ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ——— —— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Wr 50 Pf. 2 M. — f. S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —— ——— S. D. H. Temme. Dritter Band. Berlin. Wedekind C Schwieger. 1873. 1 6 lonter 1 iebr im I. Im Kloſter. us der dichten Waldung trat ein junger Mann hervor, ſah ſich vorſichtig nach allen Seiten um. Er war am Fuße eines Berges; der Wald, aus dem er kam, bedeckte den Berg. Die Ebene, in die er hineintrat, war eine weite Haide, in welcher Gruppen von Fichten zerſtreut umherſtanden. Ein Fußweg zog ſich zwiſchen dem Walde und der Haide entlang. Die Augen des jungen Mannes verfolgten den Weg nach beiden Seiten; er ſchien unſchlüſſig zu ſein, ob er ſich nach rechts oder nach links wenden ſollte. „Guten Abend!“ ſagte eine feine Stimme neben ihm. Er wollte erſchrocken zurückfahren. — 6 Ein Knabe war zur Seite aus dem Walde her⸗ vorgekommen. Vor dem Knaben erſchrak der junge Mann. „Guten Abend!“ erwiderte er. „Sind Sie bekannt in der Gegend?“ fragte ihn der Knabe. „Nein! Aber Sie vielleicht?“ „Ja! Aber ich habe mich verirrt.“ „Und da wollten Sie mich nach dem rechten Wege fragen?“ „So war es.“ „Wohin wollen Sie, wenn man fragen darf?“ „Aber Sie ſind ja fremd hier!“ „Vielleicht könnte ich Ihnen dennoch Auskunft geben — vielleicht gar Sie führen.“ Der Knabe beſah ſich den jungen Mann genauer. Er ſah in ein bleiches Geſicht, in ein Auge, deſſen Blick ſchwermüthig und unruhig war. Aber das Geſicht hatte in ſeinen vornehm geſchnittenen Zügen etwas Treues und Ehrliches, und durch die Melan⸗ cholie und Unruhe der Augen leuchtete ein muthiger und entſchloſſener Stolz hindurch. Der Knabe ſchien ſich zu ſagen, daß er zu dem fremden jungen Manne 7 Zutrauen faſſen könne, trotzdem, daß dieſer bei ihrem erſten Begegnen erſchrocken zurückgefahren war. „Hier in der Nähe muß ein Kloſter liegen,“ ſagte er. Der junge Mann hatte ſich auch den Knaben näher angeſehen. Er hatte in ein feines, friſches Geſicht, in ein Paar große dunkle Augen geſchaut, in denen ſich gleichfalls Entſchloſſenheit, aber zugleich Keckheit zeigte. Der Knabe konnte vierzehn bis fünfzehn Jahre zäh⸗ len; ſeiner Kleidung nach gehörte er zu den beſſeren Ständen; das ſchien auch die feine, intelligente Ge⸗ ſichtsbildung anzudeuten. Darum mochte auch der Fremde ihn nicht mit „Du“ angeredet haben. „Zu dem Kloſter wollen Sie?“ fragte er den Knaben. Dem Fremden ſchien auf einmal ein Gedanke ge⸗ kommen zu ſein. „Ich werde Sie hinführen,“ ſagte er, „wenn Sie meine Begleitung annehmen wollen,“ ſetzte er jedoch hinzu. Der Knabe beſann ſich doch. 8 „Sie wiſſen das Kloſter?“ fragte er dann. a . „Ein Franziskanerkloſter?“ „Das weiß ich nicht.“ „Gleichviel. Es iſt nur ein Kloſter in der Nähe Gehen wir!“ „Wir müſſen den Berg hinauf,“ ſagte der Fremde. „Alſo den Weg zurück, den Sie gekommen ſind?“ „Sie hatten mich kommen ſehen?“ „Ich ſah Sie.“ „Sie waren hier nebenan im Walde?“ . „Ich hatte gehört, wie Jemand unter den Bäu⸗ men den Berg herunterkam, und da —“ Der Knabe ſtockte. „Und da verbargen Sie ſich?“ „Wenn Sie ſo wollen.“ Der Fremde ſchwieg. Der Knabe aber fuhr fort: „Und Sie erſchraken, als Sie mich ſahen!“ Der Fremde ſagte auch darauf nichts. Sie ſahen ſich Beide wieder an, als wenn Jemand den Andern fragen wolle, was er denn eigentlich an ihm habe. S Sie gingen ſchweigend neben einander den Berg hinauf. Der Knabe ſprach nach einer Weile wieder: „Haben wir weit zu dem Kloſter?“ „Wenn wir die Höhe des Berges erreicht haben, ſo ſehen wir es zu unſern Füßen.“ „Im Thale?“ „Am Fuße des Berges.“ „Es hat alſo eine ſchöne Lage?“ „Wenigſtens eine einſame, wie ein Kloſter ſie haben muß.“ „Die Einſamkeit iſt wohl immer ſchön!“ „Für das Herz und die Phantaſie! Ich dachte an die Schönheit für das Auge.“ „Hm,“ ſagte der Knabe, „wo Herz und Phan⸗ taſie keine Schönheit entdecken, da wird auch das Auge ſie nicht finden.“ „Es käme doch darauf an,“ meinte der Fremde. „Aber —“ Er brach ab, als wenn es nicht der Mühe werth ſei, mit einem Knaben zu ſtreiten. Dieſer wurde empfindlich. „Aber?“ fragte er trotzig. 10 Der Fremde wollte den ſchönen, feinen Knaben wohl nicht verletzen. „Es gibt,“ ſagte er, „durchaus kalte Naturen, die eben nur Verſtandesmenſchen ſind, die alſo auch nur mit dem Verſtande ſehen. Die können nun frei⸗ lich für die Schönheit nicht ſchwärmen, gewiß aber ſie begreifen —“ „Mein Herr,“ unterbrach der Knabe den Frem⸗ den, „wer nicht für Schönheit ſchwärmen kann, der empfindet ſie nicht, und wer ſie nicht empfindet, der ſieht ſie nicht.“ Der Knabe ſprach lebhaft, faſt eifrig. Der Fremde mußte ihn verwundert anſehen. Mit den melancholiſch blickenden Augen lächelte er bei⸗ nahe. „Sie ſind ein kleiner Philoſoph!“ ſagte er. Darüber mußte der Knabe laut lachen. „Ich ein Philoſoph? Nein, mein Herr, ich bin mehr, und darum freilich in Ihren Augen wohl weniger. Ich kann ſchwärmen, mein Herr, und Sie haben Recht, ein Philoſoph kann nur begreifen, oder beſſer, nur Begriffe machen, auch nur vom Schönen. Ich kannte einen Candidaten der Philoſophie, er war 3 — 1 gar Doctor — der mir auseinanderſetzte, warum die Schönheits- oder Geſchmacklehre zu der Philo⸗ ſophie gehörte und der die vortrefflichſte Definition von der Schönheit geben konnte, aber Zwiebeln aß und Tabak ſchnupfte, und eine hohe zinnoberrothe Halsbinde trug und dazu einen zeiſiggrünen Frack mit entſetzlich langen und ſpitzen Schößen.“ „Und Sie fanden das nicht ſchön, mein junger Herr?“ fragte der Fremde. „Nein, wahrlich nicht.“ „So hatten Sie doch von dem Doctor profitirt! Er war doch wohl Ihr Hofmeiſter?“ „Hofmeiſter nun eben nicht.“ Sie waren während ihres Geſpräches tüchtig vor⸗ geſchritten; ſie waren nicht mehr gar weit von der Höhe des Berges. Der Berg war nicht ſehr hoch. Sie wurden unterbrochen. Hinten im Dickicht des Waldes hörten ſie einen Schritt. Beide, der junge Mann, wie der Knabe, horchten einen Augenblick angelegentlich hin, gingen dann un⸗ willkürlich ſchneller, traten leiſer auf, ſprachen An⸗ 12 fangs gar nicht mehr, dann leiſe, mit gedämpfter Stimme. Zuerſt der junge Mann. „Sie haben Urſache zu wünſchen, daß Sie nicht geſehen werden?“ „Ich leugne es nicht, und —“ Der Knabe ſprach nicht weiter. Aber ſein friſches . Geſicht war ſehr blaß geworden. Er ſuchte mehr zu eilen. „Sie wollten noch etwas ſagen?“ ſprach der Fremde. Der Knabe faßte ſich ein Herz. „Mein Herr —“ Dann ſtockte er doch. Dann fuhr er fort, aber vorher mit einer Frage. „Sie erſchraken, als Sie mich ſahen?“ Er hatte es ſchon einmal geſagt. 3 „Es war wohl mehr Ueberraſchung,“ ſagte der Fremde diesmal. „Wären Sie in der Lage, mich beſchützen zu kön⸗ nen?“ ſagte darauf entſchloſſen der Knabe. Durch das blaſſe Geſicht des Fremden flog ein —— — —— 13 ſchmerzliches Lächeln. Aber er ſprach ruhig, als wenn ſeine Antwort ſich von ſelbſt verſtehe: „Ich habe mich einmal Ihrer angenommen, da ſtehen Sie unter meinem Schutze.“ „Sie wollten mich nur zu dem Kloſter führen,“ ſagte der Knabe. „Bis dahin habe ich Sie zu beſchützen.“ „Haben wir noch weit zum Kloſter?“ „Wir ſind in zwei Minuten auf der Höhe. Von da kommen wir zur Noth in zehn Minuten zu dem Kloſter hinunter.“ „Eilen wir.“ Sie eilten. „Ich höre die Schritte nicht mehr,“ ſagte dann der Knabe.“ Aber er hatte kaum die Worte geſprochen, als es unmittelbar neben ihm im Gebüſch rauſchte. In der Sekunde darauf ſtand ein Hund vor ihnen, ein Jagdhund, ein großes, ſtarkes Thier. Er ſah ſie an, ſprang zur Seite und bellte. „Ho, ho, mein Thier,“ rief hinten im Walde eine kräftige Mannesſtimme. Der Hund ſprang wieder vor ſie, zeigte ihnen mit drohendem Knurren ſeine Zähne, war bereit, jeden von ihnen anzufallen, der einen Fuß vorſetzen wollte. Sie ſtanden Beide. „Was nun?“ fragte der Knabe. Man ſah ihm die Angſt an. Der Fremde zog ein Taſchenterzerol hervor und ſpannte den Hahn. „Was wollen Sie?“ fragte der Knabe. „Den Hund niederſchießen.“ „Aber der Mann, der ihm zurief! Sein Herr! Er kummt, ich höre ihn ſchon.“ Man hörte einen eiligen Schritt ſich nahen. Der Fremde erhob den Arm mit dem Terzerol. Der Knabe hielt ihm den Arm. „Nein, nein,“ ſagte er. „Der Hund gehört einem Jäger oder Förſter. Er würde auf uns ſchießen.“ „Auf Sie nicht.“ „Und warum nicht?“ „Weil ich hier bleiben werde, den Mann zu er⸗ warten.“ „Aber — mein Herr, werden Sie nicht verfolgt?“ 15 „Ich werde mein Leben vertheidigen.“ „Und ich werde bei Ihnen bleiben!“ Der Knabe ſprach die Worte entſchloſſen. In ſeinem feinen, mädchenhaften Geſichte zeigte ſich keine Spur einer Angſt mehr. In ſeinem vollen, muthigen und entſchloſſenen Stolze ſtand der junge Mann neben ihm. Der Schritt, den ſie hörten, kam näher, war dicht bei ihnen. Der Knabe ſtellte ſich enger zu dem Fremden, mehr, wie wenn er Hülfe geben, als Hülfe ſuchen wolle; er zitterte ein wenig, wohl nur vor Ermat⸗ tung; die feſten Nerven des Mannes hatte er noch nicht. Aus dem Gebüſche trat ein kräftiger alter Mann hervor, mit Gewehr und Jagdtaſche. Es mußte der Förſter des Waldes ſein. Der Hahn ſeines Geweh⸗ res war geſpannt; er hielt es ſchußbereit. „Bravo, mein Thier!“ rief er dem Hunde zu. Dann ſtellte er ſich vor die beiden Fremden. „Thun Sie das Terzerol da weg!“ ſagte er zu dem jungen Manne. „Thun Sie Ihr Gewehr weg!“ erwiderte dieſer. 16 „Ich bin hier in meinem Amte.“ „Ich bin hier auf keinem unrechten Wege.“ Der Förſter ſtutzte. Der junge Mann hatte ſo vollkommen ruhig und unerſchrocken geſprochen. Der feine Knabe ſtand mit den muthig blitzenden Augen wie herausfordernd da. Es war, als wenn die Ruhe ſeines Gefährten ihm die Nerven geſtählt habe. Den Knaben mußte der alte Mann ſich beſonders anſehen. Er ſuchte in ſeinem Gedächtniſſe nach ihm. Er ſchüttelte den Kopf. Dann ſprach er doch zu ihm: „Junger Herr, ich meine, Sie ſchon irgendwo ge⸗ ſehen zu haben.“ Der junge Herr zitterte doch wieder etwas. Aber er konnte mit kecker Stimme erwidern: „Ich glaube nicht.“ Den Förſter machte es nicht irre. „Und ich denke,“ ſagte er, „Sie kehrten lieber um. Und wenn ich es recht bedenke, ſo thäte ich beſſer, und brächte Sie wieder hin, wohin Sie ge⸗ hören.“ Der Knabe zitterte heftiger; er lehnte ſich an den jungen Mann, diesmal Hülfe ſuchend. „Seien Sie ruhig,“ ſagte der junge Mann zu ihm. „Sie ſtehen unter meinem Schutze.“ Da betrachtete der Förſter ſich auch den jungen Mann näher. „Unter Ihrem Schutze? Mit dem kleinen Taſchen⸗ puffer da?“ Der junge Mannn ſchwieg ruhig. Auf einmal tauchte in dem Förſter ein Ge⸗ danke auf. „Mein Herr,“ ſagte er, „auf rechten Wegen mögen Sie hier ſein. Aber kommen Sie auch von rechten Wegen?“ Da erſchrak der junge Mann, aber nur einen Moment. „Ich war nie auf ſchlechten Wegen,“ ſagte er ſtolz. „Ich ſprach von rechten Wegen, mein Herr,“ ent⸗ gegnete der Förſter. „Aber —“ Er ſann einen Augenblick nach; dann fuhr er fort: „Junger Herr, haben Sie Streit mit einem Frem⸗ den gehabt?“ Temme, Criminal⸗Novellen. II. 10 — —— 18 Der junge Mann erblaßte wieder. „Ah, ah,“ ſagte der Förſter. „Antworten Sie mir nicht? Ich weiß genug. Aber hören Sie mir zu. Auf der Landſtraße kamen heute Nachmittag ein paar Gensdarmen an mich heran. Sie fragten mich nach einem jungen Manne, den ſie verfolgten; ſie beſchrieben ihn mir auch. Der Verfolgte habe einen franzöſiſchen Offizier im Duell erſtochen. Wenn Sie dem jungen Manne begegnen ſollten, mein Herr —. Aber es iſt eine ſchlimme Zeit unter dieſem Regi⸗ mente, und es kann noch lange dauern. Verrathen Sie einen alten Mann nicht, den ein einziges Wort von Amt und Brod bringen könnte. Noch Eins, mein Herr; hier in den Bergen iſt es nicht ſicher. Die Gensdarmen haben Spürhunde bei ſich. Die Grenze iſt zwei Meilen von hier, da drüben, über das Kloſter hinaus, das Sie da unten im Thale ſehen werden. Gott ſei mit Ihnen, mein Herr!“ Der alte Mann wollte gehen. Er mußte ſich noch einmal zu dem Knaben wenden. „Und Sie, mein kleiner junger Herr — ich denke, Sie kehrten doch um. Ich weiß zwar nicht, auf 19 ₰ 2 welchem Wege Sie ſind, aber ſo allein ſind Sie keinesfalls auf einem Wege, auf dem Sie ſein ſollten.“ Der Knabe war roth geworden. „Ich bin ja nicht allein!“ erwiderte er nur. Aber er ſagte es nicht mit ſeiner Keckheit. Ja, ja!“ ſagte der Förſter bedenklich. „Und,“ fuhr der Knabe fort — er war wieder muthiger geworden — „und ich habe kein Amt und Brod zu verlieren, braver Förſter.“ „So, ſo! Das iſt etwas Anderes. Dann gehen Sie mit Gott, alle Beide! — Komm, mein Hund!“ Der Förſter wollte gehen.) Der junge Mann nahm ſeine Hand; er drückte ſie. „Haben Sie Dank,“ ſagte er, „Sie retten mir vielleicht das Leben.“ „Gott gebe es!“ rief der Förſter. „Lange kann doch dieſe Fremdenwirthſchaft in unſerm ſchönen deut⸗ ſchen Lande nicht mehr dauern. Sie ſind jetzt da hinten in Rußland, und eine Stimme in mir ſagt mir, daß es da mit ihnen zu Ende gehen wird. Aber es wird nur der Anfang vom Ende ſein, und es wird noch manches Deutſchen Arme bedürfen, der 2* ————— dieſe Fremden aus Deutſchland verjagt, wie ſie bald werden aus Rußland verjagt werden. Dann werden auch Sie dabei ſein.“ „Das werde ich, wenn mir Gott das Leben läßt.“ Der Förſter verſchwand mit ſeinem Hunde im Gebüſch. „Gehen wir weiter!“ ſagte der junge Mann zu dem Knaben. „Wir haben jetzt einen Weg,“ ſagte der Knabe. „Bis zum Kloſter.“ Sie gingen weiter, ſchweigend, Jeder mit ſeinen Gedanken beſchäftigt. Sie hatten in wenigen Minuten die Höhe des Berges erreicht. Sie blickten in ein weites, fruchtbares Thal. Wald und Flur wechſelten darin ab; große Dörfer lagen zerſtreut umher; hinten am Horizont tauchten die Thürme von Städten empor. Unter ihnen, hart am Fuße des Berges, auf' dem ſie ſtanden, breiteten ſich die weitläufigen Gebäude, Gärten und Mauern eines Kloſters aus. Alles lag da in dem Scheine der Abendſonne. — 6 21 Die Blicke des Knaben ruhten in tiefem Sinnen auf den Mauern der Kloſtergebäude. Die des jungen Mannes ſchweiften forſchend über die Mauern und Dächer hinaus; dort war die Lan⸗ desgrenze, wie der Förſter geſagt hatte; aber erſt in einer Entfernung von zwei Meilen. In dem Zwiſchen⸗ raume war meiſt offenes Feld; einzelne kleine Holz⸗ ungen lagen dazwiſchen; in weiterer Ferne ein paar Dörfer. Für einen Verfolgten war die Gegend keine günſtige. Der junge Mann dachte wohl darüber nach. Der Knabe unterbrach ſeine Betrachtungen. „Sie wollten mich vorhin vertheidigen, mein Herr!“ „Sie hatten ſich unter meinen Schutz begeben.“ „Und Sie waren ſelbſt des Schutzes bedürftig!“ „Um ſo mehr wußte ich, was ein Schutz werth iſt.“ „Sie hätten mich mit Ihrem Leben vertheidigt?“ „Wenn es nöthig geweſen wäre.“ „Aber Sie kennen mich nicht!“ „Sie hatten ſich mir anvertraut, ohne mich zu kennen.“ 22 „Ich ſah Ihnen an, daß Sie nicht der Verſtan⸗ desmenſch waren, für den Sie ſich ausgeben wollten. Abergdarf ich Sie nach Ihren Reiſeplänen fragen.“ „Ich ſuche die Grenze drüben zu gewinnen.“ „Jetzt gleich?“ „Im Walde hier ſei es nicht ſicher, ſagte der Förſter.“ „In der freien Ebene da unten wird es vor der Dunkelheit der Nacht noch weniger ſicher ſein.“ „Ich verlaſſe mich auf mein Glück. 4 „Und auf Ihren Muth. Aber die Gensdarmen haben Spürhunde bei ſich.“ „Nicht jede Kugel trifft, nicht jeder Spürhund findet.“ machen.“ „Er wäre?“ „Beſprechen wir ihn im Gehen zum Kloſter; Sie führen mich doch hin?“ „Ich verſprach es Ihnen.“ „So kommen Sie.“ Sie ſtiegen den Berg auf der anderen Seite „Mein Herr, ich habe Ihnen einen Vorſchlag zu 23 hinunter. Ein geſchlängelter Pfad zog ſich zu dem Kloſter hinab. „Ich habe in dem Kloſter Geſchäfte,“ ſagte der Knabe. 2 „So „Ich bin bekannt dort.“ „Sie kommen öfter hin?“ „Ich war noch nie da. Aber es iſt ein Franzis⸗ kanerkloſter, wie ich Ihnen ſagte.“ „So ſagten Sie.“ „Und die Franziskaner ſind ein ſogenannter Bettel⸗ orden.“ „Ich weiß es.“ „Und ſie leben vom ſogenannten Terminiren, das heißt, die Mönche gehen zu beſtimmten Zeiten in der Gegend umher und ſammeln Gaben für das Kloſter ein. Jeder Pater hat ſeinen beſonderen Bezirk; ein Frater, oder dienender Bruder, mit einem großen Sack begleitet ihn zum Annehmen und Tragen der Gaben, das baare Geld trägt der Pater ſelbſt.“ „Es iſt wohl nicht viel?“ „O mein Herr, die Frömmigkeit iſt mildthätig.“ „Man iſt fromm in dieſer Gegend?“ S—— — — —— — 24 „Sie ſind alſo nicht aus dieſer Gegend?“ „Nein, mein junger Herr.“ „Aber aus Deutſchland ſind Sie?“ „Ich bin ein Deutſcher.“ „Und Deutſchland iſt groß.“ „Und doch unter der fremden Tyrannei.“ „Und unter noch mehr fremdem Unweſen. Aber ich meine, das deutſche Volk hat darunter ſeine gute Natur bewahrt.“ Der junge Mann mußte den Knaben anſehen, der ſo ſprach. Der Knabe fuhr fort: „Und ſo ſind wir auch fromm hier geblieben, trotz des franzöſiſchen Regiments, und das arme Kloſter hier kann leben, wie in früheren Zeiten. Auch in dem Hauſe meiner —“ Er ſtockte, als wenn das Wort, das er aus⸗ ſprechen wollte, ihm ſchwer werde. Aber herzhaft fuhr er dann fort: „Meiner Eltern bekommen ſie ihre Gaben, und daher kenne ich ein paar Geiſtliche und ein paar Brüder des Kloſters.“ —————— — =— — „——— —— h . . 25 „Und die wollen Sie jetzt beſuchen?“ fragte der junge Mann. „Wenn Sie ſo wollen. Jedenfalls bleibe ich die Nacht im Kloſter, und es würde mir ein Leichtes ſein, auch Ihnen ein Unterkommen zu verſchaffen. Die Wahrheit zu ſagen, Sie würden mir ſogar einen Dienſt erweiſen, wenn Sie bei mir blieben.“ „In welcher Weiſe, wenn ich fragen darf?“ „Hm, um mir ferner Ihren Schutz zu verleihen.“ „Im Kloſter? Unter den frommen Mönchen?“ bin nicht gern allein, und dann — Aber Sie wären in den Kloſtermauern vor Verfolgung ſicher; nicht blos für die heutige Nacht; man würde Sie auch länger behalten. Ueberlegen Sie ſich die Sache.“ Der junge Mann ſann nach. „Ich nehme Ihr Anerbieten an,“ ſagte er. „Das iſt ſchön,“ ſagte der Knabe. Dann fuhr er fort: „Ich darf mir wohl ein paar Fragen an Sie er⸗ lauben?“ „Ich habe keine Geheimniſſe,“ erwiderte der junge Mann. „Weshalb ich verfolgt werde, wiſſen Sie.“ 26 Der Knabe war bei dem Worte Geheimniſſe etwas roth geworden. Aber es ſollte ja kein Vorwurf für ihn ſein. „Mit einem franzöſiſchen Offizier haben Sie ſich duellirt?“ fragte er. „Es war ein franzöſiſcher Offizier.“ „Ein Franzoſe, oder gar ein ehrvergeſſener Deut⸗ ſcher?“ „Einem ehrvergeſſenen Deutſchen, der dem Feinde ſeines Volkes diente, hätte ich nur Verachtung ent⸗ gegengeſetzt.“ „Darf ich die Veranlaſſung Ihres Duells er⸗ fahren?“ „Der übermüthige Fremde ſprach verächtlich von unſerem Volke.“ „Und da züchtigten Sie ihn?“ „Ja.“ „Er blieb todt?“ „Mein Degen traf ihn leider in das Herz. Ich konnte nicht anders. Er drang auf mich ein — in einer faſt raſenden Wuth. Ich mußte mich meines Lebens wehren.“ „Und was ſoll nun aus Ihnen werden?“ — 27 „Vorläufig muß ich nur mich zu retten ſuchen. Die preußiſche Grenze iſt zwei Meilen von hier. Man wird ſie vielleicht nur noch heute beſetzen. Kann ich heute Nacht in dem Kloſter bleiben —“ „Sie ſollen da bleiben.“ „So wird es mir morgen nicht ſchwer werden, ſie zu erreichen.“ „Und dann?“ „Der alte Förſter hatte Recht. Dieſe Fremden⸗ wirthſchaft kann in unſerm deutſchen Vaterlande nicht lange mehr dauern. Da hinten in den ruſſiſchen Eisfeldern muß ſich etwas vorbereiten. Das geſchla⸗ gene Franzoſenheer muß dann durch Deutſchland ſeinen Rückweg nehmen. Kein Mann darf über den Rhein zurück. Die deutſchen Fürſten werden ſich ja endlich ein Herz faſſen, mit dem Volke gemeinſchaft⸗ liche Sache zu machen. Sie müſſen ſchon jetzt ihre Anſtalten dazu treffen. Ich werde preußiſche Dienſte ſuchen.“ „Sie ſind — oder waren Sie Soldat?“ „Ich war Advocat.“ „Haben Sie Eltern?“ „Eine Mutter.“ 28 „Ihr Vater lebt nicht mehr?“ „Er iſt ſchon ſeit Jahren todt.“ „Ihre Mutter liebt Sie?“ „Ich bin ihr einziger Sohn.“ „Und auch Ihre Stütze?“ „Sie war noch immer meine Stütze; ich habe erſt vor wenigen Jahren die Univerſität verlaſſen.“ „Gleichviel! Kinder ſind immer die Stütze der Eltern — der Mutter wenigſtens, oder — was ſpreche ich? — Sie ſollten es ſein. — Aber da ſind wir an unſerem Ziele.“ In dem Geſicht des Knaben zeigte ſich ein bitte⸗ ver Schmerz. Sie waren an den Mauern des Kloſters ange⸗ langt, und zwar an der Rückſeite der Gebäude. Sie mußten eine Mauer entlang gehen, um den Eingang zu ſuchen. Ueberall herrſchte die tiefſte Abendſtille. Sie kamen an der Kloſterkirche vorbei; auch in dieſer war es ſtill. Sie erreichten die Pforte des Kloſters. Sie machten Halt, um ſich ihre Umgebung zu be⸗ trachten. Die Sonne war in dem Augenblicke vorher untergegangen. Helles Abendgewölk erleuchtete noch — 29 das Thal, das Kloſter. Die beiden Reiſegefährten ſchauten nach dem Kloſter. Es war ein alter, un⸗ ſchöner, plumper und ſchwerer Bau. Die grauen Mauern zogen ſich lang und kahl und einförmig hin; die wenigen Fenſter darin waren klein und niedrig, mit ſtarken eiſernen Gittern verſehen, mit einem Sandſtein von ſchmutzig gelber Farbe eingefaßt. „Das iſt kein erhebender Anblick,“ ſagte der Knabe. „Selbſt die goldenen Abendwolken können keinen Reiz hineintragen.“ „Das Gemüth wird ſich dennoch hier zum Himmel erheben können,“ erwiderte der junge Mann. „Es kann auch zu Grunde gehen,“ ſagte der Knabe. Er ſprach wie mit einer beſonderen Be⸗ ziehung. „Laſſen Sie mich einen Augenblick allein voraus⸗ gehen,“ bat er dann ſeinen Gefährten. „Ich habe ein paar Worte mit dem Bruder Pförtner zu ſprechen.“ Der junge Mann trat zurück. Der Knabe ſchritt zu der Pforte. Sie war am Ende des Kloſtergebäudes; drei Stufen einer ſchmalen ſteinernen Treppe führten zu ihr. 30 Der Knabe ſtieg die Stufen hinan und zog eine Klingelſchnur. Im Innern des Gebäudes, gleich jenſeits der Thür, ertönte ſchwach eine feine Glocke. Ihr Klang war auf die Stille berechnet, die innen und außen herrſchte. Nach einer Weile wurde eine kleine Klappe in der Pforte geöffnet. Ein altes Geſicht ſchaute durch die Oeffnung; es war grau, wie die Mauern und die Pforte. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ ſagte der Alte. „In Ewigkeit, Amen!“ antwortete der Knabe. „Bruder Pförtner, kennt Ihr mich nicht?“ fragte der Knabe dann. „Ich wüßte nicht, Dich ſchon geſehen zu haben, mein Kind.“ „Auf Haus Hallenberg!“ „Haus Hallenberg iſt ein frommes und gottes⸗ fürchtiges Haus und mildthätig für unſer armes Kloſter, und beſonders in dieſen ſchweren Zeiten. Aber ich kann mich nicht beſinnen —“ „Mich da geſehen zu haben?“ „So iſt es.“ 31 * „Und doch habt Ihr mir manches Heiligenbild geſchenkt, als ich noch klein war, und ich durfte Euch dafür den Herzgulden von meiner Mutter geben; er war für Euch allein. Der Pater Anſelmus bekam das Geld für das Kloſter.“ Der Bruder Pförtner ſchüttelte den Kopf. „Das trifft Alles wohl zu; aber es war kein Knabe auf Haus Hallenberg.“ „Aber eine Tochter!“ „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ rief der Bruder voll Verwunderung. „Sie ſind es?“ 5 „Helena!“ „Fräulein Helena? Ja, wahrhaftig! Ja, ja! Meine Augen werden ſchwach, und die Sonne iſt ja auch nicht mehr am Himmel. Aber, gnädiges Fräu⸗ lein, was führt Sie denn hierher? Und in der Ver⸗ kleidung? Und am Abend?“ „Was mich hierher führt?“ — Aber Ihr ſollt es ſpäter erfahren, guter Bruder. Jetzt eine Bitte. Könnt Ihr mir Nachtquartier im Kloſter geben?“ Der Bruder erſchrak. „Gegrüßt ſei die Mutter Gottes! Aber mein liebes, gnädiges Fräulein, ein Frauenzimmer darf 32 nicht einmal bei Tage durch dieſe Pforte gehen, und Sie wollten die Nacht hier bleiben?“ „Ich muß, lieber Bruder. Ihr dürft es mir nicht abſchlagen.“ „Wie ſoll ich es möglich machen?“ „Sinnet nach! Zugleich noch über Eins. Ich muß den Pater Vitalis ſprechen. Darum bin ich hier.“ „Den Pater Vitalis, gnädiges Fräulein? Das iſt ja rein unmöglich! Der iſt gerade jetzt in ſeiner allerſchlimmſten Zeit.“ „Ich weiß es,“ ſagte das Fräulein, „und eben darum bin ich hier.“ „Aber es iſt zum Vergrauen mit ihm, liebes Fräulein. Man kann ihn ohne Schrecken nicht an⸗ ſehen. Es hält keiner bei ihm aus, als der arme Bruder Martinus; der darf ſchon ſeit zwei Tagen nicht von ihm weichen.“ Dem Fräulein leuchteten die Augen. „Der Bruder Martinus wird auch heute Nacht bei ihm ſein?“ „Gewiß.“ „Oh, lieber Bruder Fridolin, wann werdet Ihr mich zu den Beiden führen können?“ Der Bruder ſchüttelte ſich vor Schreck. „Sie wollen zu ihnen?“ „Ich ſagte es Euch.“ „Sie allein?“ „Ihr werdet mich hinführen.“ „Aber ich gehe nicht mit zu ihnen. Die Beiden dürfen mich nicht ſehen; es gäbe ein Unglück. Der Pater Vitalis haßt mich. Er wollte einmal das Kloſter verlaſſen; er befahl mir, die Pforte zu öffnen. Ich verweigerte es ihm. Ich hatte den ſtrengen Be⸗ fehl. Seitdem haßt er mich auf den Tod, und der Bruder Martinus mit ihm.“ Das Fräulein war nachdenklich geworden. „Ihr könnt mich wirklich nicht begleiten?“ „Die Beiden brächten das ganze Kloſter in Auf⸗ ruhr.“ Es war der jungen Dame unangenehm. Sie ſann ein paar Augenblicke nach. Dann mußte ihr etwas eingefallen ſein. „Gut,“ ſagte ſie. „Aber bis zu ihnen werdet Ihr mich führen?“ Temme, Criminal⸗Novellen. III. 3 „ *. 34 „Fräulein! Fräulein! Sie allein? Sie wollen es wagen?“ „Laßt mich ſorgen!“ „Aber was wollen Sie nur bei den Brüdern?“ „Ihr werdet auch das erfahren. — Wo wollt Ihr mich jetzt unterbringen? Habt Ihr darüber nach⸗ geſonnen?“ Der Bruder war vor Verwunderung und Schreck nicht dazu gekommen. Bereit zur Aufnahme der jungen Dame war er. Er war dankbar für das, was er von ihr erhalten hatte; er dachte an das, was er noch von ihr erhalten werde. Er brauchte nur kurze Zeit nachzuſinnen. „Hier gleich nebenan iſt das Sprechzimmer.