Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von 3 Eduard Gltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ee ee ee auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Wer. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die ſtolze Comteſſe Ferdinande hatte ſie dann ſo von oben herab behandelt, wie ſie kaum mit ihrer Kammer⸗ jungfer umgehen mochte, und hatte freilich zu ihr ge⸗ ſagt: „Sie iſt ein braves Mädchen“; aber hatte ſie nicht die Worte in einem Tone geſprochen, als wernſie hätte ſagen wollen: „Sie iſt noch ein braves Mädchen?“ Temme, Die Erbgrafen. III. 1 Herzen des armen Kindes zurückgelaſſen. Sie war zu Wagen von Seehauſen gekommen. Sie konnte nicht gleich zurückfahren, ſie mußte ſich vorher ſammeln. Sie ging in den Schloßpark, der um dieſe Zeit leer war. Sie ſuchte ein ſtilles, ein⸗ ſames Bosquet auf, um ſich auszuweinen. Die Augen waren ihr noch naß genug, als der Erbgraf Leopold vor ihr ſtand. „Endlich finde ich Dich, Eochen. Ich ſah Deinen Wagen noch, ſuchte Dich — aber was iſt Dir, mein Kind?“ Ihre Thränen meinte er wohl nicht mit der Frage, jedenfalls weniger als ihr Erſchrecken, die Angſt, mit der ſie ihn anſah, mit der ſie ſich umſah. „Du erſchrickſt vor mir, Eochen? Du fürchteſt Dich vor mir?“ „Nein, nein, Graf Leopold.“ „Du hätteſt nicht deutlicher ja ſagen können, Kind. Wie mögen ſie mit Dir umgegangen ſein! Was haben ſie Dir gethan? Sprich!“ „Nichts, Graf Leopold! Sie waren ja ſo gütig gegen mich!“ „Wer?“ „Die regierende Frau Gräſfin und die Comteſſe.“ Das Alles hatte einen ſchmerzenden Stachel in dem — 1 3 5 „Höre, Evychen, ſage doch einmal zu mir: Deine Mutter und Deine Schweſter!“ Evchen ſah ſich wieder ängſtlich um. „Kannſt Du die Worte nicht mehr ſagen, Kind?“ Sie nahm ſich zuſammen. „Deine Mutter und Deine Schweſter!“ „Und nun ſetze hinzu: Leopold!“ „Leopold!“ ſagte ſie gehorſam. „Und nun komm mit mir, mein Kind.“ „Wohin, Leopold?“ „Nach der Schwalenburg.“ Sie erſchrak von neuem. „Um Gotteswillen nach der Schwalenburg?“ „Du warſt oft mit mir da. Warum erſchrickſt Du heute vor ihr?“ „Gerade heute? Jetzt?“ „Ja, ja!“ „Was ſoll ich auf der Schwalenburg?“ „Ich wollte Dir von der Frau von Arenfels er⸗ zählen.“ „Morgen, Leopold.“ „Ich wollte Dich auch zu ihr Sie Deiner.“ „Die Frau von Arenfels?“ „Und gerade heute.“ „Meiner bedarf ſie?“ „Einer Stütze einer Freundin! Sie hat ſchwere Stunden vor ſich. Sie muß fröhlich ſein und ſcherzen und lachen. Da muß ſie zugleich ein Herz haben, an dem ſie ſich ausweinen und ausklagen kann.“ „Das ſoll ich ſein?“ „Du, mit Deinem Herzen, das auch voll Jammer und Thränen iſt. So tröſtet der eine Schmerz den andern. Aber vielleicht gelingt es mir auf dem Wege zu ihr, aus Deinem Herzen den Jammer zu verbannen. Gehen wir, mein Evchen. Mein Wagen erwartet uns.“ Eychen war aufgeſtanden, aber einen Entſchluß hatte ſie nicht. „Eychen, Du thuſt ein gutes Werk.“ Das Kind hatte ſeinen Entſchluß. „Aber wir fahren in meinem Wagen, Leopold!“ „O Du theures Kind, mit Deinem braven Herzen und Deinem feinen edlen Sinn! Komm, wir fahren in Deinem Wagen.“ Er führte ſie aus dem Park auf den Schloßhof. Sein eleganter und ihr hübſcher Jagdwagen hielten dort. Er hob ſie in ihren Wagen. „Nach der Schwalenburg!“ ſagte ſie zu ihrem Kutſcher. echeeh 5 * Ihr Kutſcher war der bucklige Andreas, der auch ihr Ruderer war. Der Graf ſetzte ſich zu ihr und befahl ſeinem Kutſcher: „Du fährſt zuerſt nach Seehauſen und meldeſt dort, daß Mamſell Evychen mich nach der Schwalenburg ge⸗ bracht habe und ſpäter nach Hauſe kommen werde. Dann fährſt Du zur Schwalenburg.“ Der Burſche Andreas ließ die beiden prächtigen Braunen anſpringen, die vor den Wagen geſpannt waren. „Dein Onkel iſt zurückgekehrt?“ fragte der Graf ſeine Nachbarin. „Seit heute Nacht.“ „Und Dein Vetter Albrecht?“ „Iſt in Sicherheit.“ „Und Dein Herz war um eine ſchwere Sorge leich⸗ ter, als Du hierher kamſt, um neue Sorgen tragen zu können, Eychen?“ „Du wollteſt mir von der Frau von Arenfels er⸗ zählen, Leopold!“ „Wollte ich? Antworte mir zuerſt auf meine Frage, liebes Eychen.“ „Deine Mutter und Deine Schweſter waren gütig gegen mich.“ „Du ſagſt das ohne jedes Aber?“ „Ja, Leopold.“ „Sieh mich an, Evchen!“ „Aber die Menſchen ſind ſchlecht, Leopold.“ „Welche Menſchen?“ „Draußen.“ „Was ſagen ſie?“ Eychen hatte doch nicht gleich eine Antwort. Dann ſagte ſie: „Sie ſagen, Du hätteſt böſe Abſichten gegen mich.“ „Und wer ſagte Dir das?“ Evchen ſchwieg. „Meine Schweſter, Evchen?“ „Nein!“ „Alſo meine Mutter, und meine brave Mutter ſpricht keine Unwahrheit. Evchen, glaubſt Du an das Gerede der Menſchen?“ „Nein, Leopold.“ „Sagteſt Du es meiner Mutter?“ „Ich wollte es ihr ſagen, da kam ein Diener herein.“ „Evchen, könnteſt Du wohl auf der Schwalenburg bleiben?“ „Wie meinſt Du das, Leopold?“ Seine Antwort wurde ihm durch einen unerwarteten Vorfall abgeſchnitten. — 7 Der regierende Graf hatte ſeine Gäſte zu einer Spazierfahrt vor der ſpäten Mittagstafel eingeladen. Sie kehrten von der langen Fahrt zurück. Sie fuhren in einer ſtattlichen Reihe glänzender Equipagen. Die Pferde waren ſtolz aufgeputzt; die Kutſcher ſaßen mit ihren weiß gepuderten Perrücken hoch zu Bock; goldbetreßte Bediente ſtanden hinten auf; drinnen ſaßen ſtolz und ſteif alle die erlauchten Herren und Frauen und Fräuleins. Die ganze Reihe fuhr vorbei an dem hübſchen Jagdwagen des Inſpectors Sommer, auf dem vorn der bucklige Burſche Andreas als Kutſcher ſaß und hinter ihm der junge Erbgraf und Mamſell Evchen. Und in den glänzenden Equipagen erſtarrten die Geſichter und wurden braun und roth und blaß und gelb vor Zorn und Ingrimm und Aerger und Neid und Eiferſucht, und nur eins war bleich vor Angſt und Sorge; und in dem grünen Jagdwagen richtete der junge Erbgraf ſich ſtolzer auf, als er je in ſeinem Leben geweſen war, und Evchen ſaß demüthiger neben ihm und ſchöner als jemals in ihrem Leben. Als ſie vorbei waren, lachte der junge Graf fröh⸗ lich und nun hatte er die Antwort auf Evchen's Frage. Er antwortete ihr aber durch eine neue Frage oder vielmehr durch eine Erläuterung ſeiner vorigen. 8 „Evchen, möchteſt Du ganz und gar auf der Schwalenburg bleiben?“ Da hatte Evchen wieder keine Antwort. „Für immer, meine ich, Eychen!“ glaubte er noch deutlicher ſprechen zu müſſen. Sie hatte gleichwohl keine Antwort. „Bei mir, mit mir, mein Evchen.“ Sie brach in einen Strom von Thränen aus. „Macht meine Frage Dich unglücklich, Evchen?“ „Sie zerreißt mir das Herz, Leopold.“ Er drückte ſie an ſich, ihr Herz an ſein Herz. „Epchen“ ſagte er, „zerreiße Du nur ein Vorurtheil, wie ich es zerriſſen habe; dann bleibt Dir Dein Herz friſch und ganz, und wir werden beide glückliche Men⸗ ſchen. — Haſt Du die Geſichter geſehen, die in den ſtolzen Kutſchen an uns vorüberfuhren?“ Sie alle ſahen uns feindlich an, mit Ausnahme eines einzigen, und auch dieſes eine brave und treue Geſicht wagte nur die Angſt des Mutterherzens zu zeigen. Und wo⸗ her dieſe bittere, zornige, uns den Untergang drohende Feindſchaft? Aus dem lächerlichſten und zugleich trau⸗ rigſten Vorurtheile der Welt ſtammt ſie, das in dem Menſchen den Wahn erzeugt, er ſei beſſer und mehr als die Andern, weil ſeine Vorfahren von demſelben Wahne befangen geweſen waren. In dieſem Wahne, — —— — —— 9 in dem ſich immer der eine über den andern erheben will, bis er am Ende meint, er ſei unmittelbar durch die Gnade Gottes auf die Erde gekommen, um über die Andern zu herrſchen, werden die Kriege der Völker, wird die Knechtſchaft geboren, die Tyrannei, der Des⸗ potismus, der Betrug, die Gewalt. In dieſem Wahn⸗ ſinn haſſen jene auch uns, mich, der ich ihnen ein Ver⸗ brecher an ihrem Hochmuth und Stolze bin, Dich, an der ſie nicht einmal eine Schuld finden können, es ſei denn die, daß ich Dich liebe und daß Du die Reinheit und die Tugend ſelbſt biſt. Und warum können jenes Vorur⸗ theil und dieſer Wahn die Völker in den Sklavenketten halten und gleich Heerden von Schafen auf die Schlacht⸗ bank des Krieges ſchleppen? Einzig und allein darum, weil die Menge den Wahn der Einzelnen anbetet. Das iſt aber eben das Große der neuen Zeit, daß ſie an dieſes Gottesgnadenthum die vernichtende Axt gelegt hat. Es hat ſeinen letzten Kampf begonnen. Es wird darin erliegen. Es wird darin erliegen, meiſtens durch Selbſtvernichtung. Die Großen werden die Kleinen unter ihnen verzehren, bis zuletzt die Völker den letzten von ihnen in den Abgrund ſtürzen, in dem dann der Wahn ſelbſt für immer begraben ſein wird. Bah, Evychen, jene feindlichen Geſichter glauben ihr kleines und kleinliches Gottesgnadenthum noch für Jahr⸗ 10 hunderte befeſtigt und geſichert, und es wird kaum noch ſo viele Monden zählen! Sie alle werden, nach allen Zeichen dieſer neuen Zeit, noch ehe das Jahr, in dem wir leben, zu Ende geht, einfache Bürger ſein, wie die, auf die ſie mit ihrer ſouveränen Verachtung heute noch hinabſchauen. Dagegen wird kein Hochmuth und kein Kriechen, kein Hausgeſetz und kein Familiengericht ſie ſchützen, und — Evchen, willſt Du mit mir auf der Schwalenburg bleiben? Du antworteſt mir noch immer nicht? Zerreißt die Frage Dir noch das Herz?“ Evchen war klar in ſich geworden und in ihrer Klarheit einig mit ſich. „Leopold“, ſagte ſie, „Du weißt, wie ich Dich liebe. Ich lebe ja nur durch Dich. Du kannſt von mir verlangen Alles, was Du willſt; ich thue es unweiger⸗ lich, freudig; es wird mir kein Opfer ſein. Aber eins darfſt Du nicht von mir fordern; ich kann nie und nimmer etwas thun, von dem mein Inneres mir ſagt, daß es Dein Unglück ſein würde. Ich ſoll Deine Ge⸗ mahlin werden, willſt Du. Ich darf es nicht werden. Du biſt zum Herrn dieſes Landes berufen. Dieſem Rufe zu folgen, iſt Deine Pflicht, bleibt Deine heilige Pflicht, ſolange jene Zuſtände noch beſtehen, deren Un⸗ tergang Du erſt verkündeſt. Sie werden zu Grunde gehen, ich glaube es mit Dir, oder vielmehr Dir. Aber 11 noch beſtehen ſie mit ihrer ganzen gebieteriſchen Macht, der Du Dich nicht entziehen darfſt. Ein bevorzugtes Gottesgnadenthum einzelner Menſchen oder Familien willſt Du nicht anerkennen; ich glaube, Du haſt Recht darin. Aber der Platz, den jeder Menſch in dieſer Welt einnimmt, iſt ihm von Gott angewieſen, und ſeine Pflicht iſt, ihn auszufüllen, ſoviel und ſo gut er kann, und eine Pflichtvergeſſenheit iſt es, ihn feig zu verlaſſen; auch die Furcht vor Opfern iſt Feigheit. Bleibe auch Du auf Deinem Platze, mein theurer Leo⸗ pold, auf dem Platze, den Du an meiner Seite, wie die Zuſtände nun einmal noch beſtehen, nicht feſthalten und bewahren kannſt. Sei muthig und ſtark, mein Leopold, und — das ſei unſer letztes Wort über dieſe Sache. Gib mir Deine Hand darauf.“ „Nein, nein“, rief der junge Graf. „Ich muß Dich widerlegen, Eychen.“ Sie blieb ruhig. „Du würdeſt mich vielleicht überreden können, Leo⸗ pold, aber immer würdeſt Du mir wehe thun.“ „Immer?“ „Heute wenigſtens“, gab ſie ſeinem Drängen nach oder wollte ſie dieſem ſich entziehen. Er hatte jedenfalls in den Worten eine Hoffnung. Er ſchwieg. 3 12 „Wer iſt die Frau von Arenfels?“ fragte ſie ihn dann. „Habe ich Dir ſchon von meiner Coufine Annette Schleigheim erzählt, Evchen?“ „Du nicht, aber ich habe von ihr reden hören.“ „Was ſagte man Dir von ihr?“ „Die Beamten des Schloſſes ſprachen von ihr. Es war wohl nur der Widerhall von dem, was ſie oben gehört hatten. Sie mache der Familie Schande; ſie habe eine Mißheirath mit einem preußiſchen Adligen geſchloſſen; ihr Mann ſei dann wegen Schlechtigkeiten ins Zuchthaus gekommen, und ſie ziehe nun mit ihrem Kinde in der Welt als vornehme Abenteu umher.“ 6 „Man hat die Thatſachen im Ganzen wahr berichtet ½ Eychen, nur mit unrichtigen Zuſätzen und mit falſchen Urtheilen. Ihr Mann gehört einer braven und ange⸗ ſehenen preußiſchen Adelsfamilie an, und was iſt Miß⸗ heirath? Selbſt die gelehrteſten Juriſten ſtreiten dar⸗ über. Ihr Mamn ſitzt zwar nicht im Zuchthauſe, aber er iſt noch weit ſtrenger in den Kaſematten einer Feſtung eingeſperrt und von ſeinen Qualen darin ſoll er nur durch den Tod befreit werden. Und was ſeine Schlechtigkeiten betrifft, ſo beſtehen dieſe darin, daß er es unternahm, ſeinem Könige über die Gebrechen in I2ß * h 13 der Armee, beſonders über die ſchlechte Behandlung der armen Soldaten die Augen öffnen zu wollen. Seine Frau aber, die arme Annette, iſt mit ihrem Kinde bei mir, um mit meiner Hülfe ihren Mann aus der ſchmachvollen Gefangenſchaft zu befreien. Er befindet ſich dort oben in den Kellern des Sparrenbergs, und in der heutigen Nacht ſoll das Werk der Befreiung gewagt werden, und das Herz will ihr zerſpringen vor Angſt, und Du ſollſt ihre Stütze in der Angſt ſein. Du willſt, Evchen?“ „Von Herzen gern“, ſagte Evochen. „Sie verdient es, Evchen. Sie bringt das ſchwerſte or, das eine Frau bringen kann. Sie gibt ihren „ Ruf preis, um ihren Mann zu befreien. Nur durch die Offiziere der Feſtung kann ſie ihr Ziel er⸗ reichen, und durch ſie nur dadurch, daß ſie auch von ihnen für eine zweideutige Abenteurerin gehalten wird. Sie erträgt es, aber es iſt ihr eine Laſt, die ſie länger nicht mehr würde tragen können.“ Ueber das Geſicht des Erbgrafen flog dann ein bitteres Lächeln. „Meine Tante Schleigheim iſt meine eifrigſte Ver⸗ folgerin, wird heute meine ſtrengſte Richterin ſein, und hauptſächlich um meines Verhältniſſes zu der Aben⸗ teurerin auf der Schwalenburg willen. Ich bin be⸗ gierig auf ihr Geſicht, wenn ſie erfährt, daß dieſe Abenteurerin ihre Tochter iſt.“ Dann mußte er beinahe lachen. „Weißt Du, Evychen, welche ſchwerſte Strafe ſie mir in ihrem Familiengericht werden auflegen wollen?“ „Mein Onkel ſprach davon, ſie würden Dich von der Regierung ausſchließen.“ „Bah! Sie können es nach den Familiengeſetzen nur unter Beſtätigung der Reichsgrafenbank und des deutſchen Kaiſers. Sie werden in jetziger Zeit beide nicht anrufen wollen, wenn ſie auch noch könnten. Dagegen, mein Eychen, werden ſie eine Strafe gegen mich aus⸗ ſprechen, von der am beſten, am einfachſten und am ſicherſten Du mich erlöſen könnteſt.“ „Ich?“ fragte Evchen. „Sie werden mich verurtheilen wollen zu der Ehe mit der häßlichſten und bösartigſten Comteſſe, die ſie in der ganzen ebenbürtigen Verwandtſchaft auffinden können. Das iſt ihnen zugleich das radicalſte Beſſ erungs⸗ mittel. Willſt Du dieſe Strafe über mich ergehen laſſen, Evchen?“ „Wir wollten hierüber heute nicht mehr ſprechen, Leopold.“ „Morgen dann?“ „Sorgen wir heute für hente, Leopolb . 15 Der Erbgraf fügte ſich wiederum dem Willen des Kindes. Sie waren in der Nähe der Schwalenburg ange⸗ langt. Sie fuhren ſchon in dem weiten Parke, in dem das Schloß lag. Der Abend brach an. In der Ferne hörten ſie den Trab von Pferden. „Die Offiziere vom Sparrenberge“, ſagte der Graf zu Eochen. „Sie ſind auf dem Wege zur Schwalen⸗ burg, zum Beſuche der Frau von Arenfels. Sie dürfen Dich nicht ſehen, mein Kind.“ „Nein“, ſagte Evchen. „So ſteigen wir hier aus. Wir legen den fernern Weg zu Fuß zurück.“ Der Graf ließ den Wagen halten, hob Evchen heraus, befahl dem buckligen Kutſcher nach der Schwalen⸗ burg weiter zu fahren und ſchlug mit Evchen einen Fußweg zum Schloſſe ein. Sie erreichten das Schloß von der Rückſeite. Es lag mit dieſer Seite völlig dunkel vor ihnen. Nur ein einziges Fenſter in einem obern Stock war erleuchtet. „Du warſt lange nicht hier, Evchen“, ſagte er zu dem Mädchen. „Nicht ſeit der Rückkehr von Deiner letzten Reiſe.“ „Du wirſt hier einige Veränderung finden. Ich wohne nicht mehr im Schloſſe, ſondern gegenüber im Amthauſe.“ „Ich weiß es“, ſagte Evchen. „Von meinem He ſetzte ſie etwas zögernd hinzu. „Hat er Dir den Grund geſagt, Evchen?“ „Ich habe ihn errathen“ antwortete ſie erröthend. „Die Frau von Arenfels wohnt im Schloſſe“ ſagte er. „Es war nöthig zu der Befreiung ihres Mannes. Sie mußte die Prunkgemächer darin einnehmen, die Herrin darin ſein, meine Sobiterin. Aber Du ſiehſt da oben ein einziges Licht. Dort iſt ihr Stübchen, in dem ſie ihr hangendes und batgendes und hoffendes und harrendes, aber nicht himmlhoch jauchzendes Herz ausweinen und Troſt und Kraft und Muth aus dem Augenhimmel ihres Kindes ſchöpfen läßt. Dort iſt ſie auch jetzt. Ich werde ſtatt ihr ie Offiziere empfan⸗ gen. Heute war es ihr unmilich. Gehen wir zu ihr, Evchen.“ Sie gingen in das Schloß, burch ein kleines Hinter⸗ pförtchen. Sie erſtiegen dunkle Treppen, kamen durch dunkle, ſtille Gänge. Sie blieben immer an der Rück⸗ ſeite des weitläufigen Schloßbaues. Von der andern Seite her drangen Töne und Laute eines geſchäftigen, bewegten Lebens zu ihnen herüber. Die Tageshelle, 17 in der es ſich unter den Lampen und Lichtern der Corridore und der Prunkgemächer bewegte, blieb ihnen verſchloſſen. Der Graf öffnete eine Thür. Sie traten in das Stübchen, deſſen erhelltes Fenſter ſie draußen geſehen hatten. Eine ſchöne Frau ſtand in deſſen Mitte, hoch auf⸗ geputzt, in der eleganteſten Geſellſchaftstoilette. Sie trug ein halbnacktes Kind im Arme. Sie hatte es in dem Gemache umhergetragen, um es in Schlaf zu bringen. Zur Seite ſtand das Bettchen des Kindes. Eine alte Wärterin war dabei beſchäftigt. Die Frau von Arenfels, wie ſie noch genannt wurde, war mit dem Kinde ſtehen geblieben, als die Thür geöffnet wurde. Sie ſah überraſcht den jungen Erbgrafen eintreten, mit dem Mädchen, das ſie nicht kannte. Evchen ſah die Frau wieder, deren Schönheit ihre vollſte Eiferſucht, deren Ruf und Benehmen in dem Vogelſang ſchen Garten ihren vollen Haß er⸗ regt hatte. Sie ſah ſie wieder in ihrer ganzen Schön⸗ heit, die ſtille, einfache, ſüße und heilige Mutterpflicht erfüllend. „Annette, Evchen!“ ſagte der junge Src Temme, Die Erbgrafen. III. Annette machte eine Hand los und reichte ſie dem Mädchen. „Seien Sie mir herzlich willkommen, mein liebes Kind.“ Eychen wollte die Hand küſſen. Sie mußte es ſo, wenn ſie zu der alten Gräfin, zu der jungen Comteſſe kam. Da ſah ſie den eigenthümlich erwartend auf ſie ge⸗ richteten Blick des jungen Erbgrafen. Sie drückte herzlich die dargebotene Hand und ſagte: „Ich wünſchte, Sie könnten von meinen Dienſten Gebrauch machen, gnädigſte Frau.“ „Und ich hoffe, wir werden Freundinnen“ ſagte die Frau von Arenfels. Dann wandte ſie ſich an den Grafen. „Erräthſt Du denn meine innerſten Wünſche, Leo⸗ pold? Wie danke ich Dir!“ Der Graf mußte ſich wieder entfernen. „Ich werde die Offiziere empfangen müſſen. Du wirſt nachkommen, Annette, wenn Du Dich mit Evchen ausgeſprochen haſt.“ „Laß mich nicht zu früh rufen.“ Der Graf ging. „Ich glaube, mein liebes Evochen“, ſagte Annette, „wir werden uns viel zu ſagen haben, ich wenigſtens 19 Ihnen. Wir dürfen uns ausplaudern. Meine alte Margarethe dort war ſchon meine Wärterin und kennt jede Falte in meinem Herzen und in unſerer Familie. Vor allem nehmen Sie meinen herzlichſten Dank, daß Sie zu mir gekommen ſind. Geſtern noch hätten Sie es nicht gewagt, und auch heute hat es Sie wohl einige Ueberwindung gekoſtet?“ „Nein“, ſagte Evchen aufrichtig. „Es bedurfte nur eines Wortes des Herrn Grafen Leopold.“ „Leopold iſt brav, und auch Sie ſind es, Evchen, und ich bin eine unglückliche Frau, und um uns beide ſoll er jetzt leiden, wir beide ſind ſein Verbrechen. Halten wir zuſammen für ihn, mit ihm, gegen das Vorurtheil der Menſchen, freilich auch gegen manche Schlechtigkeit. Vorurtheile ſchaffen Hartherzigkeit; ein verhärtetes Herz wird nur zu leicht ſchlecht. Sie wollen es gegen ihn werden. Sie konnten es bis jetzt. Er mußte manchen Schein auf ſich nehmen, gegen ſich zeugen laſſen. Morgen iſt es vorbei. Mag die heutige Nacht werden und bringen, was ſie will, Glück, mein Elend für immer, dieſem Kinde ſeinen Vater, oder das Loos eines armen Geſchöpfes, das nie ſeinen Vater ſah — morgen bin ich frei, morgen dapf ich reden, darf ich für ihn zeugen, für ihn und zugleich für Sie, für Dich, mein Kind. Denn Du biſt ſein Glück, Du 22 20 allein. Mögen ſie ihm Alles nehmen, wenn nur Du ihm bleibſt, ſie haben ihm nichts genommen.“ Evochen erröthete nicht. Die Worte der aufgeregten Frau erhoben ſie. Die Unglückliche ſtand vor der ent⸗ ſcheidenden Kataſtrophe ihres Lebens. Sie ſtand muthig da, mit Muth für ſich und für Andere, und Evchen ſollte ihr Freundin und Beiſtand ſein. Die Frau fuhr fort: „Und ſo bleiben durch ihn auch wir beide mit einander verbunden, und finde ich heute den Vater für meinen Knaben nicht wieder, ſo wird Leopold ihm Vater werden und wir beide werden ſeine Mütter ſein. Sieh, Evchen, wie er Dich ſchon anlächelt, mit den ſchönen, treuen, unſchuldigen blauen Augen. Er ſtreckt ſeine Aermchen nach Dir aus. Er will zu Dir. Ah, der kleine Burſche hat ſchon Sinn für Schönheit. Nimm ihn in Deinen Arm, Evchen. Dein Herz kann ruhiger ſchlagen; das meinige klopft und pocht ſo gewaltig, da kann er nicht einſchlafen. Bei Dir wird er es. Und er muß es; es iſt ſeine Zeit. Und ich muß mit dieſem pochenden und un⸗ ruhigen Herzen zu Betrug, zu Falſchheit, Hinterliſt, zu meinem Mann, zu meinem Leben!“ Eochen hatte den hübſchen Knaben genommen. Er lächelte ſie an; ſie küßte ihn. Sie legte ihn an ihr Herz. Ruhig ſchlug auch ihr Herz nicht, aber ihre Be⸗ 21 wegungen waren ſo ſanft, ſo weich. Das Kind ſchlief ein in ihrem Arme. Die Wärterin nahm es ihr heraus und legte es in ſein Bettchen. Ein Bedienter kam, der gnädigen Frau zu melden, daß die Gäſte unten im Salon verſammelt ſeien. Die Frau von Arenfels mußte zu ihnen. „Zu ihnen!“ rief ſie. „Mit dieſer Angſt! Und mit dieſem Zorne, mit dieſer Verachtung gegen ſie, die nur zu mir kommen, weil ſie mich für eine elende Ver⸗ worfene halten. Nein, nein, der eine hält mich nicht dafür, und gegen ihn muß ich das unwürdige Spiel einer verworfenen Buhlerin treiben! O welche ent⸗ ſetzliche Qual werde ich leiden! Und ich habe ſie ſchon ſo oft und ſo lan Kötuf mich nehmen müſſen. Aber morgen iſt es ja zu Ende. Wäre es Alles umſonſt geweſen?“ Sie ſchlang leidenſchaftlich ihre Arme um Evchen's Nacken. „Bete für mich, mein Kind. Bete mit Deinem reinen Herzen für — ach, für den Betrug, für die Falſchheit — nein, nein, für die Liebe, für zwei arme Herzen, für dieſes Kind! Bleibe bei ihm. Verlaſſe es nicht, bis ich zurückkehre. Sei ſein Engel! Sei unſer Engel!“ Sie ſtürzte ans dem Gemache, wie gejagt von einer wilden Verzweiflung. So flog ſie die Treppen hinunter, durch die Corri⸗ dore zu dem Salon, in dem ſie erwartet wurde. Von wem und wie? An der mit den feinſten Weinen und mit Speiſen, die zum Genuß der Weine reizten, reich beſetzten Tafel in dem Salon ſaßen der Rittmeiſter von Bachow und der Premierlieutenant von Marnitz. In dem Saale gingen langſam im Geſpräche auf und ab der Erbgraf Leopold von Werdenburg und der Secondlieutenant Graf von Hochwald. Die beiden Herren an der Tafel ſprachen dieſer wacker zu, fanden dabei aber gleichfalls Zeit, ſich zu unterhalten. R „Verdammt fein Alles hier, Freundchen“, ſagte der Rittmeiſter. „Mir fängt an hier wohlig zu werden, wie dem Fiſchlein im Waſſer. Nebenbei bemerkt, Mar⸗ nitz, unſere Dichter haben oft ſchlechte Bilder. Wie kann man bei Waſſer an Wohlſein denken? Und das ſagt ſelbſt der Gvethe, ein Menſch, der es doch nicht nöthig hat wie die andern armen Poetenſchlucker. Aber was fehlt Euch, Marnitz? Ihr macht ja ein verzweifelt griesgrämiges Geſicht.“ „Ich wüßte nicht“ ſagte der Herr von Marnitz. 23 „Na, man braucht die Worte und die Stimme nur zu hören, um es zu wiſſen. Ich wette, Ihr denkt an die armen Unterthanen, die das Alles aufbringen müſſen.“ „Umgekehrt, Rittmeiſter“, ſagte der lange Lieutenant; „ich dachte an den kleinen Reichsgrafen, dem ſeine Handvoll Unterthanen das Alles aufbringen muß.“ „Teufel, das iſt ein ſublimer Unterſchied, den Ihr macht. Die Sache kommt nur auf eins hinaus, auf dieſe lächerliche Kleinſtaaterei.“ „Wir werden ihr hoffentlich bald ein Ende machen, Rittmeiſter.“ „Wie, Marnitz, wir ſollten gegen uns ſelbſt wü⸗ then? Ohne dieſen kleinen Grafen ſäßen wir nicht hier. Und am Hofe in Berlin? Glaubt mir, Freund⸗ chen, wenn unſer König auch ein paar Dutzend ſolcher kleinen Fürſten und Grafen einſteckt, im Schloſſe zu Berlin wird darum keine einzige Flaſche Champagner mehr getrunken.“ „Freilich, Rittmeiſter!“ „Alſo Freundchen, trinken wir hier, und werdet munter. Oder was habt Ihr ſonſt?“ „Nichts“, ſagte der Herr von Marnit. „Ich bin nun heute einmal nicht bei Laune. Es geht einem zuweilen ſo. Man hat etwas auf dem Herzen, das drückt, und man weiß ſelbſt nicht, was es iſt.“ „Eh, Freundchen, was es bei Euch iſt, weiß ich.“ „Und was wißt Ihr?“ „Die ſchöne Frau! Ihr ſeid verliebt und eiferſüch⸗ tig. Ihr könnt es nicht erwarten, daß ſie kommt, und Ihr ſeid ſchon im voraus wüthend, daß ſie, ſowie ſie hier iſt, nur für den Knaben dort daſein wird.“ „Und Ihr ſeid auf dem Holzwege, Rittmeiſter.“ „Hm, ich kenne meine Leute, und ich will Euch was ſagen, Freundchen. Ihr habt keine Courage, und das iſt Euer eigentliches Unglück und Euer Aerger, der Aerger über Euch ſelbſt.“ „Ihr radotirt, Rittmeiſter!“ „Bah, Freundchen! Nehmt einmal die Sache, wie ſie iſt, wie Ihr ſie ſelbſt geſtern aufſtelltet. Sie iſt die verſchmitzte Perſon, die Geliebte des Erbgrafen. Er iſt oder wird nächſtens, wie das ſo geht, ihrer überdrüſſig; da will er ſie bei Zeiten an den Mann bringen. Sie möchte für Ihr Leben gern Gräfin Hochwald werden. Da ſchwärmt ſie mit dem Knaben und ſpielt natürlich gegen uns die Tugendheldin, das heißt, gegen Euch, Marnitz. Ich liebe den Wein und die Bequemlichkeit; um ein Glas Champagner braucht man nicht lange auf den Knieen zu lie⸗ gen. Aber Ihr ſeid verliebt in das ſchöne Weib. Ich merkte es geſtern und ich verdenke es Euch 25 nicht. Ich verdenke Euch nur eins, daß Ihr zu zart ſeid.