Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur duard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothe r Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag en Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Quution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. * 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr — 1 W d 2 W P „ 7 „ „ 5 3 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Foſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Vücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſett werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dirſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Roman J. D. H. Temme. Vierter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. — — ————— . Auf Schloß Werdenburg herrſchten Verwirrung und Entzweiung. Die Gräfin Ferdinande war in der Frühe mit ihren Gäſten eingetroffen. Sie hatte ſie untergebracht. Wie die Herrſchaft im Schloſſe noch ſchlief, ſo hatte auch die Comteſſe nur dafür Sorge getragen, daß ihre Gäſte die Ruhe fanden, deren ſie alle ſo ſehr bedurften, und ſie hatte ſich ſelbſt zur Ruhe begeben. Das Wei⸗ tere werde ſich dann ſpäter finden, dachte ſie. Sie hatte eine eigenthümliche Stellung im Schloſſe. Sie war eine Herrin darin für ſich; ſie ging ihren ei⸗ genen Weg; wer etwas von ihr wollte, mußte zu ihr kommen. Sie wollte von Niemand etwas, oder was Temme, Die Erbgrafen. IV. S 1 ſie wollte, befahl ſie. So kümmerte ſie ſich auch um ihre Aeltern nicht, wenn es ihr nicht gerade gefiel. Als ſie nach ihrer Rückkehr von der Schwalenburg ſich ausgeruht hatte, gefiel es ihr nur, zu ihrer Mutter zu gehen. „Unterthänigen guten Morgen, Mutter!“ „Guten Morgen, Ferdinande. nnn biſt Du zurück⸗ gekehrt?“ „Heute in der Frühe. Schwalenburg mitgebrach Wen?“ Zuerſt Annettens Kind mit ſeiner Wärterin. Sie ſind für die Tante Schleighein. Sie iſt doch noch hier?“ „Sie iſt noch hier, aber ſie wird nichts von dem Kinde wiſſen wollen.“ „So gehen Kind und Wärterin mich an. Zweitens iſt Euchen Treue mit mir gekommen. Sie geht mich an und Sie, gnädige Mutter. Sie lieben ſie und Sie dürfen ſie lieben. Wir hatten ihr Unrecht gethan. Ich bat es ihr ſchon ab. Wereen auch Sie es?“ „Ich liebe ſie“, erwiderte die Gräfin. „Und ich wollte, ſie dürfte auch noch einen Dritten Gäſte von der angehen, ihn zu allernächſt. Ich liebe ſie wie eine Schweſter. Aber es geht nicht; es geht trotz alledem nicht.“ 3 Die regierende Gräfin ſchwieg. Comteſſe Ferdinande fuhr fort: „Drittens, Mutter, habe ich Ihnen eine Freundin mitgebracht.“ Die Gräfin ſah verwundert auf. „Mir, Ferdinande?“ „Die würdige Mutter aus dem Annunciatenkloſter zu Waldenbrück. Die wnnen ſind geſtern aus dem Kloſter vertrieben worden. Die würdige Mutter hatte ein vor⸗ läufiges Unterkommen auf der Schwalenburg gefunden. Sie konnte dort nicht bleibe Ich nahm ſie mit hier⸗ her. Darf ich ſie zu Ihnen führen? Sie wird Ihre Freundin werden, Mutter. Sie iſt eine vortreffliche, edle Dame, und ein eigeithümliches Ereigniß bürgt zugleich für ihre edle Geburt. Sie wiſſen, ich halte darauf. Sie ſehen mich an, Mutter? Sie denken an Eychen Treue, die ich meine Freundin, meine Schweſter nannte, obwohl ſie die Schreiberstochter iſt?“ Die regierende Gräfin hatte in tiefem Sinnen ge⸗ ſeſſen und darin vielleicht unwillkürlich ihre Tochter angeſehen. „Nein, Ferdinande“ ſagte ſie, „aran dachte ich nicht. Meine Gedanken beſchäftigten ſich mit der wür⸗ digen Mutter. Welch eine vortreffliche Frau ſie iſt, weiß ich von Eychen, die ſie als eine mütterliche Freundin 1* verehrt. Ich mußte aber auch an ſonderbare Umſtände denken, die mit ihrer Ankunft in dem Kloſter zu Walden⸗ brück verbunden geweſen waren und an die ch dann ſeltſame Gerüchte geknüpft hatten.“ Comteſſe Ferdinande war aufmerf'e eeugierig geworden. „Können Sie mir iſe und Gerüchte mit⸗ theilen, Mutter?“ „Ich erinnere nich ſelht leider nur noch dunkel. Die würdige Mutter war ſchon lange, bevor ich Gräfin Werdenburg war, in d. 1Kloſter angekommen. Man ſprach davon, ſie ſei mitten in der Nacht, auf geheim⸗ nißvolle Weiſe, in einer vornehmen Kutſche, begleitet von einem vornehmen Herrn, in das Kloſter gebracht worden. Sie ſei damals ein blutjunges Kind von fünfzehn oder ſechzehn Jahren geweſen und bildſchön. Das ſind die Thatſachen, ſoweit ich mich ihrer erinnere. Die Gerüchte, die ſich daran knüpften, wollten wiſſen, ihr Begleiter ſei der Miniſter oder Kammerherr eines regierenden Fürſten geweſen, ſie ſelbſt die Tochter des Fürſten, der aus irgend einem politiſchen Grunde das arme Kind in dem frühen Alter auf jene ge⸗ heimnißvolle Weiſe, in der Abſicht, daß die Welt nie etwas von ihr erfahre, in dem Kloſter habe begraben laſſen.“ 5 Auch die Comteſſe Ferdinande war in tiefes Sinnen velfunken „Wiſſen Sie die Zeit, Mutter, wann ſie in das Kl. m?“ fragte ſie. „Wenn , recht beſinne, ſo muß es vor etwa vierzig Jahren geweſen ſein.“ „Mutter!“ fuhr die Comiſe auf. „Was iſt Dir, Ferdinan „Mutter, ſeit wann ſind Franz verſchwunden?“ „Was bringt Dich auf die Frage?“ „Beantworte ſie mir“, drängte die Comteſſe, wie ſie wenige Stunden vorher den alten Diener Konrad gedrängt hatte. Sie ſagte Du zu der Mutter. Sie vergaß in ihrer Aufregung die Etikette. „Seit dem Frühjahre 1761“ antwortete die Gräfin. „Mutter, Mutter —“ Die Comteſſe Ferdinande mußte ſich ſammeln, be⸗ vor ſie weiter ſprechen konnte. „Ich ſagte Dir nicht, Mutter, wer die Nonne auf der Schwalenburg untergebracht hatte.“ „Ich denke, Leopold, durch Evchen's Vermittelung. 2 „Nein! Ein Fremder, der ſeit vorgeſtern ſich in der Gegend aufhält, ein Malteſerritter, ein hoher Greis; ſen Leopold und 6 und, Mutter, die Handſchrift dieſes Fremden gleicht der meines Vaters.“ „Ferdinande!“ fuhr auch die regierende Gräfin auf. „Sahſt Du den Fremden?“ fragte ſie dann. „Nein.“ „Sprachſt Du mit der würdigen Mutter von ihm?“ „Sie hatte von ihm keine Ahnung.“ „Erzählteſt Du ihr von den verſchwundenen Erb⸗ grafen?“ 5 „Ich hatte zu wenig Anhalt dazu. Selbſt nach der Auskunft, die ich jetzt von Dir erhalten habe, möchte . ich es nicht.“ „Du haſt Recht, Ferdinande. Aber was weiter?“ „Nachforſchen und bis dahin ſchweigen.“ 5 „Wie könnteſt Du nachforſchen?“ „Ich werde es finden. Darf ich die würdige Mutter zu Dir führen?“ „Ich bin geſpannt auf ſie. Aber“ beſann ſich die Gräfin dann, „führe mich zu ihr. Sie iſt Gaſt in 1 meinem Hauſe, ſie iſt eine alte Frau, eine geiſtliche 3 Frau.“ 8 „So iſt es, Mutter, und Du vergibſt Dir nichts.“ Die Comteſſe führte die regierende Gräfin zu dem Zimmer der würdigen Mutter. eebeeen⸗ 1 * 7 „Meine Mutter, würdige Frau!“ ſagte ſie einfach. Sie ließ die beiden alten Damen allein. Sie kehrte zu ihrem Zimmer zurück. Neben dieſem war nach ihrer Beſtimmung das Evchen's. Sie ging zu dem Kinde. Sie fand ſie reiſefertig. „Wohin?“ fragte ſie. „Ich war bei dem Kinde“, antwortete Evchen. „Es hat hier der Pflege vollauf. Ich wollte nach Seehauſen zurückkehren.“ „Du wirſt hier bleiben, Eychen“, bat die Comteſſe mehr, als ſie befahl. „Laſſen Sie mich, Comteſſe Ferdinande!“ „Bleibe noch eine Stunde. Ich meine, es müſſe ſich unterdeß hier was ereignen, wobei ich auch Dich haben möchte.“ Evychen blieb. „Und nun?“ fragte ſich die Comteſſe. Sie klingelte ihrer Kammerfrau. „Hat Niemand meinen Oheim geſehen?“ „Der Herr Graf Kurt promenirt im Garten.“ „Gehen wir in den Garten, Evchen.“ Sie gingen in den Garten. Die Gartenanlagen bildeten einen Theil des großen Parks, der das Schloß umgab; ſie befanden ſich zu⸗ nächſt am Schloſſe. Der Graf Kurt war nicht darin. „Gehen wir weiter in den Park.“ Sie gingen weiter in den Park. Die Comteſſe ſchien dringend ihren Oheim ſprechen zu müſſen. Wo ſollte ſie ihn in dem weitläufigen Parke finden, deſſen Umfang vielleicht über eine Quadratmeile betrug? Sie wußte es. Nicht weit von der Gartenpartie, nach der Seeſeite hin, befand ſich ein kleiner runder, von hundertjährigen hohen Eichen und von Gebüſch umgeben erheimlicher Ra⸗ ſenplatz. Nur auf einer Seite zeigte das dichte Gebüſch eine Lichtung nach dem See hin, und man ſah durch ſie den See und an deſſen anderem Ufer das Vorwerk Seehauſen und über dieſes im Hintergrunde den weißen Pfarrthurm und den grauen Franciscanerthurm der Stadt Waldenbrück hervorragen. Es war der Spielplatz der gräflichen Kinder, vielleicht ſchon ſeit Hunderten von Jahren. Die Comteſſe Ferdinande hatte als Kind dort geſpielt, noch mit ihrem Bruder, dem Erbgrafen Leopold. Vor den Beiden hatten ihre Oheime dort als Knaben ihren Hauptſpielplatz gehabt; ob auch ihre Tante Schleigheim, wußte der Onkel Kurt nicht. ——, ————— 9 Deſto mehr erzählte der kleine freundliche Greis mit dem Geſichte und dem Verſtande eines Kindes von ſechs Jahren, wie er und die beiden verſchwundenen Erbgrafen, weniger der ernſte Graf Eberhard — das Wort pedantiſch kannte der kleine Herr nicht — als Kinder ſich dort herumgetrieben, wie die beiden Erb⸗ grafen immer ſo fröhlich, faſt wild und ausgelaſſen, aber gegen ihn immer ſo freundlich und zuvorkommend geweſen. In der Mitte des Platzes ſtand ein kleiner Tempel, roh von rohem Holze zuſammengeflochten und gezimmert; an der Seite waren in gleicher Weiſe Ruhe⸗ bänke errichtet. Der Graf Kurt wußte, wie die beiden Erbgrafen die Baumeiſter geweſen, und er erzählte mit Stolz, wie er ihnen dabei geholfen habe. Und wie der Graf Kurt ein Kind geblieben war, ſo war auch der Spielplatz ſeiner Kindheit noch heute ſein Lieblingsaufenthalt. „Dort werden wir ihn finden“, ſagte die Comteſſe Ferdinande zu Evchen. Sie gingen dahin. Schon auf der Mitte des Weges kam ihnen der kleine Graf entgegen. Er war ſehr eilig, er lief faſt; ſein Geſicht war ſchneeweiß; er warf es mehrmals zur Seite, als wenn er hinter ſich blicken wolle; er hatte nicht den Muth dazu. 10 „Was hat der Onkel?“ Da ſah er die beiden Damen. Er ging langſamer; ſein Geſichtchen erhielt wieder Farbe. Er war nicht mehr allein, er hatte ſeinen kleinen Muth wieder, vielmehr ſeine große Furcht verloren. Er wagte ſich umzuſehen. Er ſah freilich nichts. „Was hatteſt Du geſehen, Onkel Kurt?“ „Ein Geſpenſt, Ferdinande, ein leibhaftes Geſpenſt. Es bewegte ſich.“ „Und wie ſah dieſes Geſpenſt aus?“ „Es war groß und weiß und ſchwarz.“ „Und wo war es?“ „Auf dem Spielplatze. Es war ganz allein da, und es wurde mir ſo grauſig.“ „Und was that es?“ „Es ſaß auf der Bank, weißt Du, auf der man den See ſieht, und Seehauſen und die Thürme der Stadt. Ich habe ſie gezimmert, die Bank, ich mit den beiden Erbgrafen. Und da ſaß er und ſchaute nach dem See hin, zuerſt ganz ſtarr und unbeweglich, dann wandte er das Geſicht zur Seite, nach mir hin, und ſie waren es, Ferdinande; ſie waren es, Du kannſt es mir glau⸗ ben, Ferdinande.“ „Wer war es, Onkel Kurt?“ „Nun, ſie, die beiden Erbgrafen, meine Brüder.“ „Du hatteſt ja nur einen geſehen, Onkel Kurt.“ „Ja, ja, aber man konnte ja nie unterſcheiden, wer der Graf Leopold und wer der Graf Franz war, und einer von beiden war es.“ „Sah er Dich, Onkel?“ „Nein. Ich ſtand anfangs ſtarr wie er. Dann bekam ich einen großen Schreck. Ich lief davon, und ich meinte, er ſei hinter mir her. Aber als Ihr kamt, ſah ich ihn nicht mehr.“ „Er war alſo noch da, als Du fortgingſt?“ „Er ſaß noch auf der Bank.“ „Gehen wir zu ihm, Onkel.“ „Ich ſoll zu ihm zurückkehren?“ „Mit uns.“ „Für Alles in der Welt nicht; da müßt Ihr allein gehen.“ „Vorher eine Frage, Onkel Kurt. Bei wem haſt Du ſchreiben gelernt?“ „Wir hatten einen Schreibmeiſter auf dem Schloſſe.“ „Wer waren die wir?“ „Nun, wir ſämmtliche Geſchwiſter, ich und Dein Vater, die beiden verſchwundenen Erbgrafen und auch die Schweſter Schleigheim.“ „Ihr alle hattet denſelben Lehrer?“ „Ja, ja, Ferdinande, und unſer aller Handſchriften 12 waren einander ſehr ähnlich. Der Schreibmeiſter ſagte uns das oft. Nur ich ſchriebe ſchlechter als die An⸗ dern, meinte er.“ „Du willſt uns alſo nicht zu dem Spielplatze be⸗ gleiten, Onkel?“ „Nein, nein!“ Er wollte zum Schloſſe eilen. Es fiel ihm noch etwas ein. „Ferdinande, was iſt heute Nacht auf der burg vorgefallen?“ „Warum fragſt Du, Onkel Kurt?“ „Dein Vater iſt wieder ſehr böſe auf Leopold, auf Dich auch. Er hat den Juſtizdirector rufen laſſen. Sie ſitzen ſchon lange beiſammen.“ „So, ſo!“ ſagte die Comteſſe. „Auf der Schwalen⸗ burg ſind die Preußen, Onkel. Sie werden auch hier⸗ her kommen.“ „O, o, Ferdinande, ſolange wir noch hier ſind und Recht gilt, werden ſie nicht kommen.“ „Du ſprichſt wie ein Weiſer, Onkel Kurt. Aber willſt Du uns nicht zu Deinem Geſpenſte begleiten?“ „Nein, nein“ rief der kleine Graf noch einmal. Er lief ſchon dem Schloſſe zu. „Gehen wir allein, Eychen.“ Die Beiden gingen allein weiter. 13 „Gehen wir leiſe, Eychen, damit er ſich nicht zu früh entfernt, wenn er uns hört.“ Evchen mußte doch eine Frage ausſprechen. „Errathe ich Ihre Ahnung, Comteſſe Ferdinande?“ „Sprich, Kind.“ „Sie glauben, einer der verſchwundenen Erbgrafen ſei plötzlich zurückgekehrt?“ „Der Malteſerritter ſei es?“ „Ja, mein Kind. Und welche Welt von Ereigniſſen müßte ſich aufthun, wenn ich Recht hätte! Und daß ich Recht habe, ſpricht nicht auch Dein Errathen meiner Gedanken dafür? Was hat ihn zurückgeführt, nach den vielen, langen Jahren, nach faſt einem halben Jahrhundert? Warum war er ſo lange verſchwunden? Warum kehrt er allein zurück, ohne den Andern, der mit ihm verſchwunden war? Was iſt aus dem Zwillingsbruder geworden? Sie hatten ſich geliebt, die Beiden, als wenn ſie ein Herz und eine Seele wären. O, mein Kind, ich kann Dir nicht ſagen, wie mir das Herz ſchlägt und bebt!“ Noch ein Anderes war der Gräfin in den Sinn gekommen. Darüber ſchien ſie mit dem Kinde nicht ſprechen zu wollen. „Was hat er mit der würdigen Mutter? Er hatte vorgeſtern gleich bei ſeiner Ankunft ſich nach ihr er⸗ kundigt. Er war es, der ihr die Zuflucht auf der Schwalenburg anbot; auf ſeinem Eigenthum! Wohl in ſeinem Wagen kam ſie dahin. Vielleicht iſt er jetzt ihr hierher gefolgt.“ „Was werden Sie thun, Comteſſe Ferdinande, wenn er noch hier iſt?“ fragte Evchen ſie. „Ich weiß es nicht.“ Sie waren nur noch wenige Schritte von dem Spiel⸗ platze entfernt. Die alten Eichen, die ihn umgaben, ſtreckten dicht vor ihnen die mächtigen Aeſte empor, die noch grau und kahl waren, während das kleine Gebüſch rund umher in dem Grün ſeiner Blätter und vielfach ſchon in den bunten Farben ſeiner Blüten prangte. Die Comteſſe betrachtete die hohen, kahlen, grauen Könige der Wälder. „Sie ſtehen ſeit Hunderten von Jahren, wie kräftig, wie ſtark, wie feſt ragen ſie zum Himmel em⸗ por! Und länger, faſt tauſend Jahre länger blüht unſer edles Geſchlecht hier. Und es wird blühen und ſich erhalten wie dieſe Eichen. Es wird ſie überdauern. Einer der beiden Erbgrafen iſt zurückgekehrt. Der alte Fluch iſt gelöſt. — Ah, Evochen!“ fuhr ſie auf einmal zuſammen. 15 Evchen erſchrak über den Ausruf, über die Heftig⸗ keit ihrer Begleiterin. „Alter Samen!“ fuhr die Gräfin für ſich fort. „Alter Samen und friſches Reis! Evchen, Evchen, warum biſt Du nicht — aber was ſind die Andern denn beſſer als Du? Was ſind ſie edler, hochherziger, muthiger?“ Sie ſtanden am Rande des Gebüſches, das den runden Spielplatz umgab Sie hielten ihre Schritte an. Vor ihnen, rechts nach dem See hin, ſtand die Bank, von der aus man den See, Seehauſen, die Thürme der Stadt gewahrte. Ein Mann in ſchwarzer Kleidung mit weißem Haar ſaß darauf. Man ſah ſein Geſicht, das nach dem See hin ge⸗ richtet war. Er ſaß in tiefen Gedanken. „Der Ritter!“ flüſterte Evchen. „Die Züge unſerer Familie!“ ſagte die Comteſſe. „Und er iſt es! Er iſt einer der Verſchwundenen. Und ich will Dir auch ſagen, Eychen, welcher von den Beiden es iſt. Es iſt der Graf Franz.“ Eychen mußte ſie verwundert anſehen. „Ja, mein Kind. Seine Augen und ſein Herz ſind 16 bei Dir in Seehauſen, wo er geſtern bei Dir war, wo er in der Tochter die Mutter wieder aufſuchte. Der Graf Franz war es, den Deine Mutter liebte, der ſie mit ſeinem ganzen Herzen liebte. Komm, mein Kind, gehen wir zu ihm. Führe Du mich zu ihm.“ Sie gingen zu der Bank, auf der der Fremde ſaß. Es war der Ritter. Er hörte ſie kommen. Er erkannte Eychen. Man gewahrte in ſeinem Geſichte die Freude über das Wieder⸗ ſehen des Kindes. Er trat den beiden Damen entgegen, begrüßte ſie. „Sie hier, mein liebes Evchen?“ reichte er dem Kinde die Hand. „Ihre Erlaucht, Comteſſe Ferdinande von Werden⸗ burg!“ ſtellte Evchen ihre Begleiterin vor. Der Ritter blickte in das ſchöne Geſicht der Gräfin, das ſo voll Stolz und Unglück war. Er verbeugte ſich nochmals vor ihr. Die Gräfin antwortete ihm auf die Frage, die er an Evychen gerichtet hatte. „Eochen iſt Freundin im Schloſſe Werdenburg“, ſagte ſie. Der Ritter erwiderte: „Es freut mich für Eychen und für ihre Freundin.“ „Cychen hat hier mehrere Freundinnen“ verſetzte 17 ſchnell die Comteſſe; „außer meiner Mutter jetzt auch die würdigs Mutter des Annunciatenkloſters zu Walden⸗ brück.“ Der Ritter war überraſcht; er ſuchte es nicht zu verbergen. „Sie iſt hier?“ „Seit heute früh. Der Aufenthalt auf der Schwalen⸗ burg wurde ihr und uns durch das fremde Militär verleidet. So fuhren wir alle hierher.“ Der Ritter ſchwieg. Er war nachdenklich geworden. Die Comteſſe Ferdinande war eine entſchiedene und entſchloſſene Natur, die ſo gerade wie möglich auf ihr Ziel losgehen mußte. Einen Schritt ihm entgegen hatte ſie ſchon gethan durch die Erwähnung der wür⸗ digen Mutter. Sie hatte freilich nichts dadurch ge⸗ wonnen. Der Ritter ſchaute in ſeinem Nachdenken nach dem See, nach Seehauſen hinaus. „Sie kennen die Gegend?“ fragte ihn die Gräfin. Er blieb Wbefangen. „Ja“, antwortete er. „Auch dieſen Platz?“ fragte die Gräfin. „Ja“, antwortete er noch einmal offen, aber als wenn das kleine Wort in ſeinem Innern nachzittere. „Dieſen Tempel dort?“ fuhr die Seu fort. Temme, Die Erbgrafen. IV. 18 vielen Jahren.“ Der Gräfin zitterte diesmal die Stimme, daß ſie die Worte kaum hervorpreſſen konnte. Sie wollte die Augen zu ihm aufſchlagen; das vermochte ſie gar nicht. Auch der Ritter war bewegt. Er kämpfte mit ſich. „Sie kennen ihn?“ fragte die Comteſſe entſchloſſener. „Ihn und ſeine Erbauer?“ Die Augen waren ihr feucht geworden. Auch die des greiſen Ritters wurden es, und ſein Kampf war beendet. „Ja“ ſagte er. „Ja, meine theure Nichte —“ Er konnte doch nicht mehr ſprechen. Er nahm die Hand der Gräfin. Die Comteſſe Ferdinande küßte dieſe Hand und ſagte: „O, mein verehrter Oheim, welch ein ſchweres Un⸗ glück, welch eine Maſſe von Leiden muß Sie die langen Jahre von der Heimat, von den Ihrigen entfernt ge⸗ halten haben!“ „Ja, mein Kind —“ konnte er nur antworten, „Aber laß den alten Mann ſich ſammeln.“ Er ließ ſich wieder auf der Bank nieder, auf der er geſeſſen hatte. Er ſtützte das Haupt in beide Hände. Dem ſtarken Herzen der Gräfin Ferdinande thaten „Meine Oheime haben ihn gebaut, als Knaben, vor 19 doch Thränen noth, damit der ſchwere Druck von ihm weiche. Eychen mit ihrem weichen Herzen hatte ſchon lange weinen müſſen. Der Ritter konnte ſich wieder erheben. Hatte mich ſchon ein Anderer hier erkannt?“ fragte er. „Niemand“, antwortete die Gräfin. „Nur der Onkel Kurt hatte ein Geſpenſt geſehen.“ „Der Arme und doch Glückliche! Und wie erkannteſt Du mich, meine Nichte Ferdinande?“ Sie erzählte. Er hörte ſtill zu. Als ſie geendigt hatte, ſagte er: „Ihr werdet Alles von mir erfahren, nur nicht in dieſem Augenblicke. Und daran knüpfe ich eine Bitte an Euch beide: ich bleibe vorläufig ein Geheimniß hier, wie ich es war.“ „Noch eine Frage, Oheim“ ſagte die Gräfin. „Sind Sie der Erbgraf Franz oder der Erbgraf Leopold?“ „Franz!“ antwortete der Ritter. Der Name durchzuckte das Herz Evchen's. Den Erbgrafen Franz hatte ihre Mutter geliebt, ihre unglück⸗ liche Mutter. „Und Leopold?“ wagte die Comteſſe noch zu fragen. „Lebt auch er?“ 20 „Er lebt, und auch ihn werdet Ihr wiederſehen.“ Die Gräfin hatte doch noch eine Frage. Ihr fiel wohl ein, was ihr der Onkel Kurt erzählt hatte, daß ihr Vater ſehr böſe ſei auf ihren Bruder Leopold und auf ſie ſelbſt und daß er wieder mit dem Juſtizdirector conferire. Es ging ihr dabei Allerlei durch den Kopf. „Onkel Franz“, ſagte ſie, „darf ich meinen Vater auf das Wiedererſcheinen der verſchwundenen Erbgrafen vorbereiten? Nur durch eine Andeutung, daß man von ihnen gehört haben wolle?“ Der Ritter ſann einen Augenblick nach. „Thue es“, ſagte er dann. „Vielleicht führſt Du mich noch heute zu ihm, die beiden Brüder. Und noch zu Jemand führſt Du ſie. Lebt wohl jetzt. Da ich erkannt bin, drängt und eilt meine Zeit.“ Er verſchwand in dem Gebüſche. „Zu noch Jemand ſoll ich ihn führen?“ ſagte die Gräfin. „Wäre es die würdige Mutter? Und ſie beide ſollte ich zu ihr führen? Aber kehren wir in das Schloß zurück, Evchen. Ich muß mit meinem Vater ſprechen.“ Sie gingen zum Schloſſe zurück. Evychen ging in das Zimmer der würdigen Mutter. Die Gräfin Ferdinande begab ſich zu dem Arbeits⸗ kabinet des regierenden Grafen. heiee — S 21 „Erlaucht conferiren noch mit dem Herrn Juſtiz⸗ director“, ſagte der Kammerdiener im Vorzimmer. „Melde Er mich nur. Aber ich wünſche den Vater allein zu ſprechen.