4, 23 ——— Leihbibliothet und franzöſiſcher Literatur 8 von . 3 Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Pibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme * — uches wird von eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: S 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: — — 6 Bücher: 1 Mk. 50 Pf. 2 Mi. — Pf. auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 3 2 „ — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. , — „zerriſſene, verlorene und = —— 2 —— ———— —— . Der Domherr. Hiſtoriſcher Roman von J. D. H. Temme. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. Erſtes Kapitel. Alte Erfahrungen über die alte Lehre von dem Danke der Welt. Die Saiſon zu Hofgeismar ſtand in ihrer vollſten Blüte. In dem hübſchen, freundlichen Bade herrſchte ein größeres und reicheres Leben als in manchen Jahren vorher. Das deutſche Land hatte ſeit einem Jahre Ruhe; das Volk, befreit von dem fremden Drucke, hatte begonnen, in und zu einem neuen, friſchen und freien Leben auf⸗ zuathmen. Wenigſtens zu einem freien Leben, in der Hoffnung, die ihm dazu gemacht war; und in der Be⸗ geiſterung, von der damals das Volk, das Throne und Land befreit hatte, noch getragen wurde, war ihm die Hoffnung ſchon das Leben ſelbſt. Einzelnen war freilich ſchon nach kaum einem Jahre manche Illuſion zerſtört worden. Die Menge aber lebte noch in ihrer Begeiſterung, in ihrer Hoffnung, in ihrer Freude. So waren auch die deutſchen Bäder im Sommer 1816 wieder gefüllt. Temme, Der Domherr. MHI. 1 2 Mancher Verwundete und Kranke, der ſich ſeine Wunden und ſein Siechthum in den Kämpfen, Schlachten und Strapazen der Feldzüge geholt hatte, war da. In Hofgeismar war auch wieder der Domherr von Aſchen. Er hatte ſein altes Quartier wieder bezogen, die alten Bekannten wiedergefunden; er war ſchon in Ovelgönne, an der Dahlheimer Sägemühle geweſen; er hatte freilich weder dort noch hier Alles ſo gefunden, wie die Lieben, die er wiederfand, und wie er ſelbſt es hätte wünſchen mögen; aber er ſelbſt hatte ſich ja nie die Illuſionen gemacht, die jenen jetzt genommen wurden, oder deren Zer⸗ ſtörung ſie noch erſt fürchteten oder auch nicht fürchteten. Außerdem war er nicht der Mann, den der Verluſt einer Hoffnung, auch bei Andern, hätte unglücklich machen können. So lebte er in dem Bade und in ſeinem alten Quartiere in ſeiner ruhigen und zufriedenen Weiſe fort; und er hatte ſchon vier Wochen ſo gelebt. Da ſollte ihm doch in ſeine Ruhe eine Störung hineintreten. Es war noch ziemlich früh am Morgen, als ſein alter Diener ihm einen Brief brachte. „Von Ovelgönne, Euer Gnaden. Der kleine Bern⸗ hard brachte ihn.“ „Soll warten!“ Der Bediente ging. Der Domherr las den Brief. „Lieber Onkel Florens! Dürfte ich Dich dringend bitten, recht bald zu mir zu kommen; wenn es Dir möglich wäre, noch im Laufe des heutigen Tages. Ich bedarf Deines Rathes, Deiner Hülfe; ich nicht allein. Deine Karoline.“ „Hm“ ſagte der Domherr, „das muß ſehr dringend ſein, und verzwickt und verzwackt dazu. Das Mädchen hat doch ſonſt ſelbſt Rath, und auch einen reichen Schatz von Hülfe trägt ſie in ſich, für ſich wie für Andere.“ Er klingelte ſeinem alten Johann. „Bernhard ſoll zurückſggen, daß ich komme, gleich nach Mittag. Du kannſt mir das Eſſen eine Stunde früher beſtellen und dann den Wagen.“ Johann ging wieder. Er war aber kaum eine Minutt fort, als an die Thür geklopft wurde. „Herein!“ rief der Domherr. Er hätte es nicht zu rufen brauchen. Die Thür war ſchon aufgemacht, es trat ſchon Jemand in das Zimmer. „Guten Morgen, Onkel Florens!“ „Alle Wetter! Guten Morgen, Gisbert! Woher kommſt Du denn?“ „Von Göttingen.“ „Und was macht Dein Arm?“ „Gut.“ „Und Deine Frau?“ „Ich ſuche ſie.“ „Was? Gisbertine?“ ₰ i ſie ſort „Ich ſuche ſie ja.“ „Davongelaufen? Wieder einmal?“ „Das vorige Mal war ich gegangen, Onkel Florens!“ „Za, ja, das eine Mal Du, das andere Mal ſie! Eine ſchöne Ehe! Aber ich hatte es ja vorhergeſagt. Auch in Göttingen ſah ich es, ſchon am erſten Tage.“ 3 „Ich auch!“ „Teufel, Burſche — Aber Du ſuchſt ſie bei mir?“ „Nachdem ich ſie anderswo nicht finden konnte. Sie iſt alſo auch nicht hier?“ „Nein.“ „Und Du weißt nichts von ihr?“ „Kein Sterbenswort.“ „Du haſt auch keine Ahnung, wo ſie ſein könnte?“ „Nicht die allermindeſte.“ „Adieu, Onkel Florens!“ „Junge, was fällt Dir ein?“ „Ich will fort, weiter.“ „Deine Frau zu ſuchen?“ Ja. „Aber Du biſt ja kaum gekommen!“ „Vor drei Minuten.“ „Alle Wetter, Du haſt Eile. Aber da fällt mir etwas ein.“ „Es betrifft Gisbertine?“ Dem Domherrn war wirklich etwas eingefallen, der Brief Karolinens, deſſen dringlicher Inhalt; Karoline hatte auch von Andern geſchrieben, die ſeines Rathes und ſeiner Hülfe bedürften. „Gisbertine könnte hier ſein“ ſagte er. „Hier im Bade?“ „Wenigſtens in der Nähe.“ „Wo?“ „Ich habe Dir von Ovelgönne und Karoline Lohr⸗ mann erzählt —“ „Dort?“ Der junge Freiherr wollte fort. Der Domherr hielt ihn zurück. „Junge, welch ein Geiſt iſt denn in Deine träge Natur gefahren? Vor Jahr und Tag, wenn Dir Deine Frau fortgelaufen wäre, wärſt Du ihr kaum nach⸗ gefahren; und hätteſt Du es gethan und wärſt hierher zu mir gekommen, Dein Erſtes wäre geweſen: Onkel Florens, Du haſt noch Platz auf Deinem Sopha da, und nun laß mir einen Kaffee machen. Was iſt es denn jetzt mit Dir? Hat ſie es Dir endlich angethan, die Gisbertine? Oder was iſt es ſonſt?“ „Du wollteſt von Ovelgönne ſprechen, Onkel Florens“, ſagte der junge Freiherr. „Ich? Ich habe Dir von dort gar nichts zu ſagen. Ich habe nur Vermuthungen, und ich fahre heute Nach⸗ mittag hin. Da kannſt Du mitfahren. Unterdeß er⸗ zähle mir.“ „Wovon?“ „Von Göttingen, von Gisbertinen.“ „Sie konnte es bei mir nicht mehr aushalten.“ „Hm, Du nannteſt ſie ja Deinen Engel.“ „Sie war es eine Zeit lang.“— „Und ſie ſchwur, es Dir immer zu ſein.“ „Ja, und ihr Schwur war ihr Unglück.“ „Ich hatte es gedacht. Aber erzähle.“ „Es ſtecken zwei Naturen in ihr, Onkel.“ „Mein Freund, die ſtecken in jedem Menſchen, nud eine bekämpft ſtets die andere.“ „So iſt es mit Gisbertinen. Ihr Herz iſt heute weich wie Wachs und morgen wild wie der Sturm, der durch die Haide fährt.“ di —— „Du biſt poetiſch geworden, wie ich ſehe.“ „In der weichen Stunde ſchwur ſie mir. Als dann der Sturm in ihr losbrach, war der Schwur eine Schranke mehr, die durchbrochen, niedergeworfen werden mußte; der Sturm wurde deſto wilder, unbändiger.“ „Ich ſchenke Dir Deine Bilder; erzähle Thatſachen.“ „Die Thatſachen waren einfach. Ich genas ſchnell unter ihrer Pflege, ihrer Liebe. Ach, Onkel — ja, Onkel, ſie war noch nie ſo liebevoll gegen mich geweſen; ſie hatte mir noch nie ſo ihr ſchönes, edles Herz, ihren klaren, reichen Geiſt gezeigt. Und erſt jetzt, erſt ſeitdem liebe ich ſie, ich kann Dir nicht ſagen, wie. Und auch ſie mich. Ja, auch ſie mich; ſie ſchwur es mir.“ „Ah, noch ein Schwur?“ „Er ſprach die Wahrheit, Onkel. Sie war früher auch mit ihrer Liebe in einem ſteten Kampfe geheen Sie lebte jetzt ganz ihr, mir. Da war ich gensſen. „Und wohin nun?“ fragte ſie mich. „Leben wir hier nicht glücklich, Gisbertine?“ „Gewiß.“ „Warum wollen wir denn fort von hier?“ Das war ihr wohl ſchon zu viel. „Warum ſollen wir bleiben?“ fragte ſie. „Ich ſprach ja nicht von ſollen, Gisbertine.“ Damit hatte ich Alles verdorben. „Aber Du meinteſt es“, rief ſie. „Ich ſoll hier die Studentenfrau ſpielen.“ „Gisbertine, welch ein Gedanke!“ „Und mit einer Aufwärterin um Deine Liebe riva⸗ liſiren! Mit einem leichtfertigen Ding, dem Du, Gott weiß was, in den Kopf geſetzt haſt! Denn das Herz des armen Geſchöpfs haſt Du auch auf Deinem Gewiſſen. Aber —“ „Gisbertine, Gisbertine, ſchwurſt Du mir nicht —“ „Ha, das iſt es! Durch meinen Schwur bin ich Deine Sklavin geworden, meinſt Du, bin ich Dir von neuem verkauft, habe ich ſelbſt mich Dir Ich laſſe mich nicht tyranniſiren.“ Sie ſprang auf und verließ das Zimmer. Ich ging ihr nach. Sie war zu mir in meine Woh⸗ nung gezogen. Sie ließ mich nicht zu ſich. Sie hatte ſich eingeſchloſſen. Am Abend wird es vorbei ſein, dachte ich. Ich machte eine Promenade. Als ich zurückkam, war ſie fort, mit Extrapoſt abgereiſt; ihre Kammerjungfer, ihre Sachen hatte ſie mitgenommen. Wohin ſie war, wußte Niemand. Sie hatte kein Billet, keinen Gruß für mich zurück⸗ gelaſſen. Sie hatte von Niemand Abſchied genommen, Niemand mehr geſprochen. An Gretchen hatte ſie durch ihre Jungfer ein reiches Geldgeſchenk geſchickt. Zum Dank, daß ſie mich ſo treu gepflegt habe, hatte ſie ihr dabei ſagen laſſen. Ob im Ernſt oder aus Jronie? Das arme Ding hatte es als Ernſt aufgenommen. Sie weinte bitter⸗ lich vor Dank, vor Rührung und vor Scham. Jo, Onkel Florens, auch vor Scham, hauptſächlich vor Scham. Und es war keine Jronie Gisbertinens geweſen, es war, magſt Du von ihr ſagen, was Du willſt, es war ihr edles und klares Herz. Gretchen war auf einmal zur Einſicht, zur Selbſterkenntniß gekommen. Ich war wohl zu freundlich gegen ſie geweſen, und da hatte ſie ſich ſelbſt — nicht ich ihr — etwas in den Kopf geſetzt. Und auch in mir wurde es klarer. Das Mädchen und ich waren uns von dem Augenblicke an fremder geworden. Ihre Mutter brachte mir den Koffee, ordnete die Zimmer, und ich ſah lieber die alte Frau als das Kind. Und als ich dann abreiſte, gab ich dem Kinde eine Ausſtattung. Ich reiſte aber ab, nachdem ich acht Tage vergeblich auf eine Nachricht von Gisbertinen gewartet hatte. So bin ich hier.“ „Und mit größerer Liebe im Herzen als früher?“ fragte der Domherr. „Ja!“ ſagte der junge Freiherr offen. „Erſt jetzt liebe ich ſie recht.“ 10 „Du ſagteſt es ſchon. Und ein junges Herz ſagt es oft. Aber laß mich an die Phraſe eine praktiſche Frage knüpfen.“ „Es iſt keine Phraſe, Onkel!“ „Um ſo ſchlimmer“ ſagte der Domherr. „Denn was ſoll nun weiter werden, wenn Du Gisbertine nicht wieder⸗ findeſt?“ „Ich muß ſie wiederfinden — mit Deiner Hülfe, Onkel Florens.“ „Hm, und was ſoll werden, wenn Du ſie wieder⸗ findeſt? So wie ſie iſt, wird ſie Dir nach vielleicht ein halbes Dutzendmal davonlaufen, und ſo wie Du nun biſt, wird Deine Liebe zu ihr heißer und brennen⸗ der werden, ſie aber — ich kenne die Frauen, Gis⸗ bert, wenn ich gleich Domherr bin, und ich kann Dir ſagen daß in dem Herzen einer Frau, die ihrem Manne zweimal — Dir zu Liebe will ich dreimal ſagen — die alſo zum dritten Male ihrem Manne entlaufen iſt, keine große Liebe zu dem Manne inehr gefunden werden kann; denn in der Bibel ſteht doch nicht umſonſt: Und er ſoll Dein Herr ſein! Die Liebe der Frau muß auf Hoch⸗ achtung gegründet ſein und durch Hochachtung feſtgehalten werden, und ein Mann, der ſeine Frau dreimal nicht hat bei ſich halten können — ſoll ich den Schluß vollenden, Gisbert?“ 11 Gisbert antwortete nicht. Er ging mit großen Schritten in dem Zimmer herum. Der junge weſtfäliſche Freiherr, der geborene Erbe eines alten, angeſehenen, ſtolzen Namens, der frühe Erbe und Eigenthümer großer, reicher Güter, war erzogen und gebildet, wie er ſelbſt hatte erzogen und gebildet werden wollen. Strenge war nie an ihn herangetreten, auch bis zu ſeiner Heirath kein Ernſt des Lebens. Da war denn ſeine in ihrer Anlage bequeme Natur nie aus ihrer Bequemlichkeit herausgetreten, und er hatte die Dinge, die kamen, ohne viel darüber nachzudenken, leicht auf⸗ genommen, wie Bequemlichkeit und Trägheit ſie gern aufnimmt. So war er im Jahre 1813 nicht in den Krieg gezogen, als Gisbertine es nicht wollte; ſo ergriff er im Jahre 1815 die Waffen, als Gisbertine ihn höhnte, daß er in dem ruhigen und ſichern Hort ſeines weſtfäliſchen Schloſſes bleibe. Das eine wie das andere Mal wollte er eben dem augenblicklich Unangenehmen ent⸗ gehen, war es ihm unbequem, einen Widerſtand entgegen⸗ zuſetzen. Die Liebe hatte ihn jetzt endlich aufgerüttelt. Er hatte Recht, und es war keine Phraſe, er liebte ſeine Frau erſt jetzt mit jener heißen, brennenden Liebe, die nicht träge die Hände in den Schooß legen kann, die immer unaufhaltſam treibt und ſpornt, bis ſie ihr Ziel erreicht. Und dieſe Liebe hatte ihn ſich ſelbſt er⸗ 12 kennen gelehrt, wie das reiche Geldgeſchenk das arme Gretchen. „Onkel“ rief Gisbert, „ich muß Gisbertine wieder⸗ finden. Jetzt nur das!“ „Zetzt werden wir zuerſt zu Mittag eſſen“, ſagte der Domherr. Der lebhafte Domherr und der bequeme junge Frei⸗ herr hatten ihre Naturen oder ihre Rollen gewechſelt. Sie aßen aber doch noch nicht ſogleich zu Mittag. „Onkel Florens“ ſagte der Neffe, „es iſt noch ein anderer armer Teufel hier, dem die Frau entlaufen iſt.“ „Was geht das mich an?“ „Mahlberg.“ „Ah, ah, und was will er?“ „Das wird er Dir ſelbſt ſagen.“ Der junge Freiherr ging, und nach wenigen Minuten trat der Freund herein, der mit ihm von Göttingen gekommen war. Er und der Domherr begrüßten ſich ſchweigend. Der Domherr kannte ja das ganze ſchwere Leid des braven Mannes. Der Regierungsrath Mahlberg war der kurz und ſchnell entſchiedene Mann. „Herr Domherr, Sie haben ſich meiner Frau an⸗ genommen. Meinen Dank dafür habe ich Ihnen ſchon 13 ausgeſprochen. Darf ich mir jetzt eine Bitte an Sie erlauben?“ „Theilen Sie ſie mir mit, braver Freund.“ „Sie iſt die, mir den Aufenthalt meiner Frau zu nennen. Sie verweigerten es mir bisher.“ „Warum wollen Sie ihn wiſſen?“ „Ich muß mich mit meiner Frau in Verbindung ſetzen.“ „Mündlich oder ſchriftlich?“ Mahlberg ſann nach. Er hatte die Frage wohl nicht erwartet. „Briefe könnte ich beſorgen“, warf der Domherr unterdeß hin. „Mündlich“, ſagte Mahlberg. „Nein“ war die kurze Antwort des Domherrn. „Es iſt nothwendig, Herr Domherr.“ „Für wen?“ „Für meine Frau wie für mich.“ „Hm, mein Freund, beantworten Sie mir eine Frage. Sie lieben Ihre Frau noch?“ a „Und was ſoll nun werden, wenn Sie Ihre Frau wiederſehen?“ „Ich habe ihr Vorſchläge für unſere beiderſeitige Ruhe und Zukunft zu machen.“ 14 „Aber was ſoll dann werden? frage ich. Ehe Sie mir darauf antworten, noch eins. Ihre Frau liebt auch Sie noch.“ Mahlberg nickte ſtumm. „Und nun, wenn Sie ſie wiederſehen, können zwei Dinge paſſiren, nur die zwei. Sie nehmen Zhre Frau wieder auf oder Sie nehmen ſie nicht wieder auf. Wozu ſind Sie entſchloſſen?“ Mahlberg wollte ſofort antworten; ſein Entſchluß ſchien hier feſtzuſtehen. Der Domherr kam ihm zuvor. „Ueberlegen wir. Wenn Sie ſie nicht wieder auf⸗ nehmen, warum dann ein Wiederſehen, eine Entſagungs⸗ ſcene, die Ihnen beiden das Herz brechen muß? Ihre Frau — ich ſah ſie noch vor acht Tagen — lebt jetzt ruhig in dem Gedanken der unabweisbaren Nothwendig⸗ keit der Trennung von Ihnen. Ein Wiederſehen, zumal wenn es von Ihrer Seite ausginge, würde ihre Ueber⸗ zeugung von dieſer Nothwendigkeit erſchüttern, ihr ihre Ruhe nehmen. Wollen Sie ſich aber wieder mit ihr vereinigen, dann würden zwei ſchwere Fragen eintreten. Zuerſt würde man Sie nach den Standesbegriffen von der Ehre aus dem Offizierſtande ausſtoßen. Würde ein ſo tapferer Offizier das verſchmerzen können? Aber es wäre das geringere Uebel. Das weit größere und ſchwerere 5 — wäre, Ihre Frau würde Ihre Sklavin werden, und das ſteht weder in der Bibel, noch taugt es im Leben. Zetzt antworten Sie mir.“ Aber jetzt antwortete Mahlberg nicht. Er war wohl mit ſeinem Entſchluſſe fertig geweſen; aber manche Menſchen faſſen Entſchlüſſe, ohne vorher Alles reiflich zu überlegen; brave Menſchen können aber nachher, auch wenn ſie die feſteſten und entſchiedenſten ſind, bei einer beſſern Ueberzeugung auch andern Sinnes werden. „Herr Domherr“ ſagte Mahlberg, „darf ich jetzt eine andere Bitte an Sie richten?“ „Heraus damit!“ „Ich wollte meiner Frau die gerichtliche Scheidung vorſchlagen. Dieſe ſollte in der Art ſtattfinden, daß meine Frau nicht compromittirt würde und daß ſie zugleich immer rechtlich von mir ihr ſtandesmäßiges Auskommen erhielte. Dazu müßte ich für den ſchuldigen Theil erklärt werden, und hierfür müßten vorher beſtimmte Verab⸗ redungen zwiſchen uns ſtattfinden. Das ſollte der Zweck meines Wiederſehens mit ihr ſein. Wollen Sie die Güte haben, die Unterhandlung darüber mit ihr zu führen?“ Der Domherr war verlegen geworden. om, hm, lieber Herr, das iſt ein verzweifeltes Anſinnen. Ich bin Geiſtlicher. Die Kirche ſieht die Ehe 16 als ein Sakrament an, als etwas Unauflösliches. Und ich ſoll Ihr Scheidungsagent werden!“ „Meine Frau und ich ſind proteſtantiſch, Herr Dom⸗ herr!“ „Alle Wetter, deſto ſchlimmer! Nur bei Euch eben tann die Ehe getrennt werden, nicht bei uns. Und doch iſt auch Eure Ehe eine chriſtliche. Und eine chriſtliche Ehe ſoll nicht getrennt werden.“ „Auch nicht, wenn ſie ſchon innerlich getrennt, zer⸗ riſſen, nichtig iſt?“ „Redensarten! Wer kann das ſagen? Wer kann ſich vermeſſen, das zu ſagen? In der Schweiz haben ſie ein Strafgeſetzbuch, in dem ſteht: Ein unverbeſſerlicher Dieb ſoll gehängt werden. Heißt das etwas? Welcher Menſch iſt unverbeſſerlich? Welcher Richter will da einen Mord auf ſich nehmen? Ja ja, einen Mord!“ Der Domherr hatte ſich faſt in Eifer geredet. Der Grund? „Herr Domherr“, ſagte Mahlberg, „Sie ſprachen es vorhin ſelbſt aus, daß meine Frau und ich niemals wie⸗ der als Ehegatten zuſammenleben könnten, leben dürften!“ „Ich war ein Narr!“ rief der Domherr. Damit hatte er freilich ſeine geiſtliche Ueberzeugung gerettet. Denn dieſe und nicht ſeine äußerliche kirchliche Stellung war es bei dem braven, ehrlichen Mann, was 17 ihn in den Conflict mit ſich ſelbſt gebracht hatte. Aber er wußte dieſen zu löſen. „Ich will mit Ihrer Frau ſprechen“ ſagte er. „Und ihr Alles ſagen, was ich Ihnen ſagte?“ „Zum Kukuk, ja. Aber auch Alles, was ich Ihnen ſagte!“ „Sie ſind ein Mann von Ehre und Gewiſſen, Herr Domherr!“ „Hm, hm, Gewiſſen?“ „Aber nun noch eine Bitte, Herr Domherr.“ „Noch eine?“ „Nennen Sie mir jetzt den Aufenthalt meiner Frau. Ich will ſie nicht ſprechen. Ich möchte ſie nur ſehen, nur noch einmal.“ „Ohne daß ſie Sie ſieht?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Hm, wir ſind alle ſchwache Menſchen. Ihre Frau iſt hier in der Nähe, in Ovelgönne. Ich muß heute Nachmittag mit dem Gisbert hinfahren. Wollen Sie uns begleiten?“ „Ich werde zum Abend nachkommen.“ „Sie haben Recht; es iſt ſicherer. Aber zu Mittag eſſen Sie mit uns.“ Das nahm Mahlberg an. „Noch eins“ ſagte der Domherr. „Hinter dem Herren⸗ Temme, Der Domherr. III. 2 18 hauſe zu Ovelgönne liegt ein Garten, hinter dem Garten ein Birkenwäldchen. Seien Sie, wenn es völlig dunkel geworden iſt, in dem Wäldchen. Sie werden es ſchon finden.“ „Sie wollen?“ fragte Mahlberg. „Ihnen nichts verſprechen.“ Sie aßen zu Mittag. Dann fuhren der Domherr und der Neffe nach Ovelgönne. „Aber, Gisbert“ ſagte der Domherr unterwegs, „hatte Gisbertine in der Sache nicht Recht?“ „Was willſt Du damit ſagen, Onkel?“ „Daß ſie keine Studentenfrau ſpielen wollte!“ „Ich will ihr ja Alles abbitten, wenn ich ſie nur wiederfinde.“ „Hm, Gisbert, um ſie dann ſchon nach drei Tagen wieder in die Flucht zu jagen? Gisbertine iſt eine kleine Widerbellerin, wie Du ihr ja ſchon vor der Hochzeit geſagt hatteſt. Durch ſolches Abbitten würdeſt Du ſie am wenigſten zähmen.“ „Muß ſie gezähmt werden, Onkel?“ „Ich denke, Du hatteſt ihr auch das ſchon geſagt.“ „Ja. Aber jetzt —“ „Sei es nicht mehr nöthig, meinſt Du? Zetzt müßte es erſt recht ſein. Aber ich will Dir etwas ſagen. Eine Frau, die beſte wie die ſchlechteſte, zähmt kein Menſch, 19 wenn ſie ſich nicht ſelbſt zähmt. So wird es auch mit Deiner Frau ſein, ſie wird ſich ſelbſt zähmen.“ „Aber wann wird das ſein?“ „Wenn es auch in ihr zum Durchbruch kommt, wie es jetzt bei Dir dazu gekommen iſt.“ „Du meinſt, wenn ſie mich ſo recht liebte, wie ich ſie jetzt liebe.“ „Das meine ich nicht. Sie liebte Dich, wie nur ein Herz lieben kann; das ſah man in Göttingen. Aber der Durchbruch kommt in dem einen Menſchen ſo, in dem andern anders.“ „Und wie in Gisbertinen?“ „Wer kann ein launenhaftes Weib meſſen?“ „Aber heilen kann die Liebe ſie!“ „Wieder eine Phraſe!“ „Du kennſt die Liebe nicht, Onkel Florens!“ „So, Burſche? Du meinſt, weil ich dieſes Kreuz trage?“ Gisbert hatte nach dem Kreuze des Domherrn ge⸗ blickt. „Wer nimmt ſein Kreuz auf ſich: Wer nahm das Kreuz auf ſich, das uns das Symbol des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, vor allem der Liebe iſt? Hat je einer mehr geliebt?“ Der Neffe wollte den Onkel auf die Worte anſehen. 20 Der Domherr fuhr wieder ruhiger fort: „Aber ich will Dir etwas Anderes ſagen. Es gibt ein Univerſalheilmittel für Frauen in der Welt; das iſt die Liebe der Mutter. Durch Herz und Mund und Augen der Kinder ſpricht Gott. Ob freilich auch bei ihr?“ „Wie?“ rief Gisbert. „Wie, Onkel Florens?“ „Was macht Dein Freund Franz Horſt?“ fragte der Domherr. „Onkel —“ „Was macht Franz Horſt?“ „Er ſtudirt fleißig.“ „Er iſt ein Prachtmenſch.“ „Und er wird ſeine Carrière machen, Onkel Florens; aber —“ „Mein Freund, ſeit wann machen Prachtmenſchen bei uns eine Carriere? Was wird zum Beiſpiel aus dem braven Mahlberg werden?