“ Der lange Lieutenant mußte doch lachen. „Ich zart, Rittmeiſter? Seid Ihr toll?“ „Warum greift Ihr denn nicht zu?“ Der Herr von Marnitz war wieder ernſt geworden. „Das Weib hat was Beſonderes, Rittmeiſter. Sie iſt nicht wie die andern.“ „Da haben wir die Beſcherung! Ihr wollt nicht zart ſein? Der Hochwald kann für das Geſchäft bei Euch in die Lehre gehen. Fangt heute einmal an. Faßt Courage. Ihr habt ihr wohl noch gar keine Liebeserklärung gemacht?“ „Nein!“ „Teufel, Marnitz, Ihr verliert meine Achtung, wenn Ihr es heute nicht thut. Die Gelegenheit kommt Euch nicht ſo wieder. Die Bosquets ſind grün und dicht, die Luft iſt reiner Frühlingshauch, der Mond ſcheint ſentimental; den Hochwald nehme ich bei der Champagnerflaſche auf mich. Ihr macht eine Nacht⸗ promenade mit ihr, fallt auf die Kniee, flüſtert ſüße Liebesworte, und hilft das Alles nichts, geht's mit dem Himmel nicht, ſo nehmt Ihr die Hölle zu Hülfe und ſagt zu ihr: „Meine Gnädigſte, Sie möchten gern Gräfin Hochwald werden. Wollen Sie mich zu Ihrem Bundes⸗ —— 7 26 genoſſen oder zu Ihrem Feinde haben? Sie haben die Wahl.“ He, Marnitz?“ „Ihr ſeid ein Satan, Rittmeiſter!“ ſagte der Herr von Marnitz. Aber dabei ſtrich er ſich den Bart und leerte ein Glas Burgunder. Ein Bedienter öffnete die Flügelthür des Salons. Das ſchöne Weib, von dem ſie ſprachen, das ſie alle erwarteten, trat herein, die intrigante Abenteurerin, deren ihr Liebhaber überdrüſſig war, die einen Mann ſuchte, durch allerlei Künſte der Koketterie und Heuchelei. Sie trat ein in ihrer vollen, glänzenden, beſiegenden Schönheit, mit den zauberiſchen fröhlichen Lächeln um die friſchen, ſchwellenden Lippen, mit den herausfordernden Blicken ihrer feurigen Augen. Sie eilten ihr alle entgegen, mit ihren unterthänig⸗ ſten und doch herzlichſten Glückwünſchen zum Geburts⸗ tage, den ſie feiere. Sie hatte für jeden einen freund⸗ lichen, aus dem Herzen kommenden, die Herzen bezau⸗ bernden Dank. „Wie machen Sie mich glücklich, lieber Rittmeiſter! Nie werde ich dieſen Tag vergeſſen.“ „Herr von Marnitz, ſtets wird mein Herz den Dank für die edle Theilnahme bewahren, die Sie einer Un⸗ glücklichen ſchenken.“ bL — „Herr Graf —“ Für ihn, den Grafen Hochwald, ſchienen ihr die Worte zu verſagen, aber ſie hatte einen Händedruck für ihn, der dem jungen Manne alles Blut aus dem Geſichte und ein Zittern durch den ganzen Körper jagte. Dann trat ſie an den Tiſch, ergriff ein Glas und rief mit bewegter Stimme: „Auf Ihr Wohl, meine Herren!“ Sie mußten mit ihr anſtoßen und mit ihr die Gläſer leeren. Und dann hatte ſie nochmals einen ſtillen und heim⸗ lichen Händedruck für den Grafen Hochwald. Der Rittmeiſter aber ſagte heimlich zu dem Herrn von Marnitz: „Sie iſt heute ſchöner als je. Ein Satansweib! Freundchen, heute oder nie!“ Und der Herr von Marnitz erwiderte: „Ja, Rittmeiſter, ein Satansweib! Aber es wird nicht gehen. Ich weiß nicht, wie mir iſt, wenn ich ſie anſehe. Auch bei ihr eine Würde, eine Höhe —“ „Seid Ihr feig, Marnitz?“ „Zum Teufel, ſo trinkt Euch Courage. Laßt Euch nicht von dem weichlichen Grafenſöhnchen ausſtechen. Und heute muß es ſein, Marnitz; denn ſeht! Da iſt Alles zu wetten, der Knabe verlobt ſich noch heute Abend mit ihr, und wenn nicht der Pfaffe und das Aufgebot dazu gehörten, ſie machten auch noch heute Hochzeit, und Ihr ſeid geprellt.“ Der Herr von Marnitz trank ſich Courage. Die ſchöne Frau ſah es, und ſie mußte ihr glück⸗ liches Lächeln darüber verbergen. Es war freilich zu⸗ gleich ein wehmüthiges, ſchmerzliches. Der Lieutenant von Marnitz war ihr der gefähr⸗ lichſte Gegner für ihren Plan. Sie ſetzte ſich zu ihm, zwiſchen ihn und den dicken Rittmeiſter. „Ich muß die Herren trennen. Sie flüſtern mir zu viel mit einander. Verſchwörung oder Dienſt? Oder gar Beides zuſammen? Zieht es Sie ſchon jetzt zurück zu Ihren alten Mauern da oben, zu Ronde, Nachtdienſt und wie es weiter heißt?“ „O nein, meine Gnädigſte“, ſagte der dicke Ritt⸗ meiſter, „wir haben Urlaub erhalten.“ Das war ein Donnerſchlag für die ſchöne Frau, für den Erbgrafen. Auf eine heimliche Entfernung der Offiziere aus der Feſtung war für ihren Plan gerechnet, darauf, daß kein Offizier der Ronde zurückgeblieben war, daß die Wachen in dem Gefangenhauſe, auf dem Citadellen⸗ platze, am Thore ohne Aufſicht waren. Die beur⸗ laubten Offiziere waren durch andere erſetzt. Den Erbgrafen durchzuckte die unerwartete Nach⸗ richt; er mußte ſich Gewalt anthun, um nicht einen verrathenden Blick auf ſeine arme Coufine zu werfen. Die ſchöne Frau ſuchte die Blicke von der Bläſſe ihres Geſichts durch ein fröhliches Händeklatſchen ab⸗ zulenken. „Das iſt reizend! So gehören Sie uns ungeſtört den ganzen Abend. Auf das Glück müſſen Sie mit mir anſtoßen.“ Sie ſtießen mit ihr an. „Aber unſer Urlaub läuft nur bis zehn Uhr“ ſagte der Rittmeiſter. „Schlag zehn müſſen wir oben am Thore ſein.“ Es war ein neuer Donnerſchlag für die ſchöne Frau und ihren Mitverſchworenen. Sieben Uhr war es ſchon. Um bis zehn Uhr wie⸗ der auf der Feſtung zu ſein, mußte um neun aufge⸗ brochen werden, und um zehn war noch Alles wach und nüchtern, hüben wie drüben. „Das iſt abſcheulich von Ihrem Chef!“ rief die ſchöne Frau aus dem Grunde ihres Herzens. Die Offiziere zuckten die Achſeln. „Und die Herren ſind ſtreng im Dienſt?“ 30 „Der Dienſt fordert es.“ „Wie nun?“ mußte die ſchöne Frau doch dem Erb⸗ grafen einen heimlichen Blick zuwerfen. „Verlieren wir den Muth nicht“, antworteten ſeine Augen. Die Mahnung, den Muth nicht zu verlieren, iſt immer ein ſchlechter Troſt, der den Muth nur nieder⸗ ſchlagen kann. Den beiden Verſchworenen ſollte er noch mehr niedergeſchlagen werden. Man hörte einen Wagen auf den Schloßhof rollen. „Beſuch noch? Wer könnte das ſein?“ Der Wagen hatte vor dem Schloßportal gehalten. Man hörte eine Stimme ſprechen. „Zum Teufel“, fluchte faſt halblaut der Erbgraf. „Welcher Satan führt den her? Was will der Unglück⸗ liche hier? Gerade jetzt?“ Ein Bedienter trat mit verlegenem Geſicht in den Saal, nahte ſich dem Erbgrafen. „Der Onkel Kurt?“ fragte der Erbgraf. „Zu Befehl, Erlaucht.“ Das kleine feine Männchen mit dem kindlichen oder kindiſchen Greiſengeſichte ſtand ſchon auf der Schwelle der Thür und lächelte vergnügt: „Gelt, Leopold, das heißt überraſchen?“ 31 „In der That, Onkel!“ „Aber ich bringe Dir auch etwas, Leopold!“ Zurückzuweiſen war das Männchen nicht mehr. „Erlaube vorher“ ſagte der Erbgraf, „daß ich Dich mit meinen verehrten Gäſten bekannt mache.“ Der Schwachſinnige kam da in eine Sphäre, in der er zu Hauſe, die für ihn eine wichtige war. „Ah, es wird mir eine große Ehre ſein.“ „Mein Onkel, Graf Kurt von Werdenburg!“ ſtellte der Erbgraf vor. Er nannte dann die Andern. Vor der ſchönen Frau von Arenfels ſtand der kleine Mann faſt wie erſtarrt. Den Sinn für Schönheit hatte er in ſeinem Schwachſinn nicht verloren. Und die ſchöne Frau hatte ihr bezauberndſtes Lächeln für ihn. „Hm, hm, Leopold“, nahm er den Erbgrafen auf die Seite, „Du biſt ein Teufelskerl. Und wenn meine Schweſter Schleigheim die ſchöne Perſon ſieht — nun, ich ſage nichts.“ „Was haſt Du mit der Tante Schleigheim?“ fragte der Graf. Der Kleine lächelte verſchmitzt und geheimnißvoll. „Nichts, nichts!“ 32 „Du wollteſt mir etwas bringen, Onkel“ ſagte der Erbgraf. „Ja, ja, Leopold.“ „Was iſt es?“ „Ein Geheimniß.“ „Ich darf es doch erfahren?“ „Gewiß.“ „So nenne es mir.“ „Du wirſt es ſchon ſehen.“ „Sehen?“ „Und auch hören.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Onkel.“ „Schadet nichts. Du wirſt ſchon Alles verſtehen.“ Der Kleine blieb immer bei ſeinem verſchmitzten und geheimnißvollen Lächeln. Der Erbgraf wollte die Geduld verlieren. Der Kleine mußte für ihn eine Nachricht die nicht ohne Bedeutung ſein konnte. „Ah, Onkel, Du kommſt aus dem Familientri⸗ bunal?“ fragte er. „Direct“, lächelte der Kleine. „Und was bringſt Du?“ „Du wirſt es erfahren.“ „Was haben ſie gegen mich beſchloſſen?“ „Beſchloſſen? Hm, hm! Höre mal, Leopold, das 33 iſt eine reizend ſchöne Frau, die Frau von Arenfels, und ich kann Dir nicht verdenken — Und wenn ich daran denke, an —“ „An was denkſt Du?“ „Du wirſt es erfahren, Leopold, früh genug, und die ſchöne Frau hier —“ Er brach immer wieder ab. Der Graf ſollte dennoch früh genug erfahren, was der Schwachſinnige ihm mitzutheilen hatte. Wieder fuhr ein Wagen in den Schloßhof, hielt an dem großen Portale. „Ah, da iſt ſie ſchon!“ rief vergnügt der Graf Kurt. „Aber wer? Aber wer?“ ſetzte er ſelber neugierig hinzu. Der Erbgraf vernahm eine Stimme, die draußen am Portale ſprach. „Die Tante Schleigheim!“ rief er. „Wahrhaftig, die Schweſter Schleigheim!“ ſagte der Kleine. „Alſo ſie iſt die erſte.“ „Was ſprichſt Du, Onkel? Kommt noch Jemand?“ In demſelben Augenblick wurde draußen eine zweite Stimme laut, und der Erbgraf erkannte die ſeiner Schweſter Ferdinande. „Wie kommen die Beiden zuſammen, die einander zum Tode haſſen?“ fragte ſich der Erbgraf. Temme, Die Erbgrafen. III. 3 34 „Das weiß ich auch nicht“ verſicherte der Schwach⸗ ſinnige. „Und was wollen ſie?“ „Das werden ſie Dir ſchon ſagen. Aber höre, Leopold, vorbereiten kann ich Dich darauf. Darum bin ich ihnen ja eigentlich vorausgeeilt. Höre —“ Aber der Erbgraf Leopold hörte ihn nicht mehr. „Was Ferdinande will, kann mir gleichgültig ſein“, ſagte er zu ſich. „Sie iſt nicht ſchlecht und ſie kann nichts Böſes wollen. Aber die Alte! Herr des Himmels! Wenn ſie Annette hier fände! Hier bei den Offizieren! Welch einen Skandal würde ſie machen! Und mit der Befreiung Bütow's wäre es vorbei! Die Offiziere erführen den Namen der Frau von Arenfels und mit ihm Alles, unſern fein angelegten Plan, un⸗ ſere Intrigue, unſere Künſte, die einfältige Rolle, die ſie ſelbſt geſpielt haben! Herr des Himmels, was fängt man da an? Annette hat noch nichts gehört. Sie iſt noch völlig unbefangen. Das arme Geſchöpf hat zwar viel lernen müſſen in dieſer ſchweren Zeit, aber ſo roſig könnten ihre Lippen nicht ſein, ſo könnten ihre Augen nicht leuchten, wenn ſie wüßte, daß ihre Mutter kaum zehn Schritte von ihr entfernt iſt. Ob ich ſie hinausführe, dort durch die Seitenthür? Oder ob ich die Alte zurückhalte? Beſſer das Erſtere!“ 35 Er ging auf die Frau von Arenfels zu, die in lebhafter Unterhaltung mit dem langen Lieutenant von Marnitz war, während der neben ihr ſtehende Graf Hochwald in der Wolluſt ſchwelgte, ihre ſchönen Lippen und ihre glänzenden Augen zu bewundern. „Gnädige Frau —“ wollte der Erbgraf zu ſeiner ſchönen Couſine ſagen. Da wurde raſch die große Flügelthür des Salons geöffnet. Die Worte erſtarben ihm auf der Zunge. „Deine Mutter, Annette“, konnte er nur noch flüſtern. Zweites Kapitel. In einem der ältern Theile des großen reichs⸗ gräflichen Schloſſes zu Werdenburg befand ſich der Ahnenſaal. Er ſtammte aus der ſpätern Zeit des Mittelalters und war vollkommen erhalten in dem Ge⸗ ſchmacke der Zeit, in der er erbaut war. Er bildete ein großes hohes Viereck. Sein Licht erhielt er durch zwei hohe und breite Bogenfenſter in der Mauer links von der Eingangsthür. Die Decke oben beſtand aus fein geſchnitztem, durch das Alter ſchwarz gewordenem Eichenholz; die Mauern waren mit ſchneeweißen glän⸗ zenden Kacheln bedeckt. Aber an zweien der Wände gewahrte man von den Kacheln faſt gar nichts, ſie hingen voll von Ahnenbildern. Die dritte Wand, die, in der die Eingangsthür ſich befand, war noch zur Hälfte leer. In der einen Ecke, der Thür gegenüber, ſtand ein mächtiger Ofen, ein wahres Kunſtgebäude, gleich⸗ falls von weißen Kacheln aufgeführt; er hatte die Form eines antiken Tempels; auf den Kacheln waren in bunten Farben Scenen aus dem Götterleben abgebildet; Vulcan und Venusj ſpielten darin die Hauptrollen. Die Bilder waren nicht aufgemalt, ſondern ſtückweiſe in die einzelnen Kacheln eingebrannt, die dann zu den Bildern zuſammengefügt worden. In der zweiten Ecke, an der Mauerſ der Eingangsthür, ſtand, dem Ofen gegenüber, ein nicht minder kunſtvolles anderes Bau⸗ werk; es war ein ungeheurer Schenktiſch von ebenfalls faſt ſchwarz gewordenem Eichenholz, deſſen zu allerlei Zierrathen und Schnörkeln geſchnitzte hohe Wand wie ein gothiſcher Thurm ſich faſt bis an die Decke des Zimmers erhob. An dieſer Wand ſtanden auf Regalen Humpen, Pokale und Becher von Gold und Silber, von hellem und buntem Glas, in allerlei ba⸗ rocken und geſchmackvollen Formen, das Bankettiren des Mittelalters und aller ſpätern Jahrhunderte re⸗ präſentirend. Der Ahnenſaal auf Schloß Werdenburg war nur großen und feierlichen Begebenheiten in der Familie gewidmet. Der neue Landesherr empfing in ihm die 38 Huldigung ſeiner Vaſallen und Unterthanen; große Feſtmahle wurden in ihm gehalten; die Familientage fanden darin ſtatt. Heute war die reichsgräfliche Familie zu einem ernſten Familiengericht darin verſammelt. Sie ſaßen auf alten Polſterſtühlen mit hohen Leh⸗ nen in einem weiten Halbkreiſe. In der Heffnung des Kreiſes, an der Wand gegenüber der Eingangsthür, hatte auf einem erhöhten Seſſel der regierende Graf Eberhard von Werdenburg⸗Werdenburg Platz genom⸗ men. Die Geſichter aller Andern waren ihm zuge⸗ wandt. Er war der Chef des Hauſes; die Linie Werden⸗ burg⸗Werdenburg war die ältere; in den alten Haus⸗ verträgen war ihr ausdrücklich der Vorrang der Haupt⸗ familie eingeräumt; der Graf war außerdem hier der Landesherr. Links von dem regierenden Grafen, aber um die ganze Tiefe des gräflichen Seſſels zurück, ſaß auf einem einfachen Stuhl hinter einem mit Acten und Büchern bedeckten Tiſche der Juſtizdirector der Grafſchaft Wer⸗ denburg. Es war Abend; ein mächtiger von der Decke herab⸗ hängender ſilberner Kronleuchter verbreitete mit ſeinen Hunderten von Wachskerzen Tageshelle im Saale. Man —— —— 39 unterſchied jedes Geſicht des Familientribunals, der Ahnenbilder an den Wänden. Die Geſichter der Lebenden waren ſämmtlich ge⸗ ſpannt und erwartungsvoll; die meiſten ſtolz, manche feierlich, einzelne verbiſſen, viele hart, ein einziges voll Angſt, Sorge, Schmerz. Es war das der alten Gräfin, der Mutter, über deren Sohn heute das ſtrenge Gericht gehalten werden ſollte. Sie ſaß zunächſt ihrem Ge⸗ mahl, nach ſeiner rechten Seite hin. Die Geſichter auf den Ahnenbildern ſahen alle hart und ſtolz und ſtreng auf die Verſammlung der Leben⸗ den hernieder. Der regierende Graf eröffnete die Verſammlung mit folgender Anſprache: „Meine theuren und verehrten erlauchten Ver⸗ wandten! Sie alle kennen die traurige Veranlaſſung und den ernſten Zweck unſerer Vereinigung in dieſem Saale unſerer Ahnen. Laſſen Sie mich Ihnen zunächſt meinen lebhafteſten Dank für Ihren bereitwilligen Eifer ausſprechen, mit dem Sie alle meiner Einladung an Sie gefolgt ſind, und laſſen Sie mich die Verſicherung an die erlauchten Linien derer von Hauenſtein und Haſſenfurt daran knüpfen, daß wir, die von Werden⸗ burg⸗Werdenburg, bei gleicher Gelegenheit uns ſtets zu Gegendienſten werden bereit finden laſſen, am liebſten freilich bei glücklichen und fröhlichen Veranlaſſungen⸗ Laſſen Sie mich nun zur Sache ſelbſt ſchreiten. Ich kann hier mich kurz faſſen. Es handelt ſich um meinen älteſten Sohn, den Erbgrafen Leopold. Er hat bisher, ſpottend aller Mühen und Sorgen einer ſorgſamen Erziehung, nicht achtend iſpiele der Tugend ſeiner Familie, der Ahnen, der Lebenden, uneingedenk ſeiner eigenen und der Ehre dieſes hohen Hauſes, mit Füßen tretend alle Pflichten und Rückſichten, die er ſeinem hohen Adel, ſeiner Stellung als künftiger Landesherr ſchuldig iſi, einen Lebenswandel geführt, der ihn un⸗ würdig macht, unter den Mitgliedern unſeres hohen Hauſes ferner genannt zu werden, geſchweige die Re⸗ gierung zu übernehmen. Von Beidem kann er nach den Geſetzen unſeres Hauſes nur durch örmlichen Beſchluß ſämmtlicher drei Linien der Familie ausge⸗ ſchloſſen werden. An Ihnen iſt es, über dieſen Be⸗ ſchluß zu berathen und, wenn es ſein muß, ihn aus⸗ zuſprechen. Ich ſelbſt trete hier als Ankläger auf, der Vater gegen den eigenen Sohn, aber als Vertreter des Rechts, der Ehre. Die Thatſachen ſind Ihnen bekannt. Ich muß mich deshalb um ſo mehr ihrer Wiederholung enthalten, als dieſe nur geeignet wäre, die Herzen der nächſten Angehörigen von neuem mit dem tiefſten Srorze, die Gemüther der übrigen ver⸗ 41 ehrten Anweſenden aber mit einer Erbitterung zu er⸗ füllen, die ich hier gegen den Angeklagten nicht her⸗ vorrufen will. Ich habe meinen Sohn aufgefordert, hier zu erſcheinen, um ſich vor Ihnen zu vertheidigen. Er iſt nicht hier; er gict die Achtung vor der hohen Familie gehabt, ſe Ausbleiben zu entſchuldigen. So ſchreiten Sie denn, Anverwandte, zur Löſung Ihrer Aufgabe. Sollten bei einem von Ihnen noch Bedenken vorwalten, ſei es in thatſächlicher oder in rechtlicher Beziehung, mein Juſtizdirector iſt hier anweſend, um die erforderliche Auskunft zu ertheilen. Ich erſuche die beiden regierenden Herren von Hauen⸗ ſtein und Haſſenfurt, mit ihrer Stimme vorangehen zu wollen.“ Der — des regierenden Herrn von Werden⸗ burg wurde mit der feierlichſten Stille angehört. Der regierende Herr von Hauenſtein erhob ſich. Er war der ſchneeweiße, ſtarke, bequeme und würdige Herr, der am Morgen die boshaften Bemerkungen der Gräfin Schleigheim nicht hatte begreifen können. „Erlauchte Herren und Damen“, ſprach er, „ich bin kein Freund von vielen Worten. Sie dienen zu nichts, zumal wenn man mit ſeinem Urtheil ſchon fertig iſt und ſein kann. Und das bin ich, und das ſind wir hier alle. Ich ſtimme dem hochverchorr Chef unſeres 42 Geſammthauſes bei. Der vor dieſem hohen Familien⸗ tribunal Angeklagte iſt unwürdig, ferner den Namen zu tragen, den er geſchändet hat; ſein Name werde ausgeſtrichen aus dem Stammbaum unſeres hohen Hauſes. Daraus ergeben ſich alle weitern Folgen von ſelbſt.“ Es war ein radicales Votum des würdigen Herrn, der nicht viele Worte machte. Selbſt der Graf Eberhard zuckte auf; die alte Gräfin beugte das Geſicht, es mit beiden Händen be⸗ deckend. Mit geſpannteſter Erwartung blickten alle Andern auf den regierenden Grafen von Haſſenfurt, der jetzt das Wort nehmen mußte. Er war ein feiner, hagerer Herr; man ſah ihm Schüchternheit an; er war der Gemahl jener Dame, die am Morgen ſelbſt die Gräfin Schleigheim zum Schweigen zu bringen vermocht hatte. Seine Anſicht war dennoch heute die entſcheidende. Stimmte er dem Grafen von Hauenſtein bei, waren alſo die drei regierenden Häupter der Familie in der Verurtheilung einig, ſo war für den Angeklagten eine Hoffnung wohl nicht mehr vorhanden. Der hagere Herr ſprach „Auch ich pflege nicht viele Worte zu machen. Ich 43 bin aber ein Mann der Milde, und ich kann es hier um ſo mehr ſein, da, wie alle verehrten Anweſenden mir bezeugen werden, mein Lebenswandel ſtets der der Ehre, der Sitte und der Tugend war. Der Erb⸗ graf Leopold von Werdenburg hat, nach Allem, was uns mitgetheilt und bekannt geworden iſt, keine ſchlech⸗ ten, deſto mehr aber leichtfinnige und leichtfertige Streiche gemacht, wie ſie in keinem regierenden Hauſe vorkom⸗ men ſollten, wie ſie aber leider in den fürſtlichen Häuſern am allermeiſten anzutreffen ſind. Meine ver⸗ ehrten Damen und Herren, wie ſchon im graueſten Alterthum in den Häuſern der Könige und Kaiſer, unter den Juden, den Heiden und den Chriſten, die ſchwerſten Laſter und Verbrechen in traurigem Schwange waren — taugte doch ſelbſt der fromme König David nicht viel — ſo gibt es auch ſchwerlich zu dieſer Zeit in der Welt einen Thron, auf oder an dem nicht die nämlichen Laſter, Vergehen und Leichtfertigkeiten, über die wir jetzt zu Gerichte ſitzen, zu finden ſind, wie der Sand am Meere; und ſollten alle Grafen und Prinzen, die Gleiches oder weit mehr gethan haben als der Erbgraf Leopold, deshalb aus der Familie ausgeſtoßen und mithin auch von der Regierung ausgeſchloſſen ſein, es wäre kein Thron mehr zu beſetzen und die Völker hätten ſammt und ſonders das Unglück, zur Republik greifen zu müſſen. Deshalb gebe ich, zugleich als Chriſt, mein Votum dahin ab, daß der junge Mann gebeſſert und für die Zukunft vor Ausſchweifungen und Leicht⸗ fertigkeiten bewahrt und zu dem Zwecke verurtheilt werde, ſchleunigſt eine ebenbürtige Gemahlin von ſtrenger Zucht und Sitte zu nehmen. Ich habe geſprochen.“ Er hatte geſprochen, der brave hagere Herr, der den Werth einer ebenbürtigen Gemahlin von ſtrenger Zucht und Sitte zu ſchätzen vermochte. Durch den Saal lief leiſes Gemurmel. Die Mutter ſah zuerſt ihre eigenen, dann die andern Töchter an, jene mit Hoffen und Zagen, dieſe mit Haß oder Naſe⸗ rümpfen. Die Töchter wurden theils roth, theils blaß und ſchlugen ſämmtlich verſchämt die Augen nieder. Bedurfte es deutlicherer Beweiſe, daß der regierende Herr von Haſſenfurt mit ſeinem Votum der Sieger bleiben werde? Die Herren waren zwar in der Mehrzahl da, allein ſchon hatten die Gemahlinnen und Mütter und Tanten ihre ſtrengen Blicke zu ihnen erhoben und die bittenden und befehlenden Blicke der Töchter, der Schweſtern und Couſinen folgten, und an den Herren war es jetzt, die Augen niederzuſchlagen. Und darauf herrſchte eine allgemeine Stille im Saale. 45 „Wünſcht Niemand mehr das Wort zu ergreifen?“ fragte der regierende Herr von Werdenburg. Ein alter General erhob ſich. „Ich bin zwar Soldat, aber ich bin immer ge⸗ wohnt, die Geſetze zu achten. Da muß ich denn zu⸗ nächſt volle Gewißheit darüber haben, ob dieſe hohe Verſammlung berechtigt iſt, ohne fremden Einſpruch über den Angeklagten hier zu Gericht zu ſitzen. Ich bitte um Auskunft, was darüber nicht nur unſere Haus⸗ geſetze, ſondern auch die Geſetze des deutſchen Reichs ſagen.“ Der alte General war Kriegsoberſt des weſtfäli⸗ ſchen Kreiſes. Seine Frage war an den Herrn von Werdenburg gerichtet. Der Graf erwiderte: „Die Frage iſt berechtigt. Mein Juſtizdirector wird ſie beantworten. Er wird Ihnen ſagen, daß nament⸗ lich Zweifel darüber beſtehen könnten, inwiefern dem Kaiſer und dem Reiche ein Recht des Einſpruchs zuſtehe.“ Der Juſtizdirector wollte ſich erheben. Ein erlauchter Herr aus der Familie kam ihm zuvor. Es war ein feines Diplomatengeſicht. Der erlauchte Herr war in der That mehrmals zu wichtigen Reichsgeſandtſchaften verwendet worden. 46 „Ich kann“ ſagte er, „den Herrn Juſtizdirector der Mühe weitläufiger Auseinanderſetzungen überheben. Die aufgeworfene Frage iſt allerdings zweifelhaft, aber es kommt nicht mehr auf ſie an. Ich bin in der Lage, genau den gegenwärtigen Standpunkt der politiſchen und diplomatiſchen Dinge in Deutſchland zu kennen. In Paris hat ein General ſich zum Kaiſer gemacht. In Berlin hat man ſich mit ihm verbündet, das deutſche Reich zu vernichten, um ein preußiſches Reich in Deutſch⸗ land aufzurichten. Es iſt das eine Berliner Vellei⸗ tät, die den Sturz Preußens zur Folge haben wird. Allein der Auflöſung des deutſchen Reiches iſt nicht mehr vorzubeugen, und in dieſem Augenblicke bereiten die Höfe von München, Stuttgart und Karlsruhe mit dem Kaiſer der Franzoſen ein Bündniß vor, das ſie vor einer Vernichtung ihrer Selbſtſtändigkeit durch Preußen ſchützen ſoll. Da wird der deutſche Kaiſer in Wien zuvorkommen, ſeine Kaiſerkrone niederlegen und das deutſche Reich für aufgelöſt erklären. Wir haben dieſes Ereigniß in wenigen Monaten zu erwarten, jedenfalls früher, als Kaiſer und Reich über unſere Familienangelegenheit einen Beſchluß zu faſſen im Stande wären. So dürfen unſere Häuſer ſchon heute als völlig ſouverän auch in dieſer Angelegenheit ſich betrachten, und wie jedes andere deutſche fürſtliche —— 47 Haus haben fortan auch wir frei und ſouverän über unſere Rechte zu beſtimmen.“ Die Rede fand großen Beifall. Sofort rief eifrig ein anderer Herr: „So iſt es, und die Werdenburger haben genau ſo viele Rechte als die Brandenburger in Berlin, und wir müſſen das ihnen und aller Welt zeigen, uns gleichſam in Beſitz ſetzen und dadurch namentlich den allezeit län⸗ derſüchtigen Brandenburgern die Luſt benehmen, auch uns aus unſern angeſtammten Ländern vertreiben zu wollen.“ Und darauf wurden mehrere eifrige Stimmen laut. „Nein, wir laſſen uns nicht depoſſediren!“ „Und darum halten wir hier heute das Gericht ab.“ „Und ein ſtrenges Gericht!“ Die ungeduldige Miene des Juſtizdirectors zeigte, daß er vielleicht einen ganzen Sack voll rechtlicher Ein⸗ wendungen habe. Er kam nicht mehr zum Wort. Dagegen wurde nach einer andern Seite hin eine Oppoſition laut. „Ein ſtrenges Gericht!“ hatte man gerufen. Aus der Reihe der Damen erhob ſich plötzlich eine Stimme. Die ſchöne Gräfin Ferdinande mit ihrem bleichen Antlitz voll Abel, Stolz und Unglück ſprach ſtreng, unwillig: 48 „Das Recht iſt ſtets mild! Ein ſtrenges Gericht iſt kein gerechtes Gericht. Ein ſtrenges Gericht hier halten um eines äußern politiſchen Zweckes willen wäre eine Schmach, deren ich meine edlen Verwandten nicht fähig halten mag.“ Es waren auch zündende Worte. Kein Einziger in der Geſellſchaft hatte ein Wort der Erwiderung gegen die ſchöne, ſtolze und ſtrenge Dame, die hier die Milde vertrat. Der regierende Herr von Hauenſtein, der zuerſt ſeine Stimme für die Strenge erhoben hatte, verbeugte ſich tief nach der Sprecherin hin, als wolle er ſich von ihr überwunden erklären. Die Gräfin Ferdinande verzieh ihm in ihrem Herzen, daß er am Morgen die Hauenſteiniſche Linie über die Werdenburgiſche hatte ſtellen wollen. Sie hätte dann auch beinahe der regierenden Gräfin von Haſſenfurt, deren verletzende Aeußerung vom Mor⸗ gen verziehen. Aber mit dieſer Dame hatte es doch einen Haken. Der Graf von Haſſenfurt war der erſte geweſen, der für die Milde geſprochen hatte. Seine Gemahlin mit der böſen, giftigen Zunge ſecundirte ihm jetzt. „So ſei es denn!