Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet le wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 W 0 Pf 2 W Pf 5 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Hildegarde kam den nächſten Morgen nicht zum Vorſchein und Hamilton frühſtückte mit Madame Roſen⸗ berg, die ihm in einem roth⸗ und weißgeſtreiften Nacht⸗ kleide gegenüberſaß; ihre Haare waren wie gewöhnlich bis an die Wurzeln mit Haarnadeln aufgewickelt, zur Vorbereitung für Locken, welche jedoch, außer an Aben⸗ den, welche die Hoffmanns bei ihr zubrachten, daheim nur ſelten zum Vorſchein kamen. Sie ſaß ihm gegen⸗ über und ſah ihm zu, während er vergeblich ſeinen Kaffee dadurch zu verbeſſern ſuchte, daß er wechſelsweiſe bald Rahm, bald Zucker hinzuthat. „Man hat zu ſo früher Stunde nie einen rechten Genuß vom Frühſtück,“ bemerkte ſie endlich, „der Kaffee iſt jedoch ſo gut als gewöhnlich; ich habe ihn ſelbſt gemacht.“ Ich zweifle nicht daran,“ ſagte Hamilton, „aber die Sache iſt, ich bin ſo daran gewöhnt, daß Ihre Toch⸗ ter Hildegarde mir ihn zubereitet, daß ich die nöthige Quantität von Rahm und Zucker nicht kenne — bei⸗ läufig, ich hoffe, daß es mit ihrem Kopfweh dieſen Mor⸗ gen beſſer iſt.“ ie ſagt ſo,“ erwiederte Madame Roſenberg, „aber ich finde, daß ſie ſolches Fieber hat und ſo elend krank ausſieht, und darum habe ich ihr verboten, aufzuſtehen, bis Dortor Berger ſie ſieht. Die Anfangsbuchſtaben. II. 1 „Sie fürchten doch, hoffe ich, keine ernſtliche Krank⸗ heit „O nein — aber Creſcenz ſagt, ſie habe ſehr un⸗ ruhig geſchlafen — ſchreckliche Träume gehabt und ein⸗ mal während der Nacht ſich eingebildet, es wolle ſie Jemand erſtechen! Solch' eine Idee! Ich vermuthe,“ fügte ſie nach einer Pauſe hinzu, „Sit erwarten den Grafen Zedwitz Sie abzuholen?“ „Ich glaube ſo,“ ſagte Hamilton zerſtreut. „Ich kann ihn allmälig gut leiden,“ bemerkte Ma⸗ dame Roſenberg. Hamilton ſchien ſie gar nicht zu hören. „Sie gehen in ein fröhliches Haus,“ fügte ſie hinzu, eniſen wird es bei einer ſolchen Veranlaſſung fröh⸗ lich ſein.“ „Bei was für einer Veranlaſſung?“ fragte Ha⸗ milton auſſchauend. „Nun, haben Sie nicht geſagt daß die einzige Toch⸗ ter Hochzeit haben ſoll? Und iſt eine Hochzeit nicht etwas Fröhliches?“ „Richt immer,“ ſagte Hamilton, „denn die Bräute weinen gewöhnlich dabei und ſtecken dann auch die Braut⸗ jungfern an, und die Mama fällt halb in Ohnmacht, und der Papa iſt aufgeregt und wenn das junge Ehe⸗ paar Abſchied nimmt iſt es im Hauſe ungewöhnlich düſter, bis es ſich wieder mit neuem Volk anfullt. Eine Hochzeit iſt im Ganzen genommen ein tödtlich⸗lebhaftes Feſt, außer für di⸗ beiden Hauptperſonen dabei.“ „Ich will Ihnen das Gegentheil beweiſen,“ ſagte Madame Roſenberg, „Sie ſollen ſehen, wie fröhlich es auf unſerer Hochzeit hergeht — das heißt auf der von Creſtenz. — Habe ich Ihnen nicht geſagt, duß ſie bis zum Carneval verſchoben werden muß?“ „Kein Wort — ich habe gedacht, ſie ſolle Bor Weih⸗ nachten ſtattfinden.“ „Hochzeiten kommen ſelten oder nie während der Adventszeit vor,“ ſagte Madame Roſenberg, „aber auf 3 alle Fälle iſt Major Stultz's Schweſter plötzlich geſtor⸗ ben und er muß morgen nach Nürnberg abreiſen.“ „Es thut mir leid, daß er ſeine Schweſter verloren hat,“ ſagte Hamilton mitleidig. „Nun, wahrhaftig, der Verluſt iſt eher ein Ge⸗ winn,“ erwiederte Madame Roſenberg. „Er wußte ſehr wenig von ihr, — ſie war unverheirathet, reich und geizig — immer auf dem Punkt, ſich zur Värrin zu machen und einen jungen Studenten oder Officier zu heirathen. Jetzt erbt der Major in aller Ruhe ihr gan⸗ zes Vermögen — eine ſehr hübſche Zugabe zu dem, was er bereits hat. Ich habe Creſcenz geſtern Abend geſagt, daß ſie ein größeres Lvos, als ſie erwartete, ge⸗ zogen hat!“ „Und was ſagte ſie?“ „Nun, nicht viel — aber ſie ſah ausnehmend er⸗ freut aus. — Ihr Vater ſagte mir, er glaube ſie ſei ſo froh, daß ihre Heirath verſchoben worden ſei, und kümmere ſich nicht im Mindeſten um das Geld, deſſen Werth ſie noch gar nicht verſtände — das mag zum Theil richtig ſein — Creſcenz mag nichts gegen den Aufſchub einzuwenden haben, aber ſie iſt jetzt mit dem Major ganz zufrieden und hat durchaus keinen Wunſch mehr, ihr Verhältniß mit ihm abzubrechen. Graf Ray⸗ mund iſt ihr von großem Nutzen geweſen.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte Hamilton erſtaunt. „Nun, ſeine unverzeihliche Nachläſſigkeit gegen Ma⸗ rie von Hoffmann bildet einen ſtarfen Contraſt zu des Majors Aufmerkſamkeiten und hübſchen Präſenten. Cres⸗ cenz iſt ſehr kindiſch, aber ſie hat dennoch den Unter⸗ ſchied bemerkt, und ich habe die Gelegenheit nicht ver⸗ ſäumt, ihr zu erklären, daß alle jungen Männer gleich⸗ gültige Liebhaber und noch gleichgültigere Ehegatten ſeien, und ſie zuverläſſig nach ihrer Heirath viel glück⸗ licher, als Marie, ſein werde.“ „Der Wagen iſt da! der Wagen für Herrn Hamil⸗ ton iſt da!“ rief Peppi, in das Zimmer ſturzend, „und 1 4 — Graf Zedwitz kommt die Treppe herauf! und Creſcenz verſteckt ſich hinter der Küchenthüre! und Walburg iſt mit Guſtel in die Schule gegangen! und Doctor Ber⸗ ger iſt in Hildegarde's Zimmer! und Papa zieht ſeinen Rock an und will, daß Du zu ihm kommen ſollſt!“ „Nun, haſt Du noch andere Neuigkeiten zu mel⸗ den, ehe ich gehe?“ ſagte ſeine Mutter, indem ſie ihren Schlüſſelbund vom Frühſtücktiſche nahm. „Guten Mor⸗ gen, Graf Zedwitz — Sie müſſen mich entſchulvigen — Doctor Berger iſt da — und —“ „Hoffentllich doch Niemand unwohl?“ fragte Zedwitz. „Hildegarde iſt unwohl,“ erwiederte Hamilkon, „haben Sie nichts dagegen, wenn wir warten und hören, was der Dortor ſagt?“ „Ganz im Gegentheil,“ ſagte Zedwitz, indem er in ſichtbarer Unruhe ſich ſetzte. „Inzwiſchen kann ich Hans ſagen, daß er mein Gepäck hinabträgt.“ Hans wurde mit dem Koffer, Reiſeſack und Toiletten⸗ Neceſſaire hinabgeſchickt; aber Hamilton wartete, anſtatt zu ſeinem Freund zurückzukehren, bis Madame Roſen⸗ berg und der Doctor Hildegarde's Zimmer verlaſſen hatten und den Gang mit einander hinaufzogen. Einen e nachher war er an der Thüre und hatte geklopft. „Herein!“ ſagte Hildegarde faſt munter. Ich bin nicht ſo krank, als Du deniſt!“ „Das freut mich ſehr, zu hören,“ ſagte Hamilton, indem er mit dieſen Worten eintrat. „— Ich — ich erwartete Papa,“ ſagte Hildegarde tief erröthend. „Ich habe mehr als halb vermuthet, daß die Er⸗ laubniß zum Eintritt nicht mir galt,“ ſagte Hamilton. „Aber ich kann Sie wirklich nicht verlaſſen, ohne für eine Beleidigung von geſtern Nacht Ihre Vergebung erhalten zu haben. Ich kann nicht auf ſo lange Zeit 5 von Ihnen ſcheiden, ohne die Gewißheit Ihrer Ver⸗ zeihung mitzunehmen.“ „Sie iſt gewährt — oder vielmehr, ich habe nichts zu verzeihen,“ erwiederte Hildegarde, „denn Sie hat⸗ ten ganz Recht, nicht auf meine Beichte zu hören, ob⸗ wohl ich zu dem Zweck aufgeblieben bin, ſie Ihnen abzulegen.“ Sie war bei dieſen Worten ſehr bleich geworden und Hamiltomerinnerte ſich lebhaft an alle die lange und unermüdete Aufmerkſamkeit, die ſie ihm während ſeiner Krankheit erwieſen hatte. Er wunderte ſich, wie er auch nur einen Augenblick dieſelbe hatte vergeſſen können, und blieb, in Gedanken verloren, ſtehen, bis ſie, mit einer leichten Handbewegung nach der Thüre, ihm eine glückliche Reiſe und viel Vergnügen wünſchte. Anſtatt dem Zeichen zu gehorchen, ging er gerade auf ſie zu, indem er ſagte: „Sie dürfen nicht erwarten, daß ich an Ihre Ver⸗ gebung glaube, bis Sie mir Alles geſagt haben, was ich geſtern Abend nicht hören wollte.“ „Wie unbillig Sie ſind,“ ſagte ſie mit ſchwachem Lächeln, „wenn ich Ihnen jedoch ſage, daß ich wünſche, Sie möchten mein Zimmer verlaſſen, daß ich zu unwohl bin, um zu ſprechen, ſo werden Sie gewiß —“ „O natürlich, natürlich,“ ſagte Hamilton, der Billig⸗ keit ihrer Forderung wohl bewußt. „Nur eins müſſen Sie mir noch angeben, was Sie Raymund geſagt haben, um ihn dahin zu bringen, daß er Ihnen mit Selbſtmord drohte.“ S Sie mich nicht,“ ſagte Hildegarde un⸗ ruhig. „Das iſt es eben, auf deſſen Mittheilung ich be⸗ ſtehen muß“ fuhr Hamilton weiter fort. „Sie ſagen, daß Sie gekommen ſind, um meine Vergebung zu erbitten, ſind aber, wie es ſcheint, wie⸗ der in Ihre alte Gewohnheit, zu commandiren, ver⸗ fallen, und —“ 6 „Ich commandire nicht,“ rief Hamilton, ſie unter⸗ brechend, „ich commandire nicht, ſondern,“ jetzte er mit ſehr leiſer Stimme und noch näher tretend, hinzu, „ich bitte — ich bitte Sie, mir mitzutheilen, was Sie ihm geſagt haben. „Ich habe ihn daran erinnert, daß er mit meiner Freundin verlobt ſei,“ begann Hildegarde langſam und widerſtrebend. „ „Wohl, wohl; und dann —“ „Und dann — habe ich ihm geſagt, daß ich ihn nicht anders, denn als einen Cuuſin lieben könnte.“ „Aber in einer Lage, wie die ſeinige, muß er doch gerade eine ſolche Antwort von Ihnen erwartet haben⸗ Wäre er frei und unabhängig, würden Sie wahrſchein⸗ lich ganz anders geſprochen haben. Tröſteten Sie ihn nicht damit, daß Sie ihm dieſes ſagten2“ Hildegarde ſchwieg mit faſt geſchloſſenen Augen. „Und wenn Sie ihm das jgten, fuhr Hamilton fort, „ſo gab es keine mögliche Entſchuldigung für die Dolch⸗Scene. Er hätte darüber wohl in Verzweiflung gerathen, aber nicht zu einem ſo verzweifelten Beneh⸗ men ſchreiten können. Geſtehen Sie mir, Hildegarde, haben Sie das geſagt?“ „Nein,“ antwortete ſie beinahe flüſternd, „nein! denn obwohl ich Oskar bewundere, liebe ich ihn durch⸗ aus nicht.“ „Dann müſſen Sie ihm etwas Anderes geſagt haben!“ „Sie quälen mich,“ murmelte ſie mit einem Aus⸗ 3 druck des Schmerzes. „Ich ſehe es wohl,“ antwortete Hamilton. „Ver⸗ geben Sie mir, aber ich muß noch eine Frage an Sie richten. Hat er nicht gefragt, ob Sie einen Andern lieben?“ „Ja,“ ſagte Hildegarde mit abgewandtem, vom tiefſten Roth übergoſſenem Geſicht. „Und Sie haben es zugeſtanden?“ 7 Jaz ich bekannte meine Thorheit, um der wilde⸗ ſten Raſerei und den unausführbarſten Planen, die man ſich denken konnte, ein Ende zu machen.“ „Und Sie haben den Gegenſtand Ihrer Vorliebe genannt?“ „O nein, nein, nein!“ „Hildegarde, rief Hamilton haſtig, „ſagen Sie mir es ſogleich — antworten Sie mir ſchnell — haben Sie Zedwitz gewähl!2“ Hildegarde wandte ſich noch mehr ab, gab aber keine Antwort. „Ich verſtehe Ihr Stillſchweigen. Sie haben gut — und,“ ſetzte er nach einem kurzen Kampfe hinzu, „weiſe gewählt.“ Hildegarde machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ fuhr er eifrig fort. „Ich bin überzeugt, daß auf Ihre Wahl Beweggründe des Eigennutzes nicht im Mindeſten Einfluß gehabt Zedwitz iſt in jeder Hinſicht Ihrer Achtung werth.“ Hildegarde erhob ſich ſchnell auf ihren Ellenbogen und ſchien ſprechen zu wollen, aber die Worte erſtar⸗ ben ihr auf den Lippen, als ſie Creſcenz bemerkte, die wie gewöhnlich geräuſchlos in's Zimmer getreten war und jetzt zwiſchen ihnen ſtand. Sie ſank zurück, ihre Farbe wechſelte mehrmals mit furchtbarer Geſchwindig⸗ keit, aber ihre Stimme, obwohl ſchwach, war vollkom⸗ men ruhig, als ſie ihre Schweſter bat, die⸗Fenſterläden zu ſchließen, und jede Spur von Bewegung verſchwand, als ihr Vater eintrat und, indem er an ihrem Bette Platz nahm, bemerkte, ſie ſehe mehr einer Marmorſtatue, als einem lebenden Weſen gleich. Hamilton war den Augenblick nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen; er ſchüttelte Roſenberg die Hand und verließ eiligſt das Gemach. Im Geſellſchafts⸗ zimmer fand er den Doctor, der Madame Roſenberg 8 ſchreiben, und begann, nachdem er ihr halten hatte, Zedwitz's Abreiſe zu betreiben. die Verſicherung gab, daß Fräulein Hildegarde in einem oder zwei Tagen ſich wieder vollkommen wohl befinden werde. Hamilton bat ſie nichtsdeſtoweniger, ihm zu Verſprechen er⸗ „Geht Ihr Diener nicht mit uns, Hamilton?“ fragte Zedwitz. „Er wird mit Madame Roſenbergs Brief mor⸗ gen nachkommen.“ „Daß Du den Brief gewiß bringſt, Hans!“ rief Hamilton, als er ſich in ſeinen Mantel huͤllte und in. eine Ecke des Wagens zurückſank. * Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der lange Tag. Hamilton konnte nicht umhin, ſich von der ſicht⸗ baren Freude geſchmeichelt zu fühlen, welche ſeine Rück⸗ kehr bei allen Mitgliedern der Roſenberg'ſchen Familie erzeugte. Die beiden kleinen Knaben begannen ſogleich, ihm zu erzählen, daß der Chriſtbaum am nächſten Taß zu erwarten ſei. Guſtel ſagte, er habe alle die Spiel⸗ ſachen, die er gerne möchte, aufgeſchrieben und das Ver⸗ zeichniß unter ſein iſſen gelegt, das Chriſtkindlein ſei gekommen und ha es mitgenommen. „Ich muß alſo, wie Sie ſehen, doch recht bra geweſen ſein, ſonſt würde es das Verzeichniß nicht mit⸗ genommen haben, und ich werde Alles, was ich auf⸗ geſchrieben, erhalten.“ „Und,“ ſagte Peppi, „die Mutter iſt dem Chriſt⸗ kindlein in der Ludwigsſtraße begegnet und es hat gefragt, ob ich ein gutes Kind geweſen ſei, und als Mama ja ſagte, verſprochen, morgen Abend in die Kindsſtube zu fliegen und die Lichter anzuzünden und mir eine Flinte 23 einen Wagen und Bonbons und Lebkuchen zu ringen.“ „Morgen iſt der Heilige Abend,“ ſagte Madame Roſenberg, „ein großer Tag für uns. Capitän Smith hat mir geſagt, daß Sie ihn nicht ſo, wie wir, feiern. Was Guſttel betrifft,“ ſetzte ſie ſtüſternd hinzu, „ſo iſt er ein kleiner, ſchlauer Burſche und hält nur die Hälfte von dem, was er ſage, für wahr. Peppi hat immer noch den unſchuldigen Glauben der Rindheit. Ich meines⸗ theils war des feſten Glaubens, daß Jeſus mir alle meine Weihnachtsgeſchenke bringe, bis ich das zehnte Jahr erreichte. Aber jetzt kann man den Kindern nicht mehr ſo leicht glauben machen, was wir ſagen.“ „Die Vorſtellung gefällt mir nicht ganz,“ ſagte Hamilton. „Dergleichen Redensarten kommen mir un⸗ ehrerbietig vor und verſetzen Sie in die Nothwendigkeit, den Kindern eine Menge Unwahrheiten zu erzählen.“ „Ah bah!“ rief Madame Roſenberg lachend, „Sie haben alle in dieſer Hinſicht etwas Beſonderes.“ „Ich glaube,“ bemerkte ihr Mann, „ſo lange, als ſie es glauben können, mögen ſie es thun, und wenn es damit ein Ende hat, denken ſie natürlich, daß Gott uns die Mittel zu Erfüllung ihrer Wünſche geſchenkt hat und die Gaben demnach doch von ihm kommen.“ „D, wie freue ich mich dieſes Jahr auf meinen Chriſtbaum,“ rief Creſeenz. „Das iſt natürlich,“ ſagte Madame Roſenberg, „da Du weißt, daß Du ſo viele chenke erhältſt. Der Major kommt morgen wieder, um Dir die goldene Kette und den Topasſchmuck, den er Dir verſprochen hat, zu überreichen, und vielleicht bringt er Dir auch etwas von ſeiner Schweſter aus Nürnberg mit.“ „Und was erwarten Sie zu bekommen?“ ſagte Hamilton zu Hildegarde gewendet. „Ich weiß nicht,“ fagte ſie mit einem lächelnden Blick auf ihren Vater, „aber ich habe die Idee, daß 10 ich mein erſtes Ballkleid und einige Bücher bekommen werde. Mama hat mir einen eigenen Baum verſpro⸗ chen und ſo werde ich Ihnen vielleicht von meinen Bon⸗ bons geben“ „Wie wünſche ich, daß der Morgen ſchon da wäre!“ rief Guſtel. „Ich wünſche, daß das Eſſen auf dem Tiſch wäre!“ ſagte Roſenberg, „obwohl wir jetzt nichts als Kalb⸗ leiſch zu eſſen bekommen, weil meine Frau vas für eine Art von Präſervativ gegen die Cholera hält.“ „Du fürchteſt Dich gerade ſo vor der Cholera, wie ich, Franz,“ ſagte ſie und ſetzte dann flüſternd gegen Hamilton hinzu, „er lacht mich aus, nimmt aber jede Nacht Tropfen und Pillen. Während Sie in Edelhof waren, haben wir einige Secenen gehabt, die Sie viel⸗ leicht beunruhigt hätten. Anfänglich glaubte ich, die Cholera zu haben. Dann zog ſich die Köchin dadurch ein Unwohlſein zu, daß ſie die Aepfel aß, die ich ihr gegeben hatte, damit die Kinder nicht darnach fragen möchten. Dann Peppi —“ Das Mittageſſen iſt auf dem Tiſch,“ rief der alte Fau⸗ indem er bloß ſeinen grauen Kopf in's Zimmer reckte. „Gut,“ rief Roſenberg, „und nun bitte ich, daß die Cholera nicht mehr unter uns erwähnt wird. Eine S von ſechs Kreuzern, ſo oft das Wort genannt wird.“ S „O, daß man das Wort Cholera nicht ſagen ſoll,“ begann ſeine Frau. „Eine Strafe, eine Strafe,“ rief Roſenberg, „das Geld muß in eine Büchſe gelegt und den Armen ge⸗ geben werden.“ „Mein Himmel,“ rief Creſcenz, „da muß ich mich recht in Acht nehmen, ſonſt geht all' mein Taſchengeld an die Cho—“ Hildegarde's Hand lag auf ihrem Munde, ehe das Wort ausgeſprochen war. Die kleinen Knaben ſchlugen 1 11 in die Hände, Hamilton lachte und Roſenberg erklärte, er ſei überzeugt, ſeine Frau und Creſcenz würden ſich mit ihren Beiträgen am wohlthätigſten erweiſen. Den nächſten Morgen brachte Hamilton damit zu, ſeine Geſchenke auszuwählen; eine Zeit lang war er in größter Verlegenheit und ſchwankte lange zwiſchen Bü⸗ chern, Bronze, Glas und Gold; endlich ſiel ihm ein, daß Hildegarde einmal geſagt hatte, ſie möchte nichts auf der Welt ſo ſehr, als eine kleine Uhr, fürchte aber, niemals in den Beſitz einer ſolchen zu gelangen. Dieß brachte auf einmal ſeine Zweifel zur Entſcheidung, und da die andern ihm weniger Intereſſe einflößten, ſo hatte er bald ſeine Einkäufe mit einer großen Schachtel Spiel⸗ ſachen für die Kinder vollendet. Bei ſeiner Rückkehr fand er Fritz über die Feier⸗ tage zu Hauſe; er ſaß unter dem Fenſter im Geſellſchafts⸗ zimmer mit ſeinen Brüdern, alle drei gähnend und höchſt melancholiſch ausſehend. „Wie viel Uhr iſt es? war der Ausruf, als er eintrat. „Vier Uhr,“ ſagte Hamilton; „aber warum ſeht ihr ſo trübſelig aus?“ „Noch zwei volle Stunden zu warten,“ ſeufzte Fritz. „Zwei lange Stunden,“ gähnte Guſtel. „Zwei Stunden, bis der Engel kommt, die Lichter anzuzünden und zu klingeln,“ ſagte Peppi. „Bah, Mama könnte die Lichter um fünf Uhr an⸗ zünden, es wird gewiß finſter genug ſein,“ flüſterte Fritz Hamilton zu. „Wo ſind Eure Schweſtern?“ „Bei Mama, ſie hängen wahrſcheinlich die Bon⸗ bons auf und befeſtigen die Wachslichtchen an den Bäu⸗ men. Wenn aber die Geſchenke hereingebracht werden, ſchickt man ſie auch weg, obgleich Creſcenz alt genug zu glaubt, um die Lichter anzuzünden und Alles zu un.“ „In welchem Zimmer ſind ſie?“ „In dem Schulzimmer; aber Sie dürfen nicht hoffen, hineinzukommen, beide Thüren ſind geſchloſſen. „Was glauben Sie, daß Ihnen das Cyriſtkindlein bringen wird?“ fragte Peppi, indem er ſich Hamilton vertraulich näherte. „Haben Sie auch, wie Guſtel, eine Liſte unter Ihr Kiſſen gelegt? das nächſte Jahr, wenn ich ſchreiben kann, werde ich mir recht viele Sachen wünſchen. Trompeten und Trommeln und Hanswurſte. Was glauben Sie, daß Sie bekommen?“ „Wahrſcheinlich Bonbons.“ „Und noch etwas dazu,“ ſagte Guſtel mit dem Kopfe nickend. „Du haſt verſprochen, nichts zu ſagen, rief Fritz, indem er ſich drohend ſeinem Bruder näherte. „Glaube nicht,“ rief Guſtel keck, „weil Du eine Uniform trägſt, fürchte ich mich vor Dir. Ich werde ſagen, was mir beliebt.“ Fritz packte ihn beim Kragen, Guſtel ſchleuderte ſeinen Arm weg und es erfolgte eine ordentliche Bal⸗ gerei. . „Hildegarde hat den Reiſeſack nicht fertig,“ ſchrie Guſtel zornig, und Papa ſagt, es wäre eben ſo gut, da es kein beſonders artiges Geſchenk ſei.“ Dieſen Augenblick traten Hildegarde und Creſcenz in's Zimmer. „Hinausgejagt! Hinausgejagt!“ riefen Fritz und Guſtel, indem ſie einmüthig ihre Schweſtern angriffen. Hildegarde lächelte, Creſcenz bemerkte erröthend, es wäre Alles ſchon fertig und nichts mehr zu thun. „Und doch hinausgejagt,“ ſagte Fritz, „ob Du gleich beinahe ſechszehn biſt und bald heiratheſt. Ha, ha, ha!“ „Es iſt ſehr unartig von Dir, Fritz, daß Du im⸗ mer von meiner Heirath ſprichſt, da Du doch weißt, daß ich das nicht gern habe.“ „So! Habe ich nicht letzten Sonntag, da ich zu Hauſe war, geſehen, wie Du und Lina Berger mit einander groß thatet? Euch Beiden ſchien Hildegarde 1³ zu tief zu ſtehen, um von ihr Notiz zu nehmen, und doch iſt ſie ein Dutzend wie Du, und ein Hundert wie Lina Berger werth.“ 36 habe eine neue Art von Börſe zu machen ge⸗ ernt.“ Als ob ich nicht wüßte, daß die Börſen alle fertig find! Nein, Ihr ſprachet von dem alten Grafen Zedwitz, der ſo krank war, daß der Doetor ihn auf ſeinem Schloſſe beſuchen mußte. Ich habe Alles gehört, was Ihr ſag⸗ tet, und auch verſtanden, obwohl Ihr Franzöſiſch ſprachet.“ Hildegarde wurde ſehr bleich, wandte ſich plötzlich zu Creſcenz und ſagte mit kaum hörbarer Stimme: „Creſcenz, Du haſt doch gewiß nicht die Grauſam⸗ keit gehabt, Lina Berger Erklärungen zu geben, oder ihre Neugierde zu befriedigen?“ „Lina vermuthete faſt Alles und machte ſo viele Fragen an mich, daß ich nicht wußte, was ich darauf ſagen ſollte. Du vergiſſeſt daß man den Doetor geholt hat und der alte Graf vor innerer Aufregung krank ge⸗ worden iſt: wahrſcheinlich hat er ihm alſo Alles geſagt.“ „Und was er ungeſagt ließ, haſt Du ergänzt. Es iſt das letzte Mal, daß ich Dir mein Vertrauen ſchenke.“ „Sei nicht böſe, Hildegarde,“ rief Creſeenz mit Thränen in den Augen, „es iſt gewiß keine Schande für Dich, daß ein Mann wie Graf Zedwitz den Wunſch gehabt hat —“ „Stille,“ rief Hildegarde ſtreng, „und erwähne die⸗ ſen Namen nie wieder!“ „Hu,“ pfiff Fritz; „Hildegarde hat einen Zorn, ſeht nur ihre Augen an! Schlagt Euch, Creſcenz, und gleicht die Sache damit wieder aus!“ Aber Creſcenz ergriff ihrer Schweſter Hand und ſtammelte: 5 „O Hildegarde, vergib mir; ich habe Unrecht ge⸗ than, aber Du weißt, daß Lina Berger immer aus mir macht, was ihr beliebt. Vergib mir — ſage nur, daß Du mir dießmal vergibſt!“ * — * „Ich vergebe Dir,“ ſagte Hildegarde, „aber ich kann Dir nie wieder trauen.“ Der Ton von Madame Roſenberg's Stimme, die mit Major Stultz im anſtoßenden Zimmer ſprach, be⸗ wirkte, daß Creſeenz aufſprang und den Kindern, welche ihm entgegenliefen, folgte. Hamilton ſah Hildegarde an, jedoch ohne ein Wort zu ſprechen. Jeder Zug ihres Geſichts drückte tiefen Verdruß aus, als ſie langſam auf das Fenſter zutrat und das Geſicht daran lehnte. Die Begrüßungen im nächſten Zimmer waren herz⸗ lich; die Kinder erinnerten den Major lärmend an die Geſchenke, die ex ihnen von Nürnberg mitzubringen ver⸗ ſprochen hatte. „Sie ſind gekommen oder kommen,“ antwortete erz „ich habe ſie alle aufgepackt, aber denkt nur, das Chriſt⸗ kindlein traf mich unterwegs hieher, nahm mir alle und verſprach, ſie ſelbſt dieſen Abend unter den Chriſt⸗ baum zu legen.“ „Run,“ rief Fritz, „ich muß geſtehen, daß dieſer vierundzwanzigſte December der längſte Tag im ganzen Jähr iſt.“ „Und doch hält man ihn gewöhnlich für einen der kürzeſten,“ ſagte Major Stultz lachend; er näherte ſich Hamilton und ſchüttelte ihm die Hand. „Sie ſind auch erſt angekommen, ſo gut wie ich, ſagt man mir. Alle meine Leute in Nürnberg wollten mich überreden, dort zu bleiben, um der Cholera aus dem Weg zu ſein, und es wäre ihnen vielleicht gelun⸗ gen, hätte ich nicht ſo große Ungeduld gehabt, Cres⸗ cenz wieder zu ſehen; außerdem hoffe ich, durch meine Gegenwart die Sache zu beſchleunigen und in ſpäte⸗ ſiens vierzehn Tagen wird Madame Roſenberg —“ „Ich habe nichts dagegen, mein lieber Major; aber Franz hat ſich in den Kopf geſetzt, daß Creſcenz bis nach ihrem Geburtstag warten und vor der Hoch⸗ zeit mit ihrer Schweſter auf einen Ball gehen müſſe. 15 — Pin wiſſen noch nicht, wann der erſte Muſeumsball ſtatt⸗ ndet.“ „Bah, Unſinn! Sie kann nach unſerer Hochzeit auf den Ball gehen, gerade ſo gut, wie vorher, nicht wahr, Creſcenz?“ Creſeenz zeigte ein nichtsſagendes Lächeln, und Hilde⸗ arde gab dem Geſpräch eine andere Wendung, indem e ihrer Mutter erzählte, daß die Hoffmanns um Erlaubniß gebeten hätten, Abends zu der Chriſtbeſchee⸗ rung zu kommen und die Geſchenke mit anzuſehen. „Du haſt ſie natürlich eingeladen. Die Bergers komnen auch und die alte Madame Luſtig; ich habe ſie deßwegen eingeladen, weil ich ſie bitten will, Euch Alle nächſten Monat einige Tage unter Aufſicht zu neh⸗ men, da ich meinem Vater verſprochen habe, ihn auf dem Eiſenwerke zu beſuchen. Außerdem hat ſie ſich viel Mühe gegeben, Näherinnen für Creſcenz zu ſuchen und dergleichen mehr; ich erwarte, daß ſie ſich erbieten wird, heute Nacht hier zu bleiben und auf die Kinder Acht zu haben, bis wir von der Mitternachtsmeſſe zurück⸗ kommen. Ich hoffe, Major, daß Sie bis zwölf Uhr wach bleiben können.“ „In Creſeenz's Geſellſchaft kann ich für mich ſtehen, ſonſt muß ich bekennen, betrachte ich neun Uhr als die vernünftigſte Stunde zum Schlafengehen.“ „Aber Sie gehen doch mit uns, die Hochmeſſe um Mitternacht zu hören, nicht wahr?“ „O natürlich.“ „Kommt, Mädchen, helft mir, Alles zum Thee zu richten; dießmal wollen wir Herrn Hamilton nicht zum Theemachen verwenden; er kann fuͤr uns den langen Tiſch aus dem nächſten Zimmer tragen helfen.“ Hamilton und Major Stultz trugen den Tiſch her⸗ ein und bald war Alles für die erwarteten Gäſte in Bereitſchaft geſetzt. 16 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Chriſtbaum und die Mitternachtsmeſſe. Die Boffmanns erſchienen und mit ihnen Graf Raymund. Hamilton beobachtete, wie der Letztere von Hildegarde aufgenommen wurde, und fand, da er die drei Wochen, welche er in Edelhof zugebracht hatte, vergaß, zu ſeiner Ueberraſchung, daß ſie ihren Couſin ohne die geringſte Verlegenheit aufnahm; auch bemerkte er, daß Rahmund es verſtanden hatte, ſich bei Madame tritt mit vertraulichem Kopfnicken, und das Benehmen der Kinder (kein ſchlechtes Kennzeichen für einen inti⸗ meren Verkehr) überzengte ihn, daß Raymunds Be⸗ e während ſeiner Abweſenheit zahlreich geweſen ſein mußten. Fritz lächelte ſchelmiſch und grüßte militäriſch, in⸗ dem er mit der Hand an die Stirne fuhr; Guſtel packte ihn mit ſeiner gewöhnlichen Unart am Rock und be⸗ gann ſich daran hin und her zu ſchwenken, während Peppi ſich des abgeſchnallten Säbels bemaͤchtigte und darauf im Zimmer herumritt, bis ſeine Mutter über den Lärm böſe wurde und ihm denſelben mit Gewalt nahm und, indem ſie ihn mit ſeinem Bruder Guſtel in's nächſte Zimmer ſchob, erklärte, wenn ſie ſich ſo un⸗ gezogen aufführten, ſo würde das Chriſtkindlein an ihrem Hauſe vorüber gehen und ihnen weder Weih⸗ nachtsgaben noch Bonbons bringen. „Wiſſen Sie,“ ſagte ſie zu Graf Rahmund gewen⸗ det, „daß Herr Hamilton ganz entſetzt darüber iſt, daß Kindern ſolche Brſhichtchen vormache; er ag — Aber der Eintritt der Bergers und der Madame Luſtig gab ihren Gedanken eine andere Richtung. Die Letztere war eine rothwangige, ſtarke, luſtig ausſehende Wittwe von wenigſtens fünfzig Jahren; ihre Naſe war . Roſenberg in Gunſt zu ſetzen; ſie grüßte ihn beim Ein⸗ ——— 17 ausnehmend dick und ihre Stirn ausnehmend niedrig: ſie ſchien ſehr erfreut, ſie alle zu ſehen und machte ſchreck⸗ lich tiefe Knire nach allen Seiten hin. Madame Berger nahm ſogleich Hamilton in Beſitz, indem ſie bemerkte, ſie habe ihm eine ganze Maſſe von Aufträgen von Theodor Biedermann auszurichten. „Ich hoffe, daß er morgen hieher kommt; es wird mich freuen, ihn zu ſehen und meine Studien wieder zu beginnen.“ „Wenn wir ihm glauben dürfen,“ ſagte Madame Berger lachend, „ſo hat Hildegarde während Ihrer Abweſenheit große Fortſchritte gemacht. Er behauptet, ſie ſchreibe jetzt ebenſo gut Deutſch als Franzöſiſch, und das will viel ſagen. Aber er beklagte ſich bitterlich über den Lärm, den die Kinder machten, während er ſeine Lektionen gab, und vermißte die Ruhe Ihres Zim⸗ mers. Natürlich erinnerte ich ihn an den Tag, wo ich Sie beim Fechten gefunden habe.“ „Unſere Lektion war vorüber, als Sie ankamen; ich verſichere Sie, wir waren ſtets ungemein aufmerk⸗ ſam und brav.“ „Und Hildegarde ſitzt da und lieſt, als ob ſie ganz allein wäre. Beiläufig, haben Sie Ihre engliſchen Studien wieder mit ihr angefangen?“ „Noch nicht; aber ich bin ganz bereit, ſobald ſie Luſt dazu hat.“ „Sie beabſichtigen vielleicht, in die Reihe ihrer Anbeter zu treten?“ „Ich ſtrebe für jetzt nur darnach, zu ihren Freun⸗ den zu gehören.“ „Aber ich kann Ihnen ſagen, daß ſie ſich nicht an⸗ ders, als mit Ihrer unbeſchränkten Ergebenheit begnü⸗ gen wird.“ Ich getraue mir zu behaupten, daß ſie Leute ge⸗ nug finden wird, die geneigt ſind, auf ihre Forderun⸗ gen einzugehen.“ Die Anfangsbuchſtaben. II. 2 18 „Meinen Sie? Wenn Alles ausgeht, wie die Zed⸗ witz'ſche Geſchichte, würde es beſſer für ſie ſein, auf etwas. Vernünftigeres ihr Augenmerk zu richten. Si wiſſen,“ fügte ſie, ihre Stimme zu einem vertrauliche⸗ ren Flüſtern dämpfend, „Sie wiſſen, daß dieſelbe zu Seon und auch hier den Grafen Mar Zedwitz auf all mögliche Weiſe aufgemuntert hat; im Kreuzgange mit ihm zuſammengekommen und täglich zu Seon neben ihm bei Tiſche geſeſſen iſt, und ihm hier jedesmal Nach⸗ richt gegeben hat, wenn ſie einen Spaziergang vorhatte.“ „Ich denke,“ erwiederte Hamilton, „Sie ſind ziem⸗ lich im Irrthum, wenn Sie vorausſetzen, daß ſie —“ „O, ich bin durchaus nicht im Frrthum. Sie hat ihn auf die liſtigſte und überlegteſte Weiſe ſo verliebt gemacht, daß er ſich wirklich in den Kopf ſetzte, ſie zu heirathen. Eine ſolche Idee, denken Sieſ und ſein Vater Georgsritter u. ſ. w.“ „Ich wußte nichts davon, daß es einen Unterſchich ausmachte, wenn ſein Vater Georgsritter war.“ 3 „Was! wenn man ſechszehn Ahnen auf beiden Sei ten nachweiſen kann! Wenn Graf Max Georgsritt werden kann, ſobald es ihm beliebt! Während ſein Heirath mit einer Perſon, die nicht von Adel iſt, ſein Kinder und Kindeskinder des Anſpruchs auf einen O den verluſtig machen würde, den man nur unter dieſt Bedingung erhalten kann!“ „Ah, ich verſtehe!“ „Hildegarde,“ fuhr Madame Berger fort, „iſt im mer verzweifelt ſtolz geweſen, und ihr größter Ehrgei iſt, einen Mann von Rang zu heirathen. Es muß J mand Graf oder wenigſtens Baron ſein, ehe ſie ihn füt würdig hält, von ihm Notiz zu nehmen. Nun, ſo ein Mann, wie Graf Zedwitz, war es gerade, was ſe wünſchte, und ſte überredete ihn, ihr in einem Briefe förmlich ſeine Hand anzubieten; den zeigte ſie trium phirend ihrem Vater, der jedoch um dieſelbe Zeit einen wüthenden Brief von dem alten Grafen erhalten ſ⸗ 6 19 8 worin ihm dieſer erklärte, daß ſeines Sohnes Rang und Vermögen ihn berechtige, ſich nach einer Frau un⸗ ter den erſten Familien Deutſchlands umzuſehen und — eine Heirath mit Fräulein Roſenberg jetzt und für alle Zeit eine Sache der Unmöglichkeit ſei. Er nehme an, daß Herr Roſenberg ein anderes Verhältniß für ſeine Tochter nicht wünſchenswerth finde, und derſelbe würde darum beſſer thun, ſich mit ihm dahin zu vereinigen, jeder ferneren vertrauten Beziehung ein Ende zu ma⸗ chen. Dieß und einige andere Impertinenzen derſelben Art brachten ſelbſt den guten, ruhigen Roſenberg in Wuth, und er beſtand darauf, daß Hildegarde den Gra⸗ fen Mar abweiſe — wenn man es eine Abweiſung nen⸗ nen kann, — wo das Heirathen eine Chimäre war!“ „Nicht ſo ſehr Chimäre, als Sie denken,“ ſagte Hamilton, „denn Zedwitz hatte die nöthige Caution herbeigeſchafft — wie ich zufällig weiß, da er es mir in Edelhof ſelbſt geſagt hat — und ſein Vater kann ihn nicht enterben —“ „So! Nun, wenn das der Fall iſt, ſo hätte Herr Roſenberg ebenſo gut den Schimpf — nämlich den Brief in die Taſche ſtecken und ſeine Tochter ihn heirathen laſſen können. Vielleicht wünſcht er, nachdem ſein Zorn abgekühlt iſt, er hätte anders gehandelt, oder wenig⸗ ſtens, er hätte für die Wiederanknüpfung der Affaire ein Thürchen offen gelaſſen. „Hildegarde hat ihrem Vater zu Gefallen ein großes Opfer gebracht.“ „ „Nicht ſo groß, als Sie vermuthen; denn Cres⸗ cenz hat mir erzählt, ſie ſei über den Brief ebenſo zor⸗ nig, als ihr Vater geweſen.“ „O, daran zweifle ich nicht; aber dennoch war das Opfer groß.“ „Sie meinen in Bezug auf ſeinen Rang oder ſein Vermögen, das ſein geiziger alter Vater ſtets vergröſ⸗ ſert? Hildegarde hat eine ſo überſpannte Idee von ihrer Schönheit, daß ſie ſich einbildet, einen S Zedwitz, 20 wenn es ihr beliebt, finden zu können. Creſecenz ſagt, ſie habe, nachdem der erſte Zornesausbruch vorüber war, die Sache ſehr kaltblütig aufgenommen. Als Graf Zed⸗ witz fort war, lobte ihr Vater, wie gewöhnlich, ihr Benehmen über alle Maßen und dankte ihr mit Thrä⸗ nen in den Augen für ihre Willfährigkeit gegen ſeine Wünſche. — Was meinen Sie, daß ſie that? Sie ſagte ihm in ihrer gewöhnlichen ungraziöſen Weiſe, ſie ver⸗ diene weder ſein Lob noch ſeinen Dank, da es ſie keine große Ueberwindung gekoſtet habe, dem Grafen Zedwiß einen Korb zu geben.“ „Außerordentliches — unerklärliches Mädchen!“ murmelte Hamilton. „Durchaus nicht,“ rief Madame Berger erröthend, „durchaus nicht; denn neben dem Stolz, den ſie hat, iſt ſie von Natur heftig und hat ſtarke Leidenſchaften. Ich bin überzeugt, ſie wird niemals Jemand heirathen, der nicht von Rang iſt; aber es iſt ſowohl möglich als wahrſcheinlich, daß es ihr in den Kopf kommt, ſich ver⸗ zweifelt in Jemand zu verlieben, den ſie tief unter ſich betrachtet. Ich habe ſtarken Verdacht, daß dieß ſchon geſchehen iſt, und Theodor Biedermann das begünſtigte Individuum iſt.“ „Biedermann!“ wiederholte Hamilton erſtaunt. „Ja, Theodor Biedermann; aber bei ihm wird ſie alle ihre Kunſt und Heftigkeit ohne Nutzen finden. Er gibt kaum zu, daß ſie hübſch ſei.“ „Ich glaube, Sie ſind ganz und gar im Irrthum über ſie,“ begann Hamilton. „Ich bemerkte nie das Geringſte —“ „Sie ſind länger, als drei Wochen fort geweſen,“ ſagte Madame Berger, ihn unterbrechend. „Wenn ich richtig gerathen habe, wird Hildegarde eine ſtrenge Lek⸗ tion erhalten, die, wie ich hoffe, bei ihr gut anſchlagen wird.“ „Wie meinen Sie das?“ = — — — — 2¹ „Ich meine, daß Theodor ihre Liebe mit der Ver⸗ achtung, die ſie verdient, behandeln wird.“ Hamilton ſchüttelte den Kopf und lachte etwas ironiſch. „Wie lange ſollen wir noch im Finſtern bleiben?“ fragte Roſenberg von der andern Seite des Zimmers. „Bitte, Babette, vergönne uns wenigſtens ein paar Lichter, damit wir nicht geblendet werden, wenn der Si Deines Baumes unſere erſtaunten Augen rifft Die Lichter wurden nur ungern bewilligt, und Madame Roſenberg verließ geheimnißvoll mit Madame Luſtig das Zimmer. „Hieher, Kinder!“ rief Roſenberg. „Wir wollen unſern Poſten an der Thüre nehmen, damit wir zuerſt hinein kommen.“ Doktor Berger näherte ſich Hamilton und begann ein Geſpräch über die verſchiedenen Arten der Weih⸗ nachtsfeier in verſchiedenen Ländern und den Gebrauch, um dieſe Zeit oder am Neujahrstage einander Geſchenke zu geben, während Hamiltons Augen unwillkürlich nach Hildegarde hinüberſtreiften, die an dem andern Ende des Zimmers mit Raymund und Fräulein von Hoffmann ſaß und eifrig mit letzterer ſprach, ohne zu ahnen, daß ihr Couſin ſie mit einer Bewegung anſtarrte, welche ſein ſanguiniſches Temperament durch den raſchen Wechſel der Farbe verrieth, obgleich er ſcheinbar keinen Antheil am Geſpräche nahm. Endlich ertönte die Klingel und die Thüre nach dem Schulzimmer that ſich weit auf. Die Kinder ſtürz⸗ ten mit einem Freudengeſchrei hinein, und etwas ſtür⸗ miſch folgten ihnen ihr Vater und die andern Gäſte. Hamilton war der Letzte und hatte mehr Zeit, ſeine Augen an den Lichtglanz, dem ſie ausgeſetzt werden ſollten, zu gewöhnen. In der Mitte des Zimmers ſtand ein großer runder Tiſch, auf dem ſich ein großer Tan⸗ nenbaum befand, mit einer Maſſe von Bonbons der 22 verſchiedenſten Farben behangen und wie von Edelſtei⸗ nen funkelnd, da jene in dem Lichte der Hunderte von Wachsterzchen wiederſtrahlten, die an den dunkelgrünen Zweigen in deren Nachbarſchaft befeſtigt waren. An der Spitze des Baumes war ein kleiner Engel, in Gold und Silber gekleidet, und auf dem Mooſe, das den Fuß deſſelben bedeckte, ein Wachskindlein, von Lämmern um⸗ geben. Der Tiſch ſelbſt war mit Spielſachen aller Art beladen, von Zeichenbüchern und Farbenſchachteln für Fritz bis zu Trommeln und Trompeten für Peppi. Noch waren zwei andere Tiſche da, mit kleineren Bäu⸗ men, zu welchen Madame Roſenberg Hildegarde und Creſtenz führte. Der Lärm war ungeheuer, Jedermann ſprach und Niemand hörte; ſelbſt der alte Hans und die Köchin waren nicht vergeſſen; ſie ſtanden mit ihren Weihnachtsgaben und Lebkuchenpakets als lachende Zu⸗ ſchauer an der Thüre. Hamilton erhielt ein Cigarren⸗Etui von Madame Roſenberg, das ſie während ſeiner Abweſenheit mit großem Fleiß für ihn gearbeitet hatte, und von Cres⸗ cenz eine ſcharlachrothe Börſe mit ſchimmernden Stahl⸗ perlen; dieſe machte er zu einem beſondern Gegenſtand ſeiner Bewunderung, während Major Stultz ihm be⸗ merkte, er bekäme halb Luſt, eiferſüchtig zu ſein da ſie viel ſchöner wäre, als diejenige, welche ſie für ihn ge⸗ macht hätte. Die Geſchenke, welche Hamilton dagegen gab, wurden mit der beſten Miene von der Welt an⸗ genommen, und er unterhielt ſich jetzt damit, Creſcenz's Geſicht zu beobachten, als ſie die verſchiedenen Pakete öffnete und den Inhalt der zahlreichen Schachteln und Käſtchen auf ihrem Tiſche in Augenſchein nahm. Einige natürliche Täuſchung gab ſich zuweilen zu erkennen, wenn, anſtatt der erwarteten Schmuckſachen, reſpektable Reihen von Meſſern und Gabeln ihren begierigen Au⸗ gen ſich darboten; endlich aber enthüllte ein Etui von rothem Maroquin ſolche Schätze, daß Hamilton, nach dem er ihre Ausdruͤcke des Entzückens einige Minuten 23 mit angehört hatte, ſich zu Hildegarde begab, die vor ihrem Tiſch ſtand und in einigen Büchern blätterte, die neben dem erwarteten Ballkleid und dem dazu gehöri⸗ gen Roſenbouquet aufgelegt waren. „Ich habe Ihnen Nichts anzubieten,“ ſagte ſie, als er näher kam, „Nichts als einige Bonbons,“ und ſie begann bei dieſen Worten einige von ihrem Baume los⸗ zumachen. Hamilton nahm ſie und bot ihr mit ungewöhnli⸗ cher Schüchternheit das die Uhr enthaltende Etui. Sie hatte es kaum geöffnet, als ſie auf's Tiefſte erröthete und es wieder in ſeine Hand zurückzugeben verſuchte; da ihr dieß aber nicht gelang, legte ſie es auf den Tiſch und ſagte: „Herr Hamilton, ich kann unmöglich Etwas von ſolchem Werthe annehmen.“ „Ihre Mutter und Schweſter haben mir nicht den Schmerz bereitet, Schwierigkeiten zu machen,“ antwor⸗ tete er vorwurfsvoll. „Dann müſſen Sie ihnen etwas ganz Anderes ge⸗ geben haben.“ Das war unläugbar und Hamilton ſchwieg. Roſen⸗ berg kam ſeiner Tochter zu Hülfe, ſtimmte zu Hamil⸗ tons Verdruß ihr bei und ſprach die Hoffnung aus, die Uhr werde nicht definitiv gekauft ſein. „Natürlich iſt ſie es,“ ſagte Hamilton, „ich ließ mir nie träumen, daß eine ſolche Kleinigkeit ausge⸗ ſchlagen würde.“ . „Es iſt nur eine Kleinigkeit an Umſang,“ ſagte Roſenberg, indem er ſie ſeiner Fran, die zu ihnen ge⸗ ttreten war, hinhielt. „Zum Glück wird eine Uhr für Sie ebenſo brauchbar ſein, als für Hildegarde, und Sie können ſie ſelbſt benützen.“ Aber unglücklicher Weiſe beſitze ich ſchon zwei, wo⸗ von ich die eine von meinem Oheim, die andere von 3 meiner MWutter erhalten habe,“ ſagte Hamilton im Tone großen Unmuths. 24 „Wenn das der Fall iſt,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg leiſe zu ihrem Mann, „ſo könnte vielleicht —“ „Babette!“ rief er, „Du kennſt den Werth einer Uhr wie dieſe nicht.“ „Engländer bringen den Werth nicht ſo in An⸗ ſchlag, wie wir — ich dachte nur, wenn Herr Hamil⸗ ton ſie wirklich für Hildegarde gekauft hat und nicht ſelbſt benützen kann, würde es widerwärtig ſein, wenn ſie dieſelbe ausſchlüge.“ „Wahrhaftig, ſehr widerwärtig!“ rief Hamilton eifrig. Madame Roſenberg nahm ihren Mann bei Seite und begann eine flüſternde Erörterung. Hildegarde lehnte in peinlicher Verlegenheit an ihrem Tiſch, wäh⸗ rend Hamilton ruhig eine lange, goldene Kette aus der Taſche zog, die er vorher nicht zu zeigen gewagt hatte, und ſie an der Uhr befeſtigte. „Ich werde ſie nicht annehmen dürfen,“ ſagte Hilde⸗ garde kopfſchüttelnd. „Sie werden es“ ſagte Hamilton. Er hatte Recht; ihr Vater gab widerſtrebend, halb ärgerlich ſeine Einwilligung. „Ich danke Ihnen! O, ich danke Ihnen,“ rief Hamilton mit ſolcher Wärme, daß Madame Berger von der andern Seite des Zimmers herbei gehüpft kam und ausrief: „Ich muß beſtimmt wiſſen, was Hildegarde Ihnen gegeben hat, weil Sie ſo ungemein erfreut ſcheinen.“ „Das iſt ein Geheimniß,“ ſagte Hamilton, indem er ſich lachend abwendete, während ſie ihn mit ihren Vermuthungen verfolgte. „Auf alle Fälle iſt es nicht der halbfertige Reiſe⸗ ſack, denn dieſen könnten Sie nicht in Ihre Taſche ſtecken; ebenſo wenig eine Börſe oder ein Cigarren⸗Etui. O, ich weiß — ein Paar Pantoffeln, oder eine auf Seidenſtramin geſtickte Brieftaſche. Sie können es mir recht wohl ſagen, denn ich werde es jedenfalls von Creſcenz erfahren! Haben Sie geſehen, was für einen * S F 25 prächtigen Schmuck ihr der Major ge eben hat? Und die drei Armbänder? Und dann ſolche herzige Kaffee⸗ löffel, wie ihr ihre Pathe von Augsburg geſchickt hat — und Creßy iſt ſo kindiſch, daß ſie ſich gar nichts aus den Löffeln macht.“ Madame Roſenberg ging im Zimmer herum und vertheilte Bonbons und kleine Geſchenke, die manchmal große Heiterkeit verurſachten, wenn ſie eine Anſpielung auf wohlbekannte Schwächen oder Eigenthümlichkeiten enthielten. Die Kerzen am Baume waren faſt ganz herabgebrannt. Roſenberg befahl dem alten Hans, ſie auszulöſchen, und nachdem man Lichter auf den Tiſch geſtellt hatte, ließ man die Kinder beim Spiel mit ih⸗ ren neu erhaltenen Schätzen, und der Reſt der Geſell⸗ ſchaft begab ſich nach dem Empfangzimmer. Jedermann ſchien glücklich, außer Raymund, der mit geröthetem Geſicht und gerunzelter Stirne den ihm neben ſeiner Braut angewieſenen Platz einnahm und von Zeit zu Zeit ſeine mißvergnügten Bemerkungen ihr in's Ohr flüſterte. Aber ihre gutmüthigen, lachenden Antworten ſchienen nur Oel in das bösartige Feuer zu gießen, das in ſeinem Innern brannte. Zuletzt ſprang er plötzlich vom Stuhl auf eilte, unter dem Vorgeben dringender Geſchäfte in der Kaſerne, ohne weitere Um⸗ ſtände aus dem Zimmer und ſchleppte nachläſſig ſeinen Säbel auf der Hausflur nach. „Nun,“ ſagte Madame Roſenberg, als ſie einen hübſch verzierten Kuchen in nette Stücke zerſchnitt, „nun, wir können auch ohne ihn auskommen, da der Major wieder da iſt und ſeinen Platz beim Whiſt oder Tarok einnehmen kann, aber ich vermag mir nicht vorzuſtel⸗ len, was ihn ſo verſtimmt hat.“ Wer iſt verſtimmt?“ fragte Frau von Hoffmann, die, wie gewöhnlich, nur die letzten Worte gehört hatte. „Niemand, Mama,“ antwortete ihre Tochter ſchnell. „Der arme Oskar!“ ſetzte ſie, zu Hildegarde gewendet, hinzu; „ich glaube, er iſt verdrießlich darüber, daß er nicht im Stande iſt, mir ſolche Präſente zu machen, wie Ihre Schweſter von Major Stultz bekommen hat. Wir hätten beſſer daran gethan, nicht zu Ihrer Weihnacht⸗ beſcherung zu kommen; ich hatte keine Idee davon, daß ſie ſo prächtig ausfallen würde.“ „Das iſt eine Liebhaberei, die Papa und Mama mit einander gemein haben,“ antwortete Hildegarde, „aber Creſcenz's Brautſchaft hat ſie wahrſcheinlich ſo ungewöhnlich glänzend gemacht. Ihr Baum iſt aber gewiß auch recht hübſch geweſen. Warum haben Sie uns nicht eingeladen, ihn anzuſehen?“ „Oskar wollte es nicht haben — und er hat mir verboten zu ſagen, daß dieß Armband von ihm wäre, als Creſcenz mir die ihrigen zeigte. Ich hoffe, er denkt nicht, ich erwarte oder wünſche ſolche Präſente, wie ſie empfangen hat. Beiläufig, ſagen Sie doch Ihrer Mut⸗ ter, daß ſie keine Bemerkungen mehr macht, wenn ihr zuweilen Etwas ſonderbar vorkommt, denn die Mama, die, wie Sie wiſſen, zuerſt unſere Heirath ſo ſehr wünſchte und förderte, ſucht ſie neuerdings nnter allen möglichen Vorwänden wieder abzubrechen. Hätte nicht Oskar's Vater ſo außerordentliche Geduld mit ihr, ich glaube, mit unſerem Verhältniſſe wäre es ſogleich zu Ende. Ich darf ihr nicht einmal ſagen, wie düſter und unzu⸗ frieden er in der letzten Zeit geworden iſt: ſie würde es der Vorliebe zuſchreiben, die er, wie ſie vermuthet, für Sie hat, und ich kann ihr nicht beweiſen, daß dieß eine Albernheit iſt, obwohl ſie einzuſehen anfängt, daß dieſe Neigung von Ihrer Seite nicht erwiedert wird. Ma⸗ dame Berger hat verſucht, ſie aufzuklären —“ „Indem ſie ihr höchſt wahrſcheinlich recht ſchlimme Dinge von mir erzählt hat,“ bemerkte Hildegarde. „Sie erzählte uns dieſen Morgen eine lange Ge⸗ ſchichte von dem gutmüthigen Grafen von Zedwitz, an der ich nichts glaube, als daß er Sie zu heirathen ſeine Familie aber vielleicht gegen dieſe Parthie Widerſpruch einlegte, und ſie ſchloß mit der Verſiche⸗ 7 rung, Sie hätten eine Neigung zu dem jungen Stu⸗ denten Biedermann gefaßt, der Ihnen Unterricht im Deutſchen gibt.“ „Das ſieht ihr gleich!“ rief Hildegarde aufgebracht. „Hokar, der zugegen war, lachte über die Maßen und war von ihrem Geplauder wirklich ſo beluſtigt, daß er ganz munter wurde und ſich liebenswürdiger zeigte, als ich ihn ſeit langer Zeit geſehen habe, — bis er hieher gekommen iſt und Creſcenz's Armbänder und die Uhr, welche Hamilton Ihnen gab, geſehen hat.“ Hildegarde ſenkte den Kopf, um ein Erröthen zu verbergen, deſſen ſie ſich nur zu gut bewußt war. „Ich habe nicht die Abſicht, die Uhr länger, als dieſen Abend zu behalten,“ ſagte ſie nach einer nach⸗ denklichen Pauſe, „es iſt ein viel zu werthvolles Ge⸗ ſchenk, um es — von einem Fremden anzunehmen, — aber das hat für Oskar nichts zu bedeuten, der leicht eine beſſere Beſchäftigung hätte finden können, als mit Lina Berger über mich zu lachen.“ „Mein liebes Kind, er lachte über jene! er ſagt, ſie wäre wegen des kleinen Biedermann eiferſüchtig!“ „Bah!“ rief Hildegarde unmuthig. „Wollen Sie mir wenigſtens nicht den wahren Stand der Sache mit dem Grafen Zedwitz ſagen 2“ „Jetzt nicht — jetzt nicht, Marie — ich wünſche in der That, daß dieſes Gegenſtandes gar nicht mehr gedacht werde,“ ſagte Hildegarde, plötzlich aufſtehend und nach der Thüre gehend, die ſie aber kaum erreicht hatte, als ſie von ihrer Mutter zurückgerufen und auf⸗ gefordert wurde, den Kuchen der erwartenden Geſellſchaft, die ſich bereits mit ſchwachem, aber ſtark mit Vanille gewürztem Thee verſehen hatte, herumzureichen. Hamilton war ſo von Madame Berger in Anſpruch genommen, daß er Hildegarde, als ſie an ihm vorüber⸗ ging, nicht bemerkte; die Augen ſeiner Geſellſchafterin folgten ihm aber eine Zeit lang verſtohlen nach, und dann wandte ſie ſich zu ihm und bemerkte lachend: 28 „Haben Sie nicht geſehen, wie Hildegarde's Hand zitterte, als ſie uns den Kuchen anbot. Sie hat gewiß wieder einen Zorn, obwohl ich mir nicht einbilden kann, weßhalb, da ſie nur mit ihrer Freundin, Fräu⸗ lein von Hoffmann, geſprochen hat! Berger iſt ſeit Ihrer Krankheit Hausarzt bei den Hoffmanns geworden: fie haben ihn ſo lieb gewonnen und ſind ſo artig gegen mich, daß ich ſie hetzt oft beſuche. Beiläufig, dieſer Graf Raymund iſt bezaubernd, ſcheint aber nicht im Mindeſten ſich um ſeine Braut zu bekümmern, die frei⸗ lich nichts weniger als hübſch iſt. Sie ſah nicht halb erfreut darüber aus, daß er dieſen Morgen ſo viel mit mir ſprach! Ein ſo kleines Mopsgeſicht, wie ſie, hat durchaus kein Recht, eiferſüchtig zu ſein, wiſſen Sie, und je bälder ſie es ertragen lernt, daß er andern Frauen Aufmerkſamkeiten erzeigt, deſto beſſer!“ „Wie freundlich von Ihnen, ihr eine ſolche Lek⸗ tion zu geben!“ „Zch ſehe es Ihnen an, daß Sie mich für bösar⸗ tig halten,“ ſagte Madame Berger. „Oder für malitiös!“ ſagte Hamilton. „Vielleicht war ich es ein wenig,“ ſagte Madame Berger mit einem Schein reuigen Nachdenkens. „Bei Allem iſt Fräulein von Hoffmann ein gutmüthiges, höchſt harmloſes Weſen!“ „Sie iſt auch verſtändig und gebildet,“ ſagte Ha⸗ milton warm. „Sie ſehen mit Hildegarde's Augen, die, wie Sie wiſſen, keinen Mittelweg kennt. Fragen Sie dieſelbe ja nicht, was ſie von mir denkt, das iſt Alles, um was ich Sie bitte. Sehen Sie, dießmal wird ſie uns keinen Kuchen anbieten, weil wir vorhin, da ſie her⸗ kam, keine Notiz von ihr genommen haben.“ „Ich hatte ſie nicht geſehen,“ ſagte Hamilton, „ich glaube, ich bewunderte den Ring, den Ihnen, wie Sie mir ſagten, einer von des Doktors Patienten gegeben hat.“ 29 „Aber der Ring war noch an meinem Finger, und vielleicht dachte ſie —“ „Was?“ fragte Hamilton lachend, als er Hilde⸗ gube folgte und das Stück Kuchen, um das er bat, erhielt. Madame Luſtig, die ſeine Nähe nicht bemerkte, äußerte gegen Doktor Berger: „Ihre Frau läßt ſich heute Nacht mit dieſem jun⸗ gen Engländer recht ein!“ „Das iſt ihre Art ſo,“ bemerkte er achſelzuckend, „Widerſtand macht ſie nur ſchlimmer, ſo gebe ich mir gewöhnlich den Schein, als merkte ich es nicht. Jeden⸗ falls habe ich ſchon längſt entdeckt, daß des Engländers Herz und Sinn ganz anderswo iſt, ſelbſt wenn er ſchein⸗ meiner Lina vollſtändig in Beſchlag genommen wird. Hamilton ſah Hildegarde an und glaubte etwas gleich einen Lächeln um ihre Mundwinkel ſpielen zu ſehen, als ſie ſich abwendete. Er ging langſam zu ſeinem Sitz zurück und begann ſeinen Kuchen mit einem Eifer zu verzehren, der ſeiner lebhaften Nachbarin bald an⸗ ſtößig wurde. „Ich vermuthe, ſie hat Ihnen verboten, mit mir länger zu reden?“ bemerkte ſie nach einiger Zeit. „Meinen Sie Madame Luſtig?“ „Madame Papperlapapp! — Sie wiſſen, daß ich Hildegarde meine.“ „Sie hat mir kein Wort geſagt.“ „Vielleicht war ein Blick hinreichend?“ „Sie hat mich gar nicht angeſehen.“ „Aber Sie haben ſie angeſehen?“ „Ohne Zweifel — ich ſehe ſie gerne an und auch Sie, wenn Sie nichts dagegen haben.“ „Ich ſehe, daß ich Sie bei dem Doktor verklagen muß, und ich kann Ihnen ſagen, er iſt zu Zeiten ſchreck⸗ lich eiferſüchtig.“ * „Wie rückſichtsvoll von ihm, daß er uns die ganze Zeit über den Rücken zukehrt,“ ſagte Hamilton lachend, man möchte faſt denken, er thue es mit Fleiß. Aber ſehen Sie, die Kinder kommen, gute Nacht zu ſagen, und die Hoffmanns ſcheinen aufzubrechen.“ „Wahrſcheinlich wird der Doktor darauf beſtehen, daß ich auch mitgehe!“ ſagte Madame Berger, „er hat keine Rückſicht für mich und die Idee will nie in ſeinen alten Kopf, daß ich gerne die Mitternachtsmeſſe mit Ihnen — Allen beſuchen möchte.“ Der Doktor beſtand darauf und die Geſellſchaft ent⸗ fernte ſich zuſammen. Roſenberg erklärte auf einmal ſeine Abſicht, zu Bette zu gehen, ſeine Frau wollte auf dem Sopha ein bischen ſchlummern, bis es Zeit wäre, in die Kirche zu gehen; Major Stultz ſetzte ſich, wie gewöhnlich, neben Creſcenz und ihren Arbeitskorb und begann eine flüſternde Unterhaltung, die jedoch nach und nach merklich in's Stocken gerieth, denn Creſeenz's Finger bewegte ſich ſchneller als ihre Zunge; — die Monotonie ſeiner eigenen Stimme in der ſonſt ununter⸗ brochenen Stille erzeugte natürlich eine Schläfrigkeit, gegen welche der Major lange und tapfer ankämpfte — aber es war vergeblich, daß er bolzgerade auf ſeinem Stuhl zu ſitzen verſuchte, indem er hin und wieder wild um ſich ſtarrte. Nachdem er eine Reihe ſchläfriger Ver⸗ beugungen von ſolcher Tiefe gemacht hatte, daß Cres⸗ cenz's ehrbares Lächeln faſt in ein Gelächter überſchlug, ſanken ſeine Arme endlich ſchwer auf ſeine ausgeſtreckten Beine herab, der Kopf ſuchte eine Stütze auf der unbe⸗ haglich niedern Stuhllehne, ſein Unterkiefer fiel herab und der langgezogene Athem artete in ein lautes und langes Schnarchen aus. Hildegarde hatte bereits eine ſolche Macht über Hamilton erlangt, daß die Furcht, ſich ihr Mißfallen zuzuziehen, ihn abhielt, laut aufzulachen, oder zuerſt nur aufzuſehenz nach einiger Zeit jedoch preßte er ſeine Lippen jeſt auf ſein Buch und ſeine Augen blickten mit gungen waren ſo ſanft, daß es ihr gelang, ohne i Pildegarde trat an das Fenſter, hielt die Hände an ihre beiden Schläfe und verſuchte, in die Finſterniß hinaus⸗ 31 einem gemiſchten Ausdruck von Munterkeit und Neu⸗ gierde darüber hinweg von einer Schweſter auf die an⸗ dere. Creſcenz ſchien verlegen, aber es lag nicht eine Spur von Widerwillen oder Unmuth in dem Blick, den ſie auf den Schläfer warf. Sie beugte ſich zu ihrer Schweſter hinüber und ſagte flüſternd: „Wenn ich es nur machen könnte, ein Sophakiſſen auf die Stuhllehne zu legen.“ „Ein vortrefflicher Gedanke,“ ſagte Hildegarde, in⸗ dem ſie eines nahm und ſich anſchickte, ihrer Schweſter beizuſtehen. „Gib mir das Kiſſen und Du hebſt ihm den Kopf auf,“ ſagte Creſeenz ſchüchtern. „Nein, meine Liebe, das iſt Dein Amt,“ ſagte ihre Schweſter halb lachend. „Aber wenn er aufwacht?“ rief Creſeenz, zurück⸗ retend. „Er wird ſchwerlich böſe werden,“ ſagte Hilde⸗ garde, indem ſie mit dem Kiſſen näher trat. Creſcenz nahm es ihr ab und begann es zwiſchen ſeinen Kopf und den Stuhl zu ſchieben, — ihre Bew zu wecken — ſein Mund ſchloß ſich mit einem leichten Ruck, während er ein Grunzen ſchläfriger Zufriedenheit ausſtieß, da das Kinn auf die Bruſt fank. Nichts konnte weniger anziehend ſein, als Major ½ Stultz's Geſicht in dieſem Augenblick, mit ſeinen aufge⸗ — dunſenen, purpurrothen Backen und dem runzeligen Dop⸗ pelkinn — aber Creſcenz ſah ihn nicht; mit einem gutmüthi⸗ gen Lächeln verſuchte ſie es, ihm das untergelegte Kiſſen noch beſſer zu richten und blieb dann mit all der unbe⸗ weglichen Heiterkeit einer Karyatide hinter ihm ſtehen. zuſchauen. „Wir bekommen Regen, fürchte ich,“ be⸗ merkte ſie gegen Hamilton, der ihr gefolgt war. Er öffnete das Fenſter — es war eine kalte, un⸗ 32 freundliche Nacht; die flackernden Lampen warfen einen unſteten Schein auf die Straße. „Das Wetter iſt nicht ſehr einladend,“ ſagte Hilde⸗ garde mit einem leichten Schauer, indem ſie in das warme Zimmer zurück trat. Hamilton lehnte ſich eine Zeitlang ſchweigend hin⸗ aus und flüſterte dann „wer iſt das?“ Er deutete auf die entgegengeſetzte Seite der Straße, wo eine in einen Mantel vermummte Geſtalt gerade gegenüber von dein Hauſe geſtanden war und jetzt ſchnell davon ging. „Wiſſen Sie, wer es war?“ 3 „Ich glaube, es war Graf Zedwitz,“ antwortete . Hildegarde. „Sie wußten, daß er hier war? Sie kamen an das Fenſter, nach ihm zu ſehen?“ „Nein,“ ſagte Hildegarde ruhig.“ kennen?“ „Der Mantel war mir bekannt, den er in Seon zu tragen pflegte.“ 5 „Ach — ja — wahr — armer Junge!“ ſagte Hamilton. „Wie geneigt Sie ſind, einen Verdacht gegen mich zu faſſen!“ bemerkte Hildegarde vorwurfsvoll. Tadel gegen Sie auszuſprechen, daß Sie Zedwitz einen Hoffnungsſtrahl geben, um ſeine Verzweiflung zu lin⸗ dern. eine unverzeihliche Coquetterie!,“ „Coquetterie! wenn Sie ihn wirklich lieben!“ „Ihn lieben!“ wiederholte Hildegarde haſtig. — „Nein — ja — das heißt, ich kann ihn leiden — ich kann ihn ſehr wohl leiden.“ 2 In dieſem Angenblick begannen alle Kirchenglocken von München gleichmäßig ihre lauten Klänge zu ver⸗ „Wie vermochten Sie dann, ihn ſogleich zu er⸗ „Man möchte Sie im Verdacht haben, ohne einen „Ich würde mich ſelbſt tadeln — denn es wäre 33 ſenden. Madame Roſenberg erhob ſich von ihrem Elln⸗ bogen und rief: „Was machſt Du, Hildegarde! Schließ das Fenſter und laß die kalte Nachtluft nicht in's Zim⸗ mer herein.“ Hamilton ſchloß das Fenſter. Als er umſchaute, wurde er gewahr, wie Major Stultz mit dem Sopha⸗ kiſſen auf den Knieen ſich gegen Creſcenz, die lächelnd ihm ſtand, in einen Strom von Dankſagungen ergoß. In wenigen Minuten waren ſie auf dem Weg nach der Frauenkirche. Sie war zum Erdrücken voll und glänzend erleuchtet, hauptſächtich durch die Menge von Wuchsterzen⸗ welche mit den Gebetbüchern gebracht wor⸗ den waren und jetzt hell vor jeder knieenden oder ſitzen⸗ den Geſtalt brannten. Die Muſik war ausgezeichnet, und da Hamilton bald bemerkte, daß der weibliche Theil der Verſamm⸗ lung, der die Kirchenſtühle einnahm, es hauptſächlich war, der Line außerordentliche Andacht an den Tag legte, diejenigen dagegen, die in ſeiner Nähe im Chor⸗ gang ſtanden, ſich damit unterhielten, nach allen Sei⸗ ten ſich umzuſchauen, folgte er allmälig ihrem Beiſpiel und befriedigte, indem ſeine hohe Geſtalt ihn in Stand ſetzte, über dieſes Meer von Köpfen hinzuſchauen, ſeine Neugierde in vollem Maße. Er bemerkte, daß Creſcenz's Augen ſich nicht ſelten über ihr Gebetbuch hinwegſtah⸗ len, um einen flüchtigen Blick auf ihn oder Major Stultz, der neben ihr ſtand, zu werfen, aber Hildegarde war unbeweglich — ihre tiefe Andacht überraſchte ihn. Sie ſprach ſo viel weniger von Religion, als ihre Schweſter, daß er auf den irrigen Schluß gekommen war, ſie ſei wenig religiös. Die brennende Kerze warf ein ſtarkes Licht auf ihr geſenktes Haupt und ihre ge⸗ falteten Hände, und da er ſich plötzlich einer Bemer⸗ kung erinnerte, die Zedwitz einmal über den. madon⸗ nengleichen Ausdruck ihrer regelmäßigen Geſichtszüge gemacht hatte, wandte er ſich unwillkürlich um, nach Die Anfangsbuchſtaben. I. 3 34 ſeinem Freund zu ſehen und ihn zu fragen, wann und wo er das geſagt hatte. Sein Erſtaunen ging aber in Rührung über, als er bemerkte, daß Zedwitz wirklich nicht weit von ihm ſtand, ſein ganzes Ausſehen aber wild und zerſtört, ſeine großen Augen auf Hildegarde's bewegungsloſe Geſtalt geheftet waren. Rach Beendigung des Gottesdienſtes ſchloß ſie ihr Buch und erhob ſich ruhig, während Madame Ro⸗ ſenberg ihre drei Kerzen auslöſchte und in ihren Strick⸗ beutel ſteckte. Als die Lichter nach einander verſchwan⸗ den, erfolgte ein allgemeines Drängen nach den nächſten Thüren. Hamilton war im Begriff, den Roſenbergs zu folgen, als er ſich von einem ſtarken Arm nach der entgegengeſetzten Richtung gezogen fühlte und Zedwitz ihm zuflüſterte: „ein Wort, ehe Sie nach Hauſe gehen.“ Mit der Menge gelangten ſie bald aus der Kirche heraus — es regnete in Strömen, und mehrere Perſo⸗ nen verſuchten wieder nach dem Chorgang zurückzukeh⸗ ren, während ſie Boten oder Diener nach Regenſchirmen fortſchickten. Die Wagen rollten ſchnell nach allen Rich⸗ tungen davon und Hamilton ſchritt in wenigen Minu⸗ ten unter den blätterloſen Bäumen auf dem Prome⸗ nadeplatz hin. „Ich bin krank,“ ſagte Zedwitz, „wirklich krank — dieſes Leben iſt nicht auszuhalten, — ich bekomme ein Fieber oder werde wahnſinnig, wenn ich hier bleibe.“ „Sie ſehen wirklich krank aus,“ ſagte Hamilton, „eine andere Luft und Umgebung wird Ihnen gut thun — aber iſt es räthlich, in dieſem Regen zu bleiben, wenn Sie Fieber haben 2“ „Gewiß nicht, aber ich kann meine Reiſe nicht an⸗ treten, ohne mich von Ihnen zu verabſchieden.“ 3 „Reiſe! wohin wollen Sie denn gehen?“ 8 „Nach Paris — oder Rom — over Athen — oder Jeruſalem.“ „Ich glaube; — morgen gedenke ich zu Lengheim „Wird Ihr Vater ſeine Einwilligung dazu geben?“ — 35 zu gehen, und die Unterhandlungen einzuleiten. Ich bin entſchloſſen, den Dienſt auf alle Fälle zu verlaſſen; denn ich habe keine Luſt, in Landſtädten in Garniſon zu liegen, und in München zu bleiben, iſt unmöglich. Was ſind alle meine Entſchlüſſe, wenn ich ſie hier ſehe 2 und jederzeit ſehe ich ſie — wenn auch ungeſehen von ihr oder ihrer Familie.“ „Sie ſind dieſen Abend in der Straße geweſen; ich weiß es. Sie erkannte ſogleich Ihren Mantel.“ „Meinen Mantel, — ach, ſehr wahr — ich muß mir einen andern anſchaffen. Adieu Hamilton, ich will Sie nicht länger im Regen aufhalten, — wir werden uns vor meiner Abreiſe kaum noch einmal ſehen —“ Schreiben Sie mir, Zedwitz. Ich möchte gerne wiſſen, wo Sie zu finden ſind. Vielleicht ſchließe ich mich im Frühjahr Ihnen an.“ „Sie werden von mir hören,“ ſagte Zedwitz, indem er ſeine Hand faßte und ſie feſt hielt. „Noch ein Wort — verſprechen Sie mir, gegen Hildegarde ehrenhaft zu handeln und deren iſolirte Lage nicht zu benützen, wenn ihre Schweſter das Haus veriaſſen hat.“ „Ich habe nie daran gedacht, anders zu handeln,“ erwiederte Hamilton ruhig. „Ich muß mit dieſer Antwort zufrieden ſein,“ ſagte Zedwitz, indem er ſeinem Freunde die Hand ſchüttelte und davon eilte. Es war zu ſpät, die Roſenbergs einzuholen; deſſen⸗ ungeachtet ging Hamilton ſchnell nach Hauſe. Er war erſtaunt, die Hausthüre offen, die Treppe ganz dunkel zu finden, während mehrere Perſonen in verſchiedener Entfer⸗ nung von einander auf derſelben im Geſpräch begriffen waren. Im dritten Stock verſicherte Walburg, welche die Thüre zu der Roſenberg'ſchen Wohnung zu öffnen bemüht war, laut ihrer Herrin, daß, als ſie das Haus mit den Regenſchirmen verlaſſen, die Lampe noch gebrannt habe — und von ihr, als ſie die Treppe hinabgegangen, noch geputzt worden ſei. Hamilton begann, — den Gang 35 hinzutappen; als er den Fuß auf die Treppe ſetzte, rief Hildegarde, die wahrſcheinlich noch nicht weiter, als die erſte Treppe hinauf war: Sind „Sie es, Hamilton? Sie würden beſſer thun, zu warten, bis wir Licht haben.“ Ehe er Zeit zu ſprechen hatte, antwortete eine Stimme hart bei ihr, anſtatt ſeiner. „Sie haben mich erſchreckt,“ rief Hildegarde. 5Ich glaubte, Sie wären am Fuß der Treppe.“ Nicht wenig erſtaunt, ſich in Gegenwart eines Dop⸗ pelgängers zu finden, blieb er ſtehen, um zu hören, was folgen würde. „Wie kam es, daß Sie von uns getrennt wurden?“ fragte Hildegarde. „Ich habe einige Freunde an der Kirchthüre ge⸗ troffen und mich im Geſpräch mit ihnen verweilt,“ ant⸗ wortete die Stimme franzöſiſch. „Sie müſſen völlig durchnäßt ſein.“ „Durchaus nicht.“ Hildegarde lachte. „Sie glauben mir nicht! Fühlen Sie meinen Arm — nicht einmal feucht!“ Es erfolgte eine Pauſe — vielleicht wurde der Arm befühlt — der mitternächtige Doppelgänger dämpfte ſeine Stimme und ſprach eifrig. Hamilton rückte einige Stufen hinauf und hörte die Schlußworte. „Gewiß, gewiß, wenn Sie mich als Freund be⸗ trachten, werden Sie mich den wahren Stand der Sache wiſſen laſſen. Iſt es Freundſchaft für Fräulein von Hoffmann, die Sie in der letzten Zeit bewogen hat, Ihren Couſin mit einer — ich darf es wohl ſagen — ſo übertriebenen Sorgfalt zu vermeiden?“ Mit übertriebener Sorgfalt!“ wiederholte Hilde⸗ garde ſichtlich erſtaunt. „Nun, nun — achten Sie nicht darauf — wir haben keine Zeit, die Worte jetzt abzuwägen; aber ſagen Sie mir ſchnell, geſchah es Ihrem Vater zu lieb — 37 oder im Zorn — oder aus Gleichgültigkeit — daß Sie den Grafen Zedwitz ausgeſchlagen haben „Haben Sie ein Recht, mich auf gebieteriſche Weiſe zu fragen?“ rief Hildegarde, ſchnell weiter gehend. . „Nein,“ erwiederte der Fremde, hinter ihr herſchrei⸗ tend, „nein, und es gereicht mir zu großer Beruhigung, zu finden, daß ich es nicht habe. Ich begann, zu fürch⸗ ten — Sie hätten eine — Sie hätten mich mißverſtan⸗ den — Sie möchten vielleicht glauben, ich hätte mit Ihren Gefühlen nur geſpielt: kurz, ich dachte, Sie wären ſo unfreundlich gegen Ihren Couſin, oder hätten Zed⸗ witz ausgeſchlagen, weil Sie ſich Erwartungen gemacht haben, die nie in Erfüllung gehen können. So ſchmerz⸗ lich es mir iſt, muß ich Ihnen doch erkläten, daß nichts meinen Gedanken ferner kag, als —“ „Schurke,“ rief Hamilton, vorſpringend. „Wie wagſt Du es, die Finſterniß zu benützen und mich auf dieſe Weiſe zu verläumden! Wer biſt Du?“ s erfolgte ein heftiges und ſtilles Ringen, aber die Finſterniß war ſo vollſtändig, daß der Fremde ſich von Hamilton's Griff frei zu machen wußte, die Treppe hinunterſtürzte und die Hausthüre mit einer Heftigkeit zuſchlug, die das aanze Haus erſchütterte. Hamilton würde ihn verfolgt haben, aber Hilde⸗ garde's Hand faßte ihn am Arm und ſie bat ihn faſt athemlos, ruhig zu bleiben. „Gehen Sie ihm nicht nach, es wird ganz und gar nichts helfen. Ich hätte es wiſſen ſollen,“ ſetzte ſie, die nun beleuchtete Treppe hinaufgehend, hinzu, „ich hätte ſogleich fühlen ſollen, daß Sie es nicht waren“ „Das würde Ihrerſeits eine außerordentliche Unter⸗ ſcheidungsgabe verrathen haben,“ ſagte Hamilton, „denn nicht genug, daß er nur flüſternd ſprach und eine fremde Sprache wählte, deren wir uns oft, wie ihm wahrſchein⸗ lich bekannt war, bedienen, und in welcher der Unter⸗ ſchied des Ausdrucks nicht ſo leicht zu entdecken war, — ſiellte er auch gerade die Fragen an Sie, die ich ſ längſt gemacht haben würde, wenn ich es gewagt ätte.“ Hildegarde eilte vorwärts, während Madame Roſen⸗ berg oben von der Treppe herabrief: „Sie haben ſich vorgeſetzt, uns wiſſen zu laſſen, daß Sie die Hausthüre hinter ſich geſchloſſen haben, Herr Hamilton, aber ich war froh, zu hören, daß Sie daheim ſind, denn es regnet in Strömen, und da Sie weder Mantel, noch Schirm haben, müſſen Sie bis auf die Hant naß ſein. „Ich glaube, ich bin ziemlich naß,“ ſagte Hamil⸗ ton, indem er ſich gelaſſen von ſeiner aufmerkſamen Wirthin befühlen ließ. „Ziehen Sie dieſe Kleider ſogleich aus, oder Sie bekommen einen von Ihren engliſchen Schnupfen.“ „Ein Schnupfen dauert hier nie länger, als einen oder zwei Tage; ich fürchte mich nicht mehr davor,“ ſagte Hamilton, indem er ihr nach dem Geſellſchafts⸗ zimmer folgte, in der Hoffnung, noch einige Worte mit Hildegarde ſprechen zu können, aher Madame Roſen⸗ berg beſtand darauf, daß er zu Bette gehe, und ver⸗ ſprach, um ihn dazu geneigter zu machen, ihm noch ein Stück Kuchen und ein Glas Wein zu bringen. Die ganze Familie war im tiefſten Schlaf und kein Laut im ganzen Hauſe zu vernehmen, als plötzlich, etwa um drei Uhr des Morgens, die Klingel an der Roſen⸗ berg'ſchen Wohnung lang und heftig gezogen wurde. Es entſtand eine große Bewegung, und nachdem man die Köchin hinuntergeſchickt hatte, die Hausthüre zu öffnen, kehrte ſie in einer oder zwei Minuten mit dem Diener des Grafen Zedwitz zuruͤck, der auf Hamilton's Zimmer zulaufend, kaum im Stande zu ſein ſchien, das Wort Cholera auszuſprechen. „Wer iſt da,“ rief Madame Roſenberg, die einen kleinen ſchwarzen Shawl dicht um ihre Schulter zog und ihm mit heftigen Schritten folgte. „Was meint der Menſch?