“ Der Kammerdiener begab ſich in das Arbeitskabinet des regierenden Herrn. In dem Arbeitskabinet ſaßen wieder der kleine, ſtramme, ehrliche, aber beſchränkte Graf Eberhard und ſein kluger Juſtizdirector; der Herr in ſeinem Seſſel, der „gräfliche Diener“ auf dem Stuhle unten an dem Arbeitstiſche. Der Graf hatte den Director früh zu ſich rufen laſſen, er hatte im Zorn ihn zu ſich entboten. Bald nach Tagesanbruch war die Gräfin Ferdinande mit ihren Gäſten im Schloſſe angekommen. Die Gräfin und ihre Gäſte hatten ſich bald zur Ruhe begeben, ohne mit den Schloßbewohnern vorher viel zu ſprechen. Die beiden Kutſcher von der Schwalenburg aber hatten er⸗ zählt, den Kutſchern und Knechten in den Ställen, dieſe den Mägden, die Mägde den Kammerfrauen und Kammer⸗ jungfern, die Zofen den Kammerdienern. Die Preußen auf der Schwälenburg! war dann das Einzige, wovon die ganze Dienerſchaft des Schloſſes ſprach, mit Entrüſtung, mit Schreck, mit Angſt. Der regierende Graf nahm, wie wir ſchon ſagten, —— — 22 die ihm von Gott anvertraute Regierung ſeines Landes ernſthaft, ſchwer, und er ſtand daher auch des Morgens früh auf, wenn die Andern, außer der niedern Diener⸗ ſchaft, noch in den Federn lagen, manchmal gar vor ſeinem Kammerdiener. So war er auch heute in der Frühe bei der Hand, und wie er es kaum war, wurde er auf eine um dieſe Zeit ungewöhnliche Unruhe unter ſeinen Fenſtern aufmerkſam. Er blickte hinaus und ſah, wie die Domeſtiken mit den Zeichen der Entrüſtung, des Schrecks und der Angſt auf dem Schloßhofe zuſammen⸗ ſtanden und zuſammenliefen, Der regierende Herr mußte wiſſen, was es gab, welche neue Regierungsſorge ſeiner harre. Er wollte ſeinem Kammerdiener klingeln. Da hörte er dieſen ſchon im Vorzimmer durch lautes Räuspern ſich bemerklich machen. Das war gegen den Reſpekt, aber dringende Regierungsſorgen gehen über den Re⸗ ſpekt. „Theodor!“ rief der regierende Herr. „Unterthänigſten guten Morgen, gnädigſte Erlaucht“, war Theodor ſchon in dem Kabinet des Grafen. „Was gibt es da draußen, Theodor?“ „Erlaucht, die Preußen ſind auf der Schwalen⸗ burg.“ Der Graf wurde dunkelroth vor Zorn. „Die Preußen? In meinem Lande?“ 23 Der Kammerdiener erzählte, was die Kutſcher von der Schwalenburg erzählt hatten. Der regierende Graf gerieth in einen unbeſchreib⸗ lichen Zorn. „Das ſind wieder die dummen Streiche Leopold's! Und ihm ſollte die Regierung dieſes Landes übertragen werden? Nimmermehr! Das Familiengericht hätte anders entſcheiden ſollen. Aber er wird jene häßliche Alte nicht zur Gemahlin nehmen, ich kenne ihn; und dann hat er dennoch die Regierung verwirkt. Bei Gott, ſo ſoll es ſein! Und dieſe Schleigheims! Der Bütow iſt entkommen, das iſt keine Frage. Ihn ſuchten ſie auf der Schwalenburg. Die elende Mesalliance muß mir die fremden Soldaten auf den Hals bringen! Und auch Ferdinande! Warum miſcht ſie ſich in fremde Angelegenheiten? Da bringt ſie jene Menſchen hierher ohne meine Erlaubniß, ohne mir nur Mittheilung zu machen. Durch die Domeſtiken muß ich es erfahren. Und ſie bringt dieſe Preußen auch hierher! Preußiſche Soldaten in meinem Schloſſe, als Herren! Als Herren, denen ich mich unterwerfen müßte! In meinem Lande, in meinem Hauſe, in meinen Zimmern! Wenn ſie auch hier viſitiren wollten! — Hole den Juſtizdirector!“ rief er. „Er ſoll auf der Stelle kommen! Auf der Stelle, hörſt Du?“ 24 Der Kammerdiener verließ das Zimmer. Der Juſtizdirector kam erſt nach einer halben Stunde. Die gräflichen Dikaſterien hatten zwar ihre Ge⸗ ſchäftslokale in dem weitläufigen Schloſſe Werdenburg, die Beamten aber wohnten in dem hinter dem Parke gelegenen, etwa zehn Minuten entfernten Städtchen, eigentlich Flecken Werdenburg. „Die Preußen ſind auf der Schwalenburg!“ rief der Graf dem Juſtizdirector entgegen. „Ich habe leider die Nachricht ſchon vernommen, Erlaucht.“ „Was machen wir? Rathen Sie, helfen Sie!“ Der Director zuckte die Achſeln. „Erlaucht, wir mögen machen, was wir wollen, helfen wird nichts.“ „Aber es iſt eine Gewaltthat, eine empörende Ge⸗ waltthat! Der König von Preußen iſt nichts mehr als ich.“ „Nur mit dem Unterſchiede, daß er eine Macht hat, die Eurer Erlaucht nicht zu Gebote ſteht.“ „Ja, Gewalt geht vor Recht. Ach, hätte ich auch eine Armee! Ja, ja, ich könnte — doch nein, ich mag den deutſchen Erbfeind nicht in das deutſche Land rufen. Und doch, hat nicht Preußen es zuerſt gethan? Aber nein, nein, nein!“ 25 „Erlaucht wollten ſich an Frankreich wenden?“ fragte der Juſtizdirector. Die Allianz des Kaiſers der Franzoſen nachſuchen!“ antwortete ſtolz der kleine, ſtramme Graf Eberhard von Werdenburg. „Aber mein deutſches Herz vermag es nicht!“ ſetzte er hinzu. Der kluge Juſtizdirector ſchwieg. Der Graf fuhr fort: „Aber Satisfaction will ich, muß ich haben. Offi⸗ ziere haben den Raubüberfall commandirt. Sie ſollen caſſirt werden, infam caſſirt! Ich werde es von dem Könige von Preußen fordern. Setzen Sie ſogleich ein Handſchreiben an den König auf. Ein Kurier ſoll damit auf der Stelle nach Berlin.“ Der Juſtizdirector blieb ruhig, rührte ſich nicht. „Nun?“ rief der Graf. „Erlaucht halten eine unterthänigſte Bemerkung zu Gnaden: wenn man etwas fordert, ſo muß man es durchſetzen können. Das preußiſche Militärregiment wird nie Offiziere caſſiren, die nach dortigen Begriffen nur ihre Schuldigkeit gethan, höchſtens in ihrem lobens⸗ werthen Dienſteifer eine leere Form verletzt haben. Sie werden im Gegentheil befördert werden, Orden erhalten.“ „Wohl“, rief der Graf, „ſo ſollen meine Gerichte 26 dieſe beförderten und mit Orden decorirten preußiſchen Offiziere nach den Geſetzen meines Landes zum Zucht⸗ hauſe condemniren. Dazu haben wir das Recht und die Macht. Wir haben Beides von Gottes Gnaden, und kein König der Erde ſoll es uns nehmen!“ Der Juſtizdirector mußte den braven, gläubigen kleinen Grafen aus dem letzten Bollwerke ſeines Rechts und ſeiner Ohnmacht vertreiben. „Ja, Erlaucht“, ſagte er, „Ihre Gerichte werden nach den Geſetzen Ihres Landes wegen des auf hie⸗ ſigem Gebiete verübten Frevels verurtheilen. Aber was wird die Folge ſein? Daß das Urtheil niemals vollzogen werden kann, davon gehen Euer Erlaucht ſelbſt aus. Es liegt alſo auf ihm ſchon von vorn⸗ herein ein gewiſſer Fluch oder Makel in der Oeffent⸗ lichkeit. Andererſeits würde Preußen nach und mit dem Rechte des Stärkern unzweifelhaft die Caſſirung und Widerrufung eines Urtheils fordern, durch welches Offiziere ſeiner Armee zu entehrender Strafe wegen einer Handlung verurtheilt ſind, welche ihr Kriegsherr zu belohnen ſich veranlaßt finden mußte. Mit welchen Mitteln man das fordern würde? Ich hatte noch geſtern die Gnade, Euer Erlaucht an einen Act erinz⸗ nern zu dürfen, der wahrſcheinlich noch heute oder ſpäteſtens morgen in unſerer nächſten Nähe ſich voll⸗ 1 3 * 3 27 ziehen wird, an die preußiſche Beſitznahme des Amtes Waldenbrück. Ich mußte dabei bemerken, wie die Graf⸗ ſchaft Werdenburg vortrefflich zur Arrondirung des preußiſchen Gebiets dienen würde, und wie Gründe namentlich in der Politik und Diplomatie leichter als Brombeeren ſeien. Unter den leerſten Vorwänden hat der Stärkere ſchon vor den Reunionskammern Ludwig's XV. ganze Länder gecaubt, und es wird auch ferner ge⸗ ſchehen. Und man wird zuletzt gar keinen Vorwand mehr zu Hülfe nehmen, ſondern entweder einfach ſagen: Ich will mich eben arrondiren und vergrößern, oder, was im Grunde daſſelbe iſt, man wird das Mäntelchen darum hängen: Ich bin von Gottes Gnaden da, mithin iſt Alles, was ich thue, von Gottes Gnaden.“ Der Graf Eberhard war nachdenklich geworden. „Im Grunde“ ſagte er, „läge darin kein unrichtiger Sinn. Der Regent, der einmal von Gottes Gnaden regiert, kann, wenn er ſeiner redlichen Ueberzeugung folgt, kein Unrecht thun. Er iſt nur Gott verantwort⸗ lich, und Gott hat ihm ſeine Ueberzeugung in ſein Inneres gepflanzt; er folgt daher immer nur einem Gebote Gottes.“ Der kluge Juſtizdirector erwiderte darauf nur: „Erlaucht werden demnach zugeben müſſen, daß das Princip des Gottesgnadenthums eine bedenkliche Sache iſt.“ 28 „Inwiefern?“ fragte der Graf. „Zum Beiſpiel gleich in dem Falle, von dem wir hier ausgehen: wenn zwei Souveräne von Gottes Gnaden mit einander in Conflict gerathen! Das Princip ſelbſt geriethe mit ſich in Streit.“ „O nein“, triumphirte der Graf. „Jeder der beiden Souveräne folgte eben nur ſeiner redlichen Ueberzeu⸗ gung, und wenn auch zuletzt die materielle Macht, die Gewalt ſiegte, die Macht, die Gewalt ſind uns ja auch von Gott verliehen. Und —“ Der Graf feierte in ſeinem Innern auf einmal einen zweiten Triumph. „Und, mein lieber Juſtizdirector, iſt mir auch von Gott nicht die Macht einer großen Armee verliehen, ſo hat er doch jene Gewalt der Gerichtsbarkeit in meine Hand gegeben, und indem er ſie mir gab, legte er die Pflicht mir auf, von ihr jeden Gebrauch zu machen, den ich nach meiner Ueberzeugung von ihr machen muß. Und das werde ich. Vielleicht lenkt zugleich Gott in ſeiner Gnade dadurch die Ueberzeugung meines Bruders, des Königs von Preußen, in eine andere Bahn.“ War der Juſtizdirector geſchlagen? Dem Gedankengange des Grafen folgen konnte er⸗ nicht mehr. Doch er mußte es noch einen Augenblick, um einem neuen Argumente den Eingang zu bereiten. 3 1 8 * 29 „Und wenn der König von Preußen ſeinen Sinn nicht änderte, ſondern Euer Erlaucht depoſſedirte?“ „Ich müßte nach dem Willen Gottes mich darein fügen“, ſagte der Graf. „Für Ihre Perſon, Erlaucht, und Ihr Recht. Aber Euer Erlaucht haben in Ihrer großen und hoch⸗ herzigen Gewiſſenhaftigkeit ſich ſtets nur als den Ver⸗ walter fremden Guts betrachtet.“ Der Graf ſtutzte, verſtummte. Der Juſtizdirector ließ den Gedanken, den er ange⸗ regt hatte, in dem Innern des gewiſſenhaften Herrn nachwirken. „Die verſchwundenen Erbgrafen!“ ſagte der Graf leiſe für ſich. „Wenn ich dazu beigetragen hätte, ihr Gut fremden Händen zu überliefern? Wenn ich dazu herausgefordert hätte?“ Der Kammerdiener des Grafen erſchien in der Portiere. „Was gibt's?“ fuhr der Graf auf, in ſeinen Ge⸗ danken geſtört. „Ihre Erlaucht, Comteſſe Ferdinande, bittet ein⸗ treten zu dürfen.“ „Ah!“ rief der Graf. Er hatte mit ihr noch ein Hühnchen zu pflücken, und er hing zähe an ſeinen Gedanken und ſchob das, 6 13 1 30 was er zu thun hatte, nicht gern auf. Aber durfte er die Vorwürfe, die er der Tochter und gerade dieſer Tochter zu machen hatte, in Gegenwart eines Dritten, gar eines Dieners vorbringen? „Die gnädige Comteſſe bittet, Euer Erlaucht allein ſprechen zu dürfen“, ſagte der Kammerdiener. „Laß die Comteſſe eintreten!“ befahl der Graf. Und zu dem Beamten, ſeinem Juſtizdiener, ſagte er: „Lieber Juſtizdirector, hätten Sie die Güte, einige Augenblicke im Vorzimmer zu verziehen?“ Der Juſtizdirector trat in das Vorzimmer ab. Die Comteſſe Ferdinande erſchien in dem Kabinet des Grafen. Der regierende Herr empfing ſie mit ſtrenger Miene. Strenge Worte ſollten folgen. Da ſah der Vater in das ſchöne Geſicht der Tochter, in dem das Unglück wohnte, und er mußte nach mildern Worten ſuchen. „Setze Dich, Ferdinande“ ſagte er unterdeß. Die Comteſſe ſetzte ſich nicht. „Lieber Vater“, ſagte ſie, „ich habe Dir nur eine ſehr kurze Mittheilung zu machen, die ich aber nicht glaubte aufſchieben zu dürfen, da ſie auf das Einfluß haben möchte, was Du mit dem Juſtizdirector verhan⸗ 31 delſt. Deine Brüder, die verſchwundenen Erbgrafen, ſind zurückgekehrt.“ Der ſtramme regierende Graf war auf einmal kreide⸗ weiß. Sein ganzer Körper zitterte; an ſeinen Händen flogen die weißen Spitzenmanſchetten. So war er in ſeinen Seſſel zurückgeſunken. u „Die Nachricht ergreift Dich, Vater“, ſagte die Comteſſe. Sie ſprach es halb mit ihrer Herbheit, nur halb. Kann ihn der Verluſt ſeines Gottesgnadenthums ſo niederwerfen? War das der Gedanke der Tochter, die ſtolz, aber nicht klein war? „Woher haſt Du Deine Nachricht?“ preßte der Graf hervor. „Von dem Onkel Franz ſelbſt. Er war hier. Er wird mit dem Onkel Leopold zurückkehren. Bis dahin wünſcht er, daß ihre Rückkehr für alle Andern ein Geheimniß bleibe.“ „Der Wunſch meines ältern Bruders iſt mir ein Befehl“, ſagte der Graf. Er ſprach es mit matter Stimme. Erheben konnte er ſich nicht. „Laß mich allein“ ſagte er dann noch. „Befiehlſt Du nicht, daß die Mutter zu Dir komme?“ „Nein, ich will allein ſein. Der Juſtizdirector mag gehen, bis ich ihn — ah, bis er wieder gerufen wird.“ Die matte Stimme konnte die Worte nur langſam und leiſe hervorbringen. Comteſſe Ferdinande ſtand einen Augenblick zögernd. Aber ſie kannte die kräftige Natur ihres Vaters. Er mußte ſich bald von dem Schlage erholen, der ihn getroffen hatte. Sie ließ ihn allein. ————— Zweites Kapitel. Das war im Jahre 1806 ein wunderlicher Char⸗ freitag für die Stadt Waldenbrück. Ein ſtiller Freitag war es nicht. Schon des Morgens früh um ſechs Uhr wurden vor dem Amthauſe, das am Ende des Städtchens lag, die Kanonen gelöſt. Eigentlich waren es nur Böller, die man wohl dazu für ausreichend gehalten hatte. Denn wenn auch der heutige Act der Beſitznahme von Stadt und Amt dadurch inaugurirt werden ſollte, ſo waren doch nur ein paar Quadratmeilen mit etwa zwölf⸗ bis fünfzehntauſend Seelen in Beſitz zu nehmen. Darum hatten die guten Einwohner des Städtchens, nach Analogie der Geburt einer Prinzeſſin oder eines Temme, Die Erbgrafen. IV. 3 — 34 Prinzen, auch wohl nur einundzwanzig, anſtatt ein⸗ hundert und einen Schuß zu zählen. Die meiſten Bewohner des Städtchens erwachten übrigens durch die Schüſſe aus dem Schlaf. Denn wenn auch der Charfreitag in katholiſchen Ländern kein Feiertag iſt, ſo dürfen an dem ſtillen Freitage doch nur geräuſchloſe Arbeiten im Innern der Häuſer ver⸗ richtet werden, und auch die nur des Vormittags; am Nachmittage litt und ſtarb der Herr. Schneider und Schuſter und Mägde waren ſchon wach und auf, als die erſten Schüſſe fielen. Sie liefen erſchrocken zuſammen und fragten ſich, was das Schießen bedeute. Ein Schneider wußte es: „Wir werden heute preußiſch!“ Da wußten ſie es alle. „Wir müſſen neue Steuern bezahlen!“ „Wir dürfen nicht mehr ſprechen!“ „Unſere Burſchen müſſen Soldaten werden!“ Sie liefen mit bleichen Geſichtern in die Häuſer zurück. Die Leute waren damals ſo. Ich ſchreibe aus der Erinnerung. Eine Stunde ſpäter wirbelten dann die Trommeln des zu der Beſitznahme eingerückten Bataillons durch die Straßen der Stadt. Die Geiſtlichkeit hatte auch zu feſtlichem Geläute die Glocken hergeben ſollen. Sie hatte ſie aber ver⸗ weigert, weil ſie nicht die Hand dazu bieten wolle, daß Bürger und Bauern gegen eine ſolche Entweihung des ſtillen Tags ihr Blut einſetzen würden. Um neun Uhr des Morgens ſodann hatte ſich der Geheimrath aus Berlin, als Beſitznahme⸗Commiſſarius, zu dem Amthauſe begeben, um den Act der Beſitz⸗ nahme zu vollziehen. Das ganze Bataillon mit Trom⸗ meln und Pfeifen folgte ihm. Auf dem Amthauſe waren die Behörden des Amts und der Stadt verſammelt. Der Geheimrath nahm ihnen in dem großen Amts⸗ ſaale den Eid der Treue und des Gehorſams gegen den neuen Landesherrn ab, trat dann, von ihnen ge⸗ folgt, auf die Freitreppe des Gebäudes und verlas mit lauter Stimme das Manifeſt über die Beſitznahme. Die Truppen auf dem Platze präſentirten das Gewehr. Ueber der Thür des Amthauſes wurde darauf der preußiſche Adler angeſchlagen. Ein politiſcher Schuſter ſagte: „Bei uns ruft der Kukuk nicht lange!“ Er wurde nicht arretirt, denn er hatte nicht laut gerufen. 3* 36 Sechs Monate ſpäter war die Schlacht von Jena, und in Stadt und Amt Waldenbrück ſah man keinen preußiſchen Adler mehr. Nachdem der Adler angeſchlagen war, verkündete der Commiſſarius mit lauter Stimme, daß das Land und Alles darin jetzt königlich ſei, die Behörden und Kaſſen und alles Andere. Worauf der politiſche Schuhmacher ſagte: „Und ich bin alſo jetzt ein königlicher Schuh⸗ macher.“ Um zwölf Uhr mittags war die Beſitznahme voll⸗ zogen und nun wurde es ſtill in der Stadt Walden⸗ brück. Tauſende von Menſchen zogen in die Stadt ein, ſtill, langſam, geſenkten Hauptes. Sie kamen, um an der Proceſſion Theil zu nehmen. Die Charfreitagsproceſſion in der Stadt Walden⸗ brück begann regelmäßig um ein Uhr mittags. Sie ging aus von der Kloſterkirche der Franciscaner. Die Kirche war, wie wir ſchon ſagten, durch einen hohen, verdeckten Bogengang mit dem Kloſter ver⸗ bunden. Die Charfreitagsproceſſion gehörte den Francis⸗ canern. Die Geiſtlichen der Stadt und der Umgegend betheiligten ſich daran, aber nur als Gäſte. 37 In dem Kloſter wurden die Vorbereitungen ſchon vom frühen Morgen an getroffen, in der großen Küche, in den weiten Kellern, in den engen Zellen. Am frühen Morgen zur Zeit der Mette war dabei noch große Noth im Kloſter geweſen. Die beiden Kreuz⸗ träger fehlten, Jeſus, Simon. Es war ein Ereigniß, das noch nie ſtattgefunden hatte; es war ein Unglück. Waren keine Sünder oder war keine Reue und kein Glaube mehr in der Welt? O, Sünder wohl noch genug! Zwei Mitglieder des Kloſters hätten das Kreuz tragen müſſen. Der Pater Vitalis hatte ſich freiwillig erboten, die Rolle des Herrn Jeſus zu übernehmen. Der Bruder Servatius jammerte, daß er den Simon machen müſſe. Auf einmal ſah man geheimnißvolle heitere Mienen, vernahm man, wenn zwei Mönche ſich begegneten, leiſes, zufriedenes, faſt fröhliches Flüſtern. Die beiden Kreuzträger mußten daſein, wenigſtens einer. Woher waren ſie oder er gekommen? Wer konnte es aus dem heimlichen Flüſtern errathen? Vielleicht wußten die Flüſternden ſelbſt es nicht. Der Pater Guardian mußte es unter allen Um⸗ ſtänden wiſſen. Er ſaß in ſeiner Zelle in ſeinem alten Lehnſtuhle; der Pater Vitalis war bei ihm. 38 Der junge Mönch mußte dem Vorſteher des Kloſters oft Geſellſchaft leiſten. Der Greis fand Gefallen an dem Geiſte, der Bildung, dem zwar eigenthümlichen, aber doch klaren Charakter des jungen Paters, Eigen⸗ ſchaften, die er während ſeines langen Aufenthalts im Kloſter vorher ſicher nicht gefunden hatte. Der Pater Vitalis war zu dem Pater Guardian mit einem Bericht eingetreten. „Es iſt Alles in Ordnung, Pater Guardian.“ „Sie haben auch Sorge dafür getragen, daß das Geheimniß bewahrt werde?“ „Ich habe jede mögliche Vorſichtsmaßregel getroffen“, erwiderte der Pater Vitalis. „Nur der Pater Lector iſt eingeweiht. Er iſt verſchwiegen wie das Grab. Er ſelbſt beſorgt Alles mit meiner Hülfe. Wir beide werden bis zum letzten Augenblick das Fernere leiten und ordnen. Kein Anderer im Kloſter hat nur eine Ahnung von dem, was ſich zugetragen hat, was ferner geſchehen wird.“ „Und was ſpricht man außerhalb des Kloſters?“ „Man iſt der ſichern Meinung, daß diesmal zwei Kloſterbrüder das Kreuz tragen müßten, wenn nicht etwa noch, wie durch ein Wunder, in der letzten Stunde ſich ein Erſatz finde.“ „Glaubt man wirklich daran?“ 39 „Das Volk glaubt gern an Wunder.“ Der Pater Guardian hatte keine Erwiderung auf eine Bemerkung, die in dem Munde und in den Ohren von Franciscanermönchen eine Ketzerei ſein konnte. Er ſprach zu dem jungen Pater etwas Anderes. „Ich bin beruhigt, lieber Pater Vitalis. Von der Bewahrung des Geheimniſſes hängt die Exiſtenz un⸗ ſeres Kloſters und, was ich höher anſchlage, ein Men⸗ ſchenleben ab.“ Auch das war in dem Franciscanerkloſter wohl eine ketzeriſche Aeußerung, und der junge Pater mußte den Greis darauf anſehen. Der Pater Guardian gewahrte es nicht. Er hatte etwas auf dem Herzen, eine Frage an den Pater Vitalis. Dem jungen Mönche war das Benehmen des Greiſes gegen ihn ſchon mehrfach am heutigen Tage aufgefallen. Es hatte etwas Gedrücktes darin gelegen. Aber er hatte jedesmal dringende Ge⸗ ſchäfte zu verhandeln gehabt; ſo hatte er ſeine Gedanken darüber nicht weiter verfolgen können. Jetzt fiel ihm ein, daß er ſeit der vorgeſtrigen Anweſenheit des Mal⸗ teſerritters im Kloſter den Pater Gugrdian nur heute in jenen Geſchäften wieder geſehen hatte. Und vor⸗ geſtern hatte der Anblick des Ritters jenen ſeltſamen Eindruck auf den Greis gemacht! 40 Der alte Pater mußte ſich ausſprechen. Aber er ſprach von etwas Anderem. „Hat man erfahren“, fragte er, „wo die würdige Mutter der Annunciaten eine Zuflucht gefunden hat?“ „Es heißt, bei der gräflichen Familie von Werden⸗ burg“, antwortete der Pater Vitalis. Den Greis ſchien die Antwort angenehm zu über⸗ raſchen. „Das freut mich. Die gräfliche Familie zeichnet ſich durch Frömmigkeit und Menſchenliebe aus. Die würdige Mutter iſt dort gut aufgehoben. Weiß man, welchem Umſtande ſie ihre dortige Aufnahme ver⸗ dankt?“ „Es iſt ein Räthſel. Man ſpricht von dem fremden Malteſerritter, der hier vorgeſtern ankam.“ Der Greis wurde unruhig. Der Pater Vitalis mußte wieder an die Begegnung des Guardians mit dem Ritter denken. „Es war derſelbe Fremde“, ſagte er, „dem ich das Kloſter zeigen mußte.“ „Fahren Sie fort, Pater Vitalis. Von welchem Räthſel ſpricht man?“ 3 „Man kann ſich nicht erklären, welche Be⸗ ziehungen des Fremden zu dem gräflichen Hauſe und 3 zu der würdigen Mutter ihn hätten veranlaſſen kön⸗ 41 nen, die Matrone ohne weiteres der Familie zuzu⸗ führen.“ „Sie ſprachen den Ritter?“ fragte der Greis. „Ich traf ihn im Kloſter. Er wünſchte es zu ſehen. Ich führte ihn umher.“ „In welcher Abſicht wünſchte er es zu ſehen?“ „Es ſchien mir faſt, als wenn auch er ſich hier, fern von der Welt, einen Ruheplatz für ſeine alten Tage ſuchen wolle.“ „Er war ſchon alt?“ „Er war ein Greis, aber der den man ſehen konnte.“ Der Pater Guardian fragte nicht weiter. Er ſtarrte in tiefem Sinnen vor ſich hin. „Es gibt Wunder, Pater Vitalis“, ſagte er dann. „Und wenn das Volk daran glaubt, ſo iſt die Stimme des Volkes auch hier die Stimme Gottes.“ Dann fragte er: „Iſt der Ritter noch hier, Pater Vitalis? Aber er muß noch hier ſein.“ „Er iſt noch hier.“ „Pater Vitalis, gehen Sie zu dem Fremden und bitten Sie ihn zu mir. Jetzt gleich. Ich laſſe ihn dringend bitten. Aber nein, ſagen Sie ihm das nicht. Es kann ſolcher Worte bei ihm nicht bedürfen. In 42 einer halben Stunde beginnt unſere Proceſſion, die Leidenszeit des Herrn. Dann werde ich mit ihm allein ſein, hier, wo — gehen Sie, gehen Sie, Pater Vitalis.