“ „Darin kann ich bleiben?“ „Aber es ſind nur ein paar harte hölzerne Bänke darin, kein Bett, kein Stuhl —“ „Eine Bank iſt für mich genug.“ „So treten Sie ein, gnädiges Fräulein.“ „Guter Bruder Fridolin, ich habe vorher noch eine Bitte.“ Der Bruder ſah ſie mit neuer Angſt an. ————— „Ich habe einen Fremden mitgebracht,“ ſagte das Fräulein zum Pförtner. „Er ſteht dort hinter der Mauer. Ihr müßt ihn mit mir einlaſſen und in das Sprechzimmer führen.“ „Heiliger Franziskus!“ rief der Bruder. „Und da ſoll er die Nacht mit Ihnen bleiben?“ „Und er iſt ein Mannsbild?“ „Ihr wolltet ja mich als Frauenzimmer nicht aufnehmen!“ „Aber gutes, liebes, gnädiges Fräulein —“ „Ich rufe ihn, Bruder Fridolin.“ „Noch ein Wort, gnädiges Fräulein! Wer iſt der Fremde 7 „Ein Unglücklicher, der von den Franzoſen ver⸗ folgt wird.“ „Ach, der arme Menſch! Aber wenn es heraus⸗ käme, daß das Kloſter ihn aufgenommen hätte? Wir werden von den Franzoſen nur geduldet. Sie wür⸗ den uns aufheben, fortjagen.“ „Es wird nicht herauskommen, lieber Bruder. Und der Fremde ſteht nun einmal unter meinem Schutze und ich verlaſſe ihn nicht.“ 36 „Aber wer iſt denn dieſer Fremde?“ „Nehmt an, es ſei ein naher Verwandter von mir, ein naher Vetter.“ „Heiliger Franziskus, was ſoll ich thun?“ „Ein gutes Werk, ein Werk der chriſtlichen Liebe, Bruder Fridolin. Solche Werke ſind Gott angenehm und ſein Sohn hat ſie uns befohlen. Ich hole den Fremden.“ „Machen Sie nur geſchwind, Fräulein, daß kein Menſch ihn ſieht.“ Das Fräulein kannte den Bruder, oder die Mönche, oder die Menſchen. Entſchloſſen und unter⸗ nehmend war ſie. Und dem Muthigen gehört ja die Welt. Der Fremde hatte ſich hinter die Ecke der Kloſter⸗ mauer zurückgezogen. Sie eilte zu ihm. „Kommen Sie, mein Herr.“ „Junger Herr, Sie blieben lange. Nimmt man mich ungern auf?“ „Mein Herr, kommen Sie, wenn wir nicht Beide die Nacht im Freien bleiben ſollen.“ Der junge Mann folgte ihr zu der Kloſterpforte. 37 Der Bruder Pförtner hatte die Pforte geöffnet. Er ließ ſie eintreten, verſchloß die Thür hinter ihnen raſch und leiſe, wie er ſie geöffnet hatte. Sie befanden ſich in einem faſt völlig finſteren Raume; erſt nach und nach, als ihre Augen ſich an das Dunkel gewöhnt hatten, unterſchieden ſie etwas darin. Zwei lange Gänge vereinigten ſich an der Pforte, durch die ſie eingetreten waren; jeder erhielt ſein Licht nur durch die wenigen niedrigen Fenſter in der Mauer. Es war kaum Licht zu nennen, was die Dämmerung von außen hereinſandte. Neben der Pforte war ein kleines Stübchen, die Zelle des Bruders Pförtner. Der Bruder führte die beiden Fremden hinein. „Verzeihen Sie hier ein paar Augenblicke,“ ſagte er. „Ich muß ſehen, ob die Paters noch im Refec⸗ torium beim Abendbrode ſind; früher ſind Sie in den Gängen nicht ſicher.“ Er verließ die Zelle. Seine beiden Gäſte verhielten ſich in erwartungs⸗ vollem Schweigen. Nach zehn Minuten kam er zurück. „Folgen Sie mir. Sie ſind Alle in ihren Zellen.“ ———— 38 Er ſchritt voraus, auf ſeinen Sandalen ſo leiſe über die glatten Steine des Ganges, daß man keinen Laut vernahm. Seine beiden Gäſte folgten ihm ebenſo leiſe. Es war unterdeß völlig dunkel geworden. In der Dunkelheit umgab ſie die tiefſte Stille. Das Kloſter war im Viereck um einen kleinen Garten gebaut. Von den beiden Gängen, die an der Eingangspforte zuſamentrafen, lief der eine rechts, längs der Außenmauer, der andere geradeaus, längs dem kleinen Garten. Der Pförtner führte ſie in jenen. In ſeiner inneren Mauer befanden ſich mehrere Thüren. An der zweiten machte er Halt. Sie war ſchon aufge⸗ ſchloſſen. Er öffnete ſie, trat mit ihnen ein. Sie traten in die tiefſte Finſterniß. „Es iſt das Sprechzimmer,“ ſagte er leiſe. „Licht darf ich Ihnen nicht geben, es würde Sie verrathen. Den Schlüſſel zu der Thür habe ich inwendig in das Schloß geſteckt. Wenn ich fort bin, ſchließen Sie ab. Wenn Jemand kommt, ſo machen Sie nicht auf. Man wird meinen, ich hätte den Schlüſſel mit mir genommen.“ 39 „Glaubt Ihr, daß Jemand kommen werde?“ fragte das Fräulein. „Man kann es nicht wiſſen.“ „Wenn man aber von Euch den Schlüſſel ver⸗ langt?“ „So habe ich ihn nicht bei der Hand.“ „Wann werdet Ihr mich rufen?“ „Muß es denn ſein?“ „Ihr wißt es.“ „Es kann Mitternacht werden.“ „Ihr werdet mich wach finden.“ „Noch Eins,“ ſagte der Bruder darauf. „In der Ecke dort, links vom Fenſter, werden Sie Brod und einen Krug Bier finden. Weiter kann ich Ihnen nichts verſchaffen.“ „Kein Glas Waſſer für mich?“ fragte das Fräu⸗ lein. „Ich hätte es nur im Hofe oder in der Küche be⸗ kommen; man hätte mich ſehen können. Wenn Sie aber wünſchen —“ „Ich danke Euch. Alſo um Mitternacht! Welche Stunde haben wir jetzt?“ „Es wird halb neun ſein.“ Der Bruder ging. Das junge Fräulein verſchloß die Thür mit dem Schlüſſel, der inwendig im Schloſſe ſteckte. Beide, der junge Mann und ſein Schützling, in deren Schutze er jetzt ſtand, horchten dann. Der Bruder ging ſo leiſe, daß ſie ſeine Schritte nicht hörten. Nach wenigen Secunden vernahmen ſie einen Laut, als wenn ganz leiſe eine Thür geöffnet und wieder zugemacht werde; der Pförtner war in ſeine Zelle zurückgekehrt. Sie hörten dann nichts mehr. Sie befanden ſich in einer Stille, wie im Grabe. An die Finſterniß hatten ſich unterdeß auch hier ihre Augen mehr gewöhnt; ſie konnten ſehen, wo ſie waren. — Es war ein hohes, viereckiges Gemach von mäßi⸗ gem Umfange, mit einem Fenſter, zwei Thüren, vier ganz kahlen, nackten, weiß getünchten Wänden. Das Fenſter war mit ſtarken, eiſernen Stäben verſehen, lag der Eingangsthür gegenüber. Die zweite Thür lag in der Seitenwand, links von der Eingangsthür. An der Wand, rechts von dieſer, ſtand eine lange hölzerne Bank; eine kleinere war unter dem Fenſter —— — —,———— — aufgeſtellt. Das war Alles, was man in dem Zim⸗ mer ſah; kein Tiſch, kein anderes Möbelſtück befand ſich darin. „Waren Sie ſchon früher in einem Kloſter?“ fragte der junge Mann ſeine Begleiterin, die aber für ihn noch der Knabe von vierzehn oder fünfzehn Jahren war. „Noch nie. Aber Sie?“ „In meiner früheſten Knabenzeit einmal.“ „Und welche Erinnerung hat es in Ihnen zurück⸗ gelaſſen?“ „Wie an ein Mährchen aus der Kinderzeit.“ „Nicht wie an eine Legende?“ „Es war eben nichts Heiliges da. Der Bruder Koch — ich war mit einem Knaben hingegangen, der ein Verwandter des Kochs war; dieſer hatte ihn und mich eingeladen. Wir wurden zuerſt in die Küche ge⸗ führt; wir erhielten dort Jeder ein großes Butterbrod; der Koch ſchmierte es uns. Das Brod war ein ganz beſonderes, wie es nur im Kloſter gebacken wurde, aber es war gut; die Butter war dick aufgelegt; es ſchmeckte uns Knaben vortrefflich, und, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, dieſes Butterbrod iſt mir am Lebendigſten 42 im Gedächtniſſe geblieben. Ihm folgte ein großer, goldgelber Kater mit dunkelbraunen Streifen. Er lag in dem Küchenfenſter und ſonnte ſich; die Augen hatte er in ſeiner Behaglichkeit geſchloſſen. Einmal öffnete er ſie. Es ſah mich mein Butterbrod verzeh⸗ ren; er zeigte keinen Neid. Er war ja auch ſo wohl⸗ genährt. Es kam mir faſt vor, als wollte er mir ſagen: Ich wünſche dir guten Appetit; ich weiß auch, wie ſolch' ein Butterbrod ſchmeckt. Außerdem wur⸗ den wir in dem Kloſter herumgeführt, Trepp' auf, Trepp' ab, durch lange Gänge, die einer ausſahen, wie der andere —“ „Still!“ unterbrach der Knabe den Erzähler. „Hören Sie etwas?“ fragte der junge Mann. „Ich meinte — dort rechts im Gange.“ Sie horchten. Sie hörten nichts. „Sie irrten ſich wohl.“ „Ich glaube es auch.“ „Aber es iſt doch etwas.“ „In der Nähe der Zelle des Pförtners.“ „An der Zelle ſelbſt.“ „Sie wird geöffnet.“ „Und jetzt wird die Kloſterpforte aufgemacht.“ 43 „Und zwei Stimmen ſprechen mit einander.“ „Sie reden lange.“ „Wer kann noch in das Kloſter gekommen ſein?“ „Horchen wir weiter.“ „Sie ſprechen noch zuſammen.“ „Da gehen ſie auseinander.“ „Ein Schritt geht in den Gang links.“ „Und der andere in die Pförtnerzelle.“ „Der Pförtner iſt in ſeine Zelle zurückgekehrt.“ „So haben wir uns umſonſt geängſtigt.“ „Sie hätten ſich geängſtigt?“ fragte der junge Mann. „Für Sie! Ich fürchtete einen Gensdarmen, der Sie verfolgte.“ „Und Sie ängſtigen ſich jetzt nicht mehr?“ „Wenn der Pförtner in ſeine Zelle zurückkehrte, ſo hatte er keinen Fremden eingelaſſen, ſondern einen Bewohner des Kloſters, der ſeinen Weg allein fand.“ ein „Ihre Folgerung erſcheint richtig.“ „Mein Herr, wiſſen Sie, daß mir auch für mich Stein vom Herzen gefallen iſt?“ „Für Sie?“ Das Fräulein hatte etwas auf dem Herzen. Sie überlegte, ſie kämpfte eine Weile mit ſich. Dann ſprach ſie muthig: „Mein Herr, würden Sie mich heute Nacht be⸗ ſchützen?“ „Würden Sie hier meines Schutzes bedürfen?“ „Es wäre möglich — Es iſt wahrſcheinlich.“ „So ſind Sie deſſen gewiß.“ „Sie haben Muth, mein Herr. Sind Sie auch verſchwiegen?“ „Junger Herr, Sie ſtellen eigenthümliche Fragen an mich.“ „Wenn Sie mich heute Nacht beſchützen wollen, ſo würde ich noch mehr auf Ihre Verſchwiegenheit, als auf Ihren Muth rechnen dürfen.“ „Sie ſind auch meiner Verſchwiegenheit gewiß.“ „Sie werden Geheimniſſe erfahren, die für Sie von Wichtigkeit ſind.“ . „Ich werde ſie für immer in meiner Bruſt ver⸗ ſchließen.“ „Eins muß ich Ihnen ſchon jetzt mittheilen: Ich bin kein Knabe.“ „Ach . neun. 45 Der junge Mann war doch gar ſehr überraſcht. „Sie hatten keine Ahnung?“ fragte ihn die Dame. „Nicht die geringſte.“ „Sie ſind ſehr —“ Aber ſie brach ab. Sehr arglos! hatte ſie wohl ſagen wollen. Als Dame durfte ſie es nicht. An ihn wenden mußie ſie ſich aber wieder. Auf dem Thurme der Kloſterkirche ſchlug die Uhr „Noch drei Stunden, mein Herr. Sie hörten, wie ich von dem Pförtner bis um Mitternacht Ab⸗ ſchied nahm.“ „Ich hörte es.“ „Er wird mich dann zu einem andern Theile des Kloſters führen. Werde ich Sie bitten dürfen, mich zu begleiten?“ „Ich verſprach Ihnen meinen Schutz.“ „Aber, mein Herr, wir gehen einem Auftritte, einer Begegnung entgegen, vor denen es dem alten Manne graute.“ „Mein — hm, meine verehrte Dame, gnädige Frau oder gnädiges Fräulein?“ 2 „Nennen Sie mich Fräulein.“ „Mein gnädiges Fräulein, Sie erkannten meinen Muth an.“ „Mein Herr — wie darf ich Sie nennen? „Mein Name iſt Franz Holden.“ „Herr Franz Holden, verzeihen Sie mir meine Bemerkung, die übrigens Ihren Muth nicht in Zweifel ſtellen ſollte. Ich glaubte nur, daß Sie es wüßten, was uns erwartet.“ „Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Mittheilung, mein Fräulein.“ „Und nun, Herr Holden, Sie werden müde ſein?“ „Ich kann Strapazen ertragen.“ „Sind Sie ſchon lange auf der Flucht?“ „Seit vorgeſtern.“ „Und wo brachten Sie die die Nächte zu?“ „Die erſte im Heu einer Bauernſcheune, die zweite in dem friſchen Heu einer Wieſe.“ „Und Sie konnten ſchlafen?“ „Vortrefflich.“ „Aber wie war es bei Tage? Haben Sie heute ſchon etwas genoſſen?“ — „Heute früh einen Napf friſcher Milch und heute Mittag ein Stück Brod.“ „Hm, mein Herr, verſuchen wir, was der gute Bruder Fridolin uns hier beſcheert hat. Kommen S Sie gingen zu dem Winkel, in welchem der Bru⸗ der Lebensmittel für ſie geſtellt hatte. Sie fanden ein Brod und einen Krug Bier. Die junge Dame nahm das Brod.“ „Nehmen Sie den Krug, mein Herr.“ Sie ging zu der langen Bank an der Seiten⸗ wand. Er folgte ihr mit dem Kruge. „Setzen wir uns, mein Herr.“ Er mußte ſich zu ihr ſetzen. Sie fuhr fort: „Da ich kein Meſſer habe, ſo erlauben Sie, daß ich das Brod breche.“ Sie brach das Brod in zwei ungleiche Stücke. Das größere gab ſie dem jungen Manne. „Sie werden mehr Hunger haben als ich. Ich hielt zu Mittag noch eine gute Mahlzeit.“ Er nahm das Stück. i Krug.“ ſprechen wollte. werden auch Sie trinken dürfen.“ Finſterniß durchbrechen zu wollen, um zu ſehen, wo er ſeine Lippen anſetzte. ihrigen berührt war? 48 Sie aßen Beide ihr Brod. „Sie werden auch Durſt haben,“ ſagte ſie dann. „Ich leugne es nicht.“ „Warum trinken Sie nicht?“ Sie haben ja den „Es iſt kein Glas da.“ „Ach, mein Herr, Sie ſind zu —“ Sie unterdrückte wieder das Wort, das ſie aus⸗ „Geben Sie mir den Krug,“ ſagte ſie. Er gab ihr den Krug. Sie ſetzte den Rand an ihre Lippen und trank. Sie gab ihm den Krug zurück. „So, mein Herr, ich habe Ihnen kredenzt. Jetzt Er trank. Sie ſchien doch mit ihren lebhaften Augen die Ob ſie ſah, daß er die Stelle ſuchte, die von den Sie hatten ihr einfaches Nachtmahl beendet. 49 „Mein Herr,“ ſagte die junge Dame, „haben Sie ein Lieblingsgedicht?“ „Manche.“ „Das Sie allen anderen vorziehen, meine ich.“ „Ich wüßte nicht.“ „Darf ich Ihnen das meinige nennen?“ „Ich bitte darum.“ „Eigentlich ſind es nur drei Verſe: Wer nie ſein Brod mit Thränen aß, Wer nie in kummervollen Nächten Auf ſeinem Bette einſam ſaß, Der kennt — Was nun folgt, hätte fortbleiben können. Der kennt den lieben Gott nicht, wäre mir lieber geweſen, wenn es ſich auch nicht reimte.“ „Haben Sie ſchon Ihr Brod mit Thränen ge⸗ geſſen?“ fragte Franz Holden. „Auch ſchon einſam kummervolle Nächte auf Ihrem Bette durchwacht?“ mit Her Sie ſprach die Worte mit Heftigkeit, mit Bitterkeit faſt. Sie ſprang von der Bank auf. Temme, Criminal⸗Novellen. III. „Ich verlor meinen Vater,“ ſagte ſie. „Und, mein Herr — Sie werden es heute Nacht hören.“ Sie trat an das Fenſter. Sie blickte in die Höhe; ſie mußte zu dem Nachthimmel hinaufblicken. Er war dunkel, mit Wolken bedeckt; man ſah keinen Stern. Sie zeigte hinauf. „So war es in meiner Seele, lange Jahre. Noch jetzt oft. In dieſem Augenblicke wieder. Aber dieſe dunkle Nacht ſoll mir ja endlich Licht bringen.“ Auf einmal flog ſie von dem Fenſter zurück. „Was war das?“ fragte ſie leiſe. „Sahen Sie nichts? Am Fenſter?“ „Ich ſah nichts.“ „Ein Schatten zog vorüber. Ein noch dunklerer Gegenſtand, als die Dunkelheit der Nacht.“ „Erkannten Sie ihn?“ „Es ſchien mir ein Geſicht zu ſein, das hier her⸗ einblickte. Aber wie ich es ſah, war es wieder ver⸗ ſchwunden.“ „Sie werden ſich geirrt haben! Wer ſollte her⸗ einblicken wollen? Niemand weiß von unſerer An⸗ weſenheit. Der Bruder Pförtner müßte es denn ge⸗ weſen ſein.“ „Was ſollte er gewollt haben?“ „Ich weiß es nicht. Und darum eben glaube ich, daß Sie ſich irrten.“ „Es wäre möglich. Ich war aufgeregt. Ich bin es noch.“ „Wir werden es erfahren,“ ſagte der junge Mann. Er ſtieg auf die Bank, die unter dem Fenſter ſtand. „Man wird Sie von außen ſehen,“ ſagte die Dame. „Seien Sie unbeſorgt.“ Er hielt ſich an der Seitenwand des Fenſters. In dem Gemache war es dunkler als draußen. So konnte von außen unmöglich ihn Jemand erblicken. „Ich ſehe nichts,“ ſprach er in das Zimmer zurück. „Wohin führt das Fenſter?“ fragt die Dame. „Ich glaube, in einen Garten; ich ſehe Strauch⸗ werk, Gänge, eine Laube; rund umher hohe Ge⸗ bäude. Ah, da ſehe ich auch etwas ſich bewegen.“ „Was iſt es?“ —B —— — 52 „Kein Menſch. Es geht auf Vieren.“ „Ein kriechender Menſch —“ „Es iſt kleiner, und — ah, mein Fräulein, ſoll ich Ihnen ſagen, was Ihr Etwas war, das Sie noch dunkler fanden, als die Dunkelheit der Nacht?“ „Nun?“ „Ein großer, ſchwarzer Kater ſpaziert dem Ge⸗ büſche zu; er kommt von hier. Er wird meine zweite Kloſtererinnerung bleiben.“ . „Er?“ fragte das Fräulein, und man hörte ihr an, wenn es in der Finſterniß auch nicht ſah, wie ſie ihre ſchönen Lippen höhniſch aufwarf und dann doch ein wenig pikirt wieder zuſammenpreßte. Der junge Mann trat von der Bank zurück. „Schlafen wir jetzt, mein Herr,“ ſagte die junge Dame. „Der Pförtner wird uns wecken, wenn es Zeit iſt.“ Sie kehrten zu der langen Bank zurück. Dann fragte ſie doch: „Haben Sie Platz auf der kleinen Bank?“ „Ich lege mich auf die Erde,“ erwiderte der junge Mann. „Warum?“ —————— 53 „Man ſchläft da am ſicherſten.“ „Sie haben Recht. Gute Nacht, mein Herr!“ „Gute Nacht, mein Fräulein!“ Er legte ſich vor der kleinen Bank auf die Erde. Sie that desgleichen vor der großen. Ob ſie bald einſchliefen? An der fremden, ein⸗ ſamen Stätte?“ Auf dem harten Lager? Jedes von ihnen in der Geſellſchaft eines Unbekannten, den ſie heute zum erſten Male in ihrem Leben geſehen hatten? Dazu der Eine ein junger Mann, die An⸗ dere eine junge Dame! Was erwartete, was fürch⸗ ————————— tete Jedes von dem Andern? Fragte ſich der junge Mann: „Wird ſie mir vertrauen?“ Die junge Dame: „Darf ich ihm vertrauen?“ Er ſchlief bald ein. Er war ein armer Verfolg⸗ ter; die Säbel der Gensdarmen waren über ihm ge⸗ zuckt, ihre Büchſen auf ihn gerichtet; aber er war ein müde und matt Gehetzter; der Körper bedurfte der Ruhe und Erholung; er widerſtand der Angſt und Furcht; er ſchlief ein; er ſchlief ruhig; ſein ruhiger Athem bezeugte es. „Er ſchläft,“ ſagte die junge Dame leiſe für ſich. 54 Sie ſprach es in einem Tone, der doch anzeigte, daß ſie ſich beruhigt fühle. Im Tone der Verwun⸗ derung mußte ſie dann fortfahren: „Und ich? Ich war wohl mehr als leichtſinnig. Aber ich war es nicht aus leichtſinnigem Herzen. Es war das Mitleid mit ihm. Hm, auch wohl ein klein wenig —. Aber er iſt ein braver Menſch, und der Himmel hat wohl nur auf mein Mitleid geſehen und beſchützt mich.“ Auch ſie ſchlief ein. —————————— 2. In der Kloſterkirche. Sie ſchliefen noch Beide. Die junge Dame erwachte. Sie fuhr erſchrocken aus dem Schlafe empor. Sie horchte, wie nach einem Geräuſche, durch das ſie geweckt ſein müſſe. Sie hörte nichts, als den ruhigen Athem ihres Reiſe⸗ gefährten, der noch ſchlief. „Aber es war doch etwas,“ ſagte ſie ſich. „Sollte der Bruder an der Thür geweſen ſein, mich zu wecken? Aber er würde noch einmal anklopfen, und es bleibt Alles ſtill.“ Sie erhob ſich dennoch von ihrem harten Lager. Sie ging leiſe an die Thür, um in den Gang hinein⸗ zuhorchen. Sie hörte nichts. „War es vielleicht draußen? Wieder am Fenſter?“ Sie blickte hin; ſie ſah nichts. Näher hinzutreten, auf die Bank ſteigen, um hin⸗ 56 durchzublicken, durfte ſie nicht. An der Bank unter dem Fenſter ſchlief ihr Begleiter. „Welche Zeit es ſein mag?“ Sie horchte, ob die Uhr auf der Kloſterkirche nicht ſchlagen werde. Sie hörte auch die Uhr nicht ſchlagen. Aber draußen ſchien es hell werden zu wollen. Ein ganz leiſer Lichtſchimmer drang an das Fenſter, wie die erſte Morgendämmerung oder der hell auf⸗ gehende Mond. „Der Mond!“ ſagte das Fräulein. „Jetzt wird er kommen!“ Sie legte ſich nicht wieder nieder. Sie ſetzte ſich auf die Bank, vor der ſie geſchlafen hatte. Sie ſaß wartend da, nach der Thür, nach dem Gange hin horchend. Bald hörte ſie etwas. Aber es war nicht in dem Gange, nicht an der Thür, die in den Gang führte. Hinter der zweiten Thür des Gemaches, links von der Eingangsthür, gerade gegenüber der Bank, auf der die junge Dame ſaß, vernahm ſie ein Geräuſch, wie wenn dort ein Menſch ginge, leiſe, langſam, auf dem Boden hinſchlürfend, um nicht durch Auftreten ſich zu verrathen. Das Fräulein erſchrak heftig. „Wer war das? Wer kann da ſein?“ „Der Pater Fridolin will horchen, ob wir ſchla⸗ fen,“ wollte ſie ſich dann beruhigen. Aber ſie mußte gleich darauf den Kopf ſchütteln. „Und wer könnte es ſonſt ſein?“ Sie hörte nichts mehr. Sie wagte dennoch nicht, +— ſich zu rühren. Sie lauſchte mit Schrecken den . Athemzügen ihres Gefährten, ſie könnten von dem Horcher drüben gehört werden, meinte ſie. Draußen wurde es heller. . Sie hatte darauf gewartet. Der aufgehende Mond ſollte ſie zu ihrem Ziele führen. Sie erſchrak jetzt vor ſeiner Helle. Dann ergriff ein neuer Schreck ſie. Wenn die Thür drüben, hinter der ſie das Gehen gehört hatte, geöffnet würde? War ſie von innen, von dieſer Seite, zu ver⸗ ſchließen? Sie wagte nicht, ſich zu erheben, um es zu „ verſuchen. * — — — ——— 58 „Aber welche Gefahr droht mir hier denn?“ fragte ſie ſich dann wieder. „Wenn ich auch entdeckt werde — Niemand wird mir nur ein böſes Wort ſagen; ſie empfangen zu viel vom Hauſe Hallenberg. Darum würde auch dem Bruder Fridolin nichts ge⸗ ſchehen. Nur den Pater Vitalis und ſeinen ſchreck⸗ lichen Gefährten ſuche ich nicht, und —“ Da erinnerte eine muthige Bewegung ihres ſchla⸗ fenden Gefährten ſie an etwas Anderes. „Aber er? Wenn er entdeckt würde? Wenn die Franzoſen einen Anhänger, einen Spion im Kloſter hätten? Er wäre verloren, und mit ihm das Kloſter, und ich trüge die Schuld, ich allein!“ Die ſchwerſte Angſt ergriff ſie. „Ihn, den ich retten wollte, hätte ich in das Ver⸗ derben gebracht! Das muthige, junge Leben!“ Sie hörte Schritte draußen im Gange, in der Nähe der Pförtnerzelle. „Ach, der Bruder Pförtner!“ Aber die Schritte kamen nicht näher, nicht in den Gang, der zu dem Sprechzimmer führte; ſie ſchienen ſich zu entfernen, in dem andern Gange, der auf die Pförtnerzelle zulief. Sie verloren ſich dort. 59 Das Fräulein horchte ihnen mit klopfendem Herzen nach; ſie vernahm ſie nicht mehr. Es war rund umher wieder Todtenſtille. Man hörte nur die Athemzüge des ſchlafenden jungen Mannes, die wie⸗ der ruhig geworden waren. Dann wurde doch wieder ein anderer Ton laut; drüben, jenſeits der Seitenthür. Es war, als wenn dort eine Thür geöffnet werde. Die Thür neben der des Seitengemachs? War es der Bruder Fridolin, der ſie öffnete? War er doch ſchon vorher dageweſen? Aber es wurde geſprochen: zwei Stimmen flüſter⸗ ten mit einander; in dem Seitengemach, an deſſen anderer Seite, dort, wo die Thür geöffnet war. Es war ein neues Räthſel für das Fräulein. Wen konnte der Bruder Fridolin in ihre Nähe kommen laſſen, da doch gerade ihm am meiſten daran lag, daß kein Menſch im Kloſter von ihrer Anweſenheit wiſſe?“ Sie vernahm nichts mehr. Dann näherte ſich ein raſcher Schritt in dem Gange, an dem das Sprechzimmer lag. Er hielt vor der Thür des Zimmers. An die Thür wurde geklopft. 60 Das Fräulein ſprang auf und eilte zur Thür. „Wer iſt da?“ „Der Bruder Pförtner. Sind Sie fertig?“ „Ich werde meinen Begleiter wecken.“ „Bereiten Sie ſich.“ Sie ging zu dem jungen Manne. Er ſchlief noch. Der Schein des Mondlichtes erhellte ſein Geſicht. Das Geſicht zeigte ſo ſchöne und ſo edle Züge; es lag eine ſo ſtille Ruhe auf ihnen. Der Bruſt des Fräuleins entſtieg ein Seufzer, als ſie ihn weckte — daß ſie ihn wecken mußte! „Herr Franz Holden!“ Er erwachte nicht. „Herr Holden!“ rief ſie noch einmal. Er ſchlief gar zu feſt. Sie mußte ihn aus dem Schlafe aufrütteln. Sie zögerte doch, den ſchlafenden jungen Mann zu berühren. Aber ſie mußte es. Sie faßte ſeine Hand. Sie wollte ſie ſchütteln; unwillkürlich drückte ſie dieſelbe. Er fuhr auf. „Ha, wer iſt da?“ rief er. 61 Er öffnete die Augen; er ſah in ihr ſchönes Ge⸗ ſicht; er ſah die ſchöne Röthe der Scham, die Ver⸗ wirrung des Mädchens darin. „Ach!“ rief er. Er hielt die Hand feſt, die die ſeinige gefaßt hatte, die ſich ihm entziehen wollte. Er drückte ſeine Lippen darauf. „Mein Herr, es iſt Zeit!“ konnte die Verwirrte nur ſagen. „Der Bruder Pförtner hat uns geweckt.“ Er ließ ihre Hand los; er ſprang auf, mit ihr zu der Thür. Sie öffneten dieſelbe; ſie wollten durch ſie ſchrei⸗ ten; der Bruder Fridolin trat ihnen entgegen, in das Zimmer. Er verſchloß die Thür hinter ſich. „Ich habe vorher mit Ihnen zu ſprechen.“ Seine Stimme war eine beſorgte, faſt ängſtliche. „Was iſt es, Bruder Fridolin?“ „Der eine der beiden jungen Herren iſt ver⸗ rathen.“ „Guter Bruder,“ ſagte das Fräulein, „der Herr hier weiß, daß ich kein junger Herr bin.“ — — — — 2 — 1 „Sie dann, junger Herr!“ wandte ſich der Pfört⸗ ner an Franz Holden. „Und wie?“ „Der Pater Lector, er verſieht das Pfarramt in den Gebirgsdörfern, die zum Kloſter gehören, ward noch geſtern Abend ſpät zu einem Kranken in einem der Dörfer gerufen. Auf dem Rückwege hatte der Bauer, der ihn zu dem Kloſter geleitete, ihm erzählt, daß heute im Gebirge von den Gensdarmen ein junger Mann verfolgt ſei, der einen franzöſiſchen Offizier im Streit erſtochen habe. Iſt es ſo mit Ihnen, junger Herr?“ „Es iſt ſo!“ ſagte Franz Holden. „So hören Sie weiter. Die Spur des Verfolg⸗ ten ſei in der Nähe des Kloſters verloren. Man wiſſe aber nichts Beſtimmtes darüber, daß er im Kloſter Aufnahme gefunden habe, und wolle daher in der Nacht nicht hineindringen. Alle Ausgänge ſeien aber beſetzt. Der Pater Lector, als er zurück⸗ kam, fragte mich, ob kein Fremder im Kloſter ſei. Ich durfte das gnädige Fräulein nicht verrathen, alſo auch Sie nicht. Ich leugnete Sie ab. Ich hätte es nicht thun ſollen. Der Pater Lector iſt ein ängſt⸗ 3 licher und mißtrauiſcher, aber auch ein braver Mann. Bei ſeinem Mißtrauen hatte er meinen Worten nicht geglaubt, und er iſt die halbe Nacht umhergeſchlichen, bis er die Gewißheit hatte, daß zwei Perſonen hier im Sprechzimmer ſeien. Als ich vorhin meine Zelle verließ, um Sie zu wecken, trat er mir aus dem Zimmer dort nebenan entgegen. Ich mußte ihm Alles geſtehen. Er verzieh mir und verſprach, dem Pater Guardian keine Anzeige zu machen, aber der fremde Herr müſſe zur Stunde das Kloſter verlaſſen.“ „Und ich?“ rief mit ihrer Lebhaftigkeit das Fräulein. „Von Ihnen, gnädiges Fräulein, wollen wir nachher ſprechen.“ „Jetzt gleich!“ rief befehlend das Fräulein. „Ich muß zuerſt den jungen Herrn bitten, mir zu folgen.“ „Wohin?“ „Aus dem Kloſter.“ „Nimmer! Nimmermehr!“ „Gnädiges Fräulein,“ ſagte Franz Holden, „es iſt eine Pflicht für mich, zu gehen.“ — ————— 7 ¹ „Ihre Pflicht, mein Herr, iſt, nicht frevelhaft Ihr Leben zu wagen.“ „Darf ich bitten, mir ruhig zuzuhören, mein Fräulein?“ „Ich brauche nichts mehr zu hören. Es iſt eine Grauſamkeit, eine Unmenſchlichkeit, Sie in die Nacht, in den Verrath, in den Tod hinauszuſtoßen. Und Euer Pater Lector ſoll ein braver Mann ſein, wird ſeinen Pfarrkindern von chriſtlicher Liebe vorſprechen wollen!