0 ivt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeih- und geſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für nbchentlich 22 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. 3 . 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Das Kloſter hatte Ver⸗ mögen, war wohlthätig. Die Nonnen hatten, wie durch Wohlthätigkeit, ſo auch durch ihr frommes, exemplari⸗ ſches Leben ſich immer ausgezeichnet, die Liebe, Dank⸗ barkeit und Verehrung der katholiſchen Einwohnerſchaft der Stadt und der Umgegend ſich erworben. Temme, Die Erbgrafen. II. 1 3 „Mit der Aufhebung des Kloſters kommen die Preußen zu uns!“ „Mit einem Kirchenraube!“ „Wo ſollen die armen Nonnen bleiben? Es ſind ſo viele alte darunter! Und ſie waren alle ſo jung in das Kloſter gekommen! Und keine einzige hat es ſeit⸗ dem nur mit einem Fuße verlaſſen! So wiſſen ſie nichts von der Welt, und ſie ſollen in die Welt hinaus!“ „Und unſere Armen! Die Nonnen kleideten und ſpeiſten ſie! Wer ſoll ſich ihrer annehmen? Die Preußen? Sie wollen ja nur unſer Geld, und dazu nehmen ſie uns unſere Söhne, die arbeiten und Geld verdienen könnten.“ „Ja, Ihr Leute“, ſagte Leonidas Stapelmann, wa⸗ rum leidet Ihr es?“ „Was können wir dagegen machen, Herr?“ „Habt Ihr nichts von der franzöſiſchen Revolution gehört?“ „Gott behüte uns vor einer Revolution!“ „Elendes deutſches Volk!“ ſagte Leonidas Stapel⸗ mann. „Ohne Muth! Gar ohne Zorn!“ Sein Herr, der Erbgraf Leopold von Werdenburg, trat aus dem Hauſe zu ihm. „Was redeſt Du den Leuten vor, Burſche?“ — —9 — 3 „Ich führe ihnen ihre deutſche Erbärmlichkeit zu Gemüthe.“ 4₰ „Du? „Ja, ich, gnädiger Herr! Und Leonidas Stapel⸗ mann hat auch noch mit einem Andern ein ernſtes Wort zu ſprechen.“ Der junge Graf lachte. „Sprich ohne Einleitung Dein ernſtes Wort zu mir.“ „Euer Gnaden fordern mich heraus. Ich darf alſo?“ „Gewiß darfſt Du.“ „Wie der Candidat vor dem alten Deſſauer?“ „Ganz ſo. Ich kann Dich nur nicht mit einer Pfarre belohnen. Ich werde dem Poſſenreißer auch wohl nicht ſo andächtig zuhören wie der alte Fürſt einem Diener der Kirche.“ „Ah, gnädiger Herr! Aber wohlan! Leonidas Stapel⸗ mann kennt keine Feigheit. So vernehmen Sie denn mein mahnendes Wort. Es gilt der Unſchuld und der Ehre. 6 Erlauchter Herr Graf, Sie wandeln auf böſen Wegen, auf denen der Verführung. Sie warten hier auf Ihr Opfer wie der Geier auf ſeine Beute. Dieſe wie die weiße Lilie der Unſchuld in dem Vorwerke Seehauſen blühende Mamſell Eva Treue —“ 1* 4 „Schurke!“ unterbrach der Graf ſeinen zeiſiggrünen Diener. Der junge Herr war doch in Zorn gerathen, ob, weil er die Wahrheit hörte, oder weil die Unwahrheit ihn empörte? Leonidas Stapelmann that, als nehme er das Er⸗ ſtere an. „Ich bin ein Schurke, wenn ich Ihnen die Wahr⸗ heit ſage? Spricht denn ein Schurke die Wahrheit? Und welche Schurkerei hätte ich denn jemals gegen Sie verübt? Aber das iſt der Dank der Großen dieſer Erde! Und Leonidas Stapelmann iſt gewöhnt an ihn. Durch das Candidatenexamen ließ man mich fallen, weil ich mit Eifer auf meinen Beruf als ein Rüſtzeug der ecclesia militans mich vorbereitet hatte. Als Stu⸗ dent —“ „Burſche, Du warſt niemals Student!“ „Euer Gnaden waren noch nicht geboren; wie kön⸗ nen Sie es wiſſen?“ rief der Aufſchneider und fuhr dann fort: „Ich hätte die Bibel und die Kirchenväter leſen ſollen; ich ging lieber auf den Fecht⸗ und Paukboden. Als Erzieher erhielt ich dann meinen Abſchied, weil Leonidas Stapelmann, der ſchöne Mann, die gnädige Frau zu häßlich und ihre Kammerzofe zu hübſch fand. 1 Für meine treuen und tapfern Dienſte in der preußi⸗ ſchen Armee ſollte ich auf allerhöchſten Befehl Spieß⸗ ruthen laufen —“ „Alſo doch, Burſche!“ „Warum ſoll ich es verhehlen, Euer Gnaden? Bringt es mir denn Schande, wenn der König von Preußen⸗ in der Armee der Intelligenz noch dieſe Inſtitution des Spießruthenlaufens duldet? Aber laſſen Euer Erlaucht mich fortfahren.“ „Mache es kurz!“ ſagte der Graf. Der junge Erbgraf wartete in der That wohl auf Evchen's Rückkehr aus dem Kloſter, um mit ihr nach Seehauſen zu fahren. Die Aufſchneidereien des Men⸗ ſchen verkürzten ihm die Zeit. „Ja“, rief Leonidas Stapelmann, „ich kann, ich werde es kurz machen, obwohl ich kein Ende finden könnte, wenn ich Alles ſagen wollte; denn ich komme jetzt auf meinen jetzigen Herrn. Wodurch, Euer Gnaden, leitete ſich unſere erſte Bekanntſchaft ein? War ich es nicht, der durch einen genialen Gedanken und durch beiſpielloſen Muth Sie von jenem Weibe befreite, in deren Netzen und Schlingen Sie gefangen ſaßen, ja, über und über lagen? Das war das Thermopylä Lev⸗ nidas Stapelmann's! Und was war mein Lohn dafür? Ha, wenn nicht Milch ſtatt grüner oder ſchwarzer Galle 6 über erlittenen Undank durch meine Adern ſtrömte — ein Wort von mir an das reine Weſen, das Sie jetzt mit böſen Gedanken erwarten —“ Der Graf konnte lachen. Leonidas Stapelmann verſetzte ſich wieder in Zorn. „Ha, gnädigſter Herr, lachen Sie nur! Wir wer⸗ den ſehen, wer zuletzt lacht. Kennen Sie den Zweck der Reiſe Ihrer erlauchten Frau Tante, aus deren Klauen ich Sie vorhin durch eine zärtliche Umarmung des dürrſten und härteſten Knochengebäudes erretten mußte?“ Der Erbgraf war aufmerkſam geworden. „Sie beſucht Schloß Werdenburg. Sie kommt oft dahin.“ „Heute aber um Ihretwillen, mein gnädigſter Herr!“ „Was hätte ich mit ihr zu ſchaffen?“ „Hm, die gnädige Frau von Arenfels — indeß das iſt es nicht. Haben Euer Gnaden ſchon von einem Familientribunal gehört?“ „Was ſchwatzeſt Du?“ „Das Familientribunal iſt ein vortreffliches Cor⸗ rectionsmittel für ungerathene Söhne hoher und edler Familien. Die einen werden zur Heirath ver⸗ urtheilt; ſie müſſen irgend einen gewöhnlich ältern Satan, meiſt auch aus der Familie, zum Ehegeſpons — — ——————— nehmen, der ſie zu fuchteln und zu knuten verſteht. Die andern werden zur Feſtung verurtheilt, wozu man in nicht ſouveränen Häuſern der Lettres de cachet des Landesherrn bedarf, auch in ſouveränen, die ſelbſt keine Feſtung beſitzen. Junge Erbgrafen werden von der Succeſſion ausgeſchloſſen.“ Der junge Erbgraf war nicht wieder aufgefahren. Er ſtand ſtumm. Der Aufſchneider, der in dieſem Augenblicke gar nicht aufzuſchneiden ſchien, mußte ihn fragen: „Haben Euer Gnaden denn gar nicht bemerkt, daß man etwas gegen Sie im Schilde führt?“ „Erzähle“, ſagte der Graf. „Alſo nicht! Unbegreifliche Verblendung der Jugend und des Leichtſinns! So hören Sie denn! Strenge Tugend und Frömmigkeit waren von jeher das Erb⸗ theil Ihrer hohen Familie. Wenn ich ſage von jeher, ſo verſtehe ich das erſt von der Zeit jenes nichtsnutz⸗ gen Erbgrafen an, der einen noch nicht gelöſten Fluch über das Haus brachte. Durch Zucht, Ordnung und Gottesfurcht glaubte man den Fluch zu bannen, Jahrhunderte lang. Es war vergebens. Sie, mein gnädiger Herr, ſcheinen ihn durch ein nichtsnutziges Leben löſen zu wollen, das jenes Erbgräflein noch über⸗ treffen ſoll. Was für Streiche haben Sie gemacht auf 8 Univerſitäten, auf Reiſen! Ihre Hofmeiſter wurden von Ihnen zum Teufel gejagt, wenn Sie nicht ſchon von ſelbſt fortgelaufen waren. Und wenn Sie nicht an jedem Orte, der die Ehre Ihres Beſuchs hatte, von der Polizei aufgehoben und auf den Schub ge⸗ bracht wurden, ſo hatten Sie das Ihrem Gelde und dem vortrefflichen Geſetze zu danken, das die Mitglieder ſouveräner Häuſer über das Geſetz ſtellt. Doch komme ich auf Ihr jetziges Leben zurück. Da treiben Sie ſich mit der Abenteurerin herum, die Sie aus fremden Landen e haben, von der kein enſc weiß, wer ſie iſt —“ „Burſche, Du kennſt ſie“, ſagte der Graf. „Kennen darum die Andern ſie? Und darf ich ſprechen? Da iſt mit dieſer ſaubern Dame und den preußiſchen Offizieren die ſtadt⸗ und landkundige lieder⸗ liche Wirthſchaft bei Ihnen auf der Schwalenburg. Da endlich ſuchen Sie durch alle Künſte der Verfüh⸗ rung das unſchuldige, fromme Kind zu verderben, das gerade aus dem Kloſter zurückkehrt und —“ Eychen kam um die Ecke der ſchmalen Gaſſe, an der das Nonnenkloſter lag. Der jung Graf war roth geworden, als er plötzlich die Erwartete ſah. Er ſtand zweifelhaft, ob er ihr entgegengehen ſolle. 2 „Ja“, rief der Zeiſiggrüne, „gehen Sie nur. Um⸗ armen Sie ſie auf offener Straße, damit das hohe Familiengericht morgen recht viele Zeugen gegen Sie hat. Freilich wird ja auch die halbe Stadt nachher ſehen, wie der ſaubere erlauchte Herr Erbgraf das ehrſame Bürgermädchen nach Hauſe kutſchirt, und die Leute werden Ach und Weh über das arme Kind rufen, das ſie in des Teufels Krallen ſehen. Wenn die Leute auch mich dabei ſehen — den Namen des ehrlichen Leo⸗ nidas Stapelmann haben Sie ja auch ſchon in der ganzen Gegend in Verruf gebracht; der Menſch, heißt es, iſt der Gelegenheitsmacher, der Laufburſche für alle ſchlechten Streiche des Erbgrafen von Werdenburg. — Nun, warum gehen Sie denn nicht? Fürchten Sie die Zeugen? Es wäre vergebliche Furcht. Ihre gnädige Frau Tante ſah ja ſchon Alles, die Abenteurerin, die Offiziere, Mamſell Evchen, ſah Ihr ganzes Sünden⸗ regiſter bei Ihnen und wird Anklägerin, Zeugin und Richterin zugleich gegen Sie ſein.“ Der Erbgraf ging dennoch Evchen entgegen, aber nicht, um ſie auf offener Straße in ſeine Arme zu nehmen. Sie kam ernſt, bekümmert, beſorgt. Keine Schranken, keine Stände mehr! klang es zwar noch freudvoll in ihrem Herzen nach. Alſo auch 10 keine Erbgrafen mehr, die ein bürgerliches Mädchen nicht anſehen dürfen. Aber recht leicht wollte ihr bei dem Gedanken das Herz doch nicht werden, und dann war doch auch jene ſchöne fremde Dame da, von der die Leute ſo ſchlecht ſprachen, über die er ihr freilich Auskunft hatte geben wollen. Was konnte er ihr über ſie ſagen? Aber Evchen's Herz war auch voll Mitleid. „Du ſiehſt ſo betrübt aus, Evchen.“ „Die arme würdige Mutter, die armen Nonnen!“ „Ihr Kloſter ſoll aufgehoben werden, heißt es.“ „Und ſie müſſen in die weite Welt, und manche von ihnen wiſſen nicht, wohin. Die würdige Mutter hat Niemand, der ſie kennt, den ſie kennt.“ „Sprechen wir nachher von ihr, Eychen. Du wirſt jetzt nach Hauſe wollen.“ „Es iſt ſchon ſpät.“ „Ich kann Dich leider noch nicht begleiten, Evchen. Du mußt allein fahren. Aber der Wagen kehrt zu⸗ rück, um mich abzuholen. Noch vor Sonnenuntergang bin ich dann bei Dir, und Du bringſt mich nach der Schwalenburg und wir plaudern unterwegs. Biſt Du einverſtanden?“ „Ja“, ſagte ſie etwas leiſe, etwas gedrückt. Warum wollte er nicht mit ihr fahren? An die Leute der kleinen Stadt dachte ſie nicht, von dem, was Leonidas Stapelmann mit dem Grafen geſprochen hatte, wußte ſie nichts. Aber an die ſchöne Frau mußte ſie denken; wollte er ſein Verſprechen nicht halten, ihr doch keine Auskunft über ſie geben? Aber er wollte ja nach Seehauſen kommen und von da ſollte ſie ihn nach der Schwalenburg bringen, und ſie war dann lange mit ihm allein, ſie konnten dann ungeſtört über Alles ſprechen. Sie war dennoch nicht ſo recht zufrieden. Da kam wieder etwas Anderes. In der Thür des Vogelſang'ſchen Gaſthofs ſtand die edle und würdige Geſtalt des Johanniterritters, der ſich ſo theilnehmend nach ihr und ihren verſtor⸗ benen Aeltern erkundigt hatte. Sein Geſicht ſchien ſich zu verfinſtern, als er ſie ſo vertraulich mit dem jungen Erbgrafen ſprechen und nach dem Gaſthofe zurückkehren ſah. Hatte er etwas gegen den Erbgrafen? Es beun⸗ ruhigte ſie. Sie waren auf dem Platze vor dem Gaſthofe an⸗ gekommen. „Den Wagen!“ befahl der Graf ſeinem zeiſiggrünen Diener. Leonidas Stapelmann eilte in das Haus. Er mußte an dem Ritter vorüber. Der Ritter fragte ihn etwas. Der Zeiſiggrüne antwortete. Der Ritter erblaßte. Eychen ſah es. Sie erblaßte mit dem Greiſe. Was war es, was ihn bewegte, mit Schrecken oder womit ſonſt erfüllte? Finſtern Unmuth glaubte ſie ſogar auf der Stirn des Ritters geleſen zu haben. Der Wagen kam. Der junge Graf hob Evchen hinein. „Du kehrſt hierher zurück“, befahl er dem Kut⸗ ſcher. „Und ich, Euer Gnaden?“ fragte Leonidas Stapel⸗ mann. „Werde ich nicht der Begleiter und Beſchützer der verehrten Mamſell ſein?“ „Sie bedarf Deiner nicht.“ „Ah, Euer Erlaucht können hier meine Dienſte nicht entbehren!“ Der Wagen fuhr fort. Der Graf grüßte Eychen faſt mit Ehrerbietung. Sie dankte ihm mit ihrer reizenden Freundlichkeit. Der Johanniterritter ſah ernſt, faſt gedrückt den jungen Grafen an. Er ſchien ihn anreden zu wollen. „Wer iſt der Herr?“ hatte er den Zeiſiggrünen gefragt, als dieſer an ihm vorüber in das Haus ging, um den Wagen zu beſtellen. „Mein Herr“, war die Antwort des Großſprechers geweſen. „Es iſt mein gnädigſter Herr, Seine Erlaucht der Erbgraf Leopold von Werdenburg.“ 13 Der Name war es wieder geweſen, was den Ritter ergriffen, was ſein Geſicht mit Bläſſe, dann die Stirn mit der Wolke des Unmuths überzogen hatte. Der Ritter ſprach den jungen Grafen nicht an. Es ſchien ihm plötzlich ein anderer Gedanke gekommen zu ſein. Er hatte gehört, was der Graf zu dem Kutſcher geſagt hatte. Er ging in die Stadt. Der Wagen des Erbgrafen kam nach kaum einer Stunde zurück. Der Herr Vogelſang und der Ohm begleiteten den Grafen bis an denſelben. Der Graf ließ ſich die Zügel geben, um wieder ſelbſt zu fahren. Der Kutſcher ſetzte ſich auf die Bank hinter ihm. „Und wohin befehlen Euer Erlaucht mich?“ fragte Leonidas Stapelmann. „Zum Kutſcher!“ winkte ihm der Graf. Der Prahler ſank faſt zuſammen; er machte ein Geſicht, als wenn er weinen müſſe. „Erlaucht“ flüſterte er, „bedenken Sie meine Ehre. Um Ihres Seelenheils willen!“ „Zum Kutſcher“ ſagte der Graf. Und Leonidas Stapelmann warf ſich in die Bruſt und ſprach mit wichtiger Miene und lauter Stimme: „Euer Erlaucht Befehl ſoll auf das pünktlichſte erfüllt 14 werden. Ich werde das hohe Vertrauen zu rechtfertigen ſuchen. — Da bekomme ich noch eine delicate Miſſion von Seiner Erlaucht“, ſagte er dann zum Herrn Vogel⸗ ſang. Damit ging er. Der Graf fuhr langſam durch das Städtchen. Als er das Stadtthor paſſirt hatte, ſtand Leonidas Stapelmann an der Landſtraße. „Euer Erlaucht erlauben gnädigſt?“ bat er. „Zum Kutſcher!“ „Verſteht ſich, Euer Gnaden. Ich weiß, wo mein Platz iſt. Vorhin — das war wegen der Leute.“ Er ſetzte ſich zu dem Kutſcher. Die Pferde trabten auf Seehauſen zu. Seehauſen war ein großes Vorwerk, zu Schloß und Herrſchaft Schwalenburg gehörig. Die Herrſchaft Schwalenburg war nach einem alten Werdenburgiſchen Hausgeſetze Apanagegut des jedes⸗ maligen Erbgrafen von Werdenburg. Die jungen Herren erhielten die Einkünfte der Herr⸗ ſchaft von ihrem vierzehnten Jahre an und konnten ſie bewirthſchaften von ihrem achtzehnten Jahre an. Die Herrſchaft war groß; ihr Gebiet erſtreckte ſich weit an den Ufern des Schwalenſees hin, ging tief in das Land hinein. 1 O Das Schloß Schwalenburg lag an der Oſtſeite des Sees, in ſeinem Park, an den auf beiden Seiten ausgedehnte Waldungen ſich anſchloſſen. Jenſeits des Parks und der Wälder lagen die Ackerfelder der, Herrſchaft und die zu ihr gehörigen Dörfer. Am weſtlichen Ufer des Sees, ſchräg dem Schloſſe gegenüber, lag das Vorwerk Seehauſen mit unüber⸗ ſehbaren Wieſen und Weiden, die ſich zum Theil bis an die Feldmark der Stadt Waldenbrück erſtreckten. Auf der Schwalenburg war der Hauptſitz der Acker⸗ und Waldwirthſchaft. Auf Seehauſen wurde Alles verwaltet, was die Viehzucht und den daraus zu erzielenden Gewinn betraf. Der Verwaltung auf Seehauſen ſtand der Inſpector Sommer vor. Der Inſpector Sommer war kinderloſer Wittwer. Das Hausweſen führte ihm ſeine Nichte Eva Treue, ſo jung ſie war, mit Einſicht und Geſchick. Eychen war in zartem Alter zu ihm gekommen; ſie hatte früh ihre Aeltern verloren. Er hatte ihr eine . tüchtige Ausbildung geben laſſen. Sie war zwei Jahre lang in der Penſion des berühmteſten, der weiblichen Erziehung ſich widmenden Nonnenkloſters am Rhein geweſen. Die Familie war katholiſch wie die ganze Gegend. 16 Evchen hatte bei den „franzöſiſchen Nonnen“ Alles lernen müſſen, was die Töchter des vornehmſten Adels in dem Kloſter lernten. Der Herr Sommer hatte es ausdrücklich verlangt, und nicht blos „franzöſiſch par⸗ liren“ ſondern auch „Literatur und einen ordentlichen Aufſatz machen und Italieniſch und Singen und Kla⸗ vierſpielen“. „Und lernen die jungen Damen auch tanzen bei Ihnen, hochwürteze Frau Vorſteherin?“ — „Gewiß, mein Herr, aber ſie tanzen nur unter ſich.“ — „Mit den jungen Herren werden ſie es ſpäter ſchon von ſelbſt lernen, hochwürdige Frau.“ Die hoch⸗ würdige Frau wollte eine ſtrenge Miene machen, aber der Herr Sommer fuhr fort: „Die Evchen ſoll künftig in der Welt ſich ſehen laſſen können. Ich habe es dazu, und ſie wird meine Erbin. Und, hochwürdige Frau, wenn ich ihr etwas von zu Hauſe ſchicke, dann erlauben Sie mir wohl, daß ich ein Fäßchen Butter für die hochwürdige Frau beifüge? Die Seehauſer Butter ſucht ihresgleichen inm Lande.“ Die hoch⸗ würdige Frau hatte das freundlichſte Geſicht von der Welt. Erzählen wir gleich von Eychen noch mehr. Sie hatte in dem Kloſter gern gelernt. Als Kind von acht oder neun Jahren hatte ſie den Erbgrafen Leopold kennen gelernt, der danals zwölf 17 bis dreizehn Jahre alt war und mit ſeinem Hofmeiſter oft nach Seehauſen, ſeinem Apanagegute, kam. Der hübſche Knabe und das reizende, ſinnige und ſchon früh verſtändige Mädchen hatten ſich gern und leicht, wie Kinder in jenem Alter, zuſammen gefunden und waren vertraut und unzertrennlich geworden und hatten auch den Unterſchied der Stände vergeſſen, oder vielmehr das, was Hofmeiſter und Onkel ihnen darüber vor⸗ und eingeredet hatten oder auch wohl nur hatten ein⸗ reden wollen. „Graf Leopold, es iſt die Nichte Ihres Inſpectors; Sie dürfen nicht vergeſſen, daß ſie Ihnen Reſpekt ſchuldig iſt.“ — „Eochen, er iſt mein Herr, und künftig wird er unſer Landesherr, und Du darfſt ja nicht den Reſpekt gegen ihn aus den Augen ſetzen; er darf Du zu Dir ſagen, Du mußt ihn aber Sie nennen und Herr Graf.“ Eychen wollte es auch, aber der Graf Leopold lachte ſie aus, wurde böſe, bat und wurde wieder böſe und bat wieder, und Evchen ſagte zuletzt auch Du und Leopold zu ihr, mochten Hofmeiſter und Onkel noch ſo krauſe Geſichter dazu machen. So blieb es, bis Eychen ins Kloſter kam und der junge Erbgraf die Uni⸗ verſität bezog. Evchen blieb zwei Jahre im Kloſter. Der Graf mußte ſein Triennium abſolviren, aber in den Oſterferien nach Hauſe kommen. Als er das erſte Jahr kam, war Eychen noch im Kloſter. Er wußte es. Sein Temme, Die Erbgrafen. II. 2 18 erſter Ausflug war dennoch nach Seehauſen. Er mußte wenigſtens die Stellen und die Plätze wiederſehen, an denen er mit dem Kinde geſpielt hatte und an denen ſie beide ſo glücklich geweſen waren. „Wie lange bleibt Evchen noch, Herr Sommer?“ — „Bis nächſte Oſtern, Euer Gnaden. Zum Feſte ſoll ſie wieder hier ſein“ Und als die nächſten Oſtern kamen, war der junge Graf wieder zu Hauſe; acht Tage vor dem Feſte war der Herr Sommer nach dem Rhein gefahren, um Eychen abzuholen. Am Abend vor dem Feſte war er mit ihr wieder in Seehauſen, und am Oſtermorgen war der junge Erbgraf in Seehauſen. Er war damals noch der völlig unverdorbene, der ſchwärmeriſche Jüngling. Evchen, mein Evochen! wollte er dem Kinde ent⸗ gegenfliegen, wie in der frühern Zeit. Aber es ſtand kein Kind mehr vor ihm. Das war eine wunderbar reizende Jungfrau, in dem vollen Zauber der friſcheſten irdiſchen Schönheit, des Adels der Seele, des zugleich ſtrengen und doch wieder poetiſch ſchwärmeriſchen klöſterlichen Sichzurück⸗ ziehens und trotz alledem des reinſten Kinderherzens. Und ſo kam es denn doch über die Lippen des jungen Erbgrafen: „Biſt Du denn wieder da, mein Eychen?“ * 19 Und Evchen? Ein hoher Jüngling ſtand vor ihr, in ſeinem ganzen Weſen Ariſtokrat, Ariſtokrat von Geburt, von Erziehung, aber in dem Flänzenden Auge die Schwärmerei eines reinen Herzens, das Glück des Wiederſehens und — doch die Liebe las das verſchämte, verlegene Eochen in ſeinen Augen wohl nicht. „Herr Graf Leopold, Sie —“ Weiter konnte Eychen nichts hervorbringen; das Herz klopfte ihr, die Lippen verſagten ihr den Dienſt. Der junge Graf fiel ihr ins Wort. „Herr Graf? Evchen, bin ich Dir nur das ge⸗ worden?“ Da mußte ſie doch rufen: „Nein, nein, Du —“ Freilich mehr in dieſem erſten Augenblicke nicht. Aber wenige Minuten nachher beſtand keine Schranke der Etikette und Verlegenheit mehr zwiſchen ihnen, und die zwei Jahre ihrer Trennung galten ihnen wie zwei Tage. So war es auch noch im nächſten dritten Jahre. Aber der deutſche vornehme Adel hatte zu jener Zeit eine heilloſe Sitte, die von der alle Welt be⸗ leckenden Cultur ſeitdem weiter nach Oſten getragen iſt. Was auf den deutſchen Univerſitäten an den jungen 20 Männern Gutes geblieben oder ausgebildet war, das mußte auf der hohen Akademie des Weltlebens in Paris verdorben, vernichtet werden. Auch der Erbgraf von Werdenburg mußte nach Vollendung ſeiner Univerſitätsſtudien gen Paris ziehen. Die franzöſiſche Revolution war damals durch den Napoleoniſchen Terrorismus geſchloſſen. Man konnte ohne Lebensgefahr wieder in Paris leben. Von dem Gifte der Revolution konnte ein deutſcher Ariſtokrat ohnedies nicht angeſteckt werden. Andererſeits durfte der Sohn eines ſouveränen deutſchen Hauſes ſich und ſein Haus durch einen Beſuch des Napoleoniſchen Hofs nicht wegwerfen. „Mein Sohn“ ſagte ſein Vater, der regierende Graf, zu ihm, „dem Parvenu wirſt Du keinen Beſuch machen. Dein Umgang in Frankreich wird ſich lediglich auf die jetzt zu ihrer Ehre ſogenannten legitimiſtiſchen Familien beſchränken, die Rohan, die Polignac, die Choiſenl, die Condé und ſo weiter. Auch ſie ſtehen zwar unter uns, indem ſie keine regierenden Häuſer ſind, indeſſen ſie gehören dem guten, alten Adel an, und deſſen Sitten wohnen unverfälſcht in ihren Schlöſſern.“ Der junge Erbgraf folgte dem Befehle ſeines Va⸗ ters. Den Bonaparte'ſchen Hof ſah er nicht. Die Fa⸗ milien der Legitimiſten nahmen ihn gern auf, und er K—— 21 eignete ſich in ihnen vollkommen den feinen Ton des alten und hohen franzöſiſchen Adels an. Aber es gab in Paris auch ſchon damals eine dritte Geſellſchaft, an die der alte Graf nicht gedacht hatte, und auch ſie, die Pariſer Roués, lernte der junge deutſche Graf kennen, und mit ihnen ein wüſtes Leben, wie es ſelbſt heute von einer dem ſogenannten dritten Napoleon, der durch die äußerſte Corruption ſeiner Hauptſtadt Frankreich im Zügel zu halten ſucht, nacheifernden Hand nach Deutſchland nicht hat verpflanzt werden können. Zum Glück für den jungen Mann dauerte ſein Pariſer Leben nur anderthalb Jahr. Er ſelbſt ſchien ſeiner überdrüſſig geworden zu ſein. Er kehrte nach Deutſchland zurück, nach Schloß Werdenburg, auf ſeine Schwalenburg an dem ſchönen Schwalenſee, aber nicht nach Seehauſen. Er ſah wohl ſtundenlang über das blaue Waſſer hinüber nach den grünen Wieſen und den grünen Jalouſien des Vorwerks, aber hin konnte er nicht. Das wüſte Leben in Paris hatte ihm den Kopf wüſt und das Herz leer und öde gemacht, und in dieſe Dede konnte nichts einkehren, und Evchen, das reine, treue Evchen, durfte und ſollte es nicht. Konnte wirklich das leete Herz es noch fühlen, der wüſte Kopf es noch einſehen? Er ſah gar keinen Menſchen mehr. 22 Er vergrub ſich in die Einſamkeit des Schloſſes und Parkes der Schwalenburg. Der junge Erbgraf müſſe ſehr krank ſein, hieß es. Da kam Evchen zu ihm. Sie war mit ihrem Onkel, der faſt täglich Geſchäfte dort hatte, nach der Schwalenburg gefahren. Sie waren im Nachen übergeſetzt. Der Landungsplatz war in einer Bucht an dem Schwalenburger Park. Nicht weit von der Bucht ſaß der junge Erbgraf in einer Laube. Er ſah Evochen, ſie ſah ihn. Er wollte ſich verbergen. 3 Sie ging zu ihm; ſie konnte nicht anders. Er mußte ihr entgegengehen. „Ich hörte, Sie ſeien krank, Herr —“ Nein, „Herr Graf“ konnte ſie doch nicht aus⸗ ſprechen. „Graf Leopold“, vollendete ſie. „Und da wollteſt Du mich heilen, Eychen?“ fragte der Graf. 6 „Ach, wenn ich das könnte!“ „Kannſt Du wieder Du zu mir ſagen?“ Er wurde doch blaß und roth bei der Frage. Sie wurde es noch mehr. „Ich glaube, es könnte mich heilen“ ſagte er. 23 Da hatte Evychen ihm ſchon die Hand gegeben und ſagte zu ihm: „Du ſiehſt recht krank aus, armer Leopold. Du mußt wieder unter die Menſchen kommen.“ „Darf ich wieder zu Dir kommen, Evchen?“ „Mein Gott, warum dürfteſt Du nicht?“ „Morgen bin ich bei Dir.“ Am andern Morgen war er bei ihr. Sie lebten wieder wie ſonſt mit einander. Evchen war ganz die Frühere; ſie war nur noch dazu die ſorg⸗ ſame Hüterin des Kranken. Auch er wurde es dann wieder. Aber es dauerte nur vierzehn Tage. Da war er plötzlich verſchwunden. War die Luſt zu dem frühern wilden Leben wieder in ihm erwacht? War es etwas Anderes? Von Evchen hatte er keinen Abſchied genommen, nicht mündlich, nicht ſchriftlich. Eychen war überraſcht, betrübt. Er war auf Reiſen gegangen. Er führe ein arges Leben in der Fremde, hieß es, in Italien, in deutſchen Bädern, im ſüdlichen Frank⸗ reich. Auch Evchen hörte es. Sie wurde betrübter, dann klar und ruhig. 24 „Was für ein Recht hat mein Herz denn, ihm darüber Vorwürfe zu machen?“ Sie hatte ein ſtarkes Herz. Es wurde ihr noch ſtärker. Beinahe zwei Jahre blieb der junge Graf aus. „Er wird elend an Geiſt und Körper zurückkommen“ ſagten die Leute. „Wenn er überhaupt jemals zurückkommt! Noch kein geborener Erbgraf von Werdenburg iſt zur Regie⸗ rung gekommen, nicht einmal, als ihrer zwei waren. Das iſt der alte Fluch, der auf der Familie haftet!“ „Der junge Herr braucht viel Geld!“ ſagte der Inſpector Sommer. . Da war er auf einmal wieder da, und er ſah zwar etwas verlebt aus, aber er war geſund, kräftig, friſch und fröhlich. Und ſo ſtand er gleich am Morgen nach ſeiner ſpäten Ankunft vor Evchen in Seehauſen. „Und jetzt bleibe ich hier, Eychen, bei Dir! Oder wirſt Du mich wieder in die Fremde jagen?“ „Ich hätte Sie hineingejagt?“ „Du, Du! Aber Du ſollſt nur Du zu mir ſagen!“ „Alſo ich hätte Dich verjagt?“ „Verjagt und wieder zurückgeholt! Aber frage nicht. Leben wir wie früher! Willſt Du?“ „Wenn Du es willſt!“ 25 „So komm!