— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Heſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— ——— auf Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wt „ „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bucher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders parauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * — ——————— —— Von S. D. H. Temme. 3 Berlin. — — Wedekin W Schwieger. — — — — ——————— —— — — —— — — — — 3 * * 2 — —— —— — heeeee —— — —2 —.———— — An einem klaren Octoberabend, kurz vor Sonnen⸗ untergang, iangte auf dem Poſthofe ein mit zwei Poſtpferden beſpannter Reiſewagen an, in welchem ſich zwei Herren und eine Dame befanden⸗ Einer der Herren fragte, ob man hier Nacht⸗ quartier erhalten könne. Es wurde bejaht. Die drei Reiſenden verließen den Wagen. „Zwei Zimmer neben einander,“ beſtellte der Herr, „zu ebener Erde.“ Zu ebener Erde waren keine Fremdenzimmer da. Ein junges Mädchen, die Tochter des Poſthalters, führte die Fremden die Treppe hinauf. Der Poſthalter war zugleich Gaſtwirth. Das Mädchen wies den Fremden zwei Zimmer an, die beiſammen lagen und durch eine Thür ver⸗ bunden waren. In jedem der beiden Zimmer ſtanden zwei Betten. 6 „Welches Zimmer wünſchen Sie einzunehmen, Fräulein?“ fragte einer der beiden Herren die Dame. „Sie wiſſen, es iſt mir gleich,“ erwiderte die Dame. „So werden wir hier bleiben,“ ſagte der Herr. Er meinte das Zimmer, in dem ſie ſich befanden, in das ſie zuerſt eingetreten waren. Die beiden Zimmer waren einander ganz ähnlich. Laſſen Sie unſere Koffer hereinbringen,“ ſagte der Herr zu dem Mädchen. Die Koffer der Reiſenden wurden hinaufgeſchafft. Es waren zwei, ein größerer und ein kleinerer. Der kleinere gehörte den beiden Herren. Der größere der Dame. Er wurde in das Zim⸗ mer gebracht, das ſie für ſich einnehmen ſollte. Er war ſchwer, ſelbſt im Verhältniß zu ſeiner Größe. Die Herren beſtellten bei der Tochter des Poſt⸗ halters ein gemeinſchaftliches Abendeſſen. Das Mädchen ließ ſie dann allein. Die drei Fremden hatten in Gegenwart des Mäd⸗ chens wenig geſprochen; durchaus nichts, aus dem man hätte abnehmen können, in welchem Verhältniſſe ſie zu einander ſtanden. ³ 7 Sie waren alle Drei wohlgekleidet. Der eine der beiden Herren war groß und kräftig gebaut. Er konnte in der Mitte der dreißiger Jahre ſtehen. Er trug einen ſchwarzen Vollbart, hatte ſchwarze lebhafte, durchdringende Augen, eine Adler⸗ naſe. In ſeinem Weſen hatte er etwas Befehlendes. Der andere Herr war klein, zart, hatte etwas Knabenhaftes, man hätte ſagen mögen, Mädchen⸗ haftes. Er ſchien kaum zwanzig Jahrk alt zu ſein. Er war blond, hübſch; ein Zug in ſeinem Geſichte wollte doch nicht für ihn einnehmen, warum nicht, wurde nicht gleich klar. Die Dame war eine große, ſchlanke Geſtalt, hatte ein feines, etwas blaſſes Geſicht. Sie war eine ungewöhnlich ſchöne Erſcheinung: die offene, ehrliche, treue Gutmüthigkeit, die in ihrem ſchönen Antlitze ſich ausſprach, nahm doppelt für ſie ein. Wie Alle Drei bei ihrer Ankunft wenig mit ein⸗ ander geſprochen hatten, ſo fand man ſie auch ſpäter. Die Wirthstochter war bald nachher wieder bei ihnen erſchienen, um mit Hülfe einer Magd die Betten zu überziehen, und ſonſt die Zimmer zum Nachtquartier einzurichten. ₰ ———————— ——— — 8 Alle Drei hatten ſich in dem Zimmer der beiden Herren befunden. Die Verbindungsthür hatte offen geſtanden. Die Dame und der kleinere jüngere Herr hatten ſtumm am Fenſter geſeſſen und in's Freie geblickt. Der größere Herr mit dem ſchwarzen Bart ſpa⸗ zierte in der Stube auf und ab. Jene Beiden hatten dann doch einige Worte gewechſelt. * Die Sonne ging gerade unter. „Sehen Sie, wie ſchön,“ ſagte die Dame zu dem jungen Herrn, der neben ihr ſaß. Sie hatten wirklich einen ſchönen Anblick. Die Poſtſtation lag am Fuße eines waldigen Berges, am Eingange einer kleinen Schlucht. Die letzten Sonnenſtrahlen leuchteten noch halb in die Schlucht hinein, fielen voll auf den Berg und ver⸗ goldeten deſſen dichte Waldung. Ueber den Kronen der Bäume ſchwamm an dem tiefblauen Himmel roſiges Abendgewölk langſam dahin. Von dem Fenſter aus ſah man das Alles, hatte man zugleich den Blick in eine weite Ebene voll Wieſen und Ackerfeld, in deren Hintergrund ſich 3 feiner weißer Nebel entwickelte, für die Nacht friſche Kühle und für morgen wieder einen ſonnigen Tag verkündend. Der junge Herr antwortete der Dame: „In der That, recht hübſch.“ „Aber es ſcheint auch recht einſam hier zu ſein.“ „Man ſieht kein anderes Haus in der Nähe,“ gab der Herr zu. Damit war das Geſpräch der Beiden zu Ende, oder unterbrochen. Die Dame ſchaute wieder durch das Fenſter, der kleine Herr blickte nachdenklich vor ſich nieder. Bald darauf bemerkte die Wirthstochter, wie der größere Herr dem kleinen einen Wink gab. Der Kleine ſah es, obwohl er niederblickte; er er⸗ hob das Geſicht und ſah fragend zu dem Großen auf. Dieſer zeigte nach der Ausgangsthür des Zimmers. Der Kleine nickte wie zuſtimmend. Der Große verließ ſchweigend das Zimmer. Die Dame hatte nichts geſehen. Ihre Blicke waren durch das Fenſter in die Abendlandſchaft gerichtet. 6 10 Die Sonne war untergegangen; in der Schlucht war es dunkel geworden; in der Ebene begann es zu dunkeln. Nur in den Kronen der Bäume oben auf dem Berge war noch das Abendlicht. Die Dame am Fenſter ſchien in tiefem Nach⸗ denken in die weite Ebene hineinzuſchauen. Die Wirthstochter war noch mit ihrer Arbeit in dem zweiten Zimmer beſchäftigt. Sie hatte durch die offene Thür das geheimnißvolle einverſtändliche Winken der beiden Herren geſehen. Es war ihr auf⸗ gefallen. Noch mehr wurde ihre Neugierde geweckt durch das Geſpräch, das ſich nach der Entfernung des größeren Herrn zwiſchen dem kleineren und der Dame entſpann. „Sie ſind ſo nachdenklich!“ ſagte der kleine Herr zu der Dame. „Ich habe wohl urſache,“ war die Antwort. „Sie machen ſich gewiß unnöthige Sorgen.“ „Wolle Gott es!“ „Meine beſten Wünſche begleiten Sie,“ fuhr der kleine Herr darauf fort. „Sie ſind mir auf dieſer Reiſe eine ſo liebe Freundin geworden.“ — „Freundin,“ ſagte der junge Herr zu der jungen Dame. Die Wirthstochter horchte hoch auf. Die Dame drückte dem kleinen Herrn die Hand. „Die Trennung von Ihnen wird mir recht ſchwer,“ ſagte der kleine Herr. Die Erwiderung der Dame darauf ſetzte die Wirthstochter in eine ſolche Verwunderung, daß ſie glaubte, falſch gehört zu haben. Beide ſprachen dann leiſe weiter, ſo daß die Wirthstochter in dem andern Zimmer nichts mehr verſtehen konnte. Sie war mit ihrer Arbeit fertig und verließ das Zimmer. Im Gehen hörte ſie noch den kleinen Herrn lauter zu der Dame ſagen: „Aber geben wir uns ſo trüben Gedanken nicht hin. An dem letzten Abend, den wir zuſammen ver⸗ leben, wollen wir vergnügt ſein.“ „Wer ſind die Reiſenden?“ fragte unten die Tochter des Wirths und Poſthalters ihren Vater. „Baron Lange aus Kurland, nebſt Begleitung, ſteht in dem Paſſagierzettel,“ war die Antwort. 12 „Der große Herr wird der Baron ſein,“ meinte dabei der Poſthalter. „Es muß ſo ſein,“ verſicherte die Tochter. Die beiden Andern ſind Frauen.“ Der Vater ſah ſie verwundert an. „Beide?“ „Beide, Vater. Und der kleine Herr iſt die Frau des Barons. Er kam mir gleich verdächtig vor.“ Woher ſie ihre Mitwiſſenſchaft habe, fragte ſie der Vater. Sie erzählte, als der kleine Herr zu der Dame geſagt, die Trennung von ihr werde ihm ſchwer wer⸗ den, habe die Dame erwidert: . „O, meine liebe Baronin, und ich werde immer mit Liebe Ihrer gedenken.“ „Du haſt dich verhört,“ meinte der Poſthalter. „Wäre das nicht um ſo ſchlimmer, Vater?“ „Aber wozu die Verkleidung?“ „Vornehme Herrſchaften haben manchmal allerlei Einfälle.“ Der Sohn des Poſthalters kam dazu. Der Poſthalter war Wittwer. ———— 13 Er hatte zwei Kinder, ſeine Tochter Anna, die ihm die Wirthſchaft führte, und einen jüngeren Sohn, Theodor, einen Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren, der dem Vater im Bureau half, und auf dem Felde und in den Remiſen und Ställen nachſah. Die übrigen Bewohner des Poſthofes waren Knechte und Mägde und Poſtillone, von denen einer zugleich Wagenmeiſter war. Der Sohn des Poſthalters, oder Poſtmeiſters, wie er titulirt wurde, brachte gleichfalls eine Neuigkeit. Der Reiſende, der nach Anna's Verſicherung der Boron Lange ſein mußte, hatte das Haus verlaſſen, auf dem Hofe ſich nach allen Seiten umgeſehen und war dann nach der Bergſchlucht gegangen, an deren Eingang die Poſtſtation lag. Dem Knaben, der auf dem Hofe ſich beſchäftigte oder auch nicht beſchäftigte, war aufgefallen, daß der fremde Herr ſo angelegent⸗ lich nach Allem blickte, und ſich dabei noch den An⸗ ſchein zu geben ſuchte, als ſchlendere er nur für nichts und wieder nichts umher. Er war dem Frem⸗ den, ohne daß dieſer es gewahrte, von weitem gefolgt. Zwiſchen dem Poſthofe und der Bergſchlucht lag zur Seite ein Teich, der beſonders zur Pferde⸗ 14 ſchwemme diente, und deſſen Waſſer nicht gar ſauber war. Nach der Seite des Poſthauſes hin war ſein Ufer mit dichten Weiden bepflanzt, ſo daß man von dem Hauſe her das Waſſer nicht ſehen konnte. Der Teich hatte die Aufmerkſamkeit des Fremden erregt; er war an ihn herangetreten, hatte ſich dabei umgeſchaut, ob er geſehen werde, und hatte ihn dann, als er ſich allein glaubte, wie prüfend und meſſend umſchritten. An dem äußeren Ende hatte er ſogar eine Latte, die am Ufer lag, in das Waſſer geſteckt, als wenn er deſſen Tiefe meſſen wollte. Dann hatten ſeine Augen wieder das Poſthaus ge⸗ ſucht, als wenn er berechnen wollte, wie weit es entfernt ſei. Darauf war er in die Schlucht gegangen. In dieſer befand ſich wieder ein Teich. Es war ein Fiſchteich, mit klarem und durchſichtigem Waſſer. Der Fremde ſchien dann die Umgebung zu prü⸗ fen. Außerhalb der Schlucht war von dem Teiche nichts zu ſehen; die Bergwände und davor ſtehendes dichtes Gebüſch verbargen ihn völlig. Daſſelbe Buſch⸗ werk umgab ihn auch faſt auf allen weiteren Seiten, —— — — 15 ſo daß man ihn erſt entdeckte, wenn man nahe bei ihm war. Das waren die Nachrichten, die der Knabe brachte. „Was hatte er an den Teichen zu thun?“ fragte der Knabe. Der Vater und die Schweſter fragten es ſich gleichfalls. Keiner hatte eine Antwort. „Aber er hat Etwas vor, und ich werde ihm aufpaſſen,“ ſagte der Knabe. Und die Schweſter nahm ſich daſſelbe vor. Das Mädchen und der Knabe hatten mit richtigem Sinne geahnt. Karoline Wild war der Name der Dame, die mit dem Baron Lange aus Kurland reiſte. Sie war aus Weſtpreußen gebürtig. Sie war eine Waiſe. Ihr Vater war ein kleiner Beamter ohne Vermögen geweſen. Er hatte dem einzigen Kinde, damit ſie nach ſeinem Tode ſich eine Exiſtenz verſchaffen könne, eine vortreffliche Ausbildung geben laſſen. Sie war Erzieherin geworden. Als ſolche war ſie auch zu dem Töchterchen einer adeligen Dame 2 in der Nähe von Danzig gekommen. Das Kind war nach Verlauf eines Jahres geſtorben. Die Dame hatte Gefallen an der Erzieherin gefunden und ſie bei ſich behalten als Geſellſchafterin, noch mehr als Freundin. Karoline Wild war ein treuer, edler, aufopfern⸗ der Charakter. Sie hatte ſich ſo bei der Erziehung, nachher bei der Pflege des Kindes bewieſen. Sie bewegte ſich ferner ſo gegenüber der Dame. Dieſe war kränklich; Karoline Wild blieb ihre treue P gerin, bis der Tod ſie von ihr trennte. In dem Teſtamente der Dame fand ſich für Karo⸗ line Wild ein Vermächtniß von zweitauſend Thalern ausgeſetzt; außerdem war ihr eine Menge der feinſten Leinwand und der beſten Kleider der Verſtorbenen hinterlaſſen. Ein Jahr vor dem Tode der alten Dame hatte Karoline Wild ſich mit einem jungen Kaufmann in Danzig verlobt. Reinhard Sommer war gebürtig aus demſelben kleinen Städtchen, das die Heimat der Erzieherin war. Nur wenige Jahre älter als dieſe, war er mit dieſer zuſammen aufgewachſen, bis man ihn, fünf⸗ zehn Jahre alt, in eine Handlung nach Danzig ge⸗ bracht hatte. Er war ein hübſcher Knabe, ſie ſchon als Kind ſchön. Sie war ſinnig und mild; er war feurig, lebhaft, unternehmend. Er war der Beſchützer des Mädchens gegen die Rohheiten der andern Kinder; ſie hielt ihn von manchem gefährlichen Streiche zu⸗ rück, trat bittend und begütigend für ihn ein, wenn er zu weit gegangen war. So war zwiſchen den Beiden ein Verhältniß herz⸗ licher Zuneigung, inniger Anhänglichkeit entſtanden. Es hatte wohl noch feſte Faſern in ihren Herzen, als ſie ſich nach Verlauf von beinahe zehn Jahren in Danzig wiederſahen. 6 Karoline Wild war damals zweiundzwanzig Jahre alt, Reinhard Sommer zählte fünfundzwanzig. Sie war Geſellſchafterin der adeligen Dame, die auf einem Gute nahe bei der Stadt lebte; er war Com⸗ mis in einem angeſehenen Handlungshauſe Danzigs. Sie war eine ungewöhnlich ſchöne jugendliche Er⸗ ſcheinung. Er gehörte zu den ſchönſten jungen Män⸗ nern der Danziger Kaufmannſchaft. Die Herzen Beider waren ſeit ihren Kinderjahren frei geblieben. Temme, Criminal-Novellen. I. 2 „ War es ein Wunder, daß ſie, nachdem ſie ſich wiedergefunden hatten, ſich einander wieder nähern mußten, und dann gar nicht mehr von einander laſſen konnten? Sie verlobten ſich. Freilich waren ſie Beide ohne Vermögen. Sie hatte nur ihre gute Station und ihr Salair als Ge⸗ ſellſchafterin, was beides ſie ihrem Manne nicht ein⸗ mal zubringen konnte. Er hatte nur ſein Gehalt als Commis, wovon ſie Beide nicht leben konnten. Allein er war als tüchtiger Kaufmann bekannt, dem nur die Gelegenheit, vielmehr die Fonds bisher gefehlt hatten, um auch ein reicher Kaufmann zu werden. Was ihm ſo fehlte, ſollte ſich gerade jetzt finden. In dem Handlungshauſe, in dem er an⸗ geſtellt war, hatte ein junger reicher Mann aus dem ſüdlichen Deutſchland als Volontär gearbeitet. Rein⸗ hard Sommer und Albert von Brandeis waren Freunde geworden. Wenige Monate nach ſeiner Ver⸗ lobung mit Karoline Wild erhielt Sommer einen Ruf von ſeinem Freunde, mit einem Geſchäftsantheile in ſein Geſchäft einzutreten, das er nach dem Tode ſeines Vaters übernommen habe. Er nahm an. — Die beiden Verlobten waren die glücklichſten Menſchen. Reinhard Sommer war der Compagnon eines großen Handlungshauſes; er konnte, er mußte ein reicher, ein angeſehener Mann werden; alle Träume und Pläne ſeines Ehrgeizes mußten ſich er⸗ füllen. Er konnte ſchon in kurzer Friſt ſeine geliebte Braut heimführen, um ſie zur Theilhaberin ſeines Reichthums, ſeines Anſehens zu machen. Die be⸗ ſcheidene Karoline Wild dachte nur an die baldige Verbindung mit dem Geliebten. Reinhard Sommer war nach ſeiner neuen Hei⸗ math abgegangen. Das Geſchäft, in das er eintrat, war reicher und großartiger, als er es ſich gedacht hatte. Seine Briefe an die Braut athmeten nur Liebe und Glück. Liebe und Hoffnung ſprachen ſich in den Briefen der Braut aus. Ein halbes Jahr nach ſeiner Abreiſe ſchrieb Sommer an die Verlobte, daß ſeine Stellung nun⸗ mehr eine völlig feſte und geſicherte ſei, und daß ihrer Verbindung nichts mehr im Wege ſtehe. Er bat ſie, für dieſe Alles in Danzig zu ordnen, und ſodann mit den zu der Trauung erforderlichen Do⸗ kumenten zu ihm zu kommen. Zu der Trauung 9* 20 könne er leider nicht nach Danzig reiſen, ſeine Ge⸗ ſchäfte erlaubten ſeine längere Abweſenheit nicht; ſie müßten ſich alſo in ihrem neuen Wohnorte trauen laſſen. Die Begebenheiten, die wir hier erzählten, ereig⸗ neten ſich zu einer Zeit, wo man noch keine Tele⸗ graphen und keine Eiſenbahnen kannte, Eilpoſten nur auf den größeren Verkehrsſtraßen beſtanden, eine Reiſe von dem Norden nach dem Süden Deutſch⸗ lands hin und zurück Monate in Anſpruch nahm. Karoline Wild fügte ſich gern dem Verlangen ihres Verlobten. Sie beſorgte das Aufgebot in Danzig, ließ ſich die zur Trauung erforderlichen Do⸗ kumente ausſtellen. Als ſie dann den Tag ihrer Abreiſe dem Ver⸗ lobten anzeigen wollte, verfiel die Dame, deren Ge⸗ ſellſchafterin ſie war, plötzlich in eine ſchwere Krank⸗ heit. Karoline konnte ihre Wohlthäterin, ihre Freun⸗ din nicht verlaſſen. Sie hielt bei ihr aus, bis erſt nach ſechs bis acht Wochen der Tod der alten Dame eintrat. Sie mußte dann weitere vier Wochen warten auf die Eröffnung des Teſtaments der Dame und auf die Auslieferung ihres Vermächtniſſes. 21 Endlich konnte ſie dem Verlobten den Tag ihrer Abreiſe mittheilen. Sie reiſte ab, ohne ſeine Antwort abzuwarten. Sie hatten ja Alles brieflich verabredet; er hatte in allen ſeinen Briefen an ſie über den Aufſchub ihrer Reiſe geklagt. Der Poſtengang war ein ſo langſamer. Sie nahm ihr Vermögen mit. Zweitauſend Thaler in Golde, einen großen Koffer voll der fein⸗ ſten, glänzendſten Leinwand, mit Anderem. Ein paar hundert Thaler, die ſie ſich erſpart, hatte ſie noch außerdem. Sie war überglücklich, in die neue Haushaltung das Alles zubringen zu können. Die zweitauſend Thaler trug ſie in ihr Korſet eingenäht bei ſich. Das andere Geld, ſoweit ſie ſeiner nicht für die Reiſe bedurfte, hatte ſie in dem Koffer mit der Leinwand verwahrt. Von Danzig bis Berlin reiſte ſie mit der Eilpoſt. Von Berlin wollte ſie mit der gewöhnlichen Poſt zu ihrem Beſtimmungsorte fahren. Sie hatte noch an achtzig Meilen; die Poſt fuhr darüber mehr als vierzehn Tage; eine Eilpoſtverbindung dahin be⸗ ſtand nicht. * — 22 In dem Gaſthofe zu Berlin bot ſich ihr eine andere Reiſegelegenheit dar. Sie war in einem der beſten Gaſthöfe abgeſtiegen. Als allein reiſende Dame konnte ſie ſich da am ſicherſten fühlen. Sie war am Abend angelangt, hatte ſich in den Speiſeſaal begeben und zog von dem Oberkellner Erkundigungen über die Weiterreiſe am andern Morgen ein. Unterdeß waren neue Fremde angekommen, ein Herr und eine Dame. Sie beſprachen ſich gleichfalls mit dem Oberkellner über ihre fernere Reiſe. Ihr Reiſeziel war Stutt⸗ gart. Sie wollten mit Extrapoſt fahren, früh um fünf Uhr am folgenden Morgen. Sie trugen dem Kellner auf, ihnen bei Zeiten die Pferde zu beſorgen. Nach Stuttgart! Nur wenige Meilen von Stutt⸗ gart lag, zur Seite von der geraden Heerſtraße, das Reiſeziel der jungen Dame. Der Kellner ſprach darüber mit ihr; mit dem Herrn, dem er die Extra⸗ poſt beſtellen ſollte. Man ſah ſich gegenſeitig an. Man ſchien an einander Gefallen zu finden. Der Herr erklärte, ihm und ſeiner Frau werde die Ge⸗ ſellſchaft des Fräuleins angenehm ſein. Er hatte ſich in das Fremdenbuch als Baron Lange nebſt Frau aus Kurland eingeſchrieben. Karoline Wild war erfreut, unter ſo willkommenem Schutze ihre Reiſe fortſetzen zu können. Der Baron trug dem Kellner auf, die Extrapoſt zu beſtellen für den Baron Lange nebſt Begleitung. Die Baronin und Karoline Wild machten noch am Abend nähere Bekanntſchaft mit einander. Die Baronin war entzückt von der einfachen, ſtillen, anſpruchsloſen Liebenswürdigkeit des Fräuleins. Karo⸗ line Wild befreundete ſich mit dem heiteren, leb⸗ haften Weſen der jungen und ſchönen Baronin, die, wenn auch keine beſondere Ausbildung, doch Herzlich⸗ keit und Gutmüthigkeit zu beſitzen ſchien. Der Baron war ernſt, ſtill, ſprach wenig, bewies aber dem Fräulein eine ausgeſuchte Höflichkeit. Am folgenden Morgen fuhren ſie pünktlich um fünf Uhr ab. Der Wagen war Eigenthum des Barons; es war ein ebenſo eleganter als bequemer Reiſewagen. Der Baron Lange hatte von Karoline Wild nur den dritten Theil der baar ausgelegten Extrapoſt⸗ koſten verlangt. Sie war damit einverſtanden. — — 24 Es war noch nicht ganz hell, als ſie in den Wagen ſtiegen. Die Baronin war in einen weiten Mantel gehüllt deſſen Capuze ihren Kopf und den größten Theil ihres Geſichts bedeckte. Karoline Wild, oder wie ſie auf der Reiſe hieß, das Fräulein, hatte nicht beſonders darauf geachtet. Deſto mehr wurde ſie überraſcht, als auf der zweiten Station die Baronin den Mantel abwarf und darunter in Herrenkleidung erſchien. Die Baronin lachte in ihrer munteren Weiſe über die Verwunderung des Fräuleins. „Es iſt eine Marotte von mir,“ ſagte ſie. „So ſehe ich aus wie ein hübſcher junger Menſch von achtzehn Jahren, und ich entgehe allem dem Zwange, dem eine Dame, auch wenn ſie mit ihrem Manne reiſt, auf Reiſen unterworfen iſt.“ Karoline Wild hatte keine Bedenken atkte Ein Anderes wollte ihr dann aber doch auffallen. Sie fuhren nur bei Tage. Wegen der nicht immer guten Straße konnten ſie täglich im Durch⸗ ſchnitt nicht mehr als zehn bis zwölf Meilen zurück⸗ legen. Sonderbar war es dabei, daß ſie ihe Nacht⸗ — 25 quartier immer nur auf einer einſamen, im Walde oder im Felde gelegenen Poſtſtation nahmen, nie⸗ mals in einer Stadt oder auch nur in einem Dorfe. Der Baron hatte das ſtets ſo einzurichten gewußt. Kamen ſie des Abends, wenn auch ſchon etwas ſpät, auf einer Station in Stadt oder Dorf an, ſo hatte er regelmäßig irgend einen Grund für die Weiter⸗ fahrt zu der nächſten einſam gelegenen Station. Andererſeits blieben ſie auf einer ſolchen, wenn ſie auch noch bequem die nächſte Stadt hätten erreichen können. Damit ſtand ein Anderes in Verbindung. Regelmäßig verließ der Baron bald nach ihrer Ankunft an der Station des Nachtquartiers die beiden Damen auf eine Viertel- oder halbe Stunde. Dann hatte er nach dem Wagen ſehen wollen, ob er in der Remiſe gut untergebracht ſei; dann habe er mit dem Poſtmeiſter über die morgige Tour ge⸗ ſprochen; oder er habe auch nur noch eine Pro⸗ menade gemacht. Gewöhnlich war er bei ſeiner Rück⸗ kehr in tiefen Gedanken, und die Baronin gab ſich ſichtlich Mühe, ihn durch allerlei Scherze und Necke⸗ reien aufzuheitern. —— 26 Ein paarmal glaubte das Fräulein auch, des Morgens bei ihrem Erwachen eine dumpfe Schwere in ihrem Kopfe und eine ungewohnte Ermattung in ihren Gliedern zu fühlen. Sie hatte aufgeweckt wer⸗ den müſſen, und ſie hatte Mühe gehabt, zur klaren Beſinnung zu kommen. Indeß ſie ſetzte dieß auf die ungewohnte An⸗ ſtrengung der Reiſe und achtete mit der Zeit auch auf das Andere nicht ſonderlich mehr. Ihre beiden Reiſegefährten blieben immer gleich freundlich und höflich gegen ſie. Und doch ſchwebte Karoline Wild faſt in jedem Nachtquartiere ihrer Reiſe in großer Lebensgefahr. Der Baron Lange und Frau waren ein Schwind⸗ lerpaar, die auf Verbrechen die Welt durchzogen. Er war hauptſächlich falſcher Spieler, gelegentlich aber auch Dieb und Räuber und noch mehr. Seine ſchöne, gewandte und verſchmitzte Frau war unter der Maske der Gutmüthigkeit und Einfalt ſeine würdige Genoſſin, die ihm Gimpel und Nichtgimpel als Opfer zuführte oder feſthielt, an ſeinen Ver⸗ brechen auch wohl unmittelbaren Theil nahm. — —— 27 So zogen die Beiden von dem einen Ende Europa's zu dem anderen, bald unter dieſem, bald unter jenem Namen, immer unter einem ariſto⸗ kratiſchen. In Berlin hatte der Baron Unglück gehabt. Er war als reicher ruſſiſcher Graf aufgetreten, als Abenteurer und falſcher Spieler entlarvt worden. In derſelben Stunde verließ er ſeinen Gaſthof und kehrte als Baron Lange aus Kurland in einem anderen Hotel ein, um unter dieſen Namen früh am folgenden Morgen mit Extrapoſt zur Aufſuchung neuer und beſſerer Abenteuer abzureiſen. Um ſich vor gefährlicher Verfolgung noch mehr zu ſichern, mußte ſeine Frau Herrenkleidung tragen. Karoline Wild war dem Verbrecherpaare auf⸗ gefallen. Ihre äußere Erſcheinung zeigte Wohl⸗ habenheit; ſie wollte die weite Reiſe machen; der Kellner, der über ihre Mitreiſe verhandelte, theilte mit, daß ſie einen großen, ſchweren Reiſekoffer bei ſich führe. „Sie muß Geld bei ſich führen!“ ſagten ſich die Blicke des Ehepaares. 28 Und Geld hatten ſie doppelt nöthig. Der Baron war auch unter Berliner Gauner gerathen und, anſtatt zu rupfen, ſelbſt gerupft worden. „Wenn wir,“ hatte er ſchon zu ſeiner Frau ge⸗ ſagt, „nicht bald einen Fang machen, ſo müſſen wir unſeren Wagen verkaufen.“ Sein ſchöner Reiſewagen war ſein Stolz und gab ihm, wo er mit ihm eintraf, von vornherein ein gewiſſes Anſehen. „Sie hat Geld; wir werden ihr Geld haben!“ Das war der feſte Vorſatz der beiden Verbrecher von dem Momente an, da ſie mit Karoline über die gemeinſchaftliche Reiſe verhandelten, das blieb ihr Zweck während dieſer Reiſe. Aber wie den Zweck erreichen? Skrupulös waren ſie in der Wahl der Mittel oder des Mittels nicht. Karoline Wild hatte kein Mißtrauen, ſchenkte aber auch ihren Reiſegefährten kein volles Vertrauen. Sie theilte ihnen nur mit, daß ſie zu ihrem Ver⸗ lobten reiſe und ihr Koffer ihre Ausſteuer enthalte. „Aber nicht ihr Geld!“ ſagten ſich die Ver⸗ brecher. 29 Und ſchon am Morgen des zweiten Reiſetages theilte die Baronin ihrem Manne eine Entdeckung mit: „Sie trägt ihr Geld an ihrem Körper, in das Korſet eingenäht.“ „Dann iſt es eine große Summe!“ war der erſte Schluß des Barons. Sein zweiter war: „Sie wird es mit ihrem Leben vertheidigen!“ Eigentlich waren es nur die Prämiſſen ſeines Schlußſatzes: „So muß ſie ihr Leben dafür laſſen!“ Und nun machten die Gatten ihre Mordplane. Schon am erſten Tage hatte Karoline Wild gegen die Baronin den Wunſch ausgeſprochen, in den fremden Nachtquartieren nicht zu weit von ihr ge⸗ trennt zu werden. Sie hatte ja, wie geſagt, nicht das mindeſte Mißtrauen gegen ihre Reiſegefährten. So ließen ſie ſich für die Nacht zwei Zimmer an⸗ weiſen, die durch eine Thür mit einander verbunden waren; in dem einem ſchlief der Baron mit ſeiner Frau, in dem anderen das Fräulein. Die Ver⸗ bindungsthür wurde nur in das Schloß gelegt, ſo 30 daß ſie zu jeder Zeit von jeder Seite geöffnet werden konnte. In das Zimmer des Fräuleins wurde ihr Koffer gebracht. „Sie bekommt,“ ſo war der Plan der Gatten, „einen Schlaftrunk, und wird dann in ihrem Bette erwürgt, am beſten mit ihrem eigenen Strumpf⸗ bande. Der Leichnam wird ſofort aus dem Hauſe getragen und in der Nähe an irgend einem geeig⸗ neten Orte verborgen.“ Der Plan war einfach und entſchieden. Eine Schwierigkeit bot nur der Umſtand dar, daß am Abend drei Perſonen angekommen waren und am Morgen nur zwei wieder abreiſen ſollten. Indeß, man nahm es nicht zu ſchwer. Die Ba⸗ ronin wußte Rath. „Wir fahren ab, wenn es noch dunkel iſt, Extra⸗ poſtpferde müſſen ſie uns auch in der Nacht geben. Wir Beide ſteigen zuerſt ein, daß man uns ſieht; ich ſchlüpfe dann in einem unbewachten Augenblicke wieder aus, kehre in das Haus zurück, und bin, in Mantel und Hut des Fräuleins, wieder da. So fahren wir zu Dritt wieder ab, wie wir gekommen ſind.“ — D S H = 31 Dreimal machten ſie den Verſuch, ihren Plan auszuführen. Das erſte Mal war im Fichtelgebirge. Die Station lag einſam, von hohen Bergen umringt; in den Schluchten waren Weiher mit dunklem Waſ⸗ ſer; der Baron konnte mit einer langen Stange den Grund nicht erreichen. Das Poſthaus lag mit ſeinen Nebengebäuden offen, ohne jegliche Um⸗ zäunung. „Hier!“ ſagte der Baron zu ſeiner Frau. „Eine beſſere Gelegenheit finden wir nicht wieder. Wie bringen wir ihr nur, ohne daß ſie Argwohn ſchöpft, den Schlaftrunk bei?“ Karoline Wild kam den Mördern entgegen. Sie hatte Kopfweh, ſie klagte es der Baronin. „Wünſchen Sie ein Glas Glühwein, meine Liebe?“ Das Fräulein war einverſtanden. Der Baron war dienſtfertig, wie freilich immer. Er begab ſich ſelbſt in die Küche, um die Bereitung des Glühweins zu überwachen, damit man guten Wein nehme. Er trug dann ſelbſt das Glas in das 32 Zimmer. Im Gange goß er Opium hinzu. Ein Opiumfläſchchen trug er bei ſich. Das Fräulein trank ohne Arg, verſpürte raſch die Wirkung des Trunkes, wurde von der mit⸗ leidigen Baronin zu Bette gebracht, war bald tief und feſt eingeſchlafen. „Jetzt zur Arbeit!“ Es war zehn Uhr Abends, alſo noch Zeit genug. Sie öffneten zuerſt die Verbingungsthür zu dem Zimmer des Fräuleins. Die Schlafende lag vorn im Bett. „Die Schnur legt ſich wie von ſelbſt an,“ ſagte der Baron. Die Baronin hatte vorher an Anderes gedacht. Sie ſuchte nach den Schlüſſeln zu dem großen Koffer. Sie fand ſie nicht. „Sie wird ſie unter ihrem Kopfkiſſen haben,“ ſagte ſie zu ihrem Manne. Der Baron hob vorſichtig den Kopf der Schla⸗ fenden auf. . 