“ Das Fräulein war in Eifer, in Zorn gerathen. Der junge Mann war ruhig geblieben. „Ich muß Sie dennoch bitten, mir zuzuhören, mein Fräulein,“ ſagte er. „So reden Sie.“ „Ich kenne die Stellung dieſer Klöſter unter der Fremdherrſchaft in unſerem Vaterlande. Sie werden von der franzöſiſchen Regierung geduldet, widerwillig genug, aber um den frommen Sinn der Leute nicht zu verletzen. Bei dem geringſten ſcheinbaren Vor⸗ wande würde man ſie aufheben. Welch' ein beſſerer Vorwand könnte ſich finden laſſen, als die heimliche Beherbergung eines Mörders, der einen Offizier des 65 Kaiſers getödtet hat? Nicht blos dieſes Kloſter, alle Klöſter des Landes würden büßen müſſen.“ „So iſt es,“ beſtätigte der Bruder Pförtner. „Aber Sie ſind kein Mörder, mein Herr!“ rief das Fräulein. „Man wird mich dazu machen. Indeß gleichviel. Meine Pflicht gebietet mir, zu gehen.“ „Wohlan, mein Herr, ſo gehe ich mit Ihnen.“ Der junge Mann hatte entſchloſſen geſprochen, die junge Dame rief ihre Worte mit nicht minderer Ent⸗ ſchloſſenheit. „Sie, mein Fräulein?“ „Ich, mein Herr! Kommen Sie. Auf der Stelle. Ich führe Sie über die Grenze in Sicher⸗ heit, oder —“ „Oder, mein Fräulein?“ „Oder ich ſterbe mit Ihnen. Was iſt ohnehin mein Leben? Kommen Sie. Gehen wir.“ Der junge Mann ſtand überraſcht, verwirrt, ohne einen Entſchluß. Die Thür des Gemachs öffnete ſich. Ein kleiner, wohlgenährter Mönch trat herein. „Der Herr Pater Lector!“ ſagte der Pförtner. Temme, Criminal⸗Novellen. III. 5 Die junge Dame eilte auf ihn zu. „Ruhig, meine Tochter. Ich habe jedes Wort gehört, das hier geſprochen wurde. Die Worte unſers Erlöſers predigen wir nicht blos von der Kanzel, wir verwirklichen ſie nach unſeren Kräften auch im Leben: Wer einen Armen aufnimmt, der nimmt mich auf, ſprach der Herr, der göttliche Freund der Armen. Sie, junger Mann, ich verlor keines Ihrer Worte — ſind ein Armer, der des höch⸗ ſten Schutzes würdig iſt. Unſer Kloſter hat ver⸗ borgene Gemächer, die kein menſchlicher Sinn entdeckt. Sie haben in früheren, finſteren Zeiten zu Zwecken einer Gerechtigkeit gedient, die keine Gerechtigkeit war; mögen ſie jetzt einmal ein Aſyl gegen Verfolgungen gewähren, die man in dieſer Zeit wieder Gerechtigkeit nennt. Sie bleiben bei uns, bis keine Gefahr mehr für Sie da iſt. — Nun aber, meine liebe Tochter, noch ein paar Worte zu Ihnen beſonders. Ich weiß, was Sie hier ſuchen. Sie werden es finden. Es wird Ihnen das Herz nicht ruhiger und nicht leichter machen; aber es wird Ihnen klarer und ſicherer den Weg Ihres Lebens vorzeichnen. Darum treten Sie mit Vertrauen auf Gott den ſchweren Gang an. Ich 67 darf Sie auf ihm nicht geleiten; für den Bruder Pförtner würde es nicht gut ſein, das zu erfahren, was Sie wiſſen müſſen. Allein dürfen Sie als ſchwaches Weib nicht ſein. So ſei dieſer junge Herr, wie Sie es wünſchen, Ihr Begleiter. Der Bruder wird Sie hin⸗ und zurückführen. Gott ſei mit Ihnen!“ Der kleine runde Mönch verſchwand, bevor ihm ein Wort des Dankes geſagt werden konnte. „Gehen wir!“ ſagte der Bruder Pförtner zu dem Fräulein und zu Franz Holden. Sie verließen mit ihm das Sprechzimmer; ſie folgten ihm weiter. Er führte ſie durch den langen Gang, an dem das Sprechzimmer lag. Es war dunkel darin; der Mond ſchien nicht von der Seite, auf der ſeine Fenſter ſich befanden. Nur die weißgetünchten Wände ließen erkennen, wo man war, zeigten die dunklen Thüren an der innern Seite. Sie gelangten in einen zweiten Gang; er war dunkel, wie der, den ſie ver⸗ ließen. An ſeinem Ende erreichten ſie eine Treppe. „Wir müſſen hinauf,“ ſagte der Bruder, „aber gehen Sie ſo leiſe, wie möglich. Oben ſind die Zellen der Patres. Einer oder der Andere könnte 5* 68 wach ſein. Es ſind alte Leute, die nicht viel Schlaf mehr haben.“ Sie ſtiegen, ſo leiſe, wie ſie konnten, die Treppe hinauf. Oben waren ſie in einem ähnlichen Gange wie der, den ſie verlaſſen hatten; nur waren zu beiden Seiten Thüren; es lag dort Zelle an Zelle; freilich waren nur noch wenige bewohnt. Das Kloſter war von der Regierung auf den Ausſterbeetat ge⸗ bracht. Die Stille in dieſem Gange wurde ein paar Mal unterbrochen. Man hörte durch einige Thüren ein Gemurmel. „Man betet um Mitternacht in den Zellen,“ ſagte der Bruder, als ſie den Gang verlaſſen hatten. Sie ſtanden am Fuße einer zweiten Treppe. Sie erſtiegen auch dieſe. Sie befanden ſich oben in einem ſchmalen Gange, der zu beiden Seiten, aber erſt hoch an der Decke, kleine, enge Fenſter hatte. Von der einen Seite fiel das Mondlicht herein; es ließ nur graue Wände unterſcheiden, durch denen die drei Nachtwanderer ſchritten. An dem Ende des Ganges befand ſich eine Thür. Der Pförtner öffnete ſie; ſie traten hindurch. Sie waren in einem undurchdringlichen Dunkel. „Gehen Sie hier vorſichtig,“ ſagte der Pförtner. „Wir müſſen hinunter, auf einer engen Wendeltreppe. Sie werden ein Seil finden, halten Sie ſich feſt daran.“ Es war, wie der alte Mann ſagte. Er ging voraus. Ihm folgte das Fräulein. Sie hielt ſich an dem Seile; ſie mußte ſich dennoch mit der anderen Hand auf die Schulter des Bruders ſtützen; der junge Mann hinter ihr beugte ſich zu ihr nieder, um mit ſeiner kräftigeren Hand den Arm zu halten, mit dem ſie das Seil gefaßt hatte. Sie mußte ihm den ſchönen runden Arm laſſen. Sie be⸗ durfte der Hülfe; die Treppe war ſo ſteil und ſo hoch, die Stufen waren ſo ſchmal, daß kaum der halbe Fuß ſie berührte; die undurchdringlichſte Fin⸗ ſterniß herrſchte; man glaubte, über einem tiefen, dunklen Abgrunde zu ſchweben, und Frauennerven ſind nun einmal ſchwächer, als die des Mannes. Sie mußten ſich lange ſo auf der ſteilen, ſchmalen und dunklen Wendeltreppe hinunter winden. Die Treppe führte aus dem zweiten Stockwerk bis zu ebener Erde. Unten waren ſie in einem gleich dunklen Raume, 70 wie oben. Aber die tiefe Stille, die oben geherrſcht hatte, war nicht mehr hier unten. Vor ſich ver⸗ nahmen ſie ein ſonderbares Geräuſch. „Wo ſind wir hier?“ fragte vas Fräulein ihren Führer. „Vor der Kloſterkirche! An dem Eingange, der aus dem Kloſter hineinführt, den die Mönche nehmen.“ „Und was für ein Geräuſch iſt das?“ „Sie werden es erfahren, wenn Sie hineingehen. Sie wollen doch hinein?“ „Ich muß.“ Das Fräulein ſagte das doch mit gepreßter Stimme. „Ihr werdet nicht mit hineingehen, Bruder Fri⸗ dolin?“ fragte ſie dann. „Ich kann nicht. Ich darf ja auch nicht. Sie hörten es vom Pater Lector.“ „Aber Ihr werdet auf unſere Rückkehr warten?“ „Oben an dem Durchgange; man hört dort das leiſeſte Geräuſch von unten.“ Er meinte den ſchmalen Gang, in den oben die Wendeltreppe mündete. „Habt Ihr mir nichts mehr zu ſagen, Bruder?“ 71 „Halten Sie Ihre Kraft zuſammen, mein liebes Fräulein. Und Sie, junger Herr, nun, Sie werden ja den Kopf nicht verlieren.“ Der alte Mann verließ ſie; ſie hörten ihn lang⸗ ſam die Wendeltreppe hinaufſteigen. „Aber was für ein ſeltſames Geräuſch iſt da in der Kirche?“ mußte das Fräulein ihren Begleiter fragen. ℳ Der junge Mann hatte ſo wenig eine Antwort, wie ſie. Es war wohl ein ſeltſames, ſonderbares Geräuſch, das ſie vernahmen. Es fiel wie Schläge auf irgend einen Gegenſtand, langſam, regelmäßig, dumpf; es wurde von leiſem Stöhnen begleitet; manchmal wurde das Stöhnen zu einem halb unterdrückten Jammern. Dann folgte ein lauteres Murmeln, wie man oben in den Kloſter⸗ zellen die Nachtgebete der Mönche gehört hatte. Das Stöhnen und nur von einer Stimme ausgegangen; in dem Gebete glaubte man zwei Stim⸗ men vereinigt zu hören. Dem Beten folgte die tieſſte Stille, der Stille wieder ein dröhnender Schlag, und dem Schlage wieder das Stöhnen und Jammern und 72 Beten, und dann wieder die tiefe Stille, und dann wieder der dröhnende Schlag. Und das Alles tönte und hallte wider an den weiten Mauern, an hoher Deckenwölbung, in der Stille und Dunkelheit der Mitternachtsſtunde, in der alten Kloſterkirche. Hatte es ſchon lange ſo gedauert? Wie lange ſollte es noch währen? „Ach, das iſt entſetzlich!“ ſagte das Fräulein, und man hörte dem Zittern der Stimme das Beben ihres Herzens an. „Das iſt ſchrecklicher, als die Einbil⸗ dungskraft es ſich vorzuſtellen vermochte!“ „Sie wiſſen, was es iſt?“ fragte ihr Begleiter. „Jetzt, ja! Es iſt ein Werk des Wahnſinns, eine Geißelung! Zwei Wahnſinige —“ Das Fräulein brach in ihrem Entſetzen ab. „Und die Mönche laſſen es zu?“ fragte Franz Holden. „Sie müſſen, um noch Schrecklicheres zu ver⸗ hüten.“ „Dürfen Sie mir erzählen?“ „Hören Sie. In der Kirche hier neben uns ſind zwei Unglückliche. Ein Mord hat ſie wahnſinnig ge⸗ * —— macht. Ein gemeinſchaftlicher Mord. Der Eine hatte ihn befohlen, der Andere ihn durchgeführt, oder doch an der Ausführung Theil genommen. Aber auch Jener hatte nur wieder einem höheren Befehle gehorcht. Und es war ja, wie dieſer Befehl es nannte, kein Mord; ein Act der Gerechtigkeit ſollte es ſein. O, mein Herr, wie viel Gerechtigkeit, wie viele Verbrechen üben die Menſchen aus im Namen der Gerechtigkeit! Aber das Volk nannte es doch Mord, und bald auch das Gewiſſen dieſer beiden Unglücklichen. Und die beiden Unglücklichen flohen in dieſes Kloſter, zu dem Aſyl des ſtillen, einſamen, inbrünſtigen Gebetes. Aber der Wahnſinn kam über ſie, über ſie Beide. Er warf ſie in ſtilles, bewußt⸗ loſes Hinbrüten. Nur wenn die Zeit des Mordes wiederkehrt, kehrt das Bewußtſein in ſie zurück, taucht eine Erinnerung ihres Verbrechens in ihnen auf, ſie bringt ihnen das Blut in wilde Gährung, und nur eine wilde Buße kann es wieder beruhigen. Der Eine findet ſie in jener furchtbaren Geißelung ſeines Körpers, der Andere, der Diener, darin, daß er die⸗ ſen entſetzlichen Act an ſeinem ehemaligen Herrn vollzieht. Die Mönche müſſen es dulden; nur ſo 1 können ſie Ausbrüchen voller, anhaltender Raſerei entgegentreten.“ Die junge Dame ſchwieg; ein innerer Schauder ließ ſie nicht weiter ſprechen. „Und zu den beiden Wahnſinnigen wollen Sie?“ mußte der junge Mann ſie fragen. „Ich muß.“ „Und Sie wollen eine Nachricht von ihnen er⸗ halten?“ „Der Ermordete war mein Vater.“ Der junge Mann ſtand ſchweigend. Nach einer Pauſe fuhr ſie fort: „Und es war noch ein Mörder da, der Verräther, und über ihn muß ich Gewißheit haben! Ich habe bis jetzt nur Ahnungen. Ich war zur Zeit jener That noch ein halbes Kind.“ Der junge Mann war nachdenklich geworden. „Fräulein,“ ſagte er mit tief ernſter und doch milder Stimme, „was wollen Sie, was will Ihr edles Herz mit dieſer Gewißheit? Sie würden den Stachel, den ſchon Ihre zweifelhaften Ahnungen an Ihr Herz ſetzen, Ihnen vollends hineindrücken, tief 2 — 5 und ſchmerzlich. Laſſen Sie den Schleier über dem Geheimniſſe. Rache können Sie nicht wollen!“ Die junge Dame war ruhig, aber auch ent⸗ ſchloſſen geblieben. So ſprach ſie: „Herr Holden“ — ſie hatte ihn bisher nur „mein Herr“ genannt — „ich erkenne Ihr braves Herz. Sie thun auch mir kein Unrecht; ich will keine Rache. Aber es handelt ſich um etwas Anderes, um das Glück meines Lebens, um noch mehr. — Gehen wir zu den Beiden!“ „In dieſem Augenblicke, mein Fräulein? Hören Sie das Stöhnen, das Wimmern des unglücklichen Büßenden? Warten wir das Ende dieſer furchtbaren Geißelung ab.“ „Sie haben Recht, Herr Holden.“ Aber die Execution war zu Ende. Der letzte Schlag war gefallen. Man vernahm keinen Laut mehr. „Gehen wir jetzt.“ Sie ſuchten die Thür, die ſie von den beiden Wahnſinnigen trennte. Sie fanden ſie, trotz der Dunkelheit in dem engen Raume, leicht; ſie hatten faſt hart an ihr geſtanden. Die Thür war ohne Schloß, nur anzulehnen. Sie öffnete ſich ohne Geräuſch. Die beiden jungen Leute durchſchritten ſie kaum hörbar. 1 Sie befanden ſich in einem eben ſo dunklen Raume, wie der war, den ſie verlaſſen hatten. Sie waren in der Kloſterkirche aber hinter dem Hochaltar, in einem ſchmalen Gange, der hinter dem Altar her in das Chor der Kirche führte, zu den Sitzen der Mönche auf beiden Seiten des Chores. Sie gingen rechts in dem Gange weiter. Sie waren neben dem Hochaltar; ſie hatten den freien Blick in das Chor, in die ganze Länge des Kirchenſchiffes. * Der Mond ſchien von der einen Seite durch die hohen Fenſter in die Kirche hinein. Er ſtand in ſeinem letzten Viertel; ſein Licht war nur noch ein ſchwaches. Seine Beleuchtung wirkte um ſo wunder⸗ barer. Die Gegenſtände, auf die ſeine Strahlen fielen, ſah man nur in einem matten Halbdunkel; rund umher war volle Finſterniß; aber Einzelnes unterſchied man auch in dieſer, ein paar Pfeiler, einen Seitenaltar, zwei Beichtſtühle, einen Taufſtein — die Kirche war zugleich Pfarrkirche. * 4 77 Das Chor hatte ſeine beſondere Beleuchtung. Auf der linken Seite des Hochaltars brannte die ewige Lampe. In ihrem trüben Oellichte hoben ſich die Betſtühle der Mönche mit den hohen Pulten davon wie geſpenſtig ab, — und die beiden jungen Leute waren leiſe, unhörbar weiter gegangen, bis zu der Vorderſeite des Hochaltars; die breiten Stufen, die zu ihm hinaufführten, lagen vor ihrem Blicke offen; an der unterſten Stufe bot ſich ihnen ein Anblick dar, der ſie erbeben machte, der ihnen die Sinne hätte rauben können, wenn das Licht der ewigen Lampe ein helleres geweſen, wenn nicht eine milde Hand in dem Augenblicke, da ſie vortraten, das Schrecklichſte des Schreckens ihrem Anblicke entzogen hätte. Ein alter Mönch lag dort auf den Steinplatten ausgeſtreckt, nur halb bekleidet; nur bis an den Gürtel reichte ſeine dunkelbraune Kutte; der Rücken war ihm entblößt und glaubte man ihn blutig zu ſehen. Aber man glaubte es nur; man ſah es nicht mehr; ein zweiter Mönch, der neben ihm kniete, be⸗ deckte den Rücken mit einem weißen Tuche, zog dann den oberen Theil der braunen Kutte darüber. Und wie er ſie darüber breitete, mußte der Gegeißelte die Schultern und den Kopf von den Steinen erheben, und man ſah ſein ſchneeweißes Haar und ſein Ge⸗ ſicht, das bleicher war, als das Haar. Der Kopf fiel wieder auf den Stein zurück. Der zweite Mönch aber, der neben ihm gekniet hatte, erhob ſich leiſe, ſchritt langſam aus dem Chor in das Schiff der Kirche hinein und vorlor ſich in deſſen Dunkel. Geſprochen hatte Keiner ein Wort. Die Schritte des Mönches, der ſich entfernte, waren ſchon früher verhallt, als man ihn aus dem Geſicht verlor. Der Mönch, der an den Stufen des Hochaltars * zurückgeblieben war, lag ohne Regung, ohne Laut; man hörte ſeinen Athem nicht. In der ganzen Kirche herrſchte Todtenſtille. Das Fräulein hatte die Hand ihres Begleiters gefaßt; ihre zarten, zitternden Glieder mußten ſich an ſeinen ſtarken Körper lehnen. „Kehren wir zurück?“ flüſterte er in ihr Ohr. Sie konnte ſich aufrichten. „Ich muß weiter,“ antwortete ſie. Der Augen⸗ blick für mich iſt da. Ich war gefaßt auf Das, was ich ſah; ich hatte es erwarten müſſen. Ach, die Wirklichkeit iſt doch ſchrecklicher, als die Einbildungs⸗ kraft. Aber ich habe mich erholt. Bleiben Sie hier zurück. Begegnet mir wieder etwas — aber es wird ja nicht.“ Sie trennte ſich von ihm. Sie drückte noch ſeine Hand, ehe ſie dieſelbe losließ. War es Dankbarkeit, war es die Bitte der Angſt, ſie nicht zu verlaſſen, war es ſonſt etwas? Sie ſchritt zu dem Altar, an die Seite des alten Mönches. Er hatte ſie nicht gehört; er lag bewegungslos. Sie kniete neben ihm nieder, an der Seite, an der vorhin der Mönch neben ihm gekniet hatte. Sie blickte ihm ſtill in das Geſicht. Wie er ſie nicht gehört hatte, ſo konnte er ſie auch jetzt nicht ſehen; ſeine Augen mußten geſchloſſen ſein; man ſah keine Bewegung ſeines Körpers. Sie beugte ſich zu ihm nieder, ihr ſchönes, jugend⸗ liches Geſicht an ſein gefurchtes, bleiches. Blaß war auch ſie. Das Kind des Gemordeten kniete neben dem Mörder ſeines Vaters. 80 Sie ſprach leiſe flüſternd ein paar Worte an ſein Ohr. Er bewegte ſich; er erhob das Haupt, vielmehr er verſuchte es; er fiel matt und ſchwer zurück. Sie ſprach von Neuem leiſe an ſein Ohr. Franz Holden, der zurückgeblieben war, konnte kaum erkennen, daß ſie ſprach. Er hörte nur das Klopfen ſeines Herzens. Der greiſe Mönch zuckte zuſammen. Das Haupt konnte er auch jetzt noch nicht erheben; aber er ſprach, zwar nur leiſe, langſam, in Pauſen. „Verſucher! Trittſt du an mich heran? Mit gleißneriſchen Worten?“ Sie flüſterte ihm wieder leiſe Worte zu. Er erhob das Haupt; er wandte ſein Geſicht zu dem ihrigen. Er mußte die Milde in ihren ſchönen Zügen, das edle Herz in ihren klaren Augen wahr⸗ nehmen. „Nein,“ ſagte er, „du biſt kein böſer Geiſt. Du biſt ein Engel Gottes! Ich ſoll dir Alles bekennen? Es werde die ſchwere Laſt meiner Sünden, meines Verbrechens von mir abfallen? Gott in ſeiner un⸗ . —— — 81 endlichen Gnade werde mir Alles verzeihen? Ja, deine Worte ſind Wahrheit! Vernimm meine Beichte.“ Und er erhob ſich, das Haupt ganz, die Geſtalt halb; das weiße Haupt mit dem bleichen, tiefgefurch⸗ ten Geſichte ſah man voll; die hohe, kräftige, hagere Geſtalt erkannte man auch in ihrer halben Erhebung. So ſaß er auf der unterſten Stufe des Hochaltars. Das Fräulein ſetzte ſich neben ihn. Es war wohl ein Anblick, wie in einer alten wunderbaren Legende, der große greiſe Mönch, das junge, ſchöne Mädchen in der Knabentracht, Beide einſam, zur Stunde der Mitternacht zu den Füßen des Hochaltars in der alten Kloſterkirche, in dem trüben Scheine der ewigen Lampe. „Vernimm meine Beichte,“ ſprach der Mönch. Und wie er leiſe die Worte geſprochen hatte, wur⸗ den hinten in der Kirche, dem Hochaltar gegenüber, die Töne der Orgel der Kirche laut. Die Melodie eines Sterbeliedes ſchwebte leiſe und zitternd herüber. Der Mönch hielt inne. Er lauſchte ſtill. Dann ſprach er weiter: „Ich war ein fündiger Menſch und hatte das Sterben vergeſſen; da hatte ich Gott vergeſſen. Ich Temme, Criminal⸗Novellen. III. 6 82 war zum Geiſtlichen beſtimmt. Der Hang zu Aben⸗ teuer warf mich in das weltliche Leben. Ich verließ meine Heimath; ich ging in fremde Kriegsdienſte; ich mußte dabei ſein, wo es Kampf, wo es Gefahr, wo es irgend ein wildes Leben gab. So vergaß ich auch meine Ehre, mein Vaterland. Es war mir gleich, wem ich meine Dienſte anbot. So diente ich auch dem Franzoſenkaiſer gegen mein eigenes Land, mein eigenes Volk. Der Gedanke des Verraths kam manch⸗ mal über mich; ich wollte ſeiner ſpotten; um nicht mich ſelbſt verachten zu müſſen, wollte ich mein Volk verachten. So fiel ich tiefer und tiefer. Ein ſchwe⸗ res Verbrechen warf mich ganz nieder. Die franzö⸗ ſiſchen Heere hatten Deutſchland erobert, die Heere der deutſchen Fürſten niedergeworfen, die Fürſten ſelbſt gedemüthigt; auch das Volk ſollte zu Sklaven gemacht werden. Es widerſtand; deſto ſchwerer wurde es von dem Haſſe, der Rache der Eroberer, der Un⸗ terdrücker getroffen. Wer ein Wort gegen den Kaiſer oder gegen ſein Heer ſprach, wurde niedergeſchoſſen. Das traf auch einen Edelmann dieſer Gegend. Er war in einer Geſellſchaft von Freunden geweſen. Er hatte in dem vertrauten Kreiſe den Kaiſer einen 83 3 Tyrannen genannt. In der Geſellſchaft war ein Verräther. Er überbrachte die Worte; er überbrachte ſie mir; er benannte mir die Zeugen, die anweſend geweſen waren. Ich hatte ihm verſprechen müſſen, ſeinen Namen nicht zu nennen. Ich verſchloß das Ganze in mir. Mein beſſeres Selbſt, meine Ehre war in mir erwacht. Ich wollte nicht zum Verräther gegen einen Einzelnen, gegen einen braven Mann werden, der unter Freunden ein unbedachtes Wort ausgeſprochen hatte, der ruhig und glücklich mit ſeiner Familie lebte.“ Der Greis wurde von ſeiner Zuhörerin unter⸗ brochen. „Wie war der Name des Unglücklichen?“ fragte ſie ihn. „Freiherr von Steiner!“ antwortete der Mönch. Wie er den Namen ausſprach, durchzuckte es ihn wieder. Er ſah das Mädchen an, das ihn gefragt hatte. Die Erinnerung des Geſchehenen, des Erzählten, noch zu Erzählenden, ſchien lebendiger in ihm hervorzu⸗ treten, mit der Gegenwart ſich zu verbinden. Sein Blick verſenkte ſich in die Züge des Mädchens. 6½ 84 „Knabe!“ ſprach er. „Knabe?“ fragte er ſich dann. Sein Blick wurde ſtarr; ſeine Augen leuchteten dennoch; ſie leuchteten ſo unheimlich in dem blaſſen, hageren Geſichte, in dem trüben Scheine der Oel⸗ lampe. Die Bruſt wurde ihm zu eng, der Athem wollte ihm vergehen. Er mußte aufſchreien, er konnte es nicht. Das Mädchen neben ihm erblaßte. Die Orgel hinten in der Kirche ſchloß ihr Sterbe⸗ lied in einem langen, leiſe und weich das Herz ver⸗ ſöhnenden Tone. Der Greis hörte es nicht mehr. „Du biſt ſein Kind!“ ſchrie er laut auf, mit aller Macht, aller Gewalt ſeiner bewegten und gedrückten Bruſt, die von ihrer Angſt, von ihrer Laſt ſich be⸗ freien mußte. Durch die Orgel fuhr ein wilder, kreiſchender Mißton, als wenn der Aufſchrei des Mönches ſein Echo in ihr gefunden habe. Das Mädchen aber hatte ihre Geiſtesgegenwart wiedergefunden. 85 „Ich bin ſein Kind,“ ſagte ſie. „Und ich bin 6 gekommen, frommer Vater, Dir den Frieden zu ver⸗ künden, und Dich um Deinen Segen zu bitten. Der Segen der Hand, die wehe gethan hat, iſt ein heiliger und ein doppelt heilender.“ Sie hatte ſeine Hand genommen. Er ließ ſie ihr. Aus ſeinen Augen war das un⸗ heimliche Leuchten verſchwunden. Die ſtarren Züge ſeines Geſichts fanden ſich harmoniſcher wieder zu⸗ ſammen. Es war, als wenn die milden Worte des Mädchens den Frieden in ſeine Bruſt gegoſſen hätten. 4 — So ſah er ſie an, nicht mehr ſtarr, nicht mehr er⸗ ſchrocken, aber in einem ſtillen, ſich ſammelnden Sinnen. Aus dem Innern der Kirche nahte ſich ein raſcher Schritt. Die ewige Lampe zeigte die dunkle Geſtalt eines Mönches. Es war ein alter Mann, wie der Greis an dem Altare; ſein Haar war weiß, ſein Geſicht bleich, der Blick ſeiner Augen ein ſtill beküm⸗ merter. Es mußte der Bruder Martinus ſein, der Ge⸗ * fährte des Pater Vitalis. . 1 . Er war der Orgelſpieler; die Orgel war ver⸗ ſtummt. Der Aufſchrei des Greiſes hatte ihn her⸗ geführt. Der Bruder Martinus hatte gefürchtet, etwas Erſchreckendes zu ſehen, einen Ausbruch des Wahn⸗ ſinnes in dem Pater, der unter den Tönen der Orgel der Körperſchmerzen vergeſſen, für die Schmerzen der Seele Linderung finden, unter ihren Klängen das müde Haupt zum Schlummer niederlegen ſollte, um aus dem wilden Schrecken, aus dem Toben des Wahnſinnes zu einem ſtilleren Dahinleben des kran⸗ ken Geiſtes zu erwachen. So war es wohl bisher geweſen. Er ſah etwas Anderes; er ſchaute ein faſt wun⸗ derbares Bild, ein Nachtſtück, das in der halben Be⸗ leuchtung der Altarlampe ein doppelt ergreifendes für ihn ſein mußte. Der greiſe Mönch und ein blühender Knabe ſaßen auf der unterſten Stufe des Hochaltars dicht bei⸗ ſammen. In dem Geſichte des Mönches war keine Spur eines Irrſinnes zu entdecken; das Geſicht des Knaben zeigte das Ebenmaß und die Milde der —— —— — — — edelſten Frauenſchönheit. Die Augen Beider waren, wie in ſeligem Frieden, in einander verſenkt. Er ſtand überraſcht. Der Pater Vitalis hatte das Nahen des Bruders nicht gewahrt. Er war in ſein Sinnen vertieft. Das Mädchen hatte ihn gehört, ſah ihn. Sie warf ihm einen Wink zu. Er verſtand ſie. Er kehrte leiſe zurück. Der Mönch hatte ihn nicht geſehen. „Fahren Sie fort, mir zu erzählen, würdiger Vater,“ bat das Fräulein den Greis. „Wird es Dir nicht das Herz zerreißen, meine Tochter?“ fragte er. Wie ſein Geſicht keinen Wahnſinn mehr zeigte, ſo war auch der Ton ſeiner Stimme rein, klar und klangvoll; ſo mußte auch der Geiſt ihm frei und hell ſein. „Die Gewißheit wird mir das Herz beruhigen,“ ſagte das Mädchen. „Aber das Herz, das die Gewißheit hat, wird mir fluchen.“ „Ich bat Sie um Ihren Segen, ehrwürdiger Vater. Kann mein Herz Ihren Segen mit einem . Fluche vergelten?“ 3 „Vernimm weiter, Du armes und braves Kind,“ ſprach er. „Es iſt zugleich eine Buße, die ich auf mich nehme. Ich verſchloß die Mittheilung des Ver⸗ räthers in meiner Bruſt. Kein Wort war über meine Lippen gekommen. Gleichwohl ſah ich ſchon am zweiten Tage die Geſichter meiner Kameraden mit befremdlichen Blicken auf mich gerichtet, und am dritten Tage ließ der General mich zu ſich rufen. „Oberſt, es gehen ſonderbare Gerüchte über Sie in der Stadt. „Ueber mich, mein General? „Sie wiſſen von einer Verunglimpfung des Kai⸗ ſers, und Sie haben keinen Schritt gethan, um dem verletzten Namen Ihres erhabenen Herrn Genug⸗ thuung zu verſchaffen. Der Verbrecher iſt freilich ein 5 Deutſcher und Sie ſind ſein Landsmann — „Es war eine ſchwere Beleidigung für mich. Aber ſie war mir von meinem Vorgeſetzten geworden, im Dienſte. „Ich bin kein Denunciant —“ wollte ich ſagen. 6 89 „Aber, unterbrach er mich, Sie haben die Ver⸗ pflichtung, der Aufforderung Ihres Generals nach⸗ zukommen und ihm die Wahrheit zu ſagen. „Ich mußte ihm die Wahrheit ſagen. Nur den Namen des Verräthers verlangte er nicht.“ „Und dieſer Name?“ fragte das Fräulein den Erzähler. „Ich verſprach, ihn zu verſchweigen.“ „Fahren Sie fort, frommer Vater.