“ Und er nahm ihre Hand und ging mit ihr in den Garten beim Hauſe, und ſie ſuchten unter dem ſchmel⸗ zenden Schnee die erſten Schneeglöckchen hervor. Sie waren wieder wie früher, wie ſie als Kinder geweſen waren. Die Leute ſagten zwar, er habe einen alten Men⸗ ſchen, der häßlich und frech wie die Sünde und ein Prahlhans und ein Großſprecher dabei ſei, als Be⸗ dienten heimgebracht, aber was ging Evochen der häß⸗ liche Bediente an? Sie ſah ihn nicht einmal. Vierzehn Tage nach ihm kam auch eine ſchöne fremde Dame an, mit einem Kinde, das ein Jahr alt ſein konnte; ſie wollte Frau von Arenfels heißen und eine Wittwe ſein, gar eine unglückliche, verfolgte. Sie lebte dennoch in Saus und Braus mit dem Erbgrafen und mit den preußiſchen Offizieren aus der benach⸗ barten Feſtung auf dem Sparrenberge; ſie wohnte gar bei dem jungen Grafen, dem unverheiratheten und zu⸗ dem als ausſchweifend verrufenen Manne, und der Graf litt, daß ſie ſich mit den Offizieren herumtrieb, und kein Menſch wußte, zu welchem Zwecke, wenn es nicht der war, ihr einen Mann und für ihr Kind einen Vater zu verſchaffen. Von der Frau von Arenfels hatte Eychen freilich 26 bisher nichts gehört, als daß ſie wirklich eine Unglück⸗ liche ſei, welcher der Graf aus Mitleid ein Unterkommen gegeben habe; ihr eigener Onkel hatte ihr das geſagt. Erſt heute hatte ſie in der Stadt im Vogelſang'ſchen Hauſe erfahren, daß die Frau eine zweideutige Aben⸗ teurerin ſein ſolle, die den jungen Erbgrafen beherrſche, und ſie hatte ſelbſt das Treiben der Frau mit den Offizieren geſehen und auch, wie ſchön dieſe Frau von Arenfels war. Das Alles hatte ihr manchen Stich in das Herz verſetzt. Der Graf Leopold hatte ihr nähern Aufſchluß über die Frau verſprochen, aber er hatte das ſchon einmal aufgeſchoben, und wir haben ein latei⸗ niſches Sprichwort: Semper aliquid haeret — von einem Stiche in das Herz bleibt immer etwas zurück. Eochen Treue war in dem Jagdwagen des Grafen nach Hauſe gekommen. Sie hatte den jungen Grafen zu erwarten, aber er konnte erſt in einer Stunde eintreffen. Sie konnte bis dahin noch kleine Hausgeſchäfte beſorgen. Sie kleidete ſich um. Sie legte ihre einfache Hauskleidung an. Eochen liebte das Einfache. Daß ſie in ihrem Haus⸗ kleide am ſchonſten war, wußte ſie wohl nicht; wie wenige Mädchen glauben es! 27 Sie ging dann doch an keine Arbeit. Sie hatte nicht die Ruhe dazu. Das unruhige Herz zog ſie zu ihrem einſamen Lieblingsplatze. Die zahlreichen und weitläufigen Wirthſchaftsge⸗ bäude des Vorwerks Seehauſen lagen um einen großen Hof, der ein längliches Viereck bildete. Oben an der ſchmalen Seite des Vierecks befand ſich das Wohnhaus des Inſpectors; es war ein großes Gebäude; die Schreib⸗ ſtuben waren darin. In der obern Etage waren ei⸗ nige Zimmer, die immer für den Herrn in Bereitſchaft gehalten werden mußten. Der Herr war der Erbgraf. Der Inſpectorwohnung gegenüber war das große Eingangsthor des Hofes. Hinter der Wohnung des Inſpectors war ein kleiner Garten, der ſich bis unmittelbar an den See zog. In den Garten begab ſich Evchen. Dort war ihr Lieblingsplatz, eine Laube auf einer kleinen, in den See vorſpringenden Landſpitze. Aus ihr überſah man alle Ufer des Sees. Der Schwalenſee — er hatte ſeinen Namen aus uralter Zeit von den vielen Schwalben, die in ſeinen Ufern niſteten; von dem See wieder hatte die Schwalen⸗ burg ihren Namen — bildete ein längliches Rund; ſeine Länge betrug eine ſtarke Stunde, ſeine größte Breite eine halbe Stunde. 28 Das Vorwerk Seehauſen lag in der Mitte ſeiner weſtlichen breiten Seite. Ihm faſt gegenüber, an der öſtlichen breiten Seite, etwas mehr nach Norden hin, war das Schloß Schwalen⸗ burg gelegen. An der nördlichen Spitze des Sees lag auf einem Hügel eine kleine Feſtung, der Sparrenberg. Unter der Feſtung dehnten ſich bis an das Waſſer die Straßen und Häuſer und Bleichen eines kleinen Städtchens aus, Sparrenfeld geheißen. An der ſüdlichen Spitze des Sees, etwas nach Oſten, alſo nach der Seite der Schwalenburg zu, ſah man gleichfalls auf einem Hügel, ein großes, weitläufiges, ſtolzes Schloß ſich erheben; es war Schloß Werdenburg, die Reſidenz des regierenden Reichsgrafen von Werden⸗ burg. Die beiden Hügel des Sparrenbergs und der Wer⸗ denburg waren die beiden einzigen Anhöhen, die man gewahrte, ſoweit rund umher das Auge reichte. Auch an dem fernſten Horizont ſah man keine blaue Berg⸗ kuppe emportauchen. Die Ufer des Sees erſchienen in dem flachen Lande nur deſto reizender. Das ſtolze Grafenſchloß mit ſeinen hohen weißen und rothen Mauern, ſeinen unzähligen Fenſtern, ſeinen Zinnen, Thürmen, Balconen, je nach⸗ nteeeeheeee 29 dem die einzelnen Theile des impoſanten Baues aus alter oder neuer Zeit ſtammten; unter ihm ein Park, der weit auf beiden Seiten ſich ausdehnte. An den Park ſchloß ſich ein hoher Wald von Eichen und Bu⸗ chen an. An ihn grenzten wieder Waldung und Park der Schwalenburg, mit dem Schloſſe und der alten Burgruine darin. Dann kamen Dörfer, dann die Fe⸗ ſtung Sparrenberg und das Städtchen Sparrenfeld darunter, dann wieder Dörfer und zuletzt die unüber⸗ ſehbaren Weiden und Wieſen von Seehauſen, die ſich„ auf der andern Seite des Vorwerks wieder bis an die Waldungen des Schloſſes Werdenburg erſtreckten. Das Alles lag dem Blick offen in der Laube des Gärtchens hinter dem Hauſe des Inſpectors. Evochen überflog es in dem Scheine der Abendſonne, die ſich dem Rande des Horizonts näherte. Das Schloß Wer⸗ denburg erhob in den goldenen Strahlen ſich ſtolz, wie ein Königsſchloß. In dem Parke hatte der Frühling die langen Kaſtanienalleen ſchon mit dunklem, die zahl⸗ reichen Bosquets ſchon mit krauſem Laube geſchmückt. In den Wäldern ſtanden die Eichen und Buchen noch kahl; deſto mächtiger und kräftiger ragten die thurm⸗ hohen Stämme mit ihren Aeſten und Zweigen in die Luft empor. Durch Bäume und Geſträuch des Parkes der Schwalenburg ſah man die hohen Mauern des 30 Schloſſes und ſeiner Wirthſchaftsgebäude ſich erheben und daneben die Ruine der alten Schwalenburg, einen hohen, ſchwarzen, runden Thurm mit verwittertem nie⸗ drigerem Gemäuer zur Seite. Die freundlichen Dörfer ſpiegelten ſich hell und klar in den Wellen des Sees. Der Sparrenberg lag ſo traurig und finſter da; unter ihm leuchtete ſo glänzend das ſchneeweiße Linnen auf den Bleichen des Städtchens faſt bis in den See hinein. Auf den Wieſen blühten im friſchen grünen Graſe ſchon frühe Frühlingsblumen. Evchen's ſinnendes Auge heftete ſich auf die Schwalen⸗ burg, glitt hinüber zu dem ſtolzen Schloſſe Werden⸗ burg, kehrte ſeufzend zu der Schwalenburg zurück. Hinter ihr nahte ſich ein Schritt. Sie ſah ſich erſchrocken um. War der Graf ſchon da? Er hätte in der Stadt nicht auf die Rückkehr des Wagens warten können, ſondern ihr ſofort auf dem Fuße gefolgt ſein müſſen. Die hohe edle Geſtalt des Johanniterritters ſtand vor ihr. Er war zu Fuße aus der Stadt gekommen. Er hatte, warm durch das Gehen geworden, ſeinen leichten grauen Ueberzieher zurückgeworfen. Man ſah darunter ſeinen ſchwarzen Rock, auf deſſen linker Seite mit weißem Linnenband das achtſpitzige Malteſerkreuz ——— 31 eingenäht war. Das einfache weiße Kreuz auf dem ſchwarzen Kleide vermochte doch die hohe, würdige Ge⸗ ſtalt noch zu heben. Er reichte mit ſeiner milden Freundlichkeit dem Mädchen die Hand. „Habe ich Sie unangenehm überraſcht, Made⸗ moiſelle?“ „Nein, nein“ ſagte Evchen. „So erlauben Sie mir zu allererſt, daß ich einen Blick in dieſe herrliche Natur werfe.“ Er ſchaute über den See nach dem Schloſſe Werden⸗ burg, von dieſem nach der Schwalenburg, nach dem alten hohen, dunklen Thurme neben ihr; er ſchaute weiter, er ſchaute zurück nach der Schwalenburg, wie vorhin Evchen. Die Augen waren ihm feucht geworden. „Darf ich bitten, daß wir uns ſetzen?“ ſagte er. Evchen ſetzte ſich auf die Bank in der Laube. Er ließ ſich neben ihr nieder. Er bedeckte mit beiden Händen ſeine Augen. Er ſaß lange ſo. Als er aufblickte, hatte ſein Geſicht wieder die volle milde Ruhe. „Sie haben immer hier gelebt?“ fragte er dann das Mädchen. „Meine Heimat iſt hier“ antwortete Euchen. „Ich bin drüben auf der Schwalenburg geboren.“ 32 „Ihre Aeltern leben nicht mehr, ſagten Sie mir?“ „Sie ſind beide todt.“ „Haben Sie ſie noch gekannt?“ „Meines Vaters erinnere ich mich nicht mehr. Er ſtarb, als ich kaum zwei Jahre alt war. Als meine Mutter ſtarb, war ich im Alter von ſechs Jahren. Ihr Bild ſteht noch lebhaft in meiner Erinnerung. Sie war immer ſo freundlich und ſo ſtill und ſchneeweiß. In dem Todtenbette lag ſie ſo weiß wie die Kiſſen, und ſie war ſo unendlich ſchön.“ Aus Evchen's Augen rannen die Thränen. „War Ihre Mutter noch jung, als ſie ſtarb?“ fragte der Ritter. „Nicht mehr ganz jung. Sie hatte ſpät geheirathet.“ „Ihr Name war?“ „Eva Braun.“ Der Ritter mußte eine Pauſe machen, ehe er weiter ſprach. Er fragte wieder: „Ihr Vater hieß Treue?“ „Karl Treue. Er war Secretär bei meinem Groß⸗ vater auf der Schwalenburg. Mein Großvater war Verwalter dort. Mein armer Vater iſt immer kränklich geweſen.“ „Und Ihre Mutter? Sie hatten ſie nur ſo weiß gekannt. War ſie unglücklich geweſen?“ a 33 „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur von ihrer Liebe zu mir, von ihrer ſtillen Freundlichkeit gegen alle Menſchen.“ Der Ritter hatte eine andere Frage. „Sie ſprachen die würdige Mutter in dem Nonnen⸗ kloſter?“ „Ich war lange bei ihr.“ „Wie fanden Sie ſie?“ „Sie war gefaßt, wie ihr hohes Herz es ſein mußte. Sie hatte unmittelbar vorher die Nachricht von der Aufhebung des Kloſters erhalten. Sie hat in der Welt Niemand, bei dem ſie eine Zuflucht ſuchen könnte. Nur einen Augenblick warf es ſie nieder; nicht das Unglück, nur die Ueberraſchung. Dann war ſie er⸗ haben in ihrer Ergebung in den Willen Gottes.“ „Und in ihrem Vertrauen zu Gott!“ ſagte der Ritter. „Und“, fuhr er fort, „ihr Vertrauen wird ſie nicht täuſchen.“ Eochen ſah ihn fragend an. Er fragte ſie. Er hatte etwas auf dem Herzen und es betraf ſie. „Mein liebes Kind, auch Sie vertrauen auf Gott?“ „Gewiß“, ſagte das Kind. „Und Sie fühlen ſich glücklich in dieſem Ver⸗ trauen?“ Temme, Die Erbgrafen. II. 3 34 „Mir fehlt ja nichts“, ſagte Eychen. „Wie ſollte ich unglücklich ſein?“ Der Ritter ſchüttelte leiſe das weiße Haupt. „Mein Kind, es gibt glückliche Menſchen, denen recht Vieles fehlt, und recht unglückliche, denen nichts fehlt.“ Sprach er mit Beziehung? Evchen wurde unruhig. Sie mußte nachſinnen. Was konnte er von ihr wiſſen? Er hatte ſie mit dem jungen Erbgrafen geſehen. Sie wurde unruhiger. Der Ritter ſprach weiter. Es koſtete ihm An⸗ ſtrengung. „Sie kennen den Erbgrafen von Werdenburg?“ Er hatte alſo mit Beziehung geſprochen. Eochen erblaßte. „Mein Onkel iſt der Inſpector des Herrn Erb⸗ grafen“, wollte ſie ausweichen. „Und darum kommt der Grafß oft nach Seehauſen?“ „Er kommt öfters hierher.“ „Mamſell Eychen, kennen Sie den jungen Grafen genau?“ „Wir haben ſchon als Kinder mit einander ge⸗ ſpielt.“ „Sie kennen ihn alſo? Sein Herz? Seinen Cha⸗ rakter?“ eheeeeee 35 „Ja!“ ſagte das Kind feſt. „Und er darf noch zu Ihnen kommen?“ Evchen wurde dunkelroth. Die Frage enthielt eine Verletzung für den Grafen, oder für ſie, oder für ſie beide. Aber der Ritter ſah ſie mit ſo vielem Wohlwollen, ſo vieler Liebe an. „Ja!“ ſagte ſie noch einmal, und völlig ſo feſt wie eben und faſt triumphirend dazu. Dem Ritter ſchien es leichter auf dem Herzen zu werden; allen Druck hatte das Ja des Mädchens nicht von ihm genommen. „Mein Kind“ ſagte er, „ich fühle in mir die Pflicht, offen mit Ihnen zu ſprechen. Warum? Ich hoffe Sie werden es ſpäter erfahren. Schenken Sie mir jetzt das Vertrauen, daß ich nur Ihr Wohl will. Der Erb⸗ graf von Werdenburg hat, ſo viel erfuhr ich in den we⸗ nigen Stunden meines Aufenthalts in dieſer Gegend, keinen guten Ruf. Ich ſelbſt glaubte Einiges zu ſehen, was mir das nachtheilige Gerede der Menſchen über ihn zu beſtätigen ſchien. Sie bürgen mir für ihn. Ich mußte ſchon einmal Ihre Verſtändigkeit, Ihre Einſicht anerkennen, ich vertraue Ihnen auch hier. Der junge Graf iſt nur leichtſinnig, nicht ſchlecht. Vor Ihnen wird auch ſein Leichtſinn zurückweichen. Dennoch, mein 36 Kind, kennen Sie die Geſchichte der Erbgrafen des gräflich Werdenburgiſchen Hauſes?“ „Ich habe von einem alten Fluche gehört“, ſagte Evchen. „Aber es ſoll Aberglaube ſein.“ „Ja, das iſt Aberglaube“, verſetzte der Ritter. „Laſſen Sie ſich dennoch von ihm erzählen und denken Sie darüber nach; gehen Sie darüber mit Ihrem Herzen zu Rathe und, wenn Ihr Herz es Ihnen nicht wider⸗ räth, auch mit dem Erbgrafen. Und dann werden wir uns wiederſehen. Leben Sie wohl bis dahin.“ Er wollte gehen. „Darf ich dem Herrn Grafen von Ihnen erzählen, mein Herr?“ fragte Evchen. „Ihm? Ja!“ Der Johanniterritter drückte damit dem Mädchen die Hand und verließ den Garten. „Wer iſt er?“ fragte ſich Evchen. Aber andere Gedanken verdrängten die Frage. „Warum warnte er mich vor dem Grafen Leopold? Er mußte doch ſein Herz und ſeinen Charakter aner⸗ kennen. Und auch leichtſinnig iſt der Graf Leopold nicht; auch darin thut er ihm Unrecht. Und wenn er nicht zur Regierung käme —“ Sie verſank in Träumereien, die ihr aber das Herz nicht leichter machten. 37 Es war dunkel darüber geworden. Die Sonne war längſt untergegangen; die letzten lichten Wolken des Abends verſchwanden am Himmel. Ein Wagen fuhr auf den Hof des Vorwerks. Eychen erwachte aus ihren Träumen, ſprang auf. Der Onkel oder der Graf Leopold? Es war der Graf. Er kam um das Haus herum in den Garten. Er hatte den Wagen mit Leonidas Stapelmann fortgeſchickt. Sie ſollten um den See herum 186 der Schwalenburg zurückkehren. „Und Euer Erlaucht?“ hatte der Zeiſiggrüne ge⸗ fragt. „Kümmere Dich um Dich.“ „Ah, ich verſtehe!“ legte der häßliche Menſch pfiffig den Finger an die Naſe. „Schurke!“ drohte ihm der Graf⸗ Der Lump ſchwang ſich wieder auf den Wagen. Der Wagen fuhr zurück. Er hatte vor der Wohnung des Inſpectors ge⸗ halten. Ein kleiner buckliger Burſche ſtand dort. „Wo iſt Mamſell Eychen?“ fragte ihn der Graf. „Im Garten, Euer Erlaucht.“ Der Graf ging in den Garten. 38 Eychen kam ihm nicht entgegen. Sie hatte es gewollt; ſie konnte es nicht. „Warum kann ich es denn nicht? Gerade heute nicht?“ Sie ging doch; das Herz zog ſie wohl hin. Aber er war ſchon dicht an der Laube. Und ſie war langſam auf ihn zugegangen. „Guten Abend, Evchen!“ „Guten Abend — Graf Leopold.“ „Bin ich Dir wieder nur der Graf?“ Sie hatte keine Antwort. „Evychen, was iſt es mit Dir?“ „Nichts, nichts!“ „Sieh mich an!“ Sie ſah ihn an. „Eychen, Dein Auge iſt trübe. Du haſt etwas.“ Er gewahrte es durch die Dunkelheit. „Mir liegt es ſo ſchwer auf dem Herzen“, ſagte Evychen. „Und was iſt es?“ „Ich weiß es nicht.“ „So weiß ich es. Es iſt die Frau von Arenfels.“ Eychen ſchwieg. Die Frau von Arenfels war es nicht allein, war es vielleicht am wenigſten. Konnte ſie es ihm ſagen? — —— 39 „Eychen, begleiteſt Du mich nach drüben?“ fragte er. „Mein Onkel iſt nicht zu Hauſe.“ „Das war Dir ſonſt kein Hinderniß.“ Sie ging ſchon. „Wohin?“ fragte er. „Den Andreas zu rufen.“ Er ging unruhig in dem Garten auf und ab, bis das Mädchen zurückkam. „Es iſt Alles bereit“, ſagte ſie. Er nahm ihre Hand, verließ mit ihr den Garten. Das Vorwerk Seehauſen hatte ſeinen Hafen im See. Es ſtand für Austauſchung und Verwerthung ſeiner und der Producte des Hauptguts in einem faſt täglichen Verkehr mit der Schwalenburg. Dieſer wurde, zur Erſparung von Zeit und Arbeitskräften, nur in ſeinem geringern Theile auf dem Landwege um bei⸗ nahe den halben See und meiſtens auf Kähnen in gerader Linie über den See vermittelt. Der Hafen befand ſich unmittelbar hinter den Gebäuden des Vor⸗ werks. Er hatte einen beſondern kleinern Einſchnitt, in welchem drei bis vier Gondeln blos zum Gebrauche des Inſpectors und ſeiner Familie lagen. Eine von ihnen, ein reizendes kleines Fahrzeug, war das ausſchließliche Eigenthum Evychen's. Der Erb⸗ graf hatte ſie ihr an jenem Oſtermorgen mitgebracht, 40 an dem er nach ihrer Rückkehr aus der Penſion zu ihr kam. Er war darin von der Schwalenburg nach Seehauſen zu ihr herübergerudert. Die Gondelbucht, wie ſie auf dem Vorwerke hieß, war unmittelbar neben dem Garten der Inſpectorwohnung. Eychen und der Erbgraf gingen dahin. Zwei der darin befindlichen Gondeln waren zum Abfahren bereit. In der einen ſtand Andreas, der kleine bucklige Burſche, den Evchen gerufen hatte. Der Burſche war ein Laufburſche in dem Inſpector⸗ hauſe, aber eigentlich gehörte er nur Eychen an. Er war zwei Jahre jünger als ſie, auf dem Vorwerke von einer armen Tagelöhnersfrau geboren, Evychen zum Geſpielen übergeben, ihr Diener geworden, ihr treuer Freund immer geblieben. Die zweite Gondel war leer; es war die Eychen's. In ſie ſtieg ſie mit dem Grafen. Es waren zwei Ruderbänke darin, nahe beiſammen. Auf die eine ſetzte ſich der Graf, auf die andere Eychen, er, um zu rudern, Eychen mehr, um zu ſteuern. So ſaßen ſie, die Geſichter einander zugewandt. Sie ſetzten die Gondel in Bewegung. Der Bucklige folgte mit der andern Gondel in einiger Entfernung. 41 Sie fuhren quer über den See nach der Schwalen⸗ burg hin. So waren ſie oft gefahren, bei Tage und am Abend, ſeit manchem Jahre. Evchen hatte den Grafen nach der Schwalenburg, der Graf hatte ſie nach Seehauſen gebracht. Der bucklige Andreas hatte ſie immer beglei⸗ tet; er war trotz ſeines Höckers ein kräftiger und viel⸗ leicht gerade vermöge deſſelben ein gewandter Burſche. Sie fuhren ſchweigend in den See hinein. Ueber der weiten Waſſerfläche lag das volle ſchwarze Dunkel des Abends. Der ſternenklare Himmel konnte es nicht erhellen. Die Erde hält auf ihrer feſten Ober⸗ fläche das Licht der Sterne feſt, das Waſſer verſenkt es in ſeine Tiefe. Da unten findet man die leuch⸗ tenden Sterne wieder. Die Ufer des Sees hatten ihre hellen und ihre dunklen Punkte. Schwarz zeichneten ſich die Alleen und Bosquets in den Parks der beiden gräflichen Schlöſſer ab, dunkler die tiefen weiten Wälder. Wie ein Feuer⸗ meer ſtrahlten im Lichterglanz die hohen und langen Mauern des Schloſſes Werdenburg. Durch die Aeſte und Zweige des Parks der Schwalenburg drangen hell kleinere Lichtmaſſen; daneben erhob ſich dunkel der hohe Thurm der Ruine der alten Schwalenburg in den Nachthimmel hinein. 42 Faſt nicht minder dunkel ſtarrten dann wieder die Mauern und Thürme der Feſtung auf dem Sparren⸗ berge empor, und Licht an Licht reihte ſich wieder hell an einander unter den ſchwarzen Mauern in dem fleißi⸗ gen Städtchen Sparrenfeld. Die Bleichen am Ufer waren hell bis an den Rand des Waſſers und im See ſah man die weiße Leinwand ſich widerſpiegeln. Nach der Schwalenburg richteten ſich die Blicke Evchen's. Sie lag ſo ſtill in dem beſcheidenen Licht⸗ ſcheine hinter den Bäumen und dem Geſträuche. Wie glücklich mußte es ſich da leben laſſen, an der Seite, nur an der Seite — Aber jene Frau war ja jetzt da, die Abenteurerin, die ſchlechte Perſon, wie im ſittlichen Zorne ohne den geringſten Rückhalt die Frau Vogel⸗ ſang in Waldenbrück geſagt hatte. Evchen ſeufzte leiſe. Zur Seite nach Schloß Werdenburg hatten ſich die Blicke des jungen Erbgrafen gelenkt. Es ragte in dem ſtrahlenden Lichterglanze mit ſeiner langen Fagade ſo hoch über den dunklen Park empor und ſtolz wie ein Beherrſcher des Landes. Und eine einfache Frau dort? Zichte der junge Graf daran? An etwas Anderes mußte er denken. Warum die helle Erleuchtung der ganzen Fagade dort? Sie zeigte etwas Ungewöhnliches an. 43 Da fiel ihm ſeine Tante, die Gräfin Schleigheim, ein, die nach Schloß Werdenburg gefahren war, und mit ihr, was ihm Leonidas Stapelmann über ein Fami⸗ lientribunal geſagt hatte, das über ihn zu Gericht ſitzen ſolle, um ihn zum Heirathen oder zum Verluſte der Erbfolge zu verurtheilen. Er lachte laut auf. Eychen mußte ihn darauf anſehen. Worüber lachte er? Wie konnte er lachen? Sollte er ihr nicht Auskunft über jene Frau auf der Schwalen⸗ burg geben, wie er verſprochen hatte? Ein bitteres Gefühl wollte ſich in ihr Herz ſtehlen. Da begann er zu ſprechen. „Evchen, ſiehſt Du Schloß Werdenburg dort?“ „Ich ſehe es.“ „Weißt Du, was ſein Lichterglanz bedeutet?“ „Ich weiß es nicht.“ „Es ſind meine Hochzeitsfackeln.“ „Wie?“ rief das Kind. „Ich ſoll heirathen; aber ich will nicht!“ „Warum nicht?“ fragte Evychen, nicht mehr mit Bitterkeit im Herzen, aber mit einer Stimme, deren Zittern ſie zu verbergen ſuchte. „Warum nicht, Eychen? Ich ſoll eine ebenbürtige Reichsgräfin oder vielleicht Prinzeſſin heirathen, die häß⸗ 44 lich iſt wie die Nacht und ſtrenge Despotin genug, um mir allen meinen Leichtſinn auszutreiben und das Herz dazu. Soll ich das thun, Evchen?“ „Wer verlangt es von Dir?“ fragte das Mädchen. „Ein hochweiſes und hochſtrenges Familientribunal, das in dieſem Augenblicke ſich dort verſammelt.“ „Und warum verlangen ſie es von Dir?“ „Du hörſt es. Ich ſoll meinen Leichtſinn ablegen, ſolid werden, ein tüchtiger Landesherr.“ „Und Du willſt nicht, Leopold?“ „Nein!“ Er ſprach das Wort auf einmal kurz und ernſt aus. Leicht, in faſt frivolem Tone waren ihm bisher die Worte über die Lippen gefloſſen. „Nein“, wiederholte er ernſt, und mit Wärme fuhr er fort: „Ich will glücklich ſein, Eychen, nur glücklich.“ „Und was macht Dich glücklich?“ fragte das Mädchen. Er ſah ſie überraſcht an. Wollte ſie die Antwort: „Du, Du, mein Evchen!“ Da zeigte ihm das Sternenlicht einen Vorwurf in ihren Augen. „Ah, mein Kind“, ſagte er, „die Frau von Aren⸗ fels — meinſt du ſie?“ Eychen wollte nicht nein, ſie konnte aber auch nicht ja ſagen. 45 Er ſah ſie ſo offen und treu an, und in demſelben Athem fuhr er fort: „Ich hatte Dir verſprochen, von ihr zu erzählen. Höre mich an.“ Da hatte Evochen doch ihr Nein. „Nein, nein, Leopold. Ich glaube Dir ja Alles. Du ſollſt mir nichts von ihr ſagen. Ich müßte mich ſchämen, vor Dir, vor mir, daß ich Deinem einfachen Worte mißtraut hätte.“ Er ließ ein Ruder los, um ihre Hand zu drücken. Sie drückte ihm die ſeinige nicht wieder. „Haſt Du noch etwas, Evychen?“ „Es iſt nichts gegen Dich, Leopold.“ „Was iſt es dann?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht. Es liegt mir ſo ſchwer auf dem Herzen.“ „Ah, Evchen, Du fragteſt mich, was mich glücklich mache? Soll ich es Dir ſagen?“ Sie bebte. Er ließ die beiden Ruder los, faßte nach ihren beiden Händen. Sie entzog ſie ihm. „Nein, nein, Leopold!“ rief ſie noch einmal. Sie rief es in Angſt, aber mit einer wunderbaren Feſtigkeit und Höhe ſetzte ſie hinzu: 46 „Du darfſt es nicht, Leopold!“ Und er beugte ſich vor der Höhe des einfachen Mädchens. „Du haſt Recht, Evchen, darf nicht. Jetzt, heute noch nicht.“ Er nahm die Ruder wieder auf. Sie fuhren ſchweigend weiter. Sie erreichten das Ufer der Schwalenburg. In der kleinen Bucht am Parke ſtieg der Graf aus. „Gute Nacht, Eychen!“ drückte erdem Mädchen die Hand⸗ „Gute Nacht, Leopold!“ drückte ſie ihm diesmal die ſeinige wieder. „Morgen, Evochen“ ſagte er noch, „werden wir uns nicht wiederſehen. Ich habe viel zu thun. Uebermor⸗ gen ſage ich Dir, was es war. Es geht die Frau von Arenfels an!“ Er ging in den Park hinein, durch den man noch helles Licht im Schloſſe ſah. Der bucklige Andreas war mit ſeiner⸗ Gondel draußen vor der Bucht geblieben. Eychen ruderte zu ihm zurück. Er befeſtigte ſeine Gondel an der ihrigen, ſetzte ſich zu ihr und ruderte zurück nach Seehauſen. „Andreas“ fragte Evchen ihn, „kennſt Du die Geſchichte von dem Fluche gegen die Erbgrafen von Werdenburg?“ „Gewiß kenne ich ſie, Evchen.“ 47 „Erzähle ſie mir.“ Der Burſche erzählte: „Es war einmal ein böſer Erbgraf auf Schloß Werdenburg. Er that ſchon als Bube nicht gut und war hart und grauſam und boshaft gegen die Leute. Wo er Jemand ärgern oder einem Menſchen gar ein Herzeleid anthun konnte, da ließ er es nicht. Die Diener im Schloſſe mußten des Tages vierzig⸗ bis fünf⸗ zigmal die Treppen auf und ab für ihnlaufen, um ihm ein Glas Waſſer zu bringen, das er dann aus dem Fenſter ſchüttete. Den Kindern und den Mägden legte er Erbſen auf die Treppen und ſtreute Aſche darüber, daß man ſie nicht ſehen konnte, und wer dann darauf trat, der mußte ſtolpern und fiel die Treppe hinab bis zu der unterſten Stufe, und wenn ſie unten lagen mit zer⸗ ſchlagenen Gliedern, lachte er oben aus Leibeskräften. Den Arbeitern im Schloßgarten zertrat er die Beete, riß er Blumen und FPflanzen aus, verſchleppte er das Arbeitszeug, daß ſie ſtundenlang darnach ſuchen mußten. So that er alles Mögliche, was die Leute verdroß, womit er ſie ärgern und in Schaden bringen konnte.⸗ Drohte man ihm mit ſeinem Vater, ſo ſagte er: „Ich werde ſelbſt regierender Graf, und dann werde ich Euch ins Stockhaus ſchicken, oder an die Preußen zum Gaſſenlaufen verkaufen.“ 48 Da war zuletzt eine arme Tagelöhnerin, die im Schloßgarten arbeitete. Sie war Wittwe und hatte ein einziges Kind, das ihre einzige Freude war und das ſie auch bei der Arbeit nicht von ſich ließ. Das hatte ſie auch eines Tages mitgenommen, als ſie im Schloßgarten arbeitete. Das Kind war zwei Jahre alt; ſie hatte ihm Blumen zum Spielen gegeben und es auf einen Grasplatz geſetzt, während ſie nicht weit davon jätete. Auf einmal kam der junge Erbgraf des Weges, ſah die Frau und das Kind und die Blumen, und die Luſt zum Böſen erwachte in ihm. Er riß dem 3 Kinde die Blumen aus den Händen und warf ſie fort, und als es weinte, ſchlug er es mit ſeiner Reitpeitſche, und als es ſchrie, ſchlug er auf das Würmchen ein, als wenn es unter der Peitſche ſterben ſolle. Die Mutter war dem Kinde zu Hülfe geeilt; die warf er aber nie⸗ der, und ſie ſtürzte ſo unglücklich, daß ſie auf ihr Kind fiel und es erdrückte. Das Kind ſtarb am zweiten Tage. An dem nämlichen Tage wurde die Frau, die er bei ſeinem Vater verklagt hatte, öffentlich an dem Schandpfahle ausgeſtellt. Auf dem Gerüſte aber ſprach die arme Frau vor allem Volke einen grauenvollen, ſchweren Fluch aus, daß der böſe Bube nicht regierender Graf zu Werdenburg werden ſolle, und kein Erbgraf, der dem Hauſe geboren werde, ſolle jemals das Land regieren. —— 49 Und der Fluch erfüllte ſich. Der böſe Erbgraf brach ſchon nach vierzehn Tagen beim Reiten den Hals. Sein Pferd, auf das er un⸗ barmherzig ſchlug, hatte ihn abgeworfen. Und alle die Erbgrafen auf Schloß Werdenburg, die nach ihm geboren wurden, ſtarben, ehe ſie zur Regierung kamen. Immer regierte ein nachgeborener Graf das Land. Zuletzt waren gar zwei Erbgrafen auf einmal da. Das war eine ganz beſondere Geſchichte. Die Leute mein⸗ ten, einer von ihnen werde doch wohl regierender Graf werden. Keiner von ihnen wurde es. Sie verſchwanden plötzlich, als ſie zwanzig Jahre alt waren, und kein Menſch hörte jemals wieder ein Wort von ihnen. Sie waren die letzten bis auf den Grafen Leopold; ſie waren ſeine Oheime.“ „Kennſt Du ihre Geſchichte genauer?“ fragte Evchen den Burſchen. „Nein! Meine Mutter ſagte, man ſpreche nicht gern davon, weil —“ Der Burſche ſtockte. „Weil?“ fragte ihn das Mädchen. Der Burſche ſann eine Weile nach. Dann ſagte er: „Ich ſollte es gerade Dir nicht ſagen, Eychen. Aber ich habe Dich, ohne meinen Willen, nun einmal neu⸗ gierig gemacht, und Du würdeſt am Ende etwas recht Temme, Die Erbgrafen. II. 4 50 Schlimmes denken. In der Geſchichte von den beiden Erbgrafen ſoll Deine ſelige Mutter vorkommen.“ „Meine Mutter?“ rief Evchen. „Ja. Und darum wollte meine Mutter ſie mir nicht erzählen, und darum ſprechen überhaupt die Leute hier nicht darüber.“ „Meine Mutter?“ grübelte Eychen. „Meine arme Mutter, die ſo ſchneeweiß dalag, wie die Kiſſen ihres Bettes waren!“ Der Nachen legte wieder in der kleinen Bucht von Seehauſen an. Eychen's Onkel war ſchon zu Hauſe. „Albrecht iſt in Sicherheit“, kam er dem Mädchen ent⸗ gegen. Eochen mußte nur an ihre Mutter denken, an die beiden verſchwundenen Erbgrafen, an den Erbgrafen Leo⸗ pold, an den Fluch der armen Tagelöhnersfrau, der noch nicht gelöſt war. Wie ſie in den Gedanken an ihrem Fenſter ſtand, ging der Mond auf, der in ſeinem letzten Viertel ſtand. „Willſt du mir Licht in die Verwirrung dieſes armen Herzens bringen?“ ſagte Evchen. „Aber du biſt ja nur der Mond, und gar in deinem abnehmenden Lichte. Doch Du gehſt ja wieder auf, wie die Sonne.