33 Die beiden Schlüſſel, mit einem kleinen Leder⸗ riemen zuſammengebunden, lagen unter dem Kiſſen. Die Baronin nahm ſie. Die Schlafende hatte keine Bewegung gemacht. Sie war wie eine Todte unter den Händen der Verbrecher. „Ob ſie wirklich das Geld unter dem Korſet trägt?“ ſagte die Baronin. Sie fühlte mit leichter Hand an dem Korſet, das die Schlafende nicht abgelegt hatte. „Das halbe Mieder iſt vollgenäht!“ flüſterte ſie. Sie hätte feſter zufaſſen, ſie hätte lauter ſprechen können. Die Schlafende war ohne alle Empfindung. Die Augen der Verbrecher leuchteten. „Ich muß noch den Koffer öffnen!“ ſagte die Baronin. Sie konnte der Verſuchung nicht widerſtehen. Die Schlüſſel öffneten leicht. Die Augen der Frau wurden glänzender. Der ganze große hohe Koffer war voll der feinſten Wäſche, der theuerſten Kleider; koſtbare Schmuckſachen lagen dazwiſchen. Es waren Geſchenke der verſtorbenen Freundin des Fräuleins. Temme, Criminal⸗Novellen. I. 3 Der Baron hatte unterdeß eine Schnur hervor⸗ geholt, womit das Opfer erdroſſelt werden ſollte. Die Strumpfbänder der Schlafenden nahm er nicht. Sie hatte ſich ihrer Strümpfe nicht entledigt. „Vorher noch eins!“ ſagte der vorſichtige Baron, ehe er zum Anlegen der Schnur ſchritt. „Wie ſchaffen wir in der Nacht den Körper aus dem Hauſe?“ Sie hatten ihre Zimmer eine Treppe hoch ange⸗ wieſen erhalten. Bei dem vorläufigen Unterſuchen des Hauſes hatte ſich der Baron die Ausgangsthüren deſſelben gemerkt. Es waren ihrer drei: die gewöhnliche Hauptthür vorn, eine aus der Küche führende Hinter⸗ thür, eine Seitenthür aus der Scheune. War eine von ihnen in der Nacht offen? Dies mußte der Baron wiſſen. Es war eilf Uhr geworden. Im Hauſe war Alles dunkel und ſtill. Der Baron ging die Treppe hinab. Die Hausthür war verſchloſſen ünd der Schlüſſel war nirgends zu entdecken. Der Baron trat an die Scheune, aber er kehrte ſchnell um. Die Knechte ſchliefen darin; er hörte das Sprechen von dreien oder vieren. Er hätte nur über ihre Leiber zu der Thür gelangen können, die in's Freie führte. Die Küchenthür — —2— — . 35 blieb noch. Der Baron kam ohne Hinderniß in die Küche, er ſchlich zu der nach außen führenden Thür. Der Schlüſſel ſteckte im Schloß. Der Baron drehte, die Thür öffnete ſich. Aber der Baron flog mit einem Satze zurück, als wenn ein wildes Thier auf ihn losſpränge. Und in der That wollte ſo etwas auf ihn anſpringen. Unmittelbar vor der Thür lag ein Hund an der Kette. Unter dem wüthenden Geheul des Thieres ſchlug der Baron die Thür wieder zu, eilte er die Treppe hinauf zu ſeinem Zimmer zurück. „Es iſt für heute Nacht nichts!“ ſagte er zu ſeiner Frau. Er erzählte ihr. Sie ſprach vom Vergiften des Hundes. Sie hatte all' das Gold in dem Korſet gefühlt, die koſtbaren Sachen in dem Koffer geſehen! Der Baron hatte für heute den Muth verloren. Der Koffer wurde wieder zugeſchloſſen, der kleine Schlüſſelbund unter das Kopfkiſſen zurückgebracht, der Mord auf die nächſte Nacht verſchoben. Karoline Wild hatte bei ihrem Erwachen am an⸗ dern Morgen nichts gemerkt, die Schwere in ihrem Kopfe dem Kopfweh des geſtrigen Abends zugeſchrieben. 3 * 36 Für die nächſte Nacht ließ der Baron ſich die Zim⸗ mer zur ebenen Erde geben. Sie gingen auf den Hof; der Hof war von einer hohen Mauer eingeſchloſſen, hatte aber eine tiefe Pfütze. „Hier geht es!“ ſagte der Baron zu ſeiner Frau. „Wir laſſen die Leiche durch das Fenſter, ich ſteige ihr nach, in zwanzig Schritten bin ich mit ihr an der Pfütze. In früheſtens acht bis vierzehn Tagen können ſie ſie da finden.“ Karoline Wild erhielt wieder ihren Schlaftrunk. Aber noch bevor ſie feſt ſchlief, kamen vier bis fünf Fuhrleute, blieben zur Nacht, ſtellten ihre Frachtwagen gerade vor den Fenſtern des Barons und des Fräu⸗ leins auf und eine Nachtwache zu den Wagen. Wiederum war nichts zu machen. Eine einſame Station, in der an Ausführung des Verbrechens zu denken war, wurde erſt wieder gefun⸗ den an dem Fuße des waldigen Berges, am Eingange der Schlucht, mit der Front nach der weiten Ebene, dort, wo wir die drei Reiſenden beim Beginn unſerer Erzählung fanden. Hier mußte das Verbrechen ausgeführt werden, wenn es nicht ganz aufgegeben werden ſollte. — ————————— —— 0— Es war die letzte Station, auf der die Reiſenden zuſammen waren. Am andern Morgen mußte Karoline Wild ſich hier von ihren Gefährten trennen, um allein durch das Gebirge zu der Fabrikſtadt zu fahren, in der ihr Verlobter wohnte und, wie ſie glaubte, ſie er⸗ wartete, während der Baron und ſeine Frau ihre auf Reiſe der großen Poſtſtraße nach Stuttgart fortſetzten. Sie hatten zwei Zimmer neben einander bekommen, wie früher, freilich nicht zu ebener Erde, ſondern eine Treppe hoch. * Aber der Baron hatte bald ſeine Unterſuchung angeſtellt und nicht nur die Pferdeſchwemme neben dem Hofe, ſondern auch weiter in der Schlucht den Fiſchteich gefunden, und was die Lage der Zimmer im erſten Stock betraf, ſo ſagte er zu ſeiner Frau: „Ich trage die Todte die Treppe hinunter und öffne unten ein Küchenfenſter, wenn keine Thür offen iſt. Hier muß und ſoll es geſchehen. — Verzehren wir unſer Abendbrod!“ Anna, die Tochter des Poſthalters, brachte ihnen das Abendeſſen hinauf. Sie hatte es in der Stube des Barons ange⸗ richtet. —— =—— 38 Die Verbindungsthür zu dem Zimmer des Fräu⸗ leins ſtand offen. tan ſah durch ſie das Bett des Fräuleins und zur Seite ihren Koffer. Die Drei verzehrten gemeinſam ihr Abendbrod. Der Baron war heute zum erſten Male herzlich; früher war er bei aller ſeiner Herzlichkeit kalt und verſchloſſen geweſen. Das war wohl ſeine Natur. Die Baronin, die bisher fröhlich, geſprächig, die theilnehmende Freundin geweſen war, zeigte ſich jetzt ſtill, träumeriſch. Still und in ſich gekehrt war auch Karoline Wild; es ſchien ihr ſchwer auf dem Herzen zu liegen. „Ob ſie etwas gemerkt hat?“ fragten die Augen der Baronin den Gatten. „Laß du dir nur nichts merken, gab ſein ſtrenger Blick ihr zurück. „Es thut mir doch recht leid, Fräulein Wild, daß wir uns trennen müſſen,“ ſagte der Baron. Das Fräulein erwiederte: „Ich werde Ihnen Bei⸗ den für Ihre Güte gegen mich ſtets ein dankbares Andenken bewahren.“ „Mich tröſtet,“ ſagte der Baron, „daß Sie ſo glücklichen Ereigniſſen und Verhältniſſen entgegen⸗ gehen.“ Karolinez Wild konnte nur mit einem Seufzer ant⸗ worten. „Ihr Verlobter kennt den Tag Ihrer Ankunft nicht?“ fragte der Baron. „Er kann mich nur in dieſen oder den nächſten Tagen erwarten.“ Die Baronin glaubte auch etwas ſagen zu müſſen. „Warum meldeten Sie ihm nicht genau den Tag Ihrer Ankunft, meine Liebe?“ „Ich hätte es erſt geſtern oder heute gekonnt; der Brief wäre nach mir bei ihm eingetroffen.“ Es war ſo. Die Briefpoſten gingen damals lang⸗ ſamer als die Extrapoſten. „Es iſt Schade, meine Liebe,“ ſagte die Baronin. „Ihr Verlobter hätte Sie hier abgeholt. Wir hätten die Freude des Wiederſehens mit Ihnen getheilt.“ „Aber wir müſſen auf dieſe Freude trinken!“ rief der Baron. Die Tochter des Wirthes war gerade im Zimmer. „Mamſell, beſorgen Sie uns eine kleine Bowle Glühwein. — Das Mädchen ging. Am Tiſche ſetzten Sie das Geſpräch fort. „Wann werden Sie morgen bei Ihrem Verlobten eintreffen können?“ „Ich höre, daß ich noch drei Stunden werde fahren müſſen.“ „Sie werden einen Wagen von hier nehmen „Es war meine Abſicht.“ „Wir wollen ſchon früh um Fünf morgen fahren, um bei Zeiten in Stuttgart einzutreffen. Es dürfte für Sie wohl noch zu früh ſein!“ „Freilich,“ ſagte das Fräulein. „Ich käme dann ſchon um acht Uhr an meinem Beſtimmungsorte an; ich würde ſtören.“ „Sie können ſich alſo recht ausſchlafen, meine Liebe,“ ſagte die Baronin. Das Fräulein antwortete nicht. Man hörte in dem Augenblicke draußen ein Poſt⸗ horn blaſen. Der Baron war aufmerkſam geworden. „Eine Extrapoſt!“ ſagte er. „So ſpät noch?“ fragte die Baronin. Es war halb zehn Uhr. — ——.— *— —— —— 41 „Reiſende, welche die Nacht durchfahren!“ bemerkte der Baron. Er trat doch an das Fenſter. Er war unruhig geworden. Die Reiſenden, die ankamen, konnten auch die Nacht da bleiben wollen. „Dann wäre alles verloren,“ ſagten die Blicke des Mörders der Mörderin. „Raſch die Pferde!“ hörte er unten auf dem Hofe eine befehlende Stimme rufen. Er athmete auf. Die Tochter des Wirths trug die Bowle Glüh⸗ wein in das Zimmer. Ihr Bruder Theodor begleitete ſie. Er öffnete ihr die Thür, war ihr auch ſonſt behülflich, indem ſie zugleich den Tiſch abräumte. Er war auch wohl neugierig. Es war ihm ja ſchon bald nach der An⸗ kunft der Fremden Manches an ihnen aufgefallen. Anna, die Tochter des Wirths, wollte die Bowle auf den Tiſch ſtellen, an dem die Reiſenden ihr Abend⸗ brod verzehrt hatten. Der Tiſch ſtand in der Mitte des Zimmers; ſie ſaßen noch alle Drei daran. „Tragen Sie es dorthin, bis ſie abgeräumt haben,“ befahl der Baron dem Mädchen. Er zeigte auf einen kleinen Tiſch, der in der Ecke des Zimmers ſtand. Anna trug die Bowle dahin. Die Baronin begann ein Geſpräch mit dem Mädchen. „Eben kam noch eine Extrapoſt an?“ „Mit zwei Herren,“ antwortete Anna. „Werden ſie heute Nacht hier bleiben?“ „Nein, ſie waren im Gegentheile ſehr eilig. Sie wollten ſogleich weiter. Da werden die neuen Pferde ſchon angeſpannt.“ Der Baron war unterdeß an den kleinen Seiten⸗ tiſch getreten, auf dem die Bowle ſtand. Es war dunkel in der Ecke. Die Augen des neugierigen und argwöhniſchen Theodor folgten ihm mit deſto ſchärferer Aufmerk⸗ ſamkeit. Der Baron ſchien es zu bemerken, daß er von dem Knaben beobachtet wurde. Er nahm ein Glas, ſchenkte es ſich zur Hälfte voll, ſetzte es an die Lippen. „Der Wein iſt gut!“ ſagte er wie für ſich. „Ein vortrefflicher Glühwein!“ rief er dann zu den beiden Damen hin. Zugleich ſchenkte er zwei Gläſer voll und füllte auch das dritte, aus dem er getrunken hatte. Alle drei Gläſer ſtellte er auf einen Präſentir⸗ teller. Dann ſah er ſich raſch nach dem Knaben um, ob er noch beobachtet werde. Aber der Burſch war gewandt. Er half ſchon ſeiner Schweſter beim Aufnehmen der Meſſer und Gabeln. Der Baron glaubte ſich unbemerkt. Raſch hatte er eine ganz kleine Flaſche aus der Bruſttaſche hervorgeholt. Geräuſchlos entpfropfte er ſie. Mehr ſah der Knabe nicht. Seine Schweſter war mit dem Abräumen fertig, verließ das Zimmer. Er mußte ihr folgen. Im Hinausgehen warf er noch einen Blick nach dem Seitentiſch, an dem der Baron ſtand. Aber er konnte nicht ſehen, was dieſer machte. Der Baron hatte ihm den Rücken zugewendet. Draußen an der Thür blieb er dennoch horchend ſtehen. Er hörte den Baron ſprechen, wieder an dem Tiſche in der Mitte des Zimmers. „Dieſes Glas, wenn ich bitten darf, Fräulein Wild,“ ſagte der Baron. Es war, als wenn ſie zuerſt ein anderes habe nehmen wollen. „Ob ſie es nimmt?“ fragte ſich der Knabe. Er eilte ſeiner Schweſter nach. „Anna, es iſt mir ſo ängſtlich, als müſſe es heute Nacht da ein Unglück geben.“ Er erzählte. „Du mußt nicht zu mißtrauiſch ſein, Theodor,“ verwies ſie ihm. Es war anfangs auch mir Manches aufgefallen. Aber ich gab nachher genau Acht; ich bemerkte nichts weiter.“ Im Zimmer ſtießen die Drei an. „Auf ein fröhliches Wiederſehen mit Ihrem Ver⸗ lobten, Fräulein!“ „Darauf müſſen Sie einen tüchtigen Trunk thun, meine Liebe. Sehen Sie, ich mache es auch ſo.“ Die Baronin machte es ſo. — 45 Zu einer böſen That hat man Muth nöthig. Der edle Wein giebt ihn dazu. „Auf Ihre baldige Hochzeit, meine Liebe!“ Sie ſtießen auch darauf an, und ſie thaten Alle wieder einen tüchtigen Trunk darauf. Aber in demſelben Augenblicke waren ſie alle Drei bleich geworden, und Karoline Wild mußte mit ihrem kreideweißen Geſichte ihr Glas niederſetzen. Draußen auf dem Hofe war wieder ein Wagen an dem Hauſe vorgefahren. Es war wieder eine Extra⸗ poſt mit Reiſenden. Der Poſtillon blies; eine Mannes⸗ ſtimme ſprach; zu der Stimme des Mannes geſellte ſich die einer Frau. Der Wagen hielt, die Stimmen ſprachen faſt unmittelbar unter den Fenſtern des Zimmers, in dem die drei Reiſenden ihren Glühwein tranken. Rund umher war die Stille der Nacht; in dem Poſthauſe ſchien ſich ſchon Alles zur Ruhe bege⸗ ben zu haben. Durch die Stille waren die Stimmen der Spre⸗ chenden unten zu erkennen, ihre Worte zu verſtehen. „Das Haus iſt verſchloſſen; nirgends iſt Licht,“ ſagte die Stimme des Mannes unten. Als Karoline Wild dieſe Stimme hörte, erbebte ihr — — ganzer Körper, wie von einem elektriſchen Schlage. Sie wollte aufſpringen; ſie vermochte es nicht. Da antwortete draußen die Frauenſtimme, und es war eine fröhliche Stimme, und ſie wurde von Lachen begleitet. „Und,“ ſagte die fröhliche, lachende Stimme, „in ein verſchloſſenes Haus dringen wir nicht, und Licht bringen wir nicht; der Poſtillon fährt uns weiter und — doch, ich kann den Reim nicht weiter finden, denn ich ſehe dich nicht heiter, mein Geliebter, und doch — il faut faire bonne mine à mauvais jeu —“ Sie lachte laut. Der Mann aber rief ſchon an der Hausthür und ſchlug den Klopfer. „Heda, aufgemacht! Fremde wollen hier über⸗ nachten!“ Das Weinglas war der Hand des Fräuleins ent⸗ glitten. Sie war kreideweiß, einer Leiche ähnlich, in ihren Stuhl zurückgeſunken. Der Baron hatte es nicht gewahrt. Er achtete nur auf das, was unten am Hauſe geſchah. Ein Fluch fuhr über ſeine Lippen. —— Fremde wollten in dem Hauſe übernachten. Das brachte Unruhe, Unruhe, die vielleicht bis an den Morgen dauern konnte, die den Mordplan unaus⸗ führbar machte. Er ſollte ſich noch mehr entſetzen. „Meine Liebe, was iſt Ihnen?“ rief die Baronin der halb Ohnmächtigen zu. „Laſſen Sie mich ſterben!“ war die Antwort. „Thut der Trunk ſchon ſeine Wirkung?“ flüſterte die Baronin ihrem Manne zu. „Zum Teufel mit deinen dummen Fragen!“ ſagte er zurück. Die Hausthür war aufgemacht. Es waren unten im Hauſe nur wenige Worte gewechſelt. Schritte kamen die Treppe herauf. In dem Gange wurde eine Thür geöffnet. Sie lag unmittelbar dem Zimmer gegenüber, in dem der Baron ſich mit den beiden Damen befand. Die neu angekommenen Fremden ſollten dort übernachten. „Es iſt Alles vorbei! Wiederum! Und es iſt das letzte Mal!“ —— 48 Der Baron knirſchte es mit Wuth zwiſchen den Zähnen. Karoline Wild aber war aufgeſprungen. „Fort von hier!“ rief ſie. Sie rief es mit faſt verzerrtem Geſichte. Sie hatte ihre letzte Kraft zuſammengerafft. Sie taumelte. Ihre Augen waren weit aufgeriſſen. Die Baronin fing ſie in ihren Armen auf. „Ich bringe ſie zu Bette, meine Liebe!“ „Ich muß fort von hier — fort —“ rief die Unglückliche. Ihre Augen ſchloſſen ſich. Ihre Arme hingen ſchlaff an ihrem Körper. „Hilf mir!“ rief die Baronin ihrem Manne zu. Sie konnte die Laſt der Ohnmächtigen nicht mehr tragen. Aber eine Ohnmacht war es nicht bloß. „Der Wein thut in der That ſchon ſeine Wirkung,“ ſagte der Baron, und ſie hat kaum ihr halbes Glas geleert.“ Die Mörder trugen ihr Opfer in das Zimmer nebenan, legten es dort auf das Bett. 49 Karoline Wild lag auf dem Bette in feſtem Schlafe. Sie athmete ſchwer, aber vegelmäßig. Ihre Geſichtszüge nahmen nach und nach ihre gewöhnliche und ſchöne Form wieder an. Die Farbe blieb ſchneeweiß. Die Arme war um ſo ſchöner. „Auch der Wein allein iſt es nicht,“ ſagte die Baronin. „Nein, der Schlaftrunk,“ lachte roh ihr Gatte. „Und das Herz,“ ſagte die Frau, die trotz ihrer geringen geiſtigen Bildung auf das Frauenherz ſich verſtand. „Mit den Fremden, die noch kamen, muß es für ſie etwas Beſonderes ſein.“ Die Worte der Frau wurden beſtätigt. Sie waren in ihr Zimmer zurückgekehrt, um zu berathen, was ferner zu thun ſei. Es wurde an die Thür des Zimmers geklnpft. Der Baron öffnete die Thür. Anna, die Wirthstochter, trat ein. Sie habe die Herrſchaft noch ſprechen gehört; ſie wolle um Entſchuldigung für die ſpäte Störung bitten. „Wer ſind die Fremden?“ fragte die Baronin das Mädchen. Temme, Criminal⸗Novellen. I. 4 „Ein junges Ehepaar aus der benachbarten Fabrik⸗ ſtadt. Sie haben heute Hochzeit gemacht.“ „Ah, kennen Sie ſie vielleicht?“ „Ei ja! Von der Sache wurde viel geſprochen. Die Braut, oder die junge Frau jetzt, war das reichſte und ſchönſte Mädchen in der Stadt. Sie hätte Barone und Grafen heirathen können. Da kam vor einem halben Jahre ein Freund ihres Bruders in das Haus, als ſo eine Art von Compagnon, wie es hieß. Die junge Dame verliebte ſich in ihn. Er war ein bild⸗ hübſcher Menſch. Die junge Dame war ganz närriſch verliebt in ihn. Es hieß zwar, er habe eine Brant in ſeiner Heimath, da unten in Preußen. Das machte ſie nur noch toller. Sie hatte ihr Leben lang ihren Willen durchſetzen können. Sie wollte es jetzt erſt recht. Ihr Vater und ihr Bruder hatten immer ihrem Willen nachgeben müſſen; ſie mußten es auch jetzt, und zuletzt hat ſie dann auch den jungen Mann bezwungen. Es ſoll ihr viele Mühe gekoſtet haben; aber er bekommt eine Tonne Goldes durch ſie, und die Männer —“ Anna wollte wohl mit einem Gemeinplatze gegen die Männer enden, zu denen in einem Falle auch —— W 51 ein unerfahrenes Mädchenherz von ſechzehn Jahren ſich ſchon berechtigt hält. „Jungfer!“ rief eine übermüthig befehlende Stimme durch die Thür gegenüber. Es war die Stimme der Neuvermählten. Die Wirthstochter wollte zu ihr eilen. „Noch ein Wort, Mamſell,“ hielt die Baronin ſie zurück. „Was wird denn nun mit der Braut in der preußiſchen Heimath werden?“ „Man ſolle ſie abkaufen, wenn ſie ſich meldet, hatte die junge Frau geſagt. Sie gehe mit ihrem Manne auf Reiſen.“ Anna wollte gehen. Sie wurde noch einmal auf⸗ gehalten. Der Baron hatte plötzlich einen Gedanken und in demſelben Augenblicke einen Entſchluß. „Mamſell,“ ſagte er, „man kann doch auch in der Nacht Extrapoſt bekommen?“ „Gewiß,“ antwortete Anna, „zu jeder Stunde.“ Die Baronin ſah ihren Mann überraſcht, er⸗ wartungsvoll an. Der Baron fuhr fort: „So beſtellen Sie die 4* — Pferde für uns, daß präziſe in einer Stunde ange⸗ ſpannt iſt.“ „Sehr wohl,“ ſagte Anna. „Was iſt ihm eingefallen?“ fragte ſich die Baronin. Anna ging. „Was haſt du vor?“ fragte die Baronin ihren Mann. „Schnell an's Werk!“ erwiderte er. „Du wirſt es ſehen.“ Er kehrte in die Stube des Fräuleins zurück. Sie lag noch in ihrem tiefen, feſten Schlafe. Ihre Geſichtszüge hatten wieder ihren vollen, ſchönen Ausdruck. Eine ſtille Trauer lag darüber ausgebreitet. „Wie ſchön ſie iſt!“ ſagte die Baronin. „Die Arme!“ Sie waren Beide an das Bett der Schlafenden getreten. „Du haſt wohl Mitleid mit 3 2* ſagte höhniſch der Baron. Die Frau antwortete ihm nicht. „Faſſen wir an,“ ſagte er. —, . 53 Er war an den ſchweren Koffer des Fräuleins getreten. „Der Koffer geht mit uns,“ ſagte er; „tragen wir ihn in unſer Zimmer.“ „Und ſie?“ ſagte die Frau, auf die Schlafende zeigend. „Wo bleibt ſie?“ „Ich weiß es noch nicht.“ Sie trugen den Koffer in ihr Zimmer. „Jetzt weiter.“ Sie kehrten in die Stube des Fräuleins zurück. Sie traten wieder an das Bett der Schlafenden. Der Baron zog ſeine Schnur hervor, die er ſchon vorhin zu ſich geſteckt hatte. „Halte ihr den Kopf!“ ſagte er zu ſeiner Frau. Die Baronin beugte ſich zu der Schlafenden nieder, um ihr den Kopf zu halten. Das augenblicklich in dem Innern der Frau er⸗ wachte Mitleid war ſchnell genug aus der Bruſt der Mörderin wieder verſchwunden. Der Baron beugte ſich neben ſeiner Frau über die Schlafende. Er wollte die Schnur anlegen. Auf einmal wurde die Schlafende unruhig. Wenn ein Schlafender ſcharf und ſtarr angeſehen wird, ſo ſieht man unter den geſchloſſenen Lidern die Pupillen ſich hin und her bewegen. Es iſt, als wenn die Schärfe und Strenge des Blickes auch die ge⸗ ſchloſſenen Augen treffe, verletze. Hatte der furcht⸗ bare Blick der beiden Mörder die Unglückliche ge⸗ troffen? Trotz des Schlaftrunkes? Von den beiden Mördern hatte ſie noch keiner angerührt. „Teufel!“ fluchte der Baron; „ſie hat zu wenig getrunken!“ Er ſprach es leiſe. „Herzhaft angepackt!“ ſagte er dann entſchloſſen zu ſeiner Frau. Sie wollten Beide zufaſſen. Da warf die Schlafende ſich herum, riß weit die Augen auf, ſchloß ſie wieder, wie vor Schreck. Die Baronin war in Angſt zurückgeflogen. Der Baron warf ſich in wilder Wuth auf die Unglückliche. Die Schlafende öffnete noch einmal die Augen, ſah den Mörder über ſich, die Mordwuth in ſeinem Geſichte. F P Sie ſtieß einen lauten, durchdringenden Schrei aus. Der Mörder warf ſich auf ſie, wollte ihr die Kehle zuſchnüren. Karoline Wild hatte in ihrer Todesangſt Rieſen⸗ kräfte gewonnen. Sie warf den Mörder von ſich, daß er taumelte; ſie ſprang aus dem Bette, flog an die Thür ihrer Stube, die in den Gang führte, fand ſie verſchloſſen, flog weiter in das Zimmer der Mörder, riß hier die nicht verſchloſſene Gangthür auf, ſtürzte in den Gang. Die Mörder hatten ſie nicht aufhalten können. Die Baronin war in ihrer Angſt ſelbſt geflohen; der Baron kam zu ſpät. Aber als Karoline Wild den Gang erreicht hatte, ſank ſie zuſammen. In der Thür gegenüber, unmittelbar vor ihr, ſtanden ein Mann und eine Frau. Die Frau hielt ein Licht in der Hand, ihre Hand bebte. Der Mann war bleich. Sie hatten den Schrei der Unglücklichen gehört. Sie hatten wiſſen müſſen, was das war. Wie —— 3 ſie in ihre Thür traten, ſahen ſie die Unglückliche in den Gang ſtürzen. Karoline Wild erkannte ihren Verlobten. Der Neuvermählte erkannte die verlaſſene, ver⸗ rathene Braut. „Was iſt das?“ fragte die junge Frau. „Eine unglückliche Wahnſinnige, meine Gnädige!“ ſagte der Baron Lange. Er war ſeinem Opfer gefolgt. Karoline Wild lag ohne Beſinnung am Boden. Der Baron hob ſie auf, trug ſie in das Zimmer zurück. „Ach, das war entſetzlich!“ ſagte die junge Frau. Ihr Gatte hatte keine Antwort. Er folgte ihr mechaniſch in das Brautgemach. Was ſich in den Zimmern der Mörder und ihres Opfers weiter begab — die ſpäteren gerichtlichen Verhandlungen haben es uns aufbewahrt; aber die entſetzlichen Details dieſes gemeinen Raubmordes mögen mit ihrer Rohheit und Grauſamkeit den Cri⸗ minalakten verbleiben. O N 62 ach einer halben Stunde war der Baron Lange unten auf den Hof getreten. Er fand dort den alten Poſtillon, der den Wagenmeiſter machte. „Iſt mein Wagen noch nicht angeſpannt?“ fragte ihn der Baron. „Sie hatten erſt nach einer Stunde fahren wollen,“ antwortete der Mann. „Könnten Sie nicht das Anſpannen beſchleunigen laſſen?“ bat der Baron. „Es ſoll geſchehen.“ Der alte Mann ging zu der Remiſe, in welcher der Wagen des Barons ſtand. Die Remiſe war ganz hinten rechts auf dem Hofe. Der Baron überzeugte ſich mit einem ſchnellen Blick, daß Niemand weiter auf dem Hofe war. Er eilte in das Haus zurück, war nach anderthalb Minuten wieder da. Er trug ſeinen weiten Reiſemantel, und unter dieſem einen Gegenſtand, den man nicht unter— ſcheiden konnte. Er ging links um das Haus herum, dort, wo ein Weg in die Schlucht führte. 6. * — Hinten in der Remiſe ſtand der alte Wagen⸗ meiſter unter der offenen Thür. Er ſah einen Menſchen im Mantel um das Haus gehen. Er konnte ihn nicht erkennen; es war Mitternacht, und am Hauſe brannten keine Laternen. Er dachte ſich wohl, es ſei der Baron, der in der ſtillen, klaren Octobernacht bis zur Abfahrt des Wagens eine Pro⸗ menade um das Haus mache; aber er kümmerte ſich weiter nicht darum. Nach zehn Minuten war der Baron wieder da. In demſelben Augenblicke fuhr der angeſpannte Wagen aus der Remiſe an der Hausthür vor. Der Baron ging langſam und ruhig in das Haus, als wenn er wirklich nur einen Spaziergang gemacht habe. An dem Wagen war nur der Poſtillon, der ihn aus der Remiſe gefahren hatte, und der ihn weiter fahren ſollte bis zur nächſten Station. Unten im Hauſe auf dem Hausflur ſtand der Wagenmeiſter. Er fragte den Baron, ob die Koffer von oben geholt werden ſollten. — 59 Die Reiſenden waren mit zwei Koffern ange⸗ kommen, dem großen der ermordeten Karoline Wild, einem kleineren des Barons. Er möge ihm folgen und einen Knecht zum Tragen der Koffer mitbringen, ſagte der Baron dem Wagenmeiſter. Auch ſeine Rechnung möge er mit hinaufbringen, rief ihm der Baron noch nach. Er erſtieg dann die Treppe. Oben horchte er an der Thür des Zimmers des jungen Ehepaares; es war ſtill darin. Er trat in ſein eigenes Zimmer. Seine Frau ſtand darin reiſefertig. „Nichts vorgefallen?“ fragte er ſie. „Nichts!“ antwortete ſie. Sie war aufgeregt; ſie konnte kaum ſprechen. Dem Baron folgten auf dem Fuße der Wagen⸗ meiſter und der Poſtillon ſeines Wagens. „Hier!“ zeigte der Baron ihnen die beiden Koffer. Sie nahmen Beide den großen Koffer; der ſtär⸗ kere Poſtillon trug zugleich den kleineren mit der andern Hand. Sie gingen die Treppe hinunter. 4 60 In der Thür begegnete ihnen die Wirthstochter Anna. Sie brachte die Rechnung. Der Baron zog ſeine Börſe, ſie zu bezahlen. Das Mädchen ſah ſich unterdeß im Zimmer um. „Ich ſehe ja die Dame nicht, die mit Ihnen kam,“ ſagte ſie. Sie ſagte es zu der Baronin. Dem Baron fiel vor Schreck ein Geldſtück aus der Hand. — Welche Antwort wird ſeine Frau geben? Er hatte nicht Zeit gehabt, mit ihr zu ſprechen. Die Frau hatte ſchon ihre Geiſtesgegenwart wieder. „Das Fräulein,“ ſagte ſie, „war etwas unwohl geworden. Sie hat ſich auf ihr Bett gelegt, um bis zur Abfahrt auszuruhen.“ Das Mädchen fragte nicht ferner. Der Baron hatte das Geld für die Rechnung auf den Tiſch gezählt. Das Mädchen zählte die Summe nach, fand ſie richtig, ſtrich das Geld ein, ſagte ihren Dank, blieb ſtehen, um höflich die abreiſende Herrſchaft nach unten, an den Wagen zu geleiten. „Zu allen Teufeln!“ fluchte der Baron in ſich hinein. Ging das Mädchen nicht, ſo ſah ſie, daß keine Dame in den Wagen ſtieg. Wo war die ſehlende Dame, das Fräulein, die angekommen war? Die Mörder waren verloren. Wie das Mädchen entfernen? Die Baronin war wieder vollſtändig Herrin über ſich ſelbſt. Ach, liebe Mamſell,“ bat ſie, „bringen Sie mir noch geſchwind ein friſches Glas Waſſer herauf. Mir iſt auch nicht recht wohl.“ „Auf der Stelle! ſagte das Mädchen. Sie eilte ſort. „Jetzt raſch hinunter!“ ſagte die Baronin zu ihrem Manne. „Du allein. Ich warte hier auf das Glas Waſſer. Wenn ſie es bringt, ſage ich, du ſeiſt mit dem Fräulein ſchon voraus. Es davf dich draußen nur Niemand ſehen.“ Er wußte keinen beſſeren Rath. Er verließ leiſe das Zimmer, ſchlich leiſe die Treppe hinunter. 62 Die Baronin horchte hinter ihm. Sie hörte nichts. Nach zwei Minuten kam das Mädchen mit dem Waſſer zurück. Die Frau öffnete ſchnell die Verbindungsthür zu dem Zimmer des Fräuleins. Man ſah durch die Thür das leere Bett in dem Zimmer. „Der Baron iſt mit dem Fräulein ſchon zum Wagen gegangen,“ ſagte die Baronin. Sie trank das Waſſer in einem Zuge aus. „Leben Sie wohl, liebe Manſell!“ Sie eilte die Treppe hinunter. . Das Mädchen konnte ihr kaum folgen. Die Eile der Frau konnte ihr aber nicht auffallen. „Ich darf nicht auf mich warten laſſen,“ rief ſie im Gehen zurück. „Der Baron wird leicht un⸗ geduldig.“ Es mußte wohl ſo ſein. „Du bleibſt lange,“ empfing der Baron ſie übel⸗ launig, als ſie an den Wagen trat. „Entſchuldigt mich,“ antwortete ſie, als wenn Zwei im Wagen ſeien. 63 Sie ſprang raſch in den Wagen. In dem Wagen war es dunkel. Er war gegen die Friſche der Nachtluft feſt ver⸗ ſchloſſen; nur der Schlag, durch den die Baronin einſtieg, war nothdürftig offen. . Der Baron war bei ihm angelangt und ein⸗ geſtiegen, ohne daß ihn Jemand geſehen hatte. Im Hauſe war ihm Niemand begegnet; beim Wagen waren der Wagenmeiſter und der Poſtillon beſchäf⸗ tigt, hinten die Koffer aufzuſtellen und zu befeſtigen. „Leben Sie wohl, liebe Mamſell!“ rief die Ba⸗ ronin der Wirthstochter nochmals zu. Dann verſchloß ſie von innen den Schlag. „Fort, Peter!