“ „Onkel Florens, Du ſprachſt ein Wort aus —“ „Ja, Freund Gisbert, das aber auf den armen Mahl⸗ berg nicht paßt. Ihn rettet gar nichts mehr, keine Liebe, keine — aber was iſt denn das?“ „Ein allerliebſtes hübſches Mädchen, Onkel Flo⸗ rens.“ „Und wahrhaftig, es iſt die Braut.“ 21 „Welche Braut, Onkel?“ Der Domherr antwortete nicht. Ein allerliebſtes hübſches Mädchen ging auf der Landſtraße vor ihnen her. Sie trat zur Seite, den Wagen vorbei zu laſſen. Da hatte der Domherr ſie erkannt. „Halt, Kutſcher!“ rief er. Der Kutſcher hielt. „Wohin des Weges, Mamſell Henriette?“ fragte der Domherr das Mädchen. Auch ſie erkannte ihn. „Nach Ovelgönne, Euer Gnaden.“ „Ei, da fahren Sie mit uns. Gisbert, ſteig aus. Hilf der Mamſell in den Wagen.“ Der junge Freiherr mußte ausſteigen. „Ich bitte“, ſagte er zu dem Mädchen. Er ſagte es etwas vornehm, ſauerſüß. Das Mädchen, wie allerliebſt hübſch er ſelbſt es gefunden hatte, ſah nur aus wie etwa eine Kammer⸗ jungfer oder Kellnerin oder dergleichen. Und er war doch immer der vornehme weſtfäliſche Edelmann. Aber ſein Onkel hatte befohlen. Die Kellnerin war glühend roth geworden. „Es paßt ſich nicht für mich!“ ſagte die Glut ihres friſchen Geſichts. „Keine Umſtände!“ rief der Domherr. „Oder ſoll ich ſelbſt ausſteigen und Sie hereinholen?“ Sie machte keine Umſtände mehr. „Und hierher an meine Seite!“ ſagte der Domherr. „Du ſetzeſt Dich auf den Rückſitz, Gisbert.“ Auch das mußte ſo geſchehen. Als der Wagen dann weiter fuhr, beantwortete der Domherr die Frage ſeines Neffen. Aber noch nicht ſo⸗ gleich. „Mein Neffe Gisbert von Aſchen“ ſtellte er zuerſt dieſen dem Mädchen vor. Und darauf ſagte er: „Mamſell Henriette Brand, Kellnerin in der Dahlheimer Sägemühle und —“ Dem jungen Freiherrn gab es doch einen kleinen Stich. „Alſo in der That eine Kellnerin!“ ſprach die Röthe, die jetzt ſeine Wangen färbte, die Röthe eines kleinen Verdruſſes. „Und“, fuhr ruhig der Domherr fort, „die Braut eines Kameraden von Dir, des Lieutenants Becker von Deinem Regimente.“ Da war der junge Freiherr doch überraſcht und frendig überraſcht. „Louis Becker iſt Ihr Bräutigam, Mamſell? Mein lieber Freund Louis Becker?“ 23 Die Kellnerin wurde nicht wieder roth. Ihre klaren Augen glänzten ſo glücklich. „Sie kennen ihn, Herr Baron?“ „Wer kennt und liebt nicht den tapfern und treuen Kameraden? Wer in meinem ganzen Regimente wird es jemals vergeſſen können, wie es öffentlich auf der Parade bekannt gemacht wurde, daß der Feldmarſchall ihn auf dem Schlachtfelde wegen ſeines beſondern Muthes zum Offizier ernannt habe? O Manmſell, die Freude, den Triumph aller hätten Sie ſehen, das allgemeine Hurrah hätten Sie hören müſſen!“ Konnte eine Braut ſtolzer und glücklicher werden, als die hübſche Kellnerin es war? „Louis wird ſich ſehr freuen, den Herrn Baron zu ſehen“ ſagte ſie. „Er kommt auch heute nach Ovel⸗ gönne.“ „Hm, Mamſell Jettchen, Sie haben ein Rendezvous mit ihm?“ Der Domherr fragte es. „Die Manſell Lohrmann hat uns beide eingeladen“, antwortete das Mädchen. Der Domherr war aufmerkſam geworden. „Auf heute?“ fragte er. „Zum Tanze!“ „Alle — zum Tanze?“ 24 „Es iſt heute Erntefeſt auf Ovelgönne.“ Der Domherr war nachdenklich, ernſt geworden. Sein Blick war faſt trübe, wie von einer alten Erinnerung. Er ſuchte ſie zu verdrängen. „Hm, hm“, ſagte er für ſich, „dazu hätte ſie auch mich eingeladen? So dringend? Zum Erntefeſt, zum Tanzen bedarf ſie meines Rathes, meiner Hülfe?“ Dann hatte er ſeinen Humor wieder. „Da leugne einer den Teufel und die Erbſünde! Soll ich mich nicht freuen, daß das brave Kind, anſtatt Noth und Sorge, in der ſie meiner Hülfe bedürfte, Erntefeſt und Tanz bei ſich hat?“ DOvelgönne lag vor ihnen. Fröhliche Tanzmuſik tönte ihnen von dem Gehöſte entgegen. Die Pferde liefen raſcher dem Gute zu. „ Der Wagen hielt vor dem alten Herrenhauſe, dem alterthümlichen und wunderlichen, aber um ſo beredtern Zeugen der Pietät ſeiner Herrin gegen ihre Vorfahren. Es lag mit ſeinen grauen Mauern von rohen Feld⸗ ſteinen, mit ſeinen ſchmalen, ſparſam im Zickzack zerſtren— ten Fenſtern darin, mit ſeinem häßlichen dicken runden Thurme noch ganz ſo da wie vor einem Jahre, da der Domherr die Frau Mahler hingebracht hatte, und wie vielleicht ſchon vor ein paar hundert Jahren. 25 Es herrſchte aber auch noch überall, am Hauſe wie in dem ganzen Ovelgönner Thal jene Ordnung, jene Sauberkeit, jenes ganze wohlthuende Weſen einer großen, geregelten, von einer ſichern und tüchtigen Hand geleiteten Gutswirthſchaft, die damals den Domherrn mit Stolz hatten ſagen laſſen: „Meine Karoline iſt hier Herrin!“ Nur jene Stille war heute nicht da. Den Feſttag des Gutes kündigten Tanzmuſik, Gläſerklingen, Scher⸗ zen, Lachen und Singen an. Es war das Alles hinter dem Herrenhauſe. Die Wirthſchaftsgebäude lagen dort im Viereck um einen wei— ten Hof herum. Das Herrenhaus ſelbſt lag doch ſtill da. „Sollte hier dennoch Angſt und Sorge ſein, in denen ich rathen, helfen müßte?“ fragte ſich der Domherr. Er verließ mit ſeinen beiden jungen Gefährten den Wagen. Der Wagen hatte an dem alten dicken Thurme ge⸗ halten, durch welchen der Eingang in das Haus führte. Karoline Lohrmann, die Herrin hier, kam ihnen ent⸗ gegen; an ihrer Seite ging ihr Bräutigam. Auch Karoline war noch, wie vor einem Jahre, ſo ſchön, ſo friſch, ſo anmuthig. Es war nichts eigentlich Belonderes an ihr, aber ihr ganzes Weſen war etwas Beſonderes; es war jene wunderbare, aber ſeltene volle Uebereinſtimmung der Reinheit und des Adels in den Körperformen mit der ſichern und edlen Ruhe eines kla⸗ ren Geiſtes und eines reinen Herzens. So war ſie im⸗ mer; ſo war ſie auch heute. Doch der ſcharfe Blick des Domherrn ſchien heute etwas an ihr zu vermiſſen; in ihrem klaren Auge ſchien ihm ein leichtes Wölkchen, auf ihrer reinen Stirn ein leiſer Schatten zu liegen. Er wollte ſie darauf anſehen. Sie ſtellte ihm ihren Bräutigam vor. Und das Auge des Domherrn ruhte mit Wohlge⸗ fallen, faſt mit Ueberraſchung auf der kräftigen, imponi⸗ renden Geſtalt, auf den markigen und edlen Zügen des Mannes, der ſo einfach in ſeinem Bürgerrock und ohne Orden und Ordensband vor ihm ſtand und doch in ſei⸗ ner Geſtalt, in ſeiner Haltung, in ſeinem Blick, ohne daß er es wollte, den tapfern Soldaten, den heldenmüthigen Vertheidiger des Vaterlandes zeigte. „Mein Bräutigam!“ hatte Karoline nur geſagt. Der Domherr ergriff ſeine Hand. „Seien Sie mir herzlich gegrüßt — nein, nein, laſſen Sie es mich Ihnen ſogleich und geradezu herausſagen, wie ich mich freue, daß das liebſte Herz, das ich auf der Welt habe, einen ſo braven Mann gefunden hat.“ Er ſtellte dann ſeinen Neffen vor. „Ja, ja, Gisbert, mein Junge, ich habe Dich lieb; 27 Du weißt es, wie manchen dummen Streich ich Dir nachgeſehen habe. Aber meine Karoline hier — doch vergeſſen wir ein anderes braves Kind nicht, unſere reiſende Henriette. Henriette Brand, mein Herr Obriſt⸗ lieutenant, die Braut des Lieutenants Becker vom fünf⸗ zehnten Landwehrregiment, wenn Sie von ihm gehört haben.“ „Die Braut Becker's, meines lieben, theuren Freun⸗ des?“ rief der Obriſtlieutenant. Und er hatte beide Hände des Mädchens gefaßt, und Henriettens reizendes Geſicht wurde noch einmal von jener ſchönen Glut des Glückes, des Stolzes und der Verwirrung übergoſſen. Karoline aber nahm ſie in ihren Arm und küßte ſie, um ſie der Verlegenheit zu entziehen. Dann erſt näherte ſie ſich dem jungen Freiherrn, um ihn in ihrem Hauſe willkommen zu heißen. „Herr Baron —“ begann ſie. Aber der Domherr unterbrach ſie. „Gebt Euch die Hände; ſeid Geſchwiſter. Ich hatte einmal an etwas Anderes mit Euch beiden gedacht, aber der liebe Gott hat es für Dich, meine Karoline, beſſer gemacht, und was den Gisbert betrifft — hm, ſeine Kinder wären nicht ſtiftsfähig geworden.“ Sie gingen in das Haus. Auf dem Wege ſchüttelten auch der Obriſtlieutenant und der junge Freiherr einander die Hände. Sie kann⸗ ten einander nicht, aber ſie konnten ſich erzählen, wie ſie in demſelben Schlachtgewühl geſtanden und gekämpſt hatten. „In Dein Stübchen!“ hatte der Domherr auf der Treppe die Herrin des Hauſes gebeten. „Gewiß, Onkel Florens. Ich weiß es ja, wie gern Du da biſt.“ Auch in dem Stübchen Karolinens war es wie vor einem Jahre, und der Domherr hatte es wohl ſchon vor langen Jahren ſo gekannt. „Ah“, ſagte er wieder ſtill für ſich, und er ſah ſich jede Stelle und jedes Möbel darin an und trat wieder an das Fenſter und ſah lange hinaus, und als er ſich dann wieder umwandte, drückte er, wie dankbar, Karolinen die Hand und ſagte leiſe zu ihr: „Du läßt es auch ferner hier ſo, wie es war?“ „Immer, ſolange ich lebe, Onkel Florens.“ Dann hatte er eine Frage an ſie. „Betraf Dein Billet etwas Unangenehmes?“ „Ich hoffe, es war nichts“ ſagte ſie. „Du hoffſt?“ „Nachher, Onkel Florens.“ Er hatte noch eine Frage⸗ O M 29 „Iſt Gisbertine hier?“ Sie ſah ihn verwundert an. „Nein, Onkel.“ „Du haſt auch keine Nachricht von ihr?“ „Nicht die geringſte.“ Die Augen des jungen Freiherrn waren dem Dom⸗ herrn und Karolinen gefolgt. „Es iſt nichts“, antwortete ihm ein Blick des Dom⸗ herrn. Gisbert ſah ſtill vor ſich hin. Dem Domherrn fehlte noch etwas. „Ich ſehe die Frau Mahler nicht, Karoline.“ „Nachher!“ nickte ſie ihm zu. Ihr Blick ſchien trübe geworden zu ſein. Da mußte er ſie doch noch fragen. „Betraf Dein Billet an mich ſie?“ Sie ſchüttelte den Kopf. Er fragte nicht mehr. Sie durften in dem Zimmer Karolinens nicht lange bleiben. „Man erwartet uns auf dem Tanzplatze“, ſagte die Hausherrin. „Seit einer Stunde ſind die Leute dort ver⸗ ſammelt. Sie wollten nicht tanzen, bis ich mit Friedrichs unter ihnen ſei und mit ihnen tanze; es ſei ſo Sitte. Ich ließ ihnen ſagen, daß ich auf meine eingeladenen Gäſte warten müſſe. Sie gaben ſich zufrieden. Jetzt müſſen wir aber zu ihnen. Und Du führſt mich hin, Onkel Florens, wie in frühern Jahren?“ „Wenn kein Einſpruch geſchieht!“ ſagte der Domherr. „Einſpruch? Zch ſoll ja hier die Herrin bleiben!“ Die Herrin des Hauſes lächelte bei den Worten, aber durch ihr Lächeln zog ſich ein leiſer Schmerz. Dann auf einmal ergriff ſie die Hand ihres Bräuti⸗ gams und drückte ſie herzlich und blickte ihm mit dem vollſten Ausdrucke der Liebe in das Geſicht. Der Obriſtlientenant küßte ihre Hand. Sie gingen zu dem Tanzplatze. Der Domherr führte Karolinen, der Obriſtlieutenant die Kellnerin. Aber als ſie auf dem Platze ankamen, mußte der Domherr doch wieder die Braut. dem Bräutigam ab⸗ treten. Das weite Viereck, um welches die Hof⸗ und Wirth⸗ ſchaftsgebäude des Gutes Ovelgönne lagen, war faſt ge⸗ füllt mit fröhlichen Menſchen. Alle Dienſtboten und Arbeitsleute des Gutes, alle Dienſtleute des Thals, die im Laufe des Jahres auf dem Gute oder für das Gut gearbeitet hatten, waren nach alter Sitte heute Gäſte des Erntefeſtes; wer Frau und Kinder hatte, hatte Frau und Kinder mitgebracht. — — ——— —————— 31 In der Mitte des Platzes war ein großes Zelt auf⸗ gerichtet; unter ihm tanzte die Jugend. Die Kinder ſahen zu. Rund umher ſaßen die Andern an langen Tiſchen, bei vollen Bierfäſſern. Als die Herrin mit ihrer Geſellſchaft erſchien, er⸗ hoben ſich alle, die Muſik verſtummte, der Tanz hörte auf. Eine faſt feierliche Stille herrſchte auf dem ganzen Platze. Der älteſte der Männer und die älteſte der Frauen, die da waren, ſchritten auf die Herrin zu. Der alte Mann wollte eine Anſprache an ſie halten. „Aber an Sie und Ihren Herzliebſten, Mamſell!“ ſagte er. Da mußte der Domherr den Arm Karolinens in den des Obriſtlieutenants legen. Und der alte Mann fuhr nun fort: „Manſell, dieſe alte Frau hat ſeit fünfundſiebzig Jahren die Welt geſehen und ich trage an meinen acht⸗ zig Jahren. Wir ſind beide grau und alt auf dieſem Hofe geworden, es iſt uns immer gut hier ergangen. Das haben wir früher Ihren Aeltern und Grofältern gedankt, und in unſern alten Tagen danken wir es Ihnen, und was wir Ihnen danken, danken Ihnen alle 32 die Leute, die hier bei uns ſtehen, und in unſerm und ihrer aller Namen wollten wir Ihnen wünſchen, Mam⸗ ſell, daß Sie und Ihr Herzliebſter ſo alt werden möch⸗ ten wie wir beiden Alten, und daß der Himmel Sie immer möge geſund und zufrieden erhalten und Ihren Ehebund ſegnen mit Kindern und Kindeskindern! Und nun Vivat hoch unſere Manſell und ihr Liebſter!“ Und „Vivat hoch!“ riefen ſie alle auf dem weiten Platze, daß es kein Ende nehmen wollte, und die Muſik ſpielte ihren Tuſch und die Gläſer erklangen an allen Enden. Karoline aber mußte weinen, und ſie wandte ſich nicht ab, um es zu verbergen, und der Domherr ſagte triumphirend zu ihr: „So recht, Du Engelskind! Du gehörſt nicht zu den weichmüthigen Naturen, denen die Thränen loſe ſitzen; wenn Du weinſt, dann darf man es ſehen.“ Aber durch ihre Thränen hatte ſie einen faſt ſcheuen Blick auf ihren Bräutigam werfen müſſen, und der Obriſtlieutenant mußte die Augen niederſchlagen, als wenn er mit ſich kämpfe und der Kampf ihn verlegen mache. „Was haben die Beiden?“ fragte ſich der Domherr. Zu Karolinen trat dann einer der Knechte, der ge⸗ wandteſte der Tänzer und der ſchmuckſte der jungen Burſchen; ſeine Bruſt zierte die Kriegsmedaille und das —. 33 eiſerne Kreuz; er hatte zu den tapfern weſtfäliſchen Land⸗ wehrmännern gehört, deren ſo viele das eiſerne Zeichen ihres Muthes in die Heimat zurückbrachten. „Kann ich die Ehre haben, Manſell?“ bot er ihr ſeinen Arm an. Sie legte glücklich den ihrigen hinein. Ein Mann in reifern Jahren mit der Kriegsme⸗ daille — eine gewiſſe Würde zeigte den Unteroffizier der Landwehr — näherte ſich mit der ſchönſten Dirne des Hofes dem Obriſtlieutenant. „Zu einem andern Tanze als vor einem Jahre mit den Franzoſen, Herr Obriſtlieutenant!“ Der Obriſtlieutenant folgte mit dem ſtolzen Mädchen dem erſten Paare. Der junge Freiherr ſah ſich nach der hübſchen Kell⸗ nerin um. „Mamſell Henriette!“ bat er. Aber ſie hörte ihn nicht. Der Domherr lachte. „Gib Dir keine Mühe, mein Junge; Du kommſt zu ſpät.“ Die hübſche Kellnerin hatte nach dem Herrenhauſe zurückgeblickt, und ihre Augen hatten einen jungen Mann geſehen, der von da näher kam, eilig, als wenn er fürchte, ſich zu verſpäten; und wer das ſtrahlende i der Kell⸗ Temme, Der Domherr. IMI. 34 nerin ſah, der konnte nicht einen Augenblick zweifelhaft darüber ſein, wer der hübſche, behende junge Mann mit dem kecken Geſichte, den blitzenden Augen, den krauſen ſchwarzen Haaren ſei, der ſich da nahte, und was er dem Mädchen ſei. Auch der Domherr hatte es gewußt. Als er näher kam, flog er auf ſie zu. „Zettchen, mein Zettchen!“ Er hatte ihre beiden Hände gefaßt; aber er hatte nicht genug daran; ſeine Lippen wollten ſich auch den ihrigen nahen. Das war freilich ihr zuviel, vor allen den Leuten, vor dem vornehmen Domherrn, dem jungen Freiherrn. „Aber Louis!“ ſagte ſie. Da ſah Louis Becker auch etwas Anderes als die Geliebte. Und der junge Freiherr ſah auch ihn und rief: „Du biſt es, alter braver Kamerad Becker?“ „Und Du, alter Freund Aſchen?“ rief der Andre zurück. „Ja, ja, wir hatten uns beide bisher nur in der Uniform geſehen. Und — alle Wetter, die Uniform machte uns gleich. Wir waren alſo etwas Anderes, als wir jetzt ſind, und ein Kellner und ein Freiherr —“ „Können beide ein paar große Narren ſein“ fiel der Domherr ein. „Und wenn Ihr das nicht ſeid, dann —“ Aber ſie ließen ihn nicht ausreden. 35 „Können treue Freunde bleiben!“ ſagte der junge Freiherr. Und die beiden treuen Freunde lagen ſich in den Armen. Louis Becker ſagte dann: „Und mun ſollſt Du auch mit meiner Braut tanzen. Wie ich Dich nicht erkannte, wollte ich Dir zuvor⸗ kommen.“ Da mußte aber doch der junge Freiherr lachen, wie wenig Lachen auch in ſeinem Herzen wohnen mochte. Er hatte die hübſche Kellnerin angeſehen. Sie machte zu den Worten ihres Bräutigams ein faſt trauriges Geſicht. Alle Eitelkeit, aller Stolz mußte in ihrem braven Herzen vor der Liebe zurücktreten. „Nachher!“ ſagte der junge Freiherr. Und das ſchmucke Paar eilte glücklich und fröhlich dem Tanzplatze zu. Der Domherr und ſein Neffe ſtanden allein. „Hm, und wir beiden?“ fragte der Domherr. „Ich ziehe weiter, Gisbertine zu ſuchen.“ Du wirſt hier bleiben und tanzen.“ „Ich tanzen?“ „Ja, mit den Bräuten Deiner Kameraden. Und auch mit einer Frau.“ 3* 36 Gisbert ſah den Domherrn fragend an. „Die Frau Mahlberg's iſt hier, und ich will ſie Dir holen.“ Der Domherr wollte gehen. Er wurde aufgehalten. Die alten Leute auf dem Platze waren auf ihn zugetreten, umringten ihn, begrüß⸗ ten ihn. Sie kannten ihn alle ſeit vielen Jahren. Sie hatten eine herzliche Freude, ihn wiederzuſehen, und er freute ſich wie ſie. Mit ſeiner herzlichen Freude ging er dann zu dem Herrenhauſe. „Hm“ ſagte er im Gehen, „hat denn das Glück oder das Unglück mehr Freude in ſeinem Schooße? Wie waren wir hier unglücklich! Sie, ich! Sie ruht; der ſtille Friede der Seligen umgibt ſie. Und ſie hatte noch die Frende, die ſchöne Entwicklung ihres lieben Kindes zu ſehen. Und das Kind iſt dieſer Engel geworden, und ich habe dieſe reine Freude an ihr, an Allem hier. Und hat nicht jenes Unglück dies Alles geboren? Wäre ſie denn, die arme Thereſe, mit mir ſo glücklich geworden, wie wir es träumten? In ganz andern Verhältniſſen, für die ſie nicht geboren, nicht erzogen war? In einem fremden Landed Unter andern Menſchen, die ſich über ſie ſtellten, die ſie gar als einen fremden Eindringling glaubten haſſen zu müſſen? Und Karoline? Was — b — 37 wäre ich, wenn ſie nicht wäre? Für ſie allein gebe ich alle Freude hin, die mir hätte werden können, die ich träumte, hoffte. — Hm, da kann ja auch die arme Frau, zu der ich jetzt gehe, künftig noch Glück und Freude er⸗ leben. Der Leiden hat ſie wahrhaftig genug gehabt, und ſie hat ſie noch immer. Und auch Gisbert und Gisber⸗ tine? Aber haben die denn wirkliche Leiden, wirkliches Unglück? Findet denn nicht die eine in ihren Launen, in ihrem Trotz gerade ihr Glück, ihre Befriedigung? Und er? Läßt denn ſein bequemes Weſen ihn zum rech⸗ ten Schmerze gelangen? Er ſei zum Durchbruch ge⸗ kommen, meint er —“ Er wurde noch einmal aufgehalten. Er war um das Herrenhaus herumgegangen, um von vorn auf dem gewöhnlichen Wege durch den runden Thurm hineinzutreten. Als er die Vorderfronte des Hauſes er⸗ reicht hatte, ſah er den Burſchen, der ihm am Morgen den Brief Karolinens nach Hofgeismar gebracht hatte, aus einer Seitenſchlucht des Thals auf das Haus zu⸗ kommen. Der Burſche ging eilig, und als er den Dom⸗ herrn ſah, winkte er dieſem, als wenn er ihm etwas Dringliches mitzutheilen habe. Der Domherr blieb ſtehen, ihn zu erwarten. Der Burſche war Bernhard Henke, der Sohn der armen Bauersleute in Niederhelmern, der Führer der 38 Schmuggler, der in jener Nacht vor etwas länger als einem Jahre durch einen Schuß der Grenzſoldaten in der Schulter verwundet und faſt ſterbend von dem Domherrn und Karoline Lohrmann aufgenommen und nach Ovel⸗ gönne gebracht worden. Er war dort unter der ſorg⸗ ſamſten Pflege geneſen und ſeitdem dageblieben. Der kluge und gewandte Knabe hatte ſich ſchon, wie er kaum wieder von ſeinem Krankenlager ſich erheben und im Hauſe herumgehen konnte, ſo anſtellig gezeigt und war Jedermann im Hauſe ſo zur Hand gegangen, daß man, als er völlig wiederhergeſtellt war, meinte, er ſei unentbehrlich auf Ovelgönne. So war er geblieben, hauptſächlich als Diener Karolinens und der Frau Mahler. Einen ganz beſonders anhänglichen Eifer hatte er aber immer für die ſtille, leidende Frau und ihr Kind an den Tag gelegt; er hatte tauſend Gefälligkeiten für beide. Er war kein Knabe mehr; er zählte bald ſeine ſieb⸗ zehn Jahre, und wenn er auch nicht groß war, ſo ver⸗ rieth ſein ſchlanker Körper in allen ſeinen Bewegungen eine für ſein Alter ungewöhnliche Kraft der Sehnen und Muskeln, und dabei hatte er das kluge Geſicht. Er kam bei dem Domherrn an. „Euer Gnaden, im Walde iſt eine Dame, die Sie zu ſprechen wünſcht.“ „Eine Dame, Burſche?“ 39 „In einem Wagen, Euer Gnaden.“ „Wie ſieht ſie aus?“ „Eine ſehr ſchöne junge Dame. Ich habe ſie ſchon einmal bei Euer Gnaden geſehen.“ „Wo?“ „Auf der Dahlheimer Sägemühle, im vorigen Sommer.“ „Gisbertine?“ fragte ſich der Domherr. „Sie muß es ſein. — Führe mich zu ihr.“ Er gab ſeinen Gang zu der Frau Mahler auf und folgte dem Burſchen quer durch das Thal in den gegen⸗ überliegenden Wald. Unterwegs erzählte der Burſche. Er hatte ſeinen Botengang nach Hofgeismar an den Domherrn dazu benutzt, auf dem Rückwege einen Ab⸗ ſtecher nach Niederhelmern zu machen, um ſeine Mutter und Geſchwiſter zu beſuchen. Auf dem Wege von da nach Ovelgönne war es ihm, als er in die Nähe des Ovelgönner Thals kam, aufgefallen, das Rollen eines Wagens zu hören, der aus dem Thale in einem alten Holzwege in den Wald fuhr. Er war darauf zugegangen. Mitten zwiſchen den Bäumen hatte der Wagen gehalten. Er hatte nur die ſchöne junge Dame darin geſehen. Sie hatte mit dem Kutſcher geſprochen. Auf einmal hatte ſie ihn geſehen und herbeigerufen und nun ihm den Auftrag gegeben, den wohl der Kutſcher hatte ausführen ſollen. „Biſt Du bekannt in Ovelgönne?