieder. Auch dem Menſchen ſoll man Schwüre halten! ſagte er. Gehoͤrteſt du nicht mir, Hortenſie? Konnteſt du dem Himmel weihen, was mein Eigenthum war? O, Hortenſie, folge mir, verlaß dieſes Grab der Liebe! Recht und Liebe ſprechen gleich ſtark fuͤr mich. Sie bedeckte mit beiden Haͤnden ihr Ge⸗ ſicht. Ich kann nicht! jammerte ſie leiſe. Der Fluch des Himmels wuͤrde mich treffen, wie der Fluch der Menſchen. Uebermorgen — 6 — iſt der Tag meiner Einweihung: ich kann nicht mehr zuruͤcktreten! Verlaß mich, Ale⸗ ris! Sei menſchlich! Ewiger Gott! rief der Prinz, in un⸗ ſäglicher Angſt das Gitter faſſend, als wenn er es zerreißen wolle. Hortenſie, bei dem Andenken deiner Mutter⸗ verlaß mich nicht! Opfere dein und mein Gluͤck nicht leeren Vorurtheilen auf! Ich kann nicht! wiederholte ſie. Der Prinz wollte ihr etwas erwidern, da trat Hortenſiens Begleiterin vor: Die Zeit iſt abgelaufen, meine Schweſter! ſprach ſie; ich muß dich zuxückbegleiten. Ich folge dir, Schweſter! entgegnete Hortenſie entſchtoſſen; richtete noch einmal das feuchte Auge auf den Geliebten, ſagte mit ſterbender Stimme: Lebe ewig wohl! und verließ das Gemach, weniger gehend⸗ als von der Nonne getragen⸗ Du tödteſt nich rief ihr der Prinz nach, aber ſie war — Verzweiflungsvoll brachte er den Tag zu, ohne einen Entſchluß faſſen zu koͤnnen. Am andern Tage aber wagte er noch einen Verſuch. Es war der letzte vor dem Feſte der Einkleidung. Er wußte, daß die Rovize die halbe Nacht betend auf dem Chore der Kirche zubringen müſſe. Zur Vesper begab er ſich in die Kirche, verkleidet und mit Kna⸗ benkleidern, die er et hielt, verſehen. Rach beendigtem Gottesdienſte 15 er ſich darin einſchließen. Als die Kirche leer war, erſchien Hor⸗ tenſie, begleitet von der Aebtiſſin. Beide warfen ſich vor den Stufen des Altars nie⸗ der und beteten leiſe. Nach einer Weile verließ die Aebtiſſin die Kirche. Bete, meine Tochter! ſprach ſie im Gehen zu der Novize, bete, daß der Herr dich ſtärken moge mit — 137 — ſeinem Segen, und dein Herz erfuͤllen mit ſeiner Liebe. Der Prinz war jetzt allein mit kihr, ge⸗ trennt durch den Raum von wenigen Schrit⸗ ten. Sein Herz klopfte hoͤrbar. Lange wagke er nicht, aus ſeinem Verſteck hervorzutreten. Endlich ging er leiſe auf das Chor zu. Sie knieete auf den Steinen des Chors, das Ge⸗ ſicht auf die Altarſtufen gelegt. Ohne Be⸗ wegung und ohne Laut lag ſie ſo; nur lei⸗ ſes, leiſes Schluchzen glaubte der Prinz zu vernehmen. Er trat näher. Er machte ein Geraͤuſch, um ſie durch ſein ploͤtzliches Erſcheinen nicht zu ſehr zu erſchrecken. Sie hoͤrte es nicht. Da ging er ganz nahe an ſie. Erſchrick nicht, Hortenſie! ſprach er mit leiſer Stimme. Sie fuhr mit einem lauten Schrei in die Hoͤhe; aber ſchnell faßte ſie ſich, als ſie —ihn erkannte. Unglucklicher, ſagte ſie aͤngſt⸗ 1 1 — 138 — lich, flieh; du biſt des Todes, wenn man dich hier findet! Hortenſie! erwiderte er; ich wage mein Leben für dich. O, noch einmal, komm mit mir! Laß uns gluͤcklich werden! Die Stun⸗ de, die dich mir auf immer raubt, iſt die Stunde meines Todes. Flieh, Alexis! flehete ſie. Um Gottes⸗ willen, verlaß mich! In wenigen Minuten kommen die Ronnen, um mit mir zu beten⸗ Laß ſie kommen! verſetzte er, ich weiche nicht. Ohne dich verlaſſe ich dieſe Stelle nicht. Komm mit, wenn ſie nicht mein Grab werden ſoll. 35 Sie wurde immer aͤngſtlicher. O ſei menſchlich! rief ſie, alles um ſich her ver⸗ geſſend, und lauter, als die Gefahr der Ent⸗ deckung es erlaubte. Sei menſchlich! Ich kann nicht. Mit Schwuͤren bin ich an den Himmel gebunden. O, geh! geh! Beim ewigen Himmel, nein! ſagte er entſchloſſen. Willſt du meine Freuden, mein Leben tollem Aberglauben aufopfern? Es ſeiz ich bin bereit zu ſterben. Hier will ich lie⸗ genz keine Gewalt ſoll mich von dieſer Stelle bringen, bis mein Athem geſtorben iſt, und ſie mich in das Grab legen. Die Ungluckliche wußte ſich nicht mehr zu faſſen. Um Gotteswillen! flehete ſie wieder⸗ holt; flieh, Alexis! du toͤdteſt ja auch mich⸗ O flieh! Rein, Hortenſie! verſicherte er noch ein⸗ mal; nicht ohne dich. — Er warf ſich vor ihr nieder; er umfaßte ihre Kniee. Iſt denn alle Liebe, rief er, aus deinem Herzen ver⸗ ſchwunden, das fruͤher kein Gluͤck, kein Leben ohne mich kannte? Du nannteſt mich einſt deinen Retter, deinen Engel! Und jetzt — Sie weinte laut auf, und fiel zu ihm nieder auf die Steine. Halt ein! rief ſiez — 140 — du durchbohrſt mein Herz. Ja du biſt mein Retter, mein Engel, und nicht iſt meine Liebe geſtorben. Du haſt geſiegt, Geliebter. Ich gehe mit dir. Der Himmel wird mir gnaͤ⸗ dig ſein! 6 Da ſprang Alexis fteudig auf, und zog ſie an ſein Herz, und druͤckte nach langer Trennung den erſten Kuß der Liebe auf ihre Lippen. Dann gab er ihr die mitgebrachten Knabenkleider; und während ſie hinter einen Pfeiler trat, um ſich ſchnell umzukleiden, eilte er an eine Seitenthuͤre der Kirche, die, wie er wußte, mit der Wohnung des Kuͤſters in unmittelbarer Verbindung ſtand. Er klopfte laut, und nach wenigen Sekunden hoͤrte er draußen an der Thuͤre die Stimme des Kuͤ⸗ ſters, die nach der Urſache des ſonderbaren Klopfens fragte. Heffnet! antwortete der Prinz. Ich hatte mich verſpaͤtet mit meinem Knaben. — Er war eingeſchlafen, als ihr die Kirche ver⸗ ſchloſſet, und ich war im Beten vor dem Bilde der Jungfrau, und hatte euch nicht gewahrt. Der Kuͤſter brummte, aber er ging, die Schlüſſel zu holen. Da trat Hortenſie, in den lieblichſten Knaben verwandelt, an ſeine Seite, und lehnte ſich bleich und bebend an ihn. Eile, eile! rief ſie ängſtlich, wir haben keine Minute Zeit mehr; im Augenblicke ſind die Nonnen hier; die Glocke, die ſie ruft, hat ſchon geſchlagen. O mein Geliebter! ſetzte ſie, ſeine Hände faſſend, hinzuz ich muͤßte ſterben, wenn ich dich jetzt wieder laſſen ſollte! Der Prinz umſchloß ſie ſchweigend, in⸗ dem er unruhig nach dem Kuͤſter horchte, der noch immer nicht zuruckkehrte. Eine Angſt⸗ über die er nicht Herr werden konnte, be⸗ maͤchtigte ſich ſeiner, als er auf einmal von der Seite des Kloſters her Geräuſch vernahm, — 12 — das ſich der Kirche zu naͤhern ſchien. Wenn man ſie jetzt in dem entſcheidenden Augen⸗ blicke entdeckte! Zwar war Hortenſie noch frei, ſelbſt bis zum letzten Momente vor der Einkleidung konnte ſie noch die Veränderung ihres Entſchluſſes erklären und zurücktreten. Aber ſie war doch noch ein Eigenthum des Kloſters, das nur durch förmliche Entlaſſung ſeine Freiheit erlangen konnte; ſie mußte mit zuruͤck, wenn man ſie jetzt traf; und war zu erwarten, daß ſie den Vorſtellungen und Bitten der Nonnen widerſtehen werde, die bisher ſo viele Gewalt über ſie geubt hatten, daß es ſeiner Liebe vielleicht noch nicht ein⸗ mal ganz gelungen war, den Sieg davon zu tragen? Und doch war die Entdeckung gewiß, wenn die Nonnen jetzt ins Chor traten und die Novize vermißten; und kein Ausweg, kein Entfliehen möglich, wenn in der nächſten halben Minute der Kuͤſter nicht kam. — 143 — Er preßte ſich, ohne Rath ſinden zu können, an die Kirchthuͤre, nach ſeinen Pi⸗ ſtolen faſſend, die er mitgenommen hatte; dunkel ſtieg in ihm der Entſchluß auf, das Aeußerſte zu wagen, bis auf ſeinen letzten Blutstropfen das wiedergewonnene Kleinod ſeines Lebens zu vertheidigen. Hortenſie be⸗ merkte ſeine Unruhe, aber, ſelbſt zagend, konnte ſie ihn nicht beruhigen; ſie druͤckte ſich heftig zitternd an ihn. So ſtanden ſie Beide ſchweigend, da hörten ſie die Tritte der Nonnen auf der ſchmalen