“ Er war aufgeregt, der alte, fromme, hohe Greis, und doch war ſein ganzes Weſen wie von einer er⸗ habenen Feierlichkeit durchdrungen, gehoben. Der Pater Vitalis ging. Er hatte nur wenige Schritte bis zu dem Gaſthofe des Herrn Chriſtoph Vogelſang, in welchem der Jo⸗ hanniterritter wohnte. Der kurze Weg drohte dennoch ihm ein langer zu werden. Das Franciscanerkloſter war von Tauſenden von Menſchen umwogt. Alle Straßen, alle Plätze, ſoweit das Auge reichte, ſtanden gedrängt voll, Schulter an Schulter, Kopf an Kopf. Alle wollten Theil an der Proceſſion nehmen, die in einer halben Stunde begin⸗ nen ſollte, wollten, wenn mit der Schuljugend, mit den Mönchen der Herr Jeſus, das Kreuz auf der Schulter, gefolgt von Simon von Cyrene, aus der Kloſterkirche hervortrete, ſich anſchließen, den Leidenszug zu einem faſt endloſen machen. Durch das Gedränge ſollte der Pater ſich Bahn brechen. Die ſein Habit ſahen, wichen wohl ehrfurchts⸗ S K bet 43 voll zurück und ſuchten ihm Platz zu machen, aber wie Wenige ſahen ihn unter den Tauſenden! Er kam hindurch. Er erreichte den Vogelſang'ſchen Gaſthof. Und nun ereignete ſich etwas Seltſames, wovon die Leute in Waldenbrück noch heute ſprechen. In der Thür des Gaſthofs begegnete dem Pater der Johannitterritter von Wenge. Er trug ſeinen ſchwarzen Rock und darauf offen das weiße achtſpitzige Malteſerkreuz. Er war die einfache, hohe, durch ihre Einfachheit und Höhe Ehrfurcht gebietende Ritter⸗ geſtalt. Der Pater blieb vor ihm ſtehen. „Ich bin auf dem Wege zu Ihnen, hochwürdiger Hern „Und ich auf dem zu Ihrem Kloſter.“ „Ich wollte bitten, Sie hinführen zu dürfen.“ „Ich könnte mir keinen liebern Führer wünſchen. Gehen wir.“ Sie gingen nebeneinander zum Kloſter. Unter den Tauſenden von Menſchen entſtand ein Gemurmel, das ſich fortpflanzte, fortwälzte durch die ganze Stadt bis in die entlegenſten Gaſſen. „Der Herr Jeſus!“ „Er iſt da!“ 44 „Der Herr Jeſus iſt da! Der Herr Jeſus!“ „Ein ſchwerer Sünder!“ „Ein großer Verbrecher!“ „Ein Straßenräuber, ein Mordbrenner, ein Räuber⸗ hauptmann!“ „Und er geht offen hin, vor allen Leuten!“ „Das iſt ſeine große Reue!“ „Nein, das iſt Frechheit, Verſtocktheit, Trotz!“ „Wer iſt es? Kennt ihn Jemand?“ „Ein Fremder! Ein wildfremder Menſch! Niemand kennt ihn.“ „Ein großer, ſchöner Mann!“ „Mit ſchneeweißen Haaren!“ „Und wie vornehm er ausſieht!“ „Und ſeht das weiße Ordenskreuz auf ſeiner Bruſt!“ . „Das iſt ein vornehmer Herr, kein Straßenräuber!“ † „Das iſt ein fremder General!“ „Oder Miniſter!“ „Auch Generale können Straßenräuber ſein!“ „Und Miniſter nehmen das Geld, wo ſie es finden!“ Und die Menſchen wichen ehrerbietig oder ſcheu zurück, je nachdem ſie der einen oder der andern An⸗ ſicht über den fremden, unbekannten Herrn Jeſus waren. 45 Der Ritter und der Pater Vitalis gewannen freien Weg zum Kloſter. Dennoch ſollten ſie keinen freien Eintritt in die Mauern des Kloſters finden. Galopp von Pferden dröhnte auf den Steinen der Straße; Trompeten blieſen und ſchmetterten, als wenn ſie die Häuſer niederſchmettern wollten. Und es war ſo auf einmal da, mitten in der Stadt, mitten zwiſchen dem Volke. Sie hatten an den Herrn Jeſus gedacht und auf die Proceſſion geharrt; da hatte Keiner gehört und geſehen, wie eine Schwadron preußiſcher Dragoner lang⸗ ſam und ohne Geräuſch durch das Thor geritten kam, dann aber, in der Stadt, in den Straßen, unter den Leuten die Trompeten plötzlich blieſen, die Soldaten den Pferden die Sporen in die Rippen ſetzten und zwiſchen der auseinander ſtiebenden und fliegenden Menge und über die Fallenden und Stürzenden hinweg alle im Galopp dahinſauſten, in die Straßen hinein, zum Franciscanerkloſter, an dem ſie Halt machten. Die Kloſterpforte wurde beſetzt; dann ſprengte ein Com⸗ mando des Rittmeiſters die ganze Truppe auseinander nach allen Richtungen, zur Einſchließung des Kloſters und der Kirche, die durch den Bogengang mit dem Kloſter verbunden war. Aus beiden, aus Kirche und Kloſter, konnte Niemand mehr entkommen. In dem erſten Schreck war Jeder nur auf ſeine Rettung bedacht geweſen. Als ſie ſich gerettet ſahen, ſtanden alle im erſten Moment ſtarr vor Ueberraſchung, vor Erſtaunen. Dann wurde gefragt: „Was war das? Was iſt das? Was wollen die Preußen im Kloſter, in der Kirche?“ Den Fragen folgten Antworten. „Sie wollen das Kloſter aufheben, die Mönche ver⸗ jagen, wie ſie geſtern die Nonnen verjagten.“ „Nein, ſie wollen nur die Proceſſion verhindern.“ Dann wußte man Anderes. „Es iſt einer deſertirt, und ſie wollen ihn im Kloſter und in der Kirche ſuchen.“ „Wer ſoll es ſein?“ „Ein vornehmer Herr, ein Staatsverbrecher, der aus der Feſtung entkommen iſt. Er hat dort ſchon lange geſeſſen, war immer ſtreng bewacht geweſen. Es ſoll ein Miniſter oder General ſein.“ „Der alſo auch geraubt und das Geld genommen, wo er es fand.“ „Nein, nein, die kommen nicht auf die Feſtung. Es ſoll einer ſein, der dem König die Wahrheit ge⸗ ſagt hatte.“ „Der arme Menſch!“ „Wenn ſie ihn wiederbekommen!“ 47 „Das werden ſie. Sie werden alle Thüren beſetzen, keinen Menſchen herauslaſſen.“ „Aber die Proceſſion?“ „Sie werden ſich Jeden genau anſehen, der aus der Kirchthür tritt.“ „Aber der Herr Jeſus und Simon! Die ſind ver⸗ mummt und verkleidet.“ „Man wird ihnen die Vermummung abreißen.“ Ein Gemurmel des Unwillens, der Entrüſtung er⸗ hob ſich. „Das dulden wir nicht! Das laſſen wir nicht zu. Wir brauchen Gewalt dagegen. Ja, Gewalt, Ge⸗ walt!“ „Still, ſtill! Da ſchlägt es eins auf dem Thurm. Jetzt muß die Proceſſion kommen! Im Augenblick! Wird da nicht ſchon die Kirchthür geöffnet?“ Die Kirchthür wurde noch nicht geöffnet; es war die Kloſterpforte. Der Pater Vitalis und der Ritter hatten das Kloſter in demſelben Momente erreicht, in welchem die Schwadron Dragoner im Galopp unter dem Geſchmetter der Trompeten zu ihm heranſprengte. Die Dragoner waren die erſten an dem Eingange des Kloſters; der Mönch und der Ritter, als ſie durch das entſtandene Gedränge ſich Platz gemacht hatten, fanden die Pforte beſetzt. Ein Unteroffizier mit vier Mann hielt unmittelbar an der Thür. „Wohin?“ rief der Unteroffizier den Beiden zu. „Wir gehören ins Kloſter“ antwortete der Pater Vitalis. „Ins Kloſter kommt Niemand! Zurück!“ In der Straße hielt vor einer Abtheilung Dragoner ein Offizier. Es war der lange Lieutenant von Marnitz. Er ſaß voll Grimm und Wuth hoch auf ſeinem hohen Roſſe. Ihm, ihm zunächſt, ihm allein war der Verfolgte entſprungen, hatte das hinterliſtige Satansweib den gefangenen Mann entführt. Der Rittmeiſter von Bachow war ein verſoffener Menſch, der Graf Hochwald ein grüner, dummer Junge; die Beiden zu berücken, zu bethören, zu betrügen, war keine Kunſt. Aber auch er, der um ſo mehr hätte aufpaſſen, auf ſeiner Hut ſein ſollen, auch er hatte ſich betrügen laſſen, wie ein dummer Junge, war lächerlich für alle Zeit, mußte ſeinen Abſchied nehmen, wenn es ihm nicht gelang, den Entſprungenen in die Kaſematten zurück⸗ zuliefern. Er war der erſte in der Verfolgung geweſen. Er war überall, wo eine Spur ſich zeigte; er hatte nach 49 allen Seiten Kundſchafter ausgeſandt, um eine Spur zu finden. So war er auch vor Kloſter und Kirche der Fran⸗ ciscaner in Waldenbrück und er hielt beide beſetzt. Er ſah, wie der Unteroffizier dem Ritter und dem Mönche den Eingang in das Kloſter verweigerte. „Laßt die Kerls hinein!“ rief er dem Unteroffizier zu. „Heraus ſoll nichts, keine Kirchen⸗ und keine Kloſtermaus!“ Der Unteroffizier ließ den Mönch und den Ritter in das Kloſter treten. In demſelben Augenblicke öffnete ſich gegenüber von innen die große Thür der Kloſterkirche, um die Proceſſion durchzulaſſen. Alles Volk wogte und drängte zu der Thür. Der lange Offizier ſprengte mit ſeinem Zuge hin, durch die wogende und drängende Menge. „Zurück, Ihr Geſindel! Platz gemacht! Haut auf ſie ein, Dragoner!“ Durch die geöffnete Thür ertönte aus dem In⸗ nern der Kirche dumpf und feierlich der Paſſionsgeſang der Mönche: „Stabat mater dolorosa Juxta crucem, lacrimosa, Dum pendebat filius, Temme, Die Erbgrafen. IV. 4 — S 0 Cujus animam gementem, Contristatam et dolentem Pertransivit gladius. O quam tristis et afflicta Fuit illa benedicta Mater unigeniti! Quae moerebat et dolebat Et tremebat, cum videbat Nati poenas inclyti. Quis est homo, qui non fleret, Christi matrem si videret In tanto supplicio! Quis non posset contristari, Piam matrem contemplari Dolentem cum filio!“ Drittes Kapitel. Im Frühling des Jahres 1761 waren die beiden jungen Erbgrafen Leopold und Franz von Werdenburg in die Welt hinausgezogen, um ſie, dieſe Welt, kennen zu lernen. Nach der Abſicht ihres Vaters, des regierenden Grafen, ſollte die Kenntniß der Welt die Kenntniß der Höfe ſein, und er hatte ihnen ein Verzeichniß aller der Höfe, die ſie beſuchen ſollten, mit auf den Weg gegeben, ſowie der regierende Herr, da er ſelbſt keine Geſandten bei fremden Fürſten hielt, Sorge dafür ge⸗ tragen hatte, daß ſeinen beiden Söhnen überall, wohin ſie kamen, durch die Botſchafter und Geſandten Seiner kaiſerlichen Majeſtät von Deutſchland ein zuvorkommen⸗ der Empfang bereitet werde. Zunächſt ſollten ſie, nach 4* dem Beſuche der Verwandten, ſich an den Hof des damaligen Kurfürſten von Köln, Clemens Auguſt von Baiern, begeben, mit dem der regierende Graf in frühern Zeiten perſönlich in freundſchaftlicher Verbindung geſtanden hatte. Die beiden jungen Herren waren zwar gehorſam genug erzogen, um dem Willen ihres Vaters und Souveräns ſich zu unterwerfen, ſie hatten ſich aber auch Selbſtſtändigkeit genug angeeignet, um nebenbei zugleich ihrem eigenen Sinne zu folgen. Und dieſer Sinn war ein etwas romantiſcher und in ihrer Jugend alſo ein romantiſche Abenteuer aufſuchender. Der dicke Zopf, in den ſich damals Leben und Verkehr, Geſellſchaft und Wiſſenſchaft in Deutſchland feſt eingebunden hatten, machte gerade in jener Zeit Verſuche, wenn auch erſt ſchwache, ſich zu lockern und zu lüften; die Baumgarten ſche Philoſophie hatte dazu beigetragen, ſowie Frau Adelgunde Gottſched und Jo⸗ hann Chriſtoph Roſt und die Schule der jungen Schweizer, Bodmer und Andere. Die beiden jungen Erbgrafen hatten Lehrer gehabt, die in der neuern Philoſophie und Dichtkunſt aufer⸗ zogen waren; ſie waren ſelbſt darin gebildet worden. Dadurch war dann wieder in ihrem eigenthümlich freien und ungebundenen Leben auf der Schwalenburg, 53 in dem großen, prachtvollen Schloſſe, in der alten, ſchauerlichen Burgruine daneben, in dem weiten Parke und den meilenweiten tiefen und einſamen Waldungen umher, auf den Wellen des klaren, ſonnigen Schwalen⸗ ſees und in der Geſellſchaft der ſchönen, ſtillen und treuen Verwalterstochter, der Mutter von Evchen Treue, ein friſcher und freier und doch wieder romantiſcher und ſchwärmeriſcher Sinn in ihnen erwacht und aus⸗ gebildet. Bewußt wollten ſie den Zopf, in dem ſie lebten und den ſie die Kette des Lebens nannten, zer⸗ ſtören, und unbewußt hatten ſie ſich beide in das ſchöne, treue Evchen verliebt. Bei dem Grafen Leopold war dieſe Liebe romantiſche Schwärmerei geblieben. Dem Grafen Franz war ſie als echte Liebe für das ganze Leben ins Herz ge⸗ zogen. Zum Bewußtſein war ihnen das, wie geſagt, beiden nicht gekommen. Das Bewußtſein kann erſt ſpäter nachkommen. Oft kommt es zu ſpät. „Zum Kurfürſten von Köln gehen wir, Franz.“ „Es iſt der Befehl des Vaters und er hat uns auch ſchon dem Kurfürſten angekündigt.“ „Und an ſeinem Hofe herrſcht, wie an keinem an⸗ dern in Deutſchland und außer Frankreich in der Welt, Pracht, Geſchmack, Großmuth, Ritterthum und Ga⸗ lanterie.“ Es war ſo. Clemens Auguſt von Baiern, ſeit dem Jahre 1723 Kurfürſt und Erzbiſchof von Köln, war, wie einer der gebildetſten und kunſtſinnigſten, ſo auch einer der eleganteſten, prachtliebendſten und großmüthigſten Lebemänner unter den Regenten jener Zeit, und an ſeinem geiſtlichen Hofe feierten Frauenſchönheit, Galan⸗ terie, Ritterlichkeit, Pracht und Luxus Triumphe, wie vielleicht an keinem weltlichen, jedenfalls, was man zugleich anerkennen muß, in decenterer Weiſe. So war es bis zum Tode des Kurfürſten, als dieſer ſelbſt ſchon ein alter und gebrechlicher Mann war. An ſeinen Hof zogen die beiden Erbgrafen oder vielmehr wollten ſie ziehen. Sie hatten das väterliche Schloß allein verlaſſen. Eine gräfliche Equipage hatte ſie bis zu der zweiten Poſtſtation gebracht. Von da waren ſie mit Extrapoſt weiter gefahren. Sie hatten nicht einmal einen Be⸗ dienten bei ſich behalten. Sie ſuchten Abenteuer; da mußten ſie ohne jeglichen Anhang ſein, frank und frei, ſelbſt ohne Namen, ohne Herkunft und Heimat in den Strudel des Lebens ſich werfen können. Ihre fürſt⸗ liche Mutter, der ſie näher ſtanden als dem ſtrengen, ſoldatiſchen Vater, hatte es ihnen ſo bei dieſem aus⸗ gewirkt. „Unſerer Ehre“ hatten ſie geſagt, „werden wir um ſo weniger etwas vergeben, je mehr wir allein ſtehen und auf uns ſelbſt angewieſen ſind. Du wirſt uns vertrauen, gnädigſte Mutter.“ „Auch den Anſtand und was Ihr Eurer hohen Stel⸗ lung im Leben ſchuldig ſeid, werdet Ihr niemals aus den Augen ſetzen!“ „Niemals, wo es ſein muß, gnädigſte Mutter.“ Der Kurfürſt von Köln hatte ſeine Reſidenz be⸗ kanntlich nicht in Köln, ſondern abwechſelnd in einem ſeiner vielen Schlöſſer, die er mit aller ſeiner Liebe zur Pracht und Neigung zum Luxus in Bonn, in Pop⸗ pelsdorf, in Brühl und auf der Auguſtburg hatte neu aufbauen oder reſtauriren laſſen; am liebſten hielt er ſich in Poppelsdorf bei Bonn auf. Die beiden jungen Grafen führte ihr Weg über Köln. Hier wollten ſie ſich Equipage und Dienerſchaft verſchaffen, um, wie ſie ihrer Mutter verſprochen hatten, ihrem Range gemäß am Hofe des Kurfürſten auf⸗ zutreten. Sie fanden die Stadt Köln in tiefer Trauer. Am Tage vorher, am 6. April 1761, war der Kurfürſt Elemens Auguſt geſtorben, den man den Groß⸗ müthigen nannte. Die beiden Brüder hatten in Köln Vorbereitungen für ihr Erſcheinen am Hofe zu Bonn nicht zu treffen. 56 Aber ſie zogen weiter nach Bonn, um dem verſtorbenen Freunde ihres Vaters die letzte Ehre zu erweiſen. In dem prunkvollen kurfürſtlichen Leichenzuge fielen allen, die daran Theil nahmen und ihm zuſchauten, zwei hohe, ſtattliche Jünglinge auf, die einander glichen, daß man auch nicht das geringſte Unterſcheidungszeichen an ihnen zu entdecken vermochte, an denen aber jeder ihrer Züge und jede ihrer Bewegungen den Adel der Geburt und der Erziehung bekundeten. Niemand kannte ſie, Jeder⸗ mann fragte nach ihnen. Sie waren, wie man ſie plötzlich in dem Leichenbegängniſſe geſehen hatte, nach deſſen Beendigung plötzlich wieder verſchwunden. Wo waren ſie geblieben? Sie hatten ſich in einem Nachen über den Rhein ſetzen laſſen, waren drüben zu Fuße an dem ſchönen Strome hinaufgegangen, dem Siebengebirge zu. Auf die Ufer des Rheins hatte ſich der Frühling gelagert mit ſeinem friſchen Raſen, ſeinen Blumen, den grünen Blättern in dem krauſen Geſträuch, den gelben Zweigen der Weiden. Er hatte ſich verbreitet über die Dörfer, über die Städte; die rothen Dächer ſchauten aus den neubelaubten Aeſten der Obſtbäume, die weißen Mauern und die grünen Jaloufien aus den Blüten der Spaliere hervor. Die Lenzespracht hatte ſich hin⸗ eingezogen bis tief in die Thäler und Schluchten der 57 wunderlich geformten und gezackten Gruppen des Sie⸗ bengebirgs; oben an den Abhängen trieben die Eichen friſche Knospen, und an den Felſen und um die Rui⸗ nen blühten der Weißdorn und die wilde Roſe. Die beiden jungen Männer durchſchritten ſchwei⸗ gend alle die Pracht, gingen immer neuen Reizen ent⸗ gegen. Sie hatten das Dorf Beuel hinter ſich, waren durch das ſchöne Oberkaſſel gegangen, hatten ihren Schritt um das reizend gelegene Königswinter herum⸗ gelenkt, waren am Fuße des Siebengebirgs. Sie er⸗ ſtiegen den Drachenfels, hatten oben an der Ruine den wunderbarſten Fernblick, den Rhein hinauf, den Rhein hinunter, weit über ihn hinweg in das Land hinein, ſahen überall lachende Fluren, freundliche Dör⸗ fer, alte, ehrwürdige, reiche Städte. Sie ſtiegen wieder hinunter in die Ebene, umgingen das Dörfchen Stons⸗ dorf, traten in ein ſtilles, verſchwiegenes, einſames Thal mit reizenden Landhäuſern in blühenden Gärten, waren in Honnef, dem lieblichſten Thaldorfe am Nie⸗ derrhein. „Hier bleiben wir“ ſprachen ſie beide wie aus einem Munde. „Aber hier gibt es keine Abenteuer“ ſagte der eine. „Hier bedürfen wir keiner Abenteuer“, ſagten ſie 58 dann wieder beide. „Dieſes Thal, dieſes Dörfchen, dieſe Landhäuſer ſind ein Abenteuer, ein Idyll.“ Sie fanden in einer Seitengaſſe ein beſcheidenes Wirthshaus und in ihm eine alte Wirthin, die freund⸗ lich und ſtill war wie das Dörfchen. Sie fanden darauf auch ein Abenteuer, das ſie nicht ſuchten, das die edlen Brüder nie hätten finden ſollen, das — Aber erzählen wir. Es war Abend geworden. „Ich habe keine Ruhe in dieſer Stille“, ſagte Leo⸗ pold zu dem Bruder. „Ich habe keine Ruhe, bis ich ſie ganz ergründet, ganz durchdrungen habe. Ich muß iin die Nacht hinaus, in den Mondſchein, in die Schluch⸗ ten, wenn es nicht anders ſein kann, bis hinten zu der hohen Wolkenburg hinauf.“ „Mir genügt die Ruhe dieſes Gärtchens“ ſagte Franz. Sie ſaßen in einer Laube des Gärtchens hinter dem Wirthshauſe. „Du willſt ungeſtört an unſer Eychen denken, Franz.“ „Ich glaube, ſo iſt es.“ „Auch ich will es, aber da oben. Auf der Wolken⸗ burg ſchweift mein Auge in die unermeßliche ferne Ebene der Heimat zurück und mein Geiſt und mein Herz ſehen den Schwalenſee und die Schwalenburg und die Landungsbucht im Garten, und in der Bucht unſern Nachen, und in dem Nachen unſer Eychen, auf der Bank, auf der wir zuletzt mit ihr ſaßen.“ Leopold ging. Franz blieb. Gefahren kannten die beiden muthigen jugendlichen Herzen nicht, keiner für ſich, nicht der eine für den andern. Leopold ſchritt weiter und tiefer in das Thal hinein, nach der hoch emporſtarrenden Wolkenburg zu. Aber er kam nicht hinauf zu der Wolkenburg. Der Mond ging ihm mit ſeinem bleichen Lichte zur Seite und zeigte ihm die Stille, in der er langſam dahinſchritt. Das Thal wurde enger, einſamer, ſtiller, je weiter er vordrang. Nur noch vereinzelte weiße Häuſer lagen zur Seite. Sie lagen dunkel da, ohne Licht, ohne Laut. Das Thal wurde zur Schlucht. Hinten in der Schlucht zeigte ſich ein Licht, wurden Laute hörbar. Das war Geſang; ein Inſtrument begleitete ihn. Eine weibliche Stimme ſang. Der junge Erbgraf ſchritt, ſchlich faſt leiſe weiter. Er wollte von dem Geſange nichts verlieren, er wollte ihn nicht ſtören. Die Stimme war eine jugendliche, eine reine, klare, weiche, ſchmelzende. 60 Sie ſang: „Gute Nacht! Schlummert, bis der Tag erwacht! Schlummert, bis der neue Morgen Kommt mit ſeinen neuen Sorgen! Ohne Furcht, der Vater wacht. Gute Nacht!“ Das war ein wunderbarer Geſang für den jungen Mann, ſo innig, herzlich und doch ſo maßvoll, ſo ge⸗ bildet; ſo edel, ſagte er ſich. So hatte er noch Nie⸗ mand ſingen hören, ſelbſt Eychen nicht. Es wollte ihm in das Herz dringen. Er mußte die Sängerin ſehen. Der Mond zeigte ihm eine Villa mit Säulen, mit Balkonen, mit hohen Fenſtern, mit weißen Markiſen. Unten ſtand ein Fenſter offen; das Gemach, zu dem es gehörte, war erleuchtet. Hineinſehen konnte man nicht; die Markiſe war tief heruntergelaſſen. Aber in dieſem Gemache war der Geſang, die Sängerin. Das Landhaus lag in einem Garten; der Mond zeigte die Blumen auf den Beeten, die Blüten an den Spalieren, Stauden und Bäume in großen, ſchneeweißen Kübeln, und die weiche Luft der Frühlingsnacht trug die Düfte von Orangen und Citronen und Granaten herüber. Eine Hecke umgab den Garten und die Hecke ein Bach oder ein Graben. Der junge Graf ging leiſe an Waſſer und Hecke 61 hin. Er fand eine Brücke, die über den Bach führte. Sie war mit einem Thore verſehen, aber das Thor war nicht verſchloſſen. Der junge Mann ſchlich, ſtahl ſich hinein, ging mit unhörbarem Schritt ſeitwärts an der Hecke hin, um ſo in die Nähe des Hauſes zu gelangen. Eine Laube hemmte ſeinen Schritt, in der Laube ein leiſer Ton. Es war ein ſtilles Weinen, ein unterdrücktes Schluchzen. Es kam aus der Bruſt, aus dem Herzen einer Frau. Die Sängerin war es nicht. Man hörte ſie das Inſtrument in dem Hauſe verſchließen; man ſah eine weibliche Geſtalt in dem offenen Fenſter ſich vorbeugen, als wenn ſie etwas in dem Garten ſuche. Sah ſie nach der weinenden Frau in der Laube hinaus? Hatte ſie dem ſchluchzenden Herzen die gute Nacht zugeſungen, den Schlummer, bis der Morgen ihr die Sorgen wiederbringe? 2 Die Frau in der Laube war ſtiller geworden. Man hörte ihr Schluchzen nicht mehr. Sie hielt es ganz zurück. Sie mußte auf etwas aufmerkſam geworden ſein. Sollte die Sängerin in dem Fenſter ſie nicht hören? Oder hatte ſie den Lauſcher in ihrer Nähe, faſt an ihrer Seite gehört? Dem Grafen Leopold klopfte das Herz; er durfte ſich nicht rühren. 62 Aus dem Fenſter verſchwand die Geſtalt. Eine Thür des Hauſes wurde geöffnet. Unter dem Säulen⸗ portal wurde ein Schritt hörbar. Aus dem Dunkel ſchwebte eine Geſtalt in den Garten, in das Mondlicht. Es war eine zarte weibliche Figur. Sie glitt wie eine Elfe durch Licht und Schatten der Nacht in den Gängen, zwiſchen den Blumenbeeten dahin. „Ein Kind?“ fragte ſich der junge Mann, als er ſie ſah. Aber ſie war größer, ſchlanker. Sie ſchritt zu der Laube, in der die weinende Frau ſaß, hinter der der junge Graf ſtand. Er konnte nicht zurück, nicht von der Stelle. Jede Bewegung wäre von der einen geſehen, von der andern gehört worden. Die Sängerin — war ſie Kind oder nicht mehr — hatte die Laube erreicht. Sie ſprach, und die glockenreine und herzliche ju⸗ gendliche Stimme ließ keinen Zweifel darüber, daß es die Sängerin war. „Du haſt wieder geweint, Tante!