“ ſagte ſie. „Sprechen wir hier Recht, aber mit Milde. Das edelſte Inſtitut der Re⸗ ligion und der Sitte ſei nicht die Strafe, aber das 49 einzige Mittel, durch welches unſer theurer junger Anver⸗ wandter von ſeinen Irrwegen auf den Pfad der Tu⸗ gend und der Ehre zurückgeführt wird. Es werde beſchloſſen, daß er ſchleunig in den Stand der heiligen Ehe trete, und ſeine Gemahlin werde ihm ſofort hier beſtimmt.“ Das war die mildeſte Strafe, die das Tribunal auszuſprechen vermochte. Es war ſchon vorhin darauf aufmerkſam gemacht worden. „Und welche Strafe iſt es für Leopold?“ flüſterte die Gräfin Ferdinande ihrer Mutter zu. „Er nimmt einfach die ihm Beſtimmte nicht. Ich weiß es leider. Und was wollen ſie dann? Sie werden nicht noch ein⸗ mal hier zuſammenkommen, um ihn deshalb aus der Familie auszuſtoßen. Und ſieh, Mutter, der Vorſchlag wird angenommen.“ Den Worten der Gräfin Haſſenfurt war wieder jenes allgemeine Gemurmel des Beifalls unter den Damen gefolgt. Nur die Gräfin Schleigheim hatte eine boshafte Bemerkung. „Die arme Haſſenfurt!“ ſagte ſie zu ihrem Nach⸗ bar, einem alten apanagirten Grafen. „Ihre Schweſter, die zugleich ihre Schwägerin iſt, hat die alte häßliche Tochter. Erlaucht ſehen ſie dort hinten. Die Haſ⸗ 4 Temme, Die Erbgrafen. II. 50 ſenfurt denkt die Nichte bei der Gelegenheit unterzu⸗ bringen. Da erhebt ſich auf einmal Alles, was an alten und häßlichen, wie an jungen und hübſchen Fräu⸗ leins und an Müttern und Tanten hier iſt, und alle wollen untergebracht ſein und unterbringen, und die Augen möchten ſie ſich alle untereinander auskratzen, am erſten die alte häßliche Haſſenfurt dahinten. Hätte ihre Tante geſchwiegen!“ „Erhebt ſich kein Widerſpruch gegen den Antrag Ihrer Erlaucht, der regierenden Gräfin von Haſſen⸗ furt?“ fragte mit lauter Stimme der Graf Eberhard von Werdenburg. Die Verſammlung blieb lautlos. „So würde der beſagte Antrag zum einſtimmigen Beſchluß erhoben.“ Wiederum tiefe Stille als Zeichen der Beiſtim⸗ mung. „So ſchreiten wir zur ſofortigen Wahl der künf⸗ tigen Gemahlin meines Sohnes. Das Geſchäft iſt ein delicates, das nur durch geheime Abſtimmung auf Zetteln ſich wird abmachen laſſen. Erfolgt kein Wider⸗ ſpruch?“ Es erfolgte kein Widerſpruch. „Ich habe“, fuhr der Graf von Werdenburg fort, „danach die verehrte Verſammlung nur noch zu be⸗ 51 fragen, ob ſie abſolute oder relative Majorität für die Wahl beliebt.“ „Ich ſchlage relative Majorität vor“, ſprach der feine Diplomat, und mit einem liſtigen Blicke über die Anweſenden hin ſetzte er hinzu: „Bis zur Erreichung einer abſoluten Majorität würde unſer junger ver⸗ urtheilter Freund ſein Leben ohne Gemahlin zubringen müſſen.“ „Erfolgt kein Widerſpruch?“ fragte der Graf von Werdenburg wieder. Niemand widerſprach. „So nehmen wir den Wahlact vor. Jeder der ver⸗ ehrten Anweſenden ſchreibt den Namen der zu wäh⸗ lenden Dame auf einen Zettel. Die Zettel werden in einer Urne geſammelt. Diejenige Dame, welche mehr Stimmen erhalten hat als eine andere, iſt gewählt.“ Der Juſtizdirector nahm hinter den Acten und Büchern auf dem Tiſche, an dem er ſaß, eine Urne und Stimmzettel hervor. Sie waren ſchon in Bereitſchaft gehalten. Auf den Familientagen des Werdenburger Hauſes kamen mehrfach geheime Abſtimmungen vor. Auch für Bleiſtifte in eleganten Etuis war geſorgt. Der Juſtizdirector vertheilte Zettel und Bleiſtifte. Nur dem regierenden Grafen von Werdenburg über⸗ reichte er nichts. Der Vater war der Ankläger. 4* Damen und Herren ſchrieben eifrig. Nur die Hände der Gräfin von Werdenburg und ihrer Tochter, der Comteſſe Ferdinande, e man unbeſchäftigt zu ſehen. Der Juſtizdirector ſammelte die Zettel in der Urne. Als er fertig war, ſprach der Graf Werdenburg: „Darf ich Ihre Erlauchten die regierenden Herren von Hauenſtein und Haſſenfurt erſuchen, mit mir die Stimmenzählung controliren zu wollen?“ Die beiden Herren traten mit ihm an den Tiſch. Der Juſtizdirector hatte die Urne auf den Tiſch geſtellt. Er nahm einzeln die eingeſammelten Zettel heraus. Er verlas laut den Namen, mit dem jeder einzelne Zettel beſchrieben war. Die drei regierenden Grafen überzeugten ſich, daß der vorgeleſene Name auf dem Zettel ſtand. Die Verſammlung ſelbſt zählte, jeder für ſich, ge⸗ ſpannt, lautlos, die Damen nur das Klopfen ihrer eigenen Herzen vernehmend. Nur die Gräfin Schleigheim mußte wieder mit Nachbar flüſtern. „Wiſſen Erlaucht, wer die Erwählte ſein wird?“ „Wie kann man das vorher wiſſen?“ „Sehr leicht. Glauben Sie an eine Junge und Schöne?“ — — 53 „Hm, nein.“ „Dann wiſſen Sie es, Erlaucht.“ „Ich begreife nicht — „Kennen Sie die Geſchichte von dem Rabbiner, der ſein Dienſtjubiläum feierte?“ „Ich erinnere mich ihrer nicht.“ „So vernehmen Sie ſie. Die Judengemeinde, der er fünfzig Jahre treu gedient hatte, wollte ihm ihren ganz beſondern Dank beweiſen. Man kam überein, ihm ein Faß Wein zu ſchenken; jedes Mitglied der Gemeinde ſollte ein Maß dazu geben. Ein großes leeres Wein⸗ faß wurde in dem Gemeindehauſe aufgeſtellt. Jedes Mitglied der Gemeinde goß aus einer großen Kanne ſein Maß hinein. An dem Jubiläumstage wurde das Faß von der verſammelten Gemeinde dem Jubilar über⸗ bracht. Er ließ es anſtechen, um ſofort den freundlichen Gebern ſeinen Dank zuzutrinken. Er hatte in ſeinem Glaſe Waſſer. Das Faß war mit reinem Waſſer an⸗ gefüllt. Und wie war das geſchehen? Jedes Mitglied der Gemeinde hatte ſich allein für einen Spitzbuben ge⸗ halten, und ſie waren alle Spitzbuben.“ Der alte Diplomat lachte. „Aber, gnädigſte Couſine, ich finde die Moral von der Geſchichte nicht.“ Das Verleſen der aufgeſchriebenen Namen war been⸗ 54 digt. Die Stimmen waren gezählt und es war ſogar eine abſolute Majorität da. Eine einzige Dame hatte mehr Stimmen erhalten als die übrigen aufgeſchrie⸗ benen Damen zuſammen. Und dieſe Dame war — „Sieht mein erlauchter Herr Vetter jetzt die Moral meiner Judengeſchichte?“ fragte triumphirend die Gräfin Schleigheim ihren Nachbar. „Meine verehrte Couſine kennt die Menſchen“ ſagte der Diplomat, aber mit einem ſo wenig diplomatiſchen Ausdruck in Ton und Blick, daß die Gräfin mit guter Selbſtironie ausrufen konnte: „Die ſchlechten Seiten der Menſchen, wollen Sie ſagen. Aber laſſen Sie uns dem allgemeinen Zuge der giftigen Glückwünſche uns anſchließen.“ Die Auserwählte war in der That die alte häßliche Doppelnichte des Grafen und der Gräfin Haſſenfurt. Die abſolute Mehrheit der Stimmen für ſie in dieſer hochariſtokratiſchen Verſammlung war genau nach den nämlichen pſychologiſchen Geſetzen gebildet, die jenes Weinfaß der Judengemeinde mit Waſſer gefüllt hatten. Zwei Gedanken beherrſchten Jeden in der Verſamm⸗ lung. Der eine war: Keine andere darf es ſein; der zweite: Der häßlichen Haſſenfurt, die es mit ſo frecher und ungeſchickter Gewalt werden ſollte, wird ſicher Niemand ſeine Stimme geben; ſo kannſt Du ganz ſicher = —————— 55 ihren Namen aufſchreiben. So hatten ſie aber alle gedacht. Mit einigen Ausnahmen jedoch. Der Diplomat und die Gräfin Schleigheim mußten in dem langen Zuge der Gratulanten warten. „Kennt die gnädigſte Couſine die Geſchichte von der Biſchofswahl in Paderborn?“ fragte der Diplomat die Gräfin. „Nein, Couſin.“ „Das Domcapitel zu Paderborn“ erzählte der Di⸗ plomat, „hatte einmal einen Biſchof zu wählen. Man konnte ſich diesmal durchaus nicht einigen. Zuletzt kam man überein. Die ſämmtlichen Herren ſtellten ſich in einen Kreis; in die Mitte des Kreiſes wurde der jüngſte von ihnen geſtellt, mit verbundenen Augen, die Biſchofs⸗ mütze in der Hand. Wem er die Mütze aufſetzte, der war Biſchof. Der junge Domherr wirbelte ſich drei⸗ mal herum; Jedermann war dann geſpannt, auf wen er mit ſeinen feſtverbundenen Augen zugehen werde. Er ging zu keinem; er ſetzte die Mütze ſich ſelber auf, und er war Biſchof.“ „Ah, Herr Vetter“, ſagte die Gräfin Schleig⸗ heim, „Sie meinen, die zerſplitterten Namen hätten die Candidatinnen und Mütter und Tanten ſelbſt auf⸗ geſchrieben?“ 56 „Zweifeln Sie daran, gnädigſte Couſine?“ „Nicht im geringſten, und wenn ich —“ Ein Blick voll Zorn und Bosheit zuckte durch die Augen der alten Dame. Sie hatte an ihre Tochter gedacht, die den preußiſchen Lieutenant von zweifel⸗ haftem Adel geheirathet hatte. Und mit dem Gedanken war plötzlich ein anderer des Haſſes in ihr aufgetaucht. Sie ſtattete der Auserwählten ihre Gratulation in folgender Weiſe ab: „Meine verehrungswürdige reizende Couſine, em⸗ pfangen Sie meine aufrichtigſten Glückwünſche zu Ihrem Glücke und ertheilen Sie mir Ihre Genehmigung, ſo⸗ fort meinem Neffen Leopold nach der Schwalenburg die Nachricht von dem Glücke, das ihm hier geworden iſt, bringen zu dürfen. Eine beſondere große Freude würden Sie mir und ihm machen, wenn Sie die Gewogenheit hätten, mich zu ihm zu begleiten. Sie hätten zugleich die Genugthuung, ihn dort in der Geſellſchaft jener beiden liebenswürdigen Damen zu überraſchen, von denen geſtern und heute hier ſo vielfach die Rede war. Werden Sie die Güte haben?“ Die häßliche Auserwählte war wohl nicht minder von Gift und Galle erfüllt als die alte Gräfin Schleig⸗ heim. end ſeine Stimn. ——— 57 „O, meine gnädige Tante“ ſagte ſie, „wie danke ich Ihnen für Ihre herzliche, liebevolle Theilnahme an meinem Glück! Wie gern, wenn ich dem Zuge meines Herzens folgen dürfte, möchte ich auch gerade Sie nach der Schwalenburg begleiten! Die Sitte, die gute Sitte, gnädigſte Tante, erfordert jedoch, daß der Graf Leo⸗ pold von ſeinen erlauchten Aeltern zuerſt zu mir geführt wird.“ Es war in der Verſammlung Niemand, der nicht der alten boshaften Schleigheim dieſe Antwort gegönnt hätte. Der Antwortenden freilich gönnte ſie nicht jeder. Die alte Schleigheim erblaßte und zitterte vor Wuth. „So muß ich zu meinem Bedauern allein fahren!“ rief ſie drohend. Da nahm Jemand von hinten ihren Arm. Sie ſah ſich um. Ihre Nichte Ferdinande hatte ſie angefaßt, zog ſie auf die Seite. „Wollen Sie wirklich zur Schwalenburg, Tante?“ Fal „Mit dieſer Ihrer vollen Bosheit?“ Ja „So werde ich Sie begleiten.“ „Du?“ 58 „Wie ich Ihnen ſage.“ „Ich werde allein fahren.“ „In der Remiſe auf Schloß Werdenburg ſtehen noch mehrere Wagen, und die Landſtraße nach der Schwalenburg hat Raum für ſie.“ Die Gräfin Schleigheim beſann ſich einen Augen⸗ blick, dann hatte ſie eine Antwort. Der kleine, ſchwachſinnige Graf Kurt hatte es doch durchgeſetzt, an dem Familientribunal Theil nehmen zu dürfen, unter der Bedingung freilich, daß er nicht ſpreche; aber es waren ja ſo viele da, denen man die Stummheit anſah, und er konnte um ſo mehr auf Alles achten. Neugierig war der kleine Mann, und in ſeiner Neugierde war er auch den beiden Damen auf die Seite gefolgt, um zu hören, was ſeine Nichte Ferdi⸗ nande ſeiner Schweſter Schleigheim zu ſagen habe. Er hörte es. Nur die Antwort der Schleigheim auf die entſchiedene Erklärung der Comteſſe Ferdinande vernahm er nicht mehr. Er kannte die beiden Damen, und als die Comteſſe erklärte, daß ſie nach der Schwalenburg fahren werde, wußte er, daß ſie beide dahin fahren würden. „Das muß der Leopold vorher wiſſen“ ſagte er ſich liſtig und vergnügt, und er verließ eilig den Saol. Die Gräfin Schleigheim aber ſagte zu ihrer NRichte: 59 „Wir fahren zuſammen, Ferdinande.“ „Wie Sie befehlen, Tante.“ Dann hatte die Tante doch noch eine Frage. „Was willſt Du eigentlich auf der Schwalenburg Ferdinande?“ Die Nichte antwortete: „Das Gegentheil von dem, was Sie dort wollen.“ „Das heißt?“ „Sie wollen Haß und Bosheit hintragen, ich Liebe.“ „Kind, es muß Beides in der Welt ſein. Gehen wir!“ Sie verließen gleichfalls den Sagl. Drittes Kapitel. Die beiden Damen fuhren in demſelben Wagen zur Schwalenburg, die eine, um Haß, die andere, um Liebe hinzubringen. Sie wußten es gegenſeitig, ſie hatten ſelbſt es einander geſagt. Sie mußten unterwegs weiter davon ſprechen, die Tante wenigſtens, und dann auch die Nichte. „Ich werde einen doppelten Genuß haben, Ferdi⸗ nande“, ſagte die Gräfin Schleigheim: „Deinem Bruder ſeine Verlobung mit der alten häßlichen Sidonie Haſ⸗ ſenfurt verkünden —“ „Und Ihr zweiter Genuß, Tante?“ fragte die Com⸗ teſſe Ferdinande. „Wird eine zweite Ueberraſchung Deines ſaubern Bruders ſein, den wir heute in der Geſellſchaft ſeiner —, — ———— —,— 61 beiden Geliebten antreffen werden. Die Wahrheit zu ſagen, Ferdinande, ſeine Frechheit geht zu weit; er hat ſelbſt jene Sidonie verdient.“ „Kennen Sie die beiden Geliebten meines Bruders?“ mußte die Comteſſe doch fragen. „Nun, die eine ſahen wir heute. Er hatte die Unverſchämtheit, ſie ſeiner ganzen Verwandtſchaft zu prä⸗ ſentiren. Oder war die Unverſchämtheit auf ihrer Seite?“ „Nein!“ ſagte die Comteſſe. Wir kennen das entſchiedene Nein der Comteſſe Ferdinande. „Ah“ ſagte die Gräfin Schleigheim, „Du willſt wohl Ihre Partie nehmen? Auch ihr Deine Liebe entgegentragen?“ „Meinen Haß wenigſtens nicht, Tante!“ „Du haſt wohl gar keinen Haß, Du erhabene Tu⸗ gendheldin!“ „Wenn es darauf ankommt, doch“, ſagte die Com⸗ teſſe Ferdinande. Und gleich darauf fragte ſie: „Haben Sie neuerdings Nachrichten von meiner Cou⸗ ſine Annette?“ Die Gräfin Schleigheim ſtutzte. Was wollte ihre Nichte unmittelbar nach der Antwort, daß ſie auch Haß haben könne, mit der Frage nach Annette? Es fiel ihr wieder ein, daß ſie geſtern in dem Vogelſang ſchen Garten zu Waldenbrück gemeint hatte, ihre Tochter bei den preußiſchen Offizieren zu ſehen. „Wie kommſt Du auf Annette?“ fragte ſie. „Hm, Tante, Sie fragten mich, ob ich boshaft ſein könne.“ „Und Du wollteſt durch die Frage beweiſen, daß Du es ſein könnteſt?“ „Eigentlich etwas Anderes.“ „Und das wäre?“ „Tante, im Hauſe des Gehenkten ſpricht man nicht gern vom Strick“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Sie machen das Sprichwort unwahr. Sie ver⸗ folgen meinen Bruder, während Sie ihn für weniger ſchuldig halten als Ihre eigene Tochter.“ „Du biſt in der That boshaft.“ „Ich ſagte es Ihnen ja. Aber kommen wir zu der zweiten Geliebten meines Bruders. Sie kennen ſie nicht?“ „Nun, gehört haben wir alle genug von ihr.“ „Sie ſoll ſchön ſein. „Und eben ſo verworfen. Ah, Ferdinande, ich muß es Dir geſtehen, auf ſie, ſie zu vernichten, freue ich mich am meiſten.“ ———— 63 „Die arme Perſon!“ „Du haſt Mitleiden mit ihr?“ „Tante, wenn eine andere Dame Ihre Tochter Annette ſo träfe, niederdonnern, vernichten wollte?“ „Du biſt ein Satan, Ferdinande!“ Der Wagen fuhr in den Schloßhof der Schwalen⸗ burg, hielt am Portal. Portal und Schloß waren hell erleuchtet. Bediente ſtanden in reichen Livreen unter dem Säulendache des Thores. Sie ſprangen an den Wagen. „Wird hier ein Feſt gefeiert?“ rief die Gräfin Schleigheim. Der Kammerdiener des Erbgrafen, ein alter Diener des gräflichen Hauſes, kannte die Gräfin. „Es iſt Geſellſchaft da, Erlaucht“, antwortete er ausweichend. Wen „Mehrere Herren.“ „Er wird ſie doch kennen?“ Der arme Menſch hatte keine Antwort. Comteſſe Ferdinande wollte ihn aus ſeiner Verlegen⸗ heit retten. „Führe uns in ein Zimmer, Konrad, und dann bitte meinen Bruder zu uns.“ Aber die Gräfin Schleigheim hatte es anders vor. Sie fragte nicht weiter, ſie befahl. „Die Geſellſchaft iſt unten im Salon, wie ich ſehe. Führe Er uns hin!“ Sie ſchritt durch das Portal in die Vorhalle, durch dieſe zu der Thür des Solons, in dem ſich die Geſell⸗ ſchaft des jungen Erbgrafen befand. Ferdinande folgte ihr. Der alte Diener war nicht gefolgt. Die Gräfin Schleigheim riß ſelbſt die Thür auf. Sie wollte weiter ſchreiten, in den Saal hinein. Sie ſah ihren Neffen, ſie ſah die preußiſchen Uni⸗ formen. Das Herz bebte ihr vor Freude. Sie ſah auch die Dame, die ſie ſuchte. Doch die Dame, die ſie ſah, ſuchte ſie nicht. Ihre Tochter Annette trat ihr entgegen, noch in der Thür. Die Mutter flog entſetzt zurück. Annette folgte ihr. Der Graf Leopold machte hinter ihr die Thür zu. Die drei Damen waren in der Vorhalle allein. Annette, die Frau von Arenfels, mußte einen Augen⸗ blick lang einen großen Schmerz in ihrer Bruſt nieder⸗ kämpfen. Dann nahte ſie ſich ihrer Mutter. 65 „Gnädige Frau, oder darf ich Sie wieder Mutter nennen?“ „Nein!“ ſagte die Gräfin Schleigheim mit dem här⸗ teſten Tone, den ſie in ihre Stimme legen konnte. „So haben Sie“ fuhr die Frau von Arenfels fort, „die Güte, in jenes Zimmer einzutreten, um hier keinen Eclat zu machen, der dieſes Hauſes unwürdig wäre.“ Sie konnte ſich wunderbar faſſen, dieſe abenteuernde Frau von Arenfels, dieſe Tochter der alten boshaften Gräfin Schleigheim. Sie ſchritt zu einer Thür auf der andern Seite der Halle. Sie öffnete ſie. „Darf ich bitten, einzutreten?“ Die alte Gräfin trat ein, mit ihr die Comteſſe Ferdinande. Die Frau von Arenfels wollte zurückkehren. „Ich werde den Erbgrafen zu Ihnen ſchietn.“ Die Comteſſe Ferdinande hielt ſie zurück. „Sie iſt Deine Mutter, Annette!“ „Frage ſie, ob ſie es iſt.“ Die alte Dame war doch blaß, ſehr blaß geworden; ſie hatte ſich in einen Seſſel werfen müſſen. Als ihre Tochter die letzten Worte geſprochen hatte, ſprang ſie auf. „Ich bin Deine Mutter nicht!“ rief ſie. Temme, Die Erbgrafen. III. 5 66 Annette kehrte zurück, holte den alten Diener, der draußen wartete. „Konrad, bitte den gnädigen Herrn zu mir heraus.“ Der alte Diener ging in den Salon und kam mit dem Erbgrafen Leopold zurück. „Leopold, haben die Offiziere etwas gemerkt?“ „Du warſt groß, Annette. Ich theilte ihnen den Beſuch meiner Schweſter und einer andern Verwandten mit, die ſich erſt zu morgen hätten anmelden laſſen. 6 Sie ſtutzten nur im erſten Moment.“ „Gut! Ich kehre zu ihnen zurück. Gehe Du zu den beiden Damen.“ Sie ging in den Salon zu den Offizieren. Der Erbgraf begab ſich zu ſeiner Tante und Schweſter. Die Gräfin Schleigheim hatte ſich erholt; ſie hatte zuletzt nicht mindere Kraft als ihre Tochter. ſagte ſie. Aber die Nichte erwiderte ihrt „Noch nicht, Tante. Sie haben Ihre Freude ge⸗ habt — ich muß die meinige haben.“ „Du wußteſt Alles?“ fragte die Tante. Jal“ „Du biſt noch ſchlechter als i5 „Kein Menſch kennt ſich ſelbſt, Tante.“ „Fahren wir nach Hauſe zurück, Ferdinande“ „————— —,— —— Der Erbgraf trat ein. „Unterthänigen guten Abend, gnädigſte Tante!“ „Elender!“ Mit dem Worte ſtürzte die gnädigſte Tante an den beiden Geſchwiſtern vorüber aus dem Zimmer. „Sie will nach Hauſe zurück, Leopold.“ „Laß ſie fahren. Ich ſchicke Dich mit Konrad hin.“ Die Schweſter hatte keine Einwendung, aber ſie hatte eine Frage. „Wo iſt Eychen Treue? Iſt ſie auch in jener Offi⸗ ziersgeſellſchaft?“ „Nein.“ „Warum nahmſt Du ſie mit hierher?“ Sie ſprach die Worte mit ihrer gewöhnlichen Herbheit. „Ich hatte meine Gründe, Ferdinande.“ „Du wollteſt Deine Familie braviren! Es lag kein hoher und kein edler Sinn darin.“ „Ferdinande!“ „Du verdienſt den Vorwurf. Noch mehr Vorwürfe verdient das Mädchen. Wo iſt ſie?“ „Willſt Du ſie ſehen?“ „Und ihr Deine Vorwürfe machen?“ „Ja“ antwortete die Comteſſe entſchloſſen und offen. 5* „Verfahre gelinde mit ihr, Ferdinande.“ „Führe mich zu ihr.“ „Folge mir.“ Sie traten in die große Vorhalle. Aus der Salonthür gegenüber kam der kleine Graf Kurt. Er ſah ängſtlich aus. „Wo iſt die Schleigheim?“ rief er. „Sie fährt eben fort.“ „Ich fahre mit ihr.“ „Was iſt Dir, Onkel Kurt?“ „Bei Dir iſt es gefährlich, Leopold!“ „Hat man Dir etwas gethan?“ „Die preußiſchen Offiziere da drinnen —“ „Was iſt es mit ihnen?“ „Das ſind ſchreckliche Menſchen. Der dicke Ritt⸗ meiſter flucht zum Erbarmen, und dabei kann er trinken! Ich habe in einer Viertelſtunde mindeſtens zwanzig Gläſer Champagner gezählt. Und dabei ſprach er in einem fort von ſeinem Könige und von ſeinem dicken Bauche; wenn ſein König ſeinen Bauch ſehe, ſo bekomme er ſeinen Abſchied. Und der lange Lieutenant mit den groben Knochen blickte immer nach mir herüber, als ob er mich darauf anſehen wolle, wo er mich anfaſſen müſſe, um mich mit einem Druck zu zerquetſchen. Nein, nein, Leopold, geh mir mit Deinen preußiſchen Offi⸗ 69 zieren. Ich fahre mit der Schweſter Schleigheim nach Hauſe. Willſt Du nicht mit, Ferdinande?“ „Nein, Onkel.“ „Nun, ſo lebt wohl.“ Er eilte aus der Halle. „Gott Lob!“ ſagte der Graf Leopold. „Er hätte uns hier unbequem werden können.“ „Ich werde Dich nicht lange incommodiren, Bruder“ bemerkte in ihrer herben Weiſe die Comteſſe Ferdinande. Sie gingen weiter. Sie ſtiegen zuerſt Treppen hinauf und durchſchritten Corridore, auf denen Lampen und Lichter Tageshelle verbreiteten. Dann kamen ſie in einem ſchmalen Gang, in dem nur eine einzige ſchwache Lampe brannte, dann zu einer Treppe, die nur noch von dieſer Lampe mit ihr Licht bezog. „Wohin führſt Du mich, Leopold?“ „Ich ſagte es Dir.“ „Warum iſt das Mädchen in dieſer dunklen, ent⸗ legenen Gegend?“ „Du wirſt es ſehen.“ Sie hatten die Treppe erſtiegen. Sie waren in einem Gange, der wiederum nur von einer einzigen Lampe ſpärlich genug erleuchtet war. Der Graf Leopold führte ſeine Schweſter zu einer Thür. 70 „Hier!“ ſagte er. In demſelben Augenblicke öffnete er leiſe die Thür. Die Comteſſe Ferdinande bliete in ein kleines Zim⸗ mer, das durch eine Lampe hinter einem Lichtſchirme matt erleuchtet war. In dem Scheine der Lampe ſah ſie ein Bett, vor dieſem ein Kinderbettchen; in einem Lehnſeſſel ſaß eine alte Frau; ſie ſchien zu ſchlummern. In dem Stübchen ging Eochen Treue umher, im Arme ein Kind ſchau⸗ kelnd, um es in Schlaf zu bringen. Die Eomteſſe Ferdinande hatte ſich ſtolz aufgerichtet, als ihr Bruder die Thür öffnete. Ihre hohe Geſtalt war auf einmal kleiner geworden. „Es iſt Annettens Schlafgemach“, ſagte ihr der Bruder. „Die alte Frau iſt ihre Wärterin. Ihren Knaben trägt Evchen.“ Sie traten in das Zimmer. Die alte Wärterin in ihrem Halbſchlummer hatte ſie zuerſt gehört. Sie wollte aufſpringen. Der junge Graf drückte ſie in ihren Seſſel zurück. „Alte, Du biſt müde!“ Da hatte Evchen ſie geſehen, auch die Comteſſe Ferdinande. Sie verneigte das Haupt vor ihr mit einem Blick auf —— — 71 den Knaben, der die Augen halb geſchloſſen hatte. Sie trug und ſchaukelte ihn weiter. Da erhob ſich die Comteſſe Ferdinande wieder, ſtolzer und höher als vorher. „Evchen, wir beide bleiben bei dem Kinde, bis ſeine Mutter von ihrem ſchweren Werke zurückkommt. Gebe Grott, daß wir dann nicht auch ihre Tröſterinnen ſein müſſen.“ Sie küßte, wie mit ſchweſterlicher Liebe, das Mäd⸗ chen cuf die Stirn. Der Erbgraf aber ſagte zu ihr: „Arne Schweſter, warum konnteſt Du nicht glück⸗ lich werden!“ „Vielleicht hätte mein Herz dann nicht ſo viel Liebe“ erwiderte die ſchöne, ſtolze, herbe, junge Gräfin. Der Graf Leopold kehrte in den Salon zu ſeinen äſten zurück. Er traf ſie in einer eigenthümlichen Situation. Der dicke Rittmeiſter von Bachow ging mit hoch⸗ gröthetem Geſichte, aber auf völlig feſten Füßen und im ſtrammer, ſicherer Haltung im Saale auf und nieder ud warf melancholiſche Blicke auf die Champagner⸗ fliſchen, die in den Eiskübeln ſtanden. War er un⸗ gücklich, daß er ſchon von ihnen ſcheiden ſollte, oder dß er nicht mehr trinken konnte? 72 Der lange Lieutenant von Marnitz ſaß mit einem faſt ingrimmig nachdenklichen Geſichte vor ſeinem vollen Champagnerglaſe. Auf den eintretenden Erb⸗ grafen warf er einen ſchnellen, ſcheuen, mißtrauiſchen Blick. Der junge Graf Hochwald ſaß neben der Frau von Arenfels. Der Champagner ſchien ihm Muth ge⸗ macht zu haben. Er hielt ſein Glas in der Hand und flüſterte der ſchönen Frau mit zärtlichen Blicken heim⸗ liche Worte zu, wahrſcheinlich, daß er das Glos auf ihr Wohl und ſein Glück leeren wolle. Annette war blaß und blickte ihren Vetſer mit Augen an, in denen, wenn auch noch kein Unglück, doch bange Sorge lag. „Was iſt hier vorgefallen?“ fragte ſich der Graf Leopold. „Die Herren trinken nicht?“ ergriff er ein Glas „Stoßen wir an!“ Sie ſtießen wohl mit ihm an, der Graf dochwal und der Rittmeiſter leerten auch ihre Gläſer, der lang Lieutenant nippte aber nur. Was hatte er? Was war geſchehen? Wer ſollte dem betretenen Erbgrafen Antwort daraif geben? Der Rittmeiſter ſah auf ſeine Uhr. — — ——— i —2— 73 „Alle Wetter, Freundchen, ſchon neun. Um zehn müſſen wir wieder oben ſein.“ „Befehlt Ihr, daß wir aufbrechen, Rittmeiſter?“ fragte der lange Lieutenant. „Graf Hochwald, was meinen Sie?“ fragte der Rittmeiſter den gräflichen Secondlieutenant. „Herr Rittmeiſter, Sie haben zu befehlen.“ „So denke ich, daß wir uns zur Rückkehr an⸗ ſchicken.“ Die Frau von Arenfels hatte wieder einen zärt⸗ lichen Blick für den Grafen Hochwald. Und der Erbgraf Leopold ſprach: „Obgleich die gnädige Frau hier Schloßherrin iſt, möchte ich doch den frühen Aufbruch der geehrten Herren an eine Bedingung knüpfen müſſen. Der Abend iſt ſo ſchön. Ich war draußen. Der Mond ſcheint klar, die Luft iſt ſtill und warm. Gnädige Frau, was meinen Sie dazu, wenn wir die Herren nach dem Sparren⸗ berge zurückbegleiteten, und zwar auf dem See? Wir blieben dann noch ein Stündchen beiſammen.“ „Das iſt ein reizender, ein himmliſcher Gedanke!“ rief die Frau von Arenfels. „Sind Sie nicht einver⸗ ſtanden, lieber Graf?“ Der Graf von Hochwald fühlte einen zärtlichen Händedruck. „OD gewiß! Es wäre reizend!“ ſagte er. „Die Champagnerflaſchen ziehen mit uns“ ſagte der Erbgraf. Da rief auch der Rittmeiſter: „Alle Wetter, das wird ja eine äußerſt romantiſche Partie werden. Das müßt ſelbſt Ihr zugeſtehen, Marnitz, trotz der roſigen Laune, in der Ihr ſeit einer Viertel⸗ ſtunde ſeid.