—— —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſeines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— ——— auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf 1 W 5 Pf 2 W f „ 5 *. E 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene unt deferte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1. —— — — — — ———— * Die Anfangsbuchſtaben. Aus dem Engliſchen der Baroueſſe Tautphoeus von Dr. C. Büchele. Erſtes bis ſechstes Bändchen. — 933— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. — 6 — Erſtes Kapitel. Der Brief. Vor etwa zwölf Jahren (ehe der Baheriſche Hof erbaut wurde) galt der Goldene Hirſch, im Beſitz eines alten, ſehr korpulenten Franzoſen, Namens Havard, für das beſte Hotel in München. Hier nahmen alle gefrönten Häupter und Perſonen königlichen Rangs ihr Abſteigequartier, und zahlreich und bitter waren die Klagen engliſcher Familien, wenn fie genöthigt wurden, ihre Zimmer zu räumen, um die Aufnahme eines Kaiſers, Königs oder Erzherzogs möglich zu machen! Im Monat Auguſt jedoch waren ſolche Gäſte unge⸗ wöhnlich, und darum blieb auch ein junger engliſcher Reiſender eine ganze Woche in ungeſtörtem Beſitz eines der behaglichſten Zimmer des Hauſes; ſchien aber gleich⸗ wohl damit oder mit ſich ſelbſt gänzlich unzufrieden, ſchritt ungeduldig auf und ab, ſchaute lange und ver⸗ droſſen zum Fenſter hinaus und ſchloß dann mit ſicht⸗ 5 licher Anſtrengung und erſticktem Gähnen einen Brief, den er eben geſchrieben hatte. Ich will einige Linien aus dicſem Brief hieherſetzen. „Ich habe fortwährend auf's Sorgfältigſte von Allem Notiz genommen, was ich ſeit meiner Trennung von Dir geſehen oder gehört habe; aber ich fürchte, meine liebe Schweſter, die Reiſen oder Wanderun⸗ gen oder Skizzen, mit denen ich bei meiner Heim⸗ Die Anfangsbuchſtaben. 1. 1 2 kehr die Welt in Erſtaunen zu ſetzen beabſichtigte, müſſen aufgegeben werden; denn heut zu Tag kann man von London nach Jericho reiſen, ohne daß man ſo glücklich iſt, etwas zu ſehen, was nicht bereits in den Reiſehandbuchern kurz beſchrieben iſt! Ich glaubte ent⸗ deckt zu haben, warum meinem Bruder John, als ihn der Vater in's Ausland ſchickte, niemals ein unter⸗ haltendes Abenteuer aufſtieß; er ſprach elend Fran⸗ zöfiſch und nicht Deutſch: der arme Junge, ich that ihm großes Unrecht. Denn ſelbſt ich, dem, dieweil ich der Erſtgeborne bin, eine Art natürlichen Anſpruchs auf Intelligenz zuſteht, — ſelbſt ich, der ich ſechs Jahre Deutſch gelernt habe und fließend Franzöſiſch ſprechen kann, — ſelbſt ich muß einfältige, allägliche Briefe ſchreiben und anerkennen, daß die Abſaſſung eines Buchs nicht ſo leicht iſt, als ich mir dachte! Ich bin ſeit drei Wochen von Hauſe weg, und mit Ausnahme der glücklichen Erploſion der Dampfmaſchine, nachdem wir Cöln verlaſſen hatten, iſt mir Nichts begegnet, was einer Bemerkung werth geweſen wäre. Ich muß ver⸗ ſuchen, mich unter dieſe Deutſchen zu miſchen, denn das Reiſen durch ein Land, ohne mit einigen ſeiner Einwohner Bekanntſchaft zu machen, mag mich zwar wohl in den Stand ſetzen, über die Schönheit der Scenerie ein Urtheil zu fällen, aber ich bleibe dabei mit den Sitten und Gebräuchen des Volks gänzlich unbekannt. Die Erkines find jetzt noch nicht hier, demnach alle Hoffnungen von dieſer Seite zu Ende. Man ſagt mir, daß die Münchnerwelt auf dem Lande iſt, und ich glaube es, denn nichts kann verlaſſener aus⸗ ſehen, als dieſe Straßen, welche das Weſtend vor⸗ ſtellen. Und bei Allem kann man doch nicht immer nur Gemälde und Statuen ſich anſchauen u. ſ. w.“ Der junge Mann faltete ſeinen Brief zuſammen und ſiegelte ihn mit einem Blick unendlicher Qual, ſteckte ihn dann in die Taſche, indem er etwas von „Selbſt auf die Poſt nehmen, da man ſonſt nichts zu — — thun habe,“ murmelte, verließ langſam das Zimmer und ſchlenderte die Treppe hinunter, während er ſeinen Rock an dem eiſernen Geländer hinfahren ließ. Bei ſeiner Rückkehr ſprang er leicht die Treppe hinauf, begleitet von einem Kellner, der die Lichter an⸗ zündete und Anſtalt machte, ihm beim Ausziehen des Rocks behilflich zu ſein⸗ Dieſe Operalion war faum ur Hälfte vollbracht, als ſeine Augen auf einen Brief ſrie der ſo, daß er die Aufmerkſamkeit erregen mußte, auf den Tiſch gelegt war. In einem Augenblick war der Rock wieder auf den Schultern und der Brief in ſeiner Hand. „Wann kam dieſer?“ . „Heute, Sir. Herr Havard trug mir auf, Ihnen zu ſagen, daß er aus Verſehen auf das Zimmer des Herrn gebracht worden war, der heute früh abgereist iſt.“ Er öffnete den Brief und las wie folgt: „Lieber Herr Hamilton! „Ich habe ſo eben Ihren Namen unter den neu⸗ angekommenen Fremden in München geleſen und zeige Ihnen hiemit an, daß wir uns gegenwärtig zu Seon, eine kurze Tagreiſe von Ihnen, befinden. Unſer Haus iſt gegenwärtig nicht bewohnbar, daher haben wir das alte Kloſter zu unſerem Hauptquartier gemacht. Es war vor einigen Jahren ein leidlich beſuchtes Bad, aber da es ſeitdem anders geworden iſt, wird es mir nicht ſchwer fallen, Ihnen ein Zimmer zu verſchaffen. Wir werden uns freuen, Sie zu ſehen und Ihnen die Schönheiten unſerer Nachbarſchaft zu zeigen; — viel⸗ leicht können wir auch eine Tour nach Tyrol mit einander arrangiren. John iſt, ſo viel ich weiß, wie⸗ der zu ſeinem Regiment geſtoßen, deßhalb darf ich nicht erwarten, ihn zu ſehen, aber wahrſcheinlich be⸗ findet ſich Mrs. Hamilton bei Ihnen, in welchem Fall ich die vollkommene Ueberzeugung hege, daß Sie Deutſchland nicht verlaſſen werden, eine Perſon 4 beſucht zu haben, die Ihnen in ſo aufrichtiger Freund⸗ ſchaft ergeben iſt, wie A 3 „Wie weit iſt Seon von München? Was für ein Ort iſt es?“ fragte Hamilton. „Ich bedaure, Ihnen darüber keine Auskunft geben zu können. Seit ich hier bin, hat kein Reiſender ſeine Richtung dorthin genommen.“ „Geht nicht die Poſt oder der Eilwagen nach einem Punkt in der Nähe? Es muß doch eine Poſtſtation oder etwas der Art in der Gegend ſein.“ „Ich kann es wirklich nicht ſagen, Sir.“ „Verſuchen Sie einmal, den Poſtſtempel zu ent⸗ ziffern,“ ſagte Hamilton, indem er ihm ungeduldig das Briefcouvert hinreichte. „Ich glaube, es heißt Altenmarkt, aber ich bin deſſen nicht ganz gewiß.“ „Geben Sie mir gefälligſt meine Landkarte und ſagen Sie Herrn Havard, ich wünſche ihn auf eine Minute zu ſprechen.“ Als er das Zimmer verlaſſen hatte, wandte Hamil⸗ ton den Brief nach allen Seiten um, unterſuchte das Siegel, das nichts als ein Krönchen mit den Anfangs⸗ buchſtaben „A. Z.“ zeigte, überlas dieſelben fünf oder ſechs Mal und muſterte in Gedanken ſeine ziemlich zahl⸗ reiche Bekanntſchaft. Kein „A. Z.“ unter ihnen allen! „Wie ärgerlich! Und doch muß der Brief für mich beſtimmt ſein,“ murmelte er, ihn zwiſchen den Fingern hin und her drehend. „Es iſt nicht unmöglich, daß der Schreiber in der Meinung ſtand, ich reiſe mit meiner Tante — warum nicht? Und John iſt wirklich erſt vor Kurzem zu ſeinem Regiment abgegangen! — oder — oder — mag es einer von meines Vaters Freunden ſein; in dieſem Fall erachte ich es, da ich den Namen nicht wiſſen und mich brieflich nicht erklären kann, gewiſſermaßen für Pflicht, nach Seon zu gehen und in ſeinem Namen der gutmüthigen Perſon für 5 ihre Einladung zu danken. Aber wie, wenn er weder für mich, noch meinen Vater beſtimmt wäre? Macht nichts. Der Brief iſt an A. Hamilton, Esg. adreſſirt; wenn der Verfaſſer ihn für Abraham oder Achilles, oder Anthony beſtimmt hat, ſo liegt der Fehler nicht an mir. Alfred fängt auch mit A an; die Adreſſe lautet in den Goldenen Hirſch; mein Correſpondent hat meinen oder meines Vaters Namen in den Zeitun⸗ gen geleſen; — erwähnt meiner Mutter und meines Bruders. Was kann ich mehr verlangen?“ Und Hamilton verlangte nichts weiter, denn er war bei dieſer Gelegenheit in einer Stimmung, um ſich leicht befriedigen zu laſſen. Außerdem wollte er ſich ſelbſt Niemand aufdringen — er ging nur nach Seon ſtatt nach Kiſſingen. Seon war gieichfalls ein Ort für öffentliche Geſellſchaft, ebenſo wünſchenswerth für ihn wie ein anderer; auch konnte er nichts Unrechtes daran ſehen, ſich bei ſeiner Ankunft daſelbſt nach dieſem A. Z. zu erkundigen. Herr Havard trat gerade in ſein Zimmer, als er über das einzuſchlagende Verfahren bei ſich zu einem Entſchluß gekommen war. „Bitte, Herr Havard, können Sie mir ſagen, wie weit Seon von hier iſt?“ „Eine Tagreiſe, wenn Sie mit einem Lohnkutſcher fahren; einen halben Tag mit Poſtpferden.“ „Wenn ich einen Lohnkutſcher nehme, — ſind die Wägen gut?“ „Im Allqemeinen, beſonders wenn Sie nicht viel Platz für Gepäck brauchen. Ich denke, ich kann Ihnen einen leichten Wagen und erträglich gute Pferde ver⸗ ſchaffen.“ „Ich danke Ihnen. Morgen früh um ſechs Uhr wünſche ich, wo möglich, abzugehen.“ Hier aber fuhr ihm eine unangenehme Vorſtellung vurch den Kopf, und es bedurfte ſeiner Seits einige 6 Anſtrengung, um mit erkünſtelter Gleichgültigkeit hin⸗ zuzuſetzen: „Beiläufig, Herr Havard, können Sie mir vielleicht ſagen, ob in der letzten Zeit Perſonen hier geweſen find, die denſelben Namen mit mir haben?“ Herr Havard ſah etwas verwirrt aus. „Ich heiße Hamilton.“ „Hamilton — Hamilton!“ wiederholte er bedäch⸗ tig. „Wir haben eine Menge Hamiltons in unſerem Buche. Sie können auf der Stelle nachſehen. Ich will es Ihnen heraufſchicken.“ „So,“ murmelte Hamilton, während er im Zimmer auf und ab ging, — „Allem nach war der Brief doch nicht für mich oder meinen Vater beſtimmt! Das iſt die Folge davon, wenn man einen ſo ordinären Namen hat! Und doch iſt der Name an ſich gut; aber die Hamiltons haben ſich neuerdings ſo gewiſſenlos ver⸗ mehrt, daß ich nicht zweifle, mit der Zeit gibt es unſerer ebenſo viele, als der Smiths! Sollte jedoch in den letzten acht oder zehn Tagen kein Hamilton hier geweſen ſein, ſo halte ich dafür, ein Recht zu haben, den Brief mir anzueignen, denn A. Z. erklärt peutlich, er oder ſie, meinen Namen in der Fremdenliſte von München dieſen Angenblick geleſen zu haben, und wenn ich auch die Unregelmäßigkeit der Poſi nach einem ſo abgelegenen Orte, einen Zufall oder eine unerwartete Verzögerung noch ſo ſehr in Rechnung nehme, ſo be⸗ zieht man ſich doch wenigſtens auf eine Zeitung von ziemlich neuem Datum.“ „O, danke Ihnen,“ rief er, dem Kellner entgegen eilend, der gerade mit dem Fremdenbuch in's Zimmer trat. Zeigen Sie mir, ehe Sie wieder gehen, den Namen des Herrn, auf deſſen Zimmer mein Brief aus Verſehen gebracht wurde.“ Er deutete auf den Namen „Alexander Hambledon von London.“ Hamilton ſchlug die Blätter ſechs, acht, zehn Tage 7 um, aber kein Hamilton war zu finden, ehe er an die Zeit kam, wo nach Herrn Havard's Ausdruck „ſo viele Hamiltons“ da geweſen. Er wünſchte ihnen, deren Fa⸗ milien und Gefolge glückliche Reiſe, ſchloß das Buch, legte A. Z.'s Brief forgfältig in ſein Schreibneceſſaire und eilte, nachdem er dem Kellner Befehl gegeben hatte, ihn nächſten Morgen in aller Frühe zu wecken, zu Bette. Der Tag war ſchön, und Hamilton fühlte ſich in beſſerer Laune, als je, ſeitdem er die Heimath ver⸗ laſſen hatte, denn er ſchmeichelte ſich mit der Vor⸗ ſtellung, daß er jetzt von dem breit getretenen Pfade der Reiſenden ablenke und wenigſtens die Ausſicht habe, etwas Neues zu ſehen. Der etwas ſchäbige Wagen und die ſchläfrig ausſehenden Pferde vermochten nicht, ihn zu ſtören, und der Kutſcher in ſeiner dunkelblauen, leinenen Blouſe und mit der kurzen Pfeife, die von einem buſchigen Schnurrbart überſchattet war, kam ihm ganz und gar maleriſch vor. Für ſeine Pferde ſchien er ſehr beſorgt, denn kaum hatte er die Vorſtadt von München verlaſſen, als er vom Bock herunterſtieg, um eine kleine Anhöhe hinauf zu Fuß zu gehen, und Hamilton begann jetzt eifrig, aber vergebens, gegen das Schließen des Wagens zu proteſtiren. Der Kutſcher fuhr gemächlich weiter, während er den ungeduldigen Inſaſſen verſicherte, es abſichtlich ſo gemacht zu haben, damit er vom Staub oder Sonnen⸗ ſchein nicht beläſtigt würde; zudem könnte er an der offenen Seite von der flachen Gegend, die ſie paſſirten, ſo viel ſehen, als ihm angenehm wäre. „Iſt denn die Landſchaft ſo gar häßlich?“ fragte Hamilton, der nichts Geringeres als eine amerikaniſche Prärie ſich vorſtelite. „Flach — ſehr flach; aber gegen Abend werden wir den Bergen näher ſein.“ „Ihr ſcheint ein Freund von Bergen zu ſein?“ „Ich bin ein Tyroler und an ſie gewöhnt. Auf dieſen Ebenen, da iſt das Leben ganz anders,“ ant⸗ wortete er, mit ſeiner Peitſche knallend, jedoch, ohne ſeine Pferde zu berühren. „Ein Tyroler!“ rief Hamilton! o, dann könnt Ihr natürlich Eure Nationallieder fingen. Laßt mich doch einmal eins davon hören!“ „Was hilft's,“ ſagte er achſelzuckend; „es gibt hier doch kein Echo zum Jodeln.“ „Was thut's, verſuchet es auf alle Fälle, und Ihr ſollt zum Mittageſſen ein Ertraglas Bier haben.“ In Folge dieſes gewichtigen Verſprechens „erhob er ſeine Stimme zum Geſang“ und ließ eine Melodie hören, die ohne Zweifel aus der Ferne ſich wohlgefälli⸗ ger gemacht hätte, aber jetzt, da er ſich auf den Kutſchen⸗ ſchlag lehnte und die ganze Kraft ſeiner Stentorlungen Hamilton gerade in's Geſicht ausſtrömen ließ, dieſen beinahe auf ſeinem Sitz zum Wanken brachte. „Ich danke Euch,“ rief Hamilton eifrig — danke Euch, das mag's thun. Ich habe ſchon lange einen Tyroler Jodler zu hören gewünſcht und bin überzeugt, es muß ſich ſehr hübſch ausnehmen — in den Bergen!“ „Eine ſolche Muſik gibt's nirgends in der Welt,“ ſagte der Kutſcher, als er wieder auf dem Bock Platz nahm, und ſang nun, ſeine Pfeife bei Seite legend, länger als eine halbe Stunde fort, gelegentlich ſich nur durch ein „ha — he — hot!“ das ſeinen Pferden galt, unterbrechend. Die Gegend war in der That flach, aber reich an⸗ gebaut und wechſelsweiſe dicht bewaldet. Die Ab⸗ weſenheit jeder Mauer und jedes Zaunes gibt der deutſchen Landſchaft im Allgemeinen den Anſchein eines großen Herrſchaftsgutes. Im Weiterfahren erblickten ſie in der Ferne manches hübſche Dorf, während die Berge allmälig deutlicher wurden und die Scenerie mit jeder Stunde an Intereſſe gewann. Wäre der Tag nicht ſo ausnehmend ſchwül geweſen, Hamilton würde darauf beſtanden haben, den Wagen zurückzuſchlagen, ————— — — — 9 und die widerwärtigen klirrenden Fenſter ihm gegenüber herabzulaſſen; ſo aber war der Schaden nur angenehm, und der faſt unmerkliche Luftzug, der durch die Bewe⸗ gung des Wagens entſtand und ihm in's Geſicht ging, hatte die einſchläfernde Wirkung, die man gewöhnlich dem Flügel des Vampyrs zuſchreibt — er ſchlief ein und ſo feſt, daß, bis der Wagen plötzlich vor einem an der Straße gelegenen Hauſe anhielt, alles Rütteln und das dadurch hervorgebrachte Anſtoßen des Kopfes an die harte Seitenwand der Kutſche ihn nicht zu erwecken vermochte; er rieb ſich alſo die Augen, ſtreckte die Beine aus und verſuchte noch einmal, ſich's zum Schlafen bequem zu machen, als der Kutſcher ihm mel⸗ dete, daß man hier zwei Stunden Raſt machen und zu Mittag eſſen würde. Er ſah auf ſeine Uhr — es war Zwölf — dann auf das Wirthshaus: es verſprach nicht viel; aber vor der Thüre wurde er eines Wagens anſichtig, der an Geſtalt und Farbe genau dem ſeinigen glich, aber eine ſolche Menge Gepäcks enthielt, daß daraus auf weibliche Reiſende zu ſchließen war. Die blauen Hut⸗ ſchachteln und geſtickten Reiſeſäcke entſchieden über ſeinen Vorſatz. Er ſprang aus dem Wagen und fuhr, ſich faſt unbewußt, mit den Fingern durch das Haar, als er in das Haus eintrat. Durch ein großes, mit Bauern angefülltes Zimmer ſchreitend, gelangte er in ein kleineres Gemach, in dem einige kleine Tiſche ſtan⸗ den, die auf beiden Seiten von gepolſterten, lederüber⸗ zogenen Bänken begrenzt waren. An einem der Tiſche ſaßen drei Damen und eine gleiche Anzahl kleiner Knaben. Hamilton hatte bereits gelernt, beim Eintritt in ein Zimmer ſich gegen alle darin befindlichen Perſonen höflich zu verbeugen, wor⸗ auf er gewöhnlich ein Geſpräch anzuknüpfen ſuchte und die Leute merken ließ, daß er ein Engländer war, in⸗ dem er ſich überzeugt hatte, daß dieſe Eigenſchaft eine Art von Empfehlung, oder wenigſtens eine Entſchuldi⸗ 10 gung für alle möglichen Frecentricitäten war. Im egenwärtigen Fall wurde ſeine Verbeugung erwiedert, ppaſt aber nahm man keine Notiz von ihm; ja kaum ein Blick wurde ihm zu Theil; dieß war jedoch nicht Alles, denn zwei von der Geſellſchaft waren jung und merkwürdig hübſch. Diejenige, welche die Mutter der Kinder zu ſein ſchien, eine lange, hagere Perſon, hatte um Kopf und Kinn ein großes Taſchentuch gebunden und litt dem Anſchein nach an Zahnſchmerzen, was Hamilton einiger⸗ maßen ſonderbar vorkam, da er entdeckt zu haben glaubte, daß ſie wirklich alle Zähne verloren hatte, ungeachtet ſie keineswegs alt war, wie ſich aus der friſchen Farbe ihres Geſichtes und dem noch keine Spur von Grau zeigenden Haupthaar erkennen ließ. Die beiden Anderen waren ſehr jung und vollkom⸗ mene Abbilder deutſcher Schönheit — blaue Augen, blühende Wangen, rothe Lippen und eine Fülle braunen, claſſiſch geflochtenen Haares. Daß ſie Schweſtern waren, ließ ſich kaum bezweifeln, ſo auffallend ſahen ſie einander gleich — doch bemerkte man bei genauerer Beobachtung, daß die eine viel ſchöner als die andere war. Beide waren von hohem, ſehr ſchlankem Wuchſe, und ihre dunkeln Kattunkleider waren mit einer Sorg⸗ falt gemacht und angelegt, die den Beweis lieferte, daß ſie gegen die ihnen von der Natur verliehenen Vorzüge nicht gleichgültig waren. Hamilton ſtand am Fenſter, für Niemand, wie es ſchien, ein Gegenſtand des Intereſſes, als die drei kleinen Knaben, die, den Mund mit einem gebratenen Huhn gefüllt, ſich mit den Stühlen umdrehten und un⸗ geachtet wiederholter, durch einen gelegentlichen Stoß an die Schulter verſtärkter Ermahnungen der Mutter nach ihm hinſtarrten. Die jungen Mädchen nahmen zu Hamiltons un⸗ endlichem Erſtaunen die Hühnerknochen in die Finger und nagten das Fleiſch davon ab. Auf einmal fühlte 11 er ſich nun überzeugt, daß es unermeßlich gemeine Ge⸗ ſchöpfe wären indem er dabei jenen irrthümlichen Schluß machte, der bei denjenigen ſeiner reiſenden Landsleute ſo gewöhnlich iſt, die nicht wiſſen, daß die Art zu eſſen in Deutſchland kein ſo genaues Unterſcheidungs⸗ zeichen feiner Sitten, wie in England iſt. Sein Mittagsmahl war jetzt fertig, und als er ſich zu Tiſche ſetzte, ſchaute eine ſeiner hübſchen Nachbarinnen ver⸗ ſtohlen und in einer Weiſe nach ihm hin, woraus er erkannte, daß er nicht ſo unbemerkt geblieben war, wie er ſich einbildete. Mit aller Eitelkeit der Jugend nahm er ſich nun vor, ſeinerſeits den Gleichgiltigen zu ſpielen, verfolgte eifrig ſeine Reiſeroute auf der Karte, die er neben ſich gelegt hatte, und erkundigte ſich nach Seon. Die Dame mit dem verbundenen Kopfe klopfte jetzt an das Fenſter und fragte ihren Kutſcher, ob er zum Anſpannen fertig ſei; die Antwort war undeutlich, aber die Worte „ſpät genug“ und „Seon“ erreichten Hamilton's Ohr. Hüte, Handſchuhe und Taſchen⸗ tücher wurden jetzt geſucht und die Kinder dem Mäd⸗ chen übergeben, um ſie in den Wagen zu packen. „Ich glaube, wir thun am Beſten daran, mit den Knaben einzuſteigen und uns ſo bequem als möglich zurecht zu ſetzen,“ bemerkte die ältere Dame, denſelben aus dem Zimmer folgend. „Bequem!“ rief eines der Mädchen mit melancholi⸗ ſcher Stimme, indem ſie ihren Hut zuband; „von Be⸗ quemlichkeit iſt gar keine Rede. Ich wünſche von ganzem Herzen, wir wären in Seon. An einem Tage wie heute zu ſieben in einem Wagen iſt Alles, nur nicht angenehm.“ „Ich würde nicht daran denken,“ antwortete die Andere halb lachend, „wenn Peppy nicht darauf be⸗ ſtünde, auf meinen Knieen zu ſitzen. Er ſtoßt mit den Füßen ſo unaufhörlich um ſich, daß ich auf dem Wege hieher wie auf der Folter war,“ 12 Bamilton näherte ſich jetzt den Sprecherinnen und bemerkte, daß er nach demſelben Ort reiſe und ſein Wagen ihnen ganz zu Dienſten ſtehe. Sie errötheten, und eine von ihnen ſchien zum Lachen geneigt, was ihm den Muth gab, beizufügen, daß er verſprechen wolle, ſich ſo ruhig als möglich zu verhalten und unter keinen Umſtänden mit den Füßen zu ſtoßen. Entweder ſeine Worte oder ſein Weſen, oder auch Beides mißfiel ihnen, denn nachdem ſie einen Blick ausgetauſcht hatten, murmelten ſie einige unverſtändliche Laute und eilten aus dem Zimmer. Er folgte ihnen nach und ſah ſie in den Wagen ſteigen, der bereits mehr als hinreichend mit Kindern und Schachteln angefüllt war; die Magd verſuchte nach⸗ zufolgen, mußte aber ſo lange unter der Hausthüre warten, bis ein Platz für ſie hergerichtet war. Um nun zu beweiſen, daß er ſeinen Vorſchlag in der wirk⸗ lichen Abſicht, artig zu ſein, gemacht hatte, näherte er ſich der Geſellſchaft und wandte ſich an die ältere Dame — ſagte ihr, daß er nach Seon gehe, allein reiſe, wenig Gepäck bei ſich führe, alſo Platz für ſo viele Perſonen und Packete hätte, als ſie in ſeinen Wagen überzuſiedeln für gut fände. Sie dankte ihm und äußerte zaudernd ihr Bedauern, daß ihre Knaben ſo unbändig wären, vielleicht würde er aber ſo freund⸗ lich ſein und ihrer Magd einen Platz einräumen. Dieß war zwar nicht eigentlich, was Hamilton im Sinne gehabt hatte, nichts deſto weniger gab er mit guter Miene ſeine Einwilligung und half dem nett ausſehenden Mädchen herausſteigen. Einer der Knaben begann nun auf der Stelle ſchreiend zu erklären, er wolle und müſſe auch mit ihr gehen: — ſo wurde er denn aus dem Wogen gehoben und unter mancherlei Ent⸗ ſchuldigungen Hamilton gebeten, ſich mit Peppy, der die Fußſtöße austheilte, zu beſchweren. Aber damit war Peppy noch nicht zufrieden, ſondern gab ſein Verlan⸗ gen nach der Schweſter „Crescenz“, die ihn begleiten 1 13 müſſe, durch ſo nachdrückliches Schreien kund, daß ſeine Mutter genöthigt war, ihre Einwilligung zu geben, und als Hamilton auf das hübſche, erröthende Geſicht des neuen Zuwachſes ſeiner Geſellſchaft blickte, erach⸗ tete er ihrer Mutter Entſchuldigungen nicht blos für langweilig, ſondern auch ganz unnöthig. Er mußte einige Zeit warten, ehe ſein Kutſcher es für geeignet hielt, abzufahren, und machte einen Verſuch, ſein Vergnügen darüber auszudrücken, daß er eine ſo wünſchenswerthe Reiſegeſellſchafterin erhalten habe; aber die hübſche Crescenz ſchien ſo ſehr unter dem Einfluß falſcher Scham zu ſtehen, daß er für räth⸗ lich hielt, vor der Hand auf jede Unterhaltung zu ver⸗ zichten. Als man aber einmal abgefahren war, zog er ein paar Bücher hervor, bot ihr eines an und nahm das andere für ſich. Dieſes Verfahren ſchien ſie zu überraſchen, aber es hatte die gewünſchte Wirkung, es benahm ihr einigermaßen ihre Verlegenheit. Sie ſchlug die Blätter mit einer Nachläſſigkeit um, welche ihn auf einmal überzeugte, daß ſie nicht las; ſo wagte er alſo einige Bemerkungen zu machen. Die Antworten waren zuerſt nur einſilbig, erforderten aber eine Erklärung, denn er mißverſtand ſie gefliſſentlich. Ein Gegenſtand der Unterhaltung führte zum andern, und in etwa einer Stunde ſprachen ſie mit einander, als ob ſie Monate lang mit einander bekannt geweſen wären. Sie theilte ihm mit, daß ihr Vater in einer Stellung wäre, die ihm kaum je geſtattete, München zu verlaſſen; ſie und ihre Schweſter hätten ihre Mutter verloren, da ſie noch bloße Kinder geweſen, und wären in die Schule geſchickt worden, als ihr Vater wieder geheirathet hätte. Sie wären erſt vor einigen Wochen nach Haus zurückgekehrt, aber da ihrer Stiefmutter eine Luftveränderung verordnet worden, ſo hätte man Seon gewählt, weil die dortigen Bäder ihr bei einer früheren Gelegenheit zuträglich geweſen. Sie wären ſehr glücklich geweſen, die Schule zu verlaſſen, und freuen ſich nicht minder, auf das Land zu kommen, — beſonders nach Seon.“ „Und warum beſonders nach Seon?“ fragte Ha⸗ milton. „O, weil ich ſo viel von einer meiner Schul⸗ freundinnen darüber gehört habe.“ „Vielleicht können Sie mir dann einige Aufklärung darüber geben, ich habe nicht die geringſte Idee davon, was es für ein Platz iſt.“ „Ich glaube, es iſt ein altes Kloſter, mit langen Corrivors, wo man erwarten möchte, den Geiſtern der dort umgehenden Mönche zu begegnen — und die Fenſter gehen auf finſtere Höfe, und in einer Mond⸗ ſcheinnacht iſt es ganz romantiſch, in den Kreuzgängen zu wandeln!“ „Und Ihre Freundin that dieſes ganz allein und bei Mondlicht an einem ſolchen Orte!“ „O, ſie war nicht allein,“ ſagte Creſcenz lächelnd und ſchlau den Kopf ſchüttelnd. „Das konnte ich mir denken, — wahrſcheinlich be⸗ fand ſich ihre Mutter oder Schweſter bei ihr.“ „Ihre Mutter war nicht da, und ihr Schwager wollte ihrer Schweſter nicht erlauben, im Mondſchein ſpazieren zu gehen.“ „Was für ein Barbar muß er geweſen ſein! Wer konnte denn alſo ihr Begleiter ſein. Doch wohl kaum ihr Vater?“ Creſcenz lachte überlaut. „O nein; wäre es ihr Vater geweſen, würde Lina nicht wieder in die Schule geſchickt worden ſein. Man ſagt, ſie habe alle möglichen wilden Streiche zu Hauſe angeſtellt; ihr Kopf ſtecke voll Unfinn, und ſie müſſe kurirt werden.“ „Und iſt ſie kurirt worden?“ „Ich denke ſo, denn einige Zeit verließ ſie uns wieder und heirathete einen häßlichen, alten Doktor. O, er iſt ſo häßlich. Sein Kinn ſteht ſo hervor.“ 15 Zur Erklärung ſtreckte ſie ihre volle rothe Unter⸗ lippe heraus und ſtellte damit eher ein hübſches, un⸗ artiges Kind, als einen häßlichen, alten Doktor vor. „Ich durfte ihre Brautjungfer ſein,“ fuhr ſie fort, „und da ich die ganze Geſchichte mit Theodor wußte, fragte ich fie, ob ſie wirklich ſo glücklich wäre, als ſie zu ſein ſchiene? Und, können Sie es glauben? — ſie ſagte mir, all die hübſchen Sachen, die ſie mir von Seon und ihrer erſten Liebe erzählt hatte, wären nichts als dummes Zeug und Unſinn, — ſie habe Theodor zu ihrer Hochzeit eingeladen und gedenke am Abend mit ihm zu tanzen.“ „Demnach war die Geſchichte mit Theodor wirklich nichts als ſo ein Flirtiren,“*) bemerkte Hamilton. „Ich weiß nicht, was das heißt,“ antwortete ſie mit einem forſchenden Blick auf ſein Geſicht; es iſt ein engliſches Wort, glaube ich.“ „Ganz engliſch,“ ſagte Hamilton lachend, „aber Ihre Freundin ſcheint die Bedeutung vollkommen ver⸗ ſtanden zu haben.“ „Und doch hat ſie keinen Unterricht im Engliſchen gehabt,“ ſagte Crescenz nachdenklich, „aber ich erinnere mich, daß ſie mir in der Schule ſagte, ſie wollte, wenn ſie Theodor nicht heirathen könne, in ein Kloſter gehen. Und dann ſich mit einem alten, häßlichen Doctor Ber⸗ ger ſich zu begnügen!“ „Sie würden es nicht ſo gemacht haben?“ forſchte Hamilton. Sie war gerade im Begriff, zu antworten, als ihr Auge auf das der ihnen gegenüber ſitzenden Dienerin fiel; ſo erröthete ſie und ſchwieg ſtille. Hamilron hatte längſt dieſe Perſon für läſtig gehalten, obwohl ſie all⸗ zuſehr mit dem jungen Herrn Peppy beſchäftigt war, als daß ſie viel auf ihre Unterhaltung hören konnte. Es ſiel ihm jedoch plötzlich ein, ſeine Frage franzöſiſch *) Flirtation: Koketterie und Liebeständelei. 16 zu wiederholen, und dieß entfernte alle Schwierigkeiten, denn die junge Dame ſprach ſo merkwürdig geläufig, daß die Unterhaltung fließender als vorher fortging. Nach der oben angegebenen Probe kann man ſich jedoch vorſtellen, daß Unſinn genug geſchwatzt wurde; gleichwohl hatten ſie es verſtanden, ſich ſo gut zu unter⸗ halten, daß ſie wirklich vor dem Thore des ehemgligen Kloſters anhielten, ohne nur einen Schornſtein geſehen zu haben, der ſie darauf hätte aufmerkſam machen können, daß ihre Reiſe zu Ende eilte. Die Stiefmutter von Creſcenz wartete, ſie in Em⸗ pfang zu nehmen, und überhäufte Hamilton mit Dank⸗ bezeugungen, während er vor Ueberraſchung ganz ver⸗ blüfft, kaum Zeit hatte, eilig ſeiner Reiſegefährtin zuzuflüſtern, — gewiß werde ich Sie wiederſehen, ſelbſt wenn ich mich entſchließen ſollte, morgen Seon wieder zu verlaſſen,“ und als er ihr aus dem Wagen half, ſetzte er noch hinzu, „wir müſſen es jedenfalls mit den Kreuzgängen im Mondſchein einmal probiren.“ Aber kein antwortendes Lächeln ſpielte um ihre Korallenlippen. Creſcenz ſchien ganz umgewandelt. Kaum hatten ihre Füße den Boden berührt, als auch dieſelben ſachte einer hinter dem andern ſich zurückzogen und zu ſeinem unendlichen Erſtaunen ein tiefer Bück⸗ ling, dergleichen ſehr junge Mädchen von ihrem Tanz⸗ meiſter zu machen gelehrt werden, ausgeführt wurde; darauf folgten einige nette und angemeſſene Worte des Dankes, die er, wären ſie nicht von einem glühenden Erröchen begleitet geweſen, als das vollendetſte Schau⸗ ſpielerſtückchen, das ihm je begegnet, betrachtet hätte. Hamilton biß ſich in die Lippen und erröthete tief, als er mechaniſch der Wirthin durch eine Seitenthüre in das Kloſter folgte. Er wurde über eine Hintertreppe auf einen langen Corridor geführt, an deſſen Ende ſich ein kleiner Gang befand, der in ein ziemlich großes, heiteres Zimmer führte, das zu ſeiner großen Täuſchung keine bemerk⸗ — 17 baren Spuren des Alterthums trug. Da er einiges Erſtaunen darüber zu erkennen gab, erhielt er die Ant⸗ wort, das Kloſter ſei ſchon zweimal bis auf den Grund niedergebrannt und nur einige Theile des urſprüng⸗ lichen Baues haben ſich erhalten. Sein Zimmer war das modernſte von allen und vor der Seculariſation die Wohnung des Abts geweſen. „Haben Sie gegenwärtig viele Leute hier?“ fragte Hamilton. „Nein; mehrere ſind dieſen Morgen abgegangen, aber wir erwarten nächſte Woche andere.“ „Und wie heißen die, welche noch hier ſind?“ fragte Hamilton mit bedeutender Aufregung. „Noch hier?“ wiederholte die Wirthin, aber in dieſem Augenblick ließ ſich ein Geräuſch von Rädern und Pferdehufen vernehmen, und Hamilton ſtürzte an eines der Fenſter. Ein kleines, offenes Fuhrwerk und der ſtaubbedeckte Inſaſſe zogen deſſen Aufmerkſamkeit ſo vollſtändig an, daß er, ohne eine Antwort auf ſeine vorige Frage ab⸗ zuwarten, hinzufügte: „Wer iſt das?“ „Ach, der Herr Baron!“ rief die Wirthin, aus dem Fenſter blickend, und verließ dann ſchnell das Zimmer. Der Reiſende erhob ſich in dem Wagen und ſchaute um ſich. Er war in eine Art weiten Jagdrocks von grauem Tuch gekleidet, der ſeine Geſtalt völlig verbarg, und ſein dunkelgrüner Filzhut, der über ſein Geſicht hereingedrückt war, ließ von dem letzteren wenig ſehen, mit Ausnahme des Schnurrbartes, der von einer gut⸗ geformten Adlernaſe überragt war. „Iſt Niemand hier?“ rief er, einige ſehr un⸗ zweideutige Zeichen der Ungeduld zu erkennen gebend, und ein Diener in einfacher Livree kam in voller Eile herbei, von einem halbdutzend Knechten und Mägden gefolgt, die bald ſämmtlich mit dem Auspacken des Die Anfangsbuchſtaben. 1. 2 18 Wagens beſchäftigt waren. Reiſeſack, Meerſchaum⸗ pfeifen von verſchiedenen Formen und Dimenſionen, Zeitungen, Cigarrenetuis, Stiefel, Pulverhorn, Regen⸗ ſchirm, Doppelflinte, Skizzenbuch, eine ſehr alte Pi⸗ ſtole, eine ſehr neue Büchſe und einige Brodlaibe folgten einander in ſeltſamer Verwirrung. Aus einem nicht weit von Hamilton entfernten Fenſter ließ ſich ein herzliches Lachen vernehmen; der Reiſende ſchaute empor, lachte gleichfalls und ſchwenkte ſeinen Hut in der Luft. „Was für eine ſtaubigte Figur!“ rief der Unſicht⸗ bare. „Haſt Du keine Trophäen mitgebracht? Kein Wildpret für unſere Wirthin?“ „Die Gemsjagd war unglücklich, ob ich gleich die ganze Nacht draußen blieb; aber meine Büchſe that Wunder bei dem Scheibenſchießen. Ein neues Lachen am Fenſter verankaßte ihn, die Büchſe zu ergreifen und ſcherzweiſe damit hinaufzu⸗ zielen — ſie wurde aber jedoch ſogleich wieder bei Seite gelegt, während er halb entſchuldigend ausrief, „ſie kann nicht losgehen, ich verſichere Dich. Schau her, ſie iſt nicht einmal geladen,“ und er griff nach dem Ladſtock, um ſeine Behauptung zu beweiſen; aber ein unerwar⸗ tetes Hinderniß im Laufe trieb ihm plötzlich das Blut in die Wangen. Er erhob die anſtößige Waffe, als ob er losſchießen wollte, gab ſie aber nach einem kurzen Blick auf das Fenſter einem der Nebenſtehenden, den er aufforderte, die Ladung herauszuziehen, und eilte dann ſchnell in das Haus. Mittlerweile hatle Hamiltons Kutſcher ſein Gepäck heraufgebracht, und ein Zimmermädchen begehrte zu wiſſen, ob er unten zu Nacht ſpeiſen wolle oder nicht. Es würde in dem kleinen Zimmer ſervirt, durch welches er bei ſeinem Eintritt gekommen war, da zu wenig Leute für den Saal gegenwärtig wären. Viell wünſche er aber auf ſeinem Zimmer zu ſoupiren? „Keineswegs. Ich ziehe immer die table d'hte 19 vor. Können Sie mir wohl den Namen von einigen der Leute hier ſagen? Ich habe vielleicht einen Be⸗ kannten unter ihnen.“ „Major Stult von München, die eben angekom⸗ mene Familie find die Roſenberg von —“ „Ich weiß — ich weiß,“ rief Hamilton mit dem Kopf nickend. „Dann — iſt hier Herr Schmierer, Landſchafts⸗ maler, und Graf Zedwitz — ſeine Frau und Tochter —“ „Wer, ſagen Sie?“ fragte Hamilton, ſich plötzlich an das A. Z. erinnernd. „Graf Zedwitz und die Gräfin, und —“ „Können ſie engliſch ſprechen?“ „O, ohne Zweifel; und franzöſiſch auch, ganz voll⸗ kommen; ſie reden eine Menge Sprachen.“ „Sie find jedoch nicht krank? Das heißt, ſie ſind nicht wegen der Bäder hier?“ „Nein; ich glaube, ſie kamen nur, mit einigen Freunden zuſammenzutreffen, die ſie hier beſuchen wollten. Ich hörte des Grafen Diener ſagen, ihr oder des Barons Haus wäre voll von Maurern und Zimmer⸗ malern.“ „Ah, ganz richtig —“ „Aber die alte Gräfin gebraucht die Bäder,“ fuhr das Zimmermädchen fort, „und findet ſie ſehr zuträg⸗ lich für ſich. Der Graf iſt ein Anhänger von Prieß⸗ nitz und der Waſſerkur, und wenn er nicht nach Gräfen⸗ berg geht, ſind ohne allen Zweifel Orte recht, wo das Waſſer gut und im Ueberfluß vorhanden iſt.“ „Und ſeine Tochter?“ fragte Hamilton, nunmehr überzeugt, A. Z. gefunden zu haben. „O, ſeine Tochter ſpringt jeden Morgen aus ihrem Bett in einen Zuber mit kaltem Waſſer und einem großen Schwamm darin, aber ich habe nie gehört, daß ſie geſchwitzt hätte, oder —“ „Daß ſie was gethan hätte?“ „Geſchwitzt! Der Graf ſchickte den ſeiner 20 Ankunft ſein Bette und ſeine Badewanne hieher, und ſein Diener Pepperl muß ihn jeden Morgen einbinden.“ In dieſem Augenblick klopfte Jemand leiſe an die Thüre. „Herein!“ rief Hamilton, und zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung erſchien Creſcenz auf der Schwelle. Sie erröthete und er deßgleichen, und dann wurde er roth, weil er erröthet war; und um ſeinen Verdruß zu verbergen, nahm er ein kaltes, hochmüthi⸗ ges Weſen an und wartete, bis ſie ſpräche. Sie ſtam⸗ melte etwas von einem Arbeitsbeutel und einem Taſchen⸗ tuch, als ſie mit Hülfe des Zimmermädchens ſeinen Reiſeſack umdrehte und ſeinen Mantel nach allen Rich⸗ tungen ausſchüttelte. Es fand ſich aber nichts vor, und bereits war ſie im Begriff, das Zimmer wieder zu verlaſſen, als Hamilton die vermißten Gegenſtände unter ſeinem Toiletten⸗Neceſſaire vorfand. Als er ihr die⸗ ſelben zurückgab und die Thüre öffnete, um ſie hinaus⸗ zulaſſen, benützte er dieſe Gelegenheit und erwiederte ihren früheren Bückling mit einer ſo tiefen Verbeu⸗ gung, daß ſie zum Spott werden mußte, und auch ſie nahm ſie dafür, denn das Blut ſtieg ihr bis zu den Haarwurzeln und färbte Hals und Ohren mit einem tiefen Roth, als ſie das Haupt neigte und in Beglei⸗ tung des Zimmermädchens aus dem Gemach eilte. Hamilton erſchrack aber jetzt über ſeine Rohheit alſo, daß er ſehr geneigt war, ihr nachzueilen und ſich zu entſchuldigen; und wäre er allein geweſen, hätte er es ſicherlich gethan, denn es fiel ihm ſogleich ein, daß ſie ſelbſt, ihr Taſchentuch zu ſuchen, gekommen war, nur um Gelegenheit zu einer Erklärung ihres plötzlich ſo veränderten und ungewöhnlichen Benehmens zu fin⸗ den. Dieß ließ ihn ſein knabenhaftes Verfahren noch mehr bereuen, und er wünſchte, mit ihr geſprochen zu haben. Er ſchaute aus dem Fenſter, zu ſehen, ob er ſie vielleicht noch treffen könnte, wenn er den vielbe⸗ ſprochenen Kreuzgang durchſchnitte; aber anſtatt des aufſteigenden Mondes erhoben ſich drohende Sntr . 21¹ wolken und verwandelten ſchnell das noch übrige Zwie⸗ licht in die dunkelſte Nacht. Seine Hoffnungen auf eine romantiſche Begegnung und Erklärung waren zu Ende; es zeigte ſich keine Aus⸗ ſicht auf Mondſchein, und die Bekanntſchaft war noch zu neu, um an ein Zuſammentreffen unter Donner und Blitz zu denken. Der Abendtiſch ſchien ein wünſchenswerther Platz dazu, und von Zerknirſchung und Hunger geſpornt, beſchloß er, ſich mit möglichſter Eile dahin zu verfügen. Von dem ſchmalen, zu ſeinem Zimmer führenden ang trat er auf den langen Corridor, den er mit der Wirthin paſſirt hatte; als er ſich aber ſeiner Mei⸗ nung zu Folge nach der Treppe einbog, die er herauf⸗ gekommen war, befand er ſich plötzlich in einer kleinen, aber hohen Kapelle. Es war zu finſter, um die De⸗ korationen des Altars zu ſehen, aber es ſchien, als ob die Vergoldung daran nicht geſpart worden wäre; zwei kleine anſtoßende Gemächer wurden zunächſt unterſucht, und dann hatte er gänzlich vergeſſen, ob er rechts oder links hereingekommen ſeiz er ſchritt alſo weiter, bis ein breiter, düſterer Gang ihn auf einen Corrivor brachte, der, wie er inſtinkmäßig fühlte, der Ort ſein mußte, wo man in mondhellen Nächten vielleicht zu romanhaften Träumereien geneigt ſein könnte. Die ihm gegenüber, nahe bei einander befindlichen Thüren hatten wahrſcheinlich zu Zellen gehört; über jeder befand ſich ein ſchwarz ausſehendes Gemälde, die Porträts der Aebte, Geſichter und Hände geiſterhaft in dieſer un⸗ deutlichen Beleuchtung ſich darſtellend. In der Nähe war eine breite Treppe; aber aus Beſorgniß, ſich völlig zu verirren, begnügte er ſich jetzt damit, von einer Art Erkerfenſter aus den Garten und einen See in Augenſchein zu nehmen. Waldungen und Berge erſchienen in der Ferne, aber jeden Augenblick weniger deutlich; auf die drückende Stille war ein heftiger Wind gefolgt, der die Bäume nach allen Seiten hin umbog und die Oberfläche des 2² . Waſſers heftig aufregte. Auſmerkſam auf das an⸗ nähernde Gewitter, blieb er an dem Fenſter ſtehen, bis er in ſeinen Träumereien durch den Laut von Fuß⸗ tritten, Stimmen und das Auf⸗ und Zuſchlagen von Thüren unterbrochen wurde. Er wandte ſich ſchnell vom Fenſter weg, eilte nach dem Ende des Corridors, bog links ein und betrat einen ſehr ſchmalen Gang, der nach einem kleinen vier⸗ eckigen Hofe auslief, welcher einſt ein Garten geweſen zu ſein ſchien und jetzt noch einige Bäume, einen Springbrunnen und eine Maſſe üppigen, verwilderten Graſes enthielt. Sofort ſtieg er einige ſteinerne Stufen hinauf, die ihn nach dem Orgelchor führten, von wo ſich ihm eine vollſtändige Anſicht der Kloſterkirche dar⸗ bot. Die vor dem Altar hängende Lampe warf ihre flackernden Strahlen auf die Gegenſtände in ſeiner un⸗ mittelbaren Nähe — alles Uebrige lag im Schatten; hinter der Orgel befand ſich ein gewolbter, unausge⸗ bauter Raum, aber nichts als einen ſehr plumpen Apparat für Füllung der Blaſebälge enthielt. Gerade als er dieſen unintereſſanten Platz verlaſſen wollte, traten zwei Perſonen auf den anſtoßenden Chorz aber da er die Stimme ſeiner Reiſegefährtin erkannte und zugleich vernahm, daß ſie von ihrer Schweſter be⸗ gleitet war, begann er ſeinen eiligen Rückzug durch einen andern Gang, als den zunächſt der Orgel; je⸗ doch verwickelte er ſich in der Haſt mit dem Fuß in den Strang, der aus dem Glockenthurm herabhing, ſo daß die geringſte Bewegung von ihm die ganze Einwohner⸗ ſchaft des Hauſes in Allarm bringen mußte. Während er ſich nun, ſo gut es die Dunkelheit geſtattete, heraus⸗ zuhelfen ſuchte, wurde er unwillkürlich Zeüge einer Unterredung, die gewiß nicht für ſein Ohr beſtimmt war. „Und Dir kommt er alſo gar nicht hübſch vor?“ fragte Creſcenz. „Ich kann nicht ſagen, daß ſein Ausſehen mir ſonderlich gefiel, aber Du weißt, ich habe ihn nur bei * 23 5. ſeinem Mittageſſen geſehen; er ſchien jeboch eine außer⸗ ordentlich günſtige Meinung von ſich ſelbſt zu haben!“ „Auf alle Fälle war es,“ ſagte Creſcenz, „ſehr ver⸗ bindlich von ihm, uns in ſeinen Wagen zu nehmen. Ich bin überzeugt, hätteſt Du an meiner Stelle die mit ihm gemacht, Du würdeſt ganz anders enken.“ „Liebe Creſcenz! ich zweifle nicht, daß er ſo an⸗ genehm war, als Du ſagſt; und ich ſtimme Dir bet, daß er ſehr artig iſt, und Alles, was Du willſt, aber Du kannſt mich nicht zwingen, ihn für ſchön zu halten.“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich ihn für ſchön halte,“ rief Creſcenz abwehrend. „Nein! aber ſo etwas dergleichen. Laß mich ſehen, hm — die intereſſanteſte Perſon, die Du je ſahſt; ſtrahlende, dunkle Augen, mit langen Wimpern, herr⸗ liche Zähne, ſchöner Mund, feine Manieren u. dergl. mehr! Nun, mir kommt er als ein weibiſch ausſehen⸗ der, hochmüthiger Junge vor, und —“ „O, ich hätte vorausſehen können,“ rief Creſcenz, ihre Schweſter unterbrechend, „ich hatte vorausſehen können, daß er in Deinen Augen keine Gnade finden würde, da er kein Officier mit einem langen klirren⸗ den Schwert an der Seite iſt.“ „Schwert oder nicht Schwert,“ antwortete die Andere lachend, „er würde doch nicht anders ausſehen, als ein aufgeſchoſſener Schuljunge, vielleicht ein Stu⸗ dent oder — oder ein Embryo⸗Attaché bei irgend einer Geſandtſchaft.“ Hamiltons ärgerliches Erröthen blieb in der Finſter⸗ niß verborgen. „Ich hatte im Sinne,“ begann Creſcenz wieder zaudernd, „ich hatte im Sinne, Dir etwas zu ſagen, aber Du ſcheinſt ein ſolches Vorurtheil gegen ihn zu haben, daß —“ „Vorurtheil! nicht im Geringſten. Ich halte ihn nur nicht für beſonders hübſch, das iſt Alles!“ „Gut, Du weiß, wie ich Dir ſagte, daß wir unterwegs viel mit einander plauderten, und — und — kurz, als wir in Seon angekommen waren, ließ er ein Wort von einem Zuſammentreffen bei Mondſchein in dem Corridor fallen.“ „Nicht anders, als ich von ihm erwartet habe!“ rief dieſe ärgerlich. „Wie dreiſt nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft!“ „Er iſt ein Engländer,“ ſagte Creſcenz entſchuldi⸗ gend; „und gewiß meinte er nichts Unrechtes dabei, denn ſein Benehmen änderte ſich nicht im Mindeſten, als er Mama ſah, während ich ſo ſchrecklich in Angſt war, ſie möchte bemerkt haben — o! Hildegarde! Was iſt das? Hörteſt Du nichts ſich bewegen?“ „ „O ja; laß uns horchen!“ Eine Pauſe erfolgte. „Es iſt nichts als das Gewitter und“ — indem ſie tief aufathmete — „das Ticken der großen Uhr.“ „Ganz wie wenn Jemand ſchwer Athem holte,“ rief Creſcenz ängſtlich. „Und wie dunkel es iſt. Wir können kaum den Weg finden,“ ſagte Hildegarde. Hamilton wagte nicht, ſich zu rühren; ſie waren ſo nahe bei ihm, daß er hörte, wie ſie mit den Händen an der Mauer hintappten, wo er ſtand. Die Eine ge⸗ langte wohlbehalten nach dem engen Gang, die Andere ſtolperte auf der Treppe; und als Hamilton unwill⸗ kürlich eine Bewegung machte, ihr beizuſtehen, machte ihn der Blitzſtrahl, der ihn ein- oder zweimal in Stand geſetzt hatte, ihre Geſtalten zu unterſcheiden, auf einen Augenblick ſichtvar. Es war vergeblich, daß er ſich wieder nach ſeinem Verſteck zurückzog. Mit einem Schreckensſchrei erhob ſich Creſcenz vom Boden und ſtürzte ihrer Schweſter in die Arme, mit dem Rufe; z* pabe ihn geſehen! ich habe ihn geſehen! Da iſt er!“ Was? Wer iſt hier?“ 25 „Der Engländer! der Engländer!“ unmöglih Wie kannſt Du ſo thöricht ſein? omm, komm, laß uns fort von hier.“ „Ich ſah ihn, und der Blitz ſpielte auf ſeinem Angeſicht, und er ſah aus wie todt, ich ſah ihn, gewiß, ich ſah ihn!“ rief Creſcenz, wie wahnfinnig ſchluchzend⸗ „Creſcenz — liebe Creſcenz!“ ſagte ihre Schweſter, vergeblich bemüht, ſie zu beruhigen. „Hamilton war unausſprechlich erſchüttert, und in der Meinung, ſeine wirkliche Gegenwart würde ihr Gemüth vor der Furcht, etwas Uebernatürliches geſehen zu haben, befreien, trat er vor und erklärte ſo gut als möglich die Urſache ſeines Hierſeins. Im Uebermaß ſeiner Angſt faßte er ſie bei der Hand, nannte ſie Creſcenz und ſchwatzte weiß nicht was für' Unſinn. Ihr Bemuhen, ihre Aufregung zu bewältigen, war verzweifelt. Sie zwang ſich zu einem Lachen, aber der Verſuch dazu endete mit einem Kreiſchen, das wild in dem Gebäude wiederhallte. „Creſcenz! Creſcenz! haſt Du den Verſtand ver⸗ etit Du wirſt uns das ganze Haus auf den Hals ringen.“ Ihre Worte ſchienen ſich beſtätigen zu wollen, denn Lichter zitterten jetzt nach allen Richtungen hin. „Mawa wird kommen, und wir dürfen uns darauf gefaßt machen, morgen früh wieder nach München zu⸗ rückzukehren,“ rief Hildegard ungeduldig. Hamilton's Lage wurde jetzt unbehaglich; es war, zum Mindeſten geſagt, für ſein erſtes Auftreten unter Fremden nicht empfehlend, und der Gedanke, A. Z. möchte unter ihnen ſein, hatte ſich ſeiner mit ſolcher Gewalt bemächtigt, daß er wie verſteinert daſtand und noch immer unbewußt Creſcenz an der Hand hielt. „Was Sie betrifft, Herr Engländer,“ fuhr Hilde⸗ gard zornig fort, ſo kann Ihr Verweilen hier nur unſere Verlegenheit erhöhen. Fort! es iſt noch mög⸗ lich, daß Sie der Beobachtung entgehen können.“ 26 Er wandte mechaniſch nach dem Orgelchor um. „Richt dahin! Nicht dahin!“ rief ſie heftig. „Man ſollte wirklich glauben, Sie ſeien närriſch.“ Durch dieſe etwas unhoöfliche Bemerkung gereizt, fragte Hamilton mit ebenſo ſanſter Stimme, wie die ihrige: „Wohin zum T.—l ſoll ich denn gehen, mein Fräulein? Sie wollen voch nicht, daß ich mich dem Schein aller dieſer Lichter ausſetzen ſol „Gehen Sie! gehen Sie! gehen Sie 1“ rief ſie mit zunehmender Heftigkeit und mit dem Fuß auf den Bo⸗ den ſtampfend. „Sie können quer über den Corridor gelangen, ehe man in dieſen Gang kommt.“ „Er eilte davon, durchſchritt den Gang, ſtolperte zwei oder drei Stufen zu einer Thüre hinauf, welche mitleidig ſeiner Hand nachgab und ihm einen Rückzug in — die Kirche geſtattete, denn hier war er wieder! In völliger Beſtürzung und mit einem Gefühl, als hätte er das Alpdrücken, warf er ſich jetzt auf einen Sitz und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Schritte und fragende Stimmen kamen näher und näher. Er hörte verwundertes Fragen, Schelten und Zanken, und dann wurde Alles ruhig, und nur unter⸗ Schluchzen von Creſcenz erreichte noch ſein hr. Auf einmal wurde es zu ſeinem nicht geringen Schrecken hell in der Kirche; einige Leute mit Lichtern erſchienen auf der Orgel ihm gegenüberz er hatte je⸗ doch von ihnen nichts zu beſorgen, denn der Zufluchts⸗ ort, wo er ſich befand, war, wie es ſich auswies, die vergitterte Gallerie, die früher die Mönche eingenom⸗ men hatten. Inzwiſchen war das Gewitter heftiger geworden, jeder Blitzſtrahl war unmittelbar von einem ſo lauten Donnerſchlag begleitet, daß er das Kloſter ſelbſt in ſeinen Grundmauern zu erſchüttern ſchien. Er diente aber dazu, die Geſellſchaft aus einander zu treiben, denn hald darauf hörte Hamilton Schritte der Zurückkehrenden an der Thüre der Gallerie vorbei, das 7 Auf⸗ und Zuſchließen mehrerer Zimmer, und in der Ferne ſich verlierende Stimmen, und dann war Alles wieder ſtill. Er wartete nur noch ſo lange, um ſich zu vergewiſſern, daß Niemand um den Weg war, und trat dann vorſichtig ſeinen Rückzug an. Eine Jugenderinnerung entlockte ihm jetzt ein Lächeln, als er aus ſeinem Verſteck ſich aufmachte; er gedachte der Zeit, da er gehofft hatte, „ſeine neuen Stiefeln würden auch knarren“, und insgeheim ſelbſt mit dem Schuſterslehrling unterhandelt, wenn er ſo glück⸗ lich geweſen war, ſich ohne Zeugen das Maß nehmen zu laſſen. Und jetzt, was würde er nicht um ein Paar Pantoffeln oder Alles, nur nicht knarrende Stiefel ge⸗ geben haben! Er hatte kaum ſechs Schritte auf den Zehen ge⸗ macht, als eine Thüre aufging und ein Kopf ſich her⸗ ausſtreckte. Er rechnete darauf, in der Dunkelheit ver⸗ borgen zu bleiben, und drückte ſich an die Wand; kaum war der Kopf verſchwunden, ſo ſtürzte er, den günſtigen Augenblick ergreifend, in einen dunkeln Gang und lief, ohne zu wiſſen, ob er ſich rechts oder links wendete, fort, bis er zu einem großen, offenen Fenſter gelangte. Er ſchaute hinaus und erfannte die kleine, grüne Kaleſche des Fremden. Das war eine Art Kom⸗ paß, nach dem er ſteuern konnte; ſeine Fenſter gingen nach derſelben Seite, alſo mußte dieſe Thüre nach ſeinem Zimmer führen. Ehe er jedoch eine andere Erpedition unternahm, hielt er es für gut, ſich Licht zu verſchaffen. Dieß verurſachte eine Zögerung von einigen Minuten, und als er ſich wieder aufmachte, ſchien das Glück ihm günſtiger zu ſein. Hildegard und ihre Stiefmutter ſchrilten vor ihm her, als ob ſie ihm den Weg weiſen wollten. Sie verſchwanden am Ende des Gangs, und er beſchleunigte ſeine Schritte, um ſie auf der Treppe einzuholen. Die Letztere ſprach laut und ſchien in der Fort⸗ ſetzung einer kurz zuvor begonnenen Rede begriffen. 28 „Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß Euer Vater einen vollſtändigen Bericht über die ganze Geſchichte erhalten ſoll. Eine ſo unangenehme Scene! Graf Zedwitz ließ ſich durch ſeinen Biener nach dem Vorfali erkundigen und empfahl Eintauchen in kaltes Waſſer. Ein tüchtiges kaltes Bad würde Creſcenz' Nerven am beſten beruhigen — und ich werde es das nächſte Mal gewiß verſuchen. Meiner Geſundheit wird der hieſige Aufenthalt ſchwerlich viel zu Statten kommen, wenn ich die Duenna für Dich und Deine Schweſter machen ſoll. Vergiß nicht, daß ich es Euch ſtrenge verbiete, nach Sonnenuntergang noch in dieſen Gängen umher⸗ zuwandeln! Hörſt Du?“ „Ja, Madame.“ „Und daß Creſcenz ſich vor dem Blitze ſo fürchten ſoll, iſt lauter Unſinn! Ich möchte wiſſen, ob alle jun⸗ gen Mädchen in der Schule ein ſolches Geſchrei auf⸗ ſchlagen, wenn ſie einen Blitzſtrahl ſehen!“ „Der Donner war ſehr laut,“ begann Hildegarde, ſe außerdem haben Sie nicht gehört, daß ſie geſehen a — 7 „Nun, nun,“ rief die Mutter, ſie zu Hamilton's großer Beruhigung unterbrechend, „Donner oder Blitz — oder beides — es war kein Grund zu einem ſolchen Lärm, und ich warne Euch, das erſte Mal, daß ich wieder Urſache habe, mit Dir oder Deiner Schweſter unzufrieden zu ſein, ſollt Ihr wieder zurück auf die Schule. Geſundheit iſt jetzt die Hauptſache für mich, und jede Aufregung der Nerven iſt mir vom Arzte aus⸗ drücklich verboten!“ Dieſe Worte blieben ohne Erwiederung, und Ha⸗ milton folgte ihnen in einiger Entfernung nach dem Speiſezimmer. Er hatte auf der Orgel ſo viel Zeit verloren, daß beinahe alle Gäſte ſchon davon waren. Der Reiſende, von deſſen Ankunft er Zeuge geweſen war, zündete ſich gerade eine Cigarre an und verließ unmittelbar darauf 29 das Zimmer. In einem ältlichen und roth ausſehenden derben Mann, mit einem Bierkrug vor ſich, ſtellte ſich bald der Major Stultz dar — ebenſo bedurfte es keines großen Scharffinns, um in einem abgemagerten, ſenti⸗ mental erſcheinenden jungen Mann, neben dem er ſelbſt ſaß, Herrn Schmierer, den Maler, zu erkennen. Hildegarde und ihre Stiefmutter waren ihm beinahe gegenüber; die Erſtere heftete, nachdem ſie Hamilton mit einem Blick begrüßt hatte, der geeigneter Weiſe wohl von einer Ohrfeiae hätte begleitet ſein können, ihre Augen auf den Tiſch; die Letztere verneigte ſich ſehr graziös und begann eine intereſſante Unterhaltung über das Wetter, den Barometer und ihren Wider⸗ willen gegen Alles, was einem Gewitter gleich ſah. Als diefe Gegenſtände völlig erſchöpſt waren, hoffte Hamilton, die Rede möchte auf die gegenwärtigen Be⸗ wohner von Seon kommen, aber es erfolgte eine lange und langweilige Discuſſion über die Vorzüge des Sommer⸗ und Winterbiers. Das Strauß'ſche Bier war deliciös — Bock dieſes Jahr heſonders gut ge⸗ weſen. — „Bock,“ rief Major Stultz enthufiaſtiſch, „Bock iſt beſſer als Champagner! Bock iſt —“ Hier blickte er mit verzückter Miene zur Decke Worte waren, ſchien es, nicht genügend, die Verdienſte dieſes Getränkes auszudrücken. „Sahen Sie das Gemälde im Kunſtverein in München, das ein Glas ſchäumenden Bocks mit der gewöhnlichen Zuthat von Butter und Rettigen dar⸗ ſtellt?“ fragte Schmierer. „Es war ausgezeichnet ge⸗ malt. Ich glaube, der König hat es gekauft.“ „Da iſt doch noch Sinn in einem Gemälde, wie dieſes,“ antwortete Major Stultz. „Ich ging zwei⸗ oder dreimal hin, es zu ſehen, und konnte mich nicht enthalten, meine Hand auszuſtrecken, um zu fühlen, ob es nicht Täuſchung wäre.“ enn⸗ — —— 30 „Eine einſichtsvolle Behandlung der reflectirten Lichter bringt in der Darſtellung von Flüſfigkeiten einen außerordentlichen Effect hervor,“ bemerkte Schmierer. Es trat eine Pauſe ein. Major Stultz ſchien nicht geneigt, über den Licht⸗Refler ſich in eine Erör⸗ terung einzulaſſen. Das Gemälde hatte offenbar keinen weitern Werth in ſeinen Augen, als daß es eine gute Darſtellung von einem Glaſe Bock gab, und ſeine Auf⸗ merkſamkeit wandte ſich jetzt Hildegarde zu, deren rothe Wangen und ſchwellende Lippen ihrer Schönheit mehr Vorſchub leiſteten, als Eintrag thaten. „Wollen Sie vielleicht die Zeitungen durchſehen, Madame?“ fragte er höflich, die neueſte Nummer ihrer Stiefmutter anbietend. „Ich danke Ihnenz ich leſe nie Zeitungen, ohwohl ich mit einigen Bekannten zuſammenſtand, den „Eil⸗ boten“ zu halten, unter der Bedingung, daß er zu aller⸗ letzt zu uns kommt, und dann können wir wenigſtens das Papier zum Putzen der Spiegel und Fenſter be⸗ halten.“ „Es finden ſich jedoch einige recht hübſche Ge⸗ ſchichten und Charaden im Eilboten. Junge Damen haben vergleichen Dinge gern,“ bemerkte er mit einem bezeichnenden Blick auf Hildegarde. „Meine Töchter dürfen nichts als Franzöſiſch leſen, und ich habe in einer Bibliothek für ſie abonnirt. Ihr Franzöfiſch hat mehr als die Hälfte ihres Lebens in der Schule in Anſpruch genommen, und nun ſollen fie den Knaben darin Unterricht geben.“ „Ich würde nichts dagegen einzuwenden haben, bei einer folchen Lehrerin Franzöſiſch zu lernen,“ bemerkte der Major galant. „Ich glaube wahrhaftig nicht, daß Jemand viel von ihr lernen wird,“ ſagte Madame Roſenberg ſtreng;“ aber ihre Schweſter Creſcens iſt ein gutes Mädchen, und die Kinder haben ſie ſehr gern.⸗ „Sie haben zwei Töchter!“ rief der Maior. „ 3¹ „Stieftöchter,“ erwieberte ſie trocken. „Das nahm ich für ausgemacht an,“ ſich verbeu⸗ end, als ob er ſehr höflich ſein wollte. „Die jungen Si werden Ihnen in der Haushaltung von großem Nutzen ſein.“ „Das iſt es eben, was bei ihrer Erziehung ver⸗ ſäumt worden iſt; wenn ſie die Wirthſchaft ebenſo gut führen, wie Franzöſiſch ſprechen könnten, würde ich zu⸗ frieden ſein. Aber wenn wir nach München zu⸗ rückkommen, müſſen mir Beide das Kochen lernen. Später will ich dann wechſelsweiſe der Einen die Kin⸗ der, der Andern die Haushaltung übergeben.“ „Sie werden die jungen Damen ſo gut für ihre Beſtimmung vorbereiten, daß ich vermuthe, dieſelben werden nicht lange unverheirathet bleiben. „Es iſt nicht viel Ausſicht dazu vorhanden! Für vermögensloſe Mädchen finden ſich die Männer nicht ſo leicht!“ erwiederte Madame Roſenberg ſcherzhaft; „ich bin jedoch ſehr geneigt, bei einem guten Antrag meine Einwilligung zu geben.“ Hamilton blickte Hildegarde an, um zu ſehen, welchen Eindruck dieſes Geſpräch auf ſie machte. Sie hatte ſich ſo weit als möglich von den Sprechenden abgewendet und ſchien mit geſenktem Kopfe aufmerkſam die in einem Bierglas zerſpringenden Lufthläschen zu beobachten. Wäre es ihre Schweſter geweſen, ſo hätte er ge⸗ dacht, ſie habe diefe Beſchäftigung gewählt, um ihre Verlegenheit zu verbergen — aber Verlegenheit war nicht Hildegard's vorherrſchendes Gefühl; ihre zuſam⸗ mengepreßten Lippen und ihre ſchnellen Athemzüge deu⸗ teten auf unterdrückten Zorn hin, der ſich zum Grimm ſteigerte, als ihre Stiefmutter mit direkten Worten Major Stultz fragte, ob er verheirathet wäre, und zur Antwort erhielt: „Ich bin Junggeſelle, Ihnen zu dienen.“ Mit einem plötzlichen Ruck wurde das Glas auf dem Tiſch umgeworfen, und Hamilton hatte, ehe er * 32 ſeinen Arm aufheben konnte, deſſen Inhalt in ſeinem Rockärmel. „Pardon mille fois!“ rief Hildegarde, die wirklich ſo ausſah, als ob ihr das Geſchehene leid thäte. „Du reizbares, ungeſchicktes Mädchen!“ begann ihre Mutter; aber plötzlich änderte ſie aus einem un⸗ zweifelhaft vortrefflichen Grunde ihren Ton und ſetzte hinzu: „es wird wohl am Beſten ſein, wenn Du zu Bette gehſt, Kind; ich ſehe, Du haſt Dich von dem Schreck vorhin in der Kirche noch nicht erholt. Hildegarde ſtand ſchnell von ihrem Stuhl auf und verließ mit einer leichten, aber etwas hochmüthigen Verbeugung gegen die Geſellſchaft ſtillſchweigend das Zimmer. Madame Wſenberſ fuhr geläuſig fort, ſie gegen Hamilton, und was pm volltommen unnöthig dünkte, auch gegen Major Stultz zu entſchuldigen. Der Major hörte ihr gelaſſen zu, aber Hamilton bewog ſein naſſer Hemdärmel, ſein Abendeſſen ſo ſchnell als möglich zu beendigen und der Geſellſchaft gute Nacht zu wünſchen. Zweites Kapitel. Die Anfangsbuchſtaben. Hamilton glaubte, wenige Dinge wären ſo unan⸗ genehm, als das Zubettgehen, mit Ausnahme vielleicht des Wiederaufſtehens. Er war in dieſer Hinſicht un⸗ verbeſſerlich träge, und nur der friſcheſte und ſchönſte Morgen, unterſtützt vielleicht von den durchſichtigen Muſſelin⸗Vorhängen, die ſeit Tagesanbruch jeden Licht⸗ ſtrahl hereingelaſſen hatten, konnte für ihn ein Beweg⸗ grund geweſen ſein, daß er ſchon um ſechs Uhr auf⸗ ſtand, angekleidet war, und dieß, ohne einen unmittel⸗ haren Zweck in Ausſicht, denn es ſtand wenigſtens noch — —— 33 drei oder vier Stunden an, ehe er es wagen konnte, bei A. Z. einzudringen. Er war nicht wenig überraſcht, Creſcenz und ihre Schweſter ſchon im Garten zu finden, aber da er keine eigung hatte, die Scene von der Orgel zu erneuern, wandte er ſich nach einer Reihe plumper, flachbodiger Kähne, ſprang in einen derſelben und war wenige Minuten nachher weit draußen auf dem See, wo er ſich ruhig auf ſein Ruder lehnte und Umſchau zu halten egann. Seon war urſprünglich auf einer Inſel erbaut und erhielt von dieſem Umſtande ſeinen Namen, wie ſinn⸗ reich genug in der Introductio ad Annales Monasterii Seonentis, von Benoni Flichtmajr, deſſelben Kloſters Profeſſor, erzählt iſt: — „Als Gott ſahe, daß die Ruch⸗ loſigkeit des Menſchen groß war auf Erden und alle Gedanken ſeines Herzens immerdar nur böſe waren, drohte er der Erde mit Zerſtörung und ſagte zu Noah, mache Dir eine Arche, u. ſ. w. u. ſ. w. Alſo beſchloß unſer heiliger Stifter, Aribo, als er ſahe, wie die Menſchenkinder wieder in Sünde verfallen waren, auch eine Arche zu bauen, und in dieſelbe nicht allein ſeine eigene Hausgenoſſenſchaft, ſondern auch alle Anderen aufzunehmen, welche Willens waren, der Gottlofigkeit der Welt abzuſagen und ſich aus der Sündfluth zu retten. Demzufolge verwandelte er ſein Schloß Bürgel in ein Kloſter unter dem Siegel des heiligen Patriar⸗ chen Benediktus, und empfahl daſſelbe dem heiligen Märtyrer Lambertus. Das Kloſter wurde alsdann Seon genannt, da die Buchſtaben dieſes Wortes, ver⸗ kehrt geleſen, den Namen Nves (Noah) enthalten und das die Arche darſtellende Kloſter, ein Zufluchtsort für Alle, welche darnach begehrten, mitten auf dem See zu ſchwimmen ſchien.“ Von dem urſprünglichen Gebäude vom Jahr 994 iſt nichts mehr übrig, als die Kirche, jetzt in einen Keller verwandelt, und die Kreuzgänge; die anderen Die Anfangsbuchſtaben. I. 3 34 Theile find durch eine Feuersbrunſt vom Jahr 1561 zerſtört worden. Im Laufe der Zeit jedoch und ſelbſt vor der Säculariſation des Kloſters wurde es für an⸗ gemeſſen befunden, Seon vermittelſt einer Straße, über welche Hamilton geſtern Abend gekommen ſein mußte, mit dem angrenzenden Lande in Verbindung zu ſetzen. Noch jetzt aber glich Seon, von Außen betrachtet, mehr einer mittelalterlichen deutſchen Burg, als einem Kloſter. Dieſen Eindruck machte es auch auf Hamilton, als er die zahlreichen Menſchengruppen beobachtete, die jetzt durch ihre Gegenwart den hübſchen, bis an den See ſich ausdehnenden Garten allmälig belebten. Creſcenz und ihre Schweſter gingen noch immer auf und ab, in ernſtem Geſpräch begriffen, und ſo oft den „aufgeſchoſſenen Schulknaben“ mit einem Blick be⸗ glückend, daß er überzeugt war, den Gegenſtand ihres Geſprächs zu bilden. Ihre Brüder geſellten ſich bald zu ihnen, und es erfolgte jetzt ein ſehr lärmendes Fangen und Jagen zwiſchen ihnen und Creſcenz. Hildegarde ſtand noch immer gegen den See ge⸗ wendet, und ihre Augen weilten auf ihm und ſeinem Boot. „Vielleicht,“ dachte er mit der jungen Leuten eigenthümlichen Eitelkeit, — „vielleicht bereut ſie ihr unartiges Benehmen gegen mich von geſtern Nacht. Sie gefällt mir um ſo beſſer, daß ſie mit dieſen un⸗ manierlichen Buben nicht ſpielt, und ich habe auch beim Abendeſſen bemerkt, daß ſie, bei aller Aehnlichkeit mit ihrer Schweſter, doch unendlich ſchöner iſt.“ Er ruderte nach dem Landungsplätzchen, band das Boot an und näherte ſich ihr langſam. Aber es bedurfte nicht lange, ihm die Ueberzengung zu gewähren, daß er nicht im Geringſten ein Gegenſtand des Intereſſes für ſie geweſen war; denn ſie ſtarrte immer noch nach dem See hinaus, obgleich ſeine Barke nicht mehr auf deſſen Oberfläche ſich ſchaukelte, und ſelbſt der Laut ſeiner Stimme, da er mit ihrer Schweſter ſprach, konnte ſie nicht bewegen, ſich umzudrehen. 35 Er ſah jetzt auf ſeine Uhr und fand, daß es, bis er gefrühſtückt hätte, Zeit wäre, ſich zu einem Beſuch bei A. Z. fertig zu machen, das heißt, zu erfahren, welche Ausſichten er zu Anknüpfung einer nützlichen oder angenehmen Bekanntſchaft hätte. Er erkundigte ſich nach der Wirthin und fand ſie in der Küche, von wo ſie ganze Detachements von Kaffee und Semmel⸗ brödchen nach dem Garten entſandte. Zu ſeiner großen Ueberraſchung und Freude befahl ſie, ſein Frühſtück nach der Laube zu bringen, wo die Gräfin Zedwitz und ihre Tochter gerade frühſtückten, indem ſie bemerkte, dieß wäre der einzige noch vakante Platz im ganzen Garten. Mit einer gemiſchten Empfindung von Aengſt⸗ lichkeit und Neugierde folgte er. Während es auf dem Tiſch niedergeſetzt wurde, bemerkte er, daß eine behag⸗ lich ausſehende ältliche Dame eine Frage machte und die Antwort zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen ſein mußte, denn ſie nickte mit dem Kopf und blickte dann auf ihn. Er verbeugte ſich und wurde mit einem gut⸗ müthigen Lächeln empfangen. „Sie kennt mich,“ dachte er, „und dieß iſt A. Z.“ Es hatte in Wirklichkeit nichts zu bedeuten, — aber — er würde die Tochter vorgezogen haben, die, wenn auch nicht im Mindeſten hübſch, doch einen muntern Geſichtsausdruck beſaß und ſo friſch ausſah, daß er unwillkürlich an den Zuber mit kaltem Waſſer dachte, aus dem ſie wahrſcheinlich vor einer halben Stunde erſt geſprungen war. 8 „Ich fürchte, Madame, Sie werden mich für z dringlich halten,“ begann er mit einer affektirt Schüchternheit, von der er in Wirklichkeit weit en fernt war. „O keineswegs,“ rief die ältere Dame auf eng⸗ liſch, zwei⸗ oder dreimal mit dem Kopfe ſchüttelnd; „keineswegs! Sie ſind ein Engländer: es freut mich ſehr, eine Gelegenheit zu haben, engliſch zu ſprechen. Man verliert alle Uebung barin in Bädern. Ich ſchätze mich ſehr glücklich, Ihre Bekanntſchaft ii 36 Hamilton erklärte, ihr äußerſt verbunden zu ſein — drückte jedoch die Hoffnung aus, einen beſſern Anſpruch auf ihre Beachtung darthun zu können, als die bloße Eigenſchaft ſeiner Nationalität. Dieß verſtand ſie nicht, denn gleich den meiſten Deutſchen, die Engliſch lernen, verſtand ſie ſelten, was ihr geſagt wurde, und zog vor, immer ſelbſt zu ſchwatzen, ſtatt eine Antwort in einer Sprache zu erwarten oder zu begehren, die ſie nur durch das Auge, nicht vom Gehör kannte. „Wir haben hier eine ſehr ſchöne Natur!“ lautete alſo die Antwort, die er auf eine Be⸗ merkung erhielt, womit er die intereſſante Entdeckung, daß er der Sohn ihres Münchener Correſpondenten wäre, einzuleiten beabſichtigt hatte. „Wir haben eine ſehr ſchöne Natur hier.“ Hamilton ſah ganz verblüfft aus, oder ſie hielt ihn für eiwas taub, denn ſie wiederholte noch einmal lauter als zuvor, „eine ſehr ſchöne Natur!“ Er verbeugte ſich und erröthete leicht. „Mama will ſagen, die Ausſicht (der Proſpeet) ſeie hier recht gut,“ ſagte die jüngere Dame in erklärendem Ton. „Ah! Proſpect!“ wiederholte er. „Was Sie Landskip nennen, — paysage? Iſt es nicht gut engliſch? Nicht?“ „O, ſehr gut engliſch,“ antwortete er, ſich um⸗ ſehend und bereit, alles Mögliche, was ſeinem Blick ſich darböte, zu bewundern. Nun aber waren ſie in r Laube, die dicht mit Blätterwerk überzogen war, ei um ſie den Sonnenſtrahlen undurchdringlich zu machen, und va der Eingang auf der Gartenſeite war, ſo zeigte ſich durchaus nichts Sehenswerthes, das man mit dem Mamen einer Ausſicht hätte belegen können. Hamilton wußte nicht, was er ſagen ſollte, und gerieth bereits in Verlegenheit, als glücklicherweiſe die Roſenberg erſchienen und eine Diverſion zu ſeinen Gunſten machten. Cres⸗ cenz und ihre Schweſter kamen näher und gingen ihrer 37 Stiefmutter entgegen, die jetzt in einem ſehr unvor⸗ theilhaſt ſtehenden dunkelfarbigen Morgknrock, über den ſie nachläſſig einen alten Shawl geworfen hatte, wäh⸗ rend ſie noch am Kopfe jene widerwärtigen Lederwickel trug, die dazu dienen, widerſpenſtige Haare in Locken zu drehen, — den Garten betrat. „Wer iſt das?“ fragte die Gräfin, zu ſeiner großen Erleichterung deutſch ſprechend? „Wer iſt dieſe Perſon?“ „Ich glaube, ſie heißt Roſenberg,“ antwortete er, ſie kam geſtern von München.“ „Ah, ich weiß, das iſt die Perſon, die geſtern Nacht in der Gallerie ein ſolches Geſchrei erhob.“ „Nein, Mama, es war eine ihrer Töchter, die es gethan hat.“ „So, eine ihrer Töchter! Sie ſind ſehr hübſch,“ ſagte die Gräfin, ihre Doppel⸗Lorgnette nach den Augen führend, — „wirklich ſehr hübſchi und ich glaube, ich habe ſie ſchon irgendwo früher geſehen, kann mich aber nicht erinnern, wo —“ „O Mama, ich weiß, wo Sie dieſelben geſehen haben: ſie befanden ſich in derſelben Schule mit meiner Couſine Thereſe, und wir ſahen ſie voriges Jahr bei den Prüfungen. Erinnern Sie ſich nicht der beiden Schweſtern, die ſo viel Aehnlichkeit mit einander hatten? Und als wir mit der Fürſtin N. heimfuhren, erklärte dieſe, die eine von ihnen wäre das ſchönſte Geſchöpf, das ſie je geſehen habe! Ich glaube auch, ſie ſagte, ſie habe deren Mutter gekannt!“ „Doch nicht jene Perſon in dem abſcheulichen Negligé? Du träumſt, mein Kind.“ „Nein, nein — ihre Mutter war von Adel! — Sie war eine Raimond, hatte kein Vermögen und hei⸗ rathete tief unter ihrem Stand, ungeachtet ſie ſchon alt genug war, um keine Unklugheit zu begehen; ihre Ver⸗ wandten vergaben ihr nie, erboten ſich aber nach deren Tod, ihre zwei Mädchen zu Gouvernanten ausbilden zu laſſen; ihr Vater wollte ſich aber nicht von ihnen — trennen; doch da er ſpäter eine reiche Schmiedstochter heirathete, beſtand dieſe alsbald darauf, ſie in eine Schule zu ſchicken.“ „Ich glaube, ich erinnere mich jetzt wieder daran — höchſt wahrſcheinlich eine Schweſter unſeres Freun⸗ des, des Grafen Raimond, Agnes?“ „Das Fräulein heißt Agnes?“ fragte Hamilton ſchnell. „Dann ſind Sie vielleicht die Perſon, die ſo freundlich war, mir den Brief zu ſchreiben, der . er ſuchte in ſeiner Taſche nach dem Briefe von A. „Wie! — was iſt das mit dem Briefe?“ fragte die alte Dame haſtig. „Ein Mißverſtändniß, Mama.“ er ſagt, Du habeſt ihm geſchrieben, meine Liebe.“ „Nein, Mama, das iſt von mir nicht geſchehen, aber ich glaube ſehr wahrſcheinlich von Papa. Ich weiß, er ſchrieb kürzlich an einen Engländer in Mün⸗ chen. Es wird ihn gewiß freuen, Sie zu ſehen,“ ſetzte ſie, gegen Hamilton gewendet, hinzu; „denn obgleich er ganz leidlich Engliſch ſpricht, fällt ihm das Schreiben äußerſt ſchwer, und das kleine fragliche Billet koſtete ihn beinahe eine Stunde. Wenn Sie mit Ihrem Frühſtuck fertig ſind, kann ich Sie ſogleich nach ſeinem Zimmer führen.“ Hamilton ſchob ſeine Kaffeetaſſe zurück und ſtand ſogleich auf. „Agnes, Agnes!“ rief ihre Mutter ernſt, „Du weißt, daß Dein Vater ſchwitzt.“ „Ja, Mama, ich weiß es; aber Papa iſt ſehr be⸗ gierig, ſeinen engliſchen Correſpondenten zu ſehen; Sie kommen wahrſcheinlich gerade von Gräfenberg zu⸗ rück?“ fragte ſie, gegen Hamilton gewendet. „Haben Sie keinen Brief von Prießnitz?“ „Brief von Prießnitz! Ich habe keinen Brief, außer dem, welchen ich vorgeſtern vom Grafen Zedwitz erhielt.“ 39 „Sie wünſchen vielleicht Papa zu ſprechen, ehe Sie ſich zur Reiſe nach Gräfenberg entſchließen?“ „Ich? — ich habe ganz und gar nicht die Abſicht, dahin zu gehen, mein Fräulein,“ ſagte Hamilton, der nicht einmal genau wußte, wer Prießnitz war, oder wo Gräfenberg liegen ſollte; denn vor zehn Jahren war der Name Prießnitz noch wenig in Deutſchland, und kaum irgendwo in England bekannt. „Wohl, auf alle Fälle thun Sie am Beſten, mit Papa zu ſprechen: ich weiß, daß er Sie erwartet.“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte Hamilton, „ſo werde ich ſicherlich ſehr erfreut ſein, ſeine Bekanntſchaft zu machen — nur fürchte ich, der Brief möchte für meinen Vater beſtimmt ſein, da er auswärts Bekannte hat, die mir noch abgehen.“ „Das iſt, denke ich, ganz einerlei,“ ſagte die junge Gräfin, als ſie ihn aus dem Garten führte. „Sie können Ihren Vater wiſſen laſſen, daß Sie uns hier geſehen haben. Papa that es nur leid, daß er Sie nicht zu Hauſe empfangen konnte; aber unſer Haus iſt gegenwärtig nicht zu bewohnen, und .. „Ah!“ rief Hamilton, hinter ihr die Treppe hin⸗ aufſpringend, „das iſt's gerade, was er in ſeinem Briefe ſagt.“ „Warten Sie hier, bis ich ihm Ihre Ankunft ge⸗ meldet habe,“ ſagte ſie, leiſe an eine der Thüren klopfend, die ſie unmittelbar hinter ſich ſchloß. Sie kam nicht wieder, aber ein langer, magerer Diener erſchien, um ihn zu dem Grafen Zedwitz in's Zimmer zu führen. Beim Eintreten bemerkte er, daß auf einem Bette eine Geſtalt lag, die ſo in Teppiche gewickelt und mit Betten zugedeckt war, daß man außer dem Geſicht, über welches der Schweiß in Strömen herabfloß, nichts von ihr ſehen konnte. Ein Leſepult war auf ſeiner Bruſt angebracht, und ein langer Federkiel, feſt zwiſchen die Lippen gedrückt, diente dazu, die Blätter ſeines Buches 40 5 umzubrehen. Hamilton würde einiger Zeit bedurſt haben, um zu entdecken, wozu die Feder da war, wenn ſen eben bei ſeinem Eintritt ihren Dienſt verſehen ätte. „Es freut mich ſehr, Sie zu ſehen — wie gut, daß ſie meinen Brief bekommen haben und, wie es ſcheint, ſich ihn zu Nutzen machen wollen. Sie ſind wieder gut auf den Füßen.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Hamilton, etwas ver⸗ blüfft über dieſe Anrede und halb geneigt, den Stuhl abzulehnen, der ihm von dem Diener hingeſtellt wurde. find in Gräfenberg geweſen? Nicht!“ „Nein. „Sie ſind ohne Prießnitz wieder geneſen?“ „Geneſen?“ wiederholte Hamilton; „ich bin in meinem Leben nie ernſtlich krank geweſen: Erkältungen und dergleichen Dinge ausgenommen, das ſind aber lauter Kleinigkeiten.“ „Kleinigkeiten! Nun, Ihr Engländer habt ſonder⸗ bare Ideen! — Ein Rheumatismus eine Kleinigkeit!“ „Gicht iſt bei uns gewöhnlicher,“ bemerkte Hamil⸗ ton, einigermaßen beluſtigt. „Nun, Gicht, Chiragra, Podagra, Rheumatismen, was Sie wollen, — find durchaus keine Kleinigkeiten! Sie haben die Gicht gehabt?“ „Nein; aber ich denke, ich werde ſie mit der Zeit bekommen; ſie iſt in unſerer Familie erblich — mein Vater bekommt jedes Jahr zwei oder drei Mal einen Anfall davon.“ „Ihr Vater! iſt das Ihr Vater, der die Gicht ge⸗ habt hat?“ „Ja, und ich vermuthe auch, mein Vater iſt Ihr Correſpondent. Ich fürchte wirklich, ich bin nicht die Perſon, für die Sie mich nehmen.“ „Wie! was, was meinen Sie?“ rief er, ſich in ſeinene Bett aufzurichten verſuchend und ganz einem ſich krümmenden Maiwurm gleichſehend. 41 „Ich will ſagen, daß ich vorgeſtern einen Brief mit einer Einladung, hieher zu kommen, erhalten habe. Auf dem Siegel befand ſich ein Krönchen mit den Buchſtaben A. Z. darunter. Ich kam, erkundigte mich und machte zu eilfertig, ſcheint es, den Schluß, daß Graf Zedwitz oder Jemand von ſeiner Familie an mich geſchrieben habe. Ihre Tochter beſtärkte mich in meinem Irrthum durch die Verſicherung, Sie haben kürzlich an einen Engländer in München geſchrieben und wünſchen ihn zu ſehen.“ „Hm! ha! — ſehr ſeltſam!“ murmelte der Graf, ſcharf ſixirend. „Darf ich um Ihren Namen itten?“ „Hamilton,“ erwiederte der Engländer, mit einem ſchlecht verhehlten Verſuch, eine Neigung zum Lachen zu unterdrücken. „Ich habe nicht die Ehre Jemand dieſes Namens zu kennen,“ bemerkte der Graf, indem er ſich, ſo weit ſeine Decken es ihm geſtatteten, eine würdevolle Miene anzunehmen bemühte. „Ich bin erſtaunt, Sir, daß Sie den Irrthum nicht bälder erkannten.“ „Ich auch,“ antwortete Hamilton, während die aufſteigende Röthe in ſeinem Geſicht die Verlegenheit verrieth, die er zu verbergen ſuchte; — aber alle Augen⸗ blicke ließ mich eine Bemerkung von Ihnen wieder daran zweifeln; außerdem,“ fügte er, der Thüre ſich nähernd, hinzu, „muß ich geſtehen, ich wünſchte etwas von dieſer Waſſerkur, die mir völlig neu iſt, zu er⸗ fahren: bis geſtern habe ich nie etwas darüber gehört. Uebrigens iſt es mir äußerſt leid, mich alſo in Ihre Bekanntſchaft eingedrungen zu haben, und ich kann nur bedauern, daß mein Correſpondent ſeinen Namen nicht ausgeſchrieben hat: mit dieſen Anfangsbuchſtaben, ſcheint es, habe ich nur wenig Ausſicht, den Schreiber zu entdecken!“ „Ich weiß nicht,“ rief Graf Zedwitz, plötzlich ſein Benehmen ändernd: „Es iſt durchaus nicht unwahr⸗ 42 ſcheinlich, daß der Brief von Baron Z. kommt; ſeine Frau iſt eine Engländerin, — ich würde Ihnen rathen, ſie vorher zu ſehen, ehe Sie Ihre Nachforſchungen aufgeben. Und — und,“ ſetzte er zaudernd hinzu, „da Sie ſich für den Gegenſtand der Hydropathie zu in⸗ tereſſiren ſcheinen, wird es mir ein großes Vergnügen machen, Ihnen einige Bücher zu leihen und jede Aus⸗ kunft über Prießnitz und Gräfenberg, die in meinen Kräften ſteht, zu geben. Inzwiſchen ſehen Sie dieſes Werkchen durch — es iſt nicht nöthig, ein Arzt zu ſein, um es zu verſtehen. Sie finden darin eine Be⸗ ſchreibung von Gräfenberg, dem Etabliſſement von Prießnitz, der dieſe vernunftgemäßeſte Heilmethode für alle Krankheiten entdeckt hat; und ich zweifle nicht, Sie werden ſich bald von der Nutzloſigkeit der Aerzte und Apotheker überzeugen und, wie ich, all ihr Ver⸗ trauen auf kalt Waſſer ſetzen: — leſen Sie, was über Tranſpiration, Kaltwaſſertrinken und Baden geſagt iſt: leſen und urtheilen Sie ſelbſt. Ich werde Sie beim Mittageſſen ſehen.“ Hamilton nahm das Buch mit Ausdrücken der Dankbarkeit, die wirklich aufrichtig waren, in Empfang. Die glückliche Beendigung dieſer Zuſammenkunft ließ ihn fuͤhlen, daß er einen Bekannten gewonnen hatte, der ſich vielleicht für ihn in einen Freund verwandelte, wenn er ſich der Waſſerprobe unterwarf. Drittes Kapitel. A. Z. Als Hamilton nach ſeinem Zimmer ging, ſein Be⸗ glaubigungsſchreiben, das heißt, den Brief von A. Z. zu holen, traf er zufällig eines der Kammermädchen 43 das ſich erbot, ihn nach dem Zimmer von Baron Z. zu führen. Um der Nothwendigkeit einer Erklärung vorzu⸗ beugen, ſchickte er ſie mit einer Karte voraus, und ſie kehrte ſogleich wieder zurück und meldete, Baron Z. würde ſehr erfreut ſein, ihn zu ſehen, und bitte ihn, ſo bald als möglich zu kommen. Hamilton gehorchte augenblicklich der Aufforderung und befand ſich jetzt dem Reiſenden mit der langen Büchſe gegenüber. In der Mitte eines großen Zimmers befand ſich ein runder Tiſch, ganz mit Schießgeräth⸗ ſchaften bedeckt, und daneben ſtand Baron Z., eben die Büchſe unterſuchend, mit welcher er geſtern Abend ge⸗ zielt hatte. Er näherte ſich Hamilton mit großer Herz⸗ lichkeit, ſtreckte ihm ſeine Hand hin und rief auf Engliſch: „Mr. Hamilton, es freut mich ſehr, Sie zu ſehen; meine Fran und ich haben ſehnlichſt Ihre Ankunft er⸗ wartet: denn wir müſſen heute Nachmittag Seon ver⸗ laſſen, um nach Berchtesgaden zu gehen. Nun iſt Alles leicht zu arrangiren — Sie gehen mit uns — ſie be⸗ wundern die ſchönen Berge — ſehen die Salzwerke und dann machen wir eine Alpenpartie oder eine Gemsjagd mit einander. Sind Sie ein guter Schütze?“ „Nein, ich muß leider geſtehen, daß ich das nicht bin,“ antwortete Hamilton, nicht wenig verlegen, denn ſeine Ungeſchicklichkeit in dieſer Beziehung hatte ſeinem Bruder John, der ſonſt ſo tief unter ihm ſtand, un⸗ aufhörlich Stoff zu Spöttereien geliefert; und er er⸗ wartete halb eine ſpöttiſche Bemerkung zur Antwort. „Vielleicht finden Sie am Fiſchen oder an einer Hetzjagd mehr Geſchmack, als an der Gemsjagd?“ Hamilton fühlte ſich ſehr erleichtert und geſtand, großer Freund der Parforcejagd zu ſein; er wäre, te er hinzu, ein viel beſſerer Reiter, als Schütze.“ „Und ich,“ antwortete Baron Z. in guter Laune achend, „ich kann beſſer ſchießen, als reiten. Ich 44 glaubte, es würde Sie intereſſiren, unſere Jagdver⸗ gnügungen kennen zu lernen, und — „Es würde mich unter allen Umſtänden intereſſiren, etwas dieſer Art zu ſehen, und wenn auch als bloßer Zuſchauer,“ rief Hamilton eifrig. „Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an.“ Baron Z. befahl nun ſeinem Bedienten, ſeiner Frau zu melden, daß Mr. Hamilton, der von ihr er⸗ wartete Engländer, angekommen ſei, — „und Joſeph,“ rief er ihm nach, „nimm einen von den Wagenkäſten nach Mr. Hamilton's Zimmer; er geht mit uns nach Berchtesgaden.“ Sie waren mitten in einer ſehr lebhaften Unter⸗ haltung über Dinge, wovon Hamilton ſehr wenig ver⸗ ſtand, nämlich über die neueſten Verbeſſerungen an Feuergewehren, als die wirkliche A. Z. in das Zim⸗ mer trat. Wie ſollen wir ſie beſchreiben? Am leichteſten vielleicht vermittelſt Negationen. Sie war weder groß, noch klein, weder dick, noch mager, weder ſchön, noch häßlich, noch — noch — kurz, ſo weit Hamilton in einem ſo kritiſchen Momente ſeine Ideen ſich klar machen konnte, war der Eindruck, den ſie bei ihm hervorbrachte, der, daß eine blaſſe Perſon mit dunkeln Haaren vor ihm ſtand, deren Miene hinlänglichen Verſtand an⸗ deutete, um es ihm als das Beſte erſcheinen zu laſſen, ſeinen Brief herauszuholen und gleich auf eine Erklä⸗ rung loszugehen. Der Umſtand, daß ſie gar kein Zeichen des Wieder⸗ erkennens äußerte, brachte ihm auf einmal zum Bewußt⸗ ſein, daß er nicht die von ihr erwartete Perſon war, und er ſtand vor ihr mit ſo tiefem Erröthen, daß ſie zuletzt eine Art Mitleid mit ihm zu fühlen ſchien. S biß die Lippen auf einander, ein Lächeln zu verberge und bot nach einer augenblicklichen Pauſe ihm die Hand, indem ſie ſagte: „Ich geſtehe, ich erwartete Ihren Vater zu ſehe 4⁵ und finde mich ein wenig getäuſcht. Sie waren noch ein bloßes Kind, John, da ich Sie zum letzten Mal ſah, ſo daß Sie jetzt meiner Erinnerung entwachſen ſind. Sie verſprachen wirklich, ſich ungewöhnlich in die Länge zu ſtrecken, aber ich war auf ſolch ein Exem⸗ plar nicht vorbereitet. Erröthen und Schüchternheit ſcheint zu Ihren Grundanlagen zu gehören; vielleicht war dieß der Grnnd, daß Ihr Vater Sie in's Ausland ſchickte, ehe Sie zu Ihrem Regiment abgingen. Bei⸗ läufig geſagt, ich muß falſch unterrichtet worden ſein, aber ich habe gehört, daß Sie ſchon eingereiht ſeien. Nun, bitte, verſchwenden Sie kein weiteres Erröthen an mich, ſondern verſuchen Sie, ſich ſo bald als mög⸗ lich hier heimiſch zu fühlen und mir Alles, was ſich bei en Neues zugetragen hat, auf der Stelle zu er⸗ ählen.“ Hamilton bewegte ſich mechaniſch nach dem Sopha, in vollſtem Sinn des Wortes gänzlich verwirrt, aber zugleich im Innern ſehr erleichtert. Allem nach war alſo der Brief für ſeinen Vater beſtimmt geweſen, und ſie nahm ihn bloß für ſeinen Bruder John, — ein ganz gewöhnliches Mißverſtändniß, das er leicht auf⸗ klären konnte. Was für ein Thor würde er geweſen ſein, wenn er nicht ſich in Perſon hier nach dieſer A. Z. erkundigt hätte, die offenbar eine alte Freundin ſeines Vaters war. Er begann freier zu athmen und konnte ſo einige Worte vernehmen, die ſie ſehr leiſe deutſch an ihren Gemahl richtete: „Haſt Du je ein ſo langbeiniges, ſchamhaftes Ge⸗ ſchöpf geſehen? Er iſt jedoch hübſch und würde ent⸗ ſchieden einen Gentleman vorſtellen, wenn er nicht ſo gar linkiſch wäre. Wir müſſen ihn mit uns nach Berchtesgarden nehmen, Hermann.“ „Ich habe bereits Alles in Ordnung gebracht,“ antwortete er, mit dem Kopf nickend. „Er wünſcht eine Gemsjagd zu ſehen, und er ſoll, wenn ich es ein⸗ 5 46 richten kann; auf alle Fälle mag er ſeine langen Beine auf einem von unſeren Bergen ſtrecken.“ „Sind Sie ein Jäger?“ fragte ſie engliſch, ſich wieder zu Hamilton wendend und auf dem Sopha Platz nehmend. „Ganz und gar nicht, was das Schießen anbelangt,“ antwortete er, ſich bückend, ihr den Fußſchemel zurecht zu ſtellen, und ſeiner Verlegenheit mehr und mehr ent⸗ hoben, „aber ich würde mich ſehr freuen, eine Gems⸗ jagd zu ſehen.“ „Wenn Sie nicht, wie man es nennt, ein ſehr guter Schütze find,“ ſagte A. Z., „würde ich Ihnen eher zur Erſteigung eines Bergs oder einer Alpe, als zu einer Gemsjagd rathen, die ſehr ermüdend iſt und, wie ich mir vorſtelle, für Jemand, der nicht mit dem Schießen vortrefflich umzugehen vermag, wenig Intereſſe haben kann.“ „Alles, was neu oder national iſt, wird mir will⸗ kommen ſein,“ antwortete Hamilton. „Es iſt mir ſehr darum zu thun, von meinem Aufenthalt in Deutſch⸗ land Nutzen zu ziehen und ſo viel als möglich zu ſehen und zu hören; hauptſächlich wünſche ich mit einigen deutſchen Familien bekannt zu werden, um das Innere ihrer Häuſer und ihre häuslichen Gewohnheiten kennen zu lernen.“ Während er ſprach, hatte ſich A. Z. über ein klei⸗ nes Arbeitskäſtchen gebeugt, mit deſſen Inhalt ſie halb abweſend ſpielte. Jetzt blickte ſie auf und wiederholte ſeine letzten Worte: häusliche Gewohnheiten! Intereſſirt Sie das? — Aber ich habe vergeſſen: Ihr Vater ſchrieb mir über dieſen Gegenſtand, und ich war nahe daran, mit einer Familie in München Ihretwegen ein Ueber⸗ einkommen zu treffen.“ „Wie ſonderbar!“ rief Hamilton. „Mein Vater hat deſſen gegen mich mit keinem Wort erwähnt; ich unt ſeibſt meine Mutter wußte nichts von dieſem lan.“ 47 „Sie irren ſich. Sie bezog ſich darauf in dem einzigen Brief, den ich ſeit Jahren von ihr erhalten habe. Wirllich kam mir, da mein letzter Brief ſo lange unbeantwortet blieb, der Gedanke, ich wäre von Ihnen Allen ganz vergeſſen, und der Brief, den Sie in München erhielten, wurde auf gut Glück abgeſchickt. Ich ſchrieb abſichtlich in allgemeinen Ausdrücken und unterzeichnete nur mit den Anfangsbuchſtaben meines Namens, da ich überzeugt war, Ihr Vater oder Ihre Mutter würde die Handſchrift erkennen, und Ihnen, oder einem Ihrer Brüder es nicht ſchwer fallen, das Fehlende auszufüllen, und angenehm ſein, unſere Adreſſe zu erfahren.“ „Und doch, verſichere ich Sie, war ich ausnehmend verlegen bei Empfang Ihres Briefs; auch kann ich nicht begreifen, warummein Vater aus einem Arrange⸗ ment, das mich natürlich ſo ſehr intereſſirt, ein ſolches Geheimniß machte. Es ſchien ihm gleichgültig zu ſein, ob ich den nächſten Winter in München oder in Wien zubrächte, und er hat mir hierin vollkommen freie Wahl gelaſſen. „Vielleicht wußte er, daß ich nicht mehr in Mün⸗ chen war.