“ Die Tante ſchwieg; ſie wollte nicht leugnen, nicht zugeſtehen. „Deine Augen ſind noch naß! Arme Tante! Aber Du haſt ja mich noch, und Du ſagteſt immer, ich ſei Dein Engel, Dein Alles. Bin ich Dir denn jetzt nichts mehr, ſeitdem Du das Andere verloren haſt?“ „Du biſt noch immer mein Engel“ ſagte eine kla⸗ gende Frauenſtimme. „Und Dein Alles, Tante! Und ich bleibe bei Dir. Wir beide verlaſſen einander nicht.“ Es war doch, als wenn die weinende Dame bei den letzten Worten der jugendlichen Stimme ein heftiges Schluchzen wieder unterdrücken müßte. „Sei wieder fröhlich, Tante Aurelie“ fuhr die Sän⸗ gerin fort. „Es iſt ja auch hier ſchön, ſchöner als in den weiten Prunkgemächern des Schloſſes. Und wie ruhig und einſam iſt es hier, ſo ganz anders als in all dem Treiben und Drängen der vielen Menſchen. Ich möchte hier immer bleiben. Du ſehnteſt Dich ja auch oft nach Stille und Einſamkeit und Ruhe, meine gute Tante. Jetzt haben wir ſie. Genießen wir ſie.“ „Es wird kommen, mein Kind“ erwiderte die Tante. Das Kind aber ſagte: „Seien wir gleich fröhlich, Tante. Ich bin es ſo gern. Verlaſſen wir dieſe dunkle Laube. Es iſt kalt hier und feucht an dem Waſſer. Gehen wir in dem Garten ſpazieren! Oder ſoll ich noch ein Lied ſingen? Ein luſtiges?“ „Gehen wir in den Garten, Sabina.“ 64 Der Graf Leopold hörte, wie die Frauen in der Laube ſich erhoben. Er ſah ſich nach einer Stelle um, die ihn ihren Blicken verberge, wenn ſie herausträten. In dem Augenblicke vernahm er das Rollen eines Wagens, der in das Thal fuhr. Auch in der Laube wurde es gehört. „Das iſt eine Kutſche! In der ſpäten Nacht! Sie kann nur zu uns wollen. Wer kann es ſein? Wer kann es wagen, ſich unſerer zu erinnern, zu uns zu kommen? Oder wird mir ein Befehl gebracht?“ Die Stimme der weinenden Frau ſprach die Worte, mit Sorge, mit Bitterkeit, mit Angſt. Der Wagen war näher gekommen. Er hielt vorn am Garten, etwa fünfzig bis ſechzig Schritte vom Hauſe, von der Laube. Ein Schritt kam dann näher, ging an dem Bache und der Hecke des Gartens hin, trat über die Brücke in den Garten. Das Mondlicht fiel auf einen Mann von mittler Größe, der in einen weiten Mantel gehüllt war. Er ſchritt auf das Haus zu. So ſah ihn in ſeinem Verſteck der junge Graf. So war er in der Laube geſehen worden. Die beiden Frauen waren in der Laube geblieben. 65 „Der Rheingraf!“ ſagte die jüngere, die Sängerin. „Der Graf Gotthard!“ wiederholte die Tante. „Ich ahnte es. Was mag er bringen?“ „Er will uns beſuchen, Tante.“ „Beſuchen?“ ſagte die Tante mit der vollſten Bitter⸗ keit, der ihre Stimme fähig ſein mochte. „Er bringt etwas. Bleibe Du hier, mein Kind. Ich muß ihn allein ſprechen.“ Sie verließ die Laube. Der junge Graf Leopold ſah eine hohe, ſtolze Frauen⸗ geſtalt. Sie war etwas ſtark; ſie konnte nicht mehr ganz jung ſein. Sie war in tiefer Trauerkleidung. Sie ſchritt dem Herrn, der in den Garten getreten war, auf ſeinem Wege zu dem Hauſe entgegen. Man ſah, wie ſie ſich höher erhob, wie ihr Schritt ſtolzer wurde, je näher ſie dem Fenden, dem Rheingrafen Gotthard kam. Als ſie vor ihm ſtand, hatte ihre Ge⸗ ſtalt und Haltung etwas Majeſtätiſches. Der Fremde verbeugte ſich tief vor ihr, wie vor 5 einer Königin, und blieb entblößten Hauptes vor ihr ſtehen. Sie winkte ihm mit der Hand, ſich zu bedecken. Er that es, unter neuen ehrfurchtsvollen Verbeugungen. Dann ſprachen die Beiden zuſammen. Ihre Worte blieben in der Laube unverſtändlich. Der Rheingraf Temme, Die Erbgrafen. IV. 5 66 ſprach lange und leiſe; die Dame erwiderte ihm nur zuweilen wenige Worte. Sie gingen im Geſpräche dem Hauſe zu; hinein traten ſie nicht; ſie gingen vor ihm auf und ab. Sie blieben lange ſo, in angelegentlichem, ſtets lei⸗ ſem Geſpräche. Das Kind in der Laube verhielt ſich ſtill, wie der junge Graf hinter ihr. Lauſchten ſie beide? Beide vergebens? Das Geſpräch der beiden Andern nahm ein Ende. Sie kamen vom Hauſe zurück. Der Fremde wollte heimkehren. Bis in die Mitte des Gartens begleitete ihn die Dame, weiter nicht. Dort verabſchiedete er ſich von ihr, reſpektvoll, wie von einer Königin; wie eine Königin entließ ſie ihn. Er verließ den Garten, kehrte zu ſeinem Wagen zurück. Die hohe Dame blieb ſinnend in der Mitte des Gartens ſtehen. Als man den Wagen fortfahren hörte, ſchritt ſie der Laube zu. Das Kind kam ihr aus dieſer entgegen. „Was wollte er, Tante?“ „Gehen wir in das Haus, Sabina. Mir iſt ſo kalt geworden.“ Sie gingen in das Haus. 67 Ein Diener mit einem Lichte empfing ſie unter der Säulenhalle, verſchloß hinter ihnen die Thür. Die Fenſter des Hauſes waren ſchon früher ge⸗ ſchloſſen. Oben im Hauſe wurden wieder zwei Fenſter hell. Die Schlafgemächer der beiden Damen mußten dort ſein. Der Graf Leopold blieb an der Laube. Welches Gemach iſt denn das ihrige? Wird ihre Elfengeſtalt nicht am Fenſter erſcheinen, ihre ſüße Stimme nicht dem Monde, der Nacht gute Nacht ſagen?“ Er wartete vergeblich. Eine Uhr im Hauſe ſchlug Mitternacht. Die Lichter hinter den beiden Fenſtern wurden ausgelöſcht. Die ſchöne Villa lag da wie ausgeſtorben, aber ſchneeweiß in dem hellen Lichte des Mondes. Der junge Graf kehrte nach Honnef zurück, in das kleine Wirthshaus zur Seite des Dorfes, in ſein freund⸗ liches Kämmerchen darin. Sein Bruder Franz ſchlief ſchon; er erwachte. „Warſt Du oben auf der Wolkenburg, Leopold?“ „Ich kam nicht ſo weit.“ Mehr ſprachen ſie nicht. Der Graf Franz ſchlief wieder ein. Der Graf Leopold fand erſt ſeinen Schlaf, als der Morgen grauen wollte. 68 Als er ſpät am Morgen aufwachte, war Franz längſt fort. Er habe den Bruder nicht wecken wollen, ſagte die Wirthin; er habe für ihn zurückgelaſſen, daß er zur Wolkenburg gehe. „Und ich?“ fragte ſich der Graf Leopold. „Wohin ich?“ Er hatte ſchon die Antwort, bevor er die Frage ausgeſprochen hatte. „Zu der Villa! Zu der weißen Villa! Zu dem Garten am Bache! Zu dem Kinde mit der ſüßen Stimme und der Elfengeſtalt!“ Er erreichte den Garten, das Haus. In jenem blühten die Blumen, dufteten die Orangen, glühten die Granaten. An dem Hauſe ſtrebten hoch und ſchlank die Säulen empor, traten überall die edlen Formen eines künſtleriſchen Baues hervor. Sie lagen heute in der hell leuchtenden Morgenſonne doch anders da als am geſtrigen Abende in dem bleichen Mondlichte. Aber in dem Lichte des Mondes war menſchliches Leben da geweſen, hatten Herzen geſchlagen, in Angſt und in Sorge, in Leid und in Liebe. Und heute war keine Stimme zu hören und keine Bewegung zu ſehen. Die Gänge des Gartens waren leer; aus der Laube drang kein Geflüſter hervor. In dem Hauſe ſtanden die Fenſter offen, aber ſie waren mit dichten Vorhängen verhangen, und das Hausthor war verſchloſſen, und in dem Innern des Gebäudes wurde nicht das leiſeſte Geräuſch vernehmbar. „Hatte ich denn geträumt heute Nacht?“ fragte ſich der junge Graf. „Oder hatte meine Phantaſie oder ein neckender Geiſt den offenen Augen Bilder vorge⸗ gaukelt, hingezaubert?“ Und nach langem Harren ging er träumend weiter, an Garten und Haus vorüber, in das Thal hinein in die engere Schlucht, und wie er einmal aufſchaute, ſtand er an einem vorſpringenden Felſen, und auf dem Felſen ſtand eine Frauengeſtalt, die an einem Nußbaum des Felſens hinaufblickte und an den herüberhängenden Zweigen des Baums mit beiden Händen ſich feſthielt, damit ſie nicht von der ſchmalen Felſenſpitze falle. Es war eine zarte und feine Kindergeſtalt. Aber nein, das war kein Kind mehr. Es war die Elfe vom geſtrigen Abende, die Sängerin mit der ſüßen Stimme. Nur ihr Geſicht hatte er geſtern in dem Mondlichte nicht geſehen. Er ſah es heute, große dunkle Augen, elegante Züge, einen feinen, vornehmen Schnitt, auf den friſchen Lippen Glück und Keckheit, das Ganze mit dem Reize der Anmuth und der erſten Jugendblüte übergoſſen. 70 Sie trug Trauerkleidung; ſie erſchien um ſo ſchöner, bezaubernder darin. Ueber dem Nußbaum ſproßte aus dem Felſen ein wilder Roſenſtrauch hervor. Es blühte eine einzige Roſe an ſeinen herabhängenden Zweigen. Nach der Roſe ſchien das Kind zu langen. Sie konnte ſie nicht erreichen. „Darf ich Ihnen die Roſe pflücken?“ fragte der Graf Leopold das Mädchen. Sie hatte ihn nicht geſehen. Sie ſah ihn. Sie blickte ihn einen Augenblick überraſcht an; dann ſagte ſie gleichgültig, faſt noch mehr hochmüthig: „Ich danke.“ „Sie werden fallen“, ſagte der junge Mann. „Schwerlich!“ erwiderte ſie ebenſo kurz und ohne ſich weiter nach ihm umzuſehen. Sie ſuchte an den Zweigen des Nußbaums ſich auf⸗ zuſchwingen. Ihr einer Fuß berührte den Felſen nur noch mit der Spitze; der andere ſchwebte frei in der Luft. „Sie werden fallen“, ſagte der Graf noch einmal, „und ſich beſchädigen.“ Sie hörte nicht auf ihn. Sie wurde um ſo eifri⸗ ger; ihre Wangen glühten. Mit raſchem Entſchluſſe ſprang der junge Graf den * . — — ——— 71 Felſen hinauf. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſtand er an ihrer Seite. Mit der einen Hand zog er ſie aus ihrer gefährlichen Stellung zurück, mit der andern pflückte er die Roſe. Er war ſo viel größer als ſie. Die Roſe reichte er ihr hin. Sie nahm ſie nicht. Sie ſah ihn mit zornfunkelnden Augen an. „Ich hatte an die Roſe nicht gedacht“ ſagte ſie faſt wegwerfend. „Sie wagten alſo ihr Leben für gar nichts?“ fragte er. „Ah, Sie hätten mir wohl das Leben gerettet?“ „Ich denke mir es ſo, wenn Sie nicht etwa eine kleine Komödie vor mir aufführen wollten.“ Das war wohl eine Sprache, die das ſchöne, ſtolze, kecke Kind noch nicht gehört hatte. Ein Zornesblitz aus den dunklen Augen ſollte ihn wieder treffen. Aber wie ihre Augen die ſeinigen trafen, zuckte ſie plötzlich zuſammen. „Verzeihen Sie mir!“ ſagte ſie. „Und — Sie ha⸗ ben mir das Leben gerettet und — und noch mehr. Ich danke Ihnen. Aber Sie haben mich auch beſchämt. Leben Sie wohl.“ Sie wollte ſich von ihm wegwenden, um zu gehen. 72 Sie beſann ſich noch einmal. Sie reichte ihm die Hand. Und dann war nochmals eine Veränderung in ihr vorgegangen, oder vielmehr die Wandlung in ihr war weiter geſchritten. „Mein Herr, in dem Felſen dort oben iſt ein Neſt. In derſelben Spalte, aus der die wilde Roſe hervor⸗ blüht. Ein Vogel flog hinein und blieb darin; ein anderer kam heraus. Es war Männchen und Weibchen. Sie löſten ſich im Brüten ab. Ich habe noch nie ein Vogelneſt geſehen. Ich wollte es ſehen. Darum brachte ich mich in die Gefahr. Heben Sie mich zu ihm hinauf.“ Sie ſprach wie ein bittendes Kind. „Kommen Sie“ ſagte er. Er nahm ſie wie ein Kind. Er wurde es mit ihr. Er führte ſie den Felſen hinauf. Die Felſenwand, an der die wilde Roſe herunterhing, bog ſich zurück. Wenn das Kind ſich in den Arm des jungen Mannes legte, konnte ſie ſich gefahrlos vorbeugen und in der Felſenſpalte das Neſt ſehen. „Legen Sie ſich in meinen Arm“, ſagte er zu ihr⸗ Sie legte ſich hinein. Er hielt ſie feſt. Sie beugte ſich vor. „Sehen Sie es?“ fragte er. Wie ſchön iſt es!“ antwortete ſie zurück aber leiſe. — 73 3 „Der Vogel ſitzt darauf. Er ſieht mich ſo bittend und 3 ſo treu an. Ich ſoll ihm ſein Beſtes, ſein Liebſtes p nicht zerſtören. Sei ruhig, Du treues Thierchen.“ † Sie ſah lange nach dem Neſte und dem Vogel. Der junge Mann mußte ſie lange in ſeinem Arme halten, an ſeinem Herzen. Das Herz klopfte ihm. Ihres klopfte an dem ſeinigen, und es war ihm, als wenn durch das Pochen hin und her ein ſüßes Weh ihm in die Bruſt ziehe. „Auch ihr?“ fragte er ſich. Sie machte eine Bewegung. 3 „Haben Sie genug geſehen?“ fragte er. „Ja. Ich danke Ihnen.“ Er ließ ſie aus dem Arme. Er führte ſie den Felſen hinunter, in den Weg zurück, an dem der Fels lag. „Ich muß nach Hauſe“ ſagte ſie. „Gehen Sie weiter?“ „Ich kehre mit Ihnen zurück.“ „Woher wiſſen Sie, daß ich zurückgehe?“ Er wurde verlegen; den geſtrigen Abend durfte er ₰ nicht verrathen. 7 „Ich denke es mir“ erwiderte er.. „Gehen wir zuſammen“ ſagte ſie. Sie ſprach es wieder keck, vornehm, wie befehlend. Er hatte es wohl nicht beachtet. 74 Sie kehrten zuſammen zurück. Sie gingen jetzt ganz wie ein paar Kinder neben einander. „Sie hatten noch nie ein Vogelneſt geſehen?“ fragte er. „Nur abgebildete und nachgemachte.“ „Sie waren doch Kind. Wo lebten Sie denn?“ „Sie haben wohl viele Neſter geſehen?“ „Zu Hunderten im Jahre. Ich ſuchte oft tagelang danach, im tiefſten Walde, auf den höchſten Bäumen.“ „Wo lebten Sie denn?“ „Auf dem Lande.“ „Aber da lebte ich auch.“ „Und Sie waren nie im Walde?“ „O, oft, aber —“ Auch ſie wurde verlegen, ſchien etwas nicht ver⸗ rathen zu dürfen. „Aber“ fuhr ſie fort, mi icht allein, und Neſter durfte ich nicht ſuchen.“ „Verboten Ihre Aeltern es Ihnen?“ „Aeltern?“ Sie wurde nachdenklich, träumeriſch. „Aeltern?“ ſprach ſie noch einmal vor ſich hin. „Ich habe meine Aeltern nie gekannt“, ſagte ſie dann wieder zu ihrem Begleiter. d * 75 „Und fremde Menſchen“ ſagte der Graf, „erzogen Sie ſo ſtreng, daß Sie nicht einmal —“ „Nein, nein“ rief ſie. „Es waren mir keine fremden Menſchen, und Niemand war ſtreng gegen mich. Sie liebten mich alle. Meine Wünſche waren Befehle. Die Herren, die Damen —“ Sie ſchwieg plötzlich. Sie hatte zu viel geſagt, verrathen. Der Rheingraf war es geweſen, der geſtern Abend der Tante des Kindes gegenüber ſo unterthänig, ſo re⸗ ſpektvoll ſich benommen, der entblößten Hauptes vor ihr geſtanden und erſt ihres Befehls bedurft hatte, um ſich zu bedecken. „Ein Fürſtenkind biſt Du?“ ſagte ſich der junge Mann an ihrer Seite, der ſelbſt einem hohen, fürſten⸗ mäßigen Geſchlechte angehörte. „Ein keckes, verzogenes Fürſtenkind, deſſen Wünſche und Winke für ihre Kammerherren und Hoffräuleins Befehle waren, deſſen Launen Niemand entgegenzutreten wagte! Aber Du warſt doch ein armes Kind. Du haſt Deine Aeltern nicht gekannt und Du durfteſt nicht einmal im Walde Neſter ſuchen. Und wenn Du auch Launen bekommen haſt, Du haſt doch Dein Herz behalten. Ah, es ſchlug ja an dem meinigen! — Sie wohnen hier in der Nähe?“ fragte er ſie. 76 „Seit einigen Tagen“ antwortete ſie. „Und hier ſind Sie frei?“ „Und es iſt ſo ſchön, in dieſen Bergen und Thälern und Schluchten frei zu ſein!“ „Waren Sie ſchon auf den Höhen der Berge hier?“ „Auf dem Drachenfels. Zu der Wolkenburg habe ich nur mit Sehnſucht hinaufgeſehen, und der Peters⸗ berg kommt mir mit der kleinen grauen Kapelle auf ſeiner mächtigen Höhe zu langweilig vor. Von den andern Bergen kenne ich nicht einmal die Namen.“ „Soll ich ſie Ihnen nennen?“ „Ich bitte darum.“ „Dort zunächſt liegt der Nonnenberg; dann kommen der Löwenberg, der Helberg und der Hemmerich.“ Sie hatte ihm zerſtreut zugehört. „Sind Sie ſchon lange in dieſer Gegend?“ fragte ſie ihn. „Seit geſtern.“ „Sie kommen weit her?“ „So ziemlich.“ „Werden Sie lange hier bleiben?“ „Ich weiß es nicht.“ „Hier wohne ich“, ſagte ſie. Sie waren an der weißen Villa angekommen. Sie zeigte nach dem Hauſe. 77 „Und Sie haben keine Aeltern mehr?“ ſagte der junge Graf. Es kam ihm wohl natürlich in den Sinn. Sie antwortete: „Ich wohne hier mit meiner Tante.“ An dem Hauſe kam hinter einem Spalier eine Dame zum Vorſchein, die dort auf und ab ging. „Meine Tante“, ſagte das Kind. „Soll ich Sie zu ihr führen?“ Der junge Mann ſah die Dame in der tiefſten Wittwentrauer, wie er ſie am geſtrigen Abend geſehen hatte. In der Tageshelle ſah er ſie deutlicher. Sie war nicht mehr jung; ſie ſchien ſchon ſtark in der Mitte der dreißiger Jahre zu ſein. Sie war noch immer von großer Schönheit; ſie war ganz jene majeſtätiſche Schön⸗ heit, die ihre Erſcheinung in dem zweifelhaften Mond⸗ lichte hatte ahnen laſſen. Ihr Geſicht trug die feinſten, reinſten und friſcheſten Farben, die vor dem tiefen Schmerz, der in den ſtolzen ariſtokratiſchen Zügen wohnte nicht gewichen waren. Der Schmerz beherrſchte das ſchöne Geſicht, aber es ſchien kein Schmerz des Unglücks zu ſein. Ihr Körper trug vielleicht etwaͤs zu viel von jener Fülle, die man an vornehmen Damen in ihrem Alter, wenn ſie immer in Glück und Genuß gelebt haben, häufig antrifft. Sie hatte das Kind mit dem jungen Manne nicht geſehen. Sie blickte in ihrem Schmerze vor ſich nieder. Der junge Graf ſtand zweifelhaft, ob er ſich ihr ſolle vorſtellen laſſen. Das Kind kam einem Entſchluſſe in ihm zuvor. „Laſſen wir es lieber“ ſagte ſie. „Sie iſt ſo traurig.“ Dann ſprach ſie haſtig: „Aber eine Bitte habe ich an Sie. Sprechen Sie zu Niemand von unſerer heutigen Begegnung.“ Der junge Graf ſah ſie ſtolz an. „Warum nicht?“ fragte er. Aber ehe ſie antworten konnte, fuhr er fort: „Sorgen Sie nicht. Ich weiß, wovon ich zu ſprechen habe und wovon nicht, und wenn ein Zuſammenſein mit mir Sie compromittiren könnte, durch mich ſoll Niemand es erfahren.“ „Du hochmüthiges Fürſtenkind“ ſchloß in ſeinem Innern wohl die Antwort. Das Kind erblaßte. Sie ſchien heftig mit ſich kämpfen zu müſſen. Ueber Stolz und Verdruß gewann ein anderes Gefühl die Oberhand, aber ohne daß jene ganz niedergeworfen waren. „Sie thun mir Unrecht“, ſagte ſie. „Sie ſollen auch mit mir nicht, mit mir am allerwenigſten von unſerm Begegnen ſprechen. Und der Grund iſt, weil 18 ich mich bei jeder Erinnerung an mein Benehmen gegen Sie vor mir ſelbſt ſchämen müßte. Und nun wiſſen Sie es“, ſetzte ſie mit zornig aufzuckenden Lippen hinzu, „und es war — es wäre ſehr unrecht von Ihnen, wenn Sie meiner Bitte eine andere Deutung geben wollten.“ Sie wandte ſich von ihm ab, um zu gehen. „Sie iſt doch das trotzige und verzogene Kind, das keinen Widerſpruch kennt“ ſagte ſich der junge Mann, und auch er war verdrießlich. Auf einmal wandte ſie ſich wieder nach ihm um. „Geben Sie mir die Roſe“ ſagte ſie. Er hielt noch immer die wilde Roſe in der Hand, die er für ſie gepflückt hatte, die ſie von ihm nicht hatte annehmen wollen. „Wozu?“ fragte er in ſeinem Verdruß. Sie gab ihm keine Antwort. Sie hatte ihren Trotzkopf. Er ſchwieg gleichfalls; er ärgerte ſich über ſich ſelbſt, daß er unhöflich gegen ſie geweſen war. So gab er ihr auch die Roſe nicht. „Werden Sie mir Ihren Namen nennen?“ fragte ſie ihn noch kühl. „Ich heiße Franz“ antwortete er. „Und darf ich Sie um Ihren Namen bitten?“ „Sabina!“ Damit ſchritt ſie über die kleine Brücke in den Garten, der Villa zu. Sie ſah ſich kein einziges Mal nach ihm um. Er blickte ihr lange nach, bis ſie in dem Hauſe verſchwand, in das ihre Tante ſchon vor ihr gegangen war. Dann ging auch er weiter, aber mit einem Schritt und mit Geberden, die anzeigten, wie er immer mehr und mehr unzufrieden mit ſich wurde. Er ging raſch, er ſchritt langſam, er blieb ſtehen, er ſtampfte die Erde mit den Füßen, er redete laut mit ſich. „War ich nicht ein Kind? Gar ein ungezogenes, wenn ſie nur ein verzogenes war; frech und unhöflich, wenn ſie nur ihren Trotzkopf hatte? Und welcher kindiſche Einfall, mich ihr Franz zu nennen! Ich wollte ihr auch meinen Trotz zeigen. Warum hatte ſie frei⸗ lich mich geärgert? Warum fragte ſie mich ſo kühl, ſo herausfordernd: Werden Sie mir Ihren Namen nennen? Es war doch kein Sinn darin.“ Er kam verſtimmt zu Hauſe an. Sein Bruder Franz war ſchon zurück. „Die Wirthin wartet auf uns mit dem Mittageſſen.“ „Ich mag nicht eſſen.“ „Fehlt Dir etwas?“ 81 „Ich bin wohl übermüdet.“ „Warſt Du weit?“ „Ziemlich.“ „Ruhe Dich aus, Leopold.“ Franz verzehrte ſein Mittagsbrod. Leopold ſetzte ſich in das Gärtchen hinter dem Hauſe und zankte ſich mit ſeiner üblen Laune. Nach einer Stunde kam Franz zu ihm. „Ich muß wieder in das Gebirge. Es iſt doch gar zu ſchön hier. Biſt Du noch zu müde, mich zu be⸗ gleiten?“ „Für heute muß ich darauf verzichten.“ Franz ging allein. Er war am Morgen wieder auf dem Drachenfels geweſen, hatte dann den Petersberg beſtiegen, deſſen Höhe ihm, während er vom Drachenfels die Ausſicht auf und über den Rhein genoſſen hatte, den Blick weit in die Ferne gewährte, über das Weſtfalenland hinaus, nach der Gegend hin, in der er Schloß Werdenburg, den Schwalenſee mit der Schwalenburg und in dieſer Eychen, ſein Eychen wußte. Er ſchlug jetzt den Weg ein, der in das hel, in die Schlucht, weiter zu der Wolkenburg hinaufführte. Er war hier noch nicht geweſen. Es war ihm Alles hier neu. Aber es that ihm Alles wohl. Es war ſo Temme, Die Erbgrafen. IV. 6 82 ſtill, ſo heimlich, ſo ſchön da, zwiſchen den hohen grü⸗ nen Bergen, an dem klaren, leiſen Bache, unter den wilden Roſen und den weißen Dornen, die nicht zu den Roſen gehörten, denn die wilden Roſen haben keine Dornen. Er kam an den ſchönen Garten, er ſah darin die weiße Villa mit dem Portal von ſchlanken Säulen. „Hier mit Evchen!“ rief und klopfte ſein Herz. Da ſah er hinten vor dem Hauſe zwiſchen den duftenden Orangen und glühenden Granaten eine ſchlanke jugendliche Geſtalt auf und nieder wandeln. War ſie nicht ſchlank und jugendlich wie Eychen? Er ſah ihr Geſicht. „Auch ſo friſch, ſo roth und weiß! Und ſo heiter und fröhlich, obwohl ſie die Trauerkleidung trägt! Und auch ſo ſchön, beinahe ſo ſchön! Ah, da blickt ſie hierher! Sie darf mich nicht ſehen, den Späher, den Lauſcher, da ſie ſich unbeachtet glaubte!“ Er legte ſich am Bach hinter der Hecke in das Gras. Aber er hörte vom Hauſe her einen Schritt ſich nahen. „Hatte ſie mich ſchon geſehen? Will ſie wiſſen, wer, wenn auch nur mit ſeinen Blicken, mit den unbefugten Blicken in ihr Heiligthum drang?“ Der Schritt kam näher. . 6 „Sie iſt es! Was mache ich? Darf ſie mich hier liegen ſehen, geradezu wie einen Spion im feigen Hinter⸗ halte? Bei Gott, ſie iſt es!“ Sabina's ſchlanke Geſtalt ſtand auf der kleinen Brücke, die in den Garten führte. Ihre großen dunklen Augen ſuchten in dem Wege. „Sie iſt es!