“ Dem Erbgrafen ſchien bei den Worten des Ritt⸗ meiſters ein Stein vom Herzen zu fallen. „Da kann nichts paſſirt ſein!“ ſagte er ſich. Der lange Lieutenant erwiderte dem Rittmeiſter: „Bei einer romantiſchen Partie darf ich wohl am allerwenigſten fehlen.“ „Alſo einverſtanden“ ſagte der Erbgraf. „In fünf Minuten wird Alles zur Abfahrt bereit ſein.“ Er eilte aus dem Saale, um die Befehle für die Abfahrt zu ertheilen, auch für Anderes. „Meine Herren“, ſagte die Frau von Arenfels, „wie bin ich Ihnen dankbar! Dieſer Tag und dieſe Nacht werden mir ewig unvergeßlich bleiben.“ Der lange Lieutenant machte ein eigenes Geſicht zu dem emphatiſchen Ausrufe und wandte ſich zu dem Rittmeiſter. „Unſere Pferde?“ —— ——— 75 „Die Burſchen kehren mit ihnen auf dem Landwege zurück und erwarten uns am Feſtungsthore.“ „Wenn ſie vor uns da ſind!“ „Sie müſſen. Befehlen Sie es ihnen, Marnitz.“ Der lange Lieutenant wollte hinausgehen. Der Rittmeiſter hielt ihn zurück. „Was habt Ihr, Freundchen? Ihr wurdet auf ein⸗ mal ſo ſtill.“ „Es iſt hier etwas im Werke.“ „Was?“ „Ich weiß es nicht. Es iſt nicht Alles hier, wie es ſein ſollte, und es liegt mir etwas ſchwer auf der Seele, ich weiß ſelbſt nicht, was.“ „Bah!“ Die beiden Herren hatten leiſe genug geſprochen. Die Frau von Arenfels ſchien dennoch aus ihren Mienen ihre Worte verſtanden zu haben. Der lange Lieutenant hatte den Saal verlaſſen. Auch die ſchöne Frau ging. „Die Herren werden mich einen Augenblick ent⸗ ſchuldigen. Der See erfordert eine andere Toilette als der Salon.“ Ihre Toilette für den See war in einer halben Minute gemacht. Sie flog zu ihrem Kinde. 76 „Auch Du hier, Ferdinande?“ „Wir beide, bis Du ihm den Vater bringſt, Annette.“ „Werde ich es je? O, wenn ich ohne ihn zurück⸗ kommen müßte! Werde ich es können? — Ha!“ rief ſie auf einmal. Sie ſtürzte zu dem Bettchen, in dem das Kind ſchlief. „Willſt Du ſeinen Schlaf ſtören, Annette?“ „Ja! Ich muß Abſchied von ihm nehmen. Es ſoll wach werden. Und ſeht, wenn es lacht, dann bringe ich ihm den Vater, und weint es, dann, nun, dann iſt Alles vorbei.“ Sie nahm das Kind aus dem Bettchen, ſie drückte es an ihre Bruſt, ſie bedeckte es mit ihren Küſſen. Es öffnete die Augen, ſah ſie lächelnd an. „Es lacht, es lacht!“ rief ſie. „O Du Engel, Dein Lächeln gibt ihn mir wieder!“ Sie legte den Knaben in ſein Bettchen zurück und ſtürzte fort. „Bewacht meinen Engel! Erzählt ihm von ſeinem Vater! Morgen ſieht er ihn.“ Unten war der Erbgraf Leopold fertig. Die Offiziere warteten auf die Abfahrt. Der Graf Leopold hatte nur noch eins zu beſorgen, einen Auftrag an ſeinen alten Diener. 77 „Drei Flaſchen Rum für die Reitknechte, Konrad, und Du ſtehſt dafür ein, daß ſie nicht eher abreiten, als bis wir eine Stunde fort ſind.“ „Ich ſtehe dafür ein, Erlaucht.“ „Darf ich bitten?“ kehrte der Erbgraf in den Salon zurück. „Es iſt Alles bereit.“ Die Frau von Arenfels nahm den Arm des Grafen Hochwald. * Die Andern folgten. So ſchritten ſie in den Theil des s Parke, der zwi⸗ ſchen dem Schloſſe und dem See lag. Es war der wärmſte und klarſte Frühlingsabend. Der Mond ſtand in ſeinem letzten Viertel; deſto heller fiel das Licht der Millionen und Millionen Sterne auf die Erde hernieder. Kein Lüftchen regte ſich; um ſo ſüßer konnten die Blumen und Blüten auf den Beeten, in den Bosquets ihren Duft verbreiten. Der See lag, faſt ſoweit das Auge reichte, ſpiegelglatt und ſpiegelklar da, das Licht aller der Sterne zurück⸗ werfend. In einer Bucht pielt die große Gondel des Grafen Leopold. „Ohne Lampions, meine Herren“ ſagte der Graf. „Um ſo traulicher wird unſere Fahrt werden.“ In der Mitte der Gondel ſtand ein Tiſch, auf ihm 78 ein großer Eiskübel mit Champagnerflaſchen; Gläſer ſtanden umher. Der dicke Rittmeiſter ſah ſie ohne Lampions in dem Scheine der Himmelslichter, und er recitirte aus der „Jobſiade“: „Und ſie tranken des Mondes Silberſchein Und das Flimmern der lieben Sternelein.“ Sie ſtiegen in die Gondel. „Hilft einer von den Herren mir rudern?“ fragte der Erbgraf. „Alle Wetter, Erlaucht“ ſagte der dicke Rittmeiſter, „ich werde angeſichts der Arbeiten an dieſem Tiſche keine Zeit haben, aber ich commandire meinen Premier⸗ lieutenant dazu; er verſteht ſich darauf.“ Zwei Diener waren der kleinen Geſellſchaft gefolgt. „In den Nachen dort!“ befahl ihnen der Graf Leopold. Neben der größern Gondel lag ein kleiner Nachen; die beiden Diener ſtiegen hinein. Der Erbgraf und der Herr von Marnitz er⸗ griffen in der Gondel die Ruder und ſetzten ſie in Bewegung. Der Nachen folgte in einiger Entfernung. Der Rittmeiſter begann ſeine Arbeit an dem Eiskübel. Ganymed oder Hebe?“ lachte er. — — „ 79 „Hebe!“ lachte mit ihm fröhlich die Frau von Aren⸗ fels, und das Lachen wollte ihr die Kehle und das Herz zuſchnüren. Ihre Blicke flogen unwillkürlich zu den grauen Felſen und Mauern, denen die Gondel entgegenſteuerte. Sie lagen ſo dunkel dahinten. „Iſt es eine gute Vorbedeutung?“ fragte ſie ſich. Das Lächeln des Kindes hielt ſchon nicht mehr vor, gegenüber der Angſt des Herzens. „Erlaucht waren in der Schweiz?“ fragte der Ritt⸗ meiſter den Erbgrafen. „Ja“ war die Antwort. „Die Schweizerſeen ſind doch wohl etwas anders als dieſer?“ „Waſſer iſt Waſſer“, lachte der lange Lieutenant, „und ich denke, Rittmeiſter, für Euch erſt recht, der Ihr nach Eurem Sprichworte es nicht im Stiefel, ge⸗ ſchweige im Magen haben mögt.“ „Marnitz“, ſagte der Rittmeiſter faſt mit Würde, „das iſt ein gutes und geſundes Sprichwort, ein mili⸗ täriſches dabei, wenn ich an Fähnriche und Theewaſſer denke. Aber ich hatte die Berge in der Schweiz ge⸗ meint und nicht das Zuchthaus da oben.“ „Den Sparrenberg nennen Sie ſo, HerrRittmeiſter?“ fragte unbefangen der Erbgraf. 80 „Allerdings, Erlaucht. Er iſt es für uns wie für die armen Teufel, die in ſeinen Kaſematten liegen. Wir haben vor ihnen nur eins voraus: ihr Zuchthaus iſt dort, bis ihnen der liebe Gott, das unſerige, bis der König uns den Abſchied gibt.“ „Haben Sie denn wirklich Gefangene da oben zu bewachen?“ fragte der Erbgraf. „Zum Teufel ja!“ ſtürzte der Rittmeiſter zornig ſein Glas herunter. „Es iſt eine Schande für einen braven Soldaten, Zuchthauswärter zu ſein!“ „Wir haben ſo doch etwas zu thun“, bemerkte der Herr von Marnitz⸗ „Etwas, Marnitz? Müſſen wir nicht exerciren und dreſſiren? Menſchen wie Thiere?“ „Nun, nun, man kann es aushalten, gar reſpectabel fett dabei werden.“ „Um dann ſeinen Abſchied zu bekommen“ brummte der Rittmeiſter. „Alſo auch 3 zu werden, Rittmeiſter!“ „Hol's der — „Ich war noch nie in einer Kaſematte“, die Frau von Arenfels hin. „Es muß recht ſchaurig darin ſein.“ Mitunter auch ſehr gemüthlich, meine gnädige Frau“ ſagte der lange Lieutenant. . ——— 81 „Sie müſſen eine ſonderbare Vorſtellung von Ge⸗ müthlichkeit haben, Herr von Marnitz.“ „Urtheilen Sie ſelbſt, gnädige Frau. Die Kaſe⸗ matten ſind tiefe Kellerräume —“ „Alſo finſtere, unterirdiſche Löcher“, ſagte die Frau von Arenfels. „Richtig, und um ſo mehr, als ſie nur mit ſchmalen, tief eingemauerten, mehr als halb unter der Oberfläche der Erde liegenden Fenſtern verſehen ſind.“ „Alſo auch ohne andere als kalte, feuchte Grabesluft?“ „Wiederum richtig, gnädige Frau, und durch das Alles, indem ſie bombenfeſt gewölbt, da oben auf dem Sparrenberge gar in den Felſen eingemauert ſind, außerordentlich ſicher und wie geſagt gemüthlich, wenn die Bomben gleich einer Heuſchreckenſchaar auf die Fe⸗ ſtung niederfallen und einſchlagen und zerſchmettern, was ſonſt noch an Mauern und an Dächern da iſt.“ „Und außer einer ſolchen Zeit der Bomben?“ fragte die Frau von Arenfels. „Haben nur Verbrecher ihr Quartier darin“ ſagte mit voller Gemüthsruhe der lange Lieutenant. „Für ihre Lebenszeit gar?“ „Gewöhnlich.“ Die ſchöne Frau mußte einen Schauder von ſich abſchütteln. Temme, Die Erbgrafen. III. 6 „Es iſt entſetzlich“ rief ſie. „Die armen Menſchen! Brechen wir dieſes häßliche Geſpräch ab. Reden wir von etwas Anderem. Sie haben eine Campagne mit⸗ gemacht, Herr Rittmeiſter, erzählen Sie uns davon. Eine Schlacht iſt zwar auch etwas Entſetzliches, aber welcher auf Lebenszeit in die Kaſematten Eingeſperrte möchte nicht ſeine Freiheit mit zehn Schlachten erkaufen können?“ „Das iſt ein großes Wort, meine gnädige Frau!“ „Erzählen Sie.“ Die ſchöne Frau hatte kühn ihren Zweck erreicht; es ſchien wenigſtens ſo. 6. Der Lieutenant von Marnitz warf noch, von ſeinen Rudern aufſchauend, einen prüfenden Blick auf die Frau von Arenfels; dann ſchien er beruhigt zu ſein. In dem Sternenlichte war ihm ihr Auge be⸗ gegnet; es hatte ſo klar und treu ſich in das ſeinige geſenkt. „Es war nichts“ ſagten ſeine Mienen dann. Es hatten doch Zweifel und Bedenken in ihm wach werden wollen, als die Wagen vom Schloß Werden⸗ burg auf der Schwalenburg angekommen waren. Zuerſt hatte der kleine ſchwachſinnige Graf Kurt den Erb⸗ grafen ſo geheimnißvoll auf die Seite genommen, dann waren zwei Damen angelangt, die ſofort ängſtlich und 83 geheimnißvoll den Blicken der Offiziere entzogen und auf die Seite geſchafft wurden. Der Erbgraf hatte dabei eine ganz beſondere Aengſtlichkeit nicht verbergen können, und faſt noch mehr die Frau von Arenfels. Da war etwas verdächtig. Da war etwas im Werke. Und mußte es nicht ſie, die Offiziere betreffen? Alſo auch ihren Dienſt? Wie aber, ſaß denn nicht auf dem Sparrenberge in den Kaſematten der Herr von Bütow? Und war nicht die Frau des Herrn von Bütow eine geborene Gräfin Schleigheim? Und war nicht die Gräfin Schleigheim die Tante des Erbgrafen von Werdenburg und heute mit der ganzen Familie auf Schloß Werdenburg? Und konnte, ja mußte nach Allem nicht gerade ſie auf die Schwalenburg gekommen ſein? Das lag wohl nahe. Weiteres knüpfte ſich dann faſt von ſelbſt daran. „Seit Wochen wird uns die Cour ge⸗ macht. Der Hochwald iſt ganz in den Netzen jener Frau. Und er hat gerade heute die Ronde. Aufgepaßt, Marnitz! Aber Keinem etwas geſagt, auch dem Rittmeiſter nicht! Der Champagner würde ihm nicht mehr munden und das feine Weib und der geriebene Burſche würden Lunte riechen.“ Da brachte das feine Weib von ſelbſt und ſo un⸗ befangen und arglos das Geſpräch auf die Kaſematten und die Gefangenen darin, und der derbe lange Lieu⸗ 6* 84 tenant glaubte nur noch jenes einen prüfenden Blickes zu bedürfen, um überzeugt ſein zu können, daß die ſchöne Frau keine Komödie ſpiele. „Es war nichts“, ſagte auch er. Und als darauf der Rittmeiſter von ſeiner Cam⸗ pagne erzählen mußte, war er wieder ganz der derbe Herr von Marnitz⸗ „Hm“ ſagte der dicke Rittmeiſter, „es war die Cam⸗ pagne in der Champagne.“ „Ah, Rittmeiſter“ rief der lange Lieutenant, „daher habt Ihr auch wohl Eure Leidenſchaft für den Cham⸗ pagner!“ „Alle Wetter, Freundchen, es mag wohl ſo ſein. Es wurde wenigſtens mehr getrunken als eingehauen.“ „Bis Ihr Ferſengeld geben mußtet!“ „Da tranken wir gar nicht mehr.“ „Haben Sie ſchon einen Feldzug mitgemacht, Herr von Marnitz?“ fragte die ſchöne Frau. „Nein, meine Gnädigſte. Ich ſtand im Jahre 1792 bei einem Armeecorps, das nicht mit ausrücken mußte; und ſeitdem ich diene, hatte Preußen keinen andern Krieg; aber ich hoffe, wir werden bald einen haben.“ „Sie hoffen das?“ „Wofür iſt man Soldat, gnädige Frau?“ „Ich denke, um das Vaterland zu vertheidigen“ ——— 85 „Bah, meine Gnädigſte!“ „Daran denken Sie nicht?“ „Der Soldat denkt zu allerletzt daran; eigentlich ſoll er es gar nicht. Eine gute Armee kann es ſo weit gar nicht kommen laſſen.“ „Eine gute Armee wäre alſo nur da, um Furcht zu gebieten?“ „Alle Wetter, ja!“ „Dann dürfen Sie ja keinen Krieg wünſchen, Herr von Marnitz! „Hm, gnädige Frau, mit Ihnen nicht, Sie führen eine verzweifelt ſcharfe Klinge.“ „Bleiben Sie bei der Sache.“ „Nun, wenn ich denn meine Herzensmeinung ſagen ſoll, der Soldat muß einen Krieg haben; denn erſtens iſt er dafür da, zweitens gibt es Avancement, drittens Ehre. Sie ſehen, ich bin ganz aufrichtig, ich ſtelle die Ehre zuletzt.“ „Dafür möchten Sie alſo auch einen deutſchen Bruderkrieg?“ „Wenn es nicht anders ſein könnte, man hat ja Vorwände. Am liebſten möchte ich mich mit den Fran⸗ zoſen meſſen.“ „Wegen 17922 „Ueberhaupt wegen des Kriegsruhms, gnädige Frau.“ 86 „Ich höre, daß auch die Gardeoffiziere in Berlin ſo ſprechen.“ „Die ganze Armee ſpricht ſo.“ „Doch wohl mit Ausnahmen. Ein Herr von Bütow ſoll der preußiſchen Armee für einen Krieg mit Frank⸗ reich nicht viel Erfreuliches prophezeit haben.“ „Ein Phantaſt, gnädige Frau.“ „Ich weiß es; er iſt dafür in Sibirien, wie men ſagt. Aber ſeine Phantaſien ſollen doch mehr und mehr von ganz verſtändigen Offizieren getheilt werden.“ War die Frau von Bütow noch immer in Sorge, man habe Verdacht gegen ſie, und wollte ſie die Offi⸗ ziere um ſo ſicherer machen, je näher man dem Sparren⸗ berge kam? Oder war ſie keck und übermüthig ge⸗ worden? Oder wollte ſie die Angſt ihres Herzens be⸗ täuben, wie einer, der des Nachts allein im Walde ſich Muth ſingt? Dem dicken Rittmeiſter ſchien das Geſpräch nicht zu gefallen. „Laſſen wir den Krieg und trinken wir“, ſagte er. „Wir haben noch zwei Flaſchen und ſind ſchon bald an Ort und Stelle.“ „Die Bedienten haben in ihrem Nachen noch mehr Vorrath“, bemerkte der Erbgraf. „Donnerwetter!“ rief der Rittmeiſter, und ſchon 87 machte er ſich daran, auch die zweite der noch vor ihm ſtehenden Flaſchen zu entkorken. Mit ihm trinken mußten ſie alle. „Wohlan, auf dieſen ſchönen Abend!“ rief die Frau von Arenfels. Sie ſtießen mit ihr an, daß in der ſtillen Nacht das Klirren der Gläſer weit über den See ſchallte. „Das muß ſich auf den Schweizerſeen prächtig machen“ ſagte der Rittmeiſter, „wenn rund umher die Alpen widerhallen.“ „Auf den Schweizerſeeen hört man es nicht“ be⸗ merkte der Erbgraf. „Wie, Erlaucht, die Schweizer trinken keinen Wein?“ „Nicht mit Poeſie!“ „Armes Volk!“ „Hm, Rittmeiſter“, lachte der Herr von Marnitz, „ich denke, das Weintrinken iſt an ſich Poeſie.“ „Ja, ja, Freundchen, aber ich meine, es iſt doch ein Unterſchied darin.“ Der Rittmeiſter war in ſeinem Elemente. Er mußte ſich dennoch unterbrechen. Sie waren nicht weit mehr von der Feſtung auf dem Sparrenberge. Der Erbgraf wie der Lieutenant von Marnitz 88 hatten beide tüchtig darauflos gerudert, als wenn jedem von ihnen daran gelegen ſei, ſobald wie möglich das Ufer zu erreichen. Der Graf hatte manchmal den Offi⸗ zier darauf anſehen müſſen. Er hatte nichts Auf⸗ fallendes an ihm wahrnehmen können. Der Graf, der mit ſeinen Rudern zugleich ſteuerte, hatte auf das Städtchen Sparrenfeld zugehalten. An dem untern Ende des Städtchens, dem ſogenannten Waſſerthor, war der gewöhnliche Landungsplatz für die zur Stadt fahrenden Kähne und Nachen. Dorthin hatten auch die Offiziere ihre Reitknechte mit den Pferden beſchieden. Man war dem Lande ſo nahe gekommen, daß man das Ufer und das darauf Befindliche in dem Sternen⸗ lichte genau unterſcheiden konnte. Es war Alles ſtill am Ufer; man vernahm keinen Laut, man ſah keine Bewegung. In dem kleinen Land⸗ ſtädtchen ſchien Alles zu ſchlafen; nirgends gewahrte man ein Licht. Nur auf den Bleichen, die rechts von dem Waſſerthore in einem langen, ſchmalen Streifen ſich an dem Städtchen dahin zogen, ſchien hin und wieder ſich etwas zu regen. Es waren wohl die zu der ausgelegten Leinwand beſtellten Wächter. Ein Hauptnahrungszweig der Bewohner des Städtchens waren ihre Leinwandbleichereien. 89 „Die Burſchen ſind mit den Pferden noch nicht da, bemerkte der Rittmeiſter. Es fiel auch dem Lieutenant von Marnitz auf. „Sie müßten längſt da ſein. Wir ſind beinahe eine Stunde gefahren ſie hatten im Trabe kaum eine halbe Stunde nöthig. Man muß die Kerls dafür faſſen.“ „Leben und leben laſſen, Freundchen!“ ermahnte der Rittmeiſter. „Sie ſind eine brave Seele, lieber Rittmeiſter“ lobte ihn dafür die Frau von Arenfels. „Hm, gnädige Frau, das thut das Fett; aber Ihre Anerkennung ſoll mich tröſten, wenn es mir auch noch den Abſchied einbringt.“ „Ich mache eine andere unangenehme Entdeckung“, ſagte auf einmal der Erbgraf. „Wir werden hier ſchwerlich ausſteigen können.“ Sie hatten den gewöhnlichen Landungsplatz an dem Thore erreicht; es war eine kleine, enge Bucht. Sie lag voll von Nachen, Booten, Fiſcherkähnen. Man konnte das Ufer nur erreichen, indem man min⸗ deſtens über drei oder vier der unordentlich in einem Knäuel daliegenden Fahrzeuge ſtieg. Es war eine ebenſo mühſame wie in der Nacht doppelt gefährliche Sache. ⸗ 90 „Bah!“ meinte gleichwohl der dicke Rittmeiſter, viel⸗ leicht nur der Champagner aus ihm. Der Herr von Marnitz trat gegen ihn ein. „Nichts da, Rittmeiſter, ein ſo theures Leben wie das Eurige muß dem Vaterlande erhalten werden.“ „Auch ich proteſtire“, ſagte die Frau von Arenfels, und ich hoffe, Erlaucht werden mit mir einſtimmen. Die Herren werden auf ihre Pferde warten wollen, da leiſten wir ihnen Geſellſchaft. Wir ſteigen alle aus — aber über dieſe ſonderbare Schiffbrücke! Die Herren wer⸗ den mir zugeben, daß das den Muth einer Frau überſtiege.“ „Ei“, rief der Erbgraf, „dann hätte ich einen noch beſſern Vorſchlag. Der Abend iſt ſo wunderſchön. Wir begleiten die Herren zu der Feſtung hinauf.“ „Angenommen!“ rief die Frau von Arenfels. „O, wie wäre das reizend!“ flüſterte der Graf Hoch⸗ wald ihr zu. „Abgemacht!“ erklärte der Erbgraf. „Aber, Erlaucht —“ wollte der Herr von Mar⸗ nitz Einſprache erheben. Der Erbgraf aber hörte ihn nicht und rief den Bedienten in dem Nachen hinter ihm zu: „Den Champagner her!“ „Alle Wetter!“ fluchte in ſtiller, aber deſto hellerer Freude der Rittmeiſter in ſich hinein. 91 Der lange Lieutenant unterdrückte, was er hatte ſagen wollen. Der Nachen ruderte an die Gondel. Die Bedienten reichten vier Champagnerflaſchen hinein. Der Rittmeiſter nahm ſie an. „Wir ſteigen am andern Ende des Städtchens aus“, ſagte der Erbgraf, „gerade an dem Fußpfade, der zu der Feſtung hinaufführt.“ Der lange Lieutenant widerſprach nicht. Sie ruderten weiter, an den Bleichen hin. Der Frau von Arenfels pochte das Herz ſo laut, daß ſie fürchtete, der Graf Hochwald an ihrer Seite müſſe es hören. Der Graf Leopold wagte nicht zu ihr aufzublicken. Ihr Plan war bis jetzt wie wunderbar gelungen. Aber iſt nicht das Ende eines ſo glücklichen Anfangs das Mißlingen? Der lange Lieutenant war ſo ſonderbar kalt und ruhig und doch ſo vorſichtig. Auf den Bleichen waren ein paar Wächter zuſammen⸗ und nahe an das ufer getreten, wohl um zu was da in der Nacht vorbeifahre. Der Herr von Marnitz rief ſie an. Wir ſind Offiziere von der Feſtung. Unſere Reit⸗ 92 knechte kommen uns zu Lande nach. Sagt ihnen, daß wir auf dem Fußwege vorausgegangen ſeien. Sie ſollen ſich beeilen.“ „Wir werden es ihnen ſagen“, antworteten die Wächter. Die Gondel fuhr weiter, der Nachen mit den Be⸗ dienten hinter ihr. Sie hatten nur noch etwa dreihundert Schritte weit zu fahren. Das Städtchen war klein. Auf dem Lande blieb Alles ſtill. Auch in die Gondel wollte kein rechtes Leben zurück⸗ kehren. Der Frau von Arenfels verſchloſſen Angſt und Hoffnung die Lippen. Der Graf von Hochwald an ihrer Seite war über⸗ haupt nur ein ſtummer Seufzer, wie der Herr von Marnitz einmal zu dem dicken Rittmeiſter von ihm ſagte. Der lange Lieutenant ſaß ſtill, wie vor ſich hin⸗ brütend, und doch ſchien er mit Aug' und Ohr in Dunkel und Stille der Nacht hineinfühlen zu wollen. Der Rittmeiſter ſprach den vier neuen Flaſchen zu. In dem allgemeinen Schweigen fehlten auch dem Erbgrafen die Worte. „Ah“ rief auf einmal die Frau von Arenfels, „was 93 iſt denn das für eine Leichenſtille in dieſer Pracht des Nachthimmels?“ Und — mußte ſie wirklich ſich Muth erſingen? — mit voller, klarer, mächtig und rein wie Glockentöne die Nacht durchdringender Stimme ſang ſie: „Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen der ewigen Liebe! Ach, nur dem halb getrockneten Auge Wie öde, wie todt die Welt ihm erſcheint! Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen unglücklicher Liebe!“ Der Geſang war zuletzt leidenſchaftlich, faſt wild geworden. Sie wollten ihr Complimente machen. „Welch neues und welch wunderbares Talent, gnä⸗ dige Frau!“ rief der Lieutenant von Marnitz. Und der Rittmeiſter ſagte: „Wie Champagnerperlen!“ Sie begann aber mit weicher Herzensſtimme ein neues Lied: „Wie iſt es möglich dann, Daß ich dich laſſen kann? Hab' dich ſo herzlich lieb, Glaub's ſicherlich. Du haſt das Herze mein So ſehr genommen ein, Daß ich keinen Andern mehr Liebe ſo ſehr!“ 94 „O jammerſchade!“ ſagte der lange Lieutenant. Sie hatten die Stelle erreicht, an der ſie ausſteigen mußten. Der Nachen hatte ſchon am Ufer angelegt. „Gefällt Ihnen das Lied?“ fragte die Sängerin den langen Lieutenant. „Gnädige Frau, Ihr Geſang und Ihre Lieder zögen mich an das Ende der Welt.“ „So mögen ſie Sie wenigſtens bis zu der dunklen Feſtung da oben begleiten.“ „Es ſoll ein Wort ſein.“ „Aber vergeſſen wir eine andere Begleitung nicht“, ſagte der Erbgraf. Er gab den Bedienten in dem nachfolgenden Kahn einen Wink. Dann ſtiegen ſie alle an das Land. Die Bedienten trugen die Champagnerflaſchen und Gläſer nach. Drei volle Flaſchen zählte der Rittmeiſter noch. Und während ſie den vielfach ſich windenden Pfad zu der Bergveſte hinaufſtiegen, ſang die Frau mit ihrem ſchweren Herzen weiter: „Es ſoll kein Andrer ſein, Der mich ſoll nehmen ein, Als du, du ſchönes Kind! Dir bleib' ich treu, 95 Dir will ich jeder Zeit Zu Dienſten ſein bereit, Bis daß ich kommen werd' Unter die Erd'. Nach meinem Tod, alsdann —“ „Gnädige Frau, ich kann nicht mehr mitkommen“, keuchte der dicke Rittmeiſter. Die Frau von Arenfels hatte im Singen ihre Schritte beſchleunigt. Es zog ſie wohl zu mächtig nach oben. „Unter die Erde, Herr Rittmeiſter?“ fragte ſie den Stöhnenden. „Wir gehen ja nach oben, gnädige Frau.“ „Auch da oben ſchlafen Menſchen unter der Erde.“ „Aber wie kommen Sie zu ſolchen Gedanken und zu den Grabesliedern?“ „Ich will Ihnen ein luſtigeres ſingen, Rittmeiſter.“ Und ſie ſang mit ihrer vollen Stimme durch die Nacht zu den Mauern der Feſtung hinauf, die in der Nähe nicht hell, ſondern tief dunkel vor ihnen lagen: „Ich ſinge, wie der Vogel ſingt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Iſt Lohn, der reichlich lohnet. Doch darf ich bitten, bitt' ich eins: Laßt mir den beſten Becher Weins In purem Golde reichen!“ 96 „Alle Wetter, gnädige Frau, das war ein Wort! Die Gläſer gefüllt!“ Sie waren vor dem Thore der Feſtung angelangt In der Feſtung hatte man ſie gehört. Der Unteroffizier der Thorwache trat in das kleine Pförichen im Thore, grüßte militäriſch die Offiziere und ſtand kerzengerade, ihren Befehl erwartend. „Gebt ihm Beſcheid, Marnitz“ ſagte der Rittmeiſter zu dem langen Lieutenant. Er ſelbſt war mit den Champagnerflaſchen und Gläſern beſchäftigt, die von den Bedienten herbeige⸗ bracht waren. „Iſt nichts paſſirt?“ waren doch die erſten Worte, die der lange Lieutenant an den Unteroffizier richtete. Geſpannter als er horchten der Antwort die Frau von Arenfels und der Erbgraf. „Zu Befehl, nichts, Herr Lieutenant“ war die Ant⸗ wort. „Gut, gut! Er kann warten, das Pförtchen offen laſſen und in das Innere zurücktreten.“ „Zu Befehl, Herr Lieutenant.“ Der Unteroffizier trat zurück; man ſah ihn nicht mehr; das Pförtchen ließ er offen. „Der verdammte Pfropfen will nicht fliegen“ rief ungeduldig der Rittmeiſter. 97 „Ihr müßt ihm gute Worte geben“, ſagte der lange Lieutenant. Der Rittmeiſter ſtreichelte den Hals der Flaſche. Es wollte auch nicht helfen. „Leopold, ich ſterbe vor Angſt“, flüſterte die Frau von Arenfels dem Erbgrafen zu. „Es ſteht ja Alles auf das vortrefflichſte, Annette. Es iſt nichts paſſirt. Jeden Augenblick muß er kommen. Das Pförtchen ſteht offen; der Unteroffizier iſt fort. Sie ſchleichen ſich heran. Es iſt dunkel in dem Thor⸗ weg. Ehe man weiß, daß ſie da ſind, ſtürzen ſie durch das Pförtchen. Wir machen ihnen hier draußen eine Gaſſe. Den langen Lieutenant nehme ich auf mich. Der dicke Rittmeiſter kann ſich kaum mehr rühren. Wenn Du hübſch in Ohnmacht fällſt, verläßt der Graf Hochwald Dich um eine Welt nicht. Von den Reit⸗ knechten iſt noch nichts zu hören.“ „Aber wir ſtehen ſchon ſo lange hier, Leopold.“ „Leonidas Stapelmann iſt ſchlau und ebenſo vor⸗ ſichtig wie verwegen. Er hört in ſeinem Verſteck Alles, was hier draußen vorgeht. Gib Acht, in dem Moment, da der Champagnerpfropfen knallt, werden ſie auf⸗ brechen; wenn wir dann anſtoßen, werden ſie im Thore und auch ſchon an uns vorüber ſein. Ha, da ſpringt der Pfropfen. Aufgepaßt! Muth behalten, Temme, Die Erbgrafen. II. 98 Der Pfropfen knallte, daß es in dem dunklen, ge⸗ wölbten Feſtungsthorwege widerhallte. „Huchſa!“ jubelte der Rittmeiſter. „Die Gläſer her, die Gläſer her!“ Ein Bedienter hielt ihm auf dem Präſentirteller die Gläſer hin. Er füllte ſie mit dem perlenden Wein. „Wie das ſchäumt!“ rief er. „Habt ihr alten Feſtungsmauern ſchon ſo etwas geſehen?“ „Jetzt“ flüſterte der Erbgraf Annette zu. „Hörſt Du ſie?“ „Ich höre nichts, Leopold.“ Der Rittmeiſter hatte die Gläſer gefüllt. Er nahm dem Bedienten den Präſentirteller aus der Hand und präſentirte der Frau von Arenfels ein Glas. „Gnädige Frau, darf ich bitten?“ Sie nahm es in die bebende Hand. Er gab den Teller dem Bedienten zurück. „Den Herren!“ Der Diener präſentirte den Herren. Der Rittmeiſter nahm ſelbſt ein Glas. „Und treibt der Champagner!“ rief er. „Gnädige Frau, ſingen wir!