“ „Der Freiherr von Steiner,“ fuhr der Pater fort, „wurde verhaftet, vor ein Kriegsgericht geſtellt, durch die Zeugen, die der Verräther benannt hatte, über⸗ führt, zum Tode verurtheilt. Ich erhielt den Befehl, die Executionstruppe zu commandiren; es war meine Strafe. Es wurde eine zweite hinzugefügt. Ein alter, braver Landsmann diente in meinem Regimente als Unteroffizier. Wir waren in der Jugend Spiel⸗ kameraden geweſen; ich hatte ihn wiedergefunden, als ich den Befehl über das Regiment erhielt. Wir waren wieder Freunde geworden. Die Strapazen ſo manchen Marſches, die Gefahren ſo mancher Schlacht hatten unſere Freundſchaft befeſtigt; das Regiment, 90 die Brigade, die Diviſion kannte ſie. Sieben Scharf⸗ ſchützen wurden zur Erſchießung des Verurtheilten kommandirt; mein armer Martin wurde an ihre Spitze geſtellt; auch ſeine Kugel ſollte das Herz des Verurtheilten treffen. „Und ich nahm die Strafe, ich nahm die Schmach auf mich. . „Laß mich ſchweigen über das Andere, meine Tochter. „Ich ſah den Blick Deines Vaters auf mich ge⸗ richtet, wie er muthig und ruhig den Schützen gegen⸗ überſtand, von deren Kugeln er den Tod empfangen * ſollte; er hatte ſich die Augen nicht wollen verbinden laſſen. Ich konnte den Blick nicht ertragen. Die Schüſſe fielen. Er ſank. Ich ſah dann ſein im Tode gebrochenes Auge; es wollte mich durchbohren. Die Nacht des Wahnſinns umhüllte meinen Geiſt. Ich kam wieder zu mir, um von Neuem in jene entſetz⸗ 5 liche Nacht zu verſinken, um dann wieder zu erwachen und mir bewußt zu werden, daß der Wahnſinn immer und immer wieder mich umfangen werde. Es iſt die ſchwerſte Strafe, die Gott dem Menſchen ſenden kann. Ich ertrage ſie in Demuth, wenn der Geiſt mir klar 9 iſt. Der arme Martin und ich fanden in dieſem Kloſter ein Aſyl. Die frommen Väter helfen mir durch ihr Gebet, meine ſchwere Bürde zu tragen.“ Der Greis endete. Die Töne der Orgel hatten wieder begonnen. Er hatte unter ihren Klängen ſeine Erzählung fortgeſetzt. Sie waren milde, beruhigend, wie linderndes Oel, das die brennende Wunde heilt. Der Mönch lauſchte ihnen ſtill. Das Fräulein Helene von Steiner ſaß in ſtillem Sinnen neben ihm. Dann ſprach ſie: „Frommer Vater, die Strafen des Himmels ſind ſeine Liebe. Hat der Menſch ſie auf ſich genommen, ſo gibt der Herr des Himmels ihm wohl ſeinen un⸗ getrübten und ſeinen ewigen Frieden. Er wird auch Ihnen werden.“ „Ja, er wird es,“ ſagte der Mönch mit dem Ver⸗ trauen des Glaubens. „Und,“ fuhr er fort, „hat der Himmel denn nicht ſchon in dieſem Augenblicke mir ſeinen Frieden geſchenkt? In den Stunden, in denen der Geiſt mir frei war, ſah ich nur jenes ge⸗ brochene Auge des Todten, wie es zu mir herſtarrte, und ich fühlte nur, wie es ſich mir in die Bruſt bohrte, wie es mir das Herz durchſtach. Heute ſehe ich dafür Dein mildes Engelsauge, meine Tochter. Für einen Engel hielt ich Dich, da Du mich aus meinen Schmerzen weckteſt. Biſt Du denn nicht ein Engel geworden, den Gott mir geſandt hat? Sieh' mich an, ſieh' mich recht klar und feſt an mit Deinen Augen, die die Augen Deines Vaters ſind, aber nicht mehr jene bohrenden und ſchmerzenden, ſondern die verzeihenden, die lindernden.“ Sie ſah ihn innig an mit den ſchönen und mil⸗ den Augen. Sein Blick, ſein Herz verſenkte ſich darin. Da ſah er auch eine tiefe Trauer in dem Blicke des Mädchens. „Du trägſt noch einen Schmerz in Deiner Bruſt, meine Tochter?“ fragte er. Er hatte es wohl getroffen. Sie zögerte mit der Antwort. „Darfſt Du mir nicht vertrauen, meine Tochter?“ Sie hatte den Muth, zu ſprechen. 93 „Frommer Vater, ich fürchte, ich ſtehe vor einem ſchweren Unglück.“ „Du fürchteſt es? Du haſt keine Gewißheit?“ „Die Gewißheit, mein Vater, könnten nur Sie mir geben — ein Verſprechen bindet Sie.“ „Ah!“ errieth der Mönch. Man ſah das ſchmerzliche Kämpfen ſeines Innern. „Es war mein Ehrenwort!“ ſagte er. Das Mädchen ſchwieg ergeben. „Soll ein Verbrechen begangen werden?“ fragte er dann. „Könnte meine Stimme es verhüten?“ 4. „Ehrwürdiger Vater,“ erwiderte das Mädchen, „wenn ich noch jetzt das Opfer jenes Verraths wer⸗ den ſollte?“ Der Mönch ſann nach. „Ich kann nicht,“ ſagte er dann. „Ich bin ein alter Edelmann, ein alter Soldat. Es iſt ein Vor⸗ urtheil, mit dem ich kämpfe; ich vermag nicht, es zu überwinden.“ Man ſah den Schmerz in der Seele des Greiſes. Das Mädchen verhüllte ihr Geſicht. Ihr Weg, ihr Wagen, ihre Angſt, ihre Schrecken — es war Alles umſonſt geweſen. ——— 4— — ——— v ————— — Sie ſaß lange ſtumm. Endlich erhob ſie ſich und reichte dem Greiſe die Hand. „Ich danke Ihnen, ehrwürdiger Vater.“ Dann neigte ſie ihr Haupt vor ihm. „Segnen Sie mich.“ ſ Und auch er erhob ſich. . Er ſtand ganz gerade, aufrecht. Er war eine hohe, ſtattliche Geſtalt. Er legte ſeine Hände auf des Mädchens Haupt. „Der Herr ſegne dich, auch durch meine unwür⸗ dige Hand. Er iſt ſtark in dem Schwächſten.“ Von der Orgel klangen die Töne des Aufer⸗ ſtehungsgeſanges herüber. Halleluja! Halleluja! Das Mädchen trat ſtill von dem Greiſe zurück; ſie ſchritt zu der Seite des Altars, wo ihr Begleiter ſtand. „Gehen wir!“ ſagte ſie leiſe zu ihm. Sie verließen die Kirche. Hinter ihnen verhallten die Töne des feierlichen Chorals; ſie ſtiegen zum Himmel empor, ſie trugen das Herz, ſie hoben den Geiſt hinauf. Die Beiden erſtiegen ſchweigend die Wendeltreppe, die ſie von der Kirche in das Kloſter zurückführte. Oben harrte der Bruder Pförtner ihrer. Der Mond war nicht mehr am Himmel, aber die Morgendämmerung tauchte auf. In ihrem grauen Scheine betrachtete der Pförtner die beiden jungen Leute. Er ſah kein Entſetzen in ihren Geſichtern. Ueber den ſchönen Zügen des Mädchens lag ein ſtiller Schmerz, zugleich ein feſter Entſchluß ausge⸗ breitet; einen Entſchluß las man auch in dem Ge⸗ ſichte des jungen Mannes. Beide ſprachen kein Wort. Sie kamen in das Kloſter zurück; ſie waren vor der Thür des Sprechzimmers. „Nehmen wir hier Abſchied,“ ſagte das Mädchen zu dem jungen Manne. „Sie wollen in der Nacht fort?“ „Der Morgen bricht an.“ „Ich begleite Sie.“ „Sie wollen das Kloſter verlaſſen?“ „Ich muß es.“ „Der Pater Lector bot Ihnen aus freien Stücken hier ein Aſyl an.“ 96 „Eben darum darf ich die Gaſtfreundſchaft nicht mißbrauchen. Mein Entſchluß hat nicht gewankt. ihn aufrecht.“ In der Bruſt des entſchloſſenen Mädchens war raſch ein Gedanke klar geworden. „Kommen Sie, Herr Holden! — Bruder Pfört⸗ ner ſchließt uns die Kloſterpforte auf.“ Der Bruder Pförtner hatte wohl voll Verwunde⸗ rung zugehört, und er mußte den Kopf ſchütteln; aber der feſten Entſchloſſenheit der Beiden unterwarf er ſich. Er führte ſie zu der Kloſterpforte. Er hatte hier nur eine Bitte: „Laſſen Sie mich vorher hinausſchauen, ob kein franzöſiſcher Spion da iſt.“ Er ſchloß behutſam die Pforte auf und trat in den grauenden Morgen hinaus. Er blieb lange. „Ich ſah und hörte nichts,“ ſagte er bei ſeiner Rückkehr. „Ein Weg iſt jedenfalls ſicher. Ich werde Sie ihn führen. Folgen Sie mir.“ Sie verließen mit ihm das Kloſter. Mein Gewiſſen und meine Ehre hielten und halten S——— 97 Er führte ſie den Berg hinauf, an deſſen Ab⸗ hang das Kloſter lag. Während ſie die Höhe hinanſtiegen, hörten ſie unter ſich die Morgengebete der Mönche. Die geiſt⸗ lichen Väter waren zur Frühmeſſe in der Kirche ver⸗ ſammelt. Der Bruder Pförtner und ſeine Gefährten er⸗ reichten die Spitze des Berges. „Wir entfernen uns von der Grenze,“ ſagte das Fräulein zu ihm. „Der junge Herr wird ſie deſto ſicherer erreichen. Folgen Sie mir noch wenige Schritte.“ Sie folgten ihm weiter. Er machte nach wenigen Schritten Halt. „Hier theilen ſich unſer Aller Wege. Ich muß zum Kloſter zurück. Sie, Fräulein Helene, ſteigen in gerader Linie den Berg hinab; Sie werden unten in einen Pfad kommen, der Sie zu dem nächſten Dorfe führt; von da können Sie den Weg zum Hal⸗ lenberg nicht mehr verfehlen. Und Sie, junger Herr, wenden ſich dort nach rechts. Sie gelangen in eine Schlucht, durch die ein Bach fließt. Sie zieht ſich Temme, Criminal⸗Novellen. III. 7 6 . . 1 — 98 ununterbrochen bis über die Grenze hinaus, eine Viertelmeile weit, in das Preußiſche hinein. Es iſt ein beſchwerlicher Weg; aber kein Franzoſe kennt ihn und er führt Sie ſicher. Und nun leben Sie Beide wohl. Der Herr ſei auf allen Ihren Lebenspfaden mit Ihnen.“ Er reichte ihnen ſeine beiden Hände. Sie drückten ſie ihm dankbar. Der junge Mann wollte in die ihm dargebotene Hand des Mönches ein Geldſtück gleiten laſſen. „Gott ſoll mich behüten!“ rief der Bruder. „Ein Flüchtling iſt ein armer Mann.“ Das Fräulein ſagte zu ihm: „Wenn Ihr zum Hallenberg kommt, Bruder Fri⸗ dolin, ſo erhaltet Ihr zwei Herzgulden.“ Und ihr antwortete er: „Das ſoll ein Wort ſein, gnädiges Fräulein.“ Er ging den Berg hinunter, zn ſeinem Kloſter zurück. Die beiden jungen Leute ſtanden oben noch bei⸗ ſammen. Die Sonne ging auf. Ihre erſten Strahlen fielen auf die Berghöhe, auf die Bäume, die ſie —— —,— ——— begrenzten, auf das Paar, das unter den Bäumen ſtand. „Geht ſie uns auf!“ ſagte das Mädchen. „Uns und dem Vaterlande!“ rief der junge Mann. „Sie kommt zu uns her aus dem weiten Rußland. Noch beſcheint ſie dort nur blutige Schlacht⸗ felder, auf denen die Bedrücker Deutſchlands die Sieger ſind. Aber den Schlachtfeldern werden bald die Eisfelder folgen, die den Sieger in ihre ſtarren Feſſeln ſchlagen, ihn darin vernichten werden. Dann bricht der Tag der Freiheit für unſer deutſches Land an. Harren wir noch aus die kurze Zeit. Und in der Hoffnung, die uns dieſe goldenen Strahlen ſenden, ſcheiden wir.“ Das Fräulein wollte eine Bewegung machen. 5 „Nein,“ ſagte der junge Mann. „Sie hatten ge⸗ lobt, mich über die Greuze zu führen. Der Weg, den der Bruder mir anwies, entbindet Sie von Ihrem Gelöbniſſe. Würden wir überfallen, ich würde zunächſt Sie beſchützen wollen; ich wäre um ſo eher ein Gefangener. Und dann — ich habe noch einen Grund, und laſſen Sie mich ihn offen ausſprechen; 100 es wird Sie ja nicht verletzen, wenn ein ehrliches Herz iehrlich zu Ihnen ſpricht. Je weiter wir zu⸗ ſammen gehen, deſto ſchwerer würde mir der Abſchied von Ihnen.“ Sie hatte keine Einwendung weiter. Aber ſie hatte eine Bitte, und ſie hatte den M Fh ſie gleichfalls offen auszuſprechen. „Werden Sie mir Nachricht geben, wenn Sie in Freiheit ſind?“ Ja rief er. Und nun hatte auch er noch eine Bitte an ſie: „Fräulein von Steiner — nein, Fräulein Helene, darf ich Sie wiederſehen?“ „Ja!“ ſagte auch ſie. Aber ſie konnte es nur leiſe, kaum hörbar ſagen; er hatte ſein Ja ſo laut, ſo lebhaft, ſo freudig ge⸗ rufen. Ob das ihrige aus minder glücklich bewegtem Herzen kam?“ „Und,“ ſagte er noch, wenn ich Sie wiederſehe, wird ja auch das Unglück an Ihnen vorübergegangen ſein, das Sie noch zu befürchten haben.“ „Gott gebe es!“ „So leben Sie wohl, mein liebes Fräulein Helene!“ „Leben Sie wohl — lieber Herr Holden!“ Sie ſetzte doch die drei Worte hinzu. Sie gaben ſich die Hände, ſie drückten ſie ſich; ſie ſahen ſich noch einmal in die Augen. Sie trennten ſich. Das Mädchen ging geradeaus den Berg hin⸗ unter; der junge Mann ſtieg rechts zu der Schlucht hinab. Nach wenigen Schritten mußten ſie ſich doch um⸗ wenden, um ſich noch einmal einander zu ſehen. — Ihre Blicke trafen ſich noch, feucht, ſtumm. Aber ſie mußten weiter. Als ſie ſich wieder wandten, ſah Keines den An⸗ dern mehr. Sollten ſie ſich wiederſehen? —— 6 3. Im Schloſſe. Vierzehn Monate waren ſeit jenen Begebenheiten vergangen, die wir bisher erzählt haben. Es war in der zweiten Hälfte des Monats October im Jahre Eintauſendachthundertunddreizehn. Die Schlacht bei Leipzig war geſchlagen. Die Kunde flog wie ein Lauffeuer durch die deutſchen Lande. Nach dem Weſten hin, dem Rhein zu, trugen ſie die fliehenden Schaaren der franzöſchen Armee ſelbſt; die ihnen überall auf dem Fuße folgenden Sieger beſtätigten ſie. Das Schloß Hallenberg lag entfernt von der großen Straße, umgeben von Bergen, zwiſchen denen eine Truppe, wenn ſie in den Keſſel ſich wagte, den Verfolgern unrettbar in die Hände fallen mußte. So war am zweiten Tage nach der Schlacht die Nachricht von dieſer noch nicht hingedrungen. 103 Daß die Völkerſchlacht in den Ebenen Leipzigs un⸗ vermeidlich ſei, wußte man aber ſchon ſeit mehreren Tagen. Man harrte mit Spannung, mit Angſt auf die Entſcheidung. Auf dem Schloſſe Hallenberg wurden dennoch die Vorbereitungen zu einem großen Feſte getroffen. Die Bedienten waren in ihrer Galalivrée; der Haushof⸗ meiſter ſtand, umgeben von einer Anzahl von ihnen, unter dem großen Schloßportal, die erwarteten Gäſte zu empfangen; das ganze Schloß war hell erleuchtet, obwohl der Abend noch nicht angebrochen war, die Sonne nur erſt jenſeits der hohen Berge ſich nieder⸗ geſenkt hatte und nicht unmittelbar mehr in das Thal hineinſchien. Im Innern des weitläufigen Schloſſes herrſchte reges Leben und Treiben; in den Geſellſchaftsſälen wurden die mächtigen ſilbernen Kron⸗ leuchter angezündet; in dem großen Speiſeſaale waren Bediente beſchäftigt, die Tafel zu decken, die hohen Tafelaufſätze zu ordnen, das Büffet herzurichten. In den Sälen, in den hellen Corridors, unten an dem großen Portal, ließ ſich dann und wann ein großer, finſterer Mann blicken, um nachzuſehen, ob Jeder auf ſeinem Platze, Alles in ſeiner Ordnung ſei. 104 Es war der Schloßherr. Die Leute wurden ſtill, ſie ſtanden ſteif und gedrückt, wenn er ſich ihnen nahete; es wurde ihnen wieder leicht, wenn er fort war. „Es war früher anders auf dem Hallenberg,“ ſagte ein alter Diener zu dem Haushofmeiſter. Auch der Haushofmeiſter war ein alter Mann. In einer Entfernung von ihnen ſtanden jüngere Leute, und die beiden Alten waren wohl noch die einzigen Diener aus jener früheren Zeit, in der es ſollte anders geweſen ſein. 3 Der Haushofmeiſter blickte ſich um, ob Jemand ihn hören könne. Als er ſah, daß ſie allein ſtanden, antwortete er, aber leiſe genug: „Und es wird von nun an noch ſchlimmer hier werden, alter Andreäs.“ „Das arme Fräulein!“ ſagte der alte Andreas. „Die Mutter iſt noch unglücklicher!“ erwiderte der Haushofmeiſter. „Ja, ja!“ beſtätigte der alte Andreas. Der Haushofmeiſter aber ſah ihn an, als wenn er ihn fragen wollte: „Was weißt du denn davon?“ Zu ſich aber ſprach er: „Weiß ſie es doch ſelbſt nicht! Und was weiß ich am Ende?“ 105 Der alte Andreas fuhr fort: „Konnte es auch wohl anders kommen, Herr Haushofmeiſter? Der ſelige Herr — ein ſo ſchreck⸗ licher Tod! Da wieder heirathen! Ich hätt' es nicht gekonnt, wenn ich die gnädige Frau geweſen wäre.“ „Ihr ſeid keine gnädige Frau, Andreas.“ „Und nun gar Dieſen, Herr Haushofmeiſter! Der gnädige Herr war das bravſte Herz ſelbſt, und Dieſer —“ „Was wüßtet Ihr von ihm?“ Der Haushofmeiſter fragte es nur halb im Tone eines Vorwurfs; auch die Neugierde hatte Antheil an ſeiner Frage. „Nicht mehr als Alle,“ antwortete der alte Diener. „Aber iſt es nicht genug? Hat Einer von uns hier gute Tage? Wenn der gute Lohn nicht wäre — und dann, Herr Haushofmeiſter, ich muß immer an ein böſes Gewiſſen denken, wenn ich das finſtere, unruhige Weſen anſehe.“ „Und was ſollte der Herr auf dem Gewiſſen haben, Andreas?“ 106 „Gott bewahre mich, daß ich es ausſpreche, Herr Haushofmeiſter, obwohl die Leute damals davon ſprechen wollten.“ „Was verſteht Ihr unter damals?“ „Nun, vor ſechs Jahren, als der arme ſelige Herr von den Franzoſen erſchoſſen wurde.“ „Andreas!“ fuhr doch der Haushofmeiſter auf, „ſprecht nicht nach, was vor Jahren ein paar alte Weiber ſchwatzten.“ „Ein paar alte Weiber, Herr Haushofmeiſter? Meinetwegen. Aber wenn ich mir dann die gnädige Frau anſehe —“ Der Haushofmeiſter wurde ängſtlich. „Menſch, was redet Ihr? Das iſt ja purer Wahnſinn, was Ihr da denkt.“ „Sie meinen, daß die gnädige Frau von dem Gerede wiſſe?“ „Und Ihr meint, ſie hätte dennoch den Mann heirathen können?“ „Es iſt Vieles möglich in der Welt, Herr Haus⸗ hofmeiſter. Und warum muß denn das Fräulein Helene den Neffen heirathen? Daß es ihr freier Wille nicht iſt, das weiß das ganze Schloß. Ueber ein Jahr lang hat ſie es unter allerlei Vorwänden hinzuſchieben gewußt. Da hat der gnädige Herr dennoch endlich auf heute die Verlobung angeſetzt. Vor vierzehn Tagen machte er dem Zögern ein Ende; die Einladungen zu der Verlobung gingen auf heute Abend in die Welt. Und wie iſt das arme Fräulein ſeitdem? Iſt ſie nicht mehr todt als lebendig? Und die gnädige Frau! Und warum ſoll ſie den Men⸗ ſchen heirathen? Sie antworten mir nicht, Herr Haushofmeiſter und Sie wiſſen es ſo gut, wie ich. So will ich es Ihnen ſagen. Die gnädige Frau macht es nicht mehr lange. Es nagt ihr am Herzen. Wir ſind hier unter uns, Herr Haushofmeiſter, und können ein Wort mit einander ſprechen. Schon ſeit ein paar Jahren iſt es über ſie gekommen. Nicht blos der ſtrenge und harte Wille des Herrn hat es ihr angethan. Das Meiſte iſt aus ihr ſelbſt heraus⸗ gekommen. Der eigene Leichtſinn fing an, ſie zu drücken, und er drückt ſie nun bis unter die Erde. Es war noch kein halbes Jahr her, daß dem ſeligen Herrn die franzöſiſchen Kugeln das Herz durchſchoſſen hatten, da ließ ſie ſich von ihrem jetzigen Herrn ſchon wieder den Hof machen, und als eben das Trauer⸗ 108 . — jahr vorüber war, da ward ſie ſeine Frau. Die — — Wittwe eines ſo braven Herrn, und nach einem ſolchen Tode! Ich muß es noch einmal ſagen. „Da muß dann zuletzt das Gewiſſen ſein Wort mit ſprechen, und die Worte des Gewiſſen ſind Stacheln, die in das Herz dringen, und Schlangen, die ſich um die Bruſt winden und ſie Einem zuſchnü⸗ ren. Sie gehen der Frau an das Leben. Das ſieht auch der Herr. Wenn ſie ſtirbt, ſo gehen die Güter ſammt und ſonders auf das einzige Kind, auf Fräu⸗ lein Helene über, und der Herr Baron von Weſſel iſt arm, wie er vor ſeiner Heirath war, und das — Fräulein braucht ihm nicht einmal mehr Obdach hier im Schloſſe zu gewähren, und er weiß, daß ſie ſeine gute Freundin nicht iſt — und kann ſie es ſein, Herr Haushofmeiſter? Da ſoll ſie dann ſeinen Neffen heirathen, den er in ſeiner Gewalt hat. Er hat die Mutter dazu gezwungen, und die Mutter zwingt wieder die Tochter durch das eigene Leiden, durch das kindliche Herz des braven Mädchens.“ Der alte Haushofmeiſter hatte den Worten des alten Andreas nichts entgegenzuſetzen. M— „Schweigen wir von dem, was wir hier ſprachen,“ ſagte er nur. „Machen wir die Herzen nicht ſchwe⸗ rer, als ſie ſchon ſind.“ Dann ſah er nach dem Eingange des weiten Schloßhofes und ſein Ohr horchte weiter in das Thal hinein. „Es ſcheinen noch keine Wagen zu kommen. Da habe ich Zeit, nachzuſehen, ob im Innern des Hauſes Alles in ſeiner Ordnung iſt.“ Er ging in das Innere des Hauſes. In Ordnung war dort wohl Alles, trotz der regen Geſchäftigkeit, die auf allen Treppen, in allen Sälen, in allen Corridors für die bevorſtehende Feſtlichteit herrſchte. Aber eine feſtliche Freude war nicht überall in dem großen und reichen Schloſſe. In einem ſeiner Gemächer wohnte Schmerz und Trauer. In einem einfach und doch elegant eingerichteten Boudoir ſaßen bei matter Beleuchtung zwei Damen beiſammen, Sie waren feſtlich geputzt; in ihren Geſichtern ſah man jenen Schmerz, jene Trauer. Es waren Mutter und Tochter. 0 Ob die Erwartung der Feſtlichkeit ihre Herzen mit Trauer erfüllt hatte? „Es ſind ſechs Jahre, Mutter, ſeitdem der Vater ſtarb?“ „Helene, warum kommſt Du gerade heute immer wieder auf den Tod deines Vaters zurück?“ „Am Tage meiner Verlobung, Mutter! Liegt da der Gedanke an ihn nicht ſo nahe? Warum ſitzen wir Beide in dieſer Stunde hier ſo kummervoll? Auch Du, Mutter! Auch Du! Deine Lippen dürfen es nicht ausſprechen, ſelbſt Deinem Kinde gegenüber nicht. Aber wenn mein Vater heute in unſerer Mitte weilts! — Nein, nein, der heutige Tag wäre nicht mein Verlobungstag. O, Mutter, erzähle von meinem Vater, von ſeinem Tode, von ſeinem Morde!“ „Kind, Kind!“ bat die Mutter. „Ja, Mutter, es war ein Mord. Ich war ein Kind. Man ſuchte das Entſetzliche vor mir zu ver⸗ bergen. Es durfte in meiner Gegenwart nicht davon geſprochen werden. Aber die verſtörten Geſichter um mich her ſprachen deſto lauter. Und der Vater war nicht da und Dich ſah ich nicht. Eine tödtliche Angſt lag auf mir. Ich behorchte die Stimmen der Men⸗ ſchen auf der Straße, die unter den Fenſtern vorbei⸗ gingen. Da hörte ich das Mort „Erſchießen“. Und: die arme Frau iſt zum franzöſiſchen General, ihn um Gnade zu bitten, ſprach eine Frau. Da mußte die Gouvernante es mir geſtehen. Und dann auch Du. Du kamſt von dem franzöſiſchen General zu⸗ rück. Du warſt noch aufgelöſt von Thränen. Du hatteſt lange bitten müſſen, um bei ihm vorgelaſſen zu werden. Dann hatte er nur ſtolze, eiſige Kälte für Dich gehabt. „Mein Kaiſer darf nicht beſchimpft werden, ich muß ein Beiſpiel geben; dieſe Deutſchen müſſen wiſſen, daß der Kaiſer der Franzoſen ihr Herr iſt.“ Der Vater wurde erſchoſſen. Ihr nanutet die Franzoſen ſeine Mörder. Aber ſie waren es nicht. Deutſche waren es — Einer vor Allen —“ Die Bewegung der Tochter hatte die Mutter mit ergriffen. „Ja,“ ſagte ſie, „der Elende war ein Deutſcher. Aber er iſt ja ſchon ſo lange ein Unglücklicher.“ „Den Du meinſt, der iſt es nicht, Mutter. Ich war bei ihm. Ich ſprach mit ihm.“ Die Mutter erſchrak. 112 „Mit dem Pater Vitalis im Kloſter?“ „Mit ihm. Im vorigen Jahre, als Du und — Dein Gatte auf einige Tage in der Stadt waret, da ging ich heimlich zum Kloſter; ich ſprach den armen Pater Vitalis; ich traf ihn in einer Stunde, da der Geiſt klar in ihm war, und er erzählte mir.“ „Er erzählte Dir?“ fragte die Mutter mit beben⸗ den Lippen. „Ja, Mutter, von einem Verräther, von einem elenden, gemeinen Verräther, der durch ſeine Ränke zugleich den Glauben zu verbreiten gewußt hatte, als ſei der Verrath von dem franzöſiſchen Oberſten aus⸗ gegangen.“ „Er nannte Dir den Verräther?“ fragte die Muttet. „Er nannte mir ihn nicht.“ Die Mutter, die Baronin Weſſel, athmete auf. Aber der Athem, den ſie ſchöpfen konnte, mochte ihr die Bruſt ſchmerzlich genug zerreißen. Man ſah es der kranken Frau an. Der Menſch ſteht vor einem Schlage, der unver⸗ meidlich iſt, der ihn gewiß, nothwendig treffen muß; er hat ihn lange erwartet, gefürchtet — er hat auf ihn gehofft, er wartet auf ihn; denn die Ermattung, die unabläſſige Furcht und Angſt ſind ihm entſetz⸗ licher, drücken ihn ſchwerer und tiefer zu Boden, als die Entſcheidung, der Schlag ſelbſt ihn niederwerfen kann. Jetzt endlich muß er kommen, niederfahren, treffen. Der Athem will ihm vergehen; aber wenn er ihn getroffen hat, dann iſt es ja vorbei; dann iſt das Herz doch von dieſem ewigen, furchtbaren Drucke befreit! Es geht an ihm vorüber, trifft ihn nicht — er athmet auf, um von Neuem den unabläſſigen, furchtbaren Druck auf ſich zu nehmen. So war es auch mit der Baronin. Aber der Druck, die Angſt ihres Innern drängten eine Frage auf ihre Lippen. „Was hatte Dich in das Kloſter geführt, Helene?“ „Die Ungewißheit, die mir das Herz abdrücken wollte.“ „Damals hatte Weſſel zuerſt Deine Verlobung mit Ottokar angeregt?“ „Es war zu jener Zeit.“ „Und es ſtand damit in Verbindung?“ Temme, Criminal⸗Novellen. III. 8 — . —,.— ————— 114 Wie ſchwer mußte die Angſt der Frau ſein, die dieſe Frage an die Tochter richten konnte! „Mutter,“ erwiederte Helene, „ſchweigen wir über die Sache. Jetzt bitte ich Dich darum. Ich werde Ottokars Frau. Er iſt kein ſchlechter Menſch. Ich hoffe, ich werde ihn lieben lernen. Ich will mir Mühe geben, und dafür alle Gedanken aus meinem Innern verbannen, die mir im Wege ſtehen könnten.“ In die Augen der Mutter waren Thränen ge⸗ treten. „Du braves Kind!“ ſagte ſie. „Ich bete ja täg⸗ lich zu Gott, daß er Dir Kraft geben möge, das DOpfer zu tragen, das Du mir bringſt.“ „Sprich von keinem Opfer, Mutter.“ „Was wäre es anders?“ wollte die Mutter fragen. In das Zimmer trat die finſtere Geſtalt des Schloßherrn. Seine Stirn runzelte ſich, ſeine buſchigen Augen⸗ brauen zogen ſich zuſammen, als er die weinende Gattin, die tief bekümmerte Schwiegertochter ſah. Und wer dann ihn anſah, der erkannte, wie die Frau unglücklich ſein mußte, und wie die Tochter das . Opfer, das ſie heute erfüllen ſollte, für die Frau brachte, um ihr die Spanne Zeit, die ſie noch zu Leben habe, leicht zu machen. „Hier wird geweint!“ ſagte er ſtrenge. Keine von den Beiden hatte den Muth, ihm etwas zu antworten. „An dem heutigen Tage?“ fuhr er fort. Helene antwortete ihm: „Gerade an dem heutigen Tage war es ſo natür⸗ lich —“ Sie ſprach mit ihrer weichſten Stimme. Er unterbrach ſie hart: „Aber ich liebe es nicht.“ „Ich bitte, mir zu folgen,“ ſagte er dann. „Die Gäſte können jeden Augenblick eintreffen. Hier kann man ſie nicht empfangen. Ich bitte, ihnen freund⸗ lichere Geſichter zu zeigen, als ich ſie hier finden muß.“ Er gab ſeiner Frau den Arm. Sie verließen alle Drei das Boudoir, um in den Geſellſchaftsſälen die Gäſte zu empfangen, die er⸗ wartet wurden. 8* 116 Es blieb lange leer in den weiten, glänzenden Sälen. Der Baron Weſſel wurde unruhig. Er ſchaute und horchte durch die Fenſter, wie vorher unten der Haushofmeiſter. Aber es war draußen ſchon völlig dunkel und man vernahm auch durch das Dunkel keinen Laut. „Was könnte ſtattgefunden haben?“ fragte ſich der Baron. „Sollte der Krieg bis hierher gedrungen ſein? Es wäre kaum möglich. Am Mittag wußte man noch von nichts. Aber woher dieſe Verſpä⸗ tung?“ Er hörte einen Wagen heranfahren. „Ah, endlich!“ Er ging den Ankommenden entgegen. Aber es kam nur ein Schritt die Treppe herauf. Ein ſtarker Herr trat in den Saal. Er machte den Damen ſein Compliment, begrüßte den Baron. „Aber woher ſo ſpät und warum Du noch hier allein, Freund Ahrenberg?“ fragte der Schloßherr. „Parbleu, Freund Weſſel,“ erwiderte der Graf Ahrenberg, „ich glaube, es liegt etwas in der Luft. 117 Schon ſeit zwei Tagen herrſcht eine ſo eigenthümliche, drückende Stille in der Stadt, eine Schwüle, wie vor einem Gewitter. Die wenigen Soldaten, die da ſind, ſchauen drein, als wenn ſie ſchon einer geſchlagenen Armee angehörten, und die vielen Beamten blicken ängſtlich auf die Soldaten, mit denen ſie ihren Schutz verlieren. Und ſolch eine Angſt lügt nicht. Parbleu, wenn der heutige Abend noch dieſer Franzoſenwirth⸗ ſchaft ein Ende machte! Dein Champagner, Bruder, würde mir noch einmal ſo gut munden. O, wenn wir dieſen Fremden in ihrem eigenen Weine ein Valet auf Nimmerwiederſehen trinken könnten! — Aber Du biſt ſo ſtill, Bruderherz; du kommſt mir ſelbſt ſo niedergedrückt vor. Haſt Du Sorgen, Verdruß?