“ 39 „Sie fand ihn in Hamilton's Zimmer ſtehen, wie er dieſem erklärte, ſein Herr ſei etwa um ein Uhr krank nach Hauſe gekommenz es ſei immer ſchlimmer mit ihm geworden und jetzt habe er die Cholera; er habe ſich geweigert, Herrn Hamilton holen zu laſſen, Doctor erger aber erklärt, es müſſe Jemand bei ihm ſein, der ſogleich nach Edelhof ſchreiben könne. „Ich muß ſagen, es kommt mir ſehr unnöthig vor, Herrn Hamilton einer ſolchen Gefahr auezuſetzen,“ warf Madame Roſenberg ein. „Gewiß hat Graf Zedwitz an⸗ hett Freunde oder Verwandte, an die er ſich wenden ann.“ Der Diener erwiederte, er ſei noch nicht lange bei. dem Grafen Zedwitz — er habe ihn öfter mit Herrn Hamilton, als mit ſonſt Jemand zuſammen geſehen, — und blickte dann fragend auf Hamilton, der im Augen⸗ blick, da es läutete, vom Bett aufgeſprungen war und haſtig ohne ſich durch die Gegenwart von Madame Roſenberg ſtören zu laſſen, ſeine Toilette beendigt hatte — und jetzt beſtand ſeine einzige Antwort darn, daß er ſeinen Mantel über die Schulter warf und auf die Thüre zuging. „Sie werden ſich doch nicht um eines bloßen Be⸗ kannten von geſtern her der Gefahr ausſetzen, die Cho⸗ lera zu bekommen?“ rief ſie, ſich ängſtlich ihm entgegen⸗ ſtellend. „Die Gefahr iſt keineswegs ſo groß, als Sie mei⸗ nen,“ ſagte Hamilton. „Ich bezweifle es, daß die Cho⸗ lera anſteckend iſt.“ „Aber ich bezweifle es nicht im Mindeſten,“ rief Madame Roſenberg, „und bin überzeugt, Sie bringen uns dieſelbe in's Haus. Haben Sie doch einige Rück⸗ ſicht für uns, wenn nicht für ſich ſelbſt.“ „Es wird am beſten ſein, wenn ich vor einer Woche oder ſo gar nicht zurückkomme. Wirklich nicht eher, als bis Sie mich wiſſen laſſen, daß Sie eine An⸗ ſteckung nicht länger fürchten. Hans muß mir Alles bringen, was ich brauche, ſobald es Tag wird.“ „Aber er darf hier nicht aus⸗ und eingehen,“ be⸗ gann Madame Roſenberg. „O Mama,“ rief Hildegarde, die auf dem Gang ſtand, „willſt Du nicht mit Papa darüber ſprechen2 Ich bin überzeugt —“ „Geh' in Dein Bett,“ unterbrach ſie ihre Mutter ärgerlich, „und ſtehe nicht ſo fröſtelnd da, bis Du auch die Cholera bekommſt: geh' in Dein Bett. Ich ver⸗ ſichere Sie,“ wandte ſie ſich darauf entſchuldigend zu Hamilton, „ich verſichere Sie, ich will nicht unfreund⸗ lich ſein, aber ich habe eine Familie, und es würde ſchrecklich ſein, wenn die Chylera unter uns käme. Setzen Sie den Fall, wenn ich Franz, oder eines meiner Kin⸗ der, oder ſelbſt Hildegarde verlieren ſollte —“ „Sprechen Sie nicht von etwas ſo Entſetzlichem,“ rief Hamilton, ſogleich dieſe letzte Idee ergreifend. „Nichts wird mich bewegen, zurückzukehren, bis ſelbſt der Schat⸗ ten einer ſolchen Gefahr vorüber iſt.“ „Und Sie halten mich nicht für gefühllos?“ „Nicht im Mindeſten.“ Hildegarde ſtand unter der Thüre ihres Zimmers, als er vorübergehen wollte — er blieb ſtehen, um Ab⸗ ſchied zu nehmen. „Gebrauchen Sie alle möglichen Vorſichtsmaßregeln gegen die Anſteckung,“ ſagte ſie, ſeinen Händedruck warm erwiedernd; „und, ſetzte ſie haſtig hinzu, „ſeien Sie nicht böſe, wenn ich Ihnen die Uhr, die Sie mir heute Nacht gegeben haben, zurückſchicke. Papa denkt wie ich, daß ein ſolches Geſchenk von — einem Bekannten zu werthvoll ſei. Vergeſſen Sie nicht, ſo oft Sie können, mich durch den alten Hans wiſſen zu laſſen, wie es dem Grafen Zedwitz geht!“ Hamilton ließ ihre Hand mit einem ungeduldigen Ruck fahren und eilte aus dem Hauſe, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. 41 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Dachſtube. Halten Sie, halten Sie gefülligſt, gnädiger Herr,“ rief Zedwitz's Diener Hamilton zu, als dieſer die Straße hinab eilte. „Graf Mar iſt nicht in ſeinem eigenen Si —er iſt hier, gerade gegenüber — bei dem Gelb⸗ gießer.“ „Bei dem Gelbgießer!“ rief Hamilton, „was be⸗ wog ihn, hieher zu ziehen?“ „Weiß nicht,“ erwiederte der Diener. „Er wohnt ſchon ſeit einer oder zwei Wochen hier“ „Wohnt hier!“ wiederholte Halmilton, als er über die Straße ging, „das iſt eine ſonderbare Idee.“ Der Diener öffnete die Hausthüre mit einem Haupt⸗ ſchlüſſel, nahm ein Licht, das auf der Treppe brannte, und ſtieg bis in den oberſten Stock hinauf. Dann gingen ſie durch zwei oder drei leere Dachkammern, ehe ſie die⸗ jenige erreichten, welche Zedwitz zu ſeinem Schlafgemach gewählt hatte. Die Möbeln bildeten einen ſcharfen Contraſt zu den weißgetünchten Wänden, der ſchrägen Decke und den vom Dach vorſpringenden Fenſtern. Eine hübſche Bettſtelle, ein Kleiderſchrank, ein Sopha — meh⸗ rere große Armſeſſel — und Tiſche, mit Schreib⸗ und Zeichnenmaterialien bedeckt, fanden nur mit Mühe in dem übelgeſtalteten Zimmer Platz. Ein Fremder ſaß am Bette — er erhob ſich, als Hamilton kam. i hat Sie alſo dennoch hieher gebracht,“ ſagte edwitz. Ich hoffe wenigſtens, daß man Ihnen den wah⸗ ren Stand der Sache geſagt hat — Sie wiſſen, daß ich die ſchlimmſte Art der Cholera habe?“ „Sie wiſſen, daß ich ſie nicht für anſteckend halte,“ 42 erwiederte Hamilton, „und wenn ich Ihnen von Nutzen ſein kann, bin ich bereit, hier zu bleiben.“ Zedwitz drückte ſeinem Freunde die Hand. „Wenn es in einigen Stunden nicht beſſer wird,“ ſagte er langſam, „das heißt, wenn keine Hoffnung zur Geneſung mehr iſt, mögen Sie nach Edelhof ſchreiben. Ich wünſche, Niemand von meiner Familie zu ſehen. — nicht einmal Agnes — wenn ſie gerade vom Lande würden ſie nur für die Anſteckung empfänglicher ein.“ „Aber,“ ſagte Hamilton, „ich ſehe Dortor Berger nicht — warum haben Sie ihn nicht holen laſſen 24 „Weil ich hier bin und nicht in meinem eigenen Hauſe, und weil er Alles ſeiner plaudernden Frau er⸗ zählt, die Alles, was ſie hört, Jedem, der auf ſie ach⸗ tet, wieder erzählt.“ „Aber warum ſind Sie hier?“ fragte Hamilton. Ein heftiger Krampf machte dem Geſpräch ein Ende, und es war nicht möglich, es wieder aufzunehmen. Zedwitz wurde von Stunde zu Stunde ſchlechter, Ha⸗ milton verhältnißmäßig ängſtlicher. Endlich ſchickte er nicht allein nach dem Dortor Berger, ſondern auch nach ſeinem Freund Biedermann, und als ſie Zedwitz's Lage für faſt hoffnungslos erklärten, ſchrieb er deſſen Wunſch gemäß nach Edelhof und nahm ſeinen Diener Hans zum Courier. Spät am Abend lag Zedwitz bewegungslos vor Erſchöpfung. Biedermann hatte ihm mehrere Male ſchon eine Feder unter die Naſe gehalten, um ſich zu vergewiſſern, ob er noch athme. Hamilton erhob ſich langſam von ſeinem Poſten am Bette und ſchritt vor⸗ ſichtig nach einem der kleinen Fenſter. Als er demſelben nahe kam, ſtolperte er über ein großes Teleſcop, das auf ein rundes, ſichtbar in den Fenſtervorhang geſchnit⸗ tenes Loch gerichtet war. Er wollte gerade das Teleſcop entfernen, um einer Wiederholung des Lärnis, den er eben verurſacht hatte, vorzubeugen. Da kam ihm ein * 43 anderer Gedanke und er ſetzte ſich auf einen bequem i hingeſtellten Stuhl und hielt ſein Auge an das Glas. Er befand ſich augenblicklich in Madame Roſen⸗ berg's Geſellſchaftszimmer; die Mouſſelin⸗Vorhänge waren nicht zugezogen und er ſah die Vorbereitungen zu einem Robber Whiſt — die hergerichteten Lichter und Marken und den Eintritt der Hoffmanns, die wie gewöhnlich von Rahmund begleitet waren. Der Letz⸗ tere ſetzte ſich bald an das Pianoforte, und Hamilton ſuchte nach den verſchiedenen Bewegungen ſeines Kör⸗ pers und der Hände ſich eine Vorſtellung von dem Muſik⸗ ſtück zu machen, welchem die Uebrigen — außer den Kartenſpielern — dem Anſchein nach mit tiefſter Auf⸗ merkſamkeit zuhörten. Er hatte von Hildegarde ſo viel über das außerordentliche muſikaliſche Talent ihres Cou⸗ ſins gehört, daß er erwartete, ſie werde ſich ſogleich in deſſen Nähe begeben. Groß war daher ſein Erſtau⸗ nen, als ſie auf das Fenſter, das am weiteſten von ihm weg war, zuging, die kleinen, durchſichtigen Vorhänge noch weiter bei Seite ſchob und dann das Geſicht auf⸗ wärts genau in der Richtung nach dem Fenſter wen⸗ dete, von dem aus er ſeine Beobachtungen machte. Er konnte ihre Züge nicht mehr unterſcheiden, aber er pil⸗ dete ſich ein, ſie ſehe nach ihm und ſchob unwillkürlich ſeinen Stuhl zurück. Wußte ſie, wo er war? Oder hatte ſie bereits gewußt, daß Zedwitz in ihrer Nähe ſich befand? Er forſchte in ſeinem Gedächtniß nach, ob ſie die Gewohnheit gehabt hatte, nach dem Fenſter zu gehen — er glaubte nicht — aher es fiel ihm ein, daß ſie geſtern Abend Zedwitz ſogleich auf der Straße er⸗ kannt hatte. Die Scene auf der Treppe kehrte mit außerordent⸗ licher Genauigkeit in ſeine Grinnerung zurück und ein plötzlicher Verdacht ließ ihn gleich einem Blitzſtrahl in Zedwitz ſeinen mitternächtigen Verleumder erkennen. Er ſchritt auf ihn zu, aber die zornige Frage erſtarb auf 44 ſeinen Lippen, als er die todbleichen; von Schmerz convulſiviſch zuſammengezogenen Züge erblickte. Zedwitz war nicht blos ſeines gefährlichen Zuſtan⸗ des ſich vollkommen bewußt, ſondern bemerkte auch Al⸗ les, was um ihn herum vorging; er ſchaute nach dem Fenſter und fragte ihn mit leiſer, heiſerer Stimme: „Haben Sie ſie geſehen?“ „Ja, ſie blickte nach dem Fenſter dieſes Zimmers.“ Ein langes Stillſchweigen erfolgte und dann wurde Hamilton hinausgerufen, um mit dem alten Hans zu ſprechen, der von Hildegarde geſchickt worden war, um ſich nach Zedwitz zu erkundigen. „Wie weiß Fräulein Hildegarde, daß wir hier ſind 2 fragte Hamilton. „Sie hat heute früh bei meinem Sohn nachgefragt, als er Ihre Kleider einpackte. Sie hofft, daß Sie ſich in Acht nehmen werden, und will, daß Sie oft an die⸗ ſem kleinen ſeidenen Ding riechen ſollen, da es Sie vor Anſteckung bewahren würde.“ Hamilton lächelte, als er von dem Alten ein Kam⸗ pher⸗Säckchen erhielt. „Vielleicht wollen Sie mir eine Zeile für das Fräulein mitgeben; ſie iſt ſehr unruhig.“ Hamilton ſchrieb einige Linien mit Bleiſtift. „Sie ſagte,“ bemerkte der alte Hans, „Sie müßten es an Ihren Hals hängen, und ſie werde jeden Mor⸗ gen in der Frauenkirche für den Träger beten.“ „Sagte ſie das?“ rief Hamilton haſtig. „Um wie viel Uhr wird ſie dort ſein?“ „Zwiſchen ſechs und ſieben Uhr, ſollte ich denken,“ antwortete der Diener mit einem Blick des Einverſtänd⸗ niſſes, der Hamilton keineswegs an enehm war. „Du brauchſt davon nichts zu nach gefragt habe, Hansz es möchte der Kirche zu gehen, verſtehſt Du?“ „Wenn Sie meinen, kann ich ſagen, daß Sie nicht daran denken, morgen früh in die Kirche zu gehen.“ agen, daß ich dar⸗ ſe abhalten, nach 4⁵ „Sage gar nichts, als daß ich ihr ſehr verbunden bin und das Amulet tragen werde,“ erwiederte Hamil⸗ ton, indem er ſchnell umkehrte. Die Gräfin Zedwitz, ihre Tochter und ihr Schwieger⸗ ſohn kamen am nächſten Morgen noch vor Tagesanbruch an. Sie waren zuerſt jo bewegt, daß ſie kein Wort hervorbringen konnten; Zedwitz dagegen zeigte ſich voll⸗ kommen ruhig. „Ich erwartete Dich, Mutter,“ ſagte er, ihr die Hand küſſend; „ich wußte, Du würdeſt zu mir kommen, aber ich wünſchte, daß die liebe Agnes und Lengheim zu Hauſe geblieben wären. Du mußt ſie noch im Laufe des Tages zurückſenden.“ Die Gräfin ſprach lange und ernſt mit Doktor Berger und kehrte darauf an das Bett ihres Sohnes zurück. Sie erzählte ihm, daß ſein Vater noch immer krank ſei und das Zimmer hüten müſſe; daß er ihn wieder zu ſehen wünſche und bereit ſei, jede Urſache des Streits zwiſchen ihnen ganz zu vergeſſen, und ſprach die Hoffnung aus, er würde mit ihr, ſobald ſeine Entfernung möglich wäre, nach Edelhof zurückkehren. Zedwitz war zu ſchwach, um ſich auf eine Erörte⸗ rung ſeiner Plane für die Zukunft einzulaſſen, obwohl unmittelbar nach der Ankunft ſeiner Verwandten eine Beſſerung einzutreten ſchien. Um fünf Uhr gab Doctor Berger Hoffnung zu ſeiner Geneſung, und eine Stunde ſpäter war Hamilton unterwegs nach der Frauenkirche. Seit ſeinem letzten Ausgang hatte Regen und Schnee mit einander gekämpft, bis der lettere die Oberhand bekam. Jetzt fielen große Flocken geräuſch⸗ los um ihn nieder. Er ſah ſie nicht — nur Hilde⸗ garde, und wechſelsweiſe beſchäftigten Hoffnung und Furcht, daß er ſie ſehen oder nicht ſehen würde, ſeine Gedanken. Es waren nicht viele Leute daſelbſt, aber die Kirche iſt groß, der Altäre ſind viele, und es dauerte einige 46 Zeit, ehe er die knieende Geſtalt derjenigen, die er ſuchte, entdecken konnte. Walburg mit ihren glänzenden Haarflechten, dem ſilbernen Häubchen und dem großen Marktkorbe am Arme ſtand in dem Chorgang. Ihr Gebet ſchien zu Ende, denn ſie ſchaute heiter um ſich und nickte gele⸗ gentlich einer oder der andern der ihr bekannten Korb⸗ trägerinnen, wenn ſie vorübergingen, zu. Sie erkannte Hamilton ſogleich und beugte ſich nieder, um Hilde⸗ garde etwas zuzuflüſtern, die ſich augenblicklich erhob, und Hamilton jah, wie eine tiefe Rothe ihre Wangen überſchattete, als ſie auf ihn zuſchritt. Sie verließen die Kirche zuſammen, und Hilde⸗ garde's erſte Worte waren: „Wie blaß und ermüdet Sie ausſehen! Ich hoffe, Sie ſind nicht krank.“ „Nicht im Mindeſten,“ ſagte Hamilton, und es entging ſeiner Beobachtung nicht, daß ihre Angſt vor Allem ihm zu gelten ſchien. „Es wird Sie freuen, zu hören, datz es endlich mit Zedwitz beſſer geht; es war keine Ausſicht auf Geneſung, bis vor einer Stunde.“ „So habe ich bereits von Herrn Biedermann ge⸗ hört, der ſo freundlich war, einen Augenblick bei uns einzuſprechen, gerade ehe ich von Hauſe wegging.“ „Ah, Sie haben Biedermann geſehen 2. „Ja,“ und dann fügte ſie nach einer Secunde hin⸗ zu: „nun, da Graf Zedwitz's Familie angekommen iſt, ſollten Sie an ſich ſelbſt denkenz denn, ſelbſt wenn Sie keine Anſteckung fürchten, dürfen Sie nicht vergeſſen, daß gegenwärtig ſchon ungewöhnliche Anſtrengung ge⸗ fährlich iſt. Sie haben zwei. Nächte keine Ruhe ge⸗ habt — Sie, der weit mehr Schlaf bedarf, als Andere, i ich Sie mehr als einmal zu Mama ſagen gehört habe.“ „Das war nur eine Entſchuldigung für meine un⸗ verzeihliche Trägheit,“ erwiederte Hamilton lächelnd. „Ich gedenke zu Havard zu gehen, um mich umzuklei⸗ 47 und zu frühſtücken, ehe ich zu Zedwitz zurückkehre. Ha⸗ ben Sie eine Botſchaft für ihn? Ich werde ſie getreu⸗ lich ausrichten.“ . „Keine, außer meine guten Wünſche,“ ſagte Hilde⸗ garde ſich abwendend.“ Walburg, Du kannſt jetzt in den Spezereiladen gehen — ich komme ſchon allein nach Hauſe. Guten Morgen, Herr Hamilton.“ Hamilton verbeugte ſich ernſthaft, wartete mit ge⸗ ziemendem Anſtand, bis Walburg ganz aus dem Ge⸗ ſicht war, lief dann Hildegarde nach und bemühte ſich, noch nach Athem ringend, ihr für das Amulet und die freundliche Beſorgniß um ſeine Perſon zu danken. „Mein Vater theilt meine Beſorgniß zum Minde⸗ ſten,“ erwiederte ſie ruhig, „er war ſehr bekümmert, als er hörte, daß Mama Sie gewiſſermaßen aus dem Hauſe verbannt hatte. Sollten Sie jetzt die Cholera bekommen und nicht die gehörige Pflege finden, wie könnten wir an Ihre Familie ſchreiben? Was ſollten wir ihnen ſagen?“ „Sie meinen, im Fall meines Todes? Ja „wahr⸗ haftig, daran habe ich nie gedacht. Gehen Sie nicht ſo ſchnell — ich möchte mit Ihnen ſprechen und weiß, daß Sie mich bei der nächſten Ecke fortſchicken werden. Sollte ich an der Cholera ſterben —“ „Es iſt Zeit genug, vom Tode zu ſprechen, wenn Sie krank ſind,“ ſagte Hildegarde haſtig. „Nein, dann wird es zu ſpät ſein. Vierundzwan⸗ zig Stunden ſind jetzt mehr als genug, einem Menſchen⸗ leben ein Ende zu machen. Wollen Sie es überneh⸗ men, an meine Schweſter zu ſchreiben und meine Ef⸗ fekten in Ordnung zu bringen?“ „Scherzen Sie?“ „Nicht im Mindeſten. Sie werden in einem Käſt⸗ chen von Roſenholz eine Anzahl von Papieren — in Wirklichkeit ein Lagebuch — finden. Dieſe Papiere müſſen ſorgfültig geſiegelt und an meine Schweſier adreſſirt werden. Es iſt auch ein Miniaturportrait dabei —“ 48 „Ich weiß,“ ſagte Hildegarde. „Wie wiſſen Sie das?“ rief Hamilton, indem er ſich vorwärts beugte, um ihr einen Augenblick ins Ge⸗ ſicht zu ſehen, „wie wiſſen Sie etwas davon?“ „Lina Berger unterſuchte eines Abends, da ſie in Ihrem Zimmer war, Ihr Toiletten⸗Nereſſaire. Cres⸗ cenz war dabei und erzählte mir natürlich von dem Portrait. Ich habe ſie oft daran erinnert.“ „Wirklich, und zu welchem Zweck?“ „Um ſie nicht vergeſſen zu laſſen, daß Sie nicht einmal ein Herz an ſie zu vergeben hätten.“ Sie hatten Recht; aber um zu dem Portrait zu⸗ rückzukehren, ſo beſitzt das Original in der That einen großen Theil meiner Zuneigung —“ . Hamilton hielt inne; er hatte ſich geſchmeichelt, daß ſeine Begleiterin irgendwie ein Gefühl der Eifer⸗ ſucht oder Neugierde verrathen würde, aber ſie ſchritt gleichmäßig weiter, ohne ihn anzuſehen, und als er eine Pauſe machte, bemerkte ſie: „Sie müſſen ſich beeilen, wir ſind jetzt an der Ecke; Sie brauchen mir von dem Original nichts zu ſagen, ſondern nur, was Sie wünſchen, daß mit dem Gemälde geſchehen ſoll.“ „Sollten wir einander nicht mehr ſehen, gefühlloſes Mädchen,“ ſagte Hamilton halb lächelnd, „ſo müſſen Sie das Gemälde an meinen Vater ſchicken“, denn es iſt meiner Schweſter Helena Portrait. Bei dieſen Worten hatten ſie die Stelle erreicht, wo er wußte, daß er ſie verlaſſen müſſe. Sie blieb ſtehen und ſagte ſchnell: „Herr Hamilton, ich habe in dieſem Fall Ihnen großes Unrecht gethan; ich glaubte, Ihr Herz ſei an das Original jenes Bildes vergeben. Ohne dieſe Erklä⸗ rung würde ich auch ſicher Ihr Benehmen gegen uns als unverzeihlich herzlos betrachtet haben!“ „Nicht ganz,“ ſagte Hamilton leichthin. „Ich hatte wirklich vor einiger Zeit ein Herz zu meiner Verfügung; . 49 jüngere Söhne in England dürfen ein Herz haben und es vergeben, an wen es ihnen gefällt; wenige Leute halten es dort der Mühe werth, ein ſo werthloſes Ding, als ein Herz allein, anzunehmen. In Deutſch⸗ land ſcheint dieſelbe vernünftige Idee zu herrſchen.“ „Nicht ſo,“ rief Hildegarde, warm: „ein Herz iſt immer koſtbar, — muß für Jedermann koſtbar ſein — beſonders für ein Mädchen.“ „Sie legen, glaube ich, eine Sammlung ſolcher Koſtbarkeiten an,“ ſagte Hamilton. „Ihres Couſins Herz iſt Ihnen aufgezwungen worden; das von Zed⸗ witz haben Sie, gelinde ausgedrückt, wenigſtens ange⸗ nommen; was Sie mit dem meinigen zu thun beab⸗ ſichtigen —“ „Ich muß jetzt nach Hauſe,“ ſagte Hildegarde, mit einem unruhigen Blick die Straße hinabſehend; „es 2 auffallen, wenn ich hier ſo lange bei Ihnen „Beunruhigen Sie ſich deßhalb nicht,“ ſagte Ha⸗ milton lächelnd, „ich habe nicht die Abſicht, Sie je wie⸗ der mit dem Geſtändniß einer Neigung zu behelligen, das eben ſo albern als nutzlos iſt. Sie hatten ganz Recht, nicht auf mich zu hören, müſſen aber wenigſtens die Güte haben, nicht auf meine nächtlichen Doppel⸗ gänger zu hören. Dergleichen Leute dürfen nicht für mich ſprechen“ „Denfen Sie nicht mehr daran,“ ſagte Hildegarde. „Ich erinnere mich nicht gern an meine Dummheit.“ „Wenn ich nur wüßte, wer es geweſen iſt,“ ſagte Hamilton mit gerunzelter Stirne.“ „Sie haben möglicher Weiſe Oskar in Verdacht, aber als ich geſtern Abend auf den Gegenſtand Bezug nahm, ſchien er nicht im Mindeſten zu verſtehen, was ich meinte, und nachher hat er ganz geläugnet, mich von der Zeit an, da ich meine Weihnachtsbeſcherung er⸗ hielt, geſehen zu haben.“ Die Anfangsbuchſtaben. II. 4 50 „So war es alſo Zedwitz,“ ſagte Hamilton ſin⸗ nend. „Das thut mir leid, mit unſerer Freundſchaft iſt es zu Ende.“ „O nein,“ rief Hildegarde, „vielleicht war es nicht Graf Zedwitz; eine ſolche Handlung ſieht ihm nicht gleich; außerdem ſpricht er nie Franzöſiſch mit mir — und ſein Benehmen iſt immerdar ſo reſpektvoll. O nein, ich glaube nicht — ich bin ganz gewiß, daß es Graf Zedwitz nicht war.“ „Wie können Sie, ſonſt ſtets ſo vernünftig und aufrichtig — alſo reden? Sie wiſſen, es muß Einer oder der Andere geweſen ſein; denn Niemand ſonſt hätte einen Beweggrund gehabt, dergleichen Fragen zu ſtellen; ich wünſche nur —“ „Und ich wünſche,“ ſagte Hildegarde, ihn unter⸗ brechend, „ich wünſche, Sie möchten auf dieſen unan⸗ genehmen Gegenſtand weder in Gedanken, noch mit Worien mehr kommen. Oskar hat es ganz in Abrede geſtellt, etwas davon zu wiſſen. Sie haben alſo auch keinen Grund, mit ihm Streit zu ſuchen. Sie haben kaum ein Recht, auf einen bloßen Verdacht hin, dem Grafen Zedwitz Ihre Freundſchaft zu entziehen.“ „Auf einen bloßen Verdacht hin! Nein; aber ich werde ihn beſtimmt fragen, ob er am Weihnachtsabend auf der Treppe Ihres Hauſes geweſen iſt.“ „Er wird ſagen: nein.“ „Wenn es ſo iſt, werde ich ihm glauben.“ „Und ich auch,“ ſagte Hildegarde weiter gehend. „Sie denken hoch von Zedwitz?“ „Sehr hoch. Ich habe es Ihnen bereits geſagt.“ „Und von Ihrem Couſin?“ Hildegarde gab keine Antwort. „Und doch fahren Sie fort, mit ihm vertraut zu thun und ſeinen Redeſchwulſt ſich gefallen zu laſſen.“ „Er iſt mein Couſin — er liebt mich — und — uin. Sie Alles wiſſen müſſen, ich — ich fürchte ihn jetzt! 5¹ „Sie! Sie fürchten ihn?“ „Jaz ich fürchte ſeine Liebe und ſeine Eiferſucht— die ſchrecklichen Ausbrüche ſeiner Leidenſchaft — ſeine ſchrecklichen Drohungen. — Aber, ſehen Sie, da geht Walburg eben nach Hauſe. Ich muß vor ihr dort ſein. Adieu.“ Die Zedwitz'ſche Familie ergoß ſich in Dankbe⸗ zeugungen gegen Hamilton und wendete alle ihre Be⸗ redtſamkeit an, ihn zu vermögen, mit ihnen nach Edel⸗ hof zurückzukehren. Aber keine Vorſtellung konnte ihn bewegen, München zu verlaſſen. Ehe Zedwitz abreiste, gab er Hamilton die Verſicherung, daß er am Weih⸗ nachtsabend nicht im Roſenberg'ſchen Hauſe geweſen ſei. „Wenn Sie eines Beweiſes bedürfen,“ fügte er hinzu, „kann ich ihn geben. Sie werden ſich erinnern, daß ich Ihnen geſagt habe, ich fühle mich ſehr unwohl. Konnte ein Mann in meinem damaligen Zuſtande an ſolche Mummereien denken2 Außerdem ging ich, als wir uns trennten, nach Hauſe, das heißt, nach unſerem Hauſe in der — Straße, wechſelte meine Kleider, die naß waren, und trank ein Glas Wein. Sie können ſich bei unſerer alten Haushälterin erkundigen.“ „Es iſt ganz unnöthig,“ ſagte Hamilton. „Ich ſollte mich eher entſchuldigen, daß ich Sie eines ſol⸗ chen Benehmens, ſelbſt im Scherze, fähig halten konnte. Hildegarde hatte Sie nicht einen Augenblick in Ver⸗ dacht, obwohl ihr Couſin abgeläugnet hatte.“ „Ausgezeichnetes Mädchen! — ſie hat mir nur Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. So ſehr ich ihre Em⸗ pfindungen gegen mich kennen lernen möchte, würde ich doch, ſelbſt wenn ich Gelegenheit hätte, niemals meine Zuflucht zu ſolchen Mitteln nehmen, um mir Gewiß⸗ heit zu verſchaffen.“ Der Wagen fuhr vor. Hamilton half ſeinem Freunde die ſchmale Treppe hinab. „Was gedenken Sie anzufangen, bis Erlaub⸗ 52 niß erhalten, zu den Roſenbergs zurückzukehren 2. ſah der Letztere, als er ſich ſchwer auf ſeinen Arm ützte. „Ich will mir noch ein Pferd und einen Schlitten kaufen. Wenn der Schnee bleibt, hoffe ich mich ſchon zu unterhalten.“ Auf der Straße angekommen, mußte ſich Zedwitz erſchöpft an das Haus lehnen. Er wurde mit großer Schwierigkeit in den Wagen gehoben, und als er in die Ecke zurückſank, wendeten ſich ſeine matten Augen langſam nach den Fenſtern des gegenüber befindlichen Hauſes. Creſcenz und ihre Brüder ſahen heraus, Hil⸗ degarde war nicht ſichtbar; er berührte leicht ſeine Mütze und wendete ſich ab. Seine Mutter und Schwe⸗ ſter machten noch einen letzten Verſuch, Hamilton zu bewegen, mit Ihnen nach Edelhof oder Lengheim zu kommen. Zedwitz ſah die Nutzloſigkeit ihrer Bemühun⸗ gen, rief Hamilton zu ſich heran und fluͤſterte: „Wenn Sie krank werden ſollten, ſo erinnern Sie ſich Ihres Verſprechens, ſogleich nach mir zu ſchicken.“ Darauf legte er ihm die Hände auf ſeine Schul⸗ tern und küßte ihn auf beide Wangen. Völlig verwirrt durch dieſes Verfahren, erröthete Hamilton tief und ſtammelte einige unzuſammenhän⸗ gende Worte, als der Wagen davon fuhr. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Diseuſſion. „O, Hildegarde!“ rief Creſcenz, indem ſie ihr Ar⸗ beitstiſchchen bei Seite ſchob, um beſſer aus dem Fen⸗ ſter ſehen zu können. „O, Hildegarde — ſieh! ſieh! Da fährt Herr Hamilton in einem ſo ſchönen Schlitten ————— 53 auf der Straße, und die Pferde ſteigen und tanzen und ſchütteln ihre rothen Quaſten und Silberglöckchen! O wie hübſch! wie ſehr wünſchte ich, daß er mich mit⸗ nähme!“ „Babette!“ rief Roſenberg vom nächſten Zimmer. „Da kommt Herr Hamilton gerade an unſerm Hauſe vorüber und ſcheint der beſten Geſundheit zu genießen. Wie lange meinſt Du „ daß ſeine Quarantäne noch dauern ſoll?“ „Ich habe Nichts dagegen, wenn er morgen zurück⸗ kehrt,“ antwortete Madame Roſenberg, welche eben die Schubladen in einem der Schränke des Geſellſchafts⸗ zimmers einräumte. „Du kannſt es ihm, wenn Du willſt, dieſen Nachmittag ſagen.“ „Ich nicht!“ ſagte ihr Mann. „Du haſt ihn ver⸗ bannt und Du mußt ihn wieder zurückrufen; wenn Du jedoch wirklich ſeine Rückkehr wünſcheſt, ſo würdeſt Du wohl thun, Dich zu beeilen, denn er ſcheint ſich bei Havard ſehr gut zu unterhalten und iſt immer von einer Menge Bekannten umgeben. Ich muß geſtehen, ich vermiſſe ihn mehr, als ich erwartet habe.“ „Ich wünſche natürlich ſeine Rückkehr,“ ſagte ſie, indem ſie mit einiger Heftigkeit die Schubladen zuſchob, „aber aufeine Woche oder ſo, muß ich geſtehen, daß ich nichts dagegen habe, wenn er bleibt, wo er iſt. Ich kann kaum glauben, daß er der Cholera entgehen wird — er iſt ſo leichtſinnig! Geht immer ohne Mantel aus und wird durch und durch naß! — trägt dünne Stie⸗ fel und kein Flanellleibchen! Heizt ſeinen Ofen und macht die Fenſter auf. Läuft mitten in der Nacht hin⸗ aus, ſo oft Feuerlärm entſteht. Was kann man bei ſolchem Thun erwarten?“ „Wie Du willſt, meine Liebe!“ ſagte Roſenberg gelaſſen. „Du weißt, ich bin nie dafür geweſen, Mieth⸗ leute zu uns ins Haus zu nehmen; er iſt der Erſte, den ich erträglich gefunden habe. Ich denke jedoch, Du 54 ſollteſt ihn nicht ſeine Zimmer hier und bei Havard zugleich zahlen laſſen. „O natürlich nicht,“ ſagte ſeine Frau; „obwohl ich überzeugt bin, daß dieß das Letzte iſt, woran er denkt — er geht äußerſt gleichgültig mit dem Geld um!“ „So ſcheint es — und ich vermuthe, er gibt jetzt mehr aus, als nöthig iſt. Er hat jeden Abend Gäſte zum Eſſen.“ „Das glaube ich nicht.“ „Du darfſt es glauben — oder vielmehr mir glau⸗ ben, denn ich habe geſtern nach dem Theater bei ihm zu Nacht geſpeist.“ „Du!“ „Ja. Es waren drei junge Engländer da, und der kleine Lieutenant Mayer, der überall hin geht, Karten ſpielt und ſich angenehm macht.“ „Lieutenant Mayer! Wie iſt Hamilton mit dem bekannt worden?“ „Sonderbar genug: er traf ihn eines Abends im Engliſchen Garten, ehe er nach Seon ging, und ſchlug ihn entweder nieder, oder wurde von ihm niedergeſchla⸗ gen, — ich weiß es wirklich nicht mehr recht; aber Thatſache iſt es, daß Hamilton ihn zum Abendeſſen einlud, ohne ſich nur ſeines Namens zu erinnern, und ſie beſtanden darauf, daß ich ſie in aller Form einander vorſtellte.“ „Nun wahrhaftig!“ rief Madame Roſenberg, „ſo etwas habe ich noch nie gehört.“ „Er wünſcht ungemein, zu uns zurückzukehren,⸗ fuhr ihr Mann fort; „ſo ſagte er wenigſtens, als ich fort ging — ja, er gab mir zu verſtehen, daß ſeine Gäſte nur deßhalb eingeladen würden, um ihn nicht zu viel an unſere ſtille Haushaltung denken zu laſſen!“ „O, wenn das der Fall iſt, ſo halte ich es für eine Art von Schuldigkeit, ihn hieher zurück und der Ver⸗ ſuchung aus dem Weg zu bringen,“ ſagte Madame 55 Roſenberg, indem ſie ſich zu ihrem Mann geſellte und Hildegarde und Creſeenz allein ließ. Dieſe waren, während ſie zuſammen an ihrer Ar⸗ beit ſeih theilnehmende Zuhörerinnen bei dem Geſpräch geweſen „Das gefällt mir ſehr an ihm, daß er den Lieute⸗ nant Mayer zum Abendeſſen einlud, ohne nur ſeinen Namen zu kennen! Meinſt Du nicht auch? es iſt ſo engliſch! Es freut mich recht, daß er wieder zu uns kommt!“ . „Seine Rückkehr ſollte für Dich etwas ganz Gleich⸗ gültiges ſein,“ ſagte Hildegarde, ohne außuſehen. „Aber ich kann nicht ſo gleichgültig ſein wie Du!“ rief Creſeenz trotzig. „Und wenn ich auch den Major Stultz heirathe, ſo ſagt doch Lina Berger, daß Herr amilton immer noch mein Schatz ſein kann, ohne daß es Etwas thut. „Lina Berger ſchwatzt großen Unſinn,“ ſagte Hilde⸗ garde mit gerötheten Wangen. „Das iſt jedoch ſchlim⸗ mer, als Unſinn.“ „Und doch könnte ſie Dir einen guten Rath geben, wenn Du mur auf ſie hören wollteſt,“ bemerkte Cres⸗ cenz mit altklugem Kopfnicken. „Ich brauche keinen Rath von einer Perſon, die mir ſo durch und durch zuwider und verächtlich iſt.“ „O, das iſt bei ihr gerade ſo. Sie ſagt, ſie habe Dich niemals leiden können, jetzt aber verachte ſie Dich noch dazu, ſeitdem Du Dich in Theodor Biedermann verliebt habeſt.“ „Was für eine abgeſchmackte Idee!“ ſagte Hilde⸗ garde verächtlich. „Marie von Hoffinann hat mir ſchon etwas der Art geſagt.“ „Lina hat mir ſchon längſt erzählt, daß Bieder⸗ mann Dich durchaus nicht für hübſch halte.“ finde ich ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte Hilde⸗ garde. „Und ſie ſagt jetzt, er ſei gerade die Perſon, um 56 Dich zu lehren, daß Du Dich nicht aus eigenem Antrieb verliebeſt.“ „Ich denke, er iſt eher die Perſon, mich gram⸗ matiſch Deutſch ſchreiben zu lehren!“ antwortete Hilde⸗ garde mit gleichgültigem Lachen. „Und Du kümmerſt Dich um Keinen, und biſt doch . ein ganzes Jahr älter als ich!“ rief Creſcenz mit un⸗ geheucheltem Erſtaunen. „Lina dachte zuerſt, Du hätteſt Herrn Hamilton gern, bis ich ihr verſicherte, daß er Dir verhaßt ſei. Dann ſagte ſie, Du hätteſt eine aben⸗ teuerliche Neigung zu unſerem Couſin Oskar gefaßt; hernach meinte ſie, Du gebeſt Dir den Schein, den Grafen Zedwitz zu lieben, aus Rückſicht auf ſeinen Rang und —“ „Ich muß Dir wirklich ſehr dafür verbunden ſein, Creſcenz, daß Du meine Angelegenheiten auf ſolche Weiſe mit meiner größten Feindin abhandelſt,“ ſagte Hildegarde unwillig, „aber,“ ſetzte ſie, ihren Stuhl zurückſchiebend, hinzu, „es hilft nichts, mit Dir dar⸗ über zu ſprechen.“ „Ich bin auf dergleichen Bemerkungen ganz ge⸗ faßt“ ſagte Creſcenz mit ſpaßhafter Nachahmung der natürlichen Würde in Hilvegarde's Benehmenz „Lina ſagte, es ſei mit Dir nicht mehr auszuhalten, ſeitdem ich mich verheirathen ſoll.“ 1 „So,“ ſagte Hildegarde, ihre Arbeit hinwerfend — „aber ich verſtehe nicht ganz, was —“ „O, das iſt leicht zu verſtehen — Du biſt älter und denkſt, Du ſollteſt die Erſte geweſen ſein.“ „Das iſt wirklich zu albern,“ rief Hildegarde mit munterem Lachen. „O, lache, ſo viel Dir beliebt — aber ſeitdem wir von Seon zurück ſind — biſt Du eine ganz andere Per⸗ ſon geworden.“ „Hat Dir Lina das auch in den Kopf geſetzt?“ fragte Hildegarde ſchnell. „O nein,“ rief Creſcenz und ihre Augen füllten 57 ſich mit Thränen,“ ich brauchte Lina nicht dazu, um das herauszufinden. Für ſo einfältig Du mich auch hältſt — kann ich doch fühlen, — daß Du ganz verändert biſt.“ Hildegarde biß ſich auf die Lippen, — ging gegen das Fenſter — kam dann haſtig wieder zuruck, ſchlug die Arme um ihre Schweſter, und küßte ſie auf die Wange, indem ſie flüſterte: „Liebes Mädchen, ich bin nicht im Mindeſten in meiner Liebe zu Dir verändert; aber Du weißt ſelbſt, daß jedes Wort, welches ich gegen Dich ausſpreche, Lina Berger wieder geſagt wird; und wie kannſt Du erwarten, daß ich Dir traue?“ „Aber,“ ſagte Creſcenz auſſchauend, „aber Du weißt, daß ich in der Schule oft wieder geſagt habe, was ich von Dir hörte, und Du haſt mich nur zuweilen ein wenig geſcholten Jetzt geräthſt Du nur ſeiten in Zorn und biſt ſo kalt und ſo vorſichtig in Allem, was Du ſagſt — gerade wie Mademoiſelle Hortenſe!“ „Wie Mademoiſelle Hortenſe 2“ „O, ich will damit nicht ſagen, daß Du ihre dicke Naſe und hohe Schultern haſt,“ ſagte Creſcenz durch Thränen lächelnd, „aber Du nimmſt kaum Notiz von nif und ſprichſt immer von Büchern mit Herrn Ha⸗ milton.“ Hildegarde ſchwieg. „Und dann ſprichſt Du jetzt mehr Engliſch als Franzöſiſch, und Lina ſagt —“ „Ich will nicht wiſſen, was ſie ſagt, nenne mir ihren Namen nicht mehr,“ rief Hildegarde ungeduldig. „Nein, nein — ich werde es nicht thun,“ rief Cres⸗ eenz beſtürzt. 3 „Die abſcheuliche Perſon,“ fuhr Hildegarde, abge⸗ wendet, fort, „ich kann es ihr nie vergeben, daß ſie die letzten Wochen, die wir wahrſcheinlich mit einander zu⸗ bringen werden, uns verbittert hat.“ „Nun,“ ſagte Creſcenz die Augen trocknend, „auf alle Fälle werden wir nach meiner Heirath beſſer mit 58 einander auskommen. Du weißt, daß Du eine Art Re⸗ ſpekt vor mir haben mußt. Hildegarde wandte ſich um, zu ſehen, ob ihre Schwe⸗ ſe im Scherz ſprach; aber Creſcenz ſah ganz ernſt⸗ haft aus. „Verheiratheten Perſonen iſt man Reſpekt ſchuldig,“ fuhr ſie fort, indem ſie die Arbeit, welche ihre Schwe⸗ ſter auf den Stuhl geworfen hatte, ſauber zuſammen⸗ legte. „Mama ſagt ſo — und dann weißt Du, werde ich eine ganz andere Perſon ſein, wenn ich die Mutter einer Familie bin —“ Hildegarde lachte jetzt gerade heraus. „Madame Luſtig ſagt, ich könne ein Dutzend Kin⸗ der bekommen! — Sie ſollen alle hübſche Namen haben — nicht eines von ihnen ſoll Blaſius heißen, dazu bin ich entſchloſſen — ſondern Albert, Marimilian, Fer⸗ dinand, Adolph, Philibert.“ „Philibert iſt kein hübſcher Name,“ ſagte Hilde⸗ garde, ſie luſtig unterbrechend. „Meinſt Du nicht? Nun, wir können einen andern wählen, Conrad zum Beiſpiel. „Oder Oskar?“ „O nein, ich würde mir dabei eine Art Aehnlich⸗ keit mit dem Coufin Oskar einbilden, und ich kann ihn — nicht recht — leiden — das heißt — nicht ſo ganz recht, ob er gleich mein Coufin iſt. Er iſt zuwei⸗ len, ja faſt immer gegen Deine Freundin Marie — ſo mürriſch, aber o! Hildegarde, einen ſehr hübſchen Na⸗ men haben wir vergeſſen, und von einer ſehr hübſchen Perſon dazu — Alfred! Herr Hamilton, weißt Du — iſt Alfred nicht ein hübſcher Name?“ „U. „Und er iſt gewiß hübſch? Selbſt Du mußt das zugeben?“ Hildegarde wurde eine Antwort erſpart, denn Ma⸗ dame Roſenberg trat in's Zimmer, und als ſie entdeckt hatte, daß Creſeenz's Naſenſpitze roth war, erklärte ſie 59 ſogleich, das komme von Mangel an Bewegung, und ſchickte beide Schweſtern fort, in der Kinderſtube mit ihren Brüdern Federball zu ſpielen. Dann fertigte ſie eine Botſchaft an Hamilton ab, in deren Folge er alsbald nach Hauſe zurückkehrte. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der Schlitten. Hamilton's Schlitten war den erſten Abend nach ſeiner Rückkehr Gegenſtand der Beſprechung — er ſchlug ihnen natürlich vor, ſich deſſelben zu bedienen und ver⸗ ſicherte Madame Roſenberg, ſie dürfte ſich und ihre Töchter ohne Furcht ſeiner Fürſorge anvertrauen. „O Himmel, ich würde mich gewiß nicht im Ge⸗ ringſten fürchten,“ rief Creſeenz. „Und doch biſt Du die feigſte Seele im Hauſe,“ ſagte ihre Mutter. „Ich bin überzeugt, Du würdeſt ſo reien, daß Herrn Hamilton die Luſt verginge, Dich um zweiten Male mitzunehmen.“ „Erlauben Sie mir, zu bemerken,“ ſagte Major Stultz, deſſen Geſicht bei dieſen Worten noch röther wurde, — „und ich glaube, ich habe ein Recht, über dieſen Gegenſtand eine Meinung abzugeben — Laß ich es gänzlich mißbillige, Creſcenz mit Hamilton Schlit⸗ ten fahren zu laſſen.“ „Fürchten Sie, dieſelbe meiner Fürſorge anzuver⸗ trauen?“ fragte Hamilton lachend. Major Stultz trommelte mit den Fingern auf dem und blickte bedeutungsvoll auf Madame Roſen⸗ erg. „Sie denken gewiß nicht, daß ich ſo ungeſchickt ſein werde, den Schlitten umzuwerfen?“ fuhr Hamilton fort. 60 „Ich habe die höchſte Meinung von Ihnen, Herr Hamilton, die höchſte Meinung — was Pferde betrifft,“ begann Major Stultz mit einiger Verlegenheit, wäh⸗ rend Hamilton ſich die Oberlippe rieb, ein Lächeln zu verbergen. „Hätten Sie einen Wagen ſtatt eines Schlit⸗ tens, ſo wäre es etwas Anderes, und ich — aber ich ſehe, Sie verſtehen mich.“ „Nicht im Geringſten,“ erwiederte Hamilton mit einem Blick ungeheuchelten Erſtaunens. „Wohl aber Creſcenz,“ ſagte Major Stultz, ſich zu ſeiner Verlobten wendend, deren Geſicht wie mit Blut übergoſſen war. Madame Roſenberg war mit dem kleinen Peppi beſchäftigt geweſen; ſie machte das zerriſſene Geſchirr eines hoͤlzernen Karrengauls, der etwas rauh im Zim⸗ mer herumgezerrt worden war, wieder zurecht. Jetzt ſchaute ſie auf und bemerkte mit leiſer Stimme und einem ausdrucksvollen Wink gegen Major Stultz: „Herr Hamilton weiß als Engländer nichts vom Schlittenrecht. Behalten Sie das Geheimniß für ſich und er wird nie daran denken, auf jenes Anſpruch zu machen.“ „Er mag es anſprechen, von wem er will,“ fuhr Major Stultz plump heraus, „nur nicht von meiner Creſcenz, ſonſt will ich nichts!“ „Was iſt es — was iſt mein Recht? was darf ich anſprechen?“ fragte Hamilton ſchnell. Niemand ſchien geneigt, ſich auf eine nähere Er⸗ klärung einzulaſſen, bis endlich Madame Roſenberg lachend bemerkte: „Nichts mehr und nichts weniger, als einen Kuß — eine Art alten Privilegiums für einen Herrn, der eine Dame Schlitten fährt Nun, ich weiß, daß Sie es bei mir nicht in Anſpruch nehmen werden, weil ich weder jung, noch hübſch bin — noch von Hildegarde, weil Sie dieſelbe nicht recht leiden können — noch von Creſcenz, weil ſie verlobt iſt. So ſehe ich wirklich 61 ein, Major, warum Sie ein ſo ernſtes Geſicht machen.“ „Ich habe im Sinn, Creſcenz ſelbſt Schlitten zu fahren,“ ſagte Major Stultz, „und ſetze mit Grund voraus, daß Sie dabei ebenſo viel Vergnügen haben wird, als mit Herrn Hamilton.“ Creſcenz beugte ſich über ihre Arbeit und erwiederte kein Wort. Ein ſtarker Schneefall in der Nacht und ein hei⸗ terer blauer Himmel am folgenden Tag erwieſen ſich als höchſt günſtig, und nach dem Mittageſſen wurde der Schlitten vor die Thüre gebracht. Madame Roſen⸗ berg und ihr Sohn Guſtel wurden ſorgfältig von Ha⸗ milton in das leichte, phantaſtiſche Fuhrwerk gehoben, Hans nicht unnöthig die Pferde an den Köpfen ielt. Kaum waren die muthigen Thiere losgelaſſen, als ſie mit einer Heftigkeit vorwärts ſtürzten, die Madame Roſenberg einen halb unterdrückten Schrei auspreßte, während das Kind, ſeiner Mutter Schrecken theilend, Hamilton's Arm ergriff und mit aller Kraft feſthielt. „Guſtel, Du darſſt weder meinen Arm, noch die Zügel aufaſſen!“ rief Hamilton, ihn abſchüttelnd. „Sie werden im Augenblick ruhig ſein,“ fügte er gegen Ma⸗ dame Roſenberg hinzu, die ihre Augen geſchloſſen und die Lippen zuſammengepreßt hatte, als ob ſie auf das Schlimmſte gefaßt wäre. Aber trotz aller ſeiner Be⸗ mühungen ſtiegen, tanzten und ſprangen die Pferde zu großer Bewunderung der Vorübergehenden, während vie arme Madame Roſenberg wie in Todesangſt daſaß. Sie ſprach kein Wort, bis ſie die Nymphenburger Straße erreicht hatten; hier aber vermehrte jeder Schlitten, dem ſie begegneten, ihren Schrecken und endlich ſagte ſie: „O lieber, guter, vortrefflicher Herr Hamilton — kehren Sie um und bringen Sie mich wieder nach Hauſe — ich weiß, Sie ſind zu gut, um ſich an mei⸗ ner Angſt zu weiden — wenn es nur Guſtel zu lieb wäre — ſehen Sie — o! — ach! Das Kind iſt zum Tod erſchrocken und kein Wunder! Wahrhaftig, wenn ich nicht in meinen Hausſchuhen wäre, würde ich zu Fuß heimgehen. — O, bitte, halten Sie — kehren Sie um — ehe wir dem auf uns zukommenden Schlitten begegnen. Wenn Ihre Pferde die Schellen der anderen Schlitten hören, werden ſie ganz wild! Lieber, guter Herr Hamilton, ich will's Ihnen mein Leben lang dan⸗ ken, wenn Sie uns nur wieder nach Hauſe bringen.“ Guſtel, der über ſeiner Mutter ungewöhnlich de⸗ müthiges Weſen ganz erſchreckt war und in der drohend⸗ ſten Gefahr zu ſchweben ſich einbildete, begann nun aus Leibeskräften zu ſchreien, und Hamilton ließ jetzt die Pferde umwenden, während er zugleich Madame Roſenberg verſicherte, es wären die ſanfteſten Thiere von der Welt und nur das ſchöne Wettter daran ſchuld, daß ſie ſich ſo lebhaft geberden. Bei ihrer Rückkehr fanden ſie eine reſpektabel aus⸗ ſehende Miethkutſche, auf ein Schlittengeſtell gepackt, an der Thüre. Creſcenz, ihr kleiner Bruder Peppi und Major Stultz ſchickten ſich gerade zum Einſteigen an. „Ich will mit Euch gehen,“ rief Madame Roſen⸗ berg, indem ſie ſich ihnen anſchloß, Guſtel darf ſeine Spazierfahrt nicht verlieren — Herrn Hamilton's Pferde ſind viel zu wild für mich.“ „Das hab' ich mir wohl gedacht,“ ſagte Major Stultz mit ſichtlicher Befriedigung. „Darf ich Fräulein Hildegarde bitten, mit mir zu fahren?“ fragte Hamilton. „Ja, aber Sie müſſen ihr ſagen, wie Ihre Pferde mich erſchreckt haben und verſprechen, auf der Nymphen⸗ burger Straße zu fahren, wo wir Sie ſehen können, und dürfen nicht weiter, als bis zum Schloß und wieder zurück.“ „Es ſei,“ ſagte Hamilton. „Und Sie dürfen unter keiner Bedingung den Schlit⸗ ten verlaſſen und in das Wirthshaus gehen.“ 63 „Natürlich nicht.“ Hildegarde war überraſcht, ihn ſo bald wieder zu ſehen. Er erklärte ihr die Sache und fragte, ob ſie ſich fürchte, ſeiner Obhut ſich anzuvertrauen. „Nein, ich glaube, Sie fahren gut. „Ziemlich — aber ich habe bis jetzt noch nie einen ii gehabt — und es ſcheinen ſchlüpfrige Dinge u ſein.“ „Ich habe gehört, daß damit umzuwerfen, mehr unbehaglich, als gefährlich iſt,“ ſagte Hildegarde lachend, als ſie in ihr Zimmer trat, um ſich anzukleiden. Die Pferde ſcharrten mit den Hufen in dem halb⸗ gefrornen Schnee und waren noch ungeduldiger, als vorher — aber dießmal legte ſich keine Hand ihm auf den Arm und kein erſtickter Schrei verletzte ſein Ohr. Hilde⸗ garde bewunderte die ſilbernen Schlangen, welche am Vordertheil des Schlittens angebracht waren, — die an dem Pferdegeſchirr ſchimmernden Silberglöckchen, und die hübſchen ſcharlachrothen Quaſten, welche die Pferde mit jeder Bewegung in die Luft ſchleuderten, — den blauen Himmel — den blendenden Schnee, und Hamil⸗ ton, wieder vollkommen beruhigt, war bald im Stande, ſeinen Pferden zu beweiſen, daß er ſich nicht mehr fürchte, die Peitſche anzuwenden. In einigen Minuten hatten ſie den Miethſchlitten, welcher den Reſt der Geſellſchaft enthielt, erreicht und überholt und es ſtand nicht lange an, ſo waren ſie in Nymphenburg. „Was ſollen wir jetzt thun?“ ſagte Hamilton, „ich habe Ihrer Mutter verſprochen nicht weiter, als bis zum Schloß zu gehen, und die Andern ſind gewiß noch nicht halbwegs. Müſſen wir ſo bald nach Hauſe gehen?“ „Fahren Sie um dieſen Zaun herum, bis ſie kom⸗ men, es wird uns unterhalten und für die Pferde eine Bewegung ſein,“ ſagte Hildegarde. Sie fuhren einige Mal herum, jedesmal ſchneller, 64 als zuvor, während Hans mit außerordentlicher Energie die geſchmeidige, bei Schlitten gebräuchliche Lederpeitſche knallen ließ. Mehrere Leute verſammelten ſich, ihnen zuzuſehen, unter ihnen ein Fuhrmann mit ſeinem leeren Wagen. Eines ſeiner Pferde war jung und noch un⸗ eingefahren; als der Schlitten vorüber kam, ſchlug es aus und raſſelte mit ſeinem ſchweren Geſchirr; Hamil⸗ ton's Pferde wurden ſcheu, ſprangen in den neben der Straße aufgehäuften, tiefen Schnee, warfen den Schlit⸗ ten um, und verſuchten mit Heftigkeit, ſich frei zu machen. Hamilton war es noch gelungen, die Zügel zu halten, bis ihm ſein Diener zu Hülfe kam, und dann ſtürzte er zu Hildegarde, die eine Strecke weit fortge⸗ ſchleudert worden war. Eine Menge Menſchen hatten ſich um ſie geſammelt. „Sind Sie verletzt, theuerſte Hildegarde?“ fragte er ängſtlich. „Nicht im Mindeſten,“ antwortete ſie lachend, wäh⸗ rend ſie den Schnee von ihrem Mantel ſchüttelte; „nicht im Mindeſten. Ich wurde bei dem erſten Ruck in den friſchen Schnee geworfen, und ſo oft ich aufzuſtehen verſuchte, fiel ich wieder zurück, bis ich Beiſtand erhielt, wofür ich Ihnen danke,“ ſagte ſie, zu einigen Frem⸗ den gewendet, und fügte dann eilig gegen Hamilton hinzu. „Laſſen Sie uns nach Hauſe gehen.“ Der Schlitten war leicht wieder hergerichtet wor⸗ den und ſie fuhren von Neuem in vollem Jagen davon. „Das wildeſte junge Paar, das ich je geſehen habe,“ bemerkte ein Officier zu ſeiner Frau, als ſie ſich nach dem Wirthshaus wandten, um dort auszuruhen und ſich mit einer Taſſe Kaffee zu erquicken. „Wir ſind Ihrer Mutter ungehorſam geweſen,“ be⸗ gann Hamilton, „unabſichtlich zwar, aber —“ „Wie meinen Sie das?“ „Run, ſie verbot uns, den Schlitten unter irgend einer Bedingung zu verlaſſen,“ ſagte Hamilton lachend. „Ich mache mir zwar nicht das indeſte daraus, mich 65 von ihr ein wenig ausſchelten zu laſſen, geſtehe aber, der Gedanke an Major Stultz's Triumph will mir gar nicht gefallen. Wie unbarmherzig werde ich ausgelacht werden!“ „Ich ſehe die Nothwendigkeit nicht ein, etwas davon zu ſagen,“ bemerkte Hildegarde; „wenn Sie für gut fin⸗ den, davon zu ſchweigen, werde ich des Gegenſtandes nie erwähnen; und wirklich bin ich ganz allein daran ſchuld geweſen; denn von mir ging der Vorſchlag aus, um das Staket herumzufahren, und ich munterte Sie auf, den Pferden keine Ruhe zu laſſen, um Ihnen zu zeigen, daß ich mich vor denſelben nicht fürchte.“ „Der Fuhrmann und ſein junges Pferd ſind daran ſchuld geweſen,“ ſagte Hamilton; „er hätte nicht ſo nahe auf uns zukommen ſollen. Aber es würde mir ſehr lieb ſein, den ſchweren Spöttereien von Major Stultz zu entgehen. Hörſt Du, Hans? Du biſt im Schlaf heruntergefallen; ſelbſt Deinem Vater darfſt Du nicht anders ſagen, als daß meine Pferde ſo ſtetig wie Ochſen ſind.“ „Ja, Herr.“ Vielleicht bewog die Furcht, ausgefragt zu werden, Hamilton, auf dem Rückwege ſo ſchnell an den Andern vorüberzufahren, daß er den Ruf, anzuhalten und nach Nymphenburg zurückzukehren, nicht hörte. Vielleicht ließ ihn der Wunſch, wieder auf eine halbe Stunde mit ſeiner Begleiterin allein zu ſein, ſeine Pferde zum ſchärf⸗ ſten Trab antreiben; war das Letztere ſeine Abſicht, ſo kann man ſich ſeinen Verdruß denken, als er bei der Ankunft zu Hauſe, gerade da ſie, fröhlich lachend, die Treppe mit einander hinaufzuſteigen begannen, den Gra⸗ fen Rahmund über ihnen ſtehen ſah. Er hatte ihre Ankunft bei den Hoffmanns vom Fenſter aus bemerkt und ſtürzte unter dem Vorwand eines Scherzes, in Wahrheit aber, ihnen den Weg zu verlegen, hinaus. Hamilton konnte ſeinen Aerger nicht verbergen; er Die Anfangsbuchſtaben. II. 5 66 runzelte die Stirn und murmelte: „überläſtiger Burſche!“ Dieß brachte in Hildegarde's Miene eine ſolche Ver⸗ änderung hervor, daß ihr Coufin darüber zornig wurde. „Hildegarde, ich muß mit Dir ſprechen,“ begann er kurz. „Sprich nur zu,“ ſagte ſie, die Treppe weiter hin⸗ aufſteigend. „Ich muß Dir eine Frage vorlegen — aber — wir müſſen allein ſein.“ „Du biſt ſehr entſchieden — frage anders — und ſiſ bin ich dann geneigt, Dein Verlangen zu er⸗ üllen. Graf Rahmund faßte ſeine Couſine nicht ſehr ſanft, — am Arme — ſie wandte ſich um — wurde ſehr bleich — und bat Hamilton mit leiſer Stimme, hinaufzugehen, ſie würde ihm ſogleich folgen. „Wünſchen Sie wirklich, daß ich gehe?“ fragte er zaudernd. „Bleiben Sie freiwillig bei Ihrem Couſin? Frinnern Sie ſich,“ ſetzte er unwillig hinzu, „ſelbſt Verwandtſchaft gibt keine Berechtigung zu olchen —“ Graf Rahmund machte eine heftige Geberde — Hildegarde trat zwiſchen ſie und ſagte beeilt: „ich wünſche, mit Sskar zu ſprechen“ — und Hamilton verließ ſie auf der Stelle. Sobald er fort war, änderte ihr Betragen ſich gänzlich. „Deine Frage, Oskar, und ſchnell!“ ſagte ſie hoch⸗ fahrend, „ich bin nicht geſonnen, mehr als einige Mi⸗ nuten auf der kalten Treppe zu bleiben.“ „Sachte, ſachte, Hildegarde. Du glaubſt, die Ge⸗ fahr ſei vorüber, nun Dein Schatz außer Sicht iſt, — aber Du ſiehſt, wie bereit er bei all' ſeiner Kaltblütig⸗ keit iſt, Händel anzufangen — nimm Dich in Acht, r — „Deine Frage,“ ſagte Hildegarde, indem ſie ſich mit einem reſignirten Seufzer an die Wand lehnte⸗ 67 „Hat dieſer — dieſer Engländer geruht, ſein Schlit⸗ tenrecht von, Dir in Anſpruch zu nehmen?“ Nein. „Hat es nicht der Mühe werth erachtet!“ ſagte Rahmund höhniſch. „Sehr wahrſcheinlich. Haſt Du ſonſt noch etwas zu bemerken?“ „Ja, falſches Mädchen!“ rief Raymund heftig, „Du weißt, daß es nicht der Fall iſt, — Du weißt, daß er Dich liebt — jeder Blick verräth ihn — aber beim Himmel, wenn Du ihm gewährſt, um was ich, Dein nächſter Verwandter, ſo lange vergeblich gefleht habe, — ſo ſoll er mit ſeinem Leben dafür büßen —“ „Immerdar Drohungen,“ rief Hildegarde unwillig. „Es iſt das einzige Mittel, um auf einen Augen⸗ blick Deiner Aufmerkſamkeit mich zu verſichern. Er weiß wenig, daß ich ſeinem Einfluß allein jede Gunſt — jede gewöhnliche Höflichkeit, die ich von Dir erhalte, zu danken habe.“ „Er weiß es in der That wenig! ſagte Hildegarde bitter; „wüßte er es, er würde mich bald von dieſer Knechtſchaft befreien.“ „Sage es ihm — ſage es ihm. Ich wünſche nichts mehr, als daß die Sache auf's Aeußerſte kommt! Du ſiehſt ungläubig aus, Hildegarde. Höre mich und ur⸗ theile ſeibſt. Pecuntäre Verwicklungen haben ſchon manchen Menſchen bewogen, ſeinem Daſein ein Ende zu machen — Du kennſt die meinen! Füge noch eine heftige und hoffnungsloſe Liebe hinzu und die Gewiß⸗ heit, in acht oder zehn Tagen eine Perſon heirathen zu müſſen, für die ich nie einen Funken von Neigung oder ewunderung empfinden kann! „Aber die Beides verdient;“ rief Hildegarde. „Vielleicht — ich wünſche Marie jedes Glück mit einem Andern. — Was mich betrifft,“ ſetzte er, die Arme verſchränkend und nachdenklich die hinunter⸗ 68 ſchauend, hinzu — „ſo wünſche ich mir, zu ſterben — bald zu ſterben — und ſchnell — aber nicht von mei⸗ ner eigenen Hand. Man ſagt, es ſei ein ſchreckliches Verbrechen, einen Selbſtmord zu begehen. Wäre ich ſicher, von Hamilton erſchoſſen zu werden, ſo würde ich nicht zaudern — er müßte dann Bayern und Dich für immer verlaſſen — aber die Wahrſcheinlichkeit iſt dafür, daß ich ihn erſchießen würde — ich haſſe ihn ſo tief, daß ich der Verſuchung nicht widerſtehen könnte.“ „Entſetzlich!“ rief Hildegarde, das Geſicht mit den Händen bedeckend, „wie kannſt Du ſo kaltblütig von dem Vorhaben eines Mordes ſprechen?“ 6 „Das iſt's — das iſt's, was ich meine; Du ſiehſt, Hildegarde, Tod iſt meine einzige Rettung, aber ich ſchaudere vor dem Gedanken zurück, meine Hand mit anderem Blute, als dem meinigen zu beflecken. Das Verbrechen iſt mehr, als ich auf mich nehmen ann. „Ah, ich ſehe jetzt,“ ſagte ſie mit erzwungenem Lächeln; „Du willſt mich nur erſchrecken, wie Du ſchon oft gethan haſt.“ Er ſchüttelte den Kopf und fuhr fort. „So lange ich die ſchwächſte Hoffnung hatte, Deine Liebe zu erringen, war ich ein ganz anderes Weſen, Du hätteſt aus mir machen können, was Dir beliebte, — und ich würde ohne dieſen hochmüthigen Engländer Deine Liebe gewonnen haben, denn Du ſchienſt anfäng⸗ lich, mich wohl leiden zu können.“ „Als Verwandten, — ja —“ „Mehr als das, viel mehr, Hildegarde,“ rief Ray⸗ mund heftig. „Und hätte ich Dich mehr als einen Conſin ge⸗ liebt, wozu würde es gedient haben? Unſere Verwandt⸗ ſchaft iſt zu nahe, um eine Heirath zu geſtatten. „Nichts iſt leichter, als Dispenſation zu erhalten, rief Raymund eifrig und verlor augenblicklich alle Hef⸗ tigkeit in Benehmen und Sprache. 69 6 wir find beide ohne Vermögen,“ ſagte Hil⸗ egarde. „Ich könnte den Dienſt verlaſſen. Es gibt viele Stellen, die für mich zu erlangen wären. Wir würden arm ſein, ja, ſehr arm, aber was iſt Armuth, wenn — o Hildegarde, iſt dieß der Grund Deiner Kälte gewe⸗ ſen, oder biſt Du — Was für ein Narr ich bin!“ rief er leidenſchaftlich aus. „Sie behandelt mich wie einen Wahnwitzigen, dem ſie entfliehen möchte, um nicht Zeugin eines Parorismus zu werden! Geh, Du haſt mich gefoltert — kaltblütig — ſchrecklich. Geh, ich möchte Dich haſſen, wenn ich könnte!“ Hildegarde begann langſam die Treppe hinaufzu⸗ ſteigen; als ſie am nächſten Abſatz ſtand, bewog ſie ein ungewöhnlicher Laut, hinabzuſehen, und ſie bemerkte, wie ihr Cvufin eine vergebliche Anſtrengung machte, die furchtbare Bewegung, die ſeinen ganzen Körper erſchüt⸗ terte, zu unterdrücken. Die Thränen eines Mannes ſind eine zu ſeltene Erſcheinung, um nicht davon gerührt zu werden. Hil⸗ degarde blieb ſtehen und hielt ihm die Hand hin. „Oskar, lieber Osfar, was ich geſagt habe, war gewiß nicht eine Folge von Herzloſigkeit, ſondern ge⸗ ſchah in der Hoffnung, Dich von der abſoluten Unmog⸗ lichkeit zu überzeugen, daß wir einander je etwas mehr, als Verwandte ſein können. Denke an Deine feierliche Verlobung mit Marie — an das Verſprechen, das Du Deinem Vater gegeben. Erinnere Dich, daß keine Stel⸗ lung, die Du je erlangen könnteſt, Dir die Möglichkeit verſchaffen würde, Deine Schulden zu bezahlen!“ „Wahr — ſehr wahr. Ich habe eben geträumt,“ ſagte Raymund mit erzwungener Faſſung. „Es thut mir leid, daß ich Dich ſo lange hier in der Kälte auf⸗ gehalten habe. Geh, Hamilton wartet auf Dich!“ „Nein. Ich werde ihn wahrſcheinlich vor Abend nicht mehr ſehen.“ 70 Raymund ſah auf, lächelte traurig und ſtürzte dann die Treppe hinab. Eine Minute ſpäter war Hildegarde in ihrem Zim⸗ mer; Mantel und Boa erſtickten ſie beinahe und ſie warf dieſelben ungeduldig ab, ſank auf einen Stuhl und murmelte: was ſoll ich thun? was ſoll ich thun? Oskar wird Streit mit ihm anfangen, — ihn tödten, und ich bin die Urſache davon. Er muß München — muß uns verlaſſen und nach England zurückkehren.“ Hier ſprang ſie vom Stuhle auf und ging einige Minuten im Zimmer auf und ab. „Gibt es denn kein anderes Mittel, ihn der Ge⸗ fahr zu entziehen? Wie, könnte man ihn nicht bewe⸗ gen, zu den Zedwitz zu gehen? Er ſprach von ſeiner Abſicht, ſie zu beſuchen. Wenn er nur bis nach Os⸗ kar's Hochzeit fort wäre? Vierzehn Tage — nur zwei Wochen, und alle Gefahr würde vorüber ſein! Ich muß mit ihm ſprechen, ſelbſt wenn er darauf beſteht, Alles zu erfahren. Ich möchte wiſſen, ob er im Geſellſchafts⸗ zimmer iſt?“ Er war weder in dieſem, noch im Leſezimmer, und ſie hatte nicht den Muth, ihn in ſeinem eigenen Ge⸗ mache aufzuſuchen. Sie hoffte im Laufe des nächſten Tages eine Gelegenheit zu finden, obgleich ſie mit weib⸗ lichem Scharfſinn bereits bemerkt hatte, daß er ſich nicht mehr bemühte, mit ihr allein zu ſein oder auf irgend eine Weiſe ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Hamilton's Beweggründe waren ehrenhaftz aber er hätte kaum ein klügeres Verfahren einhalten können, um ihren Verkehr zu erleichtern. Er hatte bereits Ro⸗ ſenberg von der Gleichgültigkeit gegen ſeine Tochter über⸗ zeugt, gerade da er wegen des Gegentheils Verdacht zu ſchöpfen begann, und beſtärkte Madame Roſenberg in der Vorſtellung, daß Hamilton ſie wirklich nicht leiden könne. Nachdem ſie einige Zeit im Hauſe herumgewandert war, kehrte Hildegarde auf ihr Zimmer zurück und ver⸗ 74 ſuchte, ihre Gedanken und ihre bunten Wollen⸗ und Seidenknäuel in Ordnung zu bringen, bis die Familie nach Hauſe kam. Dieß geſchah ſpät und ſie ſprachen laut und fröhlich bei ihrer Ankunft. Als Creſcenz in's Zimmer trat, rief ſie ſogleich aus: „O, Hildegarde, wir haben eine ſo vergnügte Partie gehabt — ſo viel Leute und einen ſo guten Kaffee! und die Bergers. O Himmel, es war mir ſo leid, daß Du uns — aber ich habe beinahe vergeſſen, Mama ſagt, Du müßteſt ſogleich Thee für Herrn Hamilton machen, er geht in's Theater; es iſt eine Oper, und er wünſcht die Ouverture zu hören.“ Hildegarde ſchob ihren Stickrahmen bei Seite und verließ das Zimmer, um das Frühſtück⸗Service von ſtark vergoldetem Porcellan zu holen, das Madame Roſenberg zum Hochzeitgeſchenk erhalten und, obwohl es in der Abſicht des Gebers gelegen war, es nur zur Schau geſtellt zu ſehen, neuerdings zu Hamilton's Gebrauch beſtimmt hatte, ſo oft er allein Thee trank, und dieß war gewöhnlich an den Abenden der Fall, da er in das Theater ging. Als ſie es in das Geſellſchaftszimmer brachte, fand ſie ihre Eltern und Major Stultz bei ihm, und während ſie das ſchwache Getränke einſchenkte und den Teller mit Butterbrod herrichtete, äußerte ihre Mut⸗ ter, die gerade im Geſpräch begriffen war: „Wir glaubten, Sie wollen uns nicht hören — aber welchen Grund konnten Sie dazu haben?“ „Ja, fürwahr,“ ſagte Hamilton. „Der Major ſchrie die Worte Nymphenburg und Faffee, ſo laut er vermochte; er glaubte, das würde S ſchon eine Vorſtellung von dem, was er meinte, geben.“ „Wir hörten Nichts. Die verdammten Glöckchen machten einen ſolchen Lärm.“ „Die Glöckchen find ſehr gut, wenn es neblig oder 72 dunkel wird, wie wir dieſen Abend gefunden haben,“ bemerkte Major Stultz. „Hildegarde, Du mußt Lichter anzünden — Herr Hamilton kann den Weg zum Munde nicht finden.“ Hildegarde brachte dieſelben, während Creſcenz, die zu den Uebrigen getreten war, fortwährend wiederholte: „ſo vergnügt, ſo luſtig! So viele Leute! Und dann das Umwerfen, — haſt Du das erzählt?“ „Nein,“ rief Hamilton, aufſchauend, „bitte, erzäh⸗ len Sie mir davon. „Sie wollen doch nicht ſagen, wir haben umgeworfen?“ „O nein! Aber ein junger Engländer und ſeine Frau wurden heute aus dem Schlitten geworfen, als ſie zu Nymphenburg um das Staket herumfuhren. Hauptmann — nun, wie heißt er doch? — hat uns Alles erzählt, und ſie wären ſo jung und hübſch ge⸗ weſen, ſagte er.“ „Ihre Landsleute können beſſer mit Kutſchen, als Schlitten fahren,“ bemerkte Major Stultz lachend. „Es iſt nicht erwieſen, daß es Engländer waren,“ ſagte Hamilton mit einem nur für Hildegarde verſtänd⸗ lichen Lächeln. „Es können auch Deutſche geweſen ſein.“ „Zimmermann ſagt, es ſeien ſicher Engländer ge⸗ weſen, und er verſteht ihre Sprache. Die Dame dankte ihm franzöſiſch dafür, daß er ihr aus dem Schnee her⸗ aushalf; er ſagt, ſie habe ganz engliſch ausgeſehen und ſei ungewöhnlich ſchön geweſen!“ „Ich ſetze keinen Zweifel in ſein Urtheil über die⸗ ſen Gegenſtand,“ ſagte Hamilton. „Und,“ ſagte Creſeenz, „ihr Mann ſchien ſie ſo ſehr zu lieben und ſagte ihr alles mögliche Schöne, als er ihr wieder in den Schlitten half.“ „Alles mögliche Schöne!“ rief Hamilton lachend. So zum Beiſpiel —2“ „O, ich kann die engliſchen Worte nicht ausſprechen 73 — ich habe Sie nie etwas ſagen hören, das jenen gleich lautete.“ „Natürlich nicht — ich muß wohl warten, bis ich eine Frau habe.“ Hildegarde's Geſicht war während dieſes Geſprächs roth überlaufen. Hamilton ſchien davon ſo beluſtigt, daß die Ouverture, an der ihm ſo viel gelegen war, vergaß. „Ihr Freund wußte durchaus nicht, wer ſie wa⸗ ren?“ fragte er, ſich über die Theetaſſe beugend. „Nicht im Mindeſten,“ antwortete Major Stultz; „aber die Dame hat großen Eindruck auf Zimmermann gemacht; er ſchien ganz in ſie verliebt zu ſein.“ 0 ſo!“ rief Roſenberg, „was ſagte ſeine Frau azu?“ „Sie ſagte, es ſei keine Urſache zur Eiferſucht, die Engländerin habe keinen Menſchen angeſehen, ſondern ſei nur darauf bedacht geweſen, ihrem Mann zu ver⸗ ſichern, daß ſie nicht im Mindeſten Schaden genommen, obwohl ſie ordentliche Quetſchungen davon getragen ha⸗ ben müſſe, und habe augenſcheinlich alle Andern auf den Grund des Meeres gewünſcht! Ein gutes Beiſpiel für Dich, Creſcenz, auf nächſten Monat, he6 Creſcenz machte ein einfältiges Geſicht und wandte ich äb. „Halb ſieben Uhr,“ rief Roſenberg, auf ſeine Uhr ſehend. „Ich muß fort. Herr Hamilton ſcheint zu ver⸗ geſſen, daß er mit mir in's Theater gehen wollte. Die Duverture wird vorüber ſein,“ „Aber nicht das Ballet,“ ſagte Hamilton, „und das Ballet iſt mir in MRobert“ am liebſten wenn ich zeitig dazu und zur Arie der Prinzeſſin komme, bin ich zufrieden.“ Roſenberg, der regelmäßig viermal in der Woche in's Theater ging und dem beſonders zuwider war, zu ſpät zu kommen, theils aus Furcht, über ſeiner Nach⸗ barn Füße ſteigen zu müſſen, um zu ſeinem Sitz zu 74 gelangen, theils aus langer Gewöhnung an Pünktlich⸗ keit, gab noch einige Minuten unter Ausdrücken höf⸗ licher Ungeduld zu und verließ dann das Zimmer, über ſeine Uhr gebeugt, die er noch immer als eine Art Entſchuldigung gegen Hamilton in der Hand hielt. „Ich dachte, Du wollteſt auch gehen?“ ſagte Cres⸗ cenz zu Major Stultz. „Ja, Zimmermann hat mir für heute Abend ſeinen Platz abgetreten, aber ich glaube, ich will auf Hamil⸗ ton warten.“ „Das wird mich ſehr freuen,“ ſagte Hamilton, „aber Sie dürfen nicht erwarten, daß ich dieſes warme Zimmer zum Wenigſten vor einer Stunde verlaſſen werde.“ „Einer Stunde!“ rief Major Stultz, „nun, da wird die halbe Oper vorüber ſein.“ „Sehr wahrſcheinlich, aber ich habe ſie ſchon ſo oft gehört.“ „Vergeſſen Sie das Ballet? „Sehr wahrſcheinlich,“ ſagte Hamilton. „Ich wußte es,“ rief Creſeenz, „ich wußte, daß er ſich eigentlich nichts um das Ballet kümmert.“ „Entſchuldigen Sie, ich kümmere mich wohl um das Ballet, und das würde noch in höherem Grade der Fall ſein, wenn die Tänzerinnen hübſcher wären und nicht ſo dicke Knöchel hätten!“ „Stille Waſſer gründen tief,“ ſagte Major Stultz. „Es iſt Schade, Creſtenz, daß Deine Mutter ſolche Worte nicht gehört hat; ſ würde kaum ihren eigenen Ohren getraut haben!“ „Warum nicht?“ ſagte Hamilton, „Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie nicht gerne ein Ballet oder hübſche Mädchen ſehen, oder früher geſehen haben?“ „Wir wollen in Gegenwart der jungen Damen über dieſen Gegenſtand nicht weiter ſprechen,“ ſagt Major Stultz. „Darüber iſt nichts zu ſprechen,“ ſagte Samilton 75 gleichgültig, „ich ſehe gerne hübſche Geſichter und hubſche Knöchel und graziöſe Geſtalten und glaube, daß ich nicht der Einzige bin, der dieſen Geſchmack hat; viel⸗ leicht ziehen Sie aber lange, wallende Haare vor, die heute Abend zu ſehen ſind. Beiläufig, eines von den Mädchen hat die längſten und dickſten Haare, die mir je vorgekommen ſind. Haben Sie es nicht auch ſchon bemerkt?“ „Ja, Creſeenz hat jedoch faſt ebenſo lange, ſollte ich meinen,“ erwiederte Major Stultz, indem er die vollen Flechten berührte, welche rund um ihren Hinter⸗ kopf gelegt waren. „Sie würde in jeder Beziehung eine entzückende Ballettänzerin geben“ murmelte Hamilton franzoſiſch, während er ſie lachend anblickte. „Was ſagt er?“ fragte Major Stultz, als er be⸗ merkte, daß Creſeenz wechſelsweiſe erröthete und lächelte. „Daß man meint, er kümmere ſich ſo viel um das Ballet!“ antwortete Creſcenz ausweichend, während ſie noch immer erröthete und dann lachend hinzufügte, „und Du weißt doch, daß Mama geſagt hat, er ſei ſo reli⸗ giös und gehe des Abends nicht aus, und am Sonntag nicht in's Theater.“ „Ich beſorge, Deine Mutter hat eine beſſere Mei⸗ nung von ihm, als er verdient,“ flüſterte Major Stultz. Creſcenz ſchüttelte jedoch den Kopf ſo ungläubig oder ſo koquett, daß er hinzuſetzte: „Halte mich nicht fuͤr eiferſüchtig; das iſt eine Unmöglichkeit, nun ich weiß, wer der eigentliche Ge⸗ genſtand ſeiner Verehrung iſt.“ Du meinſt Hildegarde,“ ſagte Creſcenz gleich⸗ gültig. „O nein.“ „Wen denn?“ fragte Creſcenz, ſchnell zu ihm ge⸗ wendet, indem ſich in jedem Zug ihres Geſichts leb⸗ hafte Reugierde malte. „Wen?“ 76 „Ich kann es Dir kaum ſagen — da er ſich eine verheirathete Frau auserleſen hat —“ Creſtenz ſah ganz beſtürzt aus. Major Stultz's Eiferſucht ſiegte über ſeine gewöhn⸗ liche Umſicht — der Augenblick war zu günſtig, um einen Eindruck hervorzubringen, — er beugte ſich zu ihr nieder und flüſterte: „Niemand anders, als Deine Freundin, Madame Berger.“ „Unmöglich!“ „Und doch gewiß.“ Als Deine Mutter ihm hieher zurückzukehren verbot, wurde er eingeladen, ſeine freien Abende in ihrem Hauſe zuzubringen. Er kennt den Doctor gut; außerdem iſt Berger Zedwitz's Arzt und ſie haben in der letzten Zeit einander öfters getroffen. Wäre die Sache thunlich geweſen Hamilton würde, wie ich nicht zweifte, ſein Quartier in ihrem Hauſe auf⸗ geſchlagen haben!“ Creſeenz ſchien zum erſten Mal in ihrem Leben zu denken und tief nachzudenken. Alle Anſtrengungen des Majors, das Geſpräch fortzuſetzen, waren fruchtlos; ſie beugte den Kopf über ihre Arbeit und achtete kaum auf ſeine Entſchulvigungen und Aeußerungen des Bedauerns, daß er ohne ſie in's Theater ginge. Nachdem er das Zimmer verlaſſen hatte, herrſchte eine lange Pauſe. Hildegarde hatte ſeit einer halben Stunde den Kopf auf die Hand geſtützt, augenſcheinlich deſſen was um ſie herum vorging, unbewußt. Creſcenz trat ſanft auf ſie zu und wußte, unter dem Vorwand, ſie wegen ihrer Arbeit um Rath zu fra⸗ gen, ihr das, was ſie eben gehört hatte, beizubringen. Hildegarde wurde ſo plötzlich und auffallend blaß, daß Hamilton, der die Gewohnheit hatte, ſie zu beob⸗ achten, es ſogleich bemerkte und ausrief; „Was gibt es? Sind Sie unwohl?“ „Nicht im Geringſten,“ antwortete ſie, haſtig auf⸗ ſtehend und nach der andern Seite des Zimmers gehend. „Aber iſt es nicht abſcheulich?“ rief Creſcenz un⸗ 77 willig, „ſie iſt die allerletzte Perſon, an die ich gedacht tte! hä „Und die allererſte, die ich im Verdacht gehabt hätte,“ ſagte Hildegarde. Es klingelte draußen und einem leichten Geräuſch auf dem Gang folgte der Eintritt der Perſon, die der Gegenſtand der Unterhaltung geweſen war. „Wie ſonderbar!“ rief Creſcenz, während Madame Berger auf Hamilton zuging und ihm ihre Hand mit den Worten hinhielt: „A langlais! Ihre engliſche Gewohnheit, einander die Hand zu ſchütteln, gefällt mir ſehr — ſie iſt ſo freundlich. Bon soir, Hildegarde! Gib mir einen Kuß, Creßy! Da bin ich, und trotz des tiefen Schnees zu Fuß gekommen, um über unſern erſten Ball zu ſprechen, he? und die beſprochene Partie zu arrangiren,“ ſetzte ſie gegen Hamilton hinzu. „Wie verdrießlich — und ich bin gerade im Be⸗ griff, in's Theater zu gehen!“ „Sie höchſt unhöfliche Perſon! Können Sie mir nicht eine halbe Stunde ſchenken?“ „Eine Stunde — zwei, wenn Sie es nur im Ge⸗ ringſten wünſchen. Mein Bedauern galt mir ſelbſt.