“ ſagte das Mädchen zu dem Poſtillon. Der Poſtillon hieb auf die Pferde ein, blies zu ihrem munteren Trabe ein munteres Lied. Der Wagen verſchwand hinten in der Landſtraße. Es war bald nach Mitternacht, als der Wagen abfuhr. Die Wirthstochter und der alte Wagenmeiſter hatten ſich gleich zu Bette gelegt. Im Hauſe war es ſtill. Der alte Mann hatte nichts mehr zu thun. 64 Was Anna zu thun hatte, war auf den Morgen zu verſchieben. Gegen halb ſieben Uhr am andern Morgen ging die Sonne auf. Sie ging klar auf über leichtem, luftigem Gewölk. Sie ſtand bald hell und warm am Himmel, verſprach einen der ſchönſten Octobertage. Bald nach ſieben Uhr begab ſich Anna, die Wirthstochter, mit einer Magd zu den Zimmern, in denen der Baron Lange mit ſeiner Begleitung logirt hatte. Die Zimmer ſollten gereinigt, zur Aufnahme neuer Gäſte wieder hergerichtet werden. Anna putzte die Möbel ab. Die Magd zog von den Betten die Bettwäſche. Anna war in der Stube, welche der Baron und ſeine Frau bewohnt hatten; hier waren die Betten unberührt. Die Magd war in der Stube des Fräuleins. „Mamſell Anna!“ rief das Mädchen auf einmal. „Was giebt es, Chriſtine?“ „Bitte, kommen Sie einmal hierher.“ Die Magd ſprach in einem ſo beſonderen Tone. Anna ging zu ihr in das andere Zimmer. — — — 65 Die Magd ſtand mit bleichem Geſichte vor dem Bette. „Es iſt ja Blut darin,“ ſagte ſie. „Blut, Mädchen?“ Die Mamſell war ſelbſt blaß geworden. Sie ſah nach. Es war Blut im Bett; nur zwei Tropfen, noch friſch, angetrocknet ſchon, aber noch glänzend. Sie waren am Kopfkiſſen. „Das Fräulein wird Naſenbluten gehabt haben; ſie war unwohl.“ Anna ſagte es. Sie wollte es auch glauben; es war etwas in ihr, daß ſie es nicht recht konnte. Sie ſprach nicht weiter darüber. Drüben in dem Zimmer des jungen Ehepaares wurde geklingelt. Anna begab ſich hin. Das Ehepaar war auf. Der junge Mann ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Die Frau ſaß auf dem Sopha und befahl kurz: „Kaffee!“ Temme, Criminal⸗Novellen. I. 5 66 Anna wollte wieder gehen. „Ein Wort, Mamſell!“ rief die Dame. Anna ſtand. „Iſt die Wahnſinnige mit abgereiſt?“ „Eine Wahnſinnige, Madame?“ „Nun ja! Die uns gerade gegenüber logirte oder logirt! Das war ein greulicher Lärm heute Nacht. Die Perſon ſchrie, wie, wie — nun ja, wie eine Wahnſinnige!“ ) Der Tochter des Wirths wollten die Glieder ſchwer werden, wie Blä. Sie ſagten nur, die drei Fremden, die gegenüber logirt hätten, ſeien abgereiſt. „Alle Drei?“ fragte ſie dann aber ſich ſelbſt. „Das Blut? Der Schrei?“ Das junge Ehepaar hatte ſeinen Kaffee getrunken, beſtellte die Extrapoſtpferde zur Weiterreiſe, ſchaute in den ſchönen, warmen Morgen hinaus. „Machen wir noch einen kleinen Spaziergang?“ ſagte die junge Frau. „Die Sonne ſcheint ſo warm. Deine Kopfſchmerzen werden vergehen.“ Der junge Mann hatte keine Einwendung. 67 Er hatte ſtill am Fenſter geſtanden, bleich, in tiefen Gedanken. Die Frau hatte beſorgte Blicke für ihn, miß⸗ trauiſche faſt. Sie verließen das Haus. „Wohin?“ fragte der Mann draußen. Es ſchien ihm Alles gleichgiltg zu ſein. Er folgte ihr willenlos. Sie führte. Schlucht. „Die Sonne ſ, mu dort ſo freundlich in die Zweige der Bäume,“ ſagte ſie. Er blickte nicht auf. Sie hing ſich an ſeinen Arm. „Liebſt Du mich, Reinhard?“ Konnte er Ja ſagen? Er hatte ſich ehrgeizig und leichtſinnig dem Leichtſinn, der Gefallſucht, dem Eigenſinn verkauft; nicht bloß ſich, auch die treue Jugendgeliebte. Sie hatte er in der Nacht wiedergeſehen, als eine Wahnſinnige. Wahnſinniz durch ihn? Durch ſeinen Anblick? Konnte er lügen: Ja ich liebe dich? Er ſchwieg. 68 Sie wollte aufbrauſen. „Haſt du mich belogen? Schwurſt du mir nicht deine Liebe?“ Mit einem furchtbaren Aufſchrei riß er ſich von ihr los. Sie hatten den Teich in der Schlucht erreicht. Sie gingen an ſeinem klaren und durchſichtigen Waſſer entlang. Die Morgenſonne ſchien klar hierauf, hinein. Auf ſeiner Oberfläche ſchwamm ein menſchlicher Körper, eine Leiche, eine Frauengeſtalt, in einem ſchwarzſeidenen Kleide, mit einem ſchönen, jugend⸗ lichen, ſchneeweißen Geſichte, mit einer Schnur um den Hals. „Karoline!“ ſchrie Reinhard Sommer auf. „Die Wahnſinnige!“ rief die junge Frau. Er wollte ſich zu der Verrathenen in den Teich ſtürzen. Die Frau umklammerte ihn, rief um Hülfe. Vom Poſthauſe her kam Hülfe. Reinhard Sommer wurde vor dem Selbſtmord bewahrt. „ + 3 „ 69 Aber ſeine Frau kehrte mit einem Wahnſinnigen von der kaum begonnenen Hochzeitsreiſe in die Hei⸗ math zurück. Im Poſthauſe war kein Zweifel mehr über den Mord. „Kurierpferde!“ rief der Poſtmeiſter, deſſen Haus nicht als eine Räuber⸗ und Mördergrube gelten durfte. Er fand die Mörder noch in Stuttgart, bei ihnen das geraubte Gut. Sie konnten nicht lange läugnen. Sie wurden gehängt. Reinhard Sommer genas nicht wieder, er wurde in ein Irrenhaus gebracht. Seine Frau ließ ſich von dem Irren ſcheiden und nahm nach einem Jahre einen andern Mann. —— —————— Scl — Se ee erht. 1 7 er? m — * ——— —— — * Ein alter Herr und ein junger Herr ſaßen bei⸗ ſammen. Sie verhandelten eine Sache und der alte Herr wollte den jungen Herrn zu Etwas bereden. „Aber es iſt gegen die Geſetze, was Sie von mir verlangen,“ ſagte der junge Herr. „Aber es iſt gegen das Recht, was Sie thun wollen,“ ſagte der alte Herr. Der junge Herr war ein junger Staatsanwalt. Der alte Herr war ein penſionirter Criminal⸗ richter. Die Sache, die ſie verhandelten, war folgende: In der Stadt wohnte eine Frau von etwas zwei⸗ deutigem Rufe. Sie hielt eine Weinwirthſchaft, die meiſt von jungen Herren beſucht wurde, deren Ruf auch nicht immer der beſte war. In ihrer Wirthſchaft 74 hatte ſie ſtets hübſche Kellnerinnen. Dieſe zogen meiſtens die Gäſte an. Das ſtand feſt. Etwas Wei⸗ teres war allerdings nicht bewieſen, und Wirthin und Wirthſchaft ſtanden nur im Rufe der Zweideu⸗ tigkeit. Die Wirthin war eine Zeit zu Verwandten in einem entfernten kleineren Orte gereiſt. Als ſie zurück⸗ kehrte, brachte ſie ein junges Mädchen von kaum ſiebenzehn Jahren aus dem entfernten Dorfe mit. Das Kind war ihre Nichte, eine blutarme Waiſe, bildhübſch, die Unſchuld ſelbſt, aber auch die Uner⸗ fahrenheit ſelbſt. Sie mußte in dem Hauſe der Tante die Dienſte einer Kellnerin verrichten, wie die anderen Kellnerinnen des Hauſes. Nach drei Wochen hatte ſie heimlich ihre Tante ver⸗ laſſen. Sie hatte zugleich nicht nur ihre eigenen wenigen und werthloſen Sachen, ſondern auch eine goldene Broche und ein Paar goldene Ohrringe ihrer Tante mitgenommen, die dieſe ihr geliehen und künftig ihr zu ſchenken verſprochen hatte, wenn ſie ſich fleißig zeige und die Gäſte mit ihr zufrieden ſeien. Das Mädchen hatte die Sachen ſofort bei einem Goldar⸗ 75 beiter, dem ſie dieſelben für ihr Eigenthum ausgege⸗ ben, verkauft, und hatte dann mit der nächſten Poſt nach ihrer Heimath zurückreiſen wollen. Auf dem Wege zum Poſthauſe wurde ſie verhaftet. Die Tante hatte der Polizei Anzeige gemacht. Die Polizei übergab ſie der Staatsanwaltſchaft. Der Staatsanwalt ſollte die Anklage wegen Hausdiebſtahls gegen ſie erheben. Die Strafe, die ſie zu erwarten hatte, wenn die Anklage erhoben wurde, war Zuchthaus, mindeſtens einjähriges Gefängniß. Der junge Staatsanwalt wollte die Klage er⸗ heben. Darüber verhandelte der alte Criminalrath mit ihm. Der ehemalige Criminalbeamte wollte den ge⸗ genwärtigen bereden, die Klage nicht anzuſtellen. Die⸗ ſer meinte, er handle dann gegen die Geſetze; jener erwiederte ihm, er verletze ſonſt das Recht. „Die Geſetze enthalten das Recht, ſind das Recht,“ ſagte der Staatsanwalt. „Hm, nicht immer, verſetzte der Criminalrath. „Am Ende auch in dieſem Falle nicht?“ — — — — 5 f 76 „Unzweifelhaft auch in dieſem Falle nicht?“ Ana⸗ lyſiren wir ihn.“ „Das Mädchen — der Richter in ihrem Heimaths⸗ orte, ein alter Univerſitätsfreund von mir, hat mir über ſie geſchrieben; er iſt zugleich ihr Vormundſchafts⸗ richter. Er bittet mich, mich für ſie zu verwenden; in dem ganzen Orte findet das Kind die lebhafteſte Theilnahme, das innigſte Bedauern, ſie iſt unſchuldig, ehrlich, brav — —“ „Und ſie hat hier geſtohlen!“ unterbrach der Saatsanwalt den alten Rath. „Sie iſt eine blutarme, vater⸗ und mutterloſe Waiſe!“ „Macht das ihr Verbrechen weniger ſtrafbar?“ „Die Tante iſt eine ſchlechte Perſon.“ „Auch ſchlechte Perſonen ſtehen unter dem Schutze des Geſetzes.“ „Sie hat das Mädchen unter lügenhaften Vor⸗ ſpiegelungen, unter falſchen Verſprechungen hierher⸗ gelockt.“ „Das Mädchen wurde dadurch nicht zu einem Diebſtahl berechtigt.“ — 8 — ——— „Das arme Kind entdeckte hier bald, in welchem Hauſe, in welcher Geſellſchaft, in welchen Händen ſie war. Sie war hier hülf⸗ und ſchutzlos. Ihre Un⸗ ſchuld, ihre Ehre litten ſie nicht mehr in dem Hauſe. Sie vermied es, ſie mußte es verlaſſen.“ „Aber ſie durfte nicht vorher darin ſtehlen!“ „Sie kannte hier Niemanden, ſie hatte keinen Pfennig in ihrem Vermögen, um nach Hauſe zurück⸗ zukommen.“ „Sie konnte ſich Geld borgen.“ Von wem? Sie kannte hier Niemanden, hören Sie!“ „Von der Pvolizei.“ „Um ihre Tante zu denunciren?“ „Sie hätte dadurch zugleich einer ſittlichen Pflicht Genüge geleiſtet.“ „Pah! junger Herr und Staatsanwalt!“ ſagte der alte Herr. „Aber gehen wir weiter. Die Tante, die das Mädchen betrogen hatte, hatte eine ſogar geſetz⸗ liche Verpflichtung, ſie, und zwar koſtenfrei, in ihre Heimath zurückzuſchicken.“ „Das hebt ihren Diebſtahl nicht auf.“ ——— ————— — „Die mitgenommenen Sachen waren ihr von der Tante zum Eigenthum verſprochen. Sie hatte treu und redlich gedient. Das Kind konnte ſie ſchon als ihr Eigenthum betrachten.“ „Aber ſie waren es noch nicht.“ „Bedenken Sie alle dieſe Umſtände; verſetzen Sie ſich in die Lage des Kindes; denken Sie, Sie hätten in ähnlicher Lage eine Tochter.“ „Ich würde ſie, wenn auch mit blutendem Herzen, der Staatsanwaltſchaft und den Gerichten übergeben.“ „Hat denn das Herz kein Recht mehr?“ rief der alte Criminalrichter. „Das Recht ein Herz?“ fragte verwundert der junge Criminalbeamte. „Sie verſtehen das wohl nicht?“ Nein.“ „Ah, darf ich Ihnen eine kleine Geſchichte er⸗ zählen? Sie iſt aus der alten Zeit des Rechts. Da⸗ mals hatte das Recht noch ein Herz.“ „Ich bitte um Ihre Erzählung.“ Der Criminalrath erzählte: Es iſt ſchon dreißig Jahre her, auch wohl länger — wir waren damals hier noch ſchwediſch. — 79 mein Herr Staatsanwalt, das deutſche Land iſt von allerlei Leuten beherrſcht worden, und es iſt noch ſp. Nun, zu jener ſchwediſchen Zeit hatten wir hier noch keine franzöſiſchen Staatsanwälte — nehmen Sie mir das Wort nicht übel; Sie ſind zwar ein braver deutſcher Mann und dienen auch einer deutſchen Regie⸗ rung, der wir, Gott ſei Dank, jetzt wieder angehören; aber dieſes Staatsanwaltweſen nach franzöſiſchem Muſter gefällt mir nicht, und in den deutſchen Lan⸗ den iſt es doppelt vom Uebel, und wir waren, was das anbetrifft, unter unſerem ſchwediſchen Regiment beſſer daran; denn in unſerem Juſtizweſen hatten die Schweden uns unſer gutes, ehrliches, deutſches Recht gelaſſen, und, was eigentlich die Hauptſache war, zu deſſen Ausübung behielten wir auch ehrliche deutſche Beamte, die unter uns geboren und groß geworden waren, und Sitten und Bedürfniſſe und das ganze Leben des Volkes kannten.“ Zu jener Zeit wohnte hier in der Stadt, hinten an der Mauer, nicht weit vom Bollwerke, ein Schiffs⸗ zimmergeſell, Namens Bergmann. Der Mann hatte eine Frau und fünf Kinder. Es ging den Leuten eben nicht zum Beſten. Die Frau war keine gute „ Wirthin, und lief lieber in der Nachbarſchaft herum und wußte mehr in anderen Häuſern Beſcheid, als in ihrem eigenen; und der Mann konnte mit keinem Menſchen Frieden halten und zankte ſich entweder mit ſeinen Mitgeſellen oder ſeinem Meiſter herum. So mußte er bald den einen, bald den anderen Dienſt verlaſſen, und die Folge war, daß oft genug die Kinder kein Brod im Hauſe hatten und andere Leute, die von ihrer Noth erfuhren, ſich ihrer annehmen mußten, wenn ſie nicht verhungern ſollten. Die Kinder, ſage ich. Der Mann, wenn er keine Arbeit hatte, trieb ſich in den Wirthshäuſern umher, für die ein liederlicher Mann immer ein Paar Groſchen auf⸗ zutreiben weiß; die Frau fand eine Taſſe Kaffee und ein Stück Brod bei den alten Weibern, denen ſie Neuigkeiten zutrug.“ „Einſtmals hatte der Mann wieder Arbeit. Der Schiffsbaumeiſter Krauſe hatte ihn in ſeinen Dienſt genommen. Dieſer Krauſe war ein reicher Mann, aber auch ein Mann, der ſich auf ſeinen Reichthum etwas einbildete; er war als hochmüthig verſchrieen; dabei war er ein kurz angebundener und derber, voher Geſell, der namentlich mit ſeinen Arbeitern nicht viele Umſtände machte, bei der geringſten V Veranlaſſung rechts und links mit Schlägen um ſich warf, und wenn die nicht halfen, die Leute aus dem Dienſt jagte. Dafür verdienten ſeine Arbeiter aber auch ein gutes Stück Geld bei ihm. „Der Arbeiter Bergmann war ſchon ein ganzes Jahr bei ihm geweſen. Der hohe Verdienſt hatte ihn gehalten; die Derbheit und Rohheit ſeines Herrn hatte ihm auch wohl imponirt; er hatte in der ganzen Zeit mit keinem Menſchen Streit angefangen.“ „Das mochte wieder andererſeits ſeiner Frau im⸗ ponirt haben; ſie nahm ſich wenigſtens etwas mehr der Wirthſchaft an; dazu kam, daß ihre älteſte Toch⸗ ter unterdeß herangewachſen war und ihr helfen konnte; viel Geld war darum zwar im Hauſe noch immer nicht; aber die Kinder brauchten doch nicht mehr zu hungern. Freilich auf den Samſtag Abend, wenn der Vater ſeinen Wochenlohn nach Hauſe brachte, mußten ſie jedesmal ſehr und manchmal mit Schmer⸗ zen warten. „Da wurde ihnen an einem Samſtag Abend der Vater, anſtatt, daß er ihnen Geld nach Hauſe brachte, von fremden Leuten halbtodt in's Haus getragen. Temme, Criminal⸗Novellen. I. 6 „Zwei Arbeiter, die ſpät — ſpäter Abend war es ſchon — aus dem Wirthshauſe gekommen und am Bollwerk entlang gegangen waren, hatten ihn im Wege liegend gefunden, mit dem Kopfe in einer Regenpfütze, aus der nur eben das Geſicht hervor⸗ geſehen hatte; der übrige Körper hatte quer über den Weg gelegen, ſo daß ſie beinahe über ihn gefallen wären. Sie hatten zuerſt gemeint, es ſei ein Todter; als ſie den Körper aber noch warm fühlten, hatten ſie ihn aufgehoben, und da erkannt, daß er nur ein Halbtodter ſei. Er war mit Blut bedeckt; der Hirn⸗ ſchädel war ihm zerſchlagen, ein Arm zerbrochen. Die Perſonen, die ihn ſo mißhandelt und vielleicht gar hatten todt ſchlagen wollen, hatten ihn wahr⸗ ſcheinlich auch für todt gehalten und deshalb mit dem Kopfe in die Pfütze geworfen. Die beiden Arbeiter, die ihn fanden, hatten ihn erkannt und in ſein Haus getragen. „Der Jammer war hier groß, auch das Unglück. Die Frau verlor den Kopf. Die Tochter lief zu einem Arzt. Der Arzt erklärte die Verletzung für lebens⸗ gefährlich und gab wenig Hoffnung; unter allen Um⸗ ſtänden könne der Patient die nothwendige Behand⸗ 4 lung und Pflege nur im Spital erhalten; dahin müſſe er ſofort gebracht werden. Dahin wurde er noch an demſelben Abend geſchafft. „Vorher kam er zu einiger Beſinnung und konnte ſeiner Frau mittheilen, was mit ihm geſchehen war. „Er hatte am Abend, beim Ablöhnen für die Woche, Streit mit ſeinem Herrn bekommen. Der Herr hatte ihm einen Vorwurf über ſeine Arbeit ge⸗ macht, mit Unrecht, wie er behauptete. Er hatte dem Herrn Widerworte gegeben, heftige, grobe, wie er ſelbſt zugeſtand. Der Herr hatte ihn auf der Stelle aus dem Dienſte gejagt. In ſeinem Zorn, Aerger, Verdruß, war er in das Wirthshaus ge⸗ gangen. „Dahin kamen auch bald zwei ſeiner bisherigen Mitgeſellen. Sie fingen Streit mit ihm an; er ſchimpfte ſie und ihren Herrn. „Sie waren vor ihm fortgegangen. Als darauf auch er das Wirthshaus verlaſſen hatte, um nach Hauſe zu gehen, war er unterwegs von den beiden Geſellen überfallen worden. Sie hatten mit dicken Knitteln wie blind auf ihn eingehauen. „Das iſt 3 für Dein Schimpfen, Du wirſt nicht wieder ehrliche Leute zu Schelmen machen!““ hatten ſie dabei ge⸗ rufen. Er hatte ſich nicht wehren, kaum Hülfe rufen können und hatte bald die Beſinnung ver⸗ loren. „Die Stelle, an der dies geſchehen war, war am Abend eine einſame. Die beiden Geſellen hatten ihm dort aufgelauert. Ob ſie ihn hatten zu Tode ſchlagen wollen, war allerdings ſehr zweifelhaft. Er behauptete es. Der reiche, hochmüthige Schiffsbauherr habe ſie dazu gedungen, behauptete er dabei. — „Der erſte Gang der Frau am andern Morgen war zum Hoſpital, um zu ſehen, ob ihr Mann noch lebe. Er lebte noch, aber es ſtand ſehr ſchlecht mit ihm. „Ihr zweiter Gang war zum Polizeiherrn der Stadt. „Die Stadt, Herr Staatsanwalt, hatte damals auch ihre eigene Polizei, ihre eigene Juſtiz, ihre Stadtpolizei, ihr Stadtgericht, wie es hieß und wie es war. Von der „Staatsregierung“, von Stock⸗ holm, ſchickte man damals keine Staatsanwälte und keine anderen Staatsbeamten für ihre eigenen Ange⸗ legenheiten ihr zu. Der Magiſtrat der Stadt, frei von — ihr gewählt, verwaltete alle Angelegenheiten der Stadt. Ein Stadtrath war Stadtrichter, ein anderer Polizeiherr. Polizeiherr war damals der Senator Schwarz. Er war ein kleiner, runder Mann, Schwarzing nannten ihn daher die Leute. Und den Namen hatte und behielt er, obwohl er ein ſtrenger Mann war, nicht viele Worte machte und nicht gern viele Worte anhörte, und die Leute barſch anfuhr und nicht mehr that, als er gerade mußte. Manche behaupteten, er thue auch das, was er thun müſſe, nicht einmal immer, auf keinen Fall gern. Freilich war er kein junger Mann mehr, und das Alter iſt gern bequem. „Zu dem Manne ging die Frau gleich vom Hoſpital. „Sie wurde vorgelaſſen, obwohl es Sonntag WMorgen war. Sehr freundlich empfing er ſie aber eben nicht. „Was haſt Du?“ „Herr Senator, ſie haben mir geſtern meinen Mann todt geſchlagen.“ „Oho, Frau, todt? Davon hätte ich hören müſſen.“ — 86 „Er lebt zwar noch —“ „Iſt alſo noch nicht todt. Gehe mir nicht wieder mit der Wahrheit durch. Hörſt Du?“ „Zu der Geſellenfrau ſagte der ſtrenge Rathsherr Du; zu einer Meiſtersfrau hätte er Sie geſagt; das Sie kam damals aus dem Munde eines Rathsherrn an wenige Leute. Der Staatsanwalt hatte auch eine Bemerkung. „Es waren damals patriarchaliſche Zuſtände,“ ſagte er etwas ſpöttiſch. Er hätte ſeinen Spott beſſer für ſich behalten. „Hm, ja,“ erwiederte der alte Criminalrichter, „und patriarchaliſchen Firlefanz will man jetzt wieder herſtellen. Indeſſen laſſen Sie mich fort⸗ fahren:“ „Nun,“ fragte der Senator dann die Frau, „wer hat Deinen Mann ſo todt geſchlagen, daß er noch lebt?“ „Die beiden Brüder Nolten.“ „Erzähle. Aber mach' es kurz. Es iſt Sonntag. Ich muß zur Kirche.“ — 87 „Die Behörden der Stadt gingen damals des Sonntags zur Kirche, wie andere ordentliche und fromme Staatsbürger. „Die Frau erzählte. Kurz vielleicht wohl nicht. Er hörte ſie wohl auch nicht mit großer Geduld an. Aber er erfuhr genug von ihr. Anderes mochte er auch ſchon wiſſen. „Du kannſt gehen,“ ſagte er, als ſie zu Ende war. „Und die beiden Noltens und der reiche Krauſe, der ſie gedungen hat?“ fragte die Frau. „Das iſt meine Sache, Frau, ſagte der Raths⸗ herr.“ „Ja, ja, Herr Senator, aber Sie werden die Mörder doch einſperren und vor Gericht ziehen laſſen, damit ſie in's Zuchthaus kommen?“ „Der Senator war, wie geſagt, ein ſtrenger, er war aber auch ein bequemer Herr. In dieſem Augen⸗ blicke mochte die Bequemlichkeit überwiegen. Er wollte die Frau los ſein — er wollte ja, wie ein ordentlicher Beamter der Stadt, zur Kirche. Da durfte er, in einen Streit mit der Frau ſich nicht einlaſſen; geradezu aus dem Hauſe mochte er die Frau nicht werfen, deren Mann und Ernährer lebens⸗ gefährlich mißhandelt war; mit Güte kam er am beſten fort. Er dachte auch wohl an etwas Anderes wie er ja ſchon Anderes zu wiſſen ſchien. „Höre, Frau, ſagte er, ſo lange Dein Mann lebt, ſind die Leute keine eigentlichen Mörder. Wir warten daher beſſer mit der Anklage und dem Arretiren, bis er todt iſt. Dann ſind ſie richtige Mörder und dann werden wir ſie ſchon faſſen. Gehe Du jetzt nach Hauſe, und ſo wie Dein Mann todt iſt, komme wie⸗ der und mache mir die Anzeige. „Die Frau wollte noch etwas dagegen reden. „Er machte ihr ſein ſtrengſtes Geſicht. „Ich muß zur Kirche. Geh'!“ „Sie ging. — „Hm, Herr Staatsanwalt,“ unterbrach der alte Criminalrath ſeine Erzählung, denn er war noch lange nicht fertig, „hm, das könnte jetzt wohl nicht paſſiren.“ „Es wäre geradezu unmöglich,“ ſagte der junge Staatsanwalt. „Es wäre ſchnutſtracks gegen die Geſetze.“ S 9 „Das war es, ſtrenge genommen, auch ſchon da⸗ mals.“ — „Und doch wollen Sie es vertheidigen?“ „Ich weiß das noch nicht. Sie ſelbſt ſollen ſpäter darüber urtheilen. Ich bemerke jetzt nur, daß ich von einem Unterſchiede zwiſchen Geſetz und Recht ſprach. Indeſſen, um auf die volle Unmöglichkeit für die gegenwärtige Zeit zurückzukommen, welcher Sie erwähnten, ſo erlaube ich mir doch, Sie daran zu erinnern, wie Sie vor noch wenigen Monaten den adeligen Gutsbeſitzer nicht anklagten, der einen Tiſch⸗ ler ſeines Dorfes, welcher der Bezahlung einer Rechnung von dem gnädigen Herrn verlangte, ein⸗ ſperren und dann durch ſeine Hunde vom Hofe jagen ließ, daß der arme Menſch ſechs Wochen lang wahr⸗ haftig vom Tode nicht weit entfernt war.“ „Herr Criminalrath,“ erwiederte darauf der Staats⸗ anwalt mit großer Wichtigkeit, „die Thatſache iſt voll⸗ kommen richtig; Sie haben nur vergeſſen zu erwähnen, daß ich durch einen ausdrücklichen Befehl des Juſtiz⸗ miniſters verhindert wurde, die Anklage zu erheben. Der Herr Juſtizminiſter nahm die Verantwortlichkeit — 90 auf ſich; da konnte ich nicht weiter für die Sache aufkommen.“ „Hm, hm,“ meinte der alte Criminalrath, „alſo der Juſtizminiſter kann jetzt die Geſetze aufheben, und hat wohl das Recht dazu.“ Der Staatsanwalt zuckte die Achſeln. „Nach der Verfaſſung! Die Kammern können ihn ja in Anklageſtand verſetzen.“ „Herr Staatsanwalt!“ ſagte der penſionirte Be⸗ amte. „Herr Criminalrath?“ „Hole die Verfaſſung der Teufel. Da lobe ich mir doch die gute alte Zeit und den Rathsherrn Schwarz, oder Schwarzing, wie ſein Diminutivum im Munde des Volkes hieß, mit ſeiner Bequemlichkeit, ſeiner Eigenmacht und ſeiner —. Aber laſſen Sie mich fortfahren. Die Eigenmacht des braven Mannes müſſen Sie erſt noch kennen lernen. Alſo —“ „Herr Criminalrath,“ unterbrach ihn der Staats⸗ anwalt, „bevor Sie fortfahren, eine Bitte.“ „Und welche?“ „Aeußern Sie ſich nicht wieder ſo wegwerfend über unſere Verfaſſung. . 6 „Potzwetter, Sie müßten ſonſt wohl gar mich an⸗ klagen?“ „Schmähungen der Geſetze ſind allerdings im neuen Strafgeſetzbuch verboten.“ „Alle Heiligen, und da würde Ihr Herr Juſtiz⸗ miniſter die Anklage gegen mich nicht verhindern. Aber beruhigen Sie ſich. Ich werde mich zuſammen⸗ nehmen.“ „Alſo, der Rathsherr war zur Kirche, und die Frau war nach Hauſe gegangen. Und der Raths⸗ herr kehrte nach der Kirche wohl zu ſeinem Hauſe zurück, um ſich zu Mittag den Sonntagsbraten in der Sonntagsruhe wohlſchmecken zu laſſen. Und die Frau und ihre Kinder hatten des Mittags viele Thränen und ein wenig trockenes Brod, freilich mit dem Salz ihrer Thränen dabei, und das hatten ſie noch lange Zeit. „Aber zu dem Rathsherrn kam ſie in langer Zeit nicht wieder. „Ihr Mann war im Spital nicht geſtorben. Er war vielmehr geheilt und eines Tages kehrte er friſch und geſund und kräftig aus der Heilanſtalt nach 92 Hauſe zurück. Freilich war mehr als ein Vierteljahr darüber vergangen. „Er konnte wieder arbeiten; und er fand auch wieder Arbeit. — Bei einem anderen Bauherrn als dem Herrn Krauſe. „Aber was ſollte nun mit dem reichen Herrn Krauſe und den Brüdern Nolten werden, die unzwei⸗ felhaft von dem erſteren, wenn auch nicht geradezu gedungen, doch zu ihrer That aufgehetzt waren? 3 „Wenn Dein Mann todt iſt, dann komm' wieder, hatte der Raths⸗ und Polizeiherr zu der Frau geſagt; dann werden wir ſie ſchon faſſen. Ihr Mann war nicht geſtorben, nicht todt; er war vielmehr friſch und geſund, wie je, noch beſſer ſogar, denn in Folge ſeiner Behandlung und Lebensweiſe im Spital hatte ſeine ganze Natur ſich geändert, und wie er ein friedferti⸗ ger Menſch geworden war, hatte er zugleich einen entſchiedenen Widerwillen gegen den Branntwein be⸗ kommen. „Das Alles konnte aber nicht verhindern, daß die Verbrecher zu ihrer wohlverdienten Strafe gezogen wurden; denn ein Verbrechen lag doch einmal vor. So meinte die Frau. 93 „Und ſie ging wieder zu dem Rathsherrn. „Guten Morgen, Herr Senator.“ „Was willſt Du?“ „Herr Senator, was ſoll es nun mit dem Herrn Krauſe und den beiden Nolten werden?“ „Iſt dein Mann todt?“ „Nein, Herr Senator, er iſt wieder geſund ge⸗ worden.“ „Und kann wieder arbeiten?“ „Ja, Herr Senator.“ „Da fuhr der Rathsherr auf: „Weib, was willſt Du mehr? Danke Gott, daß Du Deinen Mann geſund wieder haſt, daß er wieder arbeiten kann und daß Ihr wieder Brot im Hauſe habt. Geh', ich habe mehr zu thun.“ „Die Frau ſtand wie erſtarrt. „Aber, Herr Senator, ſie hatten doch meinen Mann halb todt geſchlagen und ganz todt ſchlagen haben ſie ihn wollen.“ „Geh', ſage ich Dir,“ wiederholte der Rathsherr. „Da beſchwere ich mich.“ „Unterſtehe Dich!“ „Es muß doch Recht im Lande geben.“ 94 „Der kurz angebundene Rathsherr war ſchon auf⸗ geſtanden, um ſie beim Arme zu nehmen und ihr die Thür zu zeigen. „Sie kam ihm zuvor. Aber in der Thür mußte ſie doch noch zurückrufen: „Ja, ja, der Krauſe iſt ein reicher Mann und wir ſind arme Leute.“ „Das Donnerwetter ſoll Dich, Weib!“ „Aber ſie war ſchon fort, und der Rathsherr war viel zu bequem, ihr nachzueilen. Er hielt auch wohl zu viel auf ſich. „Höheren Orts Beſchwerde führen konnte die Frau nicht. „Unterſtehe Dich!“ hatte der Rathsherr ihr dro⸗ hend zugerufen, und ſie wußte, was das zu bedeuten hatte. Sie mußte aber doch noch einen Verſuch machen. „Sie ging zu dem Stadtrichter. „Herr Stadtrichter, vor einem Vierteljahre haben ſie meinen Mann halb todt geſchlagen.“ „Der Rathsherr und Stadtrichter war auch ein kleiner Mann, aber kein runder und kein bequemer, dagegen fleißig und human und gerecht und höflich gegen alle Leute, gegen Hoch und Gering. . 95 „Ich weiß es, Frau Bergmann,“ ſagte er. „Und Ihr Mann iſt ja auch Gottlob wieder geſund ge⸗ worden.“ „Ja, Herr Stadtrichter, aber was ſoll nun mit den Verbrechern werden?“ „Wie ſo, liebe Frau?“ „Sie müſſen doch ihre Strafe haben.“ „Ja, da muß Sie ſich an den Polizeiherrn wenden.“ „Von dem komme ich.“ „Was hat er Ihr geſagt?“ „Ich ſolle Gott danken, daß ich meinen Mann wieder hätte.“ „Er will alſo nicht anklagen?“ „Nein.“ Der Stadtrichter zuckte die Achſeln. „Da kann auch ich in der Sache nichts thun. Wo kein Kläger iſt, da iſt kein Richter, das iſt ein altes Recht. Ich bin nur Richter.“ „Aber dann klage ich ſelbſt, Herr Stadtrichter.“ „Sie, liebe Frau? Der Mann kann wohl für die Frau, die Frau kann aber nicht für den Mann 96 klagen. Das iſt das Recht in der ganzen Welt. Ja, wenn Ihr Mann geſtorben wäre — „Damit hatte auch der Polizeiherr ſie vertröſtet. „Die Frau ging. „Ich ſehe, daß ich kein Recht bekomme,“ ſagte ſie. „Aber ſie ſagte es nicht laut, ſondern nur für ſich; denn der Stadtrichter war ein höflicher Mann und hatte ſie höflich behandelt. — „Aber ſie hatte Recht, nicht wahr, Herr Staats⸗ anwalt?“ fragte der Criminalrichter der alten Zeit den Criminalbeamten der neuen Zeit. „Ich hoffe, Sie zweifeln ſelbſt nicht daran,“ er⸗ wiederte der Staatsanwalt. „Wir werden ſehen, denn meine Geſchichte iſt noch nicht zu Ende. Laſſen Sie mich weiter erzählen.“ „Ein Paar Tage ſpäter ließ der Rathsherr Schwarz den Zimmergeſellen Bergmann zu ſich kommen. „Du heißeſt Bergmann?