“ „Ich bin Diener dort.“ „Deſto beſſer. Der Domherr von Aſchen iſt dort Du kennſt ihn?“ „Ich kenne ihn.“ „Gehe hin und bitte ihn hierher zu mir. Zch laſſe ihn dringend bitten; ich habe ihn nothwendig zu ſprechen. Aber noch eins, ich laſſe ihn bitten, ganz allein zu mir zu kommen; und auch Du ſprichſt nur mit dem Dom⸗ herrn und ſagſt keinem Menſchen, was Du hier geſehen haſt. Du ſiehſt mir treu und ehrlich aus; ich verlaſſe mich auf Dich. Hier haſt Du zur Belohnung einen Thaler.“ Sie hatte ihm einen Thaler gegeben; er hatte den Domherrn gerufen. „Gisbertine!“ beſtätigte ſich der Domherr. „Sie ganz und gar! Ob ich umkehre und den Gisbert mitnehme?“ Aber er ging doch weiter. „Bei ihrem Eigenſinn, ihrem Trotz könnte ich Alles verderben.“ Er kam im Walde an, ſah den Wagen, erkannte Gisbertine. Er hieß den Burſchen zurückbleiben. Gisbertine hatte den Kutſcher auf die Seite treten laſſen. 41 Der Domherr und Dame Gisbertine waren allein. „Guten Tag, Onkel Florens!“ „Guten Tag, Gisbertine!“ „Onkel Florens, ich habe Dir etwas WVichtiges mit⸗ zutheilen.“ „Ich auch Dir, Gisbertine. Gisbert iſt hier.“ „Ich weiß es, und darum bin ich gekommen.“ „Ah, ich ſoll Dich mit ihm wieder ausſöhnen?“ „Nein!“ „Dich ohne Ausſöhnung zu ihm führen?“ „Nein; Du ſollſt mich nur ruhig anhören.“ „Sprich!“ „Gisbert iſt in Gefahr.“ „Ja, ja, vor Dir!“ „Lieber Onkel, erweiſeſt Du mir einen Gefallen?“ „Laß hören.“ „Wollteſt Du nicht ſo freundlich ſein, Deine Bemer⸗ kungen bis nachher aufzuſparen?“ „Ich ſehe, ich kann ſie mir ganz erſparen. Erzähle!“ „Onkel Florens, der Staat iſt in Gefahr.“ „Ah, Gefahr an allen Enden!“ „Wenigſtens für gewiſſe Leute, zum Beiſpiel für die Armee, das heißt für diejenigen, die bei uns die Armee ausmachen; ferner für Fräulein Hedwig von Tauben⸗ heim —“ 42 „Wer iſt Fräulein Hedwig von Taubenheim?“ fragte der Domherr. „Die Tochter des Generals von Taubenheim.“ „Und in welcher Gefahr ſchwebt ſie?“ „Nicht Frau Geheimräthin von Schilden zu werden.“ „Gisbertine, erzeigſt Du mir jetzt einen Gefallen?“ „Welcher wäre es?“ „Ernſthaft zu ſprechen und keine Kindereien zu treiben.“ „Lieber Onkel, ich ſprach ſehr ernſthaft, wie Du Dich überzeugen wirſt, wenn ich zur Sache komme, und was die Kindereien betrifft, ſo handelt es ſich allerdings gegen⸗ wärtig noch um erwachſene Leute, obgleich doch auch Mancher darunter ſein wird, der noch nicht einmal Flaum am Kinn hat; ich denke mir aber nach dem Sprichwort: Lappétit vient en mangeant, daß die Zeit nicht fern lie⸗ gen kann, wo auch Kindereien, zum Beiſpiel Kindergärten und Kleinkinderbewahranſtalten, den Staat in Gefahr bringen.“ „Kommſt Du zur Sache, Gisbertine?“ „Ja. In den höhern Regionen der Hauptſtadt ſind zwei Strömungen. Die eine erkennt an, daß Staat und Thron durch Volk und Landwehr gerettet ſind, und will volksthümliche Inſtitutionen und darunter weitere Aus⸗ bildung des Landwehrſyſtems. Die andere will von dem Allem nichts wiſſen, ſieht darin künftig die Republik und 43 jetzt Demagogie und Anarchie und will um ſo mehr zum Schutze des Throns und der Ariſtokratie die Ar⸗ mee heben und erhöhen. Der König will nur das Beſte, und es kommt für jede der beiden Parteien darauf an, ihn für ſich zu gewinnen. Der König iſt mißtrauiſch; ich denke mir, alle Könige ſind es; denn kein Menſch wird mehr betrogen als ein König. Er lebt dabei ſehr eingezogen und zurückhaltend, ſchon ſeit dem Tode der Königin, die er über Alles liebte. So erfährt er nicht, was im Lande geſchieht, und es iſt namentlich leicht, ihn mit Schreckbildern zu umgeben, und die führt man ihm nun in der Geſtalt von demagogiſchen Umtrieben zu. Du haſt das Wort noch nicht gehört, Onkel Florens?“ „Nein.“ „Es iſt allerdings neu, und ich glaube, der Herr von Schilden und Fräulein Hedwig von Taubenheim haben es erfunden, damit ſie Mann und Frau werden können —“ Der Domherr unterbrach die Erzählerin. „Einen Augenblick, Gisbertine! Du nannteſt ſchon zweimal den Namen Schilden.“ „Und er fällt Dir auf? Du ſahſt in Göttingen bei Gisbert einen Regierungsrath Mahlberg —“ „Alle Wetter! Alle —“ rief der Domherr. „Und der Schilden will die Tochter des Generals von Tauben⸗ heim heirathen?“ 44 „Und ſie ihn. Ihr Vater aber will, daß ſie Gräfin Weſternitz werden ſoll.“ „Gräfin Weſternitz? Die Frau des —“ „Des Grafen Weſternitz, der mir im vorigen Jahre in Hofgeismar den Hof machte.“ „Erzähle weiter, Gisbertine.“ „Ich bin eigentlich fertig. Ich habe Dir nur noch zu erläutern, was demagogiſche Umtriebe ſind. Unſere Univerſitäten ſind angefüllt mit jungen Männern, die in der Landwehr die Feldzüge mitgemacht hatten und nach deren Beendigung zu ihren Studien zurückkehrten. Sie halten begreiflich zuſammen; ſie haben auch natürlich einen Geſichtskreis, der über das Studentenleben hinaus⸗ geht. Wir haben ein altdeutſches Sprichwort: Wo wir nicht mitrathen, da wollen wir nicht mitthaten. Das kehren ſie um: Wo wir mitthaten, da wollen wir auch mitrathen. Und nun ſehen ſie, wie im Lande ſich immer mehr ein anderes Sprichwort will geltend machen: Ver⸗ ſprechen iſt ehrlich und Halten beſchwerlich; und ſie reden von Rechten des Volks, und daß Verſprechungen auch müßten gehalten werden, und das nennt man demagogiſche Umtriebe. Und man hat ein Geſetz gegen geheime Ver⸗ bindungen erlaſſen oder eigentlich ein altes Geſetz zur neuen Anwendung aufgefriſcht und wird in den nächſten Tagen die Demagogen geheim einfangen und inquiriren 45 und als Hochverräther verurtheilen, und zu den Dema⸗ gogen gehört auch Gisbert, bei dem ſogar vor einigen Wochen in Göttingen ein förmlicher Demagogencongreß geweſen ſein ſoll, auf dem auch Du warſt, Onkel Flo⸗ rens, und man ſpricht ſchon von einem Bunde der Alten neben dem Bunde der Jungen. Und nun wärne Du Gisbert, wie ich Dich hiermit ſelbſt gewarnt haben will.“ Gisbertine ſchwieg. Der Domherr hatte nachgeſonnen. „Weißt Du, Gisbertine“ ſagte er, „daß wenig Logik in Deinen Mittheilungen liegt?“ „Deſto mehr Wahrheit enthalten ſie, Onkel Florens.“ „Sie waren in der That Dein Ernſt?“ „Zweifelſt Du daran?“ „Und nicht Ausgeburten Deiner Liebe zu Gisbert?“ „Nein.“ „Liebſt Du Gisbert noch?“ „Zweifelſt Du vielleicht daran?“ „Hm, nachher davon. Zu welcher jener beiden Par⸗ teien gehört Dein Onkel Steinau?“ „Onkel Florens, er iſt ein General der alten Schule.“ „Ja, ja! Höre, Gisbertine, da fällt mir etwas ein. Dein Onkel und, ich glaube, Du ſelbſt, Ihr ſpracht ein⸗ mal von dem alten weſtfäliſchen Adel, der ſich zu alt und zu ſtolz und zu vornehm dünke, um ſich mit Euch 46 drüben über der Elbe zu verbinden, ſelbſt nur mit Euch gemeinſchaftlich in den Staats⸗ und Hofdienſt einzutreten. Du haſt mir heute ſo recht klar gemacht, warum wir das nicht können; wir paſſen nicht zu Euch oder vielmehr zu den Andern, denn Du gehörſt doch noch zu uns.“ Gisbertine gab dem Onkel die Hand. „Ja, lieber Onkel Florens!“ ſagte ſie mit großer Herzlichkeit. „Und nun, Gisbertine, und darum“ fuhr der Dom⸗ herr faſt mit Rührung fort „komm mit mir nach Ovel⸗ gönne zu Gisbert; komm, meine liebe Gisbertine!“ Er ſprach es ſo bittend. Sie hatte ihm ihre Hand gelaſſen; ſie ſtand in tiefem 1 Sinnen; ein Entſchluß wurde ihr ſchwer, ſehr ſchwer. „Oder ſoll er zu Dir kommen, Gisbertine? Ich hole ihn her. Er wird mir auf der Stelle folgen. Er ſucht Dich ja. Darum iſt er zu mir gekommen; bei mir, durch mich hoffte er Dich zu finden. Nun, Gis⸗ bertine?“ Gisbertine hatte ihren Entſchluß gefaßt. „Nein!“ ſagte ſie kurz, mit der ganzen Entſchiedenheit und Feſtigkeit ihres Eigenſinns, wenn es auch nur der Eigenſinn ihrer Launen war. Sie riß haſtig ihre Hand aus der des Domherrn. „Und Du ſagſt, daß Du ihn noch liebſt?“ ſagte der 5 47 Domherr. „Und Du ſprachſt es in einem Tone, der aus Deinem Herzen kam?“ Sie antwortete ihm nicht. „Was haſt Du denn gegen ihn?“ rief der Domherr. „Er iſt —“ begann Gisbertine heftig und haſtig. Sie beſann ſich, und ruhig und ſtolz antwortete ſie: „Höre, Onkel Florens, eine Frau darf nie ihren Mann anklagen; nicht einmal bei ihrer Mutter, der ſie Alles, alles Andere anvertrauen mag. Eine ſchlechte Frau, die gegen irgend Jemand etwas Böſes von ihrem Manne ſagt!“ Der Domherr nahm doch wieder ihre Hand. „Du biſt doch eine brave Frau, Gisbertine, trotz alle⸗ dem. Und Ihr beiden werdet wieder zuſammenkommen!“ „Um glücklicher zu werden, Onkel?“ rief Gisbertine wieder leidenſchaftlich. Er ſah ſie verwundert an. „Jo, ja, Onkel Florens, es gibt Herzen, die ſich nur lieben, nicht heirathen dürfen, wenn ſie glücklich bleiben wollen.“ Der Domherr aber erwiderte ihr: „Höre, Dame Gisbertine, es gibt Menſchen, die Narren ſind. Und nun noch eine Frage. Warum haſt Du die weite Reiſe zu mir gemacht? Warum haſt Du mir nicht geſchrieben, was Du mir zu ſagen hatteſt?“ 48 Dame Gisbertine war wieder in ihrer vollen, präch⸗ tigen Ruhe. „Hätteſt Du nie etwas vom Briefgeheimniß gehört, Onkel Florens?“ „Eben darum konnteſt Du ſchreiben.“ „Das Briefgeheimniß, lieber Onkel, iſt in manchen Zeiten da, um nicht beachtet zu werden.“ „Dir war alſo viel daran gelegen, daß Gisbert nicht verhaftet werde?“ „Zweifelſt Du?“ ſagte ſie wieder. „Hm, Gisbertine, ſo habe ich Dir noch eine Er⸗ klärung zu geben. Ich werde Gisbert nicht warnen; ich werde ihm kein Wort von dem mittheilen, was Du mir geſagt haſt; ich werde ihm nicht ſagen, daß ich Dich ge⸗ ſehen habe. Gehe ſelbſt zu ihm.“ Gisbertine blieb ruhig. „Wenn Du das vor Deinem Gewiſſen verantworten kannſt, Onkel Florens!“ „Iſt das Dein letztes Wort, Gisbertine?“ „Mein letztes Wort iſt: Adieu, Onkel!“ Sie rief ihren Kutſcher, ſie ſtieg wieder in den Wagen. „Teufel!“ fluchte der Domherr leiſe. „Wohin gehſt D Gisbertine?“ „Ich weiß es nicht. Adien!“ „Adieu!“ — ——,—— — 49 Der Wagen fuhr mit Dame Gisbertine davon. „Teufel!“ fluchte der Domherr noch einmal. „Und doch iſt ſie kein Teufelskind, ſondern ein recht armes Menſchenkind mit ihrem ganzen reichen Schatz an Liebe. Und wie viel wird noch dazu gehören, bis ſie ihn heben kann, bis der Bann gelöſt iſt, unter dem er für ſie ver⸗ graben liegt, unter dem ſie ſelbſt ſich ihn vergraben hält!“ Er kehrte mit Bernhard zum Gute zurück. „Sage keinem Menſchen, mit wem ich ſprach“ befahl er dem Burſchen. Er konnte ſich auf ihn verlaſſen. Unterwegs regte ſich das Gewiſſen in ihm. Gisber⸗ tine hatte ihn ja daran gemahnt. „Ob ich bei meiner Drohung bleibe, dem Gisbert nichts ſage? Sie kommt nicht zurück, nicht zu ihm. Sie ließe in ihrem Eigenſinn und Trotz ihn hängen und köpfen, um dann den Dolch ſich in die Bruſt zu ſtoßen und ſich mit ihm begraben zu laſſen. Aber was hätte der arme Burſche davon? Was hätten ſie beide davon? Und wenn ich es ihm ſage? Wird ſie nicht über mich triumphiren? Bin ich dann nicht erſt ein altes Weib in ihren Angen?“ Der gute Domherr konnte mit ſeinem eigenen Eigen⸗ ſinn nicht einig werden. Temme, Der Domherr. III. 4 50 Als er vor der Thür des Herrenhauſes ſtand, be⸗ ſchwichtigte er ſein Gewiſſen damit: „Wer weiß auch, was an der ganzen Geſchichte iſt. In dem Berlin hecken ſie viel aus; aber das Meiſte ſind Velleitäten. Und man köpft und hängt die Leute nicht ſogleich ohne weiteres. Und auch mit dem heimlichen Arretiren wird es gute Wege haben. Beſonders einen Edelmann aus einem der älteſten und angeſehenſten Häuſer fängt man nicht ſo mir nichts dir nichts heimlich ab. Bah, warten wir es ab, und gehen wir zu einem andern unglücklichen Herzen, auch unglücklich durch eigene Schuld. Durch eine andere freilich! Aber Schuld iſt Schuld!“ Er war an der Thür der Frau Mahler. Er war ja im Hauſe bekannt. Ehe er ſich anmeldete, ſtand er einen Augenblick ſtill. Es war keine angenehme Aufgabe, die er hier zu löſen hatte. Durch das Fenſter des Ganges tönte ihm von draußen die luſtige Tanzmuſik entgegen, das Scherzen, Lachen und Jubeln der fröhlichen Menſchen. Jenſeits der Thür, vor der er ſtand, war die tiefſte Stille. Das Herz wurde ihm noch ſchwerer. Er klopfte an die Thür. Ein leiſes „Herein!“ antwortete ihm. Er trat in ein freundliches Gemach. Die Frau Mahler war mit ihrem Kinde darin. Die Frau war in Trauerkleidung, wie eine Wittwe. Sie trug ſich ſo, ſeitdem ſie wieder unter Menſchen war. Ihr Kind war ein ſchöner, kräftiger Knabe geworden; er zählte jetzt über zwei Jahre. Das Kind ſpielte zu den Füßen der Mutter. Die Frau ſaß am Tiſche bei einer Arbeit. Aber ſie hatte ſie ſchon wohl ſeit einiger Zeit nicht mehr ange⸗ rührt; ihre Augen waren, als der Domherr eintrat, noch halb nach dem Fenſter des Stübchens gerichtet. Die untergehende Abendſonne warf ihre letzten Strahlen hinein. Sie wollte aufſtehen, den Gaſt zu begrüßen. Der Domherr hatte ſchon einen Stuhl genommen, ſich zu ihr geſetzt. „Sie ſitzen auch heute hier ſo allein?“ fragte er ſie. „Was ſollte ich bei den Andern?“ „Glück und Freude erheben den Menſchen zu Gott.“ „Glück?“ fragte die Frau bitter. „Auch das Glück Anderer. Was verpflichtet Sie mehr zum Danke gegen Gott als das Glück Ihres Kindes?“ Er nahm den Knaben auf ſeine Kniee. „Und iſt es nicht ein prächtiges Kind?“ fuhr er fort. „Geboren wie im Glück und nur zum Glück?“ 4* 52 „Und doch iſt nie ein Kind in größerem Unglück ge⸗ boren.“ „Deſto mehr Anſprüche möge es auf Glück haben.“ „Das gebe ihm Gott!“ „Sehen Sie, Frau, da müſſen Sie ſchon an Gott denken, und wer an Gott denkt, der hat ſich ſchon er⸗ hoben. — Wann legen Sie Ihr Kind ſchlafen?“ fragte er dann. „Die Sonne geht unter. Es wäre jetzt Zeit.“ „Wird es einſchlafen, wenn die alte Chriſtine es in ſein Bettchen legt?“ „Gewiß. Es liebt die alte Frau.“ Der Domherr öffnete die Thür. „Chriſtine“ rief er in den Gang hinein. Er kannte das ganze Hausweſen. Die alte Frau kam. „Bringe das Kind in den Schlaf, alte Chriſtine, ich habe mit der Madame einen Gang zu machen.“ Die Frau Maohler ſah den Domherrn verwundert an. Er ſtand ſchon zum Fortgehen bereit. „Wenn ich bitten darf“ ſagte er. Sie kannte ſein raſches, entſchiedenes Weſen, dem man nachgeben mußte. Sie küßte ihr Kind. Der Domherr bot ihr ſeinen Arm. ———— ———— — ———— Sie nahm ihn und verließ mit ihm das Zimmer. Er führte ſie aus dem Hauſe in den Garten, durch den Garten in das dahinter gelegene Birkenwäldchen. Die Dunkelheit des Abends hatte zugenommen. Wenn umher noch Zwielicht war, unter den Bäumen des Wäld⸗ chens konnte man in einer Entfernung von zwanzig Schritten nichts mehr unterſcheiden. Es herrſchte tiefe Stille in dem Wäldchen. Nichts regte ſich darin; nur das Geräuſch vom Tanzplatze drang hinein. „Wohin führen Sie mich?“ fragte die Frau den Domherrn. „Nur hierher.“ „Und zu welchem Zweck?“ „Um mit Ihnen zu plandern. Sie ſollten nicht allein mit Ihrem Grame ſein, wenn alle die Andern dahinten in luſtiger Freude beiſammen ſind.“ Er hatte ſie nach einer Seite des Wäldchens geführt. Drei Birken ſtanden dort in einer Reihe dicht neben einander. An ihre Stämme lehnte ſich eine Raſen⸗ bank; ihre belaubten Zweige wölbten ſich über dem Raſen zum Dache. Es waren die letzten Bäume auf dieſer Seite des Wäldchens. Es war hier heller als in ſeiner Mitte. „Laſſen wir uns hier nieder“, ſagte der Domherr. —————— ———— 54 Sie ließen ſich auf der Bank nieder. „Und nun, meine liebe Frau, plaudern wir, und zwar ganz offen mit einander. Ich werde den Anfang machen. Ich komme im Auftrage Ihres Mannes zu Ihnen.“ Die Frau erſchrak heftig. „Mahlberg's?“ rief ſie. „Er war bei mir.“ „In Hofgeismar?“ „In Hofgeismar.“ „Und er iſt auch hier?“ „Wollen Sie ihn ſprechen?“ „Um des Himmels willen!“ „Das heißt nein?“ „Nie! Ich darf ihn nie wiederſehen.“ „Das hatte ich mir auch gedacht. Beruhigen Sie ſich. Sie werden ihn nicht ſehen. Sie ſollen nur mich an⸗ hören.“ Die Frau nickte ihm in ſtummer Spannung zu, daß ſie es wolle. „So hören Sie. Mahlberg will gerichtlich von Ihnen geſchieden werden.“ Die Frau hatte nur einen ſchweren Seufzer zur Antwort. „Und zwar in der Art, daß er für den ſchuldigen Theil erklärt wird.“ 1. 5 55 „Nein!“ ſprang ſie auf. Der Domherr zog ſie auf ihren Sitz zurück und fuhr ruhig fort: „Seine Ehre leidet es nicht, daß die Ehre ſeiner Frau angegriffen werde. Da bleibt ihm kein anderes Mittel.“ Auch die Frau war wieder ruhig. „Herr Domherr“ ſagte ſie, „ich bin die Schuldige; ich allein will es bleiben. Sagen Sie das meinem Mann.“ „Sie haben keine andere Antwort an ihn?“ „Niemals! Ich ſchwöre es.“ „So kann aus der Scheidung nichts werden. Denn er beharrt ebenſo feſt darauf, daß er vor Gericht der ſchuldige Theil ſein will.“ Die Frau ſchwieg. Sie verſank in tiefes Nachſinnen. „Sie antworten mir nicht?“ fragte der Domherr. Sie hatte noch keine Antwort. „Sie wollen alſo nicht von ihm geſchieden werden?“ fuhr er fort. Ein Strom von Thränen war die Antwort der Frau. „Beſinnen Sie ſich“ ſagte der Domherr. „Ihr Mann ſchickt mich zu Ihnen, das Nähere über die Scheidung mit Ihnen zu verabreden. Ueberlegen wir das; das Er⸗ wägen der Mittel ſtellt den Zweck klarer heraus. Damit 56 Ihr Mann der ſchuldige Theil werde, müßten Sie zuerſt klagend gegen ihn auftreten.“ „Ich gegen meinen Mann?“ „Sie wollen alſo nicht von ihm geſchieden werden?“ „Wenn er es will, ja.“ „Und ſonſt nicht?“ Sie hatte wieder keine Antwort. „Sie lieben Ihren Mann noch?“ „Kann ich je aufhören, den edelſten Mann zu lieben? Aber liebt er, liebt Mahlberg mich noch?“ rief ſie auf einmal. Der Sturm der ſchmerzlichſten Gefühle hatte ſie bis⸗ her die Frage vergeſſen laſſen. Oder hatte ſie vorher nicht den Muth zu ihr gehabt? Sie erhielt heute ſeit Jahren, ſeit ihrer Flucht die erſte Nachricht von ihrem Gatten. Es mochte dem Domherrn nicht in ſeinen Plan paſſen, ja zu ſagen. „Wenn Ihr Mann alſo“, wiederholte er, „von Ihnen geſchieden ſein will, dann willigen auch Sie ein?“ „Beantworten Sie mir meine Frage“, wiederholte auch ſie. „Liebt mein Mann mich noch?“ „Wir wollen ganz offen gegen einander ſein“, ſagte der Domherr. „Ja, er liebt Sie noch. Sie können ihn nicht mehr lieben.“ 5. 65 57 „O doch, doch!“ rief ſie. Sie rief es leidenſchaftlich. Sie überhörte in ihrer Heftigkeit ein Geräuſch, das ſeitwärts von der Bank unter den Bäumen des Wäld⸗ chens entſtand. Es hatte nur einen Augenblick gewährt. Es glich einer plötzlichen, vielleicht unwillkürlichen Bewegung eines Menſchen, der dort an oder hinter einem Baumſtamme ſtand. Sehen konnte man von der Bank aus in dem Dunkel der Bäume nichts, wohl aber mochte man von dort aus die in der Lichtung des Waldes gelegene Bank unterſcheiden können. Der Domherr hatte die Bewegung vernommen. Sie ſchien ihm kaum unerwartet zu ſein; er ſtutzte nicht ein⸗ mal. Er fuhr ruhig in ſeiner Unterredung mit der Frau fort. Doch nein, nicht mehr mit ſeiner bisherigen Ruhe. „Und ſie konnten“ rief er, „mit aller Ihrer Liebe den Mann vergeſſen, der Sie noch mehr, ja doch noch mehr liebt als Sie ihn, der Sie keinen Augenblick ſeines Lebens vergaß? Sie konnten den edelſten Mann ſo tödt⸗ lich in ſeiner Liebe und, was dem Mann noch höher ſteht und ſtehen muß, an ſeiner Ehre verletzen, vernichten?“ Die Frau krümmte ſich in Thränen, in Schluchzen, in wildem Schmerze an der Seite des Mannes, der die harte Frage an ſie richten konnte, eine Frage, deren z——————— 58 Gegenſtand er noch niemals, auch nicht im entfernteſten, gegen ſie nur angedeutet hatte. „O“ ſchluchzte ſie, „wenn Sie wüßten, wenn ich Ihnen ſagen dürfte, mit welchen hölliſchen Künſten der Verführung ich umſtrickt wurde! Von dem ſchlechteſten Menſchen, von dem elendeſten Böſewicht, den die Welt geſehen hat, der das Heiligſte, was das Menſchenherz beſitzt, Freundſchaft und Liebe nur kennt, um ſie gleis⸗ neriſch zu erheucheln und durch ſeine Heuchelei die ent⸗ ſetzlichſten Zwecke zu erreichen!“ Sie konnte nicht weiter ſprechen. Auch der Domherr ſchwieg. Es that ihm wohl weh, was er geſagt hatte. Dann nahm er wieder das Wort. „Aber fahren wir in unſerer Ueberlegung fort. Ihr Mann will von Ihnen geſchieden ſein, und wie die Sache ſteht, muß er es. Sie willigen alſo ein?“ „Ich willige ein.