“ „Aber er ſprach nie von einer ihm befreundeten oder bekannten Perſon in Deutſchland, die im Min⸗ deſten Aehnlichkeit mit Ihnen gehabt hätte! Er er⸗ wähnte ſelbſt, ich weiß es gewiß, niemals Ihres Namens!“ „Demnach, ſcheint es, bin ich ganz vergeſſen; aber da ich ſelbſt mich aus dem Vaterland verbannt habe, bleibt mir auch kein Recht, mich zu beklagen, und es würde unvernünftig ſein, zu erwarten, daß man ſich meiner noch erinnert oder mit den Kindern von mir ſpricht. Ich kann jedoch nicht vergeſſen, daß ich in früheren Zeiten viele Freundlichkeit von Ihren Eltern erfahren und mich Monate lang in ihrem Hauſe auf⸗ gehalten habe zur Zeit, da Sie in der Schule waren. 48⁸ Es wird mir darum ſehr angenehm ſein, wenn ich Ihnen auf irgend eine Weiſe dienen kann.“ „Ich danke Ihnen ich kann mir nicht vor⸗ ſtellen, was mein Vater für Gründe zu einem ſolchen Stillſchweigen und Heimlichthun haben konnte „ ſagte Hamilton nachdenklich. „Die Idee, die ich habe, iſt vortrefflich, wenn ich ſie nur in Wirklichkeit ſetzen fönnte. Vielleicht haben Sie die Güte, mir hiebei Ihren Rath und Beiſtand zu gewähren.“ „Sehr gern; und ich will damit beginnen, daß ich Ihnen ſo lange zuzuwarten rathe, bis Sie über Ihr Officierspatent etwas Näheres erfahren, ehe Sie ſich mit einer Familie in irgend eine Unterhandlung ein⸗ laſſen.“ „Ich trete nicht in die Armee — mein Onkel will mir nicht erlauben, nach Indien zu gehen; ſo iſt meines Vaters Abſicht, ich ſolle mein Glück in der diplomati⸗ ſchen Laufbahn verſuchen, und mein vornehmſter Zweck iſt, mich in der deutſchen Sprache zu vervollkommnen. Eine achtbare Familie, ließe ſich eine finden, die ge⸗ neigt wäre, mich aufzunehmen, würde allen meinen Abſichten entſprechen und alle meine Wünſche erfüllen.“ „Ein Diplomat! Dann müſſen Sie die falſche Scham zu überwinden ſuchen, die ſich Ihrer zu bemäch⸗ tigen ſcheint, ſobald Sie mit Fremden reden, ſonſt wird es ſich nimmer thun. Jetzt ſind Sie natürlich in Ihrer Ruhe, aber ich ſage Ihnen ehrlich, ich kann mir kaum vorſtellen, daß Sie dieſelbe Perſon ſind, die vor einer Viertelſtunde vor mir ſtand und roth wurde und den Hut zerknitterte, als befände ſie ſich in tödtlicher Ver⸗ legenheit.“ „Und es war wirklich eine tödtliche Verlegenheit,“ antwortete Hamilton lachend. „Ich merkte, als Sie in das Zimmer traten, daß Sie mich nicht kannten. Ich bildete mir ein, Sie hätten den Brief vielleicht nicht geſchrieben, oder er wäre nicht für mich oder meinen Vater beſtimmt geweſen; und da ich bereits 6 ———— * Eine Verſtändigung, eine Löſung des Knotens. 49 dieſen Morgen eine Scene deßhalb hatte, wünſchte ich keine zweite, aus Furcht, ein dénouement *) mit Ihnen würde ſich nicht ſo unterhaltend ausweiſen, als mit dem alten Grafen Zedwitz.“ Hamilton ſtattete nun einen kurzen Bericht über das kleine Abenteuer ab, der ſie ſo beluſtigte, daß ſie ihn ihrem Gemahl, ehe er das Zimmer verließ, in's Deutſche überſetzte. Es lag etwas in A. Z.'s Benehmen gegen ihn, das beſonderes Vertrauen einflößte, eine Miſchung von Freundſchaft und Verwandtſchaft. Sie ſchien an allen ſeinen Plänen ſolchen Antheil zu nehmen, verſtand ſo genau, was er ſagen wollte, ohne unnöthige Fragen zu machen, daß er ſie, ehe eine halbe Stunde verging, in ſeinen Plan, ein Buch zu ſchreiben, eingeweiht hatte. Sie äußerte keine Art von Erſtaunen bei dieſer mon⸗ ſtröſen Idee; er konnte auch nicht den leiſeſten Spott in ihrem Lächeln entdecken, als ſie ihre Billigung ſeiner Abſicht und die Hoffnung ausſprach, er werde ſich Notizen hiezu gemacht haben, und ihn fragte, was der Gegenſtand ſeines Werkes ſein werde.“ „Deutſchland und die häuslichen Stiten der Deut⸗ ſchen, oder etwas der Art.“ „Ich hoffe jedoch, Sie ſprechen ſo viel Deutſch, um eine allgemeine Unterhaltung zu verſtehen und ſich daran zu betheiligen, Fragen zu ſtellen und, wo es nöthig iſt, Aufklärung zu erhalten. Es iſt unverzeih⸗ lich, wenn man über die Bewohner eines Landes Bücher ſchreiben will, und nicht im Stande ißt, ſich in ein Geſpräch mit ihnen einzulaſſen.“ 2 „Ich verſtehe vollkommen, was geſprochen wird, und weiß auch im Allgemeinen mich verſtändlich zu machen.“ A. d. Ueb. Die Anfangsbuchſtaben. I. 4 „Etwas mehr, als Sie brauchen; aber vielleicht ſind Sie zu beſcheiden, mit Ihrem Wiſſen vor den Leuten aufzutreten.“ „Ich verdiene kaum, beſcheiden genannt zu werden, obwohl ich gelegentlichen Anfällen von Schüchternheit unterworfen bin. Ich glaube ziemlich fließend Deutſch zu ſprechen und bedarf nur der Gelegenheit, zu ſehen und zu hören. Darf ich nach dem Namen der Familie fragen, mit der Sie in Unterhandlung ſtehen?“ „Ich hörte von zwei Familien; jede von lihnen würde mir angeſtanden haben, aber —“ ſie hielt inne. „Aber was?“ „Schon war Alles arrangirt und ich auf dem Punkte, Ihrem Vater zu ſchreiben, als ich hörte, daß nur ein Blied der Familie für Sie war, und das ge⸗ rade die Perſon, welche in einem ſolchen Fall die ge⸗ ringſte Wichtigkeit hat. Ich meine den Herrn. Er wünſchte Ihre Geſellſchaft, um Gelegenheit zum Eng⸗ liſchſprechen zu bekommen; da er jedoch den größten Theil des Tags auf ſeinem Bureau zubrachte und jeden Abend ausging, würden Sie natürlich ſeiner Frau zu⸗ gefallen ſein; und obwohl ich Sie ſo ſehr lobte, als mir bei meiner Unbekanntſchaft mit Ihrer bisherigen Erziehung möglich war, ſagte ſie mir geradezu, ſie ſehe in Ihnen nur eine Laſt, und ich könnte ſie nur ver⸗ pflichten, wenn ich alle Unterhandlungen abbräche. Unter ſolchen Umſtänden blieb mir keine Wahl übrig.“ „Und die andere?“ fragte Hamilton. „Die andere war die eines Univerſitäts⸗Profeſſors. Ich ſchrieb ſeinetwegen an Ihren Vater, erhielt aber Feine Antwort.“ „Ein Profeſſor! Das verſpricht nicht viel und würde auch zu meinem Zweck nicht paſſen. Ich würde wenig oder nichts von häuslichem Leben zu ſehen be⸗ kommen.“ „Sie irren ſichz ich fürchtete halb, Sie würden zu viel ſehen, denn er hatte eine Frau und fünf Söhne.“ 5 „Legte ſeine Frau nicht Proteſt ein?“ „Ich ſah nichts von ihr; aber da ſie nicht reich waren und bereits fünf junge Leute im Hauſe hatten, ſo ſchloß ich, einer mehr oder weniger würde keinen großen Unterſchied machen.“ „Aber eine — wenn eine andere Familie ſich fin⸗ den ließe, wäre es mir viel lieber, und ich möchte mich nicht gerne an den Profeſſor halten, außer im höchſten Nothfall. „Das ſteht uns jetzt nicht mehr frei, denn er hat München verlaſſen. Ich hörte wirklich noch von einer andern Familie — aber die Hinderniſſe waren unüber⸗ ſteiglich.“ „Von Seiten des Mannes oder der Frau?“ „Dießmal war das Hinderniß auf meiner Seite: es waren unverheirathete Töchter im Hauſe.“ „O, das wäre durchaus kein Hinderniß — im Gegentheil —“ „Ich betrachtete es als ein ſehr ernſtliches Hinder⸗ niß,“ antwortete A. Z. ruhig. „Ich verſtehe, was Sie meinen; aber gewiß halten Sie mich für keinen ſolchen Thoren, um mich in jedes Mädchen zu verlieben, niich zufällig unter einem Dach zuſammen lebe. Ich kann Sie verſichern, daß ich nicht ſo leicht in Flammen gerathe.“ „Sehr möglich; aber da ich mich für Ihre minder entzündliche Natur nicht verbürgen konnte und weiß, daß deutſche Mädchen das, was wir Flirtiren *) nennen, nicht verſtehen und viel zu ernſt bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſind, hielt ich es für beſſer, Sie vor einer Ver⸗ ſuchung zu bewahren. Laſſen Sie ſich aber das nicht anfechten; ich habe viele Freunde in München und zweifle gar nicht, eine Familie ausfindig zu machen —“ „Wo fünf ungeleckte Bären im Hauſe ſind,“ fiel ihr Hamilton muthwillig in die Rede. *) Vergl. S. 15. 52 „Dann, John, werden Sie das Halbdutzend voll machen,“ antwortete ſie lachend. „Aber nehmen Sie Vernunft an. Eine Familie, die ſich dazu verſtehen könnte, einen jungen Mann als Hausgenoſſen aufzu⸗ nehmen, und ohne einen Grad von Verwandtſchaft oder Connerion mit ſeiner Familie ſich in pekuniäre Ar⸗ rangements mit ihm in Bezug auf Koſt und Wohnung einzulaſſen, und was dergleichen mehr iſt, muß entweder in beſchränkten Umſtänden ſein, oder in einem viel niedrigeren Rang ſtehen, als die Ihrige. Ich erkenne an, daß ſolche Arrangements hier gewöhnlich und in manchen Fällen ſehr verſtändig ſind; aber wenn der Vorſchlag, wie gerade hier, von einer Wittwe mit drei unverheiratheten Töchtern ausging, fand ich ihn ſehr unverſtändig und lehnte ihn ohne Weiteres ab. Ohne Sie weder für einen Narren noch geneigt zu halten, in jedes Mädchen, mit dem Sie zufällig zuſammen⸗ wohnen, ſich zu verlieben, iſt doch, glaube ich, einige Gefahr für Sie vorhanden, ein Liebesverhältniß anzu⸗ knüpfen, das vielleicht für Sie oder eine andere Perſon nicht ohne großen Schmerz aufzulöſen wäre, oder her⸗ nach große Verlegenheit bereiten würde. Das Wohnen in Einem Hauſe mit drei Mädchen, die wahrſcheinlich in ihren Beſtrebungen, Ihnen zu gefallen, wetteifern würden, wäre eine ſtrenge Prüfung für die Wider⸗ ſtandsfähigkeit eines ſo jungen Mannes, wie Sie, und ich zweifle, ob Sie Probe halten würden.“ „Aber ich verſichere Sie —“ „Sie verſichern mich ohne Zweifel, daß Sie ein Herz von Stein haben, jedenfalls nichts Sie bewegen fönne, ſich in ein Verhältniß mit einer Perſon einzu⸗ laſſen, die im Range unter ihnen ſteht und des Namens Hamilton unwürdig iſt, oder Ihrem Vater mißfallen würde. Da Sie aber das Glück haben, der Erſtge⸗ borne zu ſein und folglich die Erbſchaft —“ „Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie unterbreche, 53 aber ich muß dieſen Punkt wirklich berichtigen. — Ich bin nur Numero zwei.“ „Wie? Sie ſind nicht John?“ fragte ſie haſtig. „Wäre mein Name John, ich hätte Ihren Brief nicht geöffnet. Er war adreſſirt an —“ „Archibald Hamilton —“ „Entſchuldigen Sie, die Adreſſe lautete an A. Hamilton, Esg., Goldener Hirſch, und —“ „Wahr; ich hätte eher daran denken ſollen,“ ſagte ſie, ihn von Kopf bis zu den Füßen muſternd, während ihm ſehr unbehagliche Ahnungen aufſtiegen. „Iſt es in 1¹ es iſt nicht möglich, daß Sie der kleine Archy nd 4 „Ich bin nicht der kleine Archy,“ rief Hamilton, von ſeinem Sitz aufſpringend und inſtinktmäßig nach der Thüre blickend. „Dann darf ich wohl fragen, wie Sie heißen?“ ſagte ſie, den Arm auf den Tiſch ſtützend und auf ſeinem Geſicht mit einem Blick kalter Beſonnenheit weilend, die ihn vollends aller übrigen Selbſtbeherr⸗ ſchung beraubte. „Alfred, — Alfred Hamilton heiße ich,“ rief er mit einer Stimme, die er kaum für die ſeinige er⸗ kannte, und unfähig, länger in einer ſo unangenehmen Lage zu verharren, ergriff er ſeinen Hut und ein Paar Handſchuhe — die, wie ſich nachher zeigte, ihr ge⸗ hörten — und ſtürzte gleich einem Raſenden aus dem Zimmer. Er hörte, oder glaubte vielmehr ein unter⸗ drücktes Lachen zu hören — gleichviel — ſie mochte lachen, wenn es ihr beliebte — er wollte auch lachen; und er verſuchte es, da er ſein Zimmer erreichte, aber es erſtickte beim erſten Verſuche; und indem er ein⸗ oder zweimal nach Luft ſchnappte, begann er im Zim⸗ mer auf und ab zu ſchreiten und ärgerlich mit ſich ſelbſt zu reden. „Das iſt zu viel! Eine ſolche Kränkung habe ich gewiß nicht verdient! Konnte ich mehr thun, um einem Irrthum vorzubeugen, als meine Karte 54 hineinzuſenden und den Brief zu zeigen? Und die ge⸗ täuſchte Hoffnung dazu! Ich faßte ſchon einige Vor⸗ liebe zu dieſer A. Z.; hatte mich eben überredet, ſie ſchon geſehen zu haben, da ich noch ein Kind war! Pah! ſie muß doch ein hinterliſtiges Geſchöpf ſein: dieſes gutmüthige, mütterliche Benehmen war nichts als Affectation, mich auszuholen; und was für einen koſtbaren Narren ich aus mir ſelbſt gemacht habe, daß ich ihr alle meine Pläne erzählte! Natürlich werden jetzt ſie und ihr Mann unbarmherzig über mich lachen und Jedermann im Hauſe davon erzählen! Ich muß auf der Stelle fort von Seon — ich — aber nein, ſie war nicht hinterliſtig! Was auf Erden hätte ſie dazu bewegen ſollen? Nein, ich allein bin zu tadeln; oder vielmehr dieſer Briefl — der Brief, der abſcheuliche Brief war an Allem Schuld!“ Und er zerriß ihn zornig in hundert Stückchen. Auf jeden Fall wollte er ſich eine Lehre davon nehmen: er wollte ſich ſein Leben lang nicht wieder in eine ſolche Lage verſetzen.“ Um zwölf Uhr läutete die große Glocke, und Ha⸗ milton wußte, daß es jetzt Zeit war, zum Mittageſſen hinabzugehen. Er war emſig mit Schreiben beſchäftigt, als Jemand laut an die Thüre klopfte. „Herein,“ rief er, die zerſtreuten Papiere um ſich herum zuſammen⸗ raffend; und Baron Z. trat in das Zimmer. Er brach in ein lautes Gelächter aus, als er Hamilton's Schmer⸗ zensmiene erblickte, ſchüttelte ihm herzlich die Hand und verſicherte, er halte ihn für einen Kapital⸗Jungen und hätte nicht den geringſten Zweifel, es würde ein vortrefflicher Diplomat aus ihm werden. „Aber wirklich, Baron Z., ich dachte nie „Sie dürfen nicht denken, daß ich abſichtlich .„ „Keine Erklärung — bitte, keine Erklärung — ich bin Ihnen ſo ſehr verpflichtet! Meine Frau hält ſich für ſo überklug! Sie ſchrieb, wie ſie es nannte, in allgemeinen Ausdrücken;“ ha! ha! ha! und als ſie mir erklärte, was ſie unter aallgemeinen Ausdrücken“ ver⸗ 55 ſtehe, bemerkte ich ihr, das könnte für einen Hamilton ſo gut wie für den andern paſſen — aber ſie hält ſich immer für ſo gar klug!“ „Ich bin über die Vereitlung aller meiner Hoff⸗ nungen äußerſt bekümmert, oder, ſollte ich ſagen, be⸗ troffen. Ich bitte Sie, mich zu entſchuldigen — ich verlaſſe Seon nach Tiſche ſo ſchnell als möglich.“ „Ja, wir verlaſſen Seon ſo ſchnell als möglich. Ich ſchicke Ihnen Joſeph herüber, während des Mittag⸗ eſſens für Sie einzupacken.“ „Verſtehe ich es recht, Sie erneuern nach dem, was vorgefallen, Ihre Einladung gegen mich?“ fragte Hamilton mit einem Gefühl unausſprechlichen Ver⸗ gnügens. „Und warum nicht? Meine Frau ſchreibt in all⸗ gemeinen Ausdrücken und ich lade ſo ein; und nun, A. Hamilton, Esquire, laſſen Sie uns zu Tiſche gehen.“ „Ich möchte mich vor der Hand erklären —“ „Gegen meine Frau? O, ſehr wohl; wir holen ſie ab. Hier,“ rief er, die Thüre zu ihrem Gemach weit aufreißend, „hier bin ich, um meinen Freund, Mr⸗ A. Hamilton, Esquire, vorzuſtellen. Er wünſcht Dir in allgemeinen Ausdrücken eine Erklärung zu geben und die Hand zu küſſen.“ „Der letzte Theil Deiner Worte iſt angeflickt, Hermann,“ antwortete ſie lachend. „Mr. Hamilton verſteht noch nicht genug von den ,häuslichen Gewohn⸗ heiten der Deutſchen“, um zu wiſſen, daß, einer Dame die Hand zu küſſen, etwas ſehr Ordinäres iſt; hier iſt meine Hand — es iſt jedoch nicht der Mühe werth, deßhalb zu erröthen,“ fügte ſie bei, ſie zurückziehend, „und Hermann ſoll Ihre Stelle vertreten; es würde ſchwer ſein, dieſes ſonnenverbrannte Geſicht noch um einen wahrnehmbaren Zuwachs von Röthe zu bereichern.“ Er ergriff ihre beiden Hände und erklärte, während 56 er ſie an die Lippen drückte, daß er ſehr zufrieden ſei, eine ſo kluge Frau zu haben. Viertes Kapitel. Ein Spaziergang von nicht gewöhnlicher Art. „Rauchen Sie, Mr. Hamilton?“ fragte Baron Z., als er ſeiner Frau in den Wagen half. „Manchmal liebe ich eine Cigarre.“ „Ich wünſche Ihnen blos zu erklären, daß, wenn Sie rauchen wollen, Sie beſſer daran thäten, hier her⸗ auf zu ſteigen,“ ſagte er, auf dem Vorderſitz des Wa⸗ gens Platz nehmend. Meine Frau iſt in jeder Hinſicht eine ganze Deutſche, hat aber noch nicht gelernt, den Tabaksrauch zu lieben.“ „Und werde es auch nie,“ ſagte A. Z.; „ſo wenig als Schießgewehre ſo ganz in meiner Nähe zu haben. Warum find ſie nicht, wie gewöhnlich, in das lange Futteral gepackt?“ „Du vergißt, daß Du alle Vorkehrungen wieder geändert haſt, ſeitdem Du fandeſt, daß Mr. Hamilton Alfred heißt,“ ſagte Baron Z. lachend. „Ich hoffe nur, ſie find nicht geladen,“ ſagte ſie, ſorgfältig vermeidend, ihnen auch nur mit ihrem Kleide zu nahe zu kommen, „denn ich habe durchaus keine Luſt dazu, meinen Tod in den Zeitungen unter der Aeteih „Schreckliches Unglück“ ankündigen zu aſſen.“ „Sie ſind nicht geladen,“ ſagte ihr Gemahl und begann mit der eben angezündeten Cigarre ſtark zu dampfen, da ſie abfuhren. Hamilton war über ſeine komiſche Situation oder vielmehr über die Ereigniſſe, wodurch ſie veranlaßt worden war, äußerſt beluſtigt, und nach einigen erfolg⸗ loſen Verſuchen, es zu unterdrücken, überließ er ſich einem Ausbruch von Lachen, in das A. Z. einſtimmte, und es dauerte einige Zeit, ehe ſie Baron Z.'s wieder⸗ holte Fragen über die Urſache ihrer Heiterkeit beant⸗ worten konnte. „Ich weiß wirklich keine, Hermann, außer daß es vielleicht Mr. Hamilton eine Beluſtigung gewährt, ſich in unſerer Geſellſchaft zu finden. Beiläuſig weißt Du vielleicht nicht, daß er ſehr gut Deutſch ſpricht.“ „Für einen Engländer, he?“ „Sein Deutſch wird ſich vielleicht als ein beſſeres Mittheilungsmittel ausweiſen, als Dein Engliſch — aber —“ fügte ſie ſchnell hinzu, auf einen andern Gegenſtand übergehend und Deutſch redend —“ ſage mir, haſt Du heute an der table d'hote die neuen An⸗ kömmlinge bemerkt? Wer ſind die zwei hübſchen Mädchen?“ „Roſenthal oder Roſenberg iſt, glaube ich, ihr Name.“ „Eine entſchiedene Acquiſition, was das Aeußere anbelangt. Die Eine, die bei Tiſche neben Major Stultz ſaß, iſt wirklich ſchön. Meinſt Du nicht auch?“ „Ja, und Major Stultz iſt derſelben Meinung, ſcheint mir; er machte wunderbare Anſtrengungen, den Angenehmen zu ſpielen, konnte aber während des ganzen Eſſens weder ein Lächeln, noch einen Blick gewinnen. Wäre ich an ſeiner Stelle geweſen, hätte ich es mit der Andern probirt, die faſt ebenſo hübſch iſt und ganz geneigt ſcheint, jede ihr dargebotene Aufmerkſamkeit anzunehmen. Ich ſah ſie mehr als einmal nach un⸗ ſerem Ende der Tafel blicken, konnte mir aber keine Gewißheit darüber verſchaffen, ob es mir oder unſerem Freund hier galt.“ „Mein Freund ſcheint, nach ſeinem Erröthen zu ziemlich geneigt, jene Blicke auf ſich zu be⸗ ziehen. 58 „Keineswegs,“ rief Hamilton, „meine Bekannt⸗ ſchaft mit der jungen Dame iſt von ſehr neuem Datum.“ „Ich wußte gar nicht, daß überhaupt eine ſolche Bekanntſchaft ſtattfand,“ ſagte A. Z. „Sie verdient kaum dieſen Namen. Wir legten einen Theil des Wegs von München mit einander zurück; ihr Wagen war verzweifelt überfüllt, und ich machte den Vorſchlag, einen Theil der Reiſenden in den mei⸗ nigen zu nehmen. Fräulein Creſcenz, das Kinds⸗ mädchen und ein mit den Füßen um ſich ſtoßender Knabe, Namens Peppy, wurden alſo meiner Sorgfalt anvertraut.“ „Eine ſolche Höflichkeit von Seiten eines Eng⸗ länders war etwas ſehr Ungewöhnliches; wenigſtens gelten allgemein unſere Landsleute hier, wenn ſie auf Reiſen ſind, für ſehr ſelbſtſüchtig,“ bemerkte A. Z. „Vielleicht waren auch meine Motive nicht ganz ohne eine Beimiſchung von Selbſtſucht; ich fürchtete mich ein wenig vor der Langeweile eines ganzen Nach⸗ mittags, allein, in einem unbehaglichen Fuhrwerk, und wünſchte mir außerdem ein Abenteuer.“ „Wie iſt es abgelaufen?“ „O, es ging famos, bis wir Seon erreichten; aber von dem Augenblick an, da Fräulein Creſcenz ihre Stiefmutter wieder ſah, war ihr Benehmen gänzlich verändert; ich ſchloß daraus auf ihre Abſicht, eine Bekanntſchaft mit mir zu vermeiden, nun, da ich ihr ferner von keinem Nutzen mehr ſein konnte.“ „Ihr Schluß beweist, wie gar wenig Sie deutſche Mädchen von jenem Stande kennen.“ „Sollte man das Thun dieſer Deutſchen nur nach dem Gegentheil ſich erklären dürfen?“ „Cela depend.“ *) „Vielleicht will dann ihre Schweſter nur ſehr artig gegen mich ſein — unſere Bekanntſchaft begann damit, *) Das kommt darauf an. 59 daß ſie mich einen Narren ſchalt; und ich hörte ſie zu ihrer Schweſter ſagen, ich ſcheine eine ungewöhnlich günſtige Meinung von mir ſelbſt zu haben, und ſehe einem aufgeſchoſſenen Schulknaben gleich.“ „Es iſt unmöglich, ſolche Demonſtrationen zu ver⸗ kennen,“ ſagte A. Z., die Lippen verziehend und offen⸗ bar eine Neigung zum Lachen, die Hamilton höchlich mißfiel, bezwingend. „Es ſcheint,“ ſagte er etwas mißtrauiſch, „das be⸗ luſtigt Sie ſehr — vielleicht, weil ich Ihre eigenen Ge⸗ danken in den Worten einer dritten Perſon ausdrücke?“ n ich von Ihnen bei Ihrem erſten Erſcheinen „Weiß ich bereits. Sie hielten mich für ein lang⸗ beiniges, verſchämtes Geſchöpf: wenigſtens bemerkteu Sie ſo zu Baron Z.“ „Damals bildete ich mir ein, irgend ein Recht zum Kritifiren zu haben, und hätten Sie ſich wirklich als John oder Archy, woſür ich Sie nahm, ausgewieſen, würden Sie öfters mit dergleichen ſchmeichelhaften Bemerkungen beglückt worden ſein; ich hätte Sie als eine Art von Verwandten betrachtet, und Ihnen wäre ich ohne Zweifel als ſehr überläſtig vorgekommen. Jetzt iſt es ganz anders, und ich werde Sie mit allem möglichen Reſpekt behandeln, aber Sie müſſen mir zu lachen erlauben und verſprechen, nicht über jedes eitle Wort beleidigt zu ſein —“ „Beleidigt! — o nein! ich würde ungemein er⸗ freut ſein, wenn Sie mich gerade ſo behandeln würden, als ob ich John oder Archy wäre.“ „Sie ſind zu jung, um eine ſolche Behandlung nach ihrem wahren Werthe ſchätzen zu können — und — ich habe keine Luſt, unnöthiger Weiſe die Rolle eines Mentor zu übernehmen.“ „Sie fürchten, die Aufgabe würde Ihnen zu läſtig werden.“ 60 „Nicht gerade das — ich ertheile gern Rathſchläge, aber „Sie denken, ich würde Ihnen keine Ehre machen?“ „Ich weiß es wirklich nicht, und will es auch nicht verſuchen. Ihr Ausgehen auf Abenteuer könnte ſie in Verlegenheiten bringen, die nicht immer ſo gut, wie im gegenwärtigen Fall, ablaufen dürften.“ „Mein Glück iſt hier eben ſo außerordentlich ge⸗ weſen, daß ich das Glück nicht ferner auf die Probe ſtellen werde; mein Plan iſt gemacht. Den Winter bringe ich in München zu und ſtudire Deutſch und die Deutſchen. Im häuslichen Kreiſe einer Privatfamilie —“ „Wo keine Jungen ſind?“ fragte A. Z. „Als Beweis meiner Achtung vor Ihrer Anſicht werde ich auch gegen fünf Knaben nichts einwenden, wie ich Ihnen zugleich verſpreche, eine Wittwe mit unverheiratheten Töchtern zu vermeiden.“ „Ich ſchöpfe jetzt einige Hoffnung bei Ihnen.“ „Wollen Sie während meines Aufenthalts in Deutſchland den Mentor bei mir machen?“ „Nein. „Aber Sie ſagten, daß Sie gerne Rath ertheilen?“ „Allerdings; es iſt, wie Sie wiſſen, das Einzige, was Jedermann gerne gibt und Niemand gerne an⸗ nimmt. Fragen Sie mich um Rath, ſo werde ich ihn geben, obwohl ich zum Voraus weiß, daß Sie keinen Gebrauch davon machen.“ „Gerade ſo viel als John oder Archy.“ „Niemals! Mein Rath würde bei dieſen durch etwas wie mir übertragene väterliche Autorität ver⸗ ſtärkt worden ſein, abgeſehen davon, daß ſie wahrſchein⸗ lich vom Hörenſagen eine ſehr hohe Vorſtellung von meiner Weisheit haben würden.“ „Ich zweifle, ob deren Vorſtellungen über dieſen Gegenſtand höher als bei mir gehen können.“ „Eine ſehr paſſende Antwort — Sie ſind wirklich ein vielverſprechender junger Mann!“ 61 Hamilton biß ſich in die Lippen und erröthete; es lag in ihrer ſcherzhaften Weiſe etwas ſo unzweideutig Ironiſches, daß er ſich gekränkt fühlte: und dieſer ge⸗ heime Verdruß verrieth ſich trotz aller Bemühungen, ihn zu verbergen. „Sie ſind beleidigt,“ bemerkte ſie nach einer Pauſe ruhig, „und beleidigt ohne Urſache. Ich hatte mein Leben lang eine ganz beſondere Antipathie gegen junge Männer, — es iſt ganz unmöglich, mit ihnen zu ſchwatzen, ohne Bemerkungen zu machen, die, wie ſie ſich einbilden, ihrer Würde Abbruch thun. Ich wollte Sie nicht kränken und nehme meine Worte zurück; ſtatt eines vielverſprechenden muß ich Ihnen den Namen eines reizbaren jungen Mannes geben. Ge⸗ fällt Ihnen das beſſer?“ „Unendlich beſſer,“ antwortete er lachend; — „wenn nicht die Benennung, iſt doch die Manier vorzuziehen. Ich kann Alles ertragen, nur nicht lächerlich gemacht zu werden.“ „Was Sie jetzt lächerlich nennen, wird in wenigen Jahren Badinage heißen; doch laſſen Sie uns von etwas Anderem reden, oder noch beſſer — wir können ja leſen.“ „Hier iſt die neueſte Allgemeine Zeitung“ oder Blackwood's Magazin!“ „Halten Sie Blackwood?“ fragte Hamilton. „Ich bekomme ihn und alle Bücher, die ich wünſche, aus der Königlichen Bibliothek. Niemand entwickelt in dieſer Beziehung eine glänzendere Liberalität, als der König von Bayern. Wenn Sie nach München gehen, ſtellt Ihnen Ihr Bankier einen Schein aus, daß er für jedes Buch verantwortlich iſt, das, ſo lange es in Ihrem Beſitz iſt, verloren oder beſchädigt wird; und dieß iſt die einzige nothwendige Formalikät, um Ihnen die unbeſchränkte Benützung einer Bibliothek, die mehr als eneitetn Bände enthält, zu verſchaffen.“ 6² „Aber Sie wollen doch damit nicht ſagen, daß ich, ein Fremder, die Bücher mit nach Haus nehmen darf?“ „Ihre Vorſtellungen find zu engliſch, um eine ſolche Liberalität zu begreifen; gerade ſo war es bei mir, als ich zuerſt nach München kam; aber Thatſache iſt es, daß Sie die Bücher in Ihre Wohnung nehmen und nach Muße leſen können. Natürlich müſſen Sie ſich in Acht nehmen, ſie irgend zu beſchädigen.“ „Aber wenn viele Leute dieſes Recht genießen, werden die Bücher mit der Zeit nothwendig verdorben.“ „Sie denken vielleicht, es wäre klüger, wenn dieſe achtmalhunderttauſend Bücher in Glaskäſten verſetzt und den Fremden blos gezeigt würden, anſtatt ſie ihnen zur Verfügung zu ſtellen. Soweit ich jedoch aus eigener Wahrnehmung beurtheilen kann, ſind die Bücher weder verdorben, noch ſelbſt beſchmutzt; wenigſtens keines, das ich je begehrt habe, und Sie ſehen,“ ſetzte ſie hinzu, die Papier⸗Ueberdecke von einem derſelben abnehmend, „daß ſie recht nett gebunden find.“ „Leſen Sie viel?“ fragte er. „Ich glaubte einſt ſo; aber als ich zu Ende des Jahrs einen Blick auf die Liſte der wirklich geleſenen Bücher warf, war deren Zahl ſo unbedeutend, daß ich jetzt keinen Anſpruch darauf mache, für eine ſogenannte Vielleſerin zu gelten; — einige Memoiren, Reiſebe⸗ ſchreibungen, gelegentlich ein Roman und die Zeitungen füllen meine Zeit gänzlich aus. Aber jetzt müſſen Sie wirklich ein Buch nehmen, oder die Landſchaft in der Stille bewundern, denn ich kann meine Allgemeine Zeitung“ nicht länger ungeleſen laſſen. Ich habe täg⸗ lich nur Zeit für Eine und bekomme einen Anfall von Verzweiflung, wenn ſie ſich anhäufen.“ „Ich denke, wenn Sie mit mir nicht ſchwatzen wollen, rauche ich lieber eine Cigarre.“ „Ein vortrefflicher Gedanke! Setzen Sie ſich auf des Kutſchers Platz neben Hermann, der ſicher gern fahren wird, um das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft zu 63 genießen. Sie können von dem beabſichtigten Ausflug ſprechen und mit den vielen Haſelhühnern groß thun, die Sie zu Hauſe im Auguſt geſchoſſen haben würden.“ Der Tag neigte ſich bereits zu Ende, als ſie in das Dörſchen Siegsdorf einfuhren; Lichter ſchimmerten hell durch die Fenſter, und von dem kleinen Wirths⸗ hauſe ertönte weit hin Geſang und Lachen. „Ich glaube, wir fönnen nichts Beſſeres thun, als hier über Racht zu bleiben,“ bemerkte Baron Z., ſich plötzlich zu ſeiner Frau umdrehend. „Ich erwartete einen ſolchen Vorſchlag, ſobald ich den Ton der Zither hörte,“ antwortete ſie. „Darf ich?“ fragte er, mit der Peitſche ſpielend, während die Pferde ſichtbar wenig Luſt bezeigten, an einem Stall vorüber zu gehen, deſſen Behaglichkeit ſie mahrſcheinlich von früher her kannten, und aus eigenem Antrieb in den roh gepflaſterten Hof einbogen und vor der Thüre des Wirthshauſes hielten. Die Wirthin bahnte ſich mit einiger Schwierigkeit durch den mit Bauern angefüllten Gang einen Weg nach der Thüre, wo ſie ſtehen blieb, um die Reiſenden in Empfang zu nehmen, während ihre runde Geſtalt durch das Licht hinter ihr in ein ſtarkes Relief verſetzt wurde. Baron Z. erwiederte munter die unzähligen Be⸗ grüßungen, die ihm zu Theil wurden, als er ſich, ge⸗ folgt von ſeiner Frau und Hamilton, nach dem für Gäſte höhern Rangs vorbehaltenen Zimmer begab. Ein Tiſch war noch unbeſetzt, und nachdem die Wirthin mit ihrer Schürze die Brodkrumen weggeſtreift und einige darauf ſtehende leere Gläſer entfernt hatte, rückte ſie Stühle her und fragte, was ſie zum Abendeſſen be⸗ fehlen. „Ich habe ein Gemsviertel im Hauſe; viel⸗ leicht beliebt den Herrſchaften ein Ragout davon?“ Möchten Sie etwas von einer Gemſe zum Abend⸗ eſſen haben?“ fragte A. Z., gegen Hamilton gewendet. „O gewiß!“ antwortete er eifrig. 64 „Es iſt etwas trockenes Fleiſch,“ fuhr ſie fort; „ich habe ſelbſt nur zweimal gegeſſen; einmal aus Neugierde, das zweite Mal aus Noth. Du erinnerſt Dich, Hermann?“ „Ja, als wir aus Tyrol kamen und nach der Klamm gingen. Ich denke, wir ſollten Mr. Hamilton wenigſtens eine von den Klammen zeigen. Ein ſolcher Ausflug wird für ihn etwas Neues ſein, und ein Tag mehr oder weniger macht für uns nichts aus.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Hamilton, über das Wort „Ausflug' entzückt, ohne im Mindeſten zu wiſſen, was er ſehen ſollte. „Wir können den Wagen auf uns in Unken warten laſſen, und die Wirthin wird uns den Schlüſſel zum Forſthaus beſorgen.“ ⸗ Die Wirthin beſtätigte es durch ein Kopfnicken. „Und kalte Hühner und Zungen und Kaffee und was dergleichen mehr iſt. Führer nehme ich von Ruh⸗ polding.“ „Herr Baron,“ rief ein langer Bauer, der unter der halb offenen Thüre lehnte und aufmerkſam auf jedes Wort horchte, — Herr Baron, Sie haben mir verſprochen, das nächſte Mal, wenn Sie hieher kämen, mich zu nehmen; ich könnte heute Nacht den Schlüſſel in Traunſtein holen und morgen in Ruhpolding mit Ihnen zuſammentreffen.“ „Fort mit Dir alſo,“ rief Baron Z., „und daß Du morgen um fünf Uhr gewiß auf dem Platze biſt.“ „Oder um halb ſieben Uhr!“ ſagte A. Z., „und vergiß nicht die größten Säcke, die Du finden kannſt, mitzunehmen.“ . Der Mann nickte mit dem Kopf, verbeugte ſich, mit den ſchweren Schuhen über den Fußboden ſcharrend, und verſchwand. Baron Z. ergriff eine auf dem Tiſch liegende Guitarre und begann mit ſolchem Feuer und Humor Tyroler Lieder zu fingen, daß ſeine Zuhörer einmüthig 6⁵ in den Chor mit einfielen und jeder die ihm zuſagenbe Tonweiſe mit einer Genauigkeit aufnahm, die Hamil⸗ ton's Erſtaunen erregte und ihn zu der Frage veran⸗ laßte, ob ſie ſchon öfters zuvor mit einander geſungen hätten. „Nie, daß ich wüßte,“ antwortele A. Z., die Sänger aufmerkſamer muſternd; „ich glaube nicht, daß Hermann auch nur mit Einem derſelben bekannt iſt.“ Die Muſik innen ſchien einige Mufikanten draußen zu begeiſtern; denn kaum hatte er aufgehört, als die muntern Töne einer Zither ſich vernehmen ließen, eines Inſtrumentes, das Hamilton noch nie zu Geſicht gekom⸗ men und, wie der Baron bemerkte, der Mühe einer ge⸗ nauer ſichtigung wohl werth war. im Begriff, das Zimmer zu dieſem Zweck zu verläſſen, als die Wirthin mit der Suppe zum Abend⸗ eſſen hereinkam; er machte verlegen Halt, aber Baron 8. rief den Bauern, der am Beſten ſpielte, ohne weitere Umſtände herein und wieß ihm einen Platz neben ſich am Tiſch an. Der Mann ſtimmte ſeine Zither und begann, wie er es nannte, „Ländler“ — vielleicht von dem Wort Land oder Landſchaft — zu ſpielen, einfache Walzer, wornach die Bauern tanzen, und die, wie A. Z. gegen Hamilton verſicherte, von einer Guitarre begleitet, wäh⸗ rend die Tänzer mit den Füßen den Takt ſchlagen und mit den Fingern ſchnalzen, zum Beiſpiel bei einem Scheibenſchießen oder einer Hochzeit, die luſtigſte Muſik bildeten, die ſie je gehört hatte. Am folgenden Morgen, als ſie bald nach Sonnen⸗ aufgang zuſammenkamen, waren ſie Alle in der beſten Laune, denn das Wetter verſprach äußerſt ſchön, ja ſo⸗ gar ſchwül zu werden, wenn man ſich auf einen unbe⸗ wölkten Himmel zu ſo früher Stunde verlaſſen konnte⸗ Hamilton war alſo über die Zahl der Röcke und Shawls, mit welchen der Wagen beladen wurde, wie über den An⸗ zug von Baron Z. nicht wenig erſtaunt. Dieſer trug die graue Schützenjacke und den grünen Die Anfangsbuchſtaben, I. 5 66 Filzhut, worin er ihn zum erſten Mal geſehen hatte — aber außerdem noch ſchwarze Kniehoſen und wollene, halb über die Schenkel heraufreichende Strümpfe, die jedoch ſo elaſtiſch waren, daß man ſie auch an den Knieen herunterſchlagen konnte, wo ſie, ſich eng an die Beine anſchließend, Falten bildeten, ſo daß man ſie in einiger Entfernung für Stulpenſtiefel halten mochte. Eine große Waidtaſche hing an ſeiner Seite, in der Hand hielt er einen langen Stock mit eiſerner Spitze. Hamilton wurde ein gleicher gegeben, als er in den Wagen ſtieg, und unter den herzlichſten Wünſchen für gutes Wetter und gute Unterhaltung fuhren ſie davon. „Mr. Hamilton würde beſſer daran gethan haben, die Stege wegzulaſſen und dickere Stiefel dafür zu nehmen,“ bemerkte der Baron. ⸗ „Heute hat es nichts zu bedeuten, denn wir haben, wenn ich mich recht erinnere, nicht zu ſteigen,“ antwortete ſeine Frau. „Ich hätte ihn equipiren ſollen,“ rief Baron Z. lachend, „wie glaubſt Du, daß er ausſehen würde?“ „Da er beträchtlich größer iſt, als Du — würde wenigſtens eine halbe Elle des Beins unbedeckt bleiben.“ „Die Kleidung ſteht jedenfalls ſehr gut,“ bemerkte Hamilton, „aber ich kann mir nicht denken, daß ſie ſon⸗ derlich bequem ſein ſoll.“ „Wenn Sie zu klettern hätten, würden Sie dieſelbe ebenſo bequem als gutſtehend finden,“ antwortete Baron Z., „und daß ſie vernünſtig iſt, leidet keinen Zweifel; alle Gebirgsbewohner haben etwas Aehnliches, und Sie können ſich darauf verlaſſen, die Kleidung wurde ur⸗ ſprünglich wegen ihrer Zweckmäßigkeit gewählt. Es iſt unzweifelhaft von Vortheil, wenn die Kniee beim Auf⸗ und Abſteigen an den Bergen unbedeckt find.“ „Und die ungeheuern Schuhe —“ begann Ha⸗ milton — „Gewähren einen ſtetigern Schritt und verwahren den Fuß vor ſpitzigen Steinen oder Felſen.“ 67 „Ich erinnere mich,“ fiel A. Z. ein, „wie ich zum erſten Mal eine Alpe beſtieg, trug ich dünne Schuhe und ſeidene Strümpfe; ich kam beinahe barfuß nach Hauſe und mit einer ganz neuen Vorſtellung von einer Alpe. „O, bitte, geben Sie mir eine Idee davon,“ rief Hamilton, — ich — ich muß geſtehen, ich kann mir keine denken, denn wenn die Leute von einer Alpe reden, kann ich nicht umhin, an die Alpen zu denken.“ „Ihre Frage überraſcht mich nicht, denn ich zweifle, ob ſich das Wort in der hier ihm beigelegten Bedeutung im Wörterbuch findet. Man nennt das Waideland auf den Hügeln oder den niedrigern Partieen des Gebirgs „Alpen“; beinahe jeder Bauer von einiger Bedeutung hat deren eine, und er ſchickt den größten Theil ſeines Viehs die Sommermonate über dahin und läßt Butter und Käſe für den Winter daſelbſt machen. Wo eine Alpe von größerem Umfang iſt, haben mehgere Perſonen daran Theil, und ſtatt einer einzigen Holzhütte ſind dann zwanzig bis dreißig daſelbſt vorhanden. „Vielleicht eine Art unbewohnten Gemeindelandes2“ „Keineswegs. Sie werden vererbt oder verkauft, oder in Pacht gegeben, und find zuweilen ſehr werthvoll.“ „Die Ausſicht von ihnen iſt natürlich ſehr ausge⸗ dehnt,“ bemerkte Hamilton. „Gewöhnlich, ſonſt würde ich nicht auf ſo vielen ge⸗ weſen ſein.“ „Und ich,“ ſagte Baron Z., „ſuche immer auf einer derſelben zu übernachten, wenn ich auf einem Jagdaus⸗ flug begriffen bin, denn außer der Möglichkeit von ein paar Stunden Schlaf auf dem Heuboden kann man ſich an einem guten Feuer wärmen und vor Tagesanbruch frühſtücken. Sie ſollen, wenn ich es einrichten kann, eine Alpe ſehen und eine Gemsjagd dazu, ehe Sie nach Seon zurückkehren.“ „Ich zweifle nicht, im Stande zu ſein, ſobald es Ihnen gefällig iſt, eine Alpe zu erſteigen,“ erwiederte Hamilton, „aber für Jemand, der kein dutre. Wübt iſt, 68 Sns ſo Gefährliches zu unternehmen, wie eine Gems⸗ agd —“ „Gefährlich! Da iſt keine Gefahr dabei!“ „Keine Gefahr! Warum habe ich aber ſo ſchreckliche Erzählungen von Gemsjagden geleſen?“ „Geleſen! O, ich auch — und ich läugne nicht, daß gelegentlich ein Unglücksfall paſſiren kann. In der“ Schweiz zum Beiſpiel, wo die Jagd frei iſt, werden die Gemſen ſo ſelten und ſcheu, daß ſie ſich nach den höchſten Regionen des Gebirgs zurückgezogen haben. Dort und vielleicht auch in denjenigen Gegenden Tyrols, wo ſie nur dem Namen nach geſchützt ſind, iſt es ſehr ſchwer, ihnen beizukommen, — aber in der Nachbarſchaft von Berchtesgaden, Iſchl und in Steyermark iſt eine Gemſe ſchwerer zu ſchießen, als ein Hirſch oder ein Reh⸗ 0 „Aber,“ ſagte A. Z., „Du mußt geſtehen, daß man von einer Gemsjagd immer mehr hält und ſpricht, als von einer andern, und Du möchteſt, das bin ich über⸗ zeugt, lieber eine Gemſe, als einen Hirſch ſchießen.“ „Wahr, aber man braucht nicht mehr daraus zu machen, als nothwendig. Mr. Hamilton wird, fürchte ich, bei ſeinen gegenwärtigen Vorſtellungen davon ſich höchlich getäuſcht finden.“ „Nein, denn ich wollte ihm eben ſagen, daß ich auf Bergen geweſen bin, wo man die Gemſen von Felſen zu Felſen an Stellen ſpringen ſah, die ich mit ein Paar Steigeiſen leicht hätte erſteigen können.“ „Was iſt das?“ 5 „Ich kann ſie Ihnen kaum beſchreiben. Sie ſehen aus ver Ferne wie Galoſchen aus und werden auf gleiche Weiſe über die Schuhe geſchnallt, ſind aber mit vier ſtarken Eiſenſpitzen verſehen, welche dazu dienen, mit dem Fuß auf dem Boden oder in den eiſenſhten feſt aufzutreten.“ „Das iſt's,“ rief Hamilton. „So waren ſie auch in der Beſchreibung, die ich geleſen habe.“ 69 „Machen Sie ſich alſo in Bezug hierauf keine zu hohe Vorſtellung von einer Gefahr,“ antwortete A. Z. lachend; „denn ich habe von vielen Gebirgsbewohnern dieſer Gegend gehört, daß ſie ſich derſelben auch Win⸗ ters, wenn ſie über den Schnee gehen, bedienen.“ „Demnach iſt,“ ſagte Hamilton, „eine Gemsjagd etwas ganz Gewöhnliches!“ „Sie verfallen jetzt in das andere Ertrem,“ ſagte Baron Z.; denn, obgleich ſie nichts Ungewönliches iſt, gehören doch ſtarke Sehnen, gute Lungen, ein ſcharfes Auge und eine ſtarke Hand immer dazu, wenn man glücklich ſein will.“ Sie kamen jetzt in Ruhpolding an und fanden dort ihre Führer, auf ſie wartend, — große, kräftig ausſehende Männer, mit ſonnverbrannten Geſichtern und buſchigen Schnurrbärten. Ihr Anzug war von gröberem Stoff, aber ſonſt dem von Baron Z. ganz ähnlich, mit Ausnahme der grauen Strümpfe, die, mit einem ſeltſamen Muſter in Grün verſehen, kürzer waren und die Kniee ganz blos ließen. Um ihre Schultern waren Zwilchſäcke geſchlungen, in welche ſte jetzt ſogleich Röcke, Shawls und Mundvorräthe aller Art packten. Ein paar Meilen jenſeits Ruhvolding ließ man den Wagen zurück, und nun ſetzte ſich die Geſellſchaft auf einem Fußpfad durch das Fiſchbachthal in Bewe⸗ gung. Die Vegetation ſtand rings herum in reichſter Färbung, das mooſige Gras unter den Bäumen zeigte das tiefſte Grün, und wilde Berberitzenbäume mit ihren zarten Blättern und ſcharlachrothen Beeren wuch⸗ üppiger Fülle nach allen Seiten hin. Eine Menge ſchöner, zarter Waldblumen zog Ha⸗ milton's Augen an, aber er ſah mit einiger Ungeduld, wie A. Z. und ihr Gemahl ganz gemächlich einige da⸗ von pflückten und unterſuchten, andere mit der Wurzel ausriſſen und alle in eine Blechkapſel ſteckten, die offenbar zu dieſem Zweck mitgenommen worden war. 70 Lang und ernſt waren dann die Erörterungen darüber, ſo daß Hamilton, der nichts davon verſtand, froh war, als ſie, im Gegenſatz zu dieſer fruchtbaren Scene, nun⸗ mehr an den unnittelbaren Fuß des Gebirgs gelang⸗ ten, wo ihr Weg parallel mit dem trockenen Bette eines Waldbaches hinlief, der beinahe den Namen eines Fluſſes verdient, wenn er im Frühling von ſeiner eiſi⸗ gen Quelle herabſtürzt und Haufen von Steinen und ausgeriſſenen Baumſtämmen mit ſich führt, die, zu beiden Seiten hoch aufgeworfen, das Thal ſelbſt mit einer Steinwüſte einfaſſen. Sie marſchirten eine beträchtliche Strecke zwiſchen den faſt perpendikulären Bergwänden fort, zuweilen über colofſale Steinmaſſen wegkletternd, dann wieder den Schatten dicker Fichten oder überhängender Felſen genießend, als ſich plötzlich, beim Umwenden um eine Ecke, ein ſchäumender Waſſerfall zeigte, der auf ein⸗ mal jedem weiteren Vorrücken ein Ende zu machen ſchien, denn er durchſchnitt gerade den Weg, den ſie ver⸗ folgten, ſprang dann von den Felſen herab, die ſeinen weitern Lauf zwar aufhielten, aber nicht hemmen konnten, bis er, halb in Schaum aufgelöst, nach einem ſoliden Steinbett gelangte, und endlich unter den dunkelgrünen Tannen in der Tiefe des ſchmalen Thales unter ihnen verſchwand. Während Hamilton in ſtummer Bewunderung nach dem Abgrund hinunterblickte, verſchwanden A. Z., ihr Gemahl und die zwei Führer in der Höhlung des Felſens hinter dem Waſſerfall und ſchienen t⸗ F daß ſie auf der andern Seite unter den Bä men aßen⸗ Während einer der Führer den zwilchenen Sack auspackte und deſſen Inhalt auf den nächſten Felſen legte, ſchloß ſich Hamilton ihnen wieder an, und ſie blieben länger als eine Stunde an dem Waſſerfall, ge⸗ noſſen, im Schatten lagernd, ihre frugale Mahlzeit, lich an ſeiner Ueberraſchung zu erfreuen, als 7¹ bis der Ton des rauſchenden Waſſers ſie allmälig in eine träumeriſche Ruhe verſetzte. Baron Z. war na⸗ türlich der Erſte, der zum Aufbruch trieb. „Ah, hier iſt ein chalet!“ rief Hamilton, indem er auf einige kleine hölzerne Gebäude auf einem grünen Hügel vor ihm deutete, unter denen ein zweiter Waſſer⸗ fall, natürliche Ciſternen in den Felſen bildend, in Caſcaden von einem zum andern fiel. „Endlich ein chalet!“ „Wir nennen ſie hier Sennhütten,“ ſagte A. Z. „Wenn Männer die Obhut über das Vieh haben, heißen ſie Senner, wenn Weiber, Sennerinnen. Wir wollen dorthin gehen, wo das Mädchen unter der Hüttenthüre ſteht; ſie ſcheint mit unſerem Führer be⸗ kannt zu ſein. Dieſe Sennerinnen,“ fuhr ſie fort, mit einem aufmerkſamen Blick auf diejenige, die ihnen eben Käſe und Butter liefern ſollte, „find der Gegenſtand faſt aller Nationalpoeſie und Lieder hier im Gebirge.“ „Sie würden mich nicht begeiſtern,“ ſagte Hamil⸗ ton lachend. Ich ſehe nichts ſonderlich Poetiſches an ihnen, wenn dieſe eine als Probe dafür gelten kann.“ „Sie verſtehen ihre Gewohnheit und Lebensweiſe nicht,“ ſagte Baron Z. „Ihre iſolirte Lage und pri⸗ mitive Beſchäftigung iſt poetiſch — dieſe Gebirge und endloſen Waldungen find poetiſch — hier iſt Poeſte in dem Laut der Glocke, welcher jede Bewegung der gra⸗ ſenden Kuh begleitet — in dem Klingeln der kleinen Glöckchen, die wie Caſtagnetten die ſchnellen Vewegun⸗ gen der Ziegen bezeichnen.“ „Wahr,“ ſagte A. 3., „und Sie würden dieſes Mädchen mit dem runden Geſicht und den dicken Beinen maleriſch, wo nicht poetiſch finden, könnten wir lang genug hier bleiben, um zu hören, wie ſie ihre Heerde zuſammenſingt, um zu ſehen, wie ſie heute Abend von ihren Kühen und Ziegen umringt iſt. „Werden wir nicht die Nacht in einer dieſer Hütten zuhringen?“ fragte Hamilton. 72 icht in einer Sennhütte,“ erwieberte Baron Z. „Es iſt das Forſthaus, wohin wir gehen; der Boden iſt öſterreichiſch, aber die Waldungen ſind baheriſch, und durch die Klamm wird das Holz nach den Salz⸗ werken zu Reichenhall geflößt.“ „Durch die Klamm,“ wiederholte Hamilton lang⸗ ſam und nachdenklich. „Sie ſehen aus, als ob Sie nicht wüßten, was das Wort Klamm bedeutet,“ bemerkte A. Z. „Ich muß geſtehen, nein, obwohl ich geſtern in meinem Taſchen⸗Wörterbuch nachgeſehen habe. Die Erklärung lautete: ein Krampf in der Kehle; oder eng, feſt, ſchmal —“ „Ganz recht,“ ſagte A. Z. „Die Klamm, die wir nun zu ſehen bekommen, iſt ein langer, ſchmaler Gang, den ſich ein Waſſerſtrom durch einen maſſiven Felſen gebahnt hat; aber laßt uns nun aufbrechen, ſonſt wer⸗ den wir ſie nur bei Fackellicht beſichtigen können.“ Sie eilten nun Alle die vor ihnen liegende An⸗ höhe hinauf und hätten wahrſcheinlich bedeutende Er⸗ müdung empfunden, wenn nicht durch den beſtändigen Wechſel der Scenerie ſtets das Intereſſe von Neuem angeregt worden wäre. Hier und da brachte ein Bauernhaus mit ſeinem überhängenden Holzdache Leben in ein Gemälde, das bei allem Sonnenſchein doch in ſeiner Einſamkeit öde geweſen wäre, denn nirgends ließ ein menſchliches Weſen ſich ſehen. Es ſchien außerordentlich, daß der Boden noch ſo weit angehaut war, denn eine Straße gab es nicht; und das einzige Communikationsmittel mit der Welt ſchien ein ſchmaler, an manchen Stellen etwas gefähr⸗ licher Fußpfad zu ſein. Weiter hinanf an den Bergen zeigte ſich Vieh auf jenen von A. Z. beſchriebenen Raſenſtellen, die zuweilen ſelbſt mitten unter nackten Felsklippen zu finden find. Dieſe Waiden laſſen ſich nur kurze Zeit im Som⸗ mer henützen; und wie das Wetter gegen den Herbſt 73 hin kälter wird, treibt man das Vieh weiter herab, bis es zuletzt, mit Guirlanden von wilden Blumen bekränzt, zur Ueberwinterung nach Hauſe gebracht wird. Während Baron Z. voll Enthuſtasmus „eine Heim⸗ kehr von der Alpe“ beſchrieb, hatten fie in das Thal hinabzuſteigen begonnen und hörten bereits den Ton von rauſchendem Waſſer. Herrliche Felſenmaſſen be⸗ reiteten ſie auf die Höhle vor, die ſie jetzt durch einen natürlichen Bogen betraten, über welchem, in Stein gemeißelt, die Worte ſtanden: „Gutta cavat lapidem, non vi sed saepe cadendo. ²) 1833. „So iſt alſo die Höhle ganz durch die Wirkung des Waſſers gebildet,“ bemerkte Hamilton aufwärts⸗ ſchauend. „Ganz und gar, wie Sie bald wahrnehmen wer⸗ den,“ erwiederte Baron Z. Vor einigen Jahren war hier noch ein wilder Platz, und es kamen oft ſchreck⸗ liche Unglücksfälle vor, bis unſer König zur Bequem⸗ lichkeit und Sicherheit der beim Holzflößen beſchäftigten Perſonen einen Weg bahnen ließ. Der ſchmale, brückenartige Weg, von dem er ſprach, beſtand aus ſtarken Balken und Planken, und bei der immerdar in dem gewölbten Tunnel herrſchenden Däm⸗ merung ſcheint er in der Luft zu hängen, da er von eiſernen, in den maſſiven Felſen getriebenen Krampen getragen wird. Unten rast das Waſſer und oben dringt das Tageslicht ſpärlich durch einige kleine iſolirte Oeffnungen herein. „Man könnte ſich leicht einbilden, hier hauſe der wilde Jäger“, ſagte A. Z. *) Der Regentropfen höhlt den Stein aus, nicht durch Gewalt, ſondern öſteres Sut A. d. Ueb. 74 „Ich weiß nichts von dem Wilden Jäger,“ ſagte Hamilton, „außer von der Scenerie im Freiſchützen“. Aber Alles, was ich heute geſehen habe, vor Allem dieſe wilde Höhle erinnert mich daran. Ich möchte faſt in einer ſtürmiſchen Nacht hier ſein, um den Wind durch dieſe Bögen pfeifen zu hören. Obgleich nicht mit einer ſehr lebhaften Einbildungskraft begabt, glaube ich doch, daß ich hier, wo der Himmel kaum ſichtbar wird, den Wilden Jäger mir vor Augen ſtellen könnte.“ „An die Stelle des Wilden Jägers ſetzen Sie den Förſter, wenn er die Schleuſen öffnet, um das Holz zu ſlößen!“ ſagte Baron Z. „Stellen Sie ſich das Rau⸗ ſchen und Brüllen des aufgeſtauchten Waſſers vor, das Anprallen der Baumſtämme an dieſen Felſen, das ſchreckliche, vom Echo verſtärkte Getöſe —“ „O, wie gerne möchte ich das ſehen!“ rief Hamil⸗ ton eifrig. „Ich ziehe einen ruhigen Sonnenuntergang, wie eben jetzt, vor,“ ſagte A. Z., die Stufen hinaufſteigend, die aus der Höhle führten. Ich kann mir das vor⸗ ſtellen, was Du beſchrieben haſt, und erkenne, daß ein wildes Wetter den Effect ſolcher Naturſcenen wie hier noch erhöht; aber eben an ſolchen Stellen erfreue ich mich insbeſondere der Ruhe der Natur; es liegt nichts Zahmes, Mildes darin, denn der Gedanke eines mög⸗ dicherweiſe eintretenden Wechſels ſteht immer unbewußt vor dem Auge des Geiſtes.„ „Das mag wahr ſein,“ erwiederte Hamilton nach⸗ denklich. „Ich habe nur wenige wilde Landſchaften geſehen — niemals etwas der Art, außer, wie vorhin bemerkt, auf dem Theater, wo Alles zwar ſehr hubſch, aber auch ſehr unnatürlich war.“ „Wenige Leute in England wiſſen, wie naturgetreu der Freiſchütz iſt; läßt man den Wilden Jäger und die Freikugeln weg, ſo ſehen, ſo haben Sie bei jedem Scheibenſchießen im Gebirge die Landſchaft und die handelnden Perſonen vor Augen. Weber pſflegte ſolche 7⁵ Orte zu beſuchen und horchte ſtundenlang dieſen un⸗ geſchulten Sängern und Zitherſpielern zu.“ „Wen haben wir hier?“ rief Baron Z., als ſie das Forſthaus zu Geſicht bekamen und er mehrere Per⸗ ſonen hin und her gehen ſah. Es waren Fremde, und ſie betrachteten ſich in doppeltem Sinn als ſolche — denn ſie waren Oeſter⸗ reicher. Während A. Z. die merkwürdige Thatſache erklärte, daß Bayern ſich als Fremde in Oeſterreich betrachteten, und vise versa, hatte ſich Baron Z. in ein Geſpräch mit ihnen eingelaſſen, und wenige Minuten genügten für ihn, den Namen des Einen zu errathen, der ſeiner Aeußerung nach in Geſchäften hier war, und von dem ſ erfuhr, was er über die Andern zu wiſſen be⸗ gehrte. Das aus den heterogenſten Beſtandtheilen zu⸗ ſammengeſetzte Abendeſſen wurde unter den Bäumen vor dem Hauſe eingenommen, und erſt ſpät zogen ſie ſich vor der Nachtluft in die Küche des Hauſes zurück, wo ein helles Feuer auf dem hohen, offenen Herd brannte, der, gleich einer langen Tafel, die Mitte des Zimmers einnahm und von hölzernen Bänken umringt war. Eine Zither fand ſich im Hauſe, und ein junger Student mit langen, blonden, auf ſeinen ſchwarzen Sammtrock herunterwallenden Haaren, der eine Guitarre mitgebracht hatte, die ihm nach Art eines Troubadour um die Schultern hing, ſtimmte ſogleich einen Geſang an, als man ihn darum erſupte. So wurde bald ein Quartett arraugirt, und Hamilton betrachtete ſich, fern von dem Schein des Feuers ſitzend, die Geſellſchaft in der Stille. Am nächſten Morgen mit Tagesanbruch, lang ehe die Strahlen der Sonne hieher drangen, befanden ſie ſich wieder in der Klamm und fanden, dieſelbe paſſirend, einen andern viel bequemern Weg, als der von geſtern, auf dem ſie nach Unken gelangten. di 76 Hier trennten ſie ſich von ihren Bekannten vom Abend zuvor, die ihren Wagen umringten, Verbeugun⸗ gen machten und ihnen mit einer Miſchung von förm⸗ kichem Weſen und Freundlichkeit die Hände ſchüttelten, was A. Z. und Hamilton auf einige Zeit Stoff zur Beſprechung lieferte, indem die Erſtere bemerkte, daß, wenn zwei engliſche Geſellſchaften auf ſolche Weiſe zu⸗ ſammengetroffen wären, ſie ſich nicht ſo herzlich zu ein⸗ ander geſellt, ſondern, ſtatt gemeinſchaftlich zur Unter⸗ haltung beizutragen, höchſt wahrſcheinlich in ge⸗ höriger Entfernung niedergeſetzt hätten, um gegenſeitig zu entdecken, was hier oder dort Unangenehmes oder Gemeines wäre. „Ich meinestheils,“ fuhr ſie fort, „war mit meinen Geſellſchafterinnen ausnehmend zufrieden; ſie zeigten ſich ſehr mittheilſam und erzählten mir einige intereſ⸗ ſante Umſtände über ihre Lebensweiſe in Tyrol. Ich abe ſie zu beſuchen verſprochen, wenn ich einmal in ihre Nachbarſchaft käme; ihr Vater iſt Förſter, und die Aelteſte mit jenem ſchweigſamen, ſchüchternen Mann in dem grünen Jagdrock verlobt. Doch war eri nicht zu ſchüchtern, ſie am Fuß der Leiter zu erwarten, als er glauble, daß wir Alle im Schlafe lägen.“ „So haben ſie alſo wirklich einen Spaziergang bei Mondenſchein gemacht!“ „Der Mond hat nicht lange geſchienen, und ich glaube auch nicht, daß ſie weiter als auf die Bank vor der Thüre gingen, wo ſie mehr Geſellſchaſt fanden, als ſie erwartet hatten. Romantiſche Gefühle und ſentimentale Betrachtungen ſind nicht bloß auf deutſche Frauen be⸗ ſchränkt, es gibt wenige Männer, die nicht einige Stunden der Ruhe bei einer Gelegenheit, wie geſtern, aufopfern würden, um ſo hinzuſitzen — und im Mond⸗ ſchein zu rauchen.“ „Wie ſinnreich Du Alles, was Du zu unſerem Preiſe ſagſt, wieder zu verſetzen weißt,“ bemerkte ihr Gemahl lachend. ſün 77 „Und doch bleibe ich ſtreng bei der Wahrheit; denn der Rauch der Cigarren ſtieg mit dem Gemurmel von Stimmen heute Nacht zu meinem Fenſter empor und zwang mich, daſſelbe zu ſchließen. „Nun, wir werden heute Nacht nichts dergleichen haben, da wir wahrſcheinlich allein auf der Alpe ſein werden.“ „Ich habe gedacht, es würde ebenſo gut ſein, wenn wir bis nach Berchtesgaden gingen und behaglich in Betten ſchliefen. Ich fühle mich nicht ganz im Stande, noch eine zweite Nacht auf dem Heu zuzubringen.“ Fünftes Kapitel. Eine Alpe. Sie gingen nach Berchtesgaden. Wir folgen Ha⸗ milton nicht, weder, da er die Salzwerke ſich beſah, noch, da er die ſchönen Seen in deren unmittelbarer Nachbarſchaft beſuchte. Wir würden ihn ebenſo wenig nach der Alpe begleiten, die er ſpäter erſtieg, wollten wir nicht unſern Leſern eine kleine Idee von ſolchen, in den Gebirgsgegenden Bayerns ſo gewöhnlichen Aus⸗ flügen verſchaffen und zugleich nachweiſen, welche ge⸗ ringe Bedeutung daſelbſt einer Gemsjagd beigelegt wird. Eine Anzahl Jäger, Förſter und einige beur⸗ laubte Officiere ſchloſſen ſich ohne Umſtände ihrem Zuge an. A. Z. ging ſehr gerne mit, als ſie hörte, daß eine Bekannte von ihr Geſundheits halber einige Wochen auf der Alpe zubrachte und dort eine ſoge⸗ nannte Sommerfriſche genoß. Wirklich, als ſie die mitten auf dem Gebirge ge⸗ legene Sennhütte erreichten, fanden ſie eine ſehr hübſche, ſonnverbrannte Perſon mit ihrem Mädchen vor der Thüre ſitzen. Sie war erſtaunt, die Z.'s zu ſehen, aber keineswegs überraſcht beim Anblick der Andern, da, wie 78 ſie ſagte, kaum eine Woche verging, daß nicht Jemand zur Jagd heraufkam; und als ſie hörte, daß Hamilton Deutſch ſprach, deutete ſie nach den Felſen vor dem Hauſe hinauf und ſagte, dort oben könne er heute Abend die Gemſen herumſpringen ſehen. „Sie zerſtört mir das ganze Geheimniß einer Gemsjagd,“ ſagte Hamilton ſich zu A. Z. gewendet. Ich glaube, ich könnte dieſen Berg hinauflaufen.“ „Ich möchte Ihnen nicht rathen, es zu verſuchen, und kann auch wirklich meine Einwilligung nicht dazu geben, daß Sie, ſo lange Sie mit uns reiſen, allein einen Ausflug in's Gebirge unternehmen. Gewaltſame Todesfälle ſind hier durchaus nicht ungewöhnlich; es iſt noch nicht lange her, daß ein Mädchen beim Kräuter⸗ ſammeln in einen Abgrund ſtürzte und zerſchmettert wurde; und einen Mann fand man beinahe verhungert auf einer Stelle, zu der er hinaufgeklettert war, von der er aber unmöglich wieder herabkommen konnte. Der alte Mann dort,“ fügte ſie mit gedämpfter Stimme hinzu, „der alte Jäger, der eben mit Hermann ſpricht, hatte einen Streit mit ſeinem einzigen Sohn, da ſie zuſammen auf der Gemsjaad waren: die Leute er⸗ zählten, ein Stoß von ihm in der Hitze des Wort⸗ wechſels habe den jungen Mann tauſend Fuß in die Tiefe hinabgeſtürzt; ſeinen Leichnam fand man ſchreck⸗ lich verſtümmelt, aber ein Beweis ließ ſich gegen den Alten nicht führen, denn ſie waren Beide allein ge⸗ weſen, und da ſolche Unglücksfälle zu gewöhnlich ſind, ſo iſt man über den wirklichen Sachverhalt nie in's Klare gekommen, und ſein Beichtvater allein weiß, was geſchehen iſt. „Nun, Hamilkon, ſind Sie geneigt, heute Abend einen Schuß zu verſuchen?“ fragte Baron 8. drei oder vier Gemſen haben ſich in der Nachbarſchaft gezeigt.“ „Ich will als Zuſchauer mit Ihnen gehen, und da ich ein zu ſchlechter Schütze bin, wird einer dieſer Stöcke mir heſſere Dienſte thun, als eine Büchſe.“ 79 „Wir werden einige Männer hinauſſchicken, um ſie zu uns herabzutreiben,“ ſagte Baron Z. „Es hilft nichts, weiter als nöthig zu klettern.“ „Können Sie keine Hunde brauchen?“ fragte Ha⸗ milton. „Sie würden ſich nicht gehörig abrichten laſſen, denn die Gemſen kümmern ſich zwar nicht im Mindeſten um das Geräuſch, das von Steinen oder Kies verur⸗ ſacht wird, aber ljeder ungewöhnliche Laut erregt ſo⸗ gleich ihre Aufmerkſamkeit. Ein einzelner Jäger hat ſich nur davor zu hüten und zu ſorgen, daß ihm der Wind in's Geſicht weht, oder von ihm aus wenigſtens nicht in der Richtung, wo er ſie zu finden erwartet. Die Witterung, die ſie haben, iſt faſt unglaublich, und nur ihre ſcheue Vorſicht kommt derſelben gleich.“ „Es iſt demnach ſehr ſchwer, zum Schuß zu kom⸗ men,“ ſagte Hamilton. „Nur da, wo man ſo lange auf ſie Jagd gemacht hat, vis ſie ſich nach den unzugänglichſten Punkten zu⸗ rückgezogen haben — denn es iſt erwieſen, daß die Gemſe keine beſondere Vorliebe für ſehr hohe oder kalte Gebirgsgegenden hat; ſie wählen dieſelben nur, um bei einer Verfolgung ſichere Zuflucht unter den Felſen zu finden.“ „Das habe ich voriges Jahr auch bemerkt,“ ſagte ein Officier von der Geſellſchaft, „bei Fürſt Lamberg, wo es vielleicht die beſte Gemsjagd in Deutſchland gibt. Sie werden dort ſo gut gehegt, daß ſie nicht ſcheuer, oder ſchwerer zu ſchießen ſind, als anderes Wild: und ſtatt daß man ſonſt Abends oder in der Morgendämmerung auf ſie trifft, ſchweiften ſie vort den ganzen Tag herum und ſuchten bei mildem Wetter nicht einmal den Schatten.“ „Ich habe von Fürſt Lamberg's Bergen gebört,“ ſagte Baron Z., „er hat fünfzehn oder ſechszehn hun⸗ dert Gemſen darauf, höre ich; wenn man ſie aber Allem nach ohne viele Mühe haben kann, ſchlägt man 8⁰ ſie auch nicht ſo hoch an; ich ſchoß zum Beiſpiel vor einigen Jahren eine Gemſe in Bayeriſch Zell, war aber beinahe vierundzwanzig Stunden aus, ehe ich zum Schuß kam — hier iſt ihr Bart, den ich behalten und ſeitdem ſtets getragen habe,“ ſetzte er hinzu, ſeinen Hut abnehmend und auf einen kleinen fächerartigen Schmuck zeigend, den Hamilton ſchon früher geſehen hatte, ohne deſſen Bedeutung zu kennen. „Demnach haben ſie Bärte, wie die Ziegen!“ ſagte Hamilton. „Nein,“ erwiederte Baron Z. „Man nennt es nur ſo, „aber es iſt das ihnen den Rücken entlang wach⸗ ſende Haar.“ „Ich ſehe etwas da oben, das einer Gemſe ſehr gleich ſieht,“ ſagte der Officier, der ein kleines Teleſcop an das Auge hielt.“ „Jedermann wünſchte nun auch zu ſehen — Einige konnken den Punkt nicht finden, — Andere bildeten ſich ein, etwas zu ſehen — man glaubte, es wäre ein Baumſtumpf — aber als einige geübte Augen den Ausſpruch thaten, daß es die gewünſchten Thiere ſeien, die hier im Aeſen begriffen wären, brach die Geſell⸗ ſchaft auf, und die Jagd begann. Hamilton kletterte mit einer Leichtigkeit und Ge⸗ wandtheit empor, die ſeine Begleiter überraſchte; aber er machte ſo vft Halt, um eine hübſche Buche zu be⸗ wundern, oder auf den offenen Lichtungen friſche Abend⸗ luft zu ſuchen, daß ſie allmälig vorauskamen und er ſich zuletzt allein auf einer Stelle fand, wo irgend eine gewaltige Naturerſchütterung den Berg beinahe ge⸗ ſpalten hatte. Er ſah tief, tief unter ſich die Straße nach Tyrol; die ſchweren Wagen, die er ein paar Tage zuvor für gefährlich hoch geladen gehalten hatte, wan⸗ den ſich jetzt vygmäengleich dahin, und die Bewegung der endloſen Reihe angeſpannter Pferde war kaum wahr⸗ zunehmen. Ein Berg erhob ſich über dem andern, bis die Ausſicht durch groteske Felsmaſſen heſchränkt wurde, „ 81 die, ſich von den bewaldeten Vergen erhebend, ihre gi⸗ gantiſchen Formen dadurch noch vergrößern, daß ſie ſich theitweiſe hinter der leichten Wollenbekränzung ver⸗ bergen, welche ihre Gipfel ſelten ganz verläßt. Für die Einwohner des Thales war die Sonne längſt verſchwunden, aber um Hamilton herum befand ſich noch Alles in der Gluth der ſcheidenden Strahlen; er ſetzte ſich auf den bemoosten Raſen und gab ſich mit Bedacht der Betrachtung hin. Kein Platz konnte dazu beſſer gewählt ſein, und er fand ſich darum über⸗ raſcht und getäuſcht, als er entdeckte, daß die ſublimen Gedanken, die er erwartet hatte, ſich nicht einſtellen wollten. Er bewunderte die überſchweugliche neppigkeit der Vegetation, das mannigfaltige Colorit der Baumblätter, den wilden, unregelmäßigen Lauf des ſchäumenden Baches; — er verſuchte an die Größe des Schöpfers in ſeinen Werken, an die Nichtigkeit des Menſchen und ſeiner Beſtrebungen zu denken — vergeblich. Ein angenehmes Gefühl allgemeiner Befriedigung überkam ihn, als ſeine Phantaſie ihn nach Hauſe, in den Kreis ſeiner Familie, ſeiner jugendlichen F eunde verſetzte. Ein hübſches engliſches Landhaus erhob ſich vor ihm, mit wohl gepflegten Raſenplätzen, Kieswegen und Buſch⸗ werk; Gruppen von Leuten waren unter den Bäumen ſichtbar, und auf den zur Halle führenden Stufen hatte ſich eine zahlreiche Geſellſchaft verſammelt. Wagen und Reitpferde waren da; lachende Mädchen in langen Gewändern, junge Männer, ſorglos neben ihnen her ſchlendernd. Sie wollten eine gut erhaltene Ruine in der Nachbarſchaft beſuchen — die ſie allerdings ſchon ſo oft geſehen hatten, daß man an Alles eher, als an den vorgeblichen Zweck des Ausflugs dachte. Feldſtühle, Livreebediente, Champagner und Ananas begannen ein⸗ ander in angenehmer Verwirrung vor Hamilton's Auge zu jagen, als der ferne Knall einer Büchſe das weſen⸗ loſe Gebilde ſeines wachenden Traumes zerſtörte und Die Anfangsbuchſtaben. 1. 6 8² er auffahrend mit einiger Verwunderung ſich daran er⸗ innerte, daß er ſich auf einer Gemſenjagd befand. „Es hat nichts zu bedeuten,“ dachte er, „denn wenn ich auch zehnmal gefeuert hätte, würde ich doch keine ge⸗ troffen haben.“ Er vertieſte ſich nun in den Wald und begann regelmäßig und ſtetig aufwärts zu ſteigen und hielt ſelbſt dann nicht inne, als der Fichtenbaum bereits zu einem niedrigen Strauch zuſammengeſchrumpft und die ſchöne, wilde Alpenroſe gänzlich verſchwunden war. Sein Pfad wurde ſteiler und felſiger, und er ſah ſich am Ende genöthigt, die ſich ihm entgegenſtellenden Hinderniſſe kriechend zu umgehen und an den wenigen die in den Felſenſpalten wuchſen, ſich zu alten. Kein Laut unterbrach die Stille rings herum, der Mond ſtieg langſam über den dunkeln Horizont, an dem ſich leicht ſchattirte Purpurſtreifen hinzogen, während über dem düſtern Grau der Bergſpitzen noch ein leicht wahrnehmbarer Wiederſchein des verbleichenden Sonnen⸗ lichtes weilte. Die Thäler lagen im tieſſten Schatten, und aus den zerſtreuten Bauernhäuſern begannen die Lichter zu flimmern. Hamilton ſchaute aufmerkſam herum, wo möglich ſich über ſeinen Standpunkt zu vergewiſſern, ehe er in den dichten Wald hinabſtieg, der unter ihm lag. Das Fallen einiger lockern Steine und eines Felsſtücks in ſeiner Nähe erſchreckte ihn einen Augen⸗ blick, ſogleich aber fiel ihm ein, es möchte Jemand von ſeiner Geſellſchaft ſein, und er begann nun zu rufen, wenn einer von ihnen da wäre, ſo möchte er auf ihn warten; darauf erfolgte ein Rollen von Steinen und ein Geräuſch von Fußtritten, begleitet von einem ſchar⸗ fen, ihm völlig unbegreiflichen Laut, bis er auf einem vorſpringenden Felſen über ſich drei Gemſen erblickte, die, in ſcharfem Relief zwiſchen ihm und dem wolken⸗ loſen Himmel ſtehend, unentſchloſſen um ſich ſchant 83 Sie geſtatteten ihm, ſie eine Zeit lang zu be⸗ obachten, ſo weit dieß in der Ferne und bei Mondſchein möglich war; aber als er näher zu kommen ſuchte, ſprangen ſie plötzlich über die Felſen und verſchwanden in wenigen Sekunden, ihm einen Hagel von Sand und Steinen nachſendend. Jetzt hatte er aber jede Vorſtellung von dem Ort, wo er wäre, verloren, und obwohl durchaus nicht ge⸗ neigt, ſeine Entfernung von der Sennhütte noch zu vergrößern, erkannte er doch die abſolute Nothwendig⸗ keit, noch höher hinaufzuklettern, um in das Alpen⸗ thal hinabzuſehen, wo dieſelbe ſich befand. Mit den unregelmäßigen Formen und Windungen der Berge vollkommen unbekannt, hielt er ſich ſo viel wie möglich im Lichte und ſchritt zuweilen auf einer Linie fort, die, wie er ſich einbildete, nichts Anderes als ein Pfad, in Wirklichkeit aber nur das Bette eines Gebirgsbaches war, der von dem aufthauenden Schnee im Frühling gebildet wird. Auf dieſe Weiſe wanderte er, bald auf⸗ bald ab⸗ wärts ſteigend, über zwei Stunden fort, nach allen Seiten um ſich ſchauend, ohne daß er eine Spur von der Sennhütte, oder zuletzt nur von einer menſchlichen Wohnung zu entdecken vermochte. Als er einen Theil des Gebirgskamms erreichte, machte er zu einigem Schrecken die Wahrnehmung, daß die andere Seite ſenkrecht in einen Abgrund auslief, deſſen Felſenwand dem Anſchein nach ſo glatt und jeglichen Grüns be⸗ raubt war, daß man ſie für eine Mauer hätte halten können. Er machte Halt — und Alles, was A. Z. ihm geſagt hatte, kehrte mit einem Mal in ſein Ge⸗ dächtniß zurück. Der Mond war noch zu kurz im Zunehmen, als daß er ihm länger ſichtbar blieb, und bis er den Wald erreichte, würde es völlig finſter geworden ſein. Er ſah alſo keine andere Wahl vor ſich, als bis Morgen hier zu bleiben, und hatte 60 ſchon einen 84 Ruheplatz auserleſen, als der ferne Knall von Büchſen, die in regelmäßigen Zwiſchenräumen abgefeuert wurden, bei ihm den Gedanken erregte, daß er und nicht mehr die Gemſen der Gegenſtand der Nachforſchung ſeien. Auch ein ſchwaches Echo von Menſchenſtimmen drang an ſein Ohr, und er antwortete mit lautem Geſchrei⸗ Ein furchtbar deutliches Echo von dem gegenüber befindlichen Berge veranlaßte ihn, davon abzuſtehen; er fürchtete, ſeine Retter irre zu leiten, und eilte nun der Richtung zu, von wo die willkommenen Töne zuerſt ſein Ohr getroffen hatten. Sich auf der Höhe des Berges haltend und jede Stelle vermeidend, wo die Schatten der Felſen ihn hinderten, deutlich ſeinen Weg zu ſehen, ging und lief, ſprang und hüpfte er mit ſeiner langen Stange vorwärts, bis der hinter einem Berge verſchwindende Mond eine gewiſſe Halbnacht er⸗ zeugte, die ihn wieder zum Stillſtand nöthigte. In der Vermuthung, das Echo möchte ihn irre geleitet haben, und der Beſorgniß, weiter als je von ſeinen Genoſſen entfernt zu ſein, bemerkte er ohne Bedauern das allmälige Aufhören der verrätheriſchen Schüſſe und ſetzte ſich endlich mit einer Art verzweifelter eng⸗ liſcher Ruhe auf den Boden und griff, nach einigen nicht ſehr glücklichen Verſuchen, im Rucken einer Sand⸗ platte ſein Lager eiwas bequemer zu machen, nach einer Cigarre, zündete ſie an und ergab ſich mit ge⸗ kreuzten Armen in ſein Schickſal. Die Nacht wurde dunkler, als er erwartet hatte, und er ſtarrte zum Sternenfirmament hinauf, bis ſeine Gedanken ſich verwirrten und ſeine Augen ſich in ſchwerem Schlummer ſchloſſen, der ohne Unterbrechung fortdauerte, bis die friſche Morgenkuhle ſeine ſteifen Glieder mit einem fröſtelnden Schauder durchzog. Er erhob ſich mit dem anbrechenden Tage, ſchaute ein paar Minuten erſtaunt um ſich und begann dann mit weiten Schritten raſch abwärts zu ſteigen. Zu nicht geringem Verdruß fand er aber ſpäter, 85 daß er ſtatt ſeiner Erwartung zu Folge bei der Senn⸗ hütte anzukommen, beinahe an den Fuß des Berges gelangt war, und ihn nur eine ſchmale Schlucht von einem andern ganz ähnlichen trennte. Einen Augen⸗ blick ſtand er unentſchloſſen ſtill und fühlte ſich — ſehr hungrig. Die Sonne hatte unterdeſſen den öſtlichen Horizont lebhaft zu färben begonnen, und nach kurzem Ueber⸗ legen fand er, daß eine Rückkehr nach der Alpe ihn wieder in die Nothwendigkeit hinaufzuſteigen verſetzen würde, und er noch immer ſehr ungewiß war, in welcher Richtung dieſelbe lag, während er, einen an⸗ dern Weg einſchlagend, wahrſcheinlich in einer oder zwei Stunden auf eine der benachbarten Landſtraßen hinaus gelangen würde, und dann in das erſte Bauern⸗ haus, das ihm zu Geſicht käme, eintreten und ſich etwas zum Eſſen verſchaffen könnte. Dieſe Vorausſetzung war vollkommen richtig. Bäl⸗ der, als er zu hoffen gewagt hatte, wurden ſeine Augen durch den Anblick eines heiter ausſehenden, hübſch auf einem grünen Hügel gelegenen, von Obſtbäumen um⸗ gebenen Hauſes erfreut. Einige wilde, ſonnverbrannte Knaben und Mädchen verkündigten ſeine Ankunft, und als er ſich der Thüre näherte, fand er eine zahlreiche Familie beiſammen. Seine Bedürfniſſe waren bald mitgetheilt und ein vor der hölzernen, an der ganzen Front des Hauſes hinlaufenden Bank befindlicher Tiſch mit einem ländlichen, aber nicht frugalen Frübſtück beſetzt. Ein ungeheurer Laib dunkelbraunen Brods, eine Schüſſel mit Milch, die mit dickem gelbem Rahm überzogen war, einige Pfund Butter, Honig und Käſe, gebackene Eier und eine Art aufgezopfter Omelette, Schmarren *) genannt. *) In Schwaben auch Eierhaber genannt. A. d. Ueb⸗ 86 Während Hamilton aß, ſtand die Bäurin, mit ihrem jüngſten Kind auf dem Arm, und einem paar anderen, die ſich an ſie hingen, daneben. Sie ver⸗ ſicherte ihn, wenn er nicht ſo in Cile geweſen wäre, hätte ſie ihm Kaffee machen können; ſie kaufe auf dem Markt immer Kaffee und trinke jeden Sonntag. Sie bedauerte, daß ihr Mann nicht zu Hauſe wäre, aber ſie erwarte ihn jeden Augenblick; er war bei Tages⸗ anbruch mit friſchen Semmeln zum Frühſtück für die Herren, die ſich auf der Jagd befanden, nach der Alpe hinaufgegangen. Während ſie noch redete, hörte man eine laute, heitere Stimme in der Ferne jodeln, und die Kinder alle den Hügel hinab und verſchwanden im alde. „Das iſt wahrſcheinlich Euer Mann,“ ſagte Ha⸗ milton, „es wird mich freuen, zu hören, wie die Jagd auf der Alpe ausgefallen iſt.“ „O! Sie waren vielleicht auch dort — ich habe mir ſchon gedacht und gedacht, wo Sie die Nacht zu⸗ gebracht haben fönnten; Sie ſehen nicht aus, als ob Sie aus der Stadt kämen!“ „Das glaube ich wohl,“ ſagte Hamilton lachend, „ſehr wahrſcheinlich ſehe ich aus wie Einer, der unter den Felſen übernachtet hat, und das iſt wirklich der Fall; ich verirrte mich geſtern Abend.“ Der Bauer geſellte ſich jetzt zu ihnen, und auf Hamilton's eifrige Erkundigung nach dem Reſultat der Jagd antwortete er, eine Gemſe ſei zwar Abends ge⸗ ſchoſſen worden, aber das Verſchwinden eines jungen Engländers, der mit ihnen ausgezogen war, habe Alles verdorben; ſie hätten ihn, bis es dunkel wurde, geſucht, und Baron Z. wäre ſchon vor Tagesanbruch hinaus, ihm nachzuforſchen; ſelbſt die Frauen hätten ſich angeſchloſſen, und eine derſelben wäre mit dem Gaishirten faſt bis zum Gipfel des Berges hinauf⸗ geſtiegen⸗ 3 ——— 87 „Golt im Himmel!“ rief Hamilton aufſpringend, „fie ſuchen mich. „Ich muß ſogleich zu ihnen.“ „Es wird's ebenſo gut thun, wenn ich Peter hin⸗ aufſchicke und ihnen ſagen laſſe, daß Sie hier ſind,“ ſagte der Bauer, indem er einen ſeiner Söhne berbei⸗ rief und ihm die nöthigen Anweiſungen gab. Darauf ſetzte er ſich, „mit Ihrer Erlaubniß“ murmelnd, in kleiner Entfernung von ihm nieder und bemerkte mit einem Blick auf Hamilton's ausgeſtreckte Füße: „Mit dieſen Stiefeln würden Sie auch nicht die Alpe hinauf⸗ und wieder herabgekommen ſein. „Ich glaube, Sie haben recht,“ antwortete Hamil⸗ ton, nachläſſig damit hin und her fahrend, um ſie beſſer betrachten zu können — „ſie ſehen wirklich aus, als ob ſie vom Tragen ſchlechter geworden wären. Ich bin in meinem Leben nie ſo ſchlecht beſchuht geweſen!“ „Geſtern hätten Sie wohl noch auf einer Hochzeit darin tanzen können, aber für die Berge taugen ſie nicht recht.“ „Sehr wahr,“ ſagte Hamilton, „und wenn ich je wieder eine Exeurſion dieſer Art mache, will ich es nicht vergeſſen. Es iſt zum erſten Mal in meinem Leben, daß ich in einer Gebirgsgegend bin.“ „Und doch iſt England, ſagt man, ein ſchönes Land?“ bemerkte der Bauer fragend. Hamilton nickte mit dem Kopf. „Ich habe im Goldenen Löwen in der Stadt ſagen hören, die Engländer wären unermeßlich reich!“ „Manche find ſehr reich, und Manche ſehr arm,“ antwortete Hamilton; „ich glaube, die Mittel zum Leben, die Bedürfniſſe für das Leben ſind in Deutſch⸗ land gleichmäßiger vertheilt.“ „Nun, das habe ich auch gehört,“ ſagte der Mann, und jetzt ſagen Sie, es gebe daſelbſt keine Berge —“ „Halt,“ rief Hamilton lachend, „ich ſagte nicht, daß es keine Berge daſelbſt gibt; ich ſagte nur, daß ich ſie nie geſehen habe —“ 88 „Aber alle Englaͤnder, mit denen ich geſprochen a e —2 „Sind nicht ſehr viele,“ fiel ihm Hamilton in's Wort. „Mehr vielleicht, als Sie glauben. Ehe mein Vater mir Haus und Hof übergab, war ich viele Jahre bei einem Verwandten in Berchtesgaden und pflegte die meiſten Fremden über den See zu rudern. Sonderbare Leute waren es manchmal! Ein Engländer pflegte Stunden lang unter einem Baum am Hinterſee zu ſitzen und kam mehrere Sommer lang regelmäßig jeden Tag; er ſah mit ſeinem blaſſen Geſicht und den ein⸗ gefallenen Wangen halbtodt aus, und es war ſchreck⸗ lich, ihn huſten zu hören; die Leute im Wirthshaus ſagten, er hätte die ganze Nacht keine Ruhe, ſondern laufe unaufhörlich im Zimmer auf und ab. Es hieß, er habe eine unglückliche Liebſchaft gehabt —“ „Höchſt wahrſcheinlich litt er an der Schwind⸗ ſucht,“ ſagte Hamilton. „Sehr möglich; ſo nannte es auch der Doktor. Er ſagte, es ſei ein ſehr gewöhnliches Uebel in Eng⸗ land — wie der Rheumatismus hier, ſchätz' wohl. Was mein armer Großvater in den letzten vierzig Jahren ſeines Lebens vom Rheumatismus gelitten hat, iſt unglaublich; aber er ging herum und lebte trotz dem über neunzig Jahre und hat noch ſeine goldene Hochzeit gefeiert!“ „Seine goldene, was?“ „Hochzeit. Vielleicht haben Sie in England keine goldene oder filberne Hochzeit.“ „Ich geſtehe, ich hörte nie etwas davon,“ ſagte Hamilton. „O, die ſilberne Hochzeit iſt nur am fünfund⸗ zwanzigſten Jahrestage, und die meiſten Leute können ſie feiern; aber bis zu fünfzig Jahren verheirathet zu ſein und eine goldene Hochzeit zu haben, iſt eine Art Ereigniß in einer Familie. Obwohl damals noch ein — — 89 Knabe, werde ich den Tag nie vergeſſen. Das Haus hier war ganz mit Guirlanden bedeckt, und alle Nach⸗ barn von Nah und Fern hatten ſich eingefunden, und Großvater und Großmutter gingen in ihren Hochzeits⸗ kleidern in Proceſſion in die Kirche, und der Prieſter ſegnete ſie noch einmal ein und hielt eine Predigt, daß Jedermann Thränen in den Augen hatte. Hernach hatten wir ein Mittageſſen im Löwen und Tanz und Geſang; und Abends, als ſie zum zweiten Mal als Braut und Bräutigam heimfuhren, wollte das Lärmen und Schießen gar kein Ende nehmen!“ Wie gerne möchte ich eine ſolche Hochzeit ſehen! Iſt nicht Ausſicht zu einer in der Nachbarſchaft?“ „Nicht, daß ich wüßte. Es iſt etwas Seltenes darum; denn gewöhnlich gehen ein oder zwei Jahre vor den Fünfzig des einen oder andern Tage zu Ende. Schon der Wunſch, es zu erleben, rafft, glaube ich, die alten Leute hinweg.“ „Heirathet man frühe hier?“ „Nicht oft; denn vazu iſt die Einwilligung des Pfarrers und der Nachweis erforderlich, daß man eine Familie erhalten kann. Ich war ſchon vierzig vorbei, ehe mein Vater mir Haus und Hof abtrat.“ „So gab er es Euch noch zu ſeinen Lebzeiten? Kommt das oft vor?“ „Sehr oft. Ich mußte ihm ein Jahrgeld zahlen, und er beabſichtigte, in die Stadt zu ziehen; aber er konnte ſich von dem Ort nicht trennen, und ſo lebten wir Alle zuſammen bis zu ſeinem Tod. Meine Mutter iſt noch am Leben. Sie hätten dieſelbe auf der Alpe ſehen können: ſie wandert dort beſtändig umher.“ „Mußte Euer Vater um die Erlaubniß des Guts⸗ herrn anſuchen, da er Euch ſein Beſitzthum abtrat?“ „Er mußte die Erlaubniß der Regierung einholen, und ich hatte das gewöhnliche Lehengeld, fünf Procent von dem Werth meines Hauſes und Grund und Bodens zu bezahlen.“ 90 „Dann haben Sie keinen Pacht?“ „Pacht! Nein, wir haben keinen Pacht.“ „Und Ihr Beſitzthum erbt in der Familie fort?“ „Ja; wir haben die gewöhnlichen Steuern zu zahlen, und bei Todesfällen, Erbfolge oder Gütertauſch das Lehensgeld.“ „Könntet Ihr Euer Eigenthum verkaufen, wenn Ihr wolltet?“ „Ohne Zweifel, — wenn ich die Genehmigung der Regierung erhalte; aber wer möchte ſein Gut verkaufen und ohne Haus und Heimath ſein?“ „Ich nehme an, daß es immer der älteſte Sohn iſt, der erbt?“ „Nein; wir können, welches Kind wir wollen, zum Erben einſetzen, wählen aber gewöhnlich den älteſten Sohn, der den andern Kindern, was ihnen im Teſtament vermacht iſt, herauszahlt.“ Jetzt kam die Bäurin herbei, und bald ſammelten ſich auch die Kinder zu ihnen; die Mutter hieß ſie im Stolze ihres Herzens ihre Schreibbücher holen, um dem Herrn zu zeigen, wie ſchön ſie ſchreiben könnten. Er hatte die Durchſicht noch nicht geendet und ſie noch nicht halb ſo viel, als ſie verdienten, gelobt, als die Z.s und ihre Gefährten ſich von dem Wald her näherten, und ein freudiges Wiedererkennen und lange Erklärungen änderten ſeinen Gedankengang vollſtändig. Sechstes Kapitel. Ein ſäkulariſirtes Kloſter. Als Hamilton nach Seon zurückkehrte, fand er, daß die dort zurückgelaſſenen Gäſte in der Perſon des jungen Grafen Zedwitz, eines Officiers, der einen Theil feines Urlaubs bei ſeiner Familie zubringen wollte, 91 einen Zuwachs erhalten hatten. Seine äußere Erſchei⸗ nung war trotz ſeiner entſchiedenen Häßlichkeit ein⸗ nehmend; ſein gelbes Haar ging in ſeinem buſchigen Schnurrbart in impertinent Roth über, und ſeine Stirn würde einen Gall, Spurtzheim oder Combe ent⸗ zückt, aber eines Malers Auge ſich davon abgewendet haben, um einen gefälligern Gegenſtand zu ſuchen. Seine Geſtalt war hoch und wohlproportionirt, zeigte aber ungeachtet ſetner Jugend bereits eine Anlage zum Dickwerden. Hamilton fand in ihm einen angenehmen Geſell⸗ ſchafter; wirklich ſchien Jedermann ihn gern zu haben, beſonders Fräulein Hildegarde, die, wie Hamilton ſich einbildete, ſeine nicht zudringlichen Aufmerkſamkeiten mit unverhohlener Zufriedenheit anfnahm; auch dauerte es nicht lange, bis er entdeckte, daß die beiden Schwe⸗ ſtern ſeiner Geſellſchaft auszuweichen ſuchten. Creſcenz ſah ihn zwar zuweilen an, aber ſobald ſein Auge dem ihrigen begegnete, wandte ſie es wieder ab, und ein Erröthen folgte unfehlbar darauf. Hildegarde ſah ihn überhaupt nie an. Sie flüſterten unaufhörlich zu⸗ ſammen, machten allein lange Spaziergänge und wur⸗ den jeden Tag trübſinniger. Kurz, es lag etwas My⸗ ſteriöſes in ihrem Weſen, was Hamilton's Neugierde erregte, und er beſchloß, wo möglich Creſcenz eine halbe Stunde allein zu ſehen und ſie deßhalb zu be⸗ fragen; aber dieß war nicht leicht einzurichten, denn Hildegarde wich ihr ſelten von der Seite, und wo ſie zugegen war, ließ ſich nicht hoffen, etwas zu erfahren. Er begann ein Beobachtungs⸗Syſtem, das aber Creſcenz unglücklicher Weiſe mißdeutete, während Hilde⸗ garde gar nichts davon ahnte. Allem Anſchein nach hatte er gar nicht ſo viel Intereſſe für ſie, daß ſie ſeinen Bewegungen nur Aufmerkſamkeit ſchenkte; aber Creſcenz' Erröthen nahm täglich zu, und ſelbſt ihrer Schweſter Gegenwart konnte es nicht verhindern, daß ſie ſich zuweilen mit ihm in ein Geſpräch einließ⸗ * 92 Er fragte ſte einmal, ob Seon ihre Erwartungen getäuſcht habe — ob ſie beſſen müde wäre; und dann leiſe, warum ſie ſo kummervoll ausſähe. Ein Erröthen und plötzliche Thränen in den Augen waren die einzige Antwort, die er erhielt. Hildegarde, die zum Theil die Frage gehört hatte, zog ihrer Schweſter Arm unter den ihrigen und ließ ihn allein, über alle möglichen Gründe nachzudenken, aber vergeblich. Dann wandte er ſeine Beobachtungen der Stiefmutter zu, aber hier war er vollkommen auf falſcher Fährte. Sie war in ihrem Benehmen gegen Creſcenz freundlich, während ſie gegen Hildegarde ihre Strenge vermehrt zu haben ſchien. Eines Tags kam Creſcenz mit von Weinen ver⸗ ſchwollenen, ja faſt geſchloſſenen Augen zum Mittag⸗ eſſen herab; ihre Schweſter war ſo blaß, daß Hamilton jeden Augenblick erwartete, ſie würde in Ohnmacht fallen; nach einigen wirkungsloſen Verſuchen, etwas hinunterzudrücken, ſtanden ſie plötzlich wieder auf und verließen mit einander das Zimmer. Madame Roſen⸗ berg, die neben Major Stultz ſaß, machte eine haſtige Bewegung und folgte ihnen nach. Sie war jedoch nicht mehr als einige Minuten weg geweſen, als ſie mit Hildegarde zurückkehrte und, zornig auf ihren Platz an der Tafel deutend, ihr befahl, niederzuſitzen und ihre Schweſter in Ruhe zu laſſen. Sie gehorchte, machte aber keinen Verſuch, etwas zu eſſen. Der junge Zed⸗ witz, der eine Art von Recht, neben ihr zu ſfitzen, ſich erworben hatte, verſuchte, ſich in ein Geſpräch mit ihr einzulaſſen, aber ſie ſagte ihm, ohne die Augen zu er⸗ heben, leiſe einige Worte, die ihn auf einmal von ſei⸗ nem Vorhaben abſtehen ließen, ſo daß er die ganze Zeit, da er an der Tafel blieb, ſie kaum wieder anblickte. Es war ein herrlicher Nachmittag, und Hamilton brannte vor Neugierde, die er durch irgend einen ver⸗ zweifelten Verſuch im Laufe deſſelben zu befriedigen entſchloſſen war. Er lief den Corridor hinab und ſprang die Treppe 93 hinunter in den Garten. Zedwitz war nicht da, aber ſeine Mutter und Schweſter ſtanden ſo nahe an der Thüre, daß Hamilton gegen ſie ſtolperte. Er entſchul⸗ digte ſich und fragte dann nach dem Grafen Max, den er im Garten zu finden gehofft habe. „Er war vor einer Minute hier, iſt aber fortge⸗ gangen, um nach irgend Jemand oder Etwas zu ſehen; ich verſtand nicht recht, was er ſagte.“ „Es iſt ſehr unfreundlich von Max,“ bemerkte die junge Dame mit einigem Verdruß, „daß er nicht mit uns gegangen iſt; er weiß, wie ſchrecklich ich mich vor Kühen und Hunden fürchte.“ Hamilton glaubte, ſie blicke ihn an, als erwarte ſte, daß er ſich ihr in der Rolle eines Beſchützers zur Begleitung anbieten werde. Er war jedoch entſchloſſen, das nicht zu thun, und ſchon im Begriff, ſich zurückzu⸗ ziehen, als die alte Grafin ausrief: O Mr. Hamilton, wenn Sie nicht ſonſt gebunden find, begleiten Sie uns vielleicht auf unſerem Spazier⸗ gang? Meine Tochter iſt ſo leicht zu erſchrecken, daß ſie nicht weit weg kann, ohne Jemand bei ſich zu häben, der das Vieh von ihr wegjagt.“ Hamilton ſah, daß ſein Urtheil geſprochen war. Die Aufforderung war allerdings nicht in den ſchmeichel⸗ hafteſten Ausdrucken an ihn eigangen; aber es blieb ihm nichts übrig, als ſich zu fügen. Der Gedanke, daß der junge Zedwitz vielleicht dieſen Augenblick an der Seite der Schweßtern ging, verſetzte ihn in keine liebenswürdige Stimmung, und er war ziemlich übler Laune, als er ſeinen Spazier⸗ gang antrat. Dieß konnte jedoch nicht anhalten, denn ſeine beiden Geſellſchafteriunen waren angenehm, und wiewohl die alte Gräfin beim Erſteigen der Anhöhen beträchtlich an Aſthma litt, wußte fie nichtsdeſtoweni⸗ ger ein Geſpräch zu eröffnen, wie es Hamilton zuerſt vorkam, in der Abſicht, etwas von ihm über ſeine Fa⸗ milie zu erfahren. Da ſie ihn aber zu Mittheilungen 94 nicht geneigt ſah, ſtand ſie davon ab und beſchränkte ſich nur auf indirekte Bemerkungen, die ihm mehr unterhaltend als zuwider waren, und ging dann ohne Rückhalt auf ihre eigenen Angelegenheiten über. Sie lebten auf einem ihrer Güter in der Nachbar⸗ ſchaft von München, hatten aber die zwei letzten Winter wegen ihrer Tochter in der Stadt zugebracht. Der Graf befand ſich aber nicht wohl dabei, und da ihre Tochter jetzt Braut war und bald ſich vermählen ſollte, gedachten ſie, in Zukunft ganz auf dem Lande zu leben. Sie beſaßen noch ein anderes Gut im Gebirge, in der Nähe von Baron Z., dem ſie weit den Vorzug geben würde, aber der Graf ſei der Meinung, die Bergluft verſchlimmere ſeinen Rheumatismus. Ihr Sohn, ſchloß ſie, würde ihm jedoch das Alles ſchon erzählt haben. „Unſere Geſpräche bewegten ſich hauptſächlich um München, und er überredete mich, den nächſten Winter dort zuzubringen.“ „Waren Ihre Pläne ſo unbeſtimmt? Haben Ihnen Ihre Eltern hierin völlige Freiheit gelaſſen?“ „Ja; ich kann den Winter in Wien, Berlin, Dresden oder München bleiben.“ Die Unterhaltung änderte ſich, und Hamilton war mit ſeinen beiden Geſellſchafterinnen ſo zufrieden, daß er wirflich bedauerte, als ſie Seon erreichten, obwohl der Spaziergang lang geweſen und es ſo ſpät war, daß die Gäſte ſich ſchon zum Abendeſſen verſammelten. „Wo ſind meine Müdchen? Sind ſie noch nicht zurück?