Treppe, die vom Kloſter in die Kirche führte, einzeln und langſam ſich nahen. Kaum konnte Hortenſie ſich halten, laut aufzuſchreien. Ein Gefühl wie Verzweiflung ergriff den Prinzen. Auf einmal raſchelte der Schluſſel in der Kirchthüre. Ein freu⸗ diger Schreck durchbebte Beide; die Thür flog auf. Hier! rief Aleris faſt laut, drückte dem öffnenden Kuſter ein Goldſtuͤck in die — 144 — Hand, nahm den zitternden Knaben unter den Arm und eilte aus der Kirche. Das Rreiſchen der Nonnen glaubte er hinter ſich zu vernehmen; aber er achtete nicht darauf, flog durch die Schlafſtube des Küſters, durch die Küche, durch den offnen Hausflur, und ſtand mit dem Gefuͤhle eines vom Tode Be⸗ freieten auf der Straße, unter dem hellen klaren Sternenhimmel. Immer raſcher eilte er vorwärts, den Knaben mehr tragend als führend. Am Gaſthofe harrte die beſtellte Extrapoſt ſeiner. Er hob den Knaben hinein und ſprang nach, und dahin raſſelten ſie uber das tonende Pflaſter, dem Rheinthore zu. Ein Moͤnch durchſuchte mit ſpaͤhenden Blicken den Wagen, als ſie am Thore der Zitadelle halten mußten. Aengſtlich verbarg der Knabe ſein Geſicht an der Bruſt des Prinzen. Was giebts? fuhr dieſer den Lauernden barſch an; ſeit wann ſind fremde — 145 — Offiziere in Frankreich der Viſitation der Geiſtlichkeit unterworfen? Er ſchlug ſeinen Mantel auf, und ehr⸗ erbietig trat der Geiſtliche vor der Uniform zuruͤck. Wir ſuchen ein verirrtes Schaf, ſagte er, ſich verbeugend; verzeihen Sie! — Frei und freudig athmeten Beide auf, als ſie die Rheinbruͤcke hinter ſich hatten und in Kehl auf deutſchem Boden waren, ſicher vor aller Verfolgung. Der Prinz beſchloß, die Geliebte ſeiner Mutter zu bringen. Die Knabenkleider mußte ſie behalten, bis er die Geſinnungen ſeines ſtolzen, ſtrengen Vaters erforſcht haben werde⸗ So waren ſie auf Schloß Hachenburg angekommen⸗ 10 4 1 3 * 5 — 146 — Still, in Schwermuth verſunken, ſaß die Fuͤrſtin Hachenburg in ihrem Kabinette. Ihr Gemahl hatte ihr mit wenigen Worten aus der Reſidenz ſeine baldige Ruͤckkehr angezeigt, und ſie dabei zugleich benachrichtigt, wie er gegen den ungehorſamen Sohn ſein vaͤterli⸗ ches Recht erſtritten, und wie er auch hin⸗ ſichtlich ſeiner ſtandesherrlichen Angelegenhei⸗ ten reich an Hoffnungen die Reſidenz bald verlaſſen werde. Unweit der Fuͤrſtin ſaß in traulicher Umſchlingung das liebende Paar. Nur hei⸗ tere, ſorgenloſe Liebe ſtrahlte aus Hortenſiens ſchönem Auge, ſie lebte ja nur in der Liebe zu dem Geliebten. So ganz hatte dieſer ihr ganzes Sein eingenommen, daß ſie keine Ge⸗ fuhle, keine Gedanken fuͤr etwas Anderes hatte. Die Fuͤrſtin hatte ihre Liebe geſeg⸗ net, ſie als eine theure Tochter aufgenom⸗ men. Von einer Weigerung des Fuͤrſten hatte ſie keine Ahnung, der Prinz hatte ibr — 147 — deſſen Geſinnungen verborgen, theils weil er ſie, inſofern ſie ſeinen Wuͤnſchen entgegen waren, in der That zu beſiegen hoffte, theils weil er ohne Noth das frohe Herz Horten⸗ ſiens mit keinem Leid beſchweren wollte. Deſto unruhiger klopfte ihm ſelbſt das Herz, wenn er an den ſtolzen, unbeugſamen Sinn des Vaters dachte; und auch jetzt, wo jeden Augenblick die Ruͤckkehr des Fuͤrſten er⸗ wartet wurde, ſaß er, das Auge umdunkelt und die Stirn gefurcht, neben der Geliebten, und muͤhete ſich vergeblich, ſich ganz ihren unſchuldigen Liebkoſungen hinzugeben. Wohl wiederholte er ſich zwar: Er iſt dein Gebie⸗ ter nicht, und es giebt Grenzen, die auch die väterliche Gewalt nicht uͤberſchreiten kann! — aber peinlich beklemmte ihm doch wieder der Gedanke die Bruſt, daß gerade er von Reuent eine Urſache werden ſolle, den Frieden aus dem mit ſich und mit der Außenwelt in Zer⸗ fallenheit lebenden Familie zu verbannen. 10 * — 148 — Da rollte ein Wagen auf den Schloß⸗ hof, und Mutter und Sohn erblaßten, und auch Hortenſie fuͤhlte ſich von einer aͤngßtli⸗ chen Unruhe ergriffen; denn es war der zu⸗ ruͤckkehrende Fuͤrſt. Langſam ſtieg er aus dem Wagen und ſchritt die breiten Stufen der Schloßtreppe hinan; ſinſterer war ſein Ausſehen, als ſonſt; kaum einen Blick warf er zu dem Fenſter der Fürſtin hinauf. Schweigend ſah die Fürſtin den Prinzen an; ſchweigend heftete dieſer ſeine Blicke auf Hortenſien, die ſich, zitternd, ohne ſich be⸗ wußt zu ſein, worüber, an ihn klammerte. Jürchte dich nicht, Hortenſie! ſprach er ihr nach einer Weile liebevoll zu; wenige Minu⸗ ten laſſe ich dich allein, um dem Vater zu verkuͤnden, welchen Engel ich in ſeine Arme führen will, und um dann mit ſeinem Se⸗ gen zu dir zuruͤckzukehren. Er druͤckte einen Kuß auf ihre Lippen, nur mit Anſtrengung konnte ſie von ihm — 149 — laſſen; es war, als ob eine ſchwarze Ahnung ihr ſage, ſie ſolle ihn nicht wiederſehen. Auch die Faͤrſtin ſchloß ſie in ihre Arme, und ließ, nicht Herrin ihrer Bewegung, eine heiße Thräne auf die zarte Wange des Mädchens fallen, die in der aͤngſtlichſten Stimmung jetzt zuruͤckblieb. — Schweigend empfing der Furſt in ſeinem Zimmer die bewillkommende Gemahlin, die ſich bald weinend in ſeine Arme warf. Er ſah mit einem finſteren Blicke ihre Thränen. Wem fließen ſie, Antonie? fragte er miß⸗ muͤthig. Sie vermochte nicht zu antworten. Ich habe nur noch Einen Sohn! fuhr er fort, ſich zu Alexis wendend, der mit der Fuͤrſtin eingetreten war, und der mit einem ſonderbaren Gemiſch von Empfindungen jetzt auf den ſtolzen Vater zutrat, ihn mit Ehr⸗ furcht umarmend. Der Fuͤrſt erwiderte mit abgemeſſener Kälte ſeine kindliche Zärtlichkeit, ſah einen Augenblick ſtill vor ſich hin, und — 1530 — ſagte dann kalt: Du biſt Erbprinz, Alexis! dein Bruder lebt nicht mehr fuͤr uns; auch ſein Name ſei für uns nicht da! Laut weinend ſtuͤrzte die Fuͤrſtin auf das Sophaz finſter blickte ihr der Fürſt nach. Alexis aber ergriff des Vaters Hund, und ſammelte ſeinen ganzen Muth. Richt ſo, mein Vater! ſprach er. Fern ſei es von mir, dem theuren Bruder ſeine angebornen Rechte rauben zu wollen. Ich weiß, er hat gegen dich gefehlt, deinen Stolz beleidigt; aber dein Herz wird ihm vergeben. Er bleibe Erbprinz; nimmer werde ich ſeinen Platz uſurpiren. Des Juͤrſten Blick bewegte ſich heftig. Ueberall Widerſtand? rief er mit erhoͤheter Stimme. Kein Widerſtand, Vater! erwiderte ſchnell der Prinz. Ich komme nur den Re⸗ gungen deines Herzens zuvor, die bald genug von ſelbſt laut ſprechen wuͤrden. — 451 — Rimmer! rief der Fuͤrſt, faſt leiden⸗ ſchaftlich. Du biſt Erbprinz, nicht er! Ich will Ruhe in meinen alten Tagen haben. Ein guͤnſtiges Arrangement unſerer Angele⸗ genheiten bei Hofe wird ſie mir naͤchſtens gewähren; der tollköpfige Burſche ſoll ſie mir nicht wieder zerſtören. Vergeblich iſt dein Widerſtand, Alexis! Hier iſt d ie Akte des Monarchen; du biſt mein Rachfolger; apa⸗ nagirt iſt er. Die Fuͤrſtin verhullte ihr weinendes Ge⸗ ſicht; der Prinz ſtand einen Augenblick un⸗ ſchluͤſſig; dann trat er mit feſtem Schritte vor ſeinen Vater, ruhig dieſem in's Auge blickend. Auch dann noch, Vater, fragte er⸗ willſt du auch dann noch mich auf deinem Juͤrſtenſtuhle haben, wenn eine Gattin, ge⸗ ringerem Stande entſproſſen, ihn mit mir theilen muͤßte? — Der Juͤrſt erblaßte. Alexis! rief er, ihn nur halb verſiehend. — 152 — Ja, mein Vater, fuhr der Prinz fort, ich liebe Hortenſte von Hydemont. Sie ſtammt aus einem edlen Geſchlechte Frank⸗ reichs. O, ſegne meine Wahl! Vereinige zwei Herzen, die ſich, ohne zu verbluten, nicht mehr trennen koͤnnen! Der Fürſt erwiderte ihm kein Wort. Stumm, die Lippen zuſammenbeißend, ging