“ Hildegarde und Creſcenz ſahen einander an. „Ich habe,“ fuhr er munter fort, „die angeneh⸗ men Abende nicht vergeſſen, die ich in Ihrem Hauſe während meiner Verbannung zubrachte — ſie werden immer zu meinen angenehmſten Erinnerungen gehören.“ „Vielleicht werde ich Ihnen auch eine Stelle unter den meinen einräumen“ ſagte Madame Berger, indem ſie ſich auf das Sopha ſetzte und ihr Strickzeug aus der Taſche nahm. Ihre Finger waren bald in ſo ſchneller Bewegung, daß man ihnen unmöglich folgen konnte, aber ſie ſchien in dieſer Art von Arbeit ſo erfahren, daß ſie den Kopf nach allen Seiten drehte und ihre Augen rund im Zimmer herumwandern ließ, als ob ſie gänzlich unbeſchäftigt wäre. 78 „Nun, Mädchen, was iſt's mit Euch heute Abend? Ich habe Euch nie ſo langweilig geſehen. Wir könnten uns einbilden, daß wir iéte-a-léte ſitzen,“ ſagte ſie lachend zu Hamilton, „wenn Sie nur aufhören woll⸗ ten, mit Ihrem Theelöffel zu ſpielen, und ſich zu mir herſetzten.“ Hamilton nahm ſogleich von dem angebotenen Platz Beſitz und Madame Berger wandte ſich halb ſcherzhaft, halb malitiös von den Schweſtern weg. „Nun,“ fuhr ſie mit einem verſtohlenen Blick auf dieſelben fort, „morgen iſt unſer erſter Ball; natürlich haben Sie von unſern Muſſelinkleidern und Roſenbou⸗ quets ſchon gehört?“ „Nein,“ ſagte Hamilton, „ich bin erſt geſtern Abend zurückgekehrt und habe davon noch nichts ver⸗ nommen. Wo iſt der Ball?“ „Auf dem Muſeum. Sie ſind, glaube ich, Mit⸗ glied der Geſellſchaft. Es iſt dort, wo Sie die fremden Zeitungen leſen, wiſſen Sie. Ich werde einen Walzer pder Galopp für Sie behalten.“ „Morgen, ſagen Sie? Und ich bin zu einem Pri⸗ vatball an den Hof eingeladen! Wenn es nur einen Tag ſpäter wäre!“ „Das kommt Alles von der Cholera!“ rief Ma⸗ vame Berger mit ärgerlichem Tone. Alles drängt ſich am Ende des Karnevals zuſammen? Da ſoll nächſten Montag im Theater Maskenball ſein; Sie ſagten, Sie möchten auf einen gehen, laſſen Sie uns wenigſtens Etwas darüber ausmachen!“ „Können Sie nicht verfprechen, von dieſer Partie zu ſein?“ fragte Hamilton, ſich zu Hildegarde wendend. „Das wird ganz von Papa abhängen,“ antwortete ſie kalt und verließ das Zimmer, ohne einen Blick auf die Sprechenden zu werfen. „Komm daher, Creſcenz,“ ſagte Madame Verger, „komm her, und ich will Dir ſagen, wie wir es ein⸗ richten können: Deine Mutter will auf ein paar Tage 79 ihren Vater beſuchen. Warum nicht am Montag, wenn Herr Hamilton ſeinen Schlitten anbietet 2“ „O, ſie hat ſolche Furcht vor ſeinen Pferden, daß Nichts ſie vermögen könnte, dieſelben zu nehmen.“ „Nun denn, ſo muß der Doctor ſeine alten Grauen hergeben, denn am Montag muß ſie und Dein Vater aus dem Wege ſein. Sei aber nicht ſo einfältig, das Hildegarde zu ſagen!“ „O, die Mama wird uns niemals Dir allein anvertrauen,“ ſagte Creſcenz. „Ich vermuthete dergleichen, und habe die alte Luſtig dazu beſtimmt, mit uns zu gehen; ſie wird alles thun, was uns beliebt, und ich habe ihr eine Fledermaus, wie meine eigene, verſprochen; wir wollen alle als Fledermäuſe gehen. Sollen wir Schwarz oder Weiß nehmen?“ „Was ſteht am beſten?“ fragte Creſeenz. „Steht am beſten! nun Kind! ich glaube, Du weißt nicht, was ich meins? Eine Fledermaus als Maske iſt ſo viel als ein Domino, ſo eingerichtet, daß man nicht einmal die Form des Kopfes, die kleinſte Haarlocke ſehen, oder auch nur wiſſen kann, ob die Perſon ein Mann oder eine Frau iſt!“ „Ich dachte, wir würden etwas Hübſches haben,“ ſagte Creſcenz getäuſcht, „etwa griechiſche Coſtüme!“ „Du kannſt Dich als Griechin oder Türkin maski⸗ ren, wenn Du willſt, aber man möchte Dich dann erkennen und necken. Ich meinestheils gehe hin, um Andere zu plagen, und habe mich für einen ſchwarzen Domino — einen vollkommenen Kapuziner entſchieden: Herr Hamilton und Madame Luſtig, ebenſo Du und Hildegarde, Ihr könnt natürlich es machen, wie es Euch beliebt!“ „O Himmel! ich fürchte, Hildegarde wird nicht gehen, ohne Papa um Erlaubniß zu fragen.“ „Sage ihr kein Wort von der Sache; ſie wird dann „ℳ 8⁰ denken, wir haben es vergeſſen, und wenn Deine Eltern fort find, komme ich und bringe Alles in Ordnung.“ „O Himmel! wie hübſch!“ rief Creſcenz, und ſetzte ſich vertraulich neben ihre Freundin, ſprang aber einen Augenblick hernach auf, nahm eine würdevolle Miene an und ging nach der Thüre. „Du gedenkſt doch nicht, uns zu verlaſſen, Ereßy?“ rief Madame Berger überraſcht. „Ich will Mama ſagen, daß Du da biſt,“ erwie⸗ derte ſie ſteif. „O, meine Liebe, das hat ſie ſchon lange von Walburg gehört. Sie iſt bei den Kindern, oder hat Wäſche zu zählen, oder ſonſt Etwas zu thun. Sei lieb und bleib' hier und mache die Anſtandsdame!“ „Ich habe keine Luſt, dieſe Rolle zu übernehmen,“ ſagte Creſcenz ärgerlich und verließ das Zimmer. Madame Berger ſah einen Augenblick erſtaunt aus und fing dann laut zu lachen an. „Ich glaube, das Kind iſt eiferſüchtig!“ rief ſie. „Wie lächerlich! wie beluſtigend! Ich wünſche, es wäre Hildegarde — ich gäbe — was gäbe ich nicht, um ſie nur eine halbe Stunde eiferſüchtig zu machen! Es wäre köſtlich! Theodor könnte mir beiſtehen, wenn er nur wollte!“ „Sie glauben, daß er ihr ſehr gefällt,“ ſagte Ha⸗ milton. „Er ſagt es nicht, aber ich kann keine andere Per⸗ ſon entdecken. Können Sie glauben, daß ſie für Nie⸗ mand Intereſſe hat?“ „Sie hat großes Intereſſe für ihren Vater,“ ant⸗ wortete Hamilton. „Ah bah, eine Perſon von ihrem heftigen Tempe⸗ rament muß ſchon lange eine große Paſſion haben!“ „Ich habe in der letzten Zeit nichts von Heftigkeit geſehen!“ ſagte Hamilton. „Ein ſ will.“ icherer Beweis, daß ſie Jemand gefallen 81 „Ich würde nichts dagegen haben, die Perſon zu ſein, der ſie gefallen will,“ ſagte Hamillon, „ſie iſt vollkommen liebenswürdig gegen ihren Vater, — ſollte ſie einen der ihm beſtimmten Blicke mir ſchenken, ich geſtehe, es würde mir —“ „Und hat ſie nie den Verſuch gemacht, Sie zu be⸗ wegen, ihr Artigkeiten zu ſagen?“ fragte Madame Ber⸗ ger ſchnell. „Im Gegentheil, ſie hat mich zuweilen gereizt, ihr ſehr unartige Dinge zu ſagen.“ „Und ſo ſind⸗Sie genöthigt geweſen, ſich mit der armen, einfältigen Creſcenz zu unterhalten.“ „Die,“ ſagte Hamilton, „das unſchuldigſte Weſen auf der Welt iſt — ein hübſches Kind —“ „Eine hübſche Närrin!“ rief Madame Berger, „aber laſſen Sie uns von unſerer Maskerade ſprechen — Sie werden auf alle Fälle gehen?“ „Gewiß.“ „Und ſchwarz gekleidet und maskirt?“ „Zugeſtanden.“ „Sie hahen keine Idee, wie unterhaltend es iſt! Man kann alle möglichen Impertinenzen fagen — ſelbſt der königlichen Familie, wenn ſie zugegen iſt. Masken iſt vollkommene Strafloſigkeit geſtattet. „Aber wenn man Sie ſpäler entdeckte2“ „Ich würde natürlich jede Kenntniß der Sache ableugnen.“ Hamilton hatte keine Zeit, mit Wort oder Blick etwas zu erwiedern, denn es wurde gerade zum Abend⸗ eſſen gerufen. 8² Achtundzwanzigſtes Kapitel. Ein Ball im Muſeum. „Ich hoffe, wir werden keinen Beſuch bekommen,“ ſagte Ereſcenz am folgenden Tag, nachdem ſie ſich eine Zeit lang aufmerkſam im Spiegel, der zwiſchen den Fenſtern im Geſellſchaftszimmer hing, betrachtet hatte. „Ich hoffe, wir werden keinen Beſuch bekommen, denn dieſe Papierwickel ſtehen gewiß nicht gut. Wenn Mama es erlaubt hätte, würde ich den Tag auf meinem eige⸗ nen Zimmer zugebracht haben, um mich vor Niemand ſehen zu laſſen. Halten Sie mich heute nicht für recht häßlich?“ fügte ſie, zu Hamilton gewendet, hinzu, der wie gewöhnlich ſich nahe am Ofen befand. „Sie ſind nicht häßlich, aber die Papierwickel ſind es,“ antwortete er, über ſein Buch hin ſie anſehend. „Aber lange Locken geben uns Abends ein ſo hüb⸗ ſches Ausſehen,“ ſagte ſie, halb an ihre Schweſter ap⸗ pellirend, die mit einer verwickelten Arbeit am Fenſter ſtand. „Wie Schade, daß man nicht Locken ohne Wickel haben kann!“ „Sie ſind theuer erkauft, wenn Sie genöthigt find, den ganzen Tag auf dieſe Weiſe Ihr Haar aufgewickelt zu tragen,“ ſagte Hamilton. „Ich dachte, die Engländerinnen hätten faſt alle lange Locken.“ „So iſt es, aber ſie laſſen ſich nie im Geſellſchafts⸗ zimmer mit Papierwickeln ſehen.“ „Sie nehmen ſich jedenfalls ſehr ſchlecht aus,“ ſagte Creſcenz, indem ſie ſich noch einmal im Spiegel be⸗ ſchaute. „Ich habe große Luſt, mir das Haar wieder zu ſlechten. Die Locken würden am Ende doch ſchon beim erſten Walzer aus einander gehen. Weißt Du, Hildegarde, beim Eramen mußte ich auch immer die Locken mit dem Kamme wieder auffaſſen?“ 8 ——— — 83³ „Ja, aber ich erinnere mich, daß Dir die Locken ausnehmend gut ſtanden —“ „Hildegarde,“ flüſterte Creſcenz, näher zu ihrer Schweſter tretend, „Du weißt, Herr Hamilton kann nicht auf den Ball kommen, und wenn er die Papier⸗ wickel für ſo häßlich hält — „Ich ſollte denken, Major Stultz's Meinung wäre von größerer Bedeutung für Dich,“ antwortete Hilde⸗ garde, „und,“ ſetzte ſie vernehmlich genug hinzu, „Du weißt, wenn Herr Hamilton die Papierwickel ſo wenig leiden kann, ſo darf er uns nur den Reſt des Tags nicht anſehen.“ Hamilton ſchloß ſein Buch, ſah aus dem Fenſter nach dem dicht fallenden Schnee und verließ dann das Zimmer. Creſcenz rief ſogleich: „O, Hildegarde, Du aſt ihn beleidigt! Wie kannſt Du ſo unfreundlich ſein?“ „Iſt es unfreundlich, ihm zu ſagen, daß er uns einige Stunden nicht anſehen ſoll?“ fragte Hildegarde lachend. „Du biſt zuweilen unnöthiger Weiſe ziemlich grob gegen ihn — geſtern Abend zum Beiſpiel haſt Du ihm kaum eine Antwort gegeben, als er mit Dir ſprach.“ „Weil ich mit dem Vater beſchäftigt war. Ich hoffe, Du haſt nichts dagegen einzuwenden, wenn ich ſeine Unterhaltung der Hamilton's vorziehe!“ „Aber Du haſt nur über die Oper mit Papa ge⸗ ſprochen, der ſehr froh geweſen ſein würde, wenn Du ihn hätteſt hören laſſen, was Hamilton Lina Berger über ein Pickenick auf der Themſe erzählte. Lina ſagt, er ſei der bezauberndſte junge Mann, den ſie je geſehen habe, ſelbſt Theodor Biedermann nicht ausgenommen.“ Und Herr Hamilton wird Dir ſagen, wenn Du ihn frägſt, daß Madame Berger die bezauberndſte junge Frau iſt, die er je getroffen hat, ſelbſt Creſcenz Roſen⸗ berg nicht ausgenommen.“ „Mein Gott! ich habe vergeſſen, Dir zu ſagen, daß Major Stult ſich gänzlich geirrt hat. erklärte 8⁴ geſtern Abend Alles, ehe ſie fortging. Herr Hamilton iſt nur hingekommen, um ſie Walzer ſpielen zu hören.“ Hilde garde ſchüttelte ungläubig den Kopf⸗ „Glaubſt Du ihr nicht?“ „Nein. „Aber ich, und ich werde von Hamilton noch die ganze Wahrheit herauszubringen wiſſen.“ „Verſuche nichts der Art, Creſcenz; Du wirſt Dich damit nur lächerlich machen.“ Wir werden ſehen,“ ſagte Ereſcenz mit dem Kopf nickend, als ſie das Zimmer verließ. Bei ihrer Rückkehr in's Geſellſchaftszimmer war ihr Haar wie gewöhnlich geflochten und ſie geſtand ziemlich widerſtrebend, daß ſie Hamilton geſehen, der ihr geſagt habe, bei jungen und hübſchen Perſonen kommen ihm Flechten viel ſchöner als Locken vor! „Ich fürchte ſehr, Herr Hamilton fängt wieder an, ſich auf Deine Koſten zu beluſtigen,“ bemerkte Hilde⸗ garde etwas gereizt. „Es ſah gar nicht aus, als wollte er ſich beluſti⸗ gen; er ſprach ganz ernſt, und Papa, der zugegen war, gab ihm Recht.“ Hildegarde's Hand erhob ſich nach dem Kopfe und Finger umklammerten ungeduldig die anſtößigen ickel. „Wenn ich gewußt hätte, daß Papa dieſer Mei⸗ nung wäre, würde ich mir nie Locken gemacht haben, aber jetzt iſt es zu ſpät; Herr Hamilton würde denken, ich hätte ihm zu geſallen verſucht, und — ½ „Mein Gott, nein,“ rief Creſcenz, „er ſchien nicht im Mindeſten daran zu denken, daß ich ihm zu Gefal⸗ len mir das Haar wieder geflochten hatte. Er ſprach mit Papa über Religion und Philoſophie und einige Bekannte, Namens Hegel und Schelling.“ Hildegarde lächelte. „Wenn ſie von Hegel und Schelling ſprachen, ſo iſt anzunehmen, daß ſie auch uns und unſere Locken v — — — vergeſſen haben. Ich könnte nicht wohl daran denken, ihm zu Gefallen meine Locken aufzuopfern, und den Papa werde ich wahrſcheinlich vor Abend nicht mehr ſehen.“ Hamilton nahm ihren Rath buchſtäblicher, als ſie erade gewünſcht hatte: er blieb den Reſt des Tags auf ſn Zimmer und vermied alſo, ſie wieder zu ſehen. Sie fühlte, daß einige in einem Augenblick der Aufre⸗ gung geſprochene Worte ſie jeder Möglichkeit beraubt hatten, ihn auf ein paar Minuten allein zu ſprechen und ihn damit zu bewegen, daß er ihrent Couſin aus⸗ weiche und die nächſte Woche zu den Zedwitz gehe. Aber ſie tröſtete ſich mit dem Gedanken, daß ſie wenigſtens heute Abend nicht wahrſcheinlich zuſammentreffen wür⸗ den, da Rahmund zu dem Hofball nicht eingeladen war und ſeine Braut in das Muſeum begleiten ſollte. Sobald es dunkel war, verſchwanden die Schweſtern. Madame Roſenberg ließ ſie vergeblich zum Abendeſſen rufen; ſie wären nicht hungrig; ſie könnten nicht eſſen. „Ganz natürlich!“ bemerkte ihr Vater, indem er ſich mit Salami und kaltem Truthahn verſah. „Ganz natürlich! Wer hat je davon gehört, daß ein Mädchen aß, ehe es auf ſeinen erſten Ball ging? Sie werden aber wahrſcheinlich bald angekleidet ſein und ſo denke ich, Babette, könnteſt Du jetzt auch Dein braunſeidenes Kleid anlegen und den Roſaturban aufſetzen, es würde Schade ſein, wenn ſie einen Tanz verlören! Herr Ha⸗ milton hat ſich erboten, uns auf ſeinem Weg zum Schloß am Muſeum abzuſetzen.“ Madame Roſenberg ſchenkte ſich ein Glas Bier ein, trank es ſchnell aus und verließ das Zimmer. Einige Minuten, nachher traten Hildegarde und ihre Schweſter ein, im vollen Reiz der Jugend und des weißen Muſſelins. „Iſt ſie nicht ſchön?“ rief Creſcenz, indem ſie in der Bewunderung ihrer Schweſter einen Augenblick ſich ſelbſt vergaß. „Iſt ſie nicht ſchön? Ah, ich wußte, daß Sie die Locken bewundern würden,“ ſetzte ſie als eine * 86 Art Antwort auf Hamilton's Blick aufrichtigſter Be⸗ wunderung hinzu. „Locken ſind am Ende doch ſchöner als Flechten?“ Sie ſtrich bei dieſen Worten über ihre glatten, glänzenden Haare hin und ſchaute mit einer Miene des Bedauerns in den Spiegel. Hildegarde wandte ſich von Hamilton mit halb⸗ bewußtem Erröthen ab. Nie hatte er ein ſo lie⸗ benswürdiges Weſen geſehen, oder ſich vorgeſtellt, wie ſie ihm in dieſem Augenblick erſchien. Die langen wal⸗ lenden Locken ihres reichen braunen Haares milderten den etwas ſtrengen Ausdruck ihrer faſt zu regelmäßigen Geſichtszüge, während ihre ſchöne Geſtalt, in dem leich⸗ ten Ballkleid ſich auf's Vortheilhafteſte darſtellend, gleich⸗ mäßig durch Rundung wie Zartheit anzog. Wäre ſie Hamilton dieſen Abend zum erſten Mal zu Geſicht ge⸗ kommen, er würde gefeſſelt worden ſein. Wenn man ſich jedoch erinnert, daß ſie ſeit Monaten der Gegen⸗ ſtand ſeiner erſten Liebe warz daß er in demſelben Hauſe mit ihr gewohnt und Gelegenheit gehabt hatte, ſie ken⸗ nen zu lernen und nach ihrer keineswegs alltäglichen Geiſtesrichtung zu beurtheilen, da ſie gemeinſchaftliche Studien trieben, und daß er in einem Lebensalter war, wo die Gefühle am heftigſten ſind, ſo kann man ſich eine Idee von der Bewegung machen, die ihn einige Minuten außer Stand ſetzte, ein Wort hervorzubringen. Hildegarde war ſo vollkommen ſelbſtſtändig im Den⸗ fen und Thun; ſie bedurfte ſo wenig jenes Schutzes, den ihr Geſchlecht gewöhnlich ſucht, daß, wäre ſie nicht ausnehmend ſchön geweſen, ſie wahrſcheinlich mehr Men⸗ ſchen geneigt gefunden haben würde, ihren Charakter u bewundern, als ihre Perſon zu lieben. Männer insbeſondere wenden ihre Neigung nicht oft ſolchen Frauen zu; aber wenn ſie es thun, geſchieht es mit einem Grad von Leidenſchaft, die ſie ſelten oder nie für ein ſanfteres oder ſchwächeres Weſen ihres Ge⸗ ſchlechts empfinden. Und ſo liebten — unwiderſtehlich pon ihrer Schönheit angezogen und vielleicht hoffend⸗ — — 87 ein Gefühl zu finden, das ihrem Geiſt an Stärke gleich war — ſie drei Männer mit charakteriſtiſcher Gluth; ihr Couſin mit einer an Wahnſinn gränzenden Heftig⸗ keit; Zedwitz mit der warmen Feſtigkeit ſeiner Denkart und Jahre; und Hamilton mit allem Feuer der erſten Jugend. „Ich glaubte, Hildegarde würde eines meiner Arm⸗ bänder dieſen Abend tragen,“ ſagte Creſeenz, „ich habe ihr die Wahl dgrunter gelaſſen. „Das war ſhr freundlich von Dir, Creſcenz,“ ſagte ihr Vater, „aber Hildegarde kümmert ſich nicht um der⸗ gleichen Schmuck.“ „Aber ſieh nur das häßliche, kleine Haarbracelet, das ſie durchaus tragen will,“ ſagte Creſcenz lachend. „Wenn ſie eigene Bracelets hätte, würde ſie dieſelben gewiß tragen. Jedermann müſſen Armbänder gefallen.“ Roſenberg nahm Hildegarde's Hand und erhob ihren widerſtandloſen Arm zu ſeinen Augen, um das Bralelet zu beſehen. „Es iſt weder häßlich, noch ſchlecht gewählt,“ be⸗ merkte er lächelnd; „ein ſchwarzes Bracelet macht einen Arm nur noch ſchöner, aber ich geſtehe, es wäre mir nicht eingefallen, daß mein Schätzchen ſolche Dinge aus⸗ udire.“ Hildegarde löste mit ärgerlicher Miene haſtig das Armband ab und warf es in ihren Arbeitskorb. „Sei nicht böſe, Hildegarde! Jede Frau ſollte ſich beſtreben, ihr Aeußeres ſo viel wie möglich herauszu⸗ heben. Dein Arm iſt rund und weiß und das Armband hübſch; es ſollte vielleicht ein wenig breiter ſein, aber das Roßhaar war, wie es ſcheint, nicht überflüſſig vor⸗ handen. Du kannſt es jedoch ſehr wohl tragen; in einiger Entfernung wird man glauben, es ſei Haar von einem ſehr theuern Freunde!“ Madame Roſenberg erſchien dieſen Augenblick in einem Zuſtand komiſcher Verlegenheit; ſie hatte ihre großen Hände in ein paar kleine, franzöſiſche Handſchuhe zu zwängen verſucht. Der eine war vermöge ſeiner Elaſticität etwas über die Hälfte der Hand hereingezo⸗ gen worden und ließ die andere Hälfte und das Hand⸗ gelenke ganz blos; aber der andere war quer über die ſtache Hand geplatzt und ſie hielt ihn jetzt ihrem Mann mit einem Blick ſcheinbarer Verzweiflung hin. Hamilton hatte inzwiſchen mit dem abgelegten Arm⸗ band geſpielt — Hildegarde verſuchte, es ihm aus der Hand zu nehmen, aber er hielt es näher gegen das Licht und bemerkte mit leiſer Stimme: „Das iſt kein Roßhaar. Es kann nicht von Ihrem Vater oder Ih⸗ rer Schweſter ſein, denn dieſe haben braunes Haar; noch von Ihrem Couſin, noch —“ „Geben Sie mir mein Armband,“ ſagte Hilde⸗ garde ungeduldig. Er hielt es ihr mit beiden Händen und einem Blick angenommener Beſtürzung hin. Sie lächelte halb und ſtreckte den Arm aus, während er mit einem Zittern, das er vergeblich zu überwältigen ſuchte, die Zunge in den Schlangenkopf ſteckte, welcher das Schloß bildete. Als er aufſah, war ihr Kopf abge⸗ wendet und ſie ſcherzte gerade mit ihrem Vater über die Ausſicht, Tänzer zu bekommen oder ſitzen zu bleiben. „Bitte, behalten Sie mir einen Walzer oder Ga⸗ lopp vor,“ ſagte Hamilton. „Ich werde zwiſchen zehn und eilf Uhr in dem Muſeum ſein.“ Hildegarde murmelte eine Art Einwilligung, aber der Ausdruck ihres Geſichts zeugte durchaus nicht von Zufriedenheit. Sie wurde ernſt und nachdenklich. Es war unmerklich, dieſe Veränderung nicht zu bemerken, und mit übel verhehltem Aerger wandte ſich Hamilton zu ihrem Vater, „Ihre Tochter weiß vielleicht nicht, daß ich wäh⸗ rend meines hieſigen Aufenthaltes walzen gelernt habe. Ich bin kein ſchlechter Tänzer mehr.“ „O Himmel! ich habe immer gedacht, daß Sie vortrefflich tanzen,“ ſagte Creſeenz. 89 „Ich kann alſo darauf rechnen, daß Sie mir einen Walzer aufheben, wenn Major Stultz es erlaubt?“ „O ja, das heißt,“ verbeſſerte ſich Creſcenz, „wenn Sie des mit mir in Lina Bergers Gegenwart geſchloſ⸗ ſenen Arrangements gedenken wollen.“ „Madame Berger hat durchaus keinen Einfluß auf mein Gedächtniß.“ „Nein, aber auf Ihr Herz.“ „Ebenſo wenig. Sie iſt ſehr hübſch, ſehr unter⸗ haltend, ſehr ſchmeichleriſch, Alles, was Sie wollen, nur nicht liebenswürdig.“ „Ei,“ wenn ſie das nur von Ihnen hörte,“ be⸗ gann Creſeenz. „Der Wagen ſteht ſchon lang vor der Thür,“ rief Madame Roſenberg, indem ſie ſich ein großes Tuch über die Ohren und den Roſaturban band. „Wir wollen aufbrechen.“ füſ Creſtenz berührte ihre Schweſter an der Hand und üſterte: „Siehſt Du, Liebe, daß ich Recht hatte?“ Hildegarde ſenkte den Kopf, ſprach aber nicht. Hamilton hörte, ſah, verſtand aber nur theilweiſe. War Hildegarde eiferſüchtig geweſen? Der Hofball war nicht im Mindeſten weniger glän⸗ zend, als einer der vorangehenden; aber Hamilton war nicht in der Stimmung, um die Säle, oder Fresco⸗ malereien, oder Candelaber, oder ſelbſt ſeine eigene Geſtalt in dem langen Spiegel, der ſo geſchickt an der Thüre von einem der Empfangszimmer angebracht war, zu bewundern. Geſtalten in blau⸗ und roſafarbenem Krepp gingen hin und her, er bemerkte ſie kaum, ſo völlig hatte eine andere Geſtalt in Weiß, mit einem Roſenkranz im Haar, von ſeiner Einbildungskraft Be⸗ ſitz genommen. Seine Zerſtreuung erregte ſelbſt die Aufmerkſamkeit der königlichen Familie, und mit tie⸗ fem Erröthen ſtammelte Hamilton eine Entſchuldigung, als er gefragt wurde, warum er nicht wie gewöhnlich tanze. Um zehn Uhr entfernte er ſich, ſprang die Trep⸗ pen hinab, die ihm vor ein paar Stunden ſo mühſam zum Erſteigen vorgekommen waren, fand ſeinen Wagen warten und fuhr nach dem Muſeum. Der Contraſt war groß, aber er beachtete ihn nicht; Hildegarde war für ihn Alles. Er ſchaute ſchnell im Saal herum, und entdeckte ſogleich den Gegenſtand ſei⸗ nes Forſchens, wie er ruhig mit einem langen Garde⸗ offizier auf die Tanzenden zuging. Schon war er im Begriff, den Saal in einem Anfall unwiderſtehlicher Gereiztheit zu verlaſſen, als ihm noch einfiel, daß er mit Creſcenz engagirt war. Im Augenblick, da ſie ihn erblickte, ſagte ſie eifrig ein paar Worte zu Major Stultz, lächelte und ging dann einen oder zwei Schritte auf ihn zu. „Ich wußte, daß Sie kommen würden,“ ſagte ſie mit ſichtlichem Vergnügen, und zeigte ihm ihr Ball⸗ büchlein: „Sehen Sie, Ihnen waren zwei Tänze auf⸗ geſchrieben, damit ich um ſo ſicherer nicht engagirt ſein konnte.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Hamilton, „Sie ſind ſehr freundlich. Ich kann nur eine Stunde bleiben, und da Ihre Schweſter ihr Engagement mit mir ver⸗ geſſen zu haben ſcheint, ſo werden Sie mir vielleicht auch den zweiten Walzer ſchenken?“ „O, ich wage es nicht; Major Stultz wird es nie zugeben. Es wäre mir gewiß ſehr lieb, wenn er nach Hauſe ginge, er iſt ſchon ſo ſchläfrig. Aber,“ fügte ſie nach einer Pauſe hinzu, „ich bin überzeugt, daß Hildegarde mit Ihnen tanzen wird.“ Im Laufe der Tour kamen Hildegarde und ihr Tänzer hart neben ſie zu ſtehen. Hamilton ſtellte ſich zuerſt, als ob er ſie nicht bemerkte, aber Ereſeenz re⸗ dete natürlich ihre Schweſter ſogleich an. „Herr Hamilton bildet ſich ein, Du wolleſt nicht — 91 mit ihm tanzen, aber ich weiß gewiß, er iſt im Irr⸗ thum; er ſagt, er könne nicht länger als eine Stunde bleiben, ſo mußt Du ihm den nächſten Walzer oder Galopp, was es ſein mag, verſprechen.“ „Wenn er es wirklich wünſcht,“ ſagte Hildegarde, aber er ſieht heute ſo gar ernſthaft engliſch aus, daß, wenn ich ihm vorſchlüge, mit mir zu tanzen, er ſicher Nein ſagen würde.“ „Verſuchen Sie es einmal,“ ſagte Hamilton, „oder beſſer, ſchreiben Sie meinen Namen in Ihr Büchlein, damit ich weiß, daß Sie im Ernſt ſprechen.“ „Sie müſſen ſich auf mein Gedächtniß verlaſſen, denn ich habe weder Ballbüchlein noch Täfelchen. „Ich habe Niemand,“ fügte ſie mit einem ſcherzhaften Blick auf ihre Schweſter hinzu, „ich habe Niemand, der mich mit Ballbüchlein oder Bouguets verſorgt,“ und ſie beugte ſich über die Hand ihrer Schweſter, die kaum die Geranien, Heliotropen und chineſiſchen Roſen, die ſie darin hielt, umſpannen konnte. Einen Augenblick nachher hatte ſie ſich wieder in die Reihen der Tänzer gemiſcht, und Hamilton ſtand gedankenvoll neben ſeiner Geſellſchafterin. „Bewundern Sie nicht mein Bouquet?“ fragte ſie, indem ſie es ihm coquett hinhielt. „Ausnehmend; für dieſe Jahrszeit iſt es ſchön.“ „Major Stultz wartete an der Thüre, um es mir zu geben. Es war eine Aufmerkſamkeit, die ich von ihm nicht erwartete.“ „Warum nicht?“ fragte Hamilton zerſtreut. „O, weil er ſo viele Jahre Soldat und unter den Waffen und in Rußland und ſo weiter geweſen iſt. Ich glaubte, daß es nur junge — nur — nur Perſonen, mit denen man tanzt, wären, die Bouquets geben.“ „Sehr wahr,“ ſagte Hamilton lachend,“ und es iſt ſchmachvoll nachläſſig von jungen — Perſonen, daß ſie zuweilen ſo Etwas vergeſſen.“ 9² „Ich verſichere Sie,“ ſtammelte Creſcenz, „ich habe nicht gemeint — nicht gedacht —“ „Ich weiß das wohl,“ ſagte Hamilton. „Er weiß, daß Du nie denkſt, meine Liebe,“ ſagte Madame Berger, welche die letzten Worte gehört hatte, als ſie hinter ihnen Platz nahm. 8 „Sie denkt oder ſagt nie etwas Unfreundliches,“ antwortete Hamilton mit Wärme. WMadame Berger ſchaute ihn ſchnippiſch an und. wandte ſich dann zu ihrem Tänzer, einem luſtigen Stu⸗ denten, um einigen Unſinn über ihre langen blonden Locken anzuhören. „Lina iſt ärgerlich, daß Sie dieſelbe nicht um einen Tanz gebeten haben,“ ſagte Creſcenz, als ſie ſich wie⸗ der zu ihrer Mutter geſellte. Wie wäre es, wenn Sie den nächſten Walzer mit ihr tanzten. Ich weiß, Hilde⸗ urde würde ſich dadurch nicht im Mindeſten gekränkt ühlen. Hamilton ſchüttelte den Kopf. „„Ich fürchte nicht ſo ſehr, wie Sie, dieſelbe zu Uebrigens können Sie auch im Irrthum ein. „Nein,“ ſagte Creſcenz, „ich habe gewiß Recht, denn ich erinnere mich, daß ſie ſagte, ſie wolle Ihnen einen Walzer aufheben, und Sie ſagten, es wäre Ihnen unmöglich, zu kommen. O, ich erinnere mich daran, denn es betrübte mich ſo, als Sie das ſagten, daß ich für Alles gleichgültig war, den Ball, mein neues Kleid und —“ Hamilton drückte unwillkürlich Creſeenz die Hand; ihr plötzliches Erröthen enthielt aber zugleich einen un⸗ mittelbaren Vorwurf wegen ſeiner Unvorſichtigkeit und er wandte ſich an Madame Roſenberg mit der Frage, wie ſie ſich in ihrer Rolle als Anſtandsdame gefalle? „Viel beſſer, als ich erwartet habe,“ antwortete ſie lachend und fügte dann mit gedämpfter Stimme hinzu, „unſere Mädchen ſind wirklich ſehr hübſch; Sie — — — 93 haben keine Idee, wie artig alle Männer ihretwegen gegen mich ſind. Franz feiert heute eine Art Triumph, aber der Major iſt nicht recht zufrieden; er ſagt, die jungen Offiziere haben Unfinn an Creſcenz hingeſchwa tzt, denn ſie ſei alle Augenblicke erröthet. Run, ich habe ihm hundertmal geſagt, es komme von der Hitze im Saal und der Anſtrengung des Tanzens her. Es wäre beſſer, er ginge in's Geſellſchaftszimmer hinunter und rauchte ſeine Pfeife; er kann nicht erwarten, daß das Kind den ganzen Abend neben ihn hinſitzt, wie zu Hauſe. Sie hat ihre Pflicht, wie ſich's gebührt, erfülit, ſchon zweimal mit ihm getanzt, und mehr kann er nicht erwarten. Er hat auch gar keinen Takt, der Major. Denken Sie nur, daß er verlangt, eben hier, wo ſie an Alles in der Welt, nur nicht an ihre Heirath denkt, den Hochzeittag feſtzuſetzen. Ich habe nie etwas ſo Un⸗ verſtändiges gehört.“ Die arme Creſcenz war zu einem Platz zwiſchen ihrer Mutter und dem Major Stultz verurtheilt wor⸗ den. Hildegarde hatte ſich vollſtändig emancipirt; ſie hing an ihres ſtolzen Vaters Arm, ging in den Zim⸗ mern auf und ab und plauderte ohne Rückhalt. Ha⸗ milton mußte ſie aufſuchen, als die Muſik wieder an⸗ fing; ſie verließ ſogleich ihren Vater und ſchritt nach dem Tanzſaale, hatte aber kaum denſelben betreten, als Graf Rahmund ſich ihr näherte und ausrief: „Wohin gehſt Du, Hildegarde? Vergiß nicht, daß dieſer Galopp mir gehört.“ „Nein, Oskar, es war der zweite, den ich Dir ver⸗ ſprach.“ „Das kann nicht ſein, Hildegarde, denn dafür bin ich — mit Marie engagirt. Ich glaube — ich weiß ganz gewiß — Du haſt mir dieſen verſprochen.“ „Und ich weiß ganz gewiß, daß Du Dich irrſt. Ganz gewiß!“ begann Hildegarde mit ihrer gewöhn⸗ lichen Entſchiedenheit; aber der zornige Ausdruck in ihres Couſins Miene machte ſie bedenklich. „Vielleicht aber,“ fügte ſie von Einem zum Andern blickend, hin⸗ zu, „vielleicht wird es Herr Hamilton, da er ein Eng⸗ länder iſt und ſich um das Tanzen nicht viel kümmert, wohl zufrieden ſein, wenn er von dem, was er wahr⸗ ſcheinlich als einen Pflichttanz betrachtet, erlöst wird.“ „Keineswegs,“ ſagte Hamilton, die Hand feſthal⸗ tend, die ſie ihm zu entziehen verſuchte, „es iſt mir nicht ſo gleichgültig, als Sie ſich einzubilden ſcheinen. Sie haben verſprochen, mit mir zu tanzen, und ich bin nicht geneigt, Sie Ihrer Verpflichtung zu entbinden.“ „und ich ebenſo wenig,“ ſagte Graf Raymund, während ihm das Blut in den Kopf ſtieg und ſelbſt unter den Wurzeln ſeines blonden Haares ſichtbar wurde. „Sie denken vielleicht, ich werde mich darüber ge⸗ ſchmeichelt fühlen,“ ſagte Hildegarde geringſchätzig, — dem iſt aber keineswegs ſo — im Gegentheil, ich halte Sie beide, ich wollte ſagen — Oskar für höchſt unan⸗ genehm. Ich werde mit keinem von Ihnen tanzen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich auf eine Bank ſetzte und mit dem Fuß unmuthig auf den Boden zu treten be⸗ gann. Die zwei jungen Männer nahmen zu beiden Seiten von ihr Platz. „Ich hoffe,“ ſagte ſie, zu Graf Raymund gewen⸗ det, „ich hoffe, Du biſt jetzt zufriedengeſtellt, daß Du mich des Vergnügens, einen Galopp zu tanzen, auf den ich ſeit einer halben Stunde gewartet habe, beraubt a „Meine Zufriedenheit hängt ganz davon ab, wer die Perſon iſt, mit der Du Dir zum Voraus ſo viel Vergnügen beim Tanze verſprochen haſt.“ „Du weißt ganz wohl, daß ich nicht mit Dir en⸗ gagirt war und nicht an Dich gedacht habe.“ Graf Raymund ſpielte mit dem Griff ſeines De⸗ gens, den er neben ſich auf die Bank gelegt hatte. „Oskar,“ fuhr Hildegarde nach einer Pauſe mit leiſer Stimme fort, „ſei nicht ſo ungerecht, ſo tyran⸗ niſch, mich meines Galopps zu berauben. Wähle eine ———,———— —— 95 andere Tänzerin. Sieh, hier iſt Marie noch frei — gehe ſchnell hin, ehe ein Anderer kommt —“ „Ich danke Dir,“ ſagte Raymund ſie unterbre⸗ chend, „Du biſt ſehr gütig, aber ich habe ſchlechter⸗ dings keine Neigung dazu. Marie mag ſehr gut für die Haushaltung ſein, aber ich muß geſtehen, ich denke mit Freuden daran, daß unſere Verheirathung mich von dieſen Ballverpflichtungen gegen eine Perſon dis⸗ penſiren wird, die ich kaum zu ertragen gelernt habe. Ich glaube ſie in der That zu verabſcheuen, ſo ſehr iſt ſie mir aufgezwungen worden!“ „Oskar, Oskar, nimm Dich in Acht. Sprich nicht ſo laut! Was würden die Leute von Dir denken, wenn man Dich hörte. Es könnte Jemand Maria davon ſagen und ſie ihr uneigennütziges Benehmen gegen Dich bereuen laſſen — ſie verdient nicht, unglücklich gemacht zu werden, beſonders von Dir!“ „Was haben Sie geſagt, mein Herr?“ rief Ray⸗ mund in zornigem Ton über Hildegarde hinweg Ha⸗ milton zu. „Ich habe nicht Zeit gehabt, etwas zu ſagen,“ erwiederte dieſer lächelnd. „Aber Sie ſahen aus, als ob Sie meiner Cou⸗ ſine beiſtimmten?“ „Meine Blicke ſind, ſcheint es, ausdrucksvoll,“ antwortete Hamilton kaltblütig. „Vielleicht gedenken Sie meine Braut von dem, was ich eben geſagt habe, zu benachrichtigen,“ rief Ray⸗ mund noch zorniger. „Meine Bekanntſchaft mit ihr iſt noch von zu neuem Datum, um mir das zu geſtatten.“ „Wollen Sie mich abſichtlich beleidigen?“ fragte Raymund im Tone unterdrückten Grimms. „Nein, Oskar,“ rief Hildegarde, indem ſie haſtig die Hand auf ſeinen Arm legte. „Du biſt es, der mit Herrn Hamilton Streit anzufangen ſucht. Du fühlſt, daß Du im Unrecht biſt und Dir an einem öffentlichen 96 Ort keine ſolche Bemerkungen hätteſt über eine Perſon erlauben ſollen, welche Du in weniger als einer Woche heirathen willſt.“ „Du kannſt ſagen, was Dir beliebt, Hildegarde, aber weder Herr Hamilton noch irgend Jemand ſoll es wagen, mit Wort oder Blick zu verſtehen zu geben —“ Hamilton wandte ſich mit einem Lächeln unzwei⸗ deutiger Verachtung ab. „Was meinen Sie damit, Herr?“ rief Raymund aufſpringend und ihm mit gekreuzten Armen in's Ge⸗ ſicht ſehend. „Ich meine, daß dieß nicht der Ort iſt für ſolche Worte — noch weniger für ſolche Geberden,“ erwie⸗ derte Hamilton, indem er ſich umſah. Der laute Schall der Muſik hatte jedoch verhin⸗ dert, ſie zu hören. „Oskar,“ rief Hildegarde heftig, „ſetze Dich neben mich. Höre mich — Du mußt mich hören. Du haſt ganz und gar Unrecht, — Du biſt grob und verletzend und ſollteſt Dich vor Dir ſelbſt ſchämen. Stelle Herrn Hamiltons Geduld nicht länger auf die Probe!“ „Ich habe nicht die Abſicht, es zu thun,“ ſagte Rahmund, ſich in die Lippen beißend und mit furcht⸗ bar gerunzelter Stirne. Hildegarde blickte ängſtlich zuerſt ihren Couſin und dann Hamilton an, zu dem ſie leiſe ſagte: „Ich weiß nicht, was mehr zu fürchten iſt, Ihre Kaltblütigkeit — oder Oskars unbezähmbares Tempe⸗ rament. Aber das habe ich mir vorgenommen, daß keiner dieſen Platz verlaſſen ſoll, ehe eine Ausſöhnung erfolgt iſt. Du, Oskar, biſt verpflichtet, Dich wegen Deiner unbegründeten Grobheit zu entſchuldigen und —“ „Ha, ha!“ lachte Rayhmund. „Du biſt eine vor⸗ treffliche Vermittlerin, meine charmante Coufine, aber glaube mir, daß es beſſer iſt, jede Erklärung zu ver⸗ meiden. — Sieh, wir haben die ganze Affaire bereits vergeſſen.“ 1 Hildegarde ſchaute beſorgt auf Hamilton; er ſchien angelegentlich die Tänzer, die an ihm vorüberflogen, zu betrachten. „Du bemühſt Dich vergeblich, mich zu täuſchen,“ begann ſie, ſich wieder zu Raymund wendend, aber er unterbrach ſie ſogleich mit den Worten: „Bitte, kommt dieſe unnöthige Aengſtlichkeit auf meine Rechnung, oder — auf ſeine 2“ „Meine Aengſtlichkeit iſt getheilt. Gewiß,“ fuhr ſie in beinahe flüſterndem Tone fort, „Du wirſt nicht ſo thöricht ſein, auf dieſe unvernünftige Weiſe Streit anzufangen? Was würden Marie und ihre Mutter den⸗ ken, wenn ſie davon hörten? Was für ein Recht hat⸗ teſt Du, von Herrn Hamilton Rechenſchaft über ſeine Blicke zu verlangen? Du ſuchſt Streit, aber glaubſt Du, durch ſolches Benehmen meine Achtung gegen Dich etwa vergrößern zu können? O Sskar! haſt Du ver⸗ geſſen, was Du von einem doppelten Verbrechen ge⸗ ſagt haſt? Die Muſik ſpielte laut und Hildegarde neigte ſich zu ihrem Couſin hin und führ fort, einige Zeit mit ihm zu ſprechen. Raymund's Miene klärte ſich allmälig auf, er erhob mit einem Ausdruck unverhehlter Be⸗ wunderung und Liebe die Augen zu ihr und flüſterte dann eine Antwort, bei der ſie ſich erröthend abwendete. „Du weißt, Dein Einfluß auf mich iſt unbegrenzt. Auf dieſe Bedingung will ich thun oder ſagen, was Dir beliebt,“ fügte er mit einem Verſuch, von ihr einen Blick zu erhaſchen, hinzu. „Es iſt unedel von Dir, meine Beſorgniß Dir zu Nutze zu machen,“ ſagte Hildegarde aufſtehend. Hamilton fragte, ob ſie zu ihrem Pater zurück⸗ zukehren wünſche; ſie ſchien ihn kaum zu hören und war anſcheinend einige Augenblicke ganz in Gedanken verloren. Wiederum prüfte ſie die Mienen ihrer beiden Begleiter, wurde von Neuem ängſtlich und ſagte end⸗ lich mit einiger Verlegenheit zu Raymund: Die Anfangsbuchſtaben. LI. 7 98 „Es iſt nach Allem nicht einmal der Mühe werth, ſo viel Worte darüber zu machen — ich nehme die Be⸗ dingung an — erfülle Dein Verſprechen! —“ „Zeit und Ort darf ich wählen?“ fragte Raymund laut und eifrig. „Mach keine weiteren Bedingungen,“ rief Hilde⸗ garde ungeduldig, „ſondern erfülle Dein Verſprechen auf einmal!“ ſ 2 muß ausgemacht ſein,“ ſagte Raymund, „lon . Hamilton fühlte, daß er zornig wurde; er drehte ſich alſo um, ſie zu verlaſſen, als Graf Rahmund ihn zurückrief. „Herr Hamilton, auf einen Augenblick, wenn es Ihnen gefällig iſt. Hildegarde hat mich überzeugt, daß ich eben ganz und gar Unrecht hatte. Wenn ich Sie beleidigt habe, ſo thut es mir leid. Ich hoffe, Sie wer⸗ den nicht erwarten, daß ich noch mehr ſage.“ „Ich habe nicht ſo viel von Ihnen erwartet,“ ſagte Hamilton kalt. Eine plötzliche Röthe verbreitete ſich wieder über ſein Geſicht, ein innerer Kampf ſchien wieder ſtattzu⸗ aber nach einem Blick auf Hildegarde ſagte er ruhig: „Hätte ich nicht gefühlt, daß ich der angreifende Theil geweſen, ſo würde ſelbſt die angebotene Beſtechung mich nicht zu einer Entſchuldigung vermocht haben.“ „Eine angebotene Beſtechung!“ rief Hildegarde, bei⸗ nahe entrüſtet. „Nein, nicht angeboten — eine bewilligte Gunſt, wenn Dir das lieber iſt — laß uns nicht über dieſe Worte ſtreiten. Herr Hamilton, meine Coufine iſt frei und kann tanzen, wenn ſie will.“ „Ich ſtelle mir vor, ſie hätte das auch vorher thun können, wenn es in ihrem Belieben geſtanden wäre,“ ſagte Hamilton hochmüthig. Raymund ging hinweg, als ob er es nicht gehört 99 hätte, und ſchnallte mit einer Miene vollkommener Be⸗ friedigung ſeinen Säbel um. Hamilton ſtand neben Hildegarde, wie in Mar⸗ mor verwandelt; die myſteriöſen Worte, die er eben ge⸗ hört hatte, ſchienen ihn völlig verſteinert zu haben. Hildegarde rührte ſich gleichfalls einen Augenblick nicht und wandte ſich dann ab, wie um ihn zu verlaſſen. „Wünſchen Sie nicht zu tanzen?“ fragte Hamil⸗ ton mit gezwungener Stimme. „Nein — ich will ſagen, ja — ja natürlich,“ er⸗ wiederte ſie, mechaniſch auf die Tänzer zuſchreitend. Hamilton's Gefühle wären in dieſem Augenblick ſchwer zu beſchreiben geweſen. Als er ſeinen Arm um ihre ſchlanke Geſtalt legte, war vielleicht ein gründlicher Haß für den Augenblick vorherrſchend — er war in einem ſolchen Zuſtande zorniger Aufregung, daß er rund im Saal herumgetanzt hatte, ehe er nur bemerkte, daß er Hildegarde, die ihn anzuhalten bat, geradezu trug. „Holen Sie mir ein Glas Waſſer,“ ſagte ſie, mit unſicherem Schritt auf das Erfriſchungszimmer zugehend und auf einen Stuhl hinter der Thüre niederſinkend. Sie war todtenbleich geworden und litt offenbar ſehr, ſchien aber entſchloſſen, die ungewöhnliche Schwäche, die ſie zu überwältigen drohte, niederzukämpfen. Als Hamilton wieder neben ihr ſtand, war ſein Zorn vergangen; er beugte ſich zu ihr nieder und flü⸗ ſterte: „Wenn Sie ein übereiltes Verſprechen, das Sie vielleicht Ihrem Couſin gegeben haben, bereuen, werde ich mich glücklich ſchätzen, der Ueberbringer jeder Botſchaft oder Erklärung zu ſein.“ „Bereuen!“ murmelte Hildegarde, „nein; ich habe verſprochen und bereue nicht: aber Sie — Sie dürfen dieſen Abend nicht mehr mit Oskar ſprechen; er hat ſich wegen ſeines unartigen Betragens entſchuldigt, und ich weiß, Sie ſind zu großmüthig, um noch einmal auf den Gegenſtand zurückzukommen.“ 5 100 „Aber er hat von einer Beſtechung — einer Gunſt⸗ bezeugung geſprochen,“ begann Hamilton. „Das iſt meine Sache und nicht die Ihrige,“ er⸗ wiederte Hildegarde, aufſtehend, als die Tänzer in das Zimmer hereinſtrömten. „Und nun bringen Sie mich zu meinem PVater. Allem nach,“ fügte ſie mit erzwungenem Lächeln hinzu, „ſcheint mir, ich habe ein gutes Stück aufrichtiger Be⸗ ſorgniß an ein paar ſehr nichtsnutzige junge Männer verſchwendet!“ So iſt es alſo nicht Reue wegen der verſprochenen Gunſt, ſondern Angſt um uns geweſen, was Ihnen bei⸗ nahe eine Ohnmacht zugezogen hat?“ „So iſt's — meine Beſorgniſſe haben vielleicht die Gefahr vergrößert — aber Gefahr war vorhanden, mehr als Sie wußten. Weichen Sie meinem Couſin aus,“ fügte ſie eindringlich hinzu, „er iſt jetzt völlig rückſichtslos, aber ich hoffe, daß ihm noch beſſere Zeiten vorbehal⸗ ten ſind.“ Obwohl noch furchtbar bleich, ſchritt ſie doch feſt nach dem Ende des Saales, wo ihr Vater und ihre Mutter ſtanden. Raymund ſah Hamilton einige Minuten hernach das Zimmer eiligen Schritts und mit verſtörter Miene verlaſſen. Er ſchaute ihm nach und bemerkte mit ſar⸗ kaſtiſchem Lächeln gegen einen Bekannten, der in ſeiner Nähe ſtand: „Dem Engländer habe ich das Soupé verdorben. Die Gänſeleberpaſtete und der Champagner unter den Drangebäumen am Hofe werden ihm heute Nacht ſchwer⸗ lich ſchmecken. 101 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ein Tag der Freiheit. Einige Tage gingen in merkwürdiger Ruhe vor⸗ über. Creſcenz s Heirath ſollte in vierzehn Tagen ſtatt⸗ finden und ſie und Hildegarde hatten verſprochen, bei Marie von Hoffmann zu Anfang kommender Woche Braut jungfern zu werden. Hildegarde bemühte ſich nicht wei⸗ ter, Hamilton wegen ihres Couſins zu warnen — viel⸗ leicht ſchien ihr dieß nicht mehr nöthig, da die jungen Männer offen ihre gegenſeitige Antipathie an den Tag legten und ſelbſt die förmlichſte Berührung vermieden. Eines ſchönen Nachmittags, als Hamilton eben in ſeinem Schlitten ausfahren wollte, bemerkte er, daß Creſcenz geheimnißvoll um ihn herumtrippelte. Major Stultz, der im Zimmer war, ſchien ſie in Verlegenheit zu ſetzen, aber endlich flüſterie ſie franzöſiſch: „Ich habe Ihnen etwas zu ſagen.“ „Das habe ich ſeit einer halben Stunde bemerkt und bin deßwegen dageblieben, um es zu erfahren,“ ſagte Hamilton. „Du vergiſſeſt ſtets, daß Herr Hamilton auch recht gut Deutſch ſpricht, Creſecenz,“ bemerkte Major Stultz. „Ich ſetze voraus, daß Du kein Geheimniß vor mir haſt!“ „Mein Gott, nein,“ ſagte Creſcenz mit leichtem Lachen. „ch ſpreche immer franzöſiſch, wenn ich an nichts Beſonderes zu denken habe. Du weißt, ich habe Jahre lang in keiner andern Sprache geredet.“ Und während dieſer Worte warf ſie nachläſſig ihr Arbeitskörbchen um, deſſen Inhalt nach allen Seiten über die gewichsten Dielen hinrollte. „Himmel! wie ungeſchickt ich bin!“ rief ſie halb lachend, während Major Stultz mit ſichtlicher Anſtren⸗ gung die zerſtreuten Artikel aufzuleſen begann. „Meine Scharlachwolle iſt hinter dem Sopha; Herr Hamilton, wollen Sie ſo gut ſein —“ 102 Hamilton rückte den Sopha. Da fand ſich zwar keine Scharlachwolle, aber ein Stückchen Papier fiel aus Creſtenz's Hand; er verſicherte ſich ſogleich deſſel⸗ ben, und ihre Augen ſtrahlten vor Freude. „Danke, danke, ich glaube es fehlt mir Nichts mehr. Ei, beiläufig, Herr Hamilton, wenn Sie Zeit haben, möchte ich, daß Sie Lina Berger beſuchen und fragen, warum ſie ſeit dem Ball nicht hieher gekommen iſt.“ Hamilton zauderte. „Sagen Sie ihr, mein Hochzeittag ſei jetzt feſt⸗ geſetzt und ich möchte ſie wegen meines Schleiers um Rath fragen. Sie werden doch zu ihr gehen, hoffe ich?“ „Wenn — Sie — es wünſchen — aber —“ „Keine Aber, ich haſſe die Aber,“ ſagte Creſcenz lachend, indem ſie ihm bei Seite eine unerklärliche Gri⸗ maſſe machte. Als er aus dem Zimmer war, ſah er den Papier⸗ ſtreifen an, und fand franzöſiſch darauf geſchrieben: „Sie haben Lina Berger dadurch beleidigt, daß Sie nicht mit ihr getanzt haben. Suchen Sie ſich ſo ſchnell als möglich mit ihr auszuſöhnen, ſonſt verlieren wir jede Ausſicht, auf den Maskenball zu gehen.“ „Ich habe die Maskerade ganz vergeſſen,“ dachte Hamilton, „und muß ſogleich meinen Frieden mit der kleinen Perſon machen. Sie ſoll noch heute mit mir ausfahren, um die Sache zu arrangiren. Zum Glück hat ſie ein halb Dutzend mal geſagt, daß ſie gerne Schlit⸗ zu fährt — ich hätte den Wink ſchon längſt verſtehen ollen —“ Welcher Art ſeine Entſchuldigungen waren, wird nicht berichtet es ſchien ihm nicht ſonderlich viel daran gelegen zu ſein, da nur das Reſultat bekannt iſt. Madame Berger fuhr mit ihm aus, die Parkie wurde arrangirt, und am nächſten Morgen, beim Früh⸗ ſtück, lief ein Billet an Madame Roſenberg ein, in welchem ihr Dyetor Berger's Chaiſe und ferd⸗ für den Tag des Masfenballs angeboten wurden⸗ 103 „Wie gutmüthig iſt es von Lina, daß ſie ſich mei⸗ nes Wunſches erinnert, meinen Vater zu beſuchen und ihm den Major vorzuſtellen,“ rief ſie, das neit geſchrie⸗ bene Billet ihrem Mann bietend. „Jeder andere Tag wäre mir allerdings lieber als der Montag geweſen, da, wie Du weißt, Fräulein von Hoffmann's Trauung auf den Dienſtag fällt, und es wird unangenehm ſein, ſchon ſo früh am nächſten Tag wieder heimzukehren; doch, das läßt ſich nicht anders machen.“ „Doch wohl, recht leicht, ſollte ich denken,“ bemerkte Roſenberg ruhig, „Herr Hamilton hat uns ſchon oft ſeine Pferde zu leihen vorgeſchlagen, und ihm iſt ein Tag wie der andere, das weiß ich.“ Che Hamilton antworten konnte, rief Madame Roſenberg: „Seine Pferde? Nicht für alle Welt Außer⸗ dem iſt ſein Schlitten nur für zwei Perſonen und einen Bedienten, und ich möchte die Kinder und den Major mitnehmen.“ „In dieſem Fall, denke ich, thäten wir beſſer daran, auf anderthalb Tage einen Wagen zu miethen.“ „Man braucht nicht zu bezahlen, was man umſonſt haben kann,“ ſagte Madame Roſenberg; „ſo werde ich alſo, wenn Du nichts dagegen haſt, von dem Anerbie⸗ ten Gebrauch machen.“ „Wie Du willſt,“ erwiederte ihr Mann, „ein Be⸗ ſuch auf dem Eiſenwerke iſt nicht gerade das, wovon ich mir den größten Genuß auf Erden verſpreche.“ „Creſeenz,“ ſagte Madame Roſenberg, ohne von dieſer Bemerkung Notiz zu nehmen, „Creſeenz, ſetz' Deinen Hut auf und lauf hinüber zu der alten Frau Luſtig und bitte ſie, wenn es ihr möglich iſt, nächſten Montag über Dich und Hildegarde die Aufſicht zu übernehmen; ſie muß aber den ganzen Tag hier blei⸗ ien und verſprechen, die Nacht in der Kinderſtube zu ſchlafen.“ Creſcenz verließ das Zimmer, nicht ohne einen flüch⸗ tigen Blick auf Hamilton zu werfen und ernſthaft die 104 Lippen zuſammenzupreſſen, um ein Lächeln zu unier⸗ 5 drücken. . „Ich kann Madame Luſtig nicht leiden,“ ſagte Hildegarde plötzlich. „Warum?“ fragte Hamilton. „Weil ſie ſich ſo offenbare Mühe gibt, Jedermann zu Gefallen zu ſein.“ „Beſſer, als ſich offenbare Mühe zu geben, Nie⸗ mand zu gefallen,“ bemerkte ihre Mutter ſcharf. „Doch, . ob Du ſie nun leiden kannſt oder nicht, wenn ſie Mon⸗ . tag über Dich und Creſeenz die Aufſicht übernimmt, erwarte ich, daß Du thuſt, was ſie verlangt, und ſie als meine Stellvertreterin betrachteſt.“ Hildegarde blickte auf, als ob ſie Einwendungen 1 dagegen erheben wollte, begegnete aber ihres Vaters ſut und beugte ſich dann ſchweigend über ihre Kaf⸗ eetaſſe. Madame Luſtig machte keine Schwierigkeiten und verſprach alles Mögliche. Sie kam den folgenden Mor⸗ gen, als ſie zu ungewöhnlich früher Stunde gerade am Frühſtück ſaßen, horchte geduldig auf Madame Roſen⸗ berg's Anweiſungen, die Hausthüre zu ſchließen, die Fenſter zuzumachen und in den Oefen nachzuſehen. und begleitete ſie dann mit Hamilton, Hildegarde und Cres⸗ cenz zum Wagen. — —— 3 3 Major Stultz ſchien ſehr geneigt, dazubleiben, 18 aber Creſcenz flüſterte ihm ziemlich laut zu, Mama ſei 3 mit ihrer Ausſteuer ſo gütig geweſen, daß er dem Groß⸗ vater einen Beſuch ſchuldig ſei. „Was für ein liſtiges kleines Geſchöpf iſt ſie am . Ende doch,“ dachte Hamilton, „und wie verſchieden von —“ er blickte auf Hildegarde, die, ohne von ihren Plänen etwas zu ahnen, ihrem Vater ein ſchwarzſeide⸗ reibend und etwas fröſtelnd in der kalten Morgenluft, ſtehen blieb. nes Tuch um den Hals band und dann, die Hände ———— 10⁵ „Adieu, adieu,“ wurde in allen möglichen Ton⸗ weiſen wiederholt, während der Wagen davon fuhr. Einen Augenblick ſpäter ſprang Creſcenz, Madame Luſtig nachſchleppend, die Treppe hinauf, und als Ha⸗ milton und Hildegarde, die gemächlich nachfolgten, an die Thüre kamen, mußten ſie daſelbſt Halt machen, denn Creſcenz, die einen Galopp mit Madame Luſtig tanzte, ſchob dieſe mit unendlicher Schnelligkeit rückwärts den gan⸗ zen Gang entlang, wobei die muntere Alte gleichen Schritt mit ihr hielt und, um nicht zu fallen, aus Leibeskräf⸗ ten ſprang. Hamilton und Hildegarde ſahen lachend zu. Endlich hielten ſie, weil ihnen der Athem ausging. „Nun — was — ſollen wir — zuerſt thun?“ ſagte Creſeenz, indem ſie ihre auf die Schultern herabgefalle⸗ Haare wieder aufſteckte. „Thun?“ keuchte Madame Luſtig, als ſie ſich an die Wand lehnte. „Sie haben mich — beinahe um⸗ gebracht — ſo macht man es den Leuten nicht, wenn man will, — daß ſie im Stande ſein ſollen auf den Mask—“ Creſcenz warf ihr augenblicklich die Schürze über den Kopf, und ein neuer Kampf begann. „Ich habe Sie gefragt, was wir zuerſt thun ſollen 2“ rief Creſcenz lachend, „wie wäre es — wie wäre es, wenn wir Gefrornes machten? Sie haben gewiß ein gutes Recept dafür; wir wollen die Créme machen und Hamilton und Hildegarde können ſie in dem Eiskübel drehen!“ . „Wollen wir nicht zuerſt mit Walburg das Mit⸗ tageſſen ausmachen?“ „O das Mittageſſen! wie unangenehm iſt es, zu Mittag eſſen zu müſſen. Können wir nicht einmal, nur des Spaſſes wegen,“ ſagte ſie ſchmeichelnd, „etwas Anderes ſtatt des Mittageſſens haben?“ Aber,“ ſagte Madame Luſtig, „wegen Herrn Ha⸗ milton ſollten Sie —“ 106 „O, ich habe nichts dagegen, Gefrornes zum Mit⸗ tageſſen zu genießen,“ ſagte Hamilton lachend. „Sie ſehen,“ rief Creſcenz, „Herr Hamilton iſt ſo — ſo — Sie ſehen, daß er thut, was wir wünſchen.“ Hamilton unterhielt ſich damit, recitativartig das Kochbuch abzufingen, bis erim Laufe der Zeit mit Hilde⸗ garde an einem Fenſter des Corridors gehörig unter⸗ gebracht wurde, mit einem großen Eiskübel zwiſchen ihnen, in welchen das die Créme enthaltende Gefäß ge⸗ ſtellt wurde. Dieſes drehten ſie wechſelsweiſe um, wäh⸗ rend Creſcenz gelegentlich den Verwandlungsproceß in Augenſchein nahm und vor Entzücken tanzte, als das Eis ſich zu bilden begann. Die Ankunft von Madame Berger ſchien die Thã⸗ tigkeit in der Küche noch zu erhöhen; ſie ſchloß die Küche, aber Hildegarde hörte deutlich die Worte — „Gra⸗ tulire — Freiheit wenigſtens auf einen Tag — gut an⸗ wenden — Unterhaltung — Hildegarde — ſtill!“ Es erfolgte ein kurzes Geflüſter, endlich erſchien Madame Luſtig, heſichtigte das Gefrorne und ſchlug vor, es vor das Fenſter zu ſtellen. „Es iſt nicht nöthig, daß Sie ſich noch länger plagen, liebes Kind,“ ſagte ſie lächelnd, „wir haben Etwas, das wichtiger iſt; kommen Sie, wir müſſen eine Berathung halten.“ „Worüber?“ fragte Hildegarde. „Ueber einen Maskenball; ſind Sie ſchon auf einem geweſen?“ „O ja; in der Schule hatten wir faſt jedes Jahr einen; ich mußte immer eine Griechin oder Circaſſierin machen.“ „Ach, das war ein Kinderſpiel unter Euch; aber ich meine einen wirklichen Maskenball!“ „Sie meinen vielleicht die öffentlichen Maskenbälle im Theater?“ „Gerade die; möchten Sie gerne auf einen gehen?“ kleiden,“ rief Madame Luſtig. „Es iſt nicht nöthig, 107 „Ganz gewiß, für mein Leben gern!“ rief Hilde⸗ garde eifrig. „Wann iſt er?“ „Heute Nacht.“ Ihr Geſicht verlängerte ſich. „O, wenn ich es nur bälder gewußt hätte! Wenn es uns nur möglich geweſen wäre, den Papa zu fragen!“ „Da habt Ihr's! Ich habe es Euch geſagt,“ rief Madame Berger, die eben, gefolgt von den Andern, aus der Küche trat. „Ich wußte, daß ſie uns tauſend Schwierigkeiten machen und Creſcenz ihre Frende ver⸗ derben würde!“ „Ich bin überzeugt,“ bemerkte Madame Luſtig, „weder Ihr Vater, noch Ihre Mutter würden etwas dagegen einzuwenden haben, wenn ich mit Ihnen und Madame Berger und Herrn Hamilton gehe.“ „Das iſt wahr, Mama hat geſagt, ich ſolle Alles thun, was Sie haben wollen —“ begann Hildegarde mit einigem Zögern. „O, ich will Ihnen befehlen, mitzugehen, wenn das Ihrem Gewiſſen einige Beruhigung geben kann,“ rief Madame Luſtig, laut lachend. Hildegarde erröthete tief und ſah Hamilton an; er ſpeiste Mandeln und Roſinen von einem Teller, den ihm Madame Berger hinhielt. „Laßt uns von unſeren Masken, und nicht von unſerem Gewiſſen ſprechen!“ rief die Letztere. „Ich muß zum Mittageſſen nach Hauſe, ſonſt wird der Dockor ungeduldig. Wir machen ſchwarze Fledermäuſe; neh⸗ men ſchwarzſeidene Domino's mit fliegenden Aermeln und Kaputzen; die Maske halb ſchwarz und eine weiße Bandſchleife unter dem Kinn, damit wir einander ken⸗ nen. Wie viele Dominos ſoll ich beſtellen?“ „Für uns Alle, Lina, für uns Alle,“ rief Cres⸗ eenz eifrig. „Wir können uns ebenſo gut in Ihrem Hauſe an⸗ 108 daß Walburg etwas von der Sache erfährt. Geht der Doctor vor ſieben Uhr aus?“ „O jaz Sie können um halb fieben kommen. Ich muß Zeit haben, um ſowohl Herrn Hamilton, als mich ſelbſt anzukleiden, wißt Ihr! Adieu, auf Wiederſehen!“ Sogleich nach dem Mittageſſen zog Hildegarde ein ſchwarzes Kleid an und kam in das Geſellſchaftszim⸗ mer, wo Hamilton leſend auf dem Sopha ſaß oder viel⸗ mehr lag. Sie beugte ſich leicht über ihn und fragte faſt flüſternd, ob er geneigt wäre, ihr einen Rath zu geben, wenn ſie darum bäte. „Ich weiß nicht,“ antwortete Hamilton, indem er lächelnd aufſah, „man hat mich ſchon ſo lange meines Präceptoramtes entlaſſen, daß ich gar nicht mehr ge⸗ wohnt bin, Rath zu ertheilen.“ „Vergeſſen Sie, daß Sie Präceptor geweſen ſind, um den Namen Freund anzunehmen,“ ſagte Hilde⸗ garde, „wir werden, denke ich, dabei beſſer auskommen.“ „Der Vorſchlag gefällt mir,“ rief Hamilton und erhob ſich ſchnell aus ſeiner liegenden Haltung. „Unſer Alter paßt zuſammen. Laſſen Sie uns,“ ſetzte er lachend hinzu, ewige Freundſchaft ſchwören!“ „Es gilt,“ erwiederte Hildegarde, indem ſie ſeine dargebotene Hand annahm. „Und nun ſagen Sie mir, ſoll ich auf dieſen Maskenball gehen oder nicht?“ „Ich dachte, Sie hätten ſich bereits entſchieden!“ „Nicht ganz! Ich wünſche ſehr, hinzugehen, das iſt die einfache Wahrheit, fürchte aber, daß ich mich unter dem Vorwand des Gehorſams gegen Madame Luſtig ſelbſt zu überreden verſuche, ich befolge damit nur meiner Mutter Vorſchriften, während es mir in Wahrheit nur um eine Entſchuldigung für das, was ich gern möchte, zu thun iſt. Verſtehen Sie mich?“ „Vollkommen. „Und Sie denken vielleicht, ich ſollte nicht gehen?“ „Ich denke, — nein, ich bin gewiß, daß ich Ihnen hierin keinen Rath ertheilen kann. Ich bin bei Ihrer 109 Entſcheidung zu intereſſirt, um einen unparteiiſchen Rich⸗ ter abzugeben.“ „Wie ſind Sie intereſſirt?“ „Einfach ſo: wenn Sie nicht gehen, iſt die ganze Partie für mich verdorben.“ Hildegarde ſchwieg länger als eine Minute. Sie machte keine Einwendung dagegen, denn es war ihr be⸗ wußt, daß er nur ſeine Gedanken ausgeſprochen hatte. „Wenn ich es nur,“ ſagte ſie endlich, „noch zeitig genug erfahren hätte, um meinen Vater um Erlaubniß zu bitten; ich glaube wirklich, er würde nichts dagegen eingewendet haben.“ „Wenn das Ihre Meinung iſt, ſo können Sie ſich mit ruhigem Gewiſſen für das Gehen entſcheiden.“ „Nun — ſo will ich — gehen,“ ſagte Hildegarde nachdenklich; gehen — trotz einer gewiſſen Ahnung, der ich mich nicht erwehren kann — einer Art War⸗ nung — eines Vorgefühls —“ „Ich wäre eher auf den Verdacht gekommen, Ihre Schweſter habe ſolche Ahnungen oder Warnungen, nicht Sie,“ ſagte Hamilton, „doch ſie ſcheint davon frei zu ein.“ „Sie wird von ihren Wünſchen und Lina Berger beherrſcht. Außerdem iſt nicht wahrſcheinlich, daß ihr etwas Unangenehmes begegnet!“ „Und Ihnen?“ fragte Hamilton erſtaunt. „Ebenſo wenig wahrſcheinlich,“ ſagte Hildegarde munter, „denn, Gott ſei Dank! Oskar muß den Abend bei Marie bleiben, wenn morgen ihre Trauung ſtatt⸗ finden ſoll.“ Raymund war ſeit dem Ball nur einmal bei den Roſenbergs geweſen — und hatte den ganzen Abend Karten geſpielt. Hamilton wußte, daß ſie ſeitdem nicht mit ihm geſprochen hatte. Kaum wurde jedoch ihres Couſins Name ausgeſprochen, als alle ſeine Gefühle ſich veränderten. Er biß ſich in die Lippen und trat an das Fenſter. „Ich wünſche,“ — begann Hildegarde, hielt aber plötzlich inne, denn ſie erkannte Raymund's Stimme, der auf dem Gang mit ihrer Schweſter ſprach⸗ Hamilton ſchritt durch das Zimmer. „O, bleiben Sie! bleiben Sie! ich bitte darum!“ rief ſie äugſtlich. ſi Wüſſchen Sie nicht mit Ihrem Couſin allein zu ein? „Nein, nein, nein — das heißt,“ fügte ſie haſtig hinzu, „doch — vielleicht iſt es beſſer —“ „Wie Ihnen beliebt,“ ſagte Hamilton, auf die Thüre zugehend. Hildegarde ſchien in großer Verlegenheit zu ſein. „Wenn Sie mir nur verſprechen wollten, nichts zu ſagen, was —“ „Ich verſtehe Sie wirklich nicht,“ rief Hamilton ungeduldig. „Wenn er eine oder zwei Minuten hier geweſen iſt,“ ſagte ſie ſchnell, „ſo holen ſie Creſcenz und Ma⸗ dame Luſtig, ſagen Sie ihnen, daß ſie hieher kommen ſollen — hier bleiben müſſen —“ Während dieſer Worte trat ihr Couſin in's Zimmer. „Es thut mir leid, liebe Hildegarde, Dich zu unter⸗ brechen,“ ſagte er mit ſteifem, ſichtlich erzwungenem Lächeln, „aber ich komme, Abſchied zu nehmen —“ „Abſchied zu nehmen! Was meinſt Du damit?“ „Ich ſoll morgen zur Exerution geführt werden, weißt Du?“ „Ah — ſo!“ „Es iſt recht freundlich von Dir und Creſeenz, für mich ſchon zum Voraus Trauer anzulegen,“ fuhr er mit einem ernſten Blick auf ihr ſchwarzes Kleid fort. „Oskar, wie kannſt Du nur ſo ſchwatzen?“ ſagte Hildegarde vorwurfsvoll. „Ein ſolcher Scherz iſt be⸗ ſonders heute ſchlecht an der Zeit.“ S „Beim Himmel! ich ſcherze nicht. Ich war nie weniger zur Luſtigkeit aufgelegt als dieſen Augenblick““ 111 antwortete er, indem er ſchwer auf einen Stuhl ſank und mit dem Taſchentuch über die Stirne fuhr. „Biſt Du bei Marie geweſen?“ „Ja.“ „Und wirſt Du wieder zu ihr gehen?“ „Ich muß wohl.“ Hier verließ Hamilton plötzlich das Zimmer, um Madame Luſtig und Creſecenz zu holen, aber ſie waren allzu eifrig mit der Zubereitung eines complicirten Ku⸗ chens beſchäftigt, als daß ſie ihm folgen konnten. So eilte er allein in das Geſellſchaftszimmer zurück und fand Hildegarde — in ihres Coufins Armen“ Sie wehrte ſich nicht dagegen, ſie rührte ſich nicht einmal, als er eintrat, während Rahmund, ohne ſich im Mindeſten durch ſeine Anweſenheit ſtören zu laſſen, ſie zwei⸗ oder dreimal leidenſchaftlich küßte. Endlich ſtieß ſie ihn plötzlich und heftig von ſich und rief: „Geh! ich haſſe Dich!“ „Du haſſeſt mich! Haſſeſt mich! Sagſt Du? Laß mich das noch einmal hören, Hildegarde,“ ſagte er, in⸗ dem jede Spur von Farbe bei dieſen Worien aus ſei⸗ nem Geſicht entwich. „Nein, nein — ich haſſe Dich nicht — aber Du haſt ſehr — ſehr unedelmüthig gehandelt,“ ſagte Hilde⸗ garde mit ſchlecht unterdrückter Bewegung. „Ich verſtehe Dich; aber Du wirſt mir dieſe letzte Beleidigung, hoffe ich, verzeihen 2“ „Ja, ich verzeihe Dir und will mich bemühen, Alles, was Du ſeit dem Beginn unſerer Bekanntſchaft mir zur Angſt und Qual gethan haſt, zu verzeihen,“ ſagte Hildegarde bitter, „aber dieß muß wirklich die letzte Beleidigung ſein.“ „Sie wird es, ganz gewiß,“ ſagte Raymund, er⸗ griff dann ihre beiden Hände, ſchaute ſie lang und auf⸗ merkſam an und verließ dann das Zimmer, ohne von Hamilton die mindeſte Notiz zu nehmen. 6 112 Es erfolgte eine lange Pauſe. Hamilton's Augen waren auf ſein Buch geheftet, das er wieder aufgenom⸗ men hatte; aber er ſchlug weder das Blatt um, noch rührte er ſich, obwohl ihm bewußt war, daß Hildegarde neben ihm ſtand. „Das war die Erfüllung des letzten Samſtag auf dem Ball gegebenen Verſprechens,“ ſagte ſie endlich ſehr leiſe. „Ich wußte, daß er in ungewöhnlicher Aufregung ſich befand, und ſein Anſpruch auf einen Tanz, den i ihm nicht verſprochen hatte, war mir ein Beweis ſei⸗ nes Wunſches, mit Ihnen Streit anzufangen. Nur meine Furcht hat mich zur Einwilligung beſtimmt.“ Hamilton drehte ſich um. Ein plötzliches Licht ſchien ihm aufzugehen; und Hildegarde's Beweggründe für manche unerklärliche Handlung lagen jetzt auf ein⸗ mal am Tage⸗ Seine erſte Regung war, ihr das zu ſagen und ſie ſeiner erhöhten Bewunderung und Liebe zu verſichern; aber er erinnerte ſich gerade noch im rechten Augenblick, daß jede ſolche Erklärung von ihm nur Zeit⸗ und Wort⸗ verſchwendung war, daß er ihr dergleichen mehr als einmal geſagt hatte. So erwiederte er, nach einem kurzen, aber heftigen Kampf in ſeinem Innern, mit erzwungener Heiterkeit: „Mein Vertrauen zu Ihnen wird hinfort unbe⸗ grenzt ſein.“ Sie ſchien mit dieſer Antwort vollkommen zufrie⸗ den. Ungeachtet ihrer lakoniſchen Kürze begriff ſie doch in vollem Maße den Umfang des Vertrauens, das ihr in Zukunft zu Theil werden ſollte, und verließ das Zimmer mit leichtem Herzen. 1¹⁵ Dreißigſtes Kapitel. Der Maskenball. Vier vermummte Figuren verließen um ſechs Uhr Abends die Roſenberg'ſche Wohnung, und nicht lange darauf ſprang eine leichte Geſtalt die Treppe herauf und klopfte mit der Fauſt an die Thüre. Walburg ſchaute vorſichtig durch die vergitterte Oeffnung, öffnete aber ſo⸗ gleich, als ſie den Grafen Raymund erkannte. „Wo ſind Deine jungen Damen hingegangen? Ich habe ſie vor einigen Minuten das Haus verlaſſen ſehen.“ „Sie wollen den Abend, glaube ich, bei Madame Berger zubringen.“ „Hörteſt Du nichts davon ſagen, daß ſie auf den Maskenball gehen?“ „Nein; aber Fräulein Creſcenz wußte in der letzten halben Stunde nichts zu thun, als umherzulaufen und zu flüſtern und Madame nahm den Hausſchlüſſel mit und ſagte, ich ſolle nur in's Bett gehen, wenn ſie vor zehn Uhr nicht daheim wären. Es ſcheint mir faſt ge⸗ wiß, daß ſie auf den Maskenball gehen wollen, und Fräulein Creſcenz hätte es mir wohl vertrauen können, da ich nie etwas davon geſagt haben würde.“ „Vielleicht irrſt Du Dich,“ ſagte Raymund zer⸗ ſtreut. Auf jeden Fall iſt es beſſer, Madame Roſen⸗ berg nichts davon zu ſagen.“ Und er ſtieg langſam die Treppe hinab, wandte ſich nach Doctor Berger's Hauſe und wartete in der Nähe auf der Straße, bis er fünf ſchwarz maskirte Geſtalten in einen Wagen ſteigen ſah. Obgleich Alle mit großem Fleiß e gekleidet waren, erkannte er doch gleich Madame Berger's kleine und Madame Luſtig's dicke Geſtalt, während Hildegarde und Creſeenz hinlänglich über die gewöhnliche Größe hinausgingen, um die Gruppe bemerkenswerth zu finden⸗ Vie Anfangsbuchſtaben. II. 8 1¹4 Es war noch frühe, als ſie das Theater betraten, aber das Haus bereits gedrängt voll, die Logenreihen mit Zuſchauern beſetzt, die ſpäter den Masken in dem großen, durch Verbindung des Paterre's und der Bühne gebildeten Ballſaal ſich zugeſellten. Creſcenz wurde unruhig, als ſie ſich plötzlich von einer Menge lärmender Masken umringt ſah, und hing ſich an Hamilton's Arm. Madame Berger und Ma⸗ dame Luſtig dagegen lachten und ſchwatzten mit einer Freiheit, die Hamilton faſt entſetzlich war. Hildegarde gab Anfangs Allen, die ſie anredeten, eine muntere Antwort, denn ſie fühlte, daß ſie völlig unbekannt warz; aber nach einiger Zeit bemerkte ſie, daß ſich zwei Mas⸗ ken ihrer Geſellſchaft angeſchoſſen hatten und ernſtlich gemeint ſchienen bei ihnen zu bleiben. Ein ſchlanker, junger Türke hatte ſich an Madame Perger gemacht, während ein geheimnißvoller ſchwarzer Domino ihr wie ein Schatten folgte. Wie viel angenehmer muß es ſein, von oben herab zuzuſehen!“ bemerkte ſie endlich; „man hat die ganze Unterhaltung ohne die Angſt und das Drängen der Menſchenmenge!“ „ Himmel! ich bin jetzt ganz daran gewöhnt,“ ſagte Creſcenz. „und fürchte mich durchaus nicht.“ „Wenn noch Platz in den Logen zu haben iſt,“ ſagte Hamilton, „und Sie dieſes Gewühl zu verlaſſen ſo kann ich Ihnen ſolchen zuverläſſig ver⸗ affen.“ fragen.“ Aber Madame Luſtig proteſtirte gegen dieſen Plan. Sie könnte ihnen nicht erlauben, ſie zu verlaſſen — es würde ſehr unſchicklich ſein, wenn man ſie mit Hamil⸗ ton allein ſähe — ja, ſie wünſchte eher, daß ſie gar nicht geſehen würden, und könnte ſchlechterdings Ma⸗ dame Berger nicht mit dem aufpringlichen Türken allein 5 O, ich danke Ihnen, laſſen Sie uns Madame Luſtig 11¹⁵ laſſen, da ſie nicht die geringſte Idee dabon hätte, wer es wäre. „Es nützt nichts, Lina zu fragen,“ ſagte Creſcenz zu Hamilton, der ſich zu Madame Berger begeben hatte. Und wirklich erwieſen ſich alle ſeine Vorſtellungen als erfolglos. „Leute, die ſich nicht zu beluſtigen wüßten, ſollten nicht auf Maskeraden gehen! Sie könne nicht begreifen, wie man in das Theater gehen möge, um den Abend in einer Loge hinzudämmern, — das ließe ſich jede Woche viermal thun; außerdem ſei Herrn Ha⸗ milton's Gegenmart Schicklichkeits halber nothwendig und ſie könne und wollte auf ſeine Begleitung nicht verzichten.“ Dieß ſtrömte Alles franzöſiſch mit einer Geläufig⸗ keit aus, welche die Aufmerkſamkeit der Umſtehenden anzog. „Mein, der luſtige, kleine Teufel von einer Maske darf nicht an das Gehen denken, und ihre dicke Freun⸗ din ebenſo wenig!“ und ſie wurden von Neuem mit dem Haufen fortgeriſſen. Hamilton folgte mit den Schweſtern, die jetzt gänzlich zu ſprechen aufgehört hat⸗ ten. Auch Creſcenz hatte jetzt die Wahrnehmung ge⸗ macht, daß ſie von einer ſchwarzen, ſchweigſamen Ge⸗ ſtalt verfolgt wurden die, wie ſie Hamilton zuflüſterte, ihr die Ingquiſition und alle möglichen Schreckniſſe in's Gedächtniß rief. „Aber,“ ſagte Hildegarde, welghe die Bemerkung gehört hatte, „wir ſind auch ganz ſchwarz und machen hiehitetih denſelben unangenehmen Eindruck auf ndere.“ Er ſcheint völlig unbekannt zu ſein! Ich habe ihn noch mit keinem menſchlichen Weſen ſprechen ſehen,“ ſagte Creſcenz. „Wir haben es ſeit einer halben Stunde ebenſo gemacht,“ antwortete ihre Schweſter. „Ach, mein Gott, wenn Du nichts h haſt, ihn den ganzen Abend Dir auf dem S ehen, 1¹6 brauche ich nichts weiter zu ſagen,“ rief Creſcenz, „das iſt ganz Geſchmacksſache.“ „Beläſtigt er Sie auf irgend eine Weiſe?“ fragte Hamilton. „Nicht im Geringſten,“ antwortete Hildegarde, „Das Gedränge iſt ſo groß, daß er uns nicht leicht verlaſſen könnte, ſelbſt wenn es ſein Wunſch wäre.“ Mittlerweile hatten Madame Berger und Madame Luſtig, durch die ſie umgebenden Masken ermuthigt, angefangen, den unmaskirten Gruppen, die aus den Logen herabgekommen waren, zu folgen. Sie kannten die Privatgeſchichte mancher Perſonen und waren ſo unbarmherzig in ihren Bemerkungen, ſo boshaft in der Vertheilung ihrer Bonbons und Deviſen, daß ſie end⸗ lich den Rückzug anzutreten für gut fanden, was aber keine leichte Sache mehr war, da ihnen mehrere Per⸗ ſonen folgten, die ausfindig zu machen ſuchten, wer ſie waren. Ein von dem Ballet⸗Corps im Coſtüm aufzu⸗ führender Tanz ſchien ihr Vorhaben zu begünſtigen. Sie hatten nur noch Zeit ſich zuzuflüſtern: „nach Hauſe, ſo ſchnell als möglich durch die Vorderthüre des Thea⸗ ters,“ als ſie fortgeſtoßen und gänzlich von einander getrennt wurden. Mehrere Kutſchen warteten unten; Hamilton ſchaffte augenblicklich eine herbei und ſie ſaßen bald darinnen und lachten munter über ihre Abenteuer. „Wie gut wir es einzurichten wußten, am Ende wieder zuſammenzukommen!