“ Und ſie mußte ſingen, wieder ſingen, die arme Frau, 99 und durch das Pförtchen der Feſtung kam Niemand, und man hörte drinnen in der Feſtung nichts, keinen Schritt, keinen Laut. „Treibt der Champagner das Blut erſt im Kreiſe, Dann wird's ein Leben herrlich und frei. Artige Mädchen führſt du mir leiſe, Nach deiner Weiſe Zum Tanze herbei!“ „Zum Tanze herbei!“ ſang der Rittmeiſter mit und mußten ſie alle mitſingen, und alle mußten ſie mit ihm anſtoßen. Die Frau von Arenfels aber war blaſſer geworden, denn noch immer regte und rührte ſich nichts in dem Pförtchen des Feſtungsthores. „Er kommt nicht! Er iſt verrathen!“ warf ſie dem Erbgrafen einen Blick der halben Verzweiflung zu. Und der fröhliche Rittmeiſter intonirte wieder: „Hier hat die Freundlichſte —“ Und ſie mußte weiter ſingen, mit der Stimme, die ihr erſterben, und dem Herzen, das ihr zerſpringen wollte. „Hier hat die Freundlichſte Einzig den Vorrang, Engliſch und Steiriſch, Schwäbiſch und Bairiſch, Fröhliches Ländern und Menuet, Tanzt ihr im bunten Gewirr umher.“ 7* 100 Endlich, endlich wurde es lebendig in dem Pförtchen. „Tanzt, tanzt!“ rief der Rittmeiſter, dem der Wein mächtiger in den Kopf geſtiegen war. „Tanzt, Graf Hochwald! Nehmt die Frau von Arenfels! Heiſa, junger Lieutenant! Die ſchöne Frau! Einen Walzer, einen Galopp! Und ich unterdeß —“ rief er. Und mit der Champagnerarie ſang er weiter: „Ich unterdeſſen nach alter Weiſe Führe mein Liebchen trotz Weh und Ach Ins Schlafgemach.“ „Hülfe! Ich ſterbe! Ich erſticke!“ rief die Frau von Arenfels. Sie war bleich, wie ein Geſpenſt der Nacht. Sie wankte. Der Graf Hochwald konnte ſie nicht mehr halten. „Sie ſtirbt!“ rief er. In das Pförtchen des Feſtungsthores war zuerſt der Unterofſizier der Wache getreten, und ihm war dann die ganze Wache gefolgt; ſie hatten alle das ſchmale Pförtchen dicht beſetzt, um dem Trinken und Singen und Tanzen der Offiziere und ihrer lu⸗ ſtigen Geſellſchaft zuzuſehen. Kein Menſch hätte an ihnen vorbei durch das Pförtchen ſich drängen können. „Ja, ich ſterbe!“ hauchte die umſinkende Frau mit der Stimme einer Sterbenden. 101 In demſelben Augenblicke wurde ein Hin⸗ und Her⸗ rennen und ein wirres Durcheinanderrufen von Stim⸗ men im Innern der Feſtung laut. „Arme Annette!“ nahm der Erbgraf die unglück⸗ liche Frau in ſeinen Arm. „Ja, wir ſind verrathen, und Dein Herz wird es nicht überſtehen.“ Die Soldaten hatten das Pförtchen geräumt. Es war leer. Die Offiziere ſtürzten hindurch in die Feſtung. Das Pförtchen wurde hinter ihnen geſchloſſen. Der Erbgraf ließ ſeine Couſine auf einen Stein nieder. Ein anderes Lager für ſie war nicht da. Er ſah ſich nach Waſſer um, auch das war nicht da. Aber in einer der Flaſchen hatte der dicke Ritt⸗ meiſter noch etwas Wein zurückgelaſſen. Mit dem edlen Champagner netzte der Graf die Schläfe der Ohnmächtigen. Sie ſchlug die Augen auf. „Habe ich geträumt, Leopold?“ „Nein, Du arme Annette!“ Viertes Kapitel. Hinten im fernen Oſten erwachte das Grauen des Tages. Der Charfreitag war angebrochen, der ſtille Frei⸗ tag, wie er im Munde des Volkes heißt, der Tag des Leidens des Herrn. „Wird er auch hier ein Tag des Leidens werden?“ ſagte die Comteſſe Ferdinande. „Wir dürfen noch hoffen!“ meinte Evchen. Die Beiden ſaßen noch in dem Schlafgemach der Frau von Bütow an dem Bettchen des Kindes. In der ganzen Nacht war kein Schlaf über ihre Augen gekommen. Die Erwartung hatte ſie wach gehalten, Furcht und Hoffnung. Während die Wärterin ſchlief, — 103 hatte dann Evchen der Gräfin aus ihrem Leben erzählen müſſen, von ihrem Aufwachſen mit dem Erbgrafen Leopold, von ihrem Aufenthalt im Kloſter, wieder von ihrem Zuſammenleben mit dem Erbgrafen. Die Com⸗ teſſe Ferdinande hatte früher wenig Notiz von ihrem Bruder genommen, von Evchen vielleicht gar keine. Sie hatte um beide ſich wohl erſt in neuerer Zeit ge⸗ kümmert, aus Veranlaſſung des Familientribunals und der Vorbereitungen zu demſelben. Die offenen, einfachen Erzählungen des Kindes legten der Gräfin ein Herz und ein Verhältniß offen dar, die nicht reiner ſein konnten und gegen die ſie bisher ſchonungsloſes Mißtrauen ausgeſprochen hatte, aber auch noch mehr. Und wiewohl ſie nun in ihrem In⸗ nern dem Kinde Alles und dem Bruder ſo Vieles ab⸗ bitten mußte, ließ der Stolz der Gräfin eine deſto tie⸗ fere und ſchmerzlichere Wehmuth in ihr zurück. „Sie liebt ihn“, ſagte ſie ſich, „und auch er liebt ſie. Sie müſſen dennoch von einander. Er wird es verwinden. Aber dieſes arme Kind! Wird ihre Liebe zerriſſen, ſo zerreißt ihr das Herz mit. Und doch muß es ſein. Meine Schwägerin! Ja, ich nähme ſie auf. Sie hat ein edles Herz, ſie ſteht an Bildung über mancher Prinzeſſin, ſie iſt ſchön, hat äußern Anſtand. Aber die bürgerliche Schreiberstochter künftig regierende 104 Gräfin von Werdenburg! Es iſt nicht möglich. Und ſie muß das wiſſen. Es iſt Pflicht, es ihr zu ſagen, bald, gleich. Wie bringe ich es ihr bei?“ Sie wollte das arme Kind ſchonen, ſoviel ſie konnte. Mußte nicht jedes Wort, das ſie zu Evchen ſprach, dieſer das Herz zerreißen? „Du haſt noch Hoffnung, Evchen?“ ſagte ſie zwei⸗ deutig. „Gib ſie auf, Kind. Der Tag bricht ſchon an und Niemand iſt zurück.“ „Eben deshalb“, erwiderte Evchen. „Die Flucht iſt geglückt; ſie werden verfolgt; gerade hierher durften ſie ſich nicht wenden.“ „Sie würden einen der Diener hierher geſchickt haben“, ſagte die Gräfin. „Und dann“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich freilich zuſammennehmen mußte, „die arme Annette hat kein Glück und ſie kann es nicht haben. Sie trägt eine ſchwere Schuld gegen ihre Fa⸗ milie, gegen ihren Stand. Ja, mein Kind, ſieh mich nur darauf an. Ich bin ſtolz. Ich halte eine Miß⸗ heirath für eine ſchwere Schuld —“ Die ſtolze Gräfin mußte ſich unterbrechen. Nicht, weil Evychen ſo ſchneeweiß wurde, wie ſie ihre Mutter nur geſehen hatte. Draußen fuhr ſchwer und langſam ein Wagen in den Schloßhof. 105 Das Gemach, in dem die Beiden ſich befanden, lag auf der Rückſeite des Schloſſes; man hörte gleichwohl durch die Stille des Morgens, der noch halbe Nacht war, das dumpfe Rollen und Widerhallen der Räder auf der andern Seite des Schloſſes. „Was mag das ſein?“ riefen die Comteſſe und Eychen. „Annette mit ihrem Mann?“ „Wäre die Befreiung geglückt?“ „Aber wie kämen ſie hier in einem Wagen an?“ „Wie hätten ſie überhaupt ſich gerade hierher wagen können?“ Beide waren aufgeſprungen, beide waren ſie jetzt blaß. Beide dachten ſie nicht mehr an das, was die eine in der Sekunde vorher geſprochen hatte. Sie horchten mit angehaltenem Athem. Der Wagen hielt auf dem Hofe, aber nicht vor dem großen Schloßportal, vielmehr, wie es ſchien, mehr in der Mitte des Hofes. Ein neues Räthſel! Jemand kam die Treppe zu dem Gemache herauf. Die Comteſſe öffnete die Thür, die ſeit Dame in ihrer Aufregung ſelbſt. Der alte Diener Konrad erſchien an der Thür. „Konrad, was gibt es?“ 106 Der, alte Konrad war auf Schloß Werdenburg groß geworden, der Laufburſche der jungen Grafen ge⸗ weſen, die mit ihm ziemlich in einem Alter waren, der beiden verſchwundenen und wahrſcheinlich oder, wie man meinte, ſicher verunglückten Erbgrafen, des jetzt regierenden Grafen, auch des kleinen Grafen Kurt. Er war ſpäter der Kammerdiener des Erbgrafen Leopold geworden. Dies war er noch. Die ganze Familie kannte ihn. Er war der Ver⸗ traute vieler von ihnen. „Gnädigſte Comteſſe“, ſagte der alte Mann, „das iſt eine ſonderbare Geſchichte. Der Verwalter, der noch nicht angekleidet war, ſchickt mich zu Euer Erlaucht, um unterthänigſt anzufragen, was zu thun ſei.“ „Erzähle!“ „Schon geſtern gegen Abend war ein ſehr vornehm ausſehender fremder Herr zu dem Verwalter gekommen und hatte ihm ein Billet übergeben, das er ſofort dem Herrn Erbgrafen nach deſſen Rückkehr einhändigen möge. Der Herr hatte ſich dann wieder entfernt. Der Ver⸗ walter hatte dem gnädigen Herrn erſt ſpät, kurz vor der Abfahrt mit den Offizieren das Billet überreichen können. Der gnädige Herr, in großer Eile, hatte es raſch geöffnet, geleſen, geſtutzt und es dem Verwalter zurückgegeben, mit dem Befehle, für Alles zu ſorgen 107 er werde übrigens hoffentlich bei Zeiten wieder da ſein. Das Billet ſchickt der Verwalter Euer Gnaden.“ Er überreichte es der Gräfin. Sie las es mit der höchſten Verwunderung, erſt für ſich, dann laut Eychen vor. Es lautete: „Erlauchter Graf! Ein Unbekannter bittet Sie dringend, eine Dame, die morgen in der Frühe bei Ihnen eintreffen wird, gütig aufzunehmen und ihr alle die Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, auf welche Alter, Unglück, edle Geburt und edler Sinn Anſpruch haben.“ „Und die Dame iſt hier?“ fragte die Gräfin. „So eben in einem Wagen angekommen, mit einer zweiten Nonne.“ „Die Dame iſt Nonne?“ „Zu Befehl, Euer Gnaden.“ „Und alt, unglücklich, von edler Geburt?“ „So ſagt das Billet, gnädigſte Comteſſe!“ „Du ſaheſt ſie nicht?“ „Ich ſah nur zwei Nonnen in dem Wagen ſitzen.“ „Der Verwalter hat ſie doch aufgenommen?“ „Vorläufig in ſeiner Wohnung. Er hatte ſie erſt ſpäter erwartet und noch vorher mit dem gnädigen Herrn nähere Rückſprache über ſie nehmen wollen. Er läßt jetzt bei Euer Gnaden anfragen, was Sie dazu meinten, ob er den beiden Nonnen wohl ein paar 108 Zimmer im Schloſſe einräumen dürfe. Bei ihm iſt es eng, da auch der gnädige Herr dort noch wohnt.“ „Von edler Geburt!“ ſagte die Gräfin für ſich. „Alt und unglücklich“, ſagte Eychen, auch für ſich, aber lauter, daß die Gräfin es hören mußte. Das milde Evchen hatte ihr Köpfchen. „Du haſt Recht, Evchen!“ ſagte die Gräfin. Und dem alten Diener gab ſie den Beſcheid: „Sage dem Verwalter, Konrad, ich ſei der Meinung, daß mein Bruder, wenn er hier wäre, ſicher den beiden Nonnen zwei der ſtillſten, aber auch der e Gemächer anweiſen laſſen würde.“ Der alte Diener ging. „Wer mögen die Nonnen ſein?“ „Wer der vornehme Fremde?“ Die Gräfin und Evchen zerbrachen ſich vergeblich den Kopf darüber. Nicht lange. Unten auf dem Hofe wurde es wieder laut, Reiter ſprengten hinein, im Trab, im Galopp. „Was iſt denn das wieder?“ „Wären ſie es?“ Es war unwahrſcheinlicher als bei der Ankunft des Wagens. Es war geradezu unmöglich. 109 In den Trab und Galopp der Pferde klang das Klirren von Waffen hinein. „Soldaten!“ „Und eine große Menge, mindeſtens eine halbe Schwadron Kavallerie.“ „Auf dem Sparrenberg liegen Dragoner!“ „Es ſind die Verfolger des Entflohenen!“ „Er wäre alſo entkommen!“ „Kein Zweifel! Sie beſetzen das Schloß von allen Seiten.“ Es war ſo. Das Schloß lag frei in dem Parke. An allen ſeinen Seiten ritten Soldaten auf, alle Aus⸗ und Eingänge wurden beſetzt. Eychen und die Gräfin erkannten unter ihrem Fenſter einen Dragonerpoſten. „Er iſt entkommen! Sie ſuchen ihn hier, hier, wo ſie ihn am wenigſten antreffen werden.“ „Triumphiren wir deshalb nicht; ſie werden ihn auch in andern, in allen Richtungen verfolgen. Und er kann nur einen geringen Vorſprung haben. Sein Ent⸗ weichen muß in der Feſtung ſehr bald entdeckt worden ſein.“ Der alte Konrad trat wieder ein. „Dragoner vom Sparrenberge, Konrad?“ fragte die Comteſſe. 110 „Zu Befehl, Euer Gnaden.“ „So wäre die Befreiung geglückt!“ Der alte Mann zuckte die Achſeln. „Gnädigſte Comteſſe, die Dragoner verfolgen Nie⸗ mand, der von der Feſtung entkommen iſt.“ „Woher weißt Du das?“ „Wenn Jemand von dort entflohen iſt und die Flucht wird entdeckt, ſo iſt das Allererſte, daß zwei Kanonenſchüſſe abgefeuert werden, um alle Militär⸗ und Polizeibehörden, ſoweit man die Schüſſe hört, zur Verfolgung aufzufordern. Ich habe genau Acht ge⸗ geben, die Nacht, den Morgen; noch iſt kein Schuß gefallen.“ „Was wollen ſie dann hier?“ „Ich weiß es nicht. Ich habe noch kein Wort von ihnen gehört. Sie rückten raſch, aber ſtill auf den Hof; in demſelben Augenblick faſt ſprengte die ganze Truppe auseinander, um das Schloß einen dichten Kreis ziehend. Niemand kann herein oder hinaus. In derſelben Weiſe ſcheinen ſie drüben die Wohnung des Verwalters und die Wirthſchaftsgebäude beſetzt zu haben.“ „Und Du haſt keine Ahnung, wozu das Alles?“ „Ich kann mir nur eins denken.“ „Es wäre?“ 1 „Man will geſtern Abend noch ſpät fremde Menſchen im Park herumſchleichen geſehen haben.“ „Wer hat ſie geſehen?“ „Arbeiter! Die Domeſtiken ſprachen ſchon am Abend davon. Es hatte aber Niemand weiter darauf geachtet.“ „Wo hat man die Menſchen geſehen?“ „In der Waldpartie des Parkes, hinter dem alten Ruinenthurm.“ „Wie haben ſie ausgeſehen?“ „Man hat ſich bei den Arbeitern, die ſie ſahen, nicht erkundigt.“ „Erkundige Dich jetzt, Konrad.“ „Es iſt leider unmöglich, Euer Gnaden. Die Ar⸗ beiter ſind in den Oekonomiegebäuden, und wir wie ſie ſind eingeſchloſſen.“ „Belagert“ ſagte die Gräfin. „Mitten im Frieden, in dieſem ſtillen Schloſſe, von fremden Soldaten!“ Es fiel der ſtolzen Gräfin erſt jetzt ein. „Fängt Preußen ſchon ſobald an, in ſolcher Weiſe die Rechte anderer Souveräne zu achten? Gar ver⸗ bündeter deutſcher Fürſten? Heißt das Bundestreue, Bundespflicht? — Wer könnten die Verfolgten ſein?“ fuhr ſie dann fort. „Und wie kommen ſie hierher? Und wie kommt man darauf, ſie hier zu ver⸗ folgen?“ 112 Der alte Diener hatte keine Antwort auf die Fragen. Die Gräfin hatte ſie auch wohl mehr an ſich ſelbſt geſtellt. Zum Theil ſollten ſie ihr beantwortet werden. Man hatte draußen Unruhe vernommen, ein Rufen, Hin⸗ und Herſprengen und Rennen, dazwiſchen lautes, rohes Lachen. Es war nicht auf dem Schloßhofe, auch nicht in der Nähe der Gebäude, die den Schloßhof um⸗ gaben. Hundert Schritte weiter, unter den hohen Bäumen des Parks, lag der alte Ruinenthurm, in deſſen Gegend man am geſtrigen Abend die fremden Menſchen wollte geſehen haben. Es kam von dort näher, wälzte ſich dem Schloß⸗ hofe zu. Der Diener wollte hinuntergehen, um nachzuſehen, was es ſei. Ein eiliger Schritt kam die Treppe herauf. Es war der Schloßverwalter. Der Mann ſah erſchrocken aus; gleichwohl ſpielte es noch um ſeine Lippen, als habe er gelacht, oder als müſſe er lachen. „Was war es?“ wurde er empfangen. Er erzählte. Eine halbe Schwadron von den Dragonern auf 113 dem Sparrenberge war plötzlich in den Schloßhof ge⸗ ſprengt. Ein Offizier hatte ſie geführt. Es waren ſofort alle Zugänge des Schloſſes und der ſämmtlichen Schloßgebäude beſetzt worden; eine Abtheilung war nach dem alten Ruinenthurm gezogen. Der Verwalter war in ſeiner Wohnung geweſen. Er hatte hinausgewollt, um mit dem Offizier zu ſprechen. Der Poſten vor der Thür hatte ihm den Austritt verweigert. Nach einer Weile war der Offizier an das Haus geritten. Ein Dragoner war in das Haus gekommen; der Offizier wolle den Verwalter ſprechen. Der Verwalter war zu dem Offizier hinausge⸗ gangen. Der Offizier war der Premierlieutenant von Marnitz. Er war oft im Schloſſe geweſen, bei dem Erbgrafen, bei der Frau von Arenfels. Er und der Verwalter kannten ſich. Der Herr von Marnitz war ſehr ſtreng, ſehr kurz angebunden, ſehr barſch geweſen. „Wer iſt im Schloſſe?“ hatte er den Verwalter angefahren. „Außer der gewöhnlichen Dienerſchaft nur die Comteſſe Ferdinande und die Mamſell Treue aus Temme, Die Erbgrafen. III. 8 114 Seehauſen. Sie wachen bei dem Kinde der Frau von Arenfels.“ „Wo iſt die Frau von Arenfels?“ „Sie hat ja mit dem Herrn Lieutenant geſtern Abend das Schloß verlaſſen.“ „Und iſt noch nicht zurück?“ „Sie nicht und auch der Herr Graf nicht, der gleich⸗ falls mit Ihnen war.“ „Es iſt ein Wagen hierher gefahren?“ „Wer war darin?“ „Zwei Nonnen.“ „Ah! Wo ſind dieſe Nonnen?“ Sie waren im Schloſſe. Der Verwalter hatte nicht an ſie gedacht, als er nach den Perſonen im Schloſſe gefragt wurde. Er wurde verlegen, als er jetzt Auskunft über ſie geben ſollte; ſein früheres Schweigen mußte verdächtig erſcheinen. Die Verlegen⸗ heit weckte endlich einen andern Gedanken in ihm, den der getreue Verwalter zuallererſt hätte ausſprechen ſollen. „Herr Lieutenant, wir ſind hier auf dem Gebiete des Reichsgrafen von Werdenburg. Darf ich Sie um die Legitimation für den Einfall fremden Militärs in die Grafſchaft bitten?“ 11¹5 „Ich komme im Namen meines Königs!“ fagte der Offizier. „Das iſt meine Legitimation!“ „Aber, Herr Lieutenant, der König von Preußen iſt hier nicht Herr.“ „Aber ich bin es jetzt!“ „Weder Ihr König, Herr Lieutenant, noch Sie haben hier irgend ein Recht.“ „Wir haben die Gewalt hier!“ „Gewalt iſt in Deutſchland kein Recht, Herr Lieute⸗ nant.“ Der Herr von Marnitz fuhr auf. „Zum Teufel, räſonnire Er nicht. Ich habe hier zu befehlen und damit Punktum. Wo ſind Seine Nonnen?“ „Ich proteſtire —“ „Bah! Gibt Er mir nicht gutwillig die Nonnen heraus, ſo laſſe ich das Schloß und den ganzen Kram hier durchſuchen, Thüren einſtoßen, Schränke aufbrechen, niederreißen, was mir im Wege ſteht.“ „Die Nonnen ſind im Schloſſe“, ſagte der Ver⸗ walter. Der Lieutenant von Marnitz war ganz der Mann, ſeine Drohungen wahr zu machen. „Führe Er mich zu ihnen“ befahl er. Der Verwalter führte ihn in das Schloß zu den beiden Nonnen. 8 * 116 „Zum Teufel!“ fluchte der Offizier, als er die beiden alten Frauen ſah. Er eilte ſofort aus dem Zimmer zurlc In demſelben Augenblicke kam ein Dragonerunter⸗ offizier herbei. „Herr Lieutenant, habe gehorſamſt zu melden, daß dahinten in einem alten Thurme etwas Verdächtiges verſpürt worden.“ „Was iſt es, Unteroffizier?“ „Es müſſen Menſchen drinnen ſein.“ „Und warum ſeid Ihr nicht hineingedrungen?“ „Die Thür iſt verſchloſſen und ohne Gewalt nicht zu öffnen.“ „Ich komme.“ Der Lieutenant ging mit dem Unteroffizier. Dem Verwalter war angſt geworden. Er wußte nicht, daß am Abend fremde Menſchen in der Nähe des Thurms geſehen worden waren. Die Comteſſe und Evchen erſchraken, obwohl ſie dies wußten. „Wenn es dennoch die Entflohenen wären!“ Der Verwalter erzählte weiter. Er war nicht minder neugierig als beſorgt geweſen, was man in dem alten Ruinenthurme finden werde. So war er dem Lieutenant und dem Unteroffizier gefolgt. 117 Der Thurm war von Dragonern umgeben. Er war eine Ruine aus dem Mittelalter, vor viel⸗ leicht fünfzig Jahren reſtaurirt, ſeitdem aber wieder vernachläſſigt. Unten hatte er eine einzige ſchmale und niedrige, oben runde Thür; ſie ſchien von ſtarkem Holze zu ſein und war überall mit ſtarken eiſernen Nägeln beſchlagen. Oben waren in zwei Reihen übereinander ein paar enge niedrige Bogenfenſter. Die Mauern waren dick und ſtark. So war er von innen leicht zu vertheidigen und ein Angriff gegen ihn, ohne förm⸗ liches Belagerungswerkzeug, mußte, wenn eine Beſatzung da war, die mit der Vertheidigung nur einigen Ernſt machte, manches Menſchenleben koſten. Der lange Lieutenant ſagte ſich das wohl, als er das graue, dicke und feſte Gemäuer anſah. „Verdammt!“ fluchte er. Aber er wußte immer Auswege. „Zehn Mann“, befahl er, „ſitzen ab unb ſuchen in der Nähe einen ſtarken Baumſtamm, um damit die Thür einzurennen.“ Er befahl es mit lauter Stimme, daß, wer nicht todt oder taub war, im Innern des Thurms es hören mußte. Die Leute ſaßen ab. „Halt!“ commandirte der Offizier weiter. 118 Die Dragoner hielten bei ihren Pferden. Der Offizier rief mit lauterer Stimme: „Wer in dem Thurme iſt, wird aufgefordert, die Thür zu öffnen. Geſchieht es nicht augenblicklich, ſo wird Alles, was im Innern angetroffen wird, nieder⸗ gehauen.“ Augenblicklich wurde ein Arbeiten an dem Schloſſe der Thür im Innern des Thurms vernommen. „Ah“, ſagte vergnügt der lange Lieutenant. „Unteroffizier mit vier Mann vor“ befahl er dann mit leiſer Stimme, „und ſowie geöffnet wird, voran⸗ geſtürmt und Alles feſtgehalten, was betroffen wird.“ Ein Unteroffizier trat mit vier Mann vor. Der Unteroffizier und zwei Gemeine hatten die Säbel ge⸗ ſchwungen; die beiden andern Gemeinen hielten die geladenen Piſtolen mit aufgezogenen Hähnen in der Hand. Im Innern wurde an dem Schloſſe gedreht. Alles ſtand in geſpannter Erwartung des Augenblicks, da die Thür ſich öffnen werde. Die ganze Truppe hatte die Säbel gezogen, die Karabiner und die Piſtolen in Bereitſchaft, um, wenn es noth thue, mit oder ohne Commando den Kame⸗ raden vorn an der Thür Beiſtand zu leiſten. Die Thür öffnete ſich nur halb. — ſ2 Ein einziges Geſicht blickte durch die enge Oeffnung. Der Unteroffizier flog zurück, ſeine vier Mann flogen zurück, die ganze Truppe kehrte die Pferde. „Kerls, ſeid Ihr des Satans?“ ſchrie in Wuth der lange Offizier. „Herr Lieutenant, da iſt der Satan!“ riefen die fliehenden Soldaten. Der Verwalter mußte ſich vor Lachen die Seiten halten. Ein Mohr hatte in der Thür ſein rabenſchwarzes Geſicht, ſeine blitzenden Augen, ſeine fletſchenden ſchnee⸗ weißen Zähne gezeigt, ſo freundlich lächelnd wie möglich. An ihm vorüber ſchritt ruhig durch die Thür ein hoher, vornehmer Greis, das achtſpitzige weiße Kreuz der Malteſerritter auf der Bruſt. Der Verwalter wurde in ſeiner Erzählung unter⸗ brochen. „Der Johanniterritter?“ rief Evchen. „Du kennſt ihn?“ fragte die Gräfin. „Er war vorgeſtern in Waldenbrück und ſpäter am Abend bei mir in Seehauſen.“ „Was wollte er von Dir?“ „Er beſah ſich die Gegend, den 6 u Er verſprach wiederzukommen.“ 120 „Und er ſagte nicht, wer er ſei?“ „Er ſprach nichts von ſich.“ „Und der war mit dem Mohren in dem Thurm?“ „Der Mohr iſt ſein Diener“, ſagte Eychen noch. „Und der Ritter“, ſagte der Verwalter, „war ſchon geſtern gegen Abend hier; er übergab mir den Zettel an den gnädigen Herrn, durch welchen die Ankunft der vornehmen Damen angekündigt wurde.“ Wieder mußte Evchen rufen: „So iſt die Dame die würdige Mutter aus dem Kloſter zu Waldenbrück.“ „Woher weißt Du das, Kind?“ „Er kennt ſie. Er erkundigte ſich nach ihr bei mir.“ „Das ſind ſonderbare Geſchichten!“ ſagte die Gräfin. Sie mußte nachſinnen. „Aber erzählen Sie weiter“, ſagte ſie zu dem Ver⸗ walter. Er hatte nicht viel mehr zu berichten. Der Ritter und der Offizier hatten nur wenige Worte mit einander gewechſelt. 121 Die ganze Truppe, die den Thurm belagert hatte, kehrte zum Schloſſe zurück. „Und was will man hier?“ fragte die Gräfin. „Das ganze Schloß durchſuchen, ſchwor der Offizier.“ „Nach wem?“ „Er ſprach ſich nicht darüber aus. Er drohte nur, wenn er nicht darin finde, was er ſuche, ſo werde er Alles, was darin ſei, aushungern, bis man ihm das herausgebe, was er ſuche.“ „Und er ſagte nicht, was dies ſei?“ „Er ſagte es nicht in ſeinem Zorne.“ „Eine ſolche unſinnige Gewalt darf man uns bieten!“ rief die Gräfin. Evochen hatte einen andern Gedanken. „Die arme würdige Mutter! Was mag ſie ſchon jetzt aus ihrem Kloſter vertrieben haben? Die Auf⸗ hebung ſollte doch erſt in mehreren Wochen erfolgen. Gnädige Comteſſe, erlauben Sie, daß ich zu ihr hin⸗ untergehe, um ihr anzubieten, wenn ſie etwas be⸗ darf.“ „Du kennſt ſie?“ fragte die Gräfin. „Sie war mir immer eine mütterliche Freundin.“ „Sie wird als ein Muſter der Frömmigkeit ge⸗ rühmt“, meinte die Gräfin. „Das iſt ſie. Und jetzt, wie unglücklich muß ſie 122 ſein, in ihren alten Tagen aus ihrem ſtillen frommen Zufluchtsorte vertrieben zu ſein!“ „Alt und unglücklich und von edler Geburt!“ ſagte ſich die Gräfin. „Evychen, ich begleite Dich. — Führen Sie uns zu ihr“, befahl ſie dem Verwalter. Sie folgten ihm die Treppe hinunter in eins der Damengemächer des Schloſſes. Zwei Nonnen befanden ſich darin. Die eine ſaß in einer Ecke und betete in ihrem Horenbuche. Die andere ſchritt langſam, nachdenklich in dem Gemache auf und ab. * Es war die würdige Mutter des Annunciatenkloſters in Waldenbrück. Sie ſah das eintretende 6vchen Ihr bekümmertes Geſicht erheiterte ſich. „Evchen, mein Kind, Du hier? Wer brachte Dich hierher?“ „Ich war hier bei der Comteſſe Ferdinande von Werdenburg“, ſagte Evchen, und ſie ſtellte die Gräfin der Nonne und die Nonne der Gräfin vor. „Die würdige Mutter Aloyſia!“ Die ſtolze Gräfin verneigte ſich tief vor der hohen, edlen Geſtalt der Matrone. Und die Matrone blickte mit einem Zuge herzlicher 123 Theilnahme in das ſchöne, ſtolze und unglicice Ge⸗ ſicht der jungen Gräfin. „Gräfin Ferdinande, Sie ſind mir ni unbekannt.“ Sie ſprach die Worte mit der vollen Milde ihres milden Herzens und zugleich mit einer Würde, die eine angeborene ſein mußte. „Würdige Mutter“, erwiderte ihr die Gräfin, „ich bin gekommen, Ihnen meine Dienſte anzubieten. Mein Bruder, der Erbgraf Leopold, der Beſitzer der Schwalen⸗ burg, iſt augenblicklich abweſend. Er wird mir dankbar dafür ſein, wenn ich Sie bitte, ſich in dieſem Hauſe als Herrin zu betrachten.“ Die junge Gräfin hatte vielleicht ſtolzer oder, wenn man will und was auf eins hinausgekommen wäre, herablaſſender gegen die Nonne ſprechen wollen, als die Worte über ihre Lippen kamen. Der klaren, ruhigen, einfachen Würde der Matrone gegenüber hatten Worte und Ton nicht anders werden wollen. Die würdige Mutter dankte ihr in jener einfachen Weiſe der angeborenen Würde. „Darf ich fragen, Comteſſe“, ſagte ſie dann, „ob die gütige Einladung an mich hierher direct von Ihrem Herrn Bruder ausgegangen iſt?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete die Gräfin; „ich habe meinen Bruder nur ſehr flüchtig geſprochen.“ 124 Evchen war roth geworden. Sie konnte wohl eine beſtimmtere Antwort ertheilen; ſie hatte nicht den Muth dazu. Die würdige Mutter gewahrte ihre Verlegenheit. „Du hätteſt Auskunft darüber, Evchen?“ fragte die Matrone. „Du würdeſt mich aus einer eigenthüm⸗ lichen Lage befreien, wenn Du ſie mir mittheilteſt.“ Evychen mußte ſprechen. „Beſtimmte Auskunft habe auch ich nicht. Aber der Herr Graf Leopold hätte mir unzweifelhaft davon geſagt, wenn er um die Einladung gewußt hätte.“ „Sonderbar“ ſagte die Matrone. Sie verfiel in ein Nachdenken, das ſie zu beun⸗ ruhigen ſchien. „Wann erhielten Sie die Einladung?“ fragte Evchen. „Am geſtrigen Abend.“ „Durch wen?