“ — Zweites Kapitel. Die Grafen von Werdenburg waren mit Karl dem Großen über den Rhein nach Deutſchland gekommen, um dem Kaiſer in ſeinem gottſeligen Werke der ge⸗ waltſamen und blutigen Bekehrung der heidniſchen Sachſen zum Chriſtenthume ihren Beiſtand zu leihen. Dienſte, durch Eiſen und Blut geleiſtet, werden von den Großen dieſer Erde am reichſten belohnt. Der große Kaiſer ſchenkte ſeinem treuen und tapfern Pa⸗ ladin in dem bezwungenen Sachſenlande große Be⸗ ſitzungen und ſetzte ihn zum Grafen über weite Gaue des ſchönen Landes. Das Geſchlecht erhielt ſich in ſeiner Macht und ſeinem Glanze durch den Lauf der Jahrhunderte. Sie hatten nur einen Fehler gemacht, 52 der ſie ſpäter verhinderte, zu den erſten Fürſten des deutſchen Reichs zu gehören. Im ſechzehnten Jahr⸗ hundert hatten ſie, einem Zuge im damaligen Leben der deutſchen Fürſtengeſchlechter folgend, ihre Beſitzungen derart getheilt, daß aus der großen Grafſchaft Wer⸗ denburg drei Grafſchaften wurden, die jede einer be⸗ ſondern Linie des gräflichen Hauſes zu beſonderer Succeſſion gehörte. So entſtanden die drei erbverbrü⸗ derten Familien der Grafen von Werdenburg⸗Werden⸗ burg, Werdenburg⸗Hauenſtein und Werdenburg⸗Haſſen⸗ furt. Die Grafen von Werdenburg⸗Werdenburg be⸗ hielten, als die älteſte Linie, das Schloß und den äl⸗ teſten und größern Theil der Grafſchaft Werdenburg; durch den Erbverbrüderungsvertrag wurde ihnen auch ausdrücklich der Ehrenvorzug vor den beiden andern Linien eingeräumt. Von den Grafen von Werdenburg⸗Werdenburg er⸗ zählen wir hier. Die unmittelbare Reichsgrafſchaft Werdenburg lag in einer der fruchtbarſten Gegenden Niederſachſens. Sie hatte einen Flächenraum von fünfzehn Quadrat⸗ meilen mit mehr als vierzigtauſend Einwohnern. Zu dem Flächenraum rechnen wir nicht den Schwalenſee, von dem wir ſchon geſprochen haben. Die Grafen von Werdenburg hatten vor Zeiten auch ihn als ihr Eigen⸗ ——— 53 thum beanſprucht. Ihre Ufernachbarn jedoch hatten ihnen ſchon lange das Waſſer ſtreitig gemacht, und da zu ihnen ein paar mächtige Biſchöfe gehörten und ein paar Reichsſtädte, die es mit den Biſchöfen hielten, ſo war man ſchon ſeit langer Zeit übereingekommen, den See als Geſammteigenthum aller Uferbeſitzer zu betrachten und zu behandeln. Welch ein eigenthümliches Schickſal, und zwar bald nach der Erbverbrüderung, die Familie Werdenburg⸗ Werdenburg betroffen hatte, haben wir ſchon berichtet. Mochte jene Volksſage von der armen Tagelöhnerin und dem hartherzigen jungen Erbgrafen wahr oder nicht wahr ſein, die Thatſache ſtand jedenfalls feſt, daß ſeit mehr als zweihundert Jahren kein geborener Erb⸗ graf zur Regierung der Grafſchaft Werdenburg ge⸗ langt war. Bei dem letzten Succeſſionsfall war dieſes Schickſal zudem unter ganz abſonderlichen Nebenumſtänden ein⸗ getreten. Dem Vater des im Jahre 1806 regierenden Grafen Eberhard hatte ſeine Gemahlin in ihrer erſten Nieder⸗ kunft Zwillinge geſchenkt, zwei Knäblein, die einander zum Verwechſeln ähnlich waren. Sie waren in der That auch gleich nach der Geburt ſo verwechſelt wor⸗ den, daß kein Menſch mehr wußte, welcher der erſt⸗ und 54 welcher der zweitgeborene war. Als nämlich das erſte Knäblein oder junge Gräflein das Licht der Welt er⸗ blickt, hatte man nicht daran gedacht, daß ſofort ein zweites folgen wolle, und als nun dieſes ſich meldete, hatten ſowohl die Wehemutter wie der Hofmedicus den Kopf verloren, und die Wehemutter hatte dann das zweite Knäblein zu dem erſten gelegt und wußte nachher nicht mehr, ob ſie es rechts oder links von dem erſten gelegt habe. Sonderlich bezeichnet hatte ſie die beiden Neugeborenen auch nicht, und da ſie nun ſo völlig einander gleich zur Welt gekommen waren, ſo war gar kein Erbgraf, oder wenn man wollte, ſo waren zwei Erbgrafen anſtatt eines da. Im erſten Augenblick war Haus S Hof ſehr un⸗ glücklich über das Ereigniß, das man als ein entſetz⸗ liches anſah. Bald machte aber eine andere Anſicht ſich geltend. Die Verwechſelung war ein ſichtbares Zeichen des Himmels, daß der alte Familienfluch gelöſt ſei. Wer von den beiden jungen Gräflein war denn nun als Erbgraf geboren? Kein Menſch wußte es, ſo ſollte nun nach der Fügung des Himmels auch der Tod es nicht wiſſen. Man war jetzt zuerſt nur wieder in Verlegenheit, wer von den beiden Neugeborenen die Regierung künftig übernehmen ſolle, wenn ſie beide, was Gott wolle, am Leben erhalten blieben. Man 55 wußte indeß bald auch hier Rath. Der regierende Graf — er hieß Eberhard — beſtimmte kraft der ihm zuſtehenden Familienautonomie, daß die beiden neuge⸗ borenen Gräflein als Erbgrafen angeſehen, behandelt und berechtigt ſeien, alſo auch künftig nach ſeinem Tode beide das Land regieren ſollten und zwar gemein⸗ ſchaftlich und dergeſtalt, daß dem letztregierenden der, gleichviel welchem von ihnen, geborene Sohn ſucce⸗ diren ſolle. Der deutſche Kaiſer beſtätigte dieſe Beſtimmung. So waren zwei Erbgrafen von Werdenburg da, und es war ihnen beiden, mindeſtens einem von ihnen, die Succeſſion in die Regierung geſichert. So glaubte, hoffte man. Es ſollte anders kommen. Die beiden jungen Erbgrafen wuchſen friſch und kräftig und luſtig empor, zur Freude aller, die ſie ſahen. Sie waren auch einander ſo ähnlich geblieben, daß die eigenen Aeltern und Geſchwiſter ſie nicht zu unter⸗ ſcheiden vermochten und nicht wußten, welcher von ihnen der Graf Leopold und welcher der Graf Franz ſei. Der alte Graf Eberhard, gleichfalls ein nachgeborener Sohn, war früh in kaiſerliche Dienſte getreten, hatte in mancher heißen Feldſchlacht unter dem Prinzen Eu⸗ gen, deſſen Freund er geworden war, ſich ausge⸗ zeichnet und, als er nach dem Tode ſeines ältern Bru⸗ 56 ders, des Erbgrafen, und dann ſeines Vaters zur Re⸗ gierung kam, als kaiſerlicher Feldzeugmeiſter, decorirt mit dem Orden des goldenen Vließes, den erbetenen Abſchied unter ausdrücklicher gnädigſter Zuſicherung fernerer allerhöchſter kaiſerlicher Huld und Gnade er⸗ halten. Damit und mit einer ſchönen und geiſt⸗ und gemüthvollen Gemahlin aus einem vornehmen Fürſten⸗ geſchlechte der kaiſerlichen Erblande war er als regie⸗ render Herr in ſeine Grafſchaft zurückgekehrt. Zum Beweiſe, wie ſehr er die Gnade des Kaiſers zu ſchätzen wußte, ließ der Graf Eberhard den einen der beiden jungen Erbgrafen auf den Namen Franz, den andern auf den Namen Leopold taufen. Dem regierenden Herrn waren außer den Zwillingen ſpäter noch drei Kinder geboren worden, eine Comteſſe, die Franziska, und zwei Gräflein, von denen der eine Kurt und der jüngſte Eberhard genannt wurde. Zwei von dieſen nachgeborenen Kindern wuchſen ebenfalls geſund und kräftig auf, die Comteſſe Franziska freilich als ein böſer Störenfried in der Familie und der Graf Eberhard als ein ſteifer Philiſter. Der Graf Kurt aber, ein wie liebenswürdiges Kind er bis zu ſeinem ſiebenten Jahre war, wollte von da an nicht recht mehr gedeihen und zeigte ſich dann ſchwach an Geiſt und Körper. 57 So ſah es aus in der Familie des Grafen von Werdenburg, als die beiden Erbgrafen das zwanzigſte Lebensjahr zurückgelegt und damit nach den Geſetzen des Hauſes die Großjährigkeit erreicht hatten. Dies war im Jahre 1761 am 25. März, dem Tage der Verkündigung Mariä. Der Tag wurde auf Schloß Werdenburg feierlich begangen; die beiden Erbgrafen, die ſeit mehreren Jahren auf ihrem Apanagegute, der Schwalenburg, zu⸗ ſammen wohnten und lebten, waren am Morgen des Tages von da nach Schloß Werdenburg herüberge⸗ kommen, hatten froh und munter an den Feſtlichkeiten Theil genommen und am Abend ſich verabſchiedet, um ſofort, wie es der Gebrauch des hohen Adels war eine mehrjährige Reiſe zum Beſuche der europäiſchen Fürſten⸗ höfe anzutreten, und man hatte von dem Tage an nie und nimmer wieder etwas von ihnen gehört oder ge⸗ ſehen. Sie waren allein gereiſt, ohne einen Hofmeiſter oder andern Begleiter, ohne Bedienten. Sie hatten in einem Anfluge romantiſcher Laune es ſo gewünſcht; ihre fürſtliche Mutter hatte ihnen die Erlaubniß des regierenden Grafen ausgewirkt. In der erſten Zeit nach ihrer Abreiſe beunruhigte man ſich nicht, als man keine Kunde von ihnen erhielt. 58 Sie waren eben ein paar Sonderlinge, durch die neue Poeſie und Philoſophie zu Schwärmern geworden. Man nahm daher an, ſie ſuchten etwas Beſonderes darin, nichts von ſich hören zu laſſen. Indeß man blieb längere Zeit ohne jegliche Nachricht über ſie, und eingezogene Erkundigungen vermochten nichts von ihnen zu ermitteln. Sie hatten zunächſt die verwandten klei⸗ nen Höfe zu Hauenſtein und Haſſenfurt beſuchen wollen; ſie waren nicht da geweſen. Sie hatten dann einen längern Beſuch an dem kurfürſtlichen Hofe zu Köln machen wollen. Sie waren auch da nicht geweſen. Freilich war wenige Tage nach ihrer Abreiſe, am 6. April 1761 der Erzbiſchof und Kurfürſt von Köln, Clemens Auguſt von Baiern, an den ſie beſonders empfohlen waren, geſtorben. Es mußte dennoch auf⸗ fallend erſcheinen, daß man weder in der Stadt Köln noch in den Schlöſſern des Kurfürſten zu Bonn, Poppels⸗ dorf und Bruhl irgend etwas von den beiden jungen Grafen wußte. So blieben auch fernere Nachforſchungen nach ihnen ohne allen Erfolg. Sie wurden durch die Zeitungen aufgerufen, zuerſt unter Andeutungen, dann unter ihren Namen, durch deutſche, franzöſiſche, hollän⸗ diſche, ſelbſt engliſche Blätter. Man erhielt nicht die geringſte Auskunft über ſie. Der regierende Graf ſandte zuletzt einen erfahrenen und gewandten Cavalier nach 59 ihnen aus, der längere Jahre Offizier geweſen war und in verſchiedenen Armeen gedient hatte und in der halben Welt zu Hauſe war. Der Mann durchzog ein halbes Jahr lang ganz Europa. Er brachte keine Nachricht zurück. Kein Menſch hatte von zwei Grafen von Werdenburg oder auch nur von einem etwas ge⸗ wußt. So waren anderthalb Jahre vergangen. Die beiden Erbgrafen waren und blieben verſchwunden. Mur ein paar Poſtſtationen über das Städtchen Walden⸗ brück hinaus hatte man ſie verfolgen können, auf einer Tour, die nach Köln führte. Von da an fehlte jede Spur von ihnen. Es mußte ihnen irgend ein Unglück zugeſtoßen ſein. Von welcher Art dieſes war, ſuchte man vergebens zu errathen. Nur über eins glaubte man gewiß zu ſein, daß ſie nicht in die Hände von Räubern oder jenen Betrügern gefallen ſeien, die in damaliger Zeit unter dem Namen Seelenverkäufer ihr furchtbares Handwerk namentlich in Holland und den benachbarten deutſchen Ländern trieben. Die beiden jungen Grafen hatten Creditbriefe über anſehnliche Summen an Banquierhäuſer in Köln, Frankfurt am Main und Straßburg mit ſich genommen; ſie waren niemals realiſirt, es war hierzu auch kein Verſuch ge⸗ macht worden. Von Räubern und Betrügern würde dies unzweifelhaft geſchehen ſein. 60 Es vergingen Jahre, keins brachte eine Spur, eine Nachricht von den verſchwundenen Erbgrafen. Die Gräfin, deren Herz an den Zwillingen gehangen hatte, war vor Gram geſtorben. Der regierende Graf hatte ſie nur wenige Jahre überlebt. Es gab jetzt keinen rechtmäßig regierenden Graf mehr. Von den beiden, die es hätten ſein ſollen, wußte man nicht, ob ſie noch lebten. Man nahm an, daß ſie noch am Leben ſeien; es mußte mithin für ſie ein Verweſer der Regierung beſtellt werden. Der älteſte nachgeborene Bruder mußte nach den Hausgeſetzen die Regierung verwalten. Das war der Graf Kurt. Er war ver⸗ möge ſeiner Schwachſinnigkett dazu außer Stande. Der Graf Eberhard, der auf ihn folgte, berief die Mitglieder der drei Linien des Hauſes Werdenburg zu einer Fa⸗ milienconferenz nach Schloß Werdenburg. Die Con⸗ ferenz beſchloß einmüthig, daß der Graf Eberhard pro⸗ viſoriſch die Regierung übernehmen, auch „förderſamſt“ in den heiligen Stand der Ehe treten ſolle, damit, wenn die beiden verſchwundenen Erbgrafen wirklich verunglückt ſeien, die Linie der Grafen von Werden⸗ burg⸗Werdenburg nicht ausſterbe. Sollte nach Verlauf von zehn Jahren von dem Leben der beiden verſchwun⸗ denen Erbgrafen oder eines von ihnen keine glaubhafte — — — — 61 Nachricht eingegangen ſein, ſo ſolle, wurde ſchließlich vorbehalten, zur Faſſung weiterer Beſchlüſſe ein neuer Familienrath zuſammentreten. Der Beſchluß wurde in Vollzug geſetzt. Die zehn Jahre verliefen, von den beiden Erbgrafen war noch immer keine Spur zum Vorſchein gekommen. Der Familienrath trat wieder zuſammen. Es wurde angenommen, die Verſchwundenen ſeien nicht mehr am Leben, und es wurde nun definitiv beſtimmt: die Re⸗ gierung und alle Rechte der beiden verſtorbenen Erb⸗ grafen ſeien nach den Grundſätzen des deutſchen Fürſten⸗ rechts und ſpeciell der Erb⸗ und Regierungsfolge in dem gräflich Werdenburgiſchen Hauſe, unter Uebergehung des ſchwachſinnigen Grafen Kurt, auf den Grafen Eber⸗ hard und deſſen ebenbürtige Deſcendenz übergegangen. Auch dieſer Beſchluß kam zum Vollzug. Der Graf Eberhard war definitiv regierender Graf. Seine Gemahlin hatte ihm drei Kinder geboren, eine Tochter, Ferdinande, und zwei Söhne, Leopold und Maximilian. Der Graf Leopold war Erbgraf. Er war im Jahre 1784 geboren, mithin zur Zeit unſerer Geſchichte, wie wir auch ſchon erwähnten, zwei⸗ undzwanzig Jahre alt. Sein jüngerer Bruder, der Graf Max, zählte fünfzehn, und die Comteſſe Ferdinande, „ „ 62 die älteſte der drei Geſchwiſter, fünfundzwanzig Jahre. Wir haben noch zu bemerken, daß in dem zweiten definitiven Beſchluſſe des gräflichen Familienraths für den Fall einer Rückkehr der beiden Erbgrafen oder eines von ihnen nichts feſtgeſetzt war. Man war davon aus⸗ gegangen, einerſeits, daß ſich alsdann das Wiederauf⸗ leben der Rechte der oder des Rückkehrenden von ſelbſt verſtehe, daß aber andererſeits bei der an Unmöglichkeit grenzenden Unwahrſcheinlichkeit des Falles das aus⸗ drückliche Erwähnen deſſelben nur geeignet ſein könne, den vollen Souveränetätsrechten des Grafen Eberhard in den Augen der Welt Eintrag zu thun. Der Graf Eberhard war gleichwohl in einer Weiſe peinlich gewiſſenhaft, daß er ſich ſowohl in Angelegen⸗ heiten der Regierung als in der Verwaltung des gräf⸗ lichen Hausvermögens nur als einen Verwalter fremder Rechte und fremden Gutes anſah. Um ſo ſtrenger mußte ſein Benehmen und Ver⸗ fahren in einer Angelegenheit ſein, die ſchwer und nach⸗ haltig, wie keine andere, ſowohl die Landesregierung wie zugleich das Hausvermögen betraf. Wir haben ſie ſchon angedeutet. Wir berichten näher und weiter über ſie. Der regierende Graf Eberhard ſaß in ſeinem Ar⸗ beitskabinet zu Schloß Werdenburg. 63 Das Schloß Werdenburg war ein Complex von Gebäuden, von denen vielleicht jedes halbe Jahrhundert ſeit dem Mittelalter eins hatte entſtehen ſehen. Man findet ſo nicht ſelten die Schlöſſer der kleinern deut⸗ ſchen Fürſten, der regierenden wie der mediatiſirten oder depoſſedirten, wie man in neueſter Zeit ſagt. Jeder regierende Herr wollte etwas hinzuthun. Das Bauen iſt auch eine noble Paſſion, zumal wenn es auf anderer Leute Koſten geſchieht. Die regierenden Grafen zu Werdenburg waren übrigens reiche Herren, die nicht, wie die andern kleinen Landesherren im heiligen römiſchen Reich deutſcher Na⸗ tion, blos von den Beden lebten und regierten und bauten, die ihnen ihre getreuen Stände jährlich „be⸗ willigten“ Faſt der größte Theil des geſammten Areals war Eigenthum der Familie, das entweder von der gräflichen Domänenkammer unmittelbar bewirthſchaftet wurde, oder von dem der Graf durch ſeine Kammer die Pachte und andere Einkünfte bezog. Welchen großen Umfang die zur Apanage des jedesmaligen Erbgrafen gehörige Herrſchaft Schwalenburg hatte und wie be⸗ deutende Revenuen ſie abwerfen mußte, haben wir ſchon erwähnt. Um ſo mehr mußte es auffallen, daß das Schloß Werdenburg ſeit der Mitte des vorigen Jahrhunderts 64 keine Spur eines Neubaus zeigte. Der regierende Graf, der ſeit dem Jahre 1768 regierte, hatte nichts an⸗ oder aufbauen laſſen; er hatte nur eben das weit⸗ läufige Schloß in angemeſſenem baulichen Zuſtande erhalten. Er hatte dafür in der That einen zureichenden und zugleich ehrenhaften Grund gehabt, jenes eigenthüm⸗ liche Familienverhältniß, von dem wir berichteten. Der regierende Graf Eberhard von Werdenburg war allein in ſeinem Kabinet. Es war des Morgens gegen zehn Uhr an dem Tage nach den bisher erzählten Begebenheiten, alſo am grü⸗ nen Donnerstag des Jahres 1806. Das Kabinet des regierenden Herrn lag in einem der ältern Theile des weitläufigen Schloſſes, an einem langen, ziemlich dunklen Corridor. Der Graf bewohnte hier noch immer die nämlichen Gemächer, die vor ſeinem Regierungsantritt ſeine Wohnzimmer geweſen waren. Auch der Grund hierfür war in jener eigenthümlichen Weiſe zu ſuchen, auf die er regierender Graf geworden oder vielmehr zur Uebernahme der Regierung gelangt war. Er hatte nur, weil er als regierender Herr re⸗ präſentiren mußte, ein paar benachbarte Zimmer zu jenen hinzugenommen. Seine Gemahlin reſidirte in einem andern, dem neuern und elegantern Theile des — 65 Schloſſes, in den Prachtgemächern der regierenden Grä⸗ finnen von Werdenburg. Der Graf war eifrig mit dem Leſen von alten Acten und Briefſchaften beſchäftigt. Der Graf Eberhard war ein kleiner, etwas ſtrammer Herr, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre ſtehend. Seine Geſichtszüge, wenn ſie auch weder beſondern Geiſt oder keinen gräflichen Stolz zeigten, entbehrten doch nicht eines gewiſſen vornehmen, adligen Ausdrucks und ſchienen einen ungewiſſen, zornigen, verbiſſenen und doch nicht zähen oder gar boshaften Trotz zu ver⸗ rathen. Der regierende Herr hatte wohl ſchon lange in ſeinen Papieren ſtudirt. Er ſah zu einer altväteviſch, aber koſtbar verzierten Wanduhr auf, die ſeinem Arbeits⸗ tiſche gegenüber an der Tapetenwand hing. Sie zeigte bald zehn Uhr. Vor ihm auf dem Tiſche ſtand ein kleines ſilbernes Glöckchen. Er ließ es leicht erklingen. Eine grüne Portière zur Seite öffnete ſich. Ein alter Diener erſchien darin, der Kammerdiener des Grafen, wie daraus zu entnehmen war, daß er keine Livree, ſondern einen ſchwarzen Frack und weiße Halsbinde trug. Er blieb ſtumm unter der Portière ſtehen. „Der Juſtizdirector ſchon da?“ fragte iu der Graf. S Die Erbgrafen. II. 66 „Iſt noch nicht da, Erlaucht. War erſt auf zehn befohlen. Es fehlen noch drei Minuten.“ „Gut!“ Der Diener blieb ſtehen. „Was gibt's noch?“ fragte der Graf. „Der Herr Graf Kurt!“ „Was ſoll er?“ „Iſt im Vorzimmer und bittet Erlaucht ſeinen un⸗ terthänigen guten Morgen ſagen zu dürfen.“ „Du weißt, daß ich um zehn die Conferenz habe.“ „Der Herr Graf Kurt wollte ſich nicht zurückweiſen laſſen. Erlaucht kennen ihn.“ „ „Laß ihn hereinkommen.“ Der Kammerdiener trat zurück. Gleich darauf öffnete ſich die Portiere wieder. Der Diener ließ einen Herrn eintreten. Es war ein hageres kleines Männchen pih einem feinen, weißen Geſicht und mit wenigen weißen Haaren auf dem kleinen Kopfe. Auch in dieſem Geſichte ent⸗ deckte man keine ſonderlichen Spuren von Geiſt, man ſah eigentlich gar keinen Ausdruck darin; und wenn „ man das Männchen, das ſeine ſechzig Jahre oder mehr zählen konnte, genau betrachtete, ſo vermochte man ſich des Gedankens nicht zu erwehren, der kleine Greis ſei bis zu ſeinem ſiebenten oder vielleicht auch nur ſechsten 67 Jahre ein allerliebſtes und auch wohl ziemlich geſcheidtes Kind geweſen, dann aber geiſtig vollkommen ſtehen ge⸗ blieben, körperlich jedoch langſam und zart nachgewachſen, wobei freilich das feine Geſicht am meiſten im Rück⸗ ſtand geblieben war. „Unterthänigen guten Morgen, Bruder Eberhard“, trat er ein. „Guten Morgen, lieber Kurt“ ſagte der regierende Graf. Die Beiden waren Brüder. „Was wünſcheſt Du von mir, Kurt?“ fragte der regierende Herr. „Hm, hm, lieber Bruder Eberhard, es iſt doch heute hier im Schloſſe das Familientribunal oder wie Ihr es nennt, über den Neffen Leopold?“ „Und was ſoll das, Bruder Kurt?“ „Dazu haſt Du doch die ganze Familie eingeladen, alle Baſen und Vettern —“ „Ja, Alles, was den Namen Werdenburg trägt oder getragen hat! So ſchreibt unſer Hausgeſetz es vor.“ „Es ſind ſogar noch mehr da, Bruder Eberhard. Zum Beiſpiel hat unſere Couſine Breitenfeld ihre Tochter Sidonie mitgebracht.“ „Und, wie ſie mir ſagte, auf Deinen Befehl.“ „Auf meinen Wunſch!“ 5* 68 „Du biſt das Haupt der Familie, Bruder Eber⸗ hard; Du haſt zu befehlen.“ „Nur über die Mitglieder der Familie, Kurt. Sidonie gehört nicht zu unſerer Familie und hat nie dazu gehört.“ „Warum iſt ſie dann mit hier, Bruder Eberhard?“ Der regierende Graf ſchien etwas verlegen zu werden. „Hm, Kurt —“ „Ah“, ſagte das kleine Gräflein liſtig, „ich weiß es, ich habe ein Vöglein pfeifen hören.“ „Und was wüßteſt Du?“ „Höre, lieber gnädiger Bruder Eberhard, das thäte ich doch nicht an Deiner Stelle.“ „Was thäteſt Du nicht?“ „Die Sidonie iſt doch zu alt!“ „Zu alt? Wozu?“ „Und dann ſo häßlich! Und der Leopold, was Ihr auch gegen ihn haben mögt, iſt doch ein hübſcher, junger Menſch!“ Ein klein wenig verfärbte ſich der regierende Herr, ein Zeichen, daß das Gewiſſen ihm ſchlug, wenn man bei regierenden Herren von Gewiſſen reden darf. „Du ſprichſt da Dinge, die Du nicht verſtehſt“, ſagte er, ganz wie ein regierender Herr ſagen darf. Der kleine Schwachſinnige blieb ruhig. 69 „D, Bruder Eberhard“ verſetzte er, „ich weiß wohl, was Heirathen iſt, wenn ich auch niemals eine Frau nehmen durfte. Ich glaube, das hattet Ihr auch durch ſolch ein Familientribunal entſchieden.“ „Sprechen wir von etwas Anderem, Kurt“, ſagte der Graf Eberhard. „Was machen Deine Papageien?“ „O, ich danke Dir unterthänig, Bruder Eberhard; ſie ſind ganz munter.“ „Haſt Du ſie heute ſchon gefüttert?“ „Gewiß! Und dabei hatte ich einen rechten Spaß. Denke Dir —“ Der Kleine wollte erzählen. Den Zweck, der ihn hergeführt, hatte er vergeſſen, über ſeine eigenen Worte, über die des Bruders. Der regierende Graf ließ wieder leiſe das ſilberne Glöckchen vor ſich ertönen. In dem Moment öffnete ſich wieder die Portiere. „Der Herr Juſtizdirector!“ meldete der Kammerdiener. „Wärſt Du nachher ſo freundlich, Bruder Kurt?“ ſagte der Graf zu dem Kleinen. Die Meldung des Dieners hatte dem Kleinen in das Gedächtniß zurückgeführt, was er vergeſſen hatte. „Ah, gnädiger Bruder Eberhard! Aber Du haſt ja mich vergeſſen!“ „Wobei?“ 70 „Ich gehöre doch auch zur Familie. Eigentlich —“ „Was ſoll das?“ „Alſo Du geſtehſt es zu?“ „Wer beſtreitet es Dir?“ „Ah, ah, gnädiger Bruder, dann gehöre ich doch auch zu dem Familientribunal heute Abend, und ich habe keine Einladung erhalten.“ Der regierende Graf beſann ſich ſchnell. „Du wirſt ſie erhalten, Kurt.“ „Gewiß, Bruder Eberhard?“ „Zweifle nicht daran.“ „Ich danke Dir, lieber Bruder Eberhard. Unter⸗ thänigen guten Morgen!“ Der Kleine ging vergnügt wie ein Kind. „Der Juſtizdirector!“ winkte der Graf dem Be⸗ dienten, der unter der Portiere gewartet hatte: Der Juſtizdirector trat ein. Er war ein großer Mann mit einem klugen, ernſten, etwas ſtrengen Geſicht. Er verbeugte ſich tief. „Sereniſſimus haben zu befehlen geruht —“ „Ich wünſche mit Ihnen über die heutige Angele⸗ genheit zu ſprechen, lieber Director.“ Der Graf ſprach gnädig, herablaſſend, wie ein re⸗ gierender Herr mußte und durfte. „Erlaucht“ erwiderte der Juſtizdirector, „wollten die Gnade haben, vor der Sitzung des hohen Familientri⸗ bunals mir noch einige Mittheilungen zu machen.“ „Jawohl“, ſagte der Graf. „Und ſchreiten wir ſchleunig zur Sache.“ Er gab dem Juſtizdirector einen Wink, ſich zu ſetzen. Er ſelbſt war in ſeinem Seſſel vor dem Arbeits⸗ tiſche ſitzen geblieben. Unten an dem Tiſche ſtand ein Stuhl. Nach dieſem hin hatte der Graf leicht, kaum bemerkbar mit der Hand gewinkt. Der Juſtizdirector nahm ihn mit einer tiefen Verbeugung gegen Sereniſſimus ein. Der Juſtizdirector war der erſte Beamte des Grafen, zugleich Juſtizminiſter und Präſident des oberſten Ap⸗ pellationsgerichts der Grafſchaft Werdenburg. Er war noch mehr. Der Graf hatte für die Verwaltung ſeiner eigenen und der Einkünfte ſeines Landes eine Domänen⸗ kammer, welcher ein Kammerdirector vorſtand. Ueber dieſem ſtand aber wieder der Juſtizdirector, der ſomit eigentlich der Miniſterpräſident des Grafen war. Dies war er aber nicht vermöge der Natur ſeiner amtlichen Stellung, ſondern durch die Ueberlegenheit ſeines Geiſtes und Charakters. Er regierte das Land und den regie⸗ renden Grafen. Da haben wir wieder den Fluch der Kleinſtaaterei, 72 ruft ein moderner Chauvinismus, als wenn es in großen Staaten nicht genau ſo wäre. „Mein lieber Juſtizdirector“, ſagte der Graf, „ich habe Sie zu mir rufen laſſen, um mich zur Beruhigung meines Gewiſſens offen gegen Sie auszuſprechen. Sie wiſſen, ich bin ein gewiſſenhafter Mann und vor allem ein gewiſſenhafter Regent.“ „Das ſind Euer Erlaucht“ beſtätigte der Juſtiz⸗ director. „Und Sie“ fuhr der Graf fort, „ſind gleichfalls ein ebenſo gewiſſenhafter Mann wie Beamter.“ „Euer Erlaucht erweiſen mir viel Gnade.“ „Da fühle ich das Bedürfniß, wenigſtens den Ver⸗ ſuch zu machen, ob ich mit Ihnen in Uebereinſtimmung kommen kann.“ Der Juſtizdirector verbeugte ſich ſchweigend. Der Graf ſprach weiter: „Ich halte es für nothwendig, meinen älteſten Sohn von der Regierung auszuſchließen. Sie ſind anderer Meinung. Laſſen Sie mich Ihnen noch einmal meine Gründe darlegen. Sie werden mir nachher die Ihrigen vortragen. Die meinigen ſind kurz. Das Amt des Regen⸗ ten — es iſt ein Amt; ich bin darin einverſtanden mit dem großen preußiſchen Könige, es iſt ein ſchweres Amt, ein um ſo ſchwereres, da es uns unmittelbar von Gott —— —— 73 anvertraut iſt und wir nur Gott und keinem Menſchen auf der Welt dafür verantwortlich ſind. Zu dem Amte des Regenten gehört weſentlich die Vorſorge, daß es auch ſpäterhin nicht in die unrechten, nicht in ſchlechte Hände komme. Die Geſetze meines erlauchten Hauſes haben gerade dies vorgeſehen und mithin mir eine heilige Pflicht auferlegt. Ich habe nun mit aller Ge⸗ wiſſenhaftigkeit erwogen, inwiefern mein Sohn Leo⸗ pold das Regiment zum Wohle des Landes aus meinen Händen empfangen darf, und ich bin zu der Ueberzeu⸗ gung gelangt, er darf es nicht. Er hat kein Gewiſſen und keine Ehre. Sein bisheriges Leben hat dies zur Genüge an den Tag gelegt. Hätte er Ehre, ſo würde er als Student ſchon nicht mit Bürgerlichen als mit ſeinesgleichen umgegangen ſein, ja, er hat ſich ſogar mit Bürgerlichen, mit Menſchen, die nicht einmal zu dem allerniedrigſten Adel gehören, duellirt, er hat ſeine Ehre nicht für höher erachtet als die ihrige, er hat ſie zu der ihrigen degradirt. Ich darf Ihnen das ſagen, mein lieber Juſtizdirector. Ich weiß, daß Sie über das Vorurtheil, als gebe es keine verſchiedene Standesehre, erhaben ſind; ſolange es eine Verſchiedenheit der Stände gibt, ohne welche die Welt nun einmal nicht beſtehen kann, ſo lange muß auch eine Verſchiedenheit der Ehre ſein. Denſelben Mangel an Ehre zeigte er auf ſeinen Reiſen; an allen Höfen Europas wäre er mit Auszeich⸗ nung aufgenommen worden, an keinem ließ er ſich vor⸗ ſtellen; ſein Umgang, ſeine Geſellſchaft waren Abenteu⸗ rer, Induſtrieritter, Spieler, Rouss. So zeigt er ſich noch heute. Hier im Schloſſe ſehen wir ihn kaum. Bei den Verwandten und Mitgliedern unſeres Hauſes hat er ſeit ſeiner Rückkehr von der Reiſe noch keinen ein⸗ zigen Beſuch gemacht. Dagegen treibt er Tag und Nacht ſich herum mit preußiſchen Offizieren, mit Leuten von zweifelhaftem Adel und zweifelhafter ſittlicher, nein, geradezu unſittlicher Aufführung. Mag er ihnen oder mögen ſie ihm jene Abenteurerin zugeführt haben, das Getreibe mit ihr und mit ihnen iſt ein empören⸗ der Skandal für die Gegend, für das ganze Land. Wie kann ein Mann, der in ſolcher Weiſe ſich weg⸗ wirft, die Zügel der Regierung des Landes mit Ehren in die Hand nehmen, bei ihrer Leitung ſich des erha⸗ benen Gedankens bewußt werden, daß ſie ihm durch die Gnade Gottes anvertraut find? Soll ich da noch auf ſein Gewiſſen zurückkommen? Soll ich Sie noch erinnern, wie er im Auslande lebte, wie er in den wenigen Wochen ſeit ſeiner Rückkehr drüben in See⸗ hauſen die Nichte ſeines Inſpectors verführt, das Kind, das die Unſchuld ſelbſt war, unter hölliſchen Künſten der Heuchelei und Gleisnerei zu einer verworfenen Heuch⸗ 75 lerin erniedrigt hat? Meine Gemahlin liebte das Kind, meine Tochter ſah ſie gern um ſich. Sie wollen ſich 3 noch nicht von ihrer Schuld überzeugen, wie dringend 6 auch die Beweiſe ſind. Ich kann hiermit die Aufzählung der Thatſachen ſchließen, wenngleich ihre Reihe noch lang genug wäre. Sie werden einverſtanden ſein, mein lieber Juſtizdirector, daß das Mitgetheilte genügt, ihn als einen Menſchen ohne Ehre und Gewiſſen darzuſtellen.