er mit heftigen Schritten auf und ab. Die Fürſtin erhob ſich langſam vom Sopha und trat ihm entgegen. Höre ihn, mein Gemahl! ſagte ſie, ihn innig mit den verweinten Augen anblickend; o hoͤre ihn an, und folge den beſſeren Re⸗ gungen deines Herzens. O⸗ mein Adolf, rufe Lothar zuruͤck, mache Aleris gluͤcklich! Der Fuͤrſt that ſich Gewalt an, um ſei⸗ nen Zorn zu verhalten, der losbrechen wollte. Nein, Antonie! ſagte er mit gepreßter Stim⸗ me, und führte die Fuͤrſtin zum Sopha zu⸗ růͤck; verſchwende deine Thranen nicht unnütz⸗ ¹ Du biſt Erbprinz! wandte er ſich dann an Alexis; ich werde dir eine Gemahlin aus⸗ ſuchen, nur ich. Auch des Prinzen Wangen roͤthete jetzt der Zorn; aber auch er hielt ſich. Ich kann Hortenſie nicht verlaſſen, ſagte er; noch nie hat ein Flecken auf der Ehre des Namens Hachenburg gehaftet; ich wurde ihn fuͤr im⸗ mer ſchänden, wenn ich ein Weſen verließe, an das ich mit den heiligſten Banden ge⸗ knuͤpft bin. Er erzählte jetzt mit kurzen Worten ſeine Geſchichte. Der Füͤrſt hoͤrte ihm ru⸗ hig zu, ohne durch eine Miene oder durch eine Bewegung zu erkennen zu geben, ob und welche Gefuͤhle die Mittheilung in ſei⸗ nem Innern erregte. Man ſah im Gegen⸗ theil, daß es ihm von Augenblick zu Augen⸗ vlick mehr gelang, Herr der heftigen Stim⸗ mung zu werden, die ihn vorhin zu uͤber⸗ wältigen drohete. Als der Prinz geendigt — — hatte, ſagte er in einem zwar guͤtigen, aber auch durchaus beſtimmten Tone; Träume der Jugend, Alexis, entſtehen eben ſo leicht, als roſig; aber eben ſo leicht entſchwinden ſie auch wieder. Wer hat nicht geliebt, und, wenigſtens fuͤr Monden, dem Erdenleben entruͤckt, in ein beſſeres, ſeligeres Daſein zu blicken geglaubt? Aber wer hat nicht auch nach kurzer Friſt ſeine Taͤuſchung eingeſehen und das Bittere derſelben empfunden? Wohl dem, dem ſie dann keine bindenden Feſſeln ſchon angelegt hatte! Wehe dem, der ſich auf immer verſtrickt ſah! Ein Jugendtraum bindet dich, mein Sohn, die gewohnlichſte aller Täuſchungen, nicht deine Ehre. Gieb dem Kloſter zuruͤck, was dem Kloſter gehoͤrt, dann handelſt du ehrenvoll. — Du bleibſt Erbprinz von Hachenburg! ſetzte er mit ver⸗ ſtäͤrkter Stimme hinzu, und wandte ſich ab, als wenn mit dieſen Worten die Sache be⸗ endigt ſein ſolle. — 155 — Auch Aleris hatte ihn ruhig angehört, doch der Schluß emporte ſeine Liebe. Va⸗ ter! rief er, des Fürſten Hand ergreifend⸗ Dieſer wendete ſich zu ihm; eine Se⸗ kunde lang ſah er ihn kalt an, dann ſagte er in einem ſtreng befehlenden Tone: Kein Wort weiter, Alexis! Du bleibſt Erbprinz! Da loderte das lange verhaltene Gefühl des Prinzen los. Rimmer konnte er ſeine Liebe und Ehre mit dem Willen des Vaters vereinigen, das ſah er ein; aber keinen Au⸗ genblick war er zweifelhaft, wozu er ſich hin⸗ neigen ſolle. 0 Wie du befiehlſt, Vater! erwiderte er, kein Wort weiter uͤber die Sache! Ich bin kein Prinz von Hachenburg mehr, ich ver⸗ zichte auf den Ramen. Den einen Sohn haſt du verſtoßen, der zweite verſtoßt ſich ſelbſt. Aleris! ſchrie die Mutter auf, und ſtog empor an die bewegte Bruſt des Sohnes⸗ — 156 — Der Fuͤrſt ſah ihn befremdet an; dann ſchien auf einmal ein Gedanke in ihm zu erwachen, uͤber den er nicht ſofort klar werden konnte; ohne etwas zu ſagen, ſtand er eine Weril unbeweglich vor ſich hinſtarrend. Hortenſie von Hydemont, fragte er auf einmal, heißt deine Geliebte? — Fuͤhre ſie zu mir; ich will ſie ſprechen. Aber allein, ohne Zeugen! Ein froher Strahl der Hoffnung drang in die Herzen der Mutter und des Sohnes. Raſch fiog Alexis fort, um die Geliebte zu dem Vater zu fuͤhren, gefolgt von der Für⸗ ſtin, die der Zarten Muth einſprechen wollte. Was er auch ſagen mag, betheuerte Ale⸗ ris der Geliebten, du biſt mein, ich gehöre dir; nimmer laſſe ich von dir. Zitternd trat Hortenſie in das Kabiner des Fürſten; wohl fühlte ſie es, daß der ent⸗ ſcheidende Moment ihres Lebens genahet war. Er maß ſie mit einem finſtern Blicke, der —= 157 — ſich almählich milderte. Es ſchien, als ob ihre Schoͤnheit, der ſanfte Liebreiz, der uͤber ihr ganzes Weſen gegoſſen war, ihn unan⸗ genehm traf, und doch auch uͤber ihn ihr Zauber ſeine Gewalt ausubte. Sie heißen Hortenſie von Hydemont? hob er an. Der Erbprinz iſt Ihnen Ver⸗ bindlichkeiten ſchuldig? Er ſprach die Worte in einem tulthiſ⸗ lichen Tone. Ach, die arme Hortenſie hatte Liebe erwartet, eine zarte Aufnahme! Hier⸗ auf war ſie nicht vorbereitet. Verlegenheit, Angſt, Liebe, aber auch Stolz kampften bei dieſem Empfange in ihrem Innern. Keine Verbindlichkeiten! erwiderte ſie mit leiſer Stimme, und wagte es, nach den erſten Wor⸗ ten den Juͤrſten mit ihren frommen Augen anzublicken. Keine Verbindlichkeiten! O⸗ im Gegentheile, der Prinz Aleris hat mei⸗ ner theuern Mutter ein koſtbares Leben ge⸗ friſtet. * — — Der Juͤrſt ging mit ungewiſſen Schrit⸗ ten umher; er ſchien vergeblich nach Wor⸗ ten zu ſuchen, mit denen er ſeinen Vorſatz einleiten wollte. Wohl ſchien ihn die Arme zu dauern, die zitternd, mit niedergeſchlagenen Blicken, vor ihm ſtand, und es kaum wagte, dann und wann das flehende Auge zu ihm zu erheben. Aber doch, nie war er gewohnt, einen einmal gefaßten Vorſatz aufzugeben. Fräulein Hydemont, hob er mit ſo ſanfter Stimme an, als es ihm moglich war; klagen Sie nicht mein Herz der Haͤrte an, wenn ich Ihnen vielleicht harte Worte ſagen muß; ſie gelten nicht bloß meinem Willen, ſie gel⸗ ten auch Ihrem Gluͤcke, der Ruhe Ihres kunftigen Lebens. Er bot ihr einen Stuhl an, auf den ſie ſich, durch dieſe Anrede entmuthigt, er⸗ ſchoͤpft niederließ. Er ſetzte ſich ihr gegen⸗ uͤber. Mein Sohn liebt Sie, fuhr er dann fort; Sie lieben ihn, ich weiß es. Ich koͤnnte — 159 — meinem Sohne keine bravere Gattin wuͤnſchen⸗ als Sie; und doch muß ich zu Ihrer Ver⸗ bindung meine Einwilligung verſagen. Hortenſie war nicht im Stande, ihm etwas zn erwidern. Blaß ſtarrte ſie vor ſich hin. Wohl empoͤrte ſich ihr Stolz uͤber das Unwuͤrdige ihrer Lage, doch die Liebe hielt ſie. Sie erwarten Gluͤck vom Leben, fuhr der Fuͤrſt fort; an meines Sohnes Seite finden Sie es nicht, aus einem doppelten Grunde nicht. Einmal erfordert ſein Stand eine ebenbuͤrtige Gemahlin, die Tochter eines Fuͤrſtenhauſes; Kinder, die Sie ihm gebaͤren, können nicht ſeine Rachfolger ſein, wuͤrden nur der Gegenſtand und die Urſache bitterer Streitigkeiten, gehäſſiger Verfolgungen wer⸗ den. Und ſodann, mein Fräulein, es iſt hart, daß ich es Ihnen ſagen muß, aber ich bin es Ihrer Ruhe ſchuldig. Sie hatten ſich dem Himmel verlobt, der Welt entſagt. Rur ein Treubruch kann ſie der Welt zuruckgeben. — 160 — Können Sie da Gluͤck und Zufriedenheit er⸗ warten? O, das Leben iſt falſch, ſelbſt wenn man ſich mit einem treuen Herzen ihm hin⸗ giebt; wie viel mehr, wenn man es durch Untreue erkauft! Kehren Sie zuruͤck, Fräu⸗ lein Hydemont, zu dem Leben, dem Sie durch heilige Schwuͤre ſich geweihet haben, dem Sie unaufloslich angehoͤren. Unruhe und Leid werden Sie außer dem Kloſter erwarten; feſſeln nicht ſchon jetzt Hader und Unzufrie⸗ denheit ſich an Ihre Schritte? Trennt nicht Ihr Erſcheinen das Herz des Sohnes von dem Herzen des Vaters? Ein Fluch wird ſich auf Ihr Leben legen. — D um Gotteswillen, ſchrie Sn hoͤren Sie auf! hoͤren Sie auf! Sie ver⸗ hullte laut weinend ihr Geſicht, kaum faͤhig, ſich auf dem Stuhle aufrecht zu halten. — Fürchterlich! Fuͤrchterlich! jammerte ſie; ja Sie haben Recht. Ich fuͤhle es! Dieſer Fluch der Treuloſigkeit hat ſchon jetzt mein — 161 — Daſein getroffen. Wie wenige gluͤckliche Stunden habe ich gehabt! Ja, Angſt und Sorge verduͤſterten meine Tage, guälten meine Nöchte. Sie haben Recht; ich reiſe zuruͤck in mein Kloſter! O, dort war ich heiter, ſelig in der Liebe des Himmels, die keine irdiſche Liebe erſetzen kann! Sie ſprach die Worte in Begeiſterung⸗ Stets geneigt zu religiöſer Schwärmerei, be⸗ ſtärkt darin durch Ermahnungen und Bei⸗ ſpiele einer frommen, faſt kmmer kränklich reizbaren Mutter, mußte ſie von den Wor⸗ ten des Fuͤrſten bis zur Erſchutterung ihres ganzen Weſens getroffen werden. In der gräßlichſten Sündlichkeit ſtand ihre Liebe zu Aleris, ihre Flucht aus dem Kloſter, ihr ganzes Leben ſeitdem vor ihr. Himmel, Himmel, verzeihe mir! rief ſie Händerin⸗ gend; o, nimm mich wieder auf, verſtoße mich nicht! Ja, zuruͤck, zuruͤck! Nur der Buße, der Reue ſeien fortan meine Tage geweihet! 