“ „Mich macht die Verſpätung der Gäſte beſorgt.“ „Der Bräutigam ſelbſt iſt noch nicht da, ſehe ich!“ „Noch Niemand außer Dir.“ „Und parbleu, Bruder Weſſel, es iſt ſonderbar, oder vielmehr, es könnte ſich beſtätigen, was ich aus⸗ ſprach. Ich komme aus der Stadt. Dort konnten die Behörden die jedem Unglück vorauslaufenden Ge⸗ rüchte einfangen und zurückbehalten. Deine anderen Gäſte kommen faſt ſämmtlich aus dem offenen Lande; 118 dahin kann nähere Kunde gedrungen ſein — alle Wetter, ſelbſt Flüchtlinge; ja, am Ende gar Verfol⸗ ger, die die Fliehenden ſchon überholt jhätten, ſie erwarteten, ſie plötzlich in Empfang zu nehmen! Da könnte dann Keiner durch, auch kein Verlobungs⸗ gaſt.“ „Du haſt eine lebhafte Phantaſie, Ahrenberg.“ „Die Chancen des Krieges, Bruder Weſſel, brin⸗ gen buntere und tollere Bilder, als die Phantaſie ſie zu träumen vermag. Wenn nun dieſes friedliche Thal noch heute Abend der Schauplatz eines Kampfes, Dein glänzend erleuchtetes Schloß zu einer ſchnell improviſirten Feſtung würde, um die Freund und Feind ſich ſtritten?, „Du beſtätigſt, was ich von Deiner Phantaſie ſagte, Meund Ahrenberg.“ einetwegen. Indeß da kommt Dein Bedienter mit Champagner. Du biſt doch immer der aufmerk⸗ ſame Wirth, und dürfen wir auch noch nicht auf jenes Valet trinken, ſo leeren wir die Gläſer auf Dein Wohl.“ „Auf das Wohl der Brautleute, denke ich.“ „Pah, es iſt das Deinige.“ — 0 Der Graf Ahrenberg ſagte das mit einer gewiſſen Frivolität. Der Baron Weſſel zog das finſtere Geſicht in tiefere Falten. Der Graf ſah es und lachte. „Pah, Bruderherz, Du haſt Deine Sachen hier gut gemacht, fein und gut. Der Hallenberg bildet mit den Gütern, die zu ihm gehören, eine Herrſchaft. Deine Tochter Helene, nächſtens zugleich Deine Nichte, iſt die reichſte Erbin der Gegend. Und ſchön und liebenswürdig iſt ſie dabei. Stoßen wir auf ſie an, beſonders auf die Nichte. — Ha, was war das?“ Die Thür des Zimmers öffnete ſich. Der alte Haushofmeiſter trat ein. Seinem Geſichte ſah man an, daß er keine angenehme Nachricht zu brigen habe. 8 „Was gibt es, Schröder?“ rief ihm der Baron entgegen. Der Haushofmeiſter ſah ſich in dem Zimmer um, wohl, ob die beiden Herren allein ſeien. Sie waren es; die Damen waren in einem Zimmer nebenan geblieben. „Euer Gnaden, man hört draußen ſchießen.“ „Auch Phantaſie!“ rief der Baron. „An welcher Richtung?“ fragte der Graf. „Vom Eingange des Thales her.“ „Ah, meine Vermuthung!“ „Spiel Deiner Einbildungskraft, Ahrenberg! Wie wollten Fliehende ſich in dieſes Thal werfen? Sie wären in einer Sackgaſſe.“ „Pah, Bruderherz, der Fliehende ſucht eben Schutz in jedem Loche, das er offen findet. — War das Schießen noch weit, Herr Schröder?“ „Jedenfalls noch jenſeits der Berge.“ „Und es nahete ſich?“ „Man konnte es nicht ſogleich unterſcheiden. Ich eilte hierher.“ „Ueberzeugen wir uns ſelbſt,“ ſagte der Baron. „Aber erſchrecken wir die Damen nicht,“ meinte der Graf. „Ich werden bei ihnen bleiben.“ Sie ſollten Beide bleiben. Es war ein Wagen mit Gäſten angekommen. Sie hatten es im Eifer ihres Geſpräches überhört. Bediente riſſen die Flügelthüren des Saales auf. Ein junger Herr führte eine alte Dame herein; zwei jüngere Damen folgten. Die alte Dame war corpulent; der junge Herr war lang und ſpitz aufgeſchoſſen; ſein rundes, friſches Geſicht ſah nicht ganz reif aus, es trug keine Man⸗ neszüge; daß es ſie noch nicht trage, konnte man nicht ſagen; es ſchien zu jenen Geſichtern zu gehören, die niemals reif werden. Stieß man ſich hieran nicht, ſo konnte man es eben nicht unangenehm finden. Die beiden jungen Damen waren beinahe, wie der junge Herr. Allen ſah man einen Schreck an, den ſie gehabt, in ſeinen Folgen noch nicht überſtanden hatten. Die alte Dame warf ſich erſchöpft in die Arme des Barons. „Ah, Herr Bruder, ich glaubte nicht, Sie lebend wiederzuſehen.“ „Teufel, ſie wartete auf die Auferſtehung “ lachte der Graf Ahrenberg für ſich. „Und was iſt Ihnen begegnet, gnädigſte Schwä⸗ gerin?“ fragte der Baron. „Laſſen Sie es ſich von Ottokar erzählen. Ich kann nicht. Der Schreck lähmt mich noch. — Aber vorher laſſen Sie mich Ihre Damen begrüßen. Wo iſt vor Allem die liebe Helene?“ S— 122 † Der Baron bot ſeiner Schwägerin den Arm. Der Graf Ahrenberg gab den ſeinigen der älteſten ihrer beiden Töchter. Der junge Herr Onkel führte ſeine jüngere Schweſter. So gingen ſie in den Salon nebenan zu den Damen des Hauſes. „Mein gnädiges Fräulein,“ ſagte der Graf Ahren⸗ berg im Gehen zu ſeiner Dame, „ich leſe in Ihren edlen Zügen, daß Ihr Abenteuer Ihnen Ihren ſchönen Muth nicht rauben konnte.“ „Ich war wirklich am wenigſten erſchrocken,“ er⸗ widerte das geſchmeichelte Fräulein. „Und Ihr Herr Bruder war es wohl am * meiſten?“ „Es war wirklich ſo.“ „Freilich, er hatte eine ſchöne und reiche Braut zu verlieren.“ „Aber das Leben hatten wir wirklich Alle zu ver⸗ lieren.“ „Eine geiſtreiche Bemerkung, mein Fräulein.“ Das Fräulein dankte mit einem glücklichen Lächeln. — Sie waren bei den Damen des Hauſes. * 123 Die gegenſeitige Begrüßung war eine ceremoniöſe, kalte. Wie konnte es anders ſein? Der lange, ſpitze Bräutigam küßte ſeiner Braut den Handſchuh. Er war um anderthalb Kopf länger, als ſie; wie knabenhaft ſah er gegen ſie aus! Welch' ein anderer Knabe war ſie geweſen, als ſie vor einem Jahre mit dem jungen Advocaten Franz Holden ihr Abenteuer in dem Franziskanerkloſter beſtand! Ob ſie dabei an den Flüchtling denken, ob ſie unwill⸗ kürlich Vergleichungen anſtellen mußte? Sie hatte den jungen Advocaten ſeitdem nicht wiedergeſehen. Sie hatte nur am zweiten Tage nach ihrer Trennung durch die Poſt ein Billetchen ohne Unterſchrift bekommen, das die Worte enthielt: „In Sicherheit!“ Aber er hatte preußiſche Militärdienſte nehmen wollen, um gegen die Franzoſen zu kämpfen. Was er damals gehofft, die Niederlage, die Vernich⸗ tung der franzöſiſchen Armee auf den Eisfeldern Ruß⸗ lands, es war ſchon ſo bald eingetreten, und das deutſche Volk hatte ſich erhoben, das fremde Joch abzuwerfen. Aber Napoleon hatte aus Frankreich neue Heere in das deutſche Land geworfen, und jene ganze Reihe ſchwerer, blutiger Schlachten war gefolgt, 124 in Schleſien, in Brandenburg, in Sachſen. Wie viele Tauſende von Leibern bedeckten die Schlacht⸗ felder; die entſcheidende Völkerſchlacht auf Leipzigs Ebenen mußte in dieſem Augenblicke geſchlagen ſein, an hunderttauſend neue Opfer gefordert haben. War da jener Gefährte ihres Abenteuers, ihr Beſchützer und ihr Schützling, noch am Leben? Aus ihrem Herzen war er nicht verſchwunden. „Und nun, mein lieber Herr von Weſſel,“ ſagte der Graf Ahrenberg zu dem jungen Herrn, „reißen Sie Ihr Herz einen Augenblick von der Liebe los, und erzählen Sie uns Ihr muthig beſtandenes Aben⸗ teuer. Deinen Damen, Bruder Weſſel, würde es ohnehin nicht länger verborgen bleiben können, und der Gefahr muß man muthig in's Auge ſchauen, wie Dein junger Neffe und baldiger Schwiegerſohn es unzweifelhaft gethan hat.“ „Erzähle, Ottakar!“ ſagte der Baron. Und der junge Herr Ottokar erzählte. Das Gut, von dem ſie kamen, lag drei Meilen von Schloß Hallenberg entfernt. Der Weg war gut, mit raſchen Pferden bequem in zwei Stunden zurück⸗ 125 zulegen. Sie waren um drei Uhr ausgefahren, um noch vor Sonnenuntergang an Ort und Stelle zu ſein. Auf der Hälfte des Weges wurden ſie aufge⸗ halten. Sie mußten einen Wald paſſiren. Als ſie in deſſen Mitte kamen, hörten ſie auf der Seite plötzlich ſchießen; es war Gewehrfeuer. Ihr erſter Gedanke war an die Schlacht bei Leipzig. Sie iſt beendigt; eine Truppe der geſchlagenen Armee hat hierher die Flucht ergriffen, iſt verfolgt, hat ſich in den Wald gewovfen, iſt hier eingeholt, angegriffen worden. Ver⸗ folger und Verfolgte ſind mit einander im Kampfe. Die Geſchlagenen, die Verfolgten ſind wahrſcheinlich die Franzoſen, weil die Flucht von Leipzig nach dem Rhein hin geht; aber gleichviel. Es kommt darauf an, nicht unter die Kämpfenden zu gerathen, ihren Kugeln zu entgehen. Der Kampf kommt näher, zieht ſich nach der durch den Wald führenden Landſtraße hin, nach der Stelle, an welcher der erſchrockene Kutſcher hält. Sie glauben ſchon die Kugeln an dem Wagen vorüberpfeifen, in die Zweige der Bäume ſchlagen zu hören. Sie müſſen fort; aber wohin? Vorwärts oder zurück? Sie ſchwanken. i 126 „Vorwärts!“ ruft die Frau von Weſſel. Hinter ſich hören ſie neues Schießen. Der Kutſcher will die Pferde antreiben. In dem Augenblicke ſtürzt ein Haufen Reiter aus dem Walde in die Straße, an ihrer Spitze ein Offizier. Es ſind preußiſche Ulahnen. Sie ſtutzen, als ſie den Wagen ſehen; ſie ſprengen auf ihn zu, umringen ihn, der Kutſcher muß halten. Der Offizier befiehlt ihm, den Schlag zu öffnen, ſieht in den Wagen, wird höflich. „Entſchuldigen Sie, meine Damen; wir ſuchen einen franzöſiſchen General, der ſeine Truppen ver⸗ laſſen hat, und, wie Gefangene ausſagten, ſeinen Weg hierher nehmen wollte.“ Dann ertheilte er einen Rath: „Wenn Sie nicht in die Gefahr kommen wollen, von Neuem zwiſchen zwei Feuer zu gerathen, ſo möchte ich Sie bitten, Ihren Weg nicht fortzuſetzen, ſondern umzukehren, denn von unſerer Seite wird es bis zum heutigen Abende unzweifelhaft noch zum Kampfe kommen.“ Damit ſprengte er fort; ſeine Soldaten folgten ihm. Sie jagten nach dem Thale, dem Hallenberge zu. Dorthin hatte ſich unterdeß der Kampf gezogen. Der Wagen — Der Graf Ahrenberg unterbrach den Erzähler: „Aber, mein lieber Baron Ottokar, der preußiſche Ulahnenoffizier ſprach nur von und mit den Damen. Waren Sie denn nicht da?“ Der junge Baron wurde roth. Seine Mutter wurde verlegen. Ihre ältere Fräulein Tochter aber wurde nicht roth und nicht verlegen, und ſie ſprach: „O, Herr Graf, mein Bruder war wirklich da der Offizier ſah ihn nur nicht.“ „Parbleu, und wie kam das?“ „Unſere Kleider —“ Der junge Herr glühte. Die Baronin Weſſel warf ihrer Tochter einen Blick der Wuth zu. „Meine Töchter hatten ſich vorgedrängt,“ kam ſie ihrer Tochter zuvor. „Ah, meine Gnädigſte,“ ſagte der Graf, „ich mache Ihrem Muthe mein Compliment. Freilich, einem tapferen, jungen preußiſchen Ulahnenoffizier gegenüber — jung war er doch noch wohl, mein Fräulein?“ „O, noch ſehr jung.“ „Ich dachte es mir. Aber fahren Sie fort, lieber Baron Ottokar.“ Der Baron Ottokar fuhr fort: Sie waren zurückgefahren. Das Schießen im Walde hatte aber bald aufgehört. Die verfolgten Franzoſen mußten den Preußen entkommen ſein oder ſich ihnen ergeben haben. Die Baronin hatte daher entſchieden, an einem ſeitab von der Straße gelege⸗ nen Kruge zu warten, ob Alles ſtill und ruhig bleiben werde, um dann doch ihren Weg fortzuſetzen. Sie hatten eine Stunde gewartet; als ſie in der ganzen Zeit nichts mehr hörten, waren ſie weiter gefahren und ſie hatten ohne Störung oder Hinderniß, aber noch erſchrocken genug, den Hallenberg erreicht. „Ich mußte dem Drängen meines Ottokar nach⸗ geben,“ ſetzte die Frau von Weſſel hinzu. Der Herr Ottokar warf einen zärtlichen Blick auf ſeine Verlobte. Aber war dieſer Blick nicht ein Dolchſtich für das Mädchen mit jenem edlen, muthigen Herzen? Die Kleider ſeiner Schweſtern hatten ihn verbergen, ſchützen müſſen! — — 129 Der Schloßherr ſuchte den Gedanken der Geſell⸗ ſchaft eine andere Richtung zu geben. „Unter ſolchen Umſtänden,“ ſagte er, „haben wir am heutigen Abend wohl keine weiteren Gäſte zu er⸗ warten. Den Wald müßten auch die Anderen paſſi⸗ ren; ſie fuhren ſpäter aus; ſie vernahmen von dem Kampfe; da kehrten ſie zurück. Ich bedauere es ſehr. Indeß, unſere Feier dürfen wir darum nicht auf⸗ ſchieben, und ich denke, wir ſchreiten je eher je beſſer zu dem Act, der zwei bereits eng verbundene Fami⸗ lien noch feſter an einander knüpfen, eigentlich fortan zu einer einzigen verſchmelzen ſoll. Den Verlobungs⸗ vertrag habe ich durch meinen Advocaten aufſetzen laſſen. Ich lege ihn hier zur allſeitigen Durchleſung vor. Die beiden Verlobten ſind zugegen, meine liebe Tochter Helene mit ihrer Mutter und mit mir, ihrem zweiten Vater; mein Neffe Ottokar gleichfalls mit ſeiner Mutter; da er großjährig iſt und ſein Vater nicht mehr lebt, ſo bedarf er eines Beiſtandes ferner nicht. Als Zeuge iſt mein theurer Freund, Graf Ahrenberg, gegenwärtig. Ich bitte nun, den Con⸗ tract zu leſen und ihn dann zu unterſchreiben.“ Temme, Criminal⸗Novellen. III. 9 ———— ne 130 Die Baronin hatte den Vertrag ſchon genommen, las ihn. Der Graf Ahrenberg hatte ein Bedenken: „Herr Bruder, müſſen einen ſolchen Contract nicht zwei Zeugen unterſchreiben?“ „Der Advocat ſagte mir, bei einem ſchriftlichen Vertrage ſei geſetzlich gar kein Zeuge erforderlich.“ „Aber es iſt Sitte, Herr Bruder.“ Der Baron wollte etwas erwidern, als ein Be⸗ dienter in das Zimmer zu dem Schloßherrn trat. „Ein Herr wünſcht Euer Gnaden zu ſprechen,“ meldete der Diener. „Ein Fremder?“ „Er gehört wenigſtens nicht zu den Eingeladenen.“ „Wie weißt Du das?“ „Er fragte, ob der Herr dieſes Schloſſes nicht der Herr Baron Weſſel ſei.“ „Sein Name?“ „Er nannte ihn nicht. Der Herr Baron kenne ihn; er habe den Herrn Baron dringend zu ſprechen.“ Der Baron war betroffen. Das böſe Gewiſſen fühlt ſich immer getroffen, und wie das böſe Ge⸗ wiſſen ſah der Baron aus. Die beiden alten Diener hatten ſchon davon geſprochen. Es verließ mit dem Diener das Zimmer. „Da wäre ja am Ende der zweite Zeuge,“ ſagte der Graf Ahrenberg. Der Baron hatte es nicht mehr gehört. Der Bediente hatte den Fremden, der ſich nicht nennen wollte, in ein Zimmer geführt. Der Baron begab ſich zu ihm. Ein kräftiger Mann in einem Reiſemantel trat ihm entgegen. Der Baron erſchrak heftig, als er ihn ſah. Er wurde leichenblaß; er taumelte faſt zurück. „Ich habe noch die Ehre, von Ihnen gekannt zu ſein,“ ſagte der Fremde in franzöſiſcher Sprache. „Mein General —“ ſtammelte der Baron. „Und ich darf eine dringende Bitte an den alten Bekannten richten?“ „Wenn ich Ihnen dienen kann, General —“ „Ich bin auf der Flucht. Wir ſind bei Leipzig geſchlagen. Ich bitte Sie um Aufnahme für die heutige Nacht.“ —22 Der franzöſiſche General ſchien, vielleicht ohne daß er es wollte, eine wie zauberhafte Gewalt über den Baron auszuüben. „Ich ſchätze mich glücklich, mein General.“ Er ſagte es freilich gedrückt genug. „Ich danke Ihnen, lieber Baron. Gewähren Sie mir auch noch eine zweite Bitte. Es wäre möglich, daß Verfolger eindrängen, mich zu ſuchen. In Ihre Familie wird man nicht dringen. Erfährt man, daß ich in Ihrer Mitte bin, ſo wird man glauben, ein Verwandter ſei gekommen, Sie zu beſuchen.“ Den Baron durchfuhr ein Schauder. „Ich feiere ein Familienfeſt, mein General. Würde es Ihnen nicht unangenehm ſein, in den Kreis der Gäſte zu treten?“ „Ah, lieber Baron, um deſto ſicherer werde ich bei Ihnen ſein.“ Der General warf ſeinen Reiſemantel ab, ſtand in ſeiner Generalsuniform da, trat vor einen Spiegel, ordnete an ſeiner Toilette. „Darf ich bitten, Baron!“ Er war ein echter Franzoſe, in Allem! —,— — Der Baron hatte ihm keinen Widerſtand entgegen⸗ zuſetzen. Er hatte den Kopf verloren; der Franzoſe war plötzlich ſein böſes Gewiſſen geworden. Er mußte ihn begleiten. Er ging wie ein armer Sünder neben ihm. Als ſie in das Zimmer traten, ſchwank⸗ ten ihm die Kniee. Und die, welche ſich ſchon in dem Zimmer be⸗ fanden? „Ah, in der That, oder wirklich, der zweite Zeuge!“ ſagte der Graf Ahrenberg. Aber dem frivolen Manne erſtarb das letzte Wort faſt auf der Zunge. Sein Blick hatte die Frau des Hauſes getroffen. Die Unglückliche war ohnmächtig in das Sopha zurückgeſunken, ohne einen Schrei, ohne einen Laut. Sie hatte den Fremden geſehen; ſie hatte ihn er⸗ kannt. Ihre Augen ſtarrten ihn an, als wenn ein Geſpenſt vor ihr aus dem Grabe aufſteige; ein krampf⸗ haftes Zittern ergriff ihren ganzen Körper, warf ſie lautlos in das Sopha zurück. Selbſt der General wurde verlegen. Auch er hatte wohl die Frau erkannt. „Treten wir in ein Nebenzimmer, Baron!“ bat er ſeinen Begleiter. Der Baron öffnete mechaniſch die Thür eines Seitengemachs, trat mit dem General hinein. Die Baronin kam wieder zu ſich. „Heute?“ ſagte ſie. „Und er konnte wagen, den Menſchen zu mir zu bringen? Heute!“ Sie erhob ſich. „Gehen wir, mein Kind!“ Sie nahm den Arm der Tochter; ſie wollte ſich mit ihr entfernen. Der Baron kam aus dem Nebenzimmer zurück. Er hatte ſeine finſtere Entſchloſſenheit, er hatte mehr wieder. „Wohin?“ trat er der Gattin und der Tochter entgegen. „Ihr bleibt! Wir werden den Verlobungs⸗ vertrag vollziehen.“ Der ſchwachen, ſo lange unterdrückten Frau wollte der ſchnell, kaum halb erwachte Muth ſinken. Hatte doch auch ſie ſelbſt ſich ſo Vieles vorzuwerfen. Die Wittwe eines ſo braven Mannes hatte ſo bald wieder heirathen können, und es war die Ahnung in ihr aufgetaucht, daß der zweite Gatte der Mörder ihres —— 135 erſten war. Schon die beiden alten Diener hatten das angedeutet. Sie wollte umkehren. In dem Herzen ihres Kindes erwachte der Muth für die Mutter. „Meine Mutter,“ ſagte ſie, „jener Fremde hatte den Tod meines Vaters befohlen?“ „Ja!“ mußte die Mutter ſagen. „Und er war es, vor dem Du knieteſt, um das Leben Deines Gatten zu erflehen? Der Dich, der meine Mutter vergebens vor ſich knieen ließ?“ „Er war es.“ „So komm, meine Mutter!“ Mit ihm und mit Menſchen, die mit ihm Gemeinſchaft pflegen, wirſt Du nie wieder etwas zu ſchaffen haben.“ Sie ſprach ſo ruhig, ſo ſtolz, ſo edel. Der Baron ſtand einen Augenblick ohne Faſſung. Dann nahm er ſein ganzes inneres Weſen zu⸗ ſammen. „Madame, Sie kehren zu Ihrem Platz zurück, und Sie, Mademoiſelle, Sie unterſchreiben!“ Das Fräulein wollte ihm einen Blick ihrer tiefen Verachtung zuwerfen. 136 Sie erblaßte; ſie drohte, zuſammenzubrechen. Die Thür des Zimmers wurde raſch aufgeriſſen. Ein preußiſcher Ulahnenoffizier trat in das Zimmer. Bei ſeinem Anblick erblaßte Helene. Die beiden Fräulein von Weſſel fuhren mit voll Freude gerötheten Geſichtern auf, als ſie ihn ſahen. „Ah, Ihr tapferer Ritter aus dem Walde?“ fragte der Graf Ahrenberg die ältere Schweſter. „Ja, ja! Und er folgt uns hierher! Iſt das nicht reizend?“ „Hm, das Fräulein von Steiner ſcheint das nicht ſo reizend zu finden. Sehen Sie die Augen, mit denen ſie ihn anblickt? Parbleu, mein gnädiges Fräulein, die Beiden kennen ſich, und es iſt eine ältere Bekanntſchaft, als von heute Nachmittag im Walde.“ Die beiden Fräulein hatten nicht mehr die Röthe der Freude in den Geſichtern. Der preußiſche Offizier war auf den Baron Weſſel zugeſchritten. „Mein Herr, Sie ſind der Beſitzer dieſes Schloſſes?“ 137 „Ja, mein Herr!“ „Mein Herr, Sie haben einen feindlichen Offi⸗ zier —“ Da ſah er Helenen neben ſich, die bleiche, die ſchwankende Helene. Er erblaßte ſelbſt einen Augen⸗ blick. Aber er ſchwankte nicht. Er war der Soldat im Dienſt, und vor Allem ging der Dienſt, und er fuhr ruhig fort: „Sie haben einen feindlichen Offizier aufgenom⸗ men, mein Herr. Ich fordere Sie auf, mir ihn her⸗ auszugeben. Meine Leute haben Ihr Schloß beſetzt.“ Der Baron ſtand vernichtet. Warum hatte der franzöſiſche General jene Ge⸗ walt über ihn gehabt? Ein Wort des Mannes ſtellte ihn ſeiner Frau als den Verräther, als den Mörder des erſchoſſenen Gatten hin, der Tochter, der ganzen Geſellſchaft. Sollte er jetzt doch noch zum Verräther an ihm werden? Er hatte keinen Gedanken, kein Wort. Er wurde erlöſt. Der franzöſiſche General öffnete die Seitenthür und ging auf den preußiſchen Offizier zu. 138 „Mein Herr, ich habe Alles gehört. Ich kenne die Geſetze des Krieges. Ich bin Ihr Gefangener.“ Er übergab dem Offizier ſeinen Degen. Der Offizier winkte in den Corridor vor der Thür. Ein anderer Ulahnenoffizier trat ein. „Herr Lieutenant, der General iſt unſer Gefange⸗ ner. Er übergab ſich mir freiwillig. Sein Stand werde geachtet.“ „Zu Befehl, Herr Rittmeiſter!“ Der Lieutenant entfernte ſich mit dem General. Der Rittmeiſter aber wandte ſich zu der Tochter des Hauſes. „Fräulein Helene, Sie hatten dem Flüchtling Franz Holden erlaubt, Sie wiederzuſehen!“ Und Fräulein Helene war nicht mehr blaß und ſchwankte nicht mehr. „O, mein lieber Herr Holden, wie freue ich mich über dieſes Wiederſehen!“ Sie ſprach es ſo recht aus der Fülle eines glück⸗ lichen Herzens, dem nichts von Allem, was ſie um⸗ gab, einen Zwang auflegen konnte, nicht der ſtrenge Blick ihres Stiefvaters, nicht der plötzliche Zorn in dem dunkelvothen Geſichte ihrer künftigen Schwieger⸗ mutter, nicht das lang gewordene Geſicht ihres Ver⸗ lobten — aber der Vertrag war ja noch nicht unter⸗ ſchrieben — nicht die Angſt ihrer armen Mutter — aber der friſche Muth der Tochter ſchien auch dem Herzen der Mutter neue Kraft zu geben — nicht endlich das ſonderbare Lächeln des Grafen Ahrenberg. „Parbleu,“ ſagte dieſer Frennd eines guten Glaſes Champagner für ſich, „hier ſcheint der An⸗ fang von einem gewiſſen Ende gekommen zu ſein. Retten wir, was noch zu retten iſt!“ Er begab ſich in das Nebenzimmer, in dem er vorhin mit dem Baron ſeinen Durſt gelöſcht hatte. Volle Champagnerflaſchen ſtanden noch da: ein Be⸗ dienter war dabei, ſie zu öffnen. Der Graf war glücklich, ruhig, und er kümmerte ſich wenig um Glück und Unglück in dem Gemache, das er verlaſſen hatte. Glück und Unglück waren wohl in dieſem. Helenens Muth war mit der Freude ihres Her⸗ zens gewachſen, und die Freude zog mit der Liebe immer voller und ſiegreicher in ihr Herz hinein. Jeder Blick, den ſie und der junge Offizier mit ein⸗ ander wechſelten, zeigte ihnen Beiden ja nur die helle Liebe, die ſie ſich treu bewahrt hatten. So ſtanden ſie beiſammen; ſo hatten ſich ihre Hände umſchlungen. Nur Worte hatten ſie nicht was hätten ihre Lippen ſich auch noch ſagen müſſen? Der junge Herr Ottokar von Weſſel ſah ſeine Mutter ſo kläglich, ſeine Mutter ſah ihren Schwager ſo zornig an. Der Baron hatte ſeine ganze finſtere, ſtolze, befehlende Haltung wieder. Er trat auf den jungen Offizier zu. „Mein Herr, führt Ihr Dienſt Sie weiter, oder hält er Sie noch in dieſem Schloſſe zurück?“ Der Rittmeiſter Franz Holden blieb ruhig. „Mein Herr, ich habe die Ordre, mein Regiment hier zu erwarten. Es wird wahrſcheinlich in einer Stunde eintreffen.“ „Bis dahin nehmen Sie alſo hier Quartier?“ „So lautet mein Befehl.“ „Ein Bedienter wird Ihnen Ihr Zimmer an⸗ weiſen.“ Der Baron ſprach es mit ſeinem beſten Aplomb. In vornehmerer Manier war wohl noch Niemandem die Thür gewieſen. Seine corpulente Schwägerin triumphirte; ſein langer Neffe Ottokar wollte hoch das Haupt erheben, aber der Schreck litt es nicht, der junge Offizier blickte gerade nach ihm hin, und ſo ſonderbar. Dem Baron erwiderte der Offizier mit ſeiner vollen Ruhe: „Mein Herr, geſtatten Sie mir, noch einen Augen⸗ blick hier zu verweilen.“ Dann ging er zu der Thür des Zimmers, die in den Corridor führte; er öffnete ſie, winkte hinaus. Er kehrte zu dem Baron zurück: „Mein Herr, ich wußte, was am heutigen Tage hier vorgehen ſollte, und ich hätte mir die Ehre ge⸗ geben, zu Ihnen zu kommen, auch wenn mein Dienſt mich nicht hergeführt hätte. Mein Weg führte mich heute zum Franziskanerkloſter am Berge. Dort war noch Jemand, der am heutigen Abend Ihnen ſeinen Beſuch machen wollte; von ihm wurde ich über die Verhältniſſe in Schloß Hallenberg in Kenntniß geſetzt. 142 Der Pater Vitalis iſt hier. Sie ſetzen ihn in die Nothwendigkeit, vor Ihnen zu erſcheinen. Aber —“ Franz Holden wandte ſich zu der Frau des Hauſes. „Gnädige Frau, der Anblick des Paters wird Ihnen zu ſchmerzlich ſein. Befehlen Sie, daß ich Sie in ein anderes Zimmer geleite?“ Die unglückliche Frau erhob ſich; ſie gab mit einem dankbaren Blicke dem jungen Manne ihren Armz er führte ſie in ein Seitencabinet. Er war im Augenblick wieder da. „Ihnen, liebe Helene, wünſcht der Pater zugleich ſeinen Dank zu ſagen. Er hatte in jener Nacht in Ihren Augen Verzeihung geleſen; es war ſeine Ge⸗ neſung; der böſe Geiſt iſt ſeitdem nicht wieder über ihn gekommen.“ Der Schloßherr? Er ſah nicht mehr den Anfang von einem Ende, wie ſein Freund, der Graf Ahrenberg; er ſah das Ende ſelbſt; es war ſchnell genug herbeigekommen. Er machte kaum noch einen Verſuch, es aufzuhalten. „Mein Herr, ich bin der Herr dieſes Hauſes!“ 4%* 143 „Und ich, mein Herr, befehle in dieſem Augen⸗ blicke hier!“ „Sie ſind nicht in Feindes Land.“ „Aber gegenüber einem Manne, der es mit den Feinden dieſes Landes hielt, der —“ Die Thür des Zimmers öffnete ſich. Das bleiche Geſicht, die hagere Geſtalt des Pater Vitalis erſchien darin, unter dem Gewande des Mönches der alte franzöſiſche Oberſt. Sein Blick war tief, ernſt, ſtrenge. Der Baron Weſſel nahm den Arm ſeiner Schwä⸗ gerin. „Gehen wir!“ Er verließ mit ihr das Zimmer. Der Neffe mit den Schweſtern folgte ihm. „Es iſt ſo beſſer!“ ſagte Franz Holden. „Ja,“ ſagte der Mönch, „es iſt ſo beſſer, um dieſes theuren Kindes willen, deſſen Herz keine Rache kennt. Meine Tochter, Du fragteſt mich in jener ſchweren Nacht um ein Geheimniß. Ich durfte es Dir nicht entdecken. Da kam vor einigen Tagen 144 die Kunde dieſes Abends zu mir. Mein Entſchluß ſtand feſt. Aber muß ich Dir den Namen noch nennen?“ „Nein, frommer Pater; er komme nie über Ihre Lippen. Aber —“ Die Blicke des jungen Paares waren ſich begeg⸗ net. Mit den Blicken fanden ihre Hände ſich wieder zuſammen, dann die Arme. So traten ſie vor den Pater. „Aber Ihren Segen zu unſerem Bunde, frommer Vater.“ Und der Pater legte ſeine Hände auf zwei glück⸗ liche Häupter. „Der Herr ſegne Eure Liebe mit ſeiner Gnade!“ Bei ſeinem Champagner nebenan hatte der Graf Ahrenberg gehorcht. „Parbleu,“ ſagte er, „doch eine Verlobung! Und der Champagner in dieſem Hauſe iſt gut, und er wird es ja bleiben, wenn das Haus nun auch ein bürgerliches wird. Freund Ahrenberg, halte dich hier.