“ Der junge Graf ſprang auf. Sie ſah ihn. „Ah“ ſagte ſie überraſcht. Der Graf trat zu ihr. „Verzeihen Sie mir —“ „Was ſoll ich Ihnen verzeihen?“ Sie ſprach die Worte mit trotzigem Tone der Stimme, mit ſchelmiſchem Blick in den ſchönen Augen. Sie ſah ja nur den Fremden vom Morgen wieder, gegen den ſie hatte trotzig ſein wollen, der ſich ihrer Laune nicht unterworfen hatte, von dem ſie im Verdruß geſchieden war, im Aerger über ſich, über ihn, zu dem es ſie gerade deshalb wieder hinzog. Sie mußte ihre Genugthuung von ihm, gegen ihn haben. Der Graf Franz wußte nichts von der Begegnung des Morgens. Er hatte keine Ahnung davon, daß ſie ihn für einen Andern, für ſeinen Zwillingsbruder halte. Wie konnte ein Gedanke daran in ihm aufkommen? 84 „Ich war unbeſcheiden“ ſagte er. „Sie ſind hier auf einem offenen Wege“ erwiderte ſie. „Es wird wohl Mancher, der vorbeigeht, in den Garten blicken, ſich das Haus anſehen wollen. Wün⸗ ſchen Sie in den Garten einzutreten?“ Sie hatte ſein Spioniren alſo geſehen. Aber ſie war nicht böſe darüber geworden. Sie ſprach nicht einmal mehr trotzig; ihr Lächeln war nur noch ein freundliches. „Das iſt ein freundliches Naturkind“, dachte er bei ſich. Er nahm ihre Einladung an. „Sie ſind ſehr gütig“ ſagte er. Er ging mit ihr in den Garten, zu dem Hauſe, deſſen ſchöne Formen in der Nähe noch anmuthiger und harmoniſcher heraustraten. „Sie wohnen hier ſchön, Mademoiſelle“, ſagte er. „Ich heiße Sabina“, ſagte ſie. „Ein echtes Naturkind!“ konnte der Graf Franz ſich nur denken. „Wie heißen Sie?“ fragte ſie. „Franz!“ erwiderte er, wie ſie ihm geantwortet hatte. „Franz!“ wiederholte ſie für ſich. „Ich werde es jetzt nicht mehr vergeſſen. — Meine Tante pflegt der Ruhe“ ſagte ſie dann; „ich bevaueeeeher, Sie nicht in das Innere des Hauſes führen zu können.“ Sie ſah ſich im Garten um. „Wiſſen Sie, was hier fehlt?“ fragte ſie. „Ich ſuche vergebens es zu errathen.“ „Eine wilde Roſe.“ „Ah, die Gartenroſen blühen noch nicht.“ „Aber draußen in der Schlucht!“ ſagte ſie. Sie dachte nur an die wilden Roſen. „Werden Sie mir eine pflücken?“ fragte ſie. „Gewiß, ſehr gern.“ Sie gingen weiter in die Schlucht hinein. Schon nach wenigen Schritten kamen ſie zu blühen⸗ den Roſenſträuchen, die am Wege ſtanden. Er pflückte eine Roſe, überreichte ſie ihr. „Darf ich bitten?“ Sie nahm ſie. Sie dankte ihm mit einem bezau⸗ bernden Lächeln. 4 „Warum ſagten Sie nicht Sabina zu mir?“ fragte ſie ihn. Am Morgen hatte er Sabina zu ihr geſagt, er, wie ſie meinte, und ſie hatte ihm vorhin den Namen noch ausdrücklich wiederholt. „Sie nennen mich ja auch nicht Franz“ erwi⸗ derte er. „Hören Si Zeunz“, ſagte ſie ſchelmiſch, „Sie gefallen mir. Sie ſind ſo gehorſam, nicht herrſchſüchtig.“ „Warum ſollte ich herrſchſüchtig gegen Sie ſein?“ fragte er. Sie wollte ihm antworten, als ſie einen Bedienten von dem Landhauſe her auf ſich zukommen ſah. Auch der Diener trug Trauerzeichen auf ſeiner ſchwarzen Kleidung. Sie ging ihm entgegen. Dem jungen Manne ſchien es, als wolle ſie ihn nicht hören laſſen, was der Diener ihr zu ſagen habe. Er hörte dennoch die Worte: „Fürſtliche Gnaden laſſen zum Kaffee bitten.“ „Sage Er der Tante, daß ich gleich kommen werde“, erwiderte ſie dem Diener. Der Mann ging. Sie wandte in ihrer ganzen bisherigen Unbefangen⸗ heit und Freundlichkeit ſich wieder zu dem jungen Grafen⸗ „Ich hoffe, Sie bleiben noch einige Zeit hier.“ „Gewiß“ ſagte er. „Dann werden wir uns öfter ſehen.“ „Würde es Ihnen angenehm ſein?“ „Wie Sie fragen! Hätte ich es Ihnen ſonſt ge⸗ ſagt? Es iſt ſchön hier, aber meine arme Tante iſt ſo traurig, ſo unglücklich und verläßt das Landhaus und den Garten nicht. Und ich bin gern fröhlich, und meine Luſt wäre, frei in Berg und Wald umherzu⸗ ſchweifen. Ich durfte es ſo lange nicht. Da ſollen Sie mein Cavalier ſein. Leben Sie wohl. Die Roſe verwahre ich.“ Sie gab ihm die Hand. Sie verſchwand in dem Garten. „Das iſt ein wunderbar reizendes und freundliches Fürſtenkind!“ ſagte der Graf Franz zu ſich. „Ein Fürſten⸗ kind iſt ſie und doch ſo bürgerlich! Faſt wie Evchen. Sie iſt nur freier gegen mich, weil ſie über mir ſteht. Eychen wußte doch immer, daß ſie dem Grafen gegen⸗ über das Bürgerkind war. Warum mußte, warum muß ſie es ſein?“ Und er träumte weiter von Eychen und dem Für⸗ ſtenkinde. Zum Abend, als es dunkel war, ging Leopold wieder zu dem weißen Säulenhauſe. Am geſtrigen Abend hatte er ihre ſüße Stimme gehört, er mußte ſie noch einmal ſein Herz durchzittern laſſen. Sie ſang wieder. Aber es war ein fröhliches Lied, und im Garten, in der Laube hörte er kein Weinen und kein Schluchzen. Dennoch war Jemand in der Laube. Er hörte Bewegungen darin. Wer konnte es ſein? Wieder die Fürſtin, die Tante? Aber in dem 88 Fenſter des Zimmers, in dem das Mädchen ſang, zeigte ſich eine hohe, ſtarke Frauengeſtalt; es konnte nur die Tante ſein. War einer von den Domeſtiken in der Laube, der die Herrſchaft im Hauſe wußte? Da kam es aus der Laube heraus. Ein Schritt ging weiter in den Garten hinein, nach dem Hauſe hin, aber nicht in gerader Richtung, auf Umwegen, hinter Spalieren, die Hecke entlang. Wer war es, der ſich hier nicht durfte ſehen laſſen? Der Mond ſchien noch nicht. Der Graf Leopold unterſchied nur einen Mann, der in einen Mantel gehüllt war. Ein Diener des Hauſes war es auf keinen Fall. Ein Nebenbuhler? Wie leicht, wie ſchnell, wie zu allererſt dringt die Eiferſucht in ein Herz, in das die Liebe ihre erſten friſchen Wurzeln geſchlagen hat! Wer konnte es wagen, in der Dunkelheit der Nacht ſich in den fremden Garten einzuſchleichen, unmittelbar dem Hauſe ſich zu nahen? „Ich hätte es nicht gewagt.“ Aber wozu die erſte ſchüchterne Liebe nicht den Muth hat, das muß die Eiferſucht vollbringen. Auch er ſchlich in den Garten, die Hecke entlang, hinter den Spalieren hin. Er mußte wiſſen, wer der Mann im Mantel war, wo er geblieben war. b 89 Er fand ihn nicht mehr; er entdeckte keine Spur von ihm. Aber auch der Geſang war verſtummt, das Fenſter, das erleuchtet geweſen, war dunkel. Wo war ſie, die Sängerin, das trotzige, verzogene Fürſtenkind? Bei dem Manne im Mantel? Er mußte es wiſſen. Er ging näher an das Haus; er wagte ſich frei und offen in den Garten, nahe an das Haus heran. Alle Fenſter waren dunkel; nirgends bewegte ſich etwas, war ein Laut zu vernehmen. Er wollte um das Haus herumgehen. Auf der andern Seite mußte er finden, was er ſuchte, verfolgte. Eben war der Mond aufgegangen. Da öffnete ſich leiſe eins der dunklen Fenſter oben im Hauſe, eins von denen, die am geſtrigen Abende ſpät noch hell geworden waren. Es fiel leiſe etwas herunter; das Fenſter verſchloß ſich ſchnell wieder. Was war heruntergefallen aus dem Schlafge⸗ mache des Fürſtenkindes? Er trat unter das Fenſter. Eine friſch gepflückte Monatsroſe lag an der Mauer. „Für mich? Ja, ja, für mich. Für die wilde Roſe von heute Morgen!“ Auch die Eiferſucht konnte keinen Einſpruch thun. Er trug ja keinen Mantel. —— x 90 Er drückte die Roſe an ſein Herz. Er ſuchte den Mann im Mantel nicht mehr. Aber er mußte noch bis Mitternacht zu dem dunklen Fenſter hinauf träumen. Als er zu Hauſe kam, ſchlief ſein Bruder Franz, auch wohl träumend von dem weißen Säulenhauſe in der Schlucht; denn er war der Mann im Mantel ge⸗ weſen, der dem Geſange des freundlichen Fürſtenkindes gelauſcht und, als er ihn nicht mehr vernahm, das dunkle Haus umſchlichen und dann ſein Lager aufgeſucht hatte. Am andern Morgen ſahen ſich die Brüder. Aber ſie waren einſilbig gegen einander; von dem geſtrigen Tage ſprach keiner ein Wort. Es war ſo natürlich. Evchen ſtand zwiſchen ihnen, das gute, das brave, das liebende Evchen, das ſie beide liebte, das ſie beide wieder liebten. Trat nicht jeder von ihnen ſich ſelbſt, dem andern, dem Kinde zu nahe, wenn er bekannte, daß er eine neue Liebe ſuche, ihr ſchon folge? So verließen ſie auch wieder jeder einzeln ihr Quartier, und keiner ſagte dem andern, was er für den Tag vorhabe, wohin er gehe. Der Weg beider ging in die Schlucht, zu dem weißen Säulenhauſe. Leopold war zuerſt gegangen. Als er dem Garten ſich nahte, ſprang das Fürſten⸗ kind über die kleine Brücke ihm entgegen. 9 Sie hatte ihn geſehen. „Schön, daß Sie kommen. Ich warte ſchon lange auf Sie.“ „Hätte ich das ahnen können!“ „Sie hätten mich nicht ſo lange warten laſſen?“ „Können Sie fragen?“ „Kommen Sie. Wir bleiben den ganzen Morgen zuſammen. Meine Tante iſt unwohl.“ „Und Sie verlaſſen ſie?“ Die Frage verletzte ſie. „Sind Sie mein Hofmeiſter?“ warf ſie in ihrer raſchen und kecken Weiſe die Lippen auf. „Biſt du das trotzige Fürſtenkind wieder?“ dachte der junge Graf. „Sie hatten wohl keinen ſtrengen Hofmeiſter?“ fragte er ſie. „Ich hatte gar keinen“ ſagte ſie. „Wie wuchſen Sie denn auf?“ Die Frage war wohl abſichtlich ſo bürgerlich geſtellt. Das Kind — ſie war ſchon nicht mehr böſe — antwortete unbefangen: „Ich hatte Lehrer und eine Hofmeiſterin; Oberhof⸗ meiſterin wurde ſie genannt. Aber gehen wir. Unter⸗ wegs werde ich Ihnen auch auf Ihre Frage ant⸗ worten.“ Sie gingen in die Schlucht hinein. „Wiſſen Sie“, ſagte ſie, „wohin ich heute zuerſt möchte?“ „Und wohin?“ „Zu dem Neſte von geſtern. Soll ich Ihnen auch ſagen, warum?“ „Und warum?“ „Um Ihnen meinen Dank zu zeigen.“ „Ich trage das Zeichen Ihres Dankes auf meinem Herzen.“ „Ah, die Roſe von geſtern Abend! — Sie fragten nach meiner Tante“, ſagte ſie dann. „Sie hat Mi⸗ gräne. Sie leidet manchmal daran. Dann darf Nie⸗ mand zu ihr. Das geringſte Geräuſch verurſacht ihr unerträgliche Schmerzen.“ „Verzeihen Sie mir“, ſagte der Graf. „Ich hatte Ihnen Unrecht gethan.“ „Sie trauten mir Mangel an Liebe gegen meine Tante zu? Ja, das war unrecht von Ihnen. Ich liebe meine arme Tante über Alles. Sie iſt ſo un⸗ glücklich, beſonders jetzt, ſeit acht Tagen; ſeitdem wir hier ſind; ſeit drei Wochen ſchon, ſeitdem der Kurfürſt krank wurde. Sie war eigentlich niemals recht glücklich, und manchmal kam es mir vor, als wenn ſie es um meinetwillen nicht ſei. Aber was rede ich da zu Ihnen? Ach, ich möchte ſo gern einmal mein Herz ausſchütten, ſo ganz. Und ich habe keinen Menſchen, gegen den ich es könnte. Doch gegen Sie könnte ich es. Aber nicht heute. Morgen! Sie bleiben ja noch hier!“ „Ich bleibe noch hier.“ Sie hatten den Felſen erteig in deſſen Spalte das Vogelneſt war. „Ich hatte Sie bitten wollen, mich wieder hinauf⸗ zuheben“ ſagte ſie, „ber es iſt vorbei. Es wäre doch nur wieder Trotz gegen mich. Gehen wir weiter. Dieſer Pfad ſcheint recht tief in die Gebirgswildniß zu führen. Ich werde mich da wieder wohler fühlen.“ „Fühlen Sie ſich nicht wohl?“ fragte er. 8 „Ich bin verſtimmt, traurig. Meine Tante! Der Kurfürſt! Er liebte mich ſo ſehr. Er wollte mir immer noch etwas ſagen, mir allein. Aber ſie ließen mich nicht mehr allein zu ihm. Nur meine Tante durfte bis zuletzt bei ihm bleiben. Unter ihrem Gebete an ſeinem Bette iſt er geſtorben. In der nämlichen Nacht noch mußten wir fort, bierher.“ Der Weg, den ſie gingen, führte in die Wildniß des Siebengebirgs, durch tiefe, einſame Schluchten, dann hinauf zu den alten Steinbrüchen der Wolkenburg, die ſchon vor ſechshundert Jahren die Steine zum Bau des Kölner Doms lieferten. 94 Das junge Fürſtenkind und der Grafenſohn ſtanden ſtaunend, bewundernd vor ihnen. „Welch ein großartiger Anblick“, ſagte der junge Mann. „Ueber ein halbes Jahrtauſend haben ſo viele Tauſende von Menſchenhänden mit allerlei Mitteln der Zerſtörung und Zernichtung hier gearbeitet, geſprengt, abgelöſt, zerklüftet, hoch hinauf bis in die Wolken zu der alten Wolkenburg, tief hinunter in die Abgründe, deren ſchlammiges Waſſer man hier kaum ſieht. Und nicht blos jener mächtige Dom iſt aus dieſem Geſtein hervorgegangen, Hunderte anderer Prachtgebäude an dem ſchönen Rheinſtrom ſind von den Steinen der Wolkenburg aufgeführt. Und dennoch ſteht die unge⸗ heure Felſenmaſſe da, als habe man ihr erſt die äußere Schale abgeſtreift, als wolle ſie noch Jahrtauſende herausfordern, aus ihrem Geſtein dieſe reizenden Ufer des vaterländiſchen Stroms mit neuen Denkmälern deutſcher Kunſt, deutſchen Fleißes, deutſchen Gedankens zu ſchmücken.“ Sie waren bis dicht an den Rand eines der weiten, tiefen Abgründe getreten. Sie blickten hinunter. „Wie ſtill ruht das Waſſer da unten!“ „Und wie ſchwarz!“ „Als wenn der Tod dort ſein Reich hätte.“ „Und auf ſeinem entſetzlichen Reiche lagert der ſchmuzige Schlamm in der Farbe der Hoffnung.“ Der junge Mann ſprach es. „Iſt das noch ein Grün?“ fragte ſchaudernd das Mädchen. „Das Grün des Todes! In meiner Heimat werden die Todten auf einem grünen Wagen zum Kirchhofe gefahren.“ Das Mädchen nahm die Hand ihres Begleiters. „Gehen wir von hier“ ſagte ſie. „Es gehen häß⸗ liche Sagen von dieſen Steinbrüchen. Böſe Geiſter hauſen hier. Meine Zofe hat mir davon erzählt.“ Sie wollte ihn zurückziehen. „Und was treiben die böſen Geiſter hier?“ fragte der Graf. „Der Berg gehört ihnen, und ſie ſind erzürnt, daß man ihnen ihr Eigenthum geraubt hat, um einen Tempel Gottes daraus zu bauen, und in ihrem Zorn ziehen ſie die Menſchen hinunter, die ſich ihnen nahen, beſonders Liebende; manches junge Paar hat hier ſeinen ſchrecklichen Tod gefunden.“ Der junge Graf hatte ſich von der Hand des Kindes zurückziehen laſſen. Die weiche Hand ruhte noch in der ſeinigen, während ſie erzählte. Daß ſie ihn hielt, ſchien ihr ein Schutz zu ſein. Er blickte in Gedanken 96 verſunken zu der Tiefe hinunter, von der ſie zurück⸗ getreten waren. Auf einmal zuckte er auf. Er hatte etwas geſehen, in dem Abgrunde, an ihm. „Einen Augenblick“, ſagte er. Er nahm ſeine Hand aus der des Kindes. Er war mit drei Schritten an dem Rande des tiefen Bruches. „Um Gotteswillen!“ rief das Kind. „Fürchten Sie nichts!“ „Franz, Franz!“ Er ſtutzte. Er hatte vergeſſen, daß er ſich ihr ſo genannt hatte. Es fiel ihm wieder ein. „Fürchten Sie nichts, liebe Sabina.“ Er bog ſich über die Tiefe vor. Ein halb abge⸗ ſprengtes Felsſtück ragte, einer unförmlichen Säule gleich, hoch aus dem Waſſer heraus, drei Schritt vom Rande. Er wollte es mit der Hand erreichen. „Franz, Franz!“ rief das Kind. „Der Abgrund wird Sie verſchlingen!“ Er antwortete nicht; er war nur mit dem beſchäf⸗ tigt, was er vorhatte. Er wußte es wohl, die ge⸗ ringſte Unvorſichtigkeit, eine falſche Bewegung um die Breite eines Zolls brachte ihn aus dem Gleichgewicht, ſtürzte ihn unrettbar in die Tiefe. „Ich ſterbe mit Ihnen!“ rief Sabina. Er ſprang zurück. Er hatte, was er wollte. —,—— —— 97 Er überreichte ihr ein Vergißmeinnicht. Er hatte es in der einen Spalte des Felsblocks geſehen. Es war emporgeblüht in dem feuchten Hauche des ſchlam⸗ migen Waſſers in der Tiefe, den wärmenden Strahlen der Frühlingsſonne am Himmel. Er hatte es mit Gefahr ſeines Lebens gepflückt. „Sabina, an die Roſe von geſtern ſollte ich Sie nicht erinnern. Vergeſſen Sie mein nicht bei dieſem Blümchen.“ Sie nahm es von ihm mit zitternden Händen; Thränen, die aus ihren Augen ſchoſſen, benetzten es. „Sie waren grauſam“ ſagte ſie. Aber ſie ſteckte das Blümchen an ihren Buſen; ſie verbarg es unter dem Buſentuche. „Kommen Sie jetzt!“ ſagte ſie. „Ich habe Ihnen etwas zu ſagen, was ich hier nicht ſagen darf.“ Er ging mit ihr zurück. „Was haben Sie mir zu ſagen, Sabina?“ „Wenn Sie in den Abgrund geſtürzt wären, ich wäre da unten mit Ihnen geſtorben.“ „Nein, nein!“ rief er. Sie nahm wieder ſeine Hand. . „Blicken Sie in mein Auge!“ Er that es. „Sehen Sie eine Lüge darin?“ Temme, Die Erbgrafen. IV. 7 98 „Nein“ ſagte er. Er ſprach das Wort ſo ſonderbar. Er mußte es hervorpreſſen. Der tieſſte Schmerz und die höchſte Luſt rauben dem Menſchen die Sprache. Schnürte ein Schmerz ihm die Bruſt zuſammen? Er hatte in ihrem Auge die Seligkeit der Liebe geleſen und die Seligkeit der Liebe war in ſein Herz eingezogen. Sie konnten beide kein Wort mehr ſprechen. Sie kehrten ſtumm von den Steinbrüchen der Wolken⸗ burg zurück. Als ſie wieder unten im Thale waren, fragte er: „Sabina, warum konnten Sie das, was Sie mir ſagten, an dem Abgrunde nicht zu mir ſprechen?“ Sie antwortete ihm mit ihrer kindlichen Unbe⸗ fangenheit: „Die böſen Geiſter konnten dort noch Gewalt über uns haben.“ „Und wir wollen leben, Sabina.“ „Ja, Franz!“ ſagte ſie. Und ſie ergriff ſeine Hand und drückte ſie faſt ungeſtüm. Dann trennten ſie ſich ſchweigend. Den Erbgrafen Franz hatte es an dem nämlichen „ 60 Tage zum öftern nach dem weißen Landhauſe in der obern Honnefer Schlucht gezogen. Er hatte es in der Ferne, in der Nähe umkreiſt. Das Glück war ihm nicht günſtig geweſen. Was er ſuchte, war heute nicht für ihn zu finden. Am Abend ging er nochmals hin. Er war auch am geſtrigen Abend da geweſen. Er war der Mann im Mantel, den ſein Bruder Leopold nicht erkannt, vergeblich verfolgt hatte. Er hatte nichts geſehen. Aber er hatte unten in einem Gemache des Hauſes hinter einem erleuchteten Fenſter eine wunder⸗ bar klare, weiche, ſüße Stimme gehört, die luſtige Lieder durch die ſtille Nacht ſang. Das mußte ſie ſein. Und die Stimme, ihre Stimme mußte er heute am Abend wieder hören, wenn auch der ganze Tag ihren Anblick ihm verſagt hatte. Er hörte ſie, und die Töne zogen ihm wieder wunderbar in die Bruſt ein, und das Herz war ihm doch zuletzt wieder bei Evchen, und mit Eychen im Herzen kehrte er nach Hauſe zurück. Am andern Morgen früh war er wieder da. Sie war im Garten; ſie ging zwiſchen den Blumen⸗ beeten; ſie war allein. Er nahte ſich der Brücke, die in den Garten führte. Sie ſah ihn. Sie winkte ihm freundlich. „Guten Morgen, Franz.“ 100 „Guten Morgen, Sabina!“ durfte, mußte er ihr antworten. „Wollen Sie mir nicht helfen?“ fragte ſie. Er war ſchon bei ihr. Ein Roſenſtock hatte ſich von dem Stabe gelöſt, an dem er befeſtigt geweſen war. Sie wollte ihn wieder anbinden. Er mußte den Strauch halten; ſie band ihn feſt. Sie war in ihrer Morgenkleidung. Ein ſchneeweißes Häubchen mit ſchwarzem Trauerbande bedeckte ihre Locken. Sie ſah doppelt reizend darin aus, das ſchöne Kind von kaum ſechzehn Jahren wie eine junge Frau. Und ihre Bewegungen waren ſo anmuthig, und ihre Hände waren ſo fein und alle ihre Glieder ſo zart. Als die kleine Arbeit beendet war, ſagte ſie: „Gehen wir in die Laube. Meine arme Tante hat noch immer ihre Kopfſchmerzen. Plaudern wir mit einander.“ Sie gingen zuſammen in die Laube. Er mußte ſich zu ihr ſetzen. „Erzählen Sie mir von ſich. Ihre Heimat iſt weit von hier?“ „Weit hinten nach Oſten, aber auch in einem ſchö⸗ nen deutſchen Lande.“ „Haben Sie Berge dort?“ 101 „Nur flaches Land. Aber auch in der Ebene iſt es ſchön. Man iſt dort immer wie auf hohem Berge. Rund umher iſt unbeſchränkte Fernſicht. Ganz hinten am Horizont tauchen Städte mit hohen grauen Thür⸗ men auf. Sie tauchen auf über Haiden. Waren Sie ſchon in einer grauen Haide, deren Ende man nicht ſieht?“ „Ich habe noch nie den Rhein und ſeine Berge verlaſſen.“ „Ah, ich möchte Sie in unſere Haiden führen können. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus darin, ſoweit das Auge reicht; nichts als das graue Haidekraut. Aber dieſes Haidekraut, wenn man ſich zu ihm niederbeugt, hat die zarteſten Fäſerchen und verbirgt die feinſten blauen und weißen und gelben Blümchen. Und über dieſen Blümchen liegt die tiefſte Ruhe und Stille. Kein Menſch ſtört ſie, kein Thier; nur der Kibitz mit ſeinem melancholiſchen Rufe fliegt über die Haide dahin.“ „Sie waren gern in dieſen Haiden?“ „Ich ſuchte ſie oft auf. „Allein?“ „Mit meinem Bruder.“ „Sie haben einen Bruder?“ „Ich habe mehrere Geſchwiſter.“ „Lebt Ihre Mutter noch?“ 102 „Ja, Sabina“, ſagte der junge Mann, „und zu ihr, zuerſt zu ihr möchte ich Sie führen. Sie iſt die edelſte Frau.“ „Sie liebt Sie?“ „Sie liebt mich, wie ich ſie anbete.“ „Wie glücklich ſind Sie! Ich hatte nie eine Mutter. Ich habe weder meinen Vater noch meine Mutter ge⸗ kannt.“ „Wie arm mußte Ihr Herz ſein!“ Sie antwortete ihm lange nicht. Sie verſank in tiefes Nachdenken. Dann ſagte ſie: „Ja, ja, ich war arm. Aber ich fühle es erſt jetzt. Seit heute, ſeit geſtern. Früher fehlte mir nichts. Ich hatte Alles, was ich wollte; meine Wünſche waren Be⸗ fehle. Man verſagte mir nichts. So hatte ich Spiel⸗ zeug für Liebe. Und ich war fröhlich, glücklich. Und jetzt —“ „Und jetzt?“ fragte der Graf Franz. „Und jetzt?“ wiederholte ſie ſinnend. „Ach, manch⸗ mal kam es doch auch ſchon früher über mich. Es war mir dann ſo leer und ſo weh im Herzen und ich mußte weinen. Was mir fehle, fragten ſie mich dann. Und wenn ich antwortete: Ich habe keinen Vater und keine Mutter wie andere Kinder, dann gab man mir ſchöneres Spielzeug und die Hofdamen und Cavaliere 103 ſchmeichelten mir und die Kinder des Adels mußten mir gehorchen und ich mußte wieder lachen und fröhlich ſein.“ „Arme —“ Sabina, wollte er wieder ſagen, aber ſie hatte ſo unmittelbar vorher von den Hofdamen und Cavalieren geſprochen. Der Name wollte nicht über ſeine Lippen. „Sagen Sie es nur!“ bat ſie. „Sagen Sie Sabina zu mir. Es thut mir wohl.“ „Arme Sabina!“ ſagte er. Aber ein anderes Wort konnte er doch nicht aus⸗ ſprechen. „Und jetzt?