11 — Sie flehete den Füͤrſten an, ſie fortzu⸗ ſchaffen, ſie in ihr Kloſter zuruͤckzubringen, aber auf der Stelle, damit ſie den Geliebten nicht wiederſehen, und ihr Herz nicht von Reuem in ſundhaften Regungen ſchlagen moͤge. — Der Fuͤrſt verſprach ihr Alles. Wohl freuete es ihn, daß ſein Plan gelungen, und er dadurch harter Maßregeln überhoben war, die er außerdem und bis zur äußerſten Strenge genommen haͤtte; doch machte er ſich beinahe Vorwuͤrfe, ſo ganz das Innere des ungluͤck⸗ lichen Mädchens zerriſſen zu haben. Er traf daher, um fernere Kaͤmpfe zu vermeiden, auf der Stelle Anſtalten zu Hortenſiens Ab⸗ teiſe. Aller Stolz ſchien ihn nach Erreichung ſeiner Zwecke verlaſſen zu haben. Er fuͤhrte ſie ſelbſt zu ſeiner Gemahlin. Fräulein Hydemont wuͤnſcht wieder ab⸗ zureiſen, ſagte er zu dieſer; und bittet dich — 163 — um die Gnade, ſie bis zu ihrer Abreiſe vor unangenehmen Beſuchen zu ſchutzen. Wie verſtehe ich das? rief die Fuͤrſtin; aber er entfernte ſich, ohne zu antworten. Mit einer truͤben Ahnung nahete die leidende Frau ſich dem leidenden Mädchen. Habe ich recht gehoͤrt, Hortenſie? fragte ſie ängſtlich. Ja, gnaͤdige Frau! jammerte die Un⸗ gluͤckliche. Ich muß zuruͤck; in furchtbarer Geſtalt hat ſich der Betrug meines Lebens vor mir aufgethan. Ich muß zuruͤck in mein Kloſter. Nur dort kann ich Ruhe finden, wenn der Himmel mich noch nicht ausge⸗ ſtoßen hat. Hortenſie! rief die Furſtin, woher dieſe Veraͤnderung deiner Geſinnungen? O, erwiderte die Gefragte, bedurfte es mehr als einer leiſen Anregung, um die in mei⸗ ner Bruſt ſchlummernde Wahrheit zu wecken? — 164 — Da wurde die Ahnung der Fuͤrſtin zur Gewißheit. Und Alexis? rief ſie unwillkuhrlich. Alexis? wiederholte Hortenſie, wie von dem Ramen aus einem ſchoͤnen Traume auf⸗ geſchreckt; doch ſchnell war die Ueberraſchung verſchwunden. Er wird gluͤcklich werden, ſagte ſie leiſe, mich vergeſſen, wie ich ihn⸗ Er muß eine wuͤrdigere Gemahlin haben, und mir ziemt nicht irdiſche Liebe. Ihr ganzes Weſen war von der Schwär⸗ merei der Religion befangen; dieſe verdrängte alle anderen Gefuͤhle, ließ ſie kaum in ihrem Innern auftauchen. Die Fuürſtin erkannte dieß bald. O mein armer Sohn! ſeufzte ſie leiſe; aber gegen die Verblendete ſchwieg ſie⸗ Alexis ſtuͤrzte in das Kabinet, blaß, mit verſtörten Blicken und allen Zeichen der Angſt. Hortenſie wollte ihm entfliehen, als ſie ihn ſah, allein ſie vermochte es nicht. Er um⸗ ſing ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt. Ge⸗ — 165 — liebte! rief er, du willſt fort? Mein Vater trifft Anſtalten zu deiner augenblicklichen Ab⸗ reiſe! Und es iſt dein freier Wille, ſagt er? O, ſage nein, um des Himmels willen, ſage nein! — Sie hatte ſich mit ſanfter Gewalt von ihm losgemacht, und ſah ihn jetzt ruhig, mit klaren Augen an; nicht ein liebendes Maͤd⸗ chen ſtand ſie vor ihm, eine Heilige, eine Ueberirdiſche mit aller Hoheit, die religiöſe Schwaͤrmerei nur verleihen kann. Ihr gan⸗ zes Weſen war in der Einen Stunde durch⸗ aus verändert. Ja, Alexis! ſagte ſie mit ſicherer Stim⸗ me; es iſt mein freier Wille. Ich kehre zu⸗ rück in mein Kloſter, aus dem nur ſundliche Begierden mich riſſen. O wohl hatte ich ſchon damals gleich eine Ahnung, daß ich die dunkeln Mauern wieder aufſuchen, daß ich außer ihnen keinen Frieden ſinden wuͤrde! — 166 — Aber die Leidenſchaft hatte mich verblendet⸗ Jetzt iſt der Rebel zertheilt, der meinen Geiſt umfangen hielt. Klar fuͤhle ich es, wem ich angehoren, nur angehoͤren darf. Entſage auch du mir, Aleris! Laß uns groß daſtehen, erhaben uͤber gemeinen Schmerz! Lebe wohl, erfuͤlle die Wuͤnſche deines Va⸗ ters; denn du gehoͤrſt der Welt an, wie ich dem Himmel! Lebe wohl; einſt, ja, ich fuͤhle es, einſt ſehen wir uns wieder! In einem beſſeren Leben, wenn alles Irdiſche von uns abgeſtreift iſt, werden unſere Geiſter in rei⸗ ner Seligkeit ſich gemeinſchaftlich der Nähe und des Glanzes des Ewigen freuen! Ihr Blick wurde immer leuchtender; ſie ſtand wie eine Verklärte da. Aber Alexis ſtand, wie von einem furchtbaren Schlage getroffen. Sprachlos ſtarrte er ſie an. N einer Weile ermannte er ſich. Hortenſie! rief er mit Leidenſchaft; Ungluͤckliche, wer hat deinen klaren Verſtand umdunkelt, deine — 167 — Sinne verwirrt! Sieh mich an; ich bin dein treuer Aleris, dein Geliebter, dein Bräuti⸗ gam, dem du tauſendmal Treue geſchworen haſt! Kannſt du mich verlaſſen? mich? mich? O beſinne dich, meine Geliebte; komm zu dir ſelbſt! — Des Maͤdchens Auge verduͤſterte ſich. Wohl, rief ſie, wohl weiß ich, was ich thue. Sei du nicht kleiner, als ich, Aleris! Spare deine Worte; keine Macht der Erde kann meinen Entſchluß wankend machen. Er ſteht feſt, wie das Göttliche ſelbſt. Erlauben Sie, gnädige Frau, ſetzte ſie, zu der Fuͤrſtin ge⸗ wandt, hinzu, daß ich mich entfernen darf. Roch Einen Blick warf ſie auf Alexis, in dem er auch kein Zeichen der Wehmuth entdecken konnte; dann ging ſie in ihr Zim⸗ mer, das durch eine Thuͤre mit dem Kabinet der Juͤrſtin in Verbindung ſtand. Zernichtet ſah ihr der Prinz eine Weile nach, unempfindlich gegen die Tröſtungen der — 168 — liebenden Mutter. Das iſt dein Werk, Va⸗ ter! rief er dann, und verließ das Zimmer, um Zorn und Schmerz im Freien auszu⸗ toben. Der vertraute Rath des Juͤrſten be⸗ gleitete noch denſelben Tag Hortenſien nach Straßburg. Er kehrte nach einigen Wochen zuruͤck, und meldete ſeinem Herrn, daß die Novize in dem Kloſter der Annunziaten wieder aufgenommen ſei, und bald als Rhnne ein⸗ gekleidet werden ſolle. — Aber der Fuͤrſt wurde nicht froh bei die⸗ ſer Nachricht. Zwar erhellte wohl auf einen Moment der Gedanke ſeinen Blick; wieder ein Hinderniß beſeitigt; bald habe ich das Ziel in meiner Hand! Doch ſchnell genug verdunkelte ſich wieder Blick und Hoffnung. War es die Stimme des Gewiſſens, die Rechenſchaft forderte? Oder war es die Ah⸗ nung, daß Starrſinn und Trotz nie ihr Ziel — 169 — erreichen können? Selbſt der Umſtand konnke ihn nicht heiterer ſtimmen, daß er um dieſe namliche Zeit vom Staate ein bedeutendes Kapital vorſchuͤſſig auf das nächſtens zu er⸗ mittelnde Entſchäͤdigungsquantum ausbezahlt erhielt, bedeutend genug, um nicht nur die am meiſten andringenden Gläubiger befrie⸗ digen, ſondern auch außerdem fuͤr längere Zeit eine faſt angemeſſene Hofhaltung fuͤhren zu koͤnnen. Im Gegentheile konnte ihn dieß nur noch finſterer ſtimmen, wenn ſich ihm dabei der Gedanke aufdraͤngte, daß er hier aus Trotz nachgegeben, und daß er fruͤher, um eben dieſes Rachgebens willen, den eige⸗ nen Sohn verſtoßen habe. Und dachte er dann gar