“ Und er füllte ſein Glas, öffnete die Thür, trat hinein und rief: „Ah, mein gnädiges Fräulein und mein ver⸗ ehrter und tapferer Rittmeiſter, geſtatten Sie mir, der Erſte zu ſein, der Ihnen ſeine herzlichen Glück⸗ wünſche darbringt. Auf Ihr Wohl leere ich dieſes Glas!“ Temme, Criminal⸗Novellen. III. 10 Per wur ler j t c riler? Ich war Direktor der Kriminalbehörde in N. Eines Tags, im Sommer, meldete ſich des Morgens ein Bauer aus der Gegend bei mir. Es war ein ſchöner, kräftiger Greis mit ſchneeweißem Haar. Nie werde ich den Ausdruck des Schmerzes in dem feſten, eiſengefurchten Geſichte vergeſſen. Herr Kriminal⸗Direktor, der königliche Förſter von Winkelhorſt hat heute Nacht meinen Sohn erſchoſſen. Es war mein einziger. Er hatte mit trockenen Augen anheben können. Als er die Worte ſprach: „Es war mein einziger“ — ſtürzten ihm die Thränen unaufhaltſam aus den Augen. Ich ließ ihn ſich ſammeln. Dann forderte ich ihn auf, zu erzählen. Es war ein ſehr einfacher Hergang, den er mir mittheilte. Vorfälle ſolcher Art kamen damals leider zum öfteren vor; nicht blos in jenen Revieren, nicht —— —— —— 8 150 blos in jener Provinz. Ein trauriges Geſetz hatte ſie im ganzen Lande hervorgerufen. Der alte Bauer hatte geſchlagenes Holz in dem königlichen Forſt gekauft. Sein Sohn war mit einem Knechte hingefahren, um es aufzuladen und abzu⸗ holen. Während ſie am Aufladen waren, war der Revierförſter herzugekommen. Es war Holz an meh⸗ rere Perſonen verkauft worden. Die verſchiedenen verkauften Haufen lagen in Reihen beiſammen. Der Förſter behauptete, der Sohn des Bauern lade einen fremden größeren Haufen auf, und verlangte, unter Anweiſung eines anderen, Wiederabladung. Der junge Bauer behauptete, in ſeinem Rechte zu ſein. Der Förſter beſtand auf ſeinem Befehle und erklärte, ihn mit Gewalt durchſetzen zu müſſen und zu wollen. Der junge Bauer erklärte, Gewalt mit Gewalt zurück⸗ weiſen zu wollen. Der Förſter nahte ſich. Der Bauer ſtreckte ihm drohend ſeine Art entgegen. Der Förſter legte ſein Gewehr auf ihn an und forderte ihn auf, die Axt aus der Hand zu legen. Nimmer! ruft der Bauer. Der Förſter wiederholt ſeine Auf⸗ forderung; er werde ſonſt ſchießen. Das möge er ——— —5 einmal wagen ruft der Bauer, ſeine Axt ſchwingend. Der Förſter ſchießt den jungen Bauer nieder. So erzählte der Vater des Erſchoſſenen ſelbſt mir den Hergang. Ihm hatte denſelben der Knecht ſo erzählt, der zugegen geweſen war. Er verlangte von mir die Beſtrafung des „Mör⸗ ders“. Die Forſtbeamten würden alle Tage über⸗ müthiger; ein Menſchenleben werde von ihnen für nichts mehr geachtet. In dieſem Falle liege ein offener, vorher ruhig überlegter Mord vor. Sein Sohn ſei dem Förſter bekannt geweſen. Er ſei ein wohlhabender Bauer, der für ein paar Stücke Holz wohl aufkommen könne. Wie da, wenn auch ſein Sohn wirklich das unrechte Holz aufgeladen, das Er⸗ ſchießen deſſelben zu rechtfertigen ſein könne? Gegen die Uebergriffe, gegen die Brutalität der Beamten müſſe endlich einmal Gerechtigkeit geübt werden. Hatte der alte Mann Recht? Ich glaube, keiner meiner Leſer möchte daran zweifeln wollen. Ich mußte dennoch zu ſeinem Begehren den Kopf ſchütteln. Der Förſter war nach dem Geſetze völlig in ſeinem Rechte geweſen. Er hatte gehandelt, wie er nach dem Geſetze handeln durfte, nach ſeiner Inſtruktion vielleicht gar handeln mußte. Ich ſagte es dem Bauern. In den alten Augen geſellten zu den Thränen des Schmerzes ſich Thränen des Zornes. Welche Geſetze! Welches Recht! rief er. Der Vorfall mußte dennoch gerichtlich unterſucht werden, um, wie das Geſetz ſagte, zu ermitteln, ob ein Mißbrauch der Waffe von Seiten des Forſtbeam⸗ ten ſtattgefunden habe. Zu der Unterſuchung war * ein Oberforſtbeamter zuzuziehen. Es war, wie die Sache lag, eine bloße Forma⸗ 2 lität. Aber das Geſetz ſchrieb ſie einmal vor, und 4 — konnte ſich doch noch ein Umſtand ermitteln laſſen, der die offenbare Rohheit, die jedenfalls vorlag, auch als eine ungeſetzliche, ſtrafbare Handlung darſtellte! Dem verletzten allgemeinen Rechtsbewußtſein gebührte dann die ſtrengſte rechtliche Genugthuung. Dies ver⸗ . anlaßte mich, ſelbſt die Unterſuchung zu führen. Ich begab mich unter Zuziehung des Oberforſt⸗ meiſters der Regierung an Ort und Stelle in den⸗ Forſt. 1 Die Unterſuchung blieb ohne ein anderes, als das von Anfang an vorauszuſehende Reſultat. Jener Umſtand ließ ſich nicht ermitteln. Der Förſter hatte vollkommen in ſeinem geſetzlichen Rechte gehandelt. Kein Strafgeſetz und kein Strafgericht konnte ihm beikommen. Sein Vorgeſetzter, der Oberforſtmeiſter, konnte ſich ſogar nicht enthalten, ihm eine Belobung ſeines zwar ſtrengen, aber durchaus amts⸗ und pflicht⸗ mäßigen Verhaltens zu erkennen zu geben. Aber etwas Anderes ſollte die Unterſuchung mir eintragen, ein Räthſel, ein tiefes Räthſel des Lebens und des Herzens. Und dann ſollte mir auch die Auflöſung nicht fehlen. — Es war des Nachmittags, als ich an dem Forſt⸗ hauſe Winkelhorſt anlangte. Der Sommertag war warm. In dem Forſt war es friſch und ſchattig. Ich war des langen Fahrens überdrüſſig geworden und machte daher die letzte halbe Stunde bis zum Forſthauſe zu Fuße. Der Wagen fuhr in einiger Entfernung hinter mir her. Das Forſthaus lag völlig einſam, mitten im Walde. Nur ein mäßiger Garten ſchloß ſich ihm — —— von der Rückſeite an, und ein kleiner freier Platz lag vor ihm; wohin ſonſt das Auge blickte, ſah es nur Wald, nur Forſt, nur dichte, hohe Bäume. Tiefe Stille herrſchte im Hauſe und rund umher, als ich ankam. Es war eine ſchauerliche Waldeinſamkeit, und doch eine ſchöne. Das Haus war hell, freundlich, wohlerhalten. Große Hirſchgeweihe prangten ſtattlich über der Thür, große Jalouſien zierten die Fenſter; Geisblatt und Reben rankten daran hinauf. Im Garten blühten Flieder und Roſen und Schneebaum, und hinten auf langen Beeten Erbſen und Früh⸗Bohnen. Zwiſchen den Blumen und Blüthen ſpielte munter ein liebliches Kind, ein bildſchöner Knabe von fünf Jahren. Aber langſam, geſenkten Hauptes, wandelte zwiſchen ihnen umher eine ſchöne, blaſſe Frau, auf die Blumen nicht achtend, zuſammenfahrend, wenn ihr Blick auf das blondgelockte Engelsantlit des 3 Kindes fiel. . Ich war ſtehen geblieben, das Bild zu betrachten, das mir auf einmal ein tiefes Weh in das Herz goß. 4 Je ſchöner und freundlicher das Bild iſt, durch das ein Unglück ſchreitet, um ſo greller tritt nur das Unglück für uns hervor. Ich mußte länger ſtehen bleiben. Hinter dem Hauſe und dem Garten war ein alter Mann aus dem Walde getreten. Er war auf den Garten zugegangen. Die Frau hatte ihn geſehen, ging ihm entgegen und öffnete ein Pförtchen, das ſich an der Rückſeite des Gartens befand. Er trat zu ihr in den Garten. „Biſt Du allein, Marianne?“ fragt er. „Ja, guter Chriſtian.“ „Und wie geht es Dir?“ „Wie Du ſiehſt.“ Der Alte ſchüttelte traurig den weißen Kopf. „Wie könnte es hier auch gut gehen!“ ſagte er dann. Sie hatten mich bis dahin Beide noch nicht ge⸗ ſehen; in dem Augenblicke aber kam mein Wagen herangefahren, ſie ſahen auf und nun gewahrten ſie auch mich. Die Frau ſchien heftig zu erſchrecken. Sie ſprach ſchnell ein paar leiſe Worte zu dem alten Manne. 156 Er warf einen mißtrauiſchen Blick zu mir herüber. Sie ging nach dem Hauſe hin, während er bei dem ſpielenden Kinde zurückblieb. Sie hatte mir entgegengehen, mich empfangen wollen. Ich ging ebenfalls auf das Haus zu. In der Thür begegnete ſie mir. Sie war in der Nähe noch ſchöner, die ſeinen Züge, aber auch das tiefe und doch ſtille Leiden in dem blaſſen Geſichte traten klarer hervor. Erſchrocken war ſie nicht mehr; aber eine gewiſſe Scheu und Verwirrung ſprach ſich noch in ihrem Weſen aus, ihre großen, blauen Augen ſchlug ſie nieder, während ſie mit mir ſprach. „Sie ſind der Herr Kriminaldirektor —?“ fragte ſie mich. „Ja, Madame.“ Sie theilte mir nun mit: Der Oberforſtmeiſter ſei ſchon vor einer Stunde angekommen. Er habe noch andere, dringende Geſchäfte in dem Forſt gehabt und dazu ihren Mann, den Förſter, mitgenommen. Dieſer laſſe ſich entſchuldigen, daß er nicht auf mich 157 gewartet habe. Ihr Mann habe ſeinem Vorgeſetzten folgen müſſen. Ich würde die Beiden in dem Forſt an der Stelle treffen, wo das Unglück geſchehen ſei. Ein Knecht werde mich hinführen. Sie lud mich indeß ein, vorher einen kleinen Imbiß zu nehmen. Alles hatte ſie mit einer außerordentlich ſanften, weichen Stimme geſprochen, in einer gebildeten Sprache, ihre Scheu hatte ſie nur halb überwinden können. Um ſo weniger glaubte ich ihre Einladung annehmen zu dürfen. Sie war ein Räthſel, ein durch Schönheit und Leiden doppelt intereſſantes . Räthſel. Aber allein mit mir zu ſein wäre ihr pein⸗ lich geweſen. Ich erwiederte ihr dankend, daß auch ich Eile habe. „ Es ſchien ihr in der That leichter zu werden. Sie rief nach dem Knecht, der mich führen ſollte. Aber der Menſch war nicht da. Sie wurde verlegen. Darüber kam der alte Mann, der im Garten mit ihr geſprochen hatte. „Ich werde den Herrn führen, wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Förſterin,“ erbot er ſich. Vorhin hatte er ſie Marianne und Du genannt. 6 158 Sie war zweifelhaft, ob ſie ſein Anerbieten an⸗ nehmen ſollte. „Der Rückweg würde Dir beſchwerlich werden, Chriſtian. Du müßteſt ihn zu Fuße machen.“ „Ich kann es ja, Gottlob, noch.“ Er ließ keine Einwendungen mehr gelten und ſetzte ſich zu dem Kutſcher auf den Bock. Ich fuhr mit ihm ab. Beim Abſchiede ſah die Frau mich endlich an. Aber die großen, tiefblauen Augen ſenkten ſich in die meinigen ſo forſchend, ſo oft und ſo ſchmerzlich, daß mein Herz erbeben wollte. Welche Angſt und welcher Schmerz mußten erſt in dem ihrigen ſein! Aber warum? Welches Geheimniß ruhte oder wühkte in dem Innern dieſer jungen, ſchönen, trauern⸗ den Frau. „Die Frau Förſterin iſt kränklich?“ fragte ich unterwegs den alten Mann. „Die Geſundeſte iſt ſie nicht,“ antwortete er kurz. „Ihr wohnt hier in der Nähe?“ „Schon lange?“ —— — — — 30 Er hatte offenbar keine Luſt, ſich mit mir in ein Geſpräch einzulaſſen. Ich fragte ihn daher nicht weiter. Auch er war ein Stück Räthſel. Einmal mußte ich ihn doch noch fragen. Wir fuhren in dem Forſt, faſt in einem Halb⸗ bogen, an einem langen, weiten Bruche vorbei, deſſen grauer, mitunter offen ſchlammiger Boden, nur in einzelnen Gruppen Bäume, Erlen, trug. Der alte Mann hatte oft mit ſo eigenthümlichen Blicken in den Bruch, auf die Erlen geſchaut. Nachdem wir beinahe eine Stunde gefahren waren, fiel an einer Krümmung des Weges ſein Blick auf einmal wie erſchrocken auf einen andern Gegenſtand. Es war ein einfaches, ſchwarzes hölzernes Kreuz, das unmit⸗ telbar am Wege ſtand. Aus dem Winkel ſeines Auges ſchien er dann plötzlich und unwillkürlich nach mir zurückzublicken. „Was bedeutet das Kreuz?“ fragte ich ihn. „Hier iſt Einer erſchlagen worden,“ antwortete er wieder kurz. „Schon lange?“ fragte ich dennoch weiter. „Es ſind ſieben Jahre.“ 160 „Und wer hat das Kreuz geſetzt?“ „Der Erſchlagene war ein Bekannter von Euch?“ Se „So könnt Ihr mir die Geſchichte erzählen?“ „Sie haben ſie ja in Ihren Akten.“ „Wie hieß der Erſchlagene?“ „Felſener. Er war Forſteleve hier.“ „Und ſein Mörder?“ Der alte Mann antwortete mir nicht. Er ſchien in Erinnerungen und in Schmerz verſunken zu ſein. Ich wiederholte meine Frage. . „Ein Wilddieb,“ ſagte er kurz, faſt unverſtändlich. Ich mußte wieder auf weitere Fragen verzichten. Wir erreichten die Stelle, an der, wie die Förſte⸗ rin geſagt hatte, das Unglück geſchehen war. Ein neues Räthſel oder vielmehr der letzte Theil des Räthſels, ſollte mir entgegentreten. 7 Der Oberforſtmeiſter und der Förſter waren ſchon da. Den Oberforſtmeiſter kannte ich, den Förſter Wolf ſah ich zum erſten Male. Es war ein kleiner, magerer Mann, in der Mitte der dreißiger Jahre, mit einem blaſſen Geſichte, 161 ſchmalen, eingekniffenen Lippen, tiefliegenden grauen Augen, ſchwarzem, kurzgeſchorenen, harten Haar. Sein Blick war unſtät, aber wie von einem in ihm brennenden Feuer, einer unruhigen Schwärmerei, hin und her getrieben. Er machte einen unangenehmen Eindruck. Wie war dieſer Mann zu jener ſchönen, leidenden Frau gekommen? War er ihr Leiden? War er der Schlüſſel zu ihrem Räthſel? Oder war er ein neues Räthſel? Ich hatte ihn über die Niederſchießung des jungen Bauern zu vernehmen. Er erzählte offen, ohne irgend einen Rückhalt, den ganzen Vorfall. Aber in welch' ſonderbarer, ſeltſamer Weiſe! „Ich habe ihn erſchoſſen. Ich habe ihn mit ruhigem, kaltem Blute niedergeſchoſſen. Er wollte mir nicht gehorchen. Er widerſetzte ſich mir. Er erhob ſeine Art drohend gegen mich. Da war es nach dem Geſetze mein Recht und meine Pflicht, ihn niederzuſchießen. Es that mir leid, daß ich es mußte. Es war ein Menſchenleben. Er war ein redlicher Menſch, nur etwas roh war er immer geweſen. Ich Temme, Criminal⸗Novellen. III. 11 überlegte bei mir, ob ich es denn müſſe. Ich wollte es gewiß ungern. Aber das Geſetz forderte es von mir. Und es waren andere Leute in der Nähe, Zeugen des Vorfalls. Der Verſtorbene war von ſeinen Genoſſen geachtet, ſein Beiſpiel war für ſie maßgebend. Sie hätten ihm nicht beigeſtanden, denn er war im Unrecht, und ſie ſahen es ein. Aber es wäre für immer mit der amtlichen Autorität in dem Forſt vorbei geweſen, wenn ich nachgegeben, wenn ich nicht den Muth gehabt hätte, zu thun, was mein Amt, was meine Pflicht von mir forderte. Das Alles überlegte ich mir. Es blieb mir keine Wahl. Ich bat Gott in meinem Herzen um Verzeihung, wenn ich eine Sünde dadurch beginge, daß ich dem Geſetze gehorchte, das der König gegeben, das ich beſchworen hatte. Dann ſchoß ich ihn nieder.“ — Das war ſeine Auslaſſung. Sie kam aus ſeinem Innerſten. Es war kein Wort Verſtellung darin. Es war die Ueberzeugung und die Wahrheit des furchtbarſten Fanatismus, des ſtill und kalt und ſpitzfindig grübelnden und dann zum Aeußerſten fähigen. 163 Daß jene arme Frau — ſie mußte mir zuerſt wieder einfallen — mit dieſem Menſchen hatte un⸗ glücklich werden müſſen, das war keine Frage. Aber was hatte ſie mit ihm verbinden können? Und wie er das geworden, was er war? Einmal meinte ich, auch er ſei mitten in der ruhigen, klaren Auseinanderſetzung ſeines fanatiſchen Thuns plötzlich heftig in ſeinem tiefſten Innern vor Etwas zuſammengeſchreckt, und ich glaubte dann auch in ſeinen Augen denſelben ſcheuen, ängſtlichen Blick zu bemerken, den ſeine Frau und der alte Chriſtian verſtohlen auf mich geworfen hatten. Aber im Augen⸗ blicke nachher ward er wieder vollkommen ruhig und klar. — Es konnte keine Unterſuchung gegen ihn einge⸗ leitet, ſein Verhalten mußte als ein geſetzmäßiges anerkannt werden. Aber jene Fragen über den Mann blieben mir unbeantwortet. Jenes ganze dreifache Räthſel des einſamen, ſtillen, freundlichen Forſthauſes blieb mir ungelöst. Freilich nicht lange, nur wenige Tage. Der Zufall ſpielt ſo oft wunderbar im Leben. — In N. befand ſich zugleich, getrennt von dem Kriminalgerichte, die Strafanſtalt der Provinz. Eines Tags, bald nach jenem Vorfall, kam gegen Abend der Geiſtliche der Strafanſtalt, ein alter, wür⸗ diger Mann, zu mir. Er komme in einer wichtigen Angelegenheit, ſagte er. Ein alter Sträfling, Friedrich Sander mit Namen, liege im Sterben und habe ihn vor einer Stunde zu ſich rufen laſſen, um ihm ſeine letzte Beichte abzulegen. Er komme unmittelbar von ihm. Der Name Friedrich Sander war mir bekannt. Der Mann war früher ein frecher, oft beſtrafter Wilddieb geweſen und zuletzt wegen Ermordung eines Forſtbeamten zu dreißigjähriger Zuchthaus⸗ ſtrafe verurtheilt worden. Er verbüßte dieſe Strafe in der Strafanſtalt ſeit ungefähr ſechs Jahren. Näheres war mir über ihn, ſein Verbrechen und ſeine Unterſuchung nicht bekannt. Er war ſchon ſeit einigen Jahren rechtskräftig verurtheilt und in die Strafanſtalt abgeliefert, als ich nach N. verſetzt wurde. Nur ſo viel wußte ich noch, daß er den Mord beſtritten hatte, daß ihm dieſer auch nicht voll⸗ ſtändig hatte bewieſen werden können, und daß er daher, da wegen des mangelnden vollen Beweiſes die ordentliche Strafe des Geſetzes, die Todesſtrafe, nicht gegen ihn erkannt werden durfte, nach den damals beſtehenden Geſetzen zu jener dreißigjährigen Zucht⸗ hausſtrafe verurtheilt worden war — ſie kam, da er zur Zeit der That ſchon einige vierzig Jahre zählte, einer Verurtheilung auf Lebenszeit gleich. „Hat er Ihnen in ſeiner Sterbeſtunde den Mord bekannt?“ fragte ich den Geiſtlichen. „Nein,“ war die Antwort, „er hat mir im Gegen⸗ theile auch in dieſer letzten Stunde noch betheuert, daß er unſchuldig ſei.“ Ich mußte ein ungläubiges Geſicht machen. „Die recht verſtockten Verbrecher, Herr Pfarrer, können nur mit einer Lüge auf den Lippen ſterben. Sie ſelbſt werden es oft genug erfahren haben.“ „Leider. Und ich erkannte es. Gerade dieſe Er⸗ fahrung hat mich aber um ſo mehr gelehrt, die Wahrheit von der Heuchelei auf dem Todtenbette zu unterſcheiden.“ 166 „Und bei Sander glauben Sie Wahrheit gefun⸗ den zu haben?“ „Darf ich Sie um Das bitten, was er Ihnen geſagt hat?“ „Ueber das Verbrechen ſelbſt hat er nur wenig geſprochen. Er betheuerte mir nur ſeine Unſchuld, und als ich aus der Art und Weiſe, wie er dies that, die Ueberzeugung zu gewinnen glaubte, daß er wirklich kein Mörder ſei, hielt ich es für meine Pflicht, ſofort Ihnen, Herr Direktor, die Anzeige zu machen. Iſt Sander nicht der Mörder, ſo iſt es ein Anderer und die Ermittlung des rechten Mörders iſt um ſo mehr geboten, als ein Unſchuldiger ſchon ſo manches Jahr für ihn hat büßen müſſen. Dieſe Er⸗ mittlung ſteht aber Ihnen zu, und der geübte Krimi⸗ nalrichter wird den Sterbenden zweckmäßiger befragen können, als ich es vermocht hätte. Darum bin ich hierher geeilt.“ Der brave Geiſtliche hatte Recht. „Kann Sander noch bis morgen leben?“ fragte ich ihn. „Der Arzt gibt ihm höchſtens noch eine Stunde.“ 167 So mußte auch ich eilen, und ich konnte leider nicht vorher die in der Regiſtratur des Kriminal⸗ gerichts befindlichen Akten zur Hand nehmen, um das Nähere des Verbrechens kennen zu lernen und darnach meine Fragen an den Sterbenden einzu⸗ richten. Ich begab mich mit dem Geiſtlichen in die Straf⸗ anſtalt. Sander lag in einer engen Krankenſtube allein. Nur ein Wärter war bei ihm. Wie traurig iſt ein Sterbegemach! Seine Schrecken lernt nur Der kennen, der es in Kerkern und Ge⸗ fängniſſen betreten hat. Da liegt der Sterbende in der grauen, nackten, engen Zelle und ſieht nichts als die grauen nackten Wände und den Tod, der vor ihm ſteht, ſeine Hand nach ihm ausſtreckt und ihm alle ſeine Verbrechen, ſein ganzes Leben der Sünde vorhält, ſeine Unthaten und ſeine Schandthaten, wo⸗ für er ihn jetzt der rechten Strafe zuführen will, der Strafe der Ewigkeit. Wohin er blicken mag, da ſieht er den Tod, und wenn er auch die Augen ſchließt, er ſieht ihn nur um ſo ſchrecklicher, um ſo drohender. —68 Und Niemand iſt da, der ihn ſchützen, den er zu ſeiner Hülfe in ſeiner Einſamkeit herbeirufen kann. Kein Vater, keine Mutter, kein Bruder, keine Schwe⸗ ſter, kein Gatte, kein Kind, kein Freund. Es iſt ſo einſam um ihn, und ſo kalt und doch ſo heiß. Ein Wärter iſt bei ihm, aber es iſt ein Kerkerknecht, der den Tod nicht abwarten kann, und er ſetzt ſich ab⸗ ſeits, um nicht zu ſehen und nicht geſehen zu werden; ſo kann er ungeſtört ſchlafen. Wenn er erwacht, wird es vorbei und ein Spitzbube oder Mörder wird weniger in der Welt ſein. Ja, ein Menſch iſt dann weniger in der Welt. Der Tod war unterdeß — mitleidig geweſen. Der alte, oft beſtrafte Wilddieb und verurtheilte Mörder kämpfte nicht mit den Schrecken und Qualen jenes Todes. Die Ausſage hatte ihn ſehr ſchwach gemacht. Er athmete langſam und ſchwer. Der Tod ſtand an ſeinem Lager. Er wußte es, aber er kämpfte nicht mit ihm. Er konnte ihn ruhig er⸗ warten. Das ruhige Todesantlitz, der faſt glänzend klare Blick des Mannes ergriffen mich ungewöhnlich. Kann das ein Mörder ſein? mußte ich mich fra⸗ gen, und ich wollte es mir verneinen, wie der Geiſt⸗ liche es ſich verneint hatte! Können Richter nicht auch einen Unſchuldigen verurtheilen? Sein Auge glänzte heller, als er den Geiſtlichen mit mir zurückkehren ſah. „Sie ſind der Herr Direktor?“ fragte er mich haſtig, als wenn er fürchte, der Tod könnte ihn eher abrufen, bevor er ſich gegen mich ausgeſprochen hätte. „Ihr habt mir Etwas zu ſagen?“ erwiederte ich ihm. „Ja, Herr. Sie müſſen es auch noch von mir hören, daß ich an dem Tode des Forſteleven unſchul⸗ dig bin. Ich kann darum ruhig ſterben. Ein Wild⸗ dieb bin ich geweſen. Aber ich habe meine Strafe dafür gehabt, und der liebe Gott wird mir da die paar Haſen und Rehe nicht nachrechnen, die ich hier auf Erden geſchoſſen habe. Er läßt ja alle Jahre ſo viele groß werden und nicht allein für den König und die Forſtleute. Da kann auch einmal ein armer Mann mit ſeinem Weib und ſeinen Kindern . . . . Aber von dem Forſteleven wollte ich Ihnen ſagen, 170 und daß ich an dem unſchuldig bin. Ja, glauben Sie mir es, Herr Direktor, ſo wahr ich trotz aller der Haſen und Rehe zu Gott zu kommen hoffe.“ — Ein heftiger Huſten unterbrach ihn. Er hatte ſich aufgeregt, und zu ſchnell und zu laut geſprochen. Aber jedes Wort, jeder Laut ſeiner Stimme war mir ein wunderbarer Zeuge und Bürge dafür ge⸗ weſen, daß er die Wahrheit geſprochen habe. Der Huſten ging vorüber. Er hatte ſich wieder erholt. Ich ermahnte ihn, langſamer und ruhiger zu ſprechen. „Habt Ihr den rechten Mörder gekannt?“ fragte ich ihn dann. „Ich glaubte es,“ antwortete er. „Aber nur Gott kennt ihn bis jetzt.“ „Nanntet Ihr Niemanden zu den Akten?“ „Ei ja. Aber er war der Unrechte.“ „Wen nanntet Ihr?“ „Den alten Förſter. Aber er iſt es nicht.“ „Und Ihr nanntet ihn doch?“ „Ich hielt ihn dafür. Ich mußte es. Noch vor einer halben Stunde.“ „ 171 Er mußte wieder einhalten. Sein Athem war ſchwächer geworden. „Seit einer halben Stunde?“ fragte ich ihn dann, als er ſich wieder erholt hatte. Seine Augen hatten einen unbeſchreiblich hellen Glanz bekommen. „Herr Direktor,“ ſagte er langſamer, beinahe feierlich, „wenn man ſo nahe vor dem Tode ſteht, dann iſt man doch ein anderer Menſch. Es wurde mir vorhin auf einmal ſo klar hier im Kopfe, und da ſah ich Alles ſo lebendig vor mir und Dinge, an die ich in meinem ganzen Leben nicht gedacht hatte. Sonſt hatte ich nur immer an den alten Förſter denken können. Recht klar war es mir nie⸗ mals geweſen. Und nun auf einmal ſah ich die ganze Geſchichte vor mir, den —“ Er hatte ſich doch wieder angeſtrengt. Er war ſehr matt geworden. Der Glanz ſeiner Augen wurde wie eine hin und her irrende Flamme. Der Tod mußte ſehr nahe bei ihm ſtehen. Ich ſah ihn geſpannt an. 172 Er hatte Recht. Wie oft erhebt in der Todes⸗ ſtunde, noch in dieſem Leben, der Geiſt des Menſchen ſich zu einer wunderbaren Klarheit, als wenn er von den Feſſeln des Leibes ſchon jetzt erlöst wäre! Er ſieht Helle und Wahrheit, wo ihm früher nur Dunkel und Täuſchung war. „Den Ermordeten ſah ich,“ fuhr er matt und langſam fort, „und mein Gewehr — und den Mör⸗ der — und — aber es war nicht der Alte — und auch ſie ſah ich, — ja ſie, die —“ Seine Stimme war leiſer, ſchwächer geworden, zuletzt unverſtändlich. Dann verſagte ſie ihm ganz. Sein Auge brach. Er röchelte noch einmal tief auf und war todt. „Iſt da ein Mörder geſtorben?“ fragte mich der Geiſtliche. „Nein,“ mußte ich antworten. „So werden meine Gebete für ſeine arme Seele um ſo eher Erhörung finden.“ Er drückte dem Todten die Augen zu und ver⸗ harrte im Gebete bei ihm. Ich ließ mir am anderen Morgen die Akten geben, auf deren Grund Friedrich Sander als Mör⸗ der verurtheilt war. Sie enthielten Folgendes: Mitten im Walde lag das Forſthaus Winkelhorſt. Vor ſieben Jahren wohnten darin der alte Förſter Hartmann, ſeine einzige Tochter Marianne, ein könig⸗ licher Jäger Gottfried Wolf, ein Forſteleve Alfred Felſener, ein alter Knecht Chriſtian Baumann und eine Magd. Der Förſter war Wittwer. Seine Tochter war ein ſchönes, blühendes Mäd⸗ chen von achtzehn Jahren. Der Jäger Wolf war ſchon ſeit drei Jahren da; er war dem, manchmal von der Gicht geplagten und ſteif gewordenen Förſter zur Aushilfe beigegeben. Der Forſteleve Felſener war erſt ſeit ungefähr einem halben Jahre in dem Forſt und im Forſthauſe. Er war der Sohn eines verſtorbenen höheren Forſt⸗ beamten, der gleichfalls die Forſtkarriere einſchlagen wollte, dazu den praktiſchen Dienſt von unten auf durchmachen mußte, und zu dieſem Zwecke in den Winkelhorſter Forſt zu dem als tüchtigen Forſtmann bekannten Förſter Hartmann ſich hatte verſetzen laſſen. Das Forſthaus lag einſam im Walde. Der nächſte bewohnte Ort war das eine ſtarke halbe Meile entfernte große Kirchdorf Holzhauſen. Holzhauſen war der geſellige Vereinigungspunkt für die rund umher wohnenden Honoratioren, für Gutsbeſitzer, Kaufleute, Pfarrer, Beamte. Auch der Förſter Hartmann gehörte dazu. Seine Tochter Marianne war eine Zierde des ländlichen Geſellſchaftskreiſes. Mit ihrer Jugend und Schönheit verband ſie Anmuth des Herzens und Bil⸗ dung des Geiſtes. Der Pfarrer in Holzhauſen hatte ſie unterrichtet. Später war ſie noch ein Jahr in der Hauptſtadt der Provinz in einer Penſion geweſen. Der Forſteleve Felſener wurde von dem Förſter in die Geſellſchaften zu Holzhauſen mitgenommen. Der ſchöne, gewandte, einer der angeſehenſten Be⸗ amtenfamilien der Provinz angehörende junge Mann, der, zugleich vermögend, ſchon jetzt unabhängig war und als Beamter eine bedeutende Laufbahn vor ſich hatte, war dort gern geſehen. Eben ſo gern ging er hin. Freilich nur, wenn auch Marianne, die Tochter des Förſters, da war. Ohne ſie ſah man ihn nicht in Holzhauſen; mit ihr war er immer da. 175 Manche hatten den Kopf darüber ſchütteln wollen. Was daraus werden ſolle? Der vornehme, reiche, gebildete, junge Mann denke doch nicht daran, der einfachen, wenn auch für ihre Verhältniſſe leidlich ge⸗ bildeten Tochter eines kaum bemittelten, ſubalternen Unterförſters ſeine Hand zu reichen. Es werde kein gutes Ende nehmen. Andere meinten dagegen, der junge Mann ſei durch und durch brav, und die Liebe mache Alles gleich. Mit den beiden jungen Leuten ſelbſt hatte Niemand über ihr Verhältniß geſprochen; ebenſo nicht mit dem alten Förſter; man wußte daher nicht, wie er zu dem Verhältniſſe ſtand, ob er nur überhaupt Kenntniß oder Ahnung davon habe. Freilich, beſtand denn wirklich irgend ein Verhält⸗ niß zwiſchen den beiden jungen Leuten? Man ſchloß dies ja nur aus jenem Beiſammenſein. Am 24. Juni wurde in Holzhauſen die Kirch⸗ weihe gefeiert. Die Honoratioren der Umgegend hatten ſich dazu alljährlich auf einem gemeinſchaftlichen Balle in dem erſten Wirthshauſe des Dorfes zuſammengefunden. 