“ „Chriſtian Bergmann, Herr Senator.“ „Du warſt früher in Arbeit bei dem Schiffs⸗ baumeiſter Krauſe?“ „Ja, Herr Senator, und ich bin aus dem Dienſte gekommen, weil —“ „Schweig' und antworte mir nur auf meine Fragen. Du hatteſt ihm Bauholz geſtohlen!“ „Ich? Herr Senator?“ „Du hatteſt es verkauft, um dafür in die Wirths⸗ häuſer laufen und faullenzen zu können?“ „Herr Senator!“ „Lege Dich nicht auf's Lügen, Menſch!“ Der Rathsherr ſah den Mann mit ſeinem ſtreng⸗ ſten Geſichte und ſeinen durchdringendſten Augen an, denn er hatte in ſeinem ſtrengen Geſichte ſehr durch⸗ dringende Augen. „Herr Senator,“ — ſtotterte der Zimmergeſelle. „Was?!“ „Machen Sie mich nicht unglücklich. Ich habe wieder einen ſo guten Dienſt. Ich bin im Hoſpital ein anderer Menſch geworden, und es ſoll in meinem Leben nicht wieder geſchehen.“ „Das hoffe ich,“ ſagte der Senator. „Sonſt würdeſt Du mich anders kennen lernen. Du kannſt gehen.“ Temme, Criminal⸗Novellen. I. — — — „Die Sache ſoll alſo todt bleiben, Herr Senator?“ „Geh' „Der Mann ging mit leichtem Herzen, und das war auch ſchnurſtracks gegen die Geſetze, Herr Staats⸗ anwalt.“ „Hm!“ ſagte diesmal der Staatsanwalt und er ſetzte nichts hinzu. „Aber laſſen Sie mich weiter fortfahren,“ ſagte der Criminalrath. „Wieder einige Tage ſpäter — denn der bequeme dicke Herr liebte nicht viele Arbeit auf einmal — ließ der Rathsherr Schwarz den Sohn des Herrn Krauſe zu ſich kommen. „Der reiche Herr Krauſe hatte einen Sohn, der uügefähr drei oder vierundzwanzig Jahre alt war, künftig das große Geſchäft ſeines Vaters übernehmen und ſchon jetzt darin arbeiten ſollte. Die Zukunft iſt in Gottes Hand. Die Gegenwart aber hat der Menſch in ſeiner eigenen. Der junge Karl Krauſe war ein hübſcher, kecker Menſch, der die Frauen gern ſah, ein luſtiger Menſch, der gern in luſtiger Geſell⸗ ſchaft war, und ein junger Menſch, der wußte, daß er einen reichen Vater hatte, und daß ſein reicher Vater in den hübſchen und lebhaften Sohn vernarrt war und daß er alſo mit ihm machen konnte, was er wollte, freilich keine dummen Streiche. Er arbeitete nicht, weder im Comptoir, noch auf den Bauplätzen ſeines Vaters, ſondern trieb ſich mit ſeinen luſtigen Freunden herum, wo es ein Vergnügen gab, hielt ſich ſchöne Pferde, ritt ſpazieren, erholte ſich von der Strapaze im Auſternkeller; tanzte auf den Bällen bis in den hellen Morgen, ſchlief bis in den hellen Mittag hinein und ſtärkte ſich dann wieder bei Wein und Auſtern. Er verſchmähte natürlich auch andere Ver⸗ gnügungen nicht. — „Ihn hatte der Polizeiherr zu ſich kommen laſſen. „Was wünſchen Sie von mir, Herr Senator?“ „Wünſchen, junger Menſch? Höre und merke es Dir, wenn ich Jemanden —“ „Herr Senator, dürfte ich nicht bitten, mich Sie zu nennen?“ „Der Rathsherr fuhr auf. Er fuhr leicht auf. „Was, Burſche?!“ „Aber er mäßigte ſich. Er mußte hier ſeinen Grund dazu haben. N ———— — „Höre, Junge, ich habe dich als kleines Kind gekannt und immer Du zu Dir geſagt, und ſo werde ich auch jetzt thun. Und nun höre mich!“ „Der junge Herr hatte keine Einwendung mehr. „Der Rathsherr fuhr fort: „Wie alt biſt Du jetzt?“ „Ich werde nächſtens vierundzwanzig Jahre alt.“ „So, ſo? In den vierundzwanzig Jahren Deines Lebens haſt Du noch ſehr wenig gethan — ich meine: Gutes.“ „Ich bin noch nie in die Hände der Polizei ge⸗ fallen, Herr Senator.“ „Ei, mein Junge, Du biſt keck. Aber Du hätteſt hundertmal hinein fallen können, wenn wir nicht hundertmal die Augen gegen Dich zugedrückt hätten. Wenn ich nun das nicht mehr thäte?“ „Sie können mich nur mit Geld ſtrafen, Herr Senator.“ „Auch anders, mein Burſche. Und höre, wenn Du mir das Mädchen verführſt, ſo ſchaffe ich Dich in's Zuchthaus — in das Zuchthaus! Haſt Du mich verſtanden?“ „Der junge Mann wurde blaß und roth.“ 101 „Welches Mädchen, Herr Senator?“ „Verſtelle Dich nicht, Du weißt es wohl, die Anna Bergmann.“ „Der junge Mann blieb verlegen. Mit ſeiner Keckheit war es auf einmal vorbei. „Was wüßten Sie von dem Mädchen, Herr Senator?“ „Daß ſie eine brave Perſon iſt, der Du leicht⸗ ſinniger Burſche die Ehe verſprochen haſt. Iſt es ſo?“ „Es iſt ſo.“ „Und die Du hoffentlich nicht verführen wirſt?“ „Nein, nein, Herr Rathsherr!“ rief der junge Mann eifrig.“ „Wollteſt Du ſie denn wirklich heirathen?“ „Wenn ich dürfte, gewiß.“ „Siehſt Du, welch' ein leichtfertiger Geſell Du biſt? Wer verſpricht einem Mädchen die Ehe, das er nicht heirathen darf?“ „Der junge Mann hatte keine Antwort.“ „Und warum darfſt Du ſie nicht heirathen?“ „Mein Vater will es nicht, weil ſie nichts hat und eine Geſellentochter iſt.“ „Du ſollſt ein reiches Mädchen nehmen und die 102 Dir ebenbürtig iſt — das iſt ganz vernünftig von Deinem Vater.“ „So ſagt er auch.“ „Und wenn er das nicht ſagte, ſo möchteſt Du die Anna zur Frau haben?“ „Ich heirathe ſie auf der Stelle.“ „Und würdeſt ein ordentlicher Menſch?“ „Herr Senator, viel getaugt und viel gethan habe ich bis jetzt nicht, wenn ich auch, Gottlob, keinen einzigen ſchlechten Streich gemacht habe. Aber wenn die Anna meine Frau wäre, dann würde ich der ordentlichſte Menſch von der Welt werden. An dem Mädchen hängt mein Herz.“ „Warum ſagſt Du das Deinem Veter nicht?“ „Ich habe es ihm geſagt, er will mir nicht glauben.“ „Er muß ſeinen Grund dazu haben. Ich aber rathe Dir noch einmal, verführe mir das Mädchen nicht. Den Leuten iſt ſchon genug Leid von Eurem Hauſe widerfahren. Du kannſt gehen!“ „Den Tag darauf ließ der ſtrenge Polizeiherr das junge Mädchen zu ſich kommen, von dem er mit dem jungen Manne geſprochen hatte. 4 —— —— 103 „Sie war ein bildhübſches Kind von ſiebenzehn Jahren, beſcheiden, ſchüchtern, bei jedem Worte über und über roth werdend. „Zu dem Rathsherrn trat ſie mit blaſſem Geſichte ein. Sie redete nicht und konnte ſich nicht denken, was er von ihr wolle, und er empfing ſie mit ſeinem ſtrengen Geſichte. „Wie haſt Du den jungen Krauſe kennen gelernt?“ „An die Frage hatte ſie wohl am wenigſten ge⸗ dacht; ſie konnte keine Silbe antworten.“ „Nun, kannſt Du nicht ſprechen?“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Herr Rathsherr?“ „Wo Du den jungen Krauſe kennen gelernt haſt?“ „Auf dem Schiffsbauplatze ſeines Vaters, Herr Rathsherr.“ „Was hatte der träge Burſche auf dem Bauplatze zu thun?“ „Ich weiß es nicht.“ „Und was hatteſt Du da zu thun?“ „Ich brachte meinem Vater des Mittags das Eſſen.“ „Und fingſt nebenbei eine Liebſchaft mit dem jungen Menſchen an?“ „Sie konnte wieder nichts antworten.“ „Und Dein ſauberer Vater macht den Fuppi zwiſchen Euch Beiden?“ „Nein, nein, Herr Rathsherr,“ rief nun das Mädchen eifrig. „Wir ſahen uns nur heimlich, wenn mein Vater ſchon wieder bei der Arbeit war, auf der andern Seite des Holzes.“ „Schöne Geſchichten ſind das!“ Und das erzählſt Du, als wenn es nichts wäre? Wie konnteſt Du hinter Deines und ſeines Vaters Rücken Dich mit einem ſolchen Menſchen einlaſſen?“ „Sie ſchwieg wieder. „Mit einem ſolchen Müſſiggänger?“ „Sie hatte auch darauf keine Antwort. „Mit einem Bruderluſtig, einem Taugenichts, einem Mädchenjäger, der Dich verführen will?“ „Das Mädchen wurde wieder eifrig, eifriger, als vorher. „Das iſt nicht wahr!“ riej ſie. „Was iſt nicht wahr?“ „Daß er ein Mädchenjäger iſt, und daß er —“ N „Nun.“ „. 5 S 105 „Und daß er mich verführen will.“ „Und was will er denn?“ „Er will mich heirathen.“ „Potztauſend! Und Du möchteſt ihn wohl auch heirathen?“ „Wenn es anginge!“ „Das glaube ich. Ein armes Mädchen, die nichts hat und nichts iſt, möchte gewiß den reichen und an⸗ geſehenen jungen Herrn Krauſe gern zum Manne haben.“ „Nein, nein, Herr Rathsherr.“ „So? Und was wäre es? Du haſt ihn wohl recht lieb?“ „Wahrhaftig, und am liebſten wäre es mir, wenn er gar nichts hätte, wie ich.“ „Dafür wird er ſich bedanken. — Aber wie lange dauert denn Eure Liebſchaft ſchon?“ „Schon drei Viertel Jahr.“ „Und wiſſen Deine Eltern davon?“ „Kein Sterbenswort. Ich wäre unglücklich, wenn ſie es erführen.“ „Warum?“ „Sie ſchwieg wieder. „Diesmal hatte der Rathsherr ſelbſt eine Antwort für ſie und er zeigte, daß der ſtädtiſche Polizeiherr wohl in den Herzen löblicher Bürgerſchaft zu leſen wußte. „Ich will es Dir ſagen. Weil der junge Menſch ein völliger Narr war, der meinte, er könne eine ſo arme Dirne, wie Du biſt, die Tochter eines der ge⸗ ringſten und ſchlechteſten Arbeiters ſeines Vaters, die ihrem Vater des Mittags das Eſſen auf den Bau⸗ platz bringt, die könne er, der Sohn des reichen und hochmüthigen Bauherrn heirathen, und der nun vor ſeinen Vater hintrat, und von ihm verlangte, er ſolle ihm die Einwilligung zu ſeinem thörichten Vorhaben geben, und weil darauf der Haß ſeines Vaters gegen den Deinigen folgte, und weil Du wohl wußteſt, was Deine Eltern und ſonſt andere Leute nicht wußten, wie vielen Antheil Eure einfältige Liebſchaft an dem Unglücke Deines Vaters hatte. He, iſt es ſo? Habe ich Recht?“ „Das Mädchen konnte nur bitterlich weinen. Aber ſie mußte doch den ſtrengen Rathsherrn anſehen und ihre Augen fragten ihn, warum er denn das Alles ihr ſage, und was er dabei habe, daß er ſie ſo quäle. „Er aber ſagte ihr nur: „Nun, Du thuſt mir leid; Du ſcheinſt wirklich ein braves Mädchen zu ſein! Aber bleibe das; das wollte ich Dir ſagen; darum ließ ich Dich rufen. Laß Dich nicht weiter mit dem jungen Menſchen ein, damit es keinen Aerger giebt. Du kannſt gehen.“ „Damit mußte auch ſie gehen. „Der Rathsherr ließ endlich aber noch Jemanden zu ſich rufen; das war der Schiffsbauherr, Herr Krauſe. „Ich brauche Ihnen den reichen, ſtolzen und ſo hochmüthigen Mann nicht näher zu ſchildern. In der Bürgerſchaft galt ſein Wort; wenn er auf ſeinem Bauplatze erſchien, zitterte Alles vor ihm. „So erſchien er vor dem Rathsherrn, der freilich nicht vor ihm zitterte“ „Der Polizeiherr war aber höflich gegen ihn. „Setzen Sie ſich, Herr Krauſe.“ „Einem der Anderen einen Stuhl anzubieten, daran hatte er nicht im Entfernteſten gedacht. „Der Herr Krauſe ſetzte ſich. 2 „Sie haben mich rufen laſſen, Herr Senator.“ „Ja, Herr Krauſe, ich wollte etwas mit Ihnen überlegen.“ „Der Herr Krauſe ſah ihn ruhig fragend an. „Sie gehören zu den gewichtigſten und ehren⸗ wertheſten Bürgern der Stadt, Herr Krauſe.“ „Ich freue mich, das auch von Ihnen zu hören, Herr Senator.“ Ich erkenne das um ſo mehr an, Herr Krauſe, als Sie Alles, was Sie ſind, nur ſich ſelbſt zu ver⸗ danken haben.“ „Ich habe mich heraufgearbeitet, Herr Senator.“ „Nicht wahr, Sie fingen mit nichts an.“ „Mit nichts, als mit Fleiß und mit Ehrlichkeit, Herr Senator.“ „Als armer und einfacher Zimmergeſell?“ Si . „Und als Geſell ſchon hatten Sie geheirathet, und Ihre Frau war die Tochter eines eben ſo armen und einfachen Zimmergeſellen?“ „Hm, hm, ja!“ „Aber ſie war ehrlich und fleißig wie Sie, und der Herr ſegnete Euren Fleiß und Eure Thätigkeit!“ — 109 „Das that er, Herr Senator.“ „Und Ihre Frau iſt Ihnen noch immer lieb, ob⸗ wohl ihr Vater nur ein armer Zimmergeſell war?“ „Gewiß, gewiß, Herr Senator. Ich war es ja auch nur.“ „Er ſagte es eifrig. Aber auf einmal wurde er unruhig, als wenn er zuviel geſagt habe. „Der Rathsherr aber fuhr fort: „Nun, das freut mich, Herr Krauſe. Wenn Ehe⸗ leute ſich ſich lieb haben, das iſt viel werth, beſonders in Zeiten des Unglücks; ſie tragen es dann mit⸗ einander.“ „Der Senator ſprach dies ſo ſonderbar, ſo Un⸗ glück weiſſagend; er ſah den Herrn Krauſe ſo ſonder⸗ bar dabei an. „Der reiche, ſtolze Bauherr wurde unruhiger, und ſeine Unruhe hatte einen anderen Grund, als daß er eben zuviel geſagt habe. „Ja, ja,“ erwiederte er nur. „Und,“ ſagte der Rathsherr; „das Unglück kann kommen, wie der Dieb in der Nacht. Es pflegt auch ſo zu kommen.“ „Der Herr Krauſe antwortete nichts. „Was hatten Sie doch vor einem Vierteljahr mit dem Bergmann, Herr Krauſe?“ fragte der Raths⸗ herr. „Der Bauherr erblaßte. Es war da, was ſeine Unruhe befürchtet hatte.“ „Ich, Herr Senator?“ Ja, Sie „Der Menſch war ſchlecht in der Arbeit geweſen. Ich hielt ihm das vor. Anſtatt Beſſerung zu ver⸗ ſprechen, wurde er grob. Ich entließ ihn, und das war Alles.“ „Hm, das war wohl nicht Alles. An demſelben Abend wurde der Mann heimlich und hinterliſtig überfallen, lebensgefährlich mißhandelt, für todt liegen gelaſſen, oder vielmehr abſichtlich in eine Pfütze ge⸗ wovfen, damit er nichts mehr verrathen könne. Nur durch ein Wunder iſt er am Leben geblieben. Sie ſagen nichts darauf, Herr Krauſe?“ „Ich habe davon gehört, Herr Senator.“ „Weiter nichts? Die beiden Menſchen, die ihn überfielen, waren Ihre Arbeiter, Herr Krauſe.“ 5 — —— „Und ſie waren dazu — gedungen, will ich nicht ſagen, aber verführt, aufgehetzt, angeſtiftet.“ „Der Herr Krauſe mußte vor ſich hin ſehen. „Und,“ fuhr der Rathsherr fort, „ich habe die Burſchen vorgehabt, bisher nur ſo für mich, und ſie haben mir den genannt, der ſie angeſtiftet habe, Sie ſeien es geweſen, Herr Krauſe.“ „Der Herr Krauſe ſah wieder auf. „Es iſt ſchlechtes Volk, dieſe Nolten, Herr Senator, ſie wollen ſich mit meinem Namen decken.“ „Und Sie haben Sie doch noch in Ihrem Dienſte?“ „Ich wußte es nicht.“ „Hm, hm, Herr Krauſe, ſo wüßte ich auch noch von all' den Sachen, welche die Weiber der beiden Burſchen von Ihnen und Ihrer armen Frau bekommen haben, damit ſie ſchweigen ſollten. — Soll ich Ihnen auch das ſagen?“ „Dem Bauherrn lief der Schweiß von der Stirn. „Der Rathsherr fuhr fort: „Wiſſen Sie, welche Strafe nach den Geſetzen einem ſolchen Verbrechen folgt?“ „Ich kenne die Geſetze nicht, Herr Senator.“ „Drei Jahre Zuchthaus, mindeſtens!“ „Der Herr Krauſe fuhr zuſammen. „Für die Thäter, wie für den Anſtifter! Sie ſind gleich ſtrafbar.“ „Der Herr Krauſe hatte keine Erwiderung. „Und die Frau hat ſchon geklagt.“ „Den Bauherrn litt es nicht mehr auf ſeinem Stuhle. „Und ich kann die Klage nicht mehr zurückweiſen; es thut mir leid. Einer der ehrenwertheſten Bürger der Stadt in's Zuchthaus! Für alle Zeit ehrlos! Ausgeſchloſſen von aller Gemieinſchaft mit ehrlichen Menſchen! Mit ihm ſeine brave Familie beſchimpft, die Frau, die Kinder!“ „Herr Senator,“ fragte ſehr niedergeſchlagen der Herr Krauſe, „ließe die Sache ſich nicht in Güte ab⸗ machen?“ „Ich wüßte nur ein Mittel!“ antwortete der Rathsherr. „Und welches?“ „Laſſen Sie Ihren Sohn die Tochter des Mannes heirathen!“ „Der reiche, ſtolze Bauherr fuhr noch einmal auf. 113 „Was? Das will das Geſindel?“ „Das Geſindel will es nicht,“ erwiderte ruhig der Rathsherr. „Aber ich will es. Die Eltern des Mädchens wiſſen von nichts. Das arme Mädchen hätte wohl ſchlimme Tage im Hauſe gehabt, wenn ſie auch das gewußt hätten. Ich allein mache Ihnen den Vorſchlag, Herr Krauſe, um Sie nicht im Zucht⸗ haus zu ſehen.“ „Die Tochter des Zimmergeſellen,“ rief der Bau⸗ herr noch. „Sie waren ja ſelbſt Zimmergeſell, Herr Krauſe, und Ihre Frau?“ „Herr Senator, giebt es kein anderes Mittel?“ „Nein!“ „Na, ſo mag der Junge ſie nehmen.“ „Geben Sie mir Ihre Hand darauf, Herr Krauſe.“ „Hier, Herr Senator.“ Wir ſind fertig, Herr Krauſe.“ Damit war auch der Herr Krauſe entlaſſen, der gedemüthigte, reiche und ſtolze Bauherr. „Die arme Anna Bergmann wurde darauf die Schwiehertochter des reichen Herrn Krauſe, und ſie Temme, Criminal⸗Novellen. I. 8 — —— vertrug ſich mit ihm und ihrer Schwiegermutter, und mit ihrem Mann lebt ſie noch heute friedlich, und ſie haben Kinder und Kindeskinder um ſich.“ „Und ich bin jetzt mit meiner Erzählung zu Ende, Herr Staatsanwalt. Und die Moral von der Ge⸗ ſchichte?“ Mit der Frage ſchloß der alte Criminalrath. Der Staatsanwalt hatte keine Antwort darauf. Er ſah nachdenklich vor ſich hin. Der Criminalrath aber ſagte: „Ich will es Ihnen ſagen, Herr Staatsanwalt. Die Moral von der Geſchichte iſt eben das, was ich Ihnen durch ſie beweiſen wollte. Geſetz und Recht ſind Zweierlei. Das Geſetz iſt ein ſtarrer, todter Buchſtabe. Das Recht iſt das Lebendige in jedem einzelnen Falle, in dem einen anders, als in dem andern, wenn auch das Geſetz für beide das gleiche ausſpricht und nur ausſprechen kann. Das iſt eben das Herz des Rechts. Das Herz hat aber nur der Menſch, nicht der Buchſtabe. Daher ſchaden ſchlechte Geſetze nichts in den Händen braver Beamten; die beſten Geſetze geben aber auch keinen Schutz, wenn ſchlechte Beamte ſie handhaben.“ — —— — 418 Nun glaubte der Staatsanwalt doch auch eine WMoral von der Geſchichte gefunden zu haben. „Ah, Sie meinen, früher habe es beſſere Beamten gegeben, als jetzt?“ „Gott ſoll mich behüten!“ ſagte der Criminalrath. „Im Gegentheil, ich hoffe gerade in dieſem Augen⸗ blicke einem Beamten gegenüber zu ſtehen, den ich ſo hoch ſtellen kann, wie einen der beſten der früheren Zeit. Meine Clientin, Herr Staatsanwalt?“ Der Staatsanwalt war doch auch wohl auf weitere Gedanken gekommen. „Was ſoll ich für ſie thun?“ fragte er. „Ah, Sie wollen alſo etwas für ſie thun?“ „Alles, was ſich mit den Geſetzen vereinigen läßt.“ „Mit dem Rechte, Herr Staatsanwalt!“ „Uid mit dem Geſetze, Herr Criminalrath.“ Meinetwegen auch. Laſſen Sie uns nachſehen. Nach dem Geſetze hätte das einen Haus⸗ diebſtahl hen 7 „I „Der nur auf den Antrag der beſtohlenen Haus⸗ herrin beſtraft werden kann?“ Freilich. Aber die Frau hat den Antrag geſtellt.“ „Sie kann ihn jedoch zurücknehmen!“ „Aber ſie wiſſen, daß ſie nicht will. Sie ſelbſt haben ja den vergeblichen Verſuch bei ihr gemacht.“ „Ich bin nur ein alter Cidevant, der bei ſolchen Weibern gar keine Autorität mehr hat. Aber machen Sie den Verſuch, Ihnen wird es gelingen.“ „Ich? Meine Stelle geſtattet mir das nicht. Ich bin nur Ankläger.“ „Ja,“ ſagte der alte Criminalrath, „da haben wir wieder das Geſetz ohne das Herz. Junger Herr, faſſen Sie ſich einmal Herz, nur zum zehnten Theile, wie mein alter, braver Polizeiherr Schwarzing es ge⸗ than hätte. Laſſen Sie das Weib vorkommen, halten Sie ihr ihre Hartherzigkeit, ihren ſchlechten Ruf, ihren noch ſchlechtern Lebenswandel vor; machen Sie ihr einmal recht die Hölle heiß. Sie thun ein gutes und gerechtes Werk.“ Der Staatsanwalt ſträubte ſich nicht mehr. „Ich werde den Verſuch machen,“ ſagte er. „Und Gott wird ſeinen Segen dazu geben.“ Und ſo geſchah es. Schon am folgenden Tage konnte der Criminal⸗ ſchicken. rath das Mündel ſeines Freundes dieſem zurück⸗ Auch ſie iſt eine brave und glückliche Frau ge⸗ worden. Was wäre aus ihr geworden, was hätte aus ihr werden müſſen, wenn ſie in's Zuchthaus gekommen wäre? n Amnrtirtet. i Mnneſtie Das Wort war lange ein Zauberwort für uns. Das Leben des Flüchtlings iſt ein ſchweres, bitteres, trauriges. Das Vaterland iſt ihm verſchloſſen, die Heimath bleibt ihm immer und immer fern. Er kann nicht an ſie denken, ohne daß zugleich Zuchthaus und Todesurtheil vor ihm ſtehen. Es iſt ſo ſchön in der Schweiz, ſo wunderſchön in Zürich. Wir lebten ſo frei hier, ſo ſicher vor den Zuchthäuſern und Todesurtheilen der Heimath, ein Kreis braver, trauter und treuer Freunde. Aber wenn wir auf hohem Berge ſtanden, vor uns und neben uns und rund um uns her, wohin und ſo weit das Auge reichte, die erhabenſten, die wundervollſten Schön⸗ heiten der Natur: das Auge flog über ſie alle hin⸗ weg, es ſuchte nur eine Richtung, es ſuchte den Nor⸗ den; nach Norden ſchweifte es in die weiteſte, in die 122 dunkelſte Ferne; dort ſuchte es das Vaterland, die Heimath, Deutſchland, und es konnte ſich nicht ab⸗ wenden, bis dort über die Mitternacht ſich die Mitter⸗ nacht legte und Alles in ihr tiefes, undurchdringliches Dunkel einhüllte. Das Vaterland hatte ſich uns verſchloſſen, die Heimath hatte uns ausgeſtoßen, Deutſchland ſollte für uns nicht mehr da ſein. Wir hatten nur einen Gedanken, nur eine Sehnſucht: Vaterland, Heimath, Deutſchland. Manchen brachte die Sehnſucht in das frühe Grab, und wenn wir Anderen an dem Grabe weinten — die Sehnſucht wurde in uns nur um ſo mächtiger, ſchmerzlicher, glühender. Manchem, dem das Herz nicht brechen konnte, wurde es zu ſchwer. Die Sehn⸗ ſucht trieb ihn zurück in die Heimath. Lieber das Zuchthaus, lieber den Tod! Aber hier in der Fremde kann und kann ich es nicht mehr aushalten! Sie kehrten zurück, ſie fanden den Kerker! Die Armen! Die Geduld hatte ſie verlaſſen. Sie hätten die Ent⸗ täuſchung wohlfeiler haben können. Die Amneſtie kam. Nur noch nicht nach Sachſen. Aber von Sachſen erzähle ich hier nicht. Von Sachſen habe ich anderswo eine Geſchichte erzählt, auch von 123 einem armen Flüchtlinge, der das ſchöne Zürich ver⸗ ließ, um nur auf eine einzige Stunde die Heimath und ſeine Kinder wieder zu ſehen, von denen er ſeit ſo vielen Jahren nichts gehört hatte. Das Wieder⸗ ſehen hatte ihm nicht nur das Herz gebrochen, es hatte ihm auch den Geiſt zerrüttet. Die Amneſtie kam. Das Vaterland ſtand uns wieder offen. Wir durften in die Heimath zurück⸗ kehren. Wir waren wieder Deutſche. Nahm uns das Vaterland wieder auf? Das war die Frage, oder vielmehr es war nicht einmal die Frage. Wir blieben in der freien Schweiz und ſind noch da. Und wenn wir auf den hohen Bergen ſtehen und der Blick nach allen Seiten in die unbegrenzte Ferne ſchweifen kann — ja, unſere Augen und unſere Her⸗ zen ſuchen auch jetzt noch das theure deutſche Vater⸗ land auf, aber nicht mit Sehnſucht, ſondern voll von Schmerz, daß wir uns nicht nach ihm ſehnen können, und daß es noch ſo lange dauern wird, daß wir es nicht mehr erleben werden, bis ein freies deutſches Herz ſich wieder nach Deutſchland hin ſehnen kann. Einzelne waren gegangen, nur Wenige. Sie † kehrten nach wenigen Tagen, nach wenigen Wochen zurück. Das Vaterland hatte ie nicht wieder annehmen, die Freunde hatten ſie nicht mehr kennen wollen, das Volk — ach, das Volk, das deutſche Volk iſt immer brav und edel; aber wenn denen, die ſeine Führer ſein wollen, der Muth oder gar noch mehr abhan⸗ den gekommen iſt, dann werfe man keinen Stein auf das Volk. Seine beſſere Heit wird ſchon kommen. Mit den Wenigen war Einer gegangen, den meine allerherzlichſten Glückwünſche begleitet hatten. Er war von Allen, die zurückkamen, der Unglücklichſte. Von ihm will ich hier erzählen. Er war ein ſtiller, milder, blaſſer junger Mann. Er konnte im Anfange der dreißiger Jahre ſtehen; er war einige Monate nach der badiſchen Revolution nach Zürich gekommen, nachdem ſchon längſt die Trümmer des badiſchen Revolutionsheeres die ſchwei⸗ zeriſche Grenze überſchritten und in der Schweiz eine Zufluchtsſtätte gefunden hatten. Seine Kameraden hatten ihn für todt gehalten. In einem der letzten Gefechte hatten ſie ihn fallen ſehen. Er hatte an der Spitze ſeiner Compagnie ge⸗ kämpft, wie jung er auch damals noch war; er hatte damals kaum zwanzig Jahre zählen können. Er und — ſeine Leute waren immer und überall die Erſten ge⸗ weſen, wo die Gefahr am größten war. Eine Gewehr⸗ kugel hatte ihm in dem Gefechte das Bein zerſchmettert. Er war niedergeſunken und hatte ſich nicht aufrichten können; einige von ſeinen Leuten hatten ihn aufge⸗ hoben und aus dem Gefechte getragen, hinter eine Hecke. Sie hatten auf ſeinen Befehl in den Kampf zurückkehren, ihn verlaſſen müſſen. Seitdem hatte man nichts mehr von ihm geſehen, nichts mehr von ihm gehört. Seine Cameraden hatten ihn alle als todt be⸗ trauert. Sie hatten ihn nur kurze Zeit gekannt, aber in der kurzen Zeit als den muthigſten und tapferſten Soldaten achten, als den bravſten und treueſten Cameraden lieben gelernt. Er war mitten in den Revolutionskrieg hineingekommen, aus einem anderen deutſchen Lande, das ſeine Heimath war, und in dieſer Heimath aus dem Gefängniſſe, in das man den Jüngling eingeſperrt hatte, weil die Ge⸗ richte ſeiner Heimath ihn als Hochverräther verur⸗ theilt hatten. Er hatte ſich aus dem Kerker befreit; wie, das wußte man nicht. Man wollte nur im All⸗ gemeinen von einer faſt wunderbaren Errettung, von großen Gefahren und noch größerem Muthe gehört haben. Er ſelbſt hatte nie darüber geſprochen. Er war überhaupt ſchweigſam, verſchloſſen. Ein Schmerz, ein Gram ſchien ihm das Herz zu erfüllen, die Lippen zu verſchließen. So wußte man auch ſonſt nichts aus ſeinem früheren Leben. Er kam in Zürich an. Wie er befreit und ge⸗ rettet wurde, das wußte man auch jetzt nicht. Arme Leute hätten ihn gepflegt und verborgen gehalten, bis er wieder habe gehen können; das Glück habe ihn über die Grenze und in Sicherheit gebracht. Das war Alles, was er mittheilte, und auch nur, wenn er gefragt wurde. Weiter dann mit Fragen in ihn zu dringen, dazu hatte Keiner das Herz. Er kam elend, krank zurück und mußte ſich beim Gehen auf eine Krücke ſtützen. Konnte er auch ſpäter die Krücke fortlegen, krank und ſchwach blieb er lange, und bleich war er immer, und ein tiefer Schmerz konnte nicht aus ſeiner Bruſt weichen und ein ſchwerer Gram nicht von ſeinem ganzen Weſen. So war er ſtill, für ſich allein, die Menſchen meidend, auch ſeine frü⸗ heren Kameraden. Aber wo man ihn traf, war er ſtets milde, freund⸗ 1 lich, theilnehmend, ſelbſt manchmal mittheilſam. Nur über ſich, über ſein Leben, über ſeine Schickſale ſprach er nie ein Wort. Nicht einmal ſeiner Heimath er⸗ wähnte er. Eins erfuhren wir von ihm, daß er zu leben hatte, daß er keiner fremden Unterſtützung be⸗ durfte. Er war immer gern und zuerſt dabei, wenn irgend ein armer Flüchtling gegen die Noth und die Sorge des Lebens unterſtützt werden mußte. Und wie oft mußte das geſchehen! Wie und woher er ſeine Gelder erhielt, auch davon wurde nichts be⸗ kannt. Seine Cameraden aus dem badiſchen Feldzuge hatten ſämmtlich im Laufe der erſten paar Jahre Zürich verlaſſen. Man ſah ihn ſeitdem nur noch ſeltener. Ich begegnete ihm nur auf einſamen Spa⸗ ziergängen. Sein zerſchoſſener Fuß war⸗geheilt; er war nur lahm geblieben. Er war immer, blos ſtill grüßend, an mir vorübergegangen; um ſo mehr war ich verwundert, als er nach längerer Zeit eines Tages mich beſuchte. Indeß nur eine Geſchäftsſache hatte ihn zu mir geführt. Er hatte in der Heimath einen alten Oheim, der, ſelbſt kinderlos, den größeren Theil ſeines nicht un⸗ bedeutenden Vermögens ihm zuwenden wollte, jedoch in Verlegenheit war, wie dies einzurichten ſei, damit die heimathliche Regierung das Geld nicht in Beſchlag nehme. Er bat mich um meinen juriſtiſchen Rath. In der Heimath wagte man nicht, ſich einem Gerichte oder Advocaten anzuvertrauen. Die Juſtiz war da⸗ mals in vielen deutſchen Ländern allerdings danach. Ich gab ihm meinen Rath. Die Sache war danach eingeleitet und mit Erfolg. Er theilte mir die Nach⸗ richt mit und hatte in der Sache mehrmals mit mir conferiren müſſen. Ich hatte dabei mehr und mehr ſein wahrhaft klares, edles Herz kennen gelernt; aber über ſein früheres Leben, über ſeine Schickſale erfuhr ich dennoch nichts mehr, als was wir Alle ſchon wußten. Nicht einmal den Namen ſeiner Heimath ſprach er, auch jetzt nicht, aus, nicht den Namen ſeines Onkels oder anderer Verwandten. Er ſelbſt nannte ſich Alexander Roth, ſo hatte er ſich auch in der badiſchen Armee genannt. Ob es ſein rechter Name war, wußte Niemand. Einer ſeiner früheren Cameraden hatte daran zweifeln wollen. Ein Soldat in der Compagnie hatte behauptet, den Haupt⸗ mann Roth vor einem Jahre in einer großen deutſchen 129 Reſidenz unter ſehr vornehmen jungen Herren geſehen, nachher aber Allerlei von einer ſonderbaren, geheimniß⸗ vollen Vergiftungsgeſchichte gehört zu haben. Der Menſch war aber als ein Abenteurer und Aufſchnei⸗ der bekannt geweſen, und er konnte ſich auch geirrt haben. Ein Zufall ſollte mich ſpäter — es war im Som⸗ mer 1856 — auf eine Spur — nur auf eine Spur und auch nur auf die einer einzigen Begebenheit, eines einzelnen Abenteuers aus ſeinem früheren Leben führen. Freilich, auf wie viel Anderes war daraus zu ſchließen! Ich hatte — ganz allein — eine kleine Reiſe zum Rheinfall bei Schaffhauſen gemacht. Ich machte die Rückreiſe nach Zürich zu Fuße bis Conſtanz am, oder wie das alte Volkslied ſagt, „im“ Bodenſee, an bei⸗ den Ufern des Rheins entlang. Durch reizende Thäler, über anmuthige, mit Wald bedeckte Anhöhen war ich von Schaffhauſen nach dem Städtchen Dieſſen⸗ hofen gekommen. Das einfache Städtchen intereſſirte mich nicht, aber das Nonnenkloſter Katharinenthal zu Ende des Orts. Es iſt auch einfach. Aber es liegt ſo lang und grau und ſtill an dem klaren, Temme, Criminal⸗Novellen. I. 9 hellen, munteren Rhein, und es war ein ſtiller Sommerabend, da ich ankam, und als die letzten Wolken der Abendröthe verſchwunden waren, ging der Mond am Himmel auf, und in ſeinem blaſſen Scheine mußte das Kloſter noch trauriger daliegen mit ſeinen langen, grauen, ſtillen Mauern und allen den armen, trauernden, weinenden, brechenden — oder ſchon ge⸗ brochenen Frauenherzen darin. Ich hatte mir Kloſter, Kloſterhof und Kloſterkirche angeſehen. Aber nicht Alles von allen Seiten. Das Kloſter Dieſſenhofen liegt mit der ganzen Länge ſeiner Rückſeite unmittelbar am Rhein. Die Mauern ſtehen in dem Waſſer. Ich mußte auch dieſe Seite ſehen. Ich ging zu der Schifflände des Ortes und ließ mich in einem Nachen auf den Rhein hinausfahren; nach dem Kloſter hin, ſagte ich zu dem Schiffer, der mich fuhr, an dem ganzen Gebäude entlang; zuerſt auf der Mitte des Stroms, dann näher zu den Mauern hin, unmittelbar an ſie heran. Er fuhr mich ſo. Das Licht des Vollmonds fiel gerade von dieſer Seite, vom Waſſer her auf die Mauern. Sie lagen ſo regelmäßig lang da, nicht grau in dem weißen Mond⸗ lichte, aber weiß, ſo geſpenſtiſch weiß; die Fenſter — 131 ſie waren nicht ſchmal und niedrig, ſondern hoch und breit, und ſchwere eiſerne Gitterſtangen zogen ſich vor ihnen kreuz und quer; ſo lagen ſie in langen, langen Reihen da, neben einander und über einander, alle dunkel und ſchwärz und melancholiſch und ſchaurig. „Sind die Zellen der Nonnen auf dieſer Seite?