dabei weiter, wie er den einen Sohn vom Herzen des Vaters und der Mut⸗ ter geſtoßen, und wie er dem anderen das Herz gebrochen habe, konnte dann Freude und Zufriedenheit ſeinen Tagen bluͤhen? — ——— — 170 — Der Fuͤrſt Brauthal war ein ſchwacher Mann; ſehr reich, und deshalb zu ſtolzen Plänen berechtigt, hatte er fruͤher ſich der Hoffnung hingegeben, trotz der eignen Me⸗ diatiſtrung, ſeine einzige Tochter auf einem ſouveraͤnen Fuͤrſtenſtuhle zu ſehen. Dennoch hatte er, als er Karolinens Herz mit inniger Liebe an dem leidenſchaftlich ſte liebenden Lo⸗ thar von Hachenburg haͤngen ſah, den Werbun⸗ gen des verwandten Hauſes Hachenburg nicht widerſtehen koͤnnen. Seinen ganzen Stolz mußte es ſpäterhin empoͤren, als er dieß Band durch die Verſtoßung des Erbprinzen zerriſſen, als er ſeine eigenen Vorſtellungen dieſerhalb zuruͤckgewieſen, an einem unnatuͤr⸗ lichen Starrſinne ſcheitern fah. Rie, ſchwor er, mit dem Fürſten Hachenburg wieder in Verbindung zu treten, bis dieſer durch Wie⸗ deraufnahme des Sohnes auch mit ihm die alten freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe wieder hergeſtellt habe. Dennoch koſtete es dem — 171 — Fuͤrſten Hachenburg nur wenige Briefe, ſo war nicht nur die alte Freundſchaft, ſondern auch des Fürſten von Brauthal Einwilligung zu der Verbindung Karolinens mit dem jetzi⸗ gen Erbprinzen Alexis da. Der Fürſt Adolf hatte, wenn auch durch die vom Staate zu erwartende Entſchädigung ihm eine angemeſ⸗ ſene Exiſtenz geſichert war, doch zu viele Gruͤnde, um eines kuͤnftigen wahrhaft fürſt⸗ lichen Glanzes ſeines Hauſes willen, dieſe Verbindung zu wunſchen. Zum erſten Male ſeit langer Zeit wurde er daher wieder froh, als er von dieſer Seite ſeinen Lieblingswunſch ohne Hinderniſſe ſah. Auch Alexis Zuſtimmung zu erhalten⸗ duͤnkte ihn nicht ſchwer. Er durfte nur nicht jetzt gleich, und nicht auf einmal, mit ſeinem Plane hervortreten, mußte vielmehr Vieles der Zeit und dem Zufalle uberlaſſen. Daher blieb auch das Ganze zwiſchen ihm und dem JFuͤrſten Brauthal ein Geheimniß; und nur — mie derſelben Güte, womit er Alexis ſeit der Entfernung Hortenſtens immer behan⸗ delt hatte, uͤberredete er ihn auch jetzt, um der Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit willen, durch gerſtreuung eine Reiſe zu dem Juͤrſten Brauthal mit ihm zu machen. Weichheit war der Grundzug im Ge⸗ muͤthe des Prinzen Aleris; er hatte we⸗ nig von dem Starrſinne ſeiner Väter ge⸗ erbt. Sein Groll uͤber des Vaters Ver⸗ fahren legte ſich daher bald. Wohl gab ihm die erſte Wuth des Augenblicks ein, ebenfalls das Vaterhaus zu verlaſſen; den fluͤchtigen Bruder aufzuſuchen, ſich dieſem anzuſchließen, und gemeinſchaftlich mit ihm Rechte zu reklamiren, die von glänzenden Ahnen her auf ſie ubertragen waren. Dachte er ſich dann aber den Zuſtand der Mutter, wie dieſer der Verluſt der beiden Söhne und der Streit mit dem Vater das Herz brechen muͤſſe: dann löſete Wuth und Groll. — ſich in einen ſtilen, aber deſto ſchwereren Kummer auf. Ging er dann gar zu der ſelbſt ſo unausſprechlich leidenden Mutter⸗ und ſah in ihre rothgeweinten und ihn doch mit unendlicher Liebe anblickenden Au⸗ gen, und fand Troſtesworte in ihren Ar⸗ men: o, wie hätte er dann ihren Bit⸗ ten widerſtehen können, durch Entfernung und Rache nicht ganz ihr Daſein elend zu machen! — Er blieb. Selbſt den Vater konnte er bald wieder mit anderen als widerwärtigen Empfindungen anblicken; fand er doch in der Guͤte, womit ihn dieſer behanelte, Liebe und Reue, und auf je⸗ den Fall einigen Erſatz fuͤr die zugefugte Härte. Still leidend trug er ſeinen ſchwe⸗ ren Schmerz. Riemanden klagte er ihn; ſelbſt mit der Mutter ſprach er nichts von der Geliebten, die ihm noch immer die unausſprechlich Geliebte war, deren Schwaͤr⸗ merei ihn nur mit Schmerz, aber keinem — 174 — unangenehmen Gefühle erfüllen konnte. Doch je ſtiller er trug, deſto ſchwerer, toͤdtender druͤckte ihn der Schmerz, und nur zu ſehr plich er bald mit ſeinem bleichen Geſichte, mit ſeiner gebeugten Figur, dem wahren Bilde des Grams⸗ So waren mehrere Monate dahinge⸗ gangen, als der Fürſt ihm die Reiſe zum Fürſten Brauthal vorſchlug. Alexis nahm ſie an, nicht mit Freuden, nicht mit Wi⸗ derwillen; ihm war alles gleichguͤltig ge⸗ worden, nur der Tod nicht, den er ſich nur als einen freundlichen Engel eines beſſeren Lebens dachte. Von dem Plane des Vaters hatte er nicht die geringſte Ahnung. Der Umſtand, daß er die Braut ſeines verſtoßenen Bruders ſehen ſolle, fiel ihm kaum ein. Rur als er vor der Prinzeſſin Karoline Kand, dieſer hohen und doch jetzt ſo ſehr ge⸗ beugten Geſtalt, und in ihr leidendes Auge blickte, da kam er ſich beinahe wie ein Ver⸗ brecher vor, der dieſem leidenden Weſen ih⸗ ren Himmel geraubt habe. Denn, trotz ſei⸗ ner Unſchuld, war er nicht auf den Platz des Vertriebenen getreten? und mußte Karoline, unbekannt mit ſeinem Widerſtreben, ihn nicht fuͤr einen Theilnehmer des Vaters, vielleicht gar fuͤr einen Aufhetzer halten? Mit hef⸗ tigem Schmerz durchzuckte ihn dieſer Ge⸗ danke, obgleich eben er es auch wieder war, der ſeinen Gefuͤhlen und ſeinem Betragen gegen die Leidende einen Zuſatz von außer⸗ ordentlicher Weichheit und Milde gab. Bald fuͤhlte er ſich ſogar zu ihr hingezogen, als wenn er bei ihr, die ja auch um einen ver⸗ lorenen Geliebten trauerte, Troſt und Linde⸗ rung ſeiner Schmerzen finden muſſe. Auch die Prinzeſſin wich ihm nicht aus, kam ihm vielmehr offenbar mit herzlicher Theilnahme entgegen; denn nicht fuͤr einen Rauber ihres — 176 — Himmels hielt ſie ihn, ſondern wohl war ſie mit dem Schickfale und Leiden des Unglück⸗ lichen bekannt. Dieſe gegenſeitige Annäherung und Ueber⸗ einſtimmung der Beiden that den beiden Fuͤr⸗ ſten wohl; berechtigte zumal den Fürſten Pa⸗ chenburg zu den freudigſten Hoffnungen. Mit Wohlgefallen ſah er die Zuneigung des Paares, und bauete die Erfüllung ſeiner ſehnlichſten Wuͤnſche darauf. In der That mußte auch Jeder, der die an Zartlichkeit grenzende Aufmerkſamkeit und Freundſchaft der Beiden ſah, bald auf dasjenige Verhält⸗ niß ſchließen, in welches der Regel nach alle Verbindungen und Freundſchaften zweier Perſonen verſchiedenen Geſchlechts ſich auf⸗ löſen. Wohl konnte der Fuͤrſt Hachenburg daher ausrufen: Nur der feſte Wille gilt! — Er macht alles Widerſtteben ohnmaͤchtig! — — 177 — Rur noch Einen Umſtand wollte er abwar⸗ ten, um dann die Verbindung durch Oef⸗ fentlichkeit zu befeſtigen: die endliche Re⸗ gulirung ſeiner ſtandesherrlichen Angele⸗ genheiten. Und auch dieſe erſchien bald, als wenn das Schickſal auf einmal mu⸗ de geworden ſei, ihn mit ſeinen Schlä⸗ gen zu verfolgen. Er war noch nicht lange bei dem Fuͤrſten Brauthal geweſen, als ſein getreuer Rath ihm aus der gie⸗ ſidenz die Urkunde brachte, vermoͤge de⸗ ren ihm nicht nur alle Ehrenrechte ſeines neuen Standes garantirt, ſondern ihm auch eine äußerſt bedeutende jährliche Rente als Entſchädigung fuͤr die verlorenen Sou⸗ veränetaͤts ⸗ Rechte, halb in Domaͤnen und halb in Anweiſungen auf Staats⸗ kaſſen, zugeſichert war, deren Vetrag für die Vergangenheit ihm ſofort ausbezahlt werden ſollte. —————— — 178 — Der Juͤrſt frohlockte laut bei dieſer Rachricht. Auf der Stelle fertigte er da⸗ mit einen Boten an ſeine Gemahlin ab, und zum erſtenmale ſeit langer Zeit durch⸗ zog eine freudige Empfindung das Herz der guten Dame. Dann beſprach er mit dem Fürſten Brauthal die Verbindung ih⸗ rer Kinder. An ſeinem Geburtstage ſollte