“ „So hätten wir nach unſern vortrefflichen preußiſchen Geſetzen drei Wege für das weitere Vorgehen. Keins von Ihnen beiden nimmt irgend eine Schuld auf ſich. Das nennt das Geſetz den Fall der unüberwindlichen gegenſeitigen Abneigung. Sie treten beide mit Ihren Herzen voll Liebe vor den Richter und verſichern feier⸗ lich: Wir können nicht mehr zuſammen leben; wir haſſen 5 N —— 59 uns auf den Tod. Es iſt nur ein Uebelſtand hierbei: das Geſetz läßt eine Scheidung wegen ſolcher unüber⸗ windlichen gegenſeitigen Abneigung nur bei ganz kinder⸗ loſen Ehen zu. Ihr Kind aber gilt ſo lange für Ihr und Ihres Gatten cheliches Kind, bis Sie Ihre Schuld gerichtlich auf ſich nehmen und auf deren Grund Ihre Ehe getrennt wird. Der Weg iſt alſo für unſern Fall nicht da. Unmittelbar daran ſchlöſſe ſich der zweite Weg: Sie nähmen jene Schuld, von der ich ſprach, auf ſich. Es wäre der einfachſte, der der Wahrheit, und Sie wollen ihn betreten. Aber Ihr Mann weiſt ihn zurück, und er muß ihn zurückweiſen. Wohin würde er führen? Sie wären gebrandmarkt, Sie mit Ihrem Kinde, offen vor aller Welt, ſolange Sie leben, wo Sie leben, ſolange Ihr Kind lebt. Und nicht minder gebrandmarkt wäre Ihr Mann. Der brave Soldat dürfte ſeine Uniform nicht mehr tragen, der tüchtige Beamte würde von ſeinen Collegen gemieden; jeder Lump glaubte ſich berechtigt, mit Fingern auf ihn zu zeigen; jeder Ehrenmann würde das Recht, das volle Recht haben, ihm zu ſagen: Bleiben Sie mir vom Leibe, Herr; ich kann nichts gemein haben mit einem Mann, der ſich vor Gericht hinſtellen und klagend gegen ſeine Frau auftreten konnte: ſie iſt mir untreu geworden, ſie hat die Ehe gebrochen, ſie wurde die Buhlin eines Andern. Denn vergeſſen Sie nicht, meine liebe ———— —— ————— 60 arme Frau, Sie können nicht ſich ſelbſt anklagen; Ihr Mann müßte gegen Sie klagen und in der Klage Alles anführen, was Ihre Schuld ausmacht. Können Sie wollen, daß er das ſoll?“ Die Frau ſchwieg. — „Alſo nein, und es bliebe nur der dritte Weg, den Ihr Mann Ihnen vorſchlägt, über den ich mit Ihnen unterhandeln ſoll. Ihr Mann müßte für den ſchuldigen Theil erklärt werden und Sie müßten die Klage gegen ihn anſtellen und in der Klage die Scheidungsgründe gegen ihn, ſeine Schuld angeben. Da hätten wir mancher⸗ lei Gründe und mancherlei Schuld. Zuerſt, er hätte Sie mißhandelt, geſchlagen —“ Die Frau unterbrach den Domherrn. „O“, rief ſie, „er war die Güte, die Nachſicht, die liebevollſte Aufmerkſamkeit ſelbſt gegen mich. Nie kam gegen mich ein unfreundliches oder auch nur ungeduldiges Wort über ſeine Lippen.“ „Alſo der Grund wäre nichts?“ „Niemals!“ „Wir hätten einen andern: er hätte Sie böslich verlaſſen und ohne für Ihren Unterhalt zu ſorgen.“ „Er zog ja für das Vaterland aus; ich hatte ſeinen 3 ganzen Gehalt. Ich verließ ihn dann.“ „Alſo auch das wäre nichts Schlimme Krankheiten 61 hat er auch nicht; im Zuchthauſe hat er nicht geſeſſen. Da weiß ich nur noch eins: Untreue von ſeiner Seite.“ „Soll ich mich ſelbſt, ſoll ich mich ganz und gar vernichten?“ rief die Frau. „Nein“, ſagte der Domherr. „Aber dann bliebe nur der beſtehende Zuſtand, und — ach, arme Frau, armer Mann, iſt er nicht der entſetzlichſte von allen, weil er der Zuſtand der ewigen Hoffnung und doch der ewigen Hoffnungsloſigkeit iſt? Aber nein! Eine ewige Hoff⸗ nungsloſigkeit gibt es nicht für den Menſchen. Die chriſt⸗ liche, die eigentlich menſchliche Religion kennt ſie nicht. Mußte das Alterthum, auch noch ſo klaſſiſch, ſeinen Tantalus mit ſeinen ewigen Durſtesqualen auſſtellen, in unſerm Glaubensbekenntniſſe ſteht neben dem Glauben und der Liebe die Hoffnung, und die drei ſind unzer⸗ trennlich und ſind ewig. Und auch Ihr Glaube und Ihre Liebe ſollen von der Hoffnung ſich nicht trennen. Wie es anders werden könne, fragt Ihr Blick mich. Ich weiß es nicht! Aber der liebe Gott wird es wiſſen, der die Welt nach andern Geſetzen regiert als nach dem preußi⸗ ſchen allgemeinen Landrecht. Als Magd, als Sklavin dürfen Sie zu Ihrem Manne nicht zurück. Aber der Himmel kann eine große Erhebung über Sie ſchicken. Durch jene eine Schwäche iſt Ihr Herz ſtark geworden; es hat ſeine Stärke bisber nur im Leiden und Dulden 62 beweiſen können; es können auch Thaten an Sie heran⸗ treten. Erhalten Sie ſich jetzt den Muth und die Kraft zum fernern Tragen; es werden Ihnen dann, wenn die Zeit kommt, auch Muth und Kraft zum Handeln nicht fehlen. Und nun kommen Sie. Gehen Sie doch mit mir zu den Andern. Es iſt in ſo vielfacher Weiſe nicht gut, daß der Menſch allein ſei. Man wird nur etwas durch das Leben, und das Leben iſt die Gemeinſchaft.“ Der Domherr ſtand auf. Auch die Fau hatte ſich erhoben. Sie wollten gehen. Hinten unter den Bäumen entſtand wieder ein Geräuſch. Es war in derſelben Gegend, in welcher der Domherr vorher eine Bewegung vernommen hatte. Mit raſchen Schritten nahte ſich von dorther Jemand. Dem Domherrn klopfte doch das Herz. Er hatte den Arm der Frau genommen; er blieb mit ihr ſtehen, den Näherkommenden zu erwarten. „Halten Sie ſich ſtark, liebe Frau“ ſagte er. Sie ſah ihn verwundert an. Da trat die Geſtalt des Nahenden unter den nächſten Bäumen hervor. Es war Bernhard, der Diener des Herrenhauſes. Er war wieder eilig, dringlich, geheimnißvoll; aber vor der Frau Mahlberg ſchien er kein Geheimniß zu haben. ——— 63 „Gut, daß ich Euer Gnaden finde. Die alte Chriſtine wies mich hierher. „Du ſuchteſt mich?“ „Ich habe Euer Gnaden etwas zu ſagen.“ „Nicht viel Gutes, wie es ſcheint.“ „Es treiben ſich Gensdarmen in der Nähe umher.“ „Was gehen ſie uns an?“ „Und ſie wollen nicht geſehen werden.“ Der Domherr ſtutzte. „Erzähle.“ „Ich ging in das Erlenwäldchen dort links. Der Forellenbach fließt hindurch. Die Manſell hatte mir geſagt, ich ſolle noch ein paar Forellen für das Nacht⸗ eſſen beſorgen. Da fiel mir auf, daß ich ſeitwärts einen Gensdarmen in das Wäldchen ſchleichen ſah. Er ſchien auf einem Umwege vom Herrenhauſe herzukommen. Er blickte ſich um, ob er auch geſehen werde. Ich ſchlich ihm nach. Mitten im Wäldchen traf er mit zwei Kame⸗ raden zuſammen; ſie hatten auf ihn gewartet. Er berich⸗ tete ihnen etwas; ſie ſprachen lange und eifrig mit ein⸗ ander, aber leiſe, daß ich nichts verſtehen konnte; näher zu ihnen gehen durfte ich nicht. Ich ging zu dem Bach, meine Fiſche zu fangen. Nachher waren ſie fort.“ „Das iſt Alles, was Du weißt?“ fragte der Domherr. „Alles, Euer Gnaden.“ 64 „Haſt Du es ſchon Jemand mitgetheilt?“ „Keinem Menſchen, auch der Mamſell nicht. Ich dachte, ſie könne ſich erſchrecken, und Euer Gnaden würden am beſten wiſſen, was zu thun ſei.“ Der Domherr war nachdenklich geworden. „Sage auch weiter keinem Menſchen etwas.“ Der Burſche ging. „Die Nachricht Bernhard's beunruhigt Sie“, ſagte die Frau. „Ich leugne es nicht. Ich erhielt ſchon vorhin eine ſo ſonderbare Nachricht.“ „Die mit dieſer in Verbindung ſteht?“ „Liebe Frau, der Menſch iſt der größte Narr in ſeinen Combinationen.“ „Sie können ſich dennoch Ihrer Beſorgniß nicht ganz entſchlagen.“ „Die Wahrheit zu ſagen, nein, und — Sie erlauben, daß ich Sie zu Ihrem Zimmer ſihre ich muß doch mit dem Gisbert ſprechen.“ „Sie denken an ihn bei der Mittheilung Bernhard's?“ „Ich muß wohl.“ Er führte die Frau zu ihrem Zimmer. Dann ging er zu dem Tanzplatz. Das luſtige Leben herrſchte dort noch überall, bei dem Scheine bunter Lampen luſtiger als am Tage. 65 „Warum?“ fragte ſich der Domherr. „Warum mäßigt das edle Sonnenlicht unſere Freude, und warum macht die künſtliche Helle uns ausgelaſſen?“ Karoline tanzte mit dem Lieutenant Becker, dem Kell⸗ ner, der Obriſtlieutenant Friedrichs mit der Kellnerin. Der junge Freiherr von Aſchen ſtand an einem Pfoſten des Zeltes und ſah dem Tanze zu. „Ein paar Worte, Gisbert“, zog ihn der Domherr zurück. „Ah, Onkel Florens! Gut, daß ich Dich treffe. Ich habe Dich ſchon geſucht.“ „Auch Du mich?“ „Ich habe über eine eigene Sache mit Dir zu ſprechen. Mahlberg wollte doch hierher kommen. Haſt Du ihn ſchon geſehen?“ „Was haſt Du mit ihm?“ „Iſt er hier, Onkel?“ „Ich denke.“ „Und wo?“ „Irgendwo in der Nähe. Wahrſcheinlich in dem Birkenwäldchen dort.“ „Adieu, Onkel.“ „Wohin?“ „Mahlberg aufſuchen.“ „Aber was haſt Du ſo eilig mit ihm?“ Temme, Der Domherr. III, 5 66 „Wenn Du mich begleiteſt, erzähle ich es Dir.“ Der Domherr hatte ja auch dem Neffen Dringliches zu ſagen. Er begleitete ihn. „Nun?“ „Der Lieutenant Becker erzählte mir vorhin — er ſucht eine Stelle als Kellner —“ „Ah, ah“ rief der Domherr, „ſind wir ſchon ſo weit? Der Undank und die Todten reiten ſchnell. Aber erzähle.“ „Er ſucht eine Stelle im Auslande, wo man ihn als preußiſchen Offizier nicht kennt —“ „Der brave Junge!“ „So war er geſtern in Kaſſel, und dort iſt bei einem Bekannten, der zur Polizei gehört, davon geſprochen worden, daß jetzt auf einmal viel von Demagogen und demagogiſchen Umtrieben die Rede ſei; in Preußen ſeien auch ſchon mehrere Perſonen plötzlich verhaftet. Die Univerſitäten ſeien der Herd der Verſchwörung, und die ehemaligen Freiwilligen und die Landwehroffiziere, deren maßloſe Erwartungen und Anforderungen nicht hätten befriedigt werden können, ſeien die Verräther, die ſich nun in ge⸗ heimen Geſellſchaften zum Umſturz der Staaten verbunden hätten. Aber die Studirenden ſeien es nicht allein. Auch ältere Männer gehörten dem Bunde an, und ſo werde namentlich von der preußiſchen Regierung ein höherer 67 Beamter geſucht, der vor mehreren Wochen an einem geheimen Demagogencongreſſe in Göttingen Theil ge⸗ nommen habe und jetzt zur Förderung der Zwecke der Umſturzpartei eine geheime Reiſe durch Deutſchland mache. Er ſei eins der gefährlichſten Häupter der Partei; in dieſem Augenblicke müſſe er im Heſſenlande ſich befinden; bis Karlshafen habe man vor einigen Tagen ſeine Spur verfolgt. Dies die Mittheilungen Becker's. Ich mußte an Mahlberg denken. Er war vor ſechs Wochen in Göttingen. Ich fand ihn vorgeſtern in Karlshafen, wohin ich mit ihm das Rendezvous für die gemein⸗ ſchaftliche Reiſe zu Dir nach Hofgeismar verabredet hatte.“ „Hm“ ſagte der Domherr, „und Du willſt ihn jetzt warnen?“ „Und mit ihm das Weitere beſprechen.“ „Und gerade ſo wollte ich Dich warnen, Gisbert.“ „Du mich, Onkel?“ „Gisbertine war hier.“ Sie „Vor einer Stunde.“ „Und ſie iſt wieder fort?“ „Hm, Gisbert, Logik ſcheinſt Du in Göttingen nicht gehört zu haben.“ „Was wollte ſie hier, Onkel?“ 5* 68 „Kommen wir vorher auf Göttingen zurück, nicht auf die Logik. Warſt Du dort in einer geheimen Ver⸗ bindung?“ „Weder in einer geheimen, noch in einer offenen.“ „Hörteſt Du auch nichts von geheimen Verbindungen oder Geſellſchaften?“ „Es wurde davon geſprochen; ich kümmerte mich nicht darum. Aber was wollte Gisbertine, Onkel Florens?“ „Mir daſſelbe ſagen, was Dir Becker geſagt hat, indeß um Dich zu warnen.“ „Mich?“ „Nebenbei auch mich.“ „Auch Dich? Es iſt lächerlich“ „War ich nicht auch in Göttingen? Bei Dir? Zu gleicher Zeit mit Mahlberg?“ „Sprechen wir nachher davon, Onkel. Wohin iſt Gisbertine?“ „Du fragſt mich zuviel.“ „Sie wollte nicht zu mir zurück?“ „Sie wäre lieber in die Hölle gegangen.“ „Und welchen Grund hatte Sie?“ „Es gebe Herzen, die ſich nur lieben, aber nicht hei⸗ rathen dürften, wenn ſie glücklich bleiben wollten. Es war Narrheit, denn die Herzen heirathen nicht.“ 69 „Sie ſagte alſo, daß ſie mich noch liebe?“ „Nun ja.“ „Und Du ſagteſt ihr, daß auch ich ſie noch immer liebe?“ „Konnte ich anders?“ „Und ſie wollte nicht wieder zu mir?“ „Du hörſt es. Aber kommen wir nun auf die Gensdarmen zurück.“ „Gensdarmen, Onkel Florens?“ „Ah, ich vergaß, daß ich vergeſſen hatte, Dir davon zu ſagen. Das kommt von dem ewigen Unterbrechen. Seit einer Stunde ſind Gensdarmen in der Nähe, heim⸗ lich, im Walde verſteckt; der Bernhard, der ſie ſah, meinte, ſie hätten einen heimlichen Ueberfall auf das Herrenhaus vor, und wenn ich damit Gisbertinens und Becker's Mittheilungen in Verbindung bringe — hm, den Auftrag Gisbertinens wenigſtens mußte ich ausführen.“ „Bah, Onkel Florens, ich fürchte mich nicht.“ „Du haſt ein gutes Gewiſſen, meinſt Du?“ „So meine ich.“ „Hm, mein Freund, das iſt für einen Menſchen, der des Hochverraths angeklagt werden ſoll, gerade das aller⸗ gefährlichſte Ding.“ „Und dann meine ich auch, Onkel, ſolche geheime nächtliche Ueberfälle in ruhigen Häuſern, verbunden mit 70 plötzlichem Verſchwinden von Menſchen, kennt man wohl unter dem ruſſiſchen Regiment in Polen und haben wir in Deutſchland unter der franzöſiſchen Herrſchaft erlebt, aber in Preußen hat man noch nie davon gehört.“ „Aber, mein Burſche, Frankreich und Rußland ſind zwei große Lehrmeiſter, und Du warſt ja ſo eilig, Mahl⸗ berg zu warnen.“ „Für einen Freund iſt man immer beſorgter als für ſich.“ „Und als für einen Onkel, wie ich ſehe.“ „Bah, lieber Onkel, Dich als Demagogen zu ver⸗ haften — nimm es mir nicht übel — das wäre gar zu lächerlich.“ „Das würde nicht viel hindern. Indeß ich bin der Mann, der es abwarten kann.“ „Auch ich. Und am Ende auch Mahlberg.“ „Halt“ ſagte der Domherr. „Mit ihm iſt es etwas Anderes. Gisbertine ſagte mir, der Haupterfinder des modernen Demagogenthums ſei der Herr von Schilden.“ „Schilden!“ rief der junge Freiherr. „Schilden! Wir müſſen um jeden Preis Mahlberg finden.“ Sie ſuchten ihn in dem Birkenwäldchen. „Hm“, ſagte der Domherr, „Gisbert, Du fragſt ja nicht mehr nach Gisbertinen!“ „Ich muß an den armen Mahlberg denken.“ 76 „Du haſt Recht. Was bei Euch beiden, bei Dir und Gisbertinen, Eure eigene Narrheit iſt, das iſt bei Mahl⸗ berg und ſeiner Frau ein großes Unglück, das ſchwerſte“ Unglück, die Schuld, die den Unſchuldigen mit ins Ver⸗ derben reißt.“ „Haſt Du keine Hoffnung für die Beiden, Onkel?“ „Ich weiß es nicht. Und doch. Manchmal iſt das Unglück nicht ſo zähe wie die Narrheit.“ Gisbert antwortete nicht. Sie hatten das ganze Birkenwäldchen durchſucht, den Namen Mahlberg leiſe und laut gerufen. Sie fanden keine Spur des Geſuchten. Menſchen, die ſie nach ihm fragen konnten, waren ihnen nicht begegnet. Sie um⸗ gingen das Wäldchen; es war ebenſo vergeblich. Sie kehrten zum Tanzplatze zurück. Der Burſche Bernhard war dort. Der Domherr rief ihn zu ſich. „Haſt Du einen fremden Herrn in der Nähe ge⸗ ſehen?“ „Außer den Gensdarmen Niemand.“ „Suche ihn auf. Ihn ſuchen die Gensdarmen; ſie dürfen ihn nicht finden. Er iſt etwas älter als mein Neffe, ſieht blaß aus, trägt einen braunen Rock und geht wenig lahm. Wenn Du ihn triffſt, ſo führe ihn — hm, ja — in das Herrenhaus, in mein Zimmer; dann bringſt Du mir ſofort Beſcheid. Du mußt ihn finden.“ „Ich werde, Euer Gnaden.“ Der gewandte Burſche flog fort. Der Domherr ging weiter, die Herrin des Hauſes aufzuſuchen. Sie tanzte nicht mehr. Sie ſtand zur Seite am Arme ihres Bräutigams. Die Beiden ſchienen in einem ſehr ernſten Geſpräche zu ſein. „Sie haben etwas mit einander“ ſagte ſich der Dom⸗ herr. „Aber ſie müſſen ſelbſt damit herauskommen.“ Karoline hatte ihn geſehen. Sie ließ den Arm des Obriſtlieutenants los und kam auf ihn zu. „Onkel Florens, ich ſollte Dir erzählen, wie ich Friedrichs kennen gelernt habe. Es iſt ſchon ein Jahr her, daß ich es Dir verſprach. Wir fanden ſeitdem nicht die rechte Zeit dazu.“ „Iſt ſie jetzt da?“ mußte der Domherr doch fragen, trotz ſeines Entſchluſſes, ſie nicht zu fragen. „Ja, ja“ ſagte ſie mit raſchen Worten und mit einem langſamen Seufzer. „Erinnerſt Du Dich auch noch, wo Du mir erzählen wollteſt?“ ſagte der Domherr. „Gehen wir hin, lieber Onkel.“ Sie verließen den hellen, lauten, fröhlichen Platz, gin⸗ — — 73 gen an dem Garten des Herrenhauſes, hinter dieſem an dem Birkenwäldchen hin und kamen zu einer kleinen, mit Tannen bepflanzten Anhöhe. Die Tannen umgaben und verbargen einen kleinen, mit einem eiſernen Gitter um⸗ gebenen Friedhof. Die Thür in dem Gitter war nicht verſchloſſen. Der Domherr und Karoline traten durch ſie in das Innere. Sie befanden ſich auf dem Kirchhofe für die Familie der Gutsbeſitzer auf Ovelgönne. Die Familie Lohrmann beſaß das Gut ſchon ſeit Jahrhunderten. Manches Grab bedeckte den kleinen Fried⸗ hof mit kleinern Gittereinfriedigungen, mit Kreuzen, mit Denkmälern. Die Beiden gingen durch die Reihen der Gräber; an einem mit einem einfachen Kreuze von weißem Marmor blieben ſie ſtehen. Der Marmor trug eine Inſchrift; man konnte ſie in der Dunkelheit des Abends nicht leſen. Sie zeigte wohl Namen und Geburts⸗ und Sterbejahr des Todten an, der unter Kreuz und Grabhügel ruhte. „Hier!“ ſagte Karoline. „Jo, hier!“ wiederholte der Domherr. Sie ſprachen beide mit leiſer, feierlicher, faſt zittern⸗ der Stimme. Sie ſtanden an dem Grabe der Mutter des jungen Mädchens. 74 Und was war die Mutter des Mädchens dem Dom⸗ herrn geweſen? „Setzen wir uns, Karoline“, ſagte der Domherr. Sie ſetzten ſich auf das Grab, an das Kreuz. „Und nun, Karoline, ich habe Dir noch nie von Dei⸗ ner Mutter erzählt.“ „Als daß ſie eine brave Frau geweſen ſei, Onkel Florens.“ „Das war ſie und — und — Sprechen wir vorher von ihr und dann von Dir. Höre mir zu, Karoline. Vor weit über dreißig Jahren ſaß ich auch hier, nicht auf dieſem kleinen Hügel, auf dem ſich das einfache Kreuz erhebt, aber dort rechts, zehn Schritt von hier, an der alten dichten Tanne dort. An meiner Seite ſaß Deine Mutter. Es war ein Abend wie heute, im Anfange des Auguſt; die Luft war weich und mild, der klare Himmel vol⸗ ler Sterne. Es war gerade hell genug, daß einer in des Andern Auge die Liebe leſen konnte. Es war auch ſtill hier, wie jetzt; man glaubte das leiſe Zittern der Herzen hören zu können. Und aus der Ferne, vom Gute, tönte die Tanzmuſik herüber. Sie feierten das Erntefeſt wie heute. Sechs Wochen vorher war ich zum erſten Mal hier geweſen. 75 Ich hatte meinem Vater zum Bade Hofgeismar be⸗ gleiten müſſen. Ich war kein Kranker. Ich ſchweifte in den Bergen umher, bei Tag, bei Nacht, wie es ſich traf, heute nach dieſer Seite, morgen nach jener, immer allein. So war ich nach Ovelgönne gekommen. Der wun⸗ derliche graue Steinbau fiel mir auf. Was mochte er bergen? Kein Geſicht ſchaute aus den ſchmalen, ſo ſpar⸗ ſam und unordentlich in den alten Mauern herumge⸗ ſtreuten Fenſtern. Kein Ton drang aus dem Innern hervor. Es war gegen Abend, als ich hingekommen war; ich wartete den ganzen Abend vergebens. Ich brachte die Nacht bei Köhlersleuten im Walde zu. Am andern Morgen mit dem Aufgange der Sonne war ich wieder da. Und zehn Minuten ſpäter öffnete ſich, kein Fenſter, aber die Thür, die aus dem Hauſe in den Gar⸗ ten führt. Ein junges Mädchen trat in den Garten. Es war Deine Mutter, Karoline. Du warſt es. Sie war, wie Du heute biſt. Sie trug eine Gießkanne. Sie begoß die Blumen, an denen der Thau der Nacht vorübergegangen war. Als ſie zu einem Roſenſtock kam, trat ich in den offenen Garten. Sie erſchrak; ſie hatte mich vorher nicht ge⸗ ſehen. „Ich bitte Sie nur um eine Roſe!“ ſagte ich. 76 Sie wurde verwirrt. Dunkle Glut übergoß das ſchöne Geſicht. Sie gab mir die Roſe, in der Verwir⸗ rung vielleicht. Und mit der Blume entfloh ich. Es war mir auf einmal, als wenn ich einen Raub begangen hätte, als wenn meine Beute mir ſollte wieder abgenommen wer⸗ den, und ich hätte ſie mit meinem Leben vertheidigt, und die Beute, die Blume war das ſchöne Mädchen, das ſie mir gegeben hatte. Ich war verwirrter als ſie. Ich hatte ihr nicht einmal meinen Dank geſagt. Den mußte ich ihr bringen. Was hätte ſie von mir gedacht? Am andern Morgen, als die Sonne aufging, war ich wieder da. Wenige Minuten ſpäter erſchien ſie wieder im Gar⸗ ten. Ich war wieder bei ihr. Sie erſchrak nicht wieder, und ich war nicht wieder verwirrt. Ich ſagte ihr mei⸗ nen Dank; ich ſagte ihr noch mehr; wir plauderten, wir erzählten. Sie ſagte mir, wie ſie vor wenigen Wochen aus dem Kloſter zu Paderborn gekommen, wo ſie zwei Jahre lang bei den Urfulinerinnen erzogen ſei; jetzt ſolle ſie dem Vater hier die Wirthſchaft führen; ihre Mutter ſei todt; ſie ſei das einzige Kind. Ich erzählte ihr von meinen Univerſitätsjahren, von den Reiſen, die ich dann durch Europa gemacht und von denen ich erſt vor kurzem zurückgekehrt ſei; von meinem Vater, von Hofgeismar, von meinen Streifereien durch die Berge. Als ich am 77 dritten Morgen wiederkam, waren wir wie alte Bekannte. Sie hatte das reinſte, das edelſte, das kindlichſte Herz, und mein Herz liebte ſie, liebte ſie von dem Momente an, da ich ſie ſah. Und, Karoline, ſie liebte auch mich. Wir waren glücklich in unſerer Liebe. Das Glück, das die Herzen empfanden, das die Blicke ſich ſchon verſichert hatten, mußten auch die Lippen aus⸗ ſprechen. Ein höheres konnte es dadurch nicht werden, nur ein geſicherteres und ruhigeres. Dann kam das Verlangen, es ganz für das Leben zu ſichern. Junge Herzen kennen keine Schwierigkeiten, keine Hinderniſſe. Um ſo unüberſteiglichere Schranken ſtellen ſich ihnen gegenüber. „Niemals!“ ſagte mein Vater. „Eine Mesalliance iſt ein Verhältniß gegen das Leben, alſo gegen die Natur. Deine Kinder wären wie Baſtarde, nein, ſie wären es geradezu. Du wirſt nie meine Einwilligung zu einer Heirath mit einer Bürgerlichen erhalten.“ Und zu Deiner Mutter ſagte ihr Vater: „Eine Mißheirath iſt ein Unglück; Du würdeſt aus Deinem Stande heraustreten und in den Deines Mannes nicht aufgenommen werden. Mit Deinen Kindern wäre es nicht anders. Zch kann nie meine Einwilligung zu etwas geben, das Dich und Deine Kinder unglücklich machen müßte.“ 78 Es war das Vorurtheil der Zeit. Die gegenwärtige Zeit hat es abgeſtreift. Wie viel Blut, wie viele Un⸗ freiheit hat es gekoſtet! Freilich, die Gleichſtellung der chriſtlichen Confeſſionen forderte einen dreißigjäh⸗ rigen Krieg. Die neueſte Zeit will wieder reagiren; der letzte Feldzug nach Frankreich galt im Grunde nur dieſer Reaction — aber kommen wir auf Deine Mutter zurück. Sie liebte ihren Vater, ich den meinigen. Wir beide waren in der Liebe und dem Gehorſam der Kinder gegen die Aeltern aufgewachſen, auferzogen. Das waren keine Vorurtheile. „Ich werde Geiſtlicher werden“, ſagte ich zu meinem Vater ohne allen Trotz. „Gut, ich werde Dir eine Dompräbende kaufen“, er⸗ widerte er mir ohne alle Jronie.. Dein Großvater ſagte zu Deiner Mutter: „Suche Dir in Deinem Stande einen Mann aus, welchen Du wilſſt.