“ „Ein Diener aus dem Gaſthofe hatte ſie der Kloſter⸗ pförtnerin übergeben.“ „Er hatte nichts dabei geſagt?“ „Nichts, als daß das Billetchen ſofort an mich ab⸗ zugeben ſei.“ „Sonderbar!“ ſagte auch Evchen. „Aber der Graf Leopold war geſtern nicht in der Stadt.“ 125 Die würdige Mutter zog ein Billetchen hervor. Sie überreichte es der Gräfin. „Kennen Sie die Handſchrift, Gräfin?“ „Nein“, ſagte die Comteſſe. Auch Evchen kannte ſie nicht. Dann mußte die Gräfin doch noch einen Blick auf die Schriftzüge werfen. Sie wurde unruhig. „Wie iſt mir denn? Ich ſollte die Schrift ſchon geſehen haben.“ Auf einmal beſann ſie ſich. „Die Züge haben Aehnlichkeit mit der Handſchrift meines Vaters, große Aehnlichkeit, und doch ſind ſie wieder ſo verſchieden!“ Dann beſann ſich auch Evchen. „Gnädige Comteſſe, es iſt die nämliche Handſchrift wie die des Billets, das der Verwalter erhalten hat.“ Die Gräfin hatte es überſehen. „Erzählen wir uns gegenſeitig“, ſagte die würdige Mutter. Die Gräfin und Evchen theilten das im Schloſſe Vorgefallene mit. Dann erzählte die Matrone. Schon am Mittwoch Abend hatte aus der Stadt 126 Waldenbrück rund umher in die Bauerſchaften ſich die Nachricht verbreitet, daß das Annunciatenkloſter zu Waldenbrück von der neuen preußiſchen Regierung auf⸗ gehoben werden ſolle und die Nonnen in wenigen Wochen das Kloſter zu verlaſſen hätten. Das Nonnenkloſter zu Waldenbrück ſtand in der ganzen, nur katholiſchen Gegend in großen Ehren, durch den frommen, exemplariſchen Lebenswandel wie durch den großen, ſtets bewieſenen Wohlthätigkeitsſinn der Nonnen. Wie die Nachricht der Aufhebung in der Stadt Beſtürzung, ſo hatte ſie bei den derben und kräftigen und mit den politiſchen Verhältniſſen weniger vertrauten Bauern große Entrüſtung hervorgerufen. Am Donnerstagmorgen, der zudem die Bauern in die hohe Meſſe rief, ſtrömten Tauſende von Land⸗ leuten in die Stadt, um ſich zu erkundigen, ob die Nachricht wahr ſei. Sie erhielten die zweifelloſe Be⸗ ſtätigung, und ſofort ſtand ein einmüthiger Beſchluß und Entſchluß feſt. „Das Kloſter darf und ſoll nicht aufgehoben werden. Die Preußen ſollen das ſchöne Vermögen nicht haben. Sie wollen es uns rauben und nach ihrem armen Berlin ſchleppen. Wir jagen die Preußen aus unſerm Lande hinaus; ſie ſollen hier gar nicht Beſitz nehmen. Wir bieten das Amt auf, die ganze Gegend. Alles, * — 6 — 127 was ein Gewehr hat, eine Miſtgabel, eine Senſe, einen Dreſchflegel tragen kann, muß herziehen, die Preußen aus dem Lande zu jagen, das Kloſter und die Nonnen zu vertheidigen.“ Abgeſandte wurden ſofort nach allen Seiten in das Land geſchickt, um überall das Volk aufzubieten. Gleich am folgenden Tage, am Charfreitage, ſolle Alles be⸗ waffnet in der Stadt ſein. Die Charfreitagsproceſſion ſolle dann eine Preußenproceſſion werden. Bis ſie in der Stadt ſeien, ſolle Alles heimlich gehalten werden. Am Donnerstag vor der Meſſe war die Sache be⸗ ſprochen; nach der Meſſe wurde ſie feſtgeſtellt; um die Mittagszeit waren die einzelnen Abgeſandten auf den Wegen von Dorf zu Dorf, von Bauerſchaft zu Bauer⸗ ſchaft. Die Stadt war leer. Die geheime Verabredung war nach einer Stunde offenkundiges Stadtgeſpräch. Auch der preußiſche Ernehſeri zur Beſitznahme, der Geheimrath aus Berlin, erfuhr ſie. Er hatte ſchnell ſeinen Entſchluß gefaßt. Er begab ſich wieder in das Nonnenkloſter, ließ ſich bei der würdigen Mutter anmelden. „Meine würdige Mutter, ich bedaure, mit einer Ihnen nicht angenehmen Aufforderung hierher kommen zu müſſen.“ 128 Er theilte ihr den Beſchluß der Bauern mit. Er fuhr fort: „Die Folge würde ein ebenſo ſchweres wie nutz⸗ loſes Blutvergießen ſein. Ich würde mehr Militär requiriren, als ich bisher beabſichtigte. An einen Sieg der Bauern über unſere Soldaten nur zu denken, wäre lächerlich. Dem Blutvergießen würden Verhaftungen, Aufruhrproceſſe, Strafbeſatzungen folgen; das Land würde auf Jahre unglücklich werden. Dem Allem vor⸗ zubeugen, erfordert meine Pflicht und die Ihrige, würdige Frau! Ich muß Sie daher bitten oder, damit meine Worte keinen Zweifel aufkommen laſſen, ich muß Sie auffordern, mit ſämmtlichen Nonnen noch heute das Kloſter zu räumen. Ich muß aber auch ferner, zur Vermeidung jeder weitern Ruheſtörung, darauf beſtehen, daß Sie, würdige Mutter, unbedingt, die übrigen Nonnen aber womöglich noch morgen Vor⸗ mittag, vor dem Beginn der Proceſſion, die Stadt verlaſſen. Endlich würden Sie mich verbinden, wenn, um Aufſehen zu vermeiden, die Räumung des Kloſters in der Nacht, wenigſtens in ſpäterer Abendſtunde er⸗ . folgte.“ Die Forderung des Beamten war nach der einen Seite eine außerordentlich harte, nach der andern aber eine ebenſo ſehr von der Menſchlichkeit gebotene. Die würdige Mutter nahm ſie mit Feſtigkeit und Ergebenheit auf. „Um Mitternacht wird das Kloſter geräumt ſein, mein Herr!“ Das waren die einzigen kurzen, feſten Worte, die ſie dem Beamten erwiderte. Er hatte wohl Einwendungen, Jammer, Proteſte erwartet. „Würdige Mutter“ verſetzte er, überraſcht, in ſeiner Weiſe gar gerührt, „ich werde dieſen edlen Zug der Unterwerfung meinem Könige berichten, und ich zweifle keinen Augenblick, daß der Monarch Ihnen eine ange⸗ meſſene Penſionszulage gewähren wird.“ Da erhob die würdige Matrone ſich mit einem Stolze, den ſie vielleicht in ihrem Leben noch nicht gezeigt hatte. „Mein Herr, von Ihrem Könige werde ich für meine Perſon niemals etwas annehmen. In meinen Adern fließt Blut —“ Sie brach ab. Sie verließ ſchweigend das Sprachzimmer. Dem Berliner Geheimrath ſah man, als er aus dem Kloſter kam, an, daß der Mann ſich, wohl wider⸗ willig genug ſehr klein vorkommen mußte. Die würdige Mutter ließ die Nonnen zuſammen⸗ kommen. Temme, Die Erbgrafen. III. 9 130 Sie theilte ihnen den erhaltenen Befehl, ihre Unter⸗ werfung mit. Es war ein ſchwerer Schlag für alle. „Aber“, ſagte mit ihrer klaren Ruhe die würdige Frau, „wir vor allen, meine Schweſtern, ſind darauf angewieſen und gewohnt, in Allem, was uns trifft, eine gnädige Fügung Gottes zu erblicken. So nehmen wir auch unſer gegenwärtiges Schickſal, wie ſchwer und hart es uns erſcheinen mag, mit unſerm Danke als eine göttliche Gnade auf.“ Sie unterwarfen ſich der Pflicht, der Demuth, der Höhe. Mit Ruhe und Ergebung ging jede einzelne Nonne ihre Sachen zu ordnen, um plötzlich und für immer ein Aſyl zu verlaſſen, das ſie in der Ueberzeu⸗ gung und in der Abſicht betreten hatte, ihre Tage darin zu beſchließen. Das Ordnen wurde ihnen leicht; deſto ſchwerer war der Gedanke des Abſchieds, und vor allem der, wo bleiben, wo noch heute, in wenigen Stunden ein neues Unterkommen finden, ein Unter⸗ kommen in der Stadt, deren Straßen, deren Häuſer, deren faſt ſämmtliche Bewohner ihnen unbekannt waren. Die Nonnen waren aus fremden, meiſt aus fernen Gegenden in das Kloſter gekommen; ſie hatten dieſes von dem Tage ihres Eintritts nie wieder verlaſſen 131 dürfen; ſie hatten nur die wenigen Menſchen geſehen, denen dann und wann ein Beſuch im Kloſter geſtattet war. Wo bleiben in der fremden Stadt unter den unbekannten Menſchen? „Für die Nacht werden wir im Gaſthofe eine Auf⸗ nahme finden“ hatte die würdige Mutter ihnen erklärt. „Wir bleiben dort beiſammen. Der morgende Tag wird uns weitern Rath und weitere Hülfe bringen.“ Aber ſchon der Abend, die nächſte Stunde brachte ſie ihnen. Was ſich im Kloſter zugetragen hatte, durchlief bald die kleine Stadt. Nach Verlauf kaum einer Stunde waren die ſämmtlichen wohlhabenden Bürgerfamilien übereingekommen, jede eine Nonne, wenn es ſein müſſe, zwei, auch drei bei ſich aufzunehmen und ihnen ſo lange eine Zufluchtsſtätte zu gewähren, bis ſie an Verwandte und Freunde ſich gewendet und durch dieſe ein ander⸗ weites feſtes Unterkommen gefunden hätten. In der Viertelſtunde darauf war das Kloſter be⸗ lagert von den Familien, die ſich ihre Nonnen abholen wollten. Es muß ein tief ſchmerzlicher und wunder⸗ bar erhebender Anblick geweſen ſein, als die armen frommen Schweſtern, geführt von den Bürgerfrauen, gefolgt von den Mägden, die ihre wenige Habe trugen, aufgelöſt in Thränen, die jetzt bei dem Verlaſſen ihrer 9* 132 Heimat unaufhaltſam floſſen, über die Kloſterſchwelle ſchritten, als draußen die Familienväter ſtill und ernſt ſie in Empfang nahmen und nach Hauſe geleiteten. Nie werde ich die Thränen vergeſſen, mit denen meine Mutter mir, dem ſiebenjährigen Knaben, das traurige Ereigniß erzählte. Meine Mutter war eine der erſten im Kloſter ge⸗ weſen. Sie wollte die würdige Mutter bitten, in ihr Haus einzukehren. „Wenn die letzte meiner Schweſtern untergebracht iſt, gehe ich mit Ihnen“, hatte die würdige Frau ge⸗ antwortet. Meine Mutter brachte dennoch eine andere, eine alte gebrechliche Nonne mit, die beſonderer Pflege bedurfte. Das hatte ſich ſo zugetragen: Wenige Augenblicke nach meiner Mutter war die Pförtnerin mit einem Billet an die würdige Mutter in deren Gemach erſchienen. Ein Fremder, den ſie in der Dunkelheit nicht erkannt, habe es ihr eilig über⸗ geben, mit dem Auftrage, es ſofort zu der würdigen Mutter zu tragen, und ſich dann auf der Stelle wieder entfernt. Die würdige Mutter öffnete das Billet, las es mit wachſendem Erſtaunen, überreichte es meiner Mutter. Es war das nämliche Zettelchen, das die würdige 133 Frau auf der Schwalenburg der Gräfin Ferdinande übergab. Es lautete: „Würdige Mutter! Ein Freund richtet die drin⸗ gende Bitte an Sie, den Wagen zu beſteigen, der um Mitternacht vor dem Kloſter halten und Sie in ein Haus führen wird, in welchem Ihrer eine freundliche Aufnahme und ein frommes Werk harrt.“ Eine Unterſchrift trug der Zettel nicht; er war von einer feſten, ſichern Manneshand geſchrieben. „Ein frommes Werk!“ ſagte die würdige Mutter. „Entſcheiden Sie.“ „Ein frommes Werk?“ ſagte auch meine Mutter. „Ich trete zurück.“ Um Mitternacht, als alle Schweſtern des Kloſters mit Ausnahme von einer bei den mildthätigen Ein⸗ wohnern der kleinen Stadt ein Unterkommen gefunden hatten, verließ die würdige Mutter mit der einen das Kloſter. Es war eine dienende Schweſter, die immer den beſondern Dienſt bei der würdigen Frau gehabt hatte. Still und einſam ſchritten ſie durch die offene Kloſterpforte. Auch die Pförtnerin war fort, ſie hatte die Pforte offen laſſen dürfen. 134 Wer hätte in die verlaſſene, dunkle, öde Jammer⸗ ſtätte eindringen mögen! Die würdige Mutter war die letzte, die über die Schwelle des Kloſters ſchritt. Sie war tief verſchleiert. Ob ihre Thränen floſſen, ob ihre Glieder zitterten, Niemand ſah es, Niemand weiß es; ſie ſelbſt hat nie davon geſprochen. Sie ſetzte mit ihrer Begleiterin ſich ſtill in den Wagen. Erſt als mit dem anbrechenden Morgen der Wagen hielt, fragte ſie den Kutſcher, wohin er ſie fahre. Nach der Schwalenburg“ war die Antwort, „dem Schloſſe des Erbgrafen von Wir ſind an Ort und Stelle.“ So hatte der preußiſche das Nonnen⸗ kloſter zu Waldenbrück aufgehoben. So war die fromme Vorſteherin des frommen Klo⸗ ſters nach der Schwalenburg gekommen. Wer hatte die würdige Frau hier angekündigt, her⸗ fahren laſſen? Es war unzweifelhaft eine und die⸗ ſelbe Perſon, von der die beiden Zettel an die würdige WMutter und an den Erbgrafen geſchrieben waren. Wer war es? Ein vornehmer Herr hatte den Zettel an den Erbgrafen dem Verwalter übergeben. Wer war es? „Der Johanniterritter!“ rief Evchen. — 135 Der Verwalter wurde gefragt. „Es wäre möglich“ konnte er nur erklären. Er hatte ſich wohl am Morgen den aus dem alten Thurme heraustretenden Ritter angeſehen, um ſo we⸗ niger aber am geſtrigen Abende in der Dunkelheit und Eile den Ueberbringer des Billets betrachten können. Und was für ein frommes Werk konnte auf der Schwalenburg der würdigen Mutter harren? Man fand gar keinen Anhalt dafür. Aber man kam auf den Ritter zurück. Evchen konnte von ihm erzählen. Sie mußte es. Sie erzählte zuerſt, wie ſie ihn in der Stadt Walden⸗ brück geſehen; wie ſie ihm dort am Nonnenkloſter be⸗ gegnet, wie er ſich bei ihr gleich nach der würdigen Mutter erkundigt, wie ſie ihm von dieſer habe erzählen müſſen, wie er beſonders gefragt, ob die würdige Mutter glücklich ſei, wie er ſie dann gebeten habe, mit der Matrone nicht von ihm zu ſprechen. „Jetzt aber, würdige Mutter“ ſchloß Evchen, „glaubte ich doch Ihnen Alles ſagen zu müſſen.“ „Und Du thateſt wohl daran, mein Kind“, ſagte die Matrone. Die Mittheilung des Mädchens hatte ſie mehr und mehr beunruhigt, alte, ſchmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt, von denen Evchen ſchon zu dem Ritter ge⸗ 136 ſprochen hatte, Zweifel in ihr hervorgerufen, und wie⸗ der Erinnerungen und wieder Zweifel, und zuletzt jene ſtille und klare Ergebung der wahren Frömmigkeit, die ſich den Fügungen des Himmels, als den Fügungen der Allweisheit und Allgüte, unterwirft. „Du thateſt recht daran, mein Kind“ ſagte ſie da, und ſie ſprach nur dieſe Worte. Die Gräfin meinte: „Der Ritter und der Fremde, der hier war, ſcheinen in der That eine und dieſelbe Perſon zu ſein. Aber wer iſt esd? Wer?“ Die würdige Mutter hatte keine Antwort auf die Frage. Evychen aber erzählte weiter, wie der Ritter auch nach ihr ſich angelegentlich erkundigt, wie er ſie, als ſie ihm ihren Namen mitgetheilt, ſogleich Eochen ge⸗ nannt, wie er noch an demſelben Abend nach Seehauſen gekommen, wie er dort ſchmerzlich bewegt über den See geſchaut, ſie nach ihrer verſtorbenen Mutter gefragt. Die Gräfin Ferdinande war aufmerkſam geworden; ſie ſprang auf. Eychen ſah ſie verwundert an. „Weiter, weiter!“ rief die Gräfin. Evchen, wenn ſie ehrlich fortfahren wollte, hätte jetzt erzählen müſſen, wie der Ritter ſie vor dem Erb⸗ grafen Leopold gewarnt habe. Konnte ſie es? — 137 „Er ſprach von dem gräflichen Hauſe Werdenburg“, ſagte ſie. „Und was ſprach er davon?“ „Er erwähnte das ſeltſame Geſchick der Erbgrafen in der Familie und den Fluch, der freilich nur ein Aberglaube ſei.“ Die Gräfin Ferdinande war in tiefes Nachdenken verſunken. Es mochten Ahnungen und Zweifel ſchnell und unruhig genug in ihrem Innern auftauchen, einander jagen und verjagen und doch wiederkehren. Ihre äußerliche Ruhe bewahrte ſie, aber man ſah es ihr an, es hatte in ihrem Innern aus den Zweifeln und Ahnungen eine Gewißheit ſich hervorgekämpft, eine Gewißheit, die ihren Gedanken auf einmal eine ganz andere, neue Richtung gab, ſie zu Entſchlüſſen drängte, über die ſie nur in den Augenblicken der gegenwärtigen Unruhe und Sorge nicht mit ſich einig werden konnte. Der alte Konrad trat raſch und eilig in das Zim⸗ mer. Er hatte Angſt und Schreck im Geſicht. „Was gibt es wieder, Konrad?“ „Die Dragoner hielten lange Zeit Rath mit einander. Dann befahl der Lieutenant von Marnitz mir, Euer Gnaden zu ſagen, daß ſeine ſchon vorher ausgeſprochene Drohung wahr gemacht werden müſſe. Er werde das ganze Schloß durchſuchen laſſen, Zimmer für Zimmer, 138 Raum für Raum. Alle Bewohner hätten es unterdeß zu verlaſſen, und er fordere Euer Gnaden auf, mit den Damen auf der Stelle den Anfang zu machen, wenn Sie ſich nicht Unannehmlichkeiten ausſetzen wollten.“ Die Gräfin Ferdinande hatte ihre ganze ſtolze Ruhe. „Würdige Mutter“, wandte ſie ſich zu der Matrone, „könnten Sie, trotz Ihrer Ermüdung, ſich entſchließen, mit mir nach Schloß Werdenburg zu fahren? Wir ſind in einer Stunde da und dort hoffentlich den In⸗ ſolenzen roher Soldaten nicht ferner ausgeſetzt.“ „Ich nehme Ihren Schutz mit Dank an“ erwiderte die würdige Mutter. Die Gräfin wandte ſich an den Verwalter. „Laſſen Sie ſofort zwei Wagen anſpannen.“ Dem alten Konrad befahl ſie dann: „Die Wärterin Annettens ſoll mit dem Kinde ſich zur Mitfahrt bereit halten. Bringe ſie gleich mit herunter.“ Der Verwalter und der Diener gingen. „Eychen, auch Du wirſt uns begleiten. Machen wir uns alle fertig.“ Sie waren es in kurzer Zeit. Zwei Wagen ſtanden draußen vor dem Portale angeſpannt. —— 139 Dragoner ſtanden mit mißtrauiſchen Geſichtern um⸗ her. Sie warteten auf einen Befehl. Der Lieutenant von Marnitz erſchien. „Durchſucht die Wagen“ befahl er. Die Wagen wurden durchſucht. Der Offizier muſterte unterdeß die beiden Kutſcher. Die Dragoner meldeten, daß in den Wagen nichts gefunden ſei. Sitze und Boden und Kaſten und Ta⸗ ſchen ſeien unterſucht; es könne keine Maus, geſchweige ein Menſch darin verborgen ſein. Das Portal war von der Schildwache beſetzt ge⸗ halten. „Die Thür jetzt frei!“ befahl der lange Lieutenant. Die Schildwache trat zurück. „Einzeln hervortreten!“ commandirte der Offizier in das Portal hinein. Die hohe, ſtolze, ſchöne Geſtalt der Gräfin Ferdi⸗ nande ſchritt vor. Der Offizier wollte an ſie herantreten; er wollte ſie muſtern, wie die Kutſcher, ob ſie wohl das ſei, was er im Schloſſe ſuche. Er hatte ſie vielleicht anfaſſen, körperlich viſitiren wollen. Er trat unwillkürlich vor der Höhe, vor dem ſtolzen, ſtrengen Blick der vornehmen Dame zurück. Er wurde roth, wieder blaß. 140 Die Gräfin warf ihm einen kurzen Blick zu. Er las genug darin. „Der will dem deutſchen Adel angehören und leiſtet Schergendienſte!“ Sie wandte ſich zurück, der würdigen Mutter den Arm zu bieten. Sie führte die Matrone zum Wagen. Der Offizier ließ ſie ungehindert an ſich vorbei⸗ gehen. Evychen folgte. Der lange Lieutenant kannte ſie. Er hatte ſie vor⸗ geſtern im Vogelſang'ſchen Garten zu Waldenbrück ge⸗ ſehen. Sie war beſorgt, ängſtlich geworden, als er ſich hatte zu ihr ſetzen wollen. Sie zeigte jetzt keine Furcht. Sie ging ſo ruhig, ſo ſicher an ihm vorüber; ſie hatte kaum einen flüchtigen Blick für ihn, und der Offizier glaubte daſſelbe zweifelhafte Mitleiden darin zu finden, das die Gräfin ihm ſo offen gezeigt hatte. Der Zorn des langen Lieutenants entbrannte. Die Bürgerliche! „Halt!“ rief er ihr zu. Evchen ſtand. Er trat mit ſeinem ganzen Weſen, das wir oft kennen gelernt haben, zu ihr. „Hm, mein Schätzchen, vorgeſtern erlaubte mir Ihre g 141 Schüchternheit nicht, Ihre nähere Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, wird es heute Ihr Stolz erlauben?“ Mit Evchen war ſeit vorgeſtern doch wohl noch eine andere Veränderung vorgegangen, als daß ſie da⸗ mals ſich ſchüchtern gezeigt hatte und jetzt ſicher an dem Offizier vorübergehen konnte. „Was wünſchen Sie von mir, mein Herr?“ fragte ſie. „Eine Kleinigkeit, mein Schätzchen.“ Eychen ging ruhig weiter, ruhig und ſtolz, wie nur die Gräfin zu dem Wagen gegangen war. „Werden Sie gehorchen?“ ſprang der Offizier ihr nach. „Ich befehle hier im Namen meines Königs!“ „Mein Herr“, ſagte Eochen Treue, „betragen Sie ſich, wie es einem Offizier Ihres Königs zukommt.“ Er wollte ſie anfaſſen. „Wagen Sie es!“ rief das Mädchen, und ihr Ge⸗ ſicht glühte und ihre Augen flammten. Sie ſchritt zu dem Wagen. Der Offizier wagte nicht ſie aufzuhalten. Die Gräfin Ferdinande hatte der alten würdigen Mutter in den Wagen geholfen. Sie war am Schlage ſtehen geblieben. Sie umarmte Evchen. „Kind, ſeien wir Freundinnen, Schweſtern!“ Und die ſtolze Gräfin hob die Schreiberstochter in den Wagen, und Evychen ſträubte ſich nicht, als ſie Thränen in den Augen der Dame mit dem ſchönen, herben und doch ſo unglücklichen Geſicht ſah. Wie kamen in dieſem Augenblicke Thränen in die Augen der Gräfin? Der alte Konrad hatte unterdeß die Wärterin mit dem Kinde und die Begleiterin der würdigen Mutter — Schweſter Urſula hieß ſie, ich werde ſpäter noch von der guten dicken Schweſter erzählen — in den zweiten Wagen gehoben. Der lange Lieutenant kannte die Wärterin, hatte die Schweſter ſchon bei ihrer Ankunft geſehen. Die Gräfin Ferdinande war noch nicht eingeſtiegen. Sie rief den alten Konrad zu ſich. Er ſollte auf der Schwalenburg bleiben. Sie hatte noch eine Frage an ihn. Sie nahm ihn auf die Seite. „Haſt Du den Fremden geſehen der dem Verwalter das Billet übergeben?“ „Nein, Euer Gnaden.“ „Auch nicht den Ritter, der in dem Ruinenthurme geweſen war?“ „Auch ihn nicht, gnädigſte Comteſſe.“ „Du kannteſt die beiden verſchwundenen Erbgrafen Leopold und Franz, die Brüder meines Vaters?“ „Wie kommen Euer Gnaden zu der Frage?“ 143 „Beantworte ſie mir.“ „Gewiß kannte ich die beiden Herren. Ich wuchs ja gleichſam mit ihnen auf.“ „Du würdeſt ſie alſo wiedererkennen?“ „Auf den erſten Blick, und wenn ich hundert Jahre alt würde.“ „Sage Niemand, was ich mit Dir ſprach.“ „Zu Befehl, Euer Gnaden.“ Die Gräfin kehrte zu dem erſten Wagen zurück, ſtieg ein. Beide Wagen fuhren ab. Fünftes Kapitel. Um vier Uhr des Morgens, im Sommer wie im Winter, wurden und wird noch heute auf dem kleinern der beiden Thürme der Franciscanerkirche zu Walden⸗ brück ein feines Glöckchen geläutet, um durch zwölf regelmäßig und langſam auf einander folgende Schläge kund zu geben, daß in der Kloſterkirche die Mette be⸗ ginne. Nur an zwei Tagen im Jahre ertönt das Glöcklein nicht; es ſind der Charfreitag und der Sonn⸗ abend vor dem Oſtertage. Die Mette wird auch an dieſen Tagen gehalten, aber von dem Schluſſe des feierlichen Hochamts am grünen Donnerstag bis zu der Stunde der Mitternacht, mit welcher der Oſter⸗ morgen beginnt, während der Leidenszeit des Herrn, wird in und auf den katholiſchen Kirchen keine Glocke 145 geläutet, ſondern zu dem Gottesdienſte wie zu dem Morgen⸗, Mittags⸗ und Abendgebete durch hölzerne Knarren gerufen. So geſchah es auch an dem Morgen des Charfrei⸗ tags im Jahre 1806, von dem wir hier erzählen. Die Knarre rief auch im Kloſter die Mönche zu der Mette. Sie verſammelten ſich in dem Chor der Kirche. Sie traten in dieſe durch den bedeckten und ummauerten Bogengang, der, über die dazwiſchen lie⸗ gende Straße geſpannt, Kirche und Kloſter mit einander in Verbindung bringt. Patres und Brüder nahmen an der frühen Mette Theil. Nur drei fehlten. Es waren der Pater Guar⸗ dian, der Bruder Pförtner und der Bruder Servatius. Den Pater Guardian hielt ſeine Krankheit zurück; ſein Zuſtand hatte ſich ſeit dem vorgeſtrigen Tage nicht gebeſſert. Der Bruder Pförtner durfte die Kloſterpforte nicht verlaſſen. Und der arme Bruder Servatius — er hatte ſich anführen laſſen durch den liſtigen, betrügeriſchen Vogel⸗ händler, einen Menſchen von jener Sorte, welche durch allerlei Künſte und Betrügereien anſtatt hellſchlagender Männchen den Leuten ſtumme Weibchen für theures Geld aufzubinden wiſſen. Als einen ſolchen Betrüger Temme, Die Erbgrafen. III. 10 146 hatten ſeine Trugkünſte jetzt ſogar den frommen Bruder ſelbſt in ſein frommes Kloſter heimgeſchickt, in grauer Jacke, mit dem eingeknickten, breitkrempigen Hute und mit dem großen Vogelkaſten auf dem Rücken. So hatte der Bruder Servatius in ſein Kloſter zurückkehren müſſen, zum Glück in dunkler Nacht, wo Niemand ihn ſah und die ſchlafenden Vögel ruhig waren. Und wo war ſein Mönchshabit unterdeß? Welche Streiche und Verbrechen übte der freche Betrüger unter der frommen Maske aus? In die Augen des Bruders war kein Schlaf gekommen. Ohne ſein Habit durfte er nicht zur Mette gehen. Er ſaß bei dem Bruder Pförtner in deſſen Zelle. Dort hing auch der große Kaſten mit den Vögeln. Man mußte immerhin annehmen, daß ſie, eine theure Waare, würden abgeholt werden. Darum waren ſie gleich vorn am Eingange des Kloſters geblieben. Da⸗ rum hatte ſich auch wohl der Bruder Servatius, ſobald die Knarre zur Frühmette rief, in der Pförtnerzelle ein⸗ gefunden, allerdings nicht mit ſehr chriſtlichen Gedanken. „Seht, Bruder Pförtner“ ſagte er, „ich habe ein paar kräftige Fäuſte, die was Ehrliches in der Welt gearbeitet haben. Eine luſtigere Arbeit hätten ſie aber noch nicht gehabt, als wenn jetzt der Spitbube käme, der mir mein Habit geſtohlen hat.“ 147 „Es ſoll aber ein kräftiger Menſch ſein, ſagtet Ihr, Bruder Servatius.“ „Ihr werdet mir beiſtehen, Pförtner.“ „Hm, Freund Servatius, ich bin ein alter Mann, und dann bedenkt — eine Schlägerei im Kloſter und zwar gerade am heiligen Charfreitagsmorgen!“ „Aber wenn ich den Kerl ſehe, werde ich mich nicht halten können. Seht, das Herz im Leibe müßte ſich mir ja umdrehen.“ „Vergebet euren Feinden, heißt es, Bruder Serva⸗ tius! Uebrigens iſt der Menſch noch nicht da, und er wird auch ſchwerlich ſelbſt kommen, um ſich eine Tracht Prügel zu holen. Laßt Euch unterdeß erzählen, was ſeit Eurem Weggange geſtern früh ſich hier zugetragen hat.“ Der Bruder Pförtner erzählte gern, der Bruder Servatius hörte gern zu. Der Bruder Pförtner erzählte zuerſt von dem gro⸗ ßen Tagesereigniſſe, der Austreibung der Nonnen. „Was ſoll nun aus den armen Perſonen werden?“ jammerte er. Den Bruder Servatius ſchien die Sache jedenfalls nicht näher anzugehen als der Verluſt ſeines Habits und ſeine Rache. „Vorläufig ſind ſie ja untergebracht“ meinte er. 10* 148 „Für zwei oder drei Tage. Aber dann?“ „Der liebe Gott wird ſchon weiter für ſie ſorgen, Bruder Pförtner.“ „Aber die Welt draußen iſt ſündhaft, und es ſollen auch junge und hübſche unter ihnen ſein.“ „Hört, Bruder Pförtner, die werden auch in der ſündigen Welt draußen ſchon fortkommen.“ „Leider, leider, Bruder Servatius. In dem Kloſter lebten ſie ſo fromm!“ „Das muß man ihnen laſſen, Bruder Püörtner. 2 Damit war der geſprächige Bruder Pförtner auf ein heikles Kapitel gebracht. „Ja, ja, Bruder Servatius. Aber Ihr ſeid noch nicht ſo lange hier wie ich. Früher war das nicht ſo. Es ſollen da manchmal ſeltſame Dinge unter den from⸗ men Nonnen vorgegangen ſein. Man durfte nur nicht davon ſprechen. Auch mit unſerm Kloſter ſollen ſie in allerlei Verkehr geſtanden haben. Aber ſeitdem ich hier bin, iſt nichts mehr vorgefallen. Unſer Pater Guardian und drüben die würdige Mutter haben ein anderes und ſtrengeres Leben eingeführt. Sie ſind beide ungefähr zu gleicher Zeit hergekommen; ein oder zwei Jahre nachher kam ich ins Kloſter. Schon ſeit der Zeit durfte kein Mönch mehr in das Nonnenkloſter kommen, und es wurde ſo ſtreng darüber gehalten, 149 daß der Pater Guardian und die würdige Mutter kein einziges Mal ſich ſelbſt geſehen haben. Sie haben wohl beide viel Verlangen danach gehabt. Der Pater Guar⸗ dian ſprach oft davon, daß die würdige Mutter eine ſo fromme und ſogar gelehrte Frau ſein müſſe, und daß er ſie gern kennen lernen möchte, und ſie ſoll von ihm wie von einem Heiligen geſprochen haben.