ſie bekannt gemacht werden. An eine Wei⸗ gerung der jungen Leute dachte man nicht. Rur, um nicht zu friſche Wunden aufzu⸗ reißen, ſetzte man die Verlobung noch bis zu dem gehannten Tage hinaus. So ſtand der Fürſt am Zielpunkte ſeiner Wünſche und Beſtrebungen. Ein neues, friſches Leben ging in ihm und um ihn auf. Auch den alten Glanz des Hau⸗ ſes ſuchte er wieder um ſich her zu ver⸗ breiten. Eine Schaar Diener wurde an⸗ genommen und als er bald nachher Aleris bewog, ſelbſt zu ſeinem Regimente zu rei⸗ * — 179 — ſen, um dort ſeinen Abſchied einzuholen und ſich von ſeinen Kameraden zu beur⸗ lauben, reiſete er nach Schloß Hachenburg zuruͤck, um dieß mit allem Glanz und Prunk auszuſtatten, die nur je in fruͤhe⸗ ren Zeiten dort geherrſcht hatten. Am Vorabende ſeines Geburtstages ſollten der Jürſt Brauthal und Prinzeſſin Karoline von Brauthal aus, und der Prinz Alexis von ſeinem Regimente her, ohne von einan⸗ der zu wiſſen, in Hachenburg eintreffen. Wenn der Menſch auf dem Gipfel ſei⸗ ner Wuͤnſche und Beſtrebungen ſteht, dann ſteht er ganz nahe an dem Rande eines furchtbaren Abgrundes; denn das Leben iſt falſch und betruͤglich, und nur das Göͤtt⸗ liche iſt wahrhaft. Und wer nur nach je⸗ nem ſtrebt, der ſtrebt falſch; wer aber nach dem Ewigen ſich ſehnt, der kann nimmer verderben. — — 180 — Der Prinz Aleris fuhr nicht zu ſeinem Regimente. Als er allein in ſeinem Wagen ſaß, gingen die Tage ſeiner Liebe in voller Lebendigkeit in ihm auf. Wenige Mon⸗ den waren erſt vergangen, ſeit er von dem Gipfel des ſtrahlendſten Gluͤcks in den Ab⸗ grund des Jammers war geworfen worden. Hortenſien, dieß Leben ſeines Lebens, in ſei⸗ nen Armen gehalten, wo ihr Kopf an ſei⸗ ner Bruſt geruhet, ihr Auge nur in dem ſeinigen gelebt hatte. Jetzt ſaß er allein, nur namenloſen Schmerz in der Bruſt. Wo mag ſie jetzt weilen! rief er aus; und das dunkle Kloſter mit ſeinen ſchwarzen Mau⸗ ern, ſeinen engen Zellen, ſeiner kalten Kirche trat vor ihn. Lange traͤumte er davon, dann rief er laut: Hin zu ihr! und der Wagen flog nach Straßburg. Noch einmal ſie ſehen, rief er wiederholt; und dann ſterben! — O, ſo kurz war die Zeit verflogen, wo er — — 181 — Tauſend Erinnerungen der Liebe und Freude wurden ihm auf dem Wege zu Sta⸗ cheln des Schmerzes. Hier hatte er traulich mit ihr gefruͤhſtuͤckt, dort hatte er mit ihr unter Einem Dache geruhet, und uͤberall, uͤberall hatte ſie liebend und geliebt in ſei⸗ nen Armen gelegen. Sein Herz war zer⸗ riſſen, als er uͤber die Rheinbruͤcke fuhr, als er in Straßburg ankam. Bald hoͤrte er hier von einer Novize der Annunziaten, die eines ſchweren Ver⸗ brechens halber ſchon ſeit Monden öffentlich Kirchenbuße thue, die aber am folgenden Tage wieder in den Schooß des Kloſters, als eine mit dem Himmel Verſoͤhnte, auf⸗ genommen werden ſolle. Richt genug konnte man ihre Schoͤnheit, ihre Leiden, ihre Reue beſchreiben; wie ruͤhrend ſie ausgeſehen, wenn ſie jeden Morgen in dem ſchwarzen Buͤßer⸗ gewande an dem Eingange des Chors geſtan⸗ ſtanden und gebetet und geweint habe. — Mit furchtbarer Gewißheit ſagte dem Prinzen ſein Herz, die Buͤßerin ſei Hor⸗ tenſie. Und ſo war es. Sie ward nicht gleich als Novize wieder aufgenommen. Durch ihre eigenmaͤchtige Flucht war ſie eine Ver⸗ brecherin geworden, die vorher durch ſtrenge Büßungen den Himmel und das Kloſter ver⸗ ſöhnen mußte, ehe ſie von beiden wieder auf⸗ genommen werden konnte. Hortenſie ſelbſt hatte in ihrer Schwaͤrmerei darauf beſtanden, und keine Qual war ihr zu hart, und kein Schmerz zu ſchwer geworden. Der Prinz eilte noch den Abend ſeiner Ankunft zum Kloſter; allein Kloſter und Kirche waren verſchloſſen. Undurchdringlich waren ihm die ſtarrenden Mauern. Lange legte er ſein Geſicht an die alte Kirchthuͤre, und wohl glaubte er drinnen Toͤne des Jam⸗ mers zu vernehmen, die ſein Herz zerſchnit⸗ ten. Troſtlos kehrte er in ſeinen Gaſthof — 183 — Aber, noch einmal ſie ſehen, wie⸗ derholte er, und dann ſterben! Früh am anderen Morgen war die fei⸗ erliche Handlung der Wiederaufnahme. Das Gelaute des Kloſterglockleins ladete mit ſchau⸗ rigem, eintönigem Klange dazu ein. Auch der Prinz ging hin. Hoch pochte ſein Herz; ſein Geſicht war bleicher, blutleerer als je⸗ Er draͤngte ſich durch die Haufen, die die Kirche ſchon eingenommen hatten, bis an das Chor vor. Faſt grauenvoll war er an⸗ zuſchauen, die hohe Geſtalt mit dem bleichen, erſtorbenen Geſichte, in der fremden, mit Orden behangenen Uniform. Mit einer Art Scheu machten die ihm zunächſt Stehenden ihm Platz. Trotz des Gedraͤnges herrſchte Todten⸗ ſtille in der Kirche; kein Laut, kein Gemur⸗ mel ließ ſich hoͤren. Auf dem Chor war noch alles leer. Nach einer Weile erſchienen 68 — — die Nonnen, in ihrer verhullenden ſchwarzen und weißen Tracht, an ihrer Spitze die Aeb⸗ tiſſin, eine hohe Frau mit ſtrengen Geſſchts⸗ zugen; die Uebrigen paarweiſe, alle langſam, gemeſſenen Schrittes, Geſicht und Augen niedergeſchlagen, ohne Laut. Hortenſie war nicht unter ihnen. Sie nahmen die Sitze zu beiden Seiten des Chors ein, und bete⸗ ten halb leiſe in ihrer ergreifenden, eintöni⸗ gen Manier die Fruͤhmette. Dann erſchien der Beichtvater des Klo⸗ ſters, ſtellte ſich mit ſeinem Diener vor den Hochaltar und begann die Meſſe zu leſen. Alles war wieder ſtill geworden in dem Tempel; auch die Ronnen beteten nur ſtill für ſich; das Gebet des Prieſters und die halb laut geſprochenen Antworten des Die⸗ ners waren die einzigen Laute, die man in dem gefuͤllten Gebaude vernahm. — 185 — Da kam langſam, faſt geſpenſterartig ſchwebend eine wankende Geſtalt aus einer Rebenthur hervor, und warf ſich an der unterſten Seitenſtufe des Hochaltars auf die Knie. Ganz ſchwarz war ihr Gewand, deſto weißer ihre bleichen, abgehaͤrmten Züge. Nur Ein Geſicht war in der Kirche, das der Bläſſe des ihrigen gleichkam, das ge⸗ hoͤrte dem ungluͤcklichen Alexis, der, ganz nahe vor ihr ſtehend, ſeine Hortenſte, ſeine Geliebte erkannte. Sie legte ihr Antlitz an die Stufen des Hochaltars und kuͤßte den Boden, dann ſah ſie ſtill und ſtarr vor ſich hin, ohne irgend einen Ausdruck. Es war, als wenn ſie noch nicht wage zu be⸗ ten, oder die Augen zum Himmel zu er⸗ heben. Nur nach und nach rannen einzelne Thraͤnen uber ihre hohlen, farbloſen Wangen. Bei ihrem Erſcheinen war in der Kirche eine Vewegung entſtanden, die ſich jedoch — 186 — bald wieder legte⸗ Rur in die Bruſt des Prinzen kehrte keine Ruhe zuruͤck. Seine Glieder bebten, ſein Puls ſchlug matt, aber dennoch ſchlug ſein Herz hoͤrbar; es war, als ob hier ſich alles Blut, alles Leben zuſammengedraͤngt habe. Rach einer angſtvollen halben Stunde war die Meſſe zu Ende. Die Nonnen et⸗ poben ſich von ihren Sitzen; die Aebtiſſin, begleitet von den zwei älteſten Schweſtern, trat vor die Mitte des Hochaltars; der Prie⸗ ſter wandte ſich zu ihnen herum. Hortenſie lag ſtill auf ihren Knieen, ihre Thraͤnen floſſen haͤufiger. Erwartungsvoll hielt die Menge den Athem an. Da rief die Aebtiſſin mit lauter Stim⸗ me: Hortenſie von Hydemont, erhebe dich, um den Segen des Himmels zu empfangen⸗ um wieder aufgenommen zu werden in un⸗ . 