“ Deine Mutter war ihrer Aeltern einziges Kind. Ihr fiel nach dem Tode des Vaters das ſchöne und reiche Gut Ovelgönne zu. Auf dem Gute lebte ihr Vetter Robert Lohrmann. Dein Großvater hatte ihn als arme Waiſe zu ſich ge⸗ nommen; er war der Sohn ſeines früh verſtorbenen 79 Bruders. Er war ein ſtiller, braver junger Mann. Für Deine Mutter hätte er ſein Leben hingegeben. „Laß mich den Vetter Robert heirathen“, bat Deine Mutter den Großvater. Die Bitte erfüllte ihm einen Wunſch, den er nicht gewagt hatte auszuſprechen. In den erſten Tagen des Auguſt mußte ich mit mei⸗ nem Vater Hofgeismar verlaſſen. Am Erntefeſte nahmen Deine Mutter und ich Ab⸗ ſchied von einander; hier, auf dem Grabe ihrer Mutter, in ſtiller, heiliger Abendſtunde; die Tanzmuſik tönte aus der Ferne zu uns herüber, wie heute. Es war kein Ab⸗ ſchied auf immer. „Wir bleiben Freunde!“ „Für immer!“ „Wir ſehen uns wieder!“ „Wir ſehen uns wieder!“ Was in der heiligen Stunde die Herzen ſich gelobt hatten, die heiligſte Freundſchaft verband ſie für das Leben. Lange Jahre ſahen wir uns nicht. Es waren ſchwere Wunden, von denen unſere Herzen vorher geneſen mußten. Ich trat in den geiſtlichen Stand; dann machte ich weite Reiſen durch die halbe Welt. Dann ſah ich mir 80 das Leben und Treiben der Völker näher an, den Des⸗ potismus, die Knechtſchaft. Frankreich, Paris feſſelten mich zuletzt. Ich ſtudirte das Königthum, die Republik. Ich ſah das eine Sturm laufen zu dem Abgrunde, der es verſchlingen ſollte; ich ſah die andere in jenen furcht⸗ baren krampfhaften Windungen, um das Leben zu gewin⸗ neu, in dem ſchwerſten, entſetzlichſten Kampfe mit ſich ſelbſt. Ich ſah ſie ſterben in jenen Krämpfen, in dieſem Kampfe. Aber ſie ſtarb wie ein Phönix. Als der erſte Kaiſer der Franzoſen gekrönt war, kehrte ich in mein deutſches Vaterland zurück, um hier von neuem einem Gange der Ereigniſſe zu folgen, deſſen traurigen Verlauf ich auf der andern Seite des Rheins angeſehen hatte. Ich ſah nicht ſo Entſetzliches, aber ich ſah Schmachvolles. Ich ſah den Verrath, den Verkauf des Vaterlandes von oben, von den Thronen herab. Eine neue, eine andere Wunde zerriß mir das Herz; ſie hatte die erſte heilen helfen. Ich kehrte nach Ovelgönie zurück. Deine Mutter trug Dich mir entgegen. Du warſt wenige Wochen alt. Dein erſtes Lächeln galt uns bei⸗ den, mir, ihr. Es war uns eine glückliche Vorbedeutung für Dich. Wir lebten in Dir. Du wurdeſt unſer beider Engel. Ich ſah Dich von Jahr zu Jahr. Deine Mutter ſah ich nicht viele Jahre mehr. 81 Selbſt die heilige Mutterliebe hatte ihrem Körper die frühere Kraft nicht zurückgeben können. Sie ſtarb ſo früh. „Aber erzähle mir jetzt von Dir, Karoline.“ Sie erzählte ihm: „Es war keine frohe und ſtille Zeit, es waren trau⸗ rige, ſtürmiſche Tage, da ich Friedrichs zuerſt ſah. Im November des Jahres 1813 nach der Schlacht von Leipzig flohen aus allen Gegenden Deutſchlands die Franzoſen dem Rheine zu. Auf den großen Heerſtraßen zogen die geſchloſſenen Colonnen; in die Gebirge warfen ſich die vereinzelten Trupps. Beſonders dieſe bezeichne⸗ ten ihren Weg durch Plünderungen, Exceſſe, Rohheiten und Grauſamkeiten aller Art, um noch eine letzte Beute mitzunehmen aus dem Lande, das ſie nicht wieder be⸗ treten ſollten, oder um Rache zu üben für die Nieder⸗ lage, die ſie bei Leipzig erlitten hatten. Auch durch das Orvelgönner Thal kamen Tag für Tag Züge der Flüch⸗ tigen, von zehn, zwanzig und mehr Mann. Auf Haus und Gut Ovelgönne fielen ſtets zuerſt ihre Blicke. Von hier nahmen ſie Alles mit, was ſie mitſchleppen konnten, was ſie bedurften oder nicht bedurften. Eines Tages kam ein großer Haufen von mehr als hundert an; es war eine wilde Bande. Sie forderten zu eſſen, zu trinken. Wir gaben ihnen, was wir hatten. Sie verlangten mehr. Temme, Der Domherr. III. 6 82 Sie erbrachen die Vorrathskammern, die Keller. Sie fanden nichts mehr. Es war Alles aufgezehrt, durch ihre Vorgänger, durch ſie ſelbſt. Sie geriethen in Zorn, in Wuth. Sie verlangten Geld. Der Herr des Hauſes ſolle hervorkommen. Im Hauſe war kein anderer Herr als ich. Ich trat zu ihnen heraus. Meine Leute woll⸗ ten mich zurückhalten. Die Wüthenden drohten das Haus mit den Wirthſchaftsgebäuden anzuzünden, wenn der Herr nicht zu ihnen herauskomme. Ich trat ruhig und ent⸗ ſchloſſen zwiſchen ſie. Sie waren einen Augenblick über⸗ raſcht, als ſie eine junge Dame ſahen. Dann ſchrieen einige: „Ah, die Tochter! Der feige Vater ſchickt ſie vor! Der Elende verdient den Tod!“ Da ſahen ſie mein ſchmerzliches Lächeln und ſie wurden ſtill und ich konnte ihnen ſagen: „Mein armer Vater ruht längſt dort im Grabe“ Aber die Stille dauerte nur kurze Zeit. Sie hatten in einem Keller ein Faß mit Branntwein entdeckt. Die meiſten von ihnen hatten ſich berauſcht. Ihre Wuth erhob ſich wieder, fachte die der andern an. „Iſt ſie der Herr des Hauſes, ſo ſoll ſie geben, was wir von dem Herrn des Hauſes verlangten. Und gibt ſie es nicht, ſo nehmen wir ſie als unſere Beute mit“, riefen einige; „ſo ſterbe ſie!“ riefen andere. Ich war umringt; ich wurde dichter umdrängt. Sie wollten Hand an mich legen. 83 „Im Sturmſchritt vorwärts!“ rief es auf einmal ſeitab vom Hauſe. Es war ein deutſches Commando. Die Franzoſen flogen auseinander, zu ihren Gewehren. In einem Moment ſtanden ſie in Reih und Glied, fer⸗ tig zum Kampfe. Man muß es ihnen laſſen. Und es waren ſo viele unter ihnen, die im Augenblicke vorher noch getaumelt hatten. Sie wollten ſich vertheidigen. Aber es waren zwei Compagnien preußiſche Land⸗ wehrmänner, die im Sturmſchritt gegen ſie anrückten. Eine dritte Compagnie kam links aus dem Gebirge in das Thal herunter. Einer ſolchen Uebermacht erfolg⸗ reich Widerſtand zu leiſten, war nicht möglich. Der An⸗ führer der Franzoſen ſah es ein. Er ließ ſeine Leute das Gewehr ſtrecken. Die Truppe ergab ſich dem Anführer der Preußen. 3 Es war der Major Friedrichs. Soll ich Dir noch mehr erzählen, Onkel Florens, von dem Manne, den Du kennſt, von meinem Herzen, das Du ja auch kennſt? Doch! Er durfte nur einen Tag bleiben, dann mußte er weiter in der Verfolgung des fliehenden Feindes. „Darf ich wiederkommen?“ fragte er beim Abſchiede. Mein Herz hatte nur ein tauſendfältiges Ja; meine Lippen hatten kein Nein. Es war ein banger Winter, den ich verlebte, in ———— 84 ſo reicher Hoffnung zwar, aber in um ſo größerer Furcht. Das Frühjahr kam, der Sommer. Der Friede war geſchloſſen; die Truppen kehrten aus Frankreich zurück. Ich erwartete ihn, ich erwartete Dich. Ihn — ſoll ich es Dir noch ſagen, mit welcher marternden Herzensangſt? Dich, um an Deiner treuen Bruſt laut in meinem Glücke aufzujubeln, oder mit brechendem Herzen zu ſterben. Za, Onkel Florens, ſo war mir. Es iſt doch ein eigen Ding um die Liebe, mag das Herz ſich noch ſo ſtark fühlen, der Verſtand ſich noch ſo hell und klar dünken. Wäre er nicht wiedergekommen, wäre er in einer der wilden Schlachten gefallen, hätte er gar mich vergeſſen — aber er kam. Es war ein ſtiller Sommerabend. Zch ſaß allein im Garten träumend, nur von ihm. Da hörte ich das Rollen eines Wagens, der zum Hauſe fuhr. Da ſah ich an dem Pförtchen des Gartens ihn. Er war aus⸗ geſtiegen und dem Wagen vorausgegangen. Wie ich ihn ſah, wie er mich ſah, wie ich aufſtand, ihm entgegenzugehen und nicht von der Stelle konnte, wie er auf mich zueilte und meine Hand nahm, wie ich ihm meine Hand ließ und ſie in der ſeinigen zitterte — da hatten wir uns nichts mehr zu ſagen. Wir gingen als Brautleute aus dem Garten in das Haus. * 85 An meinem Glücke fehlteſt nur Du mir, Onkel Florens. Du kamſt in dem Jahre nicht. Ich wußte nicht, wo Du warſt, und ich konnte Dir nicht einmal Nochricht von mir geben. Aber im vorigen Jahre kamſt Du wieder, und Du warſt bei mir in den ſchweren Stunden der Angſt, mit welcher der von neuem aus⸗ gebrochene Krieg mir noch ſo oft das Herz zuſchnürte, dann aber auch in den Stunden meines ſeligſten Glücks. Und heute, Onkel Florens, ſollſt Du Richter ſein zwiſchen uns beiden, zwiſchen Friedrichs und mir, in einem ſchweren Kampfe, der aber nicht zwiſchen uns beiden, ſondern in uns ſelbſt ausgebrochen iſt. Darum hatte mein Zettelchen Dich hierher gebeten. Die Sache iſt kurz und einfach und klar und doch ſo ſchwer für uns. Friedrichs war der Erſte, der im Jahre 1813 dem Rufe des Königs folgte. Er gehörte ſchon vor dieſem Rufe zu jenen Männern, die insgeheim für die Be⸗ freiung des Vaterlandes arbeiteten, von denen auch der Gedanke der Landwehr ausging. Wie er im Kriege ge⸗ kämpft, an faſt allen Schlachten ſeinen ruhmvollen Antheil gehabt hat, das weiß die Geſchichte. Die Geſchichte wird es auch aufbewahren, welcher Lohn ihm jetzt dafür wird. Seine militäriſche Laufbahn hat er verlaſſen müſſen.“ Der Domherr unterbrach ſie. 86 „Warum hat er die Landwehr ſtiften helfen? Warum iſt er bürgerlich?“ „Joa, ja, Onkel Florens, und wie klar iſt mir jetzt ge⸗ worden, was Du ſchon im vorigen Jahre von dem Kriege ſprachſt. Aber laß mich fortfahren. Zum Erſatz für das, was er aufgeben mußte, haben ſie ihm jetzt eine Gerichts⸗ aſſeſſorſtelle hinten in Polen oder Weſtpreußen angetragen. Vor drei Jahren wäre er ſchon Rath beim Obergerichte geweſen, hätte er nicht die Waffen für das Vaterland ergriffen. Friedrichs ſchrieb mir das. Ich bat ihn, bevor er einen Entſchluß faſſe, hierher zu mir zu kommen. Er iſt ſeit einigen Tagen hier, und wir können nicht einig wer⸗ den, weil Zedes von uns ſeinen beſondern Entſchluß hat und doch daran nicht ſo feſt halten mag, um den des An⸗ dern umzuwerfen. „Komme nicht“ ſage ich zu ihm, „ferner bittend ein, wo Verſprechungen Dir ein Recht geben; verpflichte Dich dem Undank nicht zum Danke. Werde Herr auf Ovelgönne, es bringt zehnmal mehr ein als eine Rathsſtelle.“ „Ich habe kein Vermögen“, ſagt er. „Ich käme als ein Bettter nach Ovelgönne. Der Mann muß die Frau ernähren. Umgekehrt taugt es nicht; es bringt keine Ehre.“ „Du kommſt nimmer als Bettler hierher“, erwidere 87 ich ihm. „Du bringſt einen reichen Schatz an Arbeits⸗ traft und Geſchäftskenntniß mit; Du wirſt in geringer Zeit vollendeter Landwirth werden“ „Ich würde Dir kaum einen Wirthſchaftsinſpector erſetzen“, erwidert er mir dann, um mir nicht geradezu zu ſagen, er werde hier nur mein Inſpector ſein. Kann ich ihm da noch ſagen: „Aber ich liebe mein Ovelgönne ſo ſehr; hier war meine Wiege, hier iſt mein ganzes Leben; hier liegen meine Aeltern begraben! Soll ich das Alles verlaſſen, um Dir in ein trauriges pol⸗ niſches oder weſtpreußiſches Städtchen zu folgen?“ So ſtehen wir, Onkel Florens, und Du ſollſt zwi⸗ ſchen uns, nein, für uns entſcheiden. Karoline ſchwieg. „Ihr habt Euch beide auf meinen Entſcheid ver⸗ einigt?“ fragte der Domherr. „Und Zedes von Euch wird ſich ihm unterwerfen?“ „Jedes von uns; wir haben es uns feierlich gelobt.“ „Auch Friedrichs, ohne daß ich ihn ſelbſt gehört habe?“ „Ich allein ſollte Dir die Sache vortragen.“ „Er hat viel Vertrauen zu Dir.“ „Za“ ſagte das junge Mädchen ſtols. „Und er kann es haben“ ſagte der Domherr. 88 „Das heißt, Onkel?“ „Das Recht ſteht auf ſeiner Seite, die Ehre des Mannes.“ „Ah, und der gegenüber ſind wir Frauen nichts?“ „Die Ehre des Mannes iſt die Ehre der Frau.“ „Du biſt in den altteſtamentlichen Anſichten der Bibel befangen. Der Inde iſt der Herr, der Despot der Familie.“ „Ich ſprach von der Ehre, Karoline, von der Ehre des Mannes. Der Begriff gehört der neuern Civili⸗ ſation an.“ „Und die neuere Civiliſation kennt keine Frauen⸗ „Sie kennt auch ſie, mein Kind, und ſie erkennt ſie ſo ſehr an, daß die Ehre der Frau ihr das Höchſte iſt und daß ſie daher als die höchſte Pflicht des Mannes die aufſtellt, die Ehre der Frau zu vertheidigen. Denn die Vertheidigung fordert einen Kampf, und der Kampf fordert ein Hinaustreten in die Welt, das der weiblichen Natur widerſtrebt, das dieſe verneint, vernichtet. Ver⸗ theidigen kann aber die Ehre einer Frau nur der Mann, der ſeine Ehre hat.“ „Onkel Florens“ ſagte Karoline, „mein Verſtand kann in dieſem Augenblick nicht unterſcheiden, ob Du Recht oder Sophismen vorgebracht haſt. Aber jedenfalls, 89 meine ich, hätteſt Du mir nicht bewieſen, daß es die Ehre eines Mannes beeinträchtigt, eine reiche Frau zu hei⸗ rathen.“ „Hm, Karoline“, ſagte der Domherr, „über die Frage laß lediglich Dein Herz, Dein Gefühl, Deine Liebe ent⸗ ſcheiden.“ „Ah, und die Liebe wollte ich ſelbſt mir noch gegen Dich zu Hülfe rufen.“ „Du haſt ſie ja bei Dir. Frage ſie.“ Karoline ſaß lange ſchweigend. „Du haſt Recht“ ſagte ſie dann. „Ich werde Frau Aſſeſſorin in Meſeritz oder Wongrowitz oder Filehne oder in der Tucheler Haide.“ . Sie ſprach es mit heiterem Blick, mit munterer Stimme, aber wohl, um das Weh ihres Herzens über den Abſchied von dem freundlichen Ovelgönne, von der theuern Heimat, von der Schöpfung der Thätigkeit ihrer Aeltern, ihres eigenen Denkens und Arbeitens zu ver⸗ bergen. Ihr Entſchluß ſtand nicht minder feſt. „Und nun wird Friedrichs nicht wollen“ ſagte der Domherr, der mit ſeinem eigenen wie mit dem edlen Herzen ihres Verlobten das ſchwere Opfer ihres Her⸗ zens ſah. „Er muß!“ rief ſie. „Du hatteſt Recht. Die Ehre des Mannes iſt die Ehre der Frau. Wie könnte ſie 90 ſelbſt nur ein Stäubchen hineinbringen? Komm, komm, Onkel Florens; ich werde ihn bitten, bis er nachgibt. Du ſollſt mir helfen. Brechen wir auf!“ Sie brachen auf. Sie hatten lange auf dem ſtillen Platze da oben zwiſchen den Gräbern geſeſſen. Als ſie die Fichten des kleinen Kirchhofs zurückgelegt hatten, fiel es ihnen auf, daß es auch nach den Häuſern hin ſo ſtill war. Es war vielleicht ſchon eine Weile ſo geweſen. In ihrem Geſpräche hatten ſie nicht darauf geachtet. Sie hörten die Tanzmuſik nicht mehr, ſie hörten nicht das lautere Sprechen, das die Tanzpauſen ausfüllt. Sie kamen den Häuſern näher. Die Stille war wie vorher. War es denn ſchon ſo ſpät? War die Feſtlichkeit ſchon zu Ende? Hatten die Leute ſchon ihr Nachtlager aufgeſucht? So mußte es ſein, weil man keinen Laut mehr vernahm, nicht auf dem Tanzplatze, nicht am Herrenhauſe, nicht anderswo. Und doch war es noch nicht elf Uhr — der Domherr ſah nach ſeiner Uhr — und vor Mitternacht war das Ernte⸗ feſt noch nie zu Ende geweſen; das war wie ein Recht der Gutsleute. Die Stille in der dunklen Nacht war eine unheim⸗ liche. „Gisbert? Mahlberg?“ mußte ſich auf einmal der Domherr fragen. 91 „Was iſt es mit ihnen, Onkel?“ Er erzählte ihr, was Gisbertine ihm mitgetheilt, was der Burſche Bernhard geſehen, was der Lieutenant Becker gehört hatte. „Es iſt nicht möglich“ ſagte ſie im erſten Augen⸗ blicke. „Friedrichs!“ rief ſie dann. „Iſt er nicht in der gleichen Lage mit ihnen? Wird man ihn weniger haſſen, weil man ihm mehr Dank ſchuldet und mehr Undank bewieſen hat? Es iſt hier etwas vorgefallen, was alle mit Entſetzen erfüllt hat; darüber kann kein Zweifel ſein. Schrecken und Angſt und Verwirrung müſſen um ſo größer ſein, da man auch uns beide vermißt, vergeblich überall geſucht haben mag.“ Sie verdoppelten ihre Schritte. Sie kamen an dem Birkenwäldchen hinter dem Garten vorbei. Sie hörten Geräuſch darin. Jemand durchſtreifte es in raſchem Laufe. „Heda! Hierher!“ rief der Domherr. Der Laufende wandte ſeinen Schritt nach dem Rufe hin. Er kam bei den Beiden an. Es war der Gutsinſpector. Er war faſt außer Athem. „Gott ſei Dank, Manſell, daß Sie endlich da ſind. Das halbe Gut iſt hinaus ſie zu ſuchen.“ „Was iſt vorgefallen?“ ————— ———— — — — 92 „Gensdarmen waren hier. Sie haben einen Raub begangen, einen doppelten.“ „Erzählen Sie.“ „Wir waren auf dem Feſtplatze. Auf einmal kam athemlos der Bernhard hergerannt. „Hülfe!“ rief er. „Ein Menſch iſt überfallen. Er wird mit Gewalt fottgeſchleppt.“ „Wer iſt es?“ wurde er gefragt. „Ein Herr, den der Herr Domherr kennt.“ „Und wer hat ihn überfallen?“ „Gensdarmen.“ Bei dem Worte Gensdarmen ſtutzten die Leute. Der junge Herr Baron aber fragte den Burſchen: „Wo war es?“ „Hinter den Erlen, Euer Gnaden.“ „Führe mich hin!“ Und der junge Herr und der Burſche liefen hin. „Ihnen nach!“ rief ich den Leuten zu. „Aber Gensdarmen!“ erwiderten ſie mir. „Aber es iſt auf dem Gute, und das Gut gehört der Mamſell und ſie und ihre Leute haben ein Recht zu wiſſen, was hier paſſirt, auch was die Gensdarmen hier hu Sie folgten mir. Wir eilten zu dem Erlengebüſch. Wir kamen zu ſpät. Wir hörten wohl noch in der — 93 Ferne vor uns ein Rufen; es kam uns auch vor, als ob Waoffen klirrten. Dann vernahmen wir aber deut⸗ lich den Galopp von Pferden, die davonſprengten. An den Erlen ſelbſt kam uns Bernhard entgegen. Der arme Burſche weinte. „Sie haben auch den Herrn Baron fortgeſchleppt. Das waren keine Gensdarmen, das waren Räuber.“ Er erzählte uns, wie er ſchon früh am Abend die Gensdarmen geſehen; wie er es Euer Gnaden mitge⸗ theilt, um die Manſell nicht zu beunruhigen; wie Sie ihm befohlen, einen fremden Herrn, den Sie ihm be⸗ ſchrieben, aufzuſuchen und in das Herrenhaus zu führen; wie er ihn vergeblich geſucht, bis er zuletzt plötzlich Rufen, Waffen, Ringen mehrerer Menſchen mit einander gehört, hinzugeeilt ſei und nun geſehen habe, daß die Gensdarmen einen Herrn niedergeworfen und ihm erklärt hätten, ſie müßten ihn binden, wenn er ihnen nicht gutwillig folge. Der Burſche war darauf zurückgelaufen, um Hülfe zu holen. Wie er dann mit dem Herrn Baron wieder hin⸗ gekommen, war Alles fort geweſen. Aber von einer an⸗ dern Seite her war ein Trupp Gensdarmen eilig heran⸗ geritten gekommen. Ihnen wollte der Baron entgegeneilen. Sie hatten ihn ſchon umringt. „Ah, der Zweite, den wir ſuchen. Der Freiherr von Aſchen! Sie ſind arretirt, mein Herr!“ 94 „Gutwillig nie!“ hatte der junge Herr Baron gerufen. „So werden wir Sie binden müſſen.“ Da hatte der junge Baron ſich beſonnen und ge⸗ lacht. „Man kann ja auch den Spaß mitmachen. So heiß wie bei Ligny und Belle⸗Alliance wird es wohl nicht werden. Geben Sie mir ein Pferd. Adieu, Burſche. Sage dem Onkel, was hier geſchieht, und daß er Recht hatte, daß aber das rechte Recht, das deutſche Recht, doch zuletzt Recht bleiben werde.“ Damit hatte er ſich auf das Pferd eines Gens⸗ darmen geſchwungen, und ſie waren mit ihm fortgeſprengt, jenen nach, welche den erſten Gefangenen weggeſchleppt hatten.“ Als der Inſpector das erzählt hatte, mußte auch der Domherr lachen. „Das ſagte der brave Gisbert? Der arme Burſche! Was wußte er früher von Politik, vom deutſchen Volke, von deutſchem Rechte? In den Krieg zog er, weil gewiſſe Launen ihn hineintrieben. Heute auf ein⸗ mal wird er ein deutſcher Patriot, träumt er von Recht und Rechten, vielleicht von dem ſchwarzrothgoldenen Ban⸗ ner einer deutſchen Republik. Hm, wer macht denn die Demagogen, die Republikaner und zuletzt die Republik ſelbſt?“ — Dann wurde er doch ernſthaft. „Aber der arme Mahlberg! Dem Gisbert werden ſie am Ende nicht viel thun. Unſer weſtfäliſcher Adel iſt 4 doch eine Macht.“ „Mahlberg iſt der andere Gefangene?“ ſchie Ka⸗ roline. „Nur er kann es ſein! Er war hier.“ Der Domherr erzählte, was Mahlberg gewollt, was ſeine Frau darauf erwidert hatte. „Die arme Frau!“ ſagte Karoline. „Und nun muß dieſer Schlag ſie treffen. — Und doch!“ rief ſie dann auf einmal. „Ich kann mich nicht in ihre Lage ver⸗ ſetzen, nein, ich kann es nicht, aber es lebt dennoch ein Gefühl in mir, das mir ſagt: da hat ſich ein Unglück zugetragen, das zum Glücke führen kann.“ „Und wie ſollte es das?“ fragte der Domherr. „Onkel Florens“ ſagte das Mädchen, „Du, der Du in Allem ſo klar ſiehſt, fragſt mich das? „Hm, mein Kind“, meinte der Domherr, „das Frauen⸗ herz iſt manchmal ein Ding, in das ein Mann gar kei⸗ nen Blick, über das er gar kein Urtheil hat, habe er das ſchärfſte Ange, den klarſten Verſtand.“ „Aber das Herz des Mannes, Onkel?“ „Iſt erſt recht ein ander Ding. Aber gehen wir zu ihr.“ 96 „Sie gingen zu der Frau Mahler. „Liebe Frau Mahler“, ſagte der Domherr, „ich habe Karolinen Alles erzählt, was wir beide unter den Birken beſprachen.“ „Und was iſt Deine Meinung, meine Freundin?“ fragte die Frau. Der Domherr antwortete: „Es iſt unterdeß ein Zwiſchenfall eingetreten, der die Lage der Sache verändert.“ „Er wäre?“ Die Frau konnte kaum die zwei Worte hervor⸗ preſſen. „Meine liebe Frau“ ſagte der Domherr, „wenn Ihren Mann ſo ein recht großes Unglück träfe, in dem ihm nur eins fehlte, nur eins noththäte, die Liebe ſeiner Frau, würden Sie das für ein Glück halten?“ „Für ein Glück? Was iſt geſchehen? Nehmen Sie die ſchwere Angſt von mir.“ „ „Haben Sie von den Ereigniſſen des Abends gehört?