“ Der Graf ſah den Beamten fragend an. „Erlaucht“, antwortete der Director, „wollten die Gnade haben, meine Gründe ſpäter zu vernehmen“ „Wohl“ ſagte der Graf. „So laſſen Sie mich nun⸗ mehr auf meine Regentenpflicht zurückkommen. Sie iſt für mich eine um ſo ſchwerere und zugleich heiligere, da ſie, wie Sie wiſſen, in jener eigenthümlichen Weiſe mir geworden iſt. Ich heiße regierender Graf, ich bin es nicht. Ich führe die Regierung dieſes Landes, aber nicht in meinem Namen, nicht in einer von Gott mir verliehenen Vollgewalt, ſondern nur im Namen und in der von Gottes Gnaden mir aufgetragenen Gewalt, die einem Andern, vielleicht Anderen gehört. Und wie ſie nicht mein iſt, ſo ſteht ſie nicht meinen Söhnen zuz; wie ich nur der Verwalter eines Andern bin, ſo kann ich auch meinen Sohn nur als einen Verwalter für einen Andern beſtellen. Wer aber fremdes Gut und 76 gar fremde Ehre mit Bewußtſein unzuverläſſigen oder gar unreinen Händen anvertraut, der iſt ein gewiſſenloſer Menſch, und — mein lieber Herr Juſtizdirector, ich bin am Ende.“ Wer will dem regierenden Grafen Eberhard von Werdenburg beſtreiten, daß er ein durch und durch ge⸗ wiſſenhafter und braver Mann war? Sein Juſtizdirector mußte das Wort nehmen. Es war keine leichte Sache, gegenüber den Anſichten des regierenden Herrn, der eine Gegenanſicht ſchon im voraus als ein Vorurtheil verdammt hatte und der zudem der gewiſſenhafte Mann war. „Gnädigſter Herr“, begann er, „nach den ve und einer edlen Ueberzeugung entfloſſenen Worten Eurer Erlaucht würde ich eine Vertheidigung meiner Anſicht kaum mehr wagen dürfen, wenn nicht Euer Erlaucht ſo gnädig meine Gewiſſenhaftigkeit anzuerkennen ge⸗ ruht hätten. Sie macht es mir zu einer unabweislichen Pflicht, auch meine Ueberzeugung offen meinem gnä⸗ digſten Herrn darzulegen. Ich bin weit davon ent⸗ fernt, das Leben des Herrn Erbgrafen Leopold in Schutz nehmen zu wollen. Fehlen mir, dem Juriſten, auch die Beweiſe eines geradezu diſſoluten und unſittlichen Lebenswandels, ſo muß ich doch zugeben, daß der junge Herr einerſeits nicht den äußern Schein und nicht die⸗ 77 jenigen Dehors, die er ſeinem hohen Stande und ſeiner künftigen Stellung ſchuldig war, beachtet, und daß er andererſeits den Gehorſam aus den Augen geſetzt hat, den er Eurer Erlaucht, ſeinem Vater und Souverän, ſchuldig iſt. Das verdient Ahndung, die des Vaters, die des Regenten. Euer Erlaucht haben das Recht der höchſten Strafe. Allein Gott, unſer aller Herr, hat in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit in das Herz des Va⸗ ters die Liebe und in die Bruſt des Regenten die Milde und die Gnade gelegt. Und die Liebe und die Gnade möchte ich an dieſer Stelle zuerſt unterthänigſt anſprechen.“ „Ich werde ſie walten laſſen“ ſagte der Graf. „Ich könnte andere Maßregeln ergreifen als die, welche ich vorhabe.“ „Sodann“, fuhr der Beamte fort, „möchte ich mir unterthänigſt geſtatten, an die Politik zu appelliren. Euer Erlaucht wollen den Herrn Grafen Leopold von der Regierung ausſchließen und dieſe auf den Herrn Grafen Maximilian übergehen laſſen. Somit ſoll auch die Deſcendenz des Herrn Grafen ausgeſchloſſen ſein. Nehmen Euer Erlaucht nun an, der Herr Graf Leo⸗ pold vermähle ſich ſtandesmäßig, erhalte ebenbürtige Nachkommenſchaft, würde nicht ein immerwährender Fa⸗ milienſtreit zum Ruin der hohen Familien und des Landes in Ausſicht ſtehen?“ 78 „Das Reichskammergericht würde meine Verfügung aufrecht halten müſſen“ warf der Graf ein. „Das Reichskammergericht, Erlaucht? Nach den Hausgeſetzen wäre es zweifelhaft, ob nicht der Kaiſer und der Reichstag darein zu ſprechen hätten. Allein, gnädigſter Herr, wir ſind im Beginn großer ſtaatlicher Umwälzungen und Auflöſungen. Namentlich auch die Tage unſeres altehrwürdigen deutſchen Reichs ſind ge⸗ zählt, ſomit auch die des höchſten Gerichts dieſes Reichs. Den Streit zwiſchen den Nachkommen Eurer Erlaucht würde kein Gericht nach dem Rechte, würden die Mächte nach der Politik austragen, und wenn ich richtig vorherzuſehen vermag, würde der eine Theil ſich an Oeſterreich und der andere ſich an Preußen wenden, und was würde die Folge ſein?“ Der Graf ſah doch den Beamten fragend an. Der Juſtizdirector fuhr fort: „Euer Erlaucht finden die Antwort in den großen Kriegen Friedrich's des Großen, in dem kleinen Ba⸗ ſeler Frieden, in den noch traurigern Pactirungen Preußens mit dem Kaiſer Napoleon, vermöge deren Preußen vielleicht in dieſer Stunde die Oecupation Han⸗ novers hier in unſerer nächſten Nachbarſchaft vollendet.“ Der Graf war nachdenklich geworden. „Preußen war ſtets länderſüchtig“, ſagte er. 81 keinen Vorwand zu neuen Griffen geben. Allerdings gedeiht, ſchon nach dem Sprichworte des Volks, unrecht Gut nie, und auch über Preußen wird wahrſcheinlich ſchon in naher Zeit ein Stärkerer kommen, aber der Stärkere wird nicht herausgeben, was der Schwächere ein⸗ mal genommen hatte. Und nun haben Euer Erlaucht die Gnade, dem Gedanken Raum zu geben, einer der verſchollenen Grafen kehrte zurück und fände infolge eines Schrittes Eurer Erlaucht ſein Land in fremden Händen!“ Der Juſtizdirector endigte. Der Graf ſchwieg, ſann lange nach und entließ dann ſeinen Beamten. „Ich werde mir noch einmal Alles gründlich über⸗ legen, lieber Director. Haben Sie meinen Dank!“ Temme, Die Erbgrafen. II. 6 Drittes Kapitel. Es wurde leiſe an die Thür im Vorzimmer der Gräfin geklopft. Der Kammerdiener Ihrer Erlaucht, der allein in dem Zimmer war, öffnete die Thür, um zu ſehen, wer da ſei. „Ah, Mamſell Treue!“ ſagte er. Evchen Treue hatte geklopft; er ließ ſie eintreten. „Erlaucht hat mich herbefohlen“ ſagte Evchen. „Ich weiß es, Mamſell. Die gnädige Gräfin wird gleich fertig ſein. Ich werde Sie dann ſofort zu Ihrer Erlaucht führen. Setzen Sie ſich derweile.“ Er brachte Evochen einen Stuhl; ſie ſetzte ſich⸗ Der alte Diener war ſehr freundlich und höflich gegen das Mädchen. 83 Evochen erſchien etwas befangen. Am Morgen ſchon früh war in Seehauſen ein Reit⸗ knecht aus Schloß Werdenburg angelangt, mit einer Einladung Ihrer Erlaucht an Mamſell Treue, um zehn Uhr im Schloſſe zu ſein und ſich bei Ihrer Erlaucht zu melden. Was wollte die Gräfin von ihr? Namentlich zu einer Morgenſtunde, die auf dem Schloſſe eine frühe war, und an einem Tage, an dem ſich in dem Schloſſe ein ungewöhnlicher Beſuch von Verwandten befand? Sie hatte hiervon gehört; man hatte dabei auch davon geſprochen, daß die Zuſammenkunft der gräflichen Ver⸗ wandtſchaft ſich auf den Erbgrafen Leopold beziehe. Weiter wußte ſie aber nichts; mit ihrem Onkel hatte ſie über die Sache nicht geſprochen. So war ſie in doppelter Unruhe. Was hatte man mit dem Erbgrafen Leopold vor, von dem ihr doch bekannt war, daß er mit ſeinem Vater nicht gut ſtehe? Was ſollte ſie gerade heute im Schloſſe, bei der Mutter des Erb⸗ grafen Leopold? Die Freundlichkeit und Höflichkeit des Kammerdie⸗ ners der Gräfin thaten ihr wohl. Der alte brave Diener war in manchen Dingen der Vertraute ſeiner Herrin; ſo war ſein Benehmen gegen ſie ihr ein gutes Zeichen. 6* 84 Freilich verhielt ſich der Kammerdiener ſchweigend gegen ſie, aber etwas ſchweigſam war er immer. Evchen wußte es. Sie kam manchmal zum Schloſſe, und jedes⸗ mal hatte ſie bei der Gräfin, die dem liebenswürdigen Kinde wohl wollte, ſich melden müſſen. Der Diener ſtand in der Nähe der Thür zu dem Zimmer der Gräfin, erwartend, daß ſie ſich öffnen werde. Die Thür wollte ſich noch immer nicht öffnen. Es wurde wieder an die Thür des Vorzimmers geklopft, ganz ſo leiſe, wie Evychen geklopft hatte. Der Diener öffnete ſie wieder, um zu ſehen, wer da ſei. Die feine kindiſche Greiſengeſtalt des Grafen Kurt ſtand darin. Der kleine Mann trat ohne weiteres ein. Er wollte ebenſo zu dem Zimmer der Gräfin gehen. Er kam jeden Morgen um dieſe Zeit, um ſeiner gnädigſten Frau Schwägerin einen unterthänigen guten Morgen zu wünſchen. Zu dem regierenden Grafen ging er zu⸗ erſt, von ihm zu der Gräfin; von dem Grafen kam er jetzt. Der Kammerdiener trat ihm entgegen. „Ihre Erlaucht ſind noch nicht angekleidet!“ „Eh, noch nicht, Joſeph? Was iſt denn vor⸗ gefallen?“ 85 Er fragte neugierig, wie ein Kind. „Ihre Erlaucht hatten noch keine Zeit“ antwortete der alte Joſeph. Der kleine Graf begnügte ſich mit der Antwort. „Schade, ſchade“, ſagte er. „Ich habe meiner gnä⸗ digen Schwägerin heute ſo viel zu erzählen, und wenn ſie angekleidet iſt, werden alle die Andern kommen, um ihre Aufwartung zu machen.“ Er ſah Evchen. Er kannte ſie. Er erſchrak und machte im erſten Augenblick eine Bewegung, als wenn er fortlaufen wolle, wie ein Kind vor Fremden, die ihm unangenehm ſind. Evchen war aufgeſtanden. Sie verneigte ſich vor ihm. Sie war das hübſche, freundliche Kind. Er blieb. „Eh, Mamſell Treue!“ Er wurde doch verlegen. „Sehr erfreut, ſehr erfreut!“ ſetzte er mit einem Jammergeſicht hinzu. Evchen ſchien zu erbeben. Er war ſonſt immer ſo zutraulich gegen ſie. Was hatte er heute? Und die Gräfin hatte ſie zu ſich rufen laſſen! Der Schwachſinnige war ſchon wieder von andern Gedanken erfüllt. Die Neuigkeiten, die er ſeiner gnä⸗ digen Schwägerin erzählen wollte, lagen ihm auf dem 86 Herzen. Vorläufig mußte der Kammerdiener ſie hören. Er wandte ſich zu dieſem. „Joſeph, weißt Du, was ich für Neuigkeiten be⸗ kommen habe?“ „Ich weiß es nicht, Euer Gnaden.“ „Eh, ſehr wichtige. In Waldenbrück iſt zu der morgenden Proceſſion der Herr Jeſus angekommen. Es iſt ein großer Räuberhauptmann; er hat einen ſchwarzen Teufel und einen großen Höllenhund bei ſich und er ſelbſt hat ſich in einen Malteſerritter verkleidet. Iſt das nicht erſtaunlich, Joſeph?“ „Es iſt erſtaunlich, Euer Gnaden.“ „Und noch mehr, Joſeph! Den Patres iſt der Simon ausgeblieben, und nun will der Räuberhauptmann ihnen ſeinen Teufel dazu hergeben. Das iſt noch gar nicht da geweſen, Joſeph.“ „Das iſt noch nicht da geweſen, Euer Gnaden.“ „Und dann, Joſeph —“ Aus dem Gemach der Gräfin trat eine ältliche Frau. „Erlaucht ſind fertig“, ſagte ſie zu dem Kammer⸗ diener. Es war die Kammerfrau der Gräfin. Der Kammerdiener ging in das Gemach, kam nach einer halben Minute zurück und wandte ſich zuerſt an den kleinen Grafen. 87 „Erlaucht laſſen Euer Gnaden bitten, ſich nach einer Stunde wieder herbemühen zu wollen, indem Sie dann längere Zeit für Euer Gnaden hätten.“ „Eh, charmant!“ ſagte der genügſame Schwach⸗ ſinnige. Er verließ das Zimmer. Indem er ging, warf er einen beſorgten, faſt mitleidigen Blick auf Evchen zurück. „Darf ich bitten, Mamſell Treue!“ ſagte der Kam⸗ merdiener zu Evchen. Sie trat mit ſchwerem Herzen in das Gemach der Gräfin. Die Gemahlin des regierenden Grafen von Wer⸗ denburg war die Tochter eines zwar ſouveränen, aber ziemlich mittelloſen deutſchen Grafenhauſes. Ihre Ver⸗ mählung mit dem Grafen von Werdenburg war eine glänzende Verſorgung für ſie, befreite ſie aus drücken⸗ den Verhältniſſen. Sie hing dafür mit herzlicher, dank⸗ barer Zuneigung an ihrem Eheherrn. Wie ſie ihm eine brave Frau war, ſo war ſie zugleich eine treue Mutter ſeiner Kinder und außerdem theilnehmende, mitleid⸗ volle Helferin für alle Noth und Armuth ſeiner Unter⸗ thanen. Sie war eine vortreffliche Frau. Sie war nicht ſchön, aber ihre freundliche Anmuth gewann ihr alle Herzen. Sie war eine einfache Frau; aber ſie beſaß 88 eine Bildung des Geiſtes und Herzens, die ſie befähigte, als Fürſtin zu repräſentiren. Einfach, wie ihre Natur, war auch ihr Leben, und wie das ihrige das des ganzen Schloſſes. Sie ſtand hoch über allen andern Bewohnern des Schloſſes; ſo beſtimmte ſie das Leben darin. Die beſondere Lage des Grafen, in der er ſich nur als den Verwalter fremden Gutes anſah, kam ihr dabei zu Hülfe. Die Lebensweiſe des Schloſſes war die eines einfachen Edel⸗ ſitzes. Der regierende Graf hatte für ſeinen beſondern Dienſt nur einen Kammerdiener. Die Gräfin hatte außer ihrer Kammerfrau eine Geſellſchafterin; dieſelbe war ein armes adliges Fräulein. Das war das Einzige, was man etwa nicht auf einem gewöhnlichen Edelſitze gefun⸗ den hätte. Außerdem waren die erforderlichen Bedienten, Jäger, Kutſcher und andere Domeſtiken im Schloſſe, und dem ganzen Hausweſen ſtand ein Haushofmeiſter vor. Auf den Ton im Schloſſe konnte die Gräfin nicht in gleicher Weiſe einen Einfluß ausüben. Hier ſtand ihr entgegen einerſeits die Zähigkeit ihres zwar braven, aber beſchränkten und in ſeiner Beſchränktheit peinlichen Gemahls, andererſeits die zum großen Theil durch dieſe Zähigkeit geſchaffene Stellung ihrer Kinder zu dem Vater wie zu der Mutter. Sie hatte drei Kinder, wie wir ſahen. 89 Den Erbgrafen Leopold kennen wir. Der Graf Maximilian war auf Anordnung des Vaters ſchon in ſeinem vierzehnten Jahre, unter Bei⸗ gebung eines tüchtigen deutſchen Hofmeiſters, in eine franzöſiſche Erziehungsanſtalt nach Genf gebracht wor⸗ den. Er ſollte durch das Beiſpiel ſeines ältern Bru⸗ ders nicht verdorben werden. Die Gräfin liebte den Knaben ſchwärmeriſch; ſie hatte mit ſchwerem Herzen ſich von ihm trennen müſſen. Von der Comteſſe Ferdinande ſprechen wir ſpäter. Die Gräfin hatte, als Evchen eintrat, ihre große Toilette beendigt. Die ſämmtlichen Verwandten, die am Abend vorher zum Familiencongreß im Schloſſe eingetroffen waren, ſollten heute Morgen der Schloß⸗ und Landesherrin ihre feierliche Aufwartung machen. Die Gräfin erwartete ſie noch nicht zu der frühen Stunde, aber ſie hatte vorher noch Mancherlei abzu⸗ machen und daher pünktlich und ordentlich, wie ſie war, bei Zeiten ihre Toilette beſorgt. Auch mit Evychen Treue hatte ſie noch vorher zu ſprechen, und es ſchien ſie zu drücken, was ſie dem Kinde zu ſagen hatte. War doch auch Evchen mit ſchwerem, wenn auch nur von unbeſtimmten Ahnungen gedrücktem Herzen zu ihr eingetreten. 90 Die Gräfin befand ſich in ihrem gewöhnlichen Wohn⸗ zimmer. Ihre Empfangsſalons lagen zur Seite. Evychen küßte der hohen Frau die Hand. „Unterthänigen guten Morgen, gnädigſte Gräfin.“ Es war einmal die ſtereotype Begrüßung. Die Gräfin küßte das ſchöne Kind auf die Stirn. Das liebevolle Wohlwollen der Dame konnte Evchen das Herz nicht erleichtern, ſie ſah durch die Liebe die Bekümmerniß. „Erlaucht haben befohlen —“ „Setze Dich zu mir, mein Kind.“ Die Gräfin ließ ſich in einen Fauteuil nieder. Erochen mußte ſich ihr gegenüberſetzen. „Ich habe mit Dir zu ſprechen, mein liebes Kind“ begann die Gräfin, und ſie mußte eine Pauſe machen, ehe ſie fortfuhr: „Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe, Evchen.“ „Erlaucht waren immer gnädig gegen mich.“ „Laſſen wir die kalten Worte, Kind. Ich habe Dich von Herzen lieb. Ich war die Freundin Deiner Mutter — es war noch mehr. Aber laſſen wir auch das. Ich habe auch Pflichten, Eochen, ſchwere Pflichten. Ich bin Mutter, und meine Kinder —“ Sie mußte wieder eine Pauſe machen. Dann wollte ſie entſchloſſen weiter ſprechen: „Ich habe über meinen Sohn Leopold mit Dir zu reden.“ Sie konnte doch nicht fortfahren. Sie ſann ein paar Augenblicke nach; dann ſprach ſie weiter; aber es war etwas Anderes, als Evochen hatte erwarten dürfen. „Kennſt Du die Geſchichte der beiden verſchwundenen Erbgrafen, mein Kind?“ „Ich kenne ſie nicht, gnädigſte Gräfin.“ „Sie iſt zugleich die Deiner Mutter. Sie ſelbſt er⸗ zählte ſie mir. Ich erzähle ſie Dir wieder. Höre mir zu.“ Evochen hörte zu, geſpannt, noch mehr bewegt. Die Gräfin erzählte: „Die beiden Erbgrafen Leopold und Franz oder Franz und Löopold waren Zwillinge, und Niemand wußte, wer von ihnen der erſtgeborene ſei; ſie wur⸗ den daher in Allem gleich gehalten, und auch das Apanagegut, die Herrſchaft Schwalenburg, gehörte ihnen gemeinſchaftlich. Die Schwalenburg war ſchon früh ihr Lieblingsaufenthalt. Ihre Mutter hatte gleich⸗ falls immer gern dort verweilt; die beiden Knaben hatten ſie dahin begleiten müſſen. So waren ſie dort mehr zu Hauſe als auf Schloß Werdenburg. Als ſie heran⸗ gewachſen waren, wurde ihnen von ihrem Vater die 92 Schwalenburg ganz zu ihrem Wohnorte angewieſen, und wo ſie als Knaben geſpielt hatten, da ſchwärmten ſie jetzt und begeiſterten ſich für die Dichtkunſt, für die reizende Natur um ſie her, für die Freundſchaft, für alles Edle und Große! Freunde waren ſie ſich; ſie waren es ſich immer geweſen, ſie waren es geblieben. Nie haben Zwillingsgeſchwiſter einander mehr geliebt. Noch ein drittes Herz war in dem Bunde ihrer Herzen. Eva Braun, die Tochter des Verwalters auf der Schwalenburg, war das reizendſte Kind, das man ſehen konnte. Sie war Deine Mutter, Evchen. Sie hatte als kleines Kind mit den beiden Grafen geſpielt; ſie war nur wenige Jahre jünger als ſie. Sie war, halb Kind, halb Jungfrau, ihre beſtändige Gefährtin; ſie mußte Theil nehmen an ihrem Unterrichte, in der Geſchichte, in der Poeſie, und wie ſie mit ihnen lernte, ſo ſchwärmte, ſo begeiſterte ſie ſich mit ihnen. Nie⸗ mals ſah man die beiden Brüder für ſich allein, ſtets war Evchen Braun bei ihnen, in dem dunklen Walde, in der alten Thurmruine, in den heimlichen Bosquets am Ufer des Sees, in dem Nachen auf dem See. So floſſen die ſchönen Tage ihrer erſten Jugend dahin, in Poeſie, in Begeiſterung, in Freundſchaft; in Freund⸗ ſchaft, meinten ſie. Eychen war ſechzehn Jahre alt geworden, die beiden Brüder zählten zwanzig. Was die beiden Jünglinge an die Jungfrau band war nicht blos Freundſchaft mehr.“ Die Gräfin machte gedankenwoll eine Pauſe. Ihr Blick, der trüber geworden, glitt über das ſchöne Geſicht Evchen's. Das Geſicht des Kindes glühte. Die Gräfin fuhr fort: „Sie mußten ſich trennen. Die beiden Grafen ſollten eine große Reiſe antreten, um die Welt kennen zu lernen. Vorher ſollten ſie ihre Herzen kennen lernen. Am Abend vor der Trennung ſaßen die Drei bei⸗ ſammen, wie gewöhnlich; aber ſie waren nicht heiter, wie gewöhnlich. Sie ſaßen ſtumm bei einander. Sie waren ſchon ſeit dem Nachmittage beiſammen geweſen; es war dunkel darüber geworden. „Nehmen wir Abſchied von Allem, was wir hier lieb haben“, ſprang zuletzt der Graf Leopold auf. Er war der lebhaftere der beiden Brüder. „Für immer?“ ſprach halb fragend und wie für ſich ſein Bruder Franz. „Meinetwegen, als wenn es für immer wäre!“ rief faſt unmuthig Leopold. „Nein“ ſagte Eochen, micht mit ſolchen Gedanken. Wie würdet Ihr nicht wiederkommen?“ „Genießen wir den Angenblick!“ drängte Leopold. Sie nahmen das Mädchen in die Mitte. Jeder von 94 ihnen hatte eine ihrer Hände gefaßt. So verließen ſie das Schloß, traten ſie ins Freie. Der Mond ſchien. Sie wanderten zu allen ihren Lieblingsplätzen; ſie durch⸗ ſtreiften den dunklen Wald, deſſen hohe Eichen und Buchen in den erſten Tagen des kaum erwachten Früh⸗ lings nur kahle, ſtarre Aeſte emporſtreckten; ſie durch⸗ ſchweiften den Park und ſeine Bosquets und Lauben; ſie beſtiegen die Gondel in der kleinen Bucht und ru⸗ derten in den See hinein; ſie kehrten zum Lande zu⸗ rück und erſtiegen die hohe Thurmruine bis zu der Zinne hinauf und ſchauten von der Höhe noch einmal auf alle die Plätze und Stellen zurück, von denen ſie kamen, auf Schloß und Wald, auf Park und See und weiter in das Land hinein, ſoweit das klare Mondlicht ihrem Blick Gegenſtände zeigte. Sie waren wieder heiter geworden. Tauſende von freundlichen Bildern und Erinnerungen waren in ihrem Innern aufgetaucht; ſie hatten ſich mittheilen, erzählen müſſen. Sie hatten dann von den alten Verwaltersleuten, Eochen's Aeltern, Abſchied genommen. Sie wollten am andern Morgen in früheſter Frühe die Schwalenburg verlaſſen. Kein Menſch ſollte ſie dann mehr ſehen, keiner von ihnen Abſchied nehmen. Den alten Leuten war das Herz beſonders ſchwer. „Was ſoll Evchen machen, wenn die gnädigen Herr⸗ ſchaften fort ſind?“ rief Evchen's Mutter mit Thränen in den Augen. Es waren unbedachte Worte der guten Frau. Aus Evchen's Augen ergoß ſich plötzlich eine Flut von Thränen; ſie kamen aus dem Herzen des Mäd⸗ chens, und wie ſie aus dem armen Herzen ſich löſten, war in der Bruſt der Jungfrau das Bewußtſein erwacht, wie unendlich arm, wie verloren ihr Herz ſei. Und was auf einmal in der Bruſt des Mädchens vorging, wurde klar und zitterte nach in den Herzen der beiden Jünglinge. Sie blickten das weinende Kind an, ſie ſahen ſich in die Augen. Und der Blick ihrer Augen verfinſterte ſich. Und Evchen gewahrte es, und ein furchtbarer Schreck trieb ſie aus den Armen der Mutter zurück, an deren Herz ſie ſich geworfen hatte. „Nehmen wir Abſchied!“ rief ſie den Brüdern zu. „Auch wir! Jetzt!“ Ihr hatten ſie erſt am andern Morgen Lebewohl ſagen wollen, ihr allein. Sie wollte ihnen die Hände reichen. Leopold ſtreckte ihr ſchon ſeine Hand entgegen. Allein Franz, der ruhigere und weiſere, aber auch zugleich der feſtere, ſtand unbeweglich, ſah ſie nur mit ſeinem ernſten Blicke an. 96 Es war ihr, als erſchrecke ſie vor dem Blick; das Herz that ihr weh. Sie wich zurück. „Ich komme morgen!“ ſagte ſie. Und nun reichte ſie ihnen doch die Hände, und ſie nahmen ſie, um ihr zum letzten Male eine gute Nacht zu ſagen. Und wie ſie dann gingen, ſah Evchen ihre Hände in einander geſchlungen. Das Mädchen ſchloß kein Auge in der Nacht. Die beiden Brüder fand ſie am andern Morgen mit dem Grauen des Tages an der Thür ihrer Wohnung. Sie warteten auf ſie. Sie waren ruhig und ernſt, alle beide. Sie nahmen das Mädchen in ihre Mitte, wie am geſtrigen Abende; jeder von ihnen hielt wieder eine ihrer Hände. So gingen ſie ſchweigend mit ihr durch den Park zu der kleinen Bucht des Sees, in der die Gondel lag, in welcher die beiden Brüder ſich ſelbſt nach Schloß Werdenburg rudern wollten. In dem Schloſſe ſollte der Tag ihrer Großjährig⸗ keit feierlich begangen werden; am Abende ſollten ſie von da, ohne nach der Schwalenburg zurückzukehren, ihre Reiſe antreten. Vor der Gondel machten ſie Halt. Sie hatten auf dem ganzen Wege kein Wort mit einander geſprochen. Jeder Laut ihrer Stimme, meinte Evchen, hätte ein Schluchzen werden müſſen. Den beiden Brüdern ſchien das Herz nicht anders zu ſein. Am Ufer ließ Leopold die Hand des Mädchens los; er ſprang in die Gondel, ſie zur ſchnellern Abfahrt fertig zu machen. Franz blieb bei ihr, aber er ſtand ſtumm an ihrer Seite, und ſie fühlte keinen Druck ihrer Hand. Nur einmal ſtreifte ein Blick ſeiner Augen das ihrige, und ſie ſah ſein ganzes Herz darin, ſein ganzes Herz voll inniger Liebe. Leopold kehrte aus dem Nachen zurück. Er nahm wieder die Hand des Mädchens. „Nehmen wir kurzen Abſchied“, ſagte er. „Machen wir uns die Herzen nicht ſchwerer, als ſie uns ſchon ſind. Lebe wohl, Evchen, liebes Eychen! Vergeſſen werden wir einander nie, niemals wir drei Menſchen!“ Er betonte das Wort drei. Er drückte die Hand des Mädchens. Er berührte mit ſeinen Lippen die ihrigen, raſch, flüchtig. Es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß ſie ſich küßten. Sie waren beide mit Purpur übergoſſen. Er ſprang in den Nachen zurück. „Lebe wohl, mein geliebtes Evchen“ ſagte dann Franz leiſe mit zitternden Lippen, und die zitternden Temme, Die Erbgrafen. II. 2 98 Lippen drückten ſich auf Eychen's Lippen, die erbleichten, wie plötzlich das ganze ſchöne Geſicht des Mädchens weiß wurde. Er ſah es nicht mehr, er eilte dem Bruder nach. Evochen mußte ſich an einen Baum lehnen, um nicht umzuſinken. Dann ſtürzte ein Strom von Thränen aus ihren Augen und ſie mußte laut ſchluchzen. In der Gondel rief Graf Franz ihr zu: „O weine nicht, Evychen, weine nicht!“ Die Gondel war vom Ufer abgeſtoßen. Unter den Schlägen der Ruder ſang Leopold's Stimme: „Ein Jahr geht ſchnell vorbei! Meine Lieder Bring' ich wieder Und mit ihnen meine Treu!“ In dem Augenblicke ging die Sonne auf, und hinten von den Wällen des Schloſſes Werdenburg tönten Ka⸗ nonenſchüſſe herüber zur Feier des Tages. In Evchen's Herz aber zog zu dem Schmerze des Abſchieds eine unendlich innige, ſtille und weiche Freude darüber, daß Leopold es war, der hatte ſingen können, und über die heimlichen Worte, die Franz ihr hatte zuflüſtern müſſen, und über den Druck ſeiner heißen Lippen, die er nur zitternd auf die ihrigen hatte preſſen können. 99 Ihr Herz hatte bisher an den beiden Brüdern ge⸗ hangen, an den beiden, als wenn ſie einer wären. Sie fühlte auf einmal, daß der rechte eine Franz und daß ſie ihm Alles war. Sie war glücklich. Sie ſollte es nur eine kleine, kurze Zeit bleiben. Man hätte Nachricht von den beiden jungen Grafen erhalten müſſen; es lief keine ein; man wurde beſorgt um ſie. Man zog Erkundigungen nach ihnen ein; man fand keine Spur von ihnen; die Beſorgniß um ſie wurde zur Angſt. Eychen's Herz wollte in Angſt vergehen. Der letzte Abend vor dem Abſchiede fiel ihr wieder ein, die wenigen Augenblicke des Abſchieds am Morgen. Wie ſie die Beiden geliebt hatte, als ſeien ſie nur einer, ſo war den Beiden nicht zum Bewußtſein ge⸗ kommen, daß jeder von ihnen ſie liebe. Als ihre Mutter das unbedachte Wort ausſprach, was aus Eychen werden ſolle, wenn ſie fort ſeien, als das Mäd⸗ chen dann auf einmal ihr Herz erkannte, da hatten auch die beiden jungen Grafen die Liebe darin erkannt und mit der Liebe des Kindes ihre eigene Liebe zu ihr. Und mit dem Erkennen war die Eiferſucht des einen gegen den andern in ihren Herzen erwacht, und ihre Augen hatten ſich mit finſtern Blicken geſtreift. 7* 100 Aber die Eiferſucht hatte die Liebe der Brüder, der Zwillinge nicht erdrücken, nicht erſchüttern können. Als ſie wieder allein waren, hatten ſie ſich wiedergefunden; und wie Eychen's Augen in der Nacht keinen Schlaf gefunden hatten, ſo hatten die Brüder ſich gegen ein⸗ ander ausgeſprochen und die alte, unerſchütterliche Bruderliebe für immer zugeſchworen; vor dieſer hatte die Eiferſucht weichen müſſen, in ſchnellem, auch wohl leichtem Kampfe; aber daß ein Kampf ſtattgefunden, hatte ihr ſonderbares, gezwungenes Benehmen bei dem Abſchiede verrathen. Das Alles wurde Evchen jetzt klar, und auch, daß nachher die Eiferſucht mit neuer Macht in ihnen wieder erwacht ſei, und als immer und immer jede Nachricht von den beiden Grafen ausblieb, und zuletzt Jedermann, auch die eigene Mutter von dem Tode der Verſchwun⸗ denen ſich überzeugt halten mußte, an allerlei Unglück glaubte, da wußte allein Eychen, was es war, und ſie klagte ſich in ihrem Herzen als die Mörderin der beiden Menſchen an, die ſie auf Erden am meiſten, die ſie allein liebte. Auf welche Weiſe die Beiden den Tod, in den ſie ſie gejagt, geſucht und gefunden hatten, Ev⸗ chen grübelte vergeblich mit den bittern Vorwürfen gegen ſich ſelbſt darüber nach. Hatten ſie gar — Leo⸗ pold war raſch, Franz unabänderlich feſt in ſeinen —— „——— 101 Entſchlüſſen — plötzlich aufgeſtachelt in einem Aus⸗ bruche ihrer Leidenſchaft, in feindlichem Kampfe ein⸗ ander gegenüber geſtanden, der Bruder den Bruder er⸗ ſchlagen, der Brudermörder dann in wilder Verzweiflung ſich ſelbſt den Tod gegeben? Und ſie, Evchen, war die Mörderin beider! Ihre Angſt wurde beſtätigt durch das, was ſie von dem Benehmen der beiden Grafen bei dem Feſte auf Schloß Werdenburg erfuhr. Sie waren heiter geweſen, aber ihre Heiterkeit hatte erzwungen ausgeſehen. Sie waren, wie immer, unzertrennlich geweſen, aber ihre Blicke waren manchmal ſcheu vor einander zurückge⸗ wichen. Man hatte damals nicht darauf geachtet; als man ſpäter, nach ihrem Verſchwinden, es ſich zurückrief, glaubte man in der eigenthümlichen Stimmung des Abſchieds auf längere Zeit, vielleicht auch in einem Gedanfen an die alte Familienſage von dem Fluche gegen die Erbgrafen von Werdenburg eine Erklärung zu finden. Eychen allein wußte, was es war, und die Gewißheit ihrer Schuld drückte ſie um ſo ſchwerer, da ſie Niemand dieſelbe mittheilen durfte. Der theilnehmenden Gräfin hatte ſie in einer ſchweren Stunde ihres Schmerzes einmal Alles erzählen müſſen. Die hohe Frau hatte wohl Worte und auch Gründe des Troſtes für ſie gehabt; wer konnte unſchuldiger an dem Tode der beiden Grafen ſein als die unſchuldige Liebe des Kindes zu ihnen? Aber in Eychen's Herz fand kein Troſt Eingang. Evchen war viele Jahre unverheirathet geblieben; ſie hatte die vortheilhafteſten Anträge ausgeſchlagen. Erſt ſpät hatte ſie mit einem braven, ältern Manne ſich verbunden, der einer liebenden weiblichen Pflege bedurfte. Wenige Jahre nach der Geburt eines Kindes war ſie geſtorben.