“ fragte ich den Schiffer. „Ja, Herr. Und die Nonnen können hier alle Tage die Dampfſchiffe ſehen, die vorüber fahren, hin und her.“ Hinter den ſchweren, feſten, eiſernen Gittern konnten ſie die Dampfſchiffe ſehen, mit den luſtigen Wimpeln, den fröhlichen Menſchen, dem luſtigen Leben, friſch, frei daher ziehend auf dem friſchen freien Strom, aufwärts, abwärts, ſie ſelbſt einſam, von der Welt abgeſchnitten, von dem Leben ausgeſtoßen, einge⸗ ſchloſſen wie im Grabe, bleich und traurig, verwelkend, verwelkt, nach dem Leben, nach der Freiheit, nach Menſchen und nach Liebe ſich ſehnend, vergebens ſich ſehnend, bis das Grab in der Erde die armen, müden Herzen noch enger und für immer einſchließt. Ich war näher an die Mauern herangekommen. Der Nachen war keine ſechs Schritte von ihnen ent⸗ 9* fernt. Ich hörte, wie die leichten Wellen des ruhigen Waſſers an den Steinen plätſchernd vorüber eilten. Ich ſah an den Fenſtern, an denen wir vorüber fuhren, hinauf. In einem der dunklen, ſchwarzen Fenſter zeigte ſich eine weiße Geſtalt. Es war ſchon ſpät, nahe an Mitternacht. Die Geſtalt ſtand mitten in dem Fenſter, hinter den dichten Gittern; hoch, faſt in ganzer Figur, ganz weiß, Kleidung, Kopfbedeckung, Geſicht; auch das Geſicht, es war weißer als das weiße Nonnenkleid, als das ſchneeweiße Kopftuch. „Eine Nonne!“ flüſterte der Schiffer mir zu. Pohin mochte ſie vorher geblickt, wonach mochte ſie bis in die Mitternacht hinein ausgeſchaut haben? Nach den freien Wellen zu ihren Füßen, nach dem grünen, waldigen ufer drüben? Nach Liebe, nach Leben? Wir waren vorüber gefahren. „Das dürfte die Frau Priorin auch nicht wiſſen,“ ſagte der Schiffer. „Was nicht?“ fragte ich ihn. „Daß die Schweſter in ſo ſpäter Nacht an dem offenen Fenſter ſteht.“ „Und warum nicht?“ „Hm, Herr, ſie iſt 36 jung, k Schweſter Wal⸗ 133 purgis, und da kann noch allerlei paſſiren, was nicht in Ordnung iſt, und die Frau Priorin, die jetzt da iſt, verſteht keinen Spaß. Und doch mußte ſie vor einigen Jahren den großen Verdruß erleben.“ „Was für ein Verdruß war es?“ fragte ich. „Hm, eine Nonne ging ihr durch, eigentlich erſt eine Novize. Aber es war doch ſchlimm genug, und eine curioſe Geſchichte war es gewiß.“ „Erzählt ſie.“ Ich war anfangs nur neugierig geweſen, wie man eben auf Geſchichten von entführten oder ſonſt entflohenen Nonnen neugierig iſt. Bald ſollte jedes ſeiner Worte meine Aufmerkſamkeit ſpan⸗ nen und feſſeln. „Es war vor ſechs oder ſieben Jahren,“ begann er. „Die Revolution war damals drüben in Deutſch⸗ land. Der Krieg hatte ſchon aufgehört. Es war freilich ein ſonderbarer Krieg. Nur der eine Theil wollte ſich als ehrliche Soldaten gelten laſſen, und wenn ſie auch vor den Anderen recht ordentlich ge⸗ laufen waren, nachher aber wieder Sieger wurden, ſo ließen ſie die Beſiegten, die ſie eingefangen hatten, als Rebellen vor den Kopf ſchießen. Wir Schweizer hatten das in unſerem Sonderbundskriege nicht gethan. So war denn auch, nachdem der Krieg ſchon zu Ende war, noch wochenlang eine förmliche Jagd auf die armen Menſchen, die, verwundet oder ſonſt krank, mit den Anderen nicht auf Schweizer Gebiet hatten übertreten können, und alle Tage hörten wir hier von drüben die Musketenſchüſſe, die hinter einem Felſen oder hinter einer Hecke auf Commando fielen. Es waren ſo ſchöne Sommertage, und die Sonne ſchien den Unglücklichen ſo hell und ſo warm zu ihrem letzten ſchweren Gange. An einem Abend — es war ſchon ein paar Tage ſtill geweſen, und wir hatten hier gemeint, ſie hätten dort endlich aufgeräumt — war ich, ſchon ſpät, wach geworden. Mein kleines Haus liegt dicht am Ufer des Rheins, nicht weit von der Schifflände. Ein un⸗ gewöhnliches Geräuſch auf dem Waſſer hatte mich geweckt. Ich horchte im Bett und meinte, fremde Stimmen ganz nahe unter meinem Fenſter zu hören. Ich ſtand auf, um aus dem Fenſter nachzuſehen, was es ſei. Es war Alles wieder ſtill, und ich konnte draußen nichts ſehen. Aber gerade unter meinem Fenſter ſtehen dichte, niedrige Weiden, die weit in das Waſſer hineinreichen, und in den Weiden mußte das — ſein, was ich gehört hatte. Ich mußte wiſſen, was es war. Ich verließ das Haus und ging an die Weiden; da ſah ich zwei Nachen, die ſich unter ihnen verborgen hielten. Sie lagen ſtil da und waren voll fremder Soldaten, die auf etwas warteten. Wie ich ſie ſah, hatten ſie auch mich geſehen, und ein halbes Dutzend Gewehrläufe in dem nächſten Schiffe waren auf mich gerichtet. Einer von den Soldaten aber rief mir mit leiſer Stimme zu: wenn ich die Zunge oder ein anderes Glied rühre, ſo ſei ich des Todes. Da wußte ich auch, was ſie vorhatten. Es galt wieder einem armen Rebellen, der ihnen entkommen, der in der Nacht heimlich nach der Schweiz herüber gebracht werden ſollte, den ſie auf dem Waſſer ab⸗ fangen wollten. Sie waren auf Schweizer Gebiet und hatten da nichts zu thun. Es war ein Verrath, daß ſie da waren, und der Verrath ſollte einem Un⸗ glücklichen das Leben koſten. Aber was wollte ich machen? Man hat zuerſt das eigene Leben lieb. Ich durfte mich nicht rühren, nicht rufen. Was ich mir gedacht hatte, ſollte bald eintreffen. Von der anderen, von der badiſchen Seite her kam plötzlich ein kleiner, ſchmaler Nachen heran. Zwei Menſchen ruderten ihn. Sonſt ſah man Nie⸗ manden darin. Aber in der Mitte glaubte man etwas am Boden liegen zu ſehen. Die beiden Männer ruderten mit aller Anſtrengung ihrer Kräfte. Das kleine ſpitze Fahrzeug glitt ſchnell über das Waſſer weg, und eben ſo ſtill. Man hörte durch die Nacht kaum die Ruder. Die Soldaten in den beiden Nachen waren lebendiger geworden. Aber ſie flüſterten nur unter einander. Der Nachen mit den zwei Männern hatte die Mitte des Stromes erreicht. Er war ge⸗ raden Weges auf die Weiden zugefahren. Er bog nach links, ſtromaufwärts. „Jetzt?“ fragte einer von den Soldaten. „Nein!“ ſagte kurz ein Anderer, der der Anführer ſein mußte. Er konnte ſeiner Sache ſicher ſein. Die Flüchtlinge in dem kleinen Nachen konnten ihm nicht mehr ent— gehen. Aber es war nur ein Flüchtling, wie wir nachher erfuhren, ein Officier von den Rebellen, der hatte zurückbleiben müſſen. Er war ſchwer verwundet; das Bein war ihm zerſchoſſen. So hatten ihn Bauern aus der Nachbarſchaft gefunden; er war beinahe am Sterben geweſen. Sie hatten ihn mitgenommen, 13 gepflegt, verborgen, und vierzehn Tage lang war ihnen das geglückt. Da war er den Soldaten ver⸗ rathen. Wenn er gefunden wurde, ſo wurde er er⸗ ſchoſſen. Der arme Menſch — er war noch ein ganz junges Blut — war noch krank, elend; er konnte nicht allein ſtehen, viel weniger gehen. Die Bauern flüchteten mit ihm. Sie mußten ihn tragen. Sicher war er nur in der Schweiz. Aber wie ihn über den Strom, der immer bewacht war, dahin ſchaffen? Sie hatten doch Schlupfwinkel in den Felſen am Waſſer, die nur ſie kannten. Sie hatten unbemerkt den kleinen Nachen dahin zu ſchaffen gewußt. Sie hatten den Verwundeten hineinbringen, in dem Dunkel der Nacht unbemerkt vom Lande abſtoßen, die Mitte des Stroms gewinnen können. Aber die Soldaten hatten Alles berechnet. Sie hatten mit zwei Nachen heimlich das Verſteck unter den Weiden aufgeſucht und konnten von da aus weit nach beiden Seiten hin das Schweizer Ufer wahren. Vielleicht waren oberhalb wie unterhalb in gleicher Weiſe ihrer noch mehrere verſteckt. Der arme, ver⸗ wundete Flüchtling war ihnen ſicher. Mit dem einen ihrer Kähne brauchten ſie nur rechts, mit dem anderen 138 nur links zu fahren, ſo hatten ſie den kleinen Nachen in der Mitte, lange bevor er das freie Schweizer⸗ ufer erreichen konnte. Sie ließen den Nachen näher kommen. „Jetzt!“ rief der Anführer. Sie flogen in den Strom hinein. „Jetzt erſt ge⸗ wahrten die beiden Ruderer ſie. Sie hatten mit keinem Gedanken ihrer Seele daran gedacht, daß von dem Ufer der Schweiz her ihnen ein Verfolger kom⸗ men könne. Auf einmal ſahen ſie zwanzig Soldaten hinter ſich. Es waren ein paar tüchtige Burſchen, die beiden Männer an den Rudern. Sie hatten nach der Schifflände beim Kloſter zugeſteuert. Dort war der bequemſte Landungsplatz. Sie konnten nicht mehr hinkommen, der eine der verfolgenden Nachen hatte ihnen ſchon den Weg verlegt. Sie konnten aber auch nicht zurück, denn der andere Nachen war ihnen im Rücken. Sie faßten ſich dennoch ſchnell. Sie ſteuer⸗ ten und ruderten mit Leibeskräften auf das Kloſter zu. Es war dunkler dicht unter den Mauern, die Strömung, der ſie entgegenfahren mußten, war dort ſchwächer; mit ihrem leichten, ſchmalen Fahrzeuge konnten ſie daher ſchneller vorwärts kommen, als die 139 ſchweren, breiten Nachen der Verfolger. Aber das Kloſter iſt lang; an die Mauer des Kloſters ſchließt ſich nach oben hin eine noch längere Gartenmauer an, die auch noch im Waſſer ſteht, und der Menſch wird vom langen und ſchweren Arbeiten müde, und die Kräfte laſſen ihm nach. Die Soldaten kamen den Verfolgten immer näher. Der arme, verwundete, kranke Flüchtling war verlo⸗ ren. Mir ſchnitt es in das Herz. Ich hatte laut zu Hülfe gerufen, als die Soldaten fort ruderten. Aber mein Häuschen liegt allein am Waſſer. Die Häuſer der Stadt ſtehen weiter zurück. Es war bei⸗ nahe mitten in der Nacht. Der ganze Ort ſchlief. Kein Menſch hatte mich gehört; Niemand kam. Ich mußte zu der Stadt, zu den nächſten Häuſern rennen. „Zu Hülfe!“ rief ich. „Heraus, ihr Leute! Fremde Soldaten kommen an's Land. Zum Kloſter, zum Kloſter!“ Die Leute ſtürzten aus den Häuſern. Ich eilte mit ihnen zum Waſſer zurück, nach dem Kloſter zu. Wir wollten einen Angriff auf die Soldaten machen; wir waren in unſerem Rechte; ſie hatten auf freiem Schweizer Gebiete nichts zu ſchaffen. Es waren viele Menſchen gekommen. Wir wollten uns vertheilen, aber als wir ankamen, ſahen wir nichts mehr. An dem ganzen Kloſter entlang, an der ganzen langen Mauer des Kloſtergartens hinauf war kein Schiff, kein Menſch mehr zu ſehen. Alle drei Nachen waren fort, mit Verfolgern, mit Verfolgten. Wir ſahen uns verwundert an. Wo waren ſie geblieben? wo konnten ſie geblieben ſein? Wenn die Mauern des Kloſters ſich hätten aufthun, Schiffe und Menſchen hätten aufnehmen und ſich dann wieder hätten verſchließen können, dann hatten wir ein Wunder, aber dann hätten wir auch gewußt, woran wir waren. Wir ſahen und hörten nichts auf dem Waſſer, keine Be⸗ wegung, keinen Laut. Ich riß den erſten, beſten der Kähne los, die am Ufer lagen, und ſprang hinein. „Ich muß wiſſen, was das iſt!“ rief ich. „Wer fährt mit mir?“ Ein halbes Dutzend Burſchen ſprangen mir nach. Wir ruderten in den Strom hinein, nach der anderen Seite hin. Da ſahen wir bald, was uns am Ufer die Dunkelheit der Nacht verborgen hatte. Zwei Nachen ruderten vor uns her, gleichfalls nach dem jenſeitigen Ufer hin. Sie hatten es ſchon bald erreicht. Es waren die beiden Nachen der Soldaten. Wo war der dritte? — Waren ſie ſeiner habhaft geworden? Oder was war aus den armen Menſchen ſonſt ge⸗ worden? Wo waren ſie geblieben? Wo konnten ſie geblieben ſein, da man nichts von ihnen ſah? Wir ſprachen noch darüber. Auf einmal ſchlug hinter uns die Sturmglocke auf dem Kloſterthurme an. Wir blickten uns um. Wir ſahen nichts, kein Feuer, keine Flamme, keinen Rauch. Aber die Glocke hörte nicht auf und ſtürmte wilder und wilder. Was war das wieder? Wir hörten die Leute am Ufer durch einander rennen. Sie eilten zum Kloſter. Wir wandten unſeren Nachen und fuhren zum Ufer zurück. Die Leute rannten noch. Das Kloſter lag ſtill und dunkel da, wie ein Grab. Nur die Sturmglocke heulte noch immer durch die Nacht. „Was iſt geſchehen?“ riefen wir den Leuten zu. „Was bedeutet das Läuten?“ Sie wußten es nicht. Einer kam vom Kloſter zurück. „Die Schweſter Marcella iſt fort!“ 142 Wir eilten mit zum Kloſter. Es war, wie der Mann geſagt hatte. Eine Nonne war fort, ver⸗ ſchwunden, die Schweſter Marcella; eigentlich erſt eine Novize, wie ich ſchon ſagte. Die Sturmglocke ſollte das Volk zuſammenrufen, um ihr nachzuſetzen, ſie zurückzubringen. Man hatte ſie vor einer Viertel⸗ ſtunde erſt vermißt. Die Schweſter Marcella war die jüngſte Novize im Kloſter. Sie war erſt ſeit ſechs Wochen da und hatte das Läuten der Mitternachtshora zu beſorgen. Die Novizen müſſen ſich an das Schwerſte gewöhnen. Die Glöcknerin mußte ſie dazu wecken und ſie hin⸗ führen. Zehn Minuten vor Mitternacht war die Glöcknerin zu ihrer Zelle hinaufgegangen. Sie hatte die Thür der Zelle offen, nur angelehnt gefunden. Es fiel ihr auf. Es war verboten, und die Schwe⸗ ſter Marcella hatte immer ihre Thür feſt verſchloſſen gehalten. Sie ging in die Zelle; ſie rief hinein nach dem Lager hin: „Schweſter Marcella, es iſt Zeit!“ Sie erhielt keine Antwort. Sie trat zu dem Lager, es war leer und unberührt geblieben. Sie ſah ſich in der Zelle um, ſie war leer, wie das Lager. Sie eilte zu der Priorin und machte dieſer Anzeige. Es 143 werden andere Nonnen geweckt; ſie durchſuchen die Zelle nochmals; ſie iſt und bleibt leer. Sie durch⸗ ſuchen die Gänge, die Treppen, die Fluren, das ganze Kloſter iſt auf den Beinen; Schweſter Marcella bleibt verſchwunden und kein Menſch weiß von ihr, Keiner hat etwas von ihr gehört oder geſehen. Wo mag ſie ſein? Wie mag ſie entkommen ſein? Das Gitter vor dem Fenſter ihrer Zelle war unverſehrt. An keinem andern Gitter war nur eine Stange los. Alle Thüren, die aus dem Kloſter führen konnten, waren verſchloſſen. Doch eine wurde zuletzt unverſchloſſen gefunden, die, die aus dem Kloſter in die Kirche führte. Schwe⸗ ſter Marcella war fromm, ſehr fromm; man hatte ſie ſchon vorher manchmal zu ungewöhnlicher Zeit in Thränen an den Stufen des Altars liegend gefunden. War ſie wieder in der Kirche? Man drang hinein. Aber ſie war auch da nicht. Man läutete die Sturm⸗ glocke, um der Entflohenen nachſetzen zu laſſen; denn entflohen war ſie. Es wurde ihr nachgeſetzt, von allem Volke, vergeblich. Man fand nicht einmal eine Spur von ihr, auch ſpäter nicht, bis auf den heutigen Tag nicht.“ — Der alte Schiffer ſprach die letzten Worte mit einem eigenthümlichen, ſtillen, zufriedenen, geheimniß⸗ vollen Lächeln. Ich ſah es durch die Nacht. Er mochte ſich unbemerkt glauben, — ſeine Augen flogen zugleich über das Kloſter hinweg, ſtromaufwärts in die Berge hinein. Er wußte etwas, wahrſcheinlich mehr als die Anderen, und durfte es nicht verrathen. Aber ich mußte es wiſſen. Ich hatte ſchon ſo Vieles errathen; ich mußte Alles wiſſen. Wie konnte ich ihm ſein Geheimniß entlocken? Ich dachte darüber nach. Ich durfte nicht auf einmal an ihn heran⸗ treten. „Auch der Verfolgte iſt nicht wieder zum Vorſchein gekommen?“ fragte ich ihn. „Auch er nicht.“ „Man hat auch nichts von ihm gehört?“ „Kein Wort. Hm, freilich, weil die Beiden, der Verwundete und die Nonne, ſo zu gleicher Zeit und ſo geheimnißvoll verſchwunden waren, ſo wollten die Leute Allerlei munkeln.“ Er lächelte wieder zufrieden und geheimnißvoll vor ſich hin. — — — 145 „Die Leute hatten aber wohl das Unrechte ge⸗ troffen?“ fragte ich ihn raſch. „Sie ſprachen ja von Dingen, von denen ſie nichtz wußten.“ „Und was hatten ſie gemunkelt?“ „Eben das, was ſie nicht wußten.“ Er war gerieben, der alte Schiffer. Zu über⸗ raſchen war er nicht. Aber er gehörte zu den Leuten, die gern plaudern und daher plaudern müſſen und zuletzt ihre Geheimniſſe nicht mehr für ſich behalten können. Man muß ſie nur ungeduldig zu machen wiſſen. „Woher wußten Sie,“ fragte ich ihn, „daß der Verfolgte ein verwundeter Officier war?“ „Die Leute von drüben ſagten es.“ „Die ihn gefahren hatten?“ „Nein, Andere — nachher.“ „Wo waren jene, die beiden Ruderer, geblieben?“ „Gott weiß es. Sie hatten ſich erſt nach einem Vierteljahre, als die Soldaten das Land verlaſſen, nach e zurück gewagt.“ „Mit ihrem Nachen?“ „Hm, mit dem Nachen war es erſt recht eine Temme, Criminal⸗Novellen. I. 10 S —— — 6 eigene Sache geweſen. Der trieb am zweiten Mor⸗ 1 gen nachher frei und leer auf dem Waſſer herum. Kein Menſch wußte, wo er hergekommen war.“ „Erzählten die beiden Ruderer nach ihrer Rückkehr nichts?“ „Gar nichts.“ „Nicht, wie der Verwundete befreit worden, wie ſie ſelbſt entkommen ſeien, wo ſie ſich die Zeit über aufgehalten hätten?“ Von Allem nichts. Sie ſagten nur, ſie hätten in der Schweiz gearbeitet, bis ſie hätten in ihre Hei⸗ math zurückkommen dürfen.“ „Es war alſo ein Geheimniß bei der Sache?“ „Es mußte wohl ſo ſein.“ „Die Schweſter oder die Novize Marcella war 1 erſt ſeit ſechs Wochen im Kloſter geweſen, ſagtet 36 Ihr?“ „Gerade ſeit ſechs Wochen.“ „Woher war ſie gekommen?“ „Das wußte man nicht.“ „Man hat auch ſpäter nichts darüber erfahren?“ „Man hat nachher gar nichts mehr von ihr gehört. Alles, was man von ihr gehört, Alles, was man 147 von ihr wußte, und auch noch nur von ihr weiß, iſt Folgendes: An einem Abende im Frühſommer war noch ſpät eine fremde, große, ſchöne und junge Frauensperſon an die Kloſterpforte gekommen, hatte Einlaß begehrt und gebeten, noch in der Nacht die Frau Priorin ſprechen zu dürfen. Die Priorin hatte ſie vor ſich gelaſſen. Die Fremde hatte um Auf⸗ nahme als Nonne, als Novize gebeten. Sie könne in der Welt nicht mehr leben. Sie könne nur noch Ruhe finden im Gebete zu Gott und im Umgange mit den frommen Schweſtern. Sie hatte die Priorin weinend, knieend gebeten, ſie nicht zurückzuweiſen, ſie nicht wieder in die Welt zu verſtoßen. Sie hatte nur die eine Bedingung aufgeſtellt, daß man ſie nie nach ihrem bisherigen Leben, nach ihren früheren Schick⸗ ſalen fragen möge. Die Priorin iſt eine ſtrenge, aber wahrhaft gottesfürchtige und brave Frau. Sie nahm die Fremde auf und fragte nicht einmal nach ihrem Namen nach dem Lande, aus dem ſie komme. Sie mußte weit hergekommen ſein; man hörte es an ihrer Sprache; ſie redete das Deutſche, wie man es im Norden von Deutſchland zu ſprechen pflegt. Sie er⸗ hielt den Kloſternamen Marcella; unter dem hat man 10* ——— 148 ſie nur gekannt. Sie war in den ſechs Wochen, die ſie da war, immer eine muſterhafte Novize geweſen, fromm, wie nur eine der Nonnen, und unverdroſſen in allen Dienſten, die von ihr verlangt wurden. Nur über Eins hatten die übrigen Nonnen geklagt, daß ſie niemals mit ihnen ein anderes Wort geſprochen habe, als was zum Dienſt und zur Tageszeit gehörte. Sie war fromm und fleißig, aber auch immer eben ſo ſtill geweſen. Des Nachts freilich war ſie nicht immer ſo ſtill,“ ſetzte der alte Schiffer hinzu, und er lachte dabei nicht. „Wie ſo?“ fragte ich ihn. „Hm, Herr, ſie mußte wohl eine recht unglückliche Perſon ſein. Ich habe es oft geſehen und gehört. Schon gleich wenige Tage nachher, da ſie gekommen war. Es war eine dunkle Gewitternacht, ich hatte mich beim Fiſchen verſpätet und fuhr allein in meinem Nachen nach Hauſe zurück. Als ich am Kloſter an⸗ kam, hielt ich mich dicht an den Mauern; der Wind konnte mich da nicht faſſen. „Plötzlich hörte ich über mir ein leiſes Weinen und Wehklagen. Sehen konnte ich nichts, die Nacht war rabenſchwarz. Das leiſe Weinen ſchnitt mir um 149 ſo ſchärfer in das Herz hinein, zumal wenn die Stimme unter dem Weinen und unter dem Schluchzen rief: „O Du gerechter, Du ewiger Gott, willſt und kannſt Du mich denn nicht erlöſen? Wie lange, wie lange ſoll ich es noch mit mir herum tragen? O, ſei mir gnädig, ſei mir barmherzig! Gieb mir den Frie⸗ den, gieb mir die ewige Ruhe! — Ja, Herr, ſo jam⸗ merte und klagte ſie, und es lief mir eiskalt über den ganzen Körper. Da, da war es, beinahe in der Mitte des Kloſters, nicht weit von der Zelle der blaſſen Schweſter Walpurgis, die Sie vorhin geſehen haben. Da ſtand und weinte und wehklagte die arme Schweſter Marcella, und — auf einmal war aus den Gewitterwolken ein Blitz gekommen, der machte die Gegend hell, die Mauer und das Fenſter, und da ſah ich ſie in dem Fenſter ſtehen, die Hände gerungen, die Augen gen Himmel gerichtet, von dem Geſichte die Thränen herunterlaufend, und das Geſicht noch bläſſer, als das der Schweſter Walpurgis, die doch wahrhaftig wie eine Leiche ausſieht. Aber ſchön war ſie, Herr, groß und ſchön, in allem ihrem Jammer und Elend. — Der Blitz hatte auch mich beſchienen; ſie hatte mich geſehen. Sie war in ihrer Zelle ver⸗ 150 ſchwunden. Ich hörte auch nichts mehr und fuhr nach Hauſe. Ich ſagte keinem Menſchen etwas, man hätte ſie ſonſt in die Zelle einer älteren Nonne gethan, und ſie hätte nicht mehr weinen und nicht mehr Gott ihre Noth klagen können, und das war doch Alles, was ſie vom Leben hatte. Aber manche Nacht zog es mich wieder unter ihr Fenſter, und wenn ich hinkam, hörte ich wieder ihr leiſes Weinen und Wehklagen, und ich mußte mit dem armen Geſchöpfe zu Gott beten, daß er ſie erlöſen möge.“ Der alte Mann war weich geworden, es ſtanden ihm Thränen in den Augen. „Ob es geſchehen iſt? Ob ſie erlöſt ſein mag?“ ſagte er dann. Und dann hatte mehr die Weichheit, als die Ungeduld ihm das Herz geöffnet. „Herr,“ ſagte er, „wenn Sie mich nicht verrathen wollen, und Sie werden es nicht, um der armen Schweſter Marcella willen nicht — und ſo ein frem⸗ der Herr kommt ja überall in der Welt herum, und da könnten Sie auch von ihr etwas hören, und ich erführe es vielleicht wieder — ich ſagte Ihnen vorhin, daß man von der Schweſter Marcella gar keine Spur mehr gefunden habe. Sie können doch noch etwas — — — 151 von ihr erfahren, aber Sie dürfen es keinem Menſchen verrathen; die Priorin iſt ſtreng, und die braven Leute könnten noch jetzt, nach ſieben Jahren, Ungemach haben. Wenn es morgen früh hell iſt, dann werden Sie da oben auf dem Berge, oberhalb des Kloſters, zwiſchen drei großen Platanen, ein kleines, einſames Haus ſehen; dahin gehen Sie, dort werden Sie eine alte Frau im Hauſe finden, die allein da mit' ihrem alten, preßhaften Manne wohnt; Frau Marthe nennen Sie ſie, und bringen Sie ihr einen Gruß von mir, dem alten Siedler aus Dieſſenhofen, und fragen Sie nach der Schweſter Marcella und dem verwundeten Flüchtling, und ſie wird Ihnen dann Mancherlei zu erzählen wiſſen. Aber verrathen Sie nichts, Herr; und nun, Herr, es iſt längſt Mitternacht vorbei, und Sie werden ſich nach Ruhe ſehnen. Soll ich Sie nach Hauſe fahren?“ „Fahrt mich nach Hauſe.“ Er ruderte zum Ufer, und ich ging in meinen Gaſthof. Ich mochte mich wohl nach Ruhe ſehnen, aber finden konnte ich ſie nicht. Die unglückliche, ſchöne, junge, fremde Schweſter Marcella ſtand vor mir, und mit ihr der unglückliche, junge, verwundete —— und verfolgte Rebellenofficier, und wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: wer konnte es nach allen über ihn laufenden Erzählungen anders ſein als — Alexander Roth? Ich mußte Gewißheit haben. Ich verließ früh am andern Morgen Dieſſenhofen und ging oberhalb des Kloſters den Berg hinauf. Ich ſah ſchon von weitem da oben zwiſchen drei Pla⸗ tanen ein kleines, unſcheinbares, hölzernes Haus und lenkte meine Schritte dahin. Der Berg war mit dichter Waldung bedeckt, und immer durch ſie hin führte der Weg nach oben bis zu dem kleinen Hauſe. Das Haus lag ſtill, verſteckt da, mitten in dem Walde; die drei Platanen ragten hoch darüber hinweg; ein kleines Gärtchen umgab es. Ich traf die alte Frau, die es bewohnte, ſie war noch rüſtig, ſie pflegte ihren Mann, der krank im Bette lag. „Ich komme von dem alten Siedler unten aus der Stadt. Er läßt Sie grüßen.“ Sie ſah mich mißtrauiſch an. „Er läßt Ihnen ſagen, Frau Marthe, Sie könnten mir Alles erzählen.“ „Was ſollte ich Ihnen erzählen?“ „Von dem verwundeten badiſchen Officier —“ . — „Ich kenne keinen badiſchen Officier.“ „Und von der Schweſter Marcella.“ „Der alte Siedler iſt ein Schwätzer, der nicht weiß, was er ſagt.“ „Ich komme auch von dem Officier ſelbſt, dem Herrn Roth.“ „Es war den Worten nach wahr, dem Sinne nach unwahr. Aber es brachte mich ſchnell zu meinem Ziele, wie ich der eben ſo einfachen, wie zähen Frau gegenüber erwartet hatte. „Was macht der arme Herr?“ fragte ſie raſch und neugierig, und vielleicht nur zum dritten Theile überraſcht. „Er hat zu leben —“ „Ja, ja.“ „Aber er iſt ſtill und traurig, wie immer.“ „Ja, ja,“ ſagte ſie noch einmal. „So war er auch von Ihnen fortgegangen?“ fragte ich ſie. „Denn er war ja wohl hier bei Ihnen?“ „Er war hier bei mir. Und ſo ging er von hier fort. Ich mußte weinen, als wenn er mein eigener Sohn geweſen wäre.“ Sie war nur noch ganz Mitleid. Der alte Siedler 154 war kein Schwätzer mehr. Sie erzählte mir Alles, was ſie wußte, und doch für mich ſo wenig. Durch die Sturmglocke des Kloſters war ſie in jener Nacht vor ſieben Jahren geweckt worden. Faſt in derſelben Minute hatte ſie leiſe Stimmen und Schritte draußen an ihrem Fenſter gehört. Wer konnte um Mitternacht, während es gerade unten ſtürmte, da oben mitten im Walde, an dem kleinen, einſamen Hauſe etwas zu ſuchen haben? Sie war aufgeſtanden und öffnete ein Fenſter. Es war eine helle Sommernacht. Vor dem Fenſter ſtand eine Nonne in ihrer vollen grauen und weißen Kloſterkleidung. Die alte Marthe wußte, warum auf dem Kloſter die Sturmglocke läutete. „Um Gotteswillen, was wollen Sie hier? Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ rief ſie der Nonne zu. „Frau,“ ſagte die Nonne, „bei mir iſt ein Ster⸗ bender; nehmen Sie den auf, um Gottes Barmherzig⸗ keit willen!“ Die alte Marthe war eine brave Frau. Sie war ſchon von dem Fenſter fort; ſie ſprach drei Worte mit ihrem Manne, der auch damals krank war, machte die Hausthür auf und trat aus dem Hauſe. Auf dem Mooſe, an einer der Platanen neben — dem Hauſe, lag ein kranker Vonſh Wie Noe hatte ſich über ihn gebeugt und ſtüßte ihm das Haupt, das weiß war, wie das weiße Kopftuchder Nonne. Die Augen des Kranken waren geſchloſſen. „Waſſer!“ bat die Nonne. „Sh, er ſtirbt ſonſt.