“ „Na“, meinte der Bruder Servatius in ſeiner Weiſe, „da werden ſie ſich ja jetzt wohl mal ſehen.“ Das brachte den Pförtner wieder auf etwas Anderes. „Ich fürchte, daß es nicht ſo ſein wird“ ſagte er. „Sie darf als Frau nicht in unſer Kloſter kommen, und er, er wird wohl lebend an dieſer Pförtnerzelle nicht mehr vorüberkommen.“ „Steht es wieder ſchlechter mit ihm?“ fragte der Bruder Servatius. Der Bruder Pförtner zuckte die Achſeln. „Seit der Geſchichte von vorgeſtern, mit dem De⸗ ſerteur und dem preußiſchen Offizier?“ „Ich glaube, es war mehr die Geſchichte mit dem fremden Johanniterritter.“ „Den hatte er ja kaum geſehen.“ „Das muß es eben ſein. Es iſt, als wenn ihm ein Geſpenſt erſchienen ſei, ein böſer Geiſt. Der alte Bruder Gärtner, der neben ihm ſchläft — er und ich 150 ſind mit dem Pater Guardian die Aelteſten im Kloſter — der hat mir erzählt, daß der arme Pater Guardian ſeitdem keine Ruhe mehr hat, ſelbſt im Schlafe nicht. Er fährt oft auf und ſpricht dann allerlei Dinge. Das Meiſte iſt nicht tzu verſtehen, aber zweimal hat der Gärtner gehört, daß er Blut! Blut! gerufen hat, und einmal hat er mit ſchrecklich ſchauerlicher Stimme das Wort Brudermörder ausgeſprochen. Wenn das nicht bald anders mit ihm wird, lange kann er es ſo nicht aushalten. Und wenn er ſtürbe, es wäre ein großer Verluſt für unſer armes Kloſter. Es ſtehen ſchwere Zeiten vor uns, und der Pater Guardian iſt ein Mann, der nie den Kopf verlor. So einen be⸗ kommen wir nicht wieder.“ Der gute Bruder Pförtner verfiel in Nachdenken. Der Bruder Servatius hatte auch ſeine Gedanken. „Ja, Bruder Pförtner, ſchlimme Zeiten ſind es, und ſie ſind ſchon da. Wer hat das jemalen erlebt, daß kein Herr Jeſus und kein Simon da waren! Ich weiß nicht, was wir heute Nachmittag machen ſollen, wenn der liebe Gott kein Wunder thut.“ War der Bruder Pförtner auch ein Schalk? „Ein Wunder braucht er nun juſt nicht zu thun“ ſagte er. „Der Pater Guardian braucht nur ein Wort zu ſprechen.“ „Und was für ein Wort wäre das?“ „Daß Ihr den Simon macht und —“ Der Bruder Servatius fuhr entſetzt auf. „Ich? Nimmermehr! Ich bin kein Verbrecher, kein Räuber, kein Mörder!“ „Aber Sünder ſind wir allzumal, Bruder Servatius.“ „Die Andern alſo auch!“ jammerte der Bruder Servatius. „Und ich allein ſoll büßen!“ „Es iſt doch nur ein Simon nöthig“, meinte der Bruder Pförtner. Der Andere wollte etwas darauf erwidern, als auf einmal der Klingeldraht der Kloſterpforte gezogen wurde, nur ganz leiſe, faſt wie ſchüchtern. Die Glocke, die im Gange unmittelbar vor der Zelle des Pförtners hing, konnte trotz der Stille des Kloſters und des Mor⸗ gens in der Zelle kaum gehört werden. „Wenn da doch noch ein Simon käme“, rief der Bruder Servatius. „Es könnte auch ein Herr Jeſus ſein“, bemerkte der Pförtner. „Aber — heiliger Franz von Aſſiſi!“ rief er auf einmal. Er hatte durch das Fenſter ſeiner Zelle geblickt. Man konnte von innen durch daſſelbe ſehen, wer draußen an der Klingel zog. Der Tag war kaum angebrochen. Die Zelle wurde 152 nur durch das kleine Oellämpchen darin matt er⸗ leuchtet. Draußen auf der Straße herrſchte noch das halbe Dunkel der Nacht. Der Bruder Pförtner hatte trotzdem etwas erkannt. „Heiliger Franciscus von Aſſiſi, da ſteht einer aus unſerm Orden vor der Pforte!“ „Der Vogelhändler!“ rief der Bruder Servatius „Mein Betrüger! Mein Dieb!“ Er hielt den Pförtner zurück, der hinaus wollte, um zu öffnen. „Einen Augenblick, Bruder Pförtner. Mir fällt etwas ein. Der Kerl muß den Simon machen, das ſoll ſeine Strafe ſein.“ „Seid Ihr toll, Bruder Servatius? Dazu darf kein Menſch gezwungen werden.“ „Wir wollen ihn ja auch nicht zwingen.“ „Was wollt Ihr denn mit ihm?“ „Hört mir zu, Bruder Pförtner. Ihr bringt ihn nicht hierher. Ihr führt ihn in die Kammer hinter der Küche und ſagt ihm, ſeine Vögel und ſeine Klei⸗ dung ſollten ihm dahin geſchafft werden. Dann ſchließt Ihr ihn darin ein und das Weitere überlaßt Ihr mir; ich werde ſchon mit ihm fertig werden.“ Der Bruder Servatius hatte auch ſeine Liſten auf ſeine Weiſe. 3 153 Die Kammer hinter der Kloſterküche war am Char⸗ freitage zur Aufnahme und Einkleidung des Simon beſtimmt, der am Nachmittage in der Proceſſion dem Herrn Jeſus das Kreuz tragen helfen mußte. Der liſtige Bruder dachte ſich wohl, wenn er den Betrüger von Vogelhändler einmal in der Kammer habe, ſo habe er zugleich ſeine Rache und ſeinen Stell⸗ vertreter. „Macht mir aber keinen Spectakel im Kloſter“ warnte nur der Bruder Pförtner. Dann öffnete er die Kloſterpforte. Ein langer Mann in Mönchstracht ſtand in dem Halbdunkel des frühen Morgens vor ihm. „Verzeihung, hochwürdiger Herr“, ſagte der Mann höflich in ſeinem ſchärſſten thüringiſchen Dialekt, daß ich ſo in der Frühe hierher komme, aber es wurde mir befohlen, vor der Tageshelle hier zu ſein.“ „Wer befahl es Ihnen?“ fragte der Pförtner. „Ein fremder Herr, hochwürdiger Herr.“ „Und was ſollen Sie hier?“ „Ich ſoll hier meine Vögel und meine Kleider abholen.“ „Ah ſo! Kommen Sie mit mir.“ Die Kloſterküche lag in einem Seitengange. Der Bruder Pförtner wollte den Fremden in den Gang führen. Sie mußten an der Pförtnerzelle vorüber. 154 Auf einmal wurde es lebendig in der Zelle. Weckte die eindringende Morgenhelle die Vögel auf oder hatten die Thiere die Stimme ihres Herrn gehört und erkannt, in dem Kaſten, der bis dahin ſtill und ſtumm in ei⸗ nem Winkel geſtanden hatte, wurde es auf einmal laut und immer lauter. All das befiederte Gethier, das darin war, begann zu ſingen, zu zirpen, zu zwitſchern, zu ſchreien, die Flügel zu ſchlagen, hin und her, auf und nieder zu ſpringen, zu fliegen, zu flattern. Es war ein Höllenlärm. „Ach, Herr Jeſus, meine Thiere, meine lieben Thier⸗ chen!“ rief der Thüringer, und keine Gewalt der Erde hätte ihn von der Zelle fortgebracht. Er riß die Thür auf, ſtürzte zu ſeinen Thieren, ſeinem Kaſten. Der Lärm wurde toller, wenn es möglich war. Und in dem tollen Lärm kam die Berſerkerwuth über den frommen Bruder Servatius. Er hörte nichts mehr. Sehen konnte er in der halb dunklen Zelle ohnehin nicht. „Infamer Spitzbube! Halunke! Habe ich Dich?“ Er hatte mit kräftigen Fäuſten den Vogelhändler von hinten gepackt; er wollte ihn niederreißen, Der Vogelhändler war ein höflicher Menſch. 155 „Hülfe!“ rief er. „Herr Jeſus, Hülfe! Ein toller hochwürdiger Herr Pater!“ Er war aber auch ein kräftiger Menſch. Als die Fäuſte des tollen hochwürdigen Herrn Paters ihn nicht loslaſſen wollten, gebrauchte er die ſeinigen. Es entſtand ein Ringen und Balgen in der Zelle. „Helft mir, helft mir, Bruder Pförtner, gegen den Spitzbuben“ rief der Bruder Servatius. „Ein Toller, ein Verrückter!“ rief der Vogelhändler. Die Vögel ſchrieen und kreiſchten dazwiſchen und wollten den Kaſten ſtürmen. „Herr des Himmels“ rief eine Stimme in die Zelle hinein, „wird in dem frommen Franciscanerkloſter'ſo der Charfreitag eingeweiht?“ Die Streitenden und Kämpfenden ließen von ein⸗ ander los. Der Bruder Servatius hörte und ſah auf einmal. „Das iſt der Rechte!“ rief er. „Der Kerl hat mich betrogen. Das iſt der Spitzbube!“ Und er ſchickte ſich an, mit ſeiner ganzen Wuth und ſeiner ganzen Kraft über Leonidas Stapelmann her⸗ zufallen. Wie kam der Zeiſiggrüne in der erſten Morgenfrühe des Charfreitags in das Franciscanerkloſter zu Walden⸗ brück? Wir ſahen ihn zuletzt in der Bergveſte auf dem Sparrenberge. Der finſtere Schließer Knauſt ſhatte ihm nur noch eine Viertelſtunde Zeit gelaſſen, um ſein Bauchgrimmen zu verlieren und die Feſtung zu verlaſſen. Leonidas Stapelmann hatte darauf zu ſich ſelbſt geſagt: „In fünfzehn Minuten kann ein geſcheidter Menſch fünfzehn geſcheidte Einfälle haben.“ Es kam darauf an, von den fünfzehn geſcheidten Einfällen nur einen einzigen zu finden. Leonidas Stapelmann ging in der That nur kurze Zeit mit ſich zu Rathe. Dann verließ er die Schließer⸗ ſtube, in der er ſich befand. Es war unterdeß völlig dunkler Abend geworden. „Kaspar Schröder!“ rief er leiſe in die Finſterniß hinein. Das kleine freundliche Männchen, das eigentlich ein Straßenräuber war, tauchte aus der Dunkelheit vor ihm auf. „Hier, Herr Stapelmann!“ „Was macht Nummer zwei?“ „Kann die zehnte Stunde nicht erwarten, Herr Stapelmann.“ „So ſage ihm, daß er ſich gleich fertig machen ſoll.“ „Jetzt gleich, Herr Stapelmann?“ 157 „Auf der Stelle, wie ich Dir ſage. Aber ich gehe mit Dir. Warte einen Augenblick!“ Leonidas Stapelmann kehrte in die Zelle des Schlie⸗ ßers zurück. Hier hing an der Wand unter einer Pelzmütze eine alte graue Soldatenjacke. Sie war das Hauskleid des Schließers, wenn der Dienſt für ihn vorbei war. Leonidas Stapelmann nahm Jacke und Mütze an ſich und kehrte dann in den dunklen Flur vor der Zelle zurück. Kaspar Schröder wartete dort auf ihn. „Du haſt den Schlüſſel zu Nummer zwei?“ fragte ihn der Zeiſiggrüne, der noch in der braunen Mönchs⸗ kutte ſteckte. „Wohl verwahrt, Herr Stapelmann.“ „Führe mich hin.“ Der kleine Gefangenwärter, der ſelbſt hier Bau⸗ gefangener war, ging langſam und leiſe in die Dunkel⸗ heit hinein. Leonidas Stapelmann folgte ihm. „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Stapelmann, hier geht es hinunter, neun Stufen.“ Sie gingen eine alte, dunkle ſteinerne Treppe hin⸗ unter, richtige neun Stufen. Sie waren unten in einem ſtockdunklen Raume; man ſah nicht die Hand vor den Augen. 158 „Wo ſind wir hier, Burſche?“ „In dem Kaſemattengange, Herr Stapelmann.“ „Haben wir weit zu gehen?“ „Bis zu der zweiten Thür rechts.“ Es waren kaum zehn Schritte, die ſie zurückzulegen hatten. „Hier“ ſagte der kleine Gefangene. Sie blieben beide ſtehen. Sie ſtanden vor der Zelle Nummer zwei. Der Kleine hatte ſeinen Schlüſſel ſchon in der Hand Er hatte ihn ſchon früher von Leonidas Stapel⸗ mann erhalten. Der Zeiſiggrüne war ein Mann, der, nach dem Sprichworte mit allen Hunden gehetzt, ſich auf alle Fälle vorzubereiten pflegte. So hatte er, ohne daß ſein Freund Peter Knauſt eine Ahnung davon hatte, wenn er dieſen beſuchte, deſſen Schlüſſelbund in die Hände zu bekommen und von dem Schlüſſel zu der Kaſematte Nummer zwei einen Abdruck in Wachs zu machen gewußt. Nach dem Abdruck ließ er ſich einen Schlüſſel anfertigen. Der kleine Gefangene hatte ihn ſchon früher verſuchen müſſen, ob er ſchließe; er ſchloß. Er ſchloß auch heute, leicht, ohne Geräuſch. Der Kleine und hinter ihm Leonidas Stapelmann ſchritten über eine Thürſchwelle. 159 Sie waren in einem Raume, in dem es genau ſo dunkel war als in dem Gange, aus dem ſie kamen. „Wer iſt da?“ fragte hinten in dem Dunkel eine Stimme. „Euer Gnaden, ich bin da, Leonidas Stapelmann, Ihr Befreier.“ Er mochte in und trotz der vollkommenen Finſterniß ſtolz genug vortreten, der Herr Leonidas Stapelmann. „Wer führt Sie hierher?“ fragte die Stimme in der Dunkelheit. „Ich bin es, Nummer zwei!“ antwortete der kleine Straßenräuber. Man hörte hinten in der Zelle ſich Jemand er⸗ heben; ſehen konnte man nichts. Leonidas trat vor zu dem Gefangenen. „Euer Gnaden, wir müſſen die Kleidung wechſeln, vielmehr Sie müſſen die meinige anziehen. Es iſt aber nicht viel. Hier!“ Er hatte ſeine Mönchskutte ſchon ausgezogen. Er hielt ſie dem Gefangenen hin. „Das iſt Alles, Euer Gnaden.“ „Und was iſt es?“ „Ein Franciscanerhabit. Sie brauchen es nur über⸗ zuwerfen. Es reicht bis auf die Füße, und die Kapuze ziehen Sie ſich über das Geſicht.“ 160 Der Gefangene war bald damit fertig. Leonidas Stapelmann hatte ſeine Umkleidung faſt noch früher beendet. Er hatte nur die alte graue Soldatenjacke anzuziehen und die Pelzmütze aufzuſetzen. „Sind Sie fertig, Euer Gnaden?“ „Ja. Aber warum gehen wir ſo früh? Vor der verabredeten Stunde?“ „Weil Euer Gnaden Bauchgrimmen haben.“ „Wie?“ „Ja, ja, vergeſſen Sie das nur nicht. Sie müſſen auch hübſch ſtöhnen und ſich krümmen, wenn es gerade darauf ankommt. Gehen wir.“ „Ich bin bereit.“ „Wollen Sie nichts von hier mitnehmen?“ „Nein, nein!“ erwiderte der Gefangene wie mit Entſetzen. „Kaspar Schröder, ſo lege Dich auf die Pritſche des Herrn und decke Dich ordentlich zu und verbinde Dir den Kopf, und wenn der Herr Lieutenant Haſſel kommt —“ „Hat nicht der Graf Hochwald heute Nacht die Runde?“ fragte der Gefangene. „Nein, Euer Gnaden. Von dem Grafen Hochwald läßt heute Nacht eine ſchöne Dame ſich den Hof machen.“ Der Gefangene fragte nicht weiter. 161 Leonidas Stapelmann fuhr zu dem kleinen Straßen⸗ räuber gewendet fort: „Dann ſtöhne Du auch, aber manierlich, wie ein vornehmer Herr.“ „Soll geſchehen, Herr Stapelmann.“ „Haſt Du ſchon gehört, wie ein vornehmer Herr es macht?“ „Ich werde es ſchon machen, Herr Stapelmann; fein, ſehr fein.“ „Biſt Du des Teufels, Kerl? Grob, grob! Ein vornehmer Herr muß immer grob ſein.“ Er verließ mit dem Gefangenen die Zelle. Draußen ſchloß er die Thür ab; den Schlüſſel ſteckte er zu ſich. „Kennen Sie den Weg hier, Herr Gefangener?“ fragte Leonidas Stapelmann ſeinen Schützling. „Ich durfte nie meine Zelle verlaſſen“, war die Antwort. „Und wie lange ſitzen Sie hier?“ „Seit etwa einem Jahre.“ „Wo waren Sie früher, Herr Gefangener?“ „In mehreren Feſtungen.“ Der Befragte antwortete es etwas kurz, überdrüſſig Er konnte von ſeinem Begleiter in der Dunkelheit nichts ſehen, er hatte ihn auch ſeines Wiſſens noch nie in Temme, Die Erbgrafen. III. 11 162 ſeinem Leben geſehen. Sein Ohr mochte in den wenigen Augenblicken ihm ſchon klar genug gemacht haben, mit was für einem Menſchen er es zu thun habe. „Faſſen Sie mich an und halten Sie ſich nur immer feſt zu mir“ fuhr Leonidas Stapelmann fort. Der Gefangene mußte es; er konnte es wohl nur mit Widerſtreben. „Haben Sie Muth, Herr Gefangener?“ fragte der Großſprecher dann. „Herr —“ wollte doch der Gefangene auffahren. „Ueberzeugen Sie ſich, wenn es darauf ankommt“, erwiderte er. „Das könnte bald der Fall ſein“, meinte Leonidas Stapelmann. Der Renommiſt ſollte Recht darin haben. Sie waren am Fuße der Treppe angelangt, die zu den Kaſematten hinunterführte. Oben an der Treppe wurde ein leiſes Geräuſch hörbar. Es ſchien Jemand dort in dem Gange vor der Zelle des Schließers zu ſchleichen, in dem Augen⸗ blicke, als man es hörte, aber auch ſtill zu ſtehen. Auch Leonidas Stapelmann machte Halt, als wenn er ſich beſinnen oder weiter horchen wolle. „Wer kann es ſein?“ flüſterte der Gefangene. „Es iſt der Schließer.“ 163 Der Gefangene war von ſeiner Befreiung gerade durch den Schließer vorher unterrichtet worden. „Warum gehen wir dann nicht weiter?“ fragte er. „Weil ich darüber nachdenke“, antwortete Leonidas Stapelmann, „ob ich den alten Spitzbuben nieder⸗ ſchießen ſoll.“ Der Gefangene war überraſcht. „Warum wollten Sie das? Ich denke, er führt 8 uns weiter?“ „Er iſt ein Verräther, mein Herr!“ „Sprechen Sie die Wahrheit?“ „Beim Zeus, der Kerl hat den Muth verloren. Er will nichts mehr von der Sache wiſſen. Aber —“ „Was wollten Sie noch ſagen?“ „Kommen Sie. Ein Mann kehrt auf halbem Wege nicht zurück.“ „Und was wollen Sie mit dem alten Schließer?“ „Ihn niederſchießen! Dennoch!“ „Ein Menſchenleben für mich?“ fragte der Gefangene. „Ah, Sie haben keinen Muth! Wenn ſo die Könige denken wollten, wie klein wäre dieſe Welt! Groß iſt ſie freilich nicht. Kommen Sie muthig mit mir, mein Herr. Ich befreie Sie oder ich gehe mit Ihnen zu Grunde.“ Es lag in dem Tone des Prahlers doch etwas, 11 164 was dem Gefangenen Vertrauen einzuflößen ſchien. Einen Verräther glaubte er wenigſtens nach Allem nicht an ſeiner Seite zu haben. „Gehen wir vorwärts“ ſagte er. Leonidas Stapelmann erſtieg ſchweigend die ſteinerne Treppe. Der Gefangene folgte ihm Stufe an Stufe. Oben war es ſtill geblieben. Man hörte nirgends das geringſte Geräuſch. Wie es ſtill war ſo herrſchte auch überall die tiefſte Finſterniß. Es war unterdeß völlig dunkler Abend geworden. Ein Licht brannte nirgends. Sie erreichten oben die Mündung der Treppe. Leonidas Stapelmann hielt wieder ſeinen Schritt an. Er horchte in die Dunkelheit hinein. Er erblickte nichts darin, aber er hörte einen Athem. „Peter Knauſt, biſt Du es?“ fragte er. „Ja, ich bin es“ antwortete die Stimme des alten finſtern Schließers. „Peter Knauſt, Deine Feigheit arbeitet ſtark in Dir. Oder wäre es der wieder erwachte alte Muth, der dreimal Spießruthen lief?“ Der Schließer antwortete nicht. Man hörte nur ſein ſtärkeres Athmen. 165 „Nun, Peter Knauſt, haſt Du noch keinen Entſchluß gefaßt?“ Der alte Mann antwortete. „Geht mit Gott, Joachim.“ Die zitternde Stimme zeigte die Aufregung, den ſchweren Kampf in dem Innern des finſtern Schließers. „Leonidas!“ rief verbeſſernd und verweiſend der Großſprecher auch jetzt. Dann ſchien doch auch über ihn etwas Anderes ge⸗ kommen zu ſein. „Alter Mann“, ſagte er, „verrathen wirſt Du uns nicht.“ „Nein!“ ſagte der alte Mann. „Dann verräthſt Du Dich ſelbſt, indem Du hier bleibſt.“ „Es mag wohl ſo ſein.“ „Erſchießen werden ſie Dich nicht, aber Du wirſt die Zelle da unten einnehmen, die dieſer Herr ſo eben verlaſſen hat.“ „Ich glaube es auch, Ivachim.“ „Für den ganzen Reſt Deiner Tage, alter braver Peter Knauſt.“ „Ja, ja, Ioachim, aber ich kann nicht anders. Ich bleibe doch hier zwiſchen den alten Mauern in den dunklen Kaſematten.“ „Gott ſtehe mir bei!“ ſagte Leonidas Stapelmann, dem auch die Stimme anfing zu zittern — den Joa⸗ chim hatte er ſchon vorher ruhig über ſich ergehen laſſen — „Gott ſtehe mir und Dir bei, alter Mann; kannſt Du wirklich nicht anders? Es iſt ſchlimmer als drei⸗ mal Spießruthen laufen.“ „Ich weiß es, Joachim, aber ich kann bei Gott im Himmel nicht anders.“ „So behüte Dich Gott, Peter Knauſt.“ „Lebe wohl, Joachim Stapelmann! Leben auch Sie wohl, gnädiger Herr!“ Der Gefangene gab gerührt dem alten Schließer die Hand. Sprechen konnte er nicht. Leonidas Stapelmann hatte noch drei Worte: „Ich habe Deine Jacke, Alter!“ „Ich weiß es.“ „Kommen Sie, Gefangener!“ ſagte Leonidas Stapel⸗ mann zu dem Gefangenen. Sie verließen das dunkle Gefangenhaus. Hinter ſich hörten ſie den alten Mann laut ſchluchzen. Sie durchſchritten den dunklen Feſtungsplatz, auf dem keine einzige Lampe brannte. Sie gelangten in den überwölbten Thorweg, von deſſen Ende her der trübe Schein einer vielleicht nur halb brennenden alten Hellampe ihnen entgegenleuchtete. „Gefangener“ ſagte Leonidas Stapelmann zu ſeinem Begleiter, „vergeſſen Sie nicht, daß Sie noch Bauch⸗ grimmen haben.“ Sie waren an der Thorwache. Die Hellampe brannte doppelt trübe hinter den trüben Fenſterſcheiben der Wachtſtube. Ihr Schein ließ nichts erkennen, konnte nur blenden. „Geſcheidte Leute, dieſe ſparſamen Preußen“, ſagte Leonidas Stapelmann. „Gefangener, Ihre Befreiung iſt ein Kinderſpiel; ein ehrlicher Kerl ſollte ſich gar nicht damit abgeben.“ Vor der Wachtſtube ging eine Schildwache auf und ab. „Rufe den Unteroffizier heraus“, befahl Leonidas Stapelmann dem Soldaten. Er knurrte und brummte wie der alte finſtere Schließer. Der Soldat ſah die Jacke und die Pelzmütze des Feſtungstyrannen. Er klopfte gehorſam an das Fenſter der Wachtſtube. „Herr Unteroffizier, der Schließer mit dem Mönche.“ Der Unteroffizier kam mit ſeinem Bunde Schlüſſel heraus. „Hat er noch immer das Bauchgrimmen?“ fragte er. Die Frage war an Jacke und Pelzmütze des Schlie⸗ ßers gerichtet. 168 Während er ſie that, ging der Unteroffizier, ohne aufzublicken, zu dem Pförtchen in dem Feſtungsthor, ſchloß es auf, blieb daran ſtehen. Noch immer knurrte Leonidas Stapelmann unterdeß. Er war mit dem Gefangenen dem Unteroffizier ge⸗ folgt. Er ſtellte ſich gleichfalls an das Pförtchen, aber an deſſen andere Seite. „So, frommer Bruder!“ ſagte er dann zu dem Ge⸗ fangenen. „Ich wünſche Ihnen gute Beſſerung. Gehen Sie nur immer gerade aus. — Aber da gehen Sie ja falſch! Ah, ich muß ihn doch auf den rechten Weg bringen.“ Er folgte dem Gefangenen durch das Pförtchen. Der Unteroffizier ließ ihn ungehindert paſſiren und wartete geduldig auf die Rückkehr des Feſtungstyrannen. Lange hatte er nicht zu warten. Als er ſich nach einer Weile umſah, ſtand der fin⸗ ſtere Schließer Peter Knauſt neben ihm. „He, Schließer, ich ſah Euch ja nicht zurückkommen?“ „Warum paßt Ihr nicht beſſer auf?“ „Und — und — hattet Ihr nicht vorhin Eure Jacke an?“ „Nein!“ Damit kehrte der Feſtungstyrann in den gewölbten Thorweg nach ſeiner Wohnung zurück. 169 Der Unteroffizier verſchloß das Pförtchen wieder, wurde irre mit ſich, ſchüttelte ein paarmal den Kopf und ſagte ſich dann: „Der Kerl ärgert die Leute, wo er kann. Ich will darauf ſchwören, er trug vorhin ſeine alte Jacke und den Rock hielt er darunter verborgen, um mich nachher irre zu machen. Draußen zog er ihn dann an.“ Der Lieutenant von Haſſel, der für den Grafen Hochwald die Runde hatte, rief bald nachher an der Thür Nummer zwei in die Kaſematte: „Gefangener Nummer zwei!“ Und der kleine Straßenräuber antwortete: „Hier!“ Womit der Lieutenant von Haſſel vollkommen zu⸗ frieden war. So war auf dem Sparrenberge Alles in beſter Ordnung. Und draußen ſagte Leonidas Stapelmann zu ſeinem Begleiter: „Gnädiger Herr —“ Gefangener ſagte er zu dem von ihm Befreiten nicht mehr. „Gnädiger Herr, ich wünſche Ihnen Glück zu dem Muthe, den Sie bewieſen haben.“ Der Herr von Bütow fuhr auch diesmal nicht auf. In Zuchthäuſern und Feſtungen kann ſich der Menſch Ruhe und Selbſtüberwindung erwerben. „Wohin gehen wir?“ fragte er nur. „Wohin wir gehen?“ erwiderte Leonidas Stapel⸗ mann. „Vorläufig noch in die weite Welt. Sie wiſſen, Ihre gnädige Frau Gemahlin und mein gnädigſter Herr wollten Sie da oben unmittelbar an dem Feſtungs⸗ thore in Empfang nehmen. Durch dieſe Rechnung hat nun der alte Feſtungstyrann, der mein oder vielmehr Ihr Bauchgrimmen nicht länger in der Feſtung dulden wollte, einen Strich gemacht. Die gnädigen Herr⸗ ſchaften werden erſt gegen zehn Uhr heute Abend an⸗ kommen, und jetzt haben wir kaum neun Uhr. Sie ſind ferner in der Geſellſchaft der drei Offiziere der Feſtung. Nach dem Allem zeigt es ſich nicht beſonders rathſam, ſie hier zu erwarten, noch auch ihnen ent⸗ gegenzugehen, oder ſie in der Schwalenburg aufzu⸗ ſuchen. Und danach, mein gnädiger Herr, kommt es für das Fernere zunächſt darauf an, ob Sie eine grö⸗ ßere Sehnſucht nach Ihrer Frau Gemahlin oder nach Ihrer Freiheit in ſich verſpüren.“ „Sprechen Sie deutlicher“ ſagte der Herr von Bütow. „Mein Herr“ erwiderte Leonidas Stapelmann, „ge⸗ mäß unſerem Kriegsplane ſollten Sie zunächſt zu Waſſer nach Seehauſen auf der andern Seite des Sees und 171 von da mit den beſten Pferden des Landes nach Bre⸗ men geſchafft werden, von wo ein Schiff Sie ſofort weiter nach England bringen werde. Allein ich habe jetzt weder Gondel noch Pferde zu meiner Verfügung, und Ihnen, dem mehrjährigen Bewohner dunkler und feuchter Kaſematten, werden ſchwerlich Ihre Beine auf lange Zeit zur Verfügung ſtehen. Deshalb iſt die Frage die: warten wir in der Gegend, bis die Herr⸗ ſchaften von der Schwalenburg ankommen, oder mar⸗ ſchiren wir ſofort darauf los, ſoweit die Beine uns tragen? Beides hat ſeine Bedenken; Sie, mein Herr, haben zu entſcheiden.“ „Wir würden“, meinte der Herr von Bütow, „zu Fuße unter allen Umſtänden nur einen geringen Vor⸗ ſprung vor unſern Verfolgern gewinnen. Erwarten wir daher meine Frau.“ „Eine eheliche Zärtlichkeit, der ich Beifall ſchenke“, ſagte Leonidas Stapelmann. „So folgen Sie mir, gnädiger Herr.“ Sie waren am Fuße der Anhöhe, auf der die Fe⸗ ſtung lag. Sie gingen um das Städtchen Sparrenfeld herum, erreichten das Ufer des Sees und lagerten ſich in einem kleinen Weidengebüſch unterhalb der Bleichen der Stadt. „Hier in der Gegend werden ſie landen“ ſagte Leo⸗ 172 nidas Stapelmann. „Schlafen Sie derweil, mein Herr, ich werde wachen.“ Schlafen konnte der Herr von Bütow wohl am allerwenigſten. Er horchte geſpannt auf den geringſten Laut, nach dem See, nach der Feſtung hin. Ueber den See ſchweiften die unruhigen Blicke. Es blieb überall ſtill, überall dunkel. Die Ruhe ſchien dem von der langen Haft in den unterirdiſchen Gewölben angegriffenen, von der Flucht aufgeregten Manne unheimlich zu werden. „Es wäre doch wohl verkehrt, hier, faſt noch in dem unmittelbaren Bereiche der Feſtung, einen mehrſtündigen Aufenthalt zu machen“ ſagte er. „Hier wird man uns ſchwerlich ſuchen“, meinte Leonidas Stapelmann dagegen nur. „Aber wenn der erſte Kanonenſchuß fällt?“ „Es wird keiner fallen, gnädiger Herr.“ „Einmal wird man meine Flucht entdecken.“ „Das kann erſtens noch lange dauern. Kaspar Schröder wird ſeine Kopfſchmerzen vor morgen früh nicht ausſchlafen wollen.“ „Der geringſte Zufall kann jeden Augenblick zum Verräther werden, in dieſer Minute.“ „Wenn auch, gnädiger Herr. Denn zweitens wird man Ihnen keinen Kanonenſchuß nachſchicken.“ 173 „Warum ſollte man nicht?“ „Hm, gnädiger Herr, einige Leute verfolgt man laut, andere heimlich. Für einen Deſerteur zum Bei⸗ ſpiel wird viel Pulver unnütz verſchoſſen, um ihn wieder einzufangen. Für Sie wird man keinen Schuß thun.“ „Keinen Schuß Pulver werth zu ſein!“ mochte der Herr von Bütow trotz ſeiner Lage und ſeiner Stim⸗ mung denken. Er war aber ſolche eigenthümliche Re⸗ densarten ſeines Begleiters in der kurzen Zeit ihres Zuſammenſeins ſchon gewohnt geworden und ließ den Großſprecher ſchwatzen. Und Leonidas fuhr etwas verwundert, faſt belei⸗ digt fort: „Sie fragen mich nicht einmal nach dem Grunde? Erfahren Sie ihn dennoch. Daß ein ordinärer Deſer⸗ teur entkommen iſt, darf die Welt erfahren; es geht keine Korporalſchaft dadurch zu Grunde. Aber wenn ein vornehmer Hochverräther durchgebrannt iſt, ſo ſetzt das erſtens eine große Sorgloſigkeit der Feſtungsbe⸗ amten und namentlich des hohen Militärs voraus, dem der Entſprungene anvertraut war, und auf eine glor⸗ reiche Armee darf man nichts kommen laſſen. Und zum Andern iſt ein ſolcher Hochverräther ein doppelt gefährlicher Menſch, wenn er Freunde und Unterſtützung 174 findet, und die findet er um ſo mehr, mit je größerem Eclat er verfolgt wird. Dagegen ſollte ein Anderes mich nicht wundern, mein gnädiger Herr, und es lohnte doch wohl der Mühe, daß Sie mich danach fragten.“ „Was wäre es?“ war in der That der Herr von Bütow ſo gefällig zu fragen. „Wenn man Sie hier fände, ſo legte man Ihnen ſehr ſtill und heimlich einen Strick um den Hals und ließe Sie noch ſtiller auf den Grund dieſes Sees ver⸗ ſinken, von wo zuletzt nur der Strick wieder zum Vor⸗ ſchein käme, den die Fiſche nicht auffreſſen. Sie wer⸗ den nachdenklich, mein Herr?“ Der Herr von Bütow war in der That in Nach⸗ denken verſunken, und indem er daraus aufblickte, ſchien er ſeinen häßlichen, großſprecheriſchen, einem zweideu⸗ tigen Abenteurer auf ein Haar gleichenden Gefährten mit einem unwillkürlichen Schauder anſehen zu müſſen. „Ja, ja“ ſagte Leonidas Stapelmann, „Sie haben wohl Grund zu erſchrecken. Sie wären der erſte nicht, den man auf ſolche Weiſe heimlich beiſeite ſchaffte⸗ und Sie würden auch der letzte nicht ſein. Man hat Beiſpiele, daß Männer, deren man ſich ohne Geräuſch entledigen wollte, auf ein Seeſchiff verlockt wurden und beim Einlaufen des Schiffes in den Hafen, zum Bei⸗ ſpiel bei Kronſtadt, nicht mehr da waren. Was aus 175 ihnen geworden war, dies wird nicht einmal die Nach⸗ welt erfahren. Darum, mein gnädiger Herr — aber horch! War es nicht, als rege ſich da hinten etwas? Wahrhaftig, da gehen Menſchen! Sie ſind ſchon in der Nähe. Halten Sie ſich ganz ruhig, Herr von Bütow. Rühren Sie ſich nicht. Ich werde nachſehen. Ich bin das Spioniren gewohnt.“ Man hatte in der That in der Nähe ein Geräuſch vernommen. Leonidas Stapelmann kroch behutſam aus den Weiden hervor, ſchaute umher und kehrte vergnügt zurück. „Es war nichts, gnädiger Herr, nichts als leiſes, ſüßes Frühlingswehen. Lieblich ſteigt der Lenz hernieder, Alles liebt und paart ſich wieder. Wie im Liede, ſo haben auch die Wächter auf der Bleiche Beſuch von ihren Schätzchen bekommen. Und horch noch einmal, da ſingen ſie auch. Aber nein! Das iſt ja nicht auf der Bleiche, und das iſt nicht die Stimme eines Stubenbeſens und Kochlöffels. Das iſt —“ „Gott im Himmel!“ preßte der Herr von Bütow die beiden Hände auf das Herz. „Ja, mein gnädiger Herr“ ſagte Leonidas Stapel⸗ mann, „das iſt dort mitten auf dem See, in einer 176 ſchönen venetianiſchen Gondel, und die Stimme iſt die einer ſchönen und vornehmen Dame, und ſie will Ihnen das Herz zerreißen, wie ſie andere Herzen, die bei ihr ſind, verzückt und verlockt, eine echte Sirene, oder ge⸗ fällt Ihnen das Bild des Waſſernixes beſſer? Und was ſingt ſie denn? Ah! Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen der ewigen Liebe! Der ewigen Liebe! Sapperment, der ſüße kleine Graf Hochwald wird meinen, das gälte ihm. Wie er die Augen verdrehen mag! Sie wiſſen doch, gnädiger Herr, das Herrlein iſt bis über die Ohren verliebt, und die gnädige Frau muß —“ Da fuhr der Herr von Bütow doch zornig auf; er konnte ſich nicht mehr zurückhalten. „Schweigen Sie!“ rief er. Leonidas Stapelmann ſchwieg. Er mußte ſich zu⸗ rückhalten; es mochte dem Schwätzer Mühe genug koſten. Lange konnte er es freilich nicht. Die Gondel auf dem See kam näher, und man hörte immer deutlicher und klarer und bezaubernder die wundervolle Stimme Annettens in die ſtille Nacht über den dunklen See herüberſingen: Es ſoll kein Andrer ſein, Der mich ſoll nehmen ein, Als du, du ſchönes Kind. 177 „Herr, Herr!“ platzte es aus Leonidas Stapelmann heraus. „Kind! Schönes Kind! Wenn das nicht dem armen Gräflein den Kopf ganz und gar verdreht, dann — dann hat er keinen Kopf mehr!“ Aber die Gondel kam näher und fuhr dicht am Ufer und keine zwanzig Schritte weit von den Weiden entfernt, in denen die beiden Flüchtlinge verborgen lagen, und kein Laut durfte über ihre Lippen kommen. Und als darauf Annette mit ihren Begleitern gelandet und ſie ausgeſtiegen waren und den Berg hinaufgingen und die ſchöne Frau weiter ſang: Dir will ich jeder Zeit Zu Dienſten ſein bereit, Bis daß ich kommen werd' Unter die Erd' — da weinte der Herr von Bütow ſtill vor ſich hin, und Leonidas Stapelmann ſchwieg. Und dann mußte auch der Herr von Bütow ſeinen Thränen Halt gebieten, um nichts von dem zu ver⸗ lieren, was ſich oben an dem Feſtungsthore begab, das 1 die Geſellſchaft erreicht hatte. Eine Weile war es da oben ſtill geblieben. Dann ertönte wieder Geſang, fröhlich, laut, brauſend: Und treibt der Champagner das Blut erſt im Kreiſe, Wird's ein Leben herrlich und frei! Temme, Die Erbgrafen. MI. 12 178 In den Weiden unten am See glaubte man das Knallen der Champagnerpfropfen und das Klirren der Gläſer zu hören. Der wilder werdende Geſang aber, den die Offiziere mit anſtimmten, brauſte faſt dröhnend herüber und herunter, und das Springen und Tanzen ertönte dazwiſchen und — „Hülfe, ich ſterbe!“ ſchnitt der furchtbare Angſtſchrei dem armen Flüchtling in den Weiden am See durch das Herz. „Sie ſtirbt! Mein armes Weib!“ Und er konnte ihr nicht helfen. Und eine Todtenſtille folgte. Man hörte keinen Ton, keinen Laut mehr. Der Flüchtling ſprang auf. „Ich muß zu ihr; ich will mit ihr ſterben.“ Leonidas Stapelmann hielt ihn zurück. „Hat der gnädige Herr ſeine fünf nicht mehr beiſammen? Was kann geſchehen ſein? Man wird in der Feſtung unſere Flucht entdeckt haben. Das gab einen allgemeinen Aufruhr. Draußen vor dem Thore hat die gnädige Frau gemeint, man habe Sie ergriffen, Ihr Fluchtverſuch ſei vereitelt. Sie fiel in Ohnmacht. Das iſt das Ganze. Und ſehen Sie und hören Sie, gnädiger Herr!“ rief dann Leonidas Stapelmann triumphirend. „Da — 179 kommen ſie den Berg herunter, zwar ohne die Cham⸗ pagnerflaſchen und ohne den Gefangenen, aber dafür mit ſchwerer Sorge, mit Angſt, mit Verzweiflung in der Bruſt. Aber Ihre ſchöne Frau Gemahlin kann gehen, wenn auch mein gnädigſter Herr ſie ſcheint führen zu müſſen. Und jetzt erheben Sie ſich, mein Herr, aus dieſen gelben Weiden und fliegen Sie in die Arme des treueſten Weibes, und laſſen Sie ſie an Ihrem Herzen vollends in das Leben, in das glücklichſte Leben zurückkehren. Aber dabei werden Sie ſich ſputen müſſen, denn wenn ich mich nicht irre, ſo geht es da oben ſchon wieder los; das große Feſtungsthor öffnet ſich knarrend und ſpeit Roß und Reiter aus, und an ihrer Spitze reitet gewiß der dicke Rittmeiſter Bachus, genannt von Bachow, der lange, freche, aber muthige Lieutenant von Marnitz und vielleicht gar das ver⸗ liebte Gräflein Hochwald. Hören Sie nicht ſchon das Pferdegetrappel und Schwerterklirren?“ Aber der Herr von Bütow hörte nicht das Eine, nicht das Andere, nicht einmal mehr die Worte des Schwätzers. Er hatte die Schritte vernommen, die den Berg herunterkamen. Er hatte in dem Sternenlichte eine Frau unterſchieden, die von einem Manne geführt wurde. Andere Männer folgten. 12* 180 „Annette!“ rief ſein Herz. Sie mußten an den Weiden vorüber, die ihn ver⸗ bargen. „Der Arme, der klagte die arme, unglückliche Frau. Er erkannte ihre Stimme. „Annette, Annette!“ rief die ſeinige. Annette ſchrie wiederum auf, aber nicht wieder, daß ſie ſterben müſſe. Die beiden Gatten lagen ſich in den Armen, an den Herzen, nach und nach der ſchmerzlichſten Trennung. Aber: „Fort, fort!“ rief Leonidas Stapelmann. Und der Erbgraf Leopold riß die Beiden aus⸗ einander und Annette mit ſich zu der Gondel, und Leonidas Stapelmann drängte den Herrn von Bütow dahin. Den Berg herunter ſprengten die Reiter, klirrten die Säbel, ſchlugen Karabiner und Reitzeug zuſammen. Die Gondel war erreicht. Der Graf trug Annette hinein; der Herr von Bütow und Leonidas Stapel⸗ mann ſprangen ihnen nach. „In den Nachen“ befahl Leonidas Stapelmann den Dienern. „Und haltet Euch immer dicht hinter uns, und wenn Sie Euch auch mit ihren Karabinern drohen; 5 ——— 181 wer umdreht, den ſchieße ich nieder, ſo wahr ich Leo⸗ nidas Stapelmann heiße. Vorwärts, vorwärts!“ Er ſelbſt hatte ein Ruderpaar in der Gondel er⸗ griffen, der Erbgraf nahm das zweite. Die Gondel flog vom Ufer in den See hinein. Die drei Bedienten in dem offenen Nachen waren unmittelbar hinter ihr. Die Reiter hatten den Fuß des Berges erreicht, ſprengten zum Ufer, kamen an der Stelle zum Vor⸗ ſchein, von welcher die Gondel abgefahren war. „Zum Teufel, zu ſpät!“ fluchte der lange Lieutenant von Marnitz. „Die Schlange, die Beſtie! Ich ſchicke ihr Kugeln nach. Die Karabiner erreichen ſie noch.“ „Aber, Marnitz“ ſagte der Rittmeiſter von Bachow, „Ihr wißt ja gar nicht, ob er bei ihr iſt. Es iſt nicht einmal wahrſcheinlich. Er iſt ſeit zwei Stunden fort. Es iſt gar nicht anzunehmen, daß er ſo lange hier in der Nähe geblieben iſt.“ „Gleichviel! Die Schlange weiß darum. Sie hat die Sache ſeit Wochen eingefädelt. Wir ſind die Narren in der Geſchichte, gerade wir beide. Ich will meine Rache haben. Commandiren wir Feuer!“ „Wir würden unſchuldige Menſchen tödten —“ „Unſchuldige? Der Erbgraf war mit ihr im Com⸗ plot!“ 182 „Aber die Diener!“ „Diener, Hunde! Und mitgefangen, mitgehangen! Commandirt Feuer, Rittmeiſter.“ „Nein!“ ſagte der Rittmeiſter. „Wir bekommen unſern Abſchied, Rittmeiſter, wenn wir nichts thun.“ „Ich bekomme ihn ohnehin, Freundchen.“ „Es iſt, um raſend zu werden.“ Das Alles hörten ſie in der Gondel, die unter den Ruderſchlägen des Erbgrafen und Stapelmann's ſchnell dahinflog. Worte verſtanden ſie dann nicht mehr. Aber ſie vernahmen etwas Anderes. Die Truppe am Ufer vertheilte ſich. Von der Feſtung aus mußte noch mehr Mannſchaft hinzuge⸗ kommen ſein. Das Ganze zerſtreute ſich; Reiter ſpreng⸗ ten nach allen Seiten hin fort. „Wohin nun?“ hielten ſie in der Gondel Rath. „Geradeaus zum Schloß Werdenburg“ meinte An⸗ nette. „Im Schloſſe werden wir Aufnahme finden. Dafür bürgt mir der edle Sinn Deiner Mutter, Leopold.“ „Gewiß, Annette. Wir würden gleichwohl gerade dort am wenigſten ſicher ſein. Schloß Werdenburg wird am allererſten von unſern Verfolgern beſetzt werden.“ 183 „Sie dürfen in kein fremdes Gebiet dringen.“ „Sie dürfen Alles, was ſie können. Ja, ich würde mich nicht wundern, wenn nach einigen Tagen von Berlin ein Commiſſarius einträfe, der auch die Graf⸗ ſchaft Werdenburg als preußiſches Land in Beſitz nähme. Man habe ſich hier mit den Feinden Preußens ver⸗ ſchworen; das fremde Gebiet ſtehe hindernd den In⸗ tentionen und der Machtentwickelung Preußens ent⸗ gegen; ſolche kleine Staaten hätten überhaupt keinen Anſpruch auf Exiſtenz mehr.“ „Leopold, das wäre Raub!“ „Oder die Macht des Stärkern, wie Du willſt, Annette. Aber nach Schloß Werdenburg dürfen wir nicht.“ Auch der Herr von Bütow war damit einver⸗ ſtanden. „Alſo auch nicht nach der Schwalenburg.“ „Auch dahin nicht.“ „Und in Seehauſen, wohin wir zunächſt wollten, werden ſie ſchon vor uns ſein.“ Dies war richtig. Während ſie darüber ſprachen, ſprengte ſchon ein Reitertrupp längs des Ufers links an der Gondel vor⸗ über in der Richtung nach Seehauſen. Sehen konnte man ihn nicht. Die Gondel fuhr in 184 der Mitte des Sees; man ſah nicht einmal das Ufer; man hörte nur den Trab der Pferde. „Zurück!“ ſprach darauf Leonidas Stapelmann. „Zurück, woher wir kamen. Man wird uns dort am wenigſten vermuthen.“ „Es iſt möglich“, erwiderte ihm der Erbgraf. „Es iſt aber auch nicht minder möglich, daß ſie genau ſo klug ſind wie mein tapferer Leonidas Stapelmann und mithin eine Wache zurückgelaſſen haben, die bei unſerm Landen uns in Empfang nähme.“ Der Graf hatte einen andern Vorſchlag. „Laſſen wir jene Truppe ſich noch etwas weiter entfernen. Dann rudern wir in gerader Richtung nach der Stelle hin, die ſie jetzt paſſiren, landen hinter ihnen und marſchiren geradeaus ins Land hinein, um in dem erſten Dorfe einen Wagen zu Die Gegend kenne ich genau.“ Die Soldaten waren weiter geſprengt. Die Gondel, gefolgt von dem Nachen mit den Bedienten, ruderte in geradeſter Richtung nach dem linken Seitenufer des Sees. Mehrfach befanden ſich dort kleine Gebüſch⸗ partien. An einer derſelben landete man. Man hatte dort keine Bewegung, keinen Laut wahrgenommen. Hinten in der Ferne nach Seehauſen hin hörte man 185 noch den Trab der Pferde. Man landete dennoch vor⸗ ſichtig genug. Leonidas Stapelmann ſtieg zuerſt allein an das Land. „Ich fürchte mich vor dieſen Dragonern nicht“ ſagte der Renommiſt. „Ich kenne dieſes zuſammengeſtohlene und betrogene Geſindel.“ Er betrat muthig das Ufer, ſchritt in das Gebüſch, durchſuchte es nach allen Seiten. „Die Luft iſt rein, meine gnädigſten Herrſchaften.“ Sie ſtiegen alle aus. Nur zwei Bediente blieben zurück, um im Fall einer Gefahr die Flüchtlinge ſofort wieder in die Gondel aufnehmen zu können. Hinter dem Gebüſche lag offenes Wieſenland, jener unüberſehbare Wieſencomplex, der zu dem Vorwerke Seehauſen gehörte. Zwei Dörfer waren zur Seite, aber noch in weiter Entfernung; durch die Dunkelheit ſah man ſie nicht. Der Erbgraf kannte ihre Lage. Man ging auf das nächſte zu. Aber es war nur ein kurzer Weg, der zurückgelegt werden konnte. Reiter ſprengten in der Richtung von Seehauſen her längs des Ufers zurück. „Sie waren wiederum ſo klug wie wir“, der Erbgraf. „Sie haben ſich gedacht, was wir thaten. 186 Sie täuſchen ſich nur in Einem: ſie hoffen, uns beim Landen abzufangen. Aber ſie werden unſere Fahrzeuge am Ufer entdecken. Sie wiſſen dann, daß wir in den Wieſen ſind, ſie werden ſich darin nach allen Seiten zerſtreuen. Eine Section wird uns einholen, auffinden, bevor wir das nächſte Dorf erreichen können.“ Es lag nahe, daß es ſo war, wie der Graf ſagte. Was nun? Wie oft tritt die ſchwere und bange Frage an arme Flüchtlinge heran! Mitten in den Wieſen Shi man einen ſchwarzen Punkt. „Darauf zu!“ rief der Graf. „Was iſt es?“ Im Gehen ſagte es der Graf. Es war eine große Scheune zur Aufnahme und Aufſpeicherung des in dieſer Gegend der Wieſen ge⸗ wonnenen Heus. Zwei Knechte ſchliefen dort in einer Kammer zur Bewachung. Es ſtanden mehrere ſolche Scheunen oder Speicher in den weitläufigen Wieſen. Sie erreichten die Scheune. Die Knechte wurden herausgeklopft. Sie kannten den Erbgrafen. „Laßt uns ein“, befahl er ihnen. „Kleidet Euch 187 an, begebt Euch hier draußen an die Arbeit, laßt die Thür offen. Zu Euch werden Reiter, preußiſche Dra⸗ goner kommen. Sie werden Euch fragen, ob Ihr Nie⸗ mand, ob Ihr uns nicht geſehen habt. Ihr antwortet nein, aber vor kurzer Zeit ſeien Menſchen dort hinten vom See her nach dem nächſten Dorfe hingegangen. Seid ruhig und ſicher! Macht Eure Sache gut!“ „Gnädigſter Herr“, ſagte Leonidas Stapelmann, „wenn Euer Erlaucht nicht der Erbgraf von Werden⸗ burg wären, Sie verdienten Leonidas Stapelmann zu ſein.“ Man trat in das Haus. Man kam durch ein kleines Vorhaus, das zugleich als Küche diente, in einen un⸗ geheuren Raum, der beinahe bis oben an die Decke mit Heu gefüllt war. Vorn ſtand eine Leiter, auf der man bis oben hinauf ſteigen konnte. Sie ſtiegen die Leiter hinauf. Die Knechte mußten dieſe dann fortnehmen, draußen vor dem Hauſe an der Erde niederlegen, ſich an ihre Arbeit machen. Draußen lagen Heuhaufen, die nach der Ueberwinterung durchgearbeitet werden mußten. Die Flüchtlinge lagen da oben wohlverwahrt. „Wir werden hier ein paar Stunden warten müſſen. Dann wird wenigſtens in den Wieſen unſere Ver⸗ folgung aufgegeben ſein und — nach Seehauſen dürfen 188 wir nicht mehr; man wird es beſetzt halten. Ebenſo iſt jede Rückkehr an den See unmöglich. Wir müſſen vorwärts und dem Feinde ins Angeſicht.“ „Das heißt?“ wurde der Erbgraf gefragt. „Wir gehen nach Waldenbrück. Es liegt kaum eine halbe Stunde von hier. Der Gaſtwirth Vogel⸗ ſang beſorgt uns einen Wagen, Pferde, was wir wollen.“ „In Waldenbrück ſind die Preußen, wird geſtern Abend Militär eingerückt ſein!“ „Dem Feinde ins Angeſicht! ſagte ich. Wer weiß einen beſſern Ausweg?“ Keiner wußte ihn. Hatten ſie aber überhaupt noch einen? Vom See her, von derſelben Stelle, an der Gondel und Nachen der Flüchtlinge noch am Ufer liegen mußten, nahte ſich der geſtreckte Galopp von Pferden. Die Reiter hielten an der Scheune. Auch ſie mußte der dunkle Punkt in den weiten flachen Wieſen angezogen haben. „Sind hier ſeit einer Stunds Menſchen vorbeige⸗ kommen?“ Eine unbekannte Stimme fragte es. Von den drei den Flüchtlingen bekannten Offizieren der Beſatzung auf dem Sparrenberge war es keiner. 189 „Hier nicht“ antwortete einer der Wieſenknechte. Man hörte, wie die beiden Knechte ruhig weiter das Heu auf und nieder warfen. „Hier nicht?“ erwiderte die Stimme, wahrſcheinlich die eines Unteroffiziers von den Dragonern der Feſtung. „Was ſoll das heißen?“ „Das ſoll heißen, Herr, daß wir hier keinen Men⸗ ſchen geſehen haben.“ „Aber gehört habt Ihr Jemand?“ „Gehört wohl, aber nicht hier, Herr.“ „Wo denn?“ „Es war weiter weg, dort links nach dem nächſten Dorfe zu.“ „Was hörtet Ihr dort?“ „Es kamen Menſchen vorbei.“ „Wohin gingen ſie?“ „Ich denke, nach dem Dorfe. Sie ſchienen vom See herzukommen.“ „Waren ihrer viele?“ „Herr, wer kann das wiſſen? Sie waren ſo weit von hier, daß man nichts von ihnen ſehen konnte. Wir hörten durch die Nacht nur das Gehen. Es konnten ihrer danach zwei oder auch drei ſein; wer kann das wiſſen?“ „Wie lange ſeid Ihr ſchon an Eurer Arbeit?“ 190 „Seit Mitternacht, Herr.“ Eine zweite, gleichfalls unbekannte Stimme ſprach: „Warum arbeitet Ihr überhaupt hier in der Nacht?“ „Weil heute der ſtille Freitag iſt, Herr.“ „Am Charfreitag arbeitet man aber gar nicht.“ „Des Vormittags wohl, Herr. Aber am Nach⸗ mittage gehen wir zu der Proceſſion nach der Stadt. Und hier, Herr, arbeiten wir im Tagelohn, und da holen wir in der Nacht ein, was wir am Nachmittage verſäumen müſſen.“ „Die Burſchen ſind gerieben“, frohlockte oben im Heu Leonidas Stapelmann. „Die verrathen uns nicht.“ „Hört einmal, Ihr beiden Burſchen“, nahm der erſte Unteroffizier wieder das Wort, „Ihr ſcheint mir gar zu ehrlich zu ſein. Dahinter ſteckt etwas. Was meint Ihr dazu, wenn die Menſchen, die Ihr da hinten in der Ferne gehört haben wollt, hier ganz in der Nähe, zum Beiſpiel in dem Hauſe vor uns ſteckten?“ „Dann müßten ſie ohne unſer Wiſſen darin ſein.“ „Und wenn das Drinnenſein ohne Euer Wiſſen Euch eine Tracht Prügel einbrächte?“ „Oho, Kamerad“, ſagte der zweite Unteroffizier, was wäre eine Tracht Prügel für einen Hochverrath!“ 191 „In Preußen iſt doch Alles Hochverrath!“ lachte Leonidas Stapelmann. 3 Der zweite Unteroffizier draußen fuhr fort: „Solche Halunken nähme man mit in die Feſtung, wo man ſie dreimal Spießruthen laufen ließe.“ Leonidas Stapelmann lachte nicht mehr. „Teufel, die Kerle werden uns verrathen.“ „Ja, Kerl“, ſagte wieder der erſte Unteroffizier. „Und weißt Du, was Spießruthenlaufen iſt?“ Der Knecht antwortete darauf: „Nein, Herr Unteroffizier, wir ſind hier nicht preußiſch.“ „Donnerwetter, der Kerl iſt frech!“ fluchte der zweite Unteroffizier. Und der erſte ſagte: „Wir werden in dem Hauſe viſitiren und finden wir das Geringſte, wird jeder von Euch dreimal Spieß⸗ ruthen laufen.“ Man hörte oben, wie mehrere Menſchen in das Haus gingen. Es waren wohl die beiden Unter⸗ 4 offiziere, von ein paar Gemeinen gefolgt. Die Flüchtlinge oben horchten doch wohl nicht ohne Herzklopfen. Leonidas Stapelmann ſprach kein Wort mehr. Die Soldaten durchſchritten das kleine Vorhaus, 192 öffneten die Thür zum Speicher, ſtanden in dieſem, aber in völliger Dunkelheit. „Licht her!“ befahl einer der Unteroffiziere. Ein Soldat holte einen der Knechte herbei; der Knecht mußte eine Laterne anzünden; er that es un⸗ weigerlich. Die Soldaten ſtanden vor der ungeheuren Maſſe Heu, die den ganzen Speicher bis faſt unter die Decke ausfüllte. Unteroffizier“, ſagte einer der Dragoner. „Biſt Du gefragt, Kerl?“ Man verſuchte, von den Seiten iſchen Mauer und Heu einzudringen. Es war unmöglich. „Dazwiſchen kann kein Menſch ſtecken.“ „Das Heu könnte blos hier vorn zuſammengepreßt ſein“, bemerkte einer. „Damit ſie dahinter erſticken?“ fragte höhniſch ein anderer. Das Heu wurde dennoch vorn aufgeriſſen. Es lag überall dicht und feſt an der Mauer, wie vorn. Man mächte dieſelben Verſuche auf der andern Seite, gleich vergeblich. „Da oben unter der Decke iſt ein leerer Raum. Da können ſie ſein.“ „Da könnte man drei Tage lang ſuchen, Herr 193 „Und draußen lag eine Leiter.“ „Holt die Leiter herbei, Ihr Halunken.“ Die Knechte holten unweigerlich die Leiter herbei, ſtellten ſie an dem Heuhaufen auf. Sie reichte bis ganz oben hinauf. Es war dieſelbe Leiter, auf der die Flüchtlinge hinaufgeſtiegen waren. Den Flüchtlingen klopften die Herzen hörbar. „Wären wir verloren?“ Annette umklammerte ihren Gatten⸗ „Hätte ich Dich nur befreit, um Dich in den Tod zu führen?“ Die beiden unglücklichen Gatten hatten noch keine Minute der angſtloſen Freude des Wiederſehens ge⸗ noſſen. „Ich ſterbe mit Dir, Heinrich!“ „Unſer Kind, Annette!“ Die Leiter ſtand feſt. „Die Laterne her!“ befahl der erſte Unteroffizier. Er erſtieg mit der Laterne in der Hand die Leiter. Der Untevoffizier kam auf der Leiter höher und näher. Sie zählten oben die Stufen, die er erſtieg. Sie maßen das Wachſen des Lichts an der Decke. Stand der Träger der Laterne auf der oberſten Stufe der Leiter, ſo fiel der Schein des Lichts auf ſie, die Temme, Die Erbgrafen. III. 13 „ 194 Verfolgten, die nur noch für den Augenblick Verbor⸗ genen. Der Unteroffizier ſtand oben auf der letzten Stufe. Sein Licht fiel blendend auf ihre Augen, aber durch die Halme, die über ihnen emporragten. Der Unteroffizier ſah ſie nicht, noch nicht. Aber mußte er ſie nicht hören? Sie hielten den Athem an. Aber die Herzen klopften und pochten ihnen ſo laut, ſo hörbar. — Er hörte auch die klopfenden und pochenden Herzen nicht. „Steigt in den Haufen hinein, Kamerad!“ rief ihm von unten der zweite Unteroffizier zu. „Um das Heu anzuzünden und darin zu verbren⸗ nen!“ rief der oben hinunter. Er ſtieg die Leiter wieder hinab. Und Leonidas Stapelmann ſagte: „Das wäre ein Auto da Feé geweſen, wie ſie es in Spanien nicht beſſer erlebt haben. Sogar ein heiliger Rock wäre mit verbrannt.“ Er zeigte auf die Mönchs⸗ kutte. „Es war nichts da oben?“ fragte der zweite Unter⸗ offizier den erſten. Der erſte gab die Antwort den Knechten. 195 „Halunken, das war Euer Glück. — Fort, wieder zu Pferde!“ befahl er dann. „Zu dem nächſten Dorfe!“ Sie verließen den Speicherraum, das Vorhaus, ſprangen wieder in die Sättel. „Lumpen, dieſe beiden preußiſchen Dragonerunter⸗ offiziere!“ ſagte unterdeß mit vieler Würde Leonidas Stapelmann. „Ein ordentlicher Unteroffizier, ich zum Beiſpiel, hätte den beiden Knechten für den verdorbenen Spaß zwanzig Fuchtelhiebe aufzählen laſſen.“ Die Dragoner ſprengten davon. „Endlich, endlich!“ jubelte Annette auf. Und die beiden Gatten umfingen ſich unter Thränen, nur halb der Freude. Wie viele Angſt drückte noch auf ihre Herzen! Noch eine Stunde mußten ſie mit ihren Aufbruch warten. Dann, als in den Wieſen Alles ſtill blieb, machten ſie ſich auf den Weg weiter nach der Stadt Walden⸗ brück. Sie mußten ihn zu Fuße durch die Wieſen zurücklegen. Zu den Dörfern ſeitwärts wagten ſie ſich nicht. Unter den Schatten der Nacht erreichten ſie die Stadt. Sie hatte, eine wie kleine Ackerſtadt ſie war, Thore, 13* 196 Wälle und Gräben. Aber die Wälle waren ſchon bald nach dem dreißigjährigen Kriege zum großen Theil ab⸗ getragen; der Graben war an mancher Stelle halb ein⸗ gedämmt und dadurch ſo ſchmal geworden, daß man ein Bret darüber legen und ihn ſo überſchreiten konnte. Und wenn auch die Thore während der Nacht feſt verſchloſſen gehalten wurden, ſo war doch Leonidas Stapelmann, das Woaldenbrücker Bürgerkind, ein viel zu unnützer Bube geweſen, als daß ihm nicht jeder Swe in die Stadt bekannt geweſen wäre. Auf einem von dieſen führte er ſeine Begleiter in das Innere der Stadt, in der noch Alles ſchlief, und hier durch Seitengäßchen bis in die Nehe des Vogel⸗ ſang'ſchen Gaſthofs. Der Herr Vogelſang ſollte ihnen ſofort einen Wagen und Pferde zur weitern Flucht verſchaffen. AZler — „Beim Zeus und beim Styr!“ ſchwur Sondes Stapelmann. „Was nun? Was nun?“ Vor der Thür des Vogelſang'ſchen Gaſthofs ſtand ein ſchwarz und weiß angeſtrichenes Schilderhaus und an demſelben ging eine Schildwache auf und ab. In das Städtchen waren die preußiſchen Truppen zu der Beſitznahme eingerückt und in dem Gaſthofe hatte der Commandeur ſein Quartier genommen. „Wenn der Kerl uns ſieht“ ſagte Leonidas Stapel⸗ mann, und er meinte die Schildwache, „ſo ſchreit er durch ſein Werda die ganze Stadt und das halbe Ba⸗ taillon auf die Beine! Was nun? Was 'nun? — Zum Kloſter?“ fragte er ſich. „Sehen wir vorher zu, wie dort Wind und Wetter dienen“ gab er ſich ſelbſt zur Antwort. Ende des dritten Bandes. Druck von Bär & Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. gI4 Sende