“ rief Madame Berger; „ich begann wirklich zu fürchten, wir könnten meinen ſirten nicht los werden — wer kann es wohl geweſen ein? „Ich weiß nicht,“ ſagte Madame Luſtig gähnend, „aber es freut mich, daß wir fünf wieder wohlbehalten beiſammen ſind, und nicht herumrennen und einander aufſuchen müſſen, was ſehr leicht hätte geſchehen können.“ „Das geſchieht häufig,“ ſagte Madame Berger, ndem ſie ihre Begleiter zählte, eins — zwei — drei — vier — fünf — da war ein ſchwarzer Familiar der 117 Inquiſition, der Hildegarde die ganze Nacht verfolgte — ich fürchtete wirklich, er möchte unter uns ſein.“ Der Uebereinkunft gemäß begaben ſich alle nach deren Hauſe, um die Kleider zu wechſeln. Hamilton half ihnen aus dem Wagen ſteigen; die letzte Perſon ſprang aber ohne Unterſtuͤtzung heraus, und als er mit einer ſchnellen Handbewegung den ſchwarzen Domino zurückwarf, zeigte ſich die Geſtalt des Türken. „Gute Nacht, Madame Berger,“ rief er mit ver⸗ ſtellter Stimme, „gute Nacht gute Nacht,“ und ſchoß mit munterem Lachen die Straße hinab. „Hat man je etwas Aergerlicheres erlebt!“ rief Madame Berger mit einer Unmuth verrathenden Stimme, „was habe ich ihm heute Nacht geſagt? oder vielmehr was habe ich ihm nicht geſagt? Wie verdrießlich! — er muß einen Domino von einem Freund entlehnt ha⸗ ben, um ſich unter uns zu miſchen.“ „Aber,“ rief Madame Luſtig mit beſorgter Stimme, „eine von uns muß zurückgeblieben ſein.“ „Es muß Creſcenz ſein,“ rief Hamilton, „ich will ſogleich wieder nach dem Theater und ſie ſuchen.“ „Es muß Hildegarde ſein,“ rief Creſcenz, die ne⸗ ben ihm ſtand. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſprang er wieder in den Wagen, und der Kutſcher fuhr ab. Seine Angſt war unbeſchreiblich — im Gedränge ſah er ſich abſolut gezwungen, den Arm der einen von den Schweſtern los⸗ zulaſſen und hatte, durch die vollkommene Aehnlichkeit ihrer Grſtalt getäuſcht, faſt mit Gewalt Creſcenz zu⸗ rückgehalten, der zufällig in dieſem Augenblick die ſtumme Maske folgte und die er darum für ihre Schweſter nahm. Am Theater entließ er den Kutſcher und begann Nachfrage zu halten. „Ein ſchwarzer Domino, allein, von einer Geſellſchaft Freunde getrennt? Man hatte eine Menge ſchwarzer Dominos geſehen — viele waren von ihren Freunden getrennt worden!“ lautete die ge⸗ wöhnliche Antwort. 118 Endlich bemerkte ein Lakei, der nicht weit davon ſich müßig herumtrieb, vor etwa einer halben Stunde ſei ein ſchwarzer Domino — eine Dame — von einer Wagendeichſel geſtoßen und in der Betäubung von einem andern ſchwarzen Domino fortgebracht worden. „Das muß Hildegarde geweſen ſein!“ rief Hamil⸗ ton in einem Zuſtand ſchrecklicher Angſt. „Ich glaube, das war der Name, den er ihr gab,“ ſagte der Mann, indem er ſich zum Fortgehen anſchickte. „Er! wer iſt der Er?“ fragte Hamilton. „Ich weiß es nicht — er ſagte, er wohne in der Rähe und ſei ein naher Verwandter.“ „Raymund!“ ſtöhnte Hamilton, als er vom Theater weg nach der Wohnung ſtürmte, die in einer der an⸗ grenzenden Straßen lag. Die Thüre auf der einen Seite des Thorwegs war leicht angelehnt. Wahrſcheinlich hatten ſich einige Die⸗ ner hinausgeſchlichen, um dem Maskenball zuzuſehen, und wollten ihre Rückkehr nicht durch Läuten an der Glocke verrathen. Raymund's Zimmer befanden ſich zu ebener Erde und nur ein paar Stufen führten zu ihnen. Hamilton ſtieg hinauf — die Thüre war offen. Er trat in einen ſchmalen Gang und ſtand vor einem der Zimmer, klopfte zuerſt ſachte, dann ſtark — rüttelte an der Thüre, kein Laut ließ ſich hören. Endlich ging er an eine andere Thüre und rief: „Hildegarde, um's Him⸗ mels willen, wenn Sie hier ſind, ſo antworten Sie!“ JRtzt glaubte er zu hören, daß ſich Etwas im Zim⸗ mer bewege. „Laſſen Sie mich ein — öffnen Sie die Thüre!“ rief er, aus aller Kraft daran ſtoßend. „Warten Sie einen Augenblick,“ rief eine Stimme, die er mit Mühe als die Hildegardels erkannte, „war⸗ ten Sie — ich — muß — den Schlüſſel erſt — aus —“ „Himmel und Erde, Hildegarde! Wie können Sie 1¹9 3 ſo ruhig ſein, wenn Sie wiſſen, welche Angſt wir um Sie haben! Sind Sie allein?“ „Nein — ja!“ antwortete ſie ganz nahe an der Thüre. „Graf Rahmund, Sie haben kein Recht, Ihre Couſtne in Gewahrſam zu halten. Oeffnen Sie ſogleich die Thüre,“ rief Hamilton, indem er an derſelben rüt⸗ telte, daß die Angeln klirrten. Er hörte endlich, wie der Schlüſſel mit zitternder Hand in das Schloß geſteckt wurde — ſich umdrehte und Hildegarde ſtand vor ihm. Die Kaputze war zurückgeſchlagen, und ihre todbleichen, im Ausdruck des Entſetzens erſtarrten Züge begegneten ſeinen Blicken. Sie deutete ſchweigend nach einer auf dem Boden lie⸗ genden Geſtalt, in welcher Hamilton, näher hinzutre⸗ tend, den Leichnam ihres Couſins erkannte! Er mußte ſich durch den Mund geſchoſſen haben, denn der obere Theil des Kopfes, Haar und Gehirn war in ſchrecklichen, blutigen Maſſen rings herum geſchleudert. Man konnte ſich kaum einen abſcheulicheren Anblick den⸗ ken; er wandte ſich ab, ergriff Hildegarde's Hand und zog ſie aus dem Zimmer, indem er flüſterte: „Bei welcher Schreckensſcene haben Sie Zeuge ſein müſſen!“ Kaum waren Sie auf der Straße, als ſie mit der Hand nach dem Kopſe fuhr und ausrief: „Meine Handſchuhe — Maske — und Taſchentuch ſind in ſeinem Zimmer. Hat es Etwas zu bedeuten 2““ „Sehr viel,“ antwortete Hamilton. „Wenn Ihr Name auf dem Taſchentuch ſteht, kann es zu den unan⸗ genehmſten Unterſuchungen führen. Warten Sie hier — ich muß in das Zimmer zurück.“ Als er zum zweiten Mal in das Zimmer trat, be⸗ merkte er einen Anſchein von Verwirrung darin, der in der Eile und Angſt um Hildegarde zuerſt ſeiner Be⸗ obachtung entgangen war. Handſchuhe und Taſchentuch fand er nahe beim Ofen und nicht weit davon, zu „ 120 ſeinem gehen Erſtaunen, einen Dolch! Auf dem Tiſch bei der kleinen, verdeckten Lampe ſtand eine Weinflaſche mit Gläſern; daneben fanden ſich Schreibmaterialien und auf einandergelegt mehrere Briefe. Bei einem Blick auf dieſelben erkannte er einen mit Hildegarde's Adreſſe, den er ſogleich in die Taſche ſteckte und dann Anſtalt machte, das Zimmer zu verlaſſen. Zu ſeinem Schrecken hörte er aber jetzt nahe kom⸗ mende Stimmen, und auf einmal ſiel ihm ſeine unangenehme, vielleicht gefährliche Lage ein. Seine bekannte Feindſchaft mit Raymund machte es für ihn abſolut nothwendig, das Haus wo möglich unerkannt zu verlaſſen, und nachdem er Hildegarde's Maske vor⸗ gebunden hatte, verſteckte er ſich in einem kleinen Holz⸗ raum, bereit, bei der erſten Gelegenheit zu entwiſchen. Die Perſonen, deren Stimmen er gehört hatte, waren Dienſtboten. Eine davon, ein franzöſiſches Kam⸗ mermädchen, ſprach, als er eben in ſeinen Verſteck ge⸗ langte, und er hörte ſie ſagen: „Die alte Dame hat mir befohlen, ihren Sohn zu rufen; ich möchte um alle Welt nicht zu ſolcher Stunde der Nacht in ſein Zimmer gehen.“ „Was will ſie von ihm?“ „O, ſie ſagt, ſie habe vor Kurzem den Knall einer Flinte oder Piſtole gehört und iſt darüber unruhig. Sie fragte mich, ob ich es nicht auch gehört habe?“ „Und haben Sie es gehört?“ „Wie hätte ich das können, wenn ich nicht im Hauſe war? Das Beſte iſt, daß ich ſage, Graf Oskar ſei noch nicht nach Hauſe gekommen. Aber ich fürchte, ſie glaubt es nicht, da er nie ſo ſpät bei den Hoffmanns bleibt.“ „Aber Du kannſt ihr ſagen, ich habe ihn um neun Uhr in einem ſchwarzen Domino auf den Maskenball gehen ſehen. Wir können an die Thüre klopfen, und wenn er keine Antwort gibt, iſt er nicht da.“ „Und wenn er antwortet?“ 12¹ „Nun, dann können wir zuſammen mit ihm ſpre⸗ chen. Während ſie an die Thüre klopften, ſchlich Hamil⸗ ton hinaus, aber nicht, wie er gehofft hatte, ungeſehen, denn ſie wandten ſich um und liefen ihm auf die Straße nach, indem ſie riefen: „Graf Oskar! Graf Oskar! Die Frau Gräfin wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Graf Oskar! Graf Oskar! Die Frau Gräfin wünſcht Sie zu ſprechen.“ Hamilton wehrte ihnen ungeduldig mit der Hand, worauf ſie von ihrem Vorhaben abſtanden, dann ſuchte er athemlos Hildegarde auf, die unbeweglich noch auf derſelben Stelle ſtand, wo er ſie verlaſſen hatte. „Ich hätte Sie nicht zurückkehren laſſen ſollen,“ ſagte ſie, convulſiviſch ſeinen Arm umſchließend. „Es nit gedankenlos, ſelbſtſüchtig von mir. Hat man Sie geſehen?“ „Ja, aber nicht erkannt,“ ſagte Hamilton, „ich habe Ihre Maske vorgenommen, und einige Dienſtboten hielten mich für den Grafen Raymund.“ „Kann das zu einer Entdeckung führen?“ fragte Hildegarde, indem ſie mitten auf der kalten, düſtern Straße ſtehen blieb. „Im Gegentheil, ich glaube eher, daß es jede Ent⸗ deckung vor morgen früh verhindern wird.“ „Sein Hochzeittag!“ ſagte Hildegarde mit unter⸗ drücktem Stöhnen. O, was wird Marie von Hoff⸗ mann über ihn denken?“ „Sie wird vielleicht die Wahrheit errathen,“ ſagte Hamilton. „Ich glaube, dieſe Heirath war die unmit⸗ telbare Urſache der raſchen That.“ „Vielleicht habe ich auch Theil daran,“ ſagte Hilde⸗ garde mit kaum hörbarer Stimme. „Es mag ſein, aber gewiß höchſt unſchuldiger Weiſe. Es war nicht Ihr Fehler, daß Ihr Coufin ſo wahnſinnig in Sie verliebt war.“ 122 „Ich — ich — habe das nicht gerade gemeint,“ ſagte Hildegarde ſchaudernd. „Was haben Sie dann gemeint? Sagen Sie mir Alles, was vorgefallen iſt. Das heißt,“ fügte Hamil⸗ ton, zum erſten Mal, ſeit er ſich wieder mit ihr ver⸗ einigt hatte, auf ſeine früheren Beſorgniſſe zurückkom⸗ mend, hinzu, „das heißt, wenn Sie es können.“ „Ich kann und will es; obwohl die Erinnerung höchſt ſchmerzlich iſt,“ ſagte Hildegarde mit großer Be⸗ wegung und begann nach einer augenblicklichen Pauſe: „Nachdem ich von Ihnen getrennt worden war, ſuchte ich natürlicher Weiſe die ordere Thüre des Thea⸗ ters zu erreichen, wo wir ſo ſchnell als möglich zuſam⸗ menzutreffen ausgemacht hatten; zu meinem großen Ver⸗ druß folgte mir immer der ſchwarze Domino, der ſich am Ende als Oskar auswies. Hätte ich das früher ge⸗ wußt, es würde mir eine Welt von Schrecken erſpart haben. Ich war, wie Sie ſich vorſtellen können, im höchſten Grade beſtürzt und erkundigte mich, meinen Maskencharakter vergeſſend, mit natürlicher Stimme bei Jedermann, den ich traf, ob er nicht vier ſchwarze Dominos beiſammen geſehen habe? Alles hatte Du⸗ minos, wie ich ſie beſchrieb, geſehen; und als ich hörte, daß Einige zu Wagen, Andere zu Fuß abgegangen wa⸗ ren, beſchloß ich endlich, allein nach Hauſe zu gehen. Indem ich die Verwirrung benützte, die daraus ent⸗ ſtand, daß mehrere Geſellſchaften zu gleicher Zeit ab⸗ fahren wollten, und auf dieſe Weiſe dem Domino zu entrinnen hoffte, der ein Gegenſtand des Schreckens — wie in einem beängſtigenden Traume — für mich ge⸗ weſen war, — lief ich in voller Eile aus dem Theater. In der Abſicht, die ſtilleren Straßen zu erreichen, wandte ich mich unglücklicher Weiſe gegen eine vorrückende Wa⸗ genreihe, — das Gedränge war ungeheuer, ich wurde nach allen Seiten hin⸗ und hergeſtoßen, als eine Wa⸗ ſ mich endlich zu Boden warf und völlig be⸗ 1²3 „Sie waren es alſo! Und wurden Sie beſchädigt?“ fragte Hamilton ängſtlich, indem er ſtehen blieb, um ſeine Begleiterin anzuſehen. Sonderbarer Weiſe war ihm bis dieſen Augenblick Alles in Vergeſſenheit gerathen, was er am Theater gehört hatte. „Nein — nicht ſehr — meine Schulter iſt, glaube ich, etwas verſtoßen — aber mit dem Kopfe fiel ich auf den Boden und blieb einige Minuten bewußtlos. Ir⸗ gend Jemand, wahrſcheinlich Oskar, mußte die Pferde am Kopf gepackt und rückwärts geriſſen haben Als ich mich wieder erholte, fan ich mich von ihmunterſtützt und erkannte augenblicklich ſeine Stimme. Schreckliches Pferde⸗ getrappel, Lärmen und Fluchen umgab uns von allen Seiten, ich machte eine gewaltſame Anſtrengung, fort zu gehen. Mit Oskars Beiſtand erreichte ich die nächſte Straße; ſer ſchlug mir vor, einige Minuten in ſeiner Wohnung abzutreten, bis ich wieder mehr bei Kräften wäre; anfangs lehnte ich es ab, da ich aber an ſeinem Hauſe vorbei war, wurde mir allmälig ſo ſchwach, daß ich kaum noch ſtehen konnte und es für beſſer hielt, lieber freiwillig hinzugehen, als mich in einem Zuſtand der Bewußtloſtgkeit dahin tragen zu laſſen. Eine Lampe brannte bei unſerm Eintritt in dem Zimmer und Wein war auf dem Tiſch; er ſchenkte mir, ohne zu ſprechen, ein Glas ein, welches ich ſogleich austrank; dann ſetzte ich mich, um auszuruhen, auf das Sopha. Inzwiſchen ging er ſchweigend im Zimmer auf und ab und kehrte dann zu dem Tiſche zurück, wo er ſchnell einige Gläſer Wein hinunterſtürzte. Ueber ſein Benehmen unruhig, ſtand ich augenblicklich auf und erklärte, daß ich jetzt vollkommen im Stande wäre, nach Hauſe zurückzukeh⸗ ren. Wenn er nicht geneigt wäre, mich zu begleiten, würde ich allein gehen. Seine Antwort war, daß er die Thüre ſchloß und den Schlüſſel in die Taſche ſteckte.“ Sie?“ fragte Hamilton ſchnell,“ was tha⸗ ten Sie?“ 12⁴ „Ich vermag nicht, das unbeſtimmte Entſetzen zu beſchreiben, welches ein ſolches Verfahren mir verur⸗ ſachte; aber als ich den Dolch, mit dem er mich einſt ſo erſchreckt hatte, auf dem Tiſch liegen ſah, ergriff ich ihn plötzlich und zog mich gegen den Ofen zurück. Er fragte mich, was ich damit meine, aber ich antwortete nur mit den wiederholten Worten: „Oeffne die Thüre — laß mich gehen — laß mich gehen.“ Er aber er⸗ klärte mir, daß er weder das Eine noch das Andere im Sinne habe, vielmehr ein für allmal entſchloſſen wäre, mich zu zwingen, ihn anzuhören und eine Ant⸗ wort zu geben; darauf befahl er mir gebieteriſch, ihm den Dolch zu geben. Ich weigerte mich natürlich, und — und —“ „Nun“ — ſagte Hamilton athemlos. „Ein heftiger Kampf erfolgte: er wand ihn mir mit Gewalt aus der Hand und verwundete, wie ich glaube, über dem Bemühen, mich nicht zu verletzen, ſich ſelbſt, denn ich ſah Blut an der Klinge hinabträufeln, als er ihn triumphirend in die Luft hielt. Indem ich nach der andern Seite des Ofens ſprang, fand ich dort eine Klingelſchnur. Vielleicht that ich Oskar Unrecht, aber ich glaube, daß einzig die Furcht vor der Glocke mich vor weitern Beleidigungen ſchützte.“ „Er muß in vollkommener Verzweiflung geweſen ſein,“ bemerkte Hamilton tief aufathmend. „So kam er mir auch vor,“ fuhr Hildegarde ſchau⸗ dernd fort. „Ich ſah ihn die Farbe wechſeln, als ich nach dem Glockenzug griff; aber mit wunderbarer Kalthlütigkeit rieth er mir ab, Zeugen dazu herbeizurufen, daß ich mich zu ſolcher Stunde der Nacht auf ſeinem Zimmer befände — daß ich fteiwillig hereingekommen ſei und kein Menſch auf Erden an meine Verſicherungen der Un⸗ ſchuld glauben würde, da unglüͤcklicher Weiſe ſein Ruf von der Art wäre, daß der meinige verloren ginge, ſo⸗ bald man mich hier ſähe oder erkennte. Obgleich vor 125 Zorn zitternd, begriff ich die Richtigkeit ſeiner Bemet⸗ kung und hütete mich ſorgfältig, zu käuten, behielt aber die Schur noch feſter als zuvor in der Hand.“ Er kam nun näher und immer näher und ſprach lang von ſeiner Liebe und Verzweiflung und ſeinem Haß gegen Sie. Ich war allzu aufgeregt, um viel von dem, was er ſagte, zu verſtehen; und ich glaube, er merkte es am Ende, denn er warf ſich mir zu Füßen und er⸗ klärte, hier wolle er ſterben. Ich ſtieß ſeine Hände mit Abſcheu zurück und fagte ihm, er brauche nicht zu hof⸗ fen, mich wieder zu erſchrecken; ich wiſſe, daß er gar nicht an das Sterben denke, bat ihn aber noch einmal, die Thüre zu öffnen und mich frei zu laſſen. Er ſprang wie raſend auf, nahm eine kleine Piſtole vom Tiſch und trat wieder auf mich zu. Ich fragte ihn, ob er mich ermorden wolle? Er ſah in dieſem Augenblick aus, als ob er dazu und zu jeder andern That fähig ni⸗ und als er ſie gegen ſeinen eigenen Kopf richtete, 4 — Hildegarde hielt inne und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Hamilton ſprach nicht, und ſie fuhr wieder fort: „Ich glaubte nicht — ich glaubte wirklich keinen Augenblick, daß es ihm Ernſt ſei; er war ein ſo voll⸗ endeter Schauſpieler! Ich hatte in weniger als einer halben Stunde ihn von der Ruhe zur Raſerei über⸗ gehen ſehen, daß ich dachte, es ſei nur ein neuer Ver⸗ ſuch, auf meine Empfindungen einzuwirken. Ich würde nie — hätte ich mir die Folgen träumen laſſen — Auf alle Fälle werde ich mir nie vergeben können!“ „Sie haben mir nicht erzählt, was Sie thaten,“ ſagte Hamilton mit leiſer Stimme. „Ich — lachte — und kaum hatte er den grau⸗ ſigen, ſpöttiſchen Ton meines erzwungenen Gelächters t⸗ als er abdrückte und ſchrecklich verſtümmelt zu oden ſtürzte!“ 1²6 Sie lehnte ſich an die Ecke eines Hauſes und ſchnappte nach Athem. „Denken Sie,“ fragte ſie endlich, „denken Sie, daß ich die unmittelbare Urſache ſeines Todes war 2 „Nein,“ ſagte Hamilton, „ich kann Ihnen faſt die Verſicherung geben, daß er zu einem Selbſtmord ent⸗ ſchloſſen war, — vielleicht gerade dieſe Nacht — ſein Tiſch war mit Briefen bedeckt und einer an Sie adreſ⸗ ſirt, den ich mit mir genommen habe.“ „Nun, der Himmel ſei geprieſen, daß dieſe Sünde nicht auf meiner Seele laſtet!“ rief ſie inbrünſtig und ſetzte dann hinzu: „Ich habe Ihnen Nichts mehr zu ſagen, — ich weiß nicht, wie die Zeit verging, bis Sie kamen — es ſchien ſehr lange, aber ich hatte keinen Gedanken, weg⸗ zugehen. Sie werden begreifen, warum ich ſo lange zögerte, die Thüre zu öffnen, wenn Sie ſich erinnern, daß der Schlüſſel in ſeiner Weſtentaſche ſteckte.“ „Und nun,“ ſagte Hamilton, auf Madame Ber⸗ gers Haus zu eilend, „laſſen Sie mich Ihnen Still⸗ ſchweigen empfehlen. Ich glaube nicht, daß Jemand auf die Vorſtellung kommen wird, als ob wir von die⸗ ſer traurigen Geſchichte etwas wüßten. Wenn wir da⸗ von ſprächen, könnte leicht der Verdacht entſtehen, daß uns mehr davon bekannt ſei, als wir zu erzählen ge⸗ neigt ſind.“ Ich ſtimme Ihnen vollkommen bei,“ ſagte Hilde⸗ garde, „und habe nicht den geringſten Wunſch, mit Jemand darüber zu ſprechen — ſelbſt nicht mit meinem Vater — denn da ich ihm nie etwas von Oskar geſagt habe, ſo würde mein Vertrauen zu ſpät kommen und ihn darum nur kränken, wie es in Bezug auf Graf Zedwitz der Fall geweſen iſt.“ „Sie werden aber alle Anſtrengung nöthig haben, um jeden Schein von Aufregung vor Ihrer chweſter und Madame Luſtig zu verbergen,“ antwortete Hamil⸗ ton. „Ich glaube, wir würden heſſer daran thun, das 127 vorgeſchlagene Abendeſſen bei Madame Berger ganz ab⸗ zulehnen. Geben Sie mir Ihren Domino und ich will Ihnen Hut und Mantel bringen.“ Hildegarde ſetzte ſich auf die Treppe und legte das Geſicht in ihre Hände. Hamiltons Erſcheinen ohne ſie verurſachte augen⸗ blicklich große Beſtürzung; aber als er ſagte, daß ſie auf der Treppe warte, würden ſie beinahe zornig. Sie will alſo nicht zum Abendeſſen kommen!“ rief Madame Berger. „Das ſieht ihr ganz gleich, — wenn ſie nur ewig Andern das Spiel verderben kann!“ „Ich fürchte, ſie hat ſich erkältet,“ ſagte Hamilton, indem er ſich nach dem Mantel umſah. „Sie vergeſſen, wie lange jie in ihrem leichten Kleide auf der Straße geweſen iſt.“ „Aber,“ ſagte Madame Luſtig, „ſie muß angeben, daß ſie ſich die Erkältung bei dem Eismachen am Fen⸗ ſter auf dem Hausgang geholt hat. Ich werde nie den Muth haben, zu geſtehen, daß wir auf dem Masken⸗ ball geweſen ſind und ſie um dieſe Stunde der Nacht auf der Straße herumgelaufen iſt! Iſt ſie weit vom Theater weggeweſen, als Sie zu ihr ſtießen?“ „Ich fand ſie in der — Straße,“ erwiederte Hämil⸗ ton ausweichend und begann, Mäntel und Boas auf den Arm zu laden. „Nicht ſo raſch, wenn Sie erlauben,“ rief Madame Luſtig. „Geben Sie mir meinen Mantel — ich habe keine Luſt, mich zu erkälten.“ „Das iſt doch zu ärgerlich,“ rief Madame Berger, „ich hatte gedacht, wir würden ein ſo heiteres Abend⸗ eſſen haben — der Doktor im Bett — und Alles ſo köſtlich. Trinken Sie wenigſtens ein Glas Wein, Herr Hamilton, ehe Sie gehen.“ Er trank ſchnell den Wein und ſprang dann die Treppe hinab. Hildegarde ſtand auf und ließ ſich von ihm den Mantel um die Schultern legen, die Bog um den Hals 12²⁸ ſchlingen und ſelbſt den Hut auf den Kopf ſetzen; ſie fragte nur: „Kommen ſie?“ „Hildegarde,“ rief Madame Berger, welche die An⸗ dern mit einem Licht in der Hand begleitete, „ich nehme es Dir ſehr übel, daß Du mir das Abendeſſen auf ſolche Weiſe verdirbſt. Du hätteſt wohl, wenn auch nur auf eine halbe Stunde, heraufkommen können.“ „Sie haben ſich erkältet — Sie find unwohl,“ flü⸗ ſterte Hamilton engliſch. „Es thut mir leid, Dir Deine Abend⸗Partie zu verderben, Lina, aber ich bin wirklich unwohl und muß nach Hauſe,“ ſagte Hildegarde mit ſo gepreßter und rauher Stimme, daß Madame Luſtig, die es für Heiſer⸗ keit hielt, die Treppe hinabeilte und ausrief: „Gütiger Gott! das Kind kann kaum ſprechen! Was wird ihr Vater mir ſagen?“ Etwa eine Stunde ſpäter, während Hamilton noch immer unruhig in ſeinem Zimmer auf⸗ und abging, hörte er an ſeine Thüre klopfen, und war beim Oeffnen derſelben kaum überraſcht, Hildegarde zu ſehen. Noch war keine Spur von Farbe auf ihr Geſicht zurück⸗ gekehrt, aber die Züge hatten die gewöhnliche Ruhe, den ſtatuengleichen Ausdruck wieder gewonnen. „Ich wußte, daß ich Sie noch hier finden würde,“ ſagte ſie mit einem ſchwachen Lächeln. „Sie können mir jetzt den Brief geben, ich kann ihn ſchon leſen.“ Er lag auf dem Tiſch und Hamilton ſchob ihr den⸗ ſelben zu. Sie ſetzte ſich nieder, zog das Licht zu ſich, beſchattete ihre Augen mit der einen Hand und hielt den Brief ohne Zittern mit der andern. Als ſie mit dem Leſen fertig war, reichte ſie ihn Hamilton mit den Worten: „Das iſt ein abenteuerliches Machwerk — wie glücklich, daß es in Ihre Hände ſiel. Hätte man mir daſſelbe zugeſchickt, ſo wäre ich dadurch in eine höchſt unangenehme Lage verſetzt worden. Mein Vater und meine Mutter würden es geleſen haben — ich hätte 1²9 Erklärungen geben müſſen, und Marie von Hoffmann wäre vielleicht Oskars Widerwille gegen ſie zu Ohren gekommen, und ich von ihr mehr getadelt worden, als ich es verdiene.“ Hamilton las den Brief, und als ſie ihn aus ſei⸗ ner Hand wieder empſfing, zerriß ſie ihn in Stücke. „Ich möchte gern dieſe Ueberreſte verbrennen,“ ſagte ſie, dieſelben in der Hand zuſammendrückend. „Nichts leichter, als das,“ ſagte Hamilton nach dem Ofen deutend. Sie traten zu demſelben und verbrannten bedächtig ein Stück nach dem andern, ſo daß die unzuſammen⸗ hängenden Sätze in ihrem verkohlten Zuſtande noch les⸗ bar wurden, ehe ſie in Aſche zerfielen. „Ich danke Ihnen,“ ſagte Hildegarde ſich abwen⸗ dend, „und jetzt gute Nacht!“ „Wollen Sie nicht ein Licht nehmen, oder ſoll ich Ihnen leuchten?“ fragte Hamilton. „Keines von beiden: ich wünſche nicht, Walburg zu wecken.“ Als Hamilton die Thüre offen hielt, erinnerte er ſich lebhaft an das letzte Mal, da ſie bei Nacht auf ſeinem Zimmer geweſen war. Sie war zu ſehr mit den letzten Eindrücken beſchäftigt, um daran zu denken; aber plötzlich blieb ſie ſtehen, drehte ſich um und ſagte? „Erinnern Sie ſich meiner Warnung, meiner Vor⸗ empfindung eines Unglücks?“ „Vollkommen,“ antwortete er, „aber ich glaube, die Vorſtellung kam bei Ihnen daher, daß Sie ſich ein⸗ bildeten, etwas im Sinne zu haben, was Ihr Vater vielleicht mißbilligen würde.“ „Sie erklären Alles auf vernünftige Weiſe und wer⸗ den mir natürlich nicht glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß ich es voraus gewußt und gefühlt habe, Ostar würde geſtern in unſer Haus kommen und genau ſo handeln, wie es von ihm geſchehen iſt.“ 8 % Die Anfangsbuchſtaben. II. 9 130 „Ich glaube es: aber es war Ihr natürlicher Ver⸗ ſtand, der Ihnen den Gedanken nahe legte, er würde Ihrer Eltern Abweſenheit benützen und die Erfüllung Ihres Verſprechens in Anſpruch nehmen. Dazu kam die faſt zuverläſſige Gewißheit meiner Gegenwart, um der Ausführung eine gewiſſe Würze zu verleihen. Doch war der ſtärkſte Beweggrund von allen, den Sie aber nicht wiſſen konnten, der — von Ihnen Abſchied zu nehmen. Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen und ſagen, daß ich glaube, er dachte, Sie damals zum letzten Mal geſehen zu haben.“ „Wollte Gott, es wäre ſo geweſen!“ ſagte Hilde⸗ garde. „Ich hätte ihn wenigſtens als einen nahen Ver⸗ wandten bedauern und Mitleid bei ſeinem frühen Ende fühlen können. „Und fühlen Sie das nicht für ihn?“ fragte Ha⸗ milton. „Nein,“ antwortete Hildegarde ſtreng. „Wenn ich mir ruhig ſeine Reden und Handlungen dieſe Nacht zurückrufe, ſinde ich ihn meiner Achtung gänzlich un⸗ werth. Meine Erinnerung an ihn, jetzt mit Blut be⸗ fleckt, iſt häßlich, iſt entſetzlich.“ Sie ſchauderte bei dieſen Worten zuſammen und ſchritt dann den finſtern Gang hinab, ohne ſich nach Hamilton umzuſehen, der ſeine Thüre offen hielt, bis ſie in ihr Zimmer getreten war. Einunddreißigſtes Kapitel. Wo iſt der Bräutigam? Hamilton's Schlummer wurde durch wirre Träume von Hildegarde und Raymund geſtört: aber gegen Mor⸗ gen ſiel er in einen ſchweren Schlaf, aus dem er durch 131 die Rückkehr Roſenberg's mit Frau und Kindern er⸗ weckt wurde; die Letzteren ſprangen, wahrſcheinlich um ſich für ihr erzwungenes Wohlverhalten während ihrer Abweſenheit zu entſchädigen, jetzt tobend im Hausflur auf und ab, indem ſie auf kleinen Holztrompeten blie⸗ ſen, die ihnen ihr Großvater gerade bei ihrer Abreiſe gegeben hatte. Als Hamilton angekleidet war, fand er die ganze Familie Alle in beſter Laune, beim Frühſtück verſam⸗ melt. Creſcenz ſprang ihm in ihrem Brautjungfernputz entgegen und ſah wirklich ſo hübſch aus, daß des Ma⸗ jors ſteife Complimente dießmal nicht nur verzeihlich, ſondern ſelbſt erlaubt waren. „Denken Sie nur,“ rief ſie, „Hildegarde will keine Brautjungfer machen, obgleich Marie mit ihr viel freundſchaftlicher als mit mir ſteht! Sie behauptet, Kopf⸗ weh und Schnupfen zu haben. „Ich wußte wohl,“ bemerfte Madame Luſtig, „ich wußte wohl, daß ſie ſich erkälten würde, als ich ſie geſtern das Eis drehen ſah. Ich hätte es nicht erlauben ſollen. Die Verkältung hat nichts zu bedeuten,“ bemerkte Madame Roſenberg, „ich glaube eher, ſie will am Mor⸗ gen nicht gern ein dünnes weißes Mouſſelinkleid an⸗ iehen.“ „Um dieſe Jahreszeit ein ſehr natürlicher Wider⸗ wille,“ ſagte ihr Mann. „Es friert mich ſchon, wenn ich Crefeenz nur anſehe.“ „O, mir kommt es durchaus nicht kalt vor,“ rief Creſeenz. „Ich bin auch bei den Hoffmanns unten ge⸗ weſen und dort iſt ein ſo prächtiges Bejeuner aufgetra⸗ gen — und Marie ſieht wirklich in ihrem weißſeidenen Kleide und mit den Orangeblüthen ſehr lieblich aus.“ „Du mußt mich entſchuldigen, Creſcenz, wenn ich an Deiner letzten Behauptung zweifle,“ bemerkte ihr Vater lächelnd. „Fräulein von Hoffmann iſt eine ſehr liebenswürdige, vortreffliche Perſon, ſie in 5 132 irgend einem Kleide ſehr lieblich ausſehen könnte, iſt rein unmöglich.“ „Heut über acht Tage,“ ſagte Major Stultz pomp⸗ haft, „werden wir eine Braut ſehen, die in jedem Kleid lieblich ausſieht.“ Dieſen Augenblick trat Hildegarde in's Zimmer; ihre Bläſſe war noch auffallender, als die vergangene Nacht, und ihre matt geſenkten Augenlider zeigten deut⸗ lich, daß ſie nicht geſchlafen hatte. Sie wünſchte Ha⸗ milton guten Morgen, ohne ihn anzuſehen, und wandte ſich dann zu ihrem Vater. Mein liebes Kind,“ ſagte der Letztere, mitleidig ihre Hand ergreifendz „Du ſcheinſt wirklich krank zu ſein. Soll ich nach Doctor Berger ſchicken?“ „O nein!“ antwortete ſie, „mir — mir — iſt nur ſehr kalt,“ und ſie trat fröſtelnd zu dem Ofen. „Es wird bald Zeit ſein, hinunter zu gehen,“ ſagte Madame Roſenberg. „Ich denke, es wird das Beſte ſein, wenn wir uns ankleiden. Dieſer Wink,“ ſetzte ſie hinzu, „gilt auch dem Major — er ſcheint im Vor⸗ genuß der Zukunft die Gegenwart zu vergeſſen.“ Major Stultz lachte, verbeugte ſich gegen Creſcenz, die ihn nicht anfah, und verließ das Zimmer mit ſei⸗ nem künftigen Schwiegervater. Im Augenblick, da die Thüre geſchloſſen wurde, ſprang Creſcenz auf ihre Schweſter zu. „O Hildegarde, Du haſt keine Idee, wie ſchön unten Alles arrangirt iſt. Wie ſchade, daß ſo wenig Leute da ſind. Es war ſehr einfältig von Oskar, daß er zu ſolcher Jahreszeit lieber auf's Land hinausfahren wollte, ſtatt am Abend luſtig zu tanzen! Doch Marie iſt es ganz zufrieden. Weißt Du, die alte Gräfin Raymu war unten, die ſo roth und apoplektiſch ausſieht. Sie hat nicht die geringſte Notiz von mir genommen, ob⸗ wohl ich ſie fragen hörte, wer ich wäre. Ganz gewiß würde ihr Gemahl uns ebenſo wenig anerkennen: aber er war nicht da. Es hieß, er würde mit Oskar kom⸗ 133 men. So eben iſt ein anderer Wagen an der Thüre vorgefahren. Ich bin begierig, ob er ſich in Uniform trauen läßt? Nein — es ſind Bekannte der Hoffmanns — wir kennen ſie nicht —“ Während ſie am Fenſter ſtehen blieb, näherte ſich ihre Schweſter Hamilton. „Iſt das nicht eine traurige Mummerei?“ ſagte ſie mit einem Blick auf ihr Feſtgewand. „Es iſt mir, als ob ich unter dem Einfluß eines furchtbaren Trau⸗ mes ſtände und gegen meine Neigung eine Rolle zu ſpielen gezwungen würde und mit jedem Augenblick eine ſchreckliche Kataſtrophe zu gewarten wäre. Bin ich denn wirklich wach?“ ſetzte ſie hinzu, ihm ihre kalte Hand hinſtreckend. „Ich hoffe wenigſtens, daß ich nicht träume,“ ſagte er, dieſelbe feſthaltend und ſie ſo lange anſehend, bis eine flüchtige Röthe über ihre blaſſen Wangen zog. „Es wird mir unmöglich ſein, erſtaunt zu erſchei⸗ nen, wenn ich höre, was ich bereits nur zu gut weiß,“ ſagte ſie. „Niemand wird in einem ſolchen Augenblick auf Sie Acht haben, und ich werde ſuchen, in Ihrer Nähe zu bleiben.“ Hier wurden ſie von Madame Roſenberg gerufen und ſtiegen zuſammen die Treppe hinunter. Es waren etwa zwanzig Perſonen verſammelt, mit welchen Frau von Hoffmann in ihrer gewohnten lauten und ſcharfen Weiſe ſprach, während ſie einer vornehmen, ſteif aus⸗ ſehenden ältlichen Frau, in der Hamilton ſogleich Rah⸗ mund's Mutter erkannte, beſondere Aufmerkſamkeit er⸗ wies. Hildegarde und Creſeenz traten in das anſtoßende Zimmer, wo die Braut die Zeit bis zur Ankunft des Bräutigams verbrachte. Hamilton ging zu dem Fenſter und erwartete in ängſtlichem Stillſchweigen die bevor⸗ ſtehende Scene. Eine Minute ſpäter fuhr Rahmund's Wagen vor. Ohne nachzuſehen, wer ausſtieg, führte Frau von Hoff⸗ 134⁴ mann ihre Tochter in das Geſellſchaftszimmer, und über dem Empfang der Glückwünſche ihrer verſammelten Freunde bemerkte das arme Mädchen nicht, daß ihre Mutter etwas geheimnißvoll aus dem Zimmer gerufen wurde; bald nachher begehrte man auch die Gräfin Raymund und ſie kehrte nicht mehr zurück. Hamilton ſah, wie ſie in den Wagen gehoben wurde und davon fuhr. Dann holte man ein paar ältliche Herren zu⸗ gleich mit Roſenberg. Der Letztere kam allein wieder, jedoch ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit beraubt und ſicht⸗ bar in Verlegenheit, was er ſagen ſollte. Er näherte ſich Fräulein von Hoffmann, ſchaute ſich im Zimmer um und ſagte dann: „ich bedaure, der Ueberbringer einer unangenahmen Botſchaft ſein zu müſſen — aber Graf Raymund iſt ſo plötzlich und gefährlich erkrankt, daß ſeine Mutter ſich veranlaßt ſah, nach Hauſe zurück⸗ zukehren und — die Trauung vermuthlich — heute — nicht ſtattfinden kann.“ „Erkrankt!“ rief Marie, die ganz bleich wurde. „Wo iſt meine Mutter?“ Sie trat in dieſem Augenblick ein und Hamilton vemerkte an ihrer heftigen Aufregung, daß ſie Alles wußte. Sie ſprach haſtig und verwirrt mit ihren Gäſten und verrieth unwillkürlich ihre Ungeduld, derſelben los zu werden. Die Roſenbergs waren die letzten und woll⸗ ten ſich eben zurückziehen, als Marie die Hand auf Hildegarde's Arm legte und ſie bei ihr zu bleiben bat. „Fräulein Hildegarde wird nicht im Stande ſein, Dir viel Troſt zu geben,“ bemerkte ihre Mutter bitter, „es iſt wenig oder gar keine Ausſicht auf Graf Ray⸗ mund's Geneſung. „So lange er noch lebt, können wir hoffen,“ ſagte das arme Mädchen in Thränen ausbrechend. „Ver⸗ muthlich hat er die Cholera, aber ſchon Manche ſind davon geneſen, warum ſollte es bei ihm nicht geſchehen?“ Madame Roſenberg verließ mit ihrem Mann, Cres⸗ cenz und Hamilton das Zimmer. Etwa eine Stunde ſpäter kam auch Hildegarde und kleidete ſich um. Sie fand ihre Eltern und Major Stultz in eifrigem Geſpräch mit einander im Geſell⸗ ſchaftszimmer. Im Augenblick, da ſie erſchien, rief ihr Vater: „Seht, da iſt Hildegarde ſchon in Trauer. Ge⸗ wiß hat ein natürliches Schicklichkeitsgefühl ſie beſtimmt, ſich ſchwarz anzuziehen.“ „Ein natürliches Gefühl des Stolzes,“ rief Ma⸗ dame Roſenberg, „ſie will den Leuten zeigen, daß Graf Raymund ihr Couſin war: aber ihre Tante, die Gräfin, hat ſie heute hochmüthig genug durch ihre Lorgnette ge⸗ muſtert, ohne dem Anſchein nach ſich im Geringſten der Verwandtſchaft zu erinnern.“ „Was gibt es?“ fragte Hildegarde zu ihrem Vater gewendet. „Was es gibt? rief Madame Roſenberg,“ Dein Vater wünſcht höchſt abgeſchmackter Weiſe, daß Du und Deine Schweſter um Eures nichtswürdigen Couſins willen Trauer anlegen ſollt und ſchlägt vor, Creſcenz' Hochzeit bis nach Oſtern zu verſchieben. Der Himmel weiß in dieſen Cholerazeiten, wo wir in ſechs oder ſie⸗ ben Wochen ſein werden.“ „Babette,“ ſagte ihr Mann vorwurfsvoll, „das geht zu weit.“ „Nun, ich habe eigentlich nicht ſo gemeint, aber ich bin gegen jeden weitern Aufſchub; laß die Mädchen trauern, wenn Du willſt, und ich verſpreche, die Hoch⸗ zeit ſo ſtill einzurichten, daß Niemand Etwas davon merken ſoll.“ „Das iſt ein vernünftiger Vorſchlag,“ ſagte Ma⸗ jor Stultz. „Creſcenz kann nach der Hochzeit Trauer tragen und ſechs Monate fortmachen, wenn Sie wollen.“ „Einige Wochen Schicklichkeits halber,“ ſagte Roſen⸗ berg, „verlange ich jedenfalls. Graf Oskar hat wenig⸗ ſtens die Verwandtſchaft anerkannt und ſeiner Eltern Vernachläſſigung kann in der Lage meiner Töchter nichts 136 ändern oder ihnen wehren, das unglückliche Ende des Neffen ihrer Mutter zu betrauern. Inzwiſchen hatte Hamilton ſich Hildegarde genähert und fragte ſie, wie ihre Freundin die Nachricht ertra⸗ gen habe. „Wir wagten nicht, es ihr zu ſagen. Was ſie denkt und ſpricht, iſt nur von der Cholera; aber,“ ſetzte ſie leiſe hinzu, „ſtellen Sie ſich vor, Frau von Hoff⸗ mann hat mich bei Seite genommen und mir plötzlich und auf die gefühlloſeſte Weiſe den wahren Stand der Dinge mitgetheilt, indem ſie die kleinen forſchenden Augen die ganze Zeit über auf mein Geſicht gerichtet hielt. Sie wußte wenig, wie gut ich auf ihre Botſchaft vor⸗ bereitet war.“ „Was haben Sie geſagt?“ „Sehr wenig, daß es eine ganz und gar traurige Geſchichte wäre; Oskar habe manche gute und viele glänzende Eigenſchaften gehabt, ich fürchte aber, wenn er am Leben geblieben wäre, hätte man nicht darauf rechnen können, daß er Marie glücklich mache.“ „Stimmte ſie Ihnen bei?“ „Mehr, als ich wünſchte. Sie erklärte, ſchon nach dem erſten Monat habe ſie ſich zurückzuziehen verſucht, aber die Rahmunds hätten es nicht zugegeben. Sie habe längſt bemerkt, daß Oskar ſich Nichts um ihre Tochter kuͤmmere, und geargwohnt, ich wäre der Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe und erwiederte auch dieſelbe, nun aber ſei ſie von ihrem Irrthum überzeugt und bitte mich wegen ihres ungerechten Verdachts um Verzeihung.“ „Und Sie?“ „Ich verzieh ihr ohne Schwierigkeit, wie Sie ſich vorſtellen können. Wirklich muß Oskars Benehmen jede vernünftige Mutter beunruhigt und gereizt haben. Ma⸗ rie's Blindheit iſt mir unbegreiflich geweſen.“ „Sie vergeſſen, daß die Liebe blind iſt.“ „Ja, für Fehler, aber nicht für ſchreiende Vernach⸗ läffigung.“ „— — —,— 137 „Für Schwächen, Fehler, Mißhandlung, für Alles,“ ſagte Hamilton. „Es muß wohl ſo ſein,“ ſagte Hildegarde nach⸗ denklich. „Marie iſt jedenfalls für alle ſeine Irrthümer blind geweſen und wird es wahrſcheinlich auch bleiben. Ich war anfänglich gleichfalls geblendet, wie Sie ſich wohl noch erinnern werden.“ „Vollkommen,“ erwiederte Hamilton trocken. „Ich weiß, daß ich die traurige Gewohnheit habe, Zu⸗ und Abneigung plötzlich zu faſſen,“ fuhr fie gleich⸗ erſten gültig weiter fort. „Ja, und bei ſolchen Veranlaſſungen ſind Sie nicht gerade blind; Sie können ſelbſt Fehler für Vollkom⸗ menheiten nehmen“ „Ich fürchte, das iſt wahr,“ ſagte Hildegarde, in⸗ dem ſie ſich mit halb geſchloſſenen Augen in ihren Stuhl zurücklehnte und ſehr langſam ſprach. „Ich er⸗ innere mich, daß ich mir eine Zeit lang Frau von Hoff⸗ mann angenehm und unterhaltend dachte; ihre ſtrengen Bemerkungen nahm ich für Witz, bis ſie gegen mich ſelbſt gerichtet wurden.“ „Und was für eine Antipathie haben Sie bei dem erſten Anblick gegen mich gefaßt!“ „Sie haben keine Idee davon, wie ſehr Sie ihr zuwider geweſen ſind,“ rief Creſcenz, die unbemerkt zu ihnen gekreten war. Beide ſchracken zuſammen und er⸗ rötheten dann, als ſie fortfuhr: „Wenn Sie nur gehört hätten, wie ſie in Berchtesgaden gegen den kalten, ſtolzen Engländer loszog.“ „Creſcenz,“ ſagte Hildegarde mit ſichtlicher Anſtren⸗ gung, „wir wollen davon jetzt nicht reden; ich kann mich gegen Euch Beide heute nicht vertheidigen, ich bin zu müde dazu.“ „Vielleicht fängſt Du jetzt an, anders von ihm zu denken,“ bemerkte Creſcenz ſchlau; „Lina Berger mag am Ende doch Recht haben. Als wir Euch geſtern 138 Nacht in ihrem Hauſe erwarteten, ſagte ſie, ihrer Mei⸗ nung nach möchte Dein Haß ſich am Ende in —“ „O Creſeenz,“ ſtieß Hildegarde mit ſo unnatür⸗ lichem Tone aus, daß ihr Vater rief: „Ei, was gibt es dort?“ „Hildegarde geräth wieder einmal in Zorn,“ ſagte Madame Roſenberg, „ſiehſt Du nicht, wie ſie die Farbe wechſelt?“ Und dieß geſchah auch mit furchtbarer Geſchwindig⸗ keit. Niemand als Hamilton wußte, daß ſie ſeit vier⸗ undzwanzig Stunden keine Nahrung zu ſich genommen hatte, denn unter den haſtigen Vorbereitungen zur Hoch⸗ zeit war es unbemerkt geblieben, daß ſie zum Frühſtück nichts genoſſen hatte. Niemand als er wußte von der Rervenerſchütterung, der ſie vergangene Nacht ausgeſetzt geweſen war, von dem heftigen Zwang, unter dem ſie ſeitdem zu leiden hatte; er allein begriff, daß Creſcenz's letzte Bemerkung der Tropfen war, der den bittern Kelch zum Ueberfließen brachte, und doch wurde er ebenſo ſchwer betroffen, als die Andern, als ſie den Arm aus⸗ ſtreckte und vergebens nach einer Stütze in die Luft greifend, beſinnungslos zu Boden fiel. Creſcenz, was haſt Du Deiner Schweſter geſagt?“ rief ihr Vater herbeiſtürzend. „Ich weiß nicht — ich erinnere mich nicht. Was habe ich geſagt?“ rief ſie mit einem beſorgten Blick auf Hamilton. Roſenberg hob Hildegarde, die jedoch kein Zeichen wiederkehrenden Lebens gab, aufz er war ſo erſchrocken und zitterte ſo heftig, daß Hamilton ihm beiſtehen mußte, um ſie auf den Sopha zu legen, während Creſcenz ein Fenſter öffnete und Madame Roſenberg nach Waſſer lief. Ihre vereinigten Anſtrengungen brachten ſie end⸗ lich wieder zum Bewußtſein; ſie öffnete die Augen, be⸗ merkte den Schreckensblick, mit dem ihr Vater ſich über ſie hinbeugte, und wurde, während ſie ihn verſicherte, ſie befände ſich wieder ganz wohl, abermals von einer —ꝛ,— 139 Ohnmacht befallen, die nicht eher endigte, als bis man ſie auf ihr Zimmer gebracht und auf das Bett gelegt hatte. Doctor Berger wurde geholt. Er ſprach die Hoffnung aus, ihr Unwohlſein würde keine weiteren Folgen haben, aber ſie müſſe ſehr ruhig gehalten werden; es ſeien Symptome vorhanden, die zum Typhus oder zur Gehirnentzündung führen könnten. Creſcenz hinterbrachte dieſe Aeußerung ihrer Schwe⸗ ſter, die, ſobald ſie dieſelbe hörte, alsbald Hamilton zu ſehen begehrte. „Aber nicht jetzt; nicht hier,“ ſagte Creſcenz. „Nein, ich glaube, ich muß einige Linien ſchreiben und Du kannſt ihm mein Billet, wenn er nach ſeinem Zimmer hier vorbei geht, einhändigen.“ Creſcenz brachte Bleiſtift und Papier und Hilde⸗ garde ſchrieb engliſch: „Sie haben die Anſicht des Doctors über meine Krankheit gehört; ich ſelbſt denke, daß ſie ſich nur als eine ſtarke Erkältung erweiſen wird. Sollte es jedoch zu einem Fieber kommen und ein Delirium eintreten, ſo müſſen Sie zu Mademoiſelle Hortenſe, einer der Leh⸗ rerinnen in unſerer Schule gehen, ihr meine Lage er⸗ zählen und ihr ſagen, ich laſſe ſie bitten, hieher zu kom⸗ men und meine Pflege zu übernehmen. Meine Stief⸗ mutter wird mit der Anordnung zufrieden ſein und Sie haben keine abſchlägige Antwort zu befürchten. Meine Beweggründe hiefür werden Sie leicht errathen.“ „Darf ich ihn leſen2“ fragte Creſcenz, als ſie das Papier von ihrer Schweſter in Empfang nahm, „ah, 3 6 engliſch; wie Du Alles, was engliſch iſt, ſo ſehr iebſt!“ „Es iſt ein Auftrag an Mademoiſelle Hortenſe: Du kannſt ihren Namen ſehen,“ ſagte Hildegarde. „Herr Hamilton kann leichter, als Du, zu ihr gehen.“ „O, wenn das Alles iſt, ſo bin ich recht froh, daß 140 Du ihn gewählt haſt, denn Du weißt, wie ſchrecklich ich mich vor ihr fürchte.“ „Ich weiß,“ ſagte Hildegarde, ihre Hand an die Stirne drückend und ſich abwendend. Die nächſten zwei Tage vergingen in einem Zu⸗ ſtand der Ungewißheit und Hamilton wanderte troſtlos genug hin und her, aber am dritten ſchien ihm Hilde⸗ garde Beruhigung zu gewähren und ihres Vaters Freude über deren Geneſung war ſo groß, daß er wirklich den ganzen Abend zu Hauſe blieb, ohne auch nur nach einem Robber Whiſt zu begehren. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Hochzeit im dritten Stock. Es vergingen mehrere Tage. Graf Raymundes Tod war unter ſeinen Bekannten, die faſt einſtimmig der Meinung waren, daß er die raſche That nur, um einer Verbindung ſo tief unter ſeinem Range auszu⸗ weichen, vollbracht habe, vielfach beſprochen worden. Er wurde mehr bedauert, als er verdiente. Seine viel⸗ ſeitigen Talente hatten ihn ungewöhnlich beliebt ge⸗ macht, und in der Geſellſchaft, wo er ſich bewegte, pflegte man im Allgemeinen nicht den Charakter zu ſtudiren oder nach den Motiven einer Handlung zu for⸗ ſchen. Sein Kreis war jedoch den Roſenbergs ſo völlig unbekannt; ſie befanden ſich ſo ganz und gar außer aller Verbindung mit einem Gliede deſſelben, nunmehr, da Graf Zedwitz ihr Haus zu beſuchen aufgehört hatte, daß ſie keine ven jenen Bemerkungen — nichts von den einzelnen Umſtänden vernahmen. Es erſparte Hilde⸗ garde manche Angſt, denn ſeine verwundete Hand, der blutbefleckte Dolch und die offene Thüre hatte viele 141 Nachforſchungen veranlaßt, und wäre es nicht wegen des Briefs geweſen, den er (in dem eiteln Verſuch, ſich zu entſchuldigen) an ſeinen Vater geſchrieben hatte, wür⸗ den jene Umſtände wohl zu dem Verdacht eines Mor⸗ des geführt haben. Die Roſenbergs erfuhren nichts und die Vorberei⸗ tungen zu Creſeenz's Hochzeit begannen. Sie wurden Roſenberg zu Gefallen, welcher eingewilligt hatte, daß ſie früher ſtattfände, als ſeine urſprüngliche Abſicht ge⸗ weſen war, da die Hoffmanns das Haus verlaſſen und ſich ganz nach Augsburg begeben hatten, mit auffallen⸗ der Heimlichkeit betrieben; Madame Berger hatte ſich anheiſchig gemacht, wenn die Geſellſchaft zahlreich ge⸗ nug wäre, um zu tanzen, Walzer zu ſpielen, und Ma⸗ dame Luſtig zwei oder drei Nachmittage mit Kochen und Backen für das Soups zugebracht. Am Hochzeittage war Hamilton nicht wenig über⸗ raſcht, Creſcenz in ihrem Gingham⸗Morgenrock ruhig beim Frühſtück ſitzen zu ſehen, während ihr Vater das Zimmer verließ, um wie gewöhnlich auf ſein Büreau zu gehen. „Ich glaube, ich habe mich zu frühe angekleidet,“ ſagte er mit einem Blick auf ſeine ſorgfältige Toilette, „darf ich fragen, um welche Stunde —“ fünf Uhr Nachmittags,“ antwortete Hilde⸗ garde. „Mama hat beſchloſſen, ihr Verſprechen zu halten und unſere Freunde gebeten, uns in der Frauenkirche zu treffen. Bei unſerer Rückkehr wird es beinahe ſchon dunkel ſein und Niemand wird wiſſen, daß wir eine Hochzeit im Hauſe haben.“ Aber wir werden tanzen,“ rief Creſcenz, und Ma⸗ jor Stultz hat geſagt, ich dürfe heute Abend mit Ihnen tanzen, ſo oft mir beliebt.“ „Sehr gütig!“ antwortete Hamilton lächelnd, „und wie vft gedenken Sie von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen?“ 142 „Das hängt von Ihnen ab, ſollte ich meinen,“ erwiederte ſie erröthend. „Sie würden beſſer daran thun, nicht auf meine Discretion zu bauen. Ich werde mich verſucht fühlen, das Verlorene hereinzubringen und mit Ihnen den gan⸗ zen Abend zu tanzen. Sie haben keinen Zucker in mei⸗ nen Kaffee gethan,“ fügte er mit einem Blick ſchein⸗ baren Schmerzes gegen Hildegarde hinzu. „Haben Sie es abſichtlich vergeſſen, um mich wegen meines ſpäten Kommens zu beſtrafen?“ „Nein; ich — ich — dachte an etwas —“ „Und an was?“ „Es hat keine große Wichtigkeit. Ich dachte daran, daß ich, wenn Sie vor einigen Monaten ſo zu Cres⸗ denz geſprochen hätten, zornig geworden ſein würde, weil ich mir eingebildet hätte, Sie beluſtigten ſich auf ihre Koſten, waͤhrend ich jetzt weiß, daß Sie nichts damit meinen, als zwei⸗ oder dreimal dieſen Abend mit ihr tanzen zu wollen.“ „Und,“ ſagte Hamilton warm, „daß ich gerne mit ihr tanze und ihr für den Wunſch, mit mir zu tanzen, verbunden bin, das habe ich auch gemeint.“ „Ich wußte es wohl,“ rief Creſcenz triumphirend. „Ich din überzeugt, ich habe Sie ſtets beſſer als Hilde⸗ garde verſtanden, trotzdem daß ſie ſo geſcheidt iſt. Aber von der Zeit an, da ihr Graf Zedwitz geſagt hat, Sie ſeien bereits ein vollkommener Weltmann, ein — ein, wie war das Wort, Hildegarde?“ „Ich kann mich des Wortes nicht mehr entſinnen,“ antwortete ſie ruhig. „Es bedeutete, wie ich mir noch denken kann,“ ſagte Creſcenz, „eine Perſon, die zu kalt und berech⸗ nend für ihre Jahre war — die zu weltlich war, um viel Gefühl zu beſitzen.“ „Das war ungerecht — das war zu viel geſagt,“ rief Hamilton erröthend. „So dachte Hildegarde auch, aber ſie beſtand im⸗ —,. 143 mer darauf, Sie wären ſtolz und berechnend und ſuch⸗ ten aus den Gefühlen und Schwächen Anderer ſich eine Unterhaltung zu machen.“ „Iſt dieß Ihre Meinung von mir?“ ſagte Hamil⸗ ton zu Hildegarde?“ „Sie war es,“ antwortete ſie feſt.“ „O, Hildegarde ſcheut ſich nicht, zu ſagen, was ſie denkt, ihre Anſicht von Ihnen muß ſich ſehr geändert haben, wenn ſie das ſein ſoll, was Sie gerne hören möchten.“ Hildegarde ſtellte ſich hinter ihre Schweſter, um die tiefe Röthe zu verbergen, die ſich über ihr Geſicht ausbreitete, und ſagte, indem ſie ihr die Hand auf die Schulter legte, vielleicht um zu verhindern, daß ſie ſich nicht umdrehe, mit leiſer Stimme und in großer Ver⸗ legenheit: „Creſcenz, Du haſt gewiß keine Idee, wie ſehr Du mich in dieſem Augenblick peinigſt. Du zwingſt mich zu geſtehen, daß ich in dieſem Fall nicht mit meiner gewöhnlichen Offenheit gegen Dich gehandelt habe. Ich hege die höchſte Meinung von Herrn Hamilton.“ „Nun wahrhaftig!“ rief Creſcenz, während ſie einen Blick von ihrer Schweſter Angeſicht zu erhaſchen ſuchte, aber Hildegarde trat noch weiter zurück und fuhr fort: „Daß ich ihn Anfangs nicht leiden konnte, iſt ſehr wahr, jedoch mehr um Deinet⸗ als meinetwillen; denn ſeine offene Feindſeligkeit gegen mich war entſchuldbar, ſeine verdeckte Aufmerkſamkeit gegen Dich unverzeihlich.“ „Aber,“ ſagte Creſcenz, die Hamilton's Gegenwart ganz vergeſſen zu haben ſchien, „ſeit wann haſt Du an⸗ ders von ihm zu denken angefangen?“ „Seit der Zeit, da er der Gegenſtand des Streits zwiſchen uns zu ſein aufgehört hat,“ antwortete Hilde⸗ garde, ſich über ihre Schweſter beugend und ſie auf die Stirne küſſend. „Aber Hildegarde,“ rief Creſcenz, indem ſie ſich mit unerwarteter Lebhaftigkeit umdrehte, „erinnerſt Du 1⁴4 Dich noch, wie ich Dir, ehe wir zum Ball gingen, er⸗ zählte, daß Lina Berger geſagt hat, Herr Hamilton könne immer noch mein Scha —“ Hildegarde's beide Hände ſchloſſen ihr den Mund und das Wort erſtickte, ehe es völlig ausgeſprochen wurde. „Gnädiger Gott! ich habe ganz vergeſſen, daß er noch da iſt,“ rief ſie mit einem leichten Verſuch, zu lachen, und lief dann aus dem Zimmer. Eine lange Pauſe erfolgte. Hildegarde begann die Taſſen auf ein Theebrett zu ſtellen, bis Hamilton, ohne aufzuſehen, fragte, ob ſie ſich noch genau der Zeit erin⸗ nern könnte, da ſich ihre Meinung von ihm geändert hätte. „Vollkommen; es war die Nacht, da Creſcenz ſich mit Major Stultz gezankt hatte. Die Erklärungen, welche Sie uns bei'n Mondſchein auf unſerem Zimmer gaben, waren redlich und ehrenhaft. „Und Sie vergeben mir, daß ich mit ihr zu Seon geliebelt habe.“ . „Ja, und vergebe Ihnen auch, daß Sie hier daſ⸗ ſelbe mit mir verſucht haben.“ „Der Fall iſt ganz und gar verſchieden,“ begann Hamilton. „Es iſt ein Unterſchied, ich gebe es zu,“ ſagte Hilde⸗ garde, „Sie haben mich ſo beſtimmt gewarnt, daß es unentſchuldbar geweſen ſein würde, wenn ich Sie nicht verſtanden hätte, — außerdem hatte ich den Vortheil,lvon Graf Zedwitz zu hören, daß Sie volle Freiheit zu haben glaubten, nachdem Sie mich ſo offen gewarnt hatten, nach Belieben zu handeln.“ Zedwitz's Liebe zu Ihnen hat ihn die Freundſchaft ennich ganz vergeſſen laſſen,“ ſagte Hamilton etwas gereizt. „Ich tadle Ihr Betragen gegen mich nicht,“ ſagte Hildegarde, „Sie wollten ſich im Deutſchen vervoll⸗ kommnen und fanden das Zanken und Liebeln mit mir als die anregendſte Methode. Ich habe gleichfalls von Ihrer Geſellſchaft Nutzen gezogen, denn ich habe nicht 14⁵ nur die engliſche Ausſprache gelernt, ſondern,“ ſetzte ſie mit ſchelmiſchem Lächeln hinzu, „ich beginne auch etwas von der Kunſt des Liebelns zu verſtehen, von der ich beim Anfang unſerer Bekanntſchaft, ich kann Sie ver⸗ ſichern, nicht den geringſten Begriff hatte.“ „O, ſagen Sie das nicht,“ rief Hamilton, „Sie ſcherzen nur, Sie haben dazu ſicher keine Neigung, aber Ihre Schweſter Creſcenz —“ „Meine Schweſter Creſeenz hat zu Seon von der⸗ artigen Neigungen nichts gewußt und darum tadle ich Ihr Betragen gegen ſie. Ihre Liebe, wenn Sie je eine ſolche fühlten, war verzeihlich; man kann ſich dagegen, glaube ich, nicht wehren, — aber Ihre Verſuche, der⸗ ſelben einen Widerwillen gegen Major Stultz beizubrin⸗ gen, waren ganz unverzeihlich.“ „Ich erkenne das an,“ ſagte Hamilton ernſt, „und bereue es.“ „Sie waren im Stande, dieſen Fehler wieder eini⸗ germaßen gut zu machen,“ fuhr Hildegarde fort, „aber wußten vielleicht nicht, daß Sie die Urſache öfteren Zanks zwiſchen mir und meiner Schweſter geweſen ſind — und daß in Folge davon beinahe eine gänzliche Ent⸗ fremdung zwiſchen uns eingetreten iſt.“ „Und iſt das auch mein Fehler?“ fragte Hamilton. „Ich weiß nicht,“ erwiederte ſie traurig. „Ehe wir mit Ihnen bekannt wurden, herrſchte zwiſchen uns nie die geringſte Meinungsverſchiedenheit — und jetzt denken wir niemals gleich und alles Vertrauen iſt da⸗ hin.“ „Sie nehmen die Sache zu ernſthaft,“ ſagte Ha⸗ milton, „ich bin überzeugt, Ihre Schweſter weiß Nichts von einer Entfremdung. „Ich fürchte, Sie irren ſich —“ begann Hilde⸗ garde, aber dieſen Augenblick trat Creſcenz in's Zim⸗ merz ſie war zum Ausgehen angekleidet und bat ihre Schweſter, ſie zu begleiten. Die Anfangsbuchſtaben. I. 10 „Darf ich auch mitgehen?“ fragte Hamilton. „N — ein, ich glaube nicht,“ erwiederte Hildegarde. „Aber er kann uns in einer Stunde oder ſo ab⸗ holen,“ ſagte Creſcenz, indem ſie ihm lächelnd zunickte. „Sagen Sie mir, wo ich Sie finden kann?“ Creſcenz erröthete und zauderte. „In — meiner — in des — in des Majors Wohnung —“ „Wir wollen dort die Möbel herrichten,“ ſagte Hildegarde die Thüre ſchließend. Die Stunde war kaum halb verfloſſen, als ſich Hamilton bei den beiden Schweſtern einfand. Er wurde ohne Umſtände aufgefordert, ſich nützlich zu machen, und ſein Beiſtand ſogleich in Anſpruch genommen, um Weiß⸗ zeug in einen Schrank einzuräumen. — Hernach wurden Stühle und Tiſche nach allen Richtungen hin- und her⸗ geſchoben, die Etagère bewundert, und ſchließlich begaben ſie ſich nach der Küche, wo Creſcenz mit beluſtigendem Frohlocken Hamilton Stück für Stück alle Geräth⸗ ſchaften zeigte, deren Gebrauch erklärte und ihn ver⸗ ſicherte, obwohl ihre Mutter ihr Walburg als Magd mitgeben wollte, ſei ſie doch entſchloſſen, Alles ſelbſt zu kochen. Während ſie noch ſprach, kam der alte Hans und meldete, ſie werde zu Hauſe erwartet, — man wolle heute früher als gewöhnlich zu Mittag ſpeiſen und der Friſeur werde um zwei Uhr da ſein. Sie wurde ſehr bleich und ſetzte ſich, nachdem ſie ihn wieder fortgeſchickt hatte, auf einen kleinen Schemel und begann zu weinen. Hildegarde gab Hamilton ſchweigend ein Zeichen, ſie allein zu laſſen, und höchlich verwundert über dieſen Wechſel, ging er in das Geſellſchaftszimmer zurück. Als er die Zimmermöblirung, die Creſcenz ſo prächtig vorkam, ſich betrachtete, konnte er nicht um⸗ hin, über die Genügſamkeit ihres Geſchmacks zu lächeln. War er um ſeine mehr verſchwenderiſchen Anſichten zu beneiden? Sicher nicht. Alles in der Welt, vom Dia⸗ 147 mant bis zu der geringſten Kleinigkeit, die über die abſoluten Lebensbedürfniſſe hinausgeht, hat nur einen eingebildeten Werth. Der wirkliche Werth hängt von der Geſinnung des Beſitzers ab und iſt in civiliſirten Ländern nach den unbewußt angeſtellten Vergleichungen bemeſſen, — wobei das geiſtige Beſtreben in dem Re⸗ ſultat aufgeht. Für Creſeenz waren die dünnen, weißen Vorhänge, ſelbſt an einem kalten Februartage, ebenſo ſchätzbar, als für Hamilton die weichſten ſeidenen — der gelbe Sopha mit ſeinen hartgeſtoppten Kiſſen und perpendikulären Seitenwänden war zum Ehrenſitz für einen Gaſt beſtimmt und nicht zum Daraufliegen eingerichtet. — Selbſt Hamilton würde es nicht gelungen ſein, eine ruhende Poſitur ſich darauf auszudenken, obwohl er ein ganz entſchiedenes Talent dafür hatte, es ſich com⸗ fortabel zu machen. Die ſechs Stühle hatten lange, dünne Beine, aber das an den Beinen geſparte Holz war gewiſſenhaft auf die Lehnen verwendet, die geſchmack⸗ voll, um Herzen vorzuſtellen, ausgeſchnitten waren. Ein Tiſch, zwei Kommoden und die Etagere vervoll⸗ ſtändigte die Möblirung des Zimmers. Als Hamilton vor der letztern ſtand, um die Taſſen, Schalen, Gläſer und Bronceleuchter, welche darin aufgereiht waren und ſich in dem an der Rückſeite angebrachten Spiegel ver⸗ doppelt darſtellten, zu bewundern, traten Hildegarde und ihre Schweſter ein. Creſeenz ſchaute ſich, noch mit den Spuren friſcher Thränen auf ihrem Angeſicht, nichts⸗ deſtoweniger wohlgefällig um, ordnete zum zwanzigſten Mal die Falten der Vorhänge, ſtäubte den Tiſch mit ihrem Taſchentuch ab und ging dann zuerſt die Treppe hinunter. Um fünf Uhr verſammelte ſich eine Geſellſchaft von ſechszehn bis achtzehn Perſonen in der abgeſchiedenen Kapelle der Frauenkirche, um der Trauung von Major Stultz und Creſcenz Roſenberg beizuwohnen. Die Braut vergoß keine Thränen; ſie ſah ſehr hübſch und ſehr ſchüchtern aus — der Bräutigam noch dicker und 148 röther als gewöhnlich. Madame Roſenberg gab offen ihre Zufriedenheit zu erkennen und ſprach die Hoffnung aus, daß der Tag nicht fern ſein werde, da ſie an dem⸗ ſelben Platz und zu demſelben Zweck für Hildegarde ſtehen würde. Hildegarde war blaß und ſtille, und nur Roſenberg zeigte, daß er ſeine Rührung zu bewäl⸗ tigen verſuchte. Bei ihrer Rückkehr nach Hauſe fanden ſie die Lich⸗ ter angezündet und das Soupé unter der Oberaufſicht von Madame Luſtig hergerichtet. Man brachte drei Stunden bei Tiſch zu, darauf tanzte man, aß wieder, tanzte von Neuem bis nach Mitternacht, wo zum Schluß der Feſtlichkeit Punſch gemacht wurde. Man darf ſich nicht vorſtellen, daß dieß, wie in England, eine einfache Miſchung von Waſſer, Zucker und Cognac oder Rum war. In Deutſchland iſt es ein complicirtes Geſchäft, und trotz der vorläufigen Zurüſtungen von Madame Luſtig begleiteten Madame Roſenberg drei oder vier Frauen nach der Küche, um ihr bei dem Gebräu zu helfen. Jede hatte ein be⸗ ſonderes Recept — und eine Trennung der Parteien wurde abſolut nöthig, indem dieſe ſchwarzen, jene grü⸗ nen Thee zur Miſchung zu nehmen vorſchlug, während die Andern nur Reiswaſſer oder Wein haben wollten. Hamilton, der eine Art von Autorität bei allen Dingen im Hauſe geworden war, wurde zu Rath ge⸗ zogen; aber als er bloßes Waſſer vorzuſchlagen wagte, ſchob ihn Madame Roſenberg lachend in's Geſellſchafts⸗ zimmer hinein, indem ſie erklärte, daß er offenbar von der Sache nichts verſtände — er ſolle tanzen, bis der Punſch fertig wäre! Er erwies ſich jedoch ganz vortrefflich, als endlich Madame Roſenberg mit einer vollen Suppenterrine er⸗ ſchien und ihn löffelweiſe an die Geſellſchaft ringsherum vertheilte, die ſich dann zu Major Stultz und Creſeenz drängte, um mit ihnen anzuſtoßen und dann etwas 1⁴9 von dem coloſſalen Schwammkuchen zu erhalten, den die letztere in großen Portionen vertheilte. Kurz darauf meldete der alte Hans, der Wagen für Fräulein Creſcenz ſei da, und ſie zog ſich mit ſicht⸗ barem Widerſtreben zurück, ihren Shawl umzulegen. Zugleich rüſtete ſich die ganze Geſellſchaft zum Abſchied und bald waren alle auf dem Hausflur. Creſcenz umarmte ihre Stiefmutter und dankte ihr etwas förmlich für ihre Güte und Freigebigkeit. Dar⸗ auf boi ſie Hamilton die Hand, warf ſich dann ihrer Schweſter in die Arme und brach in Thränen aus. „Komm, komm, Creſcenz!“ rief ihr Vater, eine Heiterkeit annehmend, die er weit entfernt war zu em⸗ pfinden, — „das iſt nichts — Du nimmſt Abſchied, als ob Meere, nicht Straßen uns trennen ſollten. Komm!“ Und er zog ihren Arm in den ſeinigen und führte ſie die Treppe hinab. Die Andern folgten alle, bis auf Hildegarde, und nach einem augenblicklichen Zögern Hamilton. Sie kehrten in das öde Geſellſchafts⸗ zimmer zurück, wo Hildegarde das Fenſter öffnete und hinauslehnte. Bald hörten ſie Creſcenz's Stimme heiter rufen: „Gute Nacht, Lina — gute Nacht Papa — gute Nacht, Hildegarde.“ „Gute Nacht,“ antwortete ihre Schweſter vom Fen⸗ ſter aus und der Wagen fuhr davon. „Nun, wir haben einen luſtigen Abend zugebracht!“ rief Madame Roſenberg triumphirend, als ſie einige Minuten nachher beinahe athemlos in's Zimmer trat. „Das iſt am Ende doch eine luſtige Hochzeit geweſen, ſiehſt Du, Franz?“ „Ja,“ antwortete er, indem er niedergeſchlagen auf das Sopha ſank, „ich bin mir ſelbſt böſe, daß ich mich ſo gedrückt fühle. Ich glaube, mir iſt nicht wohl.“ „Ah bah!“ rief ſeine Frau lachend, „wenn es Dir unwohl geweſen wäre, hätteſt Du nicht ſo zu Abend eſſen können, wie Du es gethan. Vielleicht haſt Du 15⁰ aber zu viel Fiſch oder Truthahn oder Schinken ge⸗ geſſen. Jedenfalls mußt Du müde und ſchläfrig ſein; ſo kannſt Du zu Bette gehen, während wir Alles wie⸗ der in Ordnung bringen.“ . Roſenberg folgte, wie gewöhnlich, dem Rath ſei⸗ ner Frau ohne Widerſpruch. Einen Augenblick hielt er Hamiltons Hand, als wollte er ihm etwas mehr ſagen, als blos — kaum hörbar — gute Nacht! Dreiunddreißigſtes Kapitel. Eine Veränderung. Hamilton wurde gegen drei Uhr Morgens von Hildegarde geweckt, die an ſeine Zimmerthüre ſtürzte und ausrief: „Ums Himmels willen, ſtehen Sie auf — ſtehen Sie auf und kommen Sie zu meinem Vater — ich fürchte, er hat die Cholera. Sie haben Kranke ge⸗ ſehen und kennen die Symptome. O, kommen Sie, — wir wiſſen nicht, was wir anfangen ſollen!“ „Schicken Sie nach dem Doetor,“ rief Hamilton, „ich bin in einem Augenblick bei Ihnen.“ Beim Eintritt in Roſenbergs Zimmer fand Hamil⸗ ton Hildegarde an ſeinem Bette ſtehen, während Ma⸗ dame Roſenberg in einem Zuſtand völliger Geiſteszer⸗ rüttung im Zimmer auf und abging. „O, Herr Hamilton,“ rief ſie im Augenblick, da ſie ihn gewahr wurde, „ſagen Sie, ſagen Sie mir nur, daß Franz nicht die Cholera hat, und ich werde Ihnen mein Leben lang dankbar ſein! Es wäre zu hart, wenn er ſie jetzt bekäme, da die Leute ſagen, daß Nichts mehr zu fürchten ſei. Vergangene Woche iſt nur ein Mann — ein abgelebter Greis daran geſtorben. Ich bin über⸗ zeugt, Franz hat geſtern Abend blos zu viel gegeſſen⸗ 15¹ Sind Sie nicht auch der Meinung? Sagen Sie nur, daß er die Cholera nicht hat, und ich will Ihnen un⸗ bedingt glauben.“ Aber Hamilton konnte es nicht ſagen, und zum Unglück auch Doctor Berger nicht; der Fall wurde ſo⸗ gleich für ſehr ſchlimm und in furchtbar kurzer Zeit für gänzlich hoffnungslos erklärt. Beſtürzung und Schrecken herrſchten im ganzen Hauſe, als am Morgen des dritten Tags der arme Roſenberg nicht mehr war. Von der Plötzlichkeit ihres Verluſtes gänzlich überwäl⸗ tigt, zog ſich Madame Roſenberg in ihr Zimmer zu⸗ ruͤck, ohne im Stande zu ſein, mit Jemand zu ſprechen. Major Stultz übernahm ſogleich die nöthigen An⸗ ordnungen für das Begräbniß und gab Auftrag zum Druck von Rundſchreiben, um entfernte Verwandte und Freunde von dem Todesfall in Kenntniß zu ſetzen — ein Gebrauch, welcher der trauernden Familie die Er⸗ füllung einer höchſt ſchmerzlichen Pflicht erſpart. Ha⸗ milton brachte die zwei kleinen Knaben zu ihrer Schwe⸗ ſter Creſcenz. Ihr eheliches Leben hatte in Angſt und Sorge begonnen, und Hamilton empfand eine natür⸗ liche Beſorgniß, ſie unter ſo peinlichen Umſtänden wie⸗ der zu ſehen; aber ihr Schmerz war von der ruhigſten Art, die Thränen floſſen ungehemmt über ihre runden, roſigen Wangen und ließen, als ſie aufhörten, keine Spur zurück. Obwohl erſt wenige Tage verfloſſen wa⸗ ren, ſeit ſie als nicht ganz willige Braut ihre Familie verlaſſen, hatte ſie doch bereits angefangen, ihres Man⸗ nes Worte als Orakelſprüche zu wiederholen. Hamilton lächelte halb, als er von ihr hörte, ſie danke Gott, daß ſie wenigſtens verſorgt ſei und eine Heimath habe, und hoffe, die arme, gute Hildegarde werde jetzt nicht be⸗ reuen, daß ſie einen Mann wie Major Stultz abge⸗ wieſen habe, um ſo mehr, als dieſe Abweiſung ihr die Möglichkeit benehme, je bei ihnen zu wohnen! Die arme Hildegarde! Nicht mit einem Gedan⸗ fen, viel weniger mit einem Bedauern hatte ſie ſich 152 Major Stultz zugewendet. Hamilton fand ſie bei ſei⸗ ner Rückkehr auf ihrem Zimmer. Dort ſaß ſie voll⸗ kommen bewegungslos, die Lippen vertrocknet, der Quell der Thränen verſiegt. Er hoffte, daß ſie endlich an ſich denken möge und empfahl ihr, wo möglich etwas zu eſſen und zu Bett zu gehen. Sie ſah ihn an, als oh ſeine Worte ihrem Geiſt nicht den geringſten Sinn zugsführt hätten — ging einige Minuten unru⸗ hig im Zimmer auf und ab und ſagte dann ſchaudernd: „ich fürchte ſo ſehr, man möchte ihn lebendig begra⸗ ben! Glauben Sie wirklich, daß er ganz — ganz todt iſt? Wenn ich ihn nur noch einmal ſehen könnte!“ „Und wer ſollte ſo grauſam ſein, Sie daran zu hindern?“ rief Hamilton. „Wenn es Ihnen eine Er⸗ leichterung gewährt, ſo will ich heute Nacht in ſeinem Zimmer bleiben!“ „In ſeinem Zimmer!“ rief ſie, convulſiviſch die Hände zuſammenſchlagend; „er iſt nicht mehr da, man hat ihn in das Leichenhaus gebracht.“ „Das Leichenhaus? Wo iſt das?“ „Auf dem Begräbnißplatze. Man hat zwar Wäch⸗ ter dort, glaube ich, aber er iſt doch immer unter allen den furchtbaren Leichen, und wenn er zu ſich ſelbſt käme, — denken Sie ſich, wie ſchrecklich! Wollen Sie mit mir gehen und mich ihn noch einmal ſehen laſſen? Ich kann ſonſt nicht glauben, daß er wirklich todt iſt.“ „Ich will mit Ihnen dahin gehen, oder wohin Sie ſonſt wollen,“ ſagte Hamilton, von ihrem ſichtbaren Jammer ganz überwältigt. Das Wetter war ungewöhnlich rauh; der Sturm trieb den kalten Regen ihnen in's Geſicht und blendete ſie beinahe, als ſie durch den halbgeſchmolzenen Schnee, der auf der Straße vor der Stadt lag, wateten; aber Hildegarde ſchien gegen alle dieſe Hinderniſſe unem⸗ pfindlich und eilte ſchweigend vorwärts, bis ſie den Kirchhof erreichte, wo ſie ſich nach einem Gebäude wandte, das Hamiltons Beobachtung bei einer frühern 1⁵3 Gelegenheit entgangen war, gerade auf eine Reihe Glasthüren zuging und dann wie von Entſetzen betäubt ſtehen blieb. Hamilton war augenblicklich an ihrer Seite, und man muß geſtehen, daß für Solche, die nicht mit dem verſchiedenen Anblick des Todes vertraut waren, die Seene, die ſich hier darbot, etwas furchtbar Erſchütterndes hatte. Auf Tiſchen im Innern ſtand eine lange Reihe offener Särge, deren geiſterhafte In⸗ haber mit einer Sorgfalt geſchmückt, welche dem feier⸗ lichen Ernſte des Todes und Begräbniſſes Hohn zu ſpre⸗ chen ſchien. Ein junger Offizier lag in ſeiner Uni⸗ form da, als ob er auf der Parade erſcheinen ſollte; — ein ältlicher Herr, wie zum Ball angekleidet, — ein junges Mädchen, deſſen Mund und Augen halbgeöffnet den Kampf zu bezeichnen ſchienen, unter dem Seele und Leib ſich von einander trennten, war mit Blumen bekränzt, und ein langer weißer Schleier lag in leichten Falten über ihren bloßen Armen und dem weißen Kleide und reichte beinahe bis zu den Atlasſchuhen herab, welche die kalten, ſteifen, in häßlicher Starrheit über den Sarg herausragenden Füße bedeckten. Roſenberg war kaum noch zu erkennen — ſeine blaßgelben Züge waren zuſammengezogen und keine Spur mehr von der Schönheit, durch die er ſich ſo ſehr ausgezeichnet hatte, vorhanden. Hamilton wandte ſich ab, aber wiederum begegneten ſeine Angen dem Tode. Ein anderes, leich⸗ ter gebautes Zimmer war mit den Leichen von ärmeren Perſonen und Kindern angefüllt. Die letztern ſchienen wirklich zu ſchlafen, und bei ihnen wenigſtens die Blu⸗ menkränze nicht am unrechten Orte zu ſein. Hildegarde war kaum im Stande, ſich von der Stelle loszureißen, und Hamilton fühlte ſich nicht ge⸗ neigt, ſie zu ſtören, bis er eine Menge Perſonen hin⸗ und hereilen und Fackeln auf dem Kirchhofe ſich ent⸗ zünden ſah. Er erkundigte ſich bei einer Frau, die mit einem Schlüſſelbund in der Hand erſchien, ob ein Lei⸗ chenbegängniß ſtattfinden ſollte. „Ich glaube, die Gräfin Rahmund ſoll dieſen Abend beerdigt werden,“ antwortete ſie. „Keine von dieſen hier?