“ Die Frau holte Waſſer. Sie und wuſchen den Kranken damit; er erxachte aus ſeiner tiefen Ohnmacht; aber nur auf kinen Augenblick. Er ſah die beiden Frauen an, die alte Marthe ver⸗ wundert, dann die Nonne, als wenn er ſie, wie die Alte ſagte, vor Dankbarkeit verzehren wollte. Es hatte doch noch etwas Anderes, ſo ganz Beſonderes in dem Blicke gelegen, meinte ſie; aber es war ihr erſt ſpäter aufgefallen, nachdem ſie auch Anderes ge⸗ hört und geſehen hatte. Dann aber waren dem Kranken die Augen wieder zugefallen, und er war in dem Arme der Nonne eingeſchlafen. Die Nonne hatte unterdeß der Alten erzählt. „Der arme Menſch,“ hatte ſie geſagt, „kann nicht weiter. Sie werden ihn nicht verſtoßen. So müſſen Sie von ihm wiſſen, wer er iſt und wie es mit ihm iſt. Er hat drüben in der Revolution gekämpft; der 156 Fuß wurde ihm zerſchoſſen, und er mußte zurückblei⸗ ben und ſich verbergen. Die Soldaten machten Jagd auf ihn, wie auf ein wildes Thier. Den braven Bauern, die ihn verbargen, war es endlich heute ge⸗ lungen, ihn aus dem Lande zu ſchaffen. Aber ihr Unternehmen mußte verrathen ſein. Auf dem Rheine, als ſie ſchon nahe an dem Schweizer Ufer waren, wurden ſie von Soldaten zu Schiffe verfolgt. Wie durch ein Wunder entkamen ſie. Ich war dazu ge⸗ kommen, und konnte ihn nicht verlaſſen. Die Leute, die ihn gebracht hatten, mußten weiter; auch er, der Verwundete, durfte nicht dableiben. So habe ich ihn hergebracht. Die Wunde an ſeinem Fuße war ihm unterwegs wieder aufgegangen. Unter unſäglichen Schmerzen, unter unſäglichen Mühen iſt er bis hier oben gekommen. Sie verſtoßen ihn nicht, gute Frau?“ „Nein, nein,“ ſagte die Alte. „Und auch mich nicht? Ich kann nicht in das Kloſter zurück. Ich kann nicht.“ „Auch Sie ſollen hier bleiben. Sicher ſind Sie hier oben. Es ſucht Sie kein Menſch bei uns.“ Der Verwundete und die Nonne wurden in das kleine Haus geſchafft. Dem Verwundeten wurde ein 157 Lager bereitet. Die Nonne wurde ſein Arzt und ſeine Pflegerin. Sie war ihm noch mehr, und das war ſie ihm nicht erſt jetzt geworden, meinte die alte Frau. Sie hatten ſich ſchon früher gekannt; es mußte ſchon vor längerer Zeit geweſen ſein. Sie blieben Beide, manche Wochen lang, bis der Verwundete ſo weit geneſen war, daß er keiner fremden Hülfe weiter be⸗ durfte. Zu dem einſamen, verſteckten, kleinen Hauſe kam Niemand. Der verſchwundenen und vevfolgten Schweſter Marcella war dort nicht einmal nachgefragt worden. Die Wiedergeneſung des Kranken hatte bald be⸗ gonnen; unter der Pflege, die er hatte, mußte es ſo ſein. Er hätte in der Welt keine liebevollere, treuere, ſorgſamere Pflegerin finden können, als die Nonne ihm war. Sie wich bei Tage nicht von ihm, ſie ſchlief des Nachts an der Erde zu den Füßen ſeines Lagers. Sie hatte ärztliche Kenntniſſe und Geſchick⸗ lichkeit; ſie beſorgte den Verband ſeiner Wunde, ſie wußte ihm aus den Kräutern des Waldes wohlthuen⸗ den und ſtärkenden Trank zu bereiten. Sie hatte der alten Marthe Manches erzählt, Manches aber auch nicht, und die gutmüthige Alte hatte ihr Schweigen 158 und ihr Geheimniß geehrt. Sie hatte auch erzählt, wie der Verwundete gerettet war. Sie ſelbſt war ſeine Retterin geweſen. Sie war nicht glücklich da unten im Kloſter ge⸗ weſen; ſie hatte dort nicht den Frieden und die Ruhe gefunden, die ſie zu finden gehofft hatte und deren ihr Herz doch ſo ſehr bedürfen mochte. Bei Tage hatte ſie den Nonnen nicht zeigen dürfen, wie un⸗ glücklich ſie war; aber wenn ſie des Nachts allein in ihrer Zelle war, dann konnte, dann mußte ſie ſich ausweinen. Der Schlaf kam nicht zu ihr; ſie mußte von ihrem Lager aufſtehen und dem dunklen Nacht⸗ himmel, dem Waſſer, das unter ihrem Fenſter vorüber rauſchte, den Felſen, die vom andern Ufer her zu ihr herüberſahen, ihr Leid, ihr Weh klagen. So hatte ſie auch in jener Nacht geſtanden, da der Verwundete in dem kleinen Nachen von dem jen⸗ ſeitigen Ufer hergekommen war. Auf einmal hatte ſie geſehen, wie der Nachen verfolgt wurde. Die bei⸗ den Ruderer hatten mit übermenſchlichen Kräften ge⸗ arbeitet, um den Verfolgern zu entkommen. Sie waren dicht an das Kloſter heran, dann ſtromauf⸗ wärts gefahren. Da war ihr ein Gedanke der Rettung * ——— — 159 für die armen Leute gekommen, die ſich ſelbſt wohl ſchon für verloren hielten. Sie mußte wagen, viel, Alles, und ſie that es. Sie verließ ihre Zelle und eilte zu dem Gange, der im Innern des Kloſters zu der Kirche führte. Die Thür zu dem Chor der Non⸗ nen war nur von innen verriegelt. Sie öffnete ſie und kam auf das Chor. Eine verborgene Treppe führte von da hinunter zu einer Seitencapelle der Kirche. Die Capelle ſtieß an den Garten des Kloſters. Ein Fenſter der Capelle führte etwa fünf Fuß hoch in den Garten. Sie kletterte zu dem Fenſter hinauf, öffnete es und ſprang in den Garten. In dem Garten war ein Teich, hinten an der Mauer, durch ein Pförtchen in derſelben in unmittelbarer Ver⸗ bindung mit dem Rhein, der an der andern Seite der Mauer floß. Am Ufer des Teiches lag eine kleine Gondel; ſie ſprang hinein, löſte ſie ab, ruderte zu dem Pförtchen, das gleichfalls nur von innen verrie⸗ ge“ war, und riß es auf. Sio war gerade zur rechten Zeit gekommen. Eine halbe Minu'e ſpäter langten die Verfolgten an. Die Verfolger waren ihnen auf den Ferſen. Hierher!“ rief ſie. 160 Die gewandten Ruderer warfen den Nachen herum; das ſchmale Fahrzeug flog durch das Pförtchen. Die Nonne drückte die Thür hinter ihm zu. Die Verfolger draußen mußten wie vor einem plötzlichen Zauber ſtehen. Die Verfolgten waren gerettet. Auch weiter. Die beiden Ruderer mußten ihr helfen, den Verwundeten zu führen; ſie kehrten mit ihnen zu der Capelle zurück. Der Verwundete wurde durch das Fenſter hineingeſchoben. Man kam in die Kirche. Die Nonne, die Novize, die Gehülfin der Glöcknerin, wußte, wo die Schlüſſel zu den Kirch⸗ thüren waren. Sie ſchloß eine auf. Durch Dunkel und Stille der Nacht kamen ſie in's Freie, in den Wald, zu dem kleinen verborgenen Hauſe. Die bei⸗ den Ruderer hatte ſie am Saume des Waldes fort⸗ geſchict, um nicht verrathen zu werden, wohin ſie ging. Das kleine Haus hatte ſie vom Kloſter aus oft genug geſehen. Den fremden Kahn mußten die Nonnen in der folgenden Nacht ſtill und heimlich in den Rhein ärück⸗ gebracht haben. Nirgends iſt man voſchwiegener und muß man oft verſchwiegener ſein, als in den Klöſtern. 161 Die Schweſter Marcella war freilich auch außer⸗ halb des Kloſters verſchwiegen geweſen, und ſie mochte auch wohl ihre Gründe dazu gehabt haben. War doch aber auch der Verwundete verſchwiegen und verſchloſſen geweſen. Die Beiden mußten ſich ſchon früher gekannt haben. Sie hatten es ſorgfältig zu verbergen geſucht und gewußt, wenn die alte Frau bei ihnen war. Wenn ſie ſich aber allein glaubten, hatten ſie es deſto mehr verrathen. Die alte Frau hatte ihnen nie ge⸗ zeigt, daß ſie etwas gehört habe, aus Gutmüthigkeit nicht, aber auch nicht aus Neugierde. Schon in den erſten Nächten hatten ſie leiſe mit einander geflüſtert. Der Kranke hatte wie bittend zu ſeiner ſchönen, jun⸗ gen Pflegerin geſprochen. Die Nonne hatte ihn nur zum Schweigen ermahnt, da das Sprechen ihn an⸗ greife, ihm ſchade. In den Nächten darauf hatte ſie ſeinen Bitten dieſe Ermahnung allein nicht mehr ent⸗ gegenſetzen können. Sie hatte ihn dann durch andere Vorſtellungen zu beruhigen geſucht. Durch welche, das hatte die Frau nicht einmal errathen können, wie auch der Gegenſtand ſeiner Bitten ihr immer fremd geblieben war. Sie hatten Beide zu leiſe mit einander geſprochen. Nur das hatte ſie mehrere Male Temme, Criminal⸗Novellen. I. 11 162 gehört, daß er ſie Ida genannt hatte, und daß ſie, wenn er gar nicht nachgegeben, zuletzt in faſt lautes Weinen ausgebrochen war. Wenn er dann ruhig ge⸗ worden und eingeſchlafen war, ſo war ſie noch lange in dem Kämmerchen umhergegangen, und die alte Frau hatte hören können, wie ſie geſeufzt und ge⸗ weint hatte. Später, als er auf dem entſchiedenen Wege der Geneſung war, hatte die Frau dann auch Mancherlei geſehen. Er hatte ſich ſo viel als möglich im Freien aufhalten müſſen; die friſche Luft des Waldes, die Sonnenwärme thaten ihm wohl, ſtärkten ihn. Er mußte nach und nach anfangen, den verwundeten Fuß wieder zu gebrauchen. Die Nonne hatte ihn in das Gärtchen neben dem Hauſe geführt; auf ihren Arm geſtützt, war er unter den Bäumen umhergegangen. An ihrer Seite hatte er auf einer Bank vor dem Hauſe, auf einem Baumſtumpf unter den Bäumen ausgeruht. Dann hatten ſie auch oft geglaubt, daß ſie allein ſeien, daß keines Menſchen Auge ſie ſehen, kein Ohr ihre Worte vernehmen könne. Sie hatten auch wohl gar nicht daran gedacht, ſie hatten ſich vergeſſen. Denn wie ein Paar, das zuſammengehörte, — — —— —————. — —————— ———— —— ſich in einander verſenkt die Hände gefunden. das ſchon lange zuſammengehört hatte, waren ſie der alten Frau vorgekommen, der ſchöne, junge und tapfere verwundete Officier, und die ſchöne, junge Nonne, die nicht mehr die Nonnenkleidung trug, der die alte Frau drüben überm Rhein, damit es dieſſeits nicht herauskomme, weltliche Kleidung hatte kaufen müſſen, und deren wunderbare Schönheit nun erſt recht hervorgetreten war. Aber auch daß ſie nicht zu⸗ ſammengehören ſollten, nicht zuſammengehören durften, hatte ſie leicht wahrnehmen können. Wenn ſie ſich vergaßen — und ſie vergaßen ſich ſo oft, wie ſie allein beiſammen waren — dann hatten ſich auch ſchon ihre Blicke gefunden und ſie konnten lange ſich nicht wieder trennen; die Augen des jungen Mannes hatten zuerſt die Augen des jungen Mädchens aufge⸗ ſucht; ſie hatte ſie noch niedergeſchlagen gehalten, traurig, ſchmerzlich; er hatte ihr heimliche Worte zu⸗ geflüſtert; ihre blaſſen Wangen waren von einer feinen Röthe belebt worden; ſie hatte mit ſich gekämpft; dann hatte ſie nicht mehr widerſtehen können; ihre Augen hatten auch die ſeinigen gefunden; ſie hatten Wie die Augen hatten ſich Sie hatten beiſammen geſeſſen 11* — wie — „wie ein Paar Brautleute,“ ſagte die alte Frau, „die ſich über Alles in der Welt lieb haben.“ Aber plötzlich hatten ſie ſich von einander losge⸗ riſſen, und da war ſie, das junge Mädchen, die Nonne, die Erſte geweſen. Erſchrocken, heftig hatte ſie ihre Hände aus den ſeinigen geriſſen, ihre Wangen waren wieder tief blaß geworden, mit ihren Augen hatte ſie vor ſich hingeſtarrt, als wenn ſie das Un⸗ glück vor ſich ſehe und den Blick nicht davon ab⸗ wenden könne. Dann hatte er ſie gebeten, gefleht. „Ida!“ hatte er gerufen, daß es der horchenden alten Frau in das Herz geſchnitten hatte. Aber ſie hatte ſich von ihm abgewendet und das Geſicht mit ihren Händen bedeckt, und zwiſchen den Fingern hatte man ihre Thränen herunterfließen ſehen, und wenn er dann immer weiter und weiter bittend und flehend zu ihr geſprochen, dann hatte ſie zuletzt laut weinend ausrufen müſſen: „Alexander, Alexander!“ Sie hatte ihn dann in das Haus zurückgeführt, in ſein Kämmerchen, auf ſein Lager, und ſie ſelbſt war in's Freie zurückgekehrt und in den Wald gegan⸗ gen, tief hinein, wohl um ſich da, fern von aller Welt, ſo recht ausweinen zu können. Da war ſie 165 bis zum Abend geblieben, wenn der Kranke ſich ſchon zur Nachtruhe begeben hatte. Schon nach den erſten Tagen, da der Verwundete nicht mehr ihrer unaus⸗ geſetzten Pflege und Sorge bedurfte, hatte ſie des Nachts mit der alten Frau deren Kammer getheilt. Lange hatte jener Zuſtand des Beiſammenſeins der Beiden nicht mehr dauern können. Das hatte die alte Frau, das hatten die Beiden ſelbſt eingeſehen. Aber wie ſollte es enden? Sie hatten auch Alle ſich davor gefürchtet. Das Ende ſolite bald kommen. Sie waren bis zur ſinkenden Sonne zuſammen im Walde geweſen. Als ſie des Nachmittags ausgin⸗ gen, hatte der Verwundete zum erſten Male ganz allein, ohne ihre Hülfe wieder gehen können. Bei ihrer Rückkehr hatte er ſich doch wieder auf ihren Arm ſtützen müſſen; ſie waren wohl viel und weit gegangen. Aber ſie hatten auch anders ausgeſehen als ſonſt. Ueber ſeinem Geſichte lag ein ſeliges Glück ausgebreitet, und ſie hatte, wenn ſie zu ihm aufblickte, ein inniges, ſtilles und beglückendes Lächeln für ihn gehabt. „Gott ſei Preis und Dank, die ſind endlich doch noch einig geworden!“ hatte es laut in dem Herzen der alten Frau gerufen. Sie hatte zwar, wenn das Mädchen das Geſicht von dem Verwundeten abgewendet hielt, in ihren Augen einen ſo ſonderbar nachdenkenden, träumenden Blick bemerkt; aber ſie hatte nicht darauf geachtet. Wenn man nach ſo langer Zeit und nach ſo manchem Zögern und Bedenken zuletzt einig wird, dann kom⸗ men noch ſo allerlei Gedanken hinterher; das muß ſein. So hatte die alte Frau gedacht. Die beiden jungen Leute hatten ſich zur Nacht getrennt. Sie hatten ſich herzlich die Hand gedrückt. „Gute Nacht, Ida!“ hatte er geflüſtert, leiſe, aber doch lauter als ſonſt. Er hatte ſich weniger Zwang angethan. Er hatte ſo unendlich glücklich ausgeſehen. „Gute Nacht,“ hatte ſie zurückgeflüſtert. „Sage Alexander!“ hatte er gebeten. „Gute Nacht, Alexander!“ „Aber, Ida, Du zitterſt!“ ruft er verwundert. „Nein, nein!“ Sie reißt ihre Hand aus der ſeini⸗ gen. Er will ſie wieder ergreifen. Sie wehrt ihn zurück: „Du biſt krank, Du bedarfſt der Ruhe.“ 6 Er geht in ſeine Kammer. „Bis morgen denn!“ „Bis morgen!“ Sie mußte das Haus verlaſſen und ſetzte ſich auf eine Bank vor der Thür. Dort ſaß ſie lange bis in die Nacht hinein. Die alte Frau horchte einige Male nach ihr hin. Sie hörte ſie ſchwer ſeufzen. Gegen Mitternacht ging ſie zu ihr. „Wollen Sie nicht ſchlafen kommen, Mamſell? Es iſt ſchon ſpät.“ Sie war ſtill aufgeſtanden und der Frau in das Haus gefolgt. Die Frau wollte die Hausthür ver⸗ ſchließen. „Laſſen Sie die Thür offen,“ bat ſie. „Wozu?“ „Sie werden es erfahren.“ Sie gingen zuſammen in die Kammer, die ſie mit der Frau theilte. Dort ſuchte ſie die wenigen Sachen zuſammen, die ſie hatte. Es waren nur ein paar Kleidungsſtücke, die ſie gerade nicht trug. „Was machen Sie da, Mamſell?“ fragte die Frau. „Still, ſtill, Frau Marthe!“ 168 Sie war ſchon fertig. „Gehen wir vor die Thür, Frau Marthe.“ Sie gingen hinaus vor das Haus. „Kind, Sie wollen fort!“ rief die alte Frau. „Ich muß fort.“ „Sie wollen auch den kranken Herrn verlaſſen?“ „Ich muß! Ich muß ihn —!“ „Er wird den Tod davon haben!“ Sie hatte draußen heftig weinen müſſen. Aber nur einen Augenblick lang, dann hatte ſie ſich gefaßt. „Nein,“ antwortete ſie der Frau Marthe ruhig. „Er wird nicht ſterben. Er hat ein ſtarkes Herz, und ſein Herz ſchlägt für die Ehre. Sagen Sie ihm das, Frau Marthe. Sagen Sie es ihm, ich ließ ihn bitten, ſich ſein braves und ſtarkes Herz zu bewahren und an ſeine edle und reine Ehre zu denken. Leben Sie wohl, Frau Marthe. Haben Sie Dank, tauſend Dank für Alles. Gott ſei mit Ihnen, mit ihm.“ Sie riß ſich auch von der alten Frau los und wollte fortſtürzen. „Tröſten Sie ihn,“ ſagte ſie noch zurück. „Werden Sie wieder in's Kloſter gehen?“ rief die Frau ihr noch nach. „Nein, nein!“ Sie war in der Dunkelheit der Mitternacht und des Waldes verſchwunden. „Ich habe ſie nicht wieder⸗ geſehen,“ ſagte die Alte. „Und der Verwundete?“ fragte ich. „H, Herr, verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen das erzähle! Als ich dem armen Menſchen am andern Morgen die Nachricht bringen mußte — nein, nein, das Herz will mir noch zerſpringen, wenn ich daran denke. Ich meinte, es wäre auf der Stelle ſein Tod geweſen. Er wollte ſeine Wunden wieder aufreißen, er wollte ſterben. Er wollte ihr nach, über den Rhein zurück, ſich dem Feinde ausliefern, damit ſie ihn todt⸗ ſchießen möchten. In meinem Leben werde ich den Jammer nicht vergeſſen. Ich mußte den armen Herrn mit Gewalt bei mir zurückhalten. Dann wollte er nur Eins von mir hören, die letzten Worte, die ſie mir für ihn zurückgelaſſen hatte. Drei Tage war er ohne Entſchluß. „Sie iſt doch das edelſte, das reinſte Herz!“ ſagte er zuletzt. — 170 Am vierten Tage ging er von uns. Er fuhr mit der Poſt nach Zürich. „Wenn ich in Noth käme,“ ſagte er beim Ab⸗ ſchiede zu mir, oder wenn ich von der Verſchwundenen wieder etwas erführe, ſolle ich nach Zürich an ihn ſchreiben laſſen, an Alexander Roth; der Brief werde ihn ſchon finden. Er war ein braver und freigebiger Herr.“ „Sie haben von der Verſchwundenen nichts wieder erfahren?“ fragte ich ſie noch. „Nein. Ich bin auch, Gott Lob, noch nicht in Noth gekommen.“ — Das war es, was ich im Sommer 1856 über Alexander Roth erfahren hatte. Es war, wie ich ſchon ſagte, wenig, und doch, wie viel! Er hatte nie über das Abenteuer geſprochen. Keiner von ſeinen Bekannten hatte jemals von ihm nur einen der Um⸗ ſtände erfahren, unter denen er im Jahre 1849 war gerettet worden. Ich behielt die Mittheilungen, die mir über ihn geworden waren, für mich, und gab auch ihm nicht einmal eine Andeutung davon. Sein Geheimniß, das Geheimniß des Unglücks eines braven, edlen Mannes mußte mir heilig ſein. Ein anderer 3 171 Zufall ſollte mir einige Zeit nachher einen weiteren Blick in ſein früheres Leben gewähren, keinen viel tieferen und zudem einen nicht völlig ſicheren. Ein Mord, an der Schweizer Grenze verübt, hatte, auch noch in ſeinen Folgen, ein ungewöhnliches Auf⸗ ſehen erregt. Ein reicher Gutsbeſitzer wohnte in der Nähe einer lebhaften Stadt, kaum zehn Minuten von dem Stadtthore entfernt. Der Weg vor dem Thore zu ſeinem Gute war die erſten fünf Minuten lang die gewöhnliche Landſtraße; dann zog er ſich von dieſer ſeitab zwiſchen Ackerfeldern weiter, von denen er meiſt durch Zäune und Hecken getrennt war. Der Gutsbeſitzer ging jeden Tag gegen Abend zur Stadt in eine Caſinogeſellſchaft. Er blieb dort bis um oder nach zehn Uhr, ſo daß er regelmäßig zwiſchen zehn und elf Uhr in der Nacht nach Hauſe zurückkehrte. Er ging zu Fuße, immer allein, ohne Waffen. Er war ein kräftiger, rüſtiger Mann, der keine Furcht kannte. So war es ſeit Jahren geweſen. In einer Nacht kam er nicht nach Hauſe zurück. Die Seinigen hatten bis Mitternacht auf ihn gewartet. Er wurde dann geſucht. Man fand nur ſeine Leiche. Nachdem man lange vergebens nach der Spur 172 des Mörders geforſcht, ward endlich ein Metzger ver⸗ haftet, der vor Jahren gegen den Ermordeten bei Gelegenheit eines verweigerten Darlehns laut Rache geſchworen hatte und in den Tagen des Mordes ver⸗ ſchiedene Male in der Stadt geſehen worden war, ſpäter auch ungewöhnlich viel Geld gezeigt hatte. In der Unterſuchung verwickelte er ſich in Widerſprüche, die ihn ſchwer gravirten, leugnete aber fortwährend die That. Endlich wurde man von ſeiner Schuld überzeugt, als man noch ermittelte, daß er am Tage nach dem Morde in einem Wirthshauſe an zwei hauſirende fremde Juden eine goldene Taſchenuhr verkauft hatte, die der allerdings ſehr unvollſtändigen Beſchreibung nach die des Gemordeten war. Ver⸗ ſchiedene Zeugenausſagen ſprachen außerdem gegen ihn, und die Geſchwornen erklärten ihn ausſchließlich für ſchuldig, und das Gericht verurtheilte ihn zum Tode. Er wurde auch wirklich hingerichtet. Ein Vierteljahr ſpäter ergab es ſich, daß er un⸗S ſchuldig geweſen war. Zwei Soldaten, wegen lieder⸗ lichen, unverbeſſerlichen Lebenswandels von einem Schweizerregiment in Neapel fortgejagt, hatten ſich lange vagabundirend im Lande herumgetrieben und ———— un 233 von Diebereien und Räubereien gelebt, bis ſie nach einem an einer Frau verübten Raubmorde gefangen wurden. Bei einem von ihnen wurde die Börſe ge⸗ funden, die der ermordete Gutsbeſitzer zur Zeit ſeines Todes bei ſich getragen. Sie wurden über den Mord befragt; ſie hatten für den Mord an der Frau ohne⸗ hin das Leben verwirkt; der Mord des Gutsbeſitzers konnte ihre Strafe nicht erhöhen. Sie geſtanden ihn ein. Alle Umſtände, die ſie angaben, ſtimmten; ſelbſt die geraubte Uhr, die ſie verkauft hatten, wurde wie⸗ der herbeigeſchafft. Sie waren die wahren Mörder. Der Fleiſcher war unſchuldig geweſen und unſchuldig hingerichtet worden. Es wurde überall von dem entſetzlichen Unglücke geſprochen. Ein Juſtizmord, der durch eine Sorgloſig⸗ keit der Gerichte oder auch durch einen Zufall herbei⸗ geführt iſt, wird überall und zu allen Zeiten von dem Volke für das beklagenswertheſte Unglück ange⸗ ſehen. Die Haare ſträuben ſich einem davor. Er kann Jeden von uns treffen, Niemand kann ſich vor ihm retten. An abſichtliche, gefliſſentliche Juſtizmorde wird das Volk von despotiſchen Machthabern und ſchlech⸗ ten Richtern mitunter gewöhnt. Auf einem Spaziergange traf ich Alexander Roth. Ich hatte ihn lange nicht geſehen, und ebenſo war es den andern Bekannten ergangen. Es hieß, daß er in der letzteren Zeit förmlich menſchenſcheu geworden ſei. Er wollte mit einem ſtummen Gruße an mir vorübergehen. Er ſah ſehr blaß aus. Auf einmal blieb er ſtehen. „Erlauben Sie, daß ich Sie auf Ihrer Prome⸗ nade begleite?“ fragte er. „Es wird mir angenehm ſein.“ Er hatte etwas auf dem Herzen und konnte es nicht für ſich behalten. „Sie waren früher Criminalrichter?“ ſagte er dann. „Iſt es Ihnen in Ihrer Praxis vorgekommen, daß ein Unſchuldiger verurtheilt wurde?“ „Nein! Aber ich kann es nur als ein Glück be⸗ trachten, für das ich Gott nicht genug danken kann. Oft genug iſt es mir begegnet, daß ich in der erſten Zeit nach einem Verbrechen, im Anfange einer Unter⸗ ſuchung Jemanden für den Thäter, für einen Ver⸗ brecher hielt, deſſen Unſchuld durch die weiteren Er⸗ 175 mittelungen, und wie häufig nur durch ein glückliches Ungefähr, ſich ſpäter vollſtändig herausſtellte.“ „Das kann vorkommen? Einem gewiſſenhaften, tüchtigen Manne gegenüber?“ „Dem tüchtigſten, dem gewiſſenhafteſten, meine ich. Denken Sie an den traurigen Fall, der gerade jetzt in Aller Munde iſt.“ „Kann es vorkommen, daß Jemand ſich ſelbſt für ſchuldig hält, der in der That unſchuldig iſt?“ „Auch davon ſind mir Beiſpiele bekannt ge⸗ worden.“ Er ſann nach. Er war unruhig geworden und uneinig mit ſich. „Haben Sie Zeit?“ fragte er dann. „Sie hören, ich mache eine Promenade.“ „Werden Sie es nicht verſchmähen, einen Cri⸗ minalfall von mir anzuhören?“ „Intereſſante Criminalgeſchichten höre ich immer gern. Sie kennen das Sprüchwort von dem alten Fuhrmann. „Mein Fall iſt intereſſant. Doch ich weiß es nicht. Haben Sie die Güte, mir zuzuhören.“ Er erzählte. Er war aufgeregt geworden und ſuchte anfangs ſeine Aufregung zu verbergen. Nach⸗ her vergaß er es. Er hatte zuerſt kalt 5 trocken ge⸗ ſprochen. Er wurde immer lebhafter, aufgeregter, zuletzt — aber ich darf nicht vorgreifen. „Ich erlebte einmal eine ſeltſame Geſchichte,“ hob er an. „Es war im März des Jahres 1849. Ich hatte flüchten müſſen, denn ich war ſchon damals als Hochverräther verfolgt. Sie wiſſen, einen Vorwand, Jemanden wegen Hochverraths zu verfolgen, hatte man damals ſchnell und leicht genug bei der Hand. Die Regierungen wünſchten es; die Gerichte beeilten ſich, wo möglich den Wünſchen der Regierungen noch zuvor⸗ zukommen. Polizei und Militär war mir auf den Ferſen. Ich kannte nur noch einen ſicheren Aufenthalts⸗ ort, an dem ich mich, bis man von meiner unaus⸗ geſetzten Verfolgung ablaſſe, ohne Gefahr der Ent⸗ deckung verbergen könne. Es war die Wohnung eines Freundes, der zur Partei der entſchiedenſten, der heftigſten Reaction gehörte. Er war mein erklärteſter, erbitterteſter politiſcher Widerſacher. Aber er war zugleich der ſtolzeſte und der unbeugſamſte Charakter, und nie habe ich einen Mann kennen gelernt, der eiferſüchtiger auf ſeine Ehre vor den Menſchen, vor — 177 der Welt war. Der untadelhafteſte Edelmann zu ſein, an deſſen Namen und Ruf auch nicht das kleinſte Fleckchen gehängt werden könne, das war ihm Alles, dafür hätte er ſein Leben als ein Nichts hingegeben. Daß er mir, dem alten, engverbundenen Freunde, ein Aſyl bei ſich nicht verweigern, daß er es mir um ſo weniger verweigern werde, je mehr wir erbitterte neue Widerſacher waren, davon konnte, mußte ich eben ſo ſehr überzeugt ſein, als ich ſicher darauf rechnen konnte, daß man gerade bei ihm, dem allbe⸗ kannten Ariſtokraten und Reactionär, mich am aller⸗ wenigſten vermuthen und aufſuchen werde. Sein Schloß lag einſam im Gebirge. Ich er⸗ reichte es, verkleidet, nachdem es mir geglückt war, meine Verfolger von meiner Spur abzulenken. Ich war früher nur einmal in dem Schloſſe geweſen, vor Jahren, als Knabe, mit meinem Vater, der den Vater meines Freundes beſucht hatte. Schon unſere Väter waren Freunde geweſen. Ich hatte nur noch eine ſchwache Erinnerung des Gebäudes. Meinen Freund hatte ich ſeit zwei Jahren nicht wieder ge⸗ ſehen. Das ſchon damals in der Gährung begriffene politiſche Leben hatte uns aus einander gebracht. Er Temme, Criminal⸗Novellen. I. 12 — 178 hatte ſich zu derſelben Zeit vermählt. Er war mehrere Jahre älter als ich. Seine Gattin hatte ich nie ge⸗ ſehen, ich hatte nur gehört, daß ſie eine ſehr ſchöne, aber reizbare, heftige, zum Jähzorn geneigte und zu⸗ dem ſtolze Frau ſei. Ich war gegen Abend in der Kleidung eines Bauern im Schloſſe angekommen. Ich traf auf dem Schloßhofe einen Bedienten und ieht ihn, ob der Herr zu Hauſe ſei. „Ja,“ war die Antwort.“ Ob ich ihn ſprechen könne? „Nein.“ Ich müſſe ihn dringend, nothwendig ſprechen. Der Herr habe keine Zeit. Ich nahm aus meiner Brieftaſche ein Blatt Pa⸗ pier und ſchrieb mit wenigen Worten darauf, daß Jemand, den er aus dieſer Handſchrift erkennen werde, ihn zu ſprechen wünſche. Mit dem Zettel ſchickte ich den Diener zu ihm. Mein Freund kannte meine Schrift; es konnte ihm nicht unbekannt ſein, daß ich verfolgt wurde. Er mußte dann auch das Weitere wiſſen. Es war ſo, und es geſchah auch, was ich erwartet hatte. Der Bediente kam zurück, führte mich in das Schloß, in ein Zimmer und hieß mich dort — 5 —————— — 2 179 verziehen; der Herr werde kommen, ſobald es ihm möglich ſei. Der Menſch ſprach kurz und behandelte mich wie einen Bauern. Sein Herr hatte ſich und mich nicht gegen ihn verrathen. Ich mußte etwa zehn Minuten warten. Der Diener hatte mich allein ge⸗ laſſen. Mein Freund trat zu mir ein; nicht durch die Thür, durch die ich eingeführt war, ſondern durch eine Tapetenthür, die ich bisher nicht bemerkt hatte. Er war raſch eingetreten. Es ſchien mir, als wenn er die Thür abſichtlich leiſe geöffnet hätte. Er war eilig und hörte kaum meine Begrüßung an. Er grüßte nicht zurück und nahm leiſe und ſchnell meine Hand. „Du wirſt hier bleiben,“ ſagte er flüchtig, „Du biſt ſicher bei mir. Auch in dieſem Zimmer, es ſtößt an mein Cabinet. Ich habe große, dringende Eile. In einer Stunde ſpäteſtens hoffe ich wieder bei Dir zu ſein. Entſchuldige mich.“ Er wartete meine Antwort nicht ab und ver⸗ ſchwand durch die Tapetenthüre, durch die er gekom⸗ men war. Es war ein ſonderbarer Empfang, der durch unſer Verhältniß zu einander und durch meine unerwartete Ankunft allein nicht begründet und nicht 12* 2 ——— erklärt ſein konnte. Es mußte außerdem im Schloſſe etwas Beſonderes vorgefallen ſein oder noch vor ſich gehen. Ich dachte darüber nach. Es fiel mir auf, daß mein Freund aufgeregt, ja verſtört ausgeſehen hatte. Ich ſann vergebens darüber nach, was ſich ereignet haben könne. Ich horchte, aber hörte nichts. Ich blickte durch das Fenſter des Zimmers, in dem ich mich befand, und ſah auch nichts. Das Schloß hatte zwei vorſpringende Flügel, in dem einen befand ich mich. Ich konnte durch das Fenſter den gegen⸗ über liegenden Flügel und die ganze Vorderſeite des Hauptgebändes überſehen, es lag Alles ſtill und dun⸗ kel, wie ausgeſtorben da. Ich hatte eine halbe Stunde gewartet. Plötzlich war es mir, als wenn ich in einem Gemache neben mir ein Geräuſch gehört hätte. Es war hinter der verborgenen Tapetenthür, alſo wahrſcheinlich in dem Cabinet meines Freundes, von dem er geſprochen hatte. Es mußte dort Jemand eingetreten ſein. Dann wurden ein paar raſche Schritte hin und her gemacht. Dann glaubte ich eine Stimme zu hören, als wenn Jemand gerufen werde. Alles war leiſe, ſehr leiſe. Plötzlich wurde die Ta⸗ petenthür geöffnet. Eine Dame erſchien darin. Sie — — * — * —ů m— —— ———— * — * —— ————— warf einen Blick in mein Zimmer; ſie ſah mich und flog zurück. „Allmächtiger Gott!“ hatte ſie aufgeſchrieen. Sie hatte mich erkannt, und ich hatte ſie erkannt. Ich war heftig erſchrocken, vielleicht mehr als ſie. Warum konnte, warum mußte ſie vor mir erſchrecken, vor mir fliehen? Ich eilte ihr nach, ich mußte es. Sie war die Tochter eines Oberförſters in meiner Heimath. Die Wohnung ihres Vaters und mein elterliches Haus hatten kaum ein paar hundert Schritte von einander entfernt gelegen. Wir waren ungefähr in einem Alter, waren zuſammen aufgewachſen, zu⸗ ſammen auferzogen. Wir hatten als Kinder zuſammen geſpielt und gemeinſamen Unterricht gehabt. Wir wohnten auf dem Lande, von einer Stadt entfernt und waren ſpäter getrennt, als ich zur Univerſität ging. Ich hatte ſie aber wieder geſehen, wenn ich in den Ferien zu Hauſe war, zuletzt vor ungefähr einem halben Jahre. Seitdem hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hatte immer das bravſte, edelſte, reinſte und unbefangenſte Herz und einen klaren, hellen Verſtand. Wir waren immer eng verbunden geweſen. Wie kam ſie hierher, in das Schloß meines 182 Freundes, und in welcher Stellung war ſie hier? Ich wußte, daß ihr Vater vor einigen Jahren ver⸗ ſtorben war und kein Vermögen zurückgelaſſen hatte. Ihre Mutter lebte von einer geringen Penſion mit noch drei jüngeren Kindern. Daß Ida — ſo hieß die älteſte Tochter, die ich ſo plötzlich wiederfand — ſich irgend eine Lebensſtellung werde zu verſchaffen geſucht haben, um ihrer Mutter die Laſt ihrer Er⸗ nährung abzunehmen, konnte ich mir wohl vorſtellen. Aber welche konnte ſie hier, in dem Schloſſe meines Freundes, gefunden haben? Seine Kinder, wenn er deren hatte, konnten noch nicht in dem Alter ſein, um einer Erzieherin zu bedürfen. War ſie vielleicht die Geſellſchafterin ſeiner Frau? Aber vor Allem, warum erſchrak, warum floh ſie vor mir? Ich war ihr in das Zimmer gefolgt, in das ſie geflohen war. Ss war das Arbeitscabinet des Hausherrn, meines Freundes, ich ſah es an Allem. Sie war noch in dem Zimmer, ſie ſuchte weiter zu entfliehen. Ich rief ihren Namen. Sie blieb ſtehen, als wenn der Schreck ſie gelähmt habe. Ihr Geſicht hielt ſie von mir abgewandt. „Ida, Du haſt mich erkannt!“ ——— 8 „Ja,“ bebte es über ihre Lippen. „Und warum flieheſt Du vor mir?“ Sie antwortete nicht. Ich war an ſie herange⸗ treten und hatte ihre Hand gefaßt. Es war eine eiskalte, zitternde Hand. Sie ließ ſie mir. Aber ihr Geſicht wandte ſie um ſo mehr von mir ab. „Ida, kannſt Du mich nicht mehr anſehen?“ „Laſſen Sie mich,“ preßte ſie hervor. „Sie, Ida? Haben wir je anders als Du zu einander geſagt?“ „Ich beſchwöre Sie — „Um des Himmels willen, was iſt hier vorge⸗ fallen? Ich beſchwöre Dich, Ida! Was iſt es?“ Sie raffte ſich plötzlich auf und wandte ihr Geſicht zu mir. Es war leichenblaß, kreideweiß. Sie ſah mich an, aber mit Augen, die ohne Glanz, ohne Leben ſtarrten, ſie wollte zu mir ſprechen, aber ſie konnte es nicht. Mich überlief ein kaltes Entſetzen. „Ida, Ida, hier iſt ein großes Unglück geſchehen, oder ein — Ich konnte das Wort nicht ausſprechen. „Sprich es aus!“ rief ſie. Ich hatte ihre Hand noch gehalten. Sie preßte 14 die meinige krampfhaft. Durch ihre dunklen Augen zuckte ein wilder Blitz, ihr Geſicht blieb ſo weiß, ſo leichenhaft. Welch einen Anblick bot das ſchöne, von Schreck, von Angſt, von — ich wußte nicht wovon, verzehrte Mädchen! Doch ich wußte es wohl, eine Stimme rief es laut in mir bei dem Anblicke, und ich mußte es ſagen. „Oder ein furchtbares Verbrechen, Ida,“ ſetzte ich hinzu. „Allmächtiger Gott!“ ſchrie ſie noch einmal auf. Sie riß ihre Hand aus der meinigen und ſtieß mich von ſich. Sie ſchwankte. Mich ergriff es wie Verzweiflung. „Ida, Ida!“ rief ich. „Aber Du biſt nicht die Verbrecherin! Du kannſt es nicht ſein! Sage es mir; ſage mir, daß Du es nicht biſt.“ Sie hatte ſich gefaßt, mühſam. Sie konnte auf⸗ recht ſtehen — konnte zu mir ſprechen, aber — ant⸗ worten konnte ſie mir nicht. „Nachher!“ ſagte ſie. „Ich muß fort. Auf der Stelle. Nachher ſollſt Du Alles erfahren. Ich werde zu Dir kommen. Sage Niemandem, daß Du mich geſehen haſt.“ * —— — — — — — — 185 Sie eilte fort. Sie hatte raſch, aber immer unter dem Eindrucke des Schrecks, der tiefſten, inner⸗ ſten Angſt geſprochen. Sie war durch eine zweite geheime Thür verſchwunden, die ſich in der Tapete des Cabinets befand, gegenüber derjenigen, durch die ich ihr gefolgt war. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und verſchloß die Tapetenthür hinter mir. Ich war in einer peinigenden Angſt. War hier ein Ver⸗ brechen vorgefallen? War ſie die Verbrecherin? Ich hatte keinen anderen Gedanken.“ Roth unterbrach ſeine Erzählung. „War ſie eine Verbrecherin?“ fragte er mich. „Sie haben als Criminalrichter eine reiche Erfahrung. Antworten Sie mir aufrichtig. Wenn ein Verbrechen vorgefallen war — und es war eins vorgefallen, zu derſelben Stunde, vielleicht in derſelben Minute, da ich in das Schloß eingetreten war — antworten Sie mir aufrichtig, würden Sie, nach Allem, was ich Ihnen mitgetheilt habe, und ich habe Ihnen aus⸗ führlich erzählt und Wort für Wort, damit Sie ſich ein klares, richtiges Urtheil bilden können — hätten Sie nach Allem das arme Mädchen für eine Ver⸗ brecherin gehalten? Halten Sie ſie jetzt dafür?“ „Welches Verbrechen war begangen?“ fragte ich. „Hat das Einfluß auf Ihr Urtheil?“ „Ich ſähe vielleicht klarer. Wer könnte, nach der äußern Erſcheinung eines Moments, zudem eines Moments der Aufregung, unmittelbar nach einer Unthat oder nach einem Unfall, wer könnte blos da⸗ nach ſich ein ganz klares Urtheil bilden, zumal gegen⸗ über einem weiblichen Weſen von beſſerer Bildung und einem reinen, edlen Herzen?“ Meine Antwort hatte ihm den ſchwerem Athem erleichtert. „Haben Sie die Güte, mir weiter zuzuhören,“ fuhr er fort. „Ich mußte noch faſt eine volle Stunde allein in meinem Zimmer zubringen. Niemand war bei mir geweſen; um mich her war es ſtill geblieben, nur einmal hatte ich gehört, wie draußen vor dem Schloßhofe ein Reiter fortgeſprengt war. Einige Minuten ſpäter war eilig ein Wagen abgefahren. Licht hatte ich dabei auf dem Hofe nicht geſehen, um ſo weniger alſo erkennen können, wer ſich entfernt hatte. Endlich hörte ich wieder Schritte in dem Ca⸗ binet neben mir. Ich glaubte den Schritt meines Freundes zu erkennen und hatte mich nicht geirrt. —— — — 187 Er ging in dem Zimmer ein paar Mal raſch auf und ab, dann langſamer; dann hatte er plötzlich die geheime Thür zu meinem Zimmer geöffnet. Er ſtand feſt und ruhig vor mir, ohne eine Spur ſeiner frühe⸗ ren Aufregung. Aber er war ſehr blaß, ſeine Ge⸗ ſichtszüge waren erſchlafft, auf ſeinem ganzen Weſen lag ein ſchwerer Druck. Er ſah aus, wie ein Menſch, den ein großes, ſchweres Unglück, irgend etwas Schreckliches getroffen, der aber mit großer Kraft ſich wieder zu erholen, ſich wieder aufzurichten vermocht hat, freilich noch immer ergriffen von dem Schlage, wie vielleicht auch gerade von der Anſtrengung, die er machen mußte, um ſich zu erholen. „Darf ich Dich bitten, zu mir einzutreten?“ ſagte er. „Wir ſind dort völlig ungeſtört.“ Wir begaben uns in ſein Cabinet. „Ehe wir von Dir ſprechen,“ hob er da an, „habe ich Dir eine traurige Mittheilung zu machen. Du biſt in einem unglücklichen Momente in mein Haus getreten. Vor einer halben Stunde ſtarb meine Frau.“ „Großer Gott!“ mußte ich entſetzt rufen. Und Ida —?“ Ich hatte den Namen nicht ausgeſprochen, aber der Gedanke wollte mich vernichten. Der Graf — mein Freund. — Er war Graf. Ich darf auf Ihre Verſchwiegenheit rechnen, wenn ich Ihnen auch nicht den Namen nenne?“ „Sie dürfen.“ Der Graf hatte mein Entſetzen nicht bemerkt. Er hielt ſein Geſicht mit ſeinem Taſchentuche bedeckt und athmete ſchwer darunter. Ich glaubte ihn ſchluchzen zu hören. Er faßte ſich wieder und nahm meine Hand. „Verzeihe mir,“ ſagte er. „Ich konnte meinem Schmerze nicht wehren. Laß uns jetzt von Dir ſprechen. Ich ahne, was Dich zu mir, gerade hierher führt —“ „Nein,“ mußte ich ihn unterbrechen. „Nachher von mir. Erzähle mir zuerſt von Deiner lieben Frau.“ „Ich ſoll mir das Herz erleichtern, meinſt Du. Ich bin Dir dankbar dafür. Wohlan denn. Aber was ſoll ich Dir erzählen? Ein ſolcher plötzlicher Schlag betäubt.“ „Deine Frau ſtarb plötzlich?“ 189 „Ach, wie man es nimmt. Sie war noch ſo jung, und ich liebte ſie ſo innig. Wie käme da der Tod nicht zu früh! Wie käme er nicht plötzlich, einem Blitze aus heiterem Himmel gleich!“ „Sie war alſo krank vorher?“ „Unwohl nur und ſeit vorgeſtern erſt. Erſt vor einer Stunde zeigten ſich ernſthafte Krankheits⸗ ſymptome.“ „Und auch der Arzt hatte vorher keine Gefahr erkannt?“ „Ein Arzt war nicht da. Wir hatten keine Gefahr geahnt, die Kranke am allerwenigſten. Der Arzt wohnt weit, ſie wollte nicht, daß zu ihm geſchickt werde. Außerdem haben wir eine Hausapotheke im Schloſſe. Vor einer Stunde, ſchon vor anderthalb Stunden, ſandte ich dennoch zu ihm, vor einer halben Stunde, als er nicht kam, nochmals und zugleich ſchickte ich ihm meinen Wagen entgegen. Ich erwarte ihn jeden Augenblick, freilich zu ſpät; allein was ihr fehlte, an welcher Krankheit ſie geſtorben iſt, kann er uns ſagen.“ „Du weißt das nicht?“ „Sie war immer wohl geweſen. Vorgeſtern klagte —— — 190 ſie über Kopfſchmerzen, Druck im Magen. In der Nacht war ihr wohler geworden. Am Morgen hatten die Schmerzen wieder zugenommen. Die Mittel der Hausapotheke milderten, und heute früh fühlte ſie ſich völlig wohl. So blieb es bis zum Abend. Nur war ſie ſehr ermattet. Gegen Abend trat auf einmal, ganz plötzlich, heftiges, von Viertelſtunde zu Viertel⸗ ſtunde ſich ſteigerndes Kopfweh ein, eine furchtbare Beängſtigung geſellte ſich hinzu. Ich hatte ſchon in der erſten Viertelſtunde zu dem Arzte geſandt. Drei Viertelſtunden ſpäter war ſie todt. Eine Stunde, nein, eine halbe Stunde vorher hatte ich noch nicht an eine Möglichkeit des Todes gedacht; fünf Minuten vorher hatte ich den Gedanken daran wie Wahnſinn von mir zurückgewieſen. Ermiß meinen Schmerz. Er iſt um ſo größer, da ich ihn allein tragen muß. Unſer einziges Kind, kaum ein Jahr alt, verſteht ihn noch nicht.“ Er ſchloß. Ich hatte ihm mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zugehört, aber ich geſtehe es, auch mit Mißtrauen, und ich weiß ſelbſt nicht, woher es mir kam, auf jedes ſeiner Worte, auf jede ſeiner Mienen, auf jede ſeiner Bewegungen geachtet. Er 191 hatte ganz mit jener Faſſung eines Mannes geſprochen, der von einem harten Schlage getroffen iſt, der noch unter dem Drucke eines ſchweren Schmerzes leidet, der aber die hohe Kraft der männlichen Selbſt⸗ beherrſchung hat und durch ſie zum Herrn ſeines Schmerzes geworden iſt. So mit voller innerer Wahrheit. Von meinem Mißtrauen hatte er keine Ahnung, eben ſo wenig alſo auch von dem Grunde meines Mißtrauens. Und doch wollte, konnte es nicht ſchwinden, wenn ich an Ida dachte. Ich mußte ihm näher treten. „Dir ſtand Niemand zur Seite in der Pflege der Armen?“ fragte ich ihn. „Die Erzieherin meiner jüngeren Geſchwiſter,“ ſagte er. Er hatte, wie mir einfiel, ein paar jüngere Schweſtern. Sie wohnten bei ihm im Schloſſe, und Ida war alſo als ihre Erzieherin hier. Ich ſchloß es aus ſeiner Antwort, und ſo war es. Er hatte mir unbefangen, wie zerſtreut geantwortet, dennoch mußte ich weiter fragen. „Du hatteſt wirkliche Hülfe an ihr?“ „Gewiß. Sie war meiner Frau ſchon lange eine 192 Freundin geworden. Sie hat ihr beigeſtanden bis zu ihrem letzten Athemzuge, wie eine Schweſter, wie eine Mutter.“ Mir wollte es leichter um das Herz werden. Ich glaubte jene Angſt Ja's auch ohne ein Verbrechen mir erklären zu können, erklären zu müſſen. Er ſprach nicht weiter, und ich fragte ihn nicht mehr. „Laß uns jetzt von Dir ſprechen,“ ſagte er. „Mir ahnt es, Du biſt als Flüchtling hier.“ „Du haſt es errathen.“ „Ich rechne es Dir hoch an, daß Du zu mir kommſt. Es war der Schritt eines edlen Freundes.“ „Ich wußte, daß Du mich ſo aufnehmen würdeſt.“ „Und Du biſt ſicher hier. Man wird Dich bei mir nicht ſuchen, Niemand könnte in dieſem weit⸗ läufigen Schloſſe Dich finden. Du kannſt hier jahre⸗ lang unentdeckt bleiben.“ „Ich hoffe Deine Freundſchaft nur für kurze Zeit in Anſpruch nehmen zu müſſen.“ Wir wurden unterbrochen. Auf den Schloßhof war raſch ein Wagen gefahren. Mein Freund blickte durch das Fenſter. 193 „Der Arzt!“ ſagte er. „Ich muß ihn zu der Todten führen. Kehre in Dein Zimmer zurück. Ich komme wieder zu Dir.“ Ich ging in mein Zimmer zurück. Er verließ das ſeinige, und ich war wieder in völliger Stille und konnte frei meinen Gedanken nachgehen. Ich wurde mehr und mehr ruhig. Ich hatte ihr das Wort „Verbrechen“ zurufen wollen. Sie hatte es gewußt. „Sprich es aus!“ hatte ſie geſagt. Ich erwartete mit Schmerzen ihre Rückkehr. Sie kam nicht. Aber etwas Anderes kam. Der Graf kehrte nach einer halben Stunde in ſein Zimmer zurück. Bei ihm war ein Fremder, der Arzt, wie ich bald erfahren ſollte. „Herr Graf,“ hob ſofort nach dem Eintreten der Fremde an, „ich habe Sie gebeten, mich hierher zu führen, weil ich Ihnen etwas mitzutheilen habe, das ich zunächſt nur Ihnen allein ſagen darf.“ Er ſprach mit tiefem, faſt feierlichem Ernſte, mit mühſam unterdrückter Bewegung. Er hatte eine wichtige Eröffnung zu machen. „Und was wäre das?“ fragte der Graf. Temme, Criminal⸗Novellen. I. 13 Seine Stimme verrieth gleichfalls Bewegung, die Bewegung der Spannung. „Ihre Frau Gemahlin iſt an Gift geſtorben!“ „Großer Gott!“ ſchrie der Graf auf. Es war ein furchtbarer Schmerzenston. „Faſſen Sie ſich, Herr Graf,“ fuhr der Arzt fort. „Meiner Sache bin ich ſicher, und wenn hier nicht ein großes Unglück geſchehen iſt, das ich mir freilich kaum zu erklären vermöchte, ſo iſt ein entſetzliches Verbrechen verübt, das unter allen Umſtänden an das Tageslicht gezogen werden muß. Darüber müſſen wir vorher, ehe den Gerichten Anzeige gemacht wird, mit Ruhe und Klarheit ſprechen. Darf ich bitten, mir einige Fragen zu beantworten? Die Krankheits⸗ geſchichte haben Sie mir mitgetheilt. Welche Perſonen waren ſeit vorgeſtern um die Verſtorbene? Beſonders ſeit dem geſtrigen Abende und an dem heutigen Tage?“ „Die Erzieherin.“ „Immer?“ „Ununterbrochen.“ „Sie allein?“ „Sie meiſt allein, wenn nicht auch die Kammer⸗ frau da war.“ „Hm — und dieſe Erzieherin —?“ Der Arzt war in Verlegenheit. Er konnte keine Worte finden, die das ausdrücken ſollten, was er ſagen wollte, oder er hatte nicht den Muth, ſie aus⸗ zuſprechen. „Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?“ ſagte auf einmal der Graf. Er ſprach in einem auffallend anderen Tone und ſchien plötzlich irgend einen Entſchluß gefaßt zu haben. „Wohin?“ fragte der Arzt. „Darf ich bitten?“ Sie verließen das Cabinet, und ich war wieder in der peinlichſten Einſamkeit. War ich vorhin mit jedem Momente ruhiger geworden, jetzt ſteigerte ſich von Minute zu Minute eine Angſt, für die ich keinen Namen, keine Beſchreibung habe. Ich war über eine Stunde allein. Niemand kam zu mir. Ich hörte keinen Schritt und keine Stimme. Nur einmal hatte ich wieder einen Reiter ſchnell vom Schloßhofe fort⸗ ſprengen gehört. Es war ſpäter Abend geworden. 13* Endlich kam aus dem Cabinet des Grafen durch die geheime Tapetenthür Jemand zu mir. Es war der Kammerdiener des Grafen, ein alter Mann, den ich ſchon früher geſehen hatte, der ſchon der Kammer⸗ diener und zwar der vertraute Diener des verſtorbe⸗ nen Vaters geweſen war. Der Graf ſchickte ihn. Der Herr Graf könne ſelbſt unmöglich ju mir kom⸗ men. Er laſſe mich bitten, ihm, dem Diener, in ein anderes Gemach zu folgen, in welchem ich ebenfalls völlig ſicher und ungeſtört ſei, und in welchem zudem Alles zu meiner Ruhe und Bequemlichkeit bereit ſtehe. Morgen früh werde der Herr Graf zu mir kommen. Ich folgte dem Diener. Er führte mich durch mehrere einſame Corridore in einen entfernten, abgelegenen Theil des weitläufigen Schloſſes. Zwei Zimmer waren dort gaſtlich und bequem für mich eingerichtet. Ein Abendeſſen ſtand bereit. „Ich komme zurück, um abzutragen,“ ſagte der Diener. Aber ich hatte vor allen Dingen Fragen an ihn. Er war auch noch der Vertraute des Hauſes und wußte Alles, was im Schloſſe geſchah. Er wußte auch jetzt Alles, denn er ſah tief gedrückt aus. Schmerz, Angſt und Sorge drohten ihn zu erdrücken. „Wo iſt der Graf?“ fragte ich ihn. „In dem Sterbezimmer.“ „Allein?“ „Der Arzt iſt bei ihm.“ „Sonſt Niemand?“ „Die alte Kammerfrau der hochſeligen Gräfin.“ „Und die Gouvernante?“ „Sie iſt nicht da.“ „Der Graf erzählte mir von ihrer treuen Pflege der Verſtorbenen.“ a „Und ſie iſt nicht da?“ „Nein.“ „Sie iſt wohl zu ſehr angegriffen?“ „Es iſt möglich.“ Ich hatte noch Fragen genug. Nach Ida, wo ſie ſei? ob ſie ſei? ob ſie allein ſei? Nach der Ver⸗ ſtorbenen, nach dem Grafen, dem Arzte. Aber ich mußte gegenüber dem einſylbigen Manne ſchweigen, um namentlich nicht mich und das unglückliche Mädchen zu verrathen. Er ließ mich allein. Ich konnte nicht 198 eſſen, nicht trinken, nicht ruhen. Nach einer halben Stunde kam er wieder. Ich war auch unterdeß allein, es war um mich her ſtill geblieben. „Sie haben nichts angerührt?“ ſagte er. „Wie konnte ich, alter Friedrich?“ „Ja, es iſt ein ſchweres Unglück. Eine ſo junge Dame! Und ſo —“ Er brach ab. Aber er war weniger einſylbig, als vorhin. „Woran iſt die Gräfin geſtorben?“ fragte ich ihn. Er wollte antworten. Aber es war, als wenn ein plötzliches Entſetzen ihm die Lippen verſchließe. „Es iſt hier ein Geheimniß, Friedrich?“ Er nickte mit dem Kopfe. „Ein ſchreckliches?“ In dem Augenblicke hörte man einen Wagen fahren. Wo, konnte ich nicht unterſcheiden. Die Zimmer, in die der alte Diener mich geführt hatte, lagen nicht nach dem Schloßhofe hin; ich wußte ſelbſt noch nicht, nach welcher Seite. Der Diener horchte. „Da kommt Jemand?“ fragte ich ihn. O „Beſuch?“ —— —— —— „Das Gericht,“ preßte er, vielleicht unwillkürlich, hervor. „Wie, Friedrich?“ „Ja, Herr —“ „Wegen des Todes der Gräfin?“ Aber er hatte ſich beſonnen. „Fragen Sie mich nicht. Sie werden zwar morgen Alles erfahren — aber — nein, nein!“ Er entfernte ſich ſchnell. „Gute Nacht!“ ſagte er noch. Ich verlebte die ſchrecklichſte Nacht meines Lebens. Die Gräfin war vergiftet; es war nicht mehr zu bezweifeln. Die Erzieherin war nicht mit den An⸗ deren im Sterbezimmer geweſen; ſie nicht, die treueſte Pflegerin der Verſtorbenen. Und gerade, als ich auf ſie das Geſpräch gebracht, war der alte Friedrich ſo einſylbig, ſo zurückhaltend geworden. Und dann — ſie war nur als Erzieherin der Schweſtern des Grafen da, und doch — es fiel mir auf einmal glühend heiß auf das Herz — und doch war ſie allein und durch die verborgene Thür in das Cabinet des Grafen gekommen, ſogar, als ſie ihn dort nicht fand, in das geheime Zimmer nebenan, in dem ſie mich getroffen hatte. Sie konnte ſo ohne Weiteres zu ihm kommen, — ihn aufſuchen. Sie mußte mit ihm vertraut ſein, eigenthümlich vertraut. Und auf der anderen Seite wieder, hatte nicht dennoch der Graf in jenen wenigen Worten, die ich aus ſeinem Geſpräche mit dem Arzte vernommen, vielleicht unwillkürlich, aber deutlich, ge⸗ rade auf ſie einen entſetzlichen Verdacht geworfen? Und wirklich unwillkürlich? Vielleicht nur unbedacht⸗ ſam in meiner Nähe. Als ihm dieſe einfiel, hatte er mit dem Arzte das Zimmer verlaſſen, um ganz ungeſtört mit ihm weiter reden zu können. Meine Gedanken verwirrten ſich. Meine Phantaſie zeigte mir das Entſetzlichſte. War Ida erſt Neben⸗ buhlerin, dann Mörderin geworden? Es war nicht möglich. Aber der Graf? Wir waren Freunde, ich hatte in ihm den ſtolzeſten Mann, den Mann der untadelhafteſten Ehre kennen gelernt. Aber war es nicht vielleicht blos der Stolz des Edelmannes, die äußere Ehre des Standes geweſen? Und — die Macht der Leidenſchaft iſt eine furchtbare, und ſie iſt um ſo furchtbarer, je verbrecheriſcher die Leidenſchaft iſt, und wie leicht kann ein junger, vornehmer, reicher Edel⸗ mann ein armes, bürgerliches Mädchen bethören! Und Ida war ſchön, und ſie war allein und heimlich ——— * — — — ———— — — ———— ———— zu ihm gekommen, in der Stunde des Todes ſeiner Gattin! — Ich hatte in der ganzen langen Nacht keinen Augenblick Schlaf. Der Graf hatte mir ſagen laſſen, er werde erſt am andern Morgen zu mir kommen. Aber Ida hatte mir ihren Beſuch noch für den Abend verſprochen. Ich erwartete ſie. Ich wartete in fieberhafter Auf⸗ regung auf ſie. Sie kam nicht. Niemand war zu mir gekommen. Es war auch ruhig im Schloſſe ge⸗ blieben während der Nacht. Als der Tag graute, hörte ich einen Wagen wegfahren, zehn Minuten nachher einen zweiten, eine Viertelſtunde ſpäter einen dritten. Sonſt vernahm ich nichts. Um die Früh⸗ ſtückszeit kam der alte Friedrich zu mir, mir das Frühſtück zu bringen. Er ſah erſchöpft und zugleich verweint aus, er mußte die ganze Nacht gewacht haben, und es mußte dem alten treuen Diener etwas ſehr ſchwer und hart an das Herz getreten ſein. „Der Herr Graf läßt ſich entſchuldigen,“ ſagte er. „Er hat heute früh plötzlich abreiſen müſſen, ohne von Ihnen Abſchied nehmen zu können.“ „Der Graf iſt abgereiſt?“ mußte ich fragen. „Ja.“ * 2 „Allein?“ „Nur mit Dienerſchaft.“ „Und wohin?“ „Der Herr Graf will eine größere Reiſe antreten. Sie können denken, daß es ihm unmöglich ſein muß, länger in dieſem Schloſſe zu bleiben.“ „Ich hörte drei Wagen fortfahren.“ „In dem dritten war der Herr Graf.“ „Und in dem erſten?“ „Die Gerichtsbeamten. Sie hatten die ganze Nacht verhandelt.“ „Und in dem zweiten?“ „Die Gouvernante der jungen Gräfinnen.“ „Auch ſie iſt abgereiſt?“ Ich mußte mir faſt über⸗ menſchliche Gewalt anthun, um meine furchtbare Auf⸗ regung nicht zu verrathen. „Ja,“ antwortete er halblaut. „Und wohin ſie?“ Dem alten Mann ſtürzten die Thränen aus den Augen. „In das Criminalgefängniß.“ „Friedrich!“ 203 „ Pie gnädige Frau iſt vergiftet. Das Fräulein, die Gouvernante iſt die Giftmiſcherin, die Mörderin.“ „Das Fräulein —?“ „Sie ſoll es ſein. Nein, nein, ſie iſt es. Sie kann es ja nur ſein. Nur ſie allein war um die Kranke. Sie hat ſie gepflegt und ihr die Arzneien gereicht, den Thee, den Zucker, die Suppen —“ „Aber warum? Warum hat die Unglückliche Mörderin werden können?“ Er zuckte die Achſeln. „Ich weiß nichts, gar nichts.“ Er wollte nichts mehr wiſſen. „Hat ſie ein Bekenntniß abgelegt?“ fragte ich ihn noch. „Ich weiß es nicht.“ Ich fragte ihn nicht weiter. Ich blieb noch zwei Tage im Schloſſe und ſah nur den alten Friedrich, der mir aber nichts mehr erzählte und den ich auch nichts mehr fragte. Am dritten Tage konnte ich es nicht mehr aus⸗ halten. Ich fürchtete in der Einſamkeit wahnſinnig zu werden. Ich mußte fort, auf die Gefahr hin, er⸗ ſchoſſen zu werden. An meinem Leben war mir nichts mehr gelegen. Ich wurde gefangen; ſchon nach 204 wenigen Tagen. Die Polizei war damals allmächtig und allwiſſend, wenn es politiſchen Verbrechern galt. Wäre ich ein Räuber oder Mörder geweſen, ich hätte entkommen können. Mir wurde als Hochverräther der Proceß gemacht. Damals war Jeder ein Hochverräther. Selbſt das Volk war gleichgültig dagegen geworden. Das Regi⸗ ment der Zeit hatte ſchnell die Rechtsbegriffe zu ver⸗ wirren gewußt. Ich war mit gleichgültig geworden. Da vernahm ich in meiner Haft von der Vergiftung der Gräfin —; von dem Proceß, der ihrer Mörderin gemacht werde; von der unbegreiflichen Flucht dieſer Mörderin aus ihrer ſtrengen Haft. Die Liebe zum Leben erwachte wieder in mir. Ich entfloh. Es koſtete mir wenige Mühe, vieles Geld. Solches Regiment mußte von feilen Schurken bedient werden. Ich ſuchte zuerſt die unglückliche Mörderin auf, fand ſie aber nicht. Ich warf mich in die badiſche Revolution. Darauf — darauf kam ich hierher. Ich habe jetzt Alles erzählt. Und nun frage ich Sie: Iſt die Unglückliche eine Mörderin, kann ſie es ſein?“ Ich mußte mir dieſelbe Frage ſtellen. Aber er —————— —————— —— hatte mir nicht Alles mitgetheilt. Er hatte mir nicht geſagt, daß er die Unglückliche liebte; er hatte mir verſchwiegen, daß er ſie ſpäter wiedergeſehen hatte. Dieſe Erzieherin Ida, das Mädchen, das mit ihm aufgewachſen, mit ihm auferzogen war, und jene Schweſter Marcella aus dem Kloſter Dieſſenhofen, die er ja auch Ida genannt hatte, ſie waren, darüber konnte nicht der mindeſte Zweifel ſein, eine und die⸗ ſelbe Perſon. Und endlich, daß ſie ſich ſchuldig er⸗ klärt habe, das hatte er ſelbſt angedeutet. „Sie haben ſie ſpäter wiedergeſehen?“ fragte ich ihn doch. Er wich ebenfalls einer Antwort aus. „Giebt das, was ich Ihnen mitgetheilt habe, Ihnen kein klares Bild für ein Urtheil?“ „Nein. Sie ſelbſt haben ja kein beſtimmtes Ur⸗ theil, und Sie waren unmittelbarer Zeuge.“ „Aber ein befangener. Indeß — ich muß Ihr Urtheil haben, und Sie müſſen Alles wiſſen. Ja, ich habe Sie ſpäter wiedergeſehen.“ „Und was ſagte ſie Ihnen?“ „Sie erklärte ſich ſchuldig.“ „Unter Mittheilung beſtimmter Thatſachen?“ „Nein. Sie verweigerte mir jede thatſächliche Auskunft.“ Ich mußte ihn fragend anſehen. Er kämpfte mit ſich, ob er ganz offen gegen mich ſein ſolle. Sein verſchloſſener Charakter litt es wohl nicht. „Ich verſichere Ihnen,“ ſagte er, „ich konnte keine einzige Einzelheit von ihr erfahren.“ „Sie haben auch ſonſt über Ermittelungen der Unterſuchung keine Nachricht erhalten?“ „Man hat mir nur mitgetheilt, daß nach der Flucht der Unglücklichen die Acten zurückgelegt ſind. Das Reſultat der Unterſuchung iſt heimlich gehalten.“ „Gegen Ihren Freund, den Grafen, war alſo keine Unterſuchung eingeleitet?“ „Nein. — Und nun Ihr Urtheil?“ wiederholte er. Ich ſah, wie er es mit Spannung erwartete. Aber ich konnte mir keins bilden. „Eitelkeit und Schwäche eines Weibes ſind groß,“ antwortete ich ihm. „Die Verführung vermag noch mehr über ſie.“ „Sie halten ſie alſo für ſchuldig?“ „Ich habe gar kein Urtheil.“ —————— —B „Sie können ſie für ſchuldig halten, ohne daß ſie verführt war?“ „Nein.“ „Der Graf hatte ſie alſo verführt! Und ſie allein wurde zur Unterſuchung gezogen? Er nicht? Ich zuckte die Achſeln. „Es war damals eine Zeit der höchſten Corrup⸗ tion und Feigheit der Gerichte. Und — ich kann kein Urtheil fällen, aber darf ich Ihnen meine Vermuthung ausſprechen?“ „Ich bitte auch darum.“ „Ihr Freund war ein Schurke, innerlich ein vollendeter Lump, ein um ſo größerer und gefähr⸗ licherer, je mehr er äußerlich den braven Edelmann, den vollendeten Mann von Ehre machen konnte. Der durch ihre Heftigkeit und ihren Jähzorn ihn quälen⸗ den Frau war er müde, wenn auch ſeine Heuchelei äußerlich ein leidliches, ſelbſt gutes Verhältniß auf⸗ recht zu erhalten wußte. Eine Leidenſchaft für die ſchöne Erzieherin kam hinzu. Er konnte dieſe nicht gewinnen, ſo lange ſeine Frau lebte. Die Frau mußte beſeitigt werden. Die Geliebte mußte Mit⸗ ſchuldige werden, ſie war dann ſein willenloſes Opfer. 208 Denn die Bürgerliche, die arme Erzieherin ſeiner Schweſtern zu heirathen, daran dachte der vornehme, ſtolze Graf wohl nicht. So iſt die Gräfin vergiftet. Wollen Sie einen beſonderen Anhalt für meine Ver⸗ muthung?“ Er nickte mit dem Kopfe. Sprechen konnte er nicht. „Er liegt in den wenigen Worten, die Sie den Grafen in ſeinem Cabinete mit dem Arzte ſprechen hörten. Er ſah durch dieſen die Vergiftung errathen. Durch das Gericht mußte ſie vollſtändig feſtgeſtellt, mußte noch mehr entdeckt werden. Er ſuchte ſofort die ganze Schuld auf die Erzieherin zu wälzen. Ein Mann von Ehre hätte von der treuen, hingebenden Pflegerin der Gattin jeden Verdacht zu entfernen ge⸗ ſucht. War er ſelbſt unſchuldig, ſo konnte zudem die bloße Entdeckung der Vergiftung nicht auf einmal einen Verdacht in ihm begründen, von dem er bisher keine Ahnung gehabt hatte. Um vollſtändig, ohne Rückhalt den gemeinen Denuncianten machen zu können, verließ er mit dem Arzte das Cabinet, an deſſen Seite er Sie wußte. Dabei rechnete er auf den Edelmuth der Armen, die er zur Verbrecherin 209 3 gemacht hatte und die er dann verrieth, und auf ſeinen hohen Stand, ſeine Verbindungen, die Gerichte.“ Ich hatte ihm nur eine Vermuthung, aber wohl unwillkürlich im Tone wachſender innerer Ueber⸗ zeugung, ausgeſprochen. Er war ſehr ergriffen und kämpfte noch einmal mit ſich, ob er mich ganz zum Vertrauten machen ſolle. Aber es handelte ſich um die geheimſten Gefühle des verſchloſſenen Mannes. Er konnte ſich nicht entſchließen. 3 „Ich danke Ihnen,“ ſagte er kurz. „Ich muß die Gedanken ſammeln, die Sie in mir angeregt haben. Ich darf Sie wiederſehen?“ „Sie werden mir immer willkommen ſein.“ * Er verließ mich. — Er ſuchte mich ſeitdem öfter auf. Aber nie kam er wieder auf jene Sache zurück. Er mochte wohl manchmal das Bedürfniß fühlen, ſein Herz ganz gegen mich auszuſchütten, und mochte auch gar mit dem Vorſatze, es zu thun, zu mir gekommen ſein, aber entſchließen konnte er ſich nicht, einen Entſchluß auszuführen vermochte er nicht. Ich ſah dennoch in „ Temme, Criminal⸗Novellen. I. 14 ſein Inneres und ſah darin die innige, brennende, herzliche Liebe zu dem Mädchen, das er, vielleicht ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, von früher Jugend an geliebt hatte und von dem ſein Herz ſich nicht losreißen konnte, obwohl er ſie für eine Verbrecherin, für eine Ungetreue, für eine Mördebin und Vergifterin hielt und halten mußte. Aber mußte er ſie dafür halten? Konnte ſie nicht, trotzddem daß ſo viele An⸗ zeichen gegen ſie ſprachen, daß ſie ſelbſt ſich für ſchul⸗ dig erklärte, konnte ſie nicht dennoch unſchuldig ſein? Sie liebte ihn, wie er ſie liebte, ſie hatte ein edles Herz; ſie war als Mörderin verdächtig geworden, angeklagt, verhaftet; ſie war aus der Haft in einer Weiſe entkommen, die nur die eine Deutung zuließ, daß der Graf ſie befreit habe; dann war ſie vor der Welt ſeine Mitſchuldige. Konnte ſie ſo die Hand eines braven, edlen Mannes annehmen, der zudem wahrſcheinlich ſeinem Stande nach eben ſo hoch über dem armen Bürgermädchen ſtand, wie jener Graf? Und wie leicht hatte ſie dann, um Bitten zu ent⸗ gehen, die ſie nicht anders von ſich abwehren konnte, um den Qualen des eigenen liebenden Herzens zu entgehen, zu der mit einem Male Alles abſchnei⸗ denden Unwahrheit greifen können, dem Geliebten ſich als Verbrecherin darzuſtellen, als die Verbrecherin, die ſie in den Augen der Welt doch einmal war und blieb? Es war ein Heroismus; aber giebt es denn in der Welt eine große und heldenmüthige Auf⸗ opferung, deren das liebende Herz des Weibes nicht fähig wäre? — Er wurde unruhiger, wenn er es mir auch mehr zu verbergen ſuchte. Die Ungewißheit war ſeine größte Unruhe. Er hatte Schritte gethan, um zu einer Gewißheit zu gelangen. Wie wenige Schritte hatte er als Flüchtling thun können! In einer Angelegenheit, in der er keinen Menſchen zum Vertrauten machen durfte, hatte er ſich nach allen Seiten hin gefeſſelt ſehen müſſen. Ich bekam mehrere Male deutſche Zeitungen in die Hand, in denen ich unter den Ankündigungen folgende Aufforderung las: „J. S. wird an Dieſſen⸗ hofen erinnert und um Nachricht nach Z. gebeten.“ J. bedeutete Jda, Z. Zürich. Den Hausnamen der Geſuchten kannte ich nicht. Aber es blieb mir kein Zweifel, daß die Aufforderungen von Roth ausgingen. Ich ſprach nicht mit ihm darüber. Ich konnte ihm ja nicht helfen. 14* 212 So kam das Ende des Jahres 1858, der Anfang des Jahres 1859. Amneſtie! hatte es ſeitdem täglich geheißen. Alle Welt forderte, alle Welt erwartete ſie; Deutſchland, Europa, wer an Recht, wer an Bildung glaubte. Die Flüchtlinge ſelbſt konnten am wenigſten an ſie glauben; ſie erwarteten ſie am ſchmerzlichſten. Sie mußten warten bis zum Jahre 1861. Doch — da hatten ſie nicht mehr darauf gewartet; nur We⸗ nige vielleicht. Unter den Wenigen war Roth! Wir hielten noch das ſo Manche enttäuſchende Zeitungs⸗ blatt in der Hand, da kam er eilig zu mir. „Gehöre ich zu den Amneſtirten!“ rief er. Er hatte ein Recht zu der Frage. Noch jetzt, im Jahre 1862, ſtrẽitet man ſich, wer amneſtirt ſei und wer nicht. „Ich denke,“ antwortete ich ihm. „Darf ich in die Heimath zurückkehren?“ „Das iſt eine andere Frage.“ Ich ſetzte ihm meine Bedenken auseinander. Auch ſie ſind noch heute nicht ſämmtlich gelöſt. „Wird man, wenn ich zurückkehre, mich ein⸗ ſperren?“ Nach dem Willen des Monarchen könnte man es — — — — — nicht. Aber die Staatsanwälte und Gerichte in jenem Lande —“ „Gleichviel. Ich muß hin, noch heute.“ Er reiſte ab, an demſelben Tage. Ich ſehe ihn noch, wie er Abſchied von mir nahm. Ich hatte ihn zum Bahnhof begleitet, das ſchöne, blaſſe Geſicht war geröthet vor Erwartung, in ſeinen Augen glänzte Hoffnung. Vor dem Einſteigen nahm er mich noch 5 einen Augenblick auf die Seite. Er mußte, wenn auch nur mit wenigen Worten, nur mit Andeutungen, das volle Herz gegen mich ausſchütten. „Ich muß ſie aufſuchen. Sie wiſſen, wen ich meine. Ich werde ſie finden, ſie kann keine Schuldige ſein. Nein, nein! Und dann kehre ich mit ihr hier⸗ her zurück. Hierher! O, wie ſchön wird mir dann die freie Schweiz ſein!“ Er reiſte ab. Seit zwölf Jahren hatte er nichts von ihr gehört, gar nichts, wo, wie ſie lebte, ob ſie lebte. Ich hatte einmal an der ruſſiſchen Grenze einen Koſaken geſehen, deſſen ſiebenundzwanzigjährige Dienſt⸗ zeit zu Ende war. Er hatte die ganzen ſiebenund⸗ zwanzig Jahre an der preußiſchen Grenze geſtanden 214 und in dieſer ganzen langen Zeit von den Seinigen, die er in der Heimath zurückgelaſſen, nicht die min⸗ deſte Nachricht erhalten. Am folgenden Morgen ſollte er die Rückreiſe in die Heimath antreten. Er freute ſich darauf wie ein Kind, denn er hatte eine Frau und ein Kind zurückgelaſſen. Die Frau war damals zwanzig, das Kind anderthalb Jahre alt geweſen. Ach, wie wird meine Frau ſich freuen, wenn ſie mich wiederſieht! Sie war ſo ſchön und hatte mich ſo lieb! Und mein Kind! Es war auch ſo ſchön! Ob es wohl recht groß geworden iſt? — Er ſelbſt war ein Greis geworden. — Der arme Mann ſollte weder Frau noch Kind noch Heimath wiederſehen. Er war, um vor ſeiner Rückkehr in das ferne Koſakenland noch einmal einen recht guten, ſüßen Schnaps zu trinken, nach Preußen gekommen und hatte ſich heim⸗ lich über die Grenze ſtehlen müſſen. So mußte er auch heimlich in der Nacht zurück. Da hatten die Grenzkoſaken, geſtern noch ſeine Kameraden, ihn für einen preußiſchen Schmuggler gehalten und' todtge⸗ ſchoſſen. Der arme Mann! War er wirklich ſo arm, der Mann? Was hätte er in ſeiner Heimath gefun⸗ den? Eiferſucht und Haß, Bosheit und Tücke, Streit und Hader; das hätte er gefunden in ſeinen alten Tagen, in der Stunde ſeiner Ankunft, bis hin zu ſeinem Grabe. — Der alte Grenzkoſak wollte mir nicht aus dem Sinn kommen, als mein Freund ab⸗ reiſte, als er fort war, als ich nichts von ihm hörte. Hören ſollte ich bald von ihm. Was ihm begegnet war, dem Amneſtirten in der Heimath? Zwei einfache Bilder werden es dem geneigten Leſer zeigen. — In einer kleinen, durch Wald und Gebirge von dem Verkehr der großen Welt abgeſchnittenen Land⸗ ſtadt lag, von einem freundlichen Gärtchen umgeben, ein hübſches, kleines Haus. In einem hübſchen, freundlichen Zimmer deſſelben ſaß, umgeben von zehn oder zwölf Kindern eine Frau, die im Anfange der dreißiger Jahre ſtand und noch ſehr ſchön war. Aber ihre Schönheit war jene unbeſchreibliche, jene unend⸗ lich zarte, feine, durchſichtige Schönheit einer kranken, in ihrer Krankheit dahin zehrenden Frau. Die Kinder waren friſche, fröhliche Mädchen von ſechs bis zehn Jahren. Sie ſtrickten, einige näheten auch ſchon. Sie waren hier in einer Privatſchule der kranken Dame, das ſah man. Die Nachmittags⸗ ſtunden der Schule — und es war Nachmittag — 8 waren zu jenen Arbeiten beſtimmt. Die Lehrerin über⸗ wachte ſie, unterwies, half. Sie erzählte dabei den Kindern hübſche Geſchichten, freundliche Märchen, die Kinder erzählten ſie ſich unter ſich. Lehrerin und Kinder liebten ſich, auch das ſah man. Die Stunde wurde unterbrochen. Eine hübſche Frau, in dem Alter der Lehrerin, trat in das Zim⸗ mer, das zugleich die Schulſtube und die Wohnſtube der Lehrerin war. Die Frau hatte etwas auf dem Herzen. In Gegenwart der Kinder konnte ſie es nicht ſagen. Die Lehrerin gewahrte es. „Hören wir auf,“ ſagte ſie zu den Kindern. „Es iſt doch bald vier Uhr.“ Die Kinder ſtanden auf, nahmen ihre Sachen und gingen. Jedes Einzelne gab der Lehrerin freundlich die Hand. „Gute Nacht, Fräulein! Bis morgen!“ Jedem Einzelnen erwiderte ſie freundlich: „Gute Nacht, mein liebes Kind! Bis morgen!“ Die Kinder waren fort. Die beiden Frauen waren allein. „Du haſt mir etwas zu ſagen, Marie, ich ſehe es Dir an.“ „Ja, Johanna.“ „Und Du zögerſt noch? Du haſt nicht den Muth?“ „Mir iſt in der That ſo eigen —“ „Es iſt etwas Unangenehmes? Sprich es aus, was es auch ſei.“ „Es iſt, ſo wie es iſt, nur etwas Gleichgültiges. Vor einer Viertelſtunde kam ein Fremder bei uns an.“ Die Lehrerin durchzuckte etwas. Sie that ſich Gewalt an, keine Unruhe, keine Bewegung zu zeigen. „Und?“ fragte ſie. „Er erkundigte ſich nach Dir.“ „Nach mir? Er nannte meinen Namen?“ „Er nannte ihn und fragte, wie lange Du hier ſeiſt, wie Du lebteſt, ob Du fremde Beſuche em⸗ pfingeſt?“ „Wen?“ fragte er⸗ „Meinen Mann.“ „Und was antwortete ihm dieſer?“ „Er erzählte ihm kurz, wie Du vor zwölf Jahren hier angekommen ſeiſt und krank in unſerem Gaſthofe habeſt verweilen müſſen, wie ich während Deiner Krankheit mit Dir befreundet geworden, wie wir Dich 18 Alle lieb gewonnen, und wie Du auf unſer Zureden Deinen Plan, in der größeren Hauptſtadt eine Stelle als Lehrerin anzunehmen, aufgegeben und hier eine Schule gegründet hätteſt. Mein Mann ſollte ihm noch weitere Auskunft geben. Ich wartete es nicht ab, denn ich mußte hierher eilen, Dich zu benach⸗ richtigen.“ „Wie ſah der Fremde aus?“ fragte die Lehrerin. „Es iſt ein kleiner, häßlicher Menſch; freundlich, aber nur um ſo unangenehmer.“ Die Lehrerin mußte ſich mehr zuſammennehmen, um eine innere Unruhe zu verbergen. „Kannſt Du ihn in Deinem Gedächtniſſe unter⸗ bringen?“ fragte die Wirthin. „Ich ſinne vergeblich nach.“ „Er kam mir vor wie ein Polizeiſpion.“ Die Lehrerin war wieder vollkommen gefaßt und ruhig, und ſie war es von ſelbſt geworden, ohne einen Zwang, den ſie ſich hätte auflegen müſſen. Sie ſaß einem kleinen Spiegel gegenüber, in welchem ſie ihr feines, weißes, krankes Geſicht geſehen hatte, jenen wunderbar ſchönen und traurigen Todtenglanz, wie Himmelsglanz der himmelblauen Augen. Ein —— 219 erhabener, ſtiller, milder Muth erfüllte ihr Weſen, gleichſam der Gedanke: Was mir noch kommt, es kann mich nur erlöſen, erhöhen! „Und der Polizeiſpion hat Dich erſchreckt, Marie?“ ſagte ſie laut zu der Freundin. „Ich kann es nicht leugnen.“ 3 „Du konnteſt nicht dafür, Marie. Es wat meine Schuld. Ich habe Dir nie von mir, von meinem früherem Leben etwas geſagt. Es war ſtillſchweigend zwiſchen uns abgemacht, daß wir nicht davon ſprachen. Du öffneteſt mir Dein ganzes Herz, Dein ganzes Leben, und ſchloſſeſt mich mit meiner völligen Ver⸗ ſchloſſenheit in Dein treues, argloſes Herz ein. Da kommt heute plötzlich der häßliche Polizeiſpion und fragt nach mir. Laß ihn, Du ſollſt Alles von mir erfahren, Marie; mein Herz und mein Leben ſollen ſo klar und ſo offen vor Dir liegen, wie die Deini⸗ gen vor mir liegen. Und bald. Ich habe vielleicht nur noch Wochen zu leben. Aber bis dahin, Marie, ſieh mir in die Augen, nur in die Augen. Siehſt Du ein Verbrechen darin?“ „Nein, nein, Johanna, Du brave, Du reine Seele.“ —— —— = — — „ 5 „Und doch, Marie. — Aber nein. Wenn Du Alles von mir weißt, dann ſollſt Du es Einem mit— theilen, und dann — Du haſt mich dann ja begraben — werdet Ihr Beide mich nicht verdammen. — Da kommt der Fremde. Du hatteſt Recht, es iſt ein häßlicher, freundlicher, kriechender Menſch. Er iſt gewiß ein Polizeiſpion. Willſt Du hier bleiben, Marie, während er mit mir ſpricht?“ „Wie Du es wünſcheſt, Johanna.“ „So bleibe.“ Ein kleiner, häßlicher, freundlicher, kriechender Menſch trat in das Zimmer. Er ſtutzte, als er die zweite Frau ſah, die Wirthin des Gaſthofes, in dem er abgeſtiegen war, die er bei ſeiner Ankunft ſchon geſehen hatte. Gleich darauf lächelte er freundlich. „Madame hat mich angekündigt. Deſtö beſſer, ſo kann ich ohne Umſchweife zur Sache kommen und mich kürzer faſſen.“ Er wandte ſich an die Lehrerin, immer freundlich. „Sie heißen Johanna Neumann, mein Fräulein?“ „So nenne ich mich, mein Herr. Darf ich fragen, was Sie zu mir führt?“ „Ich werde ſogleich die Ehre haben, es Ihnen zu — — — 2 — — — — — — ſagen. Vorher möchte ich mir nur die Frage an Sie erlauben, ob Ihnen eine Dame Namens Ida Schade bekannt iſt?“ Er ſah die Gefragte ſcharf bei der Frage an. Sie ertrug ruhig ſeinen Blick. Kein Zug in ihrem Geſichte veränderte ſich. Sie erwiderte ihm mit gleicher Ruhe: „Mein Herr, wozu richten Sie dieſe Frage an mich?“ „Ich bemerkte ſchon, mein Fräulein, ich würde ſogleich die Ehre haben, es Ihnen zu ſagen.“ „Und wer ſind Sie, mein Herr?“ „Auch das, mein Fräulein, werde ich —“ Die Lehrerin unterbrach ihn ſtrenge. „Mein Herr, ich will von Ihnen gar nichts erfahren. Verlaſſen Sie mich auf der Stelle.“ Der Fremde blieb freundlich, wie zuvor. „O, mein Fräulein, ich hatte Ihnen vielleicht doch eine ange⸗ nehme Nachricht zu bringen. Hätten Sie die Güte, dieſes zu leſen?“ Er zog ein Zeitungsblatt hervor und legte es vor ihr auf den Tiſch. Er bezeichnete mit dem Finger eine Stelle. Sie erbebte doch leiſe. Sie hatte etwas geleſen, was ſie nicht erwartet hatte. Sie war auf etwas ganz Anderes gefaßt geweſen. „Es überraſcht Sie, mein Fräulein?“ fragte der Fremde. Sie hatte vergeſſen, daß ſie dem Menſchen ſchon die Thür gewieſen hatte. „Nein, mein Herr,“ antwortete ſie. „Sie hatten es ſchon geleſen?“ „Nein, mein Herr.“ „Ah, ſo haben Sie es wohl nicht genau oder nicht vollſtändig geleſen. Erlauben Sie, daß ich es Ihnen vorleſen darf?“ Er nahm, ohne ihre Antwort abzuwarten, das Zeitungsblatt und las: „J. S. wird an Dieſſenhofen erinnert und um Nachricht von A. H. gebeten, der wieder in der Hei⸗ math iſt.“ „Sie ſind noch nicht orientirt, mein Fräulein?“ fuhr der Fremde fort. „Darf ich vielleicht Ihrem Gedächtniſſe zu Hülfe kommen? Schon vor mehreren Jahren ſtand eine ganz ähnliche Aufforderung in den Zeitungen. Anſtatt der Heimath war nur damals der Buchſtabe Z. zu leſen, und ſo war in dem Ding kein Anhalt zu finden. Dieſe neue Aufforderung mußte ihn deſto mehr geben, denn ſeit acht Tagen iſt eine Amneſtie ertheilt; ſie hat beſonders viele Flüchtlinge in Zürich betroffen, und ſo hat der Buch⸗ ſtabe Z. ſeine Bedeutung. Wer war ſo ſchnell von Zürich in die Heimath zurückgekehrt? Nur Einer, der Graf Alexander H., es war leicht zu ermitteln, und wen konnte der Graf ſo angelegentlich und beharrlich ſuchen? Wer war J. S.? Ah, der Graf hatte eine Jugendbekanntſchaft; Ida Schade heißt die junge Dame. Ida Schade? An den Namen knüpften ſich auch anderweit die eigenthümlichſten Intereſſen. Wo war ſie zu finden? Sie mußte gefunden werden. Sie war ſeit beinahe dreizehn Jahren verſchwunden, und durch Zufall — der Zufall iſt nun einmal der am meiſten und am wunderlichſten herrſchende Gott der Welt — durch Zufall erfuhr ich, daß vor unge⸗ fähr zwölf Jahren in dieſes Städtchen eine ſchöne junge Dame gekommen iſt, die wohl Ida Schade ſein konnte. Allein auch der Zufall kann irre führen, wie ich ſehe.“ „Das kann er, mein Herr, ſagte die Lehrerin, die ſich wieder erholt hatte. 224 „Und ich bedauere das,“ fuhr der freundliche Fremde fort, „um ſo mehr, da der Zufall und auch mein Irrthum zugleich die Veranlaſſung geworden iſt, daß noch Jemand eine vergebliche Reiſe hierher unternommen hat.“ Die Lehrerin erbebte von Neuem. Sie konnte ihre Augen nicht erheben. „Sie fragen nicht, wer der Jemand iſt, mein Fräulein?“ Sie hatte keine Antwort, keine Frage. 3 „Ah, Sie errathen, daß der Graf auf dem Wege hierher iſt. Er erfuhr von mir, daß Ida Schade unter dem Namen Johanna Neumann hier ſei, und er nahm deshalb ſofort Extrapoſt hierher. Ich fuhr doch noch ſchneller als er; denn Sie begreifen, ich hatte ein Intereſſe daran, bei ſeiner Zuſammenkunft mit Ihnen zugegen zu ſein. Ich meinerſeits begreife nur nicht, daß er noch nicht hier iſt. Indeſſen, da ich mich geirrt habe, ſo ziehe ich mich zurück; entſchuldi⸗ gen Sie meine Zudringlichkeit, mein Fräulein, und beiden geehrten Damen wünſche ich, daß Sie recht wohl leben mögen.“ —— n Derzfreundliche und höfliche Mann verbeugte ſich und ging. Die Freundin der Lehrerin athmete auf. „Mein Gott, ſagte ſie, jetzt weiß ich, was Alp⸗ drücken iſt.“ Aber ſie mußte entſetzt und bis in den Tod erſchrocken aufſpringen. „Um des Himmels willen, Johanna, Du ſtirbſt!“ Johanna Neumann war in den Stuhl, auf dem ſie ſaß, zurückgeſunken. Das Haupt war ihr auf die Seite gefallen und ihre Augen waren erloſchen, ihr Geſicht hatte Farbe und Geſtalt eines Leichenantlitzes. Sie lebte noch. Die Freundin unterſtützte ſie, ſie konnte ſprechen. . „Ja, ich ſterbe, meine gute Marie. Der entſetz⸗ liche Menſch! — Ich mußte alle meine Kraft zu⸗ ſammennehmen — es dauerte ſo lange, und ich hatte doch nur noch ſo wenig Kräfte. — Ach, ich fühle, es geht zu Ende mit mir. — Es iſt gut, gerade jetzt! Die Gerichte haben mich wiedergefunden, und nun auch er! Sie durch ihn. — Nur noch einen Wunſch hätte ich, ihn wiederzuſehen, ihm ſagen zu können, daß ich — ach, Marie, ich ſterbe! O, käme er! Könnte ich 1 8. in ſeinen Armen —! Temme, Criminal⸗Novellen. I. 15 226 „Sterben“ wollte ſie ſagen. Sie konnte das Wort nicht mehr ausſprechen, ſie lag leblos in den Armen der Freundin. War es nur eine Ohnmacht? War es ſchon der Tod? Die Thür der Stube öffnete ſich, und ein hoher, blaſſer Mann trat herein. Er ging lahm. Er ſah die Lebloſe in den Armen der Freundin und ſtürzte zu ihr hin. „Iſt ſie todt?“ fragte er, und ſein ganzer Leib zitterte. „Sie lebt.“ „Aber ſie wird ſterben?“ „Sie wird aufwachen, um zu ſterben. Ihre letzte Kraft iſt gebrochen.“ „Ja,“ ſagte der hohe Fremde. „Ich ſehe es.“ Dann ſtellte er ſich ſtill vor die Sterbende und ſah ihr lange in das edle, auch im Sterben ſo ſchöne Geſicht. Dann drückte er einen Kuß auf die weiße Stirn. „Edles, treues Weſen, Du ſollteſt eine Ver⸗ brecherin ſein?“ „Madame,“ ſagte er, wird ſie gewiß noch einmal erwachen?“ „Es wird bald geſchehen.“ „Und dann wird ſie ſterben?“ „Ich fürchte es. Sie hat ſo viel und ſo lange gelitten, und ich ſehe jetzt, was es war. Dazu vorhin der Schlag!“ „Eine Bitte, Madame. Legen Sie ſie in meinen Arm. Sie ſoll an meinem Herzen ſterben.“ „Es war ihr Wunſch, Herr Graf.“ „Ich denke es mir.“ Er legte die Sterbende ſanft in ſeine Arme. „Kann ich denn nicht mit Dir ſterben, meine Jda? Du haſt mich geliebt mit einer Treue und Aufopferung ohne Gleichen. Aber noch heißer liebt Dich doch mein Herz.“ Sie erwachte. Ihr Blick fiel in ſein Auge. „Alexander, ich bin unſchuldig.“ „Ich habe es immer gewußt, Ida. Ein Schein von Schuld war auf Dich gefallen, nein, boshaft auf Dich geworfen. Du wollteſt mit ihm nicht meine Gattin werden. Um meinem Drängen zu entgehen, nahmſt Du ſelbſt die fremde Schuld auf Dich. So war es.“ „So war es, Alexander.“ „Und nun biſt Du doch die Meine geworden, Du edles, treues Herz.“ „Im Tode, Alexander!“ „Der Tod wird uns zu einem ſchöneren Leben vereinen.“ „Und in alter Liebe!“ Sie zuckte plötzlich heftig auf. „Er kommt!“ ſagte ſie und legte ſich feſter an ihn. Er umſchlang ſie mit ſeinen beiden Armen. Sie ſah lächelnd zu ihm hinauf. „So, ſo, mein Alexander! So war ſeit Jahren mein Wunſch, mein Traum. So zu ſterben! — Ich ſterbe!“ Sie war todt. Er hielt ſie noch lange in den treuen Armen, ſtill und ſtumm. Seine Thränen netzten das ſchöne Leichengeſicht. Der freundliche Fremde kam mit Gensd'armen zurück. Aber mit dem Tode hatten die Gensd'armen nichts mehr zu ſchaffen. — Drei Tage ſpäter ſaß der Oberhofjägermeiſter, Graf —, in einem eleganten Salon ſeines Hotels in der Reſidenz. Er hatte eine kleine Geſellſchaft um ſich verſammelt, drei Herren und vier Damen. Alle acht waren ſie jung. Die vier Herren gehörten zu der höchſten Blüthe des Adels des Landes; die vier Damen waren die Schönſten der Demi⸗Monde der —5 Reſidenz. Sie hatten dinirt. Der Champagner ſpru⸗ delte noch; Scherz und Witz flogen. Ein Diener des Grafen trat ein. Er trug einen kleinen ſilbernen Teller, auf dem eine Viſitenkarte lag. Er hielt ſeinem Herrn den Teller hin. Der Graf nahm die Karte, las den Namen und erblaßte leicht. Es war, als wenn er plötzlich, wie man ſagt, einen Stich in das Herz bekommen habe, freilich nur einen leiſen, wie etwa von einer Nadelſpitze. Die ſchöne Dame, die zu ſeiner Rechten ſaß, hatte es ge⸗ ſehen. „Ein Abenteuer, mein Freund 2“ ſagte ſie. „In der That, beinahe.“ „Ein Liebesabenteuer?“ „Ein alter Freund.“ „Ah, er darf hierher kommen? Ich liebe die alten Freunde.“ Der Bediente ſtand, auf Antwort wartend. Der Graf ſann nach. Seine Dame, ſeine Freundin lachte. „Er iſt verlegen,“ ſagte ſie zu den Anderen. Er wurde wirklich verlegen. So konnte die Schöne ihm die Karte aus der Hand nehmen, ohne daß er es ge⸗ wahrte. „Alexander Graf H.,“ las ſie laut. „Graf H.?“ riefen die ſämmtlichen anderen Her⸗ ren. „Der Hochverräther? Der Flüchtling? Der Amneſtirte? Den müſſen wir kennen lernen. Du mußt ihn annehmen, hierher führen laſſen.“ „Ein Demokrat, ein Hochverräther?“ riefen auch die Damen. Wir müſſen ihn ſehen. Er muß hierher.“ Der Graf war verlegen. Seine Dame flüſterte ihm in das Ohr. Der Graf wollte ihr etwas er⸗ widern. Die Dame war ſeinen Worten zuvor⸗ gekommen. „Der Herr Graf H. wird Seinem Herrn will⸗ kommen ſein,“ ſagte ſie befehlend zu dem Bedienten. „Hier?“ fragte der Diener, ſeinen Herrn an⸗ ſehend. „Hier!“ befahl die Dame. Und — „hier!“ ſagte auch der Graf Kuno. Er hatte ſich Muth gemacht. Der Diener ging. „Aber Du mußt ihn mir überlaſſen,“ bat die Dame des Grafen. „Ich habe noch keinen Demo⸗ kraten geſehen, ich habe nur von ihnen geleſen, den wilden Baſſermann'ſchen Geſtalten. Ich war noch 231 ein Kind, das nicht auf die Straße durfte, da ſie die Straße regierten.“ Der Graf Alexander H. trat ein, der hohe, ſchöne Mann mit dem bleichen Geſichte, und in dieſem Ge⸗ ſichte den edelſten Schmerz und einen ruhigen, aber deſto ſtrengeren, einen erhabenen Ernſt. Er ging lahm, aber wo und wem imponirt nicht die Wunde, die ein tapferer Krieger im Kampfe mit dem Feinde gewon⸗ nen hat? Die ganze Geſellſchaft ſaß plötzlich ſchwei⸗ gend, als ſie ihn ſahen. Auf den Lippen der ſchönen Damen erſtarb das ironiſche Lächeln, mit dem ſie einen Hochverräther wohl hatten empfangen wollen. Der Oberhofjägermeiſter erhob ſich unwillkürlich, dem Gaſte entgegen zu gehen. Aber — „mein Gott, Kuno, Du zitterſt!“ mußte ihm ſeine Freundin in's Ohr flüſtern. Er nahm ſich zuſammen und trat dem „alten Freunde“ entgegen. Er hatte die Laune wieder, die zu ſeiner luſtigen Geſellſchaft paßte. „Alexander! Welche Freude, Dich wieder zu ſehen! Und Du kommſt gerade zur glücklichen Stunde. Laſſe Dich bei uns nieder. Die Freunde und die Schönen, die Du hier ſiehſt, brennen vor Verlangen, Dich kennen zu lernen.“ Der Gaſt war in der Nähe der Thür ſtehen ge⸗ blieben. Er ſtand da in ſeiner vollen, eiſernen und eiſigen Ruhe. „Ich habe mit Dir allein zu ſprechen, Kuno.“ „Ich denke, ſpäter, mein Freund.“ „Was ich Dir zu ſagen habe, muß ich Dir zuerſt ſagen. Aber mit oder ohne Zeugen, wie Du willſt.“ Der Graf ſann einen Augenblick nach. „Begleite mich!“ ſagte er dann. „Ihr Anderen, laßt Euch nicht ſtören.“ Er ſprach ruhig. Aber die Stirn war ihm feucht geworden. Er führte ſeinen Gaſt aus dem Salon. „Der arme Graf Kuno ſchwitzt!“ hörte er, als er die Thür hinter ſich zumachte, ſeine Freundin noch ſagen. Sie hatte es halb ernſthaft, halb ſcherzend geſagt, als wenn ſie einen Fühler in die Geſellſchaft werfen wolle, ob man noch lachen könne. Niemand lachte; Alles ſchwieg. Der Graf Kuno erblaßte. Er führte den „alten Freund“ in ſein Zimmer. „Was hätteſt Du mir zu ſagen, Alexander?“ 233 „Ida iſt todt. Ich habe ſie geſtern begraben.“ „Und Du biſt ihr Mörder.“ „Ich, mein Freund?“ Ich hatte ſeit zwölf Jahren nichts von ihr geſehen und gehört.“ „Sie war in Deinem Hauſe, die Erzieherin Deiner Geſchwiſter. Ihre Schönheit entflammte Deine Leiden⸗ ſchaft. Sie wies Deine ſchlechten Anträge zurück. Du wußteſt Rath, die Hölle Deines Herzens hatte ihn. Deine Frau — Ihr hattet Euch Beide nie geliebt — ſie hatte Dir das Leben ſchwer gemacht — Du be⸗ ſchloſſeſt ihren Tod. Ida mußte das Gift ihr reichen, das Du ihr bereitet hatteſt. Sie reichte es ihr, ohne daß ſie es wußte. Und nun hatteſt Du ſie in Deiner Gewalt. Sie hatte einmal das Gift gereicht; ein Wort von Dir machte ſie zu der Mörderin. Sie habe an die Stelle der Ermordeten treten wollen. So drohteſt Du ihr. Du hatteſt an den Scharfblick oder an den redlichen Sinn des Arztes nicht gedacht. Du mußteſt noch in derſelben Nacht, um Dich zu retten, Deine Drohung wahr machen. Iſt es ſo?“ „So hat es Dir Deine Geliebte — das war Dir die Mamſell Ida doch? — wohl ſelbſt erzählt?“ — * 2 4 . ————— 3. „Ida war zu edel, um ſelbſt gegen einen Schurken, wie Du biſt, zu denunciren.“ Alexander, vergiß nicht, daß wir Beide Edelleute ſind.“ „Ich kam hierher, um es Dir zu ſagen. Du wirſt Dich morgen früh um fünf Uhr mit mir ſchießen, draußen am Birkenwäldchen. Ich erwarte Dich.“ Der Hochverräther ging kalt und ruhig, wie er gekommen war. Der Oberhofjägermeiſter kehrte zu ſeiner luſtigen Geſellſchaft zurück. Sie ſaßen noch ſchweigend. „Biſt Du den ſteinernen Gaſt los geworden?“ fragte ſie ihn. Sie wollten wieder luſtig werden. „Ja,“ ſagte der Graf. „Und morgen früh um fünf Uhr werdet Ihr mir gegen ihn als Secundanten und Zeugen dienen. Aber nun laßt uns wieder trinken und ſcherzen.“ Am anderen Morgen früh um fünf Uhr wurde am Birkenwäldchen draußen vor der Reſidenz der Oberhofjägermeiſter Graf Kuno — von dem Grafen Alexander H. im Drell zuſammengeſchoſſen, ſo daß er für todt hinweggetragen wurde. Der Graf Alexan⸗ — 235 der H. kehrte nach der Schweiz, nach Zürich zurück. Der erſte Gang, den mein Freund Alexander Roth hier machte, war zu mir. „Sie war doch unſchuldig,“ ſagte er. Es waren ſeine erſten Worte, lange auch ſeine einzigen. Später erzählte er mir das Andere, ſpäter, als ſo Vieles von der Amneſtie geſprochen und geſchrieben wurde. Er ſegnete dieſe Amneſtie. „Die Arme konnte in meinen Armen ſterben!“ Und wenn dieſe Amneſtie früher gekommen wäre? Nur wenige Jahre, nur ein einziges Jahr früher? Sie hätte in ſeinen Armen leben können, als glück⸗ liche, als liebende und geliebte Gattin. Aber Gott, der Herr der Herren, prüft auch die Herzen der Könige und lenkt die Schickſale der Menſchen, und er allein weiß, was das Beſte iſt. Mein armer Freund iſt vor wenigen Monaten geſtorben. Die Kraft auch ſeines Lebens war ſchon lange gebrochen. Wir begraben auch nach der Amneſtie noch deutſche Herzen hier in der fremden, aber freien Erde. . Druck der F. priv. Hofbuchdruckerei in Rudolſtadt.