5 — —— — 187 — ſere Mitte, deren du dich unwuͤrdig gemacht hatteſt! — Die unglückliche erhob ſich, ſichtbar zitternd ſchwankte ſie zu der Aebtiſſin, und warf ſich vor ihr nieder in die Knie. Die Aebtiſſin trat mit ihren Begleiterinnen zu⸗ ruͤck, der Geiſtliche nahm ihren Platz ein⸗ Hortenſie, ſprach er, zu der Buͤßerin ſich wendend, du haſt durch Faſten und Beten und Kaſteien dich wieder wuͤrdig bewieſen, einer heiligen Gemeinſchaft anzugehoͤren, die du ſchwer beleidigt hatteſt. So ſei denn wieder die Unſrige, damit du fürder wan⸗ deln mogeſt auf dem Wege, der allein voll Luſt und Freude zum Himmel fuͤhret. Ich weihe dich von Neuem ein zu unſerer Ge⸗ ſelſchaft. — Er tauchte die Hand in den Weihkeſſel, den der Chorknabe ihm vorhielt, und be⸗ ſprengte die Knieende mit dem heiligen Waſ⸗ — 188 — ſer. Dann trat er zuruͤck, und die Aebtiſſin näherte ſich wieder, beugte ſich nieder zu der Wiederverſoͤhnten, druͤckte einen Kuß auf ihre Stirne, und ſprach: Ich heiße dich willkommen, von Neuem unſere Schwe⸗ ſter! Gehe im Ramen des zu den uͤbrigen Novizen. Und als jetzt die Aebtiſſin und die bei⸗ den Ronnen zu ihren Plaͤtzen zuruͤckkehrten und der Prieſter an den Altar, und hier mit lauter Stimme anſtimmte: Hert Gott dich loben wir! und als alle Nonnen und die ganze Verſammlung laut und hell ein⸗ fielen: da legte noch einmal Hortenſte ihr Antlitz auf die kalten ſteinernen Stufen des Hochaltars, an denen ſie ſo oft in ſtren⸗ ger Buße gelegen hatte, und erhob ſich * dänn langſam, um zu dem lange verlaſſe⸗ nen Platze der Novizen zurückzukehren. Aber wie ſie ſich erhob, war ihre Kraft gebro⸗ chen; denn ihr Auge traf in den ſterben⸗ — 189 — den Blick des Geliebten, der ſtarr kaum fuͤnf Schritte vor ihr ſtand. Sie ſah eine Sekunde lang ohne Bewegung auf ihn, wie auf eine furchtbare Erſcheinung; dann er⸗ hob ſie den Fuß, um ſich weiter zu bewe⸗ gen; aber erſchoͤpft ſank ſie zuſammen, ſchwankte, taumelte, und gewaltſam ſchlug das zarte Haupt ahf den harten Stein. Mit Entſetzen flogen die Nonnen herbei, eine Laienſchweſter hob ſie auf, richtete ſie in die Hoͤhe. Und ſiehe, das bleiche Geſicht Hortenſiens war roth und blühend geworden, und ihr Auge glänzend. Wun⸗ der! wollte die Schweſter rufen; da zit⸗ terte ein leiſes Huͤſteln über die zarten Lip⸗ pen des Maͤdchens, purpurn ſchoß ein Strom Blut hinterher, und ohne Leben entſank der Koͤrper den Armen der Laienſchweſter. Sie ſtirbt! rief dieſe, und der Lobge⸗ ſang verſtummte, und von Neuem draͤng⸗ ten ſich die Nonnen herbei, um Hulfe zu — 190 — leiſten. Aber ſie konnten nur jammern⸗ Hortenſtens Wachen und Gebete in der kal⸗ ten Kirche, ihre ſtrengen Faſten, die Gei⸗ ßelungen, denen ſie ſich ohne Mitleid mit ſich ſelbſt unterzogen, und dann die man⸗ nigfachen Gefuͤhle und Leidenſchaften, die, namentlich am heutigen Morgen, ihr Herz beſtuͤrmt, hatten den zarten Keim ihres Le⸗ bens gebrochen. Lange ſchon hatte ihre Bruſt unter heftigen Schmerzen gelitten, die häu⸗ figen Erſchätterungen wieſen dem Blute den langſt geſuchten Weg. Starrer Schrecken ergriff die Menge; ſtiller Schmerz die Nonnen. Langſam leg⸗ ten ſie die Verblichene auf die Steine des Chors, leiſe trat die Aebtiſſin herzu, und druͤckte das noch im Tode lächelnde Auge zuz dann ſagte ſie mit ſanfter Stimme: Laßt uns beten, daß ſie ruhen möge im Frie⸗ den. Und Alle warfen ſie ſich auf die Kniee und beteten ſtill und inbrünſtig und lange. — 191 — Da that ſich leiſe, kaum hoͤrbar, die niedrige Thuͤr auf, die von der Kirche auf den Chor fuͤhrt, und langſam ſchritt durch dieſelbe die hohe Geſtalt des fremden Offi⸗ ziers, den man ſchon lange mit Theilnahme betrachtet hatte. Bebend ſchritt er vor, ſtarr die Augen auf die Leiche gerichtet. Reben dieſer knieete er nieder, ohne Laut und ohne Bewegung ſie lange betrachtend. Dann beug⸗ te er ſich uͤber ſie, druͤckte einen Kuß auf die weiße Stirn, erhob ſich langſam und ging mit feſten Schritten aus dem Chor, aus der Kirche. Riemand hatte ihn ge⸗ ſtoͤrt, Niemand ihm Einhalt zu thun ge⸗ wagt. Zwiſchen den Nonnen ſtand er auf einmal, ohne daß ſie ihn hatten nahen ſehen, und der Schrecken lähmte ſie, als ſie den hohen Mann mit dem bleichen Ge⸗ ſichte und in der beſternten Uniform ne⸗ ben der Leiche erblickten. — 192 — Als der Prinz Alexis von Hachenburg in ſeinen Gaſthof zurücktehrte, hatte nacht⸗ liches Dunkel ſeinen Geiſt umzogen. — Herrlich ging der zweite Mai auf, der Geburtstag des Fuͤrſten von Hachenburg. Mild und freundlich ſchien aus dem kla⸗ ren Himmel die Sonne auf das Schloß; Woblgerüche verbteiteten Stauden, Bäume und Blumen; in froͤhlichen Melodien ſan⸗ gen Gaͤrten und Boskette. In bunter Ge⸗ ſchäftigkeit eilten Bedienten und Kammer⸗ zofen uͤber den lebendigen Schloßhof, durch Korridors und Gemacher, hier Befehle em⸗ pfangend, dort ſie weiter gebend, oder aus⸗ richtend. — Der Fürſt hatte ſich früh erhoben. Seine Gemahlin war noch nicht auf, auch — — 193 — ſeine Gaͤſte, der Fuͤrſt Brauthal und Prin⸗ zeſſin Karoline, ſchliefen noch. Er verließ ſein Kabinet und ging in das Drangerie⸗ gaͤrtchen hinter dem Schloſſe, um im Dufte der fremden Gewaͤchſe den ſchoͤnen Morgen doppelt zu genießen. Dann ging er auf ſein Zimmer zuruͤck, und freuete ſich untetwegs uͤber den Reichthum, der uͤberall ihn anlachte. Er legte ſich in ſein Fenſter und ſah wohl⸗ gefaͤllig in den belebten Schloßhof hinab, in die Geſchäftigkeit und das Getreibe der Be⸗ dienten. Da ſiel ihm der Kontraſt ein ge⸗ gen das Lorige Jahr, wie da an dieſem Tage alles ſtill und todt und öde hier geweſen war. Rein Bedienter bewegte ſich damals, wo jetzt huͤbſche, wohlgenährte Burſche und ſchäkernde, freundliche Mädchen herumſpran⸗ gen; die Remiſen ſtanden leer, durch deren Gitter jetzt glänzende Chaiſen und Droſchken ſchimmerten; in den weiten, geräumigen Ställen war es todt, in denen jetzt ſtolze, 13 — — feurige Roſſe laut wieherten und das toͤ⸗ nende Pflaſter ſtampften. Alles hatte ſich in dem Einen Jahre verändert; Leben und Pracht waren erbluͤhet, wo damals Armuth und Elend ſchlichen. Ueber alles ließ der Furſt ſeine Blicke mit Wohlgefallen ſchweifen. Ha, ſagte er zufrieden, wo tauſend Andere verzweifelt wä⸗ ren, da hatte ich einen Willen und blieb Sieger! Hinderniſſe giebt es nur dem, der keine Kraft hat, ſo wie nur dem Gefahren ſind, dem der Muth mangelt! — Sein Blick ſchweifte weiter, in die Zukunft hin⸗ aus, und wurde immer heller und zufrie⸗ dener. Der Glanz ſeines Hauſes war fuͤr Jahrhunderte geſichert, die Verbindung mit dem Hauſe Brauthal ſchien ihn ir immer befeſtigen zu wollen. Aber da draͤngte ſich zwiſchen ſeine fro⸗ hen Gedanken auch das Bild Lothars, des —— — verlornen Sohns, von dem er ſeit der Ver⸗ ſtoßung nichts gehoͤrt hatte. Ha, tcoller Bube! rief er, und fuhr doch finſter zuruͤck; du wollteſt es anders. — Er legte ſinnend den Kopf in die hohle Hand; dann fuhr er auf, ging ſchweigend umher, und ſagte nach einer Weile: Alexis iſt Erſatz; koͤn⸗ nen ſeine Rachfommen nicht eben ſo gut bluͤhen? — Mit Gewalt verdrängte er den Einen truͤben Gedanken durch frohere. Von Reuem bluͤhet mein Haus! rief er laut, als wenn er die laute Stimme ſeines Gewiſſens über⸗ ſchreien wolle; von Neuem bluͤhet mein Haus; die glaͤnzendſte Verbindung hebt es hoͤher, als es ſtand! Da trat die Fuͤrſtin ein, nicht ſtolz und froh wie er; leiſe, mit verweinten Augen ſchlich ſie näͤher, ihre Gluͤckwunſche darzu⸗ bringen. Nur wenige Worte verſtattete ihr 13 * — 196 — der Schmerz ihrer Bruſt, indem ſie dem Gemahle ſein Porträt uͤberreichte, ein herr⸗ liches, koſtbares Stuͤck, das ſie von einem beruͤhmten Meiſter hatte malen laſſen. Der Fuͤrſt ſchloß ſie, angenehm uͤber⸗ raſcht, in ſeine Arme. Antonie, rief er, meine Worte ſind in Erfuͤllung gegangen⸗ Als du vor einem Jahre mich mit einem zarten Roͤschen beſchenkteſt, da fragte ich dich: ob wir den harten Winter, deſſen Froſt uns damals erſtarrt hielt, nicht ſoll⸗ ten uͤberwinden koͤnnen, wie die ſchwache Blume? Wir haben ihn jetzt uberwunden, Antonie! Haben wir, mein Gemahl? rief die Fuͤrſtin, von der ſchmerzlichſten Erinnerung ergriffen, und unfahig, den Lauf der bit⸗ teren Thränen zu hemmen. Haben wir? O moͤge der Himmel es geben! —— Dieſelbe Erinnerung an den verſtoßenen Sohn ergriff eben ſo unwillkuͤhrlich den Fär⸗ ſten. Aber er gab ihr nicht nach. Anto⸗ nie, ſagte er finſter, verbittere mir einen ſchoͤnen Tag meines dunkelen Lebens nicht durch unnutze Thränen! Die edle Dame ſchwieg, ſich mit An⸗ ſtrengung faſſend. Keine Spur des Schmer⸗ zes war mehr in ihrem Angeſichte zu finden, als jetzt der Juͤrſt Brauthal mit ſeiner Tochter eintrat, um ebenfalls ihre Gluͤck⸗ wuͤnſche und eben ſo ſinnige, als reiche Geſchenke darzubringen. Der Fuͤrſt dankte Allen herzlich, und ſchloß faſt mit Ruͤhrung die baldige Schwie⸗ gertochter in ſeine Arme. Wo mag Aleris nur bleiben? ſagte er dann, fragend ſich umſehend. Er wollte ſchon geſtern ein⸗ treffen. — — 198 — Da entſtand verworrenes Getuͤmmel un⸗ ten auf dem Schloßhofe. Pferde kamen herangeſprengt, Hunde bellten, Menſchen riefen, Waffen klirrten. Was iſt das? riefen die Damen erſchrocken. Doch der Fuͤrſt erwiderte ruhig und be⸗ ruhigend: Meine Jaͤger werden zuruͤckgekehrt ſein. Ich habe ſie gegen die Wilddiebe ge⸗ ſandt, die mit unerhoͤrter Frechheit meinen Wildſtand verſtoͤren. Man beruhigte ſich. Aber auf einmal vernahm man zwiſchen den lauten Stimmen draußen einen durchdringenden Angſtruf, und plotzlich wurden Stimmen und Geräuſch ſtumm und todt. Voll Angſt trat die Fuͤrſtin an das Fenſter, eine unerklaͤrliche finſtere Ahnung zog den Füͤrſten ihr nach. Allmaͤchtiger Gott! rief die JFuͤrſtin er⸗ bleichend, und wies auf eine Leiche, die — 199 — draußen auf einer Tragbahre lag, und die alle Bedienten mit blaſſen, aͤngſtlichen Ge⸗ ſichtern anſtarrten; der alte greiſe Kammer⸗ diener des Fuͤrſten ſtand mit gefalteten Haͤn⸗ den zu ihrem Haupte. Arnold! rief der Fuͤrſt zum Fenſter hin⸗ aus, wie vor einem Jahre, aber nicht zornig, ſondern gepeinigt von der furchterlichſten Angſt⸗ der er keinen Grund und keinen Gegenſtand geben konnte. Arnold! rief er laut, und wie entſetzt fuhr auf den Ruf die Diener⸗ ſchaft auseinander; der Gerufene aber ſchrak zuſammen, hob den jammervollen Blick zum Himmel empor und ſchwankte in das Schloß hinein. — Zitternd trat er nach einer Weile in das Kabinet; ſeine alten Augen waren naß; 3 ſeine Zuge von Schrecken entſtellt. Was iſt da unten? fragte der Fuͤrſt. Sind meine Jaͤger wohlbehalten zuruͤck? — — —— 20 — Ja, gnädigſter Herr! erwiberte der Alte leiſe. Was ſtandet Ihr denn da, fuhr der Fürſt fort, und gafftet? Erzähle Er. Der Diener ſchwieg; es war, als wenn ſeine Zunge gelähmt waͤre. Ich befehle! rief der Fuͤrſt ſtrenge. Da ermannte ſich der Greis. Seine Geſichtsfarbe bekam Leben, ſeine Augen glaͤnz⸗ ten, ſeine Geſtalt richtete ſich empor. Er war ein ganz Anderer geworden, und wie das rächende Schickſal ſtand er vor dem Fuͤr⸗ ſten, den⸗ſeine Angſt immer mehr nieder⸗ beugte. Ew. Durchlaucht Jaͤger, hob er an, ſind wohlbehalten zurückgekehrt. Sie haben die Wälder von den Wilddieben geſäubert; die meiſten haben, zum Theil verwundet, die Flucht ergriffen. Rur Einer von ihnen iſt geblieben. Mit Frechheit, mit Spott und — — — † — 201 — Hohn und unglaublicher Tollkuͤhnheit hat er ſich uberall ihnen entgegengeſtellt. Mir ge⸗ hoͤrt der Wald! hat er geſchrieen; Ihr Fuͤr⸗ ſtenknechte ſollt mich nicht vertreiben! Sie haben ihn niedergeſchoſſen, um ſich zu weh⸗ ren. Seinen Leichnam haben ſie hergebracht⸗ Er liegt unten. Der FJuͤrſt holte freier Athem. Gut! ſagte er, ſchafft die Leiche fort, und gafft nicht weiter; ich liebe das nicht. Gehe Er ſchnell. — Doch der alte Diener blieb ſtehen, au⸗ genſcheinlich mit ſich ſelbſt kämpfend. Er kann gehen! wiederholte der Fuͤrſt. Da hob ſich der Greis noch einmal em⸗ por. Es muß heraus! ſagte er entſchloſſen. Einmal werden Sie es doch erfahren, was geſchehen mußte. Ich bin ein alter Mann, gnaͤdigſter Herr, dem Tode verfallen Ich 20 kann Ihnen ſagen, was Niemand gewagt hat, und was mir das Herz abdruͤcken wollte. Sie haben unrecht an dem Erbprinzen ge⸗ handelt. Schweig, alter Thor! fuhr ihn der Juͤrſt an, zitternd vor Wuth. Aber der Alte fuhr ruhig fort: Heute vor einem Jahre ſtand er hier, noch friſch und bluͤhend hier, gerade hier, und nun liegt er da unten — Mit einem lauten Schrei fiel die Für⸗ ſtin zu Boden. Der Fürſt druͤckte krampf⸗ haft des Bedienten Hand. Wie? ſchrie er heftig. Ja! fuhr der Alte fort, der Erſchoſſene iſt Ew. Durchlaucht Sohn. Die neuen Jä⸗ ger haben ihn nicht erkannt. Mein Lothar! ſchrie die Juͤrſtin, daß es Allen das Herz durchſchnitt. — — — 206 Karoline und der Fuͤrſt Brauthal ſpran⸗ gen der Ohnmächtigen zu Huͤlfe, ſelbſt von Schreck faſt erſtarrt. Der Bediente verließ das Zimmer. Eine Minute lang hielt ſich der Fuͤrſt Hachenburg aufrecht, gegen die Gewalt des tödtendſten Schmerzes ankäͤmpfend. Aber er erlag und ſank erſchoͤpft auf einen Stuhl, und ſaß lange unbeweglich mit glanzloſen Augen vor ſich hinſtarrend. Es gelang Karolinen, die Fürſtin in's Leben zuruͤckzurufen; aber ſie erwachte nur zu den ſchrecklichſten Qualen. O, mein Lothar! rief ſie jammernd, und ſchmerzvoll die Haͤnde ringend. O, mein Sohn, mein Sohn! mein armes, armes Kind! Erſt ver⸗ ſtoßen von Vater- und Mutterherzen, und dann gemordet, gemordet auf Befehl des eignen, unnatuͤrlichen Vaters! — 204 — Da erwachte auch der Fuͤrſt aus feiner Betäubung. Weib! ſchrie er in raſendem Weib, du machſt mich wahn⸗ ſinnig! Doch das Mutterherz mußte klagen, lange genug hatte ſie es der Duldſamkeit der Gat⸗ tin aufgeopfert. O, fuhr ſie fort, was hilft uns nun Glanz und Reichthum? Mit Gram und Leid müſſen wir doch unſere Herzen in die Grube legen! O, wohl mußte es ſo kom⸗ men! Koͤnnen Trotz und Suͤnde gute Fruͤchte bringen? — Der Furſt hatte ſich gefaßt. Anfonie! ſprach er mit milderer Stimme, vor ſie tre⸗ tend; dein Schmerz iſt gerecht; aber werde Herrin uͤber ihn. Bleibt uns nicht der zweite Sohn? Steht Aleris deinem Herzen nicht auch nahe? Sie ſchwieg, ihr Geſicht verhuͤllend⸗ Trotz? ſagte der Fuͤrſt dann, mit großen — ein ſchwarzes Siegel bemerkte. — 205 — Schritten im Zimmer auf und niedergehend, Trotz und Suͤnde? Er war trotzig, ich, ich — 1 Die ſtolze Flamme ſeines Auges leuchtete wieder; nur auf Augenblicke hatte der Schmetz ſie unterdruͤcken können. Er war mein Sohn nicht mehr! fuhr er fort. Er war ein Unwuͤrdiger! Nichts haben wir verloren; nichts, ſo lange Alexis lebt! Er ſah ſtolz um ſich. Da oͤffnete ſich die Thuͤr, und der greiſe Diener trat wieder herein, ſtill und gebeugt, und uͤberreichte dem Juͤrſten einen Brief, den ein Eilbote ge⸗ bracht hatte. Ungluͤcksrabe! ſagte der 5 Er erbrach es, er las, und ſtand ſtarr, eine Bildſaͤule. Mit wenigen Worten wurde ihm von der Behoͤrde zu Straßburg der Tod ſeines Sohnes Alexis gemeldet, der im Pa⸗ 4 „ — 206 — rorysmus des heftigſten Fiebers verſchieden war. Da war der Stolz des Fuͤrſten gebro⸗ chen. Entkraͤftet warf er ſich neben die Fuͤr⸗ ſtin, und umfing ſie mit zitternden Armen. Zum erſten Male füllten ſich ſeine Augen mtt Thraͤnen. Antonie! ſagte er leiſe, ich 8 erkenne es, der Himmel iſt gerecht! Laß uns 8 beten, daß er gnädig ſein möge! —