“ Auf die Frage hatte ſie noch nicht geantwortet. Sie antwortete von ſelbſt, ohne daß er die Frage wiederholte. „Und jetzt kann ich nicht mehr lachen und nicht mehr fröhlich ſein. Und wenn ich es ſein will, wenn ich mich zwinge, es zu ſein, dann — ja, ja, dann iſt es nur Trotz Trotz gegen mein eigenes Herz, und ich muß ſo bitter dafür büßen. O, hätte ich eine Mutter, der ich mein Leid klagen könnte! Meine Tante iſt ſo gütig gegen mich. Ich bin ihr Alles! Aber ſie iſt nicht meine Mutter. Ihre Liebe gegen mich iſt eine ſo ſonderbare, ſo ungleiche, manchmal wie eine ver⸗ zehrende Glut, dann wieder kalt und abſtoßend wie 104 Eis. Einmal bat ſie mich, Mutter zu ihr zu ſagen. Ich that es. Ich that es ſo gern. Ich war noch klein, ein Kind. Aber als ich das Wort ausgeſprochen hatte, als ich meine Arme um ihren Nacken ſchlug und Mutter, meine Mutter! rief, da flog ſie auf, ſtieß mich von ſich und lange Zeit durfte ich ſie nicht wiederſehen. Ich habe niemals das Wort wieder zu ihr geſagt.“ „Arme Sabina!“ ſagte der junge Graf. „Jawohl bin ich arm, ein armes Kind! Gerade jetzt fühle ich es. Gerade jetzt fehlt mir ein Herz, dem ich Alles ſagen könnte, dem ich ſo viel zu ſagen hätte.“ „Können Sie mir vertrauen, Sabina?“ „Ihnen? Ja, ja. Vertraue ich Ihnen nicht Alles an? Aber —“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Nein, nein“ ſagte ſie dann. „Doch nicht Alles. Ueber Sie ſelbſt hätte ich ſo viel zu ſagen, aber nur meiner Mutter, keinem andern Menſchen in der Welt.“ „Sagen Sie es doch mir, Sabina.“ Sie ſann nach. „Morgen“, ſagte ſie dann auf einmal entſchloſſen. „Ich muß es erſt mir ſelbſt ſagen, meinem Herzen, und mit ihm muß ich ganz allein ſein. Hrlaſſen Sie mich. Kommen Sie heute nicht mehr wieder. Aber morgen, zu dieſer Stunde.“ 105 Der junge Mann ging. Es war ihm ſo ſonderbar zu Muthe. Evchen und Sabina ſtanden beide in ſeinem Herzen. Aber Evchen war weit weg und ſie war glücklich. Und das Fürſtenkind war ſo unglücklich, und was war ihr Unglück anders als die Liebe zu ihm, die ſie nicht er⸗ kannte, und die in dem Augenblicke, da ſie ihr klar wurde und er dann zu ihr ſagte: Sabina, ich liebe ja auch Dich, ich liebe Dich über Alles — ihr Unglück in das höchſte Glück, in die hellſte Freude, in den lauteſten Jubel ihres liebenden Herzens verwandelte? Und Sa⸗ bina war immer das hohe Fürſtenkind und Evchen war die Bürgerstochter. Aber ſagte er ſich auch das? Er ſtreifte den ganzen Tag im Gebirge umher. Er redete die Bäume an, die Blumen, die Quellen, die Bäche, er fragte die Steine um Rath, er grollte mit den alten Ruinen auf den Gipfeln der Berge, daß ſie alle keinen Rath, keine Entſcheidung für ihn hatten: Evchen oder Sabina? Er kam am ſpäten Abend nach Hauſe. Sein Bruder war da, aber in übler Laune. Dem Grafen Leopold war es heute ergangen, wie geſtern dem Graf'n Franz, noch ſchlimmer. Sabina war den ganzen Tag unſichtbar für ihn geweſen, er hatte nicht einmal einen Ton ihrer Stimme gehört. 106 War ſie nicht da? Wollte ſie nur für ihn nicht da ſein? Was hatte ſie gegen ihn? Wir wollen zu⸗ ſammen leben! hatte ſie ihm geſtern geſagt. Sie hatte ihm dann ſo innig, ſo heiß die Hand gedrückt. So waren ſie geſchieden. Durfte ſie für ihn nicht mehr da ſein? Nie wieder? Er war der lebhaftere der beiden Zwillingsbrüder, alſo der am ſchnellſten, am leichteſten aufzuregende. Er brütete in ſeinem Grolle, in ſeinen Zweifeln vor ſich hin, als ſein Bruder Franz zu ihm eintrat. So hatte er genug mit ſich zu thun. Mit dem Grafen Franz war es anders; er mußte ſich mittheilen. „Leopold, was werden ſie jetzt auf der Schwalen⸗ burg machen?“ „Ich weiß es nicht, Franz.“ „Ob ſie an uns denken werden, wie wir an ſie?“ „Es iſt möglich.“ „Du denkſt doch an ſie?“ „Gewiß.“ „An Evchen?“ „Was ſoll Evchen?“ fuhr der Graf Leopold bei⸗ nahe auf. „Nun, wir haben ſie doch beide ſo lieb.“ „Und beim Abſchiede ſangſt Du: 107 Ein Jahr geht bald vorbei! Meine Lieder Bring' ich wieder Und mit ihnen meine Treu! Du warſt es, Leopold, der die Worte ſang. Fühlſt Du noch ſo für das gute Evchen?“ Leopold war doch auf den Bruder aufmerkſam ge⸗ worden. „Höre, Franz, wäre Evchen Dir ſchon gleichgültig geworden?“ „Wie fragſt Du?“ „Wie ich frage? Meine Abſchiedsworte an das Kind waren, daß wir drei Menſchen, Du, ſie und ich, einander nie verlaſſen würden.“ „Ich werde ſie ja nie verlaſſen“ ſagte der Graf Franz. Aber er konnte das Geſpräch nicht weiter fortſetzen; er konnte nicht mehr ſagen, was er auf dem Herzen hatte. Er war in einem Zwieſpalte mit ſich, der ihn drückte, der ſeine Ehre anging. Wollte er denn Evchen verlaſſen? Konnte er es, ohne Liebe, Treue, Ver⸗ ſprechen zu verrathen, alſo die Ehre? Da konnte er mit dem Bruder nicht mehr ſtreiten. Er hatte des Streites genug mit ſich ſelbſt. Sie ſchwiegen beide. In dem Streite mit ſich war Franz noch am an⸗ 108 dern Morgen. Die Stunde war vorbei, da er hatte zu dem weißen Landhauſe gehen wollen. Aber Leopold war zu der Stunde da. Und Sabina flog ihm entgegen. Sie hatte ihn er⸗ wartet, auf ihn gewartet. „Franz, ſoll ich Alles ſagen, was ich auf dem Herzen habe? Ich muß es! Franz, lieben Sie wohl einen Menſchen ſo, daß Sie nie wieder von ihm laſſen könnten? Nie wieder, Franz? Daß Sie mit ihm ſterben müßten, wenn er ſtürbe? Lieben Sie ſo? Sagen Sie es mir. Sagen Sie es mir aufrichtig.“ Sie war in leidenſchaftlicher Aufregung. Sie konnte ſeine Antwort nicht erwarten. Ihre Augen hingen an den ſeinigen, an ſeinen Lippen, als wenn jeder Blick, jedes Wort von ihm ihr Leben oder Tod bringen ſolle. Und der junge Mann ſah ſie treu und ehrlich an, und mit der vollen Glut ſeiner Liebe zu ihr und mit dem ganzen Glücke, mit dem ihre Worte, ihre Liebe ihn erfüllten. Hatte ein einziges ihrer Worte nicht ihre Liebe zu ihm ausgeſprochen? „Ja, Sabina“, ſagte er. „So liebe ich. Und ſo liebe ich Sie.“ „Mich, mich liebſt Du ſo?“ Sie ſchlang ihre beiden Arme um ihn. Sie weinte, wie bitterlich. Aber nie mögen ſüßere Thränen des Glücks geweint ſein. „So liebe ich ja auch Dich“ ſagte ſie dann. „Vor⸗ geſtern, an den Steinbrüchen, da wußte ich es ſchon. Wärſt Du in den Abgrund verſunken, ich wäre Dir nachgeſtürzt. Ich hätte mit Dir ſterben müſſen. Die Geiſter des Todes da unten hätten wieder ein Liebes⸗ paar aufnehmen müſſen.“ „Die Geiſter der Liebe, des Glücks“, erwiderte der junge Mann, „ſollen uns durch das Leben geleiten, meine Sabina.“ Sie mußten ſich trennen. „Meine Tante erwartet mich. Sie hat Nachrichten erhalten, die keine guten ſein müſſen. Ein Bote von Bonn hat ihr geſtern einen Brief gebracht; ſeitdem iſt ſie in großer Unruhe. Sie habe mit mir zu ſprechen ließ ſie mir ſagen, als ich in den Garten ging. Bis um ſechs Uhr heute Abend, mein Geliebter. Tante beſorgt dann ihre Correſpondenz.“ Sie ſchieden. Der junge Mann mußte ſein Glück den Bergen, den Burgen, den Steinbrüchen erzählen⸗ Sabina wandelte zwiſchen den Spalieren des Gar⸗ tens auf und ab, um, bevor ſie zu ihrer Tante ging, 110 die äußere Ruhe zu gewinnen, die ihre innere Unruhe verbergen ſollte. Da hörte ſie ein Geräuſch hinter ſich. Der Graf Franz ſtand da, der wahre, nicht der, dem ſie ſo eben ihre Liebe geſtanden, der durch ſein Ge⸗ ſtändniß ihr zuvorgekommen war; aber ſie hielt ihn dafür. So trafen ihn ihre Blicke; ſo flüſterte ſie ihm zu: „Bis um ſechs heute Abend, mein Franz. Ich muß fort.“ Sie entſchwebte zum Hauſe. Dem jungen Grafen aber drängten die Blicke und die Worte und die Verheißungen der Liebe das Bild Evchen's immer weiter und ferner in einen Winkel des Herzens zurück. Sabina, das liebende Kind, war und blieb glücklich. Der Rheingraf hatte ihrer Tante geſchrieben, daß er am Abend nach eingetretener Dunkelheit kommen werde, um Ihrer fürſtlichen Gnaden wichtige Nachrichten mitzutheilen. Die Dame war in großer Unruhe, was es ſein möge. Sabina dachte nur an ihr Glück der Liebe, des Wiederſehens des Geliebten am Abend. Hinter dem Menſchen, der das Glück träumt, ſteht das Unglück. Die Tante hatte ſich früh in ihr Gemach, in dem ſie allein ſein wollte, zurückgezogen. 111 Sabina war längſt vor ſechs Uhr im Garten. Die Sonne ſtand noch in voller Pracht am Himmel. Sabina ſaß in der Laube am Bache. Sie träumte nur von Glück, von Liebe, von dem Wiederſehen des Geliebten, von ſeinen Armen, die ſich mit den ihrigen verſchlingen werden, von ſeinem klopfenden Herzen, an dem das ihrige ruhen werde, von den Worten und Schwüren der Liebe, die ſie austauſchen würden. Bei jedem Geräuſch wollte ſie auffliegen. Das mußte der Geliebte ſein. Da hörte ſie einen Schritt. Er kam von der Seite über die Brücke. Sie ſprang auf. Sie trat in den Eingang der Laube. Es war der Geliebte. Sie ſah, ſie erkannte ihn. Sie wollte ihm entgegenfliegen. Da vernahm ſie einen zweiten Schritt. Er kam von einer andern Seite, hinter dem Hauſe her. Es war auch der Geliebte. Sie ſah, ſie erkannte auch ihn. Sie erſtarrte. Das Blut gerann ihr in den Adern. In der Bruſt wurde es ihr eiſig kalt. Ihr Herz hörte auf zu ſchlagen. Mit einem furchtbaren Schrei ſtürzte ſie nieder. Die beiden Brüder flogen zu ihr, ſahen ſich, ſahen ſich an, erriethen, erkannten, wichen entſetzt zurück vor 112 den Blicken, die einer dem andern zuſchleuderte, flogen wieder zu der Geliebten. Sabina hatte ſich erholt, erhoben. Ihr Blick ſuchte die beiden Brüder, ſuchte den Ge⸗ liebten, fand zwei, fand keinen. Auch ſie hatte errathen, erkannt. „Wem habe ich denn meine Liebe geſtanden? In weſſen Arm habe ich denn gelegen? Weſſen Mund hat mir ſeine Liebe zugeſchworen? Wen liebe ich denn? Keinen!“ ſchrie ſie wieder laut auf. „Keinen von Euch! Ihr ſeid Geſpenſter, weſenloſe Schatten. Wei⸗ chet von mir! Euer Anblick erfüllt mich mit Schrecken, mit Entſetzen! Fort! Fort!“ Aus dem Hauſe kamen Diener. Sie hatten den Schrei der Herrin gehört. „Fort, fort!“ rief das arme Fürſtenkind den Brü⸗ dern zu. Sie entwichen. Sie entwichen in Groll, in Zorn, in Wuth. Die Leidenſchaft hatte alle Liebe in ihren Herzen ausgelöſcht, ihnen die Sinne verwirrt, die Vernunft geraubt. „Du biſt ein Verräther, ein Betrüger. Du ſchlichſt Dich unter falſchem Namen bei ihr ein.“ „Du betrogſt meine Liebe zu ihr.“ 113 „Du betrogſt ſie.“ „Du verrietheſt Evchen.“ „Einer von uns beiden muß ſterben!“ „Ja, einer ſoll ſterben!“ Sie wußten nachher nie, wer zuerſt das Wort ausgeſprochen hatte. Sie ſtürmten nach Hauſe „Piſtolen!“ „Ja, Kugeln!“ Sie griffen zu ihren Piſtolen. Sie eilten in das nächſte Gehölz. Sie ſtellten ſich gegen einander auf. „Fünf Schritt!“ „Drei!“ „Wie Du willſt.“ Sie ſtanden drei Schritte von einander entfernt, die mörderiſchen Waffen in der Hand. „Commandire: Los!“ „Commandire Du!“ „Los!“ Sie ſchoſſen beide. Leopold fiel. „Ich ſterbe!“ rief er. Da erſt wurden ſie wieder Menſchen. Franz warf ſich auf ſeinen Bruder. Temme, Die Erbgrafen. IV. 114 „Leopold, ſtirb nicht! Stirb nicht!“ „Fliehe, damit ſie Dich nicht als Brudermörder ergreifen.“ Franz eilte in das nächſte Haus. „Hülfe! Draußen liegt ein Verwundeter, ein Ster⸗ bender!“ Dann floh er weiter. Man hörte nie wieder von ihm. Leopold hatte einen Schuß in die rechte Hüfte be⸗ kommen. Sie war ihm zerſchmettert. Er wurde geheilt, aber er blieb gelähmt fürs ganzes Leben. Als er der ängſtlichen Hülfe nicht mehr bedurfte, verſchwand auch er, und man vernahm auch von ihm nichts mehr. Beide Brüder hatten unter einem andern bürger⸗ lichen Namen in Honnef gelebt. So waren die Erbgrafen Leopold und Franz von Werdenburg ſeit fünfundvierzig Jahren verſchwunden geweſen und ihre Familie hatte ſie längſt für todt ge⸗ halten, und Niemand, der von ihnen gehört hatte, zwei⸗ felte, daß ſie in irgend einer Weiſe zu Grunde ge⸗ gangen ſeien. Viertes Kapitel. Quis est homo, qui non fleret, Christi matrem si videret In tanto supplicio! Mit dem Geſange erſchien die Proceſſion in der Thür der Kloſterkirche. Ein alter Bruder des Kloſters trug die ſchwarze Paſſionsſtandarte voran. Die Knaben und Mädchen der Schulen der Stadt folgten paarweiſe, ſtill neben einander gehend. Dann kamen die Mönche. Sämmtliche Patres des Kloſters waren da, nur zwei fehlten, der kranke Pater Guardian und der Pater Vitalis, der erſt unmittelbar vorher hatte in das Kloſter gelangen können und ſich daher verſpätet hatte. Die Patres gingen in zwei weiten Reihen. In 8* 116 ihrer Mitte waren der Herr Jeſus und Simon von Cyrene. Hinter ihnen kamen die Schüler des Progymnaſiums der Stadt, in dunkelblauen weiten Mänteln, entblößten Hauptes, wie die Mönche. Die Mönche und die Studenten, wie ſie genannt wurden, ſangen das Stabat mater. Die tiefen Stimmen der Kloſterväter und die jugend⸗ lichen hellen der Schüler miſchten ſich in wunderbarer Harmonie. Der Herr Jeſus und Simon waren tief vermummt. Beide waren eingehüllt in weite, bis auf die Erde hinunterreichende Gewänder von grobem grauem Zeuge; man konnte darunter nicht ihre Geſtalt erkennen. Das Geſicht war ihnen mit großen Larven bedeckt, der Kopf mit dichten, langen Lockenperrücken. Der Herr Jeſus trug über dem Haar die Dornenkrone; ſeine Larve war mit großen rothen Strichen bemalt, die das her⸗ unterfließende Blut bezeichnen ſollten. Er trug auf der Schulter das große, mächtige Kreuz. Hinter ihm ging Simon, um den Herrn Jeſus ab⸗ zulöſen, wenn ihm das Kreuz zu ſchwer werde. Beide, der Herr Jeſus und Simon, gingen bar⸗ Ein äſthetiſcher war der Anblick nicht. Die Masken 117 rührten aus dem Mittelalter her. Auf die Maſſe der Landleute und des geringern Bürgerſtandes konnten ſie an dem Leidenstage und in der feierlichen Proceſ⸗ ſion noch immer ihren Eindruck machen. Der Herr Jeſus ſowohl wie Simon waren hohe Geſtalten, das ſah man auf den erſten Anblick; ſie überragten die ſämmtlichen Mönche, in deren Mitte ſie gingen. Weiter war aber auch nichts von ihnen zu erkennen. Doch noch eins. Der nackte Fuß Simons kam unter dem langen Kleide manchmal zum Vorſchein; er war ſchmal, fein geformt, blendend weiß. Wer war der Herr Jeſus und Simon? Man hatte in den letzten Tagen ſoviel davon geſprochen. Die Frage beſchäftigte jedes Jahr vor der Paſſions⸗ zeit die Gemüther. In dieſem Jahre war es beſon⸗ ders der Fall geweſen. Ein ſchwerer Verbrecher mache den Herrn Jeſus, hatte es zuerſt geheißen; ſo hatte man immer zuerſt geſagt. Ein Räuberhauptmann oder ein Mörder, hatte es dann ſpecieller geheißen. Dann hatte man beſtimmte Perſönlichkeiten ins Auge genommen, namentlich eine, den fremden Johanniterritter. Er konnte es aber nicht ſein, man hatte ihn noch vor der Kloſterthür geſehen in dem Augenblick, da die Proceſſion ſchon in der Kirchthür war. 118 Von dem Pater Vitalis war die Rede geweſen; er werde, da der rechte Herr Jeſus ausgeblieben ſei, aus der Noth helfen. Aber man hatte ihn mit dem Ritter geſehen. Der preußiſche Offizier, der in der Nacht vom Sparrenberge entkommen ſei! Er war ſofort von allen Seiten verfolgt worden, nur nicht nach der Stadt Wal⸗ denbrück hin. So war ihm zuletzt die Flucht hierher geblieben. In der erſten Frühe des Tags hatte man Menſchen geſehen, die eilig die Richtung zum Kloſter eingeſchlagen hatten. Am Mittage waren dann die Dragoner erſchienen, hatten Kloſter und Kirche einge⸗ ſchloſſen, hielten ſie noch beſetzt, drängten mit jener Haſt zu der Kirchthür, als aus dieſer der Paſſionszug hervortreten ſollte. Der preußiſche Offizier mußte der Herr Jeſus ſein. Auf Simon achtete man weniger. Er hatte nur die zweite, ſo ſehr untergeordete und unbedeutende Rolle⸗ Es waren deshalb auch immer nur unbedeutende Sün⸗ der dazu genommen. Unbedeutende Sünder waren den Leuten unbedeutende Menſchen. Auch der Lieutenant von Marnitz, der die Ver⸗ folgung des Entwichenen am Kloſter commandirte, ſchien ſein Augenmerk nur auf den Herrn Jeſus ge⸗ richtet zu haben. 119 Der lange Lieutenant hatte ſeine Anordnungen mit Umſicht und Energie getroffen. Alle Ausgänge ſowohl der Kirche wie des Kloſters blieben auch während der Proceſſion beſetzt und auf das ſorgfältigſte bewacht. Die Soldaten hatten den Befehl, keinen einzigen Menſchen, ſei es wer wolle, hinauszulaſſen, jeden nur irgendwie Verdächtigen aber, der hinaus wolle, zu verhaften. Eine Ausnahme wurde nur mit der einen Kirch⸗ thür gemacht, aus der die Proceſſion kam. An dieſer Thür hatte der Herr von Marnitz an der Spitze einer Abtheilung von Dragonern ſich ſelbſt aufgeſtellt. Die Proceſſion, die aus der Kirche kam, beſtand aus nicht gar vielen Menſchen. Es waren der Kloſter⸗ pruder, der die Standarte vorantrug, die Schulkinder, die ihm folgten, die Mönche des Kloſters, in ihrer Mitte der Herr Jeſus und Simon, zwanzig bis dreißig Schüler des Progymnaſiums, die den Zug ſchloſſen. Alles Andere, alle die Tauſende von Menſchen, Männer und Frauen, die das Gros der Proceſſion bildeten, harrten ihrer auf der Straße und ſchloſſen ſich ihr erſt hier an. Die Controle derer, die aus der Kitche kamen, war ſomit eine leichte. Unter den Kindern der Schulen war der Entflohene, ein hoher, ſchlanker Mann, nicht 120 zu ſuchen. Auch nicht unter den Schülern des Pro⸗ gymnaſiums; keiner von ihnen hatte das Knabenalter überſchritten. So blieben nur das Dutzend Mönche und die beiden Kreuzträger. Die Mönche waren meiſt ältere Männer, kleine, gebückte Geſtalten, trugen die Geſichter frei und hatten die großen Tonſuren. Der Herr von Marnitz beobach⸗ tete jeden vonkihnen auf das ſchärfſte; ihm gegenüber that ein Gleiches ein Unteroffizier, der den Entwichenen auf das genaueſte kannte. Unter den Mönchen war der Herr von Bütow nicht. Aber zwiſchen ihnen? War er in der Proceſſion, ſo konnte es nur einer der beiden Kreuzträger in der Mitte der Mönche ſein. Das war auch die Meinung des Volks, wie wir ſahen, und es entwickelte ſich daraus ein Umſtand, an den der lange Lieutenant nicht gedacht hatte. Alles Volk drängte zu der Kirchthür, um zu ſehen, was ſich hier ereignen werde, um vielleicht an dem Ereigniſſe Theil zu nehmen. Nur Männer ſah man an der Thür und nur entſchloſſene und drohende Ge⸗ ſichter, denen man es anſah, daß ſie den Herrn Jeſus, oder ſei es auch nur Simon, ſich gutwillig nicht würden nehmen laſſen. Wären die beiden Kreuzträger auch die größten Böſewichter und Verbrecher, Räuber und Mörder geweſen, ſie gehörten jetzt einmal zu der Pro⸗ ceſſion, und die Proceſſion war etwas Heiliges und es durfte nichts darin angetaſtet werden, und waren die Räuber und Mörder nicht auch in einem frommen, heiligen Werke der Buße begriffen? Der Lieutenant von Marnitz war mit ſeiner Ab⸗ theilung in eine bedenkliche Lage gerathen. Der Kloſterkirche gegenüber lag, von einer hohen Mauer eingeſchloſſen, der Kloſtergarten. Zwiſchen der Kirche und der Mauer war nur ein ſchmaler, enger Gang. In dieſen Gang führte die Thür der Kirche, durch welche die Proceſſion kam. Er war lang, zog ſich an der ganzen Länge der Kirche vorbei. Es hatten Hunderte von Menſchen darin Platz und Hunderte von Menſchen waren darin. Und dieſe waren die paar Mönche und die beiden Kreuzträger, der Lieutenant von Marnitz mit ſeinen fünfzehn Dragonern und außer⸗ dem jene entſchloſſenen und drohenden Geſichter, denen derbe Fäuſte mit derben Stöcken zu Gebote ſtanden. Sie hatten, ehe ſie in den engen Gang eindrangen, die Schulkinder hinausgelaſſen; die Studenten waren noch in dem Innern der Kirche zurück. So waren die paar Dragoner von einer gefähr⸗ lichen Menge in dem Gange eingekeilt; ſie konnten die Pferde nicht rückwärts, nicht vorwärts, nicht zur Seite 122 bringen, ſie konnten ſich auf den Pferden nicht rühren, ſie waren von ihren Kameraden durch die Tauſende von Menſchen, die auf der Straße ſtanden, abge⸗ ſchnitten. Das war Verrath, Einverſtändniß mit den Mönchen, die wieder mit dem Entflohenen und deſſen Helfers⸗ helfern im Einverſtändniß waren. Um ſo unzweifel⸗ hafter war unter der Maske eines der Kreuzträger der Entflohene verborgen. Der Lieutenant von Marnitz hätte wüthen, raſen mögen. Aber die Mienen der Menge um ihn her wurden drohender. Im Hintergrunde erſchollen Rufe, in den nähern Reihen erhoben ſich die Stöcke, unmit⸗ telbar hinter den Dragonern langten die Fäuſte empor, um die eingeſchloſſenen und eingekeilten Reiter von den Pferden zu reißen. An eine Gegenwehr war nicht zu denken; wer heruntergeriſſen wurde, war verloren. Der lange Lieutenant mußte ſich zu etwas entſchließen, was er in ſeinem Leben noch nicht gethan hatte. Er mußte ſich zurückziehen. Gar vor Bauern, die zu dem nicht einmal bewaffnet waren. „Platz da!“ rief er den Bauern zu. „Reißt ſie von den Pferden!“ rief es hinten. Der Lieutenant mußte bitten, um freien Abzug bitten. 123 Das war ihm unmöglich. „Unteroffizier, rede Er mit den Leuten.“ Mit dem Geſindel! durfte er nicht einmal ſagen. „Ihr guten Leute“, ſagte der Unteroffizier, „laßt uns doch nur aus dem Gange, Eure Proceſſion kann ja ſonſt nicht voran.“ Das leuchtete den Bauern ein. Sie machten Platz für die Reiter. „Aber einzeln ſollen ſie abziehen!