“ Das theilte die Gräfin der Tochter der armen Verſtorbenen mit. Eochen Treue wußte, warum ihre Mutter ſo weiß geweſen war. „Und warum ich Dir das erzähle, mein Kind?“ fragte die Gräfin. Evchen Treue wußte es, aber ſie hatte keine Ant⸗ wort auf die Frage. Die Gräfin fuhr fort: „Nicht jener Fluch hat die Erbgrafen unſeres Hauſes getödtet. Das Unglück bedarf keines alten Fluchs, um an Individuen, an Familien, an Völker heranzutreten. Nur zu oft wird es von den Leidenſchaften der Men⸗ ſchen herbeigerufen, und die Leidenſchaften erzeugen ſich nur zu oft in den Herzen der edelſten Menſchen. Du, —— 103 Eychen, biſt ein ſo braves Kind, von dem beſten, frömm⸗ ſten Herzen, wie nur Deine Mutter es war. Auch mein Leopold, was auch die Welt von ihm ſagt, was auch ſeine hohe Familie, ſein eigener, biederer und ge⸗ rechter Vater heute über ihn beſchließen mögen, er hat ein edles Herz. Und hat nicht dennoch Eure Herzen die Leidenſchaft —“ Eychen war weiß geworden, wie ihre Mutter im Sarge; ſie ſchwankte auf ihrem Sitze. Die gutmüthige Gräfin erſchrak. „Ich ſprach ja nicht von einer ſchlechten Leidenſchaft, mein Kind. Dein reines Herz wäre ihrer nicht fähig, und Leopold, er iſt mein Sohn, nimmer kann der Ge⸗ danke in ihm nur auftauchen, ein ſo braves Kind, wie Du biſt, verführen, verderben zu wollen.“ Eychen ſprang auf. Die Bläſſe in ihrem ſchönen Geſichte war einer dunklen Glut gewichen. Ihr ganzes Weſen drückte ſtolzen, edlen Zorn aus. „Das iſt es?“ rief ſie. „Das glaubt, das ſpricht man von dem Grafen Leopold, von mir?“ Sie hatte es laut in ihrem Zorn gerufen. Die Thür des Zimmers öffnete ſich. Eine Dame ſtand auf der Schwelle, ſprach in das Zimmer hinein: „Wer kann denn durch ſolches Rufen hier den An⸗ 104 ſtand vergeſſen, die Achtung vor der Gemahlin des Landesherrn aus den Augen ſetzen?“ Die Worte wurden auch mit einem ſtolzen Zorne geſprochen, aber gemeſſen, ernſt, ſcharf, bitter. Und die Dame, die ſie ſprach, war eine ſchöne, hohe, ſtolze Geſtalt mit einem edlen Geſicht voll Stolz und voll Unglück. Sie trat näher. Sie ſah Evchen, das glühende Geſicht des Mädchens. „Sie iſt es, Jungfer Treue?“ ſagte ſie. Eychen wurde weiß, wie vorhin. Sie hatte ſchnell einen Entſchluß gefaßt. Sie wollte gehen. Mit ihrem ganzen Anſtande und dem Bewußtſein des Mädchens, das an Geiſt und an Herz nichts den Menſchen nachgab, die nur an Geburt und an Rang über ihm ſtanden, wandte ſie von der eingetretenen Dame ſich ab zu der Gräfin. „Gnädigſte Gräfin erlauben, daß ich mich entferne.“ Die Gräfin, die hochſtehende Frau, das gutmüthige Herz, war vollkommen Herr der Situation geblieben. „Du wirſt bleiben, mein liebes Eychen. Ich bitte Dich darum.“ Sie ſprach freundlich, wohlwollend zu dem Kinde. Evychen blieb. Die Gräfin wandte ſich zu der eingetretenen Dame. — ———— — 105 „Ferdinande, Du warſt ungerecht gegen das Kind. Reiche ihr Deine Hand, damit kein Groll in ihrem Herzen bleibt.“ Die Comteſſe Ferdinande, die Tochter der Gräfin, wich ſtolz einen Schritt von Evochen zurück. „Es würde mich ſchmerzen, für Euch beide“ ſagte die Gräfin. Die Tochter ſtand unbeweglich. „Jerdinande“ ſagte die Gräfin mit weicher Stimme, „ſieh Dir das Kind an; Du ſiehſt in ihr Dein Unglück.“ Die Comteſſe ſah das Kind an. Aus Eychen's Augen ſtürzten Thränen; ſie mußte weinen, was ſie vorhin in all ihrem Schmerze nicht gekonnt hatte. Die ſtolze Comteſſe Ferdinande nahte ſich Evchen und hielt ihr ihre Hand hin. Evchen führte die Hand an ihre Lippen. „Schon gut!“ ſagte die Comteſſe. „Ich weiß, daß Sie ein braves Mädchen iſt.“ Sie ſprach es mit ihrem herben Stolze. Eychen konnte dennoch die unglückliche Dame mit dem vollen Mitleiden ihres ſchönen Herzens anſehen. „Gnädigſte Comteſſe, verzeihen Sie mir. Ich hatte mich vergeſſen.“ „Ich meinte es nicht böſe“, die Comteſſe. 106 Dann kämpfte ſie einen Augenblick mit ſich, und auf einmal ſchlang ſie ihre beiden Arme um Evchen Treue und küßte leidenſchaftlich Stirn und Mund des weinenden Mädchens. „Ich weiß jetzt Alles!“ rief ſie. „Ich hatte mit der Welt Dich in einem ungerechten Verdachte. Verzeihe mir, Du armes Kind. Ich werde Dich lieben lernen.“ Der Kammerdiener der Gräfin trat ein und meldete: „Die erlauchten Herrſchaften!“ „Wir ſehen uns bald wieder, Evchen“, ſagte die alte Gräfin mit ihrer Freundlichkeit zu dem Kinde. 3 „Auch wir!“ ſagte die ſtolze, ſchöne Comteſſe. . Eychen küßte beiden Damen die Hände, trocknete ihre Augen und verließ das Zimmer. Die alte Gräfin ſah ihr in tiefen, ſchmerzlichen Ge⸗ danken nach. „Sie iſt unglücklich! Wird auch Leopold es ſein?“ ſagte ſie. „Bin nicht auch ich es, meine Mutter?“ fragte die Comteſſe Ferdinande. „Und warum? Wozu?“ ſagte die Gräfin. „Ver⸗ lieren wir an unſerer Seele, an unſerer Würdigkeit, ja nur an unſerem Ruhme, an unſerer Macht, an un⸗ ſerem Glanze durch das, was man eine Mesalliance nennt? Werden unſere Kinder weniger edlen Herzens, 107 weniger hohen Geiſtes, weniger kräftigen Körpers? Sagt nicht im Gegentheil das alte Sprichwort: Alter Samen artet aus? Warum denn all dieſer Herzens⸗ jammer des Hochmuths, der Menſchen⸗ der Kaſtenver⸗ achtung? Wozu Dein Unglück, das jenes braven, unſchuldigen Kindes? Wozu heute hier dieſe jämmer⸗ liche Farce, die nur Zwietracht ſäet, Herzen bricht? Macht der Unterſchied des Stamms die Menſchen ſchlechter und beſſer?“ So ſprach ſchmerzlich die Gräfin. Ihre Tochter aber erwiderte ihr: „Mutter, wohin wir in der Welt blicken, ſehen wir Verſchiedenheiten: hohe und niedrige Bäume, ſchöne und häßliche Thiere, hochgewachſene und verkrüppelte Menſchen, edle und gemeine Charaktere, Befehlende und Gehorchende, Herren und Diener, Herrſcher und Unter⸗ thanen. Gott, der Herr der Welt, hat das ſo geſchaffen, eingerichtet, geordnet. Oder wollen wir mit der neuern Philoſophie ſagen: die Natur? Es bleibt ſich gleich! Ein Unterſchied der Stände iſt einmal das Geſetz der Welt, des Lebens. Wir müſſen uns ihm unter⸗ werfen, ſollten auch die Herzen darüber zu Grunde gehen.“ „Du konnteſt es, meine Tochter“, ſagte die Gräfin. e Mutter, ich konnte es. Und jene Andere konnte 108 es nicht. Und was iſt aus jener Annette geworden? Aber laſſen Sie uns gehen, Mutter, man wartet auf uns.“ Die junge, ſchöne Gräfin ſprach das mit Stolz und Ruhe in dem blaſſen Geſicht voll Unglück. Sie öffnete dann eine Seitenthür und ließ ihre Mutter vortreten. Sie traten in ein Vorzimmer zu den Prunkgemä⸗ chern der Gräfin. Die Geſellſchaftsdame der Gräfin wartete hier. Ein Lakai riß die große Flügelthür eines Pracht⸗ ſaales auf. Es war der Saal, in dem die Gräfin ihre er⸗ lauchten Gäſte zur feierlichen Begrüßung empfing. Sie harrten hier alle ihrer. Sie trat ein, zur Seite ihre Tochter. Die Geſellſchaftsdame folgte. Die Etikette des Hofes durfte nicht verletzt werden, wenn auch der kleine und einfache Hof keinen Ober⸗ ceremonienmeiſter, keinen Hofmarſchall, keine Oberhof⸗ meiſterin und keine Kammerherren hatte. Sie waren alle da, die ſämmtlichen großjährigen Mitglieder des reichsgräflichen Geſammthauſes Werden⸗ burg, die den Namen trugen oder einmal getragen hatten. So ſchrieb es ja das Hausgeſetz für den Zweck 109 vor, der ſie nach Schloß Werdenburg gerufen hatte. Nur der regierende Graf Eberhard fehlte in dem Saale. Es galt in dieſem ja nur einer feierlichen Aufwartung bei der Schloß⸗ und Landesherrin. Der kleine Graf Kurt hatte den fremden Gäſten ſich angeſchloſſen. Es war eine ſonderbare Verſammlung, auch eine hohe Verſammlung. Sie alle, die da waren, ent⸗ ſtammten dem reinſten Blute des deutſchen Fürſtenadels Mit Karl dem Großen waren die Werdenburger vor mehr als achthundert Jahren in das Land gekommen. Hatte der Stolz der Ahnen des Geſchlechts dem der jetzigen und der Generationen des vorigen Jahrhunderts geglichen, ſo hatte das hohe Haus in den achthundert Jahren ſicher keine einzige Mesalliance erlebt. Ein ehrwürdiger Areopag war dieſe Verſammlung freilich nicht. Man ſah da zwar auch ſtattliche Männer⸗ geſtalten, mit und ohne graue Haare, mit und ohne reſpectable Glatzen, mit und ohne Generalsuniformen, man ſah aber auch jüngere Herren und unter dieſen ſelbſt Lieutenants, beſonders aus der öſterreichiſchen und engliſchen Armee, nur keine einzige preußiſche Uniform. Noch mehr aber war die Frauenwelt des gräflichen Hauſes vertreten, von ſechzigjährigen und vielleicht noch ältern Matronen an bis zu den jungen Comteſſen von zwanzig Jahren herab. Ein Areopag war dieſe Verſammlung nicht. Der Areopag Athens war der Gerichtshof der ausgleichenden Billigkeit, der Milde gegen einen Angeklagten. Standen ſeine zwölf Stimmen gleich, lagen in ſeiner Urne für die Schuld ſechs ſchwarze und für die Unſchuld ſechs weiße Kugeln, ſo wurde im Namen Minerva's, der Schutzgöttin der Athenienſer, eine weiße Kugel hinzu⸗ gelegt, und der Angeklagte war freigeſprochen. In der Verſammlung in dem Empfangsſaale der Gräfin von Werdenburg ſah man in keinem Augenpaar eine weiße Kugel für den jungen Familien⸗ und Standes⸗ genoſſen, der wegen leichtfertigen und nicht ſtandesge⸗ mäßen Lebenswandels angeklagt war. Die Gräfin mußte unter den ſteifen Empfangs⸗ und Begrüßungs⸗ formen jede Bewegung des Mutterherzens zurückdrängen. Die Comteſſe Ferdinande ſtand neben der Mutter mit dem ganzen bittern und herben Ausdrucke des Grolls gegen ein Schickſal, das ihr das Glück des Lebens ver⸗ nichtet hatte. Ein Schickſal war es ihr geweſen, nicht ein Vorurtheil. Und konnte dieſer heute lebhafter er⸗ wachte Groll ſie milder für den Bruder ſtimmen, über den auch ſie mit zu Gericht ſitzen mußte? Was aber die Andern betraf, ſo ſah man unter den Herren wohl manches verſtändige, auch kluge Ge⸗ ſicht, aber bei den reifern und ältern herrſchte überall 111 entſchieden das ariſtokratiſche Bewußtſein vor, und die jüngern waren ſämmtlich ſo blaſirt und hatten nur das Selbſtbewußtſein eben der Blaſirtheit. Und unter den Damen ſtand vorn an die alte hagere, häßliche, geizige Gräfin von Schleigheim, die den In⸗ grimm ihres Innern in ihren Augen und auf ihren Lippen um ſo zuckender ſpielen ließ, da ſie am vorigen Tage in dem Vogelſang'ſchen Garten zu Waldenbrück in der Abenteurerin, die mit den preußiſchen Offizieren umherzog, ihre Tochter Annette hatte ſuchen müſſen. Ein paar andere ältere Damen kannten offenbar nur den Familienhochmuth, und die Mütter von Töchtern unter ihnen und dieſe Töchter ſelbſt wußten, daß im Falle einer Verurtheilung des Angeklagten ſeine ge⸗ ringſte Strafe darin beſtand, daß er eine tugendſame ebenbürtige Gräfin, am liebſten eine Verwandte, hei⸗ rathen mußte, um durch das Joch der Ehe auf den Weg eines ſoliden Lebens zurückgeführt zu werden. Hierzu trauten aber die Häßlichſten ſich das meiſte Zeug zu; ſo waren ſie in der mildeſten Stimmung für ein Strafurtheil. Einem ſolchen Gerichtshofe ſollte der arme Erbgraf Leopold von Werdenburg gegenüberſtehen! Sein mil⸗ deſtes Urtheil war die Hochzeit mit einer häßlichen, verwelkten, herrſchſüchtigen, geizigen, zänkiſchen Couſine! 112 Sie verneigten und verbeugten ſich alle vor der hohen Wirthin und prieſen das Glück, Ihrer Erlaucht aufwarten zu dürfen, und bedauerten die betrübende Veranlaſſung, die ihnen dieſes Glück verſchaffe. „Wir haben dabei eine Genugthuung, gnädigſte Cou⸗ ſine“ ſagte der regierende Graf von Werdenburg⸗Hauen⸗ ſtein, „daß ein Fall wie der gegenwärtige in unſerem erlauchten Grafenhauſe zu den allergrößten Seltenhei⸗ ten gehört. In der Hauenſtein'ſchen Linie ſteht er ohne alles Beiſpiel da.“ Die Gräfin Ferdinande ſah den Sprechenden mit einem hohen Stolze an. Die alte Gräfin Schleigheim aber nahm giftig eine Priſe und ſprach dann noch giftiger: „Unſer geehrter Herr Vetter ſcheint zu überſehen, daß zu einem Falle, wie der gegenwärti e, warmes F Blut gehört.“ Der regierende Fürſt von Hauenſtein war ein ſchneeweißer ſtarker, bequemer Herr, der vielleicht etwas kaltes Fiſchblut in ſeinen Adern haben konnte. „Ich habe nicht die Ehre, meine gndige Couſine zu verſtehen“, erwiderte er. Er hatte ſicher Recht darin, und die giftige Gräfin Schleigheim ſagte achſelzuckend: „Das Loos der Neben⸗ linien!“ „ ——, 113 Das vernahm die regierende Gräfin von Werden⸗ burg⸗Haſſenfurt, und ſie ſagte: „O, meine liebe Couſine Schleigheim, um das Verſtändniß iſt es oft eine eigene Sache. Ich meinerſeits bin der Anſicht, daß in der Familie das beſte Verſtändniß für Ehre und Sittlich⸗ keit und für das, was man ſeinem Namen und ſeinen Ahnen ſchuldig iſt, herrſcht, in der die Kinder ſo er⸗ zogen werden, daß namentlich die Töchter ſich nicht an unwürdige, tief unter ihnen ſtehende Menſchen hängen.“ Die Gräfin Schleigheim wurde blaß vor Zorn; die Andern erblaßten vor Schreck. Da hatte der kleine Graf Kurt mit dem feinen kindiſchen Greiſengeſicht ſich vorgedrängt. „Kennen meine gnädigſten Damen ſchon die Neuigkeit, die ich Ihnen mitzutheilen habe? In der Stadt Waldenbrück iſt geſtern der Herr Jeſus angekommen mit einem Teu⸗ fel und einem Höllenhund, und —“ Er wurde unterbrochen. In dem Saale war plötzlich ein hoher junger Mann erſchienen, das ganze Weſen voll Adel und in dieſem Augenblicke voll bewußten Stolzes. Man ſah ihn eintreten. Ein leichtes Gemurmel lief durch den Sagl. Er achtete nicht darauf. Er ſchritt ruhig auf die Herrin des Hauſes zu. Temme, Die Erbgrafen. II. 8 114 Er nahm ihre Hand; er küßte ſie ehrerbietig. „Meine gnädige Mutter wird mein Erſcheinen hier entſchuldigen. Ich glaubte zu dieſer Stunde an Deiner Seite nicht fehlen zu dürfen.“ „Gnädige Mutter“ ſagte der Erbgraf Leopold, aber „Du 1 Seine Schweſter Ferdinande hatte „liebe Mutter“, aber „Sie“ geſagt. Dem Herzen der Tochter war die Mutter fremd geblieben. Dem Sohne hatte nicht die Etikette, nichts Anderes das Kindesherz verſchließen können. „ Er verbeugte ſich tief vor der Mutter, als wenn er auf ſeine Stirn ihren Kuß als Zeichen ihrer Zu⸗ ſtimmung empfangen wolle. Sie küßte ihn auf die edle Stirn. Er ſtellte ſich dann zu ihrer rechten Seite. An ihrer linken Seite ſtand die Comteſſe Ferdinande. Die Mutter war in der Mitte ihrer zwei Kinder. Sie waren beide ſo ſchön, und die Tochter ſo unglücklich und verbittert und der Sohn ſo glücklich und ſo — N war er leichtſinnig? Er ſtand hoch aufrecht; er blickte mit dem ganzen Aodel ſeines Weſens, mit ſeinem vollen bewußten Stolze auf die Verſammlung vor ihm. 115 Sie waren alle ſo ſtill geworden. Keiner von ihnen ſtand als ſein Richter da. Sie wagten kaum die Augen aufzuſchlagen. Aber ſie ſammelten ſich wieder. Sie fanden die Sprache wieder. Freilich war es nur ein Geflüſter, das durch den Saal ſummte. „Es iſt eine Effronterie!“ „Er will uns braviren!“ „Um ſo mehr verdient er die volle Sttenge dieſes Funilientibunla. 4 So ſprachen die Herren unter ſich. Die Damen waren nicht ganz ſolcher Meinung. „Er iſt ein ſchöner Mann!“ Das mußten ſie alle einräumen. „Und welch eine adlige Erſcheinung!“ „Und er hat Muth und Charakter!“ Das fand doch Widerſpruch. „Es iſt Trotz“ „Er will uns imponiren!“ „Aber es wird ihm nicht gelingen.“ „Von mir wenigſtens hat er keine Milde zu er⸗ warten.“ Eine verheirathete Dame, die keine Töchter hatte, ſagte das. „Man ſollte ihm doch 4 Strenge 116 zeigen. Er iſt noch ſo jung, und eine tugendhafte und liebende Gattin könnte ihn auf den beſſern Weg zurück⸗ führen.“ Eine Mutter zweier häßlicher, älterer Töchter ſagte das. Eine von dieſen Töchtern ſagte: „Ach, liebe Mutter, es wäre ein zu ſchweres Opfer!“ „Je ſchwerer das Opfer, deſto größer der Segen, mein Kind“ erwiderte die Mutter. „Ich möchte es ſchon bringen“, flüſterte ein naives Kind von ſechzehn Jahren ſeiner Nachbarin zu. Die beiden alten häßlichen Töchter hörten es. „Eine Gans fehlt ihm gerade!“ ſprachen ſie unter einander, halblaut, damit die Kleine es hören ſolle. Der Haushofmeiſter erſchien im Saale mit der Einladung des regierenden Grafen an die erlauchten Herrſchaften zum Dejeuner und dann zu einer gemein⸗ ſamen Spazierfahrt vor der Tafel. Sie brachen alle auf. Der regierende Graf von Hauenſtein gab der Schloß⸗ herrin den Arm. . Die Andern folgten. „Auch Du, Ferdinande?“ fragte der Erbgraf Leo⸗ pold Schweſter. 117 Sie ſprach immer ſo entſchieden, die Comteſſe Fer⸗ dinande. Dann hatte ſie doch eine Bitte an den Bruder. „Begleiteſt Du mich auf mein Zimmer? Ich möchte mit Dir ſprechen.“ „Gehen wir, Schweſter.“ Er führte ſie zu ihrem Zimmer. Viertes Kapitel. —— „Setzen wir uns, Leopold“ ſagte in ihrem Zimmer die Gräfin Ferdinande zu ihrem Bruder. Der Graf Leopold folgte der Einladung. „Ich will über Eychen Treue mit Dir ſprechen, mein Bruder“ leitete die Gräfin das ein, was ſie mit dem jungen Erbgrafen zu beſprechen hatte. „Ich hatte es mir gedacht, Ferdinande.“ „Du ſprachſt ſie?“ „Als ſie von unſerer Mutter und von Dir kam.“ „So werden wir deſto ſchneller fertig werden.“ „Uns auch verſtändigen, Schweſter?“ „Es kommt auf Dich an.“ „So ſpricht immer der, welcher nicht nachgeben will.“ 119 „Das kann nicht mir gelten, Bruder. Ich habe hier kein Recht zu verfolgen; ich mache keinen Anſpruch an Dich. Ich habe einfach eine Mahnung für Dich und eine Bitte, die allein Dich betrifft.“ „Sprich, Ferdinande. Ich werde Dir mit empfäng⸗ lichem Herzen zuhören. Ich weiß es, die Schweſter⸗ liebe ſpricht aus Dir. Evchen ſagte mir von Dir. Da fällt mir ein, Ferdinande, Du haſt mich nicht ge⸗ fragt, was ſie von Dir geſprochen habe.“ „Ich kümmere mich nicht um das Urtheil —“ Die Gräfin brach ab. Aber ſie hatte die Worte mit einem Stolze geſprochen, der nicht zweifelhaft ließ, was ſie hatte hinzuſetzen wollen. Der Erbgraf wollte auffahren. Er mäßigte ſich. „Ferdinande“ ſagte er nur, „wozu dieſer wegwer⸗ fende Stolz, dieſe Mißachtung gegen Alles, was nicht Dir an Stand gleich iſt?“ „Es iſt nun einmal meine Weiſe ſo“, erwiderte die ſtolze Gräfin. Und indem ſie das ſchöne blaſſe Haupt höher erhob, ſetzte ſie hinzu: „Und mein Unglück.“ Dann ſprach ſie ruhig weiter: „Ich habe Dir zunächſt eine Geſchichte zu erzählen. Sie geht zwar die Ehre unſeres Hauſes an, und Du ſollteſt 120 ſie daher genau kennen, Du haſt Dich aber um unſer erlauchtes Haus niemals gekümmert; ſo wirſt Du ſie anhören.“ „Erzähle, Ferdinande.“ „Unſere Couſine Annette, die Tochter unſerer Tante Schleigheim, wird Dir dem Namen nach bekannt ſein.“ „Vollkommen“ ſagte der Erbgraf mit einem feinen Lächeln, das die Erzählerin nicht ſah. Sie fuhr fort: „Comteſſe Annette Schleigheim war ſchön, geiſtvoll, Freigeiſt. Das Leben ſollte ihr ein Spiel ſein und ſo wollte ſie vor allen Dingen keine Feſſel des Lebens anerkennen. Sie nannte es frei ſein, als wenn Schrankenloſigkeit Freiheit wäre, als wenn nicht die Freiheit nur Recht wäre, und jeder Menſch Rechte hätte, die jeder andere achten muß, die alſo jedem andern Schranken für ſein Handeln, gegen Eingriffe in fremde Rechte ziehen.“ „Das ſagſt Du, Ferdinande?“ fragte verwundert der Graf. „Eben ich“, antwortete die ſtolze Dame. „Eben ich, die ich die Rechte und die Schranken der verſchiedenen Stände gegen einander anerkenne.“ „Fahre fort, Ferdinande.“ Sie fuhr fort: 12¹ „Unſere Couſine Annette hatte einen ſchwachen Va⸗ ter, mit dem ſie machen konnte, was ſie wollte, und eine geizige Mutter, die nur Geld zuſammenzuſcharren ſuchte. So war ſie Herrin ihres Thuns, wenn es nur der Mutter kein Geld koſtete. Sie wußte dieſe Lage zu benutzen. Der Graf Schleigheim hatte einen Pro⸗ ceß in Berlin, der ihn in die preußiſche Hauptſtadt führte. Annette ſetzte es durch, daß ſie den Vater da⸗ hin begleitete. Der Graf Schleigheim mußte ſeinen Beſuch am Hofe machen. Er mußte ſeine Tochter hin⸗ bringen. Das hatte Annette gewollt. Sie kam in die geiſtreichen und mithin etikettefreien Cirkel der ſchönen Königin. Es war freilich nur preußiſcher Offiziers⸗ adel da —“ „Ah, Du machſt dem preußiſchen Adel ein Com⸗ pliment, Ferdinande!“ „Wie Du es nimmſt, Leopold. Es war jedenfalls kein ebenbürtiger, kein hoher Adel. Was da war, waren nur die Unterthanen, die Diener ihres Königs. Annette wurde in den Cirkeln gefeiert. Sie war neun⸗ 5 zehn Jahre alt, ſchön, voll Geiſt, voll Witz, voll Leben; ſie war dabei mehr als all das Hofgeſinde; ſie war der Königin ebenbürtig. Sie kannte dennoch nichts von dem, was man Stolz“nennt. Sie wurde angebetet. Das wäre ganz gut geweſen, wenn ſie nicht zum Un⸗ 122 glück etwas gehabt hätte, was ſo angelegten Naturen fehlen müßte. Sie hatte ein Herz. Es war ein Wider⸗ ſpruch in ihrer Natur, der Natur. Am preußiſchen Hofe war ein Freiherrr von Bütow. Er war Ritt⸗ meiſter in der Garde, Adjutant des Königs, Liebling der Königin, in deren kleinen Geſellſchaften er alle an⸗ dern Männer unendlich hoch überragte durch ſein klares Weſen, ſeinen feſten Muth, ſeinen milden Sinn, ſeinen ernſten Willen, ſeinen hohen, wiſſenſchaftlich durchgebildeten Geiſt, das Alles gepaart mit dem feinſten geſelligen Benehmen. Die Gegenſätze ziehen einander an. Er wurde der Sklave der leichtſinnigen Annette. Sie verlor ihr Herz an den klaren, ernſten Mann. Sie hatte damit ihre Ehre verloren — doch nein!“ ſetzte die Gräfin raſch hinzu. Ihr Bruder hatte ſie plötzlich angeſehen. Sie war roth geworden. Sie war es ſchon vorher geworden, ehe er ſie anſah, über ihre eigenen Worte. „Doch nein“ ſagte ſie. „Dadurch nicht. Aber in⸗ dem ſie es ihm hingab. Sie hätte es ihm verſagen, verweigern müſſen, trotz aller ſeiner heißen Liebe. Sie war die hohe erlauchte Gräfin, er der niedere preu⸗ ßiſche Edelmann. Mit der Ehre —“ Der Erbgraf unterbrach ſeine Schweſter. „Warſt Du in Oeſterreich, Ferdinande?“ Er lachte bei der Frage. „Was ſoll die Frage?“ erwiderte ſie finſter. „Hm, in Heſterreich fängt der Menſch doch mit dem Baron an. Meine erlauchte Schweſter will das, we⸗ nigſtens für die preußiſchen Barone, nicht gelten laſſen.“ Die Gräfin hatte für die Bemerkung nur Schweigen. Ruhig, als ſei ſie gar nicht unterbrochen worden, fuhrſiefort: „Mit der Ehre war dann bald die Sittlichkeit ver⸗ loren. Annettens Vater wollte eine Mesalliance ſeiner Tochter nicht geſtatten.“ Der Erbgraf unterbrach ſeine Schweſter nochmals. „Der ſchwache Onkel Schleigheim war es wohl nicht; er hat keinen Willen. Unſere gnädige Tante hat und hatte ihn ſtatt ſeiner.“ „Gleichviel“ ſagte die Gräfin Ferdinande. „Annette erhielt keine Erlaubniß zu der Verbindung mit dem Herrn von Bütow. Seine Bitten waren ver⸗ gebens, ihre eigenen waren es, ihre Thränen, Be⸗ ſchwörungen, Verwünſchungen, Drohungen, ſelbſt die Interceſſion der Königin. Annette ließ ſich entführen, in der Fremde trauen. Dem Verbrechen folgte die Strafe. Der König Friedrich Wilhelm der Dritte von Preu⸗ ßen hielt auf ſtrenge Sitte an ſeinem Hofe. Der Herr von Bütow durfte mit ſeiner Gemahlin nicht an den Hof kommen. Ohne ſie wollte er nicht erſcheinen. Es wurde ihm übel genommen. Er verlor ſeine Stellung als Adjutant des Königs, der Hof wurde ihm ganz verboten. Er konnte das Eine wie das Andere ver⸗ ſchmerzen. Er war reich, unabhängig, wurde dies viel⸗ mehr, indem er einen unbeſtimmten Urlaub nach⸗ ſuchte und erhielt. Offizier in der Armee war er geblieben; das war ſein Unglück, Annettens Strafe. Er ging auf ſeine Güter, dann auf Reiſen. Das war nicht ſein Unglück nicht Annettens Strafe. Es waren zu jener Zeit mehrere anonyme Bro⸗ ſchüren über die preußiſche Armee, das preußiſche Mili⸗ tärſyſtem erſchienen. Sie athmeten den Geiſt der Frei⸗ heit; ſie deckten Schäden und Gebrechen auf, verurtheilten das Syſtem, wieſen nach, daß Preußen in einem nächſten großen Kriege geſchlagen, daß ſeine Armee vernichtet werden müſſe. Sie ſprachen unerbittlich unwiderleg⸗ liche Wahrheiten aus. Sie waren mit großer Sach⸗ kenntniß geſchrieben; nur ein hochgeſtellter, mit allen Perſonen, Verhältniſſen und Zuſtänden vertrauter preu⸗ ßiſcher Offizier konnte ſie geſchrieben haben. Beſonders dieſer letztere Umſtand fachte den Zorn, den Ingrimm gegen den unbekannten Verfaſſer, namentlich in den höhern Offizieren, der Generalität, dem Kriegsmini⸗ ſterium, der Generaladjutantur des Königs, zu einer 125 wahren Wuth an. Man machte alle möglichen An⸗ ſtrengungen, den ehrloſen Verleumder der glorreichen preußiſchen Armee, des Heeres Friedrich's des Großen, zu ermitteln, um ihn zu einer exemplariſchen Strafe zu ziehen. Man hatte vergeblich geſucht. Auf den Garderittmeiſter und Adjutanten des Königs von Bütow war kein Verdacht gefallen, ſolange er Adjutant und der Löwe in den Cirkeln der Königin war. Nach ſeiner Verbannung vom Hofe wurde man aufmerkſam auf ihn; man glaubte eine Spur gefunden zu haben, die zu dem Verfaſſer der hochverrätheriſchen Broſchüren hin⸗ leiten könne. Man verfolgte ſie; man entdeckte Wei⸗ teres; man hatte endlich klare, unzweideutige Beweiſe in Händen. Der Rittmeiſter von Bütow war der Verfaſſer. Der Herr von Bütow war eben von einer Reiſe mit ſeiner Frau zurückgekommen. Er hatte keine Ahnung von dem, was gegen ihn geſchehen, ermittelt war. In der Nacht nach ſeiner Rückkehr wurde er aus ſeinem Bette geholt, verhaftet, ohne daß er ſeine Frau oder einen Hausgenoſſen ſah, in einen Wagen gebracht und nach Berlin geführt, wo ihm der Proceß wegen Hoch⸗ verraths, Meuterei, Aufwiegelung der Armee und ich weiß nicht wie vieler anderer der ſchwerſten militäri⸗ ſchen Verbrechen gemacht wurde. Sein Schickſal, ſein 126 Proceß wurde geheim gehalten; man durfte der Armee ſelbſt kein böſes Beiſpiel geben; Andere ſollten nicht ein⸗ mal ahnen dürfen, daß ein Offizier der preußiſchen Armee ſolcher Ruchloſigkeiten fähig ſei. Er wurde zum Tode verurtheilt. Das Alles war geſchehen, bevor Annette die ge⸗ ringſte Kunde hatte erhalten können, wohin er gebracht ſei, was man mit ihm vorhabe. Es war nur gewiß, daß er durch ein Militärcommando in jener Nacht auf dem Gute verhaftet und fortgeſchafft war. Sie ermit⸗ telte auch, daß in derſelben Nacht ein verſchloſſener Wagen unter militäriſcher Bedeckung auf dem Wege nach Berlin gefahren ſei. Weiter wußte die Un⸗ glückliche nichts und ſie konnte Wittwe ſein, ehe ſie von einer Anklage, einem Proceſſe, einem Todesurtheile gegen ihren Gatten etwas erfahren hatte. Solche Militärgerichte ſind die modernen Vehm⸗ gerichte. Zum Glück mußte das Todesurtheil dem Könige zur Beſtätigung vorgelegt werden, und ein ebenſo großes Glück war, daß die Königin Louiſe davon zeitig Kunde erhielt. Sie veranlaßte den König, ſelbſt die Acten zu leſen. Zu den Aeten gehörten die Broſchüren, die dem Herrn von Bütow das Leben koſten ſollten. Der König las auch ſie. Er mußte vielfach den Kopf ſchüt⸗ 6 127 teln. Es wurden den Königen Dinge darin geſagt, die wenigſtens Friedrich Wilhelm dem Dritten noch nicht zu Ohren gekommen waren, über die elende Barbarei des Kriegs, über den Ruin der Staaten durch die ſtehenden Heere, über Anderes. Der König von Preu⸗ ßen beſonders wurde erinnert an das ungerechte Can⸗ tons⸗, das räuberiſche Werbeſyſtem, an die grauſame Strafe des Gaſſenlaufens, an den frechen Uebermuth des adligen Armecjunkers, an die Unfähigkeit ſeiner Generale, an das ganze jammervolle Zopf⸗ und Ga⸗ maſchenweſen in ſeiner ganzen Armee. Der volle Zorn des oberſten Kriegsherrn erwachte über ſolche Schmä⸗ hungen ſeines für muſterhaft und unüberwindlich ge⸗ haltenen Kriegsheeres. Aber dem verſtändigen Könige leuchtete, beſonders in der Darſtellung der verderblichen Folgen der geſchilderten Fehler für ſein Land und ſeinen Thron, die Wahrheit vielfach durch, und wenn auch ſeine Zopfgenerale die beſſern Eindrücke in ihm wieder zu verwiſchen vermocht hatten, einer Beſtätigung des Todesurtheils widerſetzte er ſich hartnäckig. Die Todesſtrafe wurde in lebenslängliche Feſtungsſtrafe verwandelt. Der Herr von Bütow iſt ſeitdem Feſtungs⸗ gefangener, und er wird noch immer, wie er nur in feſten Kaſematten hinter doppelten Riegeln und Schlöſ⸗ ſern verwahrt wird, mit einer ſolchen Heimlichkeit be⸗ 128 handelt, daß nur der Commandant der Feſtung den Namen des Gefangenen kennt, den er mit jener ſtrengen Vorſicht umgeben muß. Die Offiziere der Feſtung wagen kaum eine Vermuthung über den geheimnißvollen Ge⸗ fangenen unter ſich auszuſprechen, und die Soldaten ſagen, es ſei ein gefährlicher Königsmörder, der ſo ver⸗ wahrt und bewacht werde. Man ſcheut gegenwärtig das Verdammungsurtheil der gebildeten Welt über ſolches Verfahren, ſolches Behandeln. Annette ſelbſt weiß nicht, wo ihr Mann ſich befindet. Sie hatte ein⸗ mal erfahren, er liege in den Kaſematten von Mag⸗ deburg. Ihr Geld, ihre Gewandtheit hatten ihr endlich an einem ſtürmiſchen Abende den Weg bis zu dem vergitterten Fenſter geöffnet, unter dem er lag. Doch — er hatte dagelegen. In der Nacht vorher war er fort⸗ gebracht; wohin, wußte Niemand; es hieß, nach einer andern, entferntern Feſtung. Annette hat ſeine Spur nicht wiedergefunden. Sie ſuchte ihn ein halbes Jahr lang. Die Strafe beſſert den leichtſinnigen Menſchen, den Menſchen, der einmal die Ehre verloren hat, nicht mehr. Er muß zu neuen Verbrechen ſchreiten, tiefer ſinken. Ihr Aufſuchen des Mannes war ein Umherziehen mit Abenteuern. Sie fand Gefallen an dem Aben⸗ 129 — teuern. Sie zieht jetzt in der Welt umher, nicht mehr, um ihren Mann, ſondern um Abenteuer aufzu⸗ ſuchen. So tief mußte eine gut, eine vortrefflich angelegte Katur fallen; ſie hatte einmal den Pfad der Ehre ver⸗ laſſen.“ Die Gräfin Ferdinande endigte ihre Erzählung; oder wollte ſie nur eine Pauſe machen? „Und die Moral Deiner Geſchichte, Ferdinande?“ fragte der Graf Leopold. „Ihre Moral? Laß mich Dir vorher eine zweite Geſchichte erzählen. Wir haben Zeit.“ „Wir haben Zeit, Schweſter, und deshalb erlaube mir vor Deiner zweiten Geſchichte ein paar Fragen. Iſt Dir bekannt, wo unſere Couſine Annette ſich zur Zeit umhertreibt?“ „Ich kümmere mich um die Verlorene nicht.“ „Hm, Ferdinande, die chriſtliche Liebe und unſere Mutter ſprechen anders.“ „Ich kann nur ſprechen, wie ich ſprach“, erwiderte die junge, ſchöne, blaſſe Gräfin mit ſtolzer Härte. „Ich verzichte auf meine zweite Frage, Schweſter“ verſetzte der Erbgraf. „Fahre fort zu erzählen.“ Die Gräfin Ferdinande begann ihre zweite Er⸗ zählung. Temme, Die Erbgrafen. II. 9 130 „Eine junge Reichsgräfin war vor mehreren Jahren mit ihrer Mutter in einem ſüddeutſchen Bade. Die Mutter war kränklich, die Tochter blühend in friſcher, kräftiger Geſundheit. Der hohe ſouveräne Adel Deutſch⸗ lands war zahlreich in dem Bade vertreten. Er hielt ſich zuſammen, hatte häufige Reunions. Mutter und Tochter mußten an dieſen Theil nehmen. Die Mutter wurde durch ihre Kränklichkeit manchmal zurückgehalten. Die Tochter konnte ſich nicht zurückziehen; lebensluſtig wie ſie war, wollte ſie es auch nicht. In die hohe Geſellſchaft wurden gern auch Andere aufgenommen, die ihr zwar nicht gleich ſtanden, die ſich aber durch ihre hohe Stellung im geſellſchaftlichen und ſtaatlichen Leben und durch ihren Charakter auszeichneten. Unter ihnen war ein ungariſcher Graf; jung, er zählte erſt fünfundzwanzig Jahre; reich, er hatte bedeutende Güter in ſeiner Heimat; in hoher Stellung, er war Oberſt in der öſterreichiſchen Armee und Commandeur eines Huſarenregiments, trotz ſeiner Jugend; endlich tapfer, er hatte in der unglücklichen Schlacht von Marengo 6 ſich in einer Weiſe ausgezeichnet, daß er für ſeine Tapferkeit von ſeinem Kaiſer zum Oberſten ernannt und die Führung eines der bravſten Huſarenregimenter der Armee ihm anvertraut worden war. Für Dich, mein Bruder, ſetze ich noch hinzu, daß er ein ſchöner Mann S 131 war, und für mich — denn Du weißt, wie die Ge⸗ ſchichte mich angeht —“ „Ich weiß es, arme Ferdinande; aber erzähle weiter.“ „Für mich muß ich Dir noch bemerken, daß er ein Mann von Geiſt und Bildung war und von dem edelſten Herzen.“ „Er war in der Schlacht von Marengo ſchwer ver⸗ wundet worden. Zur Heilung ſeiner Wunden war er in dem Bade. Er fand hier bald die allgemeinſte, zuvorkommendſte Aufmerkſamkeit. Die höchſte Geſellſchaft ſchätzte es ſich zur Ehre, ihn aufzunehmen. So wurde ich mit ihm bekannt. Er ſuchte mich auf, zog mich vor. Warum gerade mich? Er ſagte es mir nachher, und Worte der Liebe muß man nicht wiederholen. Ich hatte mich ihm nicht entzogen. Der Zug der Herzen iſt ein gegenſeitiger. Wir ſchienen kaum zu einander zu paſſen. Ich war die unermüd⸗ liche Tänzerin, die wilde Reiterin, er trug den Arm in der Binde, mußte ſich auf eine Krücke ſtützen. Den⸗ noch! Er hielt meinen Shawl, während ich tanzte, legte nach dem Tanze, trotz des gelähmten Arms, ihn mir weich und warm um die Schultern, damit ich mich nicht erkälte. Er konnte mich zwar nicht auf mein 9⸗ 132 Pferd heben, aber er ſtudirte es, während ich mich in den Sattel ſchwang, er zeigte mir, wie ich die Zügel leichter führen müſſe, wie der leiſeſte Druck es lenke, wohin ich wolle. Und ich? Hatte er nach dem Tanze mir das Tuch umgelegt, ſo gehörte ich nur noch ihm; er mußte mir befehlen, einem neuen Tänzer zu folgen. Ja, er konnte, er mußte mir befehlen; ich wollte es; ich bedurfte ſeines Befehlens, ich bedurfte des Gehor⸗ ſams gegen ihn. Und das wilde Reiten mußte er ver⸗ bieten, aus demſelben Grunde. Das Alles war nach und nach ſo gekommen. 55 war neunzehn Jahre alt, ich war zum erſten Mal in der fremden großen Welt, ich war glücklich. Da wußte ich nicht, wie es gekommen war, was weiter kommen müſſe. Die Badeſaiſon neigte ſich zu ihrem Ende. Die Heilung des Oberſten hatte die erwünſchteſten Fort⸗ ſchritte gemacht. Er konnte gehen ohne Krücke, er konnte den Arm frei von der Binde tragen. Das nächſte Frühjahr werde ihn völlig heilen, verſicherten die Aerzte; er werde einer neuen Badekur nicht bedürfen. „Und ich darf im künftigen Sommer nach Schloß Werdenburg kommen?“ fragte er mich. Da wußte ich auf einmal Alles; wie es gekom⸗ men war, was kommen werde, kommen ſolle, was nicht kommen dürfe. 133 In Heſterreich, ſagſt Du, meinen ſie, der Menſch fange mit dem Baron an. Ich meine, er fange mit dem Grafen an. Ich meinte es damals; ob ich es noch heute ſo meine, Du wirſt es ja erfahren, wenn wir auf die Moral meiner Geſchichte kommen. Genug, damals ſtand es feſt in mir; es drang mir in das Herz, trotz aller Liebe darin. Der ungariſche Graf mochte ein hoher, ſtolzer Magnat in ſeinem Vaterlande ſein. Er gehörte keinem ſouveränen Hauſe an. Er war ein Unterthan, ein Diener ſeines Königs, ganz wie jener preußiſche Baron von Bütow, nur etwa mit dem Unterſchiede, daß der ungariſche Adel älter und reiner war als der preußiſche. „Darf ich nach Schloß Werdenburg kommen?“ hatte er mich gefragt. „Nein“, war meine Antwort.“ Es waren ſechs Jahre verfloſſen, ſeitdem die ſtolze Gräfin Ferdinande dieſes Nein ausgeſprochen hatte. Sie ſprach es heute wohl ebenſo feſt und ent⸗ ſchieden und ſtolz aus, wie es ſich damals über ihre Lippen gedrängt hatte. Sie mußte aber auch heute unwillkürlich mit beiden Händen nach ihrem Herzen faſſen, als wenn plötzlich ein furchtbarer Krampf es ihr tödtlich zuſ ammenziehen und zuſammenpreſſen wolle, und in ihr Geſicht trat wieder die Bläſſe des Todes. Sie erholte ſich. Dann ſprach ſie ruhig weiter: „Ich ſagte ihm den Grund meines Nein klar und offen, ich konnte es mit Ruhe. Er hatte eine große Seele. Keine Gegenvorſtel⸗ lung, keine Bitte kam über ſeine Lippen. Er ſprach nur wenige Worte, und ſie darf. muß ich Dir wiederholen. „Gräfin, wie ich Sie liebe, wiſſen Sie. Ich weiß, daß Sie mich lieben. Ich werde mit meiner Liebe ſterben, aber auch mit dem Stolze, von dem edelſten und ſtärkſten Frauenherzen der Welt geliebt zu ſein, von einem Herzen, das der Ehre Alles zum Opfer zu bringen vermag.“ Wir trennten uns. Wir ſahen uns nicht wieder. Am fünften December des vorigen Jahres blieb er als General auf dem Felde der Ehre in der Schlacht von Auſterlitz. Ich wollte Trauerkleider für ihn anlegen. Mein Stolz litt es nicht. Mein Herz trauert ewig um ihn.“ Die Gräfin Ferdinande mußte ſich noch einmal ſam⸗ meln, ehe ſie weiter ſprechen konnte. Dann ſagte ſie: 135 „Willſt Du noch die Moral meiner beiden Geſchichten vernehmen, Leopold?“ „Ich kenne ſie, Ferdinande. Es waren jene letzten Worte des ungariſchen Grafen.“ „Sie waren es.“ Der Bruder küßte die Schweſter. „Gehen wir in den Garten“ bat er ſie dann. „Warum?“ . „Ich habe Dir etwas zu ſagen, was ich Dir hier, wo der tiefſte Schmerz Deines Herzens noch widerhallt, nicht ſagen könnte.“ „Und warum könnteſt Du es nicht?“ „Weil es Dir neue, vielleicht noch tiefere Schmerzen machen wird und weil ich es Dir dennoch ſagen muß.“ „Gehen wir.“ Sie gingen in den Garten⸗ Die Frühlingsſonne ſchien hell und warm. Der Jasmin blühte, der rothe Flieder, alle Blumen des erſten Frühlings. Der Bruder führte die Schweſter ſchweigend zu ihrer Pracht. „Was mußteſt Du mir ſagen, Leopold?“ ſprach die Gräfin. „Du weißt, ich ſchrecke vor dem Schmerze nicht zurück.“ 136 „Siehſt Du die friſchen Blüten, Ferdinande?“ fragte der Erbgraf. „Ich ſehe ſie „Fühlſt Du die warme Sonne?“ „ch fühle ſie.“ „In Deinem Zimmer, Ferdinande, hingen die alten Ahnenbilder, ſtrömten die dunklen Gobelins die dumpfe Kälte des Winters aus, und Alter und Kälte durch⸗ zogen Deine Reden, Ferdinande. Ich werde in dieſer friſchen Luft und Pracht des Frühlings andere Worte zu Dir ſprechen. — Du hörteſt ohne Zweifel von der Frau von Arenfels?“ „Leopold“, rief zürnend die Gräfin, „Du wagſt, zu mir von dieſer Abenteurerin zu ſprechen? Du!“ „Warum nicht, Schweſter? Sie iſt ja mein ſchwerſtes Verbrechen, über das auch Du heute Abend gegen mich zu Gericht ſitzen wirſt.“ „So werde ich leider heute Abend genug von der verworfenen Perſon und Deinem Leben mit ihr hören müſſen.“ „Hm, Ferdinande, wenn dieſe verworfene Perſon * ein edles Weib wäre? Nicht in dem Sinne Deiner alten Ahnenbilder, die eben nur alte Bilder ſind; aber nach den warmen Herzen der Originale, die zu ihnen geſeſſen haben, der ſtolzeſten und edelſten Grafen und 137 Gräfinnen der Ritter⸗, der Renaiſſance⸗ oder Roeoco⸗ zeit?“ „Ich verſtehe Dich nicht, Leopold.“ „Wenn ſelbſt Du, Ferdinande, jenes verworfene Weib in Deine Arme ſchließen und ihr geſtehen müßteſt, ſie ſei mindeſtens ſo edel, ſo großherzig wie Du, wenn nicht edler?“ „Sprechen wir von etwas Anderem, Bruder.“ „Ja, Schweſter, ſprechen wir von etwas Anderem. Hat die Tante Schleigheim Dir nichts von Annette erzählt?“ „Kein Wort.“ „Alſo auch nicht, daß ſie ſie geſtern ſah?“ „Sie ſah ſie? Wo?“ „Ferdinande, haſt Du ſchon davon gehört, daß auf dem Sparrenberge ein vornehmer Staatsgefangener ver⸗ borgen ſein ſoll? Es wird ſo geheim gehalten, daß die Soldaten nicht von ihm reden dürfen.“ „Levpold!“ rief die Gräfin. „Was befiehlſt Du?“ „Weißt Du von dem Gefangenen?“ „Kannſt Du ſchweigen, Schweſter?“ „Frage mich nicht. Wer iſt der Gefangene?“ „Der Herr von Bütow.“ 138 „Und — und — Annette?“ „Du erräthſt es, Ferdinande. Die verworfene Perſon, die auf der Schwalenburg bei mir wohnt, die freche Abenteurerin, die mit mir und den von Euch verach⸗ teten preußiſchen Offizieren in Schenken und auf den Landſtraßen ſich umhertreibt, ſie, die mein ſchwerſtes Verbrechen ausmacht, ſie, die Du ſo tief unter Dir ſiehſt, daß ich Dir nicht von ihr ſprechen ſoll, ſie iſt Annette, unſere Couſine Annette, das edelſte Weib, die, um den Mann, den ſie über Alles liebt, aus lebens⸗ länglicher, ſchmachvoller Gefangenſchaft zu befreien, ſelbſt das Schwerſte auf ſich nimmt, was eine Frau treffen kann, die Verachtung der Welt. Ha, verachtet ſie! Verachtet ſie alle! Auch Du! Sie ſteht doch höher als Ihr alle. Sie gehört dem Leben, der Liebe an, Ihr den alten vergilbten, vermoderten Pergamenten.“ Er ſprach im Zorn. Es war ein anderer Zorn als der der Schweſter. „Leopold!“ rief, wie entſetzt, die Gräfin. „Was willſt Du?“ fragte er ruhig. Sie hatte keine Antwort; ſie hatte ſie nicht ſogleich. Ihre Bruſt wogte. „Sprich mit dem Vater!“ ſagte ſie dann. Nein!“ erwiderte er, und er ſagte es ganz ſo ent⸗ ſchieden, wie nur ſie es hätte ausſprechen können. 139 „So ſpreche ich mit ihm!“ „Ich verbiete es Dir, Ferdinande.“ „Sie wollen Dich von der Regierung ausſchließen. Es darf nicht ſein.“ Der junge Erbgraf lachte. „Bah, Ferdinande, von der Regierung ſchließt mich ein Anderer aus.“ „Noch find wir nicht preußiſch, Leopold!“ „An Preußen dachte ich nicht. Die Preußen kön⸗ nen nie die Herren Deutſchlands werden. Ein Bran⸗ denburger war einmal deutſcher Kaiſer. Er war der ſchlechteſte aller Kaiſer. Mit ihm war es genug. Friedrich der Große konnte die alte Zeit für das Haus Branden⸗ burg nicht zurückbringen, ſeine Nachfolger werden es noch weniger können. Die alte Zeit läßt ſich aus ihrem Abgrunde nicht herausholen. Wir ſtehen an der Schwelle einer neuen Zeit. Sie wird unſer Grafen⸗ regiment verzehren, ſie wird die Regierungen der Könige vernichten. Und damit, Ferdinande, ſind wir mitten in die Politik gekommen, aber auch an ihr Ende. Schweige bis morgen, Schweſter. Morgen iſt entweder Alles gut oder vorbei. Doch noch eins. Du hatteſt zugleich eine ſpecielle Moral Deiner Geſchichte für mich. Haſt Du ſie noch jetzt?“ „Nein, mein Bruder!“ 140 „Und Annette?“ „Ich werde ſie ſelbſt um Verzeihung bitten.“ „Und Evchen Treue da drüben?“ Die Gräfin erſchrak. „Und Eychen Treue? wiederholte der Graf. „Wie mögt Ihr dem armen Kinde das Herz ſchwer gemacht haben!“ „Leopold, was willſt Du mit ihr?“ „Ein andermal davon, Schweſter. Adieu!“ Fünftes Kopitel. Um die Mittagszeit deſſelben Tages ging Leonidas Stapelmann auf einem Fußpfade neben der Landſtraße, die von dem Städtchen Waldenbrück nach dem Städt⸗ chen Sparrenfeld führte. Der Großſprecher und Aufſchneider ſah diesmal etwas ſonderbar aus; er hatte ſich in einer Weiſe verkleidet und entſtellt, daß ſeine genaueſten Bekannten ihn nicht würden wiedererkannt haben. Da fehlte der zeiſig⸗ grüne Frack mit den langen Zipfeln, da fehlten die gelben Beinkleider, die lackirten Stulpſtiefel, der unge⸗ heure Cylinder, der gepuderte Zopf, alſo Alles, was den Joachim Stapelmann zum Leonidas Stapelmann machte. Statt deſſelben war ein unbeholfener Mann da in einer grauen groben wollenen Jacke, in Knie⸗ hoſen von dem nämlichen Zeuge, in grauen, wollenen Zwickelſtrümpfen, plumpen, mit großen Nägeln beſchla⸗ genen Schuhen, auf dem zerzauſten grauen Haar einen vielfach eingeknickten und vor Alter braun gewordenen niedrigen Hut mit breiter Krempe, und damit an dem richtigen Vogelhändler aus Thüringen die Hauptſache nicht fehle, auf dem breiten Rücken einen hohen Kaſten mit Singvögeln aller Art, Amſeln, Dompfaffen, Hänf⸗ lingen, Kanarienvögeln und ſo weiter. Daß in der Hand ein ſtarker Eichenknittel nicht fehlte, verſteht ſich von ſelbſt. Leonidas Stapelmann war allein; er ſchritt rüſtig auf ſeinem Wege dahin. Er war noch etwa eine halbe Stunde von Sparrenfeld entfernt. Seine Blicke, die er über das Städtchen hinaus warf, ſchienen indeß zu verrathen, daß nicht dieſes, ſondern die dahinter auf der Anhöhe gelegene Feſtung, der Sparrenberg, ſein Ziel ſei. Es war warm geworden in der Frühlingsſonne. Leonidas Stapelmann ſah ſich nach einem ſchattigen Platze um, auf dem er ſich ein paar Augenblicke aus⸗ ruhen könne. Der Weg führte nahe am Schwalenſee hin; der See war bald zu ſehen, bald verbarg ihn das krauſe Gebüſch an ſeinem Ufer. In das Gebüſch wollte Leonidas Stapelmann eintreten. 5 Da ſah er ſchon Jemand darin. Er hemmte ſeinen Schritt, blickte genauer in die Zweige, verwunderte ſich. „Bei Zeus dem Donnerer, den Mann muß ich kennen! Richtig! Ich ſehe zwar nicht das vornehme MWalteſerkreuz, aber die ſtolze Geſtalt verleugnet ſich nicht. Was mag der edle Ritter hier wollen? Zu Fuß, allein, in der Verkleidung? Er ſteht da, wie in tiefem Sinnen, ſchaut in das Waſſer hinein, über die Fluten hinweg. Halt, da bewegt er ſich. Er kommt hierher! Leonidas Stapelmann, du haſt ihn nicht geſehen. Du gehſt ruhig deinen Schritt weiter, und wenn er einen Weg mit dir wandelt, ſo leiſteſt du ihm Geſellſchaft.“ Joachim Stapelmann hatte mit der Kleidung des Leonidas Stapelmann den Mann doch noch nicht aus⸗ gezogen. Die hohe Geſtalt des Ritters hatte wohl ſchon lange unbeweglich in dem Gebüſch am Ufer geſtanden. Der Ritter war nach der damaligen Sitte der Gegend mit einem Kittel von blauer Leinwand bekleidet, der die darunter befindlichen Bekleidungsſtücke verbarg. Ein ſolcher Kittel oder Blouſe, wie man in neuer Zeit ſagt, war, wie auch noch vielfach jetzt, zu jener Zeit die allgemeine Landestracht für Knaben wie für Män⸗ ner, für den Knecht und Taglöhner wie für den vor⸗ 144 „ nehmen Herrn in dem deutſchen Norden vom Rhein bis zur Elbe. Der Wohlhabendere trägt ihn nur von feinerer Leinwand als der Aermere. Sonſt iſt, in Schnitt wie in Farbe, kein Unterſchied. Den Frei⸗ herrn Ludwig von Vincke, langjährigen Oberpräſidenten von Weſtfalen, ſah man auf allen ſeinen vielen Reiſen in und außerhalb der Provinz nur in dem blauen Kittel; in dieſem begleitete er Könige und Prinzen und Prinzeſſinnen auf ihren Reiſen. Darunter trug er ſeine mit Gold geſtickte Uniform, in der er in den Salons ſich zeigen mußte. Der fremde Ritter war übrigens nicht allein, wie Leonidas Stapelmann meinte. Als er aus dem Ge⸗ büſch hervortrat, ſah man ſeinen Mohren bei ihm, und der ſchwarze Mann trug ebenfalls einen blauen Kittel und war darin wohl ganz abſonderlich anzuſchauen. „Der fremde Ritter aus Genua hat ſich und ſeinen ſchwarzen Begleiter ſchnell an die hieſige Sitte gewöhnt“, ſagte Leonidas Stapelmann für ſich. „Sollte er, wie ich, in aller Welt und zuletzt hier zu Hauſe ſein? Da läuft er auch mit dem äthiopiſchen Burſchen allein durch das Land, ohne Begleiter, ohne Führer, ohne Weg⸗ weiſer, als wenn ihm Weg und Steg von Kindesbeinen her bekannt ſeien.“ Leonidas Stapelmann war langſam mit ſeinen ſingen⸗ 145 den, pfeifenden und zwitſchernden Vögeln auf dem Rücken weiter gegangen. Nach dem Fremden ſah er ſich nicht um. Der Ritter trat aus dem Gebüſche in den Fußweg, verfolgte dieſen und achtete, mit ſeinen Gedanken beſchäf⸗ tigt, nicht auf den Mann, der vor ihm herging. Der Vogelhändler blieb ſtehen, auch in Gedanken, ſah nach den Bäumen, nach der Sonne, pfiff ſeinen Vögeln zu. Der Ritter war bei ihm, wollte an ihm vorüber⸗ gehen. „Guten Tag, Herr“ ſagte der Vogelhändler zu ihm. „Guten Tag“ erwiderte der Ritter. „Erlaubt Ihr, Herr?“ ſagte der Vogelhändler. „Ueber Land gehen zwei beſſer zuſammen als einer allein.“ Er war an der Seite des Ritters. Die Landſtraße iſt für Jedermann frei, mochte der Ritter denken. Er ging in ſeinem Schritte weiter. Es gingen ihrer zwei zuſammen über Land. Der Mohr folgte. „Ein hübſches Wetter heute, Herr“ ſagte Leonidas Stapelmann. „Ja“ erwiderte der Ritter. „Es wird auch noch anhalten. Ich merke es an meinen Vögeln. Wenn es gut Wetter bleibt, ſingen Temme, Die Erbgrafen. II. 10 146 und ſpringen ſie; will es ſchlecht eheis laſſen ſie die Köpfe hängen.“ Der Ritter ſchwieg. Leonidas Stapelmann fuhr fort: „Es iſt kurios, der Menſch weiß davon nichts, und er dünkt ſich doch viel klüger als alle Vögel und an⸗ dere Thiere zuſammen, und es ſind ſo viele gelehrte Profeſſoren, die dicke Bücher darüber ſchreiben, woher Wind und Wetter kommen, und was Sonne, Mond und Sterne ſind, und ſie thun, als wüßten ſie es beſſer als der liebe Gott, und ſie hätten auch Alles beſſer gemacht als der liebe Gott, wenn er ſie nur dazu gerufen hätte; aber ob es morgen regnen oder ſchneien oder kalt oder warm ſein wird, dafür haben ſie keinen Sinn und keinen Verſtand, das wiſſen nur die Thiere im Walde, die Vögel auf meinem Rücken, die Fiſche da unten im Waſſer und der hundertjährige Kalender⸗ mann.“ § Der Ritter mußte ſich ſeinen Mann anſehen. Leonidas Stapelmann hatte das kluge Geſicht des Dummen. Mit dieſem fuhr er fort: „Ich kenne nur einen Vogel, der ſo dumm iſt, daß er auch vom Wetter nicht einmal etwas weiß. Es iſt der Kukuk. Er iſt der dümmſte aller Vögel; er kann nicht ſingen, nicht pfeifen, nicht einmal zwitſchern; er verſteht kein Neſt zu bauen, keine Eier auszubrüten, keine Jungen aufzufüttern. Dabei iſt er voller Ein⸗ bildung und Hochmuth. Immer ruft und ſchreit er ſich ſelbſt aus: Kukuk, Kukuk. Seht mich an, ich bin der Kukuk, der Vogel der Intelligenz! Und hört, Herr, da ruft er gerade in dieſem Augenblicke, und wahrhaftig, Herr, da könnt Ihr ihn auch ſehen.“ Das Rufen des Kukuks hinten im Walde hörte der Ritter wohl, aber vergebens ſah er ſich nach einem Vogel um. Der Vogelhändler lachte. „Da vor uns, Herr, auf dem ſchwarz und weiß an⸗ geſtrichenen Pfahle! Wir ſind an der preußiſchen Grenze, und die Bauern, die nicht gern preußiſch werden —“ Der Ritter achtete nicht weiter auf den Schwätzer. Sie waren in der Nähe der preußiſchen Grenze. Der Grenzpfahl ſtand vor ihnen und über ihn herunter ſchauten die grauen Mauern und Zinnen des Sparren⸗ bergs. Der Ritter achtete weniger darauf als auf etwas Anderes. Auf einem Seitenpfade, der längs der Grenze aus dem Walde führte, kamen zwei Franciscaner näher. Einen von ihnen erkannte der Ritter. Es war der junge Pater Vitalis, den er geſtern im Kloſter zu Waldenbrück kennen gelernt hatte. 10* 148 Der Ritter blieb ſtehen, den Pater zu begrüßen. Der Pater Vitalis, der auch den Ritter erkannte, beeilte ſeinen Schritt. „Wie treffen wir uns hier?“ rief der Ritter ihm entgegen. „Mich riefen Angelegenheiten des Kloſters in die Gegend“, erwiderte der Pater. „Sie terminiren?“ „In der heiligen Charwoche wird nicht terminirt“ Der Pater ſagte es mit einem halb gerletet halb geheimnißvollen Lächeln. Sein Begleiter, ein Bruder des Kloſters, trug über der Schulter einen Sack von grauer Leinwand, wie er von den Bettelmönchen getragen wird, wenn ſie zum Ein⸗ ſammeln der Gaben für ihr Kloſter, dem ſogenannten Terminiren, ausgehen. Es gingen immer zwei Mönche dazu aus, ein Pater und ein Bruder oder Frater, wie er im Kloſter genannt wird. Die Frage des Ritters war eine berechtigte. Dem Pater Vitalis war warm geworden. „Wir kommen weit her“ ſagte er. „Wir ſind ſchon ſeit heute Morgen fünf Uhr auf dem Marſche.“ Er ſah ſich nach einer Stelle zum Ausruhen um. In der Nähe lag ein ungeheurer Baumſtamm, Ge⸗ büſch beſchattete ihn. 149 „Darf ich Ihnen dort für ein Viertelſtündchen Ge⸗ ſellſchaft leiſten?“ fragte der Ritter. „Sie erweiſen mir eine Ehre, hochwürdiger Herr.“ Die Beiden ſetzten ſich auf den Baumſtamm. An den Bruder hatte ſich unterdeß Leonidas Sta⸗ pelmann gemacht. „Wollen wir uns nicht auch ſetzen, krater caris- sime?“ „He, Vogelhändler, Ihr ſprecht lateiniſch?“ fragte erſtaunt der Bruder, ein rüſtiger Mann in ſeinen beſten Jahren, der zu den Klügſten nicht zu gehören ſchien. „Man ſchnappt manchmal ein paar Worte auf“ ſagte Leonidas Stapelmann. „Mit meinen Vögeln komme ich durch die halbe Welt, zu Vornehm und Gering, zu geiſtlichen und weltlichen Herren, auch in Klöſter, am liebſten in Klöſter. Aber ſetzen wir uns, Bruder, Ihr ſeid müde.“ Sie ließen ſich im Graſe nieder. Der Vogelhändler ſtellte ſeinen Kaſten neben ſich. Der Bruder konnte ſeinen Sack auf der Schulter be⸗ halten, der Sack war leer. Das Lächeln des Pater Vitalis mußte ſeine beſondere Bedeutung haben. Der Pater machte auch gegen den Ritter kein Hehl daraus. „Ich bin“, ſagte er, „auf einer eigenthümlichen 150 Miſſion. Sie geht die neue Zeit an, von der wir geſtern ſprachen. Wir haben keinen Herrn Jeſus zu unſerer morgenden Charfreitagsproceſſion. Hochwürden wiſſen doch, was das heißen will.“ „Ich verſtehe es.“ „Wir ſind in dieſem Jahre in einer großen Ver⸗ legenheit. In frühern Jahren hatte das Kloſter einen Ueberfluß an Kreuzträgern. Jetzt iſt es anders, als wenn draußen in der Welt Jeder an ſeinem eigenen weltlichen Kreuze genug zu tragen hätte. Sonſt drängten im Beichtſtuhle die Menſchen ſich dazu, für die Abſo⸗ lution von ihren Sünden zum Tragen des Kreuzes zugelaſſen zu werden; im Kloſter mußten Regiſter über den Vorrath geführt werden, auf Jahre hinaus. Heute fehlen uns für morgen ſowohl Jeſus wie Simon. Ich bin auf dem Wege, ſie zu ſuchen. Finde ich ſie nicht, ſo werde ich mich entſchließen, den Jeſus zu machen, und ein Kloſterbruder muß den Simon übernehmen. Die Sünden laſſen auch im Kloſter von dem Menſchen nicht ab, der Hochmuth, die Klatſchſucht, die Bequem⸗ lichkeit und Anderes.“ Der junge Mönch ſprach ernſthaft, doch nicht ganz ohne Humor. Der Malteſerritter hatte eine Frage an ihn. „Würde es zu den Fortſchritten der Zeit nicht 151 paſſen, aus der morgenden Proceſſion die beiden Fi⸗ guren, die doch nur unter häßlicher, ja geradezu ab⸗ ſchreckender Maske dargeſtellt werden, ganz zu be⸗ ſeitigen?“ „Nein, hochwürdiger Herr“, erwiderte der Mönch „So weit ſind unſere Bauern, ſelbſt unſere Bürger noch nicht. Man würde unſer Kloſter ſtürmen, die Altäre der Proceſſion niederreißen, die Proceſſion ſteinigen.“ „Es muß mit Allem ein Anfang gemacht werden“ bemerkte der Ritter. „Aber nicht durch uns, hochwürdiger Herr. Es könnte nur mit Gewalt, durch das Schwert geſchehen. Das Schwert iſt nicht der Kirche. Wir werden hier heute oder morgen preußiſch. Ich bin kein Freund der kleinlichen, kniffigen und pfiffigen preußiſchen Re⸗ gierungsweiſe, aber ich erkenne das Verdienſt an, das ſie ſich ſeit einiger Zeit um den religiöſen Fort⸗ ſchritt erwirbt. Sie könnte nur klüger und würdiger verfahren, und indem ſie das nicht thut, kann ſie auf ihrer Bahn ſich für lange Dauer nicht erhalten. Sie wird — das liegt zugleich in dem kleinlichen preußi⸗ ſchen Geiſte — zur Schaffung eines proteſtantiſchen Papſtthums hindrängen. Es wird ihr nicht gelingenz dieſer Geiſt kann nichts Dauerndes ſchaffen.“ 152 Der Ritter ließ den Gegenſtand fallen. „Wir ſprechen ſpäter darüber“, ſagte er. „Wir werden uns noch öfter treffen und nicht zufällig wie heute. — Hoffen Sie Ihre beiden Kreuzträger noch zu finden, Pater Vitalis?“ fragte er dann. „Wenn es mir da oben in der Feſtung nicht gelin, ſo muß ich verzweifeln“ erwiderte der Pater. „In der preußiſchen Feſtung?“ „Nur hinter den traurigen Feſtungsmauern iſt noch ein Hoffnungsſchimmer für mich.“ „Dürfen Sie mir erzählen?“ „Warum nicht? Aber, hochwürdiger Herr, Sie ſchienen gleichfalls auf dem Wege zu ſein, der zu der Feſtung, wenigſtens zu dem Städtchen unter ihr führt. Ich habe mich nothdürftig ausgeruht, mein alter Bruder Servatius dort auch. Würden Sie mir erlauben, mei⸗ nen Weg mit Ihnen fortzuſetzen?“ „Gehen wir zuſammen“ ſagte der Ritter. Sie brachen auf. Der Bruder Servatius und Leonidas Stapelmann folgten. Der Pater Vitalis erzählte im Gehen dem Ritter, wie in dieſem Jahre die eingeſchriebenen Kreuzträger unter allerlei Vorwänden ſich der im Beichtſtuhle ihnen auferlegten Buße zu entziehen geſucht. Auf zwei hatte 153 man die letzte Hoffnung geſetzt. Sie wohnten an der preußiſchen Grenze. Der Pater Vitalis war zu ihnen geſandt, um ſie perſönlich zur Erfüllung ihrer Pflicht aufzufordern. Dem der Wege nicht völlig kundigen Pater war der Bruder Servatius beigegeben. Der Wuder war in der Gegend bekannt; er terminirte hier regelmäßig dreimal des Jahres. Seinen ſogenannten Terminsſack hatte er deshalb auch diesmal mitge⸗ nommen. Ohne ihn hätte die Erſcheinung der Mönche auffallen und man hätte ihren Zweck errathen können. Ein wie großes Verdienſt für das Seelenheil das Kreuztragen nun aber auch ſein mochte, niemals durfte ein Kreuzträger bekannt werden; er wäre für ſein ganzes Leben der Gegenſtand des allgemeinen Spottes, wenn nicht geradezu der Scheu geweſen. Der Pater Vitalis hatte die beiden geſuchten Candidaten des Kreuz⸗ tragens nicht zu Hauſe getroffen. Der eine hatte ſchon vor längerer Zeit eine Reiſe in das Ausland angetreten, unzweifelhaft abſichtlich; der andere, ein reicher Müller aus der Nachbarſchaft, war an dem Morgen von dem Proviantmeiſter auf dem Sparrenberge ſchleunigſt zu der Feſtung beſchieden worden, wo ein be⸗ deutendes Lieferungsgeſchäft mit ihm abgeſchloſſen wer⸗ den ſollte. Dieſer war als ein frommer Mann bekannt, der nur jenem alten Brauche, der die Müller im Mittel⸗ 154 alter unehrlich machte, ſeinen Mahlgäſten gegenüber nicht hatte widerſtehen können und dafür als Buße das Kreuztragen auferlegt erhalten hatte. Der Pater Vitalis zweifelte nicht, daß der Mann die Buße auf ſich nehmen werde, und er ſetzte ſeinen Weg nach dem Sparrenberge eigentlich nur darum fort, um aus dem Munde des Müllers volle Gewißheit zu erhalten. Frei⸗ lich, wer konnte für dieſe in der gegenwärtigen Zeit einſtehen? Das war es, was der Pater Vitalis dem Johanniter⸗ ritter erzählte. Nicht dieſer allein hatte es vernommen. Leonidas Stapelmann, gewohnt, auf Alles zu achten, was um ihn her vorging, war auch auf das ange⸗ legentliche Geſpräch des Paters mit dem Ritter auf⸗ merkſam geworden, hatte, wie unwillkürlich, ſeine Schritte beſchleunigt, um den Beiden näher zu kommen, und hatte von den Worten des Paters kein einziges ver⸗ loren. Er ſchien ſogar mit Spannung zugehört zu haben. „He“, wandte er ſich zu dem Bruder Servatius zurück, der hinter ihm ging, um die Sänger in dem Vogelkaſten zu muſtern, „he, frater carissime, ſeid Ihr Soldat geweſen?“ „Wie kommt Ihr zu der Frage?“ verſetzte verwun⸗ dert der Bruder. 155 „Ihr habt ſo etwas Soldatiſches an Euch. Ihr haltet Euch gerade, ſtramm, ſeid groß, hübſch gewachſen, kräftig.“ „Gott ſei Dank! Kräfte und Geſundheit hat der Herr mir verliehen.“ „Ja, ja! Und wißt Ihr was, frommer Bruder?“ Leonidas Stapelmann machte ein ſehr be Geſicht. „Was wollt Ihr ſagen, Mann?“ fragte der Mönch. „Ihr wollt doch mit dem Herrn Pater in die preu⸗ ßiſche Feſtung da oben?“ „Dahin wollen wir.“ „Hm, ich an Eurer Stelle trüge Bedenken, hinein⸗ zugehen.“ „Warum denn das?“ „Habt Ihr noch nie davon gehört, daß die Preußen Soldaten rauben oder vielmehr die Leute zu Soldaten?“ Der Bruder lachte. „Ich trage dieſes heilige Gewand.“ „Bah, frater carissime, die Geiſtlichen vom Altare haben ſie ſchon weggeriſſen und aus dem Meßgewand direct in den blauen Rekrutenrock geſteckt. Und wenn Ihr mit Eurem großen, kräftigen Körper und Euren geraden Beinen der heilige Franciscus ſelbſt wäret, haben ſie Euch einmal in der Feſtung, ich ſtehe für 156 nichts ein — doch ja, ich ſtehe Euch dafür ein, daß Ihr Euer Kloſter in Eurem Leben nicht wiederzuſehen bekommt, Ihr möchtet denn zu ſeiner Aufhebung com⸗ mandirt werden.“ Den Bruder Servatius überlief es heiß und kalt; ſeine kräftigen, geraden Beine konnten ihn kaum wei⸗ ter tragen. Der Vogelhändler ſah ſo reputirlich aus, ſprach ſo ehrlich und ließ dabei ſo fürchterlich die Augen rollen. „Meint Ihr es wirklich ſo, Mann?“ fragte er. „Iſt das Euer Ernſt?“ „Mein voller Ernſt. Ich an Eurer Stelle ginge für keine tauſend Thaler durch das Feſtungsthor. Ihr ſeid wohl noch nie in einer Feſtung geweſen?“ „Niemals!“ „Hütet Euch vor dem erſten Schritt. Euer Fuß trägt Euch nicht wieder heraus.“ „Aber was ſoll ich machen?“ „Ich wüßte ein Mittel.“ „Nennt es mir!“ „Sprecht erſt mit dem Herrn Pater 2 „Dann wollt Ihr mir helfen?“ „Ich hoffe es zu können. Sie waren in die Nähe des Städtchens Sparrenfeld gekommen. 157 „Mein Weg führt mich hier links“, ſagte der Ritter zu dem Pater Vitalis. „Wir ſehen uns morgen in Ihrem Kloſter wieder.“ „Morgen“, meinte der Pater, „werde ich wohl dar⸗ auf verzichten müſſen. Sollte ich auch nicht das Kreuz tragen müſſen, die Proceſſion wird mich doch den gan⸗ zen Tag in Anſpruch nehmen.“ „Wer weiß, vielleicht dennoch“, erwiderte der Ritter. Dann hatte er noch eine Frage. „Wie ging es Ihrem Pater Guardian heute?“ „Ich ſah ihn heute früh nicht mehr“ war die Ant⸗ wort des Paters. „Geſtern Abend fühlte er ſich wie⸗ der wohl. Es ſchien nur eine eigenthümliche Verände⸗ rung mit ihm vorgegangen zu ſein. Er kam mir — ich habe keinen andern Vergleich — wie verklärt vor, als wenn er irgend eine erhebende Erſcheinung gehabt habe. Anfangs beunruhigte es mich. Kurz vor dem Hinübergehen in den himmliſchen Glanz des Jenſeits treten an den Menſchen wunderbar klare Gedanken und glänzende Bilder heran. Ich mußte daran denken. Aber er blieb ſo klar, ruhig und heiter, und man ſah, wie die Kräfte des Körpers unter der neuen Friſche des Geiſtes erſtarkten. Es iſt ſeit geſtern jedenfalls eine plötzliche Veränderung zum Beſſern mit ihm vor⸗ gegangen.“ 158 Auch das Auge des Ritters wurde klarer, heiterer. Er verabſchiedete ſich von dem Pater. Er bog, gefolgt von ſeinem Mohren, der ſich immer ſtumm zurückgehalten hatte, nach links in einen ſchmalen Pfad ein, der unmittelbar an das Ufer und dann weiter den Schwalenſee entlang führte. Der Pater Vitalis mußte ihm mit einem leichten Kopfſchütteln nachſehen. „Es iſt etwas Beſonderes mit ihm. Und es zieht ihn zu unſerm Kloſter. Morgen will er wieder da ſein! Trotz der Proceſſion! Sollte es wegen der Pro⸗ ceſſion ſein? Er hörte ſo aufmerkſam meiner Erzäh⸗ lung von dem Aufſuchen der Kreuzträger zu. Sollte er ſelbſt — Und er iſt bekannt in dieſer Gegend. Er kennt ſie beſſer als ich. Er hat ſich von der Stadt bis hierher ohne Führer gefunden; dort geht er wieder allein auf einem Pfade, den vielleicht nur wenige Be⸗ wohner der nächſten Umgebung kennen.“ Er wandte ſich zu ſeinem Begleiter. „Bruder Servatius, wir werden um das Städtchen herum zu der Feſtung hinaufgehen?“ „So iſt es, Herr Pater.“ „Darf ich mich an den hochwürdigen Herrn an⸗ ſchließen?“ bat Leonidas Stapelmann den Pater. „Wollt Ihrgleichfalls in die Feſtung?“fragte der Pater. 3 159 „Ich komme jedes Jahr mit meinen Vögeln dahin. Da oben hinter den ſtillen grauen Mauern thut den Leuten ein fröhlicher Geſang doppelt noth.“ „Ihr habt wohl Recht. Begleitet uns.“ Sie gingen rechts um das Städtchen. Sie kamen dort bald in einen Weg, der zu der Anhöhe hinaufführte, auf der die Feſtung lag. Es war eine alte Landſtraße, eine Art Hohlweg, im Zickzack durch einen Wald ſich ziehend. Der Bruder Servatius nahm hier den Pater allein. Er theilte ihm mit, was ihm der Vogelhändler über die Gefahr, preußiſcher Soldat werden zu müſſen, ge⸗ ſagt hatte. „Es wird ſo ſchlimm nicht ſein“, meinte der Pater. „Sie kennen die Preußen nicht, Herr Pater.“ „Ich habe nie mit ihnen zu thun gehabt.“ Der Bruder wußte ſchreckliche Geſchichten zu er⸗ zählen von den Räubereien, den Liſten und Gewalt⸗ thätigkeiten der preußiſchen Werber. „Ihr macht es mir da freilich zu einer Gewiſſens⸗ ſache, Euch weiter mitzunehmen“ ſagte der Pater. „Ich werde allein gehen.“ Da trat der Vogelhändler vor. „Hochwürdiger Pater, das möchte ich Euch nicht rathen. Ihr ſeid da oben nicht bekannt. Das Sol⸗ 160 datenvolk iſt freches Volk. Sie ſind Proteſtanten dazu, die Euer Ordenshabit verſpotten werden. Ihr könntet Euch allerlei Ungemach ausſetzen. Mit zweien iſt es anders.“ „Ich fürchte mich zwar nicht“, ſagte der Pater, „aber was für einen Ausweg wüßtet Ihr denn?“ „Ich begleite Sie, Herr Pater. Der Bruder und ich wechſeln die Kleider. Er bleibt mit meinen Vögeln hier im Walde, ich begleite Sie in ſeiner Kutte.“ Auch der Pater ſah in dem Schalk Leonidas Sta⸗ pelmann nur den ehrlichen, ſchlichten Vogelhändler aus Thüringen, der wohl ein ſtummes Weibchen für ein ſchlagendes und ſchmetterndes Hähnchen verkaufe, ſonſt aber kein Wäſſerchen trübe. „Was meint Ihr dazu, Bruder Servatius?“ fragte er. Der Bruder war in ſeiner Angſt mit Allem zu⸗ frieden. Der Pater hatte Mitleiden mit ſeiner Angſt. „So wechſelt Eure Bekleidung!“ Der Bruder und der Vogelhändler gingen hinter ein Gebüſch, kamen mit ausgetauſchter Kleidung zurück. „Der neue Bruder Servatius ſteht zu Ihren Be⸗ fehlen, Herr Pater!“ ſagte Leonidas Stapelmann zu dem Pater. Zu dem Bruder ſagte er: 161 „Verwahrt mir wohl meine Vögel, bis wir zurück⸗ kehren. Das Stück koſtet im Durchſchnitt einen Thaler.“ „Wir treffen uns an dieſer Stelle wieder“, wurde noch verabredet. Der Pater und Leonidas Stapelmann ſtiegen die Anhöhe hinauf. Der neue Bruder Servatius war ſehr luſtig. „Wir wollen Ihren reichen Spitzbuben von Müller ſchon faſſen“, ſagte er. „Macht der Burſche Flauſen und will er nicht gutwillig mit, ſo ſoll er die Feſtung ſein Leben lang nicht wieder verlaſſen.“ „Was redet Ihr da?“ fragte der Pater. „Nun, Herr Pater, der Menſch will Ihr Herr Jeſus nicht ſein, das iſt doch klar. Darum iſt er gerade heute in der Feſtung.“ „Und wie wolltet Ihr ihn hinausbringen?“ „Alle Teufel, Herr Pater! Nichts für ungut, aber wenn der Kerl nicht mit uns geht, ſo verkaufen wir ihn einfach an die Preußen als Rekruten.“ „Wir? Ich bin kein Seelenverkäufer.“ „Bah! Ich kenne da oben ſchon Jemand, der ihn kauft.“ „Ich würde es mir verbitten.“ „Sie haben ein zartes Gewiſſen, frommer Pater.“ Der Pater antwortete nicht. Er hatte in den paar Temme, Die Erbgrafen. II. 1 162 Minuten ſich überzeugt, daß er in ſeinem Begleiter ſich ſchwer getäuſcht habe, und er dachte wohl darüber nach: Was will der Menſch von mir? Und warum behielt er ſeine Maske nicht bei, bis wir oben waren? Was mache ich mit ihm? Leonidas Stapelmann fuhr fort: „Ein Gewiſſen gegenüber einem Menſchen, der zu⸗ erſt die Bauern um ihr Korn und nun gar die Kirche um den Herrn Jeſus betrügt!“ Der Pater hatte ſeinen Entſchluß gefaßt. Er blieb ſtehen. „Wer ſeid Ihr, Mann?“ „Sie werden es erfahren, Herr Pater.“ „Ihr ſeid alſo nicht das, wofür Ihr Euch ausgabt! Mit hinterliſtigen Menſchen habe ich nichts zu ſchaffen. Kehren wir um.“ b Leonidas Stapelmann lachte. „Sie müßten die Umkehr allein machen, frommer Pater. Sie können das übrigens auch. Ich allein werde mit Ihrem Müller beſſer fertig werden, als wenn Sie dabei ſind. Ich habe für ihn ein kurzes Entweder⸗Oder. Sie wiſſen es.“ Der Pater beſann ſich. Er mußte gute Miene zu böſem Spiel machen. Der Fremde hatte ihn in ſeiner Gewalt. „Gehen wir!“ ſagte er ruhig. Und Leonidas Stapelmann ſprach treuherzig: „Das iſt brav von Ihnen, Herr Pater. Sie trauen mir. Sie ſollen morgen erfahren, daß Sie es für eine gute Sache gethan haben.“ Die Beiden ſchritten dem Thore der Feſtung zu. Die kleine Berg⸗ und damals noch Grenzfeſtung war mitten im Frieden verſchloſſen und bewacht, wie mitten im Kriege. Es war allerdings Grund dazu vorhanden. In ihren Mauern lag erſtens ein halbes Dragonerregiment, und man hatte gerade diejenige Hälfte des Regiments hierher verlegt, der nicht zu trauen war, die nämlich aus gewaltſam, meiſt im Aus⸗ lande geraubten Leuten und in aller Herren Länder zuſammengeworbenem Geſindel beſtand, alſo aus einer Mannſchaft, die man fortwährend, wenn ſie nicht ſammt und ſonders und mit Sack und Pack deſertiren ſollte, unter ſtrengſter Aufſicht halten mußte. Das war nir⸗ gends leichter als in einer ſolchen kleinen verſchloſſenen Feſtung. Außerdem diente der Sparrenberg als Zucht⸗ haus, und zwar für ſolche ſchwere Verbrecher, die nicht zu einfacher Zuchthausſtrafe ſondern zu der ſogenannten Feſtungsbaugefangenſchaft, einer mit den ſchwerſten und ekelhafteſten gemeinen Arbeiten verbundenen Strafe, verurtheilt waren. Endlich, ſo hieß es wenig⸗ 164 ſtens, wurden in den Kaſematten der Feſtung einige höchſt gefährliche Staatsverbrecher detinirt, ſo gefähr⸗ liche, daß ihr Aufenthalt nicht einmal bekannt werden durfte und nur der Commandant der Feſtung ihre Namen kannte. Die Beſatzung beſtand nicht aus den zwei Schwa⸗ dronen des Dragonerregiments allein; es lag außerdem noch ein Bataillon ſogenannter Halbinvaliden darin, von denen die Mehrzahl fteilich mit der Zeit ganz in⸗ valid geworden war. Der Feſtungsdienſt war zwi⸗ ſchen den Dragonern und Invaliden getheilt, doch hatten die zu der activen Armee gehörenden Dragoner natürlich den Löwenantheil. Commandant war immer der Major von den Dragonern. Auf der Hauptwache commandirte ein Dragonerlieutenant; Dragoner hatten die Thorwachen beſetzt. Auf den Wällen ſtanden Dra⸗ goner und Invaliden gemiſcht; den übrigen Dienſt im Innern verſahen die Invaliden allein. Die Mittagszeit war vorüber, als die beiden Fran⸗ ciscaner, von denen der eine freilich Leonidas Stapel⸗ mann war, ſich den Wällen der Feſtung nahten. Grä⸗ ben hatte die kleine Bergveſte nicht. Die Wachen oben waren munter. „Alle Teufel, zwei Mönche! Was wollen denn die hier oben?“ 165 „Wie keck ſie näher kommen! Als wenn hier Jeder ſo mir nichts dir nichts herumſpazieren könnte!“ „Heda, gut Freund, Halt!“ rief ein Invalide. Der tapfere alte Krieger legte auch ſchon ſein Ge⸗ wehr auf die beiden Mönche an. Leonidas Stapelmann lachte. „Wir könnten ruhig weiter gehen. Der Kerl kann ſeine Muskete kaum halten, und ich ſehe ihn von hier zittern.“ „Wir wollen unſern Zweck in der Feſtung errei⸗ chen“ ſagte der Pater Vitalis. Sie blieben ſtehen. Der Ruf auf dem Walle hatte die Wache in dem Thore auf die Beine gebracht. Das Ausgangspförtchen in dem Thore wurde vnn innen geöffnet, ein Unteroffizier trat hinein⸗ Er winkte den Mönchen mit der Hand, näher zu kommen. Sie traten zu ihm. „Wohin wollen Sie?“ fragte er. „In die Feſtung“ erwiderte Pater Vitalis. „Zu wem?“ „Zu dem Proviantmeiſter.“ „Haben Sie eine Erlaubniß, die Feſtung zu be⸗ treten?“ 166 „Wir wollten hier darum bitten.“ „Geht nicht. Wer keine Erlaubniß hat, wird nicht eingelaſſen.“ „Wer ertheilt die Erlaubniß?“ „Der Herr Commandant.“ „So bitten Sie den Herrn Commandanten für uns darum.“ „Iſt nicht meine Sache.“ „Aber, Herr Unteroffizier“, ſagte der Pater, „Sie wollen den Herrn Commandanten nicht bitten, und wir können ihn nicht bitten. So können wir ja gar nicht in die Feſtung.“ „Geht mich nichts an.“ Leonidas Stapelmann mußte wiederum lachen. „Ein echter preußiſcher Unteroffizier! Und das echte Preußenthum!“ Der Großſprecher war dennoch etwas verlegen ge⸗ worden. Er beſah ſeine Mönchskutte, als wenn er ſagen wollte: „Da habe ich am Ende mit dem groben braunen Ding ein ſchlechtes Geſchäft gemacht. Meine Vögel hätten mich leichter hineingebracht. Leonidas Stapelmann, du wollteſt klug ſein, du warſt dumm. Allzuſcharf macht ſtumpf.“ Der Pater Vitalis gab ſein Spiel noch nicht ver⸗ loren. 167 „Darf ich ein Billet an den Herrn Commandanten ſchreiben?“ „Schreiben können Sie, ſoviel Sie wollen“, war die Antwort. „Sie werden es doch gleich abſchicken?“ „Weder gleich, noch nachher.“ „Verdammtes Preußenpack!“ fluchte Leonidas Stapel⸗ mann. „Nichts als Kniffe und Pififfe!“ Er war faſt in Angſt gerathen. Der Pater Vitalis wußte keinen Rath mehr. Sie wurden, der eine aus ſeiner Angſt, der andere aus ſeiner Verlegenheit befreit. In dem offenen Pförtchen war eine große, ſtark⸗ knochige, alte, graue, finſtere Soldatengeſtalt er⸗ ſchienen, in einer Uniform, die ſo grau war wie der Mann ſelbſt, und die auch ſo alt zu ſein ſchien wie er, mindeſtens ſeit fünfzig Jahren nicht mehr Mode in der preußiſchen Armee war; die preußiſche Armee wechſelt freilich ihre Moden ziemlich häufig. Er hatte mit ſeinem finſtern Blicke die beiden Mönche ſcharf angeſehen, beſonders den Bruder Servatius. Auf einmal zuckte es in ſeinen Augen; er trat an dem Unteroffizier vorüber zu dem Pater Vitalis. „Haben Sie etwas Dringendes in der Feſtung zu thun?“ 168 „Etwas ſehr Dringendes.“ „So kommen Sie mit mir.“ Der Unteroffizier wollte ſich in die Bruſt werfen. „Ich habe hier den Befehl.“ „Kommen Sie mit mir!“ wiederholte ruhig zu dem Pater der alte verwitterte Soldat, ohne den Unter⸗ offizier nur eines Blicks zu würdigen. Die Soldaten aus der Wachtſtube waren neugierig herbeigetreten. Sie nahmen in ihren Mienen Partei für den alten Soldaten. „Meinetwegen denn“ ſagte der Unteroffizier zu dem Alten. „Aber Er wird die Menſchen zuerſt zu dem Herrn Commandanten führen.“ Der Alte erwiderte ihm verächtlich: „Ich kannte den Dienſt ſchon, als Er noch in den Windeln lag.“ Er ſchritt durch das Pförtchen zurück. Der Unteroffizier ließ die beiden Mönche ihm folgen. Die Feſtung auf dem Sparrenberge war eine ge⸗ wöhnliche Citadelle. Durch das gewundene und gewölbte Thor gelangte man auf einen weitläufigen runden Platz der ringsumher mit Gebäuden beſett war, mit Kaſer⸗ nen, Vorrathshäuſern aller Art, einzelnen Wohnhäuſern. Unter dieſen zeichnete ſich ein größeres aus, links an der Mitte des Platzes, mit einem allmächtigen Adler 169 über der Thür. Es war das Commandanturgebäude; der Commandant bewohnte es, die Bureaux der Com⸗ mandantur waren darin. Der alte Soldat führte die Mönche nicht gleich dahin. In der Mitte des Platzes ſtanden drei oder vier Kanonen auf ihren Laffetten; Kanonenkugeln lagen in Pyramiden aufgehäuft daneben. Neben einer dieſer Pyramiden ließ der Soldat ſeine beiden Schützlinge ſtehen. „Warten Sie hier einen Augenblick. Ich bin gleich wieder da.“ Er ging weiter, zu dem Ende des Platzes, dem Thore, durch das ſie gekommen waren, gegenüber. Dort lag ein hohes, breites Gebäude, deſſen Mauern durch das Alter ſchwarz geworden waren. Die ſämmt⸗ lichen Fenſter waren mit ſtarken eiſernen Gittern ver⸗ ſehen, die des Erdgeſchoſſes und des Souterrains zugleich mit Käſten, ſodaß man von außen nicht hineinſehen, von innen aber nicht auf den Platz blicken konnte. In dieſes Haus ging der alte Soldat. „Wer iſt er?“ fragte der Pater Vitalis ſeinen Be⸗ gleiter. „Er kennt Euch.“ Der Soldat hatte dem verkleideten Bruder Blicke des Einverſtändniſſes zugeworfen. Leonidas Stapel⸗ 170 mann hatte ſie erwidert. Der Pater Vitalis hatte für Beides klare Augen gehabt. „Hm“ antwortete Leonidas Stapelmann dem Pater, „Sie ſind ein frommer, ehrlicher Geiſtlicher; ich bin hier auf keinem ſchlechten Wege; ich habe Sie zudem in meiner Hand. So werden Sie mich nicht verrathen. Ja, ich kenne den alten Peter Knauſt. Wir kennen uns ſchon lange, ſeit mehr als vierzig Jahren. Unſere erſte Bekanntſchaft datirt ſich von dem Tage, da er Spießruthen laufen mußte und ich mit meinem Haſel⸗ ſtocke in der hohlen Gaſſe ſtand, die er zu paſſiren hatte. Er erhielt von mir einen Hieb, den er nicht vergaß. Im Jahre nachher vergalt er ihn mir doppelt. So wurden wir Freunde, und wir ſind es geblieben durch alle Abenteuer unſeres Lebens. Der arme Peter hatte deren freilich nicht viele. Dreimal Spießruthen⸗ laufen war eigentlich Alles; dann wurde er wegen einer Kleinigkeit zu lebenslänglicher Baugefangenſchaft verurtheilt und darauf begnadigt. Das iſt ſein Leben.“ „Und in welcher Eigenſchaft iſt er jetzt hier?“ fragte der Pater. „Als Feſtungstyrann.“ „Wie?“ „Er iſt der Tyrann der Beſatzung hier und außer⸗ — 171 dem Schließer in dem alten ſchwarzen Gefangenhauſe dort hinten.“ „Und wer biſt Du, Patron?“ Die Frage las man in den Augen des Paters Vitalis. Es ſchien ihm unheimlich zu werden in der Geſellſchaft eines wildfremden Menſchen, den er wie ſeinen frommen Kloſterbruder behandeln mußte und der aus ſeinem frühern Leben ſchon zugeſtanden hatte, daß er der Freund eines ſchweren Verbrechers war und ſelbſt eine Strafe als gemeiner Verbrecher erlitten hatte. Leonidas Stapelmann verſtand wohl in den Augen der Menſchen zu leſen. Er lachte. „Sie wollen von meinem Freunde Peter Knauſt noch mehr erfahren? Er iſt in der That eine intereſ⸗ ſante Perſönlichkeit. Als Baugefangener führte er ſich gut. Er hatte Ehrgeiz; ſein finſteres, zurückhaltendes Weſen kam ihm zu Hülfe; er machte ſich nie mit dem Geſindel ſeiner Mitgefangenen gemein. So konnte er bald zum Aufſeher über ſie gebraucht werden. Nach und nach wurde er es mehr, obwohl immer noch ſelbſt Gefangener. Zuletzt wurde er auf den Antrag ſeiner Vorgeſetzten vom Könige begnadigt, aber unter einer ſonderbaren Bedingung. Wiſſen der Herr Pater, was ein Knutenmeiſter in Rußland iſt?“ „Ich weiß es nicht.“ 172 „Das iſt ein Menſch, der wegen Mordes zu hun⸗ dert Knutenhieben, das heißt alſo zum Tode durch die Knute verurtheilt, aber vom Kaiſer unter der Be⸗ dingung begnadigt iſt, daß er zeitlebens Gefangener bleibt, um die Knutenſtrafe an Andern zu vollziehen. Ein ehrlicher Menſch in Rußland, ſelbſt der niedrigſte Leibeigene, ließe ſich lieber zu Tode prügeln, als daß er die Dienſte eines Knutenmeiſters verrichtete. So iſt mein Freund Peter Knauſt Schließer hier. Hier⸗ her kam er, weil hier mehrere ſehr gefährliche Staats⸗ gefangene verborgen gehalten werden, für die man eines ganz beſonders zuverläſſigen Wärters bedarf.“ „Und wie erträgt der alte Mann ſein Loos?“ fragte der mitleidige Pater. Wie ein Tyrann, der an der Kette ſeiner ver⸗ biſſenen Wuth liegt.“ „Das heißt?“ Leonidas Stapelmann wollte erzählen. Der finſtere Schließer kehrte aus dem ſchwarzem Gefangenhauſe zurück. Er kam mit einem kleinen, freundlichen Männchen in der grau und gelben Kleidung der Baugefangenen der preußiſchen Feſtungen. „Ich werde Sie jetzt dem Herrn Commandanten melden“, ſagte er zu dem Pater Vitalis. 173 Er ging zu dem Commandanturgebäude. Den kleinen Baugefangenen ließ er bei den beiden Mönchen zurück. In einer der Kugelpyramiden waren ein paar Kugeln aus ihrer geraden Lage gekommen. Das Männ⸗ chen beſchäftigte ſich damit, ſie wieder zurechtzulegen. Er konnte damit nicht fertig werden; die Kraft fehlte ihm. „Soll ich Euch helfen?“ fragte Leonidas Stapel⸗ mann. „Wie wird der fromme Herr das!“ lächelte ver⸗ legen ablehnend der kleine Mann. Leonidas Stapelmann hatte ſchon eine Kugel auf⸗ gehoben. „Helft anfaſſen. Wohin ſoll ſie?“ ſagte er zu dem Gefangenen. Der Kleine faßte mit an. Sie brachten zuſammen die Kugel in ihre gehörige Lage. Dabei ſchien es dem Pater Vitalis, daß ſie heimlich zuſammen redeten. Sein Begleiter mochte ihm doch wieder unheimlich werden. Der finſtere Schließer kam aus dem Commandan⸗ turgebäude zurück. „Zu wem wollen Sie?“ fragte er den Pater. „Zu dem Proviantmeiſter.“ 174 Folgen Sie mir. Ich werde Sie hinführen“ Der runde Platz der Citadelle hatte mehrere Aus⸗ gänge. Durch einen von dieſen führte der Schließer die beiden Mönche. Sie kamen in eine kleine Gaſſe. Hier befanden ſich die Stallungen für die Dragonerpferde, Schmieden, einzelne Wohnhäuſer. In einem größern Hauſe zu Ende der Straße wohnte der Proviantmeiſter. In der Gaſſe war Leben. Auf dem runden Platze hatte man nur Schildwachen geſehen, vor dem Hauſe des Commandanten, vor den Kaſernen und den Ma⸗ gazinen, und außerdem einzelne Uniformen an den Fenſtern der Kaſernen. In der kleinen Gaſſe trieben ſich Soldaten frei umher, nur Dragoner; in einer an⸗ dern kleinen Seitengaſſe, an der man vorbeikam, ſah man die Invaliden und dieſe vielfach mit Frauen und Kindern. Der Proviantmeiſter war zu Hauſe. Er war ein Mann mit einem ſcharfen, lauernden Blicke. Die Proviantmeiſter der preußiſchen Armee ſtehen ſeit alten Zeiten in keinem guten Rufe, vielleicht ohne ihre Schuld. Wenn in einer Garniſon ein Mi⸗ litärmagazin abbrennt, da iſt ſofort nur eine Stimme darüber: Das hat der Proviantmeiſter gethan; das Magazin war leer; er befürchtete eine Reviſion, und 175 dergleichen. Eine Unterſuchung wird gegen den Beam⸗ ten ſelten eingeleitet, und geſchieht es, ſo kommt nichts heraus. „Was ſteht zu Ihren Dienſten?“ ſagte der Pro⸗ viantmeiſter des Sparrenbergs zu dem Pater Vitalis. „Der Müller Brinckmann aus Haſſelrode iſt heute zu Ihnen gekommen?“ „Ich habe ihn nicht geſehen.“ Der Pater hatte eine mißtrauiſche Miene. „Sie können ſich bei dem Untervoffizier am Thore erkundigen“ ſagte ruhig der Beamte. Der arme Pater Vitalis war ebenſo kurz wie bündig abgefertigt, und ebenſo entſchieden wie defi⸗ nitiv. Mochten die Angehörigen des Müllers oder mochte der liſtige Proviantmeiſter ihm eine Lüge vor⸗ gebracht haben, was konnte er weiter machen? „Ich werde wohl ſelbſt das Kreuz auf mich nehmen müſſen!“ ſagte er ſich mit der Reſignation des Mannes, den der Sturm und Drang einer neuen Zeit in die Kloſtermauern getrieben hatte. „Ich danke Ihnen, Schließer! Kehren wir zu un⸗ ſerm Kloſter zurück, Bruder Servatius“ ſagte er. Aber der Bruder Servatius krümmte ſich auf ein⸗ mal und ſchnitt Geſichter. „Was habt Ihr, Bruder?“ 176 „Bauchgrimmen, Herr Pater. Sie werden wohl allein zurückkehren müſſen.“ Leonidas Stapelmann ſah dabei den Pater mit ſeinem vollen Hohne an und der Schließer fügte ſeinen finſterſten Blick hinzu. Und der Pater Vitalis ſprach mit ſeiner Reſigna⸗ tion wieder zu ſich ſelbſt: „Da bin ich in die Hände eines frechen Burſchen gefallen. Ich werde wohl allein zurückkehren müſſen.“ Er ſchickte ſich zum Gehen an. „Herr Pater, bis morgen“, nahm Leonidas Stapel⸗ mann Abſchied von ihm. „Ich werde dann meine Vögel im Kloſter abholen.“ Und der Schließer ſetzte wieder finſter hinzu: „Ich werde Sie bis zum Thore begleiten, Herr Pater.“ Der Pater ging. Der Schließer begleitete ihn. Leonidas wankte mit ihnen bis auf den runden Platz der Citadelle zurück; hier ließ er ſich an einem Eckſtein nieder, als wenn er nicht weiter könne. Am Thore ſagte der Schließer zu dem Unteroffizier der Wache: „Der Pater muß allein zurück. Der Bruder hat Bauchgrimmen bekommen; wenn er wieder beſſer wird, bringe ich ihn ſpäter.“ 4 177 Die Cholera kannte man damals noch nicht; ſo ent⸗ ſetzte man ſich nicht über die Nachricht des Schließers. „Wird ſchon wieder beſſer werden“, ſagte der Unter⸗ offizier. Und er ließ den Pater aus der Feſtung. Dem Pater Vitalis mochte es nach den ſchweren Erfahrungen, die er gemacht hatte, leichter ſein, als die Feſtung hinter ihm lag. Er eilte die Anhöhe hinunter, traf im Walde den Bruder Servatius. „Sie kommen allein, Pater Vitalis?“ „Der Vogelhändler bekam Bauchgrimmen und mußte zurückbleiben.“ „Und mein Habit?“ „Er bringt es morgen zurück.“ „Und ſeine Vögel?“ „Er wird ſie morgen abholen.“ „Und der Müller?“ „Er war nicht zu finden.“ „Aber, Herr Pater, wie kann ich in dieſem Anzuge und mit den Vögeln in das Kloſter zurückkehren?“ „In der Nacht, Bruder Servatius, ſind alle Katzen grau, und die Vögel ſingen nicht.“ Damit ſetzten ſie langſam durch den Wald ihren Weg fort, um erſt im Dunkel des Abends die Land⸗ ſtraße zu erreichen, die zu ihrem Kloſter zurückführte. Temme, Die Erbgrafen. II. 12 178 Peter Knauſt, der finſtere Schließer, war unterdeß zu ſeinem alten Kameraden Leonidas Stapelmann zu⸗ rückgekehrt. Sie gingen zuſammen in die Wohnung des Schließers, die in einer Stube oder Zelle unten in dem alten, ſchwarzen Gefängnißgebäude beſtand und gleich links von der Ein⸗ gangsthür lag. „Nun, Peter Knauſt, edler, finſterer Charon, der Du anſtatt des Nachens dieſe Schlüſſel führſt, um die Todten über den ſchwarzen Acheron in Deine Hölle zu bringen, erzähle mir, wie es hier bei Euch ſteht.“ Leonidas Stapelmann redete ſo ſeinen Freund an. Peter Knauſt war in ſeiner Zelle faſt noch finſterer als draußen. „Sage Du mir zuerſt, was Du bringſt.“ „Zunächſt mich ſelbſt, Peter Knauſt.“ „Warum in dieſer Mönchskutte?“ „Bei Zeus dem Donnerer, das iſt ein ganzes Abenteuer. Ich erzähle es Dir ſpäter. Ich war ſchon als Vogelhändler auf dem Wege hierher; ich wollte Euch Vögel in der Feſtung verkaufen. Da traf ich die beiden Mönche, und ich änderte meinen Plan. Mit den Vögeln kommt man wohl hier herein, aber nicht ſo leicht wieder hinaus. Die braune Mönchskutte führt überall durch.“ „Wir wollen es hoffen“ ſagte finſter der Schließer. 179 „Was bringſt Du weiter? Wie habt Ihr ſchließlich die Sache verabredet?“ „Es bleibt im Ganzen beim Alten. Die drei Offi⸗ ziere ſind zur Schwalenburg eingeladen. Sie nehmen ihre Reitknechte mit. Es wird dort ein Geburtstag oder ſonſt etwas gefeiert. Dazu fließt für die Herren der Champagner, für die Reitknechte der Rum. Gegen zehn Uhr heute Abend werden die Herren wieder auf⸗ brechen, nach dem Sparrenberge zurückwollen; zu Pferde natürlich. Man macht ihnen einen andern Vorſchlag Es iſt eine ſtille warme Frühlingsnacht. Die ſchöne Frau und der junge Graf bringen ſie in der Gondel über den See; die galanten Herren können nicht wider⸗ ſtehen. Die Reitknechte folgen über Land zu Pferde und mit den Pferden der Herren. Es werden ihnen vor dem Abreiten noch ein paar Flaſchen Rum verab⸗ reicht; ſie verſpäten ſich dabei, ſind noch nicht da, wenn die Gondel landet. Die Offiziere wollen unten am Waſſer nicht warten. Der Graf und die Dame, luſtig, wie man iſt, kommen auf den Einfall, die Herren nach oben zu begleiten, am Thore der Feſtung den Abſchieds⸗ trunk zu nehmen; die Herren müſſen ja ſagen. Cham⸗ pagner hatte man mitgenommen, die Bedienten tragen ihn den Herrſchaften nach. Man kommt am Thore der Feſtung an. Während es geöffnet wird, fliegen die 12* 180 Champagnerpfropfen, wird angeſtoßen, getrunken, ein⸗ mal, zweimal, dreimal; es entſteht an dem geöffneten Thore eine Verwirrung, ein kleiner Tumult; die ſchöne 8 Frau umarmt zärtlich den Grafen Hochwald, der die Runde hat. Unterdeß biſt Du, alter Peter Knauſt, mit dem Gefangenen da, den Du, anſtatt in die Jacke des Vogelhändlers, jetzt in die Mönchskutte geſteckt haſt. Der Menſch iſt von ſeinem Bauchgrimmen geheilt und muß morgen, am Charfreitag, bei Zeiten wieder im Kloſter ſein. In der Verwirrung, in dem Tumult achtet Keiner auf ihn. Während die Offiziere durch das Thor in die Feſtung gehen, ſpaziert er hinaus, und die ſchöne Frau und der Graf nehmen ihn in Empfang. War nicht ſo unſer Plan verabredet?“ Der alte Schließer hatte zugehört, ohne ſeine finſtere Miene zu verändern. „Du haſt mich vergeſſen, Joachim Stapelmann“, ſagte er. „Leonidas!“ rief der Großprahler. „Narr!“ war die einfache Erwiderung des Schließers. „Ah“, ſagte Leonidas Stapelmann, „Du willſt mit dem Gefangenen auch Dich befreien. Ich kann es Dir nicht verdenken. Du gibſt hier zwar eine gute und bequeme Verſorgung auf, aber Du biſt immerhin ein Gefangener wie Deine Gefangenen, die Du verſchließeſt, 181 und Du willſt am Ende Deiner Tage lieber gar nichts mehr thun, und das iſt noch eine beſſere Verſorgung, und die gibt Dir der Graf. Du wirſt alſo heute Abend mit Deinem Gefangenen Dich ſelbſt befreien.“ Diesmal hatten die Worte des Aufſchneiders den finſtern Schließer doch etwas aus ſeiner Ruhe gebracht. „Elender Burſche, Du mißt die Leute nach Dir. Ich will arbeiten wie ein Hund, wenn ich nur aus dieſem Neſte und aus dieſer Geſellſchaft befreit werde. Aber das nicht darum, weil ich hier Gefangener bin. Das bin ich hier nicht mehr als alle, die in der Feſtung ſind, von dem Commandanten bis zu dem unterſten Trommler und Pfeifer. Ob ich, nach eingeholter hoher Erlaubniß, auf ein paar hundert Schritte weit das Feſtungsthor verlaſſen könnte und dann doch immer wieder hineinmüßte, oder ob ich mir die Mühe des Ausgehens und Wiederkommens ein⸗ für allemal er⸗ ſparen kann, das iſt für mich kein Unterſchied. Aber ich kann dieſe nichtsnutzige preußiſche Flunkerei nicht mehr aushalten. Da thun dieſe alten Invaliden, als ſei jeder von ihnen mindeſtens der alte Fritz, und was haben ſie denn gethan? Ich war doch auch dabei und weiß es. Durch Stock und Säbel mußten ſie in die Schlacht hineingeprügelt und hineingefuchtelt werden, der Gemeine von dem Korporal, der Lieutenant von 182 dem Kapitän, der Kapitän von ſeinen Schulden. Das nennen ſie Courage, Muth, Tapferkeit; das iſt ihr Kriegs⸗ und Waffenruhm. Und die Dragoner? Sie haben noch kein Pulver gerochen und keine andere blanke Klinge geſehen, als die ihnen auf dem Rücken tanzte; aber die Heldenthaten der Invaliden ſind nichts gegen das, was ſie noch thun werden; ein Dutzend Franzoſen mindeſtens verſpeiſt jeder dieſer jämmerlichen Burſchen, die in aller Welt Ecken und Enden geſtohlen und geraubt haben und ſich dann von den Werbern haben zuſammenſtehlen und zuſammenrauben, nun hier wie eine Heerde Schafe ſich zuſammenhalten laſſen und dabei in Prahlerei nur vor Dir, Joachim oder Leo⸗ nidas Stapelmann, die Segel ſtreichen. Von all dem feigen und großſprecheriſchen Geſindel, das vor dem erſten Franzoſen laufen würde, ſoweit die Beine es tragen, muß ich endlich einmal fort, ich habe den Ekel lange genug ertragen. Das iſt es, Burſche, was mich von hier forttreibt, was mich veranlaſſen konnte, mit einem wie Du biſt, gemeine Sache zu en Und doch — Er brach ab. „Und doch, Peter Knauſt?“ fragte der Andere. „Aus Eurer ganzen Sache wird nichts.“ „Aus der Flucht des Gefangenen?“ 183 „Ihr habt die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Der Graf Hochwald hat heute Nacht die Runde. Ihr verlaſſet Euch darauf, er werde nicht hier ſein, und es werde alſo gar keine Runde gehalten werden.“ „So wird es ſein, Peter Knauſt.“ „So wird es nicht ſein, ſage ich. Ihr habt das Gräflein falſch taxirt; er hat Urlaub für die Nacht ge⸗ nommen, und ein anderer Offizier hält für ihn die Runde.“ „Teufel!“ fluchte Leonidas Stapelmann. „Der wird Euch auch nicht helfen.“ „Welcher Offizier vertritt den Grafen Hochwald?“ „Der Lieutenant Heſſel von den Dragonern.“ „Verdammt! Gerade der!“ „Ja, er hat Haare auf den Zähnen, und ich habe einen Rath für Dich, altes Großmaul!“ „Sprich ihn aus.“ „Gib die ganze Geſchichte auf. Ich fürchte, man hat Wind von ihr.“ „Woraus ſchließeſt Du das?“ „Ein alter Soldat hat eine innere Stimme —“ „Der Furcht, alter Peter Knauſt!“ „Burſche“ ſagte ſtolz der alte Schließer, „ich bin dreimal Spießruthen gelaufen und Du nur zwei⸗ mal.“ 184 „Darum verſtehſt Du Dich auch beſſer aufs Laufen.“ Der Schließer erwiderte nichts, als wenn er ſich für zu gut dazu hielte. Er ſtellte ſich ſinnend an das dunkle. vergitterte Fenſter ſeiner Zelle, die ſeine Wohnſtube in dem Gefangenhauſe war. „Haſt Du wirklich den Muth zu der Sache ver⸗ loren?“ fragte ihn Leonidas Stapelmann. „Ich habe wenigſtens kein Vertrauen mehr zu ihr.“ Auch Leonidas Stapelmann ſann eine Weile nach. „Schicke mir den Kaspar Schröder herein“, ſagte er dann. Der Schließer verließ ſchweigend die Zelle. Gleich darauf trat der kleine freundliche Baugefan⸗ gene in der grau und gelben Kleidung herein. „Sie wollten mich ſprechen, Herr Stapelmann?“ „Höre einmal, Kaspar Schröder, Du biſt eigentlich ein Straßenräuber?“ „Jawohl“, ſagte das Männchen mit freundlichem Lächeln. „Eigentlich bin ich ſogar ein Raubmörder, und ich ſollte ja auch geköpft oder eigentlich gar ge⸗ rädert werden.“ „Und ſie haben Dich doch am Leben „Wie Sie ſehen, Herr Stapelmann.“ 185 „Erzähle mir Deine Geſchichte einmal, Kaspar Schrö⸗ der. Wir haben Zeit.“ „Es war ein Unglück, Herr Stapelmann, und es kam über mich. Ich war ein armer Maurerburſche in meinem Dorfe. Lehrling war ich nicht mehr; die Leute ſagten, zum Lehrling ſei ich ſchon zu alt. Ich war aber auch kein Geſelle; dazu ſei ich zu dumm, ſagten ſie. So lief ich als Handlanger mit, und ich verdiente ſo viel, daß ich leben konnte und auch des Sonntags, wenn ich in die Stadt zur Kneipe ging, einen Groſchen oder zwei für Schnaps übrig behielt. So war ich auch eines Sonntags in der Stadt zur Nachmittagskirche geweſen und hatte dann in dem Branntweinladen mei⸗ nen Schnaps getrunken. Eigentlich waren es wohl zwei oder gar drei Gläſer Kümmel. Sie hatten mir anfangs nichts gethan. Aber es war friſcher Winterabend, und als ich nach Hauſe ging und in die Kälte kam, da überkam es mich ſo beſonders. Ich war aus der Stadt und auf der Landſtraße und wußte nicht, wie ich dahin gekommen war, und auf der Landſtraße war ich auf einmal bei einem fremden Handwerksgeſellen, der vor mir hergegangen war. Mit dem ging ich weiter und wir ſprachen zuſammen, ich weiß aber nicht mehr worüber. Dabei ſah ich, daß der Burſche aus einem hübſchen Kopfe rauchte. Ich fragte ihn, was 186 das für ein Kopf ſei, und er ſagte mir, das ſei ein Ulmer. Ich ſagte ihm, aus einem ſo ſchönen Kopfe müſſe ſich's wohl ſchön rauchen laſſen. Das wollte er meinen, ſagte er. Ich hatte in meinem Leben noch keinen Ulmer Kopf geſehen, und es war mir auf ein⸗ mal, als müſſe ich wiſſen, wie ſich's daraus rauche. Ich ſagte zu dem Handwerksburſchen, er möge mich aus dem Kopfe ein paar Züge thun laſſen. Er wollte nicht. „Nur drei Züge“, ſagte ich. Er blieb bei ſeinem Nein. „Nur zwei!“ bat ich. „Keinen einzigen!“ ſagte er. Ich hatte mich ſchon über das erſte Nein des Men⸗ ſchen geärgert. Der Branntwein war mir in den Kopf geſtiegen; jetzt ſtieg mir auch der Zorn hinein. „Gibſt Du nicht willig, ſo brauche ich Gewalt!“ „Das wollen wir ſehen!“ In dem nämlichen Augenblicke hatten wir uns ge⸗ faßt. Wir balgten uns; bald kam der eine unten, bald der andere. Ich wollte die Pfeife haben, um die drei Züge daraus zu thun; er wollte ſie mir nicht geben. Er gab mir Kopfnüſſe, ich gab ſie ihm wieder. Auf einmal lag er ſtill, ſeine Hände ließen mich los, und ſeine Pfeife ließ er aus dem Munde. Ich nahm — 187 ſie und that meine zwei Züge daraus, auch wohl drei, und wollte ſie ihm dann wiedergeben; aber er nahm ſie nicht und ſah mich ſo glaſig an und rührte kein Glied. Da wurde ich auf einmal ganz nüchtern. Da kamen aber auch ſchon Leute herbei, die unſer Rufen und Streiten gehört hatten, und beſahen ihn genauer und ſagten: „Der Menſch iſt ja todt; was haſt Du mit ihm gemacht?“ Todt war er nun nicht, er konnte noch er⸗ zählen, wie die Sache zugegangen ſei. Aber dann ſtarb er. Ich wurde nun an die Gerichte geliefert, und ich konnte nichts Anderes ſagen, als was der todte Hand⸗ werksburſche geſagt hatte. Sie ſagten mir aber, daß ich dem Menſchen einen Fauſtſchlag gegeben hätte, der ſeine Schläfe tödtlich getroffen habe, und darum ſei ich ein Raubmörder, der gerädert werden müſſe. Sie publicirten mir auch ein Urtheil, durch das ich zum Rade verurtheilt war. Es war mir ſchrecklich genug; aber was konnte ich dagegen anfangen? Ich dachte nur, wenn ich auf den Richtplatz käme, wollte ich den Scharfrichter ſchön bitten, daß er es gnädig mit mir mache, damit ich nicht zu lange leiden müſſe. Aber es ſollte anders kommen. Nach langer Zeit wurde ich wieder in das Criminalgericht geholt, und nun ſagten ſie mir, Seine Majeſtät der König habe mir das Leben geſchenkt, ich ſollte nur mein Leben lang als Bauſträf⸗ 188 ling auf die Feſtung. Ich mußte meinem allergnä⸗ digſten Könige zu Protokoll danken, und dabei hörte ich die Herren ſagen, der König ſei doch vernünftiger geweſen als alle ſeine Geſetze und Miniſter und Pfaffen, Beſonders von den geiſtlichen Herren ſprachen ſie. Einer von ihnen, ſie nannten ihn den Wöllner, habe den König ordentlich überſtimmen wollen und immerzu geſchrieen: „Wer Menſchenblut vergießt, deſſen Blut ſoll wieder vergoſſen werden, und das unſchuldig gefloſſene Blut des Ermordeten kommt über Eure Majeſtät und über Ihre Kinder und Kindeskinder.“ Der König hatte ihnen aber doch Stand gehalten, allen den Pfaffen und Mi⸗ niſtern. Er hatte immer geſagt: „Für drei Züge aus einem Ulmer Kopf laſſe ich keinen Menſchen rädern oder auch nur köpfen.“ Dabei war es geblieben, und ich trage nun ſchon beinahe dreißig Jahre dieſe grau und gelbe Jacke.“ „Und es gefällt Dir darin?“ fragte Leonidas Stapelmann den begnadigten Raubmörder. „Ich müßte lügen, wenn ich es anders ſagen wollte“, meinte Kaspar Schröder. „Ich habe mein gutes Eſſen und Trinken und mein warmes Bett und kann in der Feſtung frei herumgehen. Als Maurerburſche hätte ich es nicht weiter gebracht.“ „Von hier fort möchteſt Du alſo nicht?“ 189 „Wohin ſollte ich in der Welt Gottes?“ „Das iſt richtig“, beſtätigte Leonidas Stapelmann. Dann fragte er weiter: „Du weißt doch, was Du heute Nacht thun ſollſt?“ „Der Herr Schließer hat es mir geſagt.“ „Und was hat er Dir geſagt?“ „Nun, er wird mich nachher in der Zelle Nummer zwei einſchließen und ich ſoll mich da in das Bett legen, mit verbundenem Kopf, als wenn ich arge Kopf⸗ ſchmerzen hätte, und wenn in der Nacht der Lieute⸗ nant von der Runde kommt, ſoll ich ſtöhnen, als wenn ich es vor Schmerzen nicht mehr aushalten könnte, und auf alle Fragen mit ſchwacher Stimme nichts als ja und nein antworten.“ „Du biſt damit einverſtanden?“ „Gewiß.“ „Hat Dir der Schließer auch geſagt, daß man Dir dafür einen ſchönen Ulmer Kopf ſchenken wird und guten Tabak für Dein Leben lang?“ „Das hat er mir wohl geſagt; aber auch noch mehr.“ „So? Und was?“ „Daß ich nachher nicht mehr werde frei in der Feſtung herumgehen können; man werde mich in die Kloaken und Gruben ſchicken.“ „So, ſo! Das ſagte er Dir?“ „Das ſagte er mir noch vor wenigen Augenblicken. Ich erwiderte ihm aber darauf, das würde man keine ſechs Wochen aushalten; denn unter allen den andern Baugefangenen habe man keinen einzigen ehrlichen Kerl, dem man nur über den Weg trauen könne; ſo müßten ſie mich doch wieder zu dem leichten Dienſt in den Häuſern nehmen.“ „Du biſt alſo noch bereit?“ „Ich möchte für mein Leben gern aus einem Ulmer Kopf rauchen.“ „Du ſollſt es. Halte Dich nur brav und gut.“ „Sie ſollen zufrieden mit mir ſein, Herr Stapelmann.“ „So gehe jetzt an Deine Arbeit. Es beginnt ſchon zu dunkeln.“ Kaspar Schröder ging. Leonidas Stapelmann war nicht ganz zufrieden. „Der alte Schurke will nicht. Gegen mich war er ſchon ſo ſchwankend. Dem Burſchen hat er die Hölle heiß machen wollen, um es dann auf ihn zu ſchieben. Hätteſt Du keinen Muth mehr, Peter Knauſt? Aber Du biſt dreimal muthig durch die hohlen Gaſſen der Spießruthen gelaufen! Was iſt es denn? Und was ſoll werden? Es wäre Alles vorbei ohne den alten finſtern Spitzbuben! Ohne ihn iſt nichts zu machen.“ 191 Der alte Schließer trat in die Stube. „Ich denke, Dein Bauchgrimmen iſt nun vorüber“, ſagte er zu ſeinem Gaſt. „Was ſoll das heißen?“ fragte Leonidas Stapel⸗ mann. „Daß Du wieder abziehen kannſt.“ „Und das ſoll heißen?“ „Schau' auf den Platz.“ Es hatte ſchon begonnen zu dunkeln, die einzelnen Gegenſtände auf dem Platze waren aber noch zu erkennen. Vor einer der Kaſernen ſtand ſchon ein geſatteltes Offizierspferd, ſeinen Reiter erwartend. Ein Dragoner mit ſeinem Pferde hielt es am Zügel. 3 „Weſſen Pferd iſt es?“ fragte Leonidas Stapelmann. „Des Grafen Hochwald!“ „Ah, die drei Offiziere wollen fort?“ „Und der Graf Hochwald hat am meiſten Eile. Die Liebe, ach, die Liebe!“ 7 Von der Seite her kam ein Offizier auf den Platz . geritten, gefolgt von einem Dragoner, gleichfalls zu Pferde. „Ah“ ſagte Leonidas Stapelmann, „der Rittmeiſter Bachus der Zweite! Er hat am meiſten Durſt. Nun fehlt nur noch der lange Lieutenant Marnitz!“ 192 „Er wird ſchon kommen“, bemerkte in einem eigenthümlich trockenen Tone der Schließer. Er kam, der lange Lieutenant von Marnitz, aber zu Fuße aus dem Commandanturgebäude, und man ſah trotz der Dunkelheit, wie er einen langen Blick nach dem Gefangenhauſe warf. Ein dritter Dragoner zu Pferde kam mit einem leeren geſattelten Offizierspferde auf den Platz, führte es zu dem langen Offizier. In demſelben Augenblicke kam der Graf Hochwald aus der Kaſerne, beſtieg ſein Pferd und ritt zu dem Rittmeiſter, der in der Mitte des Platzes hielt. Diebeiden Offiziere warteten auf den Herrnvon Marnit. Aber der lange Lieutenant ging an ſeinem Pferde vorüber, kam nicht zu den beiden Kameraden. „Zum Teufel, Marnitz —“ rief ihm der Rittmeiſter zu. Was er hinzuſetzte, konnte man hinter dem Fenſter des Schließers nicht verſtehen. Der Herr von Marnitz erwiderte ihm etwas. Es war gleichfalls dort nicht zu verſtehen. Der Rittmeiſter hatte wohl den langen Lieutenant gefragt, wohin er noch wolle, und dieſer hatte auf die Frage geantwortet. „Bei Zeus dem Donnerer“ ſagte Leonidas Stapel⸗ mann, „der lange Kerl kommt hierher.“ 193 Es war ſo. Der Lieutenant von Marnitz ſchritt gerades Weges auf das Gefangenhaus zu. „Was will das lange Ungethüm hier?“ fragte Leonidas Stapelmann ſeinen Wirth. „Ich weiß es nicht.“ „Wird er in dieſe Stube kommen?“ „Ohne Zweifel.“ „Wo bleibe ich?“ „Wo Du biſt.“ „Du meinſt, er ſuche mich?“ „So denke ich.“ 5 „Und was ſage ich ihm?“ „Daß Dein Bauchgrimmen vorüber ſei und daß Du gehen wolleſt. „Nein!“ ſagte Leonidas Stapelmann entſchieden. „Wie Du willſt!“ verſetzte wieder trocken der finſtere Schließer. „Menſch, haſt Du mich verrathen?“ rief Leonidas Stapelmann. Er erhielt keine Antwort. 2 Die Thür der Zelle wurde von außen geoͤffnet. Die 5 lange Geſtalt des Lieutenants von Marnitz ſtand darin. „Schließer Knauſt!“ rief er den Schließer zu ſich heraus. Der Schließer trat zu ihm. 2 Temme, Die Erbgrafen. II. 194 Die Thür blieb offen. „Hat der Kerl noch ſein Bauchgrimmen?“ fragte der Offizier den Schließer. Der lange Herr von Marnitz pflegte ſich nicht zu geniren. „Zu Befehl, Herr Lieutenant!“ meldete der Schließer. Der Lieutenant fuhr fort: „Ich ſoll Dir den Befehl bringen, den Menſchen nicht zu lange hier zu laſſen. Er ſoll noch vor der Nacht fort.“ „Zu Befehl, Herr Lieutenant!“ Der Offizier ging. „Haſt Du gehört?“ fragte der Schließer ſeinen Gaſt. „Wort für Wort.“ „Willſt Du nicht jetzt gleich gehen?“ „Nein.“ Leonidas Stapelmann ſchien ſehr vergnügt geworden zu ſein. Er trat wieder an dns Fenſter, ſah wieder auf den Platz hinaus. ½ Auch der Herr von Marnitz hatte ſein Perd be⸗ 7 ſtiegen. Alle drei Offiziere ritten zu dem bedeckten Thore, verſchwanden in dieſem, mit ihnen die drei Dragoner, die ihnen als Reitknechte folgten. — 195 Leonidas Stapelmann trommelte an den vergitterten Fenſterſcheiben und ſang dazu: „Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus!“ „Singe nicht zu früh, Leonidas Stapelmann!“ rief ihm mit ſeinem finſtern Hohne der Schließer zu. „Du kennſt das Sprichwort von den Vögeln, die zu früh ſingen.“ „Bah, es gilt vom Morgen, und wir haben Abend.“ Dann wurde der Großſprecher doch ernſthaft. „Peter Knauſt, laß uns im Ernſt ſprechen. Willſt Du von der Sache nichts mehr wiſſen?“ „Mich dünkt“, erwiderte der Pförtner, „ich habe es Dir ſchon deutlich genug geſagt.“ „Aber, beim Zeus, was haſt Du denn?“ „Ein Gewiſſen.“ „Du biſt ein Narr!“ „Und dann noch eins, Ivachim.“ Leonidas ſagte er nicht. Er ſchien auf einmal ein anderer Menſch geworden zu ſein, der alte finſtere Mann, ſeine Stimme klang weich. „Sieh, Joachim, ich bin jetzt tief in den Sech⸗ zigen. Ich war neunzehn Jahre alt, als die preußi⸗ ſchen Werber mich aus meiner Heimat fortſchleppten. Ich habe ſeitdem mein Vaterhaus, meine Aeltern, meine Geſchwiſter nicht wiedergeſehen; ich habe keinen Ver⸗ 16* 196 wandten und keinen Freund aus meinen frühern Tagen; ich weiß nicht, ob mir noch ein einziger von ihnen lebt. Ich bin in der ganzen langen Zeit nur der Hund Anderer geweſen; ich habe hungern und frieren und meine Knochen zu Markte tragen müſſen; ich habe mich müſſen bewachen laſſen wie einen Dieb und einſchließen laſſen wie einen Mörder. So iſt es noch, und ich muß dabei nur noch Andere einſchließen und bewachen. Das iſt mein Hundeleben, das ich nun ſchon ſo lange führe, und von ihm kann ich nicht laſſen. Von Deinen glatten Worten hatte ich mich bereden laſſen. Ich ſolle frei werden, der Graf wolle für meine alten Tage mich verſorgen. Aber ich kann nicht, Joachim. Ich kann nicht aus dieſem dunklen Käfig, nicht aus dieſer abgeſchabten Uniform; ich muß das Hundeleben weiter führen, der Schrecken der Gefangenen und der Tyrann der Rekruten ſein. Heute, an dem Tage, da es zu Ende gehen ſollte, vorhin, als ich Dich kommen ſah, war es mir auf einmal klar geworden. Und nun geh, Joachim, und laß mich hier. Du haſt es gu mit mir gemeint. Aber ich kann nicht anders“ Er war gerührt, der alte finſtere Mann; die Thrä⸗ nen ſtanden ihm faſt in den Augen. „Beim Zeus und beim Styr“ ſagte Leonidas Sta⸗ pelmann zu ſich ſelbſt, „das iſt eine verzweifelte Ge⸗ n ſchichte! Was fange ich nun an? Leider hat er ſeine fünf Sinne beiſammen, und er läßt ſich nicht einreden, daß er verrückt ſei. Und wenn ich bleibe, iſt er im Stande, zum Commandanten zu gehen und dem Alles zu entdecken. Verſuchen wir noch eins.“ „Peter Knauſt“, ſagte er zu dem finſtern Manne, „ich glaube, Du biſt krank.“ „Ja“ gab der Alte traurig zu. „Und ich glaube“ fuhr Leonidas Stapelmann fort, „Du thäteſt deshalb am beſten, wenn Du Dich zu Bette legteſt.“ „Ja, ja“ ſagte der Alte noch einmal. „Jetzt gleich, Peter Knauſt.“ Da ſah Peter Knauſt den Großſprecher und Auf⸗ ſchneider mit dem vollen finſtern Ernſte ſeines Geſichts drohend an und ſprach: „Höre, Jvachim oder Leonidas Stapelmann, Du haſt in Deinem nichtsnutzigen Leben viele Leute be⸗ logen und betrogen; mit mir wird es Dir nicht gelingen. Beinahe hätteſt Du es fertig gebracht, aber jetzt iſt es ein⸗ für allemal vorbei. Eine Viertelſtunde laſſe ich Dir noch Zeit, Dein Bauchgrimmen zu verlieren. Haſt Du es dann noch, ſo — Du kennſt mich aus alter Zeit, Leonidas Stapelmann.“ Damit ging er. 198 Leonidas Stapelmann ſetzte ſich auf eine alte Bank, die unter dem Fenſter ſtand. „Was nun?“ fragte er ſich. „Alſo eine Viertel⸗ ſtunde noch! In fünfzehn Minuten kann ein geſcheidter Menſch fünfzehn geſcheidte Einfälle haben.“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär & Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. Von J. D. H. Temme erſchien ferner in meinem Verlage: Der Domherr. Hiſtoriſcher Roman. Vier Bände. Preis 2 Thlr. 20 Agr. Ueber dieſen ausgezeichneten Roman des hochbegabten und beliebten Schriftſtellers urtheilt eine Recenſion des „Bund“ fol⸗ gendermaßen: Seitdem in neueſter Zeit die deutſche Entwicklung ein etwas lebhafteres Tempo angenommen, tritt das Beſtreben nach hiſtoriſchen Rückblicken mit Beziehungen zur Tagesgeſchichte immer entſchiedener in der Romanliteratur hervor. Auch die Dichter markiren den kräftigen Schritt der Zeit und geben uns in ihren Werken ein Spiegelbild der Ideen und Beſtrebungen, welche die Gegenwart bewegen. Der Autor des „Domherrn“ iſt ſchon als bewährter politiſcher Charakter dazu berufen, der eben aufkommenden neuen Gattung in der erzählenden Literatur, dem poli⸗ tiſchen Roman, die Bahn zu ebnen; das ungewöhnliche Darſtellungstalent, dem er ſeinen Leſerkreis verdankt, kommt ihm dabei in hohem Maße zu ſtatten. Der „Domherr“ beginnt mit dem Echo der gewaltigen Schlachten, welche auf der bel⸗ giſchen Ebene das Schickſal Napoleon's für immer entſchieden und in deren Folge die trübe Zeit der Reſtauration ſich mit bleiernem Druck über Europa lagerte. Der Roman ſpielt auf der rothen Erde und ſchildert in kräftigen Zügen die Feind⸗ ſeligkeit des zähen Weſtfalen gegen die neue preußiſche Zwangsjacke, ſeinen Widerwillen gegen das hochmüthige Beamtenthum und die emporkommende Junker⸗ herrſchaft, die Enttäuſchung der Jugend, welche, ſieggekrönt aus Frankreich zurück⸗ kehrend, ein einiges, freies Deutſchland anzutreffen hoffte und überall einem ſtrengen despotiſchen Polizeiſtaat begegnete, welcher Würden und Aemter an ſchlaue, ränke⸗ volle Höflinge vergab und die verdienteſten Patrioten ins Elend oder gar in den Kerker ſtieß. Der Gang des Romans iſt dramatiſch lebendig, die Handlung ſpannend, ein Vorzug, der allen Schriften deſſelben Autors zuzuſprechen iſt, vor deſſen unwandelbarer Jugendfriſche mancher jüngere Dichter erröthen dürfte. cLeipzig, Ernſt Julius Günther. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipig: (Juni 1869.) Mäte und Krone. — Roman in fünf Vänden von Herman Schmid. Preis 4 Thaler. Serman Schmid, deſſen erzählende Schriften bereits zu den Lieblingsbüchern jedes deutſchen Hauſes gehören, hat hier zum erſten Male ein größeres Werk ge⸗ ſchaffen, in welchem die ebenſo ſpannenden als ergreifenden Gemüths⸗ Vorgänge und Begebenheiten, welche er ſo trefflich zu ſchildern weiß, nicht, wie im „Kanzler von Eyrol', „Friedel und Oswald“ oder „Im Morgenroth““, die Geſchichte, oder wie in „Schwalberl“ oder „Almenrauſch und Edelweiß“, Volksleben und Volks⸗ ſitte der Berge zum Hintergrunde haben. Der Leſer wird hier in die Gegenwart — oder doch in die neue Zeit verſetzt und alle großen Fragen, an deren völliger Löſung die Menſchheit noch jetzt wie vor Jahrhunderten leidet, ſind es, die der Dichter in erſchütternden, bedeutſamen und lebensvollan Bildern an ihm vor⸗ über führt. Dennoch iſt das Buch durchaus kein Tendenzroman, ſondern eine dichteriſche Schöpfung, die wie jedes echte Kunſtwerk nur an und für ſich und nur durch ſich ſelbſt gelten und wirken will; das Allgemein⸗Menſchliche, was ſich darinnen begibt und das zu allen Zeiten wahr bleibt, iſt Sinn und Zweck der Dichtung, und die umgebende Welt iſt nur zum ſinnigen Träger 4 und ſtofflichen Ausdruck benutzt. Soll etwas von dem Grundgedanken des Werkes angedeutet werden, ſo iſt es der, daß es eine Art Fortſetzung des in 3 Marquis Poſa und Don Carlos angeregten Gegenſatzes zwiſchen Fürſt und Bürger 4 bildet, daß aber, weil beide dazu kommen, ihre Freundſchaft wie ihre Ideale und die Wahrhaftigkeit beider im wirklichen Leben erproben zu ſollen, der Gegen⸗ ſatz zu dem in ihm liegenden vollen Conflict ausgearbeitet und zur reinſten Löſung durchgeführt iſt. Wir ſind gewiß, daß dieſer Roman Herman Schmid's mit dem gleichen Beifalle wie ſeine frühern Romane und Erzählungen aufgenommen werden und ebenſo, daß er von keinem derſelben an Einheit des Baus, Mannich⸗ faltigkeit und Pracht der Ausführung, wie an ſpannender Lebendigkeit über⸗ troffen wird. — 2 —