“ rief Hamilton, auf die Stelle deutend, wo Hildegarde ſtand. „O ja, gerade dort neben dem Herrn, der an der Cholera geſtorben iſt, — die alte Dame in ſchwarzem Atlas mit dem weit offenen Munde — es war eine ſchändliche Nachläſſigkeit von den Leuten, die um ſie waren, daß man ihr denſelben nicht ſchloß, ehe die Muskeln erſtarrten!“ „Hildegarde!“ ſagte Hamilton, indem er ihren Arm in den ſeinigen zog, „Sie müſſen jetzt von hier fort, es ſoll ein Begräbniß ſtattfinden.“ „Ich weiß — ich habe es gehört,“ ſagte ſie, ſich wegführen laſſend, während ihr Kopf noch immer rück⸗ wärts nach der Todtenkammer gewendet war. „Der einzige Vorrang, den die Gräſin Raymund jetzt vor meinem Vater anſprechen kann,“ fügte ſie bit⸗ ter hinzu, „beſteht darin, daß ſie zuerſt in das Grab ſteigt! Wie thöricht erſcheint aller Stolz, wenn man an der Schwelle eines Beinhauſes ſteht!“ „Sehr wahr,“ ſagte Hamilton, „aber wie ſelten denkt der Stolze — wie ſelten denkt überhaupt Jemand an einen ſolchen Ort! Wohin gehen wir jetzt?“ „Zu meiner Mutter Grab.“ Er machte keine Einwendung, denn er hoffte, eine plötzliche Erinnerung würde der unnatürlichen Ruhe ihres Weſens ein Ende machen, und bedauerte aus die⸗ ſem Grunde nicht, daß der Todtengräber bereits an der Arbeit geweſen war. Der Platz war abgemeſſen, und einige Schaufeln voll Erde auf das Grab geworfen, das ſie zu beſuchen kam. Sie ſchien einige Minuten zu beten, ſetzte ſich dann neben dem Steinkreuze nieder und begann eifrig die Blätter des noch immer grünen, wenn auch verdorrten Epheukranzes, den ſie im November darauf gelegt hatte, zu ordnen. 15⁵ „Ich ſetze Ihre Geduld auf eine unverzeihliche Probe,“ bemerkte ſie endlich, von ihrer traurigen Be⸗ ſchäftigung ſich erhebend, „und es iſt Alles unnütz.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte Hamilton. „Ich erwartete etwas wie Betruͤbniß über den Ver⸗ luſt meines Vaters zu empfinden. Sie werden über mich entſetzt ſein, wenn ich Ihnen ſage, daß ich nichts dergleichen fühle. Ehe ich hieher kam, dachte ich, meine abſcheuliche Apathie wäre eine Folge davon, daß ich an der Wirklichkeit ſeines Todes zweifelte — dieſe Zweifel ſind beſeitigt — ich weiß, daß er todt iſt, — daß er in wenigen Stunden im Grabe liegen und neben den Gebeinen meiner Mutter vermodern wird — und ich fühle nichts gleich Schmerz — kann nichts empfinden!“ „Sie ſind durch das Plötzliche des Schlags noch zu ſehr betäubt,“ begann Hamilton. „Nein,“ ſagte Hildegarde ruhig, „ich verſichere Sie, nie hätte ich mich vollkommener zufrieden gefühlt, als in dieſem Augenblick, wäre es nicht, daß mir der gänzliche Mangel an Empfindung Schauder erregte.“ „Sollte es Empfindungsloſigkeit ſein 2“ ſagte Ha⸗ milton, „Sie haben ſo viel Entſchiedenheit, ſolche Cha⸗ rakterfeſtigkeit, daß —“ „Nein, nein,“ rief ſie, ihn haſtig unterbrechend, „das iſt nicht Feſtigkeit. Bilden Sie ſich nicht ein, ich fühle eine Bewegung, die ich zu verbergen ſuche, ich wolle Thränen unterdrücken, die zu fließen bereit ſind; ich fühle nur eine faſt unwiderſtehliche Neigung, zu ge⸗ hen, zu laufen, ohne anzuhalten.“ „Ich bin erſtaunt, daß Sie ſich nicht völlig er⸗ ſchöpft fühlen,“ ſagte Hamilton. „Es würde gewiß natürlicher ſein, wenn man in Erwägung zieht, daß Sie drei Nächte nicht geſchlafen und faſt zwei Tage nichts gegeſſen haben.“ „Und Sie haben ebenfalls drei ſchlafloſe Nächte zugebracht,“ ſagte Hildegarde, „und ohne die Hoffnun⸗ gen und Beſorgniſſe, welche den Mangel an Ruhe für 156 mich unfühlbar machten. Ich ſollte bälder daran ge⸗ dacht haben.“ „Ich denke nicht an mich ſelbſt, rief Hamilton. „Und Ihre Hoffnungen und Beſorgniſſe „ ſetzte er lei⸗ ſer hinzu, „habe ich ſehr treulich getheilt. Wollen Sie niemals glauben, daß Ihre Freuden meine Freuden, Ihre Leiden auch die meinigen ſind?2“ Er wartete vergeblich auf eine Antwort; Hilde⸗ arde lehnte ſich ſchwer auf ſeinen Arm und athmete chnell; endlich gelang es ihm, einen Blick auf ihr Ge⸗ ſicht zu werfen, und die heftigſten Zuckungen in dem⸗ ſelben erregten ihm ſolchen Schrecken, daß er einem der zahlreichen Lohnkutſcher, welche von dem Kirchhof zu⸗ rückkehrten, einen Wink gab und ſeine widerſtandloſe Begleiterin ſchweigend in den Wagen hob. Sie ſeufzte ſo tief und ſchnappte dann ſo ſchrecklich nach Athem, daß er alle Fenſter niederließ und die herzlichſte Freude empfand, als ſie endlich in einen Strom von Thränen ausbrach. Sie weinte ohne Unterlaß, bis ſie nach Hauſe kamen; aber ſchon auf der Treppe bemerkte Hamilton, daß ihre frü⸗ here unnatürliche Faſſung wieder zurückgekehrt war. Den folgenden Tag war Madame Roſenberg faſt beſtändig von Freunden und Bekannten umgeben. Ge⸗ gen Abend zog Creſcenz ihre Schweſter bei Seite und üſterte: „o, meine liebe Hildegarde, das iſt ein un⸗ erſetzlicher Verluſt für Dich!“ „Unerſetzlich fürwahr!“ ſagte Hildegarde, indem ſie traurig den Kopf ſenkte; „ich wollte, es hätte Gott gefallen, mich ſtatt meines Vaters ſterben zu laſſen — Wenige würden um mich getrauert haben!“ „Ich weiß in der That nicht, was jetzt aus Dir werden foll! Ich darf gar nicht daran denken; aber Du wirſt Dich wohl an Mademviſelle Hortenſe wenden müſſen, um eine Stelle als Gouvernante zu erhalten; Du weißt, ſie verſprach Dir dafür zu ſorgen, ſobald Du es wünſchteſt —“ 157 „Ich weiß,“ ſagte Hildegarde, indem ſie ſich die Stirne rieb und mit einem Ausdruck großer Bekümmer⸗ niß in die Lippen biß, „laß uns ein ander Mal davon reden — ich kann jetzt nicht daran denken.“ „Lina Berger hat davon geſprochen; ſie ſagte, Mama würde Bir ganz gewiß nicht den Vorſchlag ma⸗ e bei ihr zu bleiben, und Major Stultz meint, da „Creſcenz,“ ſagte Hildegarde etwas ungeduldig, „ſage was Du willſt, von Dir ſelbſt, ich bin bereit, Dich anzuhören, aber quäle mich nicht mit dem, was Lina Berger oder Major Stultz meint.“ „Nun ja! wie oft haſt Du geſagt: daß Du ihn für einen verſtändigen Mann halteſt!“ „Ich habe meine Anſicht nicht geändert; aber da ich weiß, daß er keine Art von Intereſſe an irgend etwas, das mich betrifft, haben kann, ſo wünſche ich auch nicht zu hören, was er geſagt hat.“ „Ach, ich ſehe, daß Herr Hamilton es Dir erzählt hat — er lächelte ſo ſonderbar, als ich geſtern mit ihm ſprach, daß ich überzeugt war, er werde Dir Alles hin⸗ terbringen — ich wün chte wirklich, Dich ſogleich zu mir zu nehmen; es war mein erſter Gedanke, aber Blaſius erklärte, nach dem, was zu — zu — Seon — Du weißt — geſchehen, wäre es ganz unmöglich!“ „Herr Hamilton hat mir davon Nichts erzählt,“ erwiederte Hildegarde. „Ich danke Dir für Deine freund⸗ lichen Abſichten, liebe Creſcenz. Ich kann mir vor⸗ ſtellen, daß des Majors Weigerung, in Deine Wünſche einzugehen, Dir wehe gethan hat; aber Du kannſt Dich deßhalb beruhigen, denn ich fühle ſelbſt noch tiefer, als er es vermag, die Unmöglichkeit, jemals eine Bewohne⸗ rin ſeines Hauſes zu werden.“ „Nun,“ ſagte Creſcenz ſichtbar ſehr erleichtert, „es freut mich wirklich, das von Dir zu hören; denn ob er gleich dieſen Morgen ſehr vernünftig dieß und das ge⸗ ſprochen hat, konnte ich doch nicht umhin, zu weinen, 158 und war ganz untröſtlich bei dem Gedanken, darüber mit Dir zu ſprechen; ich fürchtete, Du möchteſt denken, da ich verheirathet bin, würde ich Dich weniger ieben.“ „Vier Tage ſind doch eine zu kurze Zeit, hoffe ich, eine ſolche Veränderung zu Stande zu bringen,“ ſagte Hildegarde mit melancholiſchem Lächeln; dann ergriff ſie plötzlich ihrer Schweſter Hände und rief: „O Eres⸗ cenz, liebe mich! Liebe mich immerdar, — ſo ſehr Du kannſt; denke, wie ſehr ich meines Vaters Liebe ver⸗ miſſen werde!“ „Sehr wahr, in der That! wie Blaſius ſagt, der Vater hat ſeine ganze Neigung Dir zugewendet und mich gänzlich überſehen!“ Hildegarde ſchaute ihre Schweſter ſtillſchweigend an und wendete ſich dann mit thränenvollen Augen ab. Sie ſah, daß Creſeenz für ſie bald auf immer verloren ſein werde. Major Stultz beherrſchte bereits ihr Den⸗ ken und Reden ſo vollſtändig, wie ſie es, da ſie auf der Schule zuſammen waren, gethan hatte. Sie wartete deren Ruͤckkehr in ihrer Stiefmutter Zimmer ab und ging dann langſam auf die nach dem Gang führende Thüre zu. Hamilton ſtand am Ofen — er hatte die Unterredung der Schweſtern gehört und er⸗ griff, von Mitleid über ihre verlaſſene Lage erfüllt, als ſie an ihm vorüberging, ihre Hand und drückte ſie, ohne ein Wort zu reden, leidenſchaftlich an ſeine Lip⸗ pen. Als ſie die ſchweren Augenlider zu ihm erhob, ſah ſie ſeine Augen in Thränen ſchwimmen. „Ich — danke Ihnen — für Ihre Theilnahme,“ murmelte ſie mit zitternden Lippen, als ſie ihre Hand zurückzog und aus dem Zimmer eilte. 159 Vierunddreißigſtes Kapitel. Das Arrangement. Nach Roſenbergs Beerdigung verging einige Zeit in melancholiſcher Einförmigkeit. Madame Roſenberg beſchäftigte ſich haupiſächlich mit der Einſichtnahme und Ordnung der Papierez Hildegarde wanderte im Hauſe herum und verſuchte mit zerſtreutem Weſen, ſich irgend⸗ wie nützlich zu machen. Sie bemühte ſich ſelbſt, der neuen Köchin an die Hand zu gehen; aber ihre Anſtren⸗ gungen liefen ſo unglücklich ab, daß ihre Mutter ſie davon abzuſtehen bat, da ſie in dieſer Richtung durch⸗ aus kein Talent beſäße. Roſenberg war ein freundlicher Gatte und ein liebe⸗ voller Vater geweſen; Hamilton hatte in ihm unwan⸗ delbar einen angenehmen Geſellſchafter gefunden, aber deſſen ſtete Beſchäftigung auf der Kanzlei und die ein⸗ gewurzelte Gewohnheit, jeden Abend auszugehen, hatten ſeine Geſellſchaft zu einer ſolchen Seltenheit gemacht, daß Hamilton ſich in kurzer Zeit in dieſen Verluſt ergab, und ohne die Trauerkleider, Hildegarde's unüberwind⸗ liche Niedergeſchlagenheit und die nie ausbleibenden Thränen von Madame Roſenberg, wenn ſie bei jedem Veſuch umſtändlich die Geſchichte von ihres Mannes Rrankheit und Tod erzählte, würde er in der That bald vergeſſen haben, daß er je exiſtirt hätte. Er be⸗ ſuchte Univerſitäts-Vorleſungen, ſtudirte mit ſeinem reund Biedermann Deutſch, ritt und ging ſpazieren, kurz, ſetzte alle ſeine früheren Beſchäftigungen, die Zän⸗ ereien mit Hildegarde ausgenommen, fort. — Letztere hatten jetzt gänzlich aufgehört; er gehorchte ihren leiſe⸗ en Anweiſungen, kam ihren Wünſchen mit einer Art ruhiger Ergebenheit zuvor, die ſo ausſchließlich ihr allein gewidmet, aber ſo unzudringlich war, daß Ma⸗ dame Roſenberg nichts weiter dabei zu bemerken fand, als ſie hätten jetzt friedlich in demſelben Hauſe zuſam⸗ 160 menzuleben gelernt, und beide mehr als einmal darum lobte, daß ſie ihren einfältigen und nutzloſen Zänkereien ein Ende gemacht hätten. Eines Tags izu Anfang des April rief ihn Hilde⸗ garde, als er eben das Haus verlaſſen wollte, mit dem Bemerken zuruͤck, ihre Mutter wünſche mit ihm zu ſprechen; er fragte lächelnd, ob die wahrſcheinlich nicht ſehr wichtige Mittheilung ſich nicht auf den andern Tag verſchieben laſſe, da er mit einigen Freunden bei Tam⸗ boſi im Hofgarten zuſammenzutreffen verſprochen habe. Hildegarde ſchüttelte ernſthaft den Kopf und ſagte, ſie glaube, daß ihre Mutter auf ſie warte. „Wie unausſtehlich!“ rief er, über den Gang ſchreitend, „jetzt werde ich vermuthlich ſo lange hinge⸗ halten, bis ich eine halbſtündige Strafpredigt darüber angehört, daß ich geſtern Nacht die Lichter auszulöſchen vergeſſen, oder meine Stiefel am Ofen verbrannt habe. Ich wünſche wirklich, Hildegarde, daß Sie Ihrer neuen Föchin Verhaltungsbefehle wegen meines Zimmers ge⸗ ben, — es iſt durchaus nicht nöthig, daß Ihre Mutter, ſo oft etwas auf meinem Zimmer paſſirt, davon in Kenntniß geſetzt wird.“ . Madame Roſenberg ſaß an einem altmodiſchen, mit unzähligen kleinen geheimen und ſichtbaren Fächern verſehenen Schreibtiſch; ſie hatte ein kleines Paket Rech⸗ nungen neben und verſchiedene Geldhaufen vor ſich. Bei Hamiltons Eintritt ſchob ſie ſogleich ihren Stuhl zurück und deutete auf einen andern neben ihr, um ihn einzuladen, daſelbſt Platz zu nehmen. Nun war Ha⸗ milton bereits durch Madame Roſenbergs Nachſicht, Lobſprüche und Unterordnung unter ſeine Meinungen ein wenig verderbt worden; er hatte ſie liebgewonnen und überſah ſelbſt ihr vulgäres Weſen; aber in dem Maße, als ſeine Anhänglichkeit an ſie zunahm, vermin⸗ derte ſich ſein Reſpekt vor ihr, und gleich dem verzoge⸗ nen Sohn einer ſchwachen Mutter blieb er jetzt an die Thüre gelehnt ſtehen, wies mit einer Geberde der Un⸗ 16¹ geduld den angebotenen Stuhl zurück und murmelte einige unverſtändliche Worte von Geſchäften und Be⸗ ſtellungen. „Ich werde Sie nicht lange aufhalten,“ ſagte Ma⸗ dame Roſenberg, indem ſie ein ungeheures leinenes Taſchentuch herauszog, um zwei große Thränen, die unwillkürlich über ihre Wangen herniederrollten, abzu⸗ wiſchen. „Ich hätte ſchon lange mit Ihnen ſprechen ſollen, aber dachte bisher ſtets über die Mittel nach, i meine Mittheilung minder unangenehm zu ma⸗ en.“ „So handelt es ſich alſo,“ rief Hamilton, die Thüre ſchließend und näher tretend,“ nicht darum, mir wegen der Stiefel den Text zu leſen!“ „Nein,“ erwiederte ſie halb lachend, „obwohl ich ſagen muß —“ „Ich weiß Alles, was Sie ſagen wollen,“ rief Hamilton lachend, „verſchwenderiſche Gewohnheiten, ab⸗ ſcheulicher Geruch, Gefahr, das Haus anzuzünden u. ſ. w. Nehmen Sie es für geſagt an — ich bin wirklich ſehr zerknirſcht und verſpreche, in den nächſten drei Wochen weder Hemde, noch Stiefel zu verbrennen, und durch⸗ aus nicht mehr, wenn das Wetter wärmer und der Ofen nicht mehr geheizt iſt.“ „In drei Wochen und wenn das Wetter wärmer iſt, werden wir zu weit von einander entſernt ſein, als daß ich Sie ſchelten oder wider Ihren Willen in mei⸗ nem Zimmer aufhalten könnte!“ „Meine liebe Madame Roſenberg,“ rief Hamilton, indem er auf ſie zuſprang und nicht nur auf dem eben ausgeſchlagenen Stuhl Platz nahm, ſondern ihn auch ſo nahe auf ſie zurückte, daß ſie ſich unwillkürlich zurück⸗ zog. „Meine liebe Madame Roſenberg, Sie wollen doch ſicher damit nicht ſagen, daß ich Sie verlaſſen muß.“ „Ja wohl,“ antwortete ſie langſam und verzagt mit dem Kopfe nickend, und wiederum wurde das ungeheure Die Anfangsbuchſtaben. II 1¹ 162 Taſchentuch in Requiſition geſetzt. „Es iſt wirklich,“ ſetzte ſie, etwas erſtaunt über die wechſelnden Empfin⸗ dungen, die ſich in ſeinem Geſichte malten, hinzu, „ſehr freundlich von Ihnen, daß Sie bedauern, von uns ſcheiden zu müſſen — ich dachte, der Verluſt werde ganz auf unſerer Seite ſein. „Ich habe ſieben der glücklichſten Monate meines Lebens in Ihrem Hauſe zugebracht,“ begann Hamilton. „Sechs Monate und eine Woche,“ ſagte Madame Roſenberg, ihn unterbrechend. „Sie ſind, wie Ihnen bekannt, drei Wochen bei Havard geweſen, und wenn wir unſere Rechnung abmachen, müſſen die drei Wochen abgezogen werden, denn, — wie der arme, gute Franz ſagte —“ „Ich möchte gerne wiſſen, was Sie mit Hildegarde für Abſichten haben,“ ſagte Hamilton, der kein Wort von der ganzen Erklärung gehört hatte. „Hildegarde geht mit mir auf das Eiſenwerk, wie man es jetzt nennt; der arme Franz war auf ſeinem Todtenbett ihretwegen ſo unruhig, daß ich ihm ver⸗ ſprach, ſie ſollte nie mein Haus verlaſſen, außer nach ihrem eigenen Willen, ſtets, wenn ſie es für gut fände, dahin zurücktehren dürfen und bei ihrer Verheirathung eine Ausſteuer erhalten, die der ihrer Schweſter inzjedem Betracht gleich wäre.“ „Dieſes Verſprechen muß für ihn ein großer Troſt geweſen ſein,“ bemerkte Hamilton. „Das war es,“ ſagte Madame Roſenberg und ihre Thränen floſſen ſtärker, als ſie hinzufügte: „ich würde ihm Alles, was ich auf der Welt beſitze, gegeben haben, um ihn in ſeinem letzten Augenblick zufrieden zu ſtellen. Wir lebten ſo glücklich mit einander während der zwölf Jahre, die wir in dieſem Hauſe wohnen. Jetzt kann ich nicht länger hier bleiben — das Haus — die Mäö⸗ bel — München ſelbſt iſt mir verhaßt geworden. Ich gedenke zu meinem Vater zurückzukehren. Fritz wird, wie ſein Vater es gewünſcht hat, ein Herr werden und 163 iſt in der Kriegsſchule; Guſtel muß ſeinem Großvater auf dem Eiſenwerke folgen; er hat ohnedieß keine große Luſt zum Lernen, und Peppi iſt noch zu jung, um ihn ſchon jetzt in Betracht zu ziehen.“ „Nehmen Sie mich auf das Eiſenwerk mit,“ ſagte Hamilton plötzlich. Madame Roſenberg ſah ihn an, als ob ſie ihn nicht recht verſtände. „Nehmen Sie mich auf das Eiſenwerk mit,“ wie⸗ derholte er. Sie ſchüttelte den Kopf. „Das iſt kein Platz für Sie,“ ſagte ſie feſt, und mein Vater, obwohl ſonſt ein vor⸗ trefflicher Mann, taugt nicht zum Geſellſchafter für Sie. Ihre Eltern würden unzufrieden ſein, und mit Recht, wenn Sie ſich in einem unbedeutenden Dorfe begraben wollten, das gerade weit genug von München entfernt iſt, um Ihnen unmöglich zu machen, der Vortheile, die Sie nach Ihrer Ausſage zum Abſchluß Ihrer Erziehung hier gefunden haben, ſich zu bedienen.“ Hamilton fühlte die Richtigkeit ihrer Bemerkungen und verſuchte nicht, ſie zu beſtreiten; er hatte jedoch keineswegs die Abſicht, eine Familie zu verlaſſen, deren Mitglied Hildegarde immer noch war;z auch kümmerte er ſich gerade in dieſem Augenblick nicht viel um die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit ſeiner Eltern. Er verſtand Madame Roſenberg vollkommen und änderte ſeine Taktik. Er warf ſich alſo in ſeinen Stuhl zurück und ſagte mit ſcheinbarer Reſignation: „Nun, ſo muß ich wohl auf die nächſten fünf Monate zu Havard zie⸗ hen, das iſt Alles!“ „Zu Havard! Was für eine Idee!“ rief Madame Roſenberg, „um jede Nacht Soupes zu geben und Cham⸗ i zu trinken! Ich habe nie etwas ſo Abſurdes gehört.“ „Mun, wohin kann ich ſonſt gehen? Ich kann doch nicht wohl ein Logis miethen und eine Köchin und ein Hausmädchen für mich einthun?“ ⸗ S ————— — —— 164 „Nein,“ erwiederte Madame Roſenberg halb la⸗ chend, „nicht gerade das — aber ein Logis oder eine Familie ließe ſich wohl finden. Nehmen wir zum Bei⸗ ſpiel an, daß Madame Berger den Vorſchlag gemacht hätte, Sie anzunehmen, im Fall der Doetor nichts da⸗ gegen einwenden würde, he?“ „Ich habe gewiß nichts dagegen,“ ſagte Hamilton mit einem vergeblichen Verſuche, ein Lächeln zu unter⸗ drücken, als er hinzuſetzte, „ſie iſt eines der hübſcheſten Weibchen, die ich je geſehen, und mit Zeit und Gelegen⸗ heit zweifle ich nicht, daß ich mich verzweifelt in ſie verlieben werde. Sie ſind nicht mehr da, mich mit Ihrem guten Rath zu unterſtützen — und — und — aber Sie werden wenigſtens für die Folgen verantwort⸗ lich ſein, da Sie mich in Verſuchung geführt haben.“ „Gott im Himmel! nicht um die Welt würde ich eine ſolche Verantwortlichkeit auf mich nehmen!“ rief Madame Roſenberg, mit einem Blick des Schreckens, „Lina ſo leichtſinnig und gedankenlos, und der Dortor nie zu Hauſel Das würde ſich nie thun, ſehe ich wohl. Aber wer hätte ſich auch einbilden können, daß Sie in Ihrem Alter an ſo Etwas denken würden!“ „Ich bin gerade in dem Alter, um mehr nach augen⸗ blicklicher Eingebung, als Vernunftgründen zu handeln, und ich betrachte Sie zu ſehr als meine Freundin, um nicht aufrichtig zu Ihnen zu ſprechen. Wenn Major Stultz nicht ſo unerträglich eiferſüchtig wäre, könnten Sie mich Creſcenz übermachen. Meine Aufmerkſam⸗ keit für ſie iſt wirklich von der tadelloſeſten Art und wird nie anders werden.“ „O, der Major würde nie auf einen ſolchen Vor⸗ ſchlag hören.“ „Dann bleibt mir keine Alternative als Havard. — Havards oder Ihr Haus,“ fuhr er fort, indem er ihre große, harte Hand nahm und ſie warm drückte. „Liebe Madame Roſenberg, laſſen Sie mich mit Ihnen gehen; ich habe eine Art Ahnung, daß dieß das einzige Mittel 165 iſt, mich vor Unheil zu bewahren; außerdem kann ich ſe oder dreimal die Woche nach München reiten oder ahren.“ „Aber ich habe keinen Raum für Sie,“ rief ſie mit einem Blick der Noth, denn der Ernſt ſeines Beneh⸗ mens hatte allmälig Eindruck auf ſie gemacht.“ „Sie müſſen Raum für mich machen,“ drängte Hamilton. „Und Ihre Pferde und Hans —“ „O, für ſie kann ich leicht ein Quartier in der Nachbarſchaft finden.“ „Und Sie werden in einem Zimmer ohne Ofen ſchlafen müſſen.“ „Ich brauche im Sommer keinen Ofen.“ „Nun dann,“ ſagte ſie zögernd, „wenn Sie mit den häuslichen Bequemlichkeiten, die zu meiner Ver⸗ fügung ſtehen, ſich begnügen zu können glauben, ſo mögen Sie uns auf das Land begleiten. Sollte unſere Lebensweiſe, oder was ich mehr fürchte, mein Vater Ihnen nicht behagen, ſo können Sie wieder fortgehen, wiſſen Sie; wir werden jedenfalls als Freunde ſcheiden.“ „Nichts von Trennung, weder mit Worten, noch Gedanken,“ rief Hamilton munter. „Ich bin gewiß, in Ihrem Vater einen recht wackern Mann zu finden — wir werden uns famos mit einander vertragen. Wann reiſen Sie ab? Es wird ganz entzückend ſein, die Land⸗ luft einzuathmen. Ich verſichere Sie, ich kann es nicht erwarten, hinauszukommen.“ „Am vierundzwanzigſten beabſichtige ich München zu verlaſſen,“ ſagte Madame Roſenberg, indem ſie ihren Stuhl an den Schreibtiſch zog und ihre kleinen Geld⸗ haufen wieder zu zählen begann. „Iſt das Eiſenwerk romantiſch gelegen?“ fragte Hamilton. „Nein. Es iſt an der Straße am Ende des Dorfes; hart daneben befindet ſich ein ſchöner alter Eichenwald.“ 166 „Ah, ein Eichenwald,“ wiederholte Hamilton nach⸗ denklich. „Wir haben auch einen Blumen⸗ und Obſtgarten hinter dem Hauſe; der Rauch aus der Schmiede ſcha⸗ det allerdings den Blumen ſehr, aber unter den Bäu⸗ men befindet ſich eine Laube, wo wir frühſtücken und Sommers nach dem Mittageſſen Kaffee trinken können — die Laube iſt ganz mit Roſen und Geißblatt bedeckt.“ „Ah, das iſt köſtlich!“ rief Hamilton, der ſich be⸗ reits im Geiſte mit Hildegarde in der Roſen⸗ und Geiß⸗ blattlaube ſitzen ſah. „Aber Sie vergeſſen Ihre Beſtellung,“ bemerkte Madame Roſenberg, die ſich vergeblich bemühte, einen Fehler in ihrer Rechnung zu verbeſſern. „Eine höfliche Art, mir zu ſagen, ich ſolle Sie in Ruhe laſſen,“ ſagte Hamilton lachend. „Durchaus nicht, ich verſichere Ihnen. Wenn Sie wirklich keine Beſtellung haben, wird es mich freuen, mit Ihnen über meine Plane zu ſprechen.“ „Ich hatte eine Beſtellung,“ ſagte er mit einem Blick auf ſeine Uhr, „aber nun iſt es zu ſpät. Für fiu andere, die ich habe, iſt es um einige Minuten zu rü 6 X „Einige Minuten,“ wiederholte Madame Roſenberg. „Das iſt für mich nichts. In Ihren „einigen Mi⸗ nuten“ kann ich Ihnen bloß anzeigen, daß Sie wenig⸗ ſtens auf ein paar Tage zu Havard müſſen, bis ich Alles in Ordnung gebracht habe. Hildegarde und die Kinder gedenke ich übermorgen fortzuſchaffen.“ „O, ſchaffen Sie mich auch fort, mit Hil— mit den Kindern,“ rief Hamilton eifrig. „Ich wünſche, Sie würden mich ganz als eines derſelben betrachten.“ „Nun, ich habe es in der That gethan, ſeitdem Sie bei mir ſind. Der arme Franz ſagte oft, ich nehme mir große Freiheiten mit Ihnen heraus.“ Hamilton lächelte. „Hans darf alſo wohl,“ ſagte er, ſich gegen die Thüre wendend, „meine Habe ein⸗ 167 packen; Sie werden mich mit den Kindern auf's Land ſchicken.“ „Nein, nein, nein,“ rief Madame Roſenberg haſtig, „das werde ich nimmer thun; ich muß an meinen Va⸗ ter ſchreiben und ihm die Sache vorher erklären. Wüßte er, was für eine Perſon Sie ſind — er würde nie ſeine Einwilligung dazu geben, daß Sie ein Inſaſſe ſeines Hauſes werden!“ „Bin ich denn ſo gar unangenehm?“ fragte Ha⸗ milton. „Ganz das Gegentheil — aber Sie verſtehen mei⸗ nen Vater nicht. Kurz es iſt beſſer, es Ihnen auf ein⸗ mal zu ſagen — warum ſollte ich mich deſſen ſchämen? Er war ein ganz gewöhnlicher Schmiedgeſelle — aber ſo äußerſt fleißig, mit ſo ungeheurer Kraſt und ſolchen Talenten für die Mechanik begabt, daß er ſich meinem Großvater nicht bloß nützlich, ſondern ganz unentbehr⸗ lich machte und dieſer, nur um ihn nicht zu verlieren, ihm ſeine Tochter zur Ehe gab. Unſere Schmiede wurde mit der Zeit zu einem Eiſenwerk und er iſt jetzt der reichſte Mann weit und breit. Dem äußern Schein nach würden Sie es nicht vermuthen; er hat ſich weder in Benehmen, noch Kleidung geändert —“ Madame Roſenberg hielt inne. „Nun,“ ſagte Hamilton. „Nun,“ wiederholte ſie etwas ungeduldig. „Es iſt doch klar genug, denke ich, daß ein ſolcher Mann nicht für Sie — und Sie nicht für ihn paſſen.“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Hamilton. „Ein Mann, der eine Schmiede in ein Eiſenwerk verwandelt hat und ohne etwas zu beſitzen durch ehrliche Mittel ein reicher Mann geworden iſt, muß Verſtand und Talent haben. Was ſeine Außenſeite oder Kleidung betrifft — ſo iſt eines Mannes Rock —“ „Das iſt's gerade, was ich fürchte,“ rief Madame Roſenberg. 168 „Denken Sie, ich lege einem Rock ſo große Wich⸗ tigkeit bei? Ich verſichere Sie, daß ich entſchloſſen bin, Ihren Vater mit und ohne Rock liebzugewinnen.“ „Ich will ihm das ſchreiben und es wird auf ein⸗ mal unſeren Schwierigkeiten ein Ende machen, denn wenn ich ihm das ſage, wird er ſich nie einbilden, daß Sie ſo ſchwer zu befriedigen ſind —“ „Ich verſtehe nicht ganz —“ ſagte Hamilton mit verſtörter Miene. „Es würde ſich nie thun — ſehen Sie — wenn wir ihm Ungelegenheiten machen, oder ihn zwingen woll⸗ ten, ſeine Lebensweiſe zu ändern. Er arbeitet und ißt gern in Hemdärmeln und es kommt ihm nicht ſonder⸗ lich darauf an, wie ihm die Speiſen ſervirt werden — das kann ich vielleicht ändern, aber gegen die Hemdärmel läßt ſich nichts machen und ich weiß, daß . ſehr gemein iſt; Franz hat es mir oft genug ge⸗ agt. „Ich habe nichts gegen ſeine Hemdärmel einzu⸗ wenden,“ ſagte Hamilton, „vorausgeſetzt, daß er mir erlaubt, einen Rock zu tragen. Was ſoll das bedeuten! Wenn dieß der einzige Grund iſt, warum ich übermor⸗ gen nicht mit Hildegarde und den Kindern gehen ſoll, ſo glaube ich, können Sie alle Umſtände bei Seite laſſen und Ihrem Vater ſagen, daß ich zur Familie gehöre. Sie haben mit mir einen Vertrag gemacht, mich noch ein halb Jahr zu behalten.“ „Das iſt eine gute Idee,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg lachend. „Ich will ihm morgen ſchreiben und bekomme ge⸗ wiß in einem oder zwei Tagen Antwort. Hamilton begriff, daß ihm Alles, was er vernünf⸗ tiger Weiſe begehren konnte, zugeſtanden war, und ver⸗ ließ das Zimmer ſtill und nachdenklich. Hildegarde hatte ihre Brüder für ihren Nachmit⸗ tags⸗Spaziergang fertig gemacht und wartete mit eini⸗ gen Zeichen der Ungeduld auf ſein Erſcheinen. Man 169 hatte ihm verboten, mit ihr zu gehen, er aber ſich eine Art von Recht erworben, zu erfahren, wohin ſie zu gehen beabſichtigte — in ihrer Nähe zu reiten, oder ſich ihr wenigſtens auf ihrem Spaziergang zu zeigen, war eine Art ſtillſchweigender Uebereinkunft. „Die Nymphenburger Straße,“ rief Guſtel, auf ihn zuſpringend.“ Darf ich einen Ihrer Stöcke nehmen?“ „Und ich auch, um darauf zu reiten?“ fragte Peppi. „Ja,“ ſagte Hamilton, „Hildegarde wird Euch zei⸗ gen, welche Ihr nehmen dürft.“ „O komm, Hildegarde,“ rief Guſtel, indem er ſie ziemlich unſanft fortzerrte, „kommfund wähle uns die Stöcke aus. Ich muß den kleinen ſchwarzen, mit dem Pferdekopf darauf, haben.“ Aber Hildegarde zeigte keine Luſt, fortzugehen. „Sie ſind lange bei meiner Mutter im Zimmer geweſen.“ ſagte ſie endlich mit einiger Verlegenheit. „Nicht länger als nöthig war, um ſie zu vermö⸗ gen, mich mit auf's Land zu nehmen. O Hildegarde, welche angenehme Spaziergänge werden wir in dem Eichenwald machen und wie viel glücklicher werden wir dort, als hier ſein! Sind Sie je auf dem Eiſenwerke geweſen?“ „Seit meiner Kindheit nicht mehr,“ antwortete Hildegarde lächelnd, wie ſie ſeit ihres Vaters Tode nicht gelächelt hatte. „Ich erinnere mich, daß der Lärm der Hämmer unaufhörlich war und das Haus heftig bebte, und die weißen Fenſtervorhänge bald verſchwärzt waren.“ „Wir werden uns gewiß an die Hämmer gewöh⸗ nen,“ ſagte Hamilton lachend. „Was die Erſchütterung des Hauſes betrifft, ſo muß das Einbildung ſein und die Fenſtervorhänge laſſen ſich leicht wechſeln, wiſſen Sie!“ „Aber Mama hat geſagt, nichts in der Welt könnte ſie beſtimmen, Sie mitzunehmen. Wie haben Sie die⸗ ſelbe überredet?“ „Das kann ich Ihnen Alles ſagen, wenn ich wie⸗ der heimkomme. Entſchuldigen Sie mich ſo gut als — 170 möglich, wenn ich zu ſpät zum Abendeſſen käme. Leben Sie wohl!“ „Wohin gehen Sie?“ fragte Hildegarde. Er flüſterte ihr einige Worte zu und eilte dann die Treppe hinunter. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Die beſeitigte Schwierigkeit. Es war ſpät am Abend und Hamilton noch nicht zurückgekehrt. Madame Roſenberg begann etwas un⸗ ruhig und ſehr ungeduldig zu werden, als zum Glück Madame Berger kam, um ſich bitterlich uͤber ihren Mann zu beklagen, der unter allen Umſtänden Herrn Hamilton als Hausbewohner aufzunehmen abgelehnt hatte. „Er ſagt, er ſei zu jung — und er zu vft ab⸗ weſend — und es möchte den Leuten zu reden geben! Hat man je etwas ſo Albernes gehört?“ „Ich glaube, er hat Recht,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg, „Sie ſind zu jung —“ „Es wundert mich, wie Ihnen nie eingefallen iſt, daß Ihre Stieftöchter noch jünger ſind!“ rief Madame Berger mit einem Blick auf Hildegarde, die am Fen⸗ ſter ſaß und auf die Straße ſah. „Das iſt etwas ganz Anderes,“ ſagte Madame Roſenberg, „wir ſind eine große Familie; und wo Va⸗ ter und Mutter im Hauſe —“ „Bah!“ rief Madame Berger ungeduldig, „Creſſy hat ihn deſſenungeachtet geliebt, mehr als ſie je ihren Mann lieben wird, ſorge ich.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ rief Madame Roſen⸗ berg mit einem Schreckensblick. „Meine eigenen Augen,“ erwiederte Madame Ber⸗ ger mit leichtem Lachen, „und nicht Hildegarde,“ fügte. ſie zur Antwort auf einen argwöhniſchen Blick hinzu, 17¹ den Madame Roſenberg auf ihre Stieftochter geworfen hatte. „Glauben Sie mir, weder des Vaters noch der Mutter Gegenwart kann dergleichen Dinge verhindern.“ „Creſcenz iſt höchſt glücklich verheirathet,“ begann adame Roſenberg. „Ich auch — aber ich habe Theodor Biedermann dem Doctor vorgezogen, wie Sie wohl wiſſen. Du brauchſt kein ſo erſtauntes Geſicht zu machen, Hilde⸗ garde, wenn Du mich die Wahrheit ſagen hörſt. Ich ſchwöre, daß man faſt glauben möchte, Du höreſt das zum erſten Mal! Als ob Creſſy mich nicht längſt ver⸗ rathen hätte, der Mademoiſelle Hortenſe nicht zu ge⸗ denken, die mich natürlich als Schreckbild der gan⸗ zen Schule vorgeſtellt hat! Den guten, alten Doector ausgenommen,“ fuhr ſie fort, „gibt es vielleicht keinen meiner Freunde oder Bekannten, der nicht weiß, daß ich mir um Theodor faſt die Augen ausgeweint habe.“ „Und iſt es möglich, daß Du es Doctor Berger nicht geſagt haſt? rief Hildegarde, ſich ſchnell umdre⸗ ii „Fühlteſt Du Dich nicht durch Deine Ehre ver⸗ pflichtet —“ „Nein, mein Fräulein,“ erwiederte Madame Ber⸗ ger ſcharf, „ich fühlte mich nicht durch meine Ehre ver⸗ pflichtet, vorbedächtig meinen haͤuslichen Frieden zu ſtören — ich überlaſſe Dir, dergleichen Geſtändniſſe zu machen, wenn Du Dich einmal verheiratheſt und ſol⸗ ches nöthig findeſt.“ „Ich fürchte, Hildegarde wird ſich wahrſcheinlich nie verheirathen, nun, da wir auf dem Eiſenwerk leben werden,“ ſeufzte Madame Roſenberg. „Der einzige Nach⸗ bar, den wir haben, iſt der Förſter, und er —“ „Gott ſei Ihnen gnädig!“ rief Madame Berger,“ Hildegarde würde einen Förſter nie anſehen, wenn er nicht zufällig Graf oder Baron wäre. Wenn Hamil⸗ ton ein Lord geweſen wäre, hätte ſie nie daran ge⸗ dacht, mit ihm zu zanken, das kann ich Sie verſichern!“ „Caroline — Madame!“ rief Hildegarde mit einer 172 Heſtigkeit, die Madame Berger bewog, einige Schritte vom Fenſter ſich zurückzuziehen, während ſie mit affertir⸗ ter Furcht rief, „Gott im Himmel, ich hatte keine Idee, daß Du ſeinetwegen ſo zornig werden könnteſt! Und da iſt er,“ ſetzte ſie, wieder an das Fenſter ſpringend, hinzu, als ſie den Hufſchlag eines Pferdes auf dem Pfla⸗ ſter hörte; „da iſt er, und ich vermuthe, es gibt wenige Lords, die eine Vergleichung mit ihm aushalten. Er iſt ſicherlich das hübſcheſte Geſchöpf, das ich je geſehen habe! Ein Ideal von einem Engländer! Ein Amor!“ „Lina,“ ſagte Madame Roſenberg vorwurfsvoll, „Sie müſſen verzeihen, wenn ich Ihnen bemerklich mache, daß dieſe Sprache ſich für eine junge verheirathete Frau nicht ſchickt.“ „Ah bah! als ob es ernſt wäre! Haben Sie ver⸗ geſſen, daß Sie immer zu ſagen pflegten, ich ſpreche, ohne zu denken? Nun, Hildegarde hier denkt vielleicht, ohne zu ſprechen.“ „Nicht an Herrn Hamilton,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg, „denn ſie hat nicht einmal aus dem Fenſter nach Ihrem Amor, oder wie Sie ihn nannten, geſehen. Hildegarde, geh' und ſage ihm, wir haben faſt zwei Stunden auf ihn gewartet, das Abendeſſen ſei fertig, und ich bitte ihn, zu kommen, wie er iſt, und einmal ausnahmsweiſe keine Abendtvilette zu machen.“ Sie hatte keine Zeit, ihre Botſchaft auszurichten, denn Hamilton trat mit ungewöhnlicher Eilfertigkeit in's Zimmer und händigte Madame Roſenberg einen ungeheuren, ſchlecht zuſammengefalteten, mit einer großen Oblate verſchloſſenen Brief ein. „Von meinem Vater,“ rief ſie erſtaunt. „Ja, er hat nichts dagegen, daß ich Sie auf das Eiſenwerk begleite; er ſagt, daß Sie mich ſtatt Fritz nehmen können.“ „Eine gute Idee,“ rief Madame Berger, indem ſie hinter dem Fenſtervorhang hervortrat, „ſie kommt jedoch von Herrn Hamilton, und nicht von Ihrem Vater.“ 173 „Sie ſteht jedoch im Brief,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg, indem ſie eifrig dieſe nichts weniger als zierliche Probe von Schreibekunſt überlief, „aber ich ſehe nichts von Hans oder den Pferden.“ „O, davon habe ich nichts geſagt; ſie können in das Wirthshaus gehen.“ „Aber wir haben einen Stall —“ begann Madame Roſenberg. „Ich weiß es, und ein paar kräftige Graue darin. Ihr Vater hat mir verſprochen, mich jeden Samſtag mitzunehmen, wenn er ſein Eiſen hinein⸗ ührt.“ „Auf dem Wagen?“ fragte Madame Berger. „Ja,“ antwortete Hamilton, „auf dem Vorderſitz haben zwei Perſonen Platz. Das Anerbieten war ſehr artig, in Betracht der Kürze unſerer Bekanntſchaft.“ „Jedenfalls iſt es ein Beweis, daß er großen Ge⸗ fallen an Ihnen gefunden hat,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg mit einer Miene großer Genugthuung, und da Sie mit den Kindern zu gehen wünſchen, muß Hilde⸗ garde Ihr Zimmer für Sie herrichten. Hörſt Du, Hildegarde?“ „Ja Mama.“ „Ihr Großvater hat ſich ganz beſonders nach Ihnen erkundigt,“ bemerkte Hamilton, zu Hildegarde gewendet. „Er iſt nicht mein Großvater, er iſt überhaupt kein Verwandter von mir,“ antwortete ſie franzöſiſch, während ſich eine plötzliche Röthe über ihre Wangen ergoß, die ſe purpurgefärbtem Angeſicht abzuſpie⸗ geln ſchien. „Ich verſtehe nicht Franzöſiſch,“ ſagte Madame Roſenberg, ſie wechſelsweiſe anſehend, „aber ich kann errathen, was es iſtz doch es macht nichts, lies dieſen Brief, Hildegarde; Du kannſt darin Alles finden und mehr, als Du von Herrn Hamilton hätteſt hören kön⸗ nen. Mein Vater iſt Willens, gegen Dich als Ver⸗ wandte zu handeln, — mache nicht durch übelangebrach⸗ 174 ten Stolz, daß ſeine freundlichen Geſinnungen gegen Dich ſich in Abneigung verwandeln.“ Sie nahm den Brief und die nicht unverdiente Zurechtweiſung ſchweigend an, während Hamilton, um Madame Bergers Aufmerkſamkeit abzulenken, ihr eine Beſchreibung von ſeinem Zuſammentreffen mit Herrn Eiſenmann, ihrem Geſpräch und Abendeſſen zu entwer⸗ fen begann. „Es muß köſtlich geweſen ſein, die ganze Scene,“ rief Madame Berger, „ich werde Ihnen am erſten Tag, da der Doctor mir die Pferde laſſen kann, einen Beſuch machen.“ „Bitte, bringen Sie den Dyrtor mit, wenn Sie kommen,“ ſagte Madame Roſenberg mit einem unbe⸗ wußten Blick auf Hamilton. Madame Berger ſah den Blick, bemerkte, daß Hamilton lachte und forſchte ſogleich nach der Urſache. Madame Roſen⸗ berg weigerte ſich, zu ſprechen; ſie wendete ſich deßhalb an Hamilton, der alsbald mit vollkommenſter Gelaſſen⸗ heit und ohne die mindeſte Zurückhaltung Wort für Wort ihre ganze auf ſie bezügliche Morgen⸗Unterredung derſelben wiederholte. Sie ſchien an dem Bericht, wie an Madame Roſenberg's Schreckensmiene gleichmäßiges Ver⸗ gnügen zu finden. „Eins iſt gewiß,“ ſagte ſie, nachdem er geendet hatte, „wären Sie ſo lange in demſelben Hauſe mit wie bisher mit Hildegarde, wir würden „Sie ſcheinen den Doctor ganz und gar zu ver⸗ geſſen,“ ſagte Madame Roſenberg, ſie faſt zornig unter⸗ brechend! „Die Wahrheit zu geſtehen, ich vergeſſe manchmal, daß ich verheirathet bin — aber Herr Hamilton ver⸗ ſteht die badinage *) vollkommen, ſo brauchen Sie nicht ſo entſetzt bei meiner bavardage auszuſehen. *) Anmuthiger Scherz und Muthwille im Geſpräch; pavardage = Geſchwätz. 17⁵ „Ich möchte, Sie ſprächen Deutſch,“ ſagte Ma⸗ dame Roſenberg, auf ihrem Stuhl unruhig hin⸗ und herrückend, „Sie brauchen ſo viele franzöſiſche Worte, daß ich nicht die Hälfte von dem, was Sie ſagen, verſtehe.“ „Ich glaube, es wird am beſten für mich ſein, nach Hauſe zu gehen,“ rief Madame Berger, gut gelaunt, mir, zu Sie werden artiger gegen mich ſein, wenn ich Sie au . Piich jeiß⸗ ch Sie auf dem Lande beſuche. „Gute Nacht!“ ſagte Madame Roſenberg trocken, ohne den geringſten Verſuch zu machen, ſie aufzuhalten⸗ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Das Eiſenwerk. In einigen Tagen waren Hildegarde, die Kinder und Hamilton auf dem Eiſenwerke eingerichtet. Ihre Erinnerungen erwieſen ſich ziemlich richtig; der Lärm der Hämmer hörte faſt nie auf, nicht einmal bei Nacht, und da das Wohnhaus an das Hammerwerk ſtieß, gab es hier zuweilen Erſchütterungen, daß die Fenſter klap⸗ erten. Hamilton nahm nicht viel Notiz von den weißen Vorhängen, bedauerte aber aus reiner Sympathie mit Hildegarde die Rußtheilchen, die flockenweiſe in den Garten fielen und die künftigen Blumen der Hälfte ihrer Schönheit zu berauben beſtimmt ſchienen. Der alte Eiſenmann war nicht wenig auf ſeinen Garten ſtolz und vernahm mit großer Zufriedenheit, daß Hildegarde bei der Pflege deſſelben ihm beizuſtehen bereit war. Die Pflanzen, welche Hamilton am meiſten intereſſirten, waren die zahlreichen Cactusarten, womit alle Fenſter an der Vorderſeite des Hauſes angefüllt waren, und 176 deren prächtige Blüthen bereits jeden Vorübergehenden zum Stehen brachten, um einen Blick darauf zu wer⸗ ſen. Nichts kam des Alten Freude bei ſolchen Fällen gleich; war das Wetter warm genug, ſo öffnete er ge⸗ wöhnlich das Fenſter und erzählte, wie er ſeine Pflan⸗ zen den Winter über behandelt hatte, um ſie ſo früh⸗ zeitig zur Blüthe zu bringen; und es war Hamilton's ungeheuchelte Bewunderung dieſes Blumenſchmucks ge⸗ weſen, als er auf das Haus zuſchritt, was den Anfang ihrer Bekanntſchaft gebildet hatte. Während der vierzehn Tage, welche Madame Roſen⸗ berg's Ankunft vorausgingen, genoß Hamilton des un⸗ beſchränkteſten Verkehrs mit Hildegarde— Er ſah ihr zu, wie ſie Morgens den Kaffee machte, ſaß neben ihr am offenen, auf den Garten gehenden Fenſter, und beglei⸗ tete ſie auf ihren Spaziergängen mit ihren Brüdern in den Eichenwald. Dort befand ſich eine kleine Ka⸗ pelle, wo ſie täglich betete, während Hamilton, am Ein⸗ gang lehnend, zerſtreut auf die rund herum hängenden Votivtafeln blickte, oder die altdeutſchen Gebete und Bibelterte zu entziffern verſuchte, welche mit ihren un⸗ menſchlichen Illuſtrationen an die Wände geklebt waren. Die zwei Knaben ſprangen gewöhnlich herum, geſellten ſich aber wieder zu ihnen, wenn ſie ſich auf einer der zahlreichen Bänke unter den Bäumen niederließen. Hamilton hielt gewöhnlich ein Buch in der Hand, aus dem er zuweilen einige Linien las, beſonders wenn zudringliche Wanderer ſich zeigten, obgleich an Wochen⸗ tagen Pilger, die zu der Kapelle kamen, hernach einige Kreuzer zuſammenbettelten, die Einzigen waren, welche ihre Studien, Betrachtungen oder Unterredungen, wie es ſich gerade traf, unterbrachen. „Ich wollte,“ ſagte er, als ſie am Abend vor Ma⸗ dame Roſenberg's Ankunft auf ihrem Heimweg durch die Felder ſchlenderten, „ich wollte, ich wäre gewiß, die näch⸗ ſten ſechs Monate ebenſo zuzubringen, wie die letzten vier⸗ zehn Tage. Ich kunn Ihnen nicht ſagen, welchen Genuß 177 ich hier gehabt habe — und ſo lieb mir Ihre Stief⸗ mutter iſt und trotz all' ihrer Güte und Nachſicht gegen mich, fürchte ich doch deren Ankunft mehr, als ich Ihnen auszudrücken vermag — Alles wird ſich än⸗ dern — und jede Aenderung kann nur mein Glück ver⸗ mindern. „Sie haben nichts zu fürchten, als eine Verſetzung der Möbel in Ihrem Zimmer,“ erwiederte Hildegarde mit ruhigem Lächeln; „aber ich kann nicht erwarten, länger das Brod des Müßiggangs zu eſſen — ich muß kochen, waſchen und plätten lernen.“ „Sie werden niemals eine ſolche Arbeit aushalten können,“ rief Hamilton. „Ich werde es jedenfalls auf einige Monate ver⸗ ſuchen. Und ſo lange Sie hier ſind,“ ſetzte ſie offen hinzu, „denke ich, es ertragen zu können, da Ihre Ge⸗ ſellſchaft und Freundſchaft mich für manchen Verdruß ſchadlos halten wird.“ Sie unterbrach Hamilton's Aeußerungen der Dank⸗ barkeit, indem ſie fortfuhr: „was werde ich am Ende mehr thun, als alle Mädchen in meinen Lebensverhält⸗ niſſen immer thun müſſen? Selbſt Creſcenz hat ſeit ihrer Verheirathung plätten gelernt. Haben Sie nicht geſehen, wie ſie Major Stultz's Hemden plättete, als wir Abſchied von ihr nahmen?“ „Ja, aber er iſt ihr Mann, und es geſchah bloß, um damit zu prunken, daß ſie ſich nützlich zu machen wiſſe, denn Ihre Mutter ſagte mir, ſie brauche nichts dergleichen zu thun, wenn ſie nicht wolle. Creſeenz jedoch ſcheint nicht am unrechten Ort, wenn ſie ſo thut — aber Sie —“ „Streng genommen, bin ich ebenſo wenig am un⸗ rechten Ort, wie ſie. Wir haben Beide eine Erziehung über unſern Stand erhalten. Ich habe vielleicht von dem uns zu Theil gewordenen Unterricht mehr profitirt gls ſie, aber Sie müſſen doch zugeben, daß dieſelbe Die Anfangsbuchſtaben. II. 12 178 unendlich mehr Geſchick für die nothwendigen Pflichten des Lebens bewieſen hat.“ „Wenn es ihre Pflicht iſt, ihres Mannes Hemden zu plätten,“ ſagte Hamilton lachend, „ſo muß ich ge⸗ ſtehen, daß ſie dieſelbe auf die reizendſte Weiſe von der Welt erfüllt. Nichts konnte koketter ſein, als das ſchwarz⸗ ſeidene Tuch, das ſie, um den Luftzug nicht zu fühlen, um den Kopf gebunden hatte, oder die Aermel, die ge⸗ rade weit genug hinaufgeſchlagen waren, um die Grüb⸗ chen an ihren weißen Armen ſehen zu laſſen! Ich muß geſtehen, Creſcenz kennt ihre perſönlichen Vorzüge voll⸗ kommen.“ „Und wer kennt ſie nicht?“ ſagte Hildegarde,“ oder vielmehr, wer überſchätzt ſie nicht?“ „Sie ganz gewiß nicht!“ rief Hamilton, „ich bin überzeugt, Sie denken nicht —“ „Daß ich hübſch bin,“ ſagte Hildegarde, ihn ruhig unterbrechend. „Ich weiß es ganz gut. Sie ſind über meine Aufrichtigkeit entſetzt,“ fügte ſie nach einer Pauſe hinzu, als ſie bemerkte, daß er ſtille blieb, „es würde ſchicklicher geweſen ſein, es zu verläugnen — aber wel⸗ chen Werth haben am Ende regelmäßige Züge, wenn ſie ſeelenlos ſind? Und ſo ſind die meinigen, weiß ich.“ „Sie irren ſich,“ ſagte Hamilton. „Ich habe nie Jemand gekannt, deſſen Züge ſo viele wechſelnde Em⸗ pfindungen ausgedrückt haben, wie die Ihrigen während der wenigen Monate unſerer Bekanntſchaft.“ „Daß ich mehr gefühlt habe, als all' mein frühe⸗ res Leben, iſt ſehr gewiß,“ ſagte ſie nachdenklich; „es ſcheint alſo, es iſt mir noch nicht möglich geweſen, jene Ruhe des Gemüths und der Miene zu erwerben, welche nach den wiederholten Verſicherungen von Mademoiſelle Hortenſe für mein Glück ſo weſenklich von Nöthen iſt.“ „Ich bin ziemlich geneigt, dieſe Mademoiſelle Hor⸗ tenſe zu haſſen, ohne ſie je geſehen zu haben,“ rief Ha⸗ milton, „ich glaube, ſie wollte eine Schauſpielerin aus Ihnen machen.“ 179 „Nein, ſie wünſchte, eine gute Gouvernante aus mir zu machen, wie meine Stiefmutter von ihr begehrte, und erkannte, daß mein Stolz und die Heftigkeit mei⸗ nes Temperaments ſich als ernſtliche Hinderniſſe erwei⸗ ſen würden. Meine Dankbarkeit für alle Sorge und Aufmerkſamkeit, die ſie ſo viele Jahre an mich gewen⸗ det hat, iſt unbegrenzt. Sie iſt meine einzige Hoff⸗ nung auch für die Zukunft; auf ſie rechne ich, um eine achtbare Stellung zu finden, wenn mir mein Aufent⸗ halt hier zur Laſt werden ſollte.“ „Haben Sie je ernſtlich daran gedacht, einen ſolchen Schritt zu thun?“ „Ich glaube, ich habe mehr über den Gegenſtand geſprochen, als nachgedacht. Ueber einen Punkt bin ich im Reinen, und der iſt, ſo weit als möglich von Hanſe wegzukommen.“ „Sie würden alſo gerne in ein fremdes Land gehen?“ „Fremd, wie Sie das Wort verſtehen — nein, aber ich werde ſchwerlich eine Wahl haben. Mademoiſelle Hortenſe's Verbindungen find alle im Elſaß und meine Beſtimmung wird wahrſcheinlich Straßburg ſein.“ Sie ſchritten ſchweigend weiter, beide in Gedan⸗ ken von nicht ſehr angenehmer Art verſenkt. Als ſie ſich dem Hauſe näherten, kam ihnen Eiſenmann in Beglei⸗ tung des Förſters, der regelmäßig jeden Abend ſich ein⸗ zuſtellen begonnen hatte, um mit dem Alten ein Glas Bier zu trinken, entgegen. Hamilton war mit dieſer Einrichtung höchlich zu⸗ frieden, da ihm damit die Möglichkeit gegeben wurde, rückhaltslos mit Hildegarde Engliſch zu ſprechen, die übrigens ſeine Abweſenheit vorgezogen haben würde, ſeitdem Hamilton die Bemerkung gemacht hatte, daß deſſen Augen unabläſſig auf ſie gerichtet waren und ihr folgten, wohin ſie ſich wandte. „Dieß iſt der letzte Abend, da Du meine Haus⸗ hälterin ſein wirſt, Hildegarde,“ ſagte Khußa als 180 ſie ihm den Lehnſtuhl an den Tiſch ſchob und ſeine Zei⸗ tung, die nichts als Anzeigen zu enthalten ſchien, neben die kleine Meſſinglampe legte. „Ich kann Dir ein gutes Zeugniß geben, Mädchen; Du haſt eine Weiſe an Dir, welche Dir die Leute ſogleich gehorſam gemacht hat. Sie wird eines Tags eine gute Frau abgeben — he, Herr Hamilton? he, Förſter Weidmann?“ Hildegarde lächelte und fuhr fort, ihre gewöhn⸗ lichen Abendgeſchäfte zu vollziehen. Sie gab ihren Brü⸗ dern ihr Brod und Milch, half der linkiſchen Magd, das Abendeſſen aufzutragen, machte den Salat an, zer⸗ legte das Huhn und reichte einem Jeden mit ſo ruhi⸗ ger Gleichmüthigkeit ſeinen Teller hin, daß ihre Bewe⸗ gungen nur durch das Klappern des großen Schlüſſel⸗ bundes ſich kund gaben, den ſie am folgenden Tag ihrer Mutter abtreten ſollte, der aber jetzt glitzernd an einer Stahlkette im Gürtel à la chatelaine *) hing. Hamilton war angenehm überraſcht, Eiſenmann keineswegs ſo ungebildet zu finden, als er erwartet hatte. Ueber jeden auß ſein Geſchäft bezüglichen Gegenſtand war er vollkommen unterrichtet und in anderer Hinſicht waren ſeine Anſichten die eines ſchlauen, verſtändigen Mannes. Den größten Theil des Tages brachte er auf dem Eiſenwerke zu, wo er die Hände in der Taſche und eine kurze, ſehr braune Meerſchaumpfeife zwiſchen den Zähnen, mit den Augen jeder Bewegung ſeiner Arbei⸗ ter folgte und manchmal, wenn er ſich über ihre Un⸗ geſchicklichkeit oder zu langſamen Bewegungen ärgerte, nach einigen ungeduldigen Ausrufen, ſeinen Stock bei Seite warf und ſelbſt mitarbeitete. Auch im Hauſe hatte ihn jetzt Hamilton ſchon oft in Hemdärmeln ge⸗ ſehen, ohne irgend Etwas von dem Entſetzen zu füh⸗ len, das Madame Roſenberg erwartet hatte; Abends ſetzte er gewöhnlich eine ſchwarzſeidene Nachtmütze auf, *) Chatelaine heißt Burgfrau. 181 und wenn er ſeine Pfeife geraucht und ſeinen Bierkrug ausgetrunken und der Förſter Abſchied genommen hatte, ſank er gewöhnlich, von dem Frühaufſtehen und den täglichen Anſtrengungen ermüdet, ſchnell in Schlaf, während ſeine beiden Geſellſchafter zuſammen flüſterten, bis die Schwarzwälderuhr Neun ſchlug; darüber wurde er ohne ſichtbare Anſtrengung wieder wach, ſchickte ſie zu Bette und begab ſich dann ſelbſt zur Ruhe. Dieſen Abend — dieſen letzten Abend, wie ſie ihn zu nennen beliebten, zeigte der Förſter keine Luſt auf⸗ zubrechen, und ſeine Augen ſchienen der Bewegung von Hildegarde's Lippen zu folgen, wenn ſie gegen Hamilton einige Worte murmelte; er verſuchte vergeblich an ihrem Geſpräch Theil zu nehmen, ſprach davon, ſeine Zither mitzubringen, ſchlug vor, ſie darauf ſpielen zu lernen, wenn ſie den Wunſch dazu hätten, und da er Keines von Beiden geneigt fand, ſeine Converſations⸗ wie ſeine Muſiktalente gehörig zu würdigen, wandte er ſich zu dem nunmehr ſchläfrigen alten Mann, den er durch eine Anſpielung auf die ewige „gute alte Zeit“ wieder voll⸗ ſtändig zum Wachen brachte. „Bitte, Hildegarde, wenden Sie ſich von dem Manne weg,“ ſagte Hamilton, indem er ſich zu ihr niederbeugte, da ſie auf einem von den niedrigen Kin⸗ derſtühlen neben ihm ſaß, „ſo lange er ſie anſehen kann, iſt es ihm unmöglich, ſich loszureißen. Es iſt eine ab⸗ ſolute Grauſamkeit. Er raubt Herrn Eiſenmann heute Abend ſeinen Schlaf. Unverzeihlich rückſichtslos!“ fügte er faſt zornig hinzu. Hildegarde zündete, ohne dagegen Einwendungen zu verſuchen, ein Licht an, zog ſich auf die andere Seite des Zimmers zurück, wo ein dünnbeiniger, wurm⸗ ſtichiger Tiſch ſtand, nahm aus einem Schrank das große Hausrechnungsbuch, ein häßliches bleiernes Dintenfaß und eine abgenutzte Feder und begann mit einem Eifer zu addiren und ſubtrahiren, der Hamilton's Geduld auf die Probe geſtellt häͤtte, wäre nicht der Förſter bei⸗ 182 nahe augenblicklich aufgeſtanden, um ſich zu verabſchie⸗ den; aber der alte Mann war jetzt wieder ganz munter und außerdem zum Schwatzen geneigt. Er ließ ſeinen Beſucher in der unbehaglichen Situation eines Mannes, der ängſtlich iſt, gerne wegkommen möchte, aber es nicht recht anzufangen weiß, vor ſich ſtehen, während er be⸗ merkte: „wenn die Leute ſagen, die alten Zeiten ſeien gut geweſen, die jetzigen ſchlecht, ſo muß ich ihnen ſtets widerſprechen. Nichts für ungut, Herr Weidmann, aber in meiner Jugend habe ich oft daſſelbe ſagen hören, und damals wie jetzt mußte der größte Theil der Menſchen⸗ kinder ſein Brod im Schweiße des Angeſichts verdienen.“ „Das kann ich mir wohl denken. Ich wünſche Ih⸗ nen gute Nacht.“ „Ich gebe zu,“ nahm Eiſenmann, zu Hamilton gewendet, das Geſpräch wieder auf, „daß eine Nation glücklicher als die andere iſt. Von England kenne ich nichts, als die Manufakturſtädte —“ „Wann ſind Sie dort geweſen?“ fragte Hamilton. „Bald nach dem Frieden. Ich ging in Geſchäften dorthin.“ „Und was denken Sie von England? Ich möchte gern erfahren, welchen Eindruck unſere großen Fabrik⸗ bezirke auf Sie gemacht haben?“ „Ich fand Vieles zu bewundern, aber Nichts, was mich auf den Gedanken brachte, daß die Engländer ein glücklicheres Volk als die Bayern ſeien,“ erwiederte Eiſenmann mit einem leiſen, zufriedenen Lächeln. „Ich möchte lieber hier als Schmied geboren ſein, wie dort, denn außer dem Unterricht, den ich in meiner Kind⸗ heit umſonſt erhielt, hatte ich in meiner Jugend mein Sonn⸗ und Feiertagsvergnügen, meine luſtigen Tänze und Abends meinen Krug Bier in guter Geſellſchaft und bei guter Muſik vazu und eine Menge anderer Dinge, wovon Ihre engliſchen Arbeiter damals, als ich unter ihnen war, keine Idee hatten. Es mag jetzt verſchieden ſein —“ 183 „Ich fürchte, nein,“ ſagte Hamilton, „aber gewiß haben unſere Fabriken Ihr Erſtaunen erregt?“ „Ich müßte ſehr wenig von meinem Geſchäft ver⸗ ſtanden haben, wenn das nicht der Fall geweſen wäre,“ erwiederte Eiſenmann. „In dieſer Hinſicht iſt England ein Rieſe, aber ein Rieſe, den man nur aus der Ferne ſern nicht im Einzelnen genauer betrachten ollte.“ Ich bemerke, daß die Leute, mit denen Sie in Geſellſchaft gekommen find, einen unangenehmen Ein⸗ druck auf Sie gemacht haben.“ „Vielleicht ſo, aber ich bin geneigt zu glauben, daß es ein richtiger war. Ich miſchte mich unter die Leute, deren Gewohnheiten und Lebensweiſe Ihnen ſtets gänz⸗ lich unbekannt ſind und bleiben werden, — es war vermuthlich, ehe Sie geboren wurden, und mag, wie ich ehen bemerkte, jetzt ganz anders ſein, — auf alle Fälle iſt es zu ſpät, heute Nacht weiter davon zu reden; ich muß nach meinen Arbeitern ſehen und dann wird es Zeit ſein, zu Bette zu gehen.“ Er zündete ſein Licht an und ging nach der Geſchäftsſtube, die mit dem Eiſen⸗ werk in Verbindung ſtand. Was für eine ganz andere Perſon iſt dieſer Eiſen⸗ mann, als ich erwartet habe,“ bemerkte Hildegarde. „Er entſpricht auch nicht der Vorſtellung, die ich mir von ihm gemacht habe,“ antwortete Hamilton. „Ich fange an, ordentlich Reſpekt vor ihm zu be⸗ kommen,“ fuhr ſie fort, „kurz, ich halte ihn für einen merkwürdig geſcheiten Mann.“ „Sie bewegen ſich immer in Extremen, Hilde⸗ garde, — zuerſt ſchätzen Sie ihn unter, und jetzt über ſeinem Werth!“ „Ich beſorge,“ ſagte Hildegarde lachend, „es ärgert Sie, daß er die engliſchen Arbeiter nicht für glücklicher als die bayeriſchen hält; — ſeine Bemerkungen ſind mir übrigens ſehr verſtändig vorgekommenz er iſt durch⸗ aus geneigt, England ſeine neberlegenheit im Fabril⸗ 18⁴ weſen, aber nicht im Glück ſeiner untern Stände zu laſſen. Für eine Perſon in ſeinen Verhältniſſen müſſen Sie zugeben —“ „Ja,“ ſagte Hamilton, „für eine Perſon in ſeinen Verhältniſſen halte ich ihn für ungewöhnlich gut unter⸗ richtet und vernünftig; aber was ich am meiſten an ihm zu bewundern iſt, daß er nicht zwiſchen ſeinem dreißigſten und vierzigſten Jahre ſtill geſtanden iſt, wie es bei den meiſten Männern, die ſich nicht wirk⸗ lich in der Welt bewegen, geſchieht, und was nach mei⸗ ner wahrhaften Meinung der Grund der unaufhörlichen Lobpreiſungen der guten alten Zeiten iſt.“ „Er iſt der Erſte,“ ſagte Hildegarde, „den ich wirklich der gegenwärtigen Zeit den Vorzug vor den Jahren ſeiner Jugend habe geben hören.“ „Er iſt nicht hinter den Veränderungen in der Welt zurückgeblieben und das iſt ein Beweis von Verſtand, der viel ſeltener vorkommt, als man gewöhnlich glaubt. Jedermann muß ſeine Jugend, ſollte ich denken, ange⸗ nehmer ſein als ſein Alter. Die Welt hat eine Fülle von Vergnügungen für die Jugend, die allmälig, lang⸗ ſam aber ſicher ſelbſt unter den glücklichſten Umſtänden, für das höhere Alter aufhören. Glücklich die, welche gleich Eiſenmann, den Fortſchritt in der Welt verſtehen und ſchätzen können — noch glücklicher die, welche in ihrem Alter einen Genuß darin finden, Zuſchauer von Freuden zu ſein, an denen ſie keinen Antheil mehr nehmen können.“ „Ich warte, Ihnen gute Nacht zu wünſchen,“ ſagte Eiſenmann an der Thüre, „das iſt das letzte Mal, daß ich die Runde mache, denn morgen gedenke ich das Amt an meine Tochter abzutreten. — Sie hat Jahre lang vor ihrer Verheirathung alle Thüren und Fenſter geſchloſſen.“ „Er iſt gerade zu rechter Zeit gekommen ſagte Hamilton ſich erhebend. „Ich glaube, ich würde ſehr proſaiſch.“ 185 „Und ich ſehr melancholiſch,“ erwiederte Hildegarde. Der Alte wünſchte gute Nacht und folgte ihnen mit einem ernſten Blick, als ſie die Treppe hinaufſtie⸗ gen und oben an derſelben ſich trennten. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Eine unerwartete Begegnung und deren Folgen. Madame Roſenberg nahm ruhiger, als man er⸗ wartet hatte, Beſitz von ihres Vaters Hauſe. Er trat ſeine Schlüſſel und Autorität mit einer Feierlichkeit an ſie ab, die ihr ſehr nahe ging, und es verfloß eine ganze Woche, ehe eine außerordentliche Rührigkeit ſicht⸗ bar wurde. Nach dieſer Zeit begann ein Scheuern und Waſchen und Anſtreichen, das den alten Mann in das nahe Wirthshaus und Hamilton auf einige Tage nach München trieb. Es war ſehr unangenehm, aber ſicher erſchien das Haus ganz verwandelt, als Alles zu Ende war, und keine Klage ließ ſich hören, mit Ausnahme eines leiſen Murrens von Seiten Eiſenmanns, daß der an der Vorderſeite des Hauſes hinaufgezogene Rebſtock faſt übertüncht war. Hildegarde durfte zu ihrer unendlichen Genug⸗ thuung nicht kochen lernen — ſie hatte eine zu ent⸗ ſchiedene Abneigung und Ungeſchicklichkeit gezeigt, gewann jedoch ziemlich Gewandtheit im Plätten, und es war beluſtigend, Tag für Tag Hamilton an dem mit Haufen von Weißzeug bedeckten Tiſche mit einem Band von Schiller oder Herder's philoſophiſchen Schriften in der Hand ſitzen zu ſehen, wie er entweder laut vorlas, um (wie er Madame Roſenberg erklärte) ſeine Ausſprache zu ver⸗ beſſern, wegen der ſeine Familie ſich in der letzten Zeit 186 ſehr beſorgt geäußert hatte, und woraus er den Schluß zog, daß man ihn an einem der deutſchen Höfe unter⸗ bringen wolle. Gleichwohl fühlte er kein ſonderliches Intereſſe dafür, oder überhaupt für irgend einen Gegen⸗ ſand, der auf die Zukunft Bezug hatte; er lebte von einem Tag zum andern, und achtete ſeine Zeit für gut oder übel angewendet, je nachdem er ſie in Hildegardes Geſellſchaft oder nicht zugebracht hatte. Er konnte in Wahrheit gleich Proteus von Verona ſagen: „Für Liebe geb ich mich, Freund, Alles auf, Du, Julia, Du haſt umgeſchaffen mich, Gleichgültig gegen Studium, Zeitverluſt Feind jedem Rath, dem Tand der Welt gemacht —“ So vergingen drei Monate gleich ebenſo vielen Tagen, und drei weitere würden ihnen in ſeliger Einförmigkeit ſ ſein, hätte nicht ein an ſich geringfügiger Um⸗ and in ſeinen Folgen zu einem plötzlichen Ende dieſer Lebensweiſe oder Lebensverſchleuderung — wie der Leſer es nehmen will, geführt. Der Münchener Sommermarkt hatte begonnen und Madame Roſenberg, die an einem Tag mit ihren ge⸗ wöhnlichen Einkäufen nicht fertig werden konnte, ſich entſchloſſen, noch einmal hinzugehen. Sie verſchob es jedoch bis auf den letzten Tag und als der Morgen an⸗ brach, hatte ſie ſoviel von Kopfweh zu leiden, daß ſie zu Hauſe bleiben mußte. Da man verſprochen hatte, um zwölf Uhr zu Major Stultz zum Mittageſſen zu kommen, hielt ſie es für's Beſte, Hildegarde und Guſtel zu ſchicken, und obwohl ſie anfänglich darauf beſtand, daß ſie mit des Großvaters altem Wägelchen fahren ſollten, gab ſie endlich Hamilton's Vorſtellungen und Bitten nach und erlaubte ihnen, nachdem er eine gute halbe Stunde unter der Thüre ihres Schlafzimmers zu⸗ gebracht und alle möglichen Verſprechungen gemacht hatte, mit ihm zu fahren und den Tag über unter ſei⸗ ner Obhut zu bleiben⸗ 3 187 Creſcenz empfing ſie, wie gewöhnlich, mit kindiſchem Entzücken; ihre größte Freude war in ſolchen Fällen, ſie durch eine Menge verſchiedener Torten und Süßigkeiten in Erſtaunen zu ſetzen, und es wurde ihnen immer ſwer, loszukommen. An dieſem Tage ging es leichter, denr ſie hegte die Abſicht, ſie auf den Markt zu begleiten. Blafius hatte darauf beſtanden, daß ſie ſich einige neue Muſſelinkleider kaufe; er war ſo ſorgſam und freigebig. Sie machten wirklich eine recht muntere Geſellſchaft aus, denn Major Stultz hatte aufgehört, eiferſüchtig zu ſein; ſeine Frau liebte ihn jetzt wirklich und folgte ihm mehr, als ein Kind; der Gedanke, gegen ſeinen Willen Ein⸗ ſprache zu erheben, war ihr nie in den Sinn gekommenz ſie berief ſich bei jeder Veranlaſſung in der kindlichſten Weiſe auf ihn, während er, von ihrer Schönheit und unſchuld gefeſſelt, unwandelbar nachſichtig und faſt bis zur Verſchwendung freigebig war. Sie verſicherte ihrer Schweſter daher, während ſie über den Markt hinwanderten, mit der vollkommenſten Aufrichtigkeit, daß ſie ſich als die glücklichſte Frau in der Welt betrachte; daß ſie nie mit einem Andern ſo glücklich, wie mit Major Stultz — nein, ſelbſt nicht mit Hamilton — hätte werden können. Blaſius hatte ſie davon völlig überzeugt. Sie ſchlenderten beinahe zwei Stunden herum und Hamilton folgte, unausſprechlich müde, langſam Hilde⸗ garde, indem er ihr verſchiedene kleine Packete mit Bän⸗ dern und Nadeln trug, bis Hans mit dem Wagen käme und ihn erlöste, als plötzlich einige Perſonen von hin⸗ ten ihn an beiden Armen ergriffen und vertraulich an⸗ redeten. Es waren zwei von ſeinen nächſten Verwandten, die auf ihrem Heimweg von Italien München paſſirten und ſichtlich über dieſes Zuſammentreffen mehr erfreut waren als er. „Wo biſt Du bisher geſteckt, Alfred? Wir ſind in Deiner angeblichen Wohnung geweſen, aber Niemand konnte uns etwas von Dir ſagen. Alle Briefe für Dich 188 wurden dort abgeholt, hieß es, was ſehr mhſteriös klang, da, wenn Du nach Wien oder Berlin Dich aufgemacht hätteſt, Deine Briefe ohne Weiteres Dir wohl nachgeſchickt worden wären. Komm, ſtatte Bericht über Dich ab, u weißt, man wird tauſend Fragen an mich machen, enn ich nach Hauſe komme — das heißt, wenn Du uns nicht begleiteſt, was Du, Alles recht betrachtet, eben ſo gut thun könnteſt — und — Onkel Jack.“ Nein, Hamilton hatte keine Abſicht, bälder heim⸗ zukehren, als bis der letzte Tag ſeines Urlaubs abge⸗ laufen war. Nun, da wir in einem oder zwei Tagen weiter gehen, ſo wirſt Du wenigſtens den Abend mit uns zu⸗ bringen?“ Dieſen Augenblick erſchien Hans und meldete, daß der Wagen bereit ſei. Hamilton hieß ihn am Ende der Buden warten, wandte ſich dann zu ſeinen Genoſſen und ſagte mit einiger Verlegenheit: „Den Abend bei Euch zubringen! o natürlich — aber ich habe eine Dame, die in einiger Entfernung von der Stadt wohnt, heimzufahren verſprochen.“ „O, es iſt eine Dame dabei, es iſt —“ „Ja, ſie iſt gerade bei ihrer Schweſter und macht einige Einkäufe.“ „Ah, vielleicht gehört dieß dazu,“ rief einer ſeiner Coufins, indem er mit dem Schein äußerſter Vorſicht in eines der Packets guckte — „Bänder, wahrhaftig, und Haarnadeln! alſo jung — wo iſt ſie2“ „Ich weiß — nicht,“ antwortete Hamilton, indem er an der Reihe Buden hinunter ſah, vor deren einer Hildegarde ſtand. „Gewiß iſt es das große Mädchen mit der ſchlan⸗ ken Taille?“ „Nun, es iſt das große Mädchen,“ ſagte Hamilton halb lachend, „je bälder Ihr mich gehen laßt, ſie nach e zu bringen, deſto eher werde ich bei Euch zurück ein.“ 189 „Laß ihn gehen, laß ihn gehen,“ rief ſein anderer Couſin; und Hamilton lief mit einer ungeduldigen Ge⸗ berde ſchnell davon, während beide ihm in einiger Ent⸗ fernung folgten. Er nahm haſtig Abſchied von Major Stultz und Creſcenz und eilte mit Hildegarde an das Ende der Buden. Gerade als ſie und ihr Bruder in dem Phaston Platz genommen hatten und Hamilton die Zügel er⸗ griff, rief ſein Couſin: „Hollah! Alfred! Du haſt ja nicht gefragt, wo wir abgeſtiegen ſind. Ich glaube, Du willſt uns entſchlüpfen!“ „Ihr ſeid vermuthlich bei Havard,“ erwiederte Ha⸗ milton, ohne daß er im Geringſten den ungeduldigen Bewegungen ſeiner Pferde Einhalt zu thun verſuchte. „Ja. Wart einen Augenblick, ich muß Dich etwas ragen.“ Hamilton bückte ſich; ſein Geſicht wurde ſtufen⸗ weiſe purpurroth und er ſchaute verſtohlen nach Hilde⸗ garde, als fürchte er, ſie möchte das Flüſtern gehört haben. Aber ſie lehnte ſich, ohne zu ahnen, daß ſo viele Augen auf ſie gerichtet waren, zurück und drehte zerſtreut ihre Börſe um die Finger. Jetzt fuhr Hamilton wüthend davon, kaum waren ſie aber aus der Stadt, ſo warf er Hans die Zügel zu, ſtieg über den Sitz und ließ ſich neben Hildegarde nieder. „Ich bin erſtaunt,“ bemerkte ſie lächelnd, „daß Sie nicht bei Ihren Freunden geblieben ſind und uns mit Hans nach Hauſe geſchickt haben.“ „Es würde das Klügſte geweſen ſein, was ich hätte thun können; es war verwünſcht einfältig, daß ich nicht daran gedacht habe. Halt!“ rief er Hans, ſank aber ſogleich wieder auf ſeinen Sitz zurück, indem er hinzu⸗ ſette: „Nein — fahr zu —“ und dann murmelte: es iſt jetzt zu ſpät. Das Beſte wird ſein, gar nicht zurück⸗ zukehren. Je weniger er davon weiß, deſto weniger wird er davon ſchwatzen können.“ 190 Hildegarde beugte ſich vorwärts. „Schwatzen, wo⸗ von?“ fragte ſie. „Das verſtehen Sie nicht,“ antwortete er ſchnell. „Nein, das ſehe ich. Ich habe nicht die entfernteſte Idee, ob Sie über den Anblick Ihrer Freunde erfreut waren, oder nicht.“ „Es ſind Verwandte von mir, Couſins; und der eine, der zuletzt mit mir ſprach — haben Sie ihn be⸗ merkt?“ „Nicht ſonderlich.“ „Iſt Harry Waldeott, ein vertrauter Freund mei⸗ nes Bruders John, der unterhaltendſte, nichtsnutzigſte, verſchwenderiſchſte Burſche von der Welt. Wenn er ausſindig machte, wo ich bin, würde er morgen auſ das Eiſenwerk kommen, ſich im Wirthshaus feſtſetzen, meine Pferde benützen, mir Schande anthun, Ihre Stiefmutter auslachen, gegen Eiſenmann renommiren und Allem nach ſich in Sie verlieben!“ „Schreckliche Perſon!“ rief Hildegarde lachend. „Wie es iſt, hat er genug geſehen — zu viel un⸗ glücklicher Weiſe; ich glaube,“ fuhr er mit zunehmender Aufregung fort, „ich glaube ſchon ſeine Uebertreibungen gegen meinen Vater, ſeine Inſinuationen gegen meinen Onkel zu hören! Nein, er ſoll nie erfahren, wo ich bin — nichts ſoll mich wenigſtens für die nächſten vier⸗ zehn Tage nach München bringen!“ „Sie denken vielleicht, Ihr Vater und Onkel wür⸗ den es mißbilligen, daß Sie auf dem Eiſenwerke ſind?“ „Denken!“ rief Hamilton, „ich bin davon über⸗ zeugt. Mein Vater würde ſagen, daß ich meine Zeit vertiere, mein Onkel, daß ich mich zum Narren mache.“ Keines von ihnen ſprach ein Wort, bis ſie nach Hauſe kamen und Hamilton war den Reſt des Abends auffallend nachdenklich. Am nächſten Morgen war er ſo heiter, wie immer, und da er von ſeinem Fenſter aus Hildegarde, mit Papier und Dinte in der Hand, nach der Laube gehen 191 ſah, nahm er das Buch, das ſie zuſammen laſen „und folgte ihr. Sie hatte ſich eben eine Feder geſchnitten, als er eintrat, warf ſie aber auf den Tiſch, beugte ſich vor und begann ziemlich förmlich: „Herr Hamilton —“ „Bitte, nennen Sie mich Alfred — ich habe es ſchon lange gewünſcht, und wir ſtehen vertraut genug, um dieß zuzulaſſen. Ich habe Sie vom erſten Monat, da ich in Ihrem Hauſe war, Hildegarde genannt.“ „Es iſt vielleicht eine engliſche Gewohnheit,“ ſagte ſie halb forſchend. Hamilton gab keine Antwort. Thatſache war, daß er beim Anfang ihrer Bekanntſchaft Hildegarde ſowohl als ihre Schweſter an Rang ſo unendlich tief unter ihm ſtehend betrachtet hatte, daß er ſie beinahe ſogleich bei ihren Taufnamen anredete. „Wenn ich Sie alſo,“ fuhr ſie fort, „gut genug kenne, um Sie Alfred zu nennen, werde ich wohl ſa⸗ gen dürfen —“ „Sie dürfen Alles ſagen, was Ihnen beliebt.“ „Nun denn — Alfred — je bälder Sie uns — das Eiſenwerk verlaſſen, deſto beſſer.“ „So?“ ſagte er, mit einem leidlich erfolgreichen Ver⸗ ſuch, gleichgültig zu erſcheinen. „Vermuthlich hat, was ich geſtern in meinem Aerger geſagt habe, Sie zu die⸗ ſem Schluß gebracht.“ „Ja; und wenn ich auch nicht bemerke, daß Sie ſich gerade zu einem Narren gemacht haben, ſcheint es doch offenbar, daß Sie Ihre Zeit hier verloren aben.“ „Ich wünſche, ich könnte den Reſt meines Lebens ebenſo verlieren. Ich bin in der letzten Zeit unermeß⸗ lich glücklich geweſen.“ „Sie haben geſagt, Ihr Couſin würde übertreiben — Andeutungen geben —“ „Haben Sie verſtanden, was ich damit meinte?“ rief Hamilton ſchnell. „Ich glaube ſo, und ich wünſchte halb, Sie hätten 192 ihm geſtattet, hieher zu kommen und einzuſehen, daß er ſich irrte; er würde bald wahrgenommen haben, daß für Ihre Freunde kein Grund zur Beſorgniß vorhanden iſt, — daß zwiſchen uns bloße Freundſchaft beſteht.“ „Er würde das nicht geſehen haben, wenigſtens was meine Perſon betrifft, und das wiſſen Sie ſo gut als ich. Daß Sie Ihre Geſinnung gegen mich auf ein ſolches Maß beſchräntt haben, iſt ein Beweis von — vnſ gleichviel was; ich bin äußerſt glücklich, daß es o iſt.“ Und Hamilton fühlte ſich in dieſem Augenblick ſo unglücklich und erbittert, als er es je in ſeinem Leben geweſen war.“ „Denken Sie nicht,“ ſagte Hildegarde, ſich noch tiefer auf den Tiſch beugend, während ſie mit der Feder ſpielte, „denken Sie nicht, es würde beſſer ſein, uns zu verlaſſen, ehe Sie Beſehl hiezu erhalten?“ „Nein,“ antwortete Hamilton beinahe barſch. „Aber,“ fuhr ſie fort, ſich noch tiefer neigend, um ihre zunehmende Röthe zu verbergen, „geſetzt, ich wäre nicht hier, würden Sie noch immer bleiben?“ „Können Sie daran zweifeln?“ rief Hamilton „ ironiſch. „Wie könnte ich je dieſen Ort ſtiller Zurück⸗ gezogenheit verlaſſen? Die Reize dieſer ſchäferlichen Land⸗ ſchaft! die Geſellſchaft, die ſo durchaus meinem Geſchmack und meinen Gewohnheiten zuſagt! Die —“ „Genug, genug!“ rief Hildegarde, indem ſie die Feder ergriff und mit glühenden Wangen, aber ſteter Hand einen Brief hinwarf, während Hamilton, unter dem Eingang ſtehend, ſie mit einer ſeltſamen Miſchung von Zorn und Bewunderung beobachtete. Er wartete, bis ſie ihren Namen unterzeichnet hatte, legte dann die Hand auf das Papier und fragte, ob der Brief ihn beträfe.“ 1 — „Ich könnte leicht ausweichen und Nein ſagen, da Ihrer weder direkt noch indirekt darin n iſt; aber das würde nicht die Wahrheit ſein. Der Brief iſt an 193 Mademoiſelle Hortenſe. Ich bin jetzt völlig entſchloſſen, dieſen Ort — zu verlaſſen.“ „Darf ich ihn leſen?“ „Wenn Sie darauf beſtehen.“ Er nahm den Brief. Er war franzöſiſch, kurz und bündig geſchrieben, wie die meiſten unter dem Einfluß aufgeregter Empfindung entſtehenden Briefe. Hamiltons Zorn nahm während des Leſens zu; ihr ſtolzes, ent⸗ ſchiedenes Benehmen reizte ihn über die Maßen, und beſchämt über die Bewegung, welche ſeine zitternden Se verriethen, zerknitterte er, dann riß er ihn in ucke. „Mein Brief!“ rief Hildegarde, mit ihrer ganzen frühern Heftigkeit aufſpringend. „Wie können Sie es wagen —“ Sie hielt inne und ſetzte ſich ſchnell und hörbar athmend nieder. „Sie ſind zornig,“ ſagte Hamilton. „Ich war es,“ erwiederte ſie mit einem langen Athemzuge; „es iſt vorüber.“ „O nein; ſeien Sie zornig, ich bitte Sie, ſagen Sie — thun Sie etwas recht Beleidigendes, ſonſt kann ich auf keine Vergebung hoffen. Wir haben den Cha⸗ rakter gewechſelt; Sie haben gelernt, Ihren Zorn zu beherrſchen und ich bin jetzt in Ihrer Gewalt, ſeien Sie barmherzig!“ „Sagen Sie eher: aufrichtig!“ erwiederte ſie auf⸗ ſtehend. „Daß ich in Ihrer Gegenwart den Brief geſchrie⸗ ben habe, war ein unnöthiges Schauſtellen von Selbſt⸗ beherrſchung; ich — war nicht ſo ruhig, als wofür ich bei Ihnen gelten wollte.“ „Nun, Sie ſind wahrhaftig das ehrenhafteſte —“ „Loben Sie mich nicht,“ ſagte ſie haſtig. „Ich kann Sie nicht anhören, wenn ich ſo unzufrieden mit mir ſelbſt bin. Ich bildete mir ein, mein heftiges Tem⸗ verament wäre gebeſſert; ich finde, daß es nur nicht auf die Probe geſtellt worden iſt.“ Die Anfangsbuchſtaben. II. 13 194 „Ihr Temperament iſt gut,“ ſagte Hamilton, „daß Sie an ſich ſelbſt zweifeln und auf Ihrer Hut ſind, iſt eher ein Vortheil, als ſonſt Etwas. Bei mir hat man immerdar ein ſo ruhiges Temperament vorausgeſetzt, daß es mir, wenn ich zornig war, nie einfiel, es zu ver⸗ bergen, und daher kommt es, daß Sie geſehen haben, wie ich mehr als einmal mich vergaß.“ Eben trat Madame Roſenberg mit einem ſehr klei⸗ nen Billet in den Garten. „Ich komme,“ ſagte ſie, „um Sie an ein Verſprechen zu erinnern, das Sie einer Dame, ich hoffe mit Einwilligung ihres Mannes, ge⸗ macht haben.“ „Ich kenne keine Dame, die mich möglicher Weiſe an ein Verſprechen erinnern könnte, außer vielleicht Madame Berger.“ „Richtig; der Doctor wird morgen nicht zu Hauſe ſein, und da das Wetter ſo ſchön iſt, hat ſie den Plan, den Tag hier zuzubringen.“ „Nun,“ ſagte Hamilton. „Nun, Creſtenz und der Major fragen an, ob Sie dieſelben auch in ihrem Phabton mitnehmen wollen, wenn Sie Lina in München abholen.“ „O gewiß,“ ſagte Hamilton lachend, „Creſeenz habe ich das Anerbieten gemacht und Madame Berger hat es angenommen. Sie erinnern ſich, Hildegarde, als wir Alle zu Anfang des Monats bei Stultz Kaffee tran⸗ ken und nachher ſo vortreffliches Eis hatten. Ich wun⸗ dere mich, daß ſie geſtern nichts davon ſagten, da wir bei ihnen waren.“ „Wahrſcheinlich,“ bemerfte Madame Roſenberg, „haben ſie Lina geſehen, als Sie fort warenz aber auf alle Fälle werden Sie dieſelben abholen?“ „Ja, und zu ſehr früher Stunde.“ „O natürlich,“ rief ſie, ſcherzhaft mit dem Kopf e u une pe „Das heißt, um zehn Uhr höchſt wahrſcheinlich. „Das heißt, um fünf Uhr.“ „Ah bah! als ob Sie um vier Uhr aufſtehen könnten.“ „Ich kann und will es. Creſcenz muß mir ein Frühſtück geben, und ich hoffe aus verſchiedenen Grün⸗ den, um ſieben Uhr aus München zu ſein.“ „Wegen des Staubs vielleicht!“ „Staub oder Schmutz,“ ſagte Hamilton nachläſſig. „Wenn Madame Berger nicht ſo frühe fort kann, ſchicken wir Hans mit dem Wagen zu einer ſpätern Stunde, obwohl ich, was mich betrifft, gerner zu Hauſe bliebe.“ „Ich kann das nicht glauben,“ ſagte Madame Roſenberg,“ denn ich habe Sie nie mit! Jemand ſo gut auskommen ſehen, als mit ihr; wenn ich der Doctor wäre, würde ich es nicht zugeben.“ „Ich ebenſo wenig, wenn ich der Doctor wäre,“ ſagte Hamilton lachend, „aber er weiß vielleicht nicht, daß ihre gewöhnliche Lebhaftigkeit in wilde Ausgelaſſen⸗ heit ausartet, wenn ſie ſich hier befindet, und ſie iſt viel zu jung und viel zu hübſch, als daß Jemand er⸗ warten könnte, ich —“ „O, am Ende kommt nichts Böſes dabei heraus; Sie ſpringen nur wie ein paar Kinder herum, aber 3 Creſcenz oder Hildegarde möchte ich es doch nicht ehen.“ „ Hamilton ſah Hildegarde anz es lag Etwas in ihrem Geſichtsausdruck, was ihn auf den Gedanken brachte, daß jenes Herumſpringen, von dem ihre Mutter ſprach, auch nicht recht nach ihrem Sinn wäre. „ „Soll ich das Billet beantworten?“ fragte ſie, es ihrer Mutter aus der Hand nehmend. Ihre Mutter nickte und verließ den Garten. „ Hildegarde ſchrieb und wiederum lehnte ſich Ha⸗ milton an den Eingang der Laube und ſchaute zu. „Warten Sie auch auf dieſen Brief?“ fragte ſie ächelnd. Ich dachte nicht daran,“ erwiederte er. „ch möchte nur wiſſen, ob Sie wenigſtens daß es 196 mir lieber wäre, wenn Madame Berger morgen nicht hieher käme?“ Hildegarde begann mit großem Fleiß auf das Löſch⸗ papier zu kritzeln. „Ich ſehe, Sie glauben mir nicht.“ „Theilweiſe wohl, beſonders wenn Sie denken, Sie müſſen nunmehr, da Mama es bemerkt hat, ruhiger als früher ſein. In Wirklichkeit glaube ich, daß Lina allein die Schuld trägt, und habe oft Ihre Langmuth bewundert.“ „Ich danke Ihnen,“ rief Hamilton, „ich bin jetzt ganz zufrieden.“ „Sie dürfen es nicht ganz mit ſich ſein,“ ſagte Hildegarde, „denn ich muß Ihnen ehrlich ſagen, daß ich ſehr geneigt bin, ungerecht gegen Lina zu ſein, — mehr als bereit, Allem was ſie ſagt oder thut, eine unfreund⸗ liche Bedeutung unterzuſchieben.“ „Warum?“ fragte Hamilton mit einem Erröthen der Freude, indem ein ſchwacher Schatten des grauäu⸗ gigen Ungeheuers der Eiferſucht, das ſeinen Arm nach Hildegarde ausſtreckte, vor ſeiner Einbildungskraft auf⸗ tauchte. „Warum?“ „Weil ſie mir zuwider iſt. Wir haben beinahe zehn Jahre mit einander Krieg geführt.“ „Ah, ich erinnere mich, ſie hat mir erzühlt, dß ₰ in der Schule an Schönheit mit einander rivali⸗ irten.“ „Von meiner Seite war keine Rivalität im Spiel“ ſagte Hildegarde ruhig. „Ich habe nie gezögert, ihre Schönheit anzuerkennen; dieſe iſt von der bezauberndſten Art, und ſelbſt wenn ſie mir am widerwärtigſten iſt, bewundere ich doch ihre Perſon.“ 0 „Sie können deren Geiſt und Denkart nicht leiden, die beide ſo ganz anders als bei Ihnen ſind,“ ſagtt Hamilton. „Ich kann ihren Mangel an Wahrhaftigkeit und 197 Ehrenhaftigkeit, ihre für mich unergründliche Schlauheit nicht leiden. Mit einem Wort, ich verachte ſie.“ „Sie haben ſich keine Mühe gegeben, dieß zu ver⸗ bergen,“ ſagte Hamilton. „Es war unnöthig,“ ſagte Hildegarde, indem ſie das Billet zuſammenlegte, „aber,“ ſetzte ſie hinzu, „Sie dürfen meiner Meinung kein Gewicht bei Ihnen ein⸗ räumen. Sie wiſſen, ich habe ſtarke und oft unver⸗ nünftige Vorurtheile. Auf alle Fälle ſind Lina's Feh⸗ ler nicht der Art, daß ſie Jemand verhindern könnten, einen langen Sommertag ſehr angenehm in ihrer Ge⸗ ſellſchaft hinzubringen.“ „Sie iſt gewiß eine unterhaltende Perſon,“ ſagte Hamilton. „Sie iſt geſcheidt,“ ſagte Hildegarde, indem ſie ihr Schreibmaterial zuſammenpackte, um es in das Haus zu tragen: „Niemand kann läugnen, daß ſie Verſtand hatz in der Schule waren Wenige mit ihr zu vergleichen.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Das Experiment. Der Morgen war heiter und immer noch kühl, obwohl er einen ſchwülen Tag verſprach, als Hamilton Anſtalten machte, das Eiſenwerk zu verlaſſen. Zum Erſtaunen von Madame Roſenberg war es noch ſo rüh, daß ſie ihm von einem der Fenſter aus mit der Nachthaube auf dem Kopf einen guten Morgen wün⸗ chen mußte. Hildegarde ſtand vor den Pferden und reichte ihnen Stückchen Zucker dar, die ſie von ihr zu erwarten gelernt hatten, und ſah ſo friſch und ſchön aus, daß Hamilton die wenigen Stunden zu bedauern begann, die er Höflichkeits halber entfernt von ihr zu⸗ bringen ſollte. Auf dem Sitz im Phaöton knieend, 198 ſah er zu Madame Roſenberg hinauf und fragte, ob es ſich nicht ebenſo gut thun ließe, Hans mit dem Wagen zu ſchicken.“ . „Lina Berger wird es Ihnen nie verzeihen,“ ant⸗ wortete oder ſchrie ſie vielmehr vom Fenſter aus. „Die gute Creſcenz wird Sie zum Frühſtück er⸗ warten,“ ſagte Hildegarde, indem ſie den Kopf des einen von den Pferden, der auf ihrem Arm ruhte, hin⸗ wegſchob, „ich bin überzengt, ſie hat bereits ihre hüb⸗ ſcheſten Taſſen für Sie hergerichtet — vergeſſen Sie nicht, denſelben Ihre Bewunderung zu zollen.“ Hamilton fuhr ab. Er fand, daß Creſcenz nicht nur auf ihn wartete, ſondern den Kopf weit aus dem Fenſter ſtreckte, um ihn bei ſeiner Ankunft gleich zu ſehen. Sie ſprang ihm entgegen und rief: „Wie freundlich iſt es von Ihnen, daß Sie auf eine ſo kurze Anzeige und ſchon ſo frühe kommen!“ Dann verging die Zeit zwiſchen der Geſchichte ihrer Taſſen und einer Abhandlung über ihre neue Halb⸗ trauer, bis ihr Mann erſchien, um ein eiliges Früh⸗ ſtück einzunehmen, denn es lag ihm ebenſo viel wie Hamilton daran, München früh zu verlaſſen, da ihm Hitze und Staub gleich zuwider waren. Sie holten Madame Berger ab; dieſe war nach der neueſten Mode gekleidet und ſprang leicht auf den Sitz neben Hamilton. „Laſſen Sie mich ſehen, wie Ihre Pferde ausgrei⸗ fen,“ rief ſie, während ſie, rückwärts gelehnt, Creſeenz ihre kleine engbehandſchuhte Rechte bot. Hamilton war ganz geneigt, ihr zu willfahren, ſeine Pferde bereit, ihn zu unterſtützen. Zu einer ſo frühen Stunde war die Straße nur wenig von Kutſchen oder Wagen befahren und an den wenigen, die ſie trafen, rollte der Phaston mit einer Schnelligkeit vorüber, die Madame Berger ſo herzlich lachen machte, daß Creſeenz's erſticktes Kreiſchen eine Zeit lang unhörbar war. Endlich ſagte Major Siulz: „Herr Hamilton, darf ich Sie bitten, ein wenig 199 langſamer zu fahren; Creſcenz's Nerven ſind nicht im Stande, es auszuhalten.“ „Wie, gute, holde Creſeenz!“ rief Madame Berger, „Du willſt doch nicht ſagen, daß Du Dich fürchteſt 2 Herr Hamilton fährt ſo gut, daß nicht die mindeſte Gefahr vorhanden iſt.“ „O nein, gewiß nicht,“ ſagte Creſcenz. „Ich würde mich nicht fürchten,“ fuhr Madame Berger fort, „wenn es Nacht und pechfinſter obendrein wäre!“ „Wie muthig!“ bemerkte Creſcenz furchtſam. Inzwiſchen verſuchte Hamilton, die Zügel anzu⸗ ziehen, aber „— ein edles Pferd „Zeigt eben Muth bei Hemmung ſeines Laufs.“ Seine Pferde ließen ſich nicht mehr zurückhalten und ihr ungeduldiges Springen und Tanzen erfüllte Creſcenz mehr als je mit Schrecken. Endlich konnte ſie es nicht länger aushalten und noch hatten ſie we⸗ nig mehr als den halben Weg zurückgelegt, als ſie dar⸗ auf beſtand, auszuſteigen, und Hamilton hatte die Krän⸗ kung, zu ſehen, daß ſie ihres Mannes Arm nahm und mit einem Blick unendlicher Erleichterung ſo ſchnell, als ſie konnte, auszuſchreiten begann. „Sie verleiten mich immer ſo oder anders zum Unheil!“ rief Hamilton, über Madame Berger's ſpöt⸗ tiſches Lachen geärgert. „Ich werde mich den Rt des Tages ſo weit als möglich von Ihnen halten.“ „Das werden Sie nicht thun,“ antwortete ſie trotzig. „Die beiden Narren, die dort auf der Straße ſich hin⸗ ſchleppen, leben gegenwärtig nur für einander. Hilde⸗ garde wird mit mir nicht ſprechen, und ich habe nicht im Mindeſten Luſt, den Tag mit Madame Roſenberg, die mich wegen meiner Pflichten gegen den Doctor hoſ⸗ meiſtert, oder mit dem alten Eiſenmann, der von Nichts als Cactus und Eiſen ſchwatzt, hinzubringen. Wenn * 200 Sie nicht artig gegen mich ſein wollen, ſo kehren Sie um und laſſen Sie mich wieder nach Hauſe!“ „Artigi o, ich habe alle Abſicht, artig zu ſein, aber ich möchte wohl ſolche Scenen vermeiden, wie wir das letzte Mal, da Sie bei uns waren, hatten, ich mußte erklären und entſchuldigen —“ „Und wer hat das Recht, Erklärungen zu verlan⸗ gen, möchte ich wiſſen, — etwa Hildegarde?“ „Nein,“ antwortete Hamilton, „es war Madame Roſenberg, welche zu denken ſchien —“ „Kümmern Sie ſich darum nicht, was ſie denkt, wir meinen nichts Böſes, und ich ſehe nicht ein, warum wir uns nicht beluſtigen ſollten; aber Etwas muß ich Ihnen ſagen, was ich das letzte Mal, da ich bei Ihnen war, bemerkt habe — Hildegarde hat es offenbar nicht gern, daß wir ſo gute Freunde find.“ „Ich glaube nicht, daß ſie ſich etwas daraus macht.“ „Sie kennen ſie nicht ſo gut wie ich. Ohne ſich ſonderlich um Sie zu kümmern, mag ſie — ja muß ſie an Ihre Aufmerkſamkeiten gewöhnt worden ſein, — denn mit wem können Sie ſonſt ſprechen? Nun hat aber jedes Nachlaſſen in Huldigungen, an die man ge⸗ wöhnt war, ſtets etwas Aufreizendes. — Wollen Sie dieſelbe nicht eiferſüchtig machen?“ „Eiferſüchtig!“ wiederholte Hamilton und gedachte deſſen, was geſtern im Garten vorgefallen war. Konnte er auf irgend eine Art ihre Eiferſucht erregen, ſo würde er dadurch vielleicht in den Stand geſetzt, über die Be⸗ ſchaffenheit ihrer Gefühle gegen ihn zu urtheilen; wenn, wie ſie behauptete, was er aber nicht recht glauben konnte, Freundſchaft wirklich Alles war, was ſie für ihn empfand, nun dann würden die großmüthigen Plane, die koloſſalen Opfer, über die er in der letzten Zeit ſo oft nachgedacht hatte, weggeworfen ſeien, und er möchte am Ende Zedwitz's Loos theilen. Hier zeigte ſich eine Gelegenheit, die Probe zu machen, ohne Hildegarde oder ſich zu compromittiren. Die Verſuchung zu einem ſol⸗ 201 chen Experiment war ſtark genug und er wiederholte noch einmal ſehr nachdenklich das Wort „eiferſüchtig!“ „Ja, eiferſüchtig; eiferſüchtig auf Ihre Dienſtpflich⸗ tigkeit. Sie wird anfänglich denken, ich trage allein die Schuld, aber Sie muͤſſen ihr das Gegentheil zei⸗ gen. Sie —“ „Halt!“ rief Hamilton, „was wird Madame Roſen⸗ berg ſagen?“ „Gleichviel, was, ich werde ihr keine Gelegenheit geben, mich in die Schule zu nehmen. Sie iſt zu gut⸗ müthig, um es dem Doetor zu ſagen, und Biedermann wird nie Etwas dadon hören.“ „Biedermann?“ „Ja, Theodor; er würde viel zorniger ſein, als der Doetor, beſorge ich.“ „Aber, was für ein Recht hat er —2“ „O, keines in der Welt; aber ſehen Sie, ich habe mich an ſeine Aufmerkſamkeiten gewöhnt und kann nicht ohne dieſelben leben — er iſt manchmal enorm proſaiſch — aber dann liebt er mich — ſelbſt wenn er ſchilt, kann ich es bemerken und ſchreibe ſeine Vorleſungen halb auf Rechnung der Eiferſucht. Man hat bisweilen gern etwas Sentiment, wiſſen Sie, und findet es, ein⸗ mal an dieſe Art „kleinelSorgen“ gewöhnt, unmöglich, ohne eine Anſtrengung darauf zu verzichten, der ich, offen geſtanden, unfähig bin. Ich würde vor Langer⸗ weile ſterben.“ „Aber,“ ſagte Hamilton, „denken Sie nicht, daß ein Verhältniß dieſer Art mit Gefahr verbunden iſt?“ „Gefahr! nicht im Mindeſten. Er weiß, daß ich ihn früher auf thörichte, mädchenhafte Weiſe geliebt habe, und wären wir in England geweſen, ich zweifle nicht, wir würden mit einander davongelaufen und unſer Leben lang unglücklich geweſen ſein. Der Doctor iſt ein ſehr freundlicher, nachſichtiger Ehemann, aber er hat keine Zeit, aufmerkſam zu ſein, und da ich keine Familie habe, die meine Zeit ausfüllen könnte, brauche 202 ich Jemand, mit dem ich ſchwatzen und mich unterhal⸗ ten kann. Theodor iſt von guter Erziehung, geſcheidt, ehrenhaft, und alle Predigten meiner Verwandten und Freunde zuſammen werden mich nicht vermögen, ihn aufzugeben. Die Welt mag ſchwatzen und vielleicht mich verurtheilen — ich kümmere mich nicht darum, da ich nie etwas Unrechtes gethan habe oder thun werde.“ „Und,“ ſagte Hamilton, „wenn Biedermann hei⸗ rathen ſollte2“ „Das iſt für eine Reihe von Jahren nicht ſehr wahrſcheinlich; aber wäre es auch der Fall, ſo würde ich irgend einen Andern finden. Sie zum Beiſpiel wür⸗ den mir ſehr gut anſtehen, wenn Sie möglicher Weiſe hier blieben; obwohl ich fürchte, Sie würden mir große Unruhe machen.“ „Das fürchte ich ſelbſt,“ ſagte Hamilton, als er vor dem Eiſenwerke anhielt. Hildegarde ſprang in der Erwartung, ihre Schwe⸗ ſter zu ſehen, heraus. Ihre Täuſchung verwandelte ſich in Erſtaunen, als ſie vernahm, was vorgefallen war, und ſie erklärte ſogleich, ihnen entgegengehen zu wollen. Vielleicht erwartete ſie, Hamilton würde ſie begleiten, aber er war entweder wirklich oder zum Schein zu ſehr mit Madame Berger beſchäftigt, um zu hören, was ſie ſagte, und ſo brach ſie allein auf. Mehr als eine Stunde verging, ehe Creſcenz, Ma⸗ jor Stultz und Hildegarde erſchienen, alle ziemlich er⸗ hitzt, denn der Tag war bereits warm geworden. Sie geſellten ſich zu den Andern im Garten und begannen auf den ſchmalen Sandwegen auf⸗ und abzuſchlendern oder unter den Apfelbäumen des Obſtgartens Schatten zu ſuchen. Eiſenmann pflückte ſogleich einen Strauß friſcher Roſen für Creſcenz, und Madame Berger for⸗ derte Hamilton auf, ihr gleichfalls einen zu bringen. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen gehorchen kann oder nicht,“ antwortete er lachend; „es iſt mir verboten, ohne 203 Erlaubniß Blumen abzubrechen, ſeitdem ich eines Tags einige Dutzend Roſen mit meiner Reitgerte geköpft habe.“ „Ihre Strafe iſt zu Ende,“ ſagte Hildegarde lächelnd, „es freut mich, zu hören, daß Sie dieſelbe nicht ver⸗ geſſen haben,“ und bei dieſen Worten brach ſie eine halb aufgeblühte Roſe ab und reichte ſie ihm. „Ah, das iſt gerade die, welche ich zu haben wünſchte,“ rief Madame Berger, die Hand ausſtreckend. „Sie ſollen eine andere haben, aber dieſe nicht!“ ſagte Hamilton. „Dieſe und keine andere!“ rief Madame Berger, und nach einigem Lachen und Flüſtern gab er ihr die Blume. Hildegarde war überraſcht, obwohl nach einer Art ſtillſchweigender Uebereinkunft ſie und Hamilton gewöhn⸗ lich jede Darlegung ihres vertraulichen oder freund⸗ ſchaftlichen Verhältniſſes in Gegenwart von Madame Berger vermieden. Die Letztere fuhr fort: „Ich habe vielleicht einen ſeltſamen Geſchmack, aber meine Lieblingsblume iſt das gewöhnliche, ſcharlachrothe Geranium. „Den einzigen Stock, den ich hatte,“ bemerkte Eiſenmann, „habe ich Hildegarde gegeben, und ſie gab ihn wieder Herrn Hamilton, ihn auf ſein Blumenbret zu ſtellen.“ „O, wenn er Ihnen gehört,“ ſagte Madame Ber⸗ ger mit leichtem Lachen, „ſo muß ich ſogleich einen Zweig davon haben,“ und ſprang bei dieſen Worten in das Haus. „Das iſt zu viel,“ rief Hamilton, ihr nacheilend. Eine oder zwei Minuten nachher ließ ſich ein heftiges Geſchrei aus ſeinem Zimmer, deſſen beide Fenſter offen waren, vernehmen. „Wollen wir hinein gehen und ſehen, was vorge⸗ fallen iſt?“ flüſterte Creſcenz ihrer Schweſter zu. „Nein, es iſt beſſer, ſie allein zu laſſen.“ „Lina wird von Tag zu Tag ſchlimmer,“ ſagte 204 Creſcenz, „Blaſius will es durchaus nicht haben, daß ich mit ihr umgehe, ſeitdem man ſo viel von ihr zu ſprechen anfängt.“ „Was ſpricht man denn?“ „Es heißt, Herr Biedermann ſei jetzt beſtändig bei ihr; daß er nie aus dem Hauſe kommt, wirklich —“ In dieſem Augenblick eilte Hans an ihnen vor⸗ über nach einem am Ende des Obſtgartens befindlichen Schuppen, wo Gartengeräthe und Blumentöpfe aufbe⸗ wahrt wurden, und kehrte, nachdem er einen der letz⸗ tern genommen hatte, wieder nach dem Hauſe zurück, als Creſcenz fragte, was vorgefallen ſei. „Ich weiß es nicht genau, Madame; ich glaube, Herr Hamilton hat ein Geranium auf einen Kleider⸗ ſchrank geſtellt und Madame Berger, bei dem Verſuch es herabzunehmen, es fallen laſſen, ſo daß es in Stücke zerbrochen iſt.“ „Der Topf oder die Pflanze?“ fragte Hildegarde. „Beides, glaube ich, Fräulein,“ antwortete Hans, in das Haus eilend. „Wie lang ſie wohl bei ihm oben bleibt?“ fragte Creſcenz. „Vielleicht bis zum Mittageſſen,“ antwortete Hilde⸗ garde gleichgültig. „Er hat eine Menge Poreellan⸗ gemälde und neue Bücher zu ihrer Unterhaltung. Aber jetzt mußt Du mitkommen und ſehen, wie viel ich neuer⸗ dings gearbeitet habe; Du haſt keine Idee, wie nützlich ich mich machen kannz ſelbſt Mama lobt mich zuweilen.“ Die Nachmittagsunterhaltung war, wie gewöhnlich, ein Spaziergang in den Eichenwald. Hamilton und WMadame Berger trennten ſich bald von den Schweſtern, und nachdem ſie auf deren Rückkehr mehr als eine Stunde bei der kleinen Kapelle gewartet hatten, traten Hildegarde und Creſcenz den Heimweg an. „Nun, Hildegarde, was hältſt Du davon?“ fragte die Letztere, indem ſie mit einem forſchenden Blick auf das ernſte Geſicht ihrer Schweſter ſah. 7 205 „Nichts,“ antwortete ſie ruhig. „So hat ſich alſo Blaſius, ſcheint es, gänzlich ge⸗ irrt; er ſagte, Herr Hamilton liebe Dich ſchon lange und Du fangeſt auch an, ihn liebzugewinnen.“ „Er hatte ganz recht,“ ſagte Hildegarde, „wir haben einander ſehr gern, beſonders ſeit des Vaters Tod; er war damals ſo freundlich.“ „Blaſius ſagte, es wäre mehr als bloßes Gern⸗ haben. Nun, wenn Du Dir ſo viel aus ihm machteſt, als Blaſius vermuthete, müßte ſein heutiges Betragen Dir ärgerlich ſein; Du könnteſt nicht umhin, eiferſüͤch⸗ tig zu werden.“ „Ich habe kein Recht dazu.“ „O⸗ Niemand denkt bei ſolchen Fällen an ein Recht,“ ſagte Creſcenz lächelnd; „ich erinnere mich noch der Zeit, da ich Folterqualen litt, wenn er mit Lina flü⸗ ſterſte und lachte. Es gab auch eine Zeit, da ich es nicht hätte aushalten können, wenn er Dich mir vor⸗ gezogen hätte, aber jetzt —“ „Jetzt,“ wiederholte Hildegarde forſchend. „Jetzt denke ich nicht an ihn und habe Blaſius ſo lieb, daß mir gar nicht einfällt, Vergleichungen an⸗ zuſtellen. Herr Hamilton iſt gewiß ſehr hübſch, aber Blaſius ſagt, man gewöhne ſich ſo ſehr an ein gutes Ausſehen, daß es zuletzt gar keinen Eindruck mehr mache. Ei, wie Peppi, ſeit er auf dem Lande iſt, gewonnen hat!“ ſetzte ſie hinzu, als das Kind ihnen entgegenlief. „Ich behaupte, er wird ſo hübſch wie Fritz — es iſt unmöglich, ſo prächtige Geſchöpfe nicht zu lieben. Ich muß geſtehen, ſie ſind Beide tauſendmal liebenswür⸗ diger, als Guſtel, der äußerſt ordinär iſt und nicht im Mindeſten uns gleich zu werden verſpricht.“ Hildegarde lächelte über den Contraſt zwiſchen An⸗ fang und Ende von ihrer Schweſter Rede, nahm aber keine Notiz davon, und den Reſt des Tags verbrachten ſie in der Laube unter mancherlei Geſprächen über ihre Schul⸗Abenteuer, Creſeenz's häusliche Angelegenheiten und Hildegarde's Zukunftsplane. Hamilton und Madame Berger kehrten erſt vor dem Abendeſſen zurück; ſie ließen ſich weder auf Er⸗ klärungen, noch Entſchuldigungen ein. Die Letztere be⸗ merkte bloß, da ſie ihr Haar auf Hildegarde's Zim⸗ mer in Ordnung brachte: „Ich habe wirklich nie einen angenehmern Tag ver⸗ lebt; Herr Hamilton iſt wirklich bezaubernd, — ein wah⸗ rer Liebesgott! Ich darf nicht vergeſſen, den Epheu⸗ kranz zu tragen, den er mit ſo vieler Mühe für mich ausgeſucht hat.“ Und bei dieſen Worten flocht ſie einen langen, leich⸗ ten Zweig mit ſeinen tiefgrünen Blättern in ihre blon⸗ den Haare, warf, mit beiden Händen die dichten Locken, die ihr Geſicht bedeckten, zurückſtreichend, einen Blick befriedigter Eitelkeit in den Spiegel und verließ, ihr Taſchentuch ſchwenkend, das Zimmer. „Ich habe Lina nie ſo hübſch geſehen wie heute,“ bemerkte Hildegarde. . „Und Du biſt wirklich nicht böſe über ſie?“ fragte Creſcenz, indem ſie den Arm um den Leib ihrer Schwe⸗ ſter ſchlang und mit ihr die Treppe hinunterzuſteigen begann. „Böſe über ſie, daß ſie mit Herrn Hamilton einen langen Spaziergang gemacht hat?“ „Ah bah, Du weißt ſehr wohl, was ich meine.“ „Nein, liebe Creſcenz, ich bin nicht im Geringſten böſe,“ flüſterte Hildegarde mit munterem Lachen, als ſie in das Zimmer trat, wo die Andern ſich gerade zu Tiſche ſetzten. Hamilton ſchaute auf und betrachtete ihre heitere Stirne und ihr frohes Lächeln mit ſchmerz⸗ licher Ungewißheit; Madame Berger beugte ſich zu ihm hin und flüſterte: „Sie hatten Recht.“ „Wie? wann?“ 207 „Sie kümmert ſich nicht einen Strohhalm um Sie. Ich habe es bis heute nie geglaubt.“ Pamilton biß ſich in die Lippen und runzelte leicht die Stirne. „O, ärgern Sie ſich deßwegen nicht, Sie können nicht erwarten, daß das Glück Ihnen überall günſtig iſt, wiſſen Sie. Vermuthlich haben Sie, da es hier Nichts für Sie zu thun gibt, es ſich einige Mühe koſten laſſen, ihr zu gefallen, und es iſt unangenehm, ſich ge⸗ täuſcht zu ſehen, aber Sie werden ſich erinnern, daß ich Ihnen ſchon lange geſagt habe, ſie würde eine Art von Liebe begehren, deren nur wenige Männer fähig ſind, eine Art unbefleckter, andächtiger Ergebenheit, die, ſeit⸗ dem die Zeiten des Ritterthums vorüber ſind, von Ihrem Geſchlecht nicht zu erwarten iſt. Sie wird in dieſen entarteten Tagen nie Jemand finden, der ſie ſo liebt, wie ſie es zu verdienen ſich einbildet.“ „Und doch,“ ſagte Hamilton, „beſitzt ſie ſo wenig perſönliche Eitelkeit.“ „Das betrachte ich als einen ihrer größten Män⸗ gel. Was iſt eine Frau ohne perſönliche Eitelkeit! Ver⸗ meiden Sie Ihr Lebenlang jede, die nicht wenigſtens eine mäßige Quantität davon hat. Ohne ſie ſind wir abnorm, unnatürlich, und man kann unmöglich wiſſen, wie man uns zu behandeln hat.“ „Sie haben mir heute wirklich viel Unterricht ge⸗ geben,“ ſagte Hamilton lachend; „noch einige Spazier⸗ gänge mit Ihnen, und ich würde ein vollkommener Tak⸗ tiker werden.“ „Wenn Sie jedoch für gut finden, Hildegarde noch ferner auf die Probe zu ſtellen,“ ſagte Madame Ber⸗ ger, „ſo müſſen Sie es für ſich allein thun. Sie mag jttzt, nach Allem, was ich weiß, Sie für ein Opfer mei⸗ ner Künſte und Ränke und mehr ihres Mitleids, als Zornes werth halten.“ . Theils aus heimlichem Groll, theils weil es ihn unterhielt, widmete ſich Hamilton den Reſt des Abends 208 gänzlich Madame Berger. Er zog ſeinen Stuhl nach dem Abendeſſen hinter den ihrigen, und ſie blieben in dem kleinen dunkeln Zimmer beiſammen, ſelbſt nachdem die ganze Familie ſich zurückgezogen hatte, um den lan⸗ gen warmen Juli⸗Abend im Garten zu genießen. Es war beinahe Nacht, als Creſcenz ſchüchtern in's Zimmer trat und verlegen erklärte, ſie fürchte ſich zu ſehr vor Herrn Hamilton's Pferden, um mit ihm heim⸗ zufahren, deßhalb habe Herr Eiſenmann ihr ſein Fuhr⸗ werk angeboten — „Seinen Karren, meine Liebe, willſt Du ſagen,“ unterbrach ſie Madame Berger, ohne einen Zug in ihrem Geſicht zu verändern. „Ich empfehle Dir, noch einige Eiſenſtangen hintenauf zu legen, damit die Pferde ruhiger werden; ſie ſind an den Ton gewöhnt, weißt Du?“ „Ich — ich dachte,“ ſagte Creſcenz, „Du würdeſt es vielleicht vorziehen, mit mir nach Hauſe zu gehen, anſtatt —“ „O, durchaus nicht, meine Liebe, ich möchte Dich und Major Stultz nicht um alle Welt trennen; außer⸗ dem fürchte ich mich nicht im Geringſten weder vor Herrn Hamilton, noch vor ſeinen Pferden. Sie ſehen,“ ſetzte ſie, gegen Hamilton gewendet, hinzu, „ich nehme für ausgemacht an, daß Sie mich nach Hauſe bringen.“ „Natürlich. Ich bedaure nur,“ ſagte Hamilton zu Creſcenz, „daß Sie nicht mit uns gehen; ich kann Ih⸗ nen beinahe verſprechen, daß die Pferde ruhiger ſein werden, als dieſen Morgen.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Creſcenz etwas ſteif, „aber ſelbſt in dieſem Fall würde ich Ihr Anerbieten ablehnen, da Lina ſo deutlich gezeigt hat, daß ſie weder meine Geſellſchaft, noch überhaupt die von irgend Je⸗ mand, außer der Ihrigen, wünſcht. „Ich bin ganz überwältigt von der Strenge Dei⸗ ner Bemerkungen,“ rief Madame Berger, ihren Arm ergreifend, mit leichtem Lachen. „Welch ein Glück, daß die Finſterniß mein Erröthen verbirgt. Höre, Creſſy,“ 209 fügte ſie leiſer hinzu, „biſt Du für Dich ſelbſt, oder für Hildegarde in die Schranken getreten?“ „Ich — ich verſtehe Dich nicht,“ ſagte Creſcenz, ien ſie ihren Arm los machte und aus dem Zimmer eilte. „Beſtellen Sie Ihren Wagen,“ ſagte Madame erger, ſich einen Augenblick zu Hamilton umwendend, „Beſtellen Sie Ihren Wagen ſo ſchnell als möglich, ſonſt bekomme ich noch eine Predigt von Madame Ro⸗ ſenberg, und ich bin eben jetzt nicht in der Laune, et⸗ was der Art zu ertragen.“ Die Wagen erſchienen zuſammen an der Thüre. „Hans mag fahren!“ rief Hamilton, indem er Madame Berger in den Pha6ton nachſprang, und ſo lange ſie noch in Sicht waren, ſchien er ausſchließlich mit dem Zurechtlegen ihres Shawls beſchäftigt. „Hildegarde! Hildegarde! Wo ſtckſt Du!“ rief Madame Roſenberg, etwa eine Stunde ſpäter, und eine Stimme von dem äußerſten Ende des Obſtgartens ant⸗ wortete: „Hier, Mama, ich komme ſogleich.“ Aber während ſie ſprach, wandte Hilbegarde wieder um und ſetzte mit gekreuzten Armen und zögernden Schritten ihren Schildwache⸗ähnlichen Gang fort. Am folgenden Tage war Hamilton ſehr ungewiß darüber, ob er klug oder unklug gehandelt habe. Hilde⸗ garde zeigte ſich ſo gerade und frei von Coquetterie, daß er fürchtete, ſie würde ſeine Beweggründe nicht leicht verſtehen, wollte er dieſelben auch, zu ſeiner Entſchul⸗ digung, auseinanderſetzen, oder wohl gar verdammen, wenn er ſie ihr deutlich vor Augen gelegt hätte. Er begegnete Madame Roſenberg auf dem Gang zum Früh⸗ ſtück, hörte die halb ſcherzenden, halb ernſthaften Zu⸗ rechtweiſungen, die er erwartet hatte, an und beant⸗ wortete ſie, wie gewöhnlich, mit einer Miſchung von uthwillen und Impertinenz. Er näherte ſich Hildegarde mit der aufrichtigen Die Anfangsbuchſtaben. II. 14 2¹0 Hoffnung, ſie zornig, oder wenigſtens beleidigt zu fin⸗ den, aber alle ſeine Bemühungen, etwas dergleichen zu entdecken, ſchlugen fehl; ſie war vielleicht etwas weni⸗ ger heiter, als gewöhnlich, aber nicht genug, um eine Frage von ſeiner Seite zuzulaſſen. Vor dem Mittag⸗ eſſen erhielt ſie einen Brief; die Handſchrift war ihm unbekannt, aber, obgleich er vor Neugierde brannte, zu erfahren, woher derſelbe käme, da er ihr ungewöhnliches Beben bei deſſen Empfang bemerkte, wagte er doch nicht zu fragen, wiewohl er geſtern nicht gezaudert haben würde, es zu thun. Nachmittags, da er ſie zum Spa⸗ ziergang erwartete, ließ ſie ihm durch Guſtel ſagen, ſie hätte einen langen Brief zu ſchreiben und könne nicht ausgehen. Die nächſten Tage fand ſie für gut, ihrer Mutter beim Obſteinmachen zu helfen und hernach kam eine unermeßliche Menge Nadelarbeit zum Vorſchein. Hamilton fühlte die Veränderung, die in ihrem Verkehr eingetreten war, ohne doch ſich darüber tadelnd auslaſſen zu können. Er fühlte, daß er die Schuld davon trug, verlor aber nichtsdeſtoweniger die Geduld und begann, jeden Tag nach München zu fahren. Niemand ſchien zu denken, daß er ſich beſſer beſchäfti⸗ gen könnte, und viel und mancherlei waren die Com⸗ miſſionen, die er von den verſchiedenen Gliedern der Familie erhielt. Eines Tags, gerade als er Hildegarde ſagte, er würde erſt ſpät in der Nacht heimkommen, da er in die Oper zu gehen beabſichtige, trat Madame Roſenberg in das Zimmer. Sie hielt eine filberne Haarnadel von zierlicher Filigranarbeit in der Hand und rief ziemlich triumphirend: „Nun, da iſt doch noch Lina Berger's Haarnadel; aber ſie hat ſich nicht im Garten gefunden, wo ſie die⸗ ſelbe verloren zu haben behauptete, ſondern in Ihrem Zimmer unter dem Kleiderſchrank. Monika hat ſie ge⸗ ſehen, als ſie den Boden fegte.“ „Leicht möglich,“ ſagte Hamilton. „Madame Ber⸗ — 211 ger ſtieg auf einen Stuhl, um zu meinem Scharlach⸗ Geranium zu gelangen, das ich oben auf dem Schranke außer ihren Bereich gebracht zu haben glaubte. Mit einem Sprung bemächtigte ſie ſich des Blumentopfs, kam aber wieder auf den Rand des Stuhles zu ſtehen und dieſer fiel mit ihr zu Boden. Ich war in großer Un⸗ ruhe, da ſie nach dem erſten Angſiſchrei ungewöhnlich ſtille wurde, und obwohl ſie keinen Schaden genommen zu haben verſicherte, doch noch lange, ohne ſich zu rüh⸗ ren oder die Augen zu öffnen, auf dem Sopha liegen blieb, nachdem ich ſchon lange mein armes Geranium verſetzt und“ — fügte er mit einem Blick auf Hilde⸗ garde hinzu — „betrauert hatte.“ Madame Roſenberg lachte. „Das war ein Kunſtgriff, um Sie vom Schelten abzuhalten, da ſie ſah, daß die Blume Ihnen werth war.“ „Vielleicht war es ſo,“ ſagte Hamilton erröthend, „aber ich dachte nicht daran.“ „Nun, ſo können Sie ihr heute Ihren gegenwär⸗ tigen Verdacht ſagen, wenn Sie ihr die Haarnadel ge⸗ ben, wiſſen Sie,“ und ſie hielt ihm dieſelbe bei dieſen orten hin. „Ich gehe nie zu Madame Berger,“ ſagte Hamil⸗ ton, der froh war, dieß anbringen zu können, „wenn Sie aber Hans dieſelbe geben wollen, ſo kann er ſie in ihrem Hauſe zurücklaſſen, wenn ich in's Theater gehe.“ „Hildegarde, packe ſie leicht ein und ſchreibe eine Linie dazu,“ ſagte Madame Roſenberg. „Hildegarde nahm von ihrem Bruder Guſtel die eder und ſchrieb ihr auf ein Blatt aus ſeinem Schreib⸗ buch ein paar ſtrenge Worte, welche nicht einmal das gewöhnliche „Liebe Lina“ oder das ſchulkamerädliche „Dutzen“ mildern konnte. Hamilton lächelte und zog ganz gedankenlos ſeinen Handſchuh immer weiter nach dem Handgelenk, bis er zerriß. 14* 2¹² „Das ſind die ſchlechteſten Handſchuhe, die ich je gehabt habe,“ rief er, ſie ungeduldig auf den Tiſch „das iſt das zweite Paar, das mir heute ver⸗ irbt.“ „Die Handſchuhe ſcheinen ſehr gut zu ſein,“ ſagte Madame Roſenberg, indem ſie dieſelben nahm, „und da ſie eine hübſche Farbe haben, ſo kann Hildegarde ſie Ihnen ausbeſſern. Aber inzwiſchen müſſen Sie das Packet ſiegeln und an Lina adreſſiren,“ — und über dieſer Beſchäftigung verließ ſie dieſelben und ging aus dem Zimmer. g Erlauben Sie mir,“ ſagte Hamilton halb ſcherzend einige Minuten nachher, als Hildegarde ihm die Hand⸗ ſchuhe zurückgab, „erlauben Sie mir, Ihre Hand zu küſſen, und dieß“ fügte er hinzu, „beſiegelt hoffentlich unſere Verſöhnung.“ „Wir haben keinen Streit gehabt, und bedürfen keiner,“ antwortete Hildegarde. „Doch ſind Sie unzufrieden — böſe über mich ge⸗ weſen — geweſen, nicht wahr?“ „Ich hatte keine Urſache — ich habe kein Recht.“ „Aber Sie wiſſen, was ich meine,“ „Ich glaube, ja,“ erwiederte Hildegarde, halb lächelnd und ganz erröthend. „Und welche Beweggründe ſetzten Sie bei mir vor⸗ aus 2 Was dachten Sie von mir?“ „Ich dachte, nach allen Verſicherungen Ihrer Ach⸗ tung für mich, hätten Sie wohl warten können, bis Sie nach England kamen, um eine neue — Liebelei anzufangen.“ „Dann waren Sie vielleicht ein wenig — ein klein, wenig eiferſüchtig?“ „Ich glaube nicht — ich hoffe nicht,“ ſagte Hilde garde ſchnell, „denn es würde albern, höchſt lächerlich geweſen ſein. In der That,“ ſetzte ſie vffen hinzu, „ich fümmerte mich nicht eher darum, wie ſehr Sie 2¹3 Lina widmeten, als bis ich erkannte, daß Sie es mich merken zu laſſen wünſchten.“ „Ich wünſchte allerdings, daß Sie es bemerkten. Ich hoffte, Ihnen auf dieſe Art ein Fünkchen von Gefühl zu entlocken, nachdem es mir auf jede andere mißlungen war.“ „Und Lina Berger war die Perſon, die Sie zur Beiſtänderin, — vielleicht zur Vertrauten wählten?“ „Ich hatte nichts zu vertrauen. Ich habe nie ein Geheimniß aus meinen Gefühlen gegen Sie gemacht.“ „So wünſchten Sie alſo Lina Berger und Jeder⸗ mann ſonſt zu zeigen, was Sie als meine Empfindung gegen Sie vorausſetzen? Es war, Alles betrachtet, eine unedelmüthige Abſicht von Ihnen, da jede Schwäche von meiner Seite nur dazu gedient hätte, Ihnen einen nutzloſen Triumph zu bereiten; aber,“ fügte ſie mit er⸗ höhter Farbe hinzu, „ich bin nicht beleidigt — nicht im Geringſten böſe über Sie — oder eiferſüchtig, und für die kurze Zeit, da wir wahrſcheinlich noch beiſam⸗ men ſind, hoffe ich, werden wir ebenſo gute Freunde bleiben, wie wir in den letzten Monaten geweſen ſind. Die ganze Affaire iſt wirklich nicht werth, daß man da⸗ von redet.“ * „Ich hoffe jedoch, Sie laſſen mir die Gerechtigkeit widerfahren, zu glauben, daß mir Lina Berger voll⸗ kommen gleichgültig iſt.“ „Gerade ſo gleichgültig wie Sie ihr. Sie ſchmei⸗ cheln einander und die Eitelkeit führt Sie zuſammen. „Und Sie kümmern ſich nicht darum, daß wir von einander angezogen werden?“ „Nicht im Mindeſten,“ ſagte Hildegarde gelaſſen. „Ich glaube Ihnen — ich glaube Ihnen. Ich bin durch und durch von Ihrer Gleichgültigkeit überzeugt und bedarf keines andern Beweiſes. Es thut mir leid, aber — vielleicht iſt's ſo zum Beſten.“ Und an der Thüre wandte er ſich noch einmal um und ſetzte hinzu: 214 „Wir haben uns nicht gezankt, Hildegarde? Wir find Freunde wenigſtens?“ „Freunde! o gewiß, wenn auch noch ſo fern von einander,“ antwortete Hildegarde mit gezwungenem Lä⸗ cheln. „Wer ſo arm an Freunden iſt, wie ich, greift ſelbſt nach dem Namen.“ Hamilton ſchloß geräuſchlos die Thüre und ſie beugte ſich über ihre Arbeit, bis einige große Thränen darauf fielen und ein erſtickendes Gefühl in der Kehle ſie be⸗ wog, an das offene Fenſter zu gehen, wo ſie ſich, ſo weit als die vielen Pflanzen es geſtatteten, hinauslehnte und lange in den Obſtgarten ſtarrte, ohne einen ein⸗ zigen von den vor ihr befindlichen Gegenſtänden zu unterſcheiden. Neununddreißigſtes Kapitel. Die Zurückberufung. Etwa vierzehn Tage nach den vorbemerkten Ereig⸗ niſſen, als Hämilton eines Morgens müßig in der Laube am Ende des Gartens ſaß, kam Hildegarde mit einem großen Briefpacket, das Hans eben von München ge⸗ bracht hatte, auf ihn zu. Als ſie ſich neben ihn ſetzte, beſah er die verſchiedenen Handſchriften und murmelte: „Meine Schweſter Helen — mein Vater — John — und — von Onkel Jack auch! Mit wie verſchiedenen Gefühlen würde ich dieſe Briefe vor Kurzem empfangen haben! Gehen Sie nicht fort, Hildegarde, ich habe nicht die Abſicht, Ihnen Vorwürfe zu machen, oder Reden zu halten, und vielleicht bedarf ich Ihres Raths, den Tag meiner Abreiſe feſtzuſetzen.“ Sie ſetzte ſich auf die zur Laube führenden Stufen, ſtützte ihren Ellnbogen auf die Kniee und ihren Kopf — 2¹⁵ in die Hände, und blieb länger als eine halbe Stunde vollkommen unbeweglich. Sie ſann weder über die Ver⸗ gangenheit nach, noch dachte ſie an die Zukunft. Sie hörte ihr Herz deutlich pochen und würde vielleicht deſſen Schläge zu zählen verſucht haben, wenn ſie ſich nicht unwiderſtehlich getrieben gefühlt hätte, auf ein höchſt unharmoniſches und trauriges Liedchen zu lauſchen, wel⸗ ches die Köchin, während ſie unter dem offenen Fenſter das Küchengeſchirr ſcheuerte, abſang. Einige unbe⸗ ſtimmte Ideen vom Glücke der Leute, deren Gedanken ſich nie über das Putzen von Töpfen und Pfannen und die darin zubereitenden Speiſen erhoben, zogen durch ihren Geiſt; und dann erblickte ſie vor ſich einen Klo⸗ ſtergarten mit grünem Graſe und langen Sandwegen; und dann knitterte Hamilton mit dem Briefpapier und ſie erwartete, daß er ſprechen würde, und da er es nicht that, horchte ſie wieder auf den eintönigen Geſang und wunderte ſich, daß es kein Ende nahm. Das Singen dauerte fort, aber ſie hörte es nicht mehr, denn Hamilton brach endlich das Stillſchweigen, und ſie wandte ſich um, ihm zu antworten. „Die Briefe enthalten die Zurückberufung, die ich erwartet habe,“ ſagte er, ſie zuſammenſchlagend, „und außerdem eine große Summe Geldes für meine Reiſe, mehr, viel mehr, als ich bedarf; mein Onkel bemißt meine Ausgaben nach denen meines Bruders. Kurz, weder er, noch irgend Jemand von meiner Familie, hat im Mindeſten meine hieſige Lage begriffen — ihre Unwiſſenheit würde Ihnen Grauen erregen.“ Er hielt, offenbar verlegen, inne. Seines Onkels Brief würde allerdings dieſe Wirkung auf ſie gehabt haben. Er er⸗ bot ſich, Hamilton jede Geldſumme zu überſenden, die zu Abkaufung der Anſprüche, die Hildegarde oder ſeine Familie an ihn hätte, nothwendig wäre. „Ich vermuthe,“ ſagte Hildegarde, „man erwartet Sie alsbald zu Hauſe.“ „Man wünſcht vielmehr, daß ich die Z—s beſuche, 2¹6 da ſie in der letzten Zeit mit einigen meiner Verwand⸗ ten bekannt geworden ſind.“ „Und Sie gedenken das zu thun?“ „Ich habe keinen beſondern Wunſch, ſogleich nach Hauſe zurückzukehren, obwohl ich ſehe, daß man mich in vierzehn Tagen oder drei Wochen erwartet.“ „In dieſem Fall werden Sie uns bald, — ſehr bald verlaſſen.“ „Wie bald?“ fragte Hamilton, indem er einen Blick in ihr Geſicht zu erhaſchen verſuchte, das ſie viel⸗ leicht abſichtlich wegwendete. „Sie können das am Beſten beurtheilen,“ antwor⸗ tete ſie von ihrem niedern Sitz aufſtehend; „wenn das Scheiden von uns Ihnen unangenehm iſt, ſo wird es um ſo beſſer ſein, je ſchneller es vorübergeht.“ „Es iſt mehr als unangenehm — es iſt ſchmerzlich für mich.“ Er hielt inne und ſetzte dann haſtig hinzu: „ich werde Ihren Rath befolgen und morgen abreiſen.“ Länger als eine Minute wartete er, daß ſie wieder ſprechen ſollte: ein Wort oder ein Blick würde in die⸗ ſem Augenblick alle ſeine Plane verändert haben, aber da er fand, däß ſie ſtumm blieb, nahm er langſam ki Briefe zuſammen und ſchritt nachdenklich in das Haus. Madame Roſenberg ſprach mehr als genugz ſie erachtete für nöthig, das ganze Haus in Bewegung zu ſetzen, und war ſo beſorgt, ihm zu beweiſen, daß alle ſeine Kleider in Ordnung wären, daß ſie ihm auf ſein Zimmer folgte und wirklich ſelbſt alle ſeine Koffer und Etuis einpackte. Dann ſetzte ſie ſich auf einen der erſten und begann zu fragen, was er mit Hans, den Pferden und dem Phaöton im Sinne habe. „Hans will ich mit nach England nehmen und die Pferde in München zum Verkauf laſſen. Stultz wird gewiß die Mühe übernehmen, dieß für mich zu beſorgen.“ „Lieber Himmel, wie wird er erſtaunt ſein — und Creſcenz — und Lina Berger. Das Ganze kommt wirk⸗ — — 217 lich ſo unerwartet, daß man keine Zeit hat zu denken, zu fühlen oder zu verſtehen —“ „Das iſt gerade, was ich wünſchte,“ ſagte Hamilton. „Ich hoffe, keine Zeit zum Denken oder Fühlen zu ha⸗ ben; denn ich verlaſſe Ihr Haus höchſt ungern, aber verlaſſen muß ich es, da mein Vater und Onkel mich in einer oder zwei Wochen zu Hauſe erwarten und ich zuerſt zu den Z—s gehe.“ „Bitte, empfehlen Sie mich der Baronin,“ ſagte Madame Roſenberg, „es war ſehr artig von ihr, daß ſie die Kinder mit nach Hauſe nahm — an jenem Abend, wiſſen Sie.“ Hamilton erinnerte ſich des Abends, dachte aber, ſehr wahrſcheinlich die Empfehlungen ver⸗ geſſen. „So leid es mir thut, Sie zu verlieren,“ fuhr Madame Roſenberg fort, „ſo muß ich doch ſagen, daß meines Erachtens Ihre Verwandten Recht haben, auf Ihrer Rückkehr zu beſtehen; wie mein Vater geſtern geſagt hat, daß ein junger Mann von Ihren Fähig⸗ keiten ſeine Zeit ſo verſchwenden dürfe, wie das bei Ihnen geſchehe, ſei vollkommen unbegreiflich.“ „Mein Zweck war, Deutſch zu lernen, und ich habe es gelernt,“ ſagte Hamilton. „Es wäre beſſer für Sie geweſen, wenn Hildegarde und Creſcenz nicht ſo gut Franzöſiſch geſprochen hätten. Mein Vater ſagt auch, Sie ſprechen jetzt mit Hildegarde engliſch; ich weiß wahrhaftig nicht, wie ſie es gelernt hat. Ich konnte nie Franzöſiſch lernen, ſo oft ich es verſucht habe, und bin in andern Dingen doch nicht dumm. Ich bin jedoch ſehr froh, daß ſie Engliſch gelernt hat, obwohl ich es früher für unnöthig gehalten habe. Vier Sprachen für ein Mädchen, das noch nicht achtzehn Jahre alt, iſt ziemlich gut, wie der arme Franz zu ſagen pflegte, und —“ „Vier Sprachen,“ wiederholte Hamilton, „welches iſt die vierte?“ 218 Wie, Sie wiſſen nicht, daß ſie Italieniſch ſo gut wie Franzöſiſch ſpricht und ſchreibt? Mademoiſelle Hor⸗ tenſe iſt eine halbe Italienerin und ſie hat bei ihrem Unterricht keine Mühe geſpart, und es hat ſich ſehr glücklich getroffen, denn die Dame, bei welcher ſie wahr⸗ ſcheinlich eine Stelle findet, verlangt insbeſondere Ita⸗ lieniſch, da ſie nächſtes Jahr nach Italien geht.“ „So wird Hildegarde Sie alſo auch verlaſſen?“ „Ja, ich war Anfangs ſehr dagegen und würde es auch nicht zugegeben haben, wenn ich noch in Mün⸗ chen wäre; aber hier, ſehen Sie, kann ſie ſich wahr⸗ ſcheinlich nicht verheirathen, und nachdem ihre Schwe⸗ ſter eine ſo vortreffliche Partie gemacht hat, würde ſie, fürchte ich, ſich mit unſerem Förſter, Herrn Weidmann, nicht begnügen.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Hamilton. „Nun iſt ſie gewiß merkwüͤrdig hübſch,“ fuhr Ma⸗ dame Roſenberg fort, „und hat im letzten Jahr noch ſehr gewonnen, ſo ſollte es mich durchaus nicht wun⸗ dern, wenn ſie in Frankfurt oder Florenz noch Jemand aufgabelte —“ „Gar nicht unwahrſcheinlich,“ bemerkte Hamilton. „Oder, wenn der alte Graf Zedwitz ſtürbe, könnte vielleicht ſein Sohn wieder —“ Hamilton begann mit unzweideutigen Zeichen der Gereiztheit im Zimmer auf⸗ und abzuſchreiten. „Ich ſehe, dieß Alles intereſſirt Sie nicht,“ ſagte Madame Roſenberg, indem ſie ihre Hände auf die Kniee legte, um ſich von ihrem niedern, unſteten Sitze auf⸗ uhelfen. „Wie kann ich erwarten, daß Sie ſich darum ſurenen wen ſie heirathet oder wohin ſie geht, oder was aus Einem von uns wird. In einigen Wochen werden Sie uns ganz vergeſſen haben.“ „Wie wenig kennen Sie mich!“ rief Hamilton, ihre Hand faſſend, als ſie an ihm vorüberging. „Ich werde niemals Sie und die glücklichen Tage, die ich in Ihrem Hauſe verlebt habe, vergeſſen, und bin Ihnen und Ihrer — 2¹9 ganzen Familie ſo aufrichtig zugethan, daß mir Nichts größeres Vergnügen machen wird, als von Ihnen durch Sie oder Andere etwas zu hören. Ich werde Ihnen meine Londoner Adreſſe laſſen und hoffe, Sie und Ihr Vater und die Kinder werden mir oft ſchreiben. Wenn Fritz in den Ferien nach Hauſe kommt, ſo erwarte ich einen langen Brief, und nicht blos copirt, ſondern von ſeiner eigenen Hand und ungezwungen, daß er mir er⸗ zähle, wie es Ihnen geht. „Nun, ich glaube wirklich, Sie haben uns lieb,“ rief Madame Roſenberg, während ihr Thränen in die Augen traten; „aber am Ende doch nicht ſo, wie wir Siez und nun, glaube ich, wird es das Beſte ſein, wenn ich Sie verlaſſe, ſonſt wird noch eine alte Närrin aus mir.“ Hamiltons Stunden hatten heute Schwingen; ſie flogen unruhig vorüber, gleich Vögeln vor dem nahen⸗ den Sturm. Der Nachmittag, der Abend und die Nacht kamen; Eiſenmann befand ſich im Zuſtande des Halb⸗ ſchlummers, Madame Roſenberg ſah nach ihren ſchla⸗ fenden Kindern, und Hildegarde und Hamilton ſaßen zum erſten Mal ernſt und ſtumm neben einander, Kei⸗ nes von ihnen hatte den Muth, den Schein eines gleich⸗ gültigen Geſprächs anzunehmen; Beide fürchteten gleich⸗ mäßig ihre Schwäche zu verrathen, und für Beide war es ein Troſt, als die Zeit zum Aufbruch kam. Eiſen⸗ mann zog ſich ſchweigend auf ſein Zimmer im Erd⸗ geſchoß zurück; Madame Roſenberg nahm, nachdem ſie Hamilton gute Nacht gewünſcht, die Schlüſſel aus dem Schrank und begann ihre gewöhnliche nächtliche Unter⸗ ſuchung von Fenſtern und Thuͤren. Hamilton ſprang die Treppe hinauf und gab an der Thüre ſeines Zim⸗ mers Acht, bis Hildegarde ſich von ihrer Mutter beab⸗ ſchiedete und heraufzuſteigen begann; er wartete, bis ſie Licht und Arbeitskorb auf den Tiſch geſtellt hatte und rief, als ſie ſich der Thüre näherte, um dieſelbe zu ſchließen, ihr auf den Gang heraus und ſagte eilig: 220 „Hildegarde, ich werde morgen keine Gelegenheit mehr haben, mit Ihnen allein zu ſprechen, und muß dieſen Augenblick benützen, um Sie zu bitten, mir alle meine Fehler und Mängel zu vergeben.“ v30 kann mich ſolcher nicht erinnern,“ ſagte Hilde⸗ garde. „Sie ſagen ſo, aber ich weiß, Sie denken, daß ich ohne einen beſtimmten Zweck Ihre Neigung zu gewin⸗ nen verſucht habe. Das iſt wahr — ich meine, es iſt wahr geweſen bis vor Kurzem — aber das iſt jetzt von keiner Wichtigkeit. Dann muß ich bekennen, daß mir — der unangenehme Ausgang der Geſchichte mit Zed⸗ witz nicht leid gethan hat. Ich ſehe jetzt auch, daß ich mit Ihnen nicht hätte hieher kommen noch viel weniger verſuchen ſollen, Sie eiferſüchtig zu machen, oder — „O, ich gebe Ihnen Abſolution für Alles,“ rief Hildegarde, ihn unterbrechend, „und hoffe, Sie werden zu vergeſſen verſuchen, wie oft Sie mich ungeduldig oder zornig geſehen haben.“ „Ich habe es bereits vergeſſen und wünſche, ich könnte ebenſo alles Andere vergeſſen, was ſich in den letzten eilf Monaten ereignet hat. Wir ſind eilf Mo⸗ nate beiſammen geweſen, nicht wahr?“ „Ich glaube ſo,“ antwortete Hildegarde nachdenk⸗ lich. „Es kommt mir viel länger vor; mein Leben iſt in dieſer Zeit von dem, was es früher war, ſo verſchie⸗ den geweſen, daß es mir beinahe iſt, als hätte ich Sie ſchon eilf Jahre gekannt.“ Das nicht mehr ferne Geräuſch zuſchließender Thü⸗ ren bewirkte, das Hamilton ihr noch ängſtlich zuflüſterte: „Ich werde es nicht leicht finden, morgen vor ſo vielen Zeugen mit geziemender Feſtigkeit von Ihnen zu ſcheiden, Hildegardez noch weniger würde ich den Muth haben, Sie noch einmal zu bitten, die Uhr, die Sie mir vergangene Weihnachten ſounfreundlich zurückgege⸗ ben haben, anzunehmen. Werden Sie mir es wieder abſchlagen?“ 21 „Nein,“ antwortete ſie, „obwohl ich Etwas von geringerem Werthe bei Weitem vorgezogen hätte; ich wünſche nur, daß ich Ihnen Etwas dagegen bieten könnte; aber ich habe Nichts, abſolut Nichts.“ „Halt,“ ſagte Hamilton mit einigem Zögern, „Sie haben Etwas, das Sie hoch ſchätzen, ob ich ſchon nicht weiß, warum; ein kleines, myſteriöſes Spielzeug, das ich gern beſitzen möchte.“ „Nennen Sie es, und es iſt Ihnen,“ ſagte Hilde⸗ garde eifrig. Er legte ſeinen Finger auf das Haar⸗Bracelet, das ſie beſtändig trug. „Ah, mein Bracelet,“ rief Hildegarde mit über⸗ raſchtem Blick, „wenn Sie es wünſchen, gewiß; es iſt in der That beſſer. Sie hielt den Arm gegen die Zim⸗ merthüre, damit das Licht von der Kerze darauf fallen möchte, und Hamilton glaubte Thränen in ihren Augen zu ſehen, als ſie es loszumachen verſuchte. „Ich ſchätze es nur, weil Sie ſo ſehr daran zu hän⸗ gen ſcheinen,“ ſagte er halb entſchuldigend. „Che es ſedoch in meinen Beſitz kommt, müſſen Sie mir ſagen, weſſen Haar es iſt, das ich mein Leben lang ſo ſorg⸗ fältig bewahren werde. Hoffentlich nicht das von Ma⸗ demoiſelle Hortenſe. „Nein,“ ſagte Hildegarde, indem ſie es ihm über⸗ reichte. „Sagen Sie mir, weſſen Haar es iſt,“ rief er eifrig, denn Madame Roſenbergs ſchwerer Schritt und das Klirren ihrer großen Schüſſel wurde jeden Augenblick hörbarer, und als ſie ſich der Treppe näherte, wieder⸗ holte er noch einmal: „weſſen Haar?“ aber Hildegarde ſprang, ſtatt zu antworten, in ihr Zimmer, gerade als ein langer Lichtſtrahl von ihrer Mutter Kerze die Stelle traf, wo ſie ſtanden. Madame Roſenberg fand Hamil⸗ tons Thüre geſchloſſen und Hildegarde auf den Knieen vor ihrem Bekte, den Kopf in die Hände begraben. Hamilton ahnte nie, daß das Armband, das er jene Nacht ſo lang und eifrig unterſuchte, von ſeinem eigenen Haar gemacht war, welches ſie damals erhalten hatte, da er bei dem Sturz von, oder vielmehr mit ſei⸗ nem Pferde am Kopfe verwundet worden war. Die ganze Familie hatte ſich zu früher Stunde am nächſten Morgen verſammelt, um bei ſeiner Abreiſe zu⸗ gegen zu ſein. Madame Roſenberg führte ohne Zuruck⸗ haltung ihr Taſchentuch nach den Augen; ihr Vater ſah ernſt aus; die beiden Knaben, durch die ungewöhn⸗ liche, beim Frühſtück herrſchende Feierlichkeit halb ein⸗ geſchüchtert, flüſterten und ſtießen einander an, während Hildegarde, bleich wie die Gattin Seneca's, dem An⸗ ſchein nach die einzige unbewegte Perſon unter den An⸗ weſenden war. Hamilton nahm von allen Arbeitern und Dienern Abſchied, ſchüttelte Eiſenmann die Hand, wurde auf höchſt mütterliche Weiſe von Madame Roſenberg auf die beiden Wangen geküßt, umarmte die beiden Kna⸗ ben, hielt Hildegardes Hand gerade lang genug in der ſeinigen, um ein vorübergehendes Erröthen auf ihre Wangen zu rufen und ſie ſich ſelbſt gleich zu machen. Nachdem er abgefahren war, wandte er ſich noch einmal im Wagen um, einen letzten Blick auf ſie zu werfen, und es ſchien ihm, als ob ihre ſchönen Züge u Marmor verwandelt wären, ſo kalt und ſtatuengleich jchen ſie aus. Madame Roſenberg kehrte in das Haus zurück und ſprach mit ihrer Köchin; der Alte ſpielte munter mit den Kindern; Hildegarde ſtand allein bewegungslos auf der Stelle, wo er ſie verlaſſen hatte. „Iſt das Gleichgültigkeit?“ dachte Hamilton. ——— 2²3 Vierzigſtes Kapitel. Hohenfels. Es war ſpät am Abend des folgenden Tags, als Hamilton Hohenfels erreichte, ein Haus von mäßiger Größe und hohem Dache, an deſſen beiden Enden ſich dunkle, maſſiv⸗viereckige Thürme befanden. Es war ſchön am Abhange eines Felſenberges gelegen, — ein Umſtand, von dem es wahrſcheinlich ſeinen Namen ab⸗ leitete. Ein Zugang wie von einer Landſtraße war nicht vorhanden; der ſchmale Nebenweg, der dahin führte, zog ſich durch Wälder mit Lichtungen hin, die ſelbſt ohne den herrlichen Hintergrund von Gebirgen, mit jeder Schloßallee, die Hamilton je in England ge⸗ ſehen, eine ſehr vortheilhafte Vergleichung hätten aus⸗ halten können; ſollte aber offenbar auch die Annäherung zu mehreren ſtattlichen Bauernhäuſern vermitteln, und dadurch war dem Anſchein nach vielmehr, als durch den Kopf eines Ingenieurs deſſen Richtung urſprünglich be⸗ ſtimmt worden. In den in einiger Entfernung von Hohenfels ge⸗ legenen Gebänden erkannte Hamilton jetzt inſtinktmäßig eine Brauerei ſammt Zubehör und betrachtete ſie mit Neugier und Iutereſſe. Obwohl er nicht gerade das Bier (wie Jemand nicht unpaſſend behauptet hat) als das fünfte Element in Bayern betrachtete, hatte er we⸗ nigſtens deſſen Werth und Unwerth und Preis ſo häu⸗ fig erörtern gehört, daß er dem Gegenſtand beträchtliche Wichtigkeit beizulegen begann und ſich ziemlich ſtolz darauf fühlte, davon ſprechen zu können. Als er in den Hof einfuhr, ſchaute er nach der Fenſterreihe empor und entdeckte mit großem Vergnü⸗ gen, daß A. Z. an einem derſelben ſtand. Er hatte nicht Zeit gehabt, zu ſchreiben oder auf irgend eine Art ſeinen Beſuch anzukündigen; deßwegen beluſtigte 224 ihn der erſte Blick der Ueberraſchung bei ihr einiger⸗ maßen, als ſie ihm entgegenkam und bedauerte, daß ihr Mann auf einem Jagdausflug wäre und erſt näch⸗ ſten Tag zurückkehren würde. Er war froh, daß kein Brief von ihm dieſes Vorhaben gehört hatte. Das Abendeſſen nahmen ſie unter einem großen Kaſtanien⸗ baum ein, der eine weite Ausſicht über Wälder, Berge und einen Theil des Chiemſee's beherrſchte, welcher jetzt im vollen Strahlenglanz eines prächtigen Sonnen⸗ untergangs ſchimmerte. „Ich hatte keine Idee davon, daß Sie ſo nahe bei Ihrem Wohnort wären, als ich Sie vorigen Som⸗ mer zu Seon traf. Jetzt begreife ich, warum Sie ſo beſtändig in Bewegung waren und wir ſo wenig von Ihnen ſahen. Ei! ich möchte gerne etwas von den Zedwitz's hören; ſie ſind, glaube ich, Verwandte oder vertraute Freunde von Ihnen?“ „Entfernte Verwandte, aber ſehr nahe und liebe Freunde,“ antwortete A. Z. „Es thut mir leid, daß ich Ihnen nichts Genügendes melden kann; der alte Graf tödtet ſich ſo ſchnell als möglich mit kaltem Waſ⸗ ſer; ſeine Frau hat dieſen Sommer einen Schlaganfall gehabt, von dem ſie jedoch beinahe geneſen, und Mari⸗ milian iſt, wie Sie wiſſen, ſeit der unangenehmen Ge⸗ ſchichte mit der Roſenberg'ſchen Familie beinahe beſtän⸗ dig von Hauſe weg geweſen. Er war vor einigen Wo⸗ chen bei uns, und nie in meinem Leben habe ich einen Mann in einem ſolchen Zuſtand der Verzweiflung ge⸗ ſehen; ſein einziger Troſt beſtand darin, mit mir über „dieſes feinſte Muſter von hervorragender Natur,“ dieſe Hildegarde, zu ſchwatzen, und da ich viel im Hauſe zu thun hatte und nicht immer Zeit finden konnte, ihm zuzuhören, ſo pflegte er umherzuſtreifen und, wie ich mir nach dem poetiſchen Ausdruck ſeines lieben, häß⸗ lichen Geſichts einbildete, Sonnette zu ſchreiben.“ „Er hat Ihnen demnach Alles erzählt?“ ſagte Hamilton. 225 „Ja, und Alles von Ihnen dazu; das heißt, Alles, was er von Ihnen wußte. Er ſchien Sie ausnehmend als Nebenbuhler gefürchtet zu haben, und thut es in der That noch, denn, ſollte ſein Vater ſterben, ſo zweifle ich nicht im Geringſten, daß er ſeinen Antrag erneuern und vielleicht Aufnahme finden würde.“ „Ich bewundere ſeine Geduld und Beharrlichkeit,“ ſagte Hamilton ironiſch, „eine ſo vollſtändige Abwei⸗ ſung würde mich zufrieden geſtellt haben.“ „Umſtände mögen den Stand der Sache weſentlich ändern,“ ſagte A. Z. „Nehmen Sie an, daß die Liebe⸗ lei mit Ihnen ganz vorüber iſt — Sie ſind wahrſchein⸗ lich ohne irgend eine ernſthafte Erklärung geſchieden; nun habe ich keinen Zweifel, Sie ſind bezaubernd, aber wiſſen Sie, über hoffnungsloſe Affairen der Art kommt man im Laufe der Zeit hinweg, und im Laufe der Zeit wird es Maximilian auch freiſtehen, zu heirathen, wen er will. Ich kann mir nicht vorſtellen, daß er wieder abgewieſen wird, er iſt genau der Mann, wie ihn die meiſten Frauen lieben.“ „Er ſelbſt denkt nicht ſo von ſich,“ ſagte Hamilton. „Das iſt ein beſonderer Reiz an ihm,“ erwiederte Z. „Schüchterne und zugleich enthufiaſtiſche Männer hat man faſt immer gern. Ich habe eine entſchiedene Vorliebe für ſie.“ „Ich glaube jedoch, daß Sie in Ihrem Geſchmack etwas Beſonderes haben,“ ſagte Hamilton. „Durchaus nicht,“ erwiederte A. Z., „das Geheim⸗ niß mag darin liegen, daß ſolche Männer weniger an ſich ſelbſt und mehr an die Perſon denken, der ſie zu gefallen wünſchen, und in neun Fällen von zehn wer⸗ den Sie finden, daß es ein häßlicher Mann iſt, der wirkliche Zuneigung einflößt. Das macht unſerem Ge⸗ ſchlecht viel Ehre, müſſen Sie zugeben; man hört ſo ſehr ſelten von einem Mann, der eine wirklich häßliche Frau liebt.“ Die Anfangsbuchſtaben. II. 15 „Vielleicht haben Sie Recht,“ ſagte Hamilton, „meine Erfahrung iſt darin nicht groß. Ich weiß nur, daß ich ſehr ernſtlich und, ich fürchte, hoffnunglos in ein ſehr junges und ſehr ſchönes weibliches Weſen ver⸗ liebt bin.“ . „Sie werden es überwinden,“ bemerkte A. Z. lachend. „Einige Monate in London, wenn es nicht ſo ſpät im Jahre wäre —“ „Sie irren ſich,“ ſagte Hamilton ernſt, „weder ein paar Monate, noch ein paar Jahre werden aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach meine Gefühle ändern.“ „Das thut mir leid zu hören,“ ſagte A. Z. nach⸗ denklich, „niemals will ich wieder einen Brief mit mei⸗ nen Anfangsbuchſtaben unterzeichnen.“ „Ich hatte ganz vergeſſen, daß Ihr Billet die ur⸗ ſache all dieſes liebels war,“ ſagte Hamilton lächelnd, „aber es würde durchaus kein Uebel ſein, wenn Hilde⸗ garde mich liebte.“ „So iſt es ganz auf Ihrer Seite,“ bemerkte A. Z. mit einigem Erſtaunen. 5 „Ich weiß nicht, aber ich fürchte ſo. Wenn es Sie nicht langweilt, würde ich Ihnen die Sache gern erklären und um Ihren Rath bitten.“ „Halt!“ rief A. 8. „Ich kenne dieſe Hildegarde durchaus nicht, nun aber kenne ich einigermaßen Sie und Ihre Familie, und werde Ihnen daher ſicherlich empfehlen, dieſe Geſchichte abzubrechen, wenn Sie es mit Ehren thun können; und daß Sie das können, iſt kaum zu bezweifeln, wenn Sie dieſelbe für gleichgültig gegen Sie halten.“ Aber angenommen, ſie ſei nur deßhalb gleichgül⸗ weil ich geſagt habe, ich könne nicht hei⸗ rathen.“ „Es würde beweiſen, daß ſie ebenſo klug als hübſch iſt, und das will Viel ſagen,“ antwortete A. Z. mun⸗ ter, „und da Sie nicht heirathen können, ſo iſt, je we⸗ niger über die Sache geſagt, deſto beſſer.“ S 227 „Sie verſtehen die Lage der Dinge nicht ganz,“ begann Hamilton. „Sie ſehen, ich habe einen Groß⸗ onkel.“ „Namens Jack,“ bemerkte A. Z. „So iſt's“ ſagte Hamilton, „und dieſer Onkel Jack hat ſich ein großes Vermögen in Indien erworben, zu einer Zeit, da dort noch ein ſolches zu erwerben war, und hat daſſelbe durch Spekulationen in Staatspapieren am Ende des letzten Kriegs noch vergrößert; wir haben deßhalb großen Reſpekt vor ihm.“ „Natürlich,“ ſagte A. Z., „vor reichen Onkeln hat man immerdar Reſpekt, in Büchern wie im Leben. Ich habe nie einen gehabt, aber ich kann mir die Sache vorſtellen.“ „Da er keine Kinder hatte,“ fuhr Hamilton fort, zwählte ihn mein Vater kluger Weiſe zum Pathen für ſeinen älteſten Sohn, der demnach mit dem Namen John belaſtet wurde, aber ſchon in ſeiner früheſten Jugend zeigte ſich, daß der Name die Menge ſeiner Sünden nicht decken konnte, der arme Burſche! — und während ich noch ein bloßes Kind war, erklärte mein Onkel, daß John mehr von ſeinem Vater erben würde, als er je verviente, und ich, ich allein ſein Erbe ſein ſollte. Er beſtritt alle Koſten meiner Erziehung, gab mir Pony's und Taſchengeld und würde, glaube ich, meine Schulden zu Cambridge ohne Zaudern bezahlt haben, wenn ich ſolche gehabt hätte. Seitdem ich hier in, hat er mir durch meinen Vater bedeutende Geld⸗ ſummen geſchickt und in der letzten Zeit, wie ich ver⸗ muthe, die Worte der Weisheit, wopon 'ſie gewöhnlich begleitet waren, verboten. Der erſte Brief, den ich je on ihm erhielt, kam vorgeſtern; er hatte — mehr als röthig, mehr als richtig war — von Hildegarde gehört, und fönnen Sie ſich vorſtellen, er ſchlug vor, mir Geld zu icken, um abzukaufen — zu bezahlen — zufrieden zu ellen — bah! wo iſt der Brief? Sie müſſen ihn leſen. ſnſt werden Sie nie begreifen —“ 22²8 „Er begreift nicht, das iſt augenſcheinlich, bemerkte A. Z. „Sie brauchen mir den Brief nicht zu zeigen, aber fahren Sie fort.“ „Als ich Hildegarde ſagte, daß ich heimkehren müſſt, empfahl ſie mir, ſogleich abzureiſen; ſie hatte mir in der That dazu gerathen, ſchon ehe der Brief ankam.“ „Und hat ſie Ihnen dieſen Rath ohne ſichtbare Ueberwindung gegeben?“ „Ohne ſichtbare Ueberwindung, jaß aber ſie läßt ſich nicht nach dem äußern Schein beurtheilen. Sie iſt von Mademoiſelle Horienſe erzogen worden, welche iht die Idee beigebracht hat, daß ſie neben der Behert⸗ ſchung ihres Temperaments, welches von Natur raſch iſt, hauptſächlich alle ihre Gefühle verbergen und wo möglich ganz erſticken ſollte. Wenn Hildegarde nicht von Natur warmherzig, lebhaft geſtimmt und verſtän⸗ dig geweſen wäre, hätte eine ſolche Erziehung ſie voll⸗ ſtändig verderben müſſen.“ „Aber,“ ſagte A. Z., „aber wenn Sie beinahe ein, Jahr' unter demſelben Dache mit ihr gelebt haben un noch zweifeln können, ob ſie ſich um Sie kümmert 4 „Halt,“ rief Hamilton, ſie unterbrechend, „Sie wiſ ſen vielleicht nicht, daß ich mich ſelbſt als einen jün gern Sohn angekündigt und noch, ehe ich in das Roſen⸗ berg'ſche Haus eintrat, erklärt habe, ich könne nich heirathen, und da ich bis zuletzt nie ernſthaft daran g dacht habe, meine wirklich glänzenden Ausſichten zun Opfer zu bringen, ſo blieb es Hildegarde ſtets unbe wußt, daß ich ſelbſt bei den beſten Abſichten ander hätte handeln können, als ich gethan habe. Ich bit berechnender und weltlich geſinnter geweſen, als für ein ſolche Zuneigung taugt; aber zuletzt, als die Zeit nab rückte, da ich, wie mir bekannt war, ſcheiden mußt war ich bereit, meiner ganzer Familie Trotz zu bieteh. mich von meinem Onkel enterben zu laſſen, wenn nur ein Wort geſagt, wenn ſie mir nur einen Bli 229 gegeben hätte, aus dem mit Sicherheit abzunehmen ge⸗ weſen wäre, daß ſie mich liebte.“ „Nach dem, was Sie ſo eben geſagt haben,“ be⸗ merkte A. Z., aufſtehend und auf das Haus zugehend, „vermuthe ich, daß Sie etwas von Ihrer Familie un⸗ abhängiges Vermögen beſitzen, — genug wenigſtens, um Brod und Butter zu kaufen?“ „Ich habe fünftauſend Pfund. Ein mir von einem entfernten Verwandten vermachtes Legat, das aber vor zwei Jahren nicht zu meiner Verfügung ſteht. Das würde nicht genug für England ſein, aber hier, denke ich, vielleicht, um mit Ihnen zu reden, für Brod und Butter ausreichen.“ „O ja,“ ſagte A. Z. lachend, „und für Braten und Pudding obendrein, aber das iſt nicht Alles, was in Betracht kommt. Sie dürfen kein ſo großes Opfer bringen, ohne beide Seiten der Frage ſorgfältig er⸗ wogen zu haben.“ „O, ich habe es nur zu lang erwogen,“ antwor⸗ tete Hamilton, „aber ich ſehe, Sie können mich nicht berſtehen oder Hildegarde beurtheilen, ohne mein Tage⸗ buch zu leſen. Ich gedenke halb und halb, es jeden⸗ falls unter Ihrer Obhut zurückzulaſſen und werde Sie nur bitten, niemals auf den Theil deſſelben, der von dem Grafen Oskar Raymund handelt, Bezug zu nehmen.“ „Ich bin mit der Sache, denke ich, ſchon bekannt,“ ſugte A. Z., „ſein Vater hat mir den Brief gezeigt, den er am Tage, da er ſich erſchoß, geſchrieben hat⸗ Weiß Fräulein Roſenberg, daß ſie die Urſache war?“ „Nur zu wohl, wie Sie aus meinem Tagebuch er⸗ fahren werden,“ antwortete Hamilton, „Sie ſcheinen wirklich von Allem und Jedem Kenntniß zu haben, was mich jedoch nicht mehr in Erſtaunen ſetzt, da ich ſelbſt, nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft, Ihnen zu ver⸗ trauen Willens bin. Wahrſcheinlich haben Andere daſ⸗ ſelbe gethan.“ „Nicht gerade,“ antwortete A. Z., „aber da ich 230 die Zedwitzs, die Raymunds, die Bergers und ſelbſt Herrn Biedermann kenne, und da Sie mir dem eigen⸗ thümlichen Anfang unſerer Bekanntſchaft zufolge einiges Intereſſe einflößten, habe ich es der Mühe werth ge⸗ halten, auf Alles, was ich über Sie hörte, Acht zu geben und mir zu bemerken.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Hamilton. „Sie ſagen das ſo gleichgültig hin,“ bemerkte A. Z. lachend, „aber es war in der That gütig von mir, da ich in den meiſten Fällen das Schwatzen dem Zuhören weit vorziehe.“ „Wird das Leſen meines Tagebuchs Sie lang⸗ weilen?“ „Nicht im Mindeſten. Ich bin neugierig, den Ein⸗ druck zu erfahren, den Alles, was Sie von den häus⸗ lichen Gewohnheiten geſehen haben, an deren Kenntniß Ihnen voriges Jahr ſo viel gelegen war, auf Sie ge⸗ macht hat. Haben Sie jede Idee, ein Buch über die⸗ ſen Gegenſtand zu ſchreiben, aufgegeben?“ „Ich bin als handelnde Perſon viel zu ſehr dabei intereſſirt geweſen, um an Etwas der Art gedacht zu haben, wie Sie ſehen werden.“ „Ehe ich Ihr Tagebuch leſe,“ ſagte A. Z., „das heißt, ehe ich Theilnahme für dieſe Pildegarde faſſe, müſſen Sie mir erlauben, Ihnen alle die Nachtheile des Schrittes, den Sie zu thun geſonnen ſind, anzu⸗ deuten und in's Gedächtniß zu rufen, daß die Aufopfe⸗ rung von Eltern, Verwandten, Jugendfreunden, Hei⸗ math und Mutterſprache nicht ſo leicht genommen wer⸗ den ſollte. Ich ſpreche aus Erfahrung.“ . „Aber Sie haben mir geſagt,“ erwiederte Hamil⸗ ton, „daß Sie ſich ganz naturalifirt fühlen, — daß Sie eine ächte Bayerin geworden ſeien. Ich weiß auch, daß Sie mehr als zufrieden, daß Sie glücklich ſind⸗ Die Gräfin Zedwitz hat mir ſo geſagt.“ „Sehr wahr,“ antwortete A. Z., „aber ich bin eine Frau und das ändert die Sache weſentlichz ſowohl — 231 Natur, als Erziehung bringt uns dahin, den Gewohn⸗ heiten unſerer Umgebung uns anzubequemen, — wir haben keinen Beruf, keine Laufbahn im Leben aufzu⸗ geben, wir haben nur zu lernen, den Kreis unſerer Thätigkeit je nach den Umſtänden, in welche wir ver⸗ ſetzt werden, zu erweitern oder zu beſchränken. Fräu⸗ lein Roſenberg zum Beiſpiel würde ohne Zaudern mit Ihnen nach England gehen, wenn Ihr Onkel ſeine Ein⸗ willigung zu Ihrer Heirath gäbe.“ „Ich kann nicht umhin, zu glauben, daß ſie — es vielleicht — thun würde,“ antwortete Hamilton. „Und wenn ſie es thäte, würde ſie nie dieſen Schritt zu bereuen Urſache haben, denn außerdem, daß ſie mit dem Gegenſtand ihrer Liebe vereinigt wäre, hätte ſie nur ein lururiöſes Leben kennen zu lernen, und ſolche Ge⸗ wohnheiten ſind leicht anzunehmen; aber wenn man ein ſolches Leben geführt hat, iſt es ungleich ſchwerer, ſich zur zu bequemen — und das würde Ihre Aufgabe ein.“ „Aber ich habe es verſucht,“ rief Hamilton eifrig, ich habe dieſes Jahr den Verſuch gemacht. Ich ſehe ein, daß Reichthümer zu meinem Glück nicht nöthig ſind — ich bin überzeugt, daß ich mit Hildegarde und einer Hütte —“ „Sie wollten demnach auf dem Lande leben?“ „Natürlich. „Und im Gebirge?“ „Hier, in Ihrer Nachbarſchaft wo möglich. „Sie beſtechen mich, mehr als Sie wiſſen,“ rief 1. Z., „ich bedarf ſolcher Nachbarn, und obwohl es kühl wird,“ ſetzte ſie, ihren Shawl um ſich ziehend, hinzu, „können wir doch, da es noch nicht finſter iſt, recht wohl zu dem Kaſtanienbaum zurückkehren und bielleicht nach dem Buchenwald, den Sie von dort aus geſehen haben, ſpazieren.“ Beim Erſteigen einer kleinen Anhöhe eröffnete ſich eine ausgedehntere Fernſicht über den Chiemſee und ein Bauernhaus mit ſeinem überhängenden Dach und lan⸗ gen Altane ſtand vor ihnen — es war faſt in den Berg hineingebaut, wenigſtens erſchien es ſo in einer kleinen Entfernung. Ein lärmender Bach ſprudelte aus den Felſen daneben hervor und bildete eine Reihe von Cascaden, während er die grünen Felder und den Wald unten zu erreichen ſuchte. Unter den zahlreichen Obſt⸗ bäumen, welche mit ihren überladenen, bis zur Erde herabhängenden Zweigen das Haus umgaben, befanden — ſich mehrere hölzerne Bänke. Auf eine derſelben ſetzte ſich A. Z., während Hamilton, durch das Licht in den Fenſtern des Erdgeſchoſſes angezogen, Luſt zu haben ſchien, die Lokalitäten ſich genauer anzuſehen. Ein lau⸗ ter Chor von Stimmen brachte ihn zum Stehen. „Sie ſind am Abendgebet,“ bemerkte A. Z. „es iſt beſſer, ſie nicht zu ſtören. Kommen Sie her und hören Sie mir zu — Sie haben höchſt wahrſcheinlich nicht oft Leſcet gelegenes Haus, als dieſes, geſehen.“ „Nie. „Die Gebirgsbauern wiſſen den rechten Platz für ihre Wohnungen zu finden! Sie haben keine Idee, wie hoch ſie eine Ausſicht dieſer Art ſchätzen, oder wie ſehr üe die Schönheit einer ſolchen Landſchaft fühlen. Auge und Geiſt ſind von Kindheit an erhabene, auffallende Formen gewöhnt — der Mangel derſelben erzeugt jene Langeweile und Verdroſſenheit, die man maladie du pays, Noſtalgie oder Heimweh nennt, und der alle Gebirgs⸗ bewohner, wenn ſie in einer Stadt oder fern von ihren Bergen leben, mehr oder weniger unterworfen ſind. Ich kann es verſtehen, da ich dieſe Krankheit wirklich em⸗ pfunden habe, für welche wir, nebenbei geſagt, keinen engliſchen Namen beſitzen, als ich vor zwei Jahren einige Zeit in München bleiben mußte. Der Bauer, dem di⸗ ſes Haus und alle dieſe Fruchtfelder unter uns gehören⸗ iſt im Begriff, mit Vorbedacht an dieſer höchſt lang⸗ wierigen, melancholiſchen Krankheit zu ſterben, er ge⸗ denkt nach Amerika auszuwandern. 233 „O welch' ein Thor!“ rief Hamilton. „Ich habe ihm daſſelbe geſagt, aber in etwas höf⸗ licheren Ausdrücken,“ antwortete A. Z., „aber Alles vergeblich; vielleicht, wenn Sie ſeine Beweggründe ken⸗ nen, denken Sie anders, obwohl es mir nicht möglich iſt. Die äußerſte Wohlfeilheit der Erziehung in Bahern iſt eine große Verſuchung für die Bauern, wenn ihre Söhne ſich in der deutſchen Schule auszeichnen, dieſel⸗ ben ihre Ausbildung fortſetzen, Latein lernen und her⸗ nach auf der Univerſität ſtudiren zu laſſen. Es iſt etwas Gewöhnliches für ſie, ſich in wiſſenſchaftlichen Fächern hervorzuthun, und der älteſte Sohn meines Freundes Felſenbauer würde es höchſt wahrſcheinlich dahin gebracht haben, wenn nicht zufällig, als er ſeine Studien beinahe vollendet hatte, der Aufſtands⸗ verſuch der Studenten im Jahr 1830, von dem Sie viel⸗ leicht gehört haben, eingetreten wäre. Ob er in den⸗ ſelben verwickelt war, oder nicht, iſt unbekannt; aber nachdem er ſich einige Zeit verborgen gehalten hatte und fand, daß alle ſeine vertrauteſten Freunde eingekerkert worden waren, ſchrieb er ſeinem Vater um Geld und ging nach Amerika. Er heirathete eine Amerikanerin und befindet ſich in ſo vortheilhaften Verhältniſſen zu Cineinnati, daß er das lebhafteſte Verlangen empfindet, ſeine Familie bei ſich zu haben, und ſeine Briefe von Jahr zu Jahr dringender werden. Der alte Mann wartet ſett nur moch, bis er einen Käufer für Haus und Hof ndet —!“ „Ich verſtehe,“ ſagte Hamilton lachend. „Sie den⸗ ken, das Haus ließe ſich mit wenigen Veränderungen ebenſo behaglich machen, als es huͤbſch iſt. Welchen Preis verlangt er dafür?“ „Etwa zwölfhundert Pfund: aber er wird nicht mehr als tauſend dafür bekommen und muß wahrſcheinlich noch ein oder zwei Jahre warten, bis er einen Käufer findet; ſo haben Sie Zeit, genug, es entweder zu kau⸗ en, oder Ihren Sinn zu ändern, wie es meiner Ver⸗ 234 muthung nach wahrſcheinlich bei Ihrer Heimkehr ge⸗ ſchehen wird. Auf alle Fälle empfehle ich Ihnen, es einmal mit Hermann, der ſich auf dergleichen vollkom⸗ men verſteht, in Augenſchein zu nehmen, — es wird nicht ohne Intereſſe für Sie ſein, die finanzielle Lage eines ſolchen Bauern kennen zu lernen, und wenn er die geringſte Hoffnung hat, in Ihnen je einen Käufer zu finden, wird er Ihnen ohne Rückhalt alle ſeine Rech⸗ nungen zeigen.“ Während ſie noch ſprachen, kamen der Bauer und ſein Weib in Begleitung ſeines zweiten Sohnes und ſeiner Tochter aus dem Hauſe und eine lange Unter⸗ haltung begann. Es war ſo finſter, als A. Z. zum Aufbruch mahnte, daß der alte Mann darauf beſtand, ſie mit einer Laterne heimzubegleiten. ———— Einundvierzigſtes Kapitel. Das Scheibenſchießen. Baron Z. kehrte am folgenden Tage zurück, war entzückt, Hamilton zu ſehen, und ging mit ihm überall herum, indem er ihm Alles, was möglicher Weiſe für ihn von Intereſſe ſein konnte, zeigte und erklärte. Einer von ihren Ausflügen ging zu der Hochzeit eines Forſt⸗ warts mit der Tochter eines Gaſtwirths, der tief im Gebirge lebte. Zu den dabei vorkommenden Feſtlich⸗ keiten gehörte eine Tanzbeluſtigung und ein Scheiben⸗ ſchießen, und es geſchah zu nicht geringer Befriedigung Hamilton's, daß er zu einer unglaublich frühen Mor⸗ genſtunde dem Baron Z. auf ſein Zimmer folgte, um eine ſeiner Büchſen für das Letztere zu wählen. Ha⸗ milton hörte nicht, wie bei einer frühern Veranlaſſung, gleichgültig zu, während er über deren Vorzüge ſich 235 ausließ, ſondern prüfte ſie ſorgfältig, wog ſie in ſeiner Hand und zielte aus einem der Fenſter nach dem klei⸗ nen Glockenthurm des Hauſes, das er mit A. Z. be⸗ ſucht hatte und den er ſich jetzt als Scheibe vorſtellte. „Sie ſehen wirklich aus, als ob Sie etwas davon verſtänden,“ bemerkte A. Z., die ihnen den Kaffee ein⸗ ſchenkte. Wenn Sie auch nichts durch Ihren Aufent⸗ halt in Bayern gewonnen, haben Sie wenigſtens früh aufzuſtehen und eine Büchſe zu brauchen gelernt.“ „Beides entſchieden deutſche Talente,“ erwiederte Hamilton lachend, „und wie ich ſie mir erworben habe, werden Sie bei einem Blick in mein Tagebuch erfahren.“ „Dazu habe ich den heutigen Tag beſtimmt, wenn ich allein bin und Ruhe habe,“ ſagte A. Z., „und dann können wir darüber ſprechen, ſobald Sie Luſt haben.“ „Es iſt Zeit zum Gehen,“ rief Baron Z., und Hamilton befand ſich bald darauf zu einer Stunde, welche er früher als dem Schlaf in einem verdunkelten Zimmer geweiht ſich gedacht hatte, auf einer Fahrt durch die wildeſten Gebirgspäſſe. Die Straße lag noch im Schatten, obwohl die Sonne ſchon hell die Felſen über ihnen beſchien, und nur ge⸗ legentlich, wenn deren warme Strahlen durch eine Spalte in denſelben, oder bei einer Erweiterung des Paſſes, durch welchen der Weg führte, hereinfielen, milderte ſie einigermaßen die etwas ſcharfe aber ſtärkende Morgenluft. Zum erſten Mal, ſeitdem er die Roſenbergs verlaſſen hatte, fühlte ſich Hamilton erheitert — und in der Stimmung, ſich des Lebens zu freuen, wie er früher gethan hatte. Man darf nicht vorausſetzen, daß er Hilde⸗ garde zu vergeſſen anfing — ganz das Gegentheil — ſeine geiſtigen Kämpfe waren vorüber. — Abweſenheit, der ſicherſte Probirſtein der Liebe, hatte ihm den Be⸗ weis geliefert, daß ohne ſie die beſten Jahre ſeines Lebens umwölkt ſein würden: ſo gänzlich hatte die Welt und Alles, was darauf Bezug hatte, ſich im Laufe des ver⸗ 236 verfloſſenen Jahrs für ihn verändert, ſo verſchieden waren alle ſeine Vorſtellungen von dem, was ſie früher geweſen, daß ſeine Erinnerungen an die Heimath die Geſtalt von Ruinen annahmen und ſeine Einbildungs⸗ kraft nur mit Mühe ihm die geſtürzten Mauern und zerbröckelten Fenſterſtücke ſeiner früheren herrlichen Viſio⸗ nen von Glanz und Reichthum vorführte. Seine einzige Beſorgniß kam nun von Hildegarde ſelbſt: er fürchtete halb eine Abweiſung, aber er hatte ſich entſchloſſen, es ſelbſt auf eine ſolche ankommen zu laſſen, und ſeit dieſer Entſchluß gefaßt war, begann er wieder an Allem, was ihn umgab, Freude zu fühlen. Als Baron Z. aus dem kleinen niedrigen, von ihm „Wurſt“ genannten Wagen ausſtieg, um ein Büſchel ſchöner Alpenroſen zu pfluͤcken, ſprang Hamilton freudig mit ihm an dem Berg hinauf und empfand ein kindi⸗ ſches Vergnügen daran, höher und höher hinaufzuklet⸗ tern, um einen Zweig mit dunkler gefärbten Blumen oder einige ſüß duftende Cyelamen zu bekommen. Ihr Beſtimmungsort war ein Dorf, das einem Neſt ſo genau glich, als man ſich nur vorſtellen konnte, ſo vollſtändig war es von beinahe bis zum Gipfel bewal⸗ deten Bergen umgeben. Es beſtand aus etwa dreißig Gebäuden und zwei großen Wirthshäuſern. Baron 3—8 Brauerei verſorgte den Ort mit Bier und ſie erſchienen heute, wie er Hamilton belehrte, in dem Charakter eines Brauers und ſeines Freundes. Sie waren jedoch Per⸗ ſonen von bedeutender Wichtigkeit, denn die Trauung war, wie Hamilton bald entdeckte, bis zu ihrer Ankunft verſchoben worden, und erſt jetzt bildete ſich liche Proceſſion, mit der ſie unter Vortritt der Muſik, in der ein Flageolet vergeblich mit ein paar Hörnern um den Vorrang ſtritt, nach der Kirche zogen. Als Hamilton bemerkte, daß alle Männer große Blumen⸗ ſträuße und flatternde Bänder an den Hüten hatten, ſchmuckte er ſogleich den ſeinigen mit Alpenroſen. Was Baron Z. betraf, ſo konnte man weder ihn, noch einen 237 der andern zahlreichen Herren, die im Laufe des Tages zum Schießen kamen, in einiger Entfernung von den Bauern unterſcheiden. Die ſtarken Schuhe, die wolle⸗ nen Strümpfe, die ſchwarzen Kniehoſen, die Ledergürtel mit ihren ſorgfältig geſtickten Anfangsbuchſtaben, die weiten grauen Jagdröcke und breitkrämpigen Hüte mit ſchwar⸗ zen Hahnenfedern waren bei Allen gleich. Ein feiner Beobachter hätte vielleicht einen Unterſchied im Stoff entdeckt, aber ſelbſt dieß war gewöhnlich vermieden. Wenn je ein deutſcher Edelmann fühlt, daß die, welche nicht zu ſeiner Claſſe gehören, ihm gleich oder überlegen ſind, ſo iſt es bei einem Scheibenſchießen. Hier iſt der beſte Schütze der beſte Mann. Das Bewußtſein von Stärke und Kraft, welches der freie Gebrauch der Waffen und die Gewohnheit, in deren geſchickter Handhabung Vergnügen und Ruhm zu ſuchen, gewährt, iſt nicht ohne nationale Wichtigkeit; ſolche Männer können kaum ver⸗ fehlen, gute Soldaten abzugeben oder ihre Gebirgsheimath zur Zeit des Kriegs zu vertheidigen. Mit Ausnahme der Mahlzeit, hörte Baron Z. nicht auf zu ſchießen. Hamilton, zufrieden damit, ſich ſeiner Schuldigkeit mit Ehren entledigt zu haben, begann nach ein paar Stunden herumzuwandern, zuerſt ſchaute er in das Zimmer, wo der Hochzeitſchmaus langſam aufge⸗ tragen wurde; er hatte bereits mehr als drei Stunden gedauert, was kaum zu verwundern war, da zwiſchen den einzelnen Gerichten der jüngere Theil der Geſell⸗ ſchaft ſich über die dichtbeſetzte Treppe den Weg nach einem großen Gemach unter dem Dach bahnte, wo ge⸗ tanzt wurde. Der abgemeſſene Lauf des Walzerſchritts bildete für die Muſikanten eine Art Taktmeſſers, die zuweilen mehr auf die Bewegungen vor ihnen, als ihre Beſchäftigung Acht zu geben ſchienen und dabei gelegent⸗ lich ſo außerordentliche und ſeltſame Töne hervorbrach⸗ ten, daß Hamilton ſich die Treppe hinauf bis in ihre unmittelbare Nähe ſchieben ließ. Sobald er eine ruhige Ecke fand, zündete er gelaſſen ſeine Cigarre an und betrachtete ſich wie ein Zuſchauer, der ſich dabei gut unterhält, eine Seene, die durch ihre Neuheit und ihren völlig nationalen Charakter für ihn ein Gemälde von der intereſſanteſten Art bildete. Das Gemach, groß und gut gedielt, befand ſich un⸗ mittelbar unter dem Dach, deſſen Balken und bei nähe⸗ rer Betrachtung auch Ziegel ſichtbar waren. Die Muſtkan⸗ ten, in einer Ecke untergebracht und gut mit Bier verſorgt, bließen, pfiffen und kratzten aus Leibeskräften, wobei das Violoncell mit ſeiner ewigen Wiederkehr von Grundton, Dominante und Subdominante die Rolle des Einpeitſchens bei den übrigen Inſtrumenten ſpielte. Die je und je zu einem der Dachfenſter erhobene Trom⸗ pete benachrichtigte die Abweſenden von der Gelegen⸗ heit, die ſie verſäumten, oder diente zu einer Einladung für die Läſſigen. Winzige, durch ſtarke Planken verbun⸗ dene Bierfaſſer bildeten Bänke an den Wänden hin, und hier ließen ſich die halb athemloſen Tänzer in ihren maleriſchen Coſtümen von Zeit zu Zeit zum Ausruhen nieder; einige ältliche Bauern hatten ſich um einen Tiſch hinter der Thüre aufgepflanzt, und nahe bei ihnen ſtand ein hübſches Exemplar eines ländlichen Stutzers, der mit gekreuzten Armen und funkelnden blauen Augen keck jedem an ihm vorübertanzenden Paare folgte. Er lehnte ſich träge an die Wand, bis er ein ihm be⸗ kanntes, oder liebes oder ſonſt hübſches Mädchen ſah; dieß gab ihm Veranlaſſung, ihrem Tänzer die Hand auf die Schulter zu legen, und dieſer war, ſo ungern er ſich darein ergab, Höflichkeits halber genöthigt, zurück⸗ zuſtehen, bis das Mädchen mit dem Eindringling ſich einige Mal im Zimmer herumgedreht hatte. Dann brachte er es zu ſeinem Tänzer zurück und bedankte ſich bei ihm, wähend das erhitzte und keuchende Mädchen über dieſe höchſt beliebte Weiſe, öffentlich eine Huldi⸗ gung darzubringen, ſtets entzückt ausſah. Hamilton bemerkte etwa ein halb Dutzend Schönheiten, die keinen Augenblick zum Ausruhen fanden. 239 Licht und Schatten waren ſo vertheilt, wie es der Maler, und wenn er noch ſo ſchwer zu befriedigen war, nur wählen konnte. Die Strahlen der Nachmittagsſonne brachten, durch die offenen Fenſter eindringend, ſelbſt die zitternde Be⸗ wegung der Luft und die gewöhnlich unbemerkbaren Staubtheilchen zur Wahrnehmung, während das all⸗ mälig zerfließende Licht die ſilbergeſchmückten Mieder der Mädchen erglänzen und die ſtrahlenden Geſichter der Männer tiefer erglühen ließ. Hier ſah Hamilton zum erſten Mal den wirklichen Ländler tanzen, den Walzer in ſeiner ganzen Nationa⸗ lität, — ſo ungleich Allem, was er bisher mit dieſem Namen hatte benennen hören, als man ſich nur irgend denken konnte. Es war ein deutſcher Fandango mit Nä⸗ gelſchuhen ſtatt der Caſtagnetten, aber hier zeigte ſich Leben, Energie und Luſt in jeder Bewegung. Die tanzenden Paare drehten ſich regelmäßig, wie⸗ wohl nicht ſchnell um, ließen aber einander oft los und dann waren ihre Bewegungen ebenſo unbeſtimmt als verſchiedenartig, auf Seiten der Männer von einem Schnippen der Finger, Anſchlagen der beiden Hände an die Kniee und Springen in die Luft begleitet, wobei ſie von Zeit zu Zeit einen durchdringenden eigenthüm⸗ lichen Laut, zwiſchen Schreien und Singen die Mitte haltend, ausſtießen. Während die Männer dieſe wilden Geſtikulationen vollbrachten, bewegten ſich die Tänze⸗ rinnen mit ernſter Miene im gewöhnlichen Walzerſchritt vor ihnen herum, und wenn ſie ſich wieder zu einander geſellten, begannen die kreisrunden Bewegungen wieder damit, daß die Füße einige Mal tüchtig ſtampfend auf den Boden geſetzt wurden. Es ſtand lange an, ehe ſich Hamilton geneigt fühlte, dieſe Scene ländlicher Feſtlichkeit zu verlaſſen; als er es that, geſchah es nur, um einer andern ver⸗ ſchiedener Art beizuwohnen; denn als der Abend einbrach und das Knallen der Büchſen ſich allmälig verlor, ver⸗ 24⁴0 ſammelten ſich alle Sänger und Zitherſpieler der Nach⸗ barſchaft im Garten. Mitten unter ihnen wurde Ha⸗ milton von Baron Z. aufgefunden, und obwohl er ſich bald darauf letzterem und deſſen Freunden an einem andern Tiſch anſchloß, wandte er ſich doch ſtets nach jenem um, und bemühte ſich, die Worte der Lieder zu hören oder im Chor mitzuſummen. „Unſere nationale Muſik ſcheint Sie zu intereſſiren,“ bemerkte ein ältlicher Herr in grauem Jagdrock, indem er ſeinen Stuhl näher zu Hamilton zog. „In hohem Grade, aber ich finde es ziemlich ſchwer, 3 Worte zu verſtehen, ungeachtet ich ſie ſehr deutlich höre.“ „Natürlich; ein Fremder muß es immer ſchwer fin⸗ den, unſere verſchiedenen Dialekte zu verſtehen, und wir haben deren viele.“ Baron Z. zog ein kleines Liederbuch aus der Taſche und bot es Hamilton, der nach einigen erfolgloſen Ver⸗ ſuchen endlich im Stande war, eines von ihnen zu leſen und zu verſtehen. „Sind dieſe Lieder alt oder neu?“ fragte er nach einer Pauſe. . Dieſe hier,“ antwortete Baron Z., „ſind von un⸗ beſtimmtem Alter und im baheriſchen Hochlande gewöhn⸗ lich; aber wir haben Nationalgeſänge derſelben Art, welche äußerſt alt find.“ „Wir wiſſen,“ bemerkte der ältliche Herr, „wir wiſſen aus den Gedichten Walter's von der Vogelweide, daß ſelbſt zu Ende des zwölften Jahrhunderts die Bauern ihre eigenen Lieder hatten, die zum großen Verdruß des berühmten Dichters von den Fürſten und Edeln jener Zeit gern gehört und hoch geſchätzt wurden. Die Höch⸗ ſten vom Adel tanzten damals zu ihren eigenen Liedern, wie man noch heutzutage manchmal bei den öſterreichi⸗ ſchen Bauern ſehen kann. Die Verſe des Nibelungen⸗ lieds und anderer altdeutſchen epiſchen Gedichte ſind ge⸗ 241 nau von derſelben Art, wie dieſe Lieder, was gleichfalls zum Beweis ihres Alters dienen mag.“ „Und iſt die Muſik ſo alt als die Poeſie?“ fragte Hamilton. „Ich glaube ſo,“ antwortete Baron Z., „ſie war eben ſo gut zum Tanzen, als zum Singen beſtimmt, wie der allgemeine Name Schnaderhüpferl bezeich⸗ net; das Wort Schnadr bedeutet ſprechen oder ſchwatzen und Hüpfen ſoviel als herumſpringen oder tanzen.“ „Und iſt Ihre ganze altnationale Muſik von dieſer ſi Gattung des Schnaderhüpferls?“ fragte Ha⸗ milton. „O nein, wir haben auch melancholiſche und ſenti⸗ mentale Melodieen, aber unſere Gebirgsbewohner ſind ein zu frohes und glückliches Völkchen, um das Weh⸗ müthige vorherrſchen zu laſſen, oder ihm auch nur den gehörigen Antheil in ihrer Muſik zu geſtatten. Der traurige Gedanke des einen Verſes findet ſicher in einem ſcherzhaften Widerſpruch des nächſten ſeinen Troſt. Die Alpenlieder ſind gewöhnlich von dieſer Art, und die Mädchen, welche auf den Alpen die Kühe zu beſorgen haben, ſingen ſie zuſammen und fahren damit fort, auch nachdem ſie die Berge verlaſſen haben, woher es kommt, daß auch die Thalbewohner ſo vertraut mit denſelben ſind. Dazu kommt noch das Jodeln, der Geſang ohne Worte, der ſo viel Aehnlichkeit mit dem Kuhreigen der Schweizer hat und ſowohl Uebung als Umfang der Stimme erfordert.“ „O, ich erinnere mich,“ ſagte Hamilton,“ wie Sie und Einige von den Andern geſungen haben, als wir voriges Jahr auf der Gemsjagd waren. Manchmal klang es wie ſprudelndes Waſſer, dann kamen einige ſeltſame hohe Töne und eine Art Schrei — es paßte ganz für das Gebirge — ganz ſchön, wenn ein Echo in der Nähe war. Ich möchte es lernen.“ „Sie werden es ſchwerer finden, als Sie ſich vor⸗ ſtellen,“ ſagte Baron Z., „daß heißt, wenn Sie je ſin⸗ Die Anfangsbuchſtaben. II. 16 2⁴2 gen gelernt haben; meine Frau hat es nie dazu gebracht, ſo oft ſie es auch verſuchte. „Ich werde jodeln und Zitherſpielen lernen,“ ſagte Hamilton, wenn ich jemals meine Wohnung in Deutſch⸗ land aufſchlage.“ „Wenn,“ ſagte Baron Z. und ſtimmte dann in den Chor des Liedes ein, das an dem nächſten Tiſche geſungen wurde. * „Wie verſchieden dieſelbe Landſchaft in dem all⸗ mälig zunehmenden Lichte eines frühen Morgens und in den dunkelnden Schatten des einbrechenden Abends ſich ausnimmt!“ bemerkte Baron Z., indem er auf dem Heimweg ſich in den Wagen zurücklehnte und das Thal, wodurch ihr Weg führte, hinunterſah. Es war ſo eng geworden, daß es ſich vollkommen zu ſchließen ſchien, während ein ihnen gerade gegenüber ſteil auſſteigender Berg jedem weitern Vordringen Schranken zu ſetzen drohte; „und doch weiß ich kaum, was in einer Land⸗ ſchaft dieſer Art vorzuziehen iſt.“ „Der Abend gewiß, der Abend,“ ſagte Hamilton, ſich umſchauend, „aber es muß ein wenig früher ſein; die Sonne ſollte noch auf den Felſen über uns weilen und ihnen nach einander eine gelbe, rothe, kupferartige und violette Färbung geben, wie ich es jeden Abend von dem Garten zu Hohenfels aus geſehen habe.“ „Ich wünſche,“ ſagte Baron Z., „ich wünſche, wir könnten ſie heute Nacht von der Höhe unſerer Alpe ſehen. Wir dürfen nicht erwarten, daß dieſes wolkenloſe Wet⸗ ter noch lange anhält.“ „Haben Sie eine eigene Alpe?“ fragte Hamilton. „Nein, — aber ich habe ſeit zwei Jahren eine gepachtet und finde, daß ſich die Sache ſehr gut machtz der größere Theil meines Viehes iſt jetzt dort. Ich dachte dabei übrigens nicht an meine Kuͤhe und Kälber, 2¹3 ſondern an die Gemſen aFöuf dem Gebirge nächſt der Alpe, von denen mir der Förſter aus G. dieſen Mor⸗ gen erzählt hat. Nun, da Sie ſich heute bei dem Scheibenſchießen ſo gut gehalten haben, ſehe ich nicht ein, warum nicht alsbald ein Jäger aus Ihnen wer⸗ den ſoll.“ „Glauben Sie, daß für mich Etwas dabei her⸗ auskommt?“ „Warum nicht? Einmal müſſen Sie doch an⸗ fangen.“ „Es gibt wohl Wild in Menge hier?“ ſagte Ha⸗ milton. „Nicht, was Sie in Menge nennen; wenigſtens haben wir weder Birkhuhn, noch Auerhahn hier, der⸗ gleichen, wie meine Frau mir erzählt, bei Ihnen in Schottland vorkommen.“ „Aber ich habe von glänzenden Treibjagden in der Nähe von München gehört.“ „Wahrſcheinlich bei der königlichen Jagd, wo man acht⸗ oder neunhundert Haſen und anderes Wild im Verhältniß an einem Nachmittag geſchoſſen hat — aber das iſt es nicht, was ich unter Jagdbeluſtigung ver⸗ ſtehe. Ich ziehe eine Gemsjagd allen andern vorz auf ſie kommt die des Auerhahns; und ich bin ſehr zufrie⸗ de⸗ wenn ich während der Jagdzeit drei oder vier hieße.“ „Iſt denn dem Auerhahn ſo ſchwer beizukommen?“ „Mehr beſchwerlich, als ſchwer, obwohl ich ihn zu Zeiten faſt ebenſo hoch auf den Bergen gefunden habe, wie die Gemſen. Es iſt das Warten und Wachen, — das Aufſtehen vor Sonnenaufgang, was mir Intereſſe macht, ungeachtet es für diejenigen, welche nicht gerade einen wirklichen Beruf ſich daraus machen, etwas Ab⸗ ſchreckendes hat.“ „Vermuthlich,“ ſagte Hamilton, „gehört es zu dem wirklichen Berufe der Förſter? Ein ſolcher befand ſich S e in der Nähe des Eiſenwerks und er Madame 244 Roſenberg ſtets mit Wildbret; — ſie bezahlte ihn je⸗ doch dafür.“ „Natürlich,“ erwiederte Baron Z. lachend, „und wenn Sie eine Gemſe ſchießen, müſſen Sie auch dafür zahlen, das heißt, wenn Sie dieſelbe zu behalten wün⸗ ſchen. Ich habe ſelbſt gar kein Wild, aber da der Förſter die ganze Jagd in meiner Nachbarſchaft von der Re⸗ gierung gepachtet hat, ſo habe ich ſo viel Jagdunter⸗ haltung als mir beliebt, und in Wahrheit ebenſo viel Wildbret; ich zahle für das, was ich behalte, und ſo machen es alle Andern, denen er die Erlaubniß zum Schießen gegeben hat; aber ich beſorge, daß ſein Ge⸗ winn nicht groß iſt, venn wir haben eine Menge Wild⸗ ſchützen oder Wilderer, wie ſie auch in England, glaube ich, vorkommen.“ „Ja, man hört beſtändig von ihnen auf dem Lande; ich kann mir allmälig eine ſchwache Vorſtellung davon machen, daß ſie großes Unheil anſtiften.“ „Ich habe nicht gerade die Abſicht, ihre Verthei⸗ digung zu übernehmen,“ ſagte Baron Z., „aber hier im Gebirge, wo faſt Jeder ein guter Schütze iſt und die Ideen über das Recht, das Einer vor dem Andern voraus haben ſoll, ein auf den Felſen herumſchweifen⸗ des Thier zu ſchießen, noch ziemlich verwirrt ſind — iſt das Verbrechen, um wenig zu ſagen, verzeihlich. Ich meines Theils konnte nie einen Wildſchützen ver⸗ folgen, mit dem Wunſche, ihn zu fangen; aber zwiſchen ihnen und den Förſtern herrſcht ein unverſöhnlicher Haß und tödtlicher Krieg. Wenn ſie einander ohne Zeugen treffen, geſchieht es nicht ſelten, daß ſie auf einander Feuer geben. Fällt der Förſter, ſo wird er ſogleich vermißt — fällt der Wildſchütz, bleibt er oft lange un⸗ entdeckt. Vergangenen Winter fand man den Leichnam eines jungen Mannes auf einem der Berge hier, nach⸗ dem ihn ſeine Freunde Wochen lang zuerſt insgeheim, dann öffentlich geſucht hatten. Es iſt kaum zu zweifeln, daß er von einem unſerer Forſthüter erſchoſſen wurdez —— 245 nan nahm den Mann in Verhaft, konnte aber durch⸗ aus keinen Beweis gegen ihn vorbringen. Der Todes⸗ tag des jungen Mannes war unbekannt; der Forſthüter hatte ſich um die vermuthete Zeit auf dieſem, aber auch auf andern Bergen befunden; Schüſſe waren wohl von einigen Holzhauern gehört worden, aber nicht mehr, als ſich durch die Zahl des heimgebrachten Wildes rechtfer⸗ tigen ließ; kurz er wurde in Freiheit geſetzt, aber das Schickſal des Wildſchützen, der ein hübſcher, munterer Burſche geweſen war, erregte viel Theilnahme und Mit⸗ leid. Sie ſehen alſo, daß ſo viel Gefahr und ſo wenig Vortheil, ſo viel romantiſches Intereſſe und ſo wenig gemeinen Treibens hier im Spiel iſt, daß dergleichen Leute nicht ſelten zum Gegenſtand eines Lieds oder zum Helden einer Legende gemacht werden. Ich bin ſelbſt nicht ſicher, ob der Verdacht gegen einen jungen Mann, daß er ſich zu Zeiten auf's Wildern legt, ihm je in den Augen eines Mädchens, das im Gebirge geboren und erzogen worden iſt, ſchaden würde!“ „Ich glaube, nein,“ ſagte Hamilton, „ſelbſt höher geborne und beſſer erzogene Frauen theilen nicht ſelten ſolche Empfindungen und ſchon im Worte liegt etwas weſentlich Romankiſches. Sie müſſen mir zugeben, daß es viel ſchöner als Förſter, oder Forſtmeiſter, oder Forſt⸗ kommiſſär oder Forſtinſpektor klingt. Jedermann ſcheint in dieſem Theil der Welt etwas Forſtmäßiges an ſich zu haben.“ „Und ſind wir nicht von Forſten umgeben? Sind nicht alle unſere Berge mit Wald bedeckt?“ fragte Ba⸗ ron Z. lachend, „können Sie ſich wundern, daß in einem Lande, wo das Holz zur Feuerung dient, deſſen Pflege und Cultur von der höchſten Wichtigkeit iſt?“ „Dann ſind dieſe Förſter alſo nicht, genau genom⸗ men, Wildhüter?“ „Nein, das Hegen des Wildes ſteht jedoch immer in Verbindung mit Wald und Forſt. Die Forſtmeiſter, Forſtaktuare, Förſter und Forſtpraktikanten ſind von der 2¹6 Regierung angeſtellt; der Unterförſter oder Forſtwart iſt das Einzige, was Ihrer Idee von einem Wildhüter entſpricht.“ „Und was haben ſie alle zu thun?“ fragte Ha⸗ milton. „Können Sie ſich nicht vorſtellen, daß die Bewirth⸗ ſchaftung aller dieſer Waldungen einer Menge von Men⸗ ſchen Beſchäftigung gibt?“ fragte Baron Z., ſich um⸗ ſehend. Das nie endende Fällen und Flößen und Ver⸗ kaufen und Anpflanzen, die Correktion der zum Flößen benützten Flüſſe, die Aufſicht über das Wild und hun⸗ dert andere Dinge, die mir nicht gerade einfallen. Das Forſtweſen, wie wir es hier nennen, erfordert ebenſo vieles und eigenthümliches Studium auf der Univer⸗ ſität, wie Theologie, Philoſophie, Rechtswiſſenſchaft, Heilkunde oder ein anderes Fach der Gelehrſamkeit, Wenn mir die Wahl gelaſſen worden wäre, ich hätte es allen andern vorgezogen.“ „Und was haben Sie ſtudirt? ich meine ſpeciell.“ „Rechtswiſſenſchaft,“ antwortete Baron Z., und während er noch ſprach, rollte der Wagen in den ge⸗ pflaſterten Hof zu Hohenfels hinein. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Ein Geſpräch. In der Nacht hatte es ein Gewitter gegeben und der Regen goß am andern Morgen in Strömen. „Ich fürchte, Hamilton, unſere Partie muß noch eine Zeit lang aufgeſchoben werden,“ bemerkte Baron Z., indem er in einem Zuſtand von Troſtloſigkeit von einem Fenſter zum andern ſchritt. „Wie verabſcheue ſch einen hoffnungsloſen Tag wie dieſen!“ „ 247 Ich erinnere mich noch,“ ſagte A. Z., „daß zur Zeit, als ich eine vollendete junge Dame war, mir ein Re⸗ gentag gar nicht ungelegen kam, wenn ich eine Zeich⸗ nung zu beendigen oder ein neues Lied einzuſtudiren hatte. Auch heute habe ich nichts dagegen, aber aus einem ſehr verſchiedenen Grunde. Wäre es ſchön gewe⸗ ſen, ſo hätte ich auf die Alpe gehen müſſen, um Herrn Hamilton in meiner Milchkammer gehörig zu empfangen, und jetzt kann ich ohne Unhöflichkeit von meiner Seite zu Hauſe bleiben, die Vereitung eines Centners Seife beaufſichtigen, was ſich nicht länger aufſchieben läßt, und ich erwarte,“ ſetzte ſie gegen Ha⸗ milton hinzu, „oder vielmehr, ich hoffe auf Ihrem Wege von der Brauerei, wohin Sie natürlich gehen, um mit Permann zu rauchen, werden Sie mich — im Waſch⸗ hauſe beſuchen.“ „Und können Sie wirklich Seife machen?“ fragte Hamilton ziemlich erſtaunt. „Ich kann es und thue es, wie Sie ſehen ſollen, — aber vielleicht kümmern Sie ſich nichts um das Seifenſieden?“ „Ich — hoffte ſo ziemlich — daß Sie vielleicht heute Zeit haben, mit mir zu ſprechen — wegen —“ „O, ich habe immer Zeit zum Sprechen,“ ſagte A. Z., „meine Seife wird vor dem Mittageſſen fertig ſein; man hat geſtern Abend damit angefangen und ſie kocht ſchon den ganzen Morgen; ſo werden wir, wie Sie ſehen, nach unſerm Kaffee den ganzen Nachmittag haben, ohne Beſuch erwarten zu dürſen.“ Gerade als ſämmtliche Glocken in der Nachbar⸗ ſchaft zu Mittag läuteten, begab ſich Hamilton nach dem Waſchhaus und fand hier A. Z. vor einem unge⸗ heuren Keſſel ſtehen, der eine Subſtanz enthielt, die mit einem Brei ſehr viel Aehnlichkeit hatte. Sie unter⸗ ſuchte etwas davon, indem ſie es an einem Stück glat⸗ ten Holzes, das ſie in der Hand hielt, hinabträufeln ließ, und nachdem ſie ihren Finger hineingetaucht hatte 248 und bemerkte, daß es, wie ſie es nannte, einen Finger⸗ hut bildete, zeigte ſie große Zufriedenheit. Einige An⸗ weiſu igen wurden noch einer kleinen, alten Frau, die mit dem Geſchaft des Seifenkochens ſehr vertraut zu ſein ſchien, gegeben, und dann wand ſie ſich zwiſchen den herumſtehenden Kübeln, Keſſeln und Eimern hindurch, und ging mit Hamilton ohne Umſtände zu Tiſche. Als er ein paar Stunden ſpäter ſich bei A. Z. im Geſellſchaftszimmer einfand, traf er ſie in einem großen Lehnſtuhle neben dem ſchwachgeheizten Ofen, wie ſie eben die letzten Blätter ſeines Tagebuchs umſchlug. Sie drehte ſich ſogleich zu ihm herum und be⸗ merkte: „Nun, Herr Hamilton, Sie hofften ſo ziemlich, daß ich Zeit zu einer Beſprechung fände. Ich habe jetzt Zeit und warte nur zu hören, was der Gegenſtand unſerer Unterhaltung ſein ſoll.“ Er zog einen Stuhl nahe zu ihr hin und ſagte: „vor allen Dingen — Ihre Meinung über Hildegarde. Bin ich ihr nicht gleichgültig?“ „Ich fürchte, nein,“ antwortete A. Z. „Wie mögen Sie ſagen, ich fürchte, wenn Sie wiſſen, daß dieß mein höchſter Wunſch — meine ein⸗ zige Ausſicht auf Glück iſt? Ich fürchte jetzt nichts als eine Abweiſung. Haben Sie nicht bemerkt, daß ſie nie ein Wort geſagt hat, was mich nur einen Au⸗ genblick hätte auf den Gedanken bringen können, daß ich ihr nur im Mindeſten werth ſey?“ „Beurtheilen Sie ihre Thaten und nicht ihre Worte,“ antwortete A. Z. „Und wenn ihre Handlungen mehr Freundſchaft als Liebe andeuteten?“ „Die Freundſchaft eines achtzehnjährigen Mädchens für einen Mann von ein⸗ oder zweinndzwanzig Jahren artet ſehr gerne in Liebe aus.“ . „Und Sie nennen das ausarten?“ A. Z. nickte und fuhr fort: „Wir haben jetzt keine 8 2⁴9 Zeit, dieſen Gegenſtand abzuhandeln, und es iſt auch nicht nöthig; aber es gibt Etwas, das ich Ihnen gerne ſagen möchte, wenn Sie mir Erlaubniß dazu geben.“ „Die haben Sie — ich bitte Sie — daß Sie Alles ſagen, was Ihnen beliebt.“ „Ehe ich Ihr Tagebuch geleſen habe,“ ſſagte ſie, ſich ganz zu ihm umdrehend, „war ich geneigt, nur au Sie und Ihre Intereſſen zu denken, und empfahl Ihnen, nach Hauſe zurückzukehren, ohne Fräulein Roſenberg noch einmal zu ſehen oder ſich in ein Verhältniß mit ihr einzulaſſen. Ich gebe Ihnen jetzt denſelben Rath, — aber ihretwegen — ihr zu Liebe.“ „Und das ſagen Sie, trotz dem, daß Sie voraus⸗ ſetzen, dieſelbe ſei mir zugethan, und wiſſen, wie ſehr ich geneigt bin, Alles, was ich am höchſten ſchätze, ihr zum Opfer zu bringen?“ ſagte Hamilton. „Ja, ich betrachte die ganze Geſchichte als die reinſte Erſcheinung einer erſten Liebe, wie man ſich nur den⸗ ken kann; ſo rein von beiden Seiten, daß ich, ſtänden einer Heirath keine Hinderniſſe entgegen, denke, Sie könnten ein ſehr glückliches Leben mit einander führen; aber die Opfer, die Sie zu bringen Willens ſind, wird ſie, fürchte ich, nicht gehörig ſchätzen können, und Sie müſſen von den meiſten jungen Männern Ihres Alters und Ihrer Stellung in der Welt ſehr verſchieden ſein, wenn Sie Feſtigkeit genug haben, nach zweijähriger Abweſenheit hieher zuruckzukehren, alle Ihre Gewohnhei⸗ ten zu andern und ſich für Ihr ganzes Leben in dieſen Bergen zu vergraben.“ „Ich denke — ich weiß beinahe gewiß, daß ich es für Hildegarde thun kann.“ „Wenn Sie es thun, werde ich einen coloſſalen Reſpekt vor Ihrem Charakter haben, — aber inzwiſchen vergeben Sie mir meinen Zweifel daran. Ihr Onkel wird Sie nach Paris ſchicken, Ihnen unbeſchränkten Credit eröffnen; die Verſuchungen ſind dort groß, und bei Ihrem Bruder John und Ihrem Couſin Harrh als 250 Begleitern werden Sie, fürchte ich, am Ende des erſten Jahres an Fräulein Roſenberg einen Brief des Inhalts ſchreiben, daß Sie es unmöglich finden, die Einwilli⸗ gung Ihrer Familie zu der Verbindung zu erhalten, und das Mädchen, das Sie lieben, nicht dem Druck der Armuth ausſetzen wollen! Ich glaube, das iſt die gewöhnliche Phraſe für ſolche Fälle? Und Sie können Dieß thun, ohne den Tadel der Welt auf ſich zu laden, denn wer weiß Etwas von Hildegarde? Niemand wird je davon hören, daß ſie Ihretwegen Max Zedwitz aus⸗ geſchlagen hat, und daß ſie es wieder thun wird, ſo⸗ bald ſie Ihnen eine Zuſage gegeben hat, iſt natürlich; und Niemand wird wiſſen, daß Ihre Treuloſigkeit ſie lebenslang entweder zu dem Loos einer Gouvernante oder dem Nonnenſchleier verurtheilen wird; denn ſie kann nie einen Major Stltz oder Förſter Weidmann heirathen.“ A. Z. hielt inne, nahm aber, da Hamilton nicht ſprach, wieder das Wort: „Ich ſehe, daß Sie durch meine Zweifel ſich etwas gekränkt fühlen, aber ein ſolches Benehmen iſt, leider daß ich es ſagen muß, etwas Gewöhnliches, und ich kenne Sie zu wenig, um Ihren Charakter zu ſchätzen, wie er es vielleicht verdient. Und nun laſſen Sie uns die andere Seite der Frage — ich meine die Hilde⸗ garde's — betrachten. — Sie hat ſich nie, wie Sie ſagen, Ihnen gegenüber verrathen, noch weniger gewiß gegen einen Andern. Für die meiſten Frauen iſt das Gefühl verwundeten Stolzes, die Empfindung der Scham darüber, ſich öffentlich der Geringſchätzung preisgegeben und verlaſſen zu ſehen, ebenſo ſchmerzlich, als der wirk⸗ liche Verluſt der Liebe, worauf alle ihre Träume künf⸗ tigen Glücks gebaut ſind. Dieſes Alles kann Hilde⸗ garde erſpart werden. Sie ſind, ohne ſich zu erklären, von ihr geſchieden; ſie denkt hoch von Ihnen, denn ſie weiß nicht, daß Sie hätten anders handeln können, als geſchehen iſt, — Niemand von deren Familie hat die 251 geringſte Idee, daß Sie ihr nicht gleichgültig ſind, ſie ſchmeichelt ſich ſogar ſelbſt, es ſei Ihnen verborgen, — ſie wird ſich noch Ihrer erinnern, wenn Sie ſchon lange aufgehört haben an dieſelbe zu denken, aber dieſe Erinnerung wird nicht mit Schmerz gemiſcht ſein. Wenn Marximilian ihr wieder begegnet, wird ſie ihm ſagen, daß ſie ſeine Neigung nie erwiedern — daß ſie nie Etwas, als Freundſchaft für ihn fühlen könne — aber — ſie wird ihn heirathen, eine vortreffliche Gat⸗ tin abgeben — und eines ſchönen Tags in dieſem Zim⸗ mer, an dieſem Ofen, ruhig von Ihnen ſprechen und ſich verwundern, daß ſie je eine Perſon ihrem vortreff⸗ lichen Gatten, den wir uns eben an dieſem Platze ſitzend denken können, vorgezogen habe!“ „Wirklich ein hoͤchſt angenehmes Gemälde,“ rief Hamilton mit ſchlecht verhehlter Gereiztheit. „Und bitte, was ſoll aus mir werden?“ „Ich habe bereits geſagt, Sie werden ſchneller ver⸗ geſſen, als es ihr möglich iſt, und ſo, nachdem Sie die Welt, deren Glanz und Eitelkeit einige Jahre genoſſen haben, eine Lady Jane oder Lady Mary So und So heirathen, die ebenſo liebenswürdig — wenn nicht eben ſo ſchön wie Hildegarde ſein wird.“ „Sie nehmen dieſe Sache viel zu leicht,“ rief Ha⸗ milton, indem er faſt zornig von ſeinem Stuhl auf⸗ ſprang. „Sie ſprechen, als ob es eine bloße Liebelei wäre.“ „Nein, ich habe aufgehört, ſie ſo zu betrachten,“ entgegnete A. Z. ernſt. „Ich wünſche Sie vor Selbſt⸗ vorwüͤrfen und Hildegarde vor ſpäterem Schmerz zu be⸗ wahren. Die Bitterkeit des Scheidens iſt jetzt auf bei⸗ den Seiten vorüber. Bei den beſten Abſichten von der Welt können Umſtände Sie beſtimmen, den oben be⸗ merkten Brief zu ſchreiben. — Hildegarde's Gefühle ſind jetzt ſehr verſchieden von dem, was ſie ſein werden, wenn ſie ſich gewöhnt hat, an Sie als ihren Gefährten für's Leben zu denken. Ich möchte gerne deren Jugend vor einem Schlage retten, der, wenn auch ihr Stolz 252 und ihre Seelenſtärke ſie in Stand ſetzt, ihn zu verber⸗ en, dennoch die Entwicklung aller ihrer guten Eigen⸗ ſhalten verhindern und ihr edles Vertrauen vielleicht in argwöhniſches Mißtrauen, ihre Herzenswärme in Hart⸗ herzigkeit für immer verwandeln wird — aber ich habe jetzt genug geſagt — vielleicht zu viel!“ und ſie trat an das Fenſter, welches ſie öffnete, um Baron Z., der ſ Hofe befand, zu fragen, was er vom Wetter alte. „Keine Ausſicht auf Veränderung,“ antwortete er. „Der Barometer fällt noch immer, und es wird ſich wahrſcheinlich nicht bälder aufhellen, als bis Schnee auf den Bergſpitzen liegt.“ „Das iſt das einzig Unangenehme in einer Gebirgs⸗ landſchaft,“ bemerkte A. Z. wieder gegen Hamilton ge⸗ wendet. „Wenn es zu regnen anfängt, weiß man nie, wie oder wann es aufhört. Ihretwegen thut es mir leid, daß das ſchöne Wetter nicht ein wenig länger ge⸗ dauert hat; aber morgen bekommen wir eine neue Bü⸗ cherſendung, und vielleicht iſt Etwas darunter, was für Sie Intereſſe hat.“ „Ich bin überzeugt,“ ſagte Hamilton, daß Sie mir Recht geben, wenn ich meine Rückkehr nach Mün⸗ chen nicht um einen Tag länger verſchieben zu dürfen glaube; nun da ich mich über meine zukünftigen Plane entſchieden habe. Ich wünſche wo möglich Hildegarde davon abzuhalten, nach Frankfurt zu gehen, wohin dieſe Mademoiſelle Hortenſe ſie ſenden will.“ „Ich weiß kaum, was ich ſagen ſoll,“ erwiederte A. Z. „Es iſt nicht zu erwarten, daß Sie hier bleiben werden, um auf meine langen Geſchichten und den an die Fenſter ſchlagenden Regen zu hören, wenn Sie eine gute Ausrede haben, uns zu verlaſſen.“ „Einen Grund — keine Ausrede,“ ſagte Hamilton. „Nun denn,“ ſagte A. Z., indem ſie das Fenſter ſchloß, „wenn ich Sie auch nicht bitte, mir eine Locke von Ihrem Haar zu geben, empfinde ich doch ſo viel * 2⁵3 Theilnahme an Ihren Angelegenheiten, daß ich hoffe, Sie werden mir vertrauen und mich mit einigen Linien, wozu Sie vielleicht nach Ihrer Ankunft zu Hauſe Zeit finden, von dem Erfolg Ihrer Liebesbewerbung in Kennt⸗ niß ſetzen.“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Ein Geſpräch anderer Art. Vierundzwanzig Stunden darauf befand ſich Ha⸗ milton in München und auf dem Wege zu Major Stultz. Er hatte ſich noch nicht von Creſcenz verabſchiedet und hoffte, bei dieſer ſcheinbaren Veranlaſſung von ihr einige Auskunft über ihrer Schweſter Plane und Ausſichten zu erhalten. Seine alte Bekannte, Walburg, war ent⸗ zückt, ihn zu ſehen, benachrichtigte ihn, daß ihre Her⸗ rin ganz allein zu Hauſe ſei, da der Major ausgegan⸗ gen wäre, um mit einigen Offizieren, die mit ihm in Rußland geweſen, zu Abend zu ſpeiſen, und öffnete bei dieſen Worten die Thüre des Geſellſchaftszimmers. Creſcenz wandte ſich um, ſprang mit einem Errö⸗ then der Freude auf und trat auf Hamilton zu, indem ſie ausrief: „Ich wußte, Sie würden Bahern nicht verlaſſen, ohne mich noch einmal zu beſuchen. Ich habe es Bla⸗ ſius und Hildegarde geſagt!“ 4 „So ſind Sie wieder auf dem Eiſenwerke geweſen und können mir ſagen, wie es ihnen allen geht.“ „Nein,“ erwiederte Creſcenz, und das Lächeln ſchwand aus ihren Zügen, als ſie hinzuſetzte: „Hildegarde iſt auf ihrem Wege nach Frankfurt hier geweſen.“ „So iſt ſie fort — wirklich fort!“ rief Hamilton. „Sie hat uns vorgeſtern verlaſſen. — Blaſius ſagt, er ſei froh, daß unſer Abſchied vorüber iſt, denn ich 2354 konnte die ganze Zeit, da ſie hier war, nichts als wei⸗ „Und Hildegarde?“ fragte Hamilton. „Sie ſchien mit ihren Ausſichten in die Zukunft ganz zufrieden und verſuchte, auch mich ſo zu ſtimmen.“ „Ganz zufrieden,“ wiederholte Hamilton. „Ja;z Blaſius ſagt, ſie habe nicht viel Gefühl, und ich ſei eine Närrin, ſo viel Liebe an ſie zu verſchwen⸗ den; aber er weiß nicht, wie freundlich ſie ſo viele Jahre auf der Schule gegen mich geweſen, indem ſie mir aus allen Schwierigkeiten heraushalf und bei jeder Veran⸗ laſſung meine Partei nahm — er hat keine Idee, was Hildegarde Denen, welche ſie liebt, ſein kann!“ „Auch ich nicht,“ ſagte Hamilton. „Natürlich nicht,“ ſagte Creſcenz lächelnd, „da ſie erſt in der letzten Zeit Sie beſſer leiden konnte, aber mir iſt ſie zehn Jahre lang Alles geweſen! Seitdem wir die Schule verließen, oder vielmehr von der Zeit an, da wir in Seon waren, hat ſie ſich allerdings ſehr geän⸗ dert. Sie wiſſen die Zeit, wo —“ „Ich weiß,“ ſagte Hamilton. „Aber, als ſie vorige Woche hier war, ſah ich ſie wieder ganz ſo, wie ſie ſonſt geweſen, und hätte mir einbilden können, wir ſeien um zwei oder drei Jahre in unſerem Leben wieder rückwärts gegangen.“ „So war ſie ganz heiter!“ ſagte Hamilton mit ge⸗ zwungenem Lächeln. „Es ſcheint, ſie bedauerte es nicht, das Eiſenwerk zu verlaſſen?“ „Nicht ſehr, ſollte ich denken, ſeitdem Sie nicht mehr dort waren,“ antwortete Creſcenz. „Wie! Was meinen Sie?“ fragte Hamilton eifrig. „Nun, da Sie die einzige Perſon waren, die mit ihr ſprechen konnte, muß ſie es nach Ihrer Abreiſe wohl ſehr langweilig gefunden haben.“ „Hi“ ſagte Hamilton, „iſt das Alles? Vielleicht fagte ſie nicht einmal ſo viel — ſprach überhaupt nicht von mir!“ „O ja, wir ſprachen oft von Ihnen,“ ſagte Cres⸗ cenz mit einem Kopfnicken. „Ich ſchmeichelte mir einmal, daß Hildegarde mir gut wäre,“ begann Hamilton. „Sie iſt Ihnen gut — ſie hat es mir oft wieder⸗ holt und in Allem, was ich von Ihnen ſagte, Recht gegeben; aber nicht in dem Maße, wie Blaſius ver⸗ muthete, als Sie auf das Eiſenwerk gingen — damals ſagte er, es wäre ſehr unbeſonnen von Mama, Sie dorthin zu nehmen, und ſie hätte darauf beſtehen ſol⸗ len, daß Sie bei Papa's Tode das Haus verließen.“ „Sie hat mir vorgeſchlagen, es zu verlaſſen,“ ſagte Hamilton. „Ja, ich weiß — das war, nachdem Blaſius mit ihr geſprochen hatte — und er war ſo zornig, als er hörte, daß Sie am Ende doch mit auf das Land zö⸗ gen! Er ſagte — er ſagte —“ „Was?“ fragte Hamilton. „Daß es ihn unter ſolchen Umſtänden gar nicht wundern würde, wenn Sie und Hildegarde mit ein⸗ ander — zum Teufel gingen! Er bedient ſich zuweilen ſo unſchicklicher Ausdrücke!“ Hamilton konnte nicht umhin, zu lächeln. „Sie denken, ich ſcherze,“ fuhr ſie fort; „aber ich verſichere Sie, er ſagte ſo ſchreckliche Dinge, daß ich ſie nicht wiederholen kann, und ich war ſo froh, als ich auf das Eiſenwerk kam, wahrzunehmen, daß Hilde⸗ garde Sie nicht liebte — nicht auf die Art —“ „Auf welche Art?“ fragte Hamilton, unwiderſteh⸗ lich angetrieben, mit ihr ſo, wie früher „zu ſchwatzen. Sie erröthete jedoch ſo tief und gerieth in ſo peinliche Verwirrung, daß er ernſt hinzufügte: „Sie glauben bemerkt zu baben, daß Sie mich nur als einen Bekannten oder Freund liebte, und ich glaube, Sie haben Recht.“ „Ja, das iſt es, was ich meinte,“ ſagte Creſcenz ſichtlich mit großer Erleichterung, „denn eben am letz⸗ 256 ten Tage, da Sie Lina Berger gerner zu haben ſchienen, als je eine von uns, kümmerte ſie ſich nicht im Ge⸗ ringſten darum, — lachte wirklich über dieſe Idee!“ „So,“ ſagte Hamilton, mit einem Blick des Ver⸗ druſſes, der nur Creſeenz's Aufmerkſamkeit entgehen konnte. „Hildegarde wird mir nie etwas ſagen,“ fuhr ſie S ich habe deſſen ungeachtet eine Entdeckung ge⸗ macht!“ „In der That?“ rief Hamilton mit einer Miene der Theilnahme, welche ihre Beobachtungen ſelten zu erregen berechnet waren, „Welches iſt ſie?2“ „Ich habe endlich herausgefunden, wer der Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe iſt.“ „Wirklich! Sind Sie deſſen ganz gewiß 2“ „Sie ſollen hören, wie ich es entdeckt habe. Lina Berger kam hieher, nicht um von Hildegarde Abſchied zu nehmen, denn es iſt Ihnen bekannt, daß ſie einan⸗ der nicht leiden können — ſondern weil ſie etwas von Ihnen zu hören wünſchte. Nun antwortete Hildegarde auf alle ihre Fragen mit größter Gelaſſenheit, und als Lina es unmöglich fand, ihr mit Ihnen Verlegenheit oder Verdruß zu bereiten, gab ſie plotzlich dem Geſpräch eine andere Wendung und redete vom Grafen Zedwitz. — Im Augenblick, daß ſie ſeinen Namen ausſprach, veränderte ſich Hildegarde's ganze Miene, und Lina fuhr fort und erzählte ihr, daß der alte Graf im Ster⸗ ben liege, daß Dr. Berger ihn mehrmals beſucht habe und verſichere, es könne mit ihm nicht länger mehr als acht oder zehn Tage dauern, — und daß ſie deßhalb, da man ſeinen Sohn nach Haus berufen habe und er wahrſcheinlich ſchon unterwegs wäre, Hildegarde den ernſtlichen Rath gebe, München oder wenigſtens Bayern nicht zu verlaſſen, bis jede Ausſicht auf Erneuerung ſeines Heirathsantrags für ſie verſchwunden wäre — das heißt, wenn ſie die geringſte Hoffnung hätte, daß ein ſo unerhörtes Glück ihr beſchieden wäre — vor allen 257 Dingen ſollte ſie unterlaſſen, nach Frankfurt zu gehen, da trotz aller freiſinnigen Aeußerungen des Grafen Zed⸗ witz der Gedanke, ſie wäre eine Gouvernanke geweſen, leicht ein Stein des Anſtoßes für ihn ſein könnte!“ „Arme, gute Hildegarde!“ rief Hamilton mitleidig, „iſt ſie recht böſe geweſen?“ „Sie wurde ſo blaß und bewegt, daß ich eine ſchreckliche Scene erwartete, dergleichen wir ſonſt in der Schule hatten, aber zu meinem großen Erſtaunen dankte ſie Lina für ihren guten Rath, obwohl ſie nicht geſon⸗ nen wäre, ihn zu befolgen, erklärte, daß ſie es für keine Schande hielte, Gouvernante zu ſein, — eher das Ge⸗ gentheil, da es wenigſtens zu der Annahme berech⸗ tige, daß ihre Kenntniſſe mehr als gewöhnlicher Art wären — daß was Graf Zedwitz über die Sache dächte, für ſie jetzt durchaus keine Bedeutung hätte — und dann verließ ſie das Zimmer und kam nicht wie⸗ der, bis Lina fort war.“ „Aber Sie zogen daraus gewiß nicht den Schluß, daß ſie gegen Zedwitz Liebe empfindet,“ rief Hamilton heiter. „Es ſcheint mir, als ließe ſich beinahe das Ge⸗ gentheil daraus abnehmen.“ „Sie haben nicht Alles gehört,“ ſagte Creſeenz. „Als Lina fort war, dachte ich, wenn es mir auch nicht entging, daß ſie Hildegarde nur zu ärgern verſucht hatte — der Rath möchte gut ſein, da Blaſius mehrmals geäußert hatte, wie herrlich es wäre, wenn dieſer wun⸗ derliche, ſtolze alte Graf ohne Weiteres wegſtürbe und ſein Sohn damit freie Hand bekäme, Hildegarde zu heirathen. Es iſt ſehr Unrecht, Jemanden den Tod zu wünſchen, aber Blaſius macht ſich nicht viel daraus, dergleichen Dinge zu ſagen — ich glaube nicht, daß es ihm mit Allem Ernſt iſt, was er ſagt, obgleich dieß, wenn er die Leute zum Teufel oder in die Hölle wünſcht, ſchrecklich wäre — und bin überzeugt, daß er alle die ſe bſcheulichen Redensarten in jenem grauenvollen ruſſi⸗ ſchen Feldzug gelernt hat —“ Die Anfangsbuchſtaben. I. 17 258 „Wohl — und ſo —“ ſagte Hamilton, „als Hilde⸗ arde wieder in's Zimmer kam, haben Sie ihr wahr⸗ cheinlich empfohlen, hier zu bleiben?“ „Ja — aber Sie wiſſen, ich durfte nie erwarten, daß Hildegarde meinem Rath folgen würde! Und als ſie es ablehnte, wagte ich nur noch flüſternd ſie zu fragen, ob ſie glaube, daß Zedwitz ſie immer noch liebe — und ſie antwortete, ja, mehr als je ein Menſch mich geliebt hat oder lieben wird — mehr als ich verdiene, und dann trat ſie an das Fenſter und that, als ob ſie hinausſchaute, aber ich ſah wohl, daß ſſie weinte — ich bin völlig der Ueberzeugung, daß ſie den Entſchluß ge⸗ faßt hat, ihn zu heirathen, wiewohl ich nicht verſtehe, warum ſie dabei ſich ſo unglücklich fühlt, beſonders da er Graf iſt und Hildegarde ſo viel auf Rang hält.“ „Wirklich?“ fragte Hamilton zerſtreut. Rang, Reichthum, Stellung und Jemand, der ſie ausſchließlich liebt — das iſt ihr Wunſch, und bei dem Grafen Zedwitz kann ſie das Alles finden, wiſſen Sie.“ „Sehr wahr — Ihre Gründe ſind entſcheidend,“ keht Hamilton, „und jetzt iſt es Zeit für mich, zu gehen —“ „Aber Sie kommen doch wieder?“ ſagte Creſcenz, „Sie werden doch von Blaſius Abſchied nehmen?“ Hamilton ſchüttelte den Kopf. „Und Sie gehen wirklich für immer?“ fragte Cres⸗ eenz und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie mit leiſe zitternder Stimme hinzuſetzte: „Hildegarde ſagte, wir würden nie mehr Etwas von Ihnen zu ſehen oder zu hören bekommen.“ „und ſie ſagte das gewiß mit geringerem Bedauern, als Sie,“ rief Hamilton bitter. „Ich fürchte, Sie werden mich für ſehr thöricht halten, ſagte Ereſcenz mit einem Verſuch zu lächeln⸗ während große Thränen ſich auf ihre Wangen drängten. „Ich halte Sie für ſehr freundlich,“ ſagte Hamilton⸗ „Wenn Blaſtus zu Hauſe wäre, würden Sie viel⸗ 259 leicht ein wenig länger geblieben ſein. Ich wünſche, er wäre da!“ Hamilton dachte, das Gegentheil wäre ebenſo gut, aber ließ ſich nichts davon merken; und nachdem er ſich von ihr viel zärtlicher, als er bei ihrer Schweſter ge⸗ wagt, verabſchiedet hatte, verließ er das Haus in viel nachdenklicherer Stimmung, als er hergekommen war. Vierundvierzigſtes Kapitel. Die Heimreiſe beginnt. Hamilton verließ München am folgenden Tage mit der Frankfurter Poſt. Er hatte ſich des Platzes neben dem Condukteur in dem vordern Theil des Wagens verſichert, der eine Art offenen Raumes bot, wo er un⸗ geſtört rauchen, denken und ſchlafen wollte. Seine letzte Unterredung mit Creſcenz hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, hatte ſeinen Geiſt wieder mit Zwei⸗ feln und Beſorgniſſen erfüllt, die ihn ſeiner ſonſti⸗ gen Heiterkeit beraubten, ſo daß die gewöhnliche Quelle einer Reiſeunterhaltung — die Charaktere oder Schwächen ſeiner Gefährten zu ſtudiren — für ihn alles Intereſſe verloren hatte. Er fragte weder nach Namen noch Stand der Perſonen, mit denen er eine ganze Nacht und zwei Tage unter demſelben Dache dahinfuhr, und kein Einziger widerſprach dem jungen Studenten, der in Würzburg beim Ausſteigen mit einem Blick auf Hamilton bemerkte, „ein ſo ungeſelliger Burſche, als ich je geſehen habe! Ein completer Engländer!“ Er wanderte in den Straßen umher, bis der Wa⸗ gen wieder zum Abfahren bereit war, lehnte ſich dann, ungeachtet das Wetter ſich völlig aufgeklärt hatte und die Landſchaft, durch den Regen nii⸗ * 260 ohne Intereſſe war, wieder in ſeine Ecke zuruͤck und ſiel, von Müdigkeit überwältigt, in einen feſten Schlaf. Beim Erwachen war es ganz finſter, und als er ſich langſam aus ſeinem Schlummer erhob, rief der Con⸗ ducteur „Halt! Wer iſt für Aſchaffenburg eingeſchrie⸗ ben? Wer geht hier ab?“ Ein Paſſagier aus dem Innern gab Antwort, und Hamilton fragte, „gibt es hier ein gutes Hotel?“ „Ein ſehr gutes.“ „Dann laſſen Sie mich heraus! Meine Beine ſin ganz krämpfig, Kopf und Schultern zerſchlagen und zer⸗ ſtoßen. Hans! Du kannſt nach Frankfurt weiter fah⸗ ren und für mich Zimmer im Hotel d'Angleterre be⸗ ſtellen. Gib mir, ſo ſchnell Du kannſt, Reiſeſack und Toilettten⸗Neceſſaire.“ Und Hamilton ſtampfte mit einem faſt an Freude ſtreifenden Gefühl der Erleichterung auf den Boden, als ein Mann mit einer Laterne auf ihn zukam und nach ſeinem Paß fragte. „Meinem Paß? — ſogleich. Ich werde morgen um zwölf Uhr in Frankfurt ſein, Hans,“ rief Hamil⸗ ton, als der Wagen abfuhr, und nachdem er ſeinen Paß übergeben hatte, ſah er den Mann mit der Laterne in ein nahe gelegenes Haus treten, das Licht von einem Fenſter zum andern ſich bewegen, bis es endlich ver⸗ ſchwand und Alles finſter war. „Das iſt angenehm,“ ſagte er, ſich umſchauend, „und ich weiß weder den Weg zum Hotel, noch den Namen deſſelben!“ „Ich habe einen Schiebkarren hier, für das Ge⸗ päck, mein Herr,“ ſagte eine Stimme nahe bei ihm, und als Hamilton's Augen ſich jetzt an die Dunkelheit gewöhnten, ſah er einen Mann dicht neben ihm ſtehen und eine dunkle Geſtalt in geringer Entfernung zwi⸗ ſchen Koffern und Schachteln ſitzen. „Können Sie mir den Weg nach dem beſten Hotel zeige?⸗ fragte Hamilton. „Ganz gewiß, wozu bin ich ſonſt alle Nacht, es 261 mag naß oder trocken ſein, hier?“ antwortete der Mann munter, als er Hamilton's Gepäck auf den Schiebkar⸗ ren legte. „Wenn Sie nichts dagegen haben, will ich auch die Sachen der Dame mitnehmen.“ „Nur zu!“ ſagte Hamilton mit einem Blick auf die dunkle Geſtalt, welche ſich jetzt erhob und dem Mann beim Aufladen eines ziemlich großen Koffers zu helfen verſuchte. „Erlauben Sie,“ ſagte Hamilton, indem er ſogleich ihren Platz einnahm; und pald war Alles in Ordnung. „Ich danke Ihnen tauſendmal,“ flüſterte die Dame und legte faſt vertraulich ihren Arm in den ſeinigen. Hamilton, halb überraſcht, halb beluſtigt, ſah ſich etwas neugierig nach ſeiner Begleiterin um, als ſie ſich ohne weitere Zurückhaltung näher an ihn ſchmiegte und zuletzt ihre kleinen dicht behandſchuhten Hände über ſeinem Arm zuſammenlegte. Einige Minuten folgten ſie ſchweigend dem Karren⸗Mann, der pfeifend vor ih⸗ nen herſchleppte. Aber als ſie einer der elenden Straßen⸗ Laternen nahe kamen, beugte er ſichtetwas vorwärts und verſuchte ohne viel Ceremoniell jeiner Begleiterin unter den Hut zu ſchauen, aber ein dichter ſchwarzer Schleier vereitelte ſeine Bemühung. „Sie wünſchen mein Geſicht zu ſehen,“ ſagte ſie mit einer Stimme, die ihn plötzlich zum Stehen brachte und ihm einen Ausruf des Erſtaunens entlockte; und als ſie ihren Schleier zurückſchlug, ſpielte das flackernde Licht trübe auf den wohlbekannten Zügen Hildegarde's. Und wo waren Hamilton's Zweifel und Beſorg⸗ niſſe in dieſem Augenblick? Beſeitigt? — zerſtreut? Nein, aber ſie ſchlummerten — ſchliefen ſo feſt, viel⸗ leicht ebenſo unruhig, wie er vor einer Stunde gethan hatte. Er verſtand Hildegarde kaum, als ſie mit wir⸗ derholten Verſicherungen, wie froh, ſehr froh ſie wäre, ihn zu ſehen, ihm unzuſammenhängend erzählte, daß ſie mit einigen Freundinnen von Mademoiſelle Horte ſe 262 nach Würzburg gereist ſei — dieſe haben ihr viel Freund⸗ lichkeit erwieſen und darauf beſtanden, daß ſie einige Tage bei ihnen bleibe, um ſich von den Strapatzen ihrer nächtlichen Reiſe zu erholenz ſie hernach an den Wagen begleitet und ihr den Rath gegeben, in Aſchaffenburg zu übernachten. Sie habe Hamilton's Stimme erkannt, da er mit Hans ſprach, ſein Geſicht geſehen, als man ihm den Paß abforderte, „und dann,“ ſetzte ſie hinzu, „wußte ich, daß es mit allen meinen Reiſebeſchwerden zu Ende warz ſo ſetzte ich mich ruhig auf meinen Kof⸗ fer und wartete, bis Sie mich erkennen würden.“ „Wie konnte ich aber Ihre Stimme erkennen, wenn Sie nur flüſterten, oder Ihr Geſicht, wenn es mit die⸗ ſem undurchdringlichen Schleier verhüllt war? Es iſt wahrhaft unmöglich, nur wenige Schritte von dieſen Lampen etwas zu ſehen, welche darauf berechnet zu ſein ſcheinen, die Finſterniß ſichtbar zu machen. Im Augenblick, da Sie ſprachen, erkannte ich Sie.“ „Das habe ich erwartet,“ ſagte Hildegarde, „ſonſt wäre ich wohl verſucht geweſen, mein Incognito no etwas länger zu behaupten.“ „Es freut mich ſehr, daß Sie es nicht thaten Aber wo iſt der Mann mit unſeren Koffern und Schachteln?“ rief er, ſich umſehend. Er war nicht mehr ſichtbar, obwohl ſie noch undeutlich in der Ferne das Rollen des Karrens auf dem rauhen Pflaſter vernahmen. Mit einem luſtigen Gelächter liefen ſie mit einander die Straße hinunter und holten ihn gerade ein, als das plumpe kleine Fuhrwerk in den von zwei hübſchen Lam⸗ pen erleuchteten Thorweg einbog, wo ihre Ankunft ſo⸗ gleich durch das Läuten einer großen Glocke angekün⸗ digt wurde. Sie trafen am folgenden Tage eben zu rechter Zeit, um an der iable d'höré zu ſpeiſen, in Frankfurt einz aber Hildegarde's Erſcheinung erregte ſo mancherlei Fragen, daß Hamilton ihr zu ihrem Zimmer folgte, um ihr den Rath zu geben, nicht mehr daſelbſt zu ſpeiſen. d 263 „Ich werde morgen kaum noch hier ſein,“ ſagte ſie, ihren Hut zurückſchiebend, während ſie in einem kleinen Schreib⸗Nereſſaire nach einem Papier ſuchte — „O da iſt er,“ ſetzte ſie hinzu, „der Brief von Hortenſe, der mir zur Einführung dienen ſoll. Ich bin über⸗ zeugt, Sie werden die Güte haben, mir das Haus dieſer Dame — der Baroneſſe Waldorf — aufſuchen zu helfen.“ „Weſſen?“ rief Hamilton. „Der Baroneſſe Waldorf.“ „Warum haben Sie mir nicht geſagt, daß Sie zu ihr gehen wollten?“ „Weil ich nicht dachte, daß Sie es irgend inter⸗ eſſiren würde — ich habe Sie nie von ihr ſprechen ge⸗ hört. Haben Sie dieſelbe geſehen? Wiſſen Sie etwas von ihr?“ „Ich traf ſie in Edelhof — Zedwitz iſt der Vor⸗ mund ihrer Tochter, und ich glaube, ſie würde nichts degten haben, ihn auch zu ihrem Stiefvater zu machen.“ „O erzählen Sie mir etwas von ihr,“ rief Hilde⸗ garde eifrig, zu Hamilton's Erſtaunen ganz gleichgültig gegen den letzten Theil ſeiner Worte. „Erzählen Sie mir Alles, was Sie von ihr wiſſen. Iſt ſie eine Per⸗ ſon, zu der ich leicht Zuneigung faſſen könnte?“ „Ich weiß nicht — ich denke eher, nein. O Hilde, garde, laſſen Sie mich Ihnen als Freund rathen, die⸗ ſen Plan gänzlich aufzugeben und zu Ihrer Stiefmutter heimzukehren. — Wenn Sie mich nur zehn Minuten geduldig anhören wollten —“ „Ich kann Sie nicht anhören,“ ſagte Hildegarde, ihn unterbrechend, denn ich habe mich durch mein Wort gebunden und — verſprochen, unter allen Umſtänden ein ganzes Jahr bei Baroneſſe Waldorf zu bleiben. Sie wollte ſich auf keinen andern Vertrag einlaſſen, da den Winter nach Florenz gehen will. Sie allein kann mich meines Verſprechens entbinden, — aber ich kann 264 nicht ſagen, daß ich es wünſche, da die Vorſtellung einer Reiſe nach Italien für mich viel Erfreuliches hat.“ „Unter andern Umſtänden könnte ich mir das leicht erklären.“ „Und unter welchen andern Umſtänden werde ich wohl Italien — oder nur den Rhein, ſo nahe ich jetzt demſelben bin, zu ſehen bekommen?“ Hamilton ſchwieg. „Laſſen Sie uns gehen,“ ſagte Hildegarde, ihre Handſchuhe nehmend. „Sie werden mir gewiß nicht mehr abzurathen verſuchen, wenn ich Ihnen bemerke, daß ich das Leben, das ich auf dem Eiſenwerk führen ſollte, nicht aushalten kann; Gewohnheit und Erzie⸗ hung haben mich unglücklicher Weiſe ganz ungeſchickt dazu gemacht. Ich habe die Probe gemacht und muß jetzt mit Bedauern geſtehen, daß die Details des häus⸗ lichen Lebens für mich nicht nur langweilig, ſondern abſolut gegen meinen Geſchmack ſind!“ „So haben Sie alſo,“ ingt Hamilton, „entdeckt, daß Reichthum zu Ihrem Glück nothwendig iſt?“ „Nicht gerade Reichthum,“ erwiederte Hildegarde, ohne zu ahnen, welches Gewicht auf ihre Antwort ge⸗ legt wurde, — „aber etwas mehr als die wirklichen Subſiſtenzmittel, — wenigſtens genug, um mich vor den gemeinen Sorgen des Lebens zu ſchützen und mir den ümgang mit Leuten, deren Gewohnheiten und Ma⸗ nieren den meinigen gleich ſind, möglich zu machen.“ „Und wie viel würde hiezu nothwendig ſein?“ fragte Hamilton ernſt. „O, ich weiß wirklich nicht,“ antwortete ſie ſorg⸗ los lachend, „auch iſt es unnöthig, das zu berechnen. Daß ich es nicht habe, iſt gewiß, und in der Stellung einer Gouvernante erkenne ich das einzige Mittel, meine Wünſche für jetzt zu befriedigen und mir für ſpätere 8 ein Auskommen zu ſichern. Wenn ich zehn Jahre e übrigen Lebenstage eine Penſion.“ der Baroneſſe Waldorf bleibe, erhalte ich für meine 265 „Und Sie glauben alſo, dieſe gemeinen Sege des Lebens, wie Sie es nennen, nicht ertragen zu können, ſelbſt mit Jemand, den Sie lieben?