“ fragte Madame Roſenberg. Niemand hatte ſie geſchen. „Sie waren den ganzen Morgen bei mir,“ fuhr ſie fort, und gingen erſt vor einer halben Stunde in die Kirche jenſeils des Waſſers. Vielleicht iſt Mr. Hamilton ſo gut, ſie zum Eſſen zu rufen?“ „Laſſen Sie mich mitgehen,“ rief Zedwitz vom Stuhle aufſpringend. 3½ „Dank Ihnen, — ich kann ſie ohne Ihren Beiſtand 95 finden,“ er, und ſetzte mit malitiöſem Lachen hinzu: „ich weiß, Sie ſind den ganzen Tag an dem kleinen See herumgeſchlendert, mein guter Junge, und müſſen jetzt ſo müde ſein, wie eine Schildwache auf ihrem Poſten. Zedwitz lachte ebenfalls, aber war nicht ſo leicht abzuſchütteln. Er nahm Hamilton am Arm, und ſie eilten mit einander fort. „Sie ſind heute lang auf der Wache geweſen, Zedwitz — vom Mittageſſen bis jetzt!“ „Wie bekam es Ihnen, da man Sie einfing, die Kühe aus dem Weg zu treiben? Ich habe Sie ab⸗ führen ſehen.“ „Anfangs geſiel es mir gar nicht, — nachher ſehr wohl. Ich habe eine große Vorliebe für Ihre Mutter — noch mehr für Ihre Schweſter.“ „Meine Schweſter iſt die beſte kleine Seele von der Weltz wenn Sie dieſelbe nur ſo gut kennten, wie ich! Es thut mir leid, daß ſie ſo bald heirathen ſoll, — ihr Verluſt wird für mich unerſetzlich und unſer Haus ohne ſie ſo unerträglich langweilig ſein, daß ich mich nothgedrungen ſo bald als möglich nach einer Frau umſehen muß. „Ihre Mutter äußerte gegen mich, ſie erwarte, daß Sie eine ſehr preiswürdige Partie machen.“ „Mit meinem häßlichen Geſicht? Das iſt nicht ſehr wahrſcheinlich.“ „Ich verſtand die Gräfin ſo, daß Sie ſo gut als Ihre Schweſter ſchon verlobt ſein müßten.“ „Keineswegs — gewiß nicht!“ rief Zedwitz mit einer Hamilton unbegreiflichen Heftigkeit. „Ein Zu⸗ ſammenlegen der Hände zum Zweck einer Güter⸗Zu⸗ iſt durchaus nicht nach meinem Ge⸗ chmack.“ „Das kann ich mir vorſtellen,“ bemerkte Hamilton nachläſſig, und eine lange Pauſe erfolgte. Endlich bemerkte Zedwitz plötzlich; „Meine Eltern 96 wuͤnſchen lebhaft, daß ich den Dienſt verlaſſe und heirathe; und doch bin ich völlig überzeugt, wenn ich mich dazu entſchließe, ſo werden ſie gegen die von mir gewählte Perſon Einwendungen erheben. Trotz meiner Häßlichkeit, oder vielleicht eher wegen derſelben, hat perſönliche Schönheit weit mehr, als ſie verdient, Werth in meinen Augen. Ich vermöchte keine häß⸗ liche Frau zu heirathen; — und Sie?“ „Ich habe darüber noch nicht viel nachgedacht,“ erwiederte Hamilton lachend. „Meine Eltern haben mir ſolche Gevanken wenigſtens für die nächſten zehn Jahre ſtrenge verboten.“ Sie begannen nun auf einer langen, ſchmalen Holzbrücke, — ſo ſchmal, daß nicht mehr als zwei Perſonen ohne Unbequemlichkeit neben einander gehen konnten, den ſeichten Theil des See's zu überſchreiten. Als ſie den Abhang erreichten, von dem aus man nach der Kirche gelangte, blieb Hamilton plötzlich ſtehen und fragte den Grafen Zedwitz, was Hildegarde ihm an der Mittagstafel geſagt hätte, daß er ſich ſo völliges Stillſchweigen auferlegt habe?“ „Sie bat mich, nicht mit ihr zu ſprechen, da ſie mir nicht antworten könnte.“ „War das Alles?“ „Ja, aber ſie gab mir einige Hoffnung, den Grund davon mir bei einer andern Gelegenheit zu erzählen, und ich war zufrieden.“ „Es liegt etwas Geheimnißvolles in dieſer Familie. Glauben Sie nicht auch?“ fragte Hamilton. „Ich bin davon vollkommen überzeugt. Die armen Mädchen ſcheinen ſich in ſehr unglücklicher Lage zu be⸗ finden. Ich bedaure ſie wirklich.“ „Ich bedaure und bewundere ſie,“ rief Hamilton, „und außerdem bin ich ausnehmend neugierig, dieſes Geheimniß herauszubringen. Laſſen Sie uns einen ordentlichen Anlauf nehmen und zuſehen, wer zuerſt ſich Aufklärung verſchaffen wird.“ 923 „Einverſtanden.“ „Meine Ausſichten ſind nur gering,“ bemerkte Hamilton; „bei mir ſind die beiden jungen Damen ſcheu, und ich ſelbſt noch mehr.“ „Sie, ſcheu!“ rief Zedwitz lachend. „Wie! Sie glauben mir nicht! Sie müſſen do bemerkt haben, wie ich ſchon wegen der geringſten Kleinigkeit erröthe!“ „O ja — Sie erröthen, aber es ſcheint mir bet Ihnen in der Conſtitution zu liegen, denn ich habe noch nie Jemand Ihres Alters mit ſolcher Selbſtbe⸗ herrſchung geſehen.“ „Mein lieber Graf, Sie irren ſich gänzlich in meinem Charakter, ich verſichere Sie; es iſt eine Art von Anomalie — eine Miſchung von Beſcheidenheit und Selbſtvertrauen —“ „Selbſtvertrauen, vielleicht — zu Zeiten — von der Beſcheidenheit habe ich nie etwas wahrgenommen.“ Er blieb ſtehen und deutete nach den zwei Schwe⸗ ſtern, die auf einem umgehauenen Baumſtamm auf einer Wieſe in der Nähe ſaßen. Ihre Hände waren feſt verſchlungen, und jede für ſich ſtellte ein Bild des Schmerzens dar, das, abgeſehen von der Jugend und Schönheit der Trauernden, ſchon wegen der Verſchieden⸗ heit ſeines Ausdrucks Intereſſe einftößte. Creſcenz ſchien von dem Uebermaß des Schmerzes völlig niedergebeugt, ihre ganze Geſtalt wie zuſammen⸗ gebrochen, und ſie weinte ſtill für ſich hin, und die Thränen liefen ungehemmt über die jugendlichen Wan⸗ gen. Hildegarde hielt einen Brief feſt in die Hand gedrückt und ſchlug den Blick auſwärts. Sie mochte gebetet haben; aber es ſchien Hamilton, als ob ſie die Augen noch immer aufgeſchlagen hätte, um die Thränen, die ſich in den untern Lidern geſammelt hatten, aufzu⸗ halten — eine zuweilen eintretende, faſt unbemerk⸗ bare Bewegung der Mundwinkel und eine vffenbare Die Anfangsbuchſtaben. I. 7 98 Schwierigkeit, zu ſchlucken, beſtärkten ihn in dieſer Vorſtellung. „Hamilton, laſſen Sie uns nach dem See zurück⸗ kehren; es würde grauſam ſein, ſie ſo zu überraſchen. Wir müſſen laut ſprechen, oder ihnen auf irgend eine Art unſere Annäherung bemerklich machen.“ Mit dieſen Worten wandte er um und brachte ſeine Abſicht ſo wirkſam in Ausführung, daß, als ſie ſich den Schweſtern wieder näherten, dieſe dem Anſchein nach gleichmüthig auf die Kirche zugingen, und da ſie hörten, daß man ſie zum Abendeſſen erwarte, ruhig ihren Weg nach der hölzernen Brücke einſchlugen. Zedwitz und Hamilton begannen nun zu manveuvri⸗ ren; aber da beide denſelben Vorſatz hegten, ohne es auf dieſelbe Perſon abgeſehen zu haben, ſo erfreuten ſie ſich eines faſt augenblicklichen Erfolgs. Zedwitz ſchien allerdings anfänglich entſchloſſen, Hamilton mit Cres⸗ cenz vorausgehen zu laſſen, aber dieſer gab ihm zu verſtehen, das würde ihm nie gelingen; und nach eini⸗ gem Stirnrunzeln, Achſelzucken und Anſtoßen folgte er Hildegarde, die bereits auf dem Stege war. Hamilton trat auf Creſcenz zu und flüſterte eilig, „was iſt vorgefallen? Warum ſind Sie ſo unglücklich? Was in aller Welt iſt Ihnen während meiner Abweſen⸗ heit von Seon widerfahren?“ „Nichts, nichts! Es iſt nichts vorgefallen, was Sie irgend intereſſiren kann,“ erwiederte ſie ſchnell vorwärts gehend. „Sie ſind unfreundlich, Fräulein,“ ſagte Hamilton langſam und vorwurfsvoll — „ohne Noth unfreund⸗ lich; vom Anfang unſerer Bekanntſchaft, ſo kurz ſie auch iſt, habe ich an Allem, was Sie angeht, die größte Theilnahme gefühlt. Ich ſehe Sie unglücklich, — wünſche Ihnen einen Troſt, der in meiner Macht iſt, anzubieten, und werde mit Geringſchätzung be⸗ handelt.“ 99 „Ich wollte Sie nicht mit Geringſchätzung behan⸗ deln,“ ſagte Creſcenz beſänftigend und langſamer gehend. „Ihre Schweſter iſt nicht ſo grauſam gegen den Grafen Zedwitz.“ Wirklich ſprachen ſie gerade ziemlich eifrig mit einander. Dieß hatte große Wirkung. „Was wünſchen Sie zu wiſſen?“ fragte ſie ſanft. „Ich wünſche die Urſache Ihres Unglücks zu wiſſen; ich wünſche zu wiſſen, warum Sie mich ver⸗ meiden.“ „Das kann ich Ihnen nicht ſo leicht ſagen! Sie würden vielleicht hören — aber nicht verſtehen, was — das heißt — wie — ich wollte ſagen, warum ich mich nicht weigern konnte. Ich — ich kann es Ihnen nicht ſagen,“ rief ſie, in Thränen ausbrechend und ſo ſchnell gehend, daß ſie beinahe ihre Schweſter eingeholt hatte, ehe ihr Hamilton noch zuflüſtern konnte, „heute Nacht am Fuß der breiten Treppe, die zu dem Kreuzgang führt — darf ich Sie erwarten?“ „Nein, nein, nein!“ „Es iſt Mondſchein; um neun Uhr bin ich dort.“ „O nein! — nicht um die Welt!“ „Die Treppe iſt ganz nahe bei Ihrem Zimmer; verſprechen Sie mir nur fünf Minuten.“ Ihre Schweſter ſchaute ſich um, und um einer weitern Erörterung vorzubeugen, ſetzte er dringend, aber zugleich mit affectirter Gleichgültigkeit über den See hinſehend, hinzu: „Sie müſſen kommen, oder ich bleibe die ganze Nacht im Kreuzgang, um auf Sie zu warten.“ Sie verſuchte nun vergeblich, es ihm noch abzu⸗ ſchlagen, er war taub gegen jeden Einwand und ging abſichtlich ſo nahe hinter ihrer Schweſter, daß ſie einen weitern Verſuch aufgeben mußte. Ehe ſie in's Haus traten, flüſterte ihm Zedwitz zu, „ich werde morgen früh Alles er⸗ ahren.“ „Und ich heute Nacht,“ erwiederte S 100 „Was? wenn? wie? wo?“ „Das iſt meine Sache, nicht die Ihrige.“ „Ich werde es ausſfindig machen, verlaſſen Sie ſich darauf!“ „Ich fordere Sie heraus,“ rief Hamilton lachend; aber ſogleich bereute er ſeine thörichte Prahlerei von Herzen; einen Augenblick dachte er daran, ihm von ſeinem Vorhaben zu ſagen, aber dann hielt ihn die Beſorgniß ab, Creſcenz zu compromittiren, und als er bald darauf jenen in eifrigem Geſpräch mit Hildegarde begriffen ſah, hoffte er, derſelbe würde die ganze Sache wieder vergeſſen. Nach dem Abendeſſen brachte Madame Roſenberg, wie gewöhnlich, ihr Strickzeug hervor, und Hamilton begann ein gleichgültiges Geſpräch mit ihr, welches fortdauerte, bis ihre Tochter das Zimmer verließ; plötzlich jedoch nahm daſſelbe eine Wendung, die es für Hamilton äußerſt intereſſant machte. Sie hatte ihrer eigenen Verſicherung zufolge eine beſondere Vorliebe für alle Engländer. Es wären ſo angenehme Geſell⸗ ſchafter, verurſachten durchaus keine Umſtände; ſie müßte dieß um ſo eher wiſſen, da die letzten drei Jahre Engländer in ihrem Hauſe gewohnt hätten. Es be⸗ fänden ſich zwei meublirte Zimmer daſelbſt, die ſie immer vermiethete, und ſie wüßte aus Erfahrung, daß Engländer in jeder Beziehung wünſchenswerthe Mieths⸗ leute wären!“ Brauchen wir zu ſagen, daß Hamilton auf dieſen Wink hin ſprach, und in kurzer Zeit ein Arrangement für Koſt und Logis zu beiderſeitiger Zufriedenheit ab⸗ geſchloſſen wurde. Darauf erging ſie ſich in Lobeser⸗ hebungen ſeiner Nation und ſchloß mit der Bemerkung, daß jetzt, da ihre Stieftöchter zu Hauſe wären, nichts ſie bewegen könnte, andere Leute, als Engländer unter ihr Dach aufzunehmen. Sie ſeien an ein häusliches Leben, an weibliche Geſellſchaft gewöhnt und halten nicht für nöthig, an jedes Mädchen, mit dem ſie zu⸗ 101 fällig fünf Minuten allein wären, Unſinn hinzuſchwatzen. Dann fragte ſie, ob er Mr. Smith kenne?“ Hamilton glaubte zwei oder drei Smiths zu kennen. „Ich meine Mr. Howard Sehmour Smith.“ „Nein.“ Hamilton kannte mehr Howards und Sehmours, als Smiths, und war in dieſem Bewußt⸗ ſein glücklich. „Vielleicht kennen Sie Capitain Black?“ 3 habe nicht das Vergnügen ſeiner Bekannt⸗ a 12 „Er war ein höchſt liebenswürdiger Mann, wohnte vergangenes Jahr bei uns, ſpeiste jedoch an der kable d'höte bei Havard. Sie werden der Erſte ſein, der wirklich ein Glied unſerer Familie wird, wenn ich ſo ſagen darf. Ich wundere mich, was Roſenberg zu dem Arrangement denken wird.“ „Darf ich Sie bitten, ihm morgen über dieſen Gegenſtand zu ſchreiben, da ich der Baroneß Z. bereits eine Art Auftrag gegeben habe — und —“ „O, lieber Golt! Da braucht's nichts zu ſchreiben; ich mache dergleichen Dinge immer allein ab; Sie haben mit ihm durchaus nichts zu thun!“ „In dieſem Fall betrachte ich die Sache als abge⸗ than,“ ſagte Hamilton, indem er aufſtand und nach dem Seitentiſch ging, um ſein Licht zu holen. Sie erhob ſich gleichfalls, und ſo ſtiegen ſie die Treppe zu⸗ ſammen hinauf. „Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um es Ihnen in unſerem Hauſe behaglich und heimiſch zu machen,“ ſagte ſte, ihm gute Nacht wünſchend. Als er in ſein Zimmer trat, ſchlug die Glocke neun Uhr. Mit einer natürlichen Aengſtlichkeit ſtellte er das Licht hinter den Ofen und ſchloß ſorgfältig die Thüre, um Zedwitz, wenn er käme, im Ungewiſſen darüber zu laſſen, ob er da wäre oder nicht. „Er meint vielleicht, daß ich im Bett bin und 102 ſchlafe, wenn er keine Antwort bekommt,“ dachte er klüglich, da er den Schlüſſel in die Taſche ſteckte und auf den Zehen nach dem für das Stelldichein be⸗ ſtimmten Orte ſich hinbewegte. Ein kurzes Beſinnen überzeugie ihn jedoch, daß kein Grund zu einem Heimlichthun vorhanden wäre, bis er die untern Gänge erreicht hätte, wo Blumen⸗ geſtelle, Gartengeräthſchaften, alte Thüren, Fäſſer und Gerümpel aller Art wie in der Abſicht aufgehäuft waren, um Herren, die gerade in einer ähnlichen Si⸗ tuation, wie er, ſich befanden, einen ſichern Rückzug zu gewähren. Er verſteckte ſich alſo hinter ein großes Bierfaß und wartete geduldig, bis er einen Schritt auf der Treppe hörte; ſich ſorgfältig im Dunkeln haltend, flüſterte er dann: „Ich bin hier, reichen Sie mir die Hand.“ Aber keine Hand wurde gegeben, vielmehr erfolgte ein Rennen die Treppe hinauf, wie wenn Jemand drei oder vier Stufen auf einmal nähme, was ihm Anfangs vollkommen unbegreiflich war. Hamilton vermuthete hernach, Creſcenz habe ein Geräuſch auf dem Corridor gehört und müſſe auf eine beſſere Gelegenheit warten. Wiederum ſtellte er ſich hinter das freundliche Faß und wartete über eine halbe Stunde. Nach Verfluß dieſer Zeit fuhr er plötzlich wieder über einem ſonder⸗ baren Raſcheln unter dem Gerümpel auf, aber die Worte „Ratten“ murmelnd, warf er einen alten Rechen nach der Gegend hin, von wo es kam, und Alles war wieder ſtill. Inzwiſchen war es ſo finſter geworden, daß er ſeinen Poſten näher bei der Treppe nahm, und bald darauf erſchien Creſcenz, die ängſtlich in das Dunkel hineinſchaute. „Ich bin hier, fürchten Sie ſich nicht; es iſt Nie⸗ mand in der Nähe,“ rief Hamilton, leiſe auf ſie zu⸗ ſchreitend. 103 „Ich bin nur gekommen — Ihnen zu ſagen — baß — daß ich nicht kommen kann.“ Hamilton ſuchte vergebens ein Lächeln zu unter⸗ drücken. „So kommen Sie die Treppe herab und ſagen Sie mir, warum?“ § Sie ſtieg einige Stufen herunter.“ „Nun! Warum?“ „Weil ich nicht den Muth dazu habe; ich fürchte mich immer im Dunkeln.“ „Aber in dem Kreuzgang iſt es nicht dunkel, ſon⸗ dern der Mond ſcheint ſo hell, als man ſich nur denken kann! Kommen Sie!“ „Würde es ſich nicht morgen um ſechs Uhr im Gar⸗ ten ebenſo gut thun?“ „Ich kann Sie nicht verſtehen,“ antwortete Hamil⸗ ton, plötzlich taub werdend, „und Sie würden beſſer daran thun, nicht ſo laut zu ſprechen, weil man Sie ſonſt hören könnte, wenn Jemand über den Gang geht.“ „Morgen früh im Garten,“ wiederholte ſie leiſe, ganz zu ihm herunterſteigend. „Ich warte beinahe ſeit einer Stunde!“ gab er zur Antwort, um ihren Gedankengang zu ändern. „Ich konnte es nicht anders machen: Hildegarde iſt eben erſt eingeſchlafen.“ „Wir dürfen nicht hier bleiben, ſonſt hört man uns ſicher. Kommen Sie,“ flüſterte er, ihren Arm unter den ſeinigen ziehend. „Ich kann nicht — ich kann nicht — morgen vor dem Frühſtück oder wenn Sie wollen, aber nur nicht Laſſen Sie mich gehen! O, laſſen Sie mich gehen!“ Und er hätte ſie gehen laſſen, aber die Vorſtellung von Zedwitz' Spöttereien gab ihm ſeine Entſchloſſenheit wieder. Sein erſter Gedanke war, ſie fort zu tragen, aber das erſchien ihm doch wieder zu gewaltthätig; ſo begnügte er ſich, fie feſt an der Hand zu halten, wäh⸗ 10⁴ rend er ſie mit einer Fluth von Vorwürfen über⸗ ſchüttete. „Und nun,“ ſchloß er mit der Miene überzeugender Beweisführung: „nun, da Sie ſo weit ſind, warum ſich zurückziehen? Alles iſt im Bett; kein menſchliches Weſen im Kreuzgang. Ich bitte nur um fünf Mi⸗ nuten; aber ich möchte mit Ihnen allein — ohne Zu⸗ rückhaltung ſprechen.“ Und während dieſer Worte hatte er ſie durch den Gang zu bringen gewußt, und einen Augenblick darauf ſtanden ſie in dem viereckigen Hofe und machten in ſtiller Bewunderung der ruhigen Abgeſchiedenheit des Ortes Halt. Das Echo ihrer Tritte war der einzige Laut, den ſie vernahmen, und die hellen Mondſtrahlen erleuchteten nicht nur die an der Mauer errichteten Mo⸗ numente, ſondern machten auch die Inſchriften auf den Leichenſteinen, welche das Pflaſter bildeten, lesbar. Er führte Creſcenz zu einem Sitz nahe bei dem Denkmal des Stifters des Kloſters, des Grafen Aribo, und wartete, ob ſie ſprechen würde; ſie hatte jedoch keine Luſt, zu beginnen, ſondern ſaß in tiefer Träumerei, beharrlich zu Boden blickend und, wie es ſchien, mehr in ſentimentaler Stimmung, als zur Mittheilung ge⸗ neigt. der das Unpaſſende ihrer Lage beſſer, als ſie, einſah und fürchtete, Jemand von der Diener⸗ ſchaf möchte ſie ſehen, rief zuletzt mit einiger Unge⸗ duld aus: „Verlieren wir dieſe koſtbaren Augenblicke nicht, ſondern fagen Sie mir auf einmal, was ſich zugetra⸗ en hat.“ Creſcenz wurde bewegt, bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, aber ſchwieg ſtille. „Um's Himmelswillen, ſagen Sie mir, was hat es gegeben?“ „Ich bin ſehr, ſehr unglücklich!“ ſchluchzte das arme Mädchen. 105 „Aber warum? — warum ſind Sie unglücklich?“ „Weil ich — weil ich verheirathet werden ſoll!“ „Verheirathet! — An wen ſollen Sie verheirathet werden?“ „An — an — Major Stultz.“ „Major Stultz! Nun, das muß in der That ſehr ſchnell gegangen ſein. Ehe ich Seon verließ, ſchien er vielmehr geneigt, Ihre Schweſter, als Sie zu hei⸗ rathen!“ „O, natürlich würde er lieber Hildegarde geheirathet haben, denn ſie iſt viel geſcheidter und ſchöner als ich; aber ſie wollte nichts von ihm hören und nannte ihn einen alten Narren.“ „Ich bewundere ihre Aufrichtigkeit,“ ſagte Ha⸗ milton. „Und dann gerieth ſie in Zorn, als er dabei be⸗ harrte, und gab ihm Eins auf den Mund.“ „Gab ihm Eins auf den Mund?“ „Als er verſuchte, ihr die Hand zu küſſen; wenig⸗ ſtens ſagt er ſo; und Hildegarde meint, es könnte wohl ſein, aber ſie war zornig und gab ſich alle Mühe, ihre Hand los zu machen. Darauf ſagte er Mama, er möchte ſie nicht heirathen, und wenn ſie zehnmal ſchöner und eine Prinzeſſin obendrein wäre.“ „Sie ſcheint ziemlich leidenſchaftlichen Tempera⸗ ments zu ſein.“ „Leidenſchaftlich! ja, ſie kann zuweilen aufbrauſen, aber es iſt bald vorüber, und dann iſt ſie wieder ſo freundlich gegen die, welche ſie liebt! Niemand kennt ſie ſo gut wie ich, ausgenommen vielleicht Papa, und der ſagt, wenn ſie nicht leidenſchaſtlich wäre, würde ſie fehlerlos ſein: mit mir wird ſie niemals böſe.“ „Vielleicht weil Sie allen ihren Geboten unbe⸗ dingten Gehorſam leiſten? Aber ſagen Sie mir, warum Sie nicht ihrem Beiſpiel folgten und Major Stultz ausſchlugen, wenn Sie ihn nicht liebten?“ „Er fragte nicht mich, er ſprach mit Mama und 106 ſchrieb an Papa, und da Alles abgemacht war, hatte ich nicht den Muth, Nein zu ſagen, und er iſt ſechs⸗ Jahre alt, und ich werde nächſtes Jahr erſt echszehn!“ „Das iſt ein beträchtlicher Unterſchied, gewiß.“ „Ich würde mich um die dreißig Jahre nicht ſo viel kümmern, wenn ſein Geſicht nicht ſo roth und ſeine Geſtalt nicht ſo dick wäre. Dicke Männer mit rothen Geſichtern haſſe ich!“ „Wenn er alſo Ihnen zu Gefallen ſein Aeußeres ändern könnte, würde es ſich eher machen laſſen,“ be⸗ merkte Hamilton lächelnd. „Hildegarde fann die rothen Geſichter auch nicht leiden,“ ſetzte ſie ſpitzig hinzu. „Was Hildegarde ſagt, muß natürlich recht ſein,“ ſagte Hamilton ironiſch; „aber ich habe noch nicht ent⸗ deckt, daß ihr Graf Zedwitz mißfällt, und doch gehört er ſo ziemlich unter die Claſſe der rothen Geſichter.“ „Hildegarde ſagt, Graf Zedwitz ſei ſehr angenehm und nicht im Mindeſten anmaßend. „Und wer iſt nach ihren Worten anmaßend, wenn ich fragen darf?“ „Sie ſeien es — oder würden es wenigſtens ſein, wenn man es Ihnen geſtattete.“ „Ich glaube, ſie hat Unrecht. Und wenn ſie hier allein mit Zedwitz zuſammenträfe —“ „Hildegarde würde ſo etwas nie thun — nie! Und ich hätte auch nicht hieherkommen ſollen,“ rief ſie, indem ſie von ihrem Sitz aufſprang und ängſtlich um ſich ſah. Dann ließ ſie ihre Hand ſchwer auf ſeinen Arm fallen, zog die Augen zuſammen, als ob ſie etwas deutlicher ſehen wollte, und fragte dann mit kaum hör⸗ barer Stimme: „Was iſt das?“ „Was? — ich ſehe nichts!“ „Dort — dort — in der Ecke! Der Mond ſcheint jetzt darauf — dieſe Geſtalt!“ „O, das iſt eine Steinfigur — ein Monument 107 ſ etwas dergleichen. Wir wollen hingehen unb ehen.“ „Nicht um alle Welt — ich ſah, wie es ſich be⸗ wegte.“ „Sie bildeten ſich nur ein, daß es ſich bewege; beim Mondſchein kann man ſich alles Mögliche einbilden. Wollen Sie hier bleiben und mich nachſehen laſſen?“ „O nein, — Sie dürfen mich nicht verlaſſen! Ich — ich glaube, es kann etwas Ueberirdiſches ſein. O, warum kam ich hieher? — Warum kam ich hieher?“ „Beunruhigen Sie ſich nicht unnöthiger Weiſe, ich bin überzeugt, es iſt nichts als —“ „Dort, dort — es bewegte ſich wieder!“ „Sie ergriff ſeinen Arm und verbarg das Geſicht an ſeiner Schulter. „Kommen Sie,“ ſagte Hamilton ermuthigend; „ich will Sie auf Ihr Zimmer — zu Ihrer Schweſter bringen.“ Sie zitterte heftig, aber verſuchte zu gehen. Die Geſtalt ſchien jedoch eine bezaubernde Kraft zu be⸗ ſitzen — ſie wollte oder konnte die Augen nicht davon abwenden; und obwohl Hamilton verſicherte, daß er ſich erinnere, ſie bei Tag geſehen zu haben, und zuerſt wirklich ſo glaubte, wurde er doch bald auf eine un⸗ angenehme Weiſe aus ſeinem Irrthum geriſſen. Sie ſahen jeden Augenblick die Umriſſe immer deutlicher, konnten ſelbſt die weiten Falten der Draperie im Mondſchein ſehen. Hamilton ſuchte mit ihr vorüber zu eilen, aber in dieſem Augenblick erhob die Geſtalt langſam und ſteif einen Arm und ſtreckte ihn drohend gegen ſie aus. Jetzt war vas Maaß voll. Creſcenz klammerte ſich in Todesſchreck an ihn; und während Hamilton ihr zuflüſterte: „Um's Himmelswillen kreiſchen Sie nicht, — denken Sie an die Folgen, wenn Sie entdeckt wür⸗ den,“ wand ſie ſich in heſtigen Krämpfen, ſchnappte 108 ein⸗ oder zweimal furchtbar nach Luft und ſank dann völlig beſinnunglos ihm in den Arm. Ueber die Maßen erſchüttert, aber nunmehr über⸗ zeugt, daß Jemand auf ihre Koſten ſich einen Spaß erlaube, rief Hamilton zornig: „Fort mit dieſen Mum⸗ mereien, wer Sie auch ſind, und ſehen Sie, was Sie angeſtellt haben!“ Das Mondlicht fiel auf Creſcenz' lebloſe Geſtalt, während er ſprach, und im Augenblick ſtand Graf Zedwitz neben ihm. Er verſuchte ſich zu entſchuldigen, indem er verſicherte, keine Idee gehabt zu haben, den Geiſt zu ſpielen, als er ihnen gefolgt ſei. „Was Sie im Sinne hatten, gilt mir gleich,“ rief Hamilton noch zorniger, „aber ich wünſche, Sie hätten wenigſtens dieſem armen Mädchen einen ſo unnöthigen Schreck erſpart. „Ich bedachte die Folgen nicht. Es war thöricht, — es war ſehr unrecht, wenn Sie wollen. Aber Sie dürfen nicht denken, daß ich lanſchte; ich erkläre auf's Feierlichſte, daß ich nicht ein Wort von Ihrem Ge⸗ ſpräch gehört habe. „Die ganze Welt hätte es hören dürfen!“ rief Hamilton, ungeduldig die Hand abſchüttelnd, welche Zedwitz ihm auf die Schulter gelegt hatte, „die ganze Welt hätte es hören dürfen. Aber was iſt jetzt zu machen? Sie gibt kein Lebenszeichen und iſt ſo kalt wie Stein. Vielleicht haben Sie dieſelbe getödtet!“ „O nein, ſie iſt nur ohnmächtig geworden; ich will ein Glas Waſſer holen!“ „Sind Sie toll?“ rief Hamilton, ihn mit Gewalt zurückhaltend. „Es darf nie Jemand erfahren, daß ſie hier bei mir — bei uns geweſen. Wir wollen ſie zu ihrer Schweſter bringen; ſie wird dieſelbe nie ver⸗ rathen und am Beſten die Mittel wiſſen, ſie in's Leben zurückzurufen.“ Und ſo trugen ſie zuſammen Creſcenz über den Gang und die Treppe hinauf. Zum Glück führte die ———— 109 erſte Thüre zu ihrem Zimmer, und Hamilton for⸗ derte Zedwitz auf, leiſe zu klopfen, damit Niemand in den angrenzenden Zimmern darüber aufwache. Aber es war vergeblich zu klopfen. Hildegarde ſchien einen ſehr geſunden Schlaf zu haben und zuletzt, da alle ihre Anſtrengungen vergeblich waren, erbot ſich Zedwitz, hineinzugehen und ſie zu wecken. Hamilton hörte die ſchläfrige Stimme ſich in einen Schreckenslaut verwandeln, hörte ängſtliche Fragen, und zuletzt die Aufforderung, das Zimmer zu verlaſſen. Dieß geſchah, und in weniger als einer Minute öffnete Hildegarde in einem Zuſtande großer Aufregung die Thüre. Während Hamilton Creſcenz auf das Bett legte, zündete Zedwitz ein Licht an, und Hildegarde begehrte nun von ihnen ernßtlich zu erfahren, was geſchehen ſei. „Mein abſcheulicher Mantel iſt an Allem ſchuld,“ antwortete er ausweichend; „ſie ſah mich im Mond⸗ ſchein ſtehen und dachte, ich wäre ein Geiſt.“ „Sah Sie im Mondſchein ſtehen? — wann? — wo? O gehen Sie, Sie beide!“ rief ſie heftig, als das Licht ihrer Schweſter blaſſe Züge beleuchtete; „gehen Sie und laſſen Sie mich mit Creſcenz allein.“ Sie verließen das Zimmer und gingen nach einem der in den Hof ſehenden Fenſter. Nach einigem Ver⸗ zug kam Hildegarde wieder zum Vorſchein, und es er⸗ folgte ein Geſpräch, das Hamilton unnöthig lang vor⸗ kam, da ex nicht im Stande war, zu hören, was ſie ſagte; im Augenblick aber, da er ſich den Sprechenden näherte, wurde die Thüre verſchloſſen, und es blieb ihm überlaſſen, ſeine Erkundigung von Zedwitz einzuziehen. „Wie ſteht es mit ihr?“ „Beſſer, oder ganz wohl, ich vergaß, wie, ſie bil⸗ dete ſich zuerſt ein, geträumt zu haben, aber jetzt weiß ſie das Gegentheil.“ „Hm! ohne Zweifel haben Sie prächtig über⸗ trieben, als Sie Hildegarde die Sache erklärten!“ 1¹⁰ „Nein! Ich dachte immerdar an das bezaubernde Nachthäubchen, und wie lieblich ſie darin ausſah.“ „Bah! wenn Sie eine Vorliebe für ſolche Häub⸗ chen haben, ſo empfehle ich Ihnen, nach London zu gehen. In jeder Straße, die Sie wollen, und zu jeder Stunde können Sie dort ein Dutzend ſolcher Häubchen an ebenſo vielen bayeriſchen Mädchen ſehen, deren Geſchäft es iſt, zu ſchreien: „Beſen kauft“, und die gerade die nichtsnutzigſten Geſchöpfe von der Welt find!“ „Und woher wiſſen Sie, daß dieſelben aus Bayern ſind? Ich halte es für viel wahrſcheinlicher, daß es holländiſche Mädchen ſind“ „In London nennt man fie Bayerinnen; und ich muß geſtehen, daß ſie mich nie ſo weit intereſſirten, um deßhalb weitere Nachforſchungen anzuſtellen.“ „Wohl möglich! aber wenn ich Ihnen ſage, daß die Bayern nicht leicht ihr Vaterland verlaſſen, daß ſie ſelten ſo arm ſind, um nicht genug zum Leben zu haben — unſere Ehegeſetze ſorgen dafür; daß London weit weg von Bayern iſt und die Dampfboote hollän⸗ diſchen Mädchen es leicht machen, ſich dorthin zu be⸗ geben, ſo werden Sie mit mir der Meinung ſein, daß ſie wahrſcheinlicher aus Holland, als aus Bayern find.“ „Wie warm Sie Ihre Landsmänninnen und ihre häßlichen Hauben vertheidigen,“ rief Hamilton lachend, „aber wirklich,“ ſagte er, die Thüre zu ſeinem Zimmer, vor dem ſie ſtanden, öffnend, „wirklich iſt es nicht der Mühe werth, darüber zu ſtreiten. Die Mädchen ſind Holländerinnen, wenn Sie ſo wollen, aber die Hauben ſind häßlich, ſagen Sie, was Sie wollen.“ „Das kommt ganz auf die Trägerin der Haube an! Heute Nacht zum Beiſpiel glaubte ich, es wäre das Kleidſamſte, was ich je geſehen!“ „Vielleicht finden Sie auch Gefallen daran, wenn der eine Fuß in einem Pantoffel ſteckt, der andere nackt iſt.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ 11¹ „Ich meine, daß die ſchöne Hilbegarde im Dunkeln nur einen Pantoffel finden konnte und mit dem nackten Fuß herumtappte, als ob es das behaglichſte Ding von der Welt wäre!“ „Ich ſah nicht auf ihren Fuß; aber ſelbſt wenn ich es gethan hätte, würde ich nur ihre Selbſtvergeſſenheit in der Angſt um ihre Schweſter bewundert haben.“ „Sie haben Recht, Zedwitz,“ rief Hamilton mit ungewöhnlicher Wärme, „ganz Recht; und obwohl ich weder ſagen will noch fann, daß mir das Nachthäubchen ſchön däucht, muß ich doch anerkennen, daß ich heute Nacht Hildegarde mehr als je ein Mädchen, das mir vorgekommen, bewunderte. Sie iſt im höchſten Grabe ſchön, und um ſo mehr iſt es Schade, daß ſie ein ſol⸗ cher Satan iſt!“ „Ein Satan! Sind Sie raſend?“ „Nicht die Spur davon. Ich rathe Ihnen, bei Ihren Bemerkungen vorſichtig zu ſein; ſie wird Ihnen wegen des geringſten Vergehens auf den Mund ſchlagen.“ „Mir auf den Mund ſchlagen?“ „Nicht der geringſte Zweifel daran. Sie verſetzte dem armen Major Stultz eine Maulſchelle, da er in aller Unſchuld ihr einen Heirathsantrag machte, daß ſ Geſicht vom tiefſten Roth in den reichſten Purpur überging.“ „Nein, jetzt weiß ich, daß Sie erdichten — ſcherzen.“ „Nicht ſo ſehr, als Sie denken, ich verſichere Sie. Ihre Schweſter iſt meine Autorität. Sie milderte ihre Erzählung einigermaßen dadurch, daß ſie ſagte, Hilde⸗ garde gerathe nicht oft in Zorn, und niemals über ſie.“ Zedwitz ſetzte ſich an den Tiſch, trommelte mit den Fingern darauf und ſchaute Hamilton an, als erwartete er, noch weiter zu hören.“ „Vielleicht iſt ſie bei Allem,“ ſagte Hamilton, „nur von etwas hitzigem Temperament. „Ich habe mir ſagen laſſen, daß leicht aufbrauſende Leute immer 112 gutherzig — in der That höchſt liebenswürdig ſeien, wenn ſie nicht gerade einen Anfall von Zorn haben.“ „Wer hätte das gedacht?“ ſagte Zedwitz nachdenk⸗ lich, „und mit ſo einem Engels⸗Angeſicht!“ „Traueu Sie nie einem Engels⸗Angeſicht!“ rief Hamilton lachend. „Mein Bruder John, der ſich dar⸗ auf verſteht, ſagt, ſolche engelhaft ausſehende Frauen ſeien ſehr oft wahre Teufel, wenn nicht rechte Lang⸗ weilerinnen, und von Beiden ziehe ich einen Teufel ſtets einer Langweilerin noch vor — ſelbſt zur Frau.“ Zedwitz fuhr mit der Hand über die Stirne und ſah unzufrieden aus. „So halten Sie dieſelbe alſo für übel⸗verträglich?“ hemerkte er. „Ich kann nicht genau ſagen, übel verträglich, aber ich habe ſie doch ſchon in einem Zuſtand geſehen, welcher der Leidenſchaftlichkeit ſehr nahe kommt.“ „Sie? — wo?“ „Thut nichts zur Sache; aber ſie nannte mich einen Narren und ſtampfte mit dem Fuß, bis ich wirklich vor ihr davonlief!“ „Wahrſcheinlich haben Sie dieſelbe auch auf's Aeußerſte gebracht; und mir wurde jetzt eine Gelegen⸗ heit, zu beurtheilen, wie ſchüchtern und beſcheiden Sie ſind. Nicht, daß ich Sie tadeln möchte, weil Sie Creſcenz ſo geſtützt haben, wie heute Nacht im Kreuz⸗ gang. Sie haben ſie ohne Zweifel vor einem ſchweren Fall bewahrt, aber dabei doch merkwürdige Sorge um ſie getragen.“ „Daß Creſcenz ſich an mich hing, als ſie ſo er⸗ ſchrack, war ſehr natürlich,“ ſagte Hamilton ernſthaft, ebenſo natürlich, daß ich mich ſie zu ſchützen be⸗ mühte.“ „O, es war Alles im höchſten Grad natürlich, nur ſchwatzen Sie mir nicht mehr Unfinn von Ihrer Schüchternheit. Sie waren am Fuße der Treppe Alles, nur nicht ſchüchtern —“ 113 „Waren Sie auch da?“ „Nicht ſehr weit von Ihnen, vermummt wie eine e „Wenn ich Sie mit dem Rechen hätte treffen können, ſo wäre dieſe ganze Scene vermieden worden.“ „Vielleicht; aber wiſſen Sie, daß Sie mich ſelbſt, zu kommen, eingeladen haben. Ich wußte nicht, wo Sie waren, bis Sie in der einſchmeichelndſten Weiſe ſagten, hier bin ich — reichen Sie mir die Hand!““ „So, Sie waren die Perſon, welche die Treppe hinaufrannte?“ „Ja, und auf der andern Seite hinunterrannte und einen andern Weg in den Gang fand.“ „Nun, ich hoffe nicht lange in Ihrer Schuld zu bleiben, weiter will ich nicht ſagen.“ „O, Ihr Zorn iſt, hoffe ich, jetzt vorüber. Laſſen Sie uns lieber einander ewige Freundſchaft ſchwören. Das geht wohl an, da wir nicht Nebenbuhler ſind.“ „Vielleicht doch — Hildegarde hat mich heute A für ſich eingenommen. Creſcenz iſt faſt zu indiſch.“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt, hoffe ich,“ rief Zedwitz einem Schein von Unruhe, wie ſich Hamilton ein⸗ bildete. „Ich weiß wirklich nicht, ob es der Fall iſt oder nicht. Mir iſt es nur um den Verſuch zu thun, eine kleine Liebſchaft anzuknüpfen, um mir die Zeit beſſer zu vertreiben, während ich Deutſch ſtudire; zu dieſem Zweck iſt in der That eine Schweſter ſo gut als die andere; und Creſcenz paßt mir vielleicht beſſer, weil die Affaire ein reſpectables Ende nehmen wird, wenn ſie Major Stultz heirathet.“ „Soll ſie den Major Stultz heirathen?“ „So, hat Hildegarde Ihnen nicht einmal davon etwas geſagt?“ „Nicht ein Wort.“ „Nun, laſſen Sie uns das Fenſter aufmachen und Die Anfangsbuchſtaben. J. 8 Rat 114 ein paar Cigarren rauchen, und Sie ſollen Alles hören und einen vollſtändigen und treuen Bericht von der Borpartie zwiſchen Hildegarde und dem tapfern Major vernehmen.“ Siebentes Kapitel. Ein Ausflug und die Rückkehr nach dem ſäkulari⸗ ſirten Kloſter. Madame Roſenberg verwunderte ſich am nächſten Morgen unaufhörlich, warum Creſcenz nicht wohl genug war, um zum Frühſtück zu erſcheinen. Zedwitz ſchaute Hamilton, und Hamilton Zedwitz an, und dann blickten Beide auf Hildegarde, deren Augen zu Boden geheftet waren, ſo daß nichts als die langen, die Wange beſchat⸗ tenden Wimpern davon ſichtbar wurden. Um die Mund⸗ winkel ſpielte ein Ausdruck, der unmöglich zu erklären war, aber es ſchien, Zedwitz wiſſe ihn zu ſeinem eigenen Vortheil zu deuten, denn er ſetzte ſich an ihre Seite und begann mit möglichſter Behaglichkeit ein Geſpräch mit ihr. Major Stultz war vollſtändig von einem monſtröſen Eremplar einer Meerſchaumpfeife in Anſpruch genom⸗ men, und Hamilton wandte ſich zu Madame Roſenberg, die ſich durchaus geneigt zeigte, einen freundſchaftlichen und vertraulichen Ton anzunehmen. An allerlei Winken und Witzeleien, die ſie mit Major Stultz austauſchte, merkte Hamilton, daß ſie ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen wünſchte und das Verlangen trug, ihm Creſcenz' Verlobung mitzutheilen. Aber er ſtellte ſich einfältig an und vermied ſorgfältig jede dahin führende Frage. Plötzlich ſiel es ihm ein, auf den nächſten Tag eine Partie nach dem Chiemſee vorzuſchlagen, und er wurde dabei ſogleich eifrig von Zedwitz unterſtützt. 1¹⁵ Major Stultz nahm die Pfeife aus dem Munde, um zu erklären, da das Wetter ſo heiß wäre, dürfte wohl ein Gewitter zu erwarten ſein, und ein ſolches würde auf dieſem See gefährlich werden. Madame Roſenberg bemerkte unter weiſem Kopf⸗ nicken, bei obwaltenden Umſtänden wäre Creſcenz wohl ein kleines Vergnügen zu gönnen, und die Partie wurde beſchloſſen. Hamilton nahm Zedwitz bei Seite und fragte ihn, ob er ſeine Mutter und Schweſter nicht überreden könnte, ſich anzuſchließen. „Mein lieber Freund,“ gab er zur Antwort, „nichts in der Welt könnte meine Mutter oder Schweſter bewe⸗ gen, mit dieſen Leuten zu gehen.“ „Dieſen Leuten? Wie, ſind ſie nicht reſpektabel?“ „Reſpektabel! o, vollkommen! Fort, ſpielen Sie nicht den Unſchuldigen, um mich zu einer Erklärung deſſen zu nöthigen, was Sie ſo gut, als ich, verſtehen⸗ Die zwei Mädchen find Schätze und würden ſich überall präſentiren laſſen, wenn ſie nur ein „von“ vor ihrem Namen hätten; aber ihre Stiefmutter iſt die perſonifi⸗ eirte Gemeinheit, und Major Stultz, wie Sie wiſſen, gemeiner Soldat geweſen.“ „Ich weiß von Major Stultz durchaus nichts, als daß er ein luſtig ausſehender, ältlicher Mann mit rothem Geſicht iſt. Er muß ſich im Krieg ausgezeichnet haben, ſonſt hätte er zu ſeinem jetzigen Rang nicht gelangen können.“ „Ja, ſeine perſönliche Tapferkeit iſt unbezweifelt; er war auch ein ausgezeichneter Officier — mit Wunden bedeckt — machte den ruſſiſchen Feldzug mit und war einer der wenigen Bahern, welche heimkehrten, um von den Schreckniſſen dieſes Rückzugs zu berichten. Ich rathe Ihnen jedoch, den Gegenſtand in ſeiner Gegenwart zu vermeiden, da er ſich etwas weitläufig darüber ver⸗ breitet. Sein Bruder, ein Nürnberger Kaufmann, iſt vor einem halben Jahr geſtorben und hat i ein ſchönes 116 Stück Gelb hinterlaſſen; einige Wunden gewährten ihm eine gute Entſchuldigung, um ſich aus dem Dienſt zurück⸗ zuziehen und penſioniren zu laſſen, und er geſtand mir ehrlich, daß er ſeitdem nach einer Frau ſich umſehe, da er mit ſich nichts anzufangen wiſſe.“ „Die Idee, Hildegarde zur Frau zu nehmen, um ſich die Langeweile zu vertreiben, war ein Beweis großer Beurtheilungsgabe,“ bemerkte Hamilton ironiſch. „Sagen Sie lieber, eine unverzeihliche Frechheit,“ erwiederte Zedwitz, ſehr roth werdend. „Ein Mann von ſeiner Unterſcheidungsgabe,“ fuhr Hamilton boshaft fort, „muß wiſſen, daß Creſcenz nur ein ſchlechter Erſatz für ihre Schweſter iſt. Hildegarde würde auch viel beſſer für ihn getaugt haben; ſie würde ihn in Zucht gehalten haben durch —“ Hier machte er eine bezeichnende Handbewegung. „Wie Sie immer nur darauf zurückkommen mögen, Hamilton!“ „Ich werde kein Wort mehr davon reden, wenn es Ihnen läſtig iſt. Ich wußte wirklich nicht —“ „Bah!“ rief er ungeduldig aus und wandte ſich ab. „Was Creſcenz, das arme Mädchen, betrifft,“ fuhr Hamilton fort, „ſo bemitleide ich ſie wirklich. Ein ſo furchtbarer Unterſchied des Alters und der Perſon macht die Sache zu einem abſcheulichen Opfer.“ „Vielleicht nicht ſo ſehr, als Sie denken,“ ſagte Zedwitz ruhig; „Stultz iſt ein gutherziger Mann und wird ſie thun laſſen, was ihr gefällt. Sie werden ſehen, wie bald ſie mit ihrem Schickſal ſich ausſöhnt, vielleicht noch vor ihrer Heirath!“ „Es iſt wenigſtens zu hoffen,“ bemerkte Hamilton trocken. „Die Ausſteuer wird ſie bald völlig in Anſpruch nehmen, und während ſie dieſelbe ihren Freundinnen zeigt und deren Glückwünſche in Empfang nimmt, wird ſie an der Urſache aller dieſer Vorbereitungen Gefallen 117 ſinden und vielleicht damit aufhören, daß ſie ſich für eine beſonders glückliche Perſon hält.“ Creſcenz trat, während ſie ſprachen, in den Garten und erröthete tief, da ſie an ihnen vorüberging. Hamil⸗ ton fühlte ſich das Blut zu den Schläfen ſteigen und wandte ſich ab, damit Zedwitz nichts davon merke. „Die Komödie beginnt,“ rief der Letztere nach einer augenblicklichen Pauſe, indem er Hamilton's Arm be⸗ rührte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Dieſer wandte ſich um und ſah durch die Zweige der Laube, wie Major Stultz ein maſſiv goldenes Bracelet Creſcenz um den Arm legte. Sie ſchien einen Augenblick verlegen und ſchüchtern, — ſpielte dann mit einem Vorlegſchlöß⸗ chen oder Herzen, oder etwas dergleichen, was von dem h herunterhing, und ſchaute ihn am Ende an und ächelte. „Sie iſt eine ousgelernte Coquette!“ rief Hamilton unwillig. „Zedwitz, ich werfe den Handſchuh hin und trete als Nebenbuhler in die Schranken. Ich will lieber Gefahr laufen, gelegentlich von Hildegarde's ſchönen Händen eine Züchtigung zu erhalten, damit ich mit einem ſo einfältigen, eiteln Geſchöpfe, wie dieſe Creſcenz zu ſein ſcheint, nichts mehr zu thun habe.“ „Scheint, Hamilton, — und nur ſcheint. Die Umſtände müſſen auch in Erwägung gezogen werden. Sie muß dieſen Stultz heirathen, ob fie ihn liebt oder nicht. Daß er nicht das Ideal eines Mädchens von ihrem Alter iſt, kann man ſich leicht vorſtellen. Er ver⸗ muthet ſo etwas vielleicht und fängt weislich damit an, ihr ein hübſches Geſchenk zu machen. Es iſt wahrſchein⸗ lich das erſte goldene Bracelet, das ſie je um ihren Arm geſchlungen hat. Sie iſt ſehr jung, kindiſch, wenn Sie wollen, aber weder einfältig noch ſehr eitel, um ein kleines Vergnügen zu empfinden und ehrlich zu zeigen, was ſie fühlt. Ich ſehe nichts Tadelnswerthes in ihrem Benehmen.“ 118 „Hätten Sie nur gehört, wie ſie mir vergangene Nacht ſagte, wie unglücklich ſie wäre!“ Zedwitz zuckte die Achſeln. „Wie ſie von ihren ſechszehn Jahren ſprach und erklärte, fie haſſe alle Männer mit rothen Geſichtern.“ Zedwitz lachte. „Sie erwähnte auch, daß ihre Schweſter dieſelbe Antipathie habe.“ „Das höre ich ungern!“ rief Zedwitz, eine Hand⸗ voll flacher Kieſeln aufleſend, indem er einen nach dem andern mit großer Geſchicklichkeit nach dem See warf, mit einem Intereſſe, das Hamilton ärgerte, dar⸗ auf Acht gebend, wie ſie auf der Oberfläche des Waſſers hingleiteten. „Sie ſcheinen bei Tag meine Nebenbuhlerſchaſt gründlich zu verachten.“ „Was wollen Sie damit ſagen? Erklärten ſie mir nicht heute Nacht, daß S genau für Sie paſſe, da Sie nur auf einige Zeit ch zu unterhalten wünſchen.“ „Das waren meine Abſichten. Darf ich fragen, was waren die Ihrigen? Oder vielmehr, was ſind die Ihrigen?“ „O, gewiß, dürfen Sie mich fragen, müſſen mir aber verzeihen, wenn ich keine Antwort darauf gebe, da ich nicht die entfernteſte Idee davon habe, was ich zu thun veranlaßt ſein werde. Ich werde nh wahrſcheinlich ganz durch die Umſtände beſtimmen aſſen.“ Er machte der Unterhaltung dadurch ein Ende, daß er auf die Laube zuging, wo die Verabredungen für die morgende Partie bald getroffen waren. Major Stultz wagte vor Creſcenz nicht ein Wort über Sturm und Gefahr zu ſagen. Sie verließen Seon am nächſten Morgen zu ſehr früher Stunde in zwei Wägen. Madame Roſenberg nahm, wie gewöhnlich, ihre 119 drei Knaben mit, um, wie ſie ſagte, ſie vor Unheil⸗ anſtiften zu bewahren. Fritz, der älteſte, unterhielt ſich ſogleich, als er von ihr weg war, damit, daß er vom Wagen auf den Bock, und vom Bock wieder in den Wagen ſtieg, und machte damit Hildegarde, der er zur Aufſicht überge⸗ ben war, ſolche Angſt, er könnte auf das Rad fallen, daß ſie kaum einen Augenblick Ruhe hatte. Zedwitz ſtand ihr ſo eifrig bei, daß er einen An⸗ griff nicht merkte, den Guſtel ſofort auf die Knöpfe ſei⸗ nes Rocks mit einem ſtumpfen Federmeſſer unternahm; und Hamilton allein, unbeſchäftigt, hörte halb auf die flüchtigen Geſpräche ſeiner Gefährten, während er in der Stille die Landſchaft bewunderte, die für ein eng⸗ liſches Auge nicht ſchöner ſein konnte. Die ſchönen alten Bäume auf den wie zu einem Herrengut gehörenden Wieſen, die von ausgedehnten Waldungen begrenzt wapen, der prächtige See, der ſich von Zeit zu Zeit durch Lichtungen zeigte, die gerade gemacht ſchienen, um ſeine Ausdehnung und die groß⸗ artige Gebirgskette jenſeits deſſelben auf's vortheilhaf⸗ teſte zur Anſchauung zu bringen, das Gekräuſel des Waſſers an dem ſandigen Ufer führte ihm am Ende eine ſolche heimiſcher Erinnerungen vor die Seele, daß er, Alles um ſich vergeſſend, ſich rückwärts lehnte, Fritz's beunruhigende gymnaſtiſche Uebungen, Guſtel's unheilanrichtende Beharrlichkeit, Hildegarde's engelhaftes Angeſicht und Zedwitz's ergötzlich verliebte iene. Das plötzliche Anhalten des Wagens führte ihn wieder in's Leben und zur Beobachtung deſſen zurück, was um ihn vorging: die kleinen Manoeuver von Madame Roſenberg, den Major Stultz neben Creſcenz hinzubringen; die Entſchloſſenheit, mit der ſte darauf beſtand, daß Hildegarde zwiſchen ihre zwei Brüder zu ſitzen kam; den dritten gab ſie Zedwitz in Verwahrung, 120 und Hamilton hatte die Ehre, für ſie ſelbſt reſervirt zu werden. Hildegarde und Creſcenz waren zum erſten Mal in ihrem Leben in einem Boote, und keiner von Bei⸗ den ſchien es recht wohl zu Muthe zu ſein. Creſtenz äußerte ihre Furcht durch einen mehrmals wiederholten, halb unterdrückten Schrei, und hielt ſich bald an der Seite des Boots, bald an dem Arm des Majors Stultz. Hildegarde ſaß vollkommen ruhig da, nicht wa⸗ gend, rechts oder links zu blicken; ihre Farbe wechſelte mit jeder unordentlichen Bewegung ihrer Nachbarn, die ſich damit unterhielten, daß ſie die Furcht ihrer Schweſter erhöhten, indem ſie das Boot abſichtlich hin und her bewegten. Sie landeten zuerſt auf der Frauen⸗Inſel, in der Hoffnung, Zutritt zu dem Nonnenkloſter zu erhalten. Während ſie auf die nöthige Erlaubniß zum Eintritt wanderten ſie über den Kirchhof und in die irche. Bald erſchien ein langer, hagerer, ſtreng ausſehen⸗ der Mann in einem langen Prieſtergewande. Zedwitz trat auf ihn zu und bat um Zulaſſung für die Damen; denn das mürriſche Geſicht deſſelben über⸗ zeugte ihn ſogleich, daß für ihn durchaus Nichts zu hoffen war. Er wurde geſchwätzig von Madame Ro⸗ ſenberg unterſtützt, die mit einem an ungebildeten Frauen nicht ungewöhnlichen Mangel an Takt wirklich gegen die Ehrfurcht gebietende Perſon einen ſcherzhaſ⸗ ten Ton anzunehmen verſuchte. Er ſchlug es ohne Umſtände ab und ſagte ihnen mit kurzen Worten, daß ſie ohne Erlaubniß von dem Ordinariat in München nicht zugelaſſen werden könn⸗ ten; das Erſcheinen von Fremden ſtöre die Nonnen und ſeie gegen die Kloſterregel. So kehrten ſie um, indem Creſcenz furchtſam be⸗ merkte, ſie möchte keine Nonne ſein, wo ein ſo ſtren⸗ ger Beichtvater wäre. 6 ——— ——, — — 121¹ „Ich hoffe, Sie denken überhaupt nicht daran, Nonne zu werden,“ bemerkte der Major. „Ich hätte nichts gegen einen ſolchen Beichtvater einzuwenden,“ ſagte Hildegarde. „Ich habe gern Je⸗ mand, der etwas Imponirendes in ſeiner äußern Er⸗ ſcheinung beſitzt; es erweckt bei mir immer die Vor⸗ ſtellung, daß er über die Schwäche menſchlicher Natur erhaben iſt.“ „Was für Unfinn Du ſchwatzeſt, Hildegarde,“ rief Madame Roſenberg mit ſichtbarem Verdruß. „Es iſt einzig der Widerſpruchsgeiſt, der Dich eine Bewunde⸗ rung für einen Mann vorgeben läßt, der ſo wider⸗ wärtig und grob gegen uns Alle geweſen iſt.“ Hildegarde ging langſamer, und Zedwitz, der hin⸗ ter ihr her geſchlendert war, ſchloß ſich ihr ſogleich an. „So, lieben Sie ſtreng ausſehende Männer?“ be⸗ merkte er mit leiſer Stimme. „Ich ſagte, ich liebe einen Beichtvater, der etwas Imponirendes in ſeinem Weſen habe.“ „O, nur zum Beichtvater? Aber zum Freund, zum Geliebten, zum Gatten wünſchen Sie vielleicht ganz etwas Anderes zu haben? Nicht wahr?“ „Vielleicht,“ antwortete ſie gleichgultig. „Oder vielleicht,“ ſagte Hamilton, „wollen Sie hier in's Klvſter treten, aus bloßer Bewunderung für jenen langen, dürren Mann. Auf den Geſchmack kann man niemals rechnen.“ „Ich gedenke nicht eher den Schleier zu nehmen, als bis Sie Mönch geworden find.“ „Wenn ich ein Mönch werde, wird es nicht hier ſein; ich werde einen gaſtfreundlicheren Ort und luſtige Genoſſen wählen, wie man gewöhnlich davon liest. Die Unhöflichkeit Ihres Freundes mit der harten Miene hat mir großen Widerwillen erregt.“ Das Gebäude auf der andern Inſel war von großem Umfang. Die Kirche war in ein Brauhaus 12² umgewandelt worden und nicht lange nach dieſer Ent⸗ weihung abgebrannt. „Eine verdiente Strafe,“ wie Madame Roſenherg bemerkte, indem ſie ihrer Geſellſchaft einen bedeutungs⸗ vollen Blick zuwarf. Hübſche, breite Marmorſtufen führten zu den obern Gemächern, von denen einige in der neueſten Zeit modernifirt worden waren. Das Schnitzwerk an den Zellenthüren und die Bilderrahmen im Reſectorium waren bewunderungswürdig. „Vollkommen,“ ſagte Hamilton, aus einem der Fenſter über den See blickend, „vollkommen ein Ort, wo man mit einer luſtigen Geſellſchaft vierzehn Tage recht angenehm zubringen könnte.“ „Oder mit Hildegarde und ihrer Schweſter,“ ſagte Zedwitz leiſe. „Wenn Creſcenz bei all ihrer Schönheit nicht ſo geiſtlos wäre.“ Sie begaben ſich hierauf nach dem Garten und ſpeisten unter den Bäumen. Hamilton vermied ſorgfältig Creſcenz' Nähe, ob⸗ wohl er ſah, daß ſie halb geneigt ſchien, über ſeine Vernachläſſigung böſe zu werden. In ihrer Einfalt verſuchte ſie ihn dadurch zu reizen, daß ſie mit affek⸗ tirter Freundlichkeit auf Major Stultz alltägliche Be⸗ merkungen horchte. Sie lachte und munterte ihn auf, ihren Brüdern Bier zu geben, wenn ihre Mutter nicht auf ſie Acht hatte. Hamilton hätte dieſes kindiſche Benehmen viel⸗ leicht vergeſſen, wenn nicht die Folgen ziemlich bedeut⸗ ſam geweſen wären. Die Knaben, nur Waſſer oder Milch zu trinken gewohnt, wurden bald beinahe berauſcht, und auf dem Weg nach dem Boot renommirte, ſang und ſchrie Fritz, ein gutmüthiger, hübſcher Knabe, auf das Lärmendſte. Guſtel wurde ſtreitſüchtig und fniff und puffte ihn unbarmherzig. Vergeblich ſchalt Ma⸗ dame Roſenberg und drohte mit Strafe. 123 Sie hatten das ufer noch keine zehn Minuten verlaſſen, als eine regelmäßige Balgerei ſich erhob; Guſtel ſchleuderte Fritz's Mütze in's Waſſer; dieſer nahm ſich nur ſo viel Zeit, den Beleidiger zu Boden zu ſchlagen, bückte ſich dann über das Boot hinaus, ſeine Mütze zu erhaſchen, und fiel kopfüber in den See! Die Damen ſtießen ein über allen Begriff durchdrin⸗ gendes Geſchrei aus. Madame Roſenberg ſprang auf und rief mit ge⸗ Händen und mit verzweifelter Stimme um ülfe. Die Gefahr war drohend. Hamilton ſprang in's Waſſer und erfaßte den Knaben, als er zum zweiten Mal in einiger Entfernung vom Boot wieder an die Oberfläche kam; er war noch beim Bewußtſein und hielt ſich herzhaft an dem Arm ſeines Retters. Die jetzt erfolgende Seene läßt ſich unmöglich be⸗ ſchreiben. Guſtel wurde beohrfeigt, Fritz geküßt, Ha⸗ milton abwechſelnd mit Dankbezeugungen oder Segens⸗ wünſchen bedacht. Er lehnte es ab, wieder in den Kahn zu ſteigen, und gelangte, theils ſchwimmend, theils ſich am Boot haltend, an's Ufer, wo er mit Erſtaunen vernahm, daß die Fiſcher, die ſie gerudert, obwohl ſie ihr halbes Leben auf dem See zugebracht hatten, nicht ſchwimmen konnten, ſo daß, wäre er nicht geweſen, Fritz unvermeiblich ertrunken ſein würde. Seit dem Anfang ihrer Bekanntſchaft war Ma⸗ dame Roſenberg ihm geneigt geweſen, aber von dieſem Ereigniß datirte ſich eine Art unbedingten Vertrauens zu ihm, das ihm ſpäter manchmal Gewiſſensbedenklich⸗ keiten erregte, da er fühlte, daß man zuweilen mehr auf ihn hielt, als er wirklich verdiente. Fritz's Kleider wurden im Wirthshaus getrocknet; da die von Hamilton nicht von ſo leichtem Stoff wa⸗ ren, mußte er ſie hier laſſen und, was zu erhalten war, von einem gefälligen alten Bauer entlehnen, der ihm 124 tiu Garderobe auf's Bereitwilligſte zur Verfügung ellte. Es war ſpaßhaft, ihn in den braunen, um eine Welt zu weiten Hoſen zu ſehen, welche eigentlich lang ſein ſollten, aber nach unendlichem Ziehen und Zerren ſich nur überreden ließen, ſeine Waben zur Hälfte zu bedecken, deren Verhältniſſe durch die geräumigen, grau⸗ wollenen Strümpfe, in welche ſie gehüllt waren, eini⸗ germaßen zweifelhaft gemacht wurden; eine lange Weſte von rothem Tuch und ein merkwürdig kurzleibiger, da⸗ gegen mit langen Schößen verſehener Rock, in welchem eine zweite Ausgabe von ihm noch hätte Platz finden können, bildeten zuſammen ein Koſtüm, das mehr ori⸗ ginell, als kleidſam war. Creſcenz und Major Stultz lachten rückhaltslos; Madame Roſenberg wiederholte ihren Dank mit unter⸗ drücktem Lächeln, aber Hildegarde machte ihm, ohne zu ſprechen, an ihrer Seite Platz in dein Wagen, von dem er auch ſogleich Beſitz nahm. Er bildete ſich ein, daß ſie auf dem Heimweg mehr mit ihm, als mit Zedwitz ſprach. Creſcenz' Verſuche, Hamilton wieder zu ſeiner Unterthänigkeit zurückzuführen, waren einige Tage ebenſo unausgeſetzt, als mancherlei. Es würde ihr aber da⸗ mit nie geglückt ſein, wenn Hildegarde um ein Jota weniger ſtreitſüchtig geweſen wäre; aber ſei es in Folge eines natürlich reizbaren Temperaments, oder einer unerklärlichen Antipathie gegen Hamilton, ſpra⸗ chen ſie nie mit einander, ohne ſich gegenſeitig ſo viel Unangenehmes als möglich zu ſagen. Hamilton fühlte, daß ſie ihn nicht leiden konnte und jedes ſeiner Worte und Werke mißdeutete, und dieſe Ueberzeugung, wie die Beſorgniß, ſie möchte ent⸗ decken, wie ſehr er ſie zu bewundern begann, machte ihn vielleicht bereitwillig, ihr, wenn ſie zum Kampfe geneigt war, mehr als halbwegs entgegenzukommen. Ihr Geſpräch begann von ſeiner Seite meiſtens 125⁵ höflich, aber ein gewiſſes Etwas in ihrem Benehmen, oder eine unnöthig ſcharfe Antwort rief ſicher eine ironiſche Bemerkung oder eine geringſchätzige Geberde hervor, die unwandelbar zum Ausbruch der Feindſelig⸗ keiten führte. Es geſchah nach einem dieſer Gefechte, wobei ſie mehr als gewöhnliche Heftigkeit entwickelt, er in der Kunſt zu quälen ſich ſelbſt übertroffen hatte, daß er Creſcenz allein im Garten traf. Der Contraſt war für den Augenblick unwiderſtehlich — es war Wind⸗ ſtille und Sonnenſchein nach dem Sturm! Da ſaß ſie, eifrig mit dem Stricken eines Strumpfs beſchäftigt, der ſeinen Dimenſionen nach wahrſcheinlich für den Major Stultz beſtimmt war! Ihre Finger und Ellbo⸗ gen bewegten ſich mit wahrhaft unbegreiflicher Ge⸗ ſchwindigkeit; und da ſie die letzten vierundzwanzig Stunden die Sentimentale und Beleidigte geſpielt hatte, war es ihm jetzt erlaubt, ihr hübſches Geſicht ununterbrochen, ſo lang es ihm beliebte, zu bewun⸗ dern, während ihre erhöhte Farbe die ganze Zeit über ihm den Beweis lieferte, daß ſie von ſeiner Beobach⸗ tung wußte. Nach einigen bedeutſamen Verſuchen zu huſten, die aber unbeachtet blieben, wandte er ſich zum Gehen. Jetzt blickte ſie auf und — ſeufzte. Dieß war, wie er ſich einbildete, eine Art Aufmunterung, — vielleicht ſollte es auch für eine ſolche gelten, da der Blick, wel⸗ cher den Seufzer begleitete, vorwurfsvoll war. Er ſetzte ſich alſo neben ſie und fing an, die Schnelligkeit, mit der ihr Werk fortſchritt, zu bewundern. Dieſe Lobeserhebungen blieben unbeachtet. „Und wer iſt die glückliche Perſon, welche dieß tragen ſoll?“ fragte er mit dem ungeheuren Stück Ar⸗ beit ſpielend. „Das kann Sie auf keinen Fall intereſſiren,“ ant⸗ wortete ſie ſteif, aber ſeufzte abermals. „Alles, was Sie betrifft, intereſſirt mich; von der 126 Zeit, da ich Sie zum erſten Mal gebratene Hühner (Backhähnel) eſſen ſah, bis zu dem gegenwärtigen Augenblick —“ „Sie haben dann eine ſonderbare Art, Ihr In⸗ tereſſe zu zeigen. Hildegarde ſagt, Sie lachen mich immer aus.“ „Wie meinen Sie das?“ rief er, ob er gleich vollkommen wußte, was ſie meinte, und auf die Ant⸗ wort, die er ſogleich erhielt, und die verſteckten Vor⸗ würfe wegen ſeiner Vernachläſſigung, die er erwartet hatte, gefaßt war. „Aber mein Fräulein, Sie haben mir ſelbſt von Ihrer Verlobung geſagt —“ „Nun, was hat dieſe damit zu thun?“ „Ich konnte nicht baran denken, Major Stultz in's Gehege zu kommen. Ich wage es nicht, Sie zu monopoliſtren —“ „Aber Sie könnten wenigſtens manchmal mit mir ſprechen.“ „Das könnte mir leicht Gefahr bringen⸗“ Creſcenz ſaß unendlich entzückt und geſchmeichelt aus, und ihre Finger bewegten ſich ſchneller als je. „Iſt es hier nicht Brauch, eine Verlobung faſt als eben ſo bindend, wie eine Heirath, zu betrachten?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte ſie unſchuldig; „ich war bis jetzt noch nie verlobt; aber,“ fügte ſie haſtig hinzu, „es iſt noch kein förmlicher Verſpruch geweſen — das geſchieht erſt den Tag nach unſerer Ankunft in München.“ „Dann ſteht es Ihnen alſo noch immer frei, ſich mit Anderen zu unterhalten?“ „O ja., „Und ich darf mit Ihnen ſchwatzen, ohne daß Stultz ein Recht hat, deßhalb eiferſüchtig zu „Eiferſüchtig!“ wiederholte ſie erröthend. „Ich wollte ſagen, zornig. Männer in dieſem Le⸗ 127 bensalter ſind ſchwer zu behandeln, aber es ſcheint, Sie kommen famos mit ihm aus und haben bereits Alles vergeſſen, was Sie im Kreuzgang geſagt haben.“ „Was ſagte ich?“ fragte ſie aufblickend. „Bloß etwas von ſehr unglücklich ſein und der⸗ gleichen.“ „Was hilft es, unglücklich zu ſein?“ fragte ſie verdrießlich. „Mama ſagt, ich müſſe einmal heirathen, und ein Mann, wie Major Stultz, wäre nicht jeden Tag zu finden.“ „Ich weiß nicht, was mehr zu bewundern iſt, Ihre erſtaunliche Reſignation oder ihre vortreffliche Schlußfolgerung.“ Sie ſah ihn einen Augenblick an, und nachdem ſie ſich zu ihrer Zufriedenhett überzeugt hatte, daß er nicht lache, ſagte ſie zutraulich: „Mama iſt ſehr freigebig und verſpricht mir Alles fünfzig⸗ oder hundertfach.“ „Fünfzig⸗ oder hundertfach!“ wiederholte Ha⸗ milton. „Die kleinen Stücke hundert⸗ — die großen fünf⸗ zigfach!“ „Sie werden mich ohne Zweifel für ſehr einfältig halten, aber ich habe nicht die entfernteſte Idee von dem, was Sie meinen.“ „Ich ſoll eine Ausſteuer bekommen, wie Mama ſelbſt eine hatte; alle die kleineren Stücke, wie Kiſſen⸗ überzüge, Hanbtücher, Strümpfe hundertfach! Tiſch⸗ tücher und dergleichen fünfzigfach. „Ah! Das muß Ihnen natürlich eine ganz andere Vorſtellung von Major Stultz beigebracht haben!“ Wiederum blickte ſie ihn forſchend an. „Nein, es brachte mich nicht auf andere Gedan⸗ ken von ihm, aber was kann ich thun?“ „Sie können nichts Beſſeres thun, als ihn ſo ſchnell als möglich zu lieben.“ 1²8 „Wenn er nur ein Von vor ſeinem Namen hätte!“ bemerkte ſie kummervoll. „Nun, welchen Unterſchied würde das machen?“ „Wäre er ein Edelmann, würde ich nicht an den Altersunterſchied denken. Meine Mama war eine Grä⸗ fin!“ fügte ſie ſtolz hinzu. „Warum wünſchen Sie da nicht gleich, daß er ein Graf wäre?“ „Nein; das könnte ich nicht erwarten, da ich kein Vermögen habe und Papa nicht von iſt.“ „Ich möchte gerne die genaue Bedeutung von die⸗ ſem Von wiſſen.“ „Es iſt der erſte Grad des Adels; dann kommt der Ritter, dann Baron, Graf, Fürſt, Herzog. Ich wundere mich, wie Mama Jemand heirathen konnte, der nicht Graf oder Baron geweſen — aber Papa war 6 ſ hübſch, und das macht einen großen Unter⸗ ſchied!“ „Ohne allen Zweifel! Ein hübſches Geſicht iſt ein guter Empfehlungsbrief.“ „Sind Sie von Adel?“ fragte ſie plötzlich. „Ich habe kein Von vor meinem Namen,“ ant⸗ wortete Hamilton lachend. „Sind Sie nicht Graf oder Baron?“ „Keines von Beiden. „So ſind Sie alſo nur Mr. Hamilton?“ „Nur Mr. Alfred Hamilton.“ Er bemerkte, daß er tief in ihrer Schätzung ge⸗ ſunken war — und in ſeiner eigenen ſiel er einige Minuten ſpäter durch einen fruchtloſen Verſuch, ihr das Weſen des engliſchen Adels zu erklären, der mit der Verſicherung endete, daß, wäre er in Deutſchland geboren, wo jedes Familienmitglied den väterlichen Titel erbt, er unzweifelhaft Baron oder Graf ſein würde. Sie verſtand ihn nicht und er war froh darüber, denn er empfand bitter die Albernheit ſeiner Erklärung 129 und die einfältige Prahlerei, die in ſeiner Schlußbe⸗ merkung lag. Wo der Adel ſo zahlreich, wie in Deutſchland iſt und wo ſo viele Mitglieder deſſelben ſo äußerſt arm ſind, ſollte man natürlich denken, daß er einigermaßen in Mißeredit gekommen wäre oder wenigſtens mit Gleich⸗ gültigkeit betrachtet würde. Dieß iſt jedoch keineswegs der Fall, und es iſt außer Zweifel, daß, wäre ihr rothſichtiger Major Graf oder Baron geweſen, ſie die anderen Ungleichheiten gerne überſehen hätte. Selbſt ein von vor ſeinem Namen würde ein Troſt geweſen ſein, wenn man es mit dem Glücke, eine Gräfin zur Mutter gehabt zu haben, zuſammenſtellte. Dieß waren Hamilton's Gedanken während einer Pauſe in der Unterhaltung, und es bildete zum Theil nur eine Fortſetzung derſelben, als er laut fragte: „War ſie hübſch?“ „Wer?“ „Ihre Mutter.“ „Ich weiß nicht; — ich kann mich ihrer nicht erinnern.“ „Sind Sie — iſt Ihre Schweſter ihr ähnlich?“ „Hildegarde gleicht ſehr Papa, und man ſagt, daß ich ſehr Hildegarde gleiche.“ „Sie gleichen einander ausnehmend, beſonders auf den erſten Anblick.“ „O, ich weiß, daß Hildegarde viel ſchöner iſt, als ich.“ Das war Thatſache und Hamilton wegen einer bre verlegen, als ſie nach einer Pauſe hinzu⸗ fügte: — „Aber Major Stultz ſagt, ich ſeie viel liebens⸗ würdiger als ſie.“ „Major Stultz iſt ein Mann von Beurtheilungs⸗ gabe,“ ſagte Hamilton gleichgültig um ſich ſchauend. „Er ſagt auch, wir werden ſehr glücklich ſein, wenn wir verheirathet ſind!“ Die Anfangsbuchſtaben. I. 9 8 130 „Ich hoffe es ſehr aufrichtig.“ „Er gab mir eine Menge guter Rathſchläge, den Tag da wir am Chiemſee waren.“ „Wirklich! Worüber?“ „Er ſagte, es wäre ſehr thöricht, jungen Män⸗ nern viel zu trauen — ſie wären ſehr treulos und nichtsnutzig.“ „Alle! ſagte er Alle?“ rief Hamilton mit einem Ton ſcherzhafter Abwehrung. Ja, Alle,“ antwortete ſie muthwillig. „Er rieth mir, ihnen weder in Worten, noch Werken zu trauen.“ „Was für eine außerordentliche Weltkenntniß er haben muß! Eine ganz merkwürdige Perſon.“ „Sie lachen — über mich — oder — über ihn.“ „Lachen! Welche Idee! Schauen Sie mich einmal an, und Sie werden vom Gegentheil überzeugt ſein.“ Und ſo geſchah es, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie dem ruhigen, unbefangenen Blick der ſeinigen begegneten. Ein ſchwerer Schritt auf dem Kieswege kündigte die Annäherung von Jemand an, und beim Umwenden bemerkten ſie Major Stultz, der die Aſche aus ſeiner Meerſchaumpfeife blies, als er gemächlich auf eine Bank im Garten zuging. Creſcenz erſchrak, als ob ſie über einem Verbrechen entdeckt worden wäre und ſtand hoch erröthend auf, ihm Geſellſchaft zu leiſten. „Ich glaube, Sie ſagten mir eben, es ſtände Ih⸗ nen frei, mit mir zu reden, ſo viel Sie wollten,“ bemerkte Hamilton ironiſch. „So iſt es auch,“ erwiederte ſie, ſich wieder ſetzend, während ſie verſtohlen nach ihrem künftigen Gemahl ſchaute. „Was haben Sie mir ſagen wollen?“ „O — ah, — wovon ſprachen wir eben? Von Major Stultz' vortrefflichem Rath, nicht wahr? Ich möchte wirklich Alles hören, was er Ihnen ſagte, denn ich kann mir kaum denken, daß er ſeine ganze Zeit 7 131 damit zugebracht hat, auf Männer zu ſchelten, die das S6 haben, um ein Schock Jahre jünger zu ſein, als er.“ „O, wir haben auch von andern Dingen geſprochen!“ „Das Gegentheil würde auch ſehr ſonderbar ge⸗ weſen ſein.“ „Wir — ſprachen — von Liebe!“ „Sehr natürlich. Ich möchte wirklich die Meinung eines ſolchen Mannes, wie Major Stultz, über einen ſo wichtigen Gegenſtand kennen.“ „Er ſagte,“ begann ſie mit einem Seufzer, — „es komme ſelten, beſonders bei Frauen, vor, daß ſie ſo glücklich ſeien, ihre erſte Liebe zu heirathen.“ „Eine ziemlich abgedroſchene und ſeinerſeits un⸗ nöthige Bemerkung, denn wenn irgend ein Mann hoffen darf, der Gegenſtand einer erſten Liebe zu ſein, ſo iſt es Major Stultz! Sie haben erſt vor einigen Wochen die Schule verlaſſen — ſind noch nicht ſechszehn Jahre alt. Was konnte er alſo damit meinen, wenn er von der erſten Liebe ſchwatzte?“ Sie ſchwieg. „Vielleicht ſollte es eine Einleitung zu ſeinen Ge⸗ ſtändniſſen ſein. Hat er Ihnen eine Geſchichte ſeiner Liebſchaften gegeben? Sind ſie ſehr zahlreich geweſen?“ „Nein,“ rief ſie faſt zornig aus; „er ſagte mir im Gegentheil, daß ich die erſte Perſon wäre, die er je zu heirathen gewünſcht hätte.“ „Haben Sie ihn nicht an den Antrag erinnert, den er Ihrer Schweſter gemacht hat?“ Dieſer Widerſpruch mit ſeinen Worten ſchien ihrem Gedächtniß völlig entſchwunden zu ſein; ſie erröthete keſs. und die hellen Thränen begannen wieder zu ießen. Hamilton fühlte, daß er ſich unbarmherzig auf Koſten des armen Mädchens beluſtigte, indem er ſie mehr plagte, als für ſie zu ertragen war, und wollte eben wieder Alles dadurch in's i bringen, 132 vaß er ein wenig den Sentimentalen ſpielte, als ſie ſich ungeſtüm und mit ſo ſchlecht verhehltem Aerger erhob, um zu Major Stultz hinzugehen, daß ſie ihren großen Garnknäuel, ſtatt ihn aufzuheben, heftig über die Blumenbeete nachſchleppte, und bei dieſer Bewegung ſo gründlich in einen Roſenbuſch verwickelte, daß Hamilton ihr zu Hülfe eilte und, denſelben zurückgebend, leiſe franzöſiſch ſagte: „Heute Abend werde ich, ehe die Sonne untergeht, im Kreuzgange ſein. Treffen Sie mich dort, ich bitte Sie. Ich wünſche Ihre Verzeihung zu erbitten, wenn ich Sie beleidigt habe.“ Die Schatten des Abends hatten kaum ſich merk⸗ lich zu verlängern begonnen, als ſich Hamilton nach dem Kreuzgang begab und ſich damit unterhielt, die Inſchriften auf den verſchiedenen Leichenſteinen zu ent⸗ ziffern, bis ein leichter Schritt in ſeiner Nähe ihn aufſchauen ließ und er — nicht Creſcenz, ſondern Hildegarde vor ſich ſtehen ſah. Er war im Begriff, mit einer leichten Verbeugung an ihr vorüberzugehen, als ſie plötzlich ſtehen blieb und feſt ſagte: „Ich bin die Ueberbringerin einer Botſchaft von meiner Schweſter. „Die willige Ueberbringerin ihrer Entſchuldigun⸗ gen ohne Zweifel.“ „Ich verſtand es ſo, als ob Sie es wären, der isins zu machen hätte,“ antwortete ſie kalt. „Sehr wahr. Ich ſollte um Vergebung bitten, daß ich ſie heute im Garten beleidigt hatte; da aber dieſe Entſchuldigung nur für ihr Ohr beſtimmt war, ſo wollen wir ſie fuͤr gemacht annehmen und von etwas Anderem reden.“ „Ich habe weder Zeit noch Luſt, über einen andern Gegenſtand, als den zu ſprechen, der mich hierher gebracht hat.“ „Die Mittheilung muß, nach der Feierlichkeit — — — 133 Ihres Weſens zu ſchließen, wichtig ſein,“ ſagte Ha⸗ milton, gleichgültig in den Hof blickend. „Meine Schweſter hat mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen, daß ſie das Unpaſſende einer früheren Zuſammen⸗ kunft mit Ihnen an dieſem Ort tief empfindet und nichts ſie bewegen kann, in eine weitere zu willigen. Sie hat Ihnen von ihrer beabſichtigten Heirath geſagt: es iſt beinahe unnöthig, zu bemerken, daß unter ſolchen Umſtänden eine Fortſetzung Ihrer gegenwärtigen Auf⸗ merkſamkeiten nur dazu dient, ihr Verlegenheit und Verdruß zu bereiten.“ „Ihre Schweſter hat Ihnen nie aufgetragen, das zu ſagen,“ rief Hamilton, indem er die Augen feſt auf ihr Geſicht heftete. „Davon dürfen Sie verſichert ſein,“ fuhr ſie, tief erröthend, fort, daß meine Schweſter nie wieder allein S zuſammentreffen wird, wenn nicht — wenn ni —2 „Wenn was nicht?“ „Wenn Sie ſich nicht deutlicher erklären und ſie in den Stand ſetzen, zwiſchen Ihnen und Major Stultz zu wählen. Es iſt noch nicht zu ſpät!“ Das hieß mit einem Mal der Sache auf den Grund gehen, und Hamilton war ſo völlig überraſcht, daß er nur etwas über die Kürze ſeiner Bekanntſchaft und ſeine Vermuthung, er verſtehe nicht ganz, was ſie meine, ſtammeln konnte. „Ich glaube, Creſcenz verſteht nicht ganz, was Sie meinen,“ rief Hildegarde unwillig. „Wie wünſche ich, ſie könnte Sie mit meinen Augen anſehen und verachten, wie Sie es verdienen!“ „Sie ſind wirklich zu ſchmeichelhaft,“ bemerkte Hamilton lachend, „viel zu ſchmeichelhaft; aber darf ich nicht wünſchen, daß Sie mich mit Ihrer Schweſter Augen anſehen und mich ſchätzen, wie ich es verdiene? leichwohl,“ fuhr er fort, über eine Gelegenheit, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, erfreut, „wenn 134 Sie mir auch eben eine Zuſammenkunft mit Ihrer Schweſter vereitelt haben, werde ich Ihr beabſichtigtes tete-à-téte mit dem Grafen Zedwitz nicht ſtören.“ Der Graf näherte ſich ihnen bei dieſen Worten. „Ihre gute Meinung iſt für mich von zu geringer Wichtigkeit, als daß ſie mich bewegen könnte, irgend etwas zu verläugnen, oder auf eine Erklärung einzu⸗ gehen,“ erwiederte ſie, ſchnell von ihm ſich abwendend; und mit einer leichten Verbeugung gegen Zedwitz ver⸗ ſchwänd ſie durch eine der Heffnungen des Kreuz⸗ ganges. „Hamilton, das iſt kein ehrliches Spiel,“ rief der Letztere lachend; „Ihre Gegenwart war hier uner⸗ wartet.“ „Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie hieher kamen, mit Fräulein Roſenberg zuſammenzutreffen.“ „Und warum nicht? Sie ſind mit ihrer Schweſter zuſammengetroffen. Warum ſoll ich nicht hoffen, ebenſo glücklich zu ſein?“ „Weil — weil —“ „Weil Sie hübſch ſind und ich häßlich, denken Sie, ſoll ich keine Ausſicht haben?“ „Das war es nicht, was ich meinte. Der Unter⸗ ſchied zwiſchen den Schweſtern würde eher das Hinder⸗ niß bilden —“ „Unterſchied, wirklich!“ rief Zedwitz. „Der Unterſchied liegt im Verſtand; in der Perſon ſind ſie einander ausnehmend gleich.“ „Sie meinen vielleicht in der Geſtalt?“ fragte Zedwitz. „Und in den Geſichtszügen,“ fuhr Hamilton fort. „Nun, ſie haben Beide braunes Haar, blaue Augen und rothe Lippen, wenn das die Aehnlichkeit ausmacht; aber während die Eine die bloße Schönheit der erſten Jugend hat, iſt die Andere das vollkommenſte Modell weiblicher Liebenswürdigkeit, das ich jemals ſah.“ „Mit Ihnen iſt es ſchon weit gekommen,“ bemerkte 135 Hamilton ernſt. „Aber ſagen Sie mir ehrlich, ver⸗ ſprach ſie Ihnen, ſie hier zu treffen?“ „Wie können Sie nur ſo geradeaus fragen? Es gibt mancherlei Arten von Schönheit und mancherlei Arten von Dispoſitionen. Ich hielt es nicht gerade für zuträglich, zu ſagen, treffen Sie mich heute Abend im Kreuzgang“, ſondern ſprach von der Schönheit des Schattens hier zur Zeit des Sonnenuntergangs und von meiner Abſicht, eine kleine Aquarellzeichnung von beſagtem Kreuzgang mit einem Benediktinermönch, der gerade aus einem der anſtoßenden Gänge kommt — etwas ganz Paſſendes ſür das Album einer Dame — zu beendigen. Ich kam; wären Sie nicht hier geweſen, würde ich trotz meiner Häßlichkeit einige Minuten Be⸗ achtung gefunden haben.“ 5 „Sie kam aber expreß hieher, mich zu treffen,“ bemerkte Hamilton malitiös. Der Graf blieb plötzlich ſtehen und ſchaute forſchend ſeinem Begleiter in's Geſicht. „Sie kam mit einer Botſchaft von ihrer Schweſter,“ ſetzte Hamilton ruhig hinzu, und dann ſchritten ſie weiter. „In der That,“ fuhr er fort, „als Sie zu uns ſtießen, waren wir mitten in einer Art von Wortwechſel begriffen, bei dem Ihre Gegenwart mir wenigſtens eine große Erleichterung machte. Wortwechſel, worüber, wenn ich fragen arf?“ „Ueber ihre Schweſker. Sie fragte mich in ziem⸗ lich klaren Ausdrücken, was meine Abſichten wären, und ſchlug mir vor, offen und ehrlich mit Major Stultz in die Schranken zu treten, und da ich es ablehnte, ſprach ſie ärgerlich von Verachtung u. ſ. w. Verlaſſen Sie ſich darauf, ſie wird Sie in Kurzem zur Rechen⸗ ſchaft ziehen.“ „Ich bin ganz bereit, mich zur Rechenſchaft ziehen zu laſſen.“ 136 „Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie ernſtlich an's Heirathen denken?“ „Ich würde nur zu glücklich ſein! Aber mir iſt kein ſolches Glück aufgeſpart.“ „Sie glauben, abgewieſen zu werden.“ „Ich weiß nicht; aber mein Vater würde ſicher ſeine Einwilligung verweigern.“ „Entführen Sie dieſelbe und holen Sie ſeine Ein⸗ willigung nachher ein.“ „Ich wünſche es zu können, aber das iſt hier un⸗ möglich. Die Heirath iſt bei uns ebenſowohl ein bür⸗ gerlicher, als religiöſer Akt. Sie haben keine Idee von den darauf bezüglichen Formalitäten oder von den für deſſen Gültigkeit nöthigen Certiftkaten; außerdem erhöht meine militäriſche Stellung die Schwierigkeit. Die verfluchte Caution!“ „Caution? Was iſt das?“ „Etwa neunhundert Pfund Ihres Geldes, ohne welche kein Officier Heirathserlaubniß erhalten kann. Es wird als eine Art Verſorgung für Weib und Kin⸗ der im Fall ſeines Todes betrachtet, und iſt ohne Zweifel eine ſehr weiſe Anordnung, aber auch manchmal eine Quelle großer Plackerei. Ich bin dadurch vollkommen in meines Vaters Gewalt gegeben; denn obwohl ich von ihm gegenwärtig als Zuſchuß zu meiner Gage zehnmal mehr erhalte, als die Intereſſen aus jener nöthigen Summe betragen, und obwohl ich weiß, daß ich bei ſeinem Tode ein mehr als behagliches Aus⸗ kommen haben werde, iſt doch jetzt, da Hildegarde kein Vermögen hat und ich nicht unabhängig bin, unſere Heirath ganz und gar unmöglich.“ „Ich rathe Ihnen, auf alle Fälle mit Ihrem Vater zu ſprechen.“ „Ich werde eine ſolche Mittheilung ſorgfältig ver⸗ meiden. Ja, ich kann ſelbſt auf meiner Mutter Bei⸗ ſtand nicht hoffen, da die Verbindung ihr in jeder Hin⸗ ſicht nnangenehm ſein würde. Ich habe nur eine 137 Hoffnung. Durch meiner Schweſter Einfluß läßt ſich etwas thun: ſie iſt ein gutes Kind und im Begriff, Papa und Mama zu Gefallen zu heirathen; vor allen Dingen muß ich jedoch mit Hildegarde ſelbſt ſprechen.“ „Da haben Sie Alles zu hoffen, denn ſie iſt gegen Sie zu Zeiten wirklich höflich! Sie werden wahr⸗ ſcheinkich ein intereſſantes geheimes Verlöbniß ein⸗ ehen?“ „Das würde ſchlimmer, als thöricht ſein. Ich könnte nicht ſo unedel ſein, ſie zu bitten, eine viel⸗ leicht wünſchenswerthe Verſorgung, ſollte ſich eine ſolche bieten, auszuſchlagen, auf die Möglichkeit, daß ich ſie heirathen könnte und ſo lange lebe, um eine zweite Ausgabe von Major Stultz zu werden. Angenommen, ich warte zehn Jahre, ſo würden inzwiſchen Hilde⸗ garde's und meine Ideen ſich geändert haben. Ich bin nicht ganz ſicher, ob ich nicht nach dieſer Zeit eine ſanfte, einfache Creſcenz vorziehen möchte, die geneigt wäre, Alter und Häßlichkeit zu überſehen, vorausge⸗ ſetzt, daß ich ihr hübſche Präſente machte und ſie freigebig mit Bonbons verſorgte. Ich wünſche, Sie hätten ihr erfreutesGeſicht geſehen, gerade ehe ich hie⸗ her kam, als Major Stultz ihr eine Schachtel mit Bon⸗ bons gab, welche er offenbar expreß von München für ſie hatte kommen laſſen, da ſie nichts als Zuckerherzen und Pfeile, und in rothes und blaues Papier gewickelte Plätzchen und ſchnäbelnde Täubchen enthielt, die faſt von dem Liqueur platzten, mit dem der Zuckerbäcker ſie ſo ſinnreich ausgefüllt hatte!“ „So! nun weiß ich, warum die kleine Coquette nicht zu mir gekommen iſt. Nachdem ſie mich ſo un⸗ ſchuldig über meine Vernachläſſigung zu Rechenſchaft gezogen und ſo geheimnißvollen Unſinn von ihrer erſten Liebe geſchwatzt hat, unterhält ſie ſich jetzt damit, Zuckererbſen zu eſſen, und ſchickt ihre Schweſter zu mir. Dieſe deutſchen Mädchen ſind unerklärlich; man kann mit ihnen nicht ſchwatzen, ohne ſich zu zanken, 138 oder in ein Labhrinth von Sentimentalität verwickelt zu werden. „Sie dürfen nicht Alle nach Ihrer geringen Be⸗ kanntſchaft mit Zweien beurtheilen,“ bemerkte Zedwitz lachend. Sagen Sie, was Ihnen beliebt, aber Sie können nicht läugnen, daß es ſchöne Exemplare der Species find.“ „Hildegarde iſt unbezweifelt ſchön, aber dabei nur liebenswürdig gegen Sie,“ ſagte Hamilton, an einen von den Bögen gelehnt. „Ich glaube,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „ich glaube, Seon wird mir bald entleiden, und wäre ich nicht“ gegenüber von dieſen Roſenbergs gebunden, ich würde fogleich nach Wien aufbrechen. Was halten Sie davon, wenn wir zuſam⸗ men eine Tour nach Tyrol machten?“ Zedwitz ſah verlegen aus und erwiederte mit eini⸗ gem Zaudern: „ich bin — halb und halb — engagirt, mit den Roſenbergs eine Partie auf eine Alpe und dann nach Salzburg zu machen.“ „Was! und ich habe noch nicht ein Wort davon gehört?“ „O, Sie werden natürlich eingeladen werden. Ich hatte einige Mühe, ſie zu Stande zu bringen, da ich bei Madame Roſenberg nicht in Gunſt ſtehe. Sie er⸗ wartet morgen ihren Mann, der auf einen Tag hieher kommt, die Bekanntſchaft ſeines künftigen Schwieger⸗ ſohns zu machen. Der Tag ſeiner Abreiſe iſt für unſere Excurſton beſtimmt.“ 1 reiſen wir? — natürlich inclufive der Kna⸗ en 7. „In Wagen, wie man ſie hier auftreiben kann. In Traunſtein nehmen wir einen Char-à-panc, in dem wir Alle Platz haben: für ſolche Partieen ein ſehr angenehmes Fuhrwerk, da wir Alle zuſammen blei⸗ ben können; wenn eine Theilung ſtattfindet, ſo iſt die Möglichkeit, unangenehme Geſellſchaft zu bekommen, zu groß.“ ———— — 5 ——————— * „Das heißt,“ rief Hamilton lachend, „Graf Zed⸗ witz wünſcht vollkommene Gewißheit zu erhalten, die Geſellſchaft einer gewiſſen jungen Dame drei ganze Tage zu genießen.“ „Sie haben Recht,“ antwortete er, Hamilton's Arm ergreifend, um den Kreuzgang zu verlaſſen, „ganz Recht; ich rechne darauf, Sie haben jede Idee, mein Nebenbuhler zu werden, aufgegeben. „Ich glaube, jede ſolche Idee aufgeben zu müſſen, wenn ich je dergleichen hatte, denn Hildegarde ſagte mir gerade vorhin, ſie verachte mich; — hätte ſie ge⸗ ſagt, ſie haſſe mich, würde ich noch einige Ausſicht für mich gehabt haben, aber ich fühle mich einem Kampfe gegen Gleichgültigkeit und Hohn nicht gewachſen. Ich glaube,“ ſetzte er lachend hinzu, „ich muß machen, daß ſie mich haßt.“ „Aber Sie werden, hoffe ich, mir nicht in den Weg treten?“ „Durchaus nicht. Sie werden durch den Contraſt um ſo liebenswürdiger erſcheinen!“ „Was haben Sie im Sinn zu thun?“ „Würde ich mein gegenwärtiges Betragen ein⸗ halten,“ antwortete Hamilton mit affektirter Feierlich⸗ keit, „ſo könnte möglichen Falls der Haß bald in's Leben treten, aber um die Sache zu beſchleunigen, werde ich den verzweifelten Liebhaber gegen ihre Schwe⸗ ſter ſpielen müſſen. Hildegarde ſcheint in dieſem Punkte ſehr verwundbar zu ſein. Es wird mich alſo nicht viel Mühe koſten, da Creſcenz mich im Garten förmlich herausgefordert hat und mir hernach keine Vorwürfe machen kann.“ „Hamilton,“ rief Zedwitz, vlötzlich ſtille ſtehend, indem er ihn aufmerkſam anſah: „Sie ſind gewiß älter, als Sie zu ſein behaupten.“ „Ich verſtehe das verſteckte Compliment,“ erwiederte Hamilton, Sie glauben, mein Verſtand gehe über meine Jahre. Mein Vater ſagte immer, ich wäre kein Narrz 140⁰ es freut mich, daß Andere in dieſer negativen Art von Empfehlung ihm beizuſtimmen geneigt find.“ Sie ſind wirklich eher alles Andere, als ein Narr; und wenn Sie in gute Hände fallen, zweifle ich nicht —“ „Gute Hände!“ rief Hamilton, ihn unterbrechend, ich habe keine Idee, in Jemands Hände, gut oder ſchlecht, zu fallen. Ich beabſichtige, für mich ſelbſt zu urtheilen und zu handeln.“ „Dann werden Sie Ihre Erfahrung theuer be⸗ müſſen, wie es Anderen vor Ihnen auch ergan⸗ gen iſt.“ „Wir werden ſehen,“ erwiederte Hamilton. „Sie werden fühlen,“ ſagte Zedwitz, indem er mit beiden Händen die Spitzen ſeines langen Schnurrbarts ergriff, um ſie auf eine eigenthümliche Art nach den Augenwinkeln hinaufzudrehen, ehe er in das Zimmer trat, wo die Geſellſchaft zum Abendeſſen verſammelt war. Achtes Kapitel. Eine Alpenpartie. Am nächſten Abend lud Madame Roſenberg den Major Stultz und Creſcenz ein, gemeinſchaftlich ihrem Mann entgegenzugehen. Hildegarde ſollte zu Hauſe bleiben und ſich der Kinder annehmen. Das arme Mädchen! noch war ihr das ſchreckliche Verbrechen, den Major Stultz ausgeſchlagen zu haben, nicht ver⸗ geben, und ſie ſchien dieſe Strafe tiefer zu empfinden, als Hamilton begreifen konnte. Denn als das Trio mit einander fortging und ſie allein ließ, füllten ſich ihre Augen mit Thränen, und ſie ſetzte ſich auf die ſteinernen Stufen vor der Kirchenthüre mit einer ſolchen Miene tiefſter Niedergeſchlagenheit, daß er ſich nach dem See wandte, um ſie nicht durch ſeine Gegen⸗ ————— 141¹ wart zu beläſtigen, und ſpielte ſelbſt mit den zwei älteren Knaben, um dieſelbe vor ihren Quälereien zu ſchützen, bis er den Schall von Rädern und Pferdehufen hörte und, nach der Straße blickend, in nicht ſehr gro⸗ ßer Entfernung einen Wagen ſah, der Halt machte, als die Fußgänger ihm nahe kamen, und aus dem ein Mann ſprang, der dem Anſchein nach viel zu jung war, um der Vater von Hildegarde oder Creſcenz zu ſein. Die Kinder ſchrieen jedoch „Papa! Papa!“ und ſtürzten auf ihn zu. Hildegarde — man entſchuldige die ſchreckliche Vergleichung — Hildegarde bewegte ſich hin und her gleich einer gereizten Tigerin in einer Menagerie, wagte aber doch nicht ihrer Stiefmutter ungehorſam zu ſein, indem ſie den angewieſenen Platz verließ, wäh⸗ rend doch jedes Glied an ihr Zorn und Ungeduld zu erkennen gab. Als die Geſellſchaft näher kam, bemerkte Hamil⸗ ton, daß Herr Roſenberg wirklich äußerſt jugendlich ausſah und früher ungemein ſchön geweſen ſein mußte. Daß er ein liebevoller Vater war, zeigte ſich auf den erſten Blick, denn die Kinder hingen ſich dermaßen an ſeine Kniee, daß er kaum gehen konnte, und Creſ⸗ cenz hatte von einem ſeiner Arme vollſtändigen Beſitz genommen. Gerade, als er an den Ort kam, wo Hamilton ſtand, der ihm als „unſer engliſcher Freund“ vorgeſtellt wurde, wandte ſich ſein Auge nach der Stelle, wo Hil⸗ degarde ſo unruhig hin und her ging. Er machte ſich nun auf einmal von ſeiner Geſellſchaft los und rief, indem er haſtig einige Schritte vorwärts ging, aus: „Nun, was iſt das, Hildegarde? Warum kommſt du mir nicht entgegen?“ Mit einem Freudenſchrei ſtürzte ſie in ſeine Arme und flüſterte mit faſt vor Bewegung erſtickter Stimme „ich wagt nicht — ich wagte nicht!“ „Du fühlſt, daß Du Schelte verdient haſt? Iſt es nicht ſo? Unartiges Mädchen! Du haſt mir vergeben — ich weiß, Du a es.“ Eine zweite Umarmung und ein Blick offenbarer Vergebung, nicht ohne eine Beimiſchung von Stolz und Bewunderung, war die Antwort. Madame Roſenberg biß auf die Lippen und be⸗ merkte ärgerlich: „Du ermuthigſt wirklich Hildegarde noch, der Heſtigkeit ihres Temperaments den Lauf zu laſſen, anſtatt ſie auf das Ungeeignete ihres Beneh⸗ mens, wie ich erwartete, aufmerkſam zu machen. „Was vergangen iſt, iſt vergangen,“ antwortete er „und Major Stultz iſt zufrieden geſtellt.“ „Zufrieden geſtellt! Ich bin der glücklichſte Mann in der Welt!“ rief Major Stultz. Creſcenz lächelte und erröthete. „Nun denn, ſo ſind wir alle glücklich. Sie neh⸗ men Creſcenz, die, wenn irgend etwas, zu gut und ſanft iſt, und ich muß für jetzt noch dieſes leidenſchaft⸗ liche, nichtsnutzige Mädchen behalten.“ Er ſpielte bei dieſen Worten mit ihrer Hand, und der einfältigſte Beobachter hätte bemerken müſſen, daß ſie ſein Lieblingskind war. „Du wirſt ſie wahrſcheinlich Dein Leben lang be⸗ halten,“ bemerkte Madame Roſenberg. „Ich denke nicht. Es wird gewiß Jemand aus⸗ ſinden, daß ſie eben ſo gutherzig, als leidenſchaftlich iſt — einen ſchlechten Charakter hat es nicht — das liebe Kind!“ „O, ſie iſt ſehr gut zu haben, wenn Alles nach ihrem Willen geht. Und der Papa verzieht ſie noch! Ich beneide den Mann nicht, der ſie einmal bekommt. „Ich werde ihn nicht bedauern,“ ſagte ihr Vater, ſanft ihre Hand drückend; und dann wandte er ſich zu ſeiner Frau und Major Stultz, und ſchien entſchloſſen, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. Hamilton verließ ſie, und da er ſich allein im Garten fand, begann er unbewußt in Ueberlegung —, — — 143 zu ziehen — war Hildegarde liebenswürdig oder nicht? oder nur ein verzogenes Kind, deſſen Vater durch ihre außerordentliche Schönheit verblendet, ſie für fehlerlos hielt? Ihre Schweſter liebte ſie gewiß und ebenſo ſicher waren auch die Kinder, obwohl ſie Creſcenz den Vorzug gaben, ihr nicht abgeneigt — in Wirklichkeit ſchien nur die Stiefmutter ſie für unverträglich zu halten, und er fühlte ſich ſtark zu dem Schluß ver⸗ ſucht, daß ihres Vaters offenbare Parteilichkeit die Eiferſucht dieſer dem Anſcheine nach nur wenig nach⸗ ſichtigen Perſon hervorgerufen hatte. Am folgenden Tag hatten Zedwitz und Hamil⸗ ton ausgemacht, den Roſenberg's nicht ſo ſehr, wie gewöhnlich, ihre Geſellſchaft zu widmen, ſondern in der Ueberzeugung, daß ſie die verlorene Zeit wieder hereinbringen könnten, ſie ihre Familienangelegenheiten während des Aufenthalts von Herrn Roſenberg abhan⸗ deln zu laſſen. Sie machten alſo mit guter Miene Anſtalt, den Morgen bei Zedwitz' Mutter und Schweſter im Garten zuzubringen, und zum unendlichen Erſtaunen der beiden Damen ſetzten ſie ſich an den Tiſch in der Laube, den dieſe einzunehmen pflegten. Agnes, die mit unnöthiger Emfigkeit fortarbeitete, ließ ſich einige Minuten die kindiſchen Quälereien ihres Bruders gefallen. Er ſchrieb mit der Spitze ihrer Scheere auf den Tiſch, verwirrte ihr die bunte Wolle und Seide, warf das Nadelkäſtchen um und verſuchte zuletzt, ihr die Arbeit aus der Hand zu ziehen. „Du überwältigſt mich heute mit Deinen Aufmerk⸗ ſamkeiten, Mar,“ ſagte ſie endlich mit erhöhter Farbe; „ich bin nicht mehr daran gewöhnt.“ „Du willſt doch nicht ſagen, daß Du böſe biſt, wenn ich mit dieſem Plunder ſpiele?