“ rief einer. Und ſie mußten einzeln abreiten durch die Menge, Mann für Mann, der lange Lieutenant an der Spitze, der Unteroffizier ſchloß den Zug. Der lange Lieutenant von Marnitz machte unge⸗ fähr ein Geſicht dazu, als wenn er Spießruthen laufen müſſe. Und als er die freie Straße mit ſeinen Leuten er⸗ reicht hatte, wollte ihm noch unbehaglicher zu Muthe werden. Er erwartete hier die aus dem Gange her⸗ vorkommende Proceſſion. Es waren auch auf der Straße noch die Maſſen von Menſchen, aber es waren meiſt Weiber da, die zurückwichen, wie ſie die Pferde und die Waffen ſahen; und von zurückweichenden Weibern laſſen die Männer ſich gern zurückziehen. Der Herr von Marnitz zog zudem alle Dragoner vom Kloſter und von der Kirche an ſich, die er dort augenblicklich 124 für entbehrlich hielt. So erwartete er das Heraus⸗ kommen der Proceſſion aus dem ſchmalen Gange vor der Kirche. Sie kam nicht ſogleich. Die drohenden Bauern mußten vorher den Gang verlaſſen haben. Es dauerte lange. Es dauerte auf einmal dem Lieutenant zu lange. Er hatte Zeit gewonnen, die Dragoner aus der Nähe mit ſeiner Abtheilung zu vereinigen. Aber er mußte noch immer warten. Es überlief ihn heiß und kalt. Was geſchah in dem Gange? Was hielt die Proceſſion ſo bedenklich lange auf? Seine Abſicht war, draußen auf der Straße, wo ſeine Leute ſich freier bewegen, mit den Säbeln einhauen, mit den Pferden niederreiten konnten, den Zug der Mönche in Empfang zu nehmen, die beiden Kreuzträger in ihrer Mitte zu entlarven, des Entflohenen, wenn er, woran nicht zu zweifeln, darunter war, ſich zu bemächtigen, ihn fort⸗ zuführen oder, wenn die Menge ihn vertheidigen wollte, ohne weiteres niederzuſchießen. Sollte ſeine Abſicht vereitelt werden? Was that man ſo lange in dem Gange? Aber was konnte man darin thun? Endlich kam der Zug. Die Mönche traten in ihre zwei Reihen mit ihrem langſamen, feierlichen Gange langſam vor. 125 Die beiden Kreuzträger waren in ihrer Mitte. Der Herr Jeſus ging gebückt unter dem ſchweren Kreuze auf ſeiner Schulter. Simon, der Gepreßte, ging wie ein gedrückter Mann hinter ihm. Aber den Lieutenant von Marnitz ergriff der blaſſe Schreck. Der Herr Jeſus war kleiner geworden. Das war nicht mehr die hohe Geſtalt, die vorhin aus der Kirche getreten war, die er in dem engen Gange ge⸗ ſehen hatte. Auf dem kurzen Wege hatte der Mann nicht ſo klein werden können. Was war mit ihm vorgegangen? Indeß der Herr Jeſus konnte ſich verſtellen, ſich kleiner machen, um zu täuſchen. Er durfte nicht ent⸗ kommen. Die Straße bog ſich bald. An der Biegung warteten die Bürgerfrauen der Stadt auf den Zug, um ſich ihm anzuſchließen, die Männer mußten ſich dann zurückziehen, zurückhalten. Ein anderes Piket Dragoner war in der Nähe aufgeſtellt. Dort wollte der Offizier ſeinen Angriff machen. Er ließ die Pro⸗ ceſſion ruhig bis dorthin weiter ziehen. Er escortirte nur mit ſeinen Leuten die Mönche, damit von den Kreuzträgern in ihrer Mitte keiner entkommen könne. Die Proceſſion ſchritt weiter. Die Mönche und die 126 Studenten ſangen das Stabat mater zu Ende. Das Volk folgte in ſtiller Andacht, Manche auch mit augen⸗ ſcheinlicher Neugierde auf irgend ein Ereigniß. Aber drohende Mienen ſah der Lieutenant von Marnitz nicht mehr. Es wollte ihm faſt unheimlich werden. Die Leute waren unzweifelhaft im Einverſtändniß mit den Mönchen geweſen; waren ſie jetzt ſo ruhig und ſicher, ſo mußte nothwendig etwas vorgefallen ſein, was wei⸗ tere Schritte des Militärs vereitelte. Da gewahrte er eine auffallende Bewegung des erſten Kreuzträgers. Der Herr Jeſus wurde unter ſeinem Kreuze unruhig, wandte den Kopf zur Seite nach den Dragonern, und man hätte darauf ſchwören mögen, daß er mit ſcheuen, ängſtlichen Blicken ſeit⸗ wärts ſchaue, und daß unter dem herunterfließenden Blute auf der Maske ihm der Schweiß von der Stirne rieſele. „Er iſt es doch“ ſagte ſich der Offizier. Der Zug hatte die Ecke der Straße erreicht. Halt! wollte der Lieutenant von Marnitz com⸗ mandiren. Er konnte es ſich erſparen. An einem Hauſe war dort ein kleiner Altar auf⸗ gebaut, den der Offizier vorher nicht geſehen hatte. 3 Dies war die erſte Station der Charfreitagspro⸗ 127 ceſſion. Der Herr Jeſus mußte hier, ermüdet von dem Tragen des ſchweren Kreuzes, niederfallen. Die Mönche knieten um ihn, beteten ſtill, alles Volk kniete und betete leiſe mit ihnen. Der Herr Jeſus wurde dann von den Mönchen aufgerichtet; das Kreuz trug nun Simon bis zur nächſten Station. Solcher Stationen hatte die Proceſſion vierzehn. Der Lieutenant Marnitz erkannte ſeinen Vortheil. Der Altar war erreicht. Die Mönche machten Halt, alles Volk mit ihnen. Der Herr Jeſus fiel unter dem Kreuze nieder. Die Mönche knieten und beteten um ihn. Alles Volk that desgleichen. Die andächtigen Blicke ſenkten ſich zu Boden; das leiſe Gebet der Tauſende wurde zu einem lauten Ge⸗ murmel. Um die knieenden und betenden Mönche hielten auf ihren Pferden die Dragoner. Der Offizier gab dem Unteroffizier an ſeiner Seite einen Wink. Der Unteroffizier ſaß leicht ab, nahte ſich geräuſchlos dem an der Erde auf ſeinem Kreuze liegenden Herrn Jeſus, um ihm die Maske vom Ge⸗ ſichte zu ziehen. Der Lieutenant von Marnitz folgte mit Spannung jeder ſeiner Bewegungen, warf ſeinen Dragonern Muth zuſprechende Blicke zu, ſah ſich nach einer Stelle um, 128 wo er am leichteſten und ſicherſten mit ſeiner Beute durchbrechen, entkommen könne. Der Unteroffizier hatte den Herrn Jeſus erreicht, ſtand neben ihm. Die zur Erde geſenkten Blicke der betenden Mönche hatten ihn nicht geſehen, der Herr Jeſus ſah ihn nicht. Er riß dem Kreuzträger die Maske vom Geſicht. Ein Angſtſchrei entfuhr dem Mann, der auf dem Kreuze lag; er ſprang auf, er wollte fort, davon⸗ ſpringen. Ein wilder Fluch entfuhr dem langen Lieutenant. Das leichenblaſſe, in kaltem Schweiß gebadete Ge⸗ ſicht des Bruders Servatius ſah ihn bittend, fle⸗ hend an. „Nun nehmen ſie mich doch als Rekruten mit!“ war die brennende Angſt des entlarvten Kreuz⸗ trägers. Aber der Offizier gewahrte in demſelben Augen⸗ blicke etwas Anderes. Mit dem Herrn Jeſus war Simon, der unmittel⸗ bar hinter ihm kniete, aufgeſtanden. Sein langes, graues Kleid verwickelte ſich dabei und ließ einen Fuß zum Vorſchein kommen, wie er feiner und ele⸗ ganter in den höchſten Kreiſen der Ariſtokratie nicht wieder geſehen werden mochte. 129 Das war der Herr von Bütow, der Entflohene. „Den da!“ rief der Offizier ſeinem Unteroffi⸗ zier zu. Aber der lange Lieutenant ſollte faſt erſtarren, zum Bilde und zur Salzſäule werden, wie Lot's Weib, da ſie in der bibliſchen Geſchichte doch einmal waren. Simon von Cyrene nahm ſich ſelbſt die Maske ab, begrüßte freundlich den Herrn von Marnitz und legte ſich ruhig die häßliche Larve wieder über das ſchöne jugendliche Geſicht. Der lange Lieutenant hatte den Erbgrafen von Werdenburg erkannt. Die Mönche hatten ihr Gebet verrichtet und er⸗ hoben ſich. Die ganze Proceſſion erhob ſich mit ihnen. Simon nahm leicht das Kreuz auf ſeine jugend⸗ lichen Schultern. Der Herr Jeſus, dem man auf das blaſſe Geſicht die Maske auch wieder gelegt hatte, mußte vor ihn treten. Der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Der lange Lieutenant und ſeine Dragoner ſchloſſen ſich ihm nicht weiter an, folgten ihm nicht. Temme, Die Erbgrafen. W. 9 130 „Was nun?“ hielt der Herr von Marnitz lange ſinnend in der Straße. Dann commandirte er: „Vorwärts marſch!“ Und er ſprengte mit ſeinen Dragonern in die Straße hinein. Fünftes Kapitel. Der Pater Guardian ſaß ſinnend, das edle, greiſe Haupt auf die Hand geſtützt, in ſeiner Zelle. „Es gibt Wunder“, ſprach er für ſich. „Der all⸗ gütige Gott im Himmel ſchickt ſeinen armen Geſchöpfen auf dieſer Erde oft wunderbare Gnade zu. Sie liegt in der Weisheit ſeiner ewigen Ordnung. Der Menſch vermag dieſe nicht zu ſehen; da begreift er jene nicht, und die Gnade, die nach der göttlichen Ordnung kommen mußte, iſt ihm etwas Abſonderliches, das Er⸗ zeugniß eines Einfalls, einer Laune! — Mein Bruder iſt hier! Ja, er ſendet ihn mir! Welche höhere, welche heiligere Gnade für uns könnten wir denn er⸗ denken? Wir waren nicht jene Betrüger, Verräther, 9* 132 Elenden, die wir in wilder Wuth einander nannten. Wir waren nur arme, ſchwache, in der Leidenſchaft ver⸗ irrte, von der Leidenſchaft verwirrte Menſchenkinder. Wie lange, wie ſchwer haben wir dafür gebüßt! Er, ich! Wie ergeben, wie demüthig, wie ohne Murren haben wir dieſe Buße auf uns genommen! Ich, auch er! Wäre er ſonſt gereinigt, geläutert? Und wäre er, wenn er dies nicht wäre, zurückgekommen?“ Draußen im Gange nahte ſich der Zelle ein Schritt. Der Mönch horchte. „Ob er es iſt?“ Er ſchüttelte den Kopf. „Wie ſollte ich ſeinen Schritt noch erkennen können? Wie lange hörte ich ihn nicht mehr! Früher, da kannte ich ihn unter Hunderten. Sein Schritt war mein Schritt. Aber wie lange kann ich mich nur auf dieſer Krücke bewegen! Ach, ſeine Kugel! — Aber wer hatte ſie geleitet? Wer hatte ſeinen Arm bewaffnet? War ich es nicht? War es nicht mein Verrath? Ich hatte mich unter ſeinem Namen eingeführt, unter ſeinem Na⸗ men für mich die Liebe erſchlichen, die ihm gehörte. Er, Franz war es, den ſie liebte. Mich, einen Leopold kannte ſie nicht. Wehe mir! Wie wird er vor mich treten? Faſt ein halbes Jahrhundert hat er unter dem Fluche des Brudermörders gelebt, und ich hatte 133 dieſen Fluch auf ihn geladen! Wird er mir verzeihen können? Ich habe ebenſo lange Buße gethan, ſage ich mir! Aber habe ich denn? War es denn eine Buße, die ich auf mich nahm, der Welt zu entſagen, in die Einſamkeit und Stille dieſes Kloſters mich zu⸗ rückzuziehen? Was ſollte, was konnte ich denn in der Welt? Konnte ich zu den Meinigen zurückkehren, allein, ohne ihn, ohne Kunde von ihm? Mußte ich nicht Rechenſchaft von dem Bruder ablegen? Und mußte nicht jedes Wort, das ich ſprach, mir das Kainszeichen auf die Stirn drücken? Sie mußten mich für den Brudermörder halten! Und war ich es nicht, indem ich jenen Fluch des Brudermordes auf ſein Herz gelegt habe? Und daß ich ſeinen Namen hier annahm, hier wieder — es war wohl eine Spielerei mit der Reue; aber lag denn wahre Reue, lag Buße darin, die mich mit Gott, mit ihm wieder ausſöhnen konnte? Und doch, und doch! Ich kann ihn mit Ruhe erwarten. Ich ſehne mich nach ihm! Iſt das nicht jene wunder⸗ bare Gnade Gottes, die in die Herzen der Menſchen ſieht, die die Herzen der Menſchen lenkt?“ Der Schritt draußen in dem Kloſtergange war auf⸗ gehalten, zurückgekehrt, kam der Zelle näher. Der Pater Guardian erkannte ihn. „Herein!“ rief er dem Pater Vitalis zu. 134 Der junge Mönch trat ein. „Sie bringen ihn nicht mit ſich, Pater Vitalis?“ „Er iſt im Kloſter.“ „Und er kommt nicht zu mir?“ „Ich hielt es doch für nöthig, verehrter Pater Guar⸗ dian, Sie auf ſeine Ankunft vorzubereiten, und auch er äußerte den Wunſch, zunächſt einige Augenblicke in meiner Zelle auszuruhen. Er iſt dort. Außer⸗ dem“ fuhr der junge Mönch fort, „mußte ich vor⸗ her der Ueberbringer einer angenehmen Nachricht ſein. Durch einen Boten wird mir ſo eben mitge⸗ theilt, daß der von dem Sparrenberge entflohene preußiſche Offizier glücklich entkommen iſt. Der von dem Diener des jungen Erbgrafen von Werdenburg — Stapelmann heißt er — entworfene Plan iſt vollkom⸗ men gelungen. Der Herr von Bütow trat unter der Maske des erſten, der Erbgraf unter der des zweiten Kreuzträgers aus der Kirche. Beide waren unter ihrer Vermummung bewaffnet. Sie wollten die Freiheit des Offiziers, wenn es noth that, mit ihrem Leben verthei⸗ digen. Stapelmann hatte den entſchloſſenſten Land⸗ leuten geſagt, die Preußen wollten aus Uebermuth und Haß gegen die Katholiken den beiden Kreuzträgern beim Heraustreten aus der Kirche die Vermummung ab⸗ reißen. Die Bauern hatten ſich in den engen Gang 135 an der Kirchthür gedrängt. Die eingekeilten Dra⸗ goner konnten ſich dort nicht rühren, mußten ſich auf die Straße zurückziehen. Raſch wurde durch Stapel⸗ mann von dem Innern des Kloſtergartens die un⸗ mittelbar der Kirchthür gegenüberliegende Thür der Gartenmauer geöffnet. Der Herr von Bütow wechſelte in der Thür ſeine Vermummung mit dem Bruder Ser⸗ vatius, der dort wartete. Die Proceſſion ging mit dem Bruder Servatius weiter. Stapelmann führte den Herrn von Bütow zu dem äußerſten Ende des Kloſter⸗ gartens in der Nähe des Nonnenkloſters. In der Mauer iſt dort keine Thür, keine andere Oeffnung. Kein Soldat war zu ſehen, auch ſonſt kein Menſch; Alles war auf der andern Seite des Kloſters bei der Proceſſion. Stapelmann hatte ſchon vorher an der Mauer eine Strickleiter befeſtigt. Sie entkamen auf ihr beide aus dem Garten. Stapelmann kennt die Schleichwege aus der Stadt. Er führte den Offizier auch aus dieſer. Draußen hielt die Frau von Bütow mit einem Wagen. Sie iſt mit ihrem Gatten und Stapelmann auf dem Wege zur holländiſchen Grenze, und während man den Entflohenen noch in der Stadt und wahrſcheinlich auch nächſtens in unſerm Kloſter ſucht, wird er mit ſeinen Befreiern längſt die hollän⸗ diſche Grenze erreicht haben.“ 136 Der Pater Guardian hatte doch eine ſtrenge Miene. „Das Andenken an das Leiden des Erlöſers —“ Aber mehr ſagte er nicht. Der Pater Vitalis ſchwieg, verließ die Zelle, ſchritt zu der ſeinigen und fragte hinein: „Jetzt?“ Der Johanniterritter trat heraus. Beide begaben ſich ſchweigend zu der Zelle des Pater Guardian. Der Ritter ging mit feſtem Schritt; er nahm ſich zuſammen. Der Pater Vitalis öffnete die Thür zu der Zelle des Pater Guardian, ließ den Ritter eintreten, trat ſelbſt zurück, ließ die beiden Brüder allein. Da ſtanden ſie einander gegenüber, nach langen Jahren, nach jener Stunde, nach jenen wenigen Mi⸗ nuten eines wilden Haſſes, in denen jeder an dem un⸗ dern hatte zum Mörder werden wollen. Und außer dieſen wenigen Minuten war ihr ganzes Leben die innigſte, die herzlichſte, eine ſchwärmeriſche Bruderliebe geweſen, vor ihnen wie nach ihnen. Als blühende, kräftige Jünglinge hatten ſie ſich getrennt, ähnlich einer dem andern, daß ſelbſt die Liebe ſie nicht hatte unterſcheiden können. Als Greiſe ſahen ſie ſich wieder, und wie wenig glich jetzt der eine dem andern. Franz, 137 der Johanniterritter, die kräftige Geſtalt mit dem ge⸗ bräunten Geſicht und den feſten Zügen darin! Leopold, der Bettelmönch in der groben braunen Kutte, ein Krüppel, der ſich auf ſeine Krücke ſtützen mußte, das Geſicht bleich, hager, alle Züge darin erſchlafft! Und dennoch, wie glichen ſie ſich wieder! Beide dieſelben hohen Geſtalten, beide die nämlichen Augen mit dem Blick voll Milde, dieſelbe feine, edle Form der Geſichter und darin die Züge des Adels der Seele! Sie waren Brüder, ſie waren Zwillingsbrüder. Leopold, der Mönch, verbarg ſeine Krücke, auf die er ſich ſtützen mußte. Franz ſuchte ſie mit den Augen. So ſtanden ſie ſich ſchweigend einander gegenüber. Nur eine Sekunde lang. Dann mußten die lange getrennt geweſenen Herzen an einander liegen. Der Ritter hielt den Mönch aufrecht. Worte kamen nicht über ihre Lippen, aber in den Augen hatten ſie Thränen. „Zur Schwalenburg“ ſagten ſie dann. „Zu unſerer Schwalenburg!“ Dort waren ſie aufgewachſen, Jünglinge geworden, gereift zu den Männern, die ein halbes Jahrhundert lang die ſchwerſten Seelenqualen tragen konnten, ohne 138 ihnen zu erliegen. Dort wollten die Herzen ſich aus⸗ ſprechen⸗ Die Proceſſion war vorbei. Die Landleute, die zu ihr herbeigekommen waren, hatten ſtill die Stadt wieder verlaſſen. Die Bürger hatten ſich ſtill in ihre Häuſer zurückgezogen. Es war der ſtille Freitag. Nur die fremden Soldaten ſah man in den Straßen. Sie nahmen die Altäre in Augenſchein, die noch da ſtanden und die ihnen fremd waren⸗ Das Franciscanerkloſter mit ſeiner Kirche war 1 von den Dragonern beſetzt. Vor der Kloſterpforte hielt der Wagen des Ritters. Der alte Diener und der Mohr ſaßen vorn auf dem Bocke; der große ſchöne Bernhardinerhund lag auf dem Rückſitze. Der Fondſitz war leer. In der Thür des Vogelſang'ſchen Gaſthofs ſan der Herr Chriſtoph Vogelſang, ſeine Frau Rieke und der Ohm Andreas Appelbaum. Sie blickten neugierig nach dem Wagen und der Kloſterpforte, wer aus dieſer hervorkommen werde, um in jenen einzuſteigen. Der Pater Vitalis ſelbſt hatte den Wagen beſtellt; wofür und wozu, hatte er nicht geſagt. „Ohm“ ſagte der Herr Chriſtoph Vogelſang, „das iſt heute ein kurioſer ſtiller Freitag hier!“ 139 „Wenn es nur nicht der letzte hier iſt!“ erwiderte der Ohm. „Ja, Ohm, wir ſind nun preußiſch, und da kann man Alles erwarten.“ „Hm, Vetter, wir leben in einer neuen Zeit, und da geht das Alte zu Grunde. Alles hat ſeine Zeit.“ „Auch die Preußen, Ohm!“ „Auch die!“ Aus der Kloſterpforte traten der Johanniterritter und an ſeinem Arme der Pater Guardian. Der Mohr war vom Bocke geſprungen. Er nahm auf einen Wink des Ritters den andern Arm des greiſen Mönchs. So hoben ſie dieſen in den Wagen. Der Wagen fuhr zum Thore der Stadt hinaus. Er langte auf der Schwalenburg an. Eine preußiſche Schildwache trat ihm entgegen. Aber auch der Schloßverwalter. Er erkannte den Ritter, der ihm jenes Billet über⸗ geben hatte. „Euer Gnaden, das Schloß iſt noch von dem preu⸗ ßiſchen Militär beſetzt.“ „Nach Schloß Werdenburg!“ befahl der Ritter dem Kutſcher. Der Wagen fuhr weiter nach Schloß Werdenburg. Diener eilten im Schloßhofe ihm entgegen. 140 „Melden Sie uns Seiner Erlaucht dem regierenden Grafen!“ bat der Ritter. Noch ein Diener erſchien. „Comteſſe Ferdinande läßt die hochwürdigen Herren zu ſich bitten.“ „Gehen wir zu ihr, Bruder.“ Die Comteſſe Ferdinande hatte durch ihr Fenſter den Wagen ankommen ſehen. Ihr Vater war böſer Laune. Er hatte durch zu⸗ rückkehrende Leute aus der Stadt Waldenbrück Nach⸗ richten von der Proeeſſion erhalten. Sie hatten ihn in hohem Grade aufgebracht, war der Comteſſe mitge⸗ theilt; es müſſe wieder den gnädigen Herrn Erbgrafen betreffen; mehr wußte man nicht, erzählte man daher auch nicht, obwohl an den kleinen Höfen ebenſo wohl und ebenſo viel geklatſcht wird wie an den großen. Die Comteſſe wollte, daß die beiden verſchwundenen Erbgrafen bei der Rückkehr in ihr Schloß zuerſt freund⸗ liche Geſichter ſehen ſollten. Mit einem freundlichen Geſichte empfing ſie die beiden Greiſe. „Unſere Nichte Ferdinande!“ ſagte der Ritter zu dem Mönche. Der Mönch blickte in die Züge der edelſten Schön⸗ heit, des bittern Unglücks, küßte die ſchöne Stirn. „ 141 „Sie hat viel gelitten!“ ſetzte der Ritter hinzu. „O, nicht mehr als Ihr, als Euer beider edle Antlitze zeigen.“ Ueber ihre ſchönen Züge floſſen die Thränen. „Iſt Mamſell Treue noch hier?“ fragte der Ritter dann. Den Namen Evchen ſprach er nicht aus. Er wollte den Bruder überraſchen. Die Comteſſe öffnete eine Seitenthür. Evchen ſtand darin. „Eychen! Evchen!“ rief der Mönch. „Ja, unſer Evchen!“ Und die beiden Greiſe umarmten das beſcheidene Kind, deſſen von Purpurglut übergoſſene Schönheit in doppeltem Reize ſtrahlte. „Und nun“ ſagte der Ritter, „Du freundliche Nichte Ferdinande, noch eine Bitte. Führe uns zu der wür⸗ digen Mutter. Und Evchen begleitet uns.“ „Zu der würdigen Mutter aus dem Kloſter zu Waldenbrück?“ fragte von neuem überraſcht der Mönch. Züt ihr. „Und wie kommt ſie hierher?“ „Du wirſt es erfahren.“ Sie gingen in das Zimmer der würdigen Mutter. Der Ritter hatte Eychen's Hand gefaßt. 142 Die Comteſſe Ferdinande führte den Mönch. Die würdige Mutter war allein in ihrem Gemach; auch ſie in tiefem Sinnen, wie wenige Stunden vorher der eine der beiden Brüder, die jetzt zu ihr eintreten ſollten. Auch Sabina, das Fürſtenkind, dachte wohl über vergangene Zeiten nach, vielleicht über die letzten Augenblicke, in denen ſie mit den beiden Brüdern zu⸗ ſammen geweſen war. In den letzten Strahlen der untergehenden Sonne an jenem Tage vor fünfundvierzig Jahren hatten ſie, zwei entſetzlichen Geſpenſtern gleich, vor ihr geſtanden. Sie hatte ſeitdem keinen von ihnen wiedergeſehen; ſie hatte von beiden nie wieder etwas gehört. Eine Stunde ſpäter, da die Schlucht in Finſterniß gehüllt lag, war ein Wagen an dem weißen Landhauſe vorgefahren. Der weißgepuderte Rheingraf war aus⸗ geſtiegen, hatte ſich mit der Tante eine Stunde lang eingeſchloſſen, war dann mit dieſer in dem Zimmer Sabina's erſchienen. Die Dame hatte tief verweinte Augen. Sie ſchloß Sabina ſchmerzlich, leidenſchaftlich in ihre Arme. Sie war unfähig zu ſprechen. Der Rheingraf nahm für ſie das Wort. „Ihre fürſtliche Gnaden müſſen ſich von Ihnen trennen, erlauchtes Kind. Ihre fürſtliche Gnaden haben ſich in chriſtlicher Ergebung dem Unabwendbaren unter⸗ worfen. Ich hoffe, auch Sie, hochedles Kind, wer⸗ den es.“ Die kalten, trockenen Worte hatten der Dame die Sprache zurückgegeben. „Mein Kind, mein Kind!“ ſchrie ſie auf. Sie bedeckte das Kind mit ihren Küſſen und mit ihren Thränen, und unter den Küſſen und Thränen flüſterte ſie ihm zu: „Ich bin Deine Mutter. Die Welt durfte es nicht wiſſen. Auch Du nicht. Du durfteſt nicht Deinen Vater, nicht Deine Mutter kennen. Jetzt, da ſie Dich auf immer von mir reißen wollen, kann, darf mein Mund nicht mehr ſchweigen.“ Sie wollte noch mehr ſprechen. „Fürſtliche Gnaden werden Abſchied nehmen müſſen“ ſagte mit ſeiner trockenen, harten Stimme der Rhein⸗ graf. Die Dame fügte ſich. Sie umſchlang noch einmal das Kind; ſie erſtickte es faſt mit ihren Küſſen. Der Rheingraf zog ſie zurück, nahm den Arm des Kindes. „Lebe wohl! Lebe wohl!“ rief die Mutter. Sabina war betäubt. Es war Alles ſo plötzlich, ſo gewaltſam, ſo ſchnell gekommen. Als ſie ſich hätte beſinnen können, war es vorbei. Sie ließ ſich willenlos an dem Arme des kalten Mannes fortführen. „Mutter! Meine Mutter!“ rief ſie zurück, in dem Augenblicke, da ſie aus dem Gemache gezogen wurde. Dann vergingen ihr faſt die Sinne. Ihr Begleiter mußte ſie mehr tragen als führen. Er brachte ſie in den Wagen, fuhr mit ihr in die Dunkelheit der Nacht hinein. In dem Wagen, in der Finſterniß erhielt ſie das Bewußtſein zurück. Sie hatte an einem Tage, in einer Stunde Alles verloren, den Geliebten, die in derſelben Minute wieder⸗ gefundene Mutter. Ein wilder Schmerz wollte ihr die Bruſt zerreißen. Aber ſie hatte eine große, ſtarke Seele, ſchon da⸗ mals, das kaum ſechzehnjährige Kind. Sie wehrte dem Schmerz, ſie bezwang ihn. „Wohin bringen Sie mich?“ fragte ſie den Rhein⸗ grafen. „Zunächſt zu einem der kurfürſtlichen Schlöſſer“, war die Antwort. „Und dann?“ 145 „Durchlaucht“, ſagte der Rheingraf, „Sie haben ſchon als Kind dem Hofe oft Gelegenheit gegeben, die Stärke Ihres Charakters zu bewundern. Auf dieſe Stärke baue ich jetzt, wenn ich ohne längeres Zögern Ihnen eine Mittheilung mache, die Ihnen nicht vor⸗ enthalten bleiben kann. Sie ſind für das Kloſter be⸗ ſtimmt. In dem Schloſſe, zu dem ich Sie jetzt führe, werden Sie noch einige Wochen für Ihre fromme Be⸗ ſtimmung vorbereitet werden. Alsdann werde ich die Ehre haben, Sie zu dem Kloſter, dem Sie angehören werden, zu geleiten.