“ fragte Hamilton noch ernſter. „Ich werde nie auf eine ſolche Probe geſtellt werden,“ antwortete Hildegarde feſt, und während ſie, ausſchließlich mit ihren unmittelbaren Angelegenheiten beſchäftigt, vorwärts ſchritt, zog Hamilton, den Sinn ihrer Worte gänzlich mißverſtehend, den Schluß, daß ſie ſich auf eine Heirath mit Zedwitz in ſpäterer Zeit beziehe. Während ſie auf dieſe Weiſe unbewußt einander quälten, erreichten ſie das Haus der Baroneſſe Waldorf und erkundigten ſich bei einem dicken Portier, der vor der Thüre herumlungerte, ob ſie zu Hauſe wäre. „Nein,“ hieß es, ſie ſei nach Mainz gegangen. „Und wann wird ſie zurückerwartet,“ fragte Hilde⸗ garde ängſtlich. „Wir wiſſen es durchaus nicht, Fräulein; ſie iſt in Folge eines Briefs, den ſie erhielt, plötzlich abge⸗ reist. Sie bleibt mitunter nur einige Tage aus und ſSn 5 Pferde ſind meiſt noch hier. Wer, ſoll ich agen —2“ „Das iſt nicht nöthig,“ ſagte Hamilton, „wir wünſch⸗ ten bloß zu erfahren, ob nicht eine junge Dame von München um dieſe Zeit erwartet würde.“ Der Mann ſagte, er wolle ſich erkundigen, trat in das Haus, kehrte aber faſt augenblicklich zurück und erklärte, daß man Niemand außer vielleicht den Grafen Zedwitz auf ſeiner Heimreiſe erwarte. Hamilton und Hildegarde gingen ſchweigend einige Minuten neben einander her; endlich bemerkte die Letz⸗ tere halb fragend: „Ich habe wohl kein Recht, mich über eine Krän⸗ kung von dieſer Baroneſſe Waldorf zu beklagen? Es muß ein ſehr dringendes Geſchäft ſein, das ſie bewegen konnte, Frankfurt eben, da ſie mich hieher beſtellt hatte, zu verlaſſen?“ 266 „Ich ſollte wohl denken,“ ſagte Hamilton, „aber ſie hätte wegen Ihrer Aufnahme zur Zeit ihrer Ab⸗ weſenheit Anordnung treffen können. Dieſe Gleich⸗ ſtigkei in Bezug auf Ihre Perſon wird Sie ſchwer⸗ ich zu deren Gunſten einnehmen.“ „Reiche Leute ſind ſelten rückſichtsvoll,“ begann Hildegarde mit einem Ton, als ob ſie moraliſche Be⸗ trachtungen anſtellen wollte, blieb aber plötzlich ſtehen und fügte hinzu: „Sie haben Recht — ſie hat mich in eine ſehr unangenehme Lage verſetzt — wenn ſie in einem oder zwei Tagen nicht zurückkehrt, werde ich weder 3 Mittel zum Hierbleiben, noch zum Heimkehren aben.“ „Unſer glückliches Zuſammentreffen in Aſchaffen⸗ burg ſchützt Sie vor allen Unannehmlichkeiten der Art, da Sie wiſſen, daß ich mit Ihrer Mutter Alles aus⸗ gleichen kann. Auf alle Fälle werde ich Sie nicht ver⸗ laſſen, ehe Sie wieder zu Hauſe — oder bei dieſer — 1n geſagt — ſehr nachläſſigen Perſon eingezogen ind.“ „Aber wird Ihnen ein ſolcher Aufenthalt nicht be⸗ ſchwerlich fallen?“ fragte Hildegarde. „Nicht im Geringſten. Was mich anbelangt, ſo würde ich froh ſein, wenn dieſe Baroneſſe vor ſechs Wochen nicht nach Hauſe käme! Jeder Ort iſt mir gleich, wo Sie ſind; und ſo viel wir auch auf dem Eiſenwerk beiſammen waren, haben Sie hier doch mehr Zeit an mich zu verwenden, und darum bin ich verhältniß⸗ mäßig glücklicher.“ Solche Redensarten wurden von ihr nie beantwor⸗ tet, und nach einer kurzen Pauſe machte Hamilton den Vorſchlag, ihr die Anlagen um die Stadt zu zeigen, und ſo wanderten ſie bis zum Abend in deren ſchat⸗ tigen Gängen herum. 267 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Was ſich im Sotel d'Angleterre zu Frankfurt ereignete. Den folgenden Tag ſchaute Hildegarde nach Tiſch, während Hamilton ſich zu ſeinem Bankier begab, zum Fenſter hinaus und ſah mit einer gewiſſen ruhigen Gleichgültigkeit der Ankunft zweier Reiſewägen vor dem Hotel zu. Aus dem erſten ſprang ein großer, ſtarker Mann heraus, der nur zwei Finger zum Gruß zu ſei⸗ ner Reiſemütze erhob und dann alsbald verſchwand — und während noch die erhitzten und müden Pferde im Hofe auf⸗ und abgeführt wurden, brachte man ſchon andere heraus und der Diener folgte, nachdem er große Geſchäftigkeit und Eilfertigkeit entwickelt hatte, ſeinem Herrn in das Hotel. Wiederum ließ ſich Peitſchengeknall und das Läu⸗ ten der Glocken vernehmen, und ein anderer, größerer Wagen langte an — entſchieden engliſch. Das wohl⸗ gebaute Fuhrwerk ſchaukelte ſich trotz ſeiner großen Laſt an Gepäck und Bedientenſitzen leicht in ſeinen Federn, und herausſtieg ein langer, ſchmaler Herr mit grauem Hut, grauem Rock, grauen Beinkleidern, grauen Ka⸗ maſchen und grauem Backenbart! Eine ältliche Dame folgte, das Geſicht halb von einem herabhängenden Spitzenſchleier verhüllt, und zwei junge hübſche Mäd⸗ chen blieben einen Augenblick ſtehen, um das Gebäude, in das ſie eben eintreten wollten, zu betrachten. Hildegarde ſah auf ihre Uhr; es war die Stunde, da Hamilton ſeiner Verſicherung nach zurückkehren ſollte. So ſchloß ſie die Thüre und begann langſam den Corridor entlang zu geben und die Treppe hinunterzuſteigen. Die engliſche Familie bog gerade in eine große Zim⸗ merreihe im erſten Stock ein, als ſie vorüberging — der Herr mit dem grauen Hut blieb, ihn feſt auf dem 268 Kopf behaltend, unter der Thüre ſtehen; er wandte ſich gegen ſeine eben eintretende Frau und bemerkte laut genug, daß Hildegarde es hören konnte: „Beim Jupiter, das iſt das hübſcheſte Mädchen, das mir ſeit langer Zeit vorgekommen iſt!“ Die Dame wandte ſich um und hob bedächtig die Lorgnette zu den Augen, während die beiden Töchter nach einem haſtigen Blick auf Hilde⸗ garde ausriefen: „o Papa, ich glaube wirklich, ſie hat Sie verſtanden.“ Hildegarde ging ſchnell weiter, ſtieß aber auf ſo viele Diener und Fremde, daß ſie endlich in dem großen Speiſeſaal, der um dieſe Stunde ge⸗ wöhnlich ganz unbeſetzt war, Zuflucht ſuchte. Ein einziger Mann ſaß an der ungeheuern Tafel; er ſchien eben geſpeist zu haben, und Hildegarde trat an eines der Fenſter, ohne ihn anzuſeben. Bald nach⸗ her hörte ſie, wie er im Zimmer auf⸗ und abſchritt, und als ein Kellner mit Obſt und Confect eintrat, fragte er etwas ungeduldig: „Iſt mein Diener mit dem Eſſen noch nicht fertig? Sagen Sie ihm, er ſolle eilen, er weiß, daß wir keine Zeit zu verlieren haben!“ Die Stimme war Hildegarde bekannt; ſie wandte ſich un⸗ willkürlich um, nach dem Sprecher zu ſehen, und wurde augenblicklich von dem Grafen Zedwitz erkannt, der mit einem Blick des Erſtaunens auf ſie zu eilte und ausrief: „Fräulein Roſenberg, was in aller Welt bringt Sie nach Frankfurt?“ „Ich bin hier in der Abſicht, zur Baroneſſe Wal⸗ dorf — als Gouvernante ihrer Tochter — zu gehen — ſie iſt, wie ich höre, nach Mainz gereist und —“ „Und Sie ſind hier allein, ohne Schutz, und ich kann mich nicht erbieten, bei Ihnen zu bleiben — ich weiß nicht, ob Sie gehört haben, daß mein Vater im Sterben liegt — ohne alle Hoffnung auf Wiedergene⸗ ſung; ich habe erſt geſtern Botſchaft erhalten, und reiſe jetzt Tag und Nacht, um rechtzeitig zu Hauſe einzu⸗ treffen und ihn noch einmal zu ſehen!“ — 269 In dieſem Augenblick trat der Diener ein und meldete, daß der Wagen bereit ſei. „Schon gut — Du kannſt gehen — und — ſchließe die Thüre — Hildegarde, ich wollte ſagen, Fräulein Roſenberg — bleiben Sie nicht hier! Geben Sie die Idee auf, zu Jda Waldorf zu gehen — es taugt nicht für Sie — glauben Sie mir, Sie werden höchſt un⸗ glücklich ſein!“ „Es muß taugen,“ ſagte Hildegarde, „und ich werde nicht unglücklich ſein, denn der Gedanke an eine Gouver⸗ nantenſtellung iſt mir von Kindheit an vertraut, und hat deßhalb alle Schreckniſſe für mich verloren.“ „Entſchuldigen Sie meine Neugier,“ rief Zedwitz ſchnell, „aber ich möchte Sie fragen, wie Sie mit der Baroneſſe Waldorf bekannt geworden ſind?“ „Ich kenne ſie durchaus nicht — habe ſie nie ge⸗ ſehen — Alles iſt von Mademoiſelle Hortenſe, einer un⸗ ſerer Lehrerinnen in der Schule, eingeleitet worden.“ „Kannte die Baroneſſe Waldorf Ihren Namen?“ fragte Zedwitz eifrig. „Anfänglich vielleicht nicht,“ antwortete Hildegarde mit einer Miene der Ueberraſchung, „aber in dem Briefe, der ſie von meiner Abreiſe von München benachrichtigte, muß Mademoiſelle Hortenſe deſſen erwähnt haben — ich ſollte jedoch denken, daß mein Name von ſehr geringer Wichtigkeit wäre!“ „Hierin täuſchen Sie ſich — ich — ich fürchte, die Baroneſſe wird ſchwerlich ſo bald zurückkehren — ich —“ „Ihr Diener hat mir geſagt, ihre Abweſenheit würde nicht lange dauern, — ihre Abreiſe wäre ganz plötzlich erfolgt,“ bemerkte Hildegarde. „Ihre Abreiſe war, wenn dieſelbe Sie erwartete, unverzeihlich, grauſam, unedelmüthig,“ rief Zedwitz heftig. „Ich war zuerſt ſelbſt darüber ſehr betroffen, dachte aber hernach, daß ſie vielleicht den Brief nicht zur Zeit erhalten hat —“ „Sie erhielt ihn, davon bin ich überzeugt — es 0 war der Brief, welcher — O, Fräulein Roſenberg, blei⸗ ben Sie nicht länger hier — kehren Sie zu Ihren Ver⸗ wandten, kehren Sie mit mir zurück — ſogleich.“ Hildegarde erröthete tief. „Ich werde meinen Diener mit dem Wagen abge⸗ hen laſſen — ſetzte er ſchnell hinzu — und wir können mit der Poſt reiſen, oder wie es Ihnen beliebt.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Hildegarde, „aber ich betrachte mich gegenüber von der Baroneſſe Waldorf gebunden, und bis ich von ihr höre —“ „Sie werden nie von ihr hören, nie von ihr hö⸗ ren!“ rief er ungeduldig, „und ich muß Sie verlaſſen — kann und darf meine Rückkehr nach Hauſe jetzt nicht aufſchieben!“ Wiederum erröthete Hildegarde; ſie verſuchte den Namen Hamilton zu nennen, aber die Worte erſtarben ihr auf den Lippen und ihre Verwirrung wuchs mit jedem Augenblick. Einige Leute traten allmälig in's Zimmer und Zed⸗ witz ſetzte flüſternd, aber voll Aufregung hinzu: „Gott vergebe mir, daß ich an etwas Anderes, als an meinen Vater denke, wenn er auf dem Todtenbette liegt, — aber die Eigenthümlichkeit unſerer Lage muß mich entſchuldigen, wenn ich Ihnen zu einer ſolchen Zeit ſage, daß meine Gefühle gegen Sie unverändert, unwandelbar find. Kehren Sie zu Ihrer Familie zu⸗ ruͤck und laſſen Sie mich hoffen, daß die Zeit Ihre Abneigung oder Gleichgültigkeit, was es ſei, ſo weit überwinden werde —“ „O Graf Zedwitz, es iſt weder das Eine noch das Andere,“ ſagte Hildegarde mit ſichtbarer Anſtrengung. Ich würde einer ſolchen Empfindung, wie Sie gegen mich hegen, unwürdig ſein, wenn ich Ihnen nicht ſagte, daß — ich — ſchon lange — einen Andern liebe —“ „Hamilton natürlich, ich habe es immer befürchtet.“ Hildegarde ſchwieg. v— — S 8 — — — — 271 „Wenn Sie mit ihm verlobt find, ſagen Sie es mir — es iſt das einzige Mittel, alle meine Hoffnung auf einmal zu erſticken.“ „Es iſt von keiner Verlobung die Rede, er kann ſich auf eine ſolche nicht einlaſſen — er weiß nicht ein⸗ mal, daß ich ihn anders, denn als Freund betrachte!“ „Dann hören Sie auf mich, Hildegarde, trotz aller Bewunderung, aller Liebe, die er unzweifelhaft jetzt für Sie empfindet — wenn er eine Zeitlang wieder zu Hauſe unter den Freunden und Genoſſen ſeiner Jugend iſt — wird er — Sie vergeſſen!“ „Ich glaube auch,“ ſagte Hildegarde mit einem tiefen Seufzer. „Und auch Sie werden dieſe jugendliche Einbildung vergeſſen,“ fuhr Zedwitz fort. „Jugendliche Einbildung!“ wiederholte ſie lang⸗ ſam, „ich fürchte, ich habe weder jugendliche Einbil⸗ dungen, noch jugendliche Gefühle — ich habe keine Ju⸗ gend gehabt!“ „Sie wird wie ein ſpäter Frühling kommen und ihnen auf einmal alle die Segnungen bringen, welche Andere ſo allmälig empfangen, daß ſie gefühllos dafür werden.“ Hildegarde ſchüttelte den Kopf und wandte ſich nach dem Fenſter. Zedwitz ſchien noch Etwas ſagen zu wol⸗ len, was ihn in eine gewiſſe Verlegenheit ſetzte. „Im Fall Sie dieſes Hotel koſtſpieliger finden ſoll⸗ ten, als Sie erwarteten,“ begann er zögernd. „O, durchaus nicht koſtſpielig,“ ſagte Hildegarde. „Ich hatte keine Idee, daß man auf einem ſolchen Platze ſo wohlfeil leben könnte!“ Zedwitz ſah überraſcht aus; er würde es noch mehr geweſen ſein, wenn er die Rechnung geſehen hätte, die ſie ein paar Stunden zuvor Hamilton mit ſo kindiſcher Zufriedenheit bezahlt hatte. Es iſt unnöthig zu bemer⸗ ken, daß ſie von ihm geſchrieben worden war, ſobald er entdeckt hatte, daß ſie ſich nicht die geringſte Idee 272 von den Koſten des Reiſens machen konnte, und daß er ihre Unwiſſenheit benützt hatte, um ihr jede Unan⸗ nehmlichkeit oder Beſorgniß zu erſparen. „Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, wie ungern ich Sie verlaſſe,“ ſagte Zedwitz nach einer Pauſe, „aber ich muß gehen. Bis wir uns wieder treffen, laſſen Sie mich der Hoffnung leben, es werde eine Zeit kom⸗ men —“ In dieſem Augenblick trat der Hotel⸗Inhaber in das Zimmer und näherte ſich dem Fenſter, wo ſie ſtan⸗ den. Zedwitz drehte ſich um, und Hildegarde ſtreckte, ängſtlich darauf bedacht, ihn zu enttäuſchen und beſorgt, er möchte ſie unter einem falſchen Eindruck verlaſſen, ihre Hand aus, ihn zu halten. Dieſe Geberde wurde mißverſtanden; er ergriff ſie mit ſeinen beiden Händen und flüſterte, während ſie vergeblich einige Worte der Erklärung zu ſtammeln verſuchte: „ich danke Ihnen tauſendmal, Sie wiſſen nicht, wie ſehr ſelbſt dieſer ſchwache Hoffnungsſchimmer die düſtere Nacht meiner gegenwärtigen Reiſe erhellt!“ Er nahm den Wirth bei Seite und ſprach lang und ernſtlich ihretwegen mit ihm, ſagte, er kenne ihre Familie, bat ihn, ſie jede Gelegenheit wiſſen ſſ⸗ mit der ſie in reſpeckabler Geſellſchaft nach ünchen zurücktehren könnte, gab ihm ſeine Adreſſe, den Namen ſeines Bankiers und unbeſchränkten Credit für ſie; und eben als der Wirth mit einem halb unterdrückten ſcherz⸗ haften Lächeln ihm erklären wollte, daß er ſich wegen der Dame keine Unruhe machen dürfe, da ſie bereits unter dem Schutz eines jungen Engländers ſtände, machte ſich Zedwitz ſelbſt wegen der entſtandenen Zöge⸗ rung Vorwürfe und ſprang in den Wagen, und einen Augenblick nachher rollte der Wagen durch den Thor⸗ weg und an dem Fenſter vorüber, wo Hildegarde, ein Raub guälender, widerſtreitender Bewegungen, noch im⸗ mer ſtand. 273 Nachdem ſie noch länger als eine halbe Stunde gewartet hatte und Hamilton immer nicht erſchien, zog ſie ſich auf ihr Zimmer zurück und vermuthete, uner⸗ wartete Geſchäfte würden ihn aufgehalten haben; aber, als mehrere Stunden verfloſſen und er noch immer nicht da war, wurde ſie unruhig. Ein gewiſſes Zartgefühl hinderte ſie, Erkundigungen einzuziehen und ſie ſaß an ihrem Fenſter, lang nachdem ſchon die Dämmerung eingetreten war, und verſuchte in jeder hohen, dunkeln Geſtalt, die ſich am Eingang oder im Hoſe unten be⸗ wegte, ihn zu entdecken. Ein Gefühl äußerſter Ver⸗ laſſenheit kam über ſie, Gedanken der trübſeligſten Art jagten einander in ihrem Geiſt, als ſie, plötzlich aus dieſen Träumereien erwachend, den wohlbekannten ſchnel⸗ len Schritt vernahm und ein leiſes Klopfen an der Thüre ihr die Gewißheit lieferte, daß Hamilton nahe ſei. Alle ihre peinlichen Erinnerungen — Zweifel — Zedwitz — Alles war in einem Augenblick vergeſſen; ſchnell und freudig ſtand ſie von ihrem Stuhl auf um ihm entgegenzugehen. Es war zu dunkel für Hamil⸗ ton, um die Thränen zu ſehen, die noch an ihren lan⸗ gen Augenwimpern hingen, zu dunkel für ſie, um den erhitzten und gereizten Ausdruck, der auf ſeinem ganzen Geſichte lag, zu bemerken. „Soll ich die Lichter anzünden?“ fragte ſie heiter. „Wenn Sie es wünſchen, aber ich ziehe das Zim⸗ mer ſo vor, wie es iſt.“ Sie ſetzte ſich zu ihm und begann nach einer Pauſe: „Sie ſind lange ausgeblieben, hat es bei dem Bankier eine Schwierigkeit gegeben?“ „Durchaus nicht.“ Eine andere Pauſe — dann wandte er ſich plötzlich zu ihr und ſagte ſchnell: „Ich habe ſchon gedacht, da die Baroneſſe Waldorf ein Haus in Mainz hat, könnte Ihre Abweſenheit wohl länger dauern, als ihr Diener vermuthete. Einige Stunden würden Sie nach Mainz bringen.“ Die Anfangsbuchſtaben. II. 18 274 „Halten Sie für nöthig, daß ich ihr dahin folges⸗ „Nicht gerade nöthig, aber warum nicht hingehen? haben oft den Rhein zu ſehen gewünſcht.“ „O, das würde zu köſtlich ſein!“ rief Hildegarde. „Wenn Sie der Meinung ſind,“ ſagte Hamilton, und jede Spur von Verdruß verſchwand aus ſeinem Geſicht, „nun, dann iſt es um ſo beſſer, je ſchneller wir gehen.“ „Aber die Koſten,“ bemerkte Hildegarde zögernd — „Werden nicht größer ſein, als beim Hierbleiben. Laſſen Sie ſich dadurch keinen Augenblick beſtimmen.“ „Vielleicht ſollte ich an meine Mutter, oder an Hortenſe ſchreiben?“ „Sie können vor einigen Tagen keine Antwort er⸗ halten, und es iſt beſſer, zu warten, bis Sie Baroneſſe Waldorf geſehen haben; ich dachte, ob Sie hier oder in Mainz ſind, muß denſelben ganz gleichgültig ſein, und ich bin überzeugt, Ihre Mutter würde völlig zu⸗ frieden ſein, wenn ſie wüßte, daß Sie unter meiner Obhut ſtehen!“ „So denke ich auch,“ ſagte Hildegarde,“ und ich möchie dem gegenwärtigen Zuſtand der Ungewißheit gern ſo ſchnell als möglich ein Ende machen. Ichffühle,“ fuhr ſie halb lachend fort,“ durchaus keine Bedenklich⸗ keit, mit Ihnen zu reiſen, vermuthlich, weil wir ſo lang unter demſelben Dach gelebt haben und ich Sie ſo gut kenne; aber als Graf Zedwitz mir heute vor⸗ ſchlug, mit ihm nach Hauſe zurückzukehren —“ Sitt Heute!“ wiederholte Hamilton wie be⸗ äubt. „Ja. Auf der Durchreiſe durch Frankfurt hat er heute hier geſpeist und die Pferde gewechſelt. Ich habe ihn einige Minuten geſehen, als ich Ihre Ankunft er⸗ wartete; er gab mir den dringenden Rath, nicht zu der Baroneſſe Waldorf zu gehen, und ſchien, ſonderbar ge⸗ nug, zu glauben, daß ſie abſichtlich fortgegangen ſey.“ „Nicht unmöglich — nicht unwahrſcheinlich. Hat Si — 27⁵ er Ihnen den Grund zu dieſem Verdacht auf irgend eine Art erklärt?“ „Nein, dazu hatte er keine Zeit, denn ſein Vater liegt im Sterben und es iſt ihm natürlich ſehr daran gelegen, ſchnell nach Hauſe zu kommen. Er — er reiste ab, gerade als ich ihm ſagen wollte, daß Sie hier wären —.“ Sie hielt verlegen inne. „Hildegarde, laſſen Sie uns nach Mainz gehen,“ rief Hamilton plötzlich. „So früh, als Ihnen morgen beliebt,“ antwortete ſie heiter. „Nicht morgen früh — dieſen Abend — in einer Stunde — in einer halben Stunde!“ „Aber — es iſt Nacht — beinahe ſchon finſter.“ „Nun, was macht das für einen Unterſchied?“ „Man hat mir geſagt, ich ſolle nie bei Nacht rei⸗ ſen; gerade um dieß zu vermeiden, bin ich in Aſchaf⸗ fenburg geblieben.“ „Das war, als Sie allein waren und in einem öffentlichen Wagen reisten.“ „Ich ſehe jedoch keine Nothwendigkeit zu ſolcher Eile,“ ſagte ſie ruhig, und es wäre mir darum, wenn Sie nichts dagegen haben, viel lieber, bis morgen zu warten.“ „Aber ich habe Etwas dagegen, und Sie werden mich ſehr verpflichten, wenn wir noch heute Nacht ab⸗ reiſen.“ „Ich ſetze voraus, daß Sie einen guten Grund für Etwas haben, was mir als eine ſehr unnöthige Be⸗ nützung der Gewalt erſcheint, welche der Zufall Ihnen über mich eingeräumt hat.“ „Ich habe einen Grund,“ begann Hamilton — und hielt hier inne. Wie konnte er ihr ſagen, daß er ſein eigenes Wap⸗ pen auf dem Wagen im Hof erkannt — daß er den Courier, welcher auspackte, gefragt und erfahren hatte, daß derſelbe Onkel, der voriges Jahr ge⸗ 276 weſen, jetzt mit Frau und Töchtern unterwegs nach Baden⸗Baden war; daß er beſorgte, ſie möchten Hilde⸗ garde's Anweſenheit bei ihm entdecken, die unedeln Schlüſſe, die ſie aus deren gegenwärtiger Lage ziehen möchten, fürchtete; daß er, um einer zufälligen Begeg⸗ nung auszuweichen, in den unbeſuchteſten Straßen herumgewandert war, bis die Schatten der Nacht und die Gewißheit, daß ſie ſich jetzt am Theetiſch befänden, ihm die Hoffnung gewährten, unbemerkt an ihren Ge⸗ mächern vorbeizukommen. Der Verſuch einer Erklärung gegenüber von Hildegarde würde hinreichend ſein, um ſie auf ſeiner augenblicklichen Entfernung von ihr be⸗ ſtehen zu laſſen. Es blieb ihm keine andere Ausſicht, als ſeinen perſönlichen Einfluß zu benützen und ſie zur Abreiſe von Frankfurt zu vermögen, ehe man ſie und ihn geſehen — ehe das Fremdenbuch Anlaß zu Erkun⸗ digungen über ſie gegeben hatte. „Nun,“ ſagte Hildegarde, „ich habe ſicher ein Recht, Ihren Grund zu hören?“ „Recht! o wenn Sie von Rechten ſprechen, ſo ſind Sie es allein, die Tag und Stunde der Abreiſe be⸗ ſtimmen ſollten — Sie allein, die das Recht haben, Be⸗ fehle zu ertheilen; aber ich bat um eine Gunſt, — ich wünſche ganz beſonders, morgen zu ſehr früher Stunde in Mainz zu ſein.“ „Und wenn wir um drei oder vier Uhr Morgens abgehen, wird es nicht früh genug ſein?“ Hamilton ſah nur halb zufrieden aus. „Es iſt mir zuwider, mich dafür anſehen zu laſ⸗ ſen, daß ich bei Nacht auf eine ſo plötzliche und ge⸗ heimnißvolle Weiſe — ſelbſt mit Ihnen — abreiſe,“ ſagte Hildegarde aufrichtig. „Pielleicht haben Sie Recht — aber um drei Uhr Morgens — iſt die Anſtrengung nicht zu groß —2“ „O,“ ſagte Hildegarde lachend, „es wird Ihnen ſchwerer werden, fertig zu ſein, als mir. 277 „Morgen nicht,“ ſagte Hamilton, „ich werde an Ihrer Thüre warten, noch ehe die Glocke ſchlägt. Und am Morgen, als ſie die Thüre öffnete, ſtand er vor derſelben. Er trat unbewußt leichter auf, als er an den Zimmern, wo ſeine Verwandten ſchliefen, vor⸗ bei kam. Hildegarde deutete auf ſie mit dem Bemer⸗ ken, daß hier Engländer wohnen: ſie habe ſie geſtern anlangen ſehen, ſei auf dem Wege nach der Treppe an ihnen vorübergekommen; und während ſie noch von dem grauen Mann und der verſchleierten Dame ſprach, hob ſie Hamilton eilig in den Wagen, und ſie fuhren davon. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Halt! Es war noch früh, als Hildegarde und Hamilton in Mainz eintrafen; ſo früh, daß der Letztere, nach⸗ dem ſie über dem Frühſtück ungewöhnlich lang verweilt hatten, endlich erklärte, er wolle ſich nach der Baro⸗ neſſe Waldorf erkundigen, und Hildegarde könnte zu einer ſpätern Stunde zu ihr gehen. Nach ſehr kurzer Abweſenheit kehrte er wieder zu⸗ rück und rief, ſich in einen Stuhl werfend: „nun, das iſt wahrhaft ein höchſt unverantwortliches Benehmen!“ „Was gibt es?“ fragte Hildegarde erbleichend, „hat ſie auch Mainz verlaſſen?“ Ja — auf und davon und ohne irgend eine Bot⸗ ſchaft für Sie zu hinterlaſſen!“ „Hier muß ein Irrthum oder eine Verwirrung außerordentlicher Art, entweder bei ihr oder bei Hor⸗ tenſe, obwalten! Ich möchte faſt dem Grafen Zedwitz beiſtimmen und glauben, daß ſie mir abſichtlich aus⸗ weicht, wenn ich nicht die Briefe von ihrer Hand gele⸗ 278 ſen hätte, worin ſie von ihrer Hoffnung, daß wir lange beiſammen ſein möchten — von ihrem Bedauern redet, daß ich nicht um einige Jabre älter ſey, — und die Bitte an Hortenſe hinzufügt, mich nicht bälder von München abgehen zu laſſen, als bis ſie eine Perſon ge⸗ funden hätte, die ſich meiner unterwegs annehmen könnte — und jetzt mich auf dieſe Weiſe ihr nachziehen laſſen! So augenſcheinlich vergeſſen, daß es überhaupt eine Perſon, wie ich, gibt! Es iſt ganz unbegreiflich!“ „Sie iſt nach Walvorf gegangen,“ ſagte Hamilton nund ein — Wldorf iſt nicht weit von Coblenz.“ „Sie wollen mir ſicherlich nicht rathen, ſie weiter zu verfolgen!“ rief Hildegarde unwillig. „O nein; ich habe Ihnen gerathen und mein Rath iſt noch, nach Hauſe zu gehen.“ „Und doch will ich noch einen weitern Verſuch ma⸗ chen, wenn auch höchſt ungern,“ ſagte Hildegarde. „Ich fühle mich beſchämt, nach einer ſolchen Irrfahrt heimzukehren; ich muß wenigſtens meinen Verwandten Etwas zu ſagen wiſſen. Wie wäre es, wenn ich an die Baroneſſe ſchriebe und ihre Antwort hier abwartete2 Das wird — das muß Alles aufklären.“ »Schreiben Siez“ ſagte Hamilton, „und wir kön⸗ nen es ſelbſt mit auf die Poſt nehmen, wenn wir mit einem Lohndiener die Merkwürdigkeiten der Stadt be⸗ ſehen. Ich glaube, wir können zwei oder drei Tage hier recht angenehm zubringen.“ „Ich werde bei Ihnen ſchrecklich in Schulden ge⸗ rathen,“ bemerkte Hildegarde erröthend. „Durchaus nicht,“ ſagte Hamilton mit dem ernſt⸗ hafteſten Geſicht von der Welt, „Sie haben mehr als Geld genug für alle Ihre Ausgaben hier, obwohl viel⸗ leicht nicht genng, um damit nach Hauſe zu kommen.“ Der Brief wurde geſchrieben und ſie eilten unter dem Vortritt eines geſchwätzigen Lohndieners davon, deſſen Bemerkungen ſie nach den erſten fünf Minuten nicht die geringſte Aufmerkſamkeit mehr ſchenkten. 279 Als ſie auf einem neuangelegten, an den Ufern des Rheins hinführenden Wege nach dem Hotel zurück⸗ kehrten, blieb Hildegarde ſtehen, um ein neues, ſchön gebautes Dampfbovt zu betrachten, an dem ein Anſchlag⸗ zettel beſagte, daß es den nächſten Morgen nach Cöln abgehen werde. „Möchten Sie gern das Innere ſehen, Hildegarde 220 „O mit Freuden!“ und das Dampfboot wurde mit einem Grad von Neugierde, Intereſſe und Bewunde⸗ rung in Augenſchein genommen, von dem ſich diejeni⸗ gen, welche von Kindheit auf an einen ſolchen Anblick gewöhnt ſind, keine Vorſtellung machen können. Der Kapitän des Schiffs, der zufällig an Bord war, hatte, wahrſcheinlich durch deren Aeußeres ange⸗ zogen, alle Kiſten und Käſten vor ihr aufgemacht, und Hamilton fand allmälig ſeine Erklärungen etwas gedehnt und langweilig, als er ſie plötzlich mit den Worten ſchloß, er hoffe, ſie am nächſten Tage unter ſeinen Paſſagieren zu ſehen. 2 „Wir ſind noch nicht ganz entſchloſſen,“ ſagte Ha⸗ milton über ihre Verlegenheit lachend, „obwohl ich,“ ſetzte er, zu ihr gewendet, hinzu, „wirklich nicht ein⸗ ſehe, was uns daran hindern ſollte.“ „Wir werden ſchönes Wetter haben,“ bemerkte der Kapitän, „und Abends bei guter Zeit in Cöln ſein.“ „Ich glaube, es iſt das Beſte, was wir thun kön⸗ nen,“ ſagte Hamilton leiſe engliſch. „Ich fürchte, es möchte unſchicklich — unrecht ſein — zum Zwecke bloßer Unterhaltung. Ueberlegen Sie es nur einen Augenblick.“ „Ich kann,“ erwiederte Hamilton, „ine größere Unanſtändigkeit darin ſehen, daß Sie einen oder zwei Tage auf einem mit Menſchen angefüllten Dampfboot, als in einem Hotel allein mit mir ſind — vielleicht noch viel weniger, aber ich leugne das Unanſtändige ganz und gar, wenn ich in Betracht ziehe, daß ich das ganze vergangene Jahr ein Glied Ihrer Familie geweſen 280 bin und Sie mich ſo vollſtändig als einen Freund — beinahe Verwandten zu betrachten gelernt haben.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Hildegarde, „aber doch —“ „Dann,“ fuhr Hamilton fort, „können Sie vor wenigſtens drei Tagen keine Antwort auf Ihren Brief bekommen, wir werden alſo gerade zu rechter Zeit zurück ſein, um ſie in Empfang zu nehmen. Ob wir mor⸗ gen Nacht in Cöln oder Mainz bleiben, iſt ohne alle Wichtigkeit und ich möchte Ihnen gerne die Landſchaften am Rhein zeigen. Laſſen Sie ihn dann künftig in Geiſte mit den Erinnerungen an mich vereinigt ein!“ Die letzten Worte wurden halb pathetiſch, halb flehend ausgeſprochen, und — Hildegarde leiſtete keinen weitern Widerſtand gegen einen Plan, der nur zu wohl mit ihren eigenen Neigungen übereinſtimmte. Wir wollen unſern Leſern eine Schilderung des Eindrucks erſparen, den der Rheingau, Johannisberg, der Lurleifelſen, Coblenz, Rolandseck, der Drachenfels und ſo weiter auf ſie hervorbrachten. „Was für ein hübſches Zimmer!“ ſagte Hildegarde zu Hamilton, der ihr im Hotel Bellevue zu Deutz die Treppe hinauf gefolgt war. „Was für ein hübſches Zimmer! Wir haben eine vollkommene Ausſicht über den Rhein und können den Garten ganz überſehen. Ich möchte wirklich eine Woche hier bleiben — wenn ich es wagte.“ „Ich habe nichts dagegen einzuwenden,“ ſagte Hamilton lachend, „obwohl ich eben gehört habe, daß ſo viele durchlauchtige Herrſchaften im Hauſe ſind, daß ich auf dem Sopha in dieſem Zimmer ſchlafen muß, wenn Sie nichts dagegen haben; denn nur dieſes und das anſtoßende Schlafzimmer ſind frei.“ Der Kellner trat dieſen Augenblick in's Zimmer, um ſich zu erkundigen, ob der Herr mit ſeiner Gemahlin hier oder an der Table dHote ſpeiſen würde. „Hier,“ ſagte Hamilton und erröthete tief, als er 281 ſich gegen Hildegarde wandte, die am Fenſter ſaß, aber nicht mehr auf den Rhein oder in den Garten ſah, ſon⸗ dern die Augen auf die Thüre gerichtet hatte, als der Kellner ſie ſchloß und mit geöffneten Lippen und leicht gerunzelten Brauen, wie es ſchien, noch Weiteres zu hö⸗ ren erwartete.“ „Sie ſehen ja über des Menſchen einfältigen Irr⸗ thum ganz entſetzt aus,“ ſagte Hamilton mit affektirter Sorgloſigkeit. „Es war kein einfältiger Irrthum, es war ein ſehr natürlicher Schluß.“ „Sie meinen vielleicht wegen der Zimmer? Laſſen Sie ſich das nicht anfechten, denn Sie ſollen im unge⸗ ſtörten Beſitz von beiden bleiben. Ich werde wohl ein Bett in einem der Gaſthöfe auf der andern Seite des Fluſſes bekommen; ich hätte Ihnen das auch ſogleich Fielen⸗ nur wollte ich Sie hier nicht gern allein aſſen.“ „Ich fürchte, Sie werden mich für höchſt ſelbſt⸗ ſüchtig halten,“ ſagte Hildegarde. „Durchaus nicht.“ „Alſo unnöthig prüde.“ „Das ein wenig.“ „Sie haben Recht,“ ſagte ſie mit einem Seufzer. „nachdem ich mit Ihnen auf eine ſo — ſo höchſt — leichtſinnige Weiſe in die Welt gegangen bin, ſo würde jeder Verſuch zur Prüderie unzeitig — lächerlich ſein. Es hindert Sie wirklich Nichts, in dieſem Zimmer zu ſchlafen, wenn Sie nicht fürchten, daß der Sopha hie⸗ für zu unbequem ſei.“ „Es hindert mich allerdings Etwas,“ ſagte Ha⸗ milton, „und das iſt, daß Sie es nicht wünſchen. Ich will ſogleich über die Brücke gehen und wenn dort noch ein Zimmer nicht ganz am andern Ende der Stadt zu haben iſt, vor Morgen nicht zurückkehren.“ „Würden Sie aber nicht beſſer daran thun, bis nach dem Abendeſſen zu warten?“ 282 „Es iſt kaum räthlich, denn um dieſe Jahreszeit gibt es der Reiſenden ſo viele, daß vielleicht Nichts in der Nachbarſchaft zu haben iſt, und Sie wiſſen, daß wir früh aufbrechen müſſen.“ Während er noch ſprach, erſchien jedoch der Kellner mit dem Abendeſſen, und ſie ſetzten ſich, halb erröthend, halb lachend nieder, und vergaßen über dem Schwatzen und Eſſen in wenigen Minuten die ganze Geſchichte. Es war der Kellner, „der einfältige Menſch“, der ſie wieder an das Unpaſſende ihres Zuſammenlebens erinnerte. Er kehrte mit der Anzeige zurück, daß das Muſikeorps von einem der eölniſchen Regimenter im Garten ſpielen werde — vielleicht wünſche Madame, daß man ihr einen Tiſch und Stuhl im Garten aufbewahre. Hamilton wagte nicht, ſeine Begleiterin anzublicken, als ſie die angebotene Höflichkeit ablehnte, ſondern griff nach ſeinem Hut und eilte ſo ſchnell als möglich davon. Aber er kehrte zurück und zwar ſehr bald, und fand zu ſeinem großen Verdruß Hildegarde bereits auf ihrem Zimmer und die Thüre verſchloſſen. Etwa zehn Minuten ſchritt er nun nicht gerade ſehr geduldig oder ruhig auf und ab und klopfte dann. „Gute Nacht,“ ſagte Hildenarde. „Ich bedaure, Ihnen ſagen zu müſſen, daß ich nirgends, als auf einem ſehr abgelegenen Platze ein Zimmer zu finden vermochte; da aber das Dampfſchiff ſo frühe abgeht und es mir ſo leicht paſſirt, mich zu verſpäten, ſo hielt ich für beſſer, Sie zu fragen, was ich thun ſollte?“ „Es thut mir ſehr leid,“ begann Hildegarde. Mir auch,“ ſagte Hamilton, „aber da es ſich nicht anders machen läßt, können Sie meines Erachtens ebenſo gut noch eine Stunde herauskommen und mit mir über unſer Rückreiſe ſprechen.“ „Ich gehe gerade zu Bett; ich bin müde.“ 283 „Haben Sie etwas dagegen, daß ich eine Cigarre rauche, wenn ich das Fenſter öffne?“ „Nicht im Mindeſten: rauchen Sie ein Dutzend, wenn's Ihnen beliebt.“ Er öffnete das Fenſter und beugte ſich hinaus, um das belebte Schauſpiel, das zu ſeinen Füßen ſich dar⸗ ſtellte, zu beobachten. Der Garten war gedrängt voll und von Lichtern erhellt, die vor dem Winde durch Glaskugeln geſchützt wurden; das Murmeln der Stim⸗ men und fröhliche Lachen drang zu ihm empor, und hätte er nicht fortwährend eine ſchwache Hoffnung ge⸗ hegt, Hildegarde noch zu ſehen, er würde ſich den Nacht⸗ ſchwärmern angeſchloſſen haben, nicht in Erwartung eines wirklichen Genuſſes, ſondern in der Abſicht, die Gedanken zu verbannen, die in Menge auf ihn ein⸗ drangen und einen bei ihm ganz ungewöhnlichen Zu⸗ ſtand nervöſer Aufregung erzeugten. Er war ärgerlich über Hildegarde's ruhiges, freund⸗ ſchaftliches Benehmen; es ſtand in ſo peinlichem Con⸗ traſt mit ſeiner eigenen fieberiſchen Ungewißheit, daß ſeine Eiferſucht ihm das Bild von Zedwitz ohne Wider⸗ ſtand immer deutlicher vor die Seele ſtellte. Mußte nicht die Stellung einer Gouvernante für ein Weſen ihrer ſtolzen Art unerträglich ſein? Mußte ſie nicht, nachdem fie es damit verſucht hatte, mit Freuden die Hand von Zedwitz annehmen, der ihren eigenen Worten nach ſie mehr als irgend Jemand ſonſt, — ſie mehr liebte, als ſie es verdiente? Dieſe Gedanken wurden zuletzt uner⸗ träglich, und mit einem Sprung war er wieder an ihrer Thüre. „Hildegarde, das Muſikeorps fängt im Garten zu ſpielen an, wollen Sie nicht herauskommen und zu⸗ hören?“ „Nein, ich danke.“ „Aber Sie ſind doch hoffentlich noch nicht zu Bett gegangen?“ Es erfolgte keine hörbare Antwort. 284 „Sie ſind doch noch nicht zu Bett gegangen? Ich möchte mit Ihnen ſprechen — öffnen Sie die Thüre — ich bitte — ich beſchwöre Sie.“ „Was Sie mir zu ſagen haben, läßt ſich morgen ebenſo gut als jetzt ſagen.“ „Ich möchte es lieber jetzt ſagen.“ „Und ich es lieber morgen hören.“ Hamilton kannte ſie zu gut und kehrte darauf zu ſeinem Fenſter zurück, wo er bewußtlos für Alles, was unter ihm vorging, länger als eine Stunde blieb und nichts als einen wirren Laut von Inſtrumenten hörte, der bei ihm ein höchſt peinliches Gefühl von Ermüdung hervorbrachte. Er ſchloß das Fenſter, löſchte mit einem ziemlich verzagten Blick auf das Zimmer, das als Schlaf⸗ ſtätte ihm nur ſehr wenig Bequemlichkeit bot, das Licht und ſtreckte ſich der ganzen Länge nach auf dem Sopha aus. Lange war er in tiefe Gedanken verſunken und wie er in dem dunkeln Gemache ſo dalag, beſchloß er, daß eine zweite Nacht ihn nicht mehr in einem ſolchen Zuſtande der Ungewißheit finden ſollte. Und warum ſollte er ſich jetzt plagen? Warum nicht ſein Schickſal auf ein⸗ mal erfahren? Er wollte darauf beſtehen, daß Hilde⸗ garde ihn anhöre und Antwort gebe. Er ſprang auf und ſogleich hefteten ſich ſeine Augen an einen hellen Lichtſtreifen, der unter ihrer Thüre ſichtbar war. Sie war noch wach, vielleicht noch auf. Er klopfte und bemerkte mit leiſer Stimme, an die Thüre gelehnt: „Hildegarde, ich kann nicht ſchlafen.“ „Das thut mir recht leid,“ antwortete ſie, „wahr⸗ ſcheinlich iſt der Sopha — —“ „Ja, der Sopha,“ ſagte Hamilton. „Ich wünſche,“ ſagte ſie, ſich der Thüre nähernd, „ich ich könnte Ihnen dieſes Zimmer abtreten — aber —“ „Das iſt nicht nöthig, geben Sie mir nur einige von den Kiſſen, die Sie nicht brauchen, dann werde ich mich ganz behaglich finden.“ 285 „Wie einfältig von mir, daß ich nicht früher daran gedacht habe!“ rief ſie die Thüre öffnend. „Während Ihrer Abweſenheit hätte ich Alles zurecht machen kön⸗ nen, aber der Umſtand iſt, daß ich die letzten zwei Stunden in tiefem Nachdenken — ſo tief, wie noch nie in meinem Leben — begriffen war!“ „Ich desgleichen,“ ſagte Hamilton, die Kiſſen, die ſie für ihn zuſammenpackte, gänzlich überſehend. „Wie wäre es, wenn wir unſere Gedanken verglichen?“ „Nicht jetzt, morgen.“ „Jetzt, jetzt, noch dieſen Augenblick,“ ſagte er, in⸗ dem er ſich auf den Sopha ſetzte und ihr andeutete, neben ihm Platz zu nehmen. Sie ſchüttelte den Kopf und blieb ſtehen. „Was in aller Welt ſoll dieſe Zurückhaltung — dieſe ungewöhnliche Prüderie bedeuten?“ fuhr er fort, indem er der Seite näher rückte, wo ſie lehnte. „Nichts,“ ſagte ſie, ſich zurückziehend, „ich denke nur, es würde beſſer ſein, was Sie mit mir zu ſprechen haben, bis morgen zu verſchieben, es iſt ſo ſpät — ſo gar ſpät.“ „Es iſt nicht das erſte Mal, daß wir um Mitter⸗ nacht beiſammen ſind,“ ſagte Hamilton lachend; aber ſie erröthete bei dieſen Worten ſo tief, daß er ernſt hin⸗ zufügte: „wenn etwas Unſchickliches daran wäre, würde ich es Ihnen ſagen; Sie dürfen mir jetzt glauben, daß dem nicht ſo iſt!“ „Sie ſind nicht unfehlbar, fürchte ich,“ ſagte ſie traurig, „denn Sie haben nichts Unſchickliches darin geſehen, daß ich allein mit Ihnen hierher reiste; aber ich ſehe und fühle es jetzt und werde es mein Leben lang bereuen.“ „Guter Gott!“ rief Hamilton. „Habe ich je Et⸗ was geſagt oder gethan —“ „O nein, nie — nie!“ rief Hildegarde, ihn unter⸗ brechend. 286 „Warum entziehen Sie mir dann Ihr Vertrauen, wenn ich nichts gethan habe, es zu verwirken?“ „Ich habe daſſelbe Vertrauen zu Ihnen, wie im⸗ mer,“ antwortete ſie mit einem Seufzer — „aber un⸗ i Weiſe alles Vertrauen zu mir ſelbſt ver⸗ oren.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich habe entdeckt, daß es nicht der Wunſch war, den Rhein zu ſehen oder auf einem Dampfbvot zu fah⸗ n⸗ was mit beſtimmt hat, Mainz mit Ihnen zu ver⸗ aſſen.“ „Und was war es denn?“ fragte Hamilton eifrig. „Es war das Verlangen, bei Ihnen zu ſein — ungeſtört Ihre Geſellſchaft noch einige Tage zu genießen, ehe wir für immer ſcheiden!“ „Nicht für immer,“ ſagte Hamilton. „Ich ſchäme mich, daran zu denken, wie leicht ich mich auf die Einbildung bringen ließ, es wäre meine Schuldigkeit, dieſer Baroneſſe Waldorf nach Mainz zu folgen — noch mehr, daran zu denken, wie bald ich meine Zweifel wegen des Hieherkommens erſtickte — und zwar wirkſam erſtickte, daß die ganze offenbare Unſchicklichkeit mir nicht eher einfiel, als bis dieſen Abend der Kellner —“ „Sich der ſchrecklichen Vorausſetzung ſchuldig mach⸗ en, daß Sie meine Frau wären! Würde das ſo furcht⸗ bar ſein?“ fragte Hamilton. „Der Kellner bewies mir durch ſeine einfache Be⸗ merkung,“ fuhr ſie fort, ohne von ſeiner Unterbrechung Notiz zu nehmen, „daß ich nie unter andern Umſtän⸗ den, ſo wie es geſchehen, bei Ihnen hätte ſein ſollen — und damit war mein Urtheil ſogleich geſprochen. Ich muß zu meiner Stiefmutter heimkehren.“ „Vielleicht auf ein paar Jahre, es wäre das Beſte, was Sie thun könnten,“ ſagte Hamilton. „Zu meiner Stiefmutter, oder — zu Mademoiſelle Hortenſe,“ fügte ſie nachdenklich hinzu, indem ſie ſich 287 auf einen Stuhl ſetzte und unbewußt ihm näher rückte. „Natürlich habe ich jede Idee, zur Baroneſſe Waldorf zu gehen, aufgegeben.“ „Es freut mich, das zu hören. Der Plan gefiel mir nie.“ „Und mir thut es ſo leid, daß ich ihn aufgeben muß.“ „Machen Sie ſich deßhalb keinen Kummer — es würde nicht gut gethan haben. Ich habe nie eine Per⸗ ſon geſehen, die für die Stellung einer Gouvernante weniger tüchtig geweſen wäre, trotz Ihrer vortrefflichen Erziehung und außerordentlichen Talente für Sprachen.“ „Tüchtig!“ wiederholte Hildegarde, „Sie haben Recht. Ich bin nicht mehr tüchtig dafür. Ich paſſe wehr dazu, die Erziehung — eines Mädchens zu eiten!“ „Ich hoffe, Sie werden gegen Niemand ſonſt auf ſolche Weiſe ſprechen,“ ſagte Hamilton ernſt. „Es würde den Glauben erregen, Sie hätten ſich eines wirklichen Vergehens ſchuldil gemacht.“ „Ich habe mich eines Vergehens ſchuldig gemacht,“ ſagte Hildegarde niedergeſchlagen, „und eines ſolchen, das ich nothwendig der Baroneſſe Waldorf entdecken müßte, ehe ich in ihr Haus einträte; darnach würde ſie ſich aber ohne Zweifel weigern, ihre Tochter meiner Sorg⸗ falt anzuvertrauen. Um der verdienten Kränkung zu entgehen, werde ich mich nach Hauſe begeben, Hortenſe Alles erzählen und mich von ihrem Rathe noch ein oder zwei Jahre leiten laſſen. Und nun,“ fügte ſie hinzu, „habe ich nur noch Eins zu bemerken, und das iſt, daß wir ſo gut als möglich unſern Leichtſinn wieder gut machen oder vielmehr eine Fortſetzung deſſelben durch alsbaldige Trennung vermeiden ſollten. Ich werde mor⸗ gen nach Mainz zurückkehren, und Sie müſſen nach England weiter gehen.“ „Ich werde nach — Schottland gehen, wenn Sie mit mir kommen wollen, Hildegarde,“ ſagte Hamilton. „Seien Slie nicht böſe, ich ſcherze nicht. Ich habe auf den Gegenſtand 283 Ihrer zweiſtündigen Betrachtungen gehört, und erwarte nun, daß Sie auch auf die meinigen hören werden.“ Und damit begann er eine lange und, Alles erwo⸗ gen, nicht ſehr dorurtheilsvolle Auseinanderſetzung ſeiner Lage und Umſtände, erzählte ihr von den fünftauſend Pfund, deren Erbſchaft er in zwei Jahren antreten würde, und ſchloß, indem er die Hoffnung ausſprach, ſie könnten mit dieſer Summe ſich irgendwo ankaufen und ihr Auskommen finden, wie er angefangen hatte, mit dem Vorſchlag, ſie ſolle ihn nach Schottland be⸗ gleiten und dann zu ihrer Mutter zurückkehren, bis er ſie gänzlich in Anſpruch nehmen könnte. Sie hörte ſchweigend zu, während der Ausdruck tiefer Aufmerkſamkeit allmälig in Erſtaunen und Ver⸗ wirrung überging. Es war zum erſten Mal, vaß der Gedanke einer Heirath mit ihm ihr vor die Seele tratz ſie hatte ſich gewöhnt, dieß als eine ſo völlige Unmög⸗ lichkeit zu betrachten, daß ſeine gelegentlichen Ausbrüche von Zorn oder Zärtlichkeit keinen Eindruck mehr auf ſie machten. Beſchämt über das Geſtändniß, das ſie ihm eben ſelbſt ſo freimüthig abgelegt hatte, und auf den plötz⸗ lichen Wechſel der Empſindungen, den ſeine Worte her⸗ vorbrachten, nicht vorbereitet, wandte ſie ſich ab und machte, da er inne hielt, um eine Antwort zu erhalten, nicht einmal einen Verſuch, zu ſprechen. Als Hamilton vergeblich eine Antwort erwartete, wurden ſeine früheren Zweifel zur Gewißheit — ſie hatte ihn gerne, ohne ihn zu lieben. Mit einer Schwierigkeit, die mit dem vorangehenden Redefluß einen ſtarken Con⸗ traſt bildete, brachte er jetzt ſtammelnd hervor, er hoffe, ſich über die Natur ihrer Gefühle gegen ihn nicht getäuſcht zu haben. „Nein — o nein,“ antwortete Hildegarde, ohne ſich umzuwenden. „Und Sie lieben mich alſo, oder wollen verſuchen, mich hinlänglich zu lieben, um —“ — — 289 „Warum mich zwingen, unnöthige Geſtändniſſe zu machen?“ ſagte ſie mit tiefem Erröthen, „laſſen Sie mich lieber fragen, wann Sie gehört haben, daß Sie ein Vermögen, das Ihnen Unabhängigkeit verſchafft, erben werden. In Frankfurt vielleicht?2“ „Nein,“ erwiederte Hamilton, „ich wußte davon, da ich noch ein Kind war, und betrachtete es damals, wenn auch nicht als ein ganzes Vermögen, doch als eine ſehr große Geldſumme.“ „Und iſt es nicht eine ſehr große Geldſumme?“ „Für einen Knaben, um ſich Spielſachen und Po⸗ ny's zu kaufen, ja; aber für einen Mann, um davon zu leben —,“ er hielt inne; es lag eine zu beredte Sprache in ihrem Blick. „Für einen Mann,“ ſagte ſie, „der gleich Ihnen erzogen worden iſt, wahrſcheinlich zu wenig — nichts!“ „Nein,“ rief Hamilton ſchnell. „Mit meinen ge⸗ genwärtigen Vorſtellungen und Gefühlen iſt es ein Aus⸗ kommen — iſt es Alles, was ich bedarf — Alles, was ich wünſche.“ „Sie hätten alſo Creſcenz heirathen können, wenn dieß Ihr Wunſch geweſen wäre,“ ſagte ſie langſam. „Ich hätte ſie nie genug lieben können, um mich zu dem Opfer zu beſtimmen —“ „Opfer! Und es iſt groß — vielleicht ſehr groß2“ „Es hört auf, eines zu ſein, wenn ich es für Sie bringe.“ „Und Sie haben erſt kürzlich — erſt ganz kürzlich vielleicht ſich zu dieſem Opfer entſchließen können?“ „Laſſen Sie mich Ihre eigenen Worte gebrauchen, Hildegarde. Zwingen Sie mich nicht, unnöthige Ge⸗ ſtändniſſe zu machen,“ ſagte Hamilton, indem er noch tiefer, als ſie zuvor, erröthete. Sie ſtützte ſich auf den Tiſch und legte den Kopf auf ihre Hände. Hamilton wurde es ſehr unbehaglich zu Muthe. „Ich hatte erwartet,“ ſagte er endlich etwas gereizt, Die Anfangsbuchſtaben. II. 19 290 „ich hatte erwartet, daß dieſe Erklärung anders aufge⸗ nommen würde.“ Ich wünſche,“ antwortete ſie, „dieſelbe wäre nie gemacht worden. Ich hätte mich Ihrer lieber erinnert, als — wie ich Sie mir dachte — von Ihrem Vater ni und außer Stand, eine Wahl zu treffen.“ „Das iſt zu viel!“ rief Hamilton, indem er vom Sopha aufſprang und im Zimmer auf⸗ und abſchritt. „Ich bin in Ihrer Achtung geſunken, während — aber Sie verſtehen nicht.“ „Wahrſcheinlich nicht ganz, aber das iſt mir klar, das Opfer muß ungeheuer ſein — über meine Vorſtel⸗ lung hinaus gehen — ſonſt würden Sie nicht ſo lange gezaudert haben, denn — ich denke — ja — ich bin gewiß — Sie lieben mich.“ Hamilton blieb vor ihr ſtehen und rieft „O Hildegarde, wie können Sie mich alſo quälen?“ „Ich möchte lieber mich ſelbſt quälen,“ ſagte ſie, „aber,“ und ſie ſchaute ihn feſt an, „aber deſſen un⸗ geachtet muß ich Ihnen ſagen, daß ich Ihr Opfer we⸗ der annehmen kann noch will.“ „Dann, Hildegarde, lieben Sie mich nicht,“ rief er ungeſtüm. „So? Begreifen Sie nicht, daß ich Ihnen eben den größten Beweis davon, deſſen ich fähig bin, gebe? Sie nicht, daß ich auch ein Opfer bringen ann?“ „Ich verſtehe und ſchätze Ihre Beweggründe beſſer, als Sie die meinigen,“ antwortete er. „Verwundeter Stolz kommt Ihrer Großmuth zu Hülfe. Sie ſind ge⸗ kränkt darüber, daß ich gezögert, überlegt habe — es war vielleicht klug, aber es thut mir jetzt von Herzen leid. Ich ſehe, daß Sie deßhalb Ihre Gedanken und Neigungen beherrſchen zu müſſen glaubten, daß Freund⸗ ſchaft und nicht Liebe Alles iſt, was ich für eine Er⸗ gebenheit erlangt habe, die etwas mehr verdiente — wenn Sie nur Alles wüßten —“ Er hielt inne, fuhr 291 aber, als Hildegarde keinen Verſuch zu ſprechen machte, fort: „ich dachte, als wir in Aſchaffenburg zuſammen⸗ trafen — ich hoffte, nach dem, was Sie eben jetzt ſag⸗ ten — daß — Hildegarde!“ rief er heftig, „Sie ver⸗ langen zu viel von mir; verzogen, wie ich bin, von der Schmeichelei, verlangen Sie von mir, ohne Kampf meine Natur, meine Sitten und Gewohnheiten zu än⸗ dern! Ich kann nicht raſen, gleich Ihrem Couſin —“ Hildegarde wurde todesblaßz ſie verſuchte zu ſprechen und bewegte ihre Lippen, brachte aber keinen Laut hervor. „Auch kann ich,“ fuhr er noch heftiger fort, „keine Abweiſungen ertragen, gleich Zedwitz!“ Hamilton hörte ſie die Worte murmeln „unedel — und ungerecht.“ „Vergeben Sie mir, Hildegarde, ich ſprach im Zorn und es thut mir leid — ich hätte Ihren Coufin nicht nennen ſollen — können Sie mir vergeben?“ Sie reichte ihm ſchweigend die Hand. „Laſſen Sie uns jetzt,“ ſagte er, ſich neben ſie ſetzend, „einander keine weiteren Fragen vorlegen, oder noch von Opfern reden; aber Sie müſſen ein liebes Kind ſein und mir verſprechen, mit mir morgen nach Eng⸗ land zu gehen? nicht wahr?“ WSie blieb ſtumm und ſchlug die Augen nieder, während ſie langſam den Kopf ſchüttelte. „Sie wollen nicht?“ „Ich darf nicht,“ antwortete ſie ſanft, legte aber, als ſie bemerkte, daß er wieder aufzuſpringen Willens war, ihre Hand auf ſeinen Arm und fuhr fort: „Verlangen Sie nichts von mir, was uns Unglück bringen könnte. Ich will auf vernünftige Bedingungen ein Gelöbniß mit Ihnen eingehen.“ „O — auf vernünftige Bedingungen!“ wiederholte er ironiſch. „Ich kann nicht fortfahren — Sie ſind ſo unfreund⸗ lich,“ ſagte ſie, während ihr Thränen in die Augen traten. 19* 292 Es erfolgte eine lange und peinliche Pauſe. Ha⸗ milton machte ihr ein Ende, indem er ſagte: „Nun wohl, was ſind Ihre Bedingungen — Et⸗ was iſt beſſer als Nichts — nennen Sie dieſelben — ich willige in Alles, vorausgeſetzt, daß ich Sie in zwei Jahren anſprechen darf.“ „Selbſt wenn Sie es nicht thun,“ ſagte Hilde⸗ garde, „verſpreche ich Ihnen zu vergeben.“ „und vielleicht auch mich zu vergeſſen,“ ſagte Ha⸗ milton mit erzwungenem Lächeln. „Das — kann ich — nicht verſprechen; aber auf mich kommt wenig dabei an. Sie müſſen für dieſe zwei Jahre nach Hauſe zurückkehren, das zu bringende Opfer wohl erwägen es wird nicht bloß ein pekuniäres ſein, denn ich vermuthe, daß nicht die geringſte Ausſicht vorhanden iſt, die Einwilligung ilger Familie zu unſerer Heirath zu erhalten, und da Sie davon ſprachen, Ihren Aufent⸗ halt in Deutſchland nehmen zu wollen, ſo ſchließe ich, * müſſen Sie alle ihre Verwandten und Ihr Vaterland dazu aufgeben!“ „Fahren Sie fort,“ ſagte Hamilton, ohne ſich zu rühren oder ſie anzublicken. „Ich werde mich durch ein Verſprechen, das ich jetzt freiwillig gebe, gebunden erachten, Ihre Entſcheidung abzuwarten. — Sie ſind frei.“ „Fahren Sie fort,“ wiederbolte er noch einmal. „Was können Sie mehr verlangen? „Nun, nichts, obwohl ich beinahe erwartete, Sie würden vorſchlagen, dieſes höchſt vernünftige Gelöbniß auf vernünftige Bedingungen“, in gehöriger Form zu Papier zu bringen,“ und bei dieſen Worten zog er das Papier heran und ergriff eine Feder, warf z jevoch ſogleich wieder weg und rief leidenſchaftlich aus: „O Hilvegarde, das geht nie an! So ſehr ich Ihre Gharafterfeſtigteit und Freiheit von den gewöhnlichen Schwächen Ihres Geſchlechts bewundere, ich — ich hoffte — ich wünſche, daß Sie nur einmal einem Mädchen 293 Ihres Alters gleichen möchten! Ich bin bereit, ohne Bedauern, alle meine Verwandten und Freunde zu ver⸗ laſſen, alle meine Hoffnungen auf Ruhm und Erfolg im Leben aufzugeben mich für immer aus meinem Vaterland zu verbannen — “ „Ah, jetzt verſtehe ich Sie,“ rief Hildegarde, ihn unterbrechend. „Ein Mann hat Hoffnungen auf Ruhm, Erwartungen von Erfolg im Leben. Wir haben nichts der Art, und darum iſt auch unſere Liebe vollkommen ausſchließlich, allumfaſſend.“ „Nicht die Ihrige,“ ſagte Hamilton, „obwohl ich geſtehen muß, daß ich etwas dergleichen, wenigſtens einen Funken lebhaften Gefühls erwartet hättez gleichwohl, unſer Contract iſt geſchloſſen, unwiderruflich — ſelbſt da ich ſehe und fühle, daß Ihre Liebe von der wirk⸗ lich kälteſten Natur iſt, ja kaum dieſen Namen ver⸗ dient.“ „O warum,“ rief Hildegarde mit ihrer ganzen natürlichen Heftigkeit, „warum gibt es kein Opfer, das ich bringen könnte, um Sie von Ihrem Irrthum zu überzeugen! Es gibt keines, wozu ich nicht bereit wäre, vorausgeſetzt, daß es Ihnen nicht Schaden brächte! Hamilton ſchüttelte den Kopf und wandte ſich ab. „Sie glauben mir nicht? — Prüfen Sie mich — fordern Sie einen Beweis — was Sie wollen.“ Er ſprang auf, trat zu dem Fenſter, riß es weit auf und lehnte ſich ſo weit als möglich in die Nacht⸗ luft binaus. Das war für Hildegarde zu viel. Es hatte ſie ſo große Anſtrengung gekoſtet, ihre Gefühle zu verbergen, und jetzt erkannte ſie, daß ſie mißverſtanden, ihr auf⸗ richtiger Wunſch, großmüthig zu handeln, mit Verach⸗ tung aufgenommen worden, Ham'lton, dem ſie ohne Rückhalt oder Unterſuchung zu vertrauen gelernt hatte, unzufrieden, vielleicht zornig über ſie war. Verwirrt, gepeinigt, ermattet, that ſie endlich, was beſſer vor einer 294 halben Stunde geſchehen wäre; ſie bedeckte ihr Geſicht mit ihrem Taſchentuch und brach in Thränen aus. Im Augenblick, da Hamilton ſich umwandte und gewahr wurde, daß ſie ſo herzlich weinte, als nur von einem Mädchen ihres Alters verlangt werden konnte, vergaß er ſeinen Zorn über ihren unerwarteten Wider⸗ ſtand gegen ſeine Wünſche, ſtürzte auf ſie zu, begann eine unzuſammenhängende Reihe von Entſchuldigungen, Bitten und Erklärungen. Für eine dritte Perſon würde es ſchwer geweſen ſein, zu begreifen, was er meinte; Hildegarde jedoch ſchien ihn vollkommen zu verſtehen. Nach kurzer Zeit begann ſie aufzuſchauen und wieder zu lächeln und eine Viertelſtunde ſpäter beſprachen ſie ihre zukünftigen Plane auf die freundſchaftlichſte Weiſe von der Weit. Wiederum nahm Hamilton zu Papier und Feder ſeine Zuflucht, aber dießmal nur, um eine Skizze von dem Bauernhaus bei Hohenfels zu entwerfen, das in zwei Jahren ihre Heimath werden ſollte. Er wollte ſogleich deßhalb an die 3—8 ſchreiben, oder zu ihnen gehen, das würde noch beſſer ſein. Nein; Hildegarde meinte, es wäre klüger, zu war⸗ ten, bis er es kaufen könnte. „Wir werden wahrſcheinlich Kühe, Kälber und all' dergleichen Dinge haben,“ ſagte Hamilton. ſollte ich denken,“ erwiederte Hildegarde ſehr ernſt. „Ich bin begierig, ob wir ein paar Pferde halten können?“ ſagte Hamilton. uſt „An den Karren vielleicht,“ antwortete Hildegarde uſtig. „Nein; aber im Ernſt, Hildegarde, ich möchte wiſ⸗ ſen, wie viele Dienſtboten wir halten können?“ „Sehr wenige vermuthe ich,“ ſagte Hildegarde, „und darum will ich ſogleich bei meiner Rückkehr nach Hauſe mir Mühe geben, mich wirklich brauchbar zu machen.“ „Aber,“ ſagte Hamilton, „aber dieſe häuslichen 295 Details, welche Ihrem Geſchmack ſo zuwider ſind, — dieſe gemeinen Sorgen —“ 125 „Alles, Alles wird für mich jetzt voll Intereſſe ſein,“ ſagte Hildegarde lachend, „es iſt mir wirklich, als ob ich ſelbſt das Kochen lernen könnte!“ „Nein, nein, das wünſche ich nicht, wir werden jedenfalls eine Köchin haben. A. Z. ſchien zu denken, wir könnten ganz behaglich auskommen, wenn wir auf dem Lande leben! Ich werde mir gar nichts daraus machen, mit dem Pflug hinauszugehen, wenn es nöthig iſt — und Sie — Sie können ſpinnen, wiſſen Sie; nichts bewundere ich ſo ſehr, als eine anmuthige Ge⸗ ſtalt am Spinnrocken; Sie ſollen einen von Elfenbein haben und — aber können Sie ſpinnen?“ „Noch nicht, aber ich kann es leicht lernen, und mit der Zeit werden wir, behaupte ich, einen ganzen Schrank voll Leinwand bekommen.“ „O, ich bin überzeugt, wir werden famos fort⸗ kommen; die 3—s ſind durchaus nicht reich — eher arm, glaube ich, und ſie ſind ſo glücklich und leben ſo reſpektabel — ſie werden unſere Nachbarn ſein und Ihnen gewiß gefallen.“ „O, ſie habe ich ſchon in Seon gut leiden können, weil ſie mir Bücher geliehen hat,“ bemerkte Hildegarde. „Sie werden für uns eine Geſellſchaft abgeben — das heißt, wenn wir je ſolcher bedürfen. Baron Z. iſt ein ſehr heiterer Mann und ſeine Gattin wirklich eine äußerſt verſtändige Frau. Sie verſteht die Haushal⸗ tung und das Seifekochen, und alle dergleichen Dinge und wird Ihnen ohne Zweifel von großem Nutzen ſein. Dann werde ich die Hälfte ihrer Alpe pachten und un⸗ ſere Kühe Sommers dahin ſchicken, und wir gehen hin⸗ auf, darnach zu ſehen, und machen kleine Partieen mit den Z —s. Ich muß Ihnen das Alles erzählen.“ Und er erzählte ihr das Alles und ſo vieles An⸗ dere dazu, — daß die Nacht dahinſchwand — die Lich⸗ ter niederbrannten, und als endlich die Flamme im 296 geſchmolzenen Wachs erloſch, erblickten ſie einander im grauen, kalten Licht des anbrechenden Tages! Die zwei Tage, welche Hamilton und Hildegarde auf ihrer Rückkehr nach Mainz auf dem Dampfboot zubrachten, waren vielleicht die glücklichſten ihres noch ſo jungen Lebens. Wie ſie ſo beiſammen ſaßen und die ſchönen Wendungen des Stromes betrachteten, oder an den bewaldeten Bergen am Ufer hinaufſchauten, be⸗ gründete ſich das vollkommenſte Vertrauen zwiſchen ihnen. Die Ereigniſſe des vergangenen Jahrs wurden mit einer Umſtändlichkeit ſelbſt in den Details beſprochen, welche den Beweis lieferten, daß entweder ihr Gedächtniß außer⸗ ordentlich treu war, oder die unbedeutendſten Umſtände aus dieſem Zeitabſchnitt Beiden ein ganz ungewöhn⸗ liches Intereſſe dargeboten hatten. Ihre Geſtändniſſe und Erklärungen waren noch nicht einmal zu Ende, als ſie Mainz erreichten, wo Hildegarde einen Brief von der Baroneſſe Waldorf vorfand. Als ſie ihn Ha⸗ milton überreichte, bemerkte ſie: „Nach dem, was Sie mir dieſen Morgen geſagt haben, kann ich ihr Benehmen verzeihen, wenn auch nicht billigen, — ſie verſichert jedoch, an Hortenſe ge⸗ ſchrieben zu haben, um meine Abreiſe von München zu verhindern, und ich bin froh deßhalb, ſofern es mich aller Erklärungen überheben wird, und ich kann meiner Mutter wie Hortenſe noch dieſen Brief zeigen — ſo iſt Alles gerade abgelaufen, wie wir es nur wünſchen konnten. „Ja,“ ſagte Hamilton, „und wir wollen verſuchen, alle Entſchuldigungen der Baroneſſe für wahr anzu⸗ nehmen — wahrſcheinlich hat ſie ihre Plane ganz ge⸗ ändert und wird wohl auf ein oder zwei Jahre für ihre Tochter gar keine Gouvernante annehmen — wir wol⸗ len alſo unſere Zuſtimmung zu ihrer Heirath mit Zed⸗ witz g ben, — dem ſie ſo ſehr, als es eine ſolche Per⸗ ſon vermag, zugethan iſt, — obwohl ſie durch den von ihr abgelegten Beweis von Eiferſucht wohl ſchwerlich in 297 ſeiner Achtung ſteigen wird. — Aber was gedenken Sie mit dieſer Anweiſung auf ihren Bankier in Frank⸗ furt — dieſem Friedensopfer, das ſie ſo beſcheiden ihre Schuld nennt, anzufangen?“ „Ich möchte ſie — ſehr gerne — zurückſchicken,“ ſagte Hildegarde zögernd. „Ich dachte mir es,“ erwiederte Hamilton, „mittler⸗ weile kann ich an A. Z. ſchreiben und ihr zu wiſſen thun, daß wir, wenn wir in zwei Jahren noch leben, Alle beiſammen ſein werden, und den Baron Z. er⸗ ſuchen, mit dem Felſenbauer in Unterhandlung zu tre⸗ ten. A. Z. ſoll Ihnen mein Tagebuch überſchicken; die Lectüre deſſelben wird Ihnen Unterhaltung gewäh⸗ ren und am Rande müſſen Sie Alles aufzeichnen, was zur Erklärung nothwendig iſt, oder was Ihnen, kurz geſagt, von Intereſſe erſcheinen mag, wenn wir nach zehn oder zwölf Jahren es wieder zur Hand nehmen. Ein Tagebuch, wiſſen Sie, gewinnt gleich dem Wein wunderbar durch das Alter!“ Hamilton begleitete Hildegarde auf ihrem Heim⸗ wege, ſo weit als ſie es geſtattete — die letzte Tag⸗ reiſe zog ſie vor, allein zu ſein, und in Ingolſtadt trenn⸗ ten ſie ſich. Auf zwei Jahre? oder auf ewig? „ Siebenundvierzigſtes Kapitel. Schluß. Es mag unter meinen Leſern einige, vielleicht vele geben, die Hamilton wohl für einen verwünſchten Nar⸗ ren halten, wenn ſie hören, daß er zur beſtimmten Zeit 298 den Drohungen ſeines Onkels Trotz bot, allen Ver⸗ lockungen deſſelben widerſtand, ſeine fünftauſend Pfund nach München übermachte und nach Bayern mit der Abſicht zurückkehrte, daſelbſt zu leben und zu ſterben, die Welt (nämlich London) vergeſſend und von ihr ver⸗ geſſen. Wir wünſchen nicht, ihn in der Meinung von Jemand ſinken zu laſſen, und erſuchen darum Alle, welche geneigt ſein könnten, ſich eine ſolche Vorſtellung von ihm zu machen, unter dieſen Umſtänden das Bu zu ſchließen und ſich einzubilden, er habe ſo gehandelt, wie ſie an ſeiner Stelle gethan hätten. Oft ſind Ge⸗ lübde, ſo feierlich wie die ſeinigen, und aus denſelben eigennützigen Beweggründen, die ihn hätten in Ver⸗ ſuchung führen können, gebrochen worden; und wenn die Welt auch dazu ihren Beifall nicht gegeben, hat ſie ſolche Treuloſigkeiten wenigſtens nicht in einer Weiſe gerügt, welche Andere von der Ausübung derſelben ab⸗ ſchrecken konnte. Stelle Dir ihn alſo, mein Leſer (nicht mein ge⸗ neigter Leſer, denn dieſer würde nie eine ſolche Vor⸗ ſtellung gutheißen) nach Verlauf von zwei Jahren als einen Mann von Welt oder einen weltlichen Mann vor, wie es Dir beliebt, Hildegarde nicht gerade ver⸗ geſſen, aber in ſeiner Crinnerung nur noch als ein ſhone Mädchen lebend, in welches er einſt ſo verliebt geweſen, daß er den albernen Gedanken gehegt hatte, mit ihr und ein paar hundert Pfund jährlich im Bayeri⸗ ſchen Hochlande zu verbauern! Stelle Dir ihn vor, bei einer Geſandtſchaft attachirt, jung, hübſch und reich, der erwählte Tänzer aller noch tanzenden Prinzeſſinneni Oder laſſen wir Onkel Jack plötzlich ſterben und Ha⸗ milton ohne weitern Verzug auf einmal ein Vermögen erben, das ihm in der Londoner und Yorkſhirer Welt eine Stellung verſchaffen würde; wenn Du willſt, kön⸗ nen wir ſeine Einkünfte verdoppeln; in Büchern ſind fünfzig⸗, ſechzigtauſend Pfund jährlich etwas ganz All⸗ tägliches, und was alte Onkel betrifft, ſo geſchieht deren 299 nur Erwähnung, damit ſie gerade zu rechter Zeit ſter⸗ ben können, wenn ihr Vermögen zum Glück oder zur Behaglichkeit jüngerer und intereſſanterer Perſonen nöthig iſt. Stelle Dir vor — ſtelle Dir vor — vor, Du ſchließeſt das Buch, wie wir ſchon empfohlen haben, denn nichts von dem allen, traf ein. Onkel Jack (der in ſeiner Jugend einen Abſtecher nach Gretna Green emacht) hätte ſeinem Neffen verzeihen können, daß der⸗ fube unklug, aber zu treu liebte, doch er wollte weder dieſes thun, noch ſterben, und ſo kehrte Hamilton, nach⸗ dem er ſeines Vaters Vorwürfe und Ermahnungen an⸗ gehört, ſeines Bruders Spötteleien ertragen, ſeines On⸗ kels Zorn Trotz geboten hatte, nach München zurück und nahm ſeine Braut in Anſpruch, und wir haben nie gehört, daß er ſich über deren Kälte oder zu geringe Gluth der Empfindung zu beklagen hatte. Des Felſenbauers kleines Beſitzthum wurde gekauft und Hans kehrte, nachdem er zwei Jahre in England bei Hamilton den vornehmen Bedienten geſpielt hatte, zu ſeiner urſprünglichen Beſchäftigung, zur Lenkung des Pflugs zurück, — jedoch nicht ganz mit der Zu⸗ friedenheit eines Cineinnatus, denn Jahre vergingen, ehe er ſeine gefallene Größe zu bedauern oder gegen ſeine wenigen unwiſſenden Mitinechte von der Herrlich⸗ keit in ſeines Herrn Heimath zu erzählen aufhörte. Hamilton fügte ſich viel heiterer als ſein Diener in dieſen Wechſel der Umſtände; er ſprach nie von der Heimath, mit der ſeine Verbindung von der Zeit an, da ſeine Schweſter geheirathet hatte und nach dem Nor⸗ den von Schottland gezogen war, nur ſehr indirect und unſicher wurde. Sein Bruder John ſchrieb ſelten, ſein Vater und Oheim nie; er machte keinen Verſuch, den Letztern zu gewinnen, benützte nicht einmal die Veran⸗ laſſungen, die ſich in einer ſpätern Periode ihm dar⸗ boten, ihn bei einem kleinen Jack (Hans) oder Jvan (Gannchen) zu Gevatter zu bitten. Er wurde ein guter Landwirth, ein eifriger Jäger und ein ſo berühmter Schütze, daß er bei allen Schei⸗ benſchießen in der Umgegend gefürchtet war. Er trug ge⸗ wöhnlich die Kleidung der Gebirgsbewohner — vielleicht, weil ſie bequem war, vielleicht, weil ſie ihm gut ſtand; und im Laufe weniger Jahre würde ſeine Familie ihn kaum wieder in dem kräftigen, ſonnenverbrannten Mann erkannt haben, deſſen Geſichtszüge ſogar mit der ver⸗ änderten Lebensweiſe ihren Ausdruck gewechſelt hatten — denn Energie und Kraft war an die Stelle ruhiger Gemächlichkeit und Grazie getreten. A. Z. erklärte die Veränderung für vortheilhaft und äußerte oft, es würde ſchwer ſein, eine maleriſchere banditenartige Geſtalt als die ſeinige zu finden, wenn er bei der Rückkehr von der Jagd, den obern Theil des Geſichtes von ſeinem breitkrämpigen Hut, den untern von ſeinem langen Schnurrbart beſchattet, den Felſen⸗ pfad, der zu ſeinem Gebirgshauſe führte, hinanſprang. Was Hildegarde betrifft, ſo erhielt der ruhige, zu⸗ friedene Lauf ihres Lebens ihre Schönheit auf eine ſo merkwürdige Weiſe, daß Hamilton im Ernſt glaubte, ſie würde jedes Jahr ſchöner. Sie und die 3— lebten faſt immer zuſammen, weder Sommerhitze, noch Winterſturm konnten ſie trennen: ihre Alpenpar⸗ tieen, ihre Schlittenfahrten zu den Bällen in der Nach⸗ barſchaft wurden gemeinſchaftlich gemacht, und man⸗ ches kleine Abenteuer erhält ſich noch im Andenken beider Familien, mit einer Miſchung von Luſt und Bedauern — Bedauern, daß dieſe Zeiten vorüber — vergangen ſind — nie wiederkehren. Nach acht Jahren nahm Onkel Jack unaufgefor⸗ dert wieder mildere Geſinnungen an, und Hamilton wurde zurückgerufen. Sollte man glauben, daß er einige Tage Bedenken trug, der Aufforderung zu gehorchen? daß Hildegarde zum erſten Mal ſeit ihrer Heirath bit⸗ terlich weinte. Aber es war ſo. Die Anerbietungen, die zehn Jahre zuvor ihre Herzen mit Dankbarkeit und Freude erfüllt hätten, wurden jetzt als ein Opfer, das 301 ſie den künftigen Ausſichten ihrer Kinder brachten, an⸗ genommen. A. Z. behauptete bis auf's Aeußerſte, ſie hätte am Meiſten darunter zu leiven. „An Ihnen,“ ſagte ſie zu Hildegarde, „verliere ich die geduldigſte und verſtändigſte Zuhörerin, an Ihrem Gatten den aufmerkſamſten Freund; acht Jahre in⸗ nigen Zuſammenlebens, wie es bei uns ſtattgefunden, hat Sie ſo vollſtändig zu einem Theil unſerer Familie gemacht, daß Hermann und ich, in dem Bewußtſein, wie ſehr wir Sie vermiſſen werden, envlich zu dem lang hinausgeſchohenen, verzweifelten Entſchluß gekommen ſind, Hohenfels zu verlaſſen; wir hätten es ſchon längſt wegen der Erziehung unſerer Kinder thun ſollen.“ „O nein, verlaſſen Sie Hohenfels nicht, wir wer⸗ den gewiß das nächſte Jahr — jeden Sommer zurück⸗ theu riefen Hamilton und Hildegarde faſt in einem them. Aber ſie ſind nicht zurückgekehrt und es iſt auch keine Wahrſcheinlichkeit dazu. Veränderungen politiſcher und ſocialer Natur haben in Deutſchland ſtattgefunden, deren Ende ſich unmöglich vorausſehen läßt. So viel jedoch iſt gewiß, daß Bayern ſchwerlich bald wieder, wenn je, ſo ruhig und glücklich werden wird, als da dieſe Blätter zuerſt geſchrieben wurden: damals würde der verſtändigſte Bauer ſich geweigert haben, ſeinem Walzer, Bierkrug oder luſtigen Jodel wegen einer Zei⸗ tung zu entſagen, die je gedruckt wurde, oder um einer politiſchen Diseuſſion zwiſchen dem Schulmeiſter und Pfarrer zuzuhören! Jetzt eirkuliren Zeitungen in jeder Richtung und die Bauern leſen, denken und ſprechen mehr von Politik. als von inrer Ernte, und ſind natür⸗ lich geneigt, ſich Meinungen anzueignen, darauf berech⸗ net, ſie in ihrer eigenen Schätzung zu erhöhen, und diejenigen, die ſie ſonſt als über ihnen ſtehend betrach⸗ teten, zu ihrem Niveau verniederzuziehen. Hohenfels iſt verkauft. Baron Z. fand die Braue⸗ rei mehr koſtſpielig als einträglich, da ſeine Inſpections⸗ 302 beſuche ſich auf gelegentlich acht oder zehn Tage be⸗ ſchränkten. Er iſt halb geneigt, Hamilton's Haus zu kaufen, das noch immer verſchloſſen und unbewohnt iſt und, wie A. Z. in ihrem letzten Brief bemerkte, mit all' ſeinen wildwachſenden Gartenblumen das vollkom⸗ menſte Gemälde einer verödeten Wohnung darſtellt. * „Am Ende, Hildegarde,“ ſagte Hamilton eines Morgens, als ſie aus dem Fenſter des Frühſtückzim⸗ mers die ſchöne Beſitzung ſeines Onkels überſchauten, „am Ende könnte ich, ſcheint mir, wenn es möglich wäre, einige Deiner Berge, mit etlichen Gemſen dar⸗ auf, hieher zu verſetzen, England doch wieder den Vor⸗ zug vor Deutſchland geben — das heißt, in meiner ge⸗ genwärtigen Stellung. — In Deutſchland kann ein armer Mann des Lebens wirklich froh werden — in England iſt es nur der Reiche, dem dieß gegeben iſt! Eude. — — — 8 S14 Sde