6 So geſchah es auch in dieſem Jahre. 6 Auch aus dem Forſthauſe Winkelhorſt waren ſie da; der alte Förſter, ſeine Tochter Marianne, der Forſteleve Felſener und heute auch der Jäger Gott⸗ fried Wolf. Der Jäger hatte für gewöhnlich an den geſelligen Vereinigungen in Holzhauſen keinen Theil genommen. Er war ein einfacher Jäger, der in dem in mannig⸗ facher Beziehung über ihm ſtehenden Kreiſe ſich nicht recht heimiſch fühlte; dabei war er ſtill und in ſich zurückgezogen. Indeſſen war er ein tüchtiger Forſt⸗ mann und Beamter, und der Förſter ſchätzte ihn ſehr. Auf außerordentliches Verlangen war er heute mit⸗ gegangen. Alle Vier hatten ſich gemeinſchaftlich auf den Weg gemacht. Es war des Nachmittags. Der Juni⸗ tag war wunderſchön, und der Weg führte immer durch den ſchattigen Forſt. So gingen ſie zu Fuße. Alfred Felſener, der Forſteleve, hatte am Morgen noch erklärt, daß er nicht von der Partie ſein werde. Kurz nach Mittag hatte er aber durch den Poſtboten einen Brief erhalten, nach deſſen Durchleſung er den Förſter gebeten hatte, doch mitgehen zu dürfen. Der 177 Brief ſei von ſeiner Mutter, hatte er geſagt, und enthalte eine ſehr angenehme Nachricht für ihn. Dieſe Mittheilung wurde durch ſein Aeußeres und durch ſein Benehmen beſtätigt. Er war den ganzen Abend auf dem Balle in der munterſten Laune. In ſeinen Augen glaubte man ein ganz beſonderes Glück zu leſen. Er tanzte nur mit Marianne, die gleich⸗ falls heute beſonders glücklich zu ſein ſchien, ſo recht innig glücklich. Schon um zehn Uhr des Abends hatte der Förſter Hartmann mit den Seinigen den Ball und Holz⸗ hauſen verlaſſen. Die Gicht melde ſich, hatte er ge⸗ ſagt, da müſſe er früh Ruhe ſuchen. Er hatte den Anderen anheimgeſtellt, noch zu bleiben; aber ſie hatten ſämmtlich vorgezogen, ihn zu begleiten. Sie hatten gemeinſchaftlich den Rückweg angetre⸗ ten. Felſener und Marianne waren zuſammen ge⸗ gangen. Felſener hatte ſie geführt. Der Förſter, bei dem der Jäger geblieben war, war ihnen in einiger Entfernung gefolgt. Am Forſthauſe waren ſie alle Vier wieder zu⸗ ſammengetroffen. 12 Temme, Eriminal⸗Novellen. III. 2 178 Den Anderen hatte auffallen wollen, daß Felſener jetzt ſtiller als vorher war. Marianne war ihnen ſogar etwas verlegen vorgekommen. Sie hatten in⸗ deß nicht weiter darauf geachtet. Um eilf Uhr waren ſie an dem Forſthauſe ange⸗ langt. Der alte Hausknecht hatte gewacht, um ſie in das Haus einzulaſſen. Sie waren alle Vier in die Wohnſtube der Familie eingetreten. Der Forſteleve Felſener hatte dort alsbald erklärt, er habe noch keinen Schlaf und wolle noch ein Stünd⸗ chen den Forſt begehen. Die Nacht ſei mondhell, da ſei doppelt auf Wilddiebe zu rechnen, die die Forſtbeamten noch auf dem Balle in Holzhauſen glauben würden. Der alte Förſter hatte ihn nur noch gefragt, in welche Gegend des Forſtes er gehen wolle? Er hatte geantwortet: Nach dem Erlenmoor hin. Dann war er auf ſeine Stube gegangen, ſich umzukleiden. Zehn Minuten ſpäter hatte ihn der Hausknecht wieder aus dem Hauſe hinausgelaſſen. Er hatte ſein Doppelgewehr bei ſich getragen. Es mußte genau um Einviertel auf zwölf Uhr ſein. S, Die Anderen hatten ſchon kurz vorher ſich Jeder in ſein Zimmer zum Schlafen begeben. Der Knecht hatte ſich nach der Entfernung Felſe⸗ ner's ebenfalls ſchlafen gelegt. Er ſchlief in einer Kammer unten im Hauſe, nach dem Garten hin. Felſener hatte beim Weggehen zu ihm geſagt! Wenn ich zurückkomme, wecke ich Euch, Chriſtian, damit Ihr mir die Hausthür öffnet. Gut, Herr, war die Antwort des Knechtes. Das waren die letzten Worte, die er, die Jemand zu ihm geſprochen hatte. Um halb ein Uhr in der Nacht hatten zwei der Holzhauſer Ballgäſte, ein Gutsverwalter aus der Ge⸗ gend mit ſeinem erwachſenen Sohne, den Rückweg nach Hauſe angetreten, in einem Kabriolet, das der Verwalter ſelbſt fuhr. Der Weg führte ſie durch den Forſt, der ſich bis dicht an das Dorf Holzhauſen hinzog. Sie waren ſchon eine Viertelſtunde lang gefahren, als ſie auf einmal einen Schuß fallen hörten. Wilddiebe! war der Gedanke Beider. Um die Wilddiebe hatten ſie ſich Beide nicht zu bekümmern. Sie fuhren daher ruhig ihres Weges weiter. 12* Der Verwalter hatte nun gerade zufällig auf ſeine Uhr geſehen. Sie hatte ihm — in dem hellen Mondlichte deutlich — genau Dreiviertel auf Eins gezeigt. Im Weiterfahren hatten ſie nur davon geſpro⸗ chen, in welcher Gegend des Forſtes der Schuß ge⸗ fallen ſein möge. Beim Erlenmoor, waren ſie Beide der Anſicht, ungefähr eine ſtarke Viertelmeile von ihnen entfernt. Ihr Weg führte ſie ſo, daß ſie der Stelle, wo nach ihrer Meinung der Schuß gefallen war, auf eine halbe Viertelmeile ſich nähern mußten; dann indem ſie ſeitwärts weiter fuhren, entfernten ſie ſich wieder davon. Als ſie eben den nächſten Punkt erreicht hatten, hörten ſie plötzlich einen Menſchen raſch durch die Holzung laufen. Er lief auf ihren Weg zu, der ſich quer durch den Forſt zog und mußte daher dieſen Weg paſſiren. Sie hielten den Wagen an. Der Menſch ſprang hinter ihnen, ungefähr dreißig Schritte von ihnen entfernt, aus der Holzung, in den Weg hinein, überflog dieſen in Haſt und verſchwand in 181 der Holzung, die auf der anderen Seite ſich an den Weg wieder anſchloß. Es war klarer Vollmond. Das Licht fiel voll mitten in den Weg hinein. Sie hatten die Geſtalt des Menſchen deutlich er⸗ kannt; es war ein großer, breitſchulteriger Mann, in einem kurzen, gelblich grauen Oberrock und mit einer dunklen Schirmmütze. Sein Geſicht hatten ſie nicht erkennen können. Der Wilddieb! war ihr erſter Gedanke geweſen. Der Menſch kam aus der Gegend, in welcher ſie den Schuß hatten fallen hören. Aber er trug weder Gewehr, noch Jagdtaſche. Das war ihnen zwar auffallend, doch brachten ſie es mit ſeiner haſtigen, wilden Flucht in Verbindung. Er wird über ſeinem Verbrechen ertappt worden ſein; da hat er Alles im Stich gelaſſen und nur ſich zu retten geſucht. Das regte zugleich etwas Anderes in ihnen an. Wer mag ihn ertappt haben? Aus dem Forſt⸗ hauſe waren ſie Alle auf dem Balle. Sie waren zwar ſchon früh fort, ſollte aber doch noch Einer in der ſpäten Nacht in den Forſt gegangen ſein? 182 Der Verwalter war mit dem alten Förſter be⸗ kannt, der Sohn war mit dem Forſteleven bekannt geworden. Sie ſahen ſich Beide an: Wenn wir den, der es iſt, überraſchten! Wir haben noch eine Flaſche Wein im Wagen. In zehn Minuten müſſen wir bei ihm ſein. Es führt ein fahrbarer Weg hin. Die Nacht iſt ſo ſchön. Der Vater drehte mit dem Wagen um. Sie fuhren fünfzig Schritte zurück. Dort bog ein Weg in die Richtung nach dem Erlenmoor hinab. Sie ſchlugen ihn ein. Er führte ſie in das tiefſte Dickicht des Waldes. Auf den Weg ſelbſt fiel auch hier voll das helle Mondlicht; aber zu beiden Seiten war tief dunkle, † ſchwarze Finſterniß. Still war es überall umher. Sie horchten nach allen Seiten, aber ſie vernahmen keinen Laut. Hier muß es ungefähr geweſen ſein, meinten ſie. Da ſcheute auf einmal das Pferd. Es wollte zur Seite ſpringen. Dann ſtand es wie gebannt. Es zitterte. Was iſt denn das? Da muß Etwas im Wege liegen. Sie ſahen Beide hin. Mitten im Wege lag Etwas. Ein Menſch lag da, ausgeſtreckt, unbeweglich. Sie ſprangen aus dem Wagen zu ihm. Er lag mit dem Geſichte auf der Erde. Mein Gott! rief, von einer furchtbaren Ahnung, von einem heftigen Schreck ergriffen, der Sohn. Er hob den Menſchen auf. Er hatte ſich nicht geirrt. Felſener! rief er. Er iſt todt. Er iſt erſchoſſen! Es war der Forſteleve Alfred Felſener, den ſie gefunden hatten. Er lag todt in ſeinem Blute. Ein Schuß hatte ihn mitten in die Bruſt getroffen. Das Blut floß noch hervor. Der Körper war noch warm, aber das Leben war unwiederbringlich fort. Sie ſtanden vor einer Leiche. Der Verwalter ſah auf ſeine Uhr. Es war fünf Minuten nach Eins. Gerade zwanzig Minuten waren verfloſſen, ſeitdem ſie jenen Schuß gehört hatten. Es war der Mordſchuß! Darüber konnte ihnen kein Zweifel ſein. Wer war der Mörder? Jener Menſch in dem kurzen, gelblichgrauen Rock, der hinter ihnen quer über den Weg gelaufen war? Aber warum, wenn er ſeinen Verfolger getödtet hatte, war er ohne Ge⸗ wehr und Jagdtaſche geweſen? War er vielleicht doch noch verfolgt durch Jemanden, der in der Be⸗ gleitung des Erſchoſſenen geweſen war? Dann mußte dieſer jeden Augenblick von der vergeblichen Verfol⸗ gung zurückkehren. Sie warteten einige Minuten. Sie hörten nichts. Sie riefen laut in den Wald hinein, aber es blieb Alles ſtill. Es kam Niemand. Was nun? Der Verwalter war ein verſtändiger, beſonnener Mann. Einer von uns muß bei der Leiche bleiben. Ich werde es. In meinem Alter graut man ſich nicht mehr. Du fährſt ſofort zu der Förſterei und zeigſt den Vorfall an. Dort müſſen ſie zuerſt die Sache wiſſen. Den Weg weißt Du. Er geht zwar in einem weiten Bogen um den Erlenmoor herum, wenn Du aber gut zufährſt, kannſt Du in drei Viertel⸗ ſtunden dort ſein. 185 Der Vater blieb bei der Leiche. Der Sohn fuhr zum Forſthauſe. Er jagte das Pferd. Genau wie der Vater geſagt hatte, zehn Minuten vor zwei Uhr kam er dort an. Der Tag dämmerte ſchon. Er hielt ungefähr zwanzig Schritte vom Hauſe, band die Zügel des Pferdes an einen Baumaſt und ging zu dem Hauſe. Die anſchlagenden Hunde des Förſters hatten ihn ſchon angekündigt. Als er an die Hausthür trat, wurde dieſe von innen geöffnet. Der Knecht Chriſtian Baumann ſtand darin. Er ſah den Fremden, den er nicht kannte, verwundert an, denn er hatte den zurückkehrenden Forſteleven erwartet. Schon ſeit einer halben Stunde hatte er gewacht. Was wünſchen Sie? fragte er den Fremden. Wann iſt der Herr Felſener ausgegangen? Es konnte Einviertel auf zwölf ſein. Er wollte, wie er ſagte, in den Forſt gehen. Er liegt ermordet in dem Forſt. Da hinten am Erlenmoor. 186 Herr, um Gotteswillen! Mit dem Ausruf des Knechtes vermiſchte ſich ein Schreckensruf und ein Schmerzensſchrei oben im Hauſe. Die Hunde hatten auch den Förſter und ſeine Tochter geweckt. Dieſe hatten draußen eine fremde Stimme gehört und waren aufgeſprungen, an ihre Fenſter, hatten ſie geöffnet, hatten die entſetzliche Todesbotſchäft vernommen. Beide ſchliefen oben. Der alte Förſter kam heruntergeſtürzt. Er war leichenblaß. Der junge Mann mußte ihm erzählen. Zu der Erzählung kam der Jäger Wolf. Er ſchlief unten im Hauſe. Auch er war durch die Hunde geweckt worden und die ungewöhnliche Unruhe hatte ihn vor die Thür geführt. Die Schreckens⸗ kunde erfüllte auch ihn mit Entſetzen. Wer kann der Thäter ſein? Der Sohn des Verwalters erzählte von dem flüch⸗ tenden Menſchen in dem kurzen, gelblichgrauen Rock. Der Wilddieb Sander! riefen der Förſter und der Jäger wie aus Einem Munde. —— —— Marianne war nicht herunter gekommen. Ihr Schmerzensſchrei war ein herzzerreißender geweſen. Mein Kind! rief der Förſter, als ſie nicht kam. Er eilte zu ihr hinauf und fand ſie in Ohnmacht. Er brachte ſie in's Leben zurück. Die Magd, die ihm gefolgt war, half ihm. Dann mußte er einer andern Pflicht folgen. Sie rief ihn zu dem Todten. Der Jäger mußte ihn be⸗ gleiten. Sie fuhren mit dem Sohne des Verwalters zu der Mordſtelle. Der Verwalter hielt dort noch Wache bei der Leiche. Es hatte ſich unterdeß nichts zugetragen. Man hielt zunächſt Rath, was weiter zu thun ſei, und wurde bald einig. Der Verwalter ſollte zu der, etwa zwei Meilen entfernten Gerichtsſtadt fahren, um dem Gerichte Nachricht zu geben. Die drei An⸗ deren wollten bleiben, theils zur ferneren Wache bei der Leiche, theils um Spuren des Verbrechens in der Gegend zu ſuchen. Der Verwalter fuhr ab. Der Jäger mußte bei der Leiche bleiben. Der Förſter und der Sohn des Verwalters gingen, die Umgegend zu durchſuchen. 188 Der Förſter ſelbſt ordnete es ſo an. Er könne nicht bei der Leiche bleiben; es ſei ihm ſchrecklich. Der Kamerad müſſe den todten Kameraden bewachen. Der helle Tag war ſchon längſt angebrochen. Der Förſter und ſein Begleiter brauchten nicht lange zu ſuchen. Zweihundert Schritte von der Unglücksſtätte war im Walde eine Lichtung. An deren Rande fanden ſie ein friſch geſchoſſenes, halbausgeweidetes Reh. Es mußte am Abend vorher oder noch in der Nacht geſchoſſen worden ſein. Der Wilddieb, der es erlegt — nur auf einen Wilddieb war zu ſchließen — mußte über der Arbeit des Aus⸗ weidens⸗ betroffen worden ſein. Er hatte die Flucht ergriffen und das Thier im Stiche gelaſſen, mit dieſem zugleich ſeine Jagdtaſche. Eine, alte zerriſſene Jagdtaſche lag zehn Schritte weiter an einem Baume. Die Jagdtaſche Sander's! rief der Förſter, als er ſie ſah. Wer konnte noch zweifeln, daß der berüchtigte, verwegene Wilddieb der Mörder ſei? Das Gericht kam. Es gewann bald dieſelbe Ueberzeugung, und erhebliche neue Umſtände beſtätig⸗ ten dieſe. Der Verſtorbene hatte fünf Rehpoſten in der Bruſt; zwei hatten das Herz ſelbſt getroffen. Der Tod mußte unmittelbar nach dem Schuſſe eingetre⸗ ten ſein. Die Rehpoſten wurden alſo in der Leiche ge⸗ funden. Eine gleiche Ladung Rehpoſten aber fand man in dem halbausgeweideten Thiere. Ein noch halbgefüllter Beutel mit Blei lag in der bei dem Reh zurückgelaſſenen Jagdtaſche. Sämmtliche Kugeln wurden mit einander ver⸗ glichen. Sie gleichen einander vollkommen, dem Me⸗ tall, der Größe, der Form nach. Das Gericht hatte gleichzeitig eine Deputation zu der etwa eine Meile von dem Orte der That ent⸗ fernten Wohnung Sander's abgeſchickt, um dieſen zu verhaften und bei ihm Hausſuchung zu halten. Man hatte bei ihm rohes Blei und eine Kugel⸗ form gefunden. Beides paßte wieder vollſtändig zu den aufgefundenen Kugeln. Ein Gewehr und eine Jagdtaſche waren dagegen nicht bei ihm zu finden geweſen. Das Gewehr hatte er wohl abſichtlich be⸗ ſeitigt, damit die friſchen Spuren des Schießens ihn nicht verrathen konnten. Es war kein Zweifel, der Wilddieb war der Mörder. Einiges blieb allerdings dunkel. Der Ermordete lag mitten im Wege. Sein Ge⸗ wehr, ein Doppelgewehr, lag bei ihm, der Riemen hing noch über ſeine Schulter. Beide Hähne waren in Ruhe, beide Läufe geladen. Alles nöthigte zu dem Schluſſe, daß er, ohne Arg vorangehend, aus einem Hinterhalte niedergeſchoſſen war. Er war ruhig ſeines Weges gegangen, und zwar wahrſcheinlich von der Förſterei her. Der Schuß mußte ferner ganz aus der Nähe gekommen ſein, und in der That fan⸗ den ſich, nur dreißig Schritte von der Leiche ent⸗ fernt, an einem Erlenbuſche der Boden friſch zertre⸗ ten, Zweige verbogen und Blätter zerknickt. Der Mörder hatte dort auf der Lauer geſtanden, ſein Opfer gerade auf ſich zukommen laſſen und die tödt⸗ liche Ladung ihm in die Bruſt geſandt. 191 Wie nun aber paßten dieſe Umſtände, wenn der Wilddieb der Mörder war? Warum verließ er das halbausgeweidete Thier, ohne dabei betroffen worden zu ſein? Der Erſchoſſene konnte noch nicht einmal eine Ahnung davon gehabt haben, daß ein Wilddieb, und überhaupt Jemand in der Nähe ſei! ſonſt hätte er ſein Gewehr nicht ſo ruhig über ſeiner Schulter hängen laſſen. Warum hatte ferner der Wilddieb nach dem Schuſſe das Thier und ſelbſt ſeine Jagd⸗ taſche, die ihn ſogar als Mörder verrathen mußte, zurückgelaſſen? Man hatte indeß Erklärungsgründe. Die Nacht war ſtill geweſen. Der Dieb hatte mit ſeinem ſtets lauernden Ohr den Schritt des Beamten ſchon in der Ferne vernehmen können. Dieſer nahete ſich ihm. Sander ging ihm leiſe entgegen und ſtellte ſich hinter dem Erlenbuſch auf. Er erkannte den Forſt⸗ Lichtung betreten werde, auf die er faſt in gerader Richtung zuſchritt. Seine neue Wilderei war dann entdeckt. Er hatte, ſchon oft beſtraft, diesmal eine ſehr lange Strafe zu erwarten. Zudem iſt jeder beamten und mußte ſich ſagen, daß dieſer auch die Forſtbeamte der natürliche Todfeind jedes Wilddiebes. —2 Er ſchoß ihn nieder. Warum er dann ſpäter denn⸗ noch das Wild und gar die Jagdtaſche im Stiche ließ? Wer konnte wiſſen, welcher Zufall, welcher plötzliche Schreck, Gewiſſensangſt oder was ſonſt ihm auf einmal die Beſinnung raubte und ihn in die wilde Flucht von dem Orte ſeines Verbrechens jagte? So blieb der Verdacht, die Ueberzeugung gegen ihn beſtehen, und ſein Benehmen in der Unterſuchung konnte ſie nur befeſtigen. Er leugnete anfangs ganz und gar, in dem Forſt geweſen zu ſein. Die Jagdtaſche habe ihm einmal gehört, ſei ihm aber ſchon vor langer Zeit geſtohlen worden. Er habe auch ſchon ſeit langer Zeit gar kein Gewehr mehr beſeſſen. Seit ſeiner letzten Be⸗ ſtrafung habe er nie wieder gewildert. Erſt als der Verwalter und deſſen Sohn ſeine Geſtalt und Klei⸗ dung wieder erkannt hatten und zugleich durch ſeine Nachbarn feſtgeſtellt war, daß er noch bis in die jüngſte Zeit im Beſitze der Jagdtaſche und eines Ge⸗ wehres geweſen ſei, geſtand er zu, daß er ſich in der Nacht des Mordes in dem Forſt befunden und daß er auch das Reh erlegt und deſſen Ausweidung begonnen habe. Und jetzt machte er auf einmal folgende fernere Angaben: Während er mit dem Ausweiden des Thieres be⸗ ſchäftigt geweſen, habe er ſein Gewehr und ſeine Jagdtaſche zehn Schritte davon an einen Baum ge⸗ ſtellt. Auf einmal, mitten in ſeiner Arbeit, habe er ein Geräuſch vernommen, nahe bei ſich, an dem Baume. Er habe aufgeſchaut, da habe ein Menſch an dem Baume geſtanden, vor ſeinem Gewehre, ſelbſt ein Doppelgewehr in der Hand, dieſes auf ihn an⸗ ſchlagend. Er ſei erſchreckt aufgeſprungen. Er habe den Förſter Hartmann erkannt. Der Förſter habe kein Wort geſprochen, ihn nur drohend angeblickt. Sein Leben ſei in der Hand des Förſters geweſen. An einen Widerſtand habe er nicht denken können. Nur ein raſcher Sprung, eine ſchnelle Flucht konnten ihn retten. Während der Förſter den zweiten Hahn aufzog, bückte er ſich plötzlich, und mit einem ſchnellen Satze war er hinter einer Buche. Alles hinter ſich im Stiche laſſend, flüchtete er weiter. Nachdem er ungefähr fünf Minuten gelaufen war, hörte er in Temme, Criminal⸗Novellen. III. 13 194 derſelben Gegend, aus der er ſich entfernt hatte, einen Schuß fallen. Es ſei ihm vorgekommen, als wenn ſein eigenes Gewehr abgeſchoſſen werde. Warum? das habe er ſich nicht erklären können. Nachher, als er den Mord erfahren, ſei es ihm freilich klar gewor⸗ den. Warum der Förſter aber den Eleven ſollte er⸗ ſchoſſen haben, wie der alte, brave Mann, der ſtets treue, redliche Beamte, in ſeinen alten Tagen ſollte zum Mörder geworden ſein an einem Manne, der ihm nichts gethan, den er geachtet, ſogar immer mit einer gewiſſen Ehrerbietung behandelt habe, das könne er ſich allerdings auch jetzt nicht erklären; aber wer könnte wiſſen, was die Beiden unter einander gehabt hätten? Bei ſeinen Angaben verblieb er gleichwohl, um ſo hartnäckiger, je mehr ihm das Widerfinnige und Freche derſelben vorgehalten wurde. Er habe den alten Förſter genau erkannt, wenn er auch von dem Geſichte nur wenig habe ſehen können. Die blaue Dienſtmütze mit dem großen Lederſchirm ſei tief in das Geſicht gedrückt geweſen. Aber es ſei die Mütze des Förſters geweſen, ſein dunkelgrüner Rock, ſeine breitſchultrige Geſtalt, ſein grauer Schnurrbart. — 195 Der Förſter leugnete. Er leugnete mit der vollen unverkennbaren Ruhe eines guten Gewiſſens. Er konnte ja auch der Thäter nicht ſein, ſchon aus meh⸗ reren Gründen einer phyſiſchen Unmöglichkeit. Die Stelle, an welcher der Forſteleve erſchoſſen worden war, lag zwar in gerader Linie nur etwa drei Viertelſtunden von dem Forſthauſe entfernt. Dieſe gerade Linie führte aber mitten durch das ſoge⸗ nannte Erlenmoor, durch welches kein Pfad ging, das völlig unzugänglich war. Nur auf einem großen Umweg, um das Moor herum, konnte man zu dem Forſthauſe gelangen, und um dieſen Weg zurückzu⸗ legen, bedurfte ein guter Fußgänger mindeſtens anderthalb Stunden. Im angeſtrengteſten Laufen war der Weg in einer Stunde kaum zurückzulegen. Das Alles wurde durch Verſuche und Anſchauung von dem Gerichte feſtgeſtellt. Das Moor namentlich zeigte zwar auf kurze Strecken von zehn oder zwölf Schritten einen Boden, auf dem man, wenn er auch ſchwankte, vorſichtig vorangehen konnte, dann aber ſtand man ſofort wieder entweder vor einem offenen, ſchlammigen Moraſte von unergründlicher Tiefe, oder vor einer ſo dünnen Erddecke, daß ſie mit einem 13* Stocke, der wiederum keinen Grund fand, ohne alle Mühe zu durchſtoßen war; ein Menſch, der dahin trat, hätte auf der Stelle in die Tiefe ſinken müſſen. Nun ſtanden aber folgende Thatſachen feſt: Felſener hatte um ein Viertel auf zwölf Uhr in der Nacht das Forſthaus verlaſſen. Der Verwalter und ſein Sohn hatten den unzweifelhaft von dem Mörder herrührenden Schuß um drei Viertel auf Eins gehört. Die Uhr im Forſthauſe und die des Verwalters ſtimmten faſt auf die Minute. Zwiſchen dem Fortgehen Felſener's und dem Schuſſe lagen alſo genau anderthalb Stunden. Ge⸗ rade ſo lange gebrauchte ein Fußgänger, um von dem Forſthauſe zu der Mordſtelle zu gelangen. Als Felſener ausging, war aber der Förſter noch zu Hauſe. Der Knecht war auch noch eine Viertelſtunde wach gebliben, und er hatte Niemanden das Haus verlaſſen hören, auch ſonſt kein Geräuſch vernommen. Der rüſtigſte Fußgänger hätte aber ſicher den Forſt⸗ eleven nicht erreichen, geſchweige ihm ſo zuvorkommen können, daß er zuerſt den Wilddieb überraſchte, dieſem ſein Gewehr abnahm und darauf erſt ſeinem Opfer auflauerte. Bei dem alten, ſteifen, von der Gicht geplagten Förſter war vollends nicht daran zu denken. In gleicher Weiſe ſprach ein Anderes. Zehn Minuten vor zwei Uhr in der Nacht kam der Sohn des Verwalters an der Förſterei an, alſo gerade eine Stunde und fünf Minuten nach dem Schuſſe. Der Förſter war da, er hatte in ſeiner Nachtkleidung am Fenſter geſtanden. Der Knecht hatte ſchon ſeit einer halben Stunde gewacht, auf die Rückkehr Felſener's wartend, aber ohne wieder das geringſte Geräuſch zu vernehmen. Das Alles machte eine Thäterſchaft des Förſters geradezu phyſiſch unmöglich. Was ſo für den Förſter ſprach, mußte übrigens mit gleicher Ueberzeugung für jeden anderen Bewoh⸗ ner des Forſthauſes ſprechen, namentlich auch für den Jäger Wolf, wenn überhaupt auf dieſen irgend ein Verdacht hätte fallen können. Der Wilddieb Sander blieb in der allgemeinen Ueberzeugung der Thäter, auch in der des erkennen⸗ den Gerichtes. Seine Bezüchtigung gegen der Förſter wurde für ein neues Anzeigen ſeiner Schuld ange⸗ 8 ſehen. Er wurde als der Mörder des Forſteleven Felſener, beim Mangel eines die ordentliche Strafe bedingenden vollen Beweiſes, außerordentlich zu einer dreißigjährigen Zuchthausſtrafe verurtheilt. Er mußte die Strafe antreten. Der Tod erſt erlöste ihn von ihr. War er der Mörder? Hatte er eine gerechte Strafe verbüßt? Für die Welt war er mit ſeiner Schuld hinter den Mauern des Zuchthauſes begraben geweſen. Sollte über ſeinem anderen Grabe ſeine Unſchuld aufgehen? Ueber dem Grabe, das für ihn nicht wieder geöffnet werden konnte? Es zu prüfen, zu erforſchen, zu unterſuchen, lag in meiner Hand, in meiner unabweisbaren Pflicht. Die ruhigen, klaren Verſicherungen des Sterbenden, die laute Stimme, die in meinem Innern für ihn ſprach, legten mir ſchon dieſe Pflicht auf. Dazu kamen manche Oberflächlichkeiten der im Ganzen umſichtig und ſorgfältig geführten gerichtlichen Unter⸗ ſuchung. Dazu kam endlich jenes dreifache Räthſel des ſtillen Forſthauſes Winkelhorſt, die ſchöne, bleiche 199 Frau, der fanatiſche hagere Mann, der verſchloſſene Greis, der in dem Forſte meinen Führer gemacht hatte. Seit acht Tagen drückte es mich. Sollte ich auch die Auflöſung jetzt finden? Die bleiche Frau war Marianne, die Tochter des Förſters Hartmann. Ihr Mann, der Förſter Wolf, war jener Jäger Gottfried Wolf, der zur Zeit des Mordes Mitbewohner des Forſthauſes, an demſelben Tage mit auf dem Balle in Holzhauſen geweſen war, über den die Unterſuchungsakten aber außerdem faſt nichts enthielten. Auch der alte Mann, der mich geführt hatte, er konnte nur der Knecht Chriſtian Baumann ſein, war in jener Unterſuchung eine wich⸗ tige Perſon geweſen. Der alte Förſter war todt. Er war nicht der Mörder geweſen, hatte der ſter⸗ bende Wilddieb verſichert. Einen Anderen hatte er anklagen wollen. Auch von ihr hatte er geſprochen. Wen hatte er darunter verſtehen können? Wer war der Mörder? Der Mörder, den der Wilddieb für den alten Förſter hatte halten können? Ich mußte die frühere Unterſuchung wieder auf⸗ nehmen, eine neue einleiten. 