“ rief er, mit affectirter Aengſtlichkeit von ihr zurückweichend. Sie ſchob ihre Arbeit mit verächtlichem Kopſfſchüt⸗ teln bei Seite, ſtützte dann ihr kleines, friſch aus⸗ 144 ſehendes Geſicht auf die Hand und macht ihm ſanfte, aber ernſte Vorwürfe darüber, daß er ſie ſo lange ver⸗ nachläſſigt und ſeit ſeiner Ankunft in Seon ſein Be⸗ tragen gegen ſie ſo ganz geändert habe. Er verſicherte ihr lachend, er habe nur den Verſuch gemacht, ſich ihrer Geſellſchaft zu entwöhnen, da er ſie ſo bald gänzlich verlieren ſollte. Seine Mutter bemerkte, man ſollte in Allem Mä⸗ ßigung beobachten, und ob ſie gleich keine Aufmerkſam⸗ keiten von ihm erwarte, wie er ſie gewöhnlich an ſeine Schweſter verſchwendet habe, ſo müßte ſie doch geſtehen, daß der Contraſt zwiſchen ſeinem frühern und jetzigen Betragen zu auffallend ſei, um nicht der armen Agnes höchſt peinlich zu werden, und ſie ihrerſeits glaube, er müſſe einen geheimen Grund für ein ſolches Be⸗ nehmen haben. Hier rückte ſie unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her und huſtete. „Einen geheimen Grund!“ rief er; „was willſt Du damit ſagen ? Ich kann mir durchaus nicht denken —“ „Halt, Mar, Du mußt meine Einſicht und Be⸗ obachtungsgabe ſehr gering anſchlagen, wenn Du Dir einbildeſt, ich habe nicht geſehen, was in den drei letzten Wochen vorgegangen iſt. „Vorgegangen iſt?“ wiederholte er. „Ja, vorgegangen iſt. Du haſt einer von dieſen Roſenbergs die auffallendſte Aufmerkſamkeit bewieſen —“ „Welcher von ihnen?“ fragte er mit einer An⸗ ſtrengung, unbefangen zu erſcheinen. Seine Schweſter lachte und ſagte: „Geſtehe es ehr⸗ lich, Mar, denn wenn Du wirklich verliebt biſt, muß ich Dir, glaube ich, Deine Vernachläſſigung verzeihen. „Dank Dir, Liebe. Du weißt, ich vergab Dir einſt dieſelbe Sünde, und aus demſelben Grunde. „Es iſt unnöthig,“ ſagte ſie mit einem Blick auf Hamilton und merklich erblaſſend,“ es iſt unfreundlich, mich ſo leichthin an das ſchmerzlichſte Ereigniß meines Lebens zu erinnern.“ 14⁵ Sie war im Begriff wegzugehen, als ihr Bruder ihre Hand ergriff und eifrig ſagte: „Bleibe, mein liebes, gutes Geſchöpf, und vergib mir! Ich vergaß ganz, daß Hamilton gegenwärtig war — aber laß Dich durch ihn nicht geniren — bitte, bleib. Ich geſtehe, daß ich verzweifelt in Hildegarde Roſen⸗ berg verliebt bin und möchte, daß Du es meiner Mutter ſagſt und ſie bitteſt, mir ihren Beiſtand und Rath zu ertheilen. Seine Mutter hatte natürlich gehört, was er ſagte, und antwortete jetzt ſchnell, „Beiſtand, Marx, kannſt Du von mir nicht erwarten; mein Rath iſt, daß Du morgen nach München zurückkehrſt.“ „Ich habe mich engagirt, mit den Roſenbergs eine Alpe zu erſteigen, und fogar verſprochen, einen Ausflug mit ihnen, der drei Tage dauert, zu machen.“ „Du wirſt uns bei Deiner Rückkehr nicht mehr hier finden,“ ſagte ſeine Mutter entſchloſſen; „ich miß⸗ billige Dein Verfahren in jeder Hinſicht gänzlich, und will Dir keinen Vorwand geben, Deine Zeit bei uns zuzubringen, nur um jenes fortzuſetzen.“ „Aber, meine liebe Mutter —“ „Ich glaubte, Du wäreſt zu ehrenhaft,“ fuhr ſie fort, „um Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, die zu nichts führen können. Du weißt, Dein Vater wird nie in eine ſolche Verbindung willigen!“ „Ich hoffte durch Deinen Einfluß — mit der Zeit — vielleicht —“ „Hoffe in dieſem Fall nichts von mir; ſo ſehr ich auch wünſche, Dich glücklich verheirathet zu ſehen, ſolch eine Schwiegertochter —“ „Ich fordere Jedermann heraus, einen einzigen Fehler an ihr aufzufinden —“ rief Zedwitz eifrig;“ ſie iſt ſchön — Agnes, Du, die Du Dich ſo gut auf Schönheit verſtehſt, ſage mir — iſt ſie nicht ſchön?“ Sie iſt das ſchönſte Geſchöpf, das ich je ſah,“ Die Anfangsbuchſtaben. . 10 146 antwortete Agnes warm, „wirklich Mama, das iſt eine Entſchuldigung für Mar Bewunderung.“ „Ich kadle weder ihn noch irgend Jemand, wenn man ſie bewundert; aber Max ſprach eben von eiwas mehr, als Bewunderung. Er darf nicht vergeſſen, daß ſie nicht von Adel und ihre Familie abſcheulich vulgär iſt.“ „Aber ſie iſt nicht vulgär,“ bemerkte Agnes freund⸗ lich; „ich habe mit ihr zwei⸗ oder dreimal geſprochen und halte fie für eine ſehr nette Perſon.“ „Max weiß, daß ſein Vater nie ſeine Zuſtimmung zu einer ſolchen Partie geben wird,“ autwortete ſeine Mutter, und es hilft deßhalb nichts, mehr über die Sache zu ſprechen.“ Sie ſtand auf und ſchickte ſich an, zu gehen. „Mangel an Vermögen hätte ich überſehen können, und Du hätteſt meines Beiſtandes verſichert ſein dürfen, obwohl meine Hoffnungen längſt auf einen andern Gegenſtand gerichtet ſind; aber — eine Verbindung wie dieſe — ich kann — ich werde ſie nie gut heißen.“ Zedwitz wartete, bis ſeine Mutter außer Gehör⸗ weite war, rückte dann ſeiner Schweſter näher und ſagte.— „Nun Agnes, was iſt jetzt zu thun? Glaubſt Du, daß ſie es dem Vater ſagen wird?“ „Ich glaube nicht ſogleich: ſie weiß, daß Du nichts ohne ſeine Zuſtimmung thun kannſt.“ „Agnes, ich habe ein Recht auf Deinen Beiſtand und nehme ihn in Anſpruch: Deine Vorwürfe haben zu dieſer voreiligen Entdeckung geführt —“ „Durchaus nicht, Mama hat Dich ſchon ſeit drei Wochen beobachtet.“ „Warum haſt Du mir aber das nicht geſagt?“ „Ich weiß es erſt ſeit einigen Tagen, und da Du gegenwärtig nie in meine Nähe kommſt oder nur nach mir ſiehſt, ſo hatte ich keine Gelegenheit, über dieſen oder irgend einen andern Gegenſtand mit Dir zu ſprechen.“ 147 „Wie gut ihr Frauen es verſteht, Tadel und Ent⸗ ſchuldigung unter einander zu miſchen! Ich erkenne an, daß ich Dich unverzeihlich vernachläſſigt habe, Agnes; aber Du haſt verſprochen, mir zu vergeben und ich be⸗ gehre nun Deinen Beiſtand — komm, ſage mir, was ſoll ich thun?“ „Du wünſcheſt alſo wirklich, dieſe Hildegarde zu heirathen?“ „Ohne allen Zweifel, wenn ich kann; aber Du weißt, ich bin ganz in meines Vaters Gewalt, und ſie hat gar kein Vermögen.“ „Der Fall ſcheint gegenwärtig ziemlich hoffnungs⸗ los,“ ſagte Agnes ernſthaft. „Haſt Du mit ihr ge⸗ ſprochen? Würde ſie einige Jahre warten?“ „Ich habe mit ihr nicht geſprochen,“ antwortete er ungeduldig, und was das Warten zwei oder drei Jahre betrifft, ſo möchte ich die Idee lieber ſogleich aufgeben.“ „Das würde in der That das Klügſte ſein, was Du thun könnteſt,“ rief ſeine Schweſter eifrig; „denn Du haſt ſowohl von Vater als Mutter den lebhafteſten Wiverſpruch zu erwarten. Schließe Dich dieſer Alpen⸗ partie nicht an; Du kannſt leicht eine Entſchuldigung finden: und wir wollen alle zuſammen nach Hohenfels gehen, ehe die Roſenbergs zurückkommen.“ „Wie leicht Du das fagſt, Agnes, gerade als ob es nur eines Beſuchs bei den 3— zu Hohenfels bedürfte, ummich die letzten vier Wochen vergeſſen zu machen! Ich ſage Dir, ich kann nie eine andere ſo lieben, wie ich Hilde⸗ garde liebe: Du mußt alſo ſchon einen andern Vor⸗ ſchlag machen.“ „Biſt Du feſt entſchloſſen, morgen mit ihnen zu gehen?“ „Ja wohl.“ „Was hältſt Du davon, wenn ich nach Deiner Abreiſe mit Papa ſpreche? Mama wird es ihm jeden⸗ falls ſagen, wenn ſie ſieht, daß Du wirklich fort biſt; aber Du weißt, ich kann gewöhnlich i machen, 1⁴8 was mir beliebt — und wenn ich ihm erkläre, daß Du ſehr unglücklich biſt — ganz elend — „Sage ihm, daß ich in der tieſſten Verzweiflung, oder in einem Zuſtande mich beſinde, um jeden Exceß zu begehen! Sage ihm, daß ich davon geſprochen habe, mit Hildegarde nach Amerika auszuwandern; — ſag' ihm, was Du willſt, Du liebe kleine Vermittlerin! wenn Du nur ſeine Einwilligung erlangen kannſt.“ „Aber ſetze den Fall, es gelänge mir mit Papa, und Mama wäre unerbittlich?“ „O, laß mich nur mit der Mutter machen; von ihr fürchte ich keinen ernſthaften Widerſtand.“ „Da, beſorge ich, biſt Du ſehr im Irrthum,“ ſagte Agnes: „aber,“ fügte ſie munter hinzu, „laß uns das Beſte hoffen!“ „Ja, und laß uns einen Spaziergang machen und Du follſt dann alle meine Plane für die Zukunft hören.“ Als ſie zuſammen foriſchlenderten, hörte Hamilton Zedwitz ſagen, „ich werde die Armee verlaſſen. Der Vater wird mir wahrſcheinlich Schloß Wolfſtein geben, da er das Gebirge ebenſo wenig leiden kann, als i es liebe. Wir werden nahe bei Hohenfels und den Z— ſein und das macht ſich ſehr angenehm. Als ver⸗ heiratheter Mann, als Familienvater und dergleichen, wüßte ich Niemand, den ich eher zum Nachbar möchte.“ In ſehr früher Stunde verſammelten ſie ſich Alle WMorgens zum Kaffee. Herr Roſenberg reiste um die⸗ ſelbe Zeit nach München ab; Hamilton ſchloß, daß er mit den Anordnungen ſeiner Frau bezüglich ſeiner Perſon zufrieden war, da er ihm beim Abſchied warm die Hand ſchüttelte und die Hoffnung ausſprach, ihn im Laufe der nächſten Woche wieder zu ſehen. Madame Roſenberg gab ihm beim Scheiden noch man⸗ cherlei Anweiſungen und Commiſſionen, die Hamilton nicht ganz verſtand; dieß war auch, wie er vermuthete, bei Herrn Roſenberg der Fall, obwohl er auf die Be⸗ fehle ſeiner Frau mit einer Geduld hörte, die zum 149 Beweis diente, daß er Hiob in mehr Beziehungen als nur darin glich, daß er Töchter hatte, die von keiner Frau im ganzen Lande an Schönheit übertroffen wurden. Der char-à-banc, den ſie ſo glücklich waren in Traunſtein zu erhalten, hatte fünf Sitze und Raum für die ganze Geſellſchaft. Bei dem erſten, nur einigermaßen ſteilen Hügel ſprangen beide junge Männer aus dem Wagen, und als er hielt, um ſie wieder aufzunehmen, hatte Hamil⸗ ton keine Schwierigkeit, ſeinen Platz neben Hildegarde Zedwitz abzutreten, der wie die perſonificirte Dank⸗ barkeit ausſah; und wohl durfte er das, denn der arme Hamilton hatte einen ſehr tumultuariſchen Geſellſchafter bekommen und ſaß ſo, daß er kaum umhin konnte, die geflüſterten Plane künftigen Glücks, die hinter ihm gemacht, geprüft und verbeſſert wurden, zu hören, während er vor ſich die Taktik von Zedwitz beobachten konnte, der mit nicht geringer Geſchicklichkeit das Ter⸗ rain recognoseirte, ehe er den Hauptangriff, den er vor hatte, eröffnete. Der Nachmittag war ſchon weit vorgerückt, ehe man das Bauernhaus erreichte, wo der Kutſcher mit ſeinen Pferden übernachten ſollte, während ſie ihren Marſch zu Fuß fortſetzten. Der Weg war ſteiler und länger, als ſie erwartet hatten, und die Hitze drückend. Hildegarde, Creſcenz und die zwei Knaben erwieſen ſich als vortreffliche Fußgänger; Major Stultz keuchte mit Mühe hinter ihnen her — ſeine Anſtrengungen, kräftig zu erſcheinen, verdienten beſſern Erfolg — aber ach! nachdem er wenigſtens zwanzigmal die Schweiß⸗ tropfen von ſeinem purpurrothen Geſicht abgewiſcht und ſelbſt ſeine ſteife, ſchwarze Kravatte abgenommen hatte, um leichter Athem zu holen — ſank er erſchöpft auf einen Felsblock und erklärte, daß er ſeit dem ruſſiſchen Felbzug von 1812 niemals wieder ſeine Füße habe recht gebrauchen können. Madame Roſenberg ſah einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen aus, was ſie thun ſollte. Sie wäre gern artig geweſen, und erbot ſich deßhalb nach einigem Bedenken, bei ihm zu bleiben, bis er ausgeruht hätte. Aber da er es ablehnte, erklärte ſie ſogleich, ſie wolle voraus gehen und das Abendeſſen zurichten. Der arme Mann! er ſah ſehnſüchtig nach Creſcenz. Madame Roſenberg verſtand ihn, ſchüttelte aber mißbilligend den Kopf, ſagte, ſie wolle einen der Führer bei ihm laſſen, und bat, er möchte ſich nicht im Mindeſten beeilen. Creſcenz, die ſich mit ihren beiden Brüdern beluſtigte, ind em ſie wilde Blumen und Brombeeren pflückte, wandte ſich zu Hamilton und gab ihm eine Hand voll von den letztern und erklärte, ſie wolle ihm zeigen, wo noch mehr zu bekommen wären. Die Einladung war unwiderſtehlich; und nachdem ſie ihrer Mutter geſagt hatte, daß ſie Hildegarde, die noch in Sicht waren, einholen wollten, eilten ſie mit einander davon. Das Geſpräch war anfangs ohne Zuſammenhang, und häufig vom Herumreißen an dem Gebüſch und gegenſeitigen Anerbietungen der größten Brombeeren unterbrochen; allmälig aber wurde die duftende Frucht vernachläſſigt, und die Blumen — ſelbſt die ſchönen Feuernelfen und die wohlriechenden Cyelamen, die Major Stultz gepflückt und ihr gegeben hatte, wurden gedankenlos aus einander gezupft und weggeworfen, während ſie auf Hamilton's Bemerkungen horchte, oder ſeine zahlloſen Fragen beantwortete. Sie ſprach ohne Rückhalt von ihrer Lebensweiſe in der Schule, legte eine mädchenhafte Wichtigkeit auf ihrer früheren Ge⸗ ſpielinnen Anſichten und geringfügigſte Handlungen; beklagte ſich, daß man während der Schulſtunden nicht hatte ſprechen dürfen, aber in der Erholungs⸗ zeit herum ſpringen und hüpfen müſſen, anſtatt daß ſie ſich lieber in eine Ecke geſetzt hätte, um mit ihrer Freundin Lina zu ſprechen; daß man beim Eſſen auf das Vorleſen hatte hören müſſen; vor allem aber, daß 151 ihr am Tage des Eintritts das lange Haar ganz ab⸗ geſchnitten worden ſei. „Ich war ganz untröſtlich darüber,“ ſagte ſie lachend, „und weinte Tage lang, aber Hildegarde machte ſich nicht im Mindeſten daraus, vielleicht,“ ſetzte ſie hinzu, „weil ſie ein Jahr älter war.“ Hamilton dachte, der Grund möchte anderswo, — vielleicht in einem Mangel an perſönlicher Eitelkeit ge⸗ legen ſein, — aber ſagte natürlich nichts davon. Sie waren zehn Jahre auf der Schule geweſen, ohne je die Erlaubniß erhalten zu haben, einen Tag zu Hauſe zu⸗ zubringen. „So,“ fuhr ſie fort, „wußten wir durchaus nichts von unſerer Stiefmutter, und ſehr wenig von Papa, obwohl er uns oft beſuchte und mit Mademvoiſelle Hortenſe über uns ſprach. Zu den Prüfungen kamen ſie gewöhnlich Beide und Mama pflegte uns eine Eis⸗ torte mitzubringen; aber Hildegarde hätte es gerner gehabt, wenn ſie weggeblieben wäre, da ſie ſich ihrer ſchämte.“ „Und warum ſchämte ſie ſich ihrer? „O, weil alle die anderen Mädchen ſo nette Müt⸗ ter und Tanten hatten und Hildegarde die Mama für ſo gar vulgär hält.“ „Sie ſcheint doch eine gutmüthige Perſon zu ſein.“ „O gewiß — aber Hildegarde kann die gutmüthi⸗ gen Perſonen nicht leiden.“ Wirklich! Bitte, was für Perſonen hat ſie denn gern?“ „Ich weiß nicht, ob es ihr recht wäre, wenn ich es Ihnen ſage, oder nicht.“ „Und ich glaube nicht, daß Sie dieſelbe vorher darum fragen müſſen?“ * „Das iſt wahr; und außerdem ſchadet es nichts, wenn man Grafen und Barone lieb hat!“ „Keineswegs; Sie haben mir vor einigen Tagen geſagt, daß Sie ziemlich auch eine Vorliebe der Art hätten.“ „Ja — ich geſtehe es, ich möchte gerne eine Von, eine Baroneſſe oder Gräſin ſein — aber der Unter⸗ ſchied iſt der, ich fürchte mich bei vornehmen Leuten, und Hildegarde liebt ſie. Ich habe geſehen, wie ſie von der Baroneſſe Z. Bücher geliehen und kürzlich mit dieſen ſtolzen Zedwitzs geſprochen hat.“ „Sie halten es alſo auch für wahrſcheinlich, daß ſie an den Aufmerkſamkeiten des Grafen Zedwitz eini⸗ gen Gefallen findet?“ „Ich weiß es nicht. Hildegarde ſpricht von ſol⸗ chen Dingen nie, wenn ſie auf ſie ſelbſt Bezug haben, obwohl ſie erwartet, daß ich ihr Alles ſagen ſoll! Ich ſah die alte Gräfin Zedwitz geſtern mit ihr im Garten ſprechen, — die Gräfin ſah ſehr roth aus und nickte beſtändig mit dem Kopf, und Hildegarde war ſehr blaß und hochfahrend. Ich fragte ſie, worüber ſie geſpro⸗ chen haben, aber ſie fand nicht für gut, es mir zu ſagen. Ich glaube wohl, es war etwas Unangenehmes.“ „Das iſt nicht unmöglich,“ ſagte Hamilton ſin⸗ nend; „in der That wohl wahrſcheinlich. Sie wiſſen alſo nicht, ob Ihre Schweſter den Grafen Zedwitz gern hat oder nicht.“ „Nein; ſie bemerkte nur einmal, da wir von Schön⸗ heit ſprachen, ſie halte es bei einem Mann nicht für nothwendig, daß er ſchön ſei.“ „Das war auf ihn ziemlich anwendbar; aber er iſt ihr ſo ergeben, daß ich denken ſollte, er wäre un⸗ widerſtehlich.“ „Ich glaube nicht, daß dieß die rechte Art iſt, Hildegarde zu gefallen.“ „Ich hätte gedacht, Ergebenheit müſſe jeder Frau angenehm ſein.“ Aber Hildegarde hat ſo ſonderbare Ideen. Ich „ erinnere mich, wie ſie, gerade ehe wir die Schule ver⸗ ließen, zu Mademoiſeile Hortenſe ſagte, ſie glaube 153 eher einen Mann lieben zu können, vor dem ſie ſich fürchten müßte!“ „Seltſames Mädchen!“ ſagte Hamilton. „Seltſames Mädchen, ja wohl!“ wiederholte Cres⸗ cenz; „und Andere denken ſo verſchieden. Ich möchte mich nicht gerne vor Jemand fürchten, den ich liebe, und das iſt einer der Gründe, warum ich glaube, daß nur Leute von ungefähr gleichem Alter einander hei⸗ rathen ſollten.“ Hamilton drehte ſich ſchnell zu ſeiner Gefährtin um, deren tiefes Erröthen ihren letzten Worten eine ſpecielle Bedeutung gab. Hildegarde, Zedwitz und Fritz waren ihnen weit voraus. Madame Roſenberg mit Guſtel und die zwei mit Mundvorräthen beladenen Führer eben ſo weit dahinten. Sie wurden ſentimental, ſchauten oft rück⸗ wärts, um die Ausſicht, die mit jedem Moment an Schönheit und Ausdehnung gewann, zu bewundern. Sie wünſchte, eines von den hübſchen, friedlichen Bauernhäuſern zu bewohnen, die im Thale unter ihnen zerſtreut lagen. Hamilton wünſchte natürlich, ihr Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Sie ſeufzte und murmelte etwas dar⸗ über, daß er ſie verſtehe, was, wie ſie fürchte, bei Ma⸗ jor Stultz nimmer der Fall ſein würde. Hamilton erklärte mit ungewöhnlicher Wärme, daß es ſchrecklich wäre, an eine ſolche Heirath zu denken! Ein ſolches Opfer! Und für den Augenblick meinte er es ernſtlich, denn er dachte an den Major, wie er ihn zuletzt ge⸗ ſehen hatte, während er auf das blühende, jugendliche Geſicht vor ſich blickte; und nie hatte Creſcenz ſo hübſch ausgeſehen! Einige alltägliche Ausdrücke der Bewun⸗ derung wurden mit ſo augenſcheinlichem Vergnügen aufgenommen, daß Hamilton die Verſuchung unwider⸗ ſtehlich fand, und von der Bewunderung faſt unmerk⸗ lich zu einer ſehr abgeſchmackten, aber ziemlich unbe⸗ ſtimmten Liebeserklärung hinüber gleitete. Kaum waren ihm jedoch die Worte über die Lip⸗ 1⁵⁴ pen gekommen, ſo wurde er ſich ſeiner Thorheit bewußt. Seine Beſtürzung war aber unbeſchreiblich, als Cres⸗ cenz, bedeckt mit Purpurröthe, geſtand, daß ſie ihn vom Anfang ihrer Bekanntſchaft geliebt habe, und hinzufügte, ſie wäre geneigt, ihm zuliebe dem Zorn von Vater und Mutter zu troßen und dem Major Stultz den Abſchied zu geben. Hamilton war vollkommen wie vom Blitze getroffen und einen Augenblick ganz unfähig, eine Sylbe zu äußern; ſobald er jedoch ſeine Gedanken geſammelt hatte, begann er mit gezwungener Stimme und faſt ebenſo aufgeregt, wie ſie, zu erklären, daß er ein jüngerer Sohn, gänzlich abhängig von ſeinem Vater, wäre und gar keine mögliche Ausſicht hätte, in den nächſten zehn oder zwölf Jahren an eine Heirath zu denken. Creſcenz ſah ihn einen Angenblick vorwurfsvoll an und brach dann, das Geſicht mit den Händen be⸗ deckend, in Thränen aus. Hamilton war nie über ſich ſo ärgerlich geweſen, als in dieſem Moment. Es war wirklich ein unver⸗ eihlicher Fehler von ihm, und er fühlte, daß Creſcenz ziecht hatte, als ſie ihn von ſich ſtieß und ſich wei⸗ gerte, auf ſeine Entſchuldigung zu hören. Er hatte in der That nie daran gedacht, daß ſie ſich um ihn mehr, als um jede andere Perſon kümmere, die ihr Auf⸗ merkſamkeiten zu erweiſen geneigt wäre, und ſie war ihm noch Tags zuvor, — nein, noch dieſen Tag — ſo voll⸗ kommen glücklich erſchienen, daß er ſich natürlich ein⸗ bildete, ſie wäre mit ihren künftigen Ausſichten ganz und gar zufrieden, und erwartete, ſie würde, was er ihr geſagt hatte, mehr als einen ihrer Jugend und Schönheit dargebrachten Tribut, denn als einen ernſt⸗ lichen Antrag aufnehmen, um ſo eher, als er mit Allem, was er ſagte, nicht die geringſte Anſpielung auf eine Heirath gemacht hatte. Er ſchritt jetzt be⸗ trübt hinter dem weinenden Mädchen her, in deſſen 15⁵ Geheimniß er durch eine ſo unverantwortliche Gedanken⸗ loſigkeit eingedrungen war. Umſonſt verſuchte er, ſich damit zu entſchuldigen, daß er dachte, ſie wäre eine Erz⸗ coquette und würde ihn bald vergeſſen: er begann jetzt ernſtlich daran zu zweifeln, daß ſie eine ſolche wäre, indem ſich nunmehr Alles, was ihn zu jenem Schluß geführt hatte, auch anders erklären ließ; die Annahme von Major Stultz's Geſchenken und ihre anſcheinende Zufriedenheit damit konnte auch affektirt geweſen ſein, um ſeine Eiferſucht zu erregen: ihrer Schweſter Aeuße⸗ rungen im Kreuzgang beſtätigten dieſe Vorſtellung. Er traute ihr nicht Verſtand genug zu, um ſich wirklich dadurch geveinigt zu fühlen, daß ſie ihm ihre Liebe geſtanden hatte, aber ſelbſt dieſer Troſt war ihm ver⸗ ſagt, denn bei einem entfernten Wink, wie unnöthig es wäre, daß je eine andere Perſon von ihrem letzten Ge⸗ ſpräche Kunde erhielte, rang ſie die Hände und rief bitter aus: „O, wie konnte ich eine ſolche Thörin ſein, mich ſo zu verrathen!“ Sie ſchritten lange ſchweigend neben einander hin, aber Creſcenz war zu gut und ſanft, um unerbittlich zu ſein, und noch vor dem Ende ihres Spaziergangs hatte er Verzeihung und das Verſprechen des Still⸗ ſchweigens erhalten — das Letztere ohne Schwierig⸗ keit, da ſie unbefangen geſtand, ſie fürchte ſich ebenſo ſehr vor ihrer Mutter Zorn, als ihrer Schweſter Ver⸗ achtung. Sie kamen Beide völlig niedergeſchlagen auf der Alpe an; Creſcenz's melancholiſches Geſicht war eine Art Vorwurf, dem Hamilton gerne ausgewichen wäre; und er bereute jetzt herzlich, mit Madame Roſenberg eine Uebereinkunft getroffen zu haben. Ehe Creſcenz's Hochzeit vorüber war, hatte er keine Ausſicht auf Ge⸗ müthsruhe oder irgend einen Genuß, und mancherlei Gelübde wurden innerlich abgelegt, in Zukunft vor⸗ ſichtiger zu ſein. 156 „Kommen Sie, Hamilton, Sie ſollen den Sonnen⸗ untergang ſehen,“ rief Zedwitz, indem er ihn am Arm nahm und mit ſich führte. Er war in ungemein guter Laune und ſchwatzte in Einem fort, ohne auf eine Antwort zu warten oder nur zu bemerken, daß ſein Begleiter dem, was er ſagte, gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Sie ſtanden auf der Spitze der Alpe; hinter ihnen und zu beiden Seiten erhoben ſich in Form eines Halbmondes Berge von allen möglichen Geſtalten, von den gigantiſchen Felſenhörnern, auf welchen der Schnee lag, bis zu dem reichbewaldeten Berghang und der grünen Alpe; dazwiſchen Hügel, Thäler, Wälder, Bäche, Seen, Städte, Dörfer, mehr als das Auge auf einmal überſchauen, oder der Geiſt faſſen konnte. Hildegarde und Creſcenz geſellten ſich zu ihnen, als die Veſperglocke läutete. In Seon war das Letztere gewöhnlich geſchehen, während ſie am Abendeſſen ſaßen. Das Geklapper von Meſſern, Gabeln und Zungen hörte dann augenblicklich auf und eine ehrerbietige Stille trat ein, die weder durch ein Wort, noch eine Bewe⸗ gung unterbrochen wurde, bis der letzte Laut der Glocke verklang; worauf, als wenn ein Zauber gelöst worden wäre, Jedermann ſeinem Nachbar guten Abend wünſchte und mit erhöhtem Eifer die unterbrochene Beſchäf⸗ tigung wieder begann. Es hatte auf Hamilton immer einen Eindruck wie etwas Muhamedaniſches gemacht, dieſer Ruf zum Gebet, beſonders wenn er mitten in einem Geſpräch erfolgte, wo die Schwierigkeit, ſeinen Gedanken Still⸗ ſtand zu gebieten, ſich zehnfach vermehren mußte. Nicht ſo kam es ihm dieſen Abend vor: als Dorf nach Dorf und jeder Kirchthurm nah und fern die fried⸗ lichen Klänge über die Ebene dahin ſendete, war ein Gefühl begeiſterter Andacht unwiderſtehlich. Es ſchien, als obdie feierlichen Töne, wenn ſie das Gebirge erreich⸗ ten, paufirten, um in der Luft zu vibriren, während ſie die Gebete ſammelten, welche ſie in tauſend Echo's zum Himmel zu tragen im Begriff waren. Zedwitz ſtand mit entblößtem Haupte und gekreuz⸗ ten Armen da; Creſcenz faltete die Hände und be⸗ wegte die Lippen im Gebet. Hildegarde's Augen wa⸗ ren ſo unbeweglich auf die goldenen Wolken über ihr geheftet, daß man nicht umhin konnte, zu denken, ſie wünſche ſich in dieſem Augenblick die Flügel einer Taube, um davon zu fliegen und Ruhe zu finden. Ein Bote von der Sennhütte wartete reſpettvoll, bis der letzte Ton in der Ferne erſtarb, ehe er ſie zum Abendeſſen rief. Die Unterbrechung war ihnen Allen unwillkommen; aber ehe ſie hinabſtiegen, kam man überein, wieder mit den Führern zurückzukehren und ein luſtiges Feuer zu machen. Sie fanden Madame Roſenberg, wie gewöhnlich, ſich geſchäftig herumtreibend, überall, und Jedermann Befehle und Anweiſungen ertheilend. Fritz und Guſtel ſtahlen Kuchen und Zucker; und Major Stultz, der erſt ſpät eingetroffen zu ſein ſchien, ſaß in Hemdärmeln da, ſehnſüchtig ein Glas Bier betrachtend, das er in ſeinem erhitzten Zuſtande zu trinken ſich ſcheute, während er, um die Operation der Abkühlung zu beſchleunigen, ſich mit ſeinem rothgelben Taſchentuch Luft zufächeite. Ha⸗ milton ſchaute auf Creſcenz, aber als ihre Augen ſich begegneten, bereute er, es gethan zu haben, und be⸗ ſchloß, ſich durch Nichts bewegen zu laſſen, weder ſie noch Major Stultz auf lange Zeit wieder anzuſehen. Etwas jedoch mußte er ſuchen, woran ſein Intereſſe haften konnte, und er wandte ſich zu Hildegarde: ein gefährlicheres Studium hätte er aber kaum finden kön⸗ nen. Sie ſaß auf dem Graſe vor der Thüre eines hölzernen Pavillons zur Seite ihrer Brüder, und ſchien zum erſten Mal, ſeit er ſie kannte, mit ihnen beſchäf⸗ tigt. Es war dieß eine ruhige Art, Zedwitz auszu⸗ weichen, die im Contraſt zu der Coquetterie ihrer Schweſter Hamilton beſonderes Intereſſe einflößte. Die⸗ ſes kaum wahrnehmbare Vermeiden blieb jedoch unbe⸗ merkt. Zedwitz war zu ſehr von Bewunderung erfüllt und hatte nur Augen und Ohren für ſie. Ermüdung verlängerte das Mahl und die Dämme⸗ rung war in Nacht übergegangen, ehe ſie an Aufbruch dachten. Madame Roſenberg und Major Stultz erklär⸗ ten endlich, es wäre Zeit, ſich zur Ruhe zu begeben, die Anderen erinnerten ſich, daß ſie beſchloſſen hatten, auf der Spitze des Bergs ein Feuer zu machen, und beſtanden darauf, ihren Plan in Ausführung zu brin⸗ en. Major Stultz fürchtete ſich, zu widerſprechen, und olgte Creſcenz: die Führer wurden in Requifition ge⸗ ſetzt, und in kurzer Zeit ſammelte Jedermann Holz und brachte es auf einen Haufen. Das Feuer brannte hell und beleuchtete maleriſch die verſchiedenen Mitglieder der Geſellſchaft, während ſie ſich zerſtreut herum gelagert hatten, indem Einige auf Baumſtumpen ſaßen, Andere auf dem Gras ausge⸗ ſtreckt waren, alle ermüdet, aber doch alle an ihrer neuen Lage Gefallen findend. Hamilton befand ſich abſeits von den Anderen und ſchaute zu, ohne ſich in vas gleichgültige Geſpräch, das unterhalten wurde, zu miſchen — es war für ihn wie eine Scene im Schau⸗ ſpiel; er verſtand die doppelte Intrigue und hatte be⸗ ſchloſſen, Hildegarde zur Heldin zu machenz aber ſollte Zedwitz der Held ſein, der am Ende die ſchöne Hand davontrüge? Nein — unerklärlich genug fand er, daß, um in ſeinen Plan zu paſſen, der alte Graf vollkommen unerbittlich ſein mußte. Zedwitz mußte die Sache als hoffnungslos aufgeben; und Hildegarde! Hildegarde ſollte — zu — zu Hauſe bleiben — ja — ſo würde ſich's machen — eine Inſaſſin in ihres Vaters Hauſez und jetzt verwandelte ſich Hamilton unbewußt aus einem Zuſchauer, der er hatte ſein wollen, in Gedanken in einen Schauſpieler. Er war auch in dieſem Hauſe — Hildegarde ſollte ſich unvermerkt von ſeinen guten Eigenſchaften und ſeiner hübſchen Außenſeite über⸗ 15⁵9 zeugen — ſollte ſich mit einem Wort verzweifelt in ihn verlieben, er alleweile eine ſtoiſche Gleichgültigkeit be⸗ haupten. Ein Gefühl der Ehre würde ihn dann ver⸗ anlaſſen, in einer höchſt intereſſanten Scene zu erklären, wie unmöglich eine „Sie Creſcenz . Zed⸗ wi Hier brach die Geſellſchaft am Feuer auf. Die Kinder waren eingeſchlafen und mußten nun von den Führern nach der Sennhütte getragen werden. Ma⸗ dame Roſenberg, Hildegarde und Creſcenz folgten; Major Stultz blieb zurück, um ſeine Pfeife auszurau⸗ chen, und die beiden jungen Männer ſieckten friſche Ci⸗ garren an, ſprachen aber kein Wort mit einander, ehe ihr Geſellſchafter ſie verlaſſen hatte, worauf Zedwitz ſeine Cigarre in die noch glühende Aſche warf und plötz⸗ lich fragte: „Wiſſen Sie, wo Sie heute Nacht ſchlafen werden?“ „O nein,“ antwortete Hamilton, „aber ich erwarte nicht, daß unſer Nachtlager auch nur leidlich ſein wird.“ „Wir ſollen Alle zuſammen auf dem Heuboden ſchlafen.“ „Ich habe das früher ſchon gethan und eine Nacht hat es nichts zu bedeuten; aber Major Stultz?“ „Schläft auch auf dem Heuboden.“ „Und die Knaben?“ „Auf dem Heuboden.“ „Uind die Damen?“ „Auf dem Heuboden.“ „Unfinn, Zedwitz — Sie ſcherzen.“ „Mein vollkommener Ernſt; es iſt nur ein Bett im Hauſe und dieß ſo wenig einladend, daß Niemand den Muth hat, es zu benützen. Wir werden Alle mit einander auf dem Heuboden ſchlafen. Die Idee gefällt mir. Wollen wir gehen? Ganz gewiß. „Dieß, dachte Hamilton, als ſie den Berg hinab⸗ ſtiegen, iſt Etwas ganz außer dem gewöhnlichen Lauf der Dinge. Ich bin begierig, was das für eine Art von Boden iſt. Das einzige Licht im Hauſe kam von dem Küchen⸗ feuer, das noch auf dem hohen offenen Heerd brannte; neben demſelben ſaßen einer von den Führern und ein Bauernmädchen, das von einem der Häuſer im Thal gekommen war, und Beide waren ſo ſehr in ihr offenbar vertrauliches Geſpräch vertieft, daß ſie von der Gegen⸗ wart der Fremden gar Nichts merkten, bis Zedwitz la⸗ chend fragte, wo der Heuboden wäre. „Hier gehen Sie hinauf,“ ſagte der Mann mit etwas verlegener Miene. „Aber nehmen Sie ſich i Acht, daß Sie nicht ſtolpern, es iſt ſo finſter.“ Ihm folgte Hamilton auf dem Fuß und Beide ſtie⸗ gen ſtill und vorſichtig die etwas gebrechliche Leiter zu dem Boden hinauf und traten durch eine Fallthüre ein. Er war ganz voll Heu und bei dem Lichte, das ſpärlich durch ein einziges Giebelfenſter hereinſtel, konnten ſie mehrere Geſtalten in mancherlei Lagen rings um ſie herum ausgeſtreckt ſehen, aber nicht unterſcheiden, ob ſie wirklich ſchliefen oder nicht. Major Stultz war in dieſem Punkte allein mittheilſam — er lag mit weit offenem Munde und ſchnarchte tief. „Ich glaube, Hamilton, wir müſſen unſern Platz am Eingang nehmen?“ flüſterte Zedwitz. „Ich kann den Zug nicht ertragen,“ erwiederte der Andere, indem er auf das Ende des Bodens zuging, wo Madame Roſenberg und die Kinder lagen. Bei ſeiner Annäherung begannen zwei Geſtalten ſich langſam von ihnen hinwegzurollen — ein unter⸗ vrücktes Lachen und ein zorniges „Pſt“ verrieth auf einmal die Schweſtern; und kaum hatten er und Zed⸗ witz ihren Platz ausgewählt, ſo bemerkten ſie, daß eine Scheidewand von Heu in ihrer Nachbarſchaft aufge⸗ führt wurde. Nachdem Hamilton bald die Ueberzengung gewon⸗ nen hatte, daß Madame Roſenberg und die Kinder 161 ſchliefen, fühlte er ſich ſehr geneigt, ein Geſpräch mit den beiden Mädchen anzufangen; aber an welche von beiden ſollte er ſich wenden? Bei Hildegard hatte er wenig Hoffnung auf Antwort — von Creſcenz fühlte er, daß er keine verdiente. Umſonſt drang er in Zed⸗ witz, anzufangen, indem er ihm ſagte, er könne nicht ſchlafen; das Heu wäre zu heiß und der Boden zu kait und unbehaglich; er könne nicht ruhig aushalten u. ſ. w. u. ſ. w.; ſein Gefährte wandte ſich von ihm weg und ſagte leiſe, er wiſſe, Hildegarde würde nichts ſpre⸗ chen, und Creſcenz habe er nichts zu ſagen. In wenigen Minuten war auch er feſt eingeſchlafen und überließ es nun Hamilton, ſich ſo gut als möglich zurechtzufinden. Nachdem er alle möglichen Lagen ver⸗ ſucht hatte, ergab er ſich endlich in ſein Schickſal und beſchloß, ſich nicht wieder zu rühren. Nach halbſtündiger Stille begannen Hilbegarde und ihre Schweſter mit einander zu flüſtern. „Iſt das nicht ein ſchreckliches Schnarchen von dem Manne, Hildegarde? Geſtehe, er ſah dieſen Abend beim Eſſen abſcheulich aus, wie er gleich einem Schuh⸗ macher oder Schneider in Hemdärmeln da ſaß?“ „Bei einer Partie dieſer Art ſtellt er ſich Dir, meine Liebe, ſehr zu ſeinem Nachtheil dar; zu Hauſe iſt er gewiß ganz anders — was ſein Schnarchen be⸗ trifft, ſo weißt Du, daß auch Papa manchmal ſchnarcht.“ „Ich weiß, Du biſt entſchloſſen, nichts zu ſehen, was ihn nicht in ein günſtiges Licht ſetzen kann, und ich bedaure nur, daß Du ſeine Vollkommenheiten nicht bälder entdeckt haſt — Du würdeſt mir eine Welt von Elend erſpart haben.“ Auf dieſe Worte erfolgte keine Antwort und eine lange Pauſe trat ein. . „Hildegarde, biſt Du böſe?“ fragte endlich Cres⸗ cenz ſchüchtern. „Nein, ich bin nur müde, immer daſſelbe hören zu müſſen.“ Die Anfangsbuchſtaben. I. 1¹ 162 „Vergib mir, Liebſte, und ich verſpreche Dir, Du ſollſt es zum letzten Mal gehört haben; aber nun er⸗ warte ich auch, daß Du mir auf eine offene Frage Antwort gibſt. Du kannſt nicht länger behaupten, gegen Graf Zedwitz's Aufmerkſamkeiten blind zu ſein — was gedenkſt Du darauf zu antworten?“ Die Flüſternden hatten bis jetzt unhörbar geſpro⸗ chen, aber in Folge einer veränderten Lage der Spre⸗ cherin, erreichte dieſe Frage deutlich Hamilton's Ohren. Er war ſehr neugierig, die Antwort zu vernehmenz aber ohne einen Augenblick zu zögern, bewegte er ſich und huſtete. Nicht ein Laut ließ ſich jetzt mehr vernehmen, nicht ein Flüſtern wurde mehr während der ganzen langen zwei Stunden verſucht, da er wach und bewe⸗ gungslos da lag und den Morgen herbeiwünſchte. Und als der Morgen kam, ſchlief Hamilton ge⸗ ſund; er ſah nicht die Schweſtern, als ſie auf den Zehen an ſeinem Lager vorbeigingen; er hörte nicht den Vorſchlag von Fritz, ihn mit Heu zuzudecken, noch von Guſtel, ihn zu kitzeln, noch die Ermahnungen von Madame Roſenberg, die ihnen drohte, ſie in Zukunft immer zu Hauſe zu laſſen, wenn ſie es wagten, einen Lärm zu machen. — Beim Erwachen fand er ſich als alleinigen In⸗ haber des Bodens, und hatte anfänglich einige Schwie⸗ rigkeit, ſich zu erinnern, wo er wäre. Es war noch ſehr frühe, und in der Hoffnung, die Sonne von dem Gipfel der Alpe aufgehen zu ſehen, eilte er hinaus in die friſche Morgenluft. Die Sonne war jedoch ſchon über dem Horizont, und die hellen Tagesſtrahlen färb⸗ ten die Höhen der Gebirge. Einige Minuten brachten ihn auf die Stelle, wo ſie alle vorigen Abend um das Feuer herumgeſeſſen waren. Das verkohlte Holz be⸗ zeichnete dieſelbe und hätte Hamilton, wie er erwar⸗ tete, die Geſellſchaft hier gefunden, ſo würde er ſich wahrſcheinlich Zeit genommen haben, die Ansſicht, die 163 ihn wenige Stunden zuvor ſo ſehr entzückt hatte und nun in der Deutlichkeit des frühen Morgens ſelbſt ſchöner war, noch einmal zu bewundern. Aber er ge⸗ hörte zu den geſelligen Geſchöpfen, und da er ſich un⸗ erwartet allein fand, war ein haſtiger Blick der Be⸗ wunderung Alles, was er der wechſelvollen, unter ihm liegenden Ebene ſchenkte, dann kehrte er eiligen Schritts nach der Sennhütte zurück. Einer der Führer begegnete ihm an der Thüre und benachrichtigte ihn, daß Madame Roſenberg und die Anderen ſchon vor einiger Zeit abgegangen ſeien und auf dem Bauernhofe, wo ſie den Wagen gelaſſen hat⸗ ten, ſich ankleideu und frühſtücken wollten. Eine kurz Zeit reichte für ihn hin, um das letzte Detachement, das aus Madame Roſenberg, Creſcenz und Major Stultz beſtand, einzuholen, und ſie gingen nun gemächlich des Wegs mit einander fort. Zilde⸗ garde war vorausgeſchickt worden, das Früßſtück zu beſtellen und hatte, als ſie fand, daß Zedwitz ſie zu be⸗ gleiten beabſichtigte, ihre zwei Brüder mitgenommen. Bei der Ankunft in dem Bauernhauſe fanden ſie dieſelbe eifrig an einem unter den Bäumen ſtehenden Tiſch damit beſchäftigt, den Kindern Brod und Milch herzurichten. „Was? Du biſt ſchon für Salzburg angekleidet, Hildegarde?“ rief Madame Roſenberg. „Du mußt ſehr ſchnell gegangen ſein; ich hoffe, die Knaben haben ſich nicht zu ſehr erhitzt!“ und ſie legte beſorgt die Hand auf deren Stirne, um ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen. „O Mama,“ rief Fritz prahlend, „wir hätten noch viel ſchneller gehen können! Wir wären in der Hälfte der Zeit den Berg hinabgekommen! Nur Zedwitz war müde; und er wollte haben, daß wir zweimal unter⸗ wegs ausruhen ſollten.“ „Es wäre beſſer geweſen, als die Kinder der Ge⸗ 112 16⁴ fahr auszuſetzen, ſich zu erfälten,“ bemerkte Madame Roſenberg mit einem Blick auf Hildegarde. „O, wir wollten nicht ausruhen, und Hildegarde auch nicht, obwohl Zedwitz bemerkte, er hätte ihr ſo viel zu ſagen.“ „Wirklich!“ rief ſeine Mutter, indem ſie forſchend von dem Einen auf die Andere ſah; „wirklich!“ Sie wandte ſich zu Hamilton, der neben ihr ſtand, und flüſterte: „ich werde nicht fünf Minuten zum Ankleiden brauchen; Sie werden mich ſehr verpflichten, wenn Sie bis zu meiner Rücktehr hier bleiben.“ Hamilton gab keine Antwort; wartete jedoch, bis ſie gänzlich aus dem Geſicht war und ging dann, Zed⸗ witz in guter Laune zunickend, in das Haus. Madame Roſenbergs Idee von Ankleiden war nicht ſehr genau. Sie war eine von den Perſonen, die, zu Hauſe unverbeſſerlich ſchlampig, beim Ausgehen darauf halten, faſt übergeputt zu erſchei⸗ nen. Hamilton, Creſcenz und Major Stultz hatten lange gewartet, ehe ſie zum Vorſchein kam, und zum Frühſtück ohne ſie zu ſetzen, wäre eine unverzeih⸗ liche Beleidigung geweſen. Die Zögerungen ſchienen tein Ende zu nehmen, denn als ſie ſich dem Tiſche näherte, ging Zedwitz, der in der Ferne ſtand, auf ſie zu und bat, einige Worte mit ihr allein ſprechen zu dürfen. Major Stultz ſchlug vor, bis nach dem Früh⸗ ücke zu warten, aber Zrdwitz beharrte mit einem Ernſt ſt bei ſeiner Bitte, der keine Abweifung geſtattete, und die Audienz wurde ſonach bewilligt. Hamilton hätte gerne auf Hildegarde geſehen, aber er hielt ſich zurück; hätte er es gethan, ſeine Gedanken würden eine andere Rich⸗ tung genommen haben; denn ſicherlich wäre Hilde⸗ arde der Meinung geweſen, daß ſie ſelbſt der Gegen⸗ ſtand dieſer Unterhaitung ſei, hätte ſie nicht ſo ruhig, ohne nur die mindeſte Spur von Aufregung blicken zu laſſen, ſich auf den Ellnbogen ſtützen können. Creſcenz ſchien ihrer Schweſter unzerſtörbare Faſſung nicht für fünf Minuten zum —,— — 4 165 einen endgültigen Beweis zu nehmen — ihre Augen folgten ängſtlich jeder Bewegung ihrer Stiefmutter, und nur die Kürze ihrer Beſprechung und die augenſchein⸗ liche Wahrnehmung, daß ſie einfach eine Rechnung mit einander abmachten, konnte ihr die Ueberzeugung bei⸗ bringen, daß ſie ſich in der Vorausſetzung, Zedwitz halte förmlich um die Erlaubniß an, ſich um ihre Schweſter bewerben zu dürfen, geirrt habe. Sie hatte ſich in einem Vorderzimmer des Hauſes angekleidet und vom Fenſter aus ſie an der Quelle mit einander ſtehen ſehen. Zedwitz hatte lang und eifrig geſprochen und Hilde⸗ garde dem Anſchein nach ſehr ruhig, aber mit ſfichtba⸗ rem Intereſſe an dem, was er ſagte, zugehört. Ihre Antwort war kurz und entſchieden, und ſie hatte ihn plötzlich verlaſſen, um ihren Brüdern abzuwehren, die mit den Ueberreſten von Brod und Milch einander be⸗ warfen. Es hatte die beiden Schweſtern beträchtliche Mühe gekoſtet, bis ſie deren Kleider vor dem Erſchei⸗ nen ihrer Mutter wieder gereinigt hatten. Jetzt wurde ein kleiner Wagen vor das Haus ge⸗ bracht, und ein junger Bauer führte einen jungen, ſtarkgebauten Schimmel herbei und begann ihn anzu⸗ ſchirren. Zedwitz kam ruhig auf die Geſellſchaft zu und verurſachte nicht geringes Erſtaunen, als er er⸗ klärte, daß er von ihnen Abſchied nehmen wolle. Er ſühle ſich nicht wohl und gedenke, nach Seon zurück⸗ zukehren. „Sie ſind krank!“ rief Hamilton, von der Bank, auf der er läſſig ſich ausgeſtreckt hatte, aufſpringend; „Sie ſind krank und wollen allein zurückkehren! — das darf nicht ſein. Ich bin gerne bereit, Sie zu be⸗ gleiten.“ „Es iſt nicht nöthig,“ erwiederte Zedwitz, die Hand ſchwer auf ſeinen Arm fallen laſſend, während er fort⸗ fuhr, von den Anderen Abſchied zu nehmen, und die Hoffnung ausſprach, ihre Tour möchte in jeder Beziehhng angenehm ſein. „Die Wahrheit iſt,“ ſagte er, Hamilton 166 zu dem Wägelchen ziehend, das für ihn, wie ſich jetzt herausſtellte, gerichtet worden war, „die Wahr⸗ heit iſt, ich bin krank am Geiſt, nicht am Körper. Hildegarde hat meine Bewerbung ſo entſchieden zurück⸗ . gewieſen, daß ich nicht wage, ſie zu erneuern, Das Beſte, was ich thun kann, iſt, nach Seon zurückzukehren, und ich komme vielleicht noch zu rechter Zeit dort an, um meine Schweſter davvn abzuhalten, mit meinem Vater zu ſprechen. Mein raſches Zufahren mag meiner Sache geſchadet haben. Wie konnte ich erwarten, daß ſie ſich in ſo kurzer Zeit an meine Häßlichkeit gewöhne und Theil an mir nehme?“ „Ich halte es,“ ſagte Hamilton, für mehr als wahrſcheinlich, daß die Furcht vor dem Widerſpruch Ihrer Familie deren Weigerung herbeigeführt hat. 3 „Nicht im Geringſten; ſie bezog ſich gar nicht auf meine Familie, auch hatte ich nicht einmal Zeit, der⸗ ſelben zu erwähnen. Sie erklärte, ſie könne mich ſehr wohl leiden als einen Bekannten, aber nichts mehr; es wäre ihr leid, wenn ihr Benehmen mich auf andere Gedanken gebracht hätte. Nun muß ich ſie, wenn ich ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen ſoll, von jedem Schatten von Coquetterie losſprechen, was in dieſem Fall unangenehm war, da es ſo viel hieß, als mich ſelbſt einer außerordentlichen Eitelkeit anzuklagen. Aber das Peinlichſte und Entmuthigendſte bei der ganzen Geſchichte war ihre Kälte und ihr entſchiedenes Weſen; es führte mich ſogleich zu dem Schluß, daß ich nicht die erſte Perſon war, die über dieſen Gegenſtand mit ihr geſprochen hatte. Halten Sie es für möglich, daß ihre Neigung ſchon gefeſſelt iſt?“ „Ich halte es weder für möglich, noch ſelbſt für wahrſcheinlich. Sie hat ja erſt vor zwei Monaten die Schule verlaſſen!“ „Ihre Schweſter hat die Schule zur ſelben Zeit verlaſſen, iſt ein Jahr jünger und hat es doch genau in der Hälfte der Zeit verſtanden, ſich in Sie zu ver⸗ —— 167 lieben und einem Andern ihre Hanb zu verſprechen,“ rief Zedwitz bitter. „Ich bitte, bilden Sie ſich nichts der Art ein,“ ſagte Hamilton tief erröthend; „ſie iſt bloß eines von den ſanften, nachgiebigen Geſchöpfen, die mit etwas mehr als hinlänglicher Eitelkeit und Coquetterie in ihrer Natur, bereit ſind, ſich und Andere für verliebt zu halten, ohne recht zu wiſſen, was das für ein Ge⸗ fühl iſt. Dieſe Hildegarde iſt hundert ſolche werth. Ich liebe die Entſchiedenheit ihres Charakters, und ſie iſt gewiß ſehr hübſch.“ „Hübſch! Sie iſt vollkommen ſchön!“ rief Zedwitz, ich bin überzengt, ſie iſt ſo liebenswürdig, als chön.“ „Wenn Sie davon überzeugt ſind, ſo thun Sie ſehr Unrecht, ſie alſo aufzugeben. Verſuchen Sie, was Zeit und Beharrlichkeit vermag!“ „Mein lieber Hamilton, wenn Sie zu ihr geſpro⸗ chen hätten, wenn Sie dieſelbe nur geſehen hätten,“ als ich meine Sache vor ihr führte, würden Sie an⸗ ders denken. Wenn wir uns wieder begegnen, wird es wie zwiſchen gewöhnlichen Bekannten geſchehen. Aber jeder Augenblick iſt foſtbar — und ich muß jetzt fort. Ich nehme in der nächſten Stadt Poſtpferde und hoffe, Nachmittags in Seon einzutreffen. Ich wünſche von ganzem Herzen, daß meine Schweſter noch nicht Gelegenheit gehabt hat, mit meinem Vater zu ſprechen. Ich werde bei Ihrer Rückkehr kaum mehr in Seon ſein; aber Sie wiſſen meine Adreſſe in München und ich hoffe, Sie ſogleich nach Ihrer Ankunft daſelbſt zu ſehen. Adieu!“ Er ſprang auf den Wagen, verbeugte ſich gegen die am Frühſtücktiſch ſitzende Geſellſchaft und fuhr davon, während Hamilton, an die Hausthüre gelehnt, ihm nachſchaute. „Das iſt,“ dachte er, „der Mann, von dem ich mir einbildete, er wäre voll von deutſcher Romantik 168 und Enthuſtasmus! Und doch hätte ſelbſt mein Bru⸗ der John ſich nicht mit ruhigerer Reſignation in ſein Schickſal ergeben können; aber dann würde er mit ſeiner Gleichgültigkeit Parade gemacht haben. Die Engländer thun gerne ſo, während die Deutſchen, ver⸗ muthe ich, geneigt ſind, ſich mehr Gefühl zuzuſchrei⸗ ben, als ſie wirklich beſitzen. Doch, was hätte er bei Allem thun können? Sich todtſchießen, gleich Werther? Abſurd! Was würde ich gethan haben? Ich habe nicht die entfernteſte Idee davon; aber ich habe es nie über die zeitweilige Bewunderung für ein Mädchen gebracht. Sehr ſonderbar! Jack ſagte, daß er verliebt geweſen, ehe er zwölf Jahre alt geworden ſei. Der frühreife Burſche! Zedwitz hatte kürzlich Recht, als er bemerkte, meine Gefühle und Ideen wären nicht die eines Man⸗ nes von meinen Lebensjahren. Gleichwohl ſchmeichle ich mir, das, was ich, wie er es nennt, an Friſche des Gefühls verloren, in anderer Hinſicht wieder gewon⸗ nen zu haben, und kann jetzt, trotz meiner Jugend⸗ ruhig betrachten, was um mich vorgeht, während Zed⸗ witz, ſo viele Jahre älter als ich, mit dem raſchen Ungeſtüm eines Knaben gehandelt hat. In all' dem ſtolzen Bewußtſein frühzeitiger Welt⸗ kenniniß ſetzte ſich Hamilton zum Frühſtück nieder und ließ ſich von Madame Roſenberg den Kaffee einſchen⸗ ken, die ſich nicht genug verwundern konnte, was dem Grafen geſchehen ſein könne, der doch, wie ſie behaup⸗ tete, den ganzen Morgen wohl geweſen war. Seine Augen ſchauten boshaft nach Hildegarde hinüber, aber ſie ſchien es nicht in Acht zu nehmen. Madame Roſenberg begann jetzt den übriggebliebenen Zucker bedächtig in ihren Strickbeutel zu packen. Eine halbe Stunde ſpäter ſaßen ſie in dem char-à- banc auf dem Wege nach Salzburg. Eine Art Mißſtim⸗ mung ſchien ſich eine Zeitlang der ganzen Geſellſchaft Sihiht zu haben, verſchwand aber allmälig vor der Schönheit der Landſchaft. t 169 Madame Roſenberg, die früher einige Monate in Salzburg zugebracht hatte, wußte jetzt jeden Berg, wie er ſich im Vordergrund zeigte oder aus der Ferne durch ſeine Form bemerklich machte, zu nennen. Aber der Untersberg intereſſirte ihre Söhne mehr als alles Andere. Dieſer Berg, der ſich jählings aus dem Wal⸗ ſer Feld erhebt und von ungeheurem Umfang iſt, wär, wie ſie ihnen erzählte, das Gefängniß und Grab Fried⸗ rich Barbaroſſa's, oder wie die Bauern ſaglen, Carl's des Großen. Die Fragen und Antworten über dieſen fruchtbaren Gegenſtand dauerten fort, bis ſie Salz⸗ burg erreichten. Neuntes Kapitel. Salzburg. Während ſie auf das Mittagsmahl im Hotel war⸗ teten, vertrieb ſich Hamilton die Zeit damit, das Frem⸗ denbuch zu durchblättern, und fand unter den neueſten Ankömmlingen den Namen eines Oheims, den er gerne getroffen hätte, als er das letzte Mal in Salzburg geweſen war. Es würde ihm damals ſehr lieb geweſen ſein, wenn er eine Gelegenheit gehabt hätte, Baron 3— nach der ſonderbaren Weiſe, in der ihre Bekanntſchaft anfing, einige reſpektable Verwandte vorzuſtellen. Jetzt wünſchte er ſeine Verwandten aus einem natürlicheren Grunde zu ſehen, ohne einen Wunſch oder Vorſatz, ſie mit ſei⸗ ner Reiſegeſellſchaft bekannt zu machen. Es liegt etwas eigenthümlich Angenehmes darin, in fremdem Lande die Stimmen ſeiner Landsleute in der eigenen Sprache zu vernehmen; ſelbſt wenn es nur gewöhnliche Be⸗ kannte ſind, erheben ſie ſich auf einmal zum Rang von Freundenz wenn Freunde, zu Verwandten, — wenn 17⁰ Verwandte, ſind wir erſtaunt über das Uebermaß un⸗ ſerer Zuneigung für ſie! Etwas dieſer Art erfuhr Hamilton, als er ſeinen Oheim ſagen hörte, „ein junger Herr erkundigt ſich nach mir! Wie heißt er?“ In einem Augenblick hatte er den Tiſch verlaſſen und war im Vorzimmer, ehe die Frage beantwortet war. Die Ueberraſchung erhöhte vielleicht noch das Vergnügen, welches ſeine zwei jungen und hübſchen Couſinen empfanden, und die Aufnahme, die ihm zu Theil wurde, war ſo rückhaltslos liebevoll, daß, als ſie ſich der Thüre des Speiſeſaals näherten, Hildegarde und Creſcenz Blicke wechſelten und dann mit einem leichten Ausdruck von Neugierde ihre Augen auf ſie hefteten. „Wie ſchade, daß Du nicht früher gekommen biſt, Alfred; wir haben den ganzen Morgen die Merkwür⸗ digkeiten hier geſehen, und jetzt ſind die Pferde ange⸗ ſpannt und wir haben kaum zehn Minuten Zeit zu den tauſend Fragen, die — aber komm auf unſer Zimmer: wir können doch nicht wohl vor dieſen Leuten hier ſprechen.“ „Sie würden uns nicht verſtehen,“ ſagte Hamilton, indem er ihnen, keineswegs unzufrieden mit dieſem Ar⸗ rangement, die Treppe hinauf folgte. Madame Roſenberg wurde bald ungeduldig über die Dauer ſeiner Abweſenheit und hinterließ bei dem Kellner, daß Hamilton ihnen nach dem St. Peters⸗ keller folgen möchte, bot ſich ſelbſt zur Führerin an, und dann machten ſie ſich zu ihrem Ausflug auf den Weg. ggamilton begleitete ſeinen Oheim und ſeine Cou⸗ ſinen an ihren ſehr hübſchen Reiſewagen, und als er ihnen zum zwanzigſten Mal Adien ſagte, rief ſein Oheim: „Behüt' Dich Gott, Alfred! ich werde Deinem Vater und Onkel Jack ſagen, daß ich Dich ſehr zu Deinem Vortheil verändert gefunden habe; wenn ſie Dich in 171 London behalten hätten, würde Dein Bruder John Dich verderbt und zu einem eben ſolchen Taugenichts ge⸗ macht haben, wie er ſelbſt iſt. Nichts gleicht dem Reiſen, um die Ideen zu erweitern. Leb' wohl!“ Der Kellner meldete Hamilton, daß die Damen nach dem Peterskeller gegangen wären . „Major Stultz, meinen Sie?“ ſagte Hamilton. „Nein, mein Herr, — die Damen; — vielleicht wollen ſie die Aushöhlung im Felſen ſehen. Der Kel⸗ ler iſt in den Berg getrieben und wirflich ſehenswerth.“ Die Mönche von St. Peter ſind die wirklichen Eigenthümer dieſes Kellers, der an das Kloſter ſtößt oder vielmehr einen Theil davon bildet: hier wird der Wein aus ihren ungariſchen Weinbergen verkauft und der Eingang zu den Trinkzimmern befindet ſich an dem Hauptplatze. Dort angekommen, wandte ſich Hamilton unmittel⸗ bar an einen Mann, der in Jacke und Schürze und mit einer grünen Sammtmütze auf dem Kopf vor dem Eingang des Kellers ſtand. „Damen! o ja — ſie ſind drinnen,“ antwortete er, ihn durch einen ſchmalen, dunfeln Gang nach zwei niederen Zimmern, voll von Tabaksdampf, weiſend. Hamilton trat ein und fand ſeine Reiſegeſellſchaft wirk⸗ lich an einem Tiſch ſitzen und Wein trinken, in einem Zimmer, das mit ungariſchen Officieren überfüllt war, die über die ungewöhnliche Erſcheinung eines ſolchen Zuwachſes ihrer Geſellſchaft ebenſo erſtaunt als er⸗ freut waren. Madame Roſenberg ſchlürfte ruhig ihren Wein und ſchwatzte unweit eines Fenſters ernſthaft mit Ma⸗ jor Stultz, ohne von der Senſation, die ſie und ihre Geſellſchaft erregt hatten, und den keineswegs geflüſter⸗ ten Ausrufen der Verwunderung etwas zu ahnen, die von allen Seiten einander begegneten und auf die Gegenſtände derſelben einen ſehr verſchiedenen Ein⸗ druck machten, 172 Cre ſcenz ſah halb geängſtigt, halb erfreut aus und erröthete unaufhörlich. Hildegarde's Miene ver⸗ rieth einen an Zorn grenzenden Verdruß, wie ſie da⸗ ſaß und auf ihre Unterlippe biß, während jede Spur von Farbe aus ihrem Geſicht verſchwunden war. Ha⸗ milton ſchien äußerſt gereizt und ſchaute mit drohen⸗ dem Stirnrunzeln im Zimmer herum, um zu ſehen, ob etwa Einer ſich näher als die Anderen herzuge⸗ drängt hätte; aber umſonſt — breite, gelbe, gutmü⸗ thige Geſichter und kleine, funkelnde, ſchwarze Augen begegneten ſeinem zornigen Blick, wohin er ſich wen⸗ deie; und da das Geſpräch jetzt hauptſächlich in ihrer Mutterſprache geführt wurde, ſo vermochte er nur den Gegenſtand deſſelben zu ahnen, aber ſich keine Gewiß⸗ heit davon zu verſchaffen. Alle Augen waren noch immer auf die zwei Schwe⸗ ſtern gerichtet; und Hamilton ſchlug nach einem augen⸗ blicklichen Bedenken vor, ſie nach der unweit davon befindlichen Maximus⸗Kapelle, wo ſie auf ihre Mutter warten könnten, zu begleiten. Hildegarde ſprang auf, ohne um Erlaubniß zu fragen, die ihnen jedoch ohne Schwierigkeit verwilligt wurde, und die beiden Knaben wurden zu ihrem un⸗ endlichen Verdruß auch mit fortgeſchickt. Als ſie ihre Mutter in vertraulichem Geſpräch mit Major Stultz begriffen ſahen, hatten ſie dem Wein ungehindert zu⸗ geſprochen und befanden ſich jetzt in der ausgelaſſen⸗ ſten Laune. Beim Eintritt in den St. Peterskirchhof be⸗ gannen ſie, auf höchſt unehrerbietige Weiſe über die Gräber zu ſpringen, indem ſie erklärten, ſie hätten noch nie einen ſo ſchönen Kirchhof geſehen. Creſcenz ſah unendlich erſchreckt aus, bat ſie, kei⸗ nen ſolchen Lärm zu machen, und wandte ſich, da ſie ihre Warnungen vergeblich fand, nach der St. Mar⸗ garethen⸗Kapelle, einem kleinen Gebäude mitten auf dem Begräbnißplatz, lehnte ſich an das eiſerne Gitter, 173 das zugleich die Thüre und den Giebel deſſelben bil⸗ dete, faltete andächtig die Hände und betete. Die Gewohnheit in römiſch⸗katholiſchen Ländern, die Kirchenthüren beſtändig offen zu laſſen, trägt ſicher⸗ lich dazu bei, die Frömmigkeit zu fördern. Manches leichtfinnige Mädchen, deſſen Gedanken ebenſo unauf⸗ gehalten wie ſeine Blicke durch den dicht angefüllten Chorgang wanderten, hat nachher in der Einſam⸗ keit dieſelbe Stelle wieder aufgeſucht, um vielleicht Ge⸗ bete und Dankſagungen, ſo glühend, als ſie je aus einer menſchlichen Bruſt aufſtiegen, darzubringen. So viel auch von dem impoſanten Ritual der römiſchen Kirche — von dem faſt unwiderſtehlichen Eindruck der Hochmeſſe, wenn ſie ordentlich gefeiert wird, geſagt worden, es iſt nichts in Vergleich mit dem feierlichen Schweigen eines Wochen⸗Nachmittags, wenn die Stille rings herum bei jedem Fußtritt das Echo weckt und die, welche zum Gebet kommen, die Kniee beugen und die Hände falten können, ohne den neu⸗ gierigen Blick eines weniger andächtig geſtimmten Nachbars zu erregen. Hamilton hatte die Perſon, welche die Schlüſſel der Marimus Kapelle verwahrte, aufgeſucht; bei ſei⸗ ner Rückkehr fand er Hildegarde nachdenklich vor einem friſchgemachten Grabe ſtehen, auf welchem ein Zettel mit den Worten lag: „Dieſes Grab iſt zu verkaufen.“ „Ich möchte ungemein gern Ihre Gedanken wiſſen,“ ſagte er ruhig, indem er ihr zur Seite trat. „Wirklich? Sie würden Ihnen kaum die Mühe des Anhörens lohnen.“ „Ich bin vollkommen bereit, den Verſuch zu machen.“ Aber ich bin zu träge, um es zu verſuchen, alle die zerſtreuten Gedanken der letzten zehn Minuten zu ſammeln. „Den allerletzten kann ich vielleicht errathen,“ ſagte Hamilton; „Ihre Augen waren auf den Zeitel geheftet und Sie dachten „ 174 Nun, was?“ „Wo find jetzt diejenigen, die einſt dieſes Grab bewohnen werden? Habe ich nicht Recht?“ „Ganz recht. Wo ſie auch ſind und wer ſie ſind, ſie haben ſicher nicht den Wunſch, hier einzukehren: die Käufer von Gräbern find ſelten geneigt, den wirk⸗ lichen Beſitz anzutreten. Aber wo iſt dieſe Maximus⸗ kapelle? Sie ſagten, ſie wäre in den Berg gehauen, ich ſehe aber nicht im Mindeſten etwas gleich einem nitt obwohl hier drei Fenſter find und eine Mauer a oben.“ Die Fenſter waren früher bloße in den Felſen ge⸗ hauene Löcher und hätten nie mit Glas verſehen wer⸗ den ſollen; durch das größte von ihnen wurden fünfzig Mönche, die ſich zu Maximus geflüchtet, von den Bar⸗ baren, die im fünften Jahrhundert ſich Salzburgs be⸗ mächtigt hatten, kopfüber den Berg hinabgeſtürzt.“ „Und Marimus?“ Er ward gehangen.“ „Das war Schade — ich bin überzeugt, er hätte ſich lieber in den Abgrund ſtürzen laſſen.“ „Glauben Sie? Da es am Ende auf Eins hinaus⸗ kommt, ſo möchte ich faſt glauben, es ſei ihm ziemlich gleichgültig geweſen.“ „Ich nicht,“ rief Hildegarde, plötzlich ſtillſtehend. „Ich denke, die Art und Weiſe, wie Jemand getödtet wird, iſt von großer Wichtigkeit. Ich bin überzengt, Sie möchten ſich lieber enthaupten, als hängen laſſen.“ „Die Wahl würde peinlich genug ſein, aber ich glaube, Sie haben Recht; ich würde ſicher das Ent⸗ haupten vorziehen, da dieß die gentlemanmäßigſte Todesart von beiden iſt; obwohl ich in einem Buch die ſchreckliche Hypotheſe geleſen zu haben mich erinnere, daß noch einige Momente, nachdem das Haupt vom Leibe getrennt iſt, das Auge ſehen, das Ohr hören und das Gehirn denken kann.“ 175 Der Führer klirrte mit den Schlüſſeln. Wahr⸗ ſcheinlich dachte er, dergleichen Discuſſionen ließen ſich verſchieben, bis er ſein Trinkgeld erhalten hätte, und öffnete jetzt die Thüre, indem er ihnen hinaufzuſteigen winkte. Die ziemlich zahlreichen Stufen, welche zu der ehemaligen Wohnung und Kapelle des Einſiedlers führ⸗ ten, waren in den Berg gehauen, der Gang etwas dunkel; und da Hildegarde jeden Beiſtand abgelehnt hatte, ſo wandte ſich Hamilton, trotz aller guten Vor⸗ ſätze, Creſcenz in Zukunft zu meiden, zu ihr, wurde mit einem ſanften Lächeln begrüßt, und ſein Arm eben ſo gerne angenommen, als angeboten. Er übernahm nun ſelbſt das Amt des Führers, zeigte die Kapelle mit dem einzigen römiſchen Pfeiler, das Schlafzimmer des Maximus und die Stelle, von wo ſeine Genoſſen hinabgeſtürzt worden waren. Er war genöthigt, Creſcenz zu halten, während ſie kindiſch ſich ſo weit als möglich über die Felſenwand hinaus⸗ ſtreckte, zugleich aber fortwährend verſicherte, daß ſte nie an dem Rande eines Abgrunds ſtehen könne, ohne ein unwiderſtehliches Verlangen zu fühlen, ſich hinab⸗ zuſtürzen. Kaum hatten ihre zwei Brüder das gehört, als ſie vorwärts ſtürzten und ihr unbeſonnener Weiſe einen heftigen Stoß gaben, welcher die verderblichſten Folgen gehabt haben würde, wenn nicht Hamilton im Augenblick die Arme um ſie geſchlagen und ſie zurück⸗ gezogen hätte. Creſcenz ſchrie laut auf, Fritz und Guſtel lachten unmäßig, Hildegarde machte zornige Vorſtellungen, und mitten in dem Lärm kamen Madame Roſenberg und Major Stultz hinzu. Creſcenz erröthete tief und erzählte mit vor Aufregung zitternder Stimme, was geſchehen war, und beklagte ſich bitterlich über ihrer Brüder Unart. Madame Roſenberg ſchalt nun auf ſie, daß ſie in den Abgrund hinab geſehen; auf Hilde⸗ garde, daß ſie auf die Brüder nicht Acht gegeben und eine ſolche Scene an ſolchem Orte verhindert habe, * 176 und ſchloß damit, die beiden Knaben an den Schultern zu nehmen und tüchtig zu ſchütteln, indem ſie erklärte, ſie habe große Luſt, ſie nach dem Gaſthofe zurückzu⸗ ſchicken und weder die Domkirche noch den Brunnen ſehen zu laſſen. Dann wandte ſie ſich um, Hamilton dafür zu dan⸗ ken, daß er ſich mit einer ſo aufrühreriſchen Geſell⸗ ſchaft beſchwert habe; dieſer war aber, ärgerlich über ſolche Vorfälle, verſchwunden und hatte ſich innerlich elobt, niemals mehr Creſcenz oder ihre Brüder unter ſeine Obhut zu nehmen. Major Stultz war plötzlich eiferſüchtig und miß⸗ launig geworden, — alle Bemühungen der Madame Roſenberg, „den Winter ſeiner Unzufriedenheit in einen glorioſen Sommer zu verwandeln,“ waren umſonſt; er folgte ihr halb pfeifend, die Arme auf den Rücken ge⸗ legt, mit dem Vorſatz, recht gleichgültig auszuſehen, während die zunehmende Röthe ſeines Geſichts, als ſie Hamilton einholten, Allen die Urſache ſeines Verdruſ⸗ ſes verrieth. Creſtenz ſchien vollkommen gleichgültig, oder eher halb geneigt, ſeinem Aerger Trotz zu bieten; denn als ſie vor Haydn's Monument in der Peterskirche ſtan⸗ den, ſtellte ſie ſich neben Hamilton und ſprach fran⸗ zöſiſch mit ihm. Allerdings drehte ſich das Geſpräch nur um Haydn's Schädel und die ſchwarze Marmor⸗ Urne, worin er enthalten war, aber Major Stultz fonnte von dieſem Umſtand nichts wiſſen, und mit er⸗ höhtem Grimm ſchritt er den Kreuzgang hinunter und ſchien ganz in der Stimmung, ſie zu verlaſſen, hätte nicht Hamilton, dieſer Mißverſtändniſſe müde und durch Creſcenz's Koketterie geärgert, jetzt die Er⸗ klärung gegeben, er werde in einer Stunde mit ihnen wieder im Gaſthofe zuſammentreffen: er gehe nach den Cavallerie⸗Ställen, um die Pferde zu ſehen, was für ſie natürlich von keinem Intereſſe wäre. So entfernte er ſich, ohne eine Antwort abzuwarten, 177 Hamilton's Abweſenheit ſchien die Lage der Dinge nicht ſonderlich gebeſſert zu haben, denn bei ſeiner Rücktehr in den Gaſthof zeigte ſich außer Madame Roſenberg Niemand zum Sprechen geneigt; und als ſie in den char-à-banc ſtiegen, ver ſie nach Berchtes⸗ gaden bringen ſollte, manövrirte Creſcenz durchaus da⸗ hin, dem Major Stultz auszuweichen, und ſchmollte, als ſie von ihrer Mutter Befehl erhielt, neben ihm Platz zu nehmen, auf eine ſehr bezeichnende Weiſe. Madame Roſenberg fand es dießmal für gut, ſich ſelbſt ihrer beiden Söhne anzunehmen. Sie glaubte, ihre Nachbarſchaft würde der Ausſöhnung zwiſchen Ma⸗ jor Stultz und Creſcenz, welche ſie offenbar zu beför⸗ dern wünſchte, die aber weniger als je zu erwarten ſchien, da es Creſcenz jetzt ausnehmend beleidigt zu erſcheinen oder zu ſein beliebte, nur hinderlich ſein. Dieſes Benehmen hatte die Wirkung bei dem ar⸗ men Major Stultz, daß er ſich einbildete, er möchte vielleicht zu haſtig — ungerecht — unartig geweſen ſein; kurz er klagte ſich bald an, daß er ſich wie ein Wil⸗ der aufführe, und als dieſe Gedanken ihm einmal durch den Kopf zogen, beſänftigten ſich ſeine Manieren und orte; er wurde demüthig und bat ſogar wegen ſei⸗ nes unbewußten Vergehens um Verzeihung, aber Alles vergeblich. Creſcenz gab ihm kaum eine Antwort — ſie hatte ihn auch wirklich nicht gehört, denn ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit war durch ein Geſpräch zwiſchen ihrer Schweſter und Hamilton, die unmittelbar vor ihr ſaßen, in Anſpruch genommen. — Sie bildete ſich ein, daß Keinem von beiden das Arrangement, das ſie Seite an Seite gebracht hatte, mißliebig ſei; der Letztere nament⸗ lich ſchien entſchloſſen, zu unterhalten und ſich unter⸗ halten zu laſſen, und länger als anberthalb Stunden gerieth das Geſpräch nie in's Stocken. Madame Ro⸗ ſenberg miſchte ſich gelegentlich in dafſelbe, auch Major Die Anfangsbuchſtaben. T. 12 178 Stultz warf Etwas ein, als er alle ſeine Bemühungen, von Creſcenz eine Antwort zu erhalten, fruchtlos fand. Sie hatten beinahe Berchtesgaden erreicht, und Hamilton war eben daran, ſich Glück zu wünſchen, daß er die Möglichkeit entdeckt hatte, mit Hildegarde zu ſprechen, ohne in einen Streit zu gerathen, als Ma⸗ jor Stultz ihn plötzlich fragte, ob er die Sommer⸗ Reitſchule geſehen habe. „Wie können Sie daran zweifeln? Es iſt das hüb⸗ ſcheſte Ding der Art, das ich je geſehen habe, das Ideal eines antiken Theaters. Daß die Sitzreihen für die Zuſchauer in den Felſen gehauen find, erhöht nur die Grofartigkeit des Anblicks und läßt vergeſſen, daß es nur eine Reitſchule iſt. Welcher Platz für ein Tur⸗ nier! oder für Gladiatoren; oder welche Arena für wilde Thiere!“ „Gerade das, was wir Alle geſagt haben, als wir heute dort waren,“ rief Hildegarde. „Ja.“ ſagte Creſcenz, zum erſten Mal an dem Ge⸗ ſpräche Theil nehmend; wir Alle ſagten das, aber Hildegarde und ich dachten an Schiller's Ballade: der Handſchuh; nicht wahr, Hildegarde?“ Hildegarde nickte mit dem Kopf. „Sonderbar genug, ich dachte auch daran,“ ſagte Hamilton, „wie der Tiger von den beiden Leoparden angegriffen wird und der Löwe ſich erhebt, an dem Kampf ſich zu betheiligen, — ich ſah es ganz in der Einbildung — dachte mich ſelbſt als Ritter Delorges und ſchauke mich um, zu ſehen, ob keine Kunigunde da wäre, ihren Handſchuh unter die Kämpfenden zu werfen.“ „Haben Sie an eine beſondere Perſon als Kuni⸗ gunde gedacht?“ fragte Creſcenz leiſe mit einem leich⸗ ten Erröthen. „Vielleicht, ja,“ antwortete Hamilton lachend. „O, ich möchte ſo gerne wiſſen, an wen Sie gedacht haben! Du nicht auch, Hildegarde?“ ———— — — — ——— — 179 „Wenn es Herr Hamilton ſagen will,“ — begann Hildegarde. „Ich will lieber den Berg hinauf zu Fuß bis in die Stadt gehen,“ ſagte Hamilton, indem er an der offenen Seite aus dem Wagen ſprang. „Wir wollen Alle gehen,“ rief Madame Roſen⸗ berg, indem ſie dem Kutſcher zu halten befahl; „ich habe faſt den Krampf in den Füßen.“ Hamilton hatte weiteren Fragen zu entgehen ge⸗ hofft, aber Creſcenz fing, als ſie neben einander gin⸗ gen, wieder an. „Daß Sie meiner Frage ausweichen wollen, hat eben meine Neugierde erregt, und Sie müſſen mir jetzt beſtimmt ſagen, an wen Sie heute in der Reitſchule gedacht haben.“ „Bitte, Creſcenz,“ ſagte Hildegarde, „zwinge Ha⸗ milton nicht zu einer Antwort; es muß Dir ganz und gar gleichgültig ſein; gedenke der vielen Bekannten, die er in England haben muß und deren Namen uns unbekannt find.“ „Wäre es Jemand in England, ober eine uns un⸗ bekannte Perſon geweſen, würde er meine Frage ſo⸗ gleich und ohne Zaudern beantwortet haben,“ erwie⸗ derte Creſcenz mit ungewöhnlicher Entſchiedenheit in ihrem Weſen. Hildegarde fiel dieſe Antwort auf, ſie entdeckte aber jetzt zu ihrer Ueberraſchung ein Gefühl der Neugierde bei ſich ſelbſt. Sie ſchritt jedoch ſchweigend weiter und hörte bald ihre Schweſter ſehr leiſe wieder ſagen. „Ich bin überzeugt, Sie dachten nicht an mich.“ „Gewiß nicht,“ erwiederte er in demſelben Tone, „Sie ſind viel zu freundlich und ſanft, um das Leben ſelbſt eines Feindes auf ein ſolches Spiel zu ſetzen.“ Creſcenz ſchien nicht genau zu wiſſen, ſollte ſie zufrieden oder getäuſcht ſein. Sie hätte es gern ge⸗ habt, die Dame ſeines Herzens vorzuſtellen, ſie hätte ſich gerne eingebildet, er würde ihren S ſelbſt 180 unter ſo drohender Gefahr aufgehoben haben, — und doch verbarg ſein Weſen und ſeine Antwort nichts für die vorausgeſetzte Kunigunde Schmeichelhaftes, und obwohl ſie, was er damit meinte, nicht ganz verſtand, wußte ſie doch, daß er geſagt hatte, ſie wäre freund⸗ lich und; ſanft, und fühlte, daß ſie zufrieden ſein müſſe. Nicht ſo Hildegarde — ſie verſtand wohl die Eitelkelkeit und Härte des von Schiller in wenigen Worten ſrizzirten Charakters — ſie bildete ſich ein, daß Hamilton ſie nicht leiden könne, und einem un⸗ widerſtehlichen Antrieb folgend, drehte ſie ſich zu ihm um und ſagte ſchnell: „Sie dachten an mich!“ Das Blut ſtieg ihm in die Schläfe und ſchien bis in die Spitzen der Haare ſich zurückzuziehen, als er Hilde⸗ garde's Blick erwiederte; er zanderte noch mit der Ant⸗ wort — konnte es aber nicht läugnen und erwiederte nach augenblicklicher Ueberlegung: „Gedanken find zollfrei; Sie haben kein Recht, mich dafür verantwortlich zu machen.“ „Ich habe auch nicht die Abſicht, es zu thun,“ antwortete ſie; „ich kümmere mich zu wenig um Sie, um mich zu bemühen, Ihnen die Ueberzeugung beizu⸗ bringen, daß Sie meinen Charakter nicht im Minde⸗ ſten verſtehen. Ich bekenne im Gegentheil, daß, wenn Sie geneigt wären, die Rolle des Ritters zu ſpielen, ich vielleicht den Handſchuh hinunterwerfen möchte und froh ſein würde, Ihrer um jeden Preis los zu werden.“ „Selbſt wenn ich vor Ihren Augen von den wil⸗ den Beſtien in Stücke zerriſſen würde? Ich hielt Sie nicht für ſo grauſam,“ ſagte Hamilton, der ſich an ihrem gereizten Weſen beluſtigte. „Die Gefahr würde für Sie nicht ſehr groß ſein. Sie ſind die letzte Perſon in der Welt, um Etwas dergleichen zu thun.“ „Zweifeln Sie an meinem perſönlichen Muth? — 181 „Nein, aber ich zweifle bei Ihnen an dem Vor⸗ handenſein ritterlicher Gefuͤhle.“ „Es iſt wahr, ich bin kein Don Quirote oder Ritter von der traurigen Geſtalt —“ „Nein, fürwahr, Sie verdienen mehr den Namen eines Ritters von der höhniſchen Geſtalt — das heißt, wenn man Sie ſich überhanpt als Ritter denken könnte.“ „Ich zweifle nicht daran, mein Fräulein, daß, wenn Sie die Luſt ankäme, einen ſolchen zu bilden, er in keiner Hinſicht mir gleichen würde; gleichwohl brauchen wir uns nicht über die Vorſtellung zu zanken, was wir gethan haben würden, hätten wir einige hun⸗ dert Jahre früher gelebt; ſo viel iſt klar, Sie würden mich vielleicht nicht zu Ihrem Ritter gewählt haben, — und ich — vielleicht — Sie nicht zur Dame meines Herzens.“ O, mein Gott!“ rief Creſcenz, „hätte ich gedacht, daß Ihr Beide wieder einen Streit anfinget, würde ich gewiß keine Frage geſtellt haben, obwohl ich nicht begreife, warum Hildegarde ſich dadurch ſo beleidigt findet, daß man ſie für Kunigunde hält, die zuver⸗ läſſig die Schönſte unter den anweſenden Damen war.“ „Ihre Schweſter begnügt ſich nicht damit, bloß ſchön zu ſein, ſie wünſcht auch, für liebenswürdig ge⸗ halten zu werden, und ſcheint geneigt, die Leute hiezu zwingen zu wollen, ſo ſehr dieſe auch vas Gegentheil denken mögen.“ Hildegarde begab ſich mit ſtolzem Schritt zu ihrer Stiefmutter und erreichte ſie gerade zu rechter Zeit, um noch die Schlußworte von dem, was wie eine War⸗ nung des Major Stultz's lautete, zu vernehmen. „Der Umſtand, daß er ein Engländer iſt, ändert meiner Anſicht nach die Sache ebenſo wenig, als es hn zu einem für Ihre Töchter weniger geſährlichen Geſellſchafter macht. Ich nehme mir nicht heraus, Ihnen Vorſchriften zu geben, ſondern biete bloß mei⸗ nen Rath an, in den Sie nicht einzugehen geneigt 182 ſcheinen; weßhalb mir nichts als die Bitte übrig bleibt, die Vorbereitungen zu der Heirath von Creſtenz ſo ſehr als möglich zu beſchleunigen. Noch einige ſol⸗ cher Scenen, wie die von heute, würden mich bald von aller Vorliebe für ſie kuriren. Sie ſagten mir, ſie ſeie von heiterm Temperament, und ich habe ſie, ſeitdem wir von Salzburg weg ſind, ſo mürriſch ge⸗ funden, daß es unmöglich war, ihr ein Wort abzu⸗ gewinnen.“ „Mein lieber Major, Sie dürfen ſich darauf ver⸗ laſſen, daß ich ihr wegen ihres Benehmens einen ſtren⸗ gen Verweis ertheilen werde. Sie ſollen ſehen —“ Keineswegs, Madame — ich wünſche nicht, daß ſie einen Verweis erhält. Ich werde ſelbſt mit ihr ſprechen und ihr ſagen, daß ich ein behagliches Haus zu bieten habe; daß ich geneigt bin, ein nachſichtiger Ehemann zu ſein, aber auch zu alt, um den Liebhaber zu ſpielen, und es ganz und gar ablehne, mich in einen Wettkampf mit einem Nebenbuhler, wie der lange Eng⸗ länder, einzulaſſen, welcher dennoch, das kann ich ihr auch ſagen, ſo wenig an's Heirathen denkt, als der Mann im Mond.“ „Aber, mein lieber Major, ich muß Sie wirklich bitten, des Engländers gegen ſie nicht zu erwähnen. Es würde ihr nur eine Idee in den Kopf ſetzen, die, wie ich überzeugt bin, daſelbſt noch nicht Eingang ge⸗ funden hat. Sie vergeſſen, daß ſie ein bloßes Kind iſt — noch nicht ſechszehn.“ Der Major wandte ſich plötzlich um, nach ſeiner Verlobten zu ſchauen; der Augenblick war ungünſtig, eiferſüchtige Zweifel zu entfernen. Sie ging allein mit Hamilton und ſprach mit einem, ihrem Charakter ſonſt gänzlich fremden Ernſte, während der Ausdruck ihres auſwärts gerichteten Anges Alles eher als etwas Kin⸗ viſches bezeichnete. „Das darf nicht ſo fort gehen,“ rief Major Stultz zornig. 183 „Sie thun ihr ſicherlich Unrecht,“ rief Madame Noſenberg mit einem gewiſſen blinden Vertrauen auf Creſcenz's kindiſche Eigenſchaft, das ſie dießmal jedoch nicht täuſchte. „Sie thun ihr Unrecht und ich will es Ihnen be⸗ weiſen, indem ich ſie frage, wovon ſie ſpricht. — Liebe Creſcenz, wir wünſchen den Gegenſtand Eures Geſprächs zu erfahren, er ſcheint ſo intereſſant zu ſein.“ Creſcenz antwortete ohne Zögern, „ich vertheidige Hildegarde; Herr Hamilton und ſie haben ſich wegen der Ballade: Der Handſchuh, gezankt. Er ſagt, ſie ſeie unartig geweſen, und ich denke, er war es; denn er ſagte, wäre er ein Ritter geweſen, hätte er ſie nicht zur Dame ſeines Herzens gewählt. Ich denke nicht daran, zornig zu ſein, und er wählte mich ebenſo we⸗ nig,“ ſetzte ſie mit halb vorwurfsvollem Blick hinzu. Bei einer andern Veranlaſſung würde Madame Roſenberg vielleicht weiter nachgeforſcht und vielleicht eine erbauliche Vorleſung über Höflichkeit und Wohl⸗ anſtändigkeit der Sprache gehalten haben; jetzt war ſie mit Creſcenz's Antwort zu wohl zufrieden, um an Etwas der Art zu denken, und triumphirend zu Major Stultz ſich wendend, flüſterte ſie: „Sie ſehen, ich hatte Recht. Für Hildegarde kann ich mich nicht verbürgen. Roſenberg ſagt, ich verſtehe ſie nicht; aber Creſcenz iſt ein Mädchen, — beinahe zu gut und folgſam. Sie können aus ihr machen, was Ihnen gefällt.“ Sie gingen Alle zuſammen nach dem Wirthshauſe und der Handſchuh ſchien ganz vergeſſen. Zehntes Kapitel. Rückkehr nach München. Hamilton's Reiſe nach München erwies ſich an⸗ genehmer, als der Anfang verſprochen hatte. Hilde⸗ garde, das Kindermädchen Peppi und Fritz bildeten ſeine Geſellſchaft; die Andern nahmen den zweiten Wagen ein und fanden für gut, beiſammen zu bleiben, um, wie Fritz weiſe bemerkte, unter ſich von Creſcenz's Hochzeit zu ſprechen. Hildegarde legte ihre Abneigung gegen Hamilton auf eine ſo natürliche Weiſe dar, daß er mitten unter dem Verſuch, ſie zu überwältigen, kaum eine ernſthafte Miene beibehalten konnte. Der abgewandte Kopf, die kurzen, gleichgültigen Antwor⸗ ten, die beharrlichen Geſpräche mit Bruder Fritz konn⸗ ten jedoch auf die Länge ſeinen Anſtrengungen nicht widerſtehen. Er war im Beſitz nicht unbedeutender Vorzüge ſowohl des Geiſtes, als der Manieren, und von Beidem hatte er vielleicht eine nur zu genaue Kenntniß, ja unterſchätzte zuweilen unnöthiger Weiſe den Verſtand Anderer, während er dem Einfluß einer ſathriſchen Ader nachgab, die höchſt unangenehm war, wenn ſie ſichtbar wurde. Hildegarde hatte dieß in ſeinen Unterhaltungen mit ihrer Schweſter bemerkt, und war darum zuerſt bei ihren Antworten äußerſt auf der Hut, aber ſein Benehmen war ſo ungezwungen, die Schilderung ſei⸗ ner ſelbſt und ſeiner Ideen ſo unterhaltend und ein⸗ fach, daß ſie zuletzt auch mittheilſam wurde und un⸗ bewußt einen Umfang des Verſtandes entwickelte, auf den Hamilton nicht gefaßt geweſen war. — Ihre Kenntniſſe waren für ein Mädchen ihres Alters be⸗ trächtlich und ſie ſprach mit Enthuſiasmus von der Fortſetzung ihrer Studien bei ihrer Rücktehr nach München, Ihr Vater hatte ſelbſt eine treffliche Biblio⸗ thek, deren Benützung er ihr verſprochen hatte, und ihre Mutter wollte in einer Bibliothek abonniren, un⸗ ter der Bedingung, daß keine andere als franzöſiſche Bücher geholt oder geleſen werden ſollten. Auf Ha⸗ milton's weitere Fragen ſagte ſie mit einem leichten Erröthen, daß ſie außerordentlich viel auf Romane und Gedichte halte. „Gedichte!“ rief er, ſeine Vorſicht vergeſſend, „Gedichte! Ich hätte gedacht, das tauge mehr für Ih⸗ rer Schweſter Geſchmack, als für den Ihrigen.“ Kaum war das Wort „Schweſter“ ihm über die Lippen gekommen, als er in dem Geſichtsausdruck ſei⸗ ner Geſellſſchafterin einen plötzlichen Wechſel wahr⸗ nahm; er hatte damit in der That eine Reihe unan⸗ genehmer Reflerionen erweckt, die durch ein Gefühl des Selbſtvorwurfs wegen ihrer vorangehenden Ver⸗ geßlichkeit noch unangenehmer wurden. Hildegarde zog ſich von ihm zurück, ſo weit es der Wagen geſtattete, ſchaute zum Fenſter hinaus, ohne von ſeinen Bemer⸗ kungen Notiz zu nehmen, und ſchnitt alſo ſeine Ver⸗ ſuche, das Geſpräch wieder aufzunehmen, im Entſtehen dadurch ab, daß ſie ſich mit ihrem Bruder in eine Unterſuchung darüher einließ, wie unſchicklich es ſei, Winters Schneebalken mit in's Haus zu bringen. Mit einem Lächeln, das Hildegarde, wenn ſie es geſehen, vielleicht höhniſch genannt hätte, lehnte ſich Hamilton in den Wagen zurück und war bald mit Be⸗ trachtungen über den Wechſel beſchäftigt, den ein ein⸗ ziges Wort hervorzurufen vermocht hatte, obwohl der Grund keineswegs ſchwer zu errathen war. Sie ſprachen nicht mehr mit einander bis zum Eintritt in das Wirthshaus, wo man zu Mittag eſſen wollte. Am Nachmittag leiſtete Madame Roſenberg ibm Geſellſchaft, und wußte mit der Geſchichte ihrer ſelbſt und ihrer Familie ihm die Zeit ſo gut zu ver⸗ treiben, daß es ihm wirklich leid that, als ſpät am Abend die Reiſe ihr Ende erreicht hatte und beide 186 Wagen etwas tumultuariſch ſich ihres Inhalts zu ent⸗ leeren begannen. Die Zimmer waren im dritten Stock, und da er die Treppe hinaufſprang, wurde Hamilton von Herrn Roſenberg mit faſt ebenſo viel Herzlichkeit, als ſein fünftiger Schwiegerſohn, der ihm langſamer folgte, empfangen. Das Rufen und Rennen und Hin⸗ und Herſchleppen von Möbeln dauerte etwa eine Stunde, aber nach Verlauf derſelben ſaßen ſie Alle behaglich am Abendeſſen, welches, trotz der einfachſten Beſchaffen⸗ heit und der Beleuchtung von ein paar Talglichtern in meſſingenen Leuchtern, Hamilton mehr als zufrie⸗ den ſtellte; und nichts übertraf das Vergnügen, mit dem er um ſich ſchaute. Die Neuheit ſeiner Lage und die Realiſirung ſei⸗ nes Wunſches, in einer Privatfamilie einheimiſch zu werden, begünſtigte ohne Zweifel nicht wenig die Ge⸗ müthsſtimmung, denn er war von Natur und Erziehung eckel; und hätte er nicht den Zweck im Auge gehabt, iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß die äußerſte Ein⸗ fachheit der häuslichen Arrangements ihm mehr Miß⸗ fallen, als Unterhaltung verurſacht hatte. Madame Roſenberg ſtand mit einer vorn über ihr Kleid geſteckten Serviette da, während ſie einen Kalbsnierenbraten zerlegte und, bei ihrem Mann anfangend, Jedem die Portion zutheilte, die ſie zum Abendimbiß für zurei⸗ chend hieit; — dazu kam ein Kartoffel⸗Salat, den ſie in ihrem Beiſein mit Eſſig und Oel angemacht hatte; und Hildegarde und Creſcenz trugen die Platten zu Hamilton's großem Erſtaunen und wirklichem Unbe⸗ hagen herum; es war vergeblich, daß er aufſprang und ſich, ihnen zu helfen, erbot. Madame Roſenberg bat ihn, ſitzen zu bleiben, indem Hildegarde ihm Alles, was er begehre, zukommen laſſen, und Creſcenz, durch ihre Pflicht gebunden, darauf ſehen würde, daß dem Major nichts abginge. Mit einer Züchtigkeit, die an⸗ muthig geweſen wäre, hätte ſie nicht eine leichte Bei⸗ 187 miſchung von Affektirtheit gehabt, unterzog ſich Creſcenz den verlangten Dienſten; Major Stultz erklärte, daß ihm in ſeinem Leben nie ſo gut aufgewartet worden ſei; ſie ſeie eine vollkommene Hebe, und endete damit, daß er ihre Hand faßte und leidenſchaftlich küßte. Creſcenz ſah über die Tafel hinüber und zog ſich, als ſie Hamilton's große dunkle Augen auf ſich gerichtet ſah, zurück und wiſchte hinter dem Stuhl ihres Lieb⸗ habers ungeduldig den Kuß und damit ein wenig Saft und Kartoffeln, was wahrſcheinlich an ſeinem Schnurr⸗ bart hängen geblieben war, von ihrer hübſchen Hand hinweg. Darauf blickte ſie wieder nach Hamilton, halb ein Zeichen des Beifalls erwartend, fand aber, daß er ſich zu ihrem Vater gewendet hatte und ihre Gegenwart gänzlich vergeſſen zu haben ſchien. Mit einigem Unmuth nahm ſie jetzt ſelbſt Platz bei Tiſche und begann zu eſſen, indem ſie innerlich das Gelübde ablegte, ihm weder ein Wort, noch einen Blick mehr zukommen zu laſſen und wo möglich ohne Zögern die Heberzeugung von ihrem äußerſten Mißfallen beizubrin⸗ gen. Sie hörte mit ſcheinbarem Intereſſe zu, als ihre Mutter und Major Stultz ſchon auf Uebermorgen den feierlichen Verſpruch feſtſetzten, der ihr den Namen einer Braut geben ſollte, ein Titel, der in Deutſchland nur während der Dauer der Verlobung und nach Voll⸗ zug der Hochzeit nicht mehr gebraucht wird. Major Stultz erhob ſich, Abſchied zu nehmen, flü⸗ ſterte dann auffällig noch eine kleine Weile mit Creſ⸗ cenz und entfernte ſich. Hamilton wurde von der gan⸗ zen Familie begleitet, als er von den beiden für ſeinen Gebrauch beſtimmten Zimmern auf der Hinterſeite des Hauſes Beſitz nahm; ſie gingen nach einer andern Straße und waren vermittelſt einer Hintertreppe zu⸗ gänglich, die, wie Madame Roſenberg ihm erklärte, für einen einzelnen Herrn eine große Bequemlichkeit bildete, beſonders da ſie ihm einen Hauptſchlüſſel 188 geben werde, mit dem er die Hausthüre öffnen und zu allen Stunden heim kommen könnte, ohne daß die Dienſtboten ſeinetwegen aufbleiben müßten. Creſcenz antwortete kaum, als er ihr gute Nacht wünſchte, und er errieth ziemlich genau, was in ihrem Gemüth vorging. Er war deßhalb herzlich froh, daß ſie dieſes Benehmen angenommen hatte und völlig bereit, an ihre Gleichgültigkeit zu glauben: denn wirk⸗ lich ſchrieb er ihr mehr Koketterie zu, als fie verdiente, und nahm ſich vor, künftig auf keine Weiſe ſtörend ihre guten Vorſätße und Major Stultz zu treten. Der nächſte Morgen ging ganz darüber hin, ſei⸗ nen Banquier zu beſuchen, auf der Bibliothek ſich um⸗ zuſehen, im Theater ſich auf ein halb Jahr zu abon⸗ niren und einige Spielſachen für Fritz, Guſtel und Peppi einzukaufen. Er kam erſt ein wenig nach zwölf Uhr zu Hauſe an und fand, daß man mit dem Mit⸗ tageſſen auf ihn gewartet hatte. Madame Roſenberg ließ ihn dieß auf eine zarte Weiſe dadurch merken, daß ſie durch die Kinderſtubenthüre hinausrief: „Du kannſt jetzt die Suppe hereinbringen, Wally, denn Herr Hamilton iſt da.“ Was Hamilton anbetraf, ſo hätte die Suppe jeden Tag in der Küche bleiben können. Er hatte noch nicht die gewöhnliche deutſche Suppe zu eſſen gelernt, die, wenn ſie nicht zu einer „Familien⸗Fleiſchbrühe“ *) ver⸗ *) In England wird kein Rindfleiſch geſotten, und fogenannte Fleiſchſuppe kommt bei Beſuchen nicht auf die Tafel. Dagegen wird die Brühe von einem geſottenen Hammelſchlegel häuſig Tags darauf mit einem Zuſatz von einigen Scheibchen Rüben u. dergl. als eine Art Fleiſchſuppe ver⸗ ſpeist. Anm. d. Ueberſ. 189 dickt war, gar ſehr der ſchwachen Bouillon glich, die von ſorgfältigen Hausfrauen für kränkliche Leute abge⸗ kocht wird; er ſpielte darum mit ſeinem Löffel, bis das gekochte Rindfleiſch, das unwandelbar barauf folgt, er⸗ ſchien, und beendete ſeine Mahlzett mit einem Stück Zwetſchgenkuchen, den er vortrefflich und viel leichter zu eſſen, als auszuſprechen fand. Die ganze Familie erhob ſich in Einem Augenblick von der Tafel und Hamilton war eben im Begriff, die zum Geſellſchaftszim⸗ mer führende Thür zu öffnen, als er Madame Roſen⸗ berg rufen hörte. Hildegarde, hebe Herrn Hamilton's Serviette auf; ſiehſt Du nicht, daß ſie auf dem Boden liegt?“ Hamilton ſprang herbei, hob ſie auf und warf ſie nachläſſig über ſeine Stuhllehne, ohne recht zu ver⸗ ſtehen, was dieß für einen Unterſchied machen ſollte; er dachte nur, Madame Roſenberg wolle unnöthiger Weiſer etwas Beſonderes haben. Sein Erſtaunen war darum groß, als er ſah, daß Hildegarde die zerknitterte Serviette ergriff und nach einem Verſuch, ſie wieder in die urſprünglichen Falten zu legen, mit einem Stück blauen Bandes umwickelte, das zu dieſem Zweck auf den Tiſch neben ihn hingelegt worden war. „Herr Smith ſagte mir, daß man in England für gewöhnlich keine Servietten gebrauche,“ bemerkte Roſenberg, indem ſie weiſe mit dem Kopf nickte. „Keine Servietten gebrauche! Sie müſſen ihn ge⸗ wiß mißverſtanden haben: vielleicht ſagte er, man ge⸗ brauche diefelbe Serviette nicht zweimal.“ „Eine Serviette nicht zweimal!“ rief Madame Noſenberg. „Wenn das der Fall wäre, würde ich am Ende des Vierteljahrs eine ſchöne Wäſche haben! Roſenberg bekommt nur zwei die Woche und hat einen Schnurrbart. Ich hoffe, daß Sie, gleich den Mädchen, mit Einem auskommen werden.