“ „Wer hat ſo über mich beſtimmt?“ fragte Sabina. „Ein Wille, der ſich nicht mehr ändern kann.“ „Der Wille eines Todten?“ „Des Kurfürſten?“ Der Rheingraf antwortete nicht. Sabina, das Fürſtenkind, fragte nicht weiter. Sie zeigte von dieſem Augenblicke an nur jene Ruhe, jene Ergebung und jene Hoheit, die ſie auch ſpäter nie wieder verließen. Vier Wochen nachher brachte der Rheingraf ſie in das Annunciatenkloſter zu Waldenbrück. Sie hatte nie wieder von ihrer Mutter, nie wieder von den beiden Brüdern etwas erfahren. Temme, Die Erbgrafen. IV. 10 146 Dachte ſie an jene Ereigniſſe, als die Thür ihres Zimmers auf Schloß Werdenburg ſich öffnete und die Gräfin Ferdinande und Eychen Treue die beiden Brüder zu ihr führten? „Meine Oheime Leopold und Franz!“ ſagte die Comteſſe. Die Matrone blickte auf, ſah die beiden edlen Greiſe an, ſah die alten Augen, erkannte die bekannten Züge, erkannte noch mehr, jetzt, nach einem halben Jahrhundert. Sie reichte dem Mönche, dem Grafen Leopold ihre Hand. „Wir beide hatten uns geliebt!“ ſagte ſie. Dann gab ſie die Hand dem Ritter, dem Grafen Franz. „Und wir beide hatten uns jedes in dem andern getäuſcht! War es nicht ſo?“ „So war es, würdige Mutter!“ ſagten beide Brüder. Und die Matrone fuhr fort: „Die Täuſchungen erfüllten wohl uns alle mit tie⸗ fem Schmerz, mit ſchwerem Leid. Dennoch erkenne ich darin eine gnädige Fügung des Himmels. Wir wären auch ohne ſie auseinandergeriſſen worden, aber wir hätten ohne ſie uns hier nicht wieder zuſammengefunden, als drei Menſchen, deren Herzen in Friede und Zufrieden⸗ heit zuſammenſchlagen dürfen und hoffentlich nach dem — ———— Polizeiobſervaten. 147 ſpäten Wiederfinden noch lange ſo beiſammen bleiben ſollen.“ Sie gaben ſich alle drei die Hände drauf. Dann erzählten ſie ſich. Und dann drängten die beiden Brüder: „Zum Bruder Eberhard.“ Der regierende Graf Eberhard von Werdenburg ging in großem Zorne in ſeinem Arbeitskabinet auf und ab. Der Charfreitag war auch für ihn ein ſchlimmer Tag geweſen. Die Preußen waren ihm in ſein Land eingefallen, gewaltſam, plötzlich, ohne Achtung irgend eines Rechts, und nicht einmal als Feinde, die, da der Einfall ohne vorhergegangene Kriegserklärung geſchehen war, nur das Kriegs⸗ oder Völkerrecht verletzt hätten; nein, ſie waren als Nachbarn gekommen, als gute Freunde, aber als Nachbarn und Freunde, denen Recht und Sitte gar nichts war, die ſogar die Rechte ſeiner Souveränetät nicht beachtet hatten, die bei ihm einge⸗ fallen waren, nicht einmal wie der Lehnsherr bei ſei⸗ nem Vaſallen, ſondern wie die Polizei bei einem „Himmel, wenn ich Soldaten hätte und ſo in das Land des Königs von Preußen eingefallen wäre! Und bin ich nicht ebenſo wohl von Gottes Gnaden wie er? 10* 148 Und gilt denn hier auf Erden nur die Gewalt? Dann kann es auch über die Könige und Kaiſer kommen, wie jetzt die Grafen an der Reihe ſind.“ Und nun kamen dem guten Grafen die Nachrichten von der Proceſſion in Waldenbrück. Sein Sohn, der Erbgraf, hatte den Simon gemacht! „Kreuzträger! Ein Schauſpieler für Bauern und Gevatter Schneider und Handſchuhmacher! In einer Maske, die nur die ſchwerſten Sünder, Böſewichter, Verbrecher nehmen! Und nicht einmal als der Herr Feſus! Mein Sohn! Der künftige Landesherr hier! Darf er es noch ſein? Was fange ich mit ihm an? Das geſtrige Urtheil des Familientribunals war lächer⸗ lich. Wie wird ihn eine Heirath beſſern? Eine alte häßliche Lantippe? Sie wird ihn nur in ein wilderes, tolleres Leben, zu Verbrechen treiben. Er muß ge⸗ radezu für unfähig zum Regieren erklärt werden. Ent⸗ ſtehe daraus, was da wolle. Mein Juſtizdirector mag Recht haben, was Staatsrecht und Politik anbetrifft, aber über Staatsrecht und Politik geht die Ehre!“ Die Portiere des Kabinets öffnete ſich. Der Kammerdiener des Grafen ſtand darin. „Seine Erlaucht der Erbgraf.“ „Ah! Hereinkommen!“ Der ſtramme regierende Herr nahm ſich ſtrammer 149 zuſammen, um ſeine Ruhe und Würde als regierender Herr zu bewahren. Der junge Erbgraf trat ein, unbefangen, klar und etwas leicht, wie immer. „Du haſt befohlen, gnädigſter Vater!“ „Ja, noch habe ich hier zu befehlen. Noch bin ich der regierende Graf hier. Und noch ſollen meine Be⸗ fehle auch Dich treffen. Du warſt in Waldenbrück?“ „Ich komme daher.“ „Du trugſt dort eine unwürdige Maske.“ „Eine unwürdige, gnädigſter Vater? Ich war der Kreuzträger Simon.“ „Schickte ſich das für Dich? Für einen deutſchen Reichsfürſten?“ „Gnädigſter Vater, ich that damit ein gutes Werk.“ „Es war ein Poſſenſpiel für Dich!“ „Es war das einzige Mittel zur Befreiung meines Vetters, des Herrn von Bütow.“ „Der Herr von Bütow iſt Dein Vetter nicht.“ „Er iſt Annettens Mann! Und, Vater, die Be⸗ freiung iſt gelungen.“ „Und Dir iſt es dadurch Dich um die Nachfolge in der Regierung zu bringen.“ „Hm, Vater —“ 150 „Ein Menſch wie Du darf nie regierender Herr dieſes Landes werden.“ „Gnädigſter Vater, ich ſprach in dieſem Augenblicke meine Schweſter Ferdinande.“ „Was ſoll ſie?“ „Sie war auf dem Wege zu Dir und blieb nur zurück, weil Du mich zu Dir befohlen hatteſt.“ „Ich werde ſie nachher empfangen.“ „Sie war nicht allein. Zwei Herren waren bei ihr.“ „Meine Tochter hat keine Herren zu mir zu führen.“ „Hm, gnädigſter Vater, auf Schloß Werdenburg haben ſich in dieſer letzten Stunde wunderſame Dinge ereignet. Es ſind drei Erbgrafen hier oder vielmehr keiner, aber drei regierende Herren.“ Der Graf Eberhard erblaßte, aber nur einen Augen⸗ blick. „Ahne ich die Wahrheit?“ rief er. „Ja, mein Vater, die verſchwundenen Erbgrafen ſind zurück, hier, dort im Vorzimmer.“ „Eine halbe Minute!“ ſagte der Graf Eberhard. Er mußte ſich in ſeinen Lehnſeſſel niederlaſſen, aber nur die halbe Minute. Dann war er wieder der ſtramme Herr, wenn er auch nicht mehr regierender Herr war. — 151 Er ging ſelbſt zu der Portiere, öffnete hinter ihr die Thür des Vorzimmers. Die beiden verſchwundenen Erbgrafen traten ihm entgegen. Die drei Brüder ſtanden ſich gegenüber; alle drei Greiſe, aber zwei von ihnen hohe edle Geſtalten in der Tracht des Johanniterritters und des Bettel⸗ mönchs und der dritte, der regierende Herr, ſo ſtramm und ſo klein. Sie erkannten ſich, ſie umarmten ſich. Und in die Umarmung trat der kleinſte der vier Brüder, der Graf Kurt. „Geſpenſter, Geſpenſter, Bruder Eberhard!“ rief er. Da kam ein anderes, wenngleich ſchwaches Licht in den kindiſchen Geiſt. „Die Erbgrafen! Die verſchwundenen Erbgrafen! Leopold und Franz!“ So klatſchte er in die kleinen Hände, und dann ſprangenran den hohen Greiſen in die Höhe und um⸗ armte und küßte ſie, und ſie küßten mit Liebe das greiſe Kind wieder. Der regierende Herr — factiſch war er es ja noch — wollte dann ſeinen Sohn Leopold vorſtellen. Sie kannten ihn ſchon. Da ſprach der Graf Eberhard mit feierlicher Stimme: 152 „Wartet hier alle zwei Minuten!“ Darauf verließ er das Gemach. Was mochte er vorhaben? „Ich ahne es“ ſagte der junge Erbgraf. Auch er hatte die Wahrheit geahnt. Der regierende Graf kehrte am Arme ſeiner Ge⸗ mahlin zurück. Hinter ihnen ging die Comteſſe Ferdinande. Mit ſeiner Gemahlin trat er in die Mitte des Zimmers. „Stelle Dich an die Seite Deiner Mutter!“ ſagt⸗ er zu der Tochter. „Du, Leopold, tritt an meine Seite“, wandte er ſich zu dem Sohne. „Und Du, Bruder Kurt, ſtellſt Dich an der Seite meines Sohnes Leopold auf.“ Sie thaten Jedes, wie er geſagt hatte. Dann ſprach der regierende Graf mit ſeinem feier⸗ lichſten Weſen zu den beiden Zwillingsbrüdern: „Meine erlauchten und geliebten Brüder! Nach⸗ dem Ihr vor jetzt fünfundvierzig Jahren auf eine für Jedermann unbegreifliche Weiſe verſchwunden waret und keine Kunde von Euch zu uns drang, mußte ich bei dem Ableben unſeres hochſeligen Herrn Vaters in Gemäßheit der Geſetze unſeres erlauchten Hauſes und 153 des deutſchen Fürſtenrechts die Regierung dieſes Landes übernehmen, aber nur als Euer, der rechtmäßigen Herren und Regenten, Bevollmächtigter und Stellvertreter. Und nur als ſolcher habe ich ſie bisher geführt, und als ſolcher gebe ich ſie jetzt, bei Eurer durch Gottes Gnade herbeigeführten glücklichen Rückkehr, in Eure Hände zurück, mich zu jeder Verantwortung, Recht⸗ fertigung und etwaigen Genugthuung gegen Euch er⸗ bietend. Zu allernächſt aber geſtattet, daß ich, meine Gemahlin, meine hier anweſenden Kinder und mein Bruder als Eure nunmehrigen Unterthanen Euch un⸗ ſere erſten Huldigungen darbringen.“ Die Zwillingsbrüder hatten während dieſer Rede des regierenden Grafen nur einen einzigen Blick mit einander gewechſelt. Als ſie zu Ende war, trat der Ritter vor. „Mein theurer Bruder“, ſprach er, „die Regierung dieſes Landes kann keinen beſſern Händen anvertraut werden, als von denen ſie ſeit einer ſo langen Reihe von Jahren gewiſſenhaft und beglückend geführt wor⸗ den iſt. Das iſt unſer beider Meinung. Unſer Bru⸗ der Leopold hat ſtets den Frieden und die Ein⸗ ſamkeit eines beſchaulichen Lebens geſucht; ich ſehne nach einem langen Leben voll Kämpfe und Beſchwer⸗ den mich nach Ruhe. Den Regenten, auch dem kleinſten, 154 wird die eingebrochene neue Zeit nur neue Kämpfe und Beſchwerden der mannichfachſten Art bringen. Wir beide würden ihnen nicht mehr gewachſen ſein. Deinen ſtärkern Schultern iſt die Laſt eine gewohnte. Wir bitten Dich, ſie ferner zu behalten. Und ſo erlaube Du, daß wir unſere erſten Huldigungen unſerer theuren Herrin und Schwägerin darbringen.“ Und die beiden geiſtlichen Herren verneigten ſich vor der regierenden Gräfin und küßten ihr die Hand mit der Courtoiſie vollendeter Ritterlichkeit. Der Graf Eberhard hatte keinen Widerſpruch gegen ihre Weigerung. Aber wohl hatten dann der regierende Graf und der junge Erbgraf eine Bitte an die beiden alten Erb⸗ grafen. Der Graf Eberhard bat die Brüder, fortan in der Heimat zu bleiben, und der junge Erbgraf hatte die Bitte an die Oheime, mit ihm gemeinſchaftlich ihren Sitz wieder auf ihrer lieben Schwalenburg zu nehmen. Die beiden geiſtlichen Herren nahmen die Ein⸗ ladungen an, der Pater Guardian mit dem Vor⸗ behalte der Genehmigung des Pater Generalis des Franciscanerordens. 5 Sechstes Kapitel. Der Kukuk ruft bei uns nicht lange, hatten die Leute in der Stadt Waldenbrück geſagt, als der preu⸗ ßiſche Adler bei ihnen angeſchlagen wurde. Das war im Frühjahr 1806. Am 14. October 1806 ward die Schlacht von Jena geſchlagen, in welcher die Preußen von Kaiſer Napo⸗ leon vollſtändig beſiegt wurden. Wenige Tage ſpäter waren nicht blos in der Stadt Waldenbrück, ſondern überall im weſtlichen Deutſch⸗ land, wo noch preußiſches Land war, bis an die Elbe hin, die preußiſchen Adler abgeriſſen. Die Franzoſen nahmen das Land im Beſitz und machten franzöſiſche Königreiche und Großherzogthümer daraus. Die Fran⸗ 156 zoſen begnügten ſich nicht blos mit preußiſchem Lande; ſie raubten alles Land, das, namentlich im nördlichen Deutſchland, ihnen eben gefiel. Auch die Grafſchaft Werdenburg wurde vom Kaiſer Napoleon für gute Beute erklärt und mit dem Amte Waldenbrück dem neuen Königreiche Weſtfalen zugeſchlagen. Der Graf Eberhard von Werdenburg war kein re⸗ gierender Graf mehr. Es war ein Schlag, den der ſtramme kleine Herr nicht verwinden konnte. Er wanderte noch vor dem Act der Beſitznahme aus, in das ſüdliche Deutſchland, wo die Franzoſen wenigſtens nicht unmittelbar herrſchten. Seine Ge⸗ mahlin und ſeine Tochter Ferdinande mußten ihn be⸗ gleiten. Nach Jahresfriſt war er geſtorben. Mit dem Regimente von Gottesgnaden war ſein Leben ver⸗ wachſen. Seine Wittwe kehrte zu ihrem Sohne nach Werden⸗ burg zurück. Die Comteſſe Ferdinande hatte im Süden einen ältlichen mediatiſirten Fürſten geheirathet. Der junge Graf Leopold war in der Heimat ge⸗ blieben. Der Kaiſer Napoleon beließ den von ihm depoſſe⸗ 157 dirten Fürſten ihr Privatvermögen, ihre Schlöſſer und ihren Kohl. Der Graf Leopold hatte die Verwaltung des dem gräflichen Hauſe verbliebenen Vermögens übernommen, und er war ein guter Wirth geworden, vielleicht ein um ſo beſſerer, da er kein regierender Herr zu werden 3 brauchte. Ein Jahr nach dem Tode ſeines Vaters hatte dann auch er eine Veranlaſſung, die Werdenburgiſche Famile zu einem Familientribunale zuſammen zu rufen. Er hielt ſich aber nur an die Linie Werdenburg⸗Wer⸗ denburg. Und auf dem Schloſſe Werdenburg traten zu⸗ 3 ſammen: die Mutter des jungen Grafen, die Wittwe des Grafen Eberhard, die mit ihrem Sohn auf Schloß Werdenburg wohnte; die beiden ehemaligen Erbgrafen Leopold und Franz, die, nachdem der Pater Guardian die Erlaubniß erhalten hatte, ſeine Tage außerhalb des Kloſters zu beſchließen, beide auf der Schwalen⸗ burg wohnten, wo Evochen Treue als ihre Schloß⸗ herrin die Honneurs machte; die ehemalige Comteſſe Ferdinande, die jetzt durchlauchtige Fürſtin, und der Graf Kurt, der immer das Kind var. Der jüngere Bruder des Grafen Leopold war noch 3 nicht großjährig. * 158 Der Graf Leopold hatte dem hohen Familientri⸗ bunal die Frage vorzulegen, ob die erlauchte Familie ihre Einwilligung dazu geben wolle, daß er Jungfrau Evchen Treue zu ſeiner ehelichen Gemahlin nehme. Sie gaben ihre Einwilligung einſtimmig, auch die durchlauchtige Fürſtin. Das franzöſiſche Regiment in Deutſchland dauerte ſieben Jahre. In den Feldzügen von 1813 bis 1815 kämpfte der ehemalige preußiſche Kaſemattengefangene Herr von Bütow als General. Er war nach ſeinem Ent⸗ kommen aus der Feſtung über Holland nach Rußland gegangen, wo man den tüchtigen Offizier aufgenom⸗ men hatte. Im Jahre 1816 wurde das Amt Waldenbrück von Preußen wieder in Beſitz genommen, ebenſo die Graf⸗ ſchaft Werdenburg, die auf dem Wiener Congreſſe an Preußen abgetreten war.. Bei der Beſitznahme wurde der Graf Leopold von dem König von Preußen in den Fürſtenſtand erhoben, und auch Evchen Treue war jetzt eine durchlauchtige Fürſtin. Damit war denn auch der alte Fluch gelöſt, der keinen Erbgrafen von Werdenburg zum regierenden Grafen werden ließ. —— Aber glückliche Menſchen wohnten auf S wie auf der Schwalenburg. Zu ihnen gehörte die würdige Mutter, das kind, das ſeinen Vater und ſeine Mutter nicht hatte kennen dürfen. Sie hielt ſich abwechſelnd in den beiden Schlöſſern auf. Von ihren letzten Tagen muß ich noch erzählen; ich verſprach es oben. Sie hatte ihr einundachtzigſtes Jahr erreicht oder zurückgelegt; ſie wußte es ſelbſt nicht genau; ihren Taufſchein hatte ſie nicht geſehen und kein Anderer Sie war noch im vollen Beſitze ihrer Geiſteskräfte, aber ſie fühlte die Kräfte ihres Körpers ſchwinden und ahnte die Nähe ihres Todes. Da wurde ſie von einer unwiderſtehlichen Sehnſucht nach ihrem Kloſter erfaßt, in dem ſie ſo viele Jahre, vergeſſen von den Ihrigen, die ſie nicht kannte, unbekannt denen, die um ſie waren, unbekannt ſich ſelbſt, dennoch zufrieden und glücklich im Wohlthun und im Gebete gelebt hatte. Das Nonnenkloſter war in ein Militärmagazin um⸗ gewandelt, nur ein Flügel war in ſeinem frühern Zu⸗ ſtande erhalten. Es war der, in dem auch die Zelle lag, die ſie als würdige Mutter bewohnt hatte. Auf Verwendung des Fürſten von Werdenburg wurde die Zelle ihr eingeräumt. 160 Sie bezog ſie mit der alten Kloſterſchweſter, die immer ihre treue Begleiterin geblieben war. Acht Tage lebte ſie noch dort, allein mit der alten Schweſter. Sie hatte es ſo gewünſcht; ſie wolle, wie ſie ſo viele Jahre allein in ihrem Kloſter gelebt, auch allein darin ſterben. So hatte ſie auch von allen ihren Lieben auf Schloß Werdenburg und auf der Schwalenburg Abſchied genommen. In dem Kloſter hatte ſie dann zwei oder drei Frauen des Städtchens, die früher mit ihr in Verkehr geſtan⸗ den, noch einmal ſehen wollen. Unter ihnen war meine Mutter. Meine Mutter hatte ihr von Allem erzählen müſſen, auch daß ſie mich, der ich damals in einer andern Gegend preußiſcher Richter war, zum Beſuch erwarte. Die Matrone hatte gewünſcht, auch mich noch zu ſehen. Ich ging gleich nach meiner Ankunft in dem Städt⸗ chen zu dem Kloſter. Ich fand die alte würdige Frau in ihrer alten Zelle. Sie ſaß in ihrem Lehnſtuhl. Einundachtzig Jahre alt, war ſie das wunderbar ſchöne Bild einer edlen Matrone. Sie war bei vollem Bewußtſein. 161 Sie freute ſich, mich wiederzuſehen. Ich durfte ihr die Hand küſſen, wie ich es als Kind gethan hatte. Sie ſprach mit mir über meine Kinderzeit, wie ich öfters bei ihr im Kloſter geweſen ſei. Sie ſprach dann von ihrem nahen Tode, ſie ſagte mit freudiger Erhebung: „Das Leben iſt ſchön, ſchöner iſt die Vereinigung mit Gott!“ Dann winkte ſie mir ihren Segen zu. Eine halbe Stunde darauf war ſie geſtorben. Sie war ſtill und ruhig eingeſchlafen und nicht wieder er⸗ wacht. Es war im Auguſt des Jahres 1826. So ſtarb ein unbekanntes Fürſtenkind. Ihre Aeltern hatten beide hohen fürſtlichen Ge⸗ ſchlechtern angehört, aber die Welt hatte es nicht wiſſen dürfen und ſie ſelbſt nicht. Man hatte ſie als Kind in dem Kloſter verſorgt und begraben. Das Grab iſt ja am Ende die ſicherſte Verſor⸗ gung. . Aehnliches geſchah häufig in der alten Zeit. Die neue Zeit iſt nicht ſo decent. Temme, Die Erbgrafen. IV. 11 162 8 Aber tadeln wir nicht die alte und nicht die neue Wünſchen wir nur, daß in jeder Zeit das Rechte fortſchreite. Das Rechte aber iſt das Recht und die Freiheit und die Liebe der Menſchen unter einander. Ende. Druck von Bär & Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. S von neenn Julius Günther in Leipzig 4 (Juni 1869.) Mitze und Kron . Roman in fünf Vänden von Herman Schmid. Preis 4 Thaler. Herman Schmid, deſſen erzählende Schriften bereits zu den Lieblingsbüchern jedes deutſchen Hauſes gehören, hat hier zum erſten Male ein größeres Werk ge⸗ ſchaffen, in welchem die ebenſo ſpannenden als ergreifenden Gemüths⸗Vorgänge und Begebenheiten, welche er ſo trefflich zu ſchildern weiß, nicht, wie im „Kanzler von Cyrol“, „Friedel und Oswald“ oder „Im Worgenroth“, die Geſchichte, oder wie in „Schwalberl“ oder „Almenranſch und Edelweiß“, Volksleben und Volks⸗ ſitte der Berge zum Hintergrunde haben. Der Leſer wird hier in die Gegenwart oder doch in die neue Zeit verſetzt und alle großen Fragen, an deren völliger Löſung die Menſchheit noch jetzt wie vor Jahrhunderten leidet, ſind es, die der Dichter in erſchütternden, bedeutſamen und lebensvollen Bildern an ihm vor⸗ über führt. Dennoch iſt das Buch durchaus kein Tendenzroman, ſondern eine dichteriſche Schöpfung, die wie jedes echte Kunſtwerk nur an und für ſichund nur durch ſich ſelbſt gelten und wirken will; das Allgemein⸗Menſchliche, was ſich darinnen begibt und das zu allen Zeiten wahr bleibt, iſt Sinn und Zweck der Dichtung, und die umgebende Welt iſt nur zum ſinnigen Träger und ſtofflichen Ausdruck benutzt. Soll etwas von dem Grundgedanken des Werkes angedeutet werden, ſo iſt es der, daß es eine Art Fortſetzung des in Marquis Poſa und Don Carlos angeregten Gegenſatzes zwiſchen Fürſt und Bürger bildet, daß aber, weil beide dazu kommen, ihre Freundſchaft wie ihre Ideale und die Wahrhaftigkeit beider im wirklichen Leben erproben zu ſollen, der Gegen⸗ ſatz zu dem in ihm liegenden vollen Conflict ausgearbeitet und zur reinſten Löſung durchgeführt iſt. Wir ſind gewiß, daß dieſer Roman Herm an Schmid's mit dem gleichen Beifalle wie ſeine frühern Romane und Erzählungen aufgenommen werden und ebenſo, daß er von keinem derſelben an Einheit des Baus, Mannich⸗ faltigkeit und Pracht der Ausführung, wie an ſpannender Lebendigkeit über⸗ troffen wird. Von J. D. H. Temme erſchien ferner in meinem Verlage: . Der Domherr. Hiſtoriſcher Roman. Vier Bände. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Ueber dieſen ausgezeichneten Roman des hochbegabten und beliebten Schriftſtellers urtheilt eine Recenſion des „Bund“ fol⸗ gendermaßen: Seitdem in neueſter Zeit die deutſche Entwicklung ein etwas lebhafteres Tempo angenommen, tritt das Veſtreben nach hiſtoriſchen Rückblicken mit Beziehungen zur Tagesgeſchichte immer entſchiedener in der Romanliteratur hervor. Auch die Dichter markiren den kräftigen Schritt der Zeit und geben uns in ihren Werken ein Spiegelbild der Ideen und Beſtrebungen, welche die Gegenwart bewegen. Der Autor des „Domherrn“ iſt ſchon als bewährter politiſcher Charakter dazu berufen, der eben auftommenden neuen Gattung in der erzählenden Literatur, dem poli⸗ tiſchen Roman, die Bahn zu ebnen; das ungewöhnliche Darſtellur gstalent, dem er ſeinen Leſerkreis verdankt, kommt ihm dabei in hohem Maße zu ſtatten. Der „Domherr“ beginnt mit dem Echo der gewaltigen Schlachten, welche auf der bel⸗ giſchen Ebene das Schickfal Napoleons für immer entſchieden und in deren Folge die trübe Zeit der Reſtauration ſich mit bleiernem Druck über Europa lagerte. Der Roman ſpielt auf der rothen Erde und ſchildert in kräftigen Zügen die Feind⸗ ſeligkeit des zähen Weſtfalen gegen die neue preußiſche Zwangsjacke, ſeinen Widerwillen gegen das hochmüthige Beamtenthum und die emporkommende Junker⸗ herrſchaft, die Enttäuſchung der Jugend, welche, ſieggekrönt aus Frankreich zurück⸗ kehrend, ein einiges, freies Deutſchland anzutreffen hoffte und überall einem ſtrengen despotiſchen Polizeiſtaat begegnete, welcher Würden und Aemter an ſchlaue, ränke⸗ volle Höflinge vergab und die verdienteſter Patrioten ins Elend oder gar in den Kerker ſtieß. Der Gang des Romans iſt dramatiſch lebendig, die Handlung ſpannend, ein Vorzug, der allen Schriften deſſelben Autors zuzuſprechen iſt, von deſſen unwandelbarer Jugendfriſche mancher jüngere Dichter erröthen dürfte. — Ceipzig, Ernſt Julius Günther. — S „ S