200 Ich machte dazu meinen Plan. Vor Allem war mir an Ueberraſchung gelegen gegen den kalten, be⸗ rechnenden, ſich beherrſchenden Förſter; gegen den mißtrauiſchen, verſchloſſenen, alten Chriſtian Bau⸗ mann. Auch gegen die leidende Frau. Nur in dem Forſthauſe war der Mörder oder wenigſtens ſeine Spur zu entdecken. Wahrſcheinlich der Mörder ſelbſt. Daher jene Geheimniſſe und Räthſel. Jeder konnte dort der Schuldige ſein, nicht blos der Förſter. Kaum war auch gegen die Frau zu inquiriren, die allerdings gegen den eigenen Mann kein Zeugniß abzulegen brauchte. Ich fuhr mit einem Protokollführer und Exekutor nach dem Forſt hinaus. Ich nahm meinen Weg über das Dorf Holz⸗ hauſen. Es war ein Pfarrdorf. Zunächſt wollte ich bei dem Geiſtlichen dort über die Bewohner des Forſt⸗ hauſes Erkundigungen einziehen, die ich anderswo ſo genau und zuverläſſig nicht erlangen konnte. Es war des Nachmittags, als ich in dem Dorfe ankam. Ich ließ den Wagen mit dem Protokoll⸗ . mmn— führer und Exekutor zu dem Wirthshauſe fahren und begab mich zu dem Pfarrer. Er war ein etwas vorſichtiger und zurückhaltender Mann. Ueber die Ermordung des Forſteleven wollte er nichts wiſſen, als was zu ſeiner Zeit aus der gericht⸗ lichen Unterſuchung bekannt geworden iſt. Der Wild⸗ dieb Sander ſei demnach und werde noch jetzt von der allgemeinen Meinung für den Thäter gehalten. Der alte Förſter Hartmann ſei durch den Vorfall ſo angegriffen worden, daß er ſeinen Poſten nie 8 wieder recht habe verſehen können. Nach Jahr und Tag habe er penſionirt werden müſſen. Zu ſeinem Nachfolger ſei der Jäger Wolf, ein äußerſt tüchtiger und gewiſſenhafter Forſtbeamter, ſchon früher be⸗ ſtimmt geweſen und dann ernannt worden. Der alte Förſter habe mit Leib und Seele an dem Forſthauſe und an dem Forſte gehangen, wo er 8 über vierzig Jahre lang gelebt und gewirkt. Dem neuen Förſter hätte er weichen müſſen. Aber Wolf hatte ſchon ſeit Jahren ein Auge auf die Tochter des alten Förſters geworfen; nachdem er deſſen Poſten erlangt hatte, war er mit ſeiner Bewerbung hervor⸗ 202 getreten. Sie hatte ſeiner Bewerbung Gehör gegeben. Ob ſofort, ob gern, oder was vorhergegangen iſt, davon wußte Niemand etwas. Allerdings hatten die Leute den Kopf geſchüttelt und gemeint, das ſchöne, gebildete Mädchen paſſe nicht zu dem unanſehnlichen Manne, der nichts als ein gewiſſenhafter Forſtbe⸗ amter ſei. Andere hatten auch davon geſprochen, daß ſie den erſchoſſenen Forſteleven nicht wergeſſen könne, mit dem ſie etwas gehabt haben müſſe. Ge⸗ wiß war dabei, daß ſie ſeit dem Morde eine ganz Andere geworden war. Früher blühend, ſtets heiter und munter, hatte man ſie ſeitdem nur bleich und trauernd, und nie wieder ein Lächeln auf ihren Lip⸗ pen geſehen. Indeß, ſie hatte die Ruhe und Zufrie⸗ denheit, das Glück ihres Vaters in ſeinen alten Tagen in ihrer Hand. Wenn ſie den Förſter heirathete, ſo konnte der alte Mann in dem Forſte, in dem Forſt⸗ hauſe bleiben. Sie heirathete den Förſter. Und ihre Ehe ſei keine unglückliche geworden, meinte der Geiſtliche. Die Frau ſei ſtill, man ſehe ſie nie fröhlich, aber das ſei ſo ihre Art und wohl noch die Nachwirkung jenes Unglücks, der Mann übe immer ſtrenge ſeine Pflicht und ſei zudem von Jahr — zu Jahr gottesfürchtiger geworden. Und von einem Streit, von ſeinem Unfrieden, ja nur von einem Mangel an Liebe unter den Gatten, habe man nie etwas vernommen. Das waren die dürftigen Nachrichten des Geiſt⸗ lichen. Sie gaben mir für meine Zwecke keinen Anhalt. Ich durfte dennoch, wie begreiflich, weder zurück⸗ treten, noch meine Hoffnungen, nach irgend einer Seite in der Sache klareres Licht zu gewinnen, auf⸗ geben. Namentlich durch genauere und eingehendere Vernehmungen der damaligen Bewohner des Forſt⸗ hauſes mußte ich es erlangen können. Der größte Fehler der früheren Unterſuchung hatte darin beſtanden, daß kein genaues Befragen darüber ſtattgefunden hatte, ob in der Nacht des Mordes Jemand die Förſterei verlaſſen habe, und wo die Bewohner im Hauſe ſich damals befunden hatten. Der Jäger, jetzige Förſter Wolf, war nur nebenbei, die Tochter des Förſters, Marianne, war gar nicht vernommen worden; die Vernehmung des Knechtes Baumann war eine höchſt oberflächliche ge⸗ weſen. Man hatte auf den Umſtand darum kein 204 Gewicht gelegt, weil man bei der Entfernung der Mordſtelle von dem Forſthauſe den Thäter unmöglich in dem letzteren glaubte finden zu können. Aber die Berechnung dieſer Entfernung beruhte auf der An⸗ nahme, daß es gar keinen Weg durch den Erlenmoor gebe. Und hatte man dies mit der nothwendigen Sorgfalt zu ermitteln geſucht? Gerade jene ſonder⸗ baren Blicke des alten Beumann in dem Moor, als er mich auf Geheiß des Förſters in den Forſt führte, wollten Zweifel in mir erregen. Einen klaren Grund konnte ich mir ſelbſt nicht angeben. Der Geiſtliche wollte von einem Wege, den es durch den Moor gebe, nie gehört haben. Auch hier war ich zuerſt an den alten Knecht angewieſen. Ihn mußte ich zu allererſt vernehmen, und gerade ihn mußte ich überraſchen, wenn ich Etwas von ihm erfahren wollte. Er ſelbſt war wohl nicht der Thäter, er hätte dann dem Ermordeten nicht das Kreuz ge⸗ ſetzt. Aber mit welcher Liebe hing er, wie ich noch vor wenigen Tagen ſelbſt geſehen hatte, an der blaſſen, leidenden Frau, und zwiſchen dieſer blaſſen, leidenden Frau und dem Ermordeten „war etwas 1 205 geweſen,“ und der Jäger Gottfried Wolf war ein Jahr nach dem Morde ihr Gatte geworden. Dann war noch ein Umſtand unaufgeklärt ge⸗ blieben: der Brief, den der Ermordete kurz vor ſeinem Tode von ſeiner Mutter erhalten hatte. Er war in den Akten nicht wieder erwähnt. Was hatte er enthalten? Wo war er geblieben? Der alte Baumann wWohnte, wie der Geiſtliche mir geſagt hatte, in einem einſamen Hauſe in dem Forſte ſeitwärts von dem Dorfe Holzhauſen. Ich beſchloß, zunächſt dahin zu fahren. Beinahe hätte ich meinen Entſchluß geändert. Als ich von dem Pfarrer zu dem Wirthshauſe zurück⸗ kehrte, theilte mein Kutſcher mir mit, daß vor einer Weile der Förſter Wolf, den er vor acht Tagen ge⸗ ſehen hatte, vorbeigekommen ſei. Der Förſter habe auch ihn, den Wagen und die Pferde erkannt, ſei ſtutzig geworden und auffallend ſchnell weiter ge⸗ gangen. Sollte ich ihm folgen, ihm in dem Forſthauſe zu⸗ vorkommen? Aber das, was ich von Baumann zu erfahren hoffte, mußte die Grundlage alles meines 20 Thuns im Forſthauſe bilden, und hatte ich nicht auch Veranlaſſung, dem Förſter bei dem alten Manne zuvorzukommen? Ich fuhr ſchnell zu dieſem. Er war zu Hauſe und eben mit der Korbflechterei beſchäftigt. Von meiner Ankunft hatte er keine Ahnung gehabt. Er erſchrak heftig, als er mich ſah. Ich durfte ihm keine Zeit laſſen, ſich zu beſinnen. Den Umſtand, der mir am meiſten am Herzen lag, mußte ich zuerſt vorbringen, das Andere gab ſich dann von ſelbſt. Aber ich hatte es mit einem verſchloſſenen und zugleich zähen alten Mann zu thun. „Chriſtian Baumann, Ihr kennt das Erlenmoor?“ „Ich, Herr?“ „Wie werdet Ihr es nicht kennen? Wie lange lebt Ihr hier in dem Forſte?“ „Seit fünfzig Jahren.“ „Und Ihr ſolltet nicht jeden Steg darin kennen? Jeden Baum? Nicht gar jede Erle in dem Moore da hinten?“ Er wurde verwirrt. „Wenn der Herr mich ſo frägt —“ „Alſo Ihr kennt das Moor?“ „Nun ja.“ „So könntet Ihr mich auch hindurch führen?“ „Hindurch?“ „Durch das Moor.“ „Der Weg geht nur herum.“ „Alter Baumann, ſeht mir einmal ehrlich in das Geſicht. Ihr könnt es doch? Ihr ſeid immer ein ehrlicher Mann geweſen.“ Er konnte mir nicht in's Geſicht ſehen. „Wie, Chriſtian Baumann?“ „Was wollen Sie von mir, Herr?“ 1 „In Euren alten Tagen, wo einer anfängt, mehr als ſonſt an das andere Leben zu denken, an den ewigen Richter, vor den man treten muß, der die Herzen und Nieren durchſchaut, da könntet Ihr nicht einmal vor mir, dem menſchlichen, weltlichen Richter, Euer Auge erheben?“ Er machte den Verſuch, mir in die Augen zu ſehen. „Chriſtian Baumann, es gibt einen Weg, der geradezu mitten durch das Moor führt.“ ten „Ja, Herr,“ ſagte der alte Mann leiſe. „Nach der Förſterei hin.“ „Herr, Herr —!“ Der Angſtſchweiß rann ihm von der tief gefurch⸗ Stirne. „Ihr könntet mich den Weg führen.“ „Muß es ſein? Muß es?“ — „Es hängt von Euch ab.“ „Muß es ſein?“ „Die Förſterin war Euere Herrin?“ „Ich diente ſchon bei ihrem Großvater.“ „Ihr ſeid ihr zugethan?“ „Sie iſt eine brave Frau, und ſie iſt auf meinen Armen, unter meinen Augen groß geworden.“ „Sie iſt eine unglückliche Frau!“ Er ſah mich forſchend an. „Und ihr Unglück kommt von dem Tage her, da jener junge Mann erſchoſſen wurde.“ „Herr! —“ unterbrach er mich erſchrocken. „Dem Ihr da hinten in dem Forſt das Kreuz geſetzt habt?“ „Herr, wer hat Ihnen das geſagt?“ „Iſt ſie nicht ſeit jenem Tage die unglückliche Frau?“ Jä⸗ aber —“ Er ſtockte. „Ihr wollt ſagen: aber ſie iſt nicht die Mör⸗ derin?“ „Herr Gott, mie —kommen Sie auf den Ge⸗ danken?“ „Wexc ſie es nun doch wäre? Wenn der wahre ſtder nicht der Wilddieb Sander wäre? Wenn er in dem Forſthauſe zu ſuchen wäre? Durch den Moor führt ein gerader Weg dahin. Man muß in einer halben Stunde hinkomnen können. Wer könnte er ſein? Ihr ſeid es nicht.“ „Nein,“ ſagte er wieder leiſe. „War es der alte Förſter?“ „Nein, nein!“ rief er eifrig. „Wer bleibt da noch übrig?“ Er ſah in unbeſchreiblicher Unruhe und Verwir⸗ rung vor ſich nieder. „Der Förſter Wolf und ſeine Frau,“ fuhr i6 fort. „Nein, nein, Herr, um Gotteswillen, nein.“ „Chriſtian Baumann, Ihr mußtet vorhin zuletzt der Wahrheit die Ehre geben, und darauf konntet Temme, Criminal⸗Novellen. III. 14 5 Ihr mir ehrlich in die Augen ſehen. Wie iſt es jetzt?“ Er konnte die Augen wieder nicht erheben. Der Schweiß lief ihm wieder von der Stirne. „Darf ich mich ſetzen, Herr?“ bat der alte Mann. „Aber fragen Sie mich nicht mehr.“ „Setzt Euch. Ruht Euch aus. Uih denkt unter⸗ deß darüber nach, warum ich Euch frage ud Euch fragen muß. Ein Anderer iſt wegen jenes Morbs verurtheilt. Wenn er unſchuldig verurtheilt iſt, und Ihr wißt es und verſchweigt es, wen klagt er vor dem ewigen Richter, vor dem ewigen Richterſtuhle Gottes an? Ueberlegt Euch das.“ Er hatte ſich geſetzt. Aber er mußte wieder auf⸗ ſpringen. Er kämpfte mit ſich und konnte keinen Entſchluß faſſen. Zuletzt hatte er ſich doch ent⸗ ſchieden. Er trat vor mich mit bleichem, aber heite⸗ rem Geſichte. „Herr, fragen Sie mich nicht mehr. Sie erfahren kein Wort mehr von mir. Ich will es mit Gott abmachen. Mag kommen, was will.“ Er hatte ſeinen felſenfeſten Entſchluß ausge⸗ ſprochen, man ſah es ihm an. Und es war etwas führte?“ Großes in dieſem Entſchluſſe des alten, an ſeinen Gott, an ein ewiges Leben, an Belohnung und an Strafe in jenem Leben glaubenden Mannes. Er wollte die Strafe auf ſich nehmen, aber nicht zum Verräther werden. An wem nicht? Den Verbrecher kannte er, da⸗ rüber war kein Zweifel. Wen wollte er nicht ver⸗ rathen? Es war mir aber auch nicht zweifelhaft, daß ich nichts mehr von ihm erfahren würde. Ich brach ſeine Vernehmung ab. Ich mußte weiter, nach dem Forſthauſe ſelbſt. Es war ein ſaurer Weg für mich. Der alte Mann erſchrack, als er ſah, wie mein Wagen die Richtung dahin einſchlagen wollte. „Herr, Herr, Sie wollen nach dem Forſthauſe? — Sie wollen, ich ſehe es. O, die arme Frau! Wenn Sie wüßten, was ſie gelitten hat, was ſie leidet! Müſſen Sie denn hin? Wegen des armen Erſchoſſenen?“ „Ich muß,“ ſagte ich ihm. „Oder könntet Ihr mir etwas angeben, das mich auf einen anderen Weg * 0 1 0 Er ſah traurig vor ſich hin. „Verfahren Sie gnädig mit der armen, unglück⸗ lichen Frau!“ Der Mörder war in dem Forſthauſe zu finden. Sollte ich ihn finden? Wer war es? Der Wagen fuhr ab. Der alte Mann ſah uns mit einem faſt troſtloſen Geſichte nach, als wenn nun Alles vorbei wäre. Wir mußten ſcharf um eine Ecke biegen. Ein Menſch floh in dem Augenblicke ſchnell in das Buſchwerk neben dem Wege. „War das nicht der Förſter Wolf?“ fragte ich den Kutſcher. „Ich meine auch, ihn erkannt zu haben,“ ſagte der Kutſcher. „Ja, ja, er war es gewiß.“ Was ſollte ich jetzt thun? Der Förſter war uns nachgefolgt. Er hatte in der Nähe gewartet, bis ich mit der Vernehmung des alten Mannes zu Ende ſei. Er wollte ihn über dieſe ausforſchen. Mußte ich ihn nicht daran hindern? Nein! Ich mußte nur eilen, vor ihm in dem Forſthauſe anzulangen, ſeine Frau allein zu treffen. Ich war —————˖ dann meiner Sache um ſo gewiſſer. Es war eine ſchreckliche Hoffnung, die in meinem Herzen zitterte, eine entſetzliche Gewißheit, der ich entgegen ging. Die arme, unglückliche Frau! hatte auch der alte Knecht geſagt. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen in die Zweige der hohen Eichen und dunklen Tannen, als ich an dem Forſthauſe ankam. Es war wieder ein⸗ ſam an dem einſam in dem tiefen Walde gelegenen Hauſe, ſtill und einſam, wie vor acht Tagen. In dem weichen Waldwege war der Wagen ohne Ge⸗ 1 räuſch heran gefahren. In dem Hauſe bewegte ſich bei unſerer Ankunft nichts. Man mußte uns nicht gehört haben. Die Thür des Hauſes war verſchloſſen. Bevor ich klopfte, ging ich um das Haus herum; vielleicht war Jemand im Garten, vielleicht die blaſſe, leidende Frau ſelbſt wieder. Im Garten war ſie nicht. Aber als ich an einem offenen Fenſter vorbeigehen wollte, hörte ich 3 eine Stimme, einen leiſen, flüſternden, betenden Ton, und eine Kindesſtimme antwortete ihr wie eine Engelsſtimme, und ſprach die Worte nach, die ſie vorgeſprochen hatte. Das Fenſter war zu ebener Erde. Ich hatte meinen Schritt angehalten. Ich mußte durch das Fenſter ſehen, und wenn es ein Verbrechen geweſen wäre. Ich blickte in ihr Schlafgemach. Es ſtanden zwei Betten darin; ein größeres, es war noch mit einer weißen Decke belegt; in einem kleineren lag ihr Kind, der bildſchöne Knabe, mit den langen, hell⸗ blonden Locken. Sie hatte ihn zu Bette gebracht und ſaß auf einem Schemel vor ihm. Das Kind hatte ſeine Händchen gefaltet und die Mutter hielt ſie in ihren gefalteten Händen. Sie ſagte ihm ſein Abend⸗ gebet vor, das Kind ſprach es nach. Ich bin ja noch klein, Mein Herzchen iſt rein; Es ſoll Niemand d'rinnen wohnen, Als Jeſus allein. Amen! „Amen!“ wiederholte das Kind, und das reine, müde Weſen ſchlief ſchon. Sie ließ ſeine Händchen los und legte ſie auf die Decke des Bettchens. S 215 Sie ſelbſt blieb noch vor dem Bettchen ſitzen, und ihre eigenen Hände legte ſie vor ihr Geſicht. Ihr Haupt aber bewegte ſich bald ſo ſonderbar, und ich ſah auch, was es war. Sie ſchluchzte und ſuchte das Schluchzen zu unterdrücken, damit der Knabe nicht davon erwachen ſolle, und doch konnte ſie von dem Kinde ſich nicht trennen. Ich meinte zu ſehen, wie die Thränen durch die feinen Finger rannen. Ja, ſie war eine arme, unglückliche Frau, die ſchwer und entſetzlich noch immer litt, und wenn ſie jeden Abend ſo, nachdem ſie mit dem reinen Kinder⸗ herzen gebetet, an dem Bettchen ſitzen und weinen mußte — das Herz wollte mir brechen. Und ich ſollte hart und roh in ihr Herz hinein⸗ greifen, mit der kalten Hand, dem ſcharf ſchneidenden Meſſer des Inquirenten? Wie war mir mein Amt in dieſem Augenblicke ſo ſchwer! Ich kehrte leiſe von dem Fenſter zurück und klopfte an die Hausthür. „Mein Mann iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte ſie. „Madame, ich wünſchte zuerſt nur mit Ihnen zu ſprechen.“ 216 3 Sie erbleichte, ſie erbebte von Neuem. Ich mußte mein Verhör mit ihr beginnen. Ich glaube, ich war bleich, wie die Frau. Das Herz war mir ſo entſetzlich voll und ſchwer. Mein Protokollführer war mir gefolgt. „Madame,“ hob ich an, „der Wilddieb Sander iſt vorgeſtern geſtorben.“ auf. Dann auf einmal holte ſie tief Athem. War ihr durch die Nachricht eine Laſt vom Herzen genom⸗ men? Es konnte in mehr als einer Hinſicht ſo natürlich ſein, antworten konnte ſie mir gleichwohl nicht. „Sie wiſſen, Madame,“ fuhr ich fort, „er war als Mörder des Forſteleven Felſener verurtheilt.“ „Ich weiß es,“ ſagte ſie ſehr leiſe. „Er war verurtheilt trotddem, daß er geläugnet hatte.“ „Er hatte Ihren Vater verdächtigen wollen.“ „O, mein Herr, mein S war ſo unſchuldig — er war der bravſte Menſch. Sie hatte ſich mir gegenüber geſetzt. Sie fuhr — 217 „Ich weiß es, Madame. Sander hat auch in ſeinem letzten Augenblicke zwar noch immer den Mord von ſich abgelehnt, aber nicht mehr Ihren Vater be⸗ ſchuldigt, ſondern —“ Sie hing mit den Augen, die zu erlöſchen drohten, an meinen Lippen. „Madame, ehe ich weiter von ihm ſpreche, muß ich einige Fragen an Sie richten. Sie waren in der früheren Unterſuchung gegen Sander gar nicht vernommen?“ „Nein. Es muß nicht für nothwendig gehalten worden ſein.“ „Es wäre beſſer geſchehen. Erhebliche Umſtände wären dann aufgeklärt worden. Sie waren an dem Abende vor dem Morde mit Felſener im Gaſthauſe geweſen?“ „Mit ihm und auch mit meinem Vater und meinem jetzigen Manne.“ „Haben Sie damals mit ihm geſprochen?“ „Gewiß.“ „Auch mit ihm allein? Ohne Zeugen?“ Eine leiſe Röthe zog über das blaſſe Geſicht. „Es iſt möglich.“ „Können Sie mir mittheilen, was er Ihnen ſagte?“ „Nach ſo langer Zeit!“ „Er hatte an dem Tage einen Brief von ſeiner Mutter erhalten?“ Sie wurde auf einmal glühendroth. „Ja,“ konnte ſie kaum antworten.“ „Hat er über den Inhalt des Briefes mit Ihnen geſprochen?“ J „Können Sie mir den Inhalt wiederholen?“ Sie hatte ſich gefaßt. Die Gluth war aus ihrem Geſichte gewichen. Aber eine klare Röthe war zurück⸗ geblieben. Sie ſchien mir einen Muth, einen Ent⸗ ſchluß anzuzeigen, der plötzlich in ihr gereift war. „Herr Kriminaldirektor,“ ſagte ſie, und auch der Ausdruck ihrer Stimme war entſchieden geworden. — „Der Brief betraf ein Geheimniß, zu deſſen Ver⸗ öffentlichung ich mich um ſo weniger berechtigt halte, als auch die Schreiberin, die arme Mutter des un⸗ glücklichen Felſener, unterdeß geſtorben iſt.“ — ———— —— — — — 219 Eine leiſe Freude, ein kleiner Triumph über ihre Faſſung und Entſchiedenheit wollte in meinem Herzen auftauchen. Das Herz des Menſchen muß ſo oft den Inquirenten verleugnen. Aber der Inquirent mußte fortfahren, ich mußte noch über den Brief Auskunft zu erhalten ſuchen. „Wiſſen Sie, wo jener Brief geblieben iſt?“ Es ſchien mit ihrer Faſſung ſchon wieder vorbei zu ſein. Die eine unſchuldige Frage hatte ſie ihr geraubt. Was war das? Aus ihrem Geſichte entwich der Reſt der Röthe. Sie hatte keine Antwort. „Der Brief,“ fuhr ich fort, „wurde weder bei der Leiche, noch unter den Habſeligkeiten Felſener's gefunden.“ „Nein,“ hauchte ſie. „Hatte Felſener ihn Ihnen gegeben?“ „Nein, nein!“ Sie rief es heftig, wie abwehrend. Was war es mit dem Briefe? Da lag ein Ge⸗ heimniß vor, das ich bisher nicht geahnt hatte. ——— „Hatte Felſener Ihnen den Brief auch nicht gezeigt?“ „Nein,“ ſagte ſie wieder beſtimmt. „Sie haben ihn auch ſpäter nicht geſehen?“ Sie antwortete wieder nicht, ſie war wieder in einer peinlichen Unruhe. Sie konnte nicht lügen, die unglückliche Frau. Sie konnte aber auch die Wahrheit nicht ſagen. Aber mußte ſie denn die Wahrheit ſagen? Sie war die Mörderin, oder ihr Mann war es. Das war ja mein eigener Verdacht, gerade das, was ich durch die neue Unterſuchung ermitteln wollte. Konnte ich die Verbrecherin denn zwingen, Zeugniß gegen ſich ſelbſt, die Gattin, Zeugniß gegen den Gatten abzulegen? Ich hatte meiner Inquirentenpflicht genug gethan. Ich hatte ſie nach Umſtänden gefragt, die nach allen Seiten ein Licht über das Verbrechen verbreiten konnten, auch für ſie, auch für ihren Mann, die ſchon zum Gegenſtande der früheren Un⸗ terſuchung hätten gemacht werden ſollen. Sie hatten in ihrem Reſultate freilich nur den Verdacht gegen ſie oder ihren Gatten feſter begründet. Aber eben S — 221 darum durfte ich nicht weiter in ſie dringen. Jede fernere Frage konnte nun direkt auf ihre oder ihres Mannes Schuld gerichtet ſein. Zu einem Zeugniſſe darüber durfte ich ſie nicht zwingen. Den Beweis dafür mußte ich auf anderem Wege ſuchen: durch nochmalige Vernehmung des alten Baumann, wie leid auch der Mann mir that, durch Befragung der Magd, die früher im Hauſe gedient hatte, durch Er⸗ hebung von Momenten, die ſo weiter an die Hand gegeben würden. „Madame,“ ſagte ich, „ich verzichte auf fernere Fragen an Sie. Ich habe nur ein Bedauern, daß ich ein ſchweres, inneres Leiden Ihnen nicht abneh⸗ men kann. Doch eine Bitte habe ich noch. Sollte einmal dieſer Druck, der auf Ihnen laſtet, zu ſchwer für Sie werden — die Stunde kann kommen mit der ganzen, zwingenden, in ſolchem Augenblicke furcht⸗ bar zwingenden Gewalt der Wahrheit und des Rechts, dann werden Sie in mir zwar den Richter, aber auch den Freund finden, der, ſo viel es in ſeinen Kräften ſteht, Sie tröſten und aufrichten wird.“ Sie war zuſammengebrochen und weinte laut. Ihr Geſicht hatte ſie mit beiden Händen bedeckt. Sie riß die Hände von dem Geſichte fort und ſtarrte mich an. Sie ſprang auf zu mir hin. Sie wollte geſtehen. Sie wollte mir Alles ſagen. Eine Angſt ergriff mich. Da wurde an die Thür der Stube geklopft. „Herein!“ rief mein Protokollführer, als kein Anderer es that. Der alte Chriſtian Baumann öffnete die Thür. Er ſah bleich aus, aber ernſt, faſt feierlich. „Marianne, kann ich Dich allein ſprechen? — Darf ich Herr?“ fragte er mich. Ihr dürft“ Die Frau verließ mit ihm das Zimmer. Ich blieb. Es mußte Etwas vorgefallen ſein. Ich wollte wiſſen, was es war. Schon nach wenigen Minuten kehrte die Frau allein zurück. Sie war bleich, wie vorher; nur leuch⸗ tete aus ihrem Geſichte eine faſt wunderbare Faſſung hervor. Sie ſchritt auf mich zu. „Mein Herr, jene Stunde, von der Sie eben ſprachen, iſt ſchon gekommen. Auch ich hatte ihr ſeit 223 Jahren mit ſo banger Sorge entgegen geſehen. Daß ſie einmal kommen müſſe, konnte ich es mir ver⸗ hehlen? Sie iſt jetzt in ihrer ganzen Schwere da. Und doch hat die Hand des Herrn gnädig ſie mir leichter gemacht, als ich es mir je gedacht hatte. Erfahren Sie von mir die Wahrheit. Der Wilddieb war nicht der Mörder. Mein Mann iſt es. Eine wilde Eiferſucht auf den unglücklichen Felſener hatte ſchon lange an ſeinem Innern gezehrt, um ſo hef⸗ tiger, je leidenſchaftlicher und dennoch je verſchloſſener er war. Am Abend des Mordes hatte er mich und Felſener belauſcht. Wir hatten auf kurze Zeit den Ballſaal in Holzhauſen verlaſſen und einen Gang durch den Garten gemacht. Felſener hatte mich da⸗ rum gebeten. Er hatte Nachmittags den Brief von ſeiner Mutter erhalten. Er wollte mir ſeinen In⸗ halt mittheilen. Sie hatte ihm ihre Einwilligung zu ſeiner Verbindung mit mir gegeben. Wir drückten uns zum erſten Male als Verlobte die Hände. Welche glückliche Minute war das! Ja, wir liebten uns. Und hinter uns ſtand der Verrath! Am andern Morgen wollten wir meinen Vater um ſeine Einwil⸗ ligung bitten. Wir waren ihrer gewiß. „In der Nacht war Felſener eine Leiche. „Wie das Verbrechen verübt wurde? Mein Mann kannte einen geheimen, um mehr als die Hälfte kür⸗ zeren Weg, der durch den Erlenbruch nach der För⸗ ſterei führte. Er hatte durch einen Zufall erfahren, daß der Wilddieb Sander an jenem Abend zu Ende des Moors auf dem Anſtand ſein werde und hatte Felſener einen Wink davon gegeben. Felſener ging hin. Mein Mann ging ihm nach, in Rock und Mütze und mit dem Gewehre meines Vaters, die unten in der Stube hingen. Er ſchlief unten im Hauſe und konnte ſich durch ſein Fenſter entfernen. Durch das Moor kam er Felſener zuvor. Er überraſchte den Wilddieb, nahm ihm ſein Gewehr und erſchoß damit Felſener. Hätte er das Gewehr des Wilddiebes nicht bekommen, ſo war das meines Vaters zu der That beſtimmt. Das Gewehr des Wilddiebes verſenkte er im Moor. Auf dem kurzen Wege durch dieſes war er bald wieder zu Hauſe, durch ſein Fenſter, von dem Knechte unbemerkt, in ſeiner Stube. „Wie ich das Verbrechen erfahren habe? Mein argloſes Herz hatte keine Ahnung gehabt, obwohl mein Mann ſchon bald nach unſerer Verheirathung oft Augenblicke einer quälenden, unerklärlichen Angſt hatte. Da gebar ich einen Knaben. Es war ſein Kind, aber es trug die Züge des Ermordeten. An⸗ fälle von Verzweiflung ergriffen ihn jetzt oft. In einem derſelben traf ich ihn, in den Händen einen blutigen Brief, in den er hineinſtarrte. Er wollte ihn mir verbergen. Dann ſprang er auf. Nein! rief er, ich kann es nicht mehr ertragen. Hier, lies; kennſt Du dieſen Brief? — es war der Brief, den Felſener am Nachmittage vor ſeinem Tode von ſeiner Mutter erhalten hatte. Er hatte ihn auf ſeiner Bruſt getragen. Mein Mann hatte ihn geſucht und zu ſich genommen, während er bei der Leiche wachte. In ſeiner wilden, über den Tod des Gegners hin⸗ ausdauernden Eiferſucht hatte er ſich nicht von ihm trennen können. Eiferſucht und Gewiſſensangſt zwan⸗ gen ihn unwiderſtehlich, mir das Geſtändniß ſeiner entſetzlichen That abzulegen. „Was ich ſeitdem gelitten habe, Jahre lang, mit ihm?! Er war mein Gatte; er war der Vater meines Kindes; er war ein Mörder, der Mörder meines Geliebten, meines Verlobten! Temme, Criminal⸗Novellen. HM. 15 — die Nachricht, daß der Unglückliche ſich ſelbſt den Tod gegeben habe, vor einer halben Stunde, nachdem er mit dem treuen Greiſe geſprochen hatte.“ „Ueber ihn hat Gott gerichtet. Gott, der Herr iſt gnädig.“ „Auch mit mir! Mein Herz iſt leichter. Mir bleibt mein Kind!“ Sie war tief erſchöpft. Es war ſpäter Abend geworden. Ich nahm ſtill ihre Hand und führte ſie in die Stube nebenan, in der ihr Knabe ſchlief und ihr Bett ſtand. Sie ſank vor dem Bettchen des Kindes in die Knie. Ich verließ ſie. Das Verbrechen kann nur Unglück gebären. Wa⸗ ———— „Und jetzt? Der alte Chriſtian bringt mir ſoeben ———————————————— Druck der F. priv. Hofbuchdruckerei in Rudolſtadt. — — — ——— ——— — ₰ * 4 X 62 . „ 5 „ . 5 7 1. 5 3 „ 6 S3 * . 3 1 * 7 3 . . e 1s onenqe —— —