“ „Ich werde von nun an meinen Schnurrbart ſehr 190 kultiviren, und wenn es nur zu dem Zweck wäre, zwei Servietten die Woche zu bekommen,“ ſagte Hamilton, munter lachend, als er das Zimmer verließ. Eilftes Kapitel. Verlobung. Am folgenden Nachmittag fand die Verlobung ſtatt. Hamilton hatte eine impoſante Ceremonie er⸗ wartet, aber Niemand von den zahlreich verſammelten Perſonen ſchien es für etwas Anderes zu nehmen, als eine Veranlaſſung, Wein oder Kaffee zu trinken und Kuchen zu eſſen, mit aeiniger Ausnahme von Cres⸗ cenz und ihrer Schweſter, die Beide ſehr aufgeregt ausſahen, und als der Geburts⸗, Tauf⸗, Impf⸗ und Conſirmations⸗Schein auf den Tiſch gelegt und der Heiraths⸗Contract laut verleſen und zur Unterſchrift vorgelegt worden war, machte Creſcenz einen offenen Verſuch, aus dem Zimmer zu ſtürzen. Man brachte ſie mit einiger Schwierigkeit zurück, und aus Hamilton's Hand empfing ſie die Feder, mit der ſie ihren Namen unterſchrieb. Ein ſehr ſchöner Ring, den ſie von Ma⸗ jor Stultz zum Geſchenk erhielt, ſchien ihren Gleich⸗ muth einigermaßen wieder herzuſtellen, und ein von ihrem Vater kluger Weiſe ihr gereichter Kelch Cham⸗ pagner ſetzte ſie in Stand, die Glückwünſche in Em⸗ pfang zu nehmen und an den Scherzen ihrer Braut⸗ jungfern ſich zu erfreuen. Als der Abend anbrach, wurde ein Pianoforte in Requiſition geſetzt und ein Tanz vorgeſchlagen. Hamilton engagirte ſogleich Hildegarde; er galt in England für einen guten Tänzer und war deßhalb nicht wenig überraſcht und gekränkt, als ſie, nachdem 191 ſie einigemal die Runde gemacht, ſich ruhig nieder⸗ ſetzte und erklärte, daß er ein höchſt unangenehmer Tänzer wäre. „Sie ſind die erſte Perſon, die mir das ſagt,“ bemerkte er etwas piquirt, denn die Engländer find in dieſem Punkt leicht verwundbar. „Andere haben es vielleicht gedacht,“ erwiederte Hildegarde gleichgültig und folgte Creſcenz und Major Stultz mit den Augen; der Letztere ſchien die Strapa⸗ zen des ruſſiſchen Feldzugs und ſeine dicke Figur ganz vergeſſen zu haben und wirbelte mit einer Leichtigkeit, die einem Manne von Einundzwanzig Ehre gemacht hätte, im Zimmer herum. „Wie gut Major Stultz tanzt!“ ſagte Hamilton, als Creſcenz und ihr Tänzer bald darauf in ſeiner Nähe Halt machten. „Und Sie — warum tanzen Sie nicht?“ „Ihre Schweſter ſagt, ich tanze ſchlecht.“ „Ich habe geſagt, Sie wären ein unangenehmer Tänzer,“ ſagte Hildegarde; „andere Leute mögen ver⸗ ſchieden denken; aber ich kann es durchaus nicht lei⸗ den, wenn ich ſo feſt gehalten werde und —“ Hamilton's Geſicht wurde purpurroth und ſie ließ ihren Satz unbeendet. Vielleicht tanzt man in England anders,“ warf Creſcenz ein. „Höchſt wahrſcheinlich tanzt man dort gar keinen Walzer,“ ſagte Major Stultz. Hamilton erklärte ſich mit außerordentlicher Wärme agegen. „Wohl, auf alle Fälle iſt und bleibt es immer ein deutſcher Nationaltanz, und ſo darf ich wohl, ohne zu „ beleidigen, behaupten haß wie Deutſche ihn beſſer, als Ihr Engkänder, tanzen. Dagegen zweifle ich nicht, daß Ihr Euch auf den Contretanz und ſchottiſchen Reel vollkommen verſteht, aber —“ „Ich habe nie weder den einen, noch den andern 2 * —— getanzt,“ ſagte Hamilton mit einem Blick ſouveräner Verachtung. „Nun, Frangaiſe, Quadrille oder wie Sie der⸗ gleichen complicirte Tänze, die jetzt in die Mode kom⸗ men, nennen mögen.“ Hamilton gab keine Antwort; er hatte ſich zu Creſcenz gewendet und beſtand jetzt darauf, daß ſie mit ihm einen Walzer verſuche, um ihm den Fehler an ſeinem Tanzen zu ſagen. Sie murmelte das Wort „Ertratour“, das Major Stultz zu befriedigen ſchien, und willigte dann in ſein Verlangen. Es war auffallend, daß Creſcenz ſich nicht dar⸗ über beklagte, daß er ſie zu dicht an ſich halte; ſie ſchien nicht geneigt, einen Fehler an ſeiner Manier namhaft zu machen, und nur mit einiger Schwierig⸗ leit brachte er ſie dazu, einzugeſtehen, daß er dabei etwas Ausländiſches an ſich habe, und ſie der Mei⸗ nung ſei, er tanze nicht ganz ſo leicht, wie ein Deutſcher.“ „Ihrer Schweſter perfönliche Abneigung ſcheint bei jeder Veranlaſſung auf deren Urtheil Einfluß aus⸗ zuüben,“ ſagte Hamilton mit einem Blick auf Hilde⸗ garde, die noch immer auf derſelben Stelle ſaß und ſie mit ſichtlicher Unzufriedenheit beobachtete. „Komm, Hildegarde und hilf mir die Lichter auf⸗ ſtecken,“ rief Madame Roſenberg, „wir dürfen unſere Freunde nicht länger im Finſtern herumtappen laſſen.“ Hildegarde ſtand auf; — als ſie an Hamilton vor⸗ beikam, ſagte ſie leiſe: „Statt perſönlicher Abneigung können Sie mit Bezug auf ſich künftig Abſcheu ſagen.“ „Sehr gern — mit dem größten Vergnügen,“ ſagte Hamilton lachend. „Ich wünſche, daß Sie mich von ganzem Herzen haſſen.“ „Dann iſt Ihr Wunſch gewährt; ich fühle die größte Verachtung „ „Halt!“ rief Hamilton, immer noch lachend, denn ihr Zorn beluſtigte ihn. „Ich gab Ihnen nicht die 193 Erlaubniß zur Verachtung: ich ſagte nur, Sie dürfen mich haſſen, ſo .. „Hildegarde, Hilbegarde!“ rief Madame Roſen⸗ berg ungeduldig — „nun, was in aller Welt hat das Mädchen?“ „Zank, wie gewöhnlich,“ murmelte Major Stultz achſelzuckend. „O, ſie iſt nicht zankſüchtig!“ rief Creſcenz; „Sie verſtehen ſie nicht; ſte hat Recht — ganz Recht.“ „Recht, mich ohne Urſache zu haſſen!“ rief Ha⸗ milton, als ob er ungemein erſtaunt wäre. „Ich habe nicht genau gemeint — das heißt — ich denke — ich glaube — ich bin überzeugt, Hilde⸗ garde haßt weder Sie, noch irgend Jemand,“ ſagte Creſcenz verwirrt und ſich eilig nach dem Theil des Zimmers zurückziehend, der durch allgemeine Ueberein⸗ kunft dem unverheiratheten, weiblichen Theil der Ge⸗ ſellſchaft vorbehalten ſchien. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Madame Roſenberg trat, gefolgt von Hildegarde und der Köchin, in's Zimmer und brachte die angezündeten Lichter. Ein lautes Läuten an der Hausglocke ließ ſich hören, und die Köchin eilte, nachdem ſie die Lich⸗ ter hingeſtellt hatte, hinaus, um die Thüre zu öffnen. „Ganz gewiß ſind es die Bergers,“ ſagte Madame Roſenberg, als ſie mit ihren Lichtern auf das Piano⸗ forte zuging. „Beſſer ſpät, als gar nicht. Es freut mich, daß ſie kommt, denn ſie ſpielt Walzer zum Ent⸗ zücken; und da ſolche Tage, wie der heutige, nicht oft in einer Familie vorkommen, ſo wollen wir ſchon damit noch länger fortmachen.“ Hamilton ſchaute nach der Thüre und erblickte eine ſorgfältig geputzte und ausnehmend hübſche Per⸗ ſon, mit ſehr langen und üppigen blonden Locken, auf den Arm eines ältlichen Mannes mit vorſpringendem Die Anfangsbuchſtaben. 1. 13 * Kinn gelehnt. Sogleich fiel ihm ſehr deutlich ein, daß er ſchon von ihr und ihrem Begleiter gehört hatte, als er Creſcenz herzueilen und ſie umarmen ſah, in⸗ dem ſie eifrig rief: „O, Lina! Ich habe mich ſo darnach geſehnt, Dich zu ſehen! — ſo ſehr gewünſcht, Deinen Rath zu hören!“ Nachdem ſie mit großer Lebhaftigkeit einige Worte an die Roſenbergs und ihre anderen Bekannten gerich⸗ tet hatte, wandte ſie ſich zu Creſcenz, die fortwährend ihre Hand hielt und ihr jetzt wegen ihrer Vernach⸗ läſſigung Vorwürfe machte. „Mein liebes Kind, ich bin in Starnberg gewe⸗ ſen, ſonſt würdeſt Du mich früher geſehen haben. Der Doktor holte mich dieſen Nachmittag ab, und ich bin erſt ſeit einer Stunde in der Stadt. Bei einer ſolchen Veranlaſſung habe ich mich ſtattlich herausputzen müſ⸗ ſen, und Du haſt keine Idee, wie ſehr ich mich beeilte! Iſt dieß Kleid nicht allerliebſt? — des Doktors Wahl; er kaufte es bei Schultz und überraſchte mich damit an meinem Geburtstag! Denke Dir nur, ich bin neun⸗ zehn Jahr alt!“ fuhr ſie flüſternd fort, indem ſie Creſcenz bei Seite führte; „ich bin wirklich froh, daß ich verhei⸗ rathet bin; auf Theodor hätte ich eine Ewigkeit war⸗ ten müſſen. Er ſtudirt jetzt bei dem Doktor, beſucht die Hoſpitäler mit ihm und ſpeist bei uns jeden Sonn⸗ tag! — Juhe! —“ „Iſt der Doktor nicht eiferſüchtig?“ „Eiferſüchtig! — o Himmel, nein — warum ſollte er eiferſüchtig ſein? Wäre Theodor reich geweſen, hätte ich nätürlich ihn vorgezogen; aber ein armer Student! das war albern! Und doch liebte ich ihn — und zwar von ganzem Herzen!“ „Ich kann mir das leicht vorſtellen,“ ſagte Creſ⸗ cenz nachdenklich, „und beſonders in Seon, vor allen auf der Welt!“ und ſie ſeufzte ſehr ausdrucks⸗ vo „Nun gewiß, meine Liehe, Du haſt doch in Ston — 3 —— 195 Niemand gefunden, in den Du Dich hätteſt verlieben können? Ich bitte Major Stultz um Verzeihung aber — die Geſellſchaſt in Seon iſt ...“ „O, es waren dieſes Jahr einige recht nette Leute daſelbſt: Graf Zedwitz und ſeine Familie; ſein Sohn hat ſogar, das laſſe ich mir nicht nehmen, Hildegarde einen Heirathsantrag gemacht, obwohl ſie es nicht zu⸗ geſtehen will.“ „Graf Zedwitz! wie, Hildegarde würde gewiß keine ſolche Närrin geweſen ſein, nein zu ſagen zu einem —“ „Pſt! meine Liebe — es iſt das allergrößte Ge⸗ heimniß, und Hildegarde würde mir nie verzeihen, wenn ſie erführe —“ „Ich glaube kein Wort davon,“ ſagte die Doktorin, indem ſie eine in Unordnung gerathene Locke wieder zurechtſtrich. „Ich glaube kein Wort davon. Hilde⸗ garde würde genug davon geſchwatzt haben, wenn nur ein Schatten von Wahrſcheinlichkeit daran geweſen wäre. Daß ſie ihn ausgeſchlagen haben ſollte, liegt ganz außer der Natur der Dinge. Vermuthlich hat er, meine Liebe,“ ſetzte ſie hinzu, die Locken zurückwerfend, „vermuthlich hat er ſich zu Dir gewendet, als er Hilde⸗ garde's müde war? Hat ſie ihn durch einen Wuth⸗ anfall zurückgeſcheucht, wie mich an dem Tage, da ich den Brief von ihrem Vater las, den ſie im Schul⸗ zimmer verlegt hatte? Erinnerſt Du Dich noch, wie ſie tobte und mich ehrlos nannte und erklärte, ich wäre jedes Verbrechens fähig? Ich habe es dieſer Mademvoiſelle Hortenſe nie vergeben, daß fie nicht meine Partei nahm; aber alle die Lehrerinnen waren ſo ſtolz auf Hildegarde's Schönheit, nachdem ihr Bild gemalt war, daß ſie Alles thun durfte, was ihr be⸗ iebte.“ „Sprich nicht von ihr,“ ſagte Creſcenz leiſe, „ich weiß, daß Du ſie nie leiden konnteſt.“ „Man nannte uns, weißt Du, in der Schule die nebenbuhleriſchen Schönen, und das war Grund ge⸗ — nug, daß wir unſer Leben lang einander haſſen; aber nun, ſeitdem ich verheirathet bin, hat alle Nebenbuhler⸗ ſchaft aufgehört. Ich habe eine Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft eingenommen, hauptſächlich, ſeitdem man 3 Doktor zu der königlichen Familie gerufen hat, und „Was Du nicht ſagſt!“ rief Creſcenz, ſie unter⸗ brechend. „Ja, meine Liebe. Er iſt nicht eigentlich ange⸗ ſtellt; aber als die anderen Aerzte die Stadt verlaſſen hatten, holte man ihn zu einer der Hoſdamen, die Krankheits halber hatte dableiben müſſen, und ſie ver⸗ ſprach, allen ihren Einfluß für ihn aufzubieten; — ſeine Praris iſt allerdings ſo ausgedehnt, daß er dar⸗ auf nicht zu ſehen braucht — aber es iſt nur des Ruhms wegen; und es hat einen guten Klang, weißt Du — es hat einen guten Klang!“ und dabei ſpielte ſie mit ihrem Taſchentuch, das mit ſehr breiten Baum⸗ wollenſpitzen eingefaßt war. „Aber ich habe vergeſſen, daß Du mir ſagen wollteſt, Du habeſt Dich zu Seon in Jemand verliebt. Wenn es nicht dieſer Graf Zed⸗ witz war, wer ſonſt?“ „Niemand,“ ſagte Creſcenz, indem ſie ſich mit ihrem kleinen baumwollenen Taſchentuch, das ſtatt der Bordüre mit einem groben, indigoblauen Faden ver⸗ ziert war, die Augen wiſchte, — Niemand!“ „Ich verſichere Dich, Creſcenz, als verheirathete Frau kann ich Dir viel beſſer rathen, als in früheren Tagen, da ich ſo einfältig war, wie Du. Du thuſt am Beſten, mir zu vertrauen.“ „Ich habe nichts zu vertrauen,“ erwiederte Creſ⸗ cenz, eifrig in die vorerwähnte blaue Bordüre ihres Taſchentuchs beißend. „Nun, wenn Du es nicht für gut findeſt, mir Dein Vertrauen zu ſchenken, wirſt Du vielleicht mittheil⸗ ſamer ſein, wenn ich Dich frage, wer der ſehr lange, * 197 ſehr junge und ausnehmend hübſche Mann iſt, der dort am Fenſter mit Deinem Vater ſpricht?“ „Das iſt er,“ ſagte Creſcenz erröthend. „Wer?“ „Der Engländer.“ „Was für ein Engländer?“ „Der Engländer, den wir in Seon getroffen haben. „So!“ rief die Doktorin halb pfeifend. „So! — hem — das mag eine kleine Empfindelei etwas ent⸗ ſchuldigen, ich muß geſtehen, Creßy. Wie kommt es, daß er heute Abend hier iſt?“ „Er wohnt bei uns; er hat ſich bei Mama für den Winter eingemiethet. „So! ſpricht er Deutſch?“ „O ja, ſehr gut.“ „Stelle mir ihn vor; ich möchte ihn gerne ken⸗ nen lernen.“ „Ich kann nicht.“ „Du kannſt nicht! Nun, ich hätte Theodor der ganzen Welt vorſtellen und ihn überall hin komman⸗ können. Winke ihm, oder rufe ihn herbei, ſei eb! „Nicht um die Welt!“ „Ich glaube, Du fürchteſt Dich vor ihm.“ „Mich vor ihm fürchten! Was für eine Idee!“ ſagte Creſcenz mit einem ſchwachen Lächeln. „Ja, vor ihm fürchten,“ wiederholte ihre Freun⸗ din; „und doch iſt er durchaus keine Perſon, um Furcht einzuflößen.“ „O nein, durchaus nicht,“ ſagte Creſcenz;“ ich glaube ganz und gar nicht, daß ich mich vor ihm fürchte. Warum ſollte ich es auch?“ „Ja gewiß! Siehe, Creſcenz, er blickt jetzt gerade hieher; wende Dich gleich zu ihm und gib ihm ein Zeichen, ſonſt muß ich mich an Hildegarde halten.“ „O, gehe zu Hildegarde, wenn Du willſt,“ ſagte Greſcenz halb lachend; „aber höchſt wahrſcheinlich — 6 198 haben ſie eben mit einander gezankt, und in dieſem Fall wird ſie Dich an Papa oder Mama weiſen. „In dieſem Fall möchte ich ebenſo gut gleich zu Deinem Vater gehen, da er neben ihm ſteht; bei einer verheiratheten Frau würde das nichts zu ſagen haben, weißt Du; aber es wäre mir lieber, wenn ſich die Vorſtellung wie zufällig machen würde. Männer find gewöhnlich eitel, beſonders die Engländer, ſagt man.“ „O, er iſt durchaus nicht eitel, obwohl Hildegarde dieß ſtets behauptet und ſagt, daß er Jedermann lächer⸗ lich machen wolle. Sie hat einen eingewurzelten Wider⸗ willen gegen ihn vom Augenblick, da ſie ihn ſah.“ „Nun, das überraſcht mich, denn ſein Aeußeres iſt gewiß einnehmend; aber ich glaube auch, daß er eine ziemlich gute Meinung von ſich ſelbſt hat — inſofern muß ich ihr beiſtimmen; — aber warum ſollte er nicht? Er iſt jedenfalls hübſch, wahrſcheinlich geſcheidt, und ohne Zweifel reich.“ „O, er iſt ſehr geſcheidt,“ ſagte Creſcenz; „ſelbſt Hildegarde gibt das zu.“ „Nun, meine Liebe, auf unſer erſtes Wort zurück⸗ zukommen, willſt Du mir ihn vorſtellen, oder nicht?“ „Ich bitte Dich, verlange das nicht von mir!“ Die Doktorin zuckte mit den Achſeln, ſchüttelte ihre blonden Locken zurück und ging mit dem ſichtli⸗ chen Beſtreben, unbefangen zu erſcheinen, durch das Zimmer. „Hildegarde,“ ſagte ſie, deren Schulter berührend, die ihr abſichtlich zugewandt worden war, „Hildegarde, willſt Du mich nicht Deinem Engländer vorſtellen? Creſcenz ſagte mir, er ſei ſehr geſcheidt, und Du weißt, ich liebe geſcheidte Leute und Ausländer; aber Du mußt ein Bischen manövriren und ihn nicht merken laſſen daß ich Dich beſonders gebeten habe, mich mit ihm bekannt zu machen.“ „Ich manövrire nie,“ antwortete Hildegarde kurz „Du hätteſt das bis jetzt wiſſen können,“ 199 „Ich wollte nicht gerade ſagen, manövriren, ſon⸗ dern Dir nur zu verſtehen geben, Du möchteſt es ſo einrichten, daß er nicht denkt, ich bekümmere mich viel Kurz, es ſollte eine Art zufälliger Vorſtellung ein.“ „Willſt Du zufällig mit mir durch das Zimmer dorthin gehen?“ „Unmöglich.“ „Soll ich ihn zufällig hieher rufen?“ Rufen! — nein, nicht rufen, ſondern nimm eine Miene an, als ob Du erwarteſt, daß er ſelbſt komme. Er wird das ſicher verſtehen.“ „O nein, denn ich erwarte ihn nicht im Gering⸗ ſten. Creſcenz hätte Dir ſagen können, daß wir nicht auf ſonderlich gutem Fuß mit einander ſtehen. Du thäteſt beſſer, Mama darum zu bitten.“ „Mein Gott! Welchen Spektakel die Leute mit dieſem Engländer machen. Ich glaube, Ihr fürchtet Euch Alle vor ihm. Creſcenz gewiß.“ „Ich kann ihn nicht leiden, aber fürchte ihn nicht, wie Du ſehen wirſt. „Herr Hamilton,“ rief ſie laut, und Hamilton kam ſogleich, obwohl überraſcht, zu ihr heran. Madame Berger ſchwenkte ſpielend ihre Hand und ihr Taſchen⸗ tuch und zog ſich dann auf den Sopha in einiger Ent⸗ ſernung zurück. Hildegarde folgte ihm dorthin, indem ſie ihm ruhig auseinanderſetzte, Madame Berger wünſche ſeine Bekanntſchaft zu machen, weil er ein S und, wie ſie vermuthe, ein geſcheidter Mann äre. Hamilton lächelte, als er ſich neben ſeine neue Be⸗ kannte ſetzte und in einigen Minuten unterhielten ſte ch offenbar ſo gut mit einander, daß Creſcenz, die es bemerkte, leiſe zu ihrer Schweſter ſagte, „Du hat⸗ eſt ganz Recht, Hildegarde, Lina iſt eine verzwei⸗ felte Kokette. Sieh nur, wie ſie lacht und Herrn Ha⸗ nilton ihren Putz bewundern läßt.“ „Er hält ſie zum Narren. Jetzt, Creſcenz, wenn Du nicht blind biſt, kannſt Du den Ausdruck in ſeinem Geſicht ſehen, den ich Dir ſo oft beſchrieben habe.“ „Ich ſehe nur, daß er lacht und an den Spitzen ihres Taſchentuchs, das ſie ihn eben hat ſehen laſſen, zupft. Gewiß bewundert er es, denn es iſt wirklicher Leinenbattiſt und ſehr fein. ſe „Er bewundert es nicht; ſein eigenes iſt zehnmal einer.“ „Wirklich! ich habe das nie bemerkt: wie ſonder⸗ bar, daß Dir es auffiel.“ „Durchaus nicht ſonderbar,“ ſagte Hildegarde ſchnell; „Jedermann hat ſeine Liebhabereien. Du haſt Bracelets und Ringe gern, ich feine Taſchentücher.“ Nun, das iſt die ſonderbarſte Liebhaberei,“ ſagte Creſcenz, „daran würde ich zu allerletzt gedacht haben. Ich kümmere mich gar nichts um Taſchentücher.“ „Und ich nichts um Ringe und Bracelels,“ erwie⸗ derte Hildegarde. „Hieher, Mädchen!“ rief Madame Roſenberg, „was habt Ihr die Kövfe zuſammen zu ſtecken? Kommt und helft mir den Thee machen. Hildegarde, in der Küche iſt ſiedendes Waſſer. Creſcenz, Du kannſt Butterbrod ſchneiden und die Kuchen richten.“ Thee war damals ein in Deutſchland erſt in Mode kommendes Getränke, und in der Claſſe der Geſellſchaft, wo er noch ſelten gemacht wurde, verurſachte das Zu⸗ bereiten deſſelben beträchtliche Bewegung. Hildegarde und ihre Stiefmutter waren mit ihrem Verſuch un⸗ glücklich, der Thee ſchmeckte ſtark nach Rauch und ge⸗ ſottener Milch. Jedermann nippte daran und wun⸗ derte ſich, was ſchuld ſei, während Madame Roſen⸗ berg ihren Gäſten verſicherte, daß ſie ſchon zweima „einen Thee“ gemacht habe und derſelbe vortrefflich geweſen ſei; die Köchin, Walburg, oder wie ſie ver⸗ traulich genannt wurde, Wally müſſe ihn damit ver⸗ dorben haben, daß ſie mit dem Sieden des Waſſers ſich übereilte. Herr Hamilton würde natürlich als ein Engländer den Thee zu machen verſtehen; er müſſe wirklich ſo gut ſein und ſie in die Küche begleiten, und ſie wollten noch einmal einen machen. Hamilton ergab ſich mit Widerſtreben in den Vorſchlag, denn er hatte ſeine Geſellſchafterin unter⸗ haltend gefunden; aber als ſie ſich ihn zu beglei⸗ ten erbot, war er bald zu denken geneigt, das Thee⸗ machen in der Küche würde ebenſo unterhaltend, als neu für ihn ſein. Madame Roſenberg, Hildegarde, Creſcenz und Major Stultz folgten, indem ſte auf dem Corridor eine Art Proceſſion bildeten und die kleine, aber merk⸗ würdig nette Küche, wo ſie ſich verſammelten, gänz⸗ lich ausfüllten. Hätte ſie nicht einen Steinboden ge⸗ habt, es wäre ein ebenſo behagliches Zimmer geweſen, als eines im Hauſe; die unzähligen hellglänzenden Meſ⸗ ſing⸗ und Kupferpfannen und Töpfe, Pudding⸗ und Paſtetenformen bildeten den Schmuck derſelben. Rund um den Herd ſtanden Alle und warteten auf das Sie⸗ den einer Pfanne mit friſchem Waſſer, die über einer der für dieſen Zweck vorhandenen Oeffnungen ange⸗ bracht war. Sie ſahen das Waſſer und dann wieder einander an und dann wieder das Waſſer, und dann ſchob Wally mehr Holz darunter. Aber das Waſſer wollte noch immer nicht ſieden; und Madame Roſen⸗ berg und Major Stultz kehrten nach dem Geſellſchafts⸗ zimmer zurück, da Madame Berger es unternommen hatte, mit Hamilton's Beiſtand den vortrefflichſten Thee zu bereiten. „Es iſt ſonderbar,“ bemerkte ſie, ſich auf den po⸗ lirten Kupferrand des Herdes ſetzend und ſorgfältig die Falten ihres Kleides zurecht legend, „es iſt ſonder⸗ bar, aber nichtsdeſtoweniger Thatſache, daß, wenn man auf das Waſſer ſieht und es zum Sieden bringen will, es nicht ſiedet, und ſobald man den Kopf wegwendet, gleich zu wallen und zu ſprudeln anfängt, Nun, Herr können Sie mir erklären, wie dieß zu⸗ geht?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Hamilton lachend, „außer daß man vielleicht, da das Beobachten einer Pfanne mit Waſſer ganz und gar keine unterhaltende Beſchäftigung iſt, leicht deſſen müde wird und ſindet, daß die Zeit ungewöhnlich langſam vergeht.“ „Alles, was ich ſagen kann, iſt — daß, ſo lange ich auf das Waſſer ſehe, es nicht ſieden will.“ „Dann, bitte, ſehen Sie mich an,“ ſagte Hamil⸗ ton, der ſich auf den Küchentiſch geſetzt hatte, mit einem Fuß auf dem Boden, mit dem andern gleich einem Pendel hin⸗ und herfahrend, während er in der Hand einen Teller mit Makronen hielt, die Creſcenz eben darauf herumgelegt hatte — „bitte, ſehen Sie mich an. Deutſches Backwerk iſt entſchieden beſſer, als das engliſche — das hier iſt wirklich deliciös.“ O, ich eſſe dieſes Confekt ſo gerne,“ rief ſie, auf ihn zuſpringend, „ich eſſe es außerordentlich gerne. Gewiß,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich bemühte, den Teller zu erreichen, den er lachend gerade ſo hoch hielt, daß ſie ihm nicht beikommen konnte, „gewiß wollen Sie daſſelbe doch nicht ganz allein verzehren.“ „Sie ſollen Ihren Theil davon haben,“ ſagte Hamilton, „unter der Bedingung, daß jedes Stück mit einem ſichtbaren Citronattheilchen oder einer ganzen Mandel darauf, mir gehört.“ „Zugeſtanden.“ Ihr Antheil erwies ſich nur als klein und eine ſcherzhafte Balgerei begann. Creſcenz wandte ſich gegen das Fenſter, Hilde⸗ garde ſchaute verächtlich zu. In dieſem Augenblick rief Walburg: „Das Waſſer ſiedet!“ und Alle drehten ſich zum Herde um. „Wie viel Thee muß ich in die Kanne werfen 2 ½ fragte Madame Berger, ſich an Hamilton wendend. „Je mehr Sie hineinthun, deſto beſſer wird er ſein,“ antwortete Hamilton, ohne ſich von der Stelle zu bewegen. „Soll ich Alles hineinthun, was in dieſem Papier iſt?“ Hamilton nickte mit dem Kopf und der Thee war gemacht. „Sollte man ihn nicht noch ein bischen ſieden laſſen?“ „Keineswegs.“ „Vielleicht würde,“ ſagte Walburg, „ein Stück⸗ chen Vanille den Geſchmack verbeſſern.“ „Um keinen Preis.“ „Das Beſte, um ihm einen Geſchmack zu geben, iſt Rum,“ bemerkte Madame Berger. „Ich verbiete Rum, obwohl ich geſtehen muß, daß die Idee nicht ſchlecht iſt,“ ſagte Hamilton lachend. Hildegarde ſtellte die Theekanne auf eine kleine Platte und verließ die Küche, als gerade ihre Stief⸗ mutter hereintrat. „Nun, der Thee muß gut ſein! Es hat wahrhaf⸗ tig lange genug gebauert, bis er fertig war!“ bemerkie ſie, während ſie eine mitgebrachte Lampe niederſetzte. „Creſcenz, Dein Vater hat, ſcheint es, eine ganze Maſſe Leute eingeladen, ohne mir etwas davon zu ſa⸗ gen, und wünſcht einen Robber Whiſt im Schlafzim⸗ mer zu ſpielen. Ich habe keine ſauberen Leuchter mehr, ſo mußt Du die Lampe anzünden; ich weiß, daß der Docht darin iſt; denn ich habe ſie ſelbſt, ehe ich nach Seon ging, gereinigt, und Du haſt nur das Oel hin⸗ einzuthun und anzuzünden.“ Darauf nahm ſie Ma⸗ dame Berger am Arm mit den Worten: „Das iſt nur eine ärmliche Unterhaltung für Sie, den ganzen Abend in der Küche zu ſtehen, und ging weg, ohne Hamilton zu bemerken, der die Conſtruction des Herdes und Ka⸗ mines mit einem Intereſſe unterſuchte, das die Köchin höchlich in Erſtaunen ſetzte.“ „O, Wally, was ſoll ich thun?“ rief Creſcenz, „ich habe in meinem Leben noch keine Lampe ange⸗ rührt und kann ſie gewiß nicht anzünden, 3 204 „Das iſt ſehr leicht, Fräulein Creſcenz; ich will das Oel hineinſchütten und Sie zünden dieſen Span an und halten ihn an den Docht.“ Creſcenz that, wie ſie geheißen wurde. „Halten Sie, bis das Oel darinnen iſt, Fräulein, wenn Sie ſo gut ſein wollen,“ ſagte Wally. Das Oel war darinnen, der Docht angezündet, der Cylinder aufgeſetzt, und Creſcenz erhob die Glas⸗ glocke, um ſie an ihren Platz zu bringen, aber ent⸗ weder war ſie zu ſchwer für ihre Hand, oder hatte ſie die Höhe in Gedanken nicht gemeſſen, denn dieſelbe ſtieß ziemlich ſtark an den obern Theil der Lampe und zer⸗ brach mit lautem Klirren. „O Himmel, was ſoll ich thun!“ rief ſie in ihrer Beſtürzung, das Stück Glas, das ihr in der Hand geblieben war, feſt haltend. „Was ſoll ich thun! Mama wird ſo zornig ſein! Ich wage es ihr nicht zu ſagen — um's Leben nicht. Was in aller Welt ſoll ich thun?“ „Fortſchicken und ſo ſchnell als möglich eine an⸗ dere kaufen,“ ſagte Hamilton. „Iſt kein Glas⸗ oder Lampenladen in der Nähe?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Creſeenz, tief erröthend. „Ja,“ ſagte Walburg, „in der nächſten Straße iſt einer, gerade an der Ecke, wiſſen Sie, Fräulein Cres⸗ cenz „aber —“ und ſie hielt inne und ſahe verle⸗ gen aus. Ich muß es Mama ſagen, oder Hildegarde dazu bringen, daß ſie es ſagt. O was für ein Unglück! was für ein erſchreckliches Unglück!“ „Gehen Sie und kaufen Sie eine Glocke, ſtatt die Zeit damit zu verlieren, die Scherben anzuſehen,“ ſagte Hamilton ungeduldig zu Walburg. „Es iſt gar nicht nöthig, von der Sache etwas zu ſagen.“ „Aber,“ ſagte Walburg zandernd und zuerſt Creſ⸗ dann Hamilton anſehend,“ aber ich habe kein eld.“ „Dumm genug, daß ich nicht daran bachte,“ ſagte Hamilton, indem er ſeine Börſe herausnahm. „Das iſt wenigſtens ein Gulden zu viel,“ rief Walburg von ſeiner Freigebigkeit entzückt. „Macht nichts, laufen Sie, laufen Sie; das Uebrige gehört Ihnen, nur eilen Sie!“ „O wahrhaftig, ich kann das nicht zugeben,“ ſagte Creſcenz zaghaft; — „es würde ſehr Unrecht ſein — und — aber die Thüre hatte ſich bereits hinter der Botin geſchloſſen. „Ach — wenn die Mama jetzt käme,“ rief Cres⸗ cenz unruhig. „Das iſt nicht wahrſcheinlich, da Alles Thee trinkt.“ Die Thüre des Geſellſchaftszimmers öffnete ſich und die munteren Stimmen der Geſellſchaft ließen ſich im Gang vernehmen. Ich wußte es, ich wußte es; ſie kommt,“ rief Cres⸗ cenz; — aber es war nur Hildegarde, welche die leere Theekanne wieder füllen wollte. Sie machte eine ſehr ernſte Miene, als ſie von dem Vorfall hörte und forderte Hamilton auf, ſie in das Geſellſchaftszimmer zu begleiten, indem man ihn vermiſſen und Major Stultz dann unzufrieden werden fönnte. Er fühlte, daß ſie Recht hatte, und folgte ſchweigend. Sein Thee wurde einſtimmig geprieſen, aber Ma⸗ dame Roſenberg äußerte einige natürliche Beſtürzung, als ſie hörte, daß der ganze Inhalt ihrer Papierdüte, mit dem ſie ihre Freundinnen wenigſtens noch ein halbdutzendmal zu regaliren gehofft hatte, unbedacht⸗ ſam auf einmal in die Theekanne ausgeleert wor⸗ den war! „Es iſt kein Wunder, wenn der Thee gut iſt! Engliſcher Thee in der That! Auf dieſe Weiſe kann edermann Thee machen! Aber Engländer denken na⸗ türlich nie daran, was es koſtet. Ich für meine Per⸗ 3 206 ſon ſinde den Thee bitter und empfehle einen Löffel voll oder zwei Rum.“ Darauf brachte ſie eine kleine grüne Flaſche zum Vorſchein und vertheilte, als die Geſellſchaft mit ihren Taſſen ich um ſie verſammelte, einen, zwei oder drei Löffel, wie man es verlangte. Inzwiſchen ſaß Roſenberg in dem anſtoßenden, dunkeln Schlafzimmer an dem Kartentiſch — bald mi⸗ ſchend, bald auf die Karten trommelnd, bald leiſe pfeifend. Hildegarde hatte einen Ausdruck von Unzufriedenheit auf ſeinem Geſicht bemerkt und brachte nun, um einer Erkundigung nach der Lampe zuvorzukommen, ruhig Lichter vom Geſellſchaftszimmer und ſtellte ſie neben ihn. „Ich danke Dir, Hildegarde,“ ſagte ihr Vater, lauter als er gewöhnlich ſprach, „ich danke Dir, meine Liebe; Du vergißt nie, daß ich auch noch da bin, und gehorchſt ſelbſt meinen Gedanken. „Nun, wo iſt die Lampe?“ rief Madame Roſen⸗ berg, „wo iſt die Lampe? Was in aller Welt fann Creſcenz mit der Lampe angeſtellt haben?“ „Zerbrochen, höchſt wahrſcheinlich,“ ſagte Roſen⸗ berg trocken, „Hildegarde, ſtelle einen Stuhl für Ma⸗ jor Stultz her. Sie iſt doch ein gutes Mädchen! ein ſehr gutes Mädchen, kann ich Ihnen ſagen.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ antwortete der Major, indem er ſich über den hergerückten Stuhl ver⸗ beugte. „Geh' und ſieh, warum Deine Schweſter die Lampe nicht bringt,“ rief Madame Roſenberg ungeduldig. Als Hildegarde langſam und mit ſichtlichem Wi⸗ derſtreben nach der Thüre ging, warf ſie unbewußt einen Blick auf Hamilton; dieſer horchte ſehr aufmerk⸗ ſam auf den Wulſt von Sinn und Unfinn, worin die Doktorin ſich ergoß, die nur gelegenlich innehielt, um mit einem Gemiſch von kindiſchem und kokettem Weſen die langen, hübſchen Locken, welche zuweilen ihr Geſicht halb verbargen, zurückzuwerfen. Hamilton 207 jedoch . den Blick, verſtand ihn, und ſchaute ſo beharrlich nach der Thüre, ſelbſt nachdem ſie ſich ſchon geſchloſſen hatte, daß ſeine Geſellſchafterin es wahrnahm und plötzlich ſagte: „Warum ſehen Sie ſo ſonderbar nach Hildegarde, und warum ſtarren Sie die Thüre an, na ſie das Zimmer verlaſſen hat?“ „Wenn es Ihnen lieber iſt, daß ich Sie anſtarre, thue ich es ſehr gerne.“ „Sie wiſſen ſehr wohl, daß ich es ſo nicht ge⸗ meint habe,“ rief ſie mit affektirtem Aerger; „können Sie nicht einen Augenblick ernſthaft ſein und mir eine einfache Frage beantworten?“ „Ich beantworte Fragen nicht gerne,“ ſagte Hamil⸗ ton zerſtreut und noch einmal nach der Thüre ſehend. „Nun haben Sie wieder Ihre Augen an der lang⸗ weiligen .. Er drehte ſich um, nahm ein gut gepolſtertes So⸗ phakiſſen, legte es vor ſich hin, ſtützte die Ellenbogen darauf, während er ruhig aber unverwandt die Augen auf ihr Geſicht heftete und ſagte — „Nun, Madame, wenn es denn ſein muß, ſo bin ich bereit, mich fragen zu laſſen.“ „Sie ſind wirklich die unangenehmſte Perſon, die ich je getroffen habe.“ 8 „Das iſt eine Bemerkung und keine Frage.“ „Sie ſind der eitelſte —“ Hamilton blickte zu Boden und ſchien entſchloſſen, ſie nicht mehr zu unterbrechen. „Sind Ste von meiner Aufrichtigkeit beleidigt?“ ſetzte ſie plötzlich hinzu. „Nicht im Geringſten.“ „Nehmen Sie das Kiſſen weg und ſchauen Sie nicht drein, als ob Sie gelangweilt wären!“ „Aber ich glaubte, Sie wollten mich fragen?“ „Nein, ich fürchte mich.“ 8 208 „Nun, dann muß ich Sie ſeagen Wagte Hamil⸗ ton lachend. „Warum ſoll ich nicht nach Fräulein Roſenberg ſehen; und warum ſoll ich nicht nach der Thüre ſehen, wenn es mich unterhält?“ „Sie ſollen nicht nach der Thüre ſehen, weil Sie mir dabei den Rücken kehren, was nicht artig iſt,“ erwiederte ſie, ohne ſich zu beſinnen. „Sehr gut geantwortet; aber jetzt ſagen Sie mir, warum ich nicht nach Fräulein Roſenberg ſehen ſoll?“ „O, Sie mögen immerhin nach ihr ſehen — aber — aber — der Ausdruck Ihres Geſichts war nicht, als ob ſie Ihnen widerwärtig wäre.“ „Und warum ſollte ſie mir widerwärtig ſein?“ „Ich weiß wirklich nicht — nur hat mir Creſcenz geſagt, daß Sie oft mit ihr zanken; und da Hilde⸗ garde keinen Mittelweg kennt, ſo haßt dieſelbe Sie höchſt wahrſcheinlich von ganzer Seele. Sie haben keine Idee von der Tiefe ihrer Zu- und Abneigung.“ „Wirklich!“ „In der Schule faßte ſie eine Vorliebe für eine der Lehrerinnen, die ſtrengſte, unangenehmſte Perſon, die man ſich denken kann, — ſollten Sie es glauben? Dieſe Mademoiſelle Hortenſe war im Stande, mit ihr zu machen, was ſie wollte; ihr leiſeſtes Wort war ein Befehl für Hildegarde. Ich habe geſehen, wie ſie mit⸗ ten im gtößten Zorn erblaßte und vollkommen ruhig wurde, wenn Mademoiſelle Hortenſe plötzlich in das Zimmer kam. Dieß geſchah jedoch nicht aus Furcht, denn Hildegarde hat keine Idee, Jemand zu fürchten: ſie beſitzt einen ſchrecklichen Muth!“ „Im Ganzen alſo ein ziemlich intereſſanter Cha⸗ rakter,“ bemerkte Hamilton. „Meinen Sie? Ich kann Ihnen nicht beiſtimmen. In der Schule hatten wir Alle Creſcenz weit lieber.“ „Sehr möglich — ich kann mir vorſtellen, daß Sie die Eine liebten und die Andere bewunderten.“ „Was die Bewunderung anbelangt,“ ſagie Ma 209 dame xerger Boden ſchauend, — „was die Be⸗ wunderung der Mädchen in der Schule anbelangt, ſo war dieſe ſehr getheilt; Hildegarde ſtand an der Spitze der einen, ich der andern Partei.“ „Sie waren alſo Nebenbuhlerinnen?“ „Ja, in Allem — ſelbſt in der Zuneigung ihrer Schweſter. Und auch nur durch Creſcenz war ich im Stande, ſie zu quälen, wenn ich es ſo für gut fand.“ „Aber Sie fanden es gewiß nicht oft für gut.“ „O, ich verſichere Sie, bei all' ihrer Liebe zu Creſcenz tyranniſirte ſie oft das arme Mädchen und ge⸗ ſtattete ihr kaum, über Etwas ihre eigene Meinung zu haben. Creſcenz fürchtete ſich auch manchmal ein wenig vor ihr. Creſcenz iſt das liebſte Geſchöpf von der Welt, hat aber durchaus nichts Brillantes an ſich: wir lieb⸗ ten ſie Alle, lachten aber auch zuweilen über ſie; und Sie können ſich keinen Begriff von Hildegarde's Wuth machen, wenn ſie etwas davon merkte. Creſcenz hat mir geſtanden, wenn wir allein waren, daß ihre Schwe⸗ ſter ihr oft wegen ihrer Einfalt Vorleſungen gehalten und ſie angewieſen habe, was ſie thun und ſagen ſolle, wenn wir mit ihr einen Spaß zu machen verſuchten. i Komiſcheres, als Creſecenz die Hildegarde ſpielen zu ſehen. „Fräulein Roſenberg galt wohl für talentvoll?“ fragte Hamiltvn. „Talentvoll! nun ja — was das Lernen anbetrifft, ſo war ſie die beſte in der Schule, und das war der Grund, weßhalb die Vorſteherin und die Lehrerinnen die Heftigkeit ihres Temperaments überſahen: ſie hat ein ſehr unglückliches Temperament.“ „Das iſt Schade!“ ſagte Hamilton, „denn ſie ſcheint von vortrefflichem Charakter zu ſein.“ „Ich konnte nie etwas Vortreffliches an ihr ent⸗ bece ſagte Madame Berger, ſich leicht auf die Lippe eißend. Vielleicht,“ bemerkte Hamilton, „iſt 3. mehr auf⸗ Die Anfangsbuchſtaben. I. 2¹0 brauſend, als von unglücklichem Temperament; und Sie ſagen, daß ſie ſich in Gegenwart von Perſonen, die ſie liebt, Zwang anthun kann.“ „Aber gerade dieſes Lieben und Nichtlieben finde ich ſo abſcheulich: ſie liebt zum Beiſpiel ihren Vater — nun er iſt ein ſehr hübſcher, ruhiger, aber ſonſt ganz ordi⸗ närer Mann — ſie jedoch hält ihn für die Vollkommen⸗ heit ſelbſt und kommt ganz außer ſich, wenn man nicht vor allen ſeinen Anſichten einen albernen Reſpekt be⸗ zeigt. Was er ſagt, muß für die ganze Welt Geſetz ſein! Auf der andern Seite kann ſie ihre Stiefmutter nicht leiden, die nichts ſehr Außerordentliches, nein — ich muß geſtehen, etwas vulgär iſt. Aber ſie hat doch ihre guten Eigenſchaften. Hildegarde vermag ſie nicht zu ſehen und will auch Creſcenz nicht geſtatten, von ihr Kunde zu nehmen! Iſt das nicht abſcheulich?“ „Es iſt ein Beweis, daß ſie ſtarke Vorurtheile hat, aber —“ Eben jetzt öffnete ſich die Thüre und Creſcenz trat mit der Lampe und einem ſtrahlenden Lächeln in's Zimmer. Sie war ſchwer, und Hamilton ſtand auf, um ſie ihr auf den Tiſch vor dem Sopha, auf dem ſie ſaßen, ſtellen zu helfen. „Ich danke Ihnen, v ich danke Ihnen!“ rief Cres⸗ cenz mit einer Wärme, die Madame Berger ſo über⸗ trieben däuchte, daß ſie eine Erklärung deßhalb fuͤr nöthig hielt. „Das liebe Mädchen iſt ſo dankbar für die unbe⸗ deutendſte Aufmeriſamkeit. Das iſt bei uns Alleu, nachdem wir die Schule verlaſſen haben, noch eine Zeit lang gewöhnlich.“ „Da iſt die Lampe!“ rief Madame Roſenberg, zund nicht zerbrochen! Was ſagſt Du nun, Roſenberg? Ich behaupte, ſie brennt beſſer, als gewöhnlich; — iſt die Glocke geputzt worden, Creſcenz?“ Ja, Wally hat ſie ein wenig geputzt; ſie iſt ſehr ſtaubig geweſen,“ erwiederte Creſeenz, mit einem ſchlauen 211 Blick auf Hamilton und, wie es ſchien, über den Dop⸗ pelſinn ihrer Worte erfreut.“ Hildegarde erröthete tief und ging in das nächſte Zimmer. Hamilton bemerkte dieſes Erröthen und ſchaute ihr nach, während Madame Berger ihm zuflüſterte: „Haben Sie es geſehen? — ſie iſt auf das ihrer Schweſter zu Theil gewordene Lob eiferſüchtig.“ „Eiferſüchtig, o nein!“ ſagte Hamilton, ihr noch immer mit den Augen folgend. „Ich bitte um Verzeihung!“ rief Madame Ber⸗ ger, „ich wußte durchaus nicht, daß ich mit einem An⸗ beter ſprach: ich muß wirklich gehen und ihr von der Eroberung, die ſie gemacht hat, erzählen.“ Vielleicht erwartete ſie, er würde ſie aufhalten, oder fürchtete ſie eine Zurückweiſung von Hildegarde; denn es dauerte einen Augenblick, ehe ſie ſich in's nächſte Zimmer aufmachte. Hamilton folgte ihr gerade recht, um noch Hildegarde ſagen zu hören: „Bah, Du ſprichſt von Dingen, die Du nicht ver⸗ ſtehſt;“ zugleich wandte ſie ſich verächtlich von ihr ab. Madame Berger trat nun, um ihren Verdruß über Hildegarde's unerſchütterlichen Gleichmuth zu verbergen, zu Creſcenz, der, auf Major Stultz's beſonderes Er⸗ ſuchen, neben ihm ihr Platz angewieſen worden war. Da aber ihre Gegenwart nicht die gewünſchte Wir⸗ kung hervorbrachte, verſicherte ihn Madame Roſenberg, die, welche glücklich in der Liebe wären, hätten immer Unglück im Spiel, was ihm zu großem Troſt zu ge⸗ reichen ſchien, während Creſcenz lächelte und mit ſei⸗ nen Marken und ſeiner Börſe ſpielte. „Ich bin überzeugt, Creſcenz,“ ſagte Madame Ber⸗ ger, ich bin überzeugt, Du denkſt daran, was für eine Börſe Du Major Stultz auf den Chriſttag machen willſt! Du kannſt ihn in Zukunft keinen Lederbeutel mehr gebrauchen laſſen. Ich will Dich eine neue Art Börſe machen lehren, die ſehr ſtark iſt.“ 212 „O, bitte, thue es!“ rief Creſcenz aufſpringend; „Du weißt, daß ich beſonders gerne Börſen mache. Wann willſt Du anfangen.“ 5 „Morgen, wenn es Dir recht iſt. Sag' aber doch, Creßy,“ fuhr Madame Berger flüſternd fort, „was macht denn Hildegarde dieſen Abend ſo ſchrecklich wild?“ „Ich habe nichts davon bemerkt.“ „Sie iſt ganz beſonders widerwärtig, kann ich Dir verſichern. Ich habe eine höchſt unſchuldige Neckerei über Hamilton verſucht, und ſie —“ „O, über ihn darfſt Du nicht ſpaßen; ſie haßt ihn ſo über alle Maßen —“ „Kein Gedanke — und er haßt auch ſie nicht.“ „Was Du nicht ſagſt!“ „Ich ſage ſo und denke ſo; und Du wirſt ſehen, vaß ich Recht habe. Nun, er hat bereits für ihr ſchlim⸗ mes Temperament eben ſo viel Entſchuldigung, als Dein Vater; wenn Du ihn nur gehört hätteſt!“ ch hätte Hildegarde nicht für fähig gehalten, ein voppeltes Spiel zu treiben,“ rief Creſcenz bewegt. „Sie iſt zu Allem fähig. Hätteſt Du nur den Blick des Einverſtändniſſes geſehen, den ſie mit ein⸗ ander wechſelten, als ſie das Zimmer verließ, um nach Dir und der Lampe zu ſehen! Es würde Dich auf einmal überzeugt haben. Und dann bewachte er die Thüre und .. „Ach ja!“ rief Creſcenz, augenſcheinlich ſehr er⸗ leichtert, „ich verſtehe. Nein, Lina, dießmal habe ich Recht und Du Unrecht. Ich weiß, warum er Hilde⸗ garde und die Thüre anſah.“ „Du? — Du? Dann komm und erzähle mir Alles. Beiläuſig möchte ich recht viel mit Dir ſchwatzen, um u erfahren, wie die Sachen ſtehen. Dieſer Hamilton iſt ungewöhnlich hübſch und unterhaltend. Ich möchte wiſſen, was ihn nach Seon brachte und wie es kam, vaß er bei Deiner Mutter einmiethete u. ſ. w. Wenn 2¹3 — Du heute Nacht keine Zeit haſt, ſo kannſt Du es morgen erzählen, während Du den Börſenſtich lernſt.“ So wurde Verabredung für den getroffen und bald darauf brach die Geſellſchaft auf. Zwölftes Kapitel. Häusliche Details. Hamilton war frühzeitig ausgegangen, Zedwitz zu beſuchen und ein Pferd, das ihm Major Stultz em⸗ pfohlen hatte, anzuſehen. Bei der Rückkehr vernahm er, während er ſich auf ſein Zimmer begab, einen ſo muntern Geſang in der Küche, daß er im Vorbei⸗ gehen an der Thüre der Verſuchung, hineinzuſchauen, nicht widerſtehen konnte. Creſcenz ſtand am Herde, einen langen hölzernen Rührlöffel in der Hand, die Aermel aufgeſchlagen und die runden. weißen Arme mit Streifen von Ruß und Mehl geſchmückt; während eine leinene Schürze von großen Dimenſionen den größten Theil ihres Kleides vor Beſchädigung ſchützte. Ihr Geſicht glühte, theils vor Hitze, theils vor Vergnügen. Sobald ſie Hamil⸗ ton auf der Thürſchwelle wahrnahm, hörte ſie mit Singen auf, lächelte fröhlich und forderte ihn auf, einzutreten. Nun hatte Hamilton eine Vorliebe für dieſe Küche gefaßt; er hielt ſie bei Weitem für das beſt ausgeſtattete Zimmer im Hauſe, und wirklich war es ein hübſcher und heiterer Raum und mit einer in Deutſchland gewöhnlichen Nettigkeit gehalten, wo es gewöhnlich iſt, die weiblichen Mitglieder von Bürger⸗ Familien ſich mit Küchengeſchäften befaſſen zu ſehen. Ich habe heute meine erſte Lection in der Kochkunſt gehabt,“ rief ſie voll Freude; „und Mama eine Torte 214 achen helfen, und Sie ſehen, ich koche dieſes Gemüſe,“ te ſie hinzu, indem ſie mit de 2 rlöffel in S der Töpfe fuhr. S „Ja wohl, Fräulein,“ rief die Köchin, das iſt die Suppe, und die Nudeln werden ganz zerlaufen, wenn Sie dieſelben ſo umrühren.“ „Nun, dieß iſt das Sauerkraut,“ ſagte ſie, indem ſie eifrig eine von den Caſſerolen heran zog; „das iſt Sauerkraut.“ „Das hätte ich ſelbſt Ihnen ſagen können,“ rief Hamilton lachend, „der Geruch iſt zu abſcheulich, um daran zweifeln zu laſſen.“ „Aber der Geſchmack iſt ſehr gut,“ ſagte Creſcenz. „Darüber bin ich mit Ihnen nicht einverſtanden, Geſchmack und Geruch ſind im höchſten Grad ſchrecklich.“ „Ich habe nie von Jemand gehört, der nicht gerne Sauerkaut aß,“ ſagte Creſcenz mit einigem Erſtaunen; „macht man es nie in England?“ „Ich habe es nie geſehen, außer bei einem Freunde, der lange Geſandter an einem der deutſchen Höfe ge⸗ weſen, und damals wurde es nur als eine Art Curio⸗ ſität herumgereicht.“ „Wie ſonderbar! England ſcheint alſo gänzlich verſchieden von Deutſchland zu ſein?“ rief ſte halb fragend, mit einem neugierigen Kopfſchütteln. „Der Unterſchied liegt noch in vielem Andern, als im Sauerkraut⸗Eſſen oder Nichteſſen,“ antwortete Hamilton; „aber da Sie eine ſo famoſe Köchin find, muß ich Sie bitten, mir heute etwas Anderes zu ge⸗ ben, da ich Ihr Kraut nicht eſſen kann.“ „O ja,“ rief Creſcenz entzückt; „Wally, was wollen wir für Hamilton kochen? Ich hätte ſicherlich nie ge⸗ dacht, daß mir das Kochen ſo wohl gefallen würde!“ Und bei dieſen Worten unterdrückte ſie mit Mühe eine Neigung, in der Küche herumzutanzen. „Wirklich, wie Sie es lernen, Fräulein Creſcenz,“ ſagte Walburg, „muß es ſehr angenehm ſein. Zu den⸗ zum Erſatz des Sauerkrauts ausfindig machen.“ ken, daß Sie s Haus haben werden, und einen r eig ie Alles, was Ihnen Torten und Siit s gut oder ich mü Dieſe Worte ernüchterten Creſcenz vollſtändig; wäre Hamilton nicht dageweſen, hätte ſie ſich vielleicht geſprächig darüber auslaſſen können, aber jetzt ſah ſie verwirrt aus und wandte ſich ab, die Küche zu ver⸗ laſſen, indem ſie bemerkte, es wäre jetzt Zeit, die Hände zum Mittageſſen zu waſchen. „Aber ich dachte, Sie würden für mich Etwas 2 „Wally wird Etwas beſorgen,“ antwortete ſie, in⸗ dem ſie den Arm mit der Schürze rieb, damit ſie nicht aufblicken mußte, als ſie auf den Gang hinaustrat. Hamilton war ihr, als ſie in das Zimmer ging, ſo nahe, daß ein Gefuühl der Höflichkeit ihr nicht erlaubte, die Thüre zu ſchließen, und ſo ſah er Hildegarde an einem kleinen tannenen Tiſche zwiſchen ihren Brüdern Fritz und Guſtel ſitzen, — einige Bücher und eine Schiefertafel lagen vor ihr, und als die Thüre auf⸗ ging, gab ſie dem Erſtern ein Buch mit der Bemer⸗ kung zurück, „ſo geht es nicht, Fritz, Du haſt kein Wort von Deiner Lection gelernt!“ „Kreuzhimmelſapperment!“ rief Fritz, indem er das Buch an die Decke hinaufwarf, „das iſt zu viel ver⸗ langt! wenn ein Junge, wie ich, den ganzen Morgen in der Schule geweſen iſt und für eine Stunde oder ſo nach Haus kommt, um zu eſſen und ſich zu unterhalten — ſoll er ſich noch ſo niederſetzen laſſen, um Franzöfiſch zu lernen. Ich ſage Dir was, Hildegarde, ich fange bald an, Deinen Anblick zu haſſen, wenn Du mich mit der alten Grammatik plagſt.“ „Was ſoll ich mit ihm anfangen?“ fragte Hilde⸗ garde, an ihre Schweſter ſich wendend. „Fritz, lerne Deine Lection — ſei lieb!“ fiel Cres⸗ cenz ein, „ſiehſt Du, was fü gu nabe Guſtel iſtl“ und ſie legte liebkoſend ihre Hand d chulter des ern, der eifrig damit beſchäft ar, in Blatt nes Buchs zu einer Trompete zuſammmenzurollen, und entſetzlich gähnte „Lieber gebe ich die Idee ganz auf, in's Kadetten⸗ corps zu kommen und Oſſicier zu werden,“ rief Fritz, indem er dem auf dem Boden liegenden Buch mit dem Fuß einen Stoß gab, „als daß ich dieſe abſchen⸗ lichen Erercitien ſchreibe und auf Hilbegarde's lange Erklärungen horche.“ „Aber denke an den Säbel und die Uniform, Fritz“ ſagte Creſcenz freundlich beſänftigend. „Donner und Doria! — was hilft Säbel und Uniform, wenn ich das Wörterbuch lernen und fran⸗ zöſiſche Exercitien ſchreiben muß.“ 6 „Komm, Fritz,“ rief Hildegarde gebieteriſch, „laß mich nichts mehr von dieſem albernen Fluchen hören; es ſchickt ſich durchaus nicht für einen Knaben Deines Alters. Wenn Du Deine Lection nicht lernen willſt, kann ich wenigſtens Dein Exercitium corrigiren.“ Sie ſtreckte die Hand nach der Schiefertafel aus. Fritz kam ihr zuvor, ergriff dieſelbe und ſchleuderte ſie in die Luft, wie er es mit der Grammatik gethan hatte; aber ſie ſiel nicht ſo unſchädlich zu Boden. Hamilton, der unter der offenen Thüre ſtand, ſprang vor, aber es war zu ſpät, um zu verhindern, daß ſie mit be⸗ trächtlicher Gewalt beim Herabfallen ſie an einem der Schläfe traf und eine Wunde verurſachte, aus der ſo⸗ gleich das Blut in großen, dunkeln Tropfen hervor⸗ zuquellen begann. Hildegarde ſprang zornig auf, während Fritz, nach⸗ dem der erſte Augenblick des Schreckens vorüber war, auf ſie zuſprang und ſie in ſeine Arme ſchließend aus⸗ rief, „vergib mir, vergib mir — gewiß, ich wollte Dir nicht wehe thun!“ „Wenn Papa vom Bureau da iſt,“ ſagte Creſcenz, 21¹7 ſich anſchickend, bas Zimmer zu verlaſſen, „ſo gehe ich dieſen Augenblick hin und ſage es ihm. „Halt,“ rief Hildegarde ſchnell, „er ſagt, er habe es nicht mit Fleiß gethan, und zudem bin ich nicht ſehr verletzt. Du darfſt es weder Papa, noch Mama ſagen.“ Nun, Du biſt doch wirklich das beſte Geſchöpf von der Welt, Hildegarde,“ rief Fritz, und ich ver⸗ ſichere, ich will mich lieber von Dir beohrfeigen, als von Creſcenz küſſen laſſen.“ „Und beohrfeigt wäreſt Du worden, hätte ich Dich in der Nähe gehabt,“ ſagte Hildegarde lachend, wäh⸗ rend ſie Waſſer in ein Becken goß. „Mama wirbd aber gewiß den Schnitt ſehen und fragen, woher,“ ſagte Creſeenz. „Ich kann es leicht unter meinem Haar verber⸗ gen, wenn es zu bluten aufgehört hat.“ „Nun, dafür, Hildegarde,“ rief Fritz, „verſpreche ich Dir, in den nächſten vierzehn Tagen ſo viel Lectio⸗ nen zu lernen, als Du nur haben willſt.“ Madame Roſenberg's Schritt und das Klimpern ihrer Schlüſſel erſchreckte ſie Alle. Hamilton wandte ſich um, ſie im Gange abzufaſſen, indem er zu ihr ſagte: „Kann ich Sie fünf Minuten ſprechen?“ „Gewiß, und länger, wenn Sie wollen,“ erwie⸗ derte ſie, indem ſie den Schlüſſelbund an ihr Schürzen⸗ band ſteckte. „Laſſen Sie mich nur zuvor ſehen, wie es in der Küche geht, und dann ſtehe ich Ihnen zu Dienſten, ſo lang es Ihnen beliebt. Setze einen Deckel auf dieſen Topf, Walburg, und ſage Creſcenz, daß ſie den geſtoßenen Zucker an die Torte und die Aepfel zum Veſperbrod der Knaben nicht vergißt. Und jetzt,“ ſagte ſie zu Hamilton gewendet und zu ſeinem Zim⸗ mer vorangehend, „was haben Sie mir zu ſagen? Sie ſehen ſo ernſthaft drein, daß ich beſorge, Sie wollen mir ſagen, die Zimmer gefallen Ihnen nicht, 218 da ſie hinten hinausgehen, und in der Nähe ein Kupfer⸗ ſchmied iſt.“ „Ich habe zu geſund geſchlafen, um die Kupfer⸗ ſchmiede zu hören,“ ſagte Hamilton lächelnd, „und den Tag über bin ich ſelten auf meinem Zimmer, um dadurch geſtört zu werden. Ich finde vielmehr ſo viel, was mich unter⸗ hält, — ich will ſagen, ſo viel, was mich als Aus⸗ länder in Ihrem Hauſe intereſſirt, daß ich glaube, ein halb Dutzend Schmiede könnten mich nicht verleiten, es jetzt zu verlaſſen.“ „Das freut mich zu hören, denn ich habe Sie ſehr gerne, und ſo auch Roſenberg.“ „Dann darf ich hoffen, Sie werden nicht böſe ſein, wenn ich Sie um Wachslichter für mein Zimmer — und um eine friſche Serviette täglich erſuche,“ ſagte Hamilton mit einiger Verlegenheit. „Das läßt ſich leicht machen,“ ſagte Madame Roſenberg.“ Weder Herr Smith, noch Capitain Black haben je Wachslichter begehrt; aber ich vermuthe, Sie ſind ſehr koſtſpielig erzogen worden. Ich glaube je⸗ doch, Sie haben ſonſt noch Etwas auf dem Herzen?“ „Ich wollte Ihnen ſagen, daß ich dieſen Morgen Pferde angeſehen habe, die ich zu kaufen ſehr geneigt wäre, wenn ich hier in der Nähe einen Stall und einen ordentlichen Reitknecht finden könnte. „Wie glücklich ſich das trifft!“ rief Madame Roſen⸗ berg. „Es iſt gerade jetzt hier im Hauſe ein Stall zu vermiethen; die neuen Bewohner des erſten Stocks halten keine Pferde, ſo können Sie ihn ganz für ſich haben; und der alte Hans fragte mich geſtern, ob ich ſeinen Sohn nicht Jemand empfehlen könnte, der einen Reitknecht oder Kutſcher brauche? Ich will mit Ihnen ſogleich hinuntergehen und nach dem Stall ſehen, und Sie können mit dem alten Hans wegen ſeines Sohnes ſprechen.“ Die Sache war bald in Richtigkelt, und als ſie mit einander die Treppe hinaufſtiegen, begegneten ſie 8 2¹9 zwei ſehr gut gekleideten Frauen, die ſich höflich, aber fremd gegen Madame Roſenberg verbeugten. Als die⸗ ſelben vorüber waren, bemerkte ſie gegen Hamilton. „Die neuen Miethleute aus dem erſten Stock: ſie ziehen den neunundzwanzigſten dieſes Monats ein und haben nach ihren Zimmern geſehen, die neu tapezirt und gemalt werden. Im zweiten Stock finden wir unſern Hausherrn, dem der Laden unten gehörtz da er ſechs oder acht Kinder hat und dieſe einen ſchrecklichen Lärm machen, iſt es mir lieber, über, als unter ihnen zu wohnen, ob es gleich nicht ſo nobel iſt.“ Nach dem Mittageſſen, als Hamilton ſich mit Creſcenz allein im Geſellſchaftszimmer befand, drang er in ſie, ihm eine Lection im deutſchen Walzer zu geben; ſie hatte eben ihre Inſtructionen beendigt und wirbelte zum erſten Mal im Zimmer herum, als die Thüre aufging und Hildegarde einen Blick hereinwarf, aber, ohne ein Wort zu ſprechen, wieder zumachte. „Da haben wir's,“ rief Creſcenz, mit einer Miene großen Verdruſſes an das offene Fenſter tretend; „gab es je etwas ſo Aergerliches! und nach unſerer Erklä⸗ heute Nacht dazu! Aber ſie verlangt wirklich zu viel.“ „Was verlangt ſie?“ fragte Hamilton, indem er von der andern Hälfte des Fenſters Beſitz nahm und auf eines der Kiſſen ſich lehnte, die, wie in Deutſch⸗ land gewöhnlich, zur Bequemlichkeit für die Ellnbogen derjenigen, die auf die Straße zu ſehen pflegen, dort aufgelegt ſind.“ „Was verlangt ſie?“ „Ich ſolle nie, keinen Augenblick vergeſſen, daß ich Major Stultz zu heirathen verſprochen habe. Ich weiß recht gut, daß ſie es mißbilligt, daß ich mit Ihnen ge⸗ tanzt habe.“ „Und wenn Sie jetzt auf einen Ball gehen woll⸗ ten, würde es Ihnen nicht freiſtehen, mit wem Ihnen beliebt, zu tanzen?“ „O, natürlich.“ 22⁰ „Warum denn nicht mit mir?“ 2 „O, weil — weil — ſie weiß, daß ich — daß e „Wirklich,“ ſagte Hamilton, „Sie haben ihr alſo von meinem unentſchuldbaren Benehmen, den Tag wo wir auf der Alpe waren, geſagt? „Nein,“ erwiederte Creſcenz, „ich habe ihr nur geſagt, daß Sie ohne Ihres Vaters Zuſtimmung nicht heirathen können — daß die jüngeren Söhne in Eng⸗ land nicht heirathen können — gerade, was Sie mir ſelbſt geſagt haben. „Die Erinnerung an dieſen Tag wird mir, ſo lange ich lebe, Kummer machen; leichtſinnige Worte über einen ſolchen Gegenſtand ſind ganz unverzeihlich. Ich hoffe, Sie haben Alles vergeſſen, was ich Ihnen geſagt habe!“ „Ich kann es nicht vergeſſen,“ ſagte Creſcenz, in⸗ dem ſie, um ihre Bewegung zu verbergen, aufmerkſam auf die Straße ſah — „ich kann es nicht vergeſſen, — es war das erſte Mal, daß ich Etwas der Art gehört habe und genau daſſelbe, was ich mir in jeglichem Betracht vorgeſtellt habe.“ Hamilton biß ſich in die Lippen und erwiederte ernſt, „es war nur die Neuheit, welche meinen Worten Wichtigkeit verlieh; ich bin überzeugt, Sie würden mich ausgelacht haben, wie ich es verdiente, wenn Sie ſich nur einen Augenblick Zeit zur Ueberlegung genom⸗ mun hätten. Major Stultz muß Ihnen oft geſagt aben —“ „Major Stultz,“ ſagte Creſcenz verächtlich, „ſpricht nie von Etwas, als wie behaglich wir zuſammenleben, und was wir zum Mittageſſen haben werden, und wie viel Dienſtboten wir halten können, und was derglei⸗ chen Dinge mehr ſind, die es unmöglich machen, ein Jahr von ſeinem Leben oder einen Zug ſeiner Häß⸗ lichkeit zu vergeſſen.“ „Er iſt ein ſehr gutmüthiger Mann,“ ſagte Hamil⸗ 221 ton, „und Zedwitz hat mir erzählt, daß er ein ſehr diſtinguirter Officier geweſen ſei.“ „Sie fangen an, gerade wie Hildegarde zu ſpre⸗ chen,“ rief Creſcenz ungeduldig, „und von Ihnen, der Sie die Urſache meines Unglücks ſind, kann ich es nicht ertragen.“ „Die Urſache Ihres Unglücks,“ wiederholte Ha⸗ milton langſam; „wenn ich dieß wirklich für möglich hielte, könnte mich nichts bewegen, nur eine Stunde länger in dieſem Hauſe zu bleiben. „O nein,“ rief Creſcenz haſtig! „Nein, das wollte ich nicht damit ſagen. O nein! Sie müſſen geſehen haben, daß ich nicht unglücklich bin! — ich — ich bin ſehr glücklich!“ und bei dieſen Worten brach ſie in Thränen aus. „Wohl, das iſt eine Strafe für meinen Leicht⸗ ſinn!“ rief Hamilton von ſeinem Platz am Fenſter auf⸗ fahrend und im Zimmer auf⸗ und abſchreitend. „Ge⸗ wiß, gewiß, ſo unbeſtimmte Ausdrücke, wie die meinigen waren, haben keine ſo ernſthafte Auslegung verdient!“ „Unbeſtimmte Ausdrücke,“ wiederholte Creſcenz, durch Thränen ihn anſchauend — „ernſthafte Auslegung! Haben Sie nicht das gemeint, was Sie ſagten?“ „Beim Himmel; ich weiß nicht, was ich ſagte, oder was ich meinte,“ rief Hamilton heftig. Creſcenz begann jetzt ſchrecklich zu ſchluchzen. „Creſcenz — vergeben Sie mir,“ ſagte er haſtig, „noch einmal bitte ich Sie um Verzeihung und flehe Sie an, meine Thorheit zu vergeſſen. Laſſen Sie die⸗ ſen Gegenſtand niemals mehr unter uns zur Erwäh⸗ nung kommen, wenn ich mich nicht ſelbſt haſſen ſoll.“ „Aber,“ ſchluchzte Creſcenz, „aber ſagen Sie mir wenigſtens, daß Sie mich nicht, wie Hildegarde behauptete, zum Narren haben wollten. Sagen Sie mir, vo ſagen Sie mir, daß Sie mich lieben und ich bin zufrieden. „Sie — Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen,“ rief Hamilton, unfreiwillig über ihre äußerſte Einfalt 222 lächelnd. Sie verlangen von mir, ein Vergehen zu wiederholen, das ich von ganzem Herzen bereue. Bei Ihrer Lage würde ein ſolches überlegtes Geſtändniß von meiner Seite kaum weniger — als ein Verbre⸗ chen ſein.“ „Sie meinen, weil ich verlobt bin?“ Die Antwort wurde ihm durch Hildégarde erſpart, die mit einem kleinen Kaffeebrett und Taſſen eintrat. Vergeblich drehte ſich Creſcenz zum Fenſter um, ihre Thränen zu verbergen — Hildegarde ſah ſie und rief, zornig zu Hamilton gewendet. „Das iſt ein höchſt unverzeihliches Benehmen — unehrenhaft —“ „O halt ein! Hildegarde,“ rief Creſcenz flehend, „ich bitte Dich, halt ein. Du thuſt ihm, wie gewöhn⸗ lich, Unrecht und mißverſtehſt ihn ganz und gar.“ „Verſuchen Sie keine Rechtfertigung,“ rief Ha⸗ milton ungeduldig, „ſie wird Ihnen nicht 3* Und,“ ſetzte er flüſternd hinzu, „in der That, ich ver⸗ diene ſie nicht.“ Walburg unterbrach ſie, indem ſie halb die Thüre öffnete und ihnen geheimnißvoll meldete, daß ein Of⸗ ſieier draußen wäre und ſich nach Hamilton erkun⸗ digt habe. „Weiſen Sie ihn in mein Zimmer und ſagen Sie ihm, daß ich in einem Augenblick dort bin.“ „Mein Beſuch gilt nur theilweiſe Ihnen, Hamil⸗ ton,“ ſagte Zedwitz, in's Zimmer tretend. „Ich wünſche auch, Madame Roſenberg meine Aufwartung zu machen.“ Er hatte kaum noch Zeit, einen Blick auf Hilde⸗ garde zu werfen, ehe ſie, gefolgt von ihrer Schweſter, das Zimmer verließ. „Die jungen Damen ſind nicht beſonders artig gegen Sie,“ bemerkte Hamilton, indem er ſich auf das Sopha ſetzte. „Nun, Sie erwarteten doch nicht, daß ſie hier bei uns bleiben ſollten.“ 50 223 „Gewiß that ich das.“ „Ich nicht, aber ich erwarte, daß ſie mit ihrer Mutter zurückkehren.“ Creſcenz that es, nicht ſo Hildegarde. In Folge davon war auch Zedwitz's Beſuch bei Madame Roſen⸗ berg ſehr kurz und er begab ſich bald auf Hamilton's Zimmer. „Ei, was iſt das?“ rief Madame Roſenberg, in die Kaffeekanne ſchauend. „Wahrhaftig, Herr Hamil⸗ ton hat ſeinen Kaffee zu trinken vergeſſen!“ „Ich will ihm denſelben bringen,“ ſagte Creſecenz, zum Tiſch tretend. „Das wirſt Du nicht thun,“ ſagte ihre Stief⸗ mutter, indem ſie ihr haſtig zurückwinkte. „Nichts dergleichen — und ich denke — das heißt, der Major — aber es macht nichts und meine Erklärung iſt un⸗ nöthig. Rufe Hildegarde!“ Hildegarde kam und erhielt Befehl, das Kaffee⸗ brett auf Hamilton's Zimmer zu tragen. „Darf ich nicht Walburg ſchicken?“ „Nein, weil ich ſie mit einem Auftrag ausgeſchickt habe, und der Kaffee iſt zu kalt, um ihn bis zu ihrer Rückkehr ſtehen zu laſſen, da das Feuer in der Küche ſchon aus iſt.“ „Aber — aber,“ entgegnete Hildegarde zögernd, „Herr Hamilton iſt nicht allein.“ „Graf Zedwitz iſt in ſeinem Zimmer, aber er wird nicht beißen, ſo gehe einmal, und ſei nicht un⸗ gefällig.“ Eine halbe Stunde ſpäter war Hamilton im Cor⸗ ridor, um ſeinen Stock zu ſuchen, den die Kinder ver⸗ legt hatten. Er trat in das Kinderzimmer und wäh⸗ rend er dort herumſtöberte, kam Madame Roſenberg dazu und drückte ihre Hoffnung aus, er hätte den Kaf⸗ fee nicht zu kalt gefunden. „Kaffee! — nein — ja! Wann, wo habe ich ihn getrunken?“ 224 „Auf Ihrem eigenen Zimmer,“ erwiederte Ma⸗ dame Roſenberg lachend. „Sie müſſen ein ſehr kurzes Gedächtniß haben: ich habe Ihnen denſelben durch Hildegarbe vor etwa einer halben Stunde zugeſchlct Er blickte forſchend auf Hildegarde. ie erhob langſam die Augen von ihrer Arbeit, ſah ihn feſt und ernſt an und ſagte franzöſiſch: „Ich habe ihn lieber zum Fenſter hinausgeworfen, als daß ich Ihnen denſelben brachte.“ „Das nächſte Mal rathe ich Ihnen, denſelben zu trinken,“ ſagte Hamilton lachend, als er das Zimmer mit Zedwitz verließ. Im Hinabſteigen bemerkte er auf der Treppe: „Nun, das iſt das ſonderbarſte Mädchen, das mir je vorgekommen iſt, ein vollkommenes Original. Sie haben keine Idee davon, wie ſehr ſie mich unterhält und intereſſirt.“ 2220 kann es mir leicht vorſtellen,“ ſagte Zedwitz rocken. „Aber Sie können ſich nicht vorſtellen, wie tief ſie mich haßt. „Das war es ja eben, was Sie wünſchten, wenn ich mich recht erinnere; und um Ihretwillen hoffe ich, Sie ſind noch ſo gleichgültig wie vordem. „Nicht genau das — ich glaube, ich fühle mich ziemlich geneigt, an ihrer unhöflichen Aufmerkſamkeit und auffahrenden Heftigkeit Gefallen zu finden; ſie würde manchmal bezaubernd ſein, wenn ſie etwas we⸗ niger zankſüchtig wäre.“ „Ich habe ſie niemals zankſüchtig gefunden,“ ſagte edwitz. „Ratürlich nicht, da Sie die Rolle des Anbeters ſpielten. Das macht allen Unterſchied in der Welt! Aber wornach ſehen Sie?“ fragte Hamilton, als er bemerkte, daß ſein Begleiter kurz an der Hausthüre ſtehen blieb. „Ich ſehe nichts, als ein paar Officiere, die vor den Fenſtern dieſes Gelbgießerladens herum⸗ 225 lungern, der, wie ich denke, nichts ſonderlich Intereſſan⸗ tes enthalten kann.“ „Glauben Sie, es ſei Bewunderung der Kaffee⸗ kannen und Leuchter?“ fragte Zedwitz. „Das iſt nur eine Finte — ich habe ſie zu den Roſenberg'ſchen Fen⸗ ſtern hinaufblicken ſehen. Es iſt eine ordentliche Fen⸗ ſterparade und ſie find beinahe ſeit einer Stunde hier, denn ich habe ſie ſchon in der Straße geſehen, als ich hier in's Haus trat. Wir wollen hinübergehen und ſchauen, ob es Hildegarde oder Creſcenz gilt.“ Sie gingen über die Straße, ſchauten empor und ſahen Madame Berger am Fenſter ſitzen, wie ſie Cres⸗ ſen ke hübſchen und haltbaren Häkel⸗ ich lehrte. . Obwohl die Letztere äußerſt aufmerkſam auf ihre Arbeit zu ſein ſchien, hatte ſie doch offenbar Kunde von dem, was auf der Staße vorging; denn als Zed⸗ witz und Hamilton grüßten, verneigte ſie ſich und er⸗ rröthete tief. „Sie hat wenigſtens noch nicht gelernt, die Un⸗ befangene zu ſpielen,“ bemerkte Zedwitz lachend; „Ma⸗ dame Berger kann ihr hierin Unterricht geben.“ „Kennen Sie Madame Berger?“ fragte Hamilton. „Verſteht ſich; ihr Mann iſt unſer Arzt. Sie iſt ſehr hübſch und die größte Coquette in der Chriſten⸗ heit. Ei, Raymund, was bewundern Sie in dieſem Laden?“ fragte Zedwitz, indem er plötzlich vor dem Gelbgießerhauſe ſtehen blieb und einen der Officiere anredete. „Die Küchengeräthſchaften, Mar! Ich werde bald dergleichen Dinge kaufen müſſen, und fle haben eine Art myſteriöſen Intereſſes für mich.“ „Sie meinen damit doch nicht, daß Sie eine eigene Haushaltung gründen — heirathen wollen?“ F „Mein Vater meint ſo, und das hat viel mehr zu bedeuten,“ erwiederte Raymund. Die Anfangsbuchſtaben. 1. 15⁵ 226 „Und wer iſt die Glückliche, die beſtimmt iſt, ein reſpektables Glied der Geſellſchaft aus Ihnen zu machen?“ „Man ſagt mir, ſie wohne in dieſem Hauſe,“ er⸗ wiederte Rahmund, nach dem deutend, das ſie ſo eben verlaſſen hatten. „Im dritten Stock?“ fragte Zedwitz ſchnell. „Nein, Marz eine Frau ſuche ich nicht ſo hoch.“ erwiederte der Andere ironiſch. „Und wann darf ich meine Glückwünſche machen?“ „Jetzt noch nicht, wenn es Ihnen gefällig iſt, da ich noch nie mit der Dame geſprochen habe und darum leicht Etwas dazwiſchen kommen könnte; aber die Sache iſt ſo ziemlich bei mir ausgemacht.“ Zedwitz lachte und ging mit Hamilton weiter. „Ich hoffe, er hat wahr geſprochen,“ ſagte er ſinnend; „ich hoffe, er hat wahr geſprochen, denn es würde mir ſehr leid thun, wenn er ſich Zutritt in die Roſenberg'ſche Familie verſchaffte. Er iſt ſehr geſcheidt, aber ein . großer Wüſtling; er hat ſchon zwei Mädchen aus acht⸗ barem Hauſe verführt und ſchämt ſich nicht, mit ſei⸗ nen Erfolgen zu prahlen.“ „Waren keine Väter, oder Brüder, oder Couſins da, die ihn zur Satisfaction zwangen?“ fragte Ha⸗ milton. In jenen Fällen nein,“ antwortete Zedwitz, „und wenn auch da geweſen wären, ſo konnte er die Cautions⸗ ſumme nicht ſtellen, folglich auch nicht heirathen. Wenn es ihm jetzt ernſt iſt, ſo hat doch, wie ich vermuthe, ſein Vater eine reiche Partie für ihn entdeckt, und daß es ihm gelingen wird, bezweifle ich keinen Augen⸗ blick. Er behauptet, ein regelmäßiges Verführungs⸗ ſoſtem zu haben, das in einer Stufenleiter unanſtän⸗ diger Bücher beſteht — es iſt eckelhaft, ihn über die⸗ ſen Gegenſtand ſich auslaſſen zu hören.“ 1 „Aber bei ſeiner künftigen Frau wird er ſorgfäl tig Etwas der Art vermeiden,“ ſagte Hamilton. E 227 „Ich dachte nicht an ſeine Frau, denn ich kenne ſie nicht; ich fürchte für die Roſenbergs — Hildegarde würde ihn ſicherlich anziehen.“ „Er würde auf dieſer Seite keine Ausſicht auf Erfolg haben, das bin ich überzeugt,“ ſagte Hamilton. „Das iſt ſchwer zu entſcheiden; ihre Ratur iſt leidenſchaftlich und es würde mir leid thun, ſie als Gegenſtand der Aufmerkſamkeit eines ſolchen Mannes zu ſehen. Die Soche iſt, daß ich es unmöglich finde, ſie zu vergeſſen, und ſo lange ich weiß, daß ſie noch ſrei iſt, kann ich nicht aufhören, Hoffnungen nachzuhän⸗ gen, ſie möchte doch am Ende noch die Meinige werden. Was ich befürchten muß, iſt eine plötzliche und hef⸗ ttige Leidenſchaft auf ihrer Seite für eine bis jetzt vielleicht noch unbekannte Perſon; denn ich halte ſie einer verzweifelten Liebe fähig. „Und Sie wünſchen natütlich der Gegenſtand die⸗ ſer verzweifelten Liebe zu ſein. Aber wie wollen Sie Fhr⸗ Vatere Einwilligung zu dieſer Verbindung er⸗ alten?“ „Darauf habe ich keine Hoffnung; da ich aber der einzige Sohn bin, ſo habe ich jede Ausſicht auf Ver⸗ zeihung, wenn ich einmal verheirathet wäre. Meiner Mutter Widerſtand iſt weniger heftig, aber ebenſo ent⸗ ſchieden, als der meines Vaters, und das Erſtaunen Beider unbeſchreiblich, als ich geſtand, daß ich ohne Erklärung und Ausſicht auf Widerruf abgewieſen wor⸗ den war. Alle meine Hoffnungen ſind jetzt auf meine Schweſter concentrirt, die eine liebe, gute Seele iſt und mir beizuſtehen verſprochen hat, wenn ſie kann. Ei, ſie machte dabei eine Bemerkung, die Sie vielleicht intereſſirt.“ Zedwitz blieb ſtehen und ſah Hamilton ſehr ſcharf an. . „Bitte, laſſen Sie hören.“ . „Sie fagte, ſie wäre überzeugt, ich würde nicht 3 umſonſt geſprochen haben, wenn nicht Hildegarde einen Andern liebte —“ 15* 2²8 „Nun, das war auch Ihre beſcheidene Idee, nicht wahr?“ ſagte Hamilton, ihn unterbrechend. „Ja, aber es war nicht meine Idee, daß Sie der bevorzugte Gegenſtand ſeien.“ Hamilton lachte. „Vielleicht wiſſen Sie bereits davon?“ fragte Zed⸗ witz, ſehr roth werdend. „Nein, wahrhaftig,“ erwiederte Hamilton, ver⸗ ſuchend, ein ernſtes Geſicht zu machen, „mich beluſtigt nur Ihrer Schweſter ſtarke Einbildungskraft: könnte ſie jedoch uns beiſammen ſehen und ſprechen hören, ſie würde bald ganz anders denken. „Sie vergeſſen, daß meine Schweſter in Seon ge⸗ weſen iſt, und Gelegenheit gehabt hat, Bemerkungen zu machen.“ „Aber ſie weiß nicht, wie verzweifelt wir zanken: ſie weiß nicht —“ darauf, daß Hildegarde Sie liebt, ohne ſich deſſen be⸗ wußt zu ſein. „Aber ich verſichere Ihnen, ſie hat mir mehr als einmal geſagt, daß ſie mich haßt.“ „Das freut mich, zu vernehmen,“ ſagte Zedwitz trocken — und brachte ſogleich das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand. Dieſe Unterhaltung nahm ungeachtet des geringen Eindrucks, den ſie ſcheinbar auf Hamilton gemacht hatte, doch vollſtändigen Beſitz von ſeinen Gedanken, als er Abends ſpät nach Hauſe ging. So unglaub⸗ lich es ihm Anfangs vorgekommen ſein mochte, ſo ſchmeichelte dieſe Idee ſeiner Eitelkeit doch zu ſehr, als daß er ſie ſo leicht aufgegeben hätte; und kaum hatte er eine Möglichkeit zugegeben, als ſie zur Wahr⸗ ſcheinlichkeit, nein, beinahe zur Gewißheit wurde. Es iſt auffallend, welche Revolution dieſe Vor⸗ ſtellungen in ſeinen Gefühlen hervorbrachten. Hilde⸗ * * garde war ſo merkwürdig ſchön, daß er ihre Perſon ch habe ihr das Alles geſagt, und ſie beharrt dat er halb Luſt hatte, zornig zu werden. Nachdem er 2²9 zu bewundern genöthigt war, — ihr ſonderbares, ent⸗ ſchiedenes Weſen hatte ihn ſtets unterhalten; aber nun, da er ſich ſelbſt ſo weit für den Gegenſtand ihrer Be⸗ vorzugung hielt, daß dieſelbe ein Grund für ſie wurbe, Zedwitz's Bewerbungen begann ſeine Be⸗ wunderung ſich der Liebe anzunähern; und das Beneh⸗ men, das ihm vorher Unterhaltung gewährt hatte, wurde jetzt ein Gegenſtand tiefen Intereſſes für ihn, ſofern es ihm den Schlüſſel zu einem Geiſt lieferte, den er, wie ihm ſein Gefühl mit geheimer Genugthuung ſagte, ſtets als von nicht gewöhnlichem Gepräge betrachtet hatte. Zufrieden mit ſich ſelbſt und unbewußt geneigt, mehr als zufrieden mit dem Gegenſtand ſeiner Gedan⸗ ken zu ſein, ſprang er die Treppe hinauf, läutete und wurde von Hildegarde ſelbſt eingelaſſen. „Herr Hamilton,“ ſagte ſie mit einiger Verlegen⸗ heit, „ich wünſche Sie einige Minuten allein zu ſpre⸗ chen, wenn Sie Zeit haben.“ „Vollkommen,“ erwiederte Hamilton, ihr in das Geſellſchaftszimmer folgend. Sie ging ſogleich auf das Fenſter zu und gebot ihm ſo ſtolz, die Thüre zu ſchließen, eine Zeit lang vergeblich gewartet hatte, ob ſie nicht Geſpräch beginnen werde, bemerkte er mit einiger ndlichkeit über ihre anſcheinend unzerſtörbare Ruhe. „Welchem außerordentlichen Ereigniß oder ſonder⸗ baren Glück, habe ich, mein Fräulein, dieſe Zufammen⸗ kunft zu verdanken?“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als er be⸗ merkte, daß ihre Faſſung nur erzwungen war, daß ſie in der That mit widerſtreitenden Empfindungen kämpfte und ganz außer Stand war, ein Wort hervorzubrin⸗ gen. Nach einigem Zögern begann ſie endlich mit un⸗ ſicherer Stimme. „Glauben Sie mir, Herr Hamilton, daß nur die Liebe für meine Schweſter mich bewegen konnte, Ihre 230 Zeit in Anſpruch zu nehmen oder,“ ſetzte ſie natür⸗ licher hinzu, „mich Ihren Spöttereien auszuſetzen.“ Hamilton ſchwieg und ſie begann wieder mit ſicht⸗ barer Anſtrengung. „Sie wiſſen, daß meiner Schwe⸗ ſter Empfindunge n Sie günſtiger ſind, als —“ „Als die Ihrigen?“ fragte er, ihr in's Wort fallend. „Ich habe dieſe Zuſamme nicht begehrt, um über meine Empfindungen zu n,“ antwortete fie ſtreng und ſehr blaß werdend. „Ich wünſche Sie darauf aufmerkſam zu machen, wie unedel, wie grau⸗ ſam Ihr Benehmen gegen meine ſanfte, vertrauende Schweſter geweſen iſt. Sie kennen den Einfluß, den Sie über dieſelbe gewonnen haben — Sie wiſſen, daß ſie am Vorabend der Heirath mit einem Andern ſteht und jetzt eine andere Perſon zu lieben lernen muß: anſtatt aber die ſchätzbaren Eigenſchaften, die er be⸗ ſitzt, ihr bemerklich zu machen, um ſie mit ihrem Schick⸗ ſal zu verſöhnen, ziehen Sie ſein Thun bei jeder Ver⸗ anlaſſung in's Lächerliche und — und nicht zufrieden, ihre Gleichgültigkeit gegen ihren künftigen wann voſitiven Widerwillen zu verwandeln, ergreifen jede Gelegenheit, ihr Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, welche, d ie den Stand ihrer eegen ie kennen, eine raffinirte Grauſamkeit und, wie Sie ſe anerkennen müſſen, unverzeihlich find.“ . „Sie ſprechen wie ein Buch, mein Fräulei Ihre Zuneigung zu Ihrer Schweſter macht Sie wahr⸗ haft beredt! Aber würde es nicht beſſer geweſen ſein, SSie hätten eingewilligt, Major Stultz zu heirathen, und ſo Ihre ſanfte, vertrauensvolle Schweſter vor einer mißliebigen Verbindung bewahrt? Sie würden ohne Zweifel leicht gelernt haben, ihn zu lieben und alle liebenswürdigen Eigenſchaften, die er beſitzen mag, zu ſchätzen!“ Er ſprach ruhig und ironiſch; aber die Vorſtel⸗ lung des ſchönen Geſchöpfes vor ihm, als eines Weibes „ 231 für Major Stultz, verurſachte ihm ſolche ſchmerzliche Eiferſucht, daß er hinlänglich für ſeine Impertinenz beſtraft war. Hildegarde blieben die Gefühle ihres Quälgeiſtes vollkommenunbewußtz er hatte beabſichtigt, ſie zu reizen⸗ denn ihre Selbſtbeherrſchung verwundete ſeine Eitelleit während ihre nur zu augenſcheinliche Abneigung ihnt in der Seele weh that. Es mißlang ihm jedoch zum erſten Mal und vollſtändig: entweder hielt die Zunei⸗ gung für ihre Schweſter oder das Bewußtſein, recht zu thun, ſie ab, als ſie das Wort von Neuem nahm, irgend eine Ungeduld blicken zu laſſen. „Sie ſcheinen vergeſſen zu haben, daß Major Stultz's Heirathsantrag mir nach zweitägiger Bekanntſchaft ge⸗ macht wurde. Ich ſchlug ihn aus, weil ich ihn nicht leiden mochte und wußte, daß ein Mann, deſſen ein⸗ ziger Zweck war, ein Weib für die Führung ſeines Haushalts zu bekommen, ſich nicht darüber grämen würde. Es kam mir niemals in den Sinn, daß er eine halbe Stunde nachher zu meiner Schweſter über⸗ gehen und meine Heftigkeit nur dazu dienen würde, ihn rſttizer und ihr Schickſal unvermeidlicher zu machen. Sie wiſſen, er wandte ſich an meine Stiefmutter und ſchrieb an meinen Vater. Die Antwort war ein Brief voll Vorwürfe an mich und voll Bitten und Zureden an Creſcenz, die für ihre nachgiebige Natur unwider⸗ . ehlich waren: und ich glaube, wenn man ihr Zeit ließe und Sie nicht hier wären, könnte ſie ſich mit ihrem Looſe ausſöhnen. So wenig ſich Major Stultz anfänglich um Creſcenz bekümmert haben mag, ſo iſt es ihm doch unmöglich, gegen ſo viel Güte lang gleich⸗ gültig zu bleiben. Ich glaube, er fängt bereits an, ſie aufrichtig lieb zu gewinnenz mit der Zeit wird Dankbarkeit und Gewohnheit ſie in Stand ſetzen, ſeine Neigung zu erwiedern, und ſie mögen am Ende recht glücklich werden. Auf alle Fälle iſt meiner Schweſter Schickſal unwiderruflich.“ — Sie hielt einen Augen⸗ 232 6 blick inne und fügte dann hinzu: „O, Herr Hamilton, ſeien Sie edel! Schonen Sie ihrer! Verlaſſen Sie München — oder verlaſſen Sie wenigſtens unſer Haus—“ „Sie fordern ein großes und ſehr unnöthiges Opfer von mir, Fräulein. Wie wäre es, wenn ich Sie zu überzeugen vermöchte, daß meine Entfernung un⸗ nöthig iſt?“ „Sie vermögen das nicht,“ erwiederte Hildegarde mit etwas ungeduldiger Geberde. „Ich habe Ihnen geduldig zugehört und in der Erwartung, meinerſeits auch gehört zu werden,“ ſagte Hamilton, indem er ihr einen Stuhl bot, den ſie aber unwillig zurückwies. „Ihre Schweſter hat Ihnen höchſt wahrſcheinlich geſagt, —“ begann er. „Meine Schweſter hat mir nichts geſagt,“ rief Hildegarde, ihn zornig unterbrechend, „außer daß Sie ihr erklärt haben, Sie könnten nicht heirathen oder nur an eine Heirath denken. Das Geſpräch, das einer ſolchen Erklärung vorangegangen ſein muß, kann ich mir denken!“ „Wirklich! Sie haben, ſcheint es, in ſolchen Din— gen Erfahrung.“ Hildegarde biß ſich auf die Lippen und ſtieß mit dem Fuß auf den Boden, während Hamilton boggft lächelte und ihre wechſelnde Farbe beobachtete. „Unedler, gefühlloſer Engländer!“ rief ſie endli „ich — ich ſehe, Sie gehen darauf aus, mich zum Zorn zu reizen — aber ich bin nicht im Mindeſten zornig, ich verſichere Sie,“ ſagte ſie, ſich auf den Stuhl ſetzend, er zuvor für ſie hingeſtellt hatte. Sie ſagien,“ fügte ſie mit gezwungener Stimme hinzu, „Sie ſagten, Sie wären im Stande, mich zu überzeugen —“ „Sie haben mich überzeugt, daß Sie eine voll⸗ kommene Schauſpielerin ſind!“ rief Hamilton ver⸗ ächtlich. — * 233 „Ich bin keine Schauſpielerin!“ rief ſie, von ihrem Stuhle mit ſolcher Heftigkeit auffahrend, daß er mit lautem Krachen zu Boden fiel. „Ich bin keine Schau⸗ ſpielerin! Um Creſcenz's willen habe ich verſucht, ruhig zu ſein, in der Hoffnung, einen Eindruck auf Sie zu machen, aber Sie ſind durch und durch ſelbſtſüchtig, noch mehr als ich mir gedacht habe. Dieß iſt das letzte Mal, daß ich je mit Ihnen ſpreche.“ „Laſſen Sie ſich nicht zu übereilten Gelübden ver⸗ leiten,“ ſagte Hamilton kaltblütig. „Ich behaupte, Sie werden noch oft mit mir ſprechen, mit der Zeit — ſich vielleicht herablaſſen, mich liebzugewinnen.“ „Niemals! Ich glaube, es gibt kein unliebens⸗ würdigeres Weſen in der Welt, als Sie ſind! Ich ſehe jetzt, Sie ſind entſchloſſen, unſer Haus nicht zu ver⸗ laſſen, und wundere mich nur, daß ich eine ſolche Thö⸗ rin ſein konnte, zu erwarten, daß Sie ehrenhaft han⸗ deln können.“ Hamilton wandte ſich nach dem Fenſter, um ſeine auſſteigende Röthe zu verbergen „Sie ſind noch dazu rachſüchtig,“ fuhr ſie fort, „grauſam rachſüchtig. Weil Sie mich nicht leiden kön⸗ nen, ſpielen Sie, um mich ungluͤcklich zu machen, mit den Gefühlen meiner Schweſter. Sie lieben Sie nicht und können ſie nicht lieben. Sie iſt durchaus die Per⸗ nicht, die einen Mann, wie Sie ſind, intereſſiren nn.“ 6 „Wann haben Sie das entdeckt?“ fragte Hamil⸗ ton, indem er ſich plötzlich umwendete. „Das macht nichts zur Sache,“ erwiederte ſie, auf die Thüre zugehend, etwas erſtaunt über die Wir⸗ kung, welche ihre Worte auf ihn hervorgebracht hatten. „Das macht nichts zur Sache, ich ſehe nun, daß dieſe Sie und Zänkereien ſchlimmer, als nutzlos ſind, und —“ „Ich bin ganz mit Ihnen einverſtanden,“ ſagte Hamilton ſchneil, „und ganz geneigt, einen Waffen⸗ 4 234 ſtillſtand auf vernünftige Bedingungen hin zu unter⸗ zeichnen. Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen ver⸗ ſpreche, fernerhin weder durch Wort, noch That den Major Stultz herabzuſetzen und mich aller weiteren Aufmerkſamkeiten gegen Ihre Schweſter gänzlich zu enthalten?“ „Das — iſt — beſſer — als — nichts,“ ſagte Hildegarde langſam, „und da ich zum Beſten einer an⸗ dern Perſon handle, ſo darf ich einen ſolchen Vergleich nicht von der Hand weiſen.“ „Wenn Sie mir verſprechen,“ fügte ſie zaudernd hinzu,“ ſo denke ich, darf ich mich auf Sie verlaſſen.“ „Und ſind Sie damit zufrieden, ohne daß ich das Haus verlaſſe?“ „Ich muß wohl,“ erwiederte ſie, indem ſie ſich niederbeugte, den Stuhl, den ſie umgeworfen hatte, aufzuheben. Hamilton rückte ihn von ihr weg und fragte, auf die Lehne geſtützt, ob er jetzt nicht hoffen dürfe, im Fall er ſein Verſprechen gewiſſenhaft erfülle, daß ſie in Zukunft wenigſtens die gewöhnliche Höflich⸗ keit gegen ihn beobachten werde? „Sie haben mir gerathen, keine zu raſchen Ge⸗ lübde auszuſprechen,“ ſagte Hildegarde. „Das Klügſte, was wir thun können, würde ſein, mit einander nie Blick oder Wort zu tauſchen. „Vielleicht haben Sie Recht,“ ſagte Hamilton ernſt, „aber ſolche Klugheit iſt zu hoch für mich.“ 6 Sie verließ das Zimmer, während er noch ſprach, ohne ihn nur anzuſehen. „Zedwitz und ſeine Schweſter haben ſich gänzlich getäuſcht,“ dachte Hamilton, „aber ich bin entſchloſſen, nachdem ſie mir die Sache einmal in den Kopf geſetzt haben, ſie in mich verliebt zu machen.“ 235 Dreizehntes Kapitel. Ein Waffenſtillſtand. „Bringt Herr Roſenberg den Abend nie zu Hauſe zu?“ fragte Hamilton, nachdem er drei Wochen ver⸗ geblich gewartet hatte, mit ihm näher bekannt zu werden. „O nein; was ſollte er zu Hauſe thun?“ meinte ſeine Frau, ſcheinbar erſtaunt über dieſe Frage. Hamilton ſchwieg; er erinnerte ſich, daß er nie Herrn Roſenberg in einer Unterhaltung mit ſeiner Frau geſehen hatte. „Es geſchieht nie, daß er zu Hauſe ſein Bier trinkt oder die Zeitungen liest,“ fuhr ſie ſort; „aber Sie können mit ihm ausgehen, wenn es Ihnen beliebt — und das ſoll mich nicht wundern, denn es iſt ſehr na⸗ türlich, daß Sie es hier langweilig finden, wenn Sie nicht in's Theater gehen können.“ „Ich finde es nicht langweilig,“ ſagte Hamilton, „und würde nicht ſo oft in's Theater gehen, wenn ich nicht gehört hätte, daß es das beſte Mittel ſei, ſich in einer frihnden Sprache zu vervollkommnen. Eil ich habe dieſen Morgen einen Brief von meinem Bater erhalten, worin er den Wunſch ausſpricht, daß ich ſo⸗ fort einen deutſchen Lehrer annehme; er erwartet, daß ich bei meiner Rückkehr nach Hauſe eben ſo gut Deutſch als Engliſch ſchreibe, und wünſcht, ich ſolle deutſche Literatur ſtudiren. Ich hätte nun gerne Herrn Roſen⸗ berg gebeten, mir Jemand zu empfehlen, aber da ich nicht ganz ein Anfänger bin, möchte ich wohl eine Verſon haben, die wirklich im Stande wäre, meine Studien den Winter über zu leiten. Man kann in ſechs Monaten viel leſen, wenn man nicht mehr das Wörterbuch in Requiſition zu ſetzen braucht.“ „Wenn Sie Franzöſiſch zu ſtudiren wünſchen, könnte Ihnen Hildegarde Unterricht geben, denn ſie verſteht 236 es aus dem Fundament; aber das Deutſche iſt bei ihrer Erziehung ziemlich vernachläſſigt worden. Ich glaube wirklich, ich muß ihr zugleich mit Ihnen Lectionen geben laſſen.“ „Ich werde Dir dafür ſehr verpflichtet ſein,“ ſagte Hildegarde, indem ſie zum erſten Mal einen Blick der Dankbarkeit ihrer Stiefmutter ſchenkte, „wirk⸗ lich ſehr dankbar ſein. „Das wird köſtlich ſein!“ rief Hamilton eifrig. „Ich habe meine deutſchen Lectionen immer mit mei⸗ ner Schweſter erhalten und liebe es beſonders, in Ge⸗ ſellſchaft zu lernen.“ „Darf ich nicht auch mitlernen, Mama?“ fragte Creſcenz ſchüchtern. „Wozu?“ fragte ihre Mutter lachend. „Haſt Du Dir nicht bereits einen guten Mann geſichert, der mit Dir zufrieden iſt, wie Du biſt. Zeit und Geld würde weggeworfen ſein, und Du haſt genug zu thun, um Deine Ausſteuer jetzt zu richten. Die Räherin kommt morgen und wir müſſen dann ernſtlich an's Werk. Was Hildegarde betrifft, ſo hat ſie eine Gelegenheit von der Hand gewieſen, die ſie, wie ich hoffe, ſpäter nicht bereuen mag. Die Männer fallen nicht vom Him⸗ mel, um ſich gerade aufleſen zu laſſen, wenn man in der Laune iſt, zu heirathen; ſie muß ſich auf jede Weiſe jetzt auszubilden ſuchen, da eine Zeit kommen möchte, wo ſie vielleicht Unterricht zu geben genöthigt iſt. ſ Leben iſt ungewiß; ſollte Eurem Vater etwas zu⸗ oßen —“ „Meinem Vater!“ rief Hildegarde ängſtlich. „Hat er ſich neuerdings wieder beklagt? Fürchten Sie eine Rückkehr von —“ „Deine Angſt iſt unnöthig; er befindet ſich gegen⸗ wärtig vollkommen wohl,“ antwortete ihre Mutter trocken. „Ich wünſche, wenn ich wirklich leidend bin, Du möch⸗ teſt manchmal auch ein wenig von der Aufmerkſamkeit und Beſorgniß an den Tag legen, die Du zu Zeiten 237 ſo unnöthiger Weiſe ihm zu Theil werden läſſeſt; — es würde ſich beſſer für Dich ſchicken, Hildegarde, als die kalte Herzloſigkeit, die Du in Bezug auf Alles, was mich angeht, offenbarſt. Creſcenz iſt ganz anders und darum habe ich auch ein Herz für ſie, wie wenn ſie mein eigenes Kind wäre.“ „Aber, Mama,“ ſagte Creſcenz ſehr leiſe, „Du biſt immer ſehr freundlich gegen mich.“ „Vin ich es nicht auch gegen Hildegarde?“ Creſcenz erröthete, ſtammelte und ſah ängßtlich auf ihre Schweſter. „Nein,“ ſagte Hildegarde entſchloſſen,“ Du biſt nicht ſo freundlich gegen mich; — vielleicht verdiene ich es nicht. Ich habe kein Recht, zu erwarten, daß Du mich liebſt, aber ich habe ein Recht, zu erwarten, daß Du gerecht biſt.“ „Ich war anfänglich geneigt, mehr als gerecht gegen Dich zu ſein, Hildegarde, wenn Du es mir ge⸗ ſtattet hätteſt. Herr Hamilton ſoll zwiſchen uns richten.“ „Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte Hamilton, „ich ſühle mich nicht competent, über einen ſolchen Gegen⸗ ſtand eine Meinung abzugeben.“ „Der Zufall hat Sie jedoch gerade in eine Lage verſetzt, um als Schiedsrichter zu handeln; wir müſſen uns bei Ihrer Entſcheidung beruhigen, weil wir wiſſen, daß Sie ein unparteiiſcher Zuſchauer ſind. Meine Stieftöchter waren erſt wenige Wochen bei mir, ehe ich Sie in Seon traf — ſeit dieſer Zeit ſind Sie be⸗ ſtändig bei uns geweſen. Hildegarde, ſoll ich fort⸗ fahren?“ Hildegarde murmelte etwas von Fremden und Fa⸗ milienzwiſtigkeiten. „Herr Hamilton iſt kein Fremder mehr; und was die damaligen Zwiſtigkeiten betrifft, ſo iſt er bereits Zeuge davon geweſen. Ich meines Theils möchte mich gerne ausſprechen, aber wenn Du anerkennſt, daß Du ein ungerechtes und unnöthiges Vorurtheil gegen mich gehabt haſt, ſo will ich ſchweigen.“ „Herr Hamilton iſt kein ſo unparteiiſcher Schieds⸗ richter, wie Du meinſt,“ bemerkte Hildegarde mit feſtem Blick, während ſie ſich auf den Tiſch lehnte. Madame Roſenberg ſah mit etwas verſtörter Miene Beide nach einander an, bis Hildegarde hinzufügte: „Er wird es ſchwer ſinden, ſich nicht auf Deine Seite zu neigen und für Dich Partei zu nehmen, ſelbſt wenn er gerecht zu ſein wünſchte, weil er eine perſön⸗ liche Abneigung gegen mich hat.“ „Ein neuer Beweis gegen Dich, Hildegarde!“ rief Madame Roſenberg triumphirend. „Warum ſollte er Dir mehr als Jemand anders abgeneigt ſein, wenn Du nicht weniger liebenswürdig wäreſt? Deine eige⸗ nen Worte verdammen Dich.“ „Es mag ſo ſein,“ ſagte Hildegarde mit einiger Bewegung. „Niemand liebt mich, als — als — mein Vater.“ „Ich liebe Dich, Hildegarde,“ flüſterte Creſcenz. ſanft ihrer Schweſter Hand ergreifend und zu gleicher ſchüchtern ihre Mutter anſchauend, „ich liebe Dich auch.“ „Ich werde Deine Neigung bald abnehmen ſehen; es kann nicht anders ſein,“ ſagte Hildegarde, indem ſie ſich auf ihre Arbeit beugte, um die großen Thrä⸗ nen zu verbergen, die ihr in den Augen ſtanden, be⸗ reit ſie fallen zu laſſen, ſobald ſie es unbemerkt thun könnte. Madame Roſenberg war keine Perſon von viel Beobachtungsgabe, obwohl ſie viel geſunden Menſchen⸗ verſtand befaß. Sie hörte die Worte und antwor⸗ tete darauf. „Natürlich kannſt Du, wenn Creſcenz heirathet, nicht erwarten, fernerhin die erſte Perſon zu ſein; Major Stultz wird und muß Deinen Plaß in ihrer Zuneigung einnehmen — das iſt der Welt Lauf, Naturgeſetz!“ —— — — 239 Hildegarde ſank die Arbeit aus den Hänben. Ha⸗ milton, der neben ihr ſaß, hob ſie auf; und als ſie ſich neigte, ſie von ihm in Empfang zu nehmen, fielen die Thränen, die er verſtohlen in ihren Augen hatte ſchimmern ſehen, zu ſeiner unendlichen Beſtürzung auf ſeine Hand. Er fuhr zuſammen, als ob ſie ihm wehe gethan hätten, und verließ dann, unter dem Vorwand, ein Buch zu ſuchen, das Zimmer, in der Hoffnung, die Discuſſion bei ſeiner Rückkehr beendigt zu ſehen. Er tänſchte ſich; als er die Thüre wieder öffnete, war Madame Roſenberg mit mehr als gewöhnlicher Geläufigkeit in einer Rede begriffen. „Das Wahre an der Sache iſt, Hildegarde, Du kannſt mir nicht verzeihen, daß ich eine Schmieds⸗ tochter bin; obwohl ich für Deinen Vater eine beſſere Partie war, als ſeine erſte Frau, mit all' ihren fei⸗ nen Verwandten. Was hilft es, eine Gräfin zu ſein, wenn man keinen Pfennig im Vermögen hat. Deine Mutter hatte nicht einmal eine ordentliche Ausſteuer — es iſt kaum noch Etwas übrig, um es Creſcenz zu geben. Und Deine Verwandten find, wie Du ſelbſt wohl weißt, ſo unfreundlich geweſen, daß Dein Vater Dir nie erlauben will, ſie zu beſuchen; und ich bin überzeugt, träfeſt Du ſie auf der Straße, ſie würden auf die Seite ſehen, nur um Dich nicht grüßen zu müſſen. Nimm meinen Rath an, Hildegarde, vergiß, daß Deine Mutter eine Gräſin Rahmund war, erin⸗ nere Dich, daß Dein Vater der einfache Franz Roſen⸗ berg iſt; und obgleich Deine Stiefmutter nur eine Schmiedstochter iſt, darſſt Du doch nicht vergeſſen, daß manche der Bequemlichkeiten und Genüſſe dieſes Hauſes von ihr herkommen und das Product des ſo verachteten Eiſenwerks find. Höre auf, Dir einzubil⸗ den, Du ſeieſt eine Märthrerin gegenüber von einer grauſamen Stiefmutter — ich könnte noch weit ſchlim⸗ mer ſein, als ich bin; wenn Du mich manchmal etwas ſtrenge findeſt, ſo iſt dieß nur zu Deinem Beſten und 240 zugleich in Deinem Alter nothwendig! Daß Du den Major abgewieſen haſt, deſſen will ich nicht mehr er⸗ wähnen — er iſt, wie Du weißt, nicht aus der Fa⸗ milie gegangen; hätte er nicht Creſcenz einen Antrag gemacht, ich wäre nicht ſo leicht über dieſen Verluſt weggekommen, oder Dir zu verzeihen geneigt geweſen. Du mußt verſuchen, Dein reizbares Temperament zu beherrſchen, und mit der Zeit wird gewiß Jedermann Dich lieb gewinnen; ſelbſt Herr Hamilton wird ſeinen Widerwillen gegen Dich überwinden“ Hildegarde's wechſelnde Farbe bewies, wie ſehr ſie während dieſer Rede litt, und Hamilton war wie⸗ der auf dem Punkt, das Zimmer zu verlaſſen, als Ma⸗ dame Roſenberg rief, „Sie brauchen nicht wieder weg⸗ zulaufen, wir haben die Sache abgemacht und wollen in Zukunft gute Freunde ſein, nicht wahr, Hildegarde? Komm her und gib mir einen Kuß, um zu beweiſen, daß Du keinen Groll auf mich haſt.“ Hildegarde legte ihre Arbeit bei Seite, trat zu ihrer Stiefmutter und empfing deren herzlichen Kuß mit ſichtbarer Anſtrengung, gleichfalls herzlich zu ſein. „Darf ich hoffen, in dieſe Verſöhnung eingeſchloſ⸗ ſen zu werden?“ fragte Hamilton, indem er lächelnd ſeine Hand hinhielt. Hildegarde ſtellte ſich, als ob ſie ihn nicht ver⸗ ſtände und nahm wieder Platz am Tiſche. „Hildegarde,“ ſagte ihre Stiefmutter, „Du kannſt Herrn Hamilton wohl Deine Hand geben — er iſt ein Engländer und wird daraus keinen falſchen Schluß ziehen. Capitän Smith ſagte mir, daß das Hände⸗ ſchütteln in England etwas ganz Gewöhnliches iſt und nicht mehr zu bedeuten hat, als hier das Händeküſſen bei einer Dame.“ „Ich ſollte meinen, es bedeute noch viel weniger“ ſagte Hamilton lachend, während Hildegarde nach augen⸗ blicklichem Bedenken ihre Hand in die ſeinige legte und ohne Rückhaltung ſeinen ſeſten Druck erwiederte. 241 „Ah! hier kommt der Major,“ rief Mabame Roſen⸗ berg, als ein leichtes Klopfen an der Thüre des Ge⸗ ſellſchaftszimmers ſich hören ließ. „Kommen Sie her⸗ ein, Major, und erzählen Sie uns, was Sie den gan⸗ zen Nachmittag mit ſich angefangen haben. Wir er⸗ warteten Sie zum Abendeſſen und es ſollte mich nicht wundern, wenn Creſcenz wegen Ihrer ungewöhnlichen Abweſenheit ein wenig ſchelten würde.“ „Ich kann mir nicht denken, daß Creſcenz mich ſchelten würde, ſelbſt wenn ich es verdiente, was je⸗ doch in dieſem Augenblick nicht der Fall iſt,“ ſagte Major Stultz. „Ich habe den ganzen Tag nach einem Logis herumgejagt. Je eher ich mich häuslich einge⸗ richtet habe, deſto beſſer, da Creſcenz mir bei der Aus⸗ wahl der Meubeln behülflich ſein muß.“ „Wie, ſo ſehr eilen Sie,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg mit ſichtlicher Befriedigung. „Wahrhaftig, ein ganz feuriger Liebhaber. Ich werde jedoch meinerſeits auch nicht dahinten bleiben. Die Näherin kommt mor⸗ gen und dann wollen wir uns die Finger bis auf den Knochen abarbeiten, nicht wahr, Creſeenz?“ Creſcenz erröthete und lächelte ſchwach. „Ich möchte ſehr gerne mit Dir über die ver⸗ ſchiedenen Wohnungen ſprechen, Creſcenz,“ ſagte Major Stultz ſehr roth werdend. „Ich habe ſie zu dieſem Zweck in meinem Taſchenbuch notirt. Das heißt,“ ſetzte er flüſternd hinzu, „wenn wir einen andern Tiſch haben können.“ . Madame Roſenberg hörte das Flüſtern, ſchob ih⸗ nen ein Licht hin und deutete auf einen Spieltiſch an dem andern Ende des Zimmers⸗ Kaum hatten ſie ſich dort niedergelaſſen, als ſie ein⸗ oder zweimal, wie zu einer Art ſtillſchweigender Entſchuldigung, mit ihren Schlüſſeln klirrte und dann das Zimmer verließ. Hamilton, der wie gewöhnlich am Ofen ſaß, ſtellte ſich, als wäre er gänzlich mit einem Buch beſchäftigt, Die Anfangsbuchſtaben. 1. 16 24⁴2 ſeine Augen wanderten aber nichtsdeſtoweniger darüber hinweg nach Hildegarde, die jetzt ein ſonderbares In⸗ tereſſe für ihn zu gewinnen begann. Als ſich die Thüre hinter ihrer Mutter ſchloß, ſielen ihr die Hände läſſig auf den Schooß und ſchlangen ſich allmälig um das Knic, während ſie mehrere Minuten unverrückt auf den Boden ſtarrte. Dann erhob ſie den Kopf und wandte ſich, nach einem längeren Blick auf ihre Schwe⸗ ſter, gegen Hamilton, aber ſo langſam, daß dieſem Zeit blieb, ſeine Augen wieder auf das Buch zu hef⸗ ten, obwohl er dabei heftig erröthete; er glaubte, ſie müſſe ſeine Verwirrung bemerken und fuhr beharrlich u leſen fort, obwohl die Worte durchaus keine Idee ſemn Geiſte zuführten. Als er mit der Seite zu Ende war, wurde er neugierig, zu erfahren, ob ſie noch immer ihn anſah, wandte nach einem kurzen Bedenken das Blatt halb um und erhob zu gleicher Zeit die Augen, jedoch ohne den Kopf zu bewegen; er hatte ſich aber vergeblich Mühe gegeben, einen Blick von ihr zu erhaſchen — ihre Augen begegneten den ſeinigen mit dem gleichgültigſten Ausdruck von der Welt, und ob⸗ wohl er die Röthe auf ſeinen Wangen noch fühlte, nahm ſie es entweder nicht wahr, oder ſchrieb es der Hitze im Zimmer zu. „Ich wundere mich, daß Sie ſo nahe am Ofen ſitzen und doch in ſolcher Entfernung vom Licht leſen können,“ bemerkte ſie ruhig. „Ich bin darüber ſelbſt etwas erſtaunt,“ antwor⸗ tete Hamilton, indem er ſeinen Stuhl nahe zu dem ihrigen ſchob, um ſo ein téte-àtöte zu bilden. „Vielleicht, wenn ich das Licht putze, können Sie beſſer leſen.“ Sie putzte das Licht aus. „Ich danke Ihnen,“ ſagte Hamilton, vergeblich ein Lachen zu unterdrücken ſuchend, „ich zweifle nicht. daß ich jetzt um ſo beſſer leſen kann. Vielleicht haben — — — —2 — 243 Sie es abſichtlich gethan, um mich fühlen zu laſſen, daß ich ſelbſt hätte das Licht putzen ſollen.“ „O, wahrhaftig nein,“ ſagte Hildegarde, halb un⸗ willkürlich in das Gelächter einſtimmend, „ich habe nur zufällig ein Wort von. Creſcenz gehört, dann ſah ich auf und —“ Ereſcenz erhob ſich von ihrem Stuhle, ſchaute Beide einen Augenblick an und ſtotterte dann mit einem Ton übelunterdrückter Aufregung hervor. „Sie — Sie — lachen über mich — über uns!“ „Nein, o nein!“ rief Hildegarde, indem ſie ſchnell das ausgelöſchte Licht ergriff, um es wieder anzuzün⸗ den. „Rein, gewiß nicht, Herr Hamilton lacht nur, weil ich das Licht ausgelöſcht habe, und ich lache, ich weiß nicht warum, denn,“ ſetzte ſte hinzu, „ich bin wahrlich in meinem Leben nie weniger zur Luſtigkett aufgelegt geweſen.“ Creſcenz ſetzte ſich wieder hin, folgte aber ihrer Schweſter mit den Augen, als ſie an ihren Platz zu⸗ rückkehrte. Major Stultz ſprach vergeblich von ſeinem gelben Sopha und ſechs Steſſeln und fragte ſie, ob er einen langen oder runden Tiſch für ihr Geſellſchaftszimmer kaufen ſollte, erbot ſich auch, beide zu kaufen, wenn ſie es wünſche. Sie hörte ihn nicht, denn Hildegarde war wieder an Hamilton's Seite und er beuate ſich über ihre Stuhllehne und ſchaute ſie an, wie Creſcenz ihn nie ſonſt Jemand hatte anſchauen ſehen. Ereſcenz! Du hörſt kein Wort von dem, was ich ſage,“ rief endlich Major Stultz. „Kein Wort! Wenn Du willſt, können wir wieder an den andern Tiſch gehen und Du kannſt nach Muße zuſehen, wie Deine Schweſter mit der Pußſcheere und dem Dochte ſpielt.“ Creſcenz gab keine Antwort. „Vielleicht,“ fuhr er fort, einem unüberwinblichen Gefühl von Eiferſucht nachgebend, „vielleicht habe ich mich in dem Gegenſtand Deiner itſüreanet ge⸗ * 2⁴4 täuſcht — ich glaube, Du bewunderſt die kecken, ſchwar⸗ zen Augen dieſes langbeinigen engliſchen Jungen.“ Creſcenz erröthete tief und wandte ſich weg. Dieß war noch eine ſtärkere Beſtätigung, als er erwartet hatte, und er fuhr jetzt mit dem leiſen Tone unterdrückten Zornes fort. „Ich habe lange etwas der Art geargwohnt, Creſcenz — Deine Mutter bat mich, Dir nichts darüber zu ſagen, da ſie Dich für zu un⸗ ſchuldig hielt, um einer ſolchen Treuloſigkeit fähig zu ſein — ich kann in meinem Alter nicht erwarten, daß Du mich ſo liebſt, wie ich Dich, aber ich bildete mir ein, ich würde mit der Zeit Deine Zuneigung gewinnen — iſt vieß nicht möglich, ſo ſage es mir auf einmal, denn ich will mich weder von Dir, noch ſonſt Jemand zum Narren machen laſſen.“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ rief Creſcenz, über die⸗ ſes erzwungene Weſen und das geröthete Geſicht er⸗ ſchreckt, „ich verſtehe Dich nicht im Geringſten.“ „Dann will ich mit Deiner Mutter ſprechen, rief er haſtig aufſtehend und ſeinen Stuhl mit großer Hef⸗ tigkeit zurückſtoßend. „Sie wird mich ſchnell genug verſtehen.“ „O, um's Himmels willen, beklage Dich nicht über mich,“ rief Creſcenz flehend, während ihr Thränen in die Augen drangen. Ich will Alles thun, was Dir be⸗ liebt, und Dir die größte Aufmerkſamkeit ſchenken, wenn Du mir nur verſprichſt, es der Mama nicht zu ſagen.“ „Dann haſt Du mich alſo verſtanden und weißt, was ich ihr ſagen wollte?“ fragte er mit gerunzelter Stirne. „O ja — Du wollteſt ihr ſagen, ich habe nichts von den Meubeln ſprechen wollen, ſondern Hildegarde zugeſehen, wie ſie mit der Putzſcheere ſpielte und — und — Herrn Hamilton mit dem Fuß auf dem Oſen, anſtatt Dir zuzuhören.“ Dieſe Worte wurden mit vollendeter Schlauheit geſprochen — ein viel gewöhnlicherer Beſtandtheil in und mit einem Blick 24⁵ der Natur ſchwacher Charaktere, als man im Allge⸗ neinen glaubt. Major Stultzs Benehmen hatte Cres⸗ cenz eingeſchüchtert — ſie fürchtete den Zorn ihrer Stiefmutter und die Vorwürfe ihres Vaters, denn ſie war ungemein ängſtlich, und der Mangel moraliſchen Muths ließ ſie eine Einfalt affectiren, die, obwohl in vollkommenem Einklang mit ihrem wirklichen Charak⸗ ter, im gegenwärtigen Fall ein bloßes Schauſpieler⸗ Stückchen war, da ſie Major Stultz's Andeutung voll⸗ kommen verſtanden hatte. Sie hätte nicht beſſer antworten können; er wurde getäuſcht, und bat ſie, indem er ſich den Schweiß von der gerötheten Stirne wiſchte, ihm ſeine Ungeduld zu verge⸗ ben; erklärte, daß er ſich eines häßlichen Argwohns ſchul⸗ dig gemacht habe, und obwohl Creſcenz fortwährend er⸗ röthete, während er ſprach, und die Augen nicht vom Tiſch erheben wollte, war er doch zu edel, um ihr wie⸗ der zu mißtrauen, und ſchrieb die nachfolgende Verlegen⸗ heit ganz und gar ihrem ängßtlichen Weſen zu. Theils aus eiferfüchtiger Erinnerung an den Aus⸗ druck in Hamilton's Augen, theils aus Scham über ihre eigene Doppelzüngigkeit, und Verdruß über die un⸗ Lobſprüche, begann Creſcenz bitterlich zu weinen, und zufrieden zu ſtellen und zur Fortſetzung des unterhro⸗ chenen Geſprächs zu bewegen. Mittlerweile hatte die unſchuldige urſache dieſer ganzen Störung ſich einem langen Studium von Hilde⸗ garde's ſchönem Profil hingegeben. Sie machte dem⸗ ſelben dadurch ein Ende, daß ſie ſich zu ihm umwandte auf ſein Buch ſagte: Sie müſſen Franzöſiſch oder Engliſch geleſen haben, — unſere deutſchen Buchſtaben würden in ſolcher Ent⸗ ſernung vom Lichte unleſerlich ſein. 246 „Ich habe Bulwer's neueſten Roman geleſen. Er iſt äußerſt intereſſant.“ „Wirklich! Ich wünſche, Sie würden ihn mir lei⸗ hen, ehe Sie ihn wieder in die Bibliothek ſchicken. „Iſt es möglich, Sie verſtehen Engliſch und haben nie ein Wort mit mir geſprochen!“ „Ich ſehe nichts Außerordentliches daran,“ erwie⸗ verte Hildegarde lächelnd. „Sie ſprechen das Franzöſiſche ſo merkwürdig gut, daß ich weiß, Sie haben ein Talent für Sprachen. Ich behaupte, Sie ſprechen vollkommen Engliſch.“ „Ich kann kein Wort ſprechen.“ „Sie haben vielleicht nicht Uebung genug gehabt, aber Sie verſtehen es, wenn man es ſpricht.“ „Nicht eine Sylbe.“ „Darf ich Sie dann fragen, was Sie mit dieſem . anfangen wollen, wenn ich Ihnen denſelben leihe?“ . „Ihn von Tagesanbruch bis ſieben Uhr und Nachts, ſo lang mein Licht reicht, leſen,“ erwiederte Hildegarde, indem ſie ihm das Buch nahm und das Titelblatt las. „Wenn Sie das Buch leſen und es verſtehen, müſſen S auch ein wenig ſprechen können „ bemerkte Ha⸗ milton. „Ich verſichere Sie, ich kann weder Engliſch ſpre⸗ chen, noch verſtehen, wenn es geſprochen wird, und doch kann ich dieſen Roman, wenn Sie mir ihn leihen wollen, eben ſo gut verſtehen, als wenn er ſranzöſiſch oder deutſch wäre. „Sie haben einen ſonderbaren Lehrmeiſter gehabt!“ 6 habe gar keinen Lehrer gehabt — Mama meinke, das Engliſche wäre ein unnöthiges Studium, obwohl ich es der Muſik weit vorgezogen haben würde. Auch war ein Lehrer zu koſtſpielig und ſo mußte ich alle Hoffnung auf Unterricht aufgeben; aber ich habe pon Perſonen gehört, die eine Sprache leſen und voll⸗ — 247 kommen verſtehen gelernt hatten, ohne im Stanbe zu ſein, ein Wort auszuſprechen, und es ſehr leicht fan⸗ den, wenn ſich ihnen hiezu Gelegenheit bot, die Ausſprache ſpäterhin zu lernen. Ich bat Papa, mir eine Grammatik und ein Wörterbuch zu kaufen, borgte alle engliſchen Bücher, die ich von meinen Schulkame⸗ rädinnen auftreiben konnte, lernte ſie vom öſteren Leſen beinahe auswendig, und als die Baronin 8— mir in Seon einige engliſche Romane lieh, vermißte ich kaum e Wörterbuch, das ich in München zurückgelaſſen atte.“ „Was für eine außerordentliche Beharrlichkeit!“ rief Hamilton mit unverhehlter Bewunderung. „Mama würde es Halsſtarrigkeit nennen,“ ſagte Hildegarde ſchnell. „Nichts könnte mich bewegen, ihr zu ſagen, daß ich Engliſch zu lernen wagte, nachdem ſee abgeſchlagen hatte, mich Lectionen nehmen zu aſſen. „Es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen Halsſtar⸗ rigkeit und Beharrlichkeit,“ ſagte Hamilton. „Der Unterſchied iſt manchmal ſchwer zu beſtim⸗ men — meine Stiefmutter ſagt, ich ſei halsſtarrig — „Ich glaube wirklich, das Organ der Feſtigkeit muß bei Ihnen ziemlich gut entwickelt ſein,“ ſagte Hamilton, indem er ihr lächelnd die Hand auf den Kopf legte. Hildegarde erröthete und zog haſtig ihren Stuhl zurück — er ſah, daß ſie ihn nicht verſtand, war aber zu träge, ſich zu erklären. Der Gedanke ſchoß ihm ſchnell durch den Kopf, wie ſonderbar es war, daß er in Deutſchland — dem Lande von Gall und Spurz⸗ heim! — nie Jemand getroffen hatte, der ſich auf Phre⸗ nologie verſtand oder dafür intereſſirte, während in ngland die meiſten Leute Combe's Werke geleſen, Vorträge darüber beſucht, oder wenigſtens ſo viel von Phrenologie ſprechen gehört hatten, um die eben von ihm ausgeſprochenen Worte zu verſtehen. „Sie können 248 das Buch behalten, wenn Sie es wünſchen,“ bemerkte er, um das Geſpräch wieder anzuknüpfen. „Aber Sie haben es noch nicht ganz geleſen,“ ſagte Hildegarde, „und ich kann mir nichts Unangenehme⸗ res denken, als einen Roman herzugeben, ehe man weiß, wie er ausgeht. Vielleicht fühlen Andere nicht den⸗ ſelben Grad von Intereſſe, wie ich, aber —“ „Ich bin öfters bis vier Uhr Morgens geſeſſen, um einen intereſſanten Roman zu leſen,“ ſagte Ha⸗ milton. „Es muß ſehr angenehm ſein, ſo lang, als man will, bei Nacht Licht zu haben! Mama iſt ganz er⸗ ſtaunt, wenn ich öfter, als alle drei Tage ein Licht begehre, und bemerkt dann immer dazu, daß das Sitzen bei Nacht der Geſundheit und den Augen ſehr ſchäd⸗ lich ſei, und ich bekomme dann vierzehn Tage lang nichts als Lichtſtümpchen.“ „Ich will Ihnen ſo viele Lichter geben, als Sie verbrennen können,“ ſagte Hamilton lachend. „Das habe ich nicht gemeint,“ ſagte Hildegarde in großer Verwirtung. „Mama mag ſogar Recht haben, denn Sommers habe ich oft, obwohl ich von Tagesanbruch bis ſechs Uhr im Bett las, mich den Tag über ſchrecklich müde gefühlt, — ich hörte Mama zu Papa ſagen, wenn Sie ihr Sohn wären, würde ſie jede Nacht um zehn Uhr in Ihr Zimmer gehen und Ihre Lichter auslöſchen.“ „Ich wünſchte ſie nicht gerade zur Mutter, um einen lebendigen Lichtlöſcher zu haben, den ich eher für läſtig als ſonſt etwas halten würde,“ ſagte Ha⸗ milton; aber wenn ſie meine Mutter wäre, würden Sie natürlich meine Schweſter ſein, und ich hätte ge⸗ gen eine ſolche Verwandtſchaft nichts einzuwenden.“ „Haben Sie eine Schweſter?“ 3 „Ja, eine einzige Schweſter, und ich liebe ſie mehr als alle meine Brüder zuſammengenommen,“ „Und Sie zanken nicht mit ihr?“ ———— — —— 249 „Nie. Sie iſt meine vertrauteſte Freundin, wenn ich zu Hauſe bin, mein hauptſächlichſter Correſpondent, wenn auswärts. Sie iſt das liebenswürdigſte, vor⸗ trefflichſte Weſen.“ „Aelter? viel älter als Sie?“ fragte Hildegarde mit anſcheinendem Intereſſe. „Nur ein oder zwei Jahre,“ erwiederte Hamil⸗ ton. Wir lernten als Kinder zuſammen Franzöſiſch, und nachher Italieniſch und Deutſch. Sie werden mor⸗ gen oder übermorgen ihre Stelle einnehmen, wenn wir unſere Studien beginnen, und wenn Sie Engliſch zu ſprechen lernen wollen, ſo bin ich vollkommen bereit, Ihnen dabei behülflich zu ſein.“ „O, das iſt köſtlich!“ rief Hildegarde, indem ſie unbewußt ihren Stuhl nahe zu dem ſeinigen rückte und ihren Arm vertraulich auf die Lehne deſſelben legte: „Köſtlich! das habe ich gerade ſchon ſo lange gewünſcht; — aber,“ fügte ſie zaudernd hinzu, „aber ich fürchte, Sie erwarten von mir, daß ich — daß ich — das heißt, daß ich nicht —“ „Was?“ fragte Hamilton mit Lächeln. „Nicht ſagen darf, was ich denke; oder — oder in Zukunft nicht mehr zanke. „Ich mache mein Anerbieten ohne Bedingung, wir fönnen unſere Kämpfe ganz wie bisher ausfechten, ſo oft Sie dazu aufgelegt ſind.“ „Wenn das der Fall iſt,“ ſagte Hildegarde, an⸗ ſcheinend ſehr erleichtert, „ſo nehme ich Ihr Anerbie⸗ ten dankbar an und hoffe, Ihnen nicht zu viel Mühe zu machen.“ „ „Wie wäre es, wenn Sie jetzt Ihre erſte Lection nähmen?“ ſagte Hamilton. Da Sie nur der Aus⸗ hruche bebürfen, ſo können wir mit dieſem Buch be⸗ ginnen.“ Mit dieſen Worten legte er es vor ſie hin und Veide wandten ſich gegen den Tiſch. Hildegarde be⸗ bann ſogleich zu leſen, aber mit dem unverftändlichſten, 250 vrücken und wagte nicht, ein einziges Wort zu cor⸗ rigiren. Als die Seite zu Ende war, ſchaute ſie ztem⸗ lich überraſcht auf und begegnete Hamilton's Augen, die von unterdrückter Munterkeit ſtrahlten, während jede Muskel ſeines Geſichtes in einen erzwungenen, ernſten Ausdruck gezogen war, und die Miene in ganz außerordentlichen Verzerrungen erſcheinen ließ, daß ſie ſelbſt in ihren Stuhl ſich zurückwarf und in ein lau⸗ tes Gelächter ausbrach. „Warum lachen Sie nicht, wenn Sie die Luſt anwandelt?“ fragte ſie, als Hamilton das Geſicht halb in ſein Taſchentuch verhüllte. 34 fürchtete wirklich, Sie zu beleidigen,“ erwie⸗ erte er. - „O! Sie können mich nie durch ein offenes Lachen beleidigen; nur Ihre ironiſchen oder ſpöttiſchen Redens⸗ arten verdrießen mich und machen mich faſt geneigt, zu Zeiten Ihnen eine Ohrfeige zu geben.“ „Ich gebe Ihnen die Erlaubniß dazu, ſo oft es Ihnen gefällt,“ ſagte Hamilton, „aber Sie laden ſich damit eine Buße auf, die ich mir ganz gewiß zu Nutzen machen werde.“ „Und worin mag ſie beſtehen?“ „Wenn meine Lippen es nicht anders, als durch Worie erklären können, ſo verſagen ſie den Dienſt.“ Hildegarde beugte ihr Geſicht über das Buch, be⸗ ſchattete ihre Augen und ſchwieg. „Jahren Sie fort!“ ſagte Hamilton, „nun, da Sie mir die Erlaubniß zum Lachen gegeben, habe ich alle Luſt dazu verloren.“ Hildegarde begann wieder zu leſen, ſchaute aber am Ende jedes Satzes auf und begehrte die nöthigen Verbeſſerungen. Als Major Stultz aufſtand, Abſchied zu nehmen, machte er der erſten der engliſchen Lectionen ein Ende; fremden Aecent, den er je gehört hatte. Er wandte die äußerſte Anſtrengung an, ſein Lachen zu unter⸗ —— — dieſe wurden aber von da an jeden Tag mit unwandel⸗ barer Regelmäßigkeit fortgeſetzt. Ein junger Student der Mediein, der eben ſo ſehr durch Talent, wie durch Armuth ſich empfahl, wurde für die deutſchen Lectionen angenommen, und da man das Geſellſchaſtszimmer manchen Unterbrechungen ausgeſetzt fand, wurde Ha⸗ milton's Wohnzimmer in ein Studirgemach umge⸗ wandelt. Der junge Lehrer ſchien an ſeines Schülers Ge⸗ ſellſchaft Vergnügen zu finden, und blieb oft noch län⸗ ger nach dem Schluß der Lection, um literariſche und vhiloſophiſche Gegenſtände mit Hamilton zn beſpre⸗ chen und nicht ſelten eine Cigarre zu rauchen, da Hilde⸗ garde gefällig genug war, zu erklären, daß ſie den S des Tabals, wenn er gut wäre, wohl leiden önne. Vierzehntes Kapitel. Eine neue Art, Deutſch zu lernen. Eines Tags ließ ſich Madame Berger auf den Nachmittag bei den Roſenbergs anſagen, da ihr Mann bis ſpät zum Abend abweſend ſein follte. Das Aner⸗ bieten wurde natürlich angenommen und Creſcenz em⸗ pfing ſie mit Vergnügen und führte ſie auf ihr Zim⸗ mer. Nachdem Madame Berger ihren Hut abgelegt und Haar und Kleid ſorgfältig in Ordnung gebracht hatte, begab ſie ſich in das Geſellſchaftszimmer und ſchien ausnehmend erſtaunt, es unbeſetzt zu finden; als ſie nun die Thüre zum anſtoßenden Schlafzimmer öff⸗ nete und es gleichfalls verlaſſen ſah, ſchlug ſie ſcherz⸗ haft Creſcenz auf den Arm und rief, „nun, mein lie⸗ bes Kind, was haſt Du mit Deinem Engländer an⸗ gefangen?“ 252 „Nichts,“ antwortete Creſcenz niedergeſchlagen. „Ich fange an, zu glauben, duß Du Recht haſt, Lina, er bewundert zuverläſſig Hildegarde, und ſie zankt ſich kaum jemals mit ihm und hat ſogar ſchon begonnen, über verſchiedene Gegenſtände ihn um Rath zu fragen. Sie thun nichts, als Engliſch und Deutſch mit ein⸗ ander leſen, und ſprechen von ihren Büchern, daß es Einen ordentlich langweilt. Geſtern Abend, als ſie über Fauſt und Mephiſtopheles ſprachen, ein Thema, von dem Papa einmal geſagt hat, daß es nur wenige Menſchen ganz verſtänden, konnte ich nicht umhin, ſie an Schiller's Ballade, „der Handſchuh,“ worüber ſie einmal verzweifelten Streit bekommen hatten, zu erin⸗ nern; und kannſt Du es glauben, Beide fingen an zu lachen, aber ich ſah, daß Hidegarde erröthete, und ich bin gewiß, es koſtete ſie Mühe, den Kampf nicht noch einmal durchzumachen!“ „Liebe Creſcenz, Du mußt meinen Rath annehmen und dieſen Engländer Dir ganz aus dem Sinne ſchla⸗ gen. Was ſeine Studien betrifft, ſo bin ich davonganz unterrichtet und habe gehört, daß er änßerſt geſcheidt iſt und für ſein Alter außerordentliche Kenntniß beſitzt; er kann von Geſchichte, Politik, Handel und derglei⸗ chen Dingen wie ein Profeſſor ſchwatzen! In Bezug auf Hildegarde kann ich Dich vollkommen beruhigen; ſie iſt ganz darauf aus, ſo viel als möglich von dem empfangenen Unterricht zu profitiren, und wenn Dein Engländer für ſie eine Vorliebe hat, ſo ahnt ſie davon Nichts. Der Himmel ſei ihm gnädig, wenn ſie das ausfindet, weiter ſage ich nichts — ſie wird eine förm⸗ liche Tyrannin ſein! Bis jetzt iſt jedoch von beiden Seiten noch nichts der Art zum Vorſchein gekommen und ich habe deßhalb wiederholt ganz ſpecielle Erkun⸗ digungen eingezogen.“ 5 „Von wem? Woher haſt Du das Alles gehört? Ich verſtehe nicht —“ „Nun, mein liebes Geſchöpf, wer unter allen Per⸗ 253 ſonen auf der Welt, glaubſt Du, iſt als Lehrer an⸗ genommen worden? Theodor! Theodor Biedermann! mein Theodor! Er hat mir geſagt, daß die Stunden, die er hier zubringt, ſeine größte Erholung ſind, daß Herr Hamilton der edelſte, bezauberndſte, intelligen⸗ teſte Menſch in der Welt iſt, und er bereits eine Freund⸗ ſchaft für denſelben empfindet, die nur mit ſeinem Leben enden kann.“ „Herr Biedermann iſt alſo Theobor?“ ſagte Cres⸗ cenz. Daran hätte ich nie gedacht.“ „Natürlich, da ich nie von ihm ſprach, als bei ſeinem Taufnamen: durch Inſpiration war' es Dir nicht möglich, ihn zu erkennen.“ „Nein — aber er iſt gar nicht, wie ich mir ihn vorgeſtellt habe.“ „Und, bitte, wie haſt Du Dir ihn vorgeſtellt?“ „Wahrhaftig, ich weiß es nicht genau, aber da Du mir geſagt haſt, er ſchreibe ſchöne Verſe und ſinge zur Guitarre, ſo glaubte ich, er müſſe wie ein Poet, ein Troubadour, oder etwas vergleichen ausſehen.“ „Ha, ha, ha! was Du für ein Kind biſt!“ rief Madame Berger geringſchätzig, aber zugleich mit einem leichten Erröthen. „Was für ein völliges Kind! Bitte, meine Liebe, kannſt Du mir erklären, wie ein Poet oder Troubadour ausſehen muß?“ „Nicht im Mindeſten wie Herr Biedermann,“ rief Creſcenz, augenſcheinlich durch das Benehmen ihrer Freundin zu etwas wie Jorn aufgeregt. „Nicht im Mindeſten wie Herr Biedermann, der der alltäglichſte aller Alltags⸗Studenten iſt, mit ſeinem offenen Hemd⸗ kragen, ſeinem langen Henri⸗quatre, ſeinen hellen Haa⸗ ren und Augen und dem rothen Geſichte! und —“ „Halt — halt — meine Liebe, ich verſtehe Dich jetzt — Theodor iſt nicht lang genug, Dir zu gefallen, — er ſollte dunkles Haar, ſchwarze Augen, lange Wimpern und eine blaſſe Geſichtsfarbe haben, Alles ſehr intereſſant ohne Zweifel, aber Leute, die dieſer 8 dor läugnet nicht, daß ſie regelmäßige Züge hat, aber 25⁴ Beſchreibung entſprechen, ſind nicht immer im Stande, Verſe zu machen oder zur Guiterre zu ſingen, und ich kann Dir ſagen, daß Herr Hamilton weder das Eine, noch das Andere verſteht. Deine ſentimentale Liebe und Bewunderung iſt an ihn ganz weggeworfen, Creßy, er denkt nicht an Dich, und je bälder Du ihn Dir aus dem Köpſchen ſchlägſt, deſto beſſer.“ „Du biſt unfreundlich, Lina!“ „Und Du noch mehr, Creſcenz — daß Du den armen Theodor ſo unnöthig herunterſetzeſt.“ „Aber er iſt für Dich jetzt nichts mehr?“ „Natürlich nicht — aber ich muß ihn doch noch immer aufrichtig ſchätzen — denn die arme Seele iſt noch ſo verzweifelt in mich verliebt, als je! Ach, ich muß geſtehen, ich fürchtete Anfangs, er würde in ſei⸗ ner Ergebenheit wanken, als ich hörte, daß er jeden Tag hierher kam. Die Männer ſind ſo wankelmüthig!“ „Nun, Du dachteſt doch ſicherlich nicht, daß ich —“ „O, durchaus nicht, meine Liebe — Du biſt ge⸗ vunden, weißt Du, ich habe nie an Dich gedacht, aber Hildegarde —“ „Ich kann Dir ſagen, Hildegarde würde nie an ihn denken,“ rief Creſcenz triumphirend. „Und er nicht an ſie, ich verſichere Dich,“ ſagte an Berger, „er will ſie kaum für ſchön gelten aſſen.“ „Nun, wahrhaftig!“ rief Creſcenz. „Das iſt mir zum Erſtannen. Ich habe nie von Jemand gehört, der Hildegarde nicht für ſchön hielt.“ „Schönheit, meine Liebe, iſt Geſchmacks ſache. Theo⸗ das iſt es gerade, was er nicht bewundern kann; er ſagt, es liege etwas Statuengleiches in ihrer ganzen Er⸗ ſcheinung, ein gewiſſer ſtolzer Ausdruck in den nieder⸗ gezogenen Mundwinkeln — kurz, er ſagt, ſie wäre eine Perſon, die man bewundern, aber nie lieben könn 255 — Das iſt ein großer Unterſchied, wie Du in einigen Jahren begreifen wirſt.“ „Ich möchte wiſſen,“ ſagte Creſcenz etwas unge⸗ duldig, „ich möchte wiſſen, ob mich der Eheſtand ſo ſehr verändern wird, wie Dich, Lina⸗ Ich hoffe, ſicher nicht; denn ſtatt herumzuſpringen und luſtig zu plau⸗ dern, wie Du ſonſt pflegteſt, hältſt Du jetzt allezeit Vorleſungen und nennſt mich Kind: was, ich muß ge⸗ ſtehen, ſehr unangenehm iſt. Ich bin bald ſechszehn und noch dazu verheirathet, und will darum mich nicht länger Kind heißen laſſen.“ „Ich ſchwöre darauf, Du haſt bei Deiner Schwe⸗ ſter Unterricht gehabt und arbeiteſt Dich jetzt ſelbſt in Zorn hinein. Der Doctor ſagt zu mir ſehr oft Kind, und ich finde mich durchaus nicht beleidigt; aber anſtatt Streit anzufangen, follteſt Du mich zu unter⸗ halten ſuchen, da ich heute Dein Gaſt bin. Wo find Hildegarde und Herr Hamilton?“ „Sie haben deutſchen Unterricht bei Herrn Bie⸗ dermann.“ „Das weiß ich ſchon: aber wo find ſie?“ „Auf Herrn Hamilton's Zimmer.“ „Wirklich! o, dann wollen wir, ſchätz' wohl, auch dahin gehen?“ „Beſſer nicht — ſie ſind aus dieſem Zimmer der Unterbrechung wegen ausgezogen, und Mama hat mir verboten, dorthin zu gehen.“ „Sehr richtig, als allgemeine Regel; aber wenn Ehrenhüterin für Dich dabei bin, iſt es etwas nderes.“ „Ich glaube nicht, daß ich gehen ſollte,“ ſagte Creſcenz ich zurückziehend. 5 „Bah, Unſinn! Wenn Hildegarde dort iſt, kann es nichts Unſchickliches für uns ſein!“ und mit dieſen orten zog ſie die halb wiberſtrebende Creſcenz hinter ſich den Gang hinab. 256 „Sind bie großen Zimmer am Ende nicht die ſei⸗ nigen?“ fragte Madame Berger. „Ja; aber es iſt wirklich nicht recht, ſie zu unter⸗ brechen, gewiß wird Mama böſe darüber ſein.“ „Sage ihr, daß ich darauf beſtanden habe, Theo⸗ vor zu ſehen,“ erwiederie Madame Berger, als ſie laut an die Thüre klopfte, jedoch ohne daß ein „Herein“ erfolgte. „Ich habe Dir geſagt, ſie ſeien zu beſchäftigt, um Beſuche anzunehmen,“ bemerkte Creſcenz. „Was ſie für einen ſonderbaren Lärm machen!“ rief Madame Berger, an der Thüre horchend, ehe ſie noch einmal klopfte. „Was für ein ſonderbarer Lärm!“ Ihre Neugierde ward erregt; und ohne eine Antwort auf ihr zweites Klopfen abzuwarten, öffaete ſie die Thüre und erblickte Hamilton mit ſeinem deutſchen Sprachmeiſter vollſtändig mit Rappieren und Masken ausgerüſtet und in ſehr lebhaftem Gefecht begriffen. Stühle und Tiſche waren in eine Ecke gerückt, und die Kämpfer hielten einander ſo ſehr das Gleichgewicht und zeigten ſolchen Eifer, daß ſie die Gegenwart von Zuſchauern lange nicht gewahr wurden. „Eine neue Art, Deutſch zu lernen!“ ſagte Ma⸗ dame Berger zu Hildegarde, die lachend am Fenſter ſaß. „Unſere Lection iſt ſchon lange zu Ende,“ erwie⸗ verte ſie, ihr Buch ſchließend. „Aber warum kamſt Du dann nicht in das Ge⸗ ſellſchaftszimmer?“ fragte Madame Berger. „Weil es hier ruhiger iſt,“ erwiederte Hildegarde. „Ruhiger! Nennſt Du das ruhig? Ich könnte kein Wort leſen, wenn ich das Geklirr der Säbel hörte.“ „Es ſind nur Rappiere; und ich habe mich an den Laut gewöhnt — Boren iſt ruhiger; aber darin ſind ſie einander, glaube ich, weniger gleich, da Herr Biedermann erſt ein Anfänger iſt.“ „Wie, Theodor, iſt es möglich, daß Sie, wie ein Cngländer, Boren lernen? Ich möchte um mein Leben — 257 gern wiſſen, wie das ausſieht? Bitte, boren Sie mir etwas vor!“ „Nein, da danke ich; ich erſcheine hiebei nicht zu meinem Vortheil. Im Fechten ſind wir einander ge⸗ wachſen,“ ſagte er, mit dem Rappier ſpielend, indem er, mit einem Blick auf Hamilton, dieſen zur Beſtäti⸗ gung aufzufordern ſchien; „aber Sie dürſen nicht ver⸗ geſſen, daß Sie mir verſprochen haben, einmal auf mein Zimmer zu kommen und zu verſuchen, wie Sie mit dem Säbel umgehen können.“ „Ihr Pferd iſt geſattelt, Herr,“ rief Hans laut unter der Thüre. „Gut, komm herein,“ rief Hamilton und rücke die Stühle und Tiſche wieder an ihren Platz; und das nächſte Mal, wenn Du ſiehſt, daß ich Beſuch habe, ſo ſchweige von dem Pferd.“ „Ich bitte um Verzeihung, ich dachte, es wären nur unſere jungen Damen im Zimmer.“ „O, verſprechen Sie uns, in der Straße auf⸗ und abzureiten, um uns Ihr Pferd zu zeigen,“ rief Ma⸗ dame Berger, „ich ſehe die Pferde ſo gern. Komm, Creſcenz, kaß uns aus dem Fenſter ſchauen — und Sie können auch mitkommen,“ fügte ſie graziös gegen Thev⸗ dor hinzu, als ſie das Zimmer verließ. Als Hamilton aufzuſteigen im Begriff war, blickte er nach dem Hauſe hinauf, aber er ſah ſo viele Köpfe aus ebenſo vielen Fenſtern herausſchauen, daß er Hans ſtatt ſeiner das Pferd ſeine Paraden machen zu laſſen. Vergeblich machte Madame Berger das Fenſter weit auf und rief ihm zu, — er blieh mit übereinander⸗ gelegten Armen ſtehen und bewunderte ſelbſt das Thier, während es ſeine ganze Schule durchmachte, ſtieg ruhig dann auf und ritt ſehr langſam von der Thüre weg. Wie, Theodor, Sie ſagten mir doch, er wäre ein famoſer Reiter,“ rief Madame Berger mit augenſchein⸗ lichem Mißmuih. di unfungstucſſaten. 1. 17 „Das iſt er auch; aber es ſcheint, er liebt es nicht, ſich damit ſehen zu laſſen.“ „Es würde unendlich artiger geweſen ſein, wenn er zu Haus geblieben wäre, uns heute zu unterhalten. Es geht ohne dieß auf Regen und er wird ſicher durch und durch naß werden — es iſt ein Troſt, zu denken, daß er es verdient.“ „Er macht ſich gar nichts daraus, naß zu wer⸗ den,“ ſagte Creſcenz, indem ſie den Kopf ſo weit als möglich aus dem Fenſter hinausſtreckte, „er geht manch⸗ mal aus, wenn es wirklich regnet — Ah!“ rie e mit einem ſchwachen Schrei, während ſie zurückfuhr und die Augen mit der Hand bedeckte, „ſein Pferd iſt an der Straßenecke ſchrecklich ſcheu geworden, — wenn er auf das Pflaſter geworfen worden wäre!“ „Laß mich ſehen,“ rief Madame Berger, ſich vor⸗ ſtürzend, um ihren Platz einzunehmen, „wie ärgerlich, er hat um die Ecke gewendet! Aber höre, Creßy, komm daher!“ und ſie flüſterte ihr einige Worte zu und wies auf die Straße hinunter, wo derſelbe Offieier, den Zed⸗ witz angeredet hatte, wieder vor ves Gelbgießers Laden ſtand und nach dem Fenſter, vor dem ſie ſich befanden, hinaufſchaute. „Ich möchte wiſſen, wer es iſt!“ rief Mabame Berger, welche ſeinen Blick mit einer faſt an Effron⸗ terie (Frechheit) grenzenden Feſtigkeit erwiederte. „Ken⸗ nen Sie dieſen Officier, Theodor?“ . „Nein, aber er wird Sie kennen,“ erwiederte er lachend. „Ich kann ihm ſeinen Blick nach unſerem Fenſter verzeihen,“ ſagte Madame Berger, treuherzig zu er⸗ ſcheinen bemüht, während ihr Benehmen bedeutende Leichtfertigkeit verrieth, „denn ich behaupte, er hat nicht oft drei ſo hübſche Geſichter, wie die unſrigen, bei⸗ ſammen geſehen;“ und ſie verſuchte bei dieſen Worten Hildegarde gleichfalls heranzuziehen. „Ich habe keine Luſt, mich zur Schau ſtellen zu — 25⁵9 laſſen,“ rief Hildegarde zurückweichend. Im nächſten Augenblick begann ſie aber zu lachen und fügte bei, ich kann Dir jedoch erklären, daß Du völlig im Irr⸗ tbum biſt, wenn Du meinſt, dieſe Fenſterparade gelte Dir. Ich habe dieſen Officier geſtern Abend auf der Treppe getroffen, als ich mit Walburg vom Keller kam; und ſie hat mir geſagt, er werde ſich im näch⸗ ſten Frühjahr mit der Tochter unſerer neuen Haus⸗ bewohnerin verheirathen. Gewiß erwartet er alſo, Fräulein von Hoffmann zu ſehen und denkt weder an Dich, noch an Creſcenz.“ „Davon bin ich nicht ſo ganz überzeugt.“ ſagte Madame Berger; „denn Du erinnerſt Dich, Creſcenz, wir haben ihn vor mehr als vierzehn Tagen, da die Soſtin noch nicht im Hauſe waren, hier ſtehen ehen.“ „Sehr wahr,“ ſagte Creſcenz, „aber jeden ſieht er jetzt nach den Fenſtern des erſten Stocks.“ „Und jedenfalls hat er hier heraufgeſehen, ich ihn zuerſt bemerkte,“ behauptete Madame Berger wiederholt. „Sag' mir doch, was für eine Perſon iſt Fräulein von Hoffmann? Hat Jemand ſie ge⸗ ehen?“ „ „Walburg hat ſie geſehen,“ antwortete Creſcenz, zund dieſe ſagt, ſie ſei durchaus nicht hübſch, aber die Dienſtboten wollen wiſſen, daß ſie ſehr liebenswürdig und eine vortreffliche Haushälterin wäre.“ „Wahrſcheinlich nicht mehr jung,“ bemerkte Ma⸗ dame Berger, indem ſie ihre Locken vor dem Spiegel ordnete — „wahrſcheinlich nicht mehr jung, wenn ſie liebenswürdig und eine gute Haushälterin iſt; dieſe Eigenſchaften gehören für reifere Jahre.“ „Sie iſt nicht ſehr jung, glaube ich.“ „Ich habe mir's wohl gedacht,“ rief Madame Ber⸗ ger lachend, „und er iſt gewiß noch nicht dreißig. Glaubſt u, daß er es iſt?“ „Er ſcheint jung zu ſein,“ Sur Creſcenz, 4½ 5 * 260 indem ſie aufmerkſam hinter dem Mouſſelin⸗Vorhang hinausguckte. „Creſcenz, geh' vom Fenſter weg,“ ſagte Hilde⸗ garde gebieteriſch, „es iſt nicht recht, Jemand auf dieſe Weiſe zu beobachten.“ „Nun, Creßy, ich darf Dir jetzt von Herzen zu Deiner bevorſtehenden Heirath gratuliren,“ bemerkte Madame Berger malitiös,“ denn ich kann Dir ver⸗ ſichern, Major Stultz wird nicht halb ſo viel Gehor⸗ ſam, als Hildegarde, von Dir verlangen — Deine Feii wird eine wahre Befreiung aus Knechtſchaft ein.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Creſcenz erröthend, „Hilde⸗ garde behandelt mich wirklich, als ob ich ein Kind bire und trat mit dieſen Worten entſchloſſen zu dem Fenſter. Du benimmſt Dich jetzt nicht bloß wie ein Kind, b noch obendrein wie ein einfältiges Kind,“ rief idega mit augenſcheinlichem Verdruß, als ſie das Zimmer verließ. „Eine ſchreckliche Gemüthsart!“ ſagte Madame Berger achſelzuckend, „wäre ſie meine Schweſter, ich würde ſie bald lehren, mir die gehörige Achtung zu beweiſen; aber ſieh', Creſcenz, der Ofſicier hat eine Verbeugung nach dem erſten Stock gemacht und geht jetzt über die Straße, als ob er in's Haus wollte; ich glaube allmälig, Hildegarde hat Recht.“ „Ich bin überzeugt, ſie hatte Recht, und ich hätte nicht aus dem Fenſter ſehen ſollen — ich will ſogleich zu ihr gehen und es ihr ſagen.“ „Ehe Du gehſt, will ich Dir noch ein Stück Raths ertheilen. Du haſt Deine Schweſter verdorben und ge⸗ lehrt, eine Selavin aus Dir zu machen — laß vor Deinem Mann keine ſo ſchlechten Gewohnheiten auf⸗ kommen. Vor allen Dingen geſtehe nie, daß Du im Unrecht geweſen biſt und laß ihn bei jeder Gelegen⸗ heit Dich um Verzeihung bitten.“ 261 Aber wenn ich fühle, vaß ich Unrecht gethan habe, ſollte ich wenigſtens es geſtehen.“ „Nichts dergleichen; Du mußt ſtets darauf be⸗ ſtehen, daß Du im Rechte biſt — einmal nachgegeben und Du mußt immer nachgeben. Ich habe einige deſpe⸗ rate Kämpfe gehabt, ich verſichere Dich, aber der Doctor mußte ſich fügen und wir kommen jetzt charmant mit einander aus. So oft ich leichtſiunig oder verſchwen⸗ deriſch bin, muß er bei mir um Verzeihung anſuchen, ha, ha, ha!“ „Aber wie iſt das möglich, Lina, der Doctor iſt ein ſehr verſtändiger Mann, und würde er ſo thun, wie Du ſagſt, ſo wäre er ein Narr!“ „Das verſtehſt Du nicht, mein Kind. Siehſt Du, wenn ich etwas thue, was er mißbilligt, ſo macht er mir Vorſtellungen, oder will mich ſchulmeiſtern, und dann ſchmolle ich, bis er mich dafür, daß er mich zu⸗ rechtgewieſen oder geſchulmeiſtert hat, um Verzeihung bittet. Der begangene Fehler iſt in der Zwiſchenzeit vergeſſen. Verſtehſt Du?“ „Nur theilweiſe,“ ſagte Creſcenz nachdenklich. „Hören Sie nicht auf ſolchen Rath, Fräulein,“ ſagte Biedermann. Ich bin überzeugt, Madame Ber⸗ ger treibt nur Scherz.“ „Ich treibe keinen Scherz,“ ſagte Madame Ber⸗ ger, den Kopf aufwerfend. „Dann haben Sie Ihren Mann gelehrt, Sie zu behandeln, als wären Sie ein einfältiges Geſchöpf oder ein verzogenes Kind, dem er um des Friedens willen nachgibt, während er alle Achtung vor Ihrem Verſtand verliert.“ „Theodor,“ ſagte Madame Berger mit etwas ver⸗ ächtlichem Lachen, „ich rathe Ihnen, Ihre Meinung über ſolche Dinge'in Zukunft für ſich zu behalten, bis man Sie darum fragt. Sie ſchwatzen von Etwas, was Sie nicht verſtehen. Creſcenz iſt im Begriff, einen Mann zu heirathen, der dreißig Jahre i. als ſie — ich habe dafſelbe gethan und ſpreche aus Er⸗ fahrung. Hätte ich einen Mann meines Alters ge⸗ heirathet, der Fall und mein Rath wäre dann ganz verſchieden geweſen. Hätte ich zum Beiſpiel Sie gehei⸗ rathet, ſo würde ich eine ganz andere Perſon geweſen ſein.“ „Ich glaube nicht, Caroline — nichts würde Sie zu etwas Anderem gemacht haben, als Sie jetzt ſind.“ „Und bin ich ſo nicht ganz entzückend?“ „Entzückend? Ja, bei all' Ihrem Leichtfinn — nur zu entzückend,“ ſagte Biedermann, indem er ſich an⸗ ſchickte, das Zimmer zu verlaſſen. „Nun, um dieſer Anerkennung willen bin ich ge⸗ neigt, Ihnen die vorige Impertinenz zu verzeihen; aber laſſen Sie ſich Ihr Leben lang keine ähnliche Beleidi⸗ gung mehr zu Schulden kommen.“ „Ich glaubte, unſer vertrautes Verhältniß von ehe⸗ 4 dem gäbe mir eine Art Recht zu — „Unſer früheres Verhältniß,“ ſagte Madame Ber⸗ ger lachend, „gibt Ihnen kein Recht, als das, mein ganz gehorſamer, ergebenſter Diener zu ſein. Fünfzehntes Kapitel. Das Octoberfeſt und eine Lection über ſchick⸗ liches Benehmen. Es war der erſte Sonntag im October und Ma⸗ jor Stultz ſo eben in einem Wagen, den er gemiethet hatte, um ſeine Braut und deren Familie zu dem Octoberfeſt zu führen, an der Thüre vorgefahren. Um Creſcenz's Vergnügen zu erhöhen, hatte er verſprochen, die drei Knaben gleichfalls mitzunehmen, und obwohl 6 oſenberg ſeine Abſicht, zu Fuß zu gehen, erklärt 263 hatte, war die Geſollſchaft noch immer unbehaglich groß. Fritz ſtieg in ſeiner Kadettenuniform auf den Bock, in der vollen Ueberzeugung, daß das Aeußere der Equipage durch ſeine Gegenwart anſehnlich gewonnen hatte, und die Anderen verſuchten, die Kinder zwiſchen ſich einzukeilen, als oin Diener von Frau von Hoff⸗ mann zur Thüre herabgerannt kam, um in ihrem Auf⸗ trag einer der jungen Damen einen Platz in ihrem Wagen anzubieken, wenn es ihnen nicht darauf an⸗ käme, ein Bischen ſpäter zu gehen. „Mein Himmel!“ rief Madame Roſenberg, „das iſt wirklich ſehr artig — noch dazu, ehe ich ihr den Beſuch zurückgegeben habe! Hildegarde, Du wirſt na⸗ türlich das Anerbieten annehmen, und die Wahrheit zu geſtehen, ich bin froh, daß Du nicht ſo bald von Hauſe weggehſt; Herr Hamilton iſt noch nicht von der Kirche zurückgekommen, und ich wünſche, daß Du dar⸗ nach ſiehſt, daß er ſein Mittageſſen ordentlich erhalte. Ich weiß, Dir kommt es nicht darauf an, ob Du eine Stunde früher oder ſpäter dort biſt, und das Wett⸗ rennen beginnt doch nicht vor drei Uhr.“ Hildegarde ſtieg, dem Anſchein nach mit dem Ar⸗ rangement zufrieden, wieder aus, und die Anderen fuh⸗ ren ab. Sie verweilte im erſten Stock und begehrte die Hoffmann's zu ſehen, um ihnen zu danken und zu⸗ gleich zu fragen, wann ſte abzugehen im Sinne hätten. Fräulein von Hoffmann kam zn ihr heraus, ergriff eifrig ihre Hand und rief: „Ah, ich wußte wohl, daß Sie diejenige ſein würden, die mit uns ginge. Ihre Schweßter konnte natürlich den Major Stultz nicht verlaſſen — aber Sie werden gewiß herein kommen und hier bleiben, bis wir fertig ſind. Wir ſind — in der That — jetzt ſchon fertig und ich warte nur auf meinen Bräntigam, der uns begleiten wird. — Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt iſt, daß ich, gleich Irer Schweſter, Braut bin.“ „Ich habe ſo gehört,“ antwortete Hildegarde, 264 „Mama will Ihnen morgen in aller Form ihren Glück⸗ wunſch abſtatten.“ „Ich habe das Gratuliren nicht gerne,“ ſagte Fräu⸗ lein von Hoffmann kurz, „es wäre beſſer, wenn die Leute ein Jahr oder ſo warteten, bis man wüßte, wie die Heirath ausgefallen iſt. Es iſt bei Allem eine ſchreckliche Lotterie für eine Frau und wenn ſie eine Niete zieht — doch bitte, treten Sie in's Zimmer, hier iſt nicht der Ort, ſolche Gegenſtände abzuhandeln. „Ich bedaure, daß ich zu Hauſe noch Einiges zu richten habe, werde aber ſo ſchnell als möglich zurück⸗ kommen. „Thun Sie das,“ ſagte Fräulein von Hoffmann, „ich darf Ihnen wohl ſagen, ich bin für Sie ſo ein⸗ genommen, daß ich mich der Hoffnung nicht enthalten kann, wir ſeien beſtimmt, noch recht gute Freundinnen zu werden.“ „Ich hoffe es auch,“ erwiederte Hildegarde mit ungewöhnlicher Wärme und fröhlichem Lachen. Ha⸗ milton kam auf der Heimkehr von der Kirche in die⸗ ſem Augenblick durch die Thüre und ſchien nicht we⸗ nig überraſcht, ſie ſo viel Freundſchaftlichkeit an eine verwenden zu ſehen, die er nahezu für eine remde angenommen hatte. Hildegarde folgte ihm die Treppe hinauf, legte beim Eintritt in ihre eigene Woh⸗ nung den Hut ab und rüſtete ſich, nach ihrer Mutter Anweiſung, ihm ſein Mittageſſen ſelbſt hereinzubrin⸗ gen. Hamilton war bereits an ſolche Aufmerkſamkeiten ewöhnt, und darum erregte ihre Erſcheinung mit einer n Form einer Schürze über das Kleid geſteckten Ser⸗ viette und mit einer kleinen Suppenterrine in den Händen — keineswegs ſein Erſtaunen. Nachdem ſie dieſelbe auf den Tiſch geſtellt hatte, trat ſie an das Fenſter, nahm ein Buch und begann zu leſen. „Haben Sie alle ſchon zu Mittag geſpeist?“ fragte Hamilton. 265 „Ja, und ſie ſind alle ſchon fort,“ antwortete Hilbegarde. „Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie zu Hauſe müſſen?“ fragte Hamilton, ſich ſchnell um⸗ rehend. „O nein; ich gehe mit den Hoffmann's.“ Wie find Sie auf dieſes Arrangement gekom⸗ men?“ Hildegarde trat herzu, ihm die Sache zu erklären, ſtand einen Augenblick hinter ſeinem Stuhl, ſetzte ſich dann zu ihm an den Tiſch, und ließ ſich, während ſie ihm pflichtmäßig aufwartete, in eine ungewöhnlich zwangloſe Unterhaltung mit ihm ein. So ſchwatzten e lang und heiter mit einander, und Hamilton, der bereits zu denken begann, er würde gerner mit ihr zu Hauſe bleiben, als zu dem Feſte gehen, wurde wirklich ebenſo verdrießlich, als ſte überraſcht, da der Hoff⸗ mann'ſche Diener den Wagen meldete und ſagte, daß man auf ſie warte. Der Tag war hell und warm, der Himmel wolken⸗ los und von einem in England faſt unbekannten Blau; die Sonne beſchien hell die Gruppen heiterer Fuß⸗ gänger, die immer noch aus der Stadt nach der The⸗ reſtenwieſe hinausſtrömten. Trotz des warmen Sonnen⸗ ſcheins trug jeder Bauer einen ungeheuren, rothen oder gelben Regenſchirm unter dem Arm; viele waren mit Mänteln verſehen, einige trugen das Gebirgs⸗Coſtüm, welches Hamilton in Berchtesgaden kennen gelernt hatte; einen ſtrengen Contraſt zu deren maleriſchem Aeußeren bildeten Andere aus dem ebenen Lande, mit ihren lan⸗ gen, beinahe bis auf die Ferſen reichenden Röcken, zwei großen Knöpfen zwiſchen den Schultern, als ob ſie die Tallle bezeichnen ſollten, und breitkrämpigen, niedrigen Hüten. Das Tuch zu dieſer äußerſt häß⸗ lichen Bekleidung war gut, in manchen Fällen fein. uch die Hüte waren gut und mit dicken, goldenen Trod⸗ deln verziert und ſelbſt der gleichgäliigſte Beobachter 266 hätte unfehlbar bemerken müſſen, daß ſich nirgends etwas von Armuth zu erkennen gab. Hamilton ritt, ſo ſchnell als es das Gedränge er⸗ laubte, indem er wünſchte, daß alle Kindsmägde und Kinder zu Hauſe geblieben wären, und ſich verwundert fragte, was ſie bei einem landwirthſchaftlichen Feſte und Pferderennen zu thun hätten. Dann dachte er an Hildegarde — Hildegarde, wie er ſie eben geſehen hatte, heiter und ungezwungen, während ſie lachend ſich über die Hoffmann's ausſprach, erzählte, mit welcher Selbſt⸗ beherrſchung Fräulein von Hoffmann von ihrer beab⸗ ſichtigten Heirath geſprochen hatte, und dann mit einer Art bewußtloſer, um der Seltenheit willen ſchmei⸗ chelhafter Vertraulichkeit die Hälfte ſeiner Trau⸗ ben nahm. Schon ſeit einiger Zeit war ihm eine Veränderung in ihrem Benehmen bemerklich geworden, und er begann nun zu hoffen, ein Gefühl des Wohl⸗ wollens gegen ſeine Perſon wäre die Urſache davon; hierin irrte er ſich aber theilweiſe — die Verſöhnung, oder vielmehr Erklärung mkt ihrer Stiefmutter hatte am meiſten zu dieſem Wechſel beigetragen. Sie fühlte, daß ſie gegen Beide ein ungerechtes Vorurtheil gehegt haite, ging, ſtets geneigt nach den Eingebungen des Impulſes zu handeln, jetzt von einem Extrem zum an⸗ vern, und traute auf einmal Madame Roſenberg Tu⸗ genden zu, die ſie kaum beſaß — tadelte ſich ſelbſt un⸗ nöthiger Weiſe und nahm, was auf Seiten ihrer Stief⸗ mutter noch von Strenge übrig blieb, als verviente Strafe für ihren früheren unverantwortlichen Wider⸗ willen hin. Madame Roſenberg war die eingetretene Aenderung nicht entgangen — ſie hatte mehr als ein⸗ mal gegen ihren Mann geäußert, daß Hildegarde wirk⸗ lich ein warmherziges Mädchen ſei und viel weniger Anwandlungen des Zorns, als ſonſt, bekomme. Nichts ſei ſo gut, wie einer Mutter Sorge, um den Charak⸗ 4 ter eines Mädchens zu bilden, ſie verſtände ſie jetzt 267 zu behandeln, und hoffe mit der Zeit, ſie ebenſo gut, wie Creſcenz, leiden zu können. Hamilton ſah ſich bei ſeiner Ankunft auf der The⸗ reſienwieſe nach dem Gegenſtand ſeiner Gedanken um, — aber unter einem Haufen von acht⸗ bis zehntauſend Perſonen war das Suchen nicht ſogleich von Erfolg. Die königliche Familie war ſchon lange auf ver Tribüne und der König vertheilte die letzten Preiſe, als Hamilton eintraf. Bald darauf begann eine Be⸗ wegung unter der Menge, was die Vorbereitungen für das Pferderennen andeutete. Hamilton ritt auf die Stelle zu, wo die Reiter ſich aufgeſtellt hatten, aber dort angekommen, wurde ſein Pferd plötzlich ſtetiſch. Es ſcheute, bäumte ſich, ſprang vorwärts und ſeitwärts, und Hamilton würde, wäre er nicht ein geübter Reiter geweſen, es ſchwer gefunden haben, ſeinen Sitz zu be⸗ haupten. Endlich ſchien das Thier die Stärke ſeines Reiters zu erkennen, denn ſeine Kreuzſprünge hörten allmälig auf und es beugte nur den Kopf und ſcharrte mit den Vorderfüßen. Hamilton wollte eben die unterbrochene Beſich⸗ tigung der Jockey's und ihrer Pferde wieder aufnehmen, als er eine Stimme nahe bei ſich vernahm, „Sie ſcheinen, Fräulein, für die Sicherheit Ihres engliſchen Freundes beſorgt — fragen Sie ihn, ob er ſein Pferd nicht unſerm Diener geben und vom Wagen aus dem Rennen zuſehen will.“ . Hamilton wandte ſich ſchnell um und bemerkte, daß dieſe Worte von Frau von Hoffmann an Hildegarde gerichtet worden waren; er ritt daher nahe zu letzterer hin und ſagte leiſe: „ſeit einer halben Stunde ſuche ich Sie vergeblich, und eben, da ich das Suchen auf⸗ gegeben habe, finde ich mich an Ihrer Seite — bitte, ſtellen Sie mich Ihren Freunden vor, deren Bekannt⸗ ſchaft Sie mich ſo ſehr haben wünſchen laſſen.“ Hildegarde erfüllte ſein Begehren, während ein Ofſieier, der ihr gegenüber ſaß und von Hamilton 268 ſogleich als der Bewunderer der Kaffeekannen und Leuch⸗ ter in dem Gelbgießersladen erkannt wurde, einen Augenblick wartete und dann ſagte: „Ich hoffe, Sie werden mich auch einſchließen; wenn Sie es nicht für gut finden, mich unter die Claſſe der Freunde zu ſetzen, ſo dürfen Sie ſich doch nicht weigern, mir das Recht der Verwandtſchaft, und zwar ſehr naher Verwandtſchaft zuzugeſtehen.“ Hamilton ſah erſtaunt aus und Hildegarde er⸗ röthete leicht, als ſie lachend hinzufügte, „mein Couſin, Graf Raymund.“ Hamilton verbeugte ſich mit ſichtbarer Gleichgül⸗ tigkeit, denn Alles, was Zedwitz von dem Grafen Rah⸗ mund geſagt hatte, flog ihm durch den Kopf; er war jetzt überzeugt, daß er ohne Zweifel Zutritt in der Roſenberg'ſchen Familie erlangen würde, und zwar auf dem möglichſt gefährlichen Fuße — als Couſin! Er kannte ſelbſt aus Erfahrung alle Vortheile dieſer Ver⸗ wandtſchaft und die ungezwungene Vertraulichkeit, welche ſie geſtattete, und ob er ſich gleich zu überreden ſuchte, daß, da Graf Raymund bereits mit Fräulein Hoffmann verlobt wäre, er weder Zeit noch Gelegen⸗ heit haben würde, Hildegarde außerordentliche Auf⸗ merkſamkeit zu erzeigen, ſo bemächtigte ſich doch ein Gefühl beginnender Eiferſucht, dem er aber in Ge⸗ danken den Namen uneigennütziger Freundſchaft gab, ſeines Geiſtes, und er wandte ſich mit etwas mehr als Neugierde um, dieſen Coufin, dieſen Raymund, der ſo gefährlich ſein ſollte, zu betrachten. Es war ein ſchlanker junger Mann, mit ziemlich regelmäßigen Zügen, ſein Mund allein auffallend hüſch, obwohl ſeine Lippen vielleicht etwas zu roth und voll für einen Mann, die Augen hellblau, Haar und Schnurr⸗ bart lebhaft blond; der Teint mit jeder vorübergehen⸗ den Bewegung wechſelnd, zuweilen beinahe blaß, zu⸗ weilen blutroth, verlieh einem Geſicht, vn auf 8 3 269 den erſten Blick vielleicht nicht intereſſirt haben würbe, den Anſchein beſtändiger Belebung. Er redete Hamilton ſogleich an, ſprach von Eng⸗ land, von Jagd, Pferden, Rennen — von engliſchen Gewohnheiten, Landunterhaltungen mit ſolcher Sach⸗ kenntniß, daß Hamilton ſich nicht enthalten konnte, zu bemerken. „Sie müſſen lange in England geweſen ſein, um dieß Alles ſo gut zu verſtehen!“ „Meine Kenntniſſe ſind nur durch Lectüre erwor⸗ ben,“ bemerkte Raymund lächelnd und offenbar von Hamilton's Bemerfung geſchmeichelt; und ſei es nun, daß er dadurch, oder das beifällige Lächeln ſeiner Be⸗ gleiterinnen ermuntert wurde, gab er eine Beſchreibung der Pferderrnnen in den verſchiedenen Ländern von der älteſten Zeit bis auf die Gegenwart, wobei er beträcht⸗ liche Kenntniſſe entwickelte, die wohl angewendet, aber mit einer ſo ſchlecht verhehlten Arroganz vorgebracht wurden, daß Hamilton, ſchon zuvor gegen ihn einge⸗ nommen, bald deſſen überdrüſſig wurde, und die erſte Pauſe und einige Verwirrung unter den Umſtehenden benützend — plötzlich und heftig ſein Pferd zuſammen⸗ nahm, es auf die Hinterbeine warf und über das Feld davon galoppirte. Das Rennen begann, und obwohl die Pferde nicht viel verſprachen, war es doch unmöglich, ſich nicht einigermaßen angezogen zu fühlen; er ſprengte mehr⸗ mals in vollem Jagen über das Feld, kam dabei wie⸗ derholt an dem Wagen vorüber, in welchem Hilde⸗ garde ſaß, und begann dann, als er einige Engländer traf, mit denen er oberflächlich bekannt war, nicht ſehr entfernt von ihr, ein Geſpräch mit jenen. „Meine ſchöne Coufine folgt ihrem engliſchen Freund mit den Angen und ſcheint ihn ziemlich zu be⸗ wundern,“ ſagte Rahmund lachend. „Er iſt allerdings hubſch, aber in meinem Leben habe ich kein hochmüthige⸗ 270 res Benehmen oder ſtolzeres Ausſehen wahrgenommen. Wie kommt er mit der Stiefmama aus?“ „Außerordentlich gut,“ antwortete Hildegarde. „Sie hält ihm gelegentlich Vorleſungen über ſeine verſchwen⸗ deriſchen Gewohnheiten, die er mit vollkommen guter Laune aufnimmt; aber ſie ſcheinen keine große Wir⸗ kung zu haben. Ich glaube, ſeine Eltern müſſen ſehr reich ſein, obwohl er nie davon ſpricht, denn ſie ſchicken ihm große Geldſummen, die er bei ſeinem Bankier läßt — da er behauptet, daß er bei der beſten Abſicht, ſie auszugeben, keine Gelegenheit hiezu finden könne.“ „Es ſcheint, die Vorleſungen über Verſchwendung, waren kaum nöthig,“ bemerkte Raymund mit leichtem Hohn; „nach Ihrem Bericht ſcheint er mehr Luſt zum Sparen, als Ausgeben zu haben.“ „Und doch iſt er wirklich generös,“ rief Hilde⸗ garde warm. Herr Biedermann, der ihm Unterricht im Deutſchen gibt, verſicherte, er habe gegen ihn fürſt⸗ liche Freigebigkeit bewieſen; und ich weiß, daß er dem alten Hans erſt kürzlich einen completen Winteranzug geſchenkt hat, damit er ſich beim Holzſägen im Hof warm halten könne, der vielen Vorfälle in unſerem Hauſe nicht zu erwähnen, wo er, ohne zum Geben ge⸗ neigt zu ſein, ganz anders gehandelt hätte.“ „Sie ſind in ſeinem Lobe beredt,“ ſagte Fräulein von Hoffmann, „und werden mich zwingen, gut von ihm zu denken, ob ich gleich, die Wahrheit zu ſagen, halb Luſt habe, Oskar's Anſicht, daß er ſtolz ſei, bei⸗ zuſtimmen. Allerdings habe ich ihn nur einige Mi⸗ nuten und auf einem ſehr ſtetiſchen Pferde geſehen, aber der Blick, mit dem er uns Alle beehrte, war mehr forſchend als angenehm, und offenbar ſchien er eine ziemlich gute Meinung von ſich ſelbſt zu haben.“ „Darüber kann ich nicht ſtreiten,“ erwiederte Hilde⸗ garde lachend; aber ich wünſche ihm, wo möglich, Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, da ich nur allmä inen eingewurzelten Widerwillen überwinden kann, 271 ich bei ſeinem erſten Anblick ohne vernünftigen Grund gegen ihn gefaßt habe.“ „So,“ rief Raymund, „wenn das der Fall iſt, bin ich zufrieden. Es muß jedoch äußerſt unangenehm ſein, einen ſolchen Don Magniſico in einem häus⸗ lichen Kreis ſich eindrängen zu ſehen. Ich wundere mich, daß Ihr Vater ſich nicht dagegen auflehnte; — aber er muß natürlich thun, was Ihre Frau Mama für gut findet.“ . „O! Papa, Mama und Creſcenz haben ihn von Anfang an lieb gewonnen,“ ſagte Hildegarde. „Ich war die einzige Perſon, die mit ihm Streit anſing, weil ich mir einbildete, er lache über uns oder ſuche ſich auf unſere Koſten zu unterhalten, während er ſich weit über uns erhaben glaubte. Bei näherer Bekannt⸗ ſchaft iſt es unmöglich, ihn nicht für angenehm, ge⸗ ſcheidt und, ich muß geſtehen, vollkommen unaffectirt zu halten.“ „Wenn Sie, meine Liebe, in dieſer Weiſe fort⸗ fahren,“ ſagte Fräulein von Hoffmann mit ſchelmiſchem Lächeln, „bringen Sie uns auf den Glauben, daß Sie ganz verliebt in ihn find!“ „Keineswegs,“ bemerkte Raymund, „wäre das der Fall, ſo würde ſie in ſeiner Lobpreiſung zurückhalten⸗ der ſein. Ich bin eher geneigt, zu glauben, daß die⸗ ſer Engländer aus einer unerklärlichen Geſchmacksver⸗ irrung meiner zweiten Couſine den Vorzug gegeben haben muß. Nun, geſtehen Sie es, Hildegarde! In Ihrem Hanſe zu wohnen und nicht für die Eine oder Andere von Ihnen eine Vorliebe zu faſſen, iſt abſolut und gänzlich unmöglich!“ zrr Ich glaube,“ erwiederte Hildegarde, „er — er fühlte ziemliche Bewunderung für Creſcenz, bis ſie mit Major Stultz verlobt wurde.“ „Dann bewundert er ſie noch immer, darauf kön⸗ nen Sie ſich verlaſſen.“ „Vielleicht, es iſt ſchwer, Creſcenz zu kennen und 272 ſie nicht zu bewundern und ſie zu lieben,“ erwieberte Hildegarde; „aber auf alle Fälle hat er aufgehört, ihr irgend Aufmerkſamkeit zu erweiſen, und ſpricht nicht mehr mit ihr, als mit mir. „Sie können überzeugt ſein, daß er die verlorene Zeit hereinbringt, wenn er mit ihr allein iſt,“ rief Ray⸗ mund lachend. „Bei Gott, ich beneide ihn um ſeine gegenwärtige Stellung; was für ein Capital⸗Spaß — den dicken, alten Major aus dem Sattel zu heben!“ „Daran hat er nie gedacht,“ rief Hildegarde eifrig; zer ein⸗ für allemal erklärt, daß er nicht heirathen önnte.“ „Immer beſſer,“ ſagte Raymund mit ſeltſamem Lachen, „er ſcheint vollkommen zu wiſſen, was er will.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ begann Hildegarde, aber Frau von Hoffmann lenkte jetzt ihre Aufmerkſamkeit auf das Rennen, und als dieß vorüber war, hatte fie keine Zeit mehr, an die Sache zu denken. Hamilton konnte bei der Rückkehr nach Hauſe ſei⸗ nen Verdruß kaum verbergen, als er hörte, daß Hilde⸗ garde eine Einladung für den Abend zu den Hoffmann's angenommen hatte. Herr Roſenberg verließ ſie wie gewöhnlich, unmittelbar nach dem Abendeſſen, Major Stultz nahm Creſcenz ganz und gar in Beſchlag, Ma⸗ dame Roſenberg beſchäftigte ſich mit einem Spiel Kar⸗ ten, die ſie mit außerordentlichem Intereſſe miſchte, abhob und auf dem Tiſch vor ſich auslegte, während Hamilton, ſeither gewohnt, mit Hildegarde zu ſchwatzen oder zu leſen, und ſie mehr vermiſſend, als ihm zu be⸗ merken lieb war, eine Zeitung in der Hand hielt und ſich in Gedanken damit beſchäftigte, unbehagliche Ver⸗ muthungen über ſie und ihren Vetter aufzuſtellen. „Höchſt ſeltſam,“ ſagte Madame Roſenberg nach⸗ denklich, indem ſie eine Karte an die Lippen hielt, „wirklich höchſt ſeltſam; — die Heirath iſt nicht in den Karten.“ 273 „Ich glaubte, Sie legen Patience,“ ſagte Hamil⸗ ton aufblickend. „O nein, ich habe für Creſcenz Karten geſchlagen,“ ſagte ſie leiſe, „und ſonderbar genug iſt ihre Heirath nicht darin. Ich muß es noch einmal probiren,“ ſagte ſie, das Spiel zuſammennehmend und lebhaft miſchend. Hamilton zog ſeinen Stuhl an den Tiſch und gab Acht, wie ſie langſam und bedächtig die Karten in regelmäßigen Reihen vor ſich auslegte, während ſie mit ſichtbarer Unzufriedenheit murmelke, „das iſt Cres⸗ cenz und das iſt der Major, aber immer ſo weit von einander! Und die Heiraths⸗ und Liebeskarten ſind alle nahe bei ihm, während Creſcenz's Gedanken mit einem Beſchenk beſchäftigt ſind. Sie lachen mich aus, ſehe 6 1 Vielleicht glauben Sie nicht, daß ich wahrſagen kann?“ „Ich bin überzeugt, Sie können es ſo gut, als irgend Jemand.“ . „Das iſt zu viel geſagt,“ bemerkte Madame Roſen⸗ berg. „Unſere Wäſcherin iſt darin ſehr erfahren; aber ich weiß Jemand, der Sie in Erſtaunen ſetzen würde.“ „Ich laſſe mich gern in Erſtaunen ſetzen,“ ſagte Hamilton, „und will mich deſſen nicht weigern, wenn das, was Sie mir prophezeien, eintrifft. „Wie aber, wenn Creſcenz's Heirath — was der Simet verhüten wolle, abgebrochen würbe, was wür⸗ den Sie dann ſagen?“ „Sie wird nicht abgebrochen werden, aber viel⸗ leicht verſchoben. Sie haben geſtern ſelbſt geſagt, daß deren Ausſteuer auf die erwartete Zeit nicht fertig ſein könne; und was den Umſtand betrifft, daß ihre Gedan⸗ ken mit einem Präſent beſchäftigt ſind, ſo wiſſen wir Alle, daß ſie für den Major Stultz eine Börſe und ein Cigarren⸗Etuis macht.“ „O, wenn Sie Alles auf dieſe Weiſe erklären, brauche ich nicht fortzufahren,“ ſagte Madame Roſen⸗ Die Anfangsbuchſtaben. I. 18 ½ 274 herg lachend. „Hier zum Beiſpiel iſt eine falſche Perſon in unſerem Hauſe — eine ſehr falſche Perſon, und hinter ihr kommt eine Menge unglücklicher, unange⸗ nehmer Karten!“ „Und Sie können Das Alles in den Karten ſehen?“ rief Hamilton lachend. „Schauen Sie her und ich will es Ihnen leicht erklären,“ ſagte Madame Roſenberg. „Sie ſehen, dieß Aß iſt unſer Haus —“ „Iſt das ein Aß?“ ſagte Hamilton, „Die deut⸗ ſchen Karten ſind ebenſo ſchwer zu lernen, wie die Handſchrift. Ich kenne keine einzige von dieſen Karten.“ „Sie ſind leicht zu lernen! Das iſt Eichel und das Schellen, das Kreuz (Trefle) und das Herz.“ „Aber dieß Herzaß iſt doppelt; und was bedeutet der Blumenkorb und der Kupido mit der Binde um die Augen?“ „Das dient nur zur Verzierung.“ „Das iſt vermuthlich der Herzkönig, aber wo iſt die Königin (Dame)?“ „Das, glaube ich, entſpricht Ihrer Königin.“ ſi 5 der Mann, der ſich hier auf ſein Schwert ützt?“ „Ich ſehe, Sie wollen nicht lernen. „Und doch möchte ich gerne wiſſen, was die Eicheln und Schellen vorſtellen ſollen,“ ſagte Hamilton. 3 „Creſcenz, komm und erkläre es franzöfiſch,“ rief Madame Roſenberg. Creſcenz kam ſehr bereitwillig. In einigen Mi⸗ nuten glaubte Hamilton die Karten zu kennen und be⸗ gann ein kindiſches Spiel, welches Creſcenz ihn lehrte; ſie ſpielten um Sechſer, und da er beſtändig in den Karten irrte, hatte er im Laufe einer halben Stunde einige Gulden verloren. Creſcenz's triumphirende Freudenrufe veranlaßten endlich Madame Roſenberg, ſich umzuſehen; kaum hatte ſie aber den Stand der Dinge bemerkt, als ſie das 25 6 von Creſcenz gewonnene Geld nahm unb es Hamilton trotz aller ſeiner Proteſtationen wieder zuſtellte, einige rothe und weiße Marken aus ihrem Arbeitstiſchchen nahm und mit dem Bemerken, ſie könnten dieſelben, wenn es ih⸗ nen beliebte, für Gulden halten, gleichmäßig unter fie vertheilte; — „es wäre für junge Leute viel paſſender, als wirklich um Geld zu ſpielen.“ „Ich hoffe,“ ſagte Hamilton zu Madame Roſenberg, „Sie werden mich nicht ſo ganz wie ein Kind behan⸗ deln und mich nöthigen, was ich verloren habe, wieder zurückzunehmen, aber wenn Sie die Fortſetzung des Spiels verbieten, müſſen wir natürlich gehorchen.“ „Nun, ſo ſpielen Sie für Kreuzer oder Pfennige, wenn es Ihnen beliebt; aber es iſt eine ſchlechte Ge⸗ wohnheit.“ Nach erhaltener Erlaubniß ſchien aber Creſcenz alle Luſt zum Weiterſpielen verloren zu haben. Sie und Hamilton beſchäftigten ſich bald damit, Kartenhäu⸗ ſer zu bauen, während ſie ſich halb flüſternd in fran⸗ zöſiſcher Sprache unterhielten, was für ſie möglicher Weiſe ſehr intereſſant ſein mochte, aber für Madame Roſenberg und Major Stultz unverſtändlich war — Die Erſtere hatte darum angefangen zu ſtricken, der Letztere beobachtete das wechſelnde Mienenſpiel ſei⸗ ner Verlobten, während ſie, zuweilen ihre Stimme zu einem Flüſtern dämpfend, nachdenklich zu ſprechen ſchien und ihre Beſchäftigung ganz vergaß; im nächſten Augenblick jedoch mit kindiſchem Entzücken den chine⸗ ſiſchen Thurm umblies, deſſen Erbauung Hamilton offenbar eine Welt von Mühe gekoſtet hatte. Wie lange dieſe Beſchäftigung noch ihr Intereſſe gefeſſelt haben würde, läßt ſich nicht beſtimmen, denn Hilvegarde's Rückkehr veranlaßte Creſcenz, ſogleich ih⸗ ren Platz zu verlaſſen, und wenn Hamilton noch das Spiel mit den Karten fortſetzte, ſo geſchah es doch un⸗ bewußt. Creſcenz's eifrige Erkundigungen, Hildegarde 1 „ 276 ſich unterhalten, ob die Hoffmann's ihr bei näherer Bekanntſchaft gefallen, und ob ſie den künftigen Gat⸗ ten des Fräuleins von Hoffmann geſehen hätte, wur⸗ den raſch und entſchieden beantwortet. „Ich habe einen köſtlichen Tag lzugebracht, die Hoffmann's ſind die charmanteſten Leute, die ich ie geſehen habe, und der Bräutigam iſt ohne Ausnahme und geſcheidteſte Menſch von der e 1 „Pfu — u — i!“ pfiff Major Stult. „Wie heißt er?“ fragte Creſcenz Graf Raymund, Er iſt unſer nächſter Verwand⸗ ter — der nächſte Couſin!“ „Unſer Cvufin! Aber — aber — ich glaubte, die Raymund's wollen nichts von uns wiſſen?“ „Wir haben kein Recht, ihn für die Unfreund⸗ lichkeit ſeiner Verwandten verantwortlich zu machen, Crescenz; ich kann nicht weiter ſagen, als daß er ſogleich von unſerer nahen Verwandtſchaft zu ſpre⸗ chen anfing, und da es unmöglich war, ſie nicht an⸗ zuerkennen, wurden wir alsbald vertraut. Er ließ mir auch in der That keine Wahl, denn er nannte mich Hildegarde und ſprach von Dir, als ob er Dich ſein Leben lang gekannt hätte. Er will morgen hier vor⸗ ſprechen und Mama beſuchen.“ „Wirklich?“ ſagte Madame Roſenberg trocken. „Er ſagt, Du ſeieſt ſeine Tante, da Du Papa ge⸗ heirathet habeſt.“ „Es iſt ſonderbar, daß er dieſe Verwandtſchaft erſt heute entdeckt! Zu Deiner Mutter Lebzeiten haben dieſe Raymund's, wie ich gehött habe, zuweilen den Schein angenommen, als wüßten ſie ſelbſt Deines Va⸗ ters Namen nicht mehr. Die Sache iſt, meine Liebe, aß er meint, es würde mir ſchmeicheln, mich für die Tante eines Grafen zu halten; hier beſteht aber in Wirklichkeit gar keine Verwandtſchaft irgend einer Art, 277 und dieß war auch Deine Meinung, ſonſt würdeſt Du dieſe alberne Bemerkung nicht wiederholt hahen.“ Hildegarde's Geſicht wurde purpurroth. „Das waren ſeine Worte,“ ſagte ſie mit vor halb⸗ unterdrücktem Aerger zitternden Lippen. Du kannſt den⸗ ſelben natülich eine Deutung geben, wie es Dir beliebt.“ „Die Worte und ihre Bedeutung ſind leicht zu verſtehen,“ ſagte Madame Roſenberg lachend. „Aber warum er ſo plötzlich für gut gefunden hat, eine Ver⸗ wandtſchaft mit Dir und Creſcenz anzuerkennen und mir die Ehre, ſeine Tante zu ſein, aufzuzwingen, iſt ſchwerer zu begreifen.“ „Durchaus nicht, Madame,“ ſagte Major Stultz mit einem Blick von Hildegarde auf Creſcenz. „Durch⸗ aus nicht. Einen jungen Mann freut es immer, in nen Hauſe, wo junge Mädchen ſind, Zutritt zu er⸗ alten.“ . „Aber mein lieber Major, der Mann ſoll mit Fräulein von Hoffmann im Jannar Hochzeit haben, und ſo müſſen alle anderen jungen Mädchen ihm gleich⸗ gültig ſein!“ „Gewiſſe Mä werden nie gleichgülig gegen Mädchen, Madam d wenn ich nicht irre, iſt dieſer Graf Raymund einer von jenen Perſonen. Ich glanbe, gehört zu haben, daß er ſehr — ſehr —“ „Was ſehr?“ te Madame Roſenberg raſch. „Sehr wild — wenn nicht ein völliger Wüſtling geweſen iſt,“ antwortete Major Stultz beſtimmt. „Dann werde ich dafür ſorgen, daß, wenn er mor⸗ gen kommt, dieß ſein erſter und letzter Beſuch ſein ſoll. Sind Sie aber deſſen gewiß, was Ste fagen? onſt, wiſſen Sie, würde Roſenberg unzufrieden ſein und glauben, daß ich aus perſönlicher Abneigung un⸗ höflich geweſen ſei, denn ich kann dieſe Raymund's nicht leiden, das iſt wahr. Denken Sie nur, Sie ge⸗ ben ſich den Anſchein, zu glauben, ich habe Hilde⸗ garde und Creſcenz nach meiner Verheirathung hart kann,“ erwiederte Maj 278 behandelt, und machten mir den Vorſchlag, ſie mir ganz abzunehmen!“ „Ich möchte wiſſen, warum Du nicht auf uns verzichtet haſt,“ ſagte Hildegarde. „Aus zwei Gründen,“ antwortete Madame Roſen⸗ berg. „Für's Erſte würde man Euch nie erlaubt haben, Euren Vater zu ſehen, und dieſer Artikel der Ueber⸗ einkunft geſiel ihm nicht. Für's Zweite ſolltet ihr zu Gonvernanten herangebildet werden und in der Schule bleiben, bis Ihr in einer ausländiſchen Familie ein Unterkommen fändet, da es ihnen nur darum zu thun war, Euch wegen der Verwandtſchaft aus dem Weg zu brin⸗ gen. Nun hatte ich aber das Verſprechen einer Frei⸗ ſtelle in derſelben Schule und verzweifelte nicht daran, auch die andere herauszubringen, während für den Fall, daß Ihr auf einige Zeit nach Hauſe kämet, auch Ausſicht vorhanden war, Euch obendrein zu verheira⸗ Freſcenz hier iſt wohl then. Und ich hatte Recht, denr verſorgt, und wenn Du fortfähr wie Du in der letzten Zeit ge voraus, daß ich Dich nicht lange werde. Aber um auf dieſen zu kommen, Major — erzähle Sie von ihm wiſſen oder „Ich habe mehr gehö Dich ſo zu beſſern⸗ dem Hals haben Raymund wieder mir Alles, was n.“ 1 Ihnen jetzt ſagen eimnißvoll, „der⸗ gleichen Dinge ſinden beſprochen zu werden. Hildegarde warf egnt „vor jungen Damen ſich in zurück und lächelte verächtlich, als Madome Roſenberg ſich nil Major Stultz in das nächſte Zummer zurückzog. „Dieß iſt das erſte Mal,“ . ſie, ihm nach⸗ ſehend, „das erſte Mal, daß ich hei ihm den Verſuch wahrnehme, die Rolle des Schwieg „Er handelt als Freund, ſagt „Wie wiſſen Sie das?“ amilton ernſt. ½ 6 haſt, ſo ſehe ich ohns zu ſpielen.“ 279 „Vielleicht habe ich von Graf Rahmund mehr ge⸗ hört, als Sie ſich einbilden.“ „Und angenommen, Sie haben,“ ſagte Hildegarde, indem ſie die Hände zuſammenlegte und Hamilton feſt in's Geſicht ſah, „angenommen ſelbſt, Sie haben Alles, was man gegen ihn ſagen kann, gehört, worauf beläuft es ſich? Auf Schwächen, Fehler, wenn Sie wollen, deren ſich, wie er heute Abend ſelbſt ſagte, jeder junge Mann ſchuldig gemacht hat; — haben Sie ſich ſelbſt ſo unbefleckt erhalten, daß Sie ſich berechtigt fühlen, über ihn zu urtheilen?“ Hamilton erröthete tief, gab aber keine Antwort. „Ich weiß,“ fuhr Hildegarde mit zunehmender Wärme fort, „ich weiß, Sie denken ſich über andere Leute erhaben, aber Ihre gegenwärtige Verwirrung beweist, daß Sie auch Ihre Schwächen haben, nur mit dem Unterſchied, daß, während Sie beanſpruchen, ein Muſter von Vollkommenheit zu ſein, Andere ihre Feh⸗ ler ehrlich geſtehen.“ „O Hildegarde!“ rief Creſcenz abwehrend. Hamilton zerdrückte die Karte, die er in der Hand hielt, ſah ärgerlich aus, machte aber immer noch kei⸗ nen Verſuch, zu ſprechen. „Es iſt hart,“ fuhr Hildegarde ruhiger, aber noch mit hochrothen Wangen fort, „es iſt hart, über einen jungen Mann, wie Oskar, ein Urtheil zu fällen, ohne Verſuchungen, denen er ausgeſetzt geweſen iſt, zu ennen. . Hamilton ſchwieg fortwährend; er begann noch einmal, einen Thurm mit den Karten zu bauen. „Hören Sie mich nicht?“ fragte ſie ungeduldig. „Ich höre Ihnen äußerſt aufmerkſam zu.“ „Warum ſagen Sie dann nicht Etwas?“ „Weil eine Antwort nur eine neue Schmähung von Ihrer Seite hervorrufen würde und keinen Nutzen haben kann. 4½ 5 „Ich ſehe — Sie denken, daß ich zu haſtig gewe⸗ — 280 ſen; — ich wollte das nicht — es thut mir leid, wenn ich Sie beleidigt habe.“ Hamilton ſchaute auf und lächelte, und Hilde⸗ garde fuhr fort: „Wir haben ſo wenige Verwandte — ſo gar wenige. Oskar iſt unſer einziger Couſin. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie es mir heule zu Muth war, als er mich Hildegarde nannte und aufforderte, ihn als Bruder zu betrachten. Sie werden mich für roman⸗ haft halten, wenn ich Ihnen verſichere, daß ich augen⸗ blicklich für ihn eingenommen wurde oder vielmehr eine Art Zuneigung für ihn empfand, welche ich einem Fremden gegenüber für ganz unmöglich hielt! Wahr⸗ ſcheinlich hat die Erinnerung an meine Mutter, ſo ſchwach ſie auch ſein mag, zum Theil dieſes Gefühl verurſacht. Auf alle Fälle habe ich es unmöglich ge⸗ funden, ihn nicht für den unterhaltendſten, geſcheidte⸗ ſten — kurz bezauberndſten Mann zu halten, den ich je getroffen habe.“ t „O Himmel! wie gerne möchte ich ihn kennen ler⸗ nen!“ rief Creſcenz. „Dann iſt er ſo hoch gebildet! — ſpricht ſo voll⸗ kommen franzöſiſch — und ſpielt das Pianoforte, wie ich es nie gehört habe. Denken Sie nur, er iſt im Stande, vier Stunden nach einander zu ſpielen, ohne einmal in's Stocken zu gerathen; allen ſeinen Gedan⸗ ken zu folgen und ſie ſo ſchön in Muſik auszudrücken, manchmal ſo traurig und meléncholiſch, dann wieder heiter oder leidenſchaftlich, ganz nach den Eingebungen des Augenblicks!“ „Ich wußte nicht im Mindeßen, daß Sie ſich um Muſik kümmerten,“ ſagte Hamil⸗on, indem er ſie mit — einem Blick ungeheuchelten Erſtaunens unterbrach, „Sie ſpielen das Pianoforte ſo ſelten, und —“ „Und ſo ſchlecht,“ ſagte Hildegarde, ihm jetzt in's Wort fallend, „ſo ſchecht, daß Sie daraus den Schluß gezogen haben, ich müßte unfähig ſein, den Werth 281 einer guten Mnſik, wenn ich ſie höre, zu ſchätzen. Im Gegentheil, ich bin für alle ihre Schönheiten ſo lebhaft empfänglich, daß ich nur die Mittelmäßigkeit nicht leiden kann, und darüber hinaus, weiß ich, würde es bei mir niemals kommen, wenn ich meinen Mangel an Zeit und Geduld in Betracht ziehe; aber um Oskar's Spiel zu ſchätzen, bedarf es nur des Gefühls — es iſt Etwas, deſſen man nie müde werden könnte — Etwas wie die Unterhaltung mit einer Perſon, die gut ſpricht. Ich hoffe nur, daß Sie bald Gelegenheit haben wer⸗ den, ſelbſt zu urtheilen. Ich wünſche auch, Sie könn⸗ ten ihn vorleſen hören. Ich habe nie eine Vorſtellung davon gehabt. Er las Fräulein von Hoffmann und mir vor, und es wurde uns wechſelsweiſe bald kalt, bald warm — es war zu köſtlich!“ „Was hat er geleſen?“ fragte Creſcenz. „Heine's Gedichte,“ antwortete Hildegarde, indem ſie ein kleines Bändchen aus der Taſche zog — „es heißt das Buch der Lieder und er hat es mir ge⸗ ſchenkt. Soll ich Ihnen „den Traum“ vorleſen?“ „O ja, gewiß,“ ſagte Hamilton. Hildegarde begann mit vor Eifer zitternder Stimme, Sie hatte jedoch kaum ein paar Verſe geleſen, als ihre Mutter in's Zimmer trat und ſogleich fragte, „was haſt Du hier?“ „Ein Buch, Mama.“ „Das iſt klar: abel was für ein Buch? Du weißt, ich wünſche nicht, daß Du Etwas außer Franzöſiſch leſeſt; und dieß iſt Deutſch und Poeſie dazu — und gar Graf Rahmund gehörig!“ ſagte ſie, indem ſie es aus Hildegarde's widerſtrebender Hand nahm — „Sie ſehen, Major, er hat bereits mit ſeinen Büchern be⸗ gonnen, wie Sie mir geſagt haben. Ganz gewiß iſt es voll Unanſtändigkeiten!“ „ o viel ich mich erinnern kann, täuſchen Sie ſich, fagte Hamilton. „Einige der Gedichte find ſchön und alle originell und voll Talent. 282 „Wenn das der Fall iſt, kann ich ſie wohl die⸗ ſelben leſen laſſen,“ ſagte Madame Roſenberg — aber das Buch muß ſo bald als möglich zurückgegeben werden. „Aber —“ begann Hildegarde. Creſcenz zupfte ſie am Aermel und flüſterte — „Sage nicht, daß er es Dir geſchenkt hat.“ Hildegarde ſchüttelte ihrer Schweſter Hand ab, indem ſie ſagte: „Das Buch iſt meinz er hat es mir geſchenkt; und wenn ich es leſen darf, werde ich es auch wohl behalten dürfen.“ „Das darfſt Du nicht,“ ſagte ihre Mutter, merk⸗ lich gereizt. „Sollte Graf Raymund morgen kommen, ſo werde ich ihm ſein Buch zurückgeben und ihn bit⸗ ten, den Reſt ſeiner Bibliothek für ſeinen eigenen Ge⸗ brauch zu behalten. Er würde beſſer daran gethan haben, es ſeiner Braut ſtatt Dir zu geben, und ich werde ihm das bemerklich machen.“ „Ich ſehe, Du biſt entſchloſſen, ihn zu beleidigen,“ ſagte Hildegarde zornig; „und da Du dieß Buch ihm morgen zurückzugeben gedenkſt, ſo kann ich Dir ebenſo wohl ſagen, daß ich dieſe Nacht nicht zu Bette gehen werde, ehe ich es bis auf die letzte Linie geleſen haben werde.“ „Hildegarde! Hildegarde! Ich fürchte, Du be⸗ kommſt wieder einen Deiner Zorns⸗ und Halsſtarrigkeits⸗ anfälle. Es iſt unverzeihlich, noch ſo kindiſch zu ſein, da Du beinahe ſiebenzehn Jahſe alt biſt! Da Du übri⸗ gens als Kind handelſt, muß ich Dich auch als ſolches behandeln; und Du ſollſt nicht mehr Licht haben, als gerade zum Zubettgehen nöthig iſt.“ Hildegarde ſteckte das Buch in die Taſche, ſchob haſtig den Stuhl zurück und trat zum Ofen. Major Stultz bemerkte, während er Creſcenz gute Nacht wünſchte, mit vernehmlichem Flüſtern: „Was für ein glücklicher Mann bin ich, daß Du auf mein Loos gefallen biſt!“ Madame Roſenberg beglettete ihn aus d mer, blieb aber noch unter der Thüre ſtehen, 283 garde und Creſcenz zu ſagen, „Ihr müßt nicht benken, daß ich aus perſönlicher Abneigung gegen den Grafen Raymund handle, wenn ich ihm morgen unſer Haus verbiete — er iſt eine ſehr gefährliche Perſon — er hat in zwei achtbare Familien Schande gebracht, und ſeine letzte Heldenthat war, mit der Frau eines ſeiner Freunde davon zu gehen.“ Creſcenz ſchien bei dieſen Worten äußerſt beſtürzt und wandte ſich zu ihrer Schweſter mit den Worten: „O Hildegarde, iſt das wahr?“ 3 „Es iſt wahr.“ „Warum haſt Du ihn aber eben gelobt, und —“ „Nun, ith bin bereit, ihn wieder zu loben; und doch iſt es wahr. Er welt jedoch von jetzt an ein ganz verſchiedenes Leben beginnen und hat Marie von Hoffmann und mir dieſen Abend alle ſeine Miſſethaten gebeichtet. Er hat ſich nicht geſchont, das kann ich Dir verſichern.“ 1 „Die Beichte muß ſehr erbaulich geweſen ſein,“ bemerkte Hamilton. „Sie war ſehr unterhaltend,“ erwiederte Hilde⸗ garde mit leichtem Lachen. „Er erzählte mit ſo viel Geiſt, ſchilderte ſo komiſche Situationen, und Pat Fräulein von Hoffmann mit ſolcher Wärme, ihm ſei⸗ nen Leichtſinn zu vergeben, daß ſie ihm nicht nur ver⸗ zeihen mußte, ſondern ſelbſt zu geſtehen genöthigt war, Andere würden vielleicht ebenſo gehandelt haben, wenn eſie ähnlichen Verſuchu⸗gen ausgeſetzt geweſen wären.“ „Er ſcheint ſich demnach als eine Art Opfer dar⸗ geſtellt zu haben,“ ſzgte Hamilton, ohne aufzuſehen. „Beinahe,“ ſage Hildegarde. „Die jungen Da⸗ men haben ihn auf alle mögliche Weiſe aufgemuntert und ſind mit ihm allein zuſammengetroffen, und Frau von Sallenſtein hat ihm wirklich ſelbſt den Vorſchlag gemacht, mit ihm davon zu gehen.“ Das hat er Ihmn geſagt, und noch die Namen dazu? 284 „Gewiß: er verhehlte nicht den geringſten Um⸗ ſtand, erzählte alle die Geſpräche und Abentener — kein Buch konnte unterhaltender ſein! Seine erſte Liebe war die Tochter eines Hauptmann Welden; es waren daſelbſt vier Töchter, und alle verliebten ſich zu gleicher Zeit in ihn — die jüngſte war weit die hüb⸗ ſcheſte, alſo —“ „Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen in's Wort falle,“ rief Hamilton, „aber ich kann es wirk⸗ lich nicht aushalten, Sie in dieſer leichten Weiſe ſchwatzen zu hören — Graf Raimund muß ein einge⸗ fleiſchter Satan ſein, wenn er Sie in Einem Tag ſo vollſtändig verändern konnte.“ „Wirklich, ich glaube Hildegarde iſt nicht mehr dieſelbe,“ ſtimmte Creſcenz bei. „Ich habe ſie nie zu⸗ vor ſo ſeltſam ſchwatzen hören — und, o Hildegarde, erinnerſt Du Dich, wie hart Du über Hamilton ge⸗ urtheilt haſt, als Du nur n Verdacht hegteſt, daß er, — daß ich — ich meine wir — wegen Major Stultz, weißt Du? — O, denk an Alles, was Du in Berchtesgaden geſagt haſt!“ Creſcenz's Beredtſamkeit ſchien keinen großen Ein⸗ druck auf Hildegarde zu machen, — ſie ſchüttelte blos ungeduldig mit dem Kopf. „Ich ſinde, daß ich mich in Ihrem Charakter gänz⸗ lich getäuſcht habe,“ ſagte Hamilton, indem er auf ſie zuging und den Ellnbogen auf den Ofen ſtützte, „gänz⸗ lich getäuſcht habe, ſcheint es.““ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich glaubte, daß Sie aus einer falſchen und romanhaften Idee von Generoſitä oder Edelmuth ſich veranlaßt finden konnten, ein Benehmen wie das von Graf Raimund zu überſehen, aber erſchüttert ſein wür⸗ den, als Sie hörten, wie er mit ſeiner Niederträchtig⸗ keit noch prahlte undſdie Schuld aufſeine Opfer wälzte.“ Hildegarde erröthete ſo tief daß es ihr wirklich en 285 Schmerz verurſachen mußte, — ſie warf ſich in den Stuhl und wandte ſich weg. „Herr Hamilton hat ganz Recht,“ ſagte Creſcenz, „es war nicht ehrenhaft von Graf Raimund, die Schuld auf Hauptmann Weldens Tochter zu wälzen — und dann Alles unter Gelächter wieder erzählen! O, Hil⸗ degarde, er mag ſehr unterhaltend ſein, aber er kann kein gutes Herz haben.“ Sie beugte ſich zu ihrer Schweſter nieder und fügte flüſternd hinzu: „Hamilton würde nie ſo gehandelt haben!“ „Herr Hamilton iſt höchſt wahrſcheinlich in kei⸗ nem Betracht beſſer, als andere Leute,“ erwiederte Hil⸗ degarde raſch, jedoch ohne umzuſehen. „Wie, Hildegarde, Du ſcheinſt zu vergeſſen, daß Du mir erſt geſtern geſagt haſt — er ſeie ſo erhaben über andere Leute, ſo ganz wie der Held in einem Buche, weißt Du — zu vollkommen, um natürlich zu ſein, weil er nie zornig wäre, oder —“ „Creſcenz!“ rief Hildegarde, buchſtäblich von ihrem Stuhl aufſpringend, „verſuchſt Du es abſichtlich, mich zu reizen? oder biſt Du wirklich, wie Lina Berger Dich genannt hat — eine einfältige Närrin? So un⸗ ſinniges, dummes Zeug, wie dieſe Bemerkungen, habe ich in meinem Leben nie gehört!“ „Nun, Hildegarde, ſei nicht böſe, Du weißt, das waren Deine eigenen Worte.“ „Ich werde mich in Zukunft ſorgfältig in Acht nehmen, Dir etwas zu ſagen, was ich nicht vor der ganzen Welt wiederholt haben will,“ ſagte Hilde⸗ garde, die im Zimmer auf⸗ uad abgehend, haſtig wei⸗ ter ſprach. „Alles, was ich ſage, wird mißverſtanden und dumm auf die ärgerlichſte Weiſe vorgebracht. Bis heute Nacht habe ich keine ₰dee von Deiner über⸗ mäßigen Einfalt gehabt!“ „Du haſt Recht — ich zehe es — ich verſtehe jetzt,“ rief Creſcenz mit Thränen in den Augen, „ich hätte Deine Worte nicht vor H milton wiederholen 286 ſollen, weil er denken könnte, Du liebeſt ihn vielleicht, wie ich es thue — gethan habe, wollte ich ſagen, — das heißt, er möchte ſich einbilden —“ „Du langweiliges Mädchen, kannſt Du wenigſtens nicht ſchweigen?“ rief Hildegarde, mit dem Fuß ſtam⸗ pfend. „Herr Hamilton mag ſich einbilden, was ihm beliebt, aber er weiß, daß ich ihn von Anfang unſerer Bekanntſchaft nicht leiden konnte, und wenn ich beſſer von ihm zu denken begann, ſo bin ich wieder auf meine erſte Meinung zurückgekommen — er iſt in kei⸗ nem Betracht beſſer als Andere; und hätte er mit irgend eiwas groß gethan, ſo würde er zuverläſſig ge⸗ rade ſo unüberlegt handeln wie Oskar oder jeder Andere.“ „Ich hoffe, Sie irren ſich,“ ſagte Hamilton, in⸗ dem er ruhig ſein Nachtlicht anzündete; „aber da ich noch nie auf die Probe Zeſtellt worden bin, ſo kann ich nicht für mich ſtehen.“ Creſcenz ließ den Kopf hängen und ſah unruhig nach ihrer Schweſter, die eben wieder antworten wollis, als Madame Roſenberz an der Thüre erſchien und alle Anſtalt machten, ſich zur Ruhe zu begeben. Ha⸗ milon hielt ſich nicht, wie ſonſt ſeine Gewohnheit war, noch unter der Thüre auf, um das unterbrochene Geſpräch fortzuſetzen odir etwas Unfinn zu ſchwatzen, der für die vernünftigen Ohren ihrer Mutter nicht geeignet war. Er ging ſchnell auf ſein Zimmer, ſetzte ſich an den Tiſch, nahm ſein Tagebuch hervor, und war bald damit beſchäfzigt die Ereigniſſe des Tages mit zahlreichen Reflerioren darüber einzutragen. Er war zornig, ſehr zornig über Hildegarde, und wollte ſich doch in einer ſeltſarzen Art Denkprozeſſes feſt über⸗ redén, daß unter ſeiner Kerechten Entrüſtung nicht ein Funke von Eiferſucht enthalten ſei. Er begann zu argwohnen, ſeine Bewunderung für ihre Perſon habe ihn verleitet, ihr Tugend zuzutrauen, die ſie in Wirk⸗ lichkeit nicht beſaßz, er war ſelbſt bereit, zuzugeben, 287 daß er ſie in jeder Hinſicht ſehr überſchätzt habe; aber noch immer hatte der Gedanke, daß ſie ſeine erſte Liebe ſein würde, ſich heute ſo gänzlich ſeines Geiſtes bemäch⸗ tigt, daß er ſich nicht mehr verbannen ließ, und da er als jüngerer Soh berechtigt zu ſein ſich einbildete, ſo oft es ihm beliebze, ohne alle Strafe, einen Liebes⸗ handel anzufangen uld aufzugeben, ſo beſchloß er ſo⸗ gleich in die Schranlen zu treten und mit Graf Ray⸗ mund eine Lanze zu brechen. In England war ſeine Stellung bekannt: Creſcenz hatte ihn bereits gezwun⸗ gen, ſich über dieſen Gegenſtand auszuſprechen, und wie er vermuthete, ihre Schweſter davon benachrich⸗ tigt. Er glaubte darum, ein Recht zu haben, Hilde⸗ garde alle die Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, die ſie annehmen würde, während ihre Anſicht dieſen Abend von Graf Raymünd's Benehmen, wie er dachte, dazu diente, ihn jeden Selbſtvorwurfs oder künſtiger Schuld ſeinerſeits zu entheben. Dies war ein höchſt ſophiſti⸗ ſches Argument und ein allzu harſches Urtheil über einige gedankenloſe Worte. Er ſchien vergeſſen zu haben, daß ihre Mutter ſie eines ungewöhnlichen Familien⸗ ſtolzes angeklagt hatte, und dieſer Umſtand allein ver⸗ blendete ſie vielleicht für ihres Couſins Fehler, und mochte die Aeußerung von Anſichten, die von Allem, was er je von ihr gehört hatte, ſo verſchieden waren, wo nicht entſchuldigen, doch erklären. Er erinnerte ſich jedoch mit beſonderem Wohlgefallen der Worte, welche Creſcenz in Bezug auf ihn wiederholt hatte, und die Hildegarde nicht in Abrede ſtellte. Sie fand eine Aehnlichkeit zwiſchen ihm und einem Romanhel⸗ den, das heißt, ſie begann eine Art Helden aus ihm zu machen, und er hatte nicht mit ihr ſo manche Woche geleſen und ſtudirt, ohne zu entdecken, daß ſie eine warme Einbildungskraft, romantiſche Ideen und leidenſchaftliche Gefühle hatte. — Sie erinnerte ihn allerdings nicht an eine beſondere Heldin, noch ſchien ſie bei weiterer Ueberlegung überhaupt geeignet, eine 285 ſolche abzugeben, denn wer hat je von einer Heldin gehört, deren Leidenſchaften, aleich Bob Acres' Muth, „ihr aus der flachen Hand abfloſſen“ oder im Zuſchlagen von Thüren, oder Umwerfen vz Stühlen ſich Luft machten — ohne des beträchtlich Redefluſſes, wenn ſie gereizt war, zu gedenken. eber dann deckte die vollkommene Schönheit ihres Gelchtes und ihrer Ge⸗ ſtalt eine Menge Fehler zu; die gelegentliche Heſtig⸗ keit ihres Temperaments war eher unterhaltend, als ſonſt etwas, und wenn man ihre ausnehmende Jugend in Betracht zog, bewies ſie nur die Energie ihres Charakters, die weit größeres Intereſſe erregte, als das ſanfte, ſchale Weſen ihrer Schweſter. Er erkannte, daß ihr Coufin einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht hatte, und bildete ſich darum ein, ſein ruhiges und reſpektvolles Benehmen habe nicht die gehörige Wür⸗ digung gefunden — er erinnerte ſich, von ſeinem Bru⸗ der gehört zu haben, daß ſehr junge oder ſehr ältliche Frauen Kühnheit der Ehrerbietung vorziehen, und wünſchte von ganzem Herzen den Morgen herbei, um einen neuen Operationsplan zu eröffnen. Ein Klopfen an der Thüre überraſchte ihn mitten unter dieſen Be⸗ trachtungen und ließ ihn haſtig ſeine Feder nieder⸗ legen; kaum die Erlaubniß zum Eintritt abwartend, hatte Hildegarde ſchon die Thüre halb geöffnet und ſtand mit einem Licht vor ihm, das bereits in den Leuchter hinabgebrannt, und wie ſein Flackern verrieth⸗ nahe am völligen Ausgehen war. „Ich kann mir denfen, daß Sie erſtaunt find, mich in dieſer Stunde zu ſehen,“ begann ſie. „Durchaus nicht,“ ſagte Hamilton, indem er ſei⸗ nen Tiſch wegſchob, „durchaus nicht, denn ich habe eben an Sie gedacht und nehme an, eine Art von Sym⸗ pathie hat Sie an mich denken laſſen.“ „Nein, nicht gerade an Sie,“ erwiederte Hilde⸗ garde lächelnd, „ſondern ich habe an Ihre Lichter ge⸗ dacht! Sie haben mir oft eines angeboten, wenn ich — 289 Nachts zu leſen wünſchte, und ich fürchtete immer, es würde unehrenhaft ſein, von Ihrem Anerbieten Gebrauch zu machen, da dieß Mama betrügen hieße. Heute Nacht jedoch habe ich ſie deutlich darauf aufmerkſam gemacht, und wenn Sie mir erlauben wollen —“ Hamilton ſchoh ihr ein Licht hin und war ziemlich in Verlegenheit, was er gleich ſagen ſollte: ſie löſchte inzwiſchen ſehr ruht ihr Licht aus und begann das neue herzurichten. „Ich vermuthe, Sie haben Ihr Buch jetzt ſchon halb geleſen?“ ſagte Hamilton endlich. „Nein,“ ſagte Hildegarde, während ſie ein Stück Papier um das Licht wickelte. „Nein, ich hatte mit Entſchuldigungen gegen Creſcenz zu thun. Sie müſſen mich dieſen Abend für abſcheulich roh gegen dieſelbe gehalten Jaben.“ „Ziemlich,“ erwiederte Hamilton, ſehr ärgerlich, als er fand, daß der Vorſatz, keck zu ſein, ihn zurück⸗ haltender als gewöhnlich — beinahe ſchüchtern in ſei⸗ nem Benehmen machte. „Ich glaubte, Sie würden mich ſtärker tadeln,“ fuhr Hildegarde fort, indem ſie das Licht bedächtig fiſt machte, „aber ſelbſt Ihr urtheil in all ſeiner Strenge kann dem meinigen nicht gleich kommen, wenn der Augenblick des Zornes vorüber iſt. Creſcenz hat mir ſogleich vergeben und in threr Gutmüthigkeit bald verſucht, meine unmäßige Aufwallung zu entſchul⸗ digen und mich mit mir ſelbſt auszuſöhnen.“ „Ein Fehler, der alſo anerkannt wird, muß Ver⸗ gebung finden,“ ſagte Hamilton leicht. „Aber anſtatt von Fehlern zu reden, was, nebenbei geſagt, nicht der angenehmſte Stoff zur Unterhaltung iſt, leſen Sie mir wohl dieſen Traum, der heute Abend ſo unangenehm unterbrochen worden iſt.“ „. „Jetzt nicht,“ ſagte Hildegarde, „aber ich will ihn abſchreiben und dann können wir ihn morgen zu⸗ ſimmen leſen, wenn Herr Biedermann fort iß.“ Die Anfangsbuchſtaben. I. 19 290 „Keine Zeit iſt ſo gut, als die gegenwärtige,“ ſagte Hamilton, ihr einen Platz neben ihm auf dem Sopha anweiſend. „Kommen Sie, ich denke, wir leſen das ganze Buch?“ „Wenn es nicht ſo ſpät wäre, hätte ich nichts da⸗ gegen einzuwenden.“ „Nach Ihren Aeußerungen von heute Abend hätte ich nicht erwartet, daß Sie wegen einer Kleinigkeit ſo viele Umſtände machen.“ „Aeußerungen von heute Abend?“ wieberholte Hildegarde nachdenklich. „Haben Sie bereits Alles vergeſſen, was Sie zur Vertheidigung Ihres Coufins geſagt haben,“ fragte Hamilton halb lachend, indem er ſie mit der Hand ſachte auf den leeren Platz neben ſich zog. „Ich glaubte, Sie hätten ein beſſeres Gedächtniß.“ „Aber meine Vertheidigung von Oskar ſteht durch⸗ aus in keinem Zuſammenhang damit, daß ich hier bis Morgens Zwei oder Drei bleibe, um Heine's Gedichte zu leſen!“ ſagte Hildegarde, indem ſie ruhig die großen — blauen Augen auf Hamiltons Geſicht mit einem Aus⸗ druck ſo vollkommenen Vertrauens heftete, daß ſeine vorangehenden Entſchließungen und ſeines Bruders An⸗ ſichten allen Einfluß auf ihn verloren, und er um kei⸗ nen Preis dieſen Glauben an ſeine Rechtlichkeit, der in jedem Zug ihres Geſichtes zu leſen war, erſchüttert haben würde. Er erröthete tief, als er ausweichend antwortete — „vielleicht in größerem Zuſammenhang, als Sie wiſſen, aber Sie müſſen bis morgen warten, und wenn Sie es dann wünſchen, will ich Ihnen ſagen, was ich meinte. „Aber warum jetzt nicht? Ich verabſcheue jeden Verzug — und überdieß werde ich morgen vergeſſen, Sie zu fragen.“ Nein, Sie werden es nicht vergeſſen,“ ſagte Ha⸗ milton lachend. 291 „Aber warum wollen Sie es mir jetzt nicht ſagen?“ fragte Hildegarde. „Weil ich Sie unnöthiger Weiſe zu erſchrecken te ich bin nicht leicht zu erſchrecken,“ bemerkte Hilbegarde. „Das habe ich an dem, was Sie dieſen Abend ſagten, bemerkt.“ „Es iſt wirklich nicht edel von Ihnen, fortwäh⸗ rend auf meine Vertheidigung Oskars anzuſpielen; ich will gerne anerkennen, daß Sie mit dem, was Sie über ihn ſagten, vollkommen Recht haben — ich weiß auch, es war Unrecht von mir, über Mama und Cres⸗ eenz zornig zu ſein, — aber ich kann es nicht leiden, wenn Sie mich ſo beſtändig an meine Fehler erinnern — Sie ſind nicht alt genug dazu — und — und — Sie ſind mir mit Ihrer wirklichen oder affektirten Ueber⸗ legenheit faſt unausſtehlich.“ „Wenn ich Ueberlegenheit affektirte, würden wir uns niemals gezankt haben,“ erwiederte Hamilton mit en Aerger. „Ich ſtreite nur mit meines Glei⸗ en.“ „Ich ſtreite mit Jedermann,“ ſagte Hildegarde ntt einem Seufzer; „ein leidenſchaftliches Tempera⸗ ment iſt ein großes Unglück. Vielleicht hat die Furcht, ich möchte mich außer Faſſung bringen laſſen, und nicht die Beſorgniß, mich zu erſchrecken, Sie abgehalten, mir eben jetzt Ihre Gedanken zu ſagen? Warten Sie nicht bis morgen, ſondern ſprechen Sie offen und auf einmal.“ „Entſchuldigen Sie,“ ſagte Hamilton aufſtehend, ich habe mich anders entſchloſſen, und will weder jetzt noch morgen ſprechen. Es ſteht mir nicht zu, Sie zurechtzuweiſen, und zuverläſſig wünſche ich nicht, hnen läſtig zu werden.“ „Ich hätte errathen können, wie Ihre Antwort ausfallen würde,“ rief Hildegarde k heben 292. jedes heftige Wort auf, um es dann vorzubringen, wenn ich es vergeſſen wünſche. Wenn Sie mir nichts ſagen wollen, kann ich Ihnen ebenſowohl gute Nacht wunſchen.“ Sie nahm das Licht und ging nach der Thüre. „Gute Nacht,“ ſagte Hamilton hinzutretend, als wollie er hinter ihr ſchließen, ohne irgend einen Ver⸗ ſuch zu machen ſie aufzuhalten. „Da Sie fürchteten, mich zu erſchrecken,“ ſagte Hildegarde, indem ſie plötzlich ſtehen blieb, „ſo habe ich vermuthlich etwas ſehr Unrechtes gethan!“ und ſah ihn forſchend an. „Ich weiß wirklich nicht,“ erwiederte Hamilton eif. „Sie — Sie höchſt unangenehme Perſon — „be⸗ gann ſie zornig, aber als ſie wahrnahm, daß Hamilton ein Lächeln zu unterdrücken verſuchte, rief ſie aus — „Nun, wenn das nicht affektirte neberlegenheit iſt, ſo verſtehe ich Sie ganz und gar nicht! — Was muß ich Ihnen ſagen: Es war Unrecht von mir, Oskar zu ver⸗ theidigen; er iſt unglücklicher Weiſe ein — ein — gro⸗ ßer Wüſtling, nehme ich an, aber er iſt mein Cou⸗ ſin, mein einziger Coufin, und ich bewundere ihn mehr als irgend einen Menſchen, den ich je geſehen habe.“ „Sie würden beſſer daran thun, ihm das ſelbſt zu ſagen;“ bemerkte Hamilton ironiſch. „Das iſt nicht nöthig, er iſt ſich ſeiner Vorzüge vollkommen bewußt,“ erwiederte ſie in demſelben Ton. „So habe ich bei dem Rennen heute wahrgenom⸗ men.“ „Daß er Ihnen nicht geſiel, habe ich ſogleich erkannt,“ ſagte Hildegarde, indem ſie mit dem Schloß an der Thüre ſpielte. „Sie ſahen ſo unfreund⸗ lich und hochmüthig aus, daß die Hoffmanns kaum glauben wollten, was ich zu Ihrem Lobe ſagte.“ „So übernahmen Sie meine Vertheidigung?“ ſagte Hamilton ſchnell⸗ 293 „Natürlich, ich vertheidige immer die Abweſenden, beſonders wenn ſie von Leuten, die ſie nicht kennen, getadelt werden. Wäre Ookar heute Abend nicht ſo angegriffen worden, ich würde nie verſucht haben, ſeine Partei zu nehmen — vielleicht glauben Sie mir aber nicht einmal?“ „Ich glaube Ihnen — kann aber nicht begreifen, wie Frau von Hoffmann es dulden konnte, daß er ſo gar frei ſich ausſprach.“ „Sie iſt ſehr taub und er ſaß am Pianoforte;. arie auf der einen Seite von ihm und ich auf der andern, — er ſprach ſehr leiſe und ſpielte manchmal wieder einige Akkorde, was der Sache den Anſchein einer Recitation gab — gerade wie ich mir einen Im⸗ proviſator vorſtelle. Er würde gewiß einen vortreff⸗ lichen Schauſpieler abgeben.“ „Und ich bin überzeugt, er wird ſich als einen ſehr gefährlichen Mann erweiſen,“ ſagte Hamilton. „Wenn er ſein Verſprechen hält, wird Marie nichts deſto weniger mit ihm ſehr glücklich ſein — er iſt eine Perſon, die man bewundern muß undleicht lieben könnte — aber ich halte Sie vom Schreiben ab und zuverläſſig werden Sie lieber morgen hören, was ich Ihnen zu ſagen habe.“ „Keineswegs — wenn Sie etwas weiter zu ſagen haben, möchte ich es gerne hören.“ — „O ja, ich möchte mit Ihnen ſprechen — über nch, nicht über Ostar.“ „Ein viel intereſſanterer Gegenſtand,“ bemerkte Hamilton. „Aber dann,“ ſagte Hildegarde zaudernd,“ werden Sie mir wahrſcheinlich eine ſtrenge Antwort geben, und mich meine Demuth bereuen laſſen.“ „Ich verſpreche Ihnen keine ſtrenge Antwort zu geben,“ ſagte Hamilton ausnehmend geſchmeichelt. „Dann muß ich Sie bitten, das, was ich eben geſagt habe, zu vergeſſen. Ich weiß jehr wohl, daß 294 ich mehr Fehler habe, als andere Leute im Allgemei⸗ nen, und wenn Sie ſich damit bemühen wollen, ſie mir abzuthun, werde ich Ihnen dafür verpflichtet ſein. Ich habe mein Leben faſt ganz in der Schule unter Mädchen meines Alters zugebracht; ſo weiß ich natür⸗ lich ſehr wenig von den Manieren und Gewohnheiten der Welt. Ich erkenne Creſcenz's Einfalt ſchnell ge⸗ nug, aber um nicht in ihre Irrthümer zu verfallen, verſuche ich in jeder Hinſicht anders zu handeln. Nun macht ſich Creſcenz bei all ihrer Schwäche beliebt, — nicht mehr, als ſie verdient, denn ſie iſt das liebens⸗ würdigſte Geſchöpf von der Welt, während man mich beinahe allgemein nicht leiden kann. Ich denke dar⸗ um, es muß etwas nicht richtig ſein; ich habe Nie⸗ mand, den ich um Rath fragen kann. Papa über⸗ ſchätzt mich eben ſo ſehr, als Mama mich unterſchätzt, und beide verſtehen mich nicht im Geringſten. Erin⸗ nern Sie ſich noch, daß Mama eines Abends ſagte, Sie könnten als unparteiiſcher Zuſchauer zwiſchen uns richten? Ich wies Sie als Schiedsrichter ab, weil ich wußte, daß Sie Mama beſſer als mich leiden konn⸗ ten; aber ich bin jetzt Willens, Sie zum Richter, Mentor oder was Ihnen beliebt anzunehmen, denn ich habe die Ueberzeugung, daß ich Ihnen gerade genug zuwider bin, um meine Fehler zu ſehen, ohne ſie zu übertreiben, und ſo verſpreche ich Ihnen, Ihre Zurecht⸗ weiſungen mit ſo viel Geduld zu ertragen, als meine natürliche Ungeduld mir geſtatten wird. Während dieſer Worte hatte Hamilton ſich an die Wand gelehnt, indem er ſich bemühte, gerade ſo weiſe auszuſehen, als wofür Hildegarde ihn offenbar nahmi ſeine Augen waren zu Boden geſenkt, aber ein Lä⸗ cheln unausſprechlicher Genugthuung ſpielte um ſei⸗ nen Mund. Nicht einen Augenblick zauderte er, die gefährliche Aufgabe zu übernehmen. Er wollte ihre Studien leiten, ihre Fehler verbeſſern und ihren Geiſt ebenſo vollkommen machen, wie ihren Körper. Welche 295 Worte er gebrauchte, ihr dieſe großmüthige Entſchlieſ⸗ ſung auszudrücken, deſſen konnte er ſich nie erinnern; daß er verſtändlich geſprochen, war offenbar, denn Hildegarde hielt ihm die Hand hin, als ſie ſich mit einem ſtrahlenden Lächeln wieder nach der Thüre wandte. „Ich glaube,“ ſagte Sie mit einigem Zaudern, Sie werden heute Nacht beſſer ſchlafen, wenn Sie ſo⸗ gleich Ihr Amt beginnen und mir ſagen wollten, was ich heute Tadelnswerthes gethan habe.“ „Ich muß natürlich, wenn Sie es verlangen.“ „Laſſen Sie mich rathen. Iſt es nicht Oskars Vertheidigung?“ „Nein; wir haben dieſen Gegenſtand ſchon abge⸗ handelt,“ erwiederte Hamilton. „Nein — mein Aufbrauſen dieſen Abend, als Mama ihre Bemerkung darüber machte, daß Oskar fie ſeine Tante hieß?“ Hamilton ſchüttelte den Kopf. „Nun denn, mein halsſtarriger Vorſatz, das Buch zu leſen.“ „Hm! — Halsſtarrigkeit iſt gewiß ein Fehler, aber das war es nicht, was ich im Augenblick meinte.“ „Ah! jetzt weiß ich es — weil ich Sie um ein Licht gebeten und Mama es nicht geſagt habe, daß ich eines von Ihnen bekommen könne, denken Sie, ich habe unehrenhaft gehandelt? Vielleicht haben Sie Recht, und ich werde es alſo nicht nehmen, ſondern zur Strafe im Finſtern zu Bette gehen. Sind Sie zufrieden?“ „Ich ſollte es wohl, denn Sie haben nicht allein Ihren Fehler geſtanden, ſondern ſich ſelbſt eine Buße auferlegt; und doch muß ich immer noch ſagen, Sie den Irrthum, auf den ich anſpielte, nicht ent⸗ eckt.“ „Nun, dann müſſen Sie mir ihn ſagen, denn ich kann mir ſonſt nichts denken. 296 „Iſt es möglich,“ ſagte Hamilton, indem das Blut ihm, wie gewöhnlich, ungeſtüm bis in die Stirne drang, „iſt es möglich, daß Sie nicht wiſſen, wie unanſtän⸗ dig iſt, zu dieſer Stunde auf mein Zimmer zu kom⸗ men!“ „Ich — ich — wollte das Licht holen,“ ſtammelte Hildegarde in peinlicher Verwirrung.“ „Das weiß ich wohl, aber Sie ſind hier längere Zeit geblieben, und die Leute —“ „Laſſen Sie mich gehen — laſſen Sie mich ge⸗ hen,“ rief Hildegarde ungeduldig, indem ſie die Hand wegſchob, welche er auf die Thürklinke gelegt hatte, um Zeit zu erhalten, noch einige Worte beizufügen. „Laſſen Sie mich gehen: ich begehre es — ich beſtehe darauf!“ Er trat zurück und ſie ſtürzte an ihm vorüber in den dunkeln Gang, ohne ſich umzuſehen oder Halt zu machen, bis ſie die Thüre ihres Zimmers erreicht hatte. Er wartete nur, bis ſie eingetreten war, und ſetzte ſich dann noch einmal zum Schreiben nieder. Sechszehntes Kapitel. Der Au⸗Markt und das Abendeſſen in der Brauerei. „Wollen Sie mit uns auf den Au⸗Markt gehen?“ ſagte Madame Roſenberg am folgenden Tag nach dem Mittageſſen zu Hamilton. „Natürlich; aber was iſt die Au? Ich habe nie davon gehört.“ „Eine von den Vorſtädten — auf der andern Seite der Iſar. Es iſt eine ſchöne gothiſche Kirche 25½ dort, die Sie ſich anſehen können, während ich für Creſcenz Zeug zu einer Matratze kauſe.“ „Wann gehen wir ab?“ „Je bälder, deſto beſſer, denn der Major hat vor⸗ geſchlagen, nachher mit einander in die Stubenrauch'⸗ ſche Brauerei (zum Stubenvoll⸗Bräu) zu gehen! — wir werden dort zu Abend eſſen.“ „In der Brauerei?“ „Ja, der Major ſagt, das Bier ſei ausgezeichnet und der Gänſebraten delikat; Roſenberg freut ſich über die Maßen darauf; — Gänſebraten iſt die größte Lieb⸗ haberei von ihm!“ „O, welcher Spaß!“ rief Guſtav, indem er in der Stube herumſprang. „Mama hat mir verſprochen, mich mitzunehmen. Schade, daß Fritz zum Großpapa gegangen iſt.“ „Darf ich auch mitgehen?“ fragte Peppi. „Du biſt noch zu jung,“ ſagte ſein Bruder gravi⸗ tätiſch. „Du kannſt noch nicht ſo weit gehen.“ „Ich kann, ich kann!“ begann Peppi laut zu ſchreien. „Stille!“ ſagte Madame Roſenberg; „warum ſchreit das Kind?“ „Peppi will mit uns gehen, Mama,“ ſagte Cres⸗ eenz, „ich will auf ihn Acht geben, wenn Du nichts dagegen haſt?“ „Du wirſt ihn wahrſcheinlich halbwegs nach Hauſe tragen müſſenz aber Du kannſt thun, was Du willſt,“ antwortete ihre Mutter mit einem zufriedenen Lächeln, das in ſeltſamem Widerſpruch mit ihren Worten ſtand. „Fort, macht Alle, daß Ihr fertig werdet.“ Munter und lärmend ſtürmte es jetzt durch den Gang, während Madame Roſenberg zu Hamilton ge⸗ wandt, bemerkte: „Creſcenz iſt doch ein ſehr gutes Mädchen. Sie ſoll darum nicht zu kurz kommen, weil ſie meine Kin⸗ der liebt, das iſt gewiß. 298 Madame Roſenberg war ſtets die letzte, welche zum Vorſchein kam; ſie kleidete gewöhnlich ihre Kin⸗ der an, und hatte eine lange Berathung mit der Kö⸗ chin, ehe ſie ausging. Hamilton fand Alle, außer Hildegarde, im Geſellſchaftszimmer verſammelt, und nicht lange, ſo bemerkte er, daß Creſcenz ihm die ſon⸗ derbarſten Zeichen und Grimaſſen machte. Er näherte ſich ihr, anſcheinend damit beſchäftigt, ſeine Finger in einen engen Handſchuh hineinzuzwängen, und ſagte ſeiic „was ſchneiden Sie ſo ſchreckliche Geſich⸗ er . Creſcenz lachte munter, antwortete aber, während ſie ſich ſtellte, als ſähe ſie ſeinen Handſchuh an, eilig: „Hildegarde iſt bei den Hoffmanns, um dem Gra⸗ ſen Raymund das Buch zurückzugeben. Gehen Sie — holen Sie dieſelbe, ehe Mama kommt.“ Er verließ das Zimmer, ſtieg ſchnell die Treppe hinab und klingelte an der Hoffmann'ſchen Wohnung. Er bereute, bis jetzt hier noch keinen Beſuch gemacht zu haben, denn, ſo ſehr er insbeſondere zu ſehen ge⸗ wünſcht hätte, wie Hildegarde und ihr Coufin ſich be⸗ ſchäſtigten, konnte er ſich doch zum erſten Mal nicht ſo un⸗ ceremoniös einführen, und war deshalb genöthigt, einen Diener mit der Bitte hineinzuſenden, Fräulein Roſen⸗ berg möchte ſogleich heim kommen. Er glaubte, Hilde⸗ garde ſprechen zu hören, als die Thüre aufging, und merkfte an der Bewegung von Stühlen, daß ſie ſogleich Abſchied nahm. Da ernicht geſehen zu werden wünſchte, ſo verließ er den Gang, wo er ſtand und zog ſich auf den Treppenplatz draußen zurück. Hildegarde war von ihrem Couſin begleitet, der franzöſiſch ſprach, damit der Diener ihn nicht verſtände. „Adieu, liebſte Hildegarde; Deine Stiefmutter mag mir das Haus verbieten, aber ſie kann den Lauf der Natur nicht verändern und unſere Verwandtſchaft auf⸗ heben. Ich werde Dich oft hier ſehen; verſprich mir wenigſtens das!“ 299 Hildegarde war im Begriff zu antworten, als ſie Hamilton wahrnahm. Die beiden jungen Männer ver⸗ beugten ſich ſtolz gegen einander, während in jedem ihrer Züge gegenſeitige Abneigung zu leſen war. „Ich darf Dich wohl bis zu Deiner Thüre beglei⸗ ten, ſelbſt wenn ſie vor mir verſchloſſen iſt?“ „Es iſt ganz unnöthig,“ erwiederte ſie, die Treppe hinauf eilend, offenbar bemüht, ſeiner los zu werden. Raymund folgte ihr jedoch und ergriff, ehe er ſich wieder zum Hinabgehen wendete, ſanft ihre Hand und küßte ſie mit einem gemiſchten Ausdruck der Achtung und Bewunderung. Hamilton wartete kaum, bis er außer Gehörweite war, als er bemerkte, „das iſt alſo das beliebteſte Benehmen für deutſche Coufins?“ „Es iſt weniger auffallend, als die Manieren eng⸗ liſcher Coufins,“ erwiederte Hildegarde. „Ich habe die Begegnung mit den Ihrigen in Salzburg nicht ver⸗ geſſen.“ „Das war nach einer Trennung von mehreren Monaten, und —“ „Ja; aber es war etwas mehr als Handküſſen, was, wie Sie wiſſen, gar nichts bebeutet und, höre ich, ſo ziemlich aus der Mode kommt.“ „Und doch iſt es eine angenehmt Mode,“ ſagte Ha⸗ milton. „Ich habe noch nie Jemand die Hand geküßt, n⸗ aber nichts dagegen haben, jetzt damit anzu⸗ angen.“ Hildegarde hielt ihm, ohne einen Augenblick zu zaudern, die Hand hin. „Nicht dieſe,“ ſagte Hamilton zögernd, „Ihres Coufins Kuß iſt noch darauf.“ Die Thüre ging plötzlich auf und Hildegarde ſprang lachend an ihm vorüber nach dem Geſellſchaftszimmer, wo ſie gerade vor ihrer Mutter noch eintraf. Einige Minuten ſpäter befanden ſie ſich auf der Straße, Hildegarde, wie gewöhnlich, dicht am Ellen⸗ bogen ihres Vaters, aber ohne ſeinen Arm zu neh⸗ men. Hamilton bildete ſich zuerſt ein, Herrn Roſen⸗ berg's Gegenwart würde der Unterhaltung hinderlich ſein, aber er fand im Gegentheil, daß er Hildegarde zum Sprechen und zu freimüthiger Aeußerung ihrer Anſicht aufmunterte, indem er ſelbſt über Unſinn ſich freute, wenn er von ihren Lippen kam, und mit einer Herzlichkeit lachte, die Hamilton bei einem Mann, der immer ſo kalt und zurückhaltend erſchienen war, für unmöglich gehalten hatte. Alles und Jedes, woran ſie vorüberkamen, gewährte ihr Unterhaltung; es war ver⸗ geblich, daß Madame Roſenberg zur Ordnung rief, das Lachen wurde auf einen Augenblick erſtickt, um den nächſten in doppeltem Maße erneuert zu werden. Hamilton war äußerßt überraſcht und begann zu denken, er würde nie im Stande ſein, ihren Charakter zu be⸗ greifen, und doch lag der Grund einfach darin, daß ſie bei einem von Natu! heitern Sinn nur der Gewißheit, gefallen zu können, bedurfte, um ſich ihrer angeborenen Neigung hinzugeben. Sie war ſich deſſen ſelbſt nicht bewußt, denn auf eine Bemerkung Hamilton's, der ſein Erſtaunen darüber ausdrückte, erwiederte ſie, es ſcheine ihr, daß ſie nur nach und nach den Zwang ihrer Schul⸗ gewohnheiten ablegen könne, indem dort jedes Geſpräch außer den Erholungsſtunden verboten geweſen ſei. Das Gedränge auf dem Jahrmarkt war unermeß⸗ lich. Hamilton ſah zum erſten Mal etwas der Art, und konnte kaum glauben, daß in den armſeligen Bu⸗ den um ihn herum Dinge zum Verkaufen wären, die man nicht ebenſo gut und mit geringerer Mühe in der Stadt haben könnte. Der Lärm, das Schwatzen und Feilſchen beluſtigten ihn nicht wenig, beſonders das letztere, und er ſtand mehr als eine halbe Stunde bei Madame Roſenberg, während ſie um den Preis von Mouſſelin handelte. Endlich war ſie auf dem Punkt, weiter zu gehen (oder ſtellte ſich wenigſtens, wie ſie nachher erklärte, alſo), als der Krämer ſie zurückrief 301 und mit der Verſicherung, daß er ihr den Artikel halb umſonſt ablaſſe, Anſtalten machte, das, was ſie wünſchte, abzuſchneiden. Das war ein Handel! Sie hatte ein⸗ undzwanzig Kreuzer profilirt und dafür die Laſt, ein großes Paket heimzutragen, da es hier keine Leute, die man dazu verwenden konnte, gab. Für Jemand, der an engliſche Handelsleute gewohnt, iſt die beinahe abſolute Nothwendigkeit, in den meiſten deutſchen Läden zu feilſchen, höchſt langweilig und unangenehm. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß die Kaufleute gerne feſte Preiſe einführen würden, wäre die Gewohnheit des Feilſchens in den mittleren und niederen Ständen nicht noch unüberwindlich. Die lärmenden Waarenanpreiſungen der Juben waren für Hamilton gleich neu. „Hierher, meine Da⸗ men; wohlfeile Handſchuhe, elegante Bänder, Scheeren, Bracelets und Seifen? Kann ich Ihnen mit Etwas dienen, Madame? Flanell, Merino, oder Tuch für die jungen Herren? Der Winter iſt vor der Thüre und ich verſpreche Ihnen ſo billige Preiſe, wie Sie nir⸗ gends finden werden.“ Auf jede dieſer Anreden gab Madame Roſenberg eine Antwort meiſt ſcherzhafter Art; und während ſie Ha⸗ milton hier noch vulgärer als gewöhnlich vorkam, konnte er ſich doch manchmal des Lachens nicht enthal⸗ ten, um ſo mehr, als Alles, was ſie ſagte, mit guter Art aufgenommen wurde und dieſe wenigen Worte die Verkäufer damit auszuſöhnen ſchienen, daß ſie an ihren Buden, ohne Etwas zu kaufen, vorüberging. Die beiden kleinen Knaben waren müde und hung⸗ rig geworden; ſie lehnten ſich an die Schaubretter, warfen gelegentlich die vor den Buden ausgelegten aaren um, pufften einander, wenn die Mutter ſie nicht beobachtete, und gähnten,/ wenn ſie ruhig neben ihr ſtehen bleiben mußten, bis ihnen die Thränen über die Wangen liefen. Hamilton hatte Mitleid mit ihnen, und füllte, als er eine Bude mit Spielſachen fand, 302 bald ihre Taſchen und Hände dermaßen, daß ſie bei Weitem die Glücklichſten unter der ganzen Geſellſchaft waren. „So!“ rief Madame Roſenberg, als ſie mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht zu ihr zurückkamen, „das habt ihr zu thun gehabt; ich dachte, Herr Hamilton wäre in die Kirche gegangen. Wir müſſen, ſcheint es, Alle zu⸗ ſammen hingehen, und je weniger Zeit wir verlieren, deſto beſſer iſt es, denn die Tage find kurz, und wir ze nach dem Abendeſſen einen langen Weg nach auſe.“ Sie waren nicht gerade die Leute, mit welchen Hamilton der Betrachtung eines ſolchen Gegenſtandes froh werden konnte, und darum ſchritt er beim Ein⸗ tritt in die Kirche allein den Chorgang hinauf. Sie folgten ihm jedoch Alle und Creſcenz bemerkte mit einem Tone der Enttäuſchung: „Und das iſt alſo die Kirche, die Jedermann ſo ſehr bewundert? Sie iſt nicht halb ſo ſchön, als die Allerheiligenkirche. Wahrhaftig, wenn die gemalten Fenſter nicht wären, durch welche die Sonne hindurchſcheint, ich würde behaupten, daß ſie die düſterſte Kirche iſt, die ich je geſehen habe.“ „Du haſt ſehr wenige geſehen, liebes Kind,“ ſagte ihr Vater, indem er ſich umſah und Hamilton näher trat. „Ich habe alle Kirchen von München geſehen und mehrere von ihnen ſind größer als dieſe.“ „Es würde ſchwer ſein, ſich eine Vorſtellung von der Größe des Gebäudes zu machen,“ ſagte Hamilton nachdenklich, „denn die Verhältniſſe ſind ſo wunderbar beobachtet, daß nichts dem Auge auffällt oder ſich vor dem andern auszeichnet. Es iſt kein Punkt, von dem man ſich innerlich einen Maßſtab entlehnen könnte, und ich bin überzeugt, daß die Kirche unendlich klei⸗ ner erſcheint, als ſie wirklich iſt.“ „Aber ich habe erwartet, eine Menge von ge⸗ malten Pfeilern und glänzenden Farben und Vergol⸗ — 303 dung zu ſehen, als ich hörte, daß ſie gothiſch ſei,“ be⸗ merkte Creſcenz. „Ich verſtehe nichts von Architektur,“ ſagte Ha⸗ milton, zu Herrn Roſenberg ſich wendend, „aber ich mache mir gerade die entgegengeſetzte Idee, wenn ich von einer gothiſchen Kirche höre; die gemalten Fen⸗ ſter ſind die einzig zuläſſigen Farben, wenn nicht mein Ideal zerſtört werden ſoll.“ „Und doch,“ bemerkte Roſenberg, „haben gothiſche Gebäude oft Farbe und Form combinirt. In nörd⸗ lichen Ländern iſt entweder aus ſtrengerer Einfachheit des Geſchmacks oder aus Rückſicht auf das Clima die Abweſenheit der Farben gewöhnlich und die Skulptur tritt an deren Stelle; aber im Süden waren, außer den gemalten Decken, den Moſaiken und Fresken im In⸗ nern auch die Außenwände der Kirchen mit buntem Marmor verziert. Es iſt ein Irrthum, wenn man an⸗ nimmt, die gothiſche und byzantiniſche Architektur habe die Beihülfe der Farben verſchmäht; im Gegentheil iſt die brillanteſte und contraſtirendſte Malerei gewöhn⸗ lich. Um mit den Fenſtern zu beginnen —“ „Die wollen wir lieber ganz gehen laſſen,“ ſagte ſeine Frau, auf die Thüre zugehend⸗ „Ich habe nichts dagegen,“ ſagte Roſenberg, in⸗ dem er ſich noch einmal umwendend in der Kirche um⸗ ſah, „denn ſie paſſen nicht zu den grauen, monotonen Wänden, und die flimmernden Farben, die ſo ungewiß auf der kalten Oberfläche ſpielen, haben für mich etwas durchaus Disharmoniſches. Beinahe in allen alten Kathedralen waren die Wände und Pfeiler ſonſt präch⸗ tig gemalt, und erſt in den ſpäteren Jahrhunderten ſind ſie entweder aus Mangel an Geſchmack oder aus Armuth übertüncht worden.“ „Davon war mir nichts bekannt,“ ſagte Hamilton. „Es kann jedoch mich ſo plötzlich zum Aufgeben mei⸗ ner Anſicht nicht bewegen. Eine gothiſche Kirche iſt mit ihren leichten Säulen und ſpitzauslaufenden Thür⸗ 304 men und Fenſtern immer hübſch. Ich bin nie in ſüd⸗ lichen Staaten gereist und mein Geſchmack an hellen Farben hat ſich noch nicht gemacht. Erſt ſeitdem ich in München bin, ſind ſie mir allmälig etwas erträglicher geworden, und aus dieſem Grunde gefallen mir auch Gemälde aus dem Mittelalter nicht, ſo berühmt ſie auch ſein mögen. Ich kann die hellen rothen und blauen Draperien oder den erſchrecklichen goldenen Hintergrund, wie ſolches auf jenen Gemäl⸗ den ſo gewöhnlich iſt, nicht ausſtehen. Es mag wohl ein großer Mangel an Geſchmack meinerſeits ſein, aber die harten Umriſſe erſcheinen mir unnatürlich und die grellen Farben für das Auge beleidigend.“ „Sehr wahrſcheinlich — wenn ſie mit Muße in einer Bildergallerie betrachtet werden, — aber dieſe Gemälde waren gerade für Kirchen beſtimmt und zwar für Kirchen mit gemalten Wänden. Sie müſſen zu⸗ eben, daß trübere Farben matt erſchienen wären oder ch gänzlich verloren hätten, wenn ſie dem glühenden Lichtſtrom ausgeſetzt worden wären, der von blauen, rothen, bernſteinfarbigen Glasfenſtern auf ſie fiele!“ „Das iſt mir nie beigefallen,“ erwiederte Hamil⸗ ton, aber ich vermuthe, da Sie dieſe hellen Farben ſo warm vertheidigen, daß Sie dieſelben in ſüdlicheren Llnren bewundert haben. Sind Sie in Italien ge⸗ weſen? „Viele Jahre,“ erwiederte er, während eine plötz⸗ liche Röthe ſich über ſein Geſicht ergoß. „Papa iſt auch in Spanien und Griechenland ge⸗ weſen,“ ſagte Hildegarde. „Und Sie ſprechen nie von Ihren Reiſen,“ rief Hamilton erſtaunt. „Weil ich ſie bereue,“ ſagte Roſenberg traurig. „Ich bin nicht koſtſpielig gereist und habe doch mein ganzes väterliches Vermögen und die beſten Jahre mei⸗ nes Lebens in fremden Ländern verſchwendet. Ich weiß nicht, was zuletzt aus mir geworden wäre, hätte ich nicht zufällig Hildegarde's Mutter in Tyrol getroffen.“ . „Sie — ſte iſt wahrſcheinlich ſehr ſchön geweſen,“ ſagte Hamilton mit einem unwillkürlichen Blick auf ſeine Begleiterin. „Mein,“ antwortete Roſenberg nachdenklich. „Sie war von intereſſantem Ausſehen, aber nicht mehr jung, als wir heiratheten — und konnte mit einer Wärme lieben, die für einen Mann, der Jahre lang herum⸗ gewandert war und keinen Freund oder nahen Ver⸗ wandten hatte, vollkommen unwiderſtehlich war. Sie gab mir einen Lebenszweck, aber ihre Neigung ſetzte ſie, obwohl ſie für mich eine unberechenbare Wohlthat war, Prüfungen und Entbehrungen aus, welche erſt mit ihrem Leben endeten. Ich war ſolcher Liebe nicht werth!“ „O Papa, Du warſt es ganz gewiß,“ rief Hilde⸗ garde eifrig. Und was ſind Prüfungen und Entbehrun⸗ gen, wenn wir ſie mit denen, die wir lieben, theilen, Wenn man wahrhaft geliebt wird, muß dieß eine Ent⸗ ſchädigung für alles Andere ſein. Ich möchte, es liebte mich Jemand ſo, nicht auf ſo ordinäre, vernünftige, alltägliche Weiſe — ſondern leidenſchaftlich — ver⸗ zweifelt —“ „Mein liebes Mädchen, Du weißt nicht, was Du ſagſt! Was wird Herr Hamilton von Dir denken?“ „Er wird denken, ich ſchwatze Unſinn,“ erwiederte Hildegarde lachend, „oder vielleicht mich nicht verſtehen, Herr Hamilton iſt zu vernünftig, um unklug zu lieben — und was Leidenſchaft oder Verzweiflung betrifft, ſo glaube ich, iſt es ihm unmöglich, ſich nur eine leid⸗ lich richtige Vorſtellung ſelbſt von der Bedeutung die⸗ er Worte zu machen.“ „Polla!« rief Major Stultz, „wohin geht Ihr Drei? Wir Alle warten auf Euch und der Gänſebraten ſt beinahe ſchon fertig.“ Sie kehrten um und Hildegarde ſagte leiſe zu Ha⸗ ilton, als ſie durch den Hof der Brauerei gingen. Die Anfangsbuchſtaben. I. 20 306 „Ich bin froh, daß nicht viel Leute da ſind, denn obwohl mir ein Beſuch in einem Geſellſchaftsgarten un⸗ gemein gefällt, halte ich doch, in einer Brauerei zu Abend zu eſſen, für etwas Vulgäres. Mich wundert, daß Sie mit uns gingen.“ „Ich möchte gerne Alles ſehen,“ erwiederte Ha⸗ „und außerdem kann ein Mann überall hin⸗ gehen.“ „Ach, wie gerne möchte ich ein Mann ſein!“ ſagte ſie ſeufzend. „Sie ſind zu jung für ſolch' einen Wunſch,“ ſagte Hamlllon. „Wünſchen Sie lieber, wie der Fürſt von Ligne, bis zum dreißigſten Jahr ein Weib, bis zum fünfzigſten Soldat zu ſein und den Reſt Ihrer Tage als Mönch zu verleben.“ „Ich denke,“ ſagte Madame Roſenberg, die eben geſchäftig an ihnen vorüberging, „ich denke, da der Abend kühl iſt, thun wir am beſten, von dem kleinen Zimmer am Ende des Gartens Beſitz zu nehmen; es hat ein Fenſter, das auf die Straße geht, und wir können Alles, was vorüberzieht, ſehen. Erinnerſt Du Dich noch, Franz, wie wir den Abend vor unſerer Hochzeit hier waren und Schweinscotelettes und Sauer⸗ kraut aßen?“ Roſenberg's vorangehende Unterhaltung ſchien ihn etwas vergeßlich gemacht zu haben — er geſtand, daß er von den Schweinscotelettes nichts mehr gewußt, wahrſcheinlich weil er zu ſolcher Zeit mehr an ſie, als an jene gedacht habe. „Ich weiß doch nicht,“ ſagte ſeine Frau, „denn Du haſt kaum ein Wort geſprochen und enorm ge⸗ geſſen. Und jetzt denke ich erſt daran, das war gewiß der Grund, daß Du am andern Tag ſo elend ausge⸗ ſehen haſt.“ „Das kann wohl ſein,“ erwiederte Roſenberg, in⸗ dem er ſich haſtig über die Stirne fuhr und dann zu 307 dem kleinen Peppi ſich wandte, der die Spielſachen, die er von Hamilton empfangen hatte, aus den Taſchen zog. Das Eſſen ging vorüber und Roſenberg und Ha⸗ milton hatten eben ihre Cigarren angezündet und Ma⸗ jor Stultz eine Taſchenausgabe von einer Meerſchaum⸗ pfeife zum Vorſchein gebracht, die er zu ſeinem dritten Seidel Bier zu rauchen ſich rüſtete, als der Ton von lauten, munteren Stimmen und nahende Schritte Ma⸗ dame Roſenberg veranlaßten, haſtig das in den Gar⸗ ten gehende Fenſter zu öffnen und ihren langen, dün⸗ nen Hals ſo weit als möglich auszuſtrecken. Sie ſchien halb geärgert, als ſie ſich wieder zurückzog, und rief, znun, wahrhaftig! wo wir auch hingehen, — wir ſind ſicher, ihn zu ſehen. Wenn er allein wäre, wollte ich mich nicht einen Strohhalm darum fümmern, aber er wird ohne Zweifel alle die Anderen mitbringen.“ „Wer?“ fragte Roſenberg, indem er in aller Ruhe an ſeiner neu angezündeten Cigarre zu ziehen fortfuhr. „Graf Zedwitz, natürlich — er weiß immer aus⸗ zufinden, wohin wir gehen und verfolgt uns wie ein Schatten!“ antwortete ſeine Frau, mit einem halb argwöhniſchen Blick guf Hildegarde, die jedoch mit mehr als gewöhnlicher Lebhaftigkeit vom Stuhl auf⸗ ſprang, während ſie zu Hamilton ſagte, „können Sie uns behülflich ſein, zu entfliechen? Dieſes Fenſter iſt ſo nahe am Boden, daß ich glaube, wir können leicht auf die Straße ſpringen. Bitte, überreben Sie Mama, mit uns heimzugehen und Papa uns folgen zu laſſen.“ Hamilton riß das Fenſter auf und war in einem Augenblick auf dem Boden, von wo er ihr ſeinen Arm entgegenhielt; ſie ſprang leicht und ohne Beiſtand herab; die zwei Knaben folgten, aber als die Reihe an Cres⸗ eenz kam, wich ſie zurück, indem ſie ſagte, ſie fürchte ſich. „O Creſcenz, wähle eine andere Zeit und beſſere Veranlaſſung zur Furchtſamkeit,“ rief Hildegarde un⸗ geduldig. „Wenn Du nicht ſpringen mache einen 308 langen Schritt,“ ſagte Madame Roſenberg lachend, wäh⸗ rend ſie ihren Rath ſogleich in Ausführung brachte und beinahe eine Elle in die Länge ein formloſes Bein nach dem Boden ausſtreckte und mit Hamilton's Bei⸗ ſtand und einem leichten Wackeln auf die Straße kam. „ Ein furchtbares Säbelgeklirr im Garten ſchien Creſcenz zu beunruhigen. Sie warf ſich darum voll⸗ ſtändig auf Hamilton, und während er ſich bemühte, ſie feſt auf ihre Füße zu ſtellen, bewog ihn das Ge⸗ räuſch von Rädern, umzuſchauen. Ein dunkelgrüner offener Wagen wendete in dieſem Augenblick um und in der Ecke ſaß, vergeblich bemüht, einen Anfall von Lachen zu unterdrücken — A. Z. Hamilton erröthete heftig, als er ſich ihr näherte und ſein Erſtaunen, ſie in München zu ſehen, aus⸗ drückte. 3 „Hermann wollte Sie vor ein paar Stunden be⸗ ſuchen,“ erwiederte ſie, „hat Sie aber nicht zu Hauſe getroffen; und da wir nur einige Tage hier bleiben, und Sie vielleicht nicht mehr ſehen, darf ich nicht ver⸗ geſſen, meine Einladung nach Hohenfels zu erneuern. Sie dürfen jedoch nicht erwarten, ein engliſches Land⸗ haus, einen Park oder dergleichen zu treffen — machen Sie ſich auf eine der einfachſten, deutſchen Haus⸗ haltungen gefaßt, wenn Sie ſich nicht ſchrecklich ent⸗ täuſcht ſehen wollen. Ich möchte Sie gerne zu Hohen⸗ fels ſehen, ehe der Schnee kommt, oder nachdem er weg iſt. Wann wollen Sie kommen?“ „Im Frühling, wenn Sie erlauben,“ ſagte Ha⸗ milton, „ich habe gegenwärtig ſo viele Engagements —“ „Ich brauche Sie nicht aufzufordern, mit mir zurückzufahren,“ nach den Roſenbergs blickend, „aber ich kann die Kinder mitnehmen und Sie zu Hauſe abſetzen — es iſt weit von hier zum Gehen.“ Hamilton überbrachte die Botſchaft an Madame Roſenberg, und kaum hatte dieſe von dem Vorſchlag gehört, als ſie ſich umwandte, dem Wagen näherte und 309 einen ſolchen Strom von übertriebenen Dankbezeugun⸗ gen und Entſchuldigungen, begleitet von Knickſen und Verbeugungen, begann, daß Hamilton, der neuerdings eine aufrichtige Achtung für ſie zu faſſen begonnen 5 hatte, ärgerlich wurde und A. Z. anſah, wie um einen ſ Ausbruch ihrer Heiterfeit abzuwehren, während er ſtill⸗ ſchweigend die beiden Knabel in den Wagen hob. Es war unnöthig. A. Z. ſchien nichts Ungewöhn⸗ liches in Madame Roſenberg's Benehmen zu ſinden, und als die Letztere drohend den Finger erhob und den Kindern befahl, ſich um's Leben ruhig zu verhalten und das ſchöne ſeidene Kleid der Frau Baronin nicht zu verderben, antwortele dieſe ruhig, ſie wäre an der⸗ gleichen junge Geſellſchaften zu ſehr gewöhnt, um ſich durch ein paar ſtaubige Schuhe mehr oder weniger im Mindeſten inkommodirt zu finden. „Eine ausnehmend artige Perſon,“ bemerkte Ma⸗ dame Roſenberg, als der Wagen weiter fuhr, „eine aus⸗ nehmend artige Perſon iſt Ihre Landsmännin“ Es thut mir leid, daß ich zu Seon nicht beſſer mit ihr bekannt geworden bin, denn ſie war mir viel lieber als jene Zedwitz's, die ungemein vornehm waren und zu denken ſchienen, daß ihr Sohn ſich herabwürdige, wenn er mit unſeren Mädchen ſpräche. Ich habe mich gewiß um ſeine Geſellſchaſt nicht beworben und dieß ihn auch fühlen laſſen. „Es iſt kaum gerecht, ihn für ſeiner Eltern Feh⸗ ler büßen zu laſſen,“ ſagte Hamilton. „Zedwitz iſt ein Mann von durchaus feinem, gefälligem Benehmen und hat nicht eine Spur von Stolz in ſeinem We⸗ ſen. Wollen Ste mir nicht beiſtehen, den Abweſenden zu vertheidigen?“ ſetzte er etwas boshaft gegen Hilde⸗ garde hinzu. „Meine Vertheidigung würde ebenſo unverſtändig, als nutzlos ſein,“ ſagte ſie, aber ſo leiſe, daß nur Ha⸗ milton ihre Worte hören konnte; „er iſt in der That 310⁰ Alles, was Sie geſagt haben, und viel mehr — aus⸗ gezeichnet in jeder Hinſicht, glaube ich.“ „Sie laſſen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren,“ begann Hamilton, obwohl er ein in ſeinem Ausdruck weniger warmes Lob vorgezogen haben würde; aber . dieſen Angenblick wurden ſie von Roſenberg und Ma⸗ jor Stultz eingeholt, in deren Begleitung zu Aller Er⸗ ſtaunen ſich Graf Zedwitz und Graf Raymund befanden. „Ich habe Euch zwei von der Geſellſchaft, vor der Ihr davon gelaufen jeid, mitgebracht,“ ſagie Roſen⸗ berg lachend, als er zu ihnen ſtieß. „Graf Zedwitz kam eben noch zu rechter Zeit in das Zimmer, um Cres⸗ cenz aus dem Fenſter fliegen zu ſehen, und er und Graf Raymund wollen lieber mit uns nach Hauſe gehen, als bei dem ganz ausgezeichneten Stubenvoll⸗Bier blei⸗ ben, ſo ſehr ich es nach Verdienſt gelobt habe.“ „Es war wirklich deliciös,“ ſagte Major Stultz; „ich würde nichts dagegen haben, noch ein Glas zu trinken.“ 2 „Hildegarde! Creſeenz!“ rief Roſenberg, „da iſt Euer Couſin, Graf Raymund.“ Hildegarde nahm Creſcenz wandte ſich ſogleich um, ihren gewöhnlichen Platz an ihres Vaters Seite ein, während ſie ohne Zaudern bemerkte, daß ſie ihres Couſins Bekanntſchaft ſchon bei den Hoffmanns ge⸗ macht habe. Hamilton ſah ſie bei dieſen Worten einen ſo bedeutungsvollen Blick mit einander wechſeln, daß er unwillig ſich der vorausgehenden Madame Roſen⸗ berg anſchloß. Major Stultz und Creſcenz fanden ſich bald zuſammen und der Erſtere erklärte ihr, Graf Raymund habe auf die freieſte, ungezwungenſte Weiſe ſeine Verwandtſchaft mit Herrn Roſenberg geltend ge⸗ macht; von ſeiner Tante geſprochen, — verſichert, da er ſich derſelben noch vollkommen erinnere — und die Hoffnung ausgeſprochen, er würde ihn ſeinen Couſinen und ſeiner jetzigen Frau vorſtellen und ihm geſtatte zuweilen ſeiner Familie einen Beſuch zu machen. 311 „Und Franz war, wie gewöhnlich, voll Höflich⸗ keit,“ bemerkte Madame Roſenberg, beträchtlich gereizt. „Nun, die Wahrheit zu ſagen, es war nicht wohl anders möglich,“ erwiederte Major Stultz; „ſein Be⸗ nehmen war ſo offen und aufrichtig, als er die zuver⸗ ſichtliche Erwartung äußerte, Roſenberg werde ihn die Familien⸗Differenzen nicht entgelten laſſen, die vor⸗ gekommen ſeien, da er noch ein bloßes Kind geweſen. Sie ſchüttelten einander die Hände und ich war ge⸗ nöthigt, daſſelbe zu thun, als er mir zu meiner bevor⸗ ſtehenden Heirath gratulirte und — hier fühlte Major Stultz eifrig nach ſeinem Taſchentuch — und hinzu⸗ fügte, er ſchätze ſich beſonders glücklich über die Aus⸗ ſicht, in ſo nahe Verwandtſchaft mit einem Officier zu kommen, von deſſen perſönlicher Tapferkeit er ſo viel gehört habe — oder etwas dergleichen.“ . „Es iſt zu ſpät, jetzt noch Widerſtand zu verſuchen,“ ſagte Madame Roſenberg. „Ich beabſichligte, ſeine Be⸗ kanntſchaft abzulehnen und ihm unſer Haus zu ver⸗ bieten, ohne nur ſeines Namens zu erwähnen — jetzt iſt es unmöglich. Was Franz betrifft, ſo hat er genau ſo gehandelt, wie zu erwarten war; aber nach Allem, was Sie geſtern Nacht geſagt haben, dachte ich, Sie würden ſchon Creſcenz's wegen ſeine Bekanntſchaft nicht cultiviren.“ „Creſcenz wird, hoffe ich, mir den Gefallen thun, und nicht viel mit ihm ſprechen,“ begann Major Stultz; aber Creſcenz unterbrach ihn mit einer zwiſchen Wei⸗ nen und Lachen ſchwankenden Stimme. „Nun wahrhaftig, ich werde zuletzt noch genö⸗ thigt ſein, nur mit mir ſelbſt zu ſprechen! Jeden Tag ein neues Verbot!“ „Was meint das Kind?“ ſagte Madame Roſen⸗ berg, zu Major Stult ſich wendend, der ſichtbar er⸗ röthete. „Was in aller Welt meint ſie? Hat ſie nicht ihre Brüder, ihre Schweſter und Sie und Herrn Ha⸗ milton, mit denen ſie reden kann?“ 3¹2 „Nein!“ rief Creſcenz, während Thränen des Ver⸗ druſſes aus ihren Augen brachen, „er hat mir ver⸗ boten, mit Hamilton zu ſprechen, ehe wir heute aus⸗ gingen; und ich weiß gewiß nicht, warum.“ „Dann muß ich es Dir ſagen,“ antwortete Major Stultz mit ſichtlich zurückgehaltenem Aerger in ſeiner Stimme: „Es geſchah deßwegen, weil ich die Entdeckung gemacht habe, daß Du Dir viel zu viel Mühe gibſt, dieſem Hamilton zu gefallen; Deine — Deine Eitel⸗ keit iſt unerſättlich, und ich muß Dir nur ſagen, Du biſt die größte Kokette, die ich je geſehen habe!“ Creſcenz brach in Thränen aus. Major Stultz ſchien ſeine Worte ſogleich zu be⸗ reuen. Er verſuchte Creſcenz's Arm in den ſeinigen zu ziehen, während er eine etwas verwirrte Entſchuldigung begann, aber ſie wich von ihm zurück und ſtammelte zwiſchen unterdrücktem Schluchzen: „wenn — wenn das Ihre Meinung — von mir iſt, ſo — ſo brechen wir — je eher, je beſſer — unſere Verbindung ab.“ „Creſcenz, biſt Du wahnſinnig?“ rief ihre Stief⸗ mutter, ſie am Arm ergreifend, aber Creſcenz riß ſich los und eilte allein vorwärts. „O bitte, Herr Hamilton, haben Sie doch die Güte, dieſem eigenſinnigen Mädchen etwas Vernunft beizubringen,“ ſagte Madame Roſenberg zu Hamilton, der dicht hinter ihnen ging. „Entſchuldigen Sie,“ ſagte er ruhig, „nun, da ich Major Stultz's Wünſche über dieſen Punkt aus ſeinem eigenen Munde weiß, kann er ganz ſicher ſein, daß ich in Zukunft nicht viel mit Fräulein Creſcenz ſprechen werde. Ich habe durchaus kein Recht, mich zwiſchen ihn und ſeine Anſprüche zu ſtellen.“ „Wir wiſſen, daß Sie nie daran gedacht haben, nicht wahr, Major?“ „Herr Hamilton hat jedenfalls Creſcenz in Seon bewundert,“ bemerkte Major Stultz mürriſch. 3 313 „Bloß eine eiferſüchtige Einbildung von Ihnen,“ ſagte Madame Roſenberg eifrig. „Nicht ganz, ſagte Hamilton. Ich muß mich hierin ſchuldig bekennen; ich bewundere in der That jedes hübſche Geſicht das ich ſehe, und ſowohl Fräu⸗ lein Creſcenz als ihre Schweſter find merkwürdig ſchön.“ „Sie ſehen, Herr Hamilton behandelt die ganze Affaire als einen Scherz. „Für mich iſt es jedoch kein Scherz — ich bin ein übereilter Narr geweſen und hätte nie daran den⸗ ken ſollen, ein Mädchen, wie Creſcenz, zu heirathen. Vielleicht thue ich Hamilton Unrecht — aber —“ „Davon bin ich überzeugt,“ rief Madame Roſen⸗ berg, ihn unterbrechend; dann ſtieß ſie Hamilton am Ellenbogen und flüſterte: „Sagen Sie etwas zu ihm.“ „Was kann ich ſagen? Major Stultz kann kaum erwarten, daß, weil er ein ſehr hübſches Mädchen zu heirathen beabſichtigt, Jedermann ſie häßlich und un⸗ angenehm finden ſoll, nur um ſeine Eiferſucht nicht zu reizen. Ich kann es vermeiden, mit ihr zu ſpre⸗ chen, aber ich kann ſie darum nicht um ein Jota für weniger hübſch halten, als ſie wirklich iſt.“ „Ei was, Herr Hamilton,“ ſagte Madame Roſen⸗ berg ſcherzend, „ich ſehe, daß Sie den Major necken wollen; aber Sie müſſen nicht zu weit gehen, oder er wird Sie nicht verſtehen. Creſcenz ſieht ſehr hübſch aus, aber ich zweifle nicht im Mindeſten, daß Sie viele hübſchere Mädchen in England geſehen haben.“ Sie wandte ſich noch einmal zu ihm und ſagte ſehr leiſe: „Sie werden mich Ihnen ſehr verbinden, wenn Sie fagen wollen, daß Sie Hildegarde noch mehr als ihre Schweſter bewundern.“ Hamilton fand keine Schwierigkeit, dieſe Forde⸗ rung zu erfüllen, und war ſo beredt über das ihm ge⸗ gebene Thema, daß er nicht nur den Major Stultz von ſeinem Irrthum überzeugte, ſondern ſich auch von 3¹4 ihm über ſeine dem Anſchein nach hoffnungsloſe Liebe aufziehen ließ. Madame Roſenberg wartete dieſes Reſultat nicht ab; kaum hatte ſie wahrgenommen, daß Hamilton ih⸗ rem Verlangen zu entſprechen beabſichtige, als ſie ſich Creſcenz an die Seite machte und ihr einen ſtrengen Verweis gab. Hätte ſie einige Minuten gewartet, ſie würde das junge Mädchen geneigter gefunden haben, auf ſie zu hören und ihren Rath ſich zu Nutzen zu machen. Unglücklicher Weiſe hatte Creſcenz vorhin gehört, was Hamilton, ehe Hildegarde's Namen genannt wurde, geſagt hatte, und ihr zu tauſend unbeſtimmten Hoff⸗ nungen erhobener Geiſt wollte jetzt den dringenden Vorſtellungen ihrer Mutter kein Gehör geben: ſie er⸗ klärte finſter: Major Stultz wäre unerträglich eifer⸗ ſüchtig — ſein Alter mache ihn unfähig, mit jungen Leuten Nachſicht zu haben, und er erwarte mehr, als vernünftig ſei, wenn er glaube, ſie werde ihn aus einem andern Grunde heirathen, als um eine häusliche Ver⸗ ſorgung zu erhalten. Das wolle ſie ihn bei der erſten paſſenden Gelegenheit wiſſen laſſen.“ „Das wirſt Du nicht thun,“ rief Madame Roſen⸗ berg, die jetzt wieder zurſckfehrte um die Wirkung ihrer Beredtſamkeit an Major Stultz zu verſuchen. Ihre Manöver waren ungeſchickt, aber ſie erreichte ge⸗ wöhnlich ihren Zweck, denn ſie meinte es allezeit gut und ſprach zuweilen mit viel Lebensklugheit. Bei der gegenwärtigen Veranlaſſung nahm ſie ihres künftigen Schwiegerſohnes Arm und ging raſch mit ihm fort, indem ſie Hamilton zu ſeinem großen Ver⸗ druß bei Creſcenz ließ. Er hätte ſich gern den An⸗ deren angeſchloſſen, aber es waren ihrer zu viel, um neben einander zu gehen, und weder Zedwitz, noch Ray⸗ mund ſchienen geneigt, auf ihre Plätze zu verzichten. Sie gingen alſo eine Zeit lang neben einander — 315 hin, Creſcenz mit einer Miene triumphirender Genug⸗ thuung, Hamilton mit übel verhehlter Ungeduld. „Ich hoffe,“ begann ſie endlich, „ich habe Major Stultz heute Abend ernſtlich beleidigt; nichts würde mich mehr freuen, als wenn ich dieſe verhaßte Ver⸗ bindung abgebrochen ſähe.“ „Es würde ehrenhafter geweſen ſein, wenn Sie das gethan hätten, ehe Sie Seon verließen.“ „Beſſer ſpät, als niemals,“ ſagte Creſcenz luſtig. „Unehrenhaft zu handeln, meinen Sie?“ fragke Hamilton ernſt. „Ah bah!“ rief Creſcenz mit unzerſtörbarer Laune, „Sie ſprechen jetzt gerade wie Hildegarde.“ „Sie handeln nicht, wie Hildegarde thun würde,“ ſagte Hamilton noch ernſter. „Loben Sie dieſelbe nicht zu ſehr; Sie ſind gerade jetzt außer Gunſt bei ihr, das kann ich Ihnen ſagen.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte Hamilton ſchnell. „Ich meine, daß Sie vergangene Nacht ſehr un⸗ artig gegen ſie geweſen ſein müſſen, als Sie ihr das Licht abſchlugen, denn ſie hat eine gute halbe Stunde geweint, ehe ſie zu Bett ging; und Hildegarde weint nicht um Nichts. Vielleicht, wenn ich wegen des Lichts gekommen wäre, hätten Sie es gegeben.“ „Vielleicht,“ antwortete Hamilton zerſtreut. „Ganz gewiß hätten Sie,“ fuhr ſie hartnäckig fort. „O natürlich, natürlich!“ „Nun, das habe ich ihr auch geſagt, und wollte aufſtehen und zu Ihnen gehen, aber Sie gab es nicht zu.“ „Sie hatte Recht,“ ſagte Hamilton, indem er wäh⸗ rend dieſer Worte Madame Roſenberg einzuholen ſuchte. „O um's Himmels willen, bringen Sie mich nicht wieder zu Mama, ſe hat mir ſchon genug den Text ge⸗ leſen — vielleicht haben Sie gehört was ſie ſagte?“ „Nein, ich ſprach mit Major Stultz. „Und er iſt ſo — ſo grob gegen mich geweſen — Sie haben keine Idee davon.“ 316 Cr hat Ihnen einige unangenehme Wahrheiten geſagt.“ „Wahrheiten!“ rief Creſcenz. „Ja, Wahrheiten,“ wiederholte Hamilton, „Sie ſind ſehr hübſch und ſehr gutmüthig, aber gewiß eine — eine rechte Kokette“ „Ei, wie ſonderbar!“ rief Creſcenz. „Wiſſen Sie nur, daß ich mir gar nichts daraus mache, wenn Sie mir das ſagen, — und doch war ich ſo zornig über Ich möchte wahrhaſtig alle meine Fehler jetzt ören.“ „Ohne Zweifel wird Major Stultz ſie Ihnen her⸗ zählen, wenn Sie es haben wollen.“ ſagte Hamilton, indem er jetzt entſchloſſen ſich zu Madame Roſenberg und bis nach Hauſe vollends an ihrer Seite ieb. Siebenzehntes Kapitel. Liebeszänkereien. Der Mond ſchien hell auf ihr Haus, als ſie auf der Straße ſtehen blieben, um einige Abſchiedsworte zu wechſeln. Fräulein von Hoffmann ſaß am offenen Fenſter und blickte gedankenvoll aufwärts. „Möchten Sie jetzt die Gedanken Ihrer Verlobten in dieſem Angenblicke nicht kennen?“ fragte Roſenberg, zu Raymund gewendet. „Durchaus nicht,“ antwortete er gleichgültig, nach dem Hauſe ſehend; „ich bin gewiß, es ſind Alltags⸗ dinge, denn es gibt keine proſaiſchere Perſon, als Ma⸗ rie von Hoffmann.“ „So iſt es alſo,“ rief Zedwitz, „wirklich wahr, daß Sie ſich verheirathen wollen. Es freut mich, das zu hören, und ich ſt Ihnen von ganzem Herzen.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Raymund finnend, wäh⸗ 317 rend er ſich von Zedwitz zu Hamilton und dann zu Hildegarde wandte, als ob ſie und nicht Fräulein von Hoffmann ſeine Gedanken beſchäftigte. „Wann ſoll es vor ſich gehen?“ fragte Zedwitz. „Was? ah, meine Execution? So im Januar heißt es; ich wünſche, es wäre bälder.“ „Das iſt natürlich.“ ſagte Zedwitz lachend. „Das iſt,“ ſagte Rahmund, indem ihm das Blut in den Kopf ſtieg, „ich fürchte, wenn es noch länger hinausgeſchoben wird, möchte ich der Sache müde wer⸗ den und mich am Ende dagegen ſperren.“ Fräulein von Hoffmann hatte ſie erkannt und ſprach jetzt vom Fenſter zu ihnen herab. Rahymund wurde zum Abendeſſen eingeladen und trat mit den Roſen⸗ bergs in's Haus, während Roſenberg, der nie einen Abend zu Hauſe zubrachte, mit Zedwitz fortging. Der Mond ſchien ſo hell in das Geſellſchaftszim⸗ mer, daß Madame Roſenberg beim Eintritt erklärte, es würde thöricht ſein, die Lichter anzuzünden. Sie ſchob Creſcenz ſanft in das anſtoßende Zimmer, indem ſie zu ihr ſagte, „ſei ein gutes Mädchen und mach' Deinen Streit mit dem Major aus,“ und ging dann fort, nach den Knaben zu ſehen. Hamilton ſchaute aus dem Fenſter und ſummte eine Arie aus Fra Diavolo. „Ich bin ſehr müde,“ ſagte Hildegarde, den Hut abnehmend. „Unſer Weg iſt lang und ſtaubig ge⸗ weſen; und zudem habe ich viel geſprochen, das iſt immer etwas anſtrengend.“ Sie trat an ſeine Seite und lehnte mit ihm aus dem Fenſter. Hamilton's Summen artete in ein halb unter⸗ drückles Pfeifen aus, von einem Trommeln mit den Fingern auf den Fenſterkiſſen begleitet, während ſeine aufwärts gerichteten Augen an dem Monde hingen. So blieben ſie einige Minuten, ohne zu ſprechen, bis ein Gemurmel von Stimmen von ven Fenſtern unter ihnen ihre Aufmerkſamkeit anzog. 318 Hamilton bog ſich weiter hinaus, um nach den Sprechenden zu ſehen, zog ſich aber, als er Graf Ray⸗ mund und Fräulein von Hoffmann erkannte, mit etwas verächtlichem Lächeln zuruͤck, während er ſagte: „Ihres Couſins Bemerkungen heute Abend über die ihm beſtimmte Braut waren durchaus nicht ſchmei⸗ chelhaft.“ „Er kennt ſie kaum bis jetzt,“ ſagte Hildegarde, indem ſie ſich unter das Fenſter ſetzte. „Er kennt kaum die Perſon, die er heirathen ſoll!“ rief Hamilton. „Ihr Deutſchen habt doch die ſonder⸗ barſten Vorſtellungen über dergleichen Dinge.“ „Ich ſehe nichts Sonderbares daran; es iſt eine anerkannte Convenienz⸗Heirath. Oskar gedenkt, Fräu⸗ lein von Hoffmann zu heirathen, weil er Schulden und ſie ein großes Vermögen hat; und ſie nimmt ihn, weil ſie nicht ſehr jung und durchaus nicht hübſch iſt und in gute Connexionen zu kommen wünſcht; ſie ſollen jedoch erſt im Januar heiralhen und bis dahin ver⸗ ſuchen, einander ſo viel als möglich liebzugewinnen. Kann Etwas vernünftiger ſein?“ „Nichts, als daß ſie vielleicht die Verlobung hätten verſchieben können, bis die Prüfung vorüber geweſen wäre. Ich möchte unglaublich gerne wiſſen, was die Empfindungen eines Mannes ſein mögen, der zum er⸗ ſten Mal eine Perſon ſieht, mit der er im Voraus verlobt iſt. Eine Frau in ſolcher Lage iſt noch viel läſtiger daran.“ „Das war hier durchaus nicht der Fall. Marie wurde Oskar im Theater gezeigt, er fand nicht, daß ihr Aeußeres unangenehm war, hörte, daß ſie liebens⸗ würdig ſei, und gab ſeine Einwilligung, ſie zu hei⸗ rathen. Sein Vater machte ſeinen Antrag für ihn und Marie wurde eine ganze Woche Zeit zur Ueberlegung gelaſſen, ehe ſie ſich entſcheiden ſollte.“ „Eine ganze Woche!“ wiederholte Hamilton, ironiſch lachend. 3¹9 Hilbegarde ſprang ſchnell auf und war im Be⸗ griff, das Zimmer zu verlaſſen, als er ausrief: „ent⸗ ſchuldigen Sie meine Unkenntniß deutſcher Sitten. Es intereſſirt mich wirklich, was Sie mir erzählen, und ich möchte gerne erfahren, was am Ende Fräu⸗ von Hoffmann bewogen hat, Ihren Coufin anzu⸗ nehmen.“ „Was ſie bebvogen hat! Sie trafen einander im Hauſe einer gemeinſchaftlichen Freundin, und obwohl Sie nicht wiſſen, wie angenehm Oskar ſein kann, wenn er es für gut findet, — ſo müſſen Sie doch bemerkt haben, daß er ungewöhnlich hübſch iſt.“ „Nun ja, er iſt allerdings nicht häßlich; aber ein gutes Aeußeres von Seiten des Mannes iſt von gerin⸗ gerer Wichtigkeit.“ „Ein hübſches Geſicht iſt immer ein Vortheil. Sind Sie nicht der Meinung?“ fragte Hildegarde la⸗ chend. „Ein Vortheil? o gewiß; aber nach dem, was Sie mir von Fräulein von Hoffmann geſagt haben, hielt ich ſie für zu vernünftig, um auf perſönliche Vorzüge großes Gewicht zu legen. Ich hätte ſie mir gerade als eine Art von Perſon gedacht, die im Stande wäre, einen Mann wie Zedwitz ſeinem Werthe nach zu ſchätzen.“ „Sie laſſen ihr nur Gerechtigkeit widerfahren,“ ſagte Hildegarde, „und ich glaube, wenn ſie die Wahl, nebſt Zeit und Gelegenheit, ſich eine Meinung zu bil⸗ den, hätte, ſie würde ſich zu Gunſten des Gra⸗ fen Zedwitz entſcheiden; aber er hat keine Schulden, begehrt kein Vermögen, und wird — ſchwerlich auf ſolche Weiſe heirathen; er wird gewiß ſeinen Vater nicht zum Freiwerber nehmen.“ „Sie ſcheinen ihn durch und durch zu kennen; ich wußte bis heute nicht, daß Sie eine ſo hohe Meinung von ihm hatten,“ ſagte Hamilton, ſich auf die Lippen beißend. 320 „Wenn wir je von ihm ohne Mama's Gegen⸗ wart geſprochen hätten, würde ich nicht angeſtanden haben, zu erklären, daß es, mit Ausnahme meines Vaters, keinen liebenswürdigern oder edelmüthigeren Mann gebe, als er iſt.“ Hamilton verſuchte zu lächeln, um die Eiferſucht zu verbergen, die er in dieſem Augenblick ſcharf fühlte, und antwortete mit affektirtem Eifer: „Wollen Sie mir erlauben, Zedwitz mitzutheilen, was Sie geſagt haben? Ich weiß, daß es ihn unausſprechlich glücklich machen wird.“ „Nein, ich danke Ihnen,“ erwiederte Hildegarde ruhig, obwohl ſelbſt im blaſſen Mondlicht Ihr tiefes Erröthen zu bemerken war. „Es iſt ganz gleichgültig, was er jetzt von mir, oder ich von ihm denke.“ Es erfolgte eine Pauſe, die von Hamilton plötz⸗ lich unterbrochen wurde, indem er ſagte: „wenn Sie wirklich Zedwitz für ſo ſchätzbar halten, darf ich Sie fragen, warum Sie ſeinen Heirathsantrag an dem Tage, da wir auf der Alpe waren, abgewieſen haben?“ Hildegarde ſchien äußerſt verwirrt zu ſein und ſchwieg. „Sie können ohne Zurückhaltung ſprechen,“ ſetzte Hamilton hinzu, „denn Zedwitz hat mir Alles erzählt.“ „Ich will durchaus nicht ſprechen, bis —“ fügte ſie halb lächelnd bei — „bis Sie Ihr Amt als Men⸗ tor beginnen; Sie ſcheinen ganz vergeſſen zu haben, daß Sie es vorige Nacht übernommen haben, mir meine Fehler zu ſagen und, ſie abzulegen, behülflich zu ſein. Habe ich heute etwas Tadelnswerthes gethan?“ Ja,“ erwiederte Hamilton, „ich habe Sie Ihrem Couſin dieſen Abend, als er zu uns ſtieß, einen Blick zuwerfen ſehen, der mir die Vorſtellung von einem vorausgegangenen Einverſtändniß mit ihm erregt hat —“ „Fahren Sie fort,“ ſagte Hildegarde. „Können Sie ſich nicht erklären oder entſchuldi⸗ gen?“ fragte Hamilton mit einiger Verlegenheit. 32¹ „O, verſteht ſich — aber ich dachte, Sie würden natürlicher Weife auch etwas davon ſagen, daß ich un⸗ gefähr einen Blick derſelben Art auf Sie warf, als Mama von den Schweinscotelettes und meines Vaters Uebelbefinden am Tage ſeiner Hochzeit ſprach; dieſer war wirklich tadelnswerther als der andere, und ſoll auch nicht wieder vorkommen.“ Sie hielt einen Augen⸗ blick inne und fuhr dann fort. „Als Sie mich heute bei den Hoffmanns holten, hatte ich Oskar eben jenes unglückliche Liederbuch zurückgegeben; und um einer unangenehmen Scene in unſerm Hauſe vorzubengen, erzählte ich ihm theilweiſe, was Mama geſagt hatte — er entſchloß ſich jedoch ſogleich zu verſuchen, was er mit Papa ausrichten könnte, der, wie er wußte, eine zu feine Bildung beſaß, um grob gegen ihn zu ſein. Vermuthlich hörte er mich zu Maria ſagen, wo⸗ hin wir heute Abend gingen, und zog uns nach. Sein Erfolg war, ſcheint es, vollſtändig, und ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ihn wiſſen zu laſſen, daß ich es merkte und mich darüber freute. Was wei⸗ ter?“ fragte ſie munter. „Ihre Mutter ſchien es ſonderbar zu finden, daß Zedwitz immerdar wußte, wo Sie den Abend zubrin⸗ gen würden. Haben Sie es je ihn auf irgend eine Weiſe wiſſen laſſen, oder —?“ „Das iſt wirklich zu viel,“ rief Hildegarde zor⸗ nig, „ich will mich nicht auf dieſe Weiſe und über dieſen Punkt ausfragen laſſen —“ „Sie haben Recht,“ ſagte Hamilton ruhig, „und ich verzichte auf mein hoöchſt einfältiges Amt eines Sittenrichters und Cenſors. Es iſſ jedoch kein gerechter Grund zum Zorn vorhanden, denn Sie haben mir nicht nur den Plan ſelbſt vorgeſchlagen, ſondern mich auch an mein Verſprechen erinnert.“ Er lehnte ſich aus dem Fenſter und nahm ſeine Zuflucht wieder zu Fra Diavolo und dem Monde. „Sie find ein ſchrecklicher Thrann!“ rief ſie nach Die Anfangsbuchſtaben. 1. 21 322 einer Pauſe, „und laſſe ich Ihre Frage unbeantwortet, ſo halten Sie mich wohl für fähig, den Grafen Zed⸗ witz mit allen unſern Spaziergängen bekannt zu ma⸗ chen.“ „Was thut es, wie ich denke?“ ſagte Hamilton, ohne ſich umzudrehen. „Ihre Frage iſt äußerſt beleidigend, und doch muß ich darauf antworten und Ihnen ſagen, daß ich ſo ſehr als Mama erſtaunt bin, ihn ſo oft zu treffen — wenn ich es vermeiden könnte, ihn zu ſehen, würde ich es bei Weitem vorziehen.“ „Wirklich!“ rief Hamilton. „Dann haben Sie alſo keinen Wunſch mehr zur Erneuerung von — von —“ „Durchaus keinen,“ erwiederte Hildegarde lächelnd. „Aber wenn Sie ſo hoch von ihm denken,“ fuhr Hamilton fort,“ müſſen Sie ihn gewiß gerne haben!“ „Gerne haben,“ wiederholte ſie; „nun, habe ich ſr nicht geſagt, daß ich Zedwitz ungemein gerne a e?“ „Etwas dergleichen wohl“ ſagte Hamilton leiſe, wie bei ſich ſelbſt darüber nachdenkend; „Zedwitz er⸗ zählte mir, Sie haben ihm geſagt, als Bekannter wäre er Ihnen lieb, aber ſonſt nichts mehr. Das iſt, wie ich weiß, nicht der Fall; darum muß hier irgend ein Mißverſtändniß vorwalten — er vermuthete eine frü⸗ here Neigung, aber das ſchien mir unwahrſcheinlich.“ „Sagen Sie lieber unmöglich,“ rief Hildegarde lachend,“ denn der Gegenſtand derſelben hätte entwe⸗ der Major Stultz ſein müſſen — oder Sie! ha, ha, ha!“ Hamilton lachte nicht mit ihr, und es erfolgte eine andere lange Pauſe — ſeine Eiferſucht, oder wie er es gegen ſich ſelbſt nannte, ſeine Neugierde bewog ihn, einen neuen Verſuch zu machen, und er begann wieder: „Ich habe Zedwitz geſagt, er ſolle nicht alle Hoff⸗ nung aufgeben, wahrſcheinlich habe die Beſorgniß eines 323 Wiberſtandes von Seiten ſeiner Familie Einfluß auf Sie gehabt —“ Er hielt inne, denn Hildegarde biß ſich auf die Lippen und ſchien aufgeregt zu ſein. Sie ſtand auf — ſetzte ſich nieder — ſtand abermals auf und ſagte nach augenblicklichem Bedenken: „ich weiß nicht, was beſſer iſt, ob ich Ihnen Alles, oder Nichts ſagen ſoll.“ „Sagen Sie mir Alles,“ rief Hamilton eifrig, „Niemand kann größeren Antheil an Allem, was Sie betrifft, nehmen, als ich.“ „Das iſt Alles leicht erzählt,“ erwiederte ſie lang⸗ ſam — „ich habe kein Geſtändniß zu machen. Sie hatten mit Ihrer Vermuthung ſehr recht — es würde für mich ſchrecklich ſein, in eine Familie einzutreten, die mich nicht aufnehmen wollte, denn ich bin ſehr ſtolz, und ſeiner Mutter unnöthiger Weiſe hochmüthiges — ich darf ſagen, grobes Benehmen gegen uns Alle in Seon zeigte mir, was ich zu erwarten haben würde. Ihr ſichtbares Beſtreben, mir auszuweichen, lehrte mich zuerſt ſeine Aufmerkfamkeiten kennen.“ „So,“ ließ ſich Hamilton faſt pfeifend vernehmen, und ein unbeſchreibliches Gefühl wirklichen körperli⸗ chen Schmerzes fuhr ihm durch die Glieder; „ſo ha⸗ ben Sie ihn alſo doch geliebt!“ „Nein!“ erwiederte Hildegarde, ſich abwendend, vaber ich glaube, ich hätte ihn mit der Zeit lieben können.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Hamilton ſarkaſtiſch. „mit ſeiner Eltern Einwilligung hätte ſich gegen die Partie nichts einwenden laſſen, und ich wundere mich nur, daß Sie nicht in Ausſicht darauf ein geheimes Ver⸗ hältniß mit ihm angeknüpft haben. Der alte Graf tödtet ſich, ſo ſchnell er kann, mit Kaltwaſſer, und iſt er einmal aus dem Wege, würde ſich vermuthlich keine fernere Schwierigkeit mehr finden. Es iſt wirklich Schade, Sie ſind völlig überfallen worden, daß Sie nicht Zeit hatten, an das Alles zu vnt 324 Pildegarde's Augen blitzten, und mit einer von Empfindungen beinahe erſtickten Stimme rief ſie: „Ich verdiene dieſen Schimpf dafür, daß ich Ih⸗ nen vertraut habe; — dieſe hinterliſtigen Ausdrücke der Verachtung find mehr, als ich ertragen kann, und um einer Wiederholung derſelben vorzubeugen, ent⸗ vinde ich Sie jetzt gerne des Verſprechens von geſtern Nacht und erſuche Sie, in Zukunft mich und meine Fehler ganz und gar aus Ihren Gedanken zu ver⸗ bannen.“ Hamilton würde gerne ſeine letzten Worte zurück⸗ genommen haben, wäre es möglich geweſen — er fühlte, daß Zorn und Eiferſucht ihm dieſelben einge⸗ geben hatten — aber es war zu ſpät; Hildegarde ließ ihm keine Zeit zum Widerruf, ſie hatte das Zimmer mit mehr, als ihrem gewöhnlichen Ungeſtüm verlaſſen. Er verſuchte nicht länger, ſich ſelbſt über die Natur ſeiner Gefühle gegen ſie zu täuſchen; es blieb ihm nur übrig, zu überlegen, wie er in Zukunft ſein Betragen einrichten ſollte. Daß ſie ſich nicht um ihn kümmerte, zeigte ſich deutlich, und der geringe Fortſchritt, den er in ihrer guten Meinung und ihrem Vertrauen gemacht hatte, war, wie er fürchtete, jetzt wieder verloren. Einen Augenblick dachte er daran, ſich nach Wien zurückzuziehen; aber dann erſchien ihm wieder die Vor⸗ ſtellung, vor einer zufälligen und vollkommen harm⸗ loſen Liebeständelei zu fliehen, zu albern! — Konnte er außerdem hoffen, vaß der Zufall ihn wieder ſo be⸗ günſtigen und auf einen gleich vertrauten Fuß mit einer andern Familie ſetzen würde? Es war nicht zu erwarten; er beſchloß daher zu bleiben, wo er war — aber ſeine Zeit anders anzuwenden. Er wollte mehr mit Biedermann ſtudiren — Univerſitäts⸗Vorleſungen hören, reiten, ſpazieren gehen, den engliſchen Geſand⸗ ten beſuchen, ſich am Hof vorſtellen laſſen, mit den in München lebenden Engländern Betanntſchaft machen, x6 3²5 und Abendeinladungen annehmen. Hilbegarde's Gleich⸗ gültigkeit ſollte wenigſtens mit ſcheinbarer Gleichgül⸗ tigkeit ſeinerſeits erwiedert werden, und er wollte Sorge tragen, daß ſie niemals das Intereſſe enidecke, das er, wie ihm nun wohl deutlich wurde, ſelbſt ihren eringjügigſen Handlungen beizulegen nicht umhin onnte. Ein leiſes Murmeln unterdrückter Stimmen im anſtoßenden Zimmer, das er undeutlich vernommen hatte, hörte endlich ganz auf, und nichts als der Schritt eines gelegenklichen Wanderers in der einſa⸗ men Straße unterbrach die Stille der Nacht. Er fühlte ſich aufgeregt und ungeduldig, und in der Hoff⸗ nung, ein Gang bei Mondlicht würde eine beruhigende Wirkung haben, wandte er ſich ſchnell vom Fenſter ab. Wie groß war aber ſein Erſtaunen, als er Creſcenz an ſeiner Seite erblickte. Thränen ſtanden in ihren Augen, als ſie die Hand auf ſeinen Arm legte, um ihn aufzuhalten, und mit kaum hörbarer Stimme zu ihm ſagte: „Ich muß Ihnen eine Frage vorlegen — wollen Sie mir antworten?“ „Gewiß,“ erwiederte Hamilton höchſt überraſcht. „Haben Sie dieſen Abend Major Stultz geſagt, daß Sie mich nie bewundert — nie geliebt hätten?“ „Nein — ich glaube eher geſagt zu haben, daß ich Sie und Ihre Schweſter ungemein bewunderte.“ „Das wußte ich,“ rief Creſcenz; „ich habe ge⸗ hört, was Sie ſagten, und erinnere mich deſſen voll⸗ kommen — und jetzt — jetzt will er mich überreden, daß ich mich getäuſcht habe, und verſichert mich, Sie ziehen Hildegarde bei Weitem vor und haben ihm das ſehr ausführlich dieſen Abend geſagt!“ „Muß ich denn von jedem müßigen Wort Rechen⸗ ſchaft geben!“ rief Hamilton ungeduldig. „Es ſollte dah Sie gewiß gleichgültig ſein, was ich geſagt 0 e 4. 326 „Pſt! — ſprechen Sie nicht ſo laut — er iſt da.“ Wer?“ „Major Stultz. Er wartet auf mich. Ich habe ſolches Vertrauen zu Ihnen, daß ich ihm geſagt habe, ich könne ſeinen Worten keinen Glauben ſchenken — und nun antworten Sie ſchnell auf meine Frage: Ha⸗ ben Sie aufgehört, ſich für mich zu intereſſiren und ziehen Sie Hildegarde vor?“ „Bah!“ rief Hamilton, indem er nach dem Hut griff, um ſeine Verlegenheit zu verbergen. „Ich liebe und bewundere Sie beide; aber als Major Stultz dieſen Abend eiferfüchtig war, habe ich natürlich Hil⸗ degarde den Vorzug gegeben.“ „Iſt dieß die wirkliche Wahrheit?“ fragte Cres⸗ nz. r Benehmen war ungewöhnlich ernſt, aber Ha⸗ milton war nicht gewohnt, dem, was ſie ſagte, große Aufmerkſamkeit zu widmen, und ſo antwortete er ſorg⸗ los lachend: „Welches Gewicht Sie doch auf eine ſolche Klei⸗ nigkeit legen.“ „Wenn Sie lachen können, ſo habe ich mich wirk⸗ lich in Ihnen getäuſcht.“ „Was wollen Sie denn eigentlich ſagen?“ fragte Hamilton äußerſt gepeinigt. „Am Anfang unſerer Bekanntſchaft,“ ſagte Cres⸗ cenz beinahe flüſternd, „erklärte Hildegarde, Sie ma⸗ chen ſich nur auf meine Koſten Spaß; das iſt meiner Ueberzeugung nach nicht der Fall geweſen; aber Major Stultz behauptet nicht nur, Sie haben ſich nie etwas um mich bekümmert, ſondern beharrt darauf, Sie haben offen Hildegarde einen Vorzug eingeräumt.“ „Und wenn das wäre?“ ſagte Hamilton, indem er ſeinen Hut auf der Spitze des Stocks tanzen ließ. „Wenn das iſt, — kann — ich — nie wieder einem Manne trauen!“ 327 „Eine vortreffliche allgemeine Regel jedenfalls; wir ſind in Wahrheit des Vertrauens nicht werth, und Ihre Schweſter behauptet, wie Sie wiſſen, ich ſei nicht beſſer, als Andere!“ „Iſt dieß Ihre Antwort?“ fragte Creſcenz. „Wenn Sie es dafür nehmen wollen, werde ich Ihnen unendlich verpflichtet ſein, denn ich bin wirklich in Verlegenheit, etwas zu ſagen —“ „Es iſt genug,“ ſagte ſie, ſich abwendend. „Halt!“ rief Hamilton, der endlich merkte, daß etwas Außerordentliches vorgefallen war; „halt, und ſagen Sie mir ſchnell, was es gibt. Was haben Sie zu Major Stultz geſagt?“ „Er gab mir Schuld, daß ich — einen Andern — mehr — als ihn liebe — und ich läugnete es nicht. Er nannte — Sie — und — und —“ „Ich verſtehe,“ ſagte Hamilton ſchnell „und er hat Ihnen geſagt, daß Sie verſchmäht würden. Kom⸗ men Sie, ich will ihm Alles zur Genüge erklären.“ Sie traten in das nächſte Zimmer, aber Major Stultz war nicht mehr da. „Er iſt fort — zu Mama!“ rief Creſcenz, die Hände zuſammenſchlagend, und fügte dann, indem ſie ſich niederſetzte, mit einer Art verzweifelter Reſigna⸗ tion hinzu; „Jetzt iſt mir gleich, was geſchehen mag!“ „Aber mir nicht,“ rief Hamilton; „ich will nicht die, wenn auch unſchuldige Urſache ſein, Sie und Major Stultz zu trennen. Ich muß, wie ich ſehe, im Augenblick zu ihm und die ganze Schuld auf mich nehmen; wenn Sie ſich hernach weigern, Ihre Ver⸗ pflichtung gegen ihn zu erfüllen, ſo iſt das Ihre Sache. Das muß jedoch wirklich das letzte Mal ſein, daß wir über dieſen Gegenſtand ſprechen. Es ſcheint, ich muß meinen Leichtſinn theuer bezahlen, aber es wird eine Lehre für mich ſein, die ich mein Leben lang nicht vergeſſe.“ 328 An einem der Fenſter des Hausflurs ſtanden Ma⸗ dame Roſenberg und Hildegarde — die erſtere ſprach laut und zornig. „Ich habe nie etwas Abgeſchmackte⸗ res geſehen, als Creſcenz's Benehmen! Vor allen Leuten in der Welt Herrn Hamilton zum Gegenſtand einer ſentimentalen Liebe zu erwählen. Wäre ſie nicht eine ſo einfältige Närrin geweſen, hätte ſie doch leicht bemerken können, daß er eher an alles Andere, als ſol⸗ chen Unſinn denkt. Was den Wink des Majors, als hätte derſelbe geſagt, er liebe Dich, betrifft, ſo iſt das auf meine beſondere Bitte geſchehen; fange Du darum auch an, Dir ſolche Dinge in den Kopf zu etzen!“ „Dazu hat es nicht die geringſte Gefahr,“ ſagte Hildegarde mit verächtlichem Lachen. „Wo iſt Major Stultz?“ ſagte Hamilton, indem er heftig die Thure öffnete. „Er iſt leider nach Hauſe gegangen. O, Herr Hamilton, das iſt eine ſehr unangenehme Geſchichte! Wenn Creſcenz's Heirath jetzt abgebrochen würde, es wäre für uns eine wahre Schande.“ „Sie ſoll nicht abgebrochen werden. Ich kann ihm Alles auseinanderſetzen.“ „Laſſen Sie ſich einen Wink darüber geben, was Sie ſagen können,“ rief Madame Roſenberg ihn auf⸗ haltend. „Er iſt voll Zorn und behauptet, wir haben ihn alle betrogen. Können Sie nicht, um die Sache zurechtzulegen, ſagen, Sie haben Creſcenz einige Aufmerkſamkeit geſchenkt und dieſelbe vor einiger Zeit bewundert?“ „Natürlich werde ich das ſagen,“ erwiederte Ha⸗ milton, indem er ſich loszumachen ſuchte. 4 „Sagen Sie auch, daß ſie ſich in Wirklichkeit nichts um Sie kümmert und ihn nur dieſen Abend, weil er ſie eine Coquette nannte, eiferſüchtig machen wollte. Und um ihn etwas einzuſchüchtern, können Sie ebenſo gut noch hinzufügen, Sie würden morgen 329 Ihre Aufmerkſamkeiten wieder erneuern, wenn er ſich nicht ſogleich wieder mit ihr verſöhne.“ „Ich werde ihm die Wahrheit ſagen und die Schuld auf mich nehmen — ſelbſt mehr, als ich ver⸗ diene,“ ſagte Hamilton, die Thüre ſchließend und die Treppe hinabſpringend. „Er iſt wirflich ein ausgezeichneter junger Mann!“ rief Madame Roſenberg, und trotz ſeiner Jugend kann ich ihm die Beilegung der unangenehmen Affaire ganz überlaſſen. Auf alle Fälle iſt heute Nacht nichts mehr zu thun und ich kann wohl zu Bette gehen. Sage Creſcenz, daß ich ſie vor morgen nicht zu ſehen wünſche. Was geſagt iſt, läßt ſich nicht mehr unge⸗ ſagt machen, und Schelten würde jetzt nutzlos ſein. Was wird Dein Vater ſagen, wenn er hört, was ſie gethan hat?“ Hamilton blieb länger aus, als er erwartet hatte. Er hatte Major Stultz gerade eingeholt, da er in ſeine Wohnung eintreten wollke, war mehr als eine Stunde in ernſtem Geſpräch mit ihm auf der Straße auf⸗ und abgegangen und hatte ihn nachher auf ſein Zim⸗ mer begleitet. Mitternacht war vorüber, als er vermittelſt eines ihm von Madame Roſenberg gegebenen Schlüſſels ſtille in das Haus trat. Im Augenblick, da er die Thüre öffnete, hörte er ſie rufen, und unmittelbar darauf er⸗ ſchien ihr Mann in einem langen, geblümten Kattun⸗ ſchlafrock und Pantoffeln und lud ihn ein, in's Zim⸗ mer zu treten. Hamilton zögerte, aber da ihn Ma⸗ dame Roſenberg noch einmal rief, rückte er entſchloſſen vorwärts. Einige ſchräg hereinfallende Mondſtrahlen und eine trübe brennende Nachtlampe ſtritten um die Ehre, das Gemach zu erhellen, und Hamilton einen Stuhl neben Madame Roſenbergs Bett zu zeigen, von dem er auf ihre Bitte Beſitz nahm, während er ihr umſtändlich erzählte, wo er Major Stultz eingeholt, was er ihm geſagt, was Major Stultz geantwortet 330 hatte, und welche Ausſicht vorhanden war, daß er Creſcenz vergeben und ihr ſentimentales Geſtändniß vergeſſen werde. Hamilton erzählte ſo viel, als er für nöthig erachtete und ſagte dann, er hätte einen Brief zu überbringen. „Einen Brief! geben Sie ihn mir, er wird Alles erklären,“ rief Madame Roſenberg. „Er iſt für — für Fräulein Creſcenz,“ ſagte Hamilton zögernd. „Thut nichts; bei einer ſolchen Veranlaſſung haben Eltern das Recht, ſich mit dem wahren Stand der Sache bekannt zu machen; außerdem traue ich ſelbſt jetzt Creſcenz nicht ganz, obwohl ihr Vater, zum erſten Mal in ſeinem Leben, während Ihrer Abweſenheit, der⸗ ſelben ſtrenge den Tert geleſen hat. Franz, zünde Licht an und laß mich ſehen, was der Major geſchrie⸗ ben hat.“ „ Hamilton gab äußerſt ungern den ihm anvertrau⸗ ten Brief heraus, und beobachtete Madame Roſenberg mit einiger Gereiztheit, während ſie ſichtbar vergnügt denſelben durchlas. Ein außerordentlicheres Nacht⸗ gewand hatte er in ſeinem Leben nicht geſehen, als dasjenige, worauf jetzt das Licht der Kerze fiel: er war, wie man ſich von ſeinen Bemerkungen in Seon noch erinnern wird, bezüglich der Nachthauben etwas wähleriſch. Die von Madame Roſenberg ſiel ihm durch die Eigenthümlichkeit ihrer Form auf, die mit einer Papierdüte Aehnlichkeit hatte, deren offener Theil nächſt dem Geſicht mit einer Art breiten Spitzenbeſatzes verziert war, während das Ganze durch ein unter dem Kinn zuſammengebundenes Tuch auf dem Kopf feſtge⸗ halten wurde. Sie trug eine Jacke aus roth gedruck⸗ tem Kaliko von, wie ſie es genannt haben würde, tür⸗ kiſchem Muſter, deren Aermel an den Schultern enorm weit waren, und damit den Beweis lieferten, daß ihre Verfertigung nicht vom neueſten Datum war. Ihr Mann hielt die Kerze, ſchaute ihr über die Schulter 33¹ und ſchien ausnehmend erfreut üher den Inhalt des Briefes, den Mabame Roſenberg Hamilton mit den Worten zurückgab: „ich bemerke, daß Sie ſo ziemlich geſagt haben, was ich Ihnen empfohlen hatte; und wir ſind Ihnen ſehr verpflichtet. Es würde wirklich eine höchſt unangenehme Geſchichte geweſen ſein, wenn dieſe Heirath abgebrochen worden wäre, und der Ma⸗ jor ließ mehr als nur einen Wink fallen, daß er dieß im Sinne habe. „Du hältſt Herrn Hamilton auf, meine liebe Ba⸗ bette,“ bemerkte Roſenberg ſanft. Sie lachte — zog ihr Kiſſen herauf, ſchlug es glatt und wünſchte ihm gute Nacht. Hamilton fand die Thüre zu Creſcenz's Zimmer offen; ſie und ihre Schweſter hatten ihn offenbar er⸗ wartet — ſie ſaßen am Fenſter und hatten, entweder um den Mondſchein zu genießen, oder, wie Hamilton nachher vermuthete, um ihre Geſichtszüge weniger deutlich hervortreten zu laſſen, das Licht ausgelöſcht. Hildegarde ſchob ihren Stuhl zurück, Creſcenz hing den Kopf bei ſeiner Annäherung. „Ich bringe Ihnen einen Brief,“ ſagte er zu letz⸗ terer, „der Ihnen, wie ich hoffe, Freude machen wird. Major Stultz will morgen früh herkommen, und hegt inzwiſchen die Zuverſicht, daß Sie verſuchen werden, Alles, was zwiſchen Ihnen dieſen Abend vorgefallen iſt, zu vergeſſen. Er ſieht ein, daß ſeine abgeſchmackte Eiferſucht genug war, um Sie zu allem und noch mehr als dem, was Sie geſagt haben, zu reizen, und iſt zu glauben bereit, daß Sie unter dem Einfluß äußerſter Aufregung geſprochen haben. Kurz, er iſt Ihnen auf⸗ richtig zugethan, und es wird nur Ihr Fehler ſein, ſenn morgen nicht eine vollſtändige Ausſöhnung ſtatt⸗ ndet. „Er iſt wahrſcheinlich ſehr zornig geweſen,“ ſagte Creſcenz leiſe, während ſie den Brief zwiſchen ihren Fingern drehte. „Er iſt gewiß ſehr zornig geweſen, da Sie ſo lange ausgeblieben find.“ „Ja, zuerſt; aber ich ſagte ihm, er habe kein Recht, über Sie böſe zu ſein, weil Sie zufällig von Andern geliebt würden.“ „Wirklich! Haben Sie das geſagt?“ rief Creſcenz. „Das heißt,“ bemerkte Hildegarde mit leichtem Hohn, „Sie haben genau das geſagt, was Mama Ih⸗ nen anbefohlen hat!“ Hamilton empfand den heftigſten Zorn, aber ent⸗ ſchloſſen, es Hildegarde nicht merken zu laſſen, antwor⸗ tete er ruhig, obwohl mit leicht zuſammengezogenen Augenbraunen. „Nein, mein Fräulein, — nicht genau — denn ich habe nur geſagt, was die Wahrheit war.“ Bei dieſen Worten nahm er abſichtlich, wie um ihr zu trotzen, auf einem Stuhl neben Creſcenz Platz und faßte ſie bei der Hand, während er hinzuſetzte: „ich ſagte dem Major, wie ſehr ich Sie bewunderte, wie völlig ſanft und verſöhnlich Sie ſeien, aber ich erklärte ihm auch ohne Rückhalt meine Stellung in der Welt und alle die Mühſeligkeiten, denen ein jüngerer Sohn in England ausgeſetzt iſt.“ Hamilton ſchilderte hier ziemlich ausführlich den Unterſchied zwiſchen der gleichmäßigen Vertheilung des Vermögens unter die Kinder, wie ſolche in Deutſch⸗ land gebräuchlich iſt, und den ſcheinbar ſo ungerechten Privilegien der Erſtgeburt in England — verweilte lange mit Empfindung bei den Kämpfen und Leiden eines jüngern Sohnes, der in Ueppigkeit auferzogen und dann mit allen ſeinen koſtſpieligen Gewohnheiten in vergleichungsweiſer Armuth in die Welt hinausge⸗ ſtoßen wird — der Nothwendigkeit, ſich durch ſeine Talente vorwärts zu bringen — der Unmöglichkeit einer frühen Heirath! Er ſprach lange und beredt und machte ſichtbaren Eindruck auf ſeine Zuhörerinnen. Creſcenz's Thränen fielen heiß auf den Brief, den ſie unbewußt in der Hand zerknittert hatte, ohne ihn des dg⸗ 333 werth zu halten. Hildegarde ſtützte ſich auf ein Arbeits⸗ tiſchchen: ihre Augen waren unverrückt auf Hamilton gerichtet, ihre Lippen geöffnet, und ein Ausdruck leb⸗ hafter Theilnahme über ihre ganze Geſtalt verbreitet; ſie folgte ihm mit den Angen, blieb aber unbeweglich, als er ſich erhob, ſie zu verlaſſen, und ſahe mit, wie Hamilton dachte, einem Blick unterdrückten Zornes zu, wie er Creſcenz's Hand in ſeinen beiden drückte, ſeine Wünſche für ihr Glück und ſeine Hoffnungen, daß ſie ihn fernerhin nicht mehr mißverſtehen würde, ihr zu⸗ flüſterte. Achtzehntes Kapitel. Der Kirchhof. Hamilton fand eine Art Genugthuung darin, beibe Schweſtern einige Zeit zu vermeiden, — der Gedanke daran, daß er ſich bemühte, Creſcenz von ihrer zu ſicht⸗ baren Neigung zu heilen, war beinahe erhaben und würde ihm wahrſcheinlich den jugendlichen Kopf ver⸗ dreht haben, wenn nicht Hildegarde ein Gegengewicht gebildet hätte. Ihr früherer Widerwille ſchien mit ver⸗ doppelter Kraft zurückgekehrt zu ſein. Sie ſah ihn kaum an, ſprach nie mit ihm und ſchien es nicht im Geringſten zu bemerken, daß er die Abende nicht mehr zu Hauſe zubrachte. Er hatte keine Schwierigkeit gefun⸗ den, über ſeine Zeit zu verfügen; der Einführung bei einigen deutſchen Familien folgten allgemeine Ein⸗ ladungen, von denen er anfänglich mit freudigem Eifer, bald aber mit einem Gefühl unbeſchreiblicher Lange⸗ weile Gebrauch machte. Er vermißte Hildegarde's Ge⸗ ſellſchaft und begann in Ueberlegung zu ziehen, wie er unmerklich das frühere vertraute Verhältniß wieder herſtellen könnte; aber dieß war ſchwieriger, als er 334⁴ ſich vorgeſtellt hatte, denn die Schweſtern ſchienen ein Schutz⸗ und Trutzbündniß gegen ihn geſchloſſen zu haben. Creſcenz ſang nicht mehr, wenn ſie Paſteten und Pud⸗ dings in der Küche machen lernte, und wenn er higein⸗ ſchaute, zog ſie ſich hinter den Anrichttiſch zürück. Hildegarde's Thüre war jetzt immer verſchloſſen, viel⸗ leicht, weil das Wetter kälter geworden war, aber Ha⸗ milton bildete ſich ein, es geſchehe, um ihn zu ver⸗ hindern, ſich an die Thürpfoſten zu lehnen und Acht zu geben, wie ſie ihren Brüdern Unterricht ertheilte, bis zum Eſſen gerufen wurde. Die Seltenheit und Kürze ihres gegenwärtigen Verkehrs diente nur dazu, ihm dieſelbe im Gedächtniß zu bewahren und erneuerte beſtändig ſein Bedauern über ihren letzten ſo unnöthi⸗ gen Zanf. An einem kalten, ſchönen Morgen, als er gerade das Haus verließ, um ſich verſprochenermaßen zu Zed⸗ witz zu begeben, ſah er ſie mit Creſcenz und ihrem Vater an dem Fenſter auf dem Gang ſtehen und in den Hof hinunterſchauen. Sie waren in tiefer Trauerkleidung und hielten große, mit rothen Beeren untermiſchte Epheukränze; ſie betrachteten dieſelben mit ſichtbarer Genugthuung, während ihr Vater in ſo ernſtem Tone mit ihnen ſprach, daß Hamilton's Annäherung zuerſt unbemerkt blieb und er Roſenberg ſagen hörte: „Ihr könnt Euch leicht vorſtellen, warum ich lieber allein und zu einer andern Zeit gehe. So lange als Ihr in der Schule waret, zwang mich ein Gefühl des Dan⸗ kes für die Aufmerkſamkeit meiner Frau, ſie auf den Kirchhof zu begleiten: die Aufgabe, die Kränze zu legen, geht jetzt auf Euch über, und ich wünſche, daß Ihr beide derſelben dafür dankt, wie ſie es verdient. Es wird Euch gewiß nicht ſchwer fallen, meine Bitte zu erfüllen.“ „Ich hoffe, daß nichts Unerwartetes vorgefallen iſt,“ begann Hamilton mit einem Blick auf das düſtere Ge⸗ wand der Schweſtern. 335 „Durchaus nicht,“ erwiederte Roſenberg lächelnd. „Es iſt nur Allerheiligen⸗Tag und meine Mädchen wollen Kränze auf ihrer Mutter Grab legen. Wahr⸗ ſcheinlich ſind Sie gleichfalls auf dem Weg nach dem dem Kirchhof, wie alle Welt?“ „Nein,“ ſagte Hamilton, „warum ſollte ich hin⸗ gehen 2“ „Ich weiß wirklich nicht,“ erwiederte Roſenberg, „außer daß es Sie als Fremden vielleicht intereſſiren dürfte, die geſchmückten Gräber zu ſehen.“ „Wenn es etwas zu ſehen gibt, werde ich jeden⸗ falls nach dem Kirchhof reiten, wenn mein Beſuch bei Zedwitz vorüber iſt,“ ſagte Hamilton, indem er fich niederbeugte, um den Kranz, den Hildegarde am Arm hängen hatte, zu beſehen. „Meine Frau hat dieſen Morgen Hildegarde mit bieſem Kranz und einem Bouquet prächtiger Dahlien überraſcht und ich erzähle ihnen eben, daß ihrer Mutter Jahr auf dieſelbe Weiſe geſchmückt wor⸗ en iſt.“ „Ich kenne meiner Stiefmutter Freunblichkeit voll⸗ kommen,“ ſagte Hildegarde mit einiger Verlegenheit, „und ich bedaure, wenn ich ihr je Unrecht gethan habe.“ „Das iſt recht, Hildegarde,“ ſagte ihr Vater. „Jetzt weiß ich auch, daß Du Alles ſagen wirſt, was ich wünſche — morgen können wir allein mit einander hingehen, aber heute müßt Ihr Eure Stiefmutter be⸗ gleiten.“ Hamilton befahl ſeinem Diener, ihn auf dem Kirchhof zu erwarten und ritt nach der Kaſerne. Es fiel ihm nicht ſchwer, Zedwitz zu überreden, ihn zu be⸗ gleiten, nachdem er ihm geſagt hatte, daß Hildegarde dort wäre. „Ich will zu den Lebenden gehen,“ ſagte er, „aber nicht für die Todten beten, ſofern ich nicht allein an der Wirkſamkeit meiner Gebete, ſondern auch an der Exiſtenz des Fegfeuers zweifle.“ 336 „Stille,“ ſagte Hamilton lachend, „kein guter Ka⸗ tholit ſollte ſo etwas in Zweifel ziehen. Ich hoffe, in Ihnen keinen Ungläubigen zu finden, wie in meinem Freunde Biedermann, der die Philoſophie an die Stelle der Religion geſetzt hat und davon ſpricht, daß die Seele nach ihrer Trennung vom Körper in das ewige Sein ſich auflöſe.“ „Nein,“ ſagte Zedwitz! zich bin ein guter Katholik, und glaube mehr, als viele Bekenner meiner Religion. Ich gehe alle Sonn⸗ und Feiertage zur Meſſe, und meine Mutter ſorgt dafür, daß ich meine Sünden we⸗ nigſtens einmal im Jahr beichte.“ „Dieſe Beichte muß ſehr peinlich ſein,“ bemerkte Hamilton. „Manchmal — ziemlich, erwiederte Zedwitz, in⸗ dem er ſein Pferd auf der Straße tanzen ließ. „Es iſt, als ob ganz München Trauer ange⸗ legt hätte,“ ſagte Hamilton; „dieſe Volksmenge erin⸗ nert mich an das Octoberfeſt, aber die Geſichter paſſen nicht ganz zu den Gewändern. Iſt es nicht nöthig, bei ſolcher Veranlaſſung ein wenig betrübt auszuſehen 1 „Wie können Sie ſo unvernünftig ſein!“ rief Zedwitz. „Viele von dieſen Perſonen beſuchen die Gräber von Verwandten, die ſchon ſeit einem Dutzend Jahren todt ſind! Ich meines Theils finde etwas Achtungs⸗, beinahe Preiswürdiges darin, einen Tag im Jahr dem Andenken an die Todten zu weihen, ſelbſt wenn er ohne Thränen hingebracht wird.“ „Ich ſtimme Ihnen völlig bei,“ ſagte Hamilton, „und die Idee, für ihre Seelen zu beten, iſt äußerſt poetiſch. Wäre ich Katholif, dieß würde eine von den Lehren ſein, an die ich unverbrüchlich glaubte. Aber,“ fuhr er nach einer langen Pauſe fort, „es ſcheint ſonderbar, daß der Allerheiligen⸗Tag ſtatt des Aller⸗ ſeelen⸗Tags gewählt worden iſt — können Sie mir ſagen, warum?“ 337 „Nein,“ erwiederte Zedwitz, „da müſſen Sie Je⸗ mand fragen, der von ſolchen Gegenſtänden mehr ver⸗ ſteht, als ich; Alles, was ich weiß, iſt, daß dieſer Gebrauch ſelbſt von einem der Päpſte vor etwa zwölf⸗ hundert Jahren eingeführt worden iſt.“ „Aber ich hätte mir gedacht, daß, da Keiner von den Verwandten dieſer Leute hier ein Heiliger geweſen iſt, der morgende Allerſeelen⸗Tag beſſer dazu gewählt worden wäre.“ „Sehr möglich,“ antwortete Zedwitz lachend. „Ich habe nie daran gedacht; aber wahrſcheinlich iſt der erſte November das, was Sie in England den faſhionabel⸗ ſten Tag nennen würden. Fragen Sie meine Mutter, ſobald Sie dieſelbe ſehen, und ſie wird Ihnen Alles darüber ſagen. Beiläufig, wann gedenken Sie uns zu beſuchen?“ „Sobald ich ein zweites Pferd und einen Schlit⸗ ten habe. Der Gedanke an das Schlittenfahren macht mir ſo viel Freude, daß ich von ganzem Herzen wünſche, es würde ſchon morgen ſchneien, aber da ſind wir, und ich hoffe, daß Hildegarde ſich für Sie als Magnet be⸗ währen wird, ſonſt würden wir ſie unter dieſem Volke kaum finden.“ Die Menge war ungeheuer, und ſie kamen nur langſam durch, aber Hamilton intereſſirte die Neuheit der Scene; die Augen ſeines Begleiters wanderten über die verſchiedenen Gruppen der ſich bewegenden dunkeln Figuren hin, die ſich gelegentlich bückten, um die Grä⸗ ber abgeſchiedener Freunde mit dem zu dieſem Zweck aufgeſtellten Weihwaſſer zu beſprengen. Hamilton be⸗ ſchäftigte ſich mit den Grabſteinen und Kreuzen, die verſchieden und geſchmackvoll mit Kränzen, Guirlanden, Blumenbouquets und farbigen Lampen verziert waren ſelbſt die Gräber der Aermſten waren mit Holz⸗ kohle beſtreut und mit rothen Beeren und Moos ge⸗ ſchmückt, während weinende Gruppen die friſchen Grä⸗ Die Anfangsbuchſtaben. 1. 22 338 ber umringten und damit einem religiöſen Brauche, . den man Hamilton als unnöthig zu betrachten gelehrt hatte, einen Schein erhöhter Feierlichkeit gaben. Der Verſuch, die Roſenbergs oder vielmehr Hilde⸗ garde unter der hin⸗ und hertreibenden Menge zu fin⸗ den, war lange fruchtlos und hätte vielleicht gar keinen Erfolg gehabt, wären ſie nicht den Hoffmanns und Raymund begegnet, die ſie ſogleich zum Gegenſtand ihrer Nachforſchungen führten. Madame Roſenberg machte gerade Anſtalt, ſich zu entfernen, und hielt in der Hand ein in Waſſer ge⸗ tauchtes bürſtenartiges Ding (Weihwedel), mit dem ſie das Grab beſpritzte. Hildegarde und Creſcenz folg⸗ ten ihrem Beiſpiel, ehe ſie mit Zedwitz oder Hamilton ſprachen; aber ſobald ſie daſſelbe weggelegt hatten, be⸗ gannen die beiden Knaben, als ſie ſich unbewacht ſahen, ſich ſo laut um denſelben zu ſtreiten, daß ihre Mutter, als ſie deren unehrerbietiges Betragen wahrnahm, den Gegenſtand des Streites ergriff, jedem einen Puff verſetzte und ſie vor ſich herſchob, indem ſie ausrief, „ich hätte Euch zu Hauſe laſſen ſollen, Ihr unartigen Kinder; Ihr habt nicht aufgehört, mich zu plagen, ſeitdem wir vom Haufe weg ſind. Denken Sie ſich nur,“ ſetzte ſie gegen Hamilton hinzu, „Guſtel war weimal daran, überfahren zu werden, und Peppi ſiel jn oft, daß Major Stultz ihn zuletzt tragen mußte!“ Zedwitz und Raymund hatten ſich ſogleich Hilde⸗ garde angeſchloſſen. Raymund's Geſicht, das von einem ſchrecklichen Gähnen verzerrt war, als ſie auf ihn ge⸗ ſtoßen waren, zeigte jetzt ein ſtrahlendes Lächeln, und augenſcheinlich verſuchte er, ſeine Coufine für ſich allein in Beſchlag zu nehmen. Dieſe ſchien jedoch nicht ſon⸗ derlich geneigt, auf ihn zu hören, und widmete ihre Aufmerſamkeit faſt ausſchließlich Zedwitz. Endlich ge⸗ ſellte er ſich wieder zu ſeiner Braut, indem er laut ge⸗ nug, daß es Hamilton hören konnte, bemerkte: „Hilde⸗ garde weiß, woran ſie iſt, wenn Zedwitz ſich in der 339 Nähe befindet. Sie hat weder Wort noch Blick für ihren armen Coufin.“ „Sie bekommen jeden Abend, wenn ſie bei uns iſt, Worte und Blicke genug von ihr,“ bemerkte Frau von Hoffmann mit einiger Bitterkeit. Hamilton ſah ſich um und gewahrte, wie Fräu⸗ lein von Hoffmann ihrer Mutter einen vorwurfsvollen Blick zuwarf und Raymund in Verwirrung gerieth. die Worte „jeden Abend“ tönten widrig in ſeinem Ohr, aber ehe er noch die unangenehmen Vorſtellungen, die ſich damit ſeines Geiſtes bemächtigten, zurechtlegen konnte, hatten ſie das Kirchhofthor erreicht, und Zed⸗ witz kam herbei und flüſterte ihm eilig zu, „ich möchte um keinen Preis dieſen Gang nach Hauſe verlieren. Ihr Rath bezüglich Hildegarde's war vortrefflich und ich bin entſchloſſen, ihm zu folgen. Bitte, laſſen Sie Ihren Reitknecht für mein Pferd ſorgen.“ „Mein Rath!“ wiederholte Hamilton mit erzwun⸗ genem Lächeln; aber ſchon war Zedwitz fort und die Menge hatte ſich bereits zwiſchen ihnen geſchloſſen. Hamilton murmelte ſeinem Diener einige Befehle zu und ſprang dann auf ſein Pferd. — Das Thier, immer ſtetiſch, fühlte kaum dieſen ungeſtümen Sprung, als es heftig ausſchlug und, da es nun zornig in den Zügel genommen wurde, das Gleichgewicht verlor, ſo daß es ſich überſtürzte und zum Schrecken aller Um⸗ ſtehenden über ſeinem Reiter ſich wälzte. Neunzehntes Kapitel. Deutſche Fleiſchbrühe. Hamilton wurde beſtnnungslos aufgehoben. Zed⸗ witz ſtürzte zu ſeinem Beiſtand herbei. Madame Roſen⸗ berg konnte von ihren Kindern nicht war genöthigt, ſie feſt an der Hand zu halten. Major Stultz verſuchte mit halb beleidigter Miene, Creſcenz zu beruhigen, deren Geſchrei in einer Thränenfluth unterging. Rahmund ſetzte kaltblütig Fräulein von Hoff⸗ mann auseinander, daß Hamilton von der Bösartigkeit des Pferdes bei dem Kaufe gewußt, aber ſich für einen zu guten Reiter gehalten habe, um abgeworfen zu wer⸗ den. Hildegarde erhielt von einem Fremden ein Fläſch⸗ chen mit Kölniſch Waſſer und war bald an Zedwitz's Seite bem üht, Hamilton in's Bewußtſein zurückzurufen. Er öffnete bald die Augen, ſchaute rund um ſich und be⸗ gann, als Zedwitz ihn fragte, ob er verletzt ſei, unzu⸗ ſammenhängend Engliſch zu ſprechen. „Wir müſſen einen Wagen bekommen und ihn ſo ſchnell als möglich nach Hauſe bringen,“ ſagte Zedwitz: „er ſcheint ernſtlicher verletzt zu ſein, als ich mir nach der kleinen Verwundung an den Schläfen dachte.“ „Ei, das iſt doch ſchrecklich!“ rief Madame Roſen⸗ berg, „und es iſt keine Seele zu Hauſe, denn ich habe Walburg auszugehen erlaubt. Hier iſt der Thürſchlüſ⸗ ſel — aber was kann ich mit den Kindern thun?“ „Laſſen Sie mich dieſelben in Aufſicht nehmen,“ ſagte Frau von Hoffmann. Ich bin Ihnen für dieſes Anerbieten ſo verbun⸗ den, als ob ich es annehmen könnte, aber zum Un⸗ glück ſind ſie ſo ungezogen, daß ich ſie ebenſo wenig bei Ihnen, als bei ihren Schweſtern und dem Major laſſen fann. Es läßt ſich nicht anders machen, Hildegarde, Du mußt mitfahren und den alten Hans ſogleich zu Doctor Berger ſchicken.“ „Darf ich nicht auch mitgehen?“ fragte Creſcenz ſchüchtern, „ich bin ſo müde!“ „O natürlich,“ erwiederte ihre Mutter ironiſch; ein neuer Ausbruch Deines Geſchreis würde Herrn Hamilton ſehr gut thun. Hier, Hildegarde, nimm den Schlüſſel und mach, daß Du fort kommſt.“ Auf dem Heimweg war nur Hanilton geſprächig. 34¹ Er redete unaufhörlich engliſch, bald nur murmelnd, bald heftig. Hildegarde erröthete tief und ſchien un⸗ gewöhnlich verlegen, was Zedwitz zu ſeinem Vortheil auslegte, da er gar nicht ahnte, vaß ſie die Phanta⸗ ſieen Hamilton's verſtand, der bereits viel von dem, was er ſo ſehr vor ihr verhehlt wünſchte, enthüllt hatte. Sein letzter Gedanke vor ſeinem Sturze war ſie geweſen, ſeine letzte Empfindung Aerger ihretwegen, und er ſchüttete jetzt Beides ohne Rückhalt mit wil⸗ der Geläufigkeit aus. „Ich glaube, wir würden am beſten thun, ihm ein Taſchentuch um die Stirne zu binden,“ fagte endlich Hildegarde. „Dieſe Bewegung des Wagens hat das Blut zum Fließen gebracht.“ „Ich hätte daran denken ſollen,“ ſagte Zedwitz, ihr beiſtehend, „er ſcheint uns Beide nicht zu kennen und hält Sie offenbar für eine andere Perſon. Wer iſt dieſe Helene, von der er jetzt ſpricht?“ „Wahrſcheinlich Jemand in England.“ „Der arme Burſche! er bildet ſich wahrſcheinlich ein, er ſei zu Hauſe. Es iſt mir ſehr lieb, wahr⸗ zunehmen, daß er allmälig erſchöpft wird. Es liegt etwas Schreckliches in dieſem Phantaſiren, beſonders wenn man nichts davon verſteht.“ „Glauben Sie, daß Gefahr zu befürchten iſt?“ fragte Hildegarde ruhig. „Ich hoffe nicht — aber ſein Gehirn muß irgend wie afficirt ſein, ſonſt würde er nicht ſo, wie bisher, geſchwatzt haben.“ Sobald ſie zu Hauſe ankamen, wurde nach Doctor Berger geſchickt, der in Begleitung von Biedermann kam. Der Letztere erklärte ſogleich ſeinen Entſchluß, ju bleiben und ſeinen Freund zu pflegen. Hamilton ſah forſchend von Einem zum Andern, als ſie in's Zimmer traten und ſagte dann ſchnell deutſch: „Ich kenne Sie.“ „Das freut mich, zu hören,“ ſagte der Doctor, 342 indem er ſeine Brille zurechtſetzte und zu Biedermann gewendet, flüſterte: „man iſt, wie es ſcheint, unnöthig beſorgt geweſen.“ „Ja, ich kenne Sie. Sie ſind der häßliche, alte Doctor mit dem vorſpringenden Kinn, der Creſcenz heirathete, nachdem ſie zu Seon im Mondſchein ſpa⸗ zieren gegangen waren.“ Der Doctor ſchüttelte den Kopf und wendete ſich zu Zedwitz, um von ihm Aufklärung über den Un⸗ fall zu erhalten. Dieſe war ſchnell gegeben und er und Hildegarde warteten mit ſichtbarer Aengſtlichkeit, bis der Dockor ſeine Meinung äußerte. Sie fiel nicht ſo günſtig aus, als ſie erwartet hatten. — Kräftige Heilmittet waren nothwendig, und es vergingen vier⸗ zehn Tage, ehe Hamilton fuͤr ganz außer Gefahr er⸗ klärt wurde. Während dieſer Zeit konnte nichts der Aufmerkſamkeit gleich kommen, die ihm von der Roſen⸗ berg'ſchen Familie und ſeinem Freunde Biedermann, der jede Nacht auf dem Sopha in ſeinem Zimmer zu⸗ brachte, zu Theil wurde. Auch Zedwitz blieb täglich mehrere Stunden bei ihm — doch waren vielleicht des Letzteren Beſuche nicht ganz uneigennützig, denn er traf oft Hildegarde, welche die Aufgabe hatte, ihn zu unterhalten, da er weder ſich vorleſen laſſen, noch ſelbſt leſen durfte. Sobald er für reconvalescent erklärt wurde, be⸗ kam er täglich eine ganze Reihe von Beſuchen, nicht nur von ſeinen eigenen Bekannten, ſondern von Jeder⸗ mann, der ihn bei den Roſenbergs geſehen hatte. Er fühlte ſich zu Zeiten dadurch vielleicht ebenſo gelang⸗ weilt als verpflichtet, und erinnerte ſich gelegentlich mit Bedauern an die gefahrvollere Periode ſeiner Krank⸗ heit, da Hildegarde allein in ſeinem verdunkelten Zim⸗ mer ſaß und Creſcenz leiſe alle Viertelſtunden die Thüre öffnete, um zu fragen, ob es mit ihm nicht beſ⸗ ſer wäre, — da ihre Mutter auf Major Stultz's An⸗ zrieb ihr ſtrenge verboten hafte, ſein Zimmer zu be⸗ 3⁴3 treten. Selbſt der geräuſchvollen Beſuche der Madame Roſenberg, die unwandelbar darauf beſtand, ihm das Bett ſelbſt zu machen und alle ſeine Kiſſen glatt zu ſtreichen, gedachte er mit Vergnügen und wunderte ſich über die Ungeduld, mit der er dieſe wohlgemeinten Dienſte aufgenommen hatte, indem er ſich einſt ſo weit vergaß, um ihr in ſehr correctem Deutſch zu wünſchen, der Teufel möchte in höchſt eigener Perſon kommen und ihn von ihrer Gegenwart befreien, — ein Wort, das ihr über den Zuſtand ſeines Gehirns ſolche Be⸗ ſuſttiß einflößte, daß ſie ſogleich nach dem Doctor ickte. Die Periode der Geneſung war jedoch auch nicht ohne ihre Freuden, und Hamilton wußte ſie zu ſchätzen. Hildegarde mußte ihm vorleſen oder mit ihm ſchwatzen, ſo oft er wollte; es war ihr verboten worden, ihm zu widerſprechen, oder mit ihm zu zanken, und als er eines Tags ſich über kalte Hände beklagte, hatte ſie Befehl erhalten, ihm Muffchen zu ſtricken und dieß auch mit anſcheinendem Vergnügen gethan — dann auch Schach ſpielen gelernt, um Biedermann's Stelle, wenn er nicht kommen konnte, einzunehmen und ſich matt machen zu laſſen, ſo oft es Hamilton beliebte, ohne außer Faſſung gerathen zu dürfen. Er war zudem unmerklich thranniſch geworden — ſchalt ſie, wenn ſie zu lange beim Spaziergang aus⸗ blieb — weigerte ſich, ſein Eſſen zu ſich zu nehmen, wenn ſie es ihm nicht brachte, und beſtand darauf, daß die ganze Familie den Abend auf ſeinem Zimmer zu⸗ brachte, indem dieß das wirkſamſte Mittel war, daß ſie nicht zu den Hoffmanns gehen konnte. Zu Hamilton's ſtandhaften Beſuchern gehörte Ma⸗ dame Berger, und ſie war immer willkommen, denn ſie beluſtigte ihn. „Ich möchte nur wiſſen,“ ſagte ſie eines Tags, indem ſie ſich neben ihn auf den Sopha ſetzte, „wie lange Sie noch den Kranken ſpielen wollen. Es iſt 34⁴ erſtaunlich, wie niedergeſchlagen, faſt kleinmüthig ihr Männer werdet, wenn ihr im Mindeſten unwohl ſeid! Ich verliere alle Geduld, wenn ich den Doctor fünf⸗ zigmal des Tags an den Puls greifen ſehe und ein halb Dutzendmal bei ſeinen guten Freunden ſich Raths erholen höre, ſo oft ſein Herz ein wenig ſchneller als gewöhnlich ſchlägt — während ich mein Lebenlang Herzklopfen habe und nie daran denke, mich zu be⸗ klagen oder mir einzubilden, daß ich an einer Herz⸗ krankheit leide! Mein Vater war noch ſchlimmer, als der Doctor; wenn er nur Schnupfen am Kopfe hatte, ſetzte er augenblicklich eine ſchwarzſeidene Nachtmütze mit einer herabhängenden Troddel auf, hüllte ſich in ſeinen Schlafrock und wanderte im Hauſe herum, um alle möglichen Dinge zu entdecken, die weder für ſein Auge, noch Ohr beſtimmt waren, und an Allem und Jedem, was ihm in den Weg kam, Fehler zu entdecken, obwohl er ſonſt der gutmüthigſte Mann war, den man ſich denken konnte. Er hatte in ſolchen Fällen auch die Gewohnheit, alle halbe Stunden einen Teller Suppe zu eſſen, und bildete ſich dann ein, daß es die Krankheit ſei, die ihm den Appetit zum Mittageſſen benahm.“ Hamilton lachte, und in demſelben Augenblicke trat Hildegarde in's Zimmer, mit einer Plakte, auf der eine Poreellanſchüſſel mit doppelter Handhabe ſtand, deren Inhalt trotz des Deckels einen ſehr angenehmen Duft verbreitete. Die kleinen geröſteten Brodſchnitten auf der Platte daneben ſchienen beſtimmt, jeden Zwei⸗ fel, der ſich darüber, daß es eine Krankenſuppe ſei, erheben konnte, zu beſeitigen. Sie ſtellte ſie auf den Tiſch vor ihn, nahm den Deckel ab und ſtand wartend daneben, als er zuerſt mit dem Löffel ſpielte und dann mit widerwilligem Geſicht die Suppe koſtete. „Sie haben ſie nicht ſelbſt für mich gemacht,“ ſagte er, unzufrieden aufſchauend. „Nein,“ erwiederte ſie, „ich — ich hörte Papas Stimme und bat Walburg —“ „Das wußte ich,“ rief Hamilton verdrießlich. „Wal⸗ burg vergißt immer das Salz. Koſten Sie nur ſelbſt und Sie werden ſich überzeugen, daß ich dieſelbe in gegenwärtigen Zuſtande nicht hinunterbringen ann.“ „Laſſen Sie mich verſuchen,“ rief Madame Ber⸗ ger, „ich bin eine vortreffliche Suppenkennerin, habe Kochen und Alles dergleichen gelernt. Laſſen Sie ſehen,“ ſagte ſie, gerade ſo, wie vorher Hamilton, mit dem Löffel ſpielend: „Laſſen Sie ſehen, der Geruch iſt ausge⸗ zeichnet, aber der Geſchmack? — Hm! vielleicht dürfte ein weuig Salz mehr daran ſein, aber — aber ſie iſt doch zum Genießen; nach einigen Löffeln voll bemerkte man das Fehlende kaum, — und“ fuhr ſie fort, indem ſie den Teller zu dem Mund erhob, „wenn man fie raſch hinunterſchluckt, thut ſie bei dieſem kalten Nach⸗ mittag wirklich gut.“ Hamilton lachte; Hildegarde wurde zornig. „Du magſt dieß für einen guten Witz halten, Lina,“ rief ſie, „aber ich finde es ſehr, ſehr imper⸗ tinent.“ „Nun werde nur nicht gleich wieder ſo zornig, meine Liebe, wegen eines elenden Tellers Suppe,“ ſagte Madame Berger mit malitiöſem Lachen, „es iſt wahr⸗ haftig nicht der Mühe werth. Geh' nur in die Küche und bring' eine andere, und ich verſpreche Dir, ſie nicht anzuſehen.“ „Aber es iſt keine mehr da.“ „Ah bah! als ob ich nicht wüßte, daß zum Abend⸗ eſſen Brühe bei Seite gethan worden iſt.“ „Aber keine wie dieſe,“ rief Hildegarde treuherzig; „Mama und Creſcenz haben ſie zuſammen hergerichtet und ich durfte ſie nicht anrühren, aus Furcht, ſie möchte dadurch verdorben werden.“ 346 „Die müſſen eine eigene Meinung von ihrer Koch⸗ kunſt haben,“ bemerkte Madame Berger gegen Hamilton. „Macht nichts,“ ſagte er lachend; „ich verdiene keine andere, weil ich mich ſo ſchwer befriedigen laſſe.“ „Ich kann Ihnen eine Taſſe Bouillon bringen, das iſt beſſer, als Nichts,“ ſagte Hildegarde, indem ſie das Zimmer verließ. „Eine höchſt beſorgte Krankenwärterin,“ rief Ma⸗ dame Berger mit ironiſchem Lächeln. „Höchſt unermüdet — höchſt freundlich,“ rief Ha⸗ milton warm. * „Und höchſt thranniſch,“ ſetzte Madame Berger hinzu. 1,36 habe ſie nicht ſo gefunden.“ „Vielleicht weil Sie ihr nie widerſprochen haben. Was würden Sie zum Beiſpiel bekommen, wenn Sie die Taſſe Bouillon, die ſie Ihnen holt, ausſchlagen wollten?“ „Das würde undankbar — faſt roh ſein,“ bemerkte Hamilton. „Sie wird ſchlecht genug ſein, um Ihnen eine Ausrede an die Hand zu geben, und ich verſpreche Ih⸗ nen meinen Beiſtand, ihrem Zorn zu trotzen,“ ſagte Madame Berger lachend. Hamilton ſchüttelte den Kopf und ſah etwas ver⸗ legen aus. „Sagen Sie die Wahrheit und geſtehen Sie auf einmal, daß Sie es nicht wagen. Sie ſchulmeiſtert Sie, wie ſie es mit ihrer Schweſter Creſcenz macht, Alles in Güte, aber es gibt keine vollſtändigere Knecht⸗ ſchaft. Wie will ich mich freuen, wenn ich Sie das brühend heiße Waſſer, mit dem Namen Bouillon be⸗ ehrt, verſchlucken ſehe. Wahrſcheinlich wird dießmal Salz genug daran ſein.“ 7 „Wie boshaft Sie ſind,“ rief Hamilton, „ich glaube, Sie wollen uns bloß zu Ihrer linterhaltung in Zank 347 bringen, nachdem wir drei Wochen lang die beſten Freunde von der Welt geweſen ſind.“ „Sie ſtehen beſſer, denn als Freunde, wenn Sie es nicht wagen dürfen, eine Taſſe ſchlechter Brühe aus⸗ zuſchlagen.“ Hamilton war im Begriff, zu antworten, als Hans die Thüre öffnete, um den Grafen Zedwitz einzulaſſen. „Sie haben heute geſchwänzt, Zedwitz,“ ſagte Ha⸗ milton, ihm die Hand entgegenſtreckend, „ich erwarte Sie ſeit einer Stunde.“ „Ich bin auf dem See im engliſchen Garten Schlitt⸗ ſchuh gelaufen; es iſt famos kalt geweſen dieſe Nacht, und —“ „Schlittſchuh gelaufen! He, Hans, ſieh ſogleich nach meinen Schlittſchuhen; nichts macht mir größere Freude, als das Schlittſchuhlaufen. Wir wollen mit einander ausgehen.“ „Aber,“ ſagte Zedwitz zaudernd, „iſt es rathſam, ſo ſpät auszugehen? Bedenken Sie, daß Sie über drei Wochen in's Haus geſprochen waren. Was wird der Doctor ſagen?“ „Zum Henker mit dem Doctor,“ rief Hamilton aufſtehend. „Ich bin Ihnen unendlich verbunden,“ ſagte ſeine Frau mit angenommener Gereiztheit. „Zur Vorſicht und um keine Zeit zu verlieren, wollen wir eine Miethkutſche nach dem See nehmen,“ ſagte Hamilton. „Wollen Sie mit uns kommen,“ ſetzte er cavalier⸗ mäßig gegen Madame Berger hinzu. „Ich habe nichts dagegen, vorausgeſetzt, daß Sie mich auf dem Rückwege zu Hauſe abſetzen.“ „Zugeſtanden,“ rief Hamilton, indem er in ſein Schlafzimmer trat, um ſich, ſo viel nöthig, umzukleiden. Madame Berger ſtellte ſich vor einen großen Spie⸗ gel, um ihren Hut zurechtzuſetzen, Zedwitz blätterte in einem neuen Buche und Hamilton trat eben wie⸗ 348 der in's Zimmer, als Hildegarde mit einem andern Schüſſelchen Suppe erſchien; ſie war aber über das Ausſehen des Letztern ſo erſtaunt, daß ſie mitten im Zimmer ſtehen blieb und, ohne zu ſprechen, fragend von Einem zum Andern blickte. „Herr Hamilton will ausfahren,“ begann Ma⸗ dame Berger, welche fürchtete, Hildegarde möchte ihn von ſeinem Vorſatze abzubringen verſuchen. „Ich will mit Zedlitz im Engliſchen Garten Schlitt⸗ ſchuh laufen,“ ſagte Hamilton. „Vielleicht gehſt Du mit uns, Hildegarde; ich kann dabei die Ehrenhüterin machen,“ ſagte Ma⸗ dame Berger. Hildegarde würdigte ſie keiner Antwort, ſondern wendete ſich zu Zedwitz und ſagte vorwurfsvoll: „Das iſt keine Stunde, um einen Geneſenden in Verſuchung zu führen, zum erſten Mal auszugehen.“ „Ich verſichere Sie, ich habe ihn nicht dazu ver⸗ ſucht,“ erwiederte Zedwitz. „Ich erwähnte nur, ich ſeie Schlittſchuh gelaufen, um mich wegen meines ſpä⸗ ten Kommens zu entſchuldigen.“ „Sie denken doch gewiß nicht daran, an einem ſo kalten Tage auszugehen,“ ſagte ſie zu Hamilton. „Das Wetter,“ bemerkte Madame Berger, „wird wahrſcheinlich um dieſe Jahreszeit nicht wärmer, und ich ſetze voraus, daß er doch einmal das Haus ver⸗ laſſen muß.“ „Ich bin wirklich nicht mehr krank,“ ſagte Hamil⸗ ton, „und die Luft, wenn auch kalt, wird mir gut thun.“ „Aber trinken Sie wenigſtens, ehe Sie gehen, dieſe Bonillon,“ ſagte Hildegarde, zu ihm tretend. „Wie in aller Welt kannſt Du erwarten, daß Hamilton ein ſolches Gebräu verſchlucken wird!“ rief Madame Berger, indem ſie bei dieſen Worten den Deckel aufhob. Hildegarde ſtieß zornig ihre Hand zurück. 349 „Der Wagen iſt vor der Thüre,“ meldete Hans. „Kommen Sie,“ rief Madame Berger lachend, „Sie haben jetzt keine Zeit, dieſes heiße Waſſer zu trinken, und wenn Sie ſich nicht beeilen, muß ich es ablehnen, mitzugehen, um Ihre Geſchicklichkeit im Schlittſchuhlaufen zu bewundern, denn es wird für mich zu ſpät. Haben Sie Muth?“ fragte Sie mit einem Blick des Einverſtändniſſes auf Hamilton. Hildegarde hatte bemerkt, daß er das Trinken der Bouillon zu vermeiden wünſchte, ſie darum auf den Tiſch geſtellt und ſtand jetzt, ſcheinbar ruhig, am Ofen; aber ein leichtes Zuſammenziehen der Augenbrauen und das außerordentliche Feuer ihrer Augen, während ſie den Bewegungen der Sprechenden folgten, verrie⸗ then den Zorn, mit dem ſie im Kampfe begriffen war. „Ich bemerke, daß Sie ungehalten ſind,“ ſagte Zedwitz, als er im Begriff war, das Zimmer zu ver⸗ laſſen; „aber,“ ſetzte er ſchnell hinzu, indem das Blut ihm in die Schläfe ſtieg, „Sie brauchen ſich wegen Ihres Patienten nicht zu beunruhigen, ich bringe Ihnen den⸗ ſelben ſo ſchnell als möglich zurück.“ „Sie irren ſich in der Urſache meines Unmuths,“ ſagte Hildegarde mit erzwungenem Lächeln, „ich bin über mich ſelbſt böſe, daß ich ſo thöricht war, dieſe Fleiſchbrühe zu bereiten.“ „Sie müſſen dießmal Hamilton entſchuldigen. Madame Berger iſt eine ſo ungeduldige kleine Per⸗ ſon!“ ſagte Zedwitz, die Thüre ſchließend. Inzwiſchen war Hamilton beinahe ſchon die Treppe erunter. „Ich kann Ihnen ſagen,“ erklärte Madame Ber⸗ ger, „Hildegarde hat einen haushohen Zorn. Sahen Sie nicht, wie Ihre Augen blitzten und ihre Lippen blau wurden? Es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie Augenblick buchſtäblich in Ihrem Zimmer herum⸗ anzte!“ * 350 „Ich möchte ſie ſehen,“ ſagte Hamilton, plötzlich Halt machend. „Aber wenn Sie wieder umkehren, werden Sie die Brühe zum Sühnopfer ſchlucken müſſen,“ ſagte Madame Berger. „Meinen Sie? Zedwitz, wollen Sie Madame Ber⸗ ger in den Wagen helfen — ich muß zu Hildegarde zurück, verſpreche aber, Sie nicht länger als eine Mi⸗ nute aufzuhalten.“ Mit dieſen Worten eilte er die Treppe hinauf, trat ohne Geräuſch mit Hülfe ſeines Hauptſchlüſſels ein und war, indem er durch ſein Schlafzimmer ging, im Stande, ſich von der theilweiſen Wahrheit deſſen, was Madame Berger behauptet hatte, zu überzeugen. Hildegarde ging mit gerötheten Wangen im Zim⸗ mer auf und ab, ſprach zornig und ſtieß Alles, was ihr in den Weg kam, zurück. „Was für eine Närrin — was für eine köſtliche Närrin bin ich geweſen, — daß ich mit eigener Hand Feuer angemacht habe, ihm dieſe Brühe zu wärmen!“ Dabei gab ſie dem Tiſchfuß einen Tritt, daß die Teller und Löffel darauf klirrten. „Wenn ich ihm je wieder eine Brühe wärme, ſo hoffe ich — ja, ſo hoffe ich, mir den Arm ebenſo zu verbrennen, wie es dießmal geſchehen iſt.“ Sie ſtreifte den Aermel zurück und blickte mit ge⸗ runzelter Stirne auf das verletzte Glied, das in der That ganz roth und mit Blaſen bedeckt war. Während ſie damit beſchäftigt war, mit ihrem Taſchentuch die langen Streifen Ruß, die noch für den Urſprung des Mißgeſchickes Zeugniß ablegten, zu entfernen, kam Ha⸗ milton herein, ergriff, kaum deſſen, was er that, ſich bewußt, ihre Hand und hielt fie feſt, während er die Fleiſchbrühe ſo ſchnell als möglich hinabſchluckte. Sie war, wie Madame Berger geſagt hatte, ſehr heiß, und als er die Schale wieder auf den Teller ſetzte, 351 ſtanden wirklich von dem nebermaß ſeiner Anſtren⸗ gungen ihm die Thränen in den Augen. „Ich fühle mich jetzt ganz erwärmt,“ ſagte er zu Hildegarde, die in großer Verwirrung neben ihm ſtand, da ſie beſorgte, daß ſie gehört worden ſei, und ſich, wie gewöhnlich, nun, da es vorüber war, ihrer Hef⸗ tigkeit ſchämte. Sie hatte ihren Arm bedeckt und ver⸗ ſuchte, ihre Hand los zu machen, als er hinzufügte: „Sie hatten ganz Recht, wenn Sie ſagten, es wäre heute zu ſpät zum Schlittſchuhlaufen. Ich werde blos zum Anfang eine halbe Stunde ausfahren. Das iſt ein Opfer, das ich Ihrer beſſern Ueberlegung bringe.“ Hildegarde blickte auf, ihre Lippen waren nicht mehr blau, und ihre Augen hatten wieder die gewöhn⸗ liche klare Heiterkeit gewonnen. „Morgen,“ bemerkte ſie mit angenſcheinlicher Zu⸗ friedenheit, „morgen können Sie ſogleich nach dem Mittageſſen ausgehen wenn die Sonne ſcheint.“ „Ganz recht. Bitte, vergeſſen Sie nicht, ein we⸗ nig Sonnenſchein für mich zu beſtellen,“ rief er la⸗ chend, als er aus dem Zimmer eilte. „Wo iſt mein kleiner Quälgeiſt?“ fragte er, da er bemerkte, daß der Wagen leer war. „Wie konnten Sie glauben, daß dieſelbe auf Sie warten werde?“ fragte Zedwitz ernſt. „Sie iſt ſo klug geweſen, nach Haus zu gehen.“ „Das freut mich,“ rief Hamilton, munter in den Wagen ſpringend, „das freut mich ſehr.“ „Es iſt verdammt kalt,“ ſagte Zedwitz und zog ungeduldig ſeinen Mantel über die Schultern. „Ich muß geſtehen, Ihre Minute hat lange gedauert.“ „Ei, mein lieber Junge, in Betracht, daß ich all das heiße Waſſer zu trinken und Hildegarde wieder in gute Laune zu verſetzen hatte, glaube ich nicht viel Zeit gebraucht zu haben.“ Zedwitz ſah ſchweigend aus dem Fenſter. Hamil⸗ ton lehnte ſich zurück und gab ſich Reflerionen nicht unangenehmer Art hin⸗ „Halt!“ rief Zedwitz, „wir ſind am See.“ „Laſſen Sie uns weiter fahren! Ich gedenke heute nicht Schlittſchuh zu laufen,“ ſagte Hamilton. „Sie wollen nicht Schlittſchuh laufen?“ rief Zed⸗ witz. „Nein; ich habe Hildegarde verſproch blos in die freie Luft zu fahren.“ „Warum haben Sie mir das nicht früher geſagt?“ „Weil ich fürchtete, Ihrer angenehmen Geſellſchaft beraubt zu werden.“ „Halt!“ rief Zedwitz heftig und der Wagen hielt. „Ich kann Ihnen ſagen,“ ſetzte er hinzu und gab der Thüre einen Stoß, um Hans beim Oeffnen der⸗ ſelben zu unterſtützen, „ich kann Ihnen ſagen, daß Sie eben einen ungeheuren Beweis meiner Freund⸗ ſchaft erhalten haben, denn, wenn es etwas gibt, was ich auf dieſer Welt ganz beſonders verabſcheue, ſo iſt es in einer Maſchine, wie dieſe, herumzufahren. Ich e eingewurzelte Antipathie gegen eine Mieth⸗ utſche.“ „Ich verſtehe und theile im Allgemeinen Ihre Gefühle über dieſen Gegenſtand,“ antwortete Hamil⸗ ton, von ſeiner Heftigkeit beluſtigt; „aber wenn man drei bis vier Wochen auf ſein Zimmer geſperrt gewe⸗ ſen iſt, hat die Luft, auch wenn man ſie nur durch die Fenſter einer Miethkutſche genießt, etwas Angenehmes und Erfriſchendes. Kommen Sie, Sie können ebenſo gut mit mir zurückfahren.“ „Bedaure, ich bin unabänderlich verſagt,“ begann Zedwitz, der jetzt auf der Straße ſtand und auf den gefrornen Boden ſtampfte, als wenn er den Krampf in den Füßen hätte. „Sie vergeſſen, daß Sie mit mir Schlittſchuh laufen wollten,“ rief Hamilton lachend, indem er aus dem Wagen ſprang, Zedwitz am Arm nahm und ſchnell — 3⁵3 mit ihm weiter ging, während keiner von Beiben meh⸗ rere Minuten lang ein Wort ſprach. „Sind Sie eiferſüchtig?“ fragte Hamilton enblich. „Sie wiſſen am beſten, ob ich Grund dazu habe oder nicht.“ „Sie haben keinen Grund, obwohl ich bebaure, geſtehen zu müſſen, daß ich ebenfalls anfange, Hilde⸗ garde ganz unwiderſtehlich zu finden, aber ſie bekümmert ſich nicht im mindeſten um mich, und ſelbſt wenn es anders wäre, würde meine Lage hoffnungsloſer, als die Ihrige ſein. Ihre Eltern würden wenigſtens ge⸗ ruhen, einen ſchmeichelhaften Widerſtand eintreten zu laſſen, der aber, da Sie der einzige Sohn ſind, mit einer Einwilligung endigen muß, wenn Sie feſt ſind — die Meinigen würden mich mit Hohn und Spott überhäu⸗ fen, wenn ich ihnen nur einen Wink von einem ſo verkehrten Schritt, wie eine frühe Heirath, geben wollte. Ich bin es in der That, der eiferſüchtig, und noch dazu verzweifelt eiferſüchtig ſein ſollte, wenn Sie nur Alles wüßten.“ „Aber die Beſorgniß um Sie gerade vorhin —“ „War mehr natürlich, als ſchmeichelhaft,“ ſagte Hamilton, „ſte hat die Gewohnheit angenommen, wäh⸗ rend meiner Krankheit für mich zu ſorgen, und begehrt neuerdings ſelbſt in Kleinigkeiten eine Art Gehorſam, den ich ihr jedoch gerne leiſte, da ſie mir geſtattet, auf andere Weiſe auch ſie zu thranniſtren.“ „Aber ich betrachte Sie doch immer als einen ge⸗ fährlichen Rivalen —“ begann Zedwitz. „Keineswegs, denn obwohl ich etwas von Hilbe⸗ garde's Achtung, wo nicht Zuneigung zu gewinnen wünſche, kann ich doch niemals mit ihr ernſthaft über den Gegenſtand ſprechen, der allein Ihren Wünſchen Eintrag thun könnte.“ „Sie rathen mir alſo, auszuharren?“ fragte Zed⸗ Die Anfangsbuchſtaben. 1. 23 354 „Ich muß in Zufunft ablehnen, den Rathgeber zu machen,“ erwiederte Hamilton. „Das Geſtändniß das ich Ihnen eben ablegte, war in der That ebenſoviel, als ein Anerkenntniß meiner Unfähigkeit, es zu thun.“ „Ah bah!“ rief Zedwitz, „Ihr Benehmen hat mich überzeugt, daß Ihre Liebe nicht ſehr tief gewurzelt iſt — meine Beſorgniſſe kommen mehr von ihr, als von Ihnen. Wenn dieſelbe Sie einmal liebte und es ge⸗ ſtände, ſo läßt ſich nicht ſagen, wie ernſthaft die Sache werden könnte.“ „Sehr wahr,“ bemerkte Hamilton, „Sie könnten ſich in dieſem Falle auf eine Reiſe nach dem Monde gefaßt machen, wo Sie ſicher wären, meinen Verſtand in einem kleinen Fläſchchen, hübſch verkorkt und mit Inſchrift verſehen, zu finden.“ „Bah! Sagen Sie mir ernſthaft, was Sie in einem ſolchen Fall thun würden.“ „Ernſthaft — ich glaube, ich würde wie ein Narr handeln. Mich an meinen Vater wenden, mit der Gewißheit, abgewieſen und obendrein ausgelacht zu werden — an meinen Oheim Jack ſchreiben, daß er noch Zeit hätte, ein neues Teſtament zu machen und mich zu enterben — und dann vielleicht mich auf ſie⸗ ben Jahre hinaus verloben!“ „Hildegarde würde nie zu einer ſolchen Abge⸗ ſchmacktheit einwilligen.“ „Jetzt nicht — aber es ſchien mir, Sie denken bei ihr an eine Erwiederung meiner —“ witz unmuthig, und ſie ſchritten weiter, bis der letztere wieder das Wort nahm: „Ich wünſche, Hamilton, daß Sie mir es wenig⸗ „Zum Henker mit dieſem Gedanken!“ rief Zed⸗ ſtens zu ſagen verſprechen, wenn Sie ſich in irgend ein Verhältniß mit Hildegarde einlaſſen.“ — , — „Nein,“ ſagte Hamilton feſt, „ein ſolches Ver⸗ ſprechen werde ich nicht geben. Laſſen Sie uns den Wettlauf beginnen, wir lieben ſie beide, jeder nach 35⁵ ſeiner Art. Ich will ſo ehrenhaft ſein und Ihnen ſa⸗ gen, daß Sie in hoher Achtung bei ihr ſtehen und daß die Furcht vor dem Widerſtand Ihrer Familie, und keine Gleichgültigkeit von Hildegarde's Seite deren fruhere Weigerung verurſacht hat. Ich hatte mit ihrer perſönlichen Abneigung den Kampf zu beſtehen, und wenn ich ſie auch überwältigt habe, ſo iſt an deren Stelle nur eine ſehr laue Art von Achtung getreten. Um Ihren Vortheilen das Gleichgewicht zu halten, lebe ich unter demſelben Dache mit ihr und ſehe ſie täglich — ſtündlich — oft allein.“ „Wir wollen im Ernſt unſern Wettlauf beginnen,“ rief Zedwitz eifrig, „aber zu dieſem Zweck müſſen Sie bei mir Quartier nehmen. Die Zimmer, welche mei⸗ nem Vater gehören, wenn er in der Stadt iſt, ſtehen Ihnen zu Dienſten; weder er noch meine Mutter kom⸗ men dieſes Jahr nach München, da die Hochzeit von Agnes vor dem Karneval ſtattfindet. Wir wollen zu⸗ ſammen wohnen, — die Roſenbergs zuſammen beſuchen, nach zwei oder drei Monaten einen Brief an Hilde⸗ garde ſchreiden und —“ Hamilton begann zu lachen. „Hätten Sie mir dieſen Plan zu Seon vorgeſchla⸗ ſgen, wäre ich wohl darauf eingegangen, — aber jetzt würde es albern ſein, an ſo etwas zu denken. Alle andern Gefühle ganz außer Frage gelaſſen, iſt Hilde⸗ garde für mich abſolut nothwendig geworden. Wenn ich krank bin, pflegt fie mich, — wenn ich wohl bin, lieſt ſie mit mir oder bei mir, und unterhält mich, und wenn ich übler Laune bin, zankt ſie mit mir.“ „Im letztern Fall könnte ich deren Stelle vertre⸗ ten,“ fagte Zedwitz, „denn ich könnte leicht genug mit Ihnen zanken. Wenn ich dächte, Sie liebten dieſelbe wirklich, würde ich mir nicht ſo viel daraus machen, ſaber Sie ſuchen mit Ueberlegung auf ihre Koſten ſich ſere Monate zu unterhalten und bemühen ſich um ihre Zuneigung, ohne einen beſtimmten dabei zu 356 haben; denn was Ihre ſiebenjährige Verlobung betrifft, ſo kann ich keinen Augenblick glauben, daß es Ihnen damit Ernſt war. Engliſche Frauen mögen das viel⸗ leicht verzeihlich finden, aber meine Landsmännin⸗ nen —“ „Ihre Landsmänninnen verſtehen zum Unglück nicht, was wir unter dem Wort Liebeständelei Glirta- tion) verſtehen,“ ſagte Hamilton, ihn unterbrechend. „Ich wünſchte Zeit und Gelegenheit zu haben, es den⸗ ſelben zu erklären.“ „Nun, ſo erklären Sie es wenigſtens mir,“ ſagte Zedwitz ernſt. „Nein,“ erwiederte Hamilton, „das werde ich un⸗ terlaſſen, denn ich ſehe Ihnen ſchon am Geſicht an, daß Sie bereit find, mir eine Predigt über das Ver⸗ brechen zu halten, daß ich es unternehme, einer Ihrer ſchönen Landsmänninnen zu gefallen, ohne die Abſicht und Möglichkeit zu haben, in höchſter Eile zu hei⸗ rathen; und jetzt, wollen Sie mit mir heraufkommen?“ Zevwitz ſchüttelte den Kopf. „Ich will nicht in Sie dringen,“ ſagte Hamil⸗ ton, „denn ich muß geſtehen, ich habe Sie nie weni⸗ ger unterhaltend, als heute gefunden, ich wünſche, Sie träfen mit mir ein Uebereinkommen, niemals hilde⸗ garde's Namen gegen mich zu erwähnen. „Das iſt eine vortreffliche Idee,“ erwiederte Zed⸗ witz; „aber da ich ihr aufrichtig zugethan bin, werden Sie es hoffentlich nicht als ten, wenn ich ſie vor dieſer ſogenannten Liebeständelei von Ihnen warne.“ „Durchaus nicht,“ antwortete Hamilton lachend, „Sie können nicht mehr, und werden wahrſcheinlich nicht halb ſo viel bei Ihrer Warnung ſagen, als ich ſchon gegenüber von deren Schweſter Creſcenz in ihrer Gegenwart gethan habe.“ „Sie ſind unbegreiflich,“ rief Zedwitz achſel⸗ 357 zuckend und entfernte ſich mit einigen düſtern Falten auf ſeinem gewöhnlich ſo gutmüthigen Geſicht. Zwanzigſtes Kapitel. Die Warnung. Hamilton bildete ſich etwas darauf ein, ein aus⸗ gezeichneter Schlittſchuhläufer zu ſein; deßhalb be⸗ merkte er mit nicht geringer Genugthuung am näch⸗ ſten Tage, daß ihm die Roſenberg'ſche und Hoffmann'⸗ ſche Familie nach dem See gefolgt waren. Kaum aber hatte Zedwitz die erſtere geſehen, als er die Schlitt⸗ ſchuhe bei Seite warf und ſich eines Platzes neben Hildegarde verſicherte und mit ihnen dann nach Hauſe ging. Dieß geſchah mehrere Tage nach einander, und Zedwitz wagte endlich, als er fand, daß das frühere vertrauliche Verhältniß ſich wieder hergeſtellt hatte, die beabſichtigte Warnung zu ertheilen. Hamilton fuhr dieſen Augenblick „auf klingenden Schlittſchuhen in tauſend verſchiedenen Windungen“ an ihnen vor⸗ über und entwickelte mehr als gewöhnliche Grazie und Lebendigkeit. Er begann kluger Weiſe damit, ſeinen Nebenbuhler zu loben — rühmte ſeine Perſon, ſeine vielſeitigen Kenntniſſe und Talente, die bei ſei⸗ ner völligen Jugend um ſo außerordentlicher waren, und bedauerte dann, daß faſt alle, ſeinem Alter ſonſt eigene Friſche bei ihm verloren, daß ſeine Ideen ganz und gar die eines Weltmannes wären, daß die Geſell⸗ ſchaft eines älteren Bruders, eines vollendeten Tauge⸗ nichts, offenbar nachtheilig auf ihn eingewirkt, und ihm Meinungen, beſonders in Bezug auf Frauen, bei⸗ gebracht habe, die im höchſten Grad gefährlich wären. Hildegarde hatte mit einer ſo nahe an Gleichgültigkeit 35⁵8 grenzenden Faſſung zugehört, daß Zedwitz, für ſich bei⸗ nahe ganz beruhigt, ſchon bedauerte, ſo viel geſagt zu haben und, wäre ſie ſtille geblieben, vielleicht ſeine letzte Bemerkung gemildert hätte, aber ſie ſchaute plötz⸗ lich auf und bemerkte mit ihrer gewöhnlichen Energie: „Herr Hamilton hat nie über ſeinen Bruder mit mir geſprochen, deßwegen weiß ich auch nichts von ihm. Sie irren ſich jedoch in Bezug auf ſeine An⸗ ſichten von Frauen — er denkt höher von ihnen, als die Männer im Allgemeinen, und daß er ihre Geſell⸗ ſchaft liebt, geht daraus hervor, daß er ſo viel bei uns zu Hauſe bleibt. Mama ſagt, ſie habe nie einen jun⸗ gen Mann von ſo vollkommener Erziehung und ſolcher Trefflichkeit in jeder Hinſicht gekannt.“ Zedwitz wußte nichts von der Eigenthümlichkeit in Hildegarde's Charakter, welche ſie veranlaßte, unwan⸗ delbar den Abweſenden zu vertheidigen; er war daher nicht wenig geärgert und ſtammelte nur mit Mühe: „und Sie — Sie — denken — vielleicht gleich hoch von ibm?“ „Vielleicht, — je mehr ich ihn kenne, um ſo lie⸗ ber wird er mir,“ erwiederte Hildegarde offen.“ „Ich habe meine Antwort,“ murmelte Zedwitz, in⸗ dem er ſich auf die Lippen biß, „meine Warnung kommt zu ſpät — er wußte es, als er mir die Erlaubniß zu ſprechen gab.“ „Wer gab Ihnen Erlaubniß? Welche Warnung?“ fragte Hildegarde ſchnell. Zedwitz war zu weit gegangen, um wieder zurück zu können, und wurde jetzt ſehr ausführlich. Hilde⸗ garde horchte wieder ruhig zu und bemerkte, als er geendigt hatte, halb vorwurfsvoll: „Wenn Hamilton von Ihnen ſpricht, geſchieht es nicht, um mich zu warnen — aber wir wollen dar⸗ über hinweggehen. Ich muß Ihnen jedoch erklären, daß Sie bei Ihrer Warnung nichts geſagt haben, was ich nicht ſchon von ihm ſelbſt gehort hätte.“ 359 „So iſt's!“ rief Zedwitz mit übel verhehltem Un⸗ muth, „er hat ſich ehrenhaft benommen, indem er Sie in Stand ſetzte, auf der Hut zu ſein, und glaubt jetzt, daß es ihm frei ſtehe, ſich um Ihre Neigung zu be⸗ werben.“ Hildegarde ſchien von dieſer Bemerkung ergriffen und ging ſtill weiter. Zedwitz entſchuldigte den Um⸗ ſtand, daß er gegen den Freund geſprochen hatte, mit ſeiner Eiferſucht und begann nun ſeine eigene Sache mit großem Eifer zu führen. Unter dieſem Geſpräch hatten ſie eine falſche Rich⸗ tung eingeſchlagen und wurden von Madame Roſen⸗ berg laut zurückgerufen, die ihre Verwunderung dar⸗ über ausſprach, an was ſie in aller Welt gedacht hät⸗ ten! Zedwitz fand keine Gelegenheit mehr, die Unter⸗ haltung wieder anzuknüpfen, aber er beruhigte ſich offenbar bei der Entdeckung, daß ſie kein Mißfallen äußerte. Als Hamilton dieſen Abend nach Hauſe kam, war Hildegarde bei den Hoffmanns, die ſie ſchon lange nicht mehr beſucht hatte. Bei ihrer Rückkehr erkun⸗ digte er ſich mit äußerſter Geſprächigkeit nach jedem Familienmitglied, den Couſin Oskar mit eingeſchloſſen. Sie ſetzte ſich ſo weit als möglich von ihm und ſchien während der Antworten auf ſeine Fragen mehr an die farbige Wolle, die ſie in dem Körbchen ordnete, als an das, was ſie ſagte, zu denken. „Hat Ihr Couſin dieſen Abend vorgeleſen?“ fragte Hamilton, indem er ſeinen Stuhl zu ihr rückte. „Nein, er vrobirte eine Menge neuer Muſikalien, die Marie eben erhalten hatte. Creſcenz, ſage mir doch, wie Du Dein Grün bei Nacht unterſcheideſt. Mir kommt Alles blau vor.“ „Die Namen und Nummern ſind an jede Farbe ge⸗ ſteckt,“ erwiederte Creſcenz, indem ſie ihr hübſch ge⸗ ordnetes Körbchen ihr zur Beſichtigung hinſchob⸗ 360 Major Stultz ſagte etwas davon, baß junge Mäd⸗ chen von ordentlichen Gewohnheiten auch gute Frauen abgeben, was ſie nicht zu hören ſchien; aber als Ha⸗ milton bei der Zurückgabe des Körbchens bemerkte, die Farben ſeien ſo einſichtsvoll geordnet, daß ſie ihn an einen Regenbogen erinnern, erhellte ein Lächeln kindi⸗ ſchen Entzückens ihre jugendlichen Züge, und gab ihr ein ſo hübſches Ausſehen, daß er ſcherzend den Korb zurückhielt und eine Reihe Fragen über die verſchiede⸗ nen Farben begann, die ein ſolches Uebermaß von Un⸗ wiſſenheit in dieſer Beziehung verriethen, daß ſie ſich dabei unendlich mehr zu unterhalten ſchien, als Major Stultz, der zuerſt auf den Tiſch trommelte, dann ſei⸗ nen Stuhl zurückſchob und ihr endlich etwas mürriſch ſie hindere Herrn Hamilton, ſeine Zeitung zu eſen. Hamilton verſtand den Wink und gab den Korb mit leichtem Lächeln zurück; Creſcenz erröthete und folgte Major Stultz mit ſichtlichem Unmuth an einen andern Tiſch, wo er ihr die heute von Nürnberg er⸗ haltenen Briefe vorzuleſen ſich bereit erklärte. Hamilton zog ſeinen Stuhl nahe zu Hildegarde heran, während er bemerkte: „es freut mich ſehr, daß Sie Niemand haben, dem das Recht zuſteht, Ihnen das Sprechen mit mir zu verbieten.“ Hildegarde beugte ſich eine Minute über ihre Ar⸗ beit, blickte dann in die Höhe und fragte plötzlich: „Was für eine Art von Perſon iſt Ihr älterer Bruder?“ „Der gutmüthigſte Burſche von der Welt, hübſch und unterhaltend. Sie würden ihn gewiß gerne ha⸗ ben, wenn Sie ihm anders verzeihen könnten, daß er das abſcheulichſte Franzöſiſch ſpricht, das man ſich; denken kann.“ „Iſt er liebenswürdig?“ „Liebenswürdig? o ſehr liebenswürdig.“ 361 „Und kein Taugenichts?“ „Ein wenig,“ ſagte Hamilton lachend, „aber Acht halb ſo ſchlimm, als Ihr Couſin Raymund.“ „Iſt er viel älter, als Sie?“ „Mehrere Jahre. Aber darf ich fragen, warum mein Bruder ſo plötzlich ein Gegenſtand des Intereſſes für Sie geworden iſt?“ „Er intereſſirt mich nicht im Geringſten,“ begann Hildegarde; aber in dieſem Augenblick zog Hamilton, deſſen Hand unter dem verwirrten Wollenknäuel her⸗ umgewandert war, plötzlich ein kleines Buch hervor, das unter demſelben verborgen geweſen. Ihr erſter Gedanke war, ihn an dem Oeffnen deſſelben zu ver⸗ hindern, aber ſie änderte ihre Abſicht und fuhr, ob⸗ wohl tief erröthend, an ihrer Arbeit fort, ohne eine Sylbe zu äußern. Hamilton blätterte einige Minuten ſtillſchweigend arin. „Wer hat Ihnen die Werke von Georges Sand zu leſen empfohlen?“ fragte er, das Buch neben ſie auf den Tiſch legend. „Oskar; er ſagte mir, ſie wären intereſſant und äußerſt gut geſchrieben.“ „Sie ſind beides, das Eine wie das Andere, und doch hätte mich Nichts bewegen können, Ihnen zu die⸗ ſer Lektüre — beſonders dieſem Band, zu rathen. Ich bin erſtaunt, daß Sie nicht ſelbſt bemerkten, wie wenig dieß für eine Perſon Ihres Alters ſich ſchickt —“ „Bah!“ rief Hildegarde unmuthig. „Mama will, ich ſoll Franzöſiſch leſen, damit ich die Sprache nicht vergeſſe; die beſten Schriftſteller des Tags ſind natür⸗ lich auch die beſten für dieſen Zweck, und Oskar ſagt, alle franzöfiſchen Romane ſeien mehr oder minder von dieſer Gattung. Er bemerkte zugleich, ich dürfe mir durchaus deßhalb kein Bedenken machen, denn die Werke wären von einer Frau geſchrieben und dürften darum wohl auch von einer geleſen werden.“ 362 „So, Sie hatten alſo Bedenken?“ „Ich habe jetzt keines mehr,“ ſagte Hildegarde, in⸗ dem ſie den Band wieder nahm; „außerdem,“ fügte ſte, ihren Stuhl dicht an den Tiſch rückend, hinzu, „muß ich beſtimmt wiſſen, ob die Heldin den jungen Dichter heirathet, oder nicht.“ „Heirathen!“ rief Hamilton mit ironiſchem La⸗ chen, „es ſteht kein Wort von Heirath in dem ganzen Buch — das würde zu unpoetiſch ſein. Ich kann mir jedoch kaum vorſtellen, daß dieſe Heldin Sie wirk⸗ lich intereſſirt, — eine Heldin, deren Gedanken und Raiſonnements ganz die einer Frau ſind, die ſich in den Strudel irdiſcher Freuden geſtürzt und aus Ueber⸗ ſättigung ſie zu verachten gelernt hat. Ich wünſche, es wäre eines der andern Werke von Sand, oder — oder daß um Ihretwillen Madame Dudevant in eini⸗ gen Partien ihres Werks minder glühend und gra⸗ phiſch gezeichnet hätte. Wenn,“ fügte er halb fragend hinzu, „wenn Sie blos leſen, um das Ende der Ge⸗ ſchichte zu erfahren, ſo iſt dieß bald geſagt; der Er⸗ eigniſſe ſind es wenige, und ich bin bereit, ſie Ihnen zu erzählen.“ „Oskar hat eine viel höhere Meinung von mei⸗ nem Verſtand, als Sie,“ bemerkte Hildegarde, lang⸗ ſam die Blätter umſchlagend; „er ſagt, mein Charak⸗ ter ſei entſchieden geformt, daß ich ohne Gefahr, was mir beliebt, leſen könne.“ „Das war eine grobe Schmeichelei,“ ſagte Ha⸗ milton, „denn kein Mädchen von ſiebenzehn Jahren kann ohne Gefahr ein Buch dieſer Art leſen. Die religiöſen Spekulationen allein machen es unpaſſend für Sie — aber halt, ich kann es beweiſen; leſen Sie mir ein halbes Dutzend Seiten vor — fangen Sie an, wo Sie wollen; die Ausſicht, daß ich Recht behalte, iſt zu meinen Gunſten.“ „Es iſt nicht ganz zum Lautleſen geeignet,“ ſagte Hildegarde mit einiger Verlegenheit. 363 „Das iſt ein unfehlbares Kennzeichen, an dem Sie abnehmen können, was ſich für Sie in den näch⸗ ſten zehn Jahren zum Leſen ſchickt,“ ſagte Hamilton. „Aber ich könnte ſicherlich viele Abſchnitte finden, lautes Vorleſen ich nichts einzuwenden ätte.“ „Leſen Sie alſo,“ ſagte Hamilton mit einem her⸗ ausfordernden Lächeln. Hildegarde begann. „Der Styl iſt wenigſtens fehlerlos,“ bemerkte ſie nach einigen Minuten. zon „Vollkommen,“ ſagte Hamilton; „aber fahren Sie or Sie las weiter; allmählig wurde ihre Stimme weniger ſicher, eine tiefe Röthe überzog ihr Geſicht, und ſie wendete ihren Kopf von ihm ab, und ſeine Augen ruhten auf ihrem kleinen, jetzt vollkommen pur⸗ purn gefärbten Ohr, und doch fuhr ſie fort, bis die Worte ſie faſt zu erſticken ſchienen. Dann warf ſie das Buch weg und rief: „Sie hatten Recht; ich werde nichts mehr davon leſen, ſo wenig als von den andern Büchern, die mir Oskar empfohlen hat.“ „Darf ich Ihnen einige aufſchreiben?“ fragte Ha⸗ milton eifrig. „Bitte, thun Sie es!“ rief Hildegarde, ſich wie⸗ der umdrehend; „ich verſpreche, ſie alle zu leſen.“ Ein Blatt war ſchnell aus ſeiner Brieftaſche her⸗ ausgeriſſen, ein Bleiſtift ſorgfältig geſpitzt, und zwei Stunden reichten kaum hin, dieſes höchſt einfache Ge⸗ ſchäft zu einem befriedigenden Schluß zu bringen, ſo verſchieden waren die Bemerkungen und Erörterungen, zu denen es Anlaß gab. 364 Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Kampf. Am folgenden Sonntag ſah Hamilton die ganze Roſenberg'ſche Familie, mit Ausnahme von Hildegarde in den engliſchen Garten gehen. Es erſchien ihm ſon⸗ derbar, daß ſie zu Hauſe bleiben ſollte, wenn ihr Vater dabei war, und einen Augenblick dachte er daran, ſich nach dem Grunde zu erkundigen. Bei weiterer Ueber⸗ legung ließ ihn jedoch die Hoffnung, ſie allein zu Hauſe zu finden, mit dem Pferd direkt nach Hauſe umwenden, und als er in den Hof ritt, blickte er zu ihrem Fenſter hinauf, indem er erwartete, ſie, wie gewöhnlich, hier zu finden, bereit ihn zu grüßen und ſein Pferd zu be⸗ wundern — aber kein menſchliches Weſen war ſichtbar; ſelbſt ſein Diener, der ſeine Rückkehr nicht ſo früh er⸗ wartete, war verſchwunden, und ſo mußte er das Pferd ſelbſt in den Stall führen. Er ging über die Hinter⸗ treppe in das Haus, ſah in allen Zimmern, ſelbſt in der Küche nach, fand aber Alles verlaſſen. Madame Roſenberg's Zimmer war gleichfalls leer, aber durch die halboffene Thüre deſſelben ſah er Hildegarde auf dem Sopha im Geſellſchaftszimmer ſitzen und ſo eifrig leſen, daß ſie von ſeiner Anweſenheit nicht das Min⸗ deſte ahnte. Die tiefen Falten ihres dunkelblauen Me⸗ rinokleides mit ſeinem enganliegenden Leib verliehen ihrer hohen, ſchlanken Figur eine mehr als gewöhn⸗ liche Eleganz, als ſie ſich im Profil über das Buch beugte, und Hamilton blieb in ſtiller Bewunderung ſtehen, ſchlang unbewußt die Reitgerte um die Fauſt, bis ſeine Augen eine Sekunde auf dem Buch ruhten, das ſie in der Hand hielt. Er ſchrack zuſammen, zau⸗ derte, ſchritt dann heftig vorwärts und blieb vor ihr 365 ſtehen. Zweifel und Ungewißheit malten ſich noch im⸗ mer auf ſeinem Angeſicht, als Hildegarde aufſchaute, aber ihr Schrecken, ihr tiefes Erröthen und der kin⸗ diſche Verſuch, die Hand mit dem Buch auf den Rücken zu verſtecken, waren eine Beſtätigung ſeiner Beſorg⸗ niß, daß ſie das verbotene Werk las. „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie unterbrach,“ ſagte er mit erzwungenem Lächeln, aber ich kann wirklich dem Zeugniß meiner Augen nicht trauen und muß Sie bitten, mich einen Augenblick das Buch anſehen zu laſſen.“ „Nein, das ſollen Sie nicht,“ antwortete ſie, auf dem Sopha ſich zurücklehnend, und wurde ſehr bleich, während ſie hinzuſetzte: „Es iſt ſehr unangenehm, auf dieſe Weiſe erſchreckt und unterbrochen zu werden. Ich glaubte, Sie hätten Mama geſagt, daß Sie dieſelbe in Neuberghauſen treffen würden.“ „Sehr wahr; vielleicht werde ich ſie dort treffen, aber ehe ich dahin gehe, muß und will ich das Buch ſehen; davon hängt meine künftige Meinung von Ihnen ab.“ „Sie ſollen es nicht ſehen,“ rief Hildegarde, der das Blut ins Geſicht ſtieg. „Das Buch,“ ſagte Hamilton, indem er ſie feſt bei der freien Hand faßte. „Das Buch, oder den Namen deſſelben!“ „Keines von beiden!“ rief Hildegarde, indem ſie die Hand loszumachen ſich anſtrengte. Gleich den meiſten gewöhnlich gemüthsruhigen Per⸗ ſonen verlor Hamilton, wenn er einmal wirklich aufge⸗ regt war, alle Herrſchaft über ſich ſelbſt: er hielt ihre eine Hand wie in einem Schraubſtock, und als ſie die andere hervorbrachte, um jene deſto ſchneller frei zu machen, bückte er ſich, um den Titel des Buchs zu leſen, das ſogleich zu Boden geworfen wurde, und die jetzt freie Hand fuhr mit ſolcher Heftigkeit auf Wange und 366 Ohr von ihm, daß er einen Augenblick völlig betäubt war; und ſelbſt, als er wieder auͤfrecht ſtand, blickte er ſie einige Sekunden mit ungeheucheltem Erſtaunen an. „Denken Sie,« rief er jetzt heftig, „denken Sie, daß ich Ihnen ungeſtraft erlauben werde, mich ebenſo wie Major Stultz zu behandeln 2« Und dann nahm er ſie in ſeine Arme und küßte ſie zu wiederholten Malen und mit einer Heftigkeit, die ſie über die Maßen zu er⸗ ſchrecken ſchien. „Ich habe Sie mehr als einmal ehrlich gewarnt,“ fügte er hinzu, als er ſie endlich losgelaſſen hatte. „Ich habe Sie ehrlich gewarnt, und Sie wußten, was Sie zu erwarten hatten.“ Sie bedeckte ihr Geſicht mit der Hand und brach in einen Strom von Thrä⸗ nen aus. „Ich kann mir nicht vorſtellen,“ fuhr er, ungeſtüm auf⸗ und abgehend fort — „ich kann mir nicht vor⸗ ſtellen, warum Sie nicht mit Ihrem gewöhnlichen Muthe mir auf einmal den Namen des Buchs ſagten und dieſe Scene verhüteten.“ Hildegarde ſchüttelte den Kopf und weinte noch bitterlicher. „Allem nach,“ ſagte er, indem er mit affectirter Ruhe ihr gegenüber Platz nahm, den Arm auf den Tiſch ſtützte und auf dem jetzt unbeſtritten zwiſchen ihnen liegenden Buche trommeite, „Allem nach ſind Sie nicht beſſer als Andere! Ebenſo wenig verläßlich, als andere Mädchen, und ich dachte Sie mir ſo vollkom⸗ men! Ich hätte Alles vergeben können — nur keine Unwahrheit!“ rief er aufſpringend. „Alles, nur das nicht! Bah! als Sie mir ſagten, die Bücher ſeien in die Bibliothek zurückgeſchickt worden, habe ich Ihnen unbedenklich ſogleich geglaubt — ich dankte Ihnen für dieſe Rückſicht auf meine Meinung — ha, ha, ha! Für welchen Narren müſſen Sie mich gehalten haben!“ Hildegarde blickte auf. Jeder Zug von Demüthi⸗ gung war aus ihrem Geſicht entwichen, ihre Thränen F 7 e — 367 hörten auf zu fließen, und als ſie ſich erhob, das Zim⸗ mer zu verlaſſen, wandte ſie ſich faſt hochmüthig gegen ihn mit den Worten: „Ich weiß wirklich nicht, welches Recht Sie haben, ſo mit mir zu ſprechen. Ich betrachte es als eine ſehr große Anmaßung von Ihrer Seite und verlange, daß es nie mehr vorkommt.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ich Sie auf dieſe Weiſe nie wieder beleidigen werde,« ſagte er, ihr das Buch entgegen haltend. „Was für eine elende Poſſe war es, eine Liſte von Büchern zu ſchreiben! „Nein, denn ich hatte die Abſicht, alle, die Sie mir empfohlen hatten, zu leſen.“ „Und alle, die ich Ihnen zu vermeiden empfohlen hatte, auch dieſes — dieſes, welches Sie ſtillſchweigend mir verſprochen hatten, nicht auszuleſen“ — Er hielt inne, denn, während ſie das Buch ſtillſchweigend nahm, erröthete ſie ſo tief und ſchien ſo verlegen, daß er traurig hinzufügte, „v, wie bedaure ich, nach Hauſe gekommen zu ſein! Wie wünſche ich, nicht entdeckt zu haben, daß Sie mich betrügen konnten!“ „Ich habe Sie nicht betrogen,“ ſagte Hildegarde. Hamilton ſchüttelte den Kopf und ſah wieder den Gegenſtand des Streites an. „Der Schein iſt gegen mich, und doch wiederhole ich, ich habe Sie nicht betrogen. Die Bücher ſind geſtern Abend nach der Bibliothek geſchickt worden — aber zu ſpät, um ſie auszuwechſeln. Der alte Hans brachte ſie wieder zurück, und ich fand ſie auf meinem Zimmer, als ich zu Bett ging. Ich habe ſie heute Nacht nicht geleſen. »Aber Sie ſind heute deshalb zu Hauſe geblieben,“ bemerkte Hamilton vorwurfsvoll. „Nein, die Mutter hat den Mägden Erlaubniß ge geben, auf den ganzen Tag auszugehen, und da ſie das Haus nicht ganz leer ſtehen laſſen wollte, bat ſie mich, 368 daheim zu bleiben. Ich willigte natürlich ein, ohne, ich verſichere Sie, an dieſe verhaßten Bücher zu denken. Ich habe nicht im Sinn — ich vermag nicht zu recht⸗ fertigen, was ich gethan habe. Ich kann nur zu einiger Entſchuldigung ſagen, die Verſuchung war groß. Ich bin mehr als zwei Stunden allein geweſen — des Va⸗ ters Bücher ſind eingeſchloſſen; Ihr Zimmer betrete ich nie, wenn Sie abweſend ſind, und ich wünſchte, das Ende der Geſchichte zu erfahren, die mich immer noch intereſſirt und meine Gedanken, trotz aller Bemühungen, ſie zu vergeſſen beſchäftigt. Das Buch lag vor mirz ich habe lange widerſtanden, aber zuletzt doch aufge⸗ macht, „und ſo — und ſo —“ „Und ſo werde ich wohl anerkennen müſſen, daß ich Sie zu hart beurtheilt habe,“ ſagte Hamilton. „Ich kümmere mich nicht um Ihr Urtheil. Ich bin in meiner eigenen Achtung gefallen, ſeit ich finde, daß ich einer Verſuchung nicht widerſtehen kann.“ „Und meine gute Meinung iſt von keinem Werth in Ihren Augen?“ . „War vielleicht; aber ſie hat allen Werth in der letzten halben Stunde verloren.“ „Wie verſtehen Sie das2“ „Ich habe Sie im Laufe dieſer Zeit argwöhniſch, roh, und wie Sie es ſelbſt nennen würden, ungentle⸗ manmäßig gefunden.“ „Ein hübſcher Katalog von Fehlern für eine kurze rief Hamilton, ſich in die Lippen eißend. „Sie waren die letzte Perſon, von der ich ſolche Behandlung erwartet hätte,“ fuhr Hildegarde fort, während ihr die Thränen wieder in die Augen traten uund ihre Stimme wankte,“ die allerletzte; und wenn ich auch in Zorn gerieth und Ihnen ein Schlag ver⸗ ſttzte, ſo geſchah es erſt, als Sie mir die Hand zuſam⸗ mendrückten und mich über die Maßen reizten.“ Sie verließ das Zimmer und ging ſchnell den Gang hinab⸗ 369 „Halten Sie. rief Hamilton, ihr folgend, „und hören Sie meine Entſchuldigungen!“ ni „Entſchuldigungen! Sie können nicht eine einzige vvorbringen“ ſagte Hildegarde, die Hand auf die Thür⸗ klinke legend. „Hören Sie mich wenigſtens an,“ ſagte er eifrig. „Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, Sie nur um ein Jota weniger vollkommen zu ſehen, als ich Sie mir vorgeſtellt hatte — das machte mich argwöhniſch; der Wunſch nach einem Beweiſe machte mich roh; und obwohl ich mein nachfolgendes Benehmen nicht gerade rechtfertigen kann, will ich zur Verringerung meiner Schuld Ihre eigenen Worte für mich anwenden, „die Verſuchung war groß.“ Die Grübchen in Hildegarde's Wangen zeigten, daß ſie nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückte und Hamilton faßte Muth, und flüſterte haſtig, „aber nun noch ein Wort — hören Sie meine letzte und beſte Entſchuldigung: es iſt die, daß ich Sie liebe, innig, leidenſchaftlich; aber ich brauche Ihnen das nicht zu ſagen, denn Sie müſſen es ſchon lange, lange wiſſen. Hildegarde, ſagen Sie nur, daß unſere beſtändigen Zän⸗ kereien Sie nicht dazu gebracht haben, mich gänzlich zu haſſen!“ Hildegarde zog, obne ein Wort zu äußern, unge⸗ ſtüm ihre Hand zurück, ſprang in ihr Zimmer und ſchloß die Thüre. Er wartete eine oder zwei Minuten, und klopfte dann, erhielt aber keine Antwort. »Hildegarde!“rief er vorwurfsvoll, „iſt das recht, — iſt das freundlich? Selbſt wenn Sie mir abgeneigt ſind, habe ich das Recht, eine Antwort zu erwarten.“ „Gehen Sie,“ ſagte ſie ſehr leiſe; „gehen Sie fort. Sie ſollten nicht hier ſein, wenn ich allein bin.“ »Warum haben Sie nicht zuvor daran gedacht 2“ „Ich weiß nicht. Ich hatte keine Zeit. Ich —“ „Unſinn. Oeffnen Sie die Thüre und laſſen Sie mich nur einen Augenblick zu Ihnen ſprechen.“ Die Anfangsbuchſtaben. 1. 24 370 Keine Antwort; aber er glaubte ſie auf⸗ und ab⸗ gehen zu hören. „Nur einen Augenblick,“ wiederholte er. „Ich kann nicht, ich kann wirklich nicht. Bitte, gehen Sie fort!“ Er zog ſich langſam auf ſein Zimmer zurück; ſelbſt ehe er noch daſelbſt ankam, war er ſich der Albernheit ſeines Benehmens und der Klugheit des ihrigen be⸗ wußt geworden. Daß ſie keine Abneigung mehr gegen ihn hatte, deſſen war er ziemlich gewiß; daß ſie ſo vor⸗ ſichtig ein Geſtändniß anderer Gefühle vermieden hatte, war beſſer für beide, da es ſie in Stand ſetzte, ihren Verkehr auf demſelben Fuße fortzuſetzen, während das Anerkenntniß einer Erwiederung ſeiner Liebe dieſelbe großen Widerwärtigkeiten ausgeſetzt und in eine höchſt Lerlegene Stellung gebracht haben würde. Er war auf ſich ſelbſt böſe — erinnerte ſich mit Beſchämung daran, daß er in denſelben Irrthum, den er bei einer frühern Gelegenheit ſo ſehr zu bereuen Urſache hatte, wieder verfallen war, und beſchloß mit innerer Reue über ſeine Geſchwätzigkeit und mit Freude über Hildegarde's Schwei⸗ gen, ſich jeder weitern Bezugnahme auf dieſen Gegen⸗ ſtand zu enthalten. Ein Klingeln an der Eingangsthüre bewog ihn, ſtehen zu bleiben und auf ihr Erſcheinen zu warten. Sie achtete nicht auf dieſe Kundgebung, die mit einem vertraulichen Klopfen an der Thüre wiederholt wurde. Sie rührte ſich noch immer nicht. Wiederum wurde die Klingel gezogen; das Klopfen wurde lauter, als ob es mit einem harten Gegenſtand hervorgebracht würde, . endlich ließ ſich ihr Name laut und vernehmlich ören. „Ich komme, Papa,“ rief ſie endlich, ſprang herzu und öffnete haſtig die Thüre. Graf Raymund ſprang in den Gang, drückte die Thüre mit der Achſel zu, lehnte ſich daran und brach 371 beim Anblick des in den Zügen ſeiner Couſine ſichtba⸗ ren Schreckens in ein lautes Gelächter aus. „Oskar,“ begann ſie ernſt, „du mußt an einem an⸗ dern Tag kommen.“ „Mama iſt nicht zu Hauſe und man hat mich daheim gelaſſen, um — „Ich weiß, ich weiß,“ rief er ſie unterbrechend. „Ich habe ſie alle im Engliſchen Garten geſe⸗ hen, — auch deinen Cavalier Hamilton, der wie verrückt herumgaloppirte; und aus dieſem Grunde, meine allerliebſte, ſchönſte Couſine, bin ich hieher gekom⸗ men, weil ich hoffte, Dich einmal allein zu ſehen. Sieh nicht ſo erſchrocken aus, ich erſcheine nur, um Deinen Rath in Anſpruch zu nehmen, den Du mir über den wichtigſten Schritt meines Lebens zu geben verſpro⸗ chen haſt.“ „Nicht jetzt nicht jetzt,“ ſagte Hildegarde, verſtohlen nach dem Ende des Ganges blickend, wo ſie im Schatten ſeiner Thüre Hamiltons Geſtalt, mit gekreuzten Armen an der Wand lehnend, wahrnahm; „ein andermal, Oskar.“ „Welches andere Mal? Ich ſehe dich nie einen Augenblick allein, — ſelbſt bei den Hoffmanns; und obwohl meine gute Marie zu vernünftig iſt, um mich mit unnützer Eiferſucht zu plagen, bewacht nicht ihre alte, taube Mutter jede Bewegung, fängt jeden Blick mit ihren kalten, grauen, argwöhniſchen Augen auf? Ich wünſche manchmal, die alte Dame wäre blind anſtatt taub, ſie würde unendlich weniger widerwär⸗ tig ſein.“ „O Oskar 1 „Denke Dir nur, daß ich verdammt bin, in der Nachbarſchaft ſolcher Augen zu leben, meine Theuerſte, und Du wirſt mich wenigſtens bemitleiden!“ Du biſt nicht im Geringſten zu bemitleiden, — denn die Hofmanns ſind höchſt liebenswürdig,“ ſagte Hilde⸗ garde ſchnell. „Aber nun erwarte ich, daß Du mich verläſſeſt.“ 24* 372 „Erwarte nichts dergleichen! im Gegentheil, ich er⸗ warte, daß Du mich einladeſt, in dieſes Zimmer zu treten,“ erwiederte er, indem er keck auf ſie zuging. „Wenn Du in dieſes Zimmer trittſt,“ antwortete Hildegarde ſtreng, ſo laſſe ich Dich dort und nehme meine Zuflucht zu Frau von Hoffmann, die, wie ich weiß, zu Hauſe iſt.“ „Sei nicht böſe, Liebſte! alle Orte ſind mir gleich, wo Du biſt. Alle Orte ſind mir gleich, wo ich Dir ohne Zurückhaltung ſagen kann, daß ich Dich mehr liebe, als je ein Couſin ſeine Couſine geliebt hat.“ „Die Zeit iſt zum Scherzen ſchlecht gewählt, Oskar; ich habe mich nie weniger in der Stimmung gefühlt, an dergleichen Freude zu haben, als dieſen Augenblick.“ „Wirklich! Dann laß mich Dir in allem Ernſt ſagen, daß ich Dich bis zum Wahnſinn liebe.“ „Oskar, ſelbſt im Scherz mag ich ſolchen Unſinn nicht hören.“ „Beim Himmel, ich ſcherze nicht!“ „Dann ſind, da Du nun verlobt biſt, Deine Worte ein Verbrechen.“ „Es ſei ſo, es gibt jedoch kein Verbrechen, das ich nicht unbedenklich begehen würde, um Dich damit zu erringen. Mein Verhältniß mit Marie abzubrechen, iſt eine Kleinigkeit, die gar nicht in Betracht kommt. Was würde ich aber dabei gewinnen?“ „Unehre,“ erwiederte Hildegarde feſt und kalt. „Hildegarde,“ rief er wild, „affektire nicht eine Kälte, die Du nicht fühlen kannſt; treibe mich nicht bis um Wahnſinn! Meine Liebe duldet keinen Scherz; ie iſt nicht vernünftiger, alltäglicher Natur, ſondern ſo eftig⸗ wie mein Charakter, ſo verzweifelt wie meine age.“ „Das iſt,“ dachte Hamilton, „gerade, was ſie wünſchte. Fährt er in dieſem Tone fort, wird ſie ihm die Thüre nicht vor der Naſe zuſchlagen. Aber ich habe jetzt ge⸗ 373 nug von dieſer Raſerei gehört und meine Gegenwart ſolk ihr weiter keinen Zwang anthun.“ Er trat in ſein Zimmer zurück und ſchloß die Thüre. Länger als eine halbe Stunde ſchritt er ungedul⸗ dig auf und ab und blieb nur ſtehen, wenn er Ray⸗ munds Stimme ſich plötzlich erheben hörte. Endlich glaubte er einen erſtickten Schrei zu hören; er ſtürzte nach der Thüre, kaum wiſſend, was er beſorgte oder erwartete. „Um's Himmels willen, Oskar, erſchrecke mich nicht ſo furchtbar!“ Ein lautes Klingeln im Hauſe und der Ton meh⸗ rerer Stimmen auf der Treppe ſchien ihr eine Erleich⸗ terung zu verſchaffen, während Raymund auffallend beſtürzt erſchien. „Verſtecke mich in Deinem Zimmer, Hildegarde; ich bin verloren, wenn die Hoffmanns mich hier finden.“ „Und was ſoll aus mir werden, wenn man Dich hier findet?“ fragte ſie, indem eine tödtliche Bläſſe ſich über ihr Geſicht verbreitete und ſie unentſchloſſen die Hand auf die Thürklinke legte. Dann blickte ſie den Gang hinunter, forderte Raymund auf, ihr zu folgen, und führte ihn nach Hamilton's Zimmer. „Herr Hamilton,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme, „wollen Sie Oskar erlauben, einige Minuten in Ihrem Zimmer zu bleiben, und wenn Niemand mehr auf dem Gang iſt, ihm gefälligſt die Thüre zur Hintertreppe öffnen?“ „Die Rolle, die Sie mir in dieſer Komödie an⸗ weiſen, mein Fräulein, iſt durchaus nicht angenehm, aber ich will Ihnen auf keine Weiſe Urſache zur Ver⸗ legenheit geben; man mag leicht annehmen, daß Graf Raymund mich freiwillig beſucht hat, und darum iſt durchaus keine Nothwendigkeit vorhanden, ſich über die Hintertreppe zurückzuziehen, wenn wir nicht irgend 374 einen Beweggrund haben, ſeinem Beſuch ein myſteriöſes Ausſehen zu geben.“ „Ach, ſehr wahr,“ ſagte Hildegarde hurtig und ver⸗ wirrt, während ſie zur Seite trat, um ihren Coufin hereinzulaſſen. Hamilton's Worte machten einen größeren Eindruck auf Raymund; er ſah wüthend aus und ſchien zu zau⸗ dern, ob er in das Zimmer treten ſolle, oder nicht. Wiederum klingelte es und Hildegarde war im Begriff, vorwärts zu ſpringen, als Raymund ſie beim Arm ergriff und mit furchtbar gerunzelter Stirne, die Zähne über einander beißend, und mit leiſer unterdrückter Stimme ihr zuflüſterte: „Ein Wort — iſt es Zedwitz? oder — oder — „er blickte auf Hamilton. Hildegarde's Geſicht wurde purpurroth. Sie ſchleu⸗ derte die haltende Hand zurück und ſprang nach der Thüre, die ſie weit aufriß, ſo daß iym nur ubrig blieb, ſich eiligſt in Hamilton's Zimmer zurückzuziehen, wo er mit gekreuzten Armen auf das Fenſter zuſchritt, nach⸗ dem er die Worte gemurmelt hatte, „bedaure, mich auf dieſe Weiſe einzudrängen.“ Hamilton rückte ihm einen Stuhl hin; er ſetzte ſich einen Augenblick nieder, ſprang aber im nächſten wieder auf, trat an die Thüre, öffnete ſie theilweiſe und ſchaute in den Gang hinaus. „Ich habe Graf Rahmund vor mehr als einer halben Stunde hier in's Haus gehen ſehen,“ bemerkte eine ſehr laute Stimme, welche Hamikton als die der Frau von Hoffmann erkannte,“ und da ich wußte, daß ſie alle ausgegangen waren, und nur Fräulein Hilde⸗ garde ſich zu Hauſe befand, ſo erwartete ich, daß er es ſogleich wieder verlaſſen würde.“ „Ich glaube, Mama, Du mußt Dich geirrt haben,“ ſagte Fräulein von Hoffmann, indem ſie den Mund dicht an ihrer Mutter Ohr hielt. „Ich habe das Unglück, etwas taub zu ſein, Marie, 375 aber meine Augen ſind ſo gut wie die Deinigen, und mit dieſen Augen habe ich ihn in's Haus gehen ſehen.“ „Sie haben ganz recht,“ ſagte Raymund, der jetzt mit der ungezwungenſten Manier und dem ſorgloſeſten Lächeln, das man ſich denken konnte, ſich näherte. „Ich wußte, daß Marie mit Madame Roſenberg ausgegangen war, und da ich mir nicht einbildete, meine zukunftige Schwiegermutter nehme ein ſo lebhaftes Intereſſe an meinen Bewegungen, ſo wagte ich, ohne ſie von meinem Vorhaben in Kenntniß zu ſetzen, meinen Freund Ha⸗ milton zu beſuchen.“ „Aber Hamilton iſt ausgeritten,“ rief Frau von Hoffmann. „Vielleicht war er ausgeritten, aber ich hatte das Glück, ihn nichtsdeſtoweniger zu Hauſe zu finden.“ „Dann muß er über die Hintertreppe heraufge⸗ gangen ſein, oder ich hätte ihn ſonſt durch die Thur⸗ ſpalte ſehen müſſen, durch welche ich Sie die Treppe heraufkommen ſah.“ „Leicht möglich,“ ſagte Rahmund verächtlich. „Marie,“ ſagte Frau von Hoffmann mit einem ihrer Abſicht nach flüſternden Tone, der aber Allen ver⸗ nehmlich war. „Marie, mein Kind, ich glaube von dem Allem kein Wort. Der Engländer iſt eben ſo wenig im Hauſe, als der Mann im Mond.“ „Zum Teufel mit Ihrem Argwohn“ brummte Ray⸗ mund zornig. „Ich werde wohl,“ ſetzte er mit gerun⸗ zelter Stirne hinzu, um Sie zufrieden zu ſtellen, Herrn Hamilton bitten müſſen, ſich ſelbſt der verſammelten Hausgenoſſenſchaft zu zeigen.“ Er ſchien jedoch ſo wenig geneigt, dieß in Erfüllung zu ſetzen, daß Frau von Hoffmanns Verdacht Beſtäti⸗ gung erhielt. Sie wandte ſich von ihm ab und ſagte mit ſpöttiſchem Lachen: Vielleicht kann Ihnen Hildegarde behülflich ſein, ihn zum Vorſchein zu bringen.“ Ihre Worte wirkten wie ein Zauber. Hamilton, 376 der ein unbeweglicher Zuhörer bei Allem, was vorging, geblieben war, hatte kaum ihren Namen erwäbnen hören, als er mechaniſch ſich erhob, Hut und Reitgerte nahm und hinausging. Er erzwang ein Lächeln, als er an den Hoffmanns und dem Grafen Raymund vor⸗ beikam, daſſelbe ging aber, als er ſich Hildegarde nä⸗ herte, in den Ausdruck der Verachtung über, die weder ihre geſchwollenen, thränenvollen Augenlider, noch ihre ausnehmende Bläſſe zu mildern vermochten. Bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe blieb er in ſeinem Zimmer, bis man zum Abendeſſen rief, und ſelbſt dann zögerte er noch einige Minuten, um ſich zu verſichern, daß Madame Roſenberg ſchon im Geſellſchaftszimmer wäre, wenn er dort erſchien. Sie bemühte ſich, Hilde⸗ garde zu überreden, von dem Ofen wegzugehen, neben dem ſie mit geſchloſſenen Augen, den Kopf auf die Hand ſtützend, ſaß. „Wenn Du nur Deine Suppe eſſen wollteſt, Hil⸗ degarde, würde es das Kopfweh vertreiben, das wahr⸗ ſcheinlich daher kommt, daß Du den ganzen Tag in einem geheizten Zimmer zugebracht haſt. Das nächſte Mal werde ich den alten Hans das Haus hüten laſſen; denn wäreſt Du, wie gewöhnlich, mit uns ausgegangen, ſo würdeſt Du gewiß kein Kopfweh haben. Sind Sie nicht auch der Feinins Herr Hamilton?“ „Ich halte es für ſehr wahrſcheinlich,“ antwortete er, ſich neben Madame Roſenberg ſetzend. Und glauben Sie nicht, wenn ſie ein wenig Suppe äße, würde es ihr beſſer?“ „Vielleicht.“ „Hildegarde, ich beſtehe darauf, daß Du es ver⸗ ſuchſt — oder gleich zu Bette gehſt. Wenn Du ſo nahe am Ofen ſitzeſt, wird Dir der Kopf nur noch mehr weh thun.“ Hildegarde begab ſich, ohne zu ſprechen, nach dem leeren Stuhle an Hamilton's anderer Seite und nahm langſam und widerſtrebend einige Löffel voll Suppe. — 377 Hamilton befand ſich in Folge einer ſonderbaren Anomalie plötzlich in merkwürdig guter Laune — er ſah Hildegarde an, wünſchte ſich ſelbſt zu der Befreiung aus der Knechtſchaft Glück, heftete mit heiterem Lächeln ſeine Augen auf ihr blaſſes Angeſicht, bis es mit tiefer Röthe ſich überzog, und ſein Triumph war groß, als er fühlte und wußte, daß keine ſympatbetiſche Röthe ihm ſelbſt auf die Wangen trat. Er erzählte Madame Ro⸗ ſenberg, daß er Zedwitz zugeſagt habe, ihn am folgen⸗ des Morgen nach Edelhof zu begleiten, um der Hoch⸗ zeit ſeiner Schweſter anzuwohnen, und bat ſie deßhalb, ihm das Frühſtück auf eine frühe Stunde des nächſten Tages zu beſorgen: „Und Sie wollen volle vierzehn Tage ausbleiben! Wie werden wir Sie vermiſſen!“ rief Madame Roſenberg. „Es iſt ſehr freundlich von Ihnen, das zu ſagen,“ rief Hamilton lachend. „Und ich denke auch ſo, obwohl Sie daran zu zweifeln ſcheinen. Sie wiſſen, ich habe Sie gerner, als irgend einen Engländer, der je bei mir im Hauſe gewohnt hat. Kapitain Black war mit Ihnen nicht zu vergleichen, ebenſo wenig Mr. Smith, ungeachtet er mir ſo oft erzählte, daß er ſelbſt ohne Von vor ſeinem Namen ein Edelmann wäre und daß er hier ſich zum Kammerherrn machen laſſen könnte, wenn er es wünſchte, aber mit dem Herzog von Buckel verwandt wäre, was mir immer als ein ſo ſonderbarer Name für einen Herzog vorkam, daß ich halb zu zweifeln geneigt war, ob es nur eine ſolche Perſon gebe.“ „Wir haben einen Herzog von Buceleugh —“ be⸗ gann Hamilton. „Sehr wahrſcheinlich hat er ihn alſo ausgeſprochen; ich habe es ſicher oft genug gehört, um es zu wiſſen; aber ich kann nie ein engliſches Wort lernen, bis ich es geſchrieben ſehe, und würde auch ſeinen Namen nie gelernt haben, wenn er nicht beſtändig ſeine Karten 378 auf dem Tiſche hätte herumliegen laſſen. Ich glaube, ich finde noch einige davon in dem Kartenbehälter. Sie begann während dieſer Worte eifrig nachzu⸗ ſuchen und hielt in Kurzem eine Karte in die Höhe, auf die in großen deutſchen Buchſtaben der Name Mr. Howard Seymour Scott Smith geſtochen war. „Er hatzuweilen geſagt, das letzte Wort gehöre eigent⸗ lich nicht dazu, denn ſein wirklicher Name wäre Scott.“ „Vielleicht hat er mit dem Namen Smith irgend eine Erbſchaft gemacht?“ „Nein; er ſagte etwas darüber, daß ein Trauſchein verloren gegangen ſei — daß vor ſeiner Geburt in der⸗ gleichen Pingen große Unregelmäßigkeit in England ge⸗ herrſcht habe.“ Hamilton lachte. „Iſt es nicht wahr?“ fragte Madame Roſenberg⸗ „O, ſehr möglich.“ „Er erzählte uns auch, daß in Schottland die Leute ſich ohne Geburts⸗, Tauf⸗ oder Confirmationsſchein, ja ohne Einwilligung ihrer Verwandten verheirathen kön⸗ nen. Franz ſagt, daß dieß in Wirklichkeit ſich ſo verhalte und die Exiſtenz eines ſolchen Geſetzes für leicht⸗ ſinnige junge Leute eine große Verſuchung ſei.“ „Ich zweifle nicht daran,“ erwiederte Hamilton, „und würde für mich ſelbſt nicht ſtehen, wenn ich in Verſuchung geriethe. Ein Großonkel von mir hat eine ſolche Heirath geſchloſſen und dieſe ſich ſehr glücklich ausgewieſen — ſeine Verwandten boten aber, um ihm eine ſchnelle Verſorgung zu verſchaffen, allen ihren Ein⸗ fluß auf und ſchickten ihn nach Indien, wo er ſich ein enormes Vermögen erwarb, und da er keine Kinder hat, iſt er ſeit ſeiner Rückkehr eine Art Geſetzgeber in un⸗ ſerer Familie geweſen. Ich würde nicht hier ſein, hätte Onkel Jack nicht erklärt, daß Reiſen nothwendig ſei, um einen Mann von Welt aus mir zu machen, und in Deutſchland allein gut Deutſch ſprechen lernen önne.“ — 379 „Aber,“ ſagte Madame Roſenberg, „dieſe Heirath war eine glückliche Ausnahme; denn,“ fügte ſie, mit wiederholtem Winken und Blinzeln gegen Hildegarde, hinzu, „denn Heirathen gegen die Zuſtimmung der Ver⸗ wandten ſchlagen ſelten oder nie gut aus. Erlauben Sie mir, Ihnen noch etwas Salat zu geben, und da Sie morgen ſo früh abgehen wollen, kann ich wohl heute Nacht noch Ihr Gepäck richten.“ „Nimmermehr,“ rief Hamilton, „ich muß Sie bit⸗ ten, Hans holen zu laſſen.“ „O, der junge Hans iſt viel zu ungeſchickt dazu und der alte iſt ſchon Stunden lang zu Bette. Ich habe ſchon gedacht, wenn Sie Hans zu behalten im Sinn haben, will ich ihm einige Gewandtheit beizu⸗ bringen ſuchen, und ſtatt daß Hildegarde Ihr Weiß⸗ zeug beſorgt, muß er fernerhin ſich damit zu befaſſen lernen.“ „Das würde ſehr gütig von Ihnen ſein,“ ſagte Hamilton. „Was das Annähen von Knöpfen und dergleichen betrifft,“ fuhr Madame Roſenberg fort, bei dem Ge⸗ danken, Belehrungen zu ertheilen, erfreut, „ſo muß er ſich natürlich immer noch an Dich halten.“ Hildegarde, die bis dahin ſich in ihren Stuhl ge⸗ lehnt hatte und eifrig damit beſchäftigt ſchien, ihr Taſchen⸗ tuch zu zerknittern und wieder in Falten zu legen, ſah einen Augenblick auf und erwiederte. „Ja, Mama.“ „Ich werde nach Hans ſchicken und ihm heute Nacht die erſte Lection geben,“ ſagte Madame Roſenberg, in⸗ dem ſie auf die Thüre zuging. „Warten Sie einen Augenblick, und ich kann Sie begleiten,“ rief Hamilton ſchnell, „ich werde auf der Stelle fertig ſein.“ „Beeilen Sie ſich nicht,“ ſagte Madame Roſenberg, „Sie werden Zeit genug haben, wenn Hans herauf⸗ kommt; und ich muß zuerſt nachſehen, ob Peppi ein⸗ 380 geſchlafen und ordentlich zugedeckt iſt. Beeilen Sie ſich nicht!“ Warum beugte ſich Hamilton über ſeinen Teller, und warum ſtieg ihm das Blut in die Schläfe, als die Thüre ſich ſchloß? Begann er ſeine Gleichgültigkeit in Zweifel zu ziehen oder fürchtete er eine Erklärung mit Hildegarde? Er wußte es kaum ſelbſt, aber fühlte ſich unbehaglich und gab ſich alle mögliche Mühe, ſeine Ge⸗ ſellſchafterin dieß nicht merlen zu laſſen. Das ferne Rollen der Wagen hatte ſie ſchon be⸗ lehrt, daß die Oper vorüber warz aber erſt, als der Laut der Stimmen in der gewöhnlich ſtillen Straße die unmittelbare Rückkehr ihres Vaters mit ihrer Schwe⸗ ſter und Major Stultz wahrſcheinlich gemacht hatte, ſchöpfte Hildegarde Muth, um ſehr leiſe und ohne auf⸗ zuſchauen, zu ſagen: „Was müſſen Sie von mir denken —“ „Wünſchen Sie von mir zu wiſſen, was ich von Ihnen denke?“ fragte Hamilton mit affectirter Gleich⸗ gültigkeit. „Ja, aber urtheilen Sie nicht wieder zu ſtrenge.“ „Ich denke,“ ſagte er, ihr bedachtſam in's Geſicht ſehend, „ich denke, daß Sie ſehr ſchön ſind.“ „Bah!“ rief Hildegarde, indem ſie ihren Stuhl zornig zurückſchob, „ich habe eine ganz andere Antwort erwartet.“ „Eiwas Anderes,“ ſagte Hamilton in demſelben Ton, „vielleicht etwas von Wahnſinn und Verbrechen?“ „Der heutige Vorfall iſt kein Gegenſtand zum Scherzen,“ ſagte ſie ernſt. „So dachte ich auch vor einigen Stunden,“ ſagte Hamilton, „nun aber kommt mir die ganze Affaire eher beluſtigend vor. Vielleicht hat jedoch Ihr Cuuſin allein das Privilegium, ſo mit Ihnen zu ſprechen, und in dieſem Fall müſſen Sie mir verzeihen, wenn ich mich an das zu erinnern ſuche, was er geſagt hat: aber es wurde ſo gut aufgenommen —“ 381 „Es wurde nicht gut aufgenommen!“ rief Hilde⸗ garde, ihn unterbrechend. „Sie wiſſen das ſelbſt; und ich bin bereit,“ ſetzte ſie hinzu, Ihnen jedes Wort von unſerem Geſpräch zu wiederholen⸗“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Hamilton kalt, „aber ich habe ſchon genug gehört, um mir vorſtellen zu können, wie der Reſt war.“ „Vielleicht,“ ſagte Hildegarde eilig, wielleicht haben Sie gehört — geſehen —“ „Ich habe eine Liebeserklärung in ſchönſter Form gehört, einen Vorſchlag, ein oder mehr Verbrechen zu begehen, wahrſcheinlich um ſich für Sie intereſſant oder annehmbar zu machen. Ich erinnere mich, daß Sie einmal zu Ihrem Vater ſagten, Sie wünſchen der Ge⸗ genſtand einer ſolchen Liebe zu ſein: aber ich habe Ihre Antwort nicht abgewartet; es war der halb unterdrückte Schrei, der mich thörichter Weiſe auf die Einbildung brachte, Sie wünſchen meine Gegenwart. Als ich Sie ſah, erkannte ich ſogleich meinen Irrthum und kehrte auf mein Zimmer zurück.“ „Dann haben Sie alſo — den Dolch nicht ge⸗ ſehen?“ „Was für einen Dolch2“ fragte Hamilton, deſſen Neugier ſich gegen ſeinen Willen regte. „Oskar's Dolch, — er drohte, ſich zu durchbohren!“ „Ha, ha, ha! — lachte Hamilton. „Ich habe ihn wirklich eines ſo abgeſchmackten Schauſpielerſtück⸗ chens nicht fähig gehalten. Ich habe ihm zu viel Welt⸗ kenntniß zugetraut, um es zu unterlaſſen, eine ſo alberne Scene gegen Sie zu ſpielen.“ „Sie glauben alſo nicht, daß es ihm ernſt war?“ „Ganz gewiß nicht. Der Dolch wurde abſichtlich zur Erhöhung des Effects mitgebracht. Er hat ſich heute als einen ausgezeichneten Schauſpieler erprobt — im Fragiſchen wie im Komiſchen, ſcheint es.“ „Es war grauſam von ihm, mich ſo abſichtlich zu erſchrecken,“ ſagte Hildegarde nachdenklich. 382 ihlich — unentſchuldbar,“ rief bte, Sie wären allein und be⸗ atzlos fand.“ „Es war un Hamilton, „denn e nutzte es, daß er S Die meiſten Wat benutzen es, wenn ſie uns ſchutzlos finden; nach dell heutigen Ereigniſſen darf ich ſagen, alle,« erwiederte Hildegarde, mit ſo vorwurfs⸗ vo ziehung ihrem Blick, daß Hamilton von ſeinem Sitz aufſtand und im Zimmer auf⸗ und abzugehen begann, wobei er Bentlich wieder anhielt, um ſich an den Ofen zu lehilen, bis ihres Vaters Stimme und nahende Schritte ihn bewogen, plötzlich auf ſie zuzu⸗ ſchreiten, als er erwartete, ſie würde noch einmal das Wort nehmen. Sie blieb jedoch ſtill und bewegungslos und er ſagte endlich, überwältigt von einer Miſchung von Beſorgniß und Neugierde und mit einer vergeb⸗ 2, Anſtrengung, gleichgültig zu erſcheinen, ſchnell zu ihr: »Ich dachte, Sie wollten mir erzählen, was Sie ihm geſagt haben, daß Ihr Couſin eine Entſchuldigung für den gezückten Dolch finden konnte 2“ „Sie wollten es nicht hören, da ich es Ihnen zu ſagen bereit war, und jetzt —“ Hier trat Madame Roſenberg in's Zimmer, und Hildegarde erhob ſich mit den Worten, ihr Kopf thue jetzt unerträglich wehe und ſie wolle darum zu Bette gehen. „Gute Nacht!“ ſagte Hamilton. „Ich hoffe, Ihr Kopfweh wird durch einen langen Schlaf vergehen und Sie werden ſich ganz wohl befinden, wenn wir uns wiederſehen.“ „Ich danke Ihnen; bis dahin werde ich es wohl ganz und gar vergeſſen haben,“ erwiederte Hildegarde. Das bedeutet, dachte Hamilton, daß ſie mir mor⸗ gen beim Frühſtück den Kaffee nicht einſchenken wird. —— —0— —— —— 8 8 14 SMEdE