“ „Ich habe Niemand geſprochen. Ich war bei meinem Kinde.“ „So hören Sie.“ Der Domherr erzählte ihr die Verhaftungen des Abends. Sie konnte ihm mit großer Faſſung zuhören. 97 „Ja“ ſagte ſie dann, „das iſt ein Umſtand, der Alles verändert, der jeden Gedanken an eine Wiedervereinigung für immer zurückdrängen muß.“ „Hm, und wie das?“ rief der Domherr. „Jetzt gilt“, ſagte die Frau, „nur meine Liebe, meine Hülfe, meine Tröſtung; Sie hatten auch darin Recht. Aber wäre eine eigennützige Liebe hier nicht ein doppelt em⸗ pörender, verächtlicher Verrath?“ „Und wer wollte von Eigennutz ſprechen?“ „Eine Wiedervereinigung!“ „Ah“ ſagte der Domherr zu Karolinen, „hatte ich nicht Recht? Der Mann hat keinen einzigen Maßſtab in ſich zur Beurtheilung der Frauenherzens. Und hat nicht ihr Herz das Wahre und Rechte getroffen?“ „Ich weiß es doch nicht“, ſagte Karoline, aber ſie ſagte es nur halblaut für ſich. Der Domherr hatte es dennoch gehört. „Aber dies weiß ich“, ſagte er. „Und Du und die ganze Welt magſt es meine Marotte nennen und mich darüber auslachen; ich bleibe dennoch dabei: dieſer Krieg von 1815 iſt ein Unglück. Da haben der brave Mahl⸗ berg und der Narr Gisbert darin für König und Vater⸗ land geblutet, und zum Dank werden ſie jetzt als Ver⸗ räther von König und Vaterland in den Kerker geſchleppt. Da haben ſie ihr Blut vergoſſen und ihr gewagt, Temme, Der Domherr. III. 98 Dein tapferer Friedrichs und der muthige Becker, und zum Lohne muß der eine ſich in die Tucheler Haide ein⸗ graben laſſen und der andere wieder die Kellnerſerviette unter den Arm nehmen, wenn ſie nicht beide verhungern wollen. Und das ganze deutſche Volk hat geblutet und gelitten, und zum Danke und zum Lohne — bah, ſchimpft mich einen alten Republikaner!“ Zweites Kapitel. Die Gefangenen im Schloſſe zu Köpenik. Es war eine ſchlimme Zeit für Deutſchland. Das deutſche Volk hat viele ſchlimme und ſchwere Zeiten durchmachen müſſen. Auf Roſen iſt es wahrlich auch heute nicht gebettet. Aber welches Volk wäre das? In der Schweiz und in England leben ſie frei, aber ihre Noth haben ſie auch da. Freilich ſchafft dort das Volk ſelbſt ſich ſeine Noth⸗ und anderswo hat es nur die zu tragen, die ihm von Andern gebracht wird. Deutſche Jünglinge und Männer waren zu vielen Hunderten eingekerkert. Man beſchuldigte ſie des Hoch⸗ verraths. Ihre Liebe zum deutſchen Vaterlande hieß Demagogie; ihre Begeiſterung für Deutſchlands Ruhm und Größe wurde mit dem Namen demagogiſche Umtriebe 7 — 100 bezeichnet. Man hatte ja die „Demagogenfänger“ gegen ſie ausgeſandt; andere Verräther fanden ſich hinzu. In den verſchloſſenen Kerkern und in den heimlichen Gerichts⸗ ſtuben wurden alle Mittel und Künſte des geheimen In⸗ quiſitionsſyſtems gegen die Armen in Anwendung ge⸗ bracht, um ſie zu bewegen, daß ſie ſich ſelbſt ſchuldig be⸗ kennen und ihre Leidensgenoſſen als Mitſchuldige denunciren ſollten. Der Graf Dietrich Bocholz, der edle Weſtfale — er gehörte zu den Eingekerkerten — in ſeinen Kerker begab ſich einer der höchſten Staatsbeamten, um ſelbſt zu ver⸗ ſuchen, das von ihm zu erreichen, was den gewöhnlichen Inquirenten zu erreichen nicht möglich geweſen war, ein Geſtändniß. Der hohe Beamte wählte das Mittel des väterlich wohlwollenden Zuredens. „Sehen Sie mich als Ihren PVater an, Herr Graf.“ „Excellenz, keine Beleidigung!“ war die Antwort des jungen Grafen. Die Eingekerkerten wurden von einem Gefängniſſe zum andern geſchleppt, von Mainz, wo die Centralunter⸗ ſuchungs⸗Commiſſion war, nach Berlin, von Berlin nach Köpenik, von Köpenik wieder nach Mainz, Gott weiß, wohin ſonſt noch. Die Unterſuchungen wurden mit der größten Pi lichkeit geführt; Niemand erfuhr etwas von den Verhand⸗ 101 lungen; die Preſſe durfte, unter der ſtrengen Zucht der Cenſur, ihrer nicht einmal erwähnen. Die Unterfuchungen dauerten jahrelang. Jahrelang erfuhr Niemand etwas von dem Schickſale der Gefange⸗ nen, nicht die Verwandten, nicht die Freunde. Jahrelang erfuhr man oft ſpäter nichts, wenn die Unterſuchung längſt beendet war. Sie waren ſtill und heimlich zur Verbüßung ihrer Strafen in die Citadellen und Kaſematten der Feſtungen abgeführt; denn zu Strafen waren ſie verurtheilt mit oder ohne Geſtändniß. Gegen Manche waren gar Todesurtheile gefällt; nur vollzogen iſt keins. Die Fürſten beſtätigten die Todesurtheile nicht. Nur die Juſtiz war ebenſo fanatiſch wie ſervil und feig. O, ich kenne noch viele Richter aus jener Zeit. Sie waren damals junge Männer, die Carrière machen wollten. Man ſah ſie bei den Präſidenten und Miniſtern antichambriren, um ſich ein Commiſſorium, eine Unter⸗ ſuchung, ein Referat, nur ein Correferat in einer Dema⸗ gogenſache zu erbitten. Sie mußten dann Reſultate ihres Dienſteifers liefern. Sie lieferten ſie; ſie machten ihre Carrière. In dem Städtchen Köpenik, zwei Meilen von Berlin, zieht ſich ein weitläufiges königliches Schloß mit ſeiner ganzen langen Rückſeite an dem Ufer der Spree hin; nur der Schloßgarten trennt es von dem Fluſſe. Das 102 alte Schloß dient ſchon längſt nicht mehr zur königlichen Reſidenz. In den Zeiten der Demagogenverfolgungen war es als Gefängniß eingerichtet. Die Gefängniſſe in Berlin waren von allen den „Hochverräthern“ überfüllt, da mußte das Köpeniker Schloß aushelfen. Es mußte aushelfen zugleich für die Zwecke der Unterſuchung. Die Gefangenen wurden nach gewiſſen Kategorien geſondert, theils nach den einzelnen verbrecheriſchen Attentaten, an denen ſie ſollten Theil genommen haben — die Attentate beſtanden hauptſächlich in Sitzungen und Congreſſen der Burſchenſchaften — theils nach der Gefahr von Colluſionen mit einander. Colludiren und Colluſion heißt in der Sprache der Criminaliſten bekanntlich heimliches Ve⸗ ſprechen von Mitſchuldigen oder auch Zeugen zur Ver⸗ dunkelung der Wahrheit. Manchmal — und das gehörte und gehört zu den Künſten des Inquirirens — wurden auch Gefangene einander nahe gebracht, gerade damit ſie colludiren ſollten; ſie wurden dann behorcht oder am an⸗ dern Tage vor den Inquirenten geführt, der durch ge⸗ ſchickte Fragen über das, was ſie mit einander geſprochen, ſie in Lügen oder Widerſprüche zu verwickeln ſuchte. Jede Lüge, jeder Widerſpruch bildete dann ein ſogenanntes In⸗ dicium oder eine Anzeige, auf welche ſofort ſtrengere Be⸗ handlung im Arreſt folgen, ſpäter aber das Strafurtel mit gebaut werden konnte. 103 Es war an einem Abend im Monat Juli, als einer der gefangenen Demagogen des Köpeniker Schloſſes allein in ſeiner Zelle ſaß. Draußen regnete es. Ein leichter Wind ſchlug den Regen gegen das einzige Fenſter des Gefängniſſes. Das war das einzige Geräuſch, das man in der Zelle ver⸗ nahm, und außer ihm herrſchte rund umher eine Stille, als wenn das ganze große Köpeniker Schloß ausgeſtorben ſei und mitten in einer Einöde liege. Der Gefangene ſtand an dem Fenſter und ſchaute durch die ſtark und feſt vergitterten Scheiben in den trüben, regneriſchen Abend hinein. Es war dunkel in der Zelle; da war es wohl der einzige Zeitvertreib, den er ſich machen konnte, die Regentropfen zu zählen, die der Wind gegen das Fenſter trieb, den wechſelnden Tönen des Windes zu lauſchen, durch Regen und Wind zu dem trüben, grauen Himmel hinaufzublicken. Es war ein trauriger Zeitvertreib. Aber gab er nicht dennoch Hoff⸗ nung auf Befreiung, Erlöſung? Der Gefangene ſchöpft ſie aus Allem. In die Hoffnung miſcht ſich, wenn auch nicht die Furcht, doch die Sorge, der trübe Gedanke. Der Gefangene wurde in ſeinen Hoffnungen und Sorgen unterbrochen. Er horchte, als wenn er etwas Anderes als Wind und Regen vernommen habe. Er horchte nach der linken Mauer ſeiner Zelle hin. Er hatte ſchon am Tage dort Geräuſch vernommen, heute zum erſten Mal, ſeitdem er ſeine Zelle bewohnte, und er bewohnte ſie ſchon ſeit länger als einem halben Jahre. Nebenan mußte gleichfalls eine Gefängnißzelle ſein; ſie mußte bis heute leer geſtanden haben, erſt heute bezogen worden ſein. Wer war ſein neuer Nachbar? Auch ein Schickſalsgenoſſe? Die Fragen drängten ſich lebhafter an ihn heran, als es nebenan wiederum laut wurde. Er hatte ſich nicht geirrt; er hörte wirklich etwas jenſeits der Mauer; er unterſchied es. In dem Raume dort, mochte es eine Gefängnißzelle oder ein anderes Gemach ſein, ging Jemand auf und ab; es war ein raſcher Schritt. „Wer kann das ſein? Ob ich mich mit ihm in Ver⸗ bindung ſetze? Es iſt verboten. Es könnte ein Spion ſein, den ſie mir hergeſchickt haben, damit ich mit ihm anbinde.“ Er war näher an die Mauer getreten, als wenn er noch genauer hinhorchen, vielleicht auch durch irgend ein Zeichen ſeine Nachbarſchaft kundgeben wolle. Er trat zurück wieder an das Fenſter. Aber er hörte wieder den raſchen Schritt nebenan. ————— — — 105 „Das iſt ein neuer Gefange ner, vielleicht ſo eben erſt ſeiner Freiheit entriſſen, und er ſchreitet in der erſten Stunde ſeines Lebens, die er hinter Schloß und Riegel verbringen muß, im Unmuth, im Zorn ſo raſch einher. Dein Zorn iſt ohnmächtig, du armer Nachbar und unglück⸗ licher Leidensgenoſſe. Die Mauern ſind hier ſtark, die Gitter an den Fenſtern feſt, die Schlöſſer unzerſtörbar. Gegen ſie alle vermögen wir nichts. Und dennoch ſind ſie unſere geringſten Feinde und Widerſacher hier. Die ſchlimmſten ſind der Criminalrath und die Zeit. Aber dem Criminalrath können wir unſere Verachtung ent⸗ gegenſetzen, und wir haben dann die Genugthuung, uns zu überzengen, daß wir die freien Männer ſind und er ein jammervoller, erbärmlicher Sklave eigener und frem⸗ der Nichtswürdigkeit. Und was die Zeit betrifft — ch, wenn wir es mit der nur recht anzufangen wiſſen, ſo wird ſie unſere beſte Freundin hier und lehrt uns Ruhe und Geduld und Ergebung; denn die Zeit, die ewige, zeigt uns, daß außer ihr nichts von Beſtand iſt. daß, wie der blöde Menſch ſagt, nach dieſer Zeit eine andere kommen muß. Mache auch du ſie dir zur Freundin und Lehrmeiſterin. Werde geduldig, wie ich es bin.“ Er konnte philoſophiren, der einſame Gefangene, auch über Ruhe und Geduld. Aber die Philoſophie gibt nicht immer Ruhe und Geduld. 106 Wer es ſein mag? Die Frage drängte ſich immer wieder an ihn heran. Auch er ging in ſeiner Zelle auf und ab, ſchneller, lauter als ſonſt wohl, vielleicht unwillkürlich, vielleicht ohne Abſicht, daß der Nachbar ihn hören ſolle. Wer kann wiſſen, ob er nicht dennoch daran dachte? Drüben wurde es ſtill; kein Schritt, kein anderer Ton wurde mehr dort vernommen. „Er hat mich gehört! Er horcht nach mir!“ ſagte der Gefangene. Er blieb ſtehen, um zu hören, was drüben weiter geſchehen werde. . Der Schritt wurde dort wieder laut, aber langſamer, leiſer. „Er hat mich gehört! Er beräth mit ſich, was er thun ſoll. Er iſt wohl ebenſo unſchlüſſig wie ich. Ob ich ihm entgegenkomme? Ich bin der Aeltere hier!“ Er erhob den Finger, um an die Wand zu klopfen. Wer will es dem armen Gefangenen verdenken, der ſeit ſo langer Zeit keinen andern Menſchen geſehen hatte als ſeinen Inquirenten und Gefangenwärter, mit keinem andern geſprochen hatte als mit dieſen, wer will es ihm verdenken, wenn er dem Bedürfniſſe nicht widerſtehen konnte, eine Verbindung mit einem menſchlichen Geſchöpfe zu verſuchen, das endlich einmal in ſeine Nähe gekommen 107 war, das wohl längere Zeit da bleiben mußte, das in gleicher Lage war wie er, das das gleiche Bedürfniß fühlen mußte wie er? Es war endlich ein Menſch für ihn da. Sein Criminalrath, ſein Gefangenwärter waren es ihm nicht; was hatten ſie für ihn Menſchliches? Und wenn zwei Wilde, die ſich nie ſahen, im dichten, einſamen Walde, in weiter, öder Wüſte ſich begegnen, werden, können ſie an einander vorübergehen, ohne Blicke und Worte auszutauſchen, ohne durch Mienen ſich gegen⸗ ſeitig verſtändlich zu machen? Er ſchwankte dennoch. Das Mißtrauen beſchlich ihn wieder. Wenn es ein Spion, ein Verräther wäre! Die Thür ſeiner Zelle wurde von außen aufgeſchloſſen. Es geſchah langſam, leiſe, ganz anders wie ſonſt. Es war zu einer ungewöhnlichen Zeit. Die Schloßuhr hatte ſchon neun geſchlagen. Um ſieben Uhr hatte der Gefangenwärter das Nachteſſen gebracht, in der Zelle nachgeſehen, ob Alles in Ordnung ſei, ſein einförmiges „Gute Nacht!“ geſagt und die Thür feſt und ſicher hinter ſich verſchloſſen. Solange der Gefangene hier war, war dann am Abend oder in der Nacht Niemand wieder zu ihm gekommen, nicht der Gefangenwärter, nicht ein Anderer. Erſt am andern Morgen kehrte der Wärter zurück, um das Frühſtück zu bringen und nachzuſehen, ob auch in der Nacht Alles in Ordnung geblieben ſei. 108 Wer kam heute noch zu ihm in ſo völlig ungewöhnlicher Stunde? Was wollte der ſpäte Beſucher von ihm? Um neun Uhr abends ruhte regelmäßig Alles in dem weiten Gebäude. Die Thür war geöffnet. Eine männliche Geſtalt trat in das Gemach. Der Gefangene konnte ſie nicht unterſcheiden, nicht erkennen. Sie trug eine kleine Blendlaterne, deren Blendungen bis auf einen ſchmalen Raum von der Breite eines Fingers zuſammengeſchoben waren. So konnte mur ein ſchwaches, zweifelhaftes Licht in das Gemach dringen; den Mann, der die Laterne vor ſich in der Hand hielt, beſchien ſie gar nicht. Dieſer verſchloß ſorgfältig die Thür, durch die er ein⸗ getreten war. Dann erweiterte er die Oeffnung der Laterne und ſchritt in die Mitte der Zelle. „Guten Abend, Herr Hauptmann!“ ſagte er. Die Stimme war dem Gefangenen fremd. Er beſah ſich den Mann. Es war eine große, kräftige Figur, ein finſteres, ehrliches Geſicht. Er hatte eine ſoldatiſche Haltung; er trug die Uniform der Gefangenwärter, auf ihr das eiſerne Kreuz und die Denkmünze der Feldzüge von 1813—15. 109 Dem Gefangenen war ſein Ausſehen fremd wie ſeine Stimme. Er blickte ihn mit Mißtrauen an. „Sie kennen mich?“ fragte er. „Ich kenne den Herrn Hauptmann Mahlberg ſchon lange.“ Der Gefangene war der Hauptmann Mahlberg. Der Fremde hatte die Worte leiſe, mit einer gewiſſen Befangenheit geſprochen. Es konnte das Mißtrauen des Hauptmanns nicht vermindern. „Sie ſind Gefangenwärter hier?“ fragte er. „Ja, Herr Hauptmann.“ „Ich ſah Sie nie.“ „Meine Station iſt in dem andern Flügel des Schloſſes.“ „Was führt Sie zu mir?“ Der Gefangenwärter zog aus der Bruſttaſche ein Zettelchen hervor und überreichte es dem S Der Hauptmann las es. „Vertraue dem Ueberbringer. Dein Gisbert.“ Die Handſchrift Gisbert's von Aſchen war es. Der Hauptmann kannte ſie genau genug. Aber war der Ueberbringer der rechte? „Ihr Name?“ fragte er. „Beermann. Ich war Unteroffizier in der Com⸗ 110 pagnie des Herrn von Aſchen. Er war mein vorgeſetzter Lieutenant.“ Das konnte wahr, es konnte nicht wahr ſein. Der Hauptmann ſtand noch mit zweifelhaften Blicken 1 vor dem ihm unbekannten Mann. 3 „Herr Hauptmann“ ſagte dieſer, „ſoll ich Ihnen er⸗ zählen, wie ich Sie zum erſten Male ſah?“ Der Hauptmann nickte mit dem Kopfe. „Es war in der Schlacht bei Laon. Die Schlacht war für uns ſo gut wie verloren; unſer linker Flügel war auf die Stadt zurückgeworfen. Die Franzoſen hatten in einem Dorfe eine feſte Stellung eingenommen. Sie . hatten ungeheure Vortheile, wenn ſie von daher am andern Morgen wieder angriffen. Es war dunkler Abend geworden. Da forderten York und Kleiſt die Truppen auf, den Feind unverfehens in dem Dorfe zu überfallen. Die Leute waren zum Tode müde. Manche ſagten es. Da traten Sie — Ihr Regiment lag neben dem unſe⸗ 1½ rigen, Ihre Compagnie und unſere Compagnie waren die nächſten Nachbarn — auf einmal vor Ihre Compagnie. Ich ſehe Sie noch in dem Scheine des Bivouakfeuers. „Landwehrmänner!“ riefen Sie. „Iſt hier ein einziger Feiger unter Euch?“ Und wie aus einem Munde rief die ganze Compagnie: „Nein, Herr Hauptmann! Ein 1 Hundsfott, wer Ihnen nicht folgt.“ Und da rief das † 111 ganze Corps es, und Ihre Compagnie, Sie an der Spitze, durfte die erſte ſein, die in das Dorf eindrang, und — ſoll ich Ihnen noch erzählen, wie wir die Fran⸗ zoſen hinauswarfen, daß ſie in wilder Flucht davonliefen? Die Schlacht war gewonnen.“ „Geben Sie mir Ihre Hand“ ſagte der Hauptmann zu dem Gefangenwärter mit dem finſtern, ehrlichen Geſichte, „und verzeihen Sie mir, wenn ich ein unbegründetes Miß⸗ trauen gegen Sie hatte.“ „Zum Mißtrauen kann man hier wohl kommen“, ſagte der Andere. „Und glauben Sie mir, Herr Haupt⸗ mann, kein Menſch hätte mich zu dieſem Poſten gebracht, wenn ich in anderer Weiſe mir mein Brod hätte ver⸗ dienen können. Wo ein Unteroffizier im Regimente nicht taugt, da wird er ja zum Gefangenwärter weggelobt. Aber ich war hoffentlich die längfte Zeit hier.“ „Was ſollen Sie jetzt bei mir?“ fragte ihn der Gefangene. „Sie ſollen heute Nacht befreit werden, Herr Haupt⸗ mann.“ Der Gefangene mochte auf Manches gefaßt geweſen ſein. Er war doch überraſcht. Er mußte wiederum den Mann, der ihm dieſe Nachricht brachte, mit Mißtrauen anſehen. „Und wer ſoll mich befreien?“ fragte er. „Ich werde es, Herr Hauptmann.“ „Und auf weſſen Veranlaſſung?“ „Das Billet des Herrn von Aſchen ſollte es Ihnen ſagen.“ „Wie iſt Ihr Plan?“ „Die Schlüſſel zum Innern des Schloſſes habe ich. Hinaus, ins Freie, kommen wir auf folgende Weiſe. In anderthalb Stunden, um elf, werden die Schildwachen abgelöſt. An ein Seitenpförtchen, das in den Schloß⸗ garten führt, kommt ein Grenadier auf Poſten, den ich kenne, deſſen Vater mein Kamerad in den Feldzügen war. Der Poſten dort hat den Schlüſſel zu dem Pförtchen, um von jener Seite her ſofort Hülfe herbeirufen und hereinlaſſen zu können, wenn etwas paſſirt. Er wird uns aufſchließen. Wir ſind dann im Schloßgarten. Er geht bis an die Spree. Am Ufer wartet Jemand mit einem Nachen auf uns, er bringt uns auf die andere Seite. Dort ſteht ein Wagen, der Sie weiter führt.“ „Und wo bleiben Sie?“ „Der Herr Hauptmann werden mich mitnehmen. Ich könnte Ihnen auch unterwegs nützlich ſein.“ „Haben Sie Angehörige?“ „Nicht Kind und nicht Kegel.“ „Aber“, ſagte der Gefangene, „Sie verlieren Ihren Poſten. Wovon wollen Sie leben?“ 113 „Der Herr von Aſchen wird für mich ſorgen.“ Der Gefangene warf einen Blick auf die Ehrenzeichen des Gefangenwärters. „Man wird Ihnen einen Crininalptveeß machen; Sie werden die Kriegsdenkmünze verlieren, das eiſerne Kreuz, das Sie ſich mit Ihrem Blute verdient haben.“ Den finſtern Mann ergriff die Bemerkung. Auch er mußte ſich ſein eiſernes Kreuz anſehen. „Ich habe es darum dennoch mit meinem Blute ver⸗ dient“, ſagte er. Der Gefangene hatte noch ein Bedenken. „Und der Grenadier, der uns hinauslaſſen ſoll? Was wird aus dem Sohne Ihres alten Kameraden werden?“ „Er wird ſich einfach darauf berufen, daß ein Gefangen⸗ wärter ihm befohlen habe, zu öffnen. Vielleicht öffne ich auch ſelbſt; der Schlüſſel iſt in meinem Beſitze.“ „Und wenn man ihn eines Einverſtändniſſes mit Ihnen überführt?“ „Man würde ihm auch dann nicht viel thun. Meinen der Herr Hauptmann, daß die Offiziere in der Armee von dieſen Demagogengeſchichten erbaut wären? Sie verachten die Civiliſten, die ſo eifrig dafür ſind; ſie mei⸗ den den Umgang mit ihnen. Demagogenfänger nennen ſie ſie. Das iſt in der ganzen Armee bekannt.“ Temme, Der Domherr. III. 8 —— 114 Der Gefangene ſtand in tiefem Naochſinnen. „Noch eins, Herr Hauptmann“ ſagte der Gefangen⸗ wärter. „Dann werden Sie mir völlig vertrauen und ſich nicht mehr beſinnen. Sie ſollen nicht allein befreit werden. Noch ein Freund von Ihnen geht mit.“ „Wer iſt es?“ fragte der Gefangene. „Ihr Nachbar dort links. Er iſt erſt heute hier an⸗ gekommen. Darum mußte Ihre Befreiung bis jetzt auf⸗ geſchoben werden.“ „Seine Name?“ fragte der Hauptmann. „Ich führe ihn zu Ihnen.“ Der Gefangenwärter verließ die Zelle und kam nach drei Minuten mit dem neuen Bewohner der Nebenzelle zurück. Die beiden Gefangenen ſahen ſich an, lagen einander in den Armen. „Mahlberg!“ „Horſt, Du biſt es?“ „Ich bin es. Du wußteſt nichts von mir?“ „Nicht einmal Deine Verhaftung!“ „Wie? Nicht die? Wer iſt Dein Inquirent?“ „Der Criminalrath.“ „Er iſt auch der meinige. Und er hat Dir nie von mir geſagt?“ „Kein Wort.“ 115 „Ah! Und wie viel hat er mir von Dir vorgeſprochen! Aber nachher davon.“ Der Gefangenwärter trat zu den beiden Freunden. „Ich werde die Herren allein laſſen. Sie können ſich dann ganz frei ausſprechen. Ich wache auch unterdeß draußen gegen einen etwaigen Ueberfall. In einer Stunde bin ich wieder hier, um Sie abzuholen.“ Er ging. Er nahm ſeine Laterne mit. Die Thür der Zelle verſchloß er. „Iſt er ehrlich?“ fragte der Hauptmann doch ſeinen jungen Freund. „Der alte Beermann iſt ehrlich und treu wie Gold; man ſieht es dem Geſichte an.“ „Sein Geſicht hat aber auch den finſtern Ausdruck.“ „Seine Stellung!“ „Woher kennſt Du ihn?“ „Gisbert ſtand für ihn ein.“ „So ſprechen wir von uns, Horſt. Seit wann biſt Du in Haft?“ „Seit einem Jahre; bald nach Dir. Ich machte von Göttingen eine kleine Reiſe. Als ich über die Grenze kam — ich paſſirte ſie ohne Arg; ich hatte wohl von einigen Verhaftungen wegen demagogiſcher Umtriebe ge⸗ hört, aber weder von der Deinigen, noch von der anderer Freunde; ich wußte mich unſchuldig, ich glaubte mich 8* ſicher — kaum hatte ich die Grenze überſchritten, ſo war ich verhaftet. Man brachte mich nach Berlin, in die Hausvogtei, in eine Einzelzelle. Ich bekam außer meinem Inquirenten und dem Gefangenwärter keinen Menſchen zu ſehen oder zu hören. So habe ich bis heute dort geſeſſen. Heute wurde ich hierher gebracht. Von Dir hatte ich bald Kunde erhalten, trotz meiner ſtrengen Ein⸗ und Abſchließung. Zuerſt durch den Criminalrath ſelbſt, ſchon in meinem zweiten Verhör, dann auf anderm Wege. Was der Criminalrath mir ſagte, war nicht viel Wahr⸗ heit. Ich erklärte ihm das ſchon bei ſeinen erſten Worten über Dich. Ich ſollte ihm bekennen, daß ich in Göttingen Mitglied einer geheimen Verbindung geweſen, in welcher politiſche Dinge verhandelt worden. Ich wußte von nichts. Da ſagte er, das habeſt Du ja ſchon eingeſtanden. Er habe Dich geradezu danach gefragt; Du ſeieſt ein Mann von peinlicher Wahrheitsliebe, und da habeſt Du ihm geſtanden, daß ich während Deines Beſuchs in Göttingen Dich in die Sitzung einer ſolchen Verbindung geführt hätte. Damit hatte ich ihn aber. Er hatte zu viel beweiſen wollen, alſo gar nichts bewieſen. Das wußte ich noch aus meiner Logik. „Herr Criminalrath“ fragte ich ihn, „hat Mahlberg geſagt, was in der Sitzung verhandelt worden?“ E „Gewiß“ antworte er. „Es iſt von der Freiheit und Einheit des deutſchen Volkes geſprochen. Das Volk werde unterdrückt, von einem andern Erbfeind als den Fran⸗ zoſen; der Erbfeind ſei im eigenen Lande. Gegen ihn gelte es einen neuen Kampf, in dem man zuſammen⸗ ſtehen müſſe, wie in dem gegen die Franzoſen. Auch dieſer Erbfeind müſſe vernichtet werden; dann ſei nicht nur die Freiheit, ſondern auch die Einheit Deutſchlands da. So wurde der nackte Hochverrath gegen Deutſch⸗ lands Fürſten gepredigt.“ „Und von wem, Herr Criminalrath?“ fragte ich. „Nun, von den Mitgliedern der Verbindung.“ „Und Mahlberg hat eingeräumt, daß er ſolchen Reden zugeſtimmt habe?“ „Er hat das freilich beſtritten“ „Er hat ſich auch ſonſt nicht ſchuldig bekannt?“ „Sie ſcheinen das zu wiſſen!“ ſagte er; er wollte mich aushorchen. „Jo, ich weiß es“, ſagte ich beſtimmt. Ich konnte es ſagen, da Du ſo wenig ſchuldig warſt wie ich. Er ging in meine Falle. „Jeder leugnet“, ſagte er mit Hohn. „Das ſche int das Ehrenwort zu ſein, das die Mitglieder der Verbindung ſich zu allererſt geben mußten.“ 2eAth. 184 „Ei, Herr Criminalrath“, erwiderte ich ihm, „und das auch Mahlberg, der Mann der peinlichen Wahrheits⸗ liebe, gegeben hat und wie ein Ehrenmann hält?“ Zorn und Aerger verfärbten ihm das fahle Geſicht, und ich fuhr ruhig fort: „Aber ich will Ihnen ſagen, Herr Criminalrath, wo ähnliche Worte, wie Sie ſie mir vorhalten, geſprochen ſind und wer ſie Ihnen hinterbracht hat. Sie ſind allerdings in Göttingen geſprochen, und auch ich und mein Freund Mahlberg waren dabei. Aber das war in keiner Sitzung einer geheimen Verbindung, ſondern an der offenen Tafel des Gaſthofs zum König von England, und es hörten ſie viele Perſonen, Studenten, Beamte, fremde Reiſende, unter andern auch ein Hgewiſſer bezahlter Demagogen⸗ fänger, und von dem haben Sie ſie. Nur eins hat er Ihnen gelogen, daß von deutſchen Fürſten die Rede ge⸗ weſen ſei; es wurde nicht einmal an ſie gedacht. Deſto mehr hatte Jeder von uns im Sinne die volksfeindlichen deutſchen Miniſter und ihre feilen, ſervilen, augendiene⸗ riſchen Werkzeuge.“ Er konnte ſich nicht mehr mäßigen. „Herr“ rief er, „Sie werden für ihre Unverſchämt⸗ heit büßen!“ Er brach das Verhör mit mir ab. Ich wurde noch an demſelben Tage in ein anderes Gefängniß verſetzt, ein 9 enges, finſteres Loch, in das den ganzen Tag die Sonne nicht ſchien. Zch erhielt kein Licht mehr, keine Bücher, keinen Kaffee. Bis dahin war mir das Alles verſtattet worden. gch hatte ſechs Wochen lang kein Verhör. Als ich dann wieder vorgeführt wurde, war ſeine Frage an mich: „Haben Sie ſich beſonnen? Wollen Sie ein Bekennt⸗ niß ablegen?“ „Ich habe nichts zu bekennen!“ „Haben Sie keine Bitte an mich hinſichtlich Ihrer Behandlung im Gefängniß?“ „Nein!“ Damit wurde ich in meine Zelle zurückgebracht. Nach ſechs Wochen wurde ich wieder vor ihn geführt. „Wollen Sie jetzt ein Bekenntniß ablegen?“ „Ich habe nichts zu bekennen.“ „Haben Sie keine Bitte an mich?“ „Nein!“ Der Gefangenwärter brachte mich in mein Gefüngniß zurück. Das dauerte faſt ein halbes Jahr. Dann kamen umfaſſende Verhöre und darin ſchauderhafte Dinge, vor denen mir die Haare zu Berge ſtehen ſollten, über die ich lachen mußte. Zerbrochene Fürſtenkronen, gekreuzte Dolche, ſchwarzrothgoldene Bänder, Eintheilung Deutſch⸗ lands in zehn Herzogthümer — Studenten waren natür⸗ lich die Herzoge; unter ihnen an der Spitze ein Lanter⸗ mann und ein Bahn. Du erinnerſt Dich vielleicht noch der beiden hohlwangigen, langhaarigen deutſchen Jünglinge aus dem König von England in Göttingen. „Von wem haben Sie dieſe Ausgeburten eines kranken Gehirns?“ fragte ich den Criminalrath. „Lantermann und Bahn haben ausführliche und reu⸗ müthige Geſtändniſſe abgelegt“, antwortete er. „Ah, um künftig hochgeſtellte Geheimräthe und Präſi⸗ denten zu werden! Ich ſehe ſie ſchon ſo —“ „Keine Schmähung von Männern, die einer beſſern Erkenntniß Raum gegeben haben“, unterbrach er mich. „Stellen Sie mir dieſe Ehrenmänner gegenüber, Herr Criminalrath.“ „Sie haben kein Recht, zu verlangen.“ Ich wurde noch ein paarmal zu ähnlichen Vorhal⸗ tungen vorgeführt. Noch einige andere hohle deutſche Jünglinge hatten gleiche Hirngeſpinnſte bekannt. Dann hatte ich lange Zeit gar kein Verhör mehr. Auf einmal werde ich heute hierher nach Köpenik gebracht. „Weil die Hausvogtei überfüllt iſt“, ſagte mir mein Berliner Gefangenwärter. Sndee cüe 121 Es kamen allerdings tagtäglich neue verhaftete oder von Mainz herübergelieferte Hochverräther an. In der Demagogie werden großartige Geſchäfte gemacht, viel⸗ mehr mit ihr. Seitdem ich hier Dein Nachbar bin, glaube ich in einen Plan des Criminalraths zu blicken. Wir beide ſollen belauſcht werden, um ſo zu unfreiwilligen Ver⸗ räthern gegen uns ſelbſt zu dienen. Aber nun, Freund Mahlberg, erzähle Du Deine Geſchichte.“ Aber Mahlberg hatte vorher eine Frage. „Du ſprachſt von Gisbert; er habe für den hlten Beermann eingeſtanden?“ „So war es. Unter dieſen Gefangenwärtern ſind überall Schurken und Verräther. Die einen dienen dem Inquirenten, die andern den Gefangenen. Den meinigen machte mir Gisbert durch ſein Geld dienſtbar. Ich er⸗ hielt von ihm heimlich Alles, was der Criminalrath mir entzogen hatte, auch Billete von Gisbert. In dieſen theilte er mir auch einigemal Nachrichten über meine Unterſuchung mit; woher er ſie hatte, ſagte er natürlich nicht. Er ſchrieb auch von Dir, aber daß eine Verbin⸗ dung mit Dir unmöglich ſei; Du ſtändeſt unter einer ganz ausnahmsweiſe ſtrengen Aufſicht; er wiſſe nicht einmal mit Gewißheit, wo Du ſeieſt. Vorgeſtern theilte er mir 122 mit, daß ich heute werde hierher gebracht werden und daß ich dem alten Gefangenwärter, Beermann unbedingt vertrauen möge, er ſtehe für ihn ein; mehr könne er mir nicht ſchreiben.“ Mahlberg war unruhig geworden. „Seit wann kennſt Du Beermann?“ fragte er. „Seit heute Abend, da er mich hierher zu Dir führte.“ „Vorher haſt Du ihn nie geſehen?“ „Wo ſollte ich ihn geſehen haben?“ „Woher weißt Du denn, daß der Mann, den wir ſahen, Beermann iſt?“ Auch Horſt ſtutzte. „Sein ehrliches Geſicht —“ „Kann auch der Spitzbube haben.“ „Erzähle Du mir von ihm“, ſagte Horſt. Mahlberg erzählte, wie auch er heute Abend zum erſten Mal den finſtern Gefangenwärter geſehen, wie dieſer ihm das Billet von Gisbert gebracht und ihm ſeine und Horſt's Befreiung für die Nacht angekündigt habe. „Nun wohl“, ſagte Horſt, „wie ſollte er zu den Billet Gisbert's gekommen ſein?“ „Wie es an Beermann nicht gekommen wäre, durch Verrath.“ „Teufel!“ 123 Aber der jüngere Gefangene beſann ſich. „Höre, Mahlberg, ſchlimmer, wie es uns jetzt geht, können ſie uns nicht behandeln. Wir wagen es alſo mit dem Manne, und wagen gewinnt! Iſt er ein Verräther, ſo hilft vielleicht gerade der Verrath uns zur Freiheit. Erzähle mir von Dir.“ Auch Mahlberg ließ ſeine Bedenten fahren. „Wir werden auf unſerer Hut ſein!“ ſagte er. Dann erzählte er: „Vor einem Jahre wurde ich gefangen genommen, überfallen, ähnlich wie Du. Ich wurde in die Haus⸗ vogtei gebracht, ich wurde dort inquirirt, auch wie Du; nur wurde mir nie Dein Name genannt. Vor einem halben Jahre brachte man mich hierher, gleichfalls weil die Hausvogtei überfüllt ſei. Von der Außenwelt habe ich in dem ganzen Jahre nichts erfahren. Meine Gefangenwärter waren ſtumm; keine Zeitung kam zu mir, kein Buch, bis heute kein beſchriebenes Stückchen Papier. Die Welt war todt für mich, meine Freunde, Alles. Und jetzt und auf einmal ſoll ich aus meiner Haft befreit werden, ſoll ich zurück in die Welt. Ich kann es nicht faſſen. Ich kann nicht daran glauben. Ich will mir dennoch Mühe geben, ich will mich zwingen, zu ver⸗ trauen, auch meinem Glücke.“ 124 „Es kam Dir zu plötzlich, armer Freund“, ſagte Franz Horſt. Ihr Geſpräch wuͤrde unterbrochen. Den langen Gang, an dem die Gefängnißzellen lagen, kam ein eiliger Schritt herauf. Die beiden Freunde horchten. Vor Mahlberg's Zelle hielt es an. Die Thür wurde raſch aufgeſchloſſen. Der Gefangenwärter Beermann trat ein. Er ſah beſtürzt aus; er hatte ſehr eilig. „Kommen Sie!“ wandte er ſich an Horſt. „Schnell! Gehen Sie leiſe.“ „Wohin?“ fragte Horſt. „In Ihre Zelle.“ „Was gibt es?“ Beermann antwortete nicht. „Kommen Sie nur!“ drängte er. Horſt verließ mit ihm die Zelle Mahlberg's. Mahlberg blieb allein darin zurück. Er hörte, wie ſeine Thür verſchloſſen, dann nebenan die Thür Horſt's geöffnet und gleichfalls wieder ver⸗ ſchloſſen wurde. Dann entfernte ſich ein fliegender Schritt im Gange. Dann war es völlig ſtill. Alles war in einem Augenblicke geſchehen. Was hatte es zu bedeuten? Was ſollte folgen? 125 Mahlberg horchte. Es herrſchte die tiefſte Stille, auch in der Zelle nebenan. Horſt mußte gleichfalls horchen. Mahlberg wollte an die Mauer klopfen, die ſeine und Horſt's Zelle trennte. Er wollte ſich mit Horſt beſprechen. In dem Augenblicke hörte er ein neues Geräuſch. Es nahte ſich in dem Gange wieder ein Schritt; aber es war nicht der des Gefangenwärters Beermann. Mahlberg kannte ihn; es war der Gefangenwärter des Ganges, ſeiner Zelle und jetzt auch der Horſt's. Der Schritt hielt vor der Thür Horſt's. Die Thür wurde geöffnet. Mahlberg hörte nebenan ein paar Worte ſprechen. Dann wurde die Thür wieder verſchloſſen, ein Schlüſſel drehte ſich in Mahlberg's Thür; ein Gefangenwärter trat in die Zelle. Es war ein kleiner, unterſetzter Mann mit einem verſchloſſenen Geſicht, mit ſcharfen falſchen Augen. Er trug eine hell leuchtende Laterne bei ſich. Er leuchtete damit in der ganzen Zelle umher. Dann wandte er ſich an den Gefangenen. „War Jemand hier?“ Der Gefangene ſah ihn ruhig an. „Gefangenwärter Schulz, Sie wiſſen längſt, daß ich Ihnen auf derartige Fragen niemals eine Antwort gebe.“ „Warum ſind Sie noch nicht zu Bett?“ „Weil es mir noch nicht gefällt.“ Der Gefangenwärter ſchien die kurzen, ruhigen Ant⸗ worten des Gefangenen gewohnt zu ſein. Er leuchtete noch einmal in dem Gemach umher, unterſuchte die Wände, die Gitter des Fenſters, das Bett, die Thür. Als er nichts fand, ging er. Aber in der Thür nahm er noch ſeine Rache. „Sie betrügen mich nicht, Herr!“ ſagte er höhniſch und drohend zugleich. Er verſchloß die Thür und ging langſam den Gang hinunter, den er gekommen war. „Beermann's Plan iſt verrathen!“ ſagte ſich Mahl⸗ berg. „Die Freiheit war alſo wirklich nur ein Traum! Ich war ja gefaßt darauf. Aber der arme Horſt! Sein Herz iſt jünger. Er hängt ſo ſehr an der Welt. Er hat noch nicht in ihr gelitten.“ Er wollte wieder zu der Mauer gehen. Er beſann ſich. „Der Menſch könnte ſich zurückgeſchlichen haben, um uns zu behorchen.“ Aber Horſt klopfte drüben an die Mauer. „Mahlberg!“ rief er. Mahlberg mußte ihm antworten. „Sprich nicht, Horſt; ich fürchte, wir werden behorcht.“ Horſt ſchwieg. 127 Mahlberg ſetzte ſich auf ſein Bett; er legte das Ge⸗ ſicht in ſeine Hände und gab ſich ſeinen trüben Gedanken hin. Auch in der Zelle nebenan wurde keine Bewegung mehr vernommen; der arme Horſt ſaß da wohl ebenſo gedankenvoll. Auf dem Thurme des Schloſſes ſchlug es elf. Es war die Stunde, in der ſie befreit werden ſollten. Rings umher blieb Alles ſtill. „Ja, es war ein Traum!“ ſagte ſich Mahlberg. Er kleidete ſich doch nicht aus; er blieb auf dem Rande ſeines Bettes ſitzen. Die Thurmuhr ſchlug ein Viertel. Im Gange ſchien ſich etwas zu bewegen. „Schulz!“ ſagte ſich Mahlberg. „Er hat uns alſo in der That belauſchen wollen. Die Zeit iſt ihm zu lang geworden; er geht.“ Aber das Geräuſch draußen entfernte ſich nicht. Es kam näher, wenn auch leiſe genug. Und auf einmal war es an Mahlberg's Thür, leiſe wie bisher, und im Mo⸗ ment darauf war die Thür geöffnet. Es ſtand Jemand in ihr, ohne Licht, in tiefſter Dun⸗ kelheit. Wer konnte es ſein? Auch Mahlberg fragte es ſich mit klopfendem Herzen. „Herr Hauptmann, kommen Sie!“ Beermann's Stimme flüſterte es. „Sie doch, Beermann?“ „Sprechen Sie kein Wort! Kommen Sie!“ Mahlberg trat aus der Zelle. Der Gefangenwärter verſchloß die Thür. „Bleiben Sie hier ſtehen!“ ſagte er zu Mahlberg. Er ging zu der Thür nebenan, ſchloß auch ſie auf. Horſt ſtand ſchon darin, trat hervor. „Wir waren alſo nicht verrathen?“ „Still! Ich hoffe nicht!“ Die Thür ward ebenfalls wieder verſchloſſen. Folgen Sie mir! Halten Sie ſich immer ganz dicht hinter mir. Gehen Sie nebeneinander. Sprechen Sie kein Wort, auch nicht noch ſo leiſe. Das geringſte Ge⸗ räuſch könnte uns verrathen.“ Er ging voran, mit faſt unhörbarem Schritt. Sie folgten ihm ebenſo leiſe. Sie mußten die ganze Länge des Ganges hinunter⸗ gehen, an dem die Zellen lagen. Es war völlig dunkel in dem Gange. Sie kamen an eine verſchloſſene Thür. Der Gefangenwärter horchte eine Weile daran. Als Alles ſtilt blieb, ſchloß er ſie auf. Sie traten hindurch. Er verſchloß ſie wieder. 129 Sie waren an einer Treppe; ſie ſtiegen ſie hinunter. Sie befanden ſich in einem weiten Treppenflur. Es war auch hier überall dunkel. Das Erſparungsſyſtem ſtund damals in Preußen noch auf ſeinem Höhepunkte. Die drei Nachtwandler durchſchritten den Flur. Sie ſtanden vor einem ſchmalen Pförtchen. Man erkannte es an den Fenſtern zu beiden Seiten. Der Gefangenwärter ſchloß es auf. Er ſprach unterdeß leiſe ein paar Worte zur Seite. „Alles gut!“ wurde ihm geantwortet. Man ſah in der Dunkelheit den Antwortenden nicht. Es mußte die Schildwache ſein, die der Gefangen⸗ wärter für ſich gewonnen hatte. Sie traten durch das Pförtchen. Beermann wollte das Pförtchen verſchließen, wie er die andern Thüren verſchloſſen hatte. Plötzlich hörte man ein Geränſch in dem Flur, zur Seite. Eine Thür ſchien dort geöffnet zu werden. Er gab den Verſchluß des Pförtchens auf. „Fort, fort!“ flüſterte er. Er eilte voran; die beiden Gefangenen folgten ihm. Sie waren in dem Garten hinter dem Schloſſe. Sie eilten durch die Gänge. Hinter ihnen wurde es laut. Temme, Der Domherr. III. 9 130 „Hierher, hierher!“ rief es. „Schulz!“ ſagte der Gefangenwärter Beermann. „Er hatte doch etwas gemerkt.“ Schritte wurden vom Schloſſe her gehört, das Klirren von Waffen. Die drei Flüchtigen liefen, flogen. Die Schritte der Verfolgenden blieben hinter ihnen. Beermann eilte in ein Bosquet; die beiden Gefan⸗ genen folgten ihm. Die Verfolger waren auch hier hinter ihnen. „Aber ihre Kugeln treffen uns nicht zwiſchen den Bäumen!“ ſagte der Gefangenwärter. Sie hatten im Laufen gehört, wie die Gewehre ge⸗ ſpannt wurden. Es wurde hinter den Fliehenden gerufen: „Steht, oder es wird geſchoſſen!“ Sie ſtanden nicht. „Noch fünfzehn Schritte und wir ſind am Waſſer und in dem Nachen“ ſagte Beermann. „Und ſie ſind über fünfzig Schritt hinter uns“ ſagte Franz Horſt. In dem Augenblicke ſtürzte ihnen Jemand entgegen. „Halt!“ wurde gerufen. Der Gefangenwärter Beermann, der vorderſte der drei Fliehenden, wurde feſtgehalten. 135 Da kam vom Hauſe her eine Dame. Der Herr ging ſchneller, als er ſie ſah. Und die Dame, als ſie nun auch ihn ſah, flog. „Onkel Florens, Onkel Florens, Du biſt es?“ „Karoline — mein Mädchen“, hätte ich bald geſagt. „Aber biſt Du nicht ſchön und friſch, wie Du nur je als Mädchen warſt?“ „Muß man denn ſchon drei Monate nach der Hoch⸗ zeit wie eine alte Frau ausſehen?“ „Du wirſt auch als alte Frau ſo ſchön und blühend bleiben.“ „Die Complimente nachher, Onkel Florens. Sage mir, woher Du kommſt?“ „Von Warburg.“ „Und Du haſt mir meinen Mann nicht mitgebracht?“ „Er kommt nach, zum Abend, wie er es Dir ver⸗ ſprochen habe. Er ſaß noch mitten zwiſchen ſeinen Acten.“ „Ja, er iſt ein Actenbär geworden.“ „Und Du, Karoline, biſt, wie ich ſehe, noch immer die Mamſell Karoline auf Ovelgönne.“ „Die Frau Aſſeſſorin, wenn Du es erlaubſt.“ „Aber der Geiſt und die Hand von Mamſell Karo⸗ line wirken hier noch immer.“ „Und das danken wir Dir, Du braver Onkel Florens.“ 136 „Nicht mir, aber einem braven preußiſchen Juſtiz⸗ miniſter.“ Wir müſſen hier das Geſpräch des Domherrn von Aſchen mit der jungen Frau auf einige Augenblicke un⸗ terbrechen. Karoline und ihr Bräutigam hatten darüber geſtrit⸗ ten, ob der ohne Penſion verabſchiedete Obriſtlieutenant Gutsherr auf Ovelgönne oder Aſſeſſor hinten im Poſen⸗ ſchen werden ſollte. Sie hatten die Entſcheidung des Domherrn angerufen. „Das Recht ſteht auf der Seite Deines Bräuti⸗ gams; es gilt ſeine Ehre“, hatte der Domherr ent⸗ ſchieden. Karoline hatte noch einige Einwendungen machen wollen; dann hatte ſie ſich unterworfen: „Ich werde Frau Aſſeſſorin in Meſeritz.“ Aber in Meſeritz hinten in dem fremden Polenlande ſollte ſie nicht Frau Aſſeſſorin werden. Der Domherr reiſte nach Berlin; er hatte dort Mancherlei zu beſorgen; wir werden es ſpäter noch er⸗ fahren. In Berlin ging er zum Juſtizminiſter. Juſtizminiſter war damals in Preußen Herr von Kircheiſen. Er war eine Säule des Rechts. Aber die Säulen des Rechts werden von dem Hof⸗ —— — —— „ 2 137 geſinde nicht immer gern geſehen, und der Miniſter von Kircheiſen war damals ſchon ein alter Mann, und alte Leute werden ſtumpf und ſchwach. „Excellenz“ ſagte der Domherr, „iſt Ihnen ein Obriſt⸗ lieutenant Friedrichs bekannt?“ „Einen Obriſtlieutenant Friedrichs, Herr Domherr, dürfte nur der Kriegsminiſter kennen. Einen Aſſeſſor Friedrichs kenne ich.“ „Iſt der Aſſeſſor Friedrichs ein tüchtiger Arbeiter, Excellenz?“ „Ein ſehr tüchtiger, Herr Domherr, und ein ausge⸗ zeichneter Juriſt dabei.“ „Und noch nicht Rath?“ „Es waren eigenthümlich unglückliche Anciennetäts⸗ verhältniſſe für den braven Mann.“ „Nicht auch ein Befehl von oben?“ „Allerdings, aus dem Kabinet.“ „Aber nicht vom Könige, Excellenz!“ Der Miniſter zuckte die Achſeln. „Befehle aus dem Kabinet gelten als Befehle Seiner Majeſtät.“ „Ah, Excellenz, das heißt, der König wird auch zu⸗ weilen betrogen.“ „Das iſt ein hartes Wort, Herr Domherr!“ „Aber ein wahres!“ 138 „Herr Domherr, in das Kabinet des Königs erſtreckt ſich die Macht des Juſtizminiſters nicht.“ „Kommen wir auf den Herrn Friedrichs zurück, Ex⸗ cellenz. Ich habe eine Bitte für ihn.“ „Wenn ich ſie zu erfüllen vermag.“ „Er ſoll Aſſeſſor in Meſeritz werden?“ „Wenigſtens im Poſenſchen wird eine Stelle für ihn offen gehalten.“ „Könnten Excellenz ihm nicht eine Stelle bei dem Gericht zu Warburg in Weſtfalen verleihen? Das Gut ſeiner Braut liegt eine Stunde von da.“ Der Miniſter ſann nach. „Es wird angehen.“ „Ich danke Ew. Excellenz.“ So war die Mamſell Karoline Lohrmann Frau Aſſeſſorin in Warburg geworden, und ihr Geiſt und ihre Hand konnten in Ovelgönne ferner wirken; ſie fuhr die Woche ein⸗ oder zweimal nach Ovelgönne hinaus, und ihr Mann kam ihr zum Abend nach, um ſie zurückzu⸗ holen; war es am Sonnabend, ſo blieben ſie die Nacht und den Sonntag da. „Du willſt nach der Arbeit der Leute ſehen?“ fragte der Domherr die junge Frau. „Nein, Onkel Florens. Deſſen bedarf es bei mei⸗ nen Leuten nicht. Aber ſie arbeiten ſeit vier Uhr — 143 anders werden! Und Du wirſt zugeben, daß das für uns beide eben keine glückliche Situation iſt.“ „Gott weiß es, Gisbertine.“ „Man kann ſie eigentlich nur ertragen, wenn man muß.“ „Müßt Ihr ſie ertragen?“ „Gewiß, Onkel. Ich, weil ich will, und Du weißt, ich habe einen feſten Willen.“ „Zähe Launen, Gisbertine.“ „Das iſt Deine Auffaſſung. Gisbert hat einen gleichen feſten Willen, aber die Situation nicht zu er⸗ tragen. Da muß für ihn ein äußerer Zwang hinzutreten.“ Ich ſprang auf. „Gisbertine“, rief ich, „biſt Du ein herzloſes Unge⸗ heuer? Um Deiner nichtsnutzigen Launen willen, damit Du Dein Leben einer pflichtvergeſſenen Frau in unge⸗ ſtörter Ruhe fortſetzen kannſt, darum ſoll Dein braver Mann elend im Kerker verkümmern?“ Sie blieb ruhig. „Ereifere Dich nicht umſonſt, Onkel Florens. Was das elende Verkümmern betrifft, ſo habe ich Fürſorge getroffen, daß Gisbert, mit Ausnahme der Freiheit, alle Bequemlichkeiten hat, die er ſich nur auf ſeinem Schloſſe in Weſtfalen verſchaffen könnte. Und in Betreff dieſer ſeiner Freiheit habe ich mich eben jetzt beſonnen, daß —— es nicht ſchaden könne, wenn er ſie wiederbekäme. Ich hatte gedacht, ein Jahr Haft, namentlich wenn er in dem ganzen Jahre von mir nichts höre, werde ihn auf beſſere Gedanken über unſer Verhältniß bringen, und er werde es aufgeben, mit mir ferner zuſammenleben zu wollen. Aber ich will Dir nachgeben, Onkel Florens. Gisbert ſoll frei ſein, wenn er Dir ſein Ehrenwort gibt, mich nicht aufſuchen, mir auch nicht ſeinen Dank ſagen zu wollen.“ Sie ſprach die Worte mit ihrer verzweifelten Ent⸗ ſchiedenheit; ſie ſah mich herausfordernd an. „Gisbertine, muß ich für Deinen Verſtand fürchten?“ fragte ich ſie. „Wie Du willſt, Onkel.“ „Du haſt keine andere Erklärung?“ „Nein.“ „Alle Teufel“ — ja, Madame, ich fluchte — „es wird wahrhaftig keines Menſchen Ehrenwort nöthig ſein, um eine Närrin, eine herzloſe Närrin, wie Du biſt, zu meiden, wie man die Peſt meidet. Wäre ich Dein Mann, ich flöhe vor Dir bis an das Ende der Welt. Ich gehe zu Gisbert. Wirſt Du mir ein Zettelchen geben, daß ich zu ihm gelaſſen werde?“ „Der Onkel Steinau wird es Dir ſchreiben“ „Und dann habe ich noch eine Bitte, Gisbertine. Mit Gisbert iſt ſein Freund Mahlberg verhaftet —“ 145 „Für ihn kann ich gar nichts thun“, ſchnitt ſie mir jedes fernere Wort ab. „Ihn verfolgt nicht die Politik, ſondern nur ein perſönlicher Haß. Schilden! Er hat ihnen die Mittel für ihre Politik verſchafft; dafür müſſen ſie ihm Mahlberg preisgeben. Fordere nicht das Un⸗ mögliche, Onkel.“ Dabei blieb ſie. Ich mußte von Mahlberg Abſtand nehmen. Aber nur auf dieſem Wege. Ich erhielt das Billet vom General Steinau. Was darin ſtand, weiß ich nicht; es war verſiegelt. Ich ging damit zur Stadtvogtei. Ich übergab es dem Criminal⸗ rath. Als er es geleſen hatte, ſagte er: „Sie wünſchen Ihren Herrn Neffen zu ſprechen?“ „Ich bitte um eine Unterredung mit ihm.“ „Ah, Herr Domherr, dabei wird es Ihnen eine Freude machen, Ihrem Herrn Neffen ſeine Freiheit ver⸗ künden zu können. Der anfängliche Verdacht gegen ihn hat ſich nicht beſtätigt, iſt im Gegentheile mehr und mehr geſchwunden. Ich habe noch heute ſeine Acten genau durch⸗ geleſen und mich überzeugt, daß ſeine längere Haft nicht gerechtfertigt erſcheint. Ich ſtand gerade im Begriff, ihn vorführen zu laſſen, um ihm ſeine Entlaſſung bekannt zu machen. — Gefangenwärter, führen Sie den Herrn Temme, Der Domherr. III. 10 Domherrn zu dem Gefangenen von Aſchenz die beiden Herren können allein mit einander ſprechen.“ „Ein gewandter Burſche“ mußte ich bei mir denken. Der Gefangenwärter führte mich zu Gisbert und ließ uns allein. „Gisbert, Du biſt frei.“ „Was ſagſt Du, Onkel?“ „Ich komme vom Criminalrath, um Dir zu ſagen, daß er Dich noch heute entlaſſen wird.“ „Aber wie geht das zu, Onkel?“ „Gisbertine iſt Deine Befreierin.“ „Und ſie iſt nicht ſelbſt hier?“ „Nein! Sie ſtellt Dir auch eine Bedingung.“ „Welche?“ „Du ſollſt Dein Ehrenwort geben, daß Du ſie nicht wieder aufſuchen, nicht weiter verfolgen, ihr nicht einmal danken willſt.“ „Aber, Onkel Florens, ich verſtehe Dich nicht.“ „Meine Worte waren deutlich und ſie waren die Worte Gisbertinens.“ „Ich gebe das Ehrenwort nicht, nie.“ „Hm, frei würdeſt Du ohnehin; der Criminalrath kann nicht zurück, er war zu höflich gegen mich. Aber ich habe Gisbertinen mein Wort dafür verpfändet, daß Du Dein Ehrenwort geben würdeſt. 147 „Onkel, wie konnteſt Du das?“ „Weil ſie meinte, es ſei zu Eurer beiderſeitigen Ruhe nöthig, und weil ich meinte, Du würdeſt unter ſolchen Umſtänden bis an das Ende der Welt nicht nach ihr, aber vor ihr laufen.“ „Onkel Florens, ich bleibe in meinem Kerker.“ „Vetter Gisbert, Du biſt doch der größte Narr, den ich kenne.“ „Ich liebe Gisbertine, Onkel.“ „Und ſie liebt Dich. Und darum ſprechen wir ernſt⸗ haft. Liebtet Ihr Euch nicht, ſo würde ich Dir einfach ſagen: laß ſie laufen mit all ihrem Eigenſinn, mit allen ihren Launen, ſchlage ſie Dir aus den Gedanken. So aber geht das nicht. Und es kommt alſo darauf an, ihre Launen und ihren Eigenſinn zu brechen. Das wird ein⸗ mal geſchehen, aber es muß, wie bei allen eigenſinnigen Perſonen, aus ihr ſelbſt herauskommen. Was Du dazu thuſt, iſt von Uebel. Zedes Entgegenkommen von Deiner Seite macht ſie verkehrter, halsſtarriger, widerſpenſtiger. Ueberlaß ſie ganz ſich ſelbſt; das wird am erſten ſie wieder zu Dir führen.“ „Und wann wird das werden Onkel?“ „Wenn Du aus kindiſchem Trotze gegen ſie hier in der Haft bleiben wirſt, in langer Zeit noch nicht.“ Er beſann ſich, gab ſein Ehrenwort und wurde frei. 10* 1 —— 148 Und nun, Frau Mahler, kommen wir auf Ihren Mann zurück. Der Criminalrath hatte eigentlich nur um ſeinetwillen Gisbert inquirirt. Weiter hatte aber Gisbert in ſeiner Haft nichts über ihn erfahren. In der Freiheit bewegt man ſich eben freier. Wir erfuhren jetzt mehr von ihm, aber auch, daß wenigſtens vor der Hand nichts für ihn zu thun ſei. Er ſaß ſicher verwahrt, wie kein anderer Gefangener; die zuverläſſigſten Wärter umgaben ihn. Nicht einmal eine Nachricht konnte zu ihm dringen. Er mußte um ſo mehr befreit werden. Er durfte nicht das Opfer der Unter⸗ ſuchung werden, der man ihn unterworfen hatte, weder durch eine Verurtheilung, die man ſo leicht gegen Un⸗ ſchuldige herbeiführen kann, noch auch nur durch einen endloſen Unterſuchungsarreſt. Aber wir mußten unſere Befreiungsverſuche bis zu einer günſtigen Gelegenheit aufſchieben. Sie fand ſich. Ich konnte nicht immer in Berlin ſein. Gisbert blieb da. Er ſtellte feſt, daß Mahl⸗ berg nach Köpenik gebracht ſei. In dem Schloſſe zu Köpenit war ein Hülfsgefängniß für die Demagogen⸗ unterſuchung eingerichtet. Aus der Hausvogtei wurden diejenigen Gefangenen hingebracht, deren der Criminal⸗ rath für einige Zeit nicht bedurfte. Mahlberg war auch dort im ſtrengſten Gewahrſam; erſt als er ſchon mehrere 149 Monate da war, erfuhr Gisbert von ihm. Und jetzt konnte an einen Befreiungsplan gedacht werden. Gisbert ermittelte in dem Köpeniker Schloſſe einen Gefangen⸗ wärter, der in ſeiner Compagnie als Unteroffizier gedient hatte, Beermann heißt er. Er kannte den Mann als brav. Er gewann ihn für Mahlberg's Befreiung. Zugleich für eine zweite. Franz Horſt, die liebenswürdige, muthige, arg⸗ und ſorgloſe Jugend ſelbſt, auch er hatte dem Schickſale der Demagogenunterſuchung nicht entgehen können. Gisbert brachte in Erfahrung, daß auch Horſt in nächſter Zeit nach Köpenik werde geführt werden. Mahlberg und Horſt ſollten zuſammen aus ihrer Haft befreit werden. Sie ſollen es. Am nächſten Sonnabend, in der Nacht zwi⸗ ſchen elf und zwölf Uhr. Alles iſt vorbereitet. Nur Sie fehlen noch, Madame!“ „Ich, Herr Domherr?“ rief die Frau Mahler. „Hm, Madame, geſchieden wollten Sie von Ihrem Manne nicht werden.“ „Es war nicht möglich.“ „Als Magd, als Sklavin konnten Sie auch nicht zu hm zrückehrenl⸗ „Sie ſtellten es mir um meines Mannes willen als unmöglich vor.“ „Und ich hatte Recht. Und als ich es Ihnen geſagt ——— hatte, ſetzte ich hinzu, es werde einmal eine große Er⸗ hebung über Sie kommen; dann gelte es für Sie, Muth und Kraft zum Handeln zu haben. Madame, die Zeit zum Handeln iſt jetzt da.“ „Und“ — erhob die Frau ſich — „ich habe den Muth, Gott wird mir die Kraft geben.“ „Das wolle er! So hören Sie noch einige Worte Sie reiſen noch heute Abend von hier ab, über Hofgeis⸗ mar. Dort nehmen Sie Extrapoſt Die preußiſche Grenze berühren Sie erſt wieder jenſeits Leipzig; man achtet dann in Preußen um ſo weniger auf Sie. Von der Grenze an beſtellen Sie auf jeder Station ſofort die Extrapoſtpferde für Ihre Rückkehr. Einen Vorwand für Ihre Eile werden Sie ſchon finden. Auf der letzten Station vor Berlin fahren Sie rechts ab nach Köpenik hin. Eine Viertelſtunde von der Spree laſſen Sie den Wagen halten. Mit dem Glockenſchlage elf in der Nacht zum Sonntag ſind Sie an dem Spreeufer hinter dem Köpeniker Schloſſe. Sie finden an dem Ufer einen Nachen angebunden. Sie fahren in ihm zum Schloßgarten. Sie werden dort nur wenige Minuten zu warten haben. Die Gefangenen werden zu Ihnen einſteigen. Ueber das Wei⸗ tere habe ich Ihnen nichts zu ſagen. Noch ein Anderes aber. Ich kann Sie nicht be⸗ gleiten; mich halten dringende Geſchäfte zurück. Gisbert 15 hat gleichfalls keine Zeit; hätte er ſie aber auch, das Werk der Befreiung Ihres Mannes muß von Ihnen allein ausgeführt werden, und ich denke, Sie werden keine Komödie darin finden. Sie müſſen indeß irgend eine Begleitung mit ſich nehmen. Wen würden Sie wählen?“ „Bernhard“, ſagte die Frau. „Auch ich hatte an ihn gedacht. Er iſt gewandt, an⸗ ſtellig, muthig. — Und nun treffen Sie ſofort Ihre Reiſe⸗ anſtalten. Hier iſt das Reiſegeld. Einen Reiſewagen er⸗ halten Sie von dem Poſtmeiſter in Hofgeismar; er iſt ſchon beſtellt. Gott geleite Sie.“ Eine Stunde ſpäter war die Frau Mahler mit Bernhard auf dem Wege nach Berlin, eigentlich nach Köpenik bei Berlin. In Hofgeismar fand ſie einen bequemen Wagen, in dem ſie mit Extrapoſtpferden weiter fuhr. Sie reiſten nach der Anweiſung des Domherrn. Der gewandte Bernhard war ihr mehr als Bedienter, er beſorgte auf der Reiſe Alles für ſie; ſie hatte ſich um nichts zu kümmern. Sie hätte es auch kaum vermocht. Das Herz war ihr voll Furcht und Angſt. Wird die Befreiung gelingen? Und welche entſetzliche Angſt knüpfte ſich dann weiter an das Gelingen wie an das Nichtgelingen! —— „Wird die Befreiung nicht eine noch weitere Kluft zwiſchen uns reißen? Wird er nur von mir befreit ſein wollen? Wird er nicht vorziehen, in ſeinen Kerker zurück⸗ zukehren, wenn er mich erkennt?“ Sie erreichte die letzte Poſtſtation vor Berlin, das Dorf Großbeeren. Die Poſtverbindung von da nach Kö⸗ penik ging nur über Berlin. Berlin mußte ſie ver⸗ meiden. Der Poſthalter gab ihr ſeine Pferde als gewöhnliche Miethpferde, den Poſtillon als Kutſcher. Zu dem Poſtillon ſetzte ſich Bernhard auf den Bock. Weder die Frau Mahler noch der Burſche kannten die Gegend zwiſchen Großbeeren und Köpenik. Der Burſche fragte den Poſtillon darüber aus. „Nach Köpenik werden Sie heute wohl nicht mehr kommen“ ſagte der Poſtillon. „Es liegt uns am Ende nicht viel daran. Aber warum wäre es nicht möglich?“ „Wir kommen vor zehn Uhr in der Nacht nicht an. In ſo ſpäter Zeit wird kein Wagen mehr über den Strom geſetzt und eine Brücke iſt nicht da.“ „Könnten wir dieſſeits des Stroms ein Unterkommen finden?“ „Eine halbe Stunde von Köpenik, im Bärenkruge.“ — —— 153 „Kann man da gut logiren?“ „Es übernachten oft Herrſchaften da.“ „Fahren Sie uns vorläufig dahin. Wir können dann ja weiter ſehen.“ Bernhard theilte der Frau Mahler mit, was er mit dem Poſtillon geſprochen hatte. Sie war einver⸗ ſtanden.“ Sie erreichten den Bärenkrug. Die Frau war immer ſtiller geworden. „Ich ſpiele Komödie mit ihm!“ Der Gedanke beſchäftigte ſie, wollte ſie nicht verlaſſen. „Komödie mit meinem Mann! Um ihn wiederzugewinnen Um ſein und mein Glück zu begründen! Der Domherr ſagte es ja. Er hatte kein Bedenken, er auf ſeinem Standpunkte nicht. Aber er ſah mit dem Verſtande. Ich ſehe mit dem Herzen. Ich ſoll meinen Mann betrügen? Durch einen Betrug, durch neuen Verrath ſein Herz wiedergewinnen, das ich durch den ſchwerſten Verrath betrogen habe? Es iſt nicht möglich! — Fänden wir den Herrn von Aſchen hier! Er wird da ſein. Er iſt meines Mannes Freund. Der Domherr wird ihn gebeten haben, mir ſeinen Bei⸗ ſtand zu leihen. Er muß das Weitere allein übernehmen Ich ziehe mich zurück. Ich darf keinen Theil mehr daran haben. Mein Mann darf mich nicht ſehen. Er darf mich nie wiederſehen.“ —— Mit dem Entſchluſſe ſtieg ſie an dem Bärenkruge aus. Aber Gisbert von Aſchen war nicht da. Mußte ſie nun doch ihrem Gatten entgegentreten? Nur ſie konnte ihn befreien. Zu dem Zwieſpalt in ihrem Innern geſellte ſich dann der Unmuth, von dem Freunde ihres Gatten verlaſſen zu ſein. Daß der Domherr mit ihr die weite Reiſe hätte zurückmachen ſollen, daran hatte ſie freilich nicht gedacht. Daß aber Gisbert jetzt fehlte, daß man ſie, die ſchwache Frau, das ſchwere gefährliche Wagniß der Befreiung allein unternehmen ließ, zu ihrem Beiſtande allein auf einen Diener angewieſen, das war ein Unrecht, eine Rück⸗ ſichtsloſigkeit, die auf einmal ſie doppelt kränkte, mit Bitter⸗ keit erfüllte. Das war in ihrer Lage natürlich und allerdings am Ende gut. Es weckte den Widerſpruch, einen gewiſſen Trotz in ihr. „Ich werde meine FPflicht allein erfüllen. Ja, ich, das ſchwache Weib, auf das allein ſie ſie gewälzt haben.“ Ein anderer Gedanke kam ihr dann wohl. „Es gehört noch zu der Komödie, die ich mit meinem Manne ſpielen ſoll. Darum darf auch der junge Freiherr nicht da ſein. Aber er hätte mir ſeine Nähe kundgeben — —— S * — —— S O 15 können. Und wenn nun eine Hülfe nöthig wird, die ich nicht leiſten, die auch Bernhard nicht bringen kann? „Indeß mein Mann muß gerettet werden! Ich werde ihn retten.“ Sie überlegte mit Bernhard, was weiter zu thun ſei. Der gewandte Burſche hatte ſich durch den Poſtillon über den Weg vom Bärenkruge bis zur Spree bei Kö⸗ penik unterrichten laſſen. Der Weg gehe durch flaches, ödes Haideland; eine Viertelſtunde lang komme man noch durch einzelnes Fichtengebüſch, dann ſei kein Baum und kein Strauch mehr zu ſehen. „Wir fahren noch die Viertelſtunde weit“ entſchied ſich die Frau. „Wir laſſen dann den Wagen zwiſchen den Fichten halten und gehen zu Fuße weiter. So kann „Die Madame“, ſagte Bernhard zu dem Poſtillon, „muß heute Abend noch weiter. Können wir nicht über den Strom, ſo kommt ihr Jemand entgegen, den ſie noth⸗ wendig ſprechen muß.“ Der Poſtillon fütterte ſeine Pferde, ſpannte wieder an. Sie fuhren weiter. Es war um halb elf Uhr in der Nacht. Die Haide war unbewohnt, die Nacht dunkel, der Himmel der Poſtillon nicht ahnen, wohin wir wollen, und der Rückweg zum Wagen wird ſpäter nicht zu beſchwerlich.“ mit ſchwarzen Wolken bedeckt, aus denen es regnete; manchmal erhob ſich der Wind, den Regen vor ſich her⸗ treibend. Für das Unternehmen der Frau hätte das Alles nicht günſtiger ſein können. Um ſo größer war ihr Schreck, als ſie das Ende der Fichten erreicht hatten. Eine dunkle Geſtalt ſtand dort am Wege, unbeweg⸗ lich; ſie erwartete den Wagen. „Ich habe den Teufel an die Wand gemalt“, ſagte ſich Bernhard. Aber der Burſche faßte ſich. „Halten Sie, Kutſcher!“ ſprang er aus dem Wagen. Er ging entſchloſſen auf die dunkle Geſtalt zu. Ein Mann trat ihm entgegen. „Sind wir hier auf dem rechten Wege nach der Kö⸗ peniker Fähre?“ fragte ihn der Burſche. „Wer ſitzt in dem Wagen?“ erwiderte der Menſch. „Oho, ſind Sie Gensdarm?“ „Nein, aber ich kenne den Herrn Domherrn von Aſchen.“ „Und was will der Herr Domherr von der Herr— ſchaft im Wagen?“ „Wenn es die Frau Mahler iſt, ſo habe ich eine Be⸗ ſtellung an ſie.“ 157 „So, ſo, warten Sie hier einen Augenblick.“ Der Burſche kehrte zum Wagen zurück. „Wollen Sie ausſteigen, Madame. Der Mann, den Sie erwarten, iſt da.“ Er ſprach es laut, damit der Poſtillon es höre. Die Frau ſtieg aus und ging mit dem Burſchen zu dem Fremden. „Sie ſuchen die Frau Mahler?“ fragte ſie ihn. „Ja, Madame, und ich zweifle nicht, daß Madame es ſind.“ „Was wollen Sie von mir?“ „Ich bin der Kammerdiener des Freiherrn Gisbert von Aſchen. Der Herr Baron wollte perſönlich hier er⸗ ſcheinen. Er mußte heute Morgen plötzlich verreiſen in einer ſehr dringenden Angelegenheit. Er bittet, Madame wolle ihn entſchuldigen. Ich ſoll mich vollſtändig zu Ihren Befehlen ſtellen. Der Herr Baron hat mir keine ſchriftliche Legitimation mitgegeben. In dieſer Dunkelheit würde Madame ſie nicht leſen können.“ „Sie ſollen mich führen?“ fragte die Fran Mahler. „Zu dem Nachen, der am Ufer wartet.“ Die Frau hatte keinen Grund, dem Manne nicht zu vertrauen. „Gehen wir“, ſagte ſie. Bernhard ſprang zu dem Poſtillon zurück. ——— 158 „Warten Sie hier. Wir ſind in einer Viertelſtunde wieder da.“ Die Frau Mahler, der Kammerdiener Gisbert's und Bernhard gingen weiter in die Haide und Finſterniß hinein. Sie hatten ſchon nach zehn Minuten das Ufer der Spree erreicht. Niemand war ihnen begegnet. Der Fluß lag ſtill vor ihnen. Das träge Waſſer der Spree rauſcht nicht. Sein Plätſchern verhallte in dem Regen. Auch jenſeits des Waſſers war Alles ſtill. Die Finſterniß der Nacht ließ auch für das Auge nichts erkennen. Das Schloß und die Bäume des Parks mußten ſich an dem andern Ufer erheben; an den dunklen Wolken zeichnete ſich nichts ab. Der Bediente hatte ſeine beiden Begleiter in gerader Linie zu einem Nachen geführt. Sie fanden ihn ange⸗ bunden. Sie ſtiegen alle drei ein. Er war mit zwei Paar Rudern verſehen. Der Diener löſte ihn. „Wir müſſen warten, bis es elf ſchlägt“ ſagte der Bediente. Wenige Minuten ſpäter ſchlug eine Uhr jenſeits des Fluſſes elf. Es war die Thurmuhr des Köpeniker Schloſſes. „Zetzt“ ſagte der Bediente. Er ſetzte ſich an das eine Ruderpaar, Bernhard an das andere. Sie ruderten den Nachen in den Fluß hinein. Sie waren nach fünf Minuten an dem andern Ufer. In einer kleinen Bucht legten ſie den Nachen an. Der Bediente ſtieg an das Land, um ſich zu über⸗ zeugen, ob ſie an der rechten Stelle ſeien. Er kam zurück mit der Nachricht, daß es ſo ſei. „Setzen wir uns wieder an die Ruder“, ſagte er zu Bernhard. „Es werden drei kommen. In dem Moment, da der letzte im Fahrzeuge iſt, müſſen die Ruder wieder arbeiten. Sind wir in fünf Minuten herübergekommen, müſſen wir in dreien zurück.“ Dann warteten ſie. Es blieb dunkel und ſtill rund um ſie her. Kein Licht, kein Geräuſch war auf dem Waſſer, an den beiden Ufern, in weiterer Ferne. Die Frau Mahler ſaß auf einer Bank in der Mitte des kleinen Kahns. Ihr Ohr mochte die Stille durch⸗ dringen, ihr Auge das Dunkel durchbohren wollen. Sie ſtrengte die Sinne vergebens an. Das Schlagen ihres Herzens hörte ſie vielleicht. Den Regen, der auf ſie niederfiel, den der Wind auf dem Waſſer ihr in das Geſicht trieb, fühlte ſie nicht. „Was wird er ſagen, wenn er mich ſieht, wenn er 160 mich erkennt? Mein Gott, mein Gott, wenn er zurück⸗ wollte, wenn er ſich lieber in den Strom ſtürzte, als mir ſeine Freiheit verdanken zu müſſen? Und wenn er mich nicht erkennen will? Wenn er ſich dorthin ſetzte, von mir ab, am andern Ufer ſeinen Weg allein fortſetzte! — Wa⸗ rum ging ich mit? Warum ließ ich nicht den Bedienten mit Bernhard allein den Nachen beſteigen? Er ſollte ein bekanntes Geſicht ſehen, ein Herz finden, das ihm ge⸗ hörte.“ Was war das? Eilige Schritte? Eilige Schritte nahten dem Ufer. Ein Kämpfen, ein Ringen, ein Rufen wurde laut. Laſſen Sie mich, retten Sie ſich“, rief eine Stimme. Die Frau ſprang auf. „Herr des Himmels, war das ſeine Stimme?“ Schüſſe fielen. „Rette Dich, rette Dich!“ rief eine andere Stimme. „Laß mich, rette nur Dich.“ „Ich ſterbe mit Dir, Franz!“ „Das!“ rief die Frau. „Das war er!“ Und er kam nicht näher. Und er war ſo nahe bei ihr. Er wollte den Freund nicht verlaſſen. Todesangſt ergriff ſie. Sie war aus dem Kahne geſprungen. Sie eilte zu den Beiden. Sie hatte die Hand ihres Gatten ergriffen. 161 Sie zog ihn mit ſich fort. Er wollte ihr widerſtreben. Er folgte ihr wie ein Betäubter. Sie war mit ihm im Nachen. Der Nachen ſchoß unter faſt wilden Ruderſchlägen der Mitte des Fluſſes zu. „Gisbert, ich habe Franz Horſt gemordet!“ rief Mahlberg. Er hatte ihre Hand ergriffen. „Der Freund ſteht in Gottes Hand!“ ſagte tröſtend die Frau Er ſtieß ihre Hand zurück, er taumelte von ihr. Am Ufer erhob ſich wildes Geſchrei der Verfolgenden, wieder fielen Schüſſe. Mahlberg hörte ſie nicht. Auch die Frau nicht. „Setzen Sie ſich nieder, die Kugeln treffen Sie ſonſt!“ rief ihnen der Bediente zu. „Setze Dich! Setze Dich!“ beſchwor da die Frau den Gatten. Er hörte ſie nicht. Neue Schüſſe fielen am Ufer. Die Frau ſprang empor und ſtellte ſich vor den Gatten. Es wurde wieder geſchoſſen. „Setze Dich!“ wollte ſie noch einmal rufen. Temme, Der Domherr. III. 11 162 Die Stimme erſtarb ihr. Sie ſchwankte. Ah! vief ſie. Er fing ſie auf. Als er ſie anfaßte, fühlte er ihr warmes Blut. „Agathe, Agathe! Du ſtirbſt!“ „Für Dich, mein Hermann!“ Ende des dritten Bandes. Druck von Bär & Hermann in Leipzig. — — „ Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Doctor Antonio. Roman. Aus dem Engliſchen. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Seben um eben. Von der Verfaſſerin von „John Halifar“ Aus dem cEngliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. * S* Bände 8. Geheftet Preis 2 Thl. 15 Ngr. N X Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Verloren und Gerettet. Roman von Caroline Eliſabeth Sarah Norton. Